DK 2 Vo stehen wir? Kriegs- unk» ssmSensMrlerungen, von Isheoöor Wacker. Karlsruhe Druck unö Verlag öer Mt.-Ges. Sa-enia 1917. >A. g. XIV. Nr. 2229.) 55/l L5VZ Inhalts-Verzeichnis Einleitenöe Worte. Ueberraschenöes aus den Kriegslagern: aus dem feindlichen: erst allmählich ganze Zahl der Feinde bekannt; England Seele des feindlichen Lagers; England auf dein Weg zum Militarismus; Englands Seemacht im Rückgang; Nebertragung des Krieges in die Kolonien; Vertragsmäßige Ablehnung von Sonderfrieden; Unbegrenzter Haß der Feinde; Krieg mit den Waffen organisierter Lüge; aus dem eigenen Lager: Zuversichtliche Entschlossenheit; Leistungen zu Lande; Leistungen zur See; Luftkämpfe; Deutschlands Sieg im Hnngerkrieg; Freiwillige Leistungen. II. Zrieöensangebot des Kaisers. Des Kanzlers Rede zur Ankündigung; Wortlaut der Kaiserlichen Botschaft; Schlußworte des Kanzlers; Auftrag des Kaisers zur Abfassung der Botschaft; Aufnahme des Kaiserlichen Angebotes bei den Feinden; Note Wilsons an die Kriegführenden; Antwort Deutschlands auf diese Note; - Antwort der Feinde, zugleich indirekt Antwort auf des Kaisers Angebot; Protest des Kaisers in Proklamation an Heer und Marine; Protest des Kaisers in Proklamation an das deutsche Volk; Protest der deutschen Regierung in einer Note an die Neutralen; Vorläufiges Ergebnis der Friedensaktion des Kaisers. I* Kragen, die mit der Beendigung des Krieges Zusammenhängen. Wilsonsche Einmischungsgelüste; Behandlung der Frage nach den Kriegskosten; Behandluug der Frage der Friedensbedingungen. IV. Selbst-Entlarvung des Präsidenten Wilson. Note Deutschlands an Nordamerika, uneingeschränkten Unterseebootkrieg betr.; Wilsons Gegenschritt; Bruch mit Deutschland; Vorgeschichte des Bruches mit Deutschland; Eine Niederlage Wilsons. V. Ser Endentscheidung entgegen. Zusammenfassen aller Kraft notwendig; Englischer Uebermut gedemütigt; Bei aller Beruhigung über End-Ausgang noch Schweres zu erwarten; Was Deutschland vor seinen Feinden voraus hat. Einleitende Worte In der allerersten Zeit des Krieges hatten mehrere Herren eine gemeinsame Beratung und an deinen Schluß noch gesellschaftliche Unterhaltung. Gesprächs gegenständ war der Krieg, namentlich die Frage, wie lange er Wohl dauern mag. Nachdem eine Weile hin und hergesprochen war, nahni ein hochgestellter Militär ini Ruhestand das Wort und sprach zur Ueberraschung der Zuhörer: M. H. H.! „nach einem Jahr wollen wir wieder fragen." Das Jahr ist inzwischen vorübergegangen, auch ein zweites und von einem dritten fast die Hälfte; unzählige Male ist während dieser langen Zeit die Frage gestellt worden: Wie lange wird der Krieg noch dauern? Eine sichere Antwort aber hat bis zur Stunde niemand geben können und niemand weiß, wie lange die Unsicherheit noch währt. Was in der Zwischenzeit vor unseren Augen sich abgespielt hat oder erst vorbereitet, ist nach seiner Bedeutung und Tragweite für Gegenwart und Zukunft noch gar nicht zu ermessen. Es war auch in keiner Weise voransznsehen und ist von niemandem vorausgesehen worden. — g — I. Ueberraschenües aus üen Kriegslagern. Geraume Zeit hindurch haben wir uns nicht einmal genügend ausgekannt in den beiden Kriegslagern: weder im feindlichen, noch im eigenen. Ueberraschendes aus dem feindlichen Lager. Wir wußten nicht, wie viele Feinde wir zu überwinden bekommen follten, und wer alles zu ihnen gehören würde. Und das war gut. Wir sind mit größter Zuversicht in den Krieg eingetreten. Wie sich gezeigt hat, war es gerechtfertigt. Wir sahen gegen uns Rußland vor allem und Frankreich und als Anhängsel, die keine Besorgnis einflößen konnten, Serbien und Montenegro. Daß eine ganze Schar weiterer Feinde gegen uns aufstehen würden, war uns noch verborgen und konnten wir teilweise nicht einmal vermuten. Hätte man uns sagen können nnd gesagt, daß die Zahl dieser Feinde sich fast verdreifachen würde, so wären wir nicht hoffnungslos verzagt, aber der Geist unbegrenzter Opferfreudigkeit und unwiderstehlicher Siegeskraft wäre nicht aufs neue erwacht, um die Deutschen von 1914 zu erfüllen, wie er die von 1813 und 1814 erfüllt hat. Und was die Wieder-Einkehr dieses * Geistes beim deutschen Volke und seine Herrschaft über dasselbe bedeutet, läßt sich gar nicht ermessen. Hätten wir gleich im ersten Anfang gewußt, daß der Zweiverband Frankreich und Rußland sich zum Dreiverband Frankreich, Rußland und England erweitern und dieser bis zu einem Zehnverband (Frankreich, Rußland, England, Japan, Serbien und Montenegro, Belgien, Italien, Portugal und Rumänien) sich aus- wachsen würde, dann hätten wir vielleicht auch so den Mut nicht sinken lassen, sondern uns aufzurichten gesucht an der Entschlossenheit unseres kaiserlichen Führers. Aber der drückende und lähmende Gedanke: „Es sind der Feinde zu viele!" hätte sich unserer bemächtigt, um uns nicht wieder zu verlassen. Das aber ist nicht die Stimmung, in welcher außerordentliche Siege errungen werden. England Seele des feindlichen Lagers. Noch in anderer Beziehung haben wir nicht von Anfang an im feindlichen Lager uns genügend ausgekannt. Jetzt weiß jedermann, daß das Rückgrat der zahlreichen Gesellschaft unserer Feinde England ist, das Rückgrat in jeglicher Beziehung. England überragt alle: an Macht wie auch an Schuld; an Haß wie auch an Gier, den Haß zu betätigen; an rücksichtsloser Zähigkeit im Gebrauch der Waffen und der Kampfesmittel. Von diesem England erzählt die Geschichte sehr viel, was schlimme- 7 Leistungen in diesem Kriege erwarten ließ. Was wir in Wirklichkeit exlebten, hat indessen doch alles weit hinter sich zurückgelassen. Niemand kann mehr in Zweifel ziehen, daß die größte Schwierigkeit bei England liegt, wenn etwa die Frage zur Lösung konrmen soll, ob und wie die Wirrnis des Krieges überwunden werden und der ersehnte Friede wiederkehren kann. Die Antwort auf die Frage, wie lange der Krieg noch dauert, läuft wesentlich darauf hinaus: so lange England ihn fortfetzen oder durch andere fortsetzen lassen kann. So haben wir uns die Sache nicht gedacht. England hat uns noch andere Ueberraschungen gebracht. England auf dem Weg zum Militarismus. Seine Militärmacht war in jedem Falle hoch anzufchlagen, aber nicht sowohl die zu Lande als vielmehr die zur See. So glaubte man und mußte man glauben. Mit überraschender Schnelligkeit hat es sich nun aber auch zur Großmacht zu Lande entwickelt. Mit der ganzen Kraft und Leidenschaft gewissenlosester Verlästerungs- und Verleumdungssucht haben die leitenden Männer Englands sich über die militärische Organisation Deutschlands hergemacht, die ihren Plänen unübersteigliche Hindernisse mtgegenstellte; auf die Macht und Wirkung alter, längst überwundener Vorurteile und Voreingenommenheiten spekulierend, haben sie über „preußischen Militarismus" gezetert und ihn als Todfeind der Freiheit und Kultur der europäischen Völker hingestellt, daneben aber ohne alle Scheu selber den Weg zum „preußischen Militarismus" eingeschlagen, wenn auch nicht ohne Widerspruch. Wie sich das englische Volk in einem Militärstaat fühlen und zurechtfinden wird, muß die Zukunft'lehren. Ohne Rückwirkung aus andere Staaten und Völker wird es kaum bleiben. Sorgen braucht sich aber außer den Engländern niemand zu machen. Englands Seemacht im Rückgang. Das gleiche England hat der Welt noch eine Ueberraschung bereitet, auf welche niemand gerechnet hat und niemand rechnen konnte: eine Ueberraschung in anderer Richtung. Bis zur Unerträglichkeit für die übrige Welt, namentlich für ,die seefahrenden Mächte, hat es sich als Beherrscherin der Meere betrachtet mit allen Konsequenzen, für die Zeiten und Verhältnisse im Kriege wie im Frieden. Von ihm sollten andere Staaten und Völker sich die Grenzen bestimmen lassen, in welchen sie mit England auch ihrerseits Geltung und Einfluß sollten entfalten können und dürfen. Die unerträglichste und bedenklichste See- Tyrannei schien das unabwendbare Los der Völker der Erde zu werden, durch England über sie verhängt. Diese Gefahr besteht nicht mehr. — 8 Englands Macht zur See ist nicht gebrochen. Aber ihrer Weiterentwicklung sind Schranken gesetzt. Die Rolle, welche sie in diesem Kriege spielt, zeigt es mit aller Deutlichkeit an. Es ist, wie wenn die Angst vor einer Niederlage der englischen Kriegsflotte allen Wagemut genommen hätte. Auf eine solche Erfahrung war man nicht gefaßt, sie wird aber ihren guten Grund haben. Wenn man damit znfammenhält, mit welch übermütigem Spott und Hohn die leitenden Männer Englands über die deutsche Seemacht geurteilt haben, wie wenn mit ihr gar nicht zu rechnen wäre, dann kann man sich eine tiefere Verdemlltigung nicht denken, als sie in diesen Tatsachen für England gegeben ist. In diesem Zusammenhang verdienen zwei höchst charakteristische Momente hervorgehoben zu werden. Schon jetzt haben sich Erörterungen der Frage an die Oeffent- lichkeit gedrängt, ob nicht die Vorherrschaft zur See von England auf Deutschland übergehen werde. Natürlich hätte man nicht anzunehmen, Laß ein solcher Wechsel, der eine der wichtigsten Etappen in der Weltgeschichte bedeuten würde, schon in der nächsten Zukunft vor sich ginge. Dies ist das eine Moment. Das andere ist in einer zweiten Frage ausgesprochen, die schon zur Diskussion gestellt worden ist: Kann England zur See überwunden werden? Bei den leitenden Kreisen Englands hat sich schwere Sorge um die Zukunft der englischen Handelsflotte angemeldet. Ein Engländer, Archibald Hurd, hat Regierung und Volk Englands davor gewarnt, über eine Blockade Englands durch die Unterseeboote zu spotten, weil sie angeblich unmöglich sei. Er stellt fest, daß im Monat Dezember 1916 allein 162 englische Schiffe versenkt worden sind und seit Anfang des Krieges 1245 mit 2 947 475 Tonnen. Uebertragnug des Krieges in die Kolonien. Das feindliche Lager bietet eine Erscheinung dar, die weltgeschichtliches Interesse hat und sehr wahrscheinlich auch weltgeschichtliche Bedeutung: die „farbigen Engländer" nnd „farbigen Franzosen". Sicherlich haben sich unsere Feinde gründlich verrechnet; davon mußten dieselben sehr bald überzeugt sein und mögen daraus den Schluß gezogen haben: Helf, was helfen mag! Aus solcher Stimmung heraus mögen Engländer und Franzosen zu den: Entschluß gekommen sein, den Krieg auch in die Kolonien zu tragen und aus den entlegensten Ländergebieten Asiens und Afrikas unkultivierte Völkerstämme aller Farben auf die europäischen Schlachtfelder zu rufen und die Reihen der eigenen Landeskinder wie mit ebenbürtigen und gleichartigen Soldaten zu ergänzen und zu verstärken. Die Folgen dieses Vorgehens sind gar nicht abzuschätzen. Es handelt sich ja dabei um ganz anderes als darum, daß die französisch-englischen Armeen um Tausende oder Hunderttausende 9 oder noch mehr Soldaten verstärkt werden; es handelt sich auch nicht um etwas, was nur England und Frankreich angeht und allenfalls noch deren Bundesgenossen auf der einen und deren Gegner auf der anderen Seite. Es berührt vielmehr alle Staaten und Völker mit Kolonialbesitz ganz direkt und über sie hinweg die ganze europäische und außereuropäische Kulturwelt. Und wollte man feststellen, in welcher Reihenfolge und in welchem Umfange die einzelnen Nationen mit ihren Interessen in Gegenwart und Zukunft dabei in Mitleidenschaft gezogen sind, so wäre gerade England und neben ihm Frankreich wahrlich nicht an letzter Stelle zu nennen. Es ist eine schwer verantwortliche Tat, welche geradezu verhängnisvolle Wirkungen nach sich ziehen kann und höchstwahrscheinlich nach sich ziehen wird, wenn auch nicht schon in der nächsten Zukunft. Englands ärgste Feinde hätten kaum etwas planen und zur Ausführung bringen können, was für dessen Zukunft -gefährlicher gewesen wäre. Das könnte nun anderen Völkern gleichgültig sein, wenn nicht auch sie selbst mit ihren Interessen in Mitleidenschaft gezogen würden. Vertragsmäßige Ablehnung von Sonderfrieden. Weil wir im feindlichen Lager uns nicht genügend auskannten, sind uns noch andere Ueberraschungen bereitet worden. Am 6. September 1914 haben der englische Minister des Auswärtigen und die Botschafter von Frankreich und Rußland die nachfolgende Erklärung unterzeichnet: „Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und Rußlands verpflichten sich wechselseitig, keinen Einzelfrieden im Laufe dieses Krieges zu schließen. Die drei Regierungen kommen überein, daß, falls es angebracht sei, den Friedenswortlant zu diskutieren, keine der Verbündeten Mächte Friedensbcdingungen festsetzen kann, ohne vorheriges tlebereinkommen mit jedem der beiden anderen Verbündeten." Kurz vorher hatte Hindenburg den gewaltigen Sieg über die Russen bei Tannenberg errungen, wobei er rund 100 009 Gefangene machte und das gesamte Artilleriematerial der Russen vernichtete. Die übrigen Verbündeten schlossen sich dem Ueber- einkommen der drei Hauptmächte in Sachen eines etwaigen Sonderfriedens an. Wiederholt sind Gerüchte aufgetaucht, nach denen Aussicht auf das Zustandekommen eines solchen bestehen -sollte. Namentlich wurde Rußland Geneigtheit dazu nachgesagt. An diplomatischen Bemühungen in dieser Richtung wird es zweifellos nicht gefehlt haben, bis jetzt aber ohne Erfolg. Man kann daraus auf den starken Druck schließen, unter Lein England die anderen Bundesgenossen bis jetzt gehalten hat. Daß es ihm so lange Zeit hindurch gelungen ist, muß als auffallend bezeichnet werden. Das Mittel, mit welchem es solches erreichte, ist freilich kein Geheimnis: das englische Geld, das unerschöpflich zu sein scheint, und die Bereitwilligkeit einflußreicher Männer, um Geld sich kaufen zu lassen. Ob es bis zum Ende anhalten wird, ist freilich die Frage, wenn es einstweilen auch den Anschein haben will. 10 Unbegrenzter Haß der Feinde. Unsere Feinde haben uns eine Ueberraschung bereitet, die ebenso bitter und schmerzlich war, wie groß. Leider ist zu befürchten, daß sie auch dann noch schlimme Nachwirkungen zeigen wird, wenn der Krieg längst sein Ende gefunden hat. Wir sind der Gegenstand eines -ganz unheimlichen Hasses, zu dem wir wahrlich Grund und Anlaß nicht geboten haben: nicht das deutsche Volk als -solches, nicht die verantwortlichen Leiter- feiner Politik, auch nicht sein Kaiser und die übrigen regierenden Fürsten. - Die Geschichte erzählt uns sehr viel von Haß des einen Volkes gegen ein anderes, der sich mitunter durch Jahrhunderte hindurchgezogen hat. Aber eine Erscheinung des Hasses wie die in unseren Tagen gegen uns, sucht ihresgleichen. Es ist zu besorgen, daß wir uns auch jetzt noch nicht vollständig über das auskennen, was unter diesem Titel gegen uns -gearbeitet worden ist und noch gearbeitet wird. Es genügt aber, um darüber sicher zu sein, daß der Haß ein unbegrenzter ist, der unsere Feinde erfüllt und daß er sie zu allem fähig macht, was ihnen möglich erscheint und erfolgversprechend. Wir können uns leider nicht verhehlen, daß wir einen Feind zu bekämpfen haben, der von verbrecherischem Geist erfüllt ist und auch vor verbrecherischen Taten-nicht zurück- schreckt. Eine stattliche Reihe trauriger Vorkommnisse liefern den Beweis dafür. Zu den auffallendsten und abstoßendsten Fällen gehören solche, welche von Mißhandlungen, moralischer und selbst körperlicher, wehrloser Kriegsgefangener berichten. Solcher Beweise gibt es erschreckend viele, auch solche, die den Charakter- eigentlicher Mordtaten haben. Unter den moralischen Mißhandlungen haben alle Schichten des deutschen Volkes unbeschreiblich viel zu leiden. Nur zu häufig haben sie das Gepräge ausgesuchtester Roheit, die denen nur zur größten Unehre gereichen kann, welche sie sich zuschulden kommen lassen. Anders als in beschimpfendem Tone und in beschimpfenden Ausdrücken über das deutsche Volk und einzelne Deutsche zu sprechen, scheint namentlich Franzosen und Engländern unmöglich geworden zu sein. Das empörendste ist, daß diese moralische Mißhandlung in ihrer ganzen Häßlichkeit selbst unserem Kaiser gewidmet wird. Dabei braucht gar nicht hervorgehoben zu werden, daß das deutsche Volk mit Ansprüchen auf Achtung jedem anderen, Franzosen und Engländer keineswegs ausgenommen, sich zur Seite stellen kann und auch den Vergleich seines Kaisers mit Herrschern anderer Völker durchaus nicht zu scheuen hat. Dieses Treiben, das offensichtlich den Zweck verfolgt, das deutsche Volk zum Gegenstand allgemeiner Mißachtung und Hassenswürdigkeit zu machen, datiert von längerer Zeit her und ist ein Teil der Vorbereitungsarbeit auf den Krieg. 11 Zum schlimmsten gehört der Umstand, daß die leidenschaftliche Stimmung der Mißachtung und des Hasses eine ganz allge- .meiu vorbereitete geworden ist. Auch solche Kreise findet man davon ergriffen und beherrscht, denen Bildung oder Religion oder beides zusammen als wirksame Schutzmittel dienen sollten und die es sich selbst und ihrer Stellung schuldig wären, von solchen traurigen Verirrungen blinder Leidenschaft sich frei zu halten. Krieg mit den Waffen organisierter Lüge. Wohl die schlimmste und häßlichste Erscheinung, mit welcher die Feinde uns überrascht haben, ist der Krieg mit den Waffen wohlorganisierter Lüge, der dem Krieg auf Schlachtfeldern zur Seite ging. Zw allen Zeiten haben in Kriegen auch Lügen eine Rolle gespielt. Hier aber handelt es sich um etwas ganz anderes: nicht um Lügen über einzelne Fragen des Krieges oder Begebenheiten im Kriege, sondern um einen Feldzug der Lüge, wohlüberdacht und organisiert wie die Kriegsoperationen im eigentlichen Sinne des Wortes, geplant und in ihrer Durchführung geleitet wie diese. Dieser Lügcnfeldzug bildet eine eigene Abteilung des großen Krieges, jedenfalls die häßlichste und verwerflichste. Diese Lügenabteilung des großen Krieges birgt zwei Momente in sich, bei denen man nicht verweilen kann, ohne tief und schmerzlich ergriffen zu werden. Es erscheint angemessen, ohne Scheu und ohne Zurückhaltung sie zu besehen und zu beurteilen. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges fand ein lebhafter Depeschenwechsel zwischen den maßgebenden Persönlichkeiten der beiden Kriegslager statt. Der wichtigste Teil davon ist veröffentlicht worden. Aus dem, was veröffentlicht wurde, kann nran auf das deutlichste sehen, wo man die Erhaltung des Friedens wollte und wo man dem Kriege zutrieb. Bald nachher kam man deutscherseits in den Besitz von Akten aus den belgischen Staatsarchiven, welche äußerst wichtige und interessante Aufklärung über die Vorgeschichte des Krieges enthielten. Beides zusammen, der Depeschenwechsel nnd die Aktenstücke über vorher gepflogene Verhandlungen, ließen in ein Gewebe von Lüge und Heuchelei hineinsehen, über das man nur erschrecken konnte. Geradezu entsetzt mußte man sich fragen: Ist es möglich, daß Männer in hohen und verantwortungsvollen Stellungen derart mit den Geboten der Wahrheit und Ehrlichkeit umspringen? Ist es möglich, daß Staatsoberhäupter solchen Männern lange ihr Vertrauen schenken können, ohne sie zu durchschallen? Ist es möglich, daß sie solches Vertrauen weiter genießen können, wo sie durchschaut sind? Ist es gar möglich, daß auch Staatsoberhäupter auf den gleichen Wegen der Lüge und Heuchelei sich bewegen? Wer getraut sich, diese Fragen verneinend zu beantworten und zu sagen: Nein! das ist nicht möglich: bis zu den Höhen, auf welchen sich Staatsoberhäupter bewegen, können Lüge und Heuchelei sich nicht hinaufwagen? 2 * 12 In diesem Kriege haben wir es erleben müssen, daß auch Staatsoberhäupter mit Leitern staatlicher Politik förmlich wett-, eiferten in der Handhabung der giftigsten und vergiftenden Waffe der Heuchelei und Lüge. Solches kann nur Unheil über Staaten und Völker bringen, wenn es sich bei ihnen breit macht und Anklang findet. Es kann aber auch nur bedenklich und gefährlich werden für die Interessen, welche in den Staatsoberhäuptern, namentlich in den Monarchen, zur Vertretung kommen. Und es kann monarchisch regierten und monarchisch gesinnten Völkern nicht gleichgültig fein, wenn Monarchen selber die Interessen gefährden und schädigen, deren erstbernfene Hüter und Verteidiger zu sein ihr Amt und ihre Pflicht ist. Noch ein zweites Moment aus dem häßlichen Lügenfeldzug mutz uns besonders schmerzlich berühren, uns Katholiken noch mehr als die anderen Zugehörigen unseres deutschen Vaterlandes. In Frankreich haben hervorragende Männer sich zu einer Gesellschaft zusammengetan, welche sich zur besonderen Aufgabe gestellt hat, die deutsche Nation mit dem Kaiser an der Spitze der ganzen Welt als ein wahres Ungeheuer vorzuführen, das im Interesse der Menschheit vernichtet werden müsse, oder wenigstens aller Bedeutung und Macht unter den zivilisierten Völkern Europas und der übrigen Welt entkleidet. Deutschland zeige sich in diesem Kriege als Feind des Katholizismus und des Christentums überhaupt und führe den Krieg geradezu zur Vernichtung desselben. An dem deutschen Vernichtungskrieg gegen Katholizismus und Christentum sollen auch wir Katholiken uns beteiligen: wir zählten gar nicht mehr zu den Katholiken, auf welche die Kirche Verlaß hat und der Papst sich stützen kann. Diese ungeheuerlichen Anklagen und eine stattliche Zahl von Anschuldigungen im Hinsicht ans die Art der Kriegführung haben die Männer, die als eine Elite französischer Katholiken bezeichnet werden, in einem Buche zusammengestellt. Wenn man es charakterisieren soll lind nicht ans Kosten der Wahrheit zu milde urteilen will, so kann man nur Has allerschärfste Verdikt darüber fällen. Man hat eine Verleumdnngsschrift großen Stiles vor sich, eine Verleumdungsschrift der allerschlimmsten Art nach ihrem Inhalt, wie nach ihrem Zweck. Dieser letztere besteht, wie festgestellt wurde, darin, die deutsche Nation und ihren Kaiser als Ausbund aller Schlechtigkeit, belastet mit- allen möglichen Verbrechen, als wahren Greuel der Menschheit, hinzustellen. Um den Zweck tunlichst sicher zu erreichen, ist das Buch in verschiedene.Sprachen übersetzt worden, um ihm eine möglichst weite Verbreitung zu sichern, namentlich unter den neutralen Völkern. Diesem Komitee der französischen Katholiken gehören 2 shan- zösische Kardinäle und 9 französische Bischöfe an. Kardinal Amette, Erzbischof von Paris, Hst das Buch warm empfohlen und eine Art Gewähr übernommen für die Wahrheit seines Inhaltes wie auch für die Zuverlässigkeit seiner Verfasser. 13 Erstaunt, ja fast entsetzt fragt man sich: Ist es möglich? Man steht wie vor einem unlösbaren Rätsel. Stand und Stellung solcher Herren, wie sie in der „Elite französischer Katholiken" uns gegenübertreten, lassen es ungeheuerlich erscheinen, daß ihnen der Vorwurf der Lüge und ungerechter verleumderischer Anklagen soll gemacht werden müssen. Anderseits liegt bei einer Reihe ihrer Anschuldigungen deren Unwahrheit so klar zutage, daß entschuldbarer Irrtum nicht angenommen werden kann. Man kann ihnen den schweren Vorwurf nicht ersparen, daß sie ihrer Stellung und Würde als Priester, Bischöfe und Kardinale keine Ehre gemacht haben. Und das ist sehr bitter. Der Lügenfeldzug sollte und wollte erreichen, daß die deutsche Ration unter der Last des Hasses und der Verachtung der Welt erdrückt würde. Die Stimme der Wahrheit sollte überhaupt nicht vernommen werden können und sollte es ihr gelingen, sich da oder dort vernehmbar zu machen, so sollte zuvor die Geneigt- ^ - heit erstickt sein, ihr Beachtung zu schenken. Die Leiter des Lügenseldznges haben sich, unbeirrt von jeglicher Rücksicht auf Wahrheit und Gewissen, auch nicht von dem sehr nahe liegenden Gedanken daran gestört, daß sie ihre persönliche Ehre der dringendsten Gefahr aussetzten, im Schlamme tiefster Unehre zu ersticken, mit besonderem Eifer auf einige Momente geworfen, von denen sie glaubten, sie ließen sich als Operationsbafis benützen. Ein Eingehen in Einzelnheiten würde zu weit führen. Ans solche Erfahrungen konnten wir nicht gefaßt sein. Nachdem wir sie haben machen müssen, dürfen wir nicht darüber hinwegsehen. Wir müssen zu Herzen nehmen, was uns da an Lehren geboten worden ist, um die praktischen Folgerungen daraus zu ziehen. Uns darnach zu richten und uns vorzufehen, soweit es möglich ist, muß uns als Pflicht erscheinen. Erörterungen über Kriegsziele und Friedensbedingungen dürfen nicht darüber hin- wegfehcn. Den Gipfel der Lügenhaftigkeit und Heuchelei erstieg das feindliche Lager in der Art, wie ein Teil desselben nachträglich in den Krieg gegen uns sich stürzte. Obenan stehen Italien und Rumänien. Abstoßender und häßlicher als die Vertreter dieser beiden Staaten, die gekrönten und nichtgekrönten, sind Mächtige auf Erden niemals mit dem umgesprungen, was Treue und Ehrlichkeit bedeuten und verlangen. Und an ihrem frevelhaften Tun haben die Völker dieser Staten sich beteiligt. Solches ist strafbar vor Gott und den Menschen. Wenn es seine Strafe findet, so ist es durchaus gerecht. Mitleid muß sich Zurückhaltung auferlegen und darf nicht übersehen, wie viel das deutsche Volk und seine Verbündeten an Opfern und Leiden haben auf sich nehmen müssen, durch die Frevel der Feinde ihnen aufgebürdet. Ucberraschendes aus dem eigenen Lager. Auch im eigenen Lager haben wir uns nicht vollständig ausgekannt. Auch da sind uns Ueberraschungen bereitet worden, erfreulicherweise nur angenehme. 14 Zuversichtliche Entschlossenheit. Mit zuversichtlicher Entschlossenheit sind wir in den schweren Kampf eingetreten, der uns ohne eigenes Verschulden aufgenötigt wurde, dessen Usbernahme uns als heilige Pflicht erschienen ist und erscheinen mutzte. Begeisterung erfüllte aller Herzen, der Glaube, Gottvertrauen nnd Gebet eine höhere Weihe gab. Der Kaiser selbst ging mit seinem Beispiel uns voran. Auch ein heiliger Zorn loderte in uns aus, aber nicht ein Zorn, der in Ausbrüchen wilden Hasses sich erging, und in Ergüssen ungezügelter Leidenschaft sich Luft zu machen sucht, sondern ein heiliger Zorn, von dem auch der Gott der Liebe sich nicht abwendet. Mit der Entschlossenheit zum Kampfe war der Mut und die Bereitwilligkeit znm Opfern und zum Dulden vereint. Man darf wohl sagen: Es hat dem deutschen Volke an keiner von den Tugenden gefehlt, die man als Voraussetzung nnd Grundlage siegreicher Taten ansehen mutz. Zu der bis zum Höchstmatz gesteigerten Leistungsfähigkeit der Truppen gesellte sich eine hervorragend tüchtige Führung, mit welcher die der Feinde sich nicht messen konnte. Daß die Vereinigung dieser Momente nicht bloß zuversichtliche Entschlossenheit zum Kampfe wachrief, sondern auch ein zuversichtliches Siegesbewußtsein, ist sehr verständlich. Ein unwiderstehlicher Siegerwille erfüllte und leitete die Armee und ließ sie erstaunliche Taten vollbringen. Leistungen zn Lande. Ja. Erstaunliches ist geleistet worden, zunächst auf den Kriegsschauplätzen. Was da zu verzeichnen war, bildet eine fortlaufende Kette von Großtaten, die um so denkwürdiger sind, als die Feinde gewöhnlich die größere Zahl an Mannschaften auf ihrer Seite hatten und häufig genug auch die reichere Ausstattung an Waffenmaterial und auch an Tapferkeit es nicht fehlen ließen. Und fast wollte es scheinen, als hätten die Deutschen die Fähigkeit, sich selbst zu verdoppeln und zn verzehnfachen und den Geist unwiderstehlicher Siegerkraft, der sie selbst erfüllte, auch auf ihre Bundesgenossen zu übertragen. Auf allen möglichen Kampfplätzen begegnete man Deutschen, wenn auch nur in einzelnen Persönlichkeiten, oder stieß auf deren Einfluß nnd Wirksamkeit. So war es zu Beginn; so hat es sich fortgesetzt und ist bis zur Stunde geblieben. Leistungen zur Sec. So Hervorragendes aber auch auf den Schlachtfeldern zu Lande hervorgebracht worden ist, fallen doch die Leistungen zur See noch mehr in die Augen. Die jugendliche Flotte hat sich mit unsterblichem Ruhm bedeckt und der bewährten und starken Flotte Englands nicht bloß Achtung abgerungen, sondern sie auch zur Zurückhaltung genötigt. Die Schlacht am Skagerrak hat mit einem deutschen Siege geendet, wenn auch englische Lügenhaftigkeit eine Niederlage der Deutschen daraus zu machen suchte, lind 15 / wo immer Deutsche und Engländer aufeinanderstießen, wichen die Deutschen nirgends aus, wenn ihre Kräfte auch schwächere waren. Immer mutzte der Eindruck Zurückbleiben: Die Zukunft gehört den Deutschen. Nur mit Staunen kann man solches feststellen, wenn man die Jugend der deutschen Seemacht damit zusammenhält. In den Torpedo-Unterseebooten hat man sich auf deutscher Seite eine Kriegswaffe geschaffen, die man als Schrecken der Meere bezeichnen darf. Sie gewährt der deutschen Seemacht einen Vorsprung, der schwer auszugleichen ist und tut der englischen Uebermacht gewaltigen Abbruch. Für das grotze Publikum war das Geheimnis: bei Feststellung und Erörterung der Stärkeverhältnisse der beiden Kriegslager konnte man anfangs nicht damit rechnen. Die längste Zeit hindurch haben sich die Engländer geflissent-, lich den Anschein zu geben gesucht, als würden sie nicht damit rechnen, weil sie nicht mlltzten. Sie haben aber bereits angefangen, anders darüber zu reden. Sie gestehen es zu, datz ihnen von dieser Seite grotze Gefahr droht, wenn es ihnen nicht gelingt, mit einem wirksamen Mittel sich vorzusehen. Bis jetzt ist es ihnen nicht gelungen und sie werden kaum Aussicht Haben, datz es ihnen noch gelingen wird. Luftkämpfc. Der gegenwärtige Krieg hat uns auch Känrpfe und vereinzelt förmliche Schlachten in der Luft gebracht. Das kam nicht unerwartet, wenn man auch nicht in der Lage war, von vornherein ein Bild der Geschehnisse sich zu machen, die in der nachfolgenden Entwicklung zu verzeichnen waren. Vielfältig war die Meinung vertreten, die Franzosen wären auf diesem Gebiete den Deutschen weit voraus. Die Meinung war irrig! Auch auf diesem Teile des weiten vielgestaltigen Kampfgebietes ist von deutscher Seite hervorragendes geleistet worden. Schon jetzt kann es als ausgemacht betrachtet und bezeichnet werden, daß sie den Franzosen keineswegs nachstehen, sondern ihnen mindestens ebenbürtig sind, ja überlegen. Der Gesamtumfang der deutschen militärischen Leistungen im engeren Sinn des Wortes geht weit, sehr weit über das hinaus, was möglich schien, so hoch hätte man die eigene Leistungsfähigkeit nicht einzuschätzen gewagt. Deutschlands Sieg im Hungerkrieg. lind die rein militärischen Leistungen im engeren und eigentlichen Sinn des Wortes sind ja keineswegs die einzigen. Neben Kämpfen ans blutgetränkten Schlachtfeldern sollte das deutsche Volk noch einen anderen Krieg bestehen, auf den es nicht gefaßt war und nicht gefaßt sein konnte. Sein Ausbruch ließ nicht lange auf sich warten und wurde sehr geräuschvoll angekündet. Der englische Minister, der ihn ersonnen hat und durchführen wollte. — 1 () glaubte des Erfolges absolut sicher zu sein und prophezeite im Tone grausamsten Hohnes den Zeitpunkt, in welchen: Deutschland „auf die Knie gezwungen", um Frieden werde betteln müssen. Die Gefahr war auch riesengroß, wenn ihr nicht wirksam begegnet werden konnte. In diesem unglücklichen Falle war das Schicksal Deutschlands besiegelt. Der Feind gestaltete es so grausam als er konnte und ließ ihm keine Hoffnung ans eine bessere Zukunft. Auch ununterbrochene glänzende Siege aus allen Schlachtfeldern vermochten es nicht zu retten. Deutschland war und blieb als Großmacht vernichtet; aller Einfluß ans die Gestaltung der Verhältnisse in den Staaten Europas und anderer Weltteile war und blieb ihm genommen. Selbst die Entwicklung seiner eigenen Geschicke und Verhältnisse war Fanz und gar der Gnade seiner Feinde anheimgegeben, von denen es nur Schlimmes erwarten konnte. Dieser zweite Krieg war die geplante Aushungerung Deutschlands. - Es bedarf keines Wortes zur näheren Charakterisierung eines solchen Krieges. Nur mit tiefstem Abscheu kann man von ihm sprechen und das schärfste Verdikt über seine Urheber fällen. Es müssen grausame und rohe Menschen sein- die dessen fähig sind. Allein über derartige Erwägungen setzten seine Urheber sich hinweg und uns konnte es nichts helfen, wenn es ihnen gelang, ihren ruchlosen Plan durchzuführen. Dies zu verhindern, diesen Kampf durchzukämpfen zu einem siegreichen Ende, konnte und und kann naturgemäß nicht die Aufgabe derer sein, welche draußen im Felde die Siege erfechten sollen, sondern vor allem die Aufgabe derer, welche zu Hause den Sicgesnachrichten aus dem Felde entgegenharren. Wenn auch mit ganz anderen Waffen und auf anderen Wegen, müssen sie doch in ganz gleichem Geiste und das ganz gleiche Ziel vor Augen den Kampf führen. Unbeugsame Entschlossenheit, nicht ermüdende Beharrlichkeit,, bereitwillige Opfergeneigtheit und Entsagung und das alles getragen und gestützt von gläubigem Gottvertrauen und zuversichtlicher Hoffnung auf Gottes Schutz und Hilfe muß auch bei ihnen die Parole sein. Ein Doppeltes soll uns dabei immer und immer wieder vorschweben, namentlich wenn die Versuchung uns anwandeln will, von der entschlossenen Beharrlichkeit abzulassen. Der Gedanke an das Verhalten der Soldaten im Felde. Das ist das eine. Was wir zu Hause auf uns zu nehmen haben, kann nicht im entferntesten mit den Anforderungen verglichen werden, welche an sie gestellt werden und gestellt werden müssen. Natürlich wäre es auch nicht möglich, die ganz gleichen Anforderungen stellen zu wollen wie an die Kämpfer im Felde. Allein der Geist, in welchem die Anforderungen ausgenommen und erfüllt werden, soll bei den einen sein wie bei den anderen. Wenn bei den Soldaten im Felde das „Durchhalten" die Losung ist und von Anfang an war, so sollen die zu Hause nicht weniger daran sesthalten; wenn die Soldaten im Felde nichts zn schwer finden und selbst dem sicheren Tode mutig und entschlossen ins Angesicht schauen. so soll denen zu Hause kein Opser zu schwer, keine Entbehrung zu herb, keine Entsagung zu bitter erscheinen. Bereitwillig soll alles übernommen werden, was auch dieser Krieg an Lasten auferlegt. Und ein Zweites dürfen wir nicht übersehen. Die im Felde müssen Sieger sein, sonst sind wir verloren und zwar für jetzt und für immer. Aber auch wir zu Hause müssen Sieger sein, sonst wären wir trotz aller Siege im Felde gleichwohl verloren. Unermeßlich viel Blut wäre umsonst geflossen. Unbeschreiblich viele und schwere Opfer und Leiden wären umsonst getragen. Der Gedanke daran ist das Zweite, das uns Vorschweben soll. Auch dieser Krieg ist vom deutschen Volke gewonnen. Obwohl er sein Ende noch nicht gefunden hat, kann doch Wohl mit aller Bestimmtheit gesagt werden: Deutschland kann und wird nicht ausgehungert werden, wenn es nur bei seinem bisher geleisteten Widerstand beharrt. Auch das ist eine hervorragende Leistung, die dem Feinde eine bittere Enttäuschung bereitet hat. Er hat zwar die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, daß der deutsche Widerstand erlahmen wird, hat sich aber bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß sein Hoffen vergeblich fein wird. Freiwillige Leistungen. Auch damit sind die außerordentlichen Leistungen noch nicht alle aufgezählt, mit denen das deutsche Volk im feindlichen Lager wie auch im eigenen so große Ueberraschung hervorgerufen hat. Den Leistungen an Geld und Blut, die der Staatsgewalt pflichtmäßig zur Verfügung gestellt werden mußten, geht ungeheuer viel zur Seite, was das deutsche Volk unter verschiedenen Titeln geleistet und geopfert hat. Genau läßt es sich nicht feststellen. Indessen genügt das, was man wissen kann, ausgiebig, um es verständlich zu finden, wenn jemand erstaunt die Frage stellt: „Wie war und ist es möglich, daß Las deutsche Volk so viel leistet und weiter leisten soll? Das Höchstmaß der Leistungen war allerdings auch notwendig, um den schweren Kampf mit Erfolg bestehen zu können. Und das Höchstmaß der Leistungen wird noch weiter notwendig sein, um das Ende in Ehre und erfolgreich zu bestehen. Waren die bisherigen Kämpfe hart und schwer, so werden dis Schluß- kämpse nicht leichter sein. Haben wir aber die "bisherigen so glänzend und erfolgreich bestanden, so werden wir auch vor den noch kommenden und abschließenden nicht bangen müssen; freilich unter einer ganz bestimmten Voraussetzung: Wir dürfen nicht erlahmen. Unsere Widerstandskraft und unser Widerstandswille mutz ausharren bis zum letzten Augenblick.' Wir haben selbst erfahren, was wir vermögen: niehr als die Welt der Feinde und der Freunde geglaubt, mehr, als auch wir selbst gewußt und geglaubt haben. Die Erfahrungen von 32 Kriegsmonaten