-LrkLLLrrri Bretteir's Kleine Chronik welche zugleich umständliche Nachrichten von Melanchton und seiner Familie enthält. Ein Beitrag zur Kunde teutscher Stadre und Sitten als Seitenstük zu Pforzheim's kleiner Chronik. Won Siegmund Friedrich Gehres.^. Mit Melanchtons Bildnis»^ Eßlingen bei Johann Christoph Lochner. 1305» -> ^ 1 Alien patriotischen Bürgern Bretten's und unter diesen , vorzüglich den Nachkommen jener Ed^lri/ die bei der bayerischen Fehde starben für's Vaterland. weihet diese Blätter der Verfasser. MWWWW« Bvrbericht. I -^ufgemuntert durch den nachsichtsvollen re- eensiven Beifall, den mein erstes, schon im Jahr 1792 an's Licht getretene Produkt, bei titelt: „Pforzheim's kleine Chronik" einst davon getragen hatte, *) macht' ich es mir zu einer meiner angenehmsten Beschäftig **) Siehe die allgemeine Jenaer Literatur-Zeitung vom Jahr 1794, Rr, 287. Seite 581. gungen in den Nebenstunden meines Berufs, all dasjenige, was bisher noch kein Geschieht» schreib» vollständig von Breiten beschrieben hat, nach den einzelnen gedrukten und vielen handschriftlichen Quellen in gegenwärtiger Sammlung dem unverdienten Loose der Ver» geffenheit zu entreißen, In dies» Sammlung ^ die ich als Sei» tenstük zu jener von Pforzheim, meiner Vaterstadt, hier dem Publikum in die Hand gebe — wird man nun dje deutlichsten Be» weise davon auffinden, daß die Vorfahren von Bretten'S dermaligen Bürgern von jeher in Worten und Tharen sich durch ein eigen» thümlichcs Gepräge von Tcukschheit auszeich» rieten und in gewissen Zeitabschnitten Thaten vollbrachten, die den bewundertsten des Alter» chums kühnlich zur Seile gesezr werden dür» sen, l VII Denn, wer kennt nicht z. B. den hohen Namen jenes Mannes, der aus den nicht gar grossen Mauern von Bretlen hervortrat, erst mit eisernem Fleise sich ganz in die Wissenschaft len vergrub, und dann, wie selbst seine Zeit« genossen ihn nannten, der gemeinsame Lehrer von ganz Teutschland wurde, der an Geist, an Großheit der Gesinnungen und an Thä» tigkeit neben die größten Männer der Vor« zeit gestellt werden darf — wer kennt nicht den sanften und friedliebenden Mitarbeiter am grossen Werke der Reformation — Phi« lipp Melanchlon? Eben daher, La dieser würdige Mann Bretten's einzige Zierde — ja der Stolz der ganzen pfälzischen Nazion ist, Hab' ich hier auch eine vorzügliche Bitte an Bret« len'S wertheste Bürger. VIII So wke die alten Römer jenen Män, nern, die sich um'S Vaterland einst sehr ver» bient gemacht, nach deren Tode die kostbar- sten Denkmäler zum bleibenden Ruhme für die Nachwelt errichteten, eben so laßt auch ihm, euerm ruhmvoll verewigten Landsmanne, Philipp Melanchton, in euern Herzen sowohl, als auch in jenen, eurer Kinder dadurch — ein Denkmal errichten, baurender als Erz — indem ihr von nun an, jährlich sein Andenken, mittelst einer öffentlichen Volks, rede durch Jemand aus eurer Mitte, meinem Wunsche gemäs, feyert» Diese Volks rede, — worinne zu, gleich die Heldenthaten, so wie die Vorzug, IX liche Ergebenheit und Treue eurer Vorfahren im Drange der vorigen Kriege an ihren damaligen Landessürsten von ihnen erprobt, auch billig einiger Erwähnung verdienten — könnte wahrhaftig das schönste Nazi »nässest für Euch seyn, — ja eine solch öffentliche Rede würde gewiß auch eure Nachkommen zu ähnlichem Heldenmuth, so wie zur Liebe für Wissenschaften entflammen. Auch Ich kann hier den geheimen Wunsch nicht unterdrüken, jedesmal bei einer solch feyerlichen Szene mit patriotischer Theilnah- me selbst aus der Ferne eurer Jugend zugleich die Worte laut zurusen zu können; Scyd, wie eure Voreltern. treu dem Vaterland, lebt in Zeiten der Ruhe, freudig gehorchend dem Gesez; und, wenn heranstürmt die Noch, erkauft durch edeln Tod für's Va» terland euch eine Stelle bei Jenen zur Unsterb« lichkeit!' Einleitung. Vier Stunden von Pforzheim, der ersten Residenzstadt der vorigen Markgrafen von Baden, liegt an ^dem Flusse Salzbach — Philipp Melanchton's merkwürdige GeburtSstadt — Bretten; und dis im sogenannten kleinen Salzgau, der ein Theil des grossen Kraich- gaus ist, daher auch diese Stadt gemeiniglich nur zu leztcrem gczahlet wird. Noch zuvor, ehe sie an die berühmten Grafen von Eberstein gekommen, war sie die Hauptstadt der alten fränkischen Grafschaft 'Brett- heim. Nach dem Zeugnisse des Joachim Camera riuS, (Melanchton's ehmals würdigen Schü- XU lers und dessen nachherigcn Biographen,) mag diese Stadt in ältern Zeiten wohl eben so, irr Rüksicht auf ihre Grösse, Gebäude, und Anzahl der Bürger und ihres Vermögens beschaffen gewesen seyn, wie izt; denn Er behauptet: „daß sie keinen gar grossen Umfang habe, auH „nicht mit herrlichen Pallasten ausgeschmükt sey; „daß die Einwohner sich meist von dem Akerbau „und den, in der menschlichensGesellschaft nöthigen „Gewerben ernähren und von einer ausgebrciteten „Handlung, wodurch allein einem Volk grosser „Reichthum Zuströmen könnte, nichts wüßten — „daß aber die Lage äußerst angenehm und die „Gebäude doch zierlich und bequem, und die Bür- „ger sehr leutselig und gut gesittet seyen." Sie hat einen Schaz von zooo im Durchschnitt genommen, kernteutschen, äußerst indu- siriösen, für's Grosse und Gute starkfühlendc *) Siehe Georg Theod. Strobels Joachim Camerarische Lebensbeschreibung Philipp MelanchtonS Seite 2. Menschen, die das Gepräge des derben altteut- schen Bürgersinnes noch sehr kenntlich tragen. Sie hat je und je Männer gezeugt, die entweder in stillen Kreisen die höchsten Tugenden übten, oder auf dem blutigen Schlachtfeld ewige Thaten vollbrachten, oder in der Literatur der Teutschen als Sterne der ersten Grösse leuchteten. Und wenn man noch izt sieht, daß der neuere Lurns so wenig über die urteutschen Sitten der Einwohner in der nemlichen Stadt vermag, als die öfters dort ankommenden Fremdlinge einen neuern weichem Ton einführen können, sondern vielmehr der Bürger des Orts auf seinem gewohnten Pfade der klugen Sparsamkeit,, des Gewerbsteises, der häuslichen Tugend und Sittenunverdorbenheit ruhig fortwandelt: ist dis nicht ein auffallender Beweis, daß noch reinteutsche Sitte gefunden wird, und daß Bretten, (so wie Melanchton's erste Bildungsstadt Pforzheim,) der Ort ist, wo man sie findet. Doch vom gegenwärtigen Zustand dieser Stadt wird am Schluffe mehr gesagt werden. Laßt uns vielmehr sehen,, was im Mülgelegensten Hintergründe der Vorzeit Bretten war, wann es entstand, wie alt sein Ursprung, wie vornehm mithin sein städtischer Adel sey? Inhalt. Seite 1. Ä)ann und wie entstand Breiten? r 2. Die St. Laurentiuskirche zu Breiten. 5 z. Das sogenannte Wahrzeichen der Stadt Breiten. 8 4» Breiten kömmt an die Grafen von Eberstein und von diesen an die Markgrafen zu Baden. ll 5. Graf Utrich von Wirtcmberg tritt all seine Ansprüche an Breiten dem Pfalzgrafen Friedrich ab. i 3 6. Ecehmaliger Aufenthalt der Tempelherren zu Breiten. 2l 7. Etwas von der Erbauung des Rathhauses zu 'Brette n. 2§ 8. Das sogenannte St. GeorgerSpital in Breiten. 27 9. Der sogenannte SchLferssprung in Breiten. zo 10. .Das Geburtshaus Philipp Melanchtons. zz n. 'Breiten während des bayer'schen Erbfolgekriegs. Z6 l2. ! Breiten während des sogenannten Bauernkriegs. 43 iz. Breiten wird von Zeit zu Zeit mit der Gegenwart seiner ehemaligen Regenten, der Kurfürsten von der Pfalz beehrt. 4ü XVI Seite 14. Pest in Äretten. 49 15. Bretten während des dreissigjährigen Kriegs. 52 16. Breiten durch französischen Mordbrand eingeäschert. 5Z 17. Etwas von der ehemaligen St. JohannisKa- pelle zu Bretten. 6c» iz. Vom ehemaligen Dörfchen Weishofen. 62 ry. Der Weiler Salzhofen und die daher zu lti- rende ehemalige Saline zu Bretten. 6Z 20. Philipp Melanchton. 68 21. Uibrigen Gelehrte und sonst merkwürdige Männer von Bretten. 279 22. Bretten kömmt an das Kurhaus Baden 299 2Z. Beschluß. Gegenwärtiger Zustand Bretten's. 300 — ) 0 ( - A lp habethischeö Pränumeranten, Verzeichnis. 89 retten. Herr I. ÄS. Dieterich, i Exemplar. — Hr. Freyberg, Gefällverwalter, i.— Hr. Anton Kräh- mer, Handelsmann, i. — Hr. Gottfried Posselt, Ober- amtsRath, i. — Hr. Salzer, Apotheker, i. — Hr» Schild, reformirtex Pfarrer, i. — Hr. Welker, RechtsKandidat, i. — Car Hs ruhe. Freiherr von Adelsbtim, Kammerherr und Oberforstmeister,!.— Hr.Aab, Lehrer am Gymnasium, i.— Hr. Bär, Hofapotheket.i.— Hr. Cnefe- lius, HofralhsKanzellist, !. — Hr. Dietz. Oberrevisor, i. — Hr. Dolhofen, Sekretär, i. — Freiherr von Edelsheim, Hofmarschall,!. — Hr.Fischer, Baumeister, i. — Hr. Frommei, Landbaumeister, i. — Freiherr von Gemmingen, HofrathsAsseffor, l.— Hr. Eeneyne, Stallmeister, i.— Hr. Gerhard, OberJn- genieur, i. — Hr. Fr. Gerstner, Hvfdiakonus, !.— Hr. Giehne, HofrathsRegistrator, !. — Hr. Gockel, Kirchenrath, i.— Hr. Goll, HofrathsSekretär, i.— Hr. Christian Griesbach, Handelsmann, i.>— Hr. Groos, HofrathsKanzlist, i. — Hr. HaNer, Kriegskassier, i. — Hr.Hebel, Professor,!.— Hr.Hemmeling, Professor und kursürstl, Bibliothekar, i.— Hr.Heunisch, Kanzlei- Sekretär, i. — Hr. Holzmann, Hofrath, i. — Hr. Junker, Geheimer Hofrath,!.— Hr. Käsberg, Rechnungsrath und Forstverwalter,!.— Hr.KarlKempff, GeneralforstkommissionsKanzlist, i. — Hr. Klose, Geheimer Hosrath,!. — Hr. Kollmar, Kriegskommissär,!. — Hr. Lang, Rechnungsrath, i.-— Hr. Lux, Major, i. — Freiherr von Maltitz, rusfischkaiserl. Gesandter, r.—> Hr.Meenvein, HofrathsSekretär. i. — Hr. l>I.,rqnir v. hlorrrper»/. Oberhofmarschall. i. — Hr.Moßdorff, Hofrathssekretär. i. — Hr. Müller, Ingenieur, i. — Hr. Müller, ArtillerieSergeant. r. — Hr. Obermüller, Kammerrath und Generalkassier, i. — Hr. C. F. Oclen- heinz, HofrathsAssessor. l. — Hr. Ringer, Hosraths- kanzleircgistrator. i.— Hr.C.THeod. Salzer, Hofraths- Registrator. i.—- Hr. Sander, Kirchenrath. r>- Freiherr von Schal!, kais. auch kais. kbnigl» Gesandter, i.— Hr. Schartner, Hofrathskanzlist. i. — Hr.C. G. Schmie- der, kurf. Hofbuchhändler, i. — Hr. Schmidt, Holuhren- macher. i.— Hr.Seeger, Durlacherhofwirty. i.— Hr. Karl Sold, Hofrathskanzlist. r.— Hr. Slebel, Hofrath.i. — He. I. G. Tulla, Hauptmann. i. — Hr. A. Vierordt, Hofdkonomierath. i. — Hr. E. I. Vierordt, Geheimer Kämerier. i. — Hr.Bolz, Hofrath. i. — Hr.Volz, Hofkammerrath. r.— Hr.Bolz, Spezial, i. — Hr. Bolz, Hosdiakonus. ,r. — Hr. Walz, Kirchenrath und Obertzvfprediger. i. — Hr. C. F. Waag, Oberrevisor, i. — Hr. F. Weinbrenner, Baudirektor, i. — Hr, Wcißin- ger, Rcchnungsraty. i. — Hr. Wohnlich, Geheimer Hofrath. i. — Durlach. Herr Aulbeer, Haußhofmcister. i. — Herr Blum, Buchhalter, i.— Hr.Creuzbuuer, Medizinal- rath. r. — Hr. Eiienlohr, Oberamtsrath. i. — Hr. Fcsenbeckh, StadtbauMcistcr. i. — Hr.Fürkorn, Präzeptor, i.— Hr. August HLrlin, ObcramtsAktuar. i. — Hr. Herzog, Postmeister, i. — Hr.Kahe, Amtmann. i.— Hr.Kieffer, Amt-Keller. l.— Hp. Klein, Posthalter, l.— Hr. Krenkel, Hofkiefec. i. — Hr. Lehmann, Hauptmann. r. — .Hr.von Lindheim, Obrist, l.— Hr.Mezger, Rathbkonsulent. l. —Hr.Fr. Sachs, Stadtdiakonus. i.— —-)o( — Hr. Salzer, Apotheker.!.— Hr.von Sautern, Lieutenant und Adjutant, i. — Hr. Schmid, Konditor und Handelsmann, i. — Hr.Iittel, TheilungskommiffLr.i. Emmendingen> Hr. Barbe, derAeltrre, Bnrgvogtei- Aktuar.i.— Hr. Wilhelm Deimling, Bürgvogt. i.— Hr. Jeremias Dreher, Präzeptor, i.— Hr. Eisenlohr, Hauptmann.i.— Hr.Eiscnlohr, Bürgermeister.!.— Freiherr von Liebenstein, Gehesmerrath und Landvogt. r. — Hr. Karl Friedrich Meerwein, Landbaumeister.!.— Hr. Friedr. AngustRoth, Hofrath und Landschreiber, i» — Hr. Alexander Bogel, Handelsmann, i. — Hr. Wilhelm Heinrich Wagner, Stadtschreiber, i. — Ettlingen. Hr.Eccardt, Buchhalter, i.— Hr.Lutz, Pulverfabrikant, i. — Hr. Wich, Amtmann, i — Etzbach. Se. Errell. Hr. ReichsGras von Degenfeld- Schonburg. i. — Heidelberg. Hr. Kübel, Professor, r. — Hr.Paetz, Professor, i. — Hr. Wedekind, Professor, r. — Heilbronn> Hr. Ernst Roman, Handelsmann, i. — Hr. Schell, Bnchdruker und Buchhändler. 3. — . Kirchheim an der Tek. Freiherr von Palm. i. — Lörrach. Hr. Bodrmer, Verwalter. 1. — Hr. Hier- thes, Prorektor, i. — Hr. J.W.Hizig, Pfarrer in Rötteln. re — Hr. Kretz, Spezial. 1. — Müllheim im Badenweilerischen. Hr. Beck, Spezial l. — Hr. I. L. Lrnßler, Hofrath und Doktor, i. — Hr. Maier, Obcramtsrath. 1. — Hr. Vulpiuch, Apotheker. 1. — Nürnberg. Hr. Georg Berblinger, Komtorist. 1.— Oberesslingen. Hr. Hezcr, Pfarrer, i. — Hr. Kottlieb Reinhardt, Schultheiß, 1. — Lberkirch. Hr. Goppelsröder, Amtskeller. 1. — - )o( - Pforzheim. Hr. Bühringer, Kammerrath. r. — Hr. Braunstein, Forstverwalter. i.— Hr. Boiigine, Ober- amtsAktuar. i. — Hr. Dreher, Bürgermeister, l.— Hr.Dennig, Aktuar, i. — Hr.W.Dittler, Schwert- wirth. i.— Hr. Dill, Skribent, i. — Hr. E.H.Ei- fenlohr,'Skribent. i. — Hr. Finner, Rechnungsrath und Amtskeller, i. — Hr. C.'E. Gehres, Knopffabrik- Inhaber. i. — Hr. Gerstner, Verwalter, i. — Hr. Johannes Gerwig. i.— Hr. Gottschalk, Pfarrer, i.— Hr. v Gyßer, Oberhofrath und Stadtphysikus.i..— Hr. Christoph Friedrich Mayer, 8-nior. i.— Hr.Mit, tenmaier, TheilungsKommiffär. I. — Hr. B. Roth, Oberamtsverweser, i. —Hr.J. Schwarz, Lheilungs- Kommiffär. i. — Hr. Welper, SchazungsEinnehmer. i. — Hr. Weidmann, OberamtsProkurator. i. — Hr. Wernlein, OberamtsAktuar. i. — Hr. Zandt, Prorektor, r. — Rastatt. Freiherr von Drais, Geheimer Rath und Hofrichter, i. — Schorndorf. Hr.Chr. Fried. Bregenzer, jun. Buchbinder. i. — Schrök am Rhein. Hr. Georg Eberhard Gramer, Verwalter und Spediteur, i. — Schwarzach. Hr. Rosenfeld, Amtskeller, r. — Hr. F. W. Fritz, Buchhalter, i. — Stein bei Pforzheim. Hr. Anselmcnt, Aktuar, r. — Hr. Barck, Oberamtsrath. i. — Hr. Tarthold, Einnehmer. i. — Hr. Crccelius, Verwalter, i. — Hr. Schmidt, Scribent. i. — Hr. Weismann, AmtsAk- tuar. r. — Hr. Ziegler, AmtsAktuar, i. Exemplar. Also t. Wann und wie entstand Breiten? ^laenn der Geschichtschreiber irgend einer alten - Stadt deren eigentlichen Ursprung aus gedruktett und handschriftlichen Sagen der Vorzeit auözuhe- ben, es unternimmt, so thürmt sich ein Heer von Meinungen, Zweifeln und Muthmassungcn vor ihm auf, gleichsam ein Labyrinth formirend, von welchem er, will er anders nur mit einigem Anstande vor dem Richterstuhl des Publikums erscheinen, sich ' kaum mit Mühe bescheiden loszuwinden vermag t In gleicher Lage befindet sich izt Bretten's Chronist; indem, weder von dem Stifter Bret- - ten's, noch von dessen Namen, in irgend einem Denkmale der Vorzeit, sich etwas Sicheres aufwühlen läßt. Ich will indeß von dem Ursprünge dieser Stadt meine Legende hier geben, wie sie gedrukt steht. Ohngeacht der Geschichtschreiber Fr eh er -) . behauptet: „daß Bretten ehemals Bretaheim > vick. ksu! ktsrlienberx inoratione 6s IsllöibuS «t xrssNsntI» kslstio»tur sä R,Iiellum p. n. Kg. „oder Brettheim geheisen habe," so gab es doch Einige, die den Ursprung dieser Stadt noch weit alter, und zwar „von einem gewissen Bra- „ton, oder Brethon, einem Sohne Hey- „dolph's, herzulcitcn suchten, der einst von je- . „nem mächtigen Fcldherrn der Germanen, oder, „(wie Andere lieber wollen) unmittelbar vom Kö- „nig Brcnno abstammtc. Dieser Bräton ha- „be nun, im Jahre Z852 von Erschaffung der „Welt, sich hier einen Wohnsiz gebaut und ihn „daher nach seinem Namen Bre'ttheim oder „Bratheim genannt." „Diese Stadt sey in der Folge von den Rö- „mern und Slaven aus das grausamste zerstbhrt „und säst dem Erdboden gleich gemacht worden; „Kaiser Otto, der Grosse, habe sic aber auS „ihrer Asche wieder hergestcllt, und sie nach ihrer ,,Wiederaufbauung an die Herzogen von Schwa« „ben abgetreten." Andere hingegen, worunter auch selbst Philipp Melanchtvn war, ") „leiteten den Ursprung der Stadt Brcttcn, «7ro T-äiv „oder von jenen Britaniern her, welche, mit „der Helene, dem Kaiser Konstantins einst „im Kriege folgten." *) V. kliilipp Nslsnclit. In clironic. Lsrlonlr 1 . 1 b. IV. x. 4 Zl. eält. >V!lteinb. snno 1588. tol» Wieder Andere behaupten: „Im Jahr 28L „nach Christi Geburt, habe der römische Feldherr „des Kaisers Valerius, des Frommen, Na- „mcns Casus Brctomarins oder vielmehr „Britomarius, oder Casus Marius Britanniens, welcher gegen die Britanniek zu „Felde zog, am sogenannten Stromberg, nahe „bei dem Flusse Salza, izt Salzbach ge- „nanut, ein Dorf angelegt und solches Bredo- „marsheim getauft; diß habe hingegen der bekannte grausame Hunncnkvnig Attila, schon im „Jahr 450 wieder zersiöhrt. Lange Zeit hindurch „scye daher dieser Ort nur als ein geringes Dörf- „chen unter dem Namen: Brittmarsheim „oder Bretmaresheim bekannt gewesen, bis „derselbe zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts „den Namen: Brett heim, endlich Bretten, „lateinisch llrettn, erhielte. ") *) Siehe M> Ab r ah. Sauer von Frankenberg psrv. tlieatr. urb. ä- izyz. p. 241. allwo behauptet wird, daß Breiten seinen ursprünglichen Namen von den Britanniern habe. Vieles hieher Gehörige liefert Uns des Kaisers und Pfalzgrafen Rupert ehemaliger Eeheimersekrerär, Namens Ionnn Agricvla, düs Derselbe aus dem grossen, und zuerst auf Baumrinde geschriebenen, Buche des Jodocus Serbellon's, gewesenen Statthalters in Australien, unterm Kaiser Karl, dem Grossen, gesammelt hatte. Seiner Von dem eigentlichen Ursprünge und Älter die» ser Stadt hat man im Grunde keine andere, als nur jene, meist fabelhafte Nachricht. Jndeß ist jedoch soviel gewiß, daß schon in dem achten und neunten Jahrhunderte Brette- heim, Brethaheim, Bredaheim, in den Urkunden des Klosters Lorch, als eine Villa dcS Kraichgaues verkommt. Uibrigenö hat uns der, (ehemals beim refor« mitten Gymnasium zu Heidelberg als Rector gestandene, nachher zu Wieblingen verstorbene) Johann Heinrich Andreä in seiner kurzen Beschreibung von der Lage des Kraichgaues die Nachricht aufbchalten, daß, sowohl Kaiser Heinrich V , indem er im Jahr my. eine Kirche zn Breiten erbaute, als auch Kaiser Kvnrad UI, der im Jahr > >40 diese Stadt mit Mauern umfassen lieS, zur allmähligen Vergrößerung und wird in den monnmentir pletati; et eruäitlonlr und zwar in der Vorrede pag. 4. gedacht. vlä. fok. Itenr. ^ncirese krstta - Lrelebgovise illulkrsts, gto tteiöelberx i?üy psx. 4. et 5. §. lll. All obiges, aus der ältesten Chronik Gezogene, hat «in gewisser Freund seinen Landsleuten zu Brette« aus Patriotismus mitgetheilt; wovon noch izt ein Auszug bei der Stadtschreiberei - Registratur in Bretten aufbewahrt wird. *) Sieh. Widder's geogr» histor. Beschreib, der Kurfürst!. Pfalz 2 Lheil, Seite 18S. Us 17LÜ, Verschönerung dieses Orts vorzüglichen Anlaß ge- '' geben haben. ") 2 . Die St. Laurentiuskirche zu Bretter?. Johann Heinrich Andrea, der ehemalige Rector des Heidelberger Gymnasium's, behauptet in seinem Programme von Bretten, daß, (wie ich Hessen in vorhergehendem Abschnitte schon erwähnt,) Kaiser Heinrich V. im Jahr, my.. eine Kirche zu Bretten erbaut und hiedurch die erste Gelegenheit zur Vergrößerung dieses Orts gegeben habe; indem sehr viele Pilgrimyie, sey es aus heiligem Eifer, von allen Gegenden herbeigelokt,. sich in der Folge dort ansiedelten. Eben dieser Andrea führt uns daher auch unmittelbar darauf hin, daß jene Kirche in der, gegenwärtig noch dastehenden asten Pfarr- oder sogenannten St. Laurentiuskirche bis jezt in Bretten cristire. Ob Er nun hierinne wirklich Recht oder Unrecht habe, dis will ich Andern zum nähern Nachforschey überlassen. Ich erwähne indeß nur soviel hievon, daß. man in gedachter Kirche noch izt sehr viele Wappen, in Stein gehauen, als deutliche Spuren davon am »X-Viist llenk. Auärese i. c. x. 5. §. IV. trist, daß in dieser Stadt der Adel einst sehr beträchtlich war. Vorzüglich merkwürdig sind darunter aber jene, ausserhalb dein katholischen Kirchcnchor befindliche, drei Wappen von Kurpfalz, Wirternberg und dem Tcutschorden, die noch bis auf den heutigen Tag als Denkmäler davon übrig blieben, daß jene drei Stande, nach dem glüklichen Ausgange des Kriegs, zu der, erst im Jahr 14^8 ZN Stande gekommenen, Erweiterung und Verschönerung dieser Kirche, gemeinschaftliche Beiträge geleistet hatten, wyvon, auswärts ag jener Kirche noch ein Stein, mit der Jahrzahl rgt>8 die Kunde, für die Nachwelt aufbehiclt. ") Auch leitet man davon die Muthmasung her, daß Bretten ehmals der Hauptsiz von jenen Orten gewesen seye, welche der Kurfürst von der Pfalz mit dem Grafen von Wirternberg vor Zeiten gemeinschaftlich im Befiz gehabt. N"u wieder zur alten Pfarrkirche. Diese war groß und mit reichlichen Einkünften versehen. Sie hatte eilf Kapellen oder Frühmessereien; und es war zu Bretten der Siz des Dechants vom dortigen ganzen Landkapitcl, welches in das Erzdiakonat des zeitlichen Probsts an dem St. Guido ns stifte zu Speier cinschlug, *) vicl. I»k. klein, ^aäre« 1. c. x. 5» §- kV, Die Pfarrei selbst nebst den Pfründen auf des heiligen Kreuzes, unser,Lieben Frauen, St. Katharinen, und St. Nikolaus, Altären hatte hingegen der Pfalzgraf zu begeben; welcher die Vikarie zu St. Stephan und Lorenz in gedachter Pfarrkirche, mit päbstlicher Bewilligung, der Schloßkapelle zu Germersheim einverlcibte. Der Hauptpatron war nun der heilige Laurentius, In der Jeitfolgc ward hingegen diese Kirche den katholischen und reformieren Glaubensgenossen zum gemeinschaftlichen Gottesdienste, jedoch, in zwecn bcsondern Abtheilungen, eingeräumt. Die Katholiken, erhielten nemlich in dieser Kirchentheilung den Chor, welcher von dem Lang Hausse mit einer Mauer unterschieden und izt ihre ordentliche Pfarr- und Mutterkirche ist, die — nachdem bei der, in neuern Zeiten- sich so sehr- vermehrten katholischen Gemeinde, deren Raum ihre Mitglieder nicht mehr alle fassen konnte — daher im Jahr 1778 von der geistlichen Verwaltung wieder ganz neu gebaut und vergrößert wurde. Deren Pfarrer versahen nicht minder die, ausserhalb der Stadt gelegene, ohnlangst aber cingc- gangene. St. JohannisKapelle. Noch izt besorgt er aber die Haußkapelle auf dem Zeissen- hausser Bade. Ferner sind die, auf der Rehe^ heker Ziegelhütte und in mehrern andern Wirtembergischcn und Badischen Granzorten wohnende Katholiken dahin eingepfarrt. Die Reformirten hingegen, welche an dieser alten Kirche daS sogenannte Langhauß erhielten, haben einen Pfarrer, der zugleich Inspektor der Klasse Breiten ist; dessen Diakon das einzige dazu gehörige Filial zu Rinklingen zu persehen hat. , 3 , Das sogenannte Wahrzeichen per Stadt Bretten. Nufferhalb dem Chor der St. Laurentinskir- che zu Bretten befindet sich ein Hündchen, rükr warts in Stein gehauen, ohne — Schwanz. Diesen kleinen Umstand, so unbedeutend er auch Manchem scheinen mag, darf doch Bretten's Chronist keineswegs stillschweigend übergehen; indem er schon seit unfürdenklichen Zeiten den ersten Stoff zu dem bekannten ironischen Sprichwort lieh; wornach man ncmlich von jenem, der entweder seinen Prozeß verspielte, oder überhaupt in irgend einer kritischen Sache den Kürzern zog, ge- *) S. Widder's geogr. Wer. Beschreibung der Kuss. Pfalz, 2 Theil, S. lgü und 1-7. meiniglich zu sagen pflegte: „Er kömmt da-! „her, wie das Hündchen zu Brett en!" Von der eigentlichen Ursache dieser posflrlichen Darstellung jenes Hündchens hat man nun bis izt keine andere, als nur fabelhafte Nachricht. So behauptet man z. B. daß einst die Feinde, nach einer langen vergeblichen Belagerung der Stadt'Brcttcn, endlich in der sichern Vermnthung, als wären die Einwohner derselben, welchen sie alle Proviantzufuhr bisher gänzlich abgcschnitten, nunmehr vollkommen von allen Lebensmitteln entblößt, mithin dem Hungertod nahe, solche daher zur ungesäumten Uibergabe der Stadt trozig aufgefordert hätten. ^ Aber, statt eine bestimmte Erklärung hierauf zu geben, seyen Bretten's Einwohner auf den Einfall gerathen, um den Feind davon zu überzeugen, daß sie dermal noch keinen Mangel an Lebensmitteln leiden, sogleich einen wohlgemästeten fetten Hund über die Mauern der Stadt in'S feindliche Lager springen zu lassen, sich indeß aber in einen noch lebhafter» Vcrtheidigungssiand, denn zuvor, gegen diese Aufforderung zu sezcn. Was geschah? — Sobald nun jener Hund als Herold von der Nichtübergabe der Stadt mit seinem fetten Wanst im feindlichen Lager angr- kommen, sogleich hieben ihm die Feinde seinen — Schwanz ab, und schikten ihn so — vrrstüm- melk wieder in die Stadt zurük; in dieser Gestalt den Einwohnern daselbst anzudcntcn, daß, so wenig die Feinde izt dieses unschuldigen Thierchens verschont hätten- sie eben so wenig; würden sie einst Meister von der Stadt, deren Einwohner verschonen , sondern solche geradeswegcs, ohne Pardon, niedermezeln wollten. Diese stille Drohung seye hingegen unerfüllt, und, nachdem kurz darauf die Feinde die Belagerung wieder aufzuheben sich genothigt sahen, die Bürger von Brettcn sofort Meister ihrer Stadt geblieben ; eben daher hatten nun leztcre zum Andenken dieser Geschichte in der Folge ein Hündchen ohne Schwanz an ihrer Kirche postircn lassen. In Ansehung dessen mögen diejenige wohl am meisten Recht haben, welche behaupten: der Bauherr von befragter Kirche, woran mau jenes Hündchen sieht, habe ehedem einen Hund in seinem " Wappen geführt und mit jenem Hündchen, daS er ausserhalb dem Kirchenchor einst aüsgelnruen, nur sein Andenken bei der Nachwelt zu verewigen gesucht. Zwar noch grössere Glaubwürdigkeit verdienet hierinn die allgemeine mündliche Tradition, wor- nach die Freiherren von Hund heim (von beeren Geschlechts nun mehrere in' der reformirten Pfarrkirche zu Bretten in einem schauerlichen Grab- gew'olbe der Auferstehung harren,) zu diesem Kir- ; chenbau ehehin sehr viel gestiftet; weshalb ihnen ^bann, besonders, da sie vor Zeiten einen Hund als Sinnbild ihres Namens in ihrem Familien- Wappen geführt hätten, durch ofterwähntes Hündchen an der Kirche, gleichsam ein Denkmal der Dankbarkeit dafür errichtet worden scye. So sehr sich nun diese vorangcschikte Nachrichten hierüber miteinander durchkreuzen, so wenig man bisher irgend eine wahre Spur davon auffinden konnte, durch welchen Zufall dieses Hündchen einst seinen Schwanz verlvhr ; so ist indeß doch so viel sicher und gewiß, daß Eingangs erwähntes Sprichwort von diesem Thierchen noch heutiges Tages in der ganzen umliegenden Gegend eben so gäng und gäbe blieb, als dieses Hündchen noch izt das sogenannte Wahrzeichen der Stadt Breiten ist. 4 . Breiten kömmt an die Grafen von Eberstein und von diesen an die Markgrafen zu Baden. Aaß auf jenem Plaze, worauf gegenwärtig die Stadt Breiten steht, der römische Feldherr Ca- jus Bretomarius schon im Jahr 282 ein Dorf angelegt und solches Brettm areshekm genannt; der Hunnenkönig Attila hingegen dieses im Jahr gzo wieder zcrsiöhret; sosirt Kaiser Heinrich V. im Jahr 1119 daselbst eine Kirche oder Kloster' erbaut, lcztcrer hierauf diesen Ort, den Kaiser K 0 nrad der Dritte, im Jahr 1igc^ mit einer Mauer umfangen ließ, einem Grafen pon Wirtcmberg verliehen haben solle; ") — dies, sind Erzählungen, die in einer ächten Geschicht- kunde kaum berührt zu werden verdienen! — . Denn,, als Bruno, Erzbischof vou Trier,, lm Jahr 1122 das Kloster Oden he im gestiftet,, sagt er i» seiner darüber gegebenen Urkunde, daß solches im Eraichgowe, in der Grafschaft B r e- dehe im erbaut worden, und zwar mit Bewilli-, gung seines Bruders- P 0 p p 0, in dessen erblichen Eigenthum der Ort gelegen sey. Beide Brüher waren nun ihres Geschlechts Grafen von Larissen und behielten sich die Vogtei über das Kloster vor; die aber, aus Erlöschung ihres mannli- vld, sod. Uenr, ^todrese Lretta, creiodgoviee Nlullr. p. 5. §. IV. allwo der würdige. Verfasser, der hierinne dem Münster, 3 eiler und Imh 0 f folgte, an der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte selbst' zu zweifeln scheint, indem er wenigstens da, wo er erzählt, daß ein Graf von Wirtemberg Brette» ehemals besessen, die Worte hinzusezt: ,,«i »oriktir guj? brudsm üäer adlilbendi»." chm Stamms, an Kaiser Friedrich II. im Jahr l2ly zurükfiel. Jener Graf Poppo hatte damals, als Graf des Kraichgaues seinen Siz zu Breiten, von ^ welchem Hauptorte die ganze Grafschaft ihren Namen führte, die hernach an die Grafen von Eber- stein gekommen seyn mag. Denn diese hatten schon in den ältesten Zeiten Güter und Gerechtsame daselbst. ' Man findet auch noch auf der Spize eines, nächst um Bretten gelegenen, Berges die Uiber- bleibsel einer Burg, welche vor Zeiten die Grafen von Eberstein bewohnt haben sollen; dermal aber ist der ganze Umfang mit Bäumen bewachsen, enthält ohngefahr 26 Morgen Landes und wird noch izt — das Burgwäldlein genannt. Um die Mikte des dreizehnten Jahrhunderts - zeugte nun Graf Eberhard, der Jüngere, - von Ebcrstein, eine Tochter, Namens Agnes, , die er an Grafen Heinrich ll, zu Zweibrüken, verehelichte. Dieser bekam dadurch die Ebersteinische Lande , seines Schwiegervaters "in Besiz, daher auch sein ältester Sohn, Graf Simon von Zweibrüken, ; dem Titel und das Wappen von Eberstein ange- , nominen. -4 Im Jahr 1270 erkannten sich Beide als Bundes - Vasallen des Bischofs vonMez, in Betracht ihres Lehens zu Vretheim. Graf S i m 0 n hatte 4 Sdhnc, die zwar durch Urtel und Recht einen grossen Theil der Eberstei- nischen Erbschaft vcrlohrcn; jedoch Bretten und andere Allodialstüke behielten. Die beiden jüngsten, Heinrich und Otto, haben im Jahr 1296 ihre Mühle zu Brettheim nebst dem Dorfe Spranthal dem Cisterzienser Kloster Herren alb, gelegenhcitlich des demselben verkauften Dorfes Merklingen ün der Würm, für das, dem Herzogen von Tek Zuvor versczte und noch nicht eingelößte, Vogteirecht verpfändet. ' Eben dieser Graf Otto von Iwcibrüken trat im Jahre izoe» mit den, (damals noch in gemeinschaftlichem Bcsize ihrer Lande gewesenen,) Brüdern, Pfalzgrafen Rudolf >. und Ludwig, * in ein Bündnis und »erstattete selbigen das Oef- nungsrccht in seiner Stadt Brctheim; mit dem Beding jedoch, daß, im Fall er diesen Ort zu verkaufen, gcmüssigt war', er solchen dann vorzüglich gedachten Pfalzgrafen überlassen wolle. Fünf Jahre darnach vertauscht' er Nun Bret- heim an seine Verwandten, die Grasen von Eberstein, gegen Gochsheim und Oberdwis- h e im. Da schon im Jahr 128z dieser Grafen Vater, Otto, der Jüngere von Eberstein, den vierten Theil der Ebersteinischcn Lande an seinen Schwager, den Markgrafen Rudolf von Baden, verkauft hatte, so scheint dieser auch einen Theil, oder doch ein Recht an Bretten erhalten zu haben. Denn Er verschrieb sich nicht nur schon im Jahr izgz innerhalb einer bestimmten Zeit Brcttheim gegen Christen und Juden zu ledigen und zu lösen; sondern Er verpfändete auch im Jahr lgzy diese Stadt; jedoch auf Wiedcrldse, um 4400 Pfund Heller, mit Bewilligung seiner Vettern, der Grafen Otto und Bert hold von Eberstein, an die Pfalzgrafen Rudolf II. und Ruprecht I. Im Jahr 1345 nahm Markgraf Rudolf abermal, mit Vermissen und Bewilligung gedachter Grafen von Ebersiein 805 Pfund Heller zu jener Pfandschaft vom Pfalzgrafcn Ruprecht auf; mid im Jahr 1348 ward GrafBerthold von Eberstein der Pfalz Diener und verschrieb sich zugleich, dast, wenn er seinen Theil von Brettheim verkaufen würde, er solchen Niemand anders , als Pfalzgrafen Ruprecht, dem Aeitern, überlassen wolle. Im folgenden Jahre darauf gaben auch die beiden Söhne des Grafen Heinrich von Ebcr- siein, Ottmar und Berthold, obigem Pfalz- graft» diese Stadt oder etwa ihre darin» noch gehabte Güter und Rechte mit Jugehör, anfänglich um lyoo Pfund, dann aber um 7100 Pfund Heller °2) zu verkaufen; wodurch Bretten als ein wahres Eigenthum an die Pfalz gelangte; wie denn gleich hernach der Vogt daselbst, Ludwig von Stein, mit dem Rath und der Bürgerschaft, bezeugte, daß Kurfürst Ruprecht 1 die Stadt Breiten um ein Stük Geld an sich gebracht habe. Als nun bald darauf die beiden Pfalzgrafen Ruprecht derAeltere, und Ruprecht der Jüngere, wegen des gemeinschaftlichen Besizes ihrer Lande uneins wurden und, nach dem schiedst richterlichen Ausspruche Kaisers Karl IV, der Erzbischöfe Wilhelm zu Kölln, und Verlach zu Mainz vom Jahr igzz, alle Besizun- gen abtheilten, wurden Brettheim, Heidelsheim und Neuhof zu keinem Theil geschlagen, sondern Psalzgrafen Ruprecht, dem Aeltern, Vorbehalten. — Dis mag daher auch wohl die Ursache davon seyn, warum der Stadt Brettheim in der so- *) S. Widder's geogr. hist. Beschr. der Kurf. Pfalz, 2. Theil, S. l8y — ryi. Sachs Bad. Geschichte ll. Theil, S. IZ 4 , all- wo zwar die Kaufsumme wegen der Stadt Breiten auf 7900 Pf. Heller bemerkt ist. H Mannten Nupertinifchon Verordnung vom Jahr lzy5 nicht gedacht wird. — Zwar verpfändete König Ruprecht, mit Be« willigung seiner Söhne, der Pfalzgraftn Ludwig und Johann, im Jahr »400 die Städte Brett« heim und Wißloch an Markgrafen Bernhard von Baden für 16222 fl.; jedoch mit Vorbehalt des Wiederauslosungsrechts. Jedoch wurden 'in der bald darauf zwischen des gedachten K. Ruprechts Söhnen im Jahr 14,2 vorgegangenen Theilnng, ausser mehreren Orten, die nicht zur Chur gehörten, Bretten und HMdolfs- heim (Heidelsheim) dem Kurfürsten Ludwig III. mit dem Beisaze zugetheilt, daß er das Kloster Maulbronn desto besser befrieden und beschirmen möge. '") '-r *) In obigem TheilungsRezcß lautete es nun wörtlich folgender maßen: „So haben wir Brethcim Und Heidelsheim in unters Herrn Hertzog Ludwig's Theil begriffen» „darumb, daß er das Kloster Maulbronn desto Laß „befrieden, und beschirmen möge, das also wann „Oberheim und Moßbach von Todeß wegen der al- „ten Marggröfin von Baden unserm Herrn Hertzog „Orten ledig würde in der Massen, als hernach „begriffen ist, und daß dem Marggrafen von Ba« „den oder seinen Erben Bretten und Wiffenloch da« „von werden, daß dann unser Herr Hertzog Lud« „w i g Bretten, Wiffenloch und anders, was damit S Nach dieser Zeit blieb die Stadt Bretten immer beim Pfälzischen Kurhausc. 5 - Graf Ulrich von Winemberg tritt all seine Ansprüche an Breiten dem Pfalzgrafen Friedrich ab. Am Jahr 14dl stritten sich zwei Grafen, Di et« rich von Isenburg und Adolf von Nassau um das Erzstist Mainz. Jeder hatte seinen Anhang: auf Dietrichs Seite war der Pfalzgraf Friedrich; Adolfen untersiüzten Markgraf Karl l, von Baden, dessen Bruder, der Bischof Georg zu Mcz, und GrafUlrich von Wirtcmberg. Erst zankte man sich in Schriften herum; aber, wie's damals von De- „hefften würd, selber lösen ober ledigen soll mit „14000 fl. Hauptgelds und mit dem Schaden, ol» „Schaden darauf gehen würde." rc. S, 8c stiller Institut. Zur. pudl. I'om. II. Ht. 19. l>- 312. und in HI» er! Lost, stlpl. ?algt. p. 152. leg. *) S. Widder's geogr. histor. Beschreib, der Kurf. Pfalz, 2 LH. Seit« 192. ' 'i dcictioneu leicht zum Zuschlägen kam, so sammelte der Markgraf mit seinen Verbündeten ein Heer yon booo Mann Fusvolks und üoo Reitern. Mit diesen belagerte er anfangs Heidelsheim. Da die Einwohner sich tapfer wehrten, so zog er sich vor Heidelberg, wo die Hülfsvdlker Adolfs von Nassau, die aus 4000 Mann Fnsvölks und 400 Reitern bestanden, sich mit ihm vereinigten. Eine solche Macht schien an dem Siege gar nicht mehr zweifeln zu. lassen; aber die allzusichern Fürsten zerstreuten sich in der Gegend umher, um sowohl in den Dörfern als auf den Feldern zu sengen und zu brennen; an Spionen mochten sie wohl auch nicht gedacht haben. Der schlaue und kriegskundige Friedrich von der Pfalz überfliegelte sie pldzlich unfern Sekenheim in einer Enge zwischen dem Rhein und Nekar mit 4022 Mann zu Fus und >o2o Reitern. Da half kein Rittermuth im Gefecht, da war an kein Entfliehen zu denken. Der Markgraf Karl, dessen Bruder, Bischof Georg von Mez, Graf Ulrich von Wirtem- bcrg und zzo Grafen und Edle wurden gefangen. Der siegreiche Pfalzgras ließ Abends diese seine Gaste aufs herrlichste bewirthcn: der Wein floß, wie in Bachen; die einladendsten Wohlgerüche dampften von den fetten Braten auf. Alles war in altdeutschem Uiberflusse da — nur kein Brod. 2 20 Die Gaste waren nicht blöd und forderten es selbst. Werthe Freunde und Herren! sagte nun Sieger Friedrich. Alles geb' ich euch gern und kann es euch geben, nur kein Brod; den« itze habt mit unfern segenreichen Feldern Krieg geführt. Cure eigne Schuld ist's nun, daß ihr das liebe Brod entbehren müßt. - Aber diese Mahlzeit ohne Brod war theuer» Jeder der gefangenen Fürsten mußte sich mit schweren Summen loskaufen; unter andern Graf U l- rich von Wirtemberg im Jahr 146z, als er seiner Gefangenschaft entledigt ward, alle Lehenschaft in der Stadt Bretten, an Kirchen, Gloken, Aemtern und all andern Pfründen dem Sieger Friedrich übergeben und darauf für sich, wie für alle seine Erben, feierlich Verzicht thun. Markgraf Karl von Baden errichtete noch im ncmlichen Jahr mit gedachtem Kurfürsten einen Vertrag, wodurch die bisherigen Zwistigkeiten wegen des Geleits und Wildbanns zu ewigen Tagen verglichen worden. *) S. Widder's geogr. histor. Beschr. der Kurf. Pfalz, 2. Theil, S. 192. und Joh. Peter Kayser's histor. Schauplaz S.2Z8 und szy; worinn steht, daß zum Andenken dieser , (am zo Juny 1462 vorgefallenen) wichtigen Schlacht - bei Sekenheim auf dem Plaze der damaligen Niederlage ein steinernes Kreuz mit folgender Jnnschrift aufgerichtet worden: 1. 6 rr Ehmaliger Aufenthalt der Tempelherren zu Breiten. Unter den sy manchfachen Religions-Sekten, deren es vor fünf Jahrhunderten in Menge gab, befand sich auch in Bretten jene — der sogenannten Tempelherren. „Als man zählt nach Gottes Geburth 1462 seynd „auf dieser Wahlstatt auf St, Paulus Gedächtnus» „Tag, durch Hextzog Friedrich, Pfaltzgraffen bey „Rhein, und Churfürsten niedergeworffen worden, „Hertzog Georg Buchest zu Metz, Marggraff Carl „von Baden und Grast Ulrich von Würtenberg, mit „einer merklichen Anzahl ihrer Dienern, Grasten, „Herren und Knechte. Und denselben, die in falschem Geschaffte todt blieben seynd, wolle Gott „barmhertzig seyn." — Hjeher gehören auch folgende altdeutschen Berse, welche das Jahr und die Personen iener Begeben, heit ausdrüken sollen: „Als ein mit ein I geziert, „Bier Hufeysen waren formirt, „Ein Axt und der ApostelZahl, „Geschah die Schlacht am Necker-That, „Da schlug und fieng ein junger Pfältzer». „Ein Bader, Jäger und Sältzer, „Friederich der Siegreiche wolgenannt, „Der Chur-Pfalz Iier durch alle Land. MLeeci.xn. Dis war nemlich ein geistlicher Ritterorden, der um's Jahr niZ zu Jerusalem seinen Anfang nahm. Hugo de Paganis, Gottfried von St. Omer und noch sieben Andere, wiedmeten sich eben so ganz dem Dienste Gottes wie die sogenannten Lanonici reguläres. Sie thaten ihre drey Rcligionsgelübde deyt Patriarchen von Jerusalem, der ihneg noch über? dis das vierte auferlegte; woniach sie nemlich die nach Jerusalem wallfarthende Pilgrimme wider die Ungläubigen daselbst zu schüzen, sich verbindlich machen mußten. ' Balduin U., König zu Jerusalem, räumte ihnen zu dem End, nahe beim Tempel Salo- m o n 's, ein besonderes Haus ein, wovon sie dann ursprünglich den Namen: Tempelherren oder Tempelritter erhielten. * Anfangs lebten sie nur ganz bescheiden von Allmosen; ja, sie waren so arm, daß zwey ihrer vornehmsten Ritter nur ein Pferd miteinander befassen ; zu wessen Andenken sic denn auch in ihrem Wappenschild«, zwey nur auf eine m. Pferde filzende Ritter, zu ihrem Sinnbilde gewählt und behalten hatten. . Im Jahr 1128 ward Ihrethalben auf dem Concilium zu Troyes eine gewisse, vott St. Bernhard entworfene, Ordensregel festgesezt. 2 Z Dieser zufolge mußten sie nun ein weises Gewand anlegen; und, nach der weitern Verordnung des Pabsts Eugen III. vom Jahr 1146 auch ein r 0 th c s K reuz auf ihrem Mantel tragen. Nach dieser Zeit nahm ihr Orden dergestalt zu, so, daß er — zulezt eine ganze Armee formirte. Denn in diesen traten die reichsten und angesehensten Personen von Stande, welche, vom Fana- tism' geblendet, all ihre Güter jenem Orden einzig und allein gewicdmct hatten. Selbst Könige sogar vermehrten nebst andern reichen Leuten, die Einkünfte dieser Tempelherren so stark, daß Lez- terc in Frankreich, Spanien und England, auch anderwärts, bei go,oon Commcadcn zulezt belassen, die über 2 Millionen jährlich cintrugcn. Dis machte nun diese Tempelherren nur zu bald wollüstig und lasterhaft; ja, sic ergaben sich in der Folge so sehr dem Trünke, daß man hernach einem jeden starken Zechbruder sprichwortsweise zuzurufen pflegte: „Du säuf'st wie ciy „Tempelherr!" Ihrer Ausschweifungen wegen, wurden sie daher, auf königlichen Befehl, in Frankreichs Hauptstadt im Jahr 1^07, und zwar ohne Unterschied des Standes und der Geburt, samt und sonders ergriffen, dann lebendig verbrannt und so — unter manchfachcr Marter und Qual allmählig verfilzt und ausgcrottet. Da jedoch die meisten dieser Tempelherren am Tage ihrer Verurthcilung die Laster, deren man sie zuyor beschuldigte und welche sie anfangs selbst auch eingcstanden, boshafter Weise widerrufen hatten, so wurden sie vom abergläubischen Volke gerades Wegs — für unschuldige Märtyrer erklärt. Eben daher wollte man izt auch in andern Staaten, ausserhalb Frankreich, nicht eher etwas Aehnsiches gegen ihre übrigen Ordensbrüder vornehmen; bis endlich, auf Begehren K ö- Nigs Philipp lV., sonst des Schönen genannt, vom damaligen Pabst Klemens V. auf der Versammlung zu Vienne, in Frankreich, derselben gänzliche Ausrottung im Jahr lg »2, fest beschlossen ward. D>e Baarschaft jener Tempelherren, welche zu einem Krenzzug' eigentlich bestimmt war, zogen nachher die Könige, ehen so, wie deren Güter, überall an sich. In Spanien hingegen hatten die Tempelherren noch das allerbeste Schiksal; denn dort entsprossen aus Selbigen die zwey vorzügliche Orden: „S t. Jakyb und St, Calgtraval" Gleiches Schiksal der Aufhebung dieses Ordens traf auch die chmaligen Anhänger jener Sekte hier in Breiten; allwo die Tempelherren einst ein sthr prächtiges Gebäude hatten. "ch *), S. BaS,ler Letic o >'., Lheil 4, Heite 577, **) vict. Lreltz creiclixovl» lllakrats x. ü. §. V, Z Noch konnte man vor nicht gar langer Zeit sehr « deutliche Spuren und Denkmäler von diesem, vor? mals da gestandenen Tempelhauß sehen; auf Hessen Trümmern hingegen im Jahr ,786 das herrschaftliche Amthaus, als Sinnbild der Gerechtigkeit, gleichsam zum Söhnopfer erbauet wach j ?. Etwas von der Erbauung des Rachhauses zu Bretten. Emen deutlichen Beweis von dem blühenden Anstande, worinn zu der Zeit« als noch die Göttin des Friedens ihre wohlthätigcn Palmzweige über Bretten verbreitete, einst dieses Städtchen war, liefert uns hie Geschichte des dortigen Rathhauss- bau's, der im Jahr 1480 vollendet ward. Dis Gebäude, einzig in seiner Art, das vor allen andern im ganzen Pfälzer Lande und sonst , weit und breit an Vorzügen der Kunst glanzte, i kokte vorhin jedem vorübergehenden Wanderer un- 1 willkührliches Staunen und Bcwundrung ab; in- I dem es mit seltnen Denkmälern der zur selben Zeit 4 so hoch gestiegnrn Glasäzekunst prangte; — mit ! Denkmälern, wiederhol' ich, welche, theils dia 26 pfälzische Regcntenfolge, theils auch deren ruhmvolle Thaten in chronologischer Ordnung, so wie hauptsächlich jene Treue, welche Breiten's Einwohner ihren Regenten zur Zeit der dringendsten Noth bewiesen, nebst den Namen jener Biedermänner , die sich bei jenen traurigen Szenen vor andern ihrer Mitbürger besonders ausgezeichnet hatten , den Nachkommen zum Muster und zur schäz- barcn Bewunderung ansbehiclten. So verdient z. B. folgendes Denkmal für Philipp Melanchton hier vorzüglich eine Stelle. An gedachtem Rathhause stand nun einst folgendes geschrieben: „Uretta, gnoci eßrezsii Patina es prseclara „pbilippi „Hoc lütis ex nno blobilik.uis lrabes!" Im Frühling des Jahres >68y waren ctlich re- formirte Geistliche im Gasthofe zur Krone im traulichen Zirkel der Freundschaft zu Bretten beieinander versammelt. Diese hatten nun, nachdem sie Alle zuvor jene Jnmchrift gelesen, zu ihrer kurzweiligen Unterhaltung dort unter sich verabredet, daß derjenige von ihnen, welcher dieses Distichon am besten in'ö Teutsche übersczen würde, an diesem. Tage vollkommen — zechfrei seye. Bei dieser Gelegenheit trug dann der damalige Pfarrer I. H. Reiz-, von Schlüchternx 27 inachheriger Jnspektionsverweser zu Nekarelz, dm Sieg davon; indem Er jenes Denkmal auf folgende Art vcrtentschte: ") „Was fehlt dir Bretten noch an deinem Adclstand? „Gnug, daß du bist und heißt Melanch- tons Vaterland!" 