"Zur Geschichte Baöischen Lanöesbibliothek Eine Skizze von Or. Paullveinacht _ V^s.. 22 - ^ - L» Karlsruhe I95Z Zur Geschichte öer Baöischen Lanöesbibliochek Vorbemerkung Der folgende kurze Abriß der Geschichte unserer Landesbibliothek fußt zum größten Teil aus Aktenstudien im Badischen General-Landesarchiv. Herangezogen wurden die „Haus- und Hofsachen", Bad. Generalia sowie die betr. Dienerakten. Zwischen den alten Manuskripten fanden sich zwei Schriftstücke von besonderer Bedeutung: ein Gutachten Friedrich WeinbrennerS über die Behebung der Raumnot im Büchersaal des Schlosses sowie ein äußerst stilvoll gehaltener Absagebrief Viktor von Scheffels an den Grotzherzog ob einer Berufung an die Hofbibliothek. Der Hauptwerk der Darstellung liegt auf den der Bibliothek vorgestandenen Persönlichkeiten, als welche in früheren Zeiten die Fürsten zu gelten haben. Ihre ausführenden Organe waren die Archivare, welche zusammen mit der Bearbeitung der Akten auch das Münz- und Naturalienkabinett, die Antigui- tätenkammer, die Bildergalerie und die Bücher verwalteten. Der historische Weg der badischen Landesbibliothek geht also aus von einem Zweig der fürstlichen Sammlungen hin zu einem selbständigen staatlichen Institut. dlS. Dieser Aufsatz gibt einen erweiterten Sonderabdruck aus der Beilage „Tag des Buches" im Badischen Beobachter vom 20. März 1933 wieder. * Die Entwicklung der ehemaligen Hof-, nunmehrigen Landesbibliothek läßt sich eindeutig in fünf Abschnitte gliedern: 1. Die Zeit von der ersten historischen Erwähnung — um 1500 — bis zur Erbteilung der alten badischen Markgrafschaft durch Ernst und Bernhard 1535. 2. Die Jahre der Trennung bis zur Flüchtung der Durlacher Sammlung nach Basel 1674 und der Baden- Badener Bibliothek u. a. nach Ulm 1682. 3. Das Basler Exil bis 1765, wie die Rückwanderung der Ulmer Bestände nach Baden-Baden und Rastatt bis 1772. 4. Die Zeit von der öffentlichen Benutzung 1770 bis zum Abschied Dölls 1872. 5. Von Brambachs Wirken bis zur Gegenwart. Diese Gruppierung richtet sich zum Teil nach äußeren, zum Teil nach inneren Entwicklungsträgern, weil eine gleichgeartete Behandlung durch die Verschiedenartigkeit des Quellenmaterials nicht möglich ist. Für die ältere Zeit müssen wir uns auf ein paar zeitgenössische literarische Quellen stützen; erst die jüngere Vergangenheit bringt aktenmäßig Belebung in die scheinbar spröde Materie. Die Grundstocklegung unserer Bibliothek kennen wir nicht. Sie wächst gleichsam aus dem Dunkel heraus, und ist, wie die meisten deutschen Landesbibliotheken, aus Bücherbeständen hervorgegangen, die der Lanüesfürst für — 2 — sich und seine Familie gesammelt hat. Die älteste Geschichte der Bibliothek hängt deshalb aufs engste mit den Schicksalen des badischen Fürstenhauses zusammen, und unsere erste Begegnung mit ihr sieht schon kostbare Schätze in ihrem Besitz, über die der Markgraf Christoph I. (1475—1827) in seiner Residenz Pforzheim gebot. Ihm hatte nämlich Johannes Reuchlin seine wertvollen Kodizes vermacht und sie in der dortigen Stiftskirche aufstellen lassen. Als Nutznießer verfügte der Markgraf mit echt fürstlicher, noch ungetrübter Freizügigkeit über seine Cimelien, indem er^z. B. eine unersetzbare Handschrift zu jenen unsicheren Tagen bis nach Basel hinauf entlieh. Ein Wagnis solidergleichen! Außer diesem Reuchlinschen Nachlaß kennen wir noch Handschriften aus dem zu Pforzheim damals gehörigen Kloster Hirsau in der Bibliothek des Markgrafen. Cr vererbte sie auf seinen Sohn Philipp I. (1516—1833), dieser wieder