berechtigen uns zu der zuversichtlichen Hoffnung; mit Gottes Hilfe wird nichts uns zu schwer, nichts für uns unmöglich sein, mag an uns herantreten, was da will. 18 Eine der merkwürdigsten Kraftnaturen an Körper und Geist zur Zeit der großen französischen Revolution war Graf Mirabeau. Zu diesem sprach einst ein Herr, der ihm Sckrctärsdienst leistete: ..Herr Graf, was Sie verlangen, ist unmöglich". Da sprang Mirabeau von seinem Sitze auf und sprach in größter Erregung: ..Unmöglich? Kommen Sie mir niemehr mit diesem Wort!" Das muß auch für uns für die Zeit des Krieges gelten. So lange die Kampfarbeit nicht vollständig abgeschlossen und voller Friede wieder bei uns eingekehrt, muß das Wort „unmöglich" außer Geltung sein und bleiben, mag an uns angefordert werden was nur will. Wir wissen, wie es der Feind mit uns halten will und sicher halten wird, wenn er kann. Daß er nicht kann, müssen wir selbst besorgen. II- §rleüensangebot ües Kaisers. Der 12. Dezember 1916 war einer der großen Tage de- gegenwärtigen Krieges, ein großer Tag in der Weltgeschichte. Im Reichstage in Berlin wurde bekannt gegeben, daß den feindlichen Mächten ein Friedensangebot des Kaisers übermittelt wurde. Vor der Verlesung desselben hielt der Reichskanzler von Bethmann Hollweg folgende Rede: Des Kanzlers Rede zur Ankündigung. „In der Hoffnung auf baldige neue günstige Ereignisse im Felde lag der Grund, daß der Reichstag nicht auf längere Zeit vertagt, sondern Ihrem Herrn Präsidenten anheimgegeben wurde, den Tag der nächsten Sitzung zu bestimmen. Die Hoffnung hat sich fast über Erwarten schnell erfüllt. Ich will kurz sein. Die Taten sprechen. Rumäniens Eintritt in den Krieg sollte unsere und unserer Verbündeten Stellung im Osten aufrollen. Gleichzeitig sollte die große Offensive an der Somme unsere westliche Front durchbrechen, sollten neue italienische Anstürme Oesterreich-Ungarn lahm legen. Die Lage war ernst. Mit Gottes Hilfe haben unsere herrlichen Truppen einen Zustand geschaffen, der uns volle und größere Sicherheit bietet, als je zuvor. (Lebhaftes Bravo.) Die Westfront, sie steht. Sie steht nicht nur; nein, sie ist trotz des rumänischen Feldzuges mit größeren Reserven an Menschen und Material ausgestattet, als sie früher war. (Bravo.) Gegen alle italienischen Diversionen haben wir nachdrücklich vorgesorgt. Und während an der Somme und auf dem Karst Trommelfeuer erdröhnte, während die Russen gegen die Ostgrenze Siebenbürgens anstürmten, hat Feldmarschall Hindenburg in genialer Führung und mit Truppen, die im Wetteifer aller Verbündeten, in Kampf 19 -- und Marschleistung Las Unmögliche möglich gemacht haben (lebhaftes Bravo), die ganze Westwallachei nnd die feindliche Hauptstadt genommen. Und Hindenburg rastet nicht. Die militärischen Operationen gehen weiter. (Bravo.) Zugleich ist durch daS Glück des Schwertes unsere wirtschaftliche Versorgung fester fundiert worden. Große Vorräte an Getreide, Lebensmitteln, Oel und sonstigen Gütern sind in Rumänien in unsere Hand gefallen. Ihre Abführung ist im Gang. Trotz aller Knappheit wären wir auch mit dem Eigenen ausgekommen. Jetzt steht auch unsere wirtschaftliche Sicherheit außer aller Frage. (Bravo.) Den großen Geschehnissen zu Lande reihen sich die Heldentaten unserer Unterteeboote vollwertig an. (Bravo.) Das Hungergespenst, das unsere Feinde gegen uns aufrufen wollten, werden sie nun selbst nicht wieder los. (Bravo.) Als nach dem Ablauf des ersten Kriegsjahres Se. Majestät der Kaiser sich in öffentlicher Kundgebung an das Volk wendete, sprach er das Wort aus: ^Großes Erleben macht ehrfürchtig und im Herzen fest!" Niemals ist unser Kaiser, ist unser Volk anders gesinnt gewesen; auch jetzt nicht. Geniale Führung und unerhörte Leistungen der Truppen haben eherne Tatsachen geschaffen. Auch hie innere Ermüdung, mit der der Feind rechnete, war ein Trugschluß. Der Reichstag hat in dem Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst eine neue Schutz- und Trutzwehr schaffen Helsen. Hinter dem kämpfenden Heer steht das arbeitende Volk. (Bravo.) Die Riesenkraft der Nation ist wirksam für das gemeinsame Ziel. Nicht eine belagerte Festung, wie unsere Gegner es sich dachten; aber ein einziges, gewaltiges, fest verbundenes Heerlager: das ist das Deutsche Reich (Bravo), fest und treu im Bunde mit den kampferprobten Waffenbrüdern unter den österreichischungarischen, türkischen und bulgarischen Fahnen. Unbeirrt durch die Reden unserer Feinde, die uns bald „Welteroberungspläne", bald „verzweifelte Angstrnfe nach Frieden" andichteten, sind wir entschlossen dahingeschritten und schreiten so weiter, immer bereit, uns zu wehren und zu schlagen für unseres Volkes Dasein, für seine freie und gesicherte Zukunst, immer bereit, um diesen Preis die Hand zum Frieden zu bieten. Denn unsere Stärke macht uns nicht taub gegen unsere Verantwortung vor Gott, vor dem eigenen Volke, vor der Menschheit. (Bravo.) Unseren bisherigen Erklärungen der Friedensbereitschast sind unsere Gegner ausgewichen. Jetzt sind wir einen Schritt weiter gegangen. Nach der Verfassung lag am 1. August 1914 auf Sr. Majestät dem Kaiser persönlich der schwerste Entschluß, den je ein Deutscher zu fassen gehabt hat, der Befehl der Mobilmachung, der ihm durch die russische Mobilmachung abgerungcn wurde! Während dieser langen und schweren Kriegsjahre bewegte den Kaiser der einzige Gedanke, wie einem gesicherten Deutschland nach siegreich gefochtenem Kampfe wieder der Friede bereitet werde. Niemand kann das besser bezeugen als ich, der ich die 3 * 20 Verantwortring für alle Regierungshandlungen trage. In tiefsten: sittlichen und religiösen Pflichtgefühl gegen sein Volk und, darüber hinaus gegen die Menschheit hält der Kaiser jetzt den Zeitpunkt für eine offizielle Friedensaktion für gekommen. Se. Majestät haben deshalb, in vollem Einvernehmen und in Gemeinschaft mit seinen hohen Verbündeten, den Entschluß gefaßt, den feindlichen Mächten den Eintritt in Friedensverhandlungen vorzuschlagen. (Lebhaftes Bravo. Bewegung.> -Heute Morgen habe ich den Vertretern derjenigen Mächte, div rinsere Rechte in den feindlichen Staaten wahrnehmen, also den Vertretern von Spanien, der Vereinigten Staaten von Amerika und der Schweiz, eine entsprechende, an alle feindlichen Mächte gerichtete Note mit der Bitte- um Uebermittelung übergeben. Das Gleiche geschieht heute in Wien, in Konstantinopel und in Sofia. Auch die übrigen neutralen Staaten und Se. Heiligkeit der Papst werden von unserem Schritte benachrichtigt." Die Note hat folgenden Wortlaut: Diese Ausführungen konnten die Spannung nur erhöhen, mit welcher man der Bekanntgabe der geschichtlich denkwürdigen Urkunde entgegensah. Wortlaut der kaiserlichen Botschaft. Dieselbe lautet: „Der furchtbarste Krieg, den die Geschichte je gesehen hat, wütet seit bald' zwei und einem halben Jahre in einem großen Teil der Welt! Diese Katastrophe, die das Band einer gemeinsamen tausendjährigen Zivilisation nicht hat aufhalten können, trifft die Menschheit in ihren wertvollsten Errungenschaften. Sie. droht, den geistigen und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trümmer zu legen. Deutschland und seine Verbündeten — Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei — haben in diesem Kampf ihre unüberwindliche Kraft erwiesen. Sie haben über ihre an Zahl und Kriegsmaterial überlegenen Gegner gewaltige Erfolge errungen. Unerschütterlich halten ihre Linien den immer wiederholten Angriffen der Heere ihrer Feinde stand. Der jüngste Ansturm am Balkan ist schnell und siegreich niedergeworfen worden. Die letzten Ereignisse beweisen, daß auch eine weitere Fortdauer des Kriegs ihre Widerstandskraft nicht zu brechen vermag; daß vielmehr die gesamte Lage zur Erwartung weiterer Erfolge berechtigt. Zur Verteidigung ihres Daseins und ihrer nationalen Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbündeten Mächte gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Auch die Ruhmestaten ihrer Heere haben daran nichts geändert. Stets haben sie an der Ueberzengung festgehalten, daß ihre eigenen Rechte und begründeten Ansprüc^- in keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen 21 stehen. Sie gehen nicht darauf aus, ihre Gegner zu zerschmettern oder zu vernichten. Getragen von dem Bewußtsein ihrer militärischen und wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgedrungenen Kampf nötigenfalls bis zum Aeußersten fortzusetzen, zugleich aber von deni Wunsche beseelt, weiteres Blutvergießen zu verhüten und den Greueln des Kriegs ein Ende zu machen, schlagen die vier verbündeten Mächte vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzu- treteu. Die Vorschläge, die sie zu diesen Verhandlungen mitbringen werden und die darauf berechnet sind, Dasein, Ehre und Entwicklungssreiheit ihrer Völker zu sichern, bilden nach ihrer Ueberzeugung eine geeignete Grundlage für die Herstellung eines dauerhaften Friedens. Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Versöhnung der Kampf fortdauern sollte, so sind die vier verbündeten Mächte entschlossen, ihn bis zum siegreichen Ende zu führen. Sie lehnen aber feierlich jede Verantwortung dafür vor der Menschheit und der Geschichte ab." „Bravo und Händeklatschen" verzeichnet der stenographische Bericht. Der Reichskanzler sprach dann noch kurz: Schlußworte des Kanzlers. „Meine Herren! Im August 1914 rollten unsere Feinde die Machtfrage des Krieges auf. Heute stellen wir die Menschlichkeitsfragc des Friedens. Wie die Antwort unserer Feinde lauten wird, warten wir mit Ruhe ab, die uns unsere äußere und innere Kraft und unser reines Gewissen gibt. (Bravo!) Lehnen die Feinde ab, wollen sie die Weltenlast von allem Schrecklichen, was danach folgen wird, auf sich nehmen, dann wird bis in die letzte Hütte hinein jedes deutsche Herz aufs neue aufflammen in heiligem Zorn gegen die Feinde, die in ihrem Vernichtungs und Eroberungsabsichtenwillen, dem Menschenmorden keinen Einhalt tun wollen. Fn schicksalsschwerer Stunde haben wir einen schicksalsschweren Entschluß gefaßt. Er ist durchtränkt von dem Blute von Hunderttausenden von unseren Söhnen und Brüdern, die ihr Leben gelassen haben für der Heimat Sicherheit. Menschenwitz und Menschenhand können in diesem Völkcrkrieg, der alle Schrecknisse irdischen Lebens, aber auch die Größe menschlichen Mutes und menschlichen Willens in nie gesehener Weise enthüllt hat, nicht bis an das letzte heranreichen. Gott wird richten. Wir wollen furchtlos und aufrecht unsere Straße ziehen, zum Kampfe entschlossen, zum Frieden bereit." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Auftrag des Kaisers zur Mfassung der Botschaft. Natürlich setzten sofort allenthalben lebhafte Erörterungen ein, nachdem die Welt den geschichtlich denkwürdigen Schritt des 22 Kaisers erfahren hatte. Nachdem sie einen Monat lang gedauert hatten, gab die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" am 14. Januar 1917 folgendes bekannt: „Neues Palais, 31. :Okt. 16. Mein lieber Bethmann! Unser Gespräch habe ich noch nachher gründlich überdacht. Es ist klar, die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug, im Wahn des Kampfes und im Hatz gehaltenen Völker unserer Feinde haben keine Männer, die imstande wären, die den moralischen Mut besätzen, das befreiende Wort zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche Tat, die notwendig ist, um die Welt, auch die Neutralen von dem auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt und ein Herz für seine und die feindlichen Menschen. Der unbekümmert um ihre eventuellen absichtlichen Mitzdeutungen seines Schrittes, den Willen hat, die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu, ich will es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie alles bereit. gez. Wilhelm I. U." Aufnahme des kaiserlichen Angebots bei den Feinden. lieber die Aufnahme, welche dieses kaiserliche Friedensangebot bei den Feinden fand, blieb die Welt nicht lange im Ungewissen. Die amtliche Beantwortung desselben aber ließ ziemlich lamw auf sich warten und erfolgte nicht direkt an die Adresse dessen, der es gemacht hatte. Der'Präsident der nordamerikanischen Freistaaten richtete nämlich eine Note an die kriegführenden Mächte, welche am 21. Dezember in Berlin überreicht wurde. Sie hatte folgenden Wortlaut: Note Wilsons an die Kriegführenden. „Berlin, 21. Dezember. * Eurer Exzellenz beehre ich mich mitzuteilen, datz der Präsident der Vereinigten Staaten mir Weisung gegeben hat, durch Vermittlung Eurer Exzellenz bei der kaiserlich deutschen Regierung ein Verfahren mit Bezug auf den gegenwärtigen Krieg in Anregung zu bringen. Der Präsident hofft, daß die kaiserlich deutsche Regierung es in Erwägung ziehen werde als eine Anregung, die in freundschaftlicher Gesinnung gemacht ist und zwar nicht nur von einein Freunde, sondern zugleich von dein Vertreter einer neutralen Nation, deren Interessen durch den Krieg ernstlich ifi Mitleidenschaft gezogen worden sind und deren Interesse an einer baldigen Beendigung des Krieges sich daraus ergibt, daß. sie offenkundig genötigt wäre, Bestimmungen über den bestmöglichsten Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdanern sollte. 23 Der Präsident hat sich schon lange mit dem Gedanken getragen, den Vorschlag, den ich Weisung habe zu übermitteln, zu machen. Er macht ihn ini gegenwärtigen Augenblick nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil es jetzt den Anschein erwecken könnte, als sei er angeregt von dem Wunsche, im Zusammenhang mit dem jüngsten Vorschlag der Zentralmächte eine Rolle zu spielen. Tatsächlich ist der ursprüngliche Gedanke des Präsidenten in keiner Weise auf diese Schritte zurückzuführen, und der Präsident hätte mit seinem Vorschlag gewartet, bis diese Vorschläge unabhängig davon beantwortet worden wären, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des Friedens beträfe, die am besten im Zusammenhang mit anderen dahinzielenden Vorschlägen erörtert wird. Der Präsident bittet nur. daß seine Anregung allein nach ihrem eigenen Werte und so beurteilt werde, als wäre sie unter anderen Verhältnissen gemacht worden. Der Präsident regt an, daß baldigst Gelegenheit genommen werde, von allen jetzt kriegführenden Staaten ihre Ansichten über die Bedingungen zu erfahren, unter denen der Krieg zum Abschluß gebracht werden könnte, und über die Vorkehrungen, die gegen eine Wiederholung des Krieges oder Entfachung irgend eines ähnlichen Konfliktes in Zukunft eine zufriedenstellende Bürgschaft leisten könnten, so daß sich die Möglichkeit biete, sie offen zu vergleichen. Dem Präsidenten ist die Wahl der zur Erreichung dieses Zieles geeigneten Mittel gleich. Er ist gerne bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in jeder annehmbaren Weise " seinerseits dienlich zu sein, oder sogar die Initiative zu ergreifen. Er wünscht jedoch nicht, die Art und Weise und die Mittel zu bestimmen, jeder Tag wird ihm genehm sein, wenn nur das große Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird. Der Präsident nimmt sich dis Freiheit, darauf hinzuweisen. Laß die Ziele, die die Staatsmänner beider kriegführenden Parteien in diesem Kriege im Auge haben, dem Wesen nach die gleichen sind. Sie haben sie ja in allgemeinen Worten ihren eigenen Völkern und der Welt kundgegeben. Beide Parteien wünschen für die Zukunft, das Recht und die Freiheiten schwacher Völker und kleiner Staaten ebenso gegen die tknterdrücknng oder Vernichtung gesichert zu sehen, wie die Rechte und Freiheiten der großen mächtigen Staaten, die jetzt Krieg führen. Jeder wünscht, sich neben allen anderen Nationen und Völkern in Zukunst gesichert zu sehen gegen eine Wiederholung des Krieges wie den gegenwärtigen, sowie gegen Angriffe und eigennützige Störungen jeder Art. Jeder glaubt, der Bildung weiterer gegnerischer Vereinigungen, die unter wachsendem Argwohn ein unsicheres Gleichgewicht der Mächte herbeisühren würde, mit Mißtrauen entgegensetzen zu sollen. Aber jeder ist bereit, die Bildung einer Liga von Nationen in Erwägung zu ziehen, die Frieden und Gerechtigkeit in der ganzen Welt gewährleistet. Ehe jedoch dieser letzte Schritt 24 getan Werden kann, hält jede Partei es für notwendig, zunächst die mit dein gegenwärtigen Krieg verknüpften Fragen unter Bedingungen zu lösen, die die Unabhängigkeit und territoriale Integrität sowie die politische und wirtschaftliche, Freiheit der an dem Kriege beteiligten Nationen sicher gewährleisten. Volk und Regierung der Vereinigten Staaten haben an den Maßnahmen, die in Zukunft den Frieden der Welt sicherstellen sollen, ein ebenso dringendes wie unmittelbares Interesse, wie die jetzt im Kriege befindlichen Regierungen. Ihr Interesse an den Maßnahmen, die ergriffen werden sollen, die kleineren und schwächeren Völker der Welt vor Gefahren, der Zufügung eines Unrechts und der Vergewaltigung zu schützen, ist ebenso lebhaft und brennend, wie das irgend eines anderen Volkes, oder einer- anderen Regierung. Das amerikanische Volk und die Regierung sind bereit, ja sie sehnen sich danach, nach der Beendigung des Krieges bei der Erreichung dieses Zieles mitzuwirken, aber der Krieg muß erst beendet sein. Die Vereinigten Staaten müssen es sich versagen, Bedingungen vorzuschlagen, auf Grund deren der Krieg beendet werden soll, aber der Präsident sieht es als sein Recht und seine Pflicht an, das Interesse der Vereinigten Staaten an der Beendigung des Krieges darzutun, damit es nicht einst zu spät ist, die großen Ziele, die sich nach der Beendigung des Krieges auftun, zu erreichen, damit nicht die Lage der neutralen Staaten, die jetzt schon äußerst schwer zu ertragen ist, ganz unerträglich wird und damit vor allem nicht die Zivilisation einen nicht zu rechtfertigenden, nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet. Der Präsident fühlt sich daher durchaus gerechtfertigt, wenn er eine alsbaldige Gelegenheit zum Meinungsaustausch über die Bedingungen anregt, die schließlichen Vereinbarungen für den Weltfrieden vorausgehen müssen und, wie jedermann wünscht, bei denen die neutralen Saaten ebenso wie die Kriegführenden bereit sind, in voll verantwortlicher Weise mitzuwirken. Wenn der Kampf bis zum unabsehbaren Ende durch langsame Aufreibung fortdauern soll, bis die eine oder andere Gruppe der Kriegführenden erschöpft ist, wenn Millionen und Abermillionen Menschen weiter geopfert werden sollen, bis auf der einen oder anderen Seite nichts mehr zu opfern ist, wenn eine Erbitterung angefacht werden soll, die niemals abkühlen kann, und eine Verzweiflung erzeugt wird, von der sich niemand erholen kann, dann werden die Hoffnungen auf den Frieden und ein freiwilliges Zusammenarbeiten freier Völker null und nichtig. Das Leben der ganzen Welt ist tief in Mitleidenschaft gezogen. Jeder Teil der großen Familie der Menschheit hat die Last und die Schrecken dieses noch nie dagewesenen Waffenganges gespürt. Keine Nation in der zivilisierten Welt kann tatsächlich als außerhalb seines Einflusses stehend oder als gegen seine störenden Wirkungen gesichert erachtet werden. 