- 7 , -7' ^ -U-Al ^»« X ^o/rc'er^/L//o/-,t ... W e il's, der Stadt, Kleine Chronik;^ welche zugleich umständliche Nachrichten von Brenz, dem Reformator, Kepler, dem Astronomen, und' Gall, dem Linzer Bischof, und deren Familien enthalt» Ein Beitrag zur Kunde teutscher Städte und Sitten, als Kleeblatt zu Pforzheim's und Bretlen's kleinen Chroniken, von - Siegmund Friedrich GchreS. Mit Johann Br e n z « n , des Aeltern , Bildnisse» Stuttgart. Im Verlage des Buchhändlers Friedrich Uebel in Nro. 885- Homo sum, et mdil tlUMLlil L ms sllenum xuto» öoo'/rc/>s Dem Durchleuchtigsten, Grosmachtigsten F r i d e r i ch, Könige von Wirtemberg, souveramen Herzog in Schwaben und von Teck. rc. Landgrafen zu Tübingen und Nellenburg, Fürsten zu Ellwangen und Zwiefalten, Grafen zu Limpurg, Schmiedelfeld, Sontheim, Hohenburg und Bondorf, Herrn zu Heidenheim, Justingen, Rothweil, Heilbronn, Hall, Altdorf und Adelmannsfelden. rc. >.—A Euer Königliche Majestät geruhen, nicht in Ungnaden zu vermerken, wenn ich es wage, Allerhöchstdenenselben ein kleines Produkt meiner Nebenstunden in tiefester Ehrfurcht zu Füssen zu legen. Bei dem Entwürfe desselben hatte ich vorzüg» lich die Absicht, den hohen Werth der vormaligen Reichsstadt Weil, die Euerer Königlichen Majestät nach dem Lüneviller Frieden-, auf dem Wege der Entschädigung rcichsschluß« mäßig zufick, aus dem Schutte jener unverdien« ten Vergessenheit wieder hn vorzuziehen, welche nur allein die Drangsalen des Kriegs der vorigen Jahrhunderte ihr bereiteten, indem solche den, vormals blühenden Wohlstand dieser Stadt, ihrer isolirten Lage und ehevorigen Selbstständigkeit oder — eigentlicher zu reden — ihres ohnmächtigen Selbstschuzes wegen, äußerst sinken machte. Sie, diese traute Nachbarin meiner Vaterstadt Pforzheim, war nemlich vor Alters eine, sehr stark bevölkerte, daher auch im schönsten Flor ge« standene, und von Kaisern und Königen öfters besuchte Stadt, die, in Hinsicht des kriegerischen Heldenwuths und der standhaften Treue deren Einwohner gegen ihre Verbündete, vor vielen an« dern ihres gleichen, sich «Hedem auszeichnete, und eben deshalb in der Folge mit bcsondcrn Privile« gim sich begnadigt sah; — eine Stadt, wiederhol' ich izt, worinne z. B. so manche heiligen Verträge und Freundschaftsbündnisse zu Wirtemberg's und Baden'ö gemeinschaftlichem Ländcrwohl noch im grauen Alter der Vorzeit abgeschlossen wurden. Ausserdem machten diese, (in neuern Zeiten kaum bemerkte) Stadt vorzüglich de» ren Sbhne berühmt, die durch Talente und Tu» gcnden sich auszeichnetcn. Denn in ihr ward Johann Brenz, einer der thätigsten von den Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts; nach diesem Johann Kepler, der Vater der neuern Astronomie, und endlich Josef Anton Gall, der vormalige Bischof in Linz — unsterblich in der Geschichte der tcutschen katholischen Kirche — gebvhren. Die natürliche Lage und Beschaffenheit der Stadt Weil, wo kein undankbares Erdreich den Fleis der Bürger betrügt, auch 'kein stehendes Wasser ungesunden Trank brut; nein! wo alle Elemente gut sind; kurz. Alles ist dazu geschaffen, um das Wohl derselben dauerhaft zu gründen. Einzig nur Sperrpolitik, welche diese Stadt, als nicht wirtembergijch, schon'vor langer Zeit empfinden mußte, hemmte vormals den Handel im schönsten Fluge seines Emporschwungs, Denn, in Hinsicht, daß fast alle Bürger Weil's, theilS auS thät'igcn Handelsleuten und Fabrikanten , so wie grösicn Theils aus Professr'onisien aller Art bestehen, kann man mit Recht sagen, daß dort die Industrie, gleichsam als eine andere wohlthatige Natur lebt und webt. Da nunmehr diese Stadt, welche — wie die Geschichte lehrt — schon eine lange ununterbrochene Reihe von Jahren hindurch, bei jeder Gelegenheit eine besondere Anhänglichkeit für Wir- tcmberg's Durchleuchtigste Regentcnhaus bezeugte, durch die indeß eingetretenen veränderten X Zeitumstände das schon lang gewünschte, ihr ewig unschäzbare, Glük endlich ausgcfunden hat, in den wohlthätigen Strahlen der Regentensonnc Euerer Königlichen Majestät sichk wärmen zu dürfen, indem Allerhöchstdie-' selben Künste und Wissenschaften zu schazcn, auch jeden Zweig des Ecwerbflciscs auf alle, nur mögliche, Art zu befördern, allcrgnädigst ge» wohnt sind, so kann denn auch diese Stadt mit ihren, im Durchschnitt genommen, gegenwärtig / nur 1800. Seelen staiken Einwohnern, unter dem allerhöchsten souvcraincn Schuze Euer Königlichen Majestät künftighin voll, kommen gedeihen und wahrhaft glüklich seyn! Hierinn besteht mein Wunsch für die bie. dem und arbeitsamen Bürger Weil's, so wie zugleich auch meine allrrunterthänigste Bitte an Euere Königliche Majestät dahin ge. richtet ist, solchen, nach der Geschichte, die ich von jener Stadt entwarf, Ihrer allerhöchsten Aufmerksamkeit und landcsväterlichen Huld aller» gnädigst gefällig zu würdigen. Der ich in tiefester Ehrfurcht bin Euer -Königlichen Majestät Karlsruhe km Christmond 1828. allerunterthänigster Verfasser Siegmund Friedrich GehreS, dermalen Sekretär beim Grosherzoglich Badischen Finanz- Ministerium. Hu jener goldnen Zeit, wo unsre biedern Väter noch bei vollen Humpen einander Lieb und Treue schwuren, und jeden ihrer tabebecher einzig nur aufs Wohl des litt ben Vaterlands und dessen Helden leerten; zu jener seligen Zeit, wo es noch Männer gab, werch, Hermann's Enkel zu Heisen, harten unsere alten Trutsche keine nur Geist und Körper entnervende — Romanen; aber —. Chroniken hatten sie, in welchen die unsterblichen Thaien ih, rer Vorälrern, der Reihe nach, gelesen wer» Len konnten. Sie pflegten daher, wenn sie ihr Tag» werk bestellt harten, in langen Winterabenden sich beim Heerd zu versammeln, und in alten Chroniken Thaten der Vorzeit zu lesen. Hatten sie dann ihren Mann gefunden ; war diesem Manne nun eine Thar nach ihrem Sinn und Herzen gelungen: so kehrten sie das Buch um, tranken seine Gei- sundhcit, und priesen und segneten den Mann! Zwo solcher Chroniken legte ich bereits auf den Altar meines lieben Vaterlandes, als Produkte meiner Nebenstunden nieder. Ich meyne hier jene von Pforzheim und Breiten; und mit gegenwärtiger Chronik von Weil, überliesre ich nunmehr das vollendete Kleeblatt dem lesenden Publikum > xm in die Hände; ein Produkt, wozu ich, (in Pahls Nationalchronik der Teut» schen, *) die meine Geschichte von Bretten mit Beifall krönte,) öffentlich aufgerufen ward. Wenn anders mein patriotischer Genius mich nicht täuscht, der in Geheim mir zu» flüstert, daß durch Chronikbücher von teulschen Städten die^VaterlandSliebe um ein GroseS vermehrt werden könne, s» sind meine Erhslungsstunden, die ich dem Entwürfe dieser Chronik wiedmete, keines» wegs unedel und zweklos bei mir vorüber» geeilt. Ich, für meinen geringen Theil, bin wenigstens davon hinlänglich überzeugt, daß Vaterlandsliebe die einzige Grundsäule ist, worauf das Gebäude der Sicherheit und *) S. deren 4. Stük vom 29. Jänner iFob. Seite 31-32, XIV dauerhaft^ Existenz der Fürsten, so wie des Wohls ihrer Unkerlhanen, gleichsam, wie aus einem unerschütterlichen Felsen ruhet; ja, ich sage nicht zu viel, wenn ich, ausser diesem, noch behaupte, daß wahre Va« terlanbsliebe, oder — welches gleichviel bedeutet —- ächter Gemeingeist, wenn er in irgend einem Staate herrscht, ein wahrer Ausfluß der göttlichen Allmacht ist, dem Nichts zu widerstehen vermag! Glüklich daher die Unterrhanen, und auch gerecht der Fürst, in dessen Staaten wahre Vaterlandsliebe ihi rrn Thron har!! — Einleitung. Awo Meilen von Pforzheim, der ersten Residenzstadt der vorigen Markgrafen von Baden, liegt an dem so genannten Würmflusse, der drey vorzüglich berühmten Männer, nemlich des Johann Brenzen, Johann Kepler's und Josef Anton Gall'S, merkwürdige Geburtsstadt Weil. Noch zuvor, eh' sie an die Krone Wirtcmberg'S gelangte, war sie eine der bcträchtlichern Reichsstädte Schwabens und bildete in ältern Zeiten gleichsam eint kleine kriegführende Macht. Ihre Einwohner, von wahrer Vaterlandsliebe durchdrungen und ihrem Bündnisse mit den übrigen Reichsstädten getreu, stürzten sich einst mit Löwenmuth in die feindliche Kriegerschaar — zu sterben für die Erhaltung ihrer gemeinsamen Rechte und Freiheiten. Dis bewies die vor vier Jahrhunderten ohnwcit Weil vorgcfallene, sehr blutige Schlacht bei Töffingen, die zwar damals znm Nach« thcil der vormaligen Reichsstädten sich endigte, indem sic, nach langem zweideutigen Kampfe, zulezt den Sieg der Fürsten über sie entschied. Zum Andenken dieser tragischen Geschichte wur« dm daher, bis noch vor wenigen Jahren, jährlich am Sonntag vor Barth olomäi die Namen jener, damals — den edcln Tod für'S Vaterland — gestorbenen Bürger ans Weil in der dasigen Pfarrkirche von der Kanzel öffentlich verlesen und dann ein Scclcnamt für sie gehalten. Nun von diesen Helden wieder auf die berühmten Männer, Brenz, Kepler und Galt, zurük. Erster«', der vor dritthalb Jahrhunderten der erste evangelische Probst und Kirchenrath in Stutt« gart war, und in der dasigen Stiftskirche nachher sein Grab fand, hatte sich nun, der Reformation halber, um g an,z Wirtcmbcrg einst sehr verdient gemacht; und — wer weiß nicht, daß Kepler, (dessen heiligen Gebeine, zwar an einem abgelegenen Orte, auf dem Sankt Peters Kirchhofe zu RegcnSbnrg ruhen,) — in Hinsicht der Sternkunde — und Galt, der vormalige Bischof in Linz, — wegen seiner Verdienste um die RcligionsAufkläning in den katholischen Staaten Lestreich's — sich die Unsterblichkeit errangen ?! Doch an seinem Orte wild hievon ein Mehre- res gesagt werden. Laßt uns vielmehr sehen, was im zurükgele« genstcn Hinlergrunde der Vorzeit die vormalige Reichsstadt Weil war, wann sie erstand, wie alt ihr Ursprung, wie vornehm ihr städtischer Adel sey? I n n h a t Seitä i. Wann und wie entstand Weil? . - * s. Weil wird von Zeit zu Zeit mit der Gegenwart hoher Potentaten und Fürsten beehrt- - s 3. Etwas vom ehmaligen Eremiten-- oder sogenannten Augustiiierkloster in Weil. . . iZ 4 - Nachricht vom tapfer«, deutschen Kri'egermuth der alten Bürger Wells. - . . -s 5> Das Vürgerhvspital zu Unserer Lieben Frauen genannt. - i ; ^ . i8 6. Skizzen von alten merkwürdigen Urkunden der StadtWeil,oder: derRuthcnstaub derMönche. -3 7 - Weil tritt iri den Schwäbischen Städtebund mit Wirtemberg- . : : ^ -jcj L. Kaiser Karl IV- versezt die Stadt Weil an Wirtemberg^ - - ^ ^ Z-i s- Die Schlacht bey Reutlingen. . ^ 36 io. Die Schlacht bey Löffingen. Seite ti. Polizeigesez Ser Stadt Weil wegen Hochzeitsgeschenken. . . . .58 is. Altes Polizeigesez der Stadt Weil, zum Besten heyrathslustiger Mädchen. . . . 6r iS. Markgraf Bernhard von Baden und Graf Eberhard von Wlrtemberg halten in der Stadt Weil zween verschiedene Zusammenkünfte wegen eines gütlichen Vergleichs über ihre Spänn und Irrungen. . . 6r 14. Die Stadt Weil erneuert den Verein mit Wlrtemberg, . . . . . 8r > 5 . Oie Stadt Weil giebt ihr Kontingent zum pfälzischen Kriege. . . . L 3 »6. Well's Vertrag mit Wictemberg wegen Dhingen , und Möttlingen. . .84 »7. Etwas von Erbauung der Pfarrkirche zu Et. Peter und Paul. . . . .86 15. Stiftung in Weil für Studierende- . . 94 »9. Etwas von der sogenannten fünfzehn Geistlichen Pflege. . . . -96 so. Geschenk der Stadt Weil für den Grasen Eberhard, bei Gelegenheit dessen erlangten herzoglichen Würde. - . . - 96 -t. Das Geburtshaus des Theologen Johann Brenz in Weil-. . . , , ,,oo s». Weil begibt sich unter den Schuz und Schirm des Herzogs tllrich von Wirtcmberg. : »04 Seite »3. Markgraf Philipp l. von Baden erklärt sich in Weil persönlich als Genius für das verwaiste Wirtemberg, wahrend dem Exilium dessen Herzogs Ulrich. . . . . . 10S ,4. Etwas von der ehemaligen gcosen Linde zu Weil. . - - - >09 -5.* Das Mdsnerawt in der Altenstadt Pforzheim, no s6. Geschenk der Stadt Weil beim Dermählungs- feste des Herzogs Ludwig von Wirtemberg mit der Badischen Prinzessin Dorothea Ursula. . m -7. Bürgerliche Religionsunruhen zu Weil und darüber entstandene Weiterungen. . . >>r eg Weil, während des dreiffigjährigen Kriegs. . ns !-g. Jauberprozesse in Weil- - . . 1--4 3». Pest in Weil. . . . . .129 3r. Etwas vom Kapuzinerkloster zu Weil- . -Zu 32. Bürgerliche Beschwerden am Wiener-Hof gegen den Stadtmagistrat in Weil, und die hierauf erfolgte statutenmäsrge Organisation desselben für die Inkunst. . . . . ,40 33. Etwas vom Rathhausbau in Weil. . . 146 34. Der sogenannte Dürgerläcm in Weil.. . ,5c> 35. Weil, während des pfälzischen Erbfvlgekciegs. »64 36. Schuldenzustand der Stadt Weil zur Zeit des siebenjährigen Kriegs, in der Folge vermindert durch den patriotischen Bürgermeister Anton Gak. . ^ . . . . ive Seite Z7< Die Realschule in Weil, oder: Denkmal des würdigen Patrioten, Anton Gail. - . ,68 38 . Johann Brenz, der Reformator. . - >7» 39- Johann Kepler, der Astronom.. - . ,42 40. Josef Anton Gall, Bischof in Linz. . . Zog 4,. Uibrige Gelehrte aus Weil- . . .40V 4». Weil kömmt an die Krone Wnrtemberg. . 407 4S. Beschluß- Gegenwärtiger Anstand Weil's. . 409 Alphabetisches ^ Subskribenten - Verzeichnis über . , Weil'e kleine Chronik. Seine Hoheit, Markgraf Louis von Baden . »Ex. Alstaig. Herr Textor, Pfarrer i — Altenheim im Breisgau. Herr Spezial Hartmann - . . Augustenbucg bei Durlach. Herr Karl Ernst Gehres, KnvpffabrikJnnhaber i — B e r a u. Herr Velten, Forstinspector Bischofsheim am hohen Steg. Herr G. F. Frank, Oberamtsrath i — c" Bruchsal- Löbliche Lcsegesellschaft . . . ,;Ex- Bürbach. Herr l,-Leun, Pfarrer . > . >- Carlsruhe. Freiherr 6uri . Gmelin, Geheime» Hofrath . . r — Herr Groos, Geheimer Legationsrath . i — Herr Ernst Groos, Sekretär , . . » — Herr Christian Griesbach, Bürgermeister und Handelsmann . . . » - Herr von Gulat, Geheimer Referendär . i - Herr Haff, Obristlieutenant und Lbek eines Gar- nisvnSRegiments . . » — Herr Haber, senior, Hofagent . . . i - Herr Haag, Knabenschullehrer - . , » - Herr Hauer, KriegSKvmmiffär . . . » - Se. Excellenz, Herr Hofer, Kabinets-und Staatsrath, auch FinanzministecialDirector . i Se. Excellenz, Herr Geheime Rath Hcrzberg . r Herr Hemeling, Geheimer Hofrath und erster Hvfbiblivthekär - . . i - Herr Huber, Stadtpfarrer bei der katholischen Gemeinde . . . . , Herr Jägerschmidt, Finanzrath . . . » Herr Kaufmann, Finanzrath . . . , Herr KaeSberg, Rechnungsrath und Forstverwalter i Freiherr von Kettner, Oberforstdirector . . r Herr Karl Kempff, GencralforstkommisfionSExpe-- ditvr . . . . . , ^ Herr Kirschbaum, Revisor bei der katholischen ^ Kirchenkommission . . . » vrii Herr Kühlenthal, Kirchenrach und Stadtpfarrer bei der reformirten Gemeinde . Herr Üang, Rechnungsrach Herr Laurvp, Obcrfvrstrath . . , Herr Lauer, Geheimer Finanzrach Herr Leske, Hofkassier bei der Frau Mackgräfln von Baden Hoheit . . , Herr Lux, Major ..... Se. Excellenz, Herr bi»r^ui8 von pionr^ern^, Geheimer Rath und Oberhofmarschall Herr Mallebrein, Geheimer Hofrath . Se. Excellenz, Herr E. Meier, Geheimer Rath Herr Meerwein, KammerAssessvr Herr Meecwein, Handelsmann . Herr Müller, Ingenieur . . . . Herr Müller, Hofküchenschreiber . Herr Obermüller, Kammerrath und Generalkassier . , . . . Herr Oberinüller, der Jüngere, Kanzleirath Se. Excellenz, Herr Oehl, Geheimer Rath Se. Excellenz, Herr F. W. Pceuschen, Geheimer Rach . . Herr W- Reinhard, Regierungsrach Herr E. F- Reinhard, Geheimer Sekretär Freiherr von Rittmann, FinanzministerialPrak- tikant . . . . . Herr Nikol- Sqnder, Kirchenrath , IX Herr Sander, Amtmann . 7 r Ex. Herr Salzer, Rechnungsrath und Hospitalver- walter - . 7 - - * — Herr Schactner, KammerSekretär . . » — Herr I. I. Schmidt, Hofuhrenmacher . . 1 — Herr Sensburg, Geheimer Refecenüäe 7 - ; — Herr E. I. Sievert, Verwalter . . - i Herr David Seeligmann, Handelsmann - i — 'Herr Simmler, RegierungsSekretär - «* . 1 — Herr Stebel, Geheimer Hofcath - - r — Freiherr von Stetten, Reisemarschall . . r — Freiherr Friedrich von Stetten, Hof-- und Jagdjunker . . . . . » -7- Herr Tulla, Hauptmann und Oberingenieue . r — Herr A- Vierordt, Hvfökvnvmierath . . » — Herr Volz, Feldprobst . . . . i — Herr Walz, Oberkirchenrath und Obechvsprediger r — Herr Waag, Einnehmer . . . . » Herr Waag, Prvvinzialkassier . . . , — Herr Wagner, MädchensSchullehcer - ' . 1 — Herr Weinbrenner, Oberbaudirector . . 1 — Herr Wcissinger, Kammerrath . . . » Herr Winter, Regierungsrath . . . » — Herr Wohnlich, Geheimer Referendär . . » — Herr Würz, Beistzee bei -er kathol. Kirchenkommission . . . ^ . 1 — Herr Fände, Professor . . . . Herr Fittel, Revisor . . , Freiherr von Zyllnhardt, Kammerher und Geheimer Hofrath . . . . Däzingen, bei Weil, der Stadt. Herr Belser, Schullehrer Herr Stephan Gall, Pfarrer Herr Nast, Königl. Würtembergischer Patrimo- nialBeamter . . . . D u r la ch. Herr Bvdmer, EinnehmereiScribent . Herr Gaupp, Hauptmann Herr Hactmann, StadtschreibereiAktuar Herr Kiefer, Amtskeller . - - Herr Heinrich Kraft . . . . Herr Lenzingeri Pvstsekretär Herr Phil. Jakob Oesterle, Kotten- und Baum- wollenSurrogatfabrikant Herr Heinrich Ruoff, Kaufmann . . . Herr Sachs, Spezial . . . . Herr Wagner, Piarrdlakonus . . . Herr Walter, Particulier . . , . Herr Wichtermann, Hofkiefer Emmin dingen. Herr Deimling, Burgvogt - . . XI Herr Eisenlohe, Bürgermeister - , Herr Gvkel, Kirchenrath . . - Se. Epcellenz, Freiherr von Liebenstein, Geheimerrath und Landvvgt . Herr Meerwein, Landbaumeister , Herr Roth, Hofrath . . - - Freiherr von Teufel, Oberfocstmeister Herr Winter, kandkommissär . - , -Ex Ettlingen. Freiherr von Blittersdorf, Kammerjunker und Forstmeister . . . . i — Herr Franz Buhl, Oberbürgermeister . - — Herr Eecardt, Amtskellereiverweser . - i — Herr Hink, Theilungskommissär . . . i — Freiburg im Breisgau- Herr Dominik Rosset, Kaufmann , . i — Herr Casimir Schmidt, Apotheker . . , — Gernsbach bei Rastatt. Herr Huthmachxr, Buchbinder . . . i — Gottsaue bei Karlsruhe. Herr Ernst Julius Lcichtlen, Oeconomieverwal- tungsScribent . . . H a u i n g e n. Herr Hizig, Pfarrer X» Heidelberg. Herr Friedrich Hahn, ehmalig Herzog!. Aweibrü-- kischer Kirchenschafner , . . > Tx. Kirchheim an der Tek. Freiherr von Palm . . , . r — Lahr im Breisgau. Herr Stadtschreiber Kollmar . , . » — Lörrach. Herr Bodemer, Verwalter , , . i —- Herr Hizig, Dikarius . , . . r — Herr Krey, Spezial . . . . » — Mannheim. Sk- Excellenz, Freiherr von Marschall, Geheimer Rath und Hofrichter , . . i — Neubrvnn bei Aalen. Herr Pahl, Pfarrer und Verfasser der National- chronik der Teutschen . , . i — Oberkirch. Herr Goppelsrdder, Amtskeller , , . i — Pforzheim. Herr I. C. Baurittel - - . . i — Herr C. H. Deck, Pfarrer in der Altstadt . i — Herr Bechtler, Bierwirth . . r — xm - Herr Joh. Beker . . . - . iEx. ^ Herr Bergmann, Landchirurgus . . . i — Herr Cb- Bencki'eser, Eisenhammerwerksbesizer . » — Herr Böhringer, Hoskammerrath - . i — Herr Bohnenbergec, BijöuteriefabrikJnhaber . » Herr Christ- Friede- Boehm, Konditor - - » — Herr Braunstein, Forstverwalter r . » — Herr Jakob Braunwarth, Sternenwirth ^ » — Herr Jul- L. Büjard, BijöuteriefabrikJnhaber 4 i — Herr Charen, BijöuteriefabrikJnhaber - » -i- - Herr Colin, 6»iiiioclieur , » . r - Herr I. PH- Creeelius- Amtekeller . . r Herr Georg Dennig, BijöuteriefabrikJnhaber - i —. Herr I- P. Dittler ^ ^ i — Herr Dörr, RitterwirH < ^ . . r — ^ Herr Jakob Friedrich Dreher, Bürgermeister ^ i- — Aj Herr Ehrenfcuchter , ^ ^ . i — l, Herr Euchele , . - , . i Herr Fink, Hofraths Sekretär und Stadtschceiber i —> ^ Herr Finkenstcin, Pfvrzheimer TuchfabcikJnhaber i — E Frau Friz, Buchbinders Wittwe r ^ Herr Gerstner, Verwalter Herr Gerwig, Saifcnsieder ^ Herr v,-- Gyßer, Geheimer Hofrath und Stadt- ^ physikus . . . . . Herr Gottschalk, Stadtpfarrer bei der lutheri-- H scheu Gemeinde - 1 XIV 4> Herr Theodor Hemmerle, Pfarrer bei der katholischen Gemeinde . . . i Herr Holzhauer, Spezial . . . . i Herr I. M. Kay, Buchdruker und Buchbinder - r Herr Heinrich Kiehnle, BijouteriefabrikJnhaber » Herr Ehr. F- Krenkel, BijouteriefabrikJnhaber . > Freiherr von Leutrum, Kammerherr . . i Herr Wilhelm Luz, BijouteriefabrikJnhaber . > Löbliche LesegeseLschaft . . . i Herr Liechtemberg . . ^ , Herr A. Lump, Einnehmer ; ^ . > Herr Chr. Friedr. Mayer, senior . r Herr Jakob Christoph Mayer ^ . . r Herr Christoph Heinrich May, Konditor r Freiherr von Neubronn, Kammerherr und Oberforstmeister . . . i Herb Anton Reinbold, BijouteriefabrikJnhaber r Herr B. Roth, Obervvgt . - .1 Herr Mattheus Schraft, Ouillocbeur . i ^ Herr C- H Schulz, BijouteriefabrikJnhaber . r Herr Heinrich Siegele, Sattler . . ^ 1 Herr Friedrich Sold . . ^ .1 Herr vr. Weny, Landphysjkus ^ ^ - Herr G. Weidmann, Stadtwachtmeister . . i Herr Wohnlich, Hauptzvller > - - 1 Herr Aaininger, Organist . . . r Rastatt- Herr Sprtnzing, Hofbuchdruker xv ; bEx. RHein weil er. Herr Ulricy, Hofmeister . . . . » — Schorndorf. Herr Bregenzer, Buchbinder > . i — Schnait. Herr Stierlen, Amtmann > . — Söllingen, Oberamts Durlach. ,Herr Jäger, Pfarrer . . . . i Schrvk am Rhein. -Herr Georg Eberhard Cramer, Verwalter und Spediteur . , . .1 — Stuttgart. -.Herr Glocker, Studiosus . . " . i — ^Herr Griesinger, königl Würtembergischec Senator und Kastenpßezer . . .1 — S ch w a r z a ch. >Herr Karl Rosenfeldt, AmtskellereiScribent . i - T >> biuge n. jHerr i),. Fabec, ObcrtribunaiRath. . i — XVI Völkersbach. Her» Beyerle, Pfarrer . . ^ i Urach. Herr Engel, KralßAktuar . : . > Weil, die Stadt. Herr Bahnmayer, Stadtschreibec , . i Herr Josef Beierle, Tuchscherer . . . » Herr vr. Dominik Eble, Stadtphysikus . i Herr Josef Eble des GenHts . . i Herr Johann Baptist Gall, erster Bürgermeister 7 Herr Thaddäus Gaudi, Kaufmann . . 1 Herr Salomvn Germann, Saifensieder . 1 Herr Wibert Laumayer, Konditor . . 1 Herr David Müller, Handelsmann , . 1 Herr Josef Müller, Handelsmann . . 1 Herr Joh. Baptist Reiffsteck, 2ter Bürgermeister >. Herr Fr. Anton Reich, Handelsmann . . 1 Herr Schmitt, königl, Würtemberg^ Steuerrath 1 Herr Adam Siegle, Stadlhebarzt . . 1 Herr Josef Wi-igerreuter, Stiftsvcrwalter . 1 Weingarten bei Durlach. Hers Texter, Pfarrer , . . . t Also I. Wann und wie entstand Weil? ^Denn der Geschichtschreiber den Ursprung irgend einer alten Stadt zum Gegenstände seiner Forschungen sich wählt, so nrngibt ihn, statt der Tageshelle, das graste Dunkel der Mitternacht von ' Muthmasungen, fabelhaften Traditionen und Zwei« j' feln, woraus er sich kaum noch mit Ehren loszu- > winden vermag. r In dieser Lage befindet sich izt Weil's Chro» »nist, indem weder von dem Stifter Weil's, « noch von dessen Namen in irgend einem Denkmale - der Vorzeit oder in dem dermaligen Archive dieser ^ Stadt sich etwas Sicheres aufwühlen läßt. Ich will indeß vom Ursprünge dieser vormaligen Reichsstadt; — einem Ursprünge, der sich / im grauen Alterthum verliert — meine Legende hier geben, wie sie gedrükt steht, ohne jedoch ihre Wahrheit vor dem forschenden Historiker verantworten zu wollen. Nach dem Tode Kaisers Konstantin, des Gr osen, der, in Ansehung dessen Thronfolge, unter seinen Söhnen sowohl, als auch unrerm römischen Volke selbst, zu manchfachem Aufruhre die Losung gab, habe, sagt die Tradition, ein römischer Ritter, Namens Wcllo, aus dem bekannten uralten adclichcn Geschlcchte der Ursiner, Rom, sein Vaterland verlassen, um irgcndwo in einem fremden Lande sich eine sichere Zufluchtsstätte aufzusuchcn. Dieser habe nun seinen Wandcrstab bis nach Schwaben fortgesezt und sich dann in der Gegend des Schwarzwaldeö niedergelassen, dort einen beträchtlichen Walddistrikt ausgchauen und urbare Felder daraus umgeschaffen. Hier habe sich Wcllo seine Zufluchtsstätte gewählt und zu dem Ende den seltsamen Gedanken sich in den Kopf gesezt, nach dem Muster der bekannten Sicbenhügelsiadt Rom, in dieser Gegend eine Stadt anzulegen. Solche habe Er dann um's Jahr Z40 — oder, wie Andere behaupten — schon im Jahr gzg nach Christi Geburt, wirklich erbaut und sie nach seinem Geschlechtsnamen ^Vellcura oder Wellu getauft; welche Stadt nun späterhin VVilu und zulezt Vilu, teutsch Weil, die Stadt, und zum Unterschied von jenem. 3 v im Wirtembergischen gelegenen Dorfe Weil, schon seit einigen Jahrhunderten insgemein Meiler« . statt genannt ward. Darauf gründe sich nun der Name der izigen Stadt Weil und deren Wappen, welches unter anderem auch jene Buchstaben enthielte, welche die edcln und streitbaren Römer schon vor Alters in all ihren Schilden, Fahnen und Standarten zu führen pflegte»; ncmlich folgende Buchstaben: 8. ?. <2- R. ( lenatus populusgne kioinunus ) d. i. der Rath und das römische Volk. Als ein Beweis der Richtigkeit dieser Behauptung wird noch dis angeführt, daß ncmlich bei Gelegenheit der, aus Rom unternommenen Flucht des vorhin erwähnten Ritters Wcllo, noch mehr - andere Patrizier, die in gleicher Absicht mit ihm, ^ ihr Vaterland verliefen, solchen selbst in diese Ge« ^ gend begleitet haben. Unter Jenen scyen nun vor» -Ä züglich die edeln Ritter 6sminini gewesen; von A welchen die noch izr evistirenden Freiherren von Gemini ngen unmittelbar abstammen sol« I len, die bekanntlich, von den' ältesten Zeiten her, E um die Gegend Weil'S herum, ihren Wohnsiz, Z Schlösser und Herrschaften bis izt, innc hatten. ") *) S. ?. V. li o m u s I 6 i 8tocksce»s. Ulllor. prn- vinclse »»teriorir ^uKris krstrum minor. Ls^uciuo- ^ rum ,747, In toi. XXXV. sk 24z, und 4 K nipp sch ild ") hingegen hält Weil für eine römische Villa, welches auch ihr Wappen zu bestätigen scheint. Dis Wappen — welches noch gegenwärtig über dem sogenannten Pforzheimer Thore der Stadt Weil in Stein cingehauen zu sehen ist — besteht nemlich aus g Schilden. Im obersten befindet sich ein schwarzer Adler im goldnen Feldr; in jenem zur linken Hand ein blauer Queerbalkcn, der schrags steht, im rochen Felde, mit den, schon oben er» wähnten Buchstaben: 8. ?. (2. k. (welch leztcre aber, seitdem Weil au die Krone Wirtcmberg's gelangte, in dem neu organisirten Stadtwappcn rvcggeblieben sind;) und in dem zur rechten Hand, zween, übereinander gelegte, Schlüs» sel ebenfalls im rochen Felde. Seitwärts Haussen, eine Stunde von Weil, ward noch vor Kurzem eine gepflasterte Römerstrasse entdekt. Seitdem findet man daher auch nicht selten, kupferne und silberne römische Denkmünzen auf dortigem Akerfclde; — ein wahrer Beweis Geogr. statistisch - topographisch. Lexikon von Schwaben. 2. Band. Seite 1077. und 1078. 2te vermehrte und verbesserte Auflage. Ulm i8oi. in 8. *) S. dessen lirsüst, lie jur« et priv. civit, imp. l.. z. 58 » 5 wenigstens davon, daß einst römische Kolonisten in und um Weil vor Zeiten sich ansie- dclten. Nie stand Weil in altern Zeiten unter einer fremden Herrschaft oder Botmästgkeit, sondern diese Stadt blieb, seit unfürdenklichen Zeiten, ein unab» " hängiger freier Staat für sich. In Ansehung der Jeitperiode, seit welcher der Ort Weil zu einer Reichsstadt erhoben ward, sind aber die Geschichtschreiber ganz verschiedener Meinung. So behauptet man z. B. Kaiser Konrad l. habe im Jahr Christi yig, oder, wie Andere wollen, Konrad ll. im Jahr 1225, und, wie Je!» lcr in seiner Topographie von Schwaben, am .minder wahrscheinlichsten erzählt, Kaiser Fride» s.rich I>. im Jahr 121 l. zuerst den Ort Weil, der zuvor nur ein Weiler oder Dorf gewesen scye, zu einer Reichsstadt erhoben und sie -zu dem Ende mit Mauern und Thürmen umfan« gen lasten. *') Lcztern zwecn Behauptungen widerspricht hingegen folgende, auf Thatsachen sich gründende Ge- ^ schichte. *) S. k. k->musI6i Ztocksc. Hittor. provino. snterlvr. elc. 2-jZ. conter. lteu-n-r äs urbldur Imper. et Lru-Iu» in snnsl. 