F 4 5 KREEEE.E.b Ceihregel. Das Buch iſt zu ſchonen. Anreine Hände, Befeuchten der FJinger, Ein⸗ biegen der Blätter, Bleiſtiftſtriche, Einſchreib⸗ ungen ſind zu vermeiden. Wenn in der Wohnung des Entleihers eine anſteckende Krankheit ausbricht, iſt dies an⸗ zuzeigen und das Buch(behufs Desinfektion, beziehungsweiſe Vernichtung) zurückzuſtellen. Beſchädigte oder verlorene Bücher ſind zu er ſetzen. .Veiterverleihen iſt unterſagt. ‚Der Entleiher verpflichtet ſich zur rechtzeitigen Nückgabe. Sollten durch ſeine Pchuld Ver⸗ zögerungen eintreten, ſo trägt er die Koſten der Abholung durch einen Voten. 23 — 8 22 REERRREEFE Der Bodenſee von Guſtav Schwab. EEr FRREEr NCUNN PFRDre Der Bodenſee nebſt dem Rheinthale von St. Luzienſteig bis Rheinegg. Von Guſtav Schwab.⸗ * LE Zweite ſehr vermehrte und verbeſſerte Auflage. Mit zwei Stahlſtichen und zwei Karten. Erſte Abtheilung, das Landſchaftliche und Geſchichtliche enthaltend. * * Wertes wird Sei Beschs achmutung Stsucnt! * Verlag der J G. Cotta'ſchen Buchhöndelhtß⸗ 1840. PVorrede. Erſte Auflage. Schüchtern und im lebhaften Gefühle ſeiner viel— fältigen Unvollkommmenheiten übergebe ich dieſen zweiten Verſuch eines Reiſehandbuches, nachdem ein erſter“ mit unverdienter Güte aufgenommen worden, dem Publikum. Die Aufgabe war dießmal viel umfaſſender und durch die Menge der Quellen und Hülfsmittel, deren Be⸗ nützung, ohne daß ich ſie hier namentlich aufführe, nicht verkannt werden wird, mehr erſchwert als erleichtert, ſo daß mir oft der Muth während der Ausarbeitung ſinken wollte. Nur die thätige Unterſtützung theil— nehmender Freunde erleichterte mir das Werk, und die unermüdliche Sorgfalt eines mit den Seegegenden in jeder Hinſicht vertrauten, liebevollen Beförderers dieſer Arbeit hinderte, wenn es auch nicht zur vollen Reife durch ſie gebracht werden konnte, doch ſein gänzliches Mißlingen. Herzlichen Dank Jedem für jede Bemühung, und zum voraus für jede künftige Mittheilung oder Berichtigung, die alle gewiſſenhaft nachgetragen wer— den ſollen. Die Neckarſeite der ſchwäbiſchen Alb. Stuttg. Metzler 1823. — 2 —..— * VI Die Eintheilung des Werkes, in welchem der geſchichtliche Theil von dem topographiſchen getrennt erſcheint, iſt durch die zuſammenhängende Reihenfolge von Begebenheiten, die durch die ſiebzehn Jahrhunderte zu erzählen waren, in welchen die Weltgeſchichte auf dieſem Schauplatze geſpielt hat, nothwendig geworden. Der landſchaftliche Theil und die Zugabe von Gedichten ſollten den heitern Rahmen zu jenem ernſten Bilde abgeben. Uebrigens erleichtert ein vollſtändiges Regiſter 9 für Namen und Sachen den Gebrauch des Ganzen. fl Möge das Buch den Leſern etwas mehr gewähren, als bloß vorübergehende Unterhaltung, für welche daſſelbe 0 vielleicht nicht genug berechnet worden iſt. il0 6* Stuttgart den 18. Oktober 1826. 0 I Gu ſtav Schwab. — NUVorwort. Zweite Auflage. Das Publikum hat über die Zweckmäßigkeit dieſes Handbuchs günſtiger geurtheilt, als der Verfaſſer. Die erſte Auflage deſſelben iſt ſeit einiger Zeit vergriffen, und ein Theil ſeines Inhalts in andere topographiſche Schriften, Reiſebücher und Wegweiſer übergegangen. Zu mehrerer Bequemlichkeit, beſonders reiſender Leſer, iſt nun dieſe zweite, nach Bedürfniß in vielen Artikeln umgearbeitete oder erweiterte und nach Möglichkeit ver⸗ beſſerte Auflage in zwei Bändchen abgetheilt worden, und die Verlagshandlung hat das Buch auf's Anſtän⸗ digſte ausgeſtattet. Da die Kritik dem Verf. verdacht hat, daß er die Quellen und Hülfsmittel ſeiner Arbeit beim erſten Erſcheinen des Werkes nicht namhaft gemacht, ſo holt er dieſe Verſäumniß hier nach, und theilt aus ſeinen Kollektaneen in alphabetiſcher Ordnung die Namen der Hauptſchriftſteller mit, welche bei ſeiner urſprüng⸗ lichen und bei der erneuerten Arbeit theils zu Grunde liegen, theils zu Rathe gezogen worden ſind. Ihr Verzeichniß lautet, wie folgt: Agathias, Ammian, Auſonius, Ildephons v. Arx Geſchichte des Klo— ſters St. Gallen), Beatus Rhenanus(Germania), Bucelinus(Rhaetia und Constantia), Cluver (Germania und Videlicia), Cruſius(Annalen), Ebel Gebirgsvölker der Schweiz), Eckehard, Junior (de cas. Mon. S. Galli bei Goldaſt), Konr. a Fa⸗ bario(Casus), Fäſi(Staats⸗ und Erdbeſchreibung der Schweiz), St. Gallen(Handſchriften der daſ. Bibl.), Geographiſche Lexica von Schwaben, Württemberg und der Schweiz, von Röder, Korſinsky und Lindner, N— 8 — * 4 7 22 4 IV Füßlin und Marcus Lüz, Gluz⸗Blozheim Gand⸗ buch), Gmelin(Flora Bad.), Goldaſt(Script. rer. Alemannic). J. Grimm(deutſche Mythologie), Guler von Wineck, Hartmann(Bodenſee), Her⸗ mannus Contractus(Chron. Augiense ed. Uſſer⸗ mann), Hoffmann,(Erdball der Deutſchen), Horaz, Hüllmann(deutſches Städteweſen), Küchimeiſter (Cas. bei Arx), J. v. Laßberg C(iederſaal und eine Menge ſchriftlicher und mündlicher Notizen), Maneſſe, v. Memminger(ſtatiſt. und topogr. Schriften, vorn. württemb. Jahrbücher), Merian(heatr. Europ.), Neugart(Episcop. Constant.), Niebuhr(Röm. Geſch.), v. Pahl Gerda), Peutingers Tafel, v. Pfiſter Geſch. von Schwaben), Plinius d. Aelt., Ptolemäus, Ratbert(de or. M. S. G.), v. Rau⸗ mer(Geſchichte der Hohenſtaufen), Re gino(Chron. bei Sattler), Ulr. Reichenthaler BBeſchr. des Konzils in Coſtenz), Royko(Geſch. der K. Verſ. zu Koſtniz), Sattler(allg. Geſch. Wirtembergs), Schleh(Beſchr. der Herrſch. unterhalb St. Luzienſteig), Schönhuth (Reichenau, Hohentwiel, Höhgau), Schübler(Mſcpt.) Schwäb. Journal(beilbr. 1801), Schwäb. Chro⸗ nik, Schultheiß(Mittheilungen aus ſeiner Konſtan⸗ zer Chronik), Sidonius Apollinaris, Stumpf (Schweizerchronik), Tſchudi(Schweizerhiſtorie), Va⸗ dian Geſchreibung des obern Bodenſees), Correſpon⸗ denzblatt des landwirthſchaftl. Vereins, Walafrid Strabo(de vita B. Galli; de vita St. Othmari). Wanderungen am Bodenſee(Konſt. 1819), Wegelin (Thesaurus), Weingartner Archiv(Manuſcript von Pfiſter).— Möge, bei vermehrtem Verkehr auf dem Bodenſee und immer fleißigerem Beſuche ſeiner herrlichen Ufer ſammt der Umgegend, die Erneuerung dieſes Werkes ſich nicht als überflüſſig erweiſen. Gomaringen bei Tübingen, Auguſt 1839. Der Verfaſſer. Chro⸗ onſtan⸗ umpf „Va⸗ f reſpon⸗ afrid umari). egelin Al Ucript Bodenſee hen Uft Morkes Vues aee Erſte Abtheilung. I. Landſchaftliches 0 1. Entferntere Ueberblicke uͤber den See und das Gebirge am ſchwaͤbiſchen Ufer Heiligenberg Die Waldburg Hohentwiel Ueberſichten und eamihofen Aülgtt elbar am See Konſtanz Die Inſel Maynau Die Inſel Reichenau 5 Das Schweizerufer am unterſee 8 Der Ueberlinger See Das Ufer von Wwaonn bis Lindau Lindau 8 Bregenz Der St. Gebhardsberg Fahrt uͤber den Bodenſee Das Schweizerufer des Oberſees Das Rheinthal Das Schweizerufer des Rheins Das rechte Ufer des Rheins II1. Geſchichtliches I. II. III. Die Franken. V. ⏑ Erſte Nachrichten bom Bodenſee und der Gegend⸗— Die Roͤmer am See. 58 vor Chr.— 268 n. Chr. Die Alemannen am See. Nach Chr. 268— 500. Geiſteskultur am Se⸗ Der Bodenſee unter dem galiſchen uns dem uoglgen Hauſe⸗ Nach Chr. 900— 1050 Biſchof Salomo von Konſtanz Herzog Burkhard und ſeine Nachfolger Die Herzogin Hadewig Die Hermaͤnnner und Ernſt von Schwaben Kaiſer Heinrich III. Das Chriſtenthum. Nach Chr. 500 800. IV. Der Bodenſee unter den Karolingern. Nach Chr. 800— 900. Seite 106 106 114 117 12⁰0 12³ Ei 3 1 6. Rudolph, Herzog von Schwaben und Gegenkoͤnig; Hein⸗ rich IV. Kaiſer 7. Kultur in den Kloͤſtern 8. Welſen- und Gibelinenfehde am See Der Bodenſee unter den Hohenſtaufen. Nach Chr. 1150 bis 1267 8 9 Barbaroſſa am See 8 8 8 5 Der Adel am See und im Rheinthal. Kloͤſter. Staͤdte. Heinrich VI. 1190 bis 1197 Die Freiherren von Sax im Rheinthal 8 Otto IV. und Friedrich II. vor Konſtanz(2120 Sändel am Bodenſee 4 Konradin am See. Burgen und Saͤnger 5 1 8 vil. Das Seegebiet unter Rudolph von Habsburg und ſeinem Sohn. Nach Chr. 1268 bis 1300 8 1. Rudolph als Graf 2. Kaiſer Rudolph 8 3. Graf Wilhelm von Montfort, Abt von S: Gallen 4. Albrecht, Rudolphs Sohn, am See VIII. Das vierzehnte Jahrhundert. Kampf und Sieg des Buͤrgerthums am See. Nach Chr. 1300 bis 1414. 8 5 Die Fehde um das Reich. Ludwig der Baier am See Die Biſchofsfehde von Konſtanz Die Staͤdte Kaiſer Karl VI. Zerfall der Haͤuſer Montfort 100 Werdenberg Freiheitsregungen in der Stadt St. Gallen Der Appenzeller Krieg und Sieg Rudolph von Werdenberg 5 IX. Die Kirchenverſammlung zu Konſtanz. Nach Chr. 1414 bis 1418 5 15 ν ο e ο D ο σσο 1. Papſt Johann XXIII. 340 von Seſtreich 2. Johann Huß 5 8 3. Hieronymus von Prag 4. Die Papſtwahl X. Schweizer- und Schwabenkriege. Nach Chr. 1417 bis 1499 Der Schweizerkrieg 5 Die alten Geſchlechter 8 8 Das neue Kloſter Rorſchach. Roth Uli Der Schwabenkrieg. 1496 bis 1499 Das Reformationsjahrhundert am See und im Rheinthal Der Bauernkrieg 4 Die Reformation in St. Gallen, Uidg und aanlam Konſtanz verliert ſeine Reichsfreiheit Blick auf Sitten und Kultur am See Das Rheinthal.— Die Familien Hohenembs u. G0henſar σ 12⁴ 12⁷ 129 131 131 133 136 136 38 140 AJ2S2 S S 8 17⁵ 175 176 179 180 182 18⁴4 186 188 193 193 202 266 208 212 212 216 218 220 227 22⁷ 239 244 248 250 ο XIII. XII. Das ſiebzehnte Jahrhundert, oder der dreißigjaͤhrige Krleg und ſeine Folgen am See 8 Vorſpiele 8 8 Anfang des Krieges 8 8 Erſter Beſuch der Schweden am See. Belagerung von Konſtanz und Ueberlingen 8 Hohentwiel, Wiederhold und Ueberlingen Zweiter Beſuch der Schweden am See.— Croberung von Bregenz. Belagerung von Lindau.— Seekrieg.— Friede. Ruͤckblick auf Burgen und Geſchlechter am Bodenſee und im Rheinthal. Vom 14. Jahrhundert an 254 254 256 261 266 283 2— 4 * * 8 4 4 —— Bodenſee. * E⁰. * — P 2 D 2 Æ 2 3⁰ Schwab, PoY ſuche gunt fine ſch er In Iold de 90 6 W8 1. Entferntere Heberblicke über den Ser und das Gebirge am ſchwäbiſchen Alfer. Der Reiſende, der eine volle Tagfahrt durch die fruchtbaren, aber einförmigen und nur ſelten und ſchwach auf- und abſteigenden Kornebenen Oberſchwabens verloren hat, ſehnt ſich nach einer Ab⸗ wechslung. Er wäre ſchon ſehr zufrieden, wenn nur eine mäßige Hügelkette am Horizonte vor ſeinen Augen aufſtiege, wenn ihn ein gewundenes Wieſenthal aufnähme, wenn er ſich an einem rauſchen⸗ den Waldbach in den Schatten der Uferbäume lagern könnte: aber von allem dem wird er nichts gewahr; die wechſelloſe Landſtraße zieht ihren langen Faden durch die offenen Felder weithin ſichtbar fort, und wenn ſie auch eine kleine Höhe hinanſteigt, deren Gipfel einen neuen Anblick verſpricht: ſo fängt oben das alte Feld an fortzu⸗ laufen, wie man es unten verlaſſen hat: wenn ſie ſich auch einmal in einen Wald verliert, ſo taucht ſie nach wenigen Viertelſtunden wieder auf zur gewohnten, bald ebenen, bald ausgebauchten Fläche, und am nahen Horizonte zieht ſich immer die nämliche krumme, unmaleriſche Linie hin, hinter der nichts Beſſeres erwartet wird. Wir führen hier den Wanderer abſichtlich den langweiligſten Weg, der etwa zwiſchen Sigmaringen und Pfullendorf zu ſuchen iſt, der aber auch ganz unerwartet zu dem herrlichſten Stand⸗ punkte führt, auf welchem es mit einem Male wie Schuppen von ſeinen Augen fällt, und der weite Ausblick in das gelobte Land ſich eröffnet, deſſen Schilderung wir dieſe Blätter widmen. Wenn man nämlich von Pfullendorf noch eine höchſt unerfreuliche Strecke von drei Stunden allmählig bergan führenden Weges zurückgelegt und einige unbedeutende Weiler durchwandert hat, ſtellt ſich endlich, wo man aus einem Waldſaume heraustritt, ein wohlerhaltenes, aus vielen Stockwerken hoch und ins Gevierte aufgebautes, von 1 * * 7 2 + 4 Gartenanlagen, wohnlichen Häuſern und Wirthſchaftsgebäuden um⸗ ringtes Schloß, ein ſtattlicher Wohnſitz des ſechzehnten Jahrhun⸗ derts, den Augen dar, und der Wandrer fühlt ſich von der freund⸗ lichen Stätte, die wenigſtens eine gaſtliche Herberge zu verſprechen ſcheint, angezogen, ehe er weiß, zu was für Schätzen dieſe Burg ihm den Zugang aufſchließen wird. Aber der Name Heiligenberg erregt ganz andre Erwartungen. Hier ſoll er zum erſtenmale den Spiegel des großen Landſee's erblicken, dem eine frühere Zeit den prächtigen Namen des ſchwäbiſchen Meeres zu ertheilen pflegte, hier wird er den Blick ungehemmt über die Heſperidengärten ſeiner Ufer ſchweifen, von Dorfe zu Dorfe, von einem Städtethurm zum andern, begleitet von den herrlichſten Erinnerungen der Geſchichte fliegen und ihn endlich auf den ewigen Mauerzinnen der Eisgebirge ruhen laſſen dürfen, die in einer Kette von nahe an hundert Stunden in einem Halbkreiſe herumgelagert, den einen, wie die trauliche Mauer der Vaterſtadt, an die ſichre, deutſche Heimath mahnend das Ziel ſeiner Reiſe, das Gränzgebiet ſeiner Sehnſucht bilden; dem andern ſich als ein zum Sturm einladendes Bollwerk aufſtellen, das der Wunſch ſchon erklimmt, um ſich die Wonnen des dahinter gebor⸗ genen Welſchlands zu erobern. Wir verweiſen, was das örtliche und das Hiſtoriſche dieſes fürſt⸗ lich Fürſtenbergiſchen Schloſſes betrifft, auf den topographiſchen und hiſtoriſchen Theil unſeres Werkes, und beſchäftigen uns hier blos mit der herrlichen und in ihrer Art einzigen Ausſicht, die es dar⸗ bietet und die man am vollſtändigſten von dem Ritterſaale des Schloſſes aus genießt, das, zu Folge der liberalen Geſinnung des Fürſten jedem Fremden, der es wünſcht, durch den Hausmeiſter aufgeſchloſſen wird. Die Ausſicht theilt ſich in zwei große Haupttheile, von welchen die ſüdliche einen großen Theil des Bodenſee's und die Alpenkette, der weſtliche die ſchwäbiſche Hochebene mit der Begränzung des badiſchen Schwarzwaldes umfaßt. Gegen Norden beſchränken die Höhen, von welchen wir den Wandrer herkommen laſſen, gegen Oſten eine waldige Bergwölbung den Horizont. Jene Fernſicht gegen Süden aber macht uns in wenigen Augenblicken faſt mit allem Herrlichen und Lieblichen bekannt, dem wir auf einer Reiſe an den Bodenſee entgegen gehen. Den nächſten Vordergrund bilden hier die ſchönen, grünen Anhöhen voll Wieſen und Wald, welche die f uut di hliät k ſ f Cl 1 iſ gat Hehte zuichen üt N Mſt Egg Nucht figet Volfſ Hliter fiöthe Gſ Alit t theil jttzt R Cgnach ons! aheber in det f0 d lid die gerſch Ulfeitz Ausläufer der Ebene Hochſchwabens gen Süden bilden, ſie ſind mit Dörfern, Weilern und Höfen überſäet, und wenn das Auge nicht ſo viele Pracht hinter ihnen entdeckte, ſo würde es mit Wohlgefallen und Genüge auf ihnen ausruhen. So jedoch eilt es dem blauen Bodenſee zu, deſſen gedehnte, in die Länge gezogene Fläche hier wie ein ungeheurer Strom erſcheint, deſſen Fortſetzung ins Unendliche nur die nahen Hügel dem Auge zu verbergen ſcheinen. Wirklich er⸗ blickt man den See auch nur in vier Unterbrechungen, wovon zwei ſchon mehr der weſtlichen Anſicht gehören. Das obre Drittheil des Sees zwiſchen der Rohrſpitze, Bregenz und Lindau bis Langenargen iſt gar nicht ſichtbar; die Waldhöhen des Nagelſteins und des Gehrenbergs verdecken es, nur die Stadt Tettnang blickt zwiſchen den Senkungen beider heraus. Etwa eine Stunde unter⸗ halb Langenargen tritt das Waſſer für das Auge hinter den Hügeln hervor; aber auf das jenſeitige Ufer fliegt der Blick in einer ſchrägen Linie bis nach Höchſt und dem Einfluſſe des Rheins über den See. Dieſes, das Schweizerufer, iſt in einer Länge von 8— 9 Stunden mit dem Waſſerſpiegel, den es begränzt, ununterbrochen ſichtbar. An ſeinem Geſtade winken Höchſt, St. Margarethen, Rhein— egg mit ſeiner Burg; die alten Schlöſſer Greifenſtein, Blatten, Buchen, Riſegg, Wartegg, Wartenſee, an die nächſt dahinter auf⸗ ſteigenden Hügel gelehnt, reich an Geſchichten der Vorzeit; zu oberſt Wolfhalden, das eine Freiheitsſchlacht der Appenzeller verherrlicht; weiter am Geſtade hin Staad, Rorſchach das niedliche Schweizer⸗ ſtädtchen, darüber Marienberg und das Vogtſchloß, dann ſtreift der Blick weiter über Horn, Obergoldach, das Mötteliſchloß, Tubach nach dem uralten Arbon. Hinter dieſer Stadt ſteigen mehrere Dörfer und die höheren Hügel empor, die das St. Galler Land vom Appenzell trennen: die Höhen von Trogen, dem Gebris, Vögliseck, Speicher ſind Namen, theils durch Naturherrlichkeit, theils durch geſchichtliche Erinnerungen verewigt. Am Geſtade folgt jetzt Romanshorn, das heitre Schloß Luxburg, Neukirch im Egnach, Utwyl, dahinter höhere St. Galliſche Dörfer, der ſchöne mons rotundus(Rotmonten) der Römer und die hinter ihm ſich erhebenden keckeren Höhen, welche die Bergmulde ahnen laſſen, in der die ſchöne Stadt St. Gallen ſich verbirgt. Noch weiter zieht ſich das Geſtade hinab mit Keßwyl, dahinter der Tannenberg und die ſpitzere Hundwylhöhe; dann Mosburg, das Güttin⸗ gerſchloß und Güttingen das Dorf. Lier unterbrechen die dieſſeitigen Hügel die Waſſerfläche. Das ſchwäbiſche Ufer haben ſie — 2 7 ſchon früher hie und da verdeckt und die Breite des See's dem Blicke geſchmälert; von den Ortſchaften dieſes Geſtades blicken daher nur wenige hervor: die Thürme des Kloſters Hofen bei Friedrichshafen; das Dorf Fiſ chbach; ſpäter Immenſtaad und Kippenhauſen, mehr landeinwärts gelegen; von hier an ſpitzt eine breite Hügelwölbung den See immer mehr zu. Dann ſind auf eine Meile weit nur noch die Schweizerufer von Altnau bis Bottighofen ohne den See ſichtbar; darauf blinkt der ſchmale Streif zwiſchen Bottighofen und Kurz Rickenbach hervor; nun aber enthüllt ſich wieder eine lange Strecke von beinahe fünf Stunden, bis gegen Dingelsdorf dem Auge; die erſte Hälfte derſelben prangt mit dem lachendſten Wechſel; auf dem Schweizerufer winkt Kloſter Münſterlingen, auf der Halbinſel des Unter⸗ und Ueberlinger⸗See's Loretto, Almannsdorf: das verhängniß⸗ reiche Konſtanz ſteigt gethürmt über dem Hügel der Erdzunge empor; hinter der Stadt, Schweizerhügel, mit Landhäuſern und Dörfern geſchmückt; bald winkt ein ſeliges Eiland dem Auge, das auf ſeiner überblühten und reichbebauten Terraſſe ein ſtolzes Schloß dem Wellenſpiegel entgegen hält; es iſt das Kleinod des Boden⸗ ſee's, die liebliche Inſel Maynau. Von hier an ſind die Ufer, die ſich darſtellen, nicht öde, aber doch minder mit Ortſchaften bevölkert. Der Seeſpiegel ſchließt ſich wieder und nur, wenn das Auge ſich mehr der weſtlichen Anſicht zuwendet, wird es in einigen lichten Stellen den fernen Unterſee mit den Hügeln gewahr, die Arenen⸗ berg, Sandegg und andre Schlöſſer tragenz und mehr in der Nähe ziehen ſich unterbrochen kleine Streifen des Oberſee's hin, an deren letztem man die Thurmſpitze der Stadt Ueberlingen erkennen kann.— Das ganze Schweizerufer, das auf unſrem Standpunkte zu ſeinem großen Theile offen vor unſern Augen liegt, ſcheint in einen Wald gehüllt, aber es iſt nur ein Wald von den hochſtämmigſten Obſtbäumen, zwiſchen welchen fette Wieſen und fruchtbare Rebgärten ſich mit reichem Segen dehnen und wölben. Ueber dieſen Herrlichkeiten der Tiefe haben wir noch keinen Blick in die Höhe gethan; und doch zeigt ſich unſerem erſtaunten Auge hier in der Nachbarſchaft des Himmels, noch viel Herrlicheres. Ich kann mir in der That keinen Standpunkt denken, der ein vollſtändigeres, entwickelteres Panorama der Schneegebirge von den öſtlichſten Spitzen des Tyrols bis zu dem ſüdlichſten Ende der Vöd giswi Zuge Ecar 1 betge lch fl ahten. Uulfen der Ht Ne h0 genel tonit Ion mt Pud 9 benze Agle Nen V Gllithe Iat un lichten enen⸗ in der hin, ngen kte zu ſcheint n den ie ſel Berneroberlandesalpen vor den Augen des Beſchauers aufrollte⸗ Im Oſten beginnt für das Auge, wenn es über den Wald des benachbarten Nagelſteins hinſchweift, die ununterbrochene Kette der Vorarlbergeralpen und Vorberge des Tyrols mit ihren zwar noch ſchneeloſen, aber durch ihre Kahlheit furchtbaren Kalkfelſen: die höchſten Köpfe derſelben ſind der Grindlerkopf, das Ran— giswangerhorn, der Tryſamakopf und, nach einem tieferen Zuge, vor den ſich noch der niedrigere Riffenberg ſtellt, der Schartenberg und Hoheneiffer; noch weiter rechts, ſchon gegen Südoſten, in der Richtung von Bregenz: der Hirſch⸗ berg und Künzlesſpitz, dann— dem Rheinthale zu, während noch tiefer der Bregenzerwald und die öſtlichen Bergwände am rechten Rheinufer mit den berühmten Schlöſſern von Ems hin⸗ laufen— die Kanisfluh und andre; weit in die Höhe ragend der Hochlichtſpitz, der Löffelſpitz(darunter im Rheinthal die hohe Kugel), der Hochgerachberg(unter ihm der Lan⸗ genelkberg): die Gebirge des Montafun, des Gamber⸗ tonthalesz der Raucheberg, der Scheyakopf und andre bis zur Rothenwand. Ueber der ganzen zum Theile gedoppelten Reihe von Hochgebirgen, ſteigen uns noch die beeisten Spitzen der höchſten Tyroler- und Bündtner⸗Alpen bei günſtigem Wetter in den ſchärfſten Zeichnungen zum blauen Himmel hinauf: von manchen weiß Niemand in dieſer Gegend den Namen anzu⸗ geben; namhaft gemacht werden der Hochvogel, der Schapolt⸗ ſpitz(in der Richtung von Tettnang) der Hammerkopf, der Hundskopf(über den Gehrenberg hin) und nach einer langen Reihe unbenannter, das breite, ſchneeweiße Brandjoch Cin der Richtung von Dornbüren im Rheinthal); über den Montafun der Zimpaſpitz und der Sauleſpitz; der Seekopf, in der Richtung von Rorſchach die Schecha Plana(die Jungfrau dieſer Gegend, der Geſtalt nach); die Gufel über Arbon und der rothen Wand). Zwiſchen Arbon und Romanshorn fangen für das Auge die Ap⸗ penzellerberge an, bei weitem die nächſten von der ganzen Kette, die gleichſam aus dieſer herausgeſchritten zu ſeyn und dem ſtaunen⸗ den Wandrer ihre Felſenrippen darzubieten ſcheinen, damit er die Gebirgsgeſtaltung in der Nähe betrachten könne. Sie ſenken, ſchein⸗ bar ungetrennt von den Sanctgaller-Höhen ihre grauen Wände, wie unmittelbar in den See herab, deſſen ungeheure Ufer nach Südoſten ſie zu bilden ſcheinen. Ihre Krone iſt der hohe Säntis 2 . 8 7 U 4 8 nebſt dem Altmann und dem Gyrenſpitz, zur Linken hat er die niedrigern Spitzen der Föneren, des Kamor, des Hohenkaſten und andrer; zur Rechten ſenkt er ſich nach der Schwäg alp herab. Weiter links folgen die Berge des Toggenburgs, die kahlen, grauen Spitzen der ſieben Kurfürſten und andre; dahinter die Schneegipfel des Spitzweilen, der Scheibe, des Tſchingen und des Ofen; hinter den lang ſich dehnenden Toggenburgwänden ſchwingen ſich kühn die Eisberge von Glarus in die Lüfte, die höchſten darunter ſind: der Hausſtock, der Selbſtſanft, der Glarniſch und der Dödiz der Gemſenſtock, die Klariden⸗ alpen, das Scherhorn, der Rauchi, die Windgellez; an ſie ſchließen ſich die niedrigern Gebirge des Muottathals; von hier an aber reihet ſich immer ununterbrochener Eisfeld an Eisfeld: die Surennen, der Urnerrothſtock(darunter der Mythen), der unverkennbare Titlis und viele andre. Endlich, am Schluſſe der Kette ragen, obgleich ſie die fernſten ſind, doch noch hoch über alle andern die Alpen des Berneroberlandes im ewigen Schnee⸗ mantel; ſehr oft leuchtend ſichtbar, wenn die andern in Nebel oder alle ſchon in Nacht liegen: das Finſteraarhorn, die Schreck— hörner, die Wetterhörner, Mönch, Eiger, Jungfrau (dieſe erſcheinen als zwei runde Spitzen) und weiter rechts noch die Blümlisalp. Mehr im Vordergrunde, vor ihnen und über ſie hinaus, zeigen ſich grau und niedrig das Dach des Rigi und die zackigten Formen des Pilatusberges.“ Die weſtliche Anſicht bietet außer dem alten Thurm von Ho— henbodmann, Hohenhöwen und dem Feldberg des Schwarz—⸗ waldes, drei Punkte, welche gerade dicht hintereinander gereiht ſind, nichts Merkwürdiges dar, und entfernt ſich auch gänzlich von unſrer Seegegend. Die ſüdliche Ausſicht dagegen iſt, nicht nur als die herrlichſte Ueberſicht der Umgebungen, ſondern beſonders auch als Normalanſicht des Gebirges, ſo ausführlich von uns angegeben worden, damit uns bei den folgenden Punkten alle Wiederholungen erſpart bleiben. Wir brauchen hinfort nur das Charakteriſtiſche jedes einzelnen Punktes zu nennen. Für den Reiſenden, der aus oder über Mittelſchwaben kommt, wird der eben beſchriebene Standpunkt zu einer Ueberſicht immer der gelegenſte ſeyÿn. Dem, der aus Franken und Baiern herüber *Vergl. Ausſicht der Alpenkette und des Bodenſee's; gezeichnet auf Heiligen berg von Heinr. Keller. Zürch bei Füeßli 1821. Kist, eindnl 9060 fei Im tligt! andemn ſoune Di ſrvee VWhel ſhrber ſh nie n N R, reist, empfehlen wir dagegen zu einem faſt eben ſo mächtigen Total⸗ eindrucke, der vielleicht nur in der Lieblichkeit jenem erſtern nachſteht, die Waldburg, ein Schloß, drei Stunden von Ravensburg ſüdoſtwärts gelegen, das ſeinem Namen gemäß aus einem düſtern Kranz von Tannen⸗ wäldern auf einem iſolirten Hügel, wie geſchaffen zu einer Rundſicht, ſich emporhebt. An die Burg, als den Stammſitz des berühmten, jetzt gefürſteten Geſchlechtes der Truchſeſſe von Waldburg, knüpfen ſich geſchichtliche Erinnerungen, die wir unten geben wollen. Dieſes⸗ mal laſſen wir den Wandrer, der in dem ſchon ſehr hoch gelegenen Dorfe Waldburg, wo er gute Unterkunft findet, Nachtherberge ge⸗ nommen hat, auf die Zinne des Thurmes ſteigen, der auch hier ebenſo bereitwillig wie auf Heiligenberg, geöffnet wird; um ihm den Genuß eines Sonnenaufgangs in dieſer unermeßlichen Natur zu verſchaffen. Die nächſten Umgebungen dieſes Punktes ſind viel finſtrer als die des Heiligenbergs; nur durch Straßen und ſchmale Wieſen⸗ ſtreifen getrennt, umgeben ihn lauter länglichte Inſeln von ſchwar⸗ zen Wäldern; aber um ſo überraſchender iſt der Kontraſt, den der blaue Seeſpiegel, von welchem auch hier, jedoch aus größerer Ferne, ein bedeutender Theil zur Rechten des Beſchauers ſichtbar wird und die graue ſchneegekrönte Gebirgskette, die ſich allmählig im Strahl der Morgenſonne verklärt, mit der dunkeln Tiefe bilden. Die Alpenanſicht iſt hier im Ganzen und Großen dieſelbe, wie vom Heiligenberg herab, nur daß die Tyroler und Vorarlberger Gebirge, denen man etwas näher ſteht, mehr die Fronte darbieten, die Schweizeralpen hingegen vom Glarniſch an ſich kürzer verſchieben und namentlich die Berneroberländer mehr im Profile ſichtbar ſind: um ſo ſchärfer zeichnen ſich ihre Umriſſe, und die ganze Tyrolerkette trägt noch die Farbe der Nacht, während die Jungfrau und die andern ſchneeweißen Hörner ſchon von der roſigen Glut der Morgen⸗ ſonne ſich färben. Die Kehrſeite der Ausſicht gegen Nordweſten und Norden iſt hier viel ausgedehnter als auf Heiligenberg, bietet aber nur wenigen Wechſel dar, denn ſie ſchweift über jene einförmigen Ebenen Ober⸗ ſchwabens hin, die wir oben beſchrieben haben; am Horizont erhebt ſich, wie der Rand eines Tellers, die ſüdliche Abdachung der ſchwäbi⸗ ſchen Alb, und der kleine Höcker des Buſſenberges bei Riedlin⸗ gen, mit ſeiner Wallfahrtskapelle, bildet die einzige Unebenheit in dem langen Höhenzuge, der jenen Koloſſen gegenüber unmoglich ein Gebirge genannt werden kann. Ein dritter Standpunkt bietet ſich denjenigen, die von We ſten, aus Frankreich oder vom Rheine, herkommen, auch dem, der, die Seegegend nur im Vorübergehen mitnehmend, auf der Schwei⸗ zerſtraße den Alpen entgegen zieht, in den vulkaniſch geſtalteten Kegelbergen des Hegäu's dar, die ſich zwiſchen Tuttlingen, Ra⸗ dolphszell und Schaffhauſen erheben. Gewöhnlich wird von dieſen Gipfeln, theils wegen der guten Gelegenheit einer Herberge, theils um des hiſtoriſchen Intereſſe's willen Hohentwiel gewählt, und wirklich iſt hier nicht nur die Fernſicht auf das ganze Gebirge höchſt großartig, ſondern auch die Ausſicht auf die es um⸗ ringenden iſolirten Bergeskuppen, beſonders aber über den See und die Ebene hin, lachender und reizender als irgendwo. Die bedeutende Höhe des Felſenberges erlaubt eine Ueberſicht über ganz Oberſchwaben; obgleich nun dieſe etwas landkartenartig wird, ſo geben ihr doch die Menge von Dörfern und Städten den gehörigen Wechſel; man überſchaut zu gleicher Zeit nicht etwa blos, wie auf niedrigeren Höhepunkten, einzelne Abſchnitte, die nur aus Feldern, oder nur aus Wäldern beſtehen, ſondern Feld wechſelt mit Wieſen und Wald, Hügel mit Thälern, Ruinen mit erhaltenen Burgen und Luſtſchlöſſern, Städte und ſtattliche Klöſter mit Dörfern und unzähligen maleriſch gelegenen Höfen. Den reizendſten Anblick aber gewähren die Ufer des Sees, auf deren ununterbrochenes Garten- und Rebengelände kein Hügel(denn ſie alle liegen tief unter uns, und wie zur Ebene geworden) den Niederblick zu hemmen vermag. Der eigentliche Oberſee verliert ſich in breiter Verkürzung in die blaue Ferne, nur die unterſte Erd⸗ zunge zwiſchen Ueberlingen und Sernatingen ſtreckt ſich dem Auge entgegen. Deſto vollſtändiger überſieht man hier den Unterſee, der vom eigentlichen Bodenſee durch den auf eine Stunde Weges wieder zum Strome gewordenen Rhein getrennt, mit ſeinem eyför⸗ migen Baſſin ganz ausgebreitet vor den Augen des Wanderers liegt, und deſſen Mitte den ſchwimmenden Garten der Reichenau trägt, über den die Natur ihr ganzes Füllhorn von Segen ausgeleert zu haben ſcheint. Auch die Ufer dieſes See's find unendlich reich und mannigfaltig; eine Menge Dörfer, die Städte Radolphszell und Steäbe den R. Wähe, N Eit Hbermt em del, al guund u I, E Mitens Humnero ſh fli Eit ſuuen i ſrit uſfeit Ain ſall, henſt Jhll en hek kaelen ſh, ni glach guunt landz, anfüle Vungen Ithe E , Al, He Güͤthe liſce r guten fern und ees, auf gel(Benn den) den 11 Steckborn, im Hintergrunde das ſtolzere Konſtanz faſſen den lachen⸗ den Rand ein. Aus dem ſüdlichen Ende des See's ſieht man den Rhein, halb Strom, halb See, ſich bis zur Stadt Stein fort⸗ wälzen, dort von engern Ufern aufgenommen und wieder entſchie⸗ den zum Fluß geworden, ſich nach Dieſſenhofen hinabſchlängeln, der Stadt Schaffhauſen und ſeinem Felſenſturze in jugendlichem Uebermuth entgegeneilend. Hinter ihm ſteigen die Alpen auf. Von dieſem Standpunkte ſind die Tyroler die blaueren und fernern gewor⸗ den, auch der Säntis beherrſcht nicht mehr ſo ganz den Mittel— grund und tritt mehr ſeitwärts ab; die weißen Häupter von Gla⸗ rus, Schwiz und Uri hingegen ſtehen dem Auge des Beſchauers in breiten Maſſen und geſchiedenen Gipfeln gerade gegenüber, und die Berneroberländer⸗Alpen ſteigen vor ihm in den Himmel und ſenken ſich frei in die Tiefe. Eine ganz ähnliche Ausſicht gewähren auch die ſeltener beſtie⸗ genen übrigen Bergkegel, die hinter Hohentwiel in mäßigen Zwi⸗ ſchenräumen, wie durch eine gewaltſame Revolution emporgeworfen, aufſteigen; nur daß auf einer jeden die Gruppe der nächſten, ſie umringenden Felſenſpitzen den Reigen für das Auge wieder wech⸗ ſelt. Die ſchönſten Standpunkte möchten Hohenkrähen und Ho⸗ henſtoffeln ſeyn. Auf jenem ſtellt ſich dem Blicke das angenehme Thal dar, das gegen Engen hinläuft, und das auf Hohentwiel durch einen Bergrücken verdeckt wird; von Hohenſtoffeln entwirft die Feder eines von Natur und Geſchichte begeiſterten Vaterlands⸗ freundes folgendes Gemälde*:„In dem mit ſo vielen alten Bur⸗ gen bekrönten Höwgau(ſonſt Hegau), wo acht vulkaniſche Berg⸗ kegel mitten aus dem Bodenſatze alter Fluth aufſteigen, erhebt ſich, mit den Trümmern dreier Burgen, auf drei Baſalthügeln gleich einer Krone geziert, der Stofeler Berg, auch Hohenſtoffeln genannt. Die Ausſicht iſt hier eine der reichſten und reizendſten Deutſch⸗ lands, und man könnte mit ihrer Beſchreibung mehrere Bogen anfüllen, ohne ſich zu erſchöpfen; ich will nur die allernächſten Burgen anführen, die Stoffelen umgeben und ſo manche geſchicht— liche Erinnerung erwecken: Höwenegg, Stetten, Höwen, Mägd⸗ berg, Hohenkrähen, Hohentwiel, Staufen, Nellenburg, Friedin⸗ gen, Homburg, das alte Bodmann, und das vielleicht noch ältere Städtchen Engen, einſt die Gränze des auſtraſiſchen und des oſt⸗ gothiſchen Reiches. Dann die Stadt des Konſtantius und das *Freih, von Laßbergs Liederſgal II. S. LXI f. — 1 * 12 Kloſter des heil. Priminius, auf der reizendſten der Inſeln des Bodenſees; die ungeheure Alpenkette von den Gränzen des alten Vindeliziens bis gegen den Berg, auf welchem dem Penninus ein Tempel erbaut war.“ Mehr oder weniger beſchränkte Fernſichten auf den See verſprechen dem Reiſenden noch der Thurm von Hochbodmann, dem Heiligen⸗ berg gegenüber, von der Stadt Ueberlingen aus, die ihn neuerdings beſitzt und zugänglich gemacht hat, leicht zu beſuchen, und eine Ausſicht gewährend, die der Heiligenberger kaum nachgiebt; der Veitsberg dicht bei Ravensburg, wo ein höchſt liebliches, von Waldungen und Weinbergen begränztes Thal mit der uralten Stadt, dem unverfälſchten Bilde des mittelalterlichen Bürger⸗ thums, den Vorgrund bildet, und im Hintergrunde der lange Sil⸗ berſtreif des Bodenſees mit den Thürmen von Friedrichshafen und Konſtanz von dem einen Eckpfeiler der Hügel zum andern ſich hinzieht. Darüber die Gebirgskette, die hier mit dem ſehr koloſſal erſcheinenden hohen Säntis anhebt und in immer fernern und bleichern Geſtalten ſich bis zur Jungfrau verliert:— das Hoch⸗ ſträßle, nordöſtlich von Tettnang, auf einer Höhe, über die, wie der Name andeutet, einſt eine römiſche Heerſtraße(via strata) ſich hinzog. Hier überſchaut man den See ſchon in ziemlicher Breite; ſonſt iſt die Ausſicht der von der Waldburg herab, wie ſchon die Lage gibt, ſehr ähnlich, nur beſchränkter.— Das Schloß von Tettnang, jetzt die Wohnung der Würtemb. Oberbeamten, gewährt von ſeinen mittlern Zimmern aus eine äußerſt ſchön componirte Landſchaft, deren Vorgrund die lachenden deutſchen Ufer des See's in großer Nähe und doch von ziemlicher Höhe herab, unmittelbar geſehen, ausmachen; den Mittelgrund füllt ein guter Theil des Oberſee's; hinten das Gebirge, faſt wie auf der Waldburg.— Die Heiligenberger Ausſicht gegen Südoſten, etwas beſchränkter, aber für den gar bequemen Standpunkt ausgezeichnet groß und ſchön, findet man vor dem obern Thore der Stadt Markdorf, 2½ Stunden vom See, wieder. Die Stadt iſt im Rücken durch ziemlich hohe Waldberge vor den Nordwinden geſchützt, welche auf Heiligenberg dem Wandrer nicht ſelten einen köſtlichen Sonnenaufgang verküm⸗ mern; wer daher ſeiner Geſundheit halber die luftigeren Höhen zu ſcheuen hat, dem wüßte ich keinen bequemeren Standpunct für eine der herrlichſten Anſichten der Alpenkette von den Tyrolerſpitzen bis zur Jungfrau, und für einen nicht unbeträchtlichen Theil des Sees anzurathen, als dieſes, auch ſeinen nächſten Umgebungen N0 Aunlit Ke He n9 5 nitt Werde Infer libche kien külhnet luthekt nuhe tad u it f kinkt, Hathielt lühften Her he D0 An ghen uht ittelbar heil des — Diek r„, aber d ſchön, Stunden lich hohe erſpitzen heil des ebungen 13 nach, ſehr reizend gelegene Städtchen. Auf der Kante des breiten Gehrenbergs, der waldig und ziemlich ſteil ſich hinter Mark— dorf erhebt, muß eine der umfaſſendſten Anſichten der Gegend ſeyn, und namentlich der oberſte Theil des Bodenſee's gegen Lin⸗ dau und Bregenz, der auf Heiligenberg gerade durch den Gehren— berg verſteckt wird, offen vor dem Auge liegen. 2. Ileberſichten und Landſchaften unmittelbar am See. Nachdem ſich der Wandrer nun irgend einen von den genannten Totalüberblicken unſrer Gegend verſchafft hat, führen wir ihn an die Ufer des Bodenſee's ſelbſt hinab, und wählen aus dem Reich⸗ thum von Ausſichtspunkten, Landſchaften und Situationen diejenigen aus, die auch bei einem flüchtigeren Durchflug durch dieſe Gegenden nicht verſäumt werden dürfen, und alle in kurzer Zeit genoſſen werden können. Bei einem längeren Aufenthalt in dieſem Garten unſeres deutſchen Vaterlandes wird ſich freilich noch manches Ruhe⸗ plätzchen, manche romantiſche Partie, mancher Standpunkt für einen großen Naturanblick entdecken laſſen, den wir nicht aufge⸗ zeichnet haben, weil wir ihn ſelbſt nicht kennen, und die ſchönſten entdeckt vielleicht der Wandrer erſt bald durch einen eingebornen Führer, bald durch einen glücklichen Zufall; indeſſen würde er doch an Manchem vorbeigeführt, das er hier kennen lernen ſoll, und manche Stelle, nur aus der Ferne geſehen, würde ihm unbedeu⸗ tend und des Beſuchs nicht würdig erſcheinen, auf deren Werth wir ihn aufmerkſam machen möchten. Von allen Puncten, die den See unmittelbar beherrſchen, iſt keiner, der uns ein augenſcheinlicheres Bild ſeiner Ausdehnung vorhielte, und uns zugleich mit den mannigfaltigen Reizen ſeiner nächſten Umgebungen, mit dem fröhlichen Leben ſeiner bevölkerten Ufer vertrauter machte, als die Stadt Konſtanz. Dorthin rathen wir denn auch dem Reiſenden, ſobald er von den oberſchwäbiſchen Höhen herabgeſtiegen iſt, zuerſt ſeine Fahrt zu richten, und auf der gelegenſten Schifflände den Weg dahin zu ⏑⏑ 1 N 14 Waſſer zu ſuchen. Uebrigens würde die Stadt an und für ſich keinen der ſchönſten Ausſichtspunkte bilden. Die Flachheit ihrer allernächſten Umgebungen macht, daß ſie keinen Hintergrund hat, und der See ſelbſt erhält dadurch, wenn man an der Rhede ſteht, obgleich er den Eindruck eines ſehr großen Gewäſſers macht, doch eine gewiſſe Charakterloſigkeit, die er an den obern bergigen Ufern gar nicht hat. Mancher Wandrer, der nur den Damm und die Brücke beſuchte, von deren Ausſicht allzu glänzende Beſchreibungen gemacht werden, hat daher Konſtanz unbefriedigt verlaſſen. Aber eben dieſes Konſtanz erhält durch ſeinen hohen Münſterthurm gerade mit ſeiner weithin unbeſchränkten Fläche einen unendlich hohen Werth als Ausſichtspunkt. Auf ſeinem Kranze beherrſcht man, wie ein Vogel in der Luft, beide Seenz; den Oberſee ſei— ner ganzen Laͤnge nach, bis Lindau und Bregenz, die ein ſcharfes Auge, obgleich das letztere zwölf Stunden entfernt iſt, unbewaffnet erkennen kann; den Unterſee mit der Reichenau; da⸗ hinter rechts vom Beſchauer die wunderbaren Burgen des Hegaus, in der Mitte den ſtattlichen Schienerberg, der die Erdzunge füllt, die den ausſtrömenden Rhein von der weſtlichſten Bucht des Un⸗ terſee's ſcheidet, links die ſchönen Anhöhen des Schweizerufers mit alten und neuen Schlöſſern. Kehrt man ſich wieder nach Morgen, dem Oberſee zu, ſo hat man hier zur Rechten eine lange Kette der Alpen, von den Vorarlbergen aufſteigend zum Säntis und den Appenzellergebirgen, dann ſcheinbar abſteigend zu den Glarnereis⸗ gipfeln, die hier, der Ferne wegen, kleiner erſcheinen, deren wahre Größe aber ihr ſchneebedeckter Scheitel und ihre kühnen, ſchroffen Felswände ahnen laſſen. Weiter ſetzt ſich die Kette für den Blick hier nicht fort, die nächſten Anhöhen verſchließen ſie ihm. Auch ſeeaufwärts wird das Schweizerufer, das wir von Heiligenberg aus in ſeiner ganzen Ausdehnung überſchaut und geſchildert haben, durch ſeine nächſten, an ſich unbedeutenden Rebenhöhen, die ſchon bei Kreuzlingen anheben, bedeckt, weil dieſelben dem Auge ſo ganz nahe liegen. Dagegen überſieht hier der Blick des Wanderers zum erſtenmale das ſchwäbiſche Ufer, das entfernt genug liegt zu einer Ueberſchau, in ſeiner ganzen anmuthigen Fülle; von dem Dorfe Uldingen an bis zur Stadt Bregenz, in einer Länge von mehr als zwölf Stunden. Meersburg mit ſeinen uralten Thür⸗ men und Biſchofspalläſten hebt ſich auf Felſenterraſſen, vom See beſpühlt, wie aus demſelben empor, die freundlichen Dörfer Hag⸗ nau und Immenſtaad ſpiegeln ſich in den Wellen; Hofen und Itikt der ſſ berg l Uäfer; 0 ft gufd o n Abal 0 kutden durh i Wüus Muun Auftec aldetkt ſcml leberlt Joherm Lenaſſ t all geuluſt ſch aft An hon lunſt Norgen n wahre ſchroffen en Blick . Auth igenberg n Thür⸗ om Ske er Hag⸗ fen und 15 Friedrichshafen treten etwas in eine Bucht zurück, doch mag der forſchende Blick das ſchöne Luſtſchloß des Königs von Würtem⸗ berg und die Thürme der Kloſterkirche entdecken. Kenntlicher läuft auf einer gewölbten Landzunge Langenargen in den See hin⸗ aus, und die Verkürzung der Ferne ſtellt uns dicht dahinter die Inſelſtadt Lindau vors Auge. Alle dieſe Ufer ſind in einer Ent⸗ fernung von einer Meile durch die Schlangenlinien der oberſchwä⸗ biſchen Waldhöhen begränzt, von welchen alte Thürme, Schlöſſer und Dörfer herabwinken. Hinter Lindau aber erhöhet ſich male⸗ riſch der breite Rand des geſchloſſenen Waſſerkeſſels mit dem hohen, ſteilen und felſenreichen Bregenzerwald, deſſen gebrochene Maſſen im Wechſel von Sonnenlicht und Schatten etwas Magiſches erhal ten, und einen angemeſſenen Uebergang zu der Gebirgsmauer bil⸗ den, die hinter einem Bollwerke kleinerer Berge und bis in den See auslaufender Hügel, das Schweizerufer entlang ſich hinzieht. Wenn man dieſes herrliche Schauſpiel vom Konſtanzer Thurme herab genoſſen hat, wird man auch die Umgebungen der Stadt beſſer zu würdigen wiſſen, und, da man das Große und Erhabene ſo ganz in der Nähe haben kann, wird man mit wahrem Genügen auf den ebenen Wieſen des fruchtbaren beſchatteten, Paradieſes,“ wo nur der reichſte Naturſegen den Ausblick nach allen Seiten hin verbauet, ſich lagern. Die Nachbarſchaft führt uns auf die beiden Inſeln der ver⸗ bundenen Seen, Standpunkte, die ſowohl durch ihre Ausſicht, als durch ihre wunderliebliche Lage, die Eigenthümlichkeit ihres An⸗ bau's und die Fülle edler Naturgaben, die ſich hier auf ſo engen Raum zuſammendrängt, dem Wandrer ganz neue Genüſſe verſprechen. Die Inſel Maynau, anderthalb Stunden nördlich von Konſtanz, da wo der Oberſee, ſchmal zulaufend, anfängt die Waſſerzunge zu bilden, die auch der Ueberlinger-See heißt, dicht am Ufer, mit welchem ſie durch einen hölzernen Brückenſteeg verbunden wird, gelegen, iſt eine blühende Terraſſe von kaum einer halben Stunde Umfangs, aber angefüllt mit allem, was die Natur zum Genuß, zum Nutzen und zur Au⸗ genluſt darbieten kann. Lachende Wieſen, herrliche Aecker, freudig ſich erhebende Weinberge, ſchöne Gemüſeanlagen, reizende Grup⸗ ven von Obſtbäumen, mannigfaltige Schöpfungen der ſchönen Gar⸗ tenkunſt wechſeln mit einander ab, und ergötzen das Auge, das nicht weiß, an was es ſich zuerſt laben ſoll. Auch die Anſicht der Inſel von der Seeſeite aus iſt überaus maleriſch; ihre weich⸗ anſteigenden grünen Ufer ſind mit hochſtämmigen Obſtbäumen, die in bunter Miſchung gruppenweiſe durcheinander ſtehen, bepflanzt; Gräben, Mauern und Thürme aus einer längſt verſchwundenen Zeit blicken zwiſchen grünen Hecken hervor und machen lüſtern, die Kunden der Vergangenheit mitten in einer blühenden Gegenwart zu vernehmen; der ſchöne moderne Pallaſt des Teutſchordens aber, der mit doppelter Herrlichkeit dem anlandenden Wandrer vom höch⸗ ſten Ufer herab, und, abgeſpiegelt aus der blauen Fluth herauf, entgegenblickt, ſtreckt ſeinen geräumigen Balkon gegen ihn aus und lädt ihn zum Genuſſe einer der herrlichſten Ausſichten ein, die das Ufer des Bodenſee's nur irgend bieten kann. Die Gegenſtände, die der Beſchauer hier erblickt, ſind zwar nicht viel anders, als vom Münſterthurme der Stadt Konſtanz herab: gegen Norden und Nordoſten die Tannenhügel des deutſchen Ufers, etwas näher ge— rückt; Ueberlingen, mit den auf⸗ und abwogenden Getreide⸗ ſchiffen ſeines Kornmarktes, das hochgethürmte, alterthümliche Meersburgz die ſchönen Dörfer Uldingen, Seefelden, Mau— rach; über dem letztern Neubirnau's heitre Kirche, und hoch über ihr Heiligenberg, ein weißer, glänzender Punkt. Gen Oſten der Spiegel des See's, breit und lang; im Hintergrunde Lindau und Bregenz mit ſeinem Waldgebirge; zur Rechten die Al⸗ penkette mit dem herrſchenden Säntis. Aber der blühende Vorder—⸗ grund, der Gedanke, der faſt zum unmittelbaren Gefühle wird, dieſe Herrlichkeit, abgeſchieden von der übrigen Welt auf einem ſchwimmenden Garten betrachten zu dürfen, die ſtille Sonntags⸗ feier der Natur auf dieſem Eilande— das Alles macht den Anblick wieder neu, verwandelt und verdoppelt den Genuß; und man ſollte den Wandrer, der im Blüthendampfe eines warmen Frühlingstages, in der wogenden Sommerluft einer blauen Mittagsſtunde, im Pur⸗ pur eines Herbſtabends Vergleichungen anſtellt, und von den Won⸗ nen Genua's oder Neapels faſelt, nicht richtend verlachen. Das Schweizerufer geſtaltet ſich zur ſchönſten in ſich abge⸗ ſchloſſenen Landſchaft, in den Zimmern des Schloſſes, deren Thü⸗ ren mit Nummer 2 und 3 bezeichnet find. Den Vorgrund bilden hier Staad und Münſterlingen, in der nächſten Nähe ſaftiger Buchenwald, im Hintergrunde die herrliche Säntiskette mit ge⸗ ſchwungenen Linien und blauer Färbung, wie ſie kein Maler zu einer großartigen Landſchaft paſſender erfinden könnte. thümliche , Mau⸗ und hoch ikt. Gen tergrunde uf einem onntags⸗ 17 Wenn die Inſel Maynau den Wandrer für Augenblicke der wirklichen Welt entreißt und in ein fremdes Zauberland zu verſetzen ſcheint, ſo macht dagegen die Inſel Reichenau, zu welcher er von hier aus durch einen ſchönen, dichten Wald und auf einer kurzen Fahrt über den ſeichten Arm des Unterſee's in zwei Stunden gelangen kann, einen faſt entgegengeſetzten, aber darum in ſeiner Art nicht weniger wohlthuenden Eindruck. Es liegt demſelben nämlich durchaus nichts Feenhaftes zum Grunde, vielmehr iſt dem Reiſenden, wenn er dieſe große und wohnliche Inſel betritt, zu Muthe, als wenn ihn eine wohlbekannte Heimath, deren Reize ihm längſt vertraut und eben dadurch ſo lieb, ſind, aufnähme. Der Segen der Natur, den ſie mit nicht weniger ver⸗ ſchwenderiſcher Hand auch dieſem Eilande geſpendet, iſt doch hier nicht ſo ungewöhnlich concentrirt; er hat mehr Raum ſich auszu⸗ breiten, und wenn auf Maynau die verlaſſene Commende einem Feenſchloſſe gleicht, deſſen unſichtbare Beſitzerin, die alleinige Herrin ſeines Wundergartens und ſeiner Früchte zu ſeyn ſcheint, wenn dort kein Fußtritt an irdiſche Bewohner mahnt: ſo haben ſich auf Reichenau eine Menge glücklicher Sterblichen in den Ueberfluß getheilt, zwiſchen Rebenhügeln, Wieſen und Obſtgärten nach allen Seiten hinlaufende Wege angelegt, Gärten und Felder umzäunt und abgetheilt, und unzählige Hütten über die Inſel ausgeſtreut, in welche Jeder einheimst, was zur Nothdurft und zur Luſt des Lebens genug iſt. Wie die Einficht in die Inſel einen andern Eindruck macht, ſo bringt auch die Ausſicht, die man auf der Hochwacht genießt, dem höchſten Punkte derſelben, in einer den Freunden der Natur von einem edlen Bewohner der Inſel gebauten und gerne geöff— neten Rotunde, die ſich mitten aus den Rebgärten erhebt, eine andre Wirkung hervor; ſie iſt nicht ſo weit, und durch keine ſo koloſſale Gegenſtände gehoben, wie auf der Maynau und überhaupt auf dem Oberſee, beſonders wenn dort ſich der Blick gegen Süd⸗ oſten wendet; auch ſind die Ufer des Unterſee's niedriger und flacher; dagegen vereinigt ſich hier Alles zu einem Landſchafts⸗ gemälde von ſanftem und mildem Charakter, der das Auge um ſo traulicher anſpricht, je näher die Hauptpartien demſelben gerückt ſind. In bunter Mannigfaltigkeit ſtellen ſich an den Ufern des See's blühende Dörfer, Städte und Schlöſſer, ländliche Hütten Schwab, Bodenſee. 2 und ſtattliche Klöſter, Kirchen, Weinberge und Getraidefelder, fröh⸗ liche Wieſen und düſtere Wälder dar, und jenſeits des Rheins, der ſich in die lieblichſte Thalbucht vertieft, thut ſich das lachende Thurgau auf, an Fruchtbarkeit und Kultur ein großer Garten, beſäet mit Landhäuſern und Dörfern, und überall die fleißige Hand und den thätigen Geiſt ſeiner Bewohner verkündend. Tief im Hinter⸗ grunde des ſüdlichen Landufers ragt vereinzelt und ſcharfbegränzt hoch über die Vorberge der Säntis hervor, der hier mehr die Ge⸗ ſtalt eines iſolirten Berges, als einer Gebirgskette hat; von dem benachbarten Hügel ſchauen die Schlöſſer der Napoleoniden auf die Inſel herab, die das Grab des letzten Karolingers in ſich ſchließt. Das auf einem ſchönen geſonderten Waldhügel jetzt im altfränkiſchen Styl aufgebaute Schloß Sandeck wird der Wanderer, um ſeiner hiſtoriſchen Bedeutung willen, beſonders in's Auge faſſen. Am weſtlichen Geſtade betrachtet das Auge den breiten Rheinausfluß und folgt dem Strom das lange Thal hinunter, dann lenkt es hinüber zu dem geſtreckten Zwiſchenrücken des Schienerberges (vom Dorfe Schienen ſo genannt), und rechts von demſelbigen ſchweift es wieder über die wohlbekannten Burgen des Hegäus, Hohentwiel, die drei Stoffeln, Hohenkrähen, Mägdeberg und Hohenhöwen hin, die alle auf zerſtreuten maleriſchen Vorbergen, wie auf Schemeln, ruhen. Am nördlichen deutſchen Seeufer ziehen ſich die Dörfer Allenſpach und Hegne hin; dahinter Hügel und Wald. Im Oſten ſteigen die Thürme und Giebelhäuſer von Konſtanz hinter dem kurzen Rheinlauf empor; den Hintergrund bildet der in blaue Ferne zurückweichende Bregenzerwald, der aber hier ganz niedrig erſcheint und über den die Vorarlbergeralpen hoch emporragen; auch den Einſchnitt und die Berge des Rhein⸗ thals wird man, doch nur in unſichern Umriſſen, gewahr. Senkt ſich der Blick von dieſer fernen Umgebung wieder zur nächſten, ſo ſieht er von dieſer Hochwacht herab die ganze etwa fünf Viertelſtunden lange und zwei Viertelſtunden breite Inſel eyförmig vor ſich ausgebreitet und labt ſich an ihrer wechſelreichen Fruchtbarkeit, an ihren Hütten, Villen und Kirchen. Am öftlichſten Ende entdeckt er die kleine Ruine der Burg Schopfeln, die hier, wo alles nur Gegenwart zu athmen ſcheint, in einſamer Verlaſſen⸗ heit trauert. Doch iſt dieſer ganze Boden reich an lauſchender Vergangenheit, und wenn der Wandrer in die graue Münſterkirche eintritt, ſo erzählen ihm die hallenden Tritte von Königsgräbern, von frommen Verbreitern des Chriſtenthums, von Tempelhütern der A dette fth uch he hlben 90 bäffif lleine: lis an Uzſch Nun f Aufe es n fig t ein N enkt es erges ſelbigen egäus, 19 der Wiſſenſchaft und der Geiſteskultur lange und dunkle Jahrhun⸗ derte hindurch. Jetzt wird ihm dieſes lachende Eiland ernſter und bedeutſamer; mit Rührung verweilt er auf der verlaſſenen Stätte der Frömmigkeit und Kultur unſrer Ahnen; das blaue Band der ſchmalen Fluth, die ſich ſchirmend um das Inſelrund ſchließt, ſcheint ihm einen heiligen Herd und eine höhere Heimath abzugränzen, als er geſucht und begrüßt hat, da er zuerſt den müden Fuß auf den freundlichen, gaſtlichen Boden ſetzte. Das Schweizerufer am Unterſee. Von den Umgebungen des Unterſee's iſt das Schweizerufer von Gottlieben bis Stein am Rhein bei weitem das Rei⸗ zendſte und am würdigſten, noch insbeſondere bereist zu werden. Was für einen Eindruck ſeine üppige Fruchtbarkeit auf denjenigen machen muß, der aus den nördlichen kahleren Gegenden unſres Vaterlandes kommt, erhellt aus der begeiſterten Beſchreibung eines berühmten norddeutſchen Reiſenden, die wir an die Stelle unfrer eigenen ſetzenk:„Was wir, von Stein an, an den Ufern des Rheins und nachher am Geſtade des See's mehrere Stunden hin— tereinander ſahen, ging über Alles, was unſre Augen bisher geſehen, und unſre Phantaſie zuſammengeſetzt hatte. Wenn wir nicht in den faſt zuſammenhängenden Städten, Flecken und Dörfern fuhren, ſo fanden wir uns immer unter prächtigen Alleen von Obſtbäumen, die das Ufer des Sees nicht nur verſchönern, ſondern auch befeſtigen. Dieſe Bäume ſind eben ſo ſehr, als der allent⸗ halben ſichtbare Wohlſtand, ein Beweis der höchſten Kultur des Landes und der ländlichen Induſtrie ſeiner Einwohner. Viele von ihnen ſenkten ihre Aeſte in den hellen See hinab, und wurden bisweilen von Stützen getragen, die man im Grunde des See's befeſtigt hat. Unter und neben dieſen Bäumen ſieht man entweder kleine niedliche Wieſen, oder Weingärten oder Fruchtfelder, die bis an den äußerſten aufgemauerten Rand des Ufers laufen. Die Ausſicht wird durch die Bäume im geringſten nicht eingeſchränkt. Man ſieht vielmehr, ſo weit das Auge reicht, dem majeſtätiſchen Laufe des Rheins und den noch prächtigern Gewäſſern des Boden⸗ ſee's nach, die in der Nähe mit blaulichen, in der Ferne aber mit weißlichen Streifen durchſchnitten, und von einem friſchen Winde mit einem angenehmen Geräuſche an unſre Füße geworfen wurden. *Meiners bei Hartmann S. 99—101. 2 15 1 * 20 Wir ſahen auf dem Rheine nur wenige, aber auf dem See deſto mehr Schiffe, die ſich mit großer Geſchwindigkeit nach allen Rich tungen hinbewegten. Die entgegengeſetzten Ufer waren gleich denen, an welchen wir herfuhren, mit blühenden Städtchen, Flecken und Dörfern, mit Kapellen und Klöſtern, mit Landhäuſern und Schlöſſern bekränzt. Zu unſerer Rechten hatten wir meiſtens Wein⸗ berge oder Fruchtfelder, die ſich in abwechſelnden Höhen bis an den Fuß oder die Seiten von Bergen hinzogen, welche entweder mit Waldung bedeckt, oder auch mit ſchönen Kapellen und Land⸗ häuſern beſetzt waren. Mitten in dieſen Wundern der Natur war es uns nicht möglich, im Wagen zu bleiben. Unſere Freude war nicht ruhig und ſtill, dergleichen eine gewöhnlich ſchöne Natur zu gewähren pflegt, ſondern vielmehr ein unruhiges Entzücken, das unſer Herz und Blut merklich ſchneller bewegte und ſich hervor⸗ drängen und mittheilen wollte.“ Auch die Gegend von Stein am Rhein, wo man den See ſchon im Rücken hat und der Rhein wieder zum ordentlichen Strom geworden, über den eine ſchöne Brücke führt, iſt äußerſt lieblich und es thut dem Wandrer ordentlich wohl, aus der Unendlichkeit von Waſſer, Flächen und Bergen wieder in ein von höheren Hügeln enger bekränztes Thal, in eine ſtille, liebliche Landſchaft eingetreten zu ſeyn, und von den großen Eindrücken, die er einen nach dem andern empfangen hat, endlich einmal in einer beſcheideneren Natur ſich erholen und gleichſam ausruhen zu dürfen. Der Ueberlinger See. Einen ähnlichen Eindruck macht die lange Waſſerbucht, die der Oberſee zwiſchen Dingelsdorf, Sernatingen und Ueber⸗ lingen bildet. Zwar in der letztern Stadt iſt die Waſſerfläche, die man überſchaut, da der Blick nach Oſten faſt noch in's Gränzen—⸗ loſe geht, noch immer bedeutend; und man hat den Vortheil, von dem Garten des Bades oder den Fenſtern des Gaſthofes zum Löwen aus, den der See beſpült, dem Spiele der blauen Fluthen zuſchauen, das jenſeitige nicht allzuferne Ufer ſammt ſeinem ſchönen Anbau mit den Augen erreichen und mit Einem Augenblicke wieder über den breiten, offenen Oberſee den Blick zum fernen Oſten hinauf⸗ ſchweifen laſſen zu können. Auch hat Ueberlingen noch ganz das Anſehen einer ehrenfeſten, maſſiven Reichsſtadt, und iſt ſeiner äußern Geſtalt nach geblieben, wie es in der Mitte des 17ten wiedet mer. YN bon g ſolten Jucht lͤlſchei Hlihe Unte: 21 wieder erhoben hat. Der alte, redliche Bürgermeiſter von Pflum⸗ mern, den wir in der Geſchichte jener Tage kennen lernen werden, würde faſt jedes Haus wieder erkennen und auch in der neuen, bürgerlichen Ordnung der Dinge ſein altes Geſchlecht noch in Blüthe finden. Dies alterthümliche und doch ſtattliche Anſehen des Ortes, verbunden mit ſeinen nächſten, durch geſprengte Felſengänge, welche die Stadt von der Landſeite umziehen, nicht unromantiſchen Umgebungen, geben dieſem, ſonſt nicht den größeren des Bodenſee's angehörenden Punkte einen eigenthümlichen Reiz, und das treffliche Bad, welches Ueberlingen beſitzt, bietet dem wähligſten Fremden einen Ruhepunkt an, von welchem aus er eine Menge der ſchönſten Stellen mit Gemächlichkeit beſuchen kann. Eine ausgebreitete Ausſicht auf den See genießt man jedoch in nicht allzugroßer Ent⸗ ſernung vom See, zwiſchen Uffkirch und Neſſelwang bei einer Linde, und noch näher bei der Stadt auf St. Leonhard. Die ſtillere Gegend dieſes Buſens, wie wir ſie oben be⸗ zeichnet haben, iſt noch einige Stunden abwärts, ganz am Ab⸗ ſchluſſe des Sees bei Sernatingen zu ſuchen, wo man abermals die Bequemlichkeit hat, von den Fenſtern des Gaſthofs zum Adler aus, den See und die Ufer auf's Günſtigſte zu überſchauen. Hier iſt der See kaum eine ſtarke halbe Stunde breit und der ganze Keſſel von bedeutenden, ſteilen Bergwänden, die mit den ſchönſten Buchenwäldern bewachſen ſind, eingeſchloſſen. Dieſe Begränzung, dunkel ohne düſter zu ſeyn, die dem Auge ganz unerwartet eintritt, iſt demſelben doch höchſt willkommen. Viele Reiſende klagen über das Ermüdende und Langweilige, das der große See und ſeine die der gar zu unendlichen Ufer bei aller Schönheit und Ueppigkeit, in die Ueber⸗ Länge doch für den Beſchauer haben; ſie ſtellen im Unmuth ein⸗ ſſerfläche ſeitige und unbillige Vergleichungen nicht nur mit dem freilich in ſüdlicherer Herrlichkeit und mit einer ganz andern und näheren Gebirgswelt prangenden Genferſee, ſondern auch mit den kleineren von gebirgigen Ufern, eingeſchloſſenen Schweizerſeen an: dieſe ſollten, ehe ſie unſern ſchönen See verdammen, die liebliche, tiefe Bucht zwiſchen Bodmann und Sernatingen beſuchen und dann entſcheiden, ob der Bodenſee denn wirklich ſo gar kein heimliches Plätzchen habe, von dem der Wandrer in der Ferne noch rühmen könnte: Ille terrarum mihi praeter omnes Angulus ridet.— 22 Von Sernatingen aus iſt beſonders auch die Seefahrt nach May⸗ nau oder nach Bodmann, deſſen Schlöſſer man hier im Auge hat, ſehr zu empfehlen. Die Hügel des ſchwäbiſchen Ufers gewähren dann einen ganz beſondern Anblick, ſie ſchwellen wie verſteinerte Vellen empor vom Seegeſtade in's Land hinein. Das jenſeitige Ufer ziert, an den hohen Waldrücken gelehnt, das geſtreckte Dorf Bodmann mit dem neuen Schloſſe, dem Wohnſitze des uralten Geſchlechtes, das ſeit beinahe tauſend Jahren aus dieſer alten Hofſtatt der Karolinger entſproßt iſt. Ueber dem Dorfe ſtehen die beiden Burgen Frauenberg und Alt-Bod— mann, das erſtere der eigentliche Stammſitz der Familie, jetzt aufgefriſcht, das andre eine Ehrfurcht gebietende Ruine. Von dem älteſten Podama iſt keine Spur mehr zu finden. Der Standpunkt bei Alt-Bodmann bildet das Gegenſtück zu dem von Sernatingen, und wird von der Feder einer geiſtreichen Frau mit folgenden blühenden Farben geſchildertk:„Wir haben die Anhöhe von Bodmann erreicht; Alles verläßt den Wagen, um ſtehend und gehend ungehindert der entzückenden Ausſicht zu genießen. Mein Auge irrte erſt rechts in dem Reichthume des weit aufgethanen Schwabens umher, wo nahe das Schloß Bodmann in dunkler Waldhöhe ſtand; dann verſank es in die wallende Schönheit des nun zur größeſten Breite und Tiefe ausgedehnten, meerähnlichen See's; ſchweifte den perſpektiviſch dahin fliehenden Vorländern nach, die mit dunkeln Wäldern gekrönt, oder mit Klöſtern und Städtchen bezeichnet ſind. Die zierlichen Dorfkirchen ziehen überall den Blick in die ſchönſten Baumgruppen der friedlichen Dörfchen hinein.— Das Paralleliſiren mit dem Genferſee iſt ſo unwill⸗ kührlich als unaufhörlich, und wir haben Mühe, unpartheiiſch zu bleiben, und dem mächtigen Reize der Gegenwart zu widerſtehen; wo ich immer gegen Karl als perſonifizirte Erinnerung auftrete: „„Sieh, Mutter, dieſe prächtigen Eichenwälder und ihre dunkel— blaue Ferne tief in's Land! Sieh, wie der glänzende See ſtolz die vielen Schiffe trägt, und Alles lebt und webt an ſeinem Ufer! das hat doch der Genferſee nicht!““— Aber, lieber Karl, die Ferne der ſavoyiſchen Gebirge über Genf, und den Montblane, und den majeſtätiſchen Jura, der das Waatland begränzt, hat die der Bodenſee?—„„Und Mutter, ſieh'mal das Thurgau. Ein großer Garten, und alle ſeine Städtchen und lieblichen Vorländer, Friedrike Brun bei Hartmann S. 101 f. älich, del Ka ſided en d Uch e Gd Uabe in ſt fein fcl deſen Uibe, denn ſßt kinem 01 90 Hielt fe, E U Bohen Han Knge lis in ganze litk b hett flene Wch 23 und die glänzenden Bleichen, was iſt dagegen das finſtere, öde ſavoyiſche Geſtade?““— Die Parallele blieb wie der Streit, unvollendet, weil wir in Meersburg einfuhren.“ Wir wagen es nicht, gegen die blühende Beſchreibung der geiſtvollen Schriftſtellerin unbeſcheidene Einwendungen zu machen. Nur würden wir, für unſere Perſon, um mit Erfolg eine Parallele zwiſchen dem Bodenſee und dem Genferſee durchführen zu können, nicht gerade dieſen, in der Wahrheit doch etwas beſchränktern Stand⸗ punkt, dem der freie Blick auf die Schweizerufer und ſeine Alpen fehlen muß, gewählt haben. Lag doch ein anderer ganz herrlicher Punkt, an dem wir unſere Wandrer nicht vorüberführen dürfen, ganz nahe drüben über dem See. Eine Stunde von Sernatingen öſtlich, anderthalb Stunden von Ueberlingen, nordweſtlich, liegt auf der Kante der beträchtlichen waldigen Hügelkette, die hier das Ge⸗ ſtade des Ufers bildet, oberhalb des durch ſeine römiſchen Katakom⸗ ben berühmten Uferdorfes Sipplingen, der Haldenhof und noch einige Schußweiten über dieſem auf der Bergſpitze, iſt der Standpunkt, den wir meinen, und der einen der ausgezeichnetſten Ueberblicke über See und Gebirge, von ſeltener Höhe herab, und in ſeltener Nähe, gewährt. Ueber dem nächſten Ufer, ſeinen Dör⸗ fern und der Seebucht ſelbſt ſchwebt das Auge faſt in Vogelper⸗ ſpective; hier begegnet ihm auch auf halber Höhe des Berges, auf deſſen Gipfel er ſteht, von Wald und Weinbergen umkleidet, die wilde, zerriſſene Ruine der Sängerburg Alt Hohenfels, aus deren ungeheurem Thurm eine mächtige Tanne den Zinnen ent⸗ ſproßt iſt. Dieß der nächſte herrliche Vorgrund, aber auch auf keinem andern Standpunkt überſchaut man ſo ausgedehnt zu glei⸗ cher Zeit die untere und die obere Seegegend: jene liegt ganz ent⸗ wickelt vor den Augen: das Hegäu mit ſeinen Burgen, der Unter⸗ ſee, die breite Landzunge zwiſchen dieſem und dem Ueberlinger See, mit ihren drei Ecken: Konſtanz, Rudolphszell und Bodmann; der Bodenſee ſelbſt entflieht zwar beinahe dem Auge, aber doch überſchaut man ihn hier, wie nirgends ſonſt in der Nähe, in ſeiner vollen Länge von achtzehn Stunden, der Blick überfliegt die Waſſerfläche bis in die Gegend von Hard und Bregenz; er kehrt zurück auf der ganzen Länge der Schweizerufer, er muſtert die ganze Gebirgs⸗ kette von den Vorarlberger Alpen bis zur Jungfrau; aber freilich fordert dieſe eben ſo unendliche als erhabene Ausſicht auch jene ſeltene Beleuchtung, jene Witterung, die, meiſt nur unmittelbar vor oder nach einem Regen eintretend, die Vortheile eines heitern, D 1 1 24 wolkenloſen Aethers und einer dunſtloſen Atmoſphäre in der tieferen Luftſchichte zugleich gewährt. An den gewöhnlichen ſchönen, him⸗ melblauen Tagen hemmt der Sonnendunſt den Ausblick in die weitere Ferne, und macht die ganze Ausſicht ſehr fragmentariſch; wolkigte Tage aber verſperren den Anblick des Gebirges, welches dieſer ungeheuren Fernſicht erſt den rechten Halt gibt und ſie vor jedem Vorwurfe einer zerfloſſenen Landchartenausſicht ſchirmt. Das ſchwäbiſche Ufer von Meersburg bis Lindau. „Die Anſichten auf dieſem Ufer haben alle die Hauptſache mit einander gemein: die nächſten Umgebungen freundlich und blühend; der Waſſerſpiegel nach allen Dimenſionen breit und großartig ge— dehnt, gegenüber in blauender Ferne das Schweizerufer, von der himmelanſteigenden Säntiskette gekrönt, an die ſich rechts verkürzt und im Profile die Schneegebirge von Glarus anſchließen; zur linken in ſchöner, geſchwungener Wölbung die nächſten Ufer und an ihrem Schluſſe näher oder ferner die heitre Inſelſtadt Lindau und das ernſtere von Tannen umdüſterte felſigte Bregenz mit ſei⸗ nem amphitheatraliſchen Waldgebirge. Doch geben die nächſten Umgebungen und einzelnen Hauptge⸗ genſtände, die auf einzelnen Standpunkten in eigenthümliche Nähe treten, jedem derſelben wieder ein Intereſſe eigener Art. Der Standpunkt von Meersburg zeichnet ſich durch die Nähe der hier noch deutlich mit Münſter, Thürmen und Giebeln ſchim⸗ mernden Stadt Konſtanz, und durch den Anblick, den das ſeltſame Felſenneſt des Städtchens Meersburg ſelbſt darbietet, eigenthümlich aus. Dieſe kleine Stadt erſcheint eigentlich nur als ein Anhängſel der auf einen mächtigen Felſen aufgethürmten, vielgebäudigen, bis⸗ thümlichen ältern Hofburg, die von Gräbern umgeben iſt, welche Felſenriſſe bilden, und zu der der Zugang auf einer ſchmalen Brücke über den Abgrund führt. Der älteſte Theil dieſes Schloſſes, das jetzt der Ritter- und Ruheſitz des Freiherrn Joſeph von Laßberg iſt, ſcheint ein hohes, viereckigtes, thurmähnliches Gebäude zu ſeyn, das jetzt aber ganz eingebaut iſt, ſo daß nur der Giebel her⸗ vorragt. Natur und Geſchichte laſſen ſich nie ganz abtrennen, und ſo bemerken wir denn ſchon hier im Voraus, daß die erſten Grund⸗ lagen dieſes Schloſſes von Karl Martell herrühren und an einem der Thürme, die, freilich vieldeutigen Buchſtaben C. M. beſindlich waren. Wir erzählen dieſes, ſage ich, zum Voraus; weil gewiß jeder, der dieſe Vermuthung mit ſich durch die uralten Straßen tallchen 0 u Kien“ Langt Age Ottot zhiſch hlſck d Hlck Hen,d hentge Einfglt Kelen. het Pra lthege lihlet uf We Rlh, , def y ont Lindau. otſach, il gewiß Straßen 25 der Stadt und die dunkle Hausflur des ergrauten Getraide hau⸗ ſes hinausnimmt an den Hafen, der einen weiten Ueberblick über die Breite und Länge des See's darbietet, Alles, ſelbſt den Stoß der Wellen, die ſich an den grauen Mauern der Stadt brechen, mit andern Augen anſehen und gedankenvoller auf die wechſelloſe Fläche des Waſſers hinausblicken wird, indeß vor ſeinem Geiſte die wechſelnden Jahrunderte in ſtürmiſchen Wellen vorüberrollen. Wenn der Anblick von Meersburgs alten Stein- und Felſen⸗ maſſen die Seele des Wandrers zum Ernſt und Nachdenken ſtimmt, ſo erheitert dagegen die freundliche Geſtalt des jungen Friedrichs⸗ hafens ſein Gemüth, führt ihn zur willkommenen Gegenwart zurück, und heißt ihn von einem der glücklichſten Standpunkte des ſchwäbiſchen Ufers mit offnem, hellem Auge in die klare Fluth ſich tauchen, die hier, beinahe im Mittelpunkte der ganzen Seelänge, nach allen Richtungen hin in blaue Ferne ausſtrahlt, und auf der einen Seite bis an die Mauern von Konſtanz ſich wölbt, deſſen Münſterſpitze allein noch über den Wellen ſichtbar bleibt, auf der andern Seite den Blick an dem alten Buchhorn und der Erdſpitze Langenargens vorbei, hinüberlenkt bis zu dem breiten Horne, das den Strom des Rheins in das ruhige Becken des Sees ausgießt. Und zwiſchen dieſen beiden äußerſten Punkten, welch ungehinderter Ueber⸗ blick der weiten Spiegelfläche und welche Beruhigung, wenn der Blick jenſeits bei den Obſthainen Arbon's und Rorſchachs angekom⸗ men, die grünen weichen Hügel des Schweizerufers hinanſteigt, um ſich endlich über die ſchroffen Felſenwände des hohen Säntis, der gerade dieſem Geſtade Antlitz und Stirne entgegenhält, empor⸗ zuſchwingen, bis er ſich geſättigt in den blauen Himmel verliert. Dies iſt die herrliche Ausſicht, die man von dem Balkon des reizenden Luſtſchloſſes genießt, in welches König Wilhelm von Württemberg das Hauptgebäude des vormaligen Kloſters Hofen ſeit wenigen Jahren umgeſchaffen hat. Das Gebäude iſt mit edler Einfalt ausgeſchmückt und eingerichtet; es iſt, als hätte den erha⸗ benen Gründer dieſer lieblichen Wohnung das Gefühl geleitet, daß der prachtvollen Erfindung der Mutur Natur hier keine andre Pracht entgegengeſtellt werden dürfe; daß der Reichthum und die Herr⸗ lichkeit des Beſitzers in dem geſegneten Grund und Boden beſtehe, auf welchem ſich dieſes Haus erhebt, in der länderverbindenden Fluth, die er von dieſem Ufer aus beherrſcht. Denn in jenem Ha⸗ ſen, deſſen Wellen an den Ringmauern des Schloſſes emporſpritzen, wo vor 200 Jahren das ſtattliche Kriegsſchiff der Schweden, die 26 Königin Chriſtina vor Anker lag, ankert jetzt das Dampfboot, der Wilhelm, und verbindet die Handelsſtraße von Schwaben mit Graubündtens und Italiens Päſſen. Wir führen jetzt den Wandrer zwei Stunden weiter am Ufer hinan, doch auf ganz ebenem Pfade, durch ein herrliches Gemiſch von Tannen, Buchen und Obſtbäumen, nach Langenargen, wo ihn abermals ein köſtlicher Standpunkt erwartet. Die Hauptaus⸗ ſicht kann hier von dreien Orten aus genoſſen werden: von dem hintern Saale des Gaſthauſes zum Schiff mit großer Bequemlich⸗ keit; mit einiger Mühe, aber am umfaſſendſten, von den oberſten Fenſtern des Kirchthurms aus; endlich auf der kleinen Halbinſel, welche die hohlen Mauern des letzten Montfortiſchen Palaſtes trägt und auf der ehemals ein feſtes Kaſtell ſtand, das von den Schwe⸗ den im dreißigjährigen Kriege beſetzt gehalten wurde. Hier ſteht der Wandrer auf einer von den Wellen des See's geſchlagenen Schwedenſchanze, die jetzt zu einem Gärtchen umgeſchaffen iſt; er ergeht ſich mit ſeinen Augen auf dem See, der gegen Weſten an Unendlichkeit gewonnen hat, während gegen Südoſten ſeine ganze Krümmung und ſein Abſchluß mit Lindau und Bregenz ſichtbar wird. Der Bregenzerwald, der Einſchnitt des Rheinthals mit ſei⸗ nen Gebirgen, die ſanfte Wellenform des Rorſchacherbergs zeichnen ſich hier beſonders aus. Die Anſicht des Alpſteins(dieß iſt der alte Name der ganzen Säntiskette) und der Glarner Schnee— berge hat der Standpunkt mit Friedrichshafen gemein. Lindau. Von den Herrlichkeiten dieſes Standpunkts mag dem Wandrer, den die Einförmigkeit, in welche Naturſchilderungen aus einer und derſelben Feder ſo leicht verfallen, vielleicht ſchon ermüdet hat, der Kiel eines andern Schriftſtellers melden, der für das erhabene Nachbarland, deſſen offenen Vorhof unſere Seegegend bildet, längſt zum klaſſiſchen Wegweiſer geworden iſt. „Lindau,“ ſagt Ebel,„liegt auf einer Inſel, welche mit dem ſchwäbiſchen Ufer durch eine hölzerne Brücke, die 300 Schritt lang iſt, in Verbindung ſteht. Auf dem nordweſtlichen Theile der Inſel, welche außerhalb der Mauern liegt, ſind kleine anmuthige Gärten angelegt. Die Lage der Inſel Lindau iſt außerordentlich *Ebels Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz. Leipzig 1798. Theil. S. 2. 5 ff. War. nd A Raufer A N ſebt Hülfter d ih When Wjch 2 ſchön. Gerade ihr gegenüber öffnet ſich das breite, große Thal, durch welches der Rhein aus den rhätiſchen Alpen dem Bodenſee zueilt. Die Felſenkette der Schweiz zieht ſich auf der rechten Seite dieſes Thals bis an den See herab, dehnt ſich dicht an denſelben in frucht⸗ baren Vorbergen aus, und bildet deſſen ſüdliche Ufer, die erhaben, groß und fruchtbar ſind. Die linke Seite des Thals wird von den nackten, rauhen Felſen Tyrols(Vorarlbergs) begränzt, die ſich nach Oſten fortſetzen, und den See in ſteilen, hohen Ufern ummauern. Der ganze Theil des See's, der von Lindau öſtlich fich ausdehnt, bildet ein großes, ſchönes, ovales, zwei Stunden breites und faſt eben ſo langes Becken, an deſſen äußerm Ende, hoch über demſel⸗ ben an ſteilen Felswänden das Städtchen Bregenz ſchwebt. Nach Weſten und Norden breitet ſich der See in eine Waſſerfläche aus, die wegen ihrer großen Ausdehnung in Erſtaunen ſetzt. Von Lindau nach Konſtanz beträgt ſeine Länge beinahe eilf, und bis an das Ende ſeines großen Buſens ſechzehn Stunden. Da die weſtlichen und nördlichen Ufer, unerachtet ihrer Krümmungen, im Ganzen doch eine gerade Richtung halten, ſo genießt das Auge den außer⸗ ordentlichen Anblick eines Waſſerſpiegels, deſſen Fläche ungefähr vierzig Quadratſtunden ausmachen kann. Wenn die Luft nicht ſehr hell iſt, ſo ſpielen in der weiten Ferne die Wellen in dem Horizont, und man begreift alsdann, warum dieſer See einſt das ſchwäbiſche Meer genannt wurde.“ Die Ausſicht vom ſchwäbiſchen Ufer, jenſeits der Brücke, welches durch ſeine fruchtbaren Hügel, Gärten und Weinberge ſehr einladend iſt, beſchreibt Ebel von dem Landhaus eines Lindauer Patriziers folgendermaßen: „Die vortheilhafte Lage des Hauſes gewährt die ſchönſten Aus⸗ ſichten über den See und deſſen herrliche Ufer. Ich ſah hier durch ein Fernrohr ſehr deutlich die Thürme der Abtei von St. Gallen; den Dom von Konſtanz umhüllte ein grauer Flor, denn die Luft war noch nicht hell genug; die Städtchen Rheineck, Rorſchach und Arbon glänzten unter den übrigen Orten, die das Schwei⸗ zerufer beleben, am ſtärkſten über den breiten Spiegel des See's. Die Wolken, nicht mehr ſo ſchwer und ſchwarz wie dieſen Morgen, ſchwebten in den höhern Luftgegenden und umhüllten nur noch die Häupter der höchſten Felſen. Die Sonne durchbrach ſie endlich, und ich hatte das unbeſchreibliche Vergnügen, die hohen Gebirge Appenzells zu ſehen. Fürchterlicher Sturm tobte in dieſer hohen Region. Bald öffnete ſich hier und da der Nebelflor und es zeigten 3˖ 2 2 — 1 7 4 4 2 28 ſich nackte, von Schnee und Eis ſtarrende Felſenwände; bald ragten Wenig hehre Felſenhörner hoch über die Wolken empor. Den Eindruck, den dieſe ungeheuren und ſtolzen Maſſen auf mich machten, ver⸗ mag ich nicht zu beſchreiben; er war vielleicht gerade um ſo außer⸗ ordentlicher, weil das Dunſtmeer, welches immer das Ganze ver⸗ hüllte, nur den Anblick einzelner Theile, Augenblicke, höchſtens minutenlang, gewährte, nur gleichſam verſtohlene Blicke zu thun erlaubte, und der Einbildungskraft keine beſtimmten Gränzen in den Formen dieſer ihr unbekannten Natur zeigte.“ „Mein Begleiter führte mich von dieſem Landhauſe zwiſchen anmuthigen Gärten nach einem andern günſtigen Punkt in einem Weinberg, der, wegen ſeiner höhern Lage eine weitere Ueberſicht verſtattete. Die Sonne hatte endlich ihre Herrſchaft behauptet, und die Wolken am weſtlichen Himmel zerſtreut; eben, als wir den Hügel erſtiegen hatten, goß ſie ihre Lichter über die große Landſchaft aus, die mit der Fülle und dem Leben eines blühenden Mädchens auf einmal aus dem Dunkel in glänzender Schönheit hervortrat. Ich warf mich auf den Boden und genoß in langſamen Zügen die Scenen K ds dieſer. außerordentlichen Natur. 15 Ich überſah von hier das gegenüber liegende breite Thal und 5 Olad. den Einfluß des Rheins in den See. So weit das Auge reicht, iſt der Boden des Thals ſo niedrig, daß er faſt mit der Fläche des See's gleiche Höhe zu haben ſcheint. Der Rhein läuft ohne Krüm⸗ mungen in ziemlich gerader Linie durch das Thal, verläßt deſſen Mitte, nähert ſich ſehr den Schweizergebirgen, und ergießt ſich in den See, eine ſtarke Stunde weſtlich von ſeinem öſtlichen Ende. etwdl Hetbahn Zwiſchen der Felſenkette Tyrols und den Gebirgen der Schweiz ſind die Ufer des See's ganz flach, mit Geſträuch bewachſen und beſonders nach der Seite von Bregenz hin, ſumpfig. Als ich nach Lindau zurückkam, ſank gerade die Sonne am Abendhorizonte herab. Der t Glanz am Himmel und der rothe Feuerſchimmer des ſechzehn Stun⸗ fe e den langen Waſſerſpiegels, über deſſen ganze Fläche die letzten Strah⸗ ſedſ len ſtrichen, war außerordentlich. Nie ſah ich einen prachtvolleren Teil! Sonnenuntergang; nie ein erſtaunenswürdigeres Schauſpiel.“ on Et Wir ſetzen zu dieſer erſchöpfenden Beſchreibung nichts hinzu, Weel und bemerken nur, daß Ebel die Punkte, von welchen er die beiden Feachſ letztbeſchriebenen Anſichten genoſſen hat, nicht näher bezeichnet. Uſn Berühmte Punkte, die, wenn auch nicht die gleiche, doch eine I l ähnliche Ausſicht gewähren, find das Landhaus, das Herr Haupt⸗ ſin mann Falk, nach langer Abweſenheit aus Cadix zurückgekommen, 1 10 berr 9 cgekommel, 29 wenigſtens noch um 1826 bewohnte, und die Washingtonsbank in dem Landgute, auf dem der königl. bayeriſche General, Freiherr v. Washington, lange Zeit ſich der ihm von ſeinem Monarchen gegönnten Ruhe erfreute. Die Hauptausficht wird am Beſten von der Karlsſchanze auf der ſogenannten Inſel, oder auch von einem der Stadtthürme herab, wo man noch außer dem die eigenthümliche Lage der Inſelſtadt überſchauet, genoſſen. An der Gränze des ſchwäbiſchen Ufers erwartet den Wandrer noch ein großer Naturgenuß zu Bregenz. Schon bei der Bregenzer Clauſe, die ihm der dreißig⸗ jährige Krieg geſchichtlich merkwürdig macht, wird er ſtille halten und ſich an dem unendlichen Waſſerſpiegel erfreuen, der hier unge⸗ fähr mit denſelben Ufern, wie auf der Karlsſchanze zu Lindau, ſich vor ſeinem Auge hinausdehnt, während dicht in ſeinem Rücken die ſteilen Felswände des Bregenzerwaldes anſteigen. Zur Seite hat er das in Bergausläufer hineingebaute alte Städtchen Bregenz, hinter dem unmittelbar das Gebirge anhebt. Im Grunde der Stadt ſchauen von zwei grünen, runden, lieblichen Hügeln herab, von dem einen ein ſchloßartiges Gebäude(gegenwärtig der Sitz des Rentamtes), von dem andern die Hauptkirche, als grüßten ſie ſich gegenſeitig, einander an. Schon dieſe Hügel, wo Reben, Wieſen, Tannen und Obſtbäume lieblich auf verſchlungenen Anhöhen wechſeln, gewähren ſehr ſchöne Durchblicke über die italieniſch-flachen Dächer der Stadt hin, nach dem weiten See. Der ſchönſte Standpunkt weit und breit aber iſt der Sanct Gebhardsberg mit dem Kirchlein gleiches Namens, der einſt an deſſen Stelle das feſte Schloß Hohenbregenz trug, deſſen Zerſtörung durch den ſchwediſchen Feldherrn Wrangel dem Wandrer der geſchichtliche Theil unſeres Werkes erzählen wird. Dieſer Berg bildet eine Art von Eckſtein am Bregenzerwalde gegen das Rheinthal; er iſt drei Viertelſtunden von Bregenz entfernt, mit dunklen Tannen maleriſch bewachſen und mit einem jähen Felſen gekrönt, der das Kirchlein trägt, deſſen Grundmauern noch von der alten Veſte herzurühren ſcheinen. Von den Fenſtern eines kleinen Vorgebäudes aus, das nach 3 Seiten freien Ausblick gewährt, genießt hier der Wandrer eine unausſprech⸗ lich ſchöne Ausſicht auf die ganze Länge des Sees, eine Weite von U 44 . — 15 30 18 Stunden auf das ganze ſchwäbiſche Ufer von Bregenz und Lindau an bis Sernatingen; über Konſtanz weg bis an den Unterſee, und links auf den Ausfluß des Rheines und einen Strich des Schweizer⸗ ufers bis Rheineck, wo die Vorberge Sanctgallens in den See hinauslaufend die weitre Ausſicht verſperren. Ganz neu und über—⸗ raſchend aber iſt hier der Einblick in das von den höchſten Bergen rechts und links umſchloſſene Rheinthal, deſſen Anfang man hier in der nächſten Nähe vor ſich hat; auch die Appenzelleralpen verſchie—⸗ ben ſich hier zu ganz neuen Formen; zur linken ſchaut man in den kühlen Grund, der den Bregenzerwald von den Vorarlberger Kalk⸗ felſen ſcheidet, und aus dem die rauſchende Bregenzeraach hervorquillt, um ſich im breiten Steinbette in den See zu ſtürzen, auf die alte Burg Wolfurth hinab, und möchte dem tiefen Thale gern um die Ecke in die Runzeln und Schlünde des Bregenzerwaldes folgen. Im Hintergrunde des Rheinthales ſteigen einige Schneekuppen empor, von welchen die eine höchſte vielleicht die rieſenhohe Schecha Plana iſt. Auf der rechten Seite des Beſchauers ſtrömt der Rhein am öſtlichen Rande der Appenzellerfelſen hin und man kann ſeinen wechſelloſen Lauf mehrere Stunden weit bis zum Einfluß in den Bodenſee verfolgen. Dieſe Ausſicht wird am zweckmäßigſten bei Sonnenaufgang genoſſen; hier iſt die allmählige Beleuchtung des dunkeln Rhein⸗ thals einer neuen Schöpfung vergleichbar, und der Spiegel des See's gegen Weſten iſt nicht von dem Dunſte, der ſich Nachmittags und Abends im Gefolge der niederſteigenden Sonne einfindet, ver— hüllt, ſondern breitet ſich klar und überſehbar vor den bewundern⸗ den Augen aus. Ehe wir das ſchwäbiſche Ufer des Bodenſee's verlaſſen, um unſre Leſer auf ein paar Hauptpunkte des Schweizerufers zu ſtellen, und ihnen ſodann eine landſchaftliche Ueberſicht des Rheinthals zu verſchaffen, laden wir noch auf eine Fahrt über den Bodenſee ein, zu welcher jetzt acht Dampfbote tägliche bequeme Gelegenheit darbieten. Um den See in meerähnlicher Unendlichkeit zu über⸗ ſchauen, wähle man die Fahrt mit dem Wilhelm von Friedrichs⸗ hafen nach Rorſchach. Man hat hier zur rechten und linken den⸗ ſelben der Länge nach, neben ſich, und die öſtlichen wie die weſtlichen Ufer ſind nicht oder kaum zu entdecken; ſelbſt das ſüdliche Ufer entzieht ſich bei umwölktem Himmel oder durch Nebel nur allzuleicht ege Hlhen affing glätzer lgen: er liet hilkt d be Echle fucthe flun g nt in Ribo, Al hil ſch 31¹ dem Auge, um das Bild der hohen See zu vollenden; und bietet es ſich mit ſeinen ſchwellenden Hügeln und der himmelhohen Wand ſeiner Schneeberge dem Blick in ſonniger Klarheit dar, ſo wird die Fahrt, die auf dieſen vom Dampf geflügelten Schiffen auch nie allzulange dauert, vollends zur wahren Luſtreiſe. Auf eine andre Weiſe, als dieſe Fahrt, ergötzt die Reiſe, die man auf einem der andern Boote den Oberſee entlang in 8— 9 Stunden vollendet, wobei an den angenehmſten Punkten Raſt ge⸗ halten wird. Man wähle nämlich unter den verſchiedenen Fahrten den Weg von Konſtanz nach Bregenz oder nach Lindau. Auf dieſer Fahrt ſchweben die Ufer des See's, das rechte und das linke, von welchen man bisher immer nur Abſchnitte von den Höhen herab entdecken konnte, die aber hier auf der ganzen Reiſe dem Blick erreichbar bleiben, mit aller ihrer wechſelnden Herrlichkeit vor den Augen des ſchnell dahin wogenden Betrachters vorüber, und immer neue Formen, neue Gegenſtände beſchäftigen die Aufmerkſamkeit und verkürzen die lange Waſſerſtraße, die noch am Mittage unab⸗ ſehbar vor dem Schiffenden ſich dehnt und am Abende, er weiß kaum wie, zurückgelegt iſt. Wendet ſich bei der Abfahrt das Auge nach der alten Stadt zurück, die ſich mit ihrem herrlichen Münſter in dem breiten Waſſer⸗ ſpiegel abbildet, ſo entdeckt es hinter ihr die Bergeskuppen von Hohentwiel und Hohenſtoffeln. Rechts und links ſind die Geſtade anfangs noch flach, aber im höchſten Grade fruchtbar, zur Rechten glänzen die freundlichen Wohnungen und Kirchen der Klöſter Creutz⸗ lingen und Münſterlingen, zur Linken ſtreckt ſich die Landzunge mit der lieblichen Maynau weit in den See hinaus; am zuſammen⸗ hängenden Ufer prangen das reinliche Uldingen, das gethürmte Meersburg, das heitre Hagnau. In einiger Entfernung ſteigen hinter dieſen Orten dunkle, mit Tannen bedeckte Hügel empor, auf deren einem das ſchneeweiße Heiligenberg blinkt; dieſe Hügel rücken allmählig dem Ufer näher, machen die ſchwäbiſche Seite düſterer und bringen dadurch einen erwünſchten Kontraſt mit dem lachenden Schweizerufer hervor. Auf dem letztern zieht ſich immer noch die fruchtbare Fläche weit landeinwärts; in den See hinaus läuft, einen großen Bogen bildend, die Landſpitze von Romanshorn. Aber mit immer deutlicheren Formen tritt hinter ihr die Säntislette hervor, mit jedem Stoße wogt das Schiff der herrlichen Gebirgs⸗ welt näher, immer breiter und offner wird der blaue See, auf dem es ſchwimmt. 32 Links werden die zwei ſchlanken Thürme des Kloſters Hofen und das helle Schloß von Friedrichshafen, anfangs nur dem bewaff⸗ neten, bald auch dem bloßen Auge ſichtbar. Auch der öſtliche Hin⸗ tergrund windet ſich nach und nach aus den Schleiern des blauen Dunſtes heraus, mit welcher die Ferne ihn bekleidet; die gezackten Kalkfelſen des Vorarlbergs, und ein paar ſchneeigte Gipfel, die vielleicht ſchon dem Tyrol angehören, haben das Nebelmeer der Tiefe durchbrochen. Während das Auge ſich träumeriſch mit dieſer Ferne beſchäftigt, iſt das Boot am nahen rechten Ufer an dem Dorfe Keßwil, deſſen ſpitziges Thürmchen ſchon lange gewinkt hat, vor⸗ übergeflogen, und wogt jetzt zwiſchen Uttwil und Friedrichshafen. Wenn man einmal da vorüber iſt, ſo nähert ſich das Bregenzerthal und hinter ihm die Hochgebirge immer mächtiger. Zur Rechten erſcheint auch die berühmte Höhe von Vögliseck und ſtellt ſich zwiſchen das Rheinthal und das Appenzell. Dagegen wird auf der linken Seite die Hügelkette zwiſchen Friedrichshafen und Langenargen niedriger und ferner. Zwiſchen beiden Orten ſieht lauſchend aus den Hügeln das Tettnanger Schloß hervor. Bald erſcheint Romanshorn. Ein modernes Schlößchen, eine hübſche Kirche auf grünem, bis in den See auslaufendem Reben⸗ hügel erhöhen die freundliche Lage dieſes Dorfes, deſſen zerſtreute Häuſer ſich lieblich unter Reben verſtecken und deſſen alter Name nach den früheſten Geſchichten dieſer verhängnißreichen Ufer lüſtern macht. Der See bildet hier eine große Bucht, deren eines Ende Romanshorn, das andre Arbon einnimmt. Die Ausſicht hat be⸗ ſonders dadurch einen ganz neuen Reiz, daß hier der größte Theil des ſichtbaren See's ganz von den höchſten Alpen begränzt iſt, die ſich amphitheatraliſch herumziehen, und deren ſcheinbaren Ausläufer der Bregenzerwald bildet; die andre Hälfte des Kreiſes nimmt Romanshorn mit ſeinem Obſtgarten ein.— Bald eilt unſer Schiff weiter an dem niedlichen Schloſſe Lur⸗ burg vorüber, hinter welchem das kleine Dorf Neukirch her— vorblickt. Dann ſpiegelt das uralte Arbor Felix ſeine grauen Mauern und Thürme und ſeine ſeligen Fruchtbäume, die ſeit fünfzehn Jahrhunderten die Stadt mit immer erneutem, üppigem Wachsthum umblühen, in der klaren Fluth; auf der ſchwäbiſchen Seite ſieht von dem höchſten, fernen Hügel, kaum ſichtbar, die Waldburg herab. An dem kleinen aber hübſchen Dörfchen Horn vorüber geht jetzt die Fahrt nach dem ſtattlichen Flecken Rorſchach, deſſen modernes, volaf ffhen 97 fr ti 00 dif Uangen A c t Wujſh Aufe aſold Re5 9 61. 0 Ualbige Kiſet Uägen Wlen Orbi ſh geh A bef 33 palaſtähnliches Kornhaus, und neues, ſtattliches Lagerhaus ſchon lange, noch ehe das Dampfboot landet, die Blicke der Reiſenden auf ſich gezogen. Im Rücken der Stadt erhebt ſich der maleriſche Hügel, der den Namen des Rorſchacherberges führt, mit Matten, Obſt, Landhäuſern, Burgen und Hütten bedeckt; die üppigſte Vege⸗ tation herrſcht auf dieſem blühenden Vorgrunde. Zur Rechten, ſeitwärts, iſt der koloſſale Säntis, wie friſch von der Natur hin⸗ gezeichnet. Ueber der Stadt entdeckt man die alten Schlöſſer War⸗ tenſee und Mötteli-Schlos, von welchen wir unten erzählen werden. In der Nähe winkt, in einem Obſtwalde verborgen, das Dörflein Goldach, deſſen ſchmucke Kirche und ſpitzer Kirchthurm forſchend nach Geſtad und Wellen blicken. Hat man Gelegenheit, zu Rorſchach zu verweilen, ſo führen hier einladende Straßen mit ſchönen Gebäuden zu einem Gaſthofe, wo die, den Sommer über meiſt zahlreiche Geſellſchaft an einem langen Mittagstiſche fröhlich tafelt. Ueber den einſtigen Wohlſtand Rorſchachs, deſſen Schimmer, wie der einer geſunkenen Sonne, noch immer über dem freundlichen Orte leuchtet, gibt die Geſchichte Aufſchluß, und wir verweiſen in dieſer Hinſicht auf den hiſtoriſchen Aufſatz. Bei der Abfahrt von Rorſchach überraſcht in der Abendſonne beſonders der wunderbare Kontraſt, den die weißen Kalkfelſen des Vorarlberges gegen die dunkleren Hügel- und Gebirgshöhen St. Gallens bilden.— Bald werden rechts die hüglichten Ufer waldiger, aber immer bleiben ſie bewohnt und reichlich mit Hütten beſäet. Ganz an dem Abhange des Buchberges, wo ſich dieſer gegen das Rheinthal wendet, lagert ſich das Appenzelliſche Dorf Wolfhalden, das in den Annalen der ſchweizeriſchen Freiheits⸗ kriege unſterblich geworden iſt. Auf der Höhe des Berges breitet ſich Heiden, ein reiches Fabrikdorf, aus. Jetzt öffnet ſich das breite Rheinthal und das Auge kann die Stelle erreichen, wo der jugendliche, ſprudelnde Fluß in das tiefe Becken des ruhigen See's gefaßt wird. Vorarlberger, Tyroler und Graubündtner Bergesrieſen umragen das weite Thal, das der Strom ſich gebrochen hat, und zu den erſten friedlichen Dörfern, die ſeine Ufer bekränzen, ſchweift der Blick über die Geſtade des See's hin⸗ über. Bald darauf wendet ſich das Boot entweder der ſteilen Wand des Bregenzerwaldes zu, an deſſen Fuße unter dunkeln Tannen die kleine einladende Stadt Bregenz bis in die Wellen des See's hin⸗ ausläuft, oder es ſteuert noch mehr zur Linken dem flachen ſchwäbiſchen Schwab, Bodenſee. 3 2 8 2 ES Ufer zu, und landet an dem reizenden Inſelgeſtade Lindau's. Leicht mag es der Wandrer treffen, daß er im Veſten die ſeurige Kugel der Sonne hinter dem fernen Dome von Konſtanz in den See ſinken ſieht, während er noch auf den hohen Waſſern dahin⸗ wogt, und der Widerſchein in gebrochnen Purpurſtreifen ſein ſchim⸗ merndes Band meilenweit vom blauen Horizonte fortſchlängelt bis an ſein ſchwimmendes Haus, von deſſen Zinnen er gemächlich das köſtlichſte Schauſpiel genießt; und daß eine halbe Stunde ſpäter der Mond ſeine ſilberne Leuchte am öſtlichen Himmel über den rieſigen Bergen aufſteckt, an deren benetztem Fuße, aus den Wellen und der Luft zugleich vom bleichen Strahl beſchienen, der ftille Hafen aufdämmert, der mit beleuchteten Wohnungen dem geſättigten Wan⸗ derer zuwinkt und das müde Schiff aufnimmt in die ſchirmende Bucht. Das Schweizerufer des Oberſee's. Nachdem der Wandrer auf dem ſchwäbiſchen Ufer alles Groß⸗ artige und Erhabene der Seegegend genoſſen, erwartet ihn auf dem ſchweizeriſchen Geſtade das Stillleben der Natur, das gerade nach den größten Eindrücken auf Auge und Gemüth ſo wohlthätig wirkt. Wir führen den Wandrer auch hier, wie wir am ſchwäbiſchen Ufer gethan, von Konſtanz aus, und ergänzen unſre Schildrung aus dem Reichthume des Ebel'ſchen Werkes, deſſen Benützung wir uns ſchon oben erlaubt haben.