8 . Das sogenannte St. Georger Spital in Breltcn. So wie in neuern Zeiten der Engel der leidenden Menschheit, der edle Britte Howard, unter den Völkern herumgereist, nm ihnen seine milde Weisheit zu predigen; so sann schon der Geist der alten Deutschen, für Schulen und Altäre gleich stark besorgt, auch auf Mittel für die Erhaltung seiner kranken hülflosen Mitbrüder, So ward z. B. in Breiten schon im Jahr igg8 der Grund zu einem sehr grossen Hospi- talgebaud e, zum Besten armer Kranken, gelegt. Verschiedene darzwischen gekommene Hindernisse, worunter der dazumal geherrschte Geldmangel *) vici. goti. tjenr. -tnäre«, l. c. p. ü. §> V. L psx. 17 — ,8. F. XV. 28 hauptsächlich mit gehört , waren Schuld daran, daß ein Zeitraum von 45 vollen Jahren zur Vollendung dieses, (erst im Jahr 148z Sankt Geor- gen eingeweihtcn,) Spitals erfordert ward. Die Einkünfte desselben wurden hierauf mit jedem Tage durch, viele, hie und da demselben zngeflosses ne menschenfreundliche Beitrage dergestalt vermehrt,, so, daß in der Folge (und dis noch vor dem Anfänge des dreissigjahrigen Krieges) der Fond dieses Spitals einst sehr beträchtlich war. ^) Selbst. Kurfürst Friedrich 111 . stiftete hiezu, und zwar zu ewigen Tagen jährlich zwei und fünfzig Gulden aus Kirchengefallen. In neuern Zeiten wurde jedoch die Auszahlung obiger Stiftungssümme, von Seiten der kurpsälzischen LandesAdministration, viele Jahre hindurch verweigert ; bis endlich vor ohn- gefähr zwei Jahrzehend vom pfälzischen Hofge-. richte diese jährliche Stiftung von 52 fl. samt dem, von der Zeit deren verweigerten Auszahlung rük- ständig gebliebenen Betrag durch förmliche Urtel ynd Recht als erigibel erkannt ward. *> S. 1. kl: v. Rh ein ischer A n t i q u a ri u S ». Ji 1739- Th. t. Seite 295 . **) Siehe Brett emer SpitalAkten hierüber» und fall. kkeor. etnctre« l, c» x, ü> §. V. In diesem St. GeorgenSpita! war nun vor Zeiten eine Kaplanei; in der Kapelle auf dem Eottesaker hingegen waren 2 Pfründen; und zwar die eine auf den heiligen Kreuzes —und die andere auf den St. Katharinen-Altar; welch beide denn der Pfalzgraf Kurfürst zu verleihen hatte. Dis Spital bestehet noch wirklich, und zwar unter der gegenwärtigen Benennung: „Bürgerhospital" zum Unterschied von jenem, ohnweit davon befindlichen, für arme, nichtbürgerliche einheimische sowohl, als wie nicht minder für fremde Kranke bestimmten Spital oder eigentlich sogenannten Armenhaus. Die Güter dieses St. Georg er — oder nunmehr sogenannten Bürgerhospitals liegen nun theils in Bretten's, theils auch in andern Gemarkungen; und — diese tragen hienieden schon die Früchte für die Ewigkeit! *) S. Widder's geogr. histor. Beschreibung der kue« fürstl. Pfalz, 2. Lheil, S. 196. y. Der sogenannte Schäferssprung in Breiten. 11m dieser, durch, viele Drangsalen des Krieges von ihrem blühenden Wohlstände lief herabgesunkenen Stadt, allmahlig wieder aufzuhelfcn, verliehe Kurfürst Philipp von der Pfalz, derselben im Jahre igya die Gerechtigkeit zur jährlichen Haltung vier öffentlicher Jahrmärkte darum. Unter diesen ist nun der Laurentius, oder sogenannte Schäfer-Markt um deswillen der merkwürdigste, weil an eben diesem Markttage sich h,ie r die Schäferzunft des ganzen Oberamts versammelt; bei welcher Gelegenheit denn der sogenannte Schäfersspru ng beginnt. Eh' und-bevor ich nun zur eigentlichen Beschreibung desselben übergehe, find' ich für dienlich, zur deutlichem Darstellung jenes Lustspiels, demselben eine kleine Schilderung des eigentlichen *) Brettemer StadtgerichtsSaalbuch. Zoll. lZenr. -Vnclress I c. p. 6. §. V. allwo das Lahr 1422 irrig angezeigt ist. Widder's geogr. histor. Beschreib. der Pfalz, 2. LH. S> iy 3 . woselbst die JahrmarktSGerechtig- keir in's Jahr 1490 gesezt wird. -- Zr Ursprungs der Schäferzunft in Breiten hier voranzuschiken. Ehedem, da noch dumme Vorurthcile und Aberglauben oft die besten Menschen vom gesellschaftlichen Umgang entfernt hielten, war das so unschuldige Nahrungsgewerbe der Schäfer — dessen sich doch in den ältesten Zeiten die grossen und vornehmsten Könige der Erden niemals schämten — für — unehrlich gehalten, daher den Schäfern, ausser ihrer Beschäftigung mit ihrem Fache, sonst ein anderes Gewerbe zu erlernen, nicht einmal vergönnet ward! Eben d i s veranlaßte deswegen, daß in der Folge mehrere Schäfer sich von einander abzusondern, und nach ihrer Art auch eine eigene Zunft für sich zu errichten, beschlossen. Diese kam izt in Bretten, und zwar unter dem Schuze und der Vergünstigung der vier Fürstenhäuser, Pfalz, Bruchsal, Wirtemberg und Baden Durlach endlich zu Stande. Von denselben wurde nun diese Zunft nicht nur bestätiget, sondern solcher obendrein noch selbst die Wappen jener Fürsten in ihrem Schäferschilde zu führen erlaubt. Dieser Zunft waren daher ehehin, und dis noch im vicrzehentcn Jahrhundert, auch alle Schäfer der umliegenden Wirtembergisch en. Badischen und Bischöflich Speie rischen 3 » - Orte einverleibt; in der Zeitfolge hingegen hatten sich davon die Wirtembcrgcr, so wie alle übrigen dergestalt wieder getrennt, so, daß diese Zunft allmählig mehr in Abnahm, ja, beinahe gänzlich in Verfall geriet!)! Nun zur eigentlichen Geschichte des sogenannten Schafe rösprungs. Bevor das gewöhnliche Wettrennen beginnt, versammeln sich die Schäfer mit klingendem Spiele und Schalmeienklang auf der Junststube zu Bretten, rüsten sich dort des Vormittags zum gottesdienstlichen Besuches zu dem End wallen sic von da aus, in Masse vereinigt, mit aufgepflanzten Hirtenstäben auf der Schulter, von ihres Festes Vorgefühl begeistert, in förmlicher Prozession der Kirche zu. Ist dieser Gottesdienst vorüber, dann wandern diese Schäfer von jener heiligen Stätte, gleichfalls unter Begleitung der Musik, gcradeswcgs auf ihre bestimmte Herberge' zurük; pflegen sich dort gütlich, bis gegen Abend hin; worauf erst mit den sogenannten Meisters Söhnen und Töchtern dieser Schäfer üuf folgende Art das herkömmliche Wettrennen beginnt. Ohngefähr eine halbe Stunde ausserhalb der Stadt wird izt diesen jungen Leuten, sobald sie samt und sonders auf dem hiezu bestimmten Plaz im freien Felde versammelt sind, ein gewisses Ziel —— 33 kn einer beträchtlichen Ferne zutn Wettrennen an» gesiekt. Nach diesem eilen zuerst paarweise die ledigen Meisters-Sohne; der nun von ihnen am ersten jenes Ziel erreicht, trägt hierauf das zum Preis dafür ausgesezte, mit buntfarbigen Bändern ge« schmükte Lamm davon; die alsdenn gleichfalls paarweise in leichtem Gewand wetteifernde ledige Meisters-Töchter erhalten hingegen auf gleiche Art die für sie bestimmte seidene Halstücher. Ist nun dieses wechselseitige Wettrennen vor« über, so kehren diese jungen Leute von gedachtem Rcnnplaze wieder in ihre Junftherberge zurük; überlassen sich dort den Belustigungen des Saiten» spiels und dem Tanze nach ihrer eigenen Art; und endigen damit zugleich die jährliche Geschichte des sogenannten Schäfer Markts in Bretten! lo. Das Geburtshaus Philipp Meianchton's. Unter den vielen Denkwürdigkeiten, welche die kleine Stadt Bretten vorhin aufzuweisen hatte, und dergleichen zum Theil noch anfbehält, ist wohl je» ncr Umstand der wichtigste, daß solche Philipp Melanchton'ö, des so ruhmvoll bekannten und 3 34 durch die Reformationsgeschichtc so höchst verdiene tm Mannes — Geburtsort ist! Durch den Ruhm dieses ihres Zöglings, der in ihrer Mitte entsprossen war, wird sie in der Geschichte gewiß unvergeßlicher bleiben, als wenn sie zehn harte Belagerungen standhaft aus- gehalten hatte, und mit unter auch tausend unbedeutende Merkwürdigkeiten der spätesten Nachwelt vorzeigen könnte. Noch izt sieht man die, (noch vor wenigen Jahren dem Kramer Franz Würz in Breiten zugehörig gewesene, nun aber dessen Tochtermann, dem Bürgermeister Jakob Ewinger dermal zuständige, beim Marktplaze befindliche,) Wohnung, worin» einst Philipp Melanch- ton das Licht der Welt erbliktc. An dem Thorgesiellc dieses Hauses befindet sich gegenwärtig noch folgende Jnnschrift davon eingehauen: „Osi pistate nstng eit in tisc Domo „voÄitlunns l)r. kttilippus IVIsIaiwtttlron „XVI. kehr. K. 1497. obiit iZÜo. (renov. 17OZ.) Der Umstand, daß dieses Melanchton's vormalige Geburtshaus noch in neuern Zeiten ein Krämer bewohnte, gab jüngst Anlaß zu nachfolgendem allegorischen Epigramm: I - 3Z ,,ZU Breiten in Doktor Melanchton's Hauß „schaut jezt ein ehrlicher Krämer heraus; — „gukt doch in's lebenden Doktors Hauß „oft anderer Orten ein heraus!" ") Und, gleichwie noch izt in der lutherischen Kirche zu Bretten erwähnten Melanchton's Bildnis in Lcbensgrbsse neben jenem des Doktor's Luther Mit der Bemerkung beider würdiger Männer Ge« burts- und Todestagen zu sehen ist, eben so war auch gedachter Melanchton vor Zeiten amGlo- kcnthurme zu Brett en, gleichfalls in Lebensgrösse > abgemahlt; und unten daran stunden folgende Wörter „O! Livös! kutrioe mouiti ^ coustsite sauKo „Lorse Oeo. cujus uos xin stextra teAit. j,Vivite concoräeS, äefeuilits iura xaterus, „Loncors, seä verax i'eliZiotiis omor." Michael Heb er er hatte nun in der Folge diesen lateinischen Zuruf Melanchton's an seine Mitbürger, weil damals sehr Wenige darunter ihn verstunden, auf Verlangen der übrigen des Lateins Unkundigen, folgendermaßen ins Deutsche übersezt: *) Siehe Mannheimer Schreibtafel 6te Lieferung v. I. 1775 . S. 73. 3 „Ihr Bürger seid ermähnt/ traut Gott, „der unS erhält in aller Noth, „Seid friedsam, schüzt das Vatterlandt, „einig im Glauben mit Bcstandt." '^) n, Bretten während des Bayer'schen Erb» fülgekriegs. Au Landshut starb Hetzog Georg in Niederbayern, genannt der Reiche, und hinterlies eine einzige Tochter, Namens Elisabeth, die noch bei dessen Lebzeiten mit Pfalzgrafen Ruprecht, Kurfürsten Philipp's Sohne, vermählt, mit diesem die zwei Prinzen, Philipp und Otto Heinrich, erzeugt hatte. Da nun Pfalzgraf Ruprecht von seinem Schwäher, dem obcngcdachten Herzogen Georg zum Allei ne rbcn seiner Eigenthumsgüter ein- gcsezt worden, so war er denn auch, solche nach dessen Tod unverweilt in eigenthümlichin Besiz zu nehmen, einzig und allein bedacht. Dagegen widcrsczte sich zwar sogleich der Herzog Albrccht in Oderbayern, und dis unter dem Zok. -^närese Lrrtts crelckßovl» Muür» x. 18. §. XV. S7 Vorwände, daß zwischen den Herzogen von Bayern einst eine Erbvereinigung geschehen seye, vermöge deren auf den Fall, wenn einer von ihnen ohne Kinder und Erben absterben sollte, sein ganzes Land, und Alles, was er sonst noch hintcrliese, den übrigen Herzogen von Bayern erblich heim- fallen sollte. — Sonst findet man diese Ursache hievon, weil unter Fürstlichen Personen nur allein das Geld, keineswegs aber liegende Güter ans die Töchter kommen sollen! — Kaiser Maximilian suchte hierauf zu Eßlingen, Ulm und Augsburg diese strittige Erbschaftssache durch einen gütlichen Vergleich zwischen beiden Theilen bcizulcgcn. Aber hiezu wollte sich Pfalzgraf Ruprecht durchaus nicht verstehen; sein Loos war daher — er wurde ohne weiters in die Acht erklärt, so wie bald darauf auch dessen Vater; welch lezterer nur aus natürlicher Liebe für ihn, sich seiner damals angenommen und der kaiserlichen Warnung ohngeachtet, ihn, als seinen Sohn, bei seinen Ansprüchen zu vertheidigen und zu schüzen es wagte. Da nachher die Reichsfürsten, vorzüglich aber auch der Kaiser selbst, dann Markgraf Friedrich von Brandenburg, die beiden Brüder Albrecht und Wolfgang mit dem sogenannten Schwäbischen Bunde, nach diesem Wilhelm, Landgraf von Hessen, nicht minder Alexander, Z8 -- l Pfalzgraf, Herzog von Bayern und Graf von Veldenz wider diese beide Pfalzgrafen Philipp und Ruprecht stritten, so mischte sich auch un- glüklicherweise der Herzog Ulrich von Wirtem- berg, als ein damals noch junger, fenerigcr und kriegslustiger Herr von 17 Jahren in diesen Streit; hauptsächlich durch die reizende Versprechung hiezu aufgemuntert, daß man ihm, zur Entschädigung für seine desfallsige Kriegskösten, die Herrschaft Haiden heim, die zz Jahre zuvor von Wir- temberg an'ö Haus Bayern gekommen § seiner Zeit wieder einraumen würde. Durch diese Lokspeise verführt lies er daher dem Kurfürsten von der Pfalz in einem, deshalb nach Heidelberg durch einen Kourier an ihn abgeschik- ten Fehdebrief, sogleich den Krieg ankünden. In dem End zog Er izt mik 22,000 Mann Fusvolks und mit ohngefähr 400 Reitern samt allem, hiezu nöthigen Geschüz, wider ihn zu Felde. Anfangs belagerte dieser damit das berühmte Cistereienser Kloster Maulbronn; welches eigentlich zur Beschüzung der Pfalz diente, mit starken Mauern und Thürmcn befestigt war, und zu derselben Zeit eine Besitzung von zoo Mann inne hatte. Erst beschoß Er daselbst jene Schanze, die zur Bertheidigung des Klosters auf einem Hügel an- - Zy gelegt war; dann bombardirt' Er das Kloster stlbst und nöthigte dis so — zur Uibergabe. Nach diesem unterwarf er sich den Marktflcken Knittlingen samt dem, gleichfalls dem besagten Kloster zuvor zuständig gewesenen ganzen Nute Knittlingen. Jzt brach er von dort aus mit seiner ganzen Armee von 20,000 Mann geradeswegs gegen Bretten auf, schlug zu dem Ende (1504) beim sogenannten Pfcifthurm sein Lager auf, und schoß alsdcnn alle Thürme und Mauern der Stadt nieder. B.retten's wachsame Bürger, damals von altdeutschem Kricgsnnith und VaterlandsLiebe durchdrungen, bcnuzten hingegen sogleich jenen Augcnblik, wo Herzog Ulrich von Wirtemberg just mit seiner Armee still und ruhig lag, Sie tha- ten nemlich mit den sndeß von Heidelberg in ihre Stadt herbeigeeilten 400 Mann Hülfövblkcrn zum sogenannten Tempelthor hinaus, und zwar den Postweg hinauf, mitten in der Nacht, einen plözlichen Ausfall gegen die damal in guter Ruh gelegene Wirtcmbergische Truppen; schlugen sie hierauf samt und sonders geradeswegs in die Flucht; bemächtigten sich bei dieser Gelegenheit auch mehrerer Stüke des feindlichen Geschüzes; welches sie theils zur, Beute für sich behielten, theils auch vernagelten ; durch diese glükliche Uri- 4o --- ternehmung hingegen die Stadt auf einmal vyy feindlichen Kriegern wieder bcfreyten. Zwar blicken bei diesem Scharmüzel auf beiden Seiten gegen 202 Mann tod auf dem Plaze, Die Bürger von Brctten schleppten nun die Leichname ihrer — den so cdeln Tod für's Vater, fand — damals gestorbenen Mitbrüder zur feierlichen Beerdigung in die Stadt hinein; die, feindlicher SeitS, Gebliebene hingegen wurden auf der Wahlstatt begraben; welchen Plaz man noch heutiges Tages — „die Schelmen-Grübet nennt! ") Tags darauf kam Ludwig, deS Pfalzgrafen Philipp's. älterer Prinz und Bruder Ruprechts, selbst nach Breiten; suchte alsdenn den Herzog Ulrich in seinem Lager auf: Und bei Hieher eine Anekdote: Gelegenheitlich vorbenannten Scharmüzels hielt ein, des Kriegshandwerks unkundiger, Schwabe seinen Finger vor ein Stük des Ve- schüzeS, just in dem Augenblik, da man cs losbrannte. Plözlich verlohr er daher seinen Finger; und der Schmerz, den er billig darüber empfand, preßte demselben den tragikomischen Ausruf ab: „Auh way, au way! „noch Rretta, glaubets nau „kumm ih jo nimmt may! " — Eine wahrhafte Geschichte, die ehedem auch unter andern Merkwürdigkeiten an dem alten Rath, Hause zu Wretten abgemahlt zu sehen war. 4 « ' Diesem, von dem er gleich bei feiner Ankunft mit allen Ehrenbezeugungen ausgenommen ward, brach- ^ ^ tc Er izt die ganze Sache zu einem gütlichen Ver- >4 gleich, worauf nun die Belagerung, welche drei ^ und zwanzig volle Tage hindurch gedauert' hatte, *) endlich wieder aufgehoben ward. Den glüklichen Ausgang erwähnter Belagerung besang nun nachher der tapfere und zugleich gelehrte Ritter Ulrich von Kutten auf folgende Art: „kortibus umxlu Viris, speciologns anötu i triumptto, „82IV6, örettu, tzio iläa repsrta Onci. „In ts nil tiinilli potusrnnt cornnn cervi, ^ „8n6VL pslntinns contnclit arma I.eo. f ,,His Nova «loKilogni jnnAit se tarnu ptti- s lixpi; ^ „Primus erst vstes moenidus ills tuis. ! Einst konnte man an dem, langst eingegange- I ncn, vormals sehr schönen alten Rathhausc, dis ! S. Widder's geogr. War. Beschr. der Pfalz, - 2. Th. S. ry2. ' i Martin Crusius Schwäb. Chronik HI. E Theil, IX. Buch, Kap. XIII. S. lüo. 166. Sebast. Frank, Chronica der Teutschen, S. 273. ! und. lok. n-nr. -zn 6 rese Lrett» creickz. Muk. p. y. et zp. §. VIII. et IX. 42 Epigramm von Michael Heb er er folgender; masen in'S Deutsche übersezt, lesen: „Ich grüß Breiten die wehrte Stadt, ',Die Ihrem Herrn gross trewe that, „Als der Pfaltz Locw, den Hirsch der Schwaben, „Mit Forcht macht in die Flucht wcgtraben, „Au dem Philippus Melanchthon, „Bleibt dieser Stadt ein Ehren-Cron. -') 12 , Brelten während des sogenannten Bauern« kriegs« Daß allzustrenge Behandlung der Leute aus der niedern Klasse des Volks, das eben so gut ein gewisses Freiheitsgcfühl, wie seine Despoten, unter deren Druk cs seufzt, in seinem Busen tragt, entweder Auswanderung in fremde Staaten oder Empörung gegen die Obern, die jener Gattung Menschen, gleich Maulthiercn, nur Lasten auslegcn, nvthwendigerweise verursachen muß; — dis lehrten schon in den ältesten Zeiten die bekannte egyp- tische Dienstbarkeit der Jmden, und in späterer Periode nachher auch die Geschichte des sogenannten Bauernkriegs, so wie selbst noch i vor einem Jahrzehend der harte Unterthanendrnk D in Frankreich, der, in Ansehung des dadurch ver- ^ anlaßten, für die Geschichte unvergeßlichen, Krie- ! ges, der Staatsverfaffung dieses so grossen Rei- ^ ches sowohl, als überhaupt jener yon Europa ei- - nen ganz neuen Umschwung gab. ^ Fast auf gleiche Art fügte sich's nun einst bei ! jenen Bauern, welche zu Anfang des sechözehnten ^ Jahrhunderts, der allzuhrükenden Behandlung ih- n rer Obern zulezt müde, überdis noch durch die 1 damalige Predigten von der christlichen i Freiheit jrrcgeführt, mit Eigemmale sich her- > vorthaten und unter dem Vorwqnde, das — schon ^ von Kaiser Esodoveus Zeiten her, auf ihrem i Naken gelegene — Joch der Knechtschaft von sich i abzuschütteln, einen förmlichen Klubb von yo,ooc) ! Mann unter sich errichteten, mit dem festen Ent- l schlusse, ihrer bisherigen Obrigkeit nunmehr die > eiserne Stirne zu bieten, ihr den seitherigen Jan« berstab des Despvtism' und der Allmacht über sie, izt aus der Hand zu winden, zu dem End Alles, was ihnen nur immer dagegen im Wege stünde, i ohne Rüksicht nieder zu machen. .< Ihrem Rachebunde getreu, zerstöhrten sie da- ^ her im Jahr -525 die Palläste der Fürsten, so wie nicht minder die Altäre und Klöster derGeist- > lichen, nebst den schönsten Wohngebäuden der Edcl- ; leute; mordeten dann ihre vermeynte Tyrannen, 44 stekten deren Köpfe auf die Spiese und trugen sie sofort im tobenden Triumphgcfühl überall zur öffentlichen Schau umher; dann erst schäften sie all' ihre Obrigkeiten ab, ernsten Vorhabens, izt ihre eigene Herren zu werden. ^ Ihr erstes Abentheuer hierinn bestanden sie nun in der Abtei Kempten; von da aus fluteten sie, gleich einem reissenden unaufhaltsamen Strome, unter andcrm auch — der pfälzischen Gegend zu. Allein, da solche kaum Peters heim, ohn-, weit Worms, erreichten, wurden sie schon vom Kurfürsten von Trier und Pfalzgrafcn Ludwig, sogleich geschlagen und quä dortiger Gegend vertrieben, nachdem sie zuvor dort eine Niederlage von 4820 Mann erlitten hatten. In jener traurigen Zeit — da im schreklichsten Fanatism' Tcutschlands Iuuwohucr gegen ihre eigenen Mitbürger, die Tcutschcn, wütheten — hatten nun zur Sicherheit für diesen, nach unersättlicher Rache und Plünderung dürstenden, Bauern, verschiedene Städte, z.B. Memmingen, Augsburg, Ulm, und andere ans Schwaben, ein« — Waarennicderlage zu Bretten veranstaltet. Hievon unterrichtet und zugleich des Vorhabens, sich jener Maaren, als einer fetten Beute, zu bedächtigen , stürmte auch izt ein grosser Theil von dieser Baueruarmee bei seinem Streifzuge hütend auf Bretten los, und machte alsdenn eine förmliche Belagerung um diesen Ort. Aber — hier hatten diese kriegslustige Bauern das nemliche Schiksal, wie kurz zuvor weiland ihre Bundesbrüder zu Petersheim; denn Bretten's Bürger stellten sich, damals von standhaftem Mathe beseelt , mit eiserner Stirne gegen sie, und schlugen Jene, so bald sie nur Miene machten, einen Uibcrfall in diese Stadt zu Magen, mit einem grossen Verluste sogleich in die Flucht! *) *) Mich. Heber « rs Egyptische Dienstbarkeit, z. ttl. ^nä ress 1 . c. p. n. §. X. krstier Orlx. ?al. ?. II Lsp. 2. vavi-i eii/trsei Oration vorn Craichgow, S.IS^ Äi artin Crusius Schwäb. Chronik III. LH. X. Buch, Kap. XIV. 207. le^. Basler Lericon Therl S. 40z. .Kaysers hist. Schauplaz Kap. XIV. 8.2. S.274. und 275. i -6 13 . Breiten wird von Zeit zu Zeit mit der Ge» genwart seiner ehemaligen Regenten, der - Kurfürsten von der Pfalz beehrt. §)a Breiten noch zur Unterpfalz gehörte, war Friedrich, der Zweite, unter allen pfälzischen Kurfürsten der Erste, welchen die Einwohner dieser Stadt, als ihren Landesvater, in ihren Ringmauern zu sehen und zu bewirthen, das Glük genossen. Dis geschah nervlich im Jahr 154z bei Gelegenheit, als Kaiser Karl V. eine, den Rcichs- staat und die Religion betroffene, Unterredung, wahrend hier eine kaiserliche Armee stund, mit ihm gehalten hatte. Die besondere Achtung und Freundschaft, welche damals jener Kaiser für dieses Kurhaus hegte, waren daher von guter Folge füt dasselbe. Um nun das Andenken dieses ersten kurfürstlichen Besuchs, der nachher öfters wiederholet ward, für die Nachwelt sichtbar aufzubewahren, errichteten Bretten's Bürger erwähntem Kurfürsten Friedrich, gleichsam als Schuzherrn ihrer Stadt, eine, ihn geharnischt in Lebensgrössc vorstellende, Bildsäule, auf ihrem, mitten üus dent Marktplaz im Jahr 1555 erbauten Bronnen, aus 47 dessen 4 Röhren kristallhelles Wasser springt; wovon die unten daran befindliche Cisterne 77 Fuder in sich fassen kann. '') Einen ähnlichen Besuch erhielten nun die Einwohner dieser Stadt von ihrem nachherigen Kurfürsten, Karl Ludwig, im Jahr 1676; und zwar just am 25. May, in welcher Nacht ein starker Frost einfiel — der die guten Einwohner der vorgehoften reichen Korn- und Wein-Aernde damals beraubt hatte. Dann kamen nach Jenem auch die beiden Prinzen Johann Wilhelm und Maximilian von Bayern l688 in diese Stadt. Gleich bei ihrem Eintritt in dieselbe überreichten ihnen — aus gutherzigem Dankgefühl für diesen Besuch — des Thürmers, Peter Heinrich Biller cilfjähriges Töchterlein, Margarethe Barbare und noch ein anderes Mädchen, niedliche Blumensträuffe; welche von Jenen, als ein treugemeintcö Willkommsgeschenke, huldvoll ausgenommen wurden. Damals trug sich auch mit erwähntem Prinzen Maximilian hier folgende Anekdote zu: *) Zoll. I-Ienr. Lretts creickgovire MuNr. p. ü. §. V. I>eo771 mit dessen menschenfreundlicher Gegenwart. , via. Zoll. Usur. ^nörese I,c, xsz. 8 et y,§. VII. t Bretten's Bürger huldigten zwar Demsel» » ben schon im Jahre 1750, als ihrem Landesfür- I sien. Auf leztere Begebenheit hatte nun der da- k! malig erste reformirte Pfarrer Johannes Keller in B retten eine passende Rede gehalten, welche nachher im Druk erschien, unter dem Titel : „Huldigungs-Predigt gehalten zu Bretten „den z i. May 1750." 1 Da sowohl darinn, als in jenem Glükwnn sch- ! gedichte, welches dieser Pfarrer gedachten Kurfürsten, als ehemaligen Musenfrcunde, am Tage seiner Ankunft in Bretten überreichte, All dasjenige, was nun erwähntem Pfarrer Keller von dem Ursprünge, so wie von den Merkwürdigkeiten dieser Stadt bekannt war, hin und wieder ausgezeichnet stand, so bedient' ich mich gedachter Kellerischen Sammlungen zu meinem vorzüglichen Leitfaden in der Geschichte von Bretten; jedoch nur da, wo ich keine nähere Quellen hiezu fand. 14. Pest in Bretten. ; Mitten im sechszehntcn Jahrhundert — da Kur- ! fürst Friedrich 111 . von der Pfalz unter allen ^ 4 Reichsfürsten zuerst sich zur reformirten Sekte schlug, daher auch schon 156z den Heidelberger Katechismus öffentlich bekannt machte und dann die kalvinische Religion in seinem Land einführte — mitten in diesem Jahrhunderte zog ein fürchterliches Gewölke über Bretten auf. Nicht einzeln nahm der Tod seine Opfer, sondern unersättlich, unerbittlich würgte er, als ob er die ganze Stadt veröden wollte, ohne Unterschied des Alters. Welch' anstekcnde Krankheit der Wütrich aus seinem Füllhorn von Seuchen damals ausgoß? ist unbekannt: so oft ungewöhnlich viele Menschen in ungewöhnlich kurzer Zeit hinsiarben, schrie das einfache Altcrthum aus: Pest ist da! Mit ein wenig medizinischer Polizei hätte man wohl damals dafür sorgen können, daß meine Chronik izt kein so schaudriges Kapitel haben dürfte; aber das Zeitalter der Bcrlichingen und Sicking en konnte freilich nicht auch das Zeitalter der Franke, Tissote und Jimmermanne seyn. Verwüstend also blies der Odem irgend einer izt unbekannten Seuche über Bretten. Denn es starben im Jahr izü-z (der allgemeinen Tradition zufolge, binnen zwei Monden) sechshundert Personen in dieser Stadt. Das über dem Kirchhofthore zu Bretten befindliche steinerne Denkmal behielt nun die Kunde - 5l dieses sogenannten Pest- oder Sterbejahrs für die Nachwelt in folgenden Worten auf: MOLK . VLN . O0cO6L60klMN . OLK- 7'206. LklOLKlctt. ?k^L7^6k^k. 6OVKL. VLN. LOLL. L6LKOE1'. V. VMM^6L. V067?.^0Lk. 8c?»miO. 86OVL7?O. 2V. LKLHiLVN. Lkö^VVM. ^KO . LV . LI- M. LL6KL6^lV8. OI88LK. 6^K7'.^V8. VK8L6OL. LHÜL8.87-LKLL^O. 80. 60'?. V^8.2V6LkV6L7'. ML.doo. KLK86HO- i O^M^L8. VLK86UIOM. OM8LL- LI6L8.^V6». VLi8. ^LLM. . Oi8- 8LI^l. LL6LU. VVOLLO. 607?. OLK . ^LL- LILci7776 . LM . kKOLLILtt. VK87MO- rivs>c:LWi».Li»M^M0 OW. N.0.X.XV. - 5 . Breiten während des dreissigjährigin Kriegs. Der vrcissigjahrige Krieg, der iblZ begann, und der zugleich Bürgerkrieg und Krieg mit Auswärtigen war, und sowohl an Dauer, als an Ver- wiklung und an Verderblichkeit in der ganzen Weltgeschichte der einzige ist — dieser Hrieg traf auch Bretten mit manchfachen Schlagen. - Während dem diente jedoch diese Stadt auch manchetn Ausländer zu einer Zufluchtsstätte. . Denn, da ib2l das spanische Heer seinen Zug vom Rhein nach Heidelberg genommen, flüchtete sich die ganze dasige Universität (deren berühmte Bibliothek vom Bayerischen Herzogen Maximilian dem Pabste Gregor XV. als ein Geschenk nach Nom geschikt ward) ') mit mehreren Privatpersonen samt ihrer ganzen Habe nach Breiten in Sicherheit. *) Gegen 80,000 Kronen Werths sollen allein die seltene Manuscripte betragen haben, welche Pabst Gregor XV. durch mehr als hundert damit beladene Maulthiere erhalten; wovon ein jedes eine hölzerne Lasel angehängt hatte, worauf mit grossen römischen Buchstaben die Worte geschrieben stunden: ,.8um lts Liblioliieca, guam Ue!ci«-!bar^a cspt» 53 Dort warteten sie noch eilf ganzer Jahre hindurch ihr Schiksal ruhig ab, bis endlich die kaiserlichen Feldherren Ossa und Graf Montecu- culi zu Anfang Augusts > 6 zz mit ihren Truppen nach Bretten vorgedrungen sind. Durch selbige wurde nun dieser Ort rein aus- geplüudert, die Thorc verbrannt, Thürme und Mauern zersprengt, dann jene 200 Mann Schweden, die damals in Bretten lagen, zu ihrem Kriegsdienste gezwungen; hierauf aber beträchtliche Brand- schazung von der Stadt gefordert, zu dem Ende y Bürger daselbst als Geißeln ansgehoben und diese alödenn -- nach Bruchsal fortgeschlcppt. ") Da indeß die Franzosen in der Nahe wahrgenommen , daß die Stadt Bretten gleichsam zu einem Dorfe verödet, mithin ganz frei und offen „lpolium 5sc!t, et iVIax. 6re§orio XV» ».Iropliseiim mllu IVlsximIIisnus Mriusqus Lava, „riss Oux 8. k. I. Liettar." V>cl. Keimano Hill. Ilt. D I. P, Z72- 2 eil: Lop. kalat. p. 24 . *) S. Basler Lexicon I. Theil, S. 616. Kayser's histor. Schauplaz, Kap» XX. Z. 48. Seite zyü. Hieatr. Lurop. 1'orn. II, p. ZZl. s->I>. Henr. -Inci ress Lretts creiclix. illultr. p. II» §. X. 1 54 -- seye, so bcsezten sie solche wieder im Jahre 1644 und verjagten daher die Kaiserlichen daraus. Kaum war aber die Sache damit wieder gut gemacht, als schon im Jahre darauf (1645) die mit den kaiserlichen vereinigte Bayerische Truppen gegen diese Stadt vorrüktcn; solche izt mit stürmender Hand eroberten, dann auf die grausamste Weise alle dort in Besitzung gelegene Franzosen bis auf einen Mann nicdermczclten; sofort bis. zu dem (1Ü4K) erfolgten Ende des Krieges diesi Stadt im ununterbrochenen Belize behielten; daher auch solche nicht eher, als nach dem wcstpha- lischcn Friedensschlüsse an das kurpfälzische Haust wieder zurükkam. ") Unter jenen Seltenheiten, welche wahrend dieses langwierigen Krieges jener Stadt bei der Plünderung entrissen worden, befand sich auch ein seltenes Crucifirbild, das Johannes Palla- for im Jahr lbay zu Bretten entdekt hatte. Er brachte nun dis nach Spanien; worauf es in der Kirche der sogenannten Karmeliter Baarfüs- ser zu Toledo eine Stelle erhielt. *) S. Kaysers hist. Schauplaz, Seite 451. z. n. -tliUrese t. c. p. 12. §. X. 2 *) S. Büttinghauffen Beiträge zur pfälzischen Geschichte II. Band, Seite rsz. Brettln durch französischen Mordbrand eingeäschert. it>8y. deicht leicht wird ein gebohrner Teutscher seyn, dem die grausame Verheerung der Pfalz in dem Kriege wegen der pfälzischen Erbschaft bis zum Ryswiker Frieden noch unbekannt geblieben wäre. Ein Jahrhundert des Schrekens und der härtesten Prüfung war für Bretten's Einwohner das verflossene; am fürchterlichsten hingegen war für sie dessen Schluß. Ein Volk, welches für das feinste, artigste und fröhlichste gilt, welches damals das goldene Zeitalter seiner Literatur hatte, und durch Waffenmacht dem ganzen Wclttheil ehrwürdig war — die Franzosen kamen über den Rhein, raubten, mordeten, brannten, tobten mit einer Grausamkeit, wovon kaum die Geschichte der rohesten Völker ein Beispiel Haft Die Veranlassung hiezu war folgende: Im Jahre »671 vermählte sich Herzog Philipp von Orleans, der Bruder des allgefürch- tcten Königs Ludwig XIV.' mit Elisabeth Charlotte, der einzigen Tochter Karl Ludwigs, Kurfürsten von der Pfalz. Karl Ludwig, der iü8Z ohne männliche folgefähige Erben ftarb, hatte sie zur AlleinErbin aller seiner Eigcnthumsgüter cingesczt. Ludwig X> V. sprach nun für seinen Bruder einen grossen Thcil der Kurländcr, und, wegen derselben, Siz und Stimme auf dem teutschcn Reichstag an. Andre Ursachen, deren Rechtmasigkeit sich hier nicht untersuchen laßt, kamen noch hinzu, und französische Kricgsschaaren überfluteten die Pfalz, 'Dis schone Land, fruchtbar, wie kein anderes, mit Städten und Dörfern besäet, in dem rauhem Trntschland das Bild des milden Italiens, ward nun auf Befehl des KriegSminisicrs Louvvis kannibalisch verwüstet, die Städte Mannheim, Heidelberg, Ober- und Ni cder-Jngcl- heim, Wachenheim an der Hart, Oppenheim, Bacharach, Creuznach, Alzey, Frankcnthal und viele andere Orte bis auf dey Grund abgebrannt und der Erde gleich gemacht. Gleiches Schiksal traf nun auch — Brctten. Anfangs, da man sah, daß die feindliche Kriegs- stamme von den benachbarten Städten, Pforzheim und Dur lach, sich ebenfalls auf B retten zu verbreiten drohte , gab man sich zwar all ersinnliche Mühe, sic in ihrem Laufe davon ausi- zuhaltcn. Allein, da kein Succurs da war, so fehlte es auch an der nöthigen Kraft dazu. Das französische Heer rükte daher plözlich vor die Stadtz und die damalige Deputaten der leztern, nemlich: Anwald Leonhard Hartmann, Johannes Gillardvn und Ludwig Manderi wurden hierauf sogleich vom Feinde vor Bretten's Tho- re aufgcfordcrt. Mit diesen wollt' Er aber kei- nen andern Akkord cingehen, als die unbedingte und ungesäumte Oefnung der Thyre, so wie die Uibergabc der Stadt. Nachdem man nun in all diese Forderungen — weil man damals keinen andern Ausweg zur Rettung vor sich sah — ohne Verzögerung eingewilligt hatte, so marschirren izt die französischen Ge- veräle mit ihren Truppen zum obcrn Thore in die Stadt hinein; machten hierauf die dort in Be-- saznng gelegene 200 Mann Wirtemherger ohne weiters zu Gefangenen; die Bürger von Breiten hingegen ließen die Feinde, damit sie nicht entfliehen möchten, all zusammen auf die erbärmlichste Weise in die Kirche sperren, und, nachdem sie ihnen Alles geraubt hatten, solche noch zulezt, gleich einer Heerde Vieh, vor'S Thor hinaus treiben. Nach dieser tragischen Szene zündeten endlich die Feinde (am 24. August it>8y) noch überdis die Stadt an; worauf solche, bis auf ein einziges Bürgerhaus — das nebst der Kirche und den darinn aufbcwahrten Kirchenbüchern unversehrt 58 geblieben — in einen förmlichen Schutt- und Aschenhaufen verwandelt ward. ") Selbst die Feinde rührte der traurige Anblik dieser verödeten Stadt zu unfreiwilligen Thränen deö Mitleids; sie entschuldigten sich daher wegen des über jene Stadt durch sie verbreiteten Elends mit dem wehklagenden Ausdruke: „Rex stixit, et factum eli ! " oder zu tcutsch: ,,Was konnten wir anders thun? der König „gab Ordre hiezu und diese — mußten wir unerbittlich befolgen!" Die damaligen Bewohner dieser unglüklichcn Stadt sahen izt nichts anders vor sich, als nakte Wände, verbrannte Todte, die traurigen Trümmer ihrer vormals friedlichen Wohnungen; Mangel an Allem, was nur zu ihrem Lebensunterhalt dienen konnte, Sie siengen zwar an, ihre abge- *) S. Widder's geogr. histor.' Beschreibung der Pfalz, 2. Lheil, S. 193. **) Kay fers histor. Schauplaz, Kap. XXI. §. 2g. Seite 542. allwo die Nachricht aufbehalten ist, daß obige Worte: „Rex . iz. §. XI, - 59 brannten Häuser allmählig unter der Asche wieder hervor zu ziehen. Aber auch diese kümmerliche Freude dauerte nicht lange; denn es fanden sich bald diese, bald jene Volker hier ein, welche Bretten's Einwohner mit starker Einquartirung belästigten, Selbst die Franzosen, nicht allein damit zufrieden, hczten noch obendrein das alliirte Heer nebst den teutschen Völkern gegen sie auf, und verbreiteten dadurch neues Drangsal über sie, Ausser diesem hatte sogar noch am 25, Decem- her i byd der kaiserliche General Ogilvi ein neues Kommando von ivoo Mann Husaren und Fus- ganger — wovon ein Graf von Hohenzollern als Obristwachtmeister die Meuterei, und der Padcr- bormsche JnfanterieOhristc von Hart, das Fus- volk damals anführten — nach Breiten abgeschikt. Durch erwähnten Obristwachtmeistcr lies izt Ogilvi alle Mauern und Thürme dieser Stadt innerhalb 22 Stunden in die Luft sprengen und dem Erdboden gleich machen; wodurch, da bei dieser Gelegenheit das Haust so manchen Einwohners hie und da sich senkte, natürlicherweise ein beträchtlicher Schaden für diese Stadt entstand. Selbst betheuerte gedachter Obriste von Hart, als er bei seinem Abzug dem Anwalde zu Brette» die Schlüssel der Stadt wieder eingehändigt, sein Mitleiden hierüber durch dis freymüthige Bekennt- nis: „daß er viel lieber tausend Thaker eine, bei dem damaligen Geldmangel gewiß sehr bedeutende Summe — „ans seinem eigenen Beutel verlohren, als jene unangenehme Ordre an „der Stadt Bretten vollzogen zu haben,, „wünschte." Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz beschwerte sich nachher selbst beim Kaiser über je» nes harte Verfahren; Ogilvi siel zwar hierauf in die Ungnade feines Kaisers; allein der Scha-, den, der sich damals auf 18000 fl. belief, ward — keineswegs wieder ersezt! *) l?' - Etwas von der ehmaliflen St. Johannis^ Kapelle zu Bretten. 9 ?ahe bei Bretten, und zwar gerad auf jenem Wege, der nach Nußbaum führt, stand vor Alters eine Kapelle, darinn die Pfalzgrafen, eine Pfründe auf den Altar des heil. Ioh an-, nis, des Täufers, zu begeben hatten, daher, sie ehmals die St. Joh.au nis Kapelle genannt wurde. v'lli. Zoll. Lellerl N8. Lrettsnum, et Job. Uenr. -lnäre-s l. e. x. ir et !Z. §. X^ So viel man Nachricht hat, befand sich diese, rinst sehr perspektivisch sich ausgezeichnete, Kapelle bei dem vorhin nächst Bretten gestandnen Weiler Salz Hofen. Diese Kapelle, sonst auch unter dem Namen: „Johannis-Kirche" bekannt, ward von mehreren Jahren her, zum Gottesdienst wieder neu aufgebaut und dabei eine Ein siebter swoh- nung errichtet, woselbst die Unterthanen von Spranthal ihr Begräbnis haben. Auch hatte jene Einsiedelei --- noch, (bis vor ohngefähr drei Jahrzehend,) ununterbrochen von einem Eremiten bewohnt — den Katholiken zu Bretten, Neibsheim und Büchig lange Zeit hindurch, und.zwar jährlich am Johannistage, zu einer feyerlichen Wallfarth gedient; die Kapelle selbst aber ward vor ohngefähr zwei Jahrzehend ganz baufällig; daher auch von Grund aus niedcrgeriffcn; deren bisherigen Einkünfte hingegen zum katholischen Kirchmfond in Bretten gezogen und so — zwekmäsiger verwendet. S. Widder's geogr. histor. Beschr. der Pfalj, r. LH. S. 194-195. 18. Vom ehmaligen Dörfchen Weishsfett. § 3 or Alters eristirte nahe bei Bretten ein Weiler oder Dörfchen — Weis Hofen genannt. Dis soll, wie die Geschichte sagt- bereits im Jahr i ZvZ von den Grafen Heinrich nnd Otto von Aweibrüken samt dem Torfe Spran- thal an den Abt des Cisterzienser Klosters Her- renalb nm 100 Pfund Heller verkauft worden scyn; glaublich aber ist'ö, daß es nur jene im Jahr i2l-b vorgcgangene Verpfandung gewesen, worüber die Urkunde noch gegenwärtig vorhanden ist- Wann nun dieser Ort eingegangen seye, und worinn er eigentlich bestanden habe? davon hat man freilich keine sichere Nachricht; indcß ist jedoch so viel richtig, daß daselbst eine Kapelle gewesen, worinn die Pfalzgrafen zwo Pfründen, und zwar eine davon in dem Chor; die andre hingegen zu Unsrer Lieben Frauen ausser dem Chor noch im Jahr 1482 hatten zu verleihen gehabt. *) S. Widber's geogr. histor. Beschreibung der Pfalz, 2. LH. S. 194. ly. Der Weiler Salzhofen und die daher zu leitende ehmalige Saline zu Bretten. Nächst der Stadt Bretten war in altern Zeiten ein Hof oder Weiler — Salz Hofen genannt. Weder von dessen vormaligen Bestandtheilen, noch von der Zeit, seit welcher derselbe cingcgan- gcn seyn mag, hat man nun keine hinlängliche Nachricht. Zwar trägt noch bis izt das Geschlecht der Edcln von Massenbach das Dorf Salz Hofen von Kurpfalz zu Lehen; aber ohne einmal zn wissen — wo solches eigentlich gelegen! Man hat jedoch aus dem Archive der Prä- monstratenscr Abtei Wadcgassen an der Saar zwo Urkunden in Abschrift bekommen, welche billig auf die Vermuthung führen, daß in dieser Gegend vor Zeiten ein Salz werk bestanden habe. Die erste ist vom Jahr 1278 nnd darinn bekennen Simon, Emeko, Domherren zu WormS und Heinrich Raugraf, Gebrüder von Bo- mclenburg, dann Wirich Ritter, genannt von Duna, „daß sie vertauscht haben dem Abt „und Konvent des Klosters Wadegasse einen Theil „der Saline zu Br et ha und ihr Eigenthum zu „Gudelingen rc. für 19 Malter Korn Gült zu „Freimersheim und für ihre Güter zu Tittels- „heim." -) *) Tittelsheim, oder —^ wie man dis izt nennt ^ und schreibt— Dietelsheim, ist ein mittelmäßiges Dorf, eine halbe Stunde von Breiten, nord- ostwärts, und kömmt schon im achten Jahrhundert vor, wo es Ditinoshei'm, Lhitinesheim genenstt wird. Im Jahr 765 erhielt das Kloster Lorsch eine Wohnstätte samt M Jauchert Akers rc. und im Lahr 770. 21 Jauchert Landes daselbst. Diesen Ort besaffen vermutblich die Grafen des Kraichgaues,, von weichest es an die Bischöfe zu Speyer gekommen seyn mag; die Oberherrlichkeit hingegen hatten die Pfalzgrafen bei Rhein. Jene gaben den Ort, diese die vogteilichen Gerechtsame einigen adelichen Geschlechtern zu Mannlehen. In iüngern Zeiten trugen es die Herren Köchl er von Schwandorf zu Lehen. Der leztere dieses Geschlechts Franz Maximilian von Schwandorf verkaufte aber Alles, seist Lehen - und Eigenthumsrecht im Jahr 1748 um 70,000 fl. und andere Nebengelder an Kurpfalz; und diese kam mit dem Bischof zu Speyer, Franz Christoph von Hutlest, unter Bewilligung des Domkapitels, dahin überein, daß gedachtes Hochstift sein daraus, hergebrachtes Lehenrecht gegen ein Drittheil an Ober« öwisheim, welches damals Damian Hugo von Helmstatt von Kurpsalz zu Lehen trug, an ebenerwähntes Kurhaus auf ewig abtrat. 6Z Die ändere aber ist vom Jahr rryL und darinn bekennen Emecho, Domherr zu Worms, Wirich von Du na und Kon r ad Rau graf: Neben dem Orte fließt die sogenannte Salzbach vorbei und betreibt eine herrschaftliche Erbbestand- Mahlmühle. Eine Viertelstunde davon gegen Bretten neben der Landstrase liegt auf einer kleinen Anhöhe eine sehr künstlich eingerichtete Krapp mühle, deren Erfinder und Eigenthümer der vorige Oberbeamte zu Bretten, — Heinrich Pöz war; der darauf ein Kurfürstliches Privilegium auf 20 Jahre am 24. Februar 1^79 erhielte. Die Köchler von Schwandorf hatten vorhin eine» befondern Wohnfiz oder Schlößlein in dem > Dorfe; welches in der Zeitfolge die kurfürstlich pfälzische Hofkammer mit den dazu gehörigen Gütern als ein bürgerliches EigeNthum verkaufte. Run ist aber jenes Schlößlein zum Gasthofe zur goldn'en Kannte umgeschaffen; wovon der Bürger Johann Adam Fuchs gegenwärtig der ei- genthüwliche Besizer ist. Der Ort Dietelsheim zählet dermalen 648 Seelen, 1 Kirche, 2 Schulen und 91 gemeine Häuser; nach einer Berechnung vom Jahre 1778 hingegen befanden sich daselbst 127 Familien, 12Z Feuerstätten und 595 Seelen; in der Gemarkung hingegen 1115 Morgen Aeker, 65 M. Wingert, 72 M. Wiesen, 4 M. Gärten und 48Z M. Wald, welcher der Gemeinde allein zustehet, jedoch unter der Hute „daß, weil wegen jenes Tausches über den Theil „der Saline zu Breithe (Brett en) und über „die Wadegasser Güter zu Tittclsheim Zwietracht „entstanden, solcher aus Rath und Anordnung des „Grafen Walrams von Iweibrüken, Johanns von Lichtensiein und Eberhards „von Nannestol re. gütlich beigelcgt worden „scyc." ") Ob nun die Salz bach und der Weiler Salz- Hofen von einer alten Salzquelle ihren Namen herleiten? — dis muß ich Andern zur nähern des Försters zu Breiten ist, der aber seine Wohnung in Dietelsheim hat. Die Kirche, deren schon im Jahr 1470 Meldung geschieht, besizen die Evangelisch Lutherischen, die solche auch bauen und unterhalten müssen, nachdem daö Domkapitel zu Speyer durch einen Rechtsspruch davon entledigt worden. .. Den grossen Frucht- und Weinzehenden, so wie den sogenannten Vorzehenden bezieht nunmehr das Kurhaus Baden; welch lezteres nicht minder auch am kleinen Aehenden zu Dietelsheim zwey Dritthei- le; der dasige Pfarrer hingegen den übrigen Drit- theil zu beziehen hat. S. Widders Beschr. der Pfalz, Th. 2. S. 219. und die statistische Beschreib. vom Kurfürst. Baden, 2. Theil, S. 44 - *)S. Widders geogr. hist. Beschreib, der Kurf» Pfalz, 2. LH. S. 194 — 195 . -— 6/ Nachforschung eben so überlassen- als ich es hier dem patriotischen Kameralisten anheimstelle, gele- genheitlich etwa einen Versuch darüber zu wagen, ob nicht nahe bei Bretten eine Saline wie» der in den Gang zu bringen möglich wäre! 68 — ^ 20 . Philipp Melanchton. 