8usv, 6 Als Kaiser Otto III. im Geiste voraus sah, daß er, seiner ausschweifenden und daher uufrucht« baren Gemahlin wegen, einst linderlos abstcrben würde, so sann er in Zeiten^ auf Vorbcugungs- mittel dagegen, daß nicht nach seinem Tode die tcutschcn Fürsten aus Ehrgeiz und Habsucht ein Stük nach dem andern von seinem Reiche an sich reisten möchten. Au dem Ende fand dieser Kaiser für gnt, unter Rüksprache mit dem damaligen Pabst Gregor V, seinem nahen Anverwandten, eine pragmatische Sanktion wegen der künftigen teutschen Kaiserwahl zu errichten. Dieser zufolge ernannte Er die damaligen z. Erzbischöffc von Mainz, Trier und Kölln zu Kurfürsten und nahm ausser diesen noch mehrere, zum Thcil neu kreirte Fürsten, Grafen, alte Reichsstädte und sonstige Städte, die er damals erst zu Reichsstädten erhob, in seine, mit vielen Privilegien ausgerüstete Wahlkapitulation auf. Unter jenen Reichsstädten, welchen mit den übrigen Ständen bei künftigen Kaiserwahlen das Stimmenrecht damals eiugeräumt wurde, befand sich Weil unter der Benennung: „Wz'Ia in 8nsvjs" schon unter der Aahl der hiezu namhaft gemachten alten Reichsstädten. Und *) S» Henr. ksntsleon krolopoxrspti, Iieroum stque Illuttr. vlror. k. H. xsx. yv — 94. In fol. ool. förmlich errichtet. *) Merkwürdig ist der Anfang dieser güldnen Bulle, worinn es gleich nach der Titulatur Kaisers Karl IV. Heist: „Ein jedes Reich, das unter sich „uneins ist, wird verwüstet: Dann dessen Für- „sten sind Gesellen der Diebe worden. „Deswegen hat Gott mitten unter sie den Geist „des Schwindels gemengt, daß sic im Mittag her« „umtappen, wie im Finstern, und hat ihre Leuchter von der Stelle gerükc, daß sie blind und Leiter der Blinden seycn; und, welche im Finstern „wandeln, stoffen sich an, und die so blind am Geiste „sind, begehen die Verbrechen, welche in der Unei« „nigkeit sich äuffern. rc." In dem, noch zu Frankfurth am Main befindlichen, lateinischen Original von dieser güldnen Bulle oder sure» bull», Heist es wörtlich: „Omne Hegnum in se llivilum llelolabi- „tur: Ißsm principe; eju; satt! sunt locii furnm, „ob guoll Oominu; miicuit in mellio «orum spit!» ,, tum vertigini;, ut p^Ipent in merllli« licut in te- ,, nebri;, et canlieinbra eornm mvvit 6e loco suo, „nt cec! sink, et lluce; cecorum: st qui smdulsnt „in tenebri; , ollenllunt; et cecl mente scelera per- „petrant, quoe in lliviiione continxunt etc." S. die güldne Bull Kayser Carl des IV. Frankfurt am Main cis 1741. PNA. 2—q. 8 Eben daher ist es am wahrscheinlichsten, daß Kai» ser Konrad I. schon im Jahr 914 nach Christi Geburt, den Ort Weil zu einer Reichsstadt er» hoben haben mag. So wenig man nun einige Gewißheit von dem Ursprünge oder von der Enlstehchigöart dieser Stadt aufzuwcisen vermögend ist, eben so wenig kann man auch von deren Schiksalen in ältern Zeiten etwas mit Bestimmtheit sagen, da bei jener un» glüklichcn Einäscherung dieser Stadt durch die Franzosenwnth, zur Zeit des dreissigjährigcn Kriegs, zugleich auch das Archiv ein Raub der Flammen ward. Daher leitet sich denn auch der, gegenwärtig an alten Urkunden herrschende, gänzliche Mangel, welcher einzig und allein Schuld daran ist, war» um der Chronist Gcil's keine authcntiiche Nach» rieht davon aufzuweisen hat, ob diese Stadt, zu» vor erwähnte, masen, vom römischen Ritter Wello und von dessen Reise» und Schikials« Gefährten, den adelichen Rittern, 6emmim, (späterhin Frei» Herren von Gemmingen) genannt, wirklich erbaut und gemeinschaftlich gestiftet worden sehe? Weil wird von Zeit zu Zeit mit der Ge« genwart hoher Potentaten und Fürsten beehrt. V. I. lorz — Kaiser Konrad II, welcher um's Jahr Christi 1025. den Ort Weil aus einem vormaligen Dorfe zu einer Reichsstadt erhoben haben soll, hatte, nach dem Zeugnisse der bewährtesten Geschichtschreiber Schwabens, bisweilen seinen Siz und Regierung in Weil. Markgraf Philipp l. von Baden hingegen begab sich im Jahr 1520. bei jener Gelegenheit in diese Stadt, als der, kurz zuvor, nach der vorgcfallenen Rcutlinger Schlackt von Land und Leuten vertriebene Herzog Ulrich von Wirtem- berg Anstalten traf, mit Hilfe der Schweizerischen Eidgenossen, sich durch die Gewalt der Waffen seiner verlohnten Länder wieder zu bemächtigen. Jzt erschien Markgraf Philipp von Baden selbst in eigner Person in Weil; einzig in der Absicht, um sich in Gegenwart der, sowohl von Seiten Wirtembergs, als von jener, des damals neucrwählten Römischen Fönigs und nachhcrigen Kaisers Karl V. sich dort zugleich mit ciugefun» denen Abgeordneten, nemlich mit dem 'Grafen Rudolf von Sulz und dem Marschall T h n m m von Neuburg, freiwillig dafür zu erklären, das Wirtembcrger Land auf den, etwa cintretendcn Nothfall, nach all seinen Kräften für jedes, durch Herzog Ulrich etwa veranlaßt werdende Kriegs» Ungemach zu schüzen und zu verthcidigen. Auch der Held, Prinz Ulrich von Wirtem» berg beehrte diese Stadt am 2g. May ibzl. mit seiner Gegenwart und nahm damals sein Absteig» quartier im Gast Hof zur Krone. Er war der tapferste der Söhne des, nicht kriegerischen Johann Fried rich's. In den Schlachten bei Jankowiz 164z und Allers» heim ibqz, in den Belagerungen von Rhctcl, Rocroil, Ar ras re. zeigte er ausgezeichneten Muth. Doch seine Hauptthat ist die Rettung des kaiserlichen und bayer'schen Heers nach der Schlacht bei Zusmarshansen (y. May 1648.) gegen Türenne und Wrang el. Die Fliehenden eilten gegen Augsburg, wären aber wohl eingeholt worden, hätte nicht Ulrich mit sechs Schwadronen und drei Batallioncn den Feind am Bache Schmutter so lang aufgchal» ten, daß jene sich über den Lech retten konnten. „Nicht leicht wird man das" Beispiel eines grösser» Muths finden, sagt Bougeant selbst. Eine Batterie von 15 — 20 Kanonen nahm gan- ze Reihen weg, ohne die übrigen zu schrcken. Neben dem Prinzen fielen alle, die um ihn waren. Ihm selbst wurden 5. Pferde unter dein Leibe todtgeschossen, und doch wankte seine Standhaftigkeit nicht! Erst mit Anbruche der Nacht zog er sich, nachdem er seine Absicht erreicht hatte, mit den wenigen Uibriggeblicbcnen zurük." Können sic ihn nicht mit Stuken vom Plazc bringen, so wollen sic ihn mit seinem Reg!» mente durch Minen in die Luft spren- > gen, licsscn ihm die Franzosen sagen! — ein Gallicismus, der einen Ulrich nicht erschütterte. — Vier Jahrzchcnd darnach, ncmlich im Jahr ibyi. fände sich der DivisionSGencral Graf von Fürstenberg in Weil ebenfalls ein, und übernachtete daselbst. Bei seiner Ankunft bcwillkommten ihn die damaligen RathsDeputirtc der Stadt, ncmlich Schultheis Hohenstein, Hanns Jakob Wolf und Konrad Wctzel nach altdeutscher Sitte. Vom 20. auf den zo. Jänner i68y. hatte der *) Siehe Profess. Seybold's vaterländ. Historienbüchlein. Tübingen iSor. S. 82—-8Z. nachherige Kurfürst Karl Philipp von Pfalz« baiern sein Hauptquartier in Weil. Statt, daß nun dieser bei seiner Ankunft da» selbst eine Ehrenwache von den dortigen Bürgern, durch den damaligen Magistrat vcr» anstalkct, gehofft hatte, überreichte der Lcztere die» sem Fürsten zwcen Hasen für seine Person und sieben Maas Wein für dessen bei sich gehabte Diener, zum W il lko m m sg e sch c nke. Unwillig über dis sonderbare Präsent brach izt, dieser Baycrfürst in den fragsweisen Ausruf aus: Sind denn lauter Schneider und Schuster hier zu Borge seztcn? «') *) Vorstehende Nachrichten sind aus den Manuscripten alter Bürgerfamilien von Weil gezogen; worinn noch folgendes ausgezeichnet war, nemlich: s 1541. ist hier ein Kraistag gehalten worden; 1546. find die kaiserl. Kommissari en, bei Gelegenheit, als ihr Herr. , der Kaiser, das Herzogthum Wirtem- berg einnahm, vom Jänner bis auf Im < den December hier gelegen und ver- Jahr 1 zöhrten bei Rudolf Ruthardten I in allem — 428. R- 2 ß. r. hlr. 1557 . Ward von Seiten Kurpfalz, Wirte mberg und Baden ein Konvent hier gehalten, welchem die Stabt damals Z. Ctr. Karpfen ^ und auch Haber verehrte. Etwas vom chmaligen Eremiten - oder sogenannten Augustinerkloster in Weil. V. I. 12yl — iZoz. Schon hatten die ehrwürdigen Väter desEre m i- ten- oder sogenannten Augustincrordens im Jahr ny>, einige Zeit hindurch ihren religiösen Siz in Weil auch kam schon im Jahr >2yz, dem Jnnhalt der Manuskripte alter Vürgerfamilien Weil' s zufolge, daselbst ein Augustincrk v n- vcnt förmlich zu Stande, worauf mit dem Klosterbau sogleich der Anfang gemacht ward. Aber die meisten Schriftsteller, bewährt im geschichtlichen Fache, stimmen hauptsächlich darin» 's mir einander überein, daß erst im Jahr 1450. drcy Brüder von Stain das Ercmitenkloster i zu Weil nach den Ordensregeln des heil. Augu- ^ stin's gestiftet hatten. , vi6. p. ie. ttomualcii 8tockgcen!>. ttistoria pro- viociee anterior. ^tullri« fratrum minorum Lspuci- ^ norum 1747. pax. 244. §. XXX V artic. III. ^ j S. Hist, polit. geogr. Atlas der ganzen ^ Welt. 12. Lheil S. 717. Leipzig v. I. 1749. 14 In der Kirche dieses Klosters, welche zuvor die alte Pfarrkirche war, wurden, seit deren Erbauung, zum Andenken der Schlacht bei Töf- fingcn des Jahrs iz88. die Namen jener, damals den Heldentod für's Vaterland gestorbenen Bürger aus Weil, jährlich am Sonntage vor St. Barth olomäi von der Kanzel öffentlich verlesen und dann ein Seelenamt für sie gehalten. Doch ward diese, den in neuern Zeiten durch den Franzoi'enkn'eg eingetretenen veränderten Umstanden nicht mehr angemessen befundene alte Gewohnheit im Jahr iZoz, wo ncmlich die vormalige Reichsstadt Weil entschädigungsweise der Krone Wirtcmberg's zufiel, auf ewig abgeschafft. Denn gleich nach diesem Zeitpunkt ward dieses Augustincrkloster, (dessen Bibliotheke ausser einigen seltnen Bibeln und verschiedenen juridischen Büchern nichts merkwürdiges enthielt,) gänzlich aufgehoben, und späterhin zur dermaligcn königlich wirtcmbcrgischcn Steuereinnehmereiwohnung umgcichaffen. Die bei Aufhebung dieses Augustinerklostcrs vorhanden gewesene zween Geistliche bestanden ans dem jezigen Stadtkaplan Herrn Kaspar Lörich und dem gegenwärtigen Lehrer der Weilerstadlcr Normalschule, Herrn Melchior Mayer. 4 . Nachricht vom tapfern, teutschen Krieger- mutl) der allen Bürger Weil's. v. I. l2Y2. Jeder Bürger des Staats, der >iie beim Ml» litar gedient hat, ist ohnstreitig einem Pferde zu vergleichen, das — seine Stärke nicht kennt! Ich verstehe zwar hierunter nur jenen Staatsbürger, der, weder auf Reifen, noch durch Studien, oder, durch erlernte Künste und Wissenschaften, sich als Mensch zu bilden, Gelegenheit fand, sondern im chaoti» schen Gleise seinen Weg sklavisch, oder thiertrieb« > ähnlich fortwandelt. Denn, je weiter man auch in der Geschichte zurükgeht, desto mehr finden sich ' Beispiele davon, daß Bürger, die ein cdleö Selbst« gefühl besasen, sich meist dem Kriege wicd- metcn. ^ Dis beweißt die Geschichte nicht nur der Bürger der bekannten Siebenhügelstadt Rom,sondern auch jener der,ungleich geringem, vormaligen schwäbischen Reichsstadt Weil, deren Einwohner, von Jugend auf, eben so an Krieg und Waffen gewöhnt wa« ren, als sie in der Treue und Standhaftigkeit, rüksichtlich des Bunds mit ihren Allürrcn, vor vielen andern Nationen sich auszeichneten. Eben diese Bürger Weil's vereinigten sich einst mit Ocstreich's Albrecht, bei Gelegenheit, als dieser wider den römischen König Adolf im Jahr 1292. zu Felde zog. Leztercr ließ daher, hierüber aufgebracht, zehn Mann von Weil's Bürgern bei jener Fehde vor- sezlich auffangcn und sie alödenn, sowohl zu Befriedigung seiner Rache, als auch zum warnenden Beispiele für die Uibrigen, ohne Pardon, zusam- mcnhaucn. Immerhin daure auch ihr Andenken bei der spätesten Nachwelt, als Muster der Anhänglichkeit und Treue für Oestrcich! 5 » Das Bürgerhospital zu Unserer Lieben Frauen genannt. v. I. 1364. So wie in neuern Zeiten der Engel der leidenden Menschheit, der edle Britte Howard, unter den Völkern herumgereist, um ihnen seine milde *) v> 6. k. k'. Nomusläi Rtocksreos. ltlüoris pro- vincise snterlori- Aultrise fr,trum minorum Lapucl- uoruw äe ^747. j. XXXV. »Nie. tl. xsx. -4Z. Weisheit zu predigen; so sann schon der Geist der alten Teutschen, für Schulen und Altäre gleich stark besorgt, auch auf Mittel für die Erhaltung seiner kranken und hülsiosen Mitbrüder. So ward z. B. in Weil, schon in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, der Urstoff zu einem ansehnlichen Hospitalgebäude zum Besten armer Kranken, vorzüglich aber der Gebrechlichen, gegründet. Besonders gereicht cs hier dem weiblichen Geschlecht« — dem bekanntlich das Mitleid eigen ist — zur unsterblichen Ehre, daß Jemand aus seiner Mitte den ersten wohlthätigen Grund zu diesem, sehr wohl gebauten Spital must gelegt hatte. Die erste Stifterin desselben hies ncm- lich Helene Brodbckin, war vormals ein« Bürgerin zu Weil, welche, nachdem sie ihre le, digen Tage gänzlich dem geistlichen Stande .zu wicdmcn, angelobt hatte, insgemein unter dem -Namen einer geistlichen Tochter, nach dem Äluödruke des damaligen religiösen Zeitalters, ruhmvoll bekannt war. s Ob nun gleich, weder deren eigentliches Todes» Hnvch des Spitals Stiftungöjahr dermalen mehr ^bekannt ist, indem die Urkunden hierüber mit meh- ireren andern, beim unvermutheten Franzoscndrand zdeö Jahrs >648. ein Raub der Flammen warv> l8 - so weiß nmn doch soviel von dieser Brodbekr'n, daß sie, kurz vor ihrem Ende, ihr ganzes Ver» mögen, bis auf einige Gütcrstüke, worüber sie anderwärts disponirte, auödrüklich zukünftiger Er» richtung eines Spitals in Weil, durch ein förmliches Testament, vermacht hatte. Den dortigen Stadtrath ernannte sie darinn zum Gewährleist» und Pfleger dieser cdeln Stiftung ; wie ein, darüber noch vorhandener, Auszug des, mit obrigkeitlicher Autorität, im Jahr lzz-z. aufgerichteten Spital-Lagerbuchs in Weil, Blattseite zzq. hievon umständliche Nachricht gibt. «) *) Dieser Auszug vom Jahr 1371. lautet wörtlich folgender mascn: ,,Wir, der Bürgermeister vnnd der „Rath der Stadt ze Wyle versähen öffentlich mit „disein Briefs für vnns vnnd allermeniglichen, daß „Hail (Helene) Brodtoegkin genannt, ain gaisilichin „Tochter vnd Bürgerin ze Wyle, dy lebendem, „vnnd by gesundem Libe, do cs wohl Kraft vnd „Macht harte, vnnd haben mochte, alles das Gut, „das Sie hatte, vßgenohmen der Güter, die sie „mit Namen vßgedingt vnnd verschaft hätte, lutter- „lich durch Gottes, vnnd durch aller ihr Vorfahren „vnnd Nachkommen, vüd durch aller Gläubigen See- „len Hailes Willen, nach ihrem Lode gab, sazt „und machte ewiclich vnnd a.'genlich an ein künftiges „Spital, das ze Wyle in der Stadt gemacht sollte „werden, vnnd vfgem, mit svlichem Gedingde, daß „daßeihfge künftig Spital, vnnd all sie Gut und „stutze ewiclich sollten sein vnnd biiben in des Raths 19 In der Zeitfolge nahm nian nun mehrere Pfründner in dieses Spital auf, worin sie, gegen Erlegung eines gewissen, (dem Spital eigcnthüm« lich verbliebenen) Kapitals, lebenslänglich ernährt „vnnd der Bürger Hand vnnd Gewaltsame der Stadt „ze Wyle, vnnd das sollten setzen vnnd entsetzen „vnnd es auch fürsehen an Pflegern, an Amtleuten „vnnd an allen andern Sachen vnnd Stücken, de- „ren es nothdürstig wäre nach ihr gewißende vnnd „nach ihr Erkenntniße. „Nun ist die vorgenannte Hail todt, vnnd hinen „gescheiden vnnd haben wir Bürgermeister vnnd „Rath uns deßelben vorgenannten Spitals vnnd aller „siner Gut vnnd Nutze unterzogen vnnd angenehmen, „vnnd haben es auch gebauen vnnd ufgebracht, vnnd „Hüne es auch mit Pflegern vnnd allen andern Sachen „besetzet vnnd entsetzet vnnd fürsehen, vnnd darumbs „so begehren vnnd bitten wir mit ganzem Ernst vnd „Fleiße, daß das vorgeschriebene gesatzte vnnd gerächte, durch Gottes vnnd durch unsers unterthä- „nigsten Dienstes Willen allso conlwmirt vnnd bewältiget werde, daß allso ewiclich in unser Hände, „vnnd Gewaltsamy bestehe und blibe, als es von „Ersten angesctzt und gemacht ist. Und zu Einem „wahren Urkund vnnd Gezeugniße der vorgcschriebe- „nen Dinge, so geben wir diesen Brief versiegelt „mit unserer Statt großen anhangenden Jnstgel, der „gegeben ward des Jahrs, do man zahlt von Chri- „stcs Gepurt driczehen Hundert jare, vnnd ains vnnd „stbenzig jare, an dem nächsten Diensttsge nach sanct „Michels Tag." 2 ^ 20 wurden. Ausserdem erhielten auch arme Bürger, desgleichen dürftige Wittwen und Waisen, bis izt, ihre ohnentgeltliche Verpflegung darin», so wie nicht minder sonstige bescheidne HauSarmen, die sich des Bettclns schämen, noch gegenwärtig aus dem Fond dieses Spitals mit Geld untcrstüzt werden. Dermalen hat man, ausser jenem Spitallag er« buchsauszuge über das Vermächtnis »der Helene Brvdbekin, keine Urkunden mehr, die von ei» ner besonder« Stiftung zeugten. Denn, (soviel man weiß.) hat dieses, erst im Jahr 1588. zu seiner wahren Vollendung gcdie» hene, Bürgerhospital sein Vermögen nach und nach, theils durch die Freigebigkeit der Bürger in Weil, theilS durch Schenkungen von auswärtigen, in dis Spital aufgenommene» Pfründnern, theils durch Ankauf und den Erwerb einzelner Güterstüke und sonst erworben. Vielleicht haben auch die, ihm ertheiltcn, Ablaßbriefe ihr wohlthätigcs Schärflein dazu bei» getragen; wodurch nemlich die reichen Leute — als grose Sünder — Etwas von ihren zeitlichen Gütern für die Arm« zu stiften, bewogen wurden» Im Hospitalarchivc zu Weil sind wenigstens mehrere dergleichen, auf Pergament geschriebene und in lateinischer Sprüche verfaßte Ablaßbrie» fr ( 1 nauI§entlLe xeccutorum genannt) noch bis 21 izt aufbewahrt, die aber dem Spital gegenwärtig nichts mehr cintragcn. Sein schönstes Kleinod raubte ihm hingegen der Schwede nkricg, in welchem der, diesem Spital zugehörig gewesene Vhing er Hof, welcher dem Adam Kepler zu Franksurth für einen Kapitalvorschuß von 1000 fl. verpfändet war, zu Bestreitung der so genannten Schwedischen Satisfactionögelder von 8 > cro fl. im April des Jahrs lügy. an den damaligen >Wirtcmbergischen Oberlandrath Heinrich Achilles Buwing Hausen von Wallmervde zu Stuttgart um ein Spottgcld, nemlich für 5500 fl., verkauft werden mußte. Die Bcsizcr desselben sind gegenwärtig die Erben des, im ledigen Stande verstorbenen, Freiherrn von Leiningen. Der gegenwärtige Stiftungssond betragt in Geld ohngcfähr 10,000 fl.; die Spitalgüter hingegen bestehen in: 212. Morgen Ae kern, Ivo. Viertel Wiesen, *) Diese Nachrichten sind, theils aus den Manuskripten alter Bürgerfamilien Weil's, und theils aus der vermehrten und verbesserten Auflage des g eogr. statistisch-topographischen Lerikon's von Schwaben vom Jahr 1801. und dessen 2. Band S. 1072. gezogen. und in ohngefahr einem Viertel Garten, fvor» auf vor Zeiten das sogenannte G ut leu th au s gestanden hatte. Ausserdem hat das Spital den halben gro» sen Zchcndcn von Weil's sammtlichcr Gemarkung zu beziehen. .- Diesen Achendantheil hatte nun gedachtes Spital nebst dem halben Achcndcn auf dem Uhin- ger Hof, (welch beides das Gotteshaus Herren alb vor Icitcn bcsaö,) gegen feinen vorherigen groscn und kleinen Zchcndbczng nebst Kir» chcnsaz zu Simozhcim im Jahre izz2. Das Gutleuthaus ward im Jahr 1591. erbaut und im Jahr 1635. bei Gelegenheit, als der kaiserl. General Gallas da,selbst ein Lager bezog, von den, damals unter seinem Kommando gestandenen, Soldaten rein ausgeplündcrt. **) Im Jahre 1436. befreiten die beide Grafen Ludwig und Ulrich von Wirtemberg, den Abt und das Konvent zu Herrenalb vom Lehensverband, in Ansehung des Frohnh-sfs zu Simozhaim nicht weit von Weil gelegen, worein der kleine Aehenden unter anderem gehörte, und welchen Hof ermeltes Kloster von Henslin Weilhai- mer, einem reichen Burger zu Weil, der Stadt, der ihn bisher von der Wirtcmbergischen Herrschaft zu Lehen trug, kurz zuvor käuflich an sich trachte. S. Stetnhofer's Wirt. Chr, 2. Band S. 796. eingetauscht und noch überdis 700 fl., als ein Aequivalent, darauf hinaus bezahlt. Zum Armenfond hingegen gehören folgende Gebäude, die derselbe zu unterhalten hat, nemlich: 1. ) Die Spitalkirche zu Unserer Lie» ben Frauen genannt, welche am St. Gal» lustage des Jahrs izög. ei'ngcweiht, aber im Jahr 1747. renovirt und besser eingerichtet ward. 2. ) Das Spitalgebäude an sich selbst, nebst dem, dazu gehörigen Garten; g.) Die, dem Spital zuständige sogenannte Planmühle, in einem Gerbgang und drehen Mahlgängen bestehend; 4.) Ein Keller '"I unter einem der zwey Rathhäuser am sogenannten Pforzheim er Thor; und endlich Z.) die Kapelle zum heil. Kreuz genannt. Vorhin erwähntes Bürgerhospital hat sich nun meist durch bemittelte Pfründner, die in solches ihr ganzes Vermögen für ihre lebenslängliche Ver» *) Aus diesem sogenannten Stain - oder Spital- Keller wurden im Jahre 1Ü29. zween Eymer Weins, Weilerstädter Gewächses, für zwei Hundert Gulden an die dortigen Wirthe verkauft, welche iede Maas von solchem Wein für zr kr. nachher ausschenkten. Diele Nachricht ist aus den Manuscriptcn alter Bürgerfamilien aus Weil entlehnt. 24 pflegurig darinn, ehedem vermacht hatten, nach und nach beträchtlich vermehrt. In dieses Spital werden izt, gewöhnlich nur alte gebrechliche und unvermdgliche Personen, bei» derlei Geschlechts, ausgenommen. Daö Spital selbst wird übrigens dermalen durch Herrn vr. PhysikuS Dominik Eble so» wohl, als durch den Stadtaccoucheur Herrn An» dreaS Siegle, in Weil zwckmäsig besorgt; und von dem StiftSvcrwalter Herrn Josef W i» zigerreuter, die Rechnung darüber geführt. Der, gegenwärtig dort angesiellte Spitalmek»' stcr Jakob Eble hingegen ist eS, der den Spi» taliten ihre Kost auftischt und für die Reinlichkeit deren Zimmer, so wie auch für die Herbeischaf» fung ihrer sonstigen Bedürfnisse sorgt. Im Jahr rtzof. belief sich die Anzahl der, theils gesunden, thcils kranken Spitaliten nur auf dreissig Personen, die nun der Stiftcrin von diesem Spital, ncmlich der Eingangs erwähnten Helene Brodbekin und deren Nachahmer, die wohlthätige Zufluchtsstätte, bis auf den Abend ihres Lebens, sattgespcißt und gut verpflegt ver» danken! *) Diese Stiftcrin liegt neben der Spitalkirche zu Weil in einem bleiernen Garge begraben. Skizzen von alten merkwürdigen Urkunden der Stadt Weil vom Jahr 137z - idro. oder Der Ruthenstaub der Mönche. Noch verwahrt das Stadtarchiv zu Weil meh« rere, gelegeuheitlich der vormaligen Einäscherung dieser Stadt, in Sicherheit gebrachte merkwürdige Urkunden, die unter Anderem auch mit den Sit« ten und Gewohnheiten der Vorzeit uns näher be« kannt machen. Nach den Registratur«Numern von Weil's Stadtarchive thcil' ich hier in gedrängtem Anszuge folgende Nachrichten davon mit. In der ersten dieser Urkunden, nemlich Nro. zy. Heist es: „Engellin Winziehcrin, Hanß Schmidt seel. „Hausfrau, verkauft an Wiklin Lbblin 5. Schil» „ling Helle^zinns." Diese Urkunde ward unterschrieben und aest'e« gelt von Hanß Hug von Holzgerlingen und Ulrich Küchlin, beiden Bürgern und Richtern zu Weil IZ87- Nach der zwo ten Urkunde Nro. 58. erhal» ten wir Nachricht von einer, das eigenthümlictzie 2b GcprGe von der Handlungsweise der Gewerbs- manner der alten Zeit uns darstellenden sonderbaren Handwerkssitte, und zwar in folgenden Worten : „Hanß von Augspurg, genannt Stelz, (Bur« „ger zu Weil, Jacob Proglin, Burger zu Eßlingen, Wilhelm Walle und Hanß Walle, auch „bcedc Bürger zu Weil, alle vier. Kam menletz er ihres Handwerks, verbinden sich unter „einem Eyd, gewisse Dinge nicht zu fertigen, „und wer das thut, soll das Handwerk liegen „lassen." Diese Urkunde ward mit dem kleinen Wappen der Stadt Weil gesiegelt im Jahr lgzz. Nach der dritten Urkunde Nro. 55. entlehnte die Stadt Weil unter ihrem Jnsiegel, vom Domkapitel zu Speyer die Summe von 1500 fl. im Jahr ibiz. Nach der vierten Urkunde wro. 56« entlehnte Hanß Berner, Burger zu Weil von der sogenannten^ Fünfzehn Geistlichen Pflege zehn Gulden. Dis geschah, mittelst Jnnsiegels des Bürgermeisters Franz Marquard von Fladt im Jahr 1620. Zum Beschlüsse dieser skizzirten Urkunden-Nach« richt Hab' ich die fünfte Urkunde Aro. 57. welche zwar dir älteste, und zugleich auch die merk- 27 würdigste von Allen ist, absichtlich hieher zulezt aufgespart. Von deren Jnnhalt hebe ich nur folgendes hier aus: „Wir, Bruder Johannes von Iptingen, Prior „des Prediger-Klosters zu Pforzheim, entlehnen „vierthalb Pfund Heller von Engclline Pfaff und „verpfänden dafür Pfaff Heinrich SchriberS Hauß „zu Weil am Kirchhof gelegen." Dieser, auf Pergament geschriebene, von der grvscn Geldklemme der damaligen Zeit einen sehr auffallenden Beweis uns liefernde Schuldbrief ward nun im Jahr iz/z. ausgefertigt, und mit den beiden Jnsiegeln, sowohl des oberwähnten Priors, als des Pforzheimer Predigerklostcrs versehen. Auf dem einen, dieser, in weises Wachs ein» gcdrüktcn Jnsiegeln, befindet sich nemlich ein Marienbild mit der Umschrift: donventms krotrum prssäi'cntorum plor^beimensis, (Pforzheimer Predigerkloster) auf dem andern, (ein seit» ncs Stük des Altcrthums vorstellenden,) Jnsiegel hingegen, sieht man noch ganz deutlich, wie ein Abt in der Stellung, einen neu angehe n« den Mönchen in den Orden einzuwei» hen, denselben auf die nemliche Weise, wie man sonst gewöhnlich kleine Kinder auf dem bekannten blvscn Theile des Leibs zu züchtigen pflegt, kraftvoll mit der Ruthe haut. 28 Diese sonderbare Art der Einweihung in den Mönchsorden soll nun, (wie die Klostcrgcschichte sagt,) einst auf folgende Art veranlaßt worden seyn. Noch in ältcrn Zeiten zuvor, ehe diese komische Einweihungsart der Mönche gang und gäbe ward, wiedmctcn sich mehrere Fürsten, Grafen und Edclleute dem geistlichen Stande. Doch ward hierin der Fall von den erstem zween Menschenrassen weit seltner, als von jenen der Edclleute, die in zahlloser Menge in die Kutte der Heiligkeit sich einhüllen liefen. Da nun diese in der Folge über ihre bürgerlr- chen Ordensbrüder eine unumschränkte Gewalt und gränzenlose Herrschsucht sich anzumasm pflegten, so ward man, zu allmähligcr Verminderung der, bei den Adelichen eingeriffcnen Sucht des Ui- bertritts in den geistlichen Stand, nachher auf zwekdicnlichc Mittel bedacht. Zu dem Ende ersann izt die Klosterpolitik hiezu — den vorhinerwähnten Ruthenhieb sä poüeriorn, als künftiges Einweihungs« statut, für jeden derartigen Novizen, ohne Unterschied des Standes. Worauf dann, von Seiten der Edelleute, welchen diese bürgerliche Züchtigung nicht behagen wollte, der Uibertritt in den geistlichen Orden auffallend schwächer zu werden anfieng, dadurch aber immermehr Ruhe, Ord- ming und Eintracht unter den Geistlichen, bür» gerüchen Standes, nach und nach hergcstellt ward. Und — hiemit endigt sich !zt mein Lied vom Nuthenstaub der Mönche!! — 7 . Weil tritt in den Schwäbischen Städtebund mit Wirlemberg im Jahr 1375. Zwischen dem Grafen Eberhard von Wir» temberg und verschiedenen Schwäbischen Reichs^ städten ward Sonntags vor St. Johannis des Jahrs 1375. ein wechselseitiges Schuz, und Truz» bündnis gegen jeden feindlichen Angrif errichtet, und solches zu Stuttgart unterschrieben und ge» siegelt. In diesen Bund traten nemlich die vormaligen Reichsstädte Weil, Eßlingen, Rothweil, Gmünd, Hall, Heilbronn, Wimpfen, Weinspcrg, Nördlingen, Warth, Din» kelsbühl, Bopfingen und Aalen. Diesem Bunde gemas ward nun festgesezt, daß, im Fall der eine, oder der andere Theil feindlicher Seits angegriffen würde, „Graf Eber« „hard von Wirtcmberg zo ehrbare Ritter oder „edle Knechte, mit Spiesen wohl bcwafnet und „wohl geritten, geben solle." Eben so viele soll« len dann auch die verbündeten Städte haben: Und zu dieser Anzahl sollten überdis noch vorge» dachter „Graf Eberhard drey; diese Städte „hingegen zw een ehrbare Mann geben." Damals ernannte Eberhard seiner Seits hiezu: „den edlen Schweigger von Gundel» „fingen, Burkharten von Manßperg „und Berchtolden von Sachsenheim, Ritter." Die Städte hingegen wählten ihrer Seits zu gleichem Zweke: „Johansen, den Salzmann „von Rotwell und Fritzen, den Herrich „von Nördtlingen." Dabei ward festgesezt, daß Graf Eberhard von Wirtcmberg, im Fall er irgend woher feind» lich angegriffen würde, jene fünf obendemeltc auf einen Tag bescheiden möge, wohin er wolle, und was „diese fünf Männer, oder der meiste „Theil von ihnen erkennen würde, wie stark die „Hülfe zu Roß oder zu Fuß seyn solle, das hät» „ten ihm die verbündeten Städte zu leisten." Eben so soll es im umgekehrten Falle, wenn ncmlich jene Städte angegriffen würden, von Sei« tm des Grafen Eberhard gehalten werden. Hierbei ward ferner verabredet, daß, „wenn Graf „Eberhard von Wirtemberg seine zo. mit „Spießen, oder soviel ihm zu stellen zuerkannt „würde, in eine Stadt legen sollte, leztere, so» „lang die Fehde dauert, dieser obbemelten Mann» „schüft, Herderg, Heu, Stroh und Holz zu ge» „den, schuldig und verbunden scyn solle," Dieser Bund war nun nicht länger, als auf ein ganzes Jahr hindurch, nemlich vom St. Jakobstag des Jahrs 1375. bis dahin 1376. un» ter der Voraussezung als gültig abgeschlossen, wenn dieser, nachher sogenannte Städtcbund nicht durch Kaiser Karl I V, ausgehoben werden sollte. Ans diese Art ward also nichts anders, als rin Aufschub in den wechselsweise vorgenommcnen KricgSoperationcn erzielt. Allein, da die Hauptbeschwerden auf keiner Seite dadurch gehoben wurden, auch dieser Bund nur auf eine kurze Zeit gedauert hatte, so blieb die Verbitterung zwischen beiden Theilcn ununter» krochen; ja sie brach schon bei der nächsten Gele» genheit, wie ein, unter der Asche loderndes Feuer, in volle Flammen aus. *) S. Zoh. Ulrich Steinhofer's Wirtembergi- scheiz^hrvnik. 