“ „Außerhalb den Thoren von Konſtanz betritt man ſogleich den Schweizerboden; denn die Landſchaft Thurgau erſtreckt ſich faft bis an die Gräben der Stadt. Der Weg nach Arbon führt am weſtlichen Ufer des Boden⸗ ſee's, bald nahe, bald ferne von ſeinem glänzenden Spiegel, durch ein Land, welches unendlich ſchön und reizend iſt. Die Ufer, welche in großen Bogenlinien ſchweifen, erheben ſich unmerkbar in eine zwei Stunden hohe, aber äußerſt ſanft ſteigende Terraſſe, und bilden ein Hügelgelände, welches Weinberge, Kornfelder und Obſtbäume beleben. Einige Stunden von Konſtanz bilden die Ufer eine Erdzunge, die in der Form eines krummen Horns ſehr weit in den See hinein geht, und deren Spitze das Dorf Romanshorn begränzt(ſ. oben).“ „Stundenlang wanderte ich“— erzählt Ebel weiter—„in dem Schatten eines wahren Waldes von dickſtämmigen, großen und * Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz. Th. 1. S. 21. ff. Mliiifi, Getrode ool l Uihn? Eſahet Mftet Litlet IIr N lel N. tli. A defege Aünz Untkt Aheſc Del K Sbor g Viſhbett Vldbeit Shatte lich nat in den e Die Sol lſe, di örkerſt 810 fih Al8 Ritthen h faſt bis und bilder Obſtbäunte 3⁵ breitäſtigen Birn- und Apfelbäumen, unter denen das ſchönſte Getraide wallte. Dieſe Obſtbäume ſtehen vierundzwanzig Schritte von einander geſetzt, in geraden Linien längs den Ackerbeeten und bilden Alleen von allen Seiten. Sie ſind von einer ſeltenen Schönheit und Kraftfülle; ihr ungewöhnlicher Ertrag macht den Beſitzer ſolcher Bäume wohlhabend, und die Ausſtattung vieler Töchter Thurgau's beſteht einzig und allein in einer Anzahl Birn⸗ oder Aepfelbäume. Die Kultur derſelben iſt vielleicht nirgends ſo weit getrieben, wie hier; denn es erregt mit Recht Erſtaunen, in dieſem Klima einen prächtigen, unüberſehbaren Wald von Obſt⸗ bäumen zu durchreiſen, den man vergebens in Ländern eines mildern Himmelsſtriches ſucht. Der Boden iſt zwar ſehr gut; denn die obere Schichte einer herrlichen Fruchterde erſtreckt ſich viele Fuß tief. Allein die Lage dieſes ganzen Seegeländes kann man keines⸗ weges als günſtig preiſen. Nord⸗ und Oſtwinde haben offenen Zutritt, und kein Hügel oder Berg bricht ihre Wuth, wenn ſie über die weite Waſſerfläche einherbrauſen. Aber der Menſch ver⸗ mag unendlich viel. Sein Fleiß, ſeine Geduld und ſeine Arbeit beſiegen Hinderniſſe, die unüberwindlich ſcheinen. Der Einwohner Thurgau's hat durch ſeine Ausdauer ſeit Jahrhunderten das wilde, unter finſtern Tannen erſtickte Land in einen lachenden Garten umgeſchaffen, und wahrhaft die Natur ſeinem Willen unterjocht. Der Römer, der nach den befeſtigten Poſten von Brigantium und Arbor geſchickt wurde, glaubte hieher ins Exil zu gehen. Die rohe Wildheit und das rauhe Klima dieſer Gegend erregte dem Bewohner Italiens ſtetes Schaudern, der jetzige Anblick der weſtlichen Ufer des brigantiniſchen See's würde ihm ein Feengeſicht ſcheinen; er könnte ſich unmöglich hier wiedererkennen, weder in dieſem Garten, noch in dem Klima, denn ſelbſt dieſes iſt durch die Ausrottung der Wälder und die Bearbeitung des Bodens trockener, beſtändiger und milder geworden. Der glatte Spiegel des See's, deſſen Glanz zwiſchen dem Schatten der Obſtbäume meine Augen ſtets auf ſich heftete, zog mich nach und nach ſo ſehr an, daß ich den Weg verließ, und mich in den Schatten eines breitäſtigen Birnbaumes dicht ans Uſer ſetzte. Die Sonne ſenkte ſich ſchön am Abendhimmel, und goß über die Ufer, die Dörfer, Städte, Berge und Felſen gegen Oſten ein Farbenſpiel aus, deſſen Glanz über den weiten, kryſtallnen grünen See mich in Erſtaunen ſetzte. Die Luft war mild und ſtill; kein Blättchen regte ſich über mir. Die ganze Natur lag in einer ſüßen Ruhe, in der ſeligen Ruhe der lebendigſten, glücklichſten Exiſtenz. Ich war glücklich mit ihr; alle ſanften Gefühle durchbebten mein Herz, und meine Seele verlor ſich entzückt in den hohen Bildern der Harmonie und Schönheit: Ruderſchläge und Menſchentöne, die über den See herſchallten, weckten mich aus meinem Genuß. Die Sonne war ſchon unter dem Horizont; ich erhob mich eiligſt und ſuchte den Weg. In einer kleinen halben Stunde befand ich mich außer dem Obſtwalde, und gleich darauf vor der Stadt Arbon.“ Wenn eine ſo blühende Schilderung den Wandrer auch an dieſen Theil des Seegeſtades gelockt hat, ſo führen wir ihn zu Arbon in das Gartenhaus einer kleinen Herberge(zum Kreuz), das ſo ganz in den See hinausgebaut ſteht, daß es auf drei Seiten von Waſſer umgeben iſt. Hier hat man den See in ſehr großer Breite hinüber bis Friedrichshafen vor ſich, dazu hinauf gegen Oſten ſeinen ganzen Abſchluß mit Lindau, Bregenz und dem Gebirge hinter dieſer Stadt. Auf der andern Seite, nach Süden, ſtrecken, ſo dicht man unter dem fruchtbaumreichen Hügel ſitzt, an den ſich die Stadt lehnt, dennoch die oft beſchneiten Häupter des Alpſteins: der Säntis, der Meßmer, der Altmann, ihre ſpitzigen Gipfel aus dem Appenzell herüber; das Blau des wolkenloſen Himmels, das nicht ſelten in der offenen Seegegend die Reiſenden dauerhaft be⸗ gleitet, der Schnee der Berge, das ſaftige Grün der Hügel und die Meerfarbe des blaugrünen See's wogen in fließenden Maſſen ineinander, und doch hat dieſes Farbenſpiel etwas ſo Beruhigendes, ſo Einfaches, daß es dem Betrachter der Natur an dieſem ſtillen Plätzchen unausſprechlich wohl wird, und er nur ungern weiter zieht in dem Obſtwalde des Ufers fort, oder einen der Nachen beſteigt, die gerade zahlreich dieſes Geſtade umlagern, und ihn nach den ſchönen Seeſtädten zu bringen verſprechen, die von drei Seiten über die Fluthen herüberlächeln. Doch wir ziehen zu Lande weiter, indem uns der wohlbekannte Führer vorangeht.„Ich verließ,“ ſpricht er,„bei frühem Morgen das Städtchen Arbon. Der Weg, der, vom See entfernt, zwiſchen magern Wieſen und unter Weiden eine Zeitlang fortgeht, iſt an⸗ fänglich langweilig; wie er ſich aber dem See wieder nähert, ver⸗ ändert ſich auf einmal die Scene, und jeder Augenblick iſt faſt zu kurz, um Alles Reizende, was der immer wechſelnde Standpunkt darbietet, zu genießen. Der Morgen war ſchön, die Luft ſtill, der Himmel ſehr hell, und die ganze Natur labte ſich in den wohl⸗ thätigen Strahlen der Sonne. Ob ich gleich ſchon einige Tage an din li nicht K Wicht ud fi auimt 1 Oe 1 lil henlic Min E Rußere⸗ Iur bul init, iſte gth atzere 15 ſ u1d U Aunge nehn entet ſo nnl Nruuf lenz ſclag d an lfe läthernt. ant inmn Lindg Brege miſchen E in ſeine L jen Käkt ft Gehynd! Wentlie ecken, n ſich leins: us „das ſt be⸗ und Naſſen endes, ſtillen weiter Nachen d ihn on drei ekannte 37 den Ufern dieſes See's herumwanderte, und mir alſo ſeine Ausſichten nicht mehr ganz neu ſeyn konnten, ſo machte demungeachtet heute wieder der Anblick dieſes weitausgedehnten ovalen Waſſerſpiegels, und ſeine gebirgigten Ufer, denen ich jetzt ziemlich nahe kam, einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und zwang mir von Neuem das Gefühl der Bewunderung ab. Der See ſchweift von Arbon in einem ſehr großen Bogen nach Rorſchach und bildet eine weite, herrliche Bucht, welche die Ufer bis an den Fuß der Gebirge des Rheinthals und Appenzells zurückdrängt. Der Weg läuft dicht an dem ſchönen Zirkelbogen des See's, unter Obſtbäumen, neben fruchtbaren Gärten, Feldern und Bauernwohnungen hin, deren Aeußeres die Wohlhabenheit der Beſitzer zeigt. Die ſchöne Bucht war von Fiſchern belebt; die einen kamen von ihrem frühen Fange zurück, die andern ruderten darauf aus; einige waren beſchäftigt, ihre großen, langen Netze an dem Ufer auf Stangen zu hängen; andere ſaßen und beſſerten ſie aus; Kinder hüpften um ihre Väter, und jauchzten aus Wohlgefühl. Es erhob ſich ein leiſer Oſtwind, und die glatte Fläche des See's bewegte ſich in kleinen Schwin⸗ gungen, die ſanft an das Ufer plätſcherten. Auf einmal glänzten mehrere Segel aus der Ferne, die unmittelbar aus den Fluthen emporſtiegen. Sie wurden nach und nach größer, bis ſie ſich endlich ſo näherten, daß das Auge das Fahrzeug ſelbſt erblickte. Bald darauf führte der leiſe Wind ein verwirrtes Gemiſch von Menſchen⸗ tönen zum Ohre, unter denen dann und wann ein mächtiger Ruder⸗ ſchlag durchſchallte; es ſchien, als müßten die Schiffenden ſehr nahe am Ufer ſeyn, und doch waren ſie noch einige Stunden davon entfernt. Langſam wanderte ich auf dieſem reizenden und unter⸗ haltenden Wege fort. Die Anſicht der rheinthaliſchen Ufer, der Städtchen Rorſchach und Rheinegg und der belebten und frucht⸗ baren Vorberge, die ſich gleich hinter denſelben erheben, wurde immer maleriſcher, je tiefer ich an der Bucht herabkam. Die Stadt Lindau ſcheint mitten in dem Waſſerbecken zu ſchwimmen; hinter Bregenz ſteigen die Gebirge und Felſen in die Höhe und ver⸗ miſchen ihre mannigfaltigen Formen hinter einander. So wie man ſich Rorſchach nähert, überſchaut man den See in ſeiner größten Breite, welche hier fünf ſtarke Stunden beträgt. Die jenſeitigen ſchwäbiſchen Ufer, die nur mit kleinen Hügeln beſetzt ſind, erſcheinen im grauen Nebel und erniedrigen ſich in einer Gegend ſo ſehr, daß ſie faſt verſchwinden. Der Anblick dieſer außer⸗ ordentlichen Waſſermaſſe erregt Erſtaunen, beſonders wenn man SN — 1 38 von St. Gallen herab an das Ufer bei Rorſchach kömmt und da auf einmal über dieſe Spiegelfläche ſchaut; allein ich bin überzeugt, daß derſelbe das Gefühl der langen Weile erzeugt, ſobald Ueber⸗ raſchung und Verwunderung vorüber ſind; denn die ſchwäbiſchen Ufer ſind zu niedrig und entfernt, und die breite Seefläche hat zu viel Einförmigkeit, als daß das Auge durch Mannigfaltigkeit ergötzt werden könnte.“ Dieſe letztere Bemerkung iſt ſo wahr, daß wir ſchon mit der Beſchreibung unſern Leſer zu ermüden fürchten, wenn wir ihn noch länger durch dieſe Obſtgärten des Schweizerufers mit dem ewigen Ausblick auf den See hinführen. Wir ſagen daher nur noch ganz kurz, daß man unfern von Rorſchach auf dem Roßbühl eine unge⸗ heure Ausſicht genießt, und dort beſonders der Sonnenaufgang ungemein ſchön iſt. Der Weg von Rorſchach nach Rheinegg wird durch die vielen, ältern und neuern Schlöſſer unterhaltend gemacht, an welchen das Auge haftet, wenn es die Hügel zur Rechten hin⸗ anblickt: Wartegg, Rüſegg, Blatten, Wartenſee mit einem alten und einem neuen Schloſſe, Greifenſtein, ſind lauter alte Burgen, noch ſämmtlich in wohnlichem Stande, an welchen der Wandrer nicht bloß vorüber gehen darf, ſondern von denen manche, wie er aus Ortsbeſchreibung und Geſchichte erſehen wird, aus mehr als Einem Grund eines Beſuches nicht unwerth iſt. Das freundliche und reinlich gebaute Städtchen Rheinegg und das benachbarte, ſchon jenſeits des Rheines gelegene Dorf Hard weckt große, geſchichtliche Erinnerungen, und der Punkt, wo das älteſte Schloß Rheineggs, ſeine Hauptburg ſtand, jetzt ein Rebgartenhäuschen auf der erſten Staffel des Hügels, an den ſich die Stadt anlehnt, gewährt eine weite Ausſicht auf das obere Gewäſſer des See's gegen Bregenz und Lindau. Freilich wird auch dieſe Ausſicht auf den See, ſo wie alle, die man von den Höhen des Schweizerufers herab genießt, nicht mehr behagen, wenn man, wie die bei weitem größere Anzahl der Reiſen⸗ den, die unvergleichlichen Ausſichten des ſchwäbiſchen Ufers vorher genoſſen hat: der bloße Anblick des Waſſerſpiegels ermüdet bald, wenn das Auge hinter demſelben, ſtatt auf Gebirgsmaſſen ausruhen und hier ſeine Vorſtellungen, Gefühle und Gedanken in kühlen Thälern und Spalten bergen zu können, abermals über die unend⸗ liche Fläche eines grünen Uferlandes, wie ein ſolches das ſchwäbiſche Geſtade iſt, hinſchweifen muß und keinen Punkt findet, wo es auf dieſem zweiten, grünen Meere anlanden könnte, als wo das dritte, ——+ͤ˖·n-.⸗⸗d ein un weche det l Ohlin dun el 9013 U0 K ſitn, gelallt ſhmen d dit filt ſh N fit ll Se⸗ fen öcer dieſa Ihne ecl, N5 f Reöſe btgatt lechen ud dn Vget L gl c dehltf Higll lichen! iher Airſer Uge Rithe! I den ln, 5 J5 einem er alte en der nanche, 8 meht inegg Dorf Punkt, etzt ein en ſich obere lle, die t meht Reiſen⸗ lühlen unend⸗ ͤbiſche es auf dritte, 39 ein unendlicher blauer Horizont beginnt, der eben auch durch ſeine wechſelloſen Begränzungen den Reiz verliert, den er ſonſt, als Bild der Unermeßlichkeit haben könnte. Dennoch wird, da Beleuchtung von oben herab und Stimmung von innen heraus oft Wunder bewirken können— mancher Wandrer von der Höhe von Rheinegg, vom Rorſchacherberge, von der Anhöhe zwiſchen Arbon und St. Gallen, beſonders aber von Vögliseck, vom Freudenberg bei St. Gallen, vom Gäbris und vom Hohenkaſten herab mit Befriedigung und oft mit Ent⸗ zücken auch auf unſer Seegelände herniederblicken. Auf den letzt⸗ genannten drei Punkten iſt freilich das Auge, wenn es Herrliches ſchauen will, ganz den Schweizergebirgen des Südens zugewendet und bietet dem See den Rücken; das Schönſte dieſer Ausſichten fällt ſomit auch nicht in den Geſichtskreis dieſer unſrer Darſtellung, da wir die Gebirge nur dann darein aufnehmen können, wenn ſie als Begränzung und Vollendung der Seegegend erſcheinen. Aber ſchon der Gegenſatz muß den Blick vom ſteilen Süden nach dem offnen und lachenden Gelände des Nordens und des Weſtens zurück⸗ ziehen, und dann fehlt doch auch den Seeausblicken und Ausſichten dieſer höhern Gebirgspunkte nicht ihre Eigenthümlichkeit. Die be⸗ lohnendſte für den Bodenſee iſt die von Vögliseck, einer Berges⸗ ecke, die unweit von dem appenzelliſchen Dorfe Speicher ausläuft. Da ein Wirthshaus auf dem günſtigſten Punkte ſteht, ſo kann man dieſe Ausſicht mit aller Bequemlichkeit genießen und günſtiges Licht abwarten.„Der Blick beherrſcht hier“— wir laſſen Ebel wieder ſprechen—„die alte Landſchaft, das obere Thurgau, den Bodenſee, und dringt weit nach Deutſchland hinein. Nach Oſten erheben ſich Berge von hohen Tannen geſchwärzt, welche den Morgenhorizont verbergen und den See mit deſſen deutſchen und Schweizer⸗Ufern grell abſchneiden. Sein fünf Stunden breiter, blinkender Spiegel dehnt ſich hinab bis nach dem Bodmaner-Buſen, welchen Schwabens Hügel umſchließen, und nach Konſtanz, deſſen Thürme im bläu⸗ lichen Dunſte matt ſich zeichnen. Von daher wandert das Auge zurück über Thurgau's Obſtwälder und Gefilde, über deſſen Weinhügel Dörfer und Wohnungen. Dieſer reiche, zehn bis zwölf Stunden lange Garten, im Sonnenglanze ſich badend, wölbt ſich von der Fläche der Seegeſtade hinauf über mannigfaltige fruchtbare Hügel zu den dunkeln Tannenbergen, deren Gipfel theils zu meinen Füßen lagen, theils hoch über meinen Standpunkt emporragten.“ Lindau und Bregenz iſt auf Vögliseck nicht ſichtbar, weil die Berge des 8 7 * * 11 25 40 Rheinthals und Appenzells außer Rhoden den obern Theil des See's verdecken. Auf dem Freudenberg bei St. Gallen erſcheint der Boden⸗ ſee nur in breitem Durchblicke zwiſchen ineinander geſchlungenen Hügeln und Bergen, aber gerade dadurch wird der Anblick wiederum ganz neu. Die Alpſteinkette und beſonders die kühnen Formen der Toggenburger Berge zur Linken, deren Namen Schild, Speer und ähnliche ſehr bezeichnend find, und die hier viel höher und groß⸗ artiger erſcheinen, als auf erhabeneren Standpunkten, wo ſie, als die Schneelinie noch nicht erreichend, vor den ewig beſchneiten Häuptern anderer Alpen verſchwinden: zu dem die blühenden Um⸗ gebungen und das enge, aber fruchtbare Thal, in welchem tief zu den Füßen des Beſchauers die hübſche Stadt St. Gallen voll gewerbſamer Lebendigkeit ſich möglichſt verbreitet:— das alles mit dem Hintergrunde des blauen See's zwiſchen Bergen, macht dieſe Ausſicht auch nach den großen See- und Gebirgs⸗-Anſichten, die er jenſeits des See's genoſſen, fir den Freund der Natur noch immer höchſt anziehend. Endlich gehört zu den Wundern der Ausſicht, die ſich auf Ge⸗ birg, Thal und Ebne vom Hohenkaſten Ceinem mächtigen Aus⸗ läufer der Säntiskette) herab dem Blicke darbietet und die freilich einer Schweizer- und nicht einer Bodenſee-Reiſe angehört, gewiß auch der Niederblick auf den geſammten Bodenſee(den Ober⸗ und Zellerſee) und dahinter auf ganz Oberſchwaben bis an die ſchwäbiſche Alp. Der See erſcheint hier in Vogelperſpektive, wie auf einer guten Landkarte von Schwaben.“ Schöne Anſichten des Unterſee's und der ſich dahinter erhebenden Kegelberge des Hegäus gewähren die Schlöſſer, die jetzt von berühm⸗ ten Fremdlingen beſeſſen und bewohnt am Abhange der Hügelkette liegen, die ſich am ſchweizeriſchen Ufer des erſteren hinzieht: Wolfs⸗ berg, Arenenberg und das uralte Sandeck. Uebrigens erwarte der Wandrer nicht, daß er alle ſchönen Standpunkte für den Ueberblick und die Anſichten des herrlichen See's, an den wir ihn geführt haben, in dieſem Handbuch aufge⸗ zeichnet finde: er laſſe ſich das Forſchen bei den Anwohnern, die vieles kennen, auf vieles allmählig geführt werden, was dem Fremd⸗ ling, wenn er noch ſo gewiſſenhaft reiſet, oft doch zufällig verborgen Die herrliche Ausſicht, die man von Dottenwil, zwiſchen St. Gallen und Konſtanz genießt, iſt im topographiſchen Abſchnitte nachgetragen. leibt, Glunden lin llüher Amzell J Ach fron 41 bleibt, nicht verdrießen, er ſchweife ſelbſt, wenn er Zeit und Luſt hat, an den Ufern und auf den Höhen umher und ſuche ſich die rechten Stellen aus; er ziehe nicht ungeduldig weiter, ehe erwünſchte Witterung, die rechte Tageszeit, die günſtigſte Beleuchtung ein⸗ getreten iſt; er laſſe ſich nicht zu bald von Wolken, Sturm und Nebel ſchrecken, denn die Witterung wechſelt über dieſer weiten, von Wind und Waſſer beherrſchten Region oft unglaublich ſchnell. Leicht hat der Wandrer am Abende den See vom Sturme gepeitſcht in Wellen, die bald dunkelgrün, bald ſchneeweiß ſind, am Ufer emporſchäumen geſehen, der am andern Morgen blau und geglättet, kaum vom koſenden Südwind gekräuſelt und vom wolkenloſen Himmel überwölbt, arglos ſich vor ihm ausbreitet; und oft brütet der Nebel bis zum Mittag, Alles, ſelbſt auf die nächſten Schritte, unfichtbar machend, über derſelben Gegend, die am Abend im Glanze der untergehenden Sonne, mit Waſſer und Gebirg, in unausſprechlicher, durchſichtiger Klarheit vor des Wandrers Auge hüllenlos vrangt. 3. Das Rheinthal. Auf der einen Seite von den öſtlichen Gebirgen der Schweiz, auf der andern von den Vorarlberger Felſen umſchloſſen, öffnet ſich das wagerechte Rheinthal gegen den Bodenſee in einer Breite von zwei Stunden. Der Rhein macht die Grenze zwiſchen Deutſch⸗ land und der Schweiz, und theilt das große Thal in das deutſche und ſchweizeriſche Rheinthal. Da der Strom den helvetiſchen Ber⸗ gen ſehr nahe fließt, ſo liegt die größte Ebene auf deutſcher Seite. Das ſchweizeriſche Rheinthal im engern Sinne(ſ. Ortsbeſchr.) zieht ſich acht Stunden lang, und in der Breite von einer bis drei Stunden an hohen und fruchtbaren Bergen fort, und umzieht als ein blühender Kranz den ganzen öſtlichen Theil des Kantons Ap⸗ penzell. An dieſes eigends ſo genannte Rheinthal ſchließt ſich ſodann noch ſtromaufwärts das Gebiet der ehemaligen Vogtei Hohenſax, *Vergl. Ebels angeführtes Werk(Th. 11. S. 809 ff.), aus welchem der obige Abſchnitt, ſo weit er die Schweizerſeite betrifft, einen ge⸗ drängten Auszug, jedoch mit einigen durch eigne Anſchauung veran— laßten Zuſätzen, enthält. * * Aü 42 an dieſe das der alten Vogtei Werdenbergz; dann folgt das Amt Gambs, die ehemalige Herrſchaft Wartau und die Vogtei Sar⸗ gans, zuſammen etwa 7 bis 8 Stunden. Sargans gegenüber bildet der St. Luzienſteig, mit welchem das Bündtnerland und die innere Gebirgswelt der Schweiz ſich anhebt, das natürliche Ziel unſerer Reiſe. Dieſes ganze Schweizerufer gehört jetzt, ſeit der Ländereintheilung, welche die Revolution herbeigeführt hat, zum Kanton St. Gallen. Das rechte Ufer in derſelben Länge von 16 Stunden theilt ſich in das öſtreichiſch-vorarlbergiſche und fürſt⸗ lich Lichtenſteiniſche Gebiet. Jenes iſt aus der Gemeinde Hardt, dem alten Reichshof Luſtnau, der Herrſchaft Fuſſach, dem Kirch⸗ ſpiel Dornbüren, der ehemaligen Grafſchaft Ems und der Herr⸗ ſchaft Feldkirch zuſammengeſetzt, und mißt eine Länge von etwa 10 Stunden. Die Lichtenſteiniſche Beſitzung beſteht in der ſouveränen Grafſchaft Vaduz, die ſich von der Gränze bei Feldkirch bis an St. Luzienſteig in einer Strecke von etwa fünf Stunden hinzieht. Wir betrachten jedes Ufer insbeſondere. Das Schweizerufer des Rheines. Von Rorſchach gegen Morgen zu betritt man, nach einer halb— ſtündigen Wanderung, bei dem Dorfe Staad das prächtige Thal, welches der Rhein vor ſeinem Einfluß in den Bodenſee durchſtrömt. Der Rheinſtrom läuft ohne häufige Krümmungen in ziemlich gera⸗ der Linie durch das Thal, verläßt deſſen Mitte, nähert ſich ſehr den Schweizergebirgen, und ergißt ſich in den See, eine ſtarke Stunde weſtlich von des letztern öſtlichem Ende. Auch die Ufer des Fluſſes ſind flach und verkiest, und es hieße Erwartungen rege machen, die nicht befriedigt werden können, wenn die Sehnſucht des Wandrers auf den Strom hingelenkt würde, der, nach ſeinem herrlichen Durchbruch durch die Kluft der Via mala hier, obwohl noch immer ſchnell, doch etwas ermüdet, das Thal zu durchſchnei⸗ den ſcheint, und ſich erſt aus dem weiten Becken des Sees, nach behaglich gepflogener Ruhe wieder ſtolz und kräftig dem Felſen zu⸗ ſtürzt, wo er ſeine jugendliche Kraft und den alten Uebermuth des Gebirgsſohns in jenem kühnen Fall erprobt, der bisher die Wan⸗ derer noch mehr angezogen hat, als ſeine majeſtätiſche Ruhe in dem tiefen Bette des See's. Wenn aber auch der Strom ſelbſt nicht ſo bedeutend iſt, als ſein Name erwarten läßt, ſo iſt doch das Thal überaus reizend und wohl eines Abſtechers vom Bodenſee aus vethh. rethen, det ane Das fl ne itt eilen li bänne t fleter! Runlel Tutel Durſts zidknde 5 ligen K Klätde; ginfigt! tt des Pelhe! Kullut! Forden! er alle kiniber lb gegen Uihefluff Ehhet! Dült he W 43 werth. Die Wanderung von Staad durch Rheinegg, St. Marga⸗ rethen, die Au, Balgach, Marbach, Altſtädten bis Hard iſt einer der angenehmſten Spaziergänge, welche je gemacht werden können. Das ſieben Stunden lange Berggelände, welches ſich rechts in ſei⸗ ner reichen, mannigfaltigen Kultur dem Auge entwickelt, gleicht einem lieblichen Garten. Wieſen, Felder, Weinberge und Obſt⸗ bäume ohne Zahl überziehen die wogigte Oberfläche, welche aus kleinen Thälern über Hügelformen ſchweift, und ſich in waldigten Berghöhen verliert; Dörfer, Häuſergruppen, Schlöſſer, Landſitze überall zerſtreut und halb verborgen unter breitäſtigen Fruchtbäu⸗ men winken verführeriſch in die Ebene herab, und malen der Seele den ſchönen Lebensgenuß ihrer Bewohner in den lachendſten Bildern. Ueber Alles beſonders anmuthig iſt der ganze Strich von Staad bis hinter Margarethenz rechts erheben ſich die grünen und frucht⸗ baren Berge, auf deren Anhöhen die freien Appenzeller wohnen; links dehnt ſich der prachtvolle und weite Bodenſee aus, auf deſſen köſtlichem Kryſtall die Inſelſtadt Lindau und die bevölkerten deut⸗ ſchen und helvetiſchen Gebirgsufer mit allen ihren Färbungen und Tinten glänzend ſich ſpiegeln. Wer vermag die reizende Lage des Dorfes Thal, des lieblichen Städtchens Rheinegg und den ent⸗ zückenden Standpunkt am ſteinernen Tiſch auf dem Buchberg zu ſchildern! Längs dem Rheine, welcher alljährig ſeine Ufer überſchwemmt, liegen Weidgänge und nur wenige Dörflein, aber nach dem Berg⸗ gelände zu wohnt die ganze Volksmenge des Rheinthals. Hier be⸗ günſtigt die offene Lage gegen Morgen und Mittag, der freie Zu⸗ tritt des Südwindes und die Abhaltung des rauhen Nords den Wein⸗ und Obſtwachs und die Fruchtbarkeit des Bodens außeror⸗ dentlich. Beſonders reizend iſt die Lage des Dorfes Au, deſſen Häuſer vereinzelt ſich eine ganze Stunde hinziehen und ſich gleichſam durch einen Wald der ſtämmigſten Obſtbäume durchſchlagen müſſen. Welche Veränderung iſt ſeit einem Jahrtauſend durch die fleißige Kultur des Landmanns in dieſen einſt ſo rauhen Gegenden bewirkt worden! Die ſchwache Weinrebe hat den feuchten und dunkeln Wald, der alle Bergſeiten ſchwärzte, vertrieben; ihre traubenreichen Ran⸗ ken überziehen zwiſchen herrlichen Obſtbäumen das ganze Gelände bis gegen Haard und kochen alljährig den beliebten Saft in ſolchem Ueberfluſſe, daß die Keller der meiſten Einwohner der öſtlichen Schweiz damit angefüllt find. Dicht unter dem Stoß, einer Bergzunge, deſſen Namen die große Appenzellerſchlacht gegen die Oeſtreicher verewigt hat, liegt in einem ſchönen Obſtwalde das enggebaute, durch hohe, ſteinerne Häuſer etwas verdüſterte Städtchen Altſtädten. Der Stoß iſt unten mit Wieſen und Obſt bekleidet, die obere Region trägt Laub⸗ und Nadelholz in ſchöner Miſchung. Die Ausſicht, welche man von dieſer Höhe aus auf das obere Rheinthal genießt, iſt außer⸗ ordentlich reizend. Alle Bergſeiten, welche von dem Kanton Ap⸗ penzell in das breite Thal, deſſen Mitte der ſtille Rhein durchzieht, herabſteigen, prangen mit einer Fülle von Obſt, Wein, Gärten und Feldern. Große Dörfer, eine Menge kleiner Häuſergruppen und Schlöſſer beleben dieſes fruchtbare Thalgelände, das mit den ſteilen, nackten und rauheren Felſenwänden, welche jenſeits des Rheines hinter Hohenems und den andern öſtreichiſchen Beſitzungen em— porſteigen, einen maleriſchen Abſtand bilden. Bei den Dörfern Haard hört das fruchtbare Bergland des Rheinthals auf, und wechſelt mit buſchigten Felſenhügeln, welche ins Thal bis an den Rhein hineintreten. Der Weg führt von Haard durch die Dörfer Kobelwies, Kobelwald und Ober— ried eine gute Stunde lang in dieſer wilden Gegend fort, welche durch herrliche Laubholzwälder äußerſt maleriſche Ausſichten gewährt. Kobelwies liegt am Fuße des Appenzeller Berges Kamor, deſ— ſen höchſter Gipfel, der hohe Kaſten(ſ. oben) in vier Stunden auf jähem Bergwege erſtiegen werden kann. Oberhalb dem Dorfe öffnen ſich große Berghöhlen, unter denen die Kryſtallhöhlen all⸗ gemein bekannt ſind(ſ. Ortsbeſchr.). Mit dem engen Paſſe Hirzenſprung, einem Felsgrunde, deſſen Rippen den Weg vom Rheine trennen, wo in lieblichen Wieſen das Dörflein gleichen Namens liegt, und in der Nähe vom Walde her ein hübſcher Waſſerfall rauſcht, hören die zerbrochenen Felshügel auf, und hier tritt man wieder in das breite, offene Thal. Dieſer ganze Diſtrikt von Haard über Oberried bis hinter dem Dorfe Reuti iſt der größte, aber der unfruchtbarſte des ganzen Rheinthals, der ſich hier gleichſam in eine große Bucht aufreißt; Buchwaldungen bedecken die Bergweiden und große Weiden die Thalfläche am Rhein. Doch währt dieſe ödere Strecke nicht lange. Bei dem Dörſchen Lienz verläßt man die ehemalige Vogtei Rhein⸗ thal, und tritt in den Bezirk von Hohen ſax. Der Weg führt dicht an den ſüdlichen, ſteilen Wänden der hohen Zinnen Appen⸗ zells nach Sennwald. Dieſes große und lange Dorf, auf den Fuß des Oberkamors gebaut, genießt durch ſeine etwas erhöhte Lage eine treffliche Ausſicht ſüdwärts nach Werdenberg herab über Vel undin ff Betge f (hale Ke flheben f diht aus Junen in Ahekehrter 8 Die ih Wilh Ait himme Akn Di Nähe vom chenen l 45⁵ das herrliche wald⸗ und wieſenreiche Thal, welches in einer weiten, runden Form auf allen Seiten von nackten, zerbrochenen, blau⸗ grauen Gebirgen ummauert iſt. Gegenüber, auf der rechten Thal⸗ ſeite, ſtrömt die Ill zwiſchen Felſen hervor und fluthen die zahl⸗ reichen Waſſer des vorarlbergiſchen Landes dem Rheine zu. Die Stadt Feldkirch liegt gerade an dieſer Gebirgsöffnung, am Ein⸗ gange in eine Menge Thäler, und beſchützt dieſen für Oeſtreich wichtigen Paß, durch welchen eine große Landſtraße über den Ar⸗ leberg ins Tyrol führt. Eine nicht weniger herrliche Ausſicht bie⸗ tet auch das auf den Felſenfuß des Oberkamors gebaute und zwi⸗ ſchen Wald und Felsblöcke maleriſch gelegene verſteckte Schloß Forſtegg dar, an welches ſich noch dazu große, geſchichtliche Er⸗ innerungen knüpfen, als an den Hauptſitz des edlen Geſchlechtes der Hohenſax. Auf dem noch ſtehenden Thurmſtock überſchaut man das ganze Thal: in einer Entfernung von zwei Stunden nach Südweſt glänzt hoch am Felſen das Schloß Werdenberg. Ober— halb demſelben, ſüdwärts nach Graubündten, ziehen ſich die hohen Gebirge der Schweiz und der deutſchen Seite immer näher zuſam⸗ men, bis ſie ſich zu vermiſchen ſcheinen, und rechts, weſtnordwärts, nach Toggenburg, treten ſie ſo weit zurück, daß die am Fuße der Berge fortlaufende Thallinie von Werdenberg bis Forſtegg eine ovale Keſſelform darſtellt. Beim Schloſſe Forſtegg ſpringt der Oberkamor ſtark hervor, und ſein unterſter Theil zieht ſich bei Sennwald bis an den Rhein; auf der deutſchen Seite des Thals erheben ſich bei Feldkirch einige Kalkhügel, welche ebenfalls bis dicht ans rechte Ufer des Rheins fortlaufen. Bei einer genauen Ueberſicht der ganzen Gegend wird es ſehr wahrſcheinlich, daß dieſes weite, ebene Thal ein See war, ſo lange noch zwiſchen Forſtegg, Sennwald und Feldkirch die beiden Gebirgsketten durch Zwiſchen⸗ felſen, von denen die letzten Reſte als Hügel quer über die Fläche ziehen, in dieſem Zuſammenhange ſtanden. Alle Gebirge, welche dieſes Thal umgeben, beſtehen aus grauem Kalkſtein; auf der ſchweizeriſchen Seite von Forſtegg bis Gambs ſind ſie auf ihren Zinnen in viele Hörner zerriſſen, und zeigen, wie alle nach Süden zugekehrten Felſen, ſehr ſteile Wände. Die nächſten Umgebungen von Forſtegg überraſchen durch ihre Wildheit. Selbſt die Ebene iſt ſehr felſigt und der Wald mit himmelhohen Bäumen breitet ſich in finſterer Verworrenheit über dieſelbe hin. Rechts an den Felſenabhängen blicken aus ſtar⸗ renden Wäldern die Ruinen der alten Schlöſſer Friſchenberg **—— * 4 2 44 — . L 2 EEE 2 und Hohenſax hervor, Zeugen des Appenzeller Freiheits⸗ krieges. Hinter Salez kehrt die Gegend zu ihrer freundlichen Geſtalt zurück: das ganze, zwei Stunden lange Thal, durch welches die Landſtraße führt, zeigt in ſeiner ſchönen Breite Gemeindewaiden und Wieswachs. Fünf Ströme, welche von den Gebirgen herab⸗ kommen, und Abzugsgräben, durchſchneiden den weichen Boden. Das Schloß Werdenberg, welches über dem Städtchen ins Weite ſchaut, liegt ſtets im Auge, weil der Weg gerade darauf zuführt. Das Gebirge hinter demſelben iſt waldig, wild und rauh. Deſto reizender breiten ſich rechts der Grabſer- und Gambſer-Berg aus. Herrlich iſt der Anblick ihrer breiten und hohen Gelände, welche ganz bebaut und mit Obſtbäumen und einzelnen Wohnungen beſetzt ſind. Sie verdanken ihre Fruchtbarkeit der Beſchaffenheit ihrer Oberfläche und ihrer Lage gegen Morgen und Mittag. Dieſe beiden fruchtbaren Bergabhänge ſind die einzigen heitern, ſanften Züge in der rauhen Felſenphyſiognomie dieſes Thals, und mit deſto größerem Wohlgefallen ruht das Auge auf ihrem lachenden Grün. Das große Dorf Gambs liegt dicht am Fuße ſeines bevöl⸗ kerten Berges, deſſen breite Höhen ein großer Tannenwald ſchwärzt; eine Viertelſtunde von Werdenberg rechts liegt, in der Mitte herr⸗ licher Wieſen, das Dorf Grabs, verſteckt zwiſchen reichblättrigen Obſtbäumen. Das Städtchen Werdenberg ſelbſt, kleiner als dieſe Dörfer, wird durch das ſchöne alte Schloß, das, noch in bewohn⸗ barem Stande, von einer kleinen Anhöhe ins Thal herniederblickt, ſehr gehoben. Die Ausſicht auf die eben beſchriebenen Umgebungen, von der alterthümlichen, braungetäfelten Stube aus genoſſen, iſt belohnend. Von dieſem Städtchen aus führt die Landſtraße bei einem Teiche vorbei, zwiſchen Gärten und Obſtbäumen nach Buchs, und von hier im ebenen Thale weiter nach Sewelen in die Herr⸗ ſchaft Wartau. Die Gebirge rücken dem Rhein immer näher, und das Thal wird ſchmäler; hinter Sewelen geht es zwiſchen lebendi⸗ gen Matten aufwärts, und bald findet man ſich in einer lieblichen, maleriſchen Berggegend. Rechts auf einem hohen Rücken liegen die Ruinen des alten Schloſſes Wartau, links ein beſchränkter Thal⸗ grund, mit ſchönen Obſtbäumen beſetzt, unter denen hin und her einige ländliche Wohnungen zur Einkehr und ſtillen Ruhe einladen. In dem traulichen Thalgrunde Wartau's liegt noch das Dörfchen Trübbach und höher am Schollberg das durch die Schweizerkriege belonnte tithelel Hfer. K zenfch, Tiln k an ah Mhen,d ſunden, ſloſen. 8⁰⁰ ſh dad gehen, emporhe tlobet fechs Etl Gte, liſ Reſen auf hähren Giuden! lihm ut Uu Rr holler Rhätile elche ſy nm das ſither u An Juß Riher b. lihet w ümen u flht Thal⸗ und her einladen. us Dörfhen hweizerktieh 47 bekannte Azmoos. Das Thal iſt hier ſehr ſchmal, und die Ge⸗ birgsketten auf beiden Seiten des Rheines drängen ſich bis an ſeine Ufer. Links zwiſchen Felsmaſſen verborgen liegt der enge Paß Lu⸗ zienſteig, welcher von der deutſchen Seite den Eingang in Rhätiens Thäler beſchützt; rechts fällt ſenkrecht in den Fluß die hohe Wand, an welcher ſich der mit Mühe geſprengte Weg fortwindet. Hier hebt auf einmal ein erhabener Styl der Gebirgsnatur an: große Züge, ſtarker Ton in der Färbung, Kraft und Kühnheit in Maſſen und Formen überraſchen den Wanderer, der aus dem Rheinthale herkommt. Auf Graubündtens Gränze zieht ſich ein furchtbarer Felſenzweig, das Rhätikongebirge, abſtufend bis ans rechte Rhein⸗ ufer, und auf der Gränze von Sargans, gerade gegenüber, ſteigt der Schollberg bis zur hohen Wand herab, und ſeinen Fuß be⸗ ſpült der Rhein. Ohne weitere Unterſuchung ſpringt es in die Augen, daß dieſe Felſen einſt in ununterbrochener Verbindung ſtanden, und das Sarganſer Gebiet nebſt ganz Rhätien von dieſer ſchloſſen. So wie man die Ecke an der hohen Wand herumwendet, öffnet ſich das weite Sarganſerthal von hohen, bewaldeten Gebirgen um⸗ geben, über welche ſüdlich der graue Gallanda ſein ſtolzes Haupt emporhebt. Das alte Schloß Sargans weſtlich an der Ecke des zerſägten Schollbergs, der durch ſeine Geſtalt lebhaft an den Pila⸗ tusberg erinnert, gelegen, beherrſcht von ſeinem Marmorhügel ein ſechs Stunden langes Thal; rechts ſchaut es nach dem Wallenſtadter See, links nach Wartau, und gerade vor ſich nach Graubündten, deſſen außerordentliche Gebirgsmaſſen den erhabenſten Anblick ge⸗ währen. Von hier führt ein einſames, ödes Thal auf einer zwei Stunden langen unbewohnten Fläche(denn nur wenige Dorſfſchaften liegen rechts am Fuße der Gebirge fern und verſteckt) nach dem Dorfe Ragaz; der Boden trägt die traurigen Spuren oft wieder⸗ holter Ueberſchwemmungen des Rheinſtroms. Der Anblick des Rhätikons jenſeits des Rheins in Oſten zerſtreut jede Langeweile, welche ſonſt der Weg durch dieſe Thalfläche erregen könnte. Man kann das kühne, furchtbare Gebirge, deſſen zerrißnen, ſchwarzen Körper und die nackten ungeheuren Wände nicht genug anſtaunen; den Fuß dieſer ſchauerlichen Felſennatur überziehen Büſche und Wälder bis in die Ebene herab, welche das fruchtbare Rheinufer bildet, wo die Gefilde und Ortſchaften Graubündtens zwiſchen Obſt⸗ bäumen und Weinbergen durchſchimmern. Die Gegend von Ra⸗ gaz ſelbſt iſt durch fleißigen Anbau heiter geworden. Am Anfange 13 831 23 E + * — * 7 2 des Dorfes ſtehen auf einem grünen Hügel die zerriſſenen Mauer⸗ ſtücke des alten Schloſſes Freudenberg. Die wilde Tamina ſtrömt mitten durch das Dorf, und ſetzt die Einwohner nicht ſelten in Gefahr. Ihrem Brauſen nachgehend befindet man ſich in weni⸗ gen Minuten an dem ſchwarzen Felſenſchlunde, aus welchem die Tami na in die Ebene herausſtürzt. Obgleich ihr Fall nicht gar hoch iſt, ſo bildet doch das Ganze eine äußerſt maleriſche Naturſcene, in welcher, beſonders beim Abendlicht, wilde Energie und finſtrer Trotz ausgedrückt ſind. In dieſem Schlunde, zwei Stunden aufwärts nach Süden liegt das berühmte Bad Pfeffers. Doch dieſes liegt außerhalb der Gränzen unſeres Werkes, wir übergeben hier den Wanderer, der tiefer in die Schweiz eindringen will, ganz der trefflichen Führung des Schriftſtellers, aus welchem wir auch dieſe Beſchreibung der ſchweizeriſchen Rheinufer ihrem größten Theile nach entlehnt haben; wir ſelbſt aber kehren an den Ausfluß des Rheines in den See zurück und verſuchen es, nun auch die land⸗ ſchaftlichen Umriſſe des deutſchen Rheinufers bis zum St. Luzienſteig zu entwerfen. Das rechte Ufer des Rheines. Auf dieſer Seite betritt der Wandrer das Thal, wenn er von der köſtlichen Höhe des Gebhardsberges herabgeſtiegen kommt. Da er von oben herab tief in ſeine gebirgigteren Theile einen Blick gethan, ſo will ihm die breite und ebne Fläche, die es im Anfang bildet, nicht recht behagen: doch kommen bald Gegenſtände, die ſeine Aufmerkſamkeit feſſeln und ſeine Phantaſie in Anſpruch neh⸗ men: zur Rechten ſteht vereinzelt auf einem grünen mit Reben und Gras bekleideten Hügel nicht unmaleriſch das alte Schloß Rie⸗ den. Zur linken ſtrömt aus einem kühlen, tiefen Thale, das von felſigten Vorarlberger Gebirgen gebildet wird, die Bregen— zerach, um vereint mit dem Rheine ſich in den See zu gießen; aus ihrem Grunde blickt von einem kleinen Hügel das alte Schloß Wolfurth mit ſeinem Dorfe zu den Füßen, herüber. Auch das einſtige Frauenkloſter Kenelbach lagert ſich friedlich ans Gebirge. Eine große hölzerne Brücke führt über das Flüßchen, das in brei⸗ tem, kieſigtem Bette ſeine Gebirgsgewäſſer dem Strome zuwälzt. Aus der Tiefe dieſes Seitenthals blickt ſchon das Hochgebirge des Vorarlberges, der Bue und der Sulzberg herab. Wenn man durch das ſtattliche Dorf Lautrach gewandert, treten, auf dem langen Wege nach Dornbüren die waldigen Vorarlberger Vorberge näher nd inm Ritͤeth denlalhe linte de Dortli thch be bleet Fthihe ein Ahn b Hehet 9 Juf Alkt. V iletfeht Kald und m uf ihren lähe Ehe ein getg Vittel Ion Alt des Oebl butem E Juſe xne Reirn g. Etten Eft dulgefhrke ſihn Mf Palhbat bach fuf Welth lett, ind ßen J Aun auf Runt, ro in Rer Wi⸗Eng ſur Bur Echit, 49 und immer näher, an ihren Fuß ſchmiegen ſich liebliche Dörfer: Rickenbach, Schwarzach und Haſelſtauden. Hinter dem ſtun⸗ denlangen, ſchönen und gewerbſamen Dorfe Dornbüren treten links die Berge ſehr nahe an die Straße, und der Ausfluß der Dornbürner-⸗Aach eröffnet den Einblick in ein romantiſches Wald⸗ thal, welches von hohen mit Tannen dicht bewachſenen Bergen ge⸗ bildet wird, und in deſſen grünem, kühlem Grunde einige heitre Fabrikgebäude maleriſch ausgebreitet liegen. Im Hintergrunde ſchaut ein Alpengipfel, der Fürſt genannt, über die Tannenberge hervor und beherrſcht das eng geſchloſſene Thal. Die lange, hölzerne, bedeckte Brücke, die über das genannte Flüßchen führt, gibt in ihren Fenſteröffnungen vollkommen paſſende Rahmen zu dieſem ſchönen Bilde. Von der rechten Seite dieſer trefflich gelegenen Brücke überſieht man den Rhein und die Schweizerſeite, vom Stoß⸗ wald und vom Schloſſe Berneck begränzt. Links rücken die hohen Tannenberge immer näher; ſie erſcheinen wild und finſter; aber auf ihren Höhen breiten ſich, dem Auge hier nicht ſichtbar, wohn⸗ liche Ebenen mit fruchtbaren Feldern aus. Dieſe Kette beſchließt ein gewaltiger, mit Buchen bewachſener Fels, deſſen Eck in ſcharfem Winkel bis zur Ebene herabfährt; ſeine Spitze trägt die Ruinen von Althohen-Ems; näher herwärts auf einer mäßigeren Kante des Gebirges ſteht mit italieniſch⸗plattem Dache die noch in bewohn⸗ barem Stand erhaltene Burg Neu⸗Ems oder Hinter⸗Ems. Am Fuße jenes erſtgenannten Felſen empfängt den Wanderer der ſchöne Flecken Hohen-Ems. Auf einen der Paläſte, welche von den letzten Sproſſen des noch nicht allzulange in ſeinem Mannesſtamm ausgeſtorbenen hochberühmten Geſchlechtes, von dem unſer geſchicht⸗ licher Aufſatz melden ſoll, erbaut worden ſind, ſcheint der waldige Fels, der die Ruinen der Burg trägt, in unaufhaltſamem Sturze herabfallen zu wollen. Zu der Ruine Hohen-Ems führt ein bequemer Weg durch dichten Schatten den Wald hinauf, an einem Waldbach und gezackten Felsbergen vorbei. Schon im Hinaufwege, auf welchem man das weite Rheinthal ganz aus den Augen ver⸗ liert, und ein Seitenthal hinanklimmt, wie die Wendeltreppe eines großen Thurmes, der ans Hauptgebäude angebaut iſt,— kommt man auf mehrere, herrliche Niederblicke gewährende Stationen: zuerſt, wo man aus dem Walde tritt, und wo zwiſchen den mäch⸗ tigen Bergen die ſchöne Reuti und das maleriſche Schlößchen Neu⸗Ems erſcheint; dann gelangt man an eine hochgelegene, ein⸗ ſame Bauernhütte, wo man durch ein zerfallenes Gewölbe über Schwab, Bodenſee. 4 4 44 1 * — 1 *. den Grath geht, der das Gebirge mit dem vorſpringenden Felſen verbindet: hier überraſcht der Anblick des zerriſſenen, aus vielen kühn gruppirten Mauerſtücken, Thürmen und Wällen beſtehenden Schloſſes Hohen-Ems zum erſtenmal aus der Nähe. Ein Ruinen⸗ thor führt auf dem ſchmalen Bergſattel zum andern; hier ſpaltet ſich die Ausſicht in zwei kontraſtirende Theile, links ein gähnender Abgrund mit Felſen, Wald und tiefen Wieſen; rechts eben ſo tief, aber breit und offen das lachende Rheinthal; in blauer Ferne der ſchimmernde Bodenſee. Dann folgt der unmittelbare Anblick der Ruinen, und endlich betritt man das Plateau des Felſen, wo die wilde und die lachende Natur ſich uns in Einem Ueberblicke dar⸗ bietet: die beiden Schlöſſer, das uralte, zerriſſene und das jüngere, doch auch altersgraue, bilden einen ſchönen Gegenſatz; links die herrlichen Gründe, rechts abwärts das ganze, breite Rheinthal bis zum See. Ein etwas tieferer Punkt am Walde gewährt die Vogel⸗ perſpektive auf die regelmäßigen Straßen des in der Tiefe an den Felſen wie bittend ſich ſchmiegenden Fleckens Hohen⸗Ems. Hier blättre der Wanderer in unſerm Buche und laſſe ſich von dem frommen Sänger Rudolph von Ems und dem rüſtigen Helden Marx Sittich von Ems erzählen. Eine andere, noch größere, geſchichtliche Erinnerung erwacht auf dem Wege, den der Wanderer, wieder in die Ebene herab⸗ geſtiegen, im freundlichen Rheinthale verfolgt, beim Anblick einer vereinzelten Ruine, deren trauernder, zerfallener Thurm, von Geſtrüpp umgeben, auf einem der ſchönſten grünen Vorhügel des Hochgebirges in die Ebne niederſchaut; er iſt der letzte Ueberreſt des Schloſſes Montfort, das hier zwar nicht als Stammhaus und nicht als älteſtes dieſes Namens einſt blühte, aber doch zu den früheſten Wohnungen des erlauchten Stammes gehört, der ein Jahrtauſend lang faſt alle Blätter der Geſchichtsannalen dieſer Gegend füllt. Auf dieſem und den andern Vorhügeln genießt man köſtliche Ausblicke ins Rheinthal, auf ſeine heiteren Dörfer, auf den im Weſten mit ſeinem Silberſtreifen alles begränzenden See. Nah und ferne herrſcht eine unglaubliche Fruchtbarkeit; über dem Haupte aber hat der Wandrer die kühnen Formen des hier noch bis auf die Gipfel mit Wald bedeckten Hochgebirgs, aus welchem die hohe Kugel wie ein ſcharfer Geiersſchnabel vorſpringt und die letzten Gluthen der Abendſonne auffängt, wenn ſchon Berg und Thal in Schatten liegt. Die nächſte Umgebung bilden die unter Rebenranken verſteckten und zwiſchen Obſtpflanzungen hingeſtreuten Hilt Ner Gelit ud walt ſch en ſt itz kei Ehluß Ech 51¹ Häuſer des Dorfes Götzis. Gegen Süden ragen die Appenzeller⸗ berge empor, in der Ebene ſelbſt ſind, wie Maulwurfs⸗Hügel, ein vaar vereinzelte, grüne Erdſchanzen aufgeworfen, die zerfallene Schlöſſer(darunter das ſchöne Neuenburg) tragen. Bei Götzis ging die alte Straße über die Clauſe und den Wald. Zieht man aber nun an der grünenden Wand der hohen Berge des Vorarlbergs die neue breite Straße weiter, ſo kommen, je mehr man ſich Feldkirch nähert, deſto impoſanter die Tyrolerhochgebirge im ſüdöſtlichen Hintergrunde, und die auch ſchon ſtattlichen Vor⸗ berge unmittelbar hinter Feldkirch zum Vorſchein. Um die Stadt ſchlingt ſich in der Tiefe ein ſchöner Kranz von Tannenhügeln(in andern Umgebungen wären es Berge); an deren Fuße links das uralte Dorf Rankwil(eine der erſten deutſchen Pflanzungen dieſes rhätiſchen Landes) ungemein friedlich liegt und ſeine auf einen Felſen gebaute Kirche das Thal überſchauen läßt. Hinter dieſem Dorfe öffnet ſich, von Felſen und Alpen eingeſchloſſen, das große Montafuner-Thal dem Auge, reich an romantiſchen Anſichten. Schlöſſer und Dörfer ſchmücken auch die übrige Länge dieſes waldigen Gürtels, der ſich in der Mitte, beim Dorfe Altenſtadt unerwartet aufreißt, rechts und links zurückweicht und der hübſchen, thürme⸗ reichen Stadt Feldkirch Raum gibt, die ſich faſt unmittelbar an Altenſtadt anſchließt, und ihren Rücken an den hohen wohlgeformten Gebirgsſtock des Aelpele anlegt; zu ihren Füßen braust, in felſigten Ufern, die Tochter des Gebirges, die Iller, die hier aus hohen Tannenwaldungen herausſtrömt, dem Rheine zu. Die Gegend iſt wohl verſehen mit Schlöſſern, man zählt ihrer gegen dreißig; ſie mahnen unwillkührlich an jene furchtbaren Kaſtelle der Rhätier, die auf den kühnſten Bergſpitzen ſaßen, und die Druſus, der Stief⸗ ſohn des Auguſtus, mit dem Glücke ſeines Volkes und Geſchlechtes niederwarf. Weſtlich hat man den Hohenkaſten und die andern Appenzellerberge. Hinter Feldkirch nimmt die Gegend immer mehr den Charakter der Gebirgsnatur an. Der Wandrer betritt das Ländchen Vaduz und wallt am Fuße der waldbewachſenen Eſthnerberge hin, wo ſich ein ſchöner Hain über die Straße hin in die Breite des Thales zieht; bei dem Dorfe Benderen hebt ſich zur rechten das ſtattliche Schloß Schellenberg. Jetzt öffnet ſich das Gefilde wieder, fruchtbare Felder und ſchöne Rebhalden breiten ſich vor dem Wandrer aus; der Rheinſtrom nähert ſich hier der Straße auf 300 Schritt, und zieht ſich lang in beſtändiger Nachbarſchaft derſelben hin. In dem 52 fruchtbar gelegenen Dorfe Schan begegnet man ſchon mit großen Steinen belaſtete Schindeldächer, wie in den Gebirgsdörfern der Schweiz. Jenſeits des Rheines lagern ſich, dem Auge leicht erreich— bar, die ſchönen Dörfer Grabs und Gambs. Rechts von der Straße ſteigt das Gebirge der Landvogteialb empor. Der Flecken Vaduz liegt am hohen Waldgebirge, deſſen unterſte Stufe das geräumige alte Schloß gleichen Namens trägt, das von einem ſchönen Buchenhügel niederſchaut. Die Straße führt dicht an den Bergen fort; bei dem Dorfe Triſen wird ſie faſt vom Rheine beſpült, der hier von langen Reihen hochſtämmiger Bäume, die der Anwohner Alben nennt, wie von einer ſtattlichen Leibwache umgeben iſt. Jenſeits des Fluſſes, etwas oberhalb Schan, liegt das alte rhätiſche Fontenas. Am Dorfe Balzers erhebt ſich ein grüner, einzeln ſtehender Berg mit der ſchönen Burg Guten⸗ berg, zu der abgebrochen von einander gelagerte Hügel einen maleriſchen Hintergrund bilden. Das Auge ergeht ſich hier in einem lieblichen Wechſel von Hügel und Thal, die es in die Gründe der Schweiz hineinlocken, und hat zur rechten über dem Rheine drüben die Felſenwände des Schollberges vor ſich. Aber der Wandrer läßt dieſe ganze Gegend rechts und wendet ſich links zu den ſteinernen Rippen des ungeheuren Falkniß, an deſſen Fuße, der allein für ſich einen himmelhohen Berg bildet, und der Mit⸗ tagsſpitz heißt, das anſteigende, zur Linken waldbewachſene Berg⸗ thal anhebt, über das die Straße zum Ziel unſrer Reiſe, dem St. Luzienſteige führt, über den die Sage den Tritt des from⸗ men ſchottiſchen Chriſtenkönigs Lucius wandeln läßt. Hier fühlt ſich der Wandrer, wie durch ein Wunder, ganz in der wildeſten Schweiz, und wenn er einmal an den Trümmern eines zweiten Gutenbergs vorüber iſt, das zur Rechten aus der Höhe des Waldes winkt, wenn er durch das ſteinerne Triumphthor der Schanze bei St. Luzienſteig eingezogen, die ſanſtanſteigende Höhe erſtieg en hat und im Schatten der uralten St. Luzienkapelle auf den ſma⸗ ragdgrünen Matten am Saume eines ſchwarzen Tannenwaldes, oder in dem kühlen, ſteinernen Kämmerlein der rauhgepflaſterten Herberge, die vielleicht eine der älteſten in der Welt iſt, ausgeruht hat; wenn er ſich ſatt geſtaunt an den Rieſengliedern des Falkniß, auf deſſen oberem Fuß er jetzt ſteht, und der ihm ſeine kahle Stirne entgegenbietet; wenn er nun auf die Zinne des Berges tritt, wo der Wald ſich öffnet und im Amphitheater der Alpen Maienfeld, das rhätiſche Magia, voll Wein und Obſt ihm zu Füßen liegt, und Aut n ſhhnen flͤblich ſanmlcg 53 die lachende Landſtraße ſich ſorglos den Strom hinan, zwiſchen den Bergesrieſen, der alten Curia zuſchlängelt;— nun dann wird er ſchwerlich unfrem genügſamen Buche folgen und zu den freund⸗ lichen Ebenen unſers Schwabens und ſeinem offenliegenden Bodenſee zurückkehren; die ahnungsvolle Gebirgswelt wird ihn hineinziehen in ihre tiefſten Thäler, durch ihre ſtromdurchwühlten Gründe, hinan die Bergesgipfel, an den kryſtallnen Gletſchern vorbei, bis auf die luftige Höhe des Splügen, wo er einen Blick in das gelobte Land hinunter thut, wo die rauhe Bruſt des Gebirges übergeht in die weichen Mädchenformen des italiſchen Landes und aus umdufteten Ufern zauberiſchere Seen dem Auge winken. Und doch, ſo ganz er jetzt in dem Gebirge lebt, und die mächtigen Eindrücke der Gegenwart nur durch die Sehnſucht nach dem Wundergefilde, das dahinter liegt, gemäßigt werden: dennoch — wir ſind es gewiß— wird er, zurückgekehrt an die friedlichen, offnen Geſtade unſres lieben, vaterländiſchen Sees, ein neues Wohl⸗ behagen empfinden, es wird ihm zu Muthe ſeyn, wie dem Leſer, der ſich durch die Irrgewinde kühner Dithyramben und Oden mit Luſt und Grauſen durchgearbeitet: wenn er am Schluſſe einer ſchönen Liederſammlung ausruhend hinſchlendern darf durch die friedlichen Schilderungen eines Idylls, das in bequemen Rhythmen, harmlos und leicht verſtanden, ſich vor ſeinem Geiſt ausbreitet. DRDRRRRe RFRERE D D 5— 5 D Wt. en Ron Jit, dur Muͤbart Err fel Hu Mfaft nd das el. fluhtber Mimer ſhloſent Abich Itt, erſtientr Hohbeſah Uttbarf, ͤſtlöge elaßten Ehlch. 1. Erſte Nachrichten vom Bodenſee und der Gegend.— Die Römer am Fee. 58 vor Chr.— 268 nach Chr. Acht und fünfzig Jahre vor Chriſti Geburt wurde den Römern, den einzigen Berichterſtattern aus jener Vor Lbr. Zeit, durch die Züge Cäſars gegen die Helvetier, die Nachbarſchaft des Bodenſees zuerſt bekannt, noch nicht aber dieſer See ſelbſt. Jener Feldherr wußte, daß die Helvetier in vier Hauptgauen getheilt waren; von den zweien, die er namhaft macht, umfaßte der Tiguriniſche höchſt wahrſcheinlich den Zürcherkanton und das Thurgau, er gränzte mithin an das linke Ufer des Boden⸗ ſees.“ Dieſe Tiguriner hatten ſich ſchon vor 56 Jahren den Römern furchtbar gemacht, ſich— obgleich wohlhabende und friedliebende Männer— durch das Glück der Cimbern gereizt, an dieſe ange⸗ ſchloſſen; ſie hatten im allobrogiſchen Gallien unter ihrem Anführer Divico den römiſchen Konſul Lucius Caſſius geſchlagen und ſein Heer unter das Joch geſchickt, hatten ſich mit den Cimbern gegen Oſten, ins Noricum gewandt, den Konſul Catulus zum Rückzuge gezwungen, waren aber noch vor der drohenden Ankunft des Marius, unverſehrt von Divico in ihre Heimath zurückgeführt worden. Jetzt, bei dem allgemeinen Auszuge der Helvetier nach Gallien, erſchienen auch die Tiguriner wieder unter der Anführung des hochbejahrten Divico; damals brach Julius Cäſar gegen ſie auf, verwarf, im Andenken an die caſſianiſche Schmach, ihre Friedens⸗ vorſchläge, ſchlug ſie am Arar, hörte nicht auf das Flehen ihres verhaßten Anführers und überwand ſie in einer zweiten furchtbaren Schlacht. Jetzt erſt erlaubte er den Gedemüthigten in ihr Land Eine röomiſche Inſchriſt gibt Aventicum ſogar als zum Tiguriner⸗Gau gehörig an. W 15 S * 2 58 zurückzukehren und ihre Städte wieder aufzubauen; 368,000 Helvetier und Bundsgenoſſen waren ausgezogen, 110,000 kehrten zurück; die andern waren gefallen oder hingerichtet. Cäſar ließ ihnen die Freiheit; aber bald nach ſeinem Tode wurde Helvetien als römiſche Provinz behandelt. Ihre Gemeinden ſchätzte Cäſar vor ihrem Auszug auf 400; zwölf Hauptſtädte hatten ſie nach ſeinem Zeugniß; eine von dieſen zwölfen auf tiguriniſchem Boden war das ſpäter genannte Gaunodurum, das mit großer Wahrſcheinlichkeit am Ausfluſſe des Rheines aus dem Unterſee, dem heutigen Stein am Rhein gegenüber, zu ſuchen iſt.“ Auch den Urſprung des Rheinſtroms, an der Gränze des helvetiſchen Landes gegen Rhätien, kannte Julius Cäſar im Allge⸗ meinen; er wußte, daß jener Fluß bei den Lepontiern entſpringt, welches Alpenbewohner ſeyen. Ein zweites Volk, das den Römern ſchon um jene Zeit bekannt war, ſind die Rhätier, deren Name vielleicht vom galliſchen Rait, d. i. Gebirgsgegend, abzuleiten iſt; es waren diejenigen Alpenbewohner, deren Sitze gegen Süden an die Veneter und Inſubern(die Gegend von Mailand), gegen Oſten ans Noricum (Kärnthen und Salzburg), gegen Weſten an die Seduner und Salaſſer(um Sitten, Leuk und Aoſta), gegen Norden endlich an die Vindelicier(die Bregenzeraach und den Bodenſee) gränzten. Dieſe nördliche Gränze war wohl zu Cäſars Zeit noch nicht V. Chr. 89. bekannt. Wohl aber waren ſchon vor ihm, um's Jahr 89 vor Chr. die Rhätier nach dem Süden vorgedrungen, hatten die Stadt Comus zerſtört und ihr Gebiet bis Trident und Verona erweitert. Das letztere zählt Plinius zu V. Ehr. 44. den rhätiſchen Städten. Im Jahr 44 vor Chr. machte L. Munatius Plancus, dem der Diktator Cäſar das Gallien jenſeits der Alpen zur Provinz angewieſen, einen Einfall zu dieſen Gebirgsvölkern, um die Kriegsluſt ſeiner Soldaten zu befriedigen. Er rühmt ſich gegen ſeinen Freund Cicero, mit den Kriegsluſtigſten derſelben gekämpft, viele Kaſtelle erobert, viele zerſtort zu haben. Den Bodenſee berührte Plancus ſchwerlich auf dieſen Zügen. Noch hauste er in jenen Gegenden, als ſich im folgenden Jahre die große Erſchütterung, welche die Ermordung des Weltdiktators zu Rom begleitete, wie ein Erdbeben, das ſich unter dem Boden fortpflanzt, auch dieſen fernen Regionen mittheilen zu DS, den Artikel Stein am Rhein in der Topographie. Wolen nicht u il demn 0 in ket d00 fl wollen ſchien. Die Helvetier, die Rauraker, die Sequaner ſcheinen ſich auf jene Nachricht erhoben zu haben, und unter bangen Be— ſorgniſſen ſchreibt Plancus an ſeinen berühmten Freund:„Inzwiſchen „habe ich hier viel Kummer und Sorge auszuſtehen, es möchten „jene Völker, während anderswo Fehler gemacht werden, unſre „Uebel für ihre Gelegenheit halten.“ Jedoch ſcheint Plancus die Gegend beruhigt zu haben; er kehrte nach Rom zurück und hielt noch im Jahre 43 vor Chr. am 29. December einen Triumph über die Rhätier, baute aus den Manubien dem Saturn zu Cajeta in Latium einen noch ſtehenden Tempel und führte nach Gallien und Helvetenland römiſche Kolonien ab, welche Lugdunum(Lyon) und Raurica(Augſt ob Baſel) bevölkerten. Jene Rhätier, die den Römern bald noch furchtbarer werden ſollten, waren der alten Volksſage nach ein hetruriſcher Stamm, der, von den nach Italien einwandernden Galliern vertrieben, unter der Anführung des Rhätus, die Gebirge beſetzte und dort allmählich verwilderte. Sie behielten— ſagt Livius, dem Plinius die Sage nacherzählt, die der ſpäte, byzantiniſche Geograph Stephanus wahrſcheinlich aus beiden entnommen hat— von ihrem alten Ur⸗ ſprung nichts bei, als den Laut ihrer Sprache, und ſelbſt dieſen nicht unverdorben. Nach der letztern Notiz hat man allzu voreilig in dem heutigen romaniſchen Dialekte noch jene Urſprache, und ſomit in jenen romaniſchen Churwälſchen die Nachkömmlinge der alten Hetrusker zu entdecken geglaubt. Allein die hetruriſche Sprache, von der Livius offenbar redet und deren Denkmale uns durchaus unverſtändlich ſind, hat nichts gemein mit der Lateiniſchen; jenes Romaniſche aber— wie ich mich an Ort und Stelle und durch das Zeugniß eines eingebornen Gelehrten verfichert habe— iſt ein, ohne Zweifel ſehr frühzeitig und noch vor Entſtehung der neu⸗ italieniſchen Sprache verdorbenes Latein, das mit jener tusciſchen Einwanderung nicht das mindeſte zu ſchaffen hat. Indeſſen haben in der neueſten Zeit Pfiſter, und nach ihm Niebuhr und Rühs doch vielleicht zu raſch die ganze Sage verworfen, und lieber eine Bevölkerung Hetruriens von den rhätiſchen Bergen herab, als das Umgekehrte angenommen. Immerhin iſt es unwahrſcheinlich, daß ein tusciſcher Stamm, von der Ebene heraufſteigend, die Berg⸗ bewohner ganz und mit Gewalt der Waffen verdrängt habe; aber was ſollte es ſo Unmögliches haben, daß bei den Einfällen der Gallier in Oberitalien, tusciſchen fliehenden Horden in den ſchwach⸗ bevölkerten Gebirgsgegenden freiwillig ein Obdach gewährt worden? ES * * * * 60 Von Gewalt ſpricht keiner der alten Gewährsmänner. So könnten wir in den Rhätiern um Chriſti Geburt Urbergbewohner, etwa galliſchen Urſprungs, mit hetruriſchen Abkömmlingen vermiſcht, zu erblicken haben. Vielleicht iſt zu dieſen ziemlich frühe noch ein dritter Beſtandtheil gekommen. Ein trefflicher Geſchichtsforſcher in Bündten, Guler von Wineck, der zu Anfang des t7ten Jahr⸗ hunderts ſchrieb, macht auf eine Menge Ortsnamen zu Graubündten, und namentlich im Engadin, aufmerkſam, die ganz oder doch in ihren Wurzeln ſich in Umbrien, zum Theil auch in Latium, wieder finden. Unter die auffallendſten gehören Fläſch(FKalisci), Sculs (Scultenna, Fluß), Cernetz(Cernetum), Celerina(Celenna), Suß(Suessa), Umbrail Umbri), Albannas(Alba), Me⸗ dullain(Medullia), Scams, GScapsia), Sinuscal(Sinuessa), Diſſentis(Sentis in Umbrien) u. ſ. w. Guler ſelbſt nimmt nun in den Lepontiern, Coruantiern, Rhucantiern, Saruneten und Eſtionen, rhätiſchen Völkerſchaften, welche in dem Kriege, von dem wir ſogleich erzählen werden, den Römern einzeln bekannt wurden, Urſtämme an; macht aber dann nicht nur auf jene hetruriſche Ein— wanderung, ſondern auch auf den geſchichtlichen Umſtand aufmerkſam, daß bei Hannibals Einfall in Italien ganze Geſchlechter aus Umbrien und Latium geflohen und nicht wieder zum Vorſcheine gekommen ſind. Da nun überdieß zu ſeiner Zeit im Engadin(um die Quellen des Innfluſſes) ein lateiniſcheres Romaniſch geſprochen wurde, als im übrigen romaniſchen Bündten, und die Einwohner ſelbſt jene Sprache Ladin zum Gegenſatze gegen das Churwälſche betitelten(ein Unterſchied, der freilich ſich jetzt faſt ganz verwiſcht zu haben ſcheint): ſo vermuthet Guler nicht ohne einen Schimmer von Wahrſcheinlichkeit, daß jene italiſchen Familien aus Umbrien und Latium ſich hieher geflüchtet und zuerſt die lateiniſche Sprache hier angepflanzt haben. Der andere, ſpätere Zweig des romaniſchen Volks mitſammt ſeiner' Sprache iſt wohl unzweifelhaft aus den Soldaten und Koloniſten der römiſchen Provinz Rhätien erſt in den ſpätern Jahrhunderten erwachſen. Von Planeus beſiegt blieben die Rhätier dreißig Jahre lang ruhig, und Rom dachte nur an ſie, wenn es ihren lieblichen Wein trank, der um die Höhen von Verona und Comus und im Veltlin um Chiavenna wuchs, und an deſſen rother Glut ſich der Wandrer durchs Rheinthal und durch Bündtens Gebirgsſchluchten noch heutigen Tages mit Luſt erwärmt; er war, nach Suetons Zeugniß, der Lieblingstrunk des Herrn der Welt, Cäſar Auguſtus. Ef Wulden deun kt uld iſt nih Deſ lnit heſ krolette 1 fl Hoh Ner Dol den Ilien z Heeifl. ij Ler Ehle Oi en nach en nuf inn dn 9 a(Celenna) gh. Alba), Ne. Cini 61 Erſt im Jahr 14 vor Chriſtus, als alle Welt über⸗ wunden ſchien, und nicht lange vorher die Säkularfeier Cb. 41. zu Rom in tiefem Frieden begangen worden war, ſtand dieſes wilde Gebirgsvolk auf, mit einem benachbarten und vielleicht ver⸗ wandten Stamme zur Seite. Dies letztere waren die Vinde— licier, deren Kern um den Lech gewohnt zu haben ſcheint, wie denn eine ihrer Hauptvölkerſchaften, nach Strabo, Likatier hieß und ihr Name ſelbſt ſinnreich durch Wenden am Lech gedeutet wird, deren Gebiet ſich aber weit über das heutige Oberſchwaben, Baiern und Vorarlberg erſtreckte. Ihre Gränzen waren gegen Weſten und Südweſten der Bodenſee, durch den ſie von den Helvetiern getrennt waren und deſſen rechtes Ufer ſie wohl ganz inne hatten, gegen Norden Markomannen und Narisker, gegen Oſten der Inn, gegen Süden die Rhätier mit nicht ganz ſichrer Begränzung. Dieſe beiden verbündeten Völker, die oft, ſchon in den älteſten Zeiten, fälſchlich vermengt worden ſind, brachen nun bald rhein⸗ abwärts gegen Weſten in die benachbarte römiſche Provinz Gallien ein, bald von den rhätiſchen Alpen herab ſüdwärts nach Oberitalien, mit der grauſamen Gier ausgehungerter Bergwilden, aber zugleich mit beſonnenem Haſſe gegen die Weltunterjocher. Wo ſie in ein erobertes Dorf kamen, brachten ſie alle männliche Jugend um, ja ſie ſchleppten die ſchwangern Weiber herbei, und wo ihre Wahr⸗ ſager männliche Geburt prophezeiten, da tödteten ſie die Mutter mitſammt der Frucht. Der Schrecken über dieſe Einfälle verbreitete ſich bis nach Rom, und Auguſtus ſandte zuerſt im J. 14 vor Chr. ſeinen jüngern Stief- und Adoptivſohn Claudius Druſus Nero gegen ſie nach Oberitalien. Dieſer, ein Jüngling voll Geiſt und Muth, begegnete den Rhätiern am Fuße der tridentiniſchen Alpen und ſchlug ſie aufs Haupt, ehe ihre Verbündeten, die Vindelicier von den Bergen herabgeſtiegen waren. Die Feinde wichen in ihre Schluchten zurück, Druſus machte Halt und erhielt die Ehre eines römiſchen Imperators. Allein der Krieg war nicht zu Ende; von Italien zurückgedrängt warfen ſich Rhätier und Vindelicier, ohne Zweifel vom Bodenſee her, wieder auf Gallien und ſetzten hier ihre Verwüſtungen fort. Auguſtus ſandte auf dieſe Nachricht ſeinem Sohne Druſus den ältern Bruder Claudius Tiberius Nero (den nachmaligen Kaiſer Tiber) zu Hülfe. Die jungen Cäſarn rückten nun in getheilten Heerhaufen gegen die Feinde vor, Druſus kam von Italien her durchs Gebirge, vielleicht über das Wormſer 17 Joch, indem er ein rhätiſches Bergkaſtell um das andre niederwarf (man ſuchte ihre Stellen zu Worms im Veltlin, zu Puschiavo, Val Brega glia, Pontreſinen, Sganfs und Cernetz im Engadin). Tiberius aber ſcheint von der galliſchen Seite her⸗ gekommen zu ſeyn, und ſein Weg führte die Römer das erſtemal an den Bodenſee. Das alte Forum Tiberii, in der Folge von Ptolemäus erwähnt, das dieſem Zuge ſeine Entſtehung ver⸗ dankt haben mag, ſucht man in Zurzach, oder, mit größerer Wahrſcheinlichkeit, in Kaiſersſtuhl, beides am Rheine. Tiberius zog rheinaufwärts und kam endlich an den See, der als natür⸗ liches Bollwerk der Rhätier auf dieſer Seite ſich der Vereinigung mit ſeinem Bruder entgegenſtellte. Aber was ein Hinderniß ſchien, verwandelte der Cäſar, der damals nur erſt ſein großes Feldherrn⸗ talent, noch nicht ſeine Laſter, entwickelte, in einen Vortheil; er ſchuf eine Flotte, fuhr über den See und beſetzte eine Inſel, die er auf demſelben fand. Das Natürlichſte iſt, hier an die Reichenau zu denken, wenn man den Weg berückſichtigt, den Tiberius nahm. Der Unterſee iſt auch in den neueſten Zeiten mit Kriegsſchiffen befahren worden; die Trümmer der Inſel Lindau können eben ſo gut fränkiſchen, als römiſchen Urſprungs ſeyn; die Maynau endlich iſt zu klein, um ein Heer aufzunehmen, und ihr Hafen zu eng. Jene Inſel nun wählte Tiber zum Angriffspunkte und be⸗ feſtigte ſie ohne Zweifel; von hier auslaufend lieferte er den Vindeliciern, die zuvor dieſen See mit ihren Kähnen beherrſcht haben mögen, eine ſiegreiche Seeſchlacht. Jetzt ſtand ihm Rhätien und Vindelicien offen. Man kann nicht mit Sicherheit angeben, ob Tiberius ſich gegen das Rheinthal oder nach den Ebenen des Lech gewendet. Auf den letztern hatte ſich noch vor wenigen Jahr⸗ hunderten die Sage von einer großen Römerſchlacht erhalten. Bedenkt man aber, daß Druſus höchſt wahrſcheinlich ins Rhein⸗ thal herabgerückt war und die Namen Druſerthor und Val Druſina, die nur ein ſehr Unglaubiger von andern Sprachwurzeln ableiten wird, auf Standlager dieſes Feldherrn hindeuten, ſo muß l man es wahrſcheinlicher finden, daß Tiberius ſeinem Bruder rhein⸗ ferne h. aufwärts entgegenrückte und man wird die Hauptſchlacht, die er etba9 Heibſel.g den Rhätiern lieferte, nicht ohne Grund in der militäriſch ſo wich⸗ Juherſee tigen Poſition von Feldkirch ſuchen. Die Rhätier und Vin⸗ hactet delicier, die letztern mit Beilen bewaffnet, die ſie gleich den xzggend Amazonen, nie aus der Hand legten, kämpften ſo, daß ſelbſt der Winde römiſche Dichter, der auf Auguſts Aufforderung dieſe Siege beſang, th 63 „den Heldenherzen, die dem Freiheitstode ſich weihten,“ ſeine Bewunderung nicht verſagen konnte, und Florus, ein Schriftſteller, der kaum ein Jahrhundert ſpäter lebte, erzählt uns, daß ſelbſt die Weiber an dem Kampfe Theil genommen, und als ſie keine Geſchoſſe mehr hatten, in der Verzweiflung ihre eignen Säuglinge, die ſie vor römiſcher Knechtſchaft bewahren wollten, am Boden zerſchmettert und ſo den Feinden ins Angeſicht geſchleudert haben. Dieſer Sieg machte die Barbaren muthlos, ſie wurden in einzelnen Haufen an verſchiedenen Stellen, auch durch die Legaten der Cäſarn über⸗ wunden und endlich unterfocht. Da ſie reich an junger Mannſchaft waren, ſo rieth die Politik den Römern, den größern Theil dieſer Völkerſchaften zu verpflanzen und es wurden nur ſo viel in der Heimath zurückgelaſſen, als es bedurfte, um den Boden zu bauen; ſo daß in Zukunft Rom nichts mehr von ihnen zu fürchten hatte. Sodann wurden Rhätien und Vindelicien in eine römiſche Provinz verwandelt. Beide miteinander erhielten den Namen Rhätiä und wurden durch Prokuratoren regiert. Dieſe Provinz bekam nun eine große Ausdehnung gegen Nordweſten, ſo daß ſie ſchon unter Tiberius, wie Tacitus bezeugt, von den Sueven bedroht werden konnte. Auf den höchſten Alpen errichteten die Sieger eine Trophäe, deren Inhalt uns Plinius aufbewahrt hat und die in einer langen Reihe alle beſiegten Völkerſchaften aufzählt. In unſre Gegend gehören wohl von den Rhätiern die Brixanten, Ruguſeer und die vier vindeliciſchen Nationen Conſuaneten, Rucinaten, Licaten, Catenaten. Die Berichterſtatter über dieſen Krieg ſind Horaz, Strabo, Vellejus Paterculus, lauter Zeitgenoſſen; hierauf Florus; im dritten Jahrhundert Dio Caſſius, der den Feldzug am ausführ⸗ lichſten beſchreibt und deſſen Zeugniß jenen Aeltern in nichts wider⸗ ſpricht. Derſelbe Krieg hat ohne Zweifel die erſten koſtbaren Aufſchlüſſe über unſre Seegegend gegeben, die Strabo etwa 20 Jahre nach Chr. Geburt ſeiner Erdbeſchreibung N. Chr. 20. einverleibt hat. Nach ihm bildet der Rhein, nicht allzu⸗ ferne von ſeinem Urſprunge, große Sümpfe, vielleicht noch Ueber⸗ bleibſel ſeines früheren Laufes durch den Wallenſtadter- und Zürcherſee, der jetzt nicht mehr bezweifelt wird. Auch den Bodenſee betrachtet Strabo als einen Ausfluß des Rheinſtroms. Ueber die Umgegend läßt er ſich alſo vernehmen: Der hereyniſche Wald iſt dicht und hat in den höhern Gegenden ſehr hochſtämmige Bäume⸗ Er hat einen großen Umfang; in der Mitte deſſelben liegt ein 64 Landſtrich, der wohlgelegen und geeignet iſt, bewohnt zu werden. In ſeiner Nähe iſt die Quelle der Donau, die des Rheins, und zwiſchen beiden der See und die Sümpfe, in die ſich der Rhein ergießt. Der Umfang des Sees hält 300 Stadien, die Ueberfahrt nahe an 200. Er hat aber auch eine Inſel u. ſeiw. (ſ. oben.) Sowohl der See, als der hereyniſche Wald liegt ſüd⸗ licher als die Donauquelle, ſo daß, wer aus Gallien nach dem hercyniſchen Walde reiſen will, zuerſt über den See und dann über die Donau ſetzen muß; ſodann geht der Weg durch angeneh⸗ mere Gegenden nach dem Walde über die Ebenen, die am Fuße der Gebirge liegen. Tiberius ging vom See eine Tagereiſe weit landeinwärts und beſichtigte die Quellen der Donau.(Der Entfernung nach ſcheint dieſe Angabe vorzugsweiſe auf die ſüd⸗ lichſte Quelle, bei der kalten Herberge, zu paſſen.) Den See berühren noch ein weniges die Rhätier, dem größern Theile nach gränzen an ihn die Helvetier, die Vindelicier und die Einöde der Bojer. Dieſe alle, beſonders die Helvetier und Vindelicier bewohnen die Flächen am Fuße der Gebirge bis zu den Pannoniern.“ Jene Bojer ſind ein urſprünglich galliſches Volk, das nach Bojohemum gewandert und von dort, unter Auguſts Regierung, von den Markmannen nach den Inngegenden in die Nähe des Bodenſees getrieben worden war. Die Angaben Strabo's, beſonders in Beziehung auf die Lage des hercyniſchen Waldes, haben Dunkel⸗ heiten. Wir müſſen hauptſächlich über die angebliche Größe, die er dem See zuſchreibt, ſtutzig werden. Nach ihm betrüge der Umfang des Sees 7½, die Länge 5 Meilen. Er gibt alſo beides viel zu klein an. Die Vermuthung, Strabo rede vielleicht bloß vom Unterſee— was Rühs annimmt, um die Lesart zu retten— muß jedem, der die Oertlichkeiten kennt, höchſt lächerlich vorkommen. Man wird ſich über jene Angabe und die gleich fehlerhafte eines ſpätern Schriftſtellers(Aummians) weniger wundern, wenn man ſich die Karten des ſiebzehnten Jahrhunderts, ja ſelbſt noch die Homänniſchen anſieht, und die unförmliche Geſtalt betrachtet, die der See noch auf ihnen allen hat. Wenn es bis auf die neueſte Zeit an genauen Meſſungen fehlte, wie können wir glauben, daß die Römer, die andres zu thun hatten, ſolche vorgenommen, daß ſie namentlich— was doch jene Angabe, wenn ſie genau ſeyn ſollte, vorauszuſetzen ſchien— den See rund umſegelt haben werden? Nun finden wir aber gerade im Umfang hauptſächlich gefehlt; die Länge, wenn wir ſie auf den Oberſee, zwiſchen Lindau Zunhe! — ſſt it (lhel Iüm hert Jalte! Gagtt Oheiſt die Omn glehrte. ſud dun en, Ve uretten- Lindau und Konſtanz beſchränken(der Unterſee und die weſtliche Zunge des Oberſees erſchienen ihnen wohl ſchon wieder flußartig) — iſt ziemlich genau angegeben. Das ganze mag auf unbeſtimmten Ausſagen der Uferbewohner beruhen. Dazu bedenke man, daß da⸗ mals und noch Jahrhunderte lang ein ewiger Nebel auf dem wald⸗ umwachſenen Sumpfe gebrütet haben muß. Wie unſicher mag da ſelbſt alles Augenmaß geweſen ſeyn. Derſelbe Nebel, der dem Strabo(oder ſeinen Gewährsmännern) den See verkürzte, ſtellte ihn dem Ammian(ſ. unten) länger, unendlicher vor. In einer andern Stelle zählt Strabo als Hauptſtämme der Vindelicier auf: die Likattier mit der feſten Burg Damaſia (welche Cluver und Mannert ohne Grund mit Auguſta Vindelico⸗ rum verwechſeln), die Klautinatier, Vennonen, Eſtionen und Brigantier, und als Städte der zwei letztern Brigantium Gregenz) und Campodunum(Kempten). So finden wir denn, ſchon um Chriſti Geburt, die beiden äußerſten Enden des Boden⸗ ſee's, die öſtliche und weſtliche Spitze mit zwei Städten, Brigan⸗ tium und Gaunodurum beſetzt, auf deren Grundmauern noch heut zu Tage ſich Wohnungen erheben, und deren eine ſogar nach bald zwei Jahrtauſenden noch den alten Namen trägt. Der nächſte Zeuge für unſre Gegend, ungefähr 40 Jahre nach Chr. Geb. und 20 Jahre nach Strabo, iſt der N. C. 40. Geograph Pomponius Mela. Dieſer, ſchon genauer, nennt zwei Seen.„Der Rhein,“ ſagt er,„von den Alpen nieder⸗ ſtürzend, bildet, nicht ferne von ſeinem Urſprunge, zwei Seen, den Venetus und Acronius. Niemand wird behaupten wollen, daß die Revolution, die den Rhein ſeinen jetzigen Weg führte, zu Mela's Zeiten nicht längſt bewerkſtelligt geweſen ſey, und ſo kann es keinen Augenblick bezweifelt werden(obgleich Rühs es thut), daß dieſer Schriftſteller den Oberſee und den Unterſee meint. Man hat bisher, ohne einen Grund angeben zu können, in dem Oberſee den Acronius, in dem Unterſee den Venetus finden wollen; die Ordnung, in welcher Mela ſie aufführt, deutet auf das Um⸗ gekehrte. Die Benennungen ſelbſt kommen ſonſt nirgends vor und ſind dunkel; nur die Namen Venetus, Vennonen, Veno⸗ ſten, Vennoneten,« Vindelicier, das benachbarte helvetiſche * Noch in einer Urkunde des J. 920(Neug. Cod. DCCVW) kommt Vi⸗ nonna vor, das höchſt wahrſcheinlich einerlei mit Vemania iſt, und wo vis ins eilſte Jahrhundert ein mallus imperii, ein Landgericht war. Man hält Rankwil dafür. Schwab, Bodenſee. 5 SN 2 * 66 Vindoniſſa und die rhätiſch⸗italiſchen Veneter ſelbſt, laſſen auf ein zuſammenhängendes Wendenvolk ſchließen, mag nun dieſer Name ein eigentlicher Volksname ſeyn, oder aber nur überhaupt Wandel⸗ völker, oder nach Andern Wand völker, Gränzvölker bezeichnen. Plinius in ſeiner Naturgeſchichte rechnet den See zu Rhätien und iſt der erſte, der ihn den brigantiniſchen nennt. Der gelehrte alexandriniſche Geograph Ptolemäus, N. C. 140. der gerade 100 Jahre nach Mela(140 n. Chr.) blühte, nennt zwar den Bodenſee nicht, aber doch zweimal die Stadt Brigantium, die vielleicht durch römiſche Koloniſten er⸗ weitert worden war; denn er macht ſie zur Hauptſtadt von ganz Rhätien. Dieſe Abweichung von Strabo, bei dem ſie noch eine vindeliciſche Stadt und die Brigantiner ein vindeliciſches Volk ſind, während auch die Brixanten des Ptolemäus zu Rhätien gehören, erklärt ſich theils aus dem Ineinanderfließen beider verwandten Völker, theils aus der Vereinigung Rhätiens und Vindeliciens zu Einer römiſchen Provinz, wodurch nothwendig die alten Gränzen unſicher werden mußten. Ptolemäus gibt als Gränzen Rhätiens an gegen W. den Berg Adula(das Gotthardsgebirge) und die Linie zwiſchen den Rhein⸗ und Donauquellen, gegen N. die Donau bis zum Eintritte des Inn, gegen O. den Inn, gegen S. die Alpen bis an die italieniſche Gränze. Offenbar rechnet er alſo ganz Vindelicien und auch dieſes noch beträchtlich erweitert, zu Rhätien. Wenn er aber gar als Gränze zwiſchen dem alten Rhätien und Vindelicien den Lechſtrom angibt, ſo iſt dieſes eine offenbare Verwechslung jener beiden Länder mit der ſpätern Provinzialeintheilung in Rhätia prima und ſecunda. Als die nördlichſten vindeliciſchen Völker nennt er die Rhunikaten, ſodann die Luunen und Konſuanten, dann die Belaunen und Breunen(bei Horaz und Plinius ſind dieſes Rhätier), endlich am Lech die Likatier. Unter den Händen der römiſchen Legionen, die ihre Standquar⸗ tiere in der Provinz Rhätien hatten, ſtreiften allmählig dieſe Gegenden ihre urſprüngliche Wildheit ab. Die große Ebene Oberſchwabens und Baierns, die nur in der Ferne vom hercyniſchen Walde geſäumt ward, erſchien ſchon dem Strabo als eine wohnliche Gegend. Zweihundert Jahre nach ihm war ſie wirklich ein lachendes Land geworden. Julius Solinus(im dritten Jahrh.), dießmal wenig⸗ ſtens kein Abſchreiber des Plinius, ſagt von ihr in ſeinem Polyhiſtor: „Will man von Gallien nach Thrazien reiſen, ſo nimmt uns das rhätiſche Gefilde auf, reich an Feldfrüchten, fett, ergiebig, geadelt durch d Feb, k ſich Li Der 6l Ziene Pöälffr W9 ſit Uunig aukgeg Aatg Vindon on dik! Pigtk, lit ihten nn klen J Unmigen, Alͤchen lie erſten fl de Dieb Ohriſti Uflt 67 durch den Brigantiniſchen See. Dann kommt das Noriſche Feld, kalt und mit mehr Sparſamkeit fruchtbar, doch wo es ſich von den Alpenhöhen entfernt, noch ziemlich freundlich.“ Der See erſchien dieſem Schriftſteller ſchon als die Zierde der Gegend. Doch ſcheint die Kultur am N.Gh. 200 ſpäteſten bis zu ſeinen Ufern durchgedrungen zu ſeyn. Wo nicht die Römerſtraße hinlief, da ſtarrte der See von unge⸗ lichteten Wäldern. Jene Straßen, das unſterbliche Werk der römiſchen Legionen, lernen wir hauptſächlich aus der großen Etappenkarte des römiſchen Reiches, die von ihrem älteren Befitzer die tabula Peutingeriana heißt, kennen, deren erſte Abfaſſung ſchwer⸗ lich in ſpätre Zeit, als die Konſtantins des Großen zu ſetzen iſt. Dieſe Karte, die den Unterſee gar nicht kennt, den Oberſee aber ſehr breit angibt, zeigt uns eine Hauptſtraße, von Italien nach der, vielleicht ſchon von Druſus und Tiberius gegründeten Kolonie Auguſta Vindelicorum, dem Hauptſitze des germaniſchen Han⸗ dels, führend. Die Straße lief über Mailand, Comus, Clavenna (Chiavenna), den Splügen, Curia(Chur), Magia(Mayenfeld), Clunia(bei Feldkirch auf einem hohen Berge im J. 1825 ganz ausgegraben), Vemania(vielleicht Rankwil), Brigantium(Bregenz), Viaca(2). Eine andre Hauptſtraße führte aus der Schweiz über Vindoniſſa(Windiſch), über den Rhein, nach Oberſchwaben und an die Donau(etwa bei Ulm), welchem Fluſſe ſie dann abwärts folgte. Sie berührt unſre Gegend nicht und wir laſſen ſie daher mit ihren vielbeſtrittenen Namen bei Seite. Von jener erſtern Römerſtraße aber führte ein Vicinalweg von Brigantium aus an dem ſüdlichen Ufer des Bodenſee's hin, nach Helvetien und Gallien. Da wo dieſe Seitenſtraße den Strand des See's unmit⸗ telbar berührte, ward ein römiſches Caſtrum gegründet, deſſen lieblicher Name Arbor Felix(Fruchtbaum, Fruchtgarten oder, wie Vadian gar ſchön überſetzt: zum ſeligen Baum) auf den erſten Anfang italiſcher Kultur hinzudeuten ſcheint. An dieſem ſonnigen, durch einen ſchönen, runden Hügel im Rücken geſchützten Fleckchen wurde alſo der Urwald zuerſt ausgereutet; hier ſah man die erſten Obſtbäume blühen, deren Abkömmlinge jetzt bis zum Gipfel der Höhe, die ſich hinter der freundlichen Stadt Arbon in Dieß iſt auch die Meinung des neueren italieniſchen Herausgebers Chriſtianopulo. Sie erhält eine neue Beſtätigung durch den Umſtand, daß Conſtantia noch nicht darauf verzeichnet iſt. Sonſt wird jene Tafel erſt in die Zeit Theodoſius des Großen geſetzt. mäßiger Entfernung erhebt, in üppigem Obſtwalde dichtgedrängt ſtehen und dem ſchiffenden Wandrer noch immer als ein ſeliges Baumgut entgegenwinken.“ Von dort aber führte ſie wieder land⸗ einwärts, nach dem helvetiſchen Gränzenkaſtell Ad ſines, dem heutigen Pfinn. Von Arbor Felix aus lief eine zweite Straße über Castrum(Gaſter im Kanton St. Gallen) und das Gebirge nach Oberitalien an den Comerſee. Auch dieſe zeigt die Peutin⸗ geriſche Tafel. Die(ſpätere) Notitia imperii nennt uns auch die römiſchen Beſatzungen der benachbarten Plätze. Der Präfekt des Nu⸗ merus Barbaricariorum lag bald zu Confluentes( Koblenz am Zuſammenfluſſe der Aar und des Rheins) bald zu Brigantium (das hier ſchon Brecantia heißt). Der Präfekt der Ala ſecunda Valeria Sequanorum lag zu Vemania; zu Arbor Felix endlich der Tribun der Cohors Hereulea Pannoniorum. So mag es im vierten Jahrhundert geweſen ſeyn, und dieſem nähert fich jetzt auch unſere Geſchichte. II. Die Alemannen am See. Nach Chr. 268— 500. Gegen das Ende des dritten Jahrhunderts verſchwindet der Name der bisherigen mitteldeutſchen Völker, der Markmannen, Hermunduren, Chatten, ſelbſt der Name Germanen. An ihre Stelle tritt der Name Alemannen, wahrſcheinlich kein Volks⸗ ſondern ein Bundes-Name; von einem römiſchen Zeitgenoſſen, dem Aſinius Quadratus, der die Kriege mit den Deutſchen ſorg— fältig beſchrieben und leider nicht bis auf uns gekommen, ausdrück⸗ lich etymologiſch erklärt durch zuſammengekommene, ge⸗ miſchte Menſchen, d. h. allerlei Mannen.**„Das will ihr Name heißen“ ſagt er. Dieſer Völkerbund erſcheint im Beſitze aller Kaſtelle des Rheines, die nördliche Alpenreihe war ihnen *Komani Cornu Urk. v. Jahr 837, noch im dreizehnten Jahrh. Rumans⸗ horn CNeug. C. DCCCCXXXV.) ſcheint eher das von einem Manne Namens Romanus bewohnte Horn zu bezeichnen, als auf eine römiſche Niederlaſſung zu deuten; ſo wie das auf der ſchwäbiſchen Seite gegenüber liegende Koppenhorn, welches ſeit Jahrhunderten von einer Schifferfamilie Namens Kopp bewohnt wird. ** Bei Agathias 1. ed. par. p. 17. ohe dl Ghlh ſchtbert und en N46 J aulf eine Pil an Aeen iettz a nacte J. Eein n gus 0 Alt gonf Munkrt 69 ohne allen Widerſtand überlaſſen worden, Gallien bedrohten ſie. Schon im Jahr 268 hatten ſie Rhätien und Vindelicien über⸗ ſchwemmt, waren nach Oberitalien bis an den Gardaſee gedrungen und erſt dort von Claudius geſchlagen und über die Gränzen des Reichs gejagt worden; ſo daß dieſen Imperator das Alterthum den Erretter Vindeliciens aus der Knechtſchaft nennt. Im Rücken dieſer Alemannen ſtanden die Franken; zwiſchen beiden durch drängten ſich von der Weichſel her die Burgundionen, um durch den Mittelrhein mit den Alemannen in Gallien einzuwandern. Noch nördlicher an der belgiſchen Küſte ſtanden die Sachſen. Dieſe alle drangen in Gallien ein und wurden mit Mühe von Diokletians Mitregenten Maximianus zurückgetrieben. Aber in dem neuen Alemannien widerſtand er vergebens. Die Alemannen wurden von den Burgundionen, die mit ihnen um die Salzaquellen ſtritten, immer weiter vorwärts gedrückt; ums Jahr 304 wurde der Kaiſer Conſtantius I., Chlorus, bei Langres von ihnen eingeſchloſſen; er ſchlug ſich durch; aber die Alemannen fielen in Helvetien ein und ſo zog ſich der Krieg in unſre Gegend: denn jetzt näherte ſich Conſtantius dem Rheine, ſchlug die Alemannen bei Vindoniſſa, zog den Rhein herauf und erſah ſich auf helvetiſcher Seite den Punkt, der ſchmalen Erdzunge gegenüber, die zwiſchen dem Unter⸗ ſee und Oberſee hinläuft, da wo der Rhein aus dem Oberſee tritt, um auf dieſer durch die Natur ſchon ſo feſten Stelle ein Kaſtell zu bauen. Kein Schriftſteller, keine Inſchrift, keine Münze nennt dieſe Gründung; ſie dauert allein in ihrem Namen Conſtantia fort, der dem Orte geblieben iſt. Aber als im Jahr 1632 der ſchwediſche General Horn Minen gegen die belagerte Stadt Konſtanz zu graben anfing, da ſtieß er vor dem Kreuzlingerthore auf ihre alten römiſchen Rippen. Ungeheure Subſtruktionen und die koloſſalen Bogen einer ſteinernen Brücke, Zeugen von weit breiterem Waſſer⸗ ſtande des Rheins in jener alten Zeit, kamen ans Licht; alles wies auf eine gewaltige, für lange Dauer berechnete Befeſtigung hin.— Während der Rhein mit Eis bedeckt war, hatte ein Heerhaufe von Alemannen eine Rheininſel(vielleicht beim Kloſter Rheinau) beſetzt; aber das Eis brach, Conſtantius ſetzte in Schiffen über und machte Alle zu Gefangenen. Sein Sohn Konſtantin der Große ſchlug die Aleman⸗ nen aus Gallien(313 n. Chr.) und befeſtigte den Rhein; N. Ch. 515. aber Konſtantins Sohn, Conſtantius II., ſchloß bei den Raurakern einen nicht eben rühmlichen Frieden(354 n. Chr.). Am nördlichen Ufer des brigantiniſchen Sees, in finſtern Wal⸗ dungen, war der Gau der Lenzer Alemannen(Lentienses); dieſe kühnen Stämme hatten ſchon einen Theil Helvetiens in ihrer Gewalt und brachen öfters verheerend über die römiſchen N. Ch. 365. Gränzen(355 n. Chr.). Conſtantius aus Gallien in Mailand angekommen, ſchickte den Arbetio, den General der Reiterei aus dem kaniniſchen Thal in Rhätien, wahrſcheinlich über Chur und das Rheinthal, mit einem ſtarken Heer an den See. Allein dieſer war der wilden Gegend wenig kundig, er wartete ſeine Kundſchafter nicht ab, gerieth in verborgenen Hinter⸗ halt und blieb, von dem plötzlichen Uebel betroffen, unbeweglich ſtehen. Die Alemannen ſtürzten aus ihren Schlupfwinkeln hervor und im Augenblicke war das römiſche Heer auseinander geſprengt. Auf engen Pfaden und mit Hülfe der Nacht entkamen jedoch viele und ſammelten ſich wieder; doch wurden zehn Tribunen und eine große Anzahl Soldaten vermißt. Die Alemannen, durch den Sieg übermüthig gemacht, ritten jeden Morgen im Nebel mit gezogenen Schwertern bis dicht vor die römiſchen Schanzen und ſtießen plumpe Drohungen aus. Endlich fielen drei Tribunen, die dem Feinde ſeine Art zu kriegen abgelernt, aus dem römiſchen Lager, ergoſſen ſich, wie ein Strom über die Feinde und griffen ſie nicht in ordent⸗ lichem Treffen, ſondern bald da, bald dort an, ſchlugen ſie in die wildeſte Flucht und wütheten mit Lanze und Schwert in ihren zer⸗ ſprengten Reihen. Ihnen folgte die Maſſe des römiſchen Heeres aus dem Lager, und bald thürmten ſich ganze Dämme von Barbarenleichen auf; viele wurden mit den Pferden niedergehauen und noch im Tode mit verſchränkten Beinen auf der Thiere Rücken gefunden. Conſtantius II. kehrte auf dieſe Nachricht freudig aus Rhätien nach Mailand zurück. Die Wahlſtatt dieſer Schlacht iſt zwiſchen Lautrach und Dorn⸗ büren zu ſuchen, vielleicht auch zwiſchen Dornbüren und Ems. Der Cäſar Julian, des Kaiſers Vetter, bekämpfte mit Glück die Barbaren in Gallien, aber nach den Winterquartieren erſchienen die Sueven in Rhätien; da wurde Barbatio ein mehr prahleri⸗ ſcher, als tapfrer Führer, zu den Raurakern, Severus zu Julian geſendet. Dieſe Feldherrn wollten die Alemannen einklemmen. Sie aber brachen durch und verheerten Alles bis Lyon; Barbatio wird überfallen und aus unſrer Gegend rheinabwärts gedrängt. End⸗ lich ſchlägt und fängt Julian den Cynodomar bei Argentoratum und gewährt dem Feinde einen Waffenſtillſtand von zehn N. Ch. 559. Monaten(359 n. Chr.). Mt Aus N Ktietk, Mhent übet d höcftn llit fliferden teftn lunden E delt m ffe kie Ihiennat Wun Eer gungem ng e N1 00 , Was Ion dem t Wegen, huußtkt,e Ian hat f Mgms Abe nich A die 6 959 A mig 71 Mit Barbatio war der tapfre und gelehrte Krieger Ammia⸗ nus Marcellinus aus Antiochien, der Geſchichtſchreiber dieſer Kriege, ins Lager und in unſre Gegenden gekommen; ihm als Augenzeugen verdanken wir die zweiten, umſtändlichern Nachrichten über den See ſeit Strabo(XV, 4.).„Zwiſchen den Klüften der höchſten Berge— ſchreibt er— entſpringt der Rhein mit gewal⸗ tigem Stoß, bahnt ſich über abſchüſſige Klippen ein Bett, ohne Zuwachs fremder Waſſer, und ſtrömt hin mit ſtürzendem Falle, wie der Nil durch ſeine Katarrhakten. Und er könnte vom Urſprung an beſchifft werden, da er Ueberfluß an eignem Waſſer hat, wenn er nicht einem rennenden Cruenti) ähnlicher dahinliefe, als einem fließenden. Und ſchon ins Freie hinausgetreten(absolutus) und die tiefen Spaltungen ſeiner Uſer beſpülend, tritt er in einen runden und ungeheuren See ein GBrigantia nennt ihn der anwohnende Rhätier), der 460 Stadien lang iſt und faſt in gleiche Breite ſich ergießt, unzugänglich durch das Grauen trauern⸗ der Wälder, außer wo jene alte, nüchterne Römertugend einen breiten Weg angelegt hat: dean die Natur der Oerter und des Himmels Unfreundlichkeit ſtreitet wider die Barbaren. Durch dieſen Sumpf bricht der Strom brauſend mit ſchäumenden Wirbeln, wan⸗ delt raſch durch die träge Ruhe ſeiner Gewäſſer, und durchſchneidet ſie wie mit einer ſcharfbegränzten Fläche; und wie ein durch ewige Zwietracht von ihm getrenntes Element, löst er ſich wieder ab vom See, mit nicht vermehrtem, nicht vermindertem Strome, mit ganzem Namen und ganzen Kräften, und, auch ferner keine An⸗ ſteckung erleidend, taucht er ſich in des Oceans innerſte Tiefen. Und, was gar wunderbar iſt, das ruhende Gewäſſer des Sees wirb von dem raſchen Durchgange nicht bewegt, und der eilende Fluß von dem unter ihm ſchwimmenden Schlamme nicht aufgehalten; beider Stoff vereinigt und vermiſcht ſich nicht; und lehrte nicht der Anblick, daß es wirklich ſo geſchehe, ſo würde man glauben, keine Gewalt ſollte die beiden von einander ferne halten können.“ Man hat dieſe letztre Schilderung Ammians, obgleich er als Augenzeuge ſpricht, rundweg für ein Mährchen erklärt, und be⸗ hauptet, er habe eine Strömung des Sees für den Rhein gehalten; man hat nicht bedacht, daß, wenn der See zu jener Zeit ein mit Meergras und andrer Unreinigkeit angefüllter Sumpf war, die Sache nicht ſo undenkbar iſt. Doch muß dieß dahin geſtellt bleiben. Was die Größe und Geſtalt betrifft, nach welchen der Brigantia des Ammian 11½ Meilen lang und faſt eben ſo breit wäre, ſo iſt X RRRr * dieſe Täuſchung oben erklärlich gemacht worden; zugleich darf man nicht vergeſſen, daß der See wirklich im Alterthum nach zwei Seiten hin ſich weiter ausgedehnt zu haben ſcheint, als heutzutage: im Oſten zeigen die Ufer von Bregenz bis Rheineck mit ihren breiten Verſandungen, daß hier einſt noch die Flut geherrſcht, und im Weſten läßt das ſogenannte Ried vermuthen, daß einſt der See ſich bis in die Nähe von Wahlwies erſtreckt habe. Dieß beides angenommen ändert Geſtalt und Größe des Sees beträcht⸗ lich, und Ammians Irrthum wird dadurch kleiner und verzeihlicher. Befremdender könnte es erſcheinen, daß weder Ammian, noch ſonſt einer der Alten, der vom Rhein und dieſer Gegend ſpricht, des Rheinfalles gedenkt; denn in der Lücke, welche Ammians Stelle hat, ſtand wohl ſchwerlich etwas davon. Aber die Römer hatten alle wenig landſchaftlichen Schönheitsſinn; ihre Dichter ſelbſt, mitten im Frieden und im Schoße der reizendſten Natur, ſchöpften ihre Schilderungen nicht aus dieſer, ſondern aus den Pergament⸗ rollen der griechiſchen Poeten: wie viel weniger iſt den römiſchen Kriegern in dem kalten, unheimlichen Barbarenlande zuzumuthen, daß ſie die Natur hätten mit poetiſchen Augen anſehen ſollen. Da ſie den Rhein nicht der ganzen Länge nach beſchifften, ſo kannten ſie ihn überdieß wohl auch nur ſtellenweiſe, und weil der Rheinfall den Strom in jener Gegend durchaus unnütz für ſie machte, ſo ſetzten ſie ſich gerade um jene Stelle herum niemals feſt; der Ort ſelbſt blieb alſo unbeachtet. Während Julian gegen die Alemannen ſiegreich focht, brechen die Juthiungen, ein Markmannenzweig, in unſre Gegenden ein. Dieſe, kühner als die Alemannen, welche feſten Plätzen, nach Am⸗ mians Zeugniß, ſorgfältiger auswichen, als wilde Thiere den mit Netzen umſtellten Gruben, wagten es ſogar, die vindeliciſchen Städte zu belagern, wurden aber endlich von Barbatio verjagt und faſt ganz aufgerieben. Kaum war Julian todt, ſo erſchienen auch die Alemannen wieder in Rhätien und Gallien. In dieſem letztern Lande, das ſie faſt ganz erobert hatten, ſchlug ſie Jovinus auf den Ka⸗ N. Ch. 366, talauniſchen Feldern(366 n. Chr.). In Deutſchland war der Kaiſer Valentinian ſo glücklich gegen ſie, daß er bis über den Neckar und die Donauquellen in unſre Ebenen vordrang.