25 Doch die konkreten Ziele, für die der Kampf geführt wird, sind niemals endgültig festgestellt worden. Die Führer der verschiedenen kriegführenden Mächte haben, wie gesagt, diese Ziele in allgemeinen Wendungen ausgestellt. Aber in allgemeinen Ausdrücken gehalten, scheinen sie die gleichen auf beiden Seiten. Bisher haben die verantwortlichen Wortführer auf beiden Seiten kein einzigesmal die genauen Ziele angegeben, die, wenn sie erreicht würden, sie und ihre Völker so zusriedenstellen würden, daß der Krieg nun auch wirklich zu Ende gefochten wäre. Der Welt ist es überlassen, zu vermuten, welche endgültigen Ergebnisse, welche tatsächlichen Austauschgarantien, welche politischen und territorialen Veränderungen, welche Verschiebungen, ja selbst welches Stadium des militärischen Erfolges den Krieg zu Ende bringen würden. Vielleicht ist der Friede näher als wir glauben, vielleicht sind die Bedingungen, auf denen die beiden kriegführenden Parteien es nötig halten, zu bestehen, nicht so unvereinbar, als manche fürchten, vielleicht könnte ein Meinungsaustausch wenigstens den Weg zu einer Konferenz ebnen, vielleicht könnte so schon die nächste Zukunft auf ein dauerndes Einvernehmen der Nationen hoffen und sich ein Zusammengehen der Nationen alsbald verwirklichen. Der Präsident schlägt keinen Frieden vor, er bietet nicht einmal issine Vermittelung an. Er regt nur an, daß man sondiere, damit die Neutralen und kriegführenden Staaten erfahren, wie nahe Wohl das Ziel des Friedens sein mag, wonach die ganze Menschheit mit heißem wachsenden Begehren sich sehnt. Der Präsident glaubt, daß der Geist, in dem er spricht und die Ziele, die er erstrebt, von allen Beteiligten verstanden werden. Er hofft und vertraut auf eine Antwort, die ein neues Licht in die Angelegenheiten der Welt bringen wird." Antwort Deutschlands auf diese Note. Die Antwort Deutschlands lief alsbald ein. Am 26. Dezember wurde dem Botschafter der Vereinigten Staaten folgende Note überreicht: „Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen für die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem freundlichsten Geiste ausgenommen und erwogen, der in der Mitteilung des Herrn Präsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Präsident zeigt das Ziel, das ihm am Herzen liegt, und läßt die Wahl des Weges offen. Der Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch als der geignetste Weg, um zu dem gewünschten Ergebnis zu gelangen. Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklärung vom 12. d. Mts., die zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt von Delegierten der kriegführenden Staaten an einem neutralen Orte vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regie- 4 26 rung ist der Ansicht, daß das große Werk der Verhütung künftiger Kriege erst nach Beendigung des gegenwärtigen Völkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird, wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, niit Freuden bereit sein, zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe mitzuarbeiten." Antwort der Feinde, zugleich indirekt auf des Kaisers Angebot. Die Feinde Deutschlands gaben am 30. Dezember durch den französischen Minister des Auswärtigen, Aristide Briand, folgende gemeinsame Antwort: „Die für die Verteidigung der Freiheit der Völker verbündeten Regierungen Belgiens, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Japans, Montenegros, Portugals, Rumäniens, Nust- lands und Serbiens haben, getreu den übernommenen Verpflichtungen, einzeln die Waffen nicht nieder zu legen, beschlossen, ge-, ineinsam auf die sogenannten Friedensvorschläge, die ihnen durch die feindlichen Regierungen, durch Vermittlung der Vereinigten Staaten, sowie Spaniens, der Schweiz und der Niederlande zugegangen sind, zu antworten. Vor jeder Beantwortung halten es die alliierten Mächte für angezeigt, sich laut gegen eine der wesentlichen Behauptungen der Note der feindlichen Mächte zu erheben. In dieser Behauptung versuchen die feindlichen Mächte auf die Alliierten -die , Verantwortung für den Krieg abzuwälzen und sie proklamieren den Sieg der Zentralmächte. Die Alliierten können eine solche doppelt unrichtige Behauptung nicht annehmen, da sie genügt, jeden Versuch zu Verhandlungen zur Unfruchtbarkeit zu verurteilen. Die alliierten Nationen ertragen seit 30 Monaten einen Krieg, welchen zu vermeiden sie alles getan haben. Sie haben durch Taten ihre Friedensliebe bewiesen. Diese Friedensliebe ist heute so bestimmt, wie im Jahre l914 vorhanden. Nachdem Deutschland aber seine Verpflichtungen verletzt hat, kann der gestörte Friede nicht aus seinem Wort wieder aufgebaut werden. Eine Anregung ohne Bedingungen zur Eröffnung von Verhandlungen ist kein Friedensangebot. Der angebliche Vorschlag, welcher jeglichen Gehaltes und jeglicher Präzisierung entbehrend, von der kaiserlichen Regierung in Umlauf -gesetzt wurde, erscheint weniger als ein Friedensmanöver, denn als ein Kriegsmanöver. Der Vorschlag ist aus einer systematischen Unkenntnis des Charakters des Kampfes in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft begründet. Für die' Vergangenheit übersieht die deutsche Note die Tatsachen, die Taten, die Zahlen, welche darlegen, daß der Krieg gewollt, provoziert und erklärt wurde durch Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Im Haag war es der deutsche Delegierte, welcher sich geweigert hatte, jedem Vorschläge einer Abrüstung zuzustimmen. Im Juli 1914 war es Oesterreich-Ungarn, welches nach einem Ultimatum ohnegleichen an Serbien diesem den Krieg erklärte, obgleich es sofort Genugtuung erhalten hatte. Die Zentralmächte haben damals alle Versuche, die von der Entente unternommen wurden, dem lokalen Konflikte eine friedliche Lösung zu geben, zurückgewiesen. Das englische Konferenzanerbieten, der französische Vorschlag zur Bildung einer internationalen Kommission, das Ersuchen des Kaisers von Rußland an den Deutschen Kaiser, ein Schiedsgericht einzusetzen, die zwischen Serbien und Oesterreich-Ungarn am Vorabend des Konfliktes bereits zustande gekoinmene Verständigung — alle diese Anstrengungen hat Deutschland teils ohne Antwort gelassen, teils ihnen keine Folge gegeben. Belgien wurde durch ein Reich überfallen, das die belgische Neutralität garantiert hatte, und das sich nicht scheute, die von ihm anerkannten Verträge als „Papierfetzen" zu bezeichnen und den Satz aufstellte: „Not kennt kern Gebot." Für die Gegenwart stützt sich das angebliche deutsche Angebot ausschließlich auf die „europäische Kriegskarte", die nur ein täuschendes äußerliches und vorübergehendes Bild der Situation gibt, ohne aber die wirklichen Kräfte der Gegner zum Ausdruck zu bringen. Ein Friedensfchluß, der von diesem Angebot ausginge, wäre allein zum Vorteil der Angreifer, die, nachdem sie geglaubt' hatten, ihr Ziel in zwei Monaten zu erreichen, heute seststellen müssen, daß sie es niemals erreichen werden. Für die Zukunst verlangen die durch die deutsche Kriegserklärung geschaffenen Ruinen, die unzähligen durch Deutschland und seine Verbündeten begangenen Attentate gegen die Krieg- führenden und Neutralen Genugtuung, Wiederherstellungen und Garantien. Deutschland weicht dem einen wie dem anderen aus. In Wirklichkeit ist die von den Zentralmächten gemachte Eröffnung nichts anderds als ein Versuch, berechnet, einen Umschwung, des Krieges zu bewirken und schließlich der Weit einen deutschen Frieden aufzuzwingen. Das Anerbieten bezweckt, die öffentliche Meinung in den Ländern der Alliierten zu beunruhigen. Diese hat aber zum Trotz allen aufgebrachten Opfern mit einer bewundernswerten Entschlossenheit geantwortet und die Hohlheit der feindlichen Erklärung ausgedeckt. Die öffentliche Meinung in Deutschland und den Ländern seiner Verbündeten ist durch ihre Verluste und die wirtschaftliche Einschließung bereits schwer geprüft, während die Lage durch die von den Völkern verlangte höchste Anstrengung noch verschärft wird. Das Angebot sucht außerdem die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern, die bereits seit langem über die ursprüngliche Verantwortlichkeit aufgeklärt ist, irre zu führen und einzuschüchtcrn. Die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern ist zu klarblickend, die Absicht Deutschlands zu unterstützen, dadurch, daß sie die Verteidigung der menschlichen Frei- 28 heiten preisgibt. Schließlich sucht das Angebot der Zentral- mächte schon MM voraus vor den Augen der Welt neue Verbrechen zu rechtfertigen: Tauchbootkampf, Zwangsarbeit und Zwangsrekrutierung von Nationen gegen ihr eigenes Land und Verletzung neutraler Gebiete. Im vollen Bewußtsein der Schwere und Verantwortlichkeit der Stunde lehnen die verbündeten Regierungen im vollen Einverständnis mit ihren Völkern ab, einen nicht aufrichtigen und gehaltlosen Vorschlag ernst zu nehmen. Sie bestätigen noch einmal, daß kein Friede möglich ist, solange nicht die Wiederherstellung der verletzten Rechte und Freiheiten, die Anerkennung des Grundsatzes der Neutralität und der freien Existenz der kleinen Staaten gesichert ist, so lange es keine Regelung gibt, die allein in der Lage ist, wirksame Garantien für die Sicherheit der Welt zu geben. Die alliierten Mächte halten darauf, zum Schluß die folgenden Betrachtungen anzustellen, die die eigentümliche Lage hervorheben sollen, in der sich Belgien nach 2 i/ 2 jährigem Kriege befindet. Kraft der durch die fünf Großmächte Europas, unter denen sich auch Deutschland befand, Unterzeichneten Verträge, erfreute sich Belgien vor dem Kriege einer besonderen Satzung, die sein Gebiet unverletzlich machte und es selbst unter den Schutz dieser Großmächte bei europäischen Konflikten stellte. Gleichwohl hat Belgien in Mißachtung dieser Verträge den ersten Angriff Deutschlands über sich ergehen lassen müssen. Deshalb hält es die belgische Regierung für notwendig, genau den Zweck auseinanderzusetzen, weshalb Belgien niemals aufgehört hat, in den Kampf an der Seite der Ententemächte für die Sache des Rechts und der Gerechtigkeit einzutreten. Belgien hat immer peinlich die Pflichten beobachtet, die ihm seine Neu- »tralität auferlegte. Es hat zu den Waffen gegriffen, um feine Unabhängigkeit und seine Neutralität zu verteidigen, die durch Deutschland verletzt worden sind, und um seinen internationalen Verpflichtungen treu zu bleiben. Am 4. August hat der Reichskanzler im Reichstag anerkannt, daß dieser Angriff ein Unrecht gegen das Völkerrecht fei und sich im Namen Deutschlands verpflichtet, es wieder gut zu machen. Seit 2ff> Jahren hat sich diese Ungerechtigkeit grausam verschärft durch die Kriegsmaßnabmen und eine Besetzung, welche die Hilfsmittel des Landes erschöpft, seine Industrie zu Grunde richtet, seine Städte und Dörfer zerstört und die Niedermetzelungen, die Hinrichtungen und die Einkerkerungen häuft. Und in dem Augenblick, in dem Deutschland zur Welt von Frieden und von Menschlichkeit spricht, führt es belgische Bürger zu Tausenden weg und bringt sie in Sklaverei. Belgien hat vor dem Kriege nur danach gestrebt, in gutem Einvernehmen mit allen seinen Nachbarn zu leben. Sein König und seine Regierung haben nur ein Ziel: die Wiederherstellung des 29 Friedens und des Rechtes. Aber sie wollen nur einen Frieden haben, der ihrem Lande berechtigte Wiedergutmachungen (repara- tions) Garantieren und Sicherheiten für die Zukunft verbürgen würde." Daß das deutscherseits schweigend hingenommen wurde, war nicht zu erwarten. Es hat denn auch der Kaiser selbst sich öffentlich vernehmen lassen wie auch die deutsche Regierung. Der Kaiser hat es in einer Kundgebung an Heer und Marine getan und in einer solchen an das deutsche Volk. Protest des Kaisers durch Erlaß an Heer und Marine. Ani 5. Januar erging folgender Erlaß an Heer und Marine: „An Mein Heer und Meine Marine! Im Verein mit den Mir verbündeten Herrschern hatte ich unseren Feinden vorgeschlagen, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten. Die Feinde haben Meinen Vorschlag abgelehnt. Ihr Machthunger will Deutschlands Vernichtung. Der Krieg nimmt seinen Fortgang! . Vor Gott und der Menschheit fällt den feindlichen Regierungen allein die schwere Verantwortung für alle weiteren furchtbaren Opfer zu, die Mein Wille Euch hat ersparen wollen. In der gerechten Empörung über der Feinde anmaßenden Frevel, in dem Willen, unsere heiligsten Güter zu verteidigen und dem Vaterlande eine glückliche Zukunft zu sichern, werdet Ihr zu Stahl werden. Unsere Feinde haben die von Mir angebotens Verständigung nicht gewollt. Mit Gottes Hilfe werden unsere Waffen sie dazu zwingen! Großes. Hauptquartier, den 5. Januar 1917. Wilhelm I. ll." Protest des Kaisers durch Aufruf an das deutsche Volk. Und unterm 12. Januar richtete der Kaiser folgenden Aufruf an das deutsche Volk: „Großes Hauptquartier, 12. Januar. An das deutsche Volk! Unsere Feinde haben die Maske fallen lassen! Erst haben sie mit Hohn und heuchlerischen Worten von Freiheit, Liebe und Menschlichkeit unser ehrliches Friedensangebot zurückgewiesen. Mit ihrer Antwort an die Vereinigten Staaten haben sie sich jetzt zu einer Eroberungssucht bekannt, deren Schändlichkeit durch ihre verleumderische Begründung noch gesteigert wird. Ihr Ziel ist die Niederwerfung Deutschlands, die Zertrümmerung der mit uns Verbündeten Mächte und die Knechtung der Freiheit Europas und der Meere unter dasselbe Joch, das zähneknirschend jetzt Griechenland trägt. Aber was sie in 30 Monaten des blutigsten Kampfes und des gewissenlosesten Wirtschaftskriegs nicht erreichen konnten, das 30 werden sie in aller Zukunft nicht vollbringen. Unsre glorreichen Siege und die eherne Willenskraft, mit der unser kämpfendes Volk vor dem Feind und daheim jedwede Mühsal und Not des Kriegs getragen hat, bürgt dafür, daß unser geliebtes Vaterland auch fernerhin nichts, zu befürchten hat. Hell flammende Entrüstung und heiliger Zorn wird jedes deutschen Mannes und Weibes Kraft verdoppeln, gleichviel ob sie dem Kampf, der Arbeit oder dem opferbereiten Dulden geweiht ist. Der Gott, der diesen herrlichen Geist der Freiheit in unsres tapfern Volkes Herz gepflanzt hat, wird uns und unsren sturmerprobten Verbündeten auch den vollen Sieg über aller Feinde Machtgier und Vernichtungswut geben. Wilhelm I. U." Protest der deutschen Regierung in einer, Note an die Neutralen. X Die deutsche Regierung hat am 11. Januar folgende Note an die neutralen Mächte gerichtet: „Die Kaiserliche Regierung hat durch die Vermittlung der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, der königlich spanischen Regierung und der Regierung der schweizerischen Eidgenossenschaft die Antwort ihrer Gegner auf die Note vom 12. Dezember erhalten, in der Deutschland im Einklang mit seinen Verbündeten den alsbaldigen Eintritt in Friedensverhändlungen verschlug. Tie Gegner lehnen diesen Vorschlag mit der Begründung ab, daß es ein Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne Bedeutung sei. Die Form, in die sie ihre Mitteilung kleiden, schließt eine Antwort an sie aus. Die Kaiserliche Regierung legt aber Wert darauf, den Regierungen der neutralen Mächte ihre Auffassung über die Sachlage zu kennzeichnen. Die Mittelmächte haben keinen Anlaß, erneut auf Auseinandersetzungen über den Ursprung des Weltkrieges einzngehen. Tie Geschichte wird urteilen, wen die ungeheure Schuld an dem Knege trifft. Ihr Wahrspruch wird ebensowenig über die Einkreisungspolitik Englands, die Revanchepolitik Frankreichs und das Streben Rußlands nach Konstantinopel hinweggehen, wie über die Aufwiegelung Serbiens, den Mord in Serajewo und die Gesamtmobilmachung Rußlands, die den Krieg gegen Deutschland bedeutete. Deutschland und seine Verbündeten, die zur Verteidigung ihrer Freiheit und ihres Daseins zu den Waffen greifen mußten, betrachten dieses ihr Kriegsziel als erreicht. Dagegen haben die feindlichen Mächte sich immer weiter von der Verwirklichung ihrer Pläne entfernt, die nach den Erklärungen ihrer verantwortlichen Staatsmänner unter anderem auf die Eroberung Elsaß-Lothringens und mehrerer preußischer Provinzen, die Erniedrigung und Verminderung der österreichisch-ungarischen Monarchie, die Austeilung der Türkei und die Verstümmelung Bulgariens gerichtet sind. Angesichts solcher Kriegsziele wirkt das Verlangen nach Sühne, Wiedergutmachung und Bürgschaft im Mund der Gegner überraschend. Die Gegner bezeichnen den Friedensvorschlag der vier verbündeten Mächte als ein Kriegsinanöver. Deutschland und seine Bundesgenossen müssen auf das nachdrücklichste Verwahrung dagegen einlegen, daß ihre Beweggründe, die sie offen dargelegt haben, auf diese Weise gefälscht werden. Ihre Ueber- zeugung war, daß ein gerechter und für alle Kriegsteilnehmer annehmbarer Friede möglich sei, daß er durch einen unmittelbaren mündlichen Gedankenaustausch herbeigeführt werden könnte, und daß deshalb ein weiteres Blutvergießen nicht zu verantworten sei. ^ Die ohne Vorbehalt ausgesprochene Absicht, beim Eintritt in die Verhandlungen ihre Friedensvorschläge bekannt zu geben, widerlegt jeden Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit. Die Gegner, in deren Hand es lag, das Angebot zu prüfen, haben weder die Prüfung versucht noch Gegenvorschläge gemacht. Statt dessen