2, Theil v. I. 1746. S. 331 — 383. 32 8 . Kaiser Karl IV. versezt die Stadt Weil an Wirtemberg im Jahr 1376. Nachdem Kaiser Karl IV. durch grose Scheu» kungen und viele Versprechungen cs bei den Kur» fürsten dahin zuwege gebracht hatte, daß von den» selben sein Sohn WcnzeslauS zum Römischen Könige, so wie zum Reichsnachfolgcr am 5. Oktobr. 1376. einstimmig erwählt ward, so verlangte die» ser Kaiser von den sämmtlichcn Reichsständen, die» sem seinem Sohne nunmehr unbedingt zu huldigen. Dieser Forderung widcrsczten sich aber mehrere derselben, aus kluger Besorgnis, er möchte sich einst gelüsten lassen, eine Reichsstadt nach der an» dern, zur Entrichtung der, jedem der vorgedach» tcn Kurfürsten von Kaiser Karl für ihre Stimme zu dessen Sohnes Königswahl^ersprvchcncn Tonne Goldes, nach Gefallen zu versezen. °^) *) S. Joh. Ulrich Steinhofer's wirtemb. Chronik v. I. 1744. 1 LH. S. 74. allwo unter anderem enthalten ist, daß Kaiser Karl IV. sechszehn unmittelbare Reichsstädte in Schwaben, an benachbarte Fürsten einzig in der Absicht verkauft habe , um nur durch deren Erlös die Kurfürsten wegen s der versprochenen Summe für ihre Stimmenwahl befriedigen zu können. —— 3Z Herzog Friedrich von Bayern nahm sich nun der Sache dieser Reichsstädten an, und de» wirkte hierauf für sie einen gütlichen Vertrag mit dem Kaiser im Jahr 1376, als in welchem Graf Eberhard von Wirtembrrg dem angeordneten Reichstag in Frankfurt persönlich beiwohnte und daselbst die Bestätigung der Privilegien des Wen« zeslaus, Herzogs in Sachsen und Lüneburg, als ^eug mit unterschrieb. Die Reichsstädte hielten jedoch nicht für rath» sam, mit dem, von diesem mächtigen mirtem» bergischen Grafen unrerstüztcn Kaiser, ohne die äußerste Noch, noch vor der Hand zu brechen. Sie glaubten sich daher dadurch hinlänglich ge» schüzt, wenn sie sich genau untereinander verbän» den und einen engen Verein schlössen, kraft dessen sie sich gemeinschaftlich zu unkersiüzcn, und den besorgten Veräufferungs » und Vcrpfändungssall mit all ihren Kräften von sich abzuwcnden, bedacht seyn sollten. Allein eben dieser, am St. Ulrichs tage des Jahrs iz/ü abgeschlossene sogenannte Städte bund, den sie zu ihrer Ver» theidigung sowohl, als zur Äufrechthaltung ihrer alten Rechte und Gewohnheiten feyerlich aufgerichtet hatten, gab der, bisher oft gedampften Kriegs» stamme izt ihren freien Lauf. Denn nicht lange stand es an, als schon dasjenige wirklich eintraf, was die Reichsstädte gleich anfangs befürchtet hat» ttn. 3 Kaiser Karl IV. hakte nenilich am Sk. Bartholomäustage ,Z7b. dem Grafen Eberhard von Wirtemberg die Reichsstadt Weil mit dem Schultheiscnamt und der Vogte! daselbst, samt aller Jugehör an Zinns, Steuer, Ohmgeld; ingleichem das Schulthcisenamt der Städte Eßlingen und Gemünd, wie auch die Dörfer in der sogenannten Bürß bei Rotweil, im Ganzen mit einander um 40,000 Gulden so lange versezt, bis Alles vom Kaiser oder von dessen Sohn W c n» zel um obige Summe wieder ungelöst seyn würde. Ausserdem ward Demselben und seinen Erben bewilligt, daß sie alle Schultheisen» oder andere Aemter und Ohmgcld von jedem, der sie jzt pfandschaftsweise inne hätte, ohne Unterschied lösen dürfen; sie mögen inn- oder ausserhalb den Reichsstädten in der nicdern Landvvgtey zu Schwaben, auch in jenen Städten, die Graf Eberhard damals vom Reich innegehabt, und in der niedern Landvogtei Schwaben begriffen seyn oder nicht. Da nun auch hierüber die Kurfürsten, und darunter vorzüglich der Erzbischof, Ludwig von Mainz, gebohrner Markgraf von Meissen, und Markgraf Siegmund von Brandenburg, Sohn Kaisers Karl I V. zu Bestätigung all dessen besondere Briefe ausgestellt hatten, so blieb nichts anders übrig, als die Sache den Waffen zu über« - 35 lassen, und sich dadurch auf beiden Sekten Recht zu verschaffen. Denn durch den vorhingenannten Städtebund ward nicht nur Graf Eberhard von Wirtemberg von dem Genüsse seiner, vom Kaiser sich erkauften Vorrheile abgehalten; sondern es verdros selbst den Kaiser und seinen Sohn, den neu erwählten Römischen König, überhaupt recht sehr, daß sich die Städte unterstanden hatten, den Kräften ihrer kaiserlichen Macht gewisse Schranken zu sezen, oder ihnen gleichsam Ziel und Maas vorzuschreiben, ob, oder wie dieselben in vorliegenden Nothfällen etwas, so dem Reich zuständig, von andern des Reichs NuzenS wegen, verpfänden oder bisweilen auch sogar verkaufen möchten? In solcher Lage und Gemüthsvcrbitterung bra» chcn izt die Reichsstädte zuerst auf, und drangen in die Wirtcmbergischen Lande. ^ Kaiser Karl IV, dem die Tapferkeit und grosse Kriegserfahrenheit des Wirtembergischen Helden, Grafen Eberhard, der Greincr genannt, eben so gut, wie selbst dem ganzen Reiche, bekannt waren, ernannte Selbigen hierauf zum Hauptmann wider die Reichsstädte, und übertrug ihm die völlige Ausführung dieses Gegenstandes und zugleich auch die Erekution gegen dieselbe. *) S. Joh. Ulrich Steinhofer's Wirtemb» Lhronik v> I. 174S. 2 LH. S. 382 —3SZ» 3 36 Dis ward nun die Losung zum neuen Städttkrieg; denn daher leitet sich bekanntlich 9 - Die Schlacht bei Reutlingen vom Jahr 1377. Wie mächtig die Städte im vierzehnten Jahr» hundert zu werden anfiengen, daß sic dem Kaiser fast nur dann gehorchten, wenn sie wollten, und wie daher, besonders Karl, der Vierte, und sein Sohn Wenzel, dadurch die Städte beugsa» mer machen wollten, daß sie ihnen benachbarte Fürsten oder Grasen zu Statthaltern gaben, sie an diese verpfändeten, oder sonst den Herren Recht und Gewalt über jene ertheilten, ist aus der Reichs» gefchichte bekannt. Daher unter Eberhards Negierung so viele Fehden mit den Reichsstädten Schwabens! Sein Sohn Ulrich belagerte Reutlingen, dem Hülfe vom Ulm, Eßlingen rc. zueilte. Daher drohte Mangel an Proviant und zr-o Wann von den Gegnern Ulrich's fielen in'S De kling er Thal, um zu plündern. Dis veranlaßte dem Grafen Ulrich, der sie bei der Rükkehr erwartet hatte, jene grose Nieder» lagr, die er zwischen dem Schlosse Achalm und der Stadt Reutlingen erlitt, und welche am 14. May deö Jahrs 1Z77. fvlgcndermasen begann. Des Nachts zuvor giengen nemlich die Reut» ! inger mit ihren Murten, 700 Mann stark, auf Beute aus, und hatten zugleich die Absicht, dem Grafen Ulrich Schaden zuzufügen. Daher kamen selbige bei Tages Anbruch vor das Stävt- chen Urach und raubten hier, was sie nur konnten. In der Rükkehr von dort über das Uracher Thal stckten sie das Dorf Dettingen in Brand, tbdtetcn mehrere Bauern, und trieben noch vor der Mittagszeit zoo Stük aller Gattung VieheS mit sich fort. Jzt zog Graf Ulrich, hievon unterrichtet, mit 2Z2 streitbaren Männern, worunter Grafen, Ritter und Edelleute sich befanden, um den Berg herum, vom Schloß Achalm herab, gegen die Feinde, um diesen sowohl ihre, kurz» zuvor ge» machte Beute wieder abrujagcn, als auch, km Fall eS ihnen gelingen sollte, zu gleicher Zeit mit ihnen in die Stadt Reutlingen zu dringen, und sich derselben zu dcmeistern. Zu dem Ende stiegen die Fürnehmstcn von Ulrich's Kriegern, zwischen der Vorstadt und der St. Leonhard's Kapelle, auf den Wiesen und Ackern von ihren Pferden ab, und Z8 -- stritten zu Fus. Allein die übrigen Bürger von Reutlingen, welche noch, als Reserve, in der Stadt zurükgeblieben waren, zogen aus einer, synst verschlossenen, Pforte den Ihrigen zu Hülfe und griffen Ulrich's Ritter ganz unvermuthet jm Rüken an. Nun begann ein hiziges Treffen, in welchem der, auf beiden Seiten cingeschlvssenc, Adel, nach» her den Kürzern zog. Denn viele tapfern und berühmte Helden desselben blieben damals auf dem Plaze; deren Namen und Wappen noch izt auf dem Rathhause zu Reutlingen zu sehen sind. Die R < utlinger plünderten hierauf die Erschla» genen, und brachten viele Pferde, eiserne Brust» Harnische, Spirse und Degen nebst einer sonstigen grosen Beute in die Stadt. Selbst Graf Ulrich von Wirtcmberg ward Mit Mehreren, die hei dieser Fehde an seiner Seite fochten, stark verwundet und konnte kaum noch mit Mühe, auf die Burg Achalm sich retten. Hilf Jahre darnach rächte Er sich dafür. Durch diesen, so eben erzählten glüklichen Fort» gang der städtischen Waffen« so wie durch das, den Grafen Eberhard vor Reutlingen zu» geflossene widrige Schiksal- ward Kaiser Karl «och in diesem Jahre dazu bewogen, mit den S. Joh. Ulr. Steinhofer'« Wrtemb. Thron, kriegführenden Städten Friede zu machen und die bisherigen Mishelligkeiten zu beseitigen. Zu dem Ende kassirtcn Kaiser Karl IV. und sein Sohn, der römische König Wenzel, auf die Dazwischenkunft Friedrich's, des Pfalzgrasen am Rhein und Herzogen zu Bayern, im Jahr >Z7/. alle Acht, worein die Städte, sowohl ihrenthalben, als wegen Kon r ad von Rechberg gekommen sind. Sie hoben daher alle Un- gnad auf, wegen des Kriegs, den die Städte bisher mit ihnen sowohl, als ihren Alliirtcn, ncmlich mit Stephan, de» Pfalzgrafen am Rhein pnd Herzogen von Bayern, Eberhard und Ulrich, Grafen zu Wirtemberg, Heinrich. Grafen von Werdenberg, genannt von Albeck, Friedrich, Herzogen zu Tek, Kraft und Götzen vonHohenlohe re. geführt hatten. Und — bei dieser Gelegenheit wurden unter Anderen auch die vier Städte, Eßlingen. Rothweil, Reutlingen und Weyl. von der Landvogtei Wirtemberg und Hohenlohe befreit, und erlangten hiedurch ihre vorige Selbstständigkeit wieder. Ob nun zwar Kaiser Karl in diesem seinem frühzeitigen Frieden darauf antrug, daß Graf Eberhard und dessen Sohn Ulrich, gleichfalls in solchem miteingeschlossen, und dadurch mit den Städten ausgesöhnt werden möchten, so wollte dem» ohngeacht, (wie uns Oswald Gabelcover aus sichern Urkunden hierüber Auskunft gibt) erwähnter Graf Eberhard in diesem Jahre noch im geringsten zu keinem Frieden sich verstehen, sondern Er war, statt dessen, vielmehr einzig und allein darauf bedacht, über kurz oder lang jenen grosen Verlust, so wie den Schimpf, den er bei der Reütlinger Schlacht unter der Anführung seines Sohns Ulrich erlitten hatte, mit allem Nachdruk an den Reichsstädten zu rächen. Dis gelang Ihm aber nicht eher, als nach ei» nein Zeiträume von eilf Jahren darnach; solches beweist IO. Die Schlacht bei Döffingen vym Jahr »Z88. In das vierzehnte Jahrhundert fällt der hart« näkigste Kampf zwischen den Fürsten und den benachbarten Reichsstädten, die, auf ihren beginnenden Wohlstand trozig, von jenen beneidet wurden. Graf Eberhard von Wirtemberg, der Greiner, sonst auch der Zänker genannt, *) S. Joh, Ulrich Steinhofer's Wirtemd. Chronik y. I. s LH. S. 401 und 402. machte ihnen, und sie Ihm, am meisten zu schaffen. Alle Schriftsteller, welche jenes harten Kam» pfes, der ohnweit der Reichsstadt Weil begann, einiger Erwähnung thun, schildern denselben als eine Folge von den, im Jahr iz6o. zwischen dem vorhingcdachten Grafen Eberhard und den Reichsstädten zuerst entstandenen Mishelligkeiten, wodurch nemlich die Reichsstädte über dieses Gra» fen Regierungs- und Handlungsweise beim Kaiser Klage zu führen, veranlaßt wurden. Ohngeacht nun das, In dem Busen beider Thes» le unterhaltene Feuer der Zwietracht durch Ver» mittlung hoher Fürsten und anderer Ständen des Reichs öfters gedämpft ward, so konnte man doch dessen gänzliche Erstikung dadurch nicht bezweken, viel weniger dessen Ausbruch zu einer Länder ver» Verblichen Flamme für die Zukunft verhindern. Denn die für die teutschen Rcichsfürüen und darunter vorzüglich für den Grafen Eberhard und dessen Sohn Ulrich unglüklich ausgefallene Schlacht bei Reutlingen des Jahres i Z77. flöste den kriegführenden Reichsstädten neuen Muth rin. Daher verbanden sich in der Folge die Schwä» bischen Reichsstädte mit jenen am Rhein, so wie *) S. Joh. Ulrich Steinhofer's Wirtemb. «hronik 2 Aheil S. 464. hingegen auch auf der andern Seite die Grafen von Wirtemberg mit mehreren weltlichen und gcist» lichen Fürsten ein Schuz» und Truzbündnis gegen jene errichteten. Beide Theile fügten einander nachher durch Sengen und Brennen, Rauben und Morden so lange unnennbaren Schaden zu, bis cs endlich am 2Z. August des Jahrs lz88. in der Gegend bei Weil zum entscheidentsten Treffen kam; wo» zu folgende Geschichte die Hauptveranlassung gab. Das Jahr zuvor, nemlich 1387, bekam Her» zog Stephan von Bayern unvermuthet Händel mit dem Erzbischöfen Pi leg rin von Salzburg. In diesen Streit mischten sich nun die, auf's äußerste hierüber aufgebrachten, Reichsstädte, und nahmen sich dieses Erzbischofs, als ihres Bundes» genossen, mit gcwafneter Hand an. Da in den Mittlern Jahrhunderten der Krieg meist darinne bestund, daß man einander unver» muthet in's Land fiel, Städte und Dörfer ver» brannte, Neben und Bäume abhieb, plünderte re., so war er desto verderblicher, ohngeacht er mit weit wenigerer Mannschaft, als heutiges Tags, geführt ward. Vier und zwanzig gegen den Grafen Eberhard, den Greinrr, verbündeten Reichs» städte, nemlich: Ulm, Kostanz, Weil, Nördlingrn, Heilbronn, Gemünd, St. 43 Gallen, Memmingen, Reutlingen, Ro» thenburg, Buchau, Dünkelspiel, Bi» berach, Pfullcndorf, Uiberlingen, Ra» vensburg, Nürnberg, Winsheim, Strasburg, Weissenburg bei Landau, Hagenau, Spey er. Worms und Mainz, °) wollten Ihm nun einmal eine entscheidende Nieder» läge bcibringen, und sammelten 4000 Mann. Darunter war ein Heer von drei tausend wohlbewchrter und geübter Soldaten und eine Be« gleitung von IOOO Mann, die mit nichts, als einer Begierde nach Raub und Beute gerüstet wa» ren, und vermuthlich damals das Freikorps der Städte bildeten. Mit diesen fielen sie in's Wirtemberger Land, und verheerten alles mit Feuer und Schwerdt, was ihnen in den Weg kam. Endlich rüken sie bis an das, bei Weil gelegene Dorf Döffingen, und izt fangen sie an, den, (wie damals gewöhnlich war und man noch manche hie und da sieht) ummauerten Kirchhof von Döffingen, (wohin viel Gut der Bauern, zur Sicherheit für Kriegs» Unfälle, geflüchtet und mit einer zwekmäfigen Besitzung versehen war,) einzig in der Absicht zn he« *) S. Verzeichnis in Lkron. ^Vürtemb. sp. 8c kannst. Vinciem. 1.1t. LolleK. II. p. Z 2 . sä >1. izgo. In andern Nachrichten wird auch der Stadt Augsburg gedacht. 44 lagern, um sich jener , in vorbcnannten Kirchhof geflüchteten Güter, als einer fetten B§ute, zu bemächtigen. Sobald nun Graf Eberhard von Wirtem» berg von d^ damaligen Noth und Gefahr seiner Unterthanen unterrichtet ward, so brachte Er mit Hülfe mehrerer Fürsten und Herren» z. B. Ruperts, des Aeitern, Pfalzgrafen am Rhein, des Markgrafen Rudolf VII. von Baden, ") *) S. Sachs Badijche Geschichte v. I. 1767. 2. LH. Seite zol. Graf Eberhard von Wirtcmberg errichtete mit Markgraf Bernhard I.» als dem Bruder des Markgrafen Rudolf VIl. von Baden, «kn Sch uz- und Truzbündnis im Anfang des Jahrs 1333 - welches folgendermasen lautete: „Am nechsten Montag nach dem obersten Lage zu „Weyhenachtcn, von dato dem aosten Lag über Z. „Jahr lang, vereinigen sich zu Löwcnberg Graf Eber- „hardt zu Wirtenberg der älter, und Bernhardt „von Gottes Gnaden Marggraf zu Baaden, durch „Nutzen und Frommen Ihrer und Ihrer Land und „Leuth, und daß Sie und die Ihrige desto daß in „Freindschaft bleiben, also: daß kaincr des andern ,»Feind Hause oder Hofe, noch Ihnen einigen Fürschub „thue; daß, wann Sie oder ihre Diener mit einander strittig werden, der Kläger ein Obmann ncm- „me uß des andern Räthen, der vormals Recht gesprochen Hab, und der es nicht verlobt habe. Die „Wirlenbergische sollen klagen zu Pforzheim: die „Baadische zu Vayhingen, und soll das Recht in den dos Burggrafen von Nürnberg, derer Grafen von Oetingen, Helfenstein, Bitsch, Kazenellnbogcn, des Bischofs von Würzburg rc. noch bei guter Zeit, ohngefähr ZOoo Mann zusammen, marschirte mit diesen vor» warts in Eilschritten gegen Leonberg, und von dort aus grief er am 2 Z. August des Jahrs iz88. muthvoll die Belagerer an, die damals nur aus 8oo Reitern mit Lanzen bestanden hatten. So wie nun das eigentliche Treffen begann, „nechsten 4. Wochen ausgetragen werden. Hat aber „des ainen Diener mit des andern Unterthanen zu „schafen, so sott er ihm nachfahren in das Gericht, „darin er sitzt. Wann des ainen Diener den andern „überziehen wolt oder angreifen, von Schuld oder „Bürgschaft wegen: das soll er nicht thun in dessen „Schloß, dessen Diener er ist, und sollen in diesem „Fall dessen Schloß des andern ofcne Häuser nicht „sein. Es soll jeder seiner Diener und Unterthanen „mächtig sein, und sie dahin halten , daß sie bei dem „Vertrag bleiben. Welcher Diener oder Unterthan „das nicht thun will, wider den soll sein Herr dem „andern treulich helfen." Solchen Vertrag haben beede Herren selbst, und noch neben Ihnen auch besiegelt ihre liebe, getreue, Herdegen von Hirnhaim, Reinhard von Windeck Ritter, Friz Sturmfeder, und Hans Conzmann, Vogt zu Pforzheim. S. Steinhofer's Wirtemb. Chronik 2. LH. S. 462. und 46z. sogleich stiegen die fürnehffisten Krieger von ihren Pferden ab, und fochten standhaft zu Fus. Selbst Graf Ulrich von Wirtemberg zeichnete sich bei dieser Gelegenheit, als einer der ersten und hizigsien im Gefechte aus. Dis that er Haupt» sächlich in der Absicht, um dadurch, theils den, eilf Jahre zuvor in der bekannten Schlacht bei Reutlingen erlittenen Verlust seines Herrn Vaters Eberhard izt an den Feinden zu rä« chen, und andern theils durch seine hiebei erpro» bcnde Tapferkeit sich bei Ersterem wieder in Gunst zu sezen. Aber, gleich beim ersten hizigen Angriffe fällt Graf Ulrich; mit Ihm — andre Edeln! Denn, nachdem man diesen Grafen kraft» und bewußtlos von dem Schlachtfelde fortgeschleppt und dann auf den Stumpen eines abgehauenen BaumS niedergcsczt hatte, so gab er sogleich sei» nen Geist auf. Jndeß ward, vhngeachtet die Wirtembergischen Krieger über dieser tragischen Szene ziemlich den Muth zu verliehren, auch zum Theil schon zu weichen, anfiengcn, jene Schlacht dennoch auf's neue fortgesezt. Denn Graf Eberhard verlohr, bei der Nachricht von dem Heldentode seines Sohnes, die Gegenwart des Geistes nicht, sondern Er suchte seinen Kriegern vielmehr neuen Muth in der ent» schioß'nen naiven Anrede an sie einzuflößen: „Erschreket nicht, denn mein Sohn ist, wie ^ „ein anderer Mann; stehet tapfer! Seht, dort „fliehen die Feinde," ruft Er, aus Kriegs» list, laut, daß die Städter es hören, und sich nach den Fliehenden umsehen. In dem Augenblik rennt Er auf den Feind ein, untcrstüzt durch den, auf Eberhard's vernommenen Iuruf, mit ivoo streitbaren Krie» gern ihm zur Hülfe hcrbeigeeilten Grafen von Bitsch, Vogt von Rosenfeld und mehrere andere adelichcn Ritter. Jzt bringt Eberhard, vereinigt mit diesen, die Feinde, deren Glieder er trennte, in Unordnung, nörhigt den größten Theil derselben zur Flucht, und erhalt endlich einen glän» zenden Sieg, der ihm auf den Rest seines Lebens Ruhe gewahrte. Und — durch diesen Sieg ward auch zugleich der, schon viele Jahre hindurch ge» dauerte sogenannte Stadtebund auf immer ge» trennt und aufgelöst. Dieser Sieg ward nun das eigentliche Grab der vorigen Freiheiten und Rechte der ehemaligen Reichsstädte; für deren Aufrecht» Haltung die Bürger von Weil, die bei jener Schlackt — da schon all ihre Mirverbündete flo« hen, keineswegs wankten, sondern mit Löwen» muth kämpften -- sich freiwillig in den Tod hin» gaben. 48 Graf Eberhard von Wirtemberg, während des hizigstcn Kampfes, seines, als Helden zuvor gefallenen Sohnes Ulrich ganz uneingedenk. lies dessen Leichnam erst, nachdem diese blutige Schlacht vollkommen geendigt war, in der Stiftskirche zu Stuttgart beistzen, mit der Grabschrist: lliustris prirweps är t)omimrs, OaMinus Dlri'cus, Lomes ^VirtenberAeiisis occubuit 2Z. LuZusti e^nno lg88- Die glaubwürdigsten Geschichtschreiber bchaup- ten nun, daß nicht sowohl der Kriegslist des Gra» fen Eberhard, womit er die Feinde irregeführt hatte, als hauptsächlich dem Wolfgang von Winnen st ein, seinem , noch unversöhnten al» ten Feinde, so wie dem Markgrafen Rudolf Vll. von Baden, (die im entscheidendsten Zeitpunkte mit ihren Kriegern, so wie mit jenen, des Pfalzgrafen Ruprecht, zu dessen Unterstüzung herbeieilten,) eigentlich zuzuschrcibcn scye. Immerhin bleibt dis wenigstens bemerkenswert!), daß Winncnstein, ohngeacht er, wegen der Ebenste inischen Fehde, mit den Grafen Eberhard und Ulrich von Wirtem» berg, noch nicht ganz auSgesöhnt war, dem Erstem seine Hülfe in diesem Kriege gegen die städtischen Truppen selbst anerbvt. *) S. Joh. Ulrich Stein hofer's Wirtemberg, Chronik v. L. 1744. r. Th» S» 83» «nd 84» 49 Eberhard, der dis Anerbieten seines alten Feindes anfangs nicht sehr hoch schätzte, lies ihm dafür zurüksagen: „Er stelle es „ihm frei, für Ihn zu lhun, was er „wolle." Hierauf erschien Winncnstein blizschncll mit seinen Kriegern, nebst frischen Pferden, und zwar just in dem Augcnblike, wie das Treffen am härtesten und Graf Ulrich bereits schon erschlagen ward. Dieser Winnenstein habe nun mit seiner Mannschaft, in Vereinigung mit den Hülfslrup» pen des Markgrafen Rudolf Vll. von Baden und Pfalzgrafen Ruprecht, so wie selbst auch der entschlossenste Zuruf des Grafen Eberhard an seine, schon halb wankende Krieger, das volle Gewicht zu dessen nachher erhaltenen vollkommenen Siege, so wie zur Flucht der Städtischen Völker gegeben. Von Seiten der feindlichen Städte ward bei dieser Gelegenheit der Verlust an Tobten lyoo. — oder, wie andere behaupten— 2029 Mann und 600. dergleichen an Gefangenen; Wirtcmber» gischer Seils hingegen vermißte man in Allem 450. an der Zahl; worunter die Fürnchmstcn ws«- ren: Graf Ulrich XUI. von Wirtemberg, 4 die Grafen Albert von Ldwenstein, Zollern, Werdenbcrg, samt bo Edclleuten und Rittern. Auf beiden Seiten zählte man hingegen unter den Tobten damals eine grössere Anzahl von Ade» liehen, als Gemeinen. Denn zu jener Zeit traten sehr violr Edellcute in den Kriegs »L old der ver» kündeten Städte. Dis Treffen begann am 2Z. August IZ88, und zwar Sonntags früh, und endigte sich am St. Bartholomäia bcnd (ncmlich am 24. dcssclbigcn Monats ) mit vorhin erwähnter Ent» schcidungsschlachr. Leztcrer wohnte unter andern Wirtcmbergern, auch ein Edelmann von Ehingen bei, Namens Burckhardt im Zopf. Dieser machte bei je« uer Gelegenheit zween Fürnchme der Rcichöstädti» schen zu Gefangenen. Darunter war einer, mit Namen Rapp, Herr von Weil, welcher den Städten zu diesem Feldzüge einst den Anschlag Der Leichnam de4 Grafen Albert «der Llbrecht , on Löwen stein wurde in der Folge nach Lb- ^ wenstein geführt und in der dortigen Kirche bei- geiezt, mit der Grabichrift: ^nno Lliristi 1Z88 Dominica polt Lsrtkolomoel obilt Domiirur K berlu; öe t.ö,venllein. S. Steinhofer's Wirtemb. Chronik 2 Th. S. 472—47Z. - Zl gab; der andere von Nordlingen hingegen, nannte sich Spritz. Diese Beiden führte Er auf sein Schloß Frundck, und erpreßte von ihnen gerade Das» jenige, was Ihm Graf Eberhard an Besoldung und unter andern Namen noch schuldig war. Mit einer Quittung hierüber schikte Er sie alsdann, unter einem sichern Geleite, an den Grafen Eberhard zurük, welchem sie noch obendrein 15000 fl. baar bezahlen mußten. In jener Schlacht blieben unter Andern sechs und sechzig Bürger und sonstige Einwohner von Weil; wovon ein, vom Schwäbischen Geschichtschreiber Martin Crusiüs aufbewahrter Brief des ül. Michael Oester lin, vormaligen Pfarrers in dem Dorfe Schaff Hausen bei Weil, vom Jahr izby. umständliche Nachricht gibt. Er ist es werty, daß ich ihn, seiner Naivität wegen, wörtlich hier einrüke: „Gnade und Hcyl durch Christum! „Als mich der Schultheis und Skadlschreiber „zu Weil in das Kloster führetcn, wurde ich von '„dem Mönchen, welcher allein darinnen wohnet, „Namens G 0 etz, mit grosser Mühe endlich eingelassen, und fand allda auf einer alten Schrift „folgende Worte: „A, »Z88- überwanden di« Herren von „Würtemberg die ihnen widerstehende l 4» 52 „Reichsstädte in einer Feldschlacht auf „der Ebene des Dorffs Toeffingen. „Damahls wurden von Weil 6 6. „Mann erschlagen, darauf in diese „Stadt zurückgcbracht, und theilö auf „den PfarrKirchhvff, theilö bei uns, „an demjenigen Ort, wo wir jezo einen „Kirchhofs machen lassen, begraben."— „Auf dem Feld, da diese Schlacht gehalten „worden, werden noch heut zu Tag von den Toef- „finger Bauern Pfeil und Spicse auögcgra« „den, wovon hier einige folgen. Val«. 