“ * Hostibus exactis Nierum super et Lupodunum, Et fontem Latiis ignotum Annalibus Istri. Ahuson. Mosella. v. 423 8. Aut l fand, J Hiſet k nöthct! Rl. tiſhen Sueifl den ftd E An r die Hl b glhetken guunker, fere G Heflich Henfämt Hern de Hannift Wulden n Dier Haken kki füttlic wif Iu 1 8, Den 73 Aber während er am Rhein und am untern Neckar neue Arbeit fand, zogen die alten Feinde wieder ins rhätiſche Land und der Kaiſer ward am Ende zu einem nicht ſehr rühmlichen Frieden ge⸗ nöthigt(374 nach Chr.). Dieſer Valentinian iſt es, der den Rhein von ſeinem rhä—⸗ tiſchen Urſprunge an mit Kaſtellen beſetzte, aus denen ohne Zweifel manche Städte und Dörfer im oberſten Rheinthal entſtan⸗ den ſind, zu deren lateiniſchen Namen man in dieſer Fortifikation den Schlüſſel zu ſuchen hat. Nun ruhten die Alemannen oder kriegten mit den Franken; nur die Lenzgauer fielen aus ihren Waldungen in Gallien und Helvetien ein und wurden, jedoch mit Hülfe ihrer Todfeinde, der Franken, von den Römern geſchlagen. Erſt die große Völkerwanderung, die am Schluſſe die⸗ ſes Jahrhunderts das römiſche Reich bedrohte und der die Römer mit Geld⸗ und Ländereien⸗Austheilung nur ſchwächlich wehr⸗ ten, ſetzte auch die Alemannen wieder in Bewegung. Eine Reihe wandernder Kriegsvölker brach durch ihre und andere Stämme über Gallien und Spanien ein; Franken und Burgundionen wurden von Conſtantius, dem Feldherrn des Kaiſers Honorius mit Land beru⸗ higt, aber eben dadurch die Alemannen an den Rhein und in un⸗ ſere Gegenden gedrängt, in denen ſie ſich allmählig feſtſetzten. Die weſtlichen Länder mit ihren neuen Vandalen⸗, Alanen- und Sue⸗ venſtämmen, des Krieges müde, ſchloſſen Frieden. Aber an beiden Ufern des Ober-Rheins bis ins Gebirg herrſchte jetzt der ale⸗ manniſche Name; Rhätien, Vindelizien und Römerherrſchaft wurden nicht mehr genannt(374 bis 406), und Sidonius Apolli⸗ naris— denn dieſer Dichter iſt für jene Zeiten der einbrechenden Barbarei faſt die einzige Geſchichtsquelle— ſang in traurigen, aber ſchönen Hexametern: N. C. 574ff. Und aus den Fluthen des Rheins, Alemanne, du trotziger, trankſt du, Stehend auf Römergeſtad, und warſt auf beiden Gefilden Bürger jetzt, und Sieger jetzund.— Dieſe neuen Anſiedler des Rheinſtroms und des Bodenſees waren kräftige, rieſenhafte Geſtalten, mit blonden fliegenden Haaren, ſo ſtattlich und ſchön, daß ſchon der Kaiſer Caracalla ſie vorzugs⸗ weiſe zu ſeiner Leibwache wählte;* ein dem Wein und der Wolluſt *Den ächt deutſchen Liebreiz der alemanniſchen Frauen, lernen wir aus der Schilderung des römiſchen Dichters Auſonius kennen, die er von ſeiner Sklavin Biſſula entwirft:„der zarten, ſchwäbiſchen Jungfrau 15 * 7 2 74 ergebenes Volk, geldgierig, wie alle Barbaren, aber ſelbſt ihrem Feinde, dem Römer, gegenüber, ehrlich und truglos(nur blinder Haß ſpricht anders von ihnen). Von ihrer nordiſchen Heimat her war ihnen die Kunſt zu frieren vertraut und angeboren, daher ſie auch ihre Häuſer nur leicht aus Holz, das ſie in den dichten Wäldern aushieben, zu zimmern pflegten. Doch fand ſchon Ammian alemanniſche Wohnungen, die ſorgfältiger, recht nach Römerweiſe gebaut waren. Sie waren treffliche Schwimmer, ſelbſt in ihren Panzern und Waffen; tapfer und grauſam in der Schlacht, die ſie — wie die alten Germanen— noch beim Mahle berathen. Ihre Religion war Naturdienſt, beſonders verehrten ſie alte heilige Eichen; daher ſo viele alemanniſche Ortsnamen die auf Eich en⸗ 15 den, wie denn auch der Name Baſel nicht etwa die griechiſche h f Ueberſetzung von Augustg Rauracorum ſeyn, ſondern von einer ſolchen Göttereiche, Baſil genannt, ſeinen deutſchen Namen tragen ſoll. In ihrem Heere hatten ſie, gleichfalls nach germaniſcher Sitte, wahrſagende Frauen, welche die Zeit des Losbrechens in die Schlacht beſtimmten und den Erfolg vorherſagten. Dieſes Volk ſaß im alten Rhätien und Vindelicien um den Oberrhein und den Bodenſee, als ums Jahr N. C. 450. 450 n. Chr. der Hunnenkönig Attila alle kriegeriſche We die Völker von der Caſpiſchen See bis zum Rhein zu Einem Zug unter ſb ſch Einem Haupte vereinigte. Mit ihm kamen viele Suevenſtämme ghen dl angezogen, und am Oberrhein regte der Zug auch die Alemannen Riten auf. Attila ließ die unwegſamen Wälder lichten, die gefällten bl 0 Tannen ſtürzten fallend vom Gebirg ins Thal, bald war der Rhein mit Flößen und Nachen bedeckt, auf welchem das ganze wandernde Heer nach Gallien überſetzte. Alle Rheinſtädte und was noch nicht früher zerſtört war, wurde jetzt ein Raub der hunniſchen Horden. Bei Catalaunium von Aetius in der blutigſten Schlacht zum Umkehren gezwungen, ſuchte Attila den nächſten Weg ins ita⸗ liſche Land. Dieſer führte ihn durch das Alemanniſche, mitten durch unſre Gegenden. Was hier von vindeliciſchen und rhätiſchen Städ— ſeht W ten, was von römiſchen Standlagern und Mauern noch geſtanden Rl 0 fu de eſoendert üß cher (Sueva virgincula),“ die das Geheimniß der Donauquellen kennt Bissula nascentis conscia Danubii). Sie iſt von Augen blau und blond von Haar(oculos caerula, flava comas), ein Barbarenkind, das hoch über allen den Puppen Latium's ſteht(Barbara, sed quae Latias vineis alumna pupas); der Maler, der ſie abbilden wollte, mußte Roſen und Lilien miſchen können Ergo age Pictor! Puniceas oonfonde rosas, et lilia misce). 75 atte: Auguſta Rauracorum, Vindoniſſa, Vitodurum, ohne Zweifel auch Conſtantia, Arbor, Brigantia wurden ein Raub der Flammen, mehr durch die Hand der in Attila's Gefolge ziehenden Alemannen ſelbſt, als durch die Wuth der Hunnen: denn die Alemannen haßten jene ummauerten Plätze, die den Römern, wenn ſie je wiederkehrten, ſo leicht zu Stützpunkten dienen konnten. Sie hatten von ihren Führern den Grundſatz gelernt:„Was Andre gebauet, das zerſtöre du!“ Zugleich dehnten ſie ihren eignen Beſitz noch weiter im Lande aus; ſie hausten in einem Theile von Gallien und in ganz Rhä⸗ tia prima oder Oberrhätien, d. h. im Rheinthal und auf der Ebne um den See bis an den Lech. Sie wohnten getroſt in den Trümmern der alten Städte, die, obgleich zerſtört, die alten Na⸗ men noch führten. Sie bedurften ihrer Mauern nicht, denn mit des Aetius, des einzigen den Barbaren furchtbaren Feldherrn Hinrichtung(455 nach Chr.) waren ſie vor den Römern N. C. 455. vollkommen ſicher. Mit den Alemannen hatten ſich die Sueven, die mit Attila gekommen waren, verwandten norddeutſchen Urſprungs, Stämme eines ganz ähnlichen Völkerbundes, vermiſcht; ſie erſcheinen an der Seite der Alemannen, ſüdöſtlich im Gebirge mit neuer Ausdehnung. Wie die Waldſtröme aus den rhätiſchen Alpen, ſtürzten ſie ſich unter Hunnimund und Gibuld(475 n. Chr.) gegen die ſie bedrohenden Gothen und ziehen frei durch Rhätien und Noricum; wenden ſich dann nach Italien und werden endlich von Odoacer zurückgewieſen. Dieſer gründet ſeinen Thron in Italien. Die Wanderungen haben ein Ende. Die Völker blei⸗ ben feſt in dem errungenen Sitz. An beiden Rheinufern bis an die Lahne, wo die Franken beginnen; in Helvetien, deſſen Name verſchwunden iſt, bis an den Jura, wo die Burgundionen ſitzen; im Südoſten bis über die höchſten Alpen, wohnen jetzt friedlich die Alemannen und Sueven.* Nur am Lech und Inn blühen noch in unzerſtörten römiſchen Städten Markmannen, deren Haupt⸗ ſtadt das jetzt deutſche Auguſta Vindelicorum(Augsburg) iſt. Recht in unſrer Gegend aber, vom Lech bis zum Rheinthal und zu den Donauquellen, werden Suev-Alemannen jetzt zum geſonderten Stamm; ihr Name geht bald in den der Sueven über oder wechſelt wenigſtens ganz mit dieſem, und zum erſtenmale N. C. 475. * Bei Procopius heißen ſie ſchon Suaben: 3 3 Toοαά)νρονν εαα Aaſuc vol T0Uο 971. Exc, ex. Proc. p. 341. 15 85 2 4 1 * 1* 1 * 76 taucht Schwabenland aus der Geſchichte empor. Sie ſind noch die alten Germanen des Tacitus, wandernde Krieger, unter Waffen die zwei Gränzflüſſe des römiſchen Reichs bewachend. Jeder Gau, deren vom Main bis zum brigantiniſchen See fünf genannt werden, hat ſeinen eignen Fürſten, jeder Gaufürſt ſein Gefolge, das in der Schlacht unzertrennlich von ihm iſt und zu leben ver⸗ ſchmäht, wenn er fällt.— Da ſie nicht an gebildete Völker gränzten, ſo ſchritt ihre Kultur nur langſam vorwärts; zum Ackerbau gewöh⸗ nen ſie ſich nur ſchwer. Sie wohnen in Höhlen, auf Trümmern, in Hütten. Nur mißbrauchsweiſe heißt der Italiener dieſe Wohn⸗ ſtellen Städte. Doch ſcheinen ſich zu den alten Plätzen hier und da neue Anſiedelungen geſellt zu haben. Nachrichten aus dem ſechsten Jahrhundert nennen als ale⸗ manniſche Städte unſrer Gegend Conſtantia, Rugium, Bo⸗ dungo, Arbor Felix, Bracanzia.“(Brigantium von deut⸗ ſchen LNüppen ausgeſprochen.) Auf die beiden neuen Namen Rugium und Bodungo“ iſt man bisher nicht aufmerkſam geweſen. Sollte das letztere Bod⸗ mann ſeyn, das vom neunten bis zum zwölften Jahrhunderte noch hier und da Bodoma,** Podona geſchrieben wird, und ſollte Boden der alemanniſche Name des Sees ſeyn? Rugium iſt vielleicht ein Name, den die Alemannen ſchon antrafen, wenigſtens erinnert er an die Ruguſci und Rucinatä des Alpentropäums unter Auguſt und an die Rhunicaten des Ptolemäus. Im Mittelalter kommt ein Ruchengau in Rhätien gegen den Bodenſee vor. *Dieſe Nachrichten gibt uns der anonyme ravennatiſche Geograph, der zwar im ſiebenten, vielleicht erſt im achten Jahrhundert ſchrieb, aber als ſeine Quellen die gothiſchen Philoſophen(d. h. Schriftſteller) Athanarit, Hildebald und Markomir nennt, die, wahrſcheinlich ſchon im ſechsten Jahrhundert, Reiſebeſchreibungen durch ganz Deutſchland verfaßt zu haben ſcheinen. un Bodungo citirt zwar Ritter in ſeiner Vorhalle, aber fälſchlich als Name des Sees, was die Stelle des Ravennaten keineswegs beſagt. Dipl. Ludov. P. ap. Neug. Cod. CCxClII. der Biograph Ludwig des Frommen nennt es Bedonnia. WR fiän bekte niit hů öthte n zur ſethen. it ihrr Hannen dte zu ſch elen Mun be gothel. terboßtn das glen bönig Buctel in Ram ihm jne ißige 1. Ult). Mlond; W8 Rhein fum zer 3. Die Franken. Das Chriſtenthum. Nach Chr. 500 bis 800. Die Suev⸗Alemannen ſollten ſich nicht lange der Unab⸗ hängigkeit erfreuen; aber der Sieger brachte mit dem Joche mildere Sitte, Kultur und chriſtliche Aufklänrung in das von Gebirgen und Barbaren umlagerte, öde Alemannenland. Chlodwig, König von Franken, eines durch Handel und Friedenskünſte blühenden, in einen feſten Staat vereinigten Volkes, auf die Nachricht, daß das Alemannenvolk, auch ſchon am Mittel⸗ rheine mächtig, die Uferfranken zu verdrängen drohe, brach auf und ſtieß bei Zülpich unweit Köln auf ſie. Seine chriſtliche Gemahlin Chrotehild ergriff den Augenblick; ſie rieth ihm, ſich dem Gotte der Chriſten zu weihen, wenn er ſie⸗ gen würde. Als nun im heißen Kampfe viele Männer ſielen und die fränkiſchen Reihen wankten, erhub Chlodwig die Hände und betete laut:„Ich rufe den Gott an, den Chrotehild ehrt! wenn er mir hälfe in dieſer Schlacht, daß ich meine Gegner bezwänge, ſo möchte ich ihm immer getreu ſeyn.“ Da wandten ſich die Aleman⸗ nen zur Flucht und riefen:„Laß, wir flehen, das Volk nicht länger ſterben! wir ſind ſchon dein!“ So ſiegte Chlodwig und mit ihm der Chriſtenglaube(495 nach Chr.). Viele Ale⸗ N. C. 495, mannen flohen unſrer Gegend zu, ins rhätiſche Gebirg, andre zum Oſtgothenkönige Theodrich, unter deſſen Schutze ſie ſich einen Herzog, Namens Friedland, einſetzten. Das Land um den Main ward jetzt Oſtfranken; die ſüdlichen Alpen blieben den Oſt⸗ gothen. Unſer Mittelland war dem Namen nach den Franken un⸗ terworfen, in der That aber dauerte der alemanniſche Stamm und das alemanniſche Weſen noch unangefochten hier fort. Der Franken⸗ könig Theudebert ſetzte zwei eingeborne geehrte Alemannen, Buccelin und Leuthar, zu Herzogen über das Land, ſie zogen im Namen des Königs mit dem Heerbann aus und verwalteten ihm jenes. Beide dienten mit Alemannenſchaaren getreulich den ehrgeizigen Planen der Franken gegen Italien und Bozanz(540 n. Chr.). Während dieſer Kriege erfährt man wenig vom Aleman⸗ nenland; man weiß nur, daß die Alemannen auf dem rechten Ufer des Rheins meiſterlos geworden, in Helvetien einbrachen und Aven⸗ ticum zerſtörten. Endlich gab Klothar II., der kraftvolle Machthaber, IEISN 7 Auſtraſien Cund darin Alemannien) ſeinem Sohne Dagobert, der mit alemanniſchen Schaaren gegen die N. C. 581. Slaven zog. Dagobert wurde der Geſetzgeber unſrer Gegenden. Schon Theudrich, Chlodwigs Sohn, hatte die fränkiſch⸗ alemanniſchen Geſetze in Schrift verfaßt, Childebert und Klothar hatten ſie verbeſſert. Dagobert vollendete die alemanniſche Geſetz⸗ gebung.« Nach dieſer Verfaſſung dauerte die alte Freiheit der Ale⸗ mannen in Volksverſammlungen fort; nur beſtätigte der Herzog in des fränkiſchen Königs Namen die Beſchlüſſe. Die Geſetze be⸗ ſchränkten ſich auf Sicherung des Eigenthums und dann des Le⸗ bens. Der Krieger war der freie Landbeſitzer, im Frieden war die Jagd ſein Geſchäft. Beides berückſichtigt das Geſetz. Das Gefinde lebt in des Herrn Haus und Hofe. Hier war das Wohnhaus (easa), die Scheuer(scuria) und der Keller Ccella, daher cellarius). Im Hauſe(Sala), die Stube(stuba) und die Schafs- und Schwein⸗ ſtälle, Alles mit einem unverletzlichen Zaune umſchloſſen. In ſolchen Wohnungen lebten die Suev-Alemannen auch am Bodenſee. Um ihren Glauben hatten ſich bis jetzt die Franken und ihr Geſetz nicht viel bekümmert. Nur die Sonntagsfeier wurde ſtreng eingeſchärft und ihre Unterlaſſung mit ewiger Knechtſchaft bedroht. Mit Bekehrungen von Staats wegen blieben die Alemannen ver⸗ ſchont, die Wahrheit ſollte auf dem rechtmäßigſten Wege, auf dem der Ueberzeugung und des Bedürfniſſes zu ihnen gelangen. Daß in Germanien überhaupt ſchon im zweiten Jahrhunderte nach Chriſti Geburt chriſtliche Gemeinden beſtanden, wiſſen wir aus gleichzeitigen Kirchenvätern. Auch in Oberdeutſchland ver— breitete ſich der neue Glaube frühzeitig. Fromme Männer aus Italien flüchteten ſchon um die Zeit des Untergangs der römiſchen Herrſchaft in die einſamen Alpen: ſo kam der heilige Severinus in die Gebirge Noricums. Aber die Bewohner der Berge und Wäl⸗ der, und darunter die alemanniſchen Anſiedler unſres Seeufers, blieben noch lange in der alten Rohheit. Sie und die übrigen * Bei Monſtein im Rheinthal dauerte bis in ſpäte Zeiten ein Denkmal von ihm: ein in die Felſen gehauener Mond, als Gränzzeichen zwiſchen Burgund und dem chur'ſchen Rhätien.„Ubi in vertice rupis similitudo Iune, jussu Dagoberti regis ipso praesente sculpta cernitur ad discernendos terminos Burgundie et curiensis Rhaetie.“ Diplom Friedr. I. vom Jahr 1155 bei Neug. Leider hat dieſes Zeichen ein Steinbruch weg⸗ genommen. Wllet d heiten, und fel. Düne Oetioht gatzen bhfanin nd ein Ungan, llmißli dul, d ſolkn, fudenn f in Urthe Ail in hn ng Lebri hunlicht Völker des Alprückens ſuchten hauptſächlich im Waſſer ihre Gott⸗ heiten. Strömten die Flüſſe voll, ſo ehrte man freudig die Götter und ſtellte ihnen Dankfeſte an. Nahmen ſie aber bei anhaltender Dürre ab, oder überfroren ſie des Winters, ſo wurden Buß⸗ und Bettage öffentlich und zu Hauſe mit großer Angſt begangen. Ihren ganzen Gottesdienſt beſchreibt Agathias am beſten. Er iſt ein byzantiniſcher Geſchichtſchreiber und Dichter des ſechsten Jahrhun⸗ derts, aus Smyrna gebürtig, gewiß einer der geiſtreichſten und aufgeklärteſten Männer ſeines Jahrhunderts. Sein Urtheil über den Kultus der Alemannen zeugt von ſo ächt griechiſcher Hu⸗ manität und edler Toleranz, daß ich es meinen Leſern nicht vor⸗ enthalten kann. „Die Alemannen,“ ſchreibt er,„haben wohl auch noch geſetzliche Einrichtungen von ihren Vätern her; was aber ihre öffentliche Verfaſſung betrifft, ſo werden ſie beherrſcht und regiert und hängen vom fränkiſchen Staate ab. Nur von der Gott⸗ heit haben ſie nicht dieſelben Glaubensanſichten mit den Franken. Denn ſie verehren gewiſſe Büume, Ströme, Hügel und Thäler,“ dieſen weihen ſie ihren Gottesdienſt und ſchlachten ihnen Pferde und eine Menge anderer Thiere zum Opfer. Jedoch bildet ſie der Umgang mit den Franken, der überhaupt wohlthätig auf ſie wirkt, allmählig zum Beſſern um, zieht bereits die Verſtändigeren nach und wird am Ende bei Allen den Sieg davon tragen. Denn das Widerſinnige und Auffallende ihres Wahns, iſt, däucht mir, ſelbſt denen, die mit ihm behaftet ſind, wenn ſie nicht ganz einfältig ſeyn ſollten, kund und handgreiflich und leicht zu unterdrücken. Billiger⸗ weiſe ſollte man ſie daher mehr bemitleiden, als ihnen zürnen, wie denn überhaupt alle diejenigen, die ſich von der Wahrheit ver⸗ irren, aller Verzeihung theilhaftig werden ſollten. Es iſt ja nicht mit ihrem Willen, daß ſie ſtraucheln und in die Schlinge gerathen; ſondern ſie ſtreben zunächſt nach dem Guten, täuſchen ſich dann im Urtheil, und halten ſofort hartnäckig an dem feſt, was ſie ein⸗ mal im Glauben ergriffen haben, wie es nun auch beſchaffen ſeyn mag.“ Uebrigens ging den Alemannen unfrer Gegend das neue Glau⸗ benslicht zum Theile wohl von den Franken, zum größern Theil N. C. 500 ff. Es iſt ſehr verführeriſch, bei dieſer Stelle an den Bodenſee, den Strom und Gau der Thur, endlich das Frickt hal zu denken und die drei Hauptgötter der alten Germanen, Wodan, Thor und Frigga, in dieſen Namen und Gegenden zu entdecken. A * 7 * 80 aber von einer andern Seite auf. Zu Seckingen, auf einer Inſel des Rheinſtroms, ſtiftete der edle Schotte Fridolin ein Gotteshaus. Eine feſte Stätte am See gewann der chriſtliche Kultus zuerſt in Conſtantia, wohin wahrſcheinlich zwiſchen 553 und 561=* der auſtraſiſche König Klothar I. das Bisthum verlegte, das bis dahin zu Vindoniſſa(Windiſch) beſtanden hatte. Der erſte Biſchof ſoll Maximus oder Maximinus geheißen haben. Am übrigen Bo⸗ denſee glimmt das Licht der neuen Lehre noch ſehr ſchwach. Es ſcheinen ſich zwar ſchon vordem chriſtliche deutſche Männer hier und dort angeſiedelt zu haben. Die Stadt Bregenz, an der öſtlichen Spitze des Sees, lag ſeit Attila's Zug halb in Trümmern; aber ein Bethaus der heiligen Aurelia war hier von frommen Händen erbaut worden, oder hatte vielleicht ſchon vor der Zerſtörung be⸗ ſtanden und dieſelbe überlebt. Der chriſtliche Gottesdienſt hatte jedoch keine Wurzel in ihm gefaßt. Die heidniſchen Alemannen ließen den Altar des wahren Gottes, der darin ſtand, unberührt; ſie hatten an den Wänden drei eherne und vergüldete Götzen⸗ bilder u aufgehängt. In der Mitte des Tempels ſtand ein großer Opferkeſſel mit Bier angefüllt, das ſie ihrem Gotte Wodan dar⸗ bringen wollten. Einige Meilen von Bregenz abwärts am helvetiſchen Ufer des See's, im alten, gleichfalls zerſtörten, römiſchen Lager Arbor Felix, das den ſchönen Namen im Munde der Barbaren ſchon damals in Arbon verwandelt hatte, ſtand ein zweites chriſtliches Bethaus, deſſen Dienſt ein Presbyter, mit Namen Willimar be⸗ ſorgte, ein ſchlichter Chriſt, ſelbſt noch der höheren Belehrung * Nicht 597, vergl. Neug. Episc. Const. p. CXLV. -Auch hier dachte ſchon Eccard an die drei Gottheiten Thor, Wodan und Frigga, ſ. Neug. a. a. O. p. 51. Jakob Grimms deutſche Mythologie (1835) S. 75 bis 78:„Hier erſcheinen heidniſcher und chriſtlicher Kultus ſonderbar vermengt. In einem zu Ehren der heiligen Aurelia eingerich⸗ teten Bethaus ſtehen noch drei heidniſche Bildſäulen an der Wand, denen das Volk fortfährt, zu opfern, ohne den chriſtlichen Altar zu berühren: es ſind ihm ſeine alten, ſchützenden Gottheiten. Nachdem der Bekehrer die Bilder zerſchlagen und in den Bodenſee geworfen hat, wendet ſich ein Theil dieſer Heiden zum Chriſtenthum. Wahrſcheinlich entarteten auf ſolche Weiſe an mehreren Orten die älteſten chriſtlichen Gemeinden durch das Uebergewicht der heidniſchen Volksmenge und die Fahrläſſigkeit der Prieſter. In Zweifel kann es aber gezogen werden, ob unter dieſen Seidengöttern alemanniſche zu verſtehen ſind, oder vielleicht römiſche.“ Grimm läßt dieß unentſchieden, neigt ſich jedoch eher dem erſtern zu und denkt auch an die nordiſche Vereinigung dreier Bilder, deren mit⸗ telſtes immer den Thor vorzuſtellen pflegte. bedititg, dem nů dlenann Ulen des Gwift etlaſe Rbihte eine B Haflätl Olſe G liht ſhüic fe zu Arl 81 bedürftig, aber voll Herzensgüte und darum geachtet und ſicher. Auf dem nördlichen Ufer des Sees, auf Felſen gegründet, blühte eine alemanniſche Anſiedlung, Iburningä?(Ueberlingen), damals, wie es ſcheint, der Mittelpunkt der fränkiſchen Regierung dieſer Gegend. Ein chriſtlicher Frankenherzog Alemanniens, vielleicht auch nur ein Gaufürſt, mit Namen Gunzo, hochgeehrt am fränkiſchen Hofe, hatte dort ſeinen Wohnſitz. Von weitern Pflanzſtätten des Chriſtenthums im Anfange des ſiebenten Jahrhunderts iſt in dieſer Gegend nichts bekannt. Aber ums Jahr 609** traten in die Hütte des from⸗ men Pfarrherrn von Arbon zween Apoſtel Chriſti aus dem fernen Irland mit zwölf Geſellen. Es waren dies der heilige Columbanus oder Columba und ſein ünger Gallus“ͤ(Gallo, Gilliani) von hochadeliger Geburt. Von ihren Genoſſen werden Mang, Theodor, Kilian, Placidus, Siegbert genannt. Freiwillige Boten des Evangeliums waren ſie über England nach Frankreich zu Schiffe gekommen, hatten aber auch hier bald den Ueberfluß verlaſſen, den ihnen König Siegbert im chriſtlichen Frankenlande gewährte, nahmen Chriſti Kreuz auf ſich, lebten und predigten eine Weile im wilden Vogeſengebirg, und ſuchten dann, durch Hofränke von dort vertrieben, in Helvetien um die Limmath Chriſti Lehre zu pflanzen. Aber die ergrimmten Heiden bedrohten Gallus mit dem Tode und geißelten Columbanus zum Lande hinaus. Dieſe Gefahr und Schmach machte die Verkündiger des Heiles nicht ſchüchtern, ſie wanderten an den Bregenzerſee, und als ſie zu Arbon über Willimars Schwelle traten, erkannte dieſer in ihnen Apoſtel Chriſti und rief erfreut ihnen entgegen:„Gelobt ſey, der da kommt im Namen des Herrn!“„Von den Enden der N. C. 609. * Heißt in einer Urkunde vom Jahr 773 Ceug. Cod. LIII.) Iburinga, villa publica. Die Schreibart Ueberlingen erſcheint erſt vom Jahr 1257 an(NJ. C. DbCCCCLIY. S. Neug. Epis. C. p. 34. Gallus heißt er conſtant erſt bei Walafried Strabo; in den ältern Urkunden des ſiebten und achten Jahrhunderts bald Eallo, Gallonis. Neug. Cod. IV. VII. VIII. X. XI. XIX. u. ſ. w. bald Gallunus, Galluni XXXIII. VI. bald Gallonus, Galloni XLIII. XII. XVIII. XX. doch auch Gallus, Galli X. XXV. XLVI. auch Gallone indeklinabel. XVI. LXXVIII. CI. Gallo, Gallunis XVII. endlich Gilianus, Giliant XXIV.(a. 759)(Gilliani nennt ſich noch ein Clan oder Stamm in Schottland). Calonus, Caloni XXVI. Gallones als Genitiv XXVIII. Calle indecl. LII. Schwab, Bodenſee. 6 — 7 SS 8² Welt hat uns der Herr verſammelt,“ antworteten gerührt die Irländer. Der Presboter führte ſie erſt in ſein Bethaus, dann in die Hütte zurück. Ehe ſie ſich zum Mahle niederſetzten, betete Gallus auf ſeines Lehrers Geheiß ſo inbrünſtig und weiſe, daß Willimar zu weinen begann. Sieben Tage pflegte er ihren Leib und ſie nährten ſeinen Geiſt; da fragte Columban: ob ihm kein Ort bekannt wäre, wo in der Einſamkeit ſich eine Zelle für fromme Uebungen bauen ließe?„Wohl iſt,“ antwortete Willimar,„in unſrer Gegend ein Ort, Spuren alter Gebäude unter Trümmern bewah⸗ rend; fett iſt der Boden und verſpricht reichen Ertrag an Korn; hohe Berge ſteigen im Halbkreis auf, und eine öde Wüſtenei zieht ſich hin über ſie; aber unter der Stadt liegt ein eben, fruchtbar Land, das wird Arbeitern den Lohn nicht verſagen.“ Dazu nannte er den Namen der Stadt: Brigantium. Dorthin verlangten die heiligen Männer. Willimar bereitete ihnen einen Kahn; bald ſteuerten er, ſein Diakon und ſeine Gäſte unter lauten Lobgeſängen über den See. Der Ort gefiel ihren Augen: ſo bauten ſie ſich um jenes Bethaus der heiligen Aurelia kleine Hütten. Als ſie aber den Tempel betraten, fanden ſie den Altar des Herrn verlaſſen und die heidniſchen Alemannen jenen Götzenbildern opfernd.„Das,“ ſprachen ſie,„ſind unſre urſprünglichen Götter, die alten Hüter dieſes Ortes, deren Schirm uns und unſer Sach aufrecht erhält bis auf den heutigen Tag.“ Da trat Gallus auf Befehl ſeines Lehrers auf und predigte den Heiden⸗den wahren Gott. Es war gerade ein großes Götzen⸗ feſt, und Männer, Weiber und Kinder waren herbeigeſtrömt, zugleich aus Neugierde, die Fremdlinge zu beſchauen. Da ſie der begei⸗ ſterten Rede, welche ſie an den allmächtigen Schöpfer Gott und an ſeinen Sohn wies, in dem Heil, Leben und Auferſtehuug der Todten iſt, ihr Ohr nicht verſagten, ſo wagte es Gallus, ergriff die Götzenbilder, ſchlug ſie mit einem Stein in Stücke und warf ſie in den See. Der Bierkeſſel zerſprang, wie es ſchien, vor ſeinem Anhauche. Da bekehrten ſich etliche zu Gott und bekannten ihre Sünden; andre gingen fort, ergrimmt über die Zertrümmerung ihrer Götzen. Columban aber ließ den Tempel mit Weihwaſſer beſprengen und weihte ihn unter Umgängen und Geſängen ſeinem erſten Herrn. Den Altar ſalbte er, belegte ihn wieder mit den Reliquien der heiligen Aurelia, las die Meſſe und was glaubig geworden war, ging fröhlich auseinander. Drei Jahre wohnten die Fremden unangefochten in Bregenz, bauten eine Zelle, reuteten heben, U laft uns in Eee krahre it Aagen il Furch 0 Hen Nän merden Hunzo an ihldet wür hfhen; füln den dan in m 83 den Wald aus, legten Gärten an, pflanzten Fruchtbäume. Dies war der zweite Schritt, den, ſeit der Römeranſiedlung, der Anbau diefer wilden Seegeſtade that. Der fromme Gallus ſtrickte Netze und fing ſo viele Fiſche, daß nicht nur den Brüdern der Vorrath nie ausging, ſondern er auch Fremde und das umwohnende Volk mit der Ausbeute ſeiner Kunſt beſchenken konnte. Aber ſelbſt die frommen Verkündiger der reinen Lehre konnten ſich der Schauer dieſer Wildniß und des Naturdienſtes, den ſie hegte, nicht erwehren, und ihre Einbildungskraft wurde von den Schreckniſſen des Aberglaubens, den ſie bekämpfen wollten, ergriffen. Darum, als Gallus einſt in der Stille der Nacht am See'sufer ſtand und ſeine Netze ins Waſſer warf, hörte er einen Dämon, der von der Höhe des Bregenzerwaldes herab, mit lauter, kreiſchender Stimme einem andern Geiſte mit Namen zu rufen ſchien, der in der Tiefe des See's ſich aufhielt. Der letztere antwortete:„Hie bin ich!“ Da ſprach der auf der Höhe:„Wohlan denn, ſo erhebe dich zu meiner Hülfe, auf daß wir jene Fremdlinge vertreiben, die, aus der Ferne daherkommend, meine Bilder im Tempel zerbrochen haben, und das Volk, das mir diente, zu ſich abgewendet. Auf, laßt uns die gemeinſamen Feinde über die Gränze jagen!“ Der im See antwortete:„Wehe! daß du die Wahrheit ſprichſt, das erfahre ich an mir ſelber, denn Einer von ihnen ſetzt mir im Waſſer zu und verödet meine Reiche; und nie vermag ich ſeine Netze zu zerreißen, noch ihn ſelbſt zu täuſchen, weil auf ſeinen Lippen unaufhörlich die Anrufung des wahren Gottes ſchwebt.“ Da ermannte ſich der heilige Mann, verwahrte ſich mit dem Zeichen des Kreuzes, bedräute die Teufel in Chriſti Namen, und eilte zu ſeinem Meiſter in die Zelle, zu erzählen, was er geſehen. Dieſer berief noch in der Nacht eine Verſammlung der Brüder, und kaum hatten ſie angefangen zu beten und zu lobſingen, als ſie auch das gräßliche Geſchrei der Dämonen vernahmen, die mit verworrenen Klagen über die Gipfel des Gebirges ſcheidend dahin zogen. Furchtbarer als dieſe Gebilde der Phantaſie wurden den from⸗ men Männern irdiſche Feinde und Gewalten. Die noch immer zürnenden Heiden wußten die Chriſtenkolonie bei dem Herzoge Gunzo anzuſchwärzen, als ob durch ſie die öffentliche Jagd ge— fährdet würde. Der Herzog ſandte Boten, die ihnen befahlen abzuziehen; er gewährte ihnen auch keinen Schutz mehr; die Heiden ſtahlen den Brüdern eine Kuh, und zwei der letztern, die der Spur der entwendeten nachgegangen waren, fand man im Walde 15 3 4— * 4 * 84 erſchlagen. Die heiligen Männer glaubten die Warnungsſtimme des Himmels zu erkennen und brachen auf, die Seegegenden der alten Finſterniß zu überlaſſen. Aber Gott wollte nicht, daß das angezündete Licht ſo bald wieder erlöſchen ſollte. Zwar Columban zog über die Alpen zu Agilulph, dem Lombardenkönig; den heiligen Gallus hingegen befiel ein plötzliches Fieber, das ihn bei Willimar zu Arbon krank darnieder warf; zwei Gehülfen, Magnoald und Theodor, blieben bei ihm, unter ihrer und des Presbyters Pflege genas er allmählig. Jetzt erſt hatte er Gottes Wink verſtanden. Willimars Diakon Hiltibold war ein rüſtiger Mann, den das Werk des Glaubens vom Waidwerke nicht abhielt. In der ganzen Gegend ſtreifte er auf dem Fiſchfang und der Habichtjagd umher, und kannte des Orts Gelegenheit wohl. Dieſen fragte der geneſene Gallus nach einer waſſerreichen Stelle, wo auch gut eben Land wäre; dort möchte er ſeine Tage in Einfamkeit beſchließen.„Wohl kenne ich,“ erwiderte Hiltibold,„eine Einöde reich an Waſſern, aber wüſte und rauh, voll überhoher Berge und enger Thäler; die reißenden Thiere, Bären, Eber, wüthende Wölfe hauſen darin. Ich fürchte Herr, wenn ich dich dahin führe, du möchteſt von ſolchen Feinden verſchlungen werden.“ Da Gallus ſich nicht abſchrecken ließ, ſo ſprach der Diakon weiter:„Nun, ſo nimm denn Brod in deine Taſche und dein kleinſtes Netz zur Hand, morgen will ich dich in die Wüſte führen.“ Aber Gallus verlangte nüchtern zu gehen, und ſo brachen ſie in der Frühe auf, und wanderten die Berge, die hinter Arbon liegen, durch dichte Wälder hinauf, bis ſie in ein enges, hochgelegnes Thal gelangten, das ſich an die Vorhügel der Alpſteinskette hängt, die mit ihren Gipfeln in die Wolken ſteigt. Hier kamen ſie an einen ſchönen Waſſerfall des Flüßchens Steinach, fingen Fiſche, brieten und aßen ſie. Auf dem Vege ſtrauchelte Gallus und fiel in die Dörner.„Laß mich liegen,“ ſprach er,„das iſt Gottes Wille, hier ſoll ich bleiben.“— Doch auch in dieſe Einöde verfolgte die Männer das Blendwerk des alemanniſchen Naturdienſtes. Als der Diakon in der Steinach fiſchen wollte, ſtiegen aus dem Grunde des Waſſers zwei Dämonen in der Geſtalt nackter Waſſerweiber empor, ſchmähten ihn, daß er den Fremdling hergebracht habe, und warfen ihn mit Steinen. Gallus bedräute ſie im Namen der heiligen Dreieinigkeit, und bald hörte er ſie, auf die Berge gewichen, von dorther mit trau⸗ rigen Frauenſtimmen wehklagen. Gallus weihte jetzt den Platz, wo er niedergeſtürzt war, mit Beten und Faſten ein, bezeichnete die Stle wiedere⸗ Ahun Mſtiv! 8⁵ die Stelle mit einem Kreuze von Haſelſtauden, theilte— als er wieder Speiſe zu genießen anfing— ſein Brod mit einem wunderbar zahmen Bären, und kehrte nach Arbon zurück. Dort nahm er Abſchied von Willimar, ging in die Einöde mit ſeinen zwei Ge⸗ noſſen Magnoald und Theodor zurück, fing an den Wald zu lichten und baute eine Hütte, da, wo jetzt die Sankt Gallen Kapelle ſteht. Nicht lange darauf fügte es Gott, daß die einzige ſchöne Tochter des Herzogs Gunzo zu Iburningen über dem See, die dem Frankenkönige Sigebert, Theuderichs Sohne, verlobt war, Frideburg mit Namen, in eine ſchwere Krankheit verfiel, ſo, daß ihr Vater und alles Volk glaubte, ſie ſey von einem böſen Geiſte beſeſſen. Die Prieſter, welche ihr Bräutigam zu ihrer Heilung geſendet, verſpottete ſie; erſt nach langem Toben der Krankheit verlangte ſie auf einmal, daß der fromme Gallus aus ſeiner Wüſte geholt werden ſollte. Als nun die Botſchaft über den See nach Arbon kam und dort den heiligen Mann zu Beſuche bei ſeinem Freunde traf, glaubte dieſer voll Demuth dem Ruf an den Hof des Fürſten nicht folgen zu dürfen, ſondern entwich mit ſeinen zwei Schülern nach ſeiner Zelle und von da über die Wald⸗ berge in die ſenniſche Einöde im Rheinthal(dahin, wo jetzt Sennwald, das Dorf, liegt), und weiter hinein ins alte churiſche Rhätien nach Quaradaves(Grabs), wo er einen Chriſtendiakon Johann fand und bei ihm ſich in einer Höhle verbarg. Willimar ſuchte und fand ihn dort, und, indem er ihm zu Gemüthe führte, daß es ein Ruf Gottes ſeyn müſſe, der ihn zu einem Werke der Liebe fordre, überredete er ihn, ſo daß Gallus mit ihm umkehrte, und über den See nach Iburningen zum Herzoge fuhr. Auf ſein Gebet genas die Jungfrau und die alte Urkunde, die zuerſt Die ganze Erzählung gründet ſich auf das Leben des heiligen Gallus von Walafrid Strabo. Bei meinem Durchblättern der St. Galler Manu⸗ ſcripte, die mir die gränzenloſe Gefälligkeit des, ſeitdem verewigten, gelehr⸗ ten Vibliothekars, Herrn Ildephons von Arx zur freien Einſicht überlaſſen hatte, ſtieß ich auf eine bisher nicht beachtete Quelle, die mit dieſem Biographen alle Hauptzüge ſeiner Erzählung theilt. Es ſind dies die im Cod. 174 enthaltenen lateiniſchen, gereimten Ueberſetzungen des Mönches Ratbert aus ſeines Zeitgenoſſen Notker des Stammlers deutſchen Gedichten. Beide blühten ganz kurze Zeit nach Strabo; ſo daß faſt wahrſcheinlicher iſt, daß ſie mit ihm aus einer gemeinſchaft— lichen frühern Quelle, als daß ſie aus ihm geſchöpft haben. Hier eine Probe jener in mehr als Einer Hinſicht merkwürdigen Verſe: Quaerunt alvearia Temptantes loca varia. Arbonam per lacum Involitant potamicum. dieſe Geſchichte meldet, erzählt, daß der grimme Geiſt in Geſtalt eines ſchwarzen Raben aus ihrem Munde geflogen ſey. 1 Der dankbare Herzog verlangte, Gallus ſollte die eben erledigte Biſchofs⸗ ſtelle von Konſtanz annehmen; aus ungeheuchelter Demuth weigerte ſich Gallus, beſtimmte aber einen eingebornen Alemannen, den Diakonus von Quaradaves, Johannes dazu, der unter ſeiner Leitung die heilige Schrift ſtudirt hatte. Gallus wohnte ſeiner Weihung in Konſtanz bei und benutzte dieſe Gelegenheit, um die Liebe Gottes, die ſich in der Schöpfung und Erlöſung geoffenbart, den Gemüthern der neuen Chriſten zu ſchildern. Er betrat mit Johannes die Kanzel, und dieſer dolmetſchte ins Alemanniſche, was Gallus lateiniſch vorgetragen. Seine uns noch aufbewahrte Rede athmet den Geiſt der reinſten chriſtlichen Erkenntniß und Liebe. Als der fromme Apoſtel mit des Herzogs reichlichen Ge⸗ ſchenken nach Arbon zurückgekehrt war, verſammelte er die Dürftigen um ſich und vertheilte die Geſchenke alle unter ſie. Der Amtmann des Herzogs, zu Arbon, mußte auf Gunzo's Befehl mit allem Volke nach St. Gallus Zelle aufbrechen, und ihm dort Wohnungen bauen und zu recht machen. Friedburg, die geneſene Tochter des Herzogs, zog ſtatt der Hochzeitkleider Nonnentracht an, in ſolcher Geſtalt ſand ihr königlicher Bräutigam ſie an dem Altar, wo ſie getraut werden ſollte und deſſen Hörner ſie, wie ſchutzflehend, Colligit LVillimarus Presbyter Christo carus, Pergit hinc Frigantium Grex gentes baptizantium. Columbanus amplum Hic Christo sacrat templum Docet parvum clerum Cantare Deum verum. Latro Sigibertum Trucidat hinc et Placidum Fugiunt Italiam In terram procul aliam. Gallus infirmatur Et vid retardatur. Repetit febricitans Arbonam Convalescit Gallus Verum.(5) mox avidus Dux ſit Hildebaldus Occurrit lIocus commodus. Clamant damna Daemones. Retentant Gallum febres Gallus ſagt; hingefallen: Noli sustinere Libet hic jacere. Panem dedit bestiae Mirabilis modestiae. Ducis sanat ſiliam etc. Exit ore torvus Colore tanquam corvus. Offert Sancto dona Pro morte(2) virgo sana, Quae dispersit protinus Dedit et pauperibus u. ſ. geft he ſpuch gßen. ihn ein, ſem m Künz die 5 Nrg Alfther Wehan 87 gefaßt hatte. Ich trete dich deinem himmliſchen Bräutigam ab, ſprach der fromme König Sigibert, ergriff ihre Rechte und legte ſie auf den Altar. Dann verließ er die Schwelle des Tempels; aber— fügt der Erzähler hinzu— Thränen verriethen das Leiden ſeiner verborgenen Liebe. Der heilige Gallus beſtellte unterdeſſen in ſeiner Einöde, die er vom Kämmerer des Königes Talto und dem Könige ſelbſt als Eigenthum erhalten hatte, ſeinen Acker an der Steinach, baute ein Gotteshaus und darumher Zellen für zwölf Brüder, die er allmählig um ſich verſammelt hatte, Lange Zeit diente er hier Gott, aber nicht mit träger Beſchaulichkeit, ſondern er ſuchte weit herum in ihren Wohnplätzen die Leute auf, lehrte, predigte, heilte, ſtieß die Bilder der Götzen um und brachte das Volk durch Ueberredung von ihrem Dienſte ab; ſo daß er den verdienten Beinamen eines Apoſtels der Alemannen ſich erwarb. Erſt im höchſten Alter ſollte er ſeine Laufbahn da enden, wo er ſie begonnen hatte. Auf die Bitte ſeines Freundes Willimar ſtieg der 95jährige Greis, in der Kühle des Spätlings, noch einmal herab nach Arbon an den Bodenſee, und predigte dort am Sankt Michaels Tage zur großen Erbauung des Volkes. Nach dieſer Anſtrengung überfiel ihn ein heftiges Fieber, an dem er vierzehn Tage lang krank dar⸗ niederlag. Als nun im benachbarten Konſtanz ſein Schüler und Freund, der Biſchof Johannes, von der Krankheit des heiligen Greiſes hörte, beſtieg er ein Schifflein, beladen mit Speiſe und Trank, wie ſie für Kranke dienlich ſind, und ruderte auf Arbon zu. Als der Nachen ſich dem Hafen des Lagers näherte,(ſo hieß der Ort noch immer von der Römerzeit her), hörte er aus dem Hauſe des Presbyter die Todtenklage herüber ſchallen, denn der Fromme war verſchieden und ſein Leichnam lag im Sarge. Da ließ den Biſchof der Schmerz nicht warten, bis der Kahn das Ufer erreichte; er ſtürzte ſich mit ſeinen Begleitern in den See, ſchwamm ans Ufer, eilte in das Trauerhaus und warf ſich laut weinend über die Leiche ſeines Lehrers. Hierauf ſetzte er den Leichnam unter dem Zuſtrömen unzähligen Volks in der St. Gallen Zelle bei. In kurzem wallfahrtete alles Volk dahin, als zum Grabe eines Heili—⸗ gen; die Sage trug ſich mit Wundern, die der Todte verrichtete, und Vergabungen aller Art wurden an die Zelle gemacht. Als Vorſteher des Stiftes folgten dem Hingegangenen der Diakon Stephan und dieſem der Prieſter Magulf. Die Brüder lebten nach St. Columbans Regel. Der Schüler Galls, Magnoald, 2282 gründete zu Füßen(ad Fauces) ein Kloſter. St. Galls Zelle wuchs, jedoch mäßig, durch Vergabungen aus dem Breisgau und aus Schwaben. Der Herzog Gottfried von Alemannien N. C. 708. ſelbſt beſchenkte es(ums J. 708 n. Chr.) nicht kärglich. Aber die kriegeriſchen Ueberfälle der Franken ließen die Stiftung, vielleicht zu ihrem Heile nicht allzuraſch gedeihen. Denn ſchon vierzig Jahre nach dem Tode des heiligen Gallus verwüſtete, nach Ermordung Königs Dagobert II. ſein Majordomus Ebroin, nach andern Otwin genannt, den Auſtraſien nicht als Herrn aner⸗ kennen wollte, das Thurgau und ſtreifte bis Konſtanz und Arbon. Die Einwohner des letztern Fleckens flüchteten zu den Schülern St. Galls. Aber der Hauptmann des Hausmajers, Erchenwald, verfolgte ſie dorthin, führte ſie gefangen fort, und grub in dem Gotteshauſe nach ihrer geflüchteten Habe: Hinter dem Altar ſtieß er endlich auf ein hohles Gewölbe; er ließ es öffnen und zog eine verſchloſſene Kiſte ans Licht; ſtatt der Schätze fand er mit Entſetzen die Gebeine des heiligen Gallus darin; plötzlicher Wahnſinn und gräßliche Krankheiten ſchlugen den Räuber; die Reſte des Frommen ließ der Biſchof Boſo von Konſtanz wieder in ihrer Ruheſtätte beiſetzen. Noch einmal wurde die Zelle über⸗ fallen: einmal(n. Chr. 709), als Pipin von Heriſtall die Söhne Herzogs Gottfried von Alemannien bekriegte, das andremal durch den Grafen Viktor von Rhätien, der jedoch durch zweckmäßige Gegenanſtalten abgetrieben ward. Unter Pipins Schutze gedieh S. Galls Stiftung und freute ſich anſehnlicher Schenkungen (747 n. Chr.) Die Kultur ſchritt in dieſem Zeitraume am Bodenſee nur langſam vorwärts und außer den benannten Orten erſcheint als neue Anſiedlung nur der Hof Roſchach und Raitnau(Betti- nauwia N. CLI. CLXII.) bei Lindau. Im Arboner Forſte, oder dem Berglande zwiſchen dem Sitterfluß und dem Rheine zeigte ſich noch keine Spur eines angebauten Ortes. Selbſt die Namen der Berge und Flüſſe ſcheinen jung zu ſeyn; ſie ſind alemanniſch, nicht rhätiſch, die meiſten von ihren Urbewohnern, den Bären und Wölfen, entlehnt. Allmählig jedoch entſtanden um dieſe Zeit aus der Hirtenwohnung, die S. Galls Zelle in der Wildniß anlegen ließ, angebaute Orte. Die Kultur beſchränkte ſich auf den * Unter den vielen Donatoren erſcheint auch einer Namens Suab aus dem Nibelgau im Jahr 802. Neug. C. CXLIII. Uhen N Hier mn o kint Juſ de daß heh fonthun Die loch ein Gubiete Eitlas, t ltſ Feldbau: Haber war die älteſte Getraidegattung, die in dieſen Gegenden gebaut wurde, Habermuß das erſte und älteſte Nahrungs⸗ mittel. Bier, Meth und Schotten waren der gewöhnliche Trunk; das Obſt reichte nicht, Moſt daraus zu preſſen: an Weinbau ward noch nicht gedacht. Viel bevölkerter und angebauter finden wir um dieſe Zeit das Rheinthal. Die Moräſte waren größtentheils ausgetrocknet; der Strom eilte in begränztem Bette dem See zu. Auf dem Moor⸗ lande ſtanden Wälder, meiſt Eigenthum des Königs. Neben rhä⸗ tiſchen und römiſchen Anſiedlungen, erſcheinen rheinabwärts immer mehr deutſche Namen: der ſchmale, nie verſumpfte Thalſtrich, am Fuße der Bergeskette hin, lockte Einwandrer an ſeine friſchen Quellen, die von den Gebirgen herabrieſelten. Es waren dies vielleicht Nachkömmlinge alter Celten oder Germanen, welche von den Rhätiern früher thalaufwärts gedrückt worden waren und die jetzt als Leibeigene mächtiger Herren oder der Gallszelle erſcheinen. Das Thal dies⸗ und jenſeits des Rheines führte den gemeinſchaft⸗ lichen Namen Rheingau. Zu den erſten deutſchen Plätzen, die hier angebaut wurden, gehört Altſtädten*(Altstadium) und, an einem Mark- oder Gränzbache ſeines Bezirks der Hof Marbach. Auch der Flecken Rangkwil, der ſich ſo lieblich an den Waldſaum des beginnenden Hochgebirges lehnt, erſcheint ſchon zu Anfange des ſiebten Jahrhunderts mit einem freien Landgerichte, deſſen Gerichts⸗ barkeit bis nach Seckingen am Rhein herunterreichte. Bei dem erſten Aufſtande der Alemannen gegen die fränkiſchen Hausmajer ſcheinen die Bewohner des Boden⸗ NC. 709— ſees ruhig geblieben zu ſeyn(709—712 n. Chr.). Sie 2724. hielten es mit Pipin gegen Herzog Gottfried von Ale⸗ mannien; aber dieſer verheerte dafür alles Land um den See. Beſonders treu blieb den fränkiſchen Beherrſchern das helvetiſche Alemannien unterworfen. Unter ihrem Schutze wurden, ſelbſt an der unſichern Gränze der Aufrührer, neue Anſtalten für das Chri— ſtenthum begründet. Die jetzt ſo liebliche Reichenau war damals(724 n. Chr.) noch ein von ſchädlichem Gewürme bewohntes Eiland, das in dem Gebiete eines auſtraſiſchen Landvogtes Namens Sintleoz(Sintlac, Sintlas, Sintloch) lag, der gegenüber, auf einer wahrſcheinlich Altſtätten heißt eine Ruine; wo der Namen vorkommt, war allezeit früher eine römiſche Niederlaſſung. 2* * E E 90 von ihm benannten Burg(ſpäter Sandeck genannt) oberhalb Bernang am Unterſee, ſeßhaft war. Sie hieß ſchlechtweg die Aue, auch die Sintlas-Au.?“ Dorthin ſchickte der auſtraſiſche Haus⸗ majer Karl Martell den helvetiſchen Biſchof Pirminius aus Pfungen oder Winterthur, um eine chriſtliche Pflanzſtätte zu gründen.““ Er war ihm von zwei mächtigen Alemannen Berthold und Nebi, einem Sohne Houchings und Enkel Gottfrieds von Alemannien, empfohlen worden. Der Biſchof erhielt von Sintlas Wohnung, reinigte das Eiland von den Schlangen, und gründete eine Abtei. Wenn die Schenkung Karl Martells an dieſe Stiftung ächt iſt, ſo erſcheinen in dieſer Gegend um den Unterſee jetzt die ſchwäbiſchen Dörfer Marcolfingen, Alohosbach(Allenſpach), Kaltebrunn Almanns-Montescurt(Allmannsdorf) und Erfmuottingen (Ermatingen), die dem neuen Kloſter mit Land und Leuten vergabt wurden. Karl ſtellte das Stift unter den Schutz des Herzogs Luitfried von Alemannien und eines Grafen Beroald. Aber ſchon nach drei Jahren wurde Pirminius von einem gebornen Feinde Auſtraſiens Theodebald Gottfrieds von Alemannien Sohn, gezwungen ins Elſaß zu fliehen(727 n. Chr.) und nach N. C. 727. drei Jahren auch ſein Stellvertreter Hatto nach Helvetien verbannt. Aber Karl Martell verjagte den gewaltthätigen Alemannen und ſtellte Abt und Stiftung wieder her. Pipin und Karl der Große beſtätigten die alte Schenkung. So ſehen wir innerhalb 125 Jahren an dem Seeufer, deſſen Wälder noch nicht gelichtet ſind, wo die alten römiſchen und rhätiſchen Städte alle in Trümmer liegen und nichts Neues an ihre Stelle getreten iſt, wo der Alemanne noch auf ſeine Fauſt lebt und nie⸗ mand weiß, wer herrſcht und wer gehorcht, drei wohlgegründete Pflanzſchulen des neuen Glaubens aufblühen.* Zwar erſcheint der Wahrheit noch der gröbſte Aberglaube beigemiſcht, aber doch wäre es ſehr ungerecht und einſeitig geurtheilt, wenn wir ſchon in jenen erſten Anfängen eitel Pfaffenbetrug und Selbſtſucht vermuthen wollten. Ein Gallus, ein Columban, ein Johannes von Konſtanz, ein Pirminius waren gewiß von reinem Eifer für die heilige Sache begeiſtert, die ſie im Ganzen und Großen begriffen hatten. Sie Sintleozesaugia in pago Untresinse. Neug. C. CLXXXVIII. Dipl. Ludw. Fr. von 816. Sintilleozas Auua noch im Jahr 905. C. DCXL. Pirminius war wahrſcheinlich auch ein Schotte. Konſtanz erzog ſchon eingeborne Miſſionäre, einenMummolin und Ebertramn Ceug Ep. p. 38) dachten n. ſchulen defen ſ ſein E ſilbemn ſo fulb gebrnice an Ws Rflatzen ſürmiſc Mfez 9 Aungen llterſen. Ale Un St. don den gudhar 91 dachten nicht an ſich ſelbſt; auch bei der Gründung ihrer Pflanz⸗ ſchulen dachten ſie noch nicht an die Schenkungen der Großen, die dieſen ſo bald und ſo reichlich zugefloſſen kamen. Als der heilige Gallus Gonzo's Geſchenke zu Arbon den Armen austheilte, ſprach ſein Schüler Magnoald zu ihm:„Vater! hier habe ich noch ein ſilbern Gefäß, mit eingegrabnen Bildern ſchön geſchmückt: willt du, ſo ſtell' ich es bei Seite, damit wir es beim heiligen Meßopfer gebrauchen mögen!“„Mein Sohn,“ antwortete Gallus„gedenke an das Wort Petri, das er zu dem Gichtbrüchigen ſprach, der Geld von ihm verlangte: Gold und Silber haben wir nicht. Du, daß du nicht, uneingedenk des heilſamen Beiſpiels erfunden werdeſt, ſorge, daß dein Gefäß den Armen gegeben werde. In ehernen Gefäßen pflegte mein Lehrer Columban das Meßopfer darzubringen, ehern waren die Nägel, mit denen der Erlöſer am Kreuze geopfert ward.“ Dies war die Geſinnung jener Männer. Aber dieſelben Hände, die das Gold von ſich wieſen, ſchämten ſich der harten Feldarbeit und andrer Geſchäfte nicht, welche die Wohl— that geſelliger Bildung für dieſe finſtern Gegenden vorbereiteten: Mönche treiben Viehherden aus, Mönche gehen am Pfluge; Mönche pflanzen Obſtbäume, ſpannen die Seegel aus und zwingen den ſtürmiſchen See; Mönche ſtehen am Ufer mit dem ſelbſtgeflochtenen Netze; und theilen den Hungrigen den Fang aus. Zugleich mit den Klöſtern ſteigen auch neue Woh⸗ nungen weltlicher Herrn am See empor. An ſeiner N. C. 750. unterſten Zunge ſpiegelt ſich auf den ſüdlichen waldigen f. Hügeln ein Flecken und Pallaſt in den Waſſern, der vom deutſchen, vielleicht uralten Namen des See's, den ſeinigen, Bodam (FPotamum, potama, Bodemen, Bodmann) führte. Es war eine Luſtwohnung der frankiſchen Könige. Noch ſüdweſtlicher, am Schluſſe des Zellerſee's, wo der Rhein ihn wieder verläßt, ſtand bei dem jetzigen Eſchenz, vielleicht auf römiſchen Grundmauern, das ländliche Schloß eines mächtigen Alemannen, Gotzbert. Beide Orte werden zuerſt in der Verfolgungsgeſchichte des frommen Abtes von St. Gallen, des edeln Alemannen Othmar genannt. Dieſer, von den Verwaltern Alemanniens, den Gaugraſen Warin und Rudhard und dem Biſchofe Sidonius? in Konſtanz verfolgt und Dieſer ſoll auch ſonſt ein Barbar geweſen ſeyn, und namentlich die von Biſchof Ehrenfried in der Abtei Reichenau(deren Aebte beide waren) zurückgelaſſenen Lodices, zum Privatgebrauche verwandt haben. Neug. Fp. p. 76 geſangen, wurde von Lambert, einem ungerathenen Mönche ſeines Kloſters, des Ehebruchs beſchuldigt und vor das Gericht des Biſchofs geſtellt. Zu reden gezwungen, antwortete er:„Ich bekenne gern, daß ich viele große Sünden begangen haben mag; wegen dieſer Beſchuldigung aber rufe ich Gott, der in mein Innerſtes ſchaut, zum Zeugen.“ Die Synode verurtheilte ihn dennoch, und er wurde nun im Gefängniſſe des Fleckens Bodam, neben dem königlichen Palaſte, mit Einſamkeit und Hunger geauält. Nur heimlich und bei Nacht brachte ihm ein treuer Bruder ſeines Kloſters Nahrung. Endlich wurde er von dem feindſeligen Fürſten ſeinem ſtillen Ver⸗ ehrer Gotzbert anvertraut, auf deſſen Inſel Stein er ungeſtört frommen Uebungen oblag, aber bald dort ſtarb und als Gefangener dort beerdigt wurde(759 n. Chr.). Nach zehn Jahren holten die Mönche St. Gallens ſeinen Leichnam, den man unverwest fand, in ihr Kloſter ab; ſein Gefängniß ward in eine Kapelle verwandelt. Das Kloſter zog die ihm entriſſenen Beſitzungen wieder an ſich, der Biſchof Sidonius, der den Stuhl von St. Gallen uſurpirt hatte, war am Altare des heiligen Gall mit der Ruhr geſchlagen worden, und jählings geſtorben, 100 Jahre nach ſeiner Verurthei⸗ lung wurde der fromme Othmar heilig geſprochen. Nach Unterwerſung Landfrieds und der andern alemanniſchen Aufrührer, gab Karl Martell Auſtraſien und Schwabenland, zuſammen Alemannien genannt, ſeinem Erſtgebornen Karlmann (727 n. Chr.), gegen den der Herzog Theodebald noch eine Zeitlang ankämpfte. Nach des letztern Tode vernichteten die Haus⸗ majer Karlmann und Pipin alle Herzogsgewalt in den Provinzen (750 n. Chr.): nur Rhätien erſcheint mit dem neuen Titel: curiſches Herzogthum. Bis hierher war die Verfaſſung folgende geweſen: Unter den vier Herzogthümern des fränkiſchen Reichs Aleman⸗ nien, Franken, Baiern und Sachſen, war Alemannien das mächtigſte, von den deutſchen in der Landesſprache ſchon damals Schwaben genannt. Es begriff mehrere Grafſchaften(pagos, comitatus) unter ſich, die wieder in Zenten GSuntar, Marken) getheilt waren. Das ſchwäbiſche Ufer des Bodenſees hieß das Linzgau und erſtreckte ſich fünf Stunden landeinwärts; zuweilen ſcheint auch das Rheingau zum Linzgau gerechnet worden zu ſeyn oder floſſen doch die Gränzen in einander, denn Höchſt am Einfluſſe des Rheines in den See, das zu Ende des achten Jahrhunderts genannt wird, lag im Linzgau. Sonſt kommen noch ſüdliche Focholte Wllet (uunti der Gan Uutde die nem G inner die Dab DU0 Iu nn 93 das Arbongau und der Gau Unterſee UUnthar see N. C. CCCXIV.) als pagi vor. Doch waren dieſes wie das Hegäu, das Kleggau, wohl nur große Zenten. Bei Bodmeann ſchloß ſich das Linzgau, und fing die Bertholdsbaar an, welche die ſüdliche Abdachung des Schwarzwalds begriff; an ſie ſchloß ſich die Focholtesbaar bis gegen Ulm. In dieſer Gegend mehr öftlich, lag auch das Nibelgau, von dem Flüßchen Nibel(ſo heißen die vereinigten Bäche Eſchach und Aach) ſo genannt und früher fälſchlich in der Gegend von Feldkirch geſucht. Im Nibelgau lagen die Höfe Leutkirch, Wangen, Memmingen und Biberach. Das Albegau(Algäu) zog ſich nach der Gegend von Kempten hin. Um den Fluß Argen(Arguna) war das Argung au. Jede Gaugrafſchaft hatte ihren Gaugrafenz jede Zent ihren Zentrichter, ſchon im achten Jahrhundert Schulthais Geul- thaizeo) genannt. Alle wichtigen Staats-Verwaltungsgeſchäfte beſorgten Jene, alle geringen dieſe. Viermal jährlich viſirten königliche Kommiſſäre(missi dominici), ein Biſchof und ein Graf, die ſämmtlichen Bezirke; zuweilen wurden außerordentliche Ver⸗ walter vom Könige in die Grafſchaft geſchickt, Kammerboten (uuntii camerae) oder Pfalzgrafen genannt. Alle 14 Tage ſaß der Gaugraf und ſein Stellvertreter unter freiem Himmel zu Gericht und nahm dazu aus der Nachbarſchaft zwölf Beiſitzer. Zeugen, Eidſchwüre, Feuer- und Waſſerproben, auch der Zweikampf ent⸗ ſchieden. Gegen Blutrache, wenn ſie abgekauft war, ſchützte der Graf. Die Klöſter waren von den Gaugrafen unabhängig, urſprüngliche Herrn über ihre Güter und Leibeigene. Ihre Schirm⸗ vögte, deren ſie in jedem Gau, wo ſie Beſitzungen hatten, Einen aufſtellen, deſſen Amtsdauer vom Kloſtervorſtand abhing, übten mit dem Abte oder Biſchof die Gerichtsbarkeit im Kloſterbezirk, ertheilten Lehen, entſchieden über Krieg, ſchützten vor Gericht und im Nothfalle durch geſetzlichen Zweikampf die Rechte des Kloſters. Landrecht waren die alemanniſchen Geſetze, nur in Rhätien ließ ſich das römiſche Recht nicht verdrängen. In Alemannien ließ ſich Alles mit Gold büßen: der Reichere war dadurch Herr über das Leben der Armen; erſt durch die fränkiſchen Reichsverordnungen wurde die Todesſtrafe allgemeiner. Die Verträge wurden vor offenem Gerichte geſchloſſen. Die urkundliche Sprache war noch immer die lateiniſche. Das Volk beſtand aus Freien und Leibeigenen(Leuten). Jene waren im Beſitze des Lands, der Gewalt, der Ehre: aus 94 ihnen beſtand das Königsheer. Einen Mittelſtand bildeten die Freien, die ſich freiwillig zu Zinsleuten der Klöſter machten; um ſich vor den Bedrückungen der Großen zu ſichern, ſchenkten ſie einem Stift ihr Gut, nahmen es als Lehen von ihm zurück und zahlten jährlichen Zins(Vieh, Eiſen, Leinwand, öfter Früchte). Sie ſanken bald in den Zuſtand der Leibeigenen herab. Die Leib⸗ eignen machen den Herrn das Land urbar und bauen ihnen Fecken; ſie waren Hirten, Sennen, Schiffszimmerleute. Jeder beſitzt eine Hube, von der er Bier, Brod, Hausvieh, Eier, auch häufig Käſe und Friſchlinge(lunge Schweine) als Zins entrichtet; dazu frohnt er drei Tage in der Woche, der Mann mit Feldarbeit, das Weib mit Weben und Stricken. Der Herr kann dieſe Leute mit der Hube vertauſchen, ver— ſchenken, verkaufen, zu Lehen geben. Ein Leibeigner kann ſeine Freiheit erkaufen, ein verſchuldeter Freier kann Leibeigner werden. St. Gallen hat im achten Jahrhundert ſchon über hundert Leib— eigne, die theils im Kloſter Handwerker treiben, theils als Hirten und Sennen die äußere Familie bilden. Um den Bodenſee erſcheinen in der zweiten Hälfte dieſes Jahr⸗ hunderts meiſt von den Händen der Knechte neuangelegt Lindau, CLintauuia, Neug. C. LIX.) Romanshorn, Langenargen (Argona Neug. C. LIV.) Thüringen Ouringae Neug. Cod., XVII.) Otherſchwang(Athorinswanic Neug. IV.) Fi ſchbach C. LXXI.) Bermatingen(Bermuatingae N. LXXIV.) Mit⸗ tinbach(Mitten bei Waſſerburg.)(N. CXXII. vergl. CCXC) Waſſerburg MWazzarburuc.) C. LXXXVIII.) Wangen, Oeningen(N. CIII.) Eſchenz, Wil Ceug. XVIII.) als Höfe (curtes) mit Aeckern, Wieſen, Waiden, Wäldern. Die Gebäude ſind weitläufig: Wohnhaus, Saal, Speicher, Keller, Werkſtätte, Viehſtälle, jedes brauchte und hatte ſeinen eignen Bau. Die Huben(loba, mansus) ſind kleiner und nur von leibeignen Familien, aber auf ihre eigene Rechnung, angebaut.“ Das Kloſter St. Gallen erhielt wichtige Vergabungen von Vater, Sohn, Enkeln und Urenkeln Einer gräflichen Familie: Agilolf, Aſulf, Berthold, Chadalo, Wago, Ata, Regiſind. Dieſe vermachten dem Stifte das von ihren Vorältern gegründete Kloſter Marchthal mit andern dreißig Höfen und Huben. Dieſe Edeln Hobam 1. Koc est XI. jugera, curtem cum domo,. Urkunde vom Fahr 904 N. C. DexL. ſhen Re und hent Au 577% Al die 95 halten einige für die Altvordern der Grafen von Montfort, die angeblich noch zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts in jenen Gegenden Beſitzungen hatten. Nach Aufhebung der Herzogsgewalt ſchalten die königlichen Kammerboten in den Provinzen, beſonders als Verwalter der Ein⸗ künfte, die aus jährlich auf der Maienſammlung beſchloſſenen und dem Hausmajer übergebenen Geſchenken der Fürſten und Edeln beſtanden; im Uebrigen lebte der König von ſeinen Ländereien: ſeine Länderbeſitze mit Unterdrückung anderer großer Landesbeſitzer auszudehnen, war ſein Hauptbeſtreben. 4. Der Dodenſee unter den Karolingern. Nach Chr. 800— 900. Karl der Große, der ſich zum Herrn des fränki⸗ ſchen Reichs gemacht, ſuchte in dieſem, ſo gegliederten N. C. S00 und verwalteten Alemannien, zuerſt feſten Fuß zu faſſen. ff. An dieſen Mittelpunkt ſollten ſich alle germaniſche Völker zu Einem Reiche, deſſen Seele er war, verknüpfen. Er heirathete alemanniſche Frauen: Schwaben ſind ſeine beſten Kämpfer gegen Sachſen und Baiern, und leiteten in ſpätern Zeiten noch daher das edle Vorrecht, die erſten in des Deutſchen Königes Heere die Schlacht öffnen zu dürfen. Der ei rige Schutz, den Karl der Große den Klöſtern angedeihen ließ, führte ihn in unſere Gegend und zeigte ſein gefeiertes Haupt dem Bodenſee. Als er nach Rom ging, ſich die römiſche Kaiſerkrone aufzuſetzen, kehrte er mit ſeiner Gemahlin Hildegard in Konſtanz“ ein, ließ die Mönche von Konſtanz und St. Gallen vor ſich, und gewährte beiden ſchriſtliche Freiheiten, den letztern namentlich das Recht, ſich ſelbſt ihre Aebte zu wählen. Aber der Biſchof Johann von Konſtanz behielt den St. Galliſchen Freiheitsbrief und verfälſchte ihn; ſo daß St. Gallen erſt unter Ludwig dem Frommen zu ſeinem Rechte kam. Konſtanz beißt er ſchon beſtimmt eine Stadt, ihre Kathedrale heißt die Marienkirche. Diplom vom 8. März 780. Neug. C. LXXVIII. (die zweite Kirche S. Stephani erſcheint ſeit 851.) L 8 5 82 7 * 96 St. Gallen wurde im übrigen reich von Karl begabt; doch blieb es bis dahin dem Geiſte ſeines Stifters treu, und verſchmähte den weltlichen Prunk; denn als Karl ſeinen vatermörderiſchen, un⸗ ehlichen Sohn, den häßlichen Zwerg Pipin beſtrafen wollte, wußte er ihm kein ſchlimmeres Gefängniß anzuweiſen, als die Zelle des heiligen Gall, die ihm„ärmer und enger vorkam, als alle andere Oerter des weiten Reiches.“ Beſonders lieb war ihm das Kloſter auf der Au im Unter⸗ ſee,* das längſt unter einer friedlichen Reihe von Aebten blühte. Hildegards Bruder, ein Abkömmling vom Alemannen Gottfried, Gerold vom Buſſen(auf dieſem Berge ſtand ſein Schloß), einer der Heerführer und Schwager Karls des Großen, hatte dieſes Stift reichlich beſchenkt, und als er in der Hunnenſchlacht gefallen, war ſein Leichnam nach der Au geführt und dort begraben worden (798 v. Chr.). Ebendahin zog der Biſchof Egino von Verona, ein geborner Alemanne und blutsverwandt mit Karl dem Großen, baute da die untere Zelle und die Kirche des heiligen Petrus, und ſtarb daſelbſt im Jahr 802. Karl ſchenkte(wenn die Urkunde ächt iſt) dieſem Kloſter ſogar den königlichen Flecken Ulm. N. Ch. S00, Die beſondere Verwaltung Alemanniens hatte Karl ſeinem Sohne gleichen Namens übertragen, der aber vor ihm ſtarb. Das Land war noch immer von den Gränzen des Rheins, der Donau und des Maines eingeſchloſſen. Doch galt auch Helvetien, wo die fränkiſchen Könige große Erwerbungen gemacht, zum Theil als alemanniſch, ſogar bis an die Reuß. Um dieſe Zeit erblühte in unſerer Gegend ein Geſchlecht, das wir nach hundert Jahren zur Herzogswürde Alemanniens ſich em⸗ porſchwingen ſehen: das Geſchlecht der Burkharde. Als ſein Stamm⸗ vater iſt ein ungenannter Hausmeiſter Karls des Großen anzuſehen, deſſen Sohn Hunfried im Anfange des neunten Jahrhunderts, Rhätien und Iſtrien verwaltete und bald Graf, bald Herzog ge⸗ nannt wird. Nach ſeinem Tode fiel die Verwaltung Iſtriens ſeinem ältern Sohne Burkhard, die unſres Rhätiens dem füngeren, Adalbert, zu. Die Würde Adalberts erregte den Neid des benach⸗ barten Grafen vom Argenau, Ruodpert, deſſen Muhme Hilde⸗ gard, die Mutter Ludwigs des Frommen, war. Er benutzte ſeine Verwandtſchaft mit dem Kaiſer, und verſchaffte ſich die Erlaubniß, jenen Adalbert aus ſeiner Verwaltung zu vertreiben. Man griff *Daß das Kloſter einſt ächte Privilegien von Karl dem Großen beſeſſen, ſ. Neug. Cod. I. p. 160. not. uch un In aſte des git Manen, 000—80 Uor Heyg Athunder dotf hig Aonnd, ein Ic U leber Auchömmer zu den Waffen. Aber Adalbert hatte aus Iſtrien von ſeinem Bruder Burkhard Unterſtützung erhalten, griff ſeinen Gegner bei Zizers an und ſchlug ihn in die Flucht. Ruodpert ſuchte ſich durch die Schnellig⸗ keit ſeines Roſſes zu retten, er ſtürzte im Fliehen und gab vom Sturze ſeinen Geiſt auf. Da handelte Adalbert, wie ein chriſtlicher Held ſoll; er erbarmte ſich über den Leichnam ſeines Feindes, legte ihn auf eine Bahre und ließ ihn nach Lindau tragen, wo er ihn mit allen geziemenden Ehren beſtattete. Dieſen Adalbert macht die Sage zum Gründer des uralten Fräuleinſtiftes zu Lin dau. Er war auch Graf in Thurgau und Arggau, und ſtarb im Jahr 846. Sein Sohn Adalbert, der Erlauchte, war noch unter Karl dem Dicken, Graf in der Bertholdsbaar und im Thurgau. Der Sohn dieſes zweiten Adalberts, Burkhard, heißt Fürſt und Graf der Alemannen, und Burkhard der Enkel und der Urenkel werden mit der Herzogswürde in Alemannien bekleidet. Ja Hermann der Lahme nennt ſchon den erſten Burkhard Herzog. Ein andres, weltberühmtes Geſchlecht, das der Welfen, nahm auch um dieſe Zeit und zwar in unfrer Gegend ſeinen Urſprung. Der erſte Welf, den wir kennen, war ein angeſehener Graf Karl des Großen. Sein Enkel, ein Sohn Ethiko's, auch Welf mit Namen, war Gaugraf im Argengau am Bodenſee vom Jahr 850— 858. Der Nachkomme dieſes letztern im ſiebenten Gliede war Herzog Welf von Baiern, der im erſten Jahre des zwölften Jahrhunderts ſtarb. Die Stammburg des Geſchlechtes war Alt⸗ dorf bei Ravensburg. Am Ende des zehnten Jahrhunderts war Konrad, ein Welfe, Biſchof von Konſtanz. Doch zurück zu unſern Karolingern. Ludwig der Fromme, Karls Sohn, liebte unſre N. Eh. 814 Gegendz er pflegte hier der Jagd- und Landluſt auf den königlichen Maierhöfen; in ſeinem Palaſte zu Bodoma GBodman) am See feierte er im Jahr 839 Oſtern. Seine zweite Gemahlin Judith war aus einem edlen ſchwäbiſchen Hauſe. Ueber Alemannien entſtand die erſte Fehde unter Karls Nachkommen; und nachdem Lu dwig im Kriege mit ſeinen Söhnen geſtorben war, und Lothar, der älteſte, ſeine Brüder unterdrücken wollte,“* ließ Ludwig Ul., die Sachſen, Thüringer und Alemannen S. beſ. ſeine Diplome zu Gunſten Reichenaus vom Jahr 816. Neug. C. CLXXXVIII. und St. Gallens vom Jahr 817. CXCI.. *Kurz nach einander erſchienen, von den Liedern der Mönche begrüßt, der Knabe Karl der Dicke und Lothar, der älteſte Bruder, als ephemer⸗ Serren Alemanniens zu Reichenau. Schwab, Bodenſee. 7 4 1 * * 7 98 ſich huldigen. Der Bodenſee wurde Zeuge dieſes Bruderkrieges. Lothars Heer wurde bei Bregenz„auf rhätiſchem Boden“ geſchla⸗ gen, und Ludwig vereinigte ſich mit ſeinem Bruder Karl. Beim endlichen Frieden erhielt Ludwig II. Alemannien bis N. Eb. 545. an den Rhein(843), und ließ ſich jetzt in den Urkunden König der Alemannen nennen. Dieſes alemanniſche N. Eh. 565. Königreich übergab er noch lebend( im Jahr 865) ſeinem jüngſten Sohne Karl dem Dicken, der ſich nach des Vaters Tode, und langen Kriegen mit ſeinen Brüdern, bei der Theilung des Reiches(n. Chr. 875) den Beſitz deſſelben bis an die Alpen ſicherte. Und dieſes Alemannien gab dem römiſchen Reiche ſeinen Kaiſer. Karl hielt ſich gerade im Lande auf, als die Nachricht von ſeines Bruders Ludwigs III. Tode(881.) ihn mit ſeinen Alemannen zum Aufbrechen vermochte. Er eilt in die Lom⸗ bardei, wird Herr Italiens und vom Senat in Rom zum Kaiſer ausgerufen. Geſandte laden ihn auch auf den erledigten Franken⸗ thron und Karl verläßt Italien. N. Ch. 881. In Alemannien war ihm das Reich der Welt zuge⸗ fallen, in demſelben Lande wurde ſein Sturz vorbereitet, Er war krank aus Italien zurückgekommen; nur halb geneſen begab er ſich an den Bodenſee auf ſein Schloß Bodman im Oktober 881 (Potamus um dieſe Zeit in den Urkunden genannt N. C. DPXVIz; etwas ſpäter im Jahr 905 palatium Potamicum DCLIII); hier mußte er ſich einer Operation am Kopfe unterwerfen; an Leib und Seele geſchwächt, zog er dann gegen die in Norddeutſchland ein⸗ gedrungenen Normannen und machte ſich durch einen unglücklichen Feldzug und ſchimpflichen Frieden verächtlich. In Alemannien hauste indeſſen ſein vertrauter Rath Luit⸗ wart, Biſchof von Vercelli, als ein Tyrann und ein Wüſtling; die Alemannen erhoben ihre Klagen ohne Scheu; der Kaiſer mußte Luitwart verſtoßen. Dieſer, voll Erbitterung, ging zu Karls Feinden im Reich: Franken, Thüringer, Sachſen, baieriſche und alemanniſche Fürſten empörten ſich. Arnulph, ein natürlicher Sohn Karlmanns, ein tapferer Mann, wurde von den Fürſten auf den Thron erhoben. Beide Könige kamen nach Frankfurt vor die Fürſten. Aber alle gingen zu Arnulph über und in drei Tagen war der Erbe von Karls des Großen Weltmonarchie, er, den die Mönche aus Schmeichelei auch Karl den Großen genannt hatten, was er freilich leiblich war:— dieſer Karl war zum hungrigen Bettler geworden, der den Erzbiſchof von Mainz um Speiſe und Aunt. Lätre de LEAR fiäden Vahumd licher 6t585 N Uol St en Eoß A Nadoltt Nſem, z elle, 0 r fath 0 In de ifuugen DCLIII); 99 Trank anflehen mußte. Die Fürſten gewährten ihm einige Höfe Alemanniens, und da er den Mönchen immer„demüthig gehorcht, unaufhörlich Gebete und Pfalmen geſungen, milde Almoſen reichlich ausgetheilt und auf Gottes Gnade unermüdet gebaut““ ſo zog er, im Unglücke getroſt oder unempfindlich, in die Nähe der frommen Stifter, wo er oft unter großer Vertraulichkeit mit den Mönchen gelebt hatte; er wohnte jetzt fünf Meilen vom See zu Neidingen in der Bertholdsbaar und diente hier Gott andächtig, bis zu ſeinem Crielleicht gewaltſamen) Tode(13. Jan. 888.). Seine Leiche trug man nach der Reichenauz auf dem Wege ſchien ſich der Himmel zu öffnen und ein Lichtſtrahl fiel auf die Bahre. Er wurde in der tklirche neben dem N. Ch. 588. Altare der Jungfrau Maria bes Kadold, den Biſchof von Novara, den Bruder des Luitwart, der den Kaiſer geſtürzt, jammerte des Todten; er ſtiftete ihm auf der Au mitleidig eine Gedächtnißfeier. Obgleich die Alemannen mit Karls des Dicken Herrſchaft zu⸗ frieden zu ſeyn nicht Urſache hatten, ſo empörte ſie doch die ſchmähliche Behandlung, die er von ſeinen Gegnern erfuhr und ſein jämmer⸗ licher Tod. Am Bodenſee ſtellte ſich ſein Blutsverwandter, der Graf des Linzgau's und Argengau's Ulrich, und Bernhard der Abt von St. Gallen an die Spitze der Mißvergnügten; ſie unterſtützten den Sohn des entthronten Kaiſers, Bernhard, der Rhätien und Alemannien überſtel. Aber der Herzog von Rhätien, Rudolph, vertrieb ihn im Jahr 890 aus dem erſtern Lande, und erſchlug ihn im folgenden Jahr. Ulrich büßte ſeine Empörung mit dem Verluſte ſeiner Würde und ſeiner Güter, die der Abt von Reichenau, Hatto erhielt. Später kam Ulrich wieder zu Ehren, und alle Ungnade blieb auf dem Abte von St. Gallen laſten, der auch wirklich vom Stuhle ſteigen mußte und Salomo zum Nachfolger erhielt.— um die Mitte dieſes Jahrhunderts war der Alemanne Ratold oder Radolph, Egino's Nachfolger im Bisthum von Verona, gleich dieſem, in die Heimath zurückgekehrt und baute am Unterſee eine Zelte, aus welcher in der Folge die Stadt Radolphszell erwuchs. Er ſtarb im Jahr 874 und wurde dort begraben. Geiſteskultur am See. In dem neunten Jahrhundert waren die geiſtlichen Stiftungen durch reiche Gaben ſchnell gewachſen; aber N. C. 500 ff. Worte des Chroniſten Regänd ad a. 888. das religiöſe Leben wurde dadurch nicht gefördert, der Zwieſpalt der königlichen Brüder theilte ſich auch den Stiſtern mit und ſie hatten darunter zu leiden. Die Klöſter bekamen Streit unter⸗ einander, die Mönche mit den übermüthig und hart gewordenen Aebten. Das weltlichſte Streben offenbarte ſich in Konſtanz, das auf die Huld Karls des Großen trotzte. Auch das ärmere St. Gallen hob ſich jetzt aus ſeiner Niedrigkeit und machte ſich, beſonders von Karl dem Dicken begünſtigt, wieder von Konſtanz unabhängig. Unter der thätigen Aufſicht des Abtes Gotzbert ſtieg im Jahr 830 die neue ſtattliche Kloſterkirche empor, dann auch die übrigen Kloſtergebäude. Den Riß des für ſeine Zeit prächtigen Baues be⸗ wahrt die Kloſterbibliothek noch auf den heutigen Tag.„Man ſieht,“ ſchreibt ein fremder Augenzeuge davon,„an dem Neſte wohl, was für Vögel drin wohnen! Sieh nur die Kirche und das Kloſtergebäude an, und du wirſt dich über meinen Bericht nicht mehr wundern.“ Die Lebensweiſe der Mönche blieb indeſſen einfach; ſie lebten nach der Regel des heiligen Benedikts von Capua, die Othmar anſtatt der des heiligen Columbans eingeführt hatte, die aber für das nördliche Gebirgsland ſehr hart war. Ohne italiſche Früchte und Wein mußten ſie in ihren kalten Wäldern von Bier, Muß und Hülſefrüchten ohne Fleiſch leben, nach italieniſcher Weiſe zu Bette gehen und zweimal des Nachts im Chor fingen. Ihr Oberkleid war ſchwarz, die Kutte weiß, der Bart kurz, die Haare lang, mit runder Platte. Das Gelübde der Armuth kannten ſie jedoch nicht, nur das des Gehorſams. Zu Kloſtergeiſtlichen wurden Freie, ſeltner Leibeigne, ungern Hochadlige angenommen. Geſchäfte und Einkünfte waren unter die Kloſterbeamte getheilt. Verbrüderte des Kloſters waren oft Könige, Biſchöfe und Grafen. Die Einfalt der Lebensart beförderte das geiſtige Leben im Stifte. Und wirklich fing dieſes Kloſter an, die Pflanzſchule der Gelehr⸗ ſamkeit für die ganze gebildete Chriſtenheit zu werden, und das Licht der Wiſſenſchaft leuchtete vom Ufer unſers Sees in das dunkle Europa hinein. Der königliche Erzkanzler Grimoald, ein Gelehrter und großer Beſchirmer der Gelehrten, brachte ſeine letzten Lebensjahre daſelbſt zu, wo er ſtarb und begraben ward(822 nach Chr.). Der Mönch Hartmut hatte eine Menge theologiſcher Werke geſchrieben, als Abt ſchmückte er den Tempel von außen und innen und legte den Grund zur Kloſterbibliothek. Ein berühmter Lehrer dieſer Zeit Wot del. Grauoel Schule der Ste Man, ſcher un hreitetkt fungel“ erm Fätet! tram, Nein Nuſit ha erlfener chunde b0 Hänt ealcgſ kkann Die Aähtebe 19 Wo he war der Mönch Iſo, der nach Burgund berufen im Jahr 871 zu Granval ſtarb. Drei ausgezeichnete Männer gingen aus ſeiner Schule zu St. Gallen hervor: der erſte iſt der Mönch Notker, der Stammler, angeblich aus dem Geſchlechte der von Elk, ein Mann, ſchwach von Leib, aber ſtark von Geiſte; er ſang in deut⸗ ſcher und lateiniſcher Sprache, und der lateiniſche Urtext des allver⸗ breiteten Liedes:„Mitten wir im Leben ſind mit dem Tod um⸗ fangen“ wurde von ihm, als er in der Wildniß im Martinstobel eines plötzlichen Sterbefalls Augenzeuge war, gedichtet. Er eignete ſeine Lieder dem Erzkanzler Karls des Dicken zu und machte dieſen dadurch zum Wohlthäter des Kloſters; Notker ſtarb im höchſten Lebensalter, 912ů n. Chr. Der zweite Schüler Iſos war der Mönch Ratbert, ein ernſter, ſtrenger Stubengelehrter(T 902); der dritte Tutilo, ein Dichter, Muſiker und kunſtreicher Arbeiter in Schnitzwerk, ein Mann von Athletengeſtalt, wandrungsluſtig, weithin der Länder und Städte kundig, aber durch ſeinen tugend⸗ haften Wandel eine Zierde des Stiftes. Seine Leibesſtärke brauchte er, um Aergerniß zu verhindern und Räuber zu beſtrafen. Etwas ſpäter blühte der Abt Hartmann, der geiſtreiche Tonſetzer Wal⸗ tram, der berühmteſte Schönſchreiber in Deutſchland, Sintram— Im Allgemeinen verſtand und las man in St. Gallen Deutſch, Latein und Griechiſch, übte ſich in ider Dicht- und Redekunſt, der Logik, Muſik, Sternkunde, Arzneikunſt; zeichnete, malte, ſchnitzte, verfertigte Kunſtwerke in getriebener Arbeit. Den Unterricht in der Muſik hatte den Mönchen ein von Karl dem Großen nach Metz berufener und in St. Gallen erkrankter Römer ertheilt. Eine Hauptbeſchäftigung war das Bücherabſchreiben auf die zum fei n⸗ ſten Pergament verarbeiteten Häute ihrer wilden Thiere(in den Wäldern hausten noch immer Bären). Die merovingiſchen und lombardiſchen Schriftſchnirkel gingen allmählig(ſeit 820) in die edlere karolingiſch-römiſche Schrift über. So entſtanden noch heute bewunderte Prachtwerke voll Kunſt, bei welchen ſie ſich einander in die Hände arbeiteten. Das Verdienſt dieſer Bücherabſchreiber für theologiſche, klaſſiſche und vaterländiſche Literatur kann nicht genug anerkannt werden. Die deutſche Sprache fing erſt an in dieſem Jahrhunderte geſchrieben zu werden, zuerſt in kleinen Wörterbüchern, dann in In Rhätien war das Latein großentheils Landesſprache(wahrſcheinlich, wo heutzutag das Romaniſche herrſcht), Oinnes Romant et Alamcinmmi ſagt eine Urkunde vom Jahr 920.(NJeug. C. DCCy). 102 überſetzten Sätzen, dann im Vaterunſer, im Glauben, in Previgten. Die früheren Runen hatten lateiniſchen Buchſtaben Platz Die St. Galliſchen Mönche waren die erſten, die die vate Sprache ausbildeten: Ratbert machte ein deutſches Volkslied 0 den heiligen Gall. Die Schulen St. Gallens theilten ſich nach Reichsgeſetzen in äußre, für Fremde und Laien, in innre für künftige Mönche. Die Ruthe, be tergeiſtlichen die Geißelung, iſt eingeführt. Die Lehrer ſtanden mit den Gelehrten und Großen des Jahrhunderts in ſtetem Brieſwechſel. Konſtanz kam dem Beſehle Karls des Großen, daß in allen Klöſtern Knabenſchulen errichtet, Grammatik, Geſang und katholiſche Literatur gelehrt werden ſollte, nicht ſo raſch nach. Der Biſchof Egino ſorgte für koſt r, Salomo 1. war der Lehrer des berühmten Otfried; daß ſie aber Schul⸗ en gehalten oder geſt iſtet, wird nicht geleſen. Erſt im Anfange des zehnten Jahrhunderts erhielten zum geiſtlichen Stande beſtimmte Jüglinge nothdürſtigen Unterricht vom Kollegium der Kanoniker, und vor der Mitte des zwölften Jahrhunderts findet man keine ordentlichen Lehrer zu Konſtanz. Deſto früher keimte die Blüthe Reichenau. Hier war ſchon vor Abl eine Schule errichtet worden und die Männer auch aus der Ferne hatte für 8 aus verſchiedenen Sprachen ge bis auf die neueſten Zeite Namentlich hatte ein Angelſ⸗ auf der Au geworden 1 desſprache bereichert. Aber an di 0 iſchof Egino von Konſtanz, wie einſt Si ge Die Mönche der Au pflegten beſonders auch der late die ſie freilich barbariſchen Formen und dem Re öthigten. Einer der ausgezeichneteren Gel lehrten Hetto, zugleich Bi⸗ ſchof von Baſel(um 806), V Karls des Großen, der ihn auch zu einer wichtigen Se onſtantinopel verwandte. Nachdem Hetto an Er und Reginbert vortreffliche Schüler gebildet, legte er ſeine beiden 63 nieder und lebte bis zu Tod als blo 6 In der Folge blühten Tatto, und vor allen of 81755 ein Alemanne von niedrer Geburt, in ſeiner Jugend Zuhörer des KN elehrter Bildung auf der des 837 n Jahrhunderts vieler edlen liothek von Büchern mer vermehrte und er Mönch betähte er ſhlieb Velfel. und Wk de einem d licht ſe J geh 9 Jaltrat geehe lin Mme in Rotm 16 hun berühmten Rabanus Maurus zu Fuld, ſeit 842 Abt auf der Au; er ſchrieb ſehr viele Werke in ziemlich reiner Proſa und in antiken Verſen. Ihm verdanken wir das Leben St. Gallus und Othmars und damit unentbehrliche Hauptzüge der Zeitgeſchichte. Sein Kloſter war undankbar gegen ihn; den faulen Bäuchen ſeiner Mönche wäre es lieber geweſen, wenn er weniger ſtudirt und ſich mehr um ihr leibliches Wohl bekümmert hätte. Sie ſetzten ihn ab und er wan⸗ derte ins Exil nach Fuld; ob er je in ſein Kloſter zurückgekehrt, iſt ungewiß. Wahrſcheinlich ſtarb er auf einer Reiſe nach Frankreich im Jahr 849. Sein Schüler Ermenrich und viele andere Gelehrte gingen noch aus der Au hervor. Von dieſer Gelehrſamkeit in den Kloſtermauern ſtrahlte wohl mehr in die weite Ferne aus, als ſich in die nächſten Umgebungen verbreitete. Wenigſtens ſcheinen die Verſuche jener frommen und gelehrten Männer, das Volk an den Seeufern ſittlich und religiös zu bilden, mit wenig Erfolg gekrönt worden zu ſeyn; hart wie ihre derben Leiber, hart wie der ſteinigte und waldige Boden, den ſie urbar machen ſollten, und ſchwer zugänglich dem lebendigen Glauben war der Sinn dieſer rohen Alemannen. Dieß klagt Notker in einem des klaſſiſchen Alterthums würdigen Verſe.* Es war noch nicht ſo lange her, daß König Karlmann(im Jahr 743) ein Geſetz zu geben genöthigt war, das heidniſche Mißbräuche um fünfzehn Schillinge ſtrafte. Die niedrige Taxe beweist die Häufigkeit der Vergehung. Dennoch arbeiteten in ganz Alemannien, beſonders noch immer ſchottiſche, Miſſionäre, Nachfolger des heiligen Gallo, ein Fintan, ein Euſebius und Andre, unermüdet. Mit dem Anbau des harten Bodens ging es raſcher vorwärts. Die Ufer des Boden⸗ ſees ſchritten im neunten Jahrhundert fröhlich in der Kultur fort. St. Gallen war weit herum der volkreichſte Platz; von mehr als hundert Kloſtergeiſtlichen, zweihundert Leibeigenen, vielen Stu⸗ direnden und Verpfründeten bewohnt. Es beſaß Mühlen, Bier⸗ brauereien, einen Arznei-Wurzgarten, ein Gaſthaus; Werkſtätten, Wirthſchaftsgebäude, Viehſtälle umgaben das Kloſter; ſein Umkreis füllte das ganze Thal. Neben dem Kloſter läuft bis Arbon der Waltramsberg, den die Römer, von Arbon aus durch den Thal⸗ riß geſehen, wegen ſeiner runden Kuppe mons rotundus nannten, ein Name, den er lang in Urkunden behalten und die ſpätre Zeit in Rotmonten verkürzt hat. * So Goldaſt, die ganze Sage beſtreitet Neug. Episc. p. 154— 156. (Sc. gens) Dura viris, et dura ſide, durissima gleba. NEN 7 104 Auch unmittelbar am Ufer des Bodenſees drang die Kultur überall durch. Bald wird das edle Gewächs, das mit ſeinen Ran⸗ ken jetzt den ganzen See umſchlingt, einheimiſch an ſeinem Ufer, und ſein lichteres, hoffnungsvolles Grün tritt an die Stelle der finſteren Wälder. Um Bodinchhofen GBottikhofen) blühen ſchon im ſiebenten Jahrhunderte die Reben; auf dem Hofe Goldach im Arbonerzent treiben freie Zinsleute des Kloſters St. Gallen um die Mitte des neunten Jahrhunderts Weinbau; bald darauf(um 896) erſcheint derſelbe auch um das dem Kloſter eigene Dorf Steinach, das ſchon eine Kapelle und eine Schiffslände hat. Die ſämmtlichen Seeufer füllen ſich jetzt mit Höfen N. C. 800. f. und Heimathen, in deren Namen allen man— freilich manchmal mit Mühe— die jetzigen Ortſchaften wieder erkennt. Zu den ſchon genannten geſellen ſichk am linken Seeufer un⸗ terhalb Bregenz: Lutaraha(Lautrach); Hohunſtati, eine große Villa am Rheine, die Bruck, Gaiſſau, Fuſſach, St. Johann-Höchſt Hochſtettharre marcho) und Rinisgemünden(Rheins⸗ gemünd, wo jetzt Alten-rhein) umfaßte. Ferner Steinaun(Stein⸗ ach), Coldaun(Goldach), Rorſcacum(Rorſchach), Salmaſach, wo einſt Salomo I. ein regulirtes Chorherrnſtift gegründet, das aber ſchon von Salomo III. nach Konſtanz verlegt worden war, aus Furcht vor den Ungarn; Uzzinwilare(Utwil), Chezzi⸗ wilare(Keßwil), Gutininga(Güttingen), Lanſalahe(Land⸗ ſchlatt), Mamburon(Mammern); wo der Rhein dem Unterſee entſtrömt; ferner Stamhaim(Stamheim), Steinigunecka Steinegg), Manen(Maningen). Die Ufer des Unterſees haben wir ſchon im vorigen Jahrhundert bevölkert geſehen. Das rechte Ufer des Oberſees hinauf erſcheinen neu: Walewis(Walwies), Rammisperage(auf einem hohen Berge, drei Stunden von Ueberlingen, jetzt Ruine), Marakdorf(Narkdorf) und der Keran⸗ berg oder Görrinberg(Gerenberg), Manunzella(Manzell), Buachihorn(Buchhorn), Tetinane(Tettnang), Wangun (Vangen), Liutchurichun Ceutkirch), Wazzerburuk(Waſſer⸗ burg), jetzt ſchon mit einer Kirche, Liubilaa(Lieblach bei Lin⸗ thowe(Lindau), das ſchon ein bedeutender Ort iſt. *Aus den Urkunden bei Neugart(Cod. Diplom.) vom Verfaſſer zuſam⸗ mengeleſen. un Wahrſcheinlich mündete der Rhein damals mit mehreren Armen in den See. Muͤge f Flunin mitt kl Vom Mle Meilis Ouaral Aulht hatke 6 her lachm ſokun her der Uter Johe Sã 8 Tungt Authal ſelben 6 Das Ahrhund Mher Voiz ib. U3 105 Im Rheinthale blühen außer den früher genannten eine Menge theils deutſcher, theils rhätiſcher Orte; die vornehmſten ſind: Flumines(Flums), Amidis(Ems), Campeſias(Gambs) mit einer Kirche; ſeine Alp astra Kaesara läßt ſich ebenſowohl vom Alpenkäſe, als von den Castra Caesaris ableiten. Weiter: Meilis(Mels), Senovio(Schnüfis), Quadravedes oder Quaradaves(Grabs), in deſſen Nähe im Walde Salectum (Salez) ums Jahr 884 ein Alderam lebt; in Pugus Guchs) verkauft ein Wanno im Jahr 854 um zehn Schillinge einen Baumgarten. Nur hundert Jahre ſpäter(in einer Urkunde des Jahrs 967) erſcheint in dieſer Gegend ſchon das Geſchlecht als Gutsbeſitzer, das ſpäter unter dem Namen der Grafen von Montfort die ganze Gegend mit ſeiner Macht und ſeinem Ruhm erfüllt. Im eigentlichen Rheingau, Rhingowe genannt, dieſem zum Theil neu den Sümpfen des Rheines abgewonnenen Lande, beſaß die königliche Kammer die Waldungen zu Kobel, Die— boldsau, Balgach und Widnau, die ſich bis an den Berg Kamor erſtreckten. In Altſtädten(Altſteti). und Marbach hatte St. Gallen große Beſitzungen. Farniwang, Pernang oder Berenwang(Bernang?) gehörten dem Geſchlechte, das nachmals Montfort hieß; ein Konſtanzinesweiler iſt ver⸗ ſchwunden. Feldkirch mit einer Kirche kommt vor im Jahr 909. Ueber dem Rhein erſcheint Luſtenowa(Luſtnau) als Curtis regia unter Karl dem Dicken, und Thornbiura(Dornbüren). Der hohe Säntis taucht aus dem Nebel dieſer alten Zeiten zuerſt ums Jahr 868 auf, unter dem Namen Rlons Sambiti, und noch im Jahr 1155 heißt er alba Sambatina.* Der Bo denſee führt dieſen Namen(Lacus podamicus) zuerſt in der Gränzſcheidungs⸗ urkunde vom Jahr 890. ˙ Die Beſitzungen der Klöſter dehnten ſich auch über das ganze Thurgau, über Zürich, den Schwarzwald, das Breisgau, das Do⸗ nauthal aus. St. Gallen allein beſaß damals an eignen und zin⸗ ſenden Gütern 160,000 Jaucharte, 1723 Köpfe zinsten ihm. Das Verhältniß der Leibeigenen war noch wie im vorigen Jahrhunderte. Sie erhielten nicht leicht die Freiheit, wenn ſie nicht Prieſter wurden. Ihre Abhängigkeit, von den Freien iſt der Neug. Cod. CCCCXLIX und DeCCLXVI. *ib. DXCVI. U + + 106 Urſprung der niedern Gerichtsbarkeit; die der Freien von den Gau⸗ grafen, der Urſprung der höhern. Die Klöſter übten die letztere durch einen Schirmvogt aus. Die meiſten Pfarrkirchen jener Zeit und Gegend entſtanden, wenn ein Herr oder ein Kloſter für ſeine Zinsleute und Leibeigene ein Bethaus in Form eines Schopfes bauen ließ, in deſſen Mitte Taufſtein und Altar, mit Gold, Silber und Seidenzeug verziert, ſtanden. Sie ließen dann einen Prieſter weihen. Dieſer, mit Lie⸗ genſchaften, frommen Opfern, erſt ſpäter durch den Zehenten bezahlt, wohnte an dem Orte, ſagte den Nachbarn Pſalmen und Taufgebete auswendig her, und las ihnen(wenn er Latein leſen konnte) des heiligen Auguſtins Homilien vor. Sein Oberkleid war von weißer Leinwand. Die Biſchöfe predigten oft ſelbſt; für den Papſt ward öffentlich gebetet, und er beſtätigte die Freiheiten der Klöſter. Soldat war nur der Freie; Armuth allein befreite dieſen vom Kriegsdienſt. Die Klöſter ſtellten gute Mannſchaft(St. Gallen 666 Mann, aus allen Gauen Alemanniens zuſammengepreßt), erhielten Liegenſchaften dafür, und gaben den Kriegern Lehen oder Geld. Reiche Klöſter ſchenkten überdieß dem Könige jährlich zwei Pferde, Schilde und Lanzen; die Armen weihten ihm Gebete, St. Gallen that beides. So viel von Kultur und Sitten dieſes Zeitraums. 5. Der Vodenſee unter dem Saliſchen und dem Sächſiſchen Hauſe. Nach Chr. 900 bis 1150. 1. Biſchof Salomo von Konſtanz. Nach Karls des Dicken Tode verſchwand die Weltmonarchie, und nur Deutſchland blieb auf kurze Zeit einem Zweige vom Stamme Karls des Großen. Arnulph, nachdem er mit Aleman⸗ nen die Normänner angegriffen und Rom geſtürmt, er⸗ N. C. 899. krankte und ſtarb nach der Rückkehr. Sein zarter Sohn Ludwig das Kind hielt in Alemannien Volksverſamm⸗ lungen und Gerichte(90t), aber der Königsname war nicht ſo mächtig, die einbrechende Verwirrung vom Reiche abzuhalten. In diten f Numen! 90 lgag chen un dieſer Lage mußten die einzelnen Bezirke ſich ſelbſt helfen. Für den Bodenſee war der rechte Mann von der Fürſehung gefunden. Ein junger, reicher Edelmann des Landes, frühzeitig Waiſe, im Kloſter St. Gallen von Iſo ſorgfältig und zum Gelehrten erzogen, Schulfreund jener berühmten Schüler, hatte ſich unter Ludwig dem Deutſchen zum gewandten Höfling herangebildet und war ſein Hof— kapellan, d. h. Ausfertiger der königlichen Diplome geworden. In der Hoffnung Abt zu werden, ſchlich er ſich in St. Gallen ein, that dort im Jahr 889 Profeß, kehrte dann zu ſeinen Hofämtern zu⸗ rück, ſtürzte bei Arnulph den Abt Bernhard, der ein unehelicher Sohn Karls des Dicken war, und erſchien auf einmal als Abt von St. Gallen; unmittelbar darauf ſetzte er ſich auf den erledigten Biſchofsſtuhl von Konſtanz unter dem N. C. 890. Namen Salomo II. So waren beide angeſehene Stiſter wieder vereinigt. Der neue Abt-Biſchof war einer von jenen Ulyſſes⸗Charaktern, die um die Wahl der Mittel wenig verlegen, wenn die Hinderniſſe beſeitigt ſind, und das Ziel erreicht iſt, edlere und uneigennützigere Geſinnungen zeigen, als man ihnen zugetraut. Er führte das Regiment mit beſſern Künſten, als die waren, durch die er es erworben hatte. Denn er trat alſobald vor dem königlichen Gerichte zu Staad am See kräſtig auf, die Rechte und Gränzen St. Gallens gegen die Anmaßungen Ulrichs des Jüngern, Gaugrafen im Linzgau zu wahren. Hier wurden die Gränzen zwiſchen dem Thur- und Rheingau erneuert. Sie zogen ſich aus dem Bodenſee im Thalwege des Rheins bis an Monſtein hinauf, deſſen Name von jenem Halbmonde ſtammt, den ſchon König Dagobert, wahr⸗ ſcheinlich als Gränzzeichen, einem Felſen einhauen ließ, den längſt ein Steinbruch weggenommen hat. Von dort liefen ſie auſwärts vom Rheine bis Schwarzunegka(Schwarzeneck im Appenzell), von wo das Schneewaſſer nach der Seite des Bodenſees herabrann, wo die Zeugen ſtanden. Das Rheinthal von Monſtein bis Blatten gehörte zum Linzgau, wie es ſchon vor 300 Jahren zu Dagoberts Zeiten war. In der Urkunde heißt der See Podamieus; als Namen des Rheinthales kommen vor Cobolo(der Kobelwald), Balgaa GBalgach), Eichibach(der Eichelbach), Thiodpol—⸗ desaua(Diepoldsau) und die unbekannten Hermentines, Ibirinesowa und Serienes pach. Unter Ludwig dem Kind, der St. Gallen auf alle Weiſe be⸗ günſtigte, bereitete Salo mo dem Stifte den Beſitz der Abtei Pfeffers vor(905 bis 909 nach Chr.). Hohe N. C. 905ff. 165 7 * Reiſende beſuchten jetzt das Kloſter und beſchenkten es reich⸗ lich. Inzwiſchen ſtieg ein finſteres Gewitter aus der Ferne über dem weiten Horizont unſrer Seeufer empor. Ludwig war kaum zwan⸗ zigjährig geſtorben. Sein Nachfolger, ein Sohn des oſtfränkiſchen Grafen Konrad und durch ſeine Mutter Glismuotta ein Enkel Ar⸗ nulphs, war gewählt, aber noch nicht anerkannt. Da erſchienen an Deutſchlands öſtlichen Gränzen die Ungarn, die zuerſt Arnulph unvorſichtiger Weiſe herbeigerufen, ein wildes Nomadenvolk.„Sie ſind kleine Männer mit tiefliegenden Augen— ſo berichten Zeit⸗ genoſſen— ihr Anſehen iſt gräßlich; auf leichten Pferden, die ſie nie verlaſſen, umſchweben ſie die ſchwerbewaffneten Gegner und ſchießen furchtbare Pfeile von hornenen Bogen; ſie ſind eben ſo ſchnell im Ueberſall als in verſtellter Flucht; ſie leben nicht wie Menſchen, ſondern wie das Vieh, freſſen rohes Fleich und trinken das Herzblut ihrer Feinde.“ Dieſe Barbaren ſtürzten auf Sachſen, Baiern, Thüringen; ein alemanniſch-fränkiſches Aufgebot fiel unter ihrer Wuth; endlich bedrohten ſie Alemannien. Konrads Gewalt war noch nicht befeſtigt; jeder Staat war an Selbſthülfe gewieſen. Da verbanden ſich des Königs Kammerboten in Ale— mannien, die Brüder Erchanger* und Berchtold, die mit Herzogsgewalt herrſchten und um den Bodenſee wohnten, mit Her⸗ zog Arnulph von Baiern.