ÄÜtiLWösütÄsäL^k^LM»-« ^77 ML!«WW«!«»P-MWWM WWM < ' Kriegsschwänke aus alter Zeit Gesammelt von Heinrich Mohr Das Lachen vertreibt alle unguten Geister. Joseph Weber Siebtes bis dreizehntes Tausend Freiburg im Breisgau Herdersche Verlagshandlung Berlin, Karlsruhe, München, Strahburg, Wien, London und St. Louis, Mo. Alle Rechte Vorbehalten Buchdruckerei der H-rdersch-u Verlagsbaudlung iu Freiburg UNS Vorwort. 81 Isöge niemand den Kopf dazu schütteln, daß ich als Geistlicher meinen ernsten Feldbriefen und Feldpredigten auch Büchlein zum Lachen nachschicke. Immer habe ich gegen Kopfhänger und Griesgrame dafür gehalten, daß im Christenleben Scherz und Ernst zusammeu- gehören wie Sonnenschein und Regen in unseres Herrgotts Wetter. Und diese Kriegszeit bringt mich von Woche zu Woche mehr auf die Meinung, daß wenn die Kanonen ihren Mund öffnen, das Lachen nicht verstummen darf. Den deutschen Schalk, der über die Welt und über sich selber herzhaft lachen kann, halte ich für einen guten Kameraden und brauchbaren Waffenbruder in Heimat und Feld. Der Humor ist in jedem Regiment eine Kompagnie, in jedem Lazarett einen Arzt, in jeder Haushaltung einen Laib Kriegsbrot wert. Er vertreibt alle unguten Geister der Müdigkeit, Abgestumpftheit, Niedergeschlagenheit, Verzagtheit. Und unser Volk hat in diesem Krieg ein besonderes Recht zu lachen, weil es ein gutes Gewissen, einen tapfern Arm und eine sichere Hoffnung auf den Sieg besitzt. Freiburg i. Br., 1. März 1915. Heinrich Mohr. übersi ch t. gutem Bedacht sind für dieses Büchlein nur künst- lerisch wertvolle Kriegsschwänke älterer deutscher Erzähler ausgewählt worden. Der Schalk aller Schälke und der unsterbliche Liebling des deutschen Volkes, Till Eulenspiegel, gibt den ältesten Kriegsschwank der Sammlung zum besten; es ist Nummer 36, eine jener durchtriebenen Foppereien, wie sie das im Jahre 1515 erschienene Volksbuch von dem Kneitlinger Bauernburschen zu berichten weiß. Ihm folgt als zeitlich nächster mit Nummer 27 der strenge Elsässer Barfüßermönch Johannes Pauli, der in seinem berühmten Schwankbuch „Schimpf und Ernst" vom Jahre 1522 auch mit lächelnder Miene der Welt die Wahrheit zu sagen verstand. Der zweite Hauptvertreter der alten oberrheinischen Schwankliteratur, Jörg Wickram, zuerst Stadtweibel von Kolmar und zuletzt Stadtschreiber von Burkheim am Kaiserstuhl, erzählt aus seinem im Jahre 1655 gedruckten „Rollwagenbüchlein" drei kurzweilige Landsknechtspossen; diese Nummern 18, 33 und 38 will er aus dem Mund des allzeit zum Spaß aufgelegten Blumenwirts von Kolmar gehört haben. Die so klüglich redenden und so töricht handelnden „Schildbürger" paradieren in Nummer 34 mit einem genialen Kriegsstreich; in seiner Bearbeitung des alten Schildbürgerbuchcs vom Jahre 1597 oder 1598 hat der Dichter Gustav Schwab (1792—1850) IV den ehrsamen Leuten von Schilda noch einen weiteren Kriegsstreich „angehängt", der als Nummer 5 wiedcrgegeben > ist. Um es gleich hier anzufügen, so stammt aus Gustav ' Schwads Bearbeitung des Volksbuches voni „Gehörnten Siegfried" vom Jahre 1727 die spaßhafte Nummer 40. Die Nummer 14 ist ein lustiges Rekrutenstücklein aus der t Sammlung „Der Deutschen scharfsinnige kluge Sprüche", welche der Rechtsgelehrte Julius Wilhelm Zincgref im Jahre 1626, also im Dreißigjährigen Krieg, herausgab und der Schulmann Johann Leonard Weidner 1653—1655 fortsetzte. Es wäre ein Unrecht, dürfte nicht auch das bekannte Soldatenkind des Dreißigjährigen Krieges, Hans Jakob Christoffel Grimmelshausen, ein Schelmenstück aus dem wilden soldatischen Treiben, das er mitgemacht hat, erzählen; es ist Nummer 42, die letzte und umfangreichste des Büchleins, ein Abschnitt aus Grimmelshausens Selbstbiographie und Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus" vom Jahre 1676; möge an der Teufelsverkleidung und Teufelsbeschwörung kein frommes Gemüt Anstoß nehmen, jene Zeit war nun einmal so. Dem 1788 abgeschlossenen „Münchhausenbuch" des Dichters Gottfried August Bürger sind die beiden Nummern 8 und 21 entnommen; wie köstlich wußte der Baron Münchhausen, eine geschichtliche Persönlichkeit, mit seinem Kriegsjägerlatein die Aufschneider zu übertrumpfen und zum Schweigen zu bringen! Den Vogel schießt mit den siebzehn Nummern 2, 4, 7, 10, 12, 17, 20, 22, 24, 26, 29, 31, 32, 35, 37, 39 und 41 der alemannische Dialektdichter Johann Peter Hebel ab; mit Recht, denn kein Meister der Welt könnte mit mehr Witz, Schlagfertigkeit und Laune erzählen; seine zwischen 1808 und 1819 im Kalender des „Rheinländischen Hausfreundes" geschriebenen lustigen Stücklein sind bis zur Stunde das Vollendetste an humoristischer Volksschriftstellerei geblieben. Mit den acht Nummern 3, 6, 13, 15, 19, 23, 28 und 30 kommt Ludwig Aurbacher an Zahl wie an Wert am nächsten an Hebel heran; in seinem zweiteiligen „Volksbüchlein" vom Jahre 1827 und 1829 triumphiert er als der bayrisch-schwäbische und katholische Hauptmeister der ernsten und heitern Volksanekdote Auch ein volkstümlicher Erzähler ersten Ranges steuert die Nummer 25 bei, der Schweizer Jeremias Gotthelf (1797 bis 1854); sein Deutsch ist mit Worten und Bildungen der Berner Mundart gemischt. Preußens bedeutendster Dichter, Heinrich v. Kleist (1777—1811), tritt in den Nummern 1, 9 und 11 auf mit einem Humor, durch den der vaterländische Zorn hindurchblitzt. Von den Märchendichtern findet man nur Ludwig Bechstein in Nummer 16 mit einem liebenswürdigen Geschichtlein aus seinem „Deutschen Märchenbuch" vom Jahre 1844; von den Soldatemnärchen zum Lachen der Brüder Grimm mußte „Bruder Lustig" aus Raummangel wieder weggelassen werden. Der Text der Schwänke ist durchweg unverändert geblieben. Ebenso wurde, von Jahreszahlen abgesehen, auf die Beigabe von geschichtlichen Erklärungen verzichtet; auch der einfachste Leser wird sich selber zurechtfinden, und es kommt ja in dem Büchlein allein auf den Humor an. ' Aurbachers ergötzliche „Abenteuer der sieben Schwaben" und „Abenteuer des Spiegelschwaben" sind im selben Verlag als eigenes Bändchen (lll 1.—) unter dem Titel „Der Kricgszug der sieben Schwaben" neu von mir herausgegeben. Inhalt. Seite Vorwort.m Übersicht.iv 1. Der preußische Reiter.1 2. Hochzeit auf der Schildwache.4 3. Seltsame Jagdpacht.7 4. Der Furtwanger in Philippsburg.8 5. Am rechten Fleck.10 6. Der ehrliche Name.11 7. Wie einmal ein schönes Roß um fünf Prügel feil gewesen ist.12 8. Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen im Türkenkriege .15 9. Der verlegene Magistrat.27 10. Der Zundelfrieder und die Stadtsoldaten .... 28 11. Der Branntweinsäuser und die Berliner Glocken . . 36 12. Der listige Steiermärker.37 13. Ei, so lügI .39 14. Der schwäbische Schütze.41 15. Gut geantwortet.42 16. Der Schmied von Jüterbog.42 17. Mißverstand auf der Schildwache.46 18. Der Eisenbeißer.49 19. Ein Bedienter sucht einen Herrn.52 20. Der schlaue Husar.53 21. Ein Seeabenteuer des Freiherrn von Münchhausen . 55 22. Das Branntweingläslein.62 VII Seite 23. Schalk wird mit Schalk gefangen.63 24. Der Wegweiser.65 25. Das Landsturmweiblein und der Osfizier ... 67 26. Der Rekrut.69 27. Gleiche Brüder.72 28. Der strenge Wachtmeister.72 29. Der gläserne Jude.73 30. Hier lernt man Französisch.74 31. Schlechter Lohn.75 32. Der kann Deutsch.76 33. Nur drei Worte.77 34. Der Kerbschnitt.78 35. Dankbarkeit.79 36. Eulenspicgel als Turmbläser.80 37. Der silberne Löffel.83 38. St Nimmerleinstag.85 39. Untreue schlägt den eigenen Herrn.88 40. Der Hasenkampf auf des gehörnten Siegfried Hochzeit 91 41. König Friedrichs Leibhusar.99 42. Der Jäger von Soest.100 I. Der preußische Reiter. ^^n einem bei Jena liegenden Dorfe erzählte mir auf einer Reise nach Frankfurt der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht (am 14. Oktober 1806) um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte, und versicherte mir, daß, wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgefochten, so tapfer gewesen wären wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren. Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof und rief: „Herr Wirt!" und da ich fragte: Was gibt's? „Ein Glas Brannte- wein!" antwortete er, indem er sein Schwert in die Scheide wirft: „Mich dürstet." Gott im Himmel! sag' ich. Will Er machen, Freund, daß Er wegkömmt I Die Franzosen sind ja dicht vor dem Dorf! „Ei was!" spricht er, indem er dem Pferde die Zügel über den Hals legt. „Ich habe den ganzen Tag nichts genossen!" Mohr. KrieMchwänke rc. 1 1 Nun, Er ist, glaub' ich, vom Satan besessen I — He, Liese I rief ich, und schaff ihm eine Flasche Danziger herbei, und sage: Dal und will ihm die ganze Flasche in die Hand drucken, damit er nur reite. „Ach was!" spricht er, indem er die Flasche wegstößt und sich den Hut abnimmt. „Wo soll ich mit dem Quark hin?" Und: „Schenk Er einl" spricht er, indem er sich den Schweiß von der Stirn abtrocknet, „denn ich habe keine ZeitI" Nun, Er ist ein Kind des Todes, sag' ich. Da, sag' ich, und schenk' ihm ein: Da! Trink' Er und reit' Erl Wohl mag's Ihm bekommenI „Noch eins!" spricht der Kerl, während die Schüsse schon von allen Seiten ins Dorf prasseln. Ich sage: Noch eins? Plagt Ihn—I „Noch eins!" spricht er und streckt mir das Glas hin — „und gut messen", spricht er, indem er sich den Bart wischt und sich vom Pferde herab schneuzt; „denn es wird bar bezahlt!" Ei, mein' Seel', so wollt' ich doch, daß Ihn —I Da, sag' ich und schenk' ihm noch, wie er verlangt, ein zweites und schenk' ihm, wie er getrunken, noch ein drittes ein und frage: Ist Er nun zufrieden? „Achl" schüttelt sich der Kerl. „Der Schnaps ist gut! Na", spricht er und setzt sich den Hut auf: „Was bin ich schuldig?" Nichts I Nichts I versetz' ich. Pack' Er sich ins Teufels Namen; die Franzosen ziehen augenblicklich ins Dorf! „Nal" sagt er, indem er in seinen Stiefel greift, „so soll's Ihm Gott lohnen." Und holt aus dem Stiefel einen Pfeifenstnmmel hervor und spricht, nachdem er den Kopf ausgeblasen: „Schaff' Er 2 mir Feuer I" Feuer? sag'ich. Plagt Ihn—? „Feuer, ha", spricht er; „denn ich will mir eine Pfeife Tabak anmachen." Ei, den Kerl reiten Legionen —I He, Liese, ruf' ich das Mädchen, und während der Kerl sich die Pfeife stopft, schafft das Mensch ihm Feuer. „Na", sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich anschmaucht, im Maul, „nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen I" Und damit, indem er sich den Hnt in die Augen drückt und znm Zügel greift, wendet er das Pferd und zieht vom Leder. Ein Mordskerl I sag' ich; ein der- fluchter, Verwetterter Galgenstrick! Will Er sich's in Henkers Namen scheren, wo Er hingehört? Drei Chasseurs — sieht Er nicht? halten ja schon vor dem Tori „Ei was!" spricht er, indem er ausspuckt, und faßt die drei Kerls blitzend ins Auge. „Wenn ihrer zehn wären, ich fürcht' mich nicht." Und in dem Augenblick reiten auch die drei Franzosen schon ins Dorf. „Bassa Ma- nelka!" ruft der Kerl und gibt seinem Pferd die Sporen und sprengt auf sie ein; sprengt, so wahr Gott helfe, auf sie ein und greift sie, als ob er das ganze Hohen- lohische Korps hinter sich hätte, an, dergestalt, daß, da die Chasseurs, ungewiß, ob nicht noch mehr Deutsche im Dorf sein mögen, einen Augenblick wider ihre Gewohnheit stutzen, er, mein' Seel', ehe man noch eine Hand umkehrt, alle drei vom Sattel haut, die Pferde, die auf dem Platz herumlaufen, aufgreift, damit bei mir vorbeisprengt und „Bassa Terententeml" ruft, und: „Sieht 1 » Er wohl, Herr Wirt?" und „Adies!" und „Auf Wiedersehn!" und „Hohol hohol hoho!"- So einen Kerl, sprach der Wirt, habe ich Zeit meines Lebens noch nicht gesehen. 2. Hochzeit auf der Schildwache. Ein Regiment, das sechs Wochen lang in einem Dorfbezirk in Kantonierung gelegen war, bekam unversehens in der Nacht um 2 Uhr Befehl zum plötzlichen Aufbruch. Also war um 3 Uhr schon alles auf dem Marsch, bis auf eine einsame Schildwache draußen im Feld, die in der Eile vergessen wurde und stehen blieb. Dem Soldaten auf der einsamen Schildwache wurde jedoch zuerst die Zeit nicht lang, denn er schaute die Sterne an und dachte: „Glitzert ihr, solange ihr wollt, ihr seid doch nicht so schön als zwei Augen, welche jetzt schlafen in der unteren Mühle." Gegen 5 Uhr jedoch dachte er: „Es könnte jetzt bald drei sein." Allein niemand wollte kommen, um ihn abzulösen. Die Wachtel schlug, der Dorfhahn krähte, die letzten Sterne, die selbigen Morgen noch kommen wollten, waren aufgegangen, der Tag erwachte, die Arbeit ging ins Feld, aber noch stand unser Musketier unabgelöst auf seinem Posten. Endlich sagte ihm ein Bauersmann, der auf seinen Acker wandelte, das ganze Bataillon sei ausmarschiert schon um 3 Uhr, kein Gamaschenknopf sei mehr im Dorf, noch weniger der Mann dazu. Also ging der Musketier unabgelöst selber ins Dorf zurück. Des Hausfreunds Meinung 4 wäre, er hätte jetzt den Doppelschritt anschlagen und dem Regiment nachziehen sollen. Allein der Musketier dachte: „Brauchen sie mich nimmer, so brauch' ich sie auch nimmer." Zudem dachte er: Es ist nicht zu trauen. Wenn ich ungerufen komme und mich selber abgelöst habe, so kann's spanische Nudeln absetzen; er meinte Röhrlein. Zudem dachte er: Der untere Müller hat ein hübsches Mägdlein, und das Mägdlein hat einen hübschen Mund, und der Mund hat holde Küsse. Also zog er das blaue Röcklein aus und verdingte sich in dem Dorf als Bauernknecht, und wenn ihn jemand fragte, so antwortete er wie jener Hüninger Deserteur, es sei ihm ein Unglück begegnet, sein Regiment sei ihm abhanden gekommen. Brav war der Bursche, hübsch war er auch, und die Arbeit ging ihm aus den Händen flink und recht. Zwar war er arm, aber desto besser schickte sich für ihn des Müllers Töchterlein, denn der Müller hatte Batzen. Kurz, die Heirat kam zustande. Also lebte das junge Paar in Liebe und Frieden glücklich beisammen und bauten ihr Nestlein. Nach Verlauf von einem Jahr aber, als er eines Tages von dem Felde heimkam, schaute ihn seine Frau bedenklich an: „Fridolin, es ist jemand dagewesen, der dich nicht freuen wird." — „Wer?" — „Der Quartiermacher von deinem Regiment; in einer Stunde sind sie wieder da." Der alte Vater lamentierte, die Tochter lamentierte und sah mit nassen Augen ihren Säugling an. Denn überall gibt es Verräter. Der Fridolin aber nach kurzem Schrecken 5 sagte: „Laßt mich gewähren. Ich kenne den Obrist." Also zog er das blaue Röcklein wieder an, das er zum ewigen Andenken hatte aufbewahren wollen, und sagte seinem Schwiegervater, was er tun soll. Hernach nahm er das Gewehr auf die Achsel und ging wieder auf seinen Posten. Als aber das Bataillon eingerückt war, trat der alte Müller vor den Obristen. „Habt doch ein Einsehen, Herr General, mit dem armen Menschen, der vor einem Jahr auf den Posten gestellt worden ist draußen an der Waldspitze. Ist es auch permittiert, eine Schild- wache ein geschlagenes Jahr lang stehen zu lassen auf dem nämlichen Fleck und nicht abzulösen." Da schaut der Obrist den Hauptmann an, der Hauptmaun schaute den Unteroffizier an, der Unteroffizier den Gefreiten, und die halbe Kompagnie, alte gute Bekannte des Vermißten, liefen hinaus, die einjährige Schildwache zu sehen, und wie der arme Mensch müsse zusammengeschmoret sein, gleich einem Borstdorfer Apfelein, das schon vier Jahre am Baum hängt. Endlich kam auch der Gefreite, der nämliche, der ihn vor zwölf Monaten auf den Posten geführt hatte, und löste ihn ab: „Präsentiert das Gewehr, das Gewehr auf die Schulter, Marsch", nach soldatischem Herkommen und Gesetz. Hernach mußte er vor dem Obristen erscheinen, und seine junge, hübsche Frau mit ihrem Säugling auf den Armen begleitete ihn und mußten ihm alles erzählen. Der Obriste aber, der ein gütiger Herr war, schenkte ihm einen Federntaler und half ihm hernach zu seinem Abschied. 6 3. Seltsame Jagdpacht. Ein böser Streich, den man einem andern spielt, ist ein böser Streich, und wenn er gleich eine lustige Jacke trägt wie ein Hanswurst. Aber lachen muß man. — Solch ein lustiges Stücklein erzählt man von einem Franzosen, der, wie der Leser merken wird, ein rechter Filu war. Der war bei einem Bauern im Quartier. Nachmittags, wie er hinter dem Ofen lag — die Fliegen ließen ihm nicht Ruh' und Rast —, dachte er aus Langeweile daran, wie er seinem Wirte einen Possen spielen und ihm auf gute Manier einen dicken Taler oder zwei aus der Tasche praktizieren könnte. Auf böse Einfälle kommt mau leichter als auf gute, absonderlich bei dem Müßiggang. Nun sagte er zum Bauern: „Wirt, ick will dir ab kauf die Fliegen in der Stube." Der Bauer meinte, der Soldat wolle ihn foppen, und sagte, er gebe sie ihm umsonst und er solle sie nur alle totschlagen, es geschehe ihm damit ein Gefallen. „Nein", sagte der Soldat, „umsonst ick nit mag, aber ick will kaufen sie, wenn Sie will, um einen dicken Taler." Der Bauer dachte sich: Ist der Soldat ein Narr, so ist er's in meinen Sack, und er sagte, wenn er so wolle, ihm sei's ganz recht. Der Soldat gab ihm den Taler, und der Bauer steckte ihn lachend ein. Er hatte aber bald Ursache, mehr zu weinen als zu lachen. Denn der Sol- dat holte jetzt seine Muskete hinter dem Ofen hervor, lud sie mit Schrot und schoß mir nichts dir nichts auf das Getäfel, wo die meisten Fliegen hockten, daß es 7 krachte und die Fenster davon klirrten. „Ums Himmels willen, was macht Ihr?" rief der erschrockene Bauer. „Ick schieß tot die Fliegen, die ick Hab Euch abgekauft", sagte der Franzose ganz ernsthaft, als ob sich das so von selbst verstünde; und er lud wiederum und legte nochmals an. Da fiel der Bauer ihm in die Arme und auf die Knie und bat ihn bei allen Heiligen, er sollte doch sein Haus verschonen und ihn nicht unglücklich machen. Der Soldat gab ihm zu verstehen: Solle er auf sein Recht Verzicht leisten, so müsse er Entschädigung haben und Gewinn obendrein; und er verlangte noch- mals so viel, als er dem Bauern gegeben hatte. Dem mochte es lieb sein oder nicht, er mußte sich den Handel gefallen lassen und bezahlen, was jener wollte. Und so merkte er denn zu spät, daß der Franzose kein Narr sei, oder wenn auch ein Narr, doch in seinen Sack. Lustig ist der Streich, und man muß lachen. Aber der redliche Leser denkt sich dabei : Ein Filu war er doch, der Franzose, und ich denk's auch. 4. Der Furtwanger in Philippsburg. Im Jahre 1734, als der Franzos Sturm lief auf Philippsburg, und die Reichstruppen lagen darin, steht ein Rekrut, ein Furtwanger, auf einem einsamen Posten seitwärts vom Angriff und denkt: „Wenn's nur nicht hierher kommt I" Indem wächst ganz leise eine französische Grenadierkappe hinter dem Rempart herauf, und kommt ein Kopf nach mit einem Schnauzbart, wie wenn 8 der Mond aufgeht hinter den Bergen. Denn ein paar Dutzend Waghälse hatten draußen eine Sturmleiter angelegt, um unbeschrien auf den Rempart zu kommen, und sahen die Schildwache nicht, daß eine da sei. Springt der Furtwanger herbei und gibt dem Franzosen einen Stich. Pfeifen auf einmal Kugeln genug um ihn her aus Windbüchsen, und geht ein zweites Franzosengesicht auf hinter dem Rempart. Gibt ihm der Furtwanger auch einen Stich und sagt: „Aber jetzt kommst du nimmer." Item: es kam der dritte und der vierte und bis zum zwölften. Als der Sturm abgeschlagen war und der Platzkommandant auf dem Platz herumritt, ob alles in der Ordnung sei, sieht er von weitem die Sturmleiter und zwölf tote Franzosen dabei, und wie er zu dem Posten kommt, fragt er den Furtwanger: „Was hat's hier gegeben?" — „So?" sagt der Furtwanger, „Ihr habt gut fragen. Wißt Ihr, daß mir einer mehr zu schaffen gemacht hat als Euch alle? Nur zwölfmal hintereinander hat er angesetzt. Unten im Graben muß er liegen." Denn er meinte, es sei immer der nämliche gewesen, und es könne nur mit dem Bösen zugegangen sein, daß ihm allemal hinter dem Bajonett die Wunde wieder heilte. Da lächelte der Kommandant und die Offiziere, so mit ihm waren, und nahm ihm seinen Unverstand nicht übel, sondern er ließ ihm für jeden ein Halbguldenstück Stechgeld bezahlen, und durfte er überdies selbigen Abend auf Rechnung der Reichs-Operationskasse Wein trinken und Speck essen, soviel er wollte. 