158Y." M. Michael Ocsterlin, Diener des Worts Gottes in dem Dorff Schaffhausen bei Weil. Eben dieser Pfarrer übersandte dem CrusiuS schon unterm 2g. Jänner >587. ein namentliches Verzeichnis über diese den patriotischen Tod für ihre Reichsstadti» schen Rechte -- Gestorbene mit der Bemerkung, daß jährlich je« den Sonntag vor Bartholomai in-dcr Pfarr« kirche zu Weil die Namen jener Gefallenen, zum Andenken dieser tragischen Geschichte, durch einen Meßpriester von der Kanzel öffentlich verlesen werden ; und zwar mit de? Vorerinncrung: „Gedenket, um Gottes willen, aller derer, so „,'m Streit vor Töffingen sind umkommen, im „Jahr, als man zählt iz88." Die Namen dieser Edeln aus Weil rüke ich nun nach vorerwähntem Verzeichnisse, das im Scelbuche zu Weil ebenfalls befindlich ist, folgcndcrmasscn wörtlich hier ein: Anshelm Nein Hardt, *) Hanns Kirchherr, Hanns Holtzing, Haintz Keller, Eunrad Werster, Hainrich und Dieterich Schürer, Carlin (oder) Cu nradt Schneider, Haintz German, Haintz Dumo, Gienchcr Zimmermann, Conzen oder Cunradt von Magstatt, *) Von diesem befindet sich in der Hauptkirche zu Weil, (zu St. Peter und Paul genannt> fol* gendes Epitaphium! v 1Z88. am St. BartholomZi Abend ist „Anshelm Reinhardt in dem Streit vor Löfsingen „erschlagen worden. Deß Haußfrau war Adelhcit „Schultheisfin'" Im sogenannten Seelbuch zu Weil stehet: ,,Gc» „denket um Gottes willen aller, die im Lvsfiuzep. „Streit erschlagen sindt von eines gemeinen.Nutzes „wegen, Tlnno IA88-2N Leail kartllolomwi Adendt/s S. Steinhofer I. c. 2. LH. S. 471. und'47S. Aberlin Willing, Bentzlin Meßner, Fritz Hemling, Hanß Billing, Ulrich Judentäsch oder Judentantz,, der Bühel, der Speydel, der Bert sch, — , Bollmar, — Benz, Craft, Hanß, Dnnter, die Zimmermanner, Hannß von Costentz, Wcrnher Metzler, und sein Sohn Wern- h c r und sein Tochtermann, Hainrich Mantz, Rufflein Dutzlin, oder Rufli Duzzen, der Glundmayer oder Glindmaier, Henßlin Liecht, Eunrad, des Werckers Sohn, Herman Leger, oder Lager, Hänglin Enderlin oder Huglin Cuderlin, Eberlin Bader, Berchtoldt Huni, der Körner, Hanß Finder, Ivb Finder, Aberlin Kieselkn, der Hagdvrn, Cuntzlin Lautbricht, ober Conzlin L i e s chti n gcr, Haintz Lutz, der Eisen bcltz oder Isenbeltz, der Bisingcr, Ulrich Messer schmidt, Bentzlin vvnHcintzen oder von Haimsen, der Wandler oder Wendler, Haintz Krem er oder Kramer, Elsa Meßnerin Tochter mann, Dieterich Lincken Sohn, der Glockhanß, oder Glockhauß, Henßlin Schncpslin oder Schnepliy, Walther Duber oder Tüber, der Kurtzhalß, Berchthold Hert, Cuntz von Ulm, Simon Goldschmidt, der Sallwürckh, der Frcybnrger oder Freyberger, der Simmler, oder Siinbler, Diez Weber, Haintz, der Haidincn Tochtermann, und Clauß Spengler. *) S. Martin Erusius Schwab. Chronik in ?-»- rallpom 2. Band. Kap. XV. S. 436. und 437. tuk l.it. s. und in dessen Chronik 2. Band 3. Lheit 6. Buch 2. Kap. S. 3 — 5. allw» unter anderem UibrigenS verdient das Sicgsgedicht, welches Michael Augu^kus auf den Grafen Eber« hard, wegen dieser Schlacht verfertigte, zum Beschlüsse deren Beschreibung, hier noch eine kleine Stelle. Denn 4s enthält in gedrängter Kürze jene Kriegslist, womit Eberhard im entscheidend» sten Augenblikc, da seine Krieger schon wankten, und die feindlichen Städte halb siegten, seinem Heere neuen Muth einfldste und die standhaft sic« hendcn Städter durch den Zuruf an die Scini» gen: „Scyd standhaft, seht, die Feinde auch die Nachricht aufbehalten ist, daß, nachdem eine geraume Zelt nach jener Schlacht bei Löfsingen in der Gegend des Kampfplazes ein starrer Baum entzwei gesägt worden, man batinn noch eine ganze Soldatenrüstung nebst Menfchengebeincn angetroffen habe; in welchen Baumes Höle wahrscheinlich ein, damals dem Streit entflohener Krieger sich eine Zufluchtsstätte gesucht, und nachher sein Grab darinn gefunden habe. Die Pfeilspizen, die der vorhin erwähnte Pfarrer Oe st erlin dem Crusus mittelst eines Schreibens, Abersandte, waren nur eines Zeigefingers lang und ganz rostig, weil sie erst gegen 200 Jahre nach der Töfsinger Schlacht, in Aekern «uf dem Kampfplaze aufgefunden worden sind. conler. Königshoven Elsässer Chronik Si 348 . und Steinhofer's Würtemb. Chronik LH. i« S, IOZ. UNd dessen 2. Th. S. 4 S 7 » «t leg- „fliehen und bereiten uns einer» gro» „sen Sieg"! pldzlich täuschte und sie in Ver» wirrung, dann endlich zur wirklichen Flucht brach» te, hernach aber den, durch diese erdichtete Vor» spiegclung gcweissagten Sieg vollkommen ärndete, und damit die blutige Schlacht bei Tbffin» gen endigte, nach welcher Eberhard erst, sei» nen, schon beim ersten hizigen Angriffe den Heldentod gestorbenen Sohn Ulrich begraben lies. Dis Gedicht lautet nun folgcndcrmasen: „bin su^iunt koste«, fv^iuut, sit, sääits vires „lnZenuss vobis: viüoris msAna parutur. „<2uo KLko clnmors limul perterruit Kolkes, „Wlitibusgus suis uuimum xuMgutibus rulllit. „8ic bellum arte Aerit suum. nee kunera unti „Occist curat, clouec res tots pers6ka elk." Auch ist dis hier noch bcmcrkenswerth, daß, wie Eberhard nach jener Schlacht dem Wolf» gang von Win nen st ein, als seinem alten Feinde, für dessen unerwartete Hülfe in dcrsel» ben dankend, ihn in den herablassendsten Ausdyü» ken bat, mit Ihm nach Stuttgart zu gehen, Winnen sie in — gleichsam in der Stellung, als ob er sein, bis dahin untcrdrüktes altes Feind, schaftsgcfühl gegen Eberhard, izt aufs neue in seinem Busen sammeln wollte ihm hierauf ganz troken , statt der Annahme seines Danks, er. 58 ',^Ul wiederte: „Ich will — allda ein Zeuge zu „seyn dero Gnade." Allein, wie sic schon bei anderthalb Meilen mit einander aus dem Schlachtfelde fortgereist waren, sagte Winnen» stein unvermuthet: „Es ist weit genug, „Graf Eberhard! leben Sie wohl; „künftig wollen wir es wieder anfan» „gen, wo wir es gelassen haben. "Gu» „te Nacht! Es stehet in alten Rechten!" Nach diesen Worten drehte Winncnstein sein Pferd im Ring herum, gab ihm den Sporn, und wandte sich izt linker Hand wieder seiner Heimat zu!-n) II. Polizeigesez der Stadt Weil wegen Hach, zeitögeschenken vom Jahr 1394. So weit man in der Geschichte zurükgeht, trifft man die deutlichsten Spuren von grossem Uebcr» fiusse an Getraide, Wein, und andern Gattungen S. Steinhofer's Wirtemb. Chronik 2. Lheil, Seite 475—476. und Mart. CrusiuS a. a. O. I von Lebensmitteln an, welche die ausserordentliche Geldklemme der damaligen Zeit zur unvermeidli» chen Folge hatte. Denn, da Alles in Menge da war — nur in Ansehung des Geldes aber Mangel herrschte — wer sollte wohl dem Andern seinen Wein und Getraide» vorrath abkaufen? Uiberdis war auch der Handel mit auswärti» gen Nationen zu jener Zeit bei weitem nicht so im Gange und Emporblühcn, wie izt! Eben daher stieg damals auch die Gastfreiheit auf's höchste; einer gönnte dem Andern abwechs» lungsweise gesellschaftliches Vergnügen; Jeder» mann wollte sich vorzüglich bei Hochzeitfestrn gütlich thun. Da jedoch die Vergnügungen lczterer Art stets mit einem Aufwand in klingender Münze verbunden waren, man aber zwar Niemanden von der Theilnahme eines solchen Fests ausschlicsen wollte, so ward in dem Frucht» und Weinrei'chcn Jahre 1394, (wo ein Scheffel Dinkel eilf Kreuzer und ein Fuder des besten Weins nur vier Gulden galt, ) '*) zu Vorbeugung des Ruins irgend einer Familie in Weil folgen» des zwekmäsige Polizeigesez gemacht. *) S. Joh. Ulrich Steinhofer's Wirtemherg, Chronik r. Theil S. 8S, Diesem gemäs, ward nemlich jedem, der einen Hochzeitsschmauß zu geben, Willens war, ge,rat« tet, so viel Gäste, als er nur wollte, dazu cinla» den zu dürfen; jedoch ward in Ansehung des, bei dieser Gelegenheit, von Alters her, schon üblich gewesenen Hochzeitsgcschenks, als Regulativ für immer fesigesezt, daß keiner von dergleichen Gästen, weder heimlich, noch öffentlich, dem Brautpaare mehr schenken dürfe, als: l. Ehepaar mit einander überhaupt 7 Schillinge, r. Wittwer « . . .4 — — i. Wittwe . . . . Z — — l. Knecht oder lediger Pursche . 2 — — und i. Mädchen nur . . .9 Pfenninge, und zwar all diß auf den Uibertretungsfall bei einer unnachsichtlichen Strafe von zehn Gulden, einer — nach dem damals geherrschten Geldmangel gewiß sehr viel bedeutenden Summe! Da inzwischen die Zeiten mit den Menschen und ihren Sitten sich sehr verändert haben, so danre wenigstens hier noch das Andenken an jenes zwek» mäßige Polizeigescz der Stadt Weil vom secgcn- reichen Jahre 1394! *) Diese Nachricht ist grLstentheils aus den Manuskripten alter Bürgerfamilien in Weil gezogen. 1 - 2 , Lr ?stles Polizeigeftz der Stad! Weil zum Besten heyrathsluftiZer Mädchen» So wie der Charakter der alten Teutschen über» Haupt das Gepräge der Eigenheit an sich trug, eben so sonderbar waren auch deren Sitten und Gewohnheiten. Jedoch hatten sie dabei meist die sittliche Polizei und Beförderung des allgemeinen Menschenwohls zu ihrem edcln Hauptzwek und vorzüglichen Augenmerk. So ward es z. B. in Weil zum Polizeigeftz geworden, daß kein lediger Bürgers svhn irgend ein Gewerb treiben darf. Er muß verheyrathet scyn, will er anders hier bürgerliche Nahrung trei» bcn! — Eine Anstalt, die zwar den Mädchens sehr Willkomm ist, auch in grvftn urrbcvbl« kerten Staaten sehr nachahmungswürdig und für die Bevölkerung vorzüglich gügstig wär; jedoch aber in einer kleinen eingeschränkten Stadt-, wie Weil ist. Manchem lästig werden muß. Diese alte Observanz erhielt sich nun in Weil seit unfürdenklichen Men als ein heiliges der Krone Wirtemberg's zufiel! Seitdem sah man nun — — dem Amor sey's geklagt! — nicht mehr so genau darauf, daß diese alte Sitte so gäng und gäbe blieb, wie einst, da Weil noch eine Reichsstadt war! rZ. Markgraf Bernhard von Baden und Graf Eberhard von Wirtemberg halten in der Stadt Weil zween verschiedne Zusammenkünfte wegen eines gütlichen Vergleichs, über ihre Spänn und Irrungen, in den Jahren 1400 und 1402. / Auf den Freitag vor St. Ulrich Stag des Jahrs 1400. hielten diese beiden Fürsten abermals «me Tagsazung in Weil, ihrer Spann und Irrungen halben. *) Diese in verschiedenen Hinsichten vernünftig begründete Sitte war in mehreren ehemaligen Reichsstädten gefttlich gewesen, wie z. B. in Aalen. 6z Hiebei waren die Grafen Friedrich von Hohenzollern, genannt Schwarzkopf, und Rudolf von Hohenberg, und zwar Beide als Schiedsleute zugegen; diesen wurden noch beigcgcben, Graf Rudolf von Sulz, der Aelterr, Rudolf von Hohenstein, Georg von Wellwarth, Ritter, und Rein» hard von Remchingen. Diese verglichen nun beide, Anfangs erwähnte, Fürsten in der Güte folgendermasen miteinander: „Von der Veste Hornberg und der, dazu ge» „hörigen Güter soll ein Viertel mit den Leu» ,,tcn dem Grafen Eberhard von Wirtewberg „und dessen Erben seyn und bleiben, und zwar „in der Mas«, als er es vorhin gehabt hat, wie „cs mit der Pfandschaft desselben Viertels versezt „ist; die übrigen Drei Viertel dieser Veste „Hornberg mit Leuten und Gütern, mit Wald, „Wasser und Waide, und aller Jugehdr sollen „beiden Herren und deren Erben, zur gleichen „Hälfte gemeinschaftlich seyn: und soll jede Partie „soviel Recht und Theil daran haben, als die an, „dere, ausgenommen das vorhinbcschricbene Ein» „viertel, welches Wirtembcrg vvransbleibt. „Sollten jedoch diese beiden Fürsten künftighin die „Veste Hornbcrg mit den dazu gehörigen Un» „terthancn und Gütern theilen, so bleibt jedem „Theile der frcye Zug von einem in des andern 64 „Herren Antheil. Würden aber diese Herren un» „tereinandcr uneins, so soll das Schloß Horn» „dcrg nebst den, dazu gehörigen Leuten und Gü» „tcrn- Fried und Schirm zwischen Ihnen haben, „daß keiner des andern Theil beschädige, rc. Sie „sollen beiderseits Niemand aus der Veste bcschä» „digen, noch bekriegen. Werden Sie aber, dieser „Veste Hornberg halber, mit Krieg angefoch» „rcn, so sollen sie einander getreulich beistchen. „Würde diese Veste auf irgend eine Weise Ihnen „abgcwonnen oder abgedrungen, so sollen Sic (die „vorgenannte beide Fürsten) einander, zu deren „Wiedererlangung getreulich zu Hülfe kommen. „Ausser diesem ward auch festgcsezt, daß Graf „Eberhard sowohl auf die Oefnung, als auf „die Ansprache jener Veste, der Thurn bey „Altenstaig genannt, auf immer verzichten, „dagegen aber Markgraf Bernhard von Baden „der alleinige Bcsizer derselben für die Zukunft „seyn solle." Noch in eben diesem Jahre hielten diese beide Fürsten eine zweite Zusammenkunft und Tagsazung in der Stadt Weil, und zwar anderer Spann und Irrungen wegen. Dis geschah nemlich am Mittwoch nach S t. Andreä. Markgraf Bernhard von Baden subdele« girte hiezu den obgedachten Grafen Friedrich von Zollern, Georg von Bach, seinen Hofmeister; Reinharden von Remchingen, und Han nsen von Selbach; des Grafen Eberhard von Wirtemberg Abgeord» riete hiebei waren damals: Graf Rudolf von Sulz, der Aeltere, Friedrich von Gundelfingcn, Georg von Wellwarth und Friedrich Sturm» fedcr, sämtliche Ritter. Diese trafen für beide Fürsten folgenden Der» gleich, den ich, der damalig naiven, altdeutschen Denk- und Schreibart wegen, wörtlich hier einrüke: „Was becde Herren von Wäld, Wildbännen „und dergleichen ehchaflen, für Spann haben, „die sollen durch sondere dazu abgcoidnete zwischen „dato und Pfingsten ncchstkommend erörtert wer, „den. Marggraf Bernhardt soll an Graf „Eberhardtcn von Wirtenbcrg kein Anforderung deßhalben haben, daß Er Hansen von Ow „sein Vöstin (Veste) Dießen am Schwarzwald „eingenommen und gebrochen hat. Bon dato bis „auf den weißen Sonnrag nechstkünftig, und von „demselben weißen Sonntag bis über ein Jahr. „Dergleichen soll Wirtenberg gegen Baaden halten „mit dem Hauß zu Kröwelßow. Den marggrä» „fischen Burgern und Bürgerin, Hartmann Fila» „den, und der Rappcnherrin, soll Wirtenbcrg „neue Bürgen sezen, damit sie versichert seyn mö« 5 „gen zwischen dato und dem weißen Sonntag; „weit ein oder der ander Theil die Bürgen zu „schlecht geben, oder zu hoch fordern, so soll „Marggraf Bernhardt setzen Hainzen Truchsessen von Hesingen und Friderichen von Enzberg: „zu denen soll Graf Eber Hardt von Wirtcnberg „Wernhcr Nothaften und Otlen von Baldeckh den „altern, seinen Hofmeister, setzen: die sollen Sie „der,Bürgen halb mit einander vergleichen. Rud» „gers von Kirchen und seines Weibs Elsen Göld« „kenn Schuld sol unerforvcrt bleiben bis auf nech» „sie Pfingsten, und sol weder die Herrschaft Ihn, „noch Er die Herrschaft, und ihre Bürgen hier» „zwischen anfechtcn oder nöten. Gumpoltcn von „Gültlingen, und seinen Leuten zu Fünfbronn, „soll ihr Schab widcrkehret werden. Eberhard« „tcn dcS Hörningers Forderung an Graf Eber» „hardten zu Wirtcnberg soll zu Ulm vor dem „Rath, da sie anderst die Sach annehmen wollen, „rechtlich erörtert werden, und auch Graf Eber» „hardten von Wirtenberg Gcgenklag. Sollen „samentlich den Rath zu Ulm deshalben ersuchen, „uf den nechsten Sonntag vor dem H. Christtag, „ob die Sach vor dem meisten Sonntag möchte „ausgetragen werden: und soll baiderseits, von „dato biß aüf denselben Termin, zwischen der „Herrschaft und ihren Helfern, und den ihrigen, „auch den Bürgen, ein Frid sein. Wo fern aber — 6 ? >,die von Ulm sich der Sachen nicht undcrfahen „wollen, so sol doch Frid zwischen baidcn Par» „thcyen sein, bis 8. Tag nach dem Obersten zu „Wcyhenachten, das wäre bis uf S. Hilarii Tag „nächsikünstig, u.nd denselben Tag über, darnach „mag jede Parthey wider zu ihren Rechten stehen. „Es werden auch fast alle Klagen wider Graf „E berhardtcn von Wirtcnberg cinzustellen vcr» „anlaffct, biß aus vbgemeldte Aihl; als da Hainz „Truchseß von Hcfingen, Conrad von Stain, „Wolf Maiser, und Aberlin Gößlin, bcgert ha» „ben, Ihnen den Schaden, so Eie zu Haimbsen ^,im Schlcgelkrieg empfangen, abzutragcn, und ,)srch deshalb mit ihnen zu vergleichen. Friz Gaiß» „dkg, Vogt zu Cchomdorf, sol die Gülten, die „er Hainzen Truchsessen von Hesingen „Tochter, Catharina, der Clostcrfraucn „z u Pfo rzh e im, eingenommen, zu Ltrcm» „pfelbach und Endersbach, und sich damit von „ihres Vaters wegen, pfänden hat wollen, Ihr , „widerum zustellen. Es hat aber der Vogt von „Schorndorf ab Hainzen Truchsessen klagt, daß „er sein verbrochnir Bürg seye, von Herrn Ulrich „Hacken sel. wegen der r pann zwischen Alb rechnen von Liebcnstein und dem Vogt zu „Marpach, von wegen der Güter zu Trobstat „und zu Jngersheim, da der Vogt will, sieseyen „wirtenbergisch, der von Li eben stein, sie seyen S"' „aigenthumb, oder doch baadenische Lehen, sollen „sic sich eines Obmanns vergleichen, zu dem sol „ihr jedes ein Mann setzen, erfinde es sich von denen „dreyen, daß solche Güter von Baaden oder Wir» „tenbcrg Lehen sind, so sol cs von dcffclbigcn „Herren Mannen ausgctragcn werden, von dem „cs zu Lehen erkennt würdt. Befindt cö sich „aber, daß Lie aigen, und nicht Lehen sind, so „sollen sic sich der drcyer Ausspruchs, oder des „mehreren Theils unter Ihnen begnügen lassen, „und darbe! bleiben. Reinhardt Enzberger, ge» „nannt Nir, sol sein Anforderung, nämlich 140» „Pfund Heller, die man ihm schuldig seye, von „Graf Conrads von Tüwingen, des Cchärcrs „wegen, als Er Herrenbcrg erkauft, auch Z2. „Pfund von seines Diensiö wegen,' um drey „Hengst, deren ihm ainer in der Herrschaft Dienst „zu Cannstat abgangen, amen, so er zu Burbach „verkehren, auch in der Herrschaft Dienst, als der „alte von Frauenberg Hauptmann gewesen, und „ainen, der ihm abgangen, als Graf Ulrich „von Wirtenberg gen Winterthur zog, auch bis „uf obqemcldte Iihl einstcllen. Lolch Frist sollen „auch die alpirspachische Uutcrthancn gegen ihme „Enzberger, und widcrum der En cherger gegen dem „Abbt zu Alpirspach und den seinigen haben." *)S. Steinhofer's L'irtewb. Chr. 2. Th. S. 566. bis 571. woselbst diese beiden Vergleiche umständlich beschrieben sind. Fm Jahre 1402 hielten Graf Eberhard von Wirtemberg und Markgraf Bernhard I. von Baden (unter Bezug auf den Vergleich des Jahrö lgoo, welchem zufolge, alle damals uner« örtert gebliebene Gegenstände, zwey Jahre hindurch, auf sich beruhen sollten,) abermals eine Zusammenkunft und Tagsazung in der Stadt Weil. Hiezu waren am 17. April 1402. Folgende von beiden Theileu dahin abgcordnet, ncmlich: von Seiten des Markgrafen Graf Fried« rich von Oetingen, als gemeiner Schiedmann« Graf Rudolf von Sulz, der Aeltere, und der Hofmeister Georg von Bach; hingegen von Seiten des Grafen Eberhard: Seyfried von Zyllnhardt, Ritter« und Beringer, der Häle. Diese Schiedsleute suchten die Sache dahin zu vermitteln, daß beide Herren ihre Klagen gegen einander aufhcben sollten, ncmlich theils wegen deS Hbrningcr's und Hannsen von Ow, als ihm die Veste Dießen abgewonneu ward, und an» derntheils, „daß man der Schuld halben zwischen „Elsen Göldlcrin, und ihrem Ehmann, „Rüggern von Kirchheim« denen Briefen! „nachgehen, und Graf Eberhard den Hein» „r i ch Gökdliy nicht wider den Markgrafm „schirmen solle," 7o Nach drey Monaten darauf, nemlich um Ja» kvbi, hielten diese beide Herren Fürsten, vcrmuth« lich mit diesem allzukurzen Ausspruch nicht zufrie» den, eine abermalige Tag'azung zu Weil. Markgraf Bernhard subdelegi'rte dahin seiner Seits den Grafen Konrad von Tübingen, Herrn zu L i ch t c n e k, und G b tz e n vonGroßstain; Graf Eberhard hingegen Wern Hern von Noscnfeld, Rittern, und Beringer, den Hälen. Der gemeine Schicdswann des Markgrafen war Rudolf von Sulz, dcrAeltere, und jener des Grafen Eberhard war Reinhard von Remchingen. Diese haben nun auf das beiderseitige Vorbringen dieser Herren Fürsten, durch die Fürsprache und Vermittelung HainzLn Trnchsessen von Hesingen und Heinrich Besserer von Ulm, in Ansehung einiger besondern Klagen beiderseitiger Untcrthanen und Klöster, wie auch dieser Herren eigener Forderungen an einander, an Donnerstag nach St. Jakobstag, den 27. July 1422. einen Abschied gemacht, folgenden Inn- Halts : ,,l.) der Klag halben, da Markgraf Bern« „hard an Heinrichen von Gültl-ingen „geklagt, daß Er gejagt habe in seinen Wildbän« „nen im Schopflocher, dann im Weiler» „wsld, uf dem Hardt, und in dem Gehrend. „welche Wildbann in sein Herrschaft zu Eberstekn „gehören: wie auch Er und sein Bruder, Mark» „graf Rudolph sei. solche in und allweg innge- „habt und gebraucht hatten: Ist dem Markgrafen uferlcgt, daß Er zu Berveiß seiner Gerechtigkeit in g. Tagen und 6. Wochen ein Ayd zu „Weil thun soll, mit zwayen Wapensgenosscn, „vor dem Bürgermeister zu Weil, dabei sol Wir, „tenberg einen seiner Rath haben, den die Sach „nicht angeht, der dem Herrn Markgrafen den „Ayd gebe. Gefallt dem Markgrafen der gesctM „Tag zu Laistung des Aids nicht, so mag er eitlen andern ernennen: doch sol Er solches Graf „Eberhardten von Wirtcnbcrg in Dietrichs, „seines Schreibers Haus schriftlich berichten, acht „Tag zuvor. Und sol hierzwischen, bis zu Austrag der Sach, niemand in genannten Wälden „oder Forsten jagen. „ 2 .) Graf Eber Hardt von Wirtcnberg sol „Hartmann, dein Fladen, und den Rap- „penh c r r n von Pfortzheim, a^r statt den „adgangncn Bürgen, andere setzen zwi'ärcn data „und Xstivirstis ülsriee, das sind sechs Wochen» ,,z.) Rudolph von Pfalhcim, und der „Vogt von Leonberg, so den Markgräfischcn zu „Wältißwann und Altpurg eltlich Vihs „hinweggctrieben, sollen ihnen dafür nichts schal» „dig sein. 72 „ 4 -) Den Closterfraucn zu Pfortzhrim ^sollen die von Vaihingen an der Entz ihr „Höflin, das sie als ein Frcygut bekommen, ohn» „gcsteurt lassen; cs wäre denn, daß sie sigher „(seither) mehr Güter dazu kauft hatten, die stcur» „bar und dienstbar gewesen wären, die sollen fürs» „hin auch also bleiben. „5.) Die Ansprach, so gemeldte Closterfranen „an Hansen von Gült singen zu Dizin» „gen haben, von eines Vvrzehenden wegen, uß „ein m Wcingarth zu Dizingen, der ihnen zu-» „gehör, svl die Sach für das Gericht, gen Stu ctt« „gardten, da er Burger ist, gewisen werden. ,,st.) Pfaf Seefrid und Hug von Den» „ningeu, Gebrüder, Secfricd des Vennin- „g e r s scl. Sohn, sollen die 20. Pfund Hlr. „Guts, so die Clostcrfrauen vor her Zeit umb ih- „rcn Vattcr Scefried scl. erkauft, und er ihnen „uf sein Theil an Löchigheim verschrieben hat, „raichen und folgen lassen, sambt ausstehcnden „Zinsen, da ainicher ausstünde, in 6. Wochen „und g. Tagen. „".) Als auch vftgemelte Closterfraucn Eber, „hardten Sb lern zugcsprochen von wegen z. „Pfund und 2, ß. Hlr, die ihnen zu Erb wvr» „den seyn, zu einem Steigeret von ihrer Mitschwe» „ster Alhaußen von Grbningen, uf Fritzen Trautweins Hauß zu Grieningen „gelegen vor dem Kirchhof, werden sie zurecht „für die von Gröningcn gewiscn, dahin der „Schultheiß von Gröningcn den Söler „auch vertragen fol. „?.) Friz von Liebenstein, des alten „Albrechrs Sohn, soll vbvermelten Closter» „frauen die halbe Dme» Weins zu Ebertingen „folgen lassen, und die ausstehende Zins bezahlen. ,,y.) Der Stritt zwischen dem Prior zu Rei» „chenbach, von seines Closters wegen, und de» „nen von Knie büß, umb ein Stük des Thun» „bachs: von der Murg an bis zu den Wißbeum» „lein: soll zu Bayersbron n durch Kundschaft „erörtert werden, und sol Hanß Schemer „von Nagolt in der Sachen ein gemeiner Mann „sein, zu welchem jeder Thcil setzen mag zween „erbare Mann, und diese fünf sollen von jedem „Theil 7. erbare unversprochne Mann zu einer „Kundschaft verhören, über die sie nicht zu ge» „bieten haben, und wag jeher Theil fürbringen, „Brief, Bücher, Kundschaft, und was er trauet „zu geniesten, und sol solches in den nechsten z. „Tagen und 6, Wochen ausgetragen werden. Als „auch „10.) Hainz Truchseß von Hesingen, „durch Georgen von Bach, seinen Fürspre» „chcr, wider Graf Eberhardten von Würtcn» „berg klagt, daß Er, Graf Ed er har dt, seine „Diener, und die seinige, mit fliegendem Fahn« „lein zogen waren für Haimsen die Statt, und „ihn und die seinige da geschädigct Harken , mit „Brand und mit Nam, mit Abbrcchcn an Mau» „ren. Mühlin, Häuser, und an.den Graben inn» „wendig und ußwendig der Statt, dessen er um „zooo fl. minder oder mehr zu Schaden wäre „kommen, da doch weder er, noch die seinige, wi» „der Graf Eberhardten gethan hetten: Und „aber der würtenbergischen Räth Fürsprech, Hain» „rich der Besserer von Ulm anzcigt, daß die „Gesellschaft von den Schlegeln Graf „Eberhardten von Württenberg uß H aimb s» „Hain der Statt, und wider darein mit Brand „und mit Nam geschädigct haben, daß auch seine „Feind darinn gelegen, und daraus geraist uf der „Herrschaft Württenberg Schaden, ja auch, daß „sie gar Ihme, Graf Eberhardten, nach Leib „und Gut getrachtet: dardurch er verursacht wor, „den, mit den seinigen für Haimbsen zu zic- „hcn, seine Feind dasclbsten zu suchen, und sie zu „belagern, in welcher Bclägerung Er Feuer hin» „eingeschossen, dardurch die Stadt angangen, und „verbrunnen, und er also seiner Feind mächtig „worden scye, und sie gefangen habe. Darauf „Georg von Bach von wegen Hainzen „Truchsessen weiter angezaigt, es wäre weder „zu der Zeit, da Graf Eber Hardt dafür gezo» 75 „gen, noch vor und nach ein lange Zeit Hain; „Truchseß nicht inner Lands gewesen, hette „auch mit dem Krieg nichts zu schafen gehabt. „Darüber haben sich die Nsidergesetzte gezwayet, „und die Marggräsische erkennt, wann Graf Eber» „Hardt genug darum thuc, daß weder Er, noch „die seinigc. Ha inzcn Truchsessen, noch die „scinige, nicht geschädigct habe, so sol Er der „Klag entladen seyn, thäte ers nicht, so sol sein „H ainz gemessen. Dagegen die Württenbergische „gesprochen, wann Graf Eberhard darstche, „und zu den Hailigcn schwöre, daß Er dem Truchsessen, und den seinigen, um ihren Zuspruch nichts „schuldig seyc, so sol er dardurch diß Zuspruchs „entladen sein; brächte aber der Truchseß etwas „in Rechten weiters für, darumb solle aber ge» „schehen, was Recht seye. Solcher Urthel ist Graf „Rudolph von Sulz beigefallen, und hat da- „mit das mehr gemacht. Gleicher gestalt ist aus, „gesprochen worden, der Forderung halben, die „Conrad vonStain vonStaineckh ebner» „Massen, seines Schadens halber, zu Haimbsen „empfangen, fürgebracht, den er für sich und die „scinige wohl auf -;ooo fl. angeschlagen. Item „Wolfen NaiserS von Berg, der geklagt, „daß ihm umb goo fl. Schaden geschehen seye: „und Aberlin Gößlin, Burger zu Pforz» „heim, der seinen Schaden auf 500fl, angeschla» ?6 „gen. Darumb, weil die Niedersezre gemam» „lich erkennt, daß Graf Eberhardt von Würt» „tenberg von wegen dessclbigen Schaden, der den „Vieren, und den Ihrigen, zu Haimbsen ge» „schchcn ist, sein Recht thun und schwören möge, „daß Er Ihnen und den ihrigen umb ihre Anspruch „nichts schuldig scye, so sol Graf Ebcrhardt „dasselb Recht thun zu Weil in der Statt vor „dem Bürgermeister daselbst, in Bevsein eines „marggrafischen Raths, den die Sach nicht ange» „het, der Graf Eberhard ten den Ayd gebe, „und soll das geschehen in z. Tagen und b. Wo» „chen, von dato an zu rechnen; Es wolle dann „Graf Eber Hardt von Württcnberg dasselb „Recht aus andere Tag thun, das sol Er dem Marg» „grafen 8. Tag vorhin durch seine Brief zu wis« „sen thun, in Burck harten seines Schreibers „Hauß gen Pforzheim, damit er den obgc» „nannten Vieren bei Zeit verkünden mög, gen „Pforzheim zu kommen. „n.) Die von Gültlingen zu der Neuen« „bürg, welche von wegen der Bauren zu Fünf» „b r onn klagt haben, daß ihnen durch die Marg» „grafische das Ihre genommen worden, hagenS „und jagens halber, werden dahin gcwiscn, daß „sie ihren Ambtmann Venz Lvd holzen von „Fünfbron n gen Pforzheim bringen oder „schiken, da er vor dem Vogt oder Schulthcissm „ein Aid schwören sol, welche von Fünfbronn »,bei dem Hagen und jagen gewesen seycn oder „nicht, und sollen noch 2. unversprochenc Mann „von Fünfbronn dann zumahl auch mit ihrem „Aid betheurcn, daß es ihnen kundt und wissend „sevc, daß der Lodholz recht geschworen habe. „Welche nun unschuldig erkennt worden durch jetz» „gemeldte Ayd, denen sol ihr Nam wieder wer» „den, was sie mit ihren Aidcn, jeder selb dritt „seiner Nachbaurcn erhalten kan. ,.l2.) Von der io. Ochsen wegen, die Wolf „von Ow denen von Fünfbronn gen Man» „dclberg getribcn, und dafür gehalten hat, daß „sie der Feind seyen, würdt geredt. Was die, so „die Ochsen anfechten, mit ihren Aiden, jeder „selb dritt, nemlich jeder mit zwecn unversproche» „neu Mannen darthue, was ihr jedes an den „Ochsen gewesen seye, das sol ihnen Wolf von „O w in einem Monat entrichten, er schwöre dann „vor dem Schultheissen und zweycn Richtern zu „Weil, daß er den vorgenannten armen Lcuthcn „von Fünfbronn nichts darum schuldig seye. ,,iZ.) Ulrich von Liechten siain hat „Graf Eberhardten etlich Undertbanen zu „Ostorf, als ob die sein wären, angekochten, „darumb werden baide Parthicn für das Landze» „richt gen Notweil qewisen, thails auch uf „Kundschaft, die zue Schömberg vor dem 78 „Schultheissen, und zweyen Richtern, geschehen „sol. -,rq.) Von Gumpolts sek. des alten von „Gültlingen wegen, der an Conraden von „Sickingen, genannt Schranke, Widerkeh» „rung bcgcrt hat des Schadens, den er seinen „Leuten zu Schafhausen zugefügt, würdt dem „Sicking er zugelasse» : Wann er gen Alten- „staig in den nechsicn z. Tagen und 6. Wochen „komme, und schwöre daselbst vor dem Vogt oder „Schnlthcissen und vor einem von Gültlin» „gen, oder den sie dahin schicken, das er den „geklagten Schaden nicht gethan habe, so soll der „Marggraf denen von Schafhausen nichts „schuldig sein, thut crs nickt, so bleibt es bei „dem Abschied, so vor 2. Jahren ohngefchrlich „deßhalben auch zu Weil gemacht worden. Doch „sol der Marggraf denen von Gültlingen, „und den ihrigen, Graf Eberharde aber dem „Sicking er sicher Gclait, von und zum Rech» „len gen Altenstaig versprechen. „15.) Der Klag halben umb Kröwelsow: „sol Marggraf Bernhard Gumpolten von „Kröwelsow, und seiner Mutter der Buzin „oder Buezin, für ihren Schaden, der ihnen „da geschehen ist, in Monatsfrist erlegen zo fl. Für die Nam, so Georg von Bach „hem Prior vvn Rüpolzow gethan hat, sol er „ihm geben io fl. uf Martini ncchstkünftig. «l/.) Der, Klag halben, da Württenberg wk« „der den Marggrafen klagt, daß Er und die sek» ,nigc denen von Dornfteten und Bayers» „bronn, seinen armen Leuten, ihr Vieh und „das ihre genommen hätten, würdt erkennt, die» „weil Dorn steten und Baycrsbronn dann „zumahl Pfandsweiß in Georgen von Neun» „eckS Händen gewesen sey, so sol der Marggraf „Graf Eberhardten, solcher Nam halben, „nichts schuldig sein. ,,l8.) Der Anspruch des Abbts von Alpirö» „pach qn Reinhardten Entzberger, ge» „nant Nie, hat sich Reinhardt von Rem« „chingen uf baider Thail begehren allein ange« „nommen, und also vertragen, daß der Enz» „bcrgcr des Abbts Unterthanen, die er gcfan» „gen gehabt, wieder ledig lasse, und bis Martini „ncchstkünftig dem Abbt für all Ansprach und „Schaden, so er und seine arme Leut diser Sach „halben gelitten, >o fl. gebe. „Solchen Vertrag haben neben baiden Herrn, „Marggraf Bernhardten, und Graf- Eber» „hardten, gestglet die Umerhaudler, welche bai» „den Herrn den Titel Hvchwohlgebohrcn gegeben: „Graf Conrad nannte sie auch seine Ohey» „me." Da auch dieser Vertrag oder Abschied den gewünschten Erfolg nicht hatte, so wandten sich beide Theilc wegen gütlicher Beilegung ihrer nachbarlichen Spänn und Mishclligkeiten an den Markgrafen Rudolf von Höchberg, Herrn zu Rotteln, Johann von Lupfen, Landgrafen zu Stützungen und Herrn zu Hohenek, Landvogt rc. Friedrich, Grafen zu Oetin» gen und an den Grafen Rudolf von Sulz, denAcltrrn, welchen sie unbedingt hierinn Folge zu leisten, im voraus versprochen hatten. Von dem hierauf zu Stand gekommenen gütlichen Vergleiche will ich, um nicht durch dessen umständliche Beschreibung die Gedult meiner Leser zu sehr auf die Probe zu sezen, nur einige Punkte hier anführen. A. B. die Briefe, so Graf Eberhard um Nen'Eberstein von denen von Eber stein von des Kbnigs Hofgcricht und von dem Landgericht zu Nürnberg hat, soll er dem Markgrafen und seinen Erben übergeben, und sich darneben aller Ansprüche an Neu-Eberstein, Jeuerbach und Mucken sturm begeben. Dagegen soll der Markgraf jene gooo fl. bezahlen, die der Graf Eberhard dem Hartmann Fladen und Conzen Rappenherrn Kindern zu Pforzheim schuldig ist. Die Sägmühle oberhalb Neuenbürg auf der Wiesen an der Enz soll der Graf behalten; hingegen der Markgraf sein Recht wegen des Dorfs OeweShcim, das vom Stifte Basel zu Lehen gehen solle, der Lchcnhcrrschaft halben, suchen; jedoch der Herrschaft Wirtcmberg unbeschadet. *) 14. Die Stadt Weil erneuert den Verein mit Wirtcmberg in den Jahren 1437, 144z und 1464. So wie nun der, von Seiten WirtenibergS init den Reichsstädten Eßlingen, Reutlingen, und Weil in den Jahren 1406, 1418. 