8Aevor ich dessen Leben, das so reich an wichtigen Ereignissen ist, und so viel Einfluß auf sein Zeitalter hatte, nach der Darstellung eines Meisters in der biographischen Kunst erzähle und so — zu dessen, einst vollbrachten, Großthaten, die sein .eigner Lobredner sind, allmahlig übergehe — sey cö mir erlaubt, eine kurze Biographie von dem Grosvater Philipp Melanchton's hier vor« anzuschiken. -Dieser, genannt NikolaS Schwarzerd, lebte einst zur Zeit der Regierung des Kurfürsten Philipp von der Pfalz. Er war ein frommer Biedermann und hatte zu Heidelberg, allwo er vornen am Berge unterm Schlosse ^wohnte, mit seiner Gattin Elisabeth zwcen Söhne, Na« mens Johann und Georg, gezeuget. IVl. Joh. Fr. Wilh. Tischer, Philipp Melanch» thons Leben, 2te verbesserte Auflage, Leipzig iZoi. Seite i—194. **) S. G. Theodor Strobels Joachim Camer. Lebensbeschreib. PH. Melancht. v. I. 1772. S. 2. allwo rs Heist: daß Nikol. Schwarzerd nächst der Kapelle des Heidelberger Schlosses einst sein Grab fand; wie ein vor Zeiten noch von ihm da ge« Erstem wiedmete er in der Folge dem Schlos- serhandwcrk; leztern, dem Georg hingegen, nahm Kurfürst Philipp, dem sein munteres Wesen und gute Fähigkeitsanlagcn wohlgefielen, zu sich nach Hof. Hier lies er ihm allerlei Kunst- und Hand- rverksstüke in der Absicht vorzcigen, um bei dieser Gelegenheit seine Applikation und seinen Hang zu diesem oder jenem Fache an ihm auszuforschen. Georg Schwarzerd legte dann sogleich seine vorzügliche Neigung zum Turnicrzeug an den Tag; und gesellte sich daher anfangs auch zu dergleichen Meistern. Erwähnter Kurfürst that ihn deswegen, sobald er dis wahrgenommen, geradeswegs zu einem geschikten Schlosser nach Am derg in die Lehre. Dort erlernte nun Georg Schwarz erd dis Handwerk, zu jedermanns auffallender Venvunde- rung, in einem ganz kurzen Zeitraum, Eifersüchtig über das Lob und den Beifall, so er sich dadurch erwarb, brannten ihn nachher einmal seine Kameraden in der Wcrkstätte bei einer gewissen Gelegenheit boshafterwcise mit heissem Bley; wvr- standenes steinernes Denkmal die Kunde davon auf-, behielt. Sieh« auch den Bericht wie Philippus Melanchthon sein Leben hie auff Erden ge- «ndct. Getxuckt zu Francksurt am Main, Anno - über er dann so gefährlich krank ward, daß man an seinem Wiederaufkommen zu zweifeln schon an- sieng. Jndcß wurde jedoch alles mögliche zu seiner Herstellung sorgfältig beigetragcn. Gedachter Kurfürst, von dieser Anekdote sogleich unterrichtet, fand daher nicht für räthlich, diesen jungen Schwarz erd langer mehr in seiner bisherigen Werksiatte arbeiten zu lassen, Er beschloß deswegen, denselben, gleich nach dessen Wiedergenesung, seinem Rüstmeistcr in Nürnberg zu übergeben, damit er dort allerhand zu ritterlichen Uibungen gehörige Rüstungen einschen und, sich dabei vorzüglich mit Schrauben, Strahleisen und andern verborgenen derartigen Stüken beschäftigen lernen möchte, Sein neuer Meister hingegen war äußerst zurükhaltend gegen ihn, und, getraute sich nicht, aus einem gewissen Handwcrks- neide gegen die übrigen Meister, ihn diese Kunst öffentlich zu lehren, Wie nun Schwarzerd dis merkte, so warb er nur desto aufmerksamer auf dessen Handlungsweise bei dergleichen Arbeit. Sein natürliches Genie kam ihm hiebei hauptsächlich zu statten, indem er alles mögliche, was ihm nur vorkam, sehr leicht begriffen hatte. Ja, unser Georg Schwarz- erd besaß hierinn eine solche Gcschiklichkeit, so, haß man in der Folge von ihm zu sagen pflegte: ftine Fäuste seyen Alles nachzuahmen und zu fer- Ilgen vermögend gewesen, was seine Augen an derartigen Kunststüken nur sahen. Uiberdiö schmidete er seine Arbeit so sauber, als ob sie geseilt wäre; und so — brachte Derselbe drey volle Jahre daselbst hin, bis er all dasjenige vollkommen ringe- sehen und gelernt hatte, was überhaupt zu einem Ritterspiel nach damaliger Sitte'erfordert ward. Dann berief ihn Kurfürst Philipp von der Pfalz zu sich, als einen Rüstmeister oder Waffenträger ") an seinen Hof zurük. Hier erwarb er sich, nun bald den Vorzug unter seines Gleichen; indem all jene, die er ausgerüstet hatte, damals gewöhnlich den Preis davon getragen hatten. Dieser Ruf von seiner Geschiklichkcit hierinn verbreitete sich sogleich im Auslande, wie ein Lauffeuer, unter viele Potentaten, die bei seinem Landesherrn, dem vorhingcdachten Kurfürst Phi lipp, zulezt förmlich zu solchen Ritterspielen um ihn warben. So diente er dann in dielend Fache eine Zeitlang, z. B. dem Könige von Polen, Herzogen Ulrich von Wirtemberg, Kurfürsten Friedrich von Sachsen, dann dem Markgrafen Christoph von Baden und mehreren andern benachbarten Für- *) Siehe den Bericht, wie Melanchthon sein Leben. hie auff Erden geendet hat. sten und Herren, die Ihn, für seine Bemühung damit, nachher reichlich belohnte». Um nun diesen Georg Sch war; erd (der ln der Folge Ingenieur und ArtillerieKommisiar bei seinem Landesfürsten ward,) desto sicherer in seinen Landen als Rüstmcister im Dienste zu behalten, suchte daher Kurfürst Philipp, unh zwar gerade zu der Zeit, als Schwarz erd sein dreissigstcs Jahr angetreten hatte, denselben durch seine Mitwirkung an Barbare Reuterin, die Tochter des damaligen Schultheiffen oder vielmehr Amtmanns, Namens Johann Reuter iy Bretten, zu verheurathcn. 'ch Diese beyden Verlobten hielten nun ihren dis- fallsigen Kirchgang zu Speyer; und zwar in einem sehr zahlreichen Gefolge von rittermäsigen Männern, die, nach damaliger Sitte, bei ihrem Hochzeitsfest erschienen sind. Vier volle Jahre hindurch Rieben jedoch Schwarzerd und seine Gattin ohne Kinder. Endlich rükte das segenreiche Jahr 1497 für sie heran, in welchem ihnen dann (am 16. Hornung) ihr erster Sohn, der (in der Jeitfolge durch die Reformationsgeschichte so sehr sich be- S. den Bericht, wie Melanchthon sein Leben hie auff Erden geendet. xons Htrybels Jvach. Camerar. Lebensbeschreibung PH. Melanchth. S. 2^ X - - . - 73 rühmt gemachte) — Philipp Schwarzerd, späterhin auf griechisch: Melanchton genannt, im Hause des Johann Reuter zu Bretten gebohren ward. Die Ehe dieser jungen Leute wurde nachher immer fruchtbarer ; denn auf erstgcdachtcn Philipp folgte nun eine Tochter, Namens Anna — die einst in Heilbronn gestorben; nach solcher erhielten sie den zweiten Sohn, Namens Georg — der ehedem viele Jahre hindurch, theils im Gerichte zu Bretten gedient, theils auch nachher dort die Stelle eines Amtmanns bekleidet hatte, und deshalb gewöhnlich „Georg Schwarzerd, der Jüngere," znm Unterschied von seinem Vater, gleichen Namens, den man den Lleltern hieS, in der Geschichte genannt ward. Die zwei lezten Kinder hingegen, so vorhin erwähnte Georg Schwarzerdische Eheleute, ausser obigen, noch mit einander zeugten, hiesen Margarethe und Barbare; welch beide si'ch^ in der Folge an ehrbare Bürger verheurathet hatten und viele Kinder und Enkel hinterlicffen. Unser Georg Schwarzerd ward nun, indes! ihm vorbemeldte Kinder gebohren wurden, hie und da von vielen Potentaten beständig als Rüstmeister gebraucht; indem er sich durch seine vorzügliche Wissenschaft in Zubereitung der Kriegs- Instrumenten bei denselben sehr beliebt und ver- V 74 dient zu machen wußte. Zu einigem Beispiel hievon dient izt folgende Geschichte. Bei Gelegenheit, als einst der römische Kaiser Maximilian l. einen Reichstag zu WormS hielt, kam ein großsprecherischer Italiener, Namens Fandius Mandari, oder, (wie andere ihn nennen,) Claudio Batarv, ebenfalls dahin; welcher dann öffentlich kund machen ließ, daß er mit dem kühnsten Teutschen zu kämpfen Lust hatte. Hiezu erbot sich izt Maximilian, der damals ein junger, feuriger und kühner Herr war. Zu dem End lies Er nun unter mehrern andern Rüstmeistern auch unfern Schwarzerd zu sich rufen. Dieser machte sich hierauf bei jenem Kampfe mit schöner und beständiger Rüstung um diesen jungen Kaiser sehr verdient. Denn nicht lange stritte vorhinerwahnter Italiener mit demselben, als er sich schon dem Kaiser Maximilian, welchem er sich nicht gewachsen fühlte, sogleich zu seinen Füssen warf und ihn so — als Sieger über sich erklärte« *) S. den Bericht, wie Melanthon sein Leben hie auff Erden geendet; cont. Strobels Joach. Eamer. Lebensbeschrcib». PH. Melanchth. S. 3. **) S. Strobel am angef» Orte S. 4. 75 Kaiser Maximilian, veranlaßt durch die guten Dienste, welche Schwarzerd ihm bei diesem Siege hier geleistet hatte, verlieh — izt eingedenk derselben — daher auch unserm GeorgSchwarz- erd, zu einem besonder» Gnadenzeichen dafür ein eignes Wappen, nemlich „einen Löwen vor- „stellend, der in einem Schild von kohlschwarzer „Farbe sowohl, als auch auf einem, mit einer „goldnen Krone geschmusten Helme ruht, auf sei- „nem Haupte selbst eine Krone trägt; in seiner „rechten Pranken aber einen Hammer und in sei- „ner linken eine Zange hält. In der Zeitfolge behielte nun Kaiser Maximilian gedachten Georg Schwarzerd sogar selbst bei sich und gebrauchte denselben neben dem Grafen Ludwig von Löwen stein so lang zu seinen Kriegsdiensten, bis selbst zwischen Kaiser Maximilian und dem Kurfürsten Philipp von der Pfalz sich eine gewisse Mishelligkeit entspann; woraus nachher der bayerische Krieg entstund. *) S. Strobel I« c. In snuot. lud 1.1t. k. p. z» allwo cs heißt: „Ullsntur äs xrstls linxulsrl urms Nelsncktkoolr „zentilltig, pstri 5oo d dlsxlmillsna l. Imp. ästs; „l.eo lclllcet, qui In cl/peo strl cslorln et xslsa „coronse surese leäeo5, csplle älsäsms, äextr» „fero psäe msllsum, Luiür« -orcixem teoet." 76 Hier zeigte sich Schwarz erd als teutscher Biedermann und wahrer Patriot; denn izt nahm er, fest entschlossen, bei diesem Kriege nicht selbst gegen Philipp, seinen eignen Landesfürstcn zu dienen, sogleich vom Kaiser Marimilian seinen Abschied und kehrte hieraus, durchdrungen von dem erhabenen Gedanken: — „der Tod fürs, Vaterland ist ewiger Verehr „rung werth!" — in die Dienste des Kurfürsten Philipp wieder zurük. So wie er bei diesem nun anlangte, so schikte ihn solcher sogleich nebst noch lg andern Büchsen, meistern heimlich nach Mannheim; wohin Schwarzerd mit seinen Begleitern seinem Fürsten neue Kriegswaffen und Kanonen zuführen mußten ; und dis zwar in der Absicht, um solche sämtlich als einen Schaz zu jenem Kriege für den Nothfall daselbst aufzusparcn. Dis ward aber von den Feinden durch Spionen unversehens auskundschaft, und dann jener Bronnen, woraus sie das nöthige Wasser zu ihrem täglichen Gebrauch sich schöpften, (damaliger Ver- muthung nach, durch den Vater des Landgrafen Philipp §') dergestalt vergiftet, daß einige von *) v> 6 . Nelsnckttion 1 das, was Man in diesem Punkte von ihm weiß, für ängstlichen Aberglauben und Schwachheit zu halten. So erzählt man, daß er jede Nacht um zwölf Uhr aus seinem Bette aufzuste- 6 hen pflegte, um bei demselben nieder zu knien und einige Gebetsformeln herznsagen; und hatte irgend ein Zufall eine Ausnahme von dieser Gewohnheit verursacht, so war er den ganzen Tag mit sich selbst unzufrieden. Derjenige hätte gewiß ein ver- gebliches Werk unternommen, der ihn von seinen Vorsäzen, die in irgend einer Verbindung mit seiner Religiosität standen, hätte abbringen wollen. Standhaft in allem, waS er sich vornahm, war er jedoch nichts weniger, als hartnäkig und eigensinnig gegen vernünftige Vorstellungen. Sehr gern gab er den Bitten nach; nur durfte ihr Inhalt seiner Gewissenhaftigkeit nicht zu nahe treten. Soviel von dem Vater Melanchton'S, mit dem meine Leser, die jene Zeiten der Finsternis immer vor Augen behalten, doch wohl weit zufriedner seyn möchten, als er mit sich selbst war. Hier noch eine Anmerkung, die ich izt einrü- ken kan, ohne der folgenden Erzählung vorzugrei- sen. - Wenn cs ncmlich die Erfahrung lehrt, daß ^körperliche Beschaffenheiten und TemperamcntSfehler der Ackern bisweilen auf die- Kinder sich fortcrben, so finden wir hierinn -vielleicht einen unerwarteten Ausschluß, wenn wir in dem Sohn etwas ähnliches von der Aengstlichkeit seines Vaters antreffen werden. Mclanchtons Mutter hatte schon das mit ihrem Gatten gemein, daß sie in gleich gutem Rufe ^ - - 8z stand. Aber auch ausser dem stimmte ihr beider» seifiger Karaktcr und ihre ganze Denkungsart sehr gut mit einander überein; und selten werden zwei Ehegatten sich so gleich seyn, als diese es waren. Denn auch sie hatte manches Sonderbare und Abergläubische in ihren Gesinnungen. Schon der Umstand kann davon einen Beweis abgebcn, daß sie ihren Gatten blos deswegen gewählt haben solle, weil Er die erste Mannsperson war, die ihr an dem Tage zu Gesichte kam, als ihr die Nacht zuvor — von heurathen'geträumt hatte. Ein Glük, daß ihre Wahl dennoch so gut ansfiel. Ein noch grösseres Glük für uns, daß wir izt in Zeiten leben, wo solche abergläubische Merkmale und Beobachtungen als Lächerlichkeiten erscheinen, die als solche auch dem geringsten Verstand einleuchten. Wer aber jene Zeiten kennt, der wird dergleichen Dinge sehr gewöhnlich und eben deshalb an Melanchtvn's Eltern sehr verzeihlich finden. Es ist überhaupt nur der Vorzug des grossen Geistes, sich über die Denkart seiner Zeitgenossen zu erheben. Dis — von Melanchtvn's Aeltcrn fordern, hiesse verlangen, daß das Wasser über die Höhe seiner Quelle laufen solle. War' indeß unser Melanchtvn in dem väterlichen Hause langer erzogen worden, so hatte gar leicht die Denkungsart der Acltern auf den Sohn übergehen können, und die Reformation hätte ei- L * 84 nen Theilnehmer und Gehülfen vielleicht weniger gehabt. Ein Glük für ihn war es deswegen, daß, da Mclanchton's Vater, wahrend dem er als vormaliger oberster Aeugmeister, oder (wie Andere ihn karaktcrisirtcn) als Kricgsbaumeister der beiden Kurfürsten Philipp und Rupert von der Pfalz, öfters von Hauß abwesend war, mithin die Bildung seiner beiden Söhne Philipp und Georg, nicht selbst persönlich übernehmen konnte, daher die Sorge für deren Unterricht seinem Schwäher, Johann Reuter, dem damaligen Amtmann zu Bretten einzig und allein überlasten mußte. Dieser lies nun, als Grosvatcr her beiden Söhne, die physische Bildung seiner Enkel sich eben so angelegen seyn, als die moralische; so gut man sie nemlich nach den damaligen Begriffen von Erziehen zu geben wußte. Er schikte anfangsDieselbe nebst seines verstorbenen Sohns Kindern, Johann und Schwikert, in die öffentliche Stadtschule zu Bretten. Selbiger mußte sich aber Melanch- ton mit seinen übrigen Kameraden sehr bald enthalten, weil sein Grosvatcr erfuhr, daß der dortige Schulmeister mit den sogenannten Franzosen *) S. Strobel's Joach. Cam. Lebensbeschr. PH» Melancht. S» 6. 8» II allwo es heisr: „Lum in luäum publicum minerenlur xueri llll 8Z behaftet war — einer Krankheit, die damals in Deutschland hin und wieder einzureissen erst an- fttng. Eben daher behielt izt Johann Reuter diese jungen Zöglinge, aus Fürsorge, damit sie von jener Krankheit nicht gleichfalls angestekt werden möchten, bei sich zu Hause; wohin er den.Johann Unger 2) von Pforzheim (nachhcrigcn Hofprcdiger des Markgrafen Philipp zu Baden) zum Privatlehrcr für sie bestellte. Dieser junge Mann war, seiner Kanntnisse und seines moralischen Karakters wegen, gleich lie- - henöwürhig, Unter dessen Anleitung lernte Me- sanchton die Anfangsgründe in den Wissenschaften und zwar dis mit sehr glüklichem Erfolge. „kratrer, vor cum avunculo ?t iplo puero, coeplt „tum lue! soeÜL pallim komme! in 6eem»nir> pri- „mum Invasors, et milerum in mo-ium non lolum „excrucianäo, leä mutllancio et membrs iilippu5 „8c ti vvartrerd Se Lretben. " S. Büttinghausen Beiträge zur Pfälz.Geschichte, Band I. S. ZS. L. 2 . 95 Lehrer ward einst während der Unterrichtsstunde plözlich krank, so daß er abbrechen mußte. „Phi- „lipp," rief er weggehend, „laß deine Mitschüler „fortfahren und vertritt du meine Stelle l" Ein dreister, sich fühlender Jüngling würde um so mehr den Versuch gewagt haben, die Stelle des Lehrers zu vertreten, je mehr eS ihm geschmeichelt hätte. Auf den bescheidnen Mclanchton hingegen machte diese Aufforderung einen entgegcngeseztcn Eindrnk. Beschämt von dem Vertrauen des Lehrers fieng er an — zu weinen. Ein andermal fragte ein Lehrer, der eine griechische Frage beantwortet wissen wollte, seine Schüler: „wo finde ich unter euch „einen Griechen?" einmüthig riefen izt Alle: „Melanchton! Mclanchton ! " Wenn solche Auszeichnungen eines vorzüglichen Kopfs sonst gewöhnlich unter den übrigen Schülern Neid, Eifersucht und Haß erzeugen, so ist es um so mehr zu bewundern, daß er die Liebe seiner Mitschüler in einem so vorzüglichen Grade bcsas. Ganz unerklarbar würde nun diese Erscheinung seyn, wenn uns nicht die Erfahrung lehrte, daß wir in eben dem Grade geneigt sind, fremde Vorzüge anzu erkennen, in welchem unsere Empfindlichkeit für den Mangel derselben durch das bescheidne und sanfte Betragen der Vesizer entschädigt wird. Diese ihm eigenthümliche Tugend verschafte ihm das Glük, in dem Hause eines berühmten Professors, Namens Pallas, zugleich als dessen Tischgenoffe, zu wohnen, dem die ganze Universität eben so viel, als unser Melanchton, zu verdanken hatte. Die ausgezeichnete Liebe und Güte, womit ihn dieser Mann behandelte, wußte er sein ganzes Leben hindurch zu schazen. Denn Undankbarkeit war wenigstens sein Fehler nicht; wovon man weiter unten Beweise finden wird. Der Empfehlung dieses Mannes war es auch zuzuschreiben, daß ihm, ohngeacht er erst vierzehn Jahr alt war, der Unterricht der zween Söhne des Grafen Ludwig von Löwenstein anvertraut ward; die sich denn so an ihn gewöhnten, daß sie fast nicht ohne ihn seyn konnten. Sie erinnerten sich daher noch lange nach dieser Periode ihres Führers auf der Universität, und unterhielten deshalb beständig einen freundschaftlichen Briefwechsel mit ihm. Das Ziel, wornach damals jeder junge Ge^ lehrte rang, war die Magisterwürde- Natürlich, daß auch Melanchton darum anzuhalten von seinen Freunden izt veranlaßt wurde, Allein man weigerte sich, einem so jungen Menschen, der nicht viel über vierzehn Jahr alt war, diesen Ehrcngrad zu geben. — Ein sonderbarer Grund der Verweigerung , der um so tadelöwürdiger war, je mehr -- H7 er vielleicht, wie einige Anzeigen vernntthen lassen, in einem unzeitigen Stolz und in der Eifersucht einiger seiner Feinde zu finden war. — Jndeß war Melanchton so wenig über diese mißlungene Posse empfindlich, daß er selbst darüber schreibt: „Es ist „zuweilen sehr gut, wenn jungen Menschen nicht „alle Wünsche befriedigt werden. Das habe ich „zu Heidelberg erfahren. Statt, daß mich die „Verweigerung des Magistertitelö niedergeschlagen „hätte, wurde ich nur um desto mehr zum Fleis „ermuntert." ^ Nicht diese gescheiterte Hofnung, sondern seine Gesundhcitsumstande veranlaßtcn izt eine Vcrän» derung seines bisherigen Wohnorts. Einige wiederholte Anfälle vom Fieber Hessen seine Verwandte vermuthen, daß sein jeziger Aufenthalt seiner Gesundheit nicht zuträglich seyn möchte. Dieser Umstand und der grosse Ruhm, welchen damals die Universität Tübingen erlangt hatte, bewogen ihn, im Jahr 1512 sich dahin zu begeben. Di'essUni- versität war nicht lange zuvor von Herzog Eberhard, dem Frommen, zu Wirtemberg, um dadurch seinem Land eine neue Zierde zu verschaffen, gestiftet worden. Dieser war überhaupt ein fürtrcflicher Fürst. Als er einmal mit mehreren Fürsten sich in Gesellschaft befand und jeder von ihnen die besondern Vorzüge seines Landes zu rühmen wußte, sagte er ganz gelassen: „Mein Länd- „chen hat das Eigcnthümliche, daß, wenn ich in „demselben allein herumirrte, ich aus dem „Schoose eines jeden meiner Unterthanen sicher „und ruhig schlafen könnte." Wenn solch eine Aeufferung nur aus dem Munde dessen kommen kann, der sich der Erfüllung seiner Pflichten bewußt ist, so laßt sich nichts anderes vermuthcn, als daß erwähnter Herzog dafür Sorge getragen haben werde, seiner neucrrichteten Universität auch würdige Lehrer zu geben. Melanchton suchte, soviel an ihm lag, diese Bemühung zu seinem Vortheil zu benuzcn. Uncrmüdct besuchte er ihre Vorlesungen und bestrebte sich immer mehr Geschichte, Sprachkenntnis und Philosophie zu erlernen. Seine Hauptncigung war jedoch auf die Theologie gerichtet. In diesem Fach bcnuzte er die Vorlesungen des Doktors Lemp, von welchem er oft — zwar nie, ohne daß er jedesmal in ein lautes Gelächter darüber ausbrach — erzählt hatte, daß derselbe die Lehre von der Transsubsiantiation oder Verwandlung des Brods und Weins beim Abendmalsgcnusse in Christi Leib und Blut, seinen Anhörern auf einer Tafel mit der Kreide begreiflich zu machen pflegte. Unglüklicherwcise war gerade damals jene Wissenschaft der Theologie mit zwckwidrigen Streitigkeiten und mit spizfindigen, aber unnüzcn Fragen angefüllt, statt daß sie sich mit der Erklärung der Bibel und mit dem Vortrage der Religion hätte beschäftigen sollen. Daran war aber damals nicht zu denken. Vielmehr schazte sich Melanchton überaus glüklich, daß er von seinem Vetter Reuchlin eine Bibel als ein Geschenk in seine Händ' erhielt. Er empfand darüber ein so inniges Vergnügen, daß er sie beständig mit sich herum trug. sPcht nur in der Kirche, sondern sogar auf seinen Spaziergängen mußte ihn seine Bibel begleiten. Da nun diese grösser, als ein gewöhnliches Gebetbuch war, so hatten einige Uibelgcsinnte das Gerücht verbreitet, als läse er in der Kirche fremde und unschikliche Bücher. In jener Bibel laS er nun Tag und Nacht und empfahl diese Gewohnheit auch seinen Zuhörern sehr öfters. Diese Gewohnheit, eine Bibel bei sich zu führtn, behielt er auch bis in sein hohes Alter bei; und weil er immer an den Rand derselben Anmerkungen schrieb/ die ihm gelcgenheitlich einficten, so wußten seine Freunde sich kein besseres Geschenk vott ihm zu erbitten — als ein Eremptar der Bibel, das er eine Zeitlang mit sich herumgetragen hatte. Schon'im Jahr 1514 ward Melanchton zum Magister der freien Künste zu Tübingen kreirt; nach diesem hielt er dort öffentliche Vorlesungen über den Virgil, Terenz und Cicero. Er vertrat auch zwei Jahre hindurch die Stelle eines Korrektors in Thomas Anselms Drukerei da- 7 * selbst; und dis gerade zu der Zeit, wie jener das Chroniken des Doktors Johann Naucler zu drukcn begann. Den ersten Thcil desselben, der sehr verwirrt war, mußte hingegen Melauch- ton, (der nachher das ganze Buch hin und wieder vermehrte) sogleich in Ordnung bringen; in Ansehung dessen er sich dann einer hiezu erhaltenen Bibel in kleinem Formate bediente. Ausser diesem legte er sich dort auch auf die griechische sowohl, als auf die hebräische Sprache. In leztcrer hatte er seinen Vetter Reuchlin und Johannes Dorschen st ein zu Lehrern; und von gedachtem Neuchlin erhielt er die nöthigen Bücher dazu. Wahrend dem, als Melanchton in Tübingen sich aushiclt, besuchte ihn Reuchlin sehr oft; speiste auch manchmal in seiner Gesellschaft — und dis hauptsächlich zu der Zeit, als Reuchlin gelegenhcit- lich seines erstatteten Gutachtens über den, von dem getauften Juden Johann Pfefferkorn zu Kölln, wegen Verbrennung und Vertilgung sämmtlicher Bücher der Juden, gemachten Vorschlag, von Jakob Hochstraten, dem Mäkler jenes Brandjuden, ans die ungerechteste Weise verfolgt, auch bald in Deutschland, bald in Rom der Kezerei beschuldigt ward; ohngeacht da- *) Siehe (Meine) Pforzheim's kleine Chronik vom Jahr 1792. S. 63 — 30 . allwo jene Geschuht» umständlich beschrieben ist. mals, ausser dem Reuchlin (welchem unser Me- lanchton in obiger Geschichte, mittelst Abschreibung dessen Verthcidigungsschriften, sehr an die Hand gieng) doch Niemand wußte, was eigentlich Ke- zerei seye! So haußhälterisch nun Melanchton mit seiner Zeit umgieng, so war doch sein Fleis nicht sowohl Ihm, als auch andern nüzlich, denen er Unterricht gab. Und da gewisse Uneinigkeiten über einige philosophische und theologische Saze entstanden waren, so zeigte sich auch hier sein cigcnthümlicher Karakter in einem vorzüglich schönen Licht. Voll Verdruß, daß solche Streitigkeiten Gelegenheit zu gegenseitigem Hasse und Verfolgung gaben, bemühte er sich immer, Frieden und Einigkeit auö- zumitteln und nach Möglichkeit zu befördern. Wie hell indeß schon damals seine Einsichten waren, davon zeugt seine Verbindung mit Männern, die, weil sie falsche und abergläubische Mcvnun- gen bestritten, verfolgt und gehaßt wurden. Kurz, sein Aufenthalt zu Tübingen, der sechs ganzer Jahre gewahrt, hatte auf sein folgendes Leben ci- pen nicht geringen Einfluß. §yr. — Sein Ruf nach Wittenberg im Jahr 1518- Ss fügte sich, daß zu jener Zeit eine Lehrerstelle auf der Universität Wittenberg erledigt ward. Da nun Kurfürst Friedrich IN. mit dem verdienten Beinamen, der Weise, gedachte Stelle dem Reuchlin und zwar in der Eigenschaft eines, Professors der griechischen Sprache, übertragen hatte, so verbat sich Reuchlin , welcher damals, das Triumvirat in Schwaben nicht aufgeben wollte, diesen Ruf nach, Wittenberg. An seiner Statt empfahl er daher dem Kurfürsten seinen Unverwandten, den jungen Melanchton, den er jenem,, als einen, ihn selbst an Gelehrsamkeit weit übcr- trcffenden Mann, schilderte. Erwähnter Kurfürst gab nun des Reuchlius Empfehlung hicrinn nach, und wandte sich deshalb an ihn. Reuchlin säumte daher nicht, seinem Verwandten davon Nachricht zu geben und ihm zu rathen, diesen ehrenvollen Ruf dahin anzunchmen. Melanchton hatte gerade damals von einem Freunde, der von Tübingen weggieng, Abschied genommen, und war eben mit dem Nachdenken über die so oft verwi- kelten und »»erklärbaren Schiksale mancher Men- > scheu beschäftigt, als er diese Nachricht erhielt. Diese besondere Stimmung seiner Seele war vielleicht Ursache davon, daß er anfangs nicht viel - roz Neigung zu haben schien, dem Rathe seines Vetters zu folgen. Allein die Gründe, womit jener seinen Rath unterstüzt hatte, vermochten so viel über ihn, daß er nach wiederholtem Lesen jenes Briefes ausricf: „Herr, dein Wille geschehe!" Er traf auch sogleich die nöthigen Anstalten zu seiner Abreise, nachdem er von diesem Vorhaben seine übrigen Verwandten zuvor unterrichtet hatte. Zu Tübingen, (allwo er bereits sechs Jahre hin- ^ durch öffentliche Vorlesungen gehalten und izt das ein und zwanzigste Jahr erreicht hatte) gab man ihm noch laute Beweise davon, wie sehr man seine Entfernung bcdaure. Und ihm selbst war diese wichtige Veränderung nicht gleichgültig. Um sich das Schmerzhafte der Trennung von seinen Freunden daselbst zu erleichtern, nahm er daher nicht persönlich, sondern schriftlich von Allen Abschied. Am Tage der Abreise MekanchtonS von Tübingen sagte nun Georg Simler, dessen ehma- liger Lehrer in der griechischen Sprache: „Die „ganze Stadt hatte sich über dieses Melanchtons „Verlust zu beklagen; und all die, so, izt zu Tübingen lebten, hatten es in ihren Studien nicht „einmal so weit gebracht, um nur cinsehcn zu können, was sie an dem Weggehen dieses grossen „Mannes verlohren hatten." — Uibcrhaupt will man es auch für eine der Merkwürdigsten Begebenheiten halten, daß Me-. lanchton, der in der Folge an allen wichtigen Handlungen bei der Reformation grossen Antheil gehabt, im Jahr 1518 als Lehrer der griechischen Sprache nach Wittenberg berufen ward. Melanchton reiSte nun zu Pferd über Nürnberg von Tübingen nach Leipzig. An beiden Orten besuchte er die Gelehrten, fand bei allen eine gute Aufnahm und machte bei dieser Gelegenheit Bekanntschaften, welche ihm nachher auf mancherlei Art nüzlich wurden. In Leipzig hatte die Akademie, ihm zu Ehren, sogar ein Fest veranstaltet, wobei man ihm die ausgezeichnesten Beweise von Hochachtung und Ehrerbietung gab, Seine Ankunft in Wittenberg erfolgte izt am 25. Augusts >5 >8. Ohngeacht zwar Melanchton keine ausserlichc Empfehlung vor sich hatte — indem er von Person klein, hager und übel gewachsen war, auch im Reden stotterte, — so zog er Loch, gelegenhcitlich feiner am 29. Augusts besagten JahrS zu Wittenberg gehaltenen Rede, die allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung all seiner Zuhörer auf sich. Ja, selbst Luther entwarf seinem Freund Spalatin, in einem Briefe folgende Schilderung davon: „Melanchton hat den ,,vierten Tag darauf, als er hier angelangt, eine *) S. Joh. Friedrich Rvos Reformat. Geschichte I, Band §. iz. S. 44. rc. „grundgelehrte und ausbündig schöne Rede zu so „grossem Vergnügen und Verwunderung des gan- „zcn kmäicorü gehalten, daß er nun gar keiner „Recommendation mehr bedarf. Wir haben von „seiner äußerlichen Gestalt gar bald weggesehen, „achten uns glüklich, daß wir ihn bekommen, und „verwundern uns über seine grosse Gaben." ") So groß die Erwartungen waren, mit welchen man anfangs zu Wittenberg seiner Ankunft entgegen sah, eben so groß war auch sein Bemühen, denselben zu entsprechen. Der Beifall wenigstens, den man seinen Vorlesungen schenkte, war ungetheilt, Nicht nur sein angenehmer, *) Siehe Ioh. Friede. RooS am angeführten Orte, **) Nicht lange stand es an, nachdem Melanchton in Wittenberg einige Vorlesungen über den Homer und über die Epistel Pauli an den Titus hielt, als er schon 2500 Zuhörer um sich versammelt sah, die sein angenehmer Vortrag in seinen Hörfal lokte. vici. sok. tloornbeck üe controver». r«Iix p 6Zs^ et leq. Aber — ein Beweis davon, wie sehr schlecht übrigens die Gelebrte überhaupt zu sener geldklem- wen Zeit bezahlt wurden, gibt uns die Nachricht, (welche ich einst in der llniversititsbibliotheke zu Giessen unter anderm aushob,) daß nemlich Melanchton als damaliger Professor zu Wittenberg nur den dürftigen Gehalt von jährlichen zwei Hundert Gulden hatte! ro6 - — leichter und faßliche Vortrag, wodurch er die tros kendsten Materien unterhaltend und anziehend zu machen wußte, sondern auch sein gutes Betragen, gegen die Studenten waren die Ursache davon.. Das Studium der griechischen Sprache hatte, wie bereits oben bemerkt worden, erst damals in Teutsch- land Aufmunterung und Beifall gefunden; und Melanchton war es, der zu Wittenberg den ersten Unterricht darinn crthcilte. Da ihm aber dieses dadurch sehr erschwert wurde, daß. seine Zuhörer noch keine griechischen Bücher hatten, wie denn überhaupt griechische Drukereicn zu der Zeit noch unter die Seltenheiten in Teutschland gehörten, so, bat er den Kurfürsten, für die Errichtung einer griechischen Offizin zu Wittenberg, welche der Akademie so nüzlich und vorth,cilhaft wäre, die nöthi- ge Sorge zu tragen. Dis genehmigte auch dieser für die. Aufnahme der Universität äußerst besorgte Kurfürst. Die Freude Melanchtons hierüber war daher unbeschreiblich. Er sorgte izt auch dafür,, daß einzelne kleine Stüke aus griechischen Büchern für seine Znh's-rer in bequemem Format gedrukt wurden, welche jeder für ein geringes Geld sich leicht anschaffen konnte. Sein Verdienst hierinne wird man erst recht würdigen, wenn man Luthe rn selbst darüber sprechen hört: „Ich dank' es meinem guten Philipp, daß er „uns griechisch lehrt. Ich bin älter, als er.. „Allein das hindert mich nicht, von ihm zu ler- „nen. Ich sag' eö frei heraus, er versteht mehr, „als ich, dessen ich mich auch gar nicht schäme. „Und ich halte dafür, es soll den Leuten guten „Nuzcn schaffen, wenn sie griechisch lernen: so „können sie doch das Neue Testament selbst lesen, „und sehen, was der Herr und seine Apostel eigentlich gesagt haben. Das soll uns eine bessere „Schuzwehr gegen der Feinde Verfolgung, als „alle Waffen und Gewöhr seyn. Darum ich auch „gar viel von dem jungen Mann halte, und wer- „de nichts auf ihn kommen lassen, so lange ich „lebe." — Ein Geständnis, das Lnthern eben soviel Ehre machte, als selbst dem Mclauchton! —. Seine Bekanntschaft mit Luthern. Doch eö ist Zeit von einem für die folgende Begebenheiten so wichtigen Freundschaftsbund zu reden, auf welchen ich unvermerkt gekommen bin. Mclanchton traf zu Wittenberg den ehrwürdigen Luther an, mit dem er die engste Verbindung schlos. Der Zufall selbst begünstigte die Vereinigung dieser beiden Männer. Denn zufälligerweise war Luther unter allen Professoren zu Wittenberg der erste, der ihm zu Gesichte kam; und 128 Luther war es auch, welchem er nicht nur sein ganzes Herz und Zutrauen schenkte, sondern in Verbindung mit ihm auch die größten und wichtigsten Dinge unternahm. Schon 1517, mithin ein Jahr zuvor, ehe Mclanchtvn nach Wittenberg kam, hatte Luther an den so eben genannten Orte und in den umliegenden Gegenden ein Aufsehen erregt, welches bald zu grossem und unerwarteten Veränderungen Gelegenheit gab. Die Geschichte des Dominikanermönchs, Johann Tezel, ist zu bekannt, als daß sie hier einer weitläuftigen Erzählung bedürfte. Kurz , dieser Man» hatte mit seinen Ablaßbriefen, wozu er die Erlaubnis vom Pabst Leo, dem Zehnten, erhielt, den schändlichsten Miss brauch getrieben, und die unwissenden Leute überredet: jeder Verbrecher dürfe nur ihm ein Stük Geld geben, um sogleich nicht nur von den äus- serlichen Kirchenstrafen — denn dahin gicng eigentlich die Absicht der Ablaßbriefe — sondern auch von den göttlichen Strafen — frey zu seym Dis reizte zu sehr, als daß nicht eine grosse Menge Volks ihm in der Hofnnng hätte Zuströmen sollen — Vergebung der Sünden zu erhalten. Te- zel trieb diesen Unfug unter andern auch in der Gegend von Wittenberg. Hier war es aber, wo er an Luthern einen sehr mächtigen Widerstand fand. Lezterer erklärte seinen Ablaß - Kram gera- dezu für widerrechtlich und schändlich, schlug dagegen öffentlich einige Säze an, und erbot sich, die Wahrheit seiner Angriffe gegen jeden darzuthun. Der Pabst, welcher hiedurch sein Ansehen hcrab- gewürdigt sah, fand sich darüber nicht wenig beleidigt, und versuchte daher alles mögliche, um diese Streitigkeiten beizulegen. Dis würde auch gewiß geschehen seyn, wenn nicht ein gewisser Eck', ein öffentlicher Lehrer zu Leipzig, den Luther zu einem gelehrten Zweikampfe herauszefvr- dert und die Widerlegung der von demselben vorgetragenen Lehrsäze versucht hätte. Luther, der selten etwas ohne Zuziehung Melanchtons that, be- rathschlagte sich mit ihm auch über diesen Punkt. Wenn man nun in der Folge sehen wird, wie Luther, der vierzehn Jahr älter war, doch kein Bedenken trug, in verwikeltcn Fällen dem Rath des jünger« Melanchton'ö zu folgen, so fallt die Entscheidung schwer, welchem von Beiden dis mehr zur Ehre gereicht. Melanchton'ö Gelehrsamkeit, Klugheit und Wahrheitsliebe war Luther» zu gut bekannt, als daß er nicht oft von den Talenten desselben Gebrauch machen sollte. Beide kamen sehr oft zusammen und theilten sich dann ihre Gedanken und ihre Kenntnisse mit. Unter andern besprachen sie sich auch über die Frage: ob auch wirklich der Papst das göttliche Ansehen habe, welches er sich anmasse, und ob man bei Zwei- fein über Religionssachen die Entscheidung von ihm erwarten müsse? Sehr bemerkenswcrth ist daher der Umstand, daß Melanchton geneigter war, das Ansehen des Papstes eher zu bezweifeln, als solches zu bestreiten; Luther hingegen es von diesem bezweifeln lernte, aber dis am ersten bestritt. Der Papst hatte zwar schon bei Luthern einen grossen Theil der Achtung verlohren. Er hieng aber doch noch allzusehr an den Uiberzeugungen > die er in seinem vorigen Mönchslcben als Vorurtheile cingesogen hatte; und Niemand wird sich darüber wundern, der eS weiß, wie schwer alte vorgefaßte MeynuN- gen, besonders in Religionösachen, abzulegcn sind. Die Unterredungen mit Melänchton hingegen trugen sehr viel dazu bei, seinen Zweifeln ein Ende zu machen. Nur wollte Melanchton gegen das Ansehen des Papsts nichts gewaltsam vvrgcnom- men wissen. Wir stossen hier schon auf eine Bemerkung, die wir weiter unten noch öfter zu machen, Gelegenheit haben werden. Melanchton erblikte immer eher Jrrthümer und Vorurtheile Z aber Luther widerlegte und bekämpfte sie eher. Beide Männer mußten in Verbindung seyn, wenn etwas Grosses gewirkt werden sollte. Einer allein hätte die Reformation nicht bewirkt. Beide Männer waren nun zu diesem Zwek erforderlich, so wie zwei Mühlsteine dazu gehören, um Mehl zu geben ; wovon einer die Kraft des andern auffangen muß. Eine Bestätigung von dieser Bemerkung finden wir schon bei Gelegenheit der Disputation mit dem obengenannten Eck, einem zänkischen und streitsüchtigen Manne, der das Ansehen des Papsis geltend machen wollte. Luther und Me- » lanchtvn waren über die Unrechtmäsigkeit der päpstlichen Macht einverstanden und erstercr trug kein Bedenken, zu Leipzig zu erscheinen, und seine neuen Uiberzeugungen mit Much und -ohne Rüksicht der möglichen Gefahren zu vertheidigen; lezterer hatte desto mehr Bedenken, weil er voraus sah, was wirklich darauf erfolgte, nemlich die Erbitterung von Seiten des Papst und seiner Anhänger. Doch legte es Luther seinem Freunde so nahe, daß er ihn begleiten mußte; und die Unterredung fiel zur Ehre Luthers und zum Schimpf seiner Feinde aus. Man gab vor: Melanchton habe thätigen An- theil daran genommen. Allein nicht nur die Akten, welche darüber abgehandclt wurden, beweisen das Gegcntheil, sondern auch Melanchtons eigene Worte. Hier sind sic: „Ich saß bei der Leipziger „Fehde mit dem Doktor Eck als ein blosser rnhi- „ger Zuschauer unter den übrigen, ohne mich selbst „in den Streit zu mischen." Soviel ist aber gewiß, daß Melanchton Luthern mit Gründen und Antworten Ünterstüzt haben mag, und daß aus dieser Ursache Doktor Eck eben so viel Haß auf Melanchton, als auf Luthern selbst warf. Uibri- gens hatte Mclanchtons Namen, weil man seine Verbindung mit Luthern kannte, durch diese Reise um ein Grosses gewonnen. Bei seiner Iurükknnft nach Wittenberg hörte er nicht auf, sich selbst und andern durch Arbeitsamkeit und FleiS nüzlich zu seyn.