auf seine nach ihm zur Regierung kommenden Brüder Ernst (f 1633) und Bernhard (f 1636). Nach Aufteilung der Markgrafschaft blieb Ernst in Pforzheim, während Bernhard seine Residenz nach Baden-Baden verlegte und hierhin auch seinen Teil von der angestammten Bibliothek mitnahm, wo sich noch Hirsauer Bestände Nachweisen ließen. Diesem ersten Umzug schloß sich bald ein zweiter an, als nämlich Markgraf Ernst 1565 seine Hofhaltung und damit auch seine Bibliothek auf die Karlsburg nach Durlach verlegte. Wie es hier um die Bücher stand, erfahren wir erst ungefähr 70 Jahre später, inmitten des 30jährigen Krieges; dazumal war die markgräfliche Sammlung schon nach allen Seiten hin ausgebaut und hatte gar manches Kleinod aufzuzeigen. Allein die steten Kriegswirren brachten große Unordnung, zum Teil Zerstörung wie mancherlei Verluste in der Bücherei mit sich, die hiermit eigentlich nur ein kleines Genrebild dafür bot, wie es damals überall in der deutschen Kultur aussah; ein jeder suchte darum noch zu retten, was zu retten war. Mit seinen Wertgegenständen, darunter auch die sog. Partikularbibliothek, flüchtete Markgraf GeorgFriedrich (st 1638), nachdem er bei Nördlingen 1634 gegen den Kaiser Schlacht und Land verloren hatte, auf einen alten Privatbesitz nach Straßburg. Die ehemals Christophsche Bibliothek war nun glücklich in drei Teile zerschlagen; die Bücher minderer Bedeutung blieben in Durlach, die „sonderlich auserlesenen Werke" befanden sich im Haus zum Drachenfels in Straßburg und in Baden-Baden ruhte das- Erbgut der Bernhardschen Linie. Nach einer „Kurzen Nachricht" des Hofrats Herbster vom 17. September 1757 wurden die Straßburger Schätze „nach erfolgtem westfälischen Frieden (1648) wieder nach Karlsburg gebracht". Doch von Bestand sollte das Verbleiben der Bibliotheken an keinem Orte sein; zu kriegsbewegt war die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, als daß nicht ein bibliophiler Fürst stets in Sorge um seine Bücher und Handschriften hätte leben müssen. Infolge der Reichskriege mit Frankreich (1688 bis 1697) stieg die allgemeine Unsicherheit derart, daß der Markgraf Friedrich Magnus (1647—1709) um der Geißel und Brandfackel Melacs noch zuvorzukommen, all seine Kunstsammlungen, samt Archiv und Bibliothek in das neutrale und sichere Basel flüchtete. Bei dieser Flucht aus der Not, sagt Herbster, hat es die Nachwelt „der hohen Vorsorge des damals regierenden Markgrafen und den rühmlichen Anstalten des Geh. Rath Carl Sigmund Freiherrn von und zu Cronneck zu danken, daß noch eine Anzahl der wichtigsten Originalien und Schriften den Flammen glücklich entrissen" wurden. Mit der Signatur völliger Verwirrung und wüster Unordnung erreichten die alten Bücherbestände wie die Partikularbibliothek den mark- - 3 — gräflichen Hof in Basel. Hier spielten sie anfangs eine untergeordnete Rolle, weil das an historischer und politischer Bedeutung ungleich wichtigere Archiv die größere Aufmerksamkeit erforderte. Diese Tatsache spricht deutlich aus den Akten, die sich fast ausschließlich auf Archivangelegenheiten beziehen; aber, weil damals die fürstliche Bibliothek ein integrierender Bestandteil des Archivs war, lassen sich dennoch Rückschlüsse auf sie ziehen. Zu Beginn der Basler Zeit war ein geheimer Registrator der Betreuer der markgräflichen Sammlungen, dem einer „aus den fürstlichen Näthen als Oberarchivarius Vorstand", und den jener „in vorfallenden Umständen" schriftlich um Bescheid anzugehen hatte. Nach einer zufälligen Notiz Drollingers vom 16. Juni 1735 „hat