5. Am rechten Fleck. In eineni Kriege kam den Schildbürgern der Befehl zu, eine Anzahl Knechte zur Besatzung in die Stadt zu schicken, dem sie auch nachlebten. Einer dieser abgeord- neten Schildbürger, nicht der geringste, begegnete, als er in die Stadt einzog, dem Kuhhirten, der eben seine Unter- tauen, Ochsen, Kühe und Kälber, austreiben wollte; und eine der Kühe berührte den Kriegsmann aus Schilda ein wenig mit ihrem Horn. Erzürnt und mutig zog der Schildbürger den Dolch aus seinem Gürtel, trat gegen die Kuh und sprach: „Bist du eine ehrliche und redliche Kuh, so stoße noch einmall" Womit er diesen Feind glücklich aus dem Wege schlug. Einige Zeit darauf taten die Städter einen Ausfall, um auf den Feind zu streifen und den Bauern Hühner und Gänse abzunehmen. Nun hatte jener Schildbürger kurz zuvor ein Panzerstück, eine Hand breit, gefunden, und weil er sich gerade eine neue Kleidung machen ließ, so befahl er dem Schneider, dieses Blech unter das Futter ins Wams zu vernähen und gerade vor das Herz zu setzen, damit er desto sicherer wäre und auch einen tüch- Ligen Puff aushalten könnte; denn schon früher sei ihm ein solches Glück widerfahren, daß, als er ein halbes Hufeisen gefunden und dasselbe unter den Gürtel gesteckt, er damit einen Schuß aufgefangen, welcher ihm sonst Wohl das Leben gekostet hätte. Der Schneider versprach, es ihm nach Willen zu machen; setzte lächelnd hinzu, er wolle den rechten Fleck mit dem Panzerstücke schon treffen. Wie die Kleidung fertig war, lief der Schildbürger getrost unter den andern hinaus, gute Beute zu erjagen; aber ehe er sich's versah, waren die Bauern über ihn hergefallen und jagten ihn. In der Angst wollte er über einen Zaun setzen, blieb aber mit den Hosen, welche hinten einen Zug hatten, an einem Zaunstecken hängen. Da stach einer der Bauern nach ihm mit der Hellebarde, so daß er vollends über den Zaun hinüberflog. So lag er drüben lange in Todesangst und seiner Meinung nach schwer verwundet. Als aber die Feinde vorüber- gezogcn waren und er nichts von einer Wunde spürte, verwunderte er sich sehr und beschaute seine Hosen, ob nicht wenigstens diese durch und durch gestoßen seien. Da befand sich's, daß der Schneider den rechten Fleck für das Panzerstück ausersehen und es hinten in die Hosen gesetzt und hier ins Futter vernäht hatte. „Ei, nun danke ich Gott", sprach der Kriegsknecht, „und dem klugen Manne, der mir dieses Kleid gemacht hat. Wie fein hat er gewußt, wo einem braven Schildbürger das Herz sitzen mußl" 6. Der ehrliche Name. Ein Rekrut stand auf der Wacht, wie eben der Offizier die Ronde machte, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Da der Rekrut ihn nicht sogleich bemerkte, so rief er ihm von weitem zu: „SchildwachtI" vermeinend, er sollte die Wache ins Gewehr rufen, wie's der Gebrauch ist, wenn die Ronde kommt. Der Rekrut aber rührte 11 sich nicht, der Offizier mochte nun schreien, so oft er wollte: „Schildwacht I Schildwacht I" Endlich ging der Offizier auf ihn zu und fragte ihn zornig: „Heda, hörst du nicht, wenn ich rufe: Schildwacht!" Der Rekrut sagte ganz gleichmütig: „Ich verleugne meinen ehrlichen Namen nicht; ich heiße nicht Schildwacht, sondern Wagendeichsel." 7. Wie einmal ein schönes Notz um fünf Prügel feil gewesen ist. Wenn nicht in Salzwedel, doch anderswo, hat sich folgende wahrhafte Geschichte zugetragen, und der Haus- freund hat's schriftlich. Ein Kavallerieoffizier, ein Rittmeister, kam in ein Wirtshaus. Einer, der schon drin war und ihn hatte vom Pferd absteigen gesehn, ein Hebräer, sagte: „Daß das gar ein schöner Fuchs ist, wo Jhro Gnaden darauf hergeritten sind." „Gefällt er Euch, Sohn Jakobs?" fragte der Offizier. „Daß ich hundert Stockprügel aushielte, wenn er mein wäre", erwiderte der Hebräer. Der Offizier wedelte mit der Reitpeitsche an den Stiefeln. „Was braucht's hundert", sagte er, „Ihr könnt ihn um fünfzig haben." Der Hebräer sagte: „Tun's fünfundzwanzig nicht auch?" — „Auch fünfundzwanzig", erwiderte der Rittmeister — „auch fünfzehn, auch fünf, wenn Ihr daran genug habt." 12 Niemand wußte, ob es Spaß oder Ernst ist. Als aber der Offizier sagte: „Meinetwegen auch fünf", dachte der Hebräer: Hab' ich nicht schon zehn Normalprügel vor dem Amthaus in Günzburg ausgehalten und bin doch noch koscher? — „Herr", sagte er, „Sie sind ein Offizier. Offiziersparole?" Der Rittmeister sprach: „Traut Ihr meinen Worten nicht? Wollt Jhr's schriftlich?" „Lieber wär's mir", sagte der Hebräer. Also beschied der Offizier einen Notarius und ließ durch ihn dem Hebräer folgende authentische Ausfertigung zustellen: „Wenn der Inhaber dieses von gegenwärtigem Herrn Offizier fünf Prügel mit einem tüchtigen Stocke ruhig ansgehalten und empfangen hat, so wird ihm der Offizier seinen bei sich habenden Reitgaul, den Fuchs, ohne weitere Lasten und Nachforderung alsogleich als Eigentum zustellen. So geschehen da und da, den und den." Als der Hebräer die Ausfertigung in der Tasche hatte, legte er sich über einen Sessel, und der Offizier hieb ihm mit einem hispanischen Rohr mitten auf das Hinter- teil dergestalt, daß der Hebräer bei sich selbst dachte: Der kann's noch besser als der Gerichtsdiener in Günzburg, und lautauf Auweih schrie, so sehr er sich vor- genommen hatte, es zu verbeißen. Der Offizier aber setzte sich und trank ruhig ein Schöpp- lein. „Wie tnt's, Sohn Jakobs?" Der Hebräer sagte: „Na, wie tut's, gebt mir die andern noch, so bin ich absolviert." 13 „Das kann geschehen", sprach der Offizier und setzte ihm den zweiten ans, dergestalt, daß der erste nur eine Lockspeise dagegen zu sein schien; darauf setzte er sich wieder und trank noch ein Schöpplein. Also tat er beim dritten Streich, also beim vierten. Nach dem vierten sagte der Hebräer: „Ich weiß nicht, soll ich's Euer Gnaden Dank wissen oder nicht, daß Sie mich einen nach dem andern genießen lassen. Geben Sie mir zum vierten den fünften gleich, fo bin ich des Genusses los, und der Fuchs weiß, an wen er sich zu halten hat." Da sagte der Offizier: „Sohn Jakobs, auf den fünften könnt Ihr lange warten", und stellte das hispanische Nohr ganz ruhig an den Ort, wo er es genommen hatte, und alles Bitten und Betteln um den fünften Prügel war vergebens. Da lachten alle Anwesende, daß man fast das Haus unterstützen mußte, der Hebräer aber wendete sich an den Notarius, er solle ihm zum fünften Prügel verhelfen, und hielt ihm die Verschreibung vor. Der Notarius aber sagte: „Jekeffen, was tu' ich damit? Wenn's der Herr Baron nicht freiwillig tut, in der Verschreibung steht nichts davon, daß er muß." Kurz, der Hebräer wartet noch auf den fünften und auf den Fuchs. Der Hausfreund aber wollt' diesen Mutwillen nicht loben, wenn sich der Hebräer nicht angeboten hätte. Merke: Wer sich zu fünf Schlägen hergibt um Gewinns willen, der verdient, daß er vier bekommt ohne 14 Gewinn. Man muß sich nie um Gewinns willen freiwillig mißhandeln lassen. 8. Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen im Türkenkricge. Ich war einst auf dem prächtigen Landsitze des Grafen Przobofsky in Litauen und blieb im Staatszimmer bei den Damen zum Tee, indessen die Herren hinunter in den Hof gingen, um ein junges Pferd von Geblüte zu besehen, welches soeben aus der Stuterei angelangt war. Plötzlich hörten wir einen Notschrei. — Ich eilte die Treppe hinab und fand das Pferd so wild und unbändig, daß niemand sich getraute, sich ihm zu nähern oder es zu besteigen. Bestürzt und verwirrt standen die entschlossensten Reiter da; Angst und Besorgnis schwebten auf allen Gesichtern, als ich mit einem einzigen Sprunge auf seinem Rücken saß und das Pferd durch diese Über- raschung nicht nur in Schrecken setzte, sondern es auch durch Anwendung meiner besten Reitkünste gänzlich zu Ruhe und Gehorsam brachte. Um dies den Damen noch besser zu zeigen und ihnen alle unnötige Besorgnis zu ersparen, so zwang ich den Gaul, durch eins der offenen Fenster des Teezimmers mit mir hineinzusetzen. Hier ritt ich nun verschiedenemal, bald Schritt, bald Trott, bald Galopp, herum, setzte endlich sogar auf den Teetisch und machte da im kleinen überaus artig die ganze Schule durch, worüber sich denn die Damen ganz ausnehmend ergötzten. Mein Rößchen machte alles so bewunderns- l5 würdig geschickt, daß es weder Kannen noch Tassen zerbrach. Dies setzte mich bei den Damen und dem Herrn Grafen so hoch in Gunst, daß er mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit mich bat, das junge Pferd zum Geschenke von ihm anzunehmen und auf selbigem in dem Feldzuge gegen die Türken, welcher in kurzem unter Anführung des Grafen Münnich eröffnet werden sollte, auf Sieg und Eroberung auszureiten. Ein angenehmeres Geschenk hätte mir nun wohl nicht leicht gemacht werden können, besonders da es mir so viel Gutes von einem Feldzuge weissagte, in welchem ich mein erstes Probestück als Soldat ablegen wollte. Ein Pferd, so gefügig, so mutvoll und feurig — Lamm und Bucephal zugleich —, mußte mich allezeit an die Pflichten eines braven Soldaten und an die erstaunlichen Taten erinnern, welche der junge Alexander im Felde verrichtet hatte. Wir zogen, wie es scheint, unter anderem auch in der Absicht zu Felde, um die Ehre der russischen Waffen, welche in dem Feldzuge unter Zar Peter am Pruth ein wenig gelitten hatte, wiederherzustellen. Dieses gelang uns auch vollkommen durch verschiedene zwar mühselige, aber doch rühmliche Feldzüge unter Anführung des großen Feldherrn, dessen ich vorhin erwähnte. Die Bescheidenheit verbietet es Subalternen, sich große Taten und Siege zuzuschreiben, wovon der Ruhm gemeiniglich den Anführern, ihrer Alltagsqualitäten ungeachtet, ja wohl gar verkehrt genug Königen und 16 Königinnen in Rechnung gebracht wird, welche niemals anders als Musterungspulver rochen, nie außer ihren Wachtparaden ein Heer in Schlachtordnung erblickten. Ich mache also keinen besondern Anspruch an die Ehre von unfern größeren Affären mit dem Feinde. Wir taten insgesamt unsere Schuldigkeit, welches in der Sprache des Patrioten, des Soldaten und kurz des braven Mannes ein sehr viel umfassender Ausdruck, ein Ausdruck von sehr wichtigem Inhalt und Belang ist, obgleich der große Haufen müßiger Kannegießer sich nur einen sehr geringen und ärmlichen Begriff davon machen mag. Da ich indessen ein Korps Husaren unter meinem Kommando hatte, so ging ich auf verschiedene Expeditionen aus, wo das Verhalten meiner eigenen Klugheit und Tapferkeit überlassen war. Den Erfolg hiervon, denke ich denn doch, kann ich mit gutem Fug auf meine eigene und die Rechnung derjenigen braven Gefährten schreiben, die ich zu Sieg und Eroberung führte. Einst, als wir die Türken in Oczakow Hineintrieben, ging's bei der Avantgarde sehr heiß her. Mein feuriger Litauer hätte mich beinahe in des Teufels Küche gebracht. Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anrücken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht gänzlich in Ungewißheit blieb. Mich in eine ähnliche Wolke von Staub einzuhüllen, wäre freilich wohl ein Alltagspfiff gewesen, würde mich aber ebenso- wenig klüger gemacht als überhaupt der Absicht näher 17 Mohr, KrieaSschwüiike ic. 2 gebracht haben, warum ich voransgeschickt war. Ich ließ daher meine Flankeurs zur Linken und Rechten auf beiden Flügeln sich zerstreuen und so viel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Dies gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinen Flankeurs ihn in Unordnung zurücktrieb. Nun war's Zeit, tapfer über ihn herzufallen. Wir zerstreuten ihn völlig, richteten eine gewaltige Niederlage an und trieben ihn nicht allein in seine Festung zu Loche, sondern auch durch und durch, ganz über und Wider unsere blutgierigsten Erwartungen. Weil nun mein Litauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, daß der Feind so hübsch zum gegenseitigen Tore wieder hinausfloh, so hielt ich's für ratsam, auf dem Marktplatze anzuhalten und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an, aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter noch irgend eine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. — „Sprengen sie etwa durch andere Straßen? Oder was ist aus ihnen geworden?" dachte ich. — Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern sein und mußten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen atemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißdurste, der gar nicht zu löschen war. Allein das ging ganz natürlich zu. Denn als ich mich 18 nach meinen Leuten umsah, was meint ihr wohl, ihr Herren, was ich da erblickte? — Der ganze Hinterteil des armen Tieres, Kreuz und Lenden waren fort und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser ebenso wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne daß es dem Gaul zugute kam oder ihn erfrischte. Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein völliges Rätsel, bis endlich mein Reitknecht von einer ganz entgegengesetzten Seite angejagt kam und unter einem Strome von treuherzigen Glückwünschen und kräftigen Flüchen mir folgendes zu vernehmen gab. Als ich mit dem fliehenden Feinde hereingedrungen wäre, hätte man plötzlich das Schutzgatter fallen lassen, und dadurch wäre der Hinterteil meines Pferdes rein abgeschlagen worden. Erst hätte besagter Hinterteil unter den Feinden, die ganz blind und taub gegen das Tor angestürzt wären, durch beständiges Ausschlagen die fürchterlichste Verheerung angerichtet, und dann wäre er siegreich nach einer nahe gelegenen Weide hingewandert, wo ich ihn wahrscheinlich noch finden würde. Ich drehte sogleich um, und in einem unbegreiflich schnellen Galopp brachte mich die Hälfte meines Pferdes, die mir noch übrig war, nach der Weide hin. Zu meiner großen Freude fand ich hier die andere Hälfte gegenwärtig. Da ich so unwidersprechliche Beweise hatte, daß in beiden Hälften meines Pferdes Leben sei, so ließ ich sogleich unfern Kurschmied rufen. Dieser heftete, ohne sich lange zu besinnen, beide Teile mit jungen Lorbeer- 19 t 2 sprößlingen, die gerade bei der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte glücklich zu; und es begab sich etwas, das nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. Nämlich die Sprossen schlugen Wurzel in seinem Leibe, wuchsen empor und wölbten eine Laube über mir, so daß ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeeren tun konnte. Einer andern kleinen Ungelegenheit von dieser Affäre will ich nur beiläufig erwähnen. Ich hatte so heftig, so lange, so unermüdet auf den Feind losgehauen, daß mein Arm dadurch endlich in eine unwillkürliche Be- wegung des Hauens geraten war, als der Feind schon längst über alle Berge war. Um mich nun nicht selbst oder meine Leute, die mir zu nahe kamen, für nichts und wieder nichts zu prügeln, sah ich mich genötigt, meinen Arm an die acht Tage lang ebensogut in der Binde zu tragen, als ob er mir halb abgehauen gewesen wäre. Einem Manne, meine Herren, der einen Gaul, wie mein Litauer war, zu reiten vermochte, können Sie auch wohl noch ein anderes Voltigier- und Reiterstückchen zu- trauen, welches außerdem vielleicht ein wenig fabelhaft klingen möchte. Wir belagerten nämlich, ich weiß nicht mehr welche Stadt, und dem Feldmarschall war ganz erstaunlich viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung stünden. Es schien äußerst schwer, ja fast unmöglich, durch alle Vorposten, Wachen und Festungswerke hineinzugelangen, auch war eben kein 20 tüchtiges Subjekt vorhanden, wodurch man so was glücklich auszurichten hätte hoffen können. Vor Mut und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch stellte ich mich neben eine der größten Kanonen, die soeben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui auf die Kugel, in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen. Als ich aber halbwegs durch die Luft geritten war, stiegen mir allerlei nicht unerhebliche Bedenklichkeiten zu Kopfe. „Hm", dachte ich, „hinein kommst du nun wohl, allein wie hernach sogleich wieder heraus? Und wie kann's dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als einen Spion erkennen und an den nächsten Galgen hängen. Ein solches Bett der Ehren wollte ich mir denn doch wohl verbitten." Nach diesen und ähnlichen Betrachtungen entschloß ich mich kurz, nahm die glückliche Gelegenheit wahr, als eine Kanonenkugel aus der Festung einige Schritte weit von mir vorüber nach unserem Lager flog, sprang von der meinigen auf diese hinüber und kam, zwar unverrichteter Sache, jedoch wohlbehalten bei den lieben Unsrigen wieder an. So leicht und fertig ich im Springen war, so war es auch mein Pferd. Weder Graben noch Zäune hielten mich jemals ab, überall den geradesten Weg zu reiten. Einst setzte ich darauf hinter einem Hasen her, der querfeldein über die Heerstraße lief. Eine Kutsche mit zwei schönen Damen fuhr diesen Weg gerade zwischen mir und dem Hasen vorbei. Mein Gaul setzte so schnell und ohne Anstoß mitten durch die Kutsche hindurch, wovon 21 die Fenster aufgezogen waren, daß ich kaum Zeit hatte, meinen Hut abzuziehen und die Damen wegen dieser Freiheit untertänigst um Verzeihung zu bitten. Ein anderes Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich her- gekommen war, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloß, wieder herausgezogen hätte. Trotz aller meiner Tapferkeit und Klugheit, trotz meiner und meines Pferdes Schnelligkeit, Gewandtheit und Stärke ging's mir in dem Türkenkriege doch nicht immer nach Wunsch. Ich hatte sogar das Unglück, durch die Menge übermannt und zum Kriegsgefangenen gemacht zu werden. Ja, was noch schlimmer war, aber doch immer unter den Türken gewöhnlich ist, ich wurde zum Sklaven verkauft. In diesem Stande der Demüti- gung war mein Tagewerk nicht sowohl hart und sauer, als vielmehr seltsam und verdrießlich. Ich mußte nämlich des Sultans Bienen alle Morgen auf die Weide treiben, sie daselbst den ganzen Tag lang hüten und dann gegen Abend wieder zurück in ihre Stöcke treiben. 22 Eines Abends vermißte ich eine Biene, wurde aber sogleich gewahr, daß zwei Bären sie angefallen hatten und ihres Honigs wegen zerreißen wollten. Da ich nun nichts anderes Waffenähnliches in Händen hatte als die silberne Axt, welche das Kennzeichen der Gärtner und Landarbeiter des Sultans ist, so warf ich diese nach den beiden Räubern, bloß in der Absicht, sie damit wegzuscheuchen. Die arme Biene setzte ich auch wirklich dadurch in Freiheit; allein durch einen unglücklichen, allzu starken Schwung meines Armes flog die Axt in die Höhe und hörte nicht auf zu steigen, bis sie im Monde niederfiel. Wie sollte ich sie nun wiederkriegen? Mit welcher Leiter auf Erden sie herunterholen? Da fiel mir ein, daß die türkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen Höhe emporwüchsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich emporwuchs und sich an eines von des Mondes Hörnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor, wo ich auch glücklich anlangte. Es war ein ziemlich mühseliges Stückchen Arbeit, meine silberne Axt an einem Orte wiederzufinden, wo alle andern Dinge gleichfalls wie Silber glänzten. Endlich aber fand ich sie doch auf einem Haufen Spreu und Häckerling. Nun wollte ich wieder zurückkehren, aber ach, die Sonnenhitze hatte indessen meine Bohne aufgetrocknet, so daß daran schlechterdings nicht wieder herabzusteigen war. Was war nun zu tun? — Ich flocht mir einen Strick von dem Häckerling, so lang ich ihn nur immer machen konnte. Diesen 23 befestigte ich an eines von des Mondes Hörnern und ließ mich daran herunter. Mit der rechten Hand hielt ich mich fest, und in der linken führte ich meine Axt. Sowie ich nun eine Strecke hinuntergeglitten war, so hieb ich immer das überflüssige Stück über mir ab und knüpfte dasselbe unten wieder an, wodurch ich denn ziemlich weit herunter gelangte. Dieses wiederholte Abhauen und Anknüpfen machte nun freilich den Strick ebenso- wenig besser, als es mich völlig herab auf des Sultans Landgut brachte. Ich mochte wohl noch ein paar Meilen weit droben in den Wolken sein, als mein Strick auf einmal zerriß und ich mit solcher Heftigkeit herab zu Gottes Erdboden fiel, daß ich ganz betäubt davon wurde. Durch die Schwere meines von einer solchen Höhe herabfallenden Körpers fiel ich ein Loch, wenigstens neun Klafter tief, in die Erde hinein. Ich erholte mich zwar endlich wieder, wußte aber nun nicht, wie ich wieder herauskommen sollte. Allein was tut nicht die Not? Ich grub mir mit meinen Nägeln, deren Wuchs damals vierzigjährig war, eine Art von Treppe und förderte mich dadurch glücklich zu Tage. Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ich's nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigstöcken stiegen, loszuwerden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, 24 kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so be- gierig an zu lecken, daß er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinaufgeleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Über dies Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ungefähr vorbeispazierte, fast tot- lachen. Nicht lange hierauf machten die Russen mit den Türken Frieden, und ich wurde nebst andern Kriegsgefangenen wieder nach St Petersburg ausgeliefert. Ich nahm aber nun meinen Abschied und verließ Rußland um die Zeit der großen Revolution vor etwa vierzig Jahren, da der Kaiser in der Wiege nebst seiner Mutter uud ihrem Vater, dem Herzoge von Braunschweig, dem Feldmarschall von Münnich und vielen andern nach Sibirien geschickt wurden. Es herrschte damals über ganz Europa ein so außerordentlich strenger Winter, daß die Sonne eine Art von Frostschaden erlitten haben muß, woran sie seit der ganzen Zeit her bis auf den heutigen Tag gesiecht hat. Ich empfand daher auf der Rückreise in mein Vaterland weit größeres Ungemach, als ich auf meiner Hinreise nach Rußland erfahren hatte. Ich mußte, weil mein Litauer in der Türkei geblieben war, mit der Post reisen. Als sich's nun fügte, daß wir an einen engen hohlen Weg zwischen hohen Dorn- 25 Hecken kamen, so erinnerte ich den Postillon, mit seinem Horne ein Zeichen zu geben, damit wir uns in diesem engen Passe nicht etwa gegen ein anderes entgegenkommendes Fuhrwerk festfahren mochten. Mein Kerl setzte an und blies aus Leibeskräften in das Horn, aber alle seine Bemühungen waren umsonst. Nicht ein einziger Ton kam heraus, welches uns ganz unerklärlich, ja in der Tat für ein rechtes Unglück zu achten war, indem bald eine andere uns entgegenkommende Kutsche auf uns stieß, vor welcher nun schlechterdings nicht vorbeizukommen war. Nichtsdestoweniger sprang ich aus meinem Wagen und spannte zuvörderst die Pferde aus. Hierauf nahm ich den Wagen nebst den vier Rädern und allen Päckereien auf meine Schultern und sprang damit über Ufer und Hecke, ungefähr neun Fuß hoch, welches in Rücksicht auf die Schwere der Kutsche eben keine Kleinigkeit war, auf das Feld hinüber. Durch einen andern Rücksprung gelangte ich, die fremde Kutsche vorüber, wieder in den Weg. Darauf eilte ich zurück zu unfern Pferden, nahm unter jeden Arm eins und holte sie auf die vorige Art, nämlich durch einen zweimaligen Sprung hinüber und herüber, gleichfalls herbei, ließ wieder anspannen und gelangte glücklich am Ende der Station zur Herberge. Noch hätte ich anführen sollen, daß eins von den Pferden, welches sehr mutig und nicht über vier Jahre alt war, ziemlichen Unfug machen wollte. Denn als ich meinen zweiten Sprung über die Hecke tat, so verriet es durch sein Schnauben und Trampeln ein großes 26 Mißbehagen an dieser heftigen Bewegung. Dies verwehrte ich ihm aber gar bald, indem ich seine Hinterbeine in meine Rocktasche steckte. In der Herberge erholten wir uns wieder von unserem Abenteuer. Der Postillon hängte sein Horn an einen Nagel beim Küchenfeuer, und ich setzte mich ihm gegenüber. Nun hört, ihr Herren, was geschah! Auf einmal ging's: Tereng l tereng l teng l teng l Wir machten große Augen und fanden nun auf einmal die Ursache aus, warum der Postillon sein Horn nicht hatte blasen können. Die Töne waren in dem Horne festgefroren und kamen nun, so wie sie nach und nach auftauten, hell und klar zu nicht geringer Ehre des Fuhrmanns heraus. Denn die ehrliche Haut unterhielt uns nun eine ziemliche Zeitlang mit der herrlichsten Modulation, ohne den Mund an das Horn zu bringen. Da hörten wir den preußi- schen Marsch — Ohne Lieb' und ohne Wein — Als ich auf meiner Bleiche — Gestern abend war Vetter Michel da — nebst noch vielen andern Stückchen, auch sogar das Abendlied : Nun ruhen alle Wälder. — Mit diesem letzten endigte sich denn dieser Tauspaß, so wie ich hiermit meine russische Reisegeschichte. 