„ Ich hasse (schreibt er) „jedes Selbsilob. Aber wenn Arbeitsamkeit „Lob verdient, so möchte ich mich fast für dis „Jahr (1520) einigermasen selbst loben. An mei- „nem guten Willen hat es wenigstens nicht gelegen, wenn, eine Stunde verschwendet worden ist. „Ich kann gar nicht begreifen, wie manche Men« „sehen über den Verlust eines Groschen empfindlich seyn können, den sie doch wieder erhalten „können. Aber die Zeit kann man nie wieder bekommen." War nun das Jahr 1520 seines Fleises wegen, meikwürdig, so war es für ihn auch noch in anderer Hinsicht. Schon zuvor hatten ihn ncm- lich seine Freunde veranlassen wollen — sich zu ver« Heurathen. Allein dieser hatte immer wenige Lust dazu bezeugt. „Man bittet mich, (schreibt er) „mich zu vermählen und halt das für eine Verbesserung meiner Umstände. Wüßte ich, daß ich „dadurch nicht in meinen Arbeiten und Studieren —- rtz „gestört würde, so könnte ich mich leicht dazu ent- „schließen. Vor der Hand aber wird es unterbleiben. Ich habe viele junge Männer gekannt, „welche ein thatiges gcschästvvlles Leben verspra« „chcn, durch ihre Vcrheurathung aber in Familienangelegenheiten verwikelt wurden, und die „schönen Erwartungen täuschten." Entweder hatte eine bessere Uiberlegung diese anfänglichen Zweifel überwunden, oder die Umstände nöthigten ihn, seine vorgefaßte Meynung hieriun zu ändern. Kurz, Mclanchton lernte die Tochter Hieronymus Krapp's, des damaligen Bürgermeisters zu Wittenberg, izt kennen, und vermählte sich mit ihr in seinem vier und zwanzigsten Jahre, und zwar am 25. November 1520; als am Namenstage seiner Braut, die Katharine hies. Weil nun Mclanchton an diesem festlichen Tage keine Kollegien lesen konnte, so machte er dis seinen Zuhörern daher in folgendem Distichon bekannt: üuäiis boclie inert oti'n ^rsta Philippus, „Nee vodis Pauli äo^mats laera le^et." In Ansehung seines gefaßten Heuraths - Entschlusses drükte sich nun Mclanchton folgcndermas- sen aus: „Ich habe — schreibt er — alle Grün- „de erwogen, welche dabei in Uiberlegung kom« 8 „men mußten und dem Rache meiner Freunde „gefolgt. Ich hasse die menschenfeindlichen Ger „sinnungen, nach welchen man eine gewisse Ehre „und Weisheit darinn sucht, das weibliche Ge» „schlecht zu verachten Und sich dem Ehestande zu „entziehen. Mag das weibliche Geschlecht seine „Schwachheiten haben, auch die Männer haben „die ihrigen. Wir wellen es ehren, schüzen und „verbessern, und, wenn wir mehr Stärke und „Kraft besizcn, den Beweis davon dadurch geben, „daß wir sie untcrstüzcn, nicht, daß wir sie verachten." Luther und alle übrigen, die Melanchtons Ver» dienste zu schäzen wußten, bewogen ihn zu diesem Schritte gewissermaßen aus eigennüzigcn Gründen, weil sie nemlich seine Verheurathung als ein Mittel betrachteten, ihn zu Wittenberg zu behalten. Denn sein Name war zu bekannt und gelehrte Männer zu selten, als daß nicht viele Aufforde« rungen von auswärtigen Fürsten, in ihre Lander zu kommen, an ihn hätten ergehen sollen. Eine genaue Verbindung mit einer Wittenbcrgischen Familie würde ihn, dachten sie, an seinen bisherigen Wohnort desto fester ankcttcn und ihn dazu bewe» gen, jeden Ruf an irgend einen andern Ort von sich abzulehncn. Seine nun hierinn getroffene Wahl reute ihn nicht; denn Katharine Krapp in war rin - 115 Frauenzimmer von untadelhaften Sitten und zu» gleich von vorzüglicher Herzensgüte. „Sie ist ei» „ne Person (rühmt er selbst von ihr) wie ich mir „sie nur von Gott erbitten konnte." So konnte es daher nicht fehlen, daß diese Derbindung zu dessen häuslichen Glüke viel beitrug. Ein so sanfter, gefühlvoller Mann, wie Melanchton war, muß ein zärtlich gefälliger Gatte gewesen seyn» Keiner von all seinen Briefen an seine vertraute« sten Freunde, worinn doch so viel unverschleyerte Herzensergieffungen Vorkommen, enthielt nur die mindeste Spur von ehelicher Unzufriedenheit; viel« mehr sind alle voll von Aeusscrungen über das Glük des häuslichen Lebens. Konnte dis wohl Inders seyn, da die Gefährtin seines Lebens so fürtrefliche Eigenschaften hatte? Sie war nicht nur gütig und wohlwollend gegen ihren Gatten, so daß sie nur in dessen Gegenliebe ihre größte Freude suchte, sondern sie war überhaupt nicht fähig, ei» nem Bittenden Etwas abzuschlagen. Ihre Frei« gebigkeit gegen Arme war wirklich ausschweifend und keineswegs ihren häuslichen Umständen ange» messen. Welchen sie weinend erblikte, der konnte ihr ganzes Mitleid rege machen. Viele, welche diese schwache Seite kannten, machten daher den schändlichsten. Misbrauch davon. Nicht selten fiel sie deshalb ihrem Gatten durch unzwekmäsige Fürbitten und Verwendungen für Andere beschwerlich. r « Fast sollte man wünschen, daß sie weniger angst» lich und weich gesinnt gewesen wäre. Hatte Me» lanchton eine Gattin gehabt, die sein, ohncdiS schüchternes Temperament, bisweilen mit Much erfüllt; die ihn bei Gefahren getröstet, bei Leiden aufgeheitert und bei Kränkungen durch häuslichen Frohsinn entschädigt hatte, so wäre vielleicht der Einfluö davon unverkennbar gewesen. Statt dessen litt sie allemal noch mehr, als er, wenn ihm etwas trauriges begegnete; weinte und wehklagte, wenn sie nur von Gefahr hörte; erregte ihm Zweifel und Bedenklichkeiten, wenn er etwas Wichtiges vorhatte; glaubte Alles verlohren, wenn nur Etwas verlohren war. Natürlicherweise mußte ihrem Gatten dis oft sehr empfindlich scyn. So wollt' Er einst eine gewisse Reise vornehmen. Sie aber hatte einmal den Gedanken gefaßt, er werde dabei unglüklich seyn ; so wenig sie auch einen gegründeten Anlaß zu dieser Furcht gehabt. Sie hörte daher nicht auf, ihn mit Bitten und Flehen so lange zu bestürmen, bis er endlich seinen vorigen Entschluß wieder aufgab. „Ich mußte, (so schreibt er) „ihrer Schwachheit nachgebcn; denn „das ist einmal unser Loos." Ich irre wohl nicht, wenn ich glaube, daß man zu wenig auf diesen Umstand Rüksicht genommen hat, wenn man über Melanchtons Karakter und Handlungsweise urtheilen wollte. Wer ist aber mit mir dahin einverstanden, daß dieBemer« kung in der Schilderung eines so sanften nachgie- bigen Mannes ungemein fruchtbar scyn muß? Ich gehe nun zur Geschichte zurük. Seine Ehe, die erst nach sieben und dreissig Jahren durch den Tod seiner Gattin getrennt ward, blieb auch zu seinem größten Vergnügen nicht ohne Kinder. „Der Gedanke, (so drükte er sich einst über diesen Punkt aus ) „Kinder zu haben, ist „angenehm und wichtig zugleich. Daö erste; denn „ich weiß mir nichts erfrenlicherS zu denken, al-s „wenn ich junge Seelen um mir sehe, die mit mir „so nahe verwandt sind. Das zweite; denn, was „hat wohl mehr Verantwortung auf sich, als die „Erziehung der Kinder zur Gottesfurcht und Tu- „gend? Wenn ich mir das vorstelle, so denke ich „mir die Ehe als eine der edelsten und größten „Verbindungen auf Erde." Es wurden ihm zween Söhne und eben soviel Töchter gebohren. Mehr davon weiter unten! Melanchton hatte unnöthige Furcht gehabt. Er besorgte anfangs, durch seine Verhenrathung in seinen Arbeiten gestdhrt zu werden. Allein hierin» irrte er sich. Denn, als Luther im Jahr 1521 auf den Reichstag zu Worms citirt ward, vertraute er ihm indeß die Sorge für den Unterricht der Studenten beinahe ganz allein an. „Komme „ich nicht wieder, (sprach er zu Melanchton) und „morden mich meine Feinde zu Worms, wie es „leicht geschehen kann, so beschwöre ich dich, lie- „ber Bruder, laß nicht ab, zu lehren und bei der „Wahrheit zu verharren. Arbeite indessen zugleich „für mich, weil ich nicht hier seyn kann. Du „kannst cs noch besser machen. Darum ist auch „nicht viel Schade um mich; bleibst du doch noch „da. An dir hat der Herr noch einen gelehrtem „Streiter." Mclanchton erfüllte nun redlich die Bitte seines Luthers; und da Lezterer, nach einer standhaften Verteidigung der neuen Religionslehren in Gegenwart des Kaisers, Karl V. und der übrigen Fürsten des teutschen Reichs, von Worms zwar glüklich entkam, aber vom Kurfürsten Friedrich III. von Sachsen — der, äußerst um sein Leben besorgt, ihn zu Wittenberg nicht sicher genug glau- te — auf das thüringische Schloß Wartburg, dem vom Luther sogenannten Pathmus, heimlich gebracht wurde, so war Mclanchton fast der einzige auf der ganzen Universität, welcher gelehrte Känntnis der Religion izt vortrug, Die Menge von überhäuften Arbeiten machten ihn zwar nicht mißmuthig; wohl aber die Unruhen, welche während dem in Wittenberg entstanden. Einige Schwärmer, welche höhere Eingebungen von Gott fälschlich Vorgaben, verbreiteten da- stlhst irrige und verkehrte Rrligionsmeynungcn, die deswegen um so gefährlicher waren, je leichter sich Schwachköpse überall verführen ließen. Melanch« ton lachte zwar anfänglich darüber, als «in solcher Schwärmer ihm weitläuftig von einer solch gehabten Offenbarung erzählte« Aber die Sache ward ernsthafter, als er sich vorstellte. Es entstand nemlich die größte Verwirrung und Zerrüttung unter der dortigen Gemeinde. So viele Versuche er auch machte, um diesen Gefahren vorzu« beugen, so waren sie doch alle vergeblich. Jzt sezte er seine einzige Hofnung hierinne noch auf Luthern, dessen unerschrokner Geist burchdringen und diese Unruhen stillen würde. Er bat ihn daher um die baldigste Beschleunigung seiner Rük- kehr nach Wittenberg — und Luther ließ sich nicht lange bitten. Denn, ohngeacht sein Aufenthalt daselbst, des päpstlichen Bannes wegen, noch sehr gefährlich war, so kehrte er sich doch wenig daran, weil bei seinem längern Aussenbleiben Alles ohnehin vergebens gewesen wäre, was er und Melanch- ton für die Religion bisher gethan hatten. Er kam also, zur größten Freude seines Freundes, am i. Marz 1522 schon wieder zu Wittenberg an, und brachte izt durch einige Predigten Alles wieder in Ordnung und Ruhe zurük. Desto leichter konnten mm beide Männer wieder ihre vorigen Bemühungen fortsezen, sowohl durch mündlichen, als schriftlichen Vortrag ihre bessern Einsichten kn der Religion weiter zu verbreiten. Besonders fuhr Melanchton fort, die Bücher deS neuen Testaments zu erklären, und sich dadurch »m die Verbreitung ächtbiblischer Lehren ein Verdienst zu erwerben, das man dann erst recht zu schäzcn wissen wird, wenn man an die damalige Unwissenheit in Erklärung der Bibel zurükdenkt. Seine Thätigkeit war auch izt z» bewundern. Die gewöhnlichen Arbeiten nahmen schon täglich einen grossen Theil seiner Zeit hinweg. Hiezu kam noch «ine Menge von ausserordentlichen Geschäften und Zerstreuungen, denen er weder answeichen konnte« noch wollte. Bald kamen Fremde« die seine Bekanntschaft suchten; bald mußt' er Briefe beantworten; bald den Studenten schriftliche Zeugnisse ihres Verhaltens fertigen, und bald mußte er Vorreden zu fremden Büchern schreiben, Unzählbar sind die Bücher, die er zu durchsetzen, anzuordnen, zu vermehren, zu verbessern und mit Vorreden zu be« gleiten hatte. Denn sein Name war zu sehr empfehlend, als daß nicht jeder dis hätte wünschen sollen. Uiberlegt man dis Alles, so wird man es sehr auffallend finden, wie ihm noch so viel Zeit zu eignen Privatarbeiten übrig blieb. Ein gewöhnlicher Kopf hätte freilich auch bei der besten Benuzung jeder kleinen Zwischenzeit nicht so viel leisten können. Ihm aber, als einem Manne von Talent und grosser Geisteskraft, wurde manches binnen einer Stunde möglich, worauf ein Anderer viele Täge hätte vcr-> wenden müssen. Nichts war ihm je empfindlicher, . als wenn er in seiner schwachen körperlichen Be» schaffenheit einige Hindernisse bei seinem Studieren fand. Und doch war er die erste Zeit seines Aufenthalts in Wittenberg hindurch, immerhin kränklich ; und suchte die Ursache davon in der Veränderung des Klima's, so wie der Lebensart zu finden. Nur seiner Mässigkeit und der immer gleichen Ordnung in der Behandlung seines Körpers war es zuzuschreiben, daß sein Körper noch diese anhaltende Anstrengung ausdauern konnte. Wenn es hauptsächlich lehrreich ist, die Gefühle eines Mannes zu bemerken, der bei all seiner Grösse dennoch Lüken und Mängel in seinen Känntnissen gewahr wird, so gehört allerdings hieher folgende Aeusserung Melanchtons: „Man sagt, daß ich die „Bibel zu erklären verstünde. Und Gott ist mein „Zeuge, daß ich täglich tn der Erkenntnis seines „Wortes zuznnehmen wünsche. Aber, so oft man „mich deshalb rühmt, so oft schlägt mich mein „eignes Bewußtseyn nieder. Denn, wenn ich «S „gerade heraus sagen soll, ich verstehe nicht hebräisch." Schon zu Tübingen hatte er einige Känntnis in dieser Sprache erlangt, die ihn aber izt noch lange nicht befriedigte. Um diese Zeit war es nun, wo er das Studium derselben aufs neue sich vor« genommen hatte; und dis zwar mit solchem Eifer, daß der, welcher ihm noch weitern Unterricht hier» inn ertheilen sollte, über sein öfteres Kommen ver- drüßlich ausrief: „Was soll ich aber? Mir wird „bange, denn du brauchst mich nicht mehr." Er war ein grosser Liebhaber und Verehrer der mathematischen Wissenschaften und von dem wohl« thätigen Einfluß überzeugt, welchen sie auf die Entwiklung und Bildung der Geisteskräfte äussern. Damit nun hie Studenten grössere Lust bekämen, sich mit dem Studium dieser Wissenschaften zu beschäftigen, und sich von der Trokenheit derselben nicht abschrökcn ließen, gieng er selbst in die darüber gehaltene Vorlesungen; sezte sich dann mitten unter die Zuhörer, wodurch nicht nur diese, sondern auch selbst die Lehrer zu ihrem Fleise vielen Antrieb fanden. Alles, was Er gesagt und gelehrt hatte. Hielt man nun für so wichtig, daß eine Menge seiner mündlichen Vorträge und Erklärungen alter grie« chischer und lateinischer Bücher ohne sein Vorwissen im Druk erschienen. Die gelehrte Welt war damit zufrieden; nur er selbst nicht, weil er ihnen gern mehr Vollständigkeit und Genauigkeit gegeben hätte. Seine Reise in sein Vaterland. Ahätiger, als eigentlich seine Kräfte es gestatte» len, bewies er sich bis zum Jahr rZ2g. Man hatte ihm daher oft gerathen, seiner Gesundheit wegen, irgend eine Zerstreuung zu suchen und ihm zu dem Ende die Unternehmung einer Reise als eine Pflicht vorgestellt, die er seiner Selbsterhaltung schuldig wäre. Da nun seine Verwandte und darunter insbesondere seine noch lebende Mutter ihn beständig baten, er mochte doch die Gegend seines Geburtsorts wieder einmal besuchen, so war eo ziemlich geneigt, izt deren Wünsche zu erfüllen. Dir Rükerinnerung an seine nächsten Verwandten und an den Ort, wo er seine ersten Lebensjahre zugebracht hatte, erwekte in ihm immer das größte Vergnügen. Wenn man weiß, wie zärtlich und ge« fühlboll sein Herz war und wie eigenthümlich ihm auch die feinern Empfindungen der Freundschaft waren, so kann dis nicht weiter befremden. „Es „kann zum Fehler werden, (schreibt er,) wenn mau „den Ort seiner Geburt mehr« als andre Oerter „liebt. Aber süö ist es mir immer, so oft ich dar« „an zurükdenke. Und wenn ich Jemanden aus je« „ner Gegend sehe und höre, so bin ich so innig „vergnügt, als ob ich in meine Kindheit zurükkehrte. „Ich glaube nicht, daß ich deswegen tadelnswür« „big bin. Hat mich doch diese Lieb'e zu meinem „Geburtsorte und zu den Meinigen, so viel ich „weiß, noch nicht von einem höhern Berufe abge- „halten. Ich gehe um des Worts willen, das ich „verkündigen und womit ich Nnzen stiften kann, „überall hin, wohin mich der Herr ruft und ru- „fen wird." Aber es fehlte nicht viel, so hatte der Gedanke, welchen er hier äussert, seinen Vorsaz nmgcändert. Er hielt es nemlich für bedenklich, so viel Zeit ohne Nuzen für Andere vorbcisireichen zu lassen, und besorgte dadurch seiner Pflicht zu nahe zu treten, bis endlich Luther ihm seine Zweifel benahm und in der Sache den Ausschlag gab: „Reise du, lie- „bcr Bruder Philipp, in Gottes Namen. Hat „doch unser Herr auch nicht immer gepredigt und „gelehrt. Er besuchte selbst zur Zeit seine Verwandten und Freunde. Was ich aber von dir „verlange, komm bald wieder zu uns! Ich will „dich Tag und Nacht in mein Gebet einschlicssem „Und damit gehst du." Ich berührte dis deswegen, weil es znm Beweise dient, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Strenge gegen sich selbst Me- lanchton seine Berufspflichten zu erfüllen gewohnt war. Nie hatte er daher auch eine seiner Obliegenheiten dem Vergnügen untergeordnet. So ernsthaft diese Reise beschlossen ward, eben so vergnügt gieng solche auch für sich. Sie ge- !25 schätz nemli'ch, nach dem geheimen Wunsche Me- lanchtons, — zu Pferde; und zwar in Begleitung von vier andern Gelehrten, nemlich von Wilhelm Nesen, Joachim Camerarius, Franz Burckhard und Johann Silberborn', die sämtlich Melanchtons vertrautesten Freunde waren, und hauptsächlich in der Absicht, um den grossen Gelehrten Erasmus in Basel kennen zu lernen, mit Melanchton jene Reise unternommen hatten. Weil aber die Gelehrsamkeit dieses reitenden Zuges sich nicht bis auf die Reitkunst erstrekte, so mag es wohl freilich auch manchen Stoff zum Lachen dabei gegeben haben. Wenigstens spielt Me- lanchtvn an einem gewissen Orte nicht undeutlich auf diese Reiterei an, und erinnert sich derselben noch mit vielem Vergnügen, so langsam cs auch vorwärts gieng, und so oft sie, der schlechten Pferde wegen, Rasttag zu machen, sich genothigt sahen. Der Weg führte sic nun über Leipzig. Hier kamen sic gerad an dem Tage an, wo einer der Freunde Melanchtons, Namens Peter Mosel- kan, eben am Hinscheiden begriffen war. Melanchton schazte sich glüklich, ihn noch wenige Au- gcnblike vor seinem Enve sowohl sprechen, als ihm zugleich auch seine fortdauernde Achtung und Liebe versichern zu können. „Wie doch, (rief er bei der Gelegenheit aus,) „der Herr unsere Freuden zu „mäsigen weiß!" Von da richteten sie ihren Weg über Fnld und Frünkfurth» Auch am ersteren Ort «hielt er die Nachricht vom Tode des berühmten Ritters Ulrich von Hutten — eines Mannes, den er vorzüglich schäzte und ihm daher auch eine sehr schöne poetische Grabschrift fertigte. Das Ziel der Reise, das lang ersehnte Bret» ten, lag endlich vor ihnen; und da Melanchton diese seine liebe Vaterstadt' kaum von Ferne erblikt hatte, so ward er hierüber schon so gerührt, daß er izt vom Pferd abstieg, dann auf sein Knie nie« verfiel und ausrief: „O! vaterländischer Boden! „ich danke es dir, Herr, daß du mich ihn wieder „sehen ließest!" Die wechselsweise Freude hingegen, die er und seine Verwandten bei diesem Wiedersehen hatten, ist keiner Darstellung fähig. Seine Mutter insbesondere war beim ersten Anblik schon vor Überraschung ganz betäubt. Ihre Umstände hatten indeß auch eine Veränderung erlitten. Sie blieb zwar nach ihres Mannes Tod zwölf Jahre hindurch eine Witt- we. Sobald sie aber erfahren, daß ihr Sohn, Philipp Melanchton, für den sie schon aus misver- standner mütterlicher Zärtlichkeit die Wahl einer Gattin bereits getroffen hatte, sich mit einer Person aus Wittenberg verheurathen wolle, und daß sie sich nun nicht als die Urheberin vom ehelichen Glüke ihres Sohns betrachten könne, ward sie darüber unwillig, und schritt — gleichsam um sich 127 dafür zu rächen — zur zweiten Ehe mit Johann Ho ech el, der ebenfalls ein Wittwer, sorgst aber ein angesehener Mann in Breiten war. „Ich „sehe nun wohl, (schreibt Melanchton zu der Zeit) „meine gute Mutter ist unzufrieden, daß ich keine „Person aus meinem Geburtsorte Breiten zu meiner Gattin gewählt habe. Es thut mir ausserordentlich wehe, ihr dadurch Schmerz verursacht „zu haben. Und welchem Kinde muß das nicht „unangenehm seyn? Aber ich kann es betheuern, „daß ich von ihren Absichten nichts gewußt habe. „Sie liebt mich zwar noch, aber doch ist ihr Un- „wille über meine Verbindung in ihrem Briefe „unverkennbar. Gott schenke mir Gelegenheit, ihr „wieder Ursache zur Freude zu werden l" Man erinnere sich hier izt jener kleinen Züge, die ich oben von Mclanchtons Mutter schon entworfen habe. Diese hatte nemlich neben ihren guten Eigenschaften auch manche sonderbare Grille, so wie man im Gegentheil auch sicher voraussezen kann, daß deren Sohn ihre Sonderbarkeit mit Nachsicht werde erduldet haben. Aber weniger war eS von Melanchton zu erwarten, daß er sogar seines neuen Stiefbruders, eines zugebrachten Sohnes seines Stiefvaters mit allen nur möglichen Aufopferungen sich annehmen werde. Abweichend ist wenigstens dieser edle Zug von der Denkart gewöhn- 128 licher Menschen, aber dafür ganz angemessen drt besondcrn Herzensgute Mclanchtons. Dieser übergab nun seinen Stiefbruder der Aufsicht eines seiner Freunde, welchem er unter an- derm schrieb: „Laß dir die Sorge für ihn angele- „gen seyn, und denke, daß du mir dadurch gefällig bist. Es ist ein Mensch, der Kopf und Talent mit Flcis und Anstrengung verbindet." Ein wahrer Gelehrter hat Achtung für andre Gelehrte. Mclanchtons süsser Wunsch war es daher, auch bei dieser Gelegenheit den grossen Erasmus zu Basel, einen vorzüglich verdienstvollen Mann der damaligen Zeit, zu besuchen. So gern er sich nun diese Befriedigung hierinne verschast hätte, so wenig konnte er der dringenden Bitte seiner Verwandten, bei ihnen in Brettcn zu bleiben, widerstehen; indeß seine übrigen Gefährten allein nach Basel reisten. Seine Mutter drang überhaupt in ihn, daß er nicht nach Wittenberg wieder znrük gehen sollte, weil sie nicht lange mehr zu leben befürchtete—und dis war auch das leztemal, daß er sie sähe. Denn sie starb fünf Jahre darauf, nemlich im Jahr izay. Hiermit widerlegt sich zugleich auch jene falsche Nachricht, daß sie ihren Sohn noch überlebt und ihn auf seinem Sterbebette gefragt haben solle, ob die katholische oder die evangelische Religion die wahre sey? worauf —— rsH der sterbende Melanchton eine sehr zweideutige Ant« wort gegeben hätte. So grundlos dieses ganze Vorgeben ist- so gewiß ist es auf der andern Seite, daß er bei seinem jezigen Besuche von seiner Mutter, die eine eifrige Anhängerin der katholischen Religion war, und von den Neuerungen in Religionssachen zu Wittenberg benachrichtigt worden war, inständig gebeten wurde, sich ja in diese Dinge nicht zu mischen, sondern dem Glauben seiner Vater getreu zu bleiben. Ich kann dis aus Mclanchtons eignen Worten schließen: „Viele Leute sehen unsere Ar- „beit (er meynt die Bemühungen der Reformatoren) „für etwas ganz ander-rs an. Sie glauben, „daß man die Religion selbst angreist, wenn mau „sie von Missbrauchen reiniget, und Jrrthümec „und Aberglauben bestreitet. Solche Leute hassen „uns mit-dem besten Gewissen, weil sie zwischen „Wahrheit und Falschheit nicht zu unterscheiden „wissen. Ich habe davon selbst bei meiner Mutter ein« „mal die Erfahrung gemacht, als ich zu Bretten war» „Diese, glaube ich, muß man auf alle Art scho« „nen und sie auf andere Art behandeln, als diejenigen , welche sich der Wahrheit aus bösen Abrichten und Eigcnnuz widersezen. Man kann sonst „leicht übel ärger machen und die Gewissen beschweren." Welch rin schöner Beweis seiner weisen Schonung und Duldung! Wie ganz überein- 9 stimmend mit seiner sonstigen Handlungsweise! Er, der gar nicht der Meynung war, daß man mit der neuen Aufklärung zu rasch verfahren möchte, erinnerte oft an die Worte des weisesten Aufklärers Jesu, deren er sich gegen seine Jünger bediente: „ich habe euch noch viel zu sagen , aber ihr kön- „net es nicht tragen." Nach einigen Wochen kamen nun seine Gefährten von Basel zurük, um ihn zu Brette» wieder abznholen. Es wurden daher die Anstalten zur Rükrcise nach Wittenberg gemacht, denen sich seine Mutter zwar aus allemKraftcn widcrsezte. Allein vergebens! Eingedenk seiner Pflicht ward cs ihm freilich schwer, aber doch möglich, sich izt von den Seinigcn wieder zu trennen. Sie nahmen nun ihre» Rükweg über Heidelberg. Sobald Mclanchton dort ankam, lies ihm die dasige Universität, nach dem Vorschlag des Dekans Martin Frecht anS Ulm, durch eben diesen einen vergüteten silbernen Becher mit einem Dekel oben darauf, zusammen neun Gulden und fünfzehn Kreuzer im Werth, als ein Geschenk und zwar, siatt^ einer Schadloshaltung dafür überreichen, weil im Jahr 150z,, wie er dort , Baccalaureus ward und dann nm den Magistcrti- tel sich bewarb, dieser ihm, blos allein seines damaligen, noch sehr jugendlichen Alters wegen, von gedachter Universität verweigert worden war. IZl Dis Geschenk erhielte izt Melanchton in Gegenwart der dasigen Professoren Busch und Gry, neus, die er kurz zuvor zu sich nach Bretten eingeladen hatte. ") Kaum überstand nun Melanchton vorhin er- wähntcrurassen der Versuchung seiner Verwandten, als schon wieder eine neue zu besiegen, auf seiner Rükreise ihm auffties. Der Landgraf Philipp von Hessen schiktk nemlich einen Abgeordneten an ihn, der sich mit ihm über die neuen Rcligionsmeynungen zu besprechen und ihn zugleich unter vielen lotenden Versprechungen, seine Partey zu verlassen und Wittenberg gänzlich zu meiden, den geheimen Auftrag hatte. Hier ist Melanchtons kurze, jedoch nachdrükliche Antwort darauf: „was ich für wahr halte und „erkenne, dabei bleibe ich, und behaupte es ohne" „Rüksicht auf das Ansehen irgend eines Sterbli- „chcn, ohne Rüksicht auf Vortheil, Ehre und Nu- „zen. Und wer die Wahrheit lehrt, dessen Anhänger bin ich, und werde es immer seyn. Aber „auch darinn werde ich mir immer gleich bleiben, „daß ich ohne Zank und Verfolgung, ohne Schim- „pfcn und Schmähen die Wahrheit vertheidigen „werde. Eben darum bitte und ermahne ich jeden, *) S. Strobel am angef. Orte S. 33 —Y2. und Büttinghausen's Beiträge zur Pfälz. Geschichte, Band I. S. 39 — 41. 9 ^ -Z2 - 7 „dem Rühe und Einigkeit am Herzen liegt, alles „mögliche zu thun, um Wunden, die einmal geschlagen sind, wieder zu heilen, und die Unbesonnenheit derer aufzuhalten, welche diese Wun- „den immer wieder aufreissen." Mit dieser Erklärung, die seinem Verstand eben soviel Ehre machte, als seinem Herzen, entlies er izt den Abgesandten, nervlich des damaligen Kardinalen Campegiuö Gehülfen, Nausea genannt. Jrrdcß traf sich's, daß der Landgraf — just auf der Hinreise nach Heidelberg begriffen, um dem zur selben Zeit dort angekündigten, von dreizehn Fürsten Teutschlands besucht werdenden feyerlichen Schüzenfeste gleichfalls beizuwohncn — selbst dem Melanchton und seinen Begleitern unterwegs, ohn- weit Frankfurth begegnete, Der Fürst, der es diesen Rittern wohl ansehen mochte, daß sie zur gelehrten Klasse gehören dürften, ritt auf sie zu, und fragte: „ob Melanchton „dabei sey? " Ja, (sagte Lezterer) „ich bin es!" und wollte eben aus Ehrfurcht vom Pferd herabsteigen. „Bleiben Sie, erwiederte jener, kommen „Sie und übernachten bei mir. Ich habe man- „cherlei mit ihnen zu sprechen. Sie haben übrigens nicht das Geringste von mir zu besorgen. *) S. Ptrobel am anges. Orte S. 93 — 94- §- XXVI. s „Ich fürchte nichts, (antwortete er) übrigens bin „ich auch der Mann nicht, von dessen Leben oder „Tod viel abhängt." „Aber wie, (versezte der Fürst lächelnd) „wenn ich Sie nun einem päpstli- „chen Kardinale überlieferte! Was meyncn Sie, „würde ich nicht demselben einen grossen Gefallen „thnn?^ Mclanchton antwortete darauf ganz gelassen. Endlich bat er den Fürsten, ihn nicht länger auszuhalten und ihm die Erlaubnis zur Fort- sezung seiner Reise zu geben. Dis geschah unter der Bedingung, daß Melanchtvn über das ihm geschehene Anerbieten weiter Nachdenken und sobald, als möglich, eine schriftliche Erklärung dem Fürsten darüber zuschiken sollte. Er erhielt ausserdem noch sicheres Geleite durch jenes Fürsten Länder und die Reise ward bis Wittenberg glüklich beendigt. Nahe bei der Stadt hatte er aber einen Schreiten, der sein Innerstes erschütterte. Einer seiner Rcisgefährten, Wilhelm Nesen, war eben im Begrif, bei Wittenberg auf einem Fischerkahn über die Elbe zu sezen. Unglüklicherweise sties der Kahn an einen, im Wasser verborgenen Stamm, und neigte sich auf die Seite. Nesen stürzte heraus und fand izt in dem Wasser — seinen Tod. Lange betrauerte Melanchtvn diesen Freund, den er als einen rechtschaffenen und gelehrten Mann eben so geschäzt, als er ihn geliebt hatte. IZ4 - Er richtet Schulen auf und visitirt die Kirchen in Sachsen. Ä^it weinenden Augen, so wie — mit verwundetem Herzen kam izt Melanchton zu Wittenberg an, und Alles, was sich bei seiner Ankunft dort zutrug, war keineswegs dazu geeignet, dessen Thrä- nen zu troknen oder sein Herz auszuheitcru. D(ng ausserdem, daß seine Frag bald darauf durch einen unglüklichen Fall eine frühzeitige,, und dabei gefährliche Geburt Haftes so machten auch die beständigen Unruhen und Zwistigkeiten, die ein gewisser Carlstadt, ein zwar guter, aber schwärmerischer Mann, immer verursachte, ihm und Lu- thern manche Sorge und Beschäftigung. Hiezu kam noch der Bauernaufruhr, der in dem folgenden Jahre 1525 in der Gegend von Thüringen entstand, aber doch endlich mit der Enthauptung des Thomas Münzer, als Urhebers desselben, gestillct ward. Mitleid und Bedauern erweken nun die Briefe, welche er um diese Zeit schrieb. Aus solchen leuchtet wenigstens sein inniger Antheil her- für, den er stets an dem Glük oder Unglük seiner Nebenmenschen zu nehmen pflegte. „Gott (schreibt er) „geht mit uns wunderbare Wege. Ist) leide „dabei unbeschreiblich. Ost stehe ich mit Kummer „und Sorgen auf, und des Abends wollen sich „meine thränenden Augen nicht schliessen. Ich „könnte zwar ruhig seyn, aber, wer kann so hart „seyn, daß es ihn nicht rührte, wenn Andere lei» „den? Mein Schmerz würde mich längst aufge- „zöhrt haben, wenn mich nicht die Uiberzcugung „tröstete, daß alles doch zum Besten des Ganzen „hinansläuft, wenn auch einzelne Glieder leiden." Sein Schmerz würde dadurch noch vermehrt worden seyn, daß sein Landesherr', der Kurfürst Friedrich von Sachsen, mit dem Beinamen, der Weise, am g. May 1525 zu Lochau, izt An na bürg genannt, wider Erwarten ans der Welt gieng, wenn dieser nicht einen eben so würdigen Nachfolger hinterlassen/hatte. Der Bruder desselben, Johann, der Standhafte, kam izt nach solchem zur Regierung. Hielcr Herr, ein eben so grosser Freund der neuen Rcligionslchren, als sein Vorgänger war, unterschied sich nur dadurch von jenem, daß, er weit rascher und, kühner zu verfahren pflegte. So wie jener keine gewaltsamen Veränderungen vorgenommen wissen wollte, und deshalb immer noch äußerlich der römischen Kirche zugcthan blieb, so gab dieser der Reformation seinen öffentlichen Beifall. Auf seinen Befehl wurden izt evangelische Prediger eingcsezt vnd der öffentliche Gottesdienst von vielen zwekwidrigen und unnüzen Cercmonien gcreiniget. Vielleicht durch das rasche Verfahren dieses Kur« fürsten aufgemuntert, that auch Luther einen Schritt, den man so leicht nicht von ihm erwartet hatte. Denn er verheurathete sich am il. Junii 1525 mit der Katharine von Bore. Dis mußte nun freilich um deswillen grosses Aufsehen erregen, weil «r als Mönch, sein Leben im ehrlosen Stande hin« zubringen, einst das Gelübde that. Er glaubte indeß wichtige Gründe für sich zu haben, warum er jenen Schritt gethan. Um die Unrechtmäsigkcit der Klostergelübde zu zeigen, hielt er es für Pflicht, mit seinem eigenen Beispiele hierinn voranzugehen, und diese Gelübde zu brechen. Indeß hatte nicht so leicht irgend eine Begeben» heit Mclanchtons Herz so sehr erschüttert, als diese Handlung Luthers, mit welcher er durchaus nicht zufrieden war. Weit gefehlt, daß er diesen Schritt an und für sich misbilligt hätte. Aber, er sah nur die Schmähungen und schiefen Urthcile voraus, die man von katholischer Seite darüber sich erlauben würde; und Er — sähe recht. Denn es war ein vergeblicher Versuch, wenn man die Menge der Schmähungen beschreiben wollte, welche Luther, dieser einzigen Handlung wegen, erdulten mußte. Luther merkte nicht so bald die Misbillignng seines Freundes, den er liebte und schäzte, als er selbst darüber unruhig und betrübt zu werden, izt an» fieng. Doch auch hier bewies sich Melanchton als den weisen und schonenden Mann, der seinen Freund wieder auf alle nur mögliche Art aufzurichten und ihm die vorige Ruhe wieder zu geben, bemüht war. All diese Ereignisse verminderten zwar Melanch- Ions Heiterkeit; aber keineswegs seinen wohlthati» gen Einfluß auf die Studierenden. Dieser war nicht einzig auf Wittenberg beschränkt, sondern er erstreikte sich nicht minder auch auf andre Städte und Lander. So wollte z. B. der Rath zu Nürnberg eine grosse öffentliche Schul errichten, und sah sich deshalb nach einem Manne um, der den Plan zu deren Einrichtung izt entwerfen sollte. Nur in Melanchton glaubte man diesen Mann zu finden. Man schrieb daher an ihn, und bat ihn einmüthig, in dieser Absicht selbst nach Nürnberg zu kommen, allwo der Stadtrath aus vorzüglich helldenkenden Männern, Namens Kaspar Nucel, Hieronymus Ebner und Lazar Spengler unter andern damals bestanden, und wovon Lezterer, als Sekretär des Stadtraths, fast alle Anschläge fürs gemeine Beste sowohl entworfen, als auch ausgcführet hatte. Melanchton willigte auch in jene Bitte des Stadtraths, und gieng, selbst mit Erlaubnis seines Fürsten, im Herbst 1525 in Gesellschaft des Camera r i u s und mehr andern nach Nürnberg und kehrte von dort in folgendem Jahre darauf, nachdem er zuvor die nöthigen Anstalten zu einer wohl eingerichteten Schule daselbst getroffen hatte, ver« gnügt hierüber wieder an seinen vorigen Posten, nach Wittenberg zurük. , Nürnberg hatte ihm izt eine Wohlthat zu verdanken, wofür man lange nachher noch sein Andenken segnete. Mehr noch hatten ihm nun die Kirchen und Schulen in Sachsen zu verdanken. Luther bat längst schon den Kurfürsten von Sachsen, die Kirchen und Schulen im Lande visi- tiren zu lassen, um Ordnung und Einigkeit herzustellen. Die Nothwendigkeit dieser Sache fiel in die Augen. Da gab es keine -Aufsicht, noch vielweniger bestimmte Geseze, nach welchen man sich richten konnte. Das Alte war abgeschaft, aber noch nichts Neues dafür gegeben. Da es aber immer-von einigen Vornehmen am Hofe Hintertrieben worden war, die ncmlich bei der Unordnung ihren Vortheil hatten und sich mit den kirchlichen Gütern bereicherten, so gieng Luther selbst einmal unangemeldet in das Zimmer des Fürsten und stellte ihm die Nothwendigkeit der Sache vor. - Melanch- ton war der — ncmlichen Meynung und hatte Luthers Vorschlag durch ein besondres Bittschreiben unterstüzt. Diese vereinte Bemühung hatte nun die gute Folge, daß verschiedene Theologen, unter welchen *) Siehe Strobel am angek» Orte S. rar — ioz^ z. xxxi. '39 Luther und Melanchton die Hauptpersonen waren, nebst einigen kurfürstlichen Rathen im Lande herumreisten und den Zustand der Kirchen und Schulen untersuchten. Für unfern Melanchton war dieser Auftrag überaus empfindlich. Es that ihm ausserordentlich weh, und gieng ihm sehr nahe ans Herz, wenn er die grosse Unwissenheit und den Aberglauben bemerkte, der unterm gemeinen Volk herrschte, und dabei so wenig Gelegenheit sich darbot, um all diesem recht bald entgegen arbeiten zu können. Denn selbst die Prediger waren damals nicht viel gelehrter, als die, welche von ihnen hätten unterrichtet werden sollen. „Wie kann man „es verantworten, (schreibt er) daß man die ar- „men Leute bisher in so grosser Unwissenheit und „Dummheit gelassen hat! Mein Herz blutet, wenn „ich diesen Jammer crblike. Ich gehe oft bei Sei- „te, und weine meinen Schmerz aus, wenn wir „mit der Untersuchung eines Orts zu Stande sind. „Und wer wollte nicht jammern, wenn man sieht, „daß die Anlagen des Menschen so ganz vernachlässiget werden, und die Seele desselben, die fio- „viel lernen und fassen kann, nicht einmal von ih- „rem Schöpfer und Herrn etwas weiß." Und an einem andern Ort sagt er: „Die Besuchung der „Kirchen und Schulen verursacht mir grosse Bc- „schwerde. Ich ziehe mir dadurch nur Haß zu, „weil ich der unbesonnenen Hize Einiger nicht zu „Willen seyn mag." So vielen Verdruß diese Arbeit ihm auf der «inen Seite machen mochte, so wohlthätig war sie dafür auf der andern Sekte. Sehr viele Misbräuche wurden izt abgeschaft, nüzliche Anstalten getroffen. Schulen errichtet, welche entweder noch gar nie waren, oder im traurigsten Zustande sich befanden; und an die Stelle jener Prediger, welche zu unwissend waren, um ihr Amt mit Ehre und Nuzen zu verwalten, nunmehr neue eingesezt. Jezo erhielt auch Melanchton von dem Kurfürsten den Auftrag, die bekannten Visitationsartikek zu schreiben. Sie enthielten eine kurze Anweisung, wie und was die Prediger und Schullehrer künftig unterrichten, und wie sie überhaupt den öffentlichen Gottesdienst einrichten sollten. Dieses Buch sollten sie nun immer vor Augen haben, um alle Ungleichheit und Unordnung zu vermeiden. Dabei umfaßt cs in einer angenehmen Kürze die wichtigsten Wahrheiten der Religion, und ist so geschrieben, wie man es von Melanchton nur immer erwarten konnte. Er schrieb es anfangs lateinisch unter dem Titel: „ 8nmmu sokkririse " und es erschien bald darauf ohne sein Vorwisscn im Druk. Weitläuftiger üdersezte er dis nachher in's Teutsche. Der Kurfürst übergab es zuvor dem Luther zuv Durchsicht. „Alles ist schon und vortreflich (schreibt Luther,) „w enn nur Alles so gethan und gehalten / -- ,4l „wird, wie es hier vorgeschrieben ist." Es wurde nun unter dem Titel gedrukt: „Unterricht der Visitation an die Pfarrherren im Churfürstenthum zu Sachsen. Wittenberg 1528." Dis Buch fand nun bei Vernünftigen einen so grossen Beifall, daß es in selbigem Jahre noch sechsmal neu aufgelegt und auch sehr oft noch in den folgenden Jahren gedrukt ward. Nicht allein Prediger, sondern überhaupt jeder Privatmann konnte sich daraus mit den wichtigsten Lehren der Religion bekannt machen. Vorzüglich war es andern Städten und Ländern sehr nüzlich, wo nem» lieh nach und nach die Reformation eingeführt wurde. Für diese war es die Norm, nach welcher man den äußerlichen Gottesdienst einzurichtcn und über kirchliche Angelegenheiten zu entscheiden psiegte. Allerdings könnte man den Grund des ausserordentlichen Beifalls, den jene Schrift erhielt, einzig in der Klugheit und Schonung finden, womit der Verfasser seine Gegner behandelte. Er suchte darinn diejenigen LehrsäZe, welche Luther in der Heftigkeit des Streits nicht behutsam genug ans- gedrükt hatte und die dessen Anhänger noch unvorsichtiger vorrrugen, besser und deutlicher darznstel» len, sie für möglichen Misdcutungen zu sichern, und auf diese Art allen, von den Katholiken der evangelischen Lehre gemachten Vorwürfen zu begegnen. „Bei diesem Buche, (so erklärt er sich 142 selbst einmal über dessen Absicht) „bin ich vorzüglich darauf umgegangcn, daß nur das nbthigste „und wichtigste in den Kirchen gelehrt und alle die ^Streitigkeiten übergangen werden möchten, die zu „einem christlichen Leben wenig beitragen. Jeder „nachdenkendc Leser wird daher oft genug auf Stellen stosscn, wo ich absichtlich vielen Gelegenheiten „zu Streitigkeiten zuvor gekommen bin." Weiser, guter Melanchton! wie viel Unheil würde in der "Kirche weniger entstanden seyn und zum Thcil noch entstehen, wenn du mehrere deines Gleichen gehabt hättest, wenn alle und vorzüglich die Lehrer der Kirche etwas von deiner Schonung und Dultung geerbt hatten! — Denn es war in der Thal zu fürchten, daß manche Lehrsäze Luthers unrecht verstanden, zu mancherlei Unordnungen und einem rohen Leben Anlaß geben möchten. So konnte die evangelische Lehre vom seligmachenden Glauben, misverstanden, zu der Meylnmg veranlassen, als ob ein frommes, untadelhafteö Leben dadurch überflüssig gemacht werde. Nachdrücklich scharst er es daher den Predigern ein, sie möchten ja dieser falschen Auslegung Vorbeugen und ihre Zuhörer ernstlich zur Besserung und Uibung guter Handlungen ermuntern. „Es ist nicht Noch, (sagt er dari'nn) daß „man viel disputirt von eigenem Verdienst. Viele „schreyen: gute Werke verdienen nichts. Da doch I4Z „viel besser wäre, man triebe die Leute, gute Werke „zu thnn und licsse die scharfen Disputationes fal- „len. Es ist genug, zu lehren, daß Gott solche „Werke fordere und Belohnung gebe. Viele Prediger trösten wohl die Leute und sagen viel vom „Glauben und Vergebung der Sünden, sagen „aber nichts von Busse, Gottesfurcht und Gottes „Gericht." Denn cs war allerdings gegründet, was man von katholischer Seite den evangelischen Lehrern vorwarf, daß man auf der andern Seite zu weit gieng und von guten Handlungen gar nichts wissen wollte. Weil auch Luthers Lehre von der christlichen Freiheit, nach welcher jeder Mensch in seinen Uiber- zeugungen von Gott und der Religion nicht gestöhnt werden dürfe, sondern seinen Einsicht a und Gewissen folgen könne, leicht Misversiändnisse verursachen konnte, so nahm er Gelegenheit, auch hiervon wcitlauftig zu reden. Er bewies daher, daß die Evangelische Lehre von den Unterthanen Gehorsam gegen die Obrigkeit fordere, und mithin die Beschuldigung der Katholiken nngegründet sey, als ob diese Lehre den in vielen Landern entstandenen Bauernaufruhr bervorgcbracht habe. Die Erfahrung, daß die Schüler öfterer die Fehler, als die Tugenden ihrer Lehrer nachznah- men suchen, fand sich auch damals bestätigt. Es ist nicht zu läugnen, daß Luther gegen den Pabst 144 und dessen Anhänger sich manche Heftigkeit erlaubt habe. Seine Schüler hingegen wußten sich kein grösseres Ansehen zu geben, als wenn sie in ihren Schriften und Predigten gleichfalls auf den Papst und seine Lehre losdonnerten, ohne zu überlegen, ob es in ihrer Lage zwekrvidrig sey und zur Erbauung diene, und ob sie auch in andern Stüken die wirklichen Tugenden Luthers nachzuahmen im Stande wären. Melanchton, eingedenk, daß diese Art des Vortrags der guten Sache nicht immer nüze, sondern oft schade, war mit allem Eifer bemüht, auch diesem Unwesen vorzubcugen. An mehrcrn Orten dieser Artikel bezeugt er seinen Unwillen über diejenigen, welche über den Schmähungen gegen den Papst und Andersgesinnte gerade die wichtigsten Dinge übersehen. „Die haben (das sind seine merkwürdigen Worte) den Papst „noch nicht überwunden, die sich dünken lassen, „ihn überwunden zu haben!" Ein katholischer Gelehrter, welcher diese Erinnerung MclanchtonS gelesen hatte, schrieb darüber: „Wenn deine Schü- „ler das thun und annehmen sollen, so müssen sie „hinfort langer auf eine Predigt studieren, denn „sie bisher gethan haben. Denn, wenn sie eine „Stunde geprediget haben, so sind fast drei Theile „davon mit Schmähung der Päpste und Bischöffe „verlaufen." Selbst Melanchton urtheilt über diesen Gegen» stand sehr weise» „Ich höre, (sagt er,) die neuert „Lehrer unsrer Kirche predigen und habe dabei oft „nicht geringen Verdruß. Denn ich kann gar „Nicht einsehen, was man durch das Zanken und „Poltern für Nuzen stiftet. Dem Volke muß matt „die Wahrheit vortragen und alle gelehrte Streitigkeiten weglasscn, welche nur für die Bücher gehören und, wo möglich, auch da vermieden werten müssen. Muß dadurch nicht Haß und Er- „bitterung von beiden Seiten entstehen, woran der „gemeine Mann gar nicht gedacht hatte, wenn er „nicht erst darauf aufmerksam wäre gemacht werten ?" Seit wie lange — man erlaube mir diese Frage — hat man wohl seinen Wunsch in Erfüllung gebracht und alle gelehrte Fehden und subtile Fragen von der Kanzel verbannt? — Allein selten gefallen einander zwcy Fusgänget- wovon der eine einen sanften gemäßigten, der andere aber einen raschen derben Schritt hat. Der sanfte und gelinde Vortrag, verbunden mit Mäs- sigung, deren sich Melanchton bediente, war manchem ein Acrgernis. Viele, die gar keinen Sinn für diese Tugend hatten, und denen nichts anders Willkomm war, als was recht hart und derb gesagt war> und nur aus Lärmen und Poltern bestand, zeigten ihren Unwillen über dieses Buch nicht undeutlich. Man girng hierinne sv weit- daß man ihn sogar rs 146 - in dem Verdacht hatte, als wär er auf die katholische Seite überzugehen, Willens. Er selbst klagt darüber: „Ich bin gemässigter gewesen, als man« „che wollen. Aber mir liegt nichts mehr am Herren, als öffentliche Einigkeit und Friede. Diesen wollte ich dadurch befördern, daß ich die Leh- „rer der Kirche zur Mässigung ermunterte und dis „zwar auf ausdrüklichen Befehl des Churfürsten." Auch den Luther suchte man wider ihn aufzuhezen» Allein diese Bemühung mislang. Besonders ver« suchte dis ein gewisser Agricola, welcher zu der Zeit Rector an der Schule zu Eisleben war. Dieser Mann, der vom Melanchton viele Freundschaftsbeweise zuvor erhalten hatte, zeichnete sich izt dadurch aus, indem er über seinen Freund mit vielen Schmähungen herfiel, und, da dieser wider sein Erwarten, so gelassen blieb, ihn sogar bei Hofe in Übeln Ruf zu bringen suchte. Der Kurfürst , von dem Wunsche durchdrungen diesem Zwist ein Ende zu machen, berief Luther», Melanchton, so wie auch den erwähnten Agricola zu einer freundschaftlichen Unterredung nach Torgau. Man entsprach auch der Absicht des Fürsten. Luther schreibt davon: „Der bekannte Streit zu Torgau „hatte nichts auf sich. Er wurde gar bald beige- „lcgt, und wir denken nun alle übereinstimmend." Wie war auch anders der Anögang eines Streites zu erwarten, worum der friedliebende Melanch- - -47 ton verwikelt ward? Die Aeusserung desselben laßt uns schon dieses errathen; — eine Aeusserung die ihn in einem zu schönen Lichte darstellt, als daß ich solche hier übergehen dürfte: „Wenn edle „und gute Handlungen uns schon an und für sich - „einen wahren Werth crtheilen, und nicht erst die „Belohnungen der Welt, so bin ich für das er- „stere, wie ich hoffe, am meisten bemüht gewesen. Uiber die Belohnungen bin ich nicht sehr „bekümmert. Schon längst erfuhr ich, wie sehr „mich einige hassen. Konnte mich irgend eine „Rüksicht auf die Gunst anderer bei meinen Handlungen bestimmen, so würde ich vielleicht unwilliger über den Thoren, (er mcynt hier den Agri- eola) „seyn, welcher mit mir und meinem guten „Namen sein Spiel treibt. Zorn und Haß ist „aber meinem Herzen zu fremde, um aus dieser „Ursache etwas pflichtwidriges zu thun. Und für „meine Ehre sorge ich weniger, als daß ich sie „zum Nachtheil des gemeinen Besten vcrtheidigcn „sollte. Niemals habe ich den nur für einen mit« „reinrassigen Mann gehalten, der das gemeine Be- „ste seiner Ehre unterordnet und von der Gunst „anderer abhängig ist." — Ein Ausspruch, den all diejenige beherzigen möchten, welche unfähig, Widerspruch zu ertragen, sich sogleich vom wilden Strome ihrer Leidenschaften hinreissen lassen, dann in den unanständigsten Ausdrüken auf ihre Geg- ner losgehen und sich wenig bekümmern, ob ein« dere ein Aergernis nehmen oder nicht. So wenig indeß diese Schonung in etwas andern, als in Melanchtons Pflichtgefühl, so wie in dessen ganzen Karaktcr ihren Grund hatte, so war sie doch wirklich die Folge davon, daß man es von Seiten der Katholiken für leicht hielt — ihn zu ihrem Anhänger zu machen. Man sah diese Schrift fast allgemein als einen heimlichen Widerruf der Evangelischen Lehre von ihm an, so wenig man dazu nur einigen Grund gehabt. Es ergiengen daher vcrschiedentliche geheime Aufforderungen an ihn, izt zur katholischen Partei zurükzukehren. In dem leztern Falle waren nun die Versprechungen sehr ansehnlich, welche man ihm machte. Was Mclanchton darauf geantwortet und über diesen Punkt gedacht habe; dis kann ich nicht besser, als mit dessen eignen Worten hier ansdrüken: „Man bittet mich (schreibt er einem seiner Vertrauten) ^die Sache der Evangelischen zu verlassen, und erbietet sich, mich „dafür reichlich zu belohnen. Sie halten mich für „wankend und zweifelhaft, weil ich in den Visi- „tationsartikeln schonend gewesen bin. Und gleich- „wohl sieht jeder, daß ich in denselben nichts anders niedergeschrieben habe, als was hin und „wieder Luther selbst gelehrt hat. Weil ich aber „alle harte und derbe Ausdrüke vermieden habe. - 149 „meynen sie, ich sey mitLuthern nicht cinverstan- „dcn. Die weisen Herren!" Dieser verschiedenen Urtheile ohngeachtet, blieb ihm doch dis Buch eines seiner liebsten Bücher, die er jemals schrieb. Noch am Abend seines Lebens sah er darauf mit Vergnügen zurük, weil es, wie er nicht mit Unrecht glaubte, zur Tilgung vieler Misbräuche und Jrrthümer und zur Einigkeit und Frieden nicht wenig beigetragen habe. Seine Verrichtungen zu Speyer, Marburg und Augsburg. V 3 eit gefehlt, daß zuvor erwähnte schiefen Urtheile und Aufwieglungen seiner Feinde ihm schadeten, dienten solche vielmehr dazu, ihm seine Achtung bei allen Rcchtschafenen und vorzüglich sein Vertrauen bei dem Kurfürsten zu Sachsen zu vermehren. Ein beweis davon war es, daß ihn dieser Herr mit auf den Reichstag nahm, welcher im folgenden Jahre 1529 zu Speyer gehalten ward, und sich bey dieser Gelegenheit sehr oft seiner Rathschlage bediente. Schon hier wurden verschiedene Beschlüsse zum Nachtheil der evangelischen Stände gefaßt. Die leztern brachten zwar dagegen ihre Beschwerden ein, aber man schien darauf 15O - keine Rükficht nehmen zu wollen. Doch betrug sich auch izt Melanchton nach seiner gewöhnlichen Weise. Wenn ncmlich einige von evangelischer Seite durch ein unvorsichtiges und zwekwidriges Betragen den Haß und die Erbitterung der Katholiken reizten, so war Er eS wieder, der solche Handlungen zu mildern, und, wo möglich, wieder gut zu machen suchte. Er widerriet!) es schlechterdings,, schon izt gewaltsame Maasrcgeln zu ergreifen. Weit entfernt, die Sache zu mißbilligen, welche man vertheidigte, tadelte er nur oft die Art, wie man seine Absichten durchsczen wollte. Da er selbst alle Jrrthümcr haßte und nichts so sehr wünschte, als die Wahrheiten der Religion von menschlichen Ausäzcn zu reinigen, so miSfiel ihm doch die Hastigkeit, womit Manche diese Aufklärung betrieben, die, stolz auf ihre neuen Einsichten, Andere verachteten und hiedurch der guten Sache mehr schadeten, als nüzten. „Es ist vcr- „dricslich, (schrieb er von Speyer aus,) wenn Ei- „nige so sehr stürmen. Dadurch werden die Sa- . „chcn schlimmer, da man sie doch besser machen „will. Ich verkenne ihre guten Absichten nicht. „Aber man sollte mich nur nicht fragen, wenn „man über meine Einwendungen unzufrieden ist, „Kann ich dafür, wenn ich nicht so hizig bin? „Dabei nimmt man gar nicht auf Zeit und Um- „stände Rüksicht, und nennt mich einen verzagteg „Mann, wenn ichs thue. Gott wird alles leiten „und lenken. Ihm sey die Sache heimgestellt" Daß jedoch sein Nachgeben nicht über die Pflicht hinaus gieng, daß