der seelige Registrator Hitzig den Anfang der besseren Ordnung gemacht; aber dem Werke nur kurze Zeit vorstehen" können. Zur selben Zeit war Johann Doben eck (si 1701), ein schon „viel Jahre lang in Diensten gestandener Bibliothecarius", ebenfalls in Basel tätig. Sie würden also die Reihe der badischen Hofbibliothekare eröffnen. Allein waren sie Wohl der Arbeit nicht gewachsen, denn der Oberarchivar Pflegte sich meist im Hoflager des Fürsten aufzuhalten, und so verstehen wir den frühen Erlaß Karl Wilhelms (1679—1738), daß der Oberarchivar „beständig beim Archiv bleiben und alle zu dessen guter Einrichtung nötigen Arbeiten dirigieren" müsse. Daraufhin begegnen wir zunächst dem literarisch eifrig tätigen Heinrich Wilhelm Maler; nachweislich in Dienst von 1686 bis 1705. Zum Oberarchivar 1699 bestellt, erhielt er später von Drollinger das rühmende Zeugnis, das überaus große Vacuum der Akten aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts merklich ergänzt zu haben. Von seinem Gehalt wissen wir, daß er „an Gelt 800 fl., Roggen 10, Dinkel 20 Malter, Wein 2 Fuder, Hauszins 20 fl., Holtz 16 Klafter, Heu 3 Wägen oder das Gelt dafür, nehmlich 25 fl., dazu noch Schweyn 3 Stück und die gewöhnliche Portion an Sportelgeltern" empfing. Für seinen Posten eine verhältnismäßig geringe Entlohnung, jedoch dem Gehalt anderer in badischen Diensten tätigen Beamten angepaßt. Hinsichtlich seiner bibliothekarischen Arbeit ist nichts Näheres bekannt. Zur Seite stand ihm der Geh. Registrator Samuel Brodthag (bis 1733), gleichsam als Verbindung zu dem berühmtesten Bibliothekar der Basler Periode, zu Karl Friedrich Drollinger (1688—1742). Beide zusammen schrieben 1726 eine 23seitige „Relation über den Zustand des Archivs", die in ihrer glänzenden Fassung das beste Licht auf das Organisationstalent der Verfasser wirft und auch Rückschlüsse auf ihre Prinzipien in der Bibliotheksordnung zuläßt. Wenn wir hierzu eine Aeußerung Dills von 1764 heranziehen dürfen, dann hatten sie die Bücher nach systematischen Gruppen getrennt und unter sich jeweils durchgezählt. Die einzelnen Nummern waren dabei noch nicht aufgeklebt, sondern auf Neiterzettel geschrieben, der am oberen Rand des Buches herausschaute. Der Katalog, die sog. Consignation, hatte damals noch sekundäre Bedeutung, und von besonderen Problemen auf diesem Gebiet Horen wir nichts. Die „sauberste, wohltuendste Ordnung und Ueber- sichtlichkeii" in der Aufstellung schien denn Spreng Drollingers eigentlichstes Verdienst. Es handelte sich in erster Linie um Erhaltung der vorhandenen Bestände; die Neuzugänge liefen schon seit den 30er Jahren in die fürstliche Bibliothek nach Karlsruhe, wo sie auch den Namen „Neue Bibliothek" im Gegensatz zur Basler „alten" erhielten. Von Drollinger hat man nicht den Eindruck, daß er mit besonderer Liebe seinem Bücheramte Vorstand; als ihm nämlich 1730 sein Antrag, einige Tage in der Woche ausschließlich der Privat- 4 forschung leben zu dürfen, abgelehnt wurde, klagte er bitter, ihm sei „bishero die Glückseligkeit nicht geworden, dem Hauptwerk mit behöriger Attention obzuliegen, indem mich nicht nur die öfteren Berichte und Relationes ex actis, sondern auch zumahlen die Bibliothec, Kunstcammer, Gemälde etc. inter- rumpieren." Sein literarischer Nachlaß wurde nach längerem Handel von den Erben an den Fürsten veräußert. Unter Drollinger kam der stud. jur. Joh. Adam Leiblein 1727 als Gehilfe ans Archiv. Seinem Eifer entsprach allerdings nicht die kärgliche Besoldung, die er durch Bitten und Gesuche stets