9. Der verlegene Magistrat. Ein Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit ohne Erlaubnis seines Offiziers die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des Adels wegen von großer 27 Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig macht, nach einem feststehenden Gebrauch zu einer bloßen Geldstrafe, die er an die Stadtkasse zu erlegen hat, verurteilt wird. Der besagte Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, erklärte zur großen Bestürzung des Magistrats, daß er, weil es ihm einmal zukomme, dem Gesetz gemäß sterben wolle. Der Magistrat, der ein Mißverständnis vermutete, schickte einen Deputierten an den Kerl ab und ließ ihm bedeuten, um wieviel vor- teilhafter es für ihn wäre, einige Gulden Geld zu erlegen als arkebusiert (erschossen) zu werden. Doch der Kerl blieb dabei, daß er seines Lebens müde sei und daß er sterben wolle: dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh war, als er erklärte, daß er bei so bewandten Umständen am Leben bleiben wolle. 10. Der Zundelfrieder und die Stadtsoldaten. Als der Zundelfrieder bald alle listigen Diebesstreiche durchgemacht und fast ein Überleid daran bekommen hatte, denn der Zundelfrieder stiehlt nie aus Not oder aus Gewinnsucht oder aus Liederlichkeit, sondern aus Liebe zur Kunst und zur Schärfung des Verstandes — eines 28 Abends, als er, wie gesagt, fast alles durchgemacht hatte, dachte er: „Jetzt will ich doch auch einmal probieren, wie weit man mit der Ehrlichkeit kommt." Also stahl er in selbiger Nacht eine Geiß, drei Schritte von der Scharwache, und ließ sich attrapieren. Den andern Tag im Verhör gestand er alles. Wie er aber bald merkte, daß ihm der Richter fünfundzwanzig oder etwas zum Andenken wollte mitgeben lassen, dachte er: Ich bin noch nicht ehrlich genug. Deswegen ver- schnappte er sich noch ein wenig in den Redensarten und gestand bei der weiteren Untersuchung nach kurzem Widerstand, wie er von jeher ein halber Kakerlak gewesen sei, das heißt ein Mensch, der bei Nacht fast besser sieht als am Tag, und als ihn der Richter aufs Eis führen wollte, ob er nicht noch von ein paar andern Diebstählen wisse, die kürzlich begangen worden, sagte er, allerdings wisse er davon und er sei derjenige. Als ihm den andern Morgen der Spruch publiziert wurde, er müsse ins Zuchthaus, und der Stadtsoldat, der ihn begleiten sollte, stand schon vor der Tür, denn es war zwanzig Stunden weit, sagte er ganz reumütig: „Recht findet seinen Knecht. Was ich verdient habe, wird mir werden." Unterwegs erzählte er dem Stadtsoldaten, er sei auch schon Militär gewesen. „Bin ich nicht sechs Jahre bei Klebeck Infanterie in Dienst gewesen? Könnt' ich Euch nicht sieben Wunden zeigen aus dem Scheldekrieg, den der Kaiser Joseph mit den Holländern führen wollte?" 29 Der treuherzige Begleiter sagte: „Ich hab's nie weiter bringen können als zum Stadtsoldaten. Eigentlich war' ich ein Nagelschmied. Aber die Zeiten sind schlimm." — „Im Gegenteil", sagte der Frieder, „ein Stadtsoldat ist mir respektabler als ein Feldsoldat. Denn Stadt ist mehr als Feld, deswegen avanciert der Feldsoldat in seinem Alter noch zum Stadtsoldaten. Zudem, der Stadt- soldat wacht für seiner Mitbürger Leben und Eigentum, für eigen Weib und Kind. Der Kriegssoldat zieht hinaus ins Feld und kämpft, er weiß nicht für wen und nicht für was. Zudem", sagt er, „kann ein Stadtsoldat, wenn er nichts Ungeschicktes begangen hat, mit Ehren sterben, wann er will. Unsereiner muß sich schon drum totstechen lassen. Ich versichere Euch", fuhr er fort, „ich und meine Feinde (er meinte die Strickreiter), wir haben wenig Ehre davon, daß ich noch lebe." Der Nagelschmied wurde über diese ehrenvolle Vergleichung so gerührt, daß er bei sich selbst dachte, einen so gütigen und herablassenden Arrestanten habe er noch nicht leicht transportiert, und der Frieder ging immer mit großen Schritten voraus, um den Nagelschmied recht müde und trocken zu machen in der Sonnenhitze. „Darin unterscheiden sich die Feldsoldaten von den Stadtsoldaten", sagte er, „daß sie an einen weiten Schritt gewöhnt sind von dem Marsch." Abends um 4 Uhr, als sie in ein Dörflein kamen und an ein Wirtshaus, „Kamerad", sagte der Frieder, „wollen wir nicht einen Schoppen trinken?" — „Herr 30 Kamerad", erwiderte der Nagelschmied, „was ihm recht ist, ist mir auch recht." Also tranken sie miteinander einen Schoppen, auch eine halbe Maß, auch eine Maß, auch zwei, und Brüderschaft ohnehin, und der Frieder erzählte immerfort von seinen Kriegsaffären, bis der Nagelschmied vor Schwere des Weins und Müdigkeit einschlief. Als er nach einigen Stunden wieder aufwachte und den Frieder nimmer sah, war sein erster Gedanke : „Was gilt's, der Herr Bruder ist alsgemach vorausgegangen." Nein, er stand nur ein wenig draußen vor der Türe, denn der Frieder geht nicht leicht leer fort. Als er wieder hereinkam, sagte er: „Herr Bruder, der Mond will bald aufgehen. Wenn es dir recht ist, so bleiben wir lieber hier über Nacht." Der Nagelschmied, schläfrig und träge, sagte: „Wie der Herr Bruder meint." In der Nacht, als der Nagelschmied fest schlief und alle Töne aus dem Baß in den Diskant und wieder in den Baß durchschnarchte, der Frieder aber nicht schlafen konnte, stand der Frieder auf, visitierte für Zeitvertreib des Herrn Bruders Taschen und fand unter andern das Schreiben, das wegen seiner dem Stadtsoldaten an den Zuchthaus- verwalter war mitgegeben worden. Hierauf probierte er für Zeitvertreib des Herrn Bruders neue Montur- stiefeln au. Sie waren ihm recht. Hierauf ließ er sich für Zeitvertreib durch das Fenster auf die Gasse herab und ging des geraden Wegs fort, so weit ihm der Mond leuchtete. 31 Als der Nagelschmied früh erwachte und den Herr Bruder nimmer gewahr wurde, dachte er: „Er wird wieder ein wenig draußen sein." Freilich war er wieder ein wenig draußen, und als er den Tag erlaufen hatte, im ersten Dorf, das ihm am Weg war, weckte er den Schulzen. „Herr Schulz, es ist mir ein Unglück passiert. Ich bin ein Arrestant, und der Stadtsoldat von da und da, der mich transportieren sollte, ist mir abhanden gekommen. Geld Hab' ich keins. Weg und Steg kenn' ich nicht, also laßt mir auf Gemeindekosten eine Suppe kochen und verschafft mir einen Wegweiser in die Stadt ins Zuchthaus." Der Schulz gab ihm eine Bollete an den Gemeindswirt auf eine Mehlsuppe und einen Schoppen Wein und schickte nach einem armen Mädchen. „Geh ins Wirtshaus und zeige dem Mann, der dort frühstückt, wenn er fertig ist, den Weg und die Stadt; er will ins Zuchthaus." Als der Frieder mit dem Mädchen aus dem Wald und über die letzten Hügel gekommen war und in der Ebene von weitem die Türme der Stadt erblickt hatte, sagte er zu dem Mädchen: „Geh jetzt nur nach Haus, mein Kind, jetzt kann ich nimmer verirren." In der Stadt bei den ersten Häusern fragte er ein Vüblein auf der Gasse: „Büblein, wo ist das Zuchthaus?" und als er es gefunden und vor den Zuchthausverwalter gekommen war, übergab er ihm das Schreiben, das er dem Nagelschmied aus der Tasche genommen hatte. Der Verwalter las und las und schaute zuletzt 32 den Frieder mit großen Augen an. „Guter Freund", sagte er, „das ist schon recht. Aber wo habt Ihr dann den Arrestanten? Ihr sollt ja einen Arrestanten abliefern." Der Frieder antwortete ganz verwundert: „Ei, der Arrestant, der bin ich selber." Der Verwalter sagte: „Guter Freund, es scheint, Ihr wollt Spaß machen. Hier spaßt man nicht. Gesteht's, Ihr habt den Arrestanten entwischen lassen! Ich seh'es aus allem." Der Frieder sagte: „Wenn Sie es aus allem sehen, so will ich's nicht leugnen. Wenn mir aber Jhro Exzellenz", sagte er zu dem Verwalter, „einen Berittenen mitgeben wollen, so getrau' ich mir, den Vagabunden noch ein- zufangen. Denn es ist kaum eine Viertelstunde, daß er mir aus den Augen gekommen ist." — „Einfältiger Tropf", sagte der Verwalter, „was nützt dem Berittenen die Geschwindigkeit des Rosses, wenn er mit einem Unberittenen reiten soll? Könnt Ihr reiten?" Der Frieder sagte: „Bin ich nicht sechs Jahre Württemberger Dra- goner gewesen?" — „Gut", erwiderte der Verwalter, „man wird für Euch ebenfalls ein Roß satteln lassen, und zwar für Euer eigen gutes Geld; ein andermal gebt Achtung", und verschaffte ihm in der Eile ein offenes Ausschreiben an alle Ortsvorgesetzte, auf daß, wenn er Mannschaft nötig habe zum Streif. Also ritten der Strickreiter und der Zundelfrieder mit- einander dahin, um den Zundelfrieder aufzusuchen, bis an einen Scheideweg. An dem Scheideweg sagte der Frieder dem Strickreiter, auf welchem Weg der Strick- 33 Mohr, KriigsfchwLnke ic. 3 reiter reiten soll und auf welchem er selber reiten wolle. „Am Rhein an der Fahrt kommen wir wieder zusammen." Als sie aber einander aus den Augen verloren hatten, wendete sich der Frieder wieder rechts und machte mit seinem Ausschreiben in allen Dörfern Lärm und ließ die Sturmglocken anziehen, der Zundelfrieder sei im Revier, bis er an der Grenze war. An der Grenze aber gab er dem Rößlein einen Fitzer und ritt hinüber. So etwas könnte Hierzuland nicht passieren. rtr H 4 - Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zucht- Haus allein gefunden hatte und dachte: „Ich will so spät den Zuchtmeister nimmer wecken", und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voranflogen, gelangte er abends noch unbeschrieen an ein Städtlein an der Grenze. Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei und wie er hieße und was er im Schilde führe, „Könnt Ihr Polnisch?" fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagte: „Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden." — „Wenn das ist", sagte der Frieder, „so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können." Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei? Die Schildwache holt den Torwächter; es sei ein Polack an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Torwächter kam zwar, 34 entschuldigte sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht. „Es geht hierzulande nicht stark ab", sagte er, „und es wird im ganzen Städte! schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen." — „Wenn ich das wüßte, sagte der Frieder und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, „so wollte ich ja lieber noch ein Paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um 9 Uhr kommt der Mond." Der Torhüter sagte: „Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten; das Städtel ist ja nicht groß", und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Tor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. „In euch Gänse", sagte er, „ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn's Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht." Und so packte er sie mit sicherem Griff am Hals und mir nichts dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte. Als er aber an das andere Tor gelangte und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: „Wer da?" Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: „Gut Freund I" Also kam der Frieder glücklich wieder zum Städtlein hinaus und über die Grenze. 11. Der Branntweins'äufer und die Berliner Glocken. Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Branntweins enthalten wolle. Er hielt auch in der Tat Wort während drei Tage, ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden und von einem Unteroffizier in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunkes ergeben habe. „Herr Hauptmann", antwortete er, „es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns mit einer Kiste Färbholz über den Lustgarten, da läuteten vom Dom herab die Glocken: Pomeranzen! Pomeranzen! Pomeranzen! Läut, Teufel, läut! sprach ich und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh' ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: Kümmel I Kümmel I Kümmel I — Kümmel I Kümmel! Kümmel! Ich sage zum Turm: Bimmle du, daß die Wolken reißen — und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel auf dem Rückweg über den Spittelmarkt, und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es vom Spittelturm herab: Anisette! Anisette! Anisette! Was kostet das Glas? frag' ich. Der Wirt spricht: Sechs Pfennige. Geb' Er her, sag' ich — und was weiter aus mir geworden ist, weiß ich nicht." 12. Der listige Steiermärker. In Steiermark, ein wenig abhanden von der Straße, dachte ein reicher Bauer im letzten Krieg (1809): Wie fang' ich's an, daß ich meine Kronentaler und meine Dukätlein rette in dieser bösen Zeit? Die Kaiserin Maria Theresia ist mir noch so lieb, tröst' sie Gott, und der Kaiser Joseph, tröst' ihn Gott, und der Kaiser Franz, Gott schenk' ihm Leben und Gesundheit. Und wenn man meint, man habe die lieben Herrschaften noch so gut verborgen und geflüchtet, so riecht sie der Feind, sobald er die Nase ins Dorf streckt, und führt sie in die Gefangenschaft ins Lothringen oder in die Champagne, daß einem armen Untertanen das Herz dabei bluten möchte vor Patriotismus. „Jetzt weiß ich", sagte er, „wie ich's anfange", und trug das Geld bei dunkler, blinder Nacht in den Krautgarten. „Das Siebengestirn verratet mich nicht", sagte er. Im Krautgarten legte er das Geld geradezu zwischen die Gelveieleinstöcke und die spanischen Wicken. Nebendran grub er ein Loch in das Weglein zwischen den Beeten und warf allen Grund daraus auf das Geld und zertrat rings herum die schönen Blumenstöcke und das Mangoldkraut, wie einer, der Sauerkraut einstampft. Am Montag drauf streiften schon die Chasseurs im ganzen Revier, und am Donnerstag kam eine Partie ins Dorf, frisch auf die Mühle zu, und 37 aus der Mühle mit weißen Ellenbogen zu unserem Bauern: und „Geld her, Buur", rief ihm ein Sundgauer mit blankem Säbel entgegen, „oder bet dein letztes Vaterunser." Der Bauer sagte, sie möchten nehmen, was sie in Gottes Namen noch finden. Er habe nichts mehr, es sei gestern und vorgestern schon alles in Rapuse gegangen. „Vor euch kann man etwas verbergen", sagt er, „ihr seid die Rechten." Als sie nichts fanden außer ein paar Kupferkreuzer und einen vergoldeten Sechser mit dem Bildnis der Kaiserin Maria Theresia und ein Ringlein dran zum Anhängen, „Buur", sagte der Sundgauer, „du hast dein Geld verlachet; auf der Stelle zeig, wo du dein Geld verkocht hast, oder du gehst ohne dein letztes Vaterunser aus der Welt." — „Auf der Stelle kann ich's euch nicht zeigen", sagte der Bauer, „so sauer mich der Gang ankommt, sondern ihr müßt mit mir in den Krautgarten gehen. Dort will ich euch zeigen, wo ich es verborgen hatte und wie es mir ergangen ist. Der Herr Feind ist schon gestern und vorgestern dagewesen und haben's gefunden und alles geholt." Die Chasseure nahmen den Augenschein im Garten vor, fanden alles, wie es der Mann angegeben hatte, und keiner dachte daran, daß das Geld unter dem Grundhaufen liegt, sondern jeder schaute in das leere Loch und dachte: Wär' ich nur früher gekommen. „Und hätten sie nur die schönen Gelveieleinstöcke und den Goldlack nicht so ver- derbt", sagte der Bauer, und so hinterging er diese und alle, die noch nachkamen, und hat auf diese Art das ganze 38 erzherzogliche Haus, den Kaiser Franz, den Kaiser Io- seph, die Kaiserin Maria Theresia und den allerhöchstseligen Herrn Leopold den Ersten gerettet und glücklich im Land behalten. 13. Ei, so lüg! Die Nachbarn saßen Sonntags abend im Wirtshause beisammen, und der Schmied, der die letzten Kriege mitgemacht hatte, erzählte ihnen ein Langes und Breites von seinen Feldzügen, und sie hörten ihm gern zu, obgleich er mitunter log, daß die Balken hätten krachen mögen; denn es war ihnen etwas Neues. Unter andern erzählte er ihnen ein Stücklein ans dem Feldzug in Rußland. „Eines Tages", sagte er, „mußte ich weit über Feld reiten, um zu sehen, wo die feindlichen Posten stünden. Es hatte unmenschlich geschneit, und ich fiel oft so tief hinein, daß ich mit genauer Not die Ohren meines Pferdes aus dem Schnee hervorgucken sah. Endlich komme ich an eine finstere Höhle. Ich konnte nicht rechts, nicht links answeichen; ich mußte hinein. Ich reite in der Finsternis fort, eine, zwei, ich reite sechs Stunden. Nun wird's wieder hell. Ich komme heraus und sehe nun, daß ich in einem Fluß geritten bin, in dem aber kein Tropfen Wasser mehr war. Der Frost hatte das Wasser in die Höhe gehoben, und das war über mir zu einer dicken Eisdecke zusammengefroren." — „Ei, so lüg!" riefen die Nachbarn alle, bis auf den Ammann. 39 „Nun", sagte dieser, „ich möchte es doch nicht sogleich für gelogen halten, weil oft eine Erzählung klingt wie eine Lüge, und ist doch keine." — „Gib ein Exempel, Alterl" riefen die Bauern. „Das will ich tun. Ihr kennt doch alle den Gemeind-Backofen unten am Dorf? Es werden nunmehr fünf Jahre sein, daß nicht mehr darin gebacken wird, weil der Hintere Teil ziemlich zusammengefallen ist. Es ist jammerschade, daß ihn die Gemeinde nicht wieder bestellen läßt. Wie ich noch ein kleiner Bub war, spielten wir immer Versteckens in dem Backofenhaus. Fünf Jahre, sage ich, sind's, seit er nicht mehr geheizt war. Gestern will ich daran vorbei, bleibe stehen und habe so meine wehmütigen Gedanken über das Zusammenfallen aller menschlichen Dinge und Backöfen. Ich weiß nicht warum, ich greife in Gedanken in die Öffnung des Ofens, und — ihr mögt's glauben oder nicht — es brennt mich an die Finger." — „Ei, so lüg!" riefen die Nachbarn alle, bis auf den Schul- Meister. „Nun, nun, da könnte ich euch doch was ähnliches aus meiner Praxis erzählen", sagte der Bader. „Eine kranke Frau war unwissenden Quacksalbern in die Hände gefallen, die ihr Theriak und andern Quark in Menge eingaben. Die Frau wurde immer kränker und beschloß, nun keinen Tropfen mehr zu gebrauchen. Fünf Jahre, ebenso lange, als der Backofen nicht mehr geheizt worden, hielt sie Wort, und keine Arznei kam in dieser Zeit mehr über ihre Zunge. Da sie aber immer elender 40 wurde, so ließ sie mich endlich rufen. Ich merkte gleich, wo der Hund begraben liege. Die falschen Mittel müssen erst alle wieder heraus, dachte ich und gab ihr ein tüchtiges Brechpulver. Was geschieht? Die Frau erbricht sich fürchterlich und gibt den Theriak und den andern Quark wieder von sich, und wird von der Stunde an frisch und gesund." — „Ei, so lügl ei, so lügl" riefen die Nachbarn alle, samt dem Ammann und dem Schulmeister. „Hör, Nachbar Bader", sagte der Schulmeister, „an dir ist man das Ausschneiden gewohnt, und setz dich nur sogleich zu dem hin, der sechs Stunden unter dem Eis fortgeritten ist. Aber du, Ammann, wie ist's mit deinem Backofen? Du hast gesagt, deine Erzählung würde wie eine Lüge klingen und wäre doch keine. Hat es dich wirklich nach fünf Jahren an die Finger gebrannt?" „Wie ich euch gesagt; es hat mich wahrlich an die Finger gebrannt. — — Es sind Brennesseln im Backofen gewachsen." 14. Der schwäbische Schütze. Ein ehrlicher Schwabe wollte mit in den Krieg ziehen und meldete sich beim Hauptmann. Der Hauptmann gab ihm eine Muskete in die Hand und befahl ihm, eine Probe abzulegen, ob er auch schießen könne; dort sei ein Scheuerntor, auf das solle er zielen. Der Schwabe legt an und verfehlt das Tor vollständig. „Was", schreit der Hauptmanu, „du willst Soldat sein und bist so ein 41 schlechter Schütze? Wie willst du einen Mann treffen, wenn du das ganze Tor verfehlst? Du dienst mir nicht!" — „Herr Hauptmann", entgegnete der Schwabe, „es werden doch nicht alle zum Tor herauslaufen? Etliche werden auch von der Seite Herkommen, die tresi' ich sicher!" 