„Wir haben Eiſen und Schwerter, entgegneten ſie den trotzigen Abgeſandten der Hunnen, und fünf Finger in der Fauſt;“ und hieben in einer blutigen Schlacht am Inn das ganze Hunnenheer zuſammen. An dieſe Einfälle der Ungarn in Deutſchland knüpft ſich eine ſchöne Sage unſrer Seegegend. Unter den im Norikum von den Ungarn gefangenen Deutſchen befand ſich auch ein Graf vom Ar⸗ gengau und Linzgau, Namens Ulrich. Dieſes alte Geſchlecht führte ſeinen Urſprung auf Gottfried von Alemannien zurück, und war mit Karl dem Großen ſeitenverwandt: denn Hildegard, die Uren⸗ kelin jenes Gottfrieds, war Karls Gemahlin; ihr Bruder, deſſen Sohn und Enkel, drei Ulriche, waren Grafen im Argengau (787 bis 862). Der Urenkel des erſten, Uzzo, und deſſen Sohn Ulrich IV., heißen auch ſchon Grafen von Brigantiumz das Geſchlecht ſoll aus der Fremde an den See gewandert ſeyn, und hier von Karl dem Dicken mehrere Beſitzungen, darunter Bregenz, N. C. 913. *So heißt er und ſein Bruder: Perethold, Urkunde vom Jahr 909. N. C. DCLXXIIIH, beides waren nach derſelben Urkunde Grafen.— Anderswo heißt jener Erchengarius(HCXC). Ueberl Deutſhe Eulel zit denz ſ er feine dülgard⸗ let Ne Inter det er halte d flft„Eh Aithyi“, Der uogen u As! Mn,.. ſiher(u Gm g Wunre n 109 Ueberlingen und Buchhorn, erlitten haben. Ludwig der Deutſche nennt Ulrich III.(T 978) in einer Urkunde ſeinen Enkel. Aus dieſem Geſchlechte nun war jener todtgeglaubte Ulrich. Seine trauernde Gemahlin, Wendilgard, hatte ſich unter der heiligen Wiborada zu St. Gallen einem geiſtlichen Leben geweiht. Alljährig aber kam ſie nach Buchhorn, das nach den vielen dort ausgefertigten Urkunden damals ſchon ein bedeutender Ort geweſen zu ſeyn ſcheint, und feierte dort das Andenken an ihren Eheherrn mit andächtigem Gebet und Werken der Mildthätigkeit. Als ſie dieſes Trauerfeſt das viertemal zu Buchhorn beging, trat unter andern Bettlern ein Mann vor ſie und begehrte zur Gabe ein Kleid. Wie ſie nun, zwar unwillig über ſeine Frechheit, doch ihm daſſelbe darreichte, ergriff er die Hand der Gräfin, drückte ſie an ſich und küßte ſie der Widerſtrebenden. Die Diener eilten auf ihn zu und ſchlugen ihn mit Fauſtſtreichen, Wendilgard aber ſchwankte zurück und rief ſeufzend:„Ja, an dieſer Frechheit erfahre ich erſt, daß mein Herr Ulrich todt iſt!“ Da erwehrte ſich der Bettler der Streiche, warf ſein wildes Haar aus dem Angeſichte zum Halſe zurück und rief:„Ich habe genug Streiche in der Fremde ausgeſtan⸗ den; ſo ſchaut doch her und erkennet euren Ulrich!“ Dazu wies er ſeiner Gemahlin eine wohlbekannte Narbe. Da erwachte Wen⸗ dilgard als aus dem Schlaf und rief:„das iſt mein Herr, der liebſte aller Menſchen!“ So fielen ſie ſich in die Arme und herzten ſich unter dem Jubel der Diener. Auf einmal trat der Graf zurück: er hatte den Schleier auf dem Haupte ſeiner Gemahlin erblickt, und rief:„Sprich! wer hat ihn dir aufgeſetzt!“ Sie antwortete:„der Biſchof.“„Von Stund' an,“ ſprach Ulrich,„darf ich dich nicht mehr umarmen.“ Aber Biſchof Salomo entband die treue Frau des Klo⸗ ſtergelübdes; Wendilgard kehrte zu ihrem geliebten Gemahl zurück, und empfing einen Sohn von ihm. Sie ſtarb an dieſer Frucht ihrer erneuten Ehe; das Kind mußte von ihr geſchnitten werden. Der Vater opferte das theure Pfand Gott im Kloſter St. Gallen. Der Sohn wurde Burkhard genannt, in der Kloſterſchule wohl erzogen und in der Folge zum Abte des Stiftes gewählt. Als die ſiegreichen Kammerboten an den Bodenſee heimgekehrt waren, wurde ihnen der gebührende Lohn nicht zu Theil. Schon früher(um 893) hatte König Arnulph alle Gunſt dem Biſchof Salomo zugekehrt und ihn mit Schenkungen aus dem Gebiete der Kammerboten, namentlich mit Liegenſchaften um Podamum(das jetzt ein Städtchen heißt) bereichert. Daraus entſtand Haß und 110 Neid, ja ſelbſt bewaffneter Streit. Einſt kamen die Kammerboten heimlich über den Bodenſee gefahren und wollten den Biſchof in St. Gallen fahen. Dieſer, gewarnt, hatte ſich im wilden Turben⸗ thale Turbatun, vallis turbata in Urk. jener Zeit), das die Tös durchtobt, verborgen. Damals wurden die Kammerboten gefangen und nur auf Salomos Fürbitte von Arnulph begnadigt. Kurz vor dem Ungarnkrieg, im December des Jahrs 911 hatte König Konrad den Biſchof in Konſtanz beſucht, und ergötzte ſich mit Luſtfahrten auf dem Bodenſee. So ſchiffte er nach Arbon, ritt gen St. Gallen und ſetzte ſich zu den ü erraſchten Mönchen traulich ans Mahl. Der König beſchenkte die Abtei reichlich, ließ ſich unter die Mitbrüder aufnehmen, ſchlief in Arbon und fuhr wieder über den See nach Bodmann, von wo aus er das Kloſter, zum Schaden und Aerger der Kammerboten, noch reichlicher begabte. Der Biſchof hatte dieſe, ſeine Gäſte, ſchon früher durch Prahlereien erbittert, und in Konrads Gegenwart, beim Feſtmahle mit einem unwürdigen Scherze gekränkt; denn er ſchickte ihnen bärtige Hirten mit Jagdgeſchenken in Staatskleidern zu, und lachte mit der ganzen Tiſchgeſellſchaft, als die Fürſten vor den Knechten aufſtanden und ihr Haupt entblößten. Dieſer Hohn, nach jenen Zeiten gemeſſen, war ſo groß, daß der König als Vermittler aufſtehen mußte. Der Zorn über jene Beleidigung wuchs bei den Kammerboten, als ſie im Bewußtſeyn ihrer Thaten aus dem Kriege zurückgekehrt waren. Sie beſaßen in Stamheim ein von ihnen erbauetes Schloß; von hier aus verheerten ſie im Grimme die neuen Be⸗ ſitzungen des Biſchofs, unbekümmert um ſeine Klagen. Da begeg⸗ nete eines Tages der Biſchof ſelbſt auf einem Luſtritte den Fürſten und ihrem Gefolge(914 nach Chr.), redete ſie mit Vorwürfen an und erinnerte ſie an ihre Begnadigung durch König Arnulph, die ſie ihm verdankten. Jetzt unterbrach ihn Luitfried, der junge Schweſterſohn des Kammerboten und rief:„Soll der verfluchte Mönch ſich gegen euch rühmen, Ohme? und ihr wollt ihn leben laſſen?“ damit zog er ſein Schwert und hätte es gegen den Biſchof gebraucht, wenn ihm die Andern nicht in den Arm gefallen wären. Dieſe faßten des fliehenden Biſchofs Pferd am Zaum; einer ſeiner Knechte ward im Getümmel erſtochen. In einer Herberge hielten ſie Rath über ihren Gefangenen; die mildere Meinung ſiegte über den tobenden Luitfried, der brüllte, daß dem Feinde die Augen ausgeſtochen, die rechte Hand ſollte abgehauen werden. Der Biſchof wurde auf einer ſchlechten Mähre auf Dieboldsburg gebracht, Wo Bett zrange Mer die ſe, Iitingt fin 9 Menant 111 wo Bertha, Erchangers Gemahlin hauste.“ Vor den Thoren zwangen ihn die Kriegsknechte, den Pförtnern die Füße zu küſſen. Aber Bertha, die ſtolze und ſtrenge Frau, bei der ihm die Feinde ein hartes Gefängniß zu bereiten glaubten, ſchlug, als ſie die That vernommen, ahnungsvoll an ihre Bruſt und ſprach:„das iſt der Tag, der unſern Ehren vor Gott und Menſchen ein Ende machen wird.“ Sie ſchmückt Kirche und Altar, bereitet Baldachin und Teppiche, geht dem Biſchof weinend entgegen, faßt ſeine Hand und bittet um den Friedenskuß. Die Kriegsknechte ſahen darin einen böslichen Hinterhalt, und der Biſchof ſelbſt, dem mit ſeinen zwei begleitenden Prieſtern ein ſtärkendes Bad bereitet worden war, als die Thüre des Schlafgemaches ſich hinter ihm ſchloß, that kein Auge zu und war bei jedem Schall der Trompete, bei jedem Schrei der Wächter des Todes gewärtig. Aber am andern Morgen be⸗ ſuchte ihn Bertha, von einer einzigen Magd begleitet, ſie führt ihn zum Mahle, ſie ſpeist mit ihm aus Einer Schüſſel und bricht den Biſſen mit ihm. Während dies auf Dieboldsburg geſchah, faßten die Brü⸗ der einen kühnen Entſchluß. Im Hegau, drei Stunden vom Boden⸗ ſee, ragt ein ſteiler hoher Fels auf weiter Ebene über die ganze Gegend hervor. Niemand weiß, wer zuerſt auf ſeiner Spitze eine Burg erbaut, oder ihr den Namen Twiel gegeben hat. Dorthin wandten ſich die Kammerboten, befeſtigten den Berg bei Tag und Nacht und führten Lebensmittel zuſammen. Da gedachte Berthold, umringt von vielen Lehensleuten und Bundesgenoſſen, der alten freien Zeit, und ließ ſich auf der hohen Veſte zum Herzoge von Alemannien ausrufen.““ * Nach den Umſtänden dieſer Erzählung in den Caſus des Eckehard, kann jene Burg nicht wohl eine andre ſeyn, als das heutige Schrotzburg oberhalb Bohlingen in der Höri. Man hat die Diepoldsburg im Algäu ſuchen wollen: allein wenn man die Kürze der Zeit bedenkt, in welcher ſich dieſe Begebenheiten ereigneten, ſo iſt es phyſiſch unmöglich, daß man Salomo dorthin konnte geführt haben. Die Schrotzburg lag dem Sitze der Kammerboten(Twiel) ganz nahe in einer waldigen Gegend; alſo ganz geeignet, einen geheimen Gefangenen zu verbergen. Das Geſchicht— buch erzählt uns, daß die VBurg nach dieſem alsbald zerſtört(zerſchroten) wurde. Sie verlor hierdurch ihren Namen und wurde von den Landleuten nur die verſchrotene, d. i. die gebrochene Burg benannt; und der Name blieb, ſelbſt als ſie ſpäterhin(wahrſcheinlich durch die Herren von Schie— nen) wieder erbaut wurde. An m. eines Dritten— *Nach einer andern Nachricht hätte König Konrad ſelbſt vorher Twiel vergebens belagert, und die Kammerboten hätten bei Wahlwies eine 7 7 2⁊I 112 Aber die Rache war den Friedensſtörern leiſe und unbemerkt nachgeſchlichen. Siegfried, eine Neffe des Biſchofs, ſammelte die Edelknechte von Konſtanz und St. Gallen und überraſchte die Brüder, die, um ſicherer zu ſeyn, in dichten Waldungen ſich auf⸗ hielten, im Schlafe, ſammt ihrem Vetter Luitfried. Gebunden führte er ſie vor die Dieboldsburg und drohte, ſie im Angeſichte der Burg an drei Galgen zu hängen und von der Sonne braten zu laſſen, wenn der Biſchof nicht freigegeben würde; doch dieſen hatte Bertha, als ihr Gemahl ihn nach Twiel abforderte, ſchon in der vorigen Nacht durch ein Hinterpförtchen aus der Burg entfliehen laſſen, ja ſie ſelbſt war ihm weinend nachgefolgt. Die Beſatzung hatte die Burg und das am Fuße derſelben gelegene Städtchen (Bohlingen) fliehend verlaſſen. Da trat Salomo, Frau Ber⸗ tha an der Hand, unerwartet aus dem Stadtthor den Seinigen entgegen. Ein alemanniſches Volkslied empfing ihn, deſſen Anfang war:„Heil Herro, heil Liebo!“ und eine unzählige Menge ſchloß ſich dem Zuge an. Die Stadt ſchirmte der Biſchof um Bertha's willen; er war in Allem freundlich gegen ſie geſinnt; ja er erlaubte ihr, den gefangenen Gemahl ohne Zeugen zu ſchauen. Als nun dieſer, mit Ketten belaſtet, vor ihr ſtand, umfaßte ſie ihn ohne ein Wort zu ſprechen und fing an zu weinen, bis ein Strom von Blut ihr aus der Naſe drang. Den Biſchof, der hereingetreten war, rührte ſo plötzlicher Glückswechſel ſelbſt am Feinde; frei von Leidenſchaft und Rachſucht ertheilte er dem unglücklichen Paare, das vor ihm niedergeſunken war, ſeinen Segen, und ſo viel an ihm war, Verzeihung. Die Gefangenen wurden auf die von ihnen ſelbſt befeſtigte Burg Twiel gebracht. Unerbittlicher war König Konrad. Als dieſer, der in Frankenland zu Felde lag, an einem Morgen die Nachricht von der Mißhandlung des Biſchofs, ſeines Freundes, durch ſeinen Diener erhielt, ſprang er vom Bette auf, verlor die königliche Faſſung und ging bei Seite zu weinen. Schnell wurde von ihm eine Fürſtenverſammlung berufen, die den Kammerboten das Leben abſprach; ihre Güter wurden einem tapfern und vor⸗ nehmen Alemannen mit Namen Burkhard, deſſen Geſchlecht wir oben betrachtet haben, geſchenkt, der vielleicht als Verräther der Kammerboten thätig geweſen war, und eben derſelbe, früher ein hartnäckiger Feind des Königs, wurde bald mit dem wiederher⸗ geſtellten Herzogthum Alemannien belehnt. Sein Vater Schlacht gegen die wider ſie aufgebotenen Alemannen gewonnen und dieſe dem Berthold, als ihrem Herzog, unterworfen. Butkhat gefalen, Burkhord gellih f Ibgleih ſie wud Wlilbet Un Alenamn lt et felbt lahharder fiter alt tluch(y. der heütze ſhherkn, Uun Schl r Atheif Raght alſ imen En. fan urd ſ lur, der. in dumke; Schvaß 113 Burkhard, auch Alemannenfürſt(ſ. oben) war durch Verräther gefallen, vielleicht unter Erchangers Mitwirkung; dadurch wurde Burkhards Betragen entſchuldigt. Der Biſchof Salomo ſuchte ver⸗ geblich ſeinen gefangenen Feinden das Leben zu retten. Konrad, obgleich mit den Schuldigen verſchwägert, blieb unerbittlich, und ſie wurden nach Adingen(Oetingen an der Werniz? oder Hat⸗ tingen im Hegau? oder Aldingen?) geführt und dort, auf Burk⸗ hards Betrieb und Befehl, alle drei enthauptet. Bertha, deren Eigenthum der Biſchof ſorgfältig abgeſchieden, behielt ihr Leibgeding, die Veſte Twiel. Der ſchmähliche Tod ſeiner Gegner ging dem Biſchof Salomo zu Herzen und ließ ihm keine Ruhe. Weinend trat er vor die Fürſtenverſammlung, ein ſtrenger Ankläger ſeiner ſelbſt, begehrte und erhielt Urlaub zu einer Wallfahrt nach Rom, dort ſeine Sün⸗ den zu büßen. Ob er die Reiſe perſönlich vollbracht, oder, durch Kriegsunruhen abgehalten, ſich des Papſtes Verzeihung und die Beſtätigung der Freiheiten St. Gallens durch Geſandte geholt habe, darüber ſind die Nachrichten nicht einig. Ein neuer Einfall der Ungarn bedrohte um jene Zeit auch Alemannien wieder, erſtreckte ſich jedoch nicht bis an den See. Unter Salomo blühte das Kloſter als Gelehrtenſchule fort, er ſelbſt war in allen Fächern der damaligen Gelehrſamkeit wohl bewandert, ein guter Prediger, ein eifriger Biſchof. Mit Hülfe ſeiner alten Mitſchüler beſorgte er ein großes encyklopädiſches Wör⸗ terbuch(Vocabularium Salomonis), das fich aus heidniſchen und chriſtlichen Schriftſtellern über alle Fächer des menſchlichen Wiſſens verbreitete. Durch Grimoald, Hartmut und Salomo vermehrte ſich die Kloſterbibliothek bald auf hundert Bände aus allen Fächern. Salomo's ſchöne, große Leibesgeſtalt flößte Ehrfurcht ein; er war ſtreng und mäßig gegen ſich ſelbſt, und trank wie ſein Vorfahr, der heilige Gallus, nur Quellwaſſer, aber er trank es aus einem ſchweren, goldenen, reich mit Edelſteinen verzierten Becher; in ſei⸗ nem Schlafgemach ſtand ein Waſſerbecken von herrlicher, getriebe⸗ ner Arbeit, wahrſcheinlich ein Kunſtwerk des griechiſchen Alterthums. Pracht aller Art kehrte unter ihm in St. Gallen ein. Aus dem fernen England kam eine Geſandtſchaft vom weiſen König Athel⸗ ſtan und ſchloß für ihren Herrn Brüderſchaft mit St. Gallen. Sa⸗ lomo, der ſeltene Mann ſtarb ums Jahr 920 nach Chr. und ward im Dome zu Konſtanz begraben. Schwab, Bodenſee. 2. Herzog Burkhard und ſeine Nachfolger. Um dieſe Zeit fingen die Gau- oder Amtsgrafſchaſten N. C. 916 fl. Alemanniens an, durch die Lehensherrſchaft erblich zu werden, und ſchon unter den Franken und den Korolin⸗ gern theilten ſich allmählich die Länder unter verſchiedene Für⸗ ſtenhäuſer.“ Im Elſaß, in Rhätien, im helvetiſchen Alemannien kommen Fürſten(duces) vor. Ein ſolcher war der neue Herzog Burkhard von Alemannien(916 nach Chr.). Der erſte ſeiner Ahnherrn, den man kennt, war, wie wir wiſſen, unter Karl dem Großen Mark⸗ graf über das curiſche Rhätien und den Seebezirk. Daſſelbe Ge⸗ biet verwaltete jetzt Burkhard, und der Sitz der Herzogsgewalt war an den jetzt ſchon heitern und fruchtbaren Ufern des Boden⸗ ſees. Er hatte Würde und Güter unmittelbar vom König; unter ihm hielten die Grafen, die Vögte und ſeine Abgeſandten unter freiem Himmel, unter einer Eiche oder Tanne, vor der ganzen Verſammlung der Freien Gericht mit ihren Schöffen. Das Land blieb unter ſeiner Verwaltung vor den Hunnen ſicher, die Burgunder wurden abgewehrt, und eine Tochter Burkhards, Ber⸗ tha, die hochgelobte Spinnerin, ward Königin von Burgund(922). Der Nachfolger Königs Konrad, der Sachſe Heinrich J., ver⸗ wüſtete Alemannien, wegen Burkhards Verbindung mit Burgund. Dieſer unterwarf ſich und mußte Herzogthum und Güter zu Lehen vom Könige nehmen, wurde aber Statthalter des Königs, beſon⸗ ders über die Klöſter, denen er nicht ſonderlich hold war. Er zog mit Burgund nach Italien und ſtarb dort durch Meuchelmord. Während deſſen fielen die Ungarn wieder ins Land und erſchie— nen, nachdem ſie Augsburg lange belagert, mit Sturmeseile am Bodenſee: dem Kloſter St. Gallen verkündigte erſt der aufſteigende Rauch und geröthete Himmel die Nähe der Mordbrenner. *Eines der erſten Beiſpiele, daß ein Gaugraf den Namen von ſeiner Grafſchaft führe, findet ſich am Bodenſee. Eine Urkunde vom Jahr 965 bei Neug.(C. DCCLIV) nennt einen comes Chuono de Oningen (Deningen). Häufige Benennungen vom Beſitz findet man erſt in den Urkunden vom Ende des 44. Jahrhunderts an(etwa vom Jahr 1088). Zu Anfang des 40. Jahrhunderts erſcheint als Graf des Argengau's Ulrich, des Linzgau's Konrad, des Nibel- und Rheingau's Adalbert, des Thurg au's Adalbert d. J., Sohn des Erlauchten. burg; Vlijit Ohiffn. dab Kf eilg d ſih, den Aen ihnen eg igen ſe lte W. 2 hes Flei fi zu i Chen ſclachfen trrſhloſſe Jübetkn, aben, un s Land liſtte heſ thei, ſel Egl En Unga e kir ſ Mler9 Mulunntt, achfolger In Eile ließ Abt Engelbert zwei feſte Schlöſſer bauen, das eine an der Sitter, das andre über dem See auf der Halbinſel Waſſer⸗ burg; dorthin ſandte er Knaben und Greiſe des Kloſters mit der Weiſung, im See, als der ſicherſten Freiſtätte, auf wohlverſehenen Schiffen zu leben. Bücher wurden nach Richenau, die Schätze auf das Kaſtell an der Sitter geflüchtet. Der Kern der Mönche mit eilig verfertigten Harniſchen, Keulen, Schilden und Bogen warf ſich, den Abt Engelhard, der den Harniſch über die Kutte ange⸗ zogen hatte, an ihrer Spitze, in die Burg an der Sitter. Nur die heiligen Jungfrauen in St. Mangs Klauſe, entſchloſſen zu ſterben, und ein blödſinniger Mönch, welcher klagte, daß ihm der Kloſterkämmerer das Leder zu den Schuhen vorenthalten habe, in denen er fliehen könnte, blieben zurück. Am 1. Mai des Jahrs 925 erſchienen endlich die Ungarn. Der blödfinnige Mönch kam ihnen ergötzlich vor und ſie ſchonten ſeiner. Zwei von ihnen be⸗ ſtiegen ſogleich den Thurm, wo ihnen das vergoldete Bild des heiligen Galls entgegenblickte, fielen aber, ehe ſie es erreicht, zu Tode. Die Horden lagerten ſich darauf im Graſe, ſchmausten ro⸗ hes Fleiſch und berauſchten ſich im Wein; nach dem Male brüllten ſie zu ihren Göttern, und Heinbald, der Mönch, mußte mit ſchreien. Eben wollten ſie ihren Dollmetſcher, einen gefangenen Prieſter, ſchlachten, als ihre erſchrockene Vorhut ſie vor der Nähe des Sit⸗ terſchloſſes warnte, und ſo brachen ſie eilig nach der Ebene auf, zündeten einige Höfe an, um in der finſtern Nacht eine Leuchte zu haben, und verſchwanden rheinabwärts ſo ſchnell aus der Gegend, als ſie gekommen waren. Das einzige Opfer ihrer Wuth war die fromme Einſiedlerin, die heilige Jungfrau Wiborade, in deren verſchloſſene Klauſe ſie, Schätze hoffend, eingedrungen waren, und die ſie, enttäuſcht und zürnend, mit ihren Spießen niedergeſtoßen hatten. Um Konſtanz herum hatten ſie alles verheert. Der Ort aber leiſtete ſiegreichen Widerſtand. Reichenau hatte alle ſeine Schiffe ans Land gezogen; den Rand der Inſel hielten glänzende Gehar⸗ niſchte beſetzt; dieſer Anblick ſchreckte die Barbaren, und ſie eilten vorbei, ſengend und brennend den Rhein hinab. Engelbert und ſeine Mönche kehrten nach St. Gallen zurück. Ein Ungar war im Lande geblieben, ließ ſich taufen und heira⸗ thete ein ſchwäbiſches Mädchen. Aller Boden um den See lag verwüſtet, Dörfer und Höfe verbrannt, dazu war das arme Land durch Burkhards Tod herzogslos r 1 SEISS 116 geworden. Endlich erhielt Hermann I. ein Graf in Franken, den alemanniſchen Herzogshut(926.). Das Land, von den Ungarn hinfort verſchont, erholte ſich unter ſeiner weiſen und milden Ver⸗ waltung allmählig wieder, und der Fremdling that viel für die Kultur, die Sitten und Geſetze des ihm anvertrauten Schwabens. Er vermählte ſeine Tochter Ida mit Luithold, dem Sohne Otto's, ſeit 936 Königs der Deutſchen, und ſtarb das Jahr nach N. E. oas. dieſer Vermählung. Seine Leiche ward in der Kapelle des heiligen Kilian auf der Reichenau beigeſetzt. Her⸗ mann galt für den weiſeſten und klügſten ſeines Volkes, war ein Wohlthäter der Kirchen und Klöſter, baute auf den ungariſchen Brandſtätten, beförderte den Handel mit dem Süden. Durch ihn erhielt Rorſchach vom Könige Markt- und Münzrecht, Geus. C. DCCxxIX.) und St. Gallen die italiſchen Zölle. Daß Hermann in einer Fehde mit dem Linzgauer Grafen Lindau eingeäſchert, und Bregenz geſtürmt, iſt eine Fabel. Der Hof Lindau brannte im Jahr 948 ab, wahrſcheinlich aber durch Zufall. Nach Hermanns Tode(der zu St. Kilian auf der Reichenau begraben war) wurde ſein Schwiegerſohn Luithold mit Einſtim⸗ mung aller Fürſten zum Herzoge von Alemannien erhoben, mußte jedoch nach ſeiner Empörung gegen ſeinen Vater Otto dieſe Würde niederlegen; Burkhard II.,* Burkhards I. Sohn wurde mit dieſer Würde bekleidet,(954 nach Chr.) und des Königs Bruder, Heinrich, Herzog in Baiern, gab ihm ſeine ſchöne und geiſtvolle Tochter Hadewig zur Gemahlin. Sein Herzogsſitz war Twiel, das vielleicht nach Bertha's Tode dem Reich heimgefallen war. In dieſe Zeit iſt die Entſtehung ummauerter N. E. 951. Städte zu ſetzen, hervorgerufen durch die Nachbarſchaft ff. der Ungarn, die endlich mit der Drohung nach Aleman⸗ nien herausbrachen, daß ihre Roſſe Flüſſe und Seen austrinken und ihre Hufen die Städte zertrümmern wollten. Dieſer Schrecken gab Wil, Altſtädten, Rheinau, Stein am Rhein, Konſtanz, vielleicht auch Arbon und Biſchofszell ſeine Mauern. Auch die Stadt St. Gallen nahm ſo ihren Anfang, indem Abt Anno anfing, einen Graben um die Wohnungen zu ziehen, und rundum eine Mauer mit 43 Thürmen aufzuführen; aber als das Neugart nennt dieſen Burkhard den dritten, indem er ſeinen Großvater Burkhard ſchon als erſten Herzog zählt. Werk ei (J. Der Di auf dent fielen u Burlhe beſacde 0 0 9 Iüe il her dunch das Veiher Männin W. Nähle,. Iun i den Ke Wnilfig der ſchön Augg 8 Werk eine Elle hoch über die Erde aufgeſtiegen war, ſtarb er (1. Dec. 954). Die Ungarn wurden vom Könige in der berühmten Schlacht auf dem Lechfeld aufs Haupt geſchlagen(955), daß ihrer 100,000 fielen und ſie nicht wiederkehrten. In dieſer Schlacht führte Herzog Burkhard UI. die ſiebente und achte Schaar, die aus Alemannen beſtanden. Derſelbe half dem König Otto in der Lombardei, bis der Sieg ihm die römiſche Kaiſerkrone feſt aufs Haupt ſetzte(965). Dieſer große und ſiegreiche Kaiſer, der Deutſchland zum Mittel⸗ punkte von Europa gemacht, kam im Jahre 973 mit ſeinem jungen Sohn Otto, der in St. Gallen erzogen worden war, an die Ufer des Bodenſee's und beſuchte Konſtanz(wo er den Biſchof Konrad, den Welfen, einſt ſeinen römiſchen Reiſegenoſſen, begrüßte) und die Reichenau, worauf er ſeinen Weg nach Helvetien ins Kloſter Einſiedeln fortſetzte. Noch in demſelben Jahre ſtarben der große Kaiſer, der Herzog Burkhard und der N. C. 973. fromme Biſchof Ulrich von Augsburg faſt auf Eine Zeit. 3. Die Herzogin Hadewig. Nach Herzog Burkhards Tod erfuhr unſre See-Gegend etwas in der alemanniſchen Geſchichte Einziges und Unerhörtes, das durch das alemanniſche Geſetz ſelbſt unmöglich gemacht ſchien: eine Weiberherrſchaft; aber es war die kräftige Herrſchaft einer Männin. Hadewig, des Baieruherzogs Tochter, des großen Otto Nichte, mit ſeltener Schönheit geſchmückt, war in zarter Jugend dem Enkel des byzantiniſchen Kaiſers Konſtantin Porphyrogenneta, dem Konſtantin, der nachher ſelbſt den Thron beſtieg, verlobt worden, und ein abgeſandter Verſchnittener mußte ſie in der griechi⸗ ſchen Sprache unterrichten. Sie aber haßte den nichtswürdigen Bräutigam, und als ein griechiſcher Maler erſchien, um das Bild der ſchönen Braut nach Konſtantinopel zu bringen, verzerrte ſie beim Sitzen Geſicht und Augen zu häßlichen Fratzen. Das Ehe⸗ bündniß zerſchlug ſich, und Hadewig wandte ſich gemüthsruhig zu männlichen Studien, ſie erwarb ſich zu der Kenntniß der griechiſchen, die Bekanntſchaft mit der römiſchen Literatur, und ließ ſich lieber dem in Ehren ergrauten und jetzt kraftloſen Greiſe, Herzog Burkhard II. als einem von feiger Ruhe entnervten . 73* * 118 Griechenknaben zur Gemahlin geben. Mit jenem lebte ſie in einer jungfräulichen Ehe, und er hinterließ ihr große Mitgift und die Herrſchaft im Herzogthum. Nicht als ob ſie— dem alemanniſchen Geſetze zuwider— die Würde und das Amt ſelbſt erhalten hätte: ſondern König Otto II. hatte ihr das wichtigſte, die Schutzvogtei über die Klöſter alemanniſchen Bezirkes, gelaſſen und ſie auch ſonſt gewiſſermaßen zu ſeiner Stellvertreterin im oberſchwäbiſchen Ale⸗ mannien gemacht und keinen neuen Herzog eingeſetzt. So herrſchte die ſchöne, ſtrenge und ſchlaue Frau, weithin gefürchtet, von ihrer hohen Feſte Twiel herab, wo ſie, die kinderloſe, das alte, von einem unbekannten Gründer geſtiftete, von ihrem Gemahl erneuerte Kloſter aufrecht hielt, und ihre Zeit in die Herrſcherſorgen und die Wiſſenſchaften theilte. Ihre Aufſicht über die Klöſter führte ſie einſtmals ins Stift St. Gallen. Da fand ſie an der Pforte einen ſchlanken und kräfſtigen Jüngling mit leuchtenden Augen ſtehen, eine blühende Heldengeſtalt. Es war Eckehard der Pförtner. Keinem hatte, nach der Bemerkung eines Großen jener Zeit, die Benediktinerkaputze je beſſer geſeſſen. Dabei war er klug, gelehrt und verſchlagen. Hadewig hatte ihn ſchon früher ins Auge gefaßt: jetzt hielt ſie an der Pforte eine geheime Unterredung mit ihm und am andern Tag erbat ſie ſich von dem widerſtrebenden Abte den Jüngling— zum Lehrer nach Twiel. Dort führte ſie den ſehn⸗ lich erwarteten an der eignen Hand in das Gemach, das an das ihrige ſrieß. Dahin kam ſie bei Tag und bei Nacht, von einer einzigen Dienerin begleitet, die Alten mit ihm zu leſen. Aber immer ſtanden die Thüren offen, und Diener, Krieger, Fürſten fanden ſie oft mit ihrem Liebling leſend oder rathſchlagend. Keine Ver⸗ läumdung wagte ſich an ihren Ruf und es iſt kein Zweifel, daß ihre Neigung zu dem ſchönen und geiſtreichen Jüngling, edler und reiner Natur war. Ja, ſie zeigte ſich von ſo ſtrengen Sitten, daß ſie ihrem Schützling ſelbſt oft wehe that. Einmal ließ ſie ihn auf ſeinem Strohlager peitſchen und nur ſeine kläglichen Bitten hielten ſie ab, ihn nicht kahl ſcheeren zu laſſen. Doch wurde bald das Wohlwollen wieder Meiſter; dann ſandte ſie, wenn der Liebling zu Beſuche nach St. Gallen ging, heimlich auf die Schiffe zu Stain am Rhein ſeidene Beutel, Mützen, Stolen und andere reiche Geſchenke für den heiligen Gall und ſeinen Jünger. Damals war heftiger Streit zwiſchen St. Gallen und Rei— chenau. Ruodmann, der Abt des letztern Kloſters, wurde als Lauſcher zu St. Gallen ertappt und entging mit Mühe den Fäuſten det Non auf feint et geock Ruodne ihn aut E btochen ihren ogöſeli ſrach andern f bagten Att von, Uor, f Danaos e heak,. hterbiſ 00ʃ0 119 der Mönche. Durch Eckehard gerettet und verſöhnt, bat er dieſen auf ſeinem Wege nach Twiel in der Reichenau einzuſprechen, denn er gedachte durch ihn die Herzogin zu gewinnen. Eckehard kam, und Ruodmann beſchenkte ihn mit einem ſchönen Pferd; er liebkoste ihn auch zum Abſchied, doch konnte er ſich einen unbeſonnenen Scherz nicht verſagen, und raunte dem Scheidenden ins Ohr: „Seliger! der du eine ſo ſchöne Schülerin die Grammatik lehren darſſt!“ Eckehard war um eine höhniſche Antwort nicht verlegen. „Gerade,“ erwiderte er,„wie Du, heiliger Herr, deine ſchöne, liebe Schülerin, die Nonne Klotilde, in der Dialektik unterrichtet haſt!“ Mit dieſen Worten ritt er unwillig davon.„Du haſt dein ſchönes Pferd verloren!“ ſagte Ruodmanns Dienſtmann, der Bruder Otker, der Zeuge des Auftritts geweſen war, ſpöttiſch zum Abte. Hadewig aber empfing ihren Freund lachend.„Haſt Du dem Wolf, der in eurem Schaafſtall eindrang, heimgezündet?“ fragte ſie.„Bei Hadewigs Leben;“ rief er, denn dies war ſein gewöhnlicher Schwur,„hätte ihm einer qus Ungeſchick den Hals gebrochen, es hätte mich nicht bekümmert.“ Die Herzogin war ihrem Lehrer mehr als je gut. Am andern Morgen fand ſie einen holdſeligen Knaben an ſeiner Seite.„Er will griechiſch lernen,“ ſprach Eckéhard,„er will von deinem Munde etwas rauben!“ Der ſchöne Knabe erklärte daſſelbe in einem zierlichen Mönchsverſe, da zog ihn die Herzogin auf ihren Fußſchemel, und gab ihm etwas von ihrem Munde, das er nicht gehofft hatte zu rauben; dieſer ant⸗ wortete erſtaunt aber ſchnell in zwei Hexametern, daß er, von dem Kuß einer Fürſtin verwirrt, unfähig ſey, würdige Verſe zu dichten. Die Herzogin vergaß ihre gewohnte Strenge, lachte laut auf, und ließ ſich herab, den zarten Jüngling eine griechiſche Antiphonie, die ſie ſelbſt aus dem Lateiniſchen überſetzt hatte, zu lehren. Den Abtretenden beſchenkte ſie mit einem Horaz und andern Handſchriften, die noch lange im Bücherſaale des Kloſters prangten. Der Knabe hieß Burkhard und wurde in der Folge Abt von St. Gallen.— Als Hadewig mit ihrem Freunde allein war, laſen ſie zuſammen den Virgil, und bei der Stelle: time Danaos et dona ferentes, gedachte Eckehard an Ruodmanns Ge⸗ ſchenk, und erzählte der Herrin auf ihr Begehren alles, nur die unehrerbietigen Worte des Abts verſchwieg er(ſo erzählte er ſelbſt) 13 8 5 Odſcο ι.dçν Hoνναν, elt ll. Uoναte r iuο¹ο, Iuuneοεe, viga, voνQ ανοεο. ανHutd. „ſeiner Allerſchönſten.“ Da zürnte ſie, daß ſie, die Regentin und Reichsverweſerin, nicht als Schiedsrichterin über den ganzen Streit aufgefordert worden. Sie ſchrieb ein Landgericht auf die Wahlwieſe aus, auf das ſie den Biſchof von Konſtanz und die Aebte von Reichenau und St. Gallen berief. Doch Ruodmann unterwarf ſich noch vorher: die Fürſtin legte ihm auf, ſich mit St. Gallen zu verſöhnen und an einem beſtimmten Tage hundert Pfund Buße vor die Thore von Twiel zu legen. Die Hälfte ſchenkte ſie ihm wieder, und Burkard, der Abt von St. Gallen, erhielt von ihr ein ſo raſches Pferd, daß es ihn beim erſten Ritt abwarf und er das Bein verrenkte. Dennoch brachte es Ruodmann beim Könige ſo weit, daß St. Gallen wegen üppiger Lebensart ſeiner Mönche von Abt Nebo von Lorſch viſitirt wurde: auf deſſen günſtigen Bericht ſollte das Stift einen Wein⸗Ort erhalten, und Hadewig war geneigt zu dieſem Behuf ihr Lehen Saſpach abzutreten, wenn ihr lieber Eckehard der Verwalter dieſes Reb⸗ gutes würde. Als die Mönche das ihm nicht gönnten, brach ſie zornig ab. N. C. 978. Noch bei ihren Lebzeiten erhielt Alemannien vom König einen Herzog, in Otto, dem Sohne Luitholds und Idas und Enkel Otto des Großen; er erhielt zugleich das Herzogthum Baiern(um 978), und ſtarb im Jahr 982. Hadewig überlebte ihn 11 Jahre. Nachdem ſie ihre Güter an N. C. 993. Twiel, Petershauſen! und andre Klöſter vergabt hatte, ſtarb ſie im Jahr 993. 4. Die Hermänner und Ernſt von Schwaben. Herzog Otto's Nachfolger, der rheiniſche Franke Konrad, übte fünfzehnjährige Herrſchaft. Er,„der glorreiche Herzog der Alemannen und Elſäßer“ hatte ſich unfrem See, während ſeiner langen Ver⸗ waltung, an der Seite des Königes Otto III. zu N. C. 988. Konſtanz gezeigt. Der letztere zog, vom erſten Römer⸗ zuge, den er gegen den Patrizier Creſcentius unternom⸗ men hatte, heimkehrend, als gekrönter römiſcher Kaiſer 8 Jahre ſpäter(996 im Herbſt)„wie im Triumph“ abermals in unſere Seeſtadt ein. Herzog Konrad aber ſtarb im folgenden N. C. 907. Jahre eines jähen Todes. Ihm folgte Hermann II. 8 Petershauſen(domus petri) war ums Jahr 985 von Biſchof Gebhard von Konſtanz geſtiftet worden. ſein ft Heiltih! Vihuend rich nit Hermet Heinrit einer ch nicht ei Inter Ne Nag dlleten E um dus Etepot Ggen J 12¹ ſein Neffe, der nach Kaiſer Otto III. Tode mit Herzog Heinrich III. von Baiern um die Kaiſerkrone ſtritt. Während Hermann Straßburg ſtürmte, erſchien Hein⸗ N. C. 1005. rich mit der Brandfackel am Unterſee, vor Reichenau. Hermann eilte herbei und forderte, den blutigen Streit zu enden, mf, ſi Heinrich zum Zweikampf heraus. Heinrich wartete ſein auf u Tußze md einer ebenen Wieſe, bei Konſtanz am See. Als aber Hermann nicht erſchien, riethen jenem ſeine Räthe, Konſtanz, deſſen Biſchof gezwungen auf Hermanns Seite war, zu brandſchatzen.“ Er befolgte zwar dieſen Rath nicht; aber er durchzog mit Feuer und Schwert, verflucht von den armen Bewohnern, das ſchöne Oberſchwaben, kehrte nach Franken zurück, und kurz nachher ſah er, zum deutſchen Könige gekrönt, den Herzog Hermann von Alemannien büßend zu ſeinen Füßen. Er belehnte ihn mit dem Herzogthum, und Hermann ſtarb als treuer Anhänger und Begleiter des Kaiſers. Unter ſeinem minderjährigen Sohne Hermann III., der von mütterlicher Seite von Karl dem Großen und den Königen Burgunds abſtammte, herrſchte Zwietracht in Alemannien, bis der aus Italien zurückgeeilte König Heinrich II., zu Zürich Landfrieden machte. Derſelbe verlegte das Kloſter zu Twiel, auf die Bitte der Mönche, aus der rauhen Höhe herab in das milde Stein am Rhein, und ſtellte das wohldotirte Kloſter N. C. 1005. unter das neuerrichtete Bisthum Bamberg(1007).** Nach Hermann III. frühzeitigem Tode erhielt Ernſt, deſſen älteſten Schweſter Giſela Gemahl, der Sohn Luitholds, Mark⸗ grafen in Oeſterreich, das Herzogthum Alemannien. Er ſtarb auf Hwaben. der Jagd, und ſein älterer Sohn, der unglückliche Ernſt II. folgte ihm unter der Mutter Vormundſchaft. Giſela ward vom Franken⸗ herzoge Konrad geraubt, geheirathet und beſtieg mit ihm den deutſchen Königsthron. Der neue König beſuchte N. C. 1024. das Schwabenland, fuhr gen Konſtanz und beſtätigte die Rechte der Klöſter. Als Herzog Ernſt ſeinen Aufſtand um das Erbe Burgunds gegen den harten und ungerechten N. C. 4027. Stiefvater und ſeine Anhänglichkeit an den aufrühriſchen Grafen Welf oder Welfhart, den Abkömmling der Kammerboten D ESA * Konſtanz hatte damals einen blühenden Handel. Eine Urkunde vom Jahr 4022 führt folgende mercatores Constantienses mit Namen auf: Eocho, Chomuli, Woueli, Abeli, Engezo, Tegenhard.(Neug. C. DCCCXX.) E Es ſcheinen beſonders Goldſchmiede geweſen zu ſeyn. ** In der Urkunde(N. C. DCCCXVIII.) heißt der Berg Duellum. 122 Rudhard und Warin und einen der Stammväter der Welfen, mit langer Gefangenſchaft auf dem Giebichenſtein büßte, zog der Kaiſer durch das aufgeregte Oberſchwaben und zerſtörte die Burgen der Aufrührer. Auf dieſem Zuge begleitete die traurige Giſela ihren Gemahl; beide kamen an den Bodenſee und nach St. Gallen. Hier fand Giſela ein Wohlgefallen an Notker Labeo's ſchönen Handſchriften, dem Hiob und dem Pſalmbuch, und Beides wurde ihr verehrt.— Von allen Vaſallen Ernſts war ihm nur der Gaugraf im Thurgau, Werner, treu geblieben, und ſeine Veſte Kyburg trotzte dem Kaiſer fünf Monate lang. Als Konrad ſich das Erbe Burgunds geſichert hatte, war er geneigt, ſeinem freigelaſſenen Stiefſohn Ernſt das Herzogthum Schwaben zurückzugeben, wenn er ſeinen Freund Werner von Kyburg aus⸗ liefern würde. Mit Unwillen verwarf Ernſt dieſe Bedingung; er wurde mit Werner geächtet, und das Herzogthum erhielt ſein Bruder Hermann. Das treue Freundespaar zog in den Schwarz⸗ wald, ſammelte ſich auf der alten, im Walde verſteckten Burg Falkenſtein Anhänger, und brach in die Baar hervor, das Herzogthum mit Waffengewalt wieder zu erobern. Hier ſtießen ſie auf den Grafen Mangold von Veringen oder Nellenburg, der vom Kaiſer mit Vollziehung der Reichsacht beauf⸗ tragt war, und mit ſeinen Dienſtmannen in der Gegend ſtreifte. In einem verzweifelten Gefechte, in welchem Ernſt und ſein Freund Werner, aber auch Mangold, der Führer der feindlichen Schaar und viele Edle fielen, wurde der Hauſe des N. C. 1050. erſtern zerſtreut, und ſein Anhang vertilgt(18. Aug. 1030). Der Biſchof erbarmte ſich des gefallenen Feindes; er nahm den Bann von ſeinem unglücklichen Haupt, und der Leichnam des Herzogs wurde nach Konſtanz gebracht und dort in geweihter Erde beſtattet; ſein Gegner Mangold erhielt auf der Inſel Reichenau ſein Grab. Bald kam ein andrer erlauchter Todter in ihre Nähe. Graf Gero, der Familie von Montfort angehörig, und Herr von Pfullen⸗ dorf, beſchloß im höhern Alter, der Welt zu entſagen und in dem Kloſter Petershauſen dem Himmel zu leben. Voll Sehnſucht nach dieſer Freiſtätte, entdeckte er am See, auf einer Reiſe begriffen, ſein Vorhaben dem Abte jenes Kloſters, ſetzte ſich mit ihm zu Schiff und ſegelte dem Hafen zu: aber ihn ſollte eine noch ſtillere Ruheſtätte empfangen. Noch auf der Fahrt erkrankte er, und an der ſchmalen Landzunge, die nicht allzufern 90n Kol hotn i wiezte, et vn Hille k haufen k 91 K A in Ehhhg Inm lgt Ait ſet in Iht nach K Redne Fuiden 8 E Uat, zun bens, J Heucte! ſtuen g Hiſer he ſuf der g Iil. 3 Gähurt ei de Ael re A. 123 von Konſtanz ſich ins Waſſer ſtreckt, und ſchon damals das Eich⸗ horn hieß, ſtarb der Greis im Schiffe, das jetzt den Sterbenden wiegte, wie es einſt den Säugling gewiegt hatte; denn er war zu Schiff auf dem Bodenſee geboren. Seine N. C. 1035. Hülle ward an der Stätte ſeiner Sehnſucht, zu Peters⸗ hauſen beſtattet. 5. Kaiſer Heinrich III. Alemannien wechſelte um dieſe Zeit ſeine Herren ſchnell. Her⸗ mann, Ernſts Bruder, ſtarb an der Peſt in Italien. Da gewann der Kaiſer die Vaſallen von Schwaben, Baiern und Burgund durch Erblichmachung ihrer Lehen, und N. C. 1058. gab dieſe Länder ſeinem Sohne Heinrich. Als aber dieſer den Thron beſtiegen(als Heinrich III.), konnte er bei den Kriegen, die das Reich durchtobten und dem Aufruhr, der auch in Schwaben drohte, dieſe Länder ſeinem Hauſe nicht erhalten. Ihm lag vor allen Dingen der Reichsfriede am Herzen, der ſeit Jahrhunderten fehlte. Daher berief der Kaiſer N. C. 1045. im Jahr 1043 Fürſten und Biſchöfe an dem Bodenſee nach Konſtanz, beſtieg nach viertägigen Berathſchlagungen die Rednerbühne, ermahnte das Volk mit lauter Stimme zum Frieden und ertheilte allgemeine Verzeihung. Den Alemannen gab er Otto(I.), Pfalzgrafen am Rhein, der in Schwaben beſitzungslos war, zum Herzog; dieſer, ein gütiger und ſchöner Mann, waltete fromm und rüſtig im Lande. Als er ſchon nach drei Jahren ſtarb, ertheilte Heinrich Otto UI., Markgrafen von N. C. 1047. Schweinfurth, das Herzogthum; aber er ſelbſt war eigentlich Regent des Landes und lebte, ferne von den prächtigen Hoflagern, die er haßte und aus denen er Fiedler und Gaukler vertrieb, am liebſten auf den ſtillen Maierhöfen Schwa⸗ bens. Als er zur Krönung nach Rom' reiste(1046), N. C. 4046. beſuchte er das Geſtade des Sees und nahm von Konſtanz ſeinen Freund, den Biſchof, mit. Am 24. April 1048 erſchien der Kaiſer perſönlich bei der Einweihung der neuen St. Markuskapelle auf der Reichenau, und feierte den Tag dieſes Heiligen auf der Inſel. Im folgenden Jahre beſuchte auch der Papſt Leo IX., von Geburt ein Deutſcher, Graf v. Egisheim im Elſaß, den See und die Inſel Reichenau, und weihte die Kirche dieſes Kloſters, ſo wie andere Altäre und Gotteshäuſer in der Gegend. E . 124 6. Rudolph, Herzog von Schwaben und Gegenkönig; Heinrich IV., Kaiſer. Der Kaiſer Heinrich III. und Herzog Otto waren geſtorben; da trat Graf Berthold I. von Zähringen vor des Kaiſers Wittwe Agnes, die Vormünderin des jungen Königs, und hielt N. E. 1056. ihr den Ring vor, den Heinrich ihm als Unterpfand der Anwartſchaft auf das Herzogthum Schwaben gegeben. Die Kaiſerin erkannte den Ring, aber das Herzogthum gab ſie mit Burgund dem begnadigten Entführer ihrer Tochter Mechtilde, Rudolph von Rheinfelden zur Mitgift. Zürich wurde ſeine Haupt⸗ ſtadt; der Zähringer erhielt Kärnthen und Verona zur Entſchädigung. Herzog Rudolph trat als ein kräftiger Gegner der Gewalt der Erzbiſchöfe, die ſich um die Vormundſchaft des jungen Heinrich V. ſtritten, auf, und griff mit ſtarker Hand in die Geſchicke jener Zeit ein. Auf dem Schloſſe Bodmann am See, das wiederaufgebaut blühte, war Welf, Herzog von Kärnthen, kinderlos geſtorben und ſein Erbe an ſeinen Schweſterſohn Welf gefallen. Dieſem verſchaffte Rudolph das Herzogthum Baiern. An beide eng verbündete Fürſten ſchloß ſich der ſeiner Würden ungerecht entſetzte Herzog Berthold von Kärnthen an. Alle drei ſtanden dem König Heinrich drohend gegenüber, und nachdem ſie es im Sachſenkriege noch wider Willen mit ihm gehalten, beſtimmte ſie der furchtbare Sieg über N. C. 1075. die Sachſen bei Hohenburg(13. Jan. 1075), der die Fürſten ſelbſt gereute, ſowie die Anſchläge des Kaiſers auf ihr Leben, zu einem offenen Bruch. Gregor VII. ſandte den Bannfluch über den Kaiſer, und während dieſer im Winter über die Alpen eilte, um ſich zu Canoſſa vor dem Papſte zu demüthigen, wählten die Fürſten und Biſchöfe des Reichs und der N. C. 1077. päpſtliche Legat den Herzog Rudolph von Schwaben zum König der Deutſchen, und krönten den Widerſtrebenden in Mainz. Ganz Deutſchland und auch unſre Gegend theilte dieſe Wahl in zwei Partieen; der öffentliche Krieg brach aus. Rudolph eilte auf den Reichstag nach Eßlingen, dann erſchien er plötzlich am See zu Reichenau und in Konſtanz, wo er länger weilte. Der Biſchof Otto war nach Markdorf geflohen. Mit Rudolph waren der neuernannte Biſchof Altmann von Konſtanz, die Aebte von Stein am Rhein und Reichenau. Aus Rugk in Hohenrhätien ſtammte, nach der Sage, ſein Anhän⸗ ger, der Pfalzgraf von Tübingen. Auf ſeiner Seite ſtand auch G N Reitt Blldet Kaftel Fanm . el Keft Gachen Vähtend A. ihm ch Elich hohe geſ In ſt, dat Heinnich An Ak die Nf Iruf Mieng D Gegenkin 12⁵ Graf Marquard von Bregenz mit der Stadt, der mit Rudolph verſchwägerte Graf von Oenin gen, Graf Hugo von Montfort mit ſeinem ganzen Geſchlechte, das jetzt ſchon als hochmächtig in der Geſchichte auftritt, und deſſen Beſitzungen von den rhätiſchen Alpen bis ans deutſche Ufer des Bodenſees hinausreichten; aus weiterer Ferne die Grafen von Dillingen, Calw und Achalm. Mit Heinrich waren der Abt von St. Gallen, der Biſchof von Straßburg, der Graf Ulrich von Bregenz, einer der mächtigſten im obern Lande und nach einer Sage, Schwiegerſohn ſeines Feindes Rudolph, ferner der Graf von Lenzburg, der Graf Luithold von Dillingen, der Graf Egino von Achalm. So war faſt kein Geſchlecht, das nicht den blutigen Streit der Könige getheilt hätte. Während Rudolph Sigmaringen an der Donau belagerte, das dem Grafen von Pfullendorf gehörte, fiel Heinrich mit dem Schwert in Alemannien ein, und verwüſtete das untere Land. Im obern wüthete ſein Verbündeter Abt Ulrich II. von N. C. 107s St. Gallen, der mit ſeiner kleinen Mannſchaft ein kühnes bis 10sö. Wageſtück unternahm. Er bemächtigte ſich der Abtei Reichenau, fuhr über den Bodenſee und eroberte, von ſeinem Bruder, Herzog in Kärnthen unterſtützt, mit ſtürmender Hand die Kaſtelle MWarkdorf, Bregenz und andere, und gab ſie den Flammen preis. An der Sitter, an der Thur, im Gebirge, am Rhein baute er Veſten(ſo Hersbruck bei Bernang). Ru dolph hatte nach Sachſen weichen müſſen, und überließ das Land der Verheerung; während der eigentliche Krieg ſich wechſelvoll in die Ferne zog. Unter dieſem Ungemach ſtarb Rudolphs Gemahlin Adelheid auf der Veſte Twiel. Rudolph erfocht zuletzt in Sachſen einen Sieg über ſeinen Gegner; der Papſt hatte ihm eine Königskrone geſandt. Aber er lag ſterbend auf dem Schlachtfelde, die rechte Hand war ihm abgehauen, durch den Leib ging ein tödtlicher Stich. So wurde er nach Merſeburg gebracht.„Ich N. C. 4080. habe genug gelebt,“ ſprach er,„ich ſterbe unbeſiegt.“ In Schwaben und am See tobte indeſſen der Parteikampf fort, das Herzogthum hatte Friedrich von Staufen vom Kaiſer Heinrich IV. erhalten, und hielt ſich im Nordoſten von Schwaben auf. Am Bodenſee herrſchte Heinrichs Anhang bis ans Uichtland. Aber die erſte Schlacht war ſeiner Partei nicht günſtig. Eckh ard, der Bruder des St. Galliſchen Gegenabts Luithold, Abt von Reichenau, bemächtigte ſich, nachdem Ulrich ins Gebirge geflohen 22 16 2 war, ſeiner Inſel wieder, zog nach St. Gallen, verbrannte die Pfalz, plünderte die Stadt, und dieſen Einfall wiederholte er viermal. Das viertemal ſetzte er auf den Rand des nahen Gebirgs die Veſte Bernegg im Rheinthale(ſpäter Roſenburg N. C. 1065. von ihrem Wiedererbauer genannt), die jedoch Ulrich nach wenigen Tagen zerſtörte(1085). Einen mächtigen Genoſſen erhielt der Abt Eckhard, an dem Markgrafen Berthold von Zähringen. Beide ſtritten nach zwei Seiten gegen Biſchof Otto von Konſtanz, und gegen Abt Ulrich. Ihr einer Haufe zog jenſeits des Bodenſees hinauf, und verheerte das St. Galliſche Gebiet von Konſtanz bis Bregenz; den andern führte ihr Hauptmann Adilgozo durchs Thurgau bis an die Alpen, und verbrannte die Sennhütten mit ſammt dem Vieh. Es mußte ſich fügen, daß das Patriarchat von Aquileja um dieſe Zeit erledigt wurde, und der dankbare Kaiſer ſeinen Bundesgenoſſen Ulrich mit dieſer Würde bekleidete. Dies flöste ſeinem Gegner Eckhard auf der Reichenau ſolche Ehrfurcht ein, daß er vom Kampfe abſtand. Ulrich benützte den Augenblick und machte bei dem Markgrafen Berthold einen Gegenbeſuch über Konſtanz hinaus, indem er ſein feſtes Schloß Twiel überraſchte und durch Verrath der Bewohner ſich in ſeinen Beſitz ſetzte. Berthold brach erzürnt gegen St. Gallen auf und wüthete mit Raub und Brand. Seine Kriegsknechte drangen in die Kloſterkirche und verwundeten einen Mönch im Allerheiligſten. Einen armen Knaben, der ein Kreuz ergriffen hatte und damit als einem Schilde ſich deckte, hieben ſie unbarmherzig nieder. Aber nach drei Tagen wurde der Thäter wahnfinnig, lief an den See nach Rorſchach und ftürzte ſich hinein. Unter dieſen Händeln war Berthold von dem päpſtlichen Legaten, den Fürſten und Biſchöfen zum Gegenherzog von Alemannien erhoben worden, und die Welfen, Vater und Sohn, ſtanden auf ſeiner Seite: Heinrichs Freunde aber ſammelten ſich um Friedrich von Staufen und Ulrich von Bregenz. Den Letztern bekriegte der junge Welf. Hungersnoth und Seuchen wütheten N. C. 1091. am See. Eine Sonnenfinſterniß am hellen Mittage erſchreckte das Volk. Große Greuel gingen in der Gegend vor. Ein Graf Otto(wahrſcheinlich Otto II. von Buchhorn), hatte mit ſeines Nachbarn, Grafen Ludwigs(von Pfullendorf?) Gemahlin bei deſſen Lebzeiten öffentlich Hochzeit gehalten; dafür hieben ihm Ludwigs Dienſtmannen das Haupt ab und ſein Erbe kam an Fremde. Auñ des Zihn und den z00 dlr Konftaßz Wehtten Retblunt Ion Ial Uon d Ftiedtic Zähting dum Her Kulſchbaſ Ae Let Aaherzul De9 hon ihre empfingl gerhtt u Hlicen gr ſlander ſe Kirche iuch s diefer n Et.6 Cküböcke 0 Häte ütz 127 Auf den Biſchofsſtuhl zu Konſtanz wurde Gebhard, der Bruder des Zähringers, mit Gewalt eingeſetzt. Dieſen zu ſtürzen und den Grafen Arnold von Heiligenberg einzuſetzen, N. C. 1086. zog der Patriarch Ulrich an Weihnachten 1092 vor Konſtanz. Aber die Schleuderer und Pfeilſchützen der Stadt ver⸗ wehrten ihm den Eingang, und er zog, nachdem er einige Häuſer verbrannt, unverrichteter Dinge wieder ab. Dafür verwüſtete die zähringiſche Beſatzung der Stadt die Beſitzungen St. Gallens, bis ſie an der Thur überfallen und geſchlagen wurde. Ulrich ging nach Aquileja; aber Arnold Graf von Heiligenberg ver— trieb mit Hülfe ſeines Bruders Heinrich den Biſchof N. C. 4003. Gebhard glücklich vom Stuhle zu Konſtanz, auf den er ſich ſetzte. Alles zeigte ſich der grauſamen Fehden ſatt. Der erſte Friedens⸗ ſtifter war der vertriebene Biſchof Gebhard von Konſtanz, der einen Fürſtentag in Ulm veranſtaltete, und deſſen Beredſamkeit die erſten Grundlagen eines Vertrags zu Stande brachte, den der Kaiſer, von Italien zurückgekommen, vollendete. Arnold mußte vom Biſchofsſtuhle ſteigen, den Gebhard wieder einnahm. N. C. 1096. Friedrich erhielt das Herzogthum von Schwaben, der Zähringer die Reichsvogtei im Thurgau und die Stadt Zürich nebſt dem Herzogstitel; beide beides erblich. Der Name Alemannien verſchwand. Bertholds und Welfs Erbgüter blieben reichsfrei. Die letztern gingen vom Bodenſee durch Schwaben bis ans Kochergau. Baiern erhielt als erbliches Herzogthum der alte Welf. 7. Kultur in den Klöſtern. Die Gemüthsart der Uferbewohner hatte noch wenig von ihrer alten Rohheit verloren. Sie waren zwar N. E. 1000 empfänglich für die Ermahnungen der Geiſtlichkeit, ſchnell bis 440o, gerührt und ſchnell verſöhnt; aber nach wenigen Augen⸗ blicken griffen ſie unter Schimpf⸗ und Drohworten wieder gegen⸗ einander zu den Waffen; und in derſelben Zeit ſtiften und plündern ſie Kirchen. Größere Fortſchritte machte die Bildung, aber mit ihr auch der Luxus, in den Klöſtern des Ufers. Der Küchenzettel aus dieſer Zeit iſt ein ganz anderer, als der des Abtes Hartmut von St. Gallen. Zahlreiche Fleiſchſpeiſen, darunter Schlachtvieh, Steinböcke, Murmelthiere, Wieſente, Auerochſen, Wildpret, freilich auch Bä ren; Vögel aller Art, namentlich Birkhahnen und Schwäne ſind nichts Seltenes. Von einheimiſchen Fiſchen bemerkt man den 2 L 4 2 — . . Rheinlanken(illanch), den Rothfiſch(rotin), Salmen, Hauſen; von fremden Häringe und Stockfiſche, auch Biberfleiſch; dazu edles Obſt, worunter Pfirſchen, Melonen, Feigen, Kaſtanien, Datteln. Das gewöhnliche Getränk iſt Bier und Meth GHonigwaſſer). Wein iſt ein Leckertrank. Auf dem Lande hingegen herrſchte dieſe Ueppigkeit nicht; auch der Reichſte begnügte ſich hier mit den Landeserzeugniſſen. Stroh⸗ hüte, ſelbſtverfertigte leinene und wollene Röcke waren allgemeine Tracht. Am Schluſſe des eilften Jahrhunderts wurde ein neues geiſt⸗ liches Stift am Bodenſee, die Augia Major(Mehrerau) bei Bregenz vom Grafen Ulrich VIII. von Bregenz gegründet, im Jahr 1097. Er fand dort noch in demſelben Jahre ſeine Grab— ſtätte. Die Kloſterſchulen zu Reichenau und St. Gallen blühten in dieſem Zeitraume fort. Die ausgezeichnetſten Gelehrten lieferte noch immer das letztere Kloſter. Es waren Eckehard J., der Be— arbeiter des Heldengedichts Walther von Aquitanien; hochgeehrt von Papſt Johann XII. und Kaiſer Otto I.(+ 973); Eckehard II., ein Schüler des erſtern, rüſtig und ſtreng; der bekannte Lehrer Hadewigs; er ſtarb als Domprobſt zu Mainz, am 23. April 990. Eckehard III., Vetter des vorigen, unterrichtete die Hofkaplane Hadewigs auf Twiel; Notker der Phyſiker, Profeſſor der Muſik, der Malerei und der Arzneikunde; Notker Labeo(der großlippige), einer der gelehrteſten und freundlichſten Menſchen ſeiner Zeit, Theolog, Muſiker, Dichter, Aſtronom, Mathematiker, Philolog; hochverdient um die Mutterſprache durch ſeine Ueberſetzungen;“ von Eckehard I. gebildet. Er wollte in der Todesſtunde die hungri⸗ gen Armen ſpeiſen ſehen und ſtarb unter ihrem fröhlichen lauten Lärm an der italieniſchen Peſt im 70ſten Jahre(22. Juni 1022). Man hat noch ſein deutſches Pſalmbuch, ſeine Poetik des Ariſtoteles, ſeinen Martianus Capella, und einen Aufſatz von ihm über muſika⸗ liſche Inſtrumente. Eckehard IV. Cunior) ein großer Philolog, nebſt Hilderich, Vorſteher der Schulen; für Geſchichte und Sittenkunde unſchätzbarer Fortſetzer der St. Galliſchen Hauschronik ſeit Abt Salomo; Ver⸗ faſſer des liber benedictionum.(T 21. Oktober 1070). Er redigirte Eckehard I. Gedicht, Walther von Aquitanien. Primus barbaricam scribens; faciensque saporam, Eckeh. Jun. 129 Endlich der Mönch Hepidan, Biograph der heiligen Wiborada und zum Theile Verfaſſer der annales Hepidani; ſchrieb nach der Mitte des eilften Jahrhunderts. Unter der Leitung dieſer Gelehrten wurde das Studium der Klaſſiker aufs Eifrigſte betrieben; ihr lateiniſcher Styl zeichnet ſich für die Zeit aus; aber die Verſe ſind ſchon gereimte Mönchshexa⸗ meter. Der Philoſophie wurde Ariſtoteles, Plato, Porphyrius und Boethius zu Grunde gelegt; die Muſik nach Regeln gelehrt. Geometrie und Aſtronomie beſchränkten ſich wohl auf die Anfangs⸗ gründe. Leibesübungen aller Art wurden nicht vergeſſen, und die Erholungen ſind noch römiſch-antik: Würfel(tali), Wettrennen, Ringſpiele, zu denen man ſich ſalbte. Ihre ſittlich⸗religiöſen Begriffe waren reiner, als man vielleicht denkt:„Das Gebet ändert Gottes Willen nicht— ſagen ſie— ſon⸗ dern er ſieht es vorher und wirkt es.— Schnelles Geſtändniß der Sünde iſt der ſicherſte Weg zum Heil.— Die beſte Reue zeigt man über die Sünde, die man nachher nicht wiederholt.“ Die Religion ſtellten ſie hoch über alle Wiſſenſchaften. Der Gottesdienſt iſt prachtvoll, in den Kirchen glänzt alles von Gold, Silber, Bern⸗ ſtein, Stickerei. Der Kirchengeſang in St. Gallen zeichnete ſich aus; die Beichte war noch edel und ſittlich; bei der Taufe herrſchte noch die Sitte der Eintauchung. Uebrigens iſt noch keine Spur von Gewalt des Papſtes über die Klöſter; er ſchützt ſie bloß und beſtätigt die Heiligſprechungen. Die Biſchöfe von Ehur und Kon⸗ ſtanz üben die geiſtliche Gerichtsbarkeit, jeder über ſeinen Sprengel⸗ Der Kaiſer führt in der Regel die Aufſicht über die Klöſter. 8. Welfen⸗ und Gibellinenfehde am See. Die großen Reichshändel ziehen ſich am Anfange des zwölften Jahrhunderts aus unſern Gegenden weg. Ein Reichstag zu Kon⸗ ſtanz im Jahr 1112 und der Beſuch Kaiſer Heinrich V. in derſelben Stadt, ſind iſolirte Erſcheinungen. Dafür ſpielt die erſte Fehde der Welfen und Gibellinen, die den Samen zu dem tödt⸗ N. C. 1125. lichen Haſſe beider Häuſer ausſtreute, an dem Bodenſee. ff. Der von den Fürſten wider Erwarten gewählte König Lothar (1125) war über die alten Beſitzungen des ſaliſchen Hauſes mit dem Schwabenherzoge Friedrich II., der ſich Hoffnung auf die deutſche Krone gemacht hatte, in Krieg gerathen; von ihm, als er nach Italien zog, hatte der Reichsverweſer, Heinrich der Stolze, Her⸗ zog von Baiern und Sachſen, ein Welfe, dieſen Kampf gegen den⸗ Schwab, Bodenſee. 9 2 2 130 Staufen, obgleich dieſer ſein Schwager war, geerbt. Schon im Jahr 1128 war Heinrich, noch unabhängig von dieſer Fehde, mit einem großen Heere von Sachſen und Italienern vor Konſtanz erſchie⸗ nen, weil der Biſchof Ulrich Händel mit ſeinem Bruder Welf hatte. Aber die Stadt widerſtand muthvoll, und der Graf Heinrich von Heiligenberg, der einen Familienſchimpf bei dieſer Gelegenheit rächen wollte, und ſich trotzig vordrängte, fiel von den Geſchoſſen der Städter. Am andern Tage kaufte ſich der Biſchof durch Geld los und zerſtörte das nahe Schloß Kaſtell, das ſein Vorfahre Gebhard von Zähringen erbaut hatte und das von den Belagerern benutzt worden war, der künftigen Sicherheit halber. Dieſe Welfen ſtreckten von ihrem Stammſchloſſe Altdorf(bei Ravensburg) immer kühner die Hände nach dem Ufer aus. Schon Heinrichs Vater hatte ſich der Grafſchaft Buchhorn, wahrſcheinlich mit Waf⸗ fengewalt, bemächtigt. Sein Bruder Welf gründete im Jahr 1130 daſelbſt das Kloſter Hofen.* Als nun im Kriege gegen die Staufen Heinrich an ver Wernitz ihnen den Rücken ohne Schlacht geboten(1132), ſo benutzte der Herzog Friedrich ſein Glück, kam an den See, überfiel Altdorf und Ravensburg und verheerte die Umgegend. Dagegen verwüſtete Heinrich das Donauland. Im folgenden Jahre ſehen wir dieſen wieder auf ſeinem Stamm⸗ ſchloſſe ſitzen und dem Staufen von hier aus Frieden bieten. Aber dieſer zeigte keine Luſt. Heinrich däuchte ihm im Ober⸗ land, Welf im nördlichen Schwaben zu waffengewaltig; ſie mußten gedemüthigt werden. So bereitete ſich der große Streit vor, der Jahrhunderte lang zwei der mächtigſten Häuſer Deutſch⸗ lands entzweite. * Kurz zuvor(ums Jahr 1425) war von Biſchof Ulrich von Konſtanz das Kloſter Kreuzlingen(Crucilinum) geſtiftet worden. TNeug. C. DCCCXLVI). V Ue Rit Keknten Kü. D Wr, f ſo Kit gllche. fe keth L d beth Hal il0 Wule Auun Lben un Mit wei Rigelegt Ahte de u der An Hote d 606,6 Uüſen I Eunhe VI. Der Dodenſee unter den Hohenſtaufen. Mach Chr. 1150— 1267). 1. Barbaroſſa am See. Nach Lothars Tode war der jüngere Staufen, Ko n⸗ rad, zum Könige der Deutſchen gewählt worden. Seine Zeitgenoſſen ſchildern ihn als einen Mann von trefflichen Gaben des Leibes und des Gemüthes, einen tapfern Krieger und einen Herrſcher voll Muth, wie es einem Könige geziemt; daß er die Reichsverfaſſung wankend angetroffen, und durch die Mißgunſt der Umſtände gehindert wurde, alle innern und äußern Angelegenheiten des Reiches nach Wunſche zu ordnen, war nicht ſeine Schuld. Erſt hemmten innere Fehden, dann der Kreuzzug ſeine heimiſche Thätig⸗ keit. Doch entging auch unſer Schwabenland, ſo viel es möglich war, ſeiner Aufmerkſamkeit nicht; der kirchliche Friede lag ihm ſehr am Herzen, und in einem Streite zweier Klöſter Alemanniens, wo er als Vermittler auftritt, verſichert der ſonſt, wo es Noth that, ſo kriegsluſtige König, daß er nicht mit tauben Ohren jenes evan⸗ geliſche Wort vernommen habe:„Selig ſind die Friedfertigen, denn ſie werden Kinder Gottes heißen.“ In unſrer Seegegend ſcheint Konrad nicht erſchienen zu ſeyn. Hier, wie im ganzen Reiche, heilend und bekräftigend zu wirken, war ſeinem großen Nachfolger vorbe⸗ halten. Dieſer war Friedrich der Rothbart, der Sohn ſeines ältern Bruders Friedrichs II., Herzogs von Schwaben, der dem Vater im Herzogthume, dem Oheim auf dem deutſchen Throne folgte(1152). Unter einem ſolchen Haupte kehrte N. C. 1152. Leben und geſunde Eintracht ſchnell allen Gliedern zurück. Mit weiſer Güte wurden die Reichsfürſten gewonnen, die Fehden beigelegt, das königliche Anſehen in Deutſchland befeſtigt: dann erſt dachte der König an die höchſte Majeſtät und Würde des Reichs, und der Blick des Adlers fiel auf Italien und die Kaiſerkrone. Am Bodenſee in ſeines Reiches freier Stadt Konſtanz thronte der König und hielt Tag mit den verſammelten Fürſten. (153, 11— 23. März.) Nie hatte ein würdigeres Fürſtenantlitz in dieſen Waſſern ſich geſpiegelt, aus welchen uns, wie aus dem Strome der Zeiten, bis dahin faſt alle Könige der Deutſchen N. C. 1150. E * 15 entgegengeblickt haben. Das gelbe Haupthaar, der röthliche Bart, die rothen Wangen auf der weißen Haut, die blauen Augen ver⸗ kündigten in ihm den Schwaben, den Alemannen, den Sprößling des Männergeſchlechtes, das dieſer See ſeit neun Jahrhunderten an ſeinen Ufern hegte; der feſte Gang, der würdevolle Anſtand, die reine Stimme, der durchdringende, der innern Kraft ſich bewußte Blick waren ihm eigenthümlich und ſtempelten ihn zum Herrſcher ſeines Stammes und des ganzen deutſchen Volkes. Der erſte in allen Leibesübungen, heiter bei mäßigen Feſten, der größte Held und Feldherr, doch den Frieden ſtets im Auge, ſtreng gegen Wider⸗ ſtrebende, verſöhnlich gegen Reuige, voll herablaſſender Würde gegen die Seinen, voll Andacht ohne Frömmelei, dem Rathe offen, aber ſtets als Herrſcher ſelbſt entſcheidend— dieß iſt das Bild, das uns die Geſchichte von ihm entwirft. Zu Konſtanz am See ſaß dieſer Kaiſer in der Mitte ſeiner Fürſten. Da faßten zwei italieniſche Männer, Bürger aus Lodi, als ſie ſahen, wie beſonnen und ſtrenge Friedrich jedem Gerechtigkeit widerfahren ließ, ein Herz zu dieſer Heldengeſtalt, und wurden von der Hoffnung ergriffen, daß er auch ihr Vaterland aus dem tiefſten Elende erretten werde. Sie eilten in eine Kirche, nahmen dort zwei große Kreuze, warfen ſich mit denſelben weinend zu den Füßen des Königs und der Fürſten und brachten bittere Klagen über die Tyrannei ihrer Herren, der Mailänder, vor. Sogleich ſchickte Friedrich einen Geſandten mit drohendem Schreiben nach Mailand; aber die Bürger dieſer Stadt riſſen es in Stücke und der Bote, ein Churwahle, rettete ſich kaum durch die Flucht. Dieſe N. C. 1155. Nachricht entſchied: Friedrich eilte über die Tyroleralpen (1155), ſchlug erſt Mailand, dann das aufrühreriſche Rom ſelbſt, mit der Schärfe des Schwertes, und noch in demſelben Jahre ſah ihn unſer Bodenſee, die Kaiſerkrone auf dem Haupte, auf ſieg⸗ reicher Heimkehr zu Ueberlingen und zu Konſtanz(23., 28. September, 27. November). Das Herzogthum Schwaben vom Main bis an die Alpen gab der Kaiſer jetzt dem zu verwalten, dem es vom Vater zugedacht war, dem Sohne Konrads, Friedrich. Zwiſchen dem zweiten italieniſchen glorreichen Feldzug, der mit Mailands Zerſtörung endigte, und dem dritten, eilte Friedrich nach Deutſchland und hielt auch am See, zu Konſtanz, N. C. 4162. Gericht(1162, November). Auf dieſem Reichstage Vergl. Raumers Hohenſiaufen II. S. 6, 6. ſtid f ſeiuerd Mhumktz Mflin Heneh zteih der ald lei g0 fai mllfung del Vd. Wagen nihtiht 3 Lodi! die Unt Ftiedt then 2 Gätken! Jirten! üllkerich Ghlifel Uulket h deß J farz g 2. Dat Ehe 0 Iu Vel Auth,f 133 ſchied ſich Herzog Heinrich der Löwe von Braunſchweig von ſeiner Gemahlin Klementia von Zähringen. Während des dritten Römerzuges entbrannte in Schwaben die Fehde zwiſchen Hugo, dem Pfalzgrafen von Tübingen, und ſeinen Freunden, darunter der Herzog Friedrich von Schwaben, ein Graf von Pfullendorf, und zwei von Heiligenberg, auf der einen, und dem jungen Welf auf der andern Seite. Flüchtig erſchien dieſer auf ſeinem Stammſchloß bei Ravensburg nach der Schlacht bei Tübingen; Friedrichs böh⸗ miſche Hülfsvölker durchwütheten die Gegend. Endlich kam der Kaiſer über die Alpen und trat als Verſöhner, Vermittler auf. Der vierte Feldzug nach Italien, durch Peſt verunglückt, machte den Kaiſer zum Erben Schwabens. Der fünfte Feldzug gab Ver⸗ anlaſſung, den treuloſen Welfen zu unterdrücken. Endlich ging Friedrich aus 30jährigem Kampfe, nachdem auch Italien und der Papſt kriegesmüde nachgegeben, in der Glorie des Siegs und der Alleinherrſchaft hervor. Auch in dieſer vollen Herrlichkeit ſollte ihn der Bodenſee ſchauen. Konſtanz, einſt ein römiſches Gränzkaſtell gegen die wilden Alemannen, war jetzt des deutſchen Königs Ge⸗ richtshof, vor den er Römer und Germanen lud. In dieſer Seeſtadt, wo vor wenigen Jahren die Bürger von Lodi mit aufgehobenen Händen die Gerechtigkeit des Kaiſers gegen die Unterdrückung des lombardiſchen Mailands angefleht, hielt nun Friedrich in dem Friedhofe, welches Haus noch auf den heu⸗ tigen Tag dieſen Namen behält und damals, vermuthlich von Gärten umgeben, außer den Mauern der Stadt lag, im Kreiſe der Fürſten des Reiches Gericht; da erſchienen vor ihm die Boten der italieniſchen Städte und brachten dem römiſchen Kaiſer die goldnen Schlüſſel ihrer Thore, als Zeichen der Unterwerfung dar. Hier wurden die Freiheiten der Städte und die Hoheitsrechte des Kaiſers ſorgfältig erwogen und beſtimmt, und am 25. Junius des Jahres 1183 der merkwürdige Friede von Kon-N. C. 1183. ſtanz geſchloſſen. 2. Der Adel am See und im Rheinthal. Klöſter. Städte. Das Herzogthum Schwaben gab der Kaiſer ſeinem zweiten Sohne Friedrich(V.); die großen Erbgüter und Lehen des erlöſchen⸗ den Welfenſtammes, darunter am Bodenſee Altdorf und Buch⸗ horn, ferner das erledigte Pfullendorf und Bregenz wurden S 1 2 134 mit ſeiner Herrſchaft vereinigt und ſo der Herzog zum Landesherrn von El, von faſt ganz Schwaben und namentlich vom Seeufer gemacht. nah Um dieſen Sitz eines mächtigen Königshauſes zieht ſich jetzt, verbunden und gegliedert, ein Kranz von großen Vaſallen, blühen⸗ terond dem Adel, wohlgeordneten Stiftern und Klöſtern. Momet An die Stelle der Gaugrafen ſind in Folge des Landbeſitzes an den erbliche Grafen getreten: Kyburg, Toggenburg, Rapperſchwil, Lenz⸗ dan, kr burg, Habsburg, Nellenburg, Pfullendorf, Heiligenberg, Hohenberg, 10 fhe Veringen, Dillingen und andere ſind blühende Grafſchaften in„FJi näherer und fernerer Nachbarſchaft des Sees. Im Rheinthal hatten ſchon ſeit länger die Grafen von Montfort ihr Haupt erhoben; ihr erſter Wohnſitz war Rhätien, wohin ſie, nach ihres Hauſes Sagen, aus dem alten Italien gewandert kamen. In den Alpen bauten ſie ihre erſte Burg Fortifels oder Nontfort. Später rückten ſie, mit der Ausdehnung ihres Beſitzes, auch mit ihrer Wohnung ins offenere Rheinthal heraus und bauten am rechten Rheinufer die beiden Burgen Montfort, bei Gitzis und Rankwil in Müfinen, deren ernſte Ruinen noch immer auf den Wanderer nie⸗ Put derblicken. Auf dem linken Rheinufer erſcheinen die Freiherrn lihen! von Sax, von deren Blüthe das nächſte Jahrhundert erzählt. Andre Freie wurden Kriegsleute oder Beamten der Grafen und Stifter; ſie ſind die Stammväter des niedern Adels; aber manche ſtiegen in der Folge auch höher, wie z. B. die Herren von Wald⸗ burg, Tann und Winterſtetten, die als Truchſeſſe der ſchwäbi⸗ ſchen Herzoge hier zum erſtenmal vorkommen. Solche Edle ſchrieben ſich oft von den Schlöſſern ihrer Herren, deren Dienſtmänner ſie waren: ſo kommt es, daß ein neues Ge⸗ ſchlecht ſich von Ravensburg nennt. Es ſaß zu Neuravensburg zwiſchen Lindau und Wangen im Nibelgau und war im Dienſte der Welfen. Als St. Galliſche Edelknechte lernen wir die von Rorſchach, von Haslach, von Bernang, von Balgach kennen. Dieſe freien Krieger bauen ſich nach dem Vorbilde des hohen Adels Schlöſſer auf den Spitzen der Berge: eine Burg nach der andern hebt ihr Haupt in die Luft und ſpiegelt ſich in den Wellen. Sie beſtanden gewöhnlich aus einem Wohnhauſe und einem Thurme, mit runden großen Kieſelſteinen, aus 7— 12 Fuß dicken Mauern, an einem Abgrund aufgeführt, mit doppelten Gräben und einer Mauer umfangen. Wartenſee, Rorſchach, Altenburg, Fal⸗ kenſtein, Steinach ſind ſolche Sitze am See; im Rheinthal Werdenberg, Sax, Bernang. Rheineck ward von den Aebten von St. Gallen erbaut; in dieſem Kloſter wurden die Ehrenämter, nach dem Beiſpiele des Herzogs, erblich. Der ganze, zahlreiche kriegeriſche Adel bildete jetzt einen Rit⸗ terorden, ſeinen Dienſt that er auf dem Streitroß und auf den Römerzügen holte er ſich den Ruhm; die Lieder aber, die wir bald an den Ufern des Sees von allen Burgen herab ſchallen hören wer⸗ den, lernte er vorzüglich in der weltlichen Kloſterſchule St. Gallens, wo ſchon Tutilo den jungen Adel ſingen lehrte, und aus der die „Fideläre“ hervorgingen. Neben den Edeln erhielt ſich ein freier Bauernſtand; aber die Zinsleute der Klöſter wurden jetzt den Leib⸗ eigenen ganz gleich geachtet, doch auch dieſen ihre Lehen erblich verliehen. Auf den Zinsgütern hatten die Klöſter Maier, die gut bezahlt waren, Aemter und Gerichtsbarkeit zu Lehen hatten und dadurch Edelknechte wurden. Die Schirmvögte der Klöſter hausten als mächtige Herren. Ueber die Klöſter ſelbſt hatte der Papſt, mit dem Wachsthum ſeiner geiſtlichen Macht, allmählig die höchſte Inſtanz in allen kirch⸗ lichen Streitſachen gewonnen. Seit auch die Kloſtergeiſtliche Ritter geworden waren, zerſiel in den Klöſtern Zucht und Wiſſenſchaft. Die Mönche bauten ſich Häuſer, feierten ſchwelgeriſche Gaſtmahle, führten die Waffen und ließen die Schule von Eremiten beſorgen. An die Stelle der Ge⸗ lehrten treten magere Chronikenſchreiber; zu St. Gallen verfaßt Eckehard V. das Leben des heiligen Notker mit groben Verſtößen. Um ſo blühender hoben ſich den geiſtig zerfallenden Stiftern gegenüber durch Handel und Gewerbe die Städte, alle dem Grün⸗ der ihres Wohlſtandes, dem Kaiſer Friedrich treu ergeben. Kon⸗ ſtanz wetteiferte mit Augsburg und Ulm, durch wichtige Reichstage geehrt; Ueberlingen und andre alten Villen der Karolinger und Salier erwuchſen zu Städten und erhielten Mauern. Der Handel fing an mit dem Landbau zu wetteifern. Auch der Bauer, wohl⸗ habender geworden, machte Höfe zu Dörfern, und dieſe erhoben ſich ſelbſt zu Städten. An dem Ufer des Unterſees, der von der Reichenau, auch der Au-See, lacus Augiensis, hieß, war der neue Flecken Ratolfszell(Ratolfescella) entſtanden; auch Steck⸗ born, Kattenhorn, Gottlieben erſcheinen um dieſe Zeit mit vielen andern Namen, ſo daß wir von nun an den Bodenſee uns mit ſeinen jetzigen Ortſchaften beſetzt denken dürfen. Dieß Alles war Friedrichs Werk. — 136 3. Heinrich VI. 1190— 1192. N. C. 1190. Friedrichs verhaßter Sohn liebte unſre Gegend nicht; ff. er ließ anfangs Schwaben, mit dem er das ganze wel— fiſche Erbe vereinigt hatte, durch ſeine Vaſallen verwalten. Seine ehrgeizigen Plane riefen ihn nach Süden; doch ſollte unfre Gegend nicht ohne Denkmal ſeiner Grauſamkeit bleiben. Denn als der Tod den König von Sicilien, Tanered, ſeiner Rache entzogen hatte, und die Familie des Königs in ſeine Hände gefallen war, ließ er dem zarten Sohne Tanereds, dem Bräutigam der griechiſchen Irene, die Augen ausſtechen, und den Unglücklichen mit andern gefangenen neapolitaniſchen Edeln in unſer Rheinthal nach dem Schloſſe Hohen— embs ſchleppen, wo der Geblendete ſein ganzes jammervolles Leben vertrauern mußte. Das Herzogthum Schwaben hatte der Kaiſer ſeinem Bruder Konrad, und, als dieſer an der Peſt geſtorben, dem jüngern Bruder Philipp verliehen, dem er auch die griechiſche Irene vermählte. Dieſer Philipp beſtieg, nachdem Heinrich zu Meſ— N. C. 1497. ſina geſtorben, den Thron, den ihm der Welfe Otto ſtreitig machte. Weder dieſer Streit, noch Philipps Er⸗ mordung durch den Wittelsbacher, hatten unmittelbaren Einfluß auf unſre Gegend. Nur die allgemeine Verwirrung des N. C. 1206. Reiches und die Parteiung herrſchte auch hier. 4. Die Freiherren von Sax im Rheinthal. Aber eben dieſe Verwirrung begünſtigte das Aufkommen ein⸗ zelner Familien. Die mächtigſten Herren im Rheinthale nach den Grafen von Montfort waren um dieſe Zeit die Edeln von Sax. Aus ihrem Hauſe war Heinrich von Sax(Henr. de Sacco Urkunde von 1213) lange Dekan des Kloſters St. Gallen; er führte unter andern wohlthätigen Bauten auch einen neuen Münſterthurm an der linken Seite der Kirche auf, deſſen Grundſtein durch 80 Ochſen und 500 Mannn herbeigezogen werden mußte, und der beim Ab⸗ tragen des Thurms(im Jahr 1785) für einen Felſen N. C. 1203. gehalten wurde. Auf ſeine Veranlaſſung wurde ſein Bruder Ulrich, ein junger, gelehrter Mann, zum Abte gewählt. Er war ein treuer Anhänger Königs Philipp, ward dieſem in Baſel vorgeſtellt und von ihm mit dem Fürſtentitel be⸗ grüßt, den ſchon Kaiſer Heinrich dem Abte Norbert von Stofelen ertheilt hatte, wurde aber deßwegen nach Philipps Tode von Otto bitter angefeindet. Die⸗ Geſchlec daß en Bulbkt fet Jui bis an det fſ nien ge Ettije de Denn de Nefen d das Kg nel iht Gebit Unken Uf Fbet.“ km z beiͤ ſeint Etimmer Auch ein gethe Jomana, uf die 8 Hhilt de Eur wat Uunze, de 137 Dieſer Abt Ulrich von Sax vergaß den Heldencharakter ſeines Geſchlechts und die Ritterpflicht über ſeinem frommen Amte ſo wenig, daß er ſelbſt in der Charwoche einen Feldzug nicht ſcheute. Sein Bruder Heinrich von Sax hatte im dichten Forſte, der ſich noch jetzt zwiſchen Werdenberg und Sennwald im breiten Rheinthale bis an den Strom hinſtreckt, die Burg Forſtegg in die Rippen der Felſen angefangen zu bauen. Heinrich war indeſſen nach Spa⸗ nien gezogen und ſein Nachbar und Freund Graf Hugo von Mont⸗ fort, hielt dieß für die gelegenſte Zeit, das Schloß zu überfallen. Am heiligen Charfreitag, wo ſonſt auch Mörder und andere Uebel— thäter ſich verſöhnen, war er aufgebrochen, ſtand vor dem Hauſe ſeines Feindes, und fing an, es niederzureißen. Da wurde dem Abt Ulrich nach St. Gallen gemeldet, in welcher Gefahr ſeines Bruders Schloß ſey. Der Abt vergaß im Zorn, daß es der Rüſt⸗ tag des Herrn ſey, brach am Samſtag vor Oſtern auf, fiel von den Bergen über ſeinen Feind und ſchlug ihn von der waldumgebenen Veſte weg. Die Mönche ſahen in ſeinem ſpätern Schickſal eine Strafe des Himmels für dieſe Entweihung der heiligen Woche. Denn bald darauf ſtiftete König Otto einen Herrn von Arbon, Neffen des Biſchofs von Konſtanz, auf, der dem Kloſter unverſehens das Kaſtell Rheinegg, das ein Konſtanziſch Lehen war, weg⸗ nehmen mußte. Biſchof und Abt verwüſteten ſich nun gegenſeitig ihr Gebiet und von Rheinegg bis nach Konſtanz, auf dem ganzen linken Ufer, ſah man nichts als brennende Häuſer und verſengte Felder. Vergebens ſuchte der Abt von Reichenau zu vermitteln: es kam zur offenen Feldſchlacht, in welcher Ulrich ſeines Sieges ſchon gewiß war, als Ulrich von Kyburg, ſeiner Lehenspflichten uneingedenk, ihm in die Seite fiel, und nach langem Gemetzel in des Abts Reihen den größten Theil ſeines Volkes gefangen nach Arbon führte, Ulrich von Sax entkam mit Wenigen in ſein Kloſter: König Otto behielt Rheinegg. Abt Ulrich ſtarb frühzeitig(1220); bei ſeinem langen Todeskampfe hörten die Mönche geiſterhafte Stimmen winſeln, und in der Luft kochte es, wie ſiedendes Waſſer. Auch an andern Orten zeigten ſich dieſe Herren von Sax als ein gewaltthätiges Geſchlecht: unweit von Ragaz, bei der Porta Romana, hatte der Abt von Pfeffers im Jahr 1206 ein Schloß auf die Felſen gebaut und Wartenſtein genannt. Dieſes Schloß behielt der Maier von Ragaz widerrechtlich für ſich. Albert von Sax war der Schirmvogt des Kloſters Pfeffers; unter dem Vor⸗ wande, deſſen Rechte zu wahren, überfiel er den Maier auf dem — * — Felde, ſchleppte ihn gefangen vor das Schloß, und nöthigte die Hausfrau des Maiers durch dieſen Anblick zur Uebergabe der Burg. Allein als er von ihr Beſitz genommen, handelte er nicht beſſer, denn der Maier; er gab das Schloß Wartenſtein dem Abte nicht zurück, ſondern wollte deſſen bleibenden Beſitz von ihm für ſich er⸗ trotzen. Graf Egloff von Montfort und Abt Ludwig von St. Gallen ſtanden dem Abte von Pfeffers bei. Aber Albert ſtellte dem Abte von St. Gallen nach, griff ihn und hielt ihn ſieben Wochen auf Warten⸗ ſtein feſt. Auch der Maier wurde erſt nach dritthalb Jahren gegen ein Löſegeld freigegeben. Nun nahm Kaiſer Friedrich II. dem gewalt⸗ thätigen Manne die Schirmvogtei, und Albrecht ſtarb auf der Rückreiſe aus dem kaiſerlichen Hoflager, wo er vergebens um Wie⸗ derherſtellung gebeten hatte(1221). 5. Otto IV. und Friedrich II. vor Konſtanz(1212). Am Ufer des Bodenſees ſollte es entſchieden werden, wen das Reich zum Herrn haben, und ob der ſchwäbiſche Stamm der Hohen⸗ ſtaufen noch länger die erſte Krone der Welt tragen ſollte. König Otto war in Apulien eingefallen und hatte dem Papſte Innocenz geſchrieben, dem ſicilianiſchen Knaben(dem Sohne Heinrichs VI., dem erwählten König Friedrich), nicht beizuſtehen. Innocenz ver⸗ ließ ſeinen Zögling nicht, antwortete mit dem Bannſtrahl und ließ den Gegenkönig in Deutſchland bekriegen. Am Bodenſee, beſonders in St. Gallen, war große Freude darüber. Otto eilte nach Deutſch⸗ land zurück, vermählte ſich der ſtaufiſchen Beatrir, Kaiſer Philipps Tochter, verlor ſie aber nach der vierten Nacht, wahrſcheinlich durch das Gift ſeiner Beiſchläferin. Die ſchwäbiſchen Vaſallen verließen das Hoflager des Kaiſers und gingen in ihre Heimath, die Fürſten ſandten Boten an Friedrich. „So wie die Schneelawine kaum ſichtbar in den Höhen beginnt, dann plötzlich wächst und, in die Thäler ſtürzend, alles vor ſich niederwirft: ſo erſchien Friedrich ganz vereinzelt und ſchwach auf den Gipfeln der Alpen. Vergebens hatte Otto die Päſſe des Ge⸗ birgs beſetzt.“— Ueber ſeine höchſten Spitzen, auf ungebahnten Pfaden, wahrſcheinlich durch das Engadin und über das Wormſer⸗ joch kam er ins Thal der Albula und nach Chur. Hier erwartete ihn der erſte Zuwachs. Biſchof Arnold von Chur empfing ihn als deutſchen König gar ehrlich und hielt ihn und ſein kleines Gefolge köſtlich. Der Abt Ulrich VI. von St. Gallen, jener kriegeriſche Sax, war mit einigen Kriegelte Die rhät zu ihm: Peſte Ft ſich zu d Rhein hi Mit und d um für Mit Friet dell, Ion Uah Tor ver hätte e Itzt Nächtigft minderte Mar, umg Iſel, d Mel, di. ie10) Kriegsknechten nach Chur geeilt und bildete die Leibwache des Königs. Die rhätiſchen Edeln ſtiegen von ihren Burgen herab und ſtießen zu ihm: Ulrichs Bruder, Heinrich von Hohenſax, verließ ſeine Veſte Forſtegg und kam heraus aus dem Walde an den Weg, ſich zu dem Zuge zu geſellen. So zog das wachſende Häuflein den Rhein hinab bis Altſtädten, wandte ſich dort links über die Berge den Ruggenbein(jetzt Ruppen) hinauf, und hinab ins Kloſter St. Gallen. Von da begleitete ihn der immer ſich mehrende Haufe an den See, und der, doch immer noch kleine, Triumphzug näherte ſich Konſtanz. Aber auf dem Wege dahin kam dem Abte die ſchreckende Nachricht: Kaiſer Otto, den man in Thüringen vom Krieg aufgehalten wähnte, habe ſich auf die erſte Nachricht von Friedrichs bevorſtehender Ankunft dort losgemacht, ſey in Eilmär⸗ ſchen durch Deutſchland gezogen und am⸗jenſeitigen Ufer des Boden⸗ ſees angekommen. Friedrich konnte den Rauch des feindlichen Lagers aufſteigen ſehen. Drüben zu Ueberlingen lag Kaiſer Otto IV. mit zweihundert Rittern in voller Rüſtung und mit anderem Gefolge. Seine Köche und Lagermeiſter, hieß es, ſeyen ſchon in Konſtanz angekommen, um für die ſogleich folgende Heeresmacht das Nöthige einzurichten. Mit Friedrich waren an zweitauſend Lanzen, aber ihnen folgte kein weiteres Heer. Konnte er hoffen, daß die Stadt Konſtanz, deren Biſchof ſich noch nicht für ihn erklärt hatte, ihm die Thore öffnen, dem mächtigen Gegenkaiſer verſchließen würde? Friedrich berath⸗ ſchlagte in dem großen Augenblicke nicht lang. Er eilte vor die Thore von Konſtanz. Seinen und des Abtes nachdrücklichen Worten gelang es, den zweifelhaften Biſchof Konrad(von Tägerfeld) und die Bürgerſchaft zu gewinnen. Sie erklärten ſich gegen Otto, und Friedrich wurde, jedoch um die Freiheit der Stadt nicht zu gefähr⸗ den, nur mit 60 Männern, in die Stadt aufgenommen. Als Otto, von Ueberlingen aufgebrochen, vor die Stadt rückte, fand er die Thore verſchloſſen. Wäre Friedrich drei Stunden ſpäter gekommen, ſo hätte er vielleicht den Thron Deutſchlands nie beſtiegen. Jetzt aber eilte er ſtark und muthig den Rhein hinab, die Mächtigſten der Gegend ſtrömten ihm zu und Otto's Anhang ver⸗ minderte ſich mit jedem Tage. Als Friedrich in Baſel angekommen war, umgaben ihn die Biſchöfe von Trident, Chur, Konſtanz und Baſel, die Aebte von St. Gallen, Reichenau und Andere, die Grafen von Kyburg, Habsburg, Freiburg, Homberg, Rapperswil und eine Schaar von Edeln aus der ganzen Umgegend. Baiern, 140 Schwaben, das Elſaß war in Kurzem ſein. So rollte die Lawine den Rhein hinab, während der Gegenkaiſer durchs Breisgau floh und erſt in ſeinen Erbſtaaten Sicherheit fand. Im Dezember war Friedrich II. zu Mainz, im Ja⸗ N. C. 1242. nuar empfing er die Huldigung der Fürſten zu Frank⸗ furt. Zu Trifels eroberte er die Reichskleinodien(1215) und mit der deutſchen Königskrone auf dem Haupte, hielt der Mann des Jahrhunderts, umgeben von den Großen des ſchwäbiſchen Lan⸗ des, eine Reichsverſammlung in der Seeſtadt,“ die ihm, die erſte der deutſchen Städte, ihre Thore geöffnet hatte. Hier ordnete er das aufgelöste Kaiſerthum, verbot den Bau neuer Burgen und alle muthwilligen Fehden, und gab das Herzogthum ſeinem, aus Italien zurückgekehrten, jungen Sohne Heinrich; als dieſer ſich gegen den Vater empört hatte, erhielt es der jüngere, Konrad, römiſcher König, aber er brauchte nicht mehr damit belehnt zu werden, denn es war allmählig ſtaufiſches Erbe geworden. 6. Händel am Bodenſee. Während Kaiſer Friedrich II. auswärtiger Thaten in der Lom⸗ bardei und in Oeſtreich hätte unſre Gegend in tiefem Frieden leben können, wenn nicht hier und dort innerliche Fehden ausgebrochen wären. So bekriegten die Herren Gottfried und Heinich von Neuf⸗ fen, deren Stammburg auf einem ſchönen Gipfel der ſchwäbiſchen Alb lag, Heinrich von Tann, den Biſchof von Konſtanz; in einem Treffen im Schweickersthal ſchlug ſie dieſer, und ſie wurden mit 46 namhaften Rittern als ſeine Gefangene nach Konſtanz N. C. 4243. abgeführt, dort jedoch milde behandelt. Im Jahr 1243 4250. und wiederum im Jahr 1250 leuchtete ein ſchrecklicher Brand der Stadt Konſtanz weit über das Land und den See hinein. Sie wurde beidemal faſt ganz ein Raub der Flammen.— Die Klöſter am Bodenſee theilten im Stillen mit der in ihren Anmaßungen von dem feſten Herrſcher zurückgewieſenen Kirche, die Erbitterung gegen den auf fernen Siegeszügen begriffenen Kaiſer. Als daher Papſt Innocenz gegen ſeinen Sohn, den König N. C. 1240. und Reichsverweſer Konrad W. zwei Gegenkönige nach einander erweckte, waren die Stifter die Brennpunkte, * Auch unmittelbar nach ſeiner Einweihung zu Mainz feierte Friedrich II. die Charwoche zu Konſtanz und Mersb urg(Merspurc) im April1218. Die letztere, gewiß ſchon uralte, Stadt wird bei dieſer Gelegenheit zum erſtenmale genannt. Neug. C. T. U, p. 135. oon Welch lande nit Berthold bigen, Juß un ein geheit Vorrechtt; es an un Vhm ſit ſchwacht Aunrads IV J0g. um nichen 141 von welchen ſich die Flamme des Aufruhrs dem ganzen Schwaben⸗ lande mittheilte. Auf dem Brül in St. Gallen predigte der Abt Berthold von Falkenſtein öffentlich gegen Konrad als einen Ungläu⸗ bigen, und wurde dafür vom Papſte mit Privilegien überhäuft. Auch dem Biſchof von Konſtanz, Eberhard von Waldburg, der jedoch ein geheimer Anhänger Konrads war, ertheilte der Paypſt allerlei Vorrechte; zuweilen erhielten beide Prälaten daſſelbe, darüber kam es an unſern Ufern zu mordbrenneriſchem Zwiſte, ſo daß Berthold ſogar mit ſeinen Vaſallen, den Grafen von Kyburg und Rappers⸗ wil, bewaffnet vor Konſtanz erſchien. Doch wurde der Krieg durch einige Edle vermittelt. Das übrige Schwaben war durch den Biſchof von Straßburg aufgewiegelt worden, und faſt alle Vaſallen von Staufen abgefallen. Konrad zog dem Straßburger entgegen, ſein ſchwäbiſches Erbe wieder zu erfechten; auf dem Wege traf ihn die Nachricht, daß ſein Vater Friedrich, mitten in neuen Sieges⸗ hoffnungen, jäh geſtorben ſey, wahrſcheinlich an Gift. N. C. 4250. Konrad fand in Schwaben faſt Alles mit päpſt⸗ lichem Gelde beſtochen; am Bodenſee hauste der Abt von St. Gal⸗ len, ſein offenbarer Feind, nach Gefallen: der Biſchof von Konſtanz, allein noch neben jenem mächtig, wagte es wenigſtens nicht, offen für Konrad zu handeln. Da warb der König ein gewaltiges Kriegs⸗ heer und zog nach Italien, wo er ſtarb, nachdem er dem Biſchof von Konſtanz, Eberhard und deſſen Bruder Heinrich, dem Truchſeſſen, ſeinen zweijährigen Sohn Konradin und die Ange⸗ legenheiten ſeines Hauſes anbefohlen, und dem Minneſänger Mark⸗ grafen Berthold von Hohenburg, die Statthalterſchaft in Apulien übertragen hatte(1254). Noch bei ſeinen Lebzeiten hatte der Gegenkönig Wilhelm von Holland das Herzogthum Schwaben zum Reiche gezogen. Sein Tod bei den Frieſen(1256) gab alles der alten Verwirrung zurück. 7. Konradin am See. Vom herrlichen Stamme der Hohenſtaufen war jetzt nur noch ein ſchwaches Reis übrig, Friedrichs II., des größten Kaiſers Enkel, Konrads IV. zweijähriger Sohn, Konra din, den ihm Eliſabeh von Baiern, die Schweſter Herzogs Ludwig des Strengen, zu Lan ds⸗ hut geboren hatte. Mit dem Titel: König zu Jeruſalem und cl Sicilien und Herzog in Schwaben, erwuchs er länderlos am Hofe der Herzoge von Baiern. Fürſten und Reichsvaſallen huldigten dem reichen Richard von Kornwall, Bruder des Königs von * 142 England, zu Worms, der zugleich mit Kaiſer Philipps Enkel Alphons von Kaſtilien die Hände nach Schwaben N. Sas. ausſtreckte. Erſt als die beiden, doch nur Schattenkönige, 5 vom Schauplatz abgetreten waren, erhoben ſich die Freunde der Staufen wieder, und einige ächt deutſch Geſinnte faßten nochmals den Gedanken, den letzten Hohenſtaufen auf den Kaiſethauf Thron zu ſetzen. Vergebens ſchleuderte Papſt Urban Verbote und germulm Gegenerklärungen. Eberhard Truchſeß von Waldburg, Biſchof von i0 Konſtanz, hatte es gewagt, die Vormundſchaft Konradins zu über⸗ nehmen. Mit kleinem Gefolge war der eilfjährige Knabe in ſein väterliches Erbe gekommen. Seine Freunde hatten ihn zu Ulm und Rottweil Fürſtentage halten laſſen. Dann lebte er einige Zeit in Ravensburg, und ſtieg endlich herab an die Ufer des Bodenſees. Zeitgenoſſen ſchildern ihn als einen lieblichen und wunder— ſchönen Jüngling, von gebildeter Erziehung, der altrömiſchen Sprache ſo kundig, daß er ſich aufs Genaueſte in ihr auszudrücken Wiſe wußte. Seinen edeln Geiſt entwickelte das tragiſche Schickſal ſeines Hauſes, die Freundſchaft, die Natur, deren heitere und belebende Einwirkung der zarte Jüngling an den blühenden Ufern des Sees tief empfand,? und die ihn vielleicht hier zu den Jugendluſt und doch ahnungsvolle Trauer athmenden Frühlingsgeſängen in ſeiner lieblichen, ſchwäbiſchen Mutterſprache begeiſterten, wie wir ſie gleich zu Anfange die Maneſſeſche Sammlung ſchmücken ſehen. So zog er in ſeinem väterlichen Herzogthume umher, um aus den Trümmern des Hohenſtaufiſchen Erbes Mittel zu ſeinem ita— liſchen Kriegszuge zu ſammeln. In Arbon, dicht am Geſtade des Sees, verlebte er ein halbes Jahr, und verlieh„wegen der langen Gegenwart unfrer Diener und unſrer Hoheit,“ wie die Worte des Freiheitsbriefes lauten, den Bürgern das Gericht und den Blut⸗ bann.„Armer Konradin! was für ſüße Hoffnungen ſproßten da— mals in deiner jungen Bruſt, als du um dieſe Zeit, bei der klei— nen Stadt Engen im Hegau, dem Grafen Rudolph von Habsburg die Anwartſchaft auf die Kyburgiſchen Reichslehen gabſt, wenn du erwählt und ernannt, die höchſte Stufe, den Thron des römiſchen Reichs erſtiegen haben würdeſt; dieſen Rudolph, der wenig Jahre nachher, auf dem Schutte der Hohenſtaufen, ſich und ſeinem Hauſe einen länger dauernden Thron errichtete: aber *Raumer IV. 572. 143 die Stufen, die du erſtiegſt, königlicher Jüngling, führten dich zum Mordblocke, auf dem dein edles Haupt fiel.“x N. C. 42600 S. Burgen und Sänger. Schwaben war unter dem Scepter des ſtaufiſchen Kaiſerhauſes der Garten der Ritterehre und des Sän⸗ VII500 gerruhmes; in keinem Beete dieſes Gartens wucherte die Herrlichkeit eines ſtreitbaren und liederreichen Adels üppiger, als an den lachenden Ufern des Oberrheins und dem Geſtade des herrlichen Sees, der, als das Land ſo groß, mächtig und reich war, zu jener Zeit am eheſten den Namen des ſchwäbiſchen Meeres verdiente. Wie Adlerneſter ſpiegelten ſich die Burgen ſtreitbarer Männer in den Fluthen, und die lieblichen Lieder harm⸗ loſer Sänger ſchallten, wie ein Chor von Nachtigallen, auf beiden Geſtaden einander entgegen. In Unterrhätien ſtand an der Spitze der edeln Häuſer das Grafengeſchlecht der Montfortk* oder der Grafen von Fahnen. *Aus des Freiherrn von Laßbergs Liederſaal II. S. LXXIX. Ich ſchalte hier eine mir von der Hand eines edeln und gelehrten Be— förderers dieſer Arbeit auf meine Bitte mitgetheilte Notiz über den Ur⸗ ſprung des Geſchlechts von der Fahne, deren von Montfort und Werdenberg ein: „Die am meiſten accreditirte Meinung der beſſern Geſchichtſchreiber iſt, daß dieſe alten Dynaſten aus dem obern Rhätien herabgekommen, wohin ſie vielleicht ſchon mit dem tuſciſchen Stamme in der vorchriſt—⸗ lichen Zeit eingewandert ſeyen. Dynaſten, oder, nach dem ſpätern Sprachgebrauche, Grafen, das iſt: Volksanführer, waren ſie wohl uran—⸗ fänglich; es iſt aber auffallend, daß ſie in der karolingiſchen Zeit und ö ſelbſt ſpäter das Grafenamt über Rhätien nicht bekleideten, dieß gibt 11 mir die Vermuthung, daß ſie Ausländer geweſen ſeyen, und vielleicht aus Alemannien hereingekommen. Bei Erforſchung der alten Stamm— güter des Herzogs Gerold von Schwaben und ſeines Hauſes, kam ich auf folgende Animadverſion: Gerold, der Bruder von Karls des Großen Gemahlin, der ſchwäbiſchen Hildegard, vexillifer Imperatoris, wie ihn die älteſten Geſchichtſchreiber nennen, ſaß auf dem alten Berge Suevia, den wir noch den Buſſen(von Buß eine Beule, Erhöhung) nennen— er wird bald Graf, bald Herzog genannt; er ſtiftete auf ſeinem Berge ein Kloſter, das er ſpäter auf ein anderes in ſeiner Allode verſetzte; es iſt das Kloſter Beuron im Donau-Thale bei Wildenſtein und Wer⸗ benwag; ſeine Schweſter Adelinde ſtiftete auf ihrem Allode das Frauen⸗ 3 kloſter, nachherige fürſtliche Stift Buchau; Hildegard ſtiftete zwar Kemptenz ſie wohnte aber, nach einer noch beſtehenden Volksſage, bei Großſtadelhofen, nicht weit von Pfullen dorf im Linzgau; noch ſieht man wenige Trümmer einer alten Burg daſelbſt; ſie vergabte, laut Es hatte ſich um die Mitte des 13. Jahrhunderts in zwei Aeſte ge⸗ theilt, deren einer den Namen Montfort führte, der andre von ſeiner Beſitzung Werdenberg hieß. Es iſt ungewiß, welcher von beiden Namen der ältere iſt. Der Aſt der Werdenberger theilte ſich wieder in mehrere Zweige. Der älteſte waren die Grafen von Werdenberg-Sargans von der weißen Fahne, die im Be⸗ ſitze der Herrſchaft Sargans waren und oberhalb des Städtchens dieſes Namens ihr Schloß hatten. Von ihnen ſonderte ſich wieder ein Zweig, als, mit Bewilligung Kaiſer Rudolphs I. und des Reichs, der letzte Graf von Heiligenberg, Berthold, dieſe ſeine Grafſchaft einer Tradition, die erſt im 17. Jahrhunderte aufgeſchrieben wurde, der Kirche zu Pfullendorf Güter, und der Gemeinde zu Stadelhofen einen Wald, den Eſpan. Hier waren alſo die Stammgüter der Gero- oder Geroldiſchen Familie; in der Nähe iſt ein großer, ſchöner Berg, der Gerrenberg (Görrinberg, Urkunde vom Jahr 787 oder 788). Gerold wäre daher der erſte Graf vom Fahnen, er, der den Schwaben das ehrenvolle Recht des Vorſtreites erwarb, um welches unter Kaiſer Friedrich III. bei der Belagerung von Zürich zum erſtenmal geſtritten wurde, da der Biſchof von Konſtanz mit ſeinen Schwaben den erſten Angriff verlangte, und der Kaiſer mit ſeinen Böhmen ihn auch behauptete, und durch den Abzug des Erſtern die Unternehmung ſich zerſchlug. Die ununterbrochen im Wappen geführte Fahne, iſt ein nicht zu zu verachtendes Criterium, wenn ſie gleich kein diplomatiſches iſt. Wie denn die Grafen vom Fahnen nach Rhätien kamen, iſt unbekannt; wie die Geroldiſchen Güter in andre Hände kamen, weiß man nicht; aber in den alten Grafen von Pfullendorf, die mit Rudolph, dem Schwager Kaiſer Friedrich J. ausſtarben, blieb noch ein Zweig auf einem Theile der Stammgüter zurück, und führte den Fahnen in ſeinem Schilde. Vielleicht waren auch die alten Grafen von Linzgau, ſpäter auch Grafen von Buchhorn und Bregenz genannt, dieſes Geſchlechtes. Ein Graf Ulrich von Linzgau ſoll ein Bruder Gerolds und der Kal ſe— rin Hildegard geweſen ſeyn. Ruodpert, Graf von Argengau, alſo von Buchhorn, war bekanntlich ein Neffe der Schwäbin Sildegard, der Mutter Kaiſer Ludwigs des Frommen. Ruodperts Nachkommen ſehen wir noch im Grafen Ulrich von Buchhorn und ſeiner Gemahlin Wendelgart von Linzgau und ihrem Sohne Burkhard(ingenitus), Abt zu St. Gallen(ſ. oben). Von einem Grafen Gero oder Gerold von Pfullendorf geben uns geſchichtliche Urkunden Nachricht(ſ. oben); in ihm hätte ſich alſo der Name ſeines Ahnen, Graf Gero vom Buſſen, fortgepflanzt.