zu erhöhen trachtete. Drollinger hatte dabei nur die undankbare Aufgabe, „daß er ihn, L e i b I e i n, mehr zur Geduld anweisen solle". Seinen kritischen Standpunkt charakterisiert folgender kernige Satz: Die „Unrichtigkeit (im ganzen Sammlungsbetrieb) ist oftmalen erkannt, aber nie solcher abzuhelfen ernsthafft angelegt worden". Von 1748 an treffen wir ihn und Joh. Friedrich Herbster (si 1763) als „Näthe" am Archiv. Beide setzten die Reihe der Besserungsvorschläge fort, ohne höheren Orts Verständnis zu finden. Die Bibliothek trat nun auch mehr in den Vordergrund, da Bücher an Basler Bürger ausgeliehen wurden. Umfangreichere Aktenbearbeitung benötigte neue Kräfte und so traten zwei Gehilfen ein: Joh. Nicolaus Ihringer und Joh. Erhard Steinhäuser. Sie übernahmen nach Herbsters Tod — Leiblein war inzwischen nach Durlach versetzt — eine Jnterimsverwaltung der Basler Sammlungen (1763/1764) und scheinen mit ihrer Wirtschaft nicht den besten Eindruck hinterlassen zu haben. Bezeichnend ist Dills Urteil vom 31. Oktober 1764, der nur mit Schwierigkeiten ein Verzeichnis der Bestände anfertigen konnte, „weil die Nummern nicht mehr alle auf den Büchern stehen und dazu unter den Büchern nichts als Unordnung herrscht. Dem Vernehmen hat mein Vorfahr viele Bücher ausgeliehen und zur Zeit kann ich mit Zuverlässigkeit nicht melden, was zurückgekommen ist oder nicht". Vom 25. Juni 1764 an sehen wir Archiv und Bibliothek von Hofrat Dill geleitet, unter dem auch das Exil der Sammlungen zu Ende ging. Sein Verdienst war es, die durch Achtlosigkeit zerrütteten Verhältnisse wieder einigermaßen gutzumachen. Noch heute bleibt seine Absicht verständlich, im Basler Wochenblättchen eine allgemeine Aufforderung zur Rückgabe der entliehenen Bücher zu erlassen. Ob ihm dies so restlos gelang, dürfen wir bezweifeln; denn zwischen der Basler Bürgerschaft und dem markgräflichen Palais herrschte seit den letzten zehn Jahren ein äußerst gespanntes Verhältnis. Das „Archiv ist nirgends unsicherer", schrieb der Hofrat Reinhard schon am 15. März 1755, „als in Basel", und Ausdrücke wie „Pöbel" und „Grobheiten der Basler" beleuchteten die Lage recht eindeutig. So sollte auch 1755 „unsere Bibliothek nach und nach mit nach Schreck (bei Leopoldshafen) gehenden Schiffen unter der Adresse Unseres Sekretarii Cellarius" verfrachtet werden „am thunlichsten unter der Hand, ohne bey der Stadt Basel Aufsehen zu erregen". Aus begreiflichen Gründen ließ man aber die Versendung auf sich beruhen und brachte endlich 1765 die Bibliothek in zwei Abteilungen zu Schiff nach der neuen Residenz Karlsruhe. An diesem Wendepunkt tragischen Bücherschicksals wollen wir auf die baden-badensche Bibliothek zurückgreifen, der seit dem Jahre 1535 auch kein ruhiges Bleiben vergönnt war. 1678 wurde das Archiv — und damit auch vermutlich die wertvolleren Bücher — vor der heraufziehenden Kriegsgefahr in das befestigte Speier geflüchtet, von wo aus man sie kurz darauf nach Philippsburg verlegen wollte. Durch die immer wachsende Gefahr veranlaßt, sehen wir den Secretarins Joh. Stephan Keßler beauftragt, Archiv samt Bibliothek im Frühjahr 1882 von Baden-Baden nach Ulm in Sicherheit zu bringen; „30 Stück Verschlage aus der Bibliothec" wurden zunächst nach Eßlingen geflüchtet, wo ein Teil der Fracht zurückblieb. Der übrige Bestand kam heil nach Ulm „in den sog. Ochsenhäußer Hoff, eingangs zur Rechten Hand gelegen". Der Transport verlief nach äußerst wohlvorbereitetem Plane, ohne jegliche Ueberstürzung. Wann die Bücher wieder zurückgeführt