1419. und 14Z4. aufgcrichtete sogenannte Dundesverein, wobei zwar beide Theile sich wohl befunden hatten, ',u Ende gieng. so vrrlängericn (und zwar im Jahr 14Z7.) Graf Ludwig und Ulrich von Wirtcmberg, besonders den, an St. Jakvb's» tag des Jahrs 1434. mit erwähmen dreh Reichsstäd» *) S. Joh. Ulrich Steinhofer'L Wirtemberg. Chronik 2. LH. S. 575-"535. v. I. 1746. <) ten allein geschlossenen Verein wieder auf fünf ganzer Jahre weiter hinaus. Eben diese beiden gräflichen Brüder nahmen im Jahr 144z. die damaligen Reichsstädte Weil, Eßlingen, Reutlingen, Heilbronn, Rothweil und Wimpfen in jenen Bundesverein auf, den sie mit den Reichsstädten Ulm, Ndrdlingen, Halle, Gemünd, Dinkelsbühl, Kaufbeuern, Werde, Kempten, Leutlirch, Giengen, Aalen, und Bopfingen, am Sonntag vor St. Marien Magdalenentag des Jahrs 1443. auf ein Jahr lang zur Wiederherstellung und dauerhaften Gründung der Ruhe in den Schwäbischen Landen, »ach den Grundsäzen des, im Jahre 1434. zu Stand gekommenen sogenannten Landfriedens, geschlossen hatten. Nicht minder hatten sich vorhin erwähnte Grafe» von Wirtcmberg mit den Reichsstädten Weil, Ulm, Eßlingen, Heilbronn, Reutlingen, Gemünd, Kostanz, Uiberlingen, Ravensburg, Ußni, Wangen, Leut- *) S. Lünig's ReichLarchiv, p»rt. si>ec. cont. r. p. 689. und Steinhvfer's Wirtemb. Chron. 2. Lheil S. 303—804. **) S. Steinhofer'r Wärtemderg. Chr. 2. LH. G. 853. und L54> 8Z kirch, Giengen, Aalen, Hall, Biberach, und Pfu llendorf, mittelst eines gemeinschaft» liehen Vertrags, sowohl wider die Wahlen und Eydgcnosscn, als auch darüber im Jahr igbg. gütlich verglichen, wie die öffentliche Strafen, in Ansehung der , damals geherrschten, Räubereien, jedem darauf wandernden Unterthanen für di« In» kimft sicher zu stellen fcyn möchten. ") rZ. Die Stadt Weil gibt ihr Kontingent zum pfälzischen Kriege im Jahr 1462. Bei Gelegenheit, als Kaiser Friedrich den, bereits wider den Herzog Ludwig von Baiern und den Pfalzgrafcn Friedrich angcfangencn Krieg mit gröserem Eifer, denn zuvor, wieder fortzusezcn, sich entschlossen und zu dem End an die Fürsten, Städte und Klöster den Befehl be» bannt gemacht hatte, daß sie seinen Hauptlcuten mit. Mannschaft und Geld hicrinnc zu Hüls kom» men sollen, hatten die Reichsstädte am 5. Jänner *) S. Stc inhofer'S Wirtemb.Chr. z.LH.S.n§. v. Jahr 1752. b* * 84 1462. in Allem 540. Pferd und 1260. Mann In» fanterie zu stellen, sich bereitwillig erklärt. An diesem Hülfskontingent stellte nun damals die Stadt Weil für ihren Theil 8. Pferde und 15. Mann zu FuS. 16. Weil's Vertrag' mit Wirtemberg wegen Ahingen und Möttlingen in den Iah» ren 1478 und 1486. Mit den Inwohnern von Weil, der Stadt, ward im Jahr 1478. durch Hanßen von Ahel fingen, von hohen AHel fingen, damaligen Landvogt in der Herrschaft Hohen» berg, der Graf Ulrich von Wirtemberg zu dem Vertrage veranlaßt, daß er Weil's Einwohner an Uhingen, dem Weiler, welches der Herrschaft Eigcnthum und jener von Weil Lehen von selbigen war, für die Zukunft ruhig und ungehindert nuznieslichen Antheil nehmen lasse; jedoch dergestalt, „daß die armen Leute, so ge» „genwartig da ansässig seyen, oder noch dahin „kommen mochten, (zugleich mit ihrem Vieh) PS. Steinhofer's Wirtemb» Ehr. 3-Th. S.32. 85 „Wenn und Waide, Wasser und Holz, wie Andere zu UHUgen, mitbcnuzcn und gemessen „dürfen. Dagegen machten sich die Einwohner „von Weil verbindlich, der Herrschaft ohne Ein» „trag und Widerrede den Gcrichtsstab zu Mett» „lingen cinzuräumcn über die, so der Gerichts» „stab begreift; jedoch denen von Weil an ihre« -„Gerechtigkeiten daselbst unabbrüchig." ") Graf Eberhard von Wirtemberg, der Aels tere genannt, hatte hingegen späterhin, nervlich im Jahr rg86 durch seine Räthe, NamcnS Dict» her von Weiler, den Lavdhofmcisier, Wern» her von Omßhusen, der heil. Schrift und geistlichen Rechten Doktor, Prediger zu Stritt» gart, Georg von Velber g, Georgen Sohn, den Ritter, vr. Martin Nüttel, Burckhart von Ehingen, Vögten zu Na, gold, Beren v o n H i r n h e i m, den Kammer, meistcr, Georg von Re chberg von hohen Rechberg, Hannßen von Sachsen heim, Bernokds Sohn und Hannsen Keller, mit Jenen von Weil, der Stadt, sich dahin verglichen, daß, weil Gra/ Eberhard in dem Bcsiz des Vurgstals zu Mcttlingen ftye, ihn die Einwohner Weil's ruhig dabei lassen, und, diesem zufolge, des Grafen Eberhard Amtmann *1 S. Steinhofer's Wirtemb. Chr, Z. LH. Lö8. und 2 SA. 86 / zu Kalw, im Fall cs ncmlich die Herrschaft für nöthig und nüzlich hielte, zu gestatten. Hofstatte zu Mettlingen zum Ucberbaum auszutheilcn; jedoch, daß mit den Repräsentanten der Stadt Weil, in Hinsicht solche den halben Theil der Ainnsen und Gülten daselbst habe, jedesmal Rük» spräche hierüber genommen werde. H) r?. Etwas von Erbauung der Pfarrkirche zu St. Peter und Paul, vom Jahr 1492 — 1500. Die, den zween heiligen Aposteln Peter und Paul gcwicdmctc Pfarrkirche zu Weil war an» fangs klein und schlecht. Bei allmähligcr Ver» mehrung der dortigen Bürgerschaft fieng man da» her an, solche im Jahr 1492. zu erneuern. Bei dieser Gelegenheit ward sie hingegen nicht nur erweitert, sondern auch, nebst dem zimlich hohen Thurm von schönen rothen Sandsteinen, fast gänzlich neu erbaut, und, nach *) S. das Jahr 1411. des 2. Th. der Wirtcmb. Chron» und Steinhofer's Wirtemb. Chr. 3. Th. S. 440. 87 dem Geschmält der damaligen Zeit, mit artigem Schnizwcrk ausgczicrt. Dis beweist die, an der sogenannten Ehethüre, rechter Hand befindliche Jnnschrift, folgenden Jnnhalts: ,,^nno Om 1492. lnnocentio nono 8uwmo „pontistce, Oriöerico, Oues ^uikrire, kom. Imperators, et Naximil. stüo esus eorrmöem re- ,,^e, secur-lla keria polt Invocavit busus eccle- „üas reirovatoe ^rimus lpis xoütus eü." d. i. ^ Unter der Rcgierungs » Zeit des Pabsts Innocenz y. , des Herzogs Friedrich von Oe streich, Römischen Kaisers, und dessen Sohn s, des Rdmi» schen Königs, Maximilian, legte man im Jahr 1492; und zwar am zwcyten Feyertagc nach dem Sonntag, Jnvoca« vit genannt, den Grundstein zu dieser, neu hergestellten Kirchc. Linker Hand erwähnter Ehethüre find aber noch in einem andern Steine folgende Worte ein» gegraben: „Vendlin von Haimsheim in Weil! „leit (legt) den ersten Stain an dieser „Kirch und sin Sun den andern Stai n." Dieser Kirchcnbau ward, nach einer, im Chor der Kirche selbst befindlichen Jnnschrift erst im Jahr 88 IZOO. vollendet. ") Am Kirchthurme hingegen, (den die Stadt izt ganz allein unterhal- *) S. Geogr. statist. topograph. Lexikon von Schwaben 2. Band v. I. 1301. S. 1069. Die Einwohner Weil's hingegen behaupten allgemein, daß, nach einem, ausserhalb der Kirche befindlichen, Steine mit der Jahrzahl 1535 , erst um diese Aeir sener Kirchenbau vollendet ward. Nachdem nun obengenannter Thurm samt der Kirche einer Hanptreparation in der Folge unterworfen ward, so übernahm dieselbe der Wiriemberzische Baumeister, Johann Heinrich Kretzmayer zu Stuttgart, akkordsweise am zo. November IÜ55- An dtzn, deshalb verursachten sämtlichen Bauko sten hatten damals folgende Theile beigetragen peinlich: die St. Peterspflege . . . Zoo fl. die s. g. 15. Geistlichenpflege . 100 fl. bas StadlailmoHn zu Weil . . 200 fl. die s. g. Bierpflege . 200 fl. das s. g. Gutleuthaus . . . 150 fl. und , die Stadt Weil selbst iM fl. zusammen iioo fl. Am 19. April 1656. wurden hingegen für jene Kirche zween Gloken, 32 und einen halben Zentner an Gewicht, zu Stuttgart für die Summe V«N Aö4 fl» käuflich «»geschafft. ten muß,) ist noch folgende Jnnschrift, jedoch ohne Jahrzahl zu lesen: „Heinrich von Haimsheim lait den „ersten Stain an diesem Turn und „sin Sun den andern Stain." In der Kirche, selbst, (welche nach einem, ausserhalb derselben befindlichen, Stein, im Jahr 1785» renovirt ward) ist die, in neuern Zeiten von einem gewissen Bürgermeister und Pfarrkirchcnpslcger Reeble von Weil, gebaute Kanzel, so, wie Diese Nachrichten sind aus den Manuscripten alter Würgerfclmilien der Stadt Weil gezogen; worin» noch steht! 1 (die Zimmerarbeit am Kirchenthurm! wegen 240. Stamm dem Lukas Bauer u. Bartle Hirscher Im I j Jahr > ward < iSZZ. I , in Weil für 286 fl. verakkordirt. die kleine Mühle in der Fur- ( ter Borstadt erbaut. In eben diesem Jahr ertrug der Weinzchenden in Weil nur zw een Maas Wein. Im Jahr 1658. ward in der ungedekten Pfarrkirche zum erstenmal wieder gepredigt. Im Jahr 1653. ward von einem Sindelfinge« Uhrmacher «ine Uhr für den Kirchthurm verfertigt, und blieb also die Stadt Weil vom Fran- zvienbrand des Jahrs 1648 bis 1653, mithin io Lahre lang ohne Schlaguhr. Ln eben diesem 1658. Jahre ward die Lohmühl» in Weil von den Gärbern erbaut. vorzüglich der, die Aufmerksamkeit und Bewunderung jedes, durch diese Stadt reisenden Frcmven, aus sich ziehende Tabernakel von weisem Sandstein, schcnswürdig. Dieser steht nemlich im Chor der Kirche rechter Hand, neben dem Hochaltäre, und stellt selbst eine Art von Altar vor, welcher bis oben an das Gewölbe reicht. Ob er gleich nur in einem altfränkischen Gc- schmak gebaut ist, so muß man dennoch den Fleis und jene Pünktlichkeit bewundern, womit die vielen, daran befindlichen, Figuren von einer Art weiser Sandsteine, und — wie Kenner sogar behaupten wollen — aus einer cinzigenStcin- masse, verfertigt sind. Der unterste Theil desselben besteht nun auö einem Wachhol der bäume, unter welchem der Prophet Elia schlafend liegt; Ihm zur Rechten steht ein Engel, in der Stellung, Ihn zu wcken. Dis deutet nemlich auf folgende biblische Geschichte. *) Nachdem die Königin Jsebcl, die den Szepter ihres Gemahls, des Königs Ah ab in Israel, ganz in ihren Händen trug, von selbigem erfuhr, daß der Prophet Elia die BaalspfaffeNi, welchen Jsebcl mit ganzer Seel' anhicng, zur Vergeltung dafür, weil solche die Propheten -) Siehe I. Buch der Könige, Kap. ly. Vers s—7. t - . yl des Herrn erwürgen lies, samt und sonders am Bache Kison geschlachtet hatte, so licS diele, äufferst hierüber aufgebrachte, Königin sogleich dem Elia durch einen, eigends an ihn abgcschikten, Boten kund thun: „daß ihr die Götter dis und '„jenes anthun sollen, wofern sie Ihn nicht Mor« „gen um diese Zeit auf die ncmliche Art würve „sterben lassen, wie die Baalspfaffen (ihre Lieblinge) durch seine Hand jüngsthin umgckommcn „scyen." Elia, belastet mit dem Pfaffenmord und ge» ängstigt durch die, so eben ihm angckündigte tddt- liche Weiberramc, machte sich plözlich reisefertig, und gicng, wohin ihn seine Füse trugen. Er kam nun damals bis gen Ber scba in Juda, und lies seinen Knaben allda. Er selbst aber floh von dort aus in die Wüste. Da nun Elia eine Tagrcisc dahin zurükgclegt hatte, so sezte Er, gänzlich davon ermüdet, sie!) unter einen Wachho ldcrbaum; und kcbenS, satt bat er izt Gott, daß er seine Seele zu sich nehmen möchte. Nach diesem Gcbät legte sich Elia unter jenem Baume nieder und — entschlief. Nicht lange darnach erschien ein Engel, der ihn anrührte mit den Worten: „Seche auf „und iß!" und wie Elia sich umsah, siehe! so lag zu seinem Haupte ein geröstet Br od und eine Kanne mit Wasser; wie er nun YL davon gegessen und getrunken hatte, so legt' Er sich wieder schlafen. Der Engel des Herrn kam hierauf zum andernmal wieder, rührte ihn an, und sprach: „Stehe auf und iß; denn du „hast einen grosen Weg vor dir!" — Nun wieder zur vorigen Beschreibung der kunstvollen Bildhauerarbeit des weisen Sandsteins zu« rük. Uiber vorhinerwahntcm Wa ch h o l derba u nre befindet sich der eigentliche Tabernakel; die zwccn andern obersten Abteilungen, welche nein« lich auf verschiedenen Säulen ruhen, stellen hingegen, in halb erhabener Arbeit, da» Ab er, dm a! Christi und die Geschichte des, den Js» raeliten in der Wüste regnenden Man- na's für. Dieser merkwürdige Tabernakel- war, der - allgemeinen Sage gemas, anfangs für die Stuttgarter Stadt, oder sogenannte Stiftskirche bestimmt. Da man ihn jedoch, wegen der, wahrend seiner Bestellung, für obige Kirche, eingetre- tenen Epoche der Reformation, nicht mehr brauchte, so ward er, als ein seltnes Kunsisiük der Bildhauerarbeit, nachher zum religiösen Gebrauche für die Weilerstadtcr Pfarrkirch' erkauft. In dieser las im Jahr 16Ü6, und zwar Sonntags am 6. May, der Kapuziner, Pater Wilhelm dir erst« heil, Messe» Diese Begebenheit ward nachher in der Kapuzinerwohnung, (deren schlechten Beschaffenheit wegen, damals insgemein das Kapuzincr- häußlein genannt) durch ein festliches Mahl, auf Kosten des Opfergclds, grfeyert; welchem adeliche sowohl, als auch andere angesehene Personen bürgerlichen Standes damals mit beiwohnten. Neben dieser Kirche befindet sich eine steinerne Kapelle, (wie auf einer Anhöhe,) die Sakra- mcntskapelle genannt. Die Pfarrkirche Weil's hat nun den Achen- den eines Distrikts von einhundert Morgen Felds, ganz alleine zu beziehen; welcher von der sogenannten Pfarr» oder St. Peterspflege jährlich besorgt und verrechnet wird. Auch ist in Weil ein, zum Kirchen- und Schul» fond gehöriges Haus vorhanden, wobei die Zehend scheu er von der St. Peter» und Paulskirche angebracht ist. Das Präsmtations - und Ernennungsrecht zu der, von obengenannter Kirche abhangenden Pfarrei hat der Magistrat; der Prälat zu H i rsau hingegen das Recht,, den Pfarrer zu craminircn, das auch noch bis izt bei jeweiliger neuen Pfarr» besczung durch gewisse Abgeordnete des königlich Wirtembergischen Kirchcnraths, worunter auch je» 94 dcsmal der Abt sich befindet, im Namen des Klo» sters Hirsau, ausgcübt wird. Die Seelsorge versehen, ausser dem gegenwär« tigcn Herrn Stadtpfarrcr Linder, der zugleich Dekan des Weiler Landkapitels ist, zween Kapläne, die schon seit langer Zeit gewöhnlich Pan cs ans dem hiesigen Augustiner» und Kapuzinerkloster sind. Juni Schlüsse dieses Abschnitts bemerk' ich hier noch, daß die, bisher zur Sprach gekommene St. Peter» und Paulskirche zu Weil auch viele denkwürdige Erabmäler von adelichen Rittern, Geistlichen und andern Personen des bürgerlichen Standes aufznwcisen hat. Denn sie ist gänzlich mit Gräbern besäet, nach dem Vorurtheile unserer guten Alten, als könnte man, wenn man in einer Kirche begraben läge, nichts anders, als — zum Himmel aufrrsirhen! - 8 . Stiftung in Weil für Studierende vom Jahr 1494. Auch für Untcrstüzung unbemittelter Studie» »enden haben in Weil biedre Männer, die es konnten, vormals gesorgt. 95 Jener unter den Wohlthätcrn Weil's dieser Art gegenwärtig einzig und allein noch Bekannte war Christoph Ruff, Kirchherr zu Flacht; einem Dorfe, zwo Stunden von Weil. Dieser stiftete im Jahr igyg für zw een ar» me, hauptsächlich die Theologie studierende Jünglinge, vier Hund'crt rheinische Gulden nach Tübingen; woselbst sie daher, (noch vor der Zeit der Reformation) die Laufbahn ihrer Studien beginnen mußten. Aber all dergleichen SripendienErpcctantcn hatten, bevor der Genuß jenes StiperrdiumS ihnen verwilligt ward, zuerst noch ein schriftliches Zeugnis darüber beizubringen, daß sie, entweder von Weil oder Flacht, gebürtig seyen. Jeder derselben bezog, auf diesen unterstellten Fall, an Zinnscn von obigem StiftuugSkapltal, während ihres Studienplans, jährlich zwanzig Gulden. Jedoch ward in jenem, in Weil noch vorhandenen Stiftuligsbricfe ausdrüklich festgcsczt, daß, so lange noch Stipendiaten von Weil vorhanden wären, kein dergleichen Erpcctant eines andern Orts zum Bezug« jener Stiftung, welche insgemein „llixenäium VVileirl'e krrffianurn vel „kl aokt isirnm" genannt wird, jemals zugelassen werden solle. Nun auch ly. y6 Etwas von der sogenannten fünfzehn Geistlichen Pflege. Ehedem waren zu Weil noch verschiedene geistliche Pfründen gestiftet, deren Patrimonium aber in den unruhvollen Zeiten des dreisstgjährigen Kriegs meist zu Grunde gieng. Was davon noch übrig blieb, dis wird izt noch unter dem Namen der fünfzehn Geistlichen Pflege daselbst verwaltet. Immerhin danre auch ihr Andenken! 20 . Geschenk der Stadt Weil für den Grafen Eberhard, bei Gelegenheit dessen erlangten herzoglichen Würde im Jahr -495. Graf Eberhard von Wirtemberg, lateinisch: Lberliuröus Nsrbstus, tcutsch, insgemein Eberhard im Bart, genannt, erhielte, rüksichtlich seiner Verdienste und Anhänglichkeit für's HauS *) S. das geograph. statist. topogr. Lexikon von Schwaben v. I, rsoi» S. 1071. Oestrcich, vom römischen Kaiser Maximilian I. das Diplom oder den sogenannten Fürstenbrief über die, auf dem damaligen Reichstage zu Worms- in Gegenwart aller Kur- und anderer Fürsten und Standen des Reichs, ihm auf die feyerlichste Weise verliehene herzogliche Wür» de für sich und seine männlichen Nachfolger. Eberhard bedachte sich anfangs noch über diesen, ihm angetragencn herzoglichen Titel, und fragte seine Rache darüber, ob er solchen rvohl annchmen solle? Erst auf deren Rath entschloß er sich, von der Gnade des Kaisers Gebrauch zu machen, und lies sich alSdenn am 21. July 1495. feyerlich als Herzog erklären. Maximilian übergab ihm hierauf ein Schwerdt mit der Erinnerung, sich dessen zur Handhabung der Gerechtigkeit, Be» schüznng der Wittrven und Waisen und Bestrafung des Unrechts, zu bc» dieneu. Eberhard hielt izt, als nenkreirtcr Herzog von Wirtcmberg, am 28. August 1495. seinen fcycrlichen Einzug in Tübingen. Dort ward er mit einer grvsen Prozession von allen geistlichen und weltlichen Stände» festlich empfangen. 7 Seiner schwachen Lcibesbeschaffenheit und der ihm ndthigcn Erholung von vielen Geschäften wc» gen, blicv Er in Tübingen bis aus den 2. De» cember gedachten Jahrs; als an welchem Tage dieser neue Herzog in Stuttgart zu Pferd ein» traf; bcwillkommt von den lauten Segenswünschen seiner Unrerthanen, die ihn überall mit feyerlicher Pracht empfimgen. Dieser Herzog Eberhard erhielte, seiner er» habenen Fürstcntugendcn halber, späterhin den Beinamen des Frommen. Er war überhaupt ein fürtrcsiichcr Fürst; eben daher pflegten auch seine Unterthanen von ihm zu sagen: „Wenn „Gott nicht Gott wäre, so müßte unser „Herzog-Gott seyn!" Eben dieser Aeusserung halben, verdient auch folgende Anekdote von Ihm hier eine eigne Stelle. Als Herzog Eberhard, bei Gelegenheit sei» ner herzoglichen Investitur auf vorbenanntem Reichstage, bei jenem, von dem Kurfürsten von Sachsen gegebenen splendiden Gastmal mit mehre» reu sonstigen Fürsten sich einfand, und jeder von ihnen die besonder» Vorzüge seines Landes zu rüh» men wußte, sagte E r ganz gelassen: „M e i n „Ländchen hat das Eigenthümlichc, „daß, wenn ich in demselben allein „herumirrte, ich im Schoose eines je» „den W i rtcmb erg er s im diksten Walde „ruhig schlafen könnt c." Kein Wunder war cs also, wenn, nach so eben geschilderten Thalsachcn, diesem Eberhard, dem Frommen, gleich, nach der allgemein kund gewordenen Nachricht von seiner erlangten herzoglichen Würde, von allen Seilen, seiner eige» neu Landstädten und Klöstern sowohl, als auch andern benachbarten Schwäbischen Reichsstädten und Abteyen, reichliche Geschenke zum frommen Glükwnnsch dargebracht wurden! In meinem, mir vorgeseztcn, Endzwck erwähn« ich derselben hier nur so viel, dast Ihm unter andern auch die Stadt Weil einen silbcrvergül» deren Becher mit einem Dekel, innwendig einen Adler mit einem w. verstellend, bei vor, hin erwähnter Periode, als ein Denkmal ihrer red» liehen Ergebenheit für ihn, durch ihre Deputirte gutherzig überreichen lies. *) S. Stcinhofer's Wirtemb. Chr. Z. LH. S. 571 — 572. Luch Kaiser Maximilian gab diesem Herzog Eberhard auf dessen Grabe in Einsiedel das Zeugnis: „Hier liegt ein Fürst, derglei- „chen keiner gefunden wird, der ihm an „Tugend, Verstand» nd Weisheit gleich „käme." S. Profess. Seybold's vaterländisches Historien Küchlein v. I. igor. S. 31. S. Steinh 0 ser's Wirtemb. Chr. 3, LH, S. 620. ros - 2l. Das Geburtshaus des Theologen Johann Brenz in Weil 1499. Unter den vielen Denkwürdigkeiten, welche die kleine Stadt Weil vorhin aufzuweisen hatte, und zum Theil noch ausbehält, ist wohl jener Umstand der wichtigste, daß solche Johann Brcnzcn, des, so ruhmvoll bekannten und, durch die Refor» malionsgeschichtc, so höchst verdienten Mannes so» wohl, als auch des noch weit berühmter« Mathe» matikers und, gleichsam mit Recht zu nennenden, Vaters der, heutiges Tages, so hoch gestiegenen Sternkunde, ncmlich des Johann Kepler'ö; so wie nicht minder des, um die Rcligionsauskla» rung in den katholischen Staaten Ocsireichs, so sehr, sich verdient gemachten Josef Anton Gall, vormaligen Bischofs in Linz, gemeinsamer Geburtsort ist! Durch den Ruhm dieses merkwürdigen Klee, blatts ihrer Zöglingen, die in ihrer Mitte entsprossen waren, wird sie in der Geschichte un» vergeßlicher bleiben, als wenn sie zehn der drü» kendsten Belagerungen standhaft ausgehalten hatte, und mitunter auch lausend unbedeutende Mcrkwür» digkeiteu der spätesten Nachwelt vvrzeigen könnte, — —— ivr Schade indeß , daß von Kcplcr's ehewali» gcm GcburlShanse dermalen keine wahre Spur wehr aufzufinden ist, indem der dreissigjährige Krieg, sowohl in Weil das Geburtshaus des Keplcr's, als auch in Rcgensburg dessen Grabmal, gänzlich zcrstbhrt hatte! Der, von Mund zu Mund von den Alten auf ihre Kinder fortgcpflanzken Erzählung nach, stand nun einst-Kepler's Geburtshaus in der Stadt Weil neben dem alten Nathhaus an dem Marktplazc. Erstcrcö ward aber bei dem feindlichen Brand, zugleich mit der Stadt selbst, in einen Aschcnhaufen verwandelt; auf den Trümmern des Keple rischen Geburtshauses hingegen das, gegenwärtig den Erben des, kürzlich verstorbenen Schusters, Johannes Nestler, zugehörige einstokigte Häuschen, mit der Numcr 27g. bezeichnet, in der Folge erbaut. — ^ Jedoch ist das, beim vormaligen Franzosenbrand des Jahrs in der Vorstadt Weil ganz unversehrt gebliebene Geburtshaus des Johann Brenz cn, bis auf diesen Augcnblik, vorhanden. ^ Dieses — wenigstens nur von des Brenzcn Geburtsjahre igyy an gerechnet — bis izt, drei Hundert und neun Jahr alte Häuschen besizcn dermalen eigenthümlich die beiden 1 Bürger, Franz Jakob Wolff und Ferdinand Wächter. Es steht in der sogenannten Naben- oder Krappen-Gassc, mit der HausNumer 115. bezeichnet, gleichsam, wie isolirt, auf einer kleinen Anhöhe, und zwar in der Form eines kleinen, oberhalb sehr zugespizten T ri a ng clg cba udes. Dessen Raum oder innerer Gehalt ist aber zum Bewohnen für zwo Haushaltungen in dem ober» und untern Stokwcikchcn sehr dürftig und derma« scn beschränkt, daß jeder Stokwerkbcwohncr deS Brcnzischen Geburtshauses in seiner ab- gcthcillen Wohnung, ausser dem Plazc für seinen Stubcnofen kaum nur noch so viel übrig hat, als ihm für seinen Speiselisch, nebst einer Bank zum Size für seine Familie und zu dem Raume, den seine Ruhestatt' cinnimmt, unumgänglich nölhig ist. Sehr begreiflich ist cs daher, daß, nach diesen Verhältnissen, auch die kleinen Wohnzimmer im Brcnzischen Gcbnrtshanse so niedrig sind, daß ein Mann von mittlerer Gross ein wahrer Riese zu ssyn, wähnt, wenn er in einer solchen Wohnstube sich befindet, worinn er kaum aufrecht zu stehen, im Staude ist. Zieht man nun eine Parallele zwischen der bürgerlichen genügsamen Bauart der altern, und jener luxuriösen der jezigcn Zeit, so ist — ohngcacht der Vater des berühmten Johann Vrenzen, Na» - WZ mens Martin Brenz, vormals Stadtschult, heis in Weil mar — ein dcrmaligcs gemeines ländliches Hirtenhaus in hiesiger Gegend, mit des erstem— vielleicht auch schon Hundert Jahre zuvor dagestaudenen — Wohnhausc zu ver, gleichen, worinn nachher der grose Reforma, tor, Johann Brenz, der Aeltere, im Jahr igyy. gebohrcn ward. Hätte nun Dieser, als ein gebohrner Katho» like, für seine Religion, worin« er aufcrzogm ward, sich einst so eifrig bemüht, als Cr cs,- zur Zeit der Kirchenreformatiou, für die Verbreitung der Lutherischen Glaubenslehre that, so hätte ge, wiß, nach seinem Tode, die katholische Nachwelt, aus Dankgefühl für Brenzcn' s religiösen Eifer, dessen jczt noch dastehendes, weiland der Krippe zu Bethlehem ähnliche, Geburtshaus längst schon in eine Kirche, so wie auch dessen Ge, burts statte in "einen Hochaltar, verwan» delt, und Ihm dadurch eben so ein, seinen Der, bimsten angemessenes, Ehrendcnkmal errichtet, als ich ein solches für den, prachtvoll in Prag be, graben liegenden, heil. Johannes von Nr» pomuk in Böhmen, ehemals auf meinen Reise« aufgefunden habe. ic>4 22 . Weil begiebt sich muer den Schuz und Schtrm des Herzogs Ulrich von Wir« temkerg im Jahr izaz. Die vormalige Reichsstadt Weil, welche rings« um mit Wirtembergischen Ortschaften und Gefil» den, gleich einer Insel, umgeben ist, war eben daher auch in jedem kritischen Zeitpunkte den wi» drigen Stürmen deö SchiksalS preis gegebeg, in« dem dieselbe, als ein kleiner selbstständiger Staat jederzeit, gleichsam, wie verkästen, hülflos dastand. Von Seilen dieser Stadt gericjh man izt auf den glüklichen Einfall, nicht sowohl um des Hel» denmüthigcn Herzogs Ulrich von Wirtemberg gnädigen Schuz, als auch um Gestattung des freien Handels und Wandels in dessen Landen, für die Stadt Weil nebst deren Einwohnern, im Jahre izoz. dringend nachzusuchen. Dieser Fürst, als Graf Heinrich's von Wirtemberg erstgebohrncr Sohn, und nachheriger dritter Herzog jenes Landes, willfahrte nun da» durch dieser Bitte der Stadt Weil, indem er sol» che mit all ihren Einwohnern von gedachter Zeit an, ein ganzes Jahrzehcnd hindurch, wie seine eigene Unterthanen und Schirmöverwandte« zy helMdcln versprach. Dafür legte hingegen dieser Herzog der Stadt Weil zur Verbindlichkeit auf, ihm jährlich an Bartholomäi Fünfzig Gulden an Sch uz» und Schirm geld in die Kanzlei nach Stuttgart zu beliefern; welches denn auch jederzeit richtig geschah. SZ- Markgraf Philipp I. von Baden erklärt sich in Weil persönlich als Genius für das verwaiste Wirtemberg, während dem Epi- lium dessen Herzogs Ulrich, im Jahr iZ2o. Uiber der vormaligen Reichsstadt Reutlingen liegt die Burg Achalm. Reutlingen'S Bürger erschlugen den Wir» tembergischcn Vurgvogt. Herzog Ulrich erhält am 20. Jänner lziy. zu Stuttgart über der Tafel Nachricht davon. Sogleich zieht er gegen Reutlingen aus, und macht diese Stadt, nach deren, schon am 28. Jän, ner erlangten Eroberung, — zur Landstadt, *) S. Steinhofer's Würtemb. Chronik / z. Theil E. sc>7. lo6 M A- > ^ ' t'l 'l Aber diese Hize kostete ihn kn der Folge sein ganzes Herzogt hum. Durch die Krieger des Schwäbischen Bunds, die hierauf wider Ihn zu Felde zogen, von Land und Leuten verjagt, floh er izt in die Schweiz, und bat überall, wo er nur konnte, bei den Eidgenossen um Hülfe zu seiner Restitution oder Wieder^insezung in sein verlohr» ncs Land. Auf den Fall hin, wenn Er nemlich durch ähnliches Bitten und Flehen beim neu erwählten Römischen König, (Kaiser Karl V.) — welchem der Schwäbische Bund, gegen Erstattung der Kriegökosten, das ganze Herzogthum Wirtembcrg für die Summe von 222,000 fl. am 5/6ten Fe» bruar 1520. abgetreten hatte — hierinn nichts aus» richten würde, rüstete er sich schon vorläufig dazu, die Sache alshenn auf die Faust und deren Kraft auszusezcn. Daher warb Er sich Ncissige, die ihm, einen Monat lang, als Kavalleristen zu diesem Endzwck zu dienen, sich verbindlich machen mußten. Er brachte nun deren gegen 25o.