“ Das Abkommen der Werdenberg und Montforte von den Stiftern des Kloſters Marchthal iſt durchaus nicht zu erweiſen. Die Ab⸗ leitung Thomas Lyrers von Rankweil aber, des alten Chroniken⸗ ſchreibers, iſt nicht nur ohne alle Autorität, ſondern auch gegen alle Geſchichte.“ in Jlt! gellaufte⸗ Heili lichen . ihte Trin ud weitl. A8 Geſchlet In ſpe ohl Bregen Wregen 773 Die Gr⸗ 145 im Jahr 1277 an den Grafen Hu go von Werdenberg-Sargans, verkaufte. Dieſer wurde nun der Stifter der Linie Werdenberg— Heiligenberg, auch von der weißen Fahne, die auf jener herr— lichen Hochwacht des ſchwäbiſchen Seeufers ihr Haus bauete. Die Linie Montfort war am rechten Rheinufer geblieben und dehnte ſich hier bis zum Bodenſee hinab. Beide Aeſte füllten das Rheinthal mit Schlöſſern, Freudenberg bei Ragaz, deſſen Trümmer auf einem grünen Hügel das Dorf noch zieren, war aus den Händen ſeines erſten bekannten Beſitzers, eines Edeln von Wildenberg, ums Jahr 126t, durch deſſen Tochter an Hugo von Werdenberg gekommen. Bei Sewelen erbaute Heinrich von Montfort, Biſchof von Chur, nachdem er im Jahr 1255 bei Embs die Lombarden aufs Haupt geſchlagen, die Burg Herrenberg. Ihr Daſeyn war aber nur von kurzer Dauer. Ob Herr Meinlo(Milo) von Sewelin— gen, der Minneſänger, auf ihr zu ſuchen iſt, laſſen wir dahingeſtellt. Im Dorfe Puigo(Buchs) ward das Schloß Werdenberg gebaut. Zwiſchen Werdenberg und Grabs lag auf dem Platze, der noch heutzutage ſo heißt, das Schloß Fortifels, von dem ſich die Montfort, auch zu ſchreiben pflegen. Ob Starkenberg ſein deut⸗ ſcher Name, ob es die Heimath des Sängers Hartmann von Starkenberg iſt, läßt ſich nicht ausmitteln. Wo die wilde Ill durch uralte Felſen ſich die Kluſe geöffnet, ſaß auf hoher Burg der Sänger Heinrich von Feldkirch, von den ſchwarzen Fahnen; dort drang ihn Frau Minne zu ſingen. Zwiſchen Feldkirch und Ems ſtanden auf blühenden Hügeln, kaum eine halbe Meile Wegs auseinander gelegen, unweit des Rheins, in herrlicher Landſchaft die Burgen Alt-Montfort bei Rankwil, Neu⸗Montfort und Neuenburg, beide bei Götzis. Weinberge, Wälder, luſtige Wieſen und himmelhohe Felſen zieren ihre Trümmer noch, die bis auf den heutigen Tag mit Thürmen und weitläufigem Gemäuer die Herrſchaft und den alten Reichthum des Geſchlechts verkünden. In ſpäterer Zeit ſang Graf Haug von Montfort, Herr von Bregenz und Pfannenberg in Oeſtreich bis ins hohe Alter; * Die Grafen von Werdenberg-Heiligenberg bauten nach Arx(, 540) ſpäterhin ein Herrenberg bei Heiligenberg, und im jetzigen Würtem⸗ berg gehörte das Städtchen Herrenberg den Grafen vom rothen Fahnen, d. i. den Pfalzgrafen von Tübingen. Schwab, Vodenſee. 10 146 ein Liederbuch von ihm, mit ſauber geſetzten Weiſen von Burkhard Mangold aus Konſtanz, iſt noch zu Heidelberg vorhanden. Aber auf den Grundmauern ſeiner Burg Hohenbregenz ſteht nur noch St. Gebhards Kirchlein und ſchaut traurig über den Bodenſee hinab bis gen Konſtanz. Montfort und Werdenberg zuſammen waren ein mäch—⸗ tiges Haus. Aber Zwieſpalt trennte und ſchwächte ſie bald. Schon im Jahr 1260 ſind Graf Rudolph von Montfort und Hugo von Werdenberg in blutigem Kampfe begriffen. Jener ſiegt und nimmt vierzehn Edle gefangen, erobert die Burg Fortifels im Sturm und legte das Dorf ſeines Gegners, Grabs, in Aſche. Dieſes Grabs hatte ſchon im Jahr 1020 eigene Edle gehabt. Tiefer im Gebirge, gegen Wallenſtadt, ſtand auf einem langen Felſen bei Flums(dem alten Flumines), auf der crappa longa, die Veſte Greplang, damals einem Maier oder Vicedominus des Hochſtifts Chur, De flumine, gehörig; von ihm ſtammt das edle Geſchlecht der Vitztumb ab; ſpäter ward es ein Sitz der Werden— berg⸗Sarganſiſchen Edelknechte von Greifenſee. Auch die Burg Nidberg hatte ihre eigenen Edeln. Wartau(Varte in der Au) gehörte ſchon im eilften Jahrhunderte den Edeln von Fontenas oder Fortnaus. An das Gebiet der Werdenberg gränzte rheinabwärts das edle und berühmte Geſchlecht Sax. Auch dieſes theilte ſich um jene Zeit, durch die Erbtheilung vom Jahre 1258, in mehrere Aeſte. Ulrich erhielt die Herrſchaſt Sax, Albert das Schloß Warten— ſtein und die Vogtei Pfeffers, ſeitdem trennte ſich das Haus in die Linie Sax von Moſax, nach einer Erwerbung in Bündten ſo genannt, und in die Linie Sax, die ſpäter Hohenſax heißt. Das Geſchlecht Moſax blühte anfangs ſo fröhlich, daß es ſich ſogar den Grafentitel beilegte; aber nach hundert Jahren ſank es ſchon wieder in den Stand der Freiherren, zuletzt in den der Edel— knechte herab. Die Linie Sax beſaß in ihren beſten Zeiten das Land von Grabs bis Rüti hinab, und den Rhein bis ans Schloß Blatten. Die herrlichen Schlöſſer Forſte gg, Hohenſax, Fri— ſchenberg und Wildburg im Schönboden erhuben ſich auf ſeinem Grunde. Auf der Burg Forſtegg, deren Mauern ſich mit einer Felſenſäule vermählt haben, ſaß wahrſcheinlich der Sänger Heinrich von Sax. Aus dem gethürmten Schloſſe ſah er über den Wald hinweg, der ſich noch heute um das graue Haus in wilder Schön⸗ heit ſchlingt, auf den blühenden Anger des Rheinthales und ſang: Ein Blldet! Reifent die hei fe, di lat, und Wui dem Bod del keben de Butg liht beit ilh Elzt die ſtädten genantte Von Alt Mat Eben det fhtt Nn. 147 „Hey ſüßer Meye, din Kunft uns git(gibt) Viel Wunnen breit, die man da heißet Leidvertrib! In den Wälden überall Waren die Linden alle fahl, Da ſinget nu ihr ſüße Stimme die Nachtigal!“* Ein Anderer dieſes Geſchlechtes, ein frommer Predigermönch, Bruder Eberhard von San, beſang in Liedern voll wahrer Be— geiſterung, voll glühender Phantaſie und durchläuterten Gefühles die heilige Jungfrau,*„die blühende Blume keuſcher Scham;“ „ſie, die mit der Sonne bekleidet iſt, gekrönet mit zwölf Sternen klar, und deren Schemel iſt der Mond.“„Mutter— ſchließt er— „Mutter der viel ſüßen Minne, In dem finſtern Leuchterinne, Zünd', entbrenne meine Sinne In der wahren Minne Glut. Da ich inne werde gereinet, Und mit Gotte gar vereinet; Was ich anders hab' gemeinet, Das bedecke, Fraue gut! Frau, erbarme zu allen Stunden, Wann(denn) du haſt Genade funden, Gottes Zorn hat überwunden Dein viel tugendreicher Muth!“ Weiter am linken Ufer des Rheinſtroms hinab, wo dieſer ſich dem Bodenſee nähert, ragten aus den waldigen Bergen und über den rebenbewachſenen Höhen viel neue, ſtattliche Schlöſſer hervor: die Burg Blatten auf einem ſchönen, freien Hügel bei Oberried, nicht weit vom Rheine, durch Abt Berchtold erbaut, der Sitz der vielgenannten Edeln von Ramſchwag; Altſtädten über der Stadt dieſes Namens, auf der Straße nach dem Stoß; Hochalt⸗ ſtädten, auf der Spitze des Kronberges. Eine der zwei letzt⸗ genannten Burgen war die Heimath des Minneſängers Conrad von Altſtetten. Auf ſeinen Bergen ſang er:*n „Da ward in dem Thaue Kein Blume alſo ſchöne Zu ſehen als mein' Fraue, Die ich mit Sange kröne!“ AL 1 * * * Maneſſe 1. S. 35. * Ebendaſ. S. I. 28—30. Die angeführten Stellen ſind, um der Mehrzahl der Leſer willen, dem Neudeutſchen mit möglichſter Schonung näher gebracht. zzune Maneſſe II. S. 17. l8. In einem andern Liede ruft er:„Singet alle widerſtreit!“ (in die Wette!) Und wahrſcheinlich ließ in ſeiner nächſten Nach⸗ barſchaft ein anderer Sänger, der Hardegger, ſeine Lieder tönen. Denn zu des Sängerabtes, Berchtolds von Falkenſtein Zeit beſaß ein Ritter, Heinrich von Hartegge genannt, das Maieramt zu Marbach, einem Hof, über dem zwei Schlöſſer ragen: Wein⸗ ſtein und Burg. Die Lieder des Hardeggers ſind keine Minne⸗ geſänge; bald ſind es geiſtliche Betrachtungen: denn der Sänger hat frühzeitig der„Frau Welt“ abgeſagt, und weiß wohl, daß, wer ihr folget, Unrecht thut, bis ihm die Locken grau werden, und ihm das Haupt gegen die Erde ſiehet;“ bald beſchäftigen ſie ſich mit den großen bürgerlichen Angelegenheiten der Zeit; und hier erſcheint er als ein Anhänger Kaiſer Konrads IV., denn er ſingt zur Himmelskönigin empor: „Und hilf dem König Kuonrat alſo, Daß er mit Rechte ein Vogt zu Rome werde, Und deß die Armen werden froh. Es lebt nu Herre nicht auf teutſcher Erde, Noch bei den Walchen, der uns nu Zu Herren baß(beſſer) gezähme!“ Vielleicht iſt er ihm auf ſeinem Zuge nach Italien gefolgt, und hat darum ſeine Beſitzung im Rheinthale verkauft: „Ich bin auf einer Färthe, Da(ich) mich nicht erwenden mag, Ich reite bis an die Herberge, Ein'n jegeslichen(jeglichen) Tag, Es ſey trocken, es ſey naß, Als wie die Waſſer fließen in den Landen. Ich fürchte auch nicht die Mörder Als groß um ein Haar, Noch die Räuber auf den Straßen: Wiſſet das fürwahr!“ Die andern Burgen dieſer Gegend, die jener Zeit angehören, ſind Wichenſtein, wie ein Schwalbenneſt auf einem Felſen hän⸗ gend; Rebſtein, wahrſcheinlich von den Herren von Ems erbaut; Balgach, Grünenſtein, Bernang, Buchenſtein, jedes mit einem eigenen edeln Geſchlecht; Kalkofen, das jetzt Stetten⸗ berg heißt; Heerbruck war wahrſcheinlich ſchon damals ein zer⸗ ſtörter Burgſtall; die Veſte Heldsberg hatte Abt Berchtold um 1260 durch einen Baumeiſter Namens Held erbauen laſſen: daher Felſn, zichen e Heldäber ſeinen Li ſehrliche Rheinel Uich nd Sän 149 ſein Name; in der Nähe ragte Zwingenſtein und bei Höchſt Grimmenſtein mit Edeln dieſes Namens. Länger muß unſer geiſtiges Auge bei der Burg Huſen verweilen, deren Spur das leibliche nur unſicher ſucht.„Wenn man rheinaufwärts von dem Felſen, in den König Dagobert einen halben Mond als Gränz⸗ zeichen einhauen ließ, gehet, ſo zieht ſich rechts von den Burgen Heldsberg und Grimmenſtein ein liebliches, kleines Thal von den Appenzellerbergen herab, das ſich bei der Au in das Rheinthal mündet; in dieſem Thale, oberhalb Bernang, lag auf einem ſchönen Hügel die alte Burg Huſen, jetzt iſt es ein trümmerloſer Rebplatz zwiſchen Oberriethen und Unterhauſen. Ein adeliges Ge⸗ ſchlecht hauste darauf und alle Umſtände deuten dahin, daß der edle Sänger Friedrich von Huſen, dieſer Burg und dieſem Geſchlechte angehört.“ Eine gleichnamige Burg auf dem linken Donauufer unfern der Sängerburg Werbenwag, gehörte, ſammt einer großen Beſitzung, die Reichslehen war, demſelben Geſchlechte; ſehr wahrſcheinlich war auch ſie Beſitzthum und Wohnung Fried— richs von Huſen, des Sängers. Friedrich ſchloß ſich, nach ſeinen Liedern, einem Kreuzzuge an. Er zeigt in ſeinen Liedern ſehnliche Liebe zu der Heimath, die er als ein Bergland am Rheine bezeichnet.„Wär' ich immer um den Rin!“ ſeufzet er, und: „Gelebt' ich noch die liebe Zit, daß ich das Land ſollte ſchauen, darin all meine Freude lit(liegt)!“ Er klagt, daß er keine Mähre von ſeiner Geliebten vernommen, „ſeit er über die Berge kam.“ Er ſucht einen Boten für ſeine Liebe und weil er keinen hat, ſo will er ihr die Lieder ſenden.“ Nach dieſen Umſtänden wird man die Nachricht und das ehrenvolle Zeugniß, das bei dem Mönch von St. Pantaleon zu Köln(ſ. Freher. script. rer. germ.), der den Kreuzzug unter Friedrich I. mitgemacht hat, von dieſem edeln ſchwäbiſchen Ritter und Sänger ſteht, auf keinen Andern beziehen wollen.„Das Heer war in großen Nöthen, erzählt jener, als es im Jahr 1190 durch das Gebiet des Sultans von Iconien gen Laodicea zog; es wurde bei Suſopolis bundbrüchig angefallen und Tag und Nacht ange⸗ griffen. Dennoch ließ der Kaiſer, aus heiliger Achtung gegen den *Man. I. S. 91—96. Laßberg a. a. O. II. S. XXXII. ff. Dieſer Fund⸗ grube verdankt unſer Abſchnitt nicht nur die meiſten Notizen, ſondern auch die warme und lebendige Darſtellung. — + * * Vertrag, es auf das Aeußerſte ankommen und nur die Nothwehr beſtimmte ihn zum Widerſtand. Es kam zum Treffen und 15,000 Türken wurden erſchlagen. In dieſem Streite fiel auch Friedrich von Huſen, ein rechtſchaffener und adeliger Mann, während er einem Türken nachſetzte und ſein Pferd beim Sprung über einen Graben ſtürzte. Ueber deſſen Tode eine ſolche Traurigkeit im Lager entſtand, daß alle das Kriegsgeſchrei in den Wehelaut der Thränen verwandelten.“— Die Sängerburg Huſen wurde, vielleicht von einem Sohn oder Enkel des Dichters, im Jahr 1265 an das Kloſter St. Gallen veräußert. Am Einfluſſe des Rheines in den See, über dem Städtchen Rheinegg, erhob ſich die Burg gleichen Namens, von einem Edeln v. Ramſperg gegründet; nach ihm beſaßen es die St. Galli⸗ ſchen Edelknechte von Rheinegg;“ dieſe bauten eine zweite Burg, näher bei der Stadt, und gaben die alte denen vom Thal, auch von Untrach oder Untra genannt, zu Lehen. Die letzteren bewohnten einen der reizendſten Winkel der Erde, und unter ihnen wird einer der maneſſiſchen Sänger, der Taler, vermuthet (Man. II., 99—101), der die Blüthe ſo ſchön beſingt,„die in den Augen und im Herzen wohl thut,“ und der den lichten Schein ſeiner Geliebten„ſeinen Maien und ſein Blümelein“ nennt. Auf dem rechten Ufer des Stromes, zwei Meilen vom See landeinwärts, erhebt in dieſem Zeitraume zum erſtenmal ein Ge⸗ ſchlecht ſein Haupt, das ſpäter zu hohen Ehren kam und ſie verdiente. Eine fabelhafte Sage läßt die Edeln von Ems aus Tuscien ins rhätiſche Gebirge einwandern; gewiß iſt, daß ihre Stammburg Ober⸗Embs zwiſchen Chur und Rhäzuns iſt, deſſen ſchöne Ruine einen abgeſonderten Hügel am Dorfe gleichen Namens ziert. Schon in der früheſten Zeit ſollen ſie dort Dienſtleute der Grafen von Montfort geweſen und mit ihnen aus dem rauhen Gebirge allmählig in das freundlichere Thalgelände herausgerückt ſeyn; hier wohnten ſie auf einem ſteilen und hohen Felſen im Wald, zu deſſen Füßen jetzt der Flecken Hohenembs liegt, in deſſen Straßen die hohen Trümmer niederſchauen. Die gewaltige Burg hieß ſchon vor ihnen Ems(castrum Amisium), und wahrſcheinlich kommt der Name des Geſchlechts daher. Zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts lebte Arnold von Ems, Domherr zu Chur und Ritter Wilhelm von Ems. Die erſte * Kommen vom Jahr 1244 an vor(Neus. C. DCCCCXXXV). Glotie k von En filchlch den düf Diener! Lonbald welchet! ſind, de⸗ de El. 151 Glorie erhielt aber dieſes Geſchlecht durch den Sänger Rudolph von Ems, der als Dienſtmann der Grafen von Montfort oft fälſchlich Rudolph von Montfort genannt wird. Er war in den Künſten des Friedens und Kriegs wohl erfahren, ein vertrauter Diener des ſtaufiſchen Hauſes und ſtarb in Reichsgeſchäften in der Lombardei. Er iſt der Verfaſſer einer poetiſchen Welthiſtorie, von welcher zwei Handſchriften in den Stuttgarter Königl. Bibliotheken ſind, deren eine bis auf Alexander den Großen geht; ein großes Gedicht von ihm, Barlaam und Joſaphat, aus dem Latein Abt Wido's von Kappel, der es aus dem Griechiſchen des Johannes Damaſcenus überſetzt hatte, befindet ſich, wahrſcheinlich von des Sängers eigner Hand geſchrieben, in der Bibliothek des Freiherrn von Laßberg. Noch iſt er der Verfaſſer zweier Heldengedichte, Alexandreis, und Wilhelm von Oranſe. In einigen Hand⸗ ſchriften ſeiner Welthiſtorie wird auch unſre Gegend, ſeine Heimath, mit wenigen aber treffenden Umriſſen bezeichnet.“ Am Bodenſee blühte auf dem helvetiſchen Ufer beſonders die St. Galliſche Ritterſchaft, und dieſes Kloſter, wie ehemals eine * In disim Teile Swabin lit Das Alemannia hiez e, Nach Alemanne der Bodense Der in der swabe lande swebt Dorch den mit richim flyze strebt Der Rin, des ſlvz noch strichit hin Von disin lant gebirgin drin Der von dem svnder(süder 2) teile gat Nordent zu tal. vnn den vluz hat Vntz in das groze nortmer Bi dem Rine lit nüt wer(ver?- fern) Manic veste wol bereit Nach ri(ch) licher werdeheit Viel werlich unt rich erchant Auch stozzen dran werlichen Lant Die mit richer genvecht Bringent manig suzer frucht. Die erste ist Chostentze genannt Die der edel Degen guot Vuverzagt unt hoch gemuot Ein römischer Künic riche Stifte werdecliche Er hiez Kaisir Chonstantius Nach im so nand er sie alsus Vn tet ir Namen so erkannt Das si ist Chostenze genant. (Durch die Güte Herrn P. Maßmann mir mitgetheilt). 17 * * Gelehrtenſchule, war jetzt eine Schule ritterlicher Sänger. An dem Berge, der, vom Seeufer aufſteigend, allmählig hinter Ror— ſchach emporwächst und dem Auge über das Ufer des ganzen Sees die herrlichſte Ausſicht gewährt, ſiedelten ſich ſehr frühe zwei St. Galliſche Edelknechte an: der Eine baute die Wart am See, und hieß ſich darnach von Wartenſee, der Andre baute eine namenloſe Burg, die ſo wie ſein Geſchlecht, nach der Nachbarſchaft von Rorſchach genannt wurde. Die von Wartenſee hatten vom Bergesgipfel bis zum See hinab zuſammenhängende Güter, beſaßen auch vieles im Rheinthal, und führten von irgend einer Schirmvogtei den Beinamen die Vögte. Sie blühten ſchon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Beim Anwachſen ihrer Familie bauten ſie noch zwei andre Burgen und ſetzten zwiſchen beide einen alten Thurm hin, ſo daß Wartenſee ein dreifaches Schloß vorſtellte. Die Edeln von Rorſchach waren Eine Familie mit den von Roſenberg bei Heriſau; eines der reichſten und angeſehenſten Ge— ſchlechter im Lande. Sie nannten alle ihre Söhne Eglolf und Rudolph; viel ihrer waren geiſtlich, ſo daß zuletzt die Pfarrei Rorſchach ihr Eigenthum wurde. Im Rheinthal verſah ſie der Ortenſtaler Rebgarten mit gutem Tafelwein; unweit Rorſchach hatten ſie einen feſten Thurm im Bodenſee ſtehen. Nicht weit von Rorſchach hatte ein reicher Mann den Sulz⸗ berg erbaut, er hatte ſich vom Bauern zum St. Galliſchen Dienſt⸗ mann emporgeſchwungen; er und ſeine Nachkommen bereicherten ſich im Dienſte von Konſtanz als Lehensvaſallen; verarmten aber auch wieder allmählig. Vielleicht ſind es dieſe Edelleute, vielleicht die Herren von Goldach, die über dem Dorfe ihres Namens zwiſchen zwei tiefen Bergſchluchten auf einer ſchmalen Erdzunge bei Vogtlüten die Burg Hiltisried erbauten, die jetzt der Bauer Altenburg nennt. Unter dem Ausfluſſe des Brand- und Schlangenbachs an der Goldach baute der Abt von St. Gallen, Wilhelm von Montfort, als er ſparen wollte, die Burg Martinstobel. Das Schloß Falkenſtein, deſſen Mauern man noch im Hofe Schuppis zwiſchen dem Bärenbach und der Goldach entdeckt, war der Sitz der Marſchälle von Falkenſtein durch die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. Später ging es durch viele Hände. In der Schlucht, die vom Eſpan bis an den See läuft, baute ein freier Herr, noch im zwölften Jahrhundert, auf eigenem Boden lche K. Ond 153 die Burg Steinach. Lang war dieſes Geſchlecht unabhängig und Niemandes Dienſtmann; erſt um 1318 kommt Hans von Stei— nach als Stadtamtmann des Abtes von St. Gallen vor. Ob das Geſchlecht, das theils eine laufende Otter im Wappen führte, theils eine Harfe, mit Neckarſteinach bei Heidelberg, deſſen Wappen auch eine Harfe iſt, verwandt war, und ob der Sänger Herr Blicker von Steinach dieſem oder jenem zugehörte, laſſen wir dahingeſtellt. So viel iſt gewiß, daß Blicker nicht fern vom Rheine wohnte. Er ſang ein großes, jetzt verlornes Gedicht: „der Umbhang“ und Minnelieder. Der mächtige aus Findlingen von rieſenhafter Größe erbaute Grundſtock der Burg ſteht noch; ein jetzt auch hochbejahrtes Ritterhaus des fünfzehnten oder ſech— zehnten Jahrhunderts ſitzt darauf, und ein wohlhabender Lehenbauer trinkt dunkeln, ſüßen Wein, den er ſelbſt in den Rebgärten der Steinachiſchen Güter pflanzt. Vom Volke wird das Schloß die Steinerburg genannt. Von derſelben Bauart iſt die alte Burg der Marſchälken von Mammertshofen, welche Untermarſchälle der Abtei St. Gallen waren. Im Jahr 1249 entzog Abt Berchtold dem damaligen Beſitzer dieſes Schloß, weil er dem Biſchofe von Konſtanz gegen den Abt beigeſtanden, gab es ihm jedoch ſpäter als Burglehen zurück. Das Schloß kam nachher in mehrere Hände, und ſteht noch, oberhalb dem Dorfe Roggwil, in welchem ſchon zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ein St. Galliſcher Edelknecht eine kleine Beſitzung erhielt, und wo noch eine Burg zu ſchauen iſt. Zu Arbon, unter den üppigen Fruchtbäumen iſt, ihrer alten Grundanlage nach, die ſchöne Burg noch dieſelbe, die der unglück— liche Konradin während ſeines Aufenthaltes in jener Stadt bewohnte. Vielleicht ſang er hier das kindlich ſchöne Lied, das wir uns gern in einer ſolchen Umgebung, unter den Blüthen dieſes lieblichen Seegeſtades, erzeugt denken:“ „Ich freue mich manniger Blumen roth, Die uns der Maie bringen will, Die ſtunden eh in großer Noth, Der Winter thät ihnen Leides viel; Der Maie will uns ergötzen wohl Mit mannigem wunniglichem Tage, Deß iſt die Welt gar freudenvoll.“ Maneſſe I., 1. 2. „Was hilfet mich die Sommerzit, Und die viel lichten, langen Tage? Mein Troſt an einer Frauen lit(liegt), Von der ich großen Kummer trage. Will Sie mir geben hohen Muth, Da thut ſie tugendlichen an, Und das mein' Freude würdet gut.“ „Wann ich mich von der Lieben ſcheide, So muß mein' Freude ein Ende han, O weh, ſo ſterbe ich leichte von Leide, Daß ich es je mit ihr begann. Ich weiß nicht, Fraue, was Minne ſind, Mich läßt die Liebe ſehr entgelten, Daß ich der Jahre bin ein Kind!“ Eigne Edle, die ſie von Arbon ſchrieben, kommen ſchon im Jahr 1190 vor.— Noch ſind die Mauerſtöcke der ſchönen Moos⸗ burg, und zu Güttingen am See das Schloß zu nennen, das ſchon um 1276 ein edles Geſchlecht dieſes Namens beſaß. Weiter landeinwärts im St. Galliſchen liegt auf dem ſteilen, hohen Ufer der Sitter, wo ſich dieſer Fluß gegen Biſchofszell wendet, Ramſchwag, das Stammſchloß des berühmten Geſchlechtes; in ſeiner Nähe, ebenfalls an der Sitter, Neuramſchwag. Die erſten dieſes Hauſes, die den Namen führen, Heinrich und Konrad, nennt zum Jahre 1228 die Sage der Chronik als„übel ermordet.“ Von Ulrich dem Reichsvogte von St. Gallen, werden wir unter Rudolph von Habsburg ſprechen. In dieſer Gegend waren die Burgen der St. Galliſchen Dienſt⸗ leute und Sänger gelagert. Einer der verdienteſten Beförderer dieſes Sanges, der in die Wette an den Ufern des Bodenſees ertönte, war Berchtold von Falkenſtein, Abt von St. Gallen, von welchem Hugo von Trymberg in ſeinem Renner rühmt: „Wem ſollte das nicht wohl gefallen, Daß ein Abte von Sankt Gallen Taglied machte ſo recht ſchöne, Daß Sankt Galle ſo hoch Getöne Durch weltlich' Ehre nie geſang; Deß hab' ſein Abt immer Gedank, Daß man dabei gedenket ſein!“ Unter hohen Linden und Eichen, jetzt gebrochen, ſchimmerte auf einem grünen Hügel die Burg Singenberg hervor. Der Sänger dieſes Namens nennt Herrn Walter von der Vogel⸗ weide ſeinen Meiſter, der, vielleicht hier zu Hauſe, gewiß in der 155⁵ Gegend ſang. Das Geſchlecht der Singenberg trug viele Jahre das Truchſeſſenamt von St. Gallen. Von langer, irdiſcher Minne, von der ſeine zahlreichen Lieder voll ſind, kehrt ſich der von Singen⸗ berg zuletzt ab zur ewigen Liebe:“ „Wollt ihr behalten Gottes Minne? Die will ich behalten gerne, wiſſet: wie! Habt lieb den, der Euch von Herzen minnet ie! Nein des bas verborn; Wer nicht minnet, der ihn herzigliche minnet, der iſt verlorn!“ Auf einem ſpitzen, hervorſchießenden Berge, nicht ferne vom rechten Ufer der Thur, lag die Burg des Sängers Konrad von Landegg, Schenken von St. Gallen. Mit Sehnſucht gedenkt dieſer ritterliche Sänger, auf fernem Zuge in der winterlichen Nor⸗ mandie, am Geſtade der See, der blühenden Heimath: „Mich muß Wunder han, Wie es ſich ſielle bei dem Rheine, Um den Bodenſee! Ob der Sommer ſich da zehr(verzehre)? Frankreich hätt chat) den Plan(die Ebne), Den man ſieht in trübem Scheine; Reife thun ihnen weh, Bei der Seine und beim Meer; Dieſe Noth hant ſie auch bei Arne(9), Da iſt ihr Freude krank; Wonne und Vogelſang Iſt in Schwaben, das ich wähne; Dar(darum), ſo jammert mich Nach der Schönen minniglich!“ Unweit von der trotzigen Kyburg, einſt dem Sitze des treuen Werner, beim weinreichen Nefftenbach, auf dem Wartberge, ſang Jakob von Warte, ein Freund der Habsburge, ſchöne und gute Lieder. Seines Herzens Königin, die ein Morgenſtern in rechter Schöne iſt, läßt ihn trauern und kränket ihm die Sinne. Er ſucht nach Troſt in der herrlichen Natur, die ihn umgiebt: „Mancherhande Blümelein Lachen aus des Maien Thaue Gen der lichten Sonnen Schein, Die Zeit iſt in werther Schaue. * Man. 1. S. 158. Ebend. 1. S. 200. Ebend. I. S. 25—50. 2 * 8. — Was ſoll tröſten mir den Muth, Seit mich zwinget Herzensſchwere? Bei der ich viel gerne wäre, Daß die mir nicht Gnade thut!“ Die Söhne dieſes trauernden Sängers, Rudolph und Jakob litten unverſchuldetes Unglück durch Kaiſer Albrechts Blutrache. In Rindal in der Grafſchaft Toggenburg ſang Dietmar von Aſt.* Auch die Bilder ſeiner Lieder ſind dem Leben unſrer reichen Gegend entnommen. Er ſagt von der edeln Fraue, die ihn in Gezwang genommen hat: „Der bin ich worden unterthan, Als das Schiff dem Steuermann.“ Bei Vogelſang und Blüthe denkt er ihrer: „Auf der Linden oben, da ſang ein kleines Vögelein, Vor dem Walde ward es laut. Da hub ſich aber(wieder) das Herze mein An eine Statt, da es eh was(war), Ich ſah da Roſenblumen ſtan, Die mahnen mich der Gedanken viel, Die ich hin zu einer Frauen han!“ Auf Tanneck im Thurgau ſaß Heinrich von Rugge; ihm gefiel nicht, daß Niemand mehr den Weibern recht dienet, daß Juden, Chriſten und Heiden nur denken, wie ſie viel Gut gewinnen; die Welt wird bald mit Grimm zergehen; es iſt an den Leuten viel großes Wunder geſchehen; die Welt hat ſich von Freuden geſchieden; freuen ſich Zween, ſo ſpotten ihrer Viere. Er aber, der Sänger, liebt mit unwandelbarer Minne, die nichts vom Winter weiß: „Ich ſah viel lichte Freude han Die Haide und all den grünen Wald, Die ſind nu beide worden fahl; Und müſſen gar bezwungen ſtan; Die Blumen von dem Winter kalt, Auch hat die liebe Nachtigall Vergeſſen, daß ſie ſchöne ſang: Man. I. S. 39—42. *Ebend. 1. S. 97—100. Wenn er nicht auf dem Schloſſe Ruck oder Rugge bei Blaubeuren zu ſuchen iſt. Unhebaut, n 157 Jenoch ſteht aller mein Gedank Mit Treuen an ein ſchöne Weib; Ich enweis(weiß nicht), ob ichs je genießen möge; Sie iſt mir lieb, alſam(als wie) der Leib!“ Hohen Klingen, Klingenberg und Alten Klingen liegen im Thurgäu an dem mittäglichen Abhange des Bergzuges, der zwiſchen dem Bodenſee und der Thur, von Abend gegen Morgen ſich nach dem Rheinthale hin abſondert, in einer Entfernung von kaum zwei Meilen auseinander, und ſind die Sitze drei gleich— namiger und wahrſcheinlich urſprünglich vereinter, aber ſchon zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts getrennter Geſchlechter. Noch alle drei Burgen ſind bewohnt. Walter von Klingen und Heinrich von Klingenberg waren ausgezeichnete, hochgeehrte Sänger. Des letztern Vater hieß Ulrich, ſeine Mutter Willeburg, aus dem zürcheriſchen Geſchlechte deren von Koſtenz, aus welchem Johann von Koſtenz, der Verfaſſer des Gedichtes„von der werthen Minne Lehre“(Gott Amur), als Chorherr am Münſter zu Zürich im dreizehnten Jahrhundert lebte. Heinrich brachte ſeine frühere Jugend in der berühmten Schule des Kloſters Reichenau zu, wurde dort Mönch und im Jahr 1293 Verweſer der Abtei, erhielt auch im Jahr 1271 die Probſtei am Münſter zu Zürich; hier mag ihn Rudolph von Habsburg noch als Graf und als Dienſtmann der Züricher kennen gelernt haben. Er war ein Mann von muſter⸗ haftem Lebenswandel, im Umgange gebildet, und nicht nur ein frommer Sänger, ſondern auch ein berühmter Philoſoph und Ge⸗ ſchichtſchreiber.(Er ſchrieb eine Geſchichte der Grafen von Habs⸗ burg). In Zürich brachte er die Wiſſenſchaften in Flor, ſo daß aus dieſer Schule die maneſſiſche Sammlung hervorgehen konnte. Er war nebſt Abt Berchtold von Falkenſtein der eifrigſte Beförderer des Geſanges; Sänger bildeten ſeinen Hof. Kaiſer Rudolph machte ihn nach ſeiner Thronbeſteigung zum Kanzler, und man könnte auf die Vermuthung gerathen, daß der Sänger, der in der maneſſiſchen Sammlung dieſen Namen führt, Heinrich von Klingenberg ſey, wenn der Geiſt und Charakter dieſer Lieder nicht einige Zweifel erregte. Heinrich führte dem Herzog Albrecht von Oeſtreich bei Bregenz 300 Helme gegen Adolph zu, ging als Albrechts Geſandter nach Frankreich und ſtarb im Jahr 1306. Auf dem Schloß Klingenberg iſt jetzt Alles theils neu, theils umgebaut, nur an dem fünf Stockwerke überſteigenden Thurme ſieht 158 man, daß er, ſo wie das erloſchene Geſchlecht, deſſen Stammfitz er war, zu den älteſten Erſcheinungen dieſes Landes gehöre. Aber „Unbeſungen ſind die Thal, Da viel manig Stimme erhal(erhallte), Durch die Ohren ſüße in ſehnendes Herze ergall(ergellte).“ (Walther v. Klingen.)* Bei Wil im obern Thurthale war der uralte, ſchon ſeit dem neunten Jahrhunderte genannte Sitz der Edelleute von Jonſchwil, aus welchem Geſchlechte die gelehrten Eckeharde, und darunter der Sänger des Walther von Aquitanien hervorgegangen. Zu den Thurgauer Sängern gehören auch noch der von Wengi, deſſen Burg zwiſchen Wil und Frauenfeld nahe an der alten Landſtraße lag. Er erſcheint als ein eifriger Anhänger des Papftes, als ein Feind der Hohenſtaufen, und begrüßt das neue, der Kirche gehorſame Kaiſerhaus Habsburg als„einen neuen Mond, der ſich nach Wunſche geſtaltet.“*“ Seinem Thurgau wünſcht er Gottes Ehre. Hieher gehörte auch der Minneſänger Wachsmouth von Ken⸗ den umen zingen Giunzingen)— wenn anders nicht ſein Sitz im Breisgau Monch auf zu ſuchen iſt—„dem, ob auch der Wald in grüner Farbe ſtehe, horſand/ und die Vögel ihren Sang höhen: doch ſein alter Kummer wehe galt, Ein thut.“* Er führte den Namen Hofmeiſter von Frauenfeld. ſch zu R Dies Geſchlecht erhielt unter Rudolph von Habsburg das Hof⸗ meiſteramt, und Biſchof Nikolaus von Konſtanz, den wir dem Kaiſer Ludwig, dem Baier, ſo tapfer werden widerſtehen ſehen (im Jahr 1334), war aus dieſem Geſchlechte. Von den Hügeln des Thurgaus ſteigen wir wieder hinab, an ſein Seegeſtade. Hier begegnet uns das alte Schloß Gottlieben, vom Biſchof Eberhard von Konſtanz, aus dem Hauſe Waldburg, ums Jahr 1250 gebaut und im Unmuthe über die Stadt Konſtanz zu ſeinem Biſchofsſitze gemacht. Es wurde im Jahr 1355 von Konrad von Homburg zerſtört(f. unten) aber wieder hergeſtellt, und erhielt durch Huß eine traurige Berühmtheit. Bei Emmis⸗ hofen erhub ſich der ſchöne Freiſitz Gyrſperg(ſpäter, als auch Mittel⸗ und Untergyrſperg dazukamen, Obergyrſperg genannt); von dem ſich ein Zweig der Blarer ſchrieb; auf der Höhe über *Man. I. S. 50. Ebend. II. S. 98. 99. Maneſſe I. S. 160. 161. 159 Ermattingen ſteht, noch heute in wohnlichem Stande, das Schloß Wolfsbergz; deſſen erſter Urſprung, obwohl die Gründer nicht bekannt ſind, in dieſe Zeiten zu ſetzen ſeyn mag. Oberhalb Mannebach ragten die zwei Schlöſſer Salenſtein, deren Edle Schenken in der Reichenau waren, und im dreizehnten Jahrhunderte vorkommen. Nach ihnen hatten ſie die Mundpratten von Konſtanz im Beſitz. Der Arenenberg iſt nicht mit Sicherheit in dieſe Periode zu ſetzen. Aber aus uralter Zeit blickte ſchon von dem Berge oberhalb Berlingen, die Burg des fränkiſchen Statt⸗ halters der Reichenau, Sintleoz herab. Indem wir auch jetzt einen Blick auf jenes Eiland werfen, erinnern wir, obgleich er einem frühern Jahrhundert angehört, um ſeiner Lieder willen, an Hermann den Lahmen, aus dem mächtigen Grafengeſchlechte derer von Vehringen im Lauchartthale. Unter 14 Kindern, die Hildrude, Erbtochter des letzten Grafen von Trauchburg zu Sulgen dem Grafen Wolfrad, ihrem Gemahl geboren hatte, war Hermann von Geburt an gelähmt, und führte zeitlebens davon den Namen. Er machte ſeine Studien zu St. Gallen und wurde Mönch auf der Reichenau, wo er der Schule bis an ſeinen Tod vorſtand, und mit Recht für den gelehrteſten Mann ſeiner Zeit galt. Ein dichteriſches Geſpräch zwiſchen ihm und der Muſe befand ſich zu Regensburg; außerdem iſt er Verfaſſer zweier berühmten lateiniſchen Hymnen. Er ſtarb im Jahr 1054 und ließ ſich zu ſeiner geliebten Mutter Hildrude, auf die er eine rührende Grab⸗ ſchrift verfertigt hatte, zu Altſchhauſen begraben.— Der Abt Konrad(von Zimbern) und der Mönch Burkhard aus der Reichenau verdienen ebenfalls Erwähnung: beide beſangen die Schickſale ihrer Inſel. Auch Steckborn hatte ſeine eigenen Edelleute. Herr Hilde⸗ brand von Steckboren lebte um 1227, und war des Grafen von Rapperſchwil Dienſtmann, Herr Hildibold um 1269. Aber der Thurm, der noch in der Stadt ſteht, wurde erſt im Jahr 1342 von Abt Diethelm aus der Au, geborenem von Kaſtell erbaut. Die alte Burg zu Feldbach trugen die Edeln dieſes Namens von dem Freiherrn von Klingen zu Lehen. Kuno von Feldbach, Ritter, ſoll ſie im Jahr 1252, mit Einwilligung ſeiner Lehensherren, an die Schweſtern auf der Brugg zu Konſtanz, um 100 Mark Silbers käuflich überlaſſen haben. So entſtand das dortige Be⸗ guinen⸗, nachher Benediktinerinnen⸗ endlich Ciſterzienſerinnen⸗Kloſter, das jene im Jahr 1253 erbauten. * — 160 Mammern oder Mambüren war auch der Sitz eines edeln Geſchlechts; ſein Schloß, jetzt neu gebaut, ſteht am See, eine Stunde oberhalb der Vorbrücke bei Stein. Aus dieſem Hauſe war Mangold, den Herzog Konrad von Zähringen im Jahr 1124 mit Gewalt zum Abte von St. Gallen einſetzte. Auch das Schloß Neuenburg war eine Wohnung dieſer Edeln; es kam nach ihrem Abſterben in mehrere Hände; zuletzt ſchrieben ſich die Frei⸗ herren von Thumb Erbmarſchälle des Herzogthums Würtemberg von ihm. Oberhalb Mammern ſchaut, aus einem wilden Waldestobel, das Schloß Liebenfels herab, merkwürdig durch ſeine ſonderbaren unterirdiſchen Gemächer. Es war ein Lehen des Hochſtiſtes Konſtanz und der Sitz eines adeligen Geſchlechtes. Eine halbe Stunde unter dem Schloſſe Neuenburg lag Schloß und Herrſchaft Freudenfels, gleichfalls mit eigenem Adel. Zu Eſchenz haben die römiſchen Grundmauern den Edelſitz des Mittelalters, der auf ihnen erbaut war, überlebt. Hermann von Eſchenz mit zwei Söhnen ward in der Schlacht bei Sempach, in Oeſtreichs Dienſt erſchlagen(1386). Von dem kleinen Hof Amenhuſen bei Stein am Rhein ſchrieb ſich der Leutprieſter Konrad im Kloſter St. Georgen zu Stein. Er lebte jedoch erſt im vierzehnten Jahrhundert und hat ein großes Gedicht vom Schachzabel hinterlaſſen. Zu unterſt in der alten Landgrafſchaft Thurgäu, am Fuß eines fruchtbaren Weinberges, deſſen Gipfel mit einem ſchönen Walde geziert iſt, liegt der Flecken Stamheim, berühmt durch die unglück⸗ lichen Kammerboten. Auch hier ſang ein Edler dieſes Namens, der von Stamheim, fröhliche Tanz⸗ und Reigenlieder für die Jungfrauen:“ „Nu, wohl auf ihr Kinder! gehn wir dar, Tanzen und reigen, Da die Blumen wonniglich ſiehn geblüht, Die Haide iſt wonniglich var(wonnefarb), Sie hat ſich gegen den Maygen Gezieret in ihr beſten Wat Gleid), Die iſt ſo gut; Die Vögel alle find der Sommerwonne froh! Rechte alſo Thäte auch ich, Und ließe eine andre Schwere(Kummer) mich! *Maneſſe II. S. 35. 56.5 in jekigen nach noch Am ſld, oder Uhmnt das Hünde bet Jon d. Ihdert mügres 99 161 Bei Stein am Rhein ſetzen wir über den Strom und gehen ſein rechtes Ufer hinan, den Spuren jener entſchwundenen Jahrhunderte nachforſchend. Hier erinnern wir uns vor allen Dingen bei Oeningen an das uralte Geſchlecht dieſes Namens, die mit dem Gegenkaiſer Rudolph verſchwägerten Grafen von Oeningen. Es iſt merk⸗ würdig, daß zu gleicher Zeit in dieſem Hauſe und in jenem von Achalm die letzten zwei Individuen Kuno und Leuthold hießen und Brüder waren. Auf dem breiten Bergrücken, der die Landzunge ausfüllt, die der Rhein und der Unterſee bildet, ſaßen in einem hochgelegenen Keſſel des Berges, bei dem Dorfe gleichen Namens, die Herren von Schienen, ein unter den Hohenſtaufen mächtiges Geſchlecht, deren Einer einſt hohe Würden in Italien bekleidete. Wahrſcheinlich waren ſie es, welche die zerſtörte Burg in der Nähe ihres Beſitz⸗ thums, in welcher wir oben die aus der Geſchichte der Kammerboten bekannte Diepoldsburg geſucht haben, wieder aufbauen ließen. Dieſe Burg, ſeitdem aufs Neue zerſtört, wird von der Forſchung im jetzigen Schrotzburg geſucht, und ihre Trümmer wären dem⸗ nach noch ſichtbar. Am Geſtade des Rheines hinäuf begegnen wir Schlöſſern und zerſtörten Burgſtällen, die an Geſchlechter jener Zeit erinnern, zu Oberſtad(wo ein, einſt dem Hochſtift Konſtanz gehöriges, Schloß noch ſteht), zu Kattenhorn, einſt dem Sitz eines adeligen Ge⸗ ſchlechtes, zu Marbach(wo noch ein wohnlicher Sitz), zu Gaien⸗ hofen; unweit von der nordweſtlichen Bucht des Unterſees, zu Bohlingen, einem erhaltenen Schloß; wenn wir hier dem Flüßchen Aach ſtromaufwärts folgen, ſtoßen wir, unweit Riſalingen, auf die zerſtörte Burg Roſenegg, die, ſpäter ein Beſitzthum des Hoch⸗ ſtiftes Konſtanz, auf einem waldigen Hügel liegt. Auf der Straße von Singen nach Schaffhauſen blickt zur rechten Seite aus einer dichten Waldeswand eine andere einſame Burg hervor. Ob jedoch alle dieſe Schlöſſer, was ihre Gründung und die Geſchlechter betrifft, die einſt auf denſelben gehauſet, ſchon in dieſe Zeitperiode zu ſetzen ſind, oder einer ſpäteren angehören, laſſen wir dahingeſtellt. Doch kommt das Geſchlecht derer von Roſenecke um 1312 in einer Urkunde bei Neugart vor. Von der Felſenburg Hohentwiel ſchrieb ſich ſchon im eilften Jahrhundert ein edles Geſchlecht; ſie waren jedoch nur ministeriales minores von Twiel, und trugen Lehen von der Burg. Ein Schwab, Bodenſee. 11 1 * Heinrich von Twiele war um 1086 von einer Partei der Mönche in St. Gallen zum Abte gewählt worden, ohne jedoch in dieſer Würde ſich zu erhalten. Im zwölften Jahrhundert erſcheinen Eberhard und Adilbero de Tivelo. Im Jahr 1267 kommt auch Junker Ulrich von Klingen, genannt von Twiel, vor(Neug.). Die Burg Hohentwiel ſelbſt war immer Eigenthum der Herzoge von Schwaben. Erſt nach Konradins Tode gab ſie Kaiſer Rudolph von Habsburg denen von Klingenberg.— Zwiſchen Singen und Hohentwiel liegt Beringenz; ob dieſes dort, oder Beringen im Klettgau die Heimath des Sängers iſt, der ſeinen Namen führt, iſt ungewiß. Das kleine Schloß Staufen, deſſen Ruine auf einem niedri⸗ gern Berge bei Hohentwiel ſteht, war ſammt ſeiner Herrſchaſt dem Kloſter Petershauſen zuſtändig. Schwerlich nannten ſich Edel⸗ leute davon. Auf dem niedrigſten aber ſteilſten der vulkaniſchen Bergkegel des Hegaus, Hohenkrähen, wohnten ſchon zu Anfang des drei⸗ zehnten Jahrhunderts Edle. Es iſt wohl kaum zu zweifeln, daß Luithold de Kreigin und A. de Kreigin, die in einer Urkunde des Jahres 1208 erſcheinen, auf dieſem Bergſchloſſe zu ſuchen ſeyen, welches noch auf den heutigen Tag im Munde des Volkes Krei⸗ hen heißt. Von Hohenkrähen weſtlich erhebt ſich, mit den Trümmern dreier Burgen auf drei Baſalthügeln gleich einer Krone geziert, der Stofeler Berg, auch Hohenſtofeln genannt. Stofel, Stöfel iſt die Verkleinerung von Stouf, Stauf(Berg); Stöfelen heißt alſo Bergeskuppen. Dies iſt der älteſte Name des Berges und des ſich davon ſchreibenden Geſchlechtes. Schon im Jahr 1034 ward Norbert von Stofelen, ein kriegeriſcher Mann, Abt zu St. Gallen: er hing Heinrich III. an und begleitete ihn auf ſeinem Römerzuge 1047. Er war der Erbauer Appenzells. Im Jahr 1056 ſaß der Biſchof Gebhard von Regensburg und Abt von Kempten, Bruder Kaiſer Konrads II., einer Verſchwörung mit Welf III., Herzog von Kärnthen, beſchuldigt, auf Befehl Kaiſers Heinrich III.„in Stofola“ gefangen, wurde aber bald wieder zu Regensburg eingeſetzt. Von da bis zum Jahre 1563 kommen die Namen von Stöfe⸗ len und von Stofelen häufig vor: im Jahr 1279 Cunr. v. Stöffeln, Domherr zu Straßburg, und Peregrin von Stoffelnz im Jahr 1310 Berthold v. Stoffeln, Kommenthur der Johanniter zu Kligte Mnů dieſe Gelkne talium, 035 a ein Jueig Richenun 6 Mägd betden. Minif Elingen Autlingen. dtidi Mlabutg, WW alte 0n zu Klingnau u. A. Die Namen Stöffeln könnten nun möglicher Weiſe auch einem Geſchlechte von Edelknechten angehören, deſſen Wohnſitz Stöffeln, eine jetzt zerſtörte Burg, auf der ſchwäbiſchen Alb oberhalb Gönningen, iſt. Gewiß aber gehört dem letzteren Geſchlechte nicht an, ſondern iſt auf unſrer Burg zu ſuchen, der Sänger Konrad von Stoffel oder Stoffelen, der aller Wahrſcheinlichkeit nach in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahr⸗ hunderts ein(noch nicht gedrucktes) Heldengedicht von 5642 Verſen ſchrieb, Gabriel von Montavel, oder der Ritter mit dem Bock genannt, deſſen Stoff aus dem Fabelkreiſe der Tafelrunde genom⸗ men, und dem weder Reichthum der Erfindung noch poetiſcher Schmuck mangelt. Den Stoff dazu brachte er aus Spanien mit, wohin damals viele Wallfahrten zum Grabe des heil. Jakob nach Compoſtella vorgenommen wurden. Er ſelbſt ſagt: Von Stoffel Meiſter Cunrat Hat das Buch gedicht Mit reinem Bericht. Der war ein werther, freier Mann; Zu Hiſpania er das Buch gewann. Aus dieſem Zeugniß erhellt, daß der Dichter ein Freiherr(kein Edelknecht) war, und zugleich Meiſter; vielleicht magister decre- talium, wie Heinrich von Klingenberg. So lange uns kein Anderer dieſes Namens gezeigt wird, werden wir ihn mit jenem Dom⸗ herrn von Straßburg für Eine Perſon halten müſſen. Ein anderes edles Geſchlecht kam ſehr frühe, wahrſcheinlich ſchon im zwölften Jahrhundert, aus Heſſen in das Hegau; es war ein Zweig der heſſiſchen Grafen von Ziegenhein, deren Wappen es ſtets führte, ſiedelte ſich auf dem Kegelberge, Hohenhöwen an, und nannte ſich von dieſer ſeiner Burg. Es gab dem Hochſtifte Konſtanz mehrere Biſchöfe und ſtarb im ſechzehnten Jahrhundert aus. Auf einem ſechsten Kegel des Hegaus baute das Kloſter Reichenau wahrſcheinlich noch in dieſer Periode eine Burg, die es Mägdeberg nannte und deren Schickſale wir ſpäter erzählen werden. Miniſterialen deſſelben Kloſters ſaßen äuf Homburg bei Staringen(zwiſchen Radolphszell und Sernatingen) und bei Tuttlingen. Fridingen an der Aach, im Umfange der Landgrafſchaft Nellenburg, wo noch ein zerfallenes Schloß fteht, iſt bisher für das alte Onfridinga(Hohenfridingen), das in der Geſchichte der 7 * * Kammerboten vorkommt, gehalten worden. Ohne Zweifel hauste auch hier ein altes Geſchlecht; in Urkunden findet ſich der Name öfters, wird aber auf die Herren von Fridingen, die an der Donau ſaßen, bezogen. Am linken Ufer des Ueberlingerſees und ſeinem Abſchluß nahe ſchrieb ſich ein edles Geſchlecht von dem alten kaiſerlichen Palaſte Bodmann, und ſtand frühzeitig in großer Achtung. Als im Jahr 1155 der edle Fanatiker Arnold von Brescia mit einem Haufen Schweizer Bauern über die Alpen gegangen war, und in Rom ſeine neue Republik gründen wollte, lud er den Kaiſer Barbaroſſa ein, daß er ein paar einſichtsvolle Männer nach Rom zur Vertheidigung ſeines Reichsrechts gegen den Papſt ſenden ſollte; er nannte darunter ausdrücklich den edeln Eberhard von Bodemen(ſ. D. Heinr. Frankes Arnold v. Brescia. Zürich 1825. S. 182— 184). Im Jahr 1271 lebte Ulrich von Bodemin. Das Geſchlecht theilte ſich ſpäter in mehrere Aeſte und blüht bis auf den heutigen Tag. Den Ruinen des alten Schloſſes Bodmann gegenüber, am rechten Ufer des Sees, mitten auf dem Abſatz eines mit Wald und Reben überkleideten Berges, ragt zwiſchen Wohngebäuden, die in Schutt liegen, ein ungeheurer Burgthurm, zur Hälfte noch aufrecht, gen Himmel; zu ſeinen Füßen blüht das heiterſte Thal und lächelt der blaue See, in ſeinem Rücken ſteigt wilder, ver⸗ ſchlungener Buchenwald zur oberſten Höhe hinan und dehnt ſich dort über die Bergfläche aus. Auf dieſem Thurme ſaß Burkhard von Hohenvels, ein jagd⸗ luſtiger Sänger, deſſen mächtiger Leyer die kraftvollſten, eigen⸗ thümlichſten Naturlaute entquollen: wunderbar miſcht ſich in ſeiner Phantaſie das Weidwerk mit der ſüßeren Jagd nach Frauenminne, und ſein gethürmter Wohnſitz ſelbſt ſcheint ihm Symbol ſeines Innern geworden zu ſeyn. Er ſingt: „Wie möcht' ich mit der geſtriten(ſtreiten), Die ſo gar gewaltigliche Sitzet auf meines Herzens Thurm, Der iſt feſt an allen Sitten.““ Anderswo erzählt er:„wie ſein Herz ſeinen Sinn zu jagen ausgeſandt hat; aber das Wild, nach dem er jagt, iſt ſchnell, weiſe und ſtark, wie der Löwe; wohl bedürfte er des Fuchſes Kundigkeit, es zu fangen.““ *Maneſſe I. S. 89. u Ebend. 1. S. 86. Doch nit Kebe dik ihm zu Zhei dieſt mit Rame uf der J lat ein e 165 Wiederum ſpricht er von der Geliebten: „Nach des Aaren Sitte ihr' Ehre Hohe ſweimet(flieget) und ihr Muth; Schande wanket vor ihr ſehre, Wie vor Falken Lerche thut.“* Doch nicht nur aus dem Walde zu ſeinem Haupt holt ſich ſeine Liebe die kühnen Bilder, auch der See zu ſeinen Füßen dient ihm zu ſolcher Beute. Ihm iſt zu Muthe,„wie dem wilden Fiſch in dem Bäre(im Hamen); ſeine Freiheit neigt ſich der viel Lieben zu eigen.“* Aber bald iſt er wieder ein Vogel: „Die Gedanken mein ſie locket, Die fliegen zu ihr geſchaart, Manch gieriger Sinn, der flieget nach ihr auf die Jagefahrt, Der iſt viel hin zu ihr geſchwungen.“—* Auch die Erſcheinungen der Natur fließen in ſeinem Auge zu den glühendſten Bildern zufammen: „Da die Luft mit Sonnenfeuer Ward getempert und gemiſchet, Dar gab Waſſer ſeine Steuer, Da ward Erde ihr Leib erfriſchet, Durch ein tugendliches Schmiegen Ward ſie Freudenfrüchte ſchwanger; Das thät Luft in wil(in Weile) nicht triegen; Schauet ſelbe aus auf den Anger: Freude und Freiheit Iſt der Welte fürgeleit(vorgelegt)!“ 1 Die liebliche Inſel Maynau hatte gleichfalls ihren Sänger aufzuweiſen. Ritter Arnold von Langenſtein(deſſen Namen noch ein feſtes Bergſchloß im Hegau führt) und ſeine vier Söhne gaben, mit Bewilligung des Abtes in der Reichenau, alle ihre Güter, und darunter die Maynau dem Deutſchorden zu eigen. Zwei dieſer Söhne kamen nicht zu männlichen Jahren; einer aber, mit Namen Hug, war im Jahr 1298 in dem deutſchen Hauſe zu Freiburg im Breisgau, und kommt dann bis um 1319 als Komthur auf der Inſel Maynau vor. Von dieſem Hug von Langenſtein hat ein edler Freund und Förderer der altdeutſchen Liederkunde * Maneſſe I. S. 858. Ebend. I. S. 83. *us Ebend. I. S. 86. 1 Ebend. I. S. 87. 2 * * eine Sammlung von Gepichten entdeckt, darunter das Leben der heiligen Martina, im Jahr 1293 verfaßt, ein großes, aus mehr als 30,000 Verſen beſtehendes Gedicht. Er hat zum neuen Jahre 1826 den Freunden deutſchen Geſanges eines jener Lieder mitgetheilt, das die Bekehrung eines heidniſchen Königes der Litthauer feiert 2. Auflage 8. Seemüller in Konſtanz). Auf dem ſchmalen, hüglichten Erdſtriche, der zwiſchen dem Unterſee und dem Ueberlingerſee hinläuft, der Rick heißt und beim Eichhorn endet, liegt in der Mitte zwiſchen beiden Waſſern, in einer Wieſenaue, am Rand eines großen Weihers, wo im Sommer unzählige Waſſervögel ſich ſammeln und brüten, faſt vergeſſen von der übrigen Welt, das Dörflein Dettingen, höchſt wahrſcheinlich die Heimath des Sängers Heinrich von Tettingen, deſſen Geſchlechte Konradin Lehen in der Umgegend gab. Ein anderes Geſchlecht dieſes Namens hatte Güter bei Tägerfeld an der Aare. Von jenem Sänger ſind nur wenige, aber herrliche Strophen Zeugen eines von der innerlichſten Liebe erfüllten Gemüthes. Er ſingt: „Lieb, liebes Lieb, liebe Fraue! Lieb, Herzens Troſt und der Sinne! Lieb, liebes Lieb, liebe Schaue(lieber Anblick)! Lieb, daß mich raubet deine Minne! Hei, lieber Leib! Seelig Weib! Lieb, liebes Lieb, ſehnendes Leid mir vertreih!“ In zweierlei Urkunden vom Jahr 1262 und 1270 erſcheint ein Burkhard von Tettingen, in der letztern(bei Neugart) mit dem Beiſatze dictus Spilmann; deutet dieß letztere auf einen zweiten Sänger in jenem Geſchlechte, oder haben die Nachkommen Heinrichs dieſen Beinamen von ihm geerbt, oder iſt Heinrich im Maneſſe'ſchen Kodex ein Gedächtnißfehler, und ſollte Burkhard da⸗ für ſtehen? Wir entſcheiden nichts. Auf dem rechten Ufer des Bodenſees begegnen wir, außer dem ſchon oben genannten Hohenvels in der Nähe von Ueberlingen, den Edeln von Bondorf; bei Heiligenberg(wovon oben ge⸗ ſprochen iſt) dem Bürglein der Edelknechte von Ramsberg, das nahe ſteht und von einem Bauern bewohnt iſt. Dann, am See, der uralten Felſenburg Meersburgs, an deren Thurme man in alten Schriftzügen noch Karl Martells Hammer zu erkennen glaubte. In unſrer Periode war ſie ohne Zweifel ſchon ein Schloß des fleut und Biſchofs von Konſtanz; in früheren Zeiten aber ſollen hier die Grafen von Rohrdorf im Namen der Kaiſer die Ueberfahrt über den See beſchützt haben. Eine halbe Raſt vom Flecken Immenſtaad gegen Buchhorn zu, unmittelbar am Ufer, ſtoßen wir auf die Sängerburg Konrads von Helmsdorf, deren Name in den neuen Gebäuden noch fortdauert. Der Dichter lebte und ſang in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, und ſchrieb eine bis jetzt nicht wieder aufgefundene Vergleichung des alten und neuen Teſtamentes in Verſen. Das Geſchlecht trug einſt das Schenkenamt von Konſtanz und beſaß auch im Thurgau Güter. In Buch horn zeigten jene Zeiten vielleicht noch Spuren vom Wohnſitze der alten Grafen von Linzgau, Kyburgiſchen Stammes. Tiefer im Lande, außerhalb der Gränzen unſres Bezirks, lagen die Burgen Winterſtetten, der Sitz der Schenken von Win⸗ terſtetten, wo ein Sänger Ulrich dieſes Namens ſaß, deſſen bald muthwillig-ſcherzhafte, bald wehmüthig⸗ſehnſüchtige Lieder noch tönen;* und Waldburg auf einem tannenbewachſenen Hügel, mit dem hochberühmten, den Winterſtetten verwandten Geſchlechte der Truchſeſſe(ſ. Topogr.). Die ältern montfort'ſchen Schlöſſer zu Tettnang und Lan— genargen gehören wohl einer etwas ſpätern Periode an. Bei Tettnang war die Burg der Edeln von Summerowe; zwiſchen Langenargen und Lindau ſaßen die Edeln Güſſen von Güſſenberg; ihr Schlößchen gehört ſeit Jahrhunderten dem Stadt⸗ ſpitale von Lin dau. So haben wir die Runde um den See gemacht, und ſchließen bei Hohenbregenz wieder an. Aber über den Boden mancher ſpurlos verſchwundenen Ritter⸗ wohnung mögen wir, ohne ſie zu ahnen, hingeſchritten ſeyn; und mancher Sänger mag noch am Ufer ſich des grünenden Angers er⸗ freut und ſein Lied in den Geſang der Vögel gemiſcht haben.“⸗ * Maneſſe I. S. 59— 61 und Beneke's Beiträge. un Auch fernere Sänger mag das Geſchick jener Zeiten nicht ſelten an den Bodenſee geführt haben. Wolfram von Eſchenbach, in ſeinem Wilhelm von Oranſe, bedient ſich eines von unſerem See entlehnten drolligen Gleichniſſes Geidelberg. Odſ. Nr. 404. fol 95, b.): No ſeht vnd funde ein antvogel Zvo drinken in dem podemſee Trunke er in gar vz das tet imme we. Sus pruebe ich poidius her. 168 Die Muſe, die jene alten Sänger begeiſterte, iſt der deutſche Mai, der jetzt im Blumen⸗ und Blüthendampfe des Angers, der Obſtwälder und der Rebenberge am Rhein, und an den üppigen Ufern des Bodenſees ſeinen Lieblingsſitz alljährlich aufſchlug. Aber auch die Betrachtung der blauen Fluth, welche Natur im reich⸗ umkränzten Becher ihnen ſpiegelnd entgegenhielt, nährte ihre Phan⸗ taſie mit den ſchönſten Bildern, und das Waſſer mußte, wie Vogel⸗ ſang und Maienblüthe, zum Sinnbild ihrer Liebe dienen; darum ſpricht ein ungenannter Sänger zur Minne, die er als Botin der Geliebten ſendet:“ Vnd ſag ir vz getrüwen Mut Fründſchaft, Lieb und alles Gut, Von Wunſch ihr dazu Liebes me(mehr) Denn trophen(Tropfen) hab der Bodenſee! VII. Das Seegebiet unter Rudolph von Habs⸗ burg und ſeinem Fohn. (N. Chr. 1268— 1300.) fl. Rudolph als Graf. Auf die Helden⸗ und Dichterglorie der Hohenſtaufen folgt die Proſe Rudolphs von Habsburgz aber es iſt die gute, treu⸗ herzige, körnigte Proſe der alten Zeit. Durch große Reichslehen und muthige Behauptung der Schutz⸗ herrlichkeit über ſeine Nachbarn war das gräfliche Haus Habs⸗ burg, im helvetiſchen Alemannien wie im Elſaß, hoch geſtiegen. Rudolph war von dem großen Kaiſer, auf deſſen Thron er ſich ſetzen ſollte, von Friedrich II., aus der Taufe gehoben worden,* d. h. ſo übel es einer Ente bekäme, den Bodenſee auszutrinken, ſo ſchwer würde es dem Dichter, das prachtvolle Heer des heidniſchen Königs Poi⸗ dius zu beſchreiben. Laßb. Lie derſaal 1, 96. Im Jahr 4218.— Es iſt merkwürdig, daß in demſelben Jahr, da eines der älteſten, mächtigſten deutſchen Geſchlechter in Berthold V. von Zäh⸗ ringen erloſch, in Rudolph von Habsburg ein neues Kaiſerhaus in der⸗ ſelben Landſchaft aufging. Krieg 6 1 Habe⸗ 169 in ſeinen Armen hatte der Säugling gleichſam die Weihe zum künftigen Herrſcheramt erhalten. Zum Manne gereift, dehnte er die Herrſchaft ſeiner Vorfahren nach allen Seiten aus, auch nach dem Bodenſee und dem St. Galliſchen Land; und dieſe Abtei kam mit ihm als Nachbarn, Vaſallen und Eroberer in nachtheilige Ver⸗ hältniſſe. Er hatte ſeine, ihm früher abholden Oheime, die kinder⸗ loſen Grafen von Kyburg beerbt, und ſah ſich in einen dreifachen Krieg mit Baſel, dem Grafen Montfort und mit St. Gallen verwickelt. Ein kluger und edler Entſchluß, der N. C. 126s. ſeinen ganzen Charakter bezeichnet, befreite ihn von dem letzten dieſer drei Feinde. Der Abt Berchthold beſchäftigte ſich in ſeiner Stadt Wil im Thurgäu mit eifrigen Kriegsrüſtungen gegen ihn, da trat eines Abends während der Mahlzeit der Thorwart in den Speiſeſaal und ſprach:„Herr! der von Habsburg ſteht vor dem Thore; ſoll er eingelaſſen werden?“ Kaum traute der verwunderte Abt ſeinen Ohren; er konnte nicht glauben, daß ſein furchtbarer Feind allein und wehrlos ſich ihm ſtellen ſollte; doch ſagte er erſtaunt ja und bereitete ſich, ihn aufs Beſte zu empfangen. Graf Rudolph aber ſchritt auf ihn zu und ſprach treuherzig:„Herr von St. Gallen! wir hattent einen Stoß. Darumb bin ich herkommen. Was ihr durchs Recht han ſollt, das ich üch gern laſſen will!“* Ein ſo edles und würdiges Eingeſtändniß ſeines Unrechts rührte den Feind: der Abt bot die Hand zu einem Vertrag, der Beiden vortheilhaft war. Berchthold ſtand jetzt dem Grafen mit Hugo von Werdenberg gegen Montfort bei(1263); ſie zogen vereint das Rheinthal hinauf gen Feldkirch; doch richteten ſie nichts aus und büßten ihren Unwillen nur an den Fruchtbäumen und Rebſtöcken. Abt Berchthold ſicherte ſich gegen Montforts Rache durch die Erbauung der Schlöſſer Blatten und Heldsberg, wie des Thurmes Stettenberg bei Bernang; und durch Befetzung der Schlöſſer Huſen und Ber⸗ nang. Dieſer Abt, der Freund der Ritter und Sänger, gab den Edeln alljährlich ein herrliches Feſt und ſparte den Wein nicht, den ihm Botzen, Klefen, das Elſaß und der Neckar ſandte, während dieſe edleren Weine in jener Zeit, ſelbſt in großen Städten noch, eine theure Seltenheit waren.* Zu einem ſolchen Mahle hatte *Der Zeitgenoſſe Küchi meiſter, ein St. Galliſcher Bürger, erzählt dieſe Geſchichte in ſeinen vortrefflichen Caſus, die von 1227—4328 gehen. ** S. Hüllemann, das deutſche Städteweſen im Mittelalter. Bonn 1826. I. S. 274. — * 170 er im Jahr 1269 gegen 900 Ritter geladenz die Gäſte kamen, aber der beſte Wein blieb aus; der Biſchof von Baſel hatte ihn auf⸗ gefangen. Dieß nothgedrungene Faſten erbitterte den Abt ſo ſehr, daß er ſich ſchnell entſchloß, dem Grafen Rudolph von Habs⸗ burg auch gegen den Biſchof von Baſel beizuſtehen. Der letztere mußte um Frieden bitten und erhielt ihn. Bald darauf N. C. 1274. ſtarb Abt Berchthold von Falkenſtein, von Rittern und Sängern betrauert und beklagt; aber ſein Aufwand hatte drückend auf dem Volke gelaſtet; dieſes ſandte ihm keine Thräne nach. Der gemäßigteſte unter den kriegeriſchen Prälaten jener fehde⸗ vollen Zeit und Gegend war Eberhard von Waldburg, der Biſchof von Konſtanz; er ſtand gut mit dem ganzen benachbarten Adel; nur mit Abt Berchthold gerieth auch er manchmal in Streit (1254, 1258); beſonders wegen der Inſel Reichenau, die ſich gern Beide unterworfen hätten. Ueber der Abtswahl in St. Gallen kam es zu einem zwei⸗ jährigen verderblichen Krieg, in welchem Ulrich von Ramſchwag dem Biſchof von Konſtanz Biſchofszell wegnahm, bis der eine Gegenabt, Ulrich von Güttingen, den Habsburger N. C. 1278. herbeirief, der ſich, zum Schirmvogt ernannt, aller Ge⸗ walt über die Stiftslande bemächtigte. 2. Kaiſer Rudolph. In demſelben Jahre führten die Fürſten den Grafen Rudolph von der Belagerung Baſels weg(dort war die Fehde neu erwacht) nach Aachen und ſetzen ihm die deutſche Krone auf. Aller Streit war wie durch einen Zauberſchlag geendigt; die ſtattlichen Edeln Schwabens fuhren glückwünſchend zur Krönung; nur die heimlichen Neider knirſchten, und der Biſchof von Baſel ſprach:„Sitz feſt, lieber Herre Gott, oder Rudolph wird ſich auf deinen Stuhl ſetzen!“ Rudolph ließ die italieniſchen Händel und arbeitete feſt und beſonnen an der Ruhe des Reichs und dem Anſehen der N. C. 1273. Kaiſerkrone. Er fuhr in den ſchwäbiſchen Städten umher und ſchuf guten Frieden, wie er in vielen Jahren nicht geweſen war. Die Landvogtei in Oberſchwaben gab er ſeinem Neffen, dem Grafen- Hugo von Werdenberg, dem er nachher(1277) im Namen von Kaiſer und Reich bewilligte, die Grafſchaft Heiligen⸗ berg von Berthold, dem letzten dieſes Stammes, zu kaufen. Er wie Andre anderswo, ſollten beſonders die verlornen Reichsgüter wütdtt ein Rudclhh Flliburg, heten dem Sohn, der Bach, da Lhens geh Gching(ab kandt' er , Gruf Nontfot Hiegeriche dman, dar Anihung ſeht ſo g i d K* M Nähr 1 Uſi, ſo ih wohl, ch der i0 171 wieder einziehen. Dagegen empörten ſich die Fürſten, und als Rudolph von einer Zuſammenkunft mit dem Papſte zu Lauſanne zurückkam, ſand er die mächtigſten Grafen Schwabens unter den Waffen. Seine Reichsacht über ſie brachte den Bund derſelben zur Reife. An der Spitze ſtanden Würtemberg, Baden, Helfenſtein, Freiburg, Neuenburg und aus unſrer Gegend Montfort. Sie boten dem aufrühreriſchen Herzog Heinrich von Baiern und dem König Ottokar von Böhmen die Hand. Vom Rhein bis an die Donau ſtand Alles im Aufruhr; nur wenige vom oberländiſchen Adel ſtanden treulich bei Rudolph, darunter die Grafen Albrecht von Hohenberg, Hug von Werdenberg und der Pfalzgraf von Tübingen. Dennoch wagte Rudolph dem Aufſtand entgegen zu gehen(1276); er ſiegte im Schwarzwald; in Böhmen unterwarf ſich Ottokar. Bei deſſen zweitem Aufſtande, den er mit dem Leben auf dem Marchfeld büßte(1278), war der Kaiſer von den ſchwäbi⸗ ſchen Rittern, Edeln und Städten beſſer unterſtützt. In dieſer Schlacht rettete Heinrich Walther von Ramſchwag, Ulrichs Sohn, dem Kaiſer das Leben; die Gunſt dieſer Familie ſtieg da⸗ durch aufs Höchſte; Rudolph belohnte ſeinen Retter mit Gütern, die er unbedenklich von St. Gallen wegnahm; er gab ausdrücklich in der Schenkung den Grund an:„weil er uns ufhub aus dem Bach, da wir niedergeſchlagen lagen; damit er uns des Lebens gehalf, und den Fall(Untergang), der uns mit N. C. 1278. Geding(abſichtlich, von Verräthern) uf was geſetzt, den wandt' er uns.“ 3. Graf Wilhelm von Montfort, Abt von St. Gallen. Während Rudolph in Oeſtreich verwaltete, zerfiel ſein Werk, der Landfriede in Schwaben, beſonders durch den Biſchof von Konſtanz, den Namensbruder des Kaiſers, Graf Ru dolph von Habsburg Lauffenburg, und durch Graf Wilhelm von Montfort, den Abt von St. Gallen. Dieſer raſtloſe, feſte, kriegeriſche Mann ſetzte die letzten zwanzig Jahre ſeines Lebens daran, das Umſichgreifen des Hauſes Habsburg zu hemmen. Seine Bemühungen waren vergebens, aber ſein unbezwungener Wille ſteht ſo groß in der Geſchichte da, wie die That. Er wagte es im Jahr 1282, den Reichstag von Augsburg ohne Urlaub zu ver⸗ laſſen, ſo daß der Kaiſer in den zornigen Ruf ausbrach:„Nu ſeh' ich wohl, daß der Abt mich und meine Kinder nit minnt; nu wi ll ich och der ſeyhn, der ihn und ſein Gotteshaus hindern will, diwil ich lebe!“ Jetzt verzweifelte der Abt an der Gnade, er ſammelte in unbeſonnenem Grimme zu Wil eine Schaar Edelknechte, fiel mit ihnen auf das ihm zum Trotze von Rudolph erbaute und mit St. Galliſchen Edelleuten bevölkerte Schwarzenbach an der Thur und zerſtörte es. Doch konnte er, wie vorauszuſehen war, der kaiſerlichen Macht nicht in die Länge widerſtehen. In Kurzem ſtand er im kaiſerlichen Hoflager zu Herwartſtein und mußte von Ru⸗ dolph die harten Worte hören:„Ihr hant(habt) dem Rich und uns das größte Laſter gethan, das ihm je beſchah, ſeit ich König war.“ Der Abt fiel vor dem Kaiſer auf ein Knie nieder und ſprach:„Herr darum bin ich hier; was ich gethan hab', daz ich das beſſern will unz(bis) an üwer Gnad!“ Dennoch kam ein Vergleich zu Stande: der Abt Wilhelm kehrte heim und legte Beſatzungen in ſeine Klöſter; mit ihm rüſteten ſich ſeine Brüder Friedrich von Montfort, Biſchof zu Chur, Rudolph von Montfort, Herr von Tettnang und Sigmaringen und Heinrich von Grießen⸗ berg im Thurgäu zum Kriege. Der Kaiſer vergaß ſeine gewohnte Mäßigung gegen den Abt; er that ihn durch ein geiſtliches Gericht in den Bann, entſetzte ihn von der Abtei und beſtellte Konrad von Gundelfingen zum Abte. Bei Annäherung des kaiſerlichen Heeres flüchtete Wilhelm nach Wil und, dort nicht mehr ſicher, auf die alte Toggenburg, wo er den Winter über ruhig vom Raube der Umgegend lebte. Inzwiſchen wagten ſein Bruder, der Biſchof und Heinrich von Grießenberg einen Streifzug von Chur nach Feldkirch; aber auf der Au von Balzers lag Hugo von Werdenberg im Hinterhalt und die Heimkehrenden wurden von ihm nach kühnem Widerſtande gefangen und in den Thurm von Werdenberg geworfen. Der Biſchof wollte ſich an zuſammengebund⸗ nen Tüchern zum Fenſter herablaſſen und fiel zu Tode, der von Grießenberg ward erſt nach drei Jahren gegen ein Löſegeld frei. Neuravensburg bei Lindau, eine St. Galliſche Beſitzung, nahm der Kaiſer ſelbſt mit Waffengewalt; Klanx, das Schloß in den Appenzeller Bergen, eroberte der Afterabt. Toggenburg fiel vor des Kaiſers Sohn, dem jungen Rudolph, durch Verrätherei; Wil⸗ helm floh wie ein gejagtes Wild hin und her, flüchtete zu ſeinem Bruder Ulrich nach Bregenz, und, auch hier verjagt, ins wilde Gebirge auf Aſpermont, das rhätiſche Schloß ſeines dritten Bruders, Heinrichs, der Domprobſt von Chur war. Indeſſen hatte Rudolph den niedern Adel und die kleineren Stifte und Städte gegen die großen Landesherren in Schutz gentunet Vorgküfl Ehehetl“ Oein Clendz et wüfet. Hlriche on der R Kieg mit Muſchach f Vil und d oon Stoc Mulkenbur fn bon ſh zu W. 173 genommen und Landfrieden gemacht. Dann war er im Vorgefühl ſeines Todes, mit dem Ausruf:„Wohlauf nach N. C.1201. Speyer!“ ſelbſt zu ſeinem Grabe geritten. Sein Tod befreite den Abt Wilhelm aus ſeinem langen Elend; er kam aus dem rhätiſchen Gebirge hervor, ſetzte ſich mit Hülfe der Bürger wieder in St. Gallens Beſitz und rüſtete mit allen Feinden Rudolphs im Oberlande, beſonders dem Biſchof von Konſtanz, gegen Albrecht von Oeſtreich, des Kaiſers Sohn. Ent⸗ gegen ſtanden dieſem Bunde, neben andern Herren im Thurgau und Elſaß, beſonders die Grafen Hug und Rudolph von Werden⸗ berg. Plötzlich zeigte ſich der Abt im offenen Felde gegen den einäugigen Hügli, den Grafen von Werdenberg, Vogt von Rheinegg, und gegen den Vogt des Afterabts, Ulrich von Ram⸗ ſchwag; den falſchen Abt ſelbſt jagte er nach Schwarzenbach; ging über den See, nahm Neuravensburg weg, und mit dem Biſchof von Konſtanz die Stadt Buchhorn im Sturm. Aber jetzt erſt erblickten ſie die Rauchſäulen, die jenſeits des Sees aus dem Stifts⸗ lande aufſtiegen. Hug war mit Churwahliſcher Mannſchaft auf Appenzell gezogen und hatte die Berge mit Raub und Brand ver⸗ wüſtet. Der ihm zu dieſer Mordbrennerei gerathen hatte, war Ulrich von Ramſchwag; als er aber von ſeinem Schloſſe aus die Greuel ſah, enſetzte er ſich über ſein eigenes Werk und ſtarb an der Reue. Der Abt und Biſchof kehrten um; doch wurde der Krieg mit abwechſelndem Glücke fortgeſetzt. Im Riederholz bei Rorſchach ſiegten die St. Galler über den Ramſchwag, aber Ulrich von Montfort fiel(24. Februar 1292). 4. Albrecht, Rudolphs Sohn, am See. Dagegen ſchlug Hugo die Zürcher und Konſtanzer am Oſter⸗ tag, und Herzog Albrecht erſchien mit ſeinem ſiegreichen Heere. Er nöthigte den Biſchof von Konſtanz, den Grafen von Rappers⸗ wil und die Zürcher zum Frieden. Der Graf von Nellenburg hörte von Stockach aus ſeinen rieſenhaften Thurm auf der Nellenburg in Flammen zuſammenkrachen; auch die Gra-N. C. 1292. fen von Monfort unterlagen und Abt Wilhelm mußte ſich zu Wil ergeben. Sie alle befreite die Kurfürſtenwahl des Grafen Adolph von Naſſau zum deutſchen Könige von ihrem Feind. Albrecht eilte, ohne die Konſtanzerfehde zu beendigen, nach Oeſtreich, und rüſtete ſich zum Kriege. Dann erſchien er mit Heeresmacht in Schwaben * 7. 4 174 und zog über Mindelheim durch das Thurgau und ſeine Stammgüter im Argau in das Breisgau. Zu dem einäugigen Albrecht hatte ſich ſein einäugiger Freund Hugo von Werdenberg und alle alten Anhänger des Oberlandes geſtellt, auch die Grafſen von Montfort, uneinig unter ſich, ſonſt ſeine Feinde, fielen ihm zu; auf ſeiner Seite ſtand auch der Biſchof von Konſtanz, Heinrich von Klingenberg, der Kanzler ſeines Vaters Rudolph. Auf Adolphs Seite war faſt der einzige in dieſer Gegend, der Todfeind Habsburgs, der Abt Wilhelm von St. Gallen. Albrecht zog mit 20,000 Mann ſchlagend durchs Breisgau, wo ſein Freund und Oheim, der Minneſänger Graf von Haigerloch, für ihn den Leonidastod ſtarb. Da fielen die Churfürſten von Adolph ab und kührten Albrecht. Die Dreitagsſchlacht am Haſenbühel bei Oppenheim, wo Adolph, von ſeinem Gegner Albrecht in den Arm verwundet, ſank, beſtätigte dieſe Königswahl(2. Juli N. C. 1298. 1298). Abt Wilhelm von Monfort hatte treulich in Adolphs Heer ausgehalten: er focht mit ſeinen Schwa⸗ ben auf dem linken Flügel, als ihnen die Roſſe unter dem Leibe getödtet waren, zu Fuße fort. Erſt nach Adolphs Tode floh er, ward gefangen und von den Wormſern mißhandelt. Die Montſorte, ſeine Vetter, legten Fürbitte bei dem Kaiſer Albrecht für ihn einz ſo ward er freigelaſſen. Bettelnd, aber auch in ſeinem Falle mit Ruhm bedeckt, zog mit wenigen Rittern der Abt nach dem Boden⸗ ſee. In St. Gallen angekommen, ließ er den Muth nicht ſinken. Er ſchränkte ſich auf alle Weiſe ein, um ſeine treuen Freunde zu belohnen und in der Stille Burgen gegen ſeinen Feind zu bauen; das Letztere war jedoch nicht nöthig. Kaiſer Albrecht kam, nach abgehaltenem Reichshofe zu Nürnberg auf einige Wochen nach Konſtanz und ehrte hier Heinrich den Biſchofk und ſeinen Bruder Ulrich, die Klingenberge, auf alle Weiſe. Ihnen zu Liebe verzieh er auch dem Abte Wilhelm von Montfort, zeigte ſich zu güt⸗ lichem Vergleiche geneigt und verſprach die Abbrechung Schwarzen⸗ bachs. Abt Wilhelm hoffte von dieſem Vertrage Ruhe für ſein Alter, aber ehe der Vergleich verſiegelt war, ſtarb er den 13. Oktober 1301. *Dieſer, als Verweſer der Reichenau, verſchaffte dem Kaiſer die reichen— auiſche Stadt Radolphszell. VIII. 1, Di el ganzen alt Iue die Lande ſchloſen? Ramſtein. Ketfol Nach ſe eiden Thh Unternebmt Hat das 1 Eugegerd wberg⸗E In Verdt im waren 175 Das vierzehnte Jahrhundert. VIII. Kampf und Sieg des Bürgerthums am See. Nach Chr. 1300— 1414. fl. Die Fehde um das Reich. Lndwig der Baier am See. Albrechts Bemühungen, aus Schwaben, Elſaß und Helvetien ſich ein zuſammenhängendes Erbreich zu bereiten, erweckten den Frei⸗ heitsſinn des letztern Volkes; der Eidgenoſſenbund trat ins Leben und die Freiheit der Schweiz ward begründet. Ehe ſich der Kaiſer rächen konnte, wurde er von ſeines Bruders N. C. 4508. Sohn erſchlagen. So war die Reichsunabhängigkeit des ganzen alt⸗alemanniſchen Landes gerettet. Im Schrecken über jenen Mord ſchloſſen alle Städte ihre Thore, die Landesherren verwahrten Schlöſſer und Burgen, die Parteien ſchloſſen Bündniſſe; in St. Gallen warb der Abt Heinrich von Ramſtein Kriegsvolk, um gerüſtet zu ſeyn. In den obern Landen verfolgten die Herzoge von Oeſtreich Kaiſer Alberts Blutrache auf unbarmherzige Weiſe. Der neue Kaiſer Heinrich VII. von Luxem⸗ burg, ein kinderloſer Fürſt, ward wenig geachtet. Nach ſeinem Tode entbrannte der Krieg zwiſchen den N. C. 4515. beiden Thronbewerbern Friedrich von Oeſtreich und Ludwig von Baiern, der Kampf der Adelsherrſchaft und des Bürgerthums. Friedrichs Bruder Leopold, klein und unanſehn⸗ lich von Geſtalt, aber geiſt- und kenntnißreich, lebhaft, tapfer, unternehmend, unermüdlich, von unbekränzter Familienliebe beſeelt, that das Unmögliche für ſeines Bruders Sache und rief die ganze Seegegend unter die Waffen. Er erneuerte den Bund mit Wer⸗ denberg-Sargans, auch die Brüder Hug, Heinrich und Albrecht von Werdenberg zwang er mit Waffengewalt auf ſeine Seite. Mit ihm waren die Grafen von Veringen, Nellenburg, Fürſtenberg, der Truchſeß von Waldburg, der Freiherr Hans von Klingenberg auf Twiel, der ſtärkſte Ritter ſeiner Zeit, die Biſchöfe von Chur und Konſtanz, alle Städte um den Bodenſee bis auf Konſtanz, faſt alle Oberſchwabens. Das untere Land war auf Ludwigs Seite; SDR · 176 von den obern Landen nur die ſchweizeriſchen Waldſtädte und der Graf Berthold von Graiſpach-Neuffen. Nach der Schlacht bei Mühldorf traten die Montfort und die Werdenberg auf des Siegers Ludwigs Seite. Leopold hatte ſich mit der Belagerung von Tettnang, der Burg Wilhelms von Montfort, Landvogts in Oberſchwaben, aufbehalten, und ließ ſich nur durch die Bitten der tugendſamen Gemahlin Wilhelms zum Abzuge bewegen(1323). An der baieriſchen Gränze, an der Spitze ſeines ſchwäbiſchen Heeres erfuhr er die Niederlage ſeines Bruders. Aber er fuhr fort, zu Befreiung des Gefangenen, die obern Lande zu bewegen und ſtarb, im Elſaß kriegend, als Meiſter N. C. 1326. von Schwaben. Während Ludwig, von Wilhelm von Montfort be— N. C. 1329. gleitet, gegen den Papſt zog, der ihn in den Bann gethan hatte, machten die oberſchwäbiſchen Städte, nament⸗ lich Ravensburg, ein Landfriedensbündniß, dem auch der Biſchof Rudolph von Konſtanz und der Graf Ulrich von Montfort-Bregenz beitraten. Friedrich war geſtorben. Die Herzoge von Oeſtreich kriegten fort, bis ſie müde wurden; dann unterwarf ſich auch der noch übrige oberſchwäbiſche Adel dem Baiern; der Papſt, vereinzelt, vermochte nichts mehr gegen ihn, und Kaiſer Ludwig, über den noch jüngſt mit Glockenſchall und bei angezündeten Lichtern von den Kanzeln herab der Bann ausgeſprochen war, zog durch N. C. 1330. das habsburgiſche Gebiet gekrönt und herrlich ins Bis⸗ thum Konſtanz ein. In Ulm unterwarfen ſich dem Kaiſer die Städte, darunter Lindau, St. Gallen, Konſtanz, Ueberlingen, Pfullendorf, Ravensburg; in Augsburg wurde der Landfriede geſchloſſen; ſeitdem hingen die öſtreichiſchen Herzoge treu am Kaiſer. Dieſer ſtützte ſich auf das Oberland; Oberſchwaben waren ſeine liebſten Räthe; die Edeln dieſes Landes lohnte er auf alle Weiſe: dem Grafen Friedrich von Zollern wurde die Judenſteuer zu Ueber⸗ lingen angewieſen; Graf Hugo von Montfort-Bregenz im Beſitze der ihm von Friedrich verliehenen Stadt Leutkirch beſtätigt; Johann Truchſeß von Waldburg erhielt Freiheiten für Ißny. 2. Die Biſchofsfehde von Konſtanz. Der große Friede machte jedoch den kleinen Fehden in unſrer Gegend kein Ende. Ein heftiger Streit brach über der zwiſtigen Biſchofswahl zu Konſtanz aus, wo nach Biſchof Rudolphs Tode die Einen zlichneten butg, K Namens! ſctte, die in Höhne en gerne von! hräbiſcher Heb im die Einen Albrecht, Grafen von Hohenberg, wählten, die Andern Nicolaus von Kenzingen. Des letztern N. E. 1333. Geld errang des Papſtes Beſtätigung und Nicolaus nahm vom Bisthume Beſitz. Dafür zog Albrechts Vater, Graf Rudolph von Hohenberg, mit bewaffneter Macht gegen Meersburg, das Nikolaus beſetzt hielt.: Graf Rudolph rief den Kaiſer Lu d⸗ wig zu Hülfe, und dieſer, aus Feindſchaft gegen den Papſt, erſchien (wie ein Söldling des Grafen, ſagen ſeine Feinde) und führte ein Heer der benachbarten Städte mit ſich, das jedoch unwillig folgte. Der Kaiſer und der Graf belagerten nun gemeinſchaftlich die Stadt viele Wochen lang. Aber im Schloſſe von Meersburg ſaßen unermüdete, in Schlachten geübte Krieger, die mit Wurfmaſchinen die Stadt tapfer vertheidigten, Ausfälle wagten, die, ſo den Mauern zunächſt ſtanden, niederhieben, die Fliehenden, das Schwert im Nacken, verfolgten. Auch auf dem See rüſteten die Meersburger Raubſchiffe aus, bemächtigten ſich der feindlichen Frachtſchiffe und führten ſie im Triumphe heim. Sie ſelbſt erhielten täglich aus dem befreundeten Konſtanz Getreideſchiffe, die ihre Kriegsſchiffe ſicher in den Hafen von Meersburg geleiteten. Unter den Belagerten zeichneten ſich durch ihre Tapferkeit aus ein Graf von Tog gen⸗ burg, Kanonikus von Konſtanz, und ein erfahrener Kriegsmann, Namens Jaſſo, der Pfeilſchützen und andere Krieger auf Schiffe ſetzte, die feindlichen Nachen verfolgte und auf den eroberten wie ein Löwe wüthete. Er warf ſein Netz in dem See aus und fing ſie wie Fiſche, ſagt der Berichterſtatter. An dieſem Widerſtand er⸗ lahmten die mächtigen Belagerer, und obgleich der Graf von Hohen⸗ berg geſchworen hatte, nicht abzuſtehen, bis er der Jungfrau Maria(der Schutzpatronin des Hochſtiftes) das Hemde vom Leib gezogen, ſo war es ihm doch ſelbſt nicht unwillkommen, als der in Böhmen drohende Krieg den Kaiſer abrief, und dieſer ſich daher gerne von Herzog Albrecht von Oeſtreich, der, ſeine habsburgiſchen Lande bereiſend, an den See kam, mit Anſtand von der Belagerung Meersburgs abziehen ließ. Der Kaiſer zog eilig mit dem ober⸗ ſchwäbiſchen Adel gegen König Johann von Böhmen. Nikolaus blieb im Beſitze des Bisthums; er hatte zum Danke für ſeine Rettung mit 270 Rittern unter Herzog Albrecht gedient. Als man vor einigen Jahren ein Stadtthor und einen Theil der Stadtmauer zu Meersburg abbrach, fand man in dem eichenen Gebälke des Vitoduran. ap. Eccard. Corp. Histor. I. p. 1810 sq. Schwab, Bodenſee. 12 R Thurms noch viele eingeſchoſſene Bolzen ſtecken, und in den Gräben eine Menge Gebeine jener Belagerer. Um dieſe Zeit wurde am Bodenſee, wie anderswo, auf eine gräßliche Weiſe gegen die Juden(die verhaßten Wucherer) ge⸗ wüthet, auf die der Aberglaube alle Frevel einer ſittenloſen und anarchiſchen Zeit wälzte.. Zu Konſtanz ſollte ein Chriſt die Hoſtie an Juden verkauft haben und eine fanatiſche Magd ſchrie: der Leib Chriſti wird von den Juden entſetzlich gemartert! Darauf griff das raſende Volk die nächſten beſten Hebräer und ſchlachtete ſie mit dem Beil, wie Stiere; zwölf wurden verbrannt, zwölf in den Rhein geworfen. Einige vornehme Bürger von Konſtanz hatten den edeln Muth, ſich der übrigen anzunehmen und ſie zu retten. Man ſchalt ſie von den Juden beſtochen, und der Geſchichtſchreiber erzählt, es ſey ihnen im Leben nichts geglückt und der Himmel habe ihre Vertheidigung der Verworfenen mit einem frühen Tode beſtraft. Zu Ueberlingen fand man die verſtümmelte Leiche eines von ſeinen Eltern vermißten Knaben in einem Bache; die Eltern heulten durch die Stadt und klagten die Juden als Urheber des Frevels an; die Art der Wunden, ihr Aufbrechen und Bluten, als der Leichnam vor den Häuſern der Juden vorbeigetragen wurde, ſchien Beweiſes genug. Unter dem Vorwande, ſie zu retten, rief man die geängſteten Juden in ein hohes, ſteinernes Haus; hier zündeten die Bürger einen im Erdgeſchoß heimlich aufgethürmten Scheiterhaufen an; die Juden flüchteten von Stock zu Stock, einige erkletterten das Dach. Umſonſt! das ganze Haus, in das die Treuloſigkeit der Chriſten gegen 300 Juden gelockt hatte, ging mit den Unglücklichen, die in verzweifelter Wuth, Steine, Meſſer, Schwerter, Balken des brennenden Hauſes auf die gaffende Volks⸗ menge herunter ſchleuderten, in den Flammen auf. Einige ſtürz⸗ ten ſich aus dem Brande zu den Fenſtern heraus; ſie wurden vom Volk aufgefangen und niedergemetzelt, ihr Hirn an den Mauern eingeſchlagen. Dieſe Verfolgungen, von Jahrzehenden zu Jahrzehenden wie⸗ derholt, erzeugten unter einem durch Druck ſchon lange feig und ſcheu gewordenen Volke Beiſpiele des herrlichſten Heldenmuthes. * Vitodur. P. 1807. 1815. *Dagegen ſagt 150 Jahre ſpäter der aufgeklärtere Stumpf in ſeiner Schweizerchronik(vielleicht aus Vadian) von den Juden unumwun⸗ den:„und befand ſich doch ihre Unſchuld.“ Iwti Ain Joht 1l nieder ei. Die leuten ni Die von B0 Venken! Hatren. in Oberl⸗ M den! Heſchlecht ieg un Mitel tr. Kleu ergel 1 179 Im Jahr 1349 zündete ein während des Judenſturms zu Konſtanz zur Taufe genöthigter Jude ſein eignes Haus an, und rief, ſeine zwei Kinder im Arm, er wolle ſterben als ein frommer Jude! Im Jahr 1390 ſiel ein Jude vor dem Bürgermeiſter von Konſtanz auf die Knie, bat, man möchte ihn verbrennen, weil er ſich an Gott verſündigt, ſein Judenthum verlaſſen und zur Taufe verführt wor⸗ den. Da er nicht abließ zu flehen, ward ihm die Bitte gewährt und er am 20. September öffentlich verbrannt! Doch zurück zu unſrer Periode. Am Bodenſee hatten die Händel kein Ende. Die Freiherren von Thengen fingen und ſperrten den Biſchof von Konſtanz auf Hohenhöwen ein. In den Fehden zwiſchen dem von Enne und dem von Roſenberg, in die ſich Graf von Montfort-Bregenz legte, nahm Eberhard von Teck als Landvogt von Oberſchwaben die Burg Grimmſtein weg; doch räumte ſie Leopold auf Montforts Fürbitte dem von Enne wieder ein. Die Aebte von St. Gallen waren vor ihren eigenen Dienſt⸗ leuten nicht ſicher. Die Ritter von Klingenberg-Twiel bekriegten die Herren von Bodmann und legten die Dörfer um den See in die Aſche. Herren und Städte, Adel und Bürgerſchaft lagen einander in den Haaren. N. C. 1357. 3. Die Städte. In den Städten war der Bürgerſtand, vom Kaiſer begünſtigt, durch Innungen und Zünfte erſtarkt, ſo daß er nicht füglich mehr von der Theilnahme an der Staatsverwaltung ausgeſchloſſen wer⸗ den konnte. Die Scheidewand zwiſchen den edeln Geſchlechtern und den wohlhabenden Handwerkern wurde überall nieder— geriſſen, zuerſt am Niederrhein; jetzt auch in Schwaben; NiSI4“ im Oberlande zu Ulm, Biberach, Konſtanz und Lindau. An den drei letztern Orten wurden die Widerſtandleiſtenden edeln Geſchlechter gewaltſam ausgeſchafft; ſie wandten ſich an den Adel, Krieg und ſchreckliche Verwirrung entſtand. Der Kaiſer mußte ins Mittel treten. Ihm, ihrem Beſchützer, blieben die Städte immer treu ergeben; ſie erweiterten in den ſtürmiſchen Zeiten Mauern und Macht. Dagegen fingen die Landesherren an zu wanken; ihre Hülfsquellen verſiegten; der höhere Adel bedrückte den niedern; dar⸗ aus entſtand Mißvergnügen, Trennung, Fehde im Schoß der 1 * 1 R 180 Familien, im Thurgau ein offner Aufſtand des Adels. Kaiſer Ludwig Die ſelbſt war genöthigt, in Verbindung mit Abt Herrmann von St. Wülhete Gallen gegen die öſtreichiſch geſinnten Grafen von Montfort auf det Rit Bregenz zu ziehen, und legte zu dem Ende kaiſerliche Völker nach Bernang und Hohenems(1345). Daß aber ſeine Schaar einen Angriff auf Feldkirch machte und dieſer mißlang, hat uns eines der älteſten deutſchen Spottlieder(ſ. Laßbergs Liederſaal III. Nr. CLXXXVII), in welchem beſonders der kaiſerliche Feldhaupt⸗ mann, Graf von Hohenberg, in den Grund der Hölle verflucht wird, aufbewahrt. Die Sitten verwilderten unter dieſen Stürmen auf eine gräßliche Weiſe, zwei Truchſeſſen von Waldburg ſetzten ihre eigene Mutter gefangen; Ulrich von Montfort-Feldkirch, ein achtzigjähriger Greis, wurde von ſeinen nächſten Anverwandten, Hugo und Rudolph(1343), in den Kerker geworfen und nach ſeiner Befreiung wieder bekriegt. Viel ſchwäbiſche Ritter gehen in frem⸗ den Sold. In der Umgegend ſelbſt wird ſchamlos geraubt: Graf Rudolph von Montfort, mit Ems im Kriege, läßt vierzig deutſche Lanzenknechte, die mit Beute aus der Lombardei kamen, niederwer⸗ fen und plündern. Dieſen Zuſtand des Adels benützten die Städte. Die von Ravensburg zogen, geringer Beſchwerden halber, vor Waldſee und brachen das Schloß. In der letzten Stadt hatte des Kaiſers Sohn, Stephan, Herzog in Baiern, als Landvogt von Oberſchwaben ſeinen Sitz, er züchtigte mit Hülfe der ſchwäbiſchen Bundesſtädte den empörten Grafen von Montfort. Inzwiſchen flog ein neuer Bannſtrahl des Papſtes gegen den Kaiſer über die Alpen; der Adel fiel von ihm ab, und unverſehens ſtarb Ludwig auf der Jagd(11. Oktober 1347). N. C. 1347. 4. Kaiſer Karl IV. 09f0 tratkn Boden Grafen und Herren eilten nach Ludwigs Tode, dem neugewählten Kaiſer Karl IV. von Luxemburg, der noch zu deſſen Lebzeiten als Gegenkönig bewaffnet aufgetreten war, zu huldigen. Aber ein und Fet h zwanzig Städte, darunter aus unſrer Gegend Leutkirch, Wangen, 0 Pfullendorf, Ravensburg und die Seeſtädte Lindau, Buchhorn, F6 Ueberlingen, Konſtanz und über dem See St. Gallen traten in ein Bündniß zuſammen, ſchickten Abgeſandte nach Ulm und hul⸗ digten dem neuen Kaiſer nicht eher, als bis er ihre Freiheiten be⸗ ſtätigt hatte. a jene ehrͤben 181 Die Peſt, die bald darauf ganz Europa heimſuchte, wüthete auch an unſerm See; der grauſame Aberglaube der Zeit gab auch dieſes Uebel den Juden ſchuld, deren mehrere in Konſtanz und St. Gallen lebendig verbrannt wurden. Weder der Anfang des großen Städtekrieges noch die Reichs⸗ fehde gegen die Züricher berührt unſre Gegend. Sie blieb in guter Ruhe, und im Jahr 1352 erſchien Kaiſer Karl ſelbſt mit prachtvollem Gefolge am Bodenſee und verweilte zu Konſtanz,„wunderbar ergriffen von der Schönheit des Orts und der Gegend.“ Dieſer Friede wurde im Jahr 1355 durch eine grau— ſame That der Rache unterbrochen. Konrad von Homburg, ein Edler, hatte Fehde mit Biſchof Johannes von Konſtanz. Im Zorn über unzugeſtandene Forderungen fiel er in Gottlieben ein, plünderte und ſteckte das Dorf in Brand, ſchlich ſich in Konſtanz ein, betrat am 21. Januar den biſchöflichen Pallaſt und ermordete den Biſchof beim Mahle. Im Jahr 1360 waffneten ſich unſere Seeſtädte Kon— ſtanz, Ueberlingen, Lindau und St. Gallen nebſt den Grafen Heinrich von Montfort und von Fürſtenberg, mit andern Städten gegen ihre Unterdrücker, den Grafen Eberhard von Würtemberg und Herzog Rudolph IV. von Oeſtreich, der ſich ſchon Herzog von Schwaben nannte. Die Anmaßungen der Letztern wur⸗ den mit Waffengewalt zurückgewieſen. Wenzels Wahl zum römiſchen Könige, die ſein Vater Karl betrieb, veranlaßte einen neuen Städtebund, in den auch die See⸗ ſtädte traten. Dieſelben erhuben ſich, als dem Grafen von Wür⸗ temberg einige Reichsſtädte verpfändet wurden, fielen in ſein Land und verbrannten Tuttlingen und den Mägdeberg; die Fehde zog ſich tiefer ins Würtemberger Land hinein, Carl und Wenzel traten auf die Seite der Städte; und bald erſchien ein Heer der Bodenſeeſtädte, verbündet mit den Eßlingern und Reutlingern, vor der Hauptſtadt des Grafen. Sie belagerten Stuttgart vierzehn Tage lang und zogen erſt, nachdem ſie die ganze Markung ver⸗ heert hatten, wieder heim(1377). Während Eberhard mit den tädten in Fehde war, gewann Herzog Leopold von Oeſtreich, um was jene ſtritten, nämlich die großen Reichsvogteien in Schwaben. N. C. 1318. N. C. 1552. N. C. 1560. N. C. 4379. 5. Zerfall der Häuſer Montfort und Werdenberg. Die Herzoge von Oeſtreich hörten in dieſem Zeitraume auf zu erobern, aber ſie entſchädigten ſich durch reiche und NötS Junee glückliche Erwerbungen, und bald war in der Mitte und im Umfange von Schwaben, aufwärts am Rhein und längs der Donau ein beträchtlicher Theil öſtreichiſch. Nur die Be⸗ ſitzungen der Grafen von Montfort im Vorarlberge, der Grafen von Werdenberg und der Pfalzgrafen von Tübingen ſchieden noch Oeſtreichs ſchwäbiſche Lande von ſeinem Tyrol. Das erſte Haus, das dem Andrange des mächtigen Nachbarn wich, war das ſchuldengedrückte Montfort; kurz nach der Erwerbung des Breis⸗ gaus erhielt Herzog Leopold von Oeſtreich vom Grafen Rudolph von Montfort die ganze Herrſchaſt Feldkirch um den Kaufſchilling von 30,000 fl., ein Landſtrich, der noch heutigen Tages weſentlich für Oeſtreich iſt. Zu gleicher Zeit zerfiel das alte Haus der Pfalz⸗ grafen zu Tübingen. Die Grafen von Werdenberg waren noch mächtig genug, vor ihrem Untergange gegen ſich ſelbſt zu wüthen und durch Fa⸗ milienzwietracht denſelben herbeizuführen. Ihr Stamm hatte ſich ſchnell und weit ausgebreitet. Schon vor dem Jahr 1329 theilten ſie ſich in die Stämme Werdenberg-Sargans und Werden⸗ berg⸗Heiligenberg; denn Berthold von Heiligenberg, der letzte ſeines Hauſes, hatte mit Bewilligung von Kaiſer und Reich, ſeine Grafſchaft an die Grafen von Werdenberg verkauft (1277). Jeder Stamm trieb wieder mehrere Aeſte. Die Heiligen⸗ berger beſaßen Werdenberg, Rheinegg, Rüti bei Blatten und Bludenz, die Reichsvogteien über Höchſt, Bernang, Mar— bach und Altſtädten, das Schloß Freudenberg und viele Beſitzungen in Rhätien; dazu Heiligenberg und in deſſen Nachbarſchaft Sieg⸗ maringen, Jungnau, Trochtelfingen auf der ſchwäbiſchen Alb, Schmalegg; dieſe letzteren Beſitzungen hatte ums Jahr 1288 Graf Hugo von Werdenberg als Landvogt in Schwaben erworben. Sein älteſter Sohn Albrecht übte Gewaltthätigkeiten gegen die Nach⸗ barn aus; ſeine Dienſtleute, die Maier aus Altſtätten, arge Räu⸗ ber in der Umgegend, hatten den Bürgern von Lindau und St. Gallen„etwas Schmach bewieſen“. Dafür zog der ſchwäbiſche Bund, in welchem auch die Schweizer- und Seeſtädte, der Biſchof von Konſtanz, der Graf von Montfort-Feldkirch und andre waren, gegen ihn aus, zerſtörte Altſtädten und verheerte ſeine Beſitzungen welchen 183 im Rheinthal(15. Auguſt 1338) und um Heiligenberg. Die⸗ ſes Albrechts Sohn, Albrecht der Füngere, hatte vier Söhne, von welchem Albrecht der Aeltere Bludenz und Rüti, Albrecht der Jüngere Heiligenberg, Hugo Werdenberg und die Güter im Toggenburg, Heinrich Rheinegg erhielt. Dieß die Heiligenberger. N. C. 1392. Vom Stamme Werdenberg-Sargans war das Haupt Graf Hartmann, Bruder des obengenannten Landvogts Hugo von Werdenberg-Heiligenberg. Er hatte drei Söhne: Rudolph von Sargans, Hartmann, den Domherrn zu Bamberg, und Hug, der durch ſeine Frau Vogt zu Pfeffers ward. Von deſſen zwei Söhnen erhielt Rudolph Sargans, Hartmann Vaduz: Rudolph wurde, aus Italien zurückgekehrt, von unbekannter Hand erſchoſſen und hinterließ einen Erben, Hans. Hartmann hatte drei Söhne, einen gleichnamigen, der Biſchof zu Chur wurde, Rudolph und Heinrich; der letztere, der nur Töchter aus zweiter Ehe hatte, half ſeinem Bruder, dem Biſchof, im Kriege gegen Rhäzüns. Dar⸗ über verarmten die Brüder, verpfändeten die Herrſchaſt Vaduz an ihre drei Stiefbrüder, die Herren von Brandis, und verkauften ihrem Vetter Hans das Recht, die Pfandſchaft an ſich löſen zu dürfen. Dieſer Hans war Herzogs Leopold von Oeſtreich Dienſt⸗ mann für alle größern Kriege. Wie die Montfort im vorigen Jahrhunderte, ſo arbeiteten jetzt die beiden Hauptäſte der Werdenberg gegenſeitig an ihrem Untergange. Die Brüder, Albert der Aeltere von Bludenz und Albert der Füngere von Heiligenberg, ſchloſſen mit ihren Neffen Rudolph und Hugo, Herren von Rheinegg, ein förmliches Trutzbündniß gegen den Grafen Hans von Sargansz dieſer dagegen verbündete ſich mit ſeinem Vetter Grafen Heinrich von Vaduz, deſſen Bruder dem Biſchofe von Chur und mit Burhard dem Abte von Pfeffers. Hans ging auf das Schloß Wartau im Rheinthale los und eroberte es. Doch der Dienſtmann derer von Rheinegg, Jos Maier von Altſtädten, nahm ihnen die Burg wieder durch Ueberrumpelung. Endlich vermittelte der Graf Hein⸗ rich von Montfort-Tettnang: Wartau wurde von ihm dem Herrn von Rheinegg zugeſprochen. Dieſe Kriege ſtürzten beide Familien in Schulden und nöthig⸗ ten ſie zu Veräußerungen. Die Gebrüder Albert verkauften Blu⸗ denz an Oeſtreich, Rüti an Pſeffers; Albert der Jüngere das N. C. 1595. Rheinthal an Oeſtreich, das Schloß Freudenberg an RE den Ritter Ulrich von Embs. Ebenſo verkaufte die FPa-⸗ 935 milie Sargans eine Beſitzung nach der andern: Graf Rudolph mehrere Höfe am Rhein an Pfeffers; ſeine Söhne Heinrich und Hartmann Rebſtein an den Ritter von Embs.