wurden, entzieht sich bislang unserer Kenntnis. Im Jahre 1734 schaffte man das Archiv ein letztes Mal in sichere Hut, nach Nürnberg, von wo es 1736 nach Rastatt zurückgeführt wurde. Erst um 1760 tauchte die Bibliothek wieder in Baden-Baden auf. Im März 1762 veranlatzten einige Räte den Markgrafen Georg August (1761/1771), die Bibliothek in Rastatt aufzustellen, da sie in Baden-Baden ohne öffentlichen Zugang und „ohne mindesten Nutzen", in Rastatt dagegen weit besser auszuwerten sei. Noch im gleichen Jahre kam der Umzug der schlecht verzettelten Sammlung zustande; sowie ein Katalog von dem Kanzlisten Griesbach. Nach dem Aussterben der baden-badenschen Linie fielen die 8000 Bände an die Hof-Bibliothek in Karlsruhe. Mit einem Unterschied von sieben Jahren trafen sich die zersprengten Büchersammlungen in einer für Kunst und Wissenschaft ausgeschlossenen Residenzstadt. Der Hofrat Joh. Jakob von Schmidt besorgte 1765 die Aufstellung im Apothekerbau des Schlosses; und von nun an begann ein Aufstieg, zu dem Fr. Valentin Molter nach drei Jahrzehnten mit Recht bemerken konnte, daß dieses „gemeinnützliche Institut den berühmtesten fürstlichen Bibliotheken in Deutschland nichts nachgibt". In der Uebergangszeit waren die Hofräte Cellarius (f 1766) und Dill (f 1771) mit der Leitung betraut; sie waren im Grunde aber nur die ausführenden Organe des glänzend arbeitenden Ratskollegiums von Karl Friedrich (1728—1811). Mit Friedrich Valentin Molter (1722—1808) trat nach Dills Tode eine Persönlichkeit an die Spitze der Hofbibliothek, die für sie von entscheidender Bedeutung werden sollte. Zu Basel schon war er als „cand. jur." im freiwilligen Dienste des Markgrafen tätig, für fleißige Arbeit alljährlich mit 50 Gulden belohnt. Um seine traurige finanzielle Lage zu bessern, hatte er den glücklichen Einfall, den Censor „über die allhier unter die Presse kommenden Schriften, welche in die sog. schönen Wissenschaften einschlagen" zu spielen. Sein absolutistisch gesinnter Landesherr ließ sich diese Hilfe nicht entgehen, und erlaubte ihm, „in rsspsctu tam morali guain politieo" zu zensieren, womit Molters Gehalt wenigstens auf 350 Gulden jährlich stieg. So glänzend auch seine bibliothekarische wie wissenschaftliche Leistung gewesen, so traurig war sein Kampf mit dem Leben, und seine Laufbahn war ein einziges Bitten und Flehen um finanzielle Sicherung. Noch im Alter von 76 Jahren schrieb er eine rührend zu lesende »Adresse an den Fürsten, ihn doch „nicht einst am Elend der Seinigen schuld sein" zu lassen. Die Bitte wurde ihm gewährt, wie sein mit zitternder Hand geschriebenes Dankblatt bestätigt. Im ganzen nur ein Beispiel für die Schattenseite des Bibliotheksberufes vergangener Jahrhunderte. Diesem lichtlosen Dasein stand eine temperamentvolle und erfolgreiche Bibliotheksführung gegenüber. Da gleich nach der öffentlichen Benutzung sich ergab, 6 daß „entlehnte Bücher teils ungebührlich lange, teils gar nicht Mieder zurückgegeben, teils in verdorbenem Zustand aufgestellt worden seien", verfaßte Möller zusammen mit Griesbach nach guten Vorbildern eine Bibliotheksordnung. Die zum Teil heute noch gebräuchlichen Maßnahmen erhielten mit zwei Ausnahmen die volle Zustimmung des Fürsten. Als „unschicklich" wurde nur abgelehnt, die Repositorien gegen unbefugtes Herausnehmen der Bücher durch Drahtgitter zu schützen! Handschriften lieh Malier nicht ohne „vorwaltende Ursachen" aus; sicherlich eine liberale Ansicht, nachdem Karl Friedrich vorher jede Entleihung von handschriftlichem Material desgl. von