15. Gut geantwortet. Ein Soldat beichtete also: „Ich habe viele totgeschlagen, aber auch viele leben lassen; so gehet es gleich auf. Ich habe viel geraubt und auch viel nicht geraubt; so gehet es gleich auf. Ich habe viel Häuser abgebrannt, aber auch viele stehen lassen; so gehet es wieder gleich auf." Darauf antwortete ihm der Geistliche: „So bin ich unseres Herrgottes und du des Teufels; so gehet es auch gleich auf." Als einmal Soldaten durch ein Dorf zogen, fragte einer ein altes Weib, das zum Fenster heraussah: „Alte Hexe, was macht der Teufel?" Die Alte antwortete: „Er macht Schubkarren, daß er euch ruchlose Burschen in die Hölle führen kann." Das waren keine braven Soldaten. 16. Der Schmied von Jüterbog. Im Städtlein Jüterbog hat einmal ein Schmied ge- lebt, von dem erzählen sich Kinder und Alte ein wundersames Märlein. Es war dieser Schmied erst ein junger Bursche, der einen sehr strengen Vater hatte, aber treulich Gottes Gebote hielt. Er tat große Reisen und er- 42 lebte viele Abenteuer, dabei war er in seiner Kunst über alle Maßen geschickt und tüchtig. Er hatte eine Stahltinktur, die jeden Harnisch und Panzer undurchdringlich machte, welcher damit bestrichen wurde, und gesellte sich dem Heere Kaiser Friedrichs II. zu, wo er kaiserlicher Rüstmeister wurde und den Kriegszug nach Mailand und Apulien mitmachte. Dort eroberte er den Heer- und Bannerwagen der Stadt und kehrte endlich, nachdem der Kaiser gestorben war, mit vielem Reichtum in seine Heimat zurück. Er sah gute Tage, dann wieder böse, und wurde über hundert Jahre alt. Einst saß er in seinem Garten unter einem alten Birnbaum, da kam ein graues Männlein auf einem Esel geritten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes Schutzgeist bewiesen hatte. Dieses Männchen herbergte bei dem Schmied und ließ den Esel beschlagen, was jener gern tat, ohne Lohn zu heischen. Darauf sagte das Männlein zu Peter, er solle drei Wünsche tun, aber dabei das Beste nicht vergessen. Da wünschte der Schmied, weil die Diebe ihm oft die Birnen gestohlen, es solle keiner, der auf den Birnbaum gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter können — und weil er auch in der Stube öfters bestohlen worden war, so wünschte er, es solle niemand ohne seine Erlaubnis in die Stube kommen können, es wäre denn durch das Schlüsselloch. Bei jedem dieser törichten Wünsche warnte das Männlein: „Vergiß das Beste nicht I" und da tat der Schmied den dritten Wunsch, sagend: „Das Beste ist ein guter. Schnaps, so 43 wünsche ich, daß diese Pulle niemals leer werde!" — „Deine Wünsche sind gewährt", sprach das Männchen, strich noch über einige Stangen Eisen, die in der Schmiede lagen, mit der Hand, setzte sich auf seinen Esel und ritt von dannen. Das Eisen war in blankes Silber verwandelt. Der vorher arm gewordene Schmied war wieder reich und lebte fort und fort bei gutem Wohlsein, denn die nie versiegenden Morgentropfen in der Pulle waren, ohne daß er es wußte, ein Lebenselixier. Endlich klopfte der Tod an, der ihn so lange vergessen zu haben schien; der Schmied war scheinbar auch gern bereitwillig, mit ihm zu gehen, und bat nur, ihm ein kleines Labsal zu vergönnen und ein paar Birnen von dem Baum zu holen, den er nicht selbst mehr besteigen könne aus großer Altersschwäche. Der Tod stieg auf den Baum, und der Schmied sprach: „Bleib droben!" denn er hatte Lust, noch länger zu leben. Der Tod fraß alle Birnen vom Baum, dann gingen seine Fasten an, und vor Hunger verzehrte er sich selbst mit Haut und Haar, daher er jetzt nur noch ein so scheußlich dürres Gerippe ist. Auf Erden aber starb niemand mehr, weder Mensch noch Tier; darüber entstand viel Unheil, und endlich ging der Schmied hin zu dem klappernden Tod und akkordierte mit ihm, daß er ihn fürder in Ruhe lasse, dann ließ er ihn los. Wütend floh der Tod von dannen und begann nun auf Erden aufzuräumen. Da er sich an dem Schmied nicht rächen konnte, so hetzte er ihm den Teufel auf den Hals, daß dieser ihn 44 hole. Dieser machte sich flugs auf den Weg, aber der pfiffige Schmied roch den Schwefel voraus, schloß seine Türe zu, hielt mit den Gesellen einen ledernen Sack an das Schlüsselloch, und wie Herr Urian hindurchfuhr, da er nicht anders in die Schmiede konnte, wurde der Sack zugebunden, zum Amboß getragen und nun ganz unbarmherzig mit den schwersten Hämmern auf den Teufel losgepocht, daß ihm Hören und Sehen verging, er ganz mürbe wurde und das Wiederkommen auf immer verschwur. Nun lebte der Schmied noch gar lange Zeit in Ruhe, bis er, wie alle Freunde und Bekannte ihm gestorben waren, des Erdenlebens satt und müde wurde. Machte sich deshalb auf den Weg und ging nach dem Himmel, wo er bescheidentlich am Tore klopfte. Da schaute der hl. Petrus herfür, und Peter der Schmied erkannte in ihm seinen Schutzpatron und Schutzgeist, der ihn oft aus Not und Gefahr sichtbarlich errettet und ihm zuletzt die drei Wünsche gewährt hatte. Jetzt aber sprach Petrus: „Hebe dich weg, der Himmel bleibt dir verschlossen; du hast das Beste zu erbitten vergessen: die SeligkeitI" Auf diesen Bescheid wandte sich Peter und gedachte, sein Heil in der Hölle zu versuchen, und wanderte wieder abwärts, fand auch bald den rechten, breiten und viel- begangenen Weg. Wie aber der Teufel erfuhr, daß der Schmied von Jüterbog im Anzuge sei, schlug er das Höllentor ihm vor der Nase zu und setzte die Hölle gegen ihn in Verteidigungszustand. Da nun der Schmied von 45 Jüterbog weder im Himmel noch in der Hölle seine Zuflucht fand und auf Erden es ihm nimmer gefallen wollte, so ist er hinab in den Kyffhäuscr gegangen zu Kaiser Friedrichen, dem er einst gedient. Der alte Kaiser, sein Herr, freute sich, als er seinen Rüstmeister Peter kommen sah, und fragte ihn gleich, ob die Raben noch um den Turm der Burgruine Kyffhäuser flögen. Und als Peter das bejahte, so seufzte der Rotbart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der reitenden Fräulein beschlägt, bis des Kaisers Erlösungsstunde auch ihm schlagen wird. — Und das wird geschehen nach dem Munde der Sage, wenn dereinst die Raben nicht mehr um den Berg fliegen und auf dem Ratsfeld nahe dem Kyffhäuser ein alter dürrer, abgestorbener Birnbaum wieder ausschlägt, grünt und blüht. Dann tritt der Kaiser hervor mit all seinen Wappnern, schlägt die große Schlacht der Befreiung und hängt seinen Schild an den wieder grünen Baum. Hierauf geht er mit seinem Gesinde zu der ewigen Ruhe. 17. Mißverstand auf der Schildwache. Ein Rekrut, dem schon in den ersten vierzehn Tagen das Schildwachestehen langweilig vorkam, betrachtete einmal das Schilderhaus unten und oben und hinten und vornen, wie ein Förster, wenn er einen Baum schätzt, oder ein Metzger ein Häuptlein Vieh. Endlich sagte er: „Ich möchte nur wissen, was sie an dem einfältigen 46 Kasten finden, daß den ganzen Tag einer dastehen und ihn hüten muß." Denn er meinte, er stehe da wegen dem Schilderhaus, nicht das Schilderhaus wegen ihm. -i- 4- Ein Schilderhaus hatte wie gewöhnlich auf beiden Seiten runde Öffnungen zum Durchschauen, die etwas groß waren. Dem Rekruten, der drin stand, war daher der Luftzug etwas zu lebhaft. Also ersuchte er nach der Ablösung den Unteroffizier, ob's nicht besser wäre, wenn man diese Öffnungen mit ein paar Brettlein vernagelte. Der Unteroffizier strich den Bart und sagte: „Nein, das geht nicht an, wegen dem Winter. Im Winter kommen Ärmel hinein, im Sommer ist's ein Kamisol." Also streckte der Rekrut, als er wieder auf den Posten kam, die Hände hindurch und sagte, jetzt sei er erst gern Militär, weil man sehe, daß man doch auch für die Bequemlichkeit des Mannes sorge. V -st Bekanntlich sagt man, daß ein Stern schieße, wenn keiner schießt; sondern, was man meint und was so aussieht, sind nur Dünste, die sich nicht sehr weit über uns in der irdischen Luft entzünden und wieder verlöschen. Die Sterne aber sind viele Millionen Meilen weit von uns entfernt. Jeder beobachtet seinen richtigen Lauf und hält auf die Minute ein, denn sie stehen unter 47 einer scharfen Aufsicht. Was braucht man feinem verständigen Leser so etwas noch lange zu sagen? Ein gewisser Soldat aber auf der Schildwache muß die Betrachtung über das Weltgebäude im Kalender nie gelesen haben. Auf und ab und ab und auf in der Mitter- nacht machte er bald zum Zeitvertreib Additionsexempel, zählend die Ermunterungshiebe, die er bei verschiedenen schicklichen Gelegenheiten schon eingetan hatte, bald ver- fertigte er in Gedanken ein Brieflein an die Herzallerliebste sein: „Zito, Zito, durch das Land." Bald betrachtete er zur Abwechslung die benachbarten Häuser und die Türme im Mondschein des letzten Viertels, unter andern auch den Sternturm, auf welchem die Sternseher sich aufhalten und achthaben, was bei Nacht am Himmel geschieht, damit sie's wissen. Auf einmal streckt einer von den Sternsehern ein Fernrohr heraus, ein Perspektiv, und schaut nach einem Sternlein hinaus. Der Soldat dachte: „Was will jetzt der da oben mit seinem Blasrohr?" Denn er sah das Perspektiv für ein Blasrohr an. Als er ihm eine Zeitlang unbeweglich zugeschaut hatte, dachte er: „Der zielt aber lang." Endlich schoß ein Stern, wie man's nennt. Da geriet der Soldat in Verwunderung und Staunen. „Heiden Gallee", sagte er überlaut, „der kanu's." Nämlich, er meinte, der Sternseher habe nach einem Sterne gezielt und ihn vom Himmel herunter geschossen, wie man einen Sperling vom Dach schießt. „Der hat sein Teil", sagte er, „der kommt nimmer." Also gibt es nicht nur Leute, die da meinen, 48 daß die Sterne schießen, sondern einer hat sogar gemeint, daß sie können geschossen werden von den Sternsehern. Im 1790er Krieg, als der Rhein auf jener Seite von französischen Schildwachen, auf dieser Seite von schwäbischen Kreissoldaten besetzt war, rief ein Franzos zum Zeitvertreib zu der deutschen Schildwache herüber; „FiluI FiluI" Das heißt auf gut deutsch: Spitzbube. Allein der ehrliche Schwabe dachte an nichts so Arges, sondern meinte, der Franzose frage: Wieviel Uhr? und gab gutmütig zur Antwort: „Halber viuri." 18. Der Eisenbeißer. Man findet noch heutigestags solch große Prahlhänse und Eisenbeißer, welche dergleichen tun, als wollten sie mit einem Streich allen Menschen die Ohren abschlagen, so grimmig sind sie. Sollte aber einer des Nachts über einen Kirchhof gehen, er ginge eher eine Viertelmeile Weges um. Also war auch einmal ein Federschwinger, der trug den Hut voller Straußfedern, aber einen Hasenbalg als Brusttuch. Er war aus einem Speckkrieg wieder ins Land gekommen, und wo er zu Leuten kam, erzählte er von grausamen Schwertstreichen, so er vollbracht hätte; es nahm kein Ende mit dem Erzählen seines Blutvergießens — das war meines Bedünkens nur über Hühner, Gänse und Enten ergangen. Mohr, NriegsschwSnke -c. 4 49 Eines Tages saß er in sehr großer Prahlerei bei seinen Gesellen in einer Zeche und fing abermals von großen Streichen zu berichten an. Zuletzt merkten sie den Possen und sannen auf einen Streich. Unter andern Reden brachten sie das Gespräch auf ein altes Weib, das am selben Abend gestorben war: man hätte sie aus Mangel an Zeit an dem Abend nicht mehr begraben können, ihr Hausvolk hätte sie auch nicht die Nacht im Haus be- halten wollen, und so hätte man sie auf den Kirchhof getragen und auf einer Bahre in das Beinhaus gestellt, damit sie den nächsten Tag begraben würde. Nun war dies ihrer aller Weg: wenn sie aus dem Wirtshaus heimgehen wollten, hatten sie keinen andern Weg als über den Kirchhof. Drum neckten sie einander mit dem toten alten Weib. Der gute Kriegsmann und Mauernbrecher hätte gewünscht, er wäre zehn Meilen Wegs von da weg, denn es war ihm sehr angst vor dem toten alten Weib, das doch in seinem Leben gar kümmerlich an einem Stecken kriechen mußte und ihm nicht einen Finger hätte biegen können. Die andern guten Gesellen merkten ihm dies an, drum trieben sie die Geschichte immer weiter, bis dem guten Landsknecht der Schweiß auf die Stirne zu treten begann; der Schande halber durfte er sich aber nicht ängstlich zeigen. Zuletzt kam es so weit, daß die andern zu wetten anfingen, wer von ihnen so kühn wäre und zuerst ohne Licht auf den Kirchhof zu gehen wage, um nachzusehen, ob das Licht oder die Ampel im Beinhaus noch brenne. Denn die 50 Sache spielte einzig darauf hinaus, herauszubringen, was für ein männliches Gemüt hinter dem Gänseköpfer steckte. Zuletzt kam die Wette auch an ihn. Er ward sehr zornig, stand vom Tisch auf, sagte, er wolle die wüsten Worte nicht hören, zahlte die Zeche, nahm seinen Mantel und ging heim. Nun wußte er keinen andern Weg heim zu kommen als über den Kirchhof; andernfalls hätte er einen tiefen Bach durchwaten müssen. Er faßte sich denn ein Mannesherz, und mit Zittern und Schrecken ging er auf den Kirchhof. Und als er nahe an das Beinhaus kam, wand er seinen Mantel um den Kopf und steckte die Finger in die Ohren, denn er besorgte, er würde das alte Weib schreien hören, welches bei Lebzeiten allenthalben stumm gewesen war. Mit schnellen Tritten ging er voran, damit er bald von dem Kirchhof käme. Da er aber des Mantels wegen nicht sehen konnte und meinte, fern von dem Beinhaus zu gehen, geht er gerade darauf zu, gerät an die Stiege und fällt hilflos mit schwerem Fall die hohe steinerne Treppe hinab. Nun waren Stühle im Beinhaus; in diese fiel er hinein und brach sich ein Bein, auch Kopf und Gesicht hatte er auf der Treppe übel zerschunden. Er fing ganz jämmerlich zu schreien an. Aber niemand war da, der ihm helfen wollte, denn es konnte ihn niemand hören. Zuletzt verging ihm vor lauter Angst und Schrecken selbst das Schreien, und er konnte nur noch seufzen und heulen. 4» 51 Als seine Gesellen genug gezecht hatten, gingen sie auch nach Hause. Als sie nun zu dem Beinhaus kamen, hörten sie den armen Tropf erbärmlich seufzen. Sie meinten nicht anders, als daß das alte Weib wieder zu sich gekommen wäre. Und dieweil sie ein Licht hatten, gingen sie hinab. Da fanden sie ihren Gesellen mit zerbrochenem Bein zwischen den Stühlen liegen. Sie trugen ihn sogleich in das Haus eines Arztes und ließen ihn verbinden. Hier erzählte er ihnen der Länge nach seine Geschichte. Da mußten sie zu dem großen Schaden, der ihm zugestoßen war, noch lachen, und hatte, wie man sagt, zum Schaden den Spott zu tragen. IS. Ein Bedienter sucht einen Herrn. Ein Offizier, der zu Feld gezogen, hatte einen Bedienten bei sich, der immer um ihn war und auch nachts im Quartier neben ihm schlief auf einem Strohsacke oder auf dem Boden. Und wenn der Herr morgens früh aufwachte, so war seine erste Frage: „Was ist für ein Wetter draußen?" Sagte nun der Bediente: „Es ist schön Wetter draußen", so war es dem Herrn nicht recht, sondern er stand unwillig auf und sagte: „Das wird wieder einen heißen Tag geben; da wird's Schweiß kosten, und man wird vor Staub fast ersticken müssen." Sagte aber der Bediente, es sei schlecht Wetter draußen, so war es dem Herrn noch weniger recht, und er stand noch unwilliger auf und fluchte wohl: „Zum Henkerl Das wird wieder einen harten Tag geben, da wird's 52 vor Kot kaum durchzukommen sein, und man wird im Negen schier ersaufen müssen." Und in beiden Fällen gab's denn beim Anziehen viele nnglimpfliche Reden, die der Bediente gern hätte entraten mögen. Da dachte er ernstlich darauf, wie er doch seinem Herrn künftighin recht reden könnte, daß er keine Ursache hätte, böse zu werden; und es fiel ihm ein. Denn als der Herr des andern Morgens ihn wieder fragte, was für ein Wetter draußen sei, so antwortete der Bediente: „Herr, es ist gar kein Wetter draußen." Damit hatte er es aber ganz und gar verdorben; denn der Offizier, in der Meinung, daß der Bediente ihn foppen wolle, jagte ihn da- von, und er mochte sehen, wo er einen andern Herrn bekomme, dem das Wetter recht wäre. Man sagt aber, daß er bis dato noch keinen ge- funden habe. 2V. Der schlaue Husar. Ein Husar im letzten Kriege (1805) wußte wohl, daß der Bauer, dem er jetzt auf der Straße entgegenging, 100 Gulden für geliefertes Heu eingenommen hatte und heimtragen wollte. Deswegen bat er ihn um ein kleines Geschenk zu Tabak und Branntwein. Wer weiß, ob er mit ein paar Batzen nicht zufrieden gewesen wäre. Aber der Landmann versicherte und beteuerte bei Himmel und Hölle, daß er den eigenen letzten Kreuzer im nächsten Dorfe ausgegeben und nichts mehr übrig habe. „Wenn's nur nicht so weit von meinem Quartier wäre", sagte 53 hierauf der Husar, „so wäre uns beiden zu helfen; aber wenn du hast nichts, ich Hab' nichts, so müssen wir den Gang zum hl. Alphonsus doch machen. Was er uns heute beschert, wollen wir brüderlich teilen." Dieser Alphonsus stand in Stein ausgehauen in einer alten, wenig besuchten Kapelle am Feldweg. Der Landmann hatte anfangs keine große Lust zu dieser Wallfahrt. Aber der Husar nahm keine Vorstellung an und versicherte unterwegs seinen Begleiter so nachdrücklich, der hl. Al- phonsus habe ihn noch in keiner Not stecken lassen, daß dieser selbst anfing, Hoffnung zu gewinnen. Vermutlich war in der abgelegenen Kapelle ein Kamerad und Helfershelfer des Husaren verborgen? Nichts Wenigerl Es war wirklich das steinerne Bild des Alphonsus, vor welchem sie jetzt niederknieten, während der Husar gar andächtig zu beten schien. „Jetzt", sagte er seinem Begleiter ins Ohr, „jetzt hat mir der Heilige gewunken." Er stand auf, ging zu ihm hin, hielt die Ohren an die steinernen Lippen und kam gar freudig wieder zu seinem Begleiter zurück. „Einen Gulden hat er mir geschenkt: in meiner Tasche müsse er schon stecken." Er zog auch wirklich zum Erstaunen des andern einen Gulden heraus, den er aber schon vorher bei sich hatte, und teilte ihn versprochenermaßen brüderlich zur Hälfte. Das leuchtete dem Landmann ein, und es war ihm gar recht, daß der Husar die Probe noch einmal machte. Alles ging das zweite Mal wie das erste. Nur kam der Kriegsmann diesmal viel freudiger von dem Heiligen zurück. „Hundert .. Gulden hat uns jetzt der gute Alphonsus auf einmal geschenkt. In deiner Tasche müssen sie stecken." Der arme Bauer wurde todesblaß, als er dies hörte, und wiederholte seine Versicherung, daß er gewiß keinen Kreuzer habe. Allein der Husar redete ihm zu, er sollte doch nur Vertrauen zu dem hl. Alphonsus haben und Nachsehen. Alphonsus habe ihn noch nie angeführt. Wollte er wohl oder übel, so mußte er seine Taschen umkehren und leer machen. Die hundert Gulden kamen richtig zum Vorschein, und hatte er vorher dem schlauen Husaren die Hälfte von seinem Gulden abgenommen, so mußte er jetzt auch seine hundert Gulden mit ihm teilen, da half kein Bitten und kein Flehen. Das war fein und listig, aber eben doch nicht recht, zumal in einer Kapelle. 