“ Endlich verpfän⸗ dete Graf Hans die Herrſchaft Sargans ſelbſt, mit den ſchönen Eiſenſchmelzen der Herren von Greifenſee, und den einträglichen Forſten und Jagden. 6. Freiheitsregungen in der Stadt St. Gallen. Die Herrlichkeit des Adels geht in dieſen Gegenden NIs-zu5 zu Ende. Die Geſchlechter, die ſeit Jahrhunderten an beiden Ufern des Bodenſee's im Glanze geherrſcht, ver⸗ armen, verſinken eines um das andere,“ aber neben und über ih⸗ rem Grabe regt es ſich und blüht in friſchem Leben; die Städte befeſtigen die ſchon errungene Freiheit, andere arbeiten ſich unter unendlichen Schwierigkeiten glücklich zu ihr empor, und bald wer⸗ den wir zur Seite der zwei großen Grafengeſchlechter am Rheine, deren Zerfall ſo eben an unſern Augen vorübergegangen iſt, ein Volk von Hirten die Feſſeln ſeines geiſtlichen Oberherrn abſtreifen und hinter dem Bollwerke ſeiner Gebirge ein freies Gemeinweſen begründen ſehen, das bis heute ſich erhalten hat, weil es mit Kraft und Mäßigung auf dem Grunde der Gerechtigkeit begonnen ward.— Die erſten Regungen eines freien Bürgerthums in der Stadt St. Gallen bemerken wir unter Abt Jörg von Wartenberg, deſſen läſtige Sparſamkeit, mit welcher er das unter ſeinem Vor⸗ gänger, Hermann von Bonſtetten, verarmte Stift nicht ohne Glück wieder emporzubringen trachtete, in den Un⸗ terthanen zuerſt den Hang zur Freiheit erweckte. Im Rücken und vor den Augen hatten ſie junge Freiheitsbündniſſe; dort das der Bergbewohner Helvetiens in den vier Waldſtädten; hier in den Ebenen Schwabens den Bund der freien Reichsſtädte; aber die Reichsſtädte litten nicht, daß fremde Unterthanen in ihrem Bunde N. C. 1560. *Die Grafen von Heiligenberg, durch fromme Vergabungen verarmt, hatten nichts mehr, als die Gerichtsgefälle der Grafſchaft. Die Tem⸗ pelherren wußten ihnen ſogar ihre Stammburg auf dem alten Heiligen⸗ berg abzuſchwatzen, und die Grafen bewohnten ſodann einen kleinen Burgſtall unter dem Berge. ſhlichen Ungen f 70,5 Der li Sem un Einflt Gallen. 185 ſich dem Gehorſam ihrer Herrn entziehen: die Bergbewohner hin⸗ gegen boten jedem, der ſich befreien wollte, unbedenklich die Hand; ſie boten ſie auch St. Gallen, und nur ein Vergleich des wider⸗ ſtrebenden Abtes kam einem offenen Abfalle der Stadt zuvor. Nun wurde die Sache ſo angeordnet: Zweimal des Jahrs ſoll der Abt den Rath der Stadt nach alter Gewohnheit beſtellen, ſoll ferner allen Rathsverſammlungen vorſitzen, alle Civilſachen richten; dem Hofgerichte ſitzt er ſelbſt, oder der Probſt oder ein Kapitular vor; dem Lehensgerichte der Abt allein. Die Stadt hat keine Gerichts⸗ barkeit über das Stift; ſie entrichtet dieſelben Steuern, wie die Gotteshausleute: das Münzrecht gehört dem Abt. Während Abt Jörg ſo ſich die weſentlichen Rechte rettete, ſtärkte er ſich von Außen, indem er den Grafen Friedrich von Zol⸗ lern und Albert von Klingenberg in ſeine Dienſte nahm, auch mit Grafen Rudolph von Montfort-Feldkirch dem Aeltern und der Stadt Lindau ein Bündniß auf fünf Jahre einging. Dadurch wurden die Unterthanen im Zaume gehalten, zumal da Herzog Leopold von Oeſtreich in der Nähe war. Allein noch bei Abt Jörgs Lebzeiten erſchlich die Stadt St. Gallen vom Kaiſer das Recht, neue Bürger annehmen zu dürfen und an der Stelle des äbti⸗ ſchen Stadtamtmanns die Gerichtsbarkeit ſelbſt zu üben. Nach ſeinem Tode traten vier Aemter der Landſchaft in den Städte⸗ bund. Dieſe, mit der Stadt, verweigerten dem neuen Abte Ku no von Stoffeln die Huldigung(1379). Aber der entſchloſſene Mann erneuerte das Bürgerrecht mit Lindau, wie ſein Probſt, der von Bußnang das mit Konſtanz abſchloß, und brachte den Kaiſer Wen⸗ zel, der nur aus Furcht und Feigheit ein Freund der Städte war, dahin, daß er der Stadt St. Gallen den neuen Freiheitsbrief zu⸗ rücknahm, und nur zu einigen alten Rechten das wichtige der un⸗ beſchränkten Erbfolge ihr zugeſtand. Die Stadt unterwarf ſich und huldigte. Um die Zeit, wo St. Gallen eifrig an ſeiner Freiheit auf ge⸗ ſetzlichem Wege arbeitete, fanden zu Konſtanz gewaltſame Gäh⸗ rungen ſtatt; die Bürger empörten ſich gegen den Rath(im Jahr 1370), doch wurde der Aufſtand nach fünf Tagen gedämpft. Der Krieg Oeſtreichs mit den Eidgenoſſen, den Leopolds Tod bei Sempach(am 9. Juli 1386) endigte, hatte keinen unmittelba⸗ ren Einfluß auf unſre Gegend, nur daß einzelne Fehden unbeachteter ausbrechen konnten. So zogen eben in jenem Jahre, ohne daß man die Urſache weiß, die Konſtanzer gegen Lindau und ſetzten ſich N. C. 1375. N. C. 1578. * * 186 für einen Augenblick in den Beſitz der Stadt. Aber der Ausgang jenes großen Kampfes nährte die Sehnſucht nach der Freiheit beſon⸗ ders in St. Gallen, und Abt Kuno, ein unbeugſamer Mann, er⸗ bitterte das Volk durch unzeitige Strenge und ein ärgerliches Le⸗ ben. Seine Metze führte er öffentlich im Münſter auf; die Kapi⸗ tularen vergaßen die Kirche und gingen der Jagd und dem 176 Vogelfange nach. Noch mehr empörte es die St. Galler, N. G. 4594. als er einen Aufruhr in Wil durch öſtreichiſches Kriegsvolk dämpfen ließ. Durch alles dieſes wurde der unheilbare Bruch vorbereitet. zu Eger alle Einzelbünde, ſomit auch der Städtebund abgethan. Die andern gehorchten; nur die Bodenſeeſtädte, un⸗ willkührlich nach den Eidgenoſſen hinüberſchielend, wollten ſich nicht trennen: Konſtanz, Lindau, St. Gallen, Buchhorn, Ueber⸗ lingen, Ravensburg und Ißny blieben vereint. Und jetzt regte es ſich in den Appenzellerbergen, die ſchwer⸗ bedrückten Landleute, Hinterſaſſen des Kloſters, wandten ſich mit ihrem Anliegen an zwei geehrte Bürger St. Gallens, Schörf und Wiſer. Dieſe führten die Geſandten, Bartholomäus an der Halden, den Sprecher, an der Spitze, heimlich in den Rath. Der Appenzeller Hirte nahm beredt das Wort, und ſo ward am 17. Jänner des Jahres 1401 der feierliche Freiheits⸗ bund geſchloſſen. N. C. 1401. 7. Der Appenzeller Krieg und Sieg. Während in den untern Landen der geſtürzte Wen⸗ zel und der Gegenkönig Ruprecht, Pfalzgraf am Rhein, einander gegenüber ſtanden, die verbündeten Für⸗ ſten und Städte unſchlüſſig in der Mitte, hatte ſich der Aufſtand der Alpen der fruchtbaren Hochebene des alten Alemanniens, dem Allgäu mitgetheilt, und nur mit Mühe vermittelten die Städte (1400). Als der große Städtebund ſich aufgelöst, hatten die Seeſtädte alle und mit ihnen Wangen, Memmingen, Kempten, Ißny und Leutkirch ein neues Bündniß geſchloſſen. Bei dieſen Städten warb der Abt gegen die Appenzeller, und als ſeine eigene trotzige Stadt unmittelbare Reichsfreiheit vom Kaiſer verlangt hatte, ſo ſuchten die Seeſtädte eine Vermittelung zwiſchen dem N. C. 401 bis 1410. N. C. 1406. Inzwiſchen wurden vom Kaiſer auf dem Landfrieden wurde ge⸗ Galletsf büren. gekkrtt! bei Spei Die Sti Lindau ein Blg fathen zog Fri Fnftllſeg Abt, St. Gallen und den Appenzellern. Es gelang nicht; ein neuer Schiedsrichter, der Bürgermeiſter Johann Strölin von Ulm, wurde gewählt. Dieſer erklärte das Bündniß Appenzells und St. Gallens für nichtig; nur im Städtebund ſollte St. Gallen bleiben dürfen. Der Abt, froh, daß auf dieſe Weiſe Stadt und Landleute getrennt waren, bot die Hand zur Verſöhnung, obgleich die Stadt St. Gallen ihm während der Händel einen trotzigen Fehdebrief zu— geſandt hatte. Der Abt Kuno, der jetzt freie Hände hatte, verband ſich nun mit ſieben, auch nicht mehr gehemmten Städten am See, und vieren im Allgäu gegen die Appenzeller. Dieſe wandten ſich an die Eidgenoſſen. Vergebens ſchickten ihnen die Städter den Ritter Rudolph von Embs, deſſen Vater bei Sem⸗ pach gefallen war, als Vermittler nach Appenzell. Er wurde ab⸗ gewieſen; Abt, Städte und viel Edle thaten jetzt den Zug ins Appenzell, ihrer an 5000. Aber die Hirten erwarteten ſie bei Speicher und ſiegten in der erſten Freiheitsſchlacht. Die Städter verloren 300 Mann, und Konſtanz, Ueberlingen, Lindau und Buchhorn ihre Banner. Unter den Gefallenen war ein Blarer von Konſtanz, der Große genannt, der einen drei⸗ fachen Panzer trug. Zu gleicher Zeit kamen die Appenzeller unter Anführung des Schwyzers Löry von ihren Bergen herab und bemächtigten ſich der Schlöſſer Rorſchach, Huſen ob Bernang und Burgau bei Ober⸗ glatt. Ueberall rauchten Häuſer und Höfe und die Ställe wurden ausgeleert. Nach der Schlacht bei Speicher traten die Städte zurück: die Stadt St. Gallen verband ſich wieder mit Appenzell. Aber ein ſchrecklicherer Feind erſchien; der ganze Adel im obern Thurgau, dem die Appenzeller, die in den Faſten unabgeſagt ins Thurgau eingefallen waren, fünfzig Burgen niedergebrannt, erhob ſich für den Abt und führte ihm einen Verbündeten zu, an den das kleine Hirtenvolk nicht gedacht hatte:— den furchtbaren Her— zog Friedrich von Oeſtreich. Die Städte, nachdem ihr Waf—⸗ fenſtillſtand abgelaufen, thaten nichts anderes, als daß ſie eine Beſatzung ins Schloß Arbon legten. Nur Konſtanz blieb auf dem Kriegsſchauplatze, errichtete Schanzen am Schwaderloche, ſchickte eine Beſatzung nach Biſchofszell und ſtreifte in der Umgegend. St. Gallen war in der ſchlimmſten Lage; in ſeinem Schooße wütheten zwei Parteien, und von beiden kriegführenden Mächten wurde die Stadt feindſelig behandelt. N. C. 14053. N. C. 4404. S. Rudolph von Werdenberg. Aber zu den Appenzellern traf ein unerwarteter, ein unſchätz— barer Bundesgenoſſe. Drüben im Rheinthale ſchienen die Grafen Werdenberg abgeblüht zu haben, die rothe und die weiße Fahne hat⸗ ten ihre Länder ſchon verkauft; die von der ſchwarzen Fahne hatten Bludenz, Montafon, Freudenberg weggegeben. Nur Graf Ru⸗ dolph von der ſchwarzen Fahne machte noch Anſprüche auf das Erbe von Feldkirch und vom Rheinthal. Aber ſein Vetter und Feind, Graf Wilhelm von Montfort-Bregenz, lieh dem Herzoge Friedrich von Oeſtreich ſeinen Arm und vertrieb den Gra⸗ fen von ſeinem Schloß und Sitze zu Werdenberg. Dieſer Graf Rudolph von Werdenberg, ohne Land und Leute, wandte ſich mit Zuverſicht zu dem Volke, das er immer ge⸗ liebt, dem er ſich anvertrauen zu dürfen glaubte, dem er auch ſo noch nützen zu können hoffte. Er kam zu den Appenzellern herüber in das Thal, bot ihnen ſeinen Rath und ſein Schwert an, zog ſeinen Wappenrock aus, bekleidete ſich mit einem gemeinen Hirtenhemd, und lief mit ihnen, wie ein andrer Bauer. Indeſſen war der Herzog Friedrich von Oeſtreich über den Arl⸗ berg aus dem Tyrol herausgekommen und ſammelte ſeine Macht bei Arbon am Bodenſee. Einer ſeiner erſten Reiſigen war Graf Wilhelm von Montfort⸗Bregenz; auch der Biſchof von Konſtanz und die vorderöſtreichiſchen Städte hatten ihr Aufgebot geſtellt. Der Herzog ſelbſt übernahm den Befehl des Heeres, das ſeine Vögte 3000 Mann ſtark aus dem Thur⸗ und Aargau nach Arbon geführt. Mit dem einen Haufen zog er ſelbſt über St. Gallen auf den Häuptlisberg; den andern führten ſeine Hauptleute das Rheinthal E.6k hinauf nach Altſtädten. Von hier aus wollten ſie über den Bergwald des Stoſſes in das Thal der Appen⸗ zeller dringen(15. Juni 1405). Aber dieſe, von Rudolph von Werdenberg angeführt, ſtanden an ihrer Gränze gerüſtet auf der Höhe des Berges, an deſſen Fuße der Weg vorübergeht. Als die Feinde bis dort hin vorge⸗ drungen, wälzten ſie ihnen Baumſtämme und Felſen entgegen, die Pferde wurden ſcheu, das Fußvolk hatte, da ein Platzregen den Grasboden ſchlüpfrig gemacht(als wäre das Erdreich im Bund mit ſeinen Bewohnern) keinen feſten Tritt. Rudolph zog ſeine Schuhe aus und rieth ſeinen Freunden das Gleiche zu thun; ſo del. begann 1 heſchtore Hies fz Auls auf d der de Heßen fc lumor, 189 kämpften ſie den wankenden Gegnern in feſter Stellung entgegen, warfen ſich auf ſie, und mitten im Getümmel erſchien an der Höhe des Sommerbergs ein neuer Haufe in Hirtenhemden; es war das Weibervolk der Appenzeller. Dieſe Liſt vollendete den Schrecken der Feinde; das Treffen war geendigt, die Flucht und das Gemetzel begann und dauerte ſechs Stunden. Tauſend Feinde lagen vor der Gränzverſchanzung aus Baumſtämmen, durch welche die Appen⸗ zeller abſichtlich einen Theil des Feindes hatten dringen laſſen, erſchlagen, darunter einer von Bernang, von Roſenberg, von Rickeltshofen, von Griffenſee, von Goßnau und Rudolph von Ems, jener unglückliche Vermittler, deſſen Veſte bald darauf ge⸗ brochen wurde. Auch die Angriffe der Oeſtreicher auf dem Häuptlisberg und der Wolfhalde mißlangen. Herzog Friedrich übergab unmuthig dem Grafen von Toggenburg den Krieg und zog, verfolgt von den Hirten, erſt nach Arbon, dann auf Innſpruck zurück. Die Appenzeller waren bis an den See gedrungen und hatten das Banner Schaff— hauſens erobert. Auf der Flucht fielen die Ritter von Klingenberg, von Hallwil, von Randegg und von Wolfurt. Zwiſchen St. Gallen und Appenzell wurde ein neuer Bund beſchworen; Feldkirch fiel von Oeſtreich ab und trat demſelben bei. Hierauf zogen 600 Appenzeller unter dem Grafen von Werdenberg aus auf die Rache gegen Oeſtreich. Die ſtarke Burg Wartenſee, vor der der ganze Bodenſee mit ſeinen wohlbevölkerten Ufern aus⸗ gebreitet liegt, öffnete ihnen Bernhard Blarer. Rudolph, Herr zu Grünenſtein, folgte dem Beiſpiel. Wilhelm von End auf Grimmenſtein hielt Oeſtreich ſeine Pflicht, und ſie brachen und verbrannten die Burg. Von da zogen ſie hinauf, wo am Fuße weinreicher Hügel, die ſich an das Appenzeller Gebirge verlieren, der Rheinſtrom nun in beſtimmterem Bette dem See zueilt, und ließen ſich das ganze Rheinthal ſchwö'ren. Von dort, hinter dem Kamor, kamen ſie in den Rücken des Gebirgsſtockes, wo er in ſchroffen Felſenwänden herunterbricht, in die Freiherrſchaft Sar. Forſtegg, auf ſeinem geraden Fels, kaum durch eine Treppe zugänglich, Hohenſax, die Stammburg, und Gambs, der Sitz Herrn Joh. von Bonſtettens, wurden durch ihren begeiſterten Muth erſtiegen und zerſtört; alsdann eilten ſie freudig ihrem Feldhaupt⸗ mann zu zeigen, daß er mit Recht auf die Herzen der Appenzeller gezählt, vertrieben die Oeſtreicher von ſeinem Erbe Werdenberg und übergaben es ihm. Ein andrer Zug wurde ins Thurgau, ein — 190 dritter gegen Wilhelm von Montfort unternommen. Auf dieſem fiel das ganze kernhafte Volk des Bregenzerwaldes zu den Appen⸗ zellern ab. Zwar gewann Wilhelm nach ihrem Abzuge den Wald wieder. Aber die Appenzeller kamen zum zweitenmal, eroberten den Wald, Fuſſach am Einfluß der Dornbürner Aach und die Stadt Feldkirch, zerſtörten das Schloß Montfort und die Burg Toſters. Rheinegg und Altſtädten waren ſchon auf ihrem erſten Zuge geſtürmt worden. Ueber das ganze Wallgau, ins Thal von Montafon, die Ill hinauf, ins Inn⸗ und bis ins Lechthal verbreitete ſich der Aufruhr und ihre Herrſchaft. Alle Bauern im Tyrol, im Thurgau, im Allgäu und in den bairiſchen Gauen wollten Appenzeller werden. Der Abt Kuno, in Wil belagert, mußte ſich den Hirten ergeben. Dieſe aber, nicht weniger gemäßigt im Sieg, als tapfer in der Schlacht, führten ihn, ohne ihm ein Haar zu krümmen, zurück nach St. Gallen in die Pfalz des Kloſters, und verlangten N. C. 1407. nur den Schwur von ihm, daß er friedlich unter ihrem Schutze leben wolle. Endlich, nachdem die Appenzeller über 64 Orte gewonnen und 30 Burgen zerſtört hatten, erhuben ſich der Adel und die Städte ernſtlich wider ſie. Das Haus Montfort, alle Diener Oeſtreichs, die Stadt Konſtanz und ſechs Rittergeſellſchaften ſchloſſen einen Bund gegen ſie. Die vornehmſte unter den letztern war der St. Jörgenſchild, der aus dem geſammten Adel des Thurgaus, des Hegaus und der Bodenſeeufer beſtand.“ Dieſe alle ſtanden mit Bewilligung Königs Ruprecht auf. Bei den Appenzellern ſelbſt hatte der Krieg eine abſcheuliche Geſtalt angenommen, ſie ver⸗ brannten alle Burgen, die in ihre Hände fielen, und mordeten alle Pfaffen, weil ſie von ihnen aus der Kirchengemeinſchaft geſtoßen worden waren. Ihr langes Glück hatte ſie trunken gemacht. Sie ſchickten die Wiler gegen das Konſtanziſche Städtchen Bi⸗ N. C. 1407. ſchofszell; ſie ſelbſt wagten es in dem kalten Winter des Jahrs 1408 gegen die Hauptſtadt des Grafen Wilhelm * In ſeinen im Jahr 1442 wahrſcheinlich nur erneuten Statuten ſtehen faſt alle Namen des damals um den Vodenſee und im Rheinthale blühenden Adels, namentlich: Thengen, Nellenburg. Abt von Salmans⸗ weiler, Werdenberg, Fürſtenberg, Lupfen, Comthur v. Maynau, Grünen⸗ berg, Randegg, Bodmann, Klingenberg, Stoffeln, Dieſſenhofen, Halwil, Friedingen, Reiſchach zu der neuen Hewn, Rumlang. Später ſcheint auch Kloſter Weingarten hinzugekommen zu ſeyn. Weing. Archiv. Geiitt; zeller, g 0 ih. ſile er Etund ſ beſond Ehruche 191 von Montfort, Bregenz, zu ziehen. Alle Flüſſe, ſelbſt der Bodenſee, bis auf wenige Stellen waren zugefroren, und auf die ſurchtbare Kälte folgte ſchnell noch entſetzlicheres Thauwetter. Trotz dieſer Ungunſt der Elemente harrten die Appenzeller neun Wochen vor Bregenz aus, und wagten einen Sturm um den andern; denn freilich mußte ihnen der Platz unſchätzbar ſeyn, und ſie gedachten ihn zu ihrem Hauptwaffenplatz zu machen. Unter ihrem Geſchütze zeichnete ſich das Wurfſtück, die Appenzellerin aus, welches zehn Zentner ſchleuderte. Aber die Stadt hielt feſten Stand. Ein Weib war es, Frau Hergothe, eine redliche Bürgersfrau, die den zagenden Einwohnern Muth einſprach und ſie, vielleicht von dem nahen Entſatz unterrichtet, zu einem Ausfall ermunterte.“ Endlich rückte am 15. Jänner, im dichteſten Nebel, der den Bodenſee und ſeine Ufer bedeckte, eine eiſerne Schaar von 8000 Rittern des St. Jörgenſchilds, den Grafen von Montfort-Scheer an ihrer Spitze, zum Entſatze heran. Nach verzweifeltem Wider— ſtande wurden die Appenzeller von der Stadt weggeſchlagen, ihr Banner erbeutet, ein großer Theil gefangen. Die übrigen zogen ſich in feſter Ordnung, als entſchloſſene Männer, noch ſo furchtbar zurück, daß Beringer von Hohenlandenberg, ein Edler, vergebens rief:„Eilet nach in ihr Land, laſſet uns Weib und Kind vertilgen, auf daß kein Saamen entſtehe zu des Adels Verderben!“ Keiner wollte ihm folgen. Nach dem Entſatze traten Bregenz und Lindau zum Städtebund, und wie mit Einem Schlage fiel Alles eroberte Land von den Appenzellern ab, nur in der Herrſchaft Friſchenberg und im Rheinthal erhielten ſie ſich; denn in Rheinegg und Alt⸗ ſtädten lagen ihre Beſatzungen. Dem Kaiſer Ruprecht ſchien der rechte Zeitpunkt gekommen, den gefährlichen Aufſtand in ſeine Gränzen zurückzuweiſen und mit Erfolg zu vermitteln. Er kam herauf an den Bodenſee und hielt Gericht zu Konſtanz. Auf der einen Seite erſchienen die Appen— zeller, auf der andern der Abt, die Ritterſchaft und die Städte vor ihm. Drei Wochen lang hörte er Klagen und Antworten, endlich fällte er den Spruch, der die Sachen ziemlich wieder in den alten Stand ſetzte. Ueber Appenzell und St. Gallen ſprach er noch insbeſondere zu Heidelberg. Aber die Appenzeller fügten ſich dem Spruche nicht; Abt Kuno und Kaiſer Ruprecht ſtarben darüber— * Die Nachtwächter zu Bregenz feiern ihr Gedächtniß noch heute, indem ſie um die zwölfte Stunde ihren Namen rufen. — * 16. * 192 Endlich ſprachen die Eidsgenoſſen in der Sache als erwählte Schiedsrichter ſo unparteiiſch, daß beide Theile klagten, der Spruch ſey zu ſtreng. Die Appenzeller wurden frei, zahlten aber dem Gotteshaus einen Zins. Das Rheinthal behielten ſie noch zwei Jahre, während des Stillſtandes mit Oeſtreich: da erſchien Herzog Friedrich mit neuer Heeresmacht, und ſandte unter der Anführung des Grafen von Sulz 7000 Mann gegen Rheinegg. Rheinegger und Alt⸗ ſtädter harrten aus bei Appenzell, jene ſteckten ihre N. E. 4440. Stadt ſelbſt in Brand; Altſtädten wurde vom Herzog eingeäſchert(Mai 1410). Bald nach dieſen Geſchichten wurde Appenzell in den Bund der 7 alten eidgenöſſiſchen Orte, doch nicht ganz mit gleichen Rechten aufgenommen. Im Stifte zu St. Gallen waren nach Abt Kuno's Tode nur noch zwei Kloſterherren übrig, Heinrich von Gundelfingen und Jörg von Enne. Der erſtere hatte weder Bildung noch Weihe.„Einen gekrönten Mauleſel und Kapaun“ ſchalt ihn der Haß der Zeit⸗ genoſſen. Dieſer zog in die durch Kaiſer Ruprechts Spruch in ihre alten Verhältniſſe zurückgetretene Stadt, die ſich nicht lange des Titels einer Reichsſtadt erfreut hatte, als Abt ein, N. C. 1415. und ließ ſich als Abt huldigen. St. Gallen hatte in dem ganzen Kampfe nur ein paar armſelige Gerechtſame davon getragen. Ehe die Stadt ſich erholen konnte, N. C. 4318. wurde ſie von einer neuen Feuersbrunſt verzehrt. Heinrich von Gundelfingen und nach ihm Konrad Abt von Pegau traten hinter einander von der Abtei ab, und Heinrich von Mansdorf wurde zum Abte gewählt. don Ke hätet,! Glauben Iun Uat ein Rſeligen len, er Uurden f Uexand Anug fch 10 geßt Mu, de Iun, zu Aummn In. K 9. Die Kirchenverſammlung zu Konſtanz. Nach Chr. 1414 bis 1418. 1. Papſt Johann XXIII. und Friedrich von Oeſtreich. In die Kämpfe erwachender Völker um ihre Freiheit, die zwei Jahrhunderte den Schauplatz unfrer Gegend füllen, ſchiebt ſich das traurige Zwiſchenſpiel des wüthenden Fanatismus und der Gewiſſens⸗ tyrannei ein; und in der Stadt, in der die größten und gerechteſten Kaiſer einſt zu Gerichte geſeſſen und die Würde und das Wohl des deutſchen Reiches gegen den Arm der Hierarchie geſchirmt, bringt ein meineidiger Kaiſer dieſer Hierarchie auf dem Scheiterhaufen Opfer dar, und ſchreitet zu Fuße als Diener neben dem Zelter des Papſtes einher. Und doch war die Veranlaſſung zu der Kirchenverſammlung von Konſtanz eine lobenswerthe; es war dieſelbe, der hundert Jahre ſpäter, nach langen Stürmen und Kämpfen, die goldene Frucht der Glaubensfreiheit entkeimte. Durch alle Stände und Klaſſen, bis auf die niedrigſte herab, war ein dunkles Gefühl dringend nothwendiger Verbeſſerung aller geſelligen Verhältniſſe verbreitet. Diejenigen, welche ſie leiten ſollten, erwarteten das Meiſte von einer neuen Kirchenverfaſſung. Seit dem Jahre 1378 dauerte auch eine äußerliche Kirchen⸗ ſpaltung: der abgeſetzte Papſt Urban VII. ſaß zu Rom, der von 16 Kardinälen gewählte Kardinal Robert von Genf, Clemens VII. zu Avignon; jenem gehorchten Deutſchland, Italien, England, Ungarn, dieſem Frankreich, Spanien, Sicilien. Als aber die Nachfolger beider, Gregor XII. zu Rom und Benedikt XIII. zu Avignon, nicht in Piſa vor den Kardinälen erſcheinen wollten, wurden ſie von dieſen abgeſetzt, und von 24 Kardinälen einſtimmig Alexander V. gewählt. Jeder der abgeſetzten verſtärkte ſich und betrug ſich als Papſt. Der rechte Papſt Alexander war im Jahr 1410 geſtorben, und von dem Könige beider Sizilien Ludwig von Anjou, der Kardinalprieſter Balthaſar Coſſa, ein ungeiſtlicher Mann, zur Papſtwahl empfohlen worden. In der Jugend war er Seemann geweſen, und noch immer war er ſoldatiſch in ſeinem Weſen. Kriegsvolk umringte ihn, als er Kardinallegat zu Bologna Schwab, Bodenſee. 13 — Ssn * 194 war. Als nun das Wahlgeſchäft langſam von Statten ging, ſprach dieſer Mann zu den andern Kardinälen:„was braucht es langen Zauderns? Gebt mir St. Peters Mantel, ich will ihn dem Papft überreichen,“ damit nahm er den Mantel, ſchlug ihn ſich um die Achſeln und ſprach:„Ich bin Papſt!“ Mit dieſem Johann XXIII., dem ſaubern Werkzeuge der neuen Kirchenverbeſſerung, der von König Ladislaus von Neapel aus Rom vertrieben worden war, kam das Oberhaupt N. C. 1413. des deutſchen Reiches, Kaiſer Sigmund, im Dezember des Jahres 1413 zu Lodi und Cremona zuſammen. Als nun dort viel über den Ort einer Kirchenverſammlung gehandelt wurde, weil der Papſt nicht über die Alpen ins ferne Deutſchland, der Kaiſer nicht mit den deutſchen Ständen nach Italien ziehen wollte: da fragte Kaiſer Sigmund die umſtehenden Herren, ob keine Stadt nahe am Gebirge läge, die dem heil. römiſchen Reiche zugehörte. Es wurde Kempten genannt, aber untauglich befunden. Da nahm der Graf Eberhard von Nellenburg das Wort und ſprach:⸗ „Wohl, da läge eine Stadt, eine Tagweide fern von Kempten, oder etwas mehr, da wäre Alles genugſam, und hieße Konſtanz, und wäre des römiſchen Reiches und läge an dem Bodenſee, und rinne der Rhein an der Stadt hin und durch die Stadt. Derſelbe Bodenſee wäre bei acht Meilen lang und in der Weite drei Meilen Weges, daß man mit großen Schiffen darauf fahren mag, und wäre da ein Bisthum. Dazu wäre ſie eine wohlerbaute Stadt und viel Gemächer und Stallung darin. Und vor jetzt unlanger Zeit, da hatten die Bauern von Appenzell einen großen Krieg mit denen von Konſtanz, da kamen denen von Konſtanz zu Hülfe alle Grafen, freien Ritter und Knechte. Da lagen der Herzog von Teck und die ganze Ritterſchaft in der Stadt, und wären unſer noch 3000 mehr geweſen, wir hätten Herberg und Stallung genug gehabt. Da kam auch der König Ruprecht ſelig, euer Vorfahr, und lag da ſechs Wochen mit ſeinem ganzen Volk. Und wer dahin kam, der hatt' Eſſen, Trinken, Futter, Heu, Stroh, alles in gemeinem, gleichen Kauf; und Fiſch und Fleiſch war da übrig genug, dazu war die Stadt von Alters her dem Adel treu und hold.“ Da kehrte ſich der römiſche König um zum heiligen Vater und ſprach in Latein:„Iſt Euer Heiligkeit die Stadt Konſtanz gefällig, S. Ulrich Reichenthaler, den Augenzeugen. Beſchr. des Konzils für Coſtenz. Augsb. 1483. S. 15, b. Ion dele feinen Her doß ſllh ſullt“ grof bon von Rlil Night iler den in Page fuchte zu Numen!“ küm, da und das der Poh Fichſe g ſelhen 2 Hhaß n. nzichend Ifilz at Hlt er ſe d räl teten ihn. kifen r Jufil u fort und nit eint A90 In Eng. felbf Güüten, il die ve 195 von der man ſo viel Gutes ſagt?“ Der Papſt bedachte ſich mit ſeinen Herrn und Räthen; die riethen ihm dazu:„weil die Stadt doch ſolch einen Namen hätte, daß nimmer Unglück dazu ſchlagen ſollte.“ Der Papſt ſandte ſeine Beſchauer in das Land. Der Land⸗ graf von Nellenburg aber ſchickte mit des Kaiſers Auftrag den Ulrich von Reichenthal, um Quartier zu bereiten. Nicht ohne bange Ahnungen, die im böſen Gewiſſen ihren Grund haben mochten, ſchickte ſich der Papſt an N. C. 4444. zur Herausreiſe. Auf dem Wege ſchloß er zu Trient im Tyrol ein geheimes Bündniß mit Herzog Friedrich von Oeſtreich, Sigmunds Feind, einem geiſtvollen, aber durch ſeine Erziehung unglücklich verdorbenen Fürſten; dann ließ er ſich vom Kaiſer ſeine Würde und ſicheres Geleite verbürgen, und kam herab über den Arlberg, im Winter 1414. Nahe beim Klöſterlein fiel ſein Wagen um, und der heil. Vater, in den Schnee geworfen, fluchte zu den Dienern herauf:„Hier lieg' ich in des Teufels Namen!“ Als er nun wieder auf und über das Klöſterlein herab⸗ kam, da iſt eine Bergfläche, und ſieht man herab über Bludenz und das Gebirge ins tiefe Thal, bis an den Bodenſee. Da ſprach der Papſt Johannes, hinunterdeutend, in Latein:„So werden die Füchſe gefangen!“ Doch ſetzte er die Reiſe fort, kam noch am ſelben Tage nach Foldkirch, am andern nach Rheinegg. Er vergaß nicht, überall Freunde zu werben. So gab er, am Seeufer hinziehend, dem Abte von Kreutzlingen für die Nachtherberge die Inful; am andern Morgen, am Sonntag Simonis und Judä, hielt er ſeinen Einzug in Konſtanz. Neun Kardinäle, viele Biſchöfe und Prälaten, im Ganzen ein Gefolge von 600 Perſonen, beglei⸗ teten ihn. Er ſelbſt ritt unter einem goldenen Tuche, das die vier erſten Aemter der Stadt trugen, in vollem Ornate, mit weißer Inful auf dem Haupte, den Zaum hielt Graf Rudolph von Mont⸗ fort und Graf Berthold Urſini, vor ihm trug ein weißes Pferd mit einer Glocke am Halſe das Sakrament. Abgeordnete aus Italien, aus Frankreich, von Deutſchland, von England, Schweden, Dänemark, Polen, Ungarn, Böhmen und ſelbſt von Konſtantinopel, von Kaiſern, Königen, Fürſten, Städten, Kirchen und hohen Schulen abgeſchickt, ſammelten ſich in die verordnete Stadt. Herzog Friedrich von Oeſtreich, ſeine Ränke im Herzen, zog mit 600 Pferden ein; die Legaten der Gegenpäpſte erſchienen; zwei Herzoge von Tropäa, als Abgeſandte des griechiſchen Kaiſers; Botſchafter der Litthauer, Wallachen, * * 196 5 Reuſſen, morgenländiſche Könige und mit ihnen muhamedaniſche, ja ganz heidniſche Herren mit wunderlichem Gewande, Tücher ums Wat We Haupt gewunden, mit ſpitzigen Hüten; kurz die verſchiedenſten mochen e Trachten, Geſtalten und Geſichtsbildungen trieben ſich wie auf einem bunten Faſtnachtſpiel auf dieſer Kirchenverſammlung in der Stadt Konſtanz, die einer Hauptſtadt der Welt glich, und an dem Ufer des Sees umher, das in das Geſtade eines fabelhaften Meeres verwandelt ſchien. Eine beſondere Erwähnung verdient einer der ausgezeich⸗ neteſten Gelehrten jener Zeit, einer der Wiederherſteller der griechiſchen Literatur in unſerm Abendlande, den die Sorge für das Konzil unter den andern unzähligen Gäſten nach Konſtanz führte. Es iſt dieſes Emanuel Chryſoloras, ein Mann von altem Ritteradel, von Geburt ein Neugrieche aus Konſtanti⸗ nopel, von Geſchlecht ein Römer. Schon früher hatte er, als Abgeſandter des Kaiſers Johannes Paläologus, die Höfe der euro⸗ päiſchen Könige bereist, um ihre Hülfe für das untergehende Griechenland, ſo lang es noch Zeit wäre, anzuflehen; als aber die Gefangennehmung des türkiſchen Kaiſers Bajazet durch den Tartaren⸗ kaiſer Tamerlan, den Schrecken des Orients, Griechenland von der augenblicklichen Gefahr befreit hatte, ſetzte Chryſoloras ſeinen Fuß nach Italien, und trat als öffentlicher Lehrer der altgriechiſchen Literatur zuerſt in Venedig, dann in Florenz, in Rom und zuletzt, vom Fürſten Galeazo gerufen, in Pavia auf, wo aus ſeiner Schule die berühmteſten Gelehrten des Jahrhunderts, unter andern der Florentiner Poggio und Peter Paul Vergerius hervorgingen. Er war, nach ſeines Landsmannes, Konſtantin Laſcaris, Zeugniß, der erſte, der das Helleniſche wieder in Italien pflanzte und lehrte; doch ſcheint er mehr durch das lebendige Wort, als mit der Feder gewirkt zu haben: denn außer einer Grammatik, einer Vergleichung des alten Roms mit dem neuen, ein paar zierlichen Briefen und einer dogmatiſchen Streitſchrift hat man nichts von ihm. Er ſtarb während des Konzils von Konſtanz und ward im Predigerkloſter beigeſetzt, wo an einem Schwibbogen einer Seitenkapelle ſeine ſchöne, lateiniſche Grabſchrift noch zu leſen iſt.⸗ *Sie lautet, verdeutſcht, alſo: „Manuel Chryſoloras, konſtantinopolitaniſcher Ritter, aus altem, römiſchen Geſchlechte; der mit dem Kaiſer Konſtantin gereist iſt, der Reehrteſte, klügſte, trefflichſte Mann, der zur Zeit der allgemeinen Kirchenverſamm⸗ lung verſtarb mit dem Rufe, daß er von allen der Prieſterwürde werth gehalten ward, iſt begraben worden den 15. April im Jahr 1415. Die Mittelzahl aller Anweſenden in den erſten zwei Jahren 525 war 80,000 Menſchen, zur Zeit des ſtärkſten Zuſammenſtrömens 515 mochten es 150,000 Perſonen und 30,000 Pferde geweſen ſeyn. e„Die Großen wetteiferten auf Koſten der von ihren Voreltern lange geſammelten Schätze vor dieſer Verſammlung von ganz Europa durch prächtige Rüſtungen, Kleider und Pferde und ein zahlreiches Gefolge zu glänzen: die Gelehrten rüſteten ſich durch philoſophiſchen Scharfſinn, Gelahrtheit und Beredſamkeit vor der ganzen chriſtlichen Kirche Ruhm zu erlangen. Viele zogen als zu einem Schauſpiel, das weder ſie, noch ihre Väter, noch ihre Ahnen jemals erlebt. Europa war in Erwartung; die Wohldenkenden 8 unter allen Völkern thaten Gelübde. Sie bereiteten ſich zu einer ernſten Verbeſſerung der Kirche: andere zu liſtigen Anſtalten, um ihr auszuweichen; die meiſten zum Genuſſe mancherlei Vergnügens.““ Gebhard Dacher, der ſeinem Herrn Herzog Rudolph von Sachſen, dem Marſchall des deutſchen Reichs, die Fremdenliſte machen mußte, hat uns einen traurigen Beitrag zur Sittengeſchichte jener Zeit geliefert: er zählte 700 offener Frauen. Die heimlichen Frauen zu erfahren, weigerte er ſich, er fürchtete„ertödtet zu werden, und zu finden, das er nicht gern hätte.“ Es waren aber der fahrenden Frauen an 1500. Auch im übrigen war für alles Fleiſchliche vor⸗ trefflich geſorgt, nirgends Mangel oder Unordnung. Eine allge⸗ meine Speiſetaxe ſicherte gegen Betrug. Paſtetenbecker führten auf Kärren kleine immer glühende Ofen umher, und boten den Liebhabern auf der Stelle Paſteten mit Fleiſch, Hühnern und Fiſchen aus. Der ich Latium einſt gelehrt, die verworrene Sprache Abthun, und nach der Kunſt des Alterthumes ſich bilden, Der ich des großen Demoſthenes Wort, und Cicero's Vortrag Wieder ans Licht gebracht, von Namen bekannt, Chryſoloras, Bier, im fremden Sitze verſtorben, lieg' ich und ruhe. Hierher führete mich die Sorge der Kirchenverſammlung, Als drei Päpſte die Welt und die Kirche quälten mit Spaltung; Meine Vordern zeugete Rom, mich aber gebarſt du, Gutes Byzanz, doch es wahrt Konſtantia's Boden die Aſche. Wo du ſtirbeſt, gilt gleich: denn allenthalben iſts gleichweit In des Himmels Gefild und in die Behauſung der Strafe.“ Der Verfaſſer dieſer ſchönen Verſe iſt der gekrönte Dichter, der Sekretär Kaiſer Friedrichs III., der als Pius II. auf den päpſtlichen Stuhl geſtiegene Aeneas Sylvius aus dem Geſchlechte der Piccolomini. ſ. Joh. v. Müllers Schweizergeſchichte III. B. 4. Kap. — EEE 198 Vor dieſes Konzilium war der fromme Böhme Johann Huß, Profeſſor der Theologie auf der Univerſität zu Prag, geladen. Er hatte die Verwandlung der Hoſtie, den blinden Glauben an Papſt und Heilige, die Kraft der Abſolution eines laſterhaften Prieſters, den unbedingten Gehorſam gegen irdiſche Obern, die herrſchende Simonie aufs Stärkſte beſtritten und die heilige Schrift für die einzige Richterin in Glaubensſachen erklärt. Der Erzbiſchof von Prag hatte ihn angeklagt, Papſt Alexander V. mit dem Bannfluch belegt, Johann XXIII. als Ketzer beſtätigt. Der Kaiſer Sigmund allein ſchien ihn zu beſchützen. Ein faſt zärtlich lautender Geleits⸗ brief deſſelben verſprach ihm des Reiches Schutz, ſichere Reife und freie Rückkehr und lud ihn ſo nach Konſtanz. Huß kam dort, umringt von adeligen Böhmen, ſeinen Freunden und Anhängern, am 5. November an und nahm ruhig ſeine Herberge in der heil. Geiſtsgaſſe, bei einer Pfiſters- oder Bäckers⸗Wittwe. Nachdem er einige Tage geruht, hielt er in der Stubenkammer Meſſe, und viele Nachbarn fanden ſich bei ihm ein, ſich mit ihm zu erbauen. Inzwiſchen war am 6. November das Konzil mit einem Bettag und am 16. mit einer großen Sitzung in der Domkirche eröffnet worden, in welcher der Papſt eine Anrede über Joh. 8, 16 hielt: „habt die Wahrheit und Gerechtigkeit lieb, und ſchafft Frieden in euren Thoren.“ Dieſe Worte eröffneten den Tummel⸗ platz der Ungerechtigkeit und des Unfriedens. Dies Konzil theilte ſich in vier Nationen, die deutſche, fran⸗ zöſiſche, engliſche(zum erſtenmal als Nation erkannt) und italieni⸗ ſche, ſpäter kam die fünfte ſpaniſche hinzu, die früher, als dem Gegenpapſt anhängend, weggeblieben war. Es wurden die vor— nehmſten Stimmführer erwählt. Inzwiſchen ſann man auf Mittel, ſich der Perſon Huſſens zu verſichern: des Biſchofs Offizialen ſuchten ihn auf und ſtellten ihn wegen ſeines Meſſeleſens zur Rede. Huß ahnete Böſes, und als ſie fort waren, nahm er ein Brod und ein Fläſchlein Wein zu ſich, und verbarg ſich in den Wagen des Heinrich Latſchenbecks, der aufs Land nach Futter fahren ſollte. Als man ihn vermißte, wurde Lärm gemacht und man ſchloß die Thore. Bald jedoch wurde er auf dem Wagen entdeckt, und von Latſchen⸗ beck vor Papſt Johann auf den Hof der obern Pfalz geführt. Alles Volk, mehr denn 80,000 Mann, war hier zuſammengelaufen, und Huß wollte ſich unter die böhmiſchen Haufen retten. Allein er wurde ergriffen und in die Pfalz geworfen. ! uf R die dr i Auläger den Lin übengebe ſcge di, Ehetf h O0t Cin an Mi einem denm la Gein A ftͤtiche Witdige die Kö Vitten in vel ihm d dachte 4 ſbäter Kaiſer Bittſch datin dit— herr, huße! Rüb, lüͤte 199 Am 28. November erſchien Huß vor dem Konzil und wurde auf zwei dogmatiſche Fragen eines alten heuchleriſchen Mönchs, die er in Einfalt beantwortete, unter dem erbosten Geſchrei ſeiner Ankläger aus Böhmen Palei und Decauſts verhaftet, und dem Sänger und Domherrn des Konſtanziſchen Stifts zum Gefängniß übergeben. „Jetzt biſt du in unſrer Gewalt,“ ſchrien ſeine Feinde,„ich ſage dir, du wirſt nicht herauskommen, bis du den allerletzten Scherf bezahleſt!“ Acht Tage nachher wurde er im Predigerkloſter in den böſen, feuchten, ſtinkenden Kerker geworfen, den man vor Kurzem dort noch zeigte. Nicht lange vorher hatte der Papſt geſchworen:„und wenn Huß meinen Bruder erſchlagen hätte, ſo würde ich nicht leiden, daß ihm in Konſtanz eine Schmach geſchehe.“ Endlich erſchien derjenige, der, wenn das Wort eines Kaiſers noch heilig war, als Huſſens Retter auftreten mußte. Kaiſer Sigmund, als oberſter Schirmvogt der Kirche, war am Chriſt⸗ abend in Ueberlingen angekommen. An der Frühe des Chriſttags, vor Sonnenaufgang, war er über den See gefahren, und noch am Morgen hielt er ſeinen Einzug in Konſtanz, und wurde unter einem goldenen Traghimmel, den vier Rathsherren trugen, unter dem lauten Zujauchzen des Volkes in die Hauptkirche geführt. Sein Aeußeres war vielverſprechend: eine hohe Geſtalt, eine maje⸗ ſtätiſche Haltung; blonde herabwallende Haare, ein langer, ehr⸗ würdiger Bart. In ſeinem Gefolge waren die Kaiſerin Barbara, die Königin Eliſabeth von Bosnien, die Gräfin Eliſabeth von Würtemberg, viele Fürſten, Grafen und Herren. Nach der Meſſe, in welcher der römiſche Kaiſer ſelbſt das Evangelium las, übergab ihm der Papſt das Schwert zur Vertheidigung der Kirche. Er dachte nicht, daß Sigmund zuerſt es gegen ihn ſelbſt kehren würde. Der Kaiſer nahm ſeine Wohnung erſt im Kloſter Petershauſen, ſpäter im Freiburger Hofe, mitten in der Stadt. Kaum war der Kaiſer angekommen, als die böhmiſchen Edeln dem Herrn eine Bittſchrift um Huſſens Befreiung überreichten. Sigmund wurde darin ernſtlich an ſeinen Geleitsbrief gemahnt.„In derſelben Zeit— erzählt Reichenthal, der Augenzeuge,— hätte ihm unſer Herr, der König, gern geholfen, und meint', es wär' ihm eine große Unehre, wenn er ſein frei, ſicher Geleite, das er ihm geben hätt', alſo brechen ſollt. Da antworteten ihm die Gelehrten: Es möchte und könnte mit keinem Rechte ſeyn, daß ein Ketzer, der * 1 in der Ketzerei ergriffen wär, möchte noch könnte Geleit haben. Do unſer Herr, der König, das erhöret und vernahm, do ließ er es gut ſeyn.“ Dieſe Stelle bedarf keines Kommentars. Die zweite Sitzung des Konzils wurde am 2. März N. C. 1415. 1415 ebenfalls in der Domkirche gehalten. Die vier Nationen hatten nach reifer Ueberlegung als ſicherſtes Mittel zum Kirchenfrieden beſchloſſen, daß auch Jo hann XXIII. abdanken ſollte. In dieſer Sitzung nun las der Patriarch von Antiochien die Abdankungsakte, und Johann beugte die Knie gegen den Altar, und beſchwur ſie, die Hände auf die Bruſt gelegt. Der Kaiſer erhub ſich von ſeinem Stuhle, dankte dem Papſt in des Konzils Namen, fiel auf ſeine Knie, legte die Krone von ſeinem Haupte und küßte dem heiligen Vater die Füße. Der Patriarch von Antiochia trat auf, ihm im Namen der Väter wegen dieſer Selbſtaufopferung für den Frieden der Kirche zu danken. Darauf ſtimmten die Sänger der Domkirche ein jubelndes Tedeum an, und mit allen Glocken der Stadt ward geläutet, vom Morgen bis zum Abend. Aber nach wenigen Tagen tönten die Glocken aufs Neue, um dem beſtürzten Konzil die Flucht des Papſtes zu verkündigen. Sein geheimer Freund, der Herzog Friedrich von Oeſtreich, hatte mit einem herrlichen Turnier am 20. März alles Volk, Einwohner und Gäſte aus der Stadt gelockt, der Papſt wurde vergeſſen. Während nun der Herzog mit dem Grafen von Cilly rannte und die bethörte Menge gaffte, hatte ſich der Papſt in die Kleidung eines kaiſerlichen Poſtknechts geworfen, und ritt auf einem ſchlechten Klepper, von einem einzigen Knaben zu Roſſe bekleidet, unbe⸗ merkt zum Thore hinaus. Beim Pfarrer zu Ermattingen erquickte er ſich mit einem Glaſe Wein, warf ſich in einen Kahn, fuhr über den Zellerſee und den Rhein hinab, in Herzog Friedrichs Stadt Schaffhauſen. Der Herzog aber hatte das aufgeſtellte Kleinod ſtehen laſſen und traf noch am nämlichen Abend bei dem Papſte zu Schaffhauſen ein. Namenlos war der Schrecken zu Konſtanz, als dieſe Flucht am andern Tage ruchbar wurde. Der Kaiſer ſandte Herolde mit beſänftigenden Worten durch alle Straßen. Er ſelbſt ritt zu allen Wechslern, um den Kredit aufrecht zu erhalten, und herum bei den Wälſchen, um ihren Abzug zu verhindern: denn alles Volk war in wüthendem Zorn entbrannt, vor dem viele hundert Italiener Hugo dal am Tage geſandtz Hetzog b Kunig S nieder, Wierfür üit ihn, und Gut Foin& Vun Ton ß Etz Wich all Huchtote Rüdege it 201 und Oeſtreicher zu Fuß, zu Pferd, in Schiffen, heimlich, öffentlich, bei Nacht und Morgens früh entflohen. Friedrich wurde in die Reichsacht erklärt; ſeine Freunde, der Graf von Toggenburg und Hugo von Werdenberg, ſagten ihm ab. Papſt Johann hatte noch am Tage ſeiner Entweichung einige kahle Zeilen der Entſchuldigung geſandt; dann entwich er immer ferner von Konſtanz, in die Län⸗ der des Herzogs. In zwei Seſſionen erſchien nun der Kaiſer in voller Königs⸗ pracht, die Krone auf dem Haupte. In Folge ihrer Beſchlüſſe zog ſich ein großes Heer aus den Nachbarſtädten am See zuſammen. An ſeiner Spitze rückte der Kaiſer ſelbſt den Rhein hinab, und er⸗ oberte in wenigen Tagen Stein am Rhein, Dieſſenhofen, Frauen⸗ feld und Schaffhauſen; er verbündete ſich mit den Eidgenoſſen und dieſe fielen, ungeachtet des von ihnen mit Oeſtreich beſchwornen Friedens, über die helvetiſchen Beſitzungen des Herzogs her. Dieſer hatte ſich mit dem Papſt Johann in Schnee und Sturm ins Breisgau gerettet. Noch hätte er Kräfte genug gehabt, den König wenigſtens zur Milde zu nöthigen. Arlberg und Tyrol war ihm treu; in Lothringen und Burgund hätte er Freunde, allent⸗ halben Mitleidige gefunden; auf dem Schwarzwald ſammelten die Einungsmeiſter ihr ſchönes, unerſchrocknes, verſtändiges Volk; Feld⸗ kirch vertheidigte ſich mannhaft gegen alle ſeine Feinde. Aber der Herzog verließ ſich ſelbſt; er kam nach Konſtanz, ſich zu demüthigen. König Sigmund, an dem Tage der Erniedrigung ſeines Feindes, lud die vornehmſten Prälaten und vornämlich die italieniſchen Bot⸗ ſchafter in den langen Speiſeſaal des Barfüßer Kloſters. Möglichſt weit von der Pforte war der König, als der unglückliche Fürſt, an der Hand Herzogs Ludwigs von Baiern und des neuen Kur⸗ fürſten von Brandenburg, in die Thüre trat. Dreimal kniete er nieder. „Was iſt euer Begehren,“ fragte der König. Da ſprach der Baierfürſt für ihn, und übergab ihn des Kaiſers Gnade und gelobte für ihn, daß er den Papſt wieder ſtellen wolle, wenn dieſem Leib und Gut geſichert werde. Der König erhob ſeine Stimme:„Unſer und des heiligen Reichs Fürſt, Friedrich, will Er das halten?“ der Herzog ſprach„Ja! und ich bitte um Eurer Majeſtät Gnade.“ Sein Ton drang an des Königs Herz.„Uns iſt leid,“ ſprach er, „daß Er dieſes verſchuldet.“ Dann übergab der Herzog dem König eidlich alle ſeine Herrſchaften vom Tyrol bis ins Elſaß, und huldigte ihm, bis dem Kaiſer ſelber gefalle, ſie zurück zu geben. * 7 4 1 R 202 „Lernet,“ ſprach Sigmund zu den Umſtehenden,„was ein König der Deutſchen vermag.““ Unterdeſſen war Huß erkrankt und in mildere Haft zu den Barfüßern gebracht worden, wo er ſich mit ſeiner frommen Feder tröſtete. Da zogen die päpſtlichen Wächter, nach der Flucht Johanns, von ſeinem Kerker ab, und Huß faßte neue Hoffnung: denn jetzt war es ja dem Kaiſer ſo leicht, ſür ihn zu handeln. Aber das unerbittliche Konzil lieferte ſeinen Gefangenen dem Biſchof von Konſtanz aus. Dieſer ließ ihn in das Schloß Gottlieben führen, dort wie einen gemeinen Verbrecher in eiſerne Fußbänder legen, und die Nacht über an einem eiſernen Armband an die Wand ſchmieden. Der Kaiſer ließ Alies geſchehen. So wurde denn auch in der fünften Seſſion der Schüler des Huß, Hierony⸗ mus von Prag, der mit ſeinem Lehrer nach Konſtanz gekommen, dann geflohen und ſchon tief auf dem Wege nach Böhmen, von einem Pfaffen, bei dem er ſpeiste, erkannt und ausgeliefert wor⸗ den war, gefaßt und zu Konſtanz in ein fürchterliches Gefängniß geworfen. Am 21. März war auch der flüchtige Papſt Johann von ſeinem alten Freunde Friedrich dem Konzil ausgeliefert, und in einen feſten Thurm zu Radolphszell gelegt worden. In der zwölften Seſſion, in des Kaiſers, aller Fürſten und Prälaten Gegenwart wurde ſodann Johann XXIII. als ein Flücht⸗ ling und Nährer der Spaltung, Wucherer und Verſchleuderer der Kirchengüter, der durch ſeinen ſchändlichen Wandel die Kirche und das Volk Gottes geärgert habe, verurtheilt, entſetzt und dem Kaiſer als Schirmherrn der Kirche zur Verwahrung übertragen. Dieſer warf ihn zuerſt in das Schloß Gottlieben, wo der heilige Mann, den er verurtheilt hatte, bisher geſeſſen; ſpäter wurde er nach Heidelberg und endlich nach Mannheim geführt. 2. Johann Huß. Jetzt konnte ſich die Kirchenverſammlung mit ungetheilter Auf⸗ merkſamkeit der Angelegenheit des armen Huß widmen, dem ſeine Böhmen vergebens beiſtanden. In zwei Unterredungen im Speiſe⸗ ſaale der Barfüßer vertheidigte er ſich vor der Verfammlung der Biſchöfe, beſonders in der zweiten gegen ſeinen furchtbaren Gegner, den berühmten Peter d'Ailly, den beredteſten und geiſtreichſten * Müller III. 1. Päͤlltkn Gil der herſchä Wöhne! bin nut! traul ich wider ale betlangte f, ober Geleitzt nöh Inthün den da berkite Finos A Cines 9 Nl aufgfior ſo wag der Kat f zu duß er 0 ſchäm ͤch abet lihle O Vilend en e Ihun n51 203 Prälaten ſeiner Zeit, der in mancher andern Hinſicht ein Licht und Salz der Kirche genannt zu werden verdient— mit der ſiegreichen Kraft der Wahrheit. Als er nun am Ende ganz einfach verſicherte, daß es ihm— falls er ſich nicht hätte freiwillig ſtellen wollen, ein leichtes geweſen wäre, bei den Großen Böhmens Hülfe zu finden, entrüſtete dieſe Verſicherung ſeinen Gegner Peter d'Ailly ſo ſehr, daß er den Huß vor der ganzen Verſammlung einen Un⸗ verſchämten ſchalt. Die ganze Verſammlung murmelte. Da erhub ſich der muthige Böhme Johann von Glumm und ſprach mit feſter Stimme:„Ich bin nur der ärmſten und geringſten Edelleute Einer, dennoch ge⸗ traue ich mir, den Huß ein ganzes Jahr lang in meinem Schloſſe wider alle Gewalt, ja ſelbſt wider die vereinte Macht beider Könige zu ſchirmen!“ Niemand wagte darauf zu antworten. Von Huß verlangte jetzt der Kaiſer ſelbſt mit drohenden Worten den Wider⸗ ruf, aber ſein böſes Gewiſſen zwang ihn, unaufgefordert den freien Geleitsbrief zu erwähnen und ſo an ſeine eigene Wortbrüchigkeit zu mahnen. Er ſchloß endlich ſeine Rede:„wenn Huß auf ſeinen Irrthümern beharre, ſo werde er, der Kaiſer, mit eigenen Hän⸗ den das Holz zuſammentragen, um ihm einen Scheiterhaufen zu bereiten.“ Hußens Antwort, ehrlich gemeint, lautete wie der bitterſte Spott: er dankte dem Kaiſer für das Geleite— das dieſer ge⸗ brochen; dann erklärte er ſich zum Widerrufe bereit, wenn er nur Eines Irrthums überwieſen würde. Nach einer in der Qual furchtbarer Zahnſchmerzen zugebrachten Nacht wurde Huß zur letzten Unterredung abgeholt, dießmal aber von der Verſammlung überſchrien und zu unbedingter Unterwerfung aufgefordert. Er bat um Belehrung, allen Zwang lehnte er ab: ſo ward er in den Kerker zurückgebracht. Den andern Tag ſuchte der Kaiſer Huß durch ſeine böhmiſchen Freunde ſelbſt zum Wider⸗ ruf zu bewegen, aber Johann von Glumm erfüllte den Auftrag ſo, daß er zu ſeinem Freunde ſprach:„wenn du dich ſchuldig weiſſeſt, o ſchäme dich nicht, von deiner Meinung abzuſtehen; glaubſt du dich aber unſchuldig, ſo muß ich dich aufmuntern, lieber die ſchreck⸗ lichſte Qual auszuſtehen, als die erkannte Wahrheit zu verläugnen.“ Weinend blickte Huß ſeinen Freund an und erklärte ſtandhaft: wenn er aus der heiligen Schrift widerlegt ſey, wolle er ſeinen Irrthum von Herzen gern mit einem Eid abſchwören: aber eher nicht.“ Dann ſchrieb er Abſchiedsbriefe, empfahl ſeinen Freunden 2 UE * 2. — 204 den edlen Glumm, ſeinen Beſchützer, dankte dem wortbrüchigen Kaiſer für alle Wohlthaten und ſchloß:„Geſchrieben im Kerker, zur Zeit, da ich ſtündlich erwarte, zum Tode geführt zu werden.“ In der fünfzehnten Sitzung des Konzils am 6. Juli ward endlich das feierliche Verdammungsurtheil in der Kirche über ihn ausgeſprochen. Als die Sentenz abgeleſen war, fiel der Gerechte auf ſeine Knie nieder und hub laut an zu beten: daß ſein Herr, Jeſus Chriſtus, ſeinen Feinden, die ihn fälſchlich angeklagt, mit lügenhaſten Zeugen umringt, durch erdichtete Beſchuldigungen unter⸗ drückt, mit ungerechter Verdammung belegt hätten— dieſe ihre übergroße Schuld nicht anrechnen, ſondern ſie ihnen Allen gnädig verzeihen möge.“ Auf dieß Gebet eines Heiligen antwortete die ganze Verſammlung mit einem höhniſchen Gelächter. Hierauf folgte ſeine Degradation. Man zwang ihn, den Kelch in der Hand, feierlich vom Gerüſte herabzuſteigen: dann nahten ſieben Biſchöfe, und Einer rieß ihm den Kelch aus der Hand und redete ihn als den verfluchten Verräther Judas an.„Ich aber hege die Zuver— ſicht“— erwiderte Huß ſanftmüthig—„noch heute den Kelch, den ihr mir nehmet, in Chriſti Reich zu trinken.“ Dann zogen ihm die andern Biſchöfe die prieſterlichen Kleider aus und ſetzten ihm eine ſpitzige Papiermütze, mit drei Teufeln bemalt und Häre⸗ ſiarcha(Erzketzer) überſchrieben, mit den Worten auf:„Anmit übergeben wir deine Seele dem Teufel!“„Ich aber,“ erwiederte Huß,„empfehle meinen Geiſt in die Hände meines Erlöſers!“ Den Verdammten übergab die Kirchenverſammlung der welt⸗ lichen Gewalt. Kaiſer Sigmund erhub ſich, rief den Beſchirmer des Konzils, den Kurfürſten und Pfalzgrafen am Rhein, und ſprach: „Weil wir das Schwert nicht umſonſt tragen, ſondern zur Strafe über die, welche Böſes thun, ſo nehmet dieſen Mann Johann Huß und ſtrafet ihn, wie einem Ketzer gebührt.“ Der Pfalzgraf über⸗ gab den Verurtheilten dem Stadtvogt, dieſer den Henkersknechten. Und alſobald ſetzte ſich der Zug in Bewegung, und Huß wurde von 3000 Mann Stadtwache zu Roß und zu Fuß und einer unermeß⸗ lichen Volksmenge begleitet, vor das Thor, wo man nach Gott⸗ lieben gehet, auf den Richtplatz geführt. Betend und Pſalmen ſingend wandelte er zum Tode. In der Nähe des Holzſtoßes an⸗ gelangt, ſah er mit Lächeln, wie man ſeine Bücher verbrannte und fuhr mit Beten und Singen fort. Das erbarmte die Menge; ſie rief einen Beichtiger für ihn, aber kein Prieſter wollte ſich dem Ketzer nähern. Jetzt griffen ihn die Henker und führten ihn auf Reten erſc die Erobe Friedt zihm e d Fürfte utete iht. Im Ihung n. den Marterplatz. Dort ward er mit rückwärts gedrehten Armen an den Pfahl gebunden, erſt zufällig gen Morgen; dann mußte der Henker ihn umbinden gen Weſten; denn der Verdammte ſollte Gottes Sonne nicht mehr ſehen. Als man ihn mit der roſtigen Kette an den Pfahl ſchmiedete, ſprach er bewegt:„Gern dulde ich dieſe Kette, hat doch mein Erlöſer dem ſündigen Menſchengeſchlechte zu lieb viel ſchwerere Bande getragen!“ Nun wurden Holzbündel mit untermiſchtem Stroh um und um an ſeinen Leib gelegt, bis an den Hals.„Heilige Einfalt!“ rief Huß, als er ein altes Weib geſchäftig einige Hölzer hinzutragen ſah. Als er ſo in dieſer gräß⸗ lichen Stellung den Tod erwartete, ritten der Kurfürſt von der Pfalz und ein andrer auf ihn zu und ermunterten ihn nochmals, durch Widerruf ſein Leben zu retten. Aber der Märtyrer wies ſie mit Unwillen zurück und der Holzſtoß wurde ſofort auf des Kur⸗ fürſten Befehl angezündet. Das Feuer loderte hell auf. Jetzt fing Huß an mit heller Stimme zu ſingen:„Jeſu Chriſte, du Sohn des lebendigen Gottes, der du für uns gelitten haſt, er⸗ barme dich meiner!“ dreimal ſah man ihn, dieß Gebet wiederholend, die Lippen hinter den Flammen bewegen. Da erſtickte ihn der Rauch und er ſtarb im Gebet. Die Wuth der Henker ließ auch ſein Gebein nicht in Ruhe. Das Haupt wurde geſpalten, damit es um ſo ſchneller verbrennen ſollte, das unverſehrt gebliebene Herz in Stücke zerhackt und aufs Neue gebraten. Seine Aſche kehrte man zuſammen und warf ſie in den Rheinſtrom. Seine böhmiſchen Freunde aber kratzten die Erde auf der Brandſtätte zuſammen und nahmen ſie als ein Heiligthum mit in die ferne Heimath. In den folgenden Seſſionen wollte das Konzil ſein abſcheuliches Werk durch Grundſätze verewigen und erklärte alle Ketzern ertheilte Geleitsbriefe für ungültig. Es beſchäftigte ſich ſodann wieder mit der Kirchenſpaltung und der Kaiſer reiste in dieſer Angelegenheit für einige Zeit nach Spanien. Rieſenmäßige Geſandte der Samo⸗ geten erſchienen, verlangten und erhielten Schutz gegen die Eroberungsſucht der Kreuzritter(Febr. 1416). Her⸗N. C. 4416. zog Friedrich von Oeſtreich, der dem Biſchof von Trient die ihm entriſſenen Güter nicht herausgab, wurde von Geiſtlichen und Fürſten gemieden und wie ein Geißel in Konſtanz behandelt. Er rettete ſich durch heimliche Flucht und fiel abermals in die Reichs⸗ acht. Im Beſitze ſeiner Erblande erhielt er ſich jedoch durch Aus⸗ ſöhnung mit ſeinem Bruder Ernſt. 4 EEDRRRRRERR 4 UD 206 3. Hieronymus von Prag⸗ Unterdeſſen war Hieronymus von Prag, der Schüler des Huß, den man zu Petershauſen in einem finſtern Loche, an Händen und Füßen kreuzweiſe geſchloſſen, an einen hohen Pfahl ſo geſchmiedet, daß er nicht ſitzen und den Hals nicht aufrecht tragen konnte, ſchmachten ließ, krank und hungernd nach Monaten von Qual zum Widerrufe und zur Billigung von ſeines Mei⸗ ſters Verdammung gebracht, und dennoch in ſein gräßliches Gefängniß zurückgeführt worden. Dieſe Treuloſigkeit gab ihm ſeinen vorigen Muth wieder, und wenn er im Verläugnen ein Petrus geweſen war, ſo blieb er es jetzt im Bekennen. Er brach am 26. Mai in der Domkirche, wo die Verſammlung einen neuen Widerruf von ihm erwartete, in laute, herrliche Lobſprüche Huſſens aus, geſtand, daß er nur aus Furcht; vor dem gräßlichen Flammen⸗ tode die Verurtheilung ſeines Lehrers gut geheißen, erklärte ſeinen Widerruf für das verabſcheuungswürdigſte Verbrechen und forderte mit fröhlichem Angeſicht, mit wachſendem Muth, mit ſteigender Kühnheit der Sprache die Verſammlung, die anfangs zum Mitleid geſtimmt ſchien, zum furchtbaren Spruche heraus. Am 30. Mai 1416, in der 21. Seſſion wurde denn auch er mit dem Bannfluche belegt und verdammt. Hieronymus zeigte nicht die geſchmeidige Demuth ſeines Meiſters; das Gefühl ſeines Rechtes und die Ab⸗ ſcheulichkeit der Blutrichter füllten ſein empörtes Gemüth und er ſprach, noch ehe das Urtheil geſprochen war:„Ich ſehe, ihr ſeyd Willens, mich zu verdammen, obwohl ihr mich keines Irrthums überwieſen. Wohl! mein Leben ſteht in eurer Hand; aber wiſſet, daß ich nach meinem Tode, vor welchem ich nicht zittre, euch ſo viel und ſchreckliche Gewiſſensbiſſe hinterlaſſen werde, die euch ohn' Unterlaß nagen und ängſtigen ſollen. Vor dem Richterſtuhl des allwiſſenden Gottes, auf deſſen Urtheil ich mich berufe, werdet ihr Alle, wenn hundert Jahre vergangen ſind, mit mir erſcheinen und Rechenſchaft geben!“ Seine Worte verhallten, er wurde verurtheilt und dem weltlichen Arm, wie ſein Lehrer, überliefert. Seinen Tod beſchreibt Poggio, ein edler und gelehrter Florentiner, in einem gleichzeitig geſchriebenen Briefe, der in herz⸗ erhebendem Gegenſatze mit der Finſterniß jener Zeiten ſteht, als Augenzeuge mit folgenden Worten: „Auf dem Richtplatz angekommen, zog er ſeine Kleider ſelbſt aus und fiel vor dem Pfahl aufs Knie. An dieſen ward er mit foſſen Stii gebunden; die Buuft gnzünden das Fuukt ich hikrübe Beiſen ge gt, 1 S Por C. Der Le öhkige v. Moge un In Fonſeq Un ar 207 naſſen Stricken, dann mit einer eiſernen Kette um den nackten Leib gebunden; darauf wurden ihm die Scheiter von der Sohle bis an die Bruſt dicht angelegt. Als der Henker das Feuer vom Rücken anzünden wollte, ſprach er muthig: Komm, tritt hervor und zünde das Feuer mir im Geſichte vor meinen Augen an. Wiſſe, daß ich hierüber gar nicht erſchrecke. Hätte ich das Feuer gefürchtet, ſo wäre ich nicht nach Konſtanz gekommen!— Dann fing er an, den Lobgeſang zu ſingen und endete ihn mit heller Stimme, obſchon die Flamme über ihm zuſammenſchlug. Hätteſt du den helden⸗ müthigen Tod dieſes Mannes geſehen, ohne Zweifel hätteſt du bekannt, daß dieſer Hieronymus aus der Schule der Weiſen geweſen. Nicht Mucius Scävola hat mit ſo großer Standhaftigkeit ſeine Hand ins Feuer gehalten, als Hieronymus ſeinen Leib verbrennen ließ; nicht Sokrates den Giftbecher ſo ge⸗ laſſen ausgetrunken, als freudig dieſer zum Scheiterhaufen eilte.“ Dieß war die Stimme vielleicht weniger, aber der edelſten Zeitgenoſſen.— Als Hieronymus verbrannt war, wurden ſeine Kleider, ſein Bett, all ſeine Geräthe, wie das eines Verpeſteten ihm nach ins Feuer geworſen und ſeine Aſche in den Rhein geſtreut; die Böhmen aber ſammelten den Staub auf ſeiner Brandſtätte und erklärten ihn und ſeinen Lehrer für Märtyrer. Der Leſer erläßt mir nach dieſen Scenen zu erzählen und zu ſchildern, wie herrliche Proceſſionen am Fronleichnamsfeſt zu Kon⸗ ſtanz gehalten wurden, wie die Florentiner das Feſt ihres Schutz⸗ patrons, Johannis des Täufers, gefeiert, wo 540 Kerzen am Altar brannten; wie die engliſche Nation mit herrlicher Muſik und köſt⸗ lichem Mahle den Todestag des heiligen Thomas von Canterbury begangen; wie ſchöne geiſtliche Komödien man aufführte, wie der zurückkehrende Kaiſer von den Fürſten empfangen ward (27. Januar 1417), der Kurfürſt von Mainz belehnt, N. C. 1417. der Bannfluch gegen Herzog Friedrich von Oeſtreich aus⸗ geſprochen, die Reichsacht an ihm feierlich vollzogen ward; ich ſchweige von der Feier der Charwoche, vom Einzuge der Baier⸗ herzoge und dem des Markgrafen von Meißen, dem prachtvollſten, den Konſtanz ſah, ſowie von ſeinem zornigen und drohenden Abzug, Ein andrer Augenzeuge, der das Konzil beſchrieben, Namens Dacher (ſ. oben), ein freimüthiger und aufgeklärter Mann, ſagt unumwunden in ſeiner Vorrede:„Huß und Hieronymus wurden verbrannt, weil ſie das Abendmahl gehalten, wie es Jeſus Chriſtus verordnet hat.“ 2 84 8 2 — 82 1 * N als er die Lehen, die er gehofft, nicht überkam. Auch die prächtige Belehnung des Burggrafen von Nürnberg mit der Kur Branden⸗ burg auf dem obern Markte, bei der Kaiſer Sigmund mit der goldnen Krone auf dem Haupt und der Dalmatica angethan, von allen Fürſten umringt, zugegen war, kann nach jenen Schauſpielen keinen Eindruck mehr machen. 4. Die Papſtwahl. Doch bei Einem Gegenſtande müſſen wir noch länger verweilen, weil er das Hauptergebniß der Verſammlung iſt, das auf ihren urſprünglichen Zweck einen Bezug hat. Es iſt die Wahl eines neuen Papſtes. Nachdem in der ſiebenunddreißigſten Sitzung auch der Gegenpapſt Benedikt XIII. unter des gekrönten Kaiſers Vor⸗ ſitz ſeiner Würde entſetzt worden war(26. Juli 1417), drangen der Kaiſer, die deutſche und engliſche Nation ernſtlich auf eine Kirchenreform noch vor der Papſtwahl. Dagegen ſtemmten ſich die Kardinäle, und unter ihnen Peter d'Ailly, ſo heſtig er in der am St. Ludwigstage gehaltenen Rede das Verderben der Kirche an⸗ erkannte und gegen die Schwelgerei, die Wolluſt, die Prachtliebe, den Hochmuth, den Geiz der Geiſtlichen eiferte. Das ganze Kar⸗ dinalscollegium proteſtirte aufs Heftigſte am 9. September in einer öffentlichen Seſſion vor Sigismund und allen Nationen. Und als der Kaiſer, der Patriarch von Antiochien und andere Kirchenprälaten mitten unter der Proteſtation die Sitzung unwillig verließen, wurde laut gerufen:„Es iſt billig, daß die Ketzer abtreten!“ Die Kar⸗ dinäle drohten mit einer Sezeſſion und ſetzten in einer neuen Sitzung die volle Verleſung ihrer Proteſtation durch, unter heftigem Streite, trotzig ihre rothen Hüte in die Stirne gedrückt(12. Sep⸗ tember). Der Kardinal Zabarella, der ohnedem am Podagra litt, erhitzte ſich im Streite ſo, daß er nach fünfzehn Tagen ſtarb; er wurde feierlich beerdigt; der Florentiner Poggio hielt ihm die Leichenrede. Sein Name verdient aufbewahrt zu werden; er hatte ſich im Konzil aus Gelegenheit der Reformen für die Prieſter⸗ ehe erklärt. Am Ende fielen die Engländer zu den Kardinälen ab, nur die Deutſchen blieben auf der Seite des Kaiſers, der ſeinen ſchwachen Charakter auch dieſesmal nicht verläugnete, und nach einer Ver⸗ einigung ward beſchloſſen, daß erſt der neue Papſt, aber unver⸗ züglich, die Reform der Kirche beſtimmen ſollte. lit, um in Riſer ſo ti u g. In! ahing die 209 Somit wurde zur Papſtwahl geſchritten und im öffentlichen Kaufhauſe der Stadt Konſtanz, das damals ein noch neues Ge⸗ bäude war, das Conclave eingerichtet. Am 2. November war es fertig. Man zählte für dreiundfünfzig Wähler(worunter drei— undzwanzig Kardinäle), dreiundfünfzig Zellen, die durchs Loos aus⸗ getheilt wurden und jede mit dem Wappen und Namen des Beſitzers bezeichnet waren. Unter Trompetenſchall ward verkündigt, daß ſich dem Conclave Niemand über die ausgeſteckte Diſtanz nähern ſollte, Niemand(nach löblicher Römerſitte) das Haus des neugewählten Papſtes ausrauben. Am 8. November um vier Uhr Abends bezogen die Wähler das Conclave. An der innern Pforte empfing ſie Kaiſer Sigmund, führte jeden an der Hand in das Wahlhaus und empfahl ihnen leidenſchaftloſe Gewiſſenhaftigkeit aufs Drin⸗ gendſte. Bei ſeinem Austritt wurde das Conclave geſchloſſen und ſeine Schlüſſel dem Großmeiſter des Ritterordens von Rhodis und noch einem Fürſten zur Verwahrung gegeben. An der Treppe ſtanden ſechs Geharniſchte und das ganze Haus war mit Wachen umſtellt. Am 9. und 10. November waren die Wahlſtimmen ge⸗ theilt; endlich am 11. gegen eilf Uhr Vormittags wurde, durch Vermittlung der deutſchen Nation, von allen dreiundfünfzig Wählern einſtimmig Otto von Colonna, ein Römer, gewählt, der, weil es gerade Martinstag war, den Namen Martin V. annahm. Die Wahl wurde dem Volke augenblicklich durch einen Officianten, der die zugemauerte Thüre durchbrach, von außen verkündigt. Sogleich ergoß ſich die jubelnde Menge um das Haus; der Kaiſer Sigmund ſelbſt wußte ſich vor Freuden kaum zu faſſen, und vergaß ſchmachherzig darüber ſein Majeſtätsrecht, vermöge deſſen er den Papſt auf der Stelle den Huldigungseid ſollte ſchwören laſſen. Vielmehr, als Martin aus dem Conclave trat und unter dem Zuſtrömen unzäh⸗ ligen Volkes, unter dem Vortritte des geſammten Klerus, des Stadtraths, des Adels, unter Begleitung aller Biſchöfe, Kardinäle und Fürſten auf einem mit Scharlach behangenen Schimmel daher⸗ ritt, um in die Domkirche geführt zu werden, erniedrigte ſich der Kaiſer ſo tief, daß er zu Fuße neben dem reitenden Papſt einher⸗ ging. In der Kirche wurde der Papſt auf den Altar geſetzt und empfing die Adoration der Kardinäle. Dazu tönte der ambro⸗ ſianiſche Lobgeſang. Nach dieſem Akte der Inthroniſation zog Martin feierlich in ſeine neue Wohnung zum Biſchof von Konſtanz. Am 21. November verſammelte ſich die hohe Kleriſei im Bi⸗ ſchofshofe zu Konſtanz. Es war der Krönungstag des Papſtes. Schwab, Vodenſee. 14 210 Morgens nach 6 Uhr beſtieg Martin das gezimmerte, prächtig ausgezierte Amphitheater, das über hundert Menſchen faßte und ſetzte ſich auf ſeinen mit Goldſtoffen behangenen Thron; das andere Gefolge ſetzte ſich auf niedrigere Sitze oder blieb ſtehend. Eine herrliche Muſik ertönte. Der Papſt entblöste ſein Haupt, drei auserwählte Kardinäle warfen ſich ihm zu Füßen; dann ſtand einer von ihnen auf, zündete Flachswerg, das an ein langes Stäbchen gebunden war, an und ſprach: Sancte pater, sic transit gloria mundi!(Heiliger Vater, ſo geht der Welt Herrlichkeit vorüber!) Der Papſt dankte für dieſen Zuruf und nun ſetzten die drei Kar⸗ dinäle und der Großmeiſter des Rhodisordens ihm unter Trompeten⸗ ſchall und kirchlichem Lobgeſange die päpſtliche Krone auf das Haupt. Darauf folgte ein prächtiger Aufzug zu Roſſe. Voran die niedere Kleriſei, der Ritterſtand, Aebte, Biſchöfe, Erzbiſchöfe und Kardinäle, alle auf ſchönen, gleichgeſchmückten Pferden, 245 Perſonen; dann der Papſt Martin in voller Tracht, mit der Tiara und einer rothen, atlaſſenen Mütze, weißem, ſeidenen Kaſſoke, Scharlach⸗ mantel, Pantoffeln mit goldgeſticktem Kreuze. Sein Pferd führte rechts der Kaiſer Sigmund, links der Kurfürſt von Brandenburg. Hernach die Menge. So ging der Zug aus dem Biſchofshof zur Auguſtinerkirche und wieder in den Palaſt zurück. Hier, beim Ab⸗ ſteigen, ertheilte der heilige Vater dem geſammten Volke den Segen. Man hatte von dem neuen Oberhaupte der Kirche N. C. 4418. gute Hoffnungen gehegt: ſie wurden nicht erfüllt. Otto von Colonna war ein leutſeliger, billigdenkender, dabei verſtändiger Mann geweſen; Martin V. wurde ein trotziger, argliſter, verſchmitzter Papſt. Der Hofrath des Kaiſers Sigmund, von Windeck, ſagt von ihm, er ſey der ärmſte und einfachſte Kar⸗ dinal geweſen und der reichſte und kargſte Papſt geworden. Durch ſeine Kanzleiregeln heiligte er alle möglichen Mißbräuche und wäh⸗ rend man von allen Seiten auf die Reform drang, verderbte er die Zeit mit kindiſchen und eiteln Geſchäften. Gegen die Huſſiten wurde mit blinder Strenge verfahren; die Geſandten des griechiſchen Kaiſers, die um Hülfe gegen den drohenden Türken flehten, zogen unverrichteter Dinge ab. Die Reform ſchlief gar ein. Sigismund, der gekrönte Kaiſer, ließ ſich vom Papſfte die goldene Roſe weihen und zum zweitenmale die Krone durch zwei Kardinäle aufſetzen. Nur Johann XXIII. Freilaſſung wurde beſchloſſen und zu Meersburg, am 12. April, wurde auch Herzog Friedrich von Oeſtreich mit dem 211 Kaiſer verſöhnt und empfing einen Theil ſeiner Länder gegen harte Bedingungen zu Lehen. Aber die ſchweizeriſchen Städte blieben freie Reichsſtädte und ſein Stammland, das Aargau, das kyburgiſche Erbe, das Thurgau erhielt der Herzog nicht wieder. Während nun der ehrliche Theil der Verſammlung noch immer auf die Reform hoffte, zog Papſt Martin, nachdem er am Pfingſt⸗ feſte allgemeinen Ablaß ertheilt hatte, Tags darauf, den 16. Mai 1418, mit böſer Eilfertigkeit, jedoch mit großer Pracht ab, reitend, im goldnen Meßgewande, mit weißer koſtbarer Inful angethan, auf weißem, mit Scharlach bedecktem Pferde, unter einem von vier Grafen getragenen Thronhimmel. Und abermals ging Kaiſer Sig⸗ mund zu Fuß neben ihm her und führte den Zelter am Zaum; rechts ging der Kurfürſt von Brandenburg, links Herzog Ludwig von Baiern, hinter dem Pferde, einſam, wie im Triumph auf⸗ geführt, der mißhandelte Herzog von Oeſtreich, dann das Gefolge und eine Schaar von 40,000 Reitern. Vor dem Thore that der Papſt den rothen Mantel und Hut an, ſegnete das Volk und ritt nach Gottlieben; dort empfing ihn der Unterſee, und der Rhein brachte ihn nach Saffhauſen, von wo er nach Genf und Italien reiste. Dem Papſte folgte am 19. Mai der Kurfürſt von Branden⸗ burg; am 21. ſetzte ſich der Kaiſer auf den See und den Rhein und fuhr nach Straßburg; alle Großen folgten und in wenigen Tagen war das mit den Häuptern der Welt beinahe fünf Jahre lang, vom Winter 1414 bis Pfingſten 1418, bevölkerte Konſtanz verödet und hatte kein Denkmal ſeiner Kirchenverſammlung mehr aufzuweiſen, als die Brandſtätte zweier Märtyrer. So endigte die allerfeierlichſte und größte Verſammlung, welche jemals von der abendländiſchen Chriſtenheit gehalten worden iſt. Wenn man die Gräuel, mit welchen ſie ſich befleckt hat, und die zum Theile menſchlicher Verworfenheit und Leidenſchaft, zum Theile der Barbarei der Zeiten, dem Fanatismus und der Verkehrung aller ſittlichen und religiöſen Begriffe zur Laſt fallen, aus dem Auge rückt, ſo wird man ihr nicht alles Lob abſprechen können. Sie hat eine große Wunde der Hierarchie, die Spaltung geheilt; ſie hat den Kanon feſtgeſetzt und ausgeſprochen, daß die allgemeine Kirchenverſammlung über den Papſt ſey; ſie hat endlich ein Dekret gegeben, wodurch, wenn es auch nur bisweilen erfüllt worden wäre, die übrigen und künftigen Uebel verbeſſert werden konnten: „daß eine ſolche Verſammlung alle zehn Jahre gehalten werden 212 ſollte.“ Zwar wäre eine ſo häufige Wiederholung ſchwerlich geeignet geweſen, den Verſammlungen Würde und Kraft zu geben. Aber weil die beſten Einrichtungen durch die Zeit altern, und endlich von den Leidenſchaften entſtellt werden, ſo iſt gut, wenn Epochen und Mittel beſtimmt ſind, wodurch eine freie Verfaſſung ſich ſelbſt erneut. Wäre alle fünſzig Jahre eine Kirchenverſammlung gehal⸗ ten worden, ſo iſt nach dem, was zu Konſtanz geſchehen iſt, zu glauben, daß ſie nicht leicht ohne irgend eine wichtige Verbeſſerung auseinander gegangen ſeyn würde. So aber verſetzte ſich durch ihren Schlummer die Kirche außer alles Verhältniß mit den neuern Umſtänden der Weltverfaſſung, und ging der gewaltſamen Um⸗ wälzung und Trennung entgegen, in welcher beſſere Einſicht, ge⸗ läuterte Frömmigkeit und Freiheitsdrang des Gewiſſens von unten herauf das erzwang, was von oben herab zu geben verweigert oder verſäumt worden war.“ X. Schweizer- und Schwabenkriege. (Nach Chr. 1417 bis 1499.) f. Der Schweizerkrieg. Der Kampf der Eidgenoſſenſchaft des nördlichen Helvetiens um ſeine Freiheit, der das ganze fünfzehnte Jahrhundert durch fortwährte, berührt weniger den Bodenſee, als das Rheinthal. Während das Reich gegen die Huſſiten waffnete, hoffte der Graf Friedrich VI. von Toggenburg durch Unterjochung der Appenzeller Dank zu verdienen. Von Altſtädten und dem Stoß zu⸗ rückgetrieben, war er bei Heriſau glücklicher und drang aufs Neue ins Rheinthal ein; aber ein tiefer Schnee hin⸗ derte ihn, den Sieg zu benützen, und durch die übrigen Eidgenoſſen wurde ein Friede vermittelt, in dem Appenzells Unabhängigkeit anerkannt wurde. Auch die Stadt Konſtanz wollte er im Jahr 1431 vergebens überrumpeln. Im Frieden blieb das Thurgau bei Konſtanz, dem es Kaiſer Sigmund im Jahr 1417 verpfändet hatte, das Rheinthal im engern Sinn und den Bregenzerwald konnte Herzog N. C. 4328. *Vergl. Johann von Müller a. a. O. Fliedrih K belielt det Pangen u krobett hatt Erſt nach f iege. 213 Friedrich wieder an ſich löſen; aber die Herrſchaft Feldkirch behielt der Graf von Toggenburg, der es mit Hülfe der Städte Wangen und Lindau und des Biſchofs von Chur im Jahr 1417 erobert hatte, hartnäckig für ſich und reſidirte ſogar dort. Erſt nach ſeinem Tode konnte Friedrich ſie an ſich löſen. Um das übrige Erbe des Toggenburgers ſtritten ſich eine Menge Herren. Die Sarganſer erklärten ſich für Oeſtreich; da ſie aber bald darauf ihrem alten Herrn, dem Grafen Heinrich von Wer⸗ denberg, dem Sohne des Hans, herausgegeben wurden, ſo traten ſie, erbittert darüber, in eine Landsgemeinde auf der hohen Wieſe zuſammen, erklärten ſich für frei und ſchloſſen mit Zürich ewiges Bürgerrecht(25. December 1436). Darüber entſtand Zwiſt mit den Schwyzern, Werdenbergs Verbündeten. Schwyz und Glarus ſchloß mit dem Grafen Heinrich von Werdenberg für alle ſeine Herrſchaften und Burgen ewiges Landrecht. Nichtsdeſtoweniger be⸗ harrten die Sarganſer im Aufſtande, und wurden durch die Züricher thätig unterſtützt. Der alte Herzog von Oeſtreich zu Inn⸗ ſpruck hatte im Sarganſerlande auf den Burgen Freudenberg und Nidberg zwei gewaltthätige Amtleute. Ihren Muthwillen erklärte Zürich für einen zum Kriege berechtigenden Friedensbruch, brach mit ſeiner Mannſchaft auf, die in Wallenſtadt ſehnlich erwartet erſchien, vor Nidberg zog, wo der Amtmann mit zwölf Knechten lag, und mit ihren Büchſen die Uebergabe erzwang. Dann legte ſich die Macht der Züricher vor Freudenberg, eine ſchöne, feſte, mit Lebensmitteln und allem Geſchütz wohlverſehene, und von einem tapfern Amtmann und ſechs und vierzig Knechten behauptete Burg. Die Züricher ſetzten, trotz böſer Gerüchte von einem drohenden Bürgerkrieg, die Belagerung eifrig ſort, errichteten Galgen vor der Burg und zeigten ſo die Todesart, die ſie erwarte, den Belagerten. Aber der Burgvogt rief ihnen herab, daß er, mit Gottes und ſeiner Geſellen Hülfe, das ſeiner Treue anvertraute Haus Oeſtreich er⸗ halten werde. Nur die Feigheit ſeiner Knechte nöthigte ihn nach ſechs Tagen zu einer ehrenvollen Uebergabe; er zog mit allem Gut frei über den Rhein zu ſeiner Herrſchaft. Die Burg wurde von den Zürichern angezündet; dann zogen ſie wieder heim. Die Sarganſer blieben aufrecht und thaten dem Feinde Schaden, wo ſie konnten. Im Jahr 1438 zog die Jugend von Feld⸗ kirch, in der allgemeinen Geſetzloſigkeit, truppenweiſe auf Raub in der Gegend aus. Die Sarganſer glaubten, dieſe Räubereien würden von den Werdenbergern begünſtigt: ſie aber N. C. 1456. N. C. 4438. hatten mit dem damaligen Herrn von Werdenberg, Wilhelm von Montfort, Frieden. Um nun die Werdenberger zu prüfen oder zu ſtrafen, zogen ſie in einer Winternacht unerwartet, 800 Mann ſtark, bis an die kleine Stadt Werdenberg. Kaum war die erſte Dämmerung angebrochen; die Bürger, vom Waffenlärm geweckt, wähnten, es ſeyen ihre Befreundeten, die Feldkircher, kamen her⸗ aus, freundlich mit ihnen zu reden, und viele wehrloſe wurden von den Sarganſern erſchlagen, die mit Beute beladen wieder davon zogen. Sie ordneten nun ihre innern Verhältniſſe. Aber von ihren Bundesgenoſſen, den Zürichern, wandte ſich die ganze Eids⸗ genoſſenſchaft ab. Schwyz und Glarus verband ſich mit dem Grafen Heinrich von Werdenberg-Sargans, dem vertriebenen Herrn des Landes; dieſer Graf, mit Heinrich von Monfort zu Tettnang, Wolfhard von Brandis und Heinrich von Sax, ſandte den Sar⸗ ganſern Fehdebriefe. Die Schwyzer und Glarner bemächtigten ſich ohne Mühe der Gegend von Wallenſtadt. Stadt und Umgegend flehte um Erbarmen und ſchwur zu dem Grafen. Dieſer vereinigte ſich mit ſeinen Verbündeten, von Vaduz herkommend, am Rhein, mit Thränen der Freude und des Dankes; das ganze Sarganſer Land bat unterwürfig um Gnade. Das Züricher Bürgerrecht ward abgeſchworen; in drei Tagen war alles unterworfen, und allen ward verziehen. Indeſſen hatte Friedrich III. von Oeſtreich den deutſchen Kaiſerthron beſtiegen; von einer Reiſe durch das eidgenöſſiſche Land, ſein Vaterland, zurück, kam dieſer Kaiſer auch an den Bo⸗ denſee, nach Konſtanz, wo er, prächtig empfangen, doch nicht ſehr gnädig verweilte; nach wenigen Tagen fuhr er an ſeines Thurgau's fruchtbarem Ufer den Bodenſee hinauf nach Arbon, wo er von ſeinem Vetter Hans von Lindenberg bewirthet ward; endlich ritt er mit 800 Pferden nach St. Gallen. Vor der Stadt empfing ihn der Rath mit den Schlüſſeln; auf dem Brühl gingen ihm die Jungfrauen und die Geiſtlichkeit mit den Gebeinen der Heiligen entgegen. Er ſuchte hier vergebens die Appenzeller von Schwyz abzuziehen; die Stadt verehrte ihm 800 fl., einen künſtlichen Becher und feine Leinwand. Von da reiste der Kaiſer nach Höchſt, wo er ſich huldigen ließ, und nach Feldkirch. In dem Kriege Zürichs und Kaiſers Friedrich mit allen Eid⸗ genoſſen, wurde das Rheinthal wieder der Schauplatz; die Schwyzer hatten Freudenberg und Nidberg erobert; die Oeſt⸗ N. C. 1aU4. reicher, ſiegreich von Baſel heraufziehend(Mai 1444), bede Ell Geb über den! Fmlöſſich, Nach beide Schlöſſer wieder genommen. Die Eidgenoſſen kamen vom Gebirge herab, beſetzten Altſtädten, ſchwammen bei Montlingen über den Rhein, ſiegten bei Rankwil und Feldkirch, und wü⸗ theten mit Feuer und Schwert im ganzen Thale; hielten beute⸗ beladen in Altſtädten Rath und zogen dann gegen ihre Feinde Heinrich von Sargans und den von Brandis, dem ſie Guoten— berg, die ſchöne Veſte bei Balzers, verbrannten. Am 15. Februar 1445 nahmen ſie Sargans, das Städtchen, das von 600 Mann vertheidigt war, im Sturm, brandſchatzten, raubten und zogen wieder ins Gebirge, wo ſie am Wallenſee in Frieden von einander gingen. Bald aber brachen ſie, als ihre Feinde ſich am Eſtnerberge ſammelten, aufs Neue heraus, und eroberten alles Land über Mels und Sargans bis Ragaz. Auf einmal ertönte das Sturmgeſchrei: der Schwiegerſohn des Sarganſers, Hans von Rechberg, ſey im Anzug mit vielem Volk und ſchon über dem Rhein. Aber die kühnen Eidgenoſſen, Itel Reding an der Spitze, fragten nicht nach der Zahl, gingen ihm entgegen nach Rag az, fielen ihm in ſein donnerndes Geſchütz und ſeine Reiterei, erſchlugen ihm 500, warfen viele in den Rhein und machten reiche Beute. Nach wenigen Wochen mußten ſie jedoch aus Mangel das verheerte Land verlaſſen. In Thurgau wüthete der Krieg mit gleicher Heftigkeit fort. Bei Rheinegg an der Wolfhalden ſchlugen die Appenzeller, an der alten Siegesſtätte, die ſchon fiegreichen Oeſtreicher in die Flucht und erbeuteten viele Harniſche. Endlich jedoch wurden alle Theile der zweckloſen Gräuel müde, und Ludwig, der Pfalzgraf am Rhein, hatte, bei frommem, chriſt⸗ lichen Eifer, ein leichtes Geſchäft auf dem Tage zu Konſtanz, wo er im Glanze der Jugend mit ſeines Hauſes vornehmſten Freunden erſchien, alles zu vermitteln. Fürſten, Herren, Ritter und Boten, welche 2000 Mann ſtark zu Konſtanz verſammelt wa⸗ ren, veranlaßten durch Spiele und Mahlzeiten eine dem Frieden günſtige Stimmung. Er ward am 9. Juni 1446 unterzeichnet; niemand gewann oder verlor. Nur Zürich mußte ſich einige Abtretungen gefallen laſſen, und wurde wieder eid⸗ genöſſiſch. Nach jenem Frieden begab ſich das Gotteshaus zu St. Gallen freiwillig in den Schutz und Bund der Eidgenofſen, und Abt Kaſpar, dem das Kloſter die Verwaltung abgenom⸗ men hatte, verkaufte aus Rache dafür um 1000 fl. der Stadt St. N. C. 1445. N. C. 1446. N. C. 1461. — ESN 1— 216 Gallen die Landeshoheit über einen bedeutenden Bezirk des Stifts⸗ landes. So wurde die blühende, aus der Feuersbrunſt verjüngt emporgeſtiegene Stadt unabhängig und bald durch ihren Leinwandhandel reich. Arbon bewarb ſich um ihr Bür⸗ gerrecht, die Eidgenoſſen nahmen ſie in das ihrige auf. Jene Vogteien verlor ſie indeſſen nach langen Händeln wieder. Sämmtliche Eidgenoſſen fingen jetzt an, ſich als Ein freies Volk zu fühlen. Zu Konſtanz auf dem Jahrmarkte, bei einem Schützenſpiele, zu dem die Stadt viele Herren, Städte und auch die Eidgenoſſen geladen, gerieth ein Luzerner Bauer mit einem Konſtanzer Patrizier in Streit. Dieſer wollte eine neugeprägte Münze der freien Schweiz, einen Plappart(deren 29 auf einen Gulden gingen), nicht annehmen, und ſchalt ſie endlich einen Ku h⸗ plappart. Darüber entſtand ein Auflauf aller Schweizer, indem ſie dieß für eine unerträgliche Beſchimpfung„der freieſten aller Na⸗ tionen,“ erklärten. Luzern brach mit der Stadt Banner auf gegen Konſtanz, in wenigen Tagen folgten die Männer von Uri, Schwyz, Glarus, Zug, Zürich, Bern und Solothurn. Viertauſend Eid⸗ genoſſen waren es, die rachedürſtend ins Thurgau fielen und faſt bis unter die Mauern von Konſtanz rückten. Der alte Biſchof, Heinrich von Hewen, und Albrecht von Say vermittelten. Kon⸗ ſtanz bezahlte den Eidgenoſſen für den Schimpf 3000 fl. So war der Plappartkrieg abgethan, 1458. In dem über Rapperſchwil entbrannten Kriege mit Oeſtreich zogen die Eidgenoſſen 2000 Mann ſtark bei Rheinegg über den Fluß, brandſchatzten den Landſtrich von Dornbüren bis Bregenz und ſtürmten bei Fuſſach das Schloß der Edeln von Mühlegg, die Weiherburg. Ein anderer Trupp plünderte rheinaufwärts in Vaduz. Eine Fürſtenverſammlung zu Konſtanz im Jahr 1460 endigte dieſen Krieg unter dem Vorfitze des Kurfürſten Ludwig von der Pfalz, das Jahr darauf kam Kaiſer Friedrich Ul. ſelbſt nach Konſtanz und beſtätigte den Frieden. Die Eidgenoſſen behielten ihre Eroberungen am Rhein. 2. Die alten Geſchlechter. Von den Grafen von Montfort blühte nur die Linie Tettnang K fröhlich fort. Graf Ulrich richtete in Streitigkeiten der bis 1500. Umgegend; und bielt zu Tettnang einen Tag im Jahr 1459.* Und im Jahr 1431 ſchrieben Hug und Ulrich *Weing. Arch. N. C. 1456. 217 von Montfort einen Bundestag nach Konſtanz aus, um für die Ruhe und Sicherheit unter den Ständen zu ſorgen.“ Von den Werdenbergern blühte Sargans zuerſt ab; hier hatten es Jörg und Wilhelm immer mit Schwyz und Glarus gehalten: von allen Seiten wegen ihres Beſitzes beſtritten und in Schulden ver— ſenkt, hatten ſie endlich im Jahr 1432 das Sarganſerland um 15,000 fl. den ſieben eidgenöſſiſchen Orten verkauft. Von den Be⸗ ſitzungen des Aſtes Werdenberg-Heiligenberg hatte die Dörfer und Höfe Au, Widnau und Luſtnau im Rheinthal ſchon früher der Ritter von Ems gekauft. Der Name des Grafen von Sargans erloſch mit Jörg. Die Linie blühte aber noch in den Grafen von Werdenberg zu Heiligenberg fort, und erloſch erſt mit Graf Chri— ſtoph dem Letzten im Jahr 1534. In Werdenberg ſelbſt be⸗ herrſchte die alte Urgrafſchaft Werdenberg Graf Wilhelm, ein Enkel des Appenzeller Hauptmanns, durch einen Vogt: er löste Wartau wieder ein und überließ beide Herrſchaften ſeinem Toch⸗ termann, dem Grafen Hans Peter von Moſax, der ſie am Ende an ſeine Stiefſöhne, die von Höwen, verkaufte. Die Familie der Freiherrn von Sar erhielt ſich nicht im Be— ſitze ihrer Stammgüter. Ulrich von Hohenſax hatte ſeinem Vetter, dem St. Galler Bürger Mötteli, die Herrſchaft Forſtegg ver⸗ pfänden müſſen; an denſelben war Friſchenberg gekommen, der aber verkaufte die letztere Herrſchaft an St. Gallen und dieſe wieder an den Junker Ulrich von Hohenſar, der an ſeinen Vetter Al⸗ bert von Hohenſax die Erbſchaft Bürglen im Thurgau abtrat (1480), die ſpäter an die von Landenberg und zuletzt an die Stadt St. Gallen kam. Dieſer Ulrich war ein beherzter Mann. Als ſein Vetter Jakob Mötteli von Rappenſtein vom Kaiſer gefangen in Verwahrung ſaß, legte er ſich zwiſchen Konſtanz und Schaff⸗ hauſen auf die Spähe, und gedachte den Kaiſer ſelbſt zu fahen. Er vergriff ſich jedoch an der Perſon und fing nur des Kaiſers Schatzmeiſter; doch erreichte er auch durch dieſen ſeinen Zweck und löste mit ihm den gefangenen Vetter aus.— Das Städtchen Rheinegg war von der herabgekommenen Familie Payer an Ap⸗ penzell verkauft worden, das dem Abt von St. Gallen zum Trotze ſich in deſſen Beſitz erhielt. Auf dem ſchwäbiſchen Seeufer hub ſich beſonders die Familie der Truchſeß von Waldburg durch Herrn Johann, dem im Jahr 1406 die Herzoge von Oeſtreich *Weing. Arch. R 1 7 * 3 218 die Städte und Burgen Waldſee, Riedlingen, Memmingen, Munderkingen, Buſſen ꝛc. um 30,445 fl. überließen. König Rupert machte ihn einige Zeit zu des Reichs Landvogt in Schwaben: dieſe Landvogtei wurde ihm aufs Neue von Kaiſer Sigmund nebſt Oberravensburg auf dem Konzil zu Konſtanz im Jahr 1415 verpfändet. Er wurde ein uralter Mann und erlebte wenigſtens drei Kaiſer.* Sein Sohn Jakob, Landvogt in Schwaben, theilte mit ſeinen Brüdern Eberhard und Georg, und begründete ſo die noch getrennten Linien dieſes jetzt gefürſteten Hauſes. In der Nähe des See's behielt Jakob einen Theil an der Veſte Staufen im Hegau; Georg Waldſee, Mengen, Wurzach und das Schloß Waldburg. In der Landvogtei Ober- und Niederſchwaben wollten ſie wechſeln.* Jakob war Mitglied des St. Jörgenſchilds. 3. Das neue Kloſter Norſchach.— RNoth Uli. Um dieſe Zeit herrſchte im Kloſter St. Gallen ein tüchtiger Mann. Ulrich Röſch(Ulrich VIII.), von der rothen Farbe ſeines Haares und ſeinen rothen Wangen Roth Uli genannt, aus der Stadt Wangen gebürtig, Sohn eines Bäckers, war einſt vom Abt Eglof zum Küchenjungen angenommen worden, hatte Profeß ge⸗ than und war bis zum Abt ſeines Kloſters geſtiegen. Seine niedrige Geburt hinderte ihn nicht, allenthalben Ordnung und Gehorſam unter den Gotteshausleuten einzuführen. Sein Kriegs⸗ volk als Wächter der Eidgenoſſen gegen das Reich im neuen öſt⸗ reichiſchen Kriege, wandelte den See und den Rhein auf und ab, von Rorſchach bis nach Waldshut, eine Bickelhaube auf dem Haupt, Hand⸗ oder Hack⸗Büchſen mit Pulver und Stein auf der Schulter, Habermehl, Thurgauerkäſe und Glarnerzieger nach ſich ſührend. Solcher St. Galliſcher Kriegsnechte lagen je 23 Mann in Rorſchach und in Romishorn. Mit dem Frieden(22. Auguſt 1468) zogen ſie ab und fanden bald in den Burgunderkriegen neues Unterkommen. Dieſen Ulrich, deſſen ganzes Leben That war, der nur Eine Leidenſchaft hatte, den Staat herzuſtellen, beſchäftigte ernſtlich ein großer Plan, der, wenn er gelungen wäre, höchſt einflußreich für unſre Seegegend geworden wäre. Der Zuwachs an neuen Kloſter⸗ geiſtlichen nöthigte ihn zu einem neuen Kloſterbau: Die mächtige, *Pappenheim. Ehr. S. 756. *Ebend. S. 76, 84. wahſlidt th Uli. wachſende Stadt St. Gallen umſchloß allzudrohend das Stift, und Ulrich, ein geborner Städter, kannte den um ſich greifenden, küh⸗ nen Geiſt der Städte. Wie ein Lichtſtrahl kam ihm der Gedanke, mit dem ganzen Kloſter aus dieſem Netz herauszurücken, ehe es geſchloſſen wäre. Er faßte den Entſchluß, mit ſeinem Stifte an den Bodenſee nach Rorſchach zu wandern; eine neue herrliche Ausſicht auf Handel und Zölle eröffnete ſich dort für das Kloſter; auch in politiſcher Hinſicht war die Lage vorzüglich und der Punkt ſelbſt im Fall eines Krieges feſter und ſicherer als St. Gallen durch den angränzenden See. Er legte dem Kapitel mit überzeugender Beredtſamkeit ſeine Gründe vor; dieſes gab ihm vollen Beifall; und nun ward, ohne länger zu zögern, ans Verk geſchritten. Eine große Wieſe bei Rorſchach, in die er das Kloſter ſtellen wollte, ließ er mit einer Mauer umgeben; im Flecken ſelbſt kaufte er zehn Häuſer auf den Abbruch; hier legte er eine Schiffſtelle, ein Grädhaus, zwei Wirthshäuſer und ein Badehaus an. Das Ganze ließ er mit zwei Thoren beſchließen. Der Grundſtein des Kloſters wurde am 4. März 1487 mit großer Feierlichkeit gelegt, und un⸗ ter einem berühmten baieriſchen Baumeiſter, Erasmus Gräſer, ſtieg der Bau empor. Die Koſten übernahm die alte Landſchaft Tog⸗ genburg und das Rheinthal, denn die Gotteshausleute hatten alle eine große Freude an dieſem Plan. Aber Appenzell und St. Gallen ſahen ſcheel zu dem Bau: Rorſchach, ſprachen ſie, wird eine Stadt werden, neue Zölle anlegen, die Herrſchaft über den Bodenſee an ſich reißen, St. Gallen der Heiligenbeine berauben; unſere Stadt wird bedrückt werden, veröden, verarmen. Die Kirche war ſchon ausgebaut, das Kloſter halb fertig, als der Bürgermeiſter von St. Gallen, Ulrich Varnbüler, vor den Abt trat und verlangte, daß er den Plan aufgeben ſollte. Als aber jener ſich nicht daran kehrte, rotteten ſich die von den burgundiſchen Feldzügen her noch kriegs⸗ luſtigen St. Galler, Appenzeller und Rheinthaler, mit unzufriedenen Gotteshausleuten untermiſcht, zuſammen, ſtürzten unter dem Feld⸗ geſchrei:„wohlauf, thut dem h. Gall einen Ehrentagwan!“ den Rorſchacher Berg hinab und warfen ſich auf den neuen Kloſterbau. Bald ſtanden die Kirche, eir Haus, die Scheunen- und Zimmer⸗ hütten in Flammen, die Mauern des Kloſters wurden niedergeriſſen, die zwei Wirthshäuſer geplündert, den Wein tranken ſie auf der Wahlſtatt und zerſchlugen die Fäſſer: erſt am andern Tage kehrten ſie beutebeladen über den Berg zurück. In St. Gallen bedrohete E 75 1. 220 man den Abt und die Geiſtlichen mit dem Tode und ſang Spott— lieder auf den„Rothfuchs von Wangen.“ Der Kloſterbruch zu Rorſchach wurde als ein vom heiligen Gallus gewirktes Wunder⸗ werk geprieſen. Indeſſen langten vom Kaiſer und Papſt(denn die Eidgenoſſen hatten die Vermittlung abgelehnt) die Strafurtheile der Verbren⸗ ner an(1480). Sie ſollten das Kloſter wieder bauen, und wur⸗ den mit dem Interdict belegt. Zur Antwort zogen die Thäter vor das Schloß Rorſchach, ſo daß die vier Schirmorte gegen ſie waffnen mußten. Da kam Uneinigkeit unter die Empörten. Appen⸗ zell zögerte; die Gotteshausleute warfen die Waffen weg, die St. Galler gingen erbittert nach Hauſe; endlich unterwarf ſich Appen⸗ zell und trat das Rheinthal und Hohenſax an die vier Schirmorte ab. St. Gallen wollte nun den Kampf allein beſtehen. Doch bei Annäherung der Feinde floh Varnbüler und die Stadt bat um Frieden. Sie mußten den„Ehrentagwan“ mit 10,000 fl. Koſtenerſatz und einer Abtretung an den Abt büßen; und jetzt ſangen ihre Gegner Spottlieder. Auch die übrigen Theilnehmer wurden zu verhältnißmäßiger Buße angehalten. Abt Ulrich freute ſich jedoch nicht lange ſeines Sieges. Er ſtarb am 13. März 1491. 