^zusam» men, worunter vorzüglich Hanß von Brubach, Wolfs Kranz, Wyrich Bastart von Thumm, Hanß von Krathausen, Jo« Hann Bayer von Boppard, Otto von Gemmin gen und andere sich befanden, die meistcntheilö ihre Wohnung und Bestallung in Lothringen hatten. Herzog Ulrich hegte nemlich bei diesem Plan die feste Zuversicht, entweder von den Eidgenossen überhaupt, oder doch wenigstens von den, ihm besonders zugethan gewesenen beiden Orten, Luzern und Solothurn einige tausend Krieger zu bekommen, womit Er einen Angrif hätte wagen können. Während dem sich so dieser Herzog mit diesem Gegenstand beschäftigte, eben so thalig bezeigte sich zu gleicher Zeit auch der damalig Wirtcmbergische Statthalter vpn Siebender gen mit den übrigen Rcgimentsräthen, und zwar in dem Punkte, des Herzogs Ulrich vorgehabtc neue Expedition auf das Land zu hiutertrcibeu. Zu dem End gebrauchte jener Statthalter von Sickenberg en, bei Gelegenheit, als er dem Römischen König, Karl V., in die Niederlande zu folgen, den Befehl erhielt, hauptsächlich die kluge Vorsicht, zuvor noch mit dem damaligen Markgrafen Philipp I. von Baden deshalb in zwekmäsige Rüksprache und Unterhandlung zn treten. Diesem zufolge mußte nun Lezterer sich dazu verbindlich machen, im Fall nemlich dieser Herzog sein Heil mit den Waffen wieder versuchen und etwas Ernstliches hierinn unternehmen sollte, sich nach allen Kräften dagegen zu widersezen; und dis zwar ganz allein auf K >sten des Königs, (KaiserH Karl V.) der Ihm, (dem Markgrafen Philipp I.) während seiner Abwesenheit, die Statthalterschaft des ReichsRcgimentö, ohnedem schon übertragen hatte. In dieser Absicht fanden sich daher auf einen, deshalb hiezu bestimmten Tag zu Weile rstadr «in: nicht nur erwähnter Markgraf Philipp I. selbst in eigener Person, sondern auch, Wirtcm, hergischcr und Königlicher Scits, Graf Rudolf von Sulz, und der Marschall Konrad Thumm von Ncuburg. Der Markgraf von Baden erbot sich izt freiwillig, das Wirtcmbcrgcr Land, bei jeder Vorkommenheit, nach all seinen Kräften zu schüzen, und solches nie in seinen Nöthen zu verlassen. » An die Stelle des, in die Niederlanden abge» reisten Siebcnbergen ward hingegen Schwc yk- her von Gundelfin gen zum Statthalter Wirtemberg'ö ernannt. Vor seiner Abreise bat Sieben bergen nicht nur so eben gedachten Markgrafen auf's innstän- digste um seinen Beistand und Hülfe, sobald er ncmlich von seinem Nachfolger, dem Statthalter von Gundelfingcn, hiezu aufgcrufen werden sollte; sondern Er schrieb auch zu gleicher Zeit an die beiden herzoglichen Brüder von Bayern« denen er gleichfalls das Wohl des Wirtemberger Lands auf'S dringendste empfahl. 24. Etwas von der ehemaligen grosen Linde zu Weil vom Jahr 1530 bis 1304. Noch vor wenigen Jahren stand auf dem Kirchhofe zu Weil, gleichsam als eine der vorzüglichsten unter den vielen denkwürdigen Scl- tcnhciren dieser Stadt, eine sehr grose und schön gewachsene Linde, welche, einer alten Tradition gcmäö, zur Zeit der Reformation, und zwar Anno i-zzo, mithin gcrad in dem nervlichen Jahre gepflanzt ward, in welchem das evangelische Glau» bensbekänntnis in Augsburg übergeben wurde. Diese, schon zu einem dichten, hochstämmigten Baume herangcwachsene, Linde ward nun, bei Gelegenheit, als die Stadt Weil, durch den bekannten Franzosenbrand des Jahrs 1648 , bis auf S. Steinhoser's Wirtemb, Chr. 4. Th. S. 685 —Soy. und Professors Seybold Vaterland. Hlstorienbüch- le-n v. 2 . rLn. S. 15. no wenige Häuser, cingeäschert wurde, durch die Feucrhize der, in Flammen auflvdernden benachbarten Gebäude sehr beschädigt. Sie schlug aber dem ohngeacht in der Folge wieder auS, und trieb vier Ae sie, wovon jeder, späterhin, einen be- sondern Baum vorstclltc. Da jedoch dieser, ungemein grose, Lindenbanm, dessen Stamm y Schuh in der Hohe und 2z dergleichen in seinem Umfang hatte, zulezt Risse bekam , so ward er, zu Verhütung besorglicher Gefahr, wegen seines, über kurz oder lang, ganz un» vermuthct erfolgenden, nur Unglük auf die vorübergehenden Wanderer zu verbreiten gedrohten, Zusammensturzes, von Polizei wegen, im Jahr 1804. uwgehaucn und — hiermit der Dauer seines grauen Alters von 27g Jahren, (als dem vormaligen Wahrzeichen der Stadt Weil,) daö lezte Ziel gcstekt! 2Z. Das Mvsner-Amt in der Altenstädt Pforzheim vom Jahr izbz. In eben diesem Jahr errichtete Markgraf Carl N., von Baden mit Herzog Christoph von Wirtcmberg einen Vertrag zu Weilerstadt, in Ansehung der geistlichen Gefälle. Jeder dieser beiden Fürsten hatte nun in des Andern Landen dergleichen Einkünfte, welche nicht, ohne mancherlei Beschwerden, bisher konnten er« hoben werden. Diesen suchten sie izt durch getroffene Vertäu« schungen für die Zukunft abzuhelfen. Hieher gehört unter andern das Mösner» Amt in der Altenstadt Pforzheim, wcl« ches Wirtemberg vom Kloster Hirschau bekom« men hatte. Diesem ward cs im Jahr izbo. vom Kloster Lichtenthal übergeben. Uiberhaupt bezeugt eine Urkunde vom Jahr IZ47, daß vor vielen Jahren die Pfarrkirche in der Altenstadt Pforzheim, welche nach einer andern vom Jahr lg8s>. St. Maria ge» heisen hat, in's Kloster Lichtenthal gehört habe. Im Jahr 1512, in welchem die Präsentation eines Pfarrers zu Sankt Martin in der Altenstadt von Thomas Truchsessen, Domscholastcrn und Domherrn zu Spei er ge« schal), ward eine neue Einrichtung in der Pfarr» kirchc daselbst gemacht. *) S> Sachs Badische Geschichte 4. Th. S. 134—135. In der Pfarrkirche der Altenstädt Pforzheim hat in einer besondern Abtheilung derselben, das Paradies genannt, das Otto Neckische Geschlecht aus Pforzheim, sein gestiftetes Familienbegräbnis. nr 26. Geschenk der Stadt Weil beim Vermäh- lungsfesie des Herzogs Ludwig. von Wir- temberg mit der Badischen Prinzessin Dorothea Ursula im Jahr 1575. Markgraf Karls II. von Baden Prinzessin Tochter, Namens Dorothea Ursula, geboh» ren am 20. Juny 1559, ward in der Folge die Gemahlin, des Herzogs Ludwig von Wirtcm- bcrg; über den ihr Herr Vater die Obervor- mundschaft einst geführt hatte. Das Beilager derselben ward nun im November 1575. mit vieler Fcyerlichkeit vollzogen. Denn der herzogliche Bräutigam lies zu dieser Hcimfüh- rung ein ansehnliches Thor in Stuttgart neu erbauen, wodurch jener festliche Einzug damals gehalten wurde. Un'cr andern Fcyerlichkeitcn war auszeichnungsweise ein prachtvolles Turnier, und Ritter« spiel, nach damaliger Sitte, angestellt. ") Bei Gelegenheit dieses glänzenden Vermählungsfestes überreichten nun die Deputaten der Stadt Weil, Namens Sebald Kepler und *) S. Sachs Badische Geschichte 4. Th. S. 171—172. - HZ der damalige Stadtschrciber, diesem fürstlichen Brautpaare einen silbernen Pokal von einhundert Gulden an Werth, mit patrio» tischcm Theilnahmsgcfühle zum Hochzeitsgeschenke. *) 2 ?. Bürgerliche Religionsunruhen zu Weil und darüber entstandene Weiterungen vom Jahr iZyy —1604. Der Fanatism', der vor zweyen Jahrhunderten schreklich im Eingeweide Teutschlands wütete, hatte auch um's Jahr izyy in der vormaligen Reichsstadt Weil die Fakel der Unruhen unter den dortigen Bürgern angezündet. Der gröste Thcil derselben bekannte sich damals zur Augsburgischen Konfession und die ganze Stadt zählte zur selben Zeit an katholischen Glaubensgenossen nicht mehr, denn dreissig Bürger. Unter den Leztern befanden sich nun der dasige Stadtschultheis, Kaspar *) Diese Nachricht ist aus Manuskripten alter Bür» gersamilien aus Weil entlehnt. . 8 Hartmann und der Bürgermeister Hicrony« MUS Weiß. '") Diese Bcydcn liefen sich nemlich durch einen, damals ihnen beigebrachten misverstandnen Rcli» gionseifer dazu verleiten, die Evangelische Lehre üuö den Mauern ihrer Stadt zu verdrängen; und dis um so mehr, da bereits der Plan entworfen ward, eine Reichsstadt nach der andern in Unru» hcn zu vcrwikeln, selbige durch Hofprozcssc in die Acht Zu erklären, dann unter diesem Zwang über» all die Evangelische Glaubenslehre gänzlich aus« zurotten, und die katholische Religionsübungen da» gegen cinznfühicn. Just um diese Zeit mußte eS sich fügen, daß Herzog Friedrich von Wutcmbcrg einen Man» gel an dem, zu seinen Salzwerken und Eiscnfakto» ricn rc. erforderlichen Holz verspürte, und eben daher izt die Ausfuhr des Holzes nach Weil, Giengen und Reutlingen, auch andere, da« nials noch ausländische, Orte verbot. Da Er überdiö auch den Handel und Wandel in seinem Hcrzogthum wieder empor zu bringen, bedacht war, so erneuerte er die, schon ehedem gemachte Ordnungen wegen des Verkaufs der *) Dieser Bürgermeister fliegt in der St. Peter« und Paulskirche zu Weil begraben. Eine metallene Grabschrist verkündet den 25. Sept. 1607. als seinen Todestag. Häute, Felle und des Getraids; erlaubte dabei jedoch vergünstigungsweise den beiden Religionsverwandten zu Weil, die Märkte in seinen Landen und vorzüglich in Merklingen, jeweils besuchen zu dürfen. ^ Dem ohngcacht wagten cS die Eingangs erwähnte unruhigen Gemeii^dsvorstchcr über den Herzog am kaiserlichen Hofe fälschlicherweise darüber Klage zu führen, als hätte Dieser, aus Religio ns haß gegen die katholischen Bürger, allen Handel, Wandel und Zufuhr ganzlich qufgchoben. Diese Aufwiegler erwirkten dann auch schon am i->. März izyy. ein kaiserliches Mandat, wornach nemlich der Herzog gleichfalls mit einem Hofprozeffc bedroht ward, in so fern er jene vorgebliche Handelösperr nicht augenbliklich aufhe- ben würde. Nachdem aber Derselbe dem Kaiser hierauf sonnenklar bewies- daß vorbemelre städtische Rädlins« führcr ihn mit der Unwahrheit gänzlich hintcrgan» gen; ja vielmehr solche selbst ihren untergebenen Bürgern den Verkauf ihrer Maaren und den Besuch der Wirtcmbcrgischen Jahr- und Wochen» markten geflissentlich verboten hatten, so bliebe dieser Gegenstand nunmehr — auf sich beruhen. Die Spannung beider Religionsverwandtrn zu Weil dauerte jedoch, nach, wie vor, beständig untereinander fort, Denn die evangelischen Bür« 8 ^ Il6 - ger der Stadt mußten namenlose Bedrükungen von den katholischen GemeindSvorsiehern ununterbrochen erdultcn. Da sic nun in der Folge mit jedem Tage immer unerträglicher für sic wurden, so bat endlich die evangelische Bürgerschaft den Herzog Friedrich von Wirtemberg als damaligen Krais- obrisicn, um seine Hülfe, zu Verhütung grösserer Unruhen, so wie hauprsächlich um seinen vcrmitt-- lungsvollen Beistand hierinn, einzig in der Absicht, um wenigstens dadurch die Bürger beiderlei Reli» gioncn einstweilen nur so. lange zur Ruhe und Frieden hinzuhalten, bis die kaiserliche Entschci« düng auf den Bericht der Kommissarien erfolgt sryn würde. Ohngcacht man zwar wohl wußte, daß der kaiserliche Hof durch die Jesuiten und die Spanier zur selben Zeit regiert ward, so schmeichelte man sich dennoch mit der citcln Hofnung, daß, bei so offenbaren Ausschweifungen der Katholiken wenigstens eine Linderung des Schiksals der Bedrükten erfolgen dürfte. Die schwäbischen Reichsstädte hatten fast alle in ihren Mauern noch ein katholisches Kloster, oder doch wenigstens eine Kapelle. Dieser bedienten sich der Pabst und seine Anhänger, einzig zu dem Endzwck, um durch Eingriffe — Unruhen zu erweken. Denn, so bald man dergleichen Gewaltthätig» keiten nur einigcrmasen Schranken sezcn wollte, so berichteten die Mönche solches sogleich dem kaiserlichen Hofe; woselbst sie bei den ungerechtesten Unternehmungen ihre Unterstüzung fanden. Kaiserliche Kommissaricn drangen sich i'zt solchen Städten auf; verursachten denselben anfangs grosse Unkosten, und dann berichtete» sic nur das, was immerhin zu dem Nachtheile der Evangelischen gereichen mußte. Sämmtliehe Reichsstädte riethen daher an, solches unordentliche Verfahren vor das ganze Reichsgericht zu bringen. Weil aber damals keine Hofnung zu einem Reichstage vorhanden war, mithin diese Beschwerden dem Reich nicht vorgclegt werden könnten, so ließen die beide evangelische Fürsten, Herzog Friedrich von Wirtemberg und Markgraf Georg Friedrich von Baden nebst den evangelischen Reichsstädten, am 5. Juny rbor. ein Vorwortschreiben an den Kaiser ergehen, worinn sie die grossen Drangsale der Evangelischen Bürger lebhaft schilderten und denselben daran erinnerten, daß die Stände der Angsbnrgischen Konfession schon im Jahr >598- ihre Beschwerden ihm zu Gcmüthe geführt, und um Abhülfe gebeten hätten. Statt derselben scycn aber jene Bcdrükun« gen nur immerhin desto härter worden; welcher n 8 ——7- Umstand blos allein den unwahrhasten Berichten der kaiserlichen Kommissärs zuznschrcibcn scye. Allein auch diese dringende Vorstellung ward von den kaiserlichen Rathen unterdrükt und hatte keine andere Wirkung, als daß die katholischen Vorsteher endlich am 26. Jänner ibog. dem Herzog einen Vergleich bewilligten, jedoch in den fürnehmsten Punkten die kaiserliche Genehmigung sich vorbehicltcn, und nur erlaubten, daß die Evangelischen Bürger bei ihren jeweiligen Kran» kcn künftighin der evangelischen Pfarrer sich be« dienen, auch ihre Kinder in Nothfällen durch die» selben in der Stadt Weil taufen lassen dürfen; die besagten Bürger zwar zu Stadtdienstcn aufge» nommcn, von den Gerichts» und Rathsstellen über ausgeschlossen werden sollen. 28. Weil während des dreissigjährigen Kriegs vom Jahr iül8—idgZ. Der dreissigjährig e Krieg, der iüi8. hegann, auch zugleich Bürgerkrieg und Krieg niik «) S, Christ. Friedr. Sattler's Geschichte des Her» zoglhums Wirremberg v« 1 ,1772. Z.LHeil S.SS 4 » ^8. Uflh lZeite 2Z7. und 2Z8. Z. 58 , mit Auswärtigen war, und sowohl an Dauer, als an Verwiklnng und an Verderblichkeit in dev ganzen Weltgeschichte der einzige ist; dieser Krieg traf auch die Stadt Weil mit manchfachen Schlagen. Jum Theil ward solche am 27. und 28. Jan» ncr 164 z. von den Sachsen Wcymarschcn Trup» pcn streng blokirt , aber nicht eingenommen, und andcrntheils auch am 2.1. April dcssclbi'gcn JahrS von den Franzosen vergeblich beschossen. Ich erwähne hier nicht des Druks, den diese Stadt überhaupt durch öfters wiederholte C'inquar» tirungcn und bei feindlichen Streifereien und Durch» zügen in ihren ökonomischen Umständen von idig. bis lbg8. crdultcn mußte. Aber jenen harten Schlag, den diese gute Stadt am Ende dieses Kriegs empfand, kann ich keineswegs hier still» schweigend übergehen. Am 20. Oktober des Jahrs 1648, als am FestTage Sankt Wendelin'S, nachdem der Wcstphälische Friede, (der doch allem bis» hcrigeu Kricgsnngemach hätte ein Ende machen sollen,) bereits abgeschlossen, aber noch nicht sörm« lich publiziit ward, trug sich's ncmlich zu, daß, während dem die Armeen der Verbündeten vom Lechflusse und der Donau schon im Wegzüge begriffen, die französischen Garnisonen von Heil» bronn, Philippsburg und Speyer, auf 120 einmal ganz unvermuthct, und zwar unter der Anführung des Duc äs Vnrsime, als damaligen Kommandanten in Hcilbronn, einen feind li» chen Angrif auf die Stadt Weil machten. Dieser französische Kommandant lies nun durch seine Truppen, gleich bei deren Anrükcn vor die Stadt, eine Menge Feucrballcn in solche hinein» werfen, und eroberte sic, nach langem harlnäki» gen Widerstande. endlich mit Sturm. Jzt wur» den alle, damals bewafnet angctroffene Bürger in der Stadt von den Franzosen sogleich nicderge- macht, die Unbcwafnete hingegen gefangen gcnom» men und sammt allem Vieh der Einwohner ohne Unterschied von Weil wcggcführt; die in der Stadt selbst zur selben Zeit in Vesazung gelegene 2. Escadrons Reiter nebst einer Kompagnie Fnsgängcr aber zn ihren Kriegsdiensten gezwun, gen, und zulczt noch die Stadt selbst von den Franzosen unerbittlich angezündcr, nachdem sie noch zuvor, die, zwar vom Brand allein freige» blicbene Vorstadt rein ausgeplündert, und noch obendrein der Personen der damaligen beiden Bür« germeistcr, Namens HaunS Michael Grein und Sebastian Lutz, sich bemächtigt, hierauf solche als Geisel gesanglich von Weil bis nach Heilbronn mit sich fortgcschleppt und selbige nicht eher, als gegen Erlegung eines Löl'egclds von einhundert und sechs zig Gulden, nachher wieder in Freiheit gesezt hatten. Der traurige Erfolg von dieser barbarischen, und, wider alles Kriegs« und Völkerrecht, verüb» tcn Gräuclthat war nun dieser: Es verbrannten nemlich in wenigen Stunden nach jenem, von den Feinden vor ihrem Abzüge von Weil angelegten Brand, die innern Stadtgebande sammt der Pfarrkirche und den Raths, Gerichts« Kauf- und bürgerlichen Privathäusern mit allem darinn aufbc» wahrten Mobiliarvcrmögcn, Kirchenornaten, va- Ü8 Irwris, Archiven, nebst denen, viele Merkwürdigkeiten und Alterthümer der Stadt enthaltenen Urkunden. Schade, daß wenigstens leztere nicht mehr gerettet werden konnten, indem nach einer (noch gegenwärtig vorhandenen ) alten lateinischen Handschrift des damaligen Syndikus Schwarz in Weil die Flammen zur stlbcn Zeit so heftig wüthetcn, daß sogar noch Schriften und Blätter des dortigen Stadtarchivs zwischen Hengstädt und Calw, mithin anderthalb Stunden von Weil, hie und da vom Wind zerstreut, (wie einst die Blätter der Sybil» la,) nachher aufgesnnden worden sind. Nach der Epoche dieses nnglüklichen Brands wollte man in Weil die lutherische Glau» benslehre allgemein einführcn, wie schon ein ähnlicher Versuch damit im Jahr it,ZZ. gemacht wurde, wo man einen derartigen Prädikanten und einen teutschcn Schulmeister nebst einem halben Lutherischen Rath in der Stadt gehabt hatte. Nachdem man aber von Seiten der Einwohnerschaft mit dem damaligen Markgrafen Wilhelm von Baden Baden zuvor einige Rükspvache hierüber genommen hatte, so ward hieraus jenes Projekt wegen Einführung des Augs burgisch cn Glaubensbekenntnisses in Weil, nachher mit aller Bescheidenheit gänzlich von sich abgelehnt. Seit vorhin erwähnter Einäscherung der Stadt Weil ward solche noch nicht völlig wieder auf- gebaut. Eben daher finden sich noch izt viele lecie Bauplaze darinn. Auch sieht man, daß die alte Stadt ganz anders müsse gebaut gewesen scy», als die gegenwärtige, so wie nicht minder deutliche Spuren davon vorhanden sind, daß meistens kleine Häuser in derselben gestanden haben mögen, indem noch heutiges Tags unter vielen Häusern zwecn Keller angctroffen werden, und die Bürgerzahl vormals stärker war, denn izt. Der dreissigj ährigc Krieg, welcher diese kleine Stadt gegen eine halbe Million Gulden kostete, hatte die Bürgerschaft auch so sehr in ihrem Vcrmögenszustande zurükgesezt, daß wenige nach einem bestimmten Plane, Häuser wieder aufzu» bauen, vermögend waren. Daher wurden mehrere Häuser von benachbar. ten Dörfern, die, während dem Kriege und der Pest, fast gänzlich ausgcstorben waren, in der Folge erkauft, und, ohne Nükstcht, ob sie auf den Plaz passen, oder nicht, — hi eh er versczt. Noch gegenwärtig trist man in den meisten hiesigen Häusern nur eine Stube und Kammer zur Wohnung ordentlich eingerichtet an. Alles übrige ist nur zur höchsten Nolhdurst hergestellt und zeigt das leere Skelet der Bretter und Balken , die weder ausgefüllt, noch mit Kalk und Gvps überzogen sind! — Wahrhaftig ein trauriger Beweis davon, daß die meisten Bürger der Stadt Weil in anderthalb Jahrhunderten sich noch nicht erholt haben! *) Diese Nachrichten sind, theils aus dem geogr. statistisch-topographischen Lexikon von Schwaben v. I. i8or. Band 2. S. 1068., so wie «ns der Fortsezung des Crufius Schwab. Chronik S. 72Ü. l8te Lection § un. LeiIer Dopograpti. 8uev. und Jselin's allgemein, hist, und gcograph. Lexikon, und andcrntheilä aus den Manuscripten glter Bürgerfamilien von Weil gezogen. 124 2Y. Zauberprozesse in Weil von den Jahren ibrl und iü28. Noch um dic Mitte des siebzehnten Jahrhun, derts, wo schon dic Morgenr'othc des lichten Ta, geS allmählig über dic Menschheit sich zu verbrci« len begann, war daS Verbrennen und Kö» pfcn der Heren in Tcutschland hie und da herrschende Mode. Bosheit und dummer Aberglauben trugen da, mals reichlich ihr Scherflein dazu bei. So durfte z. B. ein dnmmboshastcs Weib mit ihrer listigen Nachbarin nur einmal Handel oder Verdruß bekommen; vcrlohr dann, während dem Beide in unversöhnlichem Streite miteinander leb» tcn, da§ Vieh des ersten, Weibes zufälligerweise, aus ganz natürlichen physischen Gründen, pldzlich die Milch, so schalt dis Weib sogleich ihre Nachbarin eine Milchdiebin, die ihr das Vieh vcr- hert, indem sie aus zwecn ledernen Stri, chen, die sie oben an ihrem Bette hangen gehabt, -Milch gemolken hätte. Nun säumte sie nicht, diese ungcgründete, einzig nur auf abergläubischen Irrwahn jener Zeit ge« siüzte, Beschuldigung sehr sorgfältig, als eine wirk» liehe Thatsachc, nach und nach unter dem Publikum weiter zu verbreiten. Dann ward das unschuldige Weib wegen ihrer Handlungsweise mit jedem Tage schärfer beobachtet; und bediente sich diese je einmal, zu einer ungewöhnlichen Zeit und Stunde, ihres Besens oder ihrer Ofengabel zu irgend einem häus» lichen Gebrauche, dann ward es ausgemacht rich» tig, daß dieses Weib wirklich einen Bund mit dem — Gott sei bei uns! — gemacht, und diesem ihre arme Seel für Zauberkünste, die er sie ge« lehrt, gänzlich verschrieben habe. So wie nun dis Gerüchte allgemeiner zu wer» den, izt anfi-mg, sogleich glaubte sich der Jusiizbe» amte selbiger Zeit dazu heilig verpflichtet und be» rechtigt, eine dergleichen, der Hexerei oder Zauberei Beschuldigte nunmehr ohne weiters zur förmlichen Inquisition hierüber ziehen zu dürfen. Sie ward daher, mir nichts, dir nichts, vor'S Gericht geladen, und, bei ihrem Erscheinen, in Ge» genwart des Scharfrichters, der zugleich seine Fol« tcrJnstrumenten mitgebracht hatte, anfangs in der Güte über mehrere Artikel craminirt, welche dir Bosheit und Vcrläumdung ihrer Feinde beim all» gemeinen Gerüchte wider sic zusammentrugen. Hatte nun diese — schuldlose Juqnisilin die, ihr vorgchal» tencn Artikel gänzlich in Abrede gezogen, und als auögcsprengte Lügen gegen sie widersprochen, so über» gab man sie nunmehr dem Scharfrichter, nachdem dieser daö sogenannte JnformatUrthcl zuvor gelc- scn hatte. Dieser suchte die Angeklagte, zuerst mit dem sogenannten Spanischen Stiesel anzugrcifcn, um sie dadurch zum mähren Geständnisse zu bringen ; war auch diese Proccdur fruchtlos bei ihr, so ward sic nachher mit den Schnüren aufgezogen, und blieb auch diese Unglükliche gegen lczterc beiden Instrumente, womit man sie wech- selswcis anhiclt, ganz unempfindlich, so ward sie dann in den Bok gespannt, und ihr vom Scharfrichter, der sic zu dem End auf den Nü- kcn gelegt hatte, die, (ihr unerträglichen Durst verursachenden) gesalzene Suppen mittelst gewaltsamer Erofnuug ihres Mundes, eingegcben. Manchmal geschah' cs nun, daß eine solche Jnquisitin, aus unerträglichem Schmerze der Tortur, um nur solcher einmal los zu werden, Verbrechen c'mgcstand, die sie niemals begrenz, sondern einzig nur boshafte Verläumderinnen von *) Dieses MarterZnstrument ward ehmals nur allein bei Heren, Zauberern und mit dem Leusel verbün- t deten Personen gebraucht und zwar, statt der Leiter. Es gehört folglich zum 2ten Grad der Marter, v. f. V. 6 ermann lom. 2 , Lomment. sä Ht. äe guwüion, obt. krstt, z. o. io» 127 ihr erdichtet hatten. War sie dann von ihrer Folterqual auf einige Augcnblike, wo ihre Besin» nungskraft rnlkehrte, wieder befreit, so widerrief sic sogleich daö — zuvor Eingestandcnc. Jzt kam die arme Jnqnisitin neuerdings auf die Folter; der Erfolg war nun allemal das wech» silswcise Läugnen und Bekennen. Am Ende ward das uriglükliche Weib, als der mancherlei, wider sic beschuldigten zauberischen Vergehen zu wiederholten malen geständig, ohne weiters angesehen, hierauf aber durch den Scharf» richler mit dem Schwerde hingcrichtcl und sofort als eine, nunmehr überwiesene Here öffent» lieh verbrannt. So ward z. B. die Summe der, in einigen Aemtern der Grafschaft Hcnncbcrg verbrann» ten und geköpften Heren, nach einer, von dem verstorbenen Herzog Karl von Mein in« gen hinterlasscnen Liste, in 79. Jahren, i» Allem 197. Heren. *) Auf ähnliche Art ward auch des Wendeliy Gerung's Weib ein unschuldiges Opfer des Aberglaubens, indem sie in der Stadt Weil im *) S. Schlözerische Staatsanzeigen, Band II. Heft 6. S. lüü. worin» obige Hexenliste befindlich ist. Jahre 1628. als eine Here jufiifizi'rt und dann verbrannt ward. ") Auch des berühmten Astronomen und Mathematikers Johann Kcppler betagte Mutter in Weil, welche ohnehin höhere *Melig'ionsbegriffe, als andere hatten, von sich bliken^ics, und überhaupt gescheider seyn mochte, als alle übrigen Weiber vom damaligen Fraubasenschlage; diese lief sieben Jahre zuvor, ncmlich ,621, gleichfalls Gefahr, wegen angeschuldigter Zauberei auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Allein ihr Sohn, als damaliger Professor dcr Mathematik am evangelischen Landschafts- Gymnasium zu Linz, eilte, sobald er von dem, seiner alten Mutter bevorstehenden, traurigen Schik- sale benachrichtigt ward, sogleich von da nach Weil, allwo er sie dann durch sein Ansehen endlich mit vieler Mühe von der, ihr bereits zuer- kanntcn schmachvollen Todesstrafe noch bei guter Zeit gerettet hatte. *) Diese Nachricht ist aus Manuskripten alter Vürger- familien von Weil gezogen. ") S.Freiherrn Siegmund von Bidra's Journal von und für Leutschland v. I. 1736. S. i6ü. Zv. Pest in Weil im Jahre ibzz 129 Gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zog ein fürchterliches Gewölke über Weil auf. Nicht einzeln nahm der Tod seine Opfer, sondern unersättlich, unerbittlich würgte rr,^als ob er die ganze Stadt veröden wollte, ohne Unterschied deö Alters. Welch' anftekende Krankheit der Wüthrich ans seinem Füllhorne von Seuchen damals ausgoß? ist unbekannt: so oft ungewöhnlich viele Menschen in ungewöhnlich kurzer Zeit hinstarben, schrie das einfache Alterthum auf: Pest ist da! Mit ein wenig medizinischer Polizei hatte man wohl damals dafür sorgen können, daß meine Chronik izt kein so schaudriges Kapitel haben dürste; aber jene düstre und finstre Periode konnte freilich nicht auch das aufgeklärte Zeitalter der Franke, Tissote, Jimmcrmanne, Hufe- landc, und Galle seyn. Verwüstend also blies der Odem irgend einer, izt unbekannten, Seuche über Weil; denn eS starben iin Jahre tbzz von Pfingsten bis Weihnachten in Allem sechshundert rin und zwanzig Personen in dieser Stadt. *) *) Diese Nachricht »st aus einem Manusoripte alter Bür- gerfamilien aus Weil gezogen. 