erklären sie einen Frieden für unmöglich, so lange nicht die Wiederherstellung der verletzten Rechte und Freiheiten, die Anerkennung des Grundsatzes der Nationalitäten und die sreie Existenz der kleinen Staaten gewährleistet sei. Die Aufrichtigkeit, die die Gegner dem Vorschlag der vier verbündeten Mächte absprechen, wird die Welt diesen Forderungen nicht zubilligen tonnen, wenn sie die Geschicke des irischen Volks, die Vernichtung der Freiheit und Unabhängigkeit der Burenrepubliken, die Unterwerfung Nordafrikas durch England, Frankreich und Italien, die Unterdrückung der russischen Fremdvölker, schließlich die ohne Vorgang in der ZI H Geschichte dastehende Vergewaltigung Griechenlands sich vor - V Augen hält. Auch über die angeblichen Völkerrechtsberletzungen der vier verbündeten Mächte sind die gegnerischen Mächte nicht befugt, Beschwerde zu führen, die von Beginn des Kriegs an das Recht mit Füßen getreten und Verträge, auf denen es beruht/ zerrissen haben. England sagte sich schon in den ersten Wochen von der Londoner Deklaration los, deren Inhalt seine eigenen Delegierten als geltendes Völkerrecht anerkannt hatten und verletzte im weiteren Verlauf des Kriegs auch die Pariser Deklaration aufs schwerste, sodaß durch seine willkürlichen Maßregeln für die Kriegführung zur See der Zustand der Rechtlosigkeit eintrat. Der Aushungerungskrieg gegen Deutschland und der im englischen Interesse ausgeübte Druck auf die Neutralen stehen mit den Regeln des Völkerrechts nicht minder in schreiendem Widerspruch wie mit den Geboten der Menschlichkeit. Ebenso völkerrechtswidrig und mit den Grundsätzen der Zivilisation unvereinbar ist die Verwendung farbiger Truppen in Europa und das Hineintragen des Kriegs nach Afrika, das unter Bruch bestehender Verträge erfolgt ist und das Ansehen der Weißen Rasse in diesem Weltteil untergräbt. -Die unmenschliche Behandlung der Gefangenen, besonders in Afrika und in Rußland, die Wegschleppung der Zivilbevölkerung in Ostpreußen, Elsaß-Lothringen, Galizien und der Brrkowina sind weitere Beweise, wie die Gegner Recht und Kultur achten. - 32 — Am Schluß der Note vom 30. Dezember verweisen die Gegner auf die besondere Lage Belgiens. Die kaiserliche Regierung vermag nicht anzuerkennen, daß die belgische Regierung immer die Pflichten beobachtet hat, die ihr die Neutralität auferlegte. Schon vor deni Krieg hat Belgien unter Einwirkring sich militärisch an England und Frankreich angelehnt und dadurch den Geist der Verträge selbst verletzt, die seine Unabhängigkeit und seine Neutralität sicherstellen sollten. Zweimal hat die kaiserliche Regierung der belgischen Regierung erklärt, daß sie nicht als Feind nach Belgien komme, und sie gebeten, dein Land die Schrecken des Kriegs zu ersparen. Sie hat sich für diesen Fall erboten, Besitzstand und Unabhängigkeit des Königreichs in vollem Umfang zu garantieren und alle Schäden zu ersetzen, die durch den Durchzug der deutschen Truppen verursacht werden könnten. Es ist bekannt, daß die kgl. großbritannische Regierung im Jahr 1887 entschlossen war, sich der Inanspruchnahme des Wegerechts durch Belgien unter diesen Voraussetzungen nicht zu widersetzen. Die belgische Regierung hat dieses wiederholte Anerbieten der kaiserlichen Regierung abgelehnt. Auf sie und diejenigen Mächte, die sie zu dieser Haltung verführt haben, fällt die Verantwortung für das Schicksal, das Belgien getroffen hat. Die Anschuldigung wegen der deutschen Kriegführung in Belgien und der dort im Interesse der militärischen Sicherheit getroffenen Maßnahmen hat die kaiserliche Regierung wiederholt als unwahr zurück- gewiesen. Sie legt erneut Verwährung gegen diese Verleumdungen ein. Deutschland und feine Bundesgenossen haben den ehrlichen Versuch gemacht, den Krieg zu beenden und eine Verständigung der Kämpfenden anzubahnen. Die kaiserliche Regierung stellt fest, daß es lediglich von dem Entschluß der Gegner abhing, ob der Weg zum Frieden betreten werden solle oder nicht. Die gegnerischen Regierungen haben es abgelehnt, diesen Weg zu gehen: Auf sie fällt die volle Verantwortung für den Fortgang des Blutvergießens. Die vier verbündeten Mächte aber werden den Kampf mit ruhiger Zuversicht und Vertrauen auf ihr gutes Recht weiterführen, bis ein Friede erstritten ist, der ihren eigenen Völkern Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit verbürgt, allen Staaten des europäischen Kontingents die Wohltat schenkt, in gegenseitiger Achtung und Gleichberechtigung gemeinsam an der Löfung der großen Kulturprobleme zu arbeiten." Vorläufiges Ergebnis der Friedensaktion des Kaisers. Das nächste und unmittelbare Ergebnis der Friedensaktion des Kaisers vom 12. Dezember 1916 läßt sich sonach in die Worte zusammenfassen: Abgelehnt von den Feinden; abgelehnt in rücksichtslosester, für das deutsche Volk und seinen Kaiser äußerst beleidigender Art. Die Sprache, der sich der Feind bedient hat, findet ihresgleichen nicht in der Gefchichte der Völker. Sie müßte unter allen 33 — Umständen als empörend und unerträglich empfunden und erklärt werden, auch wenn wir besiegt wären und als Besiegte uni Frieden bitten müßten. So ist aber die Situation wahrhaftig nicht. Bis zur Stunde sind wir die Sieger und haben die beste Aussicht, Sieger zu bleiben bis zum Ende. Wenn gewissenlose Führer im feindlichen Lager sich nicht schämen, lügnerisch das Gegenteil zu behaupten, und bei betörten und betrogenen Leuten Glauben finden, so kann das die Wahrheit der Tatsachen nicht in ihr Gegenteil verkehren. Trotz der schnöden Ablehnung durch den Feind hat die Fric- Senstat des Kaisers vom 12. Dezember 1916. übrigens doch schon fetzt günstige Wirkungen erzielt. Andere werden noch kommen. III. Fragen, die mit üer Beenöigung öes Krieges Zusammenhängen. Die Aussichten auf baldige Beendigung des Krieges sind anscheinend nicht günstig. Wenn die Feinde, namentlich England, nicht in die Zwangslage versetzt werden, den Frieden unter allen Umständen suchen zu müssen, so ist er sicherlich in weite Ferne gerückt. Es kann unter solchen Umständen nicht besonders auffallend erscheinen, wenn da oder dort der Gedanke an Intervention anftaucht oder auch. Gegenstand von Erörterungen wird. Wilsonschc Einmischnngsgelüfte. Es ist ja nicht daran zu zweifeln, daß der Präsident der nord- Eerikanifchen Freistaaten förmlich brennt vor Begierde, sich einzumischen. Seine Note an die kriegführenden Mächte, die bereits mitgeteilt wurde, weist schon darauf hin. Inzwischen hat er eine Botschaft an den Senat gerichtet, in welcher er Ideen über Herstellung und Sicherstellung des Friedens entwickelte und eine Abschrift davon der deutschen Regierung verabfolgt. Gerüchtweise verlautet, daß er noch andere Schritte plane, um es doch noch zu erreichen, daß die kriegführenden Mächte ihre Friedensforderungen bekannt geben und erörtern. Da hat man also ausgesprochene Zudringlichkeit vor sich. Was ist von den Wilsonschen Bemühungen zu halten, die er als „Friedensbemühungen" angesehen haben will, während sie im Grunde genommen eine ganz andere Bezeichnung verdienten? Wie soll man sie behandeln? Wir können von Wilson nicht erwarten, und erwarten nicht von ihm, daß er eine irgendwie geartete Vorliebe für uns hat und betätigt; wenn er mehr mit England sympathisiert als mit Deutschland; wenn er auf den Vorteil Amerikas vor allem Bedacht hat und jedenfalls mehr als auf den Deutschlands, so wird niemand von uns es ihm verargen. Was wir aber von ihm unter allen Umständen erwarten und erwarten müssen, das ist aufrichtige Ehrlichkeit und Gerechtigkeit bei Ver- 34 tretung und Pflege der Beziehungen zwischen dem großen, von ihm geleiteten Gemeinwesen und unserem deutschen Vaterlande. An diese aufrichtige Ehrlichkeit und Gerechtigkeit müssen wir glauben und auf sie vertrauen können. Das können wir aber nicht. Wilson hat während des Krieges in ganz augenscheinlicher Weife als Feind Deutschlands und Sachwalter Englands gehandelt. Er trägt einen wesentlichen Teil der Schuld daran, daß der Krieg nicht längst sein Ende gefunden hat. Ohne Verletzung der pflicht- mäßigen Neutralität durste er die amerikanischen Lieferungen an Waffen und Munition nicht dulden, ohne die der Feind schon lange außer Stand gewesen wäre, den Krieg weiter fortzusetzen. Mit diesem neutralitätswidrigen Verfahren hat er Amerika ungeheuere Profite in die Tasche geschoben, Deutschland aber unermeßlichen Schaden zugesügt und Hunderttausende von Menschenleben dem Tode überantwortet. Daß ihm solches rückhaltlos und unverblümt erklärt wird, ist natürlich weder notwendig, noch auch sachgemäß. Es genügt, ihn tatsächlich nicht in die Lage kommen zu lassen, unter der Maske eines unparteiischen und gerechten Friedensvermittlers uns zu bekämpfen und zu schädigen. Es verdient darum Anerkenung und Dank, daß die deutsche Reichsvertretung in verbindlicher.Form, aber mit sachlicher Klarheit und Entschiedenheit seine Unternehmungen behandelt und in den rechten Schranken gehalten hat. Ehrlich gemeinte Bemühungen um Mieder-Annäherung bisher einander feindlich gegenüber stehender Völker und Wiedererlangung eines gesicherten Friedens sind dankbar zn begrüßen, mögen sie kommen, von welcher Seite sie wollen. Können sie aber nicht als ehrlich gemeint und vertrauenerweckend angesehen werden, so sind sie nicht zu begrüßen, sondern zu fürchten, jedenfalls mit großer Vorsicht zu behandeln. Behandlung der Frage der Kriegskvsten. Für uns hat der Krieg ausschließlich den Charakter und Zweck der Abwehr und Verteidigung. Er ist uns aufgenötigt worden und zwar mutwillig und frevelhaft. Wir konnten ihm nicht ausweichen; um so weniger, als unsere ganze Existenz in Gegenwart und Zukunft in Frage gestellt wurde. Die Feinde sprachen es ja in größter Offenheit und Oeffentlichkeit aus, daß unser deutsches Vaterland vernichtet werden sollte. Demgegenüber war es nicht blos patriotische, sondern auch religiöse Pflicht, den Abwehrkampf aufzunehmen. Die Frage, wo die Schuld am Kriege und demgemäß die Verantwortung für denselben zu suchen ist, liegt so klar, daß niemand im Zweifel sein kann. Fe schwerer die Opfer sind, die der Krieg im Gefolge hatte und je schmerzlicher die Wunden, die er geschlagen hat, desto mehr ist es für uns ein wahrer Trost, mit gutem Gewissen vor Gott und der Welt versichern zu können: Das deutsche Volk und seinen Kaiser trifft keine Schuld. Das ist außerordentlich wichtig, wenn nach ausgefochtenem 35 Kampfe Abrechnung zu halten ist. Diese Abrechnung wird für sich allein eine Niesen-Aufgabe sein, soweit sie sich überhaupt ermöglichen läßt. Vielfältig müssen schon die Feststellungen auf die größten Schwierigkeiten stoßen, wenn sie sollen genau geinacht werden. Soviel weiß man übrigens auch ohne genauere Feststellungen, daß es sich um ungeheuer große Summen handelt. Die Geldausgabcn in: engeren Sinne des Wortes.sind indessen nur ein Teil der Kriegskosten. Zu welch' ungeheuerlichen Summen müßte man erst kommen, wenn man sie insgesamt ausstellen sollte? Wie mag es gehen, wenn nach beendigtem Kriege diese unermeßlichen Kosten beglichen werden sollen? Wer hat dafür aufzukommen? Das richtet sich natürlich vor allem darnach, wer als Sieger aus einem Kriege hervorgeht und wer als Besiegter, wenn der Ausgang eines Krieges einen entscheidenden Sieg für den einen der beiden kriegführenden Teile bedeutet und eine entscheidende Niederlage für den anderen. Sind wir nun soweit im gegen-, wärtigen Kriege? Wir Deutsche und mit uns unsere Verbündeten erheben Anspruch darauf, Sieger zu sein und als solche anerkannt zu werden. Unsere Feinde protestieren dagegen. Wer hat recht? Zweifellos haben die Feinde die Partie verloren, ohne Aussicht, sie nachträglich noch gewinnen zu können. Aber sie sind nicht so geschlagen, daß sie keinerlei Widerstand mehr leisten können. Anscheinend sind sie entschlossen, es auf das Alleräußerste ankommen zu lassen. So sehen wir denn einem erneuten Ringen entgegen, dem sehr wahrscheinlich die Unmöglichkeit folgen wird, es zu erneuern. Und dann wird an die Frage herangetreten werden müssen: wer kommt für die Kosten auf? Die Antwort wird nicht anders lauten können als: der Besiegte. So war es immer Rechtens, in alten nnd in neuen Zeiten. Zwei Momente kommen hinzu, die es als unabweislich erscheinen lassen. Das eine ist die Antwort auf die Frage nach der Schuld an dem Kriege. Sie lautet zweifelfrei und uneingeschränkt: der Feind trägt die Schuld und er allein. Er hat den Krieg gewollt, gewollt mit dem grausamsten und herzlosesten Ziele: dem der Vernichtung des Gegners. Der Feind hat sich von langer Hand her ans diesen Vernichtungskrieg einzurichten gesucht, nur losschlagen zu können, sobald Zeit und Umstände ihm günstig zu sein schienen. Und der Feind hat den Krieg gewollt und dessen Ausbruch mit unheimlicher Leidenschaft begrüßt in all' seinen Schichten; nicht bloß in seinen leitenden Führern, auch in der Masse des eigentlichen Volkes. Die Schuld am Kriege ist also eine ganz allgemeine. Das andere Moment liegt im Verhalten des Feindes gegenüber dem Friedensangebot des deutschen Kaisers und seiner Verbündeten. „Empörend über alles Maß" muß man von diesem Verhalten sagen, nachdem der Krieg schon 28 Monate lang seine Schrecken ihnen vor Augen geführt hatte. Unwillkürlich drängt sich einein die Erinnerung an das auf, was die Geschichte über » 30 das Verhalten der verblendeten Juden erzählt, als sie der entsetzlichen Katastrophe entgegengingen, die über Jerusalem hereinbrach. Es lag klar zu Tage, daß der Feind selbst den grausamsten Schicksalsschlägen entgegenging, wenn das Friedensangebot zurückgewiesen wurde. Wenn also jemals in einein Kriege die Schuldfrage klargestellt war, so ist sie für diesen Krieg ganz sicher und klar. Sie ist ausschließlich und allein beim Feinde zu suchen. Wenn nun auch die Last der Kriegskosten und der Kriegsschäden ihm zufällt, so hat er kein Recht, zn klagen oder sich zu beschweren. Nach Lage der verschiedenen Umstände kann er nicht einmal Anspruch auf Teilnahme erheben. Wenn die Last auch noch so hart drückt, so muß er doch sich selber sagen: selbstgewollt. Auch im Kriege ist das Gebot der Nächstenliebe nicht außer Kraft gesetzt. Es bleibt in Geltung und ruft nach Erfüllung auch dem Feinde gegenüber. Und der gläubige Christ muß sich sagen, daß man sich nicht darüber hinwegsetzen darf, wenn auch der Feind selbst noch so schwer dagegen gefehlt hat. Allein, Mitleid und Teilnahme mit dem Feinde darf nicht in der Weise zur Betätigung kommen, daß die Gerechtigkeit.gegen andere verletzt wird, die nicht zum Feinde zählen, vielleicht gar zu den Freunden gehören. Was dem deutschen Volke der ihm aufgezwungene Krieg an Kosten und Lasten gebracht hat, muß entweder der Feind auf sich nehmen oder es selbst. Es liegt auf der Hand, daß die Stellen und Kreise des deutschen Volkes, welche darüber zu befinden oder wenigstens mitzusprechen haben, verpflichtet sind, dem eigenen Volke schwere Lasten unter dem Titel Kriegskosten und Entschädigungen nach Möglichkeit fern zu halten. Wir werden in dieser Beziehung uns keinerlei Sorge zu machen brauchen. Wir haben allen Grund, zu vertrauen, daß unsere berufenen Vertreter und Führer, der Kaiser mit seinen Beratern, den wohlbegründeten Ansprüchen des deutschen Volkes Geltung zn verschaffen wissen werden, ohne dem Feinde gegenüber die Gebote strenger Gerechtigkeit zu verletzen. Etwas anderes kann er an uns nicht beanspruchen. Die Frage, ob er sich leichter oder nur schwer und sehr- schwer in das hineinfindet, was der Krieg für ihn mit sich bringt, braucht uns kein Gegenstand der Sorge zu sein. Er mag es noch so schwer empfinden, immer wird er sich sagen müssen: selbst herbeigeführt. Und wenn auch alles von uns weg ihm zugeschoben werden könnte und zugeschoben würde, was Kriegskosten heißt, so bliebe doch noch unermeßlich vieles übrig, was dem Feind nicht zugeschoben werden kann und lediglich durch sein Verschulden uns zugestotzen ist. Behandlung der Frage der Fricdcnsbedingungen. Die Frage der Behandlung der Kriegskosten ist der Natur der Sache nach gewöhnlich weniger schwierig als verschiedene andere Fragen, deren Erledigung der Wiederkehr des Friedens vorausgehen nruß. Mehr als jemals wird das jetzt zutreffen, wenn nach Beendigung des gegenwärtigen Krieges Friede geschlossen werden soll. Niemand kann es darum auffallend und befremdend sin- — 37 den, wenn die Frage nach den Friedensbedingungen weithin dem lebhaftesten Interesse begegnet und ausgesprochene Neigung sich bemerkbar macht, über Friedensbedingungen Erörterungen zu pflegen. Das erste und entscheidende Wort steht bestimmten Stellen und Personen zu, die es unbestritten und uneingeschränkt auch gebrauchen sollen. Die „Verfassung des Deutschen Reiches" besagt in Artikel 11. „Der Kaiser hat das Reich völkerrechtlich zu vertreten, im Namen des Reichs Krieg zu erklären und Frieden zu schlichen, Bündnisse und andere Verträge mit fremden Staaten einzugehen, Gesandte zu beglaubigen und zu empfangen." Wir haben nicht den geringsten Grund und Anlaß, es anders zu wünschen und können der Entschließung des Kaisers mit vollstem Vertrauen und der zuversichtlichsten Beruhigung entgegensehen. Wir wissen auch, wer an erster Stelle die Berater des Kaisers sind, wie der Kaiser selbst vom größten und uneingeschränktesten Vertrauen des ganzen Volkes getragen. Wir sind darin gut daran und haben unseren Feinden gegenüber viel voraus. Um so mehr können wir uns beruhigt Zurückhaltung auserlegen, wenn davon gesprochen wird, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen der kommende Friede abgeschlossen und was alles in demselben anders werden soll als es bisher gewesen ist. Zurückhaltung und Vorsicht tut schon deshalb dringend not, weil wir alle das größte Interesse daran haben, der Masse der Feinde gegenüber wie im Kriege so auch dann, wenn es dem Friedensschlüsse entgegengeht, in geschlossener Einheit und Eintracht dazustehen. Wir dürfen nicht daran zweifeln und nicht übersehen, daß der Feind wie auf der Lauer ist, um irgend etwas zu entdecken, an dem er glaubt, mit Versuchen „im Trüben zu fischen" einsetzen zu können. Wir müssen