4. Der Schwabenkrieg. 1496 bis 1499. Kaiſer Maximilian 1. hatte am Bodenſee zu Lindau einen merkwürdigen Reichstag gehalten(1496), und hier die Reichs⸗ kammergerichtsordnung entworfen. Er wollte dieſe Reichsgerichte, die dem Fauſtrecht ein Ende machen ſollten, auch über die Schweiz ausdehnen. Dagegen ſträubte ſich dieſe und rüſtete ſich zum Kriege (1497). Die ſchweizeriſchen Gemeinden am See waffneten und hielten ſich marſchfertig. Der Abt zu St. Gallen, Giel, hielt einen Kriegsrath zu Rorſchach, in deſſen Folge Rorſchach, Steinach und Romishorn 250 Mann Beſatzung erhielt, und an dem letzten Ort ein Bollwerk errichtet wurde: ebenſo lagen das ganze Rheinufer hinauf ſchweizeriſche Wachen in Rheinegg, Bernang, Blatten, St. Margarethen, Forſtegg. Weiter hinauf wachten die Herrn von Sax, von Werdenberg, die Glarner und Sarganſer. Doch brach der Krieg erſt nach zwei Jahren aus, und zwar zuerſt am Bodenſee. Kaiſer Maximilian war am Anfange des Jahres 1499 von Feldkirch gen Konſtanz auf einen feierlichen Reichstag gekommen, und hatte das ganze Reich wider die Eid⸗ genoſſen ermahnt, und nun eröffnete der ſchwäbiſche Bund den Feldyug gee Hardt und bedtoh Gränz or ſſch he ſch ganz i Internahm ihter übet; Bodenfers ibetluden d erſt di ſh in R Mugen du Die E inBuegenz iElufer ſie Wan 22¹ Feldzug gegen die Schweizer, daher heißt dieſer Krieg der Schwa⸗ benkrieg. St. Gallen erneute die Wachen am Schweizerufer des Bodenſees; die übrigen Kantone blieben noch ruhig, bis an den Gränzen von Bündten die Beſatzung des Schloſſes Guten⸗ berg auf das am Schollberg vorüberziehende Schweizervolk ſchimpfte und ſchoß. Nun ſetzte der Schaarenmeiſter Wolleb mit Knechten über den Rhein und verbrannte einige Häufer. Das ſchwäbiſche Kriegsvolk zu Gutenberg und Benderen hingegen zog, dem Hirtenvolk zum Hohne, Kühen Brautkleider an, und lud die Eidgenoſſen, die zu Atzmoos ſtanden, zur Hochzeit. Sechszig Schwabenritter zogen über den Rhein und raubten. An jenem Schimpf aber entzündete ſich das Kriegsfeuer von Bündten bis nach Baſel(8. Febr. 1499). Die Eidgenoſſen zogen mit Toggen⸗ burgern und Sarganſern über den Schollberg aufwärts und nahmen Meyenfeld ein; abwärts mit den Appenzellern eroberten ſie Vaduz ſammt dem Schloſſe, verbrannten Benderen, ließen das Wallgau ſchwören, und zogen das Rheinthal hinab dem Heer der Reichsſtädte entgegen, das ſich, an zehntauſend Mann ſtark, bei Hardt und St. Johann-Höchſt verſammelt hatte und Rheinegg bedrohte. Dort verſtärkten ſich die Schweizer mit dem St. Galliſchen Gränzkordon und tauſend Walliſern; ſie ſchickten 400 Mann Vorhut vor ſich her und folgten mit dem Gewaltshaufen: die Feinde zogen ſich ganz in Hardt zuſammen. Unter muthigem Lärmgeſchrei unternahm die ſchwache Vorhut der Eidgenoſſen den Angriff. Aber der gewaltige Haufe„drückte durſtiglich hintennach,“ ſo daß die Schwaben nicht über fünf Schüſſe aus den groben Stücken thun konnten, da hatten die Eidgenoſſen ihnen ſchon das Geſchütz abge⸗ laufen. Damit erhub ſich das Handgemenge, bis die Kaiſerlichen endlich in die Flucht getrieben wurden. Ein großer Waſſergraben, den ſie ſich zum Vortheil erſehen, ward ihr Verderben; es ertranken ihrer über 500 im Waſſer; viele auch fanden in den Wellen des Bodenſees ihren Tod. Etliche wichen flüchtig in die Schiffe, überluden ſie und gingen ſo zu Grunde. 5000 Schwaben fielen und erſt die Nacht machte dem Blutbad ein Ende. 500 hielten ſich im Rohr des Bodenſees verſteckt und wurden am andern Morgen durch Lindauer Schiffe, doch halb erfroren, gerettet. Die Eidgenoſſen brandſchatzten nach dieſem erſten großen Siege den Bregenzerwald, hinterließen im Rheinthale Truppen und zogen am Seeufer hinab, über Rorſchach, wohin ſie Beſatzung legten, wie eine wandernde Horde, mit erbeutetem Vieh und Hausgeräthe, wüthend gegen die Spötter. Dann lenkten ſie Land einwärts, Heel den Wil zu. kehekn Der erſte Streich war an der oberſten Spitze des Bodenſees abgenom geführt worden; der zweite Schlag fiel an einem ſeiner untern Poen! Winkel. Denn ſchon im März tönte das Sturmgeläute von Konſtanz 15 Giit herauf, wo der Schweizer Macht das Thurgau bedrohte. Wirklich hettnuktt zogen ſie mit großer Macht heran und lagerten ſich in einer feſten und meht Stellung im Schwaderloch, einem lichten Gehölze(denn dies Heiltich bezeichnet der Name), das ſich eine halbe Meile von Konſtanz E ſüdlich hinzieht. Fünfzig St. Galliſche Kriegsknechte hatten ſich J00 ſogar bis vor Konſtanz gewagt. In dieſer Stadt und am deutſchen len Ei Ufer ſammelte ſich eine kaiſerlich⸗ſchwäbiſche Macht aus den Erb⸗ ag Rr landen und den Bundesſtaaten, und endlich zog der kaiſerliche r A, Feldobriſte Graf Wolfgang von Fürſtenberg mit mehr denn Regen her 10,000 Mann aus Konſtanz. Er ſtürmte die Schanzen der Feinde eintich. bei Triboltingen und Ermattingen, überſiel die Beſatzung in der ſut dunt Reichenau und hieb ſie nieder. hlr ene Die dem Mord entronnenen Schweizer flüchteten nach dem un Vun Schwaderloch und baten den dortigen Poſten, beſonders die Luzerner, ſauk. D um Beiſtand. Allein dieſe enthielten ſich noch, im Gefühl ihrer Higel te Schwäche, des Angriffs, und riefen nur durch einige Rauchſäulen überwäl noch mehr Volk zu Hülfe. So ſammelten ſich die nächſtgelegenen Tod; au Eidgenoſſen bis auf 1500 Mann. Dieſe kleine Schaar wagte es, des Eh dem weit überlegenen, mit einer zahlreichen Reiterei verſehenen den Sh Feinde, in den Engpäſſen des Waldes, durch welche er ſich zurück⸗ An. ziehen mußte, einen Hinterhalt zu bereiten; ſie theilten ſich in ihnen l zwei Haufen: 500 Mann beſetzten die Engpäſſe, durch welche der ind ben Feind zurückkehren mußte, die übrigen folgten, im tiefen Still⸗ Veute ſchweigen, durch die Fußwege des Waldes den ſorglos ſchwärmenden tten Feind, überfielen ſeine Nachhut und hieben ſie nieder. Das Fuß⸗ rung at volk des Feindes, in Verwirrung, rief die Reiterei und das Geſchütz ein kaiß zu Hülfe, allein die Stücke waren mit Beute beladen und unbrauchbar gahleßes geworden; die Wagenführer verließen fliehend die zum Raube mit⸗ men, geſchleppten Wagen; kühner drangen die Schweizer einz auch das Uurden Fußvolk floh und ſeinem Beiſpiele folgten die Reiter, alles eilte mithe Konſtanz zu. Da erhub ſich das zweite Gemetzel an den Engpäſſen; Ciätht vorn und hinten ſtanden die Schweizer; den Ausweg hatten die lekt n Wagen verſperrt. Wer konnte, floh nach Konſtanz; aber auch hier Mi Die Schweizer hätten, in ſeinem paniſchen Schrecken, das ganze dl hielt die Flucht nicht ſtille, und viele ſtürzten ſich in den Bodenſee. Luült 223 Heer vernichten können. Allein ihrer geringen Zahl mißtrauend, kehrten ſie auf die Wahlſtatt, und mit der dem Feinde wieder abgenommenen, wie mit neuer Beute beladen, auf ihre alten Poſten zurück. Von den Feinden waren an 2500 geblieben; 15 Stücke, 2 Fähnlein in den Händen der Sieger; ihr Heer betrauerte den Verluſt eines Feldhauptmanns, Burkhard von Randegg, und mehrerer Edeln, worunter ein Heinrich von Randegg und ein Heinrich von Langenſtein. Dies iſt die geprieſene Schlacht beim Schwaderloch. Nach dieſen Erfolgen breiteten die Eidgenoſſen den Krieg nach allen Seiten aus. Die dritte Hauptwaffenthat geſchah zwei Tage nach der ebenerzählten Schlacht, am 20. April, bei Fraſtenz an der Ill, wo der breite und tiefe Waldſtrom der Ill ſich von den Bergen herab ergießt. Dort ergriff, im Getüumel der Schlacht, Heinrich Wolleb, der eidgenöſſiſche Hauptmann, eine Hellebarde, brach damit von der Seite unter die Spieße der Feinde, und hob ihrer eine Anzahl, ſie unbrauchbar machend, ſo lange auf, bis er von Wunden durchbohrt, ein zweiter Winkelried, todt zu Boden ſank. Die feindlichen Reiter wagten es nicht, an der auf einem Hügel tobenden Schlacht Theil zu nehmen. Das feindliche Fußvolk, überwältigt, wandte ſich zur Flucht; viele fanden am Fluß ihren Tod; auch die Reiter folgten; und die Eidgenoſſen blieben Meiſter des Schlachtfelds. Die Blüthe des ſchwäbiſchen Heeres war unter dem Schwerte geſunken. Am untern See machten die Eidgenoſſen einen Einfall in das ihnen längſt verhaßte Hegau, fingen an zu ſengen und zu brennen, und bemächtigten ſich der feſteſten Burgen, in welchen ſie reiche Beute fanden(in Homburg allein 10,000 Goldgulden). Jetzt rückten ſie weiter, vor Stockach; hier aber ſcheiterte die Belage⸗ rung an der Beharrlichkeit der Städter: zudem hatte ſich in Eile ein kaiſerliches Heer bei Ueberlingen geſammelt, von welchem dem abziehenden Schweizerheere 1500 Mann Reiterei auf den Nacken kamen, die mit Mühe von den eidgenöſſiſchen Reitern aufgehalten wurden, bis der große Heerhaufe, mit Gepäck und manchem unnützen Volke beſchwert, durch die Ebene heimeilend, glücklich das Städtchen Stein am Rhein erreicht hatte. Selbſt die Reiter kamen, zuletzt nicht mehr verfolgt, davon. Mittlerweile langte der Kaiſer Maximilian, um den ſich neue Streitkräfte ſammelten, zu Tettnang an, hielt Heerſchau über die Truppen der Reichsſtädte, und ging auf die Nachricht, daß die * — 2 5 5 . * * Graubündtner im Anzuge ſeyen, über Lindau nach Feldkirch, wohin er von allen Seiten Kriegsvolk entbot. Von da zog die Vorhut dem Engadin zu. Aber an der Gränze dieſes Landes, wurden im wilden Münſterthale die Verſchanzungen der Kaiſerlichen geſtürmt, und ihre vorangeeilte Schaar auf der Malſerhaide, durch Feigheit des Anführers und der Reiter, geſchlagen und nur durch die Herankunft des Kaiſers und ſeiner Hauptmacht vor der Ver⸗ nichtung bewahrt. Doch auch der Einfall des Kaiſers ſelbſt in das welſche Bündtnerland mißlang. Der aufreibende Krieg in den Gebirgen ſchwächte ſein Heer: der Hunger entmuthigte es; in eiligem und verworrenem Rückzuge retteten ſich, vereinzelt, die Haufen durch das Rheinthal an den Bodenſee. Der Kaiſer, nachdem er all ſein Volk an den Ufern geſammelt, ſchiffte über den See nach Konſtanz. Ungewiß über die Plane der Eidgenoſſen ſtellte er Fußvolk und Reiterei, eine kräftige zahl⸗ reiche Schaar, vor der Stadt in Schlachtordnung und ließ Geſchütz aufpflanzen. In doppelter Schlachtreihe hielt er ſtille und erwartete den Feind, der in wohlgeſchloſſenen Rotten unbeweglich auf ſeinen Höhen ſtand, und von dort aus einen ehrerbietigen Brief mit billigen Friedensvorſchlägen an den Kaiſer ſandte. Ein Mägdlein überbrachte das Schreiben und harrte im Vorhofe der kaiſerlichen Wohnung zu Konſtanz auf die nicht erfolgende Antwort. Die Kriegsknechte höhnten das Kind mit ſpöttiſchen Fragen, und einer, auf eine kurze und treffende Antwort, griff ans Schwert und drohte ihm den Kopf abzuhauen. Das Kind aber, ohne im geringſten zu erſchrecken, ſprach zu ihm:„du biſt ein wackerer Held, der du einem jungen Mägdlein den Tod androhſt! warum ſtürmeſt du nicht gegen die feindlichen Poſten? gewiß dort findeſt du den Mann, der deinem Trutz wohl ſtehen mag; doch freilich! es iſt leichter, ein unbewehrtes Mägdlein anzufallen, als einen bewaff⸗ neten Feind!“ Der Kaiſer aber fuhr bald darauf nach Lindau, nachdem er ſeinen Hauptleuten in Konſtanz verſtellte Angriffe auf die feind⸗ lichen Schanzen anbefohlen hatte, als ſollte von hier aus ein Haupteinfall ins Züricherland gemacht werden. Die Reiterei ſandte er unter dem Grafen Wolfgang von Fürſtenberg gegen Baſel, das feindliche Land dort zu befehden. Ein Theil ſeines Fußvolkes landete bei Rorſchach, überwältigte nach heißem Kampfe die Beſatzung, und ging, nachdem ſie das Städtchen geplündert und niedergebrannt, wieder unter Segel. Die Einſchiffung aber= chglech kin ähnlichet Shife,d untetſ drohende oom m 90 ſchwan werdel. 6 gegen dem Bruder Ind nachden it bielen e mung f ander Fal 8 Anern, tr In Trauri⸗ Kltochen, Ih inermeß obgleich kein Feind in der Nähe ſich zeigte— geſchah mit ſo flucht⸗ ähnlicher Verwirrung, es warfen ſich ſo viel mit Ungeſtüm in die Schiffe, daß mehrere Waſſer faßten und vom Gewichte beſchwert unterſanken. Als die Fährleute dies ſahen, zogen ſie, um die drohende Gefahr zu mindern, die noch unbeſetzten Schiffe eiligſt vom Ufer. Aber die Landsknechte ſtürzten nach ins Waſſer, viele verſanken und riſſen andere mit ſich in den Schlund, andere ſchwammen an die Schiffe und baten flehentlich aufgenommen zu werden. Endlich wurde die Ordnung hergeſtellt und das Heer war zur ruhigen Einſchiffung bereit: aber die erſchrockenen Seeleute ruderten nicht mehr ans Land. Die Veteranen mit den Haupt⸗ leuten waren gezwungen, die großen, an die Schiffe zu waten, die kleinen, hinüberzuſchwimmen. Wäre auch nur die kleinſte Abtheilung des Feindes in der Nähe geweſen, ſo würden die Schwaben eine furchtbare Niederlage erlitten haben. So aber gelangten ſie, doch nicht ohne ſchmähliche Zeichen der Flucht, glücklich nach Lindau. Am folgenden Tage kam in dieſe Stadt die Schreckensbotſchaft, daß der Graf von Fürſtenberg, der ein Heer von 14,000 Mann zu Fuß und 2000 zu Roß in der Gegend von Baſel geſammelt, gegen den Rath ſeiner Obriſten und Hauptleute, dem Feind auf dem Bruderholz beim Schloſſe Dornach eine wilde Schlacht geliefert, und nachdem er ſein und der Seinigen Leben theuer verkauft, dort mit vielen edeln Herrn und 4000 Mann erſchlagen worden; daß die Eidgenoſſen drei Tage lang auf der Wahlſtatt geblieben und dann erſt in ihre Heimath zurückgegangen ſeyen. Auf dieſe Nachricht wurden die innern Gemächer der kaiſer⸗ lichen Hofburg zu Lindau geſchloſſen; Stille und tiefe Trauer herrſchte in der ganzen Stadt. Vor den Thoren der Kaiſerswoh— nung ſchlichen traurig die Hofherren umher und flüſterten ein⸗ ander die böſe Kunde zu. Aber am Abend öffnete ſich des Kaiſers Pfalz wieder; er ſelbſt, gewöhnt an ſeltene Beherrſchung ſeines Innern, trat heraus, ſpeiste im Freien und zeigte keine Miene von Traurigkeit. Ja, nach beendigtem Mahl, als die Nacht ein⸗ gebrochen, trat er zu einem Fenſter, betrachtete den Horizont, der ſich unermeßlich über dem offenen See wölbte, und redete von der Sterne Natur und Verhältniß, alſo, daß er der empfangenen Niederlage gänzlich zu vergeſſen ſchien. Des andern Tags ſchiffte er nach Konſtanz, keinen Zug der Verſtörung auf ſeinem Geſichte. Schwab, Bodenſee, 15 Der barbariſche Krieg hatte inzwiſchen die gräßlichſte Geſetz⸗ loſigkeit und allgemeinen Mangel zur Folge, ſo daß an einigen Orten die Kinder mit dem Vieh auf die Weide getrieben wurden. Endlich ſtiftete das Bedürfniß zwiſchen den wüthenden Parteien Frieden unter thätiger Vermittlung des Herzogs von Mailand, der ein Tochtermann des Kaiſers war. Zwar wollte Maximilian noch einmal einen Angriff verſuchen: er zog am 13. Juli mit dem Reichspanier und allem Volke prächtig aus der Stadt Konſtanz; einen ganzen Tag lang dauerte der Zug; aber im Kriegsrath wurden die Leute über die Art des Angriffs uneinig, bis der Tag um war: da zog Alles wieder zu den Thoren von Konſtanz hinein in Einer Stunde. Der Kaiſer, in großem Unmuth, ritt zu dem einen Thor hinein, zu dem andern hinaus über die Rheinbrücke. Scham und Zorn ließen ihn keine Nacht mehr in der Stadt zubringen. Er zog durchs Hegau und den Schwarzwald nach Freiburg. Die Fürſten verließen Konſtanz ebenfalls; die Eidgenoſſen rückten bis vor die Stadt und mähten ihr das Korn vor den Augen ab. Auch auf andern Punkten war der Kaiſer unglücklich; nur bei Rheinegg wurde ein Schweizerhaufe durch Grafen und Herrn von Lindau aus in die Flucht getrieben. Aber aus Konſtanz kamen zwei Herolde, ein franzöfiſcher und ein mailändiſcher, ins Schwaderloch und ſchloſſen auf 8 Tage Waffenſtillſtand. Zwar arbeitete Frankreich gegen den Frieden. Die Konſtanzer machten noch einige unglückliche Ausfälle, die Bundesleute kamen von Lindau über den See nach Konſtanz und wurden geſchlagen. Dennoch kam endlich der Friede zu Baſel am 22. September 1499 zu Stande. Konſtanz trat den Blutbann und das Landgericht im Thurgau an die Eidgenoſſen ab. Am obern Rhein verkaufte ein Edelmann um den Andern ſeine Güter an eben dieſelben; die Herren von Höwen die Herr⸗ ſchaft Werdenberg an Glarus. Nur Hohenſax blühte noch unter Ulrich, dem redlichen Eidgenoſſen im Schwabenkrieg. Er focht auch in den mailändiſchen Feldzügen muthig als Obriſt, und als Geſandter leiſtete er den Freunden am kaiſerlichen und fran⸗ zöfiſchen Hofe ſo weſentliche Dienſte, daß die acht ältern Kantone aus Dankbarkeit ihm die höhern Gerichte im Dorfe Sar, in Fri⸗ ſchenberg und in der Oberlienz ſchenkten. 9 zu dem v kruutt, u 11. Das Veformations⸗Jahrhundert am See und im Rheinthal. 1. Der Bauernkrieg. Die Kriege, die der Kampf um bürgerliche Freiheit erregte, drangen von der Schweizerſeite her und ſetzten daher zunächſt auch das Schweizerufer unſers Sees in Bewegung. Der Sturm, den die Glaubens- und Gewiſſensfreiheit anfachte, wehte von Deutſchland herein; ſo werden wir die Scene wechſeln ſehen, und auch das ſchwäbiſche Seeufer, das bisher faſt immer friedlich und unbewegt vor unſern Augen lag, wird in dieſem und dem folgenden Jahrhunderte der Schauplatz großer Bewegungen und endlich furchtbarer Kriegsunruhen werden. Doch bleibt auch das jenſeitige Ufer nicht ruhig und das neue Ferment der Religions⸗ gährung wirkt dort um ſo ſchneller und kräſtiger, als es ſich nur zu dem verwandten Stoffe bürgerlicher Gährungen zu geſellen braucht, um entſchiedener Alles zu durchdringen. So hatte denn die Reformation faſt mit ihrem Aufſproſſen in Deutſchland die Wurzeln auch auf das Schweizerufer nach St. Gallen hinüberge⸗ trieben. In dieſe Stadt war einer ihrer jungen Mitbürger, Joachim von Watt oder Vadian, von der deutſchen Univerſität Wien, wo er Medizin ſtudiert und Philoſophie gelehrt hatte, ein Mann voll Geiſt und Wiſſen, ums Jahr 1518, mit Luthers Lehr⸗ ſätzen im Kopf und Herzen, und des Reformators erſten Schriften in der Taſche nach St. Gallen zurückgekommen; zur ſelben Zeit kamen Züricher Studenten aus Wien mit gleichen Anſichten in ihre Vaterſtadt zurück; Luther ſandte ſeine Bücher friſch aus der Preſſe nach Zürich und St. Gallen und briefwechſelte mit dem gewonnenen Zwingli. Ein Sattlergeſelle, Joh. Keßler, hatte auf ſeinen Wanderungen Luthers und Melanchthons Vorleſungen gehört, kam im Jahr 1523 als evangeliſcher Miſſionär N. C. 1523. zurück und zog predigend am Seeufer und im Rheinthal * S. Sartorius Geſchichte des Bauernkriegs.— Materialien zur G. d. B. — Pappenheims Chronik.— Einen Theil der Notizen zu dieſem Abſchnitte verdanke ich Pfiſters handſchriftlichen Mittheilungen aus dem Wein—⸗ gartner Archiv. hin und her. Zwei fremde Ehrenprediger aus Memmingen und Waldshut verbreiteten, mit Vadians Unterſtützung, die neue Lehre in St. Gallen. Bald war der Stadtrath lutheriſch geſinnt, der Abfall der andern Kantone machte ihn kühn, und der katholiſche Gottesdienſt in der Stadt wurde allmählig in ſeinen Einzelheiten angegriffen. Im Sarganſerlande, zu Murg, hielt im Jahr 1523 der Prieſter eines Sonntags die Meſſe: da ging eine Jungfrau um den Altar, wie ein ander Weib, das zur Ehe gegriffen, kniete vor ihm nieder und er ſprach zu ihr vom Altar herab:„Biſt du eingedenk, wie wir einander zu Zürich genommen haben?“ Sie ſprach:„ja!“ Darauf ſagte er:„biſt du beſtändig, ſo begehre ich deiner zur Ehe.“ Deß nahm er die Umſtehenden zu Zeugen, genoß das Sakrament und reichte es auch der Jungfrau. Der Pfarrer wurde zwar mit des Volkes Beifall gefangen geſetzt, aber die evangeliſche Lehre fuhr fort unter der Aſche zu glimmen, und ehe zwei Jahre verfloſſen, war das ganze Land Sargans vom alten Glauben gewichen. So hatte die Reformation ſchon einen Brennpunkt jenſeits des Sees, als auf der deutſchen Seite die neue Lehre in den dunkeln Häuptern der Bauern wie ein plötzlicher Strahl zündete, und zur furchtbaren und unbeherrſchten Flamme wurde. Doch war die Reformation nur eine mitwirkende und keines⸗ wegs eine Haupturſache der wichtigen, wenn gleich erfolgloſen Begebenheiten, die wir unter dem Namen des Bauernkrieges zuſammenfaſſen. Die neue Lehre beleuchtete vielmehr nur den beklagenswerthen Zuſtand, in welchem ſich der deutſche Bauer um jene Zeit befand, und den er bisher mit ſtumpfer Ruhe ertragen hatte. Fürſten, Edelleute und Geiſtliche übten ein Eigenthumsrecht über den Unterthan, das ſich bis auf ſeine Perſon und ſein Vermögen erſtreckte. Auch die beſten Fürſten konnten bei der Unab⸗ hängigkeit und Freiheit des Adels und der Geiſtlichkeit ſich des Bauern nicht annehmen, ſein Wohl nicht beſorgen, Verträge nicht ſchützen oder abändern. Von den Landtagen, wo nur Adel, Pfaffen und Städte rathſchlagten, der arme Mann keinen Sitz hatte, konnte dieſer keinen Schutz erwarten. Die Reichsgerichte, dieſes treffliche Inſtitut Maximilians, waren noch zu neu und ungewohnt, zu beſchäftigt mit Anderem; der Bauer zu arm, der Weg der Juſtiz zu weit und zu koſtbar. Selbſt von der Gnade und Barmherzigkeit ſeiner Herrn hatte der Bauer nichts zu hoffen. Der Adel jener 03579 Hurtten 229 Zeit hatte die ritterlich edle Bildung, die liebenswürdige Menſch⸗ lichkeit, die milden Gefühle, die wir an ihm, beſonders in unſern Gegenden, wenige Jahrhunderte früher in den zarteſten Liedern bewunderten, ausgezogen; er war ungeſchlacht und barbariſch ge⸗ worden; tapfer war er noch immer, aber voll Rachſucht, unmenſchlich gegen Niedrige, ſittlich nicht gebildeter als ſein Bauer, verwildert durch das herrſchende Laſter der Trunkenheit. Die Bedürfniſſe der Großen waren geſtiegen und durch den ausgebreiteten Handel Deutſchlands genährt; neue Steuern mußten aufgelegt werden, um ein fürſtlich oder ritterlich Gepränge führen zu können; dieſe laſteten auf den Speiſen, auf den Lieblingsgetränken des Bauern: Adel und Geiſtlichkeit konnten nicht beſteuert werden. Die geringe Erleichterung, die in den perſönlichen Verhältniſſen des gemeinen Mannes eingetreten war, die kleine Erweiterung ſeiner Eigen⸗ thumsrechte, die Viertelsfreiheit, mit der man ihn hier und dort beſchenkte, dienten nur dazu, ihn aus dem dumpfen Schlummer völliger Sklaverei zu wecken, ihm anſtatt der ſchimpflichen Sorg⸗ loſigkeit des Leibeigenen, zu der Laſt ungemeſſener Frohnen und Gefälle auch noch die Sorge für ein kärgliches Eigenthum aufzu⸗ bürden. An die Stelle der kraftlos beſtehenden Lehensverbindung waren, bei den, trotz des Landfriedens fortdauernden Fehden der Herren, koſtbare und zügelloſe Söldner getreten. Neue Abgaben, Quartiere, Bedrückungen kamen durch ſie an die Tagesordnung. Die Beſiegten wurden unmenſchlich behandelt, die Straßen waren unſicher, die wehrloſe Hütte des Landmanns war nicht weniger den adeligen Nachbarn als den Söldnern und Landsknechten preisgegeben, zu allem dem kam noch der Unwille über die Bedrückungen, das ſchamloſe Leben einer reichen und übermächtigen Geiſtlichkeit und das Mißvergnügen der vom höchſten Flor ſchon herabgekom⸗ menen Städte, in welchen die Bürger mit der Obrigkeit unzu⸗ frieden waren, und deren Geſammtheit ſich ſtark fühlte, ſelbſt gegen Fürſten und Herren. An ihrer Unzufriedenheit und ihrem Trotze fanden hier und dort die Bauern beim Ausbruche der Empörung Bundsgenoſſen. Einen vielleicht nicht geringeren Einfluß, als das erwachende Bewußtſeyn des allgemeinen Elends, hatte auf die Gährung der Gemüther die errungene Freiheit eines armen, vormals verachteten Volkes, der Schweizer, die zuerſt gezeigt hatten, daß auch armſelige Fußvölker ſtolze, bepanzerte Ritter beſiegen können, und die, obgleich durch die Regierung getrennt, durch Sprache, Sitten und 230 Gebräuche, beſonders mit Oberdeutſchland noch immer Ein Volk ausmachten. Und gerade nicht allzuferne vom Bodenſee war es, wo— wohl mit geheimer Hoffnung eidgenöſſiſchen Beiſtandes— die Rebellion zuerſt ausbrach. Dieſe Gegend hätte, ſelbſt wenn der planloſe Aufruhr planmäßig verfahren wäre, nicht beſſer gewählt werden können: ſie war in ſo viele kleine Beſitzungen zerſtückelt, wo das mannigfaltigſte Intereſſe der Herren und Unterthanen ſich kreuzte, ſie lag zwiſchen zwei Rebellionen, der geglückten in der Schweiz, der kaum unterdrückten in Württemberg. Wirklich zeigte ſich auch hier der Auſſtand offen, während er im übrigen Deutſch⸗ lande nur noch im Verborgenen keimte. Namentlich ging von der Nachbarſchaft das famoſe Manifeſt der Bauern, die zwölf Artikel der Bauernſchaft aus, die das Loſungswort aller Aufrührer wurden; auf welche ſie Eide abnöthigten; welche ſie Fürſten, Grafen und Herren zur Annahme zuſchickten; welche Luther ſelbſt mit einer Vermahnung an Fürſten und Bauern wieder abdrucken ließ. Tag, Ort, Verfaſſer ſind nicht unterzeichnet; wahrſcheinlich erſchienen ſie zu Anfange des Jahres 1525 mit dem Hauptausbruche der Empörung; man hat ſie, ohne hinlängliche Gründe, bald Thomas Münzer, bald dem unglücklichen Johann Hügli oder Heuglin, der zu Meersburg zwei Jahre darauf verbrannt wurde(ſ. unten), zugeſchrieben; höchſt wahrſcheinlich aber ſind ſie von Chriſtoph Schappler, der aus St. Gallen gebürtig und Prediger zu Memmingen war, verfaßt; er entkam ſpäter den Nachſpürungen des ſchwäbiſchen Bundes glücklich in ſeine Vaterſtadt, heirathete dort und lebte allgemein beliebt. Jene Artikel ſind mit viel Einſicht, Beſonnenheit und ſelbſt Mäßigung abgefaßt; und obgleich gerade dieſe Schrift der Rebellion viele Tauſende gewonnen, ſo ſcheint doch Aufſtand des Verfaſſers Abſicht nicht geweſen zu ſeyn. Die Artikel behaupten, „daß die Bauern nichts verlangen, als nach Gottes Wort regiert zu werden. Ihre demüthige Bitte, aber auch ihr Wille und Meinung ſey, daß jede Gemeinde ihren Pfarrer, der ihr das heilige Evangelium lauter und klar predige, ſelbſt ſoll wählen dürfen; ihm gebühre der Kornzehente, und was davon übrig bleibe, den Armen.“ Sie klagen über den Brauch,„daß man ſie bisher für eigene Leute Ceibeigene) gehalten, welches zum Erbarmen ſey, da Chriſtus den Hirten gleich als den Höchſten, keinen aus⸗ genommen, mit ſeinem koſtbaren Blut erlöst habe.“ Auch dünkt 231 es ihnen„ganz unziemlich und unbrüderkich, daß kein armer Mann Gewalt haben ſolle, Wildprät, Gevögel oder Fiſch im fließenden Waſſer zu fahen; daß die Bauern leiden und dazu ſchweigen ſollen, daß die Obrigkeit das Gewild ihnen zum Trotz und mächtigen Schaden habe, und die unvernünftigen Thiere das Ihrige verfreſſen.“ Doch wollen ſie Keinem das Waſſer oder Anders mit Gewalt nehmen, auf das er ein Eigenthumsrecht mit genugſamer Schrift beweiſen mag. Auch die Gemeindeholzungen reklamiren ſie für den Bauern, bitten um ein gnädiges Einſehen in die allzuharten Dienſt⸗ leiſtungen, um Zurückführung der Abgaben, Frohnen und Gilden auf den alten Fuß, billigere Strafen(nicht wie bisher, nach Neid und Gunſt), ſie fordern die Aecker zurück, die einſt ganzen Ge⸗ meinden gehört(wie die Gracchen zu Rom); es ſey denn, daß ſie redlich erkauft worden und in andere Hände gerathen: in ſolchem Falle ſoll man ſich gütlich und brüderlich mit einander vergleichen. Den Todfall(eine höchſt läſtige Abgabe) wollen ſie abgethan wiſſen; endlich wenn ihnen eine ihrer Forderungen als ſchrift⸗ widrig ſollte nachgewieſen werden können, ſo ſoll ſie von Stund an todt und ab ſeyn. Dieſer Schrei der deutſchen Bauernſchaft, in Geſtalt einer chriſtlichen, demüthigen Vorſtellung ging von unſrer Gegend aus, und durfte in den großen, geſchichtlichen Erinne⸗ rungen, welche ſich an die letztern knüpfen, nicht vergeſſen werden. Aber dieſer friedlichen Auseinanderſetzung von Forderungen, welche ſeitdem die Zeit alle gewährt hat, waren leider ſchon lange drohende Gewaltſchritte, nicht ferne vom ſchwäbiſchen Ufer des Bodenſees, vorangegangen. Schon im Jahr 1523 zogen die„im Evangelium gar ertrun⸗ kenen Bauern“(ſo klagte man im Kloſter zu Weingarten) aus den Dörfern herein und begingen Kirchenraub. Im folgenden Jahre wälzte ſich der ganze Strom des empörten Landvolkes durch Oberſchwaben, dem Bodenſee und der Schweiz zu. Zürich und Schaffhauſen baten die herannahenden Schaaren, ihre Gränzen nicht zu berühren:„Wir ziehn,“ war die Antwort,„herum, wie die Krähen in der Luft, wohin Gottes Wort, der Geiſt und unſre Nothdurft uns hinweist.“ Die Stadt Konſtanz fürchtete ſie ſo, daß ſie eilig Wall und Gräben ausbeſſerte, zumal da die Bauern Petershauſen zur Theilnahme eingeladen hatten, und im Thurgau die Bauern ihre Bärte hatten wachſen laſſen und ſchwuren, ſie nicht zu ſcheeren, bis ſie Freie geworden wären. Bald war das ganze Schweizerufer und das Rheinthal in Aufruhr; allenthalben 2 verweigerten die Landleute den Zehnten und zogen auf Beraubung der Klöſter aus; doch ſetzten die ſchnellen und ſtrengen Maßregeln der katholiſchen Stände hier dem Aufruhr durch Thurmſtrafen und Geldbußen, wo es Noth that, ſelbſt durch Hinrichtungen ein frühes Ziel. Nicht ſo bald ward der Bauernaufruhr am deutſchen Ufer und in Oberſchwaben gedämpft. Im Auguſt 1524 hatten ſich die Bauern in der Landgrafſchaft Stühlingen gegen ihren Herrn, den Grafen von Lupfen, empört; doch wurde die Sache in Güte beigelegt. Am erſten Tage des Jahres 1525 waren die Bauern des Abts von Kempten aufgeſtanden, hatten ſein Kloſter überfallen, ihn belagert, gefangen und gegen große Opfer freigegeben. Dieß Bei⸗ ſpiel reizte alle Nachbarn. An drei verſchiedenen Orten im Hegau, Algau und am Bodenſee ſtanden die Bauern der Gotteshäuſer, der Grafen von Montfort, der Truchſeſſen von Waldburg und andrer geringerer Edelleute auf und nannten ihre Haufen nach jenen Ge⸗ genden. Ihr anſehnlichſter Trupp, der baldringiſche Haufen genannt, deſſen Zahl in wenigen Tagen auf 18,000 Mann geſtiegen war, lag bei Laupheim zwiſchen Ulm und Biberach. Der ſchwäbiſche Bund verſammelte ſich eilends zu Ulm und beſchloß, Geſandte an die Bauern abzuſchicken. Sie erhielten die Antwort, daß die Bauern Niemand beleidigen, daß ſie nur das Evangelium handhaben wollten und den göttlichen Rechten Beiſtand thun. Der Bund verſprach mit ſchönen Worten Alles, was recht und billig ſey, aber er be⸗ ſchloß zugleich das Aufgebot einer allgemeinen, eilenden Hülfe an alle Mitglieder. Er war damals noch in ſeiner beſten Kraft, beſtand aus den angeſehenſten Herren und Städten, hatte durch die Be⸗ ſtrafung Herzogs Ulrich von Württemberg eine Probe ſeiner Macht und Autorität gegeben. Die vielfältigen Lager der Bauern in Schwaben, die allenthalben offene Empörung rechtfertigten ſeine Schritte. Dennoch zeigte ſich— während die Bauern überall ein Geiſt belebte— Schläfrigkeit und Saumſeligkeit bei den Bundes⸗ gliedern, von welchen manche den Aufſtand der Landleute nicht für ganz unrecht hielten, ja die proteſtantiſchen ihn als eine wohlver⸗ diente Züchtigung der geiſtlichen Herren anſahen. Doch was den einzelnen Mitgliedern an uneigennütziger Theilnahme abging, das erſetzte dem Bunde Privathaß und Rache. Es hatte nämlich der Bund den Herrn Georg Truchſeß von Waldburg zum ober⸗ ſten Feldhauptmann beſtellt, einen ſtrengen Katholiken, ſtolz auf Degen uu er ſcen 233 Degen und Geburt, den Wiſſenſchaften abhold, ſo fehdeluſtig, daß er ſchon als 16jähriger Knabe vom Schweizerkriege, dem er im Lager der Ritter nachlief, mit Gewalt zurückgeholt werden mußte, höchſt tapfer und kriegserfahren, aber rachſüchtig und grauſam. Dieſer Mann war in Herzogs Ulrich von Württemberg Dienſten geſtanden und jetzt ſein abgeſagter Todfeind: des Kaiſers Diener und Schützling, des Königs Ferdinand perſönlicher Bekannter. Die Wahl des Bundes hätte, den Zweck zu erreichen, nicht beſſer fallen können, denn noch ehe der neue Feldhauptmann die Bundeshülfe zuſammengebracht, ſetzte ſich Herzog Ulrich mit den Bauern in Ver⸗ bindung, nahm 15,000 Schweizer in Sold, um ſein Land wieder zu erobern und rückte mit dieſer Heeresmacht gen Stockach. Dieſes Unternehmen ſeines Todfeindes ſteigerte die geiſtige Kraft des neuen Bundesfeldherrn Truchſeß, obgleich ſeine Mittel noch gering waren. Er ſchickte dem Herzog einen Abſagebrief zu, griff ihn, nur 500 Pferde ſtark, im Hegau, in kleinen Scharmützeln an und verſetzte ihm einen Streich, durch den er 300 Schweizer auf einmal erlegte. Im Schrecken über dieſes Ereigniß liefen gegen 3000 Mann des herzoglichen Heeres in die Heimath, der Herzog verließ die Gegend; indeſſen zog er ſeinem Lande zu und, ohne Widerſtand zu finden, auf ſeine Hauptſtadt Stuttgart los. Aber der Truchſeß, deſſen Bundesvölker ſich von allen Seiten vermehrten, folgte ihm und ſchlug ihn von dieſer Stadt weg. Im Kloſter Rothenmünſter, bei Rottweil, mußte ſich Ulrich vor ſeinen eigenen Truppen, die un⸗ bezahlt ſich gegen ihn empörten, durch einen Sprung über die Kloſtermauer retten; die Schweizer gingen nach Hauſe und der Herzog verließ ſein Land. Das unglückliche Hegau war bald nach des Herzogs Abzug durch den Bauernaufruhr in neue Noth gekommen. Zwar hatten die Ueberlinger auf Oeſtreichs Anſuchen am 22. Februar 500 rüſtige Männer in die Stadt Stockach gelegt; aber ſchon im März empörten ſich die eigenen Unterthanen Ueberlingens und forderten die Stadt zur Uebergabe auf; allein dieſe wehrten ſich mit der größten Un⸗ erſchrockenheit, und als die Aufrührer von Ueberlingen nichts aus⸗ richteten, zogen ſie ſich landeinwärts. Mittlerweile ſpielten die Bauern, nachdem ſich ihre Unterhand⸗ lungen mit den Abgeordneten des zu Eßlingen ſitzenden Reichsraths und des ſchwäbiſchen Bundes zu Ulm zerſchlagen hatten, auch im Algau den Meiſter, gewannen die Bürger von Memmingen und bemächtigten ſich dieſer Stadt. Die Unterthanen Herrn Georgs 5 * ſelbſt ſtanden wider ihn auf, 5000 Mann ſtark, und verlangten, er ſolle die Bundeshauptmannſchaft aufgeben; ſie nannten ſich den unteralgauiſchen Haufen und ſetzten ſich einen Pfaffen Namens Florian, der Georgs Lehensꝛnann war, zum Hauptmann. Jetzt rückte der Truchſeß mit ſeinem Heere über Ulm wieder unſrer Gegend zu, ſeine Fußknechte befehligte der Graf Wilhelm von Fürſtenberg und unter ihm Georg Staufer; Oberſter der Reiter war Froben von Hutten; Hauptmann des Rennhaufens Joſeph von Laubenberg. Oeſtreich, Baiern, der Pfalzgraf, Heſſen, alle Biſchöſe, Prälaten, Grafen und Städte hatten Zuzug ge⸗ ſandt, das ganze Bundesheer mochte 8000 Mann ſtark ſeyn, darunter 2000 Reiter. Voran zog die Rennfahne und der Vortrab, den Truchſeß ſelbſt an der Spitze, dann kam die Schützenfahne, der Oberſtquartier-, der Oberſtfeldzeugmeiſter, einiges Feldgeſchütze; dann der verlorne Haufe zu Fuß; drei Reiterſchwadronen; dann das grobe Geſchütz, der Gewalts⸗ haufen zu Fuß, zween Haufen zu Pferde, die Wagenburg, der Troß; den Beſchluß machte ein Haufen Reiter. In dieſer Marſch⸗ ordnung ſtieß der Truchſeß auf die Bauern an der Donau, zer⸗ ſtreute ſie, eroberte die Städte, die ſie beſetzt hielten und ließ die Rädelsführer enthaupten. Inzwiſchen unterſtanden ſich die Bauern des Illerthals, ſeine Schlöſſer Wald ſee, in dem ſein beſtes Geſchütz, und Wolfegg, in dem ſeine Frau und ſeine Kinder waren, zu belagern. Eine Meuterei, unter ſeinem Fußvolk ausgebrochen, raubte ihm acht Tage Zeit; ein Haufe ſeiner adeligen Freunde, die ſich erboten, Wolfegg zu entſetzen, konnte nicht durchdringen und war genöthigt, ſich in das Schloß Waldſee zu werfen, wo nun auch ſie von den Bauern belagert wurden. Dieſes Schloß war ſchlecht mit Lebens⸗ mtteln verſehen und ergab ſich unter Vermittlung der Stadt Wald⸗ ſee. Wolfegg wehrte ſich fortwährend, bis endlich Georg mit ſeinem Heere nahte und bei Effendorf einen Schwarm von 800 Köpfen zuſammenhieb. Auf dieſes huben die Bauern, unter Florian, 8000 Mann ſtark, die Belagerung Wolfeggs auf und N. E. 1528. zogen gen Wurzach. Der Truchſeß ſetzte ſich am Char⸗ freitage gegenüber von dieſem Städtchen mit achtzehn Feldſchlangen, ſtellte ſein Heer in Schlachtordnung und ließ dann den Bauern durch einen alten Mann, den er gefangen, noch einmal Gnade anbieten, wenn ſie den Pfaffen Florian herausgeben und Wehr und Waffen ablegen wollten. Da aber die Bauern gerade 235 1500 Mann Verſtärkung erhalten hatten, blieben ſie taub gegen ſeine Vorſtellungen. Schneller wirkte das dreimal auf ſie abgefeuerte Geſchütz, das ſie alsbald auseinander, theils in das benachbarte Ried(Sumpf), theils in den Wald trieb. Hier waren ſie ſicher: denn die bündtiſchen Reiter konnten in dem Riede nicht fortkommen, und dem Fußvolke war nicht recht zu trauen. Der Truchſeß begnügte ſich daher, einen Theil der Reiter über das Flüßchen Ach zu ſchicken und dieſe ſtachen noch viele Bauern nieder. Er ſelbſt legte ſich vor Wurzach, zwang die darin befindlichen vielen Feinde zur Uebergabe und ließ ſie ſchwören, kein Gewehr mehr zu tragen. Der große Haufe der Bauern hatte ſich inzwiſchen fliehend bei Gaisbeuern mit einer andern, 10,000 Mann ſtarken Schaar, die von Weingarten herkam(es waren dieſelben, die früher Ueber⸗ lingen belagert hatten) vereinigt. Dieſe waren auf einer An⸗ höhe ſehr vortheilhaft gelagert, vor ſich einen Sumpf, über ſich ihr Geſchütz. Am folgenden Tag erreichte ſie der Truchſeß, beſetzte die entgegenſtehende Höhe und ſchoß den ganzen Tag auf ſie. In der Nacht ſchickte er einen vertrauten Knecht ins Lager des Feindes und ließ ein Haus darin anzünden, um bei dem Scheine der Flammen zu ſehen, was dort vorgehe; denn er fürchtete einen Ueberfall. Dieſer Brand ſchreckte die Bauern ſo ſehr, daß ſie von Stund' an durch den Altdorfer Wald nach Weingarten über die Schuſſen mar⸗ ſchirten. Denſelben Tag kam Graf Hugo von Montfort, der jüngere, mit dem Ritter Gremlich von Jungingen und zwei Abgeordneten des Ravensburger Rathes ins Lager des Bündiſchen und verlangte, das Blutvergießen zu verhüten, einen Waffenſtill⸗ ſtand. Der Truchſeß wollte einwilligen, wenn ſich die Bauern unterwürfen, Gewehr und Fähnlein herausgäben; allein dieſe, nur Zeit zu gewinnen trachtend, denn der Zulauf zu ihnen aus den Bergen war hier ſehr groß, brachten neue Bedingungen auf die Bahn. Indeſſen rückte der Truchſeß bis gegen Weingarten vor und beſetzte die Höhe; auf der andern lagen die Bauern. Aufs Neue begann das Feuer des Geſchützes. Als nun hier der Bun⸗ deshauptmann laut erklärte, daß, wenn an dieſem Tage der Vertrag nicht abgeſchloſſen würde, er noch in der Nacht den Flecken Wein⸗ garten in Brand ſtecken werde, ſo ließen ſich endlich die Bauern durch die genannten Mittelsmänner zu einer Ueberein⸗ kunft von fünfzehn Punkten bewegen. Vermöge dieſes N. C. 4525. feierlichen Vertrages machten ſich die Bauern des Algaus 22. April. und des Bodenſees anheiſchig, ihrer Verbindung unter 236 ſich zu entſagen, Fahnen und Waffen niederzulegen, jeder in ſeine Heimath zu gehen, die eroberten Oerter auszuliefern, alle alten Pflichten bis zum vollen Austrag ihrer Beſchwerden zu leiſten. Jede Partei ſollte einen Obmann vorſchlagen, welche Ob⸗ männer an einem unabhängigen Ort über die Klagen zu richten hätten. Allgemeine Amneſtie wurde bedungen. Von Strafe und Erſatz* war nicht die Rede. Dieſer für die Bauern günſtige Vertrag beweist ihre Furchtbarkeit in unſrer Gegend und daß ihnen der Truchſeß nicht ganz gewachſen war.„Er bedachte die merkliche Fährlich⸗ keit, Schimpf und Spott, der daraus erwachſen möchte,“ ſagt ein Zeitgenoſſe. Während dieſes am Bodenſee vorging, ſiegten die Bauern im württembergiſchen Unterlande bei Weinsberg über die Edeln und befleckten ihren Sieg durch die empörendſten Grauſamkeiten. Durch die allbekannte barbariſche That wurden ſie dort ſo übermüthig, daß der Bund nichts Schleunigers zu thun hatte, als den Truchſeß gegen ſie aufzubieten. Allein zu gleicher Zeit kam dieſem andere, dringende Botſchaft von der Stadt Radolphszell am Unterſee, wo alle öſtreichiſchen Räthe und der ganze Adel vom Hegau von den Bauern eingeſperrt und hart geängſtigt waren. Georgs eigene Meinung war, vor allen Dingen hier im Rücken Ruhe zu ſchaffen; allein wiederholte Befehle des Bundes trieben ihn ins Württembergiſche und ſo konnte er den Radolpszellern nur 500 oͤſtreichiſche Reiſige zu Hülfe ſchicken; ebendahin ſandte der Biſchof von Konſtanz 50 Mann. Der Truchſeß ſelbſt zog mit dem ganzen Heere ab und einer furchtbaren Rache zu. Seine Unter⸗ thanen, ſo wie die des Grafen Haug von Montfort, blieben dem beſchwornen Vertrage und ihren Herren getreu. Das andre Algau aber ließ ſich von den Hegauern aufs Neue zum Abfcalle verleiten und die Bauern durchſtreiften Alles von der Iller bis an den Lech, ja nach Baiern hinein. Im Hegau bielten ſie das Städtchen Radolphszell acht Wochen lang belagert. Auch die Ueberlinger hatten ſich eine Zeitlang aufs Neue bedroht geſehen. Die Bauern verheerten alle Felder und wütheten in den Dörfern »Unter den unterzeichnenden Bauern ſind vom Seeufer folgende: Dietrich Sürlewag von Lindau, Thomas Mairhofer ven Raitnau, Kenrad Hablüzel von Markderf, Hans Hagen von Meersburg, Konrad Herzog von Sipplingen, Baſtian Rus, Hans Gerber und Ru⸗ delph Scherer von Tettnang, Jörg Beck von Argen, Hans Hagk von Berg bei Waſſerburg, Jörg Schumb uvon Hof bei Radolphszell. dieſſits u Bichof de Hülft; e Aͤte eine In Beine üUch von ((9. Juni) Aun), J0 237 dieſſeits und jenſeits des Sees. Gegen Sernatingen ſandte der Biſchof von Konſtanz 300 Mann aus Markdorf und Meersburg zu Hülfe; ebendahin zogen die Ueberlinger mit 600 Mann von der Stadt und vom Lande und mit ſechs Stücken grobem Geſchütz; aber auf die Mannſchaft des Landes glaubte der Bürgermeiſter, Jakob Keſſering, nicht zählen zu können; er verglich ſich daher in Güte mit den Rebellen. Als jedoch der Aufruhr aufs Neue begann, faßte die Stadt einen raſchen und muthigen Entſchluß: der Bürger⸗ meiſter mit den treueſten Bürgern umringte die in Empörung begriffene Landſchaft, bemächtigte ſich der Rädelsführer und ließ auf dem Grädplatze zu Ueberlingen ihrer 150 Mann und bei Serna⸗ tingen 24 durch die Kriegsknechte enthaupten; bis auf die heutige Stunde wird das Schwert, welches zu dieſer Exekution gebraucht wurde, im Pfennigthurme zu Ueberlingen, der den Schatz der Stadt enthielt, aufbewahrt. Dem Kaiſer Karl V. gefiel dieſe Kraftäußerung der Stadt ſo wohl, daß er derſelben ihr bisheriges Wappen ver⸗ mehrte; der habsburgiſche Löwe mit einem zum Streiche gerichteten Schwert ward in einem Herzſchilde auf die Bruſt des überlingiſchen Reichsadlers geſetzt. Inzwiſchen(während der Truchſeß und das Bundesheer in Franken zu ſchaffen und einen harten Stand dort hatten) tobte der Aufruhr im Hegau fort und am Oberſee fürchtete man, die Rhein⸗ thaler- und Appenzeller-Bauern möchten über den See fahren und ſich mit den Aufrührern in Schwaben vereinigen; zugleich drohten die Bauern aus Salzburg, gegen den See vorzubrechen. Graf Hugo von Montfort, in großer Noth, wandte ſich(3. Mai) an den Abt von Weingarten um Hülfe; dieſer trat mit dem Häupt⸗ mann Kaſpar Pfannenſtiel in Unterhandlungen und ließ ihn in den Dörfern umher auf Werbung reiten. Diepold von Stein rückte an der Spitze von weingartiſchen Reitern über Markdorf und Pfullendorf nach Stockach ins empörte Hegau vor. Der ſchwäbiſche Bund beſchloß, ein Drittel der Bundeshülfe aufzumahnen. Auch die Ueberlinger zogen wieder aus und der Komthur auf der Maynau hatte eine Beſatzung von 100 Mann zum Schutze ſeiner Inſel auf den Beinen. Jetzt wurde ein erfahrner Kriegsmann, Marx Sit⸗ tich von Ems, mit 2000 Mann auf Bundeskoſten angenommen (12. Juni); zwar hatte er einen ſchweren Stand mit ſeinen un⸗ botmäßigen Kriegsknechten; da der Sold ausblieb(denn der Bund hatte den Kopf verloren und keine Autorität bei ſeinen Mitglie⸗ dern), ſo wollten die Söldner nicht fechten. Dennoch ſcheint er die Schwierigkeiten überwunden zu haben; die Bauern wurden bei Stah⸗ ringen, bei Meckingen, bei Zell geſchlagen; zu Hülzingen im Hegau traf der von Embs die Rebellen, wie ſie gerade die große Glocke vom Thurme herabgelaſſen und Roſſe davor ſpannen wollten, um ſie ſortzuführen und ein Stück daraus zu gießen; da nöthigte er ſie, die Glocke mit ihren eigenen Leibern bis an den Unterſee zu ziehen, ſetzte ſich mit den Gefangenen zu Schiffe, fuhr beide Seen hinauf und landete bei Bregenz, wo er 50 Bauern an die Eichen vor der Stadt hängen ließ; der Ort hieß von jener Zeit an„bei den Henkeichen.“ Die Glocke hängte er als Siegeszeichen zu Hohenembs in der Pfarrkirche auf. Die volle Ruhe ſcheint in unſern Gegenden erſt zurückgekehrt zu ſeyn, als der Truchſeß nach glücklich beendigtem Bauernkrieg in Franken wieder mit dem Bundesheer in die obern Gegenden gezogen kam. Die aufrühreriſchen Algauer Bauern ſtellten ſich zwar, als wollten ſie ſich dem Hauſe Oeſtreich ergeben; die Re⸗ gierung in Innſpruck nahm ſich ihrer auch wirklich an, der vor⸗ rückende Truchſeß erhielt vom Erzherzoge Ferdinand ein Schreiben mit dem Begehren, ſtille zu halten. Aber der ſchwäbiſche Bund befahl ihm, den Krieg aufs Ernſtlichſte fortzuſetzen. Dieſem war er Gehorſam ſchuldig und leiſtete denſelben gern. Unweit Kempten, wo ein kleiner Bach, der aus dem Wolkenberg entſpringt, ſich in die Iller ſtürzt, vereinigte ſich Truchſeß mit dem andern Haupt⸗ mann des Bundes, Georg von Freundsberg und dort traf er auf 23,000 Bauern, die er durch eine Kriegsliſt aus ihrer treff⸗ lichen Stellung lockte, indem er in ihrem Angeſichte etliche Dorf⸗ ſchaften niederbrennen ließ. Zwar ſchrieben ihm einige Bundesräthe aus Kempten:„Sengen und Brennen ſey der Bundesſtände Mei⸗ nung nicht;“ er aber antwortete:„wenn ſie ihn wollten lehren kriegen, ſo ſollten ſie in das Feld ziehen: er wolle zu Kempten indeſſen auf den Pfühlen ſitzen.“ So fuhr er mit dem Brande fort, bis die Bauern in Ver⸗ zweiflung ihren Poſten verließen und, auf dem Kallenberg auf⸗ geſtellt, ſich auf Gnade und Ungnade übergaben. Dreißig Haupt⸗ leuten, welche ſie, da ihr Anführer von Freundsberg beſtochen worden ſeyn ſoll, ausgeliefert hatten, ließ der Truchſeß die Köpfe abſchlagen, dann ſchlug er ſein Lager im Dorfe Durach auf und blieb dort 8 Tage, bis das ganze Algau ſeinen alten Herrn wieder gehuldigt hatte. Während er hierauf nach Füſſen zog, um dieſe Stadt im Namen des Bundes zu beſetzen, dankten die Bundesräthe 239 zu Kempten, die menſchlich genug dachten, um mit ſeiner Grau⸗ ſamkeit unzufrieden zu ſeyn, zu ſeinem großen Verdruſſe, unerwartet und ohne ihn vorher benachrichtigt zu haben, deas ganze Bundes—⸗ heer ab. Beſſer ſchätzte der Kaiſer Waldburgs Verdienſt; er ſchrieb ihm zwei ſehr dankbare Briefe aus Spanien und ertheilte ihm die Rechte und den Titel eines Erbtruchſeſſen des heiligen römiſchen Reichs für ihn und ſeine Nachkommenſchaft; des Kaiſers Bruder aber beſtellte ihn zum Statthalter über das eroberte Würtemberg. Zu Nördlingen auf dem allgemeinen Bundestage wurde er mit 5000 fl.(er hatte auf 30,000 gerechnet) und ehrerbietigem Danke ſeiner Hauptmannſchaft entlaſſen. Ein unbedeu tenderer Aufruhr im Klettgau von den Unterthanen des Grafen Sigmund von Lupfen begonnen, welche, die erſten in der Empörunig, auch die letzten ſeyn zu wollen ſchienen, und von den Hegauern fortgepflanzt, wurde von dem Schweſterſohn des Erzherzogs Ferdinand, Hans Marquard von Königsegg, mit wenigen Völkern nach kleinen Scharmützeln ohne große Mühe gedämpft. So war noch vor dem Herbſte des Jahres 1525 mit deſſen erſtem Tage der Hauptaufruhr in Ober⸗ ſchwaben ausgebrochen, die allgemeine Ruhe allenthalben wieder hergeſtellt. Die großen Koſten und Entſchädigungen, die der geendigte Bauernkrieg heiſchte, ſollten durch eine allgemeine Umlage, eine Haus⸗ und Familienſteuer gedeckt werden; dieſe ging langſam ge⸗ nug ein: der Bund wurde mit Reklamationen aller Art beſtürmt und, da er nicht helfen konnte, von den Einzelnen, die des Krieges Laſt und Leid getragen, verwünſcht. 2. Die Reformation in St. Gallen, Lindau und Konſtanz. Die Dämpfung des Bauernaufruhrs nahm der Reformation den gehäſſigſten Charakter, den einer ſelbſtſüchtigen bürgerlichen Umwälzung und förderte dadurch ihr Werk. Ueber dem See ſetzte die Stadt St. Gallen raſch die begonnene Glaubensänderung fort. Im Jahr 1525 hatte der Rath alle katho⸗ liſchen Ceremonien abgeſchafft. Ins Kloſter ſelbſt war die neue Lehre gedrungen und ſchon das Jahr zuvor hatten vier junge Mönche die Reformation angenommen, traten in die Stadt über und wur⸗ den hier Prediger. Jetzt wurde in der Stadt der neue Katechismus eingeführt, die Feiertage wurden abgeſtellt, N. C. 1527. die Geiſtlichen zur Ehe eingeladen, zugleich aber die N 2 7 240 ſtrengſten Sittengeſetze gegen Unzucht und Ueppigkeit gegeben und ſelbſt den Schneidern eine Kleiderordnung vorgeſchrieben, zum Merk⸗ zeichen, daß die Urnwandlung eine geiſtliche ſey. Zu gleicher Zeit regte ſich der Geiſt der Neuerung in der Stadt Konſtanz; hier kündigte er ſich aber mit einer demokratiſchen Tendenz an, und vielleicht eben hierin lag der Keim des frühen, gewaltſamen Endes, dem die raſch begonnene Reformation in dieſer Stadt zueilte. Vergebens widerſetzte ſich der Biſchof Hugo von Hohenlanden⸗ berg den Bewegungen unter der Bürgerſchaft. Dieſe trug den Sieg über ihren Avel davon und ſchon im Jahr 1522 waren die Patrizier geſtürzt und ein plebejiſcher Magiſtrat eingeſetzt worden. In dieſer Volksſtimmung und Verfaſſung war Konſtanz, als die neue Lehre ſich an ihren Thoren meldete. Evangeliſche Prediger waren in Konſtanz erſchienen, beſonders kehrte der Alpirsbacher Mönch, Ambroſins Blarer, in ſeine Vaterſtadt zurück und unterrichtete ſeine Mitbürger, voll Talent und Gelehrſamkeit, in der neuen Lehre.“ Biſchof und Geiſtliche widerſetzten ſich umſonſt, die lutheriſche Partei wurde bald bei der Bürgerſchaft und im Rathe die herrſchende, und als im Jahr 1528 mehrere ſchweizeriſche und oberdeutſche Städte ſich zum evangeliſchen Lehrbegriffe bekannt, brachen auch die Konſtanzer los, ſchafften Bilder und Meſſe ab und zwangen die anders Denkenden, ihre Stadt zu verlaſſen. Unzeitige Barbarei des Biſchofs ſcheint dieſe Revolution ſo ſchnell N. C. 1527. zur Reife gebracht zu haben. Denn noch im Jahr 1527 ließ derſelbe zu Meersburg den Prieſter und Frühmeſſer * Ambroſius Blarer wurde von einem der Domherrn des Hochſtiftes, Jo— hann von Bozheim, genannt Abstemius, unterſtützt. Dieſer, aus dem Elſaß gebürtig, wo ſein Geſchlecht bei Schlettſtadt Güter beſaß, war ein gelehrter Mann, Freund des Erasmus von Rotterdam, mit dem er in Brieſwechſel ſtand und der ihn in Konſtanz beſuchte. Schon im Jahr 1520 ſchrieb er an Luther und brachte es dahin, daß im folgen— den Jahr Johann Wanner, ein lutheriſcher Prediger, nach Konſtanz kam. Er ging jedoch ſehr behutſam zu Werk und bediente ſich des Rathes ſeines Freundes Erasmus. Er ſelbſt trennte ſich ſo wenig als dieſer von ſeiner Kirche, und als im Jahr 1525 der Biſchof und das Domkapitel die Stadt Konſtanz verließen, folgte er dem letzten nach Ueberlingen. Er ſtarb im Jahr 1555 zu Freiburg im Breisgau. Es ſind noch einige deutſche Gedichte von ihm vorhanden, auch ſteht ſein Haus noch zu Konſtanz, von deſſen zierlicher und köſtlicher Einrichtung Erasmus in ſeinen Briefen eine reizende Beſchreibung macht. Anm. eines Dritten. von Elite Sohn al gemßen zun de fehen. 3 gängkt J. Richtllate für die gu rikf er lu licht, ka⸗ ſchlah ckleis Del A L Kätherderkt fie die ben Ludau, B Refſrmatt Mt bon K flhen zu Korſchach Wlei als! m Schloſ l ihr Gef 241 von Sernatingen, Johann Hügli oder Heuglin, eines Scheerers Sohn aus Lindau, weil er in etlichen kleinfügigen, doch ſchrift⸗ gemäßen Artikeln ſich nicht mit Papſt und Kirche vergleichen wollte/ zum Feuertode verurtheilen und dieſes Urtheil am 10. Mai voll⸗ ziehen. Johann Hügli ſcheint ſich auch im Tode ſeinen Vor⸗ gänger Johann Huß zum Muſter genommen zu haben.“ Auf dem Richtplatze noch dankte er dem Biſchofe, ſeinem Mörder, öffentlich für die gute Verpflegung im Gefängniſſe, und vor der Hinrichtung rief er laut:„Ach verzeihe euch Gott, ihr Leute, ihr wiſſet doch nicht, was ihr thut!“ Ja, noch während die Flamme hoch auf⸗ ſchlug, ſang er, wie Huß, den lauten Preisgeſang: Gloria in ex- celsis Deo! Te Deum laudamus! Alles umſtehende Volk zerfloß in Thränen: und vielleicht war dieſes ſchreckliche Schickſal eines ihrer Mitbürger Miturſache, warum auch in der Stadt Lin dau die Reformation, wie es ſcheint, ſo ſchnell und widerſpruchlos von Statten ging. Die Stadt St. Gallen feierte den glücklichen Fortgang der Kirchenverbeſſerung durch ein feſtliches Freiſchießen, zu dem ſie die benachbarten Glaubensgenoſſen, namentlich Konſtanz, N. C. 1529. Lindau, Biſchofszell und die Appenzeller einlud. Auch die Reformatoren Zwingli, Pelikan, Leo Jud und der ehemalige Abt von Kappel erſchienen auf dieſem Feſt und einer der eifrigſten Kloſterſtürmer von Rorſchach, der Ammann Gerſter von Lümi⸗ ſchwil tanzte in ſeinem achtzigſten Jahre noch munter wie ein Jüngling bei dieſer Feierlichkeit. In den Stiftslanden war die Reformation allgemein gewor⸗ den, die Arboner hatten ihre Pfarrer vertrieben; im Rheinthal organiſirte Zürich eine politiſch⸗religiöſe Regierung zu Altſtädten. Das Kloſter St. Gallen wurde, da es beharrlich beim Alten blieb, von den bekehrten Ständen ſo bitter und thätlich angefeindet, daß ſich der alte, waſſerſüchtige Abt Franz, um ruhig ſterben zu können, nach Weihnachten auf das Schloß N. C. 4528. Rorſchach bringen ließ. Jetzt ſahen die St. Galler die Abtei als ihre ſichere Beute an. Die Proteſtanten erſchienen vor dem Schloß, wurden als Beſatzung eingelaſſen, ſo daß der Abt als ihr Gefangener lebte und ihr Hauptmann Frey trotzig äußerte: „wenn die Abtei nach zehn Tagen noch ſtände, ſo würde ſie auch Die Einzelheiten dieſer Erzählung ſind aus einer handſchriftlichen Chronik der Stadt Lindau entlehnt. Schwab, Bodenſee⸗ 16 242 noch länger ſtehen bleiben.“ Aber der ſierbende Abt rettete Archive, Silber und Gold; die Kapitularen ſchwuren auf das Evangelium, ihrem Orden und ihren Gelübden treu zu bleiben. Drei Tage darauf(23. März 1529) trat Joachim N. C. 1529. Vadian, der Bürgermeiſter, in die Münſterkirche, und während er mit dem widerſtrebenden Dekan über Ab⸗ ſchaffung des Bilderdienſts unterhandelte, drang das Volk in dieſe und die andern Kirchen und Kapellen ein und zertrümmerte alle Heiligthümer; die herrlichſten Kunſtwerke, Gemälde, Kupferbilder, Denkmale, Inſchriften, Alles war vor Sonnenuntergang vernichtet. Die Leichname des heiligen Gall und Othmar, nebſt vielen andern, wurden öffentlich auf dem Brüel verbrannt. Die St. Johanns⸗ kirche wurde in eine Werkſtätte, die St. Jakobskapelle in einen Kalkofen verwandelt; die erbeuteten Glocken ſandten ſie nach Lindau und ließen dort eine große Karthaune daraus gießen. Am 7. März hielt ein reformirter Prediger im Münſter vor 4000 Zuhörern die erſte proteſtantiſche Predigt. Dennoch gab ſich das aufgegebene Kloſter ſelbſt nicht auf und ſeine Unverzagtheit rettete ihm das Daſeyn, an das Niemand mehr glaubte. Die Mehrzahl des Kapitels hatte ſich nach Einſiedeln in Schwyz geflüchtet. Als nun Abt Franz verſchieden war(den 21. März 1529), wußte man, trotz ſeiner Bewachung, den Tod ſechs Tage lang geheim zu halten, und der Statthalter von Pyl, Kilian Germann, ein ſchöner, freundlicher Mann, aus Toggen— burg, eilte nach Einſiedeln zur Abtswahl. Das Kapitel wählte in Eile den treuen Boten ſelbſt und als gewählter Abt erſchien Kilian in den Stiftslanden. Aber er traf Alles in wachſendem Aufruhr, der Bruch mit den katholiſchen Orten führte die Züricher nach St. Gallen; Abt Kilian konnte ſich kaum noch auf einem Nachen nach Ueberlingen retten, die Züricher hoben die Abtei auf und reformirten Alles; auch im Rheinthal dauerte die gewaltthätige Verwaltung der Züricher fort. In Sargans herrſchte die wildeſte Entzweiung und Verwirrung. Reißende Fortſchritte machte der neue Zuſtand der Dinge in Konſtanz; es ſchien, als eilte die Stadt, den Manen Huſſens zu opfern; doch geſchah es auf keine ganz würdige Weiſe: hier fand die Tempel⸗ und Klöſterſtürmerei im Jahr 1529 noch ungeflüchtete Schätze; in der Kathedrale allein wurden über 100,000 fl. geraubt und der Leib des heiligen Konrad in den Bodenſee N. C. 1530. verſenkt. Der Biſchof Hug von Landenberg und die lalden 0 altt Verſan war di ſtadt Ue. 243 Kanoniker flohen nach Ueberlingen und wurden hier aufs Ehren⸗ vollſte aufgenommen. Der Biſchof ſandte ſeinen Hofmeiſter Fritz von Anwil der auch geiſtliche Lieder gedichtet, die noch in evange⸗ liſchen Geſangbüchern ſtehen) mit Faber auf das Religionsgeſpräch nach Zürich. Die Stadt erklärte ſich mit den Blarern für Zwingli's Anſicht und überreichte mit Lindau, Memmingen und Straßburg dem Kaiſer eine Bekenntnißſchrift. Dieſer ließ ſie widerlegen und forderte die vier Städte auf, ſchleunig zum Ge⸗ horſam zurückzukehren. Sie aber beſchickten den Tag von Smal⸗ kalden und unterſchrieben die Augsburger Konfeſſion(29. Febr. 1531 N Gegen dieſen drohenden Umſchwung der Dinge hielten die altgläubigen Stände Einen Tag um den andern, Eine chriſtliche Verſammlung um die andre; der Sitz aller dieſer Zuſammenkünfte war die unerſchütterlich dem katholiſchen Glauben ergebene Reichs⸗ ſtadt Ueberlingen. Aber es war kein Segen in dieſen Verhand⸗ lungen; ſchon auf dem erſten Tage(1529) trennten ſich die Grafen von den Prälaten, nachher auch vom übrigen Adel. Eine zweite Vereinigung daſelbſt blieb bei Entwürfen ſtehen. N. C. 1551. Unterdeſſen machte Waldſee einen blutigen, obgleich mißlungenen Verſuch, den katholiſchen Glauben abzuſchütteln und ihr Herr, der wohlbekannte Georg Truchſeß von Waldburg, ſtarb zu Stuttgart, wo er als öfſtreichiſcher Statthalter ſaß, auf dieſe Nachricht ſchnell an Kummer. Am thätigſten bemühte ſich für eine Vereinigung des Adels der Graf von Montfort. Er klagte laut, daß die Lutheraner Geld zuſammenſchießen könnten, warum denn nicht auch die Katholiken? Es war ihm unerträglich, von Tettnang aus ſehen zu müſſen, wie ſeine Nachbarn,„die unverſchämten Lindauer,“ hausten, wie man zu Ißn9 ungeſtraft das Kloſter ſtürmte und die Meſſe abſchaffte. Er trieb daher Grafen, Adel und Prälaten wieder auf den Tag nach Ueberlingen und es kam eine feierliche Einung der Ritterſchaft wegen des alten Glaubens zu Stande. N. C. 1555. Allein die Prälaten der Kirche dachten mehr an ihren eignen Vortheil, als an die allgemeine Sache, und man ſah es ungern, daß ſich der Biſchof von Konſtanz in dieſem Augenblicke der Reichenau*k und Oeningens bemächtigte und daß der Kaiſer dazu ſchwieg. Zu Ueberlingen geſchah wenig mehr, als daß man Maßregeln gegen die Mordbrenner, Zigeuner, Bettler, Landsknechte *S. Topographie unter dieſem Artikel. 2 5 2 44 . + 4 und andres Geſindel ergriff. Doch war dieſe Unthätigkeit nicht Schuld des Adels; er wartete nur auf Unterſtützung und Befehl der Fürſten, und der Tag von Ueberlingen ſchrieb an den Pfalz⸗ .C. 4605 grafen von Baiern, daß er bereit ſey, zu handeln, denn 4546. es war ein ordentlicher Offenſiv- und Defenſiv-Traktat geſchloſſen worden. Bald war auch in Ravensburg die Meſſe verboten, die Prieſterehe eingeführt, die Bildſtürmerei verübt, und nicht ohne andern Unfug die neue Ordnung der Dinge eingeführt worden. Einer der eifrigſten Beförderer der Reformation war hier der Bürgermeiſter Senner. Zwar boten die Ueberlin— ger Mundvorrath und Soldaten gegen die Ravensburger an, allein die Klöſter, die in dieſer Gegend hauptſächlich hätten handeln ſollen, waren nicht einig; ein kleines proteſtantiſches Heer dominirte in Oberſchwaben und nöthigte ſogar den Abt von Weingarten nach München zu flüchten. Glücklicher war ſeit einer Reihe von Jahren der alte Glaube auf dem jenſeitigen Ufer des Bodenſees und im Rheinthal. Hier war ſchon vermöge des Landfriedens vom Jahr 1531 die alte Land⸗ ſchaft, Gambs und Sargans zum katholiſchen Glauben zurückgekehrt. Die Bittgänge, die der Abt von St. Gallen, Diethelm Blarer von Wartenſee, Kilians Nachfolger in der Verbannung, mit allen Ver⸗ triebenen im Kloſter Mehrerau bei Bregenz für das Waffenglück der fünf eidsgenöſſiſchen katholiſchen Orte angeſtellt hatte, waren erhört worden, und er wieder in ſein Land und Kloſter eingeſetzt. Das Letztere gab die Stadt St. Gallen nach langer Weigerung heraus; den Schadenerſatz von 10,000 fl. hätte ſie verringern kön⸗ nen, wenn dem Bürgermeiſter Vadian ſein proteſtantiſcher Abſcheu vor den Heiligen es erlaubt hätte, die Stelle anzuzeigen, wo zur Zeit des Kirchenſturms die Gebeine des h. Gall und der Andern vergraben worden waren. Im Rheinthal wurde Alles friedlich ab⸗ gemacht und bald war der ganze Strich wieder gut katholiſch. N. C. 1546. 3. Konſtanz verliert ſeine Reichsfreiheit.“ Die Stadt Konſtanz hatte ſeit zwanzig Jahren in gutem Frie⸗ den die Früchte ihrer Religionsveränderung genoſſen, ſie wurde von einem proteſtantiſchen Rathe regiert und die Jugend in dem * S. beſonders Pahls Herda IV., 248 ff.— Anderes aus Bucellin und dem Weing. Archiv. neuen Gl. der füch liſtig zu. zell gez Ktieges ö latds. 2 ein Ston die Gnad Die Sig Häupter viel Let Bund v0 ſeiner Hi Stadt zt unerbittl beſonders ſchrieb d ihn(tg. bei dem Erklätung es den Ke auf andre 8393 Aags zubo D5 dem Ol um Vürge Uter die 9 F unt Rah in Auf 245⁵5 neuen Glauben aufgezogen. Im December des Jahrs 1542 hatten der flüchtige Biſchof und ſeine Kanoniker Ueberlingen, wo ſie läſtig zu werden anfingen, verlaſſen, und waren nach Radolphs⸗ zell gezogen. Aber der unglückliche Ausgang des Smalkaldiſchen Krieges änderte auf einmal die Lage des proteſtantiſchen Süddeutſch⸗ lands. Als die ſiegreiche Macht des Kaiſers heranrückte, entſagte ein Stand nach dem andern dem Smalkaldiſchen Bund und flehte die Gnade des Kaiſers an. Nur Konſtanz blieb dem Bunde getreu; Die Standhaftigkeit der Blarer, Thomas und Ambroſius, beides Häupter der Zwingliſchen Partei, und der Erſte als Bürgermeiſter viel vermögend, unterhielt den Trotz der Bürger, die auf den Bund von Smalkald hofften, bis dieſer durch die Gefangennehmung ſeiner Häupter vernichtet war. Jetzt erſt flehten die Geſandten der Stadt zu Augsburg um Gnade. Aber jetzt blieb auch der Kaiſer unerbittlich; er machte die härteſten Bedingungen und verlangte beſonders unbedingte Annahme des Interims. Vergebens ſchrieb der Magiſtrat einen höchſt demüthigen Brief an ihn(13. Juli 1548), bot Sühne an, und bat flehentlich, die Stadt bei dem ſeit 20 Jahren bekannten Glauben zu laſſen. Eine ſpäte Erklärung erfolgte(am 5. Auguſt):„Der Kaiſer ſehe wohl, daß es den Konſtanzern um den Frieden nicht zu thun ſey; er werde auf andre Mittel Bedacht nehmen.“ Wirklich waren auch ſchon Tags zuvor 3000 Mann ſpaniſchen Fußvolks und 4000 Reiter un⸗ ter dem Obriſten Alfonſo Vives nach Ueberlingen aufgebrochen. Vergebens hofften die Konſtanzer auf Hülfe aus Zürich; der Abt hatte allen Zugang ſtreng unterſagt. Ungehindert rückte ein Theil des Heeres durch den Wald heran, um die Stadt während des Gottesdienſtes anzugreifen; ein andrer Theil blieb im Wald als Hinterhalt liegen. Drei bürgerliche Wächter, die auf das Geräuſch der Anrückenden herbeiliefen, wurden aufgegriffen, und in tiefer Stille rückte der Vortrab gegen die ſorgloſe Stadt heran. Auf die Vorſtadt Petershauſen war der erſte Angriff gerichtet, dort ſchöpfte auch die Wache den erſten Verdacht: ſie eilte Morgens zwei Uhr zum Bürgermeiſter; der Rath verſammelt ſich, die Bürger treten unter die Waffen; zweihundert beſetzen die Zugänge der Vorſtadt. Bald klimmt der Feind die halbtrocknen Gräben empor, ſein Hin⸗ terhalt, aus dem Walde herbeigeeilt, durchbricht ein Thor. Aber die Bürger leiſteten tapfern Widerſtand und feuerten mit grobem Geſchütz unter die Feinde. Der Anführer Alfonſo Vives fiel gleich im Anfange des Treffens. Ein alter Mann, den die Jünglinge N. C. 1548. 246 zu ſchleudern nöthigten, tödtete ihn, ohne nach ihm zu zielen, durch ſeinen Wurf. Auch der Sohn des Oberfeldherrn wurde ſchwer verwundet und flüchtete eilig mit der Leiche ſeines Vaters nach Ueberlingen. Ein Bruderſohn Alfonſo's ſtarb an ſeiner Wunde zu Radolpszell. Andre Feinde, die auf achtzehn großen Schiffen über den See kamen, wurden von den Ruinen des Predigerkloſters aus mit einem Kugelregen empfangen und mußten ſich eilig zurück— ziehen. Dennoch bemeiſterte ſich am Ende der Spanier Peters⸗ hauſens. Aber die Städter machten ihm jeden Schritt vorwärts ſtreitig. Hartnäckig vertheidigten ſie die Rheinbrücke. Vierzig bis ſechzig Metzgerburſche hielten hier in geſchloſſenen Reihen die Feinde auf; bis hinter ihnen ein Theil der Brücke abgebrochen war, dann zogen ſie ſich ſchwimmend zu den Ihrigen zurück. Einer hielt noch immer Stand, hatte mehrere Feinde getödtet, alle abgehalten; bis zwei Spanier auf ihn losſtürzten, ſein Schwert unterliefen und nand 90 wenn e wurde 1 ihn zu Boden zu ſtürzen ſuchten. Als er lange vergeblich wider— ſtanden, umfaßte er ſeine beiden Feinde, drängte ſie gegen den Nt So war Rand der Brücke und begrub ſich ſammt ihnen in den Wellen des Rheines. Die Bürger hatten ſich allmählig in die Stadt zurück⸗ gezogen; allein der Feind ſtellte die Brücke wieder her und drang nel, hinüber. Das Fallgitter des Stadtthors war durch Verrätherei ri unbrauchbar geworden; dennoch ſtürmten die Spanier das Thor vergebens; von den Mauern und Thürmen herab mit ſchwerem Geſchütz getroffen, mußten ſie zurück über den Rhein in die Vor⸗ ſtadt Petershauſen weichen. Um den Verfolgungen der Städter zu wehren, zündeten ſie die Brücke hinter ſich an und verbrannten die Leichname der Ihrigen. Sie hatten ſchon 500 Mann, aber auch die Städter 111 verloren, darunter den gelehrten Arzt Jakob von Monlishofen und einen Patrizier, Dominik Hochreutiner. Die Spanier zogen ſich nach Allenſpach zurück und wütheten dort mit Feuer und Schwert. Konſtanz jubelte einen Augenblick über ſeinen Sieg, oder vielmehr über ſeine augenblickliche Rettung. Aber bald machte die Angſt vor des, durch dieſen Widerſtand grimmig auf— gebrachten Kaiſers Zorn, der Freude Platz; innerhalb der Mauern erhub die katholiſche Partei ihr Haupt und drang auf Flehen und Unterwerfung; die Furchtſamen traten auf ihre Seite. Der Rath wurde genöthigt, ſich an Fürſten und Eidgenoſſen als Ver⸗ mittler zu wenden. Dieſe zeigten ſich willig, wenn Konſtanz ſein ſchweizeriſches Miethvolk entlaſſen würde, den Biſchof und das Domkapitel wieder einſetzen, das Interim annehmen. Die bewill 247 Konſtanzer, hoffnungslos, zeigten ſich zu Allem bereit. Nun traten die eidgenöſſiſchen Geſandten flehend für Konſtanz vor den Kaiſer. Die Antwort war traurig: unbedingte Unterwerfung vor aller Unter⸗ handlung. Jetzt flohen Ambroſius Blarer, acht proteſtantiſche Prediger und die Häupter der Stadt. Das kaiſerliche Volk drohte einen neuen Ueberfall. Alle Zufuhr war der Stadt abgeſchnitten. Selbſt ihre Feinde erbarmte das Schickſal der unglücklichen Stadt. Zu Ueberlingen traten der Abt Gerwig Blarer von Weingarten, der Graf Friedrich von Fürſtenberg und der Kommenthur der May⸗ nau zuſammen und beſchloſſen, ſich für Konſtanz beim Kaiſer zu verwenden, wenn die Stadt vorher des Kaiſers Artikel annehmen würde. Die Verzweifelnde zeigte ſich zur Annahme willig. Unter⸗ deß wandte ſie ſich an des Kaiſers Bruder, den Erzherzog Ferdi⸗ nand von Oeſtreich, und bot Unterwerfung unter das Erzhaus an, wenn er des Kaiſers Ungnade abwenden würde. Dieß Anfinnen wurde wohl aufgenommen und die Stadt am 13. Oktober 1548 dem öſtreichiſchen Abgeordneten, Nikolaus von Pollwil, übergeben. So ward ihr Verzeihung des Begangenen unter der Bedingung bewilligt, den König und ſeine Erben hinfort als Herren zu erken⸗ nen, ſeinen Befehlen, die Religion betreffend, nachzuleben, in Krieg und andern Geſchäften ihm gewärtig zu ſeyn. Kaſſe, Ge⸗ ſchütz, Archiv wurden ausgeliefert, die Einwohner entwaffnet, die Güter der Entflohenen aufgezeichnet; die noch zurückgebliebenen evangeliſchen Prediger mußten die Stadt verlaſſen, die Kloſter⸗ ſrauen wieder in ihren Orden treten oder auswandern. Blarer, der Bürgermeiſter, und faſt der ganze Rath griff zum Wanderſtabe, die Stadt erhielt wieder eine ariſtokratiſche Verfaſſung; der kleine Rath wurde von dreißig auf zwanzig, der große von achtzig auf⸗ vierzig Mitglieder herabgeſetzt; der neue Bürgermeiſter und beide Räthe huldigten am 26. Januar. 1549. So war die Reichsſtadt Konſtanz zur öſtreichiſchen Landſtadnt geworden. Ihr erſter Vogt wurde Nikolaus, Freiherr von Pollwil, ohne Zweifel der oben⸗ genannte Unterhändler, nach ihm Jakob von Landau, Landvogt zu Nellenburg, der letzte ſeines alten, aus Einem Stamme mit den Herzogen von Württemberg hervorgewachſenen Geſchlechtes, und nach dieſem Georg Spät von Zwiefalten. Kirchen und Klöſter erhielten die alten Beſitzer wieder; der Biſchof nahm wieder von der Kathedrale Beſitz, hielt einen feierlichen Einzug mit achtzig Pferden(11. Mai 1551) und erhielt 20,000 fl. Schadloshaltung. Konſtanz war jetzt aus der Acht und Aberacht gethan worden, und 248 in den Beſitz aller Güter, die es vor dem Kriege beſeſſen, wieder eingeſetzt. Der Abt von Weingarten, ein ehrgeiziger und hab— ſüchtiger Prälat, war zwar niederträchtig genug, daß Unglück der Stadt zu benützen und dem Kaiſer ein Konfiskationsdekret zu ent⸗ reißen; aber beſonders auf Verwendung des römiſchen Königs wurde daſſelbe wieder zurückgenommen.(Decem⸗ ber 1551).“ Die proteſtantiſchen Stände, beſonders die des ſchwäbiſchen Kreiſes, verlangten noch einige Jahre lang trotzig die Wiederein⸗ führung des Evangeliums in Konſtanz, und die Wiederherſtellung der Reichsſtadt. König Ferdinand antwortete, die Stadt habe ſich freiwillig unterworfen(April 1557). Das Schickſal der Stadt wurde jetzt durch eine ſehr ſanfte Adminiſtration ge⸗ mildert, und im Jahr 1559 erhielt ſie wieder das Recht, ihren Bürgermeiſter ſelbſt zu wählen und die Thorſchlüſſel zu verwahren. Im Jahr 1563 fuhr Kaiſer Ferdinand, unter dem Donner der Kanonen von den Wällen und Thürmen der Stadt, zu Schiffe nach Konſtanz, ließ ſich huldigen, verweilte drei Tage in der Stadt und beſtätigte ihr gnädig jene Freiheiten. Auch ward im Jahr 1627 ein öſtreichiſcher Landtag in der Stadt abgehalten. 4. Blick auf Sitten und Kultur am See. Der Ueberblick, den wir über die Begebenheiten der letzten Jahrhunderte am See und im Rheinthal gegeben haben, läßt keine raſchen Fortſchritte der Kultur ahnen. Unter den unaufhör⸗ lichen Kriegen blieb das Landvolk roh und raufluſtig, gewöhnt, immer ein Schwert an der Seite zu tragen und allen, auch aus⸗ wärtigen Kriegen nachzulaufen. Abſagebriefe und Fehden lernte der Bürger vom Adel. Zwar war auf muthwillige Friedensbrüche der Tod geſetzt, und als dem Mordbrenner Hans Beck Hutterer von Appenzell, der im Rheinthal gehaust hatte, ein St. Galler auf ſeine Flucht nachzog und zu Amberg in Baiern, wo er ihn traf, vor dem Gerichte einen Sack voll Gebeine der unglücklichen Verbrannten ausſchüttete, ſo wurde jener Räuber nach dem Wie— dervergeltungsrecht lebendig verbrannt; aber die Strenge ſolcher gar nicht ſeltenen Strafen beweist nur die Barbarei dieſer Jahr⸗ hunderte und wirkte nicht auf Veredlung der Sitten. Mordthaten N. C. 1551. N. C. 1559. N. C. 1567. * Weing. Archisv. Walen 10 überlaftt ſtrafend alten Et machenl Das wurde n. das gan; zern, Bi bewaffe Die Ktiegen! Männer Sommer ſchwäbiſ um den wat ein der Dürj kamen in Unnamen E ſhule zu! W Bibliot Nit fe che Wug ge 249 waren noch häufig; die Blutrache wurde zuweilen den Verwandten überlaſſen, und die Obrigkeit legte ſich eher vermittelnd als be⸗ ſtrafend in ſolche Fälle. Das Recht wurde allenthalben, nach alten Traditionen, mit vieler Willkühr geſprochen; ans Geſetze⸗ machen kam man ſehr ungern. Das Kriegsweſen hatte ſich gänzlich verändert; ſtatt des Adels wurde nach dem Beiſpiele der benachbarten Eidgenoſſen allenthalben das ganze Landvolk in Anſpruch genommen und Alles mit Pan⸗ zern, Bickelhauben, Hellebarden, Spießen, Armbrüſten und Bolzen bewaffnet. Die Bevölkerung des offnen Landes konnte unter den beſtändigen Kriegen nicht wachſen. Der Luxus war zwar im Steigen und der Verkehr mit dem Auslande brachte allerlei Schmuck und Moden ins Land: durchbrochene kurze Beinkleider, kurze Röcke, ſpitze Hüte wurden Männertracht. Doch ſchämte ſich ſelbſt der Ritter und Edelmann im Sommer noch nicht, im Zwilchkittel zu gehen, den noch jetzt unſre ſchwäbiſchen Bauern tragen. Der Weiber Putz waren weiße Tücher um den Kopf, die Stirne, das Kinn und den Hals, ihr Oberkleid war ein ſchwarzer Mantel. Das Badehaus war das Wirthshaus der Dörfer, der Bader war der Arzt. Auch im gemeinen Volke kamen in dieſen Jahrhunderten Geſchlechtsnamen auf, meiſtens aus Unnamen gebildet. Schneller wuchs Bevölkerung, Luxus und Kultur in den Städten. In Rorſchach waren ums Ende des 15. Jahrhunderts 250 waffen⸗ fähige Männer. St. Gallen zählte ſchon vor der Reformation 693 Häuſer. Die Stadt trieb wenig Feldbau, ſondern nährte ihre Bewohner mit fremdem Getreide, das von Radolphszell und Ueber⸗ lingen aus den oberſchwäbiſchen Ebenen über den See zugeführt wurde. Als dieſe Zufuhr im Schwabenkriege ausblieb, erfolgte Theurung.— Von dem geiſtigen Schwunge, den die Stadt beim Ausbruche der Reformation nahm, haben wir oben geſprochen; das Kloſter hatte ſchon früher die Wiſſenſchaften aufs Neue in Flor zu bringen geſucht. Abt Ulrich erhöhte ſchon im Jahre 1485 die Stifts⸗ ſchule zu einem Gymnaſium und beſchrieb fremde Profeſſoren. Auch die Bibliothek ward aus einem Thurme gezogen und beſſer aufgeſtellt. Mit der Reformation wurde in allen denjenigen Städten, die ſie theilweiſe annahmen, der Grund zu einer beſſern Schul⸗ bildung gelegt. St. Gallen, Lindau* und Ißny blieben im Lindau erhielt eine lateiniſche Lycealſchule um 1615. 2 — 9 250 ungeſtörten Beſitze des neuen Glaubens. In Ravensburg und Leutkirch erhielt ſich wenigſtens ein anſehnlicher Theil der Einwohnerſchaft den neu errungenen Schatz. Ein halbes Jahrhundert Ruhe beför— derte geiſtige und leibliche Kultur allenthalben; Felder und Gärten hatten keine Verheerungen mehr zu befürchten. Auch der Weinbau wurde veredelt, beſonders ſeit dem Ende des 14. Jahrhunderts; er wuchs in jener Zeit in größerer Quantität und beſſerer Qualität, als ſelbſt in unſern Tagen; es wurden beſonders kleinere und edlere Traubenſorten gepflanzt und die weniger fett gedüngten Reb⸗ gärten waren rauher gewöhnt und widerſtanden beſſer dem Froſt. An den blühenden Ufern wohnte ein fröhliches Geſchlecht. Nach einem Briefe des bekannten Rechtsgelehrten Zaſius an Herzog Chriſtoph von Württemberg hatten auf dem Konzil zu Trient(1545) die Prälaten aus der Gegend des Bodenſees das Heimweh:„wä— ren lieber zu Reichenau, Meersburg u. ſ. w. geweſen, und ſehnten ſich nach dem luſtigen Bodenſee und den ſchönen Kreaturen, ſo deſſen accolae erzeugen.“ In geographiſcher Hinſicht hatte das Land in dem letzten Jahrhundert allmählig eine andere Geſtalt gewonnen. Kriege und Staatsveränderungen tilgten die bis dahin noch immer ſicht— baren Spuren der Gaugraſſchaften. Jeder Herr, der in einer Land— ſchaft den Blutbann erworben, zäunte den Bezirk ſeiner Vogtei mit Markſteinen ein, und es beſtanden ebenſoviel beſondere Land— ſchaften, als es Beſitzer hoher Vogteien gab. 5. Das Rheinthal.— Die Familien Hohenems und Hohenſax. Das Rheinthal war durch Zuſammenſetzung der Herrſchaften Rheinegg, Grimmſtein, Widnau, NISchne Grieſſern* und der Höſe Bernang, Balgach, Mar⸗ bach, Altſtädten, zu einem politiſchen Ganzen geworden, und erhielt ſeine jetzigen Gränzen im Anfange des 16. Jahrhunderts. Die Beſitzungen der Herrn von Hohenſax, die weiter rhein⸗ aufwärts am linken Ufer folgen, ſtellten das ſeltene Beiſpiel dar, wie ſich ein adeliges Geſchlecht vom 12. Jahrhunderte bis in das 17. auf Einem Platze erhalten, und ohne merkliche Zu- oder Ab⸗ nahme ſeine Unmittelbarkeit behaupten konnte. * Criesserun ſchon im Jahr 1232. Neug. C. DCCCCXXIII. ems und 251 In Sargans, wohin ſich die letzten Reſte der Gaugraſſchaft Rhätien, nänmlich das Landgericht, hingezogen hatte, ſammelten die Eidgenoſſen die Stücke der zerriſſenen Landſchaft, nahmen die Schirmvogtei Pfeffers dazu und machten daraus die Landvogtei Sargans. Auf der rechten Seite des Rheines war die Grafſchaft Bregenz zur einen Hälfte von der Markgräfin Eliſabeth von Hohenberg, Gräfin von Montfort-Bregenz im Jahr 1451, zur andern vom Grafen Hugo von Montfort-Bregenz im Jahr 1523 an das Erz⸗ haus verkauft worden, und ſomit ganz an Oeſtreich gefallen. Dann folgte rheinaufwärts der freie Reichshof Luſtnau mit ſieben Ge⸗ meinden. Wo die hohen Vorarlberger Gebirge wieder näher an das Thal und die Straße rücken, herrſchte und blühte jetzt von Dorn⸗ büren an bis an das öſtreichiſch gewordene Feldkirch, in lachen— der Ebene, die mit Hügeln und Hochgebirg wechſelt, das edle Ge⸗ ſchlecht der Hohenems, das wir als uralt ſchon kennen, und das in der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts in den Reichsgra⸗ fenſtand erhoben worden war. Im Jahr 1386 waren zwei edle von Ems, an der Seite Herzog Leopolds von Oeſtreich, bei Sem⸗ pach erſchlagen worden. Und ſchon im Jahr 1314 erſcheint ein Heinrich von Amptz Ceug. C. MLXXXVII).— Den rüſtigen Bauernfeind Marx Sittich von Embs haben wir ſchon kennen gelernt: er war ſeit 1513 öſtreichiſcher Vogt zu Bregenz und ober⸗ ſter Hauptmann im Vorarlberg. Dreizehn Feldzüge hatte er als Oberſter deutſcher Landsknechte in Italien, im Bauernkrieg, in Ungarn unter den Kaiſern Maximilian I. und Karl V. mitgemacht. An ſeiner Seite ſochten noch vier Edle von Embs, ſeine Söhne und Vetter. Als König Franz I. von Frankreich im Thiergarten zu Pavia gefangen wurde, entſchied er den Sieg, indem er gleich zu Anfang der Schlacht den deutſch⸗franzöſſiſchen Oberſten von Lan⸗ genmantel im Handgemeng erlegte. Die Spolien brachte er im Triumphe nach Hohenems. Hier ſtarb er im Jahr 1533. Auch ſein Sohn Wolf Dietrich war ein hochherziger Kriegsheld, und wurde durch die Vermählung mit Klara von Medicis, der Nichte des nachmaligen Papſtes Pius IV., hochgeehrt. Er ward neben ſeinem Vater zu Hohenems begraben. Beide bedeckt ein grauer, behauener Marmelſtein. Im Jahr 1560 lebten Graf Marx Sittich, Erzbiſchof zu Salzburg, Biſchof von Konſtanz, und Kardinal, und Graf Jakob Hannibal vom Embs, Söhne Wolf Dietrichs und Enkel Marr 252 Sittichs. Der letztere war zu Rom Generalkapitän der päpſtlichen Milizen unter Pius IV. und V. und in Spanien unter Philipp II. Anführer des deutſchen Fußvolkes, und kämpfte als ſolcher in Frankreich, Neapel, an der afrikaniſchen Küſte, in Burgund und dreimal in den Niederlanden. Er erhielt im Jahr 1578 die Mai⸗ ländiſche Grafſchaft Gallarat(Galerate) zum Lohn und wurde zum Granden Spaniens erhoben. Erzherzog Ferdinand von Oeſt— reich machte ihn zum Vogt von Bregenz, Feldkirch und Hoheneck und zum Feldmarſchall; ſeine Gemahlin war eine Schweſter des heilig geſprochenen Kardinals Karl Borromäus. Er ſtarb, 57 Jahr alt, am 1. Januar 1587. An dieſe Grafſchaft Ems gränzte rheinaufwärts die ehemals Montfortiſche Beſitzung Feldkirch, die jetzt öſtreichiſch geworden; dann folgte die Herrſchaft Vaduz, damals im Beſitze der Grafen von Sulz.— Auf dem linken Rheinufer eilte das Geſchlecht der Freiherrn von Hohenſax mitten in der Blüthe unerwartet auf eine furcht⸗ bare Weiſe ſeinem Untergange zu. Der berühmte Freiherr Ulrich hatte im Jahr 1515 von den katholiſchen Eidsgenoſſen, zum Danke dafür, daß er, obwohl Stadt⸗ bürger von Zürich, doch der Reformation fremd geblieben, die Ho⸗ heit über Sax, Friſchenberg und Lienz erhalten. Sein Sohn Ul⸗ rich Philipp wuchs heran, muthig und beherzt, wie er. In Piemont hatte er den Franzoſen mit ſieben eidgenöſſiſchen Fähnlein den Sieg bei Seriſol(Cerisola) über die Kaiſerlichen erfechten helfen und war ſo glücklich, durch einen feindlichen Lanzenſtich von einem ungeheuren Kropf kurirt zu werden. Zu Hauſe behauptete er ſeine Hoheitsrechte ſtreng gegen die Eidgenoſſen und die Gemeinde Sax. Seine reformirte Gemahlin brachte ihm Neigung zu der neuen Lehre bei, er kaufte ſich in Zürich an, trat im Jahr 1565 öffentlich zur proteſtantiſchen Religion über, und bearbeitete auch ſeine Un⸗ terthanen in Altſtädten, Sennwald und Salez durch Prediger; von weitern Schritten hielten ihn die katholiſchen Eidgenoſſen ab. Er ſtarb im Jahr 1585. Von ſeinen fünf Söhnen erbte der älteſte, Johann Albert, das Dorf Sax nebſt dem im Jahr 1551 darin erbauten Edelſitze; Johann Chriſtian das Schloß zu Uſter, und Johann Philipp Schloß und Herrſchaft Forſtegg. Dieſer letztere, geboren im Jahr 1551, ward ein ausgezeichneter Mann. Er ſtu⸗ dirte zu St. Gallen, Lauſanne, Genf, Paris und London; in der letztern Stadt wurde er Doktor der Rechte, und diente zuerſt als Raih det neral un kehrte ke. zurück, 1 die Nah in Jahr 1504 bez den ihn und füh verdtoß und deſſ hatte. daher 2 Stand Stimmu gerichtes Sur, kam mi Pilip 9 Zürichem lich. Di in und n Rats gan Uͤrt. Al u. Der Iu des 9 in ufel Wcheft 2⁵3 Rath dem Kurfürſten von der Pfalz, ſpäter als holländiſcher Ge⸗ neral und Kommandant der Provinz Geldern(ſeit 1577); dann kehrte er, mit einer niederländiſchen Gemahlin, in pfälziſche Dienſte zurück, und kam endlich wieder in die Heimath, wo er das, durch die Nachläſſigkeit einer Wäſcherin abgebrannte Schloß Forſtegg im Jahr 1586 wieder hatte aufbauen laſſen, und jetzt im Jahr 1594 bezog. Als eifriger Proteſtant nahm er ſeinen Unterthanen den ihnen vom Vater gelaſſenen Ueberreſt von Glaubensfreiheit und führte die Reformation mit Gewalt ein. Dieſes Betragen verdroß ſeinen älteſten in Sax wohnenden Stiefbruder Albert und deſſen Söhne, welchen er aus dem Erbe Forſtegg verdrängt hatte. Johann Philipp fürchtete ſeinen Bruder, der ſchon einmal zu Sargans im Jähzorn einen Mord begangen hatte, und ließ daher Tag und Nacht zu Forſtegg Wache halten, auch durch den Stand Zürich ſeinen Bruder zum Frieden ermahnen. In dieſer Stimmung waren die Brüder, als der Tag des Salezer Maien⸗ gerichtes einfiel, dem beide Brüder, Albert als Gerichtsherr von Sax, Philipp als der von Forſtegg, beiwohnen ſollten. Albert kam mit ſeinen drei Söhnen; um ihn nicht zu ärgern, erſchien Philipp auch. Als man ſich nun nach vollendetem Geſchäft zu Tiſche ſetzen wollte, um friedlich und herzlich mit einander zu ſchmauſen, lief Ulrich Jörg, Alberts Sohn, wild in dem Saal auf und nieder, ſtieß Schmähworte gegen ſeinen Oheim aus und rannte ihn mit Stoßen an, ſo daß dieſer endlich, lange gereizt, be⸗ fahl, ſein Schwert zu holen. Da zog auch ſein Neffe, und verſetzte dem Freiherrn zwei Säbelhiebe über den Kopf; der erſte glitſchte aus, doch hieb er ein Stück aus dem Hirnſchädel, der zweite aber ſpaltete ihm die Mitte des Kopfes. Der Getroffene verblutete und ſtarb am 12. Mai 1596. Der Bürgermeiſter und mehrere Raths⸗ herrn Zürichs erwieſen ihm, als ihrem Mitbürger, die letzten Ehren, da er zu Sennwald beſtattet ward. Der Mörder, von den Zürichern mit Steckbriefen verfolgt, entkam mit Mühe nach Oeſt⸗ reich. Dort ereilte ihn ſein Schickſal; er fing gefährliche Händel an und wurde auf Befehl des Kaiſers im Kerker enthauptet. Al⸗ berts ganzer Stamm ſtarb aus, wie vom Fluch getroffen und ver⸗ dorrt. Aber auf dem Geſchlechte des Erſchlagenen ruhte kein Se⸗ gen. Der älteſte Sohn, Friedrich Ludwig, vollendete zwar den Bau des Felſenſchloſſes Forſtegg, konnte ſich aber nicht im Be⸗ ſitze deſſelben erhalten. Er verkaufte im Jahr 1616 die Stamm⸗ herrſchaft Sax und Forſtegg an Zürich um 115,000 fl. Zürich R + 308 verwandelte ſie in eine Landvogtei. Ludwig ſtarb zu Kempten im Jahr 1629 ohne Leibeserben. Ebenſo verließen auch ſeine Brüder und ſein Vetter Chriſtoph Friedrich, Johann Chriſtophs Sohn zu Uſter, die Welt kinderlos; mit dieſem erloſch das Geſchlecht der Freiherrn von Hohenſar, dieſer erſten Eigenthümer und kleinen Selbſtherrſchrr des Landſtrichs, der vom Rheinſtrom und den ſüd⸗ lichen Felſenwänden des Alpſteins eingeſchloſſen wird. 12. Das ſiebzehnte Jahrhundert, oder der uilt m dreißigjährige Krieg und ſeine Lolgen— Hib am See. 1. Vorſpiele. Das erſte Jahrzehend des ſiebzehnten Jahrhunderts gönnte den Ufern unſers Sees noch den ſüßen Frieden. Die Stadt St. Gallen blühte durch ihren Handel mit feiner weißer und gefärbter Lein⸗ wand, von oft hundert Ellen langen Tüchern, wie ſie noch immer gefertigt werden, auch mit grobem Zwillich aus Flachs. Beides ging nach Italien, Ungarn und Frankreich. Umſonſt wetteiferten Konſtanz* und Appenzell mit ihr. Die Bürger benützten ihren Reichthum zum Flor der Wiſſenſchaft, legten eine öffentliche Bibliothek und ein Gymnaſium an, bauten Schulen, Thore, Rathhaus und erweiterten die Stadt. Der Abt ſonderte ſein Kloſter durch eine hohe Mauer von der ketzeriſchen Stadt. Doch ertrug man ſich gegenſeitig unter Vermittlung der Eid⸗ genoſſen. Auch in der Abtei herrſchte Ordnung und blühte Wiſſenſchaft unter dem ſchönen und leutſeligen Edelmann Diethelm Blarer und ſeinen nächſten Nachfolgern. Beſonders unter dem jungen Abte Bernhard(ſeit 1595) wurde das Kloſter eines der geordnetſten und ein wahres Abtsſeminar für andere Klöſter. Er erwarb Neura⸗ vensburg wieder und ſtellte es aus dem Schutte wieder her; N. C. 4598. Doch heißt alle deutſche Leinwand in der Lombardei und in Oberitalien überhaupt Tela di Costanza. der der olgen 25⁵ von den Edeln von Bodmann erkaufte er die am unterſten Bo⸗ denſee gelegene Herrſchaft Höomburg und Staringen. Auch im Handel wetteiferte er mit St. Gallen, indem er zu Rorſchach eine Leinwandhandlung errichten, Bleichen, Walken, Druckereien und Färbereien bauen ließ, und das eben aufgelöste Konſtanzer Handelshaus Meyer, Olion und Hofmann nach Rorſchach be—⸗ rief. Es kam aber nur der St. Galler, Balthaſar Hofmann. Eingeborne Rorſchacher(Mayer, Pfund, Feſſler und Poppart) aſſocirten ſich mit ihm und der Handel be⸗ gann. Der Fürſtabt unterſtützte ſie, aber das Geſchäft gedieh doch nicht, im Jahr 1613 löste ſich die Geſellſchaft auf und die Mit⸗ glieder verfolgten ſich vor Gericht. Doch gab der Abt die Sache nicht auf, ſondern übertrug ſie einem Apotheker, Ludwig von Thurn, von Wyl, und dem Statthalter von Rorſchach. Dieſe waren glücklicher; die Bleiche gedieh durch ſchwäbiſche Tücher von Biberach; Balthaſar Hofmann trat jetzt wieder auf. So nahm der Rorſchacher Handel ſeinen Anfang. Bernhard verwandte dazu haupt⸗ ſächlich die zahlreichen Subſidiengelder, welche ihm die mit frem⸗ den Mächten eingegangenen Bündniſſe eintrugen. Aber alle dieſe Geſchäfte ſtörte und hinderte die gräßliche Peſt, welche die Zeit⸗ genoſſen mit dem Namen des ſchwarzen Todes bezeichneten, und welche zweimal, im Jahr 1611 und 1629 in unſern Gegen⸗ den wüthete. Auf dem deutſchen Ufer des Sees zeigten ſich mit dem Jahre 1610 die erſten Vorboten des Religions⸗ kriegs, der acht Jahre ſpäter an einer andern Gränze unſres Va⸗ terlandes zum Ausbruche kam. Die Prälaten Oberſchwabens traten erſt ſechs, ſpäter noch ſieben andere, in Waldſee zuſammen und verabredeten ſich wegen der feindlichen Abſich ten der proteſtantiſchen Union, die im Jahr 1608 auf Anſtiften der Kurpfalz und Württem⸗ bergs ſich gebildet hatte. Abgedanktes, herrenloſes Kriegsvolk ſchweifte in Ober ſchwaben herum, raubte und plünderte in den Dörfern. Im Jahr 1610 bedrohte es mit einem förmlichen Heer⸗ haufen die Stadt Radolphszell, die, noch zu rechter Zeit gewarnt, ſich in Vertheidigungsſtand ſetzte. Im Herbſte deſſelben Jahres verbreitete ſich noch ein Lärm in unſern Gegenden. Die Truppen der proteſtantiſchen Union drohten aus dem Schwarzwalde durch das Kinzigthal herauszubrechen und ins Oberland zu dringen. Auf einem Tage zu Mengen beſchlof⸗ ſen die katholiſchen Fürſten und die Prälaten, dieſen Durchgang N. C. 1605. N. C. 4610. 