er vielmehr ohne Furcht wider» sprach, wo er widersprechen muste, bewies allenfalls sein Betragen zu Speyer. Es geschah mit seiner vollkommenen Einwilligung, daß man gegen die ungerechten Beschlüsse des Reichstags förmlich prvtestirte und dabei an ein freies Eoncilinm, so wie zugleich auch an den Kaiser, der beim Reichstag nicht zugegen war, förmlich appellirte. Diese Protestation ward nun auch dem Kaiser überliefert, der eben auf einer Reise nach Italien begriffen war; und von dieser Protestationsgeschichtc leitet sich denn nun der eigentliche Ursprung des Namens — der Protestanten her. Dieser Name hatte eigentlich, wenn man auf die Geschichte seiner Entstehung Nüksicht nimmt, keinen andern, als nur jenen Sinn, nichts für wahr anzunchmen, was sich nicht aus Vernunft und Schrift beweisen läßt, sich keine Uibcrzeugun- gen ohne Gründe jemals aufdringen zu lassen; von menschlichen Meynnngen, von den Ansprüchen gewisser Personen, von den Überlieferungen des Alterthums nicht abhängen zu wollen, sondern beständig seine Meynnngen nach dem Grade seiner Einsichten zu verbessern. — Schöner hoher Geist hrs ächten Protestantismus — wie wenige, dir Protestanten sich nennen« können nun deiner Herberge sich rühmen! Eben diesen Namen führt nun auch noch die reformiere Religionspartey, welche eben so, wie die Anhänger Luthers sich von den (damaligen) Misbräuchen der römischen Kirche losgewundcn hatte. Fast in allen Lchrsazen stimmten sie mit einander ein, bis auf die Abweichung in der Lehre vom Abendmal. Dis war freilich um so mehr zu bedauern, je mehr dieser einzige Umstand Gelegenheit zu Streitigkeiten gab und die Gemüther gegen einander in Währung brachte. Schon damals fühlte man das Unangenehme dabei, und versuchte daher alles mögliche, um beide Parceyen mit ein? ander zu vereinigen, In dieser Absicht mußten sich die vornehmsten reformirten und evangelischen Theologen — unter welch leztern Luther und Melanchton die vorzüglichsten waren — zu Marburg noch im peinlichen Jahre ( 1529) versammele und sich über ihre Meynungen besprechen, Es läßt sich im voraus erwarten, wie thätig unser Melanchton in Beförderung dieses schönen Iweks sich bewiesen haben mag, In der That lies er auch, um sie einander naher zu bringen, nichts unversucht. Aber, wie es gemeiniglich geht, wenn zwei Personen Gründe für ihre verschiedene Meynungen einzusehcu wähnen. Jeder glaubt, hie Wahrheit auf seiner Seite zu haben, und trägt daher Bedenken, dem andern beizustimmen. So auch hier, Luther und Zwingli —- denn so hies die Hauptperson und gewissermasen der Stifter der reformieren Religivnspartey— konnten nicht ganz mit einander einstimmig werden. So empfindlich dis für Mclanchton war, so freute es ihn doch, durch freundschaftliches Zureden, durch Bitten und Vorstellung der Übeln Folgen, die man im Gcgentheil zu erwarten hätte, soviel bewirkt zu haben, daß beide Partcyen, mit Liebe und Freundschaft künftig einander zu begegnen und ihre Lehre gemeinschaftlich gegen die Katholiken zu vertheidi- gen, versprochen hatten. Daß man diesen Umstand vorzüglich dem Einflüsse Melanchtons zu verdanken gehabt; dis bezeugte nun Luther selbst an mehreren Orten: „Philippus (spricht Lezterer) ist mir lieb zu Marburg „gewesen, denn, wo ich zu hizig wurde, hat er „mir immer den Zügel gehalten und Frieden und „Freundschaft nicht sinken lassen." Wie groß aber dieses Verdienst war, wird erst derjenige beurtheilen können, welcher die damalige Lage dcx Dinge genau überdenkt. Die neuen Re- ligivnsparteyen konnte nun nichts mehr in den Augen der Katholiken herabsezen, und Leztere von dev Annahme der Lehrsäzen der erstery abfchreken, als >54 wenn man unter jenen selbst Uneinigkeit, Haß und Verfolgung bemerkte. Uibrigens hat Melanchton jene Empfindungen hierüber, welche damals sein Herz durchkreuzten, selbst seinem Bruder Georg zu Bretten — der ihm in wenigen Zeilen von dem kurz zuvor daselbst erfolgten Tode seiner Mutter Nachricht gab — in einem besondern Briefe zu erkennen gegeben. *) Obiger Brief an Georg Melanchton lautete . von Wort zu Wort folgendermasen: „Du hast also dein Versprechen, hieher zu kom- „men, nicht gehalten, wie ich doch sehr gewünscht . „hatte. Jeden Lag habe ich auf dich gehoft, und „dis aus zwei Ursachen: Erstlich wollte ich gern noch „mehr von dem Lode meiner Mutter wissen, von „welchem du mir so wenig geschrieben hast. Ich wei- „he ihr noch manche Lhräne. Daß sie noch meiner „in ihren lezten Augenbliken erwähnt hat, freuet „mich herzlich. Kannst du dich von Geschäften los „machen, so komm und erzähle mir alles ausführlich. Sodann solltest du mich auch bei meinen jetzigen Sorgen trösten und aufrichten. Mein Herz „ist voll von Kümmernissen. Die beiden Männer, „Luther und Zwingli, können nicht Übereinkommen, „welches doch mein sehnlichster Wunsch wäre. Herr, „wenn wirst du Friede in deinem Reiche schaffen! „Man wird sich noch so lange streiten, bis es den „Heiden ein Greuel ist. Da disputiren sie über das „Abendmal, als ob sie in den Himmel gesehen und »Lesum gefragt hätten, wie er die Worte: das ist. Nicht minder vorsichtig, aber auch nicht weniger wohlthätig war sein Betragen zu Augsburg, wo die Morgenröthe des lichten Tags in der Religionsgcschichte izt anbrach. Denn dahin hatte Kaiser Karl V. — rin Herr, dessen Weisheit und kluges Betragen in gleichem Verhältnisse mit seiner Bildung standen, der aber nicht immer handeln konnte, wie er wünschte — im Jahr izzo einen Reichstag ausgeschrieben, allwo er die ent- standncn Religionsstreitigkeitcn untersuchen und dann auch darüber entscheiden wollte. Man konnte sich freilich auf evangelischer Seite picht viel gutes davon versprechen; denn die katholische Partei war weit stärker und zahlreicher, pls jene. Der Kurfürst von Sachsen war auch schon ziemlich entschlossen, sich diesem Reichstage „mein Leib! verstanden habe. Sie werden es doch „hier auf Erden nicht ausmachen, und es gehört „auch wohl nicht für uns Schwache, alles «rgrübeln „und erforschen zu wollen. Genug wenn wir nur „wissen und glauben, was zu unscrm Heile nöthig „ist. Das übrige macht nur Zank, woran gewiß „der Herr keinen Gefallen hat. Ich für meinen „Theil werde so gesinnt bleiben und mich nicht verkündigen. Du aber komm und tröste deinen Brüsker. Geschrieben zu Marburg im Jahr 1529." S. st. Loh. Fr. Wilh. Tischer, PH. Me. lancht. Leben, 2te verbeff. Auflage, Leipzig igoi. S. 195 —Iy6. < IZb - Vicht zu unterwerfen und von nun an, Gewalt mit Gewalt zu verdrängen. Nur Luther und Me- lanchton waren es, die allein noch ihn davon zu- rük hielten. Leztercr vorzüglich stellte ihm nun die Gefahr vor, in welche man sich dadurch versczen könnte! er schilderte ihm die Kriege und das daraus entstehende Blutbad der Unschuldigen dabei, als unausbleibliche Folgen davon. Noch einmal, rieth er, müsse man den Weg der Güte versuchen und den katholischen Rcichsstandcn die neuen Religionslehren in ihrem Zusammenhang, so wie in ihrem wahren Lichte vortragen; chs gegen welche sie blos deshalb so sehr eingenommen wären, weil man sie ihnen vielleicht von einer falschen Seite vorgestellet hätte. Melanchton erinnerte seinen Fürsten an die hohe Seligkeit der Friedliebenden und an die Warnung, welche Jesus bei seiner Gefangennchmung dem hi- zigen Petrus gab: „steke dein Schwerdt in die „Scheide; denn wer das Schwerdt nimmt, der „soll durch das Schwerdt umkommen. " Man müsse, war seine Meynung, so lange nachgeben, bis man einer auödrüklichen Pflicht zu nahe treten würde. Solche und ähnliche Vorstellungen, die beide Männer ihrem Fürsten thaten, bewirkten endlich, baß der Kurfürst noch einen Versuch der Güte wagte, und auf dem Reichstage zu Augsburg in Begleitung Melanchtons und andrer Theologen erschien, Luther allein ausgenommen, den man zu Koburg lies, indem man ihn zu Augsburg nicht sicher genug glaubte. Dabei hielt man es für gut, ^ dem Kaiser und den übrigen Reichsständen ein kurzes Bekenntnis von jenen Ueberzeugnngen zu über- i reichen, welche die evangelischen Stande in Ansehung der Religion und deren Ausübung hegten, und in welchen Punkten sie sich von der katholischen Kirche unterschieden. Die Verfertigung des- ! selben trug man nicht ohne Grund dem Melanch- ton auf, zu dessen Klugheit und Rechtschaffenheit i man ein gleich grosses Zutrauucn hatte. Luther, ^ besorgte man, würde mit seiner gewöhnlichen Harte i und Schärfe verfahren, und dadurch die katholi- s schm Stände nur noch mehr erbittern. , - Auch dismal entsprach Melanchton der von ihm j gehabten Erwartung. Die Augsbnrgischc i Konfession — so Heist dieses Bekänntnis, weil > es z» Augsburg dem Kaiser und übrigen Stän- j den des Reichs übergeben ward — athmete ganz ! den Geist der Schonung und Liebe, so wie auf der andern Seite nichts zu widerlegen und zu bc- i streiten vergessen worden war, was von den evan- Ä gelischen Ständen für Jrrthnm gehalten wurde, z Nur einiger Misbräuche war noch nicht gedacht, ! um die Gegenpartei) nicht zu sehr zu erbittern. 1 Selbst Luther, dem man diese Schrift zur Durch- -58 - sicht nach Kobnrg schlkte, war damit vollkommen zufrieden , und erinnerte nur, er könne nicht so sanft und leise auftreten, wie sein Freund. Alle evangelischen Stande unterschrieben sie nun, wiewohl diese nicht ganz dem Wunsche MelanchtonS gemäs war, indem er sie nicht von den Fürsten und Standen selbst, sondern nur von den Theologen unterschrieben wissen wollte. Denn er glaubte, es würde im leztern Fall weniger Aufsehen machen und die Fürsten und Stände nicht selbst dadurch in Streit verwikelt werden. Jndeß hielt man jedoch die Unterschrift der erster» für wirksamer, mit welcher sie auch wirklich vor allen Reichs- siänden in teutscher und lateinischer Sprache vorgelesen ward. Der Erfolg war nun, wie man ihn voraussehen konnte. Denn wenn auch einige katholische Fürsten von nun an glimpflicher über die sogenannten Kezer und Jrrlehrer urtheilen lernten, so war man doch noch all zu sehr mit Vorurtheilen umgeben , als daß man ihnen einigen Beifall hatte wiedmen sollen. Vielmehr wurde dafür der harte Beschluß gefaßt, wornach alles ungültig seye, was man in der Lehre und in den kirchlichen Gebrauchen geändert habe, und daß alle katholischen Stände mit ihrer ganzen Macht die Jrrlehrer unterdrü- ken sollten. Ich würde etwas vergebliches unternehmen, i wenn ich jene Sorge und Arbeit hier darstellen wollte, welche dis ganze Geschäft unserm Melanch- ton verursachte. Er war sich der guten Sache zwar bewußt und vollkommen davon überzeugt, daß die Jrrthümer, welche man bestritt, keineswegs zu dulden wären. Er sah, daß die neuen Lehrsäze selbst ? aus der Schrift hergenommen wären; zu deren ! Verbreitung er auch selbst nicht wenig beigetragen hatte. Nur ein einziger Blik auf seine redlichen Absichten hiebei, konnten ihm neuen Much ver- i schaffen: Aber demohngeacht sah er's ungern, daß ^ man ihm Alles hierinn überlassen hatte. Die Vor- 's stellung von seinen eigenen Fähigkeiten war in ihm ! viel zu gering, und das ganze Geschäft schien ihm j zu groß zu seyn. Er hatte nemlich ein so zartes ! Gewissen, daß er sich tausend Besorgnisse darüber i machte, als könnte durch seine Schuld die Sache ! vielleicht noch mehr verschlimmert weiden. Ein unfürsichtigcr Ausdruk, eine zu dreiste Behauptung, eine mangelhafte Darstellung, ein Gedächtniöseh-- ler, ein falsch gebrauchtes Wort, dünktcn ihm Unglük und Verderben über den Staat und die Religion herbeizusühren, die Erbitterung zu ver» ^ grossem, Friede und Einigkeit zu vernichten und i Kriege und Blutvergießen zu beschleunigen. Ich ! scheue mich nicht, hier deshalb zu behaupten, daß ! nicht leicht Jemand, der je was niederschrieb, Al- i les dabei so abgewogen, so über jedes Wort nach- ibo ——— gedacht- so all nur mögliche Auslegungen seiner Ausdrüke zuvor überlegt, so auf alle Umstande Rüksicht genommen; kurz, es so bedächtig geschrie« den habe — als Er. Denn dis kann man sehr deutlich aus jenem Briefe^) sehen, den er gerade zu der Zeit an seinen Bruder, Georg Melanchton schrieb. *) Es ist wohl der Mühe werth, obigen Brief Philipp Melanchtons an seinen Bruder Georg, wörtlich hiev einzurüken: „Fast möchte ich glauben, ich tey unter einem un- „glüklichen Himmelszeichen gebohren, denn gerade „das, was mein Herz am mehresten angreift, muß „ich erfahren. Armuth, Hunger, Verachtung und „andere Uebel will ich gern erdulden; aber was „mich ganz niederschlägt, ist Jank und Streit, dazu „bin ich schlechterdings nicht geschikt. Ich soll das „Buch schreiben (— er meynt hier die Augsburgische Konfession —) „das dem Ständen übergeben wer- „den soll; aber ich sehe im Geiste voraus die Schmähungen, Kriege, Verheerungen und Schlachten, „und wenn cs nun an mir lag, daß ich es verhin- „dern konnte? Herr, auf den ich traue, hilf du „wir selbst. Du richtest uns, wie wir gesinnt sind! „die Sache darf ich Nicht verlassen, so lange ich lehr , aber durch meine Schuld soll auch der Friede „nicht gehindert werden. Es wollten andere Theologen das Buch schreiben, und wollte Gott! man „hätte es ihnen zugelassen. Vielleicht hätten sie eS „besser machen können. Nun sind sie unzufrieden „mit dem weinigen, und wollen einiges geändert ' ' röl Männer, welche ihn damals besuchten, haben ihn oft stumm und weinend gefunden. Immer ängstigte ihn der Gedanke, ob und wieviel er seines Gewissens wegen, nachgeben könne und dürfe. Immer glaubte er, noch nicht klug und vorsichtig - genug verfahren zu scyn. Aber nicht genug an dem! Sein Uiberlegen, sein Nachsinnen, das ihn so verlegen machte, wurde noch überdis von beiden Theilen übel ausgelegt. Das wenigste, dessen ihn die Evangelischen beschuldigten, war seine allzugroffe Nachgiebigkeit gegen die katholische Partey. Ja, es gab Menschen, die noch weit schlimmer dachten, und es sogar wagten, verläumderischerweise von ihm auszubreiten, als sey er deshalb mit Gelde bestochen worden. Sich nun der redlichsten Absichten hierimrr bewußt, mußten ihn allerdings dergleichen Beschuldigungen nicht wenig kränken; jedoch waren sie alle keineswegs vermögend, ihn von seiner gewohn- „haben. Hier ruft einer, dort schreit ein anderer» „Aber wenn ich es machen soll, muß ich auch meine „Art beibehalten und alles fliehen, was noch mehr „erbittert. Ich schreibe, bedenke mich, bessere, ändere wieder und Gott ist mein Zeuge, meine Abrichten sind gut, aber der Lohn wird seyn, daß man „mich haßt. Erquike du mich bald mit einem Briefe. „Geschrieben ;u Augsburg im Jahr« 1530." S. >!. Ioh. Fr. Wilh. Tischer am angef. Orte S. ly? —19g, Ll i6s liehen Handlungsweise nur in Etwas abzubringem. Er beruhigt^ sich indeß einzig mit dem Beifall seines guten Gewissens, so wie auch mit jenem — aller Rechtschaffenen. Denn, obgleich selbst Luther nicht immer mit den vielen Besorgnissen und Bedenklichkeiten desselben zufrieden war, so schrieb er ihm doch beständig von Koburg aus Briefe, die shn zuweilen trösteten und aufrichteten. Trost bedurfte er auch, denn die katholische Partei unterstes nicht, eine Antwort zu besorgen, wodurch das übergebene VekänntniS der Evangelischen widerlegt werden sollte. Auch diese ward vor den Reichsständen vorgelescn. Der Kurfürst von Sachsen erbat sich davon eine Abschrift, um darauf eine Gegenantwort verfertigen zu lassen. Aber umsonst l Jedoch hatte man während des Vorlesens sehr genaue Acht gehabt und die wichtigsten Punkte sich aufgcmerkt, so, daß man dem Melanchton von neuem auftrug, izt eine Apologie; oder Vertheidigung des ersten Bckänntnisseö niederzuschreiben. Mit eben dem Fleise und der ncmli- chen Sorgfalt that er auch dis., und erklärte sich nicht nur über manche Dinge viel weitläuftigcr, sondern er unterstüzte auch andere mit mehreren Gründen. Weil er niemals sich selbst Genüge that, daher immer an seinen Arbeiten feilte und ausbef- serte, so gab er auch diese Schrift von Zeit zu Zeit immer vollständiger und verbesserter heraus. — Ein - I6z Umstand, der zu vielen Veränderungen und gehässigen Anklagen Gelegenheit gab, deren man sich gegen ihm izt erlaubte. Noch mehr aber der folgende. Um nun eine Vereinigung zwischen beiden Parteyen zu bewirken, ward ein Ausschuß von sieben Theologen von beiden Seiten erwählt, die sich über die strittigen Punkte berathschlagen und, wo möglich, iw eine Uibercinstimmung kommen sollten. Die sieben wurden aber, um jene Absicht noch eher zu erreichen, bis auf Drey vermindert; und unter diesen war nun, evangelischer Seits, Melanchton — der einzige. Er hatte sich sehr dawider aufgelehnt, weil er die Wichtigkeit dieses Geschäfts verstanden hatte und daher sehr leicht voranssehen konnte, wie sehr ihm seine Gegner zusezen und eine Uibcrein- siimmung mit ihnen abnöthigcn würden. Allein, seines äußersten Bestrebens ohngeacht, war doch keine Uebereinkunft mit solchen möglich. Melanchton war doppelt misvergnügt hierüber, indem er von der einen Seite izt seine schöne Absichten verfehlt, und von der andern sich noch obendrein den Unwillen der Evangelischen, in deren Augen er der Gegenpartei) schon zu viel nachgcgcben zu haben schien, nunmehr zugezogcn sah. Man gicng endlich von beiden Seiten ganz unverrichteter Sachen auseinander. n Vielmehr lies der harte Beschluß des Reichstags die Evangelischen Stande keine glükliche Zukunft ahnden. Die Gefahr, die ihnen izt vorschwebte, war wenigstens nicht gering. Izt glaubten sie nemlich, in der nähern Verbindung miteinander, ein Mittel zu finden, diese Gefahr, wo. nicht abzuwenden, doch wenigstens zu vermindern. Sie schloßen daher im Jahr izzi zu Schmalkalden, der gegenseitigen Verteidigung wegen, — ein Bündnis. Es ist merkwürdig, Melanchtons eignes Ur- theil darüber zu hören: „Unsere Fürsten (sagt er) „wollen in ein Bündnis zusammen treten, und „scheinen ziemlich darauf zu vertrauen. Es kann „auch wohl gut und nöthig seyn; aber Gott mag „es wissen, ob ich Recht oder Unrecht habe. Denn „ist dieses Bündnis nicht gleichsam Aufforderung „zum Kriege? Ist es nicht schon heimliche Rü- „stung gegen die Feinde? Ich bin unschuldig an „dem Blute, das vergossen werden wird." Wie froh war nicht Melanchton, als er nach diesen drükenden Sorgen einige Erholung in dem Unterrichte der Studenten wieder fand, dem er, nach seiner Rükkehr nach Wittenberg aufs neue mit ganzem Eifer sich nun wiedmen konnte. „Ach, (schreibt er) „wenn man mich doch nicht auS „meinem Hörsaalc abrufte, und ließe mich zum „Besten der Jugend ungesiöhrt arbeiten. DaS ist „meine Ruhe und Freude. Für andere Dinge bin - i6z „ich zu weich und ungeschikt." Die Gefahr hin» gegen war doch nicht so nahe, als Melanchtvn glaubte. Teutschland hatte, im Grund genommen, zu» viel von auswärtigen Feinden zu besorgen, als daß man gegen die neuen Religionsparteyen vor der Hand feindselig hatte verfahren können. Dis war denn auch die Ursache, warum der Kaiser den, im Jahr izzr zu Nürnberg geschlossnen Frieden izt selbst befördern half. Hier ward den Lutheranern bis zu einer bald anzustcllenden Kirchenversammlung, bei welcher Gelegenheit die ob» waltenden Strittigkcitcn weiter untersucht werden sollten, gänzliche Sicherheit versprochen. Melanch- ton, immer das Beste zu hoffen gewohnt, hatte zu einer solchen Kirchenversammlung izt mehr Vertrauen, als selbst — Luther. Auf seine Veran» lassung hatte man daher eingewilligt, daß sie der Papst zusammenberufen und darinnen das Präsidium führen sollte. Aber weder Er, noch Luther, wollten, was die katholische Partei doch durchaus verlangte, im voraus versprechen, sich den Beschlüssen jener Versammlung auf jeden Fall ganz unbedingt zu unterwerfen, sie mögen nun ausfallen, wie sic wollten. Es sey ungerecht, bewies izt Melanchtvn ganz juristisch, daß Jemand sich zu Etwas verbindlich machen sollte, wovon er noch keinen Begrif —— habe. Doch, man stritt hier über eine Sache, die vor der Hand nicht zu Stande kam. Wenigstens erlebte sie nicht der Kurfürst von Sachsen, Johann, der Standhafte genannt, indem er, noch in diesem Jahre starb und seinen Sohn, Johann Friedrich zum Nachfolger hinterstes; der unfern Melanchton nicht minder schazte, denn zuvor sein Vater, und dann für die manchfache Leiden, die sein Loos gewesen waren, zwar nicht durch glanzende Belohnungen, sondern vorzüglich durch innige Hochachtung und Anerkennung seines Werths ihn sehr öfters schadlos hielt. Das Jahr rzzz rollte nun nicht ruhiger, als die vorigen für ihn ab. Neue Sorgen bestürmten ihn. Die Schule zu Nürnberg, die ganz sein eignes Werk einst war, hatte durch eine in jener Stadt entstandne Pest sehr viel gelitten. Jndeß nun Melanchton für die Wiederaufnahme derselben, so wie zugleich auch um die Aufmunterung seiner dortigen Freunde durch Trostbxiefe bemüht war, entstand das ncmliche Unglük zu Wittenberg, so, daß die ganze Universität, der Pest halber, von Wittenberg nach Jena sich flüchten mnste. Man kann sich nun leicht denken, wieviel Me- lanchton's welches und gut gestimmtes Herz dabei erdultet haben mag! Melanchtons Ruf nach Frankreich und England. gefühlvolle Menschen leiden unter allen Sterblichen gewiß am meisten, indem sie mehr noch von fremdem Unglük, als von ihrem eignen empfindlich angegriffen werden. Der ist der glüklichfte, der überhaupt gegen das, was man Schiksal nennt, eine gewisse Art von angeerbter Gleichgültigkeit be- stzt. Aber ist er wohl auch der Achtungswürdigste? — Melanchton wenigstens hatte diese Indolenz gegen fremde Ereignisse nicht. In seinem bisherigen Kummer gesellten sich nun die tmnrigen Nachrichten, welche von Zeit zu Zeit von Frankreich einliefcn. Auch in dis Reich war die verbesserte Lehre sehr frühzeitig cingcdrungcn. Allein unter denen, welche dort diese Lehre angenommen hatten, gab es auch manche unruhige schwärmerischen Köpfe, deren unvernünftiger Eifer keine Schranken kannte. Anstatt ihre bessern Einsichten in der Religion mit kluger Mäßigung zu verbreiten, hinderten sie selbst durch ihr ungestümmes und tumul- tuarisches Verfahren nur den Fortgang der Reformation. Nicht genug, daß sie die katholische Religion insgeheim auf mancherlei Weise lächerlich zu machen suchten, streuten sie auch in Frankreich yiel öffentliche Schmähschriften dagegen aus, und schlugen einige davon sogar in den Strassen von Paris, so wie nicht minder auch an den Pallasi des Königs an. Dadurch verfehlte man nun frei» lieh seinen Zwek, Der König und die Anhänger der katholischen Religion wurden durch solche zwek- widrige Handlungen so aufgebracht« daß über die Urheber derselben die schärfsten Untersuchungen angestellt, und viele, der peuen Lehre verdächtige, Männer, worunter manche an jenen Unruhen gar keinen Theil genommene sich befanden, den grausamsten Martern izt übergeben wurden. Ein so hartes Verfahren erregte viel Aufsehen, Der König , um seine Ehre zu retten, hielt es daher für nöthig, ein wcitläuftiges Ausschreiben nach Teutsch- land ergehen zu lassen, worinn er die bisher bewiesene Strenge zu entschuldigen suchte, auch von der Zeit an sie nun ZU mildern schien. Denn in Frankreich gab es auch wirklich unter den Grossen verschiedene, die zum Theil bessere Religionskännt- nisse bcsaffen, theils — die Schädlichkeit mancher Jrrthümer und Misbräuche einsahen und mit der Verfolgung der Protestanten gänzlich unzufrieden waren. Unter diesen Männern zeichneten sich vorzüglich die Gebrüder Bellay auf eine sehr rühmliche Art aus. Der «ine, Johann Bellay, war Erzbir schof zu Paris, nachher Kardinal; der andere Bruder, Wilhelm, war königlicher Minister und Ge- sandten. Beide traten sehr bald mit Melanchton in Briefwechsel. Lezterer munterte izt beide dazu auf, Metz mögliche zu thun, um dem Könige sanftere Gesinnungen einzuflössen. „Ich beschwöre Sie, (schreibt er unter andern an Wilhelm Bellay) „bei dem Auskommen der Wissenschaften, bei dem „Wohl der Kirche, bei dem allgemeinen Besten, ja „zu verhindern, daß man bei den Religionöstrei- „tigkeiten nicht Gewalt braucht, sondern, wie es „die Würde grosser Könige erfordert, gemässigte „Gesinnungen angenommen werden." Diese beiden Männer, die so grosse Hochachtung für Melanchton fühlten, nennten mit Beifall einmal seinen Namen vor dem Könige, und brachten es dahin, daß einige seiner theologischen Schriften ihm vorgelesen wurden. Der König, darüber erstaunend, daß man ihn bisher mit falschen Vorstellungen von der neuen Religivnslehrr hingehal- ten hatte, ward durch die deutliche und gründliche Darstellung in Mclanchtons Schriften nicht wenig überrascht. Bellay lies sich nun ein Religions- bedenken von Melanchton fertigen, worinn ein Vorschlag gethan wurde, was beide Parteycn nachge- ben könnten, um «ine Vereinigung zu bewirken. Dis gefiel dem Könige so sehr, daß er sogar den Wunsch äußerte, den Verfasser davon selbst zu sprechen. „Der König — (so schrieben die Gebrüder Bellay an Melanchton) — ist durch Ihre - 7 ° „Schriften selbst zweifelhaft geworden, und es fehlt „nichts, als ihre Klugheit, ihn ganz zu leiten, „Er, ein von Natur gutmüthiger Herr, wünscht „den bisher entstandenen Uebeln abzuhelfen. Er „erkennt auf der einen Seite die Miöbrauche bei „der katholischen Religion, und auf der andern « „Seite erblikt er die ungestümen und gefährlichen „Handlungen einiger Aufklärer, welche die neuen „Lehren vertheidigen. Dabei ist er so mit Achtung gegen Sie erfüllt, daß er Bedenken trägt, „ohne Ihren Rath einen Entschluß zu fassen. Wir „ersuchen Sie also einmüthig, zu uns zu kommen, „da der König Ihnen sicheres Geleite und Schuz „geben will. Sehen wir Sie hier, so sehen wir „unser Glük. Hören wir bei diesen jezigen Stürzen, in welchen wir uns befinden, von Ihrer „Ankunft, so glauben wir einen sichern Hafen gc- „funden zu haben. Achten Sie aber nicht auf des „Königs Wunsch, sso verläßt uns alle Hofnung, „und der König wird glauben, daß Sie entweder „zu ihm oder zu ihrer neuen Lehre kein Vertrauen „haben." Der König selbst schrieb einen Brief an Me- lanchton. Vielleicht ist eS meinen Lesern nicht unangenehm, wenn ich ihnen dieses Schreiben in einer deutschen Uibersezung hier mittheile: An M. Philipp Melanchthon. „Schon ehedem hat mir mein Minister, Wik „Helm von Bellay, ein Mann, dessen Rach „ich mich in kirchlichen Angelegenheiten vorzüglich „bediene, von Deinen Bemühungen gesagt, die „Streitigkeiten über manche Religionslehren beizu- „legen. Jzt überzeugt mich Dein Brief an denselben, und die mündliche Versicherung, welche „Du meinem Gesandten Barnabas Vorräus „gegeben hast, daß Du nicht abgeneigt bist, auch „bei uns dieses Geschäft zu übernehmen. Da „mir nun nichts mehr am Herzen liegt, als Eiligkeit und Uibereinstimmung in Religionssachcn, „so habe ich nicht umhin gekonnt, meinen gedachten Gesandten Vorräus sogleich mit diesem „Briefe, dem sichersten Beweise des Vertrauens zu „Dir, wieder zu Dir zu schiken und Dich zu bitten, so bald, als möglich, zu uns zu kommen, „und über die wichtigsten Lehrsaze Dich- mit einigen besonders dazu erwählten Gelehrten zu be- „sprechen und die Mittel anzugcben, wie Friede „und Ruhe wieder hergcstellt werden kann. Ich „beschwöre Dich, laß Dich von Niemanden abhal- „ten, diesen Deinen edlen und frommen Entschluß „anszuführen. Deine Ankunft wird mir überaus „willkommen seyn. Du magst nun als Privatperson oder im Namen der evangelischen deut- „schcn Stände kommen. Auf jeden Fall wirst Du „erfahren, daß ich für nichts mehr, als für die „Ehre Deutschlands und besonders für die öffent« „liche Ruhe bemüht bin und schon bis jezt gewissen bin. Den 28. Juniuö izzz. Franz, Kdnig von Frankreich. Wenn einige die wirkliche Absendung dieses Briefes haben ablaugnen wollen, um die katholische Rechtgläubigkeit des Königs, welche dadurch in Zweifel gezogen werden könnte, zu retten, so geschieht dies ohne allen Grund. So viele unwiderlegbare Zeugnisse sind darüber vorhanden, welche die Sache bestätigen. Jndeß bedachte Melanchton sich lange, bevor er einen festen Entschluß hierüber fassen konnte. Immer zweifelte er, ob seine Reise von Erfolg seyn möchte. Endlich, nachdem er seine vertrautesten Freunde, deren Urtheik viel bei ihm vermochte, um Rath gefragt, und er selbst die angenehme Hofnung in sich genährt hatte, daß eine Unterredung mit dem Könige zur Beförderung der gute» Sache Vieles beitragen könnte, so glaubte fein gutes Herz, den Bitten so.vieler Menschen nicht länger widerstehen zu dürfen, und er faßte daher izt de» Vorsaz, diese beschwerliche Reise auch wirklich an- zutreten. Jedoch hielt cr's für Pflicht, zuvor noch seinen Herrn, den Kurfürsten zu Sachsen, um die Erlaubnis hiezu schriftlich zu bitten. „Es ist wohl „nöthig — so schrieb er an diesen — „daß man „den Handel der Religion den grossen Potentaten „und fremden Nationen vorstellrn muß, daß sie „doch anfangen, diese Lehre zu hören, und nicht „zugleich verdammen die Schwärmer und uns» „Wie uns denn unsere Feinde alle gleich halten, „und den fremden Nationen vormahlen. Dis allein ist mein Bedenken und suche darinn nichts an» „ders. Und wiewohl ich meiner Person geringes „Ansehen und Ungeschiklichkeit wohl erkenne, so „bewegt mich doch, daß die Feinde, so ich nicht „erscheine, solches deuten werden, als hätte ich „der Sachen Scheu, und vielleicht den Leuten, so „solches getrieben haben, zur Linderung der Ver« „folgung, auch gegen den König »erweislich seyn „möchte. — Dis alles bewegt mich, wiewohl „ich auch hierum viel Beschwerung und Sorge ha» „be , daß ich die Sache an E. C. G. gelangen „lasse, und bitte, dem Handel nachzudenken; und „so es für unschädlich geachtet würde, mir für „meine Person zwei oder drei Monate erlauben „aufs längste." Niemand aber war mehr von der Nothwendig» keit und dem wahrscheinlich guten Erfolge dieser Reise überzeugt, als Luther, der deshalb selbst auch an den Kurfürst schrieb und ihn um seine Einwil» ligung bat. „Ich bitte — schrieb er — E. C. G. „aufs höchste, M. Philipps zu erlauben, in Gott „tes Namen nach Frankreich zu ziehen. Zu sol- „chrr Bitte bewegen mich der ehrlichen und froni- „men Leute klägliche Schriften, und daß man auf A »74 — „Philipps Ankunft den König dahin gebracht, daß „des Mordcns und Brennens ein Ende worden ist» „— Ich achte, M. Philipp kann fast nicht wohl „mit gutem Gewissen sie in solchen Nöthen lassen „und sie ihres herzlichen nöthigen Trostes berauben- ohne daß der König selbst und die Seinen „Argwohn schöpfen würden. — Wer weiß, was „Gott durch Philippum thnn will, welches Ge- „dünken ja allezeit besser als die unsrigen." — Allein wider Erwarten befahl der Kurfürst, diese Reise zu unterlassen, und das zwar in einem Schreiben , welches manchen beleidigenden Ausdruk enthielt. Für Melanchton war dis um st kränkender, je weniger er so etwas erwartet hatte, und je weniger er einen Grund crrathcn konnte, welcher den Kurfürsten dazu veranlaßt hatte. „Sehr „gern, (schreibt er,) ertrage ich die abschläglichr „Antwort des Fürsten. Aber die Kränkungen, „welche darinne Vorkommen, sind st beschaffen, „daß sie eiycm unschuldigen Mann wohl nahe ge- „hen. Es ist mir lieb, daß ich auf Fürstengunst „nie bauete. Da giebt es der Schmeichler und „Verläumder so viele, daß die Wahrheit immer „leiden muß. Ich bin nicht st klein, daß es mir „an Trost gebrechen sollte, Antworten will ich; „aber jezt nicht, sondern wenn ich noch mit käl- „term Blute die Sache werde überlegt haben." Ich führe hier dis als einen Beweis davon an, i?5 i « mit welcher Massigung Melanchton die Kränkun- ! gen an seiner Ehre zu ertragen pflegte. Dem heftigen Luther misfiel nun diese Welze- rung noch mehr; und es ist wahre Verlaumdung, daß solcher — wie man von ihm hat vorgeben wollen — aus Eifersucht auf Melanchtonö Ruhm, diese Reise Hintertrieben habe. Denn das schon obenerwähnte Bittschrciben des Luthers an den Kurfürsten spricht selbst dagegen. Aber noch mehr sein Verdruß über jene abschlagliche Antwort. Weil er glaubte, Melanchton würde, dieser Beleidigung ! wegen, nun des Kurfürsten Dienste verlassen, so ! dacht' er sich schon im Geiste das Schmerzliche der ! Trennung, und versuchte daher alles mögliche, um i das gute Vernehmen zwischen dem Fürsten und i Melanchton wieder herzustellen. Der Kurfürst glaubte freilich zu dieser Weige- § rung — Gründe zu haben; so wie der alltäglich- ^ ste Mensch bei seinen Entschlüssen immer Etwas i für sich zu haben, wähnt, das er mit dem ehr- , würdigen Namen: „Gründe" belegt! — ! Es ist wahr, Mclanchtons Feinde hatten ei- i niges Mistrauen bei dem Fürsten gegen ihn er- wekt, und ihn zu dem Argwohn veranlaßt, er .j werde sich in Frankreich ganz auf die katholische > Seite ziehen lassen. Hiezu kam die Besorgnis, ! man möchte durch diesen Schritt den Kaiser belei- s digen, mit welchem der König von Frankreich zn »76 - der Zeit nicht in dem besten Vernehmen stand. Uiberdis konnte man sich von deö leztern redlichen Absichten noch nicht ganz überzeugen ; und die auf seinen Befehl gegen die Protestanten verübten Grau« samkeiten waren noch in zu frischem Andenken, als daß nicht seine jezige Neigung zu denselben verdächtig scheinen sollte. Ein Glük für die Universität, daß Melanch« ton der Mann nicht war, der Feindschaft hegen konnte. Da er bald darauf den Kurfürsten zu sprechen , Gelegenheit hatte, und dieser sich wieder liebreich und gefällig gegen ihn bezeugte, so vergas er izt leicht jene Kränkung, die er einst nicht verdient hatte. Beides, schön gedacht und gesagt ist es, wenn er spricht: „Der Fürst sprach mit „mir wieder sehr liebreich und ich mit ihm; denn „Feindschaften müssen sterblich, Freundschaften aber „unsterblich seyn. Gern will ich eine Privatbelei- „dignng der öffentlichen Ruhe aufopfcrn. Die allgemeinen Trübsale sind ohnedis so beschaffen, daß „man nicht durch Privatleidenschaften das Uibel „arger machen darf." Er schrieb hierauf an den König von Frankreich zurük, daß er für izt, so gern er wollte, diese Reise nach Frankreich nicht antreten könnte, wie ihm sein Abgesandter Vor« räus mit Mehrerem melden werde; und bat ihn zugleich, selbst Alles zu thun, wodurch Friede --- »77 und Einigkeit befördert, dagegen aber Unruh« und Zwietracht verhindert werde. Wer nun die unglüklichen Erfolge kennt, wel- che späterhin durch Rcligionsspaltungcn, besonders in Frankreich/ hervorgebracht wurden, der wird freilich mit mir Melanchtons mißlungene Absicht bedauern, der vielleicht damals die Parteycn sowohl einander hätte näher bringen, als wie durch seine Gegenwart in diesem Reiche wohlthätigen Ein» fluS haben können. Allein, wenn man des damaligen französischen Königs Handlungen naher beleuchtet, so dringt sich uns die Vermuthung auf, daß er blos aus politischen Gründen und in der Absicht der Reformation geneigt sich bezeugte, um die teutschen Fürsten auf seiner Seite zu behalten und sie vom Kaiser abzuziehen. Und wäre diese Vermuthung gegründet, so hätte man an den guten Wirkungen der Reise Melanchtons nach Paris, noch sehr zu zweifeln gehabt. Aber — nicht nur in Frankreich, sondern in England war auch Melanchtons Name bekannt. Heinrich Vlll, König von England — ein Herr, der ganz von seinen Launen abhieng, hatte ehedem heftig wider Luthcrn geschrieben und sich dadurch bei dem Papst den Titel eines Glaubensbeschüzers erworben. Jzt war er aber seiner Gemahlin, einer Anver- wandlin Kaiser Karl, des Fünften, überdrüssig. 12 X -78 Er faßte daher den Entschluß, sich von ihr scheiden zu lassen, worinn der Kardinal Wolscy ihn nicht wenig bestärkte — ein Mann, der Alles über ihn vermochte, und sich dadurch an dem Kaiser, von welchem er sich beleidigt fand, am besten zu rä« chen glaubte. Der König ersuchte nun den Papst um die erforderliche Erlaubnis dazu. Da er diese aber nicht erhielt, so erklärte er sich auf einmal wider den Papst, machte sich izt von der katholischen Kirche völlig los, holte dann noch verschiedene Gutachten über seine Ehescheidung van einigen Akademien ein, und lies endlich durch den Thomas Cranmer, Erzbischöfen von Kanter- bury, von seiner Gemahlin förmlich — sich scheiden. - Bei dieser Gelegenheit geschah es denn, daß ec auch den sächsischen Theologen ihr Bedenken über diese Sache abforderte, von denen er glaubte, daß sie, weil sie ohnedis dem Papst nicht geneigt wären, seine Ehescheidung nur desto eher billigen würden. An Melanchton ergieng daher vorzüglich eine Menge von Briefen aus England. Man bat ihn sogar, selbst dahin zu kommen, indem der König ihn dort zu sprechen wünschte und seiner Dienste bei der Reformation sich bedienen wolle. Allein auch dis Unternehmen scheiterte; nicht nur, weil Melanchton an dem Nuzen dieser Reise sehr gezweifelt hatte, sondern da er auch zu der Zeit immer kränklich war, und ohne, daß dessen Ge- H - -79 H sundheit hiebei Gefahr lief, einen so weiten Weg . nicht wohl unternehmen konnte. So viele Aufforderungen, auswärts thatig zu ' werden, waren umsonst; hingegen eine andere, ! sehr nüzliche, wenn gleich nicht so weite Reise, un« ' terblieb zwar nicht. " Denn Tübingen war es, wohin er izt reiste, theils um seine vielen Freunde, die jener Ort für ihn aufbehielt, zu besuchen, und anderntheils ein!» ge, für die dortige Akademie sehr nüzliche Einrichtungen zu treffen — und von hier aus besuchte er > dann auch Bretten, seine Vatersiadt.