auch vor Augen haben, daß die Stellen und Personen, welche berufen sind, die Wiederherstellung des Friedens vorzubcreiten und herbeizusühren, eine schwierige und schwer verantwortliche Aufgabe haben, bei deren Erfüllung unsererseits billiger Weise alles vermieden werden soll, was für sie eine Quelle von Schwierigkeiten oder Verdrießlichkeiten werden könnte. Auch das ist nicht zu übersehen, daß die Lösung der kommenden Frie- densfrage ihre außerordentlichen Schwierigkeiten haben wird. Die Vielheit der Interessenten sowohl wie auch der Einzelfragen, von denen einige besonders wichtig und schwierig sind, machen es sehr schwer, das Ganze so zu überschauen, daß es auch in allen seinen Teilen zutreffend beurteilt und bewertet werden kann. Nur vom kleineren Teil des Publikums wird man das erwarten können. Mit der Wiederherstellung des Friedens muß dessen möglichste Sicherstellung für die Zukunft Hand in Hand gehen. Auf die unsagbar vielen und schweren Opfer dieses Krieges darf nicht ein unsicherer Friede von kurzer Dauer kommen, dessen die Völker nicht froh werden könnten. Das ist allgemeine Meinung und allgemeines Verlangen. Wird ein solcher Friede erhofftwerden können? Wer getraut sich, diese Frage mit voller Zuversicht bejahend zu beantworten? Die Urheber und Hauptbeteiligten an dem Raubkrieg, der nun seinem, baldigen Ende entgegengeht, haben von Anfang an mit größter Offenheit versichert, daß sie Deutschland und seine Verbündeten für jetzt und alle Zukunft bis zur Vernichtung niederringen wollten. In diesem Tone sprechen sie sogar jetzt noch von ihren Kriegszielen, obwohl sie unmöglich Hoffnung haben können, sie zu erreichen. Von solchen Feinden ist nicht anzunehmen, daß sie zu einem abgeschlossenen Frieden auch dann noch stehen, wenn sie glauben, mit Erfolg sich von ihm lossagen zu können. Die Bedingungen des Friedens müssen es ihnen unmöglich machen. In ihnen muß also die Grundlage und Gewähr der Sicherheit und Dauerhaftigkeit des Friedens geschaffen werden. Das ist so klar und sicher, wie nur irgend etwas sein kann. Der bisherige Feind muß sich gezwungen sehen, Frieden zu halten. Daraus ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit, daß in ausgiebigerer Weise für den Schutz der Grenzen Vorsorge getroffen werden muß. Schon deswegen wird es unvermeidlich sein, das^ verschiedene Grenzverschiebungen vorgcnommen werden. Es wäre schwer faßbar, wenn ein Zugehöriger zum deutschen Vaterlande dagegen wäre und noch glaubte, nicht gegen die pflichtmäßige Treue zu seinem Vaterlande zu fehlen. Wie weit die Maßnahmen ausholen müssen, die unter dem Titel „Grenzschutz" zu treffen sind; was als unbedingt notwendig bezeichnet werden muß; was als mehr oder weniger dringend notwendig, das wird der Entscheidung der berufenen Stellen und ihrer Verantwortlichen Berater zu überlassen sein. Man wird dabei nicht fürchten müssen, daß die Erfahrungen gar nicht oder nicht genügend zu Rate gezogen werden, die'Dentschland im Laufe seiner Geschichte hat machen und teuer bezahlen müssen. Der von England unternommene Hungerkrieg ist eine lehrreiche Warnung für alle Zeiten. Sie zwingt, die Frage der Sicherung der Dolksernährnng scharf ins Auge zu fassen und im Auge zu behalten. Es ist kaum anders zu erwarten, als daß sie auch bei Feststellung der Friedensbedingungen und bei den Friedens- Verhandlungen eine Rolle spielt und zu diesen oder jenen Gebiets- Verschiebungen führen kann. In kurzer Zeit hat sich Deutschland einen ansehnlichen Kolonialbesitz erworben. Leider ist es erst gekommen, nachdem die „Teilung der Erde" größtenteils vollzogen war. Sobald der Feind sich kein Gewissen daraus machte, den Krieg auch in die Kolonien zu tragen, war der deutsche Kolonialbesitz nicht zu haUen, soviel Heldenmut auch aufgeboten wurde, ihn gegen den Feil« zu verteidigen. Ueber den Wert von Kolonien urteilt man heute ganz allgemein wesentlich anders als noch in gar nicht ferner Vergangenheit. Es wird darum keinem Zweifel unterliegen, daß die Erneuerung deutschen Kolonialbesitzes in kommenden Friedensverhandlungen nicht die kleinste Rolle spielen wird. 39 Die ganze Welt klagt über Englands See-Tyrannei, die sich in diesem Kriege ganz besonders fühlbar gemacht hat.. Freiheit der Meere ist darum vom deutschen Reichskanzler auch als eine Programm-Forderung schon jetzt festgestellt, die übrigens auch von anderer Seite mit Energie betont wird. England hat schon jetzt den wirtschaftlichen Krieg gegen Deutschland proklamiert, der als Fortsetzung des. großen Weltkrieges kommen soll. Zweifellos wird es damit Ernst machen, soweit es ihm möglich sein wird. Auch bei diesem und jenem der «bisherigen Bundesgenossen ist Bereitwilligkeit anzunehmen, in diesem Kriege gleichfalls mitzutun. Daß derartige Pläne schwere Gefahren für die Zukunft Deutschlands in sich bergen, bedarf keiner näheren Begründung. Volle Bewegungsfreiheit auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs wird dementsprechend eine der wichtigsten Forderungen sein, auf denen Deutschland zur Sicherstellung seiner wirtschaftlichen Zukunft wird bestehen müssen. Damit ist in einigen Strichen aus einige der bedeutungsvollsten Gegenstände hingswiesen, mit denen die Männer sich zu befassen haben werden, denen die Ausgabe zusällt, dis Beschlüsse über den kommenden Frieden vorzubereiten. Es ist keineswegs «in vollständiges Bild der mutmaßlichen Beratungsgegenstände. Insbesondere ist einer gar nicht erwähnt, der an Wichtigkeit von keinem andern übertrosfen wird. Diese „Striche" genügen aber vollauf, um es gerechtfertigt zu finden, wenn geltend gemacht wird, daß große Zurückhaltung und Vorsicht beft Erörterung der Frage der Friedensbedingungen schon deshalb dringend geboten ist, weil der weitaus größte Teil des Publikums gar nicht in der Lage ist, alles vollständig überschauen und als Ganzes wie in seinen einzelnen Teilen mit Sicherheit richtig beurteilen und bewerten zu können. Im übrigen kann nicht zu viel betont werden, daß die Frage der Friedensbedingungen für Deutschland eine «ganz andere Färbung angenommen hat, seitdem man weiß, wie das Friedensangebot unseres Kaisers vom 12. Dezember 1916 vorn Feinde ausgenommen und behandelt worden ist. IV. Selbst-Entlarvung -es Präsidenten Wilson. Erörterungen über Friedensbodingnngen werden am angemessensten einstweilen ganz znrückgesteilt, weil 2 Ereignisse der letzten Tage (vom 31. Januar und 4. Februar) die Situation einigermaßen geändert haben. Note Deutschlands an Nordamerika, uneingeschränkten Unterseebootkrieg betr. Am 31. Januar hat der deutsche Staatssekretär dem amerikanischen Gesandten eine Note zur -Ueberreichung an die Regierung der nordamerikanischen Freistaaten überreicht, in welcher mitgeteilt wird, daß Deutschland durch das Verhalten des Feindes sich gezwungen sieht, den ihm „neuerdings anfgezwungenen Kampf 40 unis Dasein nunmehr unter vollem Einsatz aller Waffen fortzuführen" d. h. den Unterseebootkrieg ohne Einschränkung weiterzuführen. Die Note lautet: „B erlin, den 31. Jan. 1917. Euere Exzellenz haben die Güte gehabt, mir unter dem 22. d. Mts. von der Botschaft Mitteilung zu machen, die der Herr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika am gleichen Tage an den amerikanischen Senat gerichtet hat. Die Kaiserliche Regierung hat von dem Inhalt der Botschaft mit der ernsten Aufmerksamkeit Kenntnis genommen, die den von hohem Verantwortlichkeitsgefühl getragenen Darlegungen des Herrn Präsidenten zukommt. Es gereicht mir zur großen Genugtuung, festzustellen, daß die Richtlinien dieser bedeutsamen Kundgebung in weitem Umfange mit den Grundsätzen und Wünschen übereinstimmen, zu denen sich Deutschland bekennt. Hierzu gehört an erster Stelle das Recht der Selbstbestimmung und die Gleichberechtigung aller Nationen. In Anerkennung dieses Prinzips- Würde Deutschland es aufrichtig begrüßen, wenn Völker wie Irland und Indien, die sich der Segnungen staatlicher Unabhängigkeit nicht erfreuen, nunmehr ihre Freiheit erlangten. Bündnisse, die die Völker in den Wettbewerb um die Macht Hineintreiben und sie in ein Netz eigennütziger Intrigen verstricken, lehnt auch das deutsche Volk ab. Dagegen ist seine freudige Mitarbeit allen Bemühungen gesichert, die auf die Verhütung künftiger Kriege' abzielen. Die Freiheit der Meere als Vorbedingungen für den freien Bestand und den friedlichen Verkehr der Völker hat ebenso wie die offene Tür für den Handel aller Nationen stets zu den leitenden Grundsätzen der deutschen Politik gehört. Um so tiefer beklagt es die Kaiserliche Regierung, daß das friedensfeindliche Verhalten ihrer Gegner es der Welt unmöglich macht, schon setzt die Verwirklichung dieser erhabenen Ziele in Angriff zu nehmen. Deutschland und seine Verbündeten waren bereit, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten und hatten als Grundlage die Sicherung des Daseins, der Ehre und der Entwicklungsfreiheit ihrer Völker bezeichnet. Ihre Pläne chmren, wie sie in der Note vom 12. Dezember 1916 ausdrücklich betonten, nicht auf die Zerschmetterung oder Vernichtung der Gegner gerichtet und nach ihrer Ueberzeugung mit den Rechten der anderen Nationen wob! vereinbar. Was insbesondere Belgien anlangt, das den Gegenstand warmherziger Sympathien in den Vereinigten Staaten bildet, so hatte der Reichskanzler wenige Wochen zuvor erklärt, daß eine Einverleibung Belgiens niemals in Deutschlands Absichten gelegen habe. Deutschland wollte in dem mit Belgien zu schließenden Frieden lediglich Vorsorge dafür treffen, daß dieses Land, mit dem die Kaiserliche Regierung in 41 guten nachbarlichen Verhältnissen zu leben wünscht, von Lein Gegner nicht zu feindlichen Anschlägen ausgenutzt werden kann. Solche Vorsorge ist umso dringender geboten, als die feindlichen Machthaber in wiederholten Reden und Artikeln seit dem Abschluß der Pariser Wirtschaftskonferenz nnverhüllt die Absicht ausgesprochen haben, Deutschland nach Wiederherstellung des Friedens nicht als gleichberechtigt anznerkcnnen, vielmehr systematisch weiter zu bekämpfen. An der Eroberungssucht der Gegner, die den Frieden diktieren wollen, ist der Friedensversuch der vier Verbündeten gescheitert. Unter dem Aushängeschild des Nationalitätenprinzips haben sie als Kriegsziel enthüllt, Deutschland, Oesterreich-Ungarn, die Türkei und Bulgarien zu zerstückeln und zu entehren. Dem Versöhnungsversuch stellen sie ihren Vernichtungswillen entgegen. Sie wollen den Kamps bis aufs äußerste. So ist eine neue Sachlage entstanden, die auch Deutschland zu neuen Entschlüssen zwingt. Seit Zs/o Jahren mißbraucht England seine Flottenmacht zu dem frevelhaften Versuch, Deutschland durch Hunger zur Unterwerfung' zu zwingen. In brutaler Mißachtung des Völkerrechts unterbindet die von England geführte Machtgruppe nicht nur den legitimen Handel ihrer Gegner, durch rücksichtslosen Druck nötigt sie auch die neutralen Staaten, jeden ihr nicht genehmen Handelsverkehr aufzugeben oder den Handel nach ihren willkürlichen Vorschriften einzuschränken. Das amerikanische Volk kennt die Bemühungen, die unternommen worden sind, um England und seine Bundesgenossen zur Rückkehr zum Völkerrecht und zur Achtung vor dem Gesetz der Freiheit der Meere zu bewegen. Tie englische Regierung verharrt bei ihrem Aushungerungskrieg, der zwar die Wehrkraft des Gegners nicht trifft, aber Frauen und Kinder, Kranke und Greise zwingt, um ihres Vaterlandes willen schmerzliche, die Volkskraft gefährdende Entbehrungen zu erdulden. So häuft britische Herrschaft kalten Herzens die Leiden der Welt, unbekümmert um jedes Gebot der Menschlichkeit, unbekümmert um die Rechte der Neutralen, nnbeLimmert selbst um die stumme Friedenssehnsncht bei den Völkernmer eigenen Bundesgenossen. Jeder Tag, den das furchtbare Ringen öndauert, bringt neue Verwüstungen, neue Not und neuen Tod, jeder Tag, um den der Krieg abgekürzt wird, erhält auf beiden Seiten Tausenden tapferer Krieger das Leben und ist eine Wohltat für die vereinigte Menschheit. Die Kaiserliche Regierung würde es vor ihren: eigenen Gewissen, vor dem deutschen Volke und vor der Geschichte nicht verantworten können, wenn sie irgendein Mittel unversucht ließe, das Ende des Krieges zu beschleunigen. Mit den: Herrn Präsidenten der Vereinigten Staaten hatte sie erhofft, dieses Ziel durch Verhandlungen zu erreichen. Nachdem der Versuch von den: Gegner mit verschärfter Kampfansage beantwortet worden ist, wird die Kaiserliche Regierung, wenn sie in höherem Sinne der 42 Menschlichkeit dienen und sich an den eigenen Volksgenossen nichr versündigen will, den ihr von neuem aufgezwungenen Kampf ums Dasein nunmehr unter vollen: Einsatz aller Waffen fortführen. Sie muß daher auch die Beschränkungen fallen lassen, die sie sich bisher in der Verwendung ihrer Kriegsniittel zur See auferlegt hat. In: Vertrauen darauf, daß das amerikanische Volk und seine Regierung sich den Gründen dieses Entschlusses und seiner Notwendigkeit nicht verschließen werden, hofft die Kaiserliche Regierung, daß die Vereinigten Staaten die neue Sachlage von der hohen Warte der Unparteilichkeit würdigen und auch an ihrem Teil daran mithelfen werden, weiteres Elend und vermeidbare Opfer an Menschenleben zu verhüten. Indem ich wegen der Einzelheiten der geplanten Kriegsmaßnahmen zur See auf die anliegende Denkschrift Bezug nehmen darf, darf ich gleichzeitig der Erwartung Ausdruck geben, daß die amerikanische Negierung amerikanische Schiffe vor dem Einlaufen in die in der Anlage beschriebenen Sperrgebiete nnd ihre Staatsangehörigen davor warnen wird, den mit Häfen der Sperrgebiete verkehrenden Schiffen Passagiere oder Waren anzuvertrauen." Vor Absendung dieser Note fand eine eingehende Beratung niit den maßgebenden Persönlichkeiten von der Armee und der Marine statt, die sich mit der Frage beschäftigte, ob Deutschland in jeder Beziehung gerüstet fei, einen so außerordentlichen schritt unternehmen zu können, auch wenn er die Folge hätte, daß auch noch Amerika sich offen den Feinden zugefellen würde. Die Frage wurde einmütig bejaht. Namentlich soll Hindenburg besonders energisch betont haben, daß der Schritt getan werden müsse. Mt aller Bestimmtheit wurde versichert, daß in diesem Falle eine rasche Beendigung des Krieges sicher zu erwarten sei. So wurde denn die Note überreicht. Wilsons d^egenschritt; Bruch mit Deutschland. Am P. Februar erfolgte ein Gegenschrift Amerikas in Form einer Botschaft des Präsidenten Wilson an den Senat. 'Das Büro Reuter meldete darüber: „Washington, den 3. Februar. Wilson erinnerte in feiner Botschaft an den Kongreß an die amerikanischen Note an Deutschland vom 8. April nach der Torpedierung der „Sussex", hierauf an Deutschlands Antwort vom 4. Mai und an die Antwort Amerikas vom 8. Mai, in der die deutschen Zusicherungen angenommen wurden. Wilson sagte. Deutschland habe diese Note nicht beantwortet. Hierauf zitierte Wilson aus dem deutschen Memorandum vom 31. Januar und sagte: Angesichts dieser Erklärring, die plötzlich und ohne vorherige Andeutung irgendwelcher Art vorsätzlich die formellen Ver- 43 fichernngen, die in der deutschen Note voni 4. Mai gegeben wurden, zurückzieht, bleibt der Regierung der Vereinigten Staaten - keine andere Wahl, die sich mit der Würde und der Ehre der Vereinigten Staaten vereinbaren läßt, als den Weg einzufchlagen, den sie in ihrer Note vom 8. April für den Fall ankündigte, daß Deutschland seine U-Boots-Methode nicht ausgeben wollte. Ich beauftragte deshalb Lansing, Bernstorff mitzuteilen, daß die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen sind, daß der amerikanische Botschafter in Berlin sofort abberufen werde und daß Bernstorff die Pässe ausgehändigt werden. Trotz dieses unerwarteten Vorgehens -der deutschen Regierung und dieses plötzlichen tiefbedauerlichen Widerrufs ihrer unserer Negierung gegebenen Versicherungen in einem Augenblick der kritischsten Spannung in den zwischen den beiden Regierungen bestehenden Beziehungen weigere ich mich zu glauben, daß die deutschen Behörden tatsächlich das zu tun beabsichtigen, wozu sie sich, wie sie uns bekannt gegeben haben, berechtigt halten. Ich bringe es nicht über mich, zu glauben, daß sie auf die alte Freundschaft der beiden Völker oder auf ihre formellen Verpflichtungen keine Rücksicht nehmen und in mutwilliger Durchführung eines unbarmherzigem Flottenprogramms amerikanische Schiffe und Menschenleben vernichten werden. Nur wirkliche offenkundige Taten von ihrer Seite können mich das glauben machen. Wenn mein eingewurzeltes Vertrauen in ihre Besonnenheit und ihre kluge Umsicht sich unglücklicherweise als unbegründet Herausstellen sollte, wenn amerikanische Schiffe und Menschenleben in nachlässiger Uebertretung des Völkerrechtes und der Gebote der Menschlichkeit geopfert werden sollten, fo werde ich den Kongreß um die Ermächtigung ersuchen, die Mittel anwenden zu können, die notwendig sind, um unsere Seeleute und Bürger bei der Verfolgung ihrer friedlichen Unternehmung auf dein offenen Meere zu schützen. Ich kann nicht weniger tun, ich nehme als ansgemacht an, daß alle neutralen Negierungen denselben Weg einschlagen werden. Wir wünschen keinen kriegerischen Konflikt (wörtlich: bostile Lonlliol) mit der deutschen Regierung. Wir sind aufrichtige Freunde des deutschen Volkes und wünschen ernstlich den Frieden mit der deutschen Negierung zu erhalten, die sein Sprachorgan ist. Wir werden nicht glauben,'daß sie uns feindlich gesinnt sind, außer wenn es soweit kommt, daß wir es glauben müssen, und wir beabsichtigen nichts anderes, als eine vernünftige Verteidigung der unzweifelhaften Rechte unseres Volkes. Wir haben keine egoistischen Absichten. Wir suchen nur den uralten Grundsätzen unseres Volkes treu zu bleiben, unser Recht auf Freiheit, Gerechtigkeit und ein unbelästigtes Leben zu schützen. Das sind Grundlagen des Friedens, nicht des Krieges. Möge es Gott fügen, daß wir nicht durch Akte vorsätzlicher Ungerechtigkeit von seiten der Regierung Deutschlands dazu hcrausgefordert werden, sie zu verteidigen." Zugleich erhielt der amerikanische, Botschafter die Weisung, Berlin zu verlassen und dem deutschen Botschafter in Washington 44 