9 Etwas vom Kapujinerkloster zu Weil vom Jahr —1704. Nachdem der Schwedenkönig, Gustaf Adolf im Jahr lüz2. in der bekannten Schlacht bei Lüzcn im Stift Merseburg, den Tod der Helden starb, und die Oestrcichischen Kriegsvölker als Sieger, nachher des ganzen Herzogthums Wir» temberg sich bcmcistcrtcn; so sannen die Bürger von Weil auf zwckdicnlichc Mittel, wodurch sie den, längst schon in ihrem Busen getragenen Plan, die Kapuziner in ihrer Stadt auf festen Fus ansiedcln zu machen, endlich einmal in Ausfüh» rung bringen könnten. Den Weg hiezu bahnte ihnen hauptsächlich der damalige Doktor der Rechte, Johann Hol» zing, vormaliger Syndikus in Weil. Dieser bat nemlich in seinem eigenen Namen sowohl, als in jenem des dortigen Magistrats, in einer, am 24. Jänner 1640. an die Superioren der Provinz gerichteten schriftlichen Vorstellung, solche aufs dringendste um ihren Beistand, zu Bewirkung ei» neS bleibenden Aufenthalts für die Kapuziner in Weil. Diese brachten es auch beim damaligen Bischof von Speyer, unter dessen geistlicher Jurisdiktion die Stadt Weil immerhin stand, dahin, daß er ihnen eine förmliche, mit den nöthigm Privilegien ausgerüstete Vollmacht zur tempo>eilen Aufnahme der Kapuziner unterm 21. Marz idgo. schriftlich ertheilte. Damit nicht zufrieden, und von der Hofnung belebt, vielleicht vom künftigen Domkapitel zu Speyer die Zusicherung eines beständigen Aufenthalts in Weil noch erlangen zu können, munterten nachher die damaligen Kapuziner die dasigen Bürger dazu auf, in einer weitern Bittschrift bei der Behörde solches ernstlich auszuwirken. » Dis ward ihnen auch im September 1640. willfahrt und den, in Weil indeß sich angesiedek» len Kapuzinern, zwar anfangs nur ein simples Privathaus, (das gegenwärtig des Josef Anton Bähsers Wittib zugehörig ist,) zu ihrer einstweiligen Wohnung eingeräumt, und ihnen nachher überdis am ib. Jänner 1644. noch eine freie Vollmacht und Gewalt zur Ausübung aller geistlichen Verrichtungen im ganzen Bisthum Speyer vom hohen Ordinariat daselbst crtheilt. Sobald hingegen nach dem, bekanntlich im Jahre 1648- zu Stande gekommenen Westphali« schen Friedensschlüsse, (kurz vor dessen öffentlicher Bekanntmachung die Franzosen die Stadt Weil, s" bis auf wenige Häuser in der Vorstadt, gänzlich in den Brand gestekt hatten,) in Teutschland vollkommene Ruhe und Sicherheit her- gestellt ward, sogleich kehrten die, von Haus und Hof vertriebenen Bürger aus Weil, in ihre Heimat vom Auslande zurük, um nach und nach ihre vorige Wohnungen unter der Asche wieder hervor« zuzichen, und sich auf's neue dort anzusiedeln. Unter abwechselndem Drange des Kriegs in steter Sorge und Gefahr schwebend, jeden Augen» blik aus Weil vertrieben zu werden, bewohnten die Kapuziner einstweilen nur ein Privathaus zn ihrem ungestöhrten Wohnsizc daselbst bis zum Jahr idzo. Von dieser Zeit an hatten sie hingegen mit mancherlei widerwärtigen Schiksalen zu kämpfen, und mußten, bis in's Jahr rbbo, bald da, bald dort, Missionair'sdienste verrichten. Während dem ward ihr zuvor bewohntes P r i- uathaus ganz baufällig, so, däß es dem völligen Einsturz drohte. Die Einwohner von Weil, durchdrungen von besonderer Anhänglichkeit für die KapuzinerPatreS, (welch lcztere sie denn auch, zur ununterbrochenen Beharrlichkeit in ihren, einmal anerkannten katholischen GlaubenSsäzen, bei jeder zweideutigen Gelegenheit aufgemuntert hatten-) säumten daher nicht, denselben auch einen sichern bleibenden Auf« enthalt in den Ringmauern ihrer Stadt zu ver- schaffen. Sie trafen zu dein Ende die nöthigen Anstalten dazu, dieses Privathaus weit schöner und bequemer, denn es zuvor war, herzustellen, hieraus auch deren Kirche zu erweitern, so wie nicht minder den Garten und das Hvspitium mit einer Mauer zu umfassen. Aber dieser Bauplan fand» in Rüksicht seiner Ausführung, ausserordentliche Schwierigkeiten. Eben daher sah man sich genöthigt, nicht nur beim Domkapitel zu Speyer, worunter die Stadt Weil immerfort in geistlichen Sachen stand, sondern auch sogar selbst an die römische Kurie sich zu wenden; welch leztere dann endlich durch ein, von Seiten der sogenannten Propaganda unterm 8« April ,66/. ausgcfcrti'gtes Breve, für die Erbauung eines KapuzinerHvspitiums in Weil entschied. Im festen Vertrauen auf diesen heiligen Befehl auö Rom, trafen izt die Einwohner Weil's alle Anstalten zur Hcrbeischaffung der, zn jenem Hospitium'sbau nörhig erachteten Materialien. Allein ihre Gegner legten ihnen, durch förmliche Protesiation dagegen, auf einmal neue Schwierigkeiten in den Weg. Der Streit für und wider diesen Kkosicrbau, in den Jahren itM- und >t>6y.,bei den betreffen« -34 den Tribunalen anhängig gemacht, ward hingegen bis auf's Jahr 1670. hinaus verschoben. Der Magistrat und die Bürger Weil's, dieses Bausteins nunmehr müde, waren izt ernstlich darauf bedacht, demselben gehörigen Orts ein Ende zu machen. Daher wandten sie sich, mittelst einer schriftlich verfaßten dringenden Vorstellung, geradeswegs selbst an den römischen Kaiser Leopold 1 . Dieser empfahl hieraus jene Angelegenheit der Stadt Weil, in Hinsicht ihrer, dem Oestreichi» schen Hause vormals so oft erprobten Treue und Anhänglichkeit, dem Kardinal von Hessen, damaligen Protector Teutschlands, aufs beste, um beim heiligen Stuhl zu Rom alle desfallsi- gen Anstände und Hindernisse beseitigen zu wachen. Endlich ward bei der römischen Kurie sy, wohl, als beim Domkapitel zu Speyer zum Vorthcile der Kapuziner hierum ausgesprochen. Die Nichtkatholischcn, hievon unterrichtet, legten hierauf diesem Bauwesen keine weitern Hindernisse mehr in den Weg. Selbst der damalige Herzog Eberhard Lud, wig von Wirtembcrg leistete den Kapuzinern allen Vorschub dazu, indem Er nicht nur, auf deren geziemendes Ansuchen, alle Abgaben, z. B. an Zoll und Weggeld von ihren, durch's Wir, ftmbergische Territorium geführten Baumaterialien »35 ihnen gänzlich erlassen, sondern solchen obendrein noch das nokhige Bauholz ans seinen eigenen Walt» düngen hiezu angewiesen hatte. Dann gieng die» ser Bau von allen Seiten ungehindert von statten. Ja, selbst die benachbarten W i rtem b er g ischen Landlentc, Lutherischer Religion, de» strebten sich, gleichsam wetteifernd, dem erhabenen Beispiele der Toleranz und Menschenliebe ihres gütigen Landesregenttn, nach dem bekannten Sprichworts: „Wie der Fürst, so die Unterthanen" zu folgen, indem sie auf bescheidenes Bitten der Kapuziner, denselben zu ihrem Kirchcnba^ den grdsten Thcil ihrer Baumaterialien ohnentgelt» lich hcrbcisührten und ihnen ausserdem noch man» chen wohlthätigcn Vorschub hiebei thatcn. So ward endlich der Bau dieses, gegenwärtig noch eristircnden, Kapuzinerklvsters samt dem Hospitium in Weil im Jahr 1704. vollen» det, aber erst am 6 . Oktober 17 lh. die Kapn» zincrkirche seyerlich cingcwci'ht; das dcsfallsige Kirchenfest hingegen seitdem jährlich jeden Sonntag nach dem Feste des heiligen ?. Fran» ciscuS gcfcyert. Dis Kloster, welches den St. Felirä Oan- *) Via. k. ie. komustöi LtoclvLcenr. diitor. pro- vivc, snterlor. -tuüri-e irstrum miaor. Lspuciny- rum §. XXXV. x. 244 —S49, ! tnlitlo, als seinen Schuzpatron im Siegel führt, bcsizt eine kleine Bibliotheke, die jedoch, ausser den Schriften einiger KirchenVäter und der Kapuzincrantoren, nichts Merkwürdiges enthält. Noch eines Umstands muß ich hier einer klei« neu Erwähnung thun. In der Kapuziner Klosterkirche zu Weil fand ich unter anderem ein Altarblatt, worauf ein Gcmähldc befindlich ist, das mci» ne ganze Aufmerksamkeit aus Patriotiöm' auf sich zog. Auf dem obcrn Thcile desselben befinden fich nen> h mehrere Sinnbilder der Heiligkeit; unten daran aber eine perspektivisch schöne Abbildung «reiner Vaterstadt Pforzheim, so wie sie in ihrem völligen Glanz und Herrlichkeit einst da ge« standen haben mag, noch eh' sie durch den bekannten französischen Moidbrand des Jahres ibZy. gänzlich eingeäschert ward. Vorzüglich perspektivisch erhaben zeichnet sich darunter aus — die, auf einer romantisch schönen Anhöhe, ausserhalb der Stadt Pforzheim gelegene, vormalige St. Geor g cn Kap el le, in welcher vor Alters die Kapuziner-Patres von Weil, als Missionars, ihre geistliche Verrichtungen und eine Art von Hospitium hatten. Aus jener Gegend, wo diese Kapelle einst ge- siandm hatte, ward nun in neuern Zeiten ein Brunnen, der gesunden Trank beut, und noch, bis izt, unter dem Namen: „Sankt Gevr- gerBrunnen" bekannt ist, in die Vorstadt Pforzheim's, die Aue genannt, hcrcingelcitet; ein Brunnen, der, nach den, bisher mit dessen Eigenschaft und Bestandtheilcn angestellten österu Versuchen, mit Recht den Namen einer Heil» quelle für Aussäzige verdient. Zum Beschlüsse muß ich hier noch bemerken, daß die KapuzincrPatres von W.eilerstadt-vor Zeiten bei verschiedenen Kricgsvorfälle» zu Pforzheim aushilfsweise predigen und sonstige Handlungen, in Ansehung des katholischen Goltesdiensts, verrichten mußten, wovon ich folgende Beispiele hier anführe. Da zur Zeit des dreissi g j äh r ige n Kriegs der Kurfürst von Bayern sich unter andern, auch der Stadt Pforzheim bemächtigte und die da» mals dort einquartiert gewesene Soldaten nebst den Einwohnern der katholischen Religion zum Behufs ihres Gottesdienstes, KapuzinerOrdensGeist- liche verlangten, so veranstaltete gedachter Kurfürst am i8. Marz ibgb. nicht nur, daß Friedrich von Lichtenste in, damaliger Pater« *) Dieser liegt in der St. Peter und Pauls- Kirche zu Weil, und zwar zur Seite des Evan- gelium's hinter dem Hochaltar begraben. Sein Bruder, der vormalig (bstreichisch) kaiserliche Obrist, '38 X Kapuziner in Weil, deren Gottesdienst zu Pforzheim besorgte, sondern er lies auch aus» serdcm, sowohl für Denselben, als auch für des» scn übrigen Ordensbrüder ein bequemes Haus zu einem Hospitium daselbst anweisen. In späterer Zeitfolge, da nemlich Ocstrcich, Rußland und Preussen, statt des abgesehen Schwie» gcrvaters, des französischen Königs Ludwig XV., nemlich des Stanislaus LcScinsky, errichtete ihm daselbst ein Epitaphium, welches den k. Friedrich von Lichtenstein in Lebensgröse in seinem Ordensgewand vorstellt. Dessen Grab- fchrift lautet solgendermasen: „Im Jahr 165Y. den „15. April ist in Gott entschlafen der WohlEhrwür- „dige, WohlEdelgehohrne Herr kster ?rieste- „rlcl, von Oiectitenstein, KapuzinerOrdens, „seines Alters im 6st. der Religion im 41. Jahr, „dessen Herr Bruder Johann Ulrich von Liechtenstein in der allhiesigen Klosterkirche begraben „liegt und hat dieses Epitaphium sein drieter Herr „Bruder Augustin Oswald ven Liechte n- „stein, der Römisch Kaiserl. Majestät bestellter „Obrister, Ihrer Churfürstl. Durchl. zu Cölln, wie „auch Ihrer Ertzherzogl. Durchl. Leopold Wil- „Helm zu Oesterreich Rath, Cammerer und Stadt- „halter zu Merentheim, LandComthur der Balley „Westphalen, Comthur zu Münster und Mühlheim, „Teutscher OrdensRitter, Ihme zu einer.Gedacht« „nust anhero machen lassen. Deme seiner Seele „Gott gnädig stye,. Amen. 139 sich für August ll. von Sachsen erklärten und den Feldzug am Rhein eröfncten, hielrc sich der General Lascy, als damaliger Anführer der Russischen Hülfsvölker im Winterquartiere zu Pforzheim auf, bis er solche im Jahr 1735, in welchem dann der Friede zu Wien erfolgte, nachher in die Standquartiere ihres rauhen Va« terlandes wieder zurükführen konnte. Während dieser Epoche berief erwähnter Ge« ncral die Kapuziner von Weil zu sich nach Pforzheim. Dieser bediente er sich, einige Monate hindurch» für den katholischen Privatgot» tesdienst, als seiner Hauskapläne daselbst. "I Immerhin daure auch das religiöse Andenken der KapuzinerOrdenöbrüder von Weil, als vormali» ger Gelegenheitsprediger, zu Pforzh.eim! «) viä. k. b. komustäl 8tl>c!csceo5, !. c. dir. II, x. 3Si—Zyr. X v 14 » Z2. Bürgerliche Beschwerden am Wiener Hofe gegen den Stadtmagijirat zu Weil, und die, hierauf erfolgte siatutenmäsige Organisation desselben für die Zukunft, vom Jahre 1649 — 1791, Der, im Jahre 1648. kurz, nach dem, bereits abgeschlossenen Wcstphälischen Frieden, durch die Franzosen in Weil verübte Brand gab den dasigen Bürgern den ersten Anlaß zur Beschwerdcführung gegen die damaligen Amtleute und den Stadtrath daselbst. Denn diese wurden von den Bürgern beschuldiget, daß sic bei jener Gelegenheit, wo die Franzosen mit ihren Verbündeten die Stadt überrumpelten , durch ihre bezeugte Fahrläsigkeit und schlechte Fürsorge wegen der Löschanstaltcn, einzig und allein Schuld daran gewesen seyen, daß nachher die ganze Stadt, bis auf wenige Häuser, niedcrgebrannt ward. Die Bürger Weil's erhoben daher förmliche Klage darüber am kaiserlichen Hofe zu Wien, und erbaten sich daselbst eine eigene Kommission zur Untersuchung dieser Sache. Dort ward nun / auf den Erzherzog von Jnnsbruk und auf die Reichsstadt Rvlhweil im Jahr 1649. de- kretirt. Verschiedene, darzwischen gekommene Hindernisse waren hingegen Schuld daran, daß diese Untersuchung erst unterm iz/LZ. Jänner 1650, irr Weil wirklich vorgenommen ward. Wie sehr die Stobt Weil in der Zwischenzeit von 1649— 16Z0. im Gedränge war, beweisen folgende, aus den Manuskripten alter Bürgerfamilien daselbst gezogene. Nachrichten: Im Jahre 1649. forderte die Gemeinde Merklingen an die Stadt Weil wegen verfallenen Kontributionen über öooo. Gulden. Diese, in Streit gezogene Forderung ward endlich, nach langem Un-, terhandeln, mittelst eines,- hierüber aufgerichteten Rezesses, auf 2500. Gulden herabverglichen; welche Summe dann die Stadt Weil nach und nach mit jährlichen 250. Gulden entrichtete. Noch im nemli- chen Jahr erhielte diese Stadt wegen eines Rük- stands von 2Z25. Gulden, an denen, in Allem ihr angesezten sogenannten Schwedischen Satis- fattionsgeldern zu siov. Gulren, auf Befehl des Schwedischen Generals Duglaß, durch 2. Mann Reiter die Execution. Leztere ward nachher vom 17 — 2l. July 1650. durch 25. Reiter wiederholt» worauf denn diese gute Stadr sich genöthigj^ sah, sowohl den 4ten Lheil des grosen ZchendenS um 525. Gulden, als auch den kleinen Aehenden für io. Gulden, beides zu Leufringen, zur ab- 142 Deshalb erschienen daselbst als Abgeordnete, von Seiten Jnnsbrnk, Johann Wagner, s>. V. O. Landhauptmannschaftsverwalter, und Ulrich Wirth von Rothenburg nebst dem Aktuar AndrcasGarb; hingegen von Seiten der Stadt Rvthwcil, der dasige Bürgermeister Matthias Renner nebst dem Syndikus I o h. W b h r! i n. Diese kommissgrische Untersuchung, welche ei» ncn Kostenaufwand von 702. Gulden damals ver» ursachte, dauerte nun bis b. Hornung 1652. Das Resultat derselben bestand ncmlich darinn, daß der alte Stadtrath in Weil, bis auf den damaligen Bürgermeister Michael Grein und den Syndikus Johann Heinrich Schwarz schläglichen Tilgung dieser Friedensgelder zu verkaufen. Sticht minder ward das Jahr zuvor (1649.) die Stadt Weil nothgedrungen, den Möttlin- ger Hof den Schaube rischen Erben zu Calw wegen einer Schuldfordcrung von zooo. Gulden auf zehn Jahr« um die Nuzniessung desselben zu versezen und darüber einen besonder» Bcstandbrief jenen Erben deshalb ausserligen zu lassen. In eben diesem Jahre wurden auch etliche Stüke Geschüzes nebst einem Feldschlänglein und dem Metalle der, das Lahr zuvor (1648.) durch den feindlichen Brand zerschmolzenen Gloken der Stadt — nach Stuttgart verkauft, und vom Erlös hie und da dringend« Schulden getilgt. allein ausgenommen, gänzlich abgesezt und an dessen Statt, nicht nur ein neuer Rath in Weil angeordnet, sondern auch ein statutenmäsiger Re» zcß, als Observanz für die Zukunft förmlich errichtet ward. Diesem gemäs, soll nun der Magistrat der Stadt Weil aus l2. Gliedern, nemlich 2. Bür» germcistern, die jährlich auf Gcorgii im Amt um» wechseln, einem Schultheissen und y. Bei» sizcru oder Rathsglicdern bestehen. Ihm ward noch ein Konsulent oder Syndikus zugcordnet, wcl» cher zugleich die Stadtschreiberei» und Kanzlei- Geschäfte versehen, beim Rath votum conliilta- tivum, beim Waisengericht hingegen äecrüvum haben solle. Der Ausschuß, rin Kollegium von y. Gliedern sollte die Bürgerschaft verstellen, und sich in wichtigen Fällen mit einer Bürgcrdcputation vereinigen; welch leztcrc noch aus 20. bis zo. Bürgern bestehen dürfe, die ans den Zünften oder Bruderschaften zu erwählen seyen, aber nach geendigtem Geschäfte und abgelegter Meynung weiters keine Verrichtung mehr haben, also nicht bleibend seyn sollen. Diese, vom Ausschuß an sich gezogene Bürgerzahl wird die Vürgerdeputation genannt. Ausschuß und Deputation müssen nur in rve» liigcn bestimmten Fällen um ihre Einwilligung be« fragt weiden. Magistrat und Ausschuß ersezen die abgehen» den Glieder konstitutionsmäsig selbst. Niemals ist die ganze Bürgerschaft berechtigt, sich eigenmächtig, ohne besonder« Befehl des Magistrats, zu versammeln; und in keinem Falle kann sic verfassungsmäsig und als ein Recht verlangen, zu irgend einer Bcrathschlagung zusammen berufen zu werden. All' ihre Angelegenheiten müssen lediglich durch den Staatsausschuß dem Ralhe vorgetragcn werden; er ist gleichsam das Organ, durch welches die Bürgerschaft zum Magistrate spricht. Aber auch der Ausschuß und die Deputation konnten, weder durch die StimmcnEinigkeit, noch durch die.Mehrheit derselben die Rathschlüsse entkräften, noch viclwentgcr eigne gültige Schlüsse fassen. Wenn sich der Rath und Ausschuß miteinander nicht vereinigen konnten, so entschieden die vormaligen Reichsgerichte. Der Ausschuß war jederzeit verbunden, das Begehren der gesammten Bürgerschaft dem Rathe vorzutragen, konnte aber auch mit ihr ganz verschiedener Mevnung seyn, und daher die, bei ihm in corpore ausgefallene Meynung besonders vortragen, wenn sie gleich nicht jene — der Bürgerschaft war. War' also die Bürgerschaft ganz anderer Ge« sinnung, als der Ausschuß; und wollte sie daher den Ausschuß zu ihrem Sprecher nicht gebrauchen, so ist ihr dieses nicht erlaubt. Ein, vom 2 k. May 1791. ergangenes Reichs« Hofraths»Concluimrn hat nun diese Säze bestätigt- da es der Fall war, daß sich die Bürgermehr« heit vom Ausschuß trennte, und unter dem Na» men der Bürgermehrheit sich an dieses Reichsgr« gericht wandte. Urbrigens sind es nur drey Fälle, wvrinn der Ausschuß und die Deputation zu den Berathschla« gungcn des Magistrats gezogen, und um ihre Einwilligung befragt werden müssen. Diese sind: 1. ) Wenn eine Religionsveränderung geschehen sollte; 2. ) wenn vom Rathe Veräußerungen der Stadt« güter oder Kapitalaufnahmen auf unablösige Ainnse geschehen würden; und A.) wenn nothwendl'ge Steuern und Anlagen wegen Einquartirungen geschehen müßten. Die weltlichen Aemter und Pfleger sollen jeder» zeit von einem aus dem Rath, und einem vom Ausschüsse oder von der Bürgerschaft admr« nistrirt werden. Endlich hgt der Ausschuß der Hauptstadtrcch» nungsabhör beizuwohnen, 3 n allen übrigen Stk« 146 - , > . - ken darf, weder die Bürgerschaft, noch der Ausschuß, dem Magistrat in sein Regiment eingreifen, vielrvcniger ihm überlastig oder hinderlich sehn; welches bei hoher Strafe verboten ist. Jene, die öffentliche Verfassung der Stadt und die Rechte und Obliegenheiten des Raths und Ausschusses bestimmenden und beschreibenden Urkunden sind die RathSordnung und kaiserlichen K o m m issionSRe ccsses jedoch beruht auch Manches auf der Observanz. 33 - Etwas vom Rachhausbau in. Weil von dem Jahre tbza —11,04. Nach dem Franzosenbrand des Jahrs 1648, bei welcher Gelegenheit das damalige RathhauS nebst mehreren andern Gebäuden der Stadt ein Raub der Flammen ward, erbaute man, an dessen Statt, im Jahre ibzo das, gegenwärtig noch *) Gämmklich vorstehende Nachrichten find, rheiis nur den Manusrripten alter Bnrgerfamitien Weil's, und kheils aus dem gcogr. statistisch-topographlscheir Lexikon von Schwaden v. I. iMi, aus des- . s-n 2, Band, Seit« 1074—.1076,, entlehnt. — 147 dastehende, aber zu keinem Gebrauche mehr dien« liche alte Rathhaus daselbst. Vierzehn Jahre hernach ward hingegen daS, von aussen zwar ziemlich gut aussehende, aber von innen nur zur Nvthdmst eingerichtete neue RathhauS (im Jahr 1664.) erbaut. Dis Gebäude verschast nun dem Marktplaze, worauf zween wasserreiche Brunnen sind, (wovon jeder sechszehn Schuh lief ist und vier Röhren hat,) ein sehr artiges Ansehen. Denn aus dem obern Marktbronnen befindet sich die steinerne Bildsäule Kaisers Karl V» in spanischer Tracht und gcstüzt auf seinen rechten Arm ihn vorstellend; auf dem untern Bronnen hingegen steht ein steinerner Löwe, der den kaiserlichen Adler, gleichsam als Schirmbild, vor sich hält. In dem obern Stvkwcrk dieses sogenannten neuen Rathhauses befindet sich an einer Wand, von der Rarhssiube gegenüber, eine lange Holz er ne Tafel aufgchängt, worauf nicht nur die Jahrzahl der Erbauung dieses RathhauseS mit allen Umständen angezcigt ist , sondern zugleich auch alle Merkwürdigkeiten dieser Stadt, von ihrem ersten Ursprung an, bis auf das Jahr ibdg. in teutschen Kmttelreimcn, welchen ein lateinisches Distichon über die Stadt Weil vvrangeht, in gedrängter Kürze, von einem geheimen kaiserlichen ro * Notar in Weil folgendermasen beschrieben unv ausgezeichnet sind: Vrds VVila guiäguiä badet komsnum, ek Vrbis oriM 8anÄio, prisca böes, publica ü^na ümul. Nach Lbrilii Geburt.zalt drey hundert dreisst'g Jahr Als da Lonliantinus der Givstc Kayser wahr. Hat dise Stakt erbauwt, Wello ein Edler Knecht» Ein Römer von alten Vrl'mer Geschlecht. Wird von Ihme VVellona, folgendt ^Vils, genandt» Anitzo in dem Reich, die Stadt Weyl bekandt» Mit Adler^ Schlisse!, vier Römisch Buchstaben Zum Kleinvth vnd Wappen, thut zierlich be« gaben. Kayser Friderich der Ander, dieses Nahmen» Hat die Statt mit Mauren vnd Thürnen vm» fangen. Vnd als Herschete, Kayser eonraäus der Wert. Wurde die Statt mit dem Reichs Adler geziert. Da Kayser Rudo lphus der Erst, war in dem Leben. Hat Jhrv derselbe, alle Frehheit gegeben. Also von Römern, Ihren Anfang vnd Vrsprung hat. Von Kap fern, erkendt wirk, eine freye Reichs Statt. !49 Welche in solchen langen Zeiten, vfrecht ist gestanden» Nach dem FridenSchluö, gentzlich geeicht zu schänden. Vnd Im Jahr Tausendt Sechs hundert viertzig vnd Acht. Durch Kricgsbrandt, gar wird zu Nichten ge» macht» Als man zalt Tausend» Sechs hundert Scchszig _ vier Jahr. Andreas Eble Bauw. vnd Bürgermeister mar» Da Jo Han Michael Grein mit »Regent ge» wesen. Vnd Jvhan Kirschner daß Schulthaiß» Ampt verwesen. Durch Mittel her Burger, wird gebaumen dises^ Haust. Darauff Händel! zu richten, recht zu sprechen auß. Die Burger, die Frembdcn, die Reichen, die Schlechten. Wittwen vnd Waisen Schirmen, erhalten bey Rechten Die Fromkcit lieben, die Tugent wohl belohnen. Ernstlich die lasier Straffen, nicmandt ver» schonen. Alles Regieren, Rathen, Handlen nach pflichten» Au Gottes Ehren, der Statt nutzen zu rich» ten. Gott vnderS Adlers flüglen, vnd Kaysers gemalt Römisch im Glauben, die Burger vnd Statt erhalt. I,eoxoI,I)Vs Mxerlo et patrH kVI^et 8erena litis. >VKI. lesotar. dsessr. 