21. Ein Sceabentcuer des Freiherrn von Münchhausen. Während der letzten Belagerung von Gibraltar (1779 bis 1782) segelte ich mit einer Proviantflotte unter Lord Rodneys Kommando nach dieser Festung, um meinen alten Freund, den General Elliot, zu besuchen, der durch die ausgezeichnete Verteidigung dieses Platzes sich Lorbeeren erworben hat, die nie verwelken können. Sobald die erste Hitze der Freude, die immer mit dem Wiedersehen alter Freunde verbunden ist, sich etwas abgekühlt hatte, ging ich in Begleitung des Generals in der Festung umher, um den Zustand der Besatzung und die Anstalten des Feindes kennen zu lernen. Ich hatte aus London 55 ein sehr vortreffliches Spiegelteleskop, das ich von Dol- lond gekauft hatte, mitgebracht. Durch Hilfe desselben fand ich, daß der Feind gerade im Begriff war, einen Sechsunddreißigpfünder auf den Fleck abzufeuern, auf dem wir standen. Ich sagte dies dem General; er sah auch durch das Perspektiv und fand meine Mutmaßung richtig. Auf seine Erlaubnis ließ ich sogleich einen Acht- undvierzigpfünder von der nächsten Batterie bringen und richtete ihn — denn was Artillerie betrifft, habe ich, ohne mich zu rühmen, meinen Meister noch nicht gefunden — so genau, daß ich meines Zieles vollkommen gewiß war. Nun beobachtete ich die Feinde auf das schärfste, bis ich sah, daß sie die Zündrute an das Zündloch ihres Stückes legten, und in demselben Augenblicke gab ich das Zeichen, daß unsere Kanone gleichfalls abgefeuert werden sollte. Ungefähr auf der Mitte des Weges schlugen die beiden Kugeln mit fürchterlicher Stärke gegeneinander, und die Wirkung davon war erstaunend. Die feindliche Kugel prallte mit solcher Heftigkeit zurück, daß sie nicht nur dem Manne, der sie abgeschossen hatte, rein den Kopf wegnahm, sondern auch noch sechzehn andere Köpfe vom Rumpfe schnellte, die ihr auf ihrem Fluge nach der afrikanischen Küste im Wege standen. Ehe sie aber nach der Barbarei kam, fuhr sie durch die Hauptmaste von drei Schiffen, die eben in einer Linie hintereinander im Hafen lagen; und dann flog sie noch gegen zweihundert englische Meilen in das Land hinein, schlug zuletzt durch 56 das Dach einer Bauernhütte, brachte ein altes Mütterchen, das mit offenem Munde auf dem Rücken lag und schlief, um die wenigen Zähne, die ihm noch übrig waren, und blieb endlich in der Kehle des armen Weibes stecken. Ihr Mann, der bald darauf nach Hause kam, versuchte die Kugel herauszuziehen; da er dies aber unmöglich fand, so entschloß er sich kurz und stieß sie ihr mit einem Nammer in den Magen hinunter, aus dem sie dann auf dem natürlichen Wege unterwärts abging. Unsere Kugel tat vortreffliche Dienste. Sie trieb nicht nur die andere auf die eben beschriebene Weise zurück, sondern setzte auch, meiner Absicht gemäß, ihren Weg fort, hob dieselbe Kanone, die gerade gegen uns gebraucht worden war, von der Lafette und warf sie mit solcher Heftigkeit in den Kielraum eines Schiffes, daß sie sogleich den Boden desselben durchschlug. Das Schiff schöpfte Wasser und sank mit tausend spanischen Matrosen und einer beträchtlichen Anzahl Soldaten, die sich auf demselben befanden, unter. — Dies war gewiß eine höchst außerordentliche Tat. Ich verlange indes keineswegs sie ganz auf die Rech- nung meines Verdienstes zu setzen. Meiner Klugheit kommt freilich die Ehre der ersten Erfindung zu, aber der Zufall unterstützte sie einigermaßen. Ich fand nämlich nachher, daß unser Achtundvierzigpfünder durch ein Versehen auf eine doppelte Portion Pulver gesetzt war, wodurch allein seine unerwartete Wirkung vorzüglich in Absicht der zurückgeworfenen feindlichen Kugel begreiflich wird. 57 General Elliot bot mir für diesen ausnehmenden Dienst eine Offizierstelle an; ich lehnte aber alles ab und begnügte mich mit seinem Danke, den er mir denselben Abend an der Tafel in Gegenwart aller Offiziere auf die ehrenvollste Weise abstattete. Da ich sehr für die Engländer eingenommen bin, weil sie unstreitig ein vorzüglich braves Volk sind, so machte ich es mir zum Gesetze, die Festung nicht zu verlassen, bis ich ihnen noch einen Dienst würde geleistet haben; und in ungefähr drei Wochen bot sich mir eine gute Gelegenheit dazu dar. Ich kleidete mich wie ein katholischer Priester, schlich um 1 Uhr des Morgens mich aus der Festung weg und kam glücklich durch die Linien der Feinde mitten in ihrem Lager an. Dort ging ich in das Zelt, in welchem der Graf von Artois mit dem ersten Befehlshaber und verschiedenen andern Offizieren einen Plan entwarfen, die Festung den nächsten Morgen zu stürmen. Meine Verkleidung war mein Schutz. Niemand wies mich zurück, und ich konnte ungestört alles anhören, was vorging. Endlich begaben sie sich zu Bette, und nun fand ich das ganze Lager, selbst die Schild- wachen in dem tiefsten Schlafe begraben. Sogleich fing ich meine Arbeit an, hob alle ihre Kanonen, über drei- hundert Stück, von den Achtundvierzigpfündern bis zu den Vierundzwanzigpfündern, herunter von den Lafetten und warf sie drei Meilen weit in die See hinaus. Da ich ganz und gar keine Hilfe hatte, so war dies das schwerste Stück Arbeit, das ich je unternommen hatte, 58 eines etwa ausgenommen, das, wie ich höre, Ihnen neulich in meiner Abwesenheit einer meiner Bekannten zu erzählen für gut fand, da ich nämlich mit dem un- geheuern, von dem Baron von Tott beschriebenen tür- kischen Geschütz an das gegenseitige Ufer des Meeres schwamm. — Sobald ich damit fertig war, schleppte ich alle Lafetten und Karren in die Mitte des Lagers, und damit das Rasseln der Räder kein Geräusch machen möchte, so trug ich sie paarweise unter meinen Armen zusammen. — Ein herrlicher Haufe war es, wenigstens so hoch als der Felsen von Gibraltar. — Dann schlug ich mit dem abgebrochenen Stück eines eisernen Acht- undvierzigpfünders an einem Kiesel, der zwanzig Fuß unter der Erde in einer noch von den Arabern gebauten Mauer steckte, Feuer, zündete eine Lunte an und setzte den ganzen Haufen in Brand. Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß ich erst noch obenauf alle Kriegsvorratswagen geworfen hatte. Was am brennbarsten war, hatte ich klüglich unten hingelegt, und so war nun in einem Augenblick alles eine lichterlohe Flamme. Um allem Verdacht zu entgehen, war ich einer der ersten, der Lärmen machte. Das ganze Lager geriet, wie Sie sich vorstellen können, in das schrecklichste Erstaunen, und der allgemeine Schluß war, daß die Schildwachen bestochen und sieben oder acht Regimenter ans der Festung zu dieser greulichen Zerstörung ihrer Artillerie gebraucht worden wären. Herr Drinkwater erwähnt in seiner Geschichte dieser berühmten 59 Belagerung eines großen Verlustes, den die Feinde durch einen im Lager entstandenen Brand erlitten hätten, weiß aber im geringsten nicht die Ursache desselben anzugeben. Und das konnte er auch nicht; denn ich entdeckte die Sache noch keinem Menschen (obgleich ich allein durch die Arbeit dieser Nacht Gibraltar rettete), selbst dem General Elliot nicht. Der Graf von Artois lief nebst allen seinen Leuten im ersten Schrecken davon; und ohne einmal stilleznhalten, liefen sie ungefähr vierzehn Tage in einem fort, bis sie Paris erreichten. Auch machte die Angst, die sich ihrer bei diesem fürchterlichen Brande bemächtigt hatte, daß sie drei Monate nicht imstande waren, die geringste Erfrischung zu genießen, sondern chamäleonmäßig bloß von der Luft lebten. Etwa zwei Monate, nachdem ich den Belagerten diesen Dienst getan hatte, saß ich eines Morgens mit dem General Elliot beim Frühstück, als auf einmal eine Bombe (denn ich hatte nicht Zeit, ihre Mörser ihren Kanonen nachzuschicken) in das Zimmer flog und auf den Tisch niederfiel. Der General, wie fast jeder getan haben würde, verließ das Zimmer augenblicklich, ich aber nahm die Bombe, ehe sie sprang, und trug sie auf die Spitze des Felsens. Von hier aus sah ich auf einem Hügel der Seeküste unweit des feindlichen Lagers eine ziemliche Menge Leute, konnte aber mit bloßen Augen nicht entdecken, was sie vorhatten. Ich nahm also mein Teleskop zu Hilfe und fand nun, daß zwei von unfern Offizieren, einer ein General und der andere ein Oberster, die noch 60 den vorigen Abend mit mir zugebracht und sich um Mitter- nacht als Spione in das spanische Lager geschlichen hatten, dem Feinde in die Hände gefallen waren und eben gehenkt werden sollten. Die Entfernung war zu groß, als daß ich die Bombe aus freier Hand hätte hinwerfen können. Glücklicherweise fiel mir bei, daß ich die Schleuder in der Tasche hatte, die David weiland so vorteilhaft gegen den Riesen Goliath gebrauchte. Ich legte meine Bombe hinein und schleuderte sie sogleich mitten in den Kreis. Sowie sie niederfiel, sprang sie auch und tötete alle Umstehenden, ausgenommen die beiden englischen Offiziere, die zu ihrem Glücke gerade in die Höhe ge- zogen waren. Ein Stück der Bombe flog indessen gegen den Fuß des Galgens, der dadurch sogleich umfiel. Unsere beiden Freunde fühlten kaum festen Boden, als sie sich nach dem Grunde dieser unerwarteten Kata- strophe umsahen, und da sie fanden, daß Wache, Henker und alles den Einsall gekriegt hatte, zuerst zu sterben, so machten sie einander von ihren unbehaglichen Stricken los, liefen nach dem Seeufer, sprangen in ein spanisches Boot und nötigten die beiden Leute, die darin waren, sie nach einem unserer Schiffe zu rudern. Wenige Minuten nachher, da ich gerade dem General Elliot die Sache erzählte, kamen sie glücklich an, und nach gegenseitigen Erklärungen und Glückwünschen feierten wir diesen merkwürdigen Tag auf die froheste Art von der Welt. 61 22. Das Branntweingläsleiii. Ein Unteroffizier trat im „Roten Nößlein" ein von der Parade. Der Wirt sagt zu ihm: „Aber den habt Ihr nicht schlecht getroffen heut in dem Kasernenhof. Was hat er angestellt?" — „Nicht wahr, ich Hab' ihn gut getroffen?" sagte der Unteroffizier. „Es ist ein ausgelernter Spitzbube, gegen den keine Vorsicht hilft. Er ist imstand und stiehlt Euch ein Rad vom Wagen, wäh- rend Ihr darauf sitzt und Wein holt im Ramstal. Kommt Ihr herein, so habt Ihr noch drei Näder." Der Wirt sagt: „Mir ist keiner schlau genug. Der ist noch nicht auf der Welt." Denn der Wirt war ein wenig dumm. Es ist fast immer ein Zeichen von Unverstand, wenn man allein klüger zu sein glaubt als alle andern. Deswegen sagte er: Mir ist keiner schlau genug. Der Unter- offizier sagte: „Gilt's einen Taler, er führt Euch an?" Der Wirt geht die Wette ein. Nachmittags kommt der Soldat mit einem Branntweinfläschlein in der Hand und verlangt für einen Sechser Branntenwein. Er habe daheim einen kranken Kameraden. Er hatte aber noch ein anderes Fläschlein von gleicher Größe und Gestalt in der Tasche, darin war Brunnenwasser, so viel als man Branntwein bekommen mag für sechs Kreuzer. Als er in das leere Fläschlein den Branntwein bekommen hatte, steckte er es zu dem andern in die nämliche Tasche und gab dem Wirt einen Sechser, der war falsch. Als er aber schon an der Türe war, während der Wirt den Sechser umkehrte, ruft er dem Soldaten: „Guter Freund, 62 ^7 Euer Sechser ist falsch auf der untern Seite. Gebt mir einen andern." Der Soldat stellte sich schrecklich erbost über den Spitzbuben, der ihm den falschen Sechser gegeben hatte, und zum Unglück habe er keinen andern bei sich. Er wolle aber sogleich einen holen. — „Nein", sagte der Wirt, „so ist's nicht gewettet. Gebt den Branntwein wieder heraus und holt zuerst das Geld." Da stellte ihm der Soldat das Fläschlein auf den Tisch, wo das Brunnenwasser drin war, und ging und kam nicht wieder. Abends kam der Unteroffizier. „Ei, seid Ihr es?" sagte der Wirt und lachte aus vollem Halse. „Was gilt's, Ihr wollt mir einen Taler bringen?" Der Unteroffizier aber lächelte nur, zwar etwas spöttisch und sagte: „Nein, ich will einen holen. Versucht einmal Euern Branntwein, ob er nicht schmeckt akkurat wie Brunnenwasser." Da wußte der Wirt vor Verwunderung und Beschämung nicht, was en sagen wollte. Der Unteroffizier aber sagte spöttisch: „Euch ist keiner schlau genug." Also hatte er den Taler gewonnen, doch durfte der Wirt sechs Kreuzer davon abziehen, was der Branntwein kostete, und bekam, wie das Sprichwort sagt, zum Schaden den Spott. 23. Schalk wird mit Schalk gefangen. Ein abgedankter Soldat, der ein lustiger Geselle war, kam eines Tages in ein Wirtshaus, und wie er sah, daß man eben den Gästen das Essen auftrug, setzte er sich auch ohne Umstände an den Tisch; denn er dachte: 63 Kann ich auch nicht zahlen wie andere, so kann ich doch essen wie sie, und das übrige will ich schon mit dem Wirte abmachen. Die Gäste, welche vornehme Leute waren, Schreiber, Musterreiter und dergleichen, sahen den Soldaten nicht gern bei sich und wollten ihn auf eine höfliche oder grobe Art auf die Seite schieben. Als daher die Suppe auf den Tisch kam, griff ein jeder nach einem Löffel, deren ebenso viele auf dem Tische waren als der Gäste; und sie sagten: „Ein Schelm, der keinen Löffel hat." Der Soldat wurde nicht verlegen, sondern er machte geschwind einen Löffel von Brotkruste, die er an die Gabel steckte, und fuhr damit in die Schüssel und ins Maul. Und als die Suppe gegessen war, sagte er: „Ein Schelm, der seinen Löffel nicht ißt." Was denn die andern bleiben ließen, und sie hatten den Schelm wieder, den sie ausgegeben. — Die Gäste hätten ihm wieder gern eins angehängt, und sie nahmen zuletzt einen Becher mit Wein und ließen den herumgehen, mit dem Bescheid: Wer den Wein im Becher fett oder schmutzig machen würde, der sollte die Zeche bezahlen. Das taten sie aber darum, weil der Soldat einen großen Schnanz- bart hatte, der lange nicht geschoren war, und sie meinten daher, es würde nicht fehlen können, daß er den Wein schmutzig machte. Aber als es an ihn kam, blies er dem Becher das Gesicht also aus, daß der Staub fast aus dem Becher gefahren und nicht so viel darin geblieben, daß eine Mücke ihren Durst hätte löschen können. Worauf er den Becher den Gästen wies und sie fragte, ob 64 der Wein schmutzig sei oder nicht. Also mußten sie für ihn die Zeche bezahlen, was sie auch gern taten, um des Spasses willen, den ihnen der Soldat gemacht hat. 24. Der Wegweiser. Bekanntlich klagte einst ein alter Schulz von Wasseln- heim seiner Frau, daß ihn sein Französisch fast unter den Boden bringe. Er sollte nämlich einem französischen Soldaten, der ausgerissen war, den Weg zeigen, verstand ihn nicht recht, antwortete ihm verkehrt und bekam für die beste Meinung Schläge genug zum Dank oder vielmehr zum Undank. Anderst sah ein Wegweiser an der württembergischen Grenze die Sache an. Er sollte nämlich im letzten Krieg (1806) einem Zug Franzosen den Weg über das Gebirg zeigen, wußte aber kein Wort von ihrer Sprache als Oui, welches so viel heißt als Ja, und LouZrs, welches ein Schimpfname ist. Diese zwei Worte hatte er oft gehört und lernte sie nachsagen, ohne ihren Sinn zu verstehen. Anfänglich ging alles gut, solange die Franzosen nur unter sich sprachen und ihn mit seiner Laterne und drei oder vier Tornistern, die sie ihm angehängt hatten, voraus oder nebenher gehen ließen. Da er aber der Spur nach allemal mitlachte, wenn sie etwas zu lachen hatten, so fragte ihn einer französisch, ob er auch verstünde, was sie miteinander redeten. Er hätte herzhaft sagen dürfen: Nein I Aber eben weil er es nicht verstand, so kam es ihm nicht darauf an, was er antwortete. Er nahm daher all sein Französisch zusammen 65 Mohr, Kriegsschwänke ic. 5 und antwortete: „Oui, Lougro" (Ja, Ketzer I). Mit einem ellenlangen französischen Fluche riß der Soldat den Säbel aus der Scheide und ließ ihm denselben um den Kopf herum und nahe an den Ohren vorbeisausen. „Wie?" sagte er, „du willst einen französischen Soldaten schimpfen?" „Oui, LouZro!" war die Antwort. Die andern hatten die höchste Zeit, dem erbosten Kameraden in den Arm zu fallen, daß er dem Wegweiser, ohne welchen sie in der finstern Nacht nicht konnten weiterkommen, nicht auf der Stelle den Kopf spaltete; doch gaben sie ihm mit manchem Fluch und Flintenstoß rechts und links zu verstehen, wie es gemeint sei, und fragten ihn alsdann, ob er jetzt wolle manierlicher sein. „Oui, LouZrs!" war die Antwort. Nun wurde er jämmerlich zerschlagen, und alle seine Bitten um Verzeihung und alle seine Bitten um Schonung legte er ihnen mit lauter Oui, LouArs! ans Herz. Endlich kamen sie auf die Vermutung, er sei verrückt (denn daß er französisch verstehe, hatte er bejaht). Sie nahmen daher auf einem Hof, wo noch ein Licht brannte, einen andern Führer, jagten diesen fort, und er erwiderte den Abschied des einen, daß er sich zum Henker packen sollte, richtig mit Oui, IlouZro! Als er aber so bald wieder nach Haus kam und sich seine Frau verwunderte, die ihn erst ans den andern Mittag wieder erwarten konnte, so erzählte er, wie die Soldaten unterwegs viel Spaß mit ihm gehabt hätten, so daß es ihm fast sei zu arg worden, und wie sie hernach auf dem Zierhauser Hof einen andern genommen und ihn wieder 66 heimgeschickt hätten. Die Franzosen (setzte er treuherzig hinzu) sind nicht so schlimm, als man meint, wenn man nur mit ihnen reden kann. 25. Das Landsturmwciblein und der Offizier. Das Leben, wo das Höchste neben dem Niedrigsten steht, das Lächerlichste neben dem Ergreifendsten, hat sich wohl selten in einem engeren Spiegel zusammengedrängt als im Jahre 1798 auf dem Schlachtfeld zu Fraubrunnen *. Der Landsturm war ergangen. Der Landsturm war ein fürchterliches Wort; er wühlte das Land auf wie ein Sturm die Blätter. Landsturm war vielleicht nie ergangen im Bernbiet, höchstens teilweise im Bauernkriege; aber es war das fürchterliche Wort, dessen Bedeutung um so fürchterlicher war, je länger man keinen Landsturm gesehen hatte. In den Vorstellungen der Seele standen Landsturm und Jüngstes Gericht, das Knallen der Böller auf den Hügeln und die letzten Posaunen nahe beisammen, und man wußte nicht anders, als daß, wer Hände und Füße habe, dem eingebrochenen Feinde zustürzen, Gut und Blut einsetzen müsse. Darum bewaffneten sich alte Mütterlein, die kaum mehr Kraft hatten, zur Kirche zu gehen, und bysteten und berzeten (schnauften und krächzten) betend und jammernd dem Landsturm nach. Es dachte keine, was sie ' Wo die Schweizer vom französischen Revolutionsheer geschlagen wurden. 5 * 67 verrichten könnte, sondern nur, wenn der Landsturm ergehe, alles laufen müsse, was Hände und Füße und einen guten Blutstropfen hätte. So sank zum Beispiel drei Stunden von Fraubrunnen ein altes Mütterli an des Weges Rand und sagte, Wäger, Wäger (wahrlich) möge sie nicht weiter und wenn es das Leben kosten sollte, und hustete dazu, daß es ein Jammer war. Sie war über siebzig Jahre alt, hatte ein kleines Mistgäbeli in der Hand, wäre aber kaum mehr imstande gewesen, damit eine Scholle Mist abzustechen, geschweige denn einen französischen Husaren. Ein anderes dieser Mütterlein brachte es glücklich bis gegen Fraubrunnen hin. Als aber das Schießen recht anging und die Husaren wie Ungeheuer übers Feld flogen und die Menschen niedermachten wie ein Schnitter das Korn, da ward es ihm eng ums Herz; es gruselte ihm, dabei zu sein, so wüst hatte es sein Lebtag nicht tun sehen. Es machte sich süferli (säuberlich) rückwärts, es wußte nicht wie, und seine Beine wurden immer gleitiger (schneller), es wußte nicht warum. Da hörte es plötzlich etwas hinter sich; es wandte sich um; es kam hinter ihm her schnaubend und schrecklich ein Soldat mit bloßem Säbel und rannte, so stark er konnte. Da erschrak es zu Tode, raffte den Rest seiner Kräfte zusammen und lief noch stärker. Aber je stärker es laufen mochte, um so näher schnaubte der grimme Feind; jeden Augenblick glaubte es das kalte Eisen im Rücken zu fühlen, es empfahl seine Seele Gott; es wollte noch 68 stärker laufen, aber es war am Zusammensinken. Da tönte hinter ihm eine Stimme wie die Stimme eines Engels vom Himmel, aber etwas weinerlich und so, wie man sonst redet um Burdlef (Burgdorf) herum: „Fraueli, förcht di nit und lauf nit so, mir gonge jo d'r glych Weg (Fraule, furcht dich nicht und lauf nicht so, wir gehen ja den gleichen Weg)." Da stand das Mütterli still; aber lange konnte es nicht fassen, daß das kein Engel vom Himmel, sondern ein ehrbarer Berner Offizier sei, der mit blankem Säbel sich den Weg nach Hause bahnte und eben nicht meinte, daß die Franzosen alle an einem Tage gefressen sein müßten. Friedlich zogen nun die beiden heim und trösteten einander. 26. Der Rekrut. Ein junger, schön gewachsener Bursche mit krausen, rötlichten Haaren und viel Laubflecken sagte dem preußischen Offizier, der ihn hinten auf sein Gefährt aufsitzen ließ, nicht, wo er daheim sei, bis es Zeit war. Auf das Gefährtlein aber war er folgendergestalt gekommen. Als der Offizier an ihm vorbeifuhr auf oer Straße, etwas langsam, weil's bergan ging, und bei solcher Gelegenheit ein Pfeifchen Tabak stopfte, dachte der Rotkopf: „Fahren ist ringer als laufen, wenn's geratet", und zog auch sein hölzernes Pfeiflein aus der Tasche. „Wolltet Ihr nicht so gut sein, gnädiger Herr, und mir auch Tabak geben zu einer Pfeife. Ich will Euch derweilen Feuer schlagen." Dem Offizier, der aus 69 dem Urlaub zu seiner Garnison zurückkehrte, leuchtete das kräftige Alter und der schöne, kecke Wuchs des Knaben nicht übel ein. „Wo bist du her, mein Sohn?" — „Von da und da. Ihr müßt ja durch- gefahren sein vor etwa einer Stunde. Mein Vater ist der Schwanenwirt, eigentlich aber mein Stiefvater." — „Was ist dein Geschäft auf der Straße?" — „Drum will ich dem König dienen und gehe auf den nächsten Werbplatz." — „Wie viel Jahre hast du?" — „Neunzehn seit vorgestern, und nicht viel gute darunter. Drum hat mir vorgestriges Tages die Mutter einen Kronentaler gegeben. Großer, hat sie gesagt, du wirst heute neunzehn Jahre alt, mach dir einen guten Abend dafür. Für einen Kronentaler kann man mehr als einen Rausch trinken, aber ich habe nur einen dafür getrunken. Heute früh vor zwei Stunden, als ich noch im Bett lag, ist der Vater mit dem Geißelstecken gekommen und hat mich gewalkt. Es ist nicht das erste Mal. Und die Mutter hat er auch bearbeitet. Es ist auch nicht das erste Mal. Willst du alles an den Lümmel hängen, hat er gesagt, an den rothärigen Galgenstrick?" — Der Offizier gab ihm hierauf ein wenig Tabak in die Hand und sagte: „Du kannst hinten aufsitzen, wenn wir auf der Höhe sind. Ich will dich mitnehmen." — „Ich verlange kein Handgeld", sagte der Rotkopf und schlug an die Tasche. „Kann man den Schwanenwirt zwingen", fragte er, „daß er mir mein Väterliches verabfolgen läßt, wenn 70 ich majorenn bin?" Der Offizier sagte: „Sobald du majorenn wirst, soll's nicht fehlen." Auf der Station, wenn die Pferde gewechselt wurden, ließ er ihm gut einschenken, um ihm frohen Mut zu machen, und wenn er ausgetrunken hatte, sagte er: „Es schmeckt doch nicht recht, wie's soll, wenn man den Tag vorher etwas zu viel gehabt hat." Unterwegs saß er bald auf dem Brett, bald stellte er sich wie ein Bedienter, der hinten aufsteht, erzählte dem Offizier allerlei oder pfiff ein lustiges Stücklein. Der Offizier sagt: „Du kannst Pfeifermajor werden bei des Königs Leibgarde. Solche gibt's nicht viel in der Armee." — „Ich kann auch die Orgel spielen." — „GutI du kannst auch General-Feldorgel' spieler werden. Aber zuerst mußt du von unten herauf als Regimentsblasbalgtreter dienen." Wart nur, dachte er, bis ich dich in Magdeburg habe. Das Orgelspielen wird dir vergehen. Aber gegen Abend, als sie durch einen Wald fuhren, stellte sich der Rotkopf wieder auf die Beine, eigentlich aber nur auf eins, denn das andere hielt er auf den Sprung Parat. „Jetzt, wenn Ihr um die Waldspitze herum seid, gnädiger Herr, rechts erblickt Ihr in der Ferne ein Dorf mit einem halben Kirchturm, dort bin ich daheim. Ich bedanke mich, daß Ihr mich so weit habt lassen mitfahren." Aber als er die letzten Worte sagte, sprang er schon über den Straßengraben und husch in den Wald hinein wie ein gejagter Hirsch; weg war er. Denn es war ihm nur ums Mitfahren zu tun. 71 Der Offizier schoß ihm zwar mit der Kugelbüchse nach. Aber die Kugel konnte ihn im Wald zwischen den vielen Bäumen nimmer ausfindig machen. Der Postillon aber sagte: „Es hat mich schon lang wundergenommen, was Ihr mit dem Halunken hinten auf der Chaise tut. Ich kenne den roten Spitzbuben wohl", sagte er. 27. Gleiche Brüder. Zur Kriegszeit vor alters wollten etliche Soldaten einem Bauern die Pferde vom Wagen spannen. Da bat der Bauer flehentlich: „Ihr liebe Herren, laßt mir meine Pferdei Ich bin ja auch ein Dieb wie ihr." Da lachten die Soldaten und ließen ihn als zur nämlichen Handelsgesellschaft gehörend ruhig seines Weges ziehen. 