wurden die Pässe zugestellt. Mit diesem Abbruch der Beziehungen ist noch nicht auch der Krieg erklärt; man muss sich aber darauf gefaßt machen, daß es noch kommt. Vorgeschichte des Bruches mit Deutschland. Zwei volle Jahre lang hak zwischen der deutschen Regierung und dem Präsidenten Wilson ein immer wiederkehrendes diplomatisches Geplänkel wegen des Unterseebootkrieges stattgefunden, bis es zum Bruche kam. Die gewechselten Aktenstücke datieren vom 4. Februar 1915 bis 3. Februar 1917. Vor geraumer Zeit schon wurden sie amtlich zusammengestellt lind sollten zunächst zur Information der Neichstagsabgeordneten dienen. Die Zusammenstellung bietet für jedermann sehr viel Interesse, weshalb sie — der Stratzb. Post (Nr. 89) folgend auch hier mitgeteilt werden soll. Bereits am 4. Februar 1916 sah sich der Admiralstab der deutschen Marine genötigt, zur Vergeltung für fortgesetztes völkerrechtswidriges Verhalten der englischen Seekriegführung — Mißbrauch neutraler Flaggen, Ausdehnung der Bannwarenliste, Wegnahme deutschen Eigentums und Wegführung deutscher Wehrfähiger von neutralen Schiffen, Erklärung der ganzen Nordsee zum Kriegsschauplatz, Beginn eines planmäßigen Aushungerungskrieges gegen das gesamte deutsche Volk — die Gewässer rings um Großbritannien nnd Irland einschließlich des englischen Kanals als Kriegsgebiet und als Gefahrenzone anch für neutrale Schiffe zu bezeichnen. Die amtliche Bekanntmachung des deutschen Admiralstabs wurde zugleich mit einer Denkschrift zu ihrer Erläuterung und Begründung allen Neutralen, darunter auch Amerika, übermittelt. Darauf antwortete am 12. Februar Amerika, Laß die Befolgung des Befehls die guten deutsch-amerikanischen Beziehungen trüben könne und sprach die Hoffnung aus, daß amerikanische Staatsbürger und ihre Schiffe anders als im Wege der Durchsuchung durch deutsche Seestreitkräfte, selbst in dem Gefahrengebiet nicht belästigt werden sollen. Zugleich wurde mitgeteilt, daß Vorstellungen bei England bezüglich des ungerecht? fertigten Gebrauchs der amerikanischen Flagge erhoben seien. Am 16. Februar erwiderte Deutschland, daß Gewalttätigkeiten gegen amerikanische Handelsschiffe, soweit sie als solche erkennbar seien, unterbleiben würden, empfahl Konvoyierung amerikanischer Schiffe im Gefahrengebiet, Warnung der einzelnen Handelsschiffe vor Berührung des Seekriegsschauplatzes und erklärte sich zur Zurücknahme ihrer Maßnahmen bereit, falls es Amerika gelingen sollte, die Beachtung der Londoner Seekriegs- rechtserklärung seitens unserer Feinde zu ermöglichen. Daraufhin machte Amerika in einer Note vom 22. Februar Vorschläge für beide kriegführenden Parteien zwecks Befreiung des fried? lichen neutralen Seeverkehrs von allen Gefahren und am 28. Februar billigte Deutschland die Vorschläge unter der Bedingung, daß der Durchsuchung verdächtiger Schiffe auf offenem Meer kein Widerstand geleistet, keine Waffen von Handelsschiffen geführt und die Bannwarenliste der Feinde wieder in Einklang mit dem bestehenden Seerecht gebracht werde. Am 15. Mai protestierte dann Amerika wegen der Torpedierung und Versenkung des englischen Dampfers „Lusitania", weil über 100 amerikanische Bürger dabei das Leben verloren hätten. Es beschwerte sich außerdem noch über eine Reihe anderer Torpedierungen, bei denen einzelne Amerikaner ertrunken seien und verlangte Beachtung der Gebote der Billigkeit, der Vernunft, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Bedauern und Genugtuung genügten in solchen Fällen nicht, es müßten vielmehr andere Anweisungen für die U-Boote erlassen werden, die solche Vorkommnisse dauernd verhinderten. Die deutsche Regierung gab Aufklärung über die bedauerlichen Geschehnisse, wonach die Schuld aufseiten der Feinde lag, insbesondere die „Lusitania" als feindlicher Hilfskreuzer gefahren sei, und wies auf ihre Bereitwilligkeit zu grundsätzlichem Entgegenkommen gegenüber den amerikanischen Vermittlungsvorschlägen hin, die von England glatt abgelehnt worden seien. Es folgt dann noch ein wiederholter Notenaustausch über die „Lusitania"- Angelegenheit und die Untersnchungsergebnisse der anderen Fälle, ohne daß eine neue Abmachung gezeitigt wurde. Am 10. Juli 1916 erfolgte die Versenkung des englischen Passagier-Dampfers „Arabic", die durch den Tod zahlreicher Fahrgäste, darunter auch Amerikaner, besonderes Aufsehen erregte. Die deutsche Regierung - gab am 7. September eingehende Aufzeichnungen über den Vorfall, die von Amerika durch eidliche Aussagen von Fahrgästen bestritten wurden. Die deutsche Regierung sagte zu, den U-Bootkommandanten zur Rade zu stellen, und Entschädigung für den Tod amerikanischer Bürger zu gewähren. Es folgte daraufhin eine freundliche Beilegung des Zwischenfalles. Unter dem 8. Februar 1916 wurde der amerikanischen Regierung in einer sehr umfangreichen Denkschrift von der Bewaffnung feindlicher Handelsschiffe zu Angriffszwecken unter Beifügung zahlreicher Beweise Mitteilung gemacht und es wurden die Grundsätze erläutert, nach denen künftighin solche Schiffe behandelt werden sollten. Und am 8. März wurde das völkerrechtswidrige Verhalten der Engländer im Seehandclskrieg noch einmal in einer iibersichtlichen Denkschrift zur Kenntnis gebracht. Am 24. März ereignete sich der Zwischenfall des Untergangs des französischen Dampfers „Süsser", bei dem abermals zahlreiche Amerikaner ihr Leben einbüßten. Es gab zunächst einen mehrfachen Notenwechsel über die Schuldsrage. Sie konnte nicht einwandfrei aufgeklärt werden. Wohl aber nahm Amerika diesen „Susser"-Fall zum Anlaß einer scharfen grundsätzlichen Note vom 18. Avril 1916, die am Schluß lautete: „Sofern die kaiserliche Negierung nicht jetzt unverzüglich ein Aufgeben ihrer gegenwärtigen Methoden des . Unterseebootkriegs gegen Passagier- und Frachtschiffe erklären und bewirken sollte, kann Amerika keine andere Wahl haben, als die diplomatischen Beziehungen zur deutschen Regierung ganz zu lösen." Die Antwort der deutschen Ne- 46 gierung vom 4. Mai war ein Entgegenkommen mit der Weisung an die deutschen Seestreitkräfte, in Beobachtung der allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätze über Anhaltung, Durchsuchung und Zerstörung von Handelsschiffen, auch innerhalb r>es Seekriegsgebietes Kauffahrteischiffe nicht ohne Warnung und Rettung der Menschenleben zu versenken, es sei denn, daß sie fliehen oder Widerstand leisten. Dabei wurde aber der Erwartung Ausdruck gegeben, daß Amerika bei England Einhaltung der seekriegsrechtlichen Bestimmungen durchsetzen werde und es wurde der Vorbehalt gemacht, daß im Fall der Erfolglosigkeit solcher amerikanischen Bemühungen die deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenübersehe und die Freiheit der Entschließung wieder haben würde. Der Notenaustausch schließt niit LansingD Mitteilung, daß die Anerkennung amerikanischer Rechte durch Deutschland nicht von den Entschließungen Englands abhängig gemacht werden dürfe. Die neueste Note Deutschlands an Amerika vom 1. Febrttar 1917 knüpft an den zuletzt gemachten Vorbehalt vom 4. Mai 1916 an und nimmt jetzt die Freiheit der Entschließung aufs neue für Deutschland in Anspruch. Eine Niederlage Wilsons. Diese Aktenstücke sind Zeugen einer Geduld und Nachsicht deutscherseits, die fast über das Maß des Statthaften hinausgegangen ist. Wilson hat ein liebermaß von Rücksicht auf den „amerikanischen Bürger" und dessen Eigentum wie auf seine uneingeschränkte Bewegungsfreiheit zum Erwerb und zum Vergnügen beansprucht, ohne ihm die geringste Rücksichtnahme auf die wichtigsten und legitimsten Interessen anderer zuznmuten. Wie einer, „dem Gewalt gegeben ist", hat er sich Deutschland gegenüber wie auf die Lauer gelegt, um Anlaß zur Einsprache zu erspähen, während er England gegenüber beide Augen zudrückte, um dessen ständige Mißachtung der Rechte anderer nicht zu sehen. Wie, wenn er Deutschland hätte sagen wallen: „Du hast kein Recht, dich zu beschweren, geschweige denn ein Anrecht auf Berücksichtigung," so blieb er gegenüber jedem Verlangen, wider England aufzutreten, bewegungslos. Es schien, als fühlte er sich berufen, in jedem Falle und unter allen Umständen als.Sachverwalter Englands zu urteilen und zu handeln. Das mußte endlich einmal ein Ende nehinen und ist wie eine Erleichterung zu begrüßen, daß ihn: ein Ende gemacht wurde. Von Gerechtigkeit und Unparteilichkeit hat Deutschland bei Wilson nichts zu erfahren bekommen. Die ganze Angelegenheit hat übrigens mit einer empfindlichen Niederlage für ihn geendet. Mit dem Eifer eines gut- bezahlten Agenten Englands hat er sich bemüht, die übrigen Neutralen in Europa und Amerika gleichfalls gegen Deutschland mobil zu machen und dabei noch einen Ton anzuschlagen, wie wenn er ihnen zu befehlen hätte. Und der Erfolg? .Neben dem 47 winzigen Luxemburg haben sich in Europa Spanien, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Griechenland, lauter Staaten mit geringerer Macht, bis zur Stunde unter England nicht gebeugt. Es ist auch kaum zu besorgen, daß sie nachträglich es tun werden. Von diesen Staaten hat keiner der „Erwartung" Wilsons entsprochen. Sie haben alle ihn einsam seinen Wog gehen lassen. So hat er sich die Sache jedenfalls nicht gedacht. Ohne schwere Einbuße an Ansehen zn erleiden, durfte er sich io nicht verrechnen. V. Der EnSentscheiöung entgegen. Zusammenfassen aller Kraft notwendig. Man wird mit Sicherheit darauf rechnen können, daß wir nun wirklich dem letzten Akte des großen Welt-Dramas entgegengehen, das schon tief in das dritte Jahr hinein andauert. Wie lange dieser letzte Akt sich hinziehen wird, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls werden seinem Ende die größten Anstrengungen vorausgehen, die wir seit August 1914 erlebt haben. Es handelt sich ja uni die Endentscheidung. Darum gilt es, alles zusammenraffen, was irns und unseren Verbündeten an Kraft zur Verfügung steht: an Kraft zum Kämpfen und zum Arbeiten, an Kraft zum Opfern und zum Dulden, an Kraft zu Spenden und zu Leistungen der mannigfaltigsten Art. Um was es sich handelt, das ist auch des höchsten Einsatzes wert: das Vaterland mit allem, was es für uns ist und bedeutet, was es uns zu'geben, zu bieten und zu leisten vermag. Dieses Vaterland mit seiner ruhmvollen Geschichte schaut auf große, herzerhebende Epochen zurück. Seine Kinder, nicht bloß die Söhne, auch seine Töchter, haben die Epochen groß und erhebend gemacht durch ihre Leistungen und ihre Opfer. Wenn auch wir jetzt alles daran setzen, was wir vermögen, so tun wir, wie es für uns selber notwendig ist und die Pflicht uns gebietet; wir tun, was andere vor uns getan haben. Wenn wir nach Beweisen und Zeugen fragen, so brauchen wir nicht in längst entschwundene Zeiten hinabzusteigen: lassen wir von der Geschichte uns erzählen, was an unsere Großeltern und Urgroßeltern herangetreten ist. Ueberdenken wir die Frage, ob das, was in unseren Tagen uns zugemutet wird, mit dem verglichen werden kann, was einst ihnen zugemutet worden ist. Gehen wir nicht eilig darüber hinweg. Was uns da an Bildern der Geschichte entgegcntritt, hat seinen besonderen Reiz für uns. Sie gehen uns ja nahe an; wir bewegen uns an denselben Stätten, die einst ihnen die irdische Heimat geboten haben. Nachdem auch an uns die Notwendigkeit herangetreten ist, für eben dieses Vaterland alles einzusetzen, was wir zu leisten und zu bieten vermögen, müssen wir unsere Entschlossenheit und Energie eher verdoppeln, wenn es gilt, das bisher geleistete und erreichte mit der letzten Kraftanstrengnng zu krönen. Und um das wird es sich handeln. V 48 Wir stehen kaum in Gefahr, Laß uns wieder entrissen werden kann, was wir dem Feinde trotz seiner Ueberzahl abgerungen haben. Das kann Wohl mit aller Zuversicht auch fllr den Fall erklärt werden, daß die Dinge zwischen dem Präsidenten Wilson und Deutschland bis zu blutigen Konflikten sich zuspitzen wollten. Aber das dürfen wir uns nicht verhehlen, daß der Feind bis zum Alleräußersten sich wehren und seine Anstrengungen bis an die Grenze des Möglichen steigern wird. Die entgllltige Ueber- wältigung wird er uns so schwer als möglich machen. Daruni darf nur eine Stimme sich vernehmen lassen und Beachtung finden: Wir halten in Treue durch bis zum Aenßersten. Wir bieten opferbereit zu allem die Stirn, zu jeder Gefahr und Not. Wir sind entschlossen und gerne zu allem bereit, was die Er- kämpfung und Sicherstellung eines . wahren und gerechten Friedens notwendig macht; einen anderen Frieden, einen Frieden wie der Feind ihn gewähren möchte, den wollen wir nicht. In diesem entschlossenen Sinne treten wir in den letzten entscheidenden Kampf ein, voll Zuversicht und Gottvertrauen, daß. unser gerechtes Ringen auch Gottes Hilfe auf seiner Seite hat. Wir haben diese Hilfe so viel erfahren; sie wird uns zum Schlüsse nicht fehlen. So unermeßlich viel ist seit mehr als 30 Monaten gearbeitet und gekämpft, geduldet und geopfert, aber auch errungen worden. In allen Teilen der Welt verkünden Denkmale das Lob von Taten, zu denen Heldengeist ermuntert und fähig macht. Sie lassen ahnen, was im Hintergrund an. Leid und Schmerz sich birgt, von Menschenaugen vielfach nicht gesehen. An Hunderttausende von Namen knüpft es an, Millionen von einzelnen Familiengliedern sind daran beteiligt. Das alles darf nicht vergeblich sein. Es darf auch nicht in Frage gestellt werden, wenn der letzte Abschnitt des harten Ringens kommt. Außerordentlich viel von dem, was geleistet und geopfert worden ist, zählt in dem Sinne zu den Opfern, Laß es auch vor Gott gilt, und von Gott Vergeltung zu erwarten hat. Und solches bietet Aussicht auf Segen Gottes und Schutz Gottes. Wo aber Leistung und Opfer der Menschen mit Gottes Schutz und Segen Zusammenwirken, da ist Wohl geborgen, was sichergestellt werden soll. Englischer Uebcrmut gcdcmntigt. Siegeszuversichtlicher und übermütiger kann eine kriegführende Macht nicht Wohl auftreten, als England in diesem Kriege ausgetreten ist. Die reichverdiente Verdemütigung ist denn auck nicht ausgeblieben. Durch Hunger sollte Deutschland niedergerungen werden. So war Englands Plan. Mit kaltem, grausamem Spott haben seine leitenden Männer die Verwirklichung dieses Planes als unabwendbares Geschick des deutschen Volkes auf bestimmte Zeit proklamiert. 49 Dis deutsche Flotte spielte in den Kobinationen der führenden Kreise Englands keine Rolle. Sie zählte kaum mit. Anders als verächtlich von ihr zu sprechen, glaubte man keinen Anlatz zu haben. Und jetzt? Mit schweren Sorgen sieht England der nächsten Zukunft entgegen. Wird es dem Verderben entrinnen können, das ihn, entgegengrinst? Ungezählte Schiffe liegen ans dem Meeresgründe mit ihrer wertvollen Ladung, der England so dringend bedürfte. Tag für Tag mehrt sich ihre Zahl. Schon jetzt wird der Verlust jedes einzelnen schmerzlich empfunden, der sonst kaum besonders beachtet, jedenfalls nicht als bedenklicher Schlag empfunden worden wäre. Das stolze, meerbeherrschende England, das mit so brutaler Rücksichtslosigkeit seine Uebermacht zur See andere Nationen fühlen ließ, sieht sich in seinem eigentlichen Element, dem Meere, gefährdet und hat Anlatz zn der ernsten 'Besorgnis, daß ihm selbst das Schicksal zufüllt, welches es dem verhatzten Deutschland zngedacht und angekündigt hat. Das ist eine Wendung, die ihresgleichen sucht in der Weltgeschichte. Ehe der uneingeschränkte Unterseebootkrieg verkündet wurde, war auch die militärische Lage zu Lande Gegenstand eingehendster Besprechungen und Feststellungen. Feldmarschall Hindenburg gab in eigener Person die umfassendsten Aufklärungen und nach allen Richtungen hin beruhigende Versicherungen. Man wiegt sich nicht in unbestimmte und unsichere Hoffnungen ein. Man weitz vielmehr, was der Feind will und was er vermag. Demgemäss sieht man einem gewaltigen Anprall entgegen. Je wahrscheinlicher es ist, datz es der letzte sein wird, desto mehr wird man sich darauf gefaßt machen müssen, datz alles anfgeboten wird. Indessen ist man bereit und wird nicht überrascht; bereit allüberall, der Feind mag vorzubrechen versuchen, wo er will. Und doch ist es nicht unmöglich, datz nicht gewaltige Schlachten mit Strömen vergossenen Blutes den Abschluß bilden werden, sondern das erzwungene Zugeständnis des Feindes: „Ich kann nicht weiter," ihm abgezwu'ngen durch Erfolge zur See. Mag nun aber der Ausgang sein, welcher Art er will: das Verhängnis rückt dem Feinde merklich näher; er kann ihm nicht entgehen, er hat sich selber in sein Geschick verstrickt. Während wir, der Schwere der Gesamtlage uns Wohl bewutzt, mit ruhiger Entschlossenheit und klarer Üeberlegung unsere Matznahmen treffen, redet sich der Feind in allerlei Phantasiobilder über unsere angebliche Hilflosigkeit und Verzweiflungsstimmung hinein. So ist es nicht. Datz es nicht so ist, kann der Feind auch wohl wissen. Zu solcher Stimmung haben wir keinerlei Anlatz. Ob nicht bei ihm selber Anlaß dazu geboten ist, kann unerörtert bleiben. Wenn aber Stimmungen sich einstellen, wie sie aus schweren Sorgen so leicht erstehen, so wäre es merkwürdig, wenn sie nicht für den Feind einen besonderen Stachel hätten: den Stachel der Schuld mit stiller Selbstanklage. Es mutzte ja durchaus nicht so kommen, wie es im August 1914 gekommen ist. Der Feind hat es so gewollt und erzwungen. 50 '"k Bei aller Beruhigung über den Endausgang noch Schweres zu erwarten. Mit froher Zuversicht können wir der weiteren Entwicklung entgegensehen bis zuin Schlüsse, eines aber vorausgesetzt: unsere Spannkraft mutz ausharren-, sie darf auch nicht eine stunde Nachlassen, ehe der Kampf vollständig ausgekämpft ist. Dieser Endkampf wird sicherlich nicht der leichteste Abschnitt sein. Die Totenklage wird aufs neue anheben über das ganze deutsche Vaterland hindurch und die Totentrauer wird weitere Kreise erfassen. Tausende und Millionen besorgter Familien sind der Kriegsleitung unter Vorantritt des Kaisers dankbar, datz sie eifrigst darauf bedacht ist, das Blut unserer Soldaten zu schonen, soweit es tunlich ist. Allein, der Bereitwilligkeit, zu schonen, sind Grenzen gesetzt, die nicht unbeachtet bleiben können. Wir werden es als unabwendbares Geschick entgegen nehmen müssen,, datz den vielen Tausenden von Blutopfern sich neue zugesellen und im Gerste des vaterländischen Opfersinnes es aus uns nehmen. Die Periode persönlicher Entbehrungen ist nicht vorüber. Sie wird andauern, so lange der Krieg währt, vielleicht noch über die Dauer des Krieges hinaus. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß sie in diesem Schlutzabschnitt sich noch fühlbarer einstellt als bisher. Klagen wir nicht! Halten wir fest an der beharrlichen Ausdauer! Denken wir an die Totenlisten, die jeder Ort aufweist, auch den kleinsten nicht ausgenommen! Sie erinnern an viel Entbehrung und Leid, das ungleich herber ist, als persönliche Entbehrung. Denken wir an die erschreckend große Zahl derer, die in blutigen Kämpfen gestanden sind und zwar ihr Leben gerettet haben, aber den Rest ihrer Tage als verstümmelte Verteidiger des Vaterlandes — häufig genug als schrecklich verstümmelte — durchs Leben gehen müssen. Was sind die schwersten Entbehrungen, die wir schon zu tragen haben und vielleicht ge-- steigert noch weiter zu tragen bekonrmen werden, im Vergleich zu dem, was ihnen als Los zugefallen ist! Darum geben wir uns bereitwillig zufrieden und klagen wir nicht! Lassen wir uns erzählen von den Strapazen, Entbehrungen und Opfern von Kriegsteilnehmern, die längere Zeit im Felde gestanden sind und geben wir uns selber Antwort auf die Frage, ob die Entbehrungen, die uns zugemutet werden, denen an die Seite gestellt werden können, welche sie auf sich zu nehmen hatten. Denken wir an die Bewohner jener Gegenden, in welchen der Krieg mit all seinen Nöten und Schrecken gehaust hat und lassen wir uns erzählen, was sie alles über sich ergehen lassen mutzten. Man wird uns dann nicht aufmuntern müssen, der Dankespflicht gegen unsere heldenmütigen Vaterlandsverteidiger nie zu vergessen. Und allenthalben wird man Verständnis und Empfänglichkeit für die Mahnung finden: Klage niemand, der nur zu Hause Entbehrungen auf sich nehmen soll! Endlich wird noch eine unerläßliche Notwendigkeit auch in diesem Schlußabschnitt des heißen Ringens an uns herantreten: 51 wir werden weitere Milliarden dem Reiche znr Verfügung stellen müssen. Eine neue Reichsanleihe ist als Notwendigkeit an uns herangetreten. An ihr sich zu beteiligen, für sie zu zeichnen, ist Ehrensache und Pflicht; ist eigenes Interesse und Vorteil, aber nickt Opfer. Das einzusehen, ist gar nicht schwer. Wenn das Vaterland in Krieg verwickelt ist, sind alle seine Zugehörigen an einem glücklichen Ausgang desselben interessiert. Es kann und darf niemand gleichgültig dagegen sein. Es kann und darf auch niemand sich gleichgültig zu der Frage stellen, ob das Vaterland so gerüstet ist, daß es einen glücklichen Ansgang erwarten und erhoffen kann. Was dazu notwendig ist, braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden. Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle und nicht die kleinste. Wo Krieg geführt wird, da gibt es Kriegsanlehen. Das deutsche Reich hat sie bei feinen eigenen Zugehörigen gemacht. Diese sollen ihm seinen Bedarf an Geld gegen Verzinsung zur Verfügung stellen. Das Reich wird in solcher Weise Schuldner bei den eigenen Reichsangehörigen. Diese leihen ihm Geld gegen Verzinsung. Das Reich braucht auf diese Weise an keiner fremden Türe anzuklopfen und die Zinsen, die das Reich zahlen mutz^ brauchen nicht in fremde Hände gegeben zu werden. Für den, der zeichnet, handelt es sich um eine Kapitalanlage unter sehr günstigen Bedingungen. Für je 100 Mark zahlt er 98 Mk. eim bekommt aber einen Schuldschein, der auf 100 Mk. lautet und den Zins von vollen 100 Mk. aus Tag und Stunde ausbezahlch da er fällig ist. Er braucht nur den Zinsschein vom Zinsbogen abzuschneiden und beim Bankier auszuwechseln. Verzinst wird ihm das so ausgeliehene Geld so gut wie nicht leicht irgendwo anders; mit 5 vom Hundert. Dabei ist das Geld so sicher angelegt^ wie man es nur wünschen mag. Und sollte jemand, der Geld in Reichsanlehen angelegt hat, dasselbe aus irgend welchem Anlaß zurückhaben wollen, so kommt er in gar keine Verlegenheit. Der fragliche Schuldschein des Reiches kann aus jeden beliebigen ohne alles Weitere übertragen werden. Sicherlich wird es zu jeder Zeit Leute genug geben, die sich solche Papiere gerne erwerben, so daß jemand ohne alle Umstände und Schwierigkeiten statt seines Reichsschuldscheines von einem Tag auf den anderen das bare Geld zur Hand haben kann. Diejenigen also, die an der Reichsanleihe sich beteiligen, und kleinere oder größere Beträge zeichnen können, haben vor den anderen etwas voraus. Sie haben nur Vorteil und würden gegen ihr eigenes Interesse handeln, wenn sie die Gelegenheit nicht benützen und nicht zeichnen würden. Wenn es aber auch anders wäre; wenn irgend eine Gefahr damit verbunden wäre nnd die Leute mehr oder weniger Sorge -haben müßten, etwas von ihrem Geld zu verlieren, wenn sie für die Reichsanleihe zeichnen, sollten alle diejenigen doch mit freudiger Bereitwilligkeit zeichnen, die es machen können. Was das Reich uns allen bietet an Sicherheit und Schutz für Leben und Habe, das ist ja unbezahlbar. Wie wären wir daran, wenn wir den starken Schutz am Reiche nicht hätten? Wir kämen ja 52 aus der Sorge und Gefahr nicht heraus und könnten unseres Lebens nicht froh werden. Das ist wahrhaftig ein Opfer wert. Müßte es von uns verlangt werden, so dürften wir keinen Augenblick zögern, es mit Freuden auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen. Jedermann soll wissen und merken, daß wir von solcher Stimmung beseelt sind. Es sollen es merken, die der Aufmunterung bedürfen durch gutes Beispiel. Es sollen es merken, die Anspruch auf Anerkennung und Dank erheben können, weil sie größeren Anteil haben an der Last für andere und der Verantwortung für andere. Sie sollen davon überzeugt sein können, daß es nirgends an der Bereitwilligkeit fehlt, die Last der Sorgen und der Verantwortung ihnen zu erleichtern. Endlich sollen auch die Feinde es merken oder wenigstens merken können. Es kann*und darf uns nicht gleichgültig sein, wie unser deutsches Volk und seine Stellungnahme zu den großen Angelegenheiten des Vaterlandes in den Angen des Feindes dasteht. Ein wahrheitsgemäßes und gerechtes Urteil iiber uns haben wir vom Feinde nicht zu erwarten. Er scheint dessen nicht mehr fähig zu sein. Allein, cs soll ihm auch jeder Anlaß von Entschuldigung dafür benommen bleiben, daß er uns, wie in anderen, so auch in Sachen der Vaterlandsliebe und Vaterlandstreue nicht gerecht beurteilt. So müssen die verschiedensten Beweggründe uns drängen, in die Listen derer nns einschreiben zu lassen, die für die neue Kriegsanleihe zeichnen werden. Wenn es geschieht, wie man es erwarten darf und erwarten muß, dann wird es ähnlich auf den Feind Eindruck machen, wie ein großer Sieg auf dem Kriegsschauplatz. Der Feind muß daraus aufs neue den Schluß ziehen, daß die Kraft des deutschen Volkes nicht erniattet ist, sein Mut nicht gesunken, sein Kampfes- und Siegeswille nicht gebrochen ist. Und nicht bloß die Tausende und Millionen von Mark, die gezeichnet werden, sind zu zählen und sind wichtige Zeugen der Begeisterung nnd opferbereiten Vaterlandsliebe, sondern auch die Tausende und Millionen derer, welche zeichnen oder zeichnen können und sollen. Sie befinden sich in sehr verschiedenen Verhältnissen. Die Zahl der Reichen ist viel kleiner, als die Zahl derer, die nicht über große Vermögen verfügen. Im Jahre 1912 wurden 23 Millionen Sparbücher bei den öffentlichen und privaten Kassen gezählt. Sie sind ein deutlicher Beweis dafür. Die Urkunden für größere Verniögen sind gewöhnlich nicht Sparbücher. Daß von den Millionen der kleinen Besitzer möglichst viele unter die Zeichner, sich einreihen lassen, erscheint besonders wünschenswert und -wichtig. Es ist nicht Wohl zu befürchten, daß die Bereitwilligkeit, an den Reichsanleihen sich durch Zeichnung zu beteiligen, kleiner geworden ist, als sie bisher sich gezeigt hat; man wird im Gegenteile damit rechnen können, daß sie sich gesteigert hat, denn wenn es wahr ist, daß wir der Endentscheidung entge'gengehen, daß der Feind seine Anstrengungen bis zum Aeußersten steigert nnd dem- 1 — 53 — entsprechend anch wir das Gleiche tun müssen, dann muß es natürlich auch für dieses Gebiet der nötigen Abwehr gelten. Hat das deutsche Volk die letzte Kriegsanleihe mit über 10 Milliarden gezeichnet, so sollte für die nächste Reichsanleihe diese Summe weit überholt werden. Was Deutschland vor seinen Feinden voraus hat. Es wollte scheinen, als wäre es unser unabwendbares Geschick, von den Feinden erdrückt zu werden. Die Menge war zu groß, die Ueberzahl zu stark: die Ueberzahl an Menschen, die Menge an Material. Und der Feind hat in der schonungslosesten Weise Gebrauch davon gemacht, namentlich die Russen, aber auch die Franzosen. Man konnte meinen, die Menschen hätten in ihren Augen keinen Wert und bräuchten nicht beachtet zu werden. Auch stände Rußland ein unerschöpfliches Menschenmaterial zur Verfügung. Ebenso sei es mit dem, was zur Kriegsausrüstung gehört. Mit beispielloser Verschwendung wurde ständig „aus dem Vollen geschöpft", als bräuchte keinerlei Rücksicht darauf genommen zu werden, wie es mit den Kosten zu halten ist. Es hat dem Feinde nichts genützt. Deutschland hat eben 3 Schätze, welche ihm die Gewähr der Unüberwindlichkeit gaben. Seine Soldaten sind von anderer Art als die der übrigen Militärstaaten. Es ist keine Ueberhebung, sondern entspricht der vollen-Wahrheit, wenn man sie als „die ersten der Welt" bezeichnet. Das zweite, was Deutschland ein Uebergewicht sichert, das schwer ausgeglichen werden kann, ist die Führung seiner Armee. Dabei ist nicht sowohl an die oberste Führung durch Feldmarschall Hindenburg zu denken, sondern an die Führung überhaupt, durch alle ihre Grade hindurch. Schon im deutsch-französischen Kriege ist es grell zutage getreten. Auch im gegenwärtigen Weltkriege hat eine der ersten Maßnahmen des französischen Generalissimus Joffre darin bestanden, daß er „durch rücksichtslose Entfernung von Offizieren, die sich vor dem Feind nicht bewährt hatten, manche Schäden in der Armee auszubessern" wußte, wie Oberst Egli in seinem Buche „Zwei Jahre Weltkrieg", S. 30 hervorhobt. Eines aber muß ganz besonders betont werden, das einen gewaltigen Abstand bildet zwischen dem deutschen Volke und allen andern Völkern, die ihm als Feinde gegenüberstehen. Frankreich ausgenommen wie auch Portugal, sind es monarchisch regierte Staaten und Völker. Dieses Eine sind die Staatsoberhäupter, die Monarchen, welche über diese Völker regieren. Es lohnt sich und bietet mehrfaches Interesse, einen Vergleich zwischen ihnen und ihrer Art, und dem deutschen Kaiser und seiner Art zu ziehen. Es genügt diesen Vergleich zwischen unserem Kaiser und den Monarchen der 3 großen Staaten zu ziehen, also zwischen dem deutschen KaisA: hier, und dem Kaiser von Rußland, dem Kaiser und König von England-Indien dem König von Italien dort. Kaiser Wilhelm II. ist ein hervorragender Herrscher, reich ausgestattet mit Herrscher-Talenten und Herrscher-Tugenden. Wie ist es damit beim Kaiser von Rußland bestellt?, wie beim König von -England?, wie beim König von Italien? Die Herrscher-Gaben und Herrscher-Tugenden Wilhelms II. haben sich auch durch entsprechende Taten und Leistungen betätiget. Die Geschichte seiner Regierung wird einstmals viel, zu berichten haben. Den hervorragendsten Platz werden wohl seine Bestrebungen und Leistungen zur Hebung der deutschen Flotte haben. Es sind viele Jahre her, seitdem er ein Wort gesprochen hat, das nirgends mehr beachtet wurde, als in England: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser." Bei uns selbst hat man ihm damals die Beachtung nicht geschenkt, die ihm gebührte. Jetzt braucht niemand sie besonders hervorzuheben. Wilhelm II. hat im vollsten Sinn des Wortes Anspruch auf den Beinamen „Begründer der deutschen Seemacht." Das wird sein höchster Ruhmestitel sein, der um so höher eingeschätzt werden muß, als das deutsche Volk weniger darauf vorbereitet war. In Wilhelm II. hat es nicht bloß seinen Führer bekommen, sondern auch seinen Lehrer. Der lange Krieg hat uns schon jetzt gelehrt, die große Bedeutung des Ruhmestitels „Begründer der deutschen Seemacht" zu verstehen. Noch mehr wird sie in der Zukunft verstanden werden. Wenn bei dem kommenden Friedensschluß die Parole „Freiheit der Meere" hochgehalten und in die Wirklichkeit übertragen wird, dann werden alle Völker, die sich darob freuen, Anlaß haben, ehrfurchtsvoll vor Wilhelm II. sich zu verneigen, um ihm als Hort der „Freiheit der Meere" zu huldigen. Es gehört nicht einer gar zu fernen Vergangenheit an, daß die Völker die Botschaft zu hören bekamen: „Das Kaiserreich ist der Friede." Es war ein schönes, ein erfreulich klingendes Wort, in Wirklichkeit aber eine große Lüge. In unseren Tagen ist ein Kaiser in Europa, von dem in Wahrheit gesagt werden kann: sein Reich ist der Friede. Wilhelm II. ist ein Hort, ein starker und ein zuverlässiger Hort des Friedens. England hat marktschreierisch Anspruch darauf erhoben, als Schutzmacht -der kleinen und schwachen Nationen angesehen zu werden. Man kann wissen, was davon zu halten ist. Erfreulicher Weise gibt es eine solche Schutzmacht in Europa. Aber nicht in England ist sie den schwachen Nationen und Völkern geboten, sondern im Deutschen Reiche und seinen» Kaiser. Die Verhandlungen, welche im Zusammenhang mit dem Kriege zwischen den Regierungen und teilweise direkt zwischen den Monarchen gepflogen worden sind, lassen den Kaiser von Rußland wie auch den König von Eng- — 55 — land und den König von Italien im allerbedenklichsten Lichte erscheinen. Wenn es Kreise der Gesellschaft gibt, in welchen die Wahrhaftigkeit und die Treue besonders gelten und hochgehalten werden soll, so sind es die Kreise, zu denen die Herrscher gehören und in denen sie sich bewegen. Es gibt eins pflichtmäßige Untertanentreue, die ihren Halt und ihre Stütze an der Verehrung und Liebe finden soll, mit welcher die Untertanen zu den Herrschern emporschauen. Wo das inhaltreiche Wort „Landesvater" Wahrheit ist, da ist es ' von selbst gegeben. An dieser Untertanentreue ist außerordentlich viel gelegen, für die Herrscher sowohl wie auch für die Völker. Damit steht aber im innigsten Zusammenhang, daß die Herrscher selbst die Wahrhaftigkeit und Treue heilig halten. Es muß moralisch vergiftend und verwüstend wirken, wo man vom Gegenteil erzählen muß. Die Geschichte des Krieges bietet viele Bilder von schrecklichen und häßlichen Dingen. Zum häßlichsten gehört der Abgrund von Falschheit, Heuchelei und Lüge, in welchen sie hinabschauen läßt. Bewegen sich auch Herrscher in solchem moralischen Morast, so ist es eine sehr bedenkliche Erscheinung. So wie die Dinge liegen, ist Anlaß zu der Frage geboten, ob der Kaiser von Rußland oder der König von England oder der König von Italien es noch wagen können, unserem Kaiser ohne Scheu vor die Augen zu treten. Wie ganz anders steht unser Kaiser da! Wie ganz anders muß die Welt über ihn urteilen! Er ist ein Herrscher, bei dem Wahrheit und Trene gilt. Es gibt eine Verantwortung vor Gott und eine Rechenschaft: auch für die' Großen, nicht bloß für die Kleinen; auch für die Herrscher und ihre Minister,-nicht bloß für die gewöhnlichen Bürger; auch für diejenigen, welche nicht daran glauben, nicht bloß für die, welche daran glauben. Wohl den Völkern, wenn diejenigen, die Gewalt über sie haben und berufen sind, ihre Geschicke zu leiten, von dieser Wahrheit durchdrungen sind und den guten Willen haben, ihr Tun und Lassen darnach zu richten. Zu diesen Herrschern zählt unser Kaiser. Das erhebt ihn hoch über andere und läßt uns zuversichtlich hoffen, daß an seine Regierung sich Gottes Äegen knüpft. Wilhelm II. ist ein Kaiser, der an Gott und an die Rechenschaft vor Gott glaubt, der aus diesem Glauben kein Hehl macht, sondern unverhohlen vor aller Welt Bekenntnis ablegt, wo es angemessen erscheint; unser Kaiser ist ein Herrscher, der an eine Pflicht des Menschen glaubt, zu dem allmächtigen Gott zu beten und an die Wirksamkeit gläubigen und vertrauensvollen Gebetes zu Gott; unser Kaiser ist ein Herrscher, der selber das Beispiel gläubigen und vertrauensvollen Gebetes gibt. Wie viel Gutes er damit wirkt und wie vielen Segen er sicherstellt, läßt sich nicht ermessen. In dieser Art ist er gleich zu Beginn des Krieges aufgetreten. Am 31. Juli 1914 wurde die Mobilmachung des Heeres angeordnet. Die Kunde davon rief in der Reichshauptstadt eine gewaltige Bewegung hervor. Alles zeigte sich von Patriotischer Begeisterung ergriffen und ' 56 . drängte sich zu Kundgebungen. Eine solche fand auch vor dein Schlösse des Kaisers statt. Da trat der Kaiser mit der Kaiserin und einem seiner Söhne an das offene Fenster und sprach mit weithin vernehmbarer Stimme zu den versammelten Schaaren des Volkes: „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, daß, wenn es nicht ir? letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zn bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Segen X führen werden, bis wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut wird ein Krieg vom Deutschen Volke fordern. Den Gegnern aber werden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle ich Euch Gott. Jetzt geht in die Kirche und kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer." Dieses Bekenntnis zum Glauben an den lebendigen Gott und seine mächtige Hilfe für diejenigen, die vertrauensvoll ihre Zuflucht zu ihr nehmen, hat über das ganze deutsche Vaterland hin wie elektrisierend gewirkt und eine Begeisterung wachgerufen, die schwer zu schildern ist und nicht am wenigsten dazu btsigetragen hat, unsere Soldaten mit dem Geiste zu erfüllen, der sie unüberwindlich gemacht hat. Wohl uns, daß, ein solcher Kaiser nns geschenkt ist! Möge ihn Gott uns lange in voller Gesundheit und Kraft erhalten! Er ist uns eine Hauptstütze unserer zuversichtlichen Hoffnung auf glücklichen und befriedigenden Airsgang des schweren Ringens. Und mag noch kommen, was da will: Unter seiner Führung ist uns nicht bange. Z5 ?8?6S 1 0Z1