- s' Wenn nun an beiden Stellen seine Ankunft sehr erwünscht und ganz willkommen war, so hatte sie vorzüglich an ersterm Orte sehr grossen wohlthäti- gen Einfluß in Rüksicht der Künste und Wissenschaften, für die er mancherlei nüzliche Vorschläge that. Selbst der Herzog Ulrich von Wirtemberg j überhäufte ihn nicht nur mit Beweisen der Liebe und Achtung dafür, sondern er befolgte auch in vielen Stüken seinen Rath. Jndcß war man zu Wittenberg — denn dahin ward die Universität nach der verschwundnen Furcht vor der Pest wie« ' der verlegt — um seine Iurükkunft äußerst besorgt. Dort fürchtete man, er möchte gar nicht mehr i wieder dahin zurükkehren, indem er öfters unangenehme Kränkungen und mancherlei Vcrläumdungen ' von einigen sächsischen Theologen einst erfahren hatte. Selbst Luther, der zwar nicht an scinit Iurükkunft zweifelte, aber seinen Freund und Gehilfen Melauchton nicht länger mehr entbehren wollte, bat ihn izt in den rührendsten Ansdrüken, seine Rükreise von Tübingen nach Wittenberg zn beschleunigen. „Ich, (antwortete er Ihm hierauf) „werde nie undankbar und pflichtvergessen seyn. „Wenn ich das sage, so weißt du auch, daß ich „bald kommen werde." Er hielt Wort — und dis zur herzlichen Freude seiner Freunde sowohl, als auch aller derer, die seinen Unterricht zu schäzen wußten. Denn izt sezte er seine zuvor angefangenc Beschäftigungen wieder fort, nicht nur Sprachkenntnis und andere Wissenschaften zu lehren, sondern auch die Theologie immermehr von gelehrten Spizfindigkeitcn und un- nüzen Kontroversen zu reinigen. Seine Freundschaft mit Luthern gewann mit jedem Tage mehr Festigkeit und Starke. Nichts weniger war daher das Vorgehen gegründet, als herrschten Misver« standnissc fortdauernd unter ihnen. Entstanden jemals dergleichen, so verschwanden solche doch sehr bald wieder. Keiner lehrte, that oder cntschloS sich zu irgend Etwas, ohne dis dem andern mit- zutheilen. Jeder schäzte des andern Verdienste, ohne sie deshalb zu beneiden. Jeder kannte des andern Schwache, ohne deswegen Haß und Feindschaft zu hegen. Jeder hatte seine eignen VvrzL> gr, ohne sie jedoch dem andern fühlen zu machen. Diese Eintracht, die aber gewiß, ohne Melanch- tons weises Nachgeben selbst, nicht fortdauernd hatte bestehen können, war ihm nun Entschädigung für all die Angriffe, welche von vielen Orten her, auf ihn losstürmten; ja diese Harmonie war ihm auch Trost bei seinen Leiden. Seine Geschäfte zu Schmalkalden / Frankfurt/ Worms und Regensburg. Nlle Sorgen und Kummer, die nur irgend eine Partey treffen, kommen gemeiniglich zuerst über die Stifter derselben. Als daher der Papst im Jahr izz7 eine allgemeine Kirchenversammlung zu Mantua ankündigte , hatten Luther und Melanchton, und — mit diesen die evangelischen Stände überhaupt neue Unruhe. Die Stände beschlossen endlich eine Zusammenkunft in Schmalkalden und dort den Gesandten des Kaisers zu erwarten, der ihnen deshalb Befehle zustellen sollte. Hiezu berief man nun eine Menge Theologen. Natürlich, daß unter diesen Luther und Melanchton als Männer nicht fehlen durften, zu welchen man das grosse« sie Vertrauen hatte. Die Bcwegursachen jener Zusammenkunft waren wichtig genug. Denn es sollen izt nicht nur einige wichtige neu« Religionsleh» ren näher untersucht, sondern auch die Frage endlich erörtert werden: in wiefern man mit gutem Gewissen, ohne der Wahrheit jedoch zu nahe zu treten, dem Papst und seinen Anhängern nachgeben könne? Dabei wollte man sich zugleich auch über die Masrcgeln berathschlagen, welche man bei dieser angekündigten Kirchenversammlung ergreifen müßte. Zu dieser Absicht konnte nun nichts wirksamer seyn, als der vom Kurfürsten ergangene Befehl, gewisse Artikel aufzusezen, welche man bei dem ereignenden Fall dieser Kirchenversammlung zum Grunde legen könnte. Diese Arbeit überlies man dismal dem Luther, weil man izt schon furchtloser zu handeln, und der Drohungen des Papsts weniger achten zu dürfen, wähnte. Doch blieb auch Melanch- ton bei dieser Gelegenheit nicht ohne Geschäfte. Denn ihm trug man es auf, eine kurze, doch gründliche Abhandlung über die Rechtmässigkeit und über Pas Zulässige der päpstlichen Gewalt und Macht zu fertigen. In dieser schlug er zwar immer noch gelinde Masregeln vor, sprach aber doch frcyer, als man von seiner Nachgiebigkeit erwartet hatte, Aber im Grunde genommen blieb er auch hier seinen sonstigen Grundsäzen getreu, die feinem Herzen eben soviel, als seiner Einsicht, Ehre yiachten. Einigen Einfluß konnte indeß die Ermahnung Luthers auf ihn haben, der izt eben sehr kränklich ward und feinen Tod befürchtete. „Ich „sterbe bald — so sprach Luther zu ihm — und „die Sache Gottes beruht auf dich. Wirst du die „Kirche wieder unter des Papstes Gewalt bringen, „so ist es deine Schuld. Alles, was wir gear« „beitet haben, ist dann verlohren, und die See- „len, die kaum aus dem Elende heraus sind, wie- „der unglücklich." Aus schwache Herzen kann derjenige, der Et« was von solchen zu erlangen sucht, allerdings nicht sicherer einwirken, als wenn er seine Bitte mit Ahndungen und dem Vorgefühle seines nahen Endes untersiüzt. Aber wenn so — ein Luther zu Melanchtons Herz hinredet, so kann man leicht begreifen, welchen Eindruk dis herfürbringen mußte. Die Folge davon war, daß Mclanchton sein bisheriges Verfahren izt von neuem prüfte. — Gewiß ein schöner Zug von dem Leben dieses Mannes, der ferne von stolzem Selbstvertrauen, seine Handlungen stets eigenen unparthcyischen Untersuchungen unterwarf! — Eine Folge dieser Prüfung war izt, daß er zwar beständig noch zur Gelindigkeit anrieth, aber auch sich immermehr vor dem entgegcngcseztcn Fehler einer bangen Furcht zu sichern suchte. Seine jezige Abhandlung, ganz in diesem Geiste geschrieben und auf der einen Seite mit seinen sonstigen Gesinnungen übereinstimmend , aber auf der andern auch den vom Luther r84' besorgten schlimmen Folgen des Nachgebens zugleich vorbeugend, fand izt solchen Beifall, daß sie den sogenannten Schma lkald ischeu Artikeln bcigefügt ward; — eine Benennung, die solche davon erhielten, weil sie von allen evangelischen Fürsten und Theologen zu Schmalkalden am 2g. Hornung 1557 unterschrieben wurden. Bevor man sie noch den Ständen zur Unterschrift vorgelegt, stellte man's ihnen frei, in wie fern sie solche anzunehmen. geruhen möchten, indem man gar nicht Willens wäre, hiezu jemand zu nothigen, sondern nur — Freiwillige dabei auszunehmen. Merkwürdig ist hierbei die Unterschrift Me- lanchtons, welche dessen ihm eigene Denkungsart nur zu sehr vcrräth, als daß sie hier nicht am rechten Ort scyn sollte: „Ich Philippus Melanch- „ton halte diese obgestellten Artikel auch vor recht „und christlich. Vom Papst aber halte ich, so er „das Evangelium wollte zu lassen, daß ihm Friedens und gemeiner Einigkeit wegen derjenigen „Christen, so auch unter ihm sind, und künftig „seyn möchten, die Superioritat über die Bischö- „fe, die er sonst hat, nach menschlichem Rechte „auch von uns zuzulassen sey." Er war schlechterdings der Meynung, die Unterwürfigkeit unter dem Papste sey bei weitem nicht' fo schädlich und furchtbar, als man glaube; wenn ^ nemlich dieser nur verspräche, die neuen ReligionS- > lehren nicht anznfcchten, und die vorigen Jrrthü- j wer und Misbrauch« den evangelischen Landern ^ nicht wieder aufzndringen, sondern jeden bei seiner i Uiberzeugung in Religionssachen ungehindert zu ; lassen, so wie nicht minder die öffentliche Ausübung ! derselben nicht zu stören. Ob der Papst noch das ! Oberhaupt der Kirche heisse, darauf käme, im - Grund genommen, nicht viel an, wenn er es nur § ^ nicht mehr wirklich— seye. Gäbe man ihm nun «1 dis erstere zu, so meynte er, würden auch der Re- " formation weit weniger Hindernisse in den Weg , gelegt werden, und mehrere Länder, izt der neuen ! Lehre abgeneigt, möchten um desto eher ihr beitre- E ten, da ohnediS schon die Gemüther dazu vorbereitet seyen, und solche nichts anders, als die Furcht vor dem Papst und der Geistlichkeit einzig und al- lein noch davon zurükhielte. Hierdurch würde das ' Gute bewirkt, daß nemlich grobe Jrrthümer allge- j meiner anerkannt und höchstschädlichc Misbräuche ! abgeschaft würden. Uiberdis würden Zank und Un- j einigkeit, Haß und Erbitterung — lauter Dinge, ^ die der Religion und dem Geiste Jesu so sehr entgegen waren — von selbst verschwinden. Um dieses Guten willen könne man schon den Namen Papst dnlten, dessen Ansehen ohnedem bei freierem Untersuchrlngögeiste, so wie bei dem immer mehr sich verbreitenden Lichte der Wahrheit allmählig sinken werde« Wollte man hingegen sich ihm aus einmal entziehen, so habe er, mittelst der katholischen Geistlichkeit, noch zu vielen Anhang, so, daß viele Lander noch lange in tiefer Unwissenheit und Aberglauben bleiben dürften« Dieser Mcynung waren jedoch nicht Alle. Andere hizigere, wenn gleich eben so gut gesinnte, Männer, wozu denn Luther selbst gehörte, glaubten vielmehr in jedem kleinen Schritt der Nachgiebigkeit gegen den Papst schon die Zurükkunft alles Alten, die Untcrdrükung der neuen Lehren, die Einführung der vorigen Misbräuche; mit einem Wort« die vorige Unterjochung des Gewissens zu erblikcn« Bei jeder nähern Anschlicssung dachten sie sich schon Alles wieder verkehren, was sie bisher mit so vieler Anstrengung und Gefahr sich errungen hatten« — Daher kam es auch, daß sie mit Melanchton sich über diesen Punkt nicht ganz vereinigen konnten; daher, daß sie cs ungern sahen, wenn dieser von Gelindigkeit sprach und dazu anrieth! Schon diese gethcilten Meynungen vereitelten die Hauptabsicht, welche man durch die Zusammenkunft zu Schmalkalden zu erreichen suchte. Ein eben so grosses Hindernis war die Krankheit Luthers, der deshalb schon am 26. Februar'ö von Schmalkalden sich entfernen mußte; jedoch aber nicht lange darauf wiedergenas. Nur soviel ward ausgerichtet, daß man dem kaiserlichen Gesandten die Antt wort gab r man könne schlechterdings nicht mit der Art zufrieden seyn, wie die angekündigte Kir- chenversammlung zusammenberuftn und gehalten werden sollte. Der Menschenfreund, der da weiß, wie selten verdienstvolle und wahrhaft nüzliche Männer sind, daher sehr gerne die ganze Thatigkeit derselben zum allgemeinen Wohl bcnuzt und erschöpf wissen mbchr te, bedauert nichts mehr, als wenn eben diese Männer in ihrem Muthe durch Verfolgungen geschwächt pnd in ihrem Eifer für das Notywendige und Nüzliche durch Zerstreuung von andern Gegenständen gestöhrt werden. Eben dis widerfuhr auch sehr oft unserm Me» lanchton. Das Jahr 1538 zeichnete sich vor vielen andern darinn aus. Die Veranlassung dazu war folgende. Ein gewisser Simon Lemnius, ein wiziger Kopf und fertiger lateinischer Dichter kam einige Jahre zuvor nach Wittenberg und erwarb sich durch seine anfänglich gute Aufführung sowohl, als auch durch seine Geschiklichkeit vorzüglich die Liebe Melanchtons. Nicht nur war ep für sich selbst sehr fleissig, sondern er gab auch Andern in verschiedenen Sprachen Unterricht. Daher empfahl ihn Melanchton auf jede Weise und sorgte selbst dafür, daß man ihn ohnentgeltlich zum Magister machte. — Eine Ehre, die damals zu Wittenberg besonders fleissigen und geschulten Män- i88 nern zu theil wurde. — Uibn'gcns war er ein munterer Mann, der überhaupt lustige Gesellschaft, Musik und Tanz liebte. Auf einmal lies er izt «ine Sammlung von Sinngedichten druken, worinn einige Professoren zu Wittenberg auf eine ver- stckte Weise dnrchgehechelt wurden. Er besorgte zwar selbst nichts Übels dapon, indem er sonst keineswegs in Wittenberg geblieben wäre. Hingegen konnte es Luther, der zwar darinn nicht selbst persönlich beleidigt war, seiner gewöhnlichen Hize nach, durchaus doch nicht dultcn, daß einige seiner Kollegen spöttisch behandelt wurden. Noch mehr als dis erregte seinen Unwillen jener Umstand, daß Alb recht, der damalige Erzbischofs von Mainz, — zrvar ein gelehrter Mann und vorzüglicher Beförderer der Wissenschaften, den deshalb selbst auch Melanchton vorzüglich geschäzt und ihm zum Beweise seiner Achtung einige seiner gelehrten Schriften zugeeignct hatte, der aber dem Luther wegen seiner Verbindung mit dem Papste sehr verdächtig schien — in erwähnten Sinngedichten sehr gelobt ward. Er brachte es also dahin, daß man izt gewaltsame Masregeln gegen den gedachten Lem- n iu s ergreifen—und eben daher Melanchton, als damaliger Rector der Universität, ihn dem Arrest überliefern mußte» Jedoch entkam Lemm'us durch die Flucht; dieser erfuhr jedoch nachher in seiner Abwesenheit, daß nun ihn auf die schimpflichster -- 18- Art von der Universität verwiesen hatte. Jndeß machte man dem Melanchton den unverdienten Vorwurf, als habe er nicht nur von dem Druk dieser Sinngedichte einige Wissenschaft gehabt, sondern seye auch dem Lemniuö bei seiner Flucht sogar behülflich gewesen. Hiegegcn vertheidigte er sich zwar beim Kurfürsten. Allein ganz unwahrscheinlich ist es nicht, daß er vielleicht einig« Kannt- nis davon hatte, und nun, da er den Luther hierüber aufgebracht sah, um alles Aufsehen zu vermeiden und die Sache friedlich beizulegen, lieber davon schwieg. Melanchton war Mensch. Hatte er darum gefehlt, daß er weniger Muth zeigte, öffentlich den zu schüzen, welchen er geschüzt wissen wollte, so kann man freilich nicht alles an dem Manne recht- fertigen und loben, an welchem sonst so viel zu loben war. Lemnius vertheidigte zwar den Melanchton gegen allen Verdacht, den man wider ihn hatte; aber eben seine Zudringlichkeit, womit er dis that, verrieth nur zu deutlich seine gute Absicht hierinn, Melanchtons Feinde desto ehender zu besänftigen. Uibrigens sah Melanchton in den Gedichten selbst nicht so viel strafbares; und viele Andere hatten sich auch gewiß darüber beruhigt, wäre nicht Luther so äußerst darüber aufgebracht gewesen. Alles war noch übcrdis lauter Wahrheit, worüber Lemnius seinen Spott trieb, und Vieles, lyo ——. was er im Allgemeinen gesagt hatte, deutete man auf gewisse Personen. Daß aber Melanchtvn bald von seiner anfangs hierinn gehabten Menschcnfurcht sich erholte und auch bei dieser Gelegenheit als ofncn Mann sich darsicllte, bewies der Umstand, daß er den Lern» nius schlechterdings gelinder behandelt wissen woll- le und hiebei laut erklärte, als seye man ohne gegründete Ursachen in dessen Verurthcilung zu weit gegangen. Allein diese Offenheit verschafte ihm izt viele Kränkungen; ja sie bestärkte sogar noch den Verdacht, als hatte er von der Ausgabe dessen Gedichte gewußt und deren Verfassers Flucht begünstigt. Hierdurch ward nun der gute Mann so mis- nmthig gemacht, daß er izt sogar den Entschluß faßte, nunmehr Wittenberg zu verlassen, indem er nicht mehr mit Eifer und Nuzen daselbst larbeiten könnte, sondern durch die Schmähungen seiner Feinde immer nur in seiner Thätigkeit unterbrochen würde. Vielleicht hätte er auch seinen Vorsaz hierinne wirklich ausgcführt, wenn nicht das Rektorat, das er eben damals bekleidete, ihn einzig noch hievon zurük gehalten hätte. „Ich „wäre wirklich, (schreibt er,) von hier weggegan« „gen, wenn nicht die Reihe des Rektorats an mich „gekommen wäre. Viele öffentliche Ursachen halben mich jezt ab, meinen Posten zur gefährlichem Zeit zu verlassen» Sv wie nun die Aerzte - IYI „versichern, daß viele Krankheiten durch Ruhe und „eine gute Diät geheilt werden, so scheine auch ich „durch meine Gedult den Zorn anderer in etwas „zu besänftigen." Dis geschah auch wirklich. Denn da er immer seinen geraden Weg fortgieng und auf den Argwohn nicht zu achten schien, den man gegen ihn hegte, so ward auch Alles wieder vergessen. Wie hätte man aber auch diesen Mann entbeh- ren können? Hatte man ihm im Jahr izzZ Kränkungen verursacht, so bedurfte man im folgenden Jahre nicht minder seinerDienste: Und er, bereitwillig gegen Jeden, dem er dienen konnte, fand es, nach seiner Denkungsart, für ganz unmöglich, auf irgend eine Weise sich zu rächen. Die evangelischen Stände hielten zu Anfang des Jahrs lzzy in Frankfurth am Mayn eine Zusammenkunft in ReligionsAngelegenheiten, wohin Me- lanchton dem Kurfürsten zu Sachsen ebenfalls folgen mußte. Die Umstände waren izt überaus bedenklich: Und da man in Ungewißheit schwebte, ob man nicht, von Seiten der Katholiken, Verfolgung und feindliche Angriffe zu besorgen habe, so ward Melanchton dazu aufgefordert, izt eine Abhandlung über die Frage zu schreiben, ob, und wie man sich rechtmäßig, ohne jedoch den göttlichen Ge- sezen und den Vorschriften der christlichen Liebe zu nahe zu treten, gegen feindliche Angriffe vertheidi- 192 gm dürfte? Auch — diese Schrift athmete Me- lanchwns Geist der schonenden Duldung! Doch nicht nur diese Arbeit, sondern auch manch nüzli- chen Rath hatte man ihm bei dieser Gelegenheit zu danken. Bei seiner Rükkunft nach Wittenberg erwarteten ihn wieder neue Geschäfte. Herzog Georg von Sachsen, ein Herr, der zwar Religion und Tugend liebte, aber jener von Luthern gestifteten Reformation abgeneigt, sie in seinem Lande — wozu Dresden, Meissen und Leipzig gehörte — daher auf alle Art zu hindern suchte, war t.-zgy gestorben und hintcrlies seinen Bruder, Heinrich, den Frommen, zum Nachfolger. Dieser Herr, der die Neigung seiner Uuterthanen zu den neuen Religions- lehren wahrgenommen, lies sogleich den Luther und Melanchton kommen und durch diese — die Reformation in seinem Land einführen. Beide Männer mußten zu dem End izt eben so, wie vormals, das Kurfürstenthum bereisen, dann Kirchen und Schulen visitiren. Sie thaten dis mit solch glüklichem Erfolge, so, daß vernünftige Re- ligionskenntnis und Aufklärung nicht wenig dadurch gewann. Vorzüglich hatte Melanchton aus die Universität Leipzig sehr wohlthatigen Einstuß. In ähnlichen Geschäften reifete er auch ins Bran- denburgische, und dis — auf Befehl des dortigen Kurfürsten Joachim, und hatte auch hier der Reformation besonders wichtige Dienste geleistet; , indcß wahrend seiner Abwesenheit, seiner Frauen k Schwester Mann, der berühmte Rcchtsgelehrte, Na- I mens Sebald Münster, den er einst vorzüglich liebte, an der Pest gestorben war. § Die Nachricht hievon, gicng ihm izt so nahe, daß i er selbst darüber krank wurde. „Gram und be- ^ „ständige Kümmernisse, (sagt er) welche ich seit „drcy Jahren crdultet habe, haben mich so aufge- i „zdhrt, daß ich besorge, nicht lange mehr zu leben. ! „— Gott gebe, daß ich das meinige in der Welt ) „gethan habe, wenn mir Rechenschaft abgefordert -i „wird." i Genesen von dieser Krankheit, verfiel er im Jahre s 1540 wieder in eine weit gefährlichere. Izt sollte eben zu Hagenau am Rhein in Ansehung einer gewissen Uibereinkunst über einige strittige Punkte, ^ eine Unterredung von Seiten der vorzüglichsten ka- ^ ^ tholischen sowohl, als auch der protestantischen Theo- logen angestellt werden; wozu auch unter andern s — Melanchton berufen ward. Als er daher, um s! diesen Weg dahin anzntreten, über die Elbbrüke E vor dem Wittenberger Thvre fuhr, so befiehl ihn .1 eine Unpäßlichkeit, die bald schwacher, bald starker tz wurde, bis er endlich zu Weimar — liegen bleiben ^ mußte. Schon gab man izt alle Hvfnnng von sei- ß nem Wiedcrgcnesen auf. Der hierüber sehr bestürzte ^ Kurfürst bewies nur zu deutlich, wie theuer und IY4 - rverth ihm dieses Mannes Leben seye. Jzt sorgte er daher nicht nur für gcschikte Acrztc, sondern lies auch selbst den Luther von Wittenberg eiligst herbeiholen. Luther fand ihn nicht in dem besten Zustand. Die Angen waren ihm gebrochen, die Sprach entfallen und sein ganzes Gesicht abgezehrt. Erschraken bei diesem Anblik rief Luther: „Behüt Gott, „wie hat man mir dieses Werkzeug geschändet!" Dann betete er recht innig für sein Leben, tröstete hierauf seinen kranken Freund, und trug alle nur mögliche Sorge für ihn. Luther's aufheiternde Gespräche, verbunden mit einer sorgfältigen Pflege, vcrschaftcn so allmahlig dem Mclanchton seine vorige Gesundheit wieder. „Keine Auödrüke — so schrieb er nachher — „sind fähig, die Schmerzen „zu beschreiben, die ich litt. Ich bemerkte auch, „daß der Lehrer, (er verstand darunter den Luther, welchem er gewöhnlich diesen ehrenvollen Beinamen gab) „meinetwegen litt. Er untcrdrükte aber seinen „Schmerz, um den meinigcn nicht zu vermehren. „Seine grosse Seele suchte mich eben so sehr durch „Tröstungen, als durch Beweise meiner Traurigkeit aufzurichtcn." Die Ursache dieser Krankheit lag einzig und allein in den beständigen Vorwürfen, die er sich selbst über folgende Handlung machte. Er und Luther waren ncmlich dazu überredet worden, heimlich in jene Doppelehe zu willigen, in welcher der Landgraf Philipp von Hessen lebte. IY5 Diese Einwilligung hierinn drükte nun eben so sehr sein zartes Gewissen, als sie zugleich auch den Katholiken zu nachthciligcn Urtheilen und Schmähungen erwünschte Gelegenheit gab. Unbeschreiblich war der Gram, der deshalb stets an seinem Herzen nagte. Uiberall verfolgte ihn der Gedanke an jenen Vorfall und die schmerzlichste Reue hierüber gesellte sich hiezu. Unmöglich war es ihm, beim Bcwußt- seyn irgend eines begangenen groben Fehlers, je mit Freudigkeit und Ruhe zu handeln. Alle Gründe, womit er selbst und seine Freunde diesen Schritt zu rechtfertigen, sich bemühten» vermochten nichts bei ihm; sein heimlicher Kummer hierüber, brachte daher eine Krankheit hervor, die ihm beinah das Leben kostete. An mehreren Orten erklärte Er zwar: er scye, durch den Schein der Frömmigkeit betrogen, dazu überredet worden, in eine Sache zu willigen, die er von einer falschen Seite angesehen habe; zugleich gesteht er aber auch, daß diese Überlegung bei weitem nicht hinreichend seye, um ihn in Ansehung dessen zu beruhigen. Diese ganze Erzählung scheint nur deswegen sehr merkwürdig, weil sie über Melanchtons ganzen Karakter vieles Licht verbreitet. Denn in dem Leben grosser Männer ist es nicht wenig interessant, genau ihr Verhalten dabei kennen zu lernen, wenn sie cinsehcn, daß sie Fehler begierigen; und — von dieser Seite wird ly6 -- Melanchton bei meinen Lesern gewiß vielmehr gewonnen, als verlohren haben! Seine nur langsam wicdererlangte Gesundheit, stand auch wieder mit neuen Arbeiten in Verbindung. Die zu Hagenau angcordnete Unterredung, deren schon oben Erwähnung geschah, kam unter allerhand Ausflüchten, deren man sich von Seiten der Katholiken bediente, keineswegs zu Stand, Nun sollte sie im Jahr 1541 zu Worms vor sich gehen, wohin auch Melanchton sich begeben muste. Jzt erdfnetc der päpstliche Nuntius, Thomas Camp cgi ns, die Unterredung mit einer, zwar nur für seine Absichten, zwckmasigcn Rede. Sobald nun Melanchton darauf zu antworten suchte, ward er vom kaiserlichen Gesandten Granvella ans der Besorgnis davon zurükgchaltcn, daß dadurch nur der Zorn des Nuntius gereizt und die Absicht der Zusammenkunft sogleich vereitelt werden möchte. „Besorgen Sie nicht, (rief Melanchton,) „daß ich mit Ungesiümm sprechen werde." O nein! (erwiederte jener) „ich und alle kennen deine Mäßigung." Granvella war übrigens der Mann, dem es wahrscheinlich Ernst scyn mochte, den Fne- den wieder herzuftellen. Endlich besprachen sich Melanchton und der, langst oben schon erwähnte Doktor Eck; und — hievon hofte man nun einen guten Erfolg. Allein, bald schob man die Unterhandlungen auf, bald schlug man neue Bedingnisse 597 vor, in die man nicht willigen konnte. Man verlangte sogar von den protestantischen Theologen, daß sie im voraus einige Punkten unterschreiben sollten, die ihnen geradezu sehr entgegen waren. Dis konnte nun Mclanchton nicht zugeben. Er sezte daher ein Schreiben auf, worinn er erklärte: Er und seine Kollegen wünschten nichts mehr, als die Tilgung aller bisherigen Streitigkeiten, und, im Fall man ja eine freie gegenseitige Untersuchung gestatten wollte, so würde jeder Rechtschaffene finden, daß sie gemässigte Gesinnungen hegten. Sie könnten es heilig versichern, daß sie bereit waren, auch selbst mit ihrem Tode die Einigkeit der Kirche zu erkaufen. In Worten wollten sic sehr gern nachgcben, sobald es nur nicht die Sache und die Lehre selbst beträfe. Um Worte zu streiten, scy eben so sonderbar, als wenn ein Pole einen Teüt- schen um deswillen Haffen und ihn morden wolle, weil dieser teutsch und nicht polnisch spräche. Allein hierdurch, daß man nemlich vor einer wechselseitigen Berathschlagung ihnen gleich gewisse Punkten aufdringen wolle, würde der Weg zur Uiberein- stimmung gehemmt. Man möchte daher ja vorzüglichen Bedacht darauf nehmen, daß man mit keinen vorgefaßten Meynungen zu dieser Untersuchung schreite. Gewaltsamen Forderungen dürfe Er und seine Kollegen sich schlechterdings nicht unterwerfen. Aus Furcht werde Er kein andres Wort sprechen oder niederschreiben, als er sonst würde ge- Ihan haben; selbst dann nicht, wenn ein feindliches Kriegsheer vor den Thoren stünde. Jndcß ward der kaiserliche Gesandte abgerufcn, daher die ganze Sache bis auf jene Zusammenkunft verschoben, welche noch in selbigem Jahre zu Rcgcnsburg gehalten werden sollte. Niemand gewann dabei etwas, als der Name Melanchtons, den man von katholischer Seite immer höher zu schäzen izt an- ficng und ihn auch von Worms nstt lauten Lobsprüchen nunmehr entließ. Zu Beförderung der guten Sache übernahm er denn auch im Jahr 1541 die Reise nach Rcgens- burg. Hier Hane er nun das Unglük, daß jener -Wagen, auf dem er nebst Mehreren fuhr, just an der pfälzischen und baycr'schcn Gränzc umstürzte, wodurch er eine starke Quetschung und Verrenkung an der rechten Hand davon trug. Als die Nachricht von diesem Vorfälle nach Rcgcnsburg kam, hatte der vorhin schon erwähnte kaiserliche Gesandte Granvella die Höflichkeit, sogleich den kaiserlichen Leibarzt ihm zuzuschiken. Dem ohngcacht gicng dessen Kur nicht nach Wunsch von statten. Melanchton hatte dabei nicht nur viele Schmerzen zu erdulten, sondern noch ausser diesem den Verdruß, daß er nicht selbst schreiben konnte, sondern Alles durch andere izt schreiben lassen mußte. ,,Was bin ich (schrieb er zu der Zeit) anders, als „ein lebender Todter, nachdem ich meine Feder „nicht mehr gebrauchen kann, die so oft den Wissenschaften und dem Staate nüzlich und meinen ^ „Freunden angenehm war? " Nur nach und nach lernte er seine rechte Hand wieder brauchen — doch nie so gut mehr, wie zuvor. Weniger empfindlich war ihm jedoch dieser körperliche Schmerz, als der Verdruß über die Ereignisse bei der Zusammenkunft m Regensburg. Denn seine Hofnung znr Vereinigung ward auch — hier vereitelt. Man hob -die Unterredung wieder aus, und verwies sie bis auf den Zeitpunkt einer Kir- chenvcrsammlung. Einer seiner Kollegen schrieb von Regensburg aus: „Unser guter und wahrhaft „heiliger Melauchton wird von allen Seiten so gc- „ängsiiget und in Kummer versczt, daß er zwischen zwcy Mühlsteinen sich zu befinden scheint." Den Anlas hiezu gab eine, von Gerhard von Feld witz ans Flandern, oder — wie vielmehr Mclanchton behauptet— von einem gewissen Grop- p c r aus Kölln verfertigte Schrift, wozu der Kaiser Karl V. das Vertrauen hatte, als könnte sie eine Vergleichung zwischen beiden Parteien stiften, wenn nemlich nach deren Jnnhalt einige Fehler und Misbrauchc in der römischen Kirche von der einen Seite verbessert und auf der andern manche Forderungen von den Protestanten gemässigt würden. Er verlangte daher von beiden Parteien de- reu Annahme. Die protestantischen Theologen »raren dis zwar unter der Bedingung einiger kleinen Abänderung daran, vollkommen zufrieden; die Katholischen hingegen verwarfen diese Schrift gänzlich. Dieser Streit beschäftigte nun Melanchtvns Gemüth so sehr, daß er — wie es immer der Fall bei ihm war, wenn er »richtige Dinge Vorhalte — keine Nacht ruhig hierüber schlafen konnte. Ein Glük »rar es für seine Gesundheit, daß man sich bald »nieder von Regensburg entfernte. Uibcrhanpt verstrich ihn» von nun an kaum ein Jahr, ohne, daß er von Unruhen und Beschwerden wäre frei geblieben. Kaum begann er »vicder seine geivvhnlichc Beschäftigung mir den Studenten zu Wittenberg, als er schon »vicder den Auftrag zu einem neuen auswärkigc» Geschäfte von nicht geringer Wichtigkeit erhielt. Hermann, Kurfürst von Kölln, gcbohrner Graf zu Wied, ein ehrwürdiger Greis, besas nicht nur selbst vernünftige Einsichten in der Religion, sondern wünschte sie auch bei seinen Unterthanen zu verbreiten. Uiberzcugt, daß manche Jrrthümcr und Abweichungen von dev Religion, wie sie Christus lehrt, sich in den gewöhnlichen Religionsglauben cingeschlichen hätten, bemerkte er auch den nachtheiligen und schädlichen Einfluß, den so viele kirchliche» Gebrauche und Ceremonien auf die Sitten des Volks hatten. Daher wagte er schon im Jahr izzb einen Vcr- - - SOI such, durch eine Reform der kirchlichen Verfassung seinen Unterthanen nüzlich. zu meiden. Johann Grvpper, Professor zu Kölln, mußte deshalb auf seinen Befehl, den Plan hiezu entwerfen; allein, da es diesem Manne kein rechter Ernst hierinne war, so ward in dieser Sache nicht viel ans- gcrichtet. Jzt glaubte daher der Kurfürst in dem Melanchton den eigentlichen Mann zu finden, der Einsicht und Masigung genug in sich vereinigte, um mit wahrem Erfolge seine Absichten durchzusczen. Nach vielem Bitten erlangte er's endlich auch vom Kurfürsten zu Sachsen, daß Melanchton im April 1Z4Z nach Bonn kommen durfte, wohin auch der Gelehrte, Martin Bucer von Strasburg, zu gleichem Awek berufen ward; — und Hermann hatte nicht Ursache, seine Bitte zu bereuen. Melanchton verfertigte gleich nach seiner Ankunft daselbst einen Aufsaz, der in des Kurfürsten Namen nachher in tcutscher Sprache verbreitet ward. In demselben erschienen zwar eine Menge von Misbrauchen und abergläubischen Mepnungen widerlegt und abgeschaft, aber doch noch eben soviel alte Gewohnheiten nebst den Würden, Freihei- - len und Rechten der Klöster und Stifter bcibehal- ten. Luther, dem Melanchton jenen Aufsaz über- schikte, misbilligte das leztere nicht wenig, wie man von seinem raschen Gange dis auch nicht an- 202 ders erwarten konnte. Jedoch war cs der Klugheit gemäs, in einem Lande, worum man vhnediö schon so grossen Widerstand antraf, behutsam zu Werke zu gehen. Der Erfolg lehrte wenigstens, wie sehr dis nöthig war. Die ganze katholische Geistlichkeit lehnte sich gegen die neuen Lehrsäze und kurfürstlichen Verfügungen auf. Nicht nur schrieb und schmähte man öffentlich dagegen, sondern appellirtc auch an dcn Kaiser, so, wie nicht minder — an den Papst. Ja, cs kam so weit, daß jener den Kurfürsten nach Brüssel, dieser aber solchen nach Rom citirte; ja ihn sogar 1545 in den Bann that und dann der erzbischöflichen Würde für verlustig erklärte. Da endlich auch der Kaiser gewaltsamer Masregeln sich gegen ihn bediente, so wich er selbst freiwillig aus seinem Lande, ob gleich die Landsiände noch fest an ihrem Herrn hiengen. Erstarb nun kurz darauf mit dem Bcwußtsey», wenigstens für seinen Theil zur Verbreitung aufgeklärterer Religionsübung mitgewirkt zu haben. Doch war Melanchtons Bemühung hierinne nicht so ganz fruchtlos geblieben. — Ein Trost, der ihn einzig bei seinen Arbeiten aufrecht erhielt, und ihn zugleich auch für alle Beschwerden noch entschädigte. Viele Einwohner von Kölln, einmal in den neuen Religionswahrheiten unterrichtet, blieben seine Freunde und erbaten sich sogar nachher noch von Zeit zu Zeit von ihm weitere schriftliche Belehrung über »inige Punkte, worinn sie noch zweifelhaft waren. Hatte er in diesem Jahr manchfachen Verdruß über öffentliche Angelegenheiten überstanden, so brachte ihm das folgende Jahr häuslichen Kummer und sonstige unangenehme Auftritte entgegen. Eigne Krankheiten, dann die Nachricht von dem Unfall feines akademischen Freundes, des eben so rechtschaffenen, als gelehrten Hieronymus Baumgartner von Nürnberg, der, bei Gelegenheit, als er von seiner Sendung zum Reichstag nach Speyer in Angelegenheiten seiner Vaterstadt wieder dahin zurükkehrte, unterwegs in die Hände der Straffcnräuber—> oder vielmehr in die Gewalt heimlich ihm nachgeschikter Vösewichter fiel; nicht minder die Nachricht, daß Melanchton's Tochtermann , der RcchtSgclehrte O. Sabiuus, der mit des erstem zärtlich geliebten ältesten Tochter Anna sehr uneinig in der Ehe lebte, nunmehr sogar den Nus als Professor und beständiger Rektor bei der Akademie zu Königsberg in Preusscn, ohne Vorwiffen Melanchton's, angenommen habe; all diese und andere Hiobspostcn erfüllten nun die Zeit des Jahres 1544. Hiezu kam noch das immer mehr zunehmende Geschrey über Melanchton's allzugroffc Nachsicht gegen Andersdenkende; die beständige Sorge vor den zu befürchtenden Kriegs- unruhen; die neuern Schmähschriften gegen dic 204 Neuerungen in Religionssachen — lauter Dinge, die ihn zwar in seinen Arbeiten Glicht siöhrten, jedoch auch keineswegs stärkten und aufheitcrten. Doch mischten sich, wie es zu gehen pflegt, auch angenehme Ereignisse unter die unangenehmen. Dahin gehört ein Umstand, der vorzüglich frohen Math und Heiterkeit über Melanchtons Herz verbreitete. Georg, Fürst von Anhalt, ein frommer und religiöser Herr, der, weil er selbst Wissenschaften und Gelehrsamkeit bcsas und sie bei Andern schäztc, eben deshalb auch leicht Melanchton's Gönner ward, und diesen nur seinen griechisch-christlichen Bruder zu nennen pflegte — ward zum Coad- jutor des Stifts Merseburg im Jahr 1545 erwählt. Er verlangte darauf, Luther möchte ihn förmlich vrdiniren und Melanchton daher im Namen der übrigen Theologen eine schriftliche Erklärung fertigen. Beides geschah zur nicht geringen Freude der Wittenberger Universität. Selbst der Fürst hielt diesen Tag für den vergnügtesten seines Lebens; und verrichtete von nun an, alle Geschäfte eines Predigers. Wie viel dieser Vorfall vorzüglich dazu beitrug, die Sorgen des Melanchtons auf eine zeitlang zu zerstreuen, bezeugt er selbst in folgenden Ausdrüken hierüber: „Des Fürsten „Georgs Ordination hat mir viel Freude gemacht. „Seit vielen Jahren ein Tag, an welchem ich ganz „ohne Sorgen lebte. Der Himmel selbst schien tinsere Freude zu billigen. Es war den ganzen „Tag kein Wölkchen am Himmel." Traurig genug, daß diese seine Freude durch neue Kränkungen getrübt ward! Man hatte nemlich im Jahr 154b in der vorigen Absicht eine neue Unterredung zn Regensburg angeordnet, wozu Melanchton bereits schon den Befehl erhielt — sich reisefertig zu machen. Auf einmal kam der Gegenbefehl, wornach nicht Er selbst, sondern verschiedne Andere, an seiner Statt, dahin gehen sollten. Weil aber darinn gar kein einziger Grund dieser schleunigen Aendernng angegeben war, so mußte diese Iurüksezung unscrn Melanchton allerdings auffallend befremden. Weniger schmerzte ihn izt der zurükgcnvmmene erstere Auftrag für ihn, als der Mangel des Zutrauens , welcher sichtbar daraus hervorleuchtcte. Das Staune.: hierüber war daher allgemein, weil Niemand die Ursache davon zu erreichen vermochte. Vielleicht irre ich aber nicht, wenn ich sie in folgenden Worten eines Briefes von Melanchton selbst, der in diesem Jahr geschrieben war,.gefunden zu haben, wähne: „man sagt, die beiden Briefe, die „ich vhnlängst, wie du weißt, aus Italien erhalten habe , wären bei Hofe erwähnt worden und „hätten Übeln Eindruk gemacht. Wenn man eS „verlangt, so kann ich die Briefe ohne Furcht vor- „zeigen. Ich mache kein Geheimnis daraus. Ich 2OÜ „glaube doch nicht, daß es strafwürdig ist, wenn „ein Katholik gleichgültige Dinge an mich schreibt. „Wohl dem, der solche Verläumdungen verlachen „kann, weil er ein gut Gewissen hat!" — Vcr- muthlich mochte man glauben, diese Briefe hätten auf die Vereinigung der beiden streitenden Partcyen einigen Bezug und könnten deshalb den Mclanch- ton noch nachgiebiger machen. Diese Vermuthung hierinne wird dadurch bestärkt, daß man es schon damals ihm übel auslegte, wie der Kardinal Jakob Sadolct einst sehr freundschaftlich an ihn schrieb und sich seinen Briefwechsel von ihm erbat. Den Beweis des Mistrauens abgerechnet, hätte man ihm nun keine grössere Wohlthat erweisen können, als daß man ihn diömal ruhig zu Hauße lies. Denn hiedurch ward ihm nicht nur mancher Verdcus und Sorg' erspart, sondern auch, da der Erfolg der Unterredung zu Rcgensburg bei weitem der eigentlichen Absicht nicht entsprach, ihm theils die schönste Genugthuung gab, und theils das entzogene Vertrauen ihm aufs neue wieder schenkte. Was' aber die Protestanten bald gewünscht, bald wieder nicht gewollt hatten, das geschah endlich am kg. December 0545; an welchem Tag eine Kirchenversammlung zu Trient gehalten ward. Zwar immerhin suchten die Päpste — Ausflüchte dagegen, und sie daher bald da, bald dort anzu« stellen. Eben deshalb pflegte Luther zu sagen: „der Papst schleppe sich mit dem armen Concilio, „wie die Kaze mit den Jungen." Die Protestanten, überzeugt, daß für sie nicht viel geschehen werde, waren izt mehr darüber bestürzt, als erfreut. Es war auch wirklich an keine Vereinigung zu denken. Denn, ohngeacht diese Versammlung bis izbz fortdauerte, so ward doch nichts mehr, und nichts weniger dabei ausgcrich- tet, als daß alles Alte bestätiget und die Neuerungen in kirchlichen Angelegenheiten verdammt wurden. Kaum hatte sic angesangcn, als schon Luther am Februar's 154b aus der Welt gieng, da er eben eine Reise zum Grafen von Mannsfeld gemacht hatte. Dieser Vorfall war für Melanch- ton erschütternd. Und wer hatte ihm denn dis auch verargen wollen? Acht und zwanzig volle Jahre hindurch hatte er einst mit ihm in der freundschaftlichsten Verbindung gelebt, mit ihm gemeinschaftlich gewirkt und gehandelt, und auch selten sich von ihm getrennt. Merkwürdig sind dabei seine eignen Worte: „Der Schmerz, der in meinem Herzen tobt, ist „unbeschreiblich. Wie wenn zwey Reisende einen „und denselben Weg gehen, und nachdem sic ihn „lange gegangen sind, fällt der eine todt hin und „der-andere jammert, so jammere ich nach dem „Verluste meines Luthers. Ich glaubte immer „vor ihm aus der Welt zu gehen und muß ihn 2o8 „doch noch überleben. Wer weiß, was der Herr „noch über rmS beschlossen hat. Denn ich sehe „nun wohl, ich habe noch nicht genug gearbeitet. „Darum laßt mich der Herr noch leben. Auch „ich muß wirken, weil cs Tag ist. — Ich preise „Lurhern °-°) glüklich, daß er keine Kriege, der „Religion wegen, erlebte. Ich werde vielleicht „nicht so glüklich seyn." *) Unter den dermaligen Einwohnern von Bretten befindet sich gegenwärtig noch ein gewisser Martin Luther, der, unter Berufung auf die mündliche Uiberlieferung seiner — wenigstens, (so viel man weißt von Bergleuten aus Sachen, hcrstammenden — Voraltcrn, unmittelbar vom Doktor Luther seine Abkunft herleitet. Dis sucht er nun mit jener, in der Familie seiner Borältern, bis aut ihn selbst, eingeführten Gewohnheit zu beweisen; wor- nach nemlich jeder FannlienLater seiner Atmen, der sich Martin Luther schrieb , um das genealogische Andenken des seligen Doktors Luther, desto sichtbarer für die Nachwelt zu erhalten, seinem erstgebohrnen Sohn in der Taufe jedesmal den Namen: „Martin Luther" beizulegen pflegte; — eine Gewohnheit, die noch bis izt in der Martin Lutherischen Familie zu Bretten sich erhalten hat! Immerhin daure auch sein — dieses grossen Mannes — Andenken bis auf die spätesten Enkel hinab — zu Bretten!! Melanchkon's traurige Lage wahrend des Schnialkaldischen Kriegs. Das Sterbejahr Luther's bildete nun gleichsam den Vorläufer von vielen darauf gefolgten traun» gen und drangvollen Jenen. Der Kaiser war über die schleunige Zurükberu» fung der protestantischen Theologen von der Unterredung zu Regcnsburg und über andre kühnen Schritte der evangelischen Stände äußerst aufgebracht; indem er sie nicht anders, als seiner Würde nachtheilige Beleidigungen betrachtete; wozu noch mancherlei politische Absichten sich gesellten. Jzt, da ihm der mit dem König von Frankreich geschlossene Friede freiere Hände lies, entschloS er sich, gegen den Kursen sien zu Sachsen und die übrige protestantischen Fürsten gewaltsame Maöre- geln zu ergreifen, denen er zuvor immer auszu- weichcn suchte. Der Schmalkaldische Krieg kam nun wirklich zum Ausbruch. Man denke sich daher in die Lage des sanften und friedewünschcnden Melanchton'ö diese kriegerischen Zeiten hindurch, dessen Herz bei jenen Drangsalen unschuldigerwcise soviel leiden mußte. Stete Sorge, traurige Nachrichten, beständiges Hernm- irrcn, ohne irgendwo eine sichere und bleibende Stätte zu finden, füllten diese traurigen Jahre aus. 14 2M Hiermit vereinigte sich die niederschlagende Besorgt nis, als ob nun Alles vereitelt würde, was man zur Aufklärung und Verbreitung besserer ReligionS- kcnntniffe bisher gcthan habe. Was ihm aber am meisten zu Herzen gierig, war der Gedanke, von dem er sich schlechterdings nicht loöwinden konnte, daß man nemlich von evangelischer Seite noch lange nicht Alles gethan, so wie auch überhaupt, um all diesen Uibeln vorzubeugcn, sich nicht vor« sichtig genug betragen habe. Einige Aeusserungen aus seinen Briefen, die er um diese Zeit schrieb, und welche überdis über manche dunkeln Umstände des ganzen Schmalkaldischcn Kriegs vieles Licht verbreiten können, mögen nun als Beweise von seiner Denkungsart bei den damaligen Vorfällen hier nicht unbillig eine Stelle verdienen: „Unser Herr, (hierunter versteht er den unglüklichen Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen) „ist ein großmüthiger vortreflicher Mann, „der aber nur zu oft in seinen Urtheilen mistrauisch, „in seinem Tadel unvorsichtig, und in seinen Unternehmungen rasch ist, der Dinge auf sich wälzt, „die er von sich ablehnen könnte. Sein künftiges „Schiksal sollte mir nahe gehen. — Ich fürchte „viel von seiner Selbstzufriedenheit und seiner Neigung zum Kriege, die sich nicht bequemen will, „Freundschaften zu erhalten. — Oft habe ich untere Herren freimüthig ins Gesicht getadelt, daß « — Sir -,sie manches thaten - was dem Kaiser misfällig „war. — Betrachte ich das Temperament unsers „Fürsten > die Verwirrung bei Hofe > den Übeln „Instand des Landes, so fürchte ich mich. Ich „bebe aber am ganzen Körper, wenn ich mir den- „ke, was wirklich geschehen wird. — Es ist Pflicht- „unsern verbundenen Fürsten alles Glük und Heil „bei ihren Unternehmungen zu wünschen. Sie ha- „ben zwar manche voreilige Handlung sich zu „Schulden kommen lassen, wie es einmal unter „Menschen zu gehen pflegt, aber doch auch der „Wahrheit einen Aufenthalt in ihren Ländern verhüttet und sie mit vielen Arbeiten und Gefahren „vertheidigt. — Mein Schmerz über die Kriegs- „unruhen verzehrt mich. Oft zweifle ich, wenn „ich die Elbe erblike, ob ich ihn auswcmen könnte, „wenn ich auch eben soviel Thränen Vergüssen wvll- „te, als die Elb« Wellen wirft. — Die Religion „wird zum Grunde des Kriegs angegeben. Allein „man hat noch andere Absicht, vielleicht von „beiden Seiten. O, daß man feine böse Neigungen nicht unter dem Dekmantel der Religion „ausbrechen liesse!" Hatte sich's nicht schon von Melanchton's Ka- rakter an und für sich selbst voraussezen lassen, so könnte dieser Brief es hinlänglich beweisen, wie sehr er zum Frieden hiebei gerathen habe. Noch kurz vor dem Ausbruche des Kriegs er- rh» 212 schienen Gesandte vom Landgrafen von Hessen m der Absicht, um sich über die Möglichkeit zu be- rathschlagen, ob und wie die Ruhe erhalten werden konnte. Auch Melanchton ward befehligt, seine Mcynung hierum zu sagen. „Man har, (sprach er,) „den Kaiser ohne Noch beleidigt. Man muß „ihn wieder besänftigen. Dis kann geschehen, wenn unsere verbundenen Fürsten ihrem „Bündnisse entsagen, und für die übereilten Schritte „um Verzeihung bitten." Allein, die bereits schon gethanen Schritte waren zu entscheidend; und man rüstete sich von beiden Seiten eifrigst zum Kriege. Sogar marschirte schon der Kurfürst von Sachsen, verbunden mit dem Landgrafen von Hessen, im July 1546 mit einer Armee durch Franken nach Schwaben, Der Kaiser, der auf der Stelle den Kurfürsten und dessen Verbündeten dafür in die Acht erklärte, befand sich noch mit einem kleinen Kricgöhcere zu Regensburg. Damals tadelte man eS, daß die Verbündeten, wenn sie einmal feindlich handeln wollten, nicht gleich gegen den Kaiser vorrükten. Selbst Melanchton schreibt hierüber: „alles wundert sich, „daß in Bayern alles so trä^ geht. Allein die „Verbündeten sind selbst nicht einverstanden. Gut, „daß ihre Uneinigkeit das Blutvergießen aufhalt." Da endlich der Kaiser mit verstärkter Armee sich bei Ingolstadt in Bayern sesigesezct hatte, so sah sich der Kurfürst zum Rükzug sowohl, als auch zur Wicdcreroberung seiner eignen Länder genöthi» gct, die indeß der Herzog Moriz von Sachsen, einverstanden mit dem Kaiser, bis auf die Städte Gotha, Eisenach und Wittenberg, eingenommen hatte. Gegen den Winter hin dachte man wieder von evangelischer Seite auf Friedensvorschläge. Auch Melanchton ward zu diesen Beratschlagungen bestimmt. Allein hier ist seine Antwort an den Fürsten Georg von Anhalt: „viele Ursachen „halten mich ab, der Versammlung der Fürsten „beizuwohncn. Ich würde nichts Vorbringen kbn- „ncn, als Bitten- welche bei Männern, die cin- „mal aufgebracht sind, ohne Nnzen bleiben. Auch „mein Schmerz hält mich zurük. Denn was soll „ich hoffen, da in der Nachbarschaft schon solche „Grausamkeiten verübt werden, die mit dem Karak- „ter eines Mannes in grossem Widerspruche stehen, „welcher sich für einen Vertheidiger des Vaterlandes auSgeben will. Uibcrdis vcrmuthe ich nicht, „daß von kirchlichen Angelegenheiten die Rede seyn „wird. Mochten doch die meinen Rath vorher „nicht verachtet haben, mit denen wir uns jezt in „gleichem Elende befinden. Ich mische mich nicht „gern in die Berathschlagungen der Fürsten. Ihre „Grundsaze stimmen nicht immer mit meiner Philosophie überein. Auch kenne ich nicht immer „ihre Verhandlungen. Niemals haben sie eine „Absicht allein vor Augen, sondern immer sind „mehrere darinn verwikelt, Dieser Umstand hat „auch zu diesem Kriege Gelegenheit gegeben." Was er nun fürchtete, dis geschah auch wirklich ; denn bald darauf wurden die Unterhandlungen abgebrochen. Der Kaiser kam im Frühjahr 1547 selbst mit einem KricgSheere nach Sachsen, und traf den Kurfürsten bei Meissen. Dieser sezte sogleich über die Brüte, ließ sie hinter sich abbrcn- nen und wollte sich weiter nach Wittenberg ziehen. Jener folgte ihm jenseits der Elbe, gicng bei Mühlberg durch die Vcrrathcrey eines sächsischen Unter- thanen über diesen Fluß., ereilte den Kurfürsten, schlug ihn und machte nebst dein Herzog E r»st von Lüneburg ihn zum Gefangenen, Am 4. May kam er endlich selbst in Wittenberg an, und nö- thigte dem unglüklichcn Kurfürsten, der mit vieler Standhaftigkeit seine Leiden ertrug, die Einwilligung in den Verlust aller seiner Wurden ab. Die Universität hatte sich indeß aus Wittenberg geflüchtet und Mitleid erregend war die Beschreibung, welche Mclanchton davon machte. Er selbst, mußte sich wegbegeben, verlor den grbstcn Theil seiner Sachen und Bücher, und irrte in Dessau, Jerbst, Magdeburg, Braunschweig, Nürnberg, und andern Orten unstät und flüchtig Mher, Voll von Wehklagen sind die Briefe, die er Pyn da aus an seine Freunde schrieb, aber dem ohnge- acht waren sie noch von Beweisen davon angcfüllt, daß ihm weniger das eigene Wohl, als das allgemeine Beste am Herzen lag. Um nicht müssig zu scyn, suchte er hie und da wieder Studenten zu sammeln, um ihnen durch seinen Unterricht nüz- stch zu werden. Aber beständig vertrieben ihn samt seinen Zuhörern die weiter um sich greifenden Kricgs- getdse. Man kann leicht denken, daß er bei diesem Drange auch in Hinsicht deö Unterhalts sehr in Verlegenheit gerieth. Das wenige, so er noch hatte, gab er den armen Studenten, die ihm auf seiner Flucht folgten und bei den damaligen Umstanden keine Unterstüzung von den Ihrigen erhalten konnten. Hätte man nun nicht eben diese Tugend der Wohlthätigkcit an ihm ausgeübt, die er an andern bewies, so hätte er gewiß sehr oft darben müssen. Einmal, da er sich eben unterwegs befand, wußte er rvirklich nicht,, wovon er seinen Weg fortsczcn sollte/ als er noch unvermuthct an einem ganz freiziden Manne, der aber seinen Namen hatte nennen hören, eine Unterstüzung fand. Nichts dauerte ihn mehr, als die Seinigen, für die er nicht, wie er gewünscht hatte, sorgen konnte. Ihn selbst kümmerte cs weniger, da er nie an einen Uiberfluß gewöhnt war. Der Kaiser verlies endlich Sachsen, nachdem §r zuvor dem Herzog Moriz die kurfürstlichen. 