28. Der strenge Wachtmeister. Man kann in allem zu weit gehen, auch in den Werken der Barmherzigkeit, wie z. B. eines ist: die Toten begraben. Der Wachtmeister aber, von dem die Geschichte meldet, ist nicht in der Barmherzigkeit zu weit gegangen, sondern im Diensteifer. Dieser erhielt nach einer Schlacht den Befehl, mit seiner Mannschaft die Walstatt abzurämnen von den Erschlagenen; und da der Schnitt scharf durch das Feld gegangen, so ist auch die Ernte ergiebig ausgefallen. Seine Leute sammelten daher die Leichen, und nachdem sie die Toten des Überflüssigen entledigt, warfen sie Mann für Mann auf einen Wagen 72 und darauf alle zusammen in eine Grube; und es wurde kein Kreuz und kein Licht vorgetragen, und kein Priester ist dabeigestanden, der das Grab eingesegnet und über die Verstorbenen gebetet hätte. Wie denn nun das Werk der Barmherzigkeit im vollen Gange war, meldete einer von den Leuten dem Wachtmeister, es sei unter den Toten noch ein Lebendiger, ein feindlicher Offizier. Der Wachtmeister, der schon oft die Erfahrung gemacht hatte, daß sich einer aus seinen Leuten als krank gemeldet, der doch gesund war, sagte mit seiner gewohnten Strenge in pünktlichem Gehorsam: „Ei was I Da könnte sich jeder Schelm als lebendig melden. Marsch in die Grube I" Nachdem er jedoch sich selbst durch den Augenschein überzeugt hatte, daß der Tote wirklich lebendig sei, so machte er diesmal doch eine gnädige Ausnahme; und der Offizier lebt noch, wenn er nicht gestorben ist. 29. Der gläserne Jude. Im letzten Krieg (1812) floh ein polnischer Jude vor einem Husaren, der ihn zusammenhauen wollte, in das Haus seines Schwagers. Der Schwager, der sonst sein Freund nicht war, steckte ihn gleichwohl in einen Kornsack und legte ihn auf den Boden. „Nausel, rühr dich nicht, sonst sind wir beide kapores." — „Doved, ich rühr' mich nicht." Kommt auf einmal der Husar mit zornigem Sabel zur Tür herein, und: „Wo ist der Spitz- bub?" schrie er mit grimmiger Gebärde; der Schwager erwiderte: „Na, gestrenger Herr Unteroffizier I Daß mein Haus keine Spitzbubenherberge ist. Bin ich nicht ein ehrlicher Jüd?" Der Husar erwiderte: „Wo der Spitzbub ist, will ich wissen, der mich um vier Taler betrogen hat", und visitierte in allen Winkeln herum. „Was habt Ihr in diesem Sacke da", fuhr er den Schwager an und hielt ihm den blanken Sabel über den Kopf. „Grausamer Herr Unteroffizier, was werd' ich haben in dem Sack do? Glas." Da hieb im Zorn der Husar zuerst mit flachem Säbel, hernach mit dem Rücken des Säbels aus Leibeskräften auf den Sack. Soviel Hiebe, soviel Schwielen. Der Jude aber, der darin steckte, dachte: Ich will meinen Schwager nicht stecken lassen, mich noch weniger, und machte unaufhörlich mit reiner Stimme kling, kling, daß der Husar meinen sollte, er höre Glas klingeln. Item, es half etwas. Denn der Einfall kam dem Husaren selbst so lächerlich vor, daß schon sein halber Zorn gebrochen war. Also schlug er auch noch die andere Hälfte desselben an dem Sack heraus, und der Jud inwendig tönte immer schneller kling, kling, kling. Als aber der Husar fort war und der Jude blutrünstig aus dem Sack schlüpfte und sich beschaute: „Gottes Wunder", sagte er, „mein Leben lang will ich um vier Taler kein Glas mehr werden." SV. Hier lernt man Französisch. Während der langen Zeit vor hundert Jahren, als die Franzosen in Deutschland hausten, hatte jedermann von uns Gelegenheit genug, Französisch zu lernen, und 74 sogar jeder Bauer wußte sehr wohl, was Buger (Schuft), tutswit (sogleich), l'arschan (Geld) usw. heiße. Darüber braucht man sich auch nicht zu wundern, — hat es doch sogar das Vieh gelernt, wie folgende Geschichte beweist. Ein Franzose hatte sich im Wirtshaus etwas verspätet und ging, ziemlich betrunken, nach dem Zapfenstreich heim ins Quartier. Unterwegs wollte er doch erfahren, wie hoch es an der Zeit sei, und klopfte an einer Hütte an, und fragte auf französisch: „Wie viel Uhr?" Die Hütte war aber ein Schweinstall. Die San antwortete auf französisch (recht durch die Nase): „Ons! onsl" das heißt auf deutsch: eilf. Der Franzos fragte weiter, ob's schon lange geschlagen habe. Da antworteten drin die Ferkel, ebenfalls auf französisch: „Wui! wuil" das heißt auf deutsch: ja. Der Franzos sagte „Schwuremersil" (höflichen Dank) und ging seines Weges weiter. Als er nach Hause gekommen, sah er auf der Wanduhr, daß sie wirklich recht gesagt hätten, die drinnen in der Hütte. 31. Schlechter Lohn. Als im letzten Krieg (1806—1807) der Franzos nach Berlin kam, in die Residenzstadt des Königs von Preußen, da wurde unter anderm viel königliches Eigentum weggenommen und fortgeführt oder verkauft. Denn der Krieg bringt nichts, er holt. Was noch so gut ver- borgen war, wurde entdeckt und manches davon zur Beute gemacht, doch nicht alles. Ein großer Vorrat von königlichem Bauholz blieb lange unverraten und 75 unversehrt. Doch kam zuletzt noch ein Spitzbube von des Königs eigenen Untertanen, dachte: Da ist ein gutes Trinkgeld zu verdienen, und zeigte dem französischen Kommandanten mit schmunzlicher Miene und spitzbübischen Augen an, was für ein schönes Quantum von eichenen und tannenen Baumstämmen noch da und da beisammen liege, woraus manch Tausend Gulden zu lösen wäre. Aber der brave Kommandant gab schlechten Dank für die Verräterei und sagte: „Laßt Ihr die schönen Baum- stämme nur liegen, wo sie sind. Man muß dem Feind nicht sein Notwendigstes nehmen. Denn wenn Euer König wieder ins Land kommt, so braucht er Holz zu neuen Galgen für so ehrliche Untertanen, wie Ihr einer seid." Das muß der Hausfreund loben und wollte gern aus seinem eigenen Wald ein paar Stämmlein auch hergeben, wenn's fehlen sollte. 32. Der kann Deutsch. Bekanntlich gibt es in der französischen Armee viele Deutschgeborne, die es aber im Feld und im Quartier nicht immer merken lassen. Das ist alsdann für einen Hauswirt, der seinen Einquartierten für einen Stockfranzosen hält, ein groß Kreuz und Leiden, wenn er nicht Französisch mit ihm reden kann. Aber ein Bürger in Salzwedel, der im letzten Krieg (1806—1807) einen Sundgauer im Quartier hatte, entdeckte von ohngefähr ein Mittel, wie man bald dahinter kommt. Es ging so 76 zu. Der Sundgauer parlierte lauter Uouärs viadls (Da schlag' der Teufel drein I), forderte mit dem Säbel in der Faust immer etwas anders, und der Salzwedler wußte nie, was? Hätt's ihm gern gegeben, wenn er gekonnt hätte. Da sprang er in der Not in seines Nachbarn Haus, der sein Gevatter war und ein wenig Französisch kann, und bat ihn um seinen Beistand. Der Gevatter sagte: „Er wird aus der Dauphine sein, ich will schon mit ihm zurechtkommen." Aber weit gefehlt. War's vorher arg, so war's jetzt ärger. Der Sundgauer machte Forderungen, die der gute Mann nicht zu befriedigen wußte, so daß er endlich im Unwillen sagte: „Das ist ja der vermaledeiteste Spitzbube, mit dem mich der Bolettenschreiber noch heimgesucht hat." Aber kaum war das unvorsichtige Wort heraus, so bekam er von dem vermeinten Stockfranzosen eine ganz entsetzliche Ohrfeige. Da sagte der Nachbar: „GevattermaunI Nun laßt Euch nimmer angst sein, der kann Deutsch." 33. Nur drei Worte. Ein armer, einfacher Landsknecht litt großen Hunger. Wiewohl Proviant genug im Lager war, so hatte er doch kein Geld, sich etwas zu kaufen. Deshalb trieb ihn die Not dahin, daß er vor den Hauptmann begehrte in der Hoffnung, er würde ihm etwas vorschießen. Es hatte aber der Hauptmann etliche große Hansen zu Gast geladen, weshalb die Trabanten diesen armen Knecht nicht vorlassen wollten. Als er nun ohne Unterlaß bat, 77 man sollte ihn doch vor den Hauptmann lassen, er hätte nicht mehr denn drei Worte mit ihm zu reden, war da auch ein nasser Vogel unter den Trabanten; den wunderte, was er doch mit drei Worten ausrichten könnte, und der sagte es dem Hauptmann lang und breit, wie sich die Rede zugetragen hätte. Der Hauptmann mit seinen Gästen, die auch wohl bezecht waren, sprachen: „Laßt ihn herein, und redet er mehr denn drei Worte, so wollen wir ihn in Eisen schlagen lassen." Also ward er vor den Hauptmann in den Saal gelassen. Der fragte ihn: „Was begehrst du, das du mit drei Worten ausrichten willst?" Antwortete der Landsknecht: „Geld oder Urlaub I" Da lachte der Hauptmann und alle seine Gäste, und der Hauptmann ließ ihm einen Monat Sold geben bis zur Bezahlung. 34. Der Kerbschnitt. Auf eine Zeit geschah es, daß das Geschrei von einem Kriege zu den Schildbürgern hinüberdrang. Da gerieten sie in große Furcht, es möchte ihnen Hab und Gut von den Feinden geraubt und hinweggeführt werden. Be- sonders war ihnen angst um eine Glocke, die auf ihrem Rathaus hing; denn sie dachten, man werde sie ihnen wegnehmen und Büchsen daraus gießen. So wurden sie denn nach langem Ratschlagen einig, sie bis zum Ende des Krieges in den See zu versenken und sie dann, wenn der Krieg vorüber und der Feind weg sei, wiederum herauszuziehen und aufzuhängen. Sie trugen sie also 78 in ein Schiff und führten sie auf den See. Als sie aber die Glocke hineinwerfen wollten, sagte von ungefähr einer: „Wie wollen wir aber den Ort wieder finden, wo wir sie ausgeworfen haben, wann wir sie gern wieder hätten?" — „Da laß dir keine grauen Haare darüber wachsen!" sprach der Schultheiß und ging hin und schnitt mit dem Messer eine Kerbe in das Schiff an dem Ort, wo sie die Glocke hinausgeworfen hatten. „Hier bei diesem Schnitt", sprach er, „wollen wir sie wieder finden." Nachdem der Krieg aus war, fuhren sie wieder auf den See, um ihre Glocke zu holen. Da fanden sie den Kerbschnitt an dem Schiffe wohl, aber die Glocke konnten sie darum nicht finden, auch den Ort im Wasser nicht, wo sie sie hineingesenkt. So mangeln sie also noch bis auf den heutigen Tag ihre gute Glocke. 35. Dankbarkeit. In der Seeschlacht von Trafalgar (1805), während die Kugeln sausten und die Mastbäume krachten, fand ein Matrose noch Zeit, zu kratzen, wo es ihn biß, näm- lich auf dem Kopf. Auf einmal streifte er mit zusammengelegtem Daumen und Zeigefinger bedächtig an einem Haare herab und ließ ein armes Tierlein, das er zum Gefangenen gemacht hatte, auf den Boden fallen. Aber indem er sich niederbückte, um ihm den Garaus zu machen, flog eine feindliche Kanonenkugel ihm über den Rücken weg, Paff, in das benachbarte Schiff. Da ergriff den Matrosen ein dankbares Gefühl, und überzeugt, daß er 79 von dieser Kugel wäre zerschmettert worden, wenn er sich nicht nach dem Tierlein gebückt hätte, hob er es schonend von dem Boden auf und setzte es wieder auf den Kopf. „Weil du mir das Leben gerettet hast", sagte er; „aber laß dich nicht zum zweitenmal attrappieren, denn ich kenne dich nimmer." 36. Eulenspiegel als Turmbläser. Eulenspiegel kam auch nach Bernburg zu dem Grafen von Anhalt, zu dem verdingte er sich als Turmbläser. Und der Graf hatte viel Feindschaft, so daß er in dem Städtlein und in dem Schloß zu der Zeit viel Ritter und Hofvolk hatte, die man alle Tage speisen mußte. Also ward Eulenspiegel auf dem Turm vergessen, daß ihm keine Speise gesandt ward. Und denselben Tag kam es dazu, daß des Grafen Feinde vor das Städtlein und das Schloß rannten und die Kühe nahmen und sie alle Hinwegtrieben. Und Eulenspiegel lag auf dem Turm und guckte durch das Fenster und machte keinen Lärm weder mit Blasen noch mit Schreien. Der Graf aber erfuhr noch davon und eilte mit den Seinen den Feinden nach. Und etliche sahen nach dem Turme und bemerkten, daß Eulenspiegel in dem Fenster lag und lachte. Da rief ihm der Graf zu: „Was liegst du also in dem Fenster und bist so still?" Eulenspiegel rief wieder herab: „Vor dem Essen da rufe ich oder tanze nicht gern." Der Graf rief ihm zu: „Willst du nicht die Feinde an- blasen?" Eulenspiegel rief wieder: „Ich brauche keine 80 Feinde heranzublasen, das Feld ist schon voll und ein Teil ist mit den Kühen hinweg. Bliese ich noch mehr Feinde heran, sie schlügen Euch zu dem Tor herein." Der Graf eilte den Feinden nach und tummelte sich mit ihnen, und Eulenspiegel ward wieder vergessen mit seiner Speise. Und wieder einmal hatte der Graf seinen Feinden einen Haufen Vieh abgenommen, und sie hieben das Vieh zu Stücken und brieten. Eulenspiegel gedachte auf dem Turm, wie er auch etwas von der Beute bekommen möchte, und nahm acht der Zeit, wo es Essenszeit würde sein. Da fing er an zu rufen und zu blasen: „Feindio, Feindiol" Der Graf lief eilends mit den Seinen von dem Tisch, auf dem schon die Speisen standen, und legte den Harnisch an und nahm die Waffen in die Hand, und sie eilten schnell zum Tor hinaus in das Feld und lugten nach den Feinden. Inzwischen lief Eulenspiegel behende und schnell von dem Turm und kam über des Grafen Tisch und nahm Gebratenes und Gesottenes, was ihm beliebte, und ging eiligst wieder auf den Turm. Als nun die Reiter und das Fußvolk kamen, da sahen sie nichts vom Feinde und sprachen zueinander: „Der Turmmann hat das aus Schalkheit getan", und zogen wieder heim, dem Tore zu. Und der Graf rief Eulenspiegel zu: „Bist du denn unsinnig und toll geworden?" Eulenspiegel sprach: „Ohn' alle arge List, aber Hunger und Not erdenken manche List." Der Graf sprach: „Warum hast du Feindio geblasen, wo doch kein Feind ist da- 81 Mohr, Kriegsschwknke ic. 6 gewesen?" Eulenspiegel sprach: „Da keine Feinde da waren, da mußte ich etliche Feinde daherblasen." Da sprach der Graf: „Du krauest dich mit Schalksnägeln. Denn sind Feinde da, so willst du sie nicht anblasen, und wenn keine Feinde da sind, so bläst du sie an. Das sollte wohl Verräterei werden." Und er setzte Eulen- spiegel ab und dingte einen andern Turmbläser an seiner Stelle und Eulenspiegel mußte ihm zu Fuße folgen als Fußknecht. Das verdroß ihn gar sehr, und er wäre gern von dannen gewesen und konnte doch mit Glimpf nicht von dannen kommen. Darum hinderte er sie, wenn sie aus- zogen gegen den Feind, allerwegen und war allezeit der letzte zu dem Tor hinaus; und wenn sie fertig waren und wiederum zurückkehrten, so war er allerwegen der erste zum Tor hinein. Da sprach der Graf zu ihm, wie er das verstehen sollte von ihm, wenn er auszöge mit ihm gegen den Feind, so wäre er allerwegen unter den letzten, und so man heimzöge, wäre er der erste. Eulenspiegel sprach: „Ihr sollet darum nicht zürnen, denn wenn Ihr und Euer Hofgesinde alle aßet, so saß ich auf dem Turm und verging vor Hunger, davon bin ich kraftlos geworden. Soll ich da nun der erste vor dem Feind sein, so muß ich die Zeit einbringen und hereilen, daß ich auch der erste an der Tafel und der letzte davon bin, damit ich wieder stark werde; dann will ich wohl der erste und der letzte an den Feinden sein." — „So hör' ich wohl", sprach der Graf, „daß du nur so lange bei mir aushalten wolltest, wie du auf dem Turme saßest." Da sprach Eulenspiegel: „Wozu jedermann recht hat, das nimmt man ihm gern." Der Graf sprach: „Du sollst nicht länger mein Knecht sein", und gab ihm Urlaub. Des war Eulenspiegel froh, da er keine große Lust hatte, alle Tage mit den Feinden zu fechten. 37. Der silberne Löffel. In Wien dachte ein Offizier: Ich will doch auch einmal im „Roten Ochsen" zu Mittag essen, und geht in den „Roten Ochsen". Da waren bekannte und unbekannte Menschen, Vornehme und Mittelmäßige, ehrliche Leute und Spitzbuben wie überall. Man aß und trank, der eine viel, der andere wenig. Man sprach und disputierte von dem und jenem. Als nun das Essen fast vorbei war, einer und der andere trank noch eine halbe Maß Ungarwein zum Zuspitzen, ein anderer drehte Kügelein aus weichem Brot, als wenn er ein Apotheker wär' und wollte Pillen machen, ein dritter spielte mit dem Messer oder mit der Gabel oder mit dem silbernen Löffel. Da sah der Offizier von ungefähr zu, wie einer in einem grünen Rocke mit dem silbernen Löffel spielte, und wie ihm der Löffel auf einmal in den Rockärmel hineinschlüpfte und nicht wieder herauskam. Ein anderer hätte gedacht: Was geht's mich an? und wäre still dazu gewesen oder hätte großen Lärmen angefangen. Der Offizier dachte: Ich weiß nicht, wer der 83 6 * grüne Löffelschütz ist, und was es für ein Verdruß geben kann, und war mausstill, bis der Wirt kam und das Geld einzog. Als der Wirt kam und das Geld einzog, nahm der Offizier auch einen silbernen Löffel und steckte ihn zwischen zwei Knopflöcher im Rocke, zu einem hinein, zum andern hinaus, wie es manchmal die Soldaten im Kriege machen, wenn sie den Löffel mitbringen, aber keine Suppe. — Währenddem der Offizier seine Zeche bezahlte, und der Wirt schaute ihm auf den Rock, dachte er: Das ist ein kurioser Verdienstorden, den der Herr da anhängen hat. Der muß sich im Kampf mit einer Krebssuppe hervorgetan haben, daß er zum Ehrenzeichen einen silbernen Löffel bekommen hat; oder ist's gar einer von meinen eigenen? Als aber der Ossi- zier dem Wirt die Zeche bezahlt hatte, sagte er mit ernst- Hafter Miene: „Und der Löffel geht ja drein. Nicht wahr? Die Zeche ist teuer genug dazu." Der Wirt sagte: „So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn Ihr keinen Löffel daheim habt, so will ich Euch einen Patentlöffel schenken, aber meinen silbernen laßt mir da." Da stand der Offizier auf, klopfte dem Wirt auf die Achsel und lächelte. „Wir haben nur Spaß gemacht", sagte er, „ich und der Herr dort in dem grünen Rocke. Gebt Ihr Euern Löffel wieder aus dem Ärmel heraus, grüner Herr, so will ich meinen auch wieder her- geben." Als der Löffelschütz merkte, daß er verraten sei und daß ein ehrliches Auge auf seine unehrliche Hand gesehen 84 hatte, dachte er: Lieber Spaß als Ernst, und gab seinen Löffel ebenfalls her. Also kam der Wirt wieder zu seinem Eigentum, und der Löffeldieb lachte auch — aber nicht lange. Denn als die andern Gäste das sahen, jagten sie den verratenen Dieb mit Schimpf und Schande und ein paar Tritten unter der Türe zum Tempel hinaus, und der Wirt schickte ihm den Hausknecht mit einer Handvoll ungebrannter Asche nach. Den wackern Offizier aber bewirtete er noch mit einer Bouteille voll Ungarwein auf das Wohlsein aller ehrlichen Leute. Merke: Man muß keine silbernen Löffel stehlen. Merke: Das Recht findet seinen Knecht. 38. St Nimmerleinstag. Es findet nicht selten ein großer Fuchs noch einen größeren in der Höhle. So erging es auch einem verschlagenen Bauern mit einem Kommißmetzger oder Landsknecht, der war noch verschlagener als der Bauer. Derselbe Landsknecht kam auf einen Feiertag in das Dorf, wo der Bauer wohnte. Nun hatte der Landsknecht einen schönen Klepper, auf dem er geritten kam. Dem Bauern gefiel der über die Maßen wohl, und er fragte den Landsknecht, ob ihm das Pferd nicht feil sei. „Nein", antwortete der Landsknecht, „es ist mein Leibpferd; wollte nicht, daß mir's einer doppelt bezahlen müßte!" Als sie aber ins Trinken gekommen waren, wußte der Bauer von nichts anderem mehr zu reden als von dem 85 Pferd, und stand nicht ab zu bitten, der Landsknecht solle ihm das Pferd überlassen. Wie nun der Landsknecht des Bauern Begehren bemerkte, gedachte er es zu stillen und sprach: „Ihr habt von Anfang an gehört, daß mir das Pferd nicht feil ist. Außerdem gebt Ihr mir nicht soviel dafür, als ich verlange." — „Lieber Kriegsmann", antwortete der Bauer, „meinst du denn nicht, ich könnt' einen solchen Klepper ebensogut bezahlen wie du? Schlag ihn an um ein Geld, du wirst sehen, ob ich ihn nicht kaufen kann." — „Nun denn", sagte der Landsknecht, „weil du einmal darauf bestehst, so wisse, daß er mir nicht wohlfeiler zu verkaufen ist denn um fünfzig Kronen." Nun war das Pferd unter Brüdern fünfundzwanzig Kronen wohl wert, das konnte der Bauer schon sehen. Darum sagte er zu dem Landsknecht: „Wohlan, mein Brüderlein, damit du siehst, daß es mir ernst ist, so will ich dir das Pferd um fünfundvierzig Kronen abnehmen — und dir fünfundzwanzig Kronen bar bezahlen; die andern zwanzig will ich dir auf St Nimmerleinstag geben." Der Landsknecht dachte: Laß sehen, Bauer, wer den andern drankriegt I Er sagte also: „Guter Freund, an der Bezahlung ist mir weniger gelegen, wenn ich nur den Heiligen kennte. Steht er denn im Kalender?" — „Freilich steht er darin, sonst wäre er ja kein Heiliger." — „Dann bin ich zufrieden", sagte der Lands- knecht, „eine Verschreibung wollen wir aber immerhin gegeneinander aufrichten." Darauf ging der Bauer gerne ein, und sie tranken zur Bekräftigung des Handels den 86 „Weinkauf". Der Bauer wollte ihn halb bezahlen. „Nein", sagte der Landsknecht, „ich habe jetzt eben fünfundzwanzig Kronen empfangen, billigerweise soll ich die Zeche bezahlen." Dem Bauern gefiel der Handel wohl und meinte, er habe einen Hirsch gefangen, da war es kaum ein Rehbock. Der Landsknecht nahm die fünfundzwanzig Kronen samt der Verschreibung und fuhr feine Straße. Als nun der Allerheiligentag gekommen und nicht ganz acht Tage danach verstrichen waren, kam der gute Landsknecht, um seine ausständigen zwanzig Kronen zu fordern. Er kam wieder in das vorige Wirtshaus und schickte nach dem Bauer und den andern, die bei dem Kauf gewesen. Alle kamen unverzüglich. Sobald der Bauer den Landsknecht erblickte, empfing er ihn freundlich und fragte ihn, was ihn abermals die Straße vorüberführe. „Das möget Ihr wohl erraten", sagte der Kriegsmann, „mein ausständiges Geld vollends einzuziehen laut Eurer Verschreibung." — „Hoho!" sagte der Bauer, „das Ziel ist noch nicht verfallen, wird auch noch lange nicht verfallen I" Darauf sprach der Landsknecht: „Lieber Bauer, die Sache verhält sich meiner Rechnung nach anders. Als wir den Kauf miteinander gemacht hatten, habe ich dich gefragt, ob St Nimmerlein auch ein Heiliger sei; da hast du ihn als einen Heiligen anerkannt und gesagt, er stehe auch im Kalender. Nun habe ich allenthalben im Kalender gesucht, finde aber keinen St Nimmerlein. Es ist aber vor acht Tagen 87 Allerheiligen gewesen. Dieweilen nun St Nimmerlein auch ein Heiliger ist, lasse ich mich nicht dadurch beirren, daß er nicht im Kalender steht; denn es gibt viele Heilige, die in den Niederlanden, in Italien und an andern Orten für Heilige gehalten werden und die wir in unfern Kalendern nicht haben." Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, verlangte der Bauer, daß die Sache vor den Amtmann gebracht werde. Der Landsknecht war damit einverstanden. Sie kamen also vor den Amtmann und klagten aufeinander. Als nun Klage und Antwort von beiden Parteien angehört war, wurde der Bauer verurteilt, den Landsknecht zufriedenzustellen, und er mußte noch dazu für seine Betrügerei eine ordentliche Geldbuße bezahlen. — Da ward Fuchs durch Fuchs gefangen, wie denn billig und recht ist. 39. Untreue schlägt den eigenen Herrn. Als in dem Krieg zwischen Frankreich und Preußen (1806/07) ein Teil der französischen Armee nach Schlesien einrückte, waren auch Truppen vom Rheinischen Bundesheer dabei, und ein bayerischer oder württembergischer Offizier wurde zu einem Edelmann einqnartiert und bekam eine Stube zur Wohnung, wo viele sehr schöne und kostbare Gemälde hingen. Der Offizier schien recht große Freude daran zu haben, und als er etliche Tage bei diesem Mann gewesen und freundlich behandelt worden war, verlangte er einmal von seinem Hauswirt, daß er ihm eins von diesen Gemälden zum Andenken schenken 88 möchte. Der Hauswirt sagte, daß er das mit Vergnügen tun wollte, und stellte seinem Gaste frei, dasjenige selber zu wählen, welches ihm die größte Freude machen könnte. Nun, wenn man die Wahl hat, sich selber ein Geschenk von jemand auszusuchen, so erfordern Verstand und Artigkeit, daß man nicht gerade das Vornehmste und Kostbarste wegnehme, und so ist es auch nicht gemeint. Daran schien dieser Mann auch zu denken, denn er wählte unter allen Gemälden fast das schlechteste. Aber das war unserem schlesischen Edelmann nichts desto lieber, und er hätte ihm gern das kostbarste dafür gelassen. „Mein Herr Obrist", so sprach er mit sichtbarer Unruhe, „warum wollen Sie gerade das geringste wählen, das mir noch dazu wegen einer andern Ursache wert ist? Nehmen Sie doch lieber dieses hier oder jenes dort." Der Offizier gab aber darauf kein Gehör, schien auch nicht zu merken, daß sein Hauswirt immer mehr und mehr in Angst geriet, sondern nahm geradezu das gewählte Gemälde herunter. Jetzt erschien an der Mauer, wo dasselbe gewesen war, ein großer feuchter Fleck. „Was soll das sein?" sprach der Offizier wie erzürnt zu seinem todblassen Wirt, tat einen Stoß, und auf einmal fielen ein paar frisch gemauerte und übertünchte Backsteine zusammen, hinter welchen alles Geld und Gold und Silber des Edelmanns eingemauert war. Der gute Mann hielt nun freilich sein Eigentum für verloren, wenigstens erwartete er, daß der feindliche Kriegsmann eine namhafte 89 Teilung ohne Jnventarium und ohne Kommissarius vornehmen werde, ergab sich geduldig darein und verlangte nur von ihm zu erfahren, woher er habe wissen können, daß hinter diesem Gemälde sein Geld in der Mauer verborgen war. Der Offizier erwiderte: „Ich werde den Entdecker sogleich holen lassen, dem ich ohnehin eine Belohnung schuldig bin"; und in kurzer Zeit brachte sein Bedienter — sollte man's glauben — den Maurermeister selber, den nämlichen, der die Vertiefung in der Mauer zugemauert und die Bezahlung dafür erhalten hatte. Das ist nun einer von den größten Spitzbubenstreichen, die der Teufel auf ein Sündenregister setzen kann. Denn ein Handwerksmann ist seinen Kunden die größte Treue, und in Geheimnissen, wenn es nichts Unrechtes ist, so viel Verschwiegenheit schuldig, als wenn er einen Eid darauf hätte. Aber was tut man nicht um des Geldes willen I Oft gerade das nämliche, was man um der Schläge oder um des Zuchthauses willen tut oder für den Galgen, obgleich ein großer Unterschied dazwischen ist. So etwas erfuhr unser Meister Spitzbub. Denn der brave Offizier ließ ihn jetzt hinaus vor die Stube führen und ihm von frischer Hand 100, sage hundert Prügel bar ausbezahlen, lauter gute Valuta (Währung), und war kein einziger falsch darunter. Dem Edelmann aber gab er unbetastet sein Eigentum zurück. — Das wollen wir beides gutheißen und wünschen, daß jedem, der Ein- 90 quartierung haben muß, ein so rechtschaffener Gast und jedem Verräter eine solche Belohnung zuteil werden möge. 40. Der Hasenkampf auf des gehörnten Siegfrieds Hochzeit. Es kam nach Worms zu König Gilbald und seiner Gemahlin die freudige Botschaft, daß ihre geliebte Tochter Florigunde von dem Drachenstein erlöst und auf der Heimreise mit dem kühnen Ritter Siegfried nicht mehr weit entfernt sei. Der König ließ deswegen seine ganze Ritterschaft aufbieten, damit sie seiner Tochter und dem Helden alle gebührende Ehre antäten, ihnen entgegenzögen und sie mit großem Gepränge einholten. Zugleich lud er sie alle auf die bevorstehende Hochzeit ein, denn er wußte wohl, daß er seine Tochter dem Ritter Siegfried, welcher sie mit Gefahr seines Heldenlebens so teuer erworben hatte, nicht abschlagen durfte. Nachdem sie nun mit Freuden eingeholt und mit Jubel empfangen worden, da wurde mit der Vermählung nicht lange gezögert. Sieghard, Siegfrieds alter Vater, kam geladen zu seines lieben Sohnes Hochzeit. Kaiser, Könige und fünfzehn Fürsten, dazu Ritterschaft und Adel ohne Zahl, fanden sich zusammen. Alle wurden wohl empfangen und herrlich gehalten und bewirtet, wie dies an Königshöfen Sitte ist. Siegfried und die schöne Florigunde wurden in das Münster geführt und mit vielem Gepränge in Gegenwart aller Fürsten und Großen getraut. Unter der mannigfaltigen Kurzweil, die auf dieser Hochzeit getrieben wurde, kam auch ein gar feines Stückchen 91 vor, welches wohl wert ist, erwähnt zu werden. Es wohnte nämlich zunächst an des Königs Palast ein Bauer mit Namen Jorkus; dieser hatte einst dem Könige Gil- bald, als er auf einer Jagd irre gegangen war, den rechten Weg gezeigt und war vom Könige dafür zum Verwalter über seine Viehherden gesetzt worden. Dieser Jorkus war so verzagt und so blöder Natur, daß er wohl vor einem bloßen Degen, wenn es möglich gewesen, in die Erde gekrochen wäre. Nun lebte an des Königs Hofe ein Edelmann, ein verschlagener, listiger Schalk, der manchen Scherz zu veranstalten wußte; dieser redete mit dem Bauer und machte ihn glauben, daß jetzt eine so gute Gelegenheit vorhanden sei, sich bei dem Könige beliebt zu machen, als er seine Lebtage eine wünschen möchte. „Es ist", sagte er zu ihm, „unter den fremden Fürsten einer, der hat einen Soldknecht namens Zivilles bei sich; dieser ist so verzagt, daß man ihn mit einem Erbsenrohr verjagen könnte. Den sollst du zum Kampf um Leib und Leben herausfordern I Wenn er dieses hört, glaube mir, so wird er vor Schrecken nicht erscheinen; alsdann hast du schon Ehre genug! Oder, wenn er je käme, so wird er doch, sobald er dich gewappnet sieht, vor Furcht die Flucht ergreifen, und dann kommst du zu hohen Ehren bei dem König." Der Bauer ließ sich betören und sagte dem Edelmann zu, daß er den Soldknecht fordern lassen wolle. Als der Edelmann sah, daß Jorkus in die Falle gegangen sei, meldete er dem Könige alles und bat seine Majestät, doch ja diese 92 Kurzweil zu gestatten; er selbst wolle schon dafür sorgen, daß keiner der beiden Kämpen Schaden nehme. Der König aber dachte, weil seine Tochter so viele Jahre lang Ungemach geduldet, so wolle er ihr, ihrem Gemahl und allen Anwesenden eine solche Ergötzlichkeit immerhin gönnen. So erlaubte er es denn dem Edelmann. Dieser ging hin zu dem König Sieghard und erbat sich von ihm seinen Söldner Zivilles, indem er ihm vortrug, welchen Scherz er mit demselben vorhätte. Der König Sieghard willigte gern in die Bitte, und der Edelmann suchte den fremden Kriegsmann auf und sagte ihm nach langen Umschweifen, daß er zu keinem andern Ende gekommen sei, als ihm anzukündigen, daß Jorkus, der Verwalter des Königs Gilbald, ihn auf den morgenden Tag auf Leib und Leben zum Kampfe herausfordere. Zivilles erschrack über alle Maßen, fing an zu zittern und gab mit stammelnder Zunge die Antwort: „Ich habe mit diesem Jorkus nichts zu tun; wie kommt er denn dazu, daß er mich fordern läßt?" — „Dem sei, wie ihm wolle", erwiderte der Edelmann, er hält Euch einmal für keinen redlichen Kerl; deswegen verlangt er von Euch, Ihr sollet, mit guter Rüstung versehen, morgen zu der und der Stunde auf dem Kampfplatz erscheinen; dort will er Euer warten." Damit ging der Edelmann seiner Wege. Der König Sieghard und seine Leute, welche den Schrecken des Söldlings sahen, redeten ihm Mut ein und munterten ihn zum Kampfe auf. Da rief Zivilles den Edelmann endlich zurück und sagte zu ihm: 93 „Mein Freund, ich will mich bis morgen bedenken I" Mit dieser Antwort ging der Edelmann zu dem Bauern, der sehr erfreut darüber war, denn er schloß daraus, daß der Kriegsknecht nimmerhin kommen würde, weil ihm der Edelmann noch dazu erzählt hatte, wie erschrocken Zivilles über seine Forderung gewesen. Am andern Morgen aber redeten des Königs Leute ernstlich mit Zivilles und sagten, es wäre ihm eine ewige Schande, wenn er den Kampf ausschlüge; denn sie hätten Wohl gehört, daß Jorkus ein verzagter Bursche wäre; sobald dieser einen bloßen Degen sehe, so werde er die Flucht ergreifen. Dadurch ließ sich Zivilles überreden, schickte früh morgens zu dem Bauern und ließ ihm sagen, daß er um 1 Uhr des Nachmittags auf dem Kampf- Platze in guter Rüstung zu Pferd erscheinen werde; da wollte er ihn lehren, was es hieße, einen redlichen Reiters- mann ohne vorangegangene Beleidigung zum Kampfe herausfordern I „Und wiewohl es mir als einem versuchten Kriegsmann nicht wohl ansteht, mich mit einem groben Bauernlümmel zu balgen, so will ich dich dennoch lehren, daß du ein andermal dich nicht unterstehen sollst I" So wurden denn beide mit Rüstung wohl versehen und kamen zur bestimmten Zeit auf den Kampfplatz. Da hätten alle, so dieses lesen, selber sollen zugegen sein und die Kurzweil mit ansehenl Denn sobald Jorkus der Bauer auf dem Kampfplatz kam, sah er sich nach allen Seiten um, wo er am füglichsten Reißaus nehmen 94 könnte, und verwünschte den Ort, weil er ihn so wohl verwahrt sah. Er war nämlich an drei Seiten mit hohen Brettern umgeben, an der vierten Seite floß ein Wasser, und die Pforten wurden alle versperrt, so daß ein jeder ausharren mußte. Als nun Zivilles der Kriegsknecht des Jorkns ansichtig wurde und sah, daß er ein so mutiges Pferd hatte, da fehlte wenig, daß er davon geritten wäre, wenn er nur gekonnt hätte. Und schon war er willens, sich dem Feinde zu ergeben. Aber mit demselben Entschlüsse ging auch Jorkus um. Indem teilten die Reiter den Kampfplatz, und die Trompeten bliesen. Als nun des Jorkus Pferd die Trompeten schmettern hörte, ließ es sich nicht länger halten, denn es war Siegfrieds Roß und des Turnierens wohl gewohnt; sondern es begann den Lauf und schoß dahin wie ein Pfeil. Gern hätte es Jorkus aufgehalten, aber es war vergebens, denn es durchlief die wohlbekannte Bahn in vollem Laufe bis zu Ende. Seine Eile zwang den Reiter, die Lanze fallen zu lassen und sich mit beiden Händen an der Mähne des Pferdes zu halten, daß er nicht herünterfiel. Dagegen mußte des Zivilles Pferd mit Spießruten ermuntert werden, bis es in Gang kam. Der Kriegsknecht aber legte seine Lanze alsbald ein, noch ehe es Zeit war: diese trieb der Wind immer auf die eine Seite, so daß er, ohne es zu wissen und zu wollen, den Jorkus damit berührte. Und weil dieser ohnedem nur kümmerlich im Sattel hing, so fiel er herunter auf die Erde. Zivilles, der dessen nicht inne- 95 ward, ließ sein Pferd bis ans Ende der Rennbahn aus- laufen. Erst als er sein Roß umwendete, sah er den Jorkus dort auf dem Boden liegen; da dachte er: „Nun ist es Zeit, daß du deinem Feinde den Rest gibst und ihm mit dem Pferde den Kopf zerknirschest und ihn mit der Lanze durchstoßest." Während er sich ihm jedoch allgemach näherte, hatte der Bauer sich wieder auf die Beine gemacht; bis aber Zivilles zu ihm kam, strauchelte sein eigenes Pferd, dem er mit der Lanze, welche er alle Zeit sehr niedrig hielt, zwischen die Vorderbeine ge- kommen war, und fiel unter ihm nieder. Da dachte Jorkus: „Jetzo ist es Zeit, ein Ritter an dem Feinde zu werden", und hieb so grimmig von ferne auf ihn ein, als ob er ihn in Stücke hauen wollte. Aber das Pferd zappelte so grausam mit den Füßen, daß er ihm nicht beizukommen vermochte; und wie es sich endlich emporarbeitete und auf seine Füße zu stehen kam, da schnaubte es und schlug so zornig um sich, daß der Bauer besorgte, es möchte ihn treffen, und in aller Furcht von dannen floh. Indessen hatte Zivilles Zeit gefunden, sich wieder aufzurichten und auf seine Füße zu stehen; sein Leib war aber so zertreten und so bebend, daß er ernstlich darauf dachte, sich dem Gegner zu ergeben. Er zog daher sein Schwert aus der Scheide in der Absicht, es an der Spitze zu fassen, und so dem Feinde darzureichen. Aber Jorkus ging mit demselben Entschlüsse um. Wie Zivilles mit bloßem Schwerte daher kommt, sich zu ergeben, da dachte er: Das wird übel ablaufen I und floh so schnell und weit, als sein gutes Pferd ihn trug. Nun Zivilles dies gewahr wird, will er an seiner Viktorie nicht gänzlich verzweifeln, faßt wieder ein Herz und verfolgt den Gegner so gut, als dies ein verzagter Mann auf einem schlechten Klepper zu tun vermag. Er erreichte ihn auch und schlug mit vollem Grimme auf ihn ein. Als Jorkus den ersten Streich fühlte, schrie er überlaut und bat ihn, einzuhalten, sonst würde er es dem Könige Gilbald und dem Ritter Siegfried klagen. Da aber jener nicht nachließ, so wich er zurück, so weit er nur konnte. So war er bis an das Wasser gekommen, daß er nicht weiter rückwärts konnte; da war seine Furcht gedoppelt. „Weichst du weiter", dachte er, „so mußt du im Wasser ersaufen; gehst du vorwärts, „so mußt du unter deines Feindes Waffen sterben." Dem Feinde sich zu ergeben, schämte er sich auch, da er seiner Meinung nach eben noch den Sieg in den Händen gehabt. Diese vielfache Angst brachte ihn endlich zur Verzweiflung, so daß er beschloß, festen Fuß zu fassen, weil es ja nicht anders sein könnte. Darum nahm er sein Schwert in beide Hände, drückte die Augen fest zu und fing an, grimmig um sich zu hauen, so daß Zivilles mit Schrecken die Flucht nahm und überlaut schrie: „Laß mich leben, laß mich leben, so will ich mich dir ergeben!" Er bildete sich nämlich ein, schon viele Wunden empfangen zu haben, obgleich er noch keine einzige bekommen hatte. Als Jorkus dieses Geschrei hörte, wagte er es, die Augen wieder aufzuschlagen, und sah, wie sein Gegner 97 Mohr, Krieüsschwänke ic. 7 weit von ihm gewichen war. Da faßte er wieder Mut und verfolgte seinen Feind, so gut er konnte. Da schrie Zivilles noch viel lauter: „Schenke mir doch das Leben, ich will mein Lebtag nicht daran denken, mich zu rächen!" — „So wirf deine Wehr von dir!" rief Jorkus. Der arme Tropf tat, wie ihm befohlen war. Obwohl nun Jorkus seinen Feind ganz wehrlos sah und nichts mehr von ihm zu fürchten hatte, traute er dennoch nicht, sondern sagte zu ihm: „Hebe dich weit von mir und lege dich auf die Erde nieder!" Zivilles gehorchte abermals der Stimme seines Feindes, lief weit zurück, legte sich ganz ausgestreckt auf den Boden und erwartete wie ein Lämmlein sein Ende. Jorkus aber besann sich noch immer, wie er sich ganz vor seinem Feinde sicher stellen könnte, und meinte, daß dies nicht möglich wäre, wenn er ihn am Leben ließe. „Aber wie sollst du ihm beikommen", sprach er zu sich selber. „Gehst du mit dem Schwert auf ihn los, so möchte er sich auf- richten und es dir aus der Hand reißen!" So beschloß er, ohne das Schwert auf ihn los zu gehen, suchte ein großes Messer, mit dem er seine Kühe abzustechen ge- wohnt war, unter der Rüstung hervor und schickte sich an, ihm damit die Gurgel abzuschneiden. Als die Richter dieses sein Beginnen wahrnahmen, traten sie ins Mittel und hießen den Jorkus einhalten und sich mit seinem Siege begnügen. Denn so mit einem überwundenen Feinde zu verfahren, wäre der Waffenordnung schnurstracks zuwider. Jorkus ließ seinen Feind, weil er ihn 98 überwunden hatte, ungern aus den Händen. Doch mußte er ihren vernünftigen Reden nachgeben, weil sie ihm überdies zusagten, daß Zivilles sich nimmer mehr wider ihn auflehnen sollte. So hieß der Bauer den Soldknecht aufstehen und ein ander Mal besser bedenken, mit wem er es zu tun hätte. Auf solche Weise endete der Kampf dieser beiden Hasen, und jeder war froh, daß er mit dem Leben davon gekommen. Kein lustigeres Stück war auf Siegfrieds Hochzeit vorgekommen. 41. König Friedrichs Leibhusar. Der Leibhusar König Friedrichs von Preußen muß mit seinem Herrn in gutem Vernehmen gestanden haben. Denn einmal gab ihm der König wegen eines Versehens eine Ohrfeige, daß ihm die Haarlocke, wie man sie damals noch an den Seiten des Kopfes trug, auseinanderfuhr und der weiße Puder davonflog, also daß man's draußen ihm wohl ansehen konnte, wenn er hinauskam. Der Leibhusar bat wegen seines Versehens um Verzeihung, stellte sich aber geradeswegs vor des Königs großen Spiegel, der im Zimmer war, richtete seine Locke wieder zurecht und stäubte mit dem Schnupftuch den Puder vom Kleid, welches unschicklich war. Dem König kam's auch so vor, denn er sagte: „Was fällt dir ein? Willst du noch eine?" Der Leibhusar sagte: Nein, er habe genug an einer; „aber die andern", sagte er, „brauchen nicht zu wissen, wenn ich hinauskomme, was zwischen uns vorgefallen ist". Da lächelte der König 99 7* wieder und war nimmer böse über den Leibhusar. Item, einmal tut so etwas gut, ein andermal nicht. 