0 l 0 * 2⁵6 mit bewaffneter Hand zu verhindern; aber ehe der Beſchluß in Vollzug geſetzt werden konnte, brach proteſtantiſches Volk in die Ebene heraus, und ſchon ſah ſich Salmannsweiler und Meers⸗ burg bedroht. Endlich aber kam die erwünſchte Nachricht, daß der Feind mit ſeinem ſtattlichen Raube, den er gern in Sicherheit bringen möchte, der Donau zuziehe, und überdieß Alles bezahle. Konſtanz machte darauf ſeinen Mitſtänden bemerklich, daß man ein andermal gemeinſchaftlich beſſere Vorkehrungen treffen ſollte, um aller ähnlichen Gefahr enthoben zu bleiben. Einige Jahre nachher tagten auch wirklich die katholiſchen Stände ernſtlich und wiederholt zu Waldſee und zu Ueberlingen, und als der Herzog Johann Friedrich von Württemberg gegen dieſe einſeitigen Verſammlungen proteſtirte, antwortete der Biſchof von Konſtanz ſtolz und beleidigt:„daß ganz andre Angelegenheiten, als religiöſe, auf dieſen Tagen verhandelt würden; daß ihn der Herzog mit dergleichen ſcharfen Schreiben und ſtarken Drohungen verſchonen möchte, ſonſten er zur Erhaltung ſeiner Reputation auf andere Mittel denken müßte.“ Der Erzher⸗ zog Maximilian von Oeſtreich, auf gleiche Weiſe zur Rede geſtellt, meinte offenherziger:„es ſey, bei den ſeltſamen Unionen, die im Reiche ergehen, den Katholiken nicht zu verdenken, wenn ſie ſich gegen jeden Eventualangriff ſicher ſtellten.“ Und ſo wurde denn auch wirklich ein vollſtändiger Defenſionsplan zu Ueberlingen verabſchiedet(25. Sept. 1617) und der dortige Bürger und Fabrikpfleger Georg Ru eff zum Kaſſier der vereinigten Stände beſtellt. Fünf Häupter wählte dieſer Bund; für Nieder⸗ ſchwaben Don Balthaſar Maradas, für Oberſchwaben den Freiherrn von Anhalt. Der Erzherzog Maximilian gab die⸗ ſen Maßregeln ſeinen vollen Beifall. Er meinte:„der Allmächtige befinde ſich mitten unter der Verſammlung zu Ueberlingen, und regiere mit ſo ſtarker Hand das ganze Werk.“ Allein ſchon im folgenden Jahre klagte man in Ueberlingen, daß die Kriegsbeiſteuer nicht in die Kaſſe einlaufen wolle. Ein Stand ſchob die Schuld auf den andern; am wenigſten wollten die geiſtlichen Stände daran, und es mußte endlich ein feſter Zahlungstermin angeſetzt werden. 2. Anfang des Krieges. Inzwiſchen war der Krieg ausgebrochen, und die gefährlichen Zeitläufe bewogen den Biſchof von Konſtanz, einen neuen Tag nach Ueberlingen auszuſchreiben(Februar 1619). N. C. 4615. N. C. 4617. N. C. 1619. fgen eine fat teſtantiſc dern Et nehmen Syitze di und eidg deutſche Mansfele habel 257 Hier erkannten die Stände, daß es auf Ausrottung des Katholi⸗ cismus abgeſehen ſey und alles auf dem Spiele ſtehe⸗ Sämmtliche Stände wurden daher zum beſtimmten Beitritt aufgerufen und eine weitere Beiſteuer dekretirt. Aber die Proteſtanten in der Schweiz und den oberländiſchen Städten legten die Hände auch nicht in den Schooß. Die Lindauer befeſtigten ihre Stadt nach den An⸗ gaben des proteſtantiſchen Grafen von Solms, der auch die wich⸗ tigen Päſſe in der Gegend von Bregenz beſichtigte. Sie gedachten eine ſtarke Beſatzung einzunehmen, ſchickten Geſandte an die pro⸗ teſtantiſchen Stände nach Ulm und Stuttgart, ſetzten ſich mit an⸗ dern Städten im Algau wie mit den Schweizern in gutes Ver⸗ nehmen und hofften, den Ständen zu Ueberlingen die Spitze bieten zu können. Der Kaiſer ſelbſt erſchrack über dieſe Maßregel und ſein Geſandter ermahnte die Stadt Lindau, kein fremdes, proteſtantiſches Kriegsvolk in ihre Mauern aufzuneh⸗ men. Inzwiſchen ſammelte ſich auch eine bündtneriſche Schaar und eidgenöſſiſches Landvolk in der Gegend von Feldkirch, und das deutſche Ufer des Bodenſees fürchtete einen Ueberfall der Mansfeldiſchen Armada, die bisher im Elſaß gehaust, und vom Herzog von Württemberg den Paß durch ſein Land erlangt haben ſollte(December 1621). In Eile ſchrieb deßwegen der Biſchof von Konſtanz einen ſiebenten Tag nach Ueberlingen aus, auf welchem kräftige Maßregeln, namentlich die Beſetzungen der guten Päſſe Schwabens beſchloſſen wurden; beſonders munterte ſie Herzog Maximilian von Baiern zur Beſetzung des Kinzinger Paſſes auf; auf den erſten Kurier werde er ihnen den Tilly zu Hülfe ſenden. Dadurch ermuthigt, beſchloß der Tag zu Ueberlin⸗ gen, auf des Grafen Egon von Fürſtenberg Vorſchlag zwei Schanzen, die eine mit vier Redouten, zwiſchen Gengenbach und Schloß Or⸗ tenberg, die andere bei Haslach anzulegen, und den Paß mit 400 ſchwäbiſchen Musketiren zu beſchicken. Aber noch immer fürchtete man zu Konſtanz ernſtlich einen Mansfeldiſchen Ueberfall(April 1622); das ſchwäbiſche Kriegsvolk des Ueberlinger Tages regte weder Hand noch Fuß und aß dem Landbewohner ſein Brod vor der Naſe hinweg. Der Kaiſer ſelbſt verlangte deßwe⸗ gen die Abdankung deſſelben. Er ſandte öſtreichiſches Volk und dieſes ſollte Schwaben ſchützen und da überwintern. In Tettnang lag im September 1622 ein kaiſerlicher Oberſtlieutenant, auch das ver⸗ dächtige Lindau war vorübergehend beſetzt worden und der Direktor und Hofkanzler des Erzherzogs Leopold reſidirte dort. Hunger und Schwab, Bodenſee. 17 N. C. 4620 N. C. 1621. N. C. 1622. 258 Kummer herrſchte. Dazu verurſachte das ſchlechte Geld(die Kipper⸗ und Wipperey) namenloſes Elend. Doch mögen die kaiſerlichen Streitkräfte noch lange ſchwach in der Gegend geweſen ſeyn. Noch im Dezember des Jahrs 1624 ließen ſich Mannsfelds Freibeuter, die, von ihrem Führer verlaſſen, herrenlos auf ihre Fauſt in der Gegend gehaust zu haben ſcheinen, hier und dort blicken, und der Kaiſer wußte ihrer nicht anders los zu werden, als daß er dem Landvolke erlaubte, ſie zu ermorden, wo man ſie treffe. Um dieſelbe Zeit ließ der Kaiſer für Mailand 3000 Fuß⸗ gänger und 500 Küraſſiere in Schwaben werben, an die Spitze dieſes Volkes wurde Pappenheim geſtellt und es erhielt im Februar 1625 freien Durchzug gegen Bezah— lung durch die Beſitzungen Fuggers und Montforts und kam durch Tettnang. Das Volk war willkommen, da es zugleich vor den Mannsfeldern ſchützte. Die Reiter rückten von Ravensburg nach Buchhorn, wurden von Lindau verpflegt und auf dem See nach dieſer Stadt geſchafft. Eine zweite Hülfe unter dem Graſen Piccolomini konnte die Straße nicht kommen, weil die Ritter⸗ ſchaft im Algau und am Bodenſee, der dieſe Werbung nicht gefiel, ſich weigerte zu kontribuiren. Ein neues Korps von 4000 Fuß⸗ gängern und 1000 Reitern hatte der kaiſerliche Oberſt Graf Wolf von Mannsfeld(aus dem Geſchlechte des gefürchteten Feindes Ernſt) geſammelt, deſſen Vortrab im Auguſt 1625 zu Bregenz ankam; die übrigen folgten allmählig. Aber dieſe Truppen alle, anſtatt nach Mailand zu eilen, kampirten jahrelang in der Gegend. Von ſo vielen Quartieren und Durchzügen hatte die Seegegend ſchon viel gelitten. Da verlautete im März des Jahres 1627 gar noch die Schreckenspoſt, daß der Landverderber Wallenſtein ein ſtarkes Heer in den ſchwäbiſchen Kreis führen wolle. Dieſe Nachricht verbreitete allgemeines Ent⸗ ſetzen. Der Graf Egon von Fürſtenberg charakteriſirte den Friedland ſehr gut:„er ziehe überall hin, wo noch Städte und Stände ſeyen, denen man etwas abnehmen könne; auch heiße es bei ihm: sic volo, sic jubeo, stat pro ratione voluntas.“ Das ganze Ober⸗ land von Ulm an lag ohnedem voll kaiſerlicher Kriegsquartiere, die ſich im folgenden Jahre 1628 noch mehrten. Die Kroaten wütheten, wie der ärgſte Feind, in Oberſchwaben, zündeten Dörfer an und tranken öffentlich„in sanitatem diaboli.“ In Lindau fraß die Peſt 2000 Menſchen; und im Jahr 1629 beſetzten die Stadt die Kaiſerlichen, um 20 Jahre lang darin zu hauſen. Im Hegau N. C. 1625. N. C. 1627. tobten di Wurden ſeine lonnen. dallen! die Kirth Hoftie e herüber hin übe an den dazu gte Scherz! Kei Ktiegel geweſen fein Fte batet, nach Itt ein, un ihn im unausſhr es zu m fiugte O Iuer. 5 5 A. j W01 Taliff Hekt auf! Mi aln den Stän Immittelh Der Kaiſ hiten, Warlun⸗ Am zwe Wuifun, 259 tobten die Kriegsvölker; dem edeln Hans Ludwig von Bodmann wurden Piſtolen auf die Bruſt geſetzt. Der Kaiſer ſelbſt äußerte ſeine Wehmuth über das beſchwerte Schwaben, ohne helfen zu können. Die Soldaten hausten nach Willkühr, ſtahlen alle Pferde, deckten Dächer ab, warfen Männer und Weiber aus den Betten; die Kirchen ſelber wurden an manchen Orten nicht verſchont, die Hoſtie entweiht und auf den Miſt geworfen. Von der Schweiz herüber hallte das Geſchütz der proteſtantiſchen Eidgenoſſen weit hin über den See. Ein großes Aergerniß nahm das Volk auch an den kaiſerlichen Kriegskommiſſären, die faſt alle habſüchtig, noch dazu größtentheils unkatholiſch waren, ſo daß die Menge in zornigem Scherz klagte: Gott ſey dieſes Jahr kalviniſch. Kein ganz übler Mann ſcheint der zu Memmingen reſidirende Kriegskommiſſär und kaiſerl. Oberſt Wolf Rudolph von Oſſa geweſen zu ſeyn. Er durchſchaute Friedlands Plane, und konnte kein Freund deſſelben ſeyn. Als nämlich Wallenſtein ſeinen Beicht⸗ vater, einen italieniſchen Karmelitermönch mit einer Sendung nach Italien ſchickte, kehrte dieſer auch bei Oſſa in Memmingen ein, um ſich den Paß ausfertigen zu laſſen. Der Oberſt fragte ihn im zutraulichen Geſpräch:„warum denn Friedland eine ſo unausſprechliche Armee in Schwaben einquartieren laſſe?“—„um es zu ruiniren“ antwortete der Mönch lakoniſch.—„Warum?“ fragte Oſſa.—„Um ſein Vorhaben durchzubringen,“ erwiderte Jener. Von dieſem Augenblick an war Oſſa überzeugt, daß Friedland aus Herrſchbegierde ſo handle und den Kaiſer entnerven wolle. An jenen Oſſa nun wandten ſich die Stände mit ihren Beſchwerden. Er erwiderte ihnen theilnehmend, daß er ſelbſt den gänzlichen Ruin des Landes vor Augen ſehe, zumal da der Gene⸗ raliſſimus noch 2000 Mann zu werben im Sinne habe, um das Heer auf 13,000 Mann zu bringen. Er ſelbſt habe nur zu gehorchen. Bei allem Mitleiden ließ ſich indeſſen der Kriegskommiſſär von den Ständen reichlich beſchenken; und dieſe ſandten nun unmittelbar eine Botſchaft an den Kaiſer(Jun. 1628). Der Kaiſer verſicherte, daß er mit ſeinem Volke das Land nur ſchützen, nicht bedrücken wolle; doch reſolvirte er am Ende deſſen Abdankung im September, allein, wie es ſcheint, ohne Erfolg. Denn zwei Jahre ſpäter mußte der Kaiſer ſelbſt wegen der Bedrückungen des ſchwäbiſchen Landes an den Friedland N. C. 1628. N. C. 1650. Handſchriſtlich, wie das Vorhergehende und Folgende. U 8 ** ES ſchreiben(13. März 1633). Dieſer antwortete aus Gitſchin (19. März):„daß er in dieſer Sache ſchon etlichemal an den Freiherrn von Anhalt geſchrieben habe; daß er aber mit Nächſtem von Karlsbad aufbrechen und auf Oſtern nach Memmingen kommen wolle, um ſelbſt zu ſehen.“ Wirklich beſtellte er dort bei Oſſa einen Hofſtaat und Herberge für 1000 Pferde; aber Alles gegen Bezahlung. Die Geſandten der Kreisſtände verſammelten ſich zu Memmingen, doch die Vornehmſten blieben aus. Wallenſtein aber ließ, wie es ſcheint, vergeblich auf ſich warten, und ſtatt ſeiner rückten 10 neue Regimenter in Oberſchwaben ein. Den Kaiſer beſchwichtigte er mit dem Vorgeben, daß er das Heer nächſtens aus dieſen Landen wegführen— daß er mit demſelben in zwei Jahren dem Kaiſer Konſtantinopel einzuantworten gedenke. Die Ordonnanz, die Oſſa auf Friedlands Befehl zu Beſchränkung der Soldateska erließ, mag nicht viel gefruchtet haben. Oſſa und Graf Wolf von Mansfeld konnten ſelbſt den Jammer kaum mehr anſehen; ſie waren auf dem Punkte abzudanken. Inzwiſchen erſcholl aus der Ferne das Gerücht vom glücklichen Fortgange der ſchwediſchen Waffen, und die proteſtantiſchen Städte unſrer Gegend frohlockten ingeheim. Zu Lindau lag ein Theil des Regimentes Tiefenbach(etwa 700 Mann). Der kaiſerliche Kommandant, Hauptmann Hans von Treitſchnall, merkte die Stimmung der Bürger und fürchtete, ſie möchten ſich in ein heim⸗ liches Bündniß mit den Ulmern einlaſſen, die den Kaiſerlichen die Donau ſperren wollten. Er bat dringend um eine Kom⸗ pagnie Verſtärkung(5. Mai 1631), und erhielt mehr, als er verlangt hatte. Mit dieſer Beſatzung ſchlichen ſich unter dem Namen der Garniſonskaplane, zum Schrecken der Bürger, die Jeſuiten in Lindau ein. Aber das kaiſerliche Heer war miß⸗ vergnügt, weil es unbezahlt war, es ließ gefährliche Reden fallen; die Stände hatten ſich eines Beſſern zu dieſer ſiegreichen Armee verſehen. Mitten unter ſolchen Bedrückungen erwartete man neue Durchzüge von 30,000 Mann ſpaniſchen Volkes aus dem Elſaß. Ein Theil deſſelben ſollte über Lindau marſchiren. Zweitauſend italieniſche Banditen waren im Anzug unter dem Due de Mirandola; ſie erboten ſich unverhohlen, jeden Feind kaiſerlicher Majeſtät, einen Bürger um einen Dukaten auf den Kopf, einen Bürgermeiſter oder Stadtdirektor um 100 Dukaten, einen Fürſten um 1000 Dukaten „ſchlafen zu legen.“ N. C. 4651. 2 0 fagten 163), Wehri Wet e Wannen dort 9o Schwed lätze k Veing 3. Erſter Verſuch der Schweden am See. Belagerung von Konſtanz und Ueberlingen. Da Niemand den oberſchwäbiſchen Ständen helfen wollte, ſo tagten ſie endlich zu Ravensburg(Novbr. 1631, Jan. 1632), und errichteten eine Partikulär⸗Difenſion zur Abwehrung der Plackereien. Der Kaiſer duldete dieſes nicht. Aber ehe ſich Jemand beſinnen konnte, kam die Abhülfe, von wannen man ſie nicht erwartete und wünſchte. Der ſiegreiche Schwede rückte im Sturmſchritte gegen Oberſchwaben an. Am 16. April erſchien der ſchwediſche Generalmajor Patrik Ruthwen mit den erſten ſchwediſchen Truppen in Ravensburg und wurde dort von den Glaubensgenoſſen mit offenen Armen aufgenommen. Schwediſche Aufgebote ergingen von Ravensburg aus; Muſter⸗ plätze wurden in ganz Schwaben eröffnet. Das benachbarte Kloſter Weingarten, zur Unterwerfung aufgefordert, verzweifelte; der Abt war zu Feldkirch auf der Flucht. Dazu waren die Reben gänzlich erfroren; alle Katholiken flüchteten nach Konſtanz;„es war ein Meer voll Elends und Jammers.“ Doch ſcheint dieſe ſchwediſche Truppe nur eine vorpouſſirte Streifpartie geweſen zu ſeyn; denn als die öſtreichiſche Macht von Bregenz aufbrach, ihr entgegen zu gehen, ergriff die Feinde ein paniſcher Schrecken; ſie räumten die Gegend und flohen mit ſolcher Eile nach Biberach, daß all ihr Gepäcke zurück blieb. Am 23. Mai war kein Schwede mehr in der Gegend; ſelbſt bei Ulm wurden nur noch wenige geſehen. Der kaiſerliche Oberſt Oſſa, der, auf die Nachricht vom Abfalle der Ravensburger, im Zorne gedroht hatte, den Ober⸗ amtmann hängen oder köpfen zu laſſen, rückte in dieſe Stadt ein, berief und entwaffnete die Bürgerſchaft. Doch war ſein Zorn vorüber und er gab dem zitternden Oberamtmann kein böſes Wort. Der Stadtſchreiber war geflohen und auf dem Wege nach Tett⸗ nang eingeholt worden. Vergebens wollte er ſich durch einen Sprung aus der Kutſche retten; er wurde ergriffen und eingebracht. In Lindau wurde der Kriegskommiſſär Fuchs, der zu den Schweden übergehen wollte, lebendig geſpießt. Die Kaiſerlichen kantonirten jetzt wieder in der ganzen Gegend, in Pfullendorf, Ueber⸗ lingen und andern benachbarten Orten. Indeſſen kehrte die Furcht vor den Schweden, deren ganzes Heer ſich zu nähern ſchien, bald wieder zurück. Im Julius hatte man den Plan, die kaiſer⸗ lichen Beſatzungen von Bregenz, Lindau, Ueberlingen und Radolphszell N. C. 1652. 3 262 6 ahr vund zuſammen zu ziehen, um den Feind abzuhalten; er ſcheint aber— 10 nicht ausgeführt worden zu ſeyhn. Im Auguſt erſchien der Schwede i Lüteh wieder vor Biberach, das er nach einer kurzen Belagerung zwang. Mrin del gein s Im September war er zu Memmingen, zu Leutkirch und in der if üln Gegend von Ravensburg. Hier fingen die Feinde den Komponiſten 90 des Weingartner Kloſters und nöthigten ihn ein Siegeslied auf n, die Eroberung Biberachs auf Noten zu ſetzen. Radolphszell 4 wurde am 4. November von den Württembergern, die unter Oberſt Wiie Rau das ganze Hegau brandſchatzten, beſetzt. Auch Stockach, Pfullendorf und die Reichenau wurden von ihnen heimgeſucht. In Memmingen und Kempten lagen die Schweden. Doch nähnen ſcheinen die Oeſtreicher in dieſer Richtung bald wieder Meiſter kentbe geworden zu ſeyn. Der neue Gouverneur von Lindau, Oberſt leſhe v. König, betrieb Werbungen. Vielleicht wurden nach dem frühern Deeſe want neuen ſpa Plane die Beſatzungen zuſammengeſtoßen: auch lag noch viel für nmfln Mailand beſtimmtes Kriegsvolk in der Gegend; gewiß iſt, daß im in die Ge Januar 1633 Memmingen und Kempten mit Gewalt der iberfel Waffen wieder in kaiſerliche Hände kamen. Aältnan Auch rückte das ſchwediſche Hauptkorps, das im ess. Auguſt dieſes Jahres, unter dem berühmten Feldmarſchall benicken Guſtav von Horn, von Ulm aufbrach, nicht auf dem geraden die An Wege in unſre Gegend vor, vermuthlich weil es hier durch die fegriten Nachbarſchaft jener feſten Plätze wäre aufgehalten worden. Es die ſchrediſ marſchirte vielmehr nach Stockach und von dort den Strom hinab ne bis Stein am Rhein. Sein Augenmerk war auf Konſtanz gerichtet; es mußte daher auf das linke Rheinufer hinüber marſchiren, was ohne Verletzung des Züricher Gebiets nicht geſchehen konnte. Allein da in der Nähe die katholiſchen Kantone feindliche Wache hielten, ſo konnte Behendigkeit und Stillſchweigen allein hier fördern. Horn hatte daher ſchon von Stockach aus den Uebergang über die Rheinbrücke von der Stadt Stein begehrt. Noch delibe⸗ rirte der Rath dieſer Stadt und wünſchte Aufſchub, um nach Zürich nit atdem! berichten zu können, als auf dem rechten Ufer die ſchwediſche Armee Ale zu L bereits angekommen war, und einer der ſchwediſchen Oberſten an gehen den die Thüre der Rathsſtube klopfte und verlangte, daß man ſich fkl det fit ſchnell reſolviren ſollte. Die Stadt wagte nicht zu widerſprechen ſh mit ihtt und das ſchwediſche Heer ging hinüber. Es zog mit muſterhafter klirigen. Kriegszucht über den Thurgauiſchen Boden. In Konſtanz ahnte beſonde weder Biſchof noch Bürgerſchaft etwas von der nahen Ankunft der Lintten! Schweden, bis man das feindliche Volk von der Mauer herab Wüntz le 263 gewahr wurde. Der Biſchof ließ nun in verwirrter Eile die beſten Sachen zu Schiffe bringen und wollte ſich und ſie nach Lindau in Sicherheit führen. Aber ehe er den Anker lichten konnte, war der Feind da. Der Biſchof rettete ſich kümmerlich auf einem andern Schiffe über den See nach Lindau. Das reichbeladene Frachtſchiff mit dem Reichenauiſchen Kirchenſchatz und Ornat, einem koſtbaren Smaragd und dem ſilbernen Bilde des heil. Mareus, das allein 35,000 Thaler werth war, wurden von den Schweden gekapert. Dieſe waren entſchloſſen, den Vortheil der Stadt Konſtanz dem neuen ſpaniſch⸗ligiſtiſchen Heere, das man erwartete, vor wegzu⸗ nehmen, und rüſteten ſich alsbald zur Belagerung, die am 8. Sep⸗ tember ihren Anfang nahm. Die Kaiſerlichen konnten vor dem Erſcheinen eines großen Heeres nicht viel unternehmen. Zwar war in Lindau einiges italieniſche Volk unter dem Oberſten Oſſa angelangt; ein Theil davon marſchirte den See und Rhein hinab in die Gegend von Schaffhauſen, wo es die ſchwediſchen Küraſſiere überfiel. Doch ſammelten ſich die zwei dort liegenden ſchwediſchen Regimenter ſchnell, und ſchlugen die Italiener in vollſtändige Flucht. Vor Konſtanz wurde inzwiſchen die Belagerung mit allem Eifer betrieben. In derſelben Stadt, deren Einwohner vor 85 Jahren die Katholiken voll von proteſtantiſchem Enthuſiasmus mit den ſiegreichen Waffen abgewehrt, wurden jetzt brünſtige Meſſen gegen die ſchwediſchen Proteſtanten geleſen; Knaben und Weiber halfen den Männern Geſchoſſe zubereiten, Alles nahm Theil an der ver⸗ zweifelten Gegenwehr. Drei bis vier Wochen lang dauerte die Beſchießung mit Granaten; Minen wurden gegraben, ſchon war eine Breſche geſchoſſen. Aber auch zu den Belagerten ſchlugen ſich 4000 Mann durch und brachten friſche Munition. Und als General Horn mit Verletzung des Schweizerbodens ins St. Galliſche, wo der Abt ſein Silbergeſchirr geflüchtet, Waffenſchau gehalten und ſeine Schlöſſer ausgebeſſert hatte, eingefallen war, und Romanshorn mit andern Orten gebrandſchatzt hatte: ſo klagten die katholiſchen Orte zu Wil, brachten 3000 Mann zuſammen und marſchirten gegen den Schweden. Ja ſelbſt den proteſtantiſchen Schweizern gefiel der fremde Gaſt nicht, und ſie ſchienen nicht ganz abgeneigt, ſich mit ihren katholiſchen Landsleuten zu deſſen Vertreibung zu vereinigen. Frankreich ließ aus Furcht vor den Eidsgenoſſen durch einen beſondern Geſandten, den Duc de Rohan, der als General in Bündten beſehligte, und perſönlich in das ſchwediſche Lager vor Konſtanz kam, die Schweden zu Verlaſſung des ſchweizeriſchen 2 44 7. ESUESS Gebietes ermahnen. Endlich kam die von den Konſtanzern ſehnlich erwartete große kaiſerlich-bairiſche Armee unter Feldmarſchall Altringer durch Oberſchwaben; mit ihr vereinigte ſich das ſpaniſch⸗italieniſch-deutſche Heer, das der Herzog von Feria aus dem Tyrol herbeiführte; das letztere allein war 10,000 Mann ſtark. Der Vereinigungspunkt beider Heere war der Bodenſee; verbunden warfen ſie ſich nun auf Oberſchwaben und eroberten Biberach. Den Schweden war es zwar gelungen, den Abt von St. Gallen und die katholiſchen Eidsgenoſſen abzuſchrecken, ſo daß ſie ſich nach Wil zurückzogen. Als aber das italieniſch⸗kaiſerliche Heer im vollen Anzug auf Ueberlingen war, ſah ſich Horn doch am Ende genöthigt, die Belagerung von Konſtanz aufzuheben; er brach auf und zog ſich mit der ganzen Armee wieder nach Stein am Rhein, auch dieſes und die ganze Schweizergränze verließ er am 2. November 1633, um ſich mit der ſächſiſchen Armee des Herzogs Bernhard von Weimar zu vereinigen.— Zu Lindau verſtärkten ſich die Kaiſerlichen, der verdächtige Kommandant, Oberſt König, war verhaftet und durch den Obriſten Vizthum von Eckſt adt erſetzt worden. Aber ſchon im folgenden Jahre erſchien Horn, nachdem er ſich Memmingens bemächtigt hatte, aufs Neue am Bodenſee, und zog vor Ueberlingen, das er hart zu belagern anfing. Er fand jedoch unerwarteten, tapfern Wider⸗ ſtand, und die Belagerten erhielten von Konſtanz, der Beſatzung Lindau's und der ganzen Umgegend Succurs. Horn unterminirte die Stadt und hatte ſich ihrer ſchon halb bemächtigt, aber die Städter wehrten und verſchanzten ſich Straße für Straße; auch hatten ſie einen Arm vom See in den Stadtgraben geleitet. In einem glücklichen Ausfalle fingen ſie einen Hauptmann und drei Lieutenants und hieben 70 Schweden nieder. Dennoch hätte die Beſatzung am Ende kapitulirt, aber das in die Stadt geflüchtete Bauernvolk, von fanatiſchem Haſſe gegen die Schweden beſeſſen, duldete es nicht. Am Ende zog Horn auch hier unverrichteter Dinge ab, und verlegte ſein Volk um Ravensburg, Biberach und Reutlingen. Streifpartien ließ er bis Bregenz Schrecken ver⸗ breiten. Die einzigen Punkte, die er noch am Bodenſee beſaß, waren die Städte Radolphszell und Buchhorn. Die letztere ließ er ganz mit Waſſergräben umgeben, und mit Wall und Sturmpfählen befeſtigen, auch Schiffswerfte dort anlegen, um den Kaiſerlichen die Herrſchaft auf dem See abzugewinnen. Oberſt N. C. 1634. errinſcht thum, a 26⁵ Sigerod und Dav. Kupfermann kommandirten darin 1500 Mann. Mit Unruhe blickte die kaiſerliche Beſatzung der unſichern Stadt Lindau auf dieſes Bollwerk des Feindes. Sie hatte alle Bürger bis auf fünfzig aus der Stadt geſchafft, theils weil ſie ihnen nicht raute, theils weil ſie ſich ſonſt nicht halten konnte. Am Ende Juli's war ſie bis Fiſchbach vorgerückt, um Buchhorn zu ſchrecken. Aber der Schwede verjagte ſie und äſcherte das Dorf ein. Sehr erwünſcht war es daher dem Kommandanten, Oberſten von Viz⸗ thum, als der bairiſche Oberſt Mercy, der in Rheinfelden kapitulirt und von den Schweden freien Abzug nach Konſtanz erhalten hatte, ihm— um ſich wieder Ehre zu verdienen— im Auguſt 1634 den Vorſchlag machte, Buchhorn zu überrumpeln. Ihre vereinigte Macht erſchien unverſehens mit Schiffen vor dieſer Stadt, und 1000 Pferde nebſt Fußvolk ließen ſie von der Landſeite anrücken. Dieſe bemächtigten ſich auch glücklich durch einen Ueberfall des Kloſters Hofen, von hier aus ſollte die Stadt, die auf den Angriff gefaßt ſchien, belagert werden. Davon erhielt der außer⸗ halb Buchhorns ſtationirte ſchwediſche Oberſt Canofs ky Nachricht, und ſchickte den Rittmeiſter Lichau mit 80 Pferden und 30 Dra⸗ gonern auf Kundſchaft. Dieſer hub eine kaiſerliche Streiſpartie von 60 Reitern, unter dem Rittmeiſter Zinfeld, auf, und erfuhr von einem gefangenen Regimentsquartiermeiſter, daß„noch etliche Truppen Reiter am Bodenſee lägen.“ Unbekümmert um die Zahl rückte die kleine Schaar auf Buchhorn zu, und traf es ſo glücklich, daß gerade die ſchwediſche Beſatzung einen Ausfall that; ſo kamen die Feinde zwiſchen zwei Feuer, und obgleich ſie vom See und vom Land aus ein lebhaftes Bombardement unterhielten, ließen ſie doch 200 Todte und 100 Gefangene zurück, und flohen ſo eilig, daß Vizthum ſelbſt bis an den Hals in die See ſprang, und wenn ihm nicht ein Schifflein zu Hülfe gekommen, ertrunken wäre. Die Schweden eroberten 3 Kanonen und nahmen das Kloſter Hofen. Ihr Verluſt beſtand nur aus Reitern und wenigem Fußvolk. Buchhorn mit ſeinen Schiffswerften war gerettet. Vier kleinere Schiffe und eine ſtolze Kriegsgaleere von 22 Kanonen, der die Schweden den Namen ihrer Königin Chriſtina gaben, waren fertig vom Stapel zu laufen. Ungefähr um dieſe Zeit thaten ſich auch die kaiſerlichen Be⸗ ſatzungen von Bregenz, Lindau, Ueberlingen und Konſtanz zuſammen, erſchienen mit 20 Schiffen vor Radolphszell und mit andern Truppen zu Lande. Aber der ſchwediſche Major Schafelißky 5 2 14 — 2 266 kam zum Entſatz herbei, ſchlug die Kaiſerlichen, die Oberſt Wolfegg befehligte, und tödtete, doch mit eigenem empfindlichem Verluſt, 80 Mann. Er warf nun 400 Mann und auf ein halb Jahr Proviant in die Stadt und ging nach Buchhorn. In Kon⸗ ſtanz war großer Schrecken. Von aller dieſer Angſt befreite die Kaiſerlichen und unſre Gegend die noch in demſelben Monat(am 16. Auguſt 1634) zu Nördlingen gelieferte entſcheidende Schlacht, nach der das total geſchlagene ſchwediſch-weimariſche Heer mit Bernhard und Horn in wilder Flucht dem Rheine zueilte. Dieſer Sieg warf die proteſtantiſche Partie darnieder. In ganz Schwaben war bald kein Schwede mehr zu ſehen. Auch unſer See wurde verlaſſen, und ſchon im Oktober die Feſtung Buchhorn auf Gallas Befehl demolirt. 4. Hohentwiel, Wiederhold und Ueberlingen. Auf der Felſenfeſte Hohentwiel, dieſem württembergiſchen Eiland im Hegau,“ befehligte der Oberſt Konrad Wiederhold. Er war den 20. April 1598 zu Ziegenhain in Heſſen von bürger⸗ lichen Eltern geboren, in ſeinem ſiebzehnten Jahre als gemeiner Reiter in hanſeatiſche Kriegsdienſte getreten, hatte ſpäter im Dienſte der Republik Venedig die Kunſt der Behandlung des groben Ge⸗ ſchützes gelernt, hatte England, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, ſelbſt die Barbarei durchzogen, wurde von dem Prinzen Magnus in Württemberg eingeführt, von Herzog Friedrich als Trillmeiſter in Dienſte genommen, und war 1619 Rittmeiſter bei den württembergiſchen Truppen geworden. Muth und Kenntniſſe hoben ihn bald höher: er erwarb ſich bei der Einnahme Schram⸗ bergs großes Lob, ward hierauf Befehlshaber der Feſte Hornberg und nach der Nördlinger Schlacht auf Hohentwiel verſetzt.! Dieſen von Feinden umringten Platz, der wie ein einſamer Fels im tobenden Meere ſtand(denn Württemberg und ganz Schwaben waren von Kaiſerlichen überſchwemmt und unterjocht, bald alle Veſten des Landes gefallen) ſollte der Oberſt mit einer kleinen Beſatzung von Württembergern und Schweden,— denn viel faßten die wenigen Morgen der Oberfläche nicht— ſeinem Herzog erhalten. Er aber that mehr. Er bewahrte ſeinem Herrn nicht nur dieſes * Ueber Hohentwiels Erwerbung durch Württemberg, ſ. unten beim Rück⸗ blick auf die Burgen. ** Pfaff, Geſch. Württemb. II. 154. Kleined in Hekie det allhemeine gerungen“ empfangen kein ſchwat ſeinen ſpã Kaun mit den 1 als er ſti ließ, daz on ſein fahren,d beipaſſttet ſah Viedt ſatzung 1 tödtete 3 Hohenttit Gache nit Kommand und ihn u auch ihte Hohentwiel Elllift, ſch eine lu fihter, der Uat. Et v ſlten die W In J. Weutender tb gerl. Aklaut, 267 Kleinod und vertheidigte es vierzehn Jahre lang gegen die Heere der verſchiedenſten Feinde: ſondern er gab es ihm beim allgemeinen Frieden nach 16 Jahren, und nachdem er fünf Bela⸗ gerungen ausgehalten, auch in beſſerem Zuſtande zurück, als er es empfangen hatte. Wie ein Adler hauste er auf ſeinem Neſte und kein ſchwacher Punkt, keine lockende Beute der Umgegend entging ſeinen ſpähenden Blicken. Kaum war er einige Monate auf ſeiner Veſte und hatte ſich mit den militäriſchen Poſitionen der Umgegend vertraut gemacht, als er ſeine Augen nach dem benachbarten Ueberlingen ſchweifen ließ, das in dieſem Augenblicke der Sicherheit, wie es ſcheint, bloß von ſeinen Bürgern bewacht wurde. Die Ueberlinger hatten er⸗ fahren, daß ketzeriſche Güterwägen aus Ulm an ihrer Stadt vor⸗ beipaſſiren würden und zogen aus, dieſelben wegzunehmen. Dieſes ſah Wiederhold, oder erkundete es: im Fluge war er mit der Be⸗ ſatzung unten, überfiel die Ueberlinger, nahm ihnen den Raub, tödtete 350, die übrigen 200 nahm er gefangen und führte ſie nach Hohentwiel. Es waren größtentheils mißvergnügte, der kaiſerlichen Sache nicht ſehr ergebene Bürger, die ſich nicht weigerten, dem Kommandanten einen Anſchlag auf ihre Stadt an die Hand zu geben und ihn mit den Oertlichkeiten wohl bekannt zu machen, vielleicht auch ihre Kleider der Beſatzung zu leihen. Nun marſchirten die Hohentwieler auf Ueberlingen los, wurden für die ausgeſandte Streifpartie gehalten und unbedenklich eingelaſſen. Sie hieben die Wachen nieder und bemächtigten ſich der Stadt. Da ſie aber, von den kaiſerlichen Beſatzungen in Konſtanz, Lindau und Bregenz um⸗ ringt, nicht hoffen konnten, ſie zu behaupten, plünderten ſie dieſelbe rein aus, ſteckten ſie in Brand und führten alle Beute und das grobe Geſchütz nach Hohentwiel. Die Bürgerſchaft mit Weib und Kindern hatte ſich auf den Schiffen nach Konſtanz geflüchtet. Dieß war Wiederholds erſte That. Gegen Ende Oktobers zog ſich eine kaiſerliche Armada um den Bodenſee zuſammen, deren An⸗ führer, der Kommandant von Konſtanz, Oberſt von Wolfegg, war. Er verband ſich zu Ueberlingen mit Merey. Beide vereinigt ſollten die Hohentwieler im Reſpekt halten. Im Januar des Jahres 1635 ſammelte ſich noch eine bedeutendere kaiſerliche MWacht zu Ravensburg, denn N. C. 1635. es verlautete, daß der ſchwediſche Bundesgenoſſe, der Herzog von Rohan, mit einem franzöſiſchen Heere aus dem Elſaß heranziehe und Konſtanz und Lindau bedrohe. Wirklich brach auch Rohan mit 4000 Franzoſen auf; aber er nahm einen andern Weg; er ging durch das Innere ddr Schweiz nach St. Gallen und über Trogen, Altſtädten und Sennwald durchs Rheinthal nach Bündten den Spaniern entgegen. Jetzt konnte die kaiſerliche Macht gegen Hohentwiel verwendet werden. Aber zuvor brauchte man Geld; dieß trieb Viz'thum in Lindau von den wenigen verhun⸗ gerten Bürgern mit empörender Härte ein. Auch auf dem Lande herrſchte ſolches Elend, daß die Hunde, die der Schinder geſchlagen, über Nacht von den Bauern aufgefreſſen wurden. Dennoch zog Vizthum im Juli mit der vereinten kaiſerlichen Mächt vor Hohentwiel, um Wiederholds beſtändige Ausfälle zu verhindern, er warf auch eine Beſatzung nach Stein am Rhein und die fürſtenbergiſchen Dragoner beſetzten Engen und Hohenhöwen. Im September wagte er endlich einen Sturm auf Hohentwiel und kam glücklich bis in den Vorhof der Veſte; dort wurde er durch die Anſtrengung der Beſatzung zurückgetrieben. Es waren damals im Ganzen an 10,000 Mann Kaiſerliche am Bodenſee, die beſonders bei Lindau übel hausten. Sie waren meiſt für Italien beſtimmt, wohin ſie endlich im Anfange des N. C. 1656. Jahrs 1636 abzogen. Dadurch wurde die kaiſerliche Macht am See ſehr geſchwächt und Graf Oſſa(der unterdeſſen zum Feldmarſchalllieutenant vorgerückt, wieder in dieſer Gegend ſtand) hielt es für gerathener, einen Waffenſtillſtand auf ſechs Monate mit Wiederhold einzugehen, in Folge deſſen Viz⸗ thum die Belagerung aufſchob und abzog(25. Februar). Dieſer Waffenſtillſtand verlängerte ſich auf zwei Jahre. In dem verwichenen Jahre hatten die Schweden, durch den Prager Frieden ihrer Alliirten beraubt und geſchwächt, ſich an Frankreich gewandt, das unter Richelien mit Freuden die Gelegen— heit ergriff, ſich geltend zu machen. Bernhard ſchloß einen Ver⸗ gleich mit dieſer Krone(Oktober 1635), und Franzoſen und Schwe— den zugleich eröffneten den Feldzug am Rhein; über die Kaiſerlichen ſiegte Banner bei Witſtock den 24. September 1636; jene aber am Rhein kämpften zwei Jahre lang ohne vielen Erfolg, denn das Unglück der Franzoſen in den Niederlanden hemmte ihre Opera⸗ tionen. Erſt im Februar 1638, wo Bernhard ſeine Winterquar⸗ tiere bei Baſel verließ, nahm der Krieg für ihn eine glänzende Wendung, und der große Sieg bei Rheinfelden N. C. 1658.(21. Februar 1638) machte den Herzog Bernhard zum Herrn des Oberrheins, im Schwarzwald, im Breisgau, doch fe b. Wurd im Elſaß. Schon im November 1637 ſchloß Wiederhold auf Hohentwiel mit Herzog Bernhard einen Vertrag, in welchem er verſprach, die Veſte an Niemand zu übergeben. Jetzt war auch Hohentwiels Waffenſtillſtand abgelaufen und Bernhard erſchien per⸗ ſönlich auf der Veſte, den muthigen Kommandanten zu begrüßen und Einſicht von den Werken zu nehmen. Aber kaum war er wieder fort, ſo rückten die kaiſerlichen Völker N. C. 1639. vom Bodenſee, wo ſie ſich geſammelt, auch Konſtanz beſſer verſchanzt hatten, wieder vor die Veſte, wagten einen Sturm, kamen abermals bis an den Vorhof, und wurden abermals, doch mit Mühe, abgetrieben. Ihnen folgten im Auguſt die Baiernz ſie beſchoſſen und unterminirten die Veſtung vergeblich; darüber wurden die Schlöſſer Hohenhöwen und Roſeneck eingeäſchert. Aber die Baiern erweckten dem braven Wiederhold einen viel furchtbareren Feind, als ſie ſelbſt waren. In Württemberg, das Herzog Eberhard im Jahr 1638 nach langer Verbannung wieder betreten hatte, waren bald die befreundeten Weimaraner, bald die feindlichen Baiern Herren; die Letztern ſetzten dem Herzog, der durch Neutralität ſein Land zu retten hoffte, ernſtlich zu, dem Kommandanten von Hohentwiel die Uebergabe dieſes Platzes zu befehlen. Zweimal ließ Eberhard deßwegen an Wiederhold ſchreiben. Aber der redliche Mann wußte, daß ſein Herr nicht frei war, er kannte ſeinen innerſten Willen beſſer. Er dachte:„keine Antwort iſt auch eine Antwort“* und ſchwieg. Das drittemal(am 9. Sep⸗ tember 1639) ſchrieb der Herzog folgendes eigenhändige Poſtſeriptum unter ſeinen Brief:„Wofern Du, Wiederhold, uns noch mit Treuen meineſt, wirſt Du dieſem Befehl Folge leiſten und Deine Treu, Ehr und Namen zu retten, Dich mit befohlener Lieferung dieſes Hauſes nicht länger aufhalten.“ Aber Wiederhold glaubte Treue, Ehre und Namen nicht auf dieſe Weiſe bewahren zu können. Er antwortete nicht. Vielleicht iſt es der Geſchichte vorbehalten, uns zu enthüllen, was ihn ſo kühn gemacht. Genug, er fuhr fort ſich zu vertheidigen, und mit Staunen ſah der gelehrte Bürger⸗ meiſter von Ueberlingen, J. H. v. Pflummern, an dem Felſen hinauf und verſicherte, die Belagerung Hohentwiels werde ſelbſt die von Troja übertreffen. Es werde ein ordentlicher Hof auf dieſer Veſte gehalten und dieſes Raubneſt mit allerlei Sachen zu Liſt und Nothdurft eingerichtet. *Merian. ** Weing. Arch. 270 Die Nähe der Weimaraner belebte Wiederholds Hoffnungen. Noch im September zog die bairiſche Belagerungsarmeee und im Oktober das letzte zur Blokade zurückgelaſſene Regiment weg und die Baiern ließen 1500 Todte vor der Veſtung zurück. Im No⸗ vember und Dezember wurde ſie von den Oberſten Truck⸗ N. E. 1660. müller und Iſolani nur von Ferne beobachtet. Im Juli 1640 kamen endlich die weimariſchen Truppen unter Generalmajor Erlach und Oberſt Hatſtein, ſtürmten das Städt⸗ chen Engen, wo ſie die Beſatzung von 300 Mann und viele bewaffnete Bürger über die Klinge ſpringen ließen“ und verſahen Hohentwiel mit der von ihnen eingethanen Ernte. Neue ober⸗ öſtreichiſche Völker, die in der Umgegend lagen, retirirten nach Tübingen. Andere ſechs Regimenter ſammelten ſich bei Stockach, aber das meiſte Volk riß aus und lief dem Erlach zu, ſo daß aus 3000 am Ende 700 wurden. Die Hohentwieler ſiegten in mehreren Ausfällen; die Kaiſerlichen aber befeſtigten Radolphszell, das ſeit der Nördlinger Schlacht von den Schweden geräumt war. Am 9. September erſchien gar auch ein ſpaniſches Armeekorps von 7000 Mann Fußvolk und Reiterei in Stockach. Der Befehlshaber Don Ferderico Enriquez brauchte neue Waffen gen Hohentwiel; er forderte den Kommandanten in einem ſehr höflichen Schreiben, unter großen Lobpreiſungen ſeines Heldenmuthes, zur Uebergabe auf. Wie⸗ derhold verſtand dieſe Sprache eben ſo wenig, als die rauhere des Geſchützes: er antwortete mit einem feſten Nein. Der Spanier faßte nun bei der Ruine Staufen Poſto. Aber ſchon am 7. Oktober wurde die ſpaniſche Vorwacht von dem zum Entſatze herbeieilenden weimariſchen Oberſtlieutenant von Roſa überfallen, wobei der neue Oberſtlieutenant des Toullianiſchen Regimentes, Graf Albrecht von Fürſtenberg, blieb. Auch der Hauptpoſten zu Staufen wurde übermeiſtert und am Ende wurden alle Spanier verjagt. Nacheinander forderten jetzt der kaiſerliche Oberſt Ae ſcher, der General Sparr, endlich ſelbſt der Rath von Schaffhauſen, (11. Dezember 1641) den Wiederhold dringend zur Uebergabe auf: er aber blieb gegen Alle unerſchütterlich und lebte bis zum Ende des Jahrs 1642 unangefochten auf ſeiner Feſtung und„füllte Bauch und Seckel“** vom Raube der Umgegend. Die Noth war * So das Theatrum Europaeum. Nach Donauöſchinger Archivnachrichten trieben vielmehr die bewaffneten Bürger von Engen den Sturm ab, verloren aber dabei viele Leute. I Weing. Archiv. ferung. W Echueiz ket ein alkt Y ſkeuern zu ſuch nicht a von der S Wahreiche ſuhen Grun dethold guc licht weitt Rann ſtand WWenttiel 85 Ukderhold 27¹ unbeſchreiblich: Wiederhold erpreßte; Sparr verbot die Lie⸗ ferung. Alle Dörfer ſtanden leer. Die Einwohner gingen in der Schweiz betteln. Der Zeller Kommandant vertrieb ſie mit Gewalt: ein alter Mann, der heilig verſprach, nichts nach Hohentwiel bei⸗ ſteuern zu wollen und bat, man ſollte ihn unter ſeinem Dach ſterben laſſen, wurde unbarmherzig hinausgetrieben“ Zu Meersburg ließen die Kaiſerlichen ſich vernehmen: es iſt dem Kaiſer mehr an Einem Soldaten gelegen, als an Ueberlingen und 4 bis 5 Ortſchaften.*» Indeſſen wandelte Wiederhold— wie er ſelbſt in einer Relation ſagt—„die Luſt an, einen Fuß an dem Bodenſee als ſeinem nächſten Nachbar zu ſetzen: er und Erlach wollten daher zuerſt ihr Heil an Konſtanz verſuchen, und drangen in der Nacht des 27. Novembers mit ziemlicher Truppen⸗ anzahl bis vor die Stadtmauer. Hier machte die Vorwache Lärm, die Stadt wurde wach, man löste die Stücke, und jene mußten ſich mit der Brandſchatzung einiger maynauiſchen Flecken begnügen und nach Hohentwiel zurückkehren. In Konſtanz verlor darüber Oberſt Keller die Kommandantenſtelle und Oberſt Roß kam an ſeine Statt. Doch Wiederhold ließ ſich durch den mißlungenen Ver⸗ ſuch nicht abichrecken. Denn als ſeine Freibeuter ſich kurz darauf von der Schläfrigkeit der Ueberlinger Wachen überzeugt und als Wahrzeichen ein Stück Holz, das ſie aus der erſten Pforte des drei⸗ fachen Grundthores auszuhauen die Kühnheit hatten, mitgebracht: ſo brach Wiederhold auf, angeblich nach Rottweil zu marſchiren, bald aber wandte er ſich und kam am 30. Januar 1643 Nachts vor Ueberlingen an. Er fand das Thor abermals unbewacht, ſprengte es mit einer Petarde, überfiel und unterdrückte in der Wachtſtube vier ſpielende Soldaten und drang mit ſeinen ihm nachfolgenden Truppen(meiſt Franzoſen) durch das aufgehauene Thor. Jetzt erſt erwachte die Stadt und es geſchahen links von dem Galler Thurme herab einige Schüſſe. Dennoch ſprengte Wie⸗ derhold auch die folgenden Thore: zugleich drangen die Franzoſen nicht weit vom See durch ein Nebenthürlein ein. Nur 12 bis 15 Mann ſtanden unter den Waffen; ſie wurden niedergemacht. Die Hohentwieler zogen in Reih' und Glied ein,„und ſo“— ſpricht Wiederhold—„wurde dieſer alten Jungfrauen das Ehrenkränzlein * Weing. Archiv. Ebendaſelbſt. 82 1 abgezogen.““ 80 kleine Stücke, 70 meſſingene Doppelhacken, 400 Musketen, 100 Küraſſe, dazu viel Getreide und Wein waren die Früchte dieſes Sieges. Dießmal ließ Wiederhold die eroberte Stadt nicht wieder aus der Hand. Er warf vorläufig 500 Mann hinein, ſpäter beſtellte Frankreich den Vicomte de Corval zum Komman⸗ danten und gab ihm 100,000 Liores, um daſelbſt 500 Reiter, 800 Fußgänger und 6 armirte Schiffe auf dem See zu unterhalten. Natürlich wurde jetzt Ueberlingen von Konſtanz feindlich be⸗ handelt und eine Konſtanzer Jacht nahm ihm am 25. März ein reichbeladenes Frachtſchiff weg. Zu Dieſſenhofen, Stein am Rhein und Gottlieben hatten in dieſem Sommer die Eidgenoſſen feſte Plätze; unweit Hohentwiel lieferten ſich die einander im Angeſicht ſtehenden fran⸗ zöſiſch-weimaraniſchen und bairiſchen Heere Scharmützel. Corval überfiel auf einem glücklichen Ausfall 60 Dragoner, die nach Meers⸗ burg wollten, und brachte 40 Gefangene und 80 montirte Pferde zurück. Auch bei Ravensburg fiel ein den Weimaranern gün⸗ ſtiges Treffen vor, in welchem der bairiſche Generalwachtmeiſter, Kaſpar von Merz, eine ſchwere Kopfwunde erhielt und der Oberſt Königseck gefangen wurde. Die Weimaraner plünderten jetzt Markdorf, Buchhorn und das ganze deutſche Ufer ungehindert bis eine halbe Stunde vor Lindau; dann brachen ſie aus der Ge⸗ gend auf und marſchirten gegen Rottweil. Hiermit veränderte ſich die Scene in unſerer Gegend. Die Katholiken des fränkiſchen und bairiſchen Kreiſes bildeten mit Kur⸗Baiern ein Heer von 20,000 Mann und wurden dadurch Meiſter im Oberlande. Zugleich ſpannen die Seeſtädte ein Komplott mit der Bürgerſchaft in Ueber⸗ N. C. 1643. lingen zu Befreiung der Stadt von den Franzoſen anz als ſie aber(September 1643) mit ihren Schiffen vor der Stadt erſchienen, fanden ſie dieſe wohlverwahrt, das Komplott entdeckt und die zwei Rädelsführer von Corval an den Galgen gehenkt. Bald darauf wurde die franzöſiſch-weimariſche Armee bei Tuttlingen von den Baiern unter Johann v. Werth überfallen und total geſchlagen(24. November). In Folge dieſes Siegs zogen die Baiern vor Ueberlingen, blockirten es und fingen im Jahr 1644 die förmliche Belagerung der Stadt an. Aber Corval war ein furchtloſer Kriegsmann; er armirte zwei eroberte und ein anderes * Merian. Dieſe Aeußerung Wiederholds läßt ſich übrigens mit ſeiner frühern Ueberrumpelung Ueberlingens im Jahr 1654(oben Seite 267) nicht reimen. don det 273 großes Schiff, um ſich auf dem See zu wehren und frei zu halten. Anfangs war die Beſatzung noch reichlich mit Proviant verſehen, und im ganzen Februar erhielt jeder Mann täglich 1½ Pfund Brod und 1½ Maas Wein. Aber auch die Belagerer bekamen 1000 Mann Verſtärkung und legten in Konſtanz ein großes Frucht⸗ und Munitionsmagazin an. Aus zwei Werken wurden die Baiern von den Belagerten vertrieben; allein jene holten zwei große Stücke von Konſtanz und fingen die Stadt ernſtlich zu beſchießen an. Am 22. langte auch noch der bairiſche General Mercy vor der Stadt an, und der Angriff wurde verdoppelt. Am 2. Mai waren alle Thürme auf der Mauer niedergeſchoſſen; Corval hatte nur noch 500 Mann; er ſchickte alle Gefangenen ohne Ranzion heraus; Mercy wollte eben ſo ſeine Gefangenen hineinſchicken; aber die Knechte mochten dem Hunger nicht in den Rachen laufen. Dennoch wollte der Vi⸗ comte von keinem Akkord hören. Erſt als Mercy eine Breſche von dreißig Ellen Weite geſchoſſen hatte, Alles zum Sturm bereit war, Hunger und Seuchen in der Stadt wüthetenk und 700 Mann von der Beſatzung gefallen und geſtorben waren Caber auch die Baiern hatten 400 Mann verloren): erſt jetzt ſchloß der helden⸗ müthige Mann eine ehrenvolle Kapitulation. Er räumte den Baiern drei Thore ein und erhielt am 15. Mai freien Abzug mit Waffen, Bagage und klingendem Spiel. Die Baiern fanden eine verwüſtete, halbausgeſtorbene Stadt; die Leichen der angeſehenſten Bürger lagen noch unbegraben in den Häuſern. Die Bürgerſchaft wurde als ſchwediſch geſinnt angeſehen und feindlich behandelt; Rath und Prediger vom Generalkommiſſär Scheffler verhaftet und entſetzt. Durch die Schlacht bei Tuttlingen und den Fall der Stadt Ueberlingen, die Konrad Wiederhold ſo glücklich gewonnen, ſchien auch dieſer mürbe werden zu wollen und zeigte ſich nicht abgeneigt zu kapituliren, wenn der Beſitz von Twiel Württemberg geſichert würde und er ſelbſt mit 50 Knechten das Kommando auf der Feſtung führen dürfte. Auf dieſe Bedingungen hin wurden zwiſchen ihm und den württembergiſchen geheimen Regierungsräthen von Lützelburg und Dr. Johann Friedrich Fäger von Jägersberg einerſeits, und dem bei der bairiſchen Reichsarmee anweſenden Ober⸗ kriegsrath Scheffler andrerſeits ein vorläufiger Vertrag abgeſchloſſen. Während der Unterhandlungen war Waffenſtillſtand; die feindlichen *Nach dem weing. Archiv hatte der Kommandant doch noch etliche Mo⸗ nate zu leben. Allein dieß iſt Angabe ſeiner Feinde. Schwab, Bodenſee. 18 E * 3 1 8 * 274 Generale ritten mit einander, und Wiederhold gab den Baiern zu Singen ein ſtattliches Mahl—. Aber die Ratifikation blieb aus und die Feindſeligkeiten nah⸗ men wieder ihren Anfang. Doch war die Blokade nicht ſtreng, wurde am Ende ganz aufgehoben und Wiederhold fing ſeine alten kühnen Streiche wieder an. Das einemal(17. Februar 1645) zog er vor Tuttlingen, hieb die Palliſaden nieder und verbrannte die Thore; das andremal ſtreifte er bis vor die Thore von Radolphs⸗ zell und hätte ſie mit Petarden geſprengt, wenn er ſie nicht ver⸗ ſchüttet gefunden hätte; am 13. April kam er ſogar bis Memmin⸗ gen. Aber im Junius traf ihn ein empfindlicher Schlag; der Keller von Hohentwiel, Stockmeyer, wurde in einem ſchaffhauſiſchen Dorfe mit einem Säckel von 1040 Dukaten erwiſcht und nach Ueberlingen geſchleppt, wo ihn 4 Musketiere bewachten. Zwar gab er vor, es ſey ſein Heirathgut, allein die Kaiſerlichen ſahen jetzt, in welchen Beutel das Geld der armen Landbewohner gefallen war und wie Wiederhold in der Gegend gehaust, in der er nach dem Abzuge der Franzoſen der einzige Feind war. Auf dieſen Verluſt wurde er erſt recht grimmig, und der bairiſchen Beſatzung in Ueberlingen, der kaiſerlichen in Lindau zum Trotz, ſtreifte er mit 500 Mann brandſchatzend durch die ganze Seegegend, nach Argau, Tettnang, Weingarten, nahm den Abt des letztern Kloſters geſan⸗ gen und behielt ihn als Geißel für ſeinen Keller; der Inſel Reichenau bemächtigte er ſich ohne Schwertſtreich N. C. 4646.(Januar 1646) und fand darin nicht nur große Mund⸗ vorräthe, ſondern nahm auch alle Schiffe zum großen Schaden der Gegend weg, da der Paß auf dem Unterſee und dem Rhein ohnedem geſperrt war. Endlich wurde der Keller zu Ueber⸗ lingen um 200 Dukaten, der Abt auf Hohentwiel um 4000 Reichs⸗ thaler im Januar ranzionirt. Zwei Geſandte des Fürſtabts von St. Gallen, die Wiederhold, man weiß nicht warum, hatte auf⸗ heben laſſen, gab er auf Zürichs Begehren wieder frei. Im Mai raubte er den Dillingern Pferde, Vieh und Bürger. Endlich widerſetzte ſich ſeinen Streifereien der bairiſche Generalmajor Speerreuter und ſetzte ihnen ein Ziel. Der ehrliche Bürger⸗ meiſter zu Ueberlingen aber, Dr. v. Pflummern ſeufzte unter dieſen Plackereien und verſicherte, daß er lieber cum Ovidio in Ponto ſeyn möchte, als in dieſem ſeinem Amt. 5, Zwei 9on Brt Diel ihren al war, geg gͤte, mar geben m entſetzlicht war gegen unübermin Reinen 3n Hobe geme Rute, ſont Ihhres lö⸗ ſellſt erchi Buuern die Stadt läch vordr Uußebote liebene W Breger , mit 275⁵ 5. Zweiter Beſuch der Schweden am See.— Eroberung von Bregenz. Belagerung von Lindau.— Seekrieg. Friede. Die Schweden hatten in Mitteldeutſchland unter Torſtenſohn ihren alten Ruhm wieder erfochten; an die Stelle dieſes Feldherrn war, als er vom Schauplatz abgetreten, Guſtav Wrangel gekommen. Die Abrede unter den Verbündeten, vermöge der die Franzoſen und die Schweden Baiern, das in der letzten Zeit der Kriegsſchauplatz geweſen war, verließen, führte auch jenen ſchwe⸗ diſchen Helden an unſern See, und man war den Wechſel der Dinge ſo gewohnt, daß Niemand ſich wunderte, als ſein in Böh⸗— men begonnener Feldzug am Bodenſee endigte. Die franzöſiſche Armee unter dem großen Turenne, lag ebenfalls in dieſer Gegend, in und um Waldſee; Wrangel aber, nachdem er Kempten den Bregenzerwäldern, die es überrumpelt, entriſſen hatte, marſchirte vor Ravensburg, das ſich auf Diskretion er⸗ geben mußte und rein ausgeplündert wurde. Die Schweden hausten entſetzlich mit Brand, Mord und Nothzucht. Die nächſte Operation war gegen Bregenz gerichtet, deſſen enge, ſteile und daher für unüberwindlich gehaltene Zugänge dieſe Stadt zu einem allge⸗ meinen Zufluchtsort der Nachbarſchaft für Menſchen, Vieh und Habe gemacht hatten. Die Schweden gelüſtete nicht nur nach der Beute, ſondern auch und noch mehr nach dem Ruhme, den trotzen⸗ den Paß bezwungen zu haben. So rückte denn der ſchwediſche Generallieutenant Königsmark mit nicht weniger als 10,000 Mann und 24 Feldſtücken in den letzten Tagen des Jahres 1646 vor die Stadt Bregenz; und Wrangel N. C. 4646. ſelbſt erſchien unmittelbar darauf ganz nahe am Ufer des Bodenſees. Der Schweden Erſtes war, daß ſie mit Hülfe der Bauern von Wangen einen Theil der Schanzen ſtürmten und nun, die Stadt auf der Seite laſſend, das Rheinthal hinauf bis Feld⸗ kirch vordrangen, ſo daß die erſchrockenen Eidgenoſſen ein allgemeines Aufgebot ergehen ließen. Allein im Rücken des am Bodenſee zurück⸗ gebliebenen Feldmarſchalls Wrangel ſammelten ſich die Bauern des Bregenzerwaldes, verſchanzten ſich bei Ißny und nöthigten ihn, mit 1000 Reitern und 2000 Mann Fußvolks, von Leutkirch aus gegen ſie aufzubrechen. Die Bauern warfen ſich, von Wrangel verfolgt, ins Gebirg und ſammelten ſich erſt bei der Bregenzer⸗ klauſe wieder, die verſchanzt war und in der eine kaiſerliche — 15 * 4 Beſatzung lag. Am Chriſttage erreichte ſie der ſchwediſche Feldherr. Sie hatten den ſchroffen Felsabhang zur Linken vortheilhaft beſetzt; aber 100 Mann Schweden erkletterten die Höhen und trieben ſie herab. Doch auch unten am Felſen, wo ſich einige Häuſer un— mittelbar an die Klauſe lehnten, war eine feſte Bruſtwehr von den Bauern errichtet worden; hier wehrten ſie ſich tapfer; bis es dem ſchwediſchen Generalmajor Mortagne gelang, ſie herauszutreiben. Viele wurden niedergemacht; die andern verſuchten es, ſich auf die Neu⸗Schanze zurückzuziehen, die auf einem Felſen gelegen war und zu der eine Zugbrücke über eine tieſe Kluft führte. Allein die Schweden kamen ihnen zuvor, ehe die Brücke aufgezogen war und ſo flohen die Bauern geradezu nach der Stadt Bregenz; denſelben Weg nahmen die in der Schanze poſtirten Oeſtreicher, ſo daß die letztere bald in den Händen der Schweden war. Bauern und Sol—⸗ daten, zum Theil vom Wege abgeſchnitten, warfen ſich in den Bodenſee, um ſich auf die Schiffe zu retten; viele fanden ihren Tod in den Wellen. Die kleine Beſatzung der Klauſe wehrte ſich noch ein paar Stunden, bis auch ſie überwältigt wurde; jetzt war der Paß nach der Stadt offen und dieſe fiel von ſelbſt. Die Schweden fanden hier unermeßliche Beute; über 500 Wagen, auf denen ſich namentlich das Mobiliarvermögen der drei Grafen von Hohenems, von Zeil und von Königseck befand, wurden von ihnen ſchwer beladen über die Donau geſandt. Konſtanz hatte der Stadt während der Belagerung einige Schiffe mit Volk zugeſchickt; dieſe wurden von den Schweden nicht nur zurückgetrieben, ſondern größtentheils erobert. Ein Schiff mit 60 Perſonen, Weibern und Kindern, das ſich nach Lindau retten wollte, ſank mit der unglücklichen Laſt zu Grunde. Unter den Gefangenen war auch der Stadtkommandant Obriſt Aſcher. Dieſen ſandte Wrangel auf das Schloß Hohenbregenz, das von dem ſpitzen Felſen des Gebhardsberges, von einem dunkeln Kranze von Tannenwäldern umſchlungen, durch Natur und Kunſt faſt unbezwing⸗ lich, zu Thale blickte. Ganz unerwartet öffnete das Schloß ohne allen Widerſtand, und ein Theil des Aſcher'ſchen Regiments nebſt einigen Landfähnlein ſtreckten vor den einziehenden Schweden die Waffen. Hier, wie in den Schanzen, wurden ſchöne metallne Stücke erbeutet. Der ſchwediſche Verluſt war unbedeutend und von Oberoffizieren nur der Kapitän Wrangel geblieben. Auf feind⸗ licher Seite waren hauptſächlich die Bauern das Opfer geworden, ihrer ſollen an 6000 niedergemacht worden ſeyn. Mi gegen d lien ſih und ma und der genoſen zu wah meiſtet bund, erübigt Shrliben Rathe de nit dem 60 00 Uut einet velli,“d beſictigt Langen laſſen u. ließ Pr dau. D Hinen Uttete d. uuf Scht chgeworf laſen, 1 Hutz des dks 277 Mit dem Schloſſe Hohenbregenz hatte Wrangel den Paß gegen den Bodenſee, nach Bündten, Tyrol, der Schweiz und Ita⸗ lien ſich geöffnet, was im Laufe dieſes Krieges noch nie geſchehen; und man erwartete nicht anders, als daß ſofort Lindau, Konſtanz und der ganze See in ſeine Gewalt gerathen werde. Die Eid— genoſſen legten eilig 7000 Mann an den Rhein, um ihre Päſſe zu wahren. Aber ihre Abgeſandten, Salomo Hirzel, Bürger— meiſter von Zürich, und Rudolph von Salis aus dem Gotteshaus⸗ bund, wurden von Vrangel zu Bregenz gaſtlich bewirthet und völlig beruhigt. Ja ſelbſt die Königin Chriſtina erließ ein ſehr gnädiges Schreiben an ſie. Wirklich wandte ſich auch Wrangel nicht nach Süden, ſondern er brach am 3. Januar 1647 auf und zog gegen N. C. 1647. Lindau. Längſt hatte der Volksglaube über dieſer Stadt am Himmel ein feuriges Schwert erblickt, und die Lindauer hatten Weiber und Kinder in die Schweiz geflüchtet. Der kaiſerliche Kommandant, Graf Max Willibald von Wolfegg-Waldſee, Hofkriegsrath, Generalwachtmeiſter und Oberſter, ein Mann von viel Verſtand und Einſicht, der an die Stelle des im Jahr 1640 verſtorbenen Oberſten Vizthumb gekommen war, ließ eiligſt am 4. Januar die Schiffe von Fuſſach retten, und rüſtete ſich, vom Rathe der Stadt unterſtützt, zur Gegenwehr. Die Garniſon war mit dem Troſſe 2000 Mann ſtark. Am 8. Januar erſchien Wrangel perſönlich beim Kapuzinerkloſter unweit der Brücke, um zu rekog⸗ nosciren; er errichtete hier Schanzen und eine Batterie, und ein ununterbrochenes Feuer auf die Stadt begann. Wolfegg erhielt vom Generallieutenant Gallas, anſtatt des gehofften Succurſes, nur einen ſehr geſchickten Obriſten vom Genie, den Baron Cri⸗ velli, der am 23. Januar anlangte und unverzüglich alle Poſten beſichtigte. Inzwiſchen beſetzte Wrangel das ſehr feſte Schloß Langenargenz der kaiſerliche Kommandant hatte es feige ver⸗ laſſen und wurde ſpäter dafür zu Lindau enthauptet. Zu Bregenz ließ Wrangel Kriegsſchiffe ausrüſten und erſchien damit vor Lin⸗ dau. Die Lindauer fuhren ihnen entgegen und ſiegten in einem kleinen Seetreffen, nur der gute Segelzug und der günſtige Wind rettete die Schweden. Am folgenden Tag erſchienen ſie wieder mit fünf Schiffen; es wurden aber nur Schüſſe gewechſelt. Vor der abgeworfenen Brücke hatte Wolfegg eine kleine Schanze errichten laſſen, welche den Aus- und Eingang der Soldaten ſchützte, und trotz des niedrigen Waſſerſtandes den Feind hinderte, ſich den 278 Baſtionen zu nähern. Gegen dieſes Schänzlein richtete Wrangel vergebens Batterien, Faſchinen und Minen; ein glücklicher Ausfall (5. Februar) trieb den Feind zurück, eine Contremine vereitelte die Wirkung der letztern(8. Februar), ein Sturm auf die Schanze mißlang(9. Februar); erſt am 11. Februar zerriß eine ſchwediſche Mine ein Drittheil der Schanze; allein die Belagerten behaupteten ſich in dem übrigen Theil. Indeſſen wurde die Stadt ſelbſt ſeit vielen Wochen mit Granaten, ſteinernen und eiſernen Kugeln un⸗ aufhörlich beſchoſſen, und allein am 14. Januar fielen innerhalb drei Stunden 350 glühende Kugeln in dieſelbe; beſonders wurde, um Beſatzung wie Bürger zur Uebergabe zu beſtimmen, nach dem Hoſpital, der evangeliſchen Stadtkirche und dem katholiſchen Fräu⸗ leinſtifte gezielt. Die Einwohner mußten in andere Kirchen flüchten; viele Häuſer wurden zerſchmettert: dennoch blieben ſie ſtandhaſt, und wie durch ein Wunder kam keiner ums Leben und keine Brunſt entſtand; nur ein altes, fremdes Weib wurde von einer Granate zerſchmettert. Am 11. Februar fuhr eine große ſchwediſche Ausrüſtung, von Wrangel ſelbſt, der die Belagerer durch eine ſchwache Kanonade beſchäftigen ließ, befehligt, beſtehend aus eilf größern und zwei kleinern Fahrzeugen, die mit 1000 Musketieren und 4 Stücken beſetzt waren, den See der Länge nach hinab, und erſchien vor Maynau. Den Rand dieſer Inſel faßten damals, freilich ver⸗ fallene, Schanzen rundherum ein. Die Gebäude waren von drei Seiten mit doppelten Mauern(die zum Theil noch ſtehen) ein— gefaßt und im Ganzen von vierzehn Thürmen umgeben; am ſüd⸗ weſtlichen und ſudöſtlichen Ende waren zwei größere Schanzen. Die erſten verließen die Kaiſerlichen ſogleich bei der Annäherung der ſchwediſchen Flottille. Aus der zweiten leiſteten ſie einigen Wider⸗ ſtand; dennoch landete Wrangel noch an demſelben Tage; am andern bemächtigte er ſich des Schloſſes und am vierten Tage kapitulirte der Kommenthur des Deutſchordens, Oberſtlieutenant v. Hundpiß, und überließ den Schweden die Inſel. Dieſe ſollen dort nach einiger Zeit einen herrlichen Schatz, darunter Meßkleider mit Edelſteinen geſtickt, große Pokale, Gold- und Silbergeſchirr, auch fünf halbe Karthaunen, alles zuſammen fünf Millionen(Gul⸗ den?) an Werth aufgefunden haben. In Lindau machten indeſſen die Kaiſerlichen glückliche Ausfälle, am 14. Februar zu Schiffe nach Hard, wo ſie einen Kapitänlieu⸗ tenant aufhoben; am 19. Februar, bei einem tiefen Schnee, in Weißen d zu herna Thork 90 Da Und keitk duch diee Wutde die dem Abzu Nach Uieder eis Adenſee Adolyhez 90 ſie di Lüues N. 300 Nan wurm Un tiche weißen Hemden, wo es ihnen gelang, die ſchwediſchen Batterien zu vernageln. Dagegen ruinirte Wrangel jenes Schänzlein am Thore vollſtändig durch eine Mine, die am 15. Februar ſprang. Da jedoch der Schwede die hartnäckige Vertheidigung Lindau's und keine Hoffnung ſah, bald Meiſter der Stadt zu werden, ſo ſchickte er ſich am 5. März zum Abzuge an, führte am 6. das ſchwere Geſchütz weg, ſprengte am 7. Pfannenberg, am 8. die Klauſe und Neuſchanze; zwei große Schiffe verbrannte er, und zog endlich mit ſeinem ganzen Heere, von Lindau aus, mit höhnenden Schüſſen verfolgt, nach Tettnang und ſpäter nach Ravensburg. Die Schweden hatten in Ausfällen 700 Mann vor der Feſtung verloren. Der Verluſt der Belagerten war höchſt unbedeutend, aber Seuchen hatten 700 Einwohner weggerafft, und der Geſammtſchaden der Stadt wurde auf 200,000 fl. geſchätzt. Wrangel warf im Ab⸗ ziehen eine kleine Beſatzung in das Schlößchen Gieſſen, beim Uebergang über die Argen, die ſich hier gut verſchanzte. Das ganze Ufer des Bodenſees brandſchatzte er unbarmherzig. Das befreite Lindau ſang am 10. März ein Tedeum und läutete mit allen Glocken. Aber auf Maynau, in Langenargen und im Schloſſe Neuenburg auf dem rechten Rheinufer bei Götzis, herwärts Feldkirch, lagen noch ſchwediſche Beſatzungen. Im Rhein⸗ thal hatte ſich Hohenems und Feldkirch durch Kontributionen von der Gefahr der Schweden losgekauft. Die proteſtantiſche Stadt St. Gallen ſtand gut mit ihnen; ſie kauften dort viel, und der ſchwediſche Superintendent wurde von ſeinen Glaubensgenoſſen hoch geehrt. Die franzöfiſche Armee hatte bisher unter Turenne Ueber⸗ lingen beſetzt gehalten; mit Wrangels Entfernung von Lindau zog auch dieſe ab und ins Herz von Württemberg. Von den Schweden wurde die Landkomthurei des deutſchen Ordens Altshauſen auf dem Abzuge raſirt und geſprengt. Nach der Entfernung der beiden feindlichen Armeen ließ ſich wieder eine kaiſerliche Macht unter dem General Enkenfort am Bodenſee blicken; Reiter und Fußvolk ſchifften ſich in Konſtanz und Radolphszell ein, und fuhren den See hinauf nach Bregenz, wo ſie die Klauſe und die andern Schanzen wieder beſetzten. Andres Volk, das von Villingen nach Konſtanz gekommen war (300 Mann), rüſtete 17 Schiffe aus und wagte, von den Lin⸗ dauern unterſtützt, einen Angriff auf die Maynau; aber die ſchwediſche Beſatzung ſchlug den Sturm ab; ja die Schweden * L 280 machten ſich das heimiſche Element bald ſo unterthan, daß der ganze Bodenſee unſicher wurde und die von Konſtanz, Lindau und Ueberlingen nicht mehr zuſammenkommen konnten. Doch hätten fie ſich nach Entfernung der großen Armee nicht mehr lange halten können und boten ſchon unter der Hand den Bregenzern ihre Schiffe um billigen Preis zum Verkauf an. Aber der Partikularſtillſtand, den die Kronen Schweden und Frankreich mit Baiern abſchloſſen, änderte die Geſtalt der Dinge am Bodenſee auf einmal. In Folge deſſelben verließen die Baiern Memmingen und Ueber— lingen, und fünfzehn ſchwediſche Fähnlein unter Duglas beſetzten dieſe Städte. Sogleich erſchienen die Schiffe der Konſtanzer und Lindauer vor Ueberlingen. Aber von den Wällen empfing ſie donnerndes Geſchütz und von der Maynau aus fielen ihnen die ſchwediſchen Schiffe in den Rücken, ſo daß ſie zu einem ſchnellen Rückzuge genöthigt waren. Einen kurzen Waffenſtillſtand benützte der ſchwediſche ommandant zu Ueberlingen, um zwei große Kriegs⸗ ſchiffe jedes von 16 Kanonen zu bauen; mit dieſen und vier andern kreuzte er auf dem See und nahm alles Korn weg, das nach Lindau beſtimmt war. Zugleich rüſtete ſich Wiederhold auf Hohen— twiel, und die Konſtanzer, die ſchleunig an den Feſtungswerken ihrer Stadt reparirt hatten, ſchickten voll Bangigkeit nach Inns⸗ bruck um Hülfe. Die kleine ſchwediſche Beſatzung des Schloſſes Neuenburg, nicht weit von Hohenems, zuerſt vom Grafen von Hohenems, dann vom General Enkenfort belagert, kapitulirte, nach tapferer Vertheidigung, um dieſe Zeit und erhielt, noch 66 Mann von 90 ſtark, ehrenvollen, freien Abzug nach Ueberlingen(23. Mai 1647); auch Ems war von den Kaiſerlichen wieder beſetzt worden. Die Völker des Generals von Enkenfort und des Oberſten Kaſpar ergoſſen ſich jetzt unbeſchäftigt über das Land, äſcherten Ißny ein, ſtürmten und plünderten die unbewehrte Stadt Wangen und zogen endlich von Lindau aus mit 2500 Mann vor das Schlößchen Gieſſen, das ſchon damals ein Spitalhof der Stadt Lindau war. Hier lagen 21 Mann Schweden unter 5 Offizieren, die ſich helden⸗ müthig wehrten und erſt am 17. Auguſt ergaben. Zugleich rückten die Kaiſerlichen vor Ravensburg, in welcher Stadt der ſchwediſche Major Nachtigall eine Beſatzung kommandirte. Das Bergſchloß an der Stadt auf dem Veitsberg beſetzten die Kaiſerlichen. Aber die Stadt wurde vom 13. bis 18. vergebens belagert und der Feind verließ die Gegend wieder; das Bergſchloß verbrannten die Schweden und zerſtörten es von Grund aus; wenige Tage zuvor waren dieſe auch in Meersburg eingefallen und hatten die biſchöf⸗ liche Reſidenz in Brand geſteckt. Allein die Subfiſtenzmittel ſcheinen dieſem Nachtrabe von Wrangels Armee ausgegangen zu ſeyn, denn am 31. Auguſt ſehen wir den kaiſerlichen Obriſt Kaſpar mit ſeinem Regimente zu Ravensburg einrücken, und nachdem Baiern der ſchwediſchen Krone den Waffenſtillſtand aufgekündigt(14. Sept.), bemächtigten ſich die Kaiſerlichen auch Memmingens wieder. Mit den Franzoſen dauerte der Waffenſtillſtand fort, und Wiederhold, der eine franzöſiſche Beſatzung kommandirte, blieb daher unan⸗ gefochten. Auf dem Bodenſee ließen ſich indeſſen die Schweden nicht irre machen; ſie beherrſchten ihn von Ueberlingen und Langenargen aus. Von Hohentwiel herab tönten bald fröhliche Salven auf die Nachricht, daß Frankreich ſich aufs Neue mit Schweden und ſeinen Alliirten verbunden, um den bairiſchen Friedensbruch zu rächen. Die feindlichen Baiern rückten jetzt im Januar des Jahres 1648 wieder heran, um die Schweden in Ueberlingen und auf der Maynau in Schranken zu halten, und den Lech zu decken; ſie beſetzten Pfullendorf und Ravensburg; die Schweden dagegen ſandten von Ueberlingen aus eine Beſatzung auf den Heiligen⸗ berg. Dieſes Schloß hatte ſchon früher Wiederhold einmal im Nebel überrumpelt; das Schloß wurde ganz ausgeräumt; ſelbſt die Gräber der alten Grafen von Werdenberg und Fürſtenberg wurden aufgehauen und ausgeplündert. Auf dem See ſpielten ſie den Meiſter, ließen nichts aus Konſtanz und Lindau heraus, und der ſchwediſche Obriſt Volckmar, Kommandant zu Ueberlingen, wollte nur gegen gewiſſe Zölle und das Viſitationsrecht den Verkehr auf dem See geſtatten. Die Vortheile der Verbündeten in Baiern erhöhten die Kühnheit der Schweden, ſie erſchienen zu Schiffe vor Bregenz und verbrannten an der Klauſe eine ſchöne Mühle. Dafür nahmen die Bregenzer das Ueberlinger Marktſchiff bei Rorſchach weg; in Konſtanz, Lindau und Bregenz wurden je 6 Schiffe gezimmert und eine Flottille von 7 Segeln lief am 24. Auguſt 1648 von Bregenz aus, von Obriſt Kaſpar geführt. Dieſe warf ſich in der Nähe von Langenargen auf zwei kleine ſchwediſche Schiffe, die der Kapitän Ulrich kommandirte; die letztere antwortete den Kaiſerlichen ſo derb mit grobem Geſchütze, daß das Schiff, auf welchem Kaſpar fuhr, durchlöchert wurde, und die Schweden Zeit, hatten, ſich zurückzuziehen; fünf bis ſechs Maynauiſche Schiffe ſtießen zu ihnen. Jetzt griffen die Schweden die Bregenzer-Flotille an, zerſprengten ſie und nöthigten zwei Schiffe deſſelben, ſich nach Lindau zu retten; die übrigen fünf flohen nach Bregenz zurück. Bald nachher brachte ein ſchwediſches Kriegsſchiff ein Steinſchiff aus Bregenz und drei Lindauer Güter⸗ ſchiffe mit 12 der beſten Schiffsleute nach Ueberlingen auf. Eine andere Expedition gegen Lindau mißlang, indem die ſchwe— diſche Flottille vor den Mauern der Stadt ein Sturm befiel, aus dem ſich der ſchwediſche Kommandant von Ueberlingen mit Mühe auf einem„Rennſchifflein“ rettete; 12 ſeiner Begleiter ertranken. Auf dem Lande waren die Baiern längſt wieder abgezogen; Ravensburg war wieder in ſchwediſchen Händen, und ein Sturm, den die Kaiſerlichen von Bregenz und Lindau auf die Stadt unter⸗ nahmen, mißlang. Dieſen Unternehmungen zu Waſſer und zu Lande ſetzte der allgemeine Waffenſtillſtand, der dem weſtphäliſchen Frieden voran— ging und jetzt auch am Bodenſee publizirt wurde, ein Ziel. Wie durch einen Zauberſchlag war das Ausſehen dieſes Sees im Augen— blicke verändert. Die Waſſerſtraße warſoffen und beſucht, Handels⸗ und Kaufſchiffe flogen hin und her, die verſchanzten Thore der Seeſtädte öffneten ſich, die Kommandanten und Offiziere der ver— ſchiedenen Plätze machten Luſtfahrten zu einander und zechten in Eintracht und Frieden. Dieſe Eintracht ſollte auch wirklich nicht mehr geſtört werden, und der erſehnte Friede des Jahres 1648 beſiegelte ſie. Wieder⸗ hold ritt noch einmal von ſeinem Berge hinunter nach Ueberlingen, um ſeinen guten Bundesgenoſſen, den Schweden, Valet zu ſagen und vierzehn Stücke Geſchütz in Empfang zu nehmen, welche Schweden dem Herzoge von Württemberg verehrt hatte, und die jetzt ins Hegau transportirt werden ſollten. Am 30. September aber bezahlte zu Lindau Graf von Mont⸗ fort den Soldaten den rückſtändigen Sold von dritthalb Monaten aus. Der ſchwediſche Generallieutenant und Oberbefehlshaber Robert Duglas kam zu Schiffe nach eben dieſer Stadt. Zwei halbe Karthaunen und zwei Feldſchlangen gaben ſofort die Loſung zum Abzug; daſſelbe Zeichen wurde in den übrigen Plätzen gegeben und in derſelben Minute öffneten Lindau, Langenargen, Ueberlingen und Maynau ihre Thore, und ſämmtliche Be⸗ ſatzungen zogen mit klingendem Spiele aus. Die Schweden unter Volckmann gingen nach Ulm. Die Kaiſerlichen bezogen Qucrtierk wicdet b 6⁰ aber die ſonſt ſo g than hat noch in laſſene, Auf Au ſolgte ein athlitkte Fer Noiſr der N Ind i lung. L. Geſchlect hunderte lberſehr Durt iit dem einem 283 Quartiere im Oberland; auch Ueberlingen wurde von ihnen wieder beſetzt. So endigte auch in unſrer Gegend jener ſchreckliche Krieg; aber die Spuren ſeiner Zerſtörungen entſtellten noch lange die ſonſt ſo geſegneten Ufer unſers Bodenſees. Nicht der dritte Unter⸗ than hatte ein Bett mehr. Vor dem Kloſter Weingarten lagen noch im Jahr 1649 in der Winterkälte des Januars hundert ver⸗ laſſene, unſchuldige Kinder und flehten um Brod und Obdach.“ 13. Rückblick auf Burgen und Geſchlechter am Dodenſee und im Rheinthal; vom vierzehnten Jahrhundert an. Auf jene dreißig Jahre des wüthendſten Krieges folgte ein hundert und fünfzigjähriger Friede,* und NiscJ600 arbeitete am Wohlſtand und an der Blüthe dieſer von der Natur ſo geſegneten Gegend, bis die franzöſiſche Revolution und ihr Krieg alle Ereigniſſe und Schrecken des vorhergehenden Jahrhunderts auch am Bodenſee wiederholte, und den Grund zu einer Verarmung und einem Elende legte, die, wie in unſerm ganzen deutſchen Vaterlande, ſo auch hier, wiewohl noch unter einer lachenden Hülle verborgen, zu Hauſe ſind. Jener große Zwiſchenraum der Ruhe bietet keinen Stoff zu intereſſanter Erzäh⸗ lung. Werfen wir daher lieber einen Blick auf die Burgen und Geſchlechter der Umgegend, deren Zerfall in die vier letzten Jahr⸗ hunderte zu ſetzen iſt, und von welchen nur ganz wenige ſich unverſehrt bis auf unſre Zeit durchgeſchlagen haben. Durchlaufen wir zuerſt das Rheinthal, ſo finden wir ſchon mit dem Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts das Schloß Blatten zu einem Wirthshauſe herabgeſunken, in welchem die Beſitzer *Weing. Archiv. u* Der ſpaniſche Succeſſionskrieg(1703) auf dem ſchwäbiſchen Ufer und die Händel des Stifts St. Gallen mit dem Toggenburg(1688—1712) verurſachten nur vorübergehende Bewegungen am See. 284 ſelbſt, die einſt ſo berühmten Edeln von Ramſchwag, deren zwei ſich noch kürzlich im Appenzeller-Krieg ausgezeichnet hatten, mit eigener Hand den Wein ausſchenkten. Die Burg kam aus der dritten Hand in des Stifts St. Gallen Beſitz unter Abt Ulrich VIII. Auch das Stammſchloß Ramſchwag wurde verkauft. Die Edeln von Altſtädten ſtarben aus, während die Appenzeller deren Stammſitz Hohenaltſtädten zuſammenriſſen. Ein Theil der Güter kam an den letzten Mayer von Altſtädten, Rudolph, dann an deſſen Tochter Kunigunde, Hans Thumbs v. Neuenburg Gemahl. Nach ihrem Tode um 1475 fiel Neualtſtädten an ihren Schwiegerſohn, ihr Haus zu Altſtädten, der Fraunhof genannt, an Rudolph von Rappenſtein, und ſpäter an das Stift St. Gallen. Der zerfallene Burgſtall Altaltſtädten ging durch mehrere Hände und wurde endlich an die Bürger der Stadt Alt⸗ ſtädten verkauft. Das Schloß Flums und die Veſte Grepplang erwarb die Familie Tſchudi. Der letzte Werdenberg, Chriſtoph, ſtarb im Jahr 1538 in der Burg zu Sigmaringen. Sein Schwiegerſohn Graf Friedrich v. Fürſtenberg erbte Heiligenberg. Das Schloß Grünenſtein blieb eine ziemliche Zeit bei dem Geſchlechte dieſes Namens; ſeine Edle, die es vom Kloſter St. Gallen zu Lehen trugen, thaten ſich im Appenzeller-Krieg hervor und waren Räthe des Abts von St. Gallen. Der Mannsſtamm ſtarb mit dem Fürſtabt Wolfgang von Kempten aus. Das Schloß kam erſt an ſeine Nichte, dann in mehrere Hände, darunter an die Zollikofer, die Salis und andre. Die letzten Ritter von Roſenberg-Bernang, Rudolph und Eglolf, fielen in der Schlacht am Stoß(1405); auch die Edeln von Behem, Held, Rickelshofen, Mogelsberg, Buchenſtein ſtarben frühe aus. Der letzte Zwingenſtein ſtarb in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, das Schloß kam an die Eidgenoſſen. Als Grim⸗ menſtein, das Schloß der Herrn von Enne, durch die Konſtanzer während des Konzils geſchleift worden, verließen dieſe die Schweiz und wanderten(um 1433) aus; ſie blühen in Norddeutſchland noch unter dem Namen der Herrn von Ende und mit demſelben Wappen. In Untra erloſch das Geſchlecht dieſes Namens mit zwei Schweſtern, die den Edelſitz an einen Bürger verkauften. Auf dem rechten Rheinufer blühte das Haus des Grafen von Hohenembs noch das ganze ſiebzehnte Jahrhundert durch; während des dreißigjäh⸗ rigen Krieges regierte Graf Kaſpar, der Sohn Jakob Hannibals, der in ſchfkn von det Kuuft fet ds Vul Oallen(( 285 der im Jahr 1614 die Landvogtei Feldkirch und 1613 die Graf⸗ ſchaften Vaduz und Schellenberg erworben hatte, ſo daß er von der Gränze Bündtens bis an den Bodenſee herrſchte. Im Laufe jenes Jahrhunderts theilte ſich der Stamm in die Aeſte Vaduz und Hohenembs. Das Ländchen Vaduz und Schel— lenberg wurde von den Grafen von Embs-Vaduz, im Jahr 1708 an das fürſtliche Haus Liechtenſtein verkauft und im Jahr 1719 zu dieſem Fürſtenthum geſchlagen; es bildet heutzutage den einzigen unmittelbaren Theil deſſelben. Beide Linien Embs ſtarben im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts in ihrem Manns⸗ ſtamm aus und die Grafſchaft Hohenembs kam an Oeſteich. Ein anderer Zweig dieſes Hauſes lebt in den Fürſten von Alt amis in Italien fort. Am Schweizerufer des Bodenſees hielt ſich die Familie War⸗ tenſee in ihrem dreifachen Schloſſe aufrecht, in dem die Brüder Wilhelm und Bernhard mit den Appenzellern Landrecht ſtifteten. Nach Bernhards Tode fielen alle Beſitzungen an Konrad von Steinach, der im Jahr 1423 die Burg Wartenſee an Diethelm und Wilhelm Blarer von Wartenſee verkaufte. Diethelm hatte zwei Söhne, Diethelm den Jüngern und Kaſpar. Die Söhne dieſes jüngern Diethelm erhielten Wartenſee. Seiner Nachkommen wurden aber bald ſo viele, daß die Herrſchaft ſie nicht alle nähren konnte; daher ſuchten ſie ihr Auskommen in Stiftern, Ritterorden und an Höfen. Zu Hauſe ſonderten die Brüder Abt Diethelms von St. Gallen, Chriſtoph, Jakob und Gaudenz, von den Warten⸗ ſeeiſchen Gütern den ob Stad gelegenen Theil für ihren Bruder Kaſpar, Vogt von Arbon, ab, der dort um 1560 den Edelſitz Wartegg baute. Im Jahr 1728 verkaufte die Familie ihr Schloß Wartenſee an den Baron Segeſſer von Brunegg, und deſſen Söhne im Jahr 1757 daſſelbe an das Stift St. Gallen. Ein Zweig des Hauſes kaufte Güter im Sundgau, ſchrieb ſich aber immer von Wartenſee. Auch die Herren von Rorſchach retteten ihre Burg durch das Bündniß mit den Appenzellern und das Bürgerrecht in St. Gallen(1448). Aber bald waren ihrer zwölfe: ſo wurden ihre Güter zerſtückelt und ſchnell verpfändet, und die Mordthat, die Rudolph der Aelteſte und Eglolf der Aeltere an Marquard vom Embs verübten, verwickelte ſie in einen Krieg mit dieſem Nach⸗ barhauſe und gab ihnen den letzten Stoß. Sie verkauften ihr Schloß im Jahr 1449 an St. Gallen und ſtarben arm und kinderlos 7 * 286 aus. Nach ihrem Tode verlor das Schloß ſeinen Namen und wurde von der Patronin der Hauskapelle St. Annenſchloß genannt. Sulzberg ſtarb bald nach dem Appenzeller-Kriege mit Her⸗ mann, einem Geiſtlichen, aus; das Schloß kam durch die zweite Hand an Rudolph Mötteli von St. Gallen, ſpäter an Kaſpar den Ruggen von Tanegg(1584), endlich an den Feldmarſchall Rudolph von Salis-Zizers. Jetzt iſt es im Beſitze der Linie Salis-Solis. Aus dem Geſchlechte Steinach lebte im Jahr 1419 Konrad, Heinrichs Sohn, und Wilhelm, Rudolphs Sohn. Jener beſaß Steinach nebſt Zubehör; nach ſeinem Tode kam es an fremde Erben und von Hand zu Hand, bis es wieder an St. Gallen fiel. Ein andrer Aſt der Steinach, der von Rudolph dem Hofmann ausging, erloſch erſt in der Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts. Die Burgen Falkenſtein und Rappenſtein ſtürzten unter den Streichen der Appenzeller zuſammen. Alt- und Neu-Ram⸗ ſchwag hielt Stand; jenes kam an die Herren von Helmsdorf, ſpäter in andere Hände; dieſes an die Stadt St. Gallen, die es zerfallen ließ. Alt- und Neu-Meldegg lag im Schutt. Die Ruine Alt-Meldegg beſaßen die Edeln Reichle von Meldegg, die noch heutzutage in Oberſchwaben auf dem rechten Ufer der Iller bei Memmingen blühen. In St. Gallen der Stadt traten an die Stelle der alten Geſchlechter neue, welche die Lehen und Gerichtsbarkeiten jener an ſich brachten und daher Junker hießen, ſolche waren die Zolli— kofer, Fels, Schobinger, Gonzenbach, Zili. Eben ſolche patriziſche Geſchlechter erhuben ihr Haupt in Konſtanz, Ueber— lingen(die von Pflummern, die noch kürzlich dort blühten) und Lindau. Zu Konſtanz blühten bis zur Reformation die Blarer von Gyrſperg; nach dem Konſtanzer Sturm aber ließen ſie ſich unter ihren Häuptern Thomas und Ambroſius Blarer zu Zürich nieder, und erzeugten dort eine zahlreiche Nachkommenſchaft. Am weſtlichen Ende des Bodenſees pflanzte ſich in zwei Aeſten und mit zweierlei Wappen der Adel der Bodmann rühwlich fort. Sie bauten auch dem Heiligenberge gegenüber die Veſte Hochbodmann. Als das Stammſchloß im Jahr 1307, durch den Blitz entzündet, von Grund aus abbrannte, wurde der damals einzige Sprößling des ganzen Geſchlechtes, Johann von düen gen woßen lih d Vorft 0 mnusgeſch ehneizer ˖ Aetigt 00 Iun im 9 Rihrn nich lfen. 287 Bodmann, faſt durch ein Wunder gerettet; ſeine Eltern und Alles im Schloſſe wurde ein Raub der Flammen, ihn aber packte die mütterlich geſinnte Säugamme in einen kupfernen Keſſel und ließ ihn ſo den ſteilen Berg hinabrollen. Dieſes ſchwache Reis trieb bald neue Zweige und das edle Geſchlecht blüht noch in mehreren Linien. Die auf dem Stammſchloſſe wohnhafte nennt ſich Bod⸗ mann-Bodmann. Im Hegau fiel von den ſchweſterlichen Burgen, nachdem die Geſchlechter der meiſten längſt abgegangen waren, eine um die andere in Trümmer. Das Geſchlecht der Stoffeln erſcheint ſeit dem Jahr 1563 nicht mehr, und im Jahr 1590 finden wir die Familie Reiſchach im Beſitze dieſes Reichslehens. Schloß und Hof Staufen gehörte noch immer dem Kloſter Petershauſen; jenes aber haben wir im dreißigjährigen Krieg einen Raub der Flammen werden ſehen. Schloß und Herrſchaft Hohenhöwen kam, noch während das Geſchlecht fortdauerte, im Jahr 1404 an die von Lupfen. Jörg, Freiherr von Höwen, war ein treuer Diener Herzogs Ulrich von Württemberg, der Einzige von der Beſatzung, der im Jahr 1518 gegen die Uebergabe von Hohentübingen an den ſchwäbiſchen Bund proteſtirte; er fiel im Feldzuge gegen die Türken an der Spitze eines württembergiſchen Fähnleins im Jahr 1542. Der Manns⸗ ſtamm der Herren von Lupfen erloſch im Jahr 1582. Von ihnen kam Hohenhöwen in die Hände der von Pappenheim, und durch dieſe im Jahr 1639 an das Haus Fürſtenberg. Wer vom vierzehnten Jahrhunderte bis gegen die Mitte des ſechzehnten im Beſitze Hohenkrähens war, liegt im Dunkeln. Vorübergehend beſaßen es die Züricherböcke ums Jahr 1540. So nannte ſich, im Kriege der Eidgenoſſen wider Zürich, in der letzten Stadt eine Geſellſchaft von anfangs ſechzehn, endlich ſechzig Männern von beſonderer Kraft, welche nicht nur in Schlachten ihr Leben gering ſchätzten, ſondern, von Heldenmuth begeiſtert, alle großen kühnen Abenteuer zuerſt beſtehen wollten. Dieſe Böcke, die Vorfechter Zürichs, blieben, auch als der Krieg beendigt war, unausgeſöhnt. Als nun weder ſie die Stadt verlaſſen, noch die Schweizer vergeſſen wollten, wie oft ihr muthiger Trotz ſie bitter beleidigt hatte, ſo traten ſie vor die Obrigkeit, baten, daß man ihnen im Herzen wohlgeſinnt bleiben möchte und ihaen, die dem Frieden nicht länger im Wege ſtehen wollten, gönnen, daß ſie ſich ſelbſt helfen. Hiermit zogen ſie aus, kauften ſich auf unſerm 288 Hohenkrähen ein Schloßrecht und warteten dort in freiwilliger Verbannung, bis Mitleiden und Unwillen endlich ſelbſt Schweizer zu ihren Fürſprechern machte. Ja, der Landammann Frieß von Uri ließ ſich verlauten:„Man könnte dieſen Böcken ſelbſt neue Feindſeligkeiten, man könnte ihnen die Gefangennehmung eines großen Eidgenoſſen nicht übelnehmen.“ Dieſes hörten die Böcke und ließen es ſich nicht zweimal ſagen. Es begab ſich nämlich, daß eben dieſer Landammann in einem Marktſchiffe den Züricher See herunterfuhr. Da ruderten plötzlich aus einer kleinen hinter Bäumen verborgenen Bucht zwei Nachen mit vielen Bewaffneten hervor: es waren die Böcke.„Ammann Frieß von Uri,“ riefen ſie,„Ihr ſeyd unſer Gefangener! Fürchtet nichts!“ Er, redlich, und darum unerſchrocken, doch erſtaunt, ſagte im Hinüberſteigen: „Es iſt euch gut rathen, liebe Geſellen; ich aber meinte nicht, daß der Rath mich treffen ſoll!“ Die Böcke führten ihren Gefan⸗ genen nach Hohenkrähen, wo er gut und ehrenhaft gehalten und mit aller Gaſtfreundſchaft bewirthet wurde und an die Eidgenoſſen wegen ſeiner Auslöſung ſchrieb. Dieſe mußten jetzt den Frieden, welchen ſie nicht geben wollten, um dreihundert Gulden von den Böcken kaufen. Unmuthig zählte Itel Reding ihnen das Geld zu, ehrte aber die Unbezwungenen; und ſie gelobten Friedenstreue, ſo feſt, wie der bisherige Muth. Ihre Geſellſchaft blieb ſo lang, als die Schweiz.“ Den Untergang der Burg erzählt unſer topographiſcher Theil. Die Ueberbleibſel und der Berg wurden im Jahr 1534 vom römi⸗ ſchen Könige Ferdinand mit Vorbehalt der Oeffnung als ein Mannlehen an Hans von Friedingen übergeben, ging durch die Hände der Homburg, Fugger, Bodmann und Anderer, kam dann an die Landgrafſchaft Nellenburg, und wurde von dieſer den Herrn von Reiſchach zu Lehen gegeben. Die herrliche Veſte Hohentwiel hatte der Kaiſer Rudolph von Habsburg, oder ſein Sohn Albrecht, als ein von dem Hauſe Staufen dem Reiche heimgefallenes Schwabenlehen dem Hauſe ſeines Kanzlers Heinrich von Klingenberg gegeben. Ein ſpäterer Heinrich von Klingenberg bewilligte im Jahr 1515 dem Herzog Ulrich das Oeffnungsrecht und überließ dem vertriebenen Fürſten den freien Gebrauch der Veſte. Dieſer benützte ſie beſonders bei der Werbung ſeines Schweizervolkes(1519), mit welchem er ſein * J. v. Müller IV.; 1 und 3. 289 Land wieder zu erwerben gedachte(ſ. oben). Endlich verkaufte Johann Kaſpar von Klingenberg im Jahr 1538 die Veſte ganz an Herzog Ulrich, und ſeit dieſer Zeit iſt ſie immer in Württembergs Händen geblieben. Wie im dreißigjährigen Kriege, ſo bewahrte ſie auch im ſpaniſchen Erbfolgekrieg ihre Ehre, wo ſie im Jahr 1703 zu verſchiedenen Malen, von den Franzoſen angegriffen, immer ſiegreichen Widerſtand leiſtete.— Der Mägdeberg gehörte früher dem Kloſter Reichenau, wurde 1347 an Werner von Det⸗ tingen verpfändet und im Jahr 1359 an die Grafen v. Württem⸗ berg verkauft. Im Jahr 1370 eroberten es die Reichsſtädte, und Württemberg verkaufte das Schloß ſammt dem Dorfe Mühlhauſen an Oeſtreich, das in der Folge, zu Anfang des ſechzehnten Jahr⸗ hunderts, Eitel Eckh von Reiſchach damit belehnte; ſeitdem wechfelte es öfter ſeine Beſitzer. Das Schloß Friedingen kam von den Edeln dieſes Namens, an die Bodmann, und dieſe ver⸗ kauften es der Stadt Radolphszell. Der Adel des Schloſſes Homburg, deſſen Ruine über Stah⸗ ringen ſchwebt, ſcheint frühe ausgeſtorben zu ſeyn. Später erwarb es die Familie Bodmann, dann das Stift St. Gallen, zuletzt das Bisthum Konſtanz. Das Schloß Nellenburg, jetzt abgebrochen, ſtand auf einem nicht unbeträchtlichen Berge bei Stockach. Das mächtige Geſchlecht der Landgrafen von Nellenburg war ein Zweig der Grafen von Vöhringen; deren letzter, Eberhard, ſprach zu Konſtanz im Namen des Kaiſers das Todesurtheil über Hieronymus von Prag. Seine Tochter Anna Sophia brachte ihrem Gemahl, dem Grafen Eberhard von Thenugen, die Landgrafſchaft. Sein Sohn verkaufte ſie im Jahr 1456 an Oeſtreich. Weiter aufwärts am See, nicht ferne von ſeinem ſchwäbiſchen Ufer, war das Schloß Heiligenberg im ſechzehnten Jahrhunderte vom Grafen Joachim von Fürſtenberg neu und ſtattlich erbaut worden. Ausführliche Nachrichten über dieſes Schloß, von einem edeln Beförderer unſrer Arbeit mitgetheilt, haben wir dem topo⸗ graphiſchen Theile einverleibt. In dieſen Raum gehören auch die Burgen und Geſchlechter von Kargegg, auf der Landzunge, Ueberlingen gegenüber, dann unterhalb dieſer Burg der Sitz der Edeln von Dettingen, jetzt ein Bauernhof; Neuhohenvels, das die Gremblichen, die Erben derer von Jungingen, der Erben des ausgeſtorbenen Geſchlechtes Hohenvels, auf einem ſonnigen Hügel, wo zwei enge Thäler 19 Schwab, Bodenſee. zuſammenlaufen, unweit Stockach erbaut, und deren Thürme und Zinnen dem Wanderer noch entgegenragen; Spechtshard ob Ueberlingen, das ſeine eignen Edeln hatte, Bu rgberg vor den Thoren von Ueberlingen; Kirchberg, bei Hangnau am See(die von Kiliberg kommen ſchon im dreizehnten Jahrhundert in Urkunden vor); Hersberg oder Heßberg bei Immenſtad mit einem gleichnamigen Geſchlechte; die Burg kam im ſiebzehnten Jahrhundert an das Kloſter Ochſenhauſen; die von Ittendorf, Schenken des Hochſtiftes Konſtanz, welches Amt nach ihnen die von Helmsdorf erhielten, deren Burg noch ſteht und die dieſelbe bis ins ſechzehnte Jahrhundert beſaßen. Das Geſchlecht ſtarb wahrſcheinlich mit Anna von Helmsdorf, einer Kloſterfrau zu St. Katharina bei Dieſſenhofen, im ſechzehnten Jahrhundert aus. Von Raderach, einer Burg im Dorfe gleichen Namens unweit Fiſchbach, ſchrieben ſich die Marſchallen von Konſtanz, ein frühe ausgeſtorbenes Geſchlecht. In Tettnang vegetirte die letzte Linie der einſt ſo großen Grafen von Montfort, von Hugo, dem Sohne Rudolphs, geſtiftet. Nach dem Ausſterben der beiden andern Linien, Feldkirch und Bregenz, theilte ſich die Linie Tettnang wieder in die Nebenlinien Bregenz und Tettnang. Die letztere ſtarb im Jahr 1574 aus; Kaiſer Maximilian I. zog die Herrſchaft als heimgefallen ein, und übergab ſie im Jahr 1575 dem Erzherzoge Ferdinand von Oeſtreich. Die Bregenziſche Linie kaufte aber Tettnang wieder an ſich, und reſidirte im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert in dieſer Stadt. Ein zerrütteter Haushalt brachte jedoch die Familie ganz herunter; ſie verpfändeten und verkauften Hab' und Gut an Oeſtreich, und Graf Erneſt, der letzte, kinderloſe Sprößling dieſes Geſchlechtes, das einſt Jahrhunderte lang nicht nur die Geſchicke der ganzen Seegegend gelenkt, ſondern in die Waagſchale der größten Weltbegebenheiten kein unbedeutendes Gewicht zu legen gewohnt war, ſtarb im Jahr 1787 als Bettler in dem Pfarrhauſe des Tettnangiſchen Dorfes Marienbr onn, wo er ein Kämmerlein mit der Ausſicht auf den Gottesacker bewohnt hatte. Zwei Meilen von Tettnang blickte die Waldburg, der Sitz eines fröhlich fortblühenden Geſchlechtes, mit hohen Zinnen von ihrem dicht mit Tannen bewachſenen Hügel herab. Ohgleich ſie dem Bezirke, den wir uns ausgeſteckt haben, nur noch durch ihre herrliche Ausſicht auf die Seegegend angehört, ſo haben wir doch ihtem blic ge 80 ſe kamn Gmjen, aus, bo Niz des Rerktrür barf, fe⸗ behalten, ihrem erlauchten Geſchlecht im topographiſchen Theil einen Ueber⸗ blick gewidmet, auf den wir hier verweiſen. Bei Lindau ſaß das edle Geſchlecht der Herrn von Raitenauz ſie kamen in ſpäterer Zeit zu hohen Ehren, wurden öſtreichiſche Grafen, und ſtarben erſt zu Ende des ſechzehnten Jahrhunderts aus, von den Grafen von Welſperg beerbt. Nachdem wir ſo die Runde um den See gemacht, und die alte Zeit in ihrem Schwinden noch einmal beſichtiget, ſchließen wir den geſchichtlichen Theil unſeres Verſuches und überlaſſen das achtzehnte Jahrhundert, in deſſen Laufe das Alte vollends vermoderte, und an deſſen Schluſſe aus gährendem Leben das Neue ſich geſtaltet hat, einem ſpäteren, unbefangeneren Beobachter, der da Leſer finden wird, für welche die Einzelnheiten, die den Geiſt der Zeitgenoſſen noch nicht angenehm beſchäftigen, weil das Auge ſelbſt zu viel Antheil daran genommen hat,— wieder den Reiz des Alterthums an ſich tragen. Was jedoch als beſonders merkwürdig auch aus der neueſten Zeit nicht verſchwiegen werden darf, ſey, jedes an ſeinem Orte, dem topographiſchen Theile vor⸗ behalten. 2 1 Druckfehler und Berichtigungen. Erſte Abtheilung. 4s Zeile 8 von unten ſtatt Wolfurth lies Wolfurt, Not. 1 von oben ſtatt Nierum l. Nicrum. 7² 7⁴ 8¹ 115 179 von unten ſtatt donfonde l. confunde Zeile 11 von unten ſtatt Roſchach l. Rorſchach— „ 8 15 1⁴ 2² 16 von oben ſtatt Engelhard l. Engelbert. von unten ſiatt Alſchhauſen l. Altshauſen. von oben ſtatt Grimmſtein l. Grimmenſtein. von oben ſtatt In Thurgau l. Im Thurgau von oben ſtatt Ambroſins l. Ambroſius D