2ld - Länder (Thüringen ausgenommen, welches den Söhnen des noch immer gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich verblieb) nebst der Kurwürde verliehen hatte. Dieser Herr, der nur aus politischen Gründen mit dem Kaiser in ein Bündnis trat, sonst aber gegen die Reformation nichts vornahm, berief sogleich den Melanchton nach Leipzig, und zwar in der Absicht, um seine beiden Akademien Leipzig und Wittenberg wieder in Aufnahm zu bringen. Auf der andern Seite wollten die Prinzen des gefangenen Kurfürsten, nach dem Wunsche ihres Vaters, in ihrem Lande zu Jena eine neue Universität anlegen und baten daher dem Melanchton, Wittenberg zu verlassen, um Lehrer und Gründer der neu errichteten Akademie zu werden. Jzt befand sich unser Melanchton in der ncm- lichcn Lage, wie einst Herkules, der zwischen zween Scheidewegen stand, unentschlossen, welchen er wählen sollte. Hier reizte ihn Dankgcfühl für den Ort, der ihn zuerst ausgenommen, und wo er schon so lange gelebt und gearbeitet hatte. Dort schien die Dankbarkeit gegen die Prinzen seines alten Herrn ihn zu rufen. Nachdem er all dis reiflich überlegt und die Gründe von beiden Seiten genau abgewogen hatte, so bestimmte er sich wieder — für Wittenberg, Allem dis war ein Entschluß, der manche 217 Vorwürfe und Argwohn ihm zuzog. Undank, Treulosigkeit, Schmeicheley, Uibergang zur katholischen Partey — dis waren die Schmähungen, womit man ihn nachher überhäufte. Eines Urtheils über diesen Schritt kann ich um so mehr enthobck se»n, indem einige Stellen seiner Briefe schon hinrcichen werden, um ihn vor jedem Richterstnhl hierin»? zu rechtfertigen. ,>Ob ich gleich (so schrieb er) zu Wittenberg „manches habe erdulten müssen, so wünschte ich „doch der unglüklichcn Universität wieder anfzuhel- „fcn. Ich liebe diesen Ort, wie mein Vaterland. „Hier habe ich mit den treflichstcn Männern in „Verbindung gestanden und gemeinschaftlich gearbeitet. — Ich bin nun wieder (den 2ü. Julius „1548) auf meinem alten Plazchcn, und suche „alles wieder in Ordnung zu bringen. Der Fürst „ist auch der Universität nicht abgeneigt. Aber „bei Hofe berathschlagt man sich über nichts so „lange, als über Gcldausgaben. Gewährt man „uns nicht einige Unterstüzung, so ist an keine „Wiederherstellung zu denken. — Ich weiß zwar „wohl, daß mich all« tadeln, wieder hieher gegan- „gen zu seyn. Allein man sagte mir, ich würde „die Universität sinken lassen, wenn ich nicht käme. „Ich muß nicht auf meinen Vortheil, sondern auf „das allgemeine Beste sehen. — Der Name Wittenberg, die Freundschaft mit meinen alten Kol- „legen und endlich der Schmerz selbst, den ich „noch nicht überwinden konnte, haben mich hieher „gezogen. Habe ich geirrt, so mag mir cs Gott „verzeihen. Bei meinem hohen Alter und bei den „Kriegsunruhen schien mir es unthunlich, noch anderswo .eine neue Universität anzulcgen. — Geld „und Vergnügen hat mich nicht hieher gelokt. Ich „lebe hier auf meine Kosten, und sehe nichts als „allgemeinen Jammer. Kein Tag geht ohne Thrä- „nen hin. Ja, es ist noch ungewiß, ob die Wic- „derherstellung möglich ist. Geschieht es aber, so „muß es von Nuzen seyn. — Auch die Besorgnis „hatte ich, die Errichtung einer neuen Universität „möchte dem gefangenen Fürsten noch mehr Haß „zuziehen; Und hätte ich etwas daselbst geschrieben, was den Beschlüssen der Kirchcnversamm- „lung zu Trient entgegen wäre, so hätten die jun- „gen Prinzen in neue Gefahr kommen können." Auf die Wiederherstellung der Akademie Wittenberg richtete er izt seinen ganzen Eifer. Nicht zufrieden, die geflüchteten Lehrer und Studenten größtentheils wieder dahin zu ziehen, bewirkte er auch durch seine freimüthige Bitten viele milden Stiftungen und Geschenke für die Universität vom. neuen Kurfürsten. Nach dieser Demüthigung des abgesezten mir. glüklichen Kurfürsten zu Sachsen bemüthe sich der Kaiser, die zu Trient angestellte KirchenversamM —?ly kling, die man wider seinen Willen nach Italien verlegte« auch an diesem Orte zu beendigen und dann sichere und feste Entschlüsse zu fassen, wodurch ncmlich die entstandenen Religionsstreitigkeiten könnten beigelegt werden. Eingedenk der vielen Versprechungen, die er deshalb machte, wollte er nun auch dafür angesehen seyn, als habe er allein aus diesem Grunde — den Krieg angcfangern Um so weniger durfte er izt mit sich selbst im Widerspruch seyn. Da ihm aber immer noch der Papst darinn entgegen war, so lies er eine neue Vcreini- gungsformel die der oben schon erwähnten sehr ähnlich war, aufsezen. Diese sollten beide Parteyen unterdessen (daher sie auch den lateinischen Namen Interim führt) annchmen und unterschreiben , bis ein freies allgemeines Concilium zu Stande käme. Er schikte dis sogleich dem Papste zu, der aber weder mit dem eigenmächtigen Verfahren des Kaisers, welchem er in Religionssachen kein Entscheidungsrecht einräumen wollte, noch auch selbst mit dem Jnnhaltc des Interims zufrieden war. Hiedurch lies sich jedoch der Kaiser davon nicht abhalten, es am izten May 1548 auf dem Reichstage zn Augsburg zu publiciren. Die meisten Protestanten wollten cs eben so wenig billigen. Man pflegte daher zu sagen: „Ach willige „nicht in's Interim; denn das hat den „Schalk hinter ihm!" 220 - -- ' Darinn waren nun alle alten Lehrsäze und Ge« brauche, die doch die Lutheraner so heftig bestritten, wieder bestätigt und jenen weiter nichts zugestanden, als die Priestcrche und der Gebrauch des Abcndmals unter beiderlei Gestalt. Selbst Me- lanchton wollte seine Einwilligung zu dessen Annahme nicht geben, ohngcacht man doch von ihm wußte, daß die Beilegung aller ReligiouSstreitig- keitcn sein heißester — ja sein einziger Wunsch war. Man erzählt, daß der Kaiser über den Widerspruch dieses Mannes sich ganz besonders gewundert, und ihn deshalb,zu Haffen angcfangcn habe, da er zuvor immer günstig von ihm zu urtheilen, wäre gewohnt gewesen. Wenigstens wurden izt dem Me- lanchton verschicdne Nachrichten von Nachstellungen und Lebensgefahren, als Folgen jenes Widerspruchs, hinterbracht.. Vielleicht wollte man ihn aber dadurch nur schrckcn und' von seiner Meynung ihn abbringen. Allein er, der bei aller Schüchternheit doch Muth genug bcias, für die Wahrheit Alles aufzuopfern, war übcrdiS izt zu sehr durch Un- glüksfälle abgehärtet, als daß er sich an solche Nachrichten hätte kehren sollen. Der Kurfürst M o- riz zu Sachsen nahm sich dessen selbst sehr groß- inüthig an, und vermehrte dadurch zugleich auch das Vertrauen, welches seine neuen Untcrthanen zu . ihm hatten. Mclanchton schreibt hierüber: „Der Kaiser soll mich hassen und meinen Tod wvl» 22l s! „len. Ich will aber lieber zehnmal tobt seyn, als „ein einzigeömal wider mein Gewissen handeln, H „auch wenn mich der Kurfürst nicht schüzen wollte. „An mir einzigen, armen geringen Manne kann „aber auch dem Kaiser nicht viel gelegen seyn." i Hierinn irrte sich hingegen dieser bescheidne Mann, j An dem Einzelnen war freilich dem Kaiser s wenig gelegen; wohl aber daran, daß dem gros- ! sen Ansehen Melanchton's so viel andre Reichostan- ! de folgten; und Alles war zu besorgen, indem der Kaiser auf der allgemeinen Annahme des Interims ! bestand, und die Weigerung einiger Stande föc ! Beleidigung seiner Würde hielt. Viele Geistliche am User des Rheins mußten entweichen und nan- ' che Stadtobrigkeiten, die sich darwider sezten wur- s den arretirt. , ^ Dem Kaiser schien Melanchton zu wM, und j den Protestanten zuviel nachzugeben. -- Ob er s gleich jene Vcreinigungs/drmcl wie /le der Kaiser i vorgelegt hatte, nicht s-anz billigte, so war er doch j der Mcynuiig , daß ttan i« gleichgültige» Dingen, i ^ die nicht das Wescniiche der Religion selbst beträ- ! > sen, den Katyolikst »achgeben könne und müsse. H Dieser Grundsaz «der, den er izt bei Gelegenheit s der Bemühungen -es Kaisers mehr als sonst, laut ! i und öffentlich ZV erkennen gab, ward für ihn die ^ Ursache von sekündlichen und wüthenden Verfol- ^ gungcn. Nichs ist ekelhafter, als die Schriften !! 222 zu lesen, welche damals darüber gewechselt wurden. Der Mann ist allzuberüchti'gct, der eine Partey wider den Melanchton anführtc, als daß ich ihn nicht nennen sollte. Er hies Matthias Franco w i z, mit dem Beinahmen Flacius, von Geburt ein Illyrier, dessen Name noch lange in der Geschichte eine Stell« behaupten, vielmehr mit all Lenen sein Loos thcilcn wird, welche durch Zänkereien sich jemals ausgezeichnet hatten. Dieser Mann kam nach Wittenberg, genvs, d» er von andern Orten gute Empfehlungen hatte, der allgemeinen Achtung und mithin auch jener des Mannes, der gegen Jeden sich liebreich und gefällig bewies. Ihn untersiüzte Melanchton mit Gelde, half ihm zu Aemtcrn und Ehrenstellen, war ihm auf alle Art förderlich, und jener bewies sich auch kqdurch dankbar dafür, daß er thätig und flcnsig war; aber von einer andern Seite handelte er desto und»nkbarcr an ihm. Denn, da eben die Rede von demJn t er im war, und Melanchton mehr, als sonst darauf dachte, in Nebendingen nachzugebcn, so brach er auf einmal mit seiner Hize aus gegen Mllanchton und alle die, welche mit diesem gleicher Mevnung waren. Misverstandner Eifer, oder Stolz und die Begierde, Aufsehen zu eMgen, oder Anstellung, oder das Anstiften anderer mochten ihn dazu veranlaßt - L2Z, haben. Den ersten Grund will nun Mclanchton, der immer die besten Absichten den Handlungen Anderer beizulegcn pflegte, für den wahren hierinn gehalten wissen. Und wenn auch.die beiden leztern nicht ganz unwahrscheinlich wären, so mag doch die Geschichte mit dem menschenfreundlichen Me- lanchton übercinstimmen. Kurz, er suchte von izt an, die Gesinnungen Aller auszuforschen, verbrei- tete heimlich unter erdichteten Namen Schmähschriften und zeichnete darin« alle Redensarten in Melanchtons Schriften aus, welche Sanftmuth und Schonung und nicht den kühnen Geist des Widerspruchs athmetcn. Was nun nicht derb und hart von ihm gesagt ward, dis Alles gab er für offenbaren Abfall von der Wahrheit, für Herablassung und Neigung zu den päpstlichen Jrrthü- mern aus. Es war natürlich, daß dergleichen Vorstellungen bei Vielen — Eindruk machten. Denn damals hielt man denjenigen für den gefährlichsten, daher auch für den schlimmsten Feind, der den Argwohn erregte, als neige er sich wieder auf die päpstliche Seite und wolle Andere dazu führen. Allein zu Wittenberg war das Vertrauen zu Me- lanchton in den Gemüthern doch zu sehr gegründet, als daß cs Fla eins bei Allen, wenn auch gleich bei Vielen, zu erschüttern vermochte. Uiber- 224 dis war auch der Kurfürst Moriz mit dem Me« lanchton einverstanden. Durch diese Umstände schüchtern gemacht« ent« wich er heimlich aus Wittenberg und gieng nach Magdeburg. Allein hier und an mehreren Orten fand er für den Widerspruch, den er von einigen Gutgesinnten an ersterm Ort erfahren hatte, izt hinlängliche Entschädigung. Alles pflichtete ihm bei und betrachtete Wittenberg schon wieder als den Siz der alten Kezerci und — Melanchton als ihren Urheber und Beförderer. Man schimpfte und schmähte und fand darinn seine Befriedigung. Mclanchton's Empfindungen bei dieser Verfolgung darzustcllen, ist hier der Ort nicht. Er antwortete entweder gar nicht, oder that es mit einer Gelassenheit, die seine Gegner nicht wenig verdros. Selbst diese Streitigkeiten, welche von der dazu genommenen Gelegenheit der Int erim istischen, oder, weil sie über das Nachgcbcn in gleichgültigen Dingen geführt wurden, die Andiaphori- stischcn heisen, veranlaßtcn ihn jedoch, überfeine Meynung noch mehr nachzudenken und sie von allen Seiten zu prüfen. „Gott ist mein Zeuge, (schreibt er,) „daß ich prüfe, forsche, überlege und „untersuche. An mir ist es nicht gelegen, wenn „ich irren sollte." Die Folge dieser Uiberlegung war aber immer die Befestigung seiner Meynung. Er sah so viele Veränderung in StaatsAngelegcnhei- — 2LZ teu, erblikte das Unglük, das sich schon ereignet hatte, die Kriege, die schon gesührt wurden, das bereits dabei vergossene Blut und befürchtete ähnliche Dinge für die Zukunft. Der sicherste Weg schien ihm also der zu seyn: ohne den Wahrheiten der Religion in etwas zu nahe zu treten und sie in ihren Hauptsäzcn erschüttern zu lassen, das man schlechterdings nicht dul- ten müßte; in übrigen Dingen, die stets von jeher nach Zeit und Ort waren verschieden gewesen, eine solche Uibercinkunft zu treffen, daß, wenn man auch einiges ändern müsse, doch die bffentli- ! che Ruhe wieder hergcstcllt werde. Die Nichtigkeit dieser Uiberzcugung tröstete ihn bei allen Verfolgungen und hielt ihn, so sehr man ihn auch dazu eingeladen hatte, auswärts eine sichere Zufluchtsstätte zu suchen, in Wittenberg zurük, in der ruhigen Erwartung seines weitern Schiksals hicrinne; Und, was er sein ganzes Leben hindurch vermieden hatte, irgend einer wilden Leidenschaft Raum zu geben oder die Gunst der Grossen zu suchen — dis zu fliehen hielt er bei seinen dcrmaligen Umstanden um so mehr für Pflicht. Seinen Gegnern, die sich ohnehin gar nicht besänftigen lassen wollten, hierdurch noch mehr Anlaß zu Schmähungen zu geben oder sie durch gleiche üble Behandlung noch mehr zu erbittern, schien ihm zu klein für seine Denkungsart. iZ Um aber durch unzeitiges Schweigen feinet Pflicht keineswegs zu nahe zu treten, und seinen Feinden nicht die Entschuldigung des Misverstands hierin,, zu lassen, gab er izt eine Schrift heraus, worinn er kurz und deutlich entwikelte, was er unter gleichgültigen und ausserwesentlichen Dingen in Ansehung der Religion verstanden wissen wollte. Seine Erklärung darüber war nun von der Beschaffenheit, so, daß jeder damit zufrieden seyn konnte. Aber auch hierdurch richtete er bei Leuten nichts aus, die entweder nur auf das Geschrey anderer zu hören gewohnt, oder einer Sclbstprüfung unfähig waren. Jedes Wort nahm man von der schlimmsten Seite auf, und wagte cs sogar, Schlüsse und Folgerungen daraus zu ziehen, welche eigentlich gar nicht darinn lagen. Selbst gute und sonst rechtschaffene Männer fiengen izt an, zu Mclanchton's nicht geringer Verwunderung, nunmehr an ihm irre zu werden, indem ihnen diese Vorspiegelungen um so wahrscheinlicher wurden, je mehr sic schon seine Unzufriedenheit mit Religionssireitigkeiten kannten. Sie waren zu zärtlich für die Beibehaltung ihrer neuen kirchlichen Verfassung besorgt, als daß sie nicht -ede kleine Veränderung und Antastung derselben schon für den gänzlichen Umsturz des wohlthäti« gen Werks der Reformation hätten halten sollen. Ja, die Streitigkeiten hörten selbst dann nicht auf, SS7 da Flacius von Magdeburg, welches der Kur« flirst Moriz, auf Befehl des Kaisers, am z. November , 550 erobert hatte, nach Jena sich flüchtete und auch von lcztcrm Ort, seiner unbesonnenen Hize und Zanksucht wegen, verjagt wurde. Melanchton mußte sie nun dulten bis an seinen Tod. Kurfürst Moriz, unzufrieden darüber, veranstaltete zwar an mehreren Orten theologische Zusammenkünfte, um sich über den Grund dieser Vorwürfe zu berathschlagcn; denn er hatte sich, eben sv, wie Melanchton, nicht ohne Ausnahme, für's Interim erklärt und drang immer auf das Versprechen des Kaisers, manche Misbräuche in der katholischen Kirche abzuschaffen. Daher sezte man gewisse Meinungen darüber auf, die zwar von dem, waS Luther lehrte, in der Hauptsache nicht abwi- chcn, aber doch neues Staunen und Schmähen der Gegenpartei) erwckten. Alles, was nun im Kursächfischen in Religivnssachen vorgenommen ward, schrie man als verdächtig und papistisch aus. Durch diese Befehdungen wurden weder Dunkelheit zerstreut, weder neues Licht verbreitet, weder Zweifel gehoben, noch einiger Vortheil für die Religion errungen. Denn neue Ungewißheit, neue Zweifel, Kränkungen, Haß, Feindschaft, Erbitterung und tausendfache Uibereilungen und Vcrlezungen der brüderlichen Einigkeit waren die eben so traurigen, - 5 " 228 als unvermeidlichen Folgen davon. Man wollte scheinen, all dis zum Vorthcjl der Religion zu thun — und sic hatte Schaden davon. Traurig genug, daß der Religion das aufgr- bürdct ward, was nur von menschlichen Leidenschaften herrührte. Doch dis war nicht die einzige Fehde, die man gegen Melanchton richtete. Schon oben ward davon erwähnt, wie nachdrük- lich er sich gegen den Misbrauch erklärte, den man. von der Lehre vom Glauben machte, indem man diesen allein zur Erlangung des Beifalls GottcS für nöthig, gute und edle Handlungen aber, so wie ein, nach den Vorschriften Jesu eingerichtetes, Leben für überflüssig hielt. Man war überdis der Meynung, als könne der Mensch zu seiner Besserung gar nichts beitragen, indem diese allein Gott selbst wider dcS Menschen Willen bewirken könne und müsse. Wie nachtheilig und gefährlich dieser Wahn für Tugend und Religion sehn muß, diS fallt jedem in die Augen. Niemand sah dis besser ein, als Melanchton, der aus jede Art auch diesem Jrrthum vorzubeugen suchte. Er erklärte daher laut: auch der Mensch müsse das Scinige thun, und dadurch, daß er sich von bösen Gewohnheiten und Fehlern entwöhne, zu seiner Besserung selbst Mitwirken. Hiezu kam, daß er in der Lehre vom Abendmal solche Aus« drizke gewählt hatte, welche die Reformjrten und 22Y Lutheraner mit einander vereinigen sollten. Auch diese seine gut gemeinten Erklärungen gaben zu tau» sendfachen Schmähungen und Verfolgungen Gelegenheit. Noch andere Ausfälle auf ihn wagte ein gewisser Andreas, — der seinen lächerlichen Ge- schlechtönamen „H o se n E n d e r l e i n" in Osia n- d e r verwandelt halte — ein gelehrter und gutmey- nender Mann, aber ein aumasender und stolzer Streiter. Zwar kränkte sich Mclanchtou hierüber, aber er. lies seine Kmukung seinen Gegner nicht fühlen. Oft vcrschlos er sich einsam und traurig' iu sein Zimmer, dachte über das Geschehene nach, und weinend bat er Gott, daß er ihn selbst leiten und die Mittel ihm eingeben möchte, wie er. diesen Uibcln abhelfcn könnte. Dis that er, so oft man ihm Nachrichten von neuen Angriffen hintcr- brachtc. Es ist nun leicht einzusehen » was für nachthei» ligcn Eindrüke diese Mishelligkeitcn im Innern der protestantischen Kirche auf ihre Gegner machen mußten. Zwar schien'der Kaiser izt sein gethaneS Versprechen wegen der weitern Untersuchung der kirchlichen Angelegenheiten erfüllen zu wollen. Er brachte es auch dahin, daß die Kirchcnversamm- lung im Jahr izzi nach Trient wieder verlegt ward. Den protestantischen Ständen, welche durch das Beispiel des unglüklichcn Kurfürsten Johann Friedrich, schüchtern gemacht, daselbst Gefahr szo -- besorgten, versprach er nun alle mögliche Sicherheit. Bei diesen Umständen gab auch der Kurfürst Moriz dem Melanchtou den Auftrag, aufs neue eine Schrift zu verfassen, die man dieser Kirchen- versammluug überreichen könnte. Dieser that es; und eine Menge von Theologen, welche ihr Gutachten darüber geben mußten, hatten wenig oder nichts dagegen zu erinnern. Sie war nemstch mit der, ihm gewöhnlichen, Vorsicht und Schonung geschrieben und selbst mehrere evangelische Stande waren damit zufrieden, daher sie auch unter dem Namen der wiederholten Augsburgischcn Konfession, lateinisch: svnopiis «lottrinN clrrilkiongö" betitelt, bald hernach bekannter ward. Indern man aber hofte, cs würden des Kaisers Bemühungen von glüklichen Folgen seyn, und dem Tcutschland seine Ruhe wieder geben, so hatten die Nachrichten, die yun von Augsburg und andern schwäbischen Städten, wo viele evangelische Lehrer vertrieben wurden, all diese Erwartungen izt auf einmal wieder niedergeschlagen. Niemand war aber darüber mehr betreten, als Melanchton, der gewaltsame Masrcgeln gerade als den Weg betrachtete, auf dem man von beiden Seiten seine Absicht verfehlen würde. In dieser Hinsicht bat er seinen Fürsten sehr oft, nur der Sache freien Lauf zu lassen und selbst den Kaiser zu ersuchen, von allem Machtspruche 2Zl hierin» abzustehen. Er urtheilte gewiß sehr richtig: Zwistigkeiten über Religionssachen könnten nicht durch Macht und Gewalt gehoben werden. Nur dadurch könne man ihnen Vorbeugen, daß man den Einsichten Anderer zu Hilfe komme, sie belehre und durch Gründe überzeuge. Auf einem sonstigen Wege seye bei Andersgesinnten nichts aus- zurichten, weil sie dem Zwange nachzugeben, für — Sünde hielten. Eher würden sie das Leben lassen, eh und bevor sie ihre Meynmig änderten und selbst in dem Märtyrcrtode für die Religion einen nicht geringen Ruhm suchen. Wollte man je dem Melanchton einwcndcn, daß es ja Pflicht seye, den Irrenden , welcher nicht mit Güte sich leiten liefe, mit Gewalt von seinen Jrrthümcrn zu- rükzuführen, so crwiederte er: die Uiberzeugungen in der Religion dürften schlechterdings keinem weltlichen Richtersiuhl unterworfen scyn, wenn nicht die schlimmste Tyrannei), welche über die Gewissen sich eine Herrschaft anmast, daraus entstehen sollte. Das ncmliche urtheilte er auch von der Kirchenversammlung zu Trient. Mit einer Hand, sagte er, bietet man uns den Frieden an, wenn man uns zu Berathschlagungcn einladct, und mit der andern droht man jedem, der sich nicht verbindlich machen will, den gebieterischen Aussprüchen derselben sich zu unterwerfen. Dem vhngcacht begab er sich, auf Befehl seines Fürsten, im Jan- 2Z2 ner 7552 auf dm Weg nach Trient mit mehreren Andern. Jedoch hatten sie den Auftrag, bis auf weitern Befehl, in Augsburg zu warten. — Da sie aber nach Nürnberg kamen, verbrestcte sich schon das — auch in der Folge sich wirklich bestätigte — Gerücht, als rüste sich ihr Herr schon zu einem Krieg gegen den Kaiser. Lange schon bat Kurfürst Moriz vergeblich bei dem Kaiser um die Loslassung seines gefangenen Schwiegervaters, des Landgrafen von Hessen. DiS und andre Umstände, deren Entwiklung nicht bisher gehört, bestimmten ihn, Gewalt zu brauchen, nnd gegen den Kaiser nunmehr selbst zu Feld zu ziehen. Das Glük war ihm günstig. Er überrumpelte den Kaiser, der zwar noch mit genauer Noth entkam, aber doch am 2. August >552 den bekannten Passauischen Vertrag unterzeichnen mußte. Darum ward unter andern versprochen, daß binnen sechs Monden ein Reichstag gehalten und die Religionsstreitigkelten zwischen den Katholiken und Protestanten bcigclegt werden sollten. Aber diesen Reichstag, der sich etwas verzögerte, erlebte Moriz nicht mehr, da er schon im folgenden Jahre in der Schlacht bei Elvershausen, jedoch als Sieger, einen tödtlichen Schuß erhielt und seinen Bruder August zum Nachfolger hinterlies. Nach einer vergeblich unternommenen Reise war indeß Melqnchton nach Wittenberg wieder zurükr 2ZZ gekehrt und neue Erwartungen der Dinge wegen des neuen Fürsten beunruhigten ihn. Allein der neue Kurfürst war ein Herr, der seine Untcrthanen mit frohen Hofnungen für die Zukunft erfüllte. Merkwürdig ist hiebei, daß die Absicht einiger Ui- belgesinnten — WelanchtonS guten Ruf bei diesem Herrn verdächtig zu machen — gerade die entge- gcngesezte Wirkung hatte. Er schenkte demselben vielmehr sein ganzes Vertrauen und zog ihn, oft wider dessen Willen, bei aller Gelegenheit zu Rath. Auf seine Veranlassung mußte Mclanchton izt neue Vorschläge thun, wie dem öffentlichen Gottesdienste so, wie den Schulen, noch eine bessere nnd zwekmäsigere Einrichtung zu geben sey: — Vorschläge, die auch sämtlich befolgt wurden und für die damaligen Zeiten grossen wohlthatigen Einfluß hatten. Nichts war diesem Kurfürsten miö- fälliger, als jene Spaltungen, die selbst in der evangelischen Kirche entstanden waren. Daher mußten schon im Jahr einige Theologen zu Naumburg zusammen kommen, um sich zu vereinigen und über jene dem Melanchton vorgeworfe- ncn Abweichungen von der evangelischen Lehre zu besprechen. Leztercr war selbst gegenwärtig, und man erklärte sich zur gegenseitigen Zufriedenheit, wiewohl dadurch den heimlichen Nachstellungen Melanchtvn'S noch lange nicht ein Ende gemacht ward. -34 - Wichtiger, als alle vorigen, war endlich das Jahr 1555. Der von Moriz bedungene Reichs« tag kam izt zu Stande, und nach vielen gegenseitigen Kämpfen ^vard den Protestanten eine freie, ungestbhrte Religionsübu n g zugestanden und ein Religion sfr rede geschlossen, wodurch sie der Oberherrschaft deö Papstö völlig entledigt wurden. „Alles freuet sich, (schrieb damals Me- lanchton;) „Aber wie lange wir uns freuen werden, weiß Niemand." Freilich kannte er die Gemächer nur allzugut, als daß er Alles schon für beendigt hätte halten sollen. Seine lezten Lebensjahre bis zu seinem Tode lzüo, Aichig hätte er nun seine lezten Lebensjahre dahin leben, und der Freude über das gelungene Werk der Kirchenverbesserung gemessen können; wenn anders seine Freude nicht durch jene neue Gährungen wären verbittert worden, welche die obenerwähnten Männer, Flacius und Osi ander, wieder erregt hatten. In Nürnberg war cs sogar darüber zu ärgerlichen Auftritten gekommen. Der Rach daselbst verlangte daher in diesen mis- lichen Umständen Melanchton's Gegenwart,. Et - 2ZS «'schien und hatte auch nicht Ursache, diese Reise zu bereuen. Seine menschenfreundlichen Bitten, seine klugen Vorstellungen und schriftlichen Erklärungen bewirkten nun dort bald wieder Einigkeit und Ruhe. Wie sehr wünschte er, seine Gegner an andern Orten eben so, wie hier, besänftigen zu können! Von dieser Ohnmöglichkcit überzeugte ihn bald die neue, aber fruchtlose, Reise nach Worms. Denn noch wollte man im Jahre 1557 einen Versuch machen, die Katholiken und Evangelischen, zwischen welchen zwar nun Friede geschlossen war, aber doch immer noch ein gegenseitiger Haß herrschte, durch eine Unterredung der vornehmsten Theologen einander naher zu bringen. Auch Melanch- ton mußte dabei erscheinen — aber umsonst! Doch lag izt die Schuld fast weniger auf der katholischen, als auf protestantischer Seite, davon einige zu Flacius Anhängern gehörten und eben daher jeden Vorschlag Melanchtvn's unwirksam machten. Kaum war diese Unterredung fruchtlos geendet, als er eine neue Aufforderung von dem damaligen Kurfürsten Otto Heinrich von der Pfalz erhielt, nach Heidelberg zu kommen und gutachtliche Vorschläge über eine zwckmäsigere Einrichtung der dortigen Universität zu thun. Er thats, und erhielt nicht nur den Dank des Fürsten, sondern auch aller derjenigen, die in seine wohlthätigen Absichten nur eindringen konnten. Hier war es aber, wo 2Z6 - ihm die Nachricht hinterbracht ward, daß seine, in Wittenberg zurükgelasscne Gattin am n. Oktober 1557 an Steinschmerzcn gestorben seye. Joachim Camera rius, einer seiner vertrautesten - Freunde mußte mm diesen Vorfall ihn melden. „Gut (rief Melanchton aus ) ich werde ihr bald „folgen!" Aber einem so zart fühlenden Herzen war es freilich nicht zu verargen, wenn der Schmerz über den Verlust seiner, chmals so zärtlich geliebten, Gattin nachher oft wiederholte Angüsse auf ihn that. Die Universität gab ihm selbst späterhin umständliche Nachricht davon, und bar ihn sehr, dieses Unfalls wegen, ja nicht Wittenberg etwa zu verlassen, sondern auf alle Art seine Iurükkunft dahin zu beschleunigen, indem, seit seiner Abwesenheit, schon der dritte Theil der Studenten von dort wcggegangcn seye» Dieser dringenden Bitte entsprach er nun auch, sobald cs ihm möglich war, und sein unermüdctcr, anhaltender Fleis in dem Unterrichte der Studierenden erfüllten seine noch übrigen beiden Lebensjahre. * Schon seit langer Zeit hatte er über heftige Steinschmerzen geklagt, die bald stärker, bald schwächer wurden. „Diese Krankheit (schreibt er) „trage ich mit Gedult. Sie wird mich zu jener „Schule führen, wo mein Geist mehr lernen wird." Kaum war er aber zu Anfang Aprils izdo um die kurfürstlichen Stipendiaten zu erammiren, in 237 Leipzig gewesen und eben auf der Rükreisc begriffen , als er, bei einer just damals eingetrctencn rauhen Witterung in ein bösartiges Wechselfieber verfiel, das seine Kräfte zwar ausserordentlich schmauste, jedoch aber ihn von seinen Arbeiten abzuhalten .nicht vermögend war. Er hielt nun seine Vorlesungen, wie gewöhnlich, schrieb noch sein Osicrprogramm, und trug es selbst in die Druke- rey. Aber auch dis — war sein lezter Ausgang! Denn ob er gleich noch an selbigem Tage eine schöne Vorlesung über das feyerlichc Gebet Jesu, Joh. 17. mit solcher Kraft und Rührung hielt, daß sie auf seine Zuhörer eine» bleibenden Eindruk machte, so erfolgte doch eine grosse Abmattung darauf. Dem ohngeacht wollt' er noch am ersten Oster- ftyertagc das Festevangelium erklären, und nahm es sehr übel auf, daß man die Vorlesung ohne sein Wissen abgesagt hatte. Die folgenden Tage befand er sich in den Zwischenräumen, wo ihn das Fieber nicht befiel, sehr lcidsätlich. Lr konnte essen und trinken; und unter redete sich noch mit seinen Freunden über gelehrte Gegenstände. Da man ihm auf die Frage, was man von 1 ner Krankheit HM, die Gefahr seines nahen Todes angekündigt bstte, so lies er unter seinen Papieren sein, schon einige Zeit zuvor aufgcseztcs Testament aufsuchei, in welchem er seine Meynnug über die wichtsisten Dinge der Religion angczeigt 2Z8 hatte. Aber dis konnte, aller angewandten Mühe ohngcachtet, nicht aufgefunden werden. Unwillig hierüber, stand er izt ausserst schwach ans seinem Bette auf, und schrieb es von neuem — ohne es jedoch vollenden zu können. Als nun Melanchton die baldige Herannahnng seines Todes in sich fühlte, so lies er sich von seinem anwesenden Tochtcrmann, dem Medicinä Doktor Kaspar Pen cer die Haare von dem Kopf abscheeren, nachher sich eine frische leinene Schlaf- müzc reichen — wie er dergleichen sonst den Tag über in seinem Studierzimmer gewöhnlich aufzu- sezen pflegte — dann forderte er drey weise Hewder, die er noch selbst übereinander an zog; — eine Gewohnheit, die er einst in dem Hause seines Detters, des Doktors Reuchlin zrt Pforzheky sich angcwöhnet — und davon oft erzählt hattss daß ihm dieser dreifache Hemderanzug sehr wohl thue und chm, vorzüglich in seinem Alter, den Leib — wä-rm erhielte! ") Am >y. April gedachten Jahres 1560 ward sein Puls immer schwächer, sim Odem kürzer und seine Augen matter. Die damaligen Professoren vr Universität Wittenberg, und zwar deren Rector tzevrg Cracov, S. den Bericht, wie PH. Mchnchton sein Leben hie auff Erven geendet vnd gantz Christlich beschlossen hat. l 2ZY der beiden Rechte Doktor und Professor; die Doktores der heil. Schrift, Namens Paul Eber, (damaliger Pfarrer) GeorgMajor, und Paul Crell; die Doktores der JuristenFakultät, Namens Lorenz Lindemann, Joachim von Brust und Johannes Schneidewein; die Doktores vom medizinischen Fache, ncmlich Melchior Fendius, Kaspar Pencer und Johannes Hermann; sodann der Philosophie und freien Künste Doktor Vitus Ortel vonWins- hcim; endlich die Magisiri, Sebastian Theodor icus, Matthias Blöchinger, Peter Vincenz, EsromRüdinger, KasparEreu- tziger, Johannes Bugen Hagen, Heinrich Möller und Eusebius Me.iius; — all diese Profcssoreö kamen izt in das Haus Me- lanchton's, nachdem sie durch einen Anschlagzedel zuvor noch die Studenten von der Gefahr ihres grossen Kollegen benachrichtigt hatten, und beteten für sein Leben. Man fragte ihn noch, ob er etwas auf seinem Herzen habe? „Nichts, (rief er,) „als die Einigkeit der Kirche!" Endlich erklärte er, man sollte ihm nicht mehr mit Fragen beschwerlich seyn; — Und ohne, daß man wieder eine Veriukung oder Bewegung an ihm bemerken konnte, war Abends gegen sieben Uhr der Mann nicht mehr, von dessen Leben und Tha- ren ich bicher meine Leser unterhalten habe; der 240 Mann, (wiederhole ich,) von welchem der gelehrte Herr von Mosheim sagt: „hätte Er etwas „mehr Standhaftigkeit und Muth gehabt; hatte „er sich etwas weniger bemüht, jedermann zu gc- „fallcn und wäre er vermögend gewesen, allen in „der Jugend eingesogcnen Aberglauben (und seine einzig daher zu leitende vorzügliche Neigung zur Astrologie und Chiromantie) „von sich zu werfen, „so hätte er billig den Namen — des grösten „Manns verdient," ^) Sein Leichenbegängnis. -Ahngeachr nun Mclanchton das nicht geringe Alter von dz Jahren und eben soviel Tagen — mithin beinah das nervliche seines, ihm in die Ewigkeit vorangegangencn Rcfvrmationsgehülfen, des Doktors Luther, (dessen Lebcnögeschichte er noch kurz zuvor entwarf,) damals erreicht hatte, so war doch das traurige Wehklagen über Me- lanchton's Hintritt zu Wittenbug allgemein. „Unser Lehrer ist todt l" so erscholl cs auf allen Strafen. Viele seiner Freunden kamen nach Wit- *) S. Joh. Lorenz von Mosheiin's, Kirchengeschichte, Band III. vom Jahr 1776, Abschnitt I. §. io. Seite 48 — 51. s sgr tenberg, um noch seinen entseelten Leichnam zu sehen, der bis auf den andern Tag gegen Mittag hin, Jedermann zur Schau ausgcsczt ward. Man legte ihn herauf in einen zinnernen Sarg, der wieder mit einem hölzernen umgeben wurde» Sein Leichenbegängnis veranstaltete man auf eine glänzende und seiner würdige Art am 21. April izüo folgendermaßen: In lange schwarze Priesterkleider eingehüllt trugen die Professoren der Philosophie die Leiche Me- lanchtons; derselben voran gierigen Wittenbergs sämmtliche Schüler; hinter der Leiche folgten die Freunde, dann nach selbigen die übrigen Professoren, der Stadtrath, die Fremden, sowohl adeli- chcn als bürgerlichen Standes, und endlich die Studenten und Bürger Wittenbergs. Nach diesem brachte man den Leichnam zuerst in die Pfarrkirche, und sczte ihn vor den Altar, und zwar just an jenem Orte nieder, wo einst Melanchton bei vormaligen PriesterOrdinationcn, gewöhnlich nicderzuknien pflegte. Hier sang man izt Psalmen und andere, in der dasigcn Kirche damals üblich gewesene Gesänge; und nach diesem hielte der Doktor Paul Eber die Lcichenpredigt aus dem 4. Kapitel an die Theffalonicher. Nach Endigung der Predigt und Vesper wurde die Leichenprozession von dort aus in die Schloßkirche vorgenommen, und, nachdem v. Vitus Drtel rü 242 -- von Wl'nsheim, bei dem Grabe MelanchtonS noch eine sehr sürtrefliche Rede gehalten, der Leichnam des leztern, dem Grabmal des scl. Doktors Luther gegen über, in obiger Kirche beigesezt, in den Sarg selbst aber unter mehreren andern — auch eine Schrift gelegt, die des Melanchton's Lcbens- und Begräbniögeschichte in gedrängter Kürze enthielt. Nach all diesen Ceremonien lies izt die Universität Wittenberg, dem Melanchton zu Ehren, reichliches Allmosen unter die Arme vcrtheilen. Ausser diesem ward bei MelanchtonS Grabe ihm ein Denkmal errichtet, das seinen Verdiensten angemessen war; — ein Denkmal, das sowohl mit seinem eigenen Bildnisse, als auch mit vielen lateinischen Grabschriften geziert war; wovon vorzüglich jene, des Melanchton's vormalig gemeinschaftliche Lebens- und Handlungsweise mit Luther n darstellend, hier eine Stelle verdient: „blie in viele rnus LolleZu, lmtlrere, IVleluncli- ,.ton, „Non proenl ä tnnmlo ccmllitur chse tun: „s/t lacru äoÄrinso coneoräiu junxerat um- „br>s, „8ie sueer umborrnn jungit Le oKrr lo- „eus, (« *) S. den Bericht wie Melancht. sein Leben geendet rc. und Adam H enricp etri Generalhisterie », I. 1577» 6' Buch S. 413 — 415» 24Z r Nicht leicht ist aufden Tod irgend eines Gelehrten soviel in gebundner »nd ungebundner Rede geschrieben worden, wie bei jenem des Melanchton'S. Im Namen der Akademie ward sein Tod und alle kleine Umstände desselben seinen Freunden berichtet. , Viele Jahre darauf ward noch sein Todestag jährlich gefeyert, bis es endlich kein Gelehrter mehr wagte -— aus Furcht, das Lob der Rcchtgläubigkeit zn verlieren — seiner ehrenvoll zu gedenken. Erst nach zweihundert Jahren, ncmlich im Jahre i7bo seyerte man noch sein Andenken und eine Menge Schriften erschienen an seinem Sterbetage zu Wittenberg, Leipzig, Tübingen und Nürnberg. Aber immer verwies man noch mit bedenklicher Miene auf die Fehltritte und gefährlichen Meinungen, die er in der Glaubenslehre gehegt habe. Heil uns, daß wir izt in Zeiten leben, wo der Fanatism' — der Freiheit im Denken und Ur- theilen hat weichen müssen; in Zeiten, wo sein Name ohne Furcht genannt, sein Verdienst ohne Ängstlichkeit gerühmt, und sein Andenken, ohne einen Eiferer zu beleidigen, erneuet werden kann! — ich meyne das Andenken eines Mannes, der einst so anspruchloS sich selbst folgende, so ganz bescheidne Grabschrift machte: „klke brevis tumulns miieri tenet oLa ?lii- lixxi, l6 ' 24 » „Hm, Hualis kuerlt, nescio, tssts „erat. ") Joachim Camerarius, der vormalig vertrauteste Jugendfreund und 40jährige Schulkollege Philipp Melanchtons, hatte nun denselben gleich auf die Nachricht von seiner leztern Krankheit von Nürnberg aus — allwo er damals der dortigen Schule Vorsteher war — in Wittenberg, aufMe- lanchton's besonderes Verlangen besucht und einige Läge hindurch bei dessen Krankenbette sich verweilt. Dieser schien nun auf den Besuch seines alten trauten Freundes damals sogleich wieder zu genesen , wenigstens in Ansehung seiner, meist von Stcin- schmcrzen herrührendcn Krankheit, (wozu sich am Palmsonntage 15(12 ein Fieber gesellte) sich beinah ausser aller Gefahr zu befinden ; so, daß Melanch- ton den Camerarius, (der gerne noch länger bei ihm geblieben wäre) mit einer heitern Miene und den Worten voll Frohsinns, nunmehr zu den Seinigen zurükeilen hies, mit dem Auftrag, ihnen zu sagen, daß er sie bis auf nächstherannahende Messe selbst besuchen würde. Aber Camerarius erhielte schon unterwegs auf seiner Rükrcise zu Leipzig die Nachricht von *) S. Christ. Gottl. J'öchers all. Gelehrt. Lexikon v. I. 1751. 3. LH. S. Zyi. V s dem indeß erfolgten Tode seines Freundes Melanch- ton. Er kehrte daher von da sogleich zu dessen Leichenbegängnisse nach Wittenberg wieder zurük. Dann vollendete Camerarius späterhin, die, aus Veranlassung mehrerer Freunde, schon bei Lebzeiten des Melanchtons in lateinischer Sprache zu entwerfen angefangene Lebens - und Familien - Geschichte desselben, zur immerwährenden schäzbaren Kunde für die Nachwelt. Melanchton's häuslichen Umstände und K'makttt. 11m nicht den Faden der Geschichte zu zerreißen, Hab' ich von den Familien - Umständen und häuslichen Tugenden Melanchton's bisher zu wenig gesagt, als daß ich diesem Gegenstände noch einen besondern Abschnitt hier nicht wiedmen sollte. Gleichwohl ist es interessant, den Mann, der so oft vor unfern Augen öffentlich gehandelt hat, auch in seinem Hause hcrumwandeln zu sehen. Hierdurch wird uns sein Bild gleichsam näher vor Augen *) Siehe Kurzen Bericht, wie PH. Mel. sein Leben geendet hat; und G. Theod. Strobel's Joachim Camerarische Lebensbeschreib. Melanchton's, k>»x. 364., und in dessen ?roosm. 26 On. kkiilpp. Uaultgr. tialllse XV, st gestellt, da wir es zuvor nur von Ferne sahen, Und wenn ich auch izt nur einige unvollkommue flüchtigen Züge davon licfrc, so hoffe ich doch, daß, wenn dieser Mann bisher unsre Achtung sich erwarb, nun unsre Liebe sich verdienen werde. Den guten Bürger wacht der gute Familienvater nur noch schäzenswerthcr. Aber, wie viele grossen Männer waren das erste, und das leztere nicht? — Wenn man sic in ihren öffentlichen Handlungen bewundern muß, so möchte man das Auge von ihnen wenden,, so oft man sic hinter dem Vorhang erblikt! Mclanchton war liebenswürdig in und ausser seinem Hause. Die Verhältnisse, worinn er als ! Gatte und Vater war, mußten einem so zartfüh- ! lenden Herzen die schönsten Empfindungen abloken. Wer ihn im Umgänge mit seiner Gattin sah, der freute sich, ein Paar zu finden, das ganz für einander fühlte und lebte. Zärtliche Liebe, wechselseitige Schonung und Delikatesse in jedem ihrer Gespräche und aufmerksame Fürsorge zeichneten diese Ehe vorzüglich vor allen andern aus. Hätte nun seine Gattin mit ihrem guten Herzen einen grossem Geist verbunden, so nahm' ich kein Bedenken, ihre Verbindung — für ganz glücklich zu halten. Al- j lein eben dadurch, daß sie ihn oft durch unzcitige ^ Fürbitten unterbrach, ihn, den ohnedis Ticflci- henden bei Trübsalen durch Klagen noch mehr l - 247 ängstigte, mochte sie ihm manch unangenehme Stunden schaffen. „Verlaß mich Gott nicht im „Alter, wenn ich grau werde!" — Dis war ein gewöhnlicher Seufzer ihres ängstlichen Gcmüths. Hiezu gesellten sich noch ihre immerwährende kränklichen Zufälle. Aber dis Alles ertrug er so gelassen , daß sic selbst mehrmals gestand, wie sie auch nicht durch ein Wort je von ihm wäre beleidiget worden. Nicht immer kann man von dem Gatten auf den Vater schließen. Der gefälligste Gatte ist oft der ungefälligste und sorgloseste Vater. Aber, cs gab keinen grösser» Kinderfreu nd, als unfern Melanchlon. Denn dieser unterhielt sich gern mit jungen Leuten. Durch fröhliche und sinnreiche Gespräche suchte er ihren Geist zu schärfen und ihr Herz zu bessern. Besonders bediente er sich, um ihre Känntnisse zu vermehren und ihnen gute Gesinnungen in's Herz zu dringen — des Mittels, daß er ihnen lehrreiche, merkwürdige und uüzliche Geschichtchen erzählte. Selbst trug er oft seine eignen Kinder auf dem- Arme herum, spielte mit ihnen in den kleinen Zwischenräumen bei seinen (Geschäften und ergözte sich an ihrer unschuldigen Handlungsweise. Ein Franzose, der, nur um seine Bekanntschaft zu machen, ihn besuchte, fand ihn einst mit der einen Hand ein Buch halten, worum er las, und mit der andern sein Kind wie- V S48 --— gm. Als er darüber seine Verwunderung zu erkennen gab, sagte Mclanchton: „Sie sehen, ich „bin Vater!" Ein andermal hatte ihm einVlik auf die öffentlichen Angelegenheiten Thräncn aus- gepreßt; seine noch ganz kleine Tochter, die dis bemerkte, sprang auf ihn zu und wischte ihm gutherzig mit einem Tuche — die Thränen ab; und der Vater fand darinnc Trost und Stärkung. Uiber dieser herzlichen Liebe zu seinen Kindern vergaß er nicht deren Erziehung, wie doch oft das lezte über dem erster« gemeiniglich vergessen wird. Er hatte, (wie schon oben bemerkt worden,) zwei Töchter und eben so viel Söhne. Seine, darunter gekehrte, Tochter Anna, ganz das Ebenbild ihres sanften Vaters, die er auch vorzüglich liebte, verhey- rathete sich an den damals berühmten Dichter 0. Sabinus. Allein dieser war ein unruhiger tollkühner Kopf und ihrer sanften Tugenden ganz unwürdig. Er lebte liederlich, machte Schulden und verbitterte ihr das Leben. Ich vermag es nicht den heimlichen Gram des Vaters über seine un- glükliche Tochter hier darzustellen. Oft bereute er «s mit Thränen, daß er einst seine Einwilligung in diese Verbindung gab. „Ich sähe, (schrieb er,) „ihre herzliche gegenseitige Liebe, und vermochte es „nicht, zu widerstehen. Der Mensch hat mich „betrogen!" Sie starb, von Sorgen und Gram verzehrt/ schon 1547 zu Königsberg in Preussen; und Melanchton fand darinn noch einige Freude, daß er ihre hinterlasscncn Töchter zu sich nehmen konnte. Für das Misgcschik dieser ältesten Tochter fand er nun in der Ehe seiner, an den Arzt I). P eurer zu Wittenberg verhcyrathctm zweiten Tochter, Namens Mag da lene, hinlängliche Entschädigung. Sein ältester Sohn "Philipp, erlebte, ohngcacht er in seiner Jugend immer kränklich war, E ein Alter von Ho Jahren. Ausser dem Namen ^ hatte er mit seinem Vater wenig gemein. „Nach ! „meinem Tode (so schreibt der Vater von ihm,) ^ „wird er von den Wohlthaten anderer leben müs- ! „scn; er hat ein gutes Herz, aber wenig Geist ! „und Kopf." Im Jahr 1550 schrieb er: „Ich „war zu Torgau, und da mein Sohn und eine „dortige Wittwe sich mit einander verbinden wollten, gab ich meine Einwilligung. Beide gehen „mir nahe. Die Person scheint einen guten Kataster zu haben." Endlich ward dieser Sohn Notarius bei der Universität und dem Konsistorium zu Wittenberg, und hinterlieö wahrscheinlich keine Kinder. Man hat noch einige Briefe Melanch- lons an diesen Sohn aufgefundcn, die wenigstens beweisen, daß er es an zärtlichen liebreichen Ermahnungen zum Fleise und zur Thätigkeit nicht hat fehlen lassen. Sein zweiter Sohn Georg starb schon nach zwei Jahren. Melanchton's ein- 2Z0 - zigcr Bruder Georg lebte noch lange nach ihm als Amtmann zu Bretten. Beide liebten sich zärtlich und aufrichtig, und sreueten sich schon lange im voraus, wenn einer dem andern zu einem Besuche einige Hofnung machte. Mclanchton's grosser Geist wohnte in einem kleinen Körper. Aber seine offene und erhabene Stirne lies schon das Höhere in ihm vermuthcn. Diese, so wie seine schönen Hellen Augen und breite Brust, würden ihm noch ein weit besseres Ansehen «ersehnst haben, hatte er nicht die eine seiner Schultern immer etwas tiefer, als die andere getragen. Die Natur hatte wenigstens in Rüksicht seiner Körperbildung nicht stiefmütterlich an ihm gehandelt. Daß er immer hager blieb; dis war vielleicht eine Folge seiner beständigen Arbeiten und Sorgen. Ein besonderes Uibel war dis für ihn, daß er immer mit Schlaflosigkeit zu kämpfen hatte. Lagen ihm nun Sorgen auf dem Herzen, oder hatte er den Tag über mehr, als gewöhnlich nachgcdgcht, so konnte er auch — nicht eine Stunde schlafen. Sehr oft führte er Klagen darüber, und wünschte an der Stelle gewöhnlicher Handarbeiter zu seyn. In der äussersten Mäßigkeit fand er das einzige Gegenmittel dafür. Daher as er des Abends wenig, und legte sich frühzeitig schlafen ; aber gleich nach Mitternacht kehrte er wieder zu seinen Arbeiten zurük. All seine Schriften waren nun das Werk seiner Morgenstunden. Nichts war ihm jc- wals empfindlicher, als wenn er des Abends durch Etwas gestöhrt ward. „Kann ich groß ohne „Sorgen zu Bette gehen, (schreibt er,) so kann „ich groß mir Sorgen aufsiehen." Wurden ihm des Abends Briefe von wichtig- scheinendem Jnnhalt übcrbracht, so erbfnetc er sie erst des andern Morgens. Nur in seinem hohen Alter konnte er sich dazu überreden lassen, auf Anrathen