42. Der Jäger von Soest. Ein Schelmenstück aus dein Dreißigjährigen Krieg. Weil dein Kommandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte, wie ich ihm einer zu sein dünkte, sah er nicht gern, daß ich Soldat geworden war, sondern versuchte, mich noch zu bekommen, indem er meine Jugend vorwandte und mich für keinen Mann passieren lassen wollte. Und als er solches meinem Hauptmann vorhielt, schickte er auch nach mir und sagte: „Hör, Jägerchen, du sollst mein Diener werden." Ich fragte, was denn meine Verrichtungen sein sollten. Er antwortete: „Du sollst meine Pferde helfen warten." — „Herr", sagte ich, „wir sind nicht füreinander; ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferde auf mich warten; weil ich aber keinen solchen werde haben können, will ich ein Soldat bleiben." Er sagte: „Dein Bart ist noch viel zu klein." — „O nein", sagte ich, „ich getraue mich, einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist; der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ästimiert werden." Er sagte: „Wenn die Courage so gut ist als das Maulleder, so will ich dich noch passieren lassen." Ich antwortete: „Das kann bei der nächsten Gelegenheit probiert werden", und gab damit zu verstehen, daß ich mich nicht als Stallknecht wollte gebrauchen lassen. Also ließ er mich bleiben, der ich war, 100 und sagte, das Werk würde den Meister loben und in kurzem zu verstehen geben, ob ich das leisten könne, was ich mir einbilde. Hierauf wischte ich hinter meines verstorbenen Herrn Dragoners alte Hosen her, worin ich eine ziemliche An- zahl Dukaten eingenäht wußte, und nachdem ich die Hosen zerlegt hatte, schaffte ich mir aus deren Eingeweide noch ein gutes Soldatenpferd an und das beste Gewehr, so ich kriegen konnte; das mußte mir alles glänzen wie ein Spiegel. Ich ließ mich wieder von neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger sehr beliebte; mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen, weil mir's zu klein geworden. Also ritt ich selbander daher wie ein junger Edelmann und dünkte mich für- wahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem mächtigen Federbusch zu zieren wie ein Offizier; daher bekam ich bald Neider und Mißgönner; zwischen denselben und mir setzte es ziemlich empfindliche Worte und endlich gar Ohrfeigen ab. Ich hatte aber kaum einem oder dreien gezeigt, daß ich Stöße auszu- teilen gewohnt war, wie man mir sie darzahlte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschaft. Daneben ließ ich mich zu Roß und Fuß zum Parteigehen gebrauchen; denn ich war wohl beritten und schneller auf den Füßen als einer meinesgleichen; und wenn es etwas mit dem Feind zu tun gab, sprang ich zu wie zum Vergnügen und wollte allezeit vorn dran sein. 101 Dadurch wurde ich iu kurzer Zeit bei Freunden und Feinden bekannt und so berühmt, daß beide Teile viel von mir hielten, so daß mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten und zu solchem Ende ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden. Da fing ich an zuzugreifen wie ein Böhm, und wenn ich etwas Namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offizieren so reichen Teil davon, daß ich selbiges Handwerk auch an verbotenen Orten treiben durfte, weil mir überall durchgeholfen wurde. Der General Graf von Götz hatte iu Westfalen drei feindliche Garnisonen übrig gelassen, nämlich zu Dorsten, Lippstadt und Koesfeld; denen war ich gewaltig lästig, denn ich lag ihnen mit kleinen Abteilungen bald hier bald dort schier täglich vor den Toren und erhaschte manche gute Beute, und weil ich überall glücklich durch- kam, hielten die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Eisen und Stahl. Deshalb wurde ich gefürchtet wie die Pest und schämten sich dreißig Mann vom Gegenteil nicht, vor mir durch- zugehen, wenn sie mich nur mit fünfzehn in der Nähe wußten. Zuletzt kam es dahin, daß wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen oder sonst mit Gefahr bei den saumseligen Kontribuenten militärisch einzutreiben war, daß ich solches alles verrichten mußte. Davon wurde mein Beutel so groß als mein Name. Meine Offiziere und Kameraden liebten ihren Jäger, die vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsetzten sich, und den Landmann hielt ich durch Furcht und Liebe auf meiner 102 Seite; denn ich wußte meine Widersacher zu strafen und die, so mir nur den geringsten Dienst taten, reichlich zu belohnen, so daß ich bald die Hälfte meiner Beute wieder verspendierte und für Kundschaften auslegte. Solcher Ursachen halber ging keine Partei, keine Transport- bedeckung, keine Unternehmung vom Gegenteil aus, deren Ausfahrt mir nicht zu wissen getan ward. Alsdann machte ich mir ihr Vorhaben klar und machte meine Anschläge darauf, und weil ich solche meistenteils durch Beistand des Glücks wohl ins Werk setzte, verwunderte sich jedermann über meine Jugend, so sehr, daß mich auch viele Offiziere und brave Soldaten vom Gegenteil einmal'zu sehen wünschten. Daneben zeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus anständig, also daß sie mich oft mehr kosteten, als meine Beute wert war, und wenn ich einem vom Gegenteil, sonderlich den Offizieren, obschon ich sie nicht kannte, ohne Verletzung meiner Pflicht und meines Herrendienstes eine Aufmerksamkeit erweisen konnte, unterließ ich's nicht. Durch dieses mein Verhalten wäre ich schnell zum Offizier befördert worden, wenn meine Jugend es nicht verhindert hätte; denn wer in solchem Alter, worin ich noch stand, ein Fähnlein haben wollte, mußte ein Guter von Adel sein; zudem konnte mein Hauptmann mich nicht befördern, weil keine ledigen Stellen bei seiner Kompagnie waren, und keinem andern mochte er mich gönnen, weil er an mir eine melkende Kuh verloren hätte; doch ward ich ein Gefreiter. Diese Ehre, daß 103 ich alten Soldaten vorgezogen wurde, wiewohl es eine geringe Sache war, und das Lob, das man mir täglich verlieh, waren gleichsam die Sporen, die mich zu höheren Dingen antrieben. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen könnte, um mich noch größer zu machen, ja ich konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen. Und weil ich sah, daß es mir an Gelegenheit mangelte, im Werk zu beweisen, was ich für einen Mnt in mir trüge, so bekümmerte es mich, daß ich nicht täglich Gelegenheit hatte, mich mit dem Gegenteil in den Waffen zn üben. Ich wünschte mir oft den Trojanischen Krieg oder eine Belagerung wie die von Ostende, und ich Narr dachte nicht, daß der Krug so lange zum Brunnen geht, bis er zerbricht. Es geht aber nicht anders, wenn ein junger unbesonnener Soldat Geld, Glück und Courage hat; denn da folgt Übermut und Hoffart, und aus solcher Hoffart hielt ich anstatt eines Jungen zwei Knechte, die ich trefflich herausstaffierte und beritten machte, womit ich mir aller Offiziere Neid auf- bürdete, welche mir mißgönnten, was sie selbst zu er- obern das Herz nicht hatten. Ich muß ein Stücklein oder etliche erzählen, die mir hin und wieder begegnet, ehe ich wieder von meinen Dragonern kam; und obschon sie nicht von Wichtigkeit sind, sind sie doch lustig zu hören, denn ich nahm nicht allein große Dinge vor, sondern verschmähte auch die geringen nicht, wenn ich nur mutmaßte, daß ich dadurch Ruhm und Verwunderung bei den Leuten erwecken konnte. 104 Mein Hauptmann wurde mit etlichen fünfzig Mann zu Fuß in das Schloß Recklinghausen kommandiert, um einen Anschlag daselbst zu verrichten; und weil wir dachten, wir würden, ehe wir solchen ins Werk setzen könnten, einen Tag oder etliche in den Büschen heimlich halten müssen, nahm jeder auf acht Tagen Proviant zu sich. Da aber die reiche Karawane, der wir aufpaßten, zur bestimmten Zeit nicht ankam, ging uns das Brot aus, welches wir nicht rauben durften, wir hätten uns denn selbst verraten und unser Vorhaben zu nichts werden lassen wollen; daher uns der Hunger gewaltig preßte. Außerdem hatte ich auch an diesem Ort keine Kunden wie anderswo, die mir und den Meinigen etwas heimlich zutrugen. Deswegen mußten wir, um Fütterung zu bekommen, auf andere Mittel bedacht sein, wenn wir anders nicht wieder leer heim wollten. Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich aus der Schule entlaufen und sich anwerben lassen, seufzte vergeblich nach den Gerstensuppen, die ihm früher seine Eltern zum besten verordnet, er aber verschmähet und verlassen hatte; und als er so an seine vorigen Speisen dachte, erinnerte er sich auch seines Schulsacks, bei welchem er solche genossen. „Ach, Bruder", sagte er zu mir, „ist's nicht eine Schande, daß ich nicht so viel Künste erstudiert haben soll, vermittelst deren ich mich jetzund füttern könnte? Bruder, ich weiß wahrhaftig, wenn ich nur zum Pfarrer in jenes Dorf gehen dürfte, daß es einen treff- lichen Schmaus bei ihm absetzen sollte." Ich überdachte Mohr, KriegSschwänke rc. 7 ** 105 diese Worte ein wenig und ermaß unfern Zustand, und weil diejenigen, so Weg und Steg wußten, nicht hinaus durften, denn sie wären sonst erkannt worden, die Unbekannten aber keine Gelegenheit wußten, etwas heimlich zu stehlen oder zu kaufen, so machte ich meinen Anschlag auf unfern Studenten und hielt die Sache dem Hauptmann vor. Wiewohl dieselbe nun Gefahr auf sich hatte, so war doch sein Vertrauen so gut zu mir und unsere Sache so schlecht bestellt, daß er einwilligte und nach einigem Weigern die Zustimmung gab. Ich vertauschte meine Kleider mit einem andern und zottelte mit meinem Studenten besagtem Dorfe zu, ans einem weiten Umweg, wiewohl es nur eine halbe Stunde von uns lag. In demselben erkannten wir das nächste Haus bei der Kirche als des Pfarrers Wohnung, weil es nach städtischer Art gebaut war und an einer Mauer stand, die um den ganzen Pfarrhof ging. Ich hatte meinen Kameraden schon instruiert, was er reden sollte; denn er hatte sein abgeschabtes Studentenkleidlein noch an; ich aber gab mich für einen Malergesellen aus, denn ich dachte, ich würde diese Kunst im Dorfe nicht zu üben brauchen, weil die Bauern nicht leicht bemalte Häuser haben. Der geistliche Herr war höflich; als ihm mein Gesell eine tiefe lateinische Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, wie ihn die Soldaten auf der Reise geplündert und aller seiner Zehrung beraubt hätten, bot er ihm selbst ein Stück Butter und Brot nebst einem Trunk Bier an. Ich aber stellte mich, als l06 ob ich nicht zu ihm gehörte, und sagte, ich wollte ini Wirtshaus etwas essen und ihm alsdann rufen, damit wir noch denselben Tag ein Stück Wegs hinter uns legen könnten. Also ging ich dem Wirtshaus zu, mehr, um auszuspähen, was ich dieselbe Nacht holen wollte, als um meinen Hunger zu stillen; hatte auch das Glück, daß ich unterwegs einen Bauern antraf, der seinen Backofen zuklebte, in welchem er große Pumpernickel hatte, die vierundzwanzig Stunden da sitzen und ausbacken sollten. Ich dachte: „Kleb nur zu! Wir wollen schon einen Weg als andern Eingang zu diesem köstlichen Proviant finden." Ich machte es bei dem Wirt kurz, weil ich schon wußte, wo Brot zu bekommen war, kaufte etliche Stuten (das ist ein sogenanntes Weißbrot), um solche meinem Hauptmann zu bringen; und da ich in den Pfarrhof kam, meinen Kameraden zu mahnen, daß er gehen sollte, hatte er sich auch schon gekröpft und dem Pfarrer gesagt, daß ich ein Maler sei und ins Holland zu wandern Vorhabens wäre, meine Kunst daselbst vollends zu vervollkommnen. Der Pfarrherr hieß mich sehr willkommen und bat mich, mit ihm in die Kirche zu gehen, da er mir etliche Stück weisen wollte, die zu reparieren wären. Damit ich nun das Spiel nicht verderbte, mußte ich folgen. Er führte uns durch die Küche, und als er das Nachtschloß an der starken eichenen Tür aufmachte, die auf den Kirchhof ging, o Wunder! da sah ich, daß der schwarze Himmel auch schwarz voller Lauten, Flöten und Geigen hing, ich meine aber die Schinken, Knack- 107 Würste und Speckseiten, die sich im Kamin befanden. Diese blickte ich trostmütig an, weil mich dünkte, als ob sie mich anlachten, und ich wünschte sie, aber vergeblich, meinen Kameraden im Wald; denn sie waren so hartnäckig, daß sie mir zum Trotz hängen blieben. Da gedachte ich auf Mittel, wie ich sie obgedachtem Backofen voll Brot zugesellen möchte, konnte aber so leicht keines ersinnen, weil, wie obgemeldet, der Pfarrhof ummauert und alle Fenster mit eisernen Gittern genugsam verwahret waren. So lagen auch zwei ungeheure große Hunde im Hof, welche, wie ich sorgte, bei Nacht gewiß nicht schlafen würden, wenn man dasjenige hätte stehlen wollen, daran ihnen auch, zur Belohnung ihrer getreuen Hut, zu nagen gebührte. Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand diskurierten und mir der Pfarrer etliche Stück auszubessern verdingen wollte, ich aber allerhand Ausflüchte suchte und meine Wanderschaft vorwandte, sagte der Mesner oder Glöckner: „Du Kerl, ich sehe dich eher für einen verlaufenen Soldatenjnngen an als für einen Malergesellen." Ich war solche grobe Reden nicht mehr gewohnt und mußte sie doch verschmerzen; doch schüttelte ich nur den Kopf ein wenig und antwortete ihm: „O du Kerl, gib mir nur geschwind Pinsel und Farben her, so will ich dir im Hui einen Narren hergemalt haben, wie du einer bist, der dir in allem gleich und ähnlich sein soll." Der Pfarrer lachte und sagte zu uns beiden, es gezieme sich nicht, an einem so heiligen Ort einander 108 Grobheiten zu sagen; gab damit zn verstehen, daß er uns beiden, mir und dem Studenten, glaubte, ließ uns noch einen Trunk langen und also dahinziehen. Ich aber ließ mein Herz bei den Knackwürsten. Wir kamen noch vor Nacht zu unfern Gesellen, wo ich meine Kleider und Gewehr wieder nahm, dem Hauptmann meine Verrichtung erzählte und sechs gute Kerle auslas, die das Brot sollten heimtragen helfen. Wir kamen um Mitternacht ins Dorf und Huben in aller Stille das Brot aus dem Ofen, weil wir einen bei uns hatten, der die Hunde bannen konnte; und da wir bei dem Pfarrhof vorüber wollten, konnte ich's nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiter zn passieren. Ich stand einmal still und betrachtete mit Fleiß, ob nicht in des Pfarrers Küche zu kommen wäre, sah aber keinen andern Eingang als das Kamin, welches für diesmal meine Tür sein mußte. Wir trugen Brot und Gewehr auf den Kirchhof ins Beinhaus und brachten eine Leiter und Seil aus einer Scheuer herbei, und weil ich so gut als ein Schornsteinfeger in den Kaminen auf und ab steigen konnte (was ich von Jugend auf in den hohlen Bäumen gelernt hatte), stieg ich mit Springinsfeld selbander aufs Dach, welches mit hohlen Ziegeln doppelt belegt und für mein Vorhaben sehr bequem gebaut war. Ich wickelte meine langen Haare über dem Kopf zu einem Büschel zusammen, ließ mich an einem Ende des Seils hinunter zu meinem geliebten Speck und band einen Schinken nach dem andern und eine Speckseite nach der andern 109 an das Seil, was der auf dem Dach fein ordentlich zum Kamin hinausfischte und den andern in das Beinhäuslein zu tragen gab. Aber potz Unstern I Da ich eben Feierabend gemacht hatte und wieder hinaus wollte, brach eine Stange mit mir, so daß der arme Simplicius herunterfiel und der elende Jäger sich selbst wie in einer Mausfalle gefangen fand. Meine Kameraden auf dem Dach ließen das Seil herunter, mich wieder hinaufzuziehen; aber es zerbrach, ehe sie mich vom Boden brachten. Ich dachte: „Nun, Jäger, jetzt mußt du eine Hatz ausstehen, in welcher dir selbst das Fell gewaltig zerrissen wird werden I" Denn der Pfarrer war von meinem Fall erwacht und befahl seiner Köchin, alsbald ein Licht anzuzünden. Sie kam in die Küche, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben mir, daß sie mich damit berührte ; sie griff nach einem Brand, hielt das Licht daran und fing an zu blasen; ich aber blies viel stärker zu als sie selbst, wovon das gute Mensch so erschrak, daß sie vor Angst zitterte und bebte, auch Feuer und Licht fallen ließ und sich zu ihrem Herrn flüchtete. Also be- kam ich Luft, mich zu bedenken, durch was für Mittel ich mir davonhelfen könnte; es wollte mir aber nichts einfallen. Meine Kameraden gaben mir durchs Kamin herunter zu verstehen, daß sie das Haus aufstoßen und mich mit Gewalt herausnehmen wollten; ich gab's ihnen aber nicht zu, sondern befahl, sie sollten ihre Gewehre in acht nehmen und allein den Springinsfeld oben bei dem Kamin lassen und warten, ob ich ohne Lärm und Rumor davonkommen könnte, damit unser Anschlag nicht zu Wasser würde; wofern aber solches nicht sein könnte, sollten sie alsdann ihr Bestes tun. Inzwischen schlug der Geistliche selbst ein Licht an; seine Köchin aber erzählte ihm, daß ein greuliches Ge- spenst in der Küche wäre, welches zwei Köpfe hätte (denn sie hatte vielleicht meinen Büschel Haar auf dem Kopf gesehen und auch für einen Kopf gehalten). Das hörte ich alles, machte mich deswegen mit meinen schmutzigen Händen, darin ich Asche, Ruß und Kohlen rieb, im Angesicht und an den Händen so abscheulich, daß ich ohne Zweifel keinem Engel gleichsah, und der Mesner, wann er's gesehen, mich wohl für einen geschwinden Maler hätte passieren lassen. Ich fing an, in der Küche schrecklich zu poltern, mit Hin- und Herwerfen, Schmeißen und Schlagen mich gewaltig mausig zu machen und allerlei Küchengeschirr untereinander zu werfen; der Kesselring geriet mir in die Hände, den hing ich an den Hals, den Feuerhaken aber behielt ich in den Händen, um mich damit im Notfall zu wehren. Dadurch ließ sich aber der fromme Pfarrer nicht beirren; denn er kam mit seiner Köchin prozessionsweise daher, welche zwei Wachslichter in den Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug. Er selbst war mit dem Chorrock bewaffnet samt der Stola und hatte den Sprengel in der einen und ein Buch in der andern Hand. Aus demselben fing er an, mich zu exorzieren (beschwören), fragend, wer ich sei und was 111 ich da zu schaffe» hätte. Weil er mich denn nun für den Teufel selbst hielt, so dachte ich, es wäre billig, daß ich auch wie der Teufel täte, daß ich mich mit Lügen behülfe; antwortete deswegen: „Ich bin der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrehen." Er fuhr mit seinem Exorzismus weiter fort und hielt mir vor, daß ich weder mit ihm noch mit seiner Köchin etwas zu schaffen hätte, hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo ich herge- kommen wäre. Ich aber antwortete mit ganz fürchterlicher Stimme, daß solches unmöglich sei, wenn ich schon gern wollte. Indessen hatte Springinsfeld, der ein abgefeimter Erzvogel war und sein Latein verstand, seine seltsame Tausendhändel auf dem Dach; denn da er hörte, welche Zeit es in der Küche war, daß ich mich nämlich für den Teufel ausgab, mich auch der Geistliche dafür hielt, uixte er wie eine Eule, bellte wie ein Hund, wieherte wie ein Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich durch den Kamin herunter hören bald wie ein Haufen Katzen, bald wie eine Henne, die legen wollte; denn dieser Kerl konnte aller Tieren Stimme nachmachen und, wenn er wollte, so natürlich heulen, als ob ein ganzer Haufen Wölfe beieinander wären. Solches ängstigte den Pfarrer und seine Köchin auf das höchste; ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich als Teufel beschwören ließ, für welchen er mich wirklich hielt, weil er wohl gelesen oder gehört hatte, daß sich der Teufel gern in grünen Kleidern sehen lasse. 112 Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits, sonderlich die arme Köchin, umgeben hatten, ward ich zu allem Glück gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging, nicht eingeschlagen, sondern nur der Riegel vorgeschoben war. Ich schob denselben geschwind zurück, wischte zur Tür hinaus auf den Kirchhof, wo ich denn meine Gesellen mit aufgezogenen Hahnen stehen fand, und ließ den Pfarrer Teufel beschwören, solang er immer wollte. Und nachdem Springinsfeld mir meinen Hut von dem Dach gebracht, wir auch unfern Proviant aufgesackt hatten, gingen wir zu unfern Burschen, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten hatten, außer daß wir die entlehnte Leiter samt dem Seil wieder hätten heiniliefern sollen. Die ganze Partei erquickte sich mit dem, das wir ge- stöhlen hatten, und doch bekam kein einziger den Kluckser davon, so gesegnete Leute waren wir l Auch hatten alle über diese meine Fahrt genugsam zu lachen; nur dem Studenten wollte es nicht gefallen, daß ich den Pfarrer bestohlen, der ihm den Mund so herrlich vollgestopft hatte; ja er schwur auch hoch und teuer, daß er ihm seinen Speck gern bezahlen wollte, wenn er die Mittel nur bei der Hand hätte, und fraß doch nichtsdestoweniger mit, als ob er sich dazu verdingt hätte. Also lagen wir noch zwei Tage an selbigem Ort und erwarteten die, denen wir schon so lange aufgepaßt hatten. Wir verloren keinen einzigen Mann im Angriff und bekamen doch über dreißig Gefangene und so herrliche Beuten, 113 als ich jemals teilen helfen. Ich hatte wegen meiner Courage und besondern Wohlverhaltens doppelten Part, weil ich das Beste getan. Das waren drei schöne friesländische Hengste, mit Kaufmannswaren beladen, was sie in Eile forttragen konnten, und wenn wir Zeit gehabt, die Beuten recht zu suchen und solche in Sicherheit zu bringen, so wäre jeder für seinen Teil reich genug geworden, da wir mehr stehen ließen, als wir davonbrachten, weil wir mit dem, was wir fortbringen konnten, uns in schnellster Eile tummeln mußten; und zwar retirierten wir uns größerer Sicherheit halber auf Rheine, wo wir fütterten und die Beute teilten, weil unser Volk da lag. Daselbst dachte ich wieder an den Pfarrer, dem ich den Speck gestohlen hatte. Der Leser mag denken, was ich für einen verwegenen, frevlen und ehrgeizigen Kopf hatte, indem mir's nicht genug war, daß ich den frommen Geistlichen bestohlen und so schrecklich geängstigt, sondern ich wollte noch Ehre davon haben. Deswegen nahm ich einen Saphir, in einen güldenen Ring gefaßt, den ich auf selbiger Partei erschnappt hatte, und schickte ihn von Rheine aus durch einen sichern Boten meinem Pfarrer mit folgendem Brieflein: „Wohlehrwürdiger, usw. Wenn ich dieser Tage im Wald noch etwas von Speisen, um zu leben, gehabt hätte, so hätte ich nicht Ursache gehabt, Ew. Wohlehrwürden Ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschreckt worden. Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie 114 solche Angst wider meinen Willen eingenommen, erhoffe deswegen desto eher die Vergebung. Was aber den Speck selbst anbelangt, so ist billig, daß selbiger bezahlt werde, schicke deshalb anstatt der Bezahlung gegenwärtigen Ring, den die hergegeben, um welcher willen die Ware Ihnen hat fortgenommen werden müssen, mit der Bitte, Ew. Wohlehrwürden beliebe damit vorlieb zu nehmen; versichere daneben, daß Dieselbe im übrigen bei aller Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen Diener hat an dem, den Dero Mesner für keinen Maler hält und welcher sonst genannt wird Der Jäger." Dem Bauern aber, welchem sie den Backofen ausgeleert hatten, schickte die Partei aus gemeinsamer Beute sechzehn Neichstaler für seinen Pumpernickel; denn ich hatte sie gelehrt, daß sie solchergestalt den Landmann auf ihre Seite bringen müssen, welcher einer Partei oft aus allen Nöten helfen oder hingegen eine andere ver- raten, verkaufen und um die Hälse bringen könnte. Von Rheine gingen wir auf Münster und von da auf Hamm und heim nach Soest in unser Quartier, allwo ich nach wenig Tagen eine Antwort von dem Pfarrer empfing, die also lautet: „Edler Jäger! Wenn derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, gewußt hätte, daß Ihr ihm in teuflischer Ge- stalt erscheinen würdet, hätte er sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen. Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt 115 worden, also ist auch der eingenommene Schrecken leichter zu verschmerzen, vornehmlich weil er von einer so berühmten Person wider ihren Willen verursacht worden, der hiermit allerdings verziehen wird, mit Bitte, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen, bei dem, der sich nicht scheut, den Teufel zu beschwören. Vrüo." Also machte ich's allerorten und nberkam dadurch einen großen Ruf; und je mehr ich ausgab und ver- spendierte, je mehr floß mir Beute zu, und bildete ich mir ein, daß ich diesen Ring, wiewohl er bei hundert Reichstaler wert war, gar wohl angelegt hätte. MM Z5 0-57- 5 0Z1 W«S«