Büchern nach auswärts untersagt hatte „in Anbetracht der damit verbundenen mancherleh Gefahren und Zufällen". Und nicht nur das, auch die Entleihung von Büchern nach auswärts war, wie Malier 1792 dem Pfarrer Welp er in Durlach mitteilte, „den Statuten zuwider". Erst nach „heiliger Versicherung" Welpers und eines wohlwollenden Gutachtens des Bibliothekdirektors über ihn wurde die „Ausnahme" gewährt; doch mit dem besonderen Hinweis „ohne Consequenz für andere". Noch 1852 mutzte der „Dr. Wilhelm Grimm- Berlin" wie der „ausgezeichnete Historiker Leopold Ranke" durch Bürgschaft und Vermittlung der Gesandtschaft für auswärtige Angelegenheiten ihre Codizes — unter Bezugnahme auf einen Präzedenzfall — sich erbitten. Erstaunlich bleibt Malters „gleiche Behandlung aller Personen, auch fürstlichen, um die Direktion nicht dem Vorwurf der Parteilichkeit auszusetzen". Hinsichtlich der Bücheranschaffung war man schon ausgangs des 18. Jahr- »hunderts auf die vollständige Sammlung gewisser „badischer Belange" bedacht; 'und zwar in einer Bedeutung, welche die Hofbibliothek so recht als private Bücherei für die Interessensphäre des Fürsten beleuchtet, die zunächst ihm und damit auch seinem Lande — als Grenzland — dienlich sein sollte. Von dem Strahburger Buchdrucker Polend wird nämlich gefordert, daß „Französische Nachrichten betr. . . . theils zum jetzigen, theils zum zukünftigen Gebrauch diese und alle übrige dort vorhandenen und ferner dorthin kommenden und auf die dermalige Staatsveränderung in Frankreich Bezughabende Jm- preffa, sowie es dahier auch geschehe, auf die Bibliothec zur Aufbewahrung praevia consixnatione abgegeben werden möchten." Seine liebe Not hatte Molter mit der seit 1771 verordneten Ablieferung der Pflichtexemplare, weil Schmieder und Macklot von hier, Sprintzing von Rastatt und Beaumarchais von Kehl ihren Verpflichtungen nur allzu säumig oder gar nicht nachkamen. 1797 und 1805 hatte er sie kategorisch zur Einsendung auch der kleinsten Druckschriften angewiesen, jedoch mit geringem Erfolg; noch 1808 hatte Molter „immer gehofft, sie würden sich von selbst ihrer Schuldigkeit erinnern". Die Drucker aber enttäuschten seinen edlen, nur auf das Wachstum der Bibliothek gerichteten Sinn; sie druckten ruhig weiter, lieferten nach Belieben ab, bis 1868 die so umkämpfte „Naturalsteuer" ganz abgeschafft wurde. Diesen schleppenden Zuwachs glich in überreichlicher Weise der Anfall von Privatbüchereien und säkularisierten badischen Klosterbibliotheken wieder aus. Bei der gewaltigen Aufnahmearbeit halfen Molter zwei von ihm sehr gelobte Kräfte: der Lehrer für Englisch am Karlsruher Gymnasium Wilhelm Hemeling (1808—1817) und der Direktor des Naturalienkabinetts Dr. med. Karl Christian Gmelin (1762—1837), welcher zugleich als dritter Bibliothekar mitzuwirken hatte. Vorher (1779/80) katalogisierte der Vikar W o l st die Orientalin, da „noch kein vollständiges, ge- schwelge räsonnierendes Berzeichnitz" vorhanden war. Inmitten aller Arbeit berichtete Malier am 11. Mai 1789 nach einem Büchersturz: „Kein Geschäft war leichter und vergnügender als dieses, da die zugrunde liegenden Kataloge und Verzeichnisse sämtlich in bester Ordnung abgefatzt waren". Eine nur papierene Hilfe war dabei der Titularbibliothekar Gentät (1784—1810), ein französischer Weltenbummler, der unter der Gnadensonne des Markgrafen sein Vagabundenleben beenden wollte, und den Titel „Bibliothekar" nur deshalb erstrebte, „pour on ksirs usogD ckans los certsiicvts ak 8I.V Xsr>8mne 32 17S01 7 031 Z2 17501 ? 0Z1