der Aerzte, des Mittags — eine Stunde zn schlafen, Sonst war er ein Feind von aller Medicin, die er oft auf eine tadelnswürdige Art verschmähte, so wie er sich zulezt auch jener Bäder gänzlich enthielte, die er von seinem vierzigsten Jahre an, bis in das drei und vierzigste, in Gesellschaft seiner Freunde sonst zu besuchen pflegte. Sogar legte er sich nicht einmal mehr in ein Bett, so wie er anfi'eng, alt zu werden, sondern warf sich bald da, bald dort auf einer Bank hin, und so — schlief er ein. In Melanchton's Körper wohnte eine, sehr fein fühlende Seele. Sein Herz war zu den heftigsten Empfindungen geneigt. Ein Wort, ein Ton, ein Anblik, der Andere ganz gleichgültig lies, konnte ihn zu Thräncn oder zum Lachen bewegen. Immer wußte sein feines Gefühl diejenige Seite von einer Sache zu fassen, welche die hervorstechendste war, und von andern nicht so zart gebildeten Seelen übersehen ward. -52 Die Regeln des Schönen und Guten waren gleichsam in sein Herz geschrieben. „ O, welch „ein Gemähldel" rief er einmal in einer katholischen Kirche bei dem Anbtik eines schönen Bildes aus — als ihn seine eifrig Lutherischen Begleiter daran erinnerten, daß er in einer katholischen Kirche nichts bewundern dürfe. Ein schöner Garten, ein angenehmer Spaziergang verbreiteten über sein ganzes Wesen Heiterkeit und frohe Stim- » nillng. Daher er'auch mit dem Bemühen, alles Sinnliche aus der bisherigen katholischen Einrichtung der Kirchen zu verbannen, nicht ganz zufrieden war; indem er wohl wußte, wieviel das Sinnliche in seiner veredelten Gestalt, als Symbol des Geistigen auf den sinnlichen Menschen wirken kön- -ne. Muntere Gespräche und freundschaftliche Vergnügungen suchte er keineswegs zu fliehen. Denn er war sehr gerne unter muntern und aufgcwekten Menschen. Dabei hatte er so wenig bäuerisches und grobes der damaligen Zeiten an sich, so> daß sein Betragen mit seinen Zeitgenossen ziemlich kon- trastirte. Diese Eigenschaften machten ihn daher zu einem der angenehmsten Gesellschafter. Sein froher Scherz und treffender Wiz erheiterten alle Gespräche , wenn sein Gcmüth nur — sorgenfrei war. Ohne, daß man es vermuthete, wußte er immer eine trokene Satyre anzubringen, die Niemand beleidigte, und — wenn sie ja beleidigte — 25Z so war es ihm kränkender, als selbst dem Beleidigten, den er gewiß auf alle Art wieder zu besänftigen, sich bemühte. Sein überaus glükliches Gedächtnis kam ihm auch bei Gesellschaften vorzüglich zu statten. Denn bei jeder Gelegenheit wußte er einen ähnlichen Vorfall aus der Geschichte, einen anwendbaren Vers aus einem alten Dichter und eine unerwartete Sentenz einzumischcn, die Jeden — überraschte. In dieser Hinsicht lassen sich auch seine Briese nicht ohne Vergnügen lesen. Noch weit lieber hörte man ihn über gelehrte Dinge mit andern disputiren. Sein Scharfsinn, der Alles schnell durchdrang; sein Wiz, wodurch er dem Gegner überlegen war, verbunden mit seiner Sanfmuth, die jenem, der zum Erröthcn gebracht worden war, gleich wieder zu Hülfe kam — waren die Ursache davon. Man irrt nun sehr, wenn man seine, unter allen Umstanden bewiesene, Sanftmuth auf Rechnung — seines Temperaments und nicht vielmehr auf jene — seiner Vorsäzc zu sezcn sucht. Affekt- voll, oder vielmehr jähzornig, wie er eigentlich von Natur war, konnte er sehr leicht von jeder Kleinigkeit aufgebracht werden. Dis war vorzüglich der Fall in seiner Jugend. Stark und heftig war die Empfindung des ersten AugeublikS: Und, war' ihm seine Vernunft nicht zu Hilf gekommen, so hatte ihn allerdings sein Temperament auf man- 254 chcrlei Abwege führen können. Allein er hatte das Eigene — welches zwar viel Uiberwindung kostet, aber auch eines grossen Mannes würdig ist — daß er im ersten Augcnblike der Aufwallung sich zu nichts entschlos. Man konnte ihm die größte Beleidigung sagen; und er antwortete erst nach einer Viertelstunde. Man konnte ihm die schlimmste Nachricht hintcrbringcn; und er fühlte es heftig, aber er rührte sich eine Zeit lang nicht im Mindesten darüber. Dis war ihm Gesez und Vorschrift, von der er nicht abweichte. Weit gefehlt, daß seine Sanftmuth etwa nur eine Tempe- ramcntstugend gewesen wäre, wie man immer sein Bild vorzustellen pflegt; nein; alle Nachrichten von ihm stimmen völlig darinn überein, daß sein ^ Temperament — Jähzorn oder leidenschaftliche ! Hizc war — welchen Temperamentsfehler er oft j selbst an sich tadelte, jedoch ihn durch Grundsaze und Selbstbeherrschung, so wie durch einen östern Kampf mit sich selbst so sehr zu mäsi'gcn wußte. Wieviel Verdienst darinnen liege, mögen nun diejenige beurtheilen, die einst, wie er, gekämpft haben. Dabei war in seinem ganzen Betragen so wenig Verstektheit, so wenig Aurükhaltung und Verheimlichung , daß alle freundschaftliche Tugenden in seinem Herzen Plaz fanden. Mclanchton war zu sehr vertrauender Freund. Seine Briefe, die er niederschrieb und erhielte, lagen immer offen da. 255 Seine Reden unter Freunden waren so wenig gekünstelt, daß manche niederträchtige Menschen nicht selten einen schlimmen Gebrauch davon machten. Unmöglich war cs ihm, Jemand irgend eiche Bitte abzuschlagen. Bemerkte er nur einen heimlichen Wunsch bei Andern, so war er gleich geneigt, bei sonst gleichen Umständen ihn zu befriedigen. Kamen Unglüklichc zu ihm, so schonte er keine Mühe und keine Fürsprache , um ihnen zu helfen. Nie hatte er mehr Muth, als hier. Er fühlte zu fein um für sich selbst zu bitten, aber dis für Andre zu thun, kostete ihn keiner Uiberwindung. Wie klug er mit hizigcn und daher sich oft übereilenden Freunden umzugehen wußte, davon war Luther selbst ein Beweis. Denn nicht lange würde die innige Freundschaft zwischen beiden Männern bestanden haben, wäre Melanchton eben so hizig und polternd gewesen, wie jener. Dis kann ich nicht besser, als mit den eignen Worten Melanchton's beweisen: „Luther war bei seinen grossen Tugenden von Natur hizig und aufbrausend. Oft mußte „ich ihm eine sklavische Unterwürfigkeit beweisen, „da er zuweilen mehr seinem Temperamente folgte, „und weniger auf seine Person und das allgemeine Beste Rüksicht nahm. Er konnte es nicht gut „leiden, wenn man von seiner Meynung abwich." Und doch liebte er ihn als seinen Vater, und vermied jede Gelegenheit zu irgend einem Misverständ- 256 -- nisse. Dis war um so schwerer, da er in manchen Stuken ganz anders dachte und verfahren wissen wollte, als Luther. Beispiele von Freunden mit verschiedenen Gesinnungen und Temperamenten sind nicht selten, aber desto seltener die Beispiele von Freunden, die bei dieser Verschiedenheit an einer Sache gemeinschaftlich arbeiten, und weil jeder andre Mittel ergriffen wissen will, beständig an einander gerathen müssen. Melanchtons Freigebigkeit verdient nun in manchem Betracht mehr Tadel, als Lob. Denn nicht selten mußte er selbst, so wie seine Familie darunter leiden. Immer speiste und unterstüzte er Nothlei- dcndc. Vertriebene, arme Studenten; worüber Manche die ihm selbst Geschenke gemacht hatten, oft unwillig wurden. „Man gibt es ja nicht mir (sprach er dann) „sondern nur zu meinem Gebrauch." Bei solchen Umständen war freilich sein Einkommen kaum hinreichend. Daher ereignete sich auch mehr, als einmal der Fall bei ihm, daß er aus Geldmangel sogar einiges von seinen Geräth- schaftcn verkaufen mußte. So hatte er z. B. wegen eines, chmals aus Preussen zum Geschenk erhaltenen Bechers zu dessen Verkauf einem seiner guten Freunde mit dem Bemerken den Auftrag gegeben, daß er den Erlös davon zu einem gewissen nothdürftigen Zwek bestimmt habe, indem ihm dermalen eine philosophische Armuth auf dem Fuö Nachfolge, Nicht selten misbrauchte man auch'feine Her» zensgüte. Wußte Jemand nirgend wo Etwas zu erhalten, so gieng er nur — zu Melanchton. Bon dieser Unverschämtheit nur ein Beispiel: Man hatte ihm einmal einige alte Gold- und Silbermünzen geschenkt. Gleich daraus bot er einem Fremden, Namens Ll. Cyriacus Spangenberg, der lange genug seine Verwunderung über ihre Schönheit ihm zu erkennen gab, einige davon an. „So nehmen Sie doch einige, die ihnen am „besten unter Allen gefallen, (sprach Melanchton.) „Ach, ich wünschte sic alle" vcrsezte jener; und Melanchton gab sie ihm ohne weiters, ohngeacht ihn — wie er dis in der Folge selbst eingestund —- diese unverschämte Forderung jenes Fremden damals in der Stille beleidigte. Aber eine andere Tugend, welche Wohlthätern oft mangelt, fehlte dem Melanchton nicht. Er wollte nie Wdhltha- ten erwiesen haben, noch viel weniger lies er sich bei Andern davon was merken. Bei dieser ausschweifenden Freigebigkeit gegen Andre war es ein Glük, daß er zu seinem eigenen Unterhalt nur sehr wenig brauchte. Köstliche Speisen waren seine Sache nicht. Kleine Fische, darunter vorzüglich die sogenannte Grundeln, rohe Eper, frisch von der Henne weg, und Milchspeisen, so wie Gartengewächse, waren seine liebste Nahrung. Von Fleischspeisen war er gar nicht Lieb- r? 258 Haber. Denn wie er noch in jünger« Jahren im sogenannten Convict zu Tübingen war, allwo gemeiniglich ihm und seinen Tischgcnoffen eine Ger- steusuppe aufgetischet ward, vertauschte er immer mit einem Andern sein Stük Fleisch gegen dessen Suppe, so, daß jener immer eine doppelte Portion Fleisch; hingegen Melanchton eine doppelte Portion Gerstensuppe dafür erhielt. Um seiner Schlaflosigkeit im Alter vorzubeugen, trank er täglich ei» Glas alten Weins, womit ihn viele Fürsten und Städte reichlich versorgten. Sonderbar, daß ihm der Wein in seinen alten Tagen so gut behagte, statt daß solcher, in seinen jüngern Jahren, wie er dessen bei Gelegenheit, da er einst von Tübingen aus, seinen Vetter, den v. Reuchlin zu besuchen, nach Stuttgardt kam, in lezterm Orte stark gekostet hatte, ihm sogleich eine Anwandlung von Gliederweh verursachte, worauf er sich daher von dort auS wieder nach Tübingen zurükbegeben mußte. Kam einst Melanchton zu Jemand und fand dort eine reich besezte Tafel, so spottete er darüber. Als sich einmal sein Wirth darüber entschuldigte, daß er in der Geschwindigkeit nicht mehr habe auf- treiben können, erwiedcrte er ihm: „Ihre Entschul- „digung ist wahrhaftig grösser, als mein Magen. „Wären alle so groß, als Sie zu erkennen geben, „so müßte der liebe Gott in der Welt viel anschaf« „sen." Eben so mäsig bewies er sich in der Klei» - sz- düng. Beständig trug er, auswärts, wie zu Haus-, ein langes herabhängcndcs Kleid mit langen Er« mein, nach damaligen Zeiten zugcschnitten, das vor- nen zugeknöpft war; und lies sich schlechterdings dazu nicht überreden, immer mit den Kleidern zu wechseln, noch viclwcniger eine fremde Kleidermode nachzuahmen. Jedoch verschmähte er in seinem Alter nicht — den zur Erwärmung des Körpers dienenden Marderpelz über seinen dreifach übereinander angezogcnen Hemdern. Hicrinne war ihm nun Niemand ähnlicher, als Erasmus Sarcerius, unter besten Bildnisse daher ehmals folgende allegorische Zeilen stunden: „Sarcerius dem Melanchtdn auf Erden „gleich glebt hat mit Kleidern und Geberden." -) Vorhin erwähnte Mäsi'gkeit im Essen und Trinken war auch schlechterdings ein Haupterfordernis bei den vielen Arbeiten Melanchton's. In der That ist es zu bedauern, daß man ihm Arbeiten von so verschiedner Art aufbürdete. Denn es ist nicht daran zu zweifeln, daß er noch weit mehr geleistet haben würde, wenn er immer nach seiner Neigung hätte studiren können. Wieviel Zeit kostete« ihm nicht die vielen auswärtigen Verrichtungen ; die Vorreden und Verbesserungen fremder *) Sieh. G. Theod. Strobel am angef. Orte ln »oootst. k>. 69. l?» 26o Schriften, die wirklich unzählbar sind; die Besuche von Reisenden, die seine Bekanntschaft und Empfehlung suchten; die Gutachten in zweifelhaften Dingen, die er geben mußte, u. s. w. Alles, was zu Wittenberg und selbst an vielen andern Orten im Druk erschien, wußte er zuvor durchsetzen und prüfen. Zu diesem Allem rechne man izt noch die grose Menge seiner eignen Schriften und seinen mündlichen Unterricht dazu und dann wundere man sich darüber, daß seine Gesundheit noch so lange dabei aushielt. Kurfürst Friedrich, der Weise, von Sachsen erinnerte ihn daher einmal schriftlich, wenn er die übrigen Aussprüche des Apostels fürwahr halte, so möchte er auch an der Heiligkeit des Gebots nicht zweifeln: „Pfleget des Leibes!" und bei jener freundschaftlichen Erinnerung, die er ihm machte, rieth er dem Mclanchton hauptsächlich noch dis an — den Gebrauch des Weins ja nicht zu unterlassen, und offerirte Ihm sogar aus seinein eigenen Hofkeller den nothdürstigen täglichen Haußtrunk. Personen, denen allgemein geschmeichelt wird, laufen Gefahr, sich ein gewisses Selbstvertrauen eigen zu machen, das ihnen selbst nachtheilig und andern fühlbar ist. Mclanchton hingegen weichte derselben aus. Musterungen seiner Demuth finden sich überall in seinen Schriften; und wenn man diesen nicht trauen wollte, so sprechen die überein- 26k stimmenden Nachrichten von seinem Umgänge mit Andern von seiner grossen Bescheidenheit. Selbst die Personen aus der niedrigsten Klasse behandelte er liebreich und freundlich; welches um so weniger verdächtig ist, je mehr Verstellung und Heuchelei mit seinem Karakter im Widerspruch' steht. Er hatte einen Menschen bei sich, Namens I o« Hannes. Koch von Heilbronn, den er auf die Empfehlung dessen vorigen Dienstherrn, des schon oben erwähnten Gelehrten und Melanchton's ehemaligen Busenfreunds, Namens Hieronymus Baumgärtner, zu sich in seine Dienste ausgenommen hatte. Dieses Kochs Redlichkeit und Treue, verbunden mit einer schwärmerischen Liebe, die er für Mclanchton hegte, waren nun Demselben eben so erprobt, als unentbehrlich. Denn dieser besorgte das ganze Haußwesen des Melanchton's; kaufte ein, führte die Rechnung und verläugnetc oft einstweilen die eigentliche Summe 'der Kaffe, wenn sein Herr — Alles den Armen geben wollte. Ohne ihn wäre Melanchton gewiß in die traurigsten Umstände gcrathcn; allein er belohnte auch seine Treue, schrieb an ihn die freundschaftlichsten Briefe, ohne sich dadurch im Respekt etwas zu vergeben, und bedauerte es sehr, da dieserJ ohannes Koch, der einst sein Speismeister, sein Hausvogt, seine Schtld- wache, kurz — sein Alles war, endlich als ein Lbr . . alter Knabe im Jahre 155z kn seinem Hause starb. An ihm billigte Mclanchton besonders die Pünktlichkeit, womit er einst all seine Aufträge redlich besorgte. Jur Erkenntlichkeit dafür errichtete er ihm auch auf dem Kirchhofe zu Wittenberg eine — dessen treuen Diensten und Karakter angemessene Grabschrift. Iwar nicht in seinen Geräthschaftcn« aber in seinen, als fremden Handlungen sowohl, war Me- lanchton ein wahrer Freund der Ordnung« Wollte Jemand etwas gemeinschaftlich mit ihm unternehmen, so lies er sich die Zeit und den Ort genau dazu bestimmen, und ward jedesmal unwillig darüber, wenn der Andere daran noch nicht gedacht hatte. Ich verweise hier meine Leser auf jene Zeichnung zurük, die ich von dessen Vater schon oben geliefert habe, . Noch ein Blik auf seine Verdienste, Nicht leicht ward über irgend Jhmanh, ein so verschiedenes Unheil gefallt, wie über unfern guten Melanchton; allein darinn stimmen doch alle Ken- *) S. G. Theo d. Strobel am angef. Orte. S, 41—42. kroxrsmmL kunebre multk elozll»! okgnnir Lock yro-tum exiat Iomo II. fcrlxt. xubl. vvitteb. k- 9. „er überein, daß sein Einfluß auf Wissenschaften und Sprachkenntnisse von der wohlthätigsten Art war. Um dieses sein Verdienst gehörig zu würdigen, blike man nur auf den traurigen Zustand der damaligen Zeiten zurük. Man lehrte zwar Wissenschaften und Künste; aber ihr Vortrag war dunkel ohne lichtvolle Ordnung, mit einem solchen Wüste von ohnnöthigen Dingen angefüllt, daß mancher Jüngling, der Kopf und Neigung hatte, von der Erlernung derselben zurükgcschrekt ward. Picht so bald hatte dis Melanchton bemerkt, als Ein noch ungedrukter Brief Melanchkon's an Herrn Graven Philipps zu Nassau. Lottes Gnad durch seinen eingebohrnen Sohn Ie- sum Christum Unfern Heiland und wahrhaftigen Helffer zuvor. Dnrchleuchtigster Hochgeborner, Gnediger Fürst und Herr, E. F. G. wißen aus hohem Christlichem Verstand, das Göttliche Weißheit becdes verkündigt hatt, das in diesem leztcn Alter der Weltgrößere Zerrüttung seyn werden, denn zuvor gewesen, das aber gleichwol der Son Gottes yhm eine ewige - 275 Kirchen für und für fair len und erhalten werde, rvill auch darumb etliche Regiment und Herrschafften erhalten, diesen Trost sollen wir wissen, und in dießer Hoffnung die Christliche Lehr pflanzen und darzn Hülff thun, und thun E. F. G. ohne Iweiffcl Christlich, das sie in yhren Kirchen reyne Lehr des Evangely, Gott zu Ehren und den Menschen zur Seligkeit pflanzen laßen, und Jungen Leuthcn zum lkusio gnedige Hülffc thun, und nachdem E. F. G. mir bevelich gethnn, mich vor E. F. G. Diener Il/lgßfllkro Vinoentio Cvno zu erkunden, habe ich dafielbig vlcißich gethan, und bericht E. F. G. in Wahrheit, daß gedachter V!n-, centins von'Gott mit natürlichen Gaben des Verstandes, und zu reden wol begabt ist, das Ehr auch löblich lkuM'rct hatt, so ist ehr ehrlicher Sitten, denn ich vleißig nach seinem Wesen gefragt, dazu Hab ich nun selb mit yhm offt von üuäiis geredt, und hoffe, ehr werde durch Gottes Enad .ein nüzlicher Mann werden, were auch jezund zu Univei'ütLten und Kirchen zu gebrauchen, wie ich yhn auch vermanet in der klnivertitset etwas ^u lesen, Soviel aber die Jerung belangt, thuet .ehr Mir diesen Bericht, daö etwas mehr uff yhn .gangen, scy also geschehen , das ehr seine liebe und verlaßene suester geholct habe, und also beyde eheliche Personen wiederumb mit großer arbcit und 18 * 1 276 , -- . kosten znsammcngcb rächt, welches ich sonst auch vernommen habe, Nnn habe ich nit Iwciffel, E. F. G. als ein Hochldblicher Herr, der Tugend liebet, habe an dieser Treue und Christlichen Merck ein gncdig gefallen, und werde der Jerung halben gnediglich zufrieden seyn, Ich vcrmercke auch nirgend mehr übermäßige und unnütze Zerung bey yhm, auch ist ein Wohlgeborner ernster Mann von Wesel in seiner Wohnung, der sich übet mit lesen und predigen , der nicht bey yhm Wohnung haben würdte, so ehr sich ungebührlich hielte, dcßwegen bitt ich E. F. G. in unterthcnigkeit, sie wollen yhm noch gnediglich zum üuäio Hülff thun, und yhn nach gelegenheit über'ein Jahr oder zwey zu Versorgung einer Kirchen beruffcn, dazu ehr sich in un- terthcnigkcit gehorsam zu seyn erbvtten, auch will ich selb uff sein üuäium achtung geben, und yhn anhalten, so wir wiedcrumb gen Wittcberg kommen, das ehr andern lesen soll, und E. F. G» zu dienen in unterthenigkeit bin ich willig, und bitte den Svn Gottes Jhesum Christum Unser» Heiland, ehr wolle E. F. G. und E. F. G. Junge Herrschaft gnediglich bewaren und regieren, ^men, Datum zu Torga am Tag Lartdolomso^. 1552, E. F. G. unterthenigcr Diener küilippus lUeiaüclitdcm» -77 Zwei noch ungedrukten Briefe des Doktors Luther an den Grafen Philipps zu Nassau, als Seitenstüke zum vorigen. Erster Brief. Enad und Fried ycn Christo und meinem armen xr. nr. (soll pater noller heissen.) Wohlgebohrner Gnädiger Herr! Allß mir E. G. geschrieben nmb einen geschickten xrellicanten zu schicken, bin ich von Herzen geneigt, und mich auch umbgesehen , das beste ich vermocht, denn es auch hier bey Uns mangelt, das Wir aus denen Dörffern müßen haben, und Stedte bcsezen, doch Hab ich mit einem gehandelt, der sich unter Unsers gdgst. Fürstenthum aus dem gottloßen Stifft zu Halle gcthan, aber mit Weib und Kindlein yendes beraten, Er ist von Steinach, der LandsOrt, das ich acht, Er solt daselbshin tüchtig seyn, denn der geschicklichkcit hclt ich yhnso, das ich gedacht, wo ycn Unser Kirchen ein Cspplan abgienge, an solch Ampt zu fördern, weil ich nun dismahls keinen andern weis, will ich denselben E. G. angezeigt haben, und Hab mit yhm davon gc- redt, So erbietet er sich meines Orts willig an, wo nu E. G. sein ehelicher stand yen E. G. Lan- i §78 den nicht hindert. So mögen mir weiter E. G, schreiben, damit ich yhn Hab ans E. G. Befehlen zu fördern und treiben. Ich hoffe, Er solle E. G. gefallen, Ich bitte aber, das die Kirchen , da er hin solle, yhm wolle Jerung schicken, oder wo ers hie auffbyrgcn müßte, dort wieder erstatten, denn solche Reiß ist seinem armuth zu schwer. E. G. zu dienen, bin ich willig, hiermit Gott befohlen, Pme» den Ersten 1538s E. G, williger M.grtiims Luther Dvctor, Zweiter Briest G: U: Fried yen Christo: Gncdiger Herr! ich heb E. G. schrifft und die zwanzig Taler empfangen, dieselben, sobald Er Johann Beyer überantwortet, der wird demnach so erst er kan, versehe mich umb crncis exallst: sich bey E. G. finden, und seinen Berufs annemen, denn ehr ists yhm nicht müglich, weil er sein Dinglin muß ver- keuffen und gelößen; Gott der Allmechtig gebe yhm seinen heiligen Geist, das er viel frucht schaffe yen dem Evangelio zu vieler Leute Trost und Heil Amen. E. G. seyen hicmit dem Lieben Herrn Christo befohlen, und bin E: G: zu Dienstwillig, - - 279 zu Wittemberg Sonnabends nach /tssumtionis Mrise izzZ. E. G. williger. Martinas Luthek. Die Uiberschrift dieser beiden Briefe war folgende: Dem Wohlgebohrnen Herrn, - Herrn Philipps Graven zu Naßau und Saarbrücken. Meinem Gnedigen Herrn. 2l. Uibrigen Gelehrte und sonst merkwürdige Männer von Breiten. (§o wie ich zuvor umständlich erwähnte, daß und wie der Stolz der Stadt Bretten, der sanfte und weise Philipp Melanchton in Pforzheim, meiner Vaterstadt, unter Reuchlin den ersten Grund in jenen Studien legte, worum er nachher so groß ward; eben so wenig darf auch Bretten's Chronist Namen von Eingebohr- *) SLmmtliche bisher — noch ungedrukten drey Briefe befinden sich im Original in dem Archive zu Naffau- Weilburg. » 28o -— nen leztcrcr Stadt, die sich auch, ausser Jenem, als Gelehrte und Helden, ausgezeichnet hatten, in der Nacht der Vergessenheit liegen lassen. Darunter zahl' ich z. B. die zwei würdigen Aebte, welche diese Stadt dem CisterzienscrKloster Maulbronn, nemlich am Ni ko las Burrus vom Jahr rg68 bis 1475, und Johannes Burrns, der vom Jahr 1492 bis izoz und nachher vom Jahr rzr6 bis 1521 selbigem mit grossem Ruhme vorgestanden, einst geliefert hatte. ") Nicht minder zeichnete sich hier aus — Johannes Melanchton, und zwar durch seine aus- gebrciteten Kenntnisse in der Rcchtsgelehrsamkeit; so auch — Sicgmund Mclanchtvn; welcher nicht nur ein Bruderssohn des anfangserwähnten Philipp Melanchton'S, sondern zugleich auch der leibliche Bruder von der Mutter des weiter unten vorkommenden berühmten Michael Heb er er war. Philipp Melanchton, der nun eine besondere Vorliebe für diesen seinen Vetter Siegmund, so wie für dessen hervorstechende Talenten änsserte, empfahl daher denselben, da er noch jm. Vaterland studierte, vorzüglich dem Rektor Magnifikus der berühmten pfälzischen Universität, so wie nicht minder dem ganzen akademischen Se- *) S. Widder's geogr. hist. Beschreib, der Pfalz, s. Th. S. 193, 28l nate zu Heidelberg in einem, sehr schmeichelhaft verfaßten, lateinischen Briese vom Jahre '-») zur besten Obsorg« und Leitung in seinen Studien. Dieser so vorzüglich darinn empfohlene Zögling hatte es denn in der Folge so weit gebracht, daß er als Doktor der Heilkunde sowohl, als auch als Professor der Physik nachher auf der Heidelberger Universität mit lautem Beifall öffentliche Vorlesungen hielte — daher ihn auch Iwengel einst unter die Zahl der berühmtesten Acrzte gesezt. Uiberhaupt stand nachher die M ela «chronische Familie in gutem Ansehen zu Brette«. Denn jene bekleidete fast ein ganzes Jahrhundert hindurch, die Amtmannsstelle daselbst; und dis von Georg Mel auch ton angerechnet, der rin leiblicher Bruder Philipp Melanchton's war. Noch izt kann man von jenem Georg Mell anchton, sonst Schwarz erd, der Jüngere genannt, in einer, bei dem bekannten Franzosen- *) S. Profeffor's Büttinghausen in den Ergöz- lichkeiten aus der Pfälzischen und Schweizerischen Geschichte und Literatur III. Stük, S. 2Z. und 24. **) In erst. in wsmor. s 0 snn 1 5 LaLIwiri, Lom. ksl. 14. apuä ?. XV. I.. kl sät, in tents- mloibu! primis 6e Kat« Ilterario et Lroilltir in kitlntinntu LleüoiitN, x. 21. 2'v2 brand 1689 unversehrt gebliebenen, glasgemalten, Fensterscheibe des derrnalig reformirten Pfarrhauses zu Bretten Dessen vormals geführtes Wappen sehen, welches zuvor an dem alten, damals mit mehreren Gebäuden in Asche gelegten, dasigen Pfarrhausc — auf dessen Trümmern das gegenwärtig neue Pfarrhaus oder eigentlich die Inspektor öWoh nun g erbauet ward, befindlich gewesen. Diese glasgemalte Scheibe, auf beiden Seiten mit Laubwerk umwunden, hat nun zu einigem Unterschiede von jenem, dem Georg Schwarz- rrd, dem Aeitern, einst vom Kaiser Maximilian, verliehenen Wappen, statt des kohlschwarzen Feldes, — ein silberfarbiges, in dessen Mitte sich eben so ein schwarzer Löwe befindet, als ein solcher oben daran auf einem mit einer gold- nen Krone gezierten Helme ruhet, selbst eine Krone auf seinem Haupte tragend; in seiner rechten Pranken einen Hammer, in der linken aber eine Zange haltend; den zirkelsörmigen Rand jener Wappenscheibe selbst aber umgiebt die, noch izt lesbare, Umschrift: „Mo OLK l55Z." *) via. kok. Henr. ^n6re», Bretts, creiclissov!« Nlukr. p. 20. §. XVl. allwo die Iahrzahl der. Wappenscheibe 1555, irrig angezeigt ist. L8Z Dieses GeschlechtsWappen führte nun Philipp Melanchton nicht fort; sondern er bediente sich, statt dessen, eines andern — sich selbst gewählten; nemlich ein, von einer Schlange umwundenes Kreuz vorstellend. Nicht weniger verdienen die drcy Brüder, Samuel, David und Jeremias 8iäsrocra^ tes oder Eisenmenger genannt, hier gleichfalls einiger Erwähnung. Der älteste darunter, Namens Samuel, der am 28, September ,534 in Vretten gcbohren ward, hatte Wittenberg seine wissenschaftlichen Känntnisse, so wie jene der Philosophie, vorzüglich dem Philipp Melanchton zu verdanken. Nicht nur war er der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprachen kündig, sondern auch im philosophischen Fache, so wie in jenem der Physik besonders geschikt. Deshalb erhielt er schon izzü den Rnf als Professor Matheseos auf die Universität Tübingen. Dort legte er sich überdis noch auf die Heilkunde. Hkerinn bracht' er's dann auch soweit, daß er schon am gl. Oktober 1564 mit aller akademischen Feycrlichkeit den Doktorgrad er- 6eorx HisoZ. 8 trobeI sääitloner in vitsm kbl!» Alslsnckttionl! b /oscli. LLwersri« ltetcrZptsm p. z. ja vatir Wb 1.1t, f. *) couf. bleatrii L/ntsZm. Lxitapb. VVItt. 1.1b. I. 1 >. 95 . 284 hielt. In der Folge bekleidete er am Badischen Hofe eine Jeitlang dje Stelle eines Leibarztes; so wie er nach diesem in der nemlichcn Eigenschaft nicht minder auch dem Kurfürsten von Kdlln, desgleichen den Bischoffen zu Strasburg und Speyer gedient hatte. Er starb endlich zu Bruchsal im Craichgau am 28. Hornung 1Z85 in einem Alter von 51. Jahren; nachdem er zuvor noch eine für- treflichc Rede über die Heilkunde geschrieben hatte. 6) In Ansehung des David Eisenmenger's GelehrsamkeitSGeschichte findet man izt keine besondere Nachrichten mehr. Von dessen Bruder Jeremias Eisenmenger weiß man hingegen doch soviel, daß er einst als ein gcschikter Dvctor Mcdicinä in der freien Reichsstadt Heilbronn praktizirct hatte. Von eben diesem Geschlechte stammt nun auch, jener Johann Andreas Eisenmenger, welcher ehedem Professor der morgenlandischcn Sprachen bei der Heidelberger Universität gewesen und *) in vitin dleäic. p. 257. eüit. kteläelb. 1620. 8. und Christ. Gottlieb Joicher's allg. Gelehrt. Lexicon, 2. Th. S. Zoi. allwo behauptet wird, daß Samuel Eisenmenger zu Brüssel in Brabant gestorben seye. -- 285 den berühmten Traktat, betittelt: „EntdekteL „Judenthum" geschrieben hatte. Dieser war eigentlich ein reformirter Pfälzer und lüzg. zu Mannheim gcbohren. Nachdem er in Heidelberg seine Studien vollendet hatte, so schikte ihn der Kurfürst auf seine eigene Kosten auf Reisen nach Holland und England. Bei seiner Ankunft in Amsterdam legte sich dieser vorzüglich auf die arabische Sprache; und schrieb in der Folge den Alkoran aus z Eremplarien mit eigner Hand ab. Als nun im Jahr i6yz die Pfalz von dem Feinde verheert und zerstöhret ward, begab er sich mit der kurfürstlichen Regierung nach Frankfurth und vertmt izt das Amt eines Registrators und Archivars bei derselben; dann ward er zu Heidelberg Registrator bei der Hofkanzlei und in der Folge dort endlich Professor der morgenländischen Sprachen. Späterhin, nemlich l byy erhielt er den (zwar von ihm auSgeschlagenen) Ruf nach Utrecht an Lcus- d en's Stelle, und starb zulezt am 20. Decem- bcr 1704. ss) Johann und Simon Koch, oder die griechisch verkappten Brüder Oplopoei, hatten bei den Kurfürsten von der Pfalz vor Zeiten ihre Anstellung als Leibärzte. *) v>L L»KM T'VOM- 6Lic«L kk/^VV IV8HNH kiXLirm 0680^0LI LUVK- K. ?. 6Lci-jLX8cn6Li6M8 H/;V88k6^VL. 1NKL8 ^ 67 -M 8 27. I/1H6. 0LKM 601"?. 6X^V7 :,: V1X1HX IV!^7KIM0. 10. PI6IV8 ?lri>VlV8. MivLkicV8. 0680- k^V8. z. k!OVL>V16k>8. iöoZ. 061^. 22. MLK7-U. 1^06. -^- kl61V8. 2. IO»^X. ?Hl6I??V3 O68OPOLV8 X^'l'V8 1627. DM 26. läX: 06iir. k!6l V8 z. lOttäX: Mictt^L6; O68O-. ?^LV8. X^'6V8 0LX 16. UL11. ibo8. 06117. k>61V8 4. kttI6!?kV8. «^'1'V8^ 15. VLLLIVI6. ibu. 06117'. 1761V8 Z. lOtt^: I.VVXVI6 0680- P^V8. ^^V8. i8, IV- XII: ^614. 0611^. 28. NOVLM6KI8. 1615. MIVL66LK6^ :,: - öo^/Fc/is - syr Michael Hebe»er, gleichfalls zuBretten gebohren, war ehedem Kurpfälzischer KanzlciRe- gistrator. Dieser wiedmcte sich schon, von seiner ersten Kindheit an, den Studien. Anfangs besuchte Derselbe die damals wohlbcbicnte Stadtschule zuBretten; dann gicng er auf das Heidelberger Gymnasium und zulczt auf die hohe Schule zu Neuhauß — woselbst er am allgemeinen Stipendium Antheil hatte. ") Drei ganzer Jahre hindurÄ) wohnte dieser den akademischen Vorlesungen zu Heidelberg mit sichtbarer Vervollkommnung bei. Dort hatte Er nun seine grösten Fortschritte in den Wissenschaften dem Unterricht des Eric Vitcke, eines gcbohrnen schwedischen Grafen von Sülzsiüdt und Gede- holm vorzüglich zu verdanken. Wie aber Lezterer 15K2 in sein Vaterland nach Schweden zurükberufen ward, so wollte Hcberer seine, durch ihn sich gesammelten Kaimtnisse nicht brach liegen lassen, sondern solche vielmehr in fremden Landen zu erweitern suchen. Zu dem End be- nuzte er jene Gelegenheit, die sich ibm hiezu darbot, wodurch er kurz darauf in Gesellschaft einer, aus dem Hcrzogthum Burgund gebürtigen Edcl- dame von dem berühmten Geschlechts Corma- *) Siehe Kirche nRathsProtokoll Heidelberg vom ig. Oktobr. 1567. toi, rüi. und vom 18. Februar 1568. lol. 204. 19 « 292 lionea, so wie auch mit deren Sohn zweiter Che, dem Baron Coursell, nach Frankreich ei« ne Reise, unternehmen konnte. Von hier aus sczte He derer seine Reisen immer weiter sort, und — hierdurch qerieth er zulezt bei den Türken, in Egypten, in die traurigste Sklaverei; wahrend welcher derselbe, (wie er dis selbst eingesiund,) die arabische Sprache erlernt hatte. Am z. Hornung 1589 ward Er als Mitglied bei der Akademie zu Padua scyerlich ausgenommen, und erhielt selbst vom Ritter Fab ins Tur- ca Tarvisin, dem damaligen Rektor der dortigen Juristen - Fakultät, das Diplom hierüber. Hcberer machte, . nach seiner übersiandcnen Gefangenschaft, eine Reise durch die Königreiche Böhmen, Polen, Dänne mark, Schweden und andere benachbarte Lander; und von da ward er endlich in Heidelberg, von welcher Stadt er am 7. Julii 1582 abgcreist war, wieder glüklich, und zwar am 7. September 1592, zurük angelangt. Dann gab er eine Beschreibung seiner ganzen Reise im Druk heraus unter dem Titel: „tirwa lervitris: Das ist, wahrhafte Beschreibung „einer dreyjährigen Dienstbarkeit, so zu Alerandrien „in Aegypten ihrem Anfang, und zu Constantino- ^ „pel ihre Endschafft genommen. Gott zu Ehren „vnd dem Nechsten zur Nachrichtung, in drey 293 „verschiedene Bücher eingetheilet, vnd mit etlichen „Knpfersiücken in Druck verfertiget durch Michael „Hcberer, von Breiten, Churfürsilicher PfaltzCantz- „ley - Registratorn, der solche in der Person aus- „gestanden. Mit zwo angehcncktcn Reisen, die er „nach seiner Dienstbarkeit, in vier Königreich, „Böhem, Polen, Schweden, Dennemarckt, Auch „nechstliegende Fürstenthumb vnd Seestadt vollbracht." Gedruckt zu Heydelberg, in Gotthard Vogelins Druckercy in 4. Heberer hatte nun seinen, diesem Buche vvr- angeschikten Brief, von Heidelberg am 14. August 16,0 dalirt, dem Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz, damals zugecignct. Auch kein Ungeweihter in den Mysterien der Dichtkunst war Heb er er; wovon ich z. B. nur zween Gelegenheitsgedichte hier anführen will. Auf den erfolgten Tod des Pfalzgrafen J o- *) viä. soll. ltenr. n U r e se I. c. p. 22.2Z §. XIX. Mehrere Nachrichten von den Schiksalen des Michael Hederer findet man in dem Werke, betitelt: Des Pfältzischen Robinsons und Creutzbrudere Herrn Joh. Michael H e- berers Reisen und wunderbare Begebenheiten. Erster Theil 1747. in 8. — wovon nachher noch 2 andere Lheile gleichfalls im Druk erschienen sind. 2 Y 4 Hann Casimir verfertigte Derselbe folgende Grabschrift: „litn l'slstinum, ^rosltantem ffsarts kitlegue, „5ioxo tezunt. Htulvs vis? 8un Indtn 6n- bunt. . „Cnlloruiu nüeitor, komrs tremor, borror lberi, „Dux potriR. ffielei lux, Cssimirus erst. „Nucerss teltis vjtvo elb ccmünntin, Ccelis „()un vivi pietas, gun morientis ovnt. „ffowa tolo luHernt: c^ass belli summa toZsegus „l)oua Caleäypi?6, yofl murituro. vebet. „kelix, lub ri^iäis, cui ma^ui noiniius ornsu ,,lVon Muitte armis Akerzeld, 306 freies, nicht ritterschaftliches ) 141 Morgen Wingert, ^8Z 4 ^ 30 ' 2i bürgerliche, 'j - freie, nicht > Wiesen, ritterschaftliche ) - bürgerliche, ) - freie, nicht > Gärten, ritterschaftliche ) - gemeine Waide (die unter der Waldung begriffen ist,) 2945 bis Zooo Morgen Gemeinds-Wald, in l2 *s Siehe Widder am angeführt. Orte S. ryS> 30z ^ besonder» Distrikten, worunter einer, der Wisels- berg genannt, vermuthlich ein Theil des Wi- goldcsbcrgs ist, dessen in der Stiftung des Klosters Odcnheim gedacht wird. All diese Bezirke gehören nun der gemeinen Stadt und stehen unter der Hute des herrschaftlichen Försters. Auch befinden sich z Weiher in der Gemarkung. '') Das Schazungskapital der Stadt betragt die Summe von ZZ747 fl. 58 1/2 kr. Dagegen belauft sich deren Einwohnerschaft nach vorhinerwahnter Berechnung: auf 528 Familien, 290z Seelen, z6t> Bürger lind 2y Judenfamilien. Deren Gebäude hingegen bestehen: in 4 Kirchen, worunter das schon obenerwähnte, bereits cingegangcne, Kapuziner - Hospi- tium begriffen ist, 3 Mn'- z Schul - l . z freie nicht ntterichaftli-^ che und 6 gemeine 206 Scheuern und *) S. Widder am angef. Orte S. 196. Zo4 4 Mahlmühlen; von welch lezteru weiter unten ein Mehreres Vorkommen wird. Der Viehstand der Stadt besteht endlich: in roe Pferden, 4, Zugochsen, ZZi Kühen, iZi Rindern und Kälbern, boo Schaafen und Z77 Schweinen. Anlangcnd den Zehendbezug von Brettens Gemarkung, so genieffet am grossen Zehendcn die Geistliche Verwaltung aus einem abgesteintcn Bezirke den Vorzchenten, und von einem andern von etwa 700 Morgen den Dreissigstcn, an allen übrigen aber ein Drittheil; sodann das Kurhaus Baden den vom Kloster Frauenalb ehmals daselbst bezogenen einen Drittel sowohl, als auch den, dem Speyerischen Domkapitel vormals daran gebührten einem Sechstel; endlich die Stadt selbst einen Sechstel. Das Kurhaus Baden hat noch ausserdiesem — den Mößncrzehcnten; das Kurhaus Wirtcmberg hingegen aus dem sogenannten Eichclsfelde von 50 Morgen den Zehenten alleine zu beziehen. Kleiner Jehenden ist hierorts nicht hergebracht, Freigüter aber sind folgende: dasKameralh 0 f- guth, das geistliche Administrationö- V - 305 Zieglerische- und KollekturTemporal— dann P fa r r - W i t t u m guth. Das ehehin an das Markgräfliche (mm Kurfürstliche) HauS Baden tauschweis abgetretene Dörfchen Spranthal liegt gänzlich auf Bretten's Gemarkung ; und der dasigc Stadtrath thätiget die Frevel, so ausser dem Spranthaler Bannzaun begangen werden; daher müssen sich auch die Einwohner auf dem Rathhause zu Brcttcn alle Jahre hindurch einfinden; wogegen ihnen die Hvlznoth- durft ans den Stadtwaltungen abgegeben wird. Neben der Stadt vorbei fliestet die, oberhalb Knittlingen bei Fr enden stein im Wrtcmbergi- scheu entspringende Salzbach, welche schon in den Karolingischen Zeiten unter dem Namen: „Salza ha" bekannt war. Mit dieser vereiniget sich der, eine Viertelstunde von der Stadt, sich ergebende Abfluß des sogenannten Enzbrunnen s. Sie betreibt zwei Mühlen, die Wcishof e^r und eine Oelm ü hle; der Enz- brnnnen aber die Bergmühle und beide, nach ihrer Vereinigung, die Hospitals- und Gottsake r -, sodann gegen Ninklingen eine Walk» Lohe- und Oelmühle. *) Siehe Widder am angef. Orte Seite lyy. zo6 -- Die durch die Stadt ziehende, aus Schwaben kommende ordentliche Land- und Poststraffe thcilet sich unterhalb der Stadt, so, daß ein Weg über Durlach in das Elsas, der andere aber über Bruchsal in die Pfalz und über Heidelberg nach Frank- surth führt; Der Landzoll aber wird in der Stadt erhoben. Eine halbe Stunde davon befindet sich der peinliche Richtplaz des ganzen Obcramts, ausgenommen Epp ingen und Weingarten — (welches lez- tcre nun zum Obcramt Durlach gezogen worden—) wo besondere peinliche Richtstätte sind. Ausser den 4 öffentlichen Jahrmärkten, welche — wie ich deren schon an einem andern Orte umständlich erwähnte — Kurfürst Philipp von der Pfalz im Jahr 1492 dieser Stadt verliehen hatte, wurden darinne vor wenigen Jahren auch 4 Vichmärkte angelegt, die der Stadt eine beträchtliche Nahrung verschaffen. Bretten hat für jede der drey christlichen Religionsparteyen eine besondere Kirche. Von der grossen Kirche zum heil. Laurentius besizen die Katholiken das Chor; und die Reformieren das Langhaus; erste« haben einen Pfarrer und lezterc deren zwey. Was nun die Lutherischen betrift, so haben solche schon im Jahr i689 eine eigene Kirche auö gemeinen Mitteln für sich erbaut und solche bisher auö freiwilligen Beiträgen auch unterhalten. Bei dieser Kirche, welcher zugleich das, vhnwcit Breiten gelegene Dorf Ni »klingen einverleibt ist, befindet sich nur ei n Pfarrer, der nunmehr zum Spezialate Mün- zes he im gehört. Auch die Juden haben in Breiten eine Synagoge, so wie nicht minder die Separatisten in einem gewissen VersammlungShausc ihre ungesiöhr- te Rcligionsübung. Leztere die Separatisten daselbst hatten sich nun vorgenommen, in diesem Frühjahr samt und sonders von Breiten — nach Baltimore sort- zuwandern; einzig in der Absicht, um dort in jener, bei Wrginicn gelegenen, über zwanzigtauscnd Einwohner zählenden See- und Handelsstadt in Nordamerika ein sogenanntes neues Jerusalem auf Erden zu gründen. Mittelst einer, in Breiten deshalb formirten, geheimen Gesellschaft suchten sie nun in diesen schwärmerischen Plan mehrere leichtgläubige bemittelte benachbarte Badische und Wirtcmber- gische Unterthanen zu koken, die —> wenn sie nicht schon auf halbem Wege dieser weiten Reise nach Baltimore durch Seekrankheit ausgerieben, oder vielleicht selbst von ihnen oder fremden Nationen geplündert und beraubt werden — allerdings Gefahr laufen können, einst in dieser nordamcrikani- schen Stadt, als künftig dort anlangcude Bettler — in die traurigste Sklaverei und Elend zu ge- rathen! Unter mehreren Profcssionisten, welche die kleine Stadt Brctten aufzuwciscn hat, verdienen nun folgende hier einer kleinen Erwähnung. Der Kunsihafner Georg Simon Herz er, der seinen Kunstflcis und Gcschiklichkcit einst in Frankreich sich erworben hatte, treibt nun in stillem engen Kreise ganz anspruchloS sein Gewerbe, das jedes Kcnucrauge bewundert und eben daher bekannter zu seyn. verdient,, als dicker bescheidne Künstler bisher um Aufsehen erregenden Beifall hierinne, sich wenig zu bekümmern sucht«. Dieser Mann modellirt ncmlich um die billigsten Preise, nach jeder Zeichnung, die man nach eigenem Wunsche ihm vor legt, z. B. Oefcn, Urnen, Vasen und andere Stüke nach Porzcllain- oder kajeiwe-Art; wozu er meistentheils nur ganz gemeiner Erde sich bedienet. Als einen Beweis davon, wie äußerst stark der Verkehr und Handel mit Lebkuchen zu Brette» getrieben wird, muß ich hier anführen, daß von dort aus jährlich mehrere tausend Ccntner Lebkuchen, welche die, in ganz Europa berühmte Nürnberger Gattung an Wohlgcschmak und Güte weit übcrtressen, sowohl hin und wieder in die Knrbadischcn Lande, als auch vorzüglich in jene des entferntesten Auslands verschikt werden. Eben daher konsumirt unter mehreren Konditor» oder Aukerbäkeru zu Brettcn oft einer allein jährlich über dreihundert Centner Auker hiezu. — Wäre nun das Projekt — aus Runkelrüben Anker zu erzeugen — in Teutschland mehr zur Reife der Ausführbarkeit gediehen; wie viele Summen Geldes blieben dafür nicht im Lande, statt, daß solche izt unerbittlich ins ferne Ausland für dis luxuriöse Produkt verschleudert wer- -den müssen?! — Brettcn ist der Siz des, nunmehr den pfalz- gräflichen Löwen in seinem Siegel führenden, Amts, welches dermalen aus dem Beamten, dem Herrn Obcramtsrath Gottfried Posselt besteht, der über die zu diesem Amt gehörigen beiden Städte, Brettcn und Eppingen, so wie nicht minder über die Orte Spranthal, Rinklingen, Dietelsheim, Gcldshaus- scn, MünzeShcim, Bauerbach, Jeisen» Haussen, Mühlbach und Grosgartach die Justizpflege zu verwalten hat. Die gegenwärtige Geistlichkeit in Breiten bc« steht hingegen aus dem lutherischen Pfarrer, Herrn Mahla, dem ersten rcformirtcn Pfarrer, Herrn Riem, sodann dem zweiten rcformirten Pfarrer- Herrn Schild, welcher zugleich auch DiakonuS von Rinklingcu ist; und endlich aus dem katholischen Pfarrer, Herrn Leister. Die übrigen kurfürstlichen Bedienten in dieser Stadt sind der Stadtfchreiber Herr Hellbach, der Gefällvcrweser Herr Freyberg, der refor- mirte KirchenrathsKollektor Herr Raab er, und Förster, Herr Karl Friedrich Jittel. Die Stadt hat einen Anwald, dermalen in der Person des Herrn Bechtold, sodann sechs Rathsglieder, worunter immer zwcy für jede der verschiedenen christlichen Rcligionsparteyen sind., SchlieSlich verdienet der bisherige Rcnntmeister dieser Stadt, Herr Christoph Salzer, hier billig noch einer kleinen Erwähnung. Dieser ehrwürdige Greis von etlich und sieben- zig Jahren hat ncmlich in Ansehung seiner alt- teutschen biedern Sorgfalt für das Beste der gemeinen Stadt Breiten sich unter anderem, während des leztern französischen Krieges, dadurch vorzüglich ausgezeichnet, indem er es, theils durch feine damals unter der dasigen Bürgerschaft ver» - ZU hältm'smäsig gemachte Umlagen, und anderntheils durch sonstige, zur Schonung der gemeinen Kasse getroffenen zwckmäsigen Anstalten nun so weit gebracht hatte, daß, ohngeacht die Stadt Bretten durch mancherlei, mit brütenden Abgaben verbunden gewesene, militärischen Einquartierungen einen, nicht unbeträchtlichen Kostenaufwand zu selbiger Zeit sich verursacht sehen mußte, dennoch die dasige Gemeindskasse bis izt — schuldenfrei geblieben; ja, was noch auffallender ist, derselben sogar an Aktivkapitalien die Summe von 1700 fl. durch gedachten Renntmeisters ökonomische Wirthsehast noch erübrigt blieb; indcß die meisten Gemeindskasscn anderer, mit gleichen Kriegslasten, wie Bretten, nicdergedrükt gewesenen Städte und Dörfer nicht nur gänzlich erschöpft worden, sondern obendrein noch in einen Schuldenlast von — mehreren tausend Gulden gerathen sind! ^ . ol.ö Ksi-lsi-ulie 35 02377 9 031 ZS 02Z77 9 0Z1 MKÄKW8 KMÄ8 MUMMMW ?» x«-k! 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