8ecret. Wilan» 34 . Der sogenannte Bürgerlärm in Weil vom Jahr 1670 — 1673. Unzufrieden über die schlechte Verwaltung deS städtischen Gemeindsvermögens, so wie auch über den trägen Schuckengang der Justiz in Weil, hielten im Jahr 1670 die meisten dortigen Bürger heimliche Zusammenkünfte, worinn sie gegen den damaligen Stadtrath, über welchen sie aufs äus» ferste aufgebracht waren, sich untereinander verschworen und daher, zu Bewerkstelligung dessen förmlichen Absezung sich einmüthig verbindlich ge, macht hatten. Zu dem End? beriefen sie zu ihrem Sachwal« ter hierin,,, den damaligen kaiserlichen Notarius Konrad Bissing er von Rothenburg am Nekar, zu sich nach Weil. . Diesem gaben sie, bei seinem Erscheinen, den Auftrag, in ihrem N,a» men beim kaiserlichen Rcichshvfrath in Wien ei» ne förmliche Klage anzustcllen und um zwekmäsige Abhilfe hicrinn, geziemend zu bitten. Ihre wesentliche Klagepunkten bestunden nemlich in folgenden: 1. ) beschuldigte der Bürger Andreas Reble den damaligen Bürgermeister Andreas Eble, daß lezterer in seiner Rechnung nicht bestehen kön» ne, indem er mit dem städtischen GcmeindSvcrsub» geu unverantwortlich gcwirthschaflet, dagegen die» scr , sonst unbemittelt gewesene Bürgermeister ein und andern seines Anhangs zu viel angchängt, Pferde sich angeschaft, ein neues Haus für sich gebaut, und bisher immer eine kostbare Haushaltung geführt, aber für das Beste der Stadt nichts gebaut, vielmehr Alles für dieselbe im ruinlosen Ausland gelassen habe, vhngeacht doch die Summe von 26,020 Gulden, als eine ausser» gewöhnliche Steuerauflage, auf die Bürgerschaft umgclegt worden seye, welche izt über die Vcr« Wendung dieser beträchtlichen Umlage gehörige Re« «Herrschaft verlange; 2. ) habe der Stadtrath zu Weil, ohne Vor- wissen der Bürgerschaft eine Kapitalsumme von 4000 Gulden zu Königsbach ausgenommen und bürgerliche Güterstüke dafür verschrieben und verpfändet; Z.) habe der Stadtrath den Wirtembergischen Forstleuten g-'statket, in dem Schafhauser Thale, Falkenbrükcn anznlcgen, und zwar auf dem Territorium der Stadt Weil, wodurch ihre Privilegien geschwächt und präjudicirliche Handlungen daselbst verübt worden scyen; 4.) Werde die Justiz schlecht verwalket, indem der Magistrat in Weil aus lauter Schwä, gern bestünde, die nur für ihr eigen werthe- Wohl bedacht wären, und nicht für's allgemeine Beste ihren Pflichten nachzukommen, sich bestrebten. Im December rd7i. erschienen daher in Weil die, zur Untersuchung vorbemelter bürgerlichen Klagssachc abgeordnete kaiserliche Kommissärs, pemlich der Markgräflich Badische GeheimeRath und Kanzler, Johann Adolf Krebs, Freiherr von Bach, Badischer Hofrath , samt dem Sekretär Sebald Hofer. Diesen wurde hierauf ein Absteigquartier i m Gasthofe zur Krone, wohin die Bürgerschaft sic begleitete, von selbiger angewiesen. Der damalige Pfarrer Michael Eble, dann der, für die klagende Bürgerschaft ausgestellte Advokat, Licenliat Stephan Funk von Speyer» - 1ZL samt deren Deputieren, nachher die Rathsdepu» tirte nrbsi ihrem Advokaten, Johann Jakob Waibel, H V. O. und Syndikus der Reichsstadt Roth weil, bcwillkommncten nun in Weile r stad t jene, kaiserlich sübdclcgirt.u Kommissäi's. Die Bürgerschaft war — wie es in dergleichen Fällen gemeiniglich zu geschehen pflegt — in zwo Particen getheilt. Die eine davon hielt cs mir dem beklagten Stadtrakh, die andere hingegen bestand au S den, über denselben unzufriednen Bürgern. Lezterc hielten izt heimliche Zusammenkünfte, um, wegen bc» wirkender Absezung des alten Stadtraths und in Ansehung'der, durch die benannten Kommissärs zu bezwekenden Herstellung einer neuen Ordnung der Dinge, sich miteinander gemeinschaftlich zu berathen. Die Unzusriednen, die sich deshalb eidlich untereinander verbanden, für die Begründung des künftigen Gemeindewohls, Alles zu wagen, schiften izt hin und wieder in den Straffen der Stadt gedungene Herolde herum, durch welche sie laut ausrufen liessen r „Wer den Kaiser und seine Justiz lieb „habe, und zur Bürgerschaft halten „wolle, der finde ohnfehlbar am näch» „sten Tage Mittags um 12, Uhr im „Ga st Hofe zur Krone sich ein!" Jzt erschien daselbst eine ziemliche Anzahl Bür» Her, im Gefolge des abgesehen Bürgermeisters Andreas Reble, der seine eigene Geschichte klagweise dort anekramte, und die Bürger bei die« ser Gelegenheit zum Mistrauen gegen den Stadt» rath anshczte. Sobald nun lezterer diesem Kunstgriff« auf die Spur kam, suchte er die Bürgerschaft für jener Aufwiegler?! zu warnen. Er lies daher aus gutem Vorbedacht nicht alle Bürger auf ein» mal, sondern diese nur in abgesonderten Ablhei» langen auf's Nathhaus bieten. Mehrere von den misvcrgnügtcn Bürgern stan» den aber mit ihrem Anführer Reble, allen, auf die Vorladung dcS Stadlraths erschienenen Bür« gern bei der obcrn Stiege des Rathhauscs- auf den Weg, suchten dieselbe zu verführen, und meistens auf ihre Seite zu beschwäzen. Die Unzufriedenen» die in ihren heimlichen Zusammenkünften bereits schon andere Vorgesezte, Amtleute und Kollektors, an die Stelle der bishe» rigen, unter sich crwälfft hatten, verlangten izt von der Untersuchungskommission die augenblikliche Absczung des damaligen Magistrats, so wie dessen Entbindung von seinen bisherigen obrigkeitliche« Pflichten. Allein es ward keineswegs in deren Begehren tzewilligt. Denn der Stadtschreiber Bernhard 155 Gäßler liquidirtc oder bewies vielmehr mit authentischen Urkunden die, nothwendiger Weise für'S Beste der Stadl bisher vci wendete Summe von ZZ,ooo Gulden, ebenso, wie Hanns Jak oh Hiller von K v n i g s b a ch dargclhan hatte, daß er, im Namen rzo Bürger von Weil eine schriftliche Vollmacht und Gewalt bekommen habe, sich zu jenen, vorhin erwähntermascn, der Stadt Weil aus seinen Mitteln dargelicheuen gooy Gulden zu verstehen. Die Kommission erkannte hierauf, daß, weil jene govO Gulden für'S gemeine Wesen verwendet worden scycn, diese Schuld daher auch von der Bürgerschaft bezahlt werden müßte. Der damalige Pfarrer Michael Eble, welcher unter anderm fälschlich angeklagt war. als. hatte er den heimlichen Bürgcrklubb, so wie dir Aufwieglung der Bürgerschaft zur Unzufriedenheit und nachherigcn Klage gegen den Stadtrath veranlaßt, ward von der UntcrsuchungsKvmmission, nach der veranstalteten eidlichen Aussage der, einzeln hierüber abgehbrten Bürger, gänzlich für schuldlos und klagfrei erklärt; die beiden Bürger Weil's, Namens, Johannes Rothaker und Ha nnS Jakob Wolf, welche anfangs die Hauptmitverschworncn beim heimlichen Bür» gerklubbe waren, in der Folge aber von selbigem Wieder abtrünnig, nachher aber in der Zwischen« iz6 - zeit als neue Rathsglieder ausgenommen worden sind; diese traf das Loos, daß sie, von Seiten der Kommission, jedoch mit der schonenden Klausuk, daß es künftig ihrer Ehre unnachtheilig seyn solle, ihrer bisher, nur ganz kurz bekleideten Rathsstellen, auf ungcstümmes beharrliches Ver« langen der unzufticdncn Bürger, in der Folg« wieder entlassen wurden. Denn, nur auf den Fall deren Dicnstscntsezung harren die klagenden Bürger sich zufrieden zu geben, die Erklärung ge« than. Uibrigms ward von der Kommission die Bär« gerschaft mit ihrer, gegen den Stadt, ath angc« brachten Klage gänzlich ab — und zur Ruhe ver« wiesen, auch derselben jede heimliche Versammlung für die Zukunft, bei harter Strafe, untersagt, und Zulezt noch der Bürger Hanns Stotz von Weil, der bie ganze dottige Bürgerschaft, als Haupt'prccher und Radlinsführer zur Unzufrieden» heit mit der damalig städtischen Verfassung, auf» zuwkegeln gesucht hatte, mit einem tüchtigen Ver« weis zur Ruhe abgefcrtigt. Die, nun den Kürzern gezogene klagende Bür« gerschaft stellte bann endlich der Untmüchungs« kommission noch vor, daß sic bisher, wegen ihrer Klagssache, —» versteht sich, während ihren heimlichen nächtlichen Zusammenkünften, in welchen auf's künftige Wohl der Stadt water gezecht wur« de — gegen 820 Gulden Unkosten unter sich auf» gewendet habe, deren Wiederersaz sie vom beklag» ten Stadtrath verlangte. Da Lezterer hingegen sich nicht gutwillig zu einem Heller Beitrag hiezu verstehen wollte, so wies die Kommission die misvergnügte Bürgerschaft, troz aller vvn ihr dagegen gemachten Einreden , schlechterdings damit ab und — zur Ruhe. Als man nun nach der Beendigung dieser Geschichte die UntersuchungsKommission, in Hinsicht ihrer desfallsigen Kostenfordernng, von Seiten des Stadtraths in Weil befragte, so erklärten die betreffenden Kommissär'S, daß zwar diejenigen, welche die Kommission verlangt hätten, billigerwa» sen die Unkosten zu bezahlen, schuldig waren; al« lein sie wollten keine eigentliche Kostenberechnung für ihre Mühe mit jener Untersuchung formiren, sondern ließen es blos auf eine Diskretion hierin» ausgestellt. > Jzt wurden von den, in ch'er Stadtkaffc nock- übrig gebliebenen 4000 Gulden Kdnigsbacher Geldern folgende Geschenke und andere Auslagen für diese Kommission und deren Gefolge bestritten, und zwar erhielten: der vorhinerwähnte Badische Kanzler, an doppelten Dukaten ... izc> fl. der Sekretär Hofer . - . . 52 fl. lZ8 für den gefertigten Reccß wurden noch obendrein bezahlt .... 25 fl» nicht minder dem Gefolge jener Kommission, nemlich: dem Page . ... Z fl» und den zwecn Hatschiers und eben so vielen Kutschern, miteinander ... 12 fl» sodann erhielte her vr. Waide!, für seine, bei jener Untersuchung zugebrachtcn zo Tage, ein Geschenk von zo SpeciesDukaren oder . 162 fl» dessen Frau Gemahlin ward hingegen ein halbes Stük geblümten Barchents verehrt, dem damaligen Werth nach, von /fl. zokr» endlich spendirte die Bürgerschaft von Weil noch ausserdem hiezu . . . . Z fl. /Statt, daß man nun hatte denken sollen, als feye mit dieser beendigten Untersuchung der Klagsfache und Beschwerden der Bürger Weil's für immer Alles beseitigt und abgethan; so erhob sich im Gegcnthcil das Jahr darauf, nemlich rb/r rin neuer Unruhsturm in Weil. Die Veranlassung dazu war folgende: Am i2. Hornung gedachten Jahrs wurden der damalige Schultheis Konrad Reich le und Stadtschreiber RupertuS Maisirr, nach »59 Speyer zum dortigen Domkapitel, (worunter die Reichsstadt Weil ehedem stand,) in der Absicht, alö Leputirte der leztern abgeschikt, um den da» maligen Stadtpfarrer Michael Eble, verschie» dener Gegenstände wegen, nicht nur zu verklagen, sondern zugleich auch dessen gänzliche Entlassung daselbst auszuwirken. Schon ward, diesem zu folge, jener Pfarrer nach Spei er vor's Domkapitel cilirt, und, bei feinem Erscheinen, nach Obergrom bach crilirt, als dieser von dort sich heimlich wieder entfernt und nach Weil in seinen vorigen Pfarrhof zurük» kehrend sich selbst auf freien Fus gestellt hatte. Das Spcyer'schc Domkapitel schikte hierauf den Amtskeller von Grombach nebst einem Hat- schier in der Absicht nach Weil, um von dort aus jenen entflohenen Pfarrer wieder in seinen vo» rigcn Arrest zurükzubringen. ^ Allein dieser entmischte ihnen, wahrend dem si^ ihn schon in ihrer sichern Verwahrung glaubten, listigerwcise auö ihrer Gewalt und rettete sich mit der Flucht in's Kloster, worinn er, nach damaliger Sitte und Gewohnheit, für immer ei» ne sichere Freistätte fand. Am 22. September tb/r. wurde nun Badi« scher Seits ein sogenannter Hatsch ierreiter nach Weil abgeordnet, der den Befehl hatte, eine Verordnung od?x rin Plakat zu publiciren, wvr» nach mmlich die unzufricdnen Bürger, dke ihren Smdtpfarrer weder arretirt, noch abgesezt wissen wollten, und eben daher allerhand Bewegungen machten, ernstlich zur Ruhe verwiesen wurden» Diese verübten aber, während der Publikation, grose Jnsolcntien. Nicht nur im Anfang deS MärzmondS 167z» erschienen daher abermals in Weil, die schon im Jahre 1671. subdclegirten kaiserlichen Kommissärs, ncwlich der Badische Kanzler Krebs, so wie der Hofrath, Freiherr von Bach zur Untersuchung der neuen bürgerlichen Beschwerden, sondern eS fanden sich am 27. Iuny 167z. auch der Badische Sekretär, Sebald Hofer nebst dem Kanzlisten Christoph Krieg, daselbst ein; und zwar lez» terc hauptsächlich in der Absicht, um die städtische GcmeindSrechnungen, in Ansehung der, darinne enthaltenen enormen Ausgaben, die misvergnügten Bürger Rechenschaft verlangten, gehörig zu untersuchen, indem die Bürger, wegen der ertravrdi» ») Freiherr von Bach starb im März 167z. ganz unvcrmuthet in Weil. Man begrub ihn bei Nachts um 8> Uhr, ohne Sang und Klang und ohne alles, damals sonst üblich gewesene Leichengeprang, ganz — in der Stille. Sein Leichnam warb hingegen aus den dortigen Spitalkirchhof gebracht, unter manchfachen Anmerkungen derLürger W eil's über die Hinfälligkeit aller menschlichen Planei nairen Steuerumlagen und deren zwekwidrigen Verwendung, vorzüglich Klage erhoben hatten. Am 18. July gedachten Jahrs fanden sich neuerdings zu Berichtigung dieser bürgerlichen Klagssache folgende, kaiserlich subdelcgirte, Kom» rnissär's in Weil ein, nemlich: die Markgräflich Badischen Hofräthe, Johann Christoph Hinterer und Or. Jakob Bielefeld. In ihrem Gefolge hatten sic nun einen Trompeter, «inen sogenannten Ouanierreiter» Korporal nebst einigen Bedienten. Diese Kom- missär's nahmen izt ihr Abstcigquartier im Gasthofe zum goldnen Adler. Dort bewillkommnetc sic die Bürgerschaft aufs feperlichste; ja, sie erbot sich sogar, denselben hier «ine bürgerliche Ehrenwache aufzustellen, und ihnen noch obendrein die Schlüssel der Stadt zn überreichen. Aber diese beiden Offerte nahmen jene Kom- rnissär's nicht an, sondern schritten, ohne alles Aeremoniel und Gepränge, sogleich zur Tagesordnung über, um die bürgerlichen Beschwerden auf's strengste zu untersuchen, und dann die nöthige Abhilfe dagegen vorzukehren. Der Hauptgegenstand der Beschwerden bestand nun dqrknn: Die Bürger Weil's hatten ein besonderes Mistrauen in die Redlichkeit deö damaligen Stadt- schreibers, kn Ansehung der Rechnnngsstell über das städtische GemeindSvermögen gesezt. Auster« dem glimmte noch bei den Bürgern, gleichsam wie ein, unter der Asche verborgen gebliebenes Feuer, — der Veldacht des, schon bei der, zwei Jahre zuvor, in Weil veranstalteten kommissari« scheu Untersuchung geherrschten Parteigeistö gegen den damaligen Stadtschreiber, in Rüksicht der, von ,solchem liquidirten, für den Nuzen der Stadt verwendet worden scyn sollenden Summe von Gulden. Sie drangen daher in der Folge auf nähere Untersuchung dieses wichtigen Gegenstands sowohl, als auch, wegen der starken Sreucrauflagen, die man seither den Bürgern gemacht, solche aber von deren wirklichen Nothwendigkeil und zwekmäsigen Verwendung nicht hinlänglich überzeugt hatte. Der Stadtschreiber, dem bei dieser Lage der Sachen vielleicht nicht wohl zu Muth seyn moch, te, suchte daher dem, nunmehr über seinem Haupt geschwebten Ungcwitter listiger Weise dadurch vor» zubeugcn, indem er zu seinem einseitigen Vortheile die Bürger Weil's, als Rebellen, am Wiener Hofe schriftlich anzuschwarzcn, sich bemühte. Hiervon unterrichtet sandten !zt die, hierüber auf» gebrachten Bürger zwccn aus ihrer Mitte, nem» sich den Martin Kurte und Jerg Köhler, ln ihrem Namen als Deputirte nach Wirn, um dort, mittelst der naiven Schilderung ihrer ge» rechten Klagen, diese Vcrläumdung von sich abzuwälzen. Am 20. April it>7Z. langten nun diese Depu» tirten von ihrer Wiener Gesandtschaft wieder in Weil zurük an; worauf denn, vorhincrzählter- masen, jene Untersuchung vorgcnomwcn, und solche nachher am 12. August selbigen Jahrs geendigt, und überhaupt die ganze Sache sammt und sonders gütlich beigelegt ward. Am 14. gedachten Monats reisten nun erwähnte kaiserlichen Kommifsär's an den Ort ihrer vorigen Bestimmung wieder ab von Weil; ließen jedoch noch so lange einen Korporal auf Exekution dort liegen, bis die, damals nicht gänzlich bezahlten dcsfallsige Untersuchungökosten bis auf den Iczten Heller vollends berichtigt waren. Dis ist der sogenannte Weilerstä dt er Bürgerlärm, der die edeln patriotischen Gesinnungen der Bürger Wei l'S eben so wenig verdächtig machen oder verdunkeln kann, als es dem ewigen Ruhme des Volks der Römer schadet, daß sie manchmal, ihrer Freiheit zu lieb, bald mit, bald ohne Grund, den heiligen Berg bezogen. Also immerhin daure auch sein Andenken! *) Diese Nachrichten sind aus den Manuscripten alter Bürgerfainrlien Weil's gezogen. X !Ü4 Es ist nicht schimpflich für Weil's Bürger, daß sie ein so lebhaftes, so leicht reizbares Gefühl für ihre Rechte und für ihre Würde hatten. Denn, wer edel denkt, läßt sich nichts nch« men izjid nimmt auch Andern nichts l 35 . Weil, während des pfälzischen Erbfolge- kriegs vom Jahr 1689. Nicht leicht wird ein gcbohrner Teutscher seyn, dem die grausame Verheerung der Pfalz in dem Kriege wegen der pfälzischen Erbschaft, bis zum Ryswiker Frieden, noch unbekannt geblieben wäre. Ein Volk, welches für das feinste, artigste und fröhlichste gilt, welches damals das goldne Zeitalter seiner Literatur hakte, und durch Waffen» macht dem ganzen Welttheil furchtbar war — die Franzosen kamen über den Rhein, raubten, mordeten, brannten, tobten mit einer Grausamkeit, wovon kaum die Geschichte der rohesten Völker ein Beispiel hat. Die Veranlassung hiezu war folgende: Im Jahre lb?i. vermahlte sich Herzog Phi« lipp von Orleans, der Bruder des allge« 76 ; fürclMcn Königs Ludwig XIV. mit Elisa« bcth Charlotte, der einzigen Tochter Karl Ludwigs, Kurfürsten von der Pfalz. Karl Ludwig, der ,68-i. ohne männliche, folgefähige Erben starb, hatte sie zur Alleinerbin aller seiner Eigenthnmsgüter cingcsezt. Ludwig XlV. sprach nun für seinen Bruder einen grosen Thcil der Kurländer, und, wegen de>selben, Siz und Stimme auf dem teutschen Reichstag an. Andre Ursachen, deren Rcchtmäsigkeit sich hier nicht untersuchen läßt, kamen noch Hinz», und französische KriegSschaarcn überfluteten die Pfalz. Dis schöne Land, fruchtbar, wie kein anderes, mit Städten und Dörfern besäet, in dem rauhcrn Teutschland das Bild des milden Italiens, ward nun, auf Befehl des Kricgsministcrö Lonvois kannibalisch verwüstet, die Städte Mannheim, Heidelberg, Kreuznach, Alzen, Oppen« heim, Bacharach, Frankcnthal, Brct« ten, so wie die markgräflichcn Städte Baden, Durlach, Ettlingen, Mühlburg, und Pforzheim, bis auf den Grund abgebrannt und der Erde gleich gemacht. Gleiches Schiksal stand nun auch dem, Pforz» heim benachbarten Städtchen Weil bevor. Nur allein die, am 25. Oktober 7688« gelei« stete Bezahlung der, demselben auferlegten Brand« steucr von ein Tausend Reichs thalern ver« schäfte diesem Städtchen eine Scherz» oder Ret« tungs wache dafür, welche die Franzosen: „8snv-?j-!>r6t:" nannten. Ausser der Entrichtung dieser, zwar sehr küm» nrerlich hie und da zusammengcborgtcn, für die damalige geldklcmmen Zeiten sehr vielbedcutendcn Summe, hatte die gute Stadt Weil noch man» che drükende Last durch Einquartirung feindlicher Völker, die hin und her zogen, bei diesem pfälzischen Erbfolgekriege zu crdulten gehabt. 36 . Schuldenzustand der Stadt Weil zur Zeit des siebenjährigen Kriegs, in der Folge vermindert durch den patriotischen Bürgermeister Amon Gail, vom Zahr 175h — 1703. So oft die Franzosen die Völker am Rhein» ström, bekriegten, so oft ward die Stadt Weil der drükcndcn Theilnahme an den derartigen Kriegslasten unerbittlich ausgesezt. Daher kostete allein der siebenjährige Krieg diese Stadt, die damals ri Mann im Feld verpflegen mußte, ohne die übrigen Reichs» und Kraispräsianden, über wehr, dann 2g,ooe> Gul» den. Dennoch tilgte sic allmahlig diese Schuld, theils, mittelst genauer Verwaltung ihrer Einkünfte, thcils durch Einführung einer guten Wirtschaft, nicht minder durch die, vom Magistrate selbst geschehene Abstellung mehrerer, sonst unter ihm üblich gewesener Zechen und Scl'mauscrcncn, so wie auch durch Entsagung anderer, ihm, recht» mäsigerwkise, zugcsiandencr Accidcnzien. Aber die Hauptbahn zur Tilgung jener Kriegsschulden brach hauptsächlich der würdige Bürgermeister Anton Gall. Dieser — einzig und allein für daS gemeine Wohl bei jeder Gelegenheit auf's redlichste bedacht — schoß ans Patriotism' von seinem eigentümlichen Vermögen, jener Stadt in ihrer bedrängten Lage ein Kapital von zwanzig tausend Gulden, und zwar nur gegen die geringen Zinnse von drei Proccntcn vor; wodurch dann der gröste Thcil erwähnter Schulden auf einmal getilgt waid. Än dieser beträchtlichen Kapitalsummc durften jedoch jährlich nicht mehr, als looo Gulden — deren Veninnsung dann aufhorte — nach und nach adbczahlt werden. Durch dielen edcln Ang ihres damaligen Bürgermeisters vcrschaste sich dir Stadt nicht nur auf's neue hie und da wieder ikF —— Kredit, sondern deren Bürger wurden zugleich auch, in Ansehung der bisherigen drükenden Auflagen in der Folge um ein Merkliches erleichtert. Dis war dann Fürsten wonne für An» ton Gall, den Biedermann, der schon seit sieb» zehn Jahren, jenseits des Grabes, im Land der S«cl!gen für seinen Edelsinn belohnt, in hohem Regionen weilt! 37 . Die Realschule in Weil, oder: Denkmal des würdigen Patrioten Anton Gall. Wenn solche, die in Schlachten, mit besond« rem Muth oder Kunst, die Menschen, ihre Brü» der, erwürgten, bei der Nachwelt genannt werden, so verdienen cs gewiß die, welche um sich her und noch nach ihrem Tode Gutes thaten, in höherem Mase. *) S. gcogr. statist. topogr. Lexikon von Schwaben vom Jahr igor. S. 1070 — 1077. 2. Bands. Der einzige, dermalen noch bekannte unter den Wohlthätcrn Weil's leztercr Art, mar der vormalige Bürgermeister, Anton Galt daselbst. Denn die Realschule in Weil verdankt ihre gegenwärtig verbesserte Einrichtung vorzüglich der Freigebigkeit dieses edcln Patrioten, so wie zugleich auch dem Eifer des dasigcn Magistrats. Ersterer, der würdige Anton Gall gab nemlich zu deren Verbesserung ein baarcs Kapital von vier Tausend drei Hundert Gulden her, und lies noch ausser dem, auf seine Kosten, das Schulgebäude weit geräumiger und schöner machen, denn cS zuvor war. Die Stadt hingegen gab die Materialien dazu. Durch diese, ächtdeutschpatriotische Freigebigkeit ward nun der Magistrat in den angenehmen Stand gcsezt, statt des vormalig einzigen Lehrers, nunmehr deren drei anfzustellen, mithin den Kindern Weil's dazu den schönsten Weg zu bahnen, um in mehreren Lehrgegenständcn, welche für, nicht studiren wollende, Bürgerssöhne nöthig sind, hinlänglichen Unterricht zu erhalten. Zu dem Ende ward eine zwekmasige Schulordnung verfaßt, über deren Befolgung sowohl, als über das ganze Schulwesen — jezv die Nor» mal sch ule genannt — überhaupt eine eigene Kommission wacht, die auS dem Syndikus und drey Rathsgliedern besteht. 172 Die, bei dieser Normalschule gegenwärtig befindliche drcy Lehrer sind nun folgende ; nemlich: r.) Herr Engelbert Molltor, welcher in der Normalschule zu Linz, unter der Leitung des verewigten Herrn Bischofs Gall einfi gebildet worden, 2.) Herr Jaksb Schöninger und endlich Z.) der Augustiner-Religiöse, Herr Melchior Meyer, der nebenher auch lateinischen Unterricht der Wcilerstadter Jugend gibt. Jenes von Gall, aus teutscheni Biedersinn gestiftete Kapital wird nun von zwcen Pflegern ve maltet. — — Jüngling Wcil's, der du diese wöhltha» tige Anstalt zu deiner Bildung von deren Stifter gcnicsest, dessen heilige Gebeine auf dem bürgerli» chen Bcgräbnisplaze bei Sankt Michael ru» hen; — diesem errichte in deinem Herzen ein Denk« mal des Danks, das in deinen Handlungen lau» ter für ihn zur Nachwelt spricht, als jene simple Grabschrift, die ihm in Weil ein Stciumez auf folgende Art in einen Sandstein grub: „17c-,. den 17. May ist in Gott seelig „verschieden, Herr Anton Gall, Bur» „gcrmeistcr, seines Alters 7b. Jahr, . „Gott sey ihm gnädig!" *) S. geogr. statisi. topogr. Lexikon von Schwaben 2» Band v. I. i8or. S. 1071. 38 . Johann Brenz, der Aeltere. i?' Schwaben, dessen Bewohner von jeher in Worten und Thatcn sich durch ein eigenthümliches Gepräge von Teulschheit auszeichneten, und in gewissen Zeitabschnitten Thaten vollbrachten, die den bewundertsten des AltcrthumS kühn zur Seite gesezt werden dürfen; — dis Land, fruchtbar an Eeniecn, wie kein anderes, hat je und je Männer gezeugt, die entweder in stillen Kreisen die hoch« sten Tugenden übten, oder in der Literatur der Teutschcn, so wie nicht minder in der Astronomie und Kirchcngeschichtc, als Sterne der ersten Gross leuchteten. Ein Beispiel lezterer Gattung liefert uns jczt die Stadt Weil an einem Manne, der aus den nicht gar grossen Mauern derselben hervortrat, erst mit eisernem Flcise sich ganz in die Wissenschaften vergrub, und dann, wie selbst seine Zeitgenossen ihn nannten, der verdienstvollcste und unerschrokcn» sie Mitarbeiter Luther's am grosen Werke der Reformation ward. Und dieser ist — Johann Brenz, in den meisten Schriften aber Brentzen, oder, wie er sich selbst nach seinen, noch vorhandenen, Briefen 172 unterschrieb, Johann Brentz, lateinisch, 7 o- kannss örentins, genannt. Sein Leben ist so reichhaltig an sonderbaren Ereignissen, so, daß ich, um die Gcdnlt des le» senden Publikum's durch eine ununterbrochene Be» schreibung derselben nicht zu sehr zu ermüden, cs am zwckmasigstcn finde, eine Biographie von dir« sem groscn Manne in bcsondcrn Zeitabschnitten, nach meinen geringen Kräften zu entwerfen. Diesem Plane gcmäs, schreite ich nun sogleich zur Periode Dessen Geburt und ersten Bildung. Johann Brenz erblikte das Licht der Welt am 24. Juny igyy in der vormals schwäbischen Reichsstadt Weil. Sein Barer war vier und zwanzig Iah» re hindurch, Stadtschultheis.daselbst und nannte sich Martin Brenz; seine Mutter hingegen hies Katharine, gebohrnc Hennigin. Weil nun dieser junge Brenz just am Tage Johannis, des Täufers, gcbohren ward, so liessen ihn seine Leitern, nach der Sitte und Gewohnheit der damaligen Zeiten, an seinem Ge» burtstage taufen und ihm daher den Namen: „Johannes," beilegen. Schon in seinem sechsten Jahre zeigte er einr besondere Lernbegicrde, worüber seine Aeltern eine herzliche Freude hatten und deshalb weder Sorge noch Kosten sür seine Bildung sparten. Da sie aber in Weil zu seinem zwckmäsi'gen Unterricht keine Gelegenheit hatten, so schiktcn sie ihn in seinem eilsten Jahre nach Heidelberg in die Schule, und bald darauf auch in jene nach Vaihingen; in welch leztcrm Ort er von dem, um jene Zeit berühmt gewesenen Johann Schmid- lin, in den freien Künsten Unterricht erhielt. Nach seinem zweijährigen Aufenthalt daselbst kehrte Brenz, mit den nbthigen Vorkcnntnissen ausgerüstet, wieder nach Heidelberg zurük, wo die berühmten Männer, Rudolf Agricola. 0. Johann Reuchlin aus Pforzheim und Erasmus von Rotterdam, sich aufhielten. Dort ward er sogleich, (in seinem dreizehnten Jahre,) unter die Zahl der Studenten der Universität ausgenommen; und schon in zwei Jahren darauf, nach dem damaligen Studienplane, zum Baccalaureus der freien Künste krcirt. In lezterm Ort unterrichteten ihn damals in der Philosophie, die gelehrten Theologen, Theobald Billican und der (in der Zeirfolge beim Kaiser Karl V. gewordene Rath) Johann' Kncllcr. Ausser diesen hatte er noch folgende zu seinen Lehrern, ncmlich: den Johann Oekolampa« dius, sonst Hausschein genannt, in der grie« chischm Spraä)e; in der hebräischen hingegen den Spanischen Rabbiner, Johannes Matthäus, (der in der Folge ein Christ und Doktor Medicina ward,); endlich ,'m theologischen Fache die Dokto» ren, Peier ScheibLnhard, Georg Nigrin und MarcuS. Dort studirte er zugleich mit den nachher so sehr berühmt gewordenen Theologen, Philipp Melanchthon, Bucer, Schnepf und Fr echt; so wie auch mit Fesler, der nachher Doktor der Rechten und Wi'rtcmbcrgischer Kanzler ward. Dieser durchaus berühmten Männer Freund» schüft suchte sich unser Brenz durch seinen uner» müdcten Fleiß von jener Zeit an, für immer zu erwerben. Denn er pflegte gleich nach Mitternacht schon von seiner Lagerstätte aufzustehcn, und an seinem Studierpulte zu arbeiten; eine Gewohnheit, wo» durch er sich nachher eine Schlaflosigkeit zuzog, die ihn sein ganzes Leben hindurch folterte. Ausser einem guten Genie, das ihn Alles leicht fassen machte, war er mit einem so guten Ge« dächtnisse begabt, daß er Alles, was er nur las, vollkommen behielt. Im Jahr 1517, mithin gerade im achtzehn» len seines.Alters, ward er Magister und im 175 folgenden Jahre darauf schon kector Ontuberm! oder Aufseher der sogenannten Rcalium Bürse (Lursos klealium ke^ns,) zu Heidelberg. Nach diesem hielt er eine öjsputstionem guolliibetu- l'iorn; dann las er drey Jahre hindurch, mit vielem Beifall über die sogenannte b'ummulss ?etri biisxoni, über die griechische Sprache, über die Dialektik, so wie auch über den Homer und S u e t o n» Sein förmlicher Uebertritt in den geistlichen Stand. Luther machte im Jahr 1518. eine Reise nach Heidelberg zu der, daselbst verabredeten Versammlung seiner Ordensbrüder, der Augustiner- mdnchcn. Dort hielt' er am 26. April gedachten Jahrs eine Disputation über verschiedene Saze von der Rechtfertigung und von den guten Weiten. Brenz, der dielen, Auftritt mit beiwohnte, und Hier die erste Anleitung zu einem richtigen Begriffe von der wahren und achten Theologie erhielt, fieng izt an, eine besondere Hochachtung für Lut Hern zu empfinden. Er suchte daher in genauere Bekanntschaft mlt r76 - ihm zu treten, und in dieser heiligen Materie sich häufig mit ihm zu unterhalten. Angcfcucrl von Lulher's nachherigen Erklä- rung des Briefes an die Galater, so wie nicht minder durch Melanchthvn'ö Gemeinsprü» che, (Dooos commune«) aufgcmuntcrt, entschloS sich Brenz, nunmehr selbst die heilige Schrift gründlich zu studiren. Nachdem er nun zu dem Ende Luther's Schriften durchlescn, dann solche mit der Bibel verglichen, hiedurch aber überhaupt nähere Aufklärung in den Wahrheiten der christlichen Religion erlangt hatte, so ficng er au, in zuvor erwähntem Kollegium den Evangelisten Matthäus zu erklären und dann Luther'S Lehre, sowohl heimlich, als öffentlich zu vcrlheidigcn»- Hierdurch bekam nun Brenz in kurzer Zeit einen so groscn Zulauf von Zuhörern, daß er, in Rüksicht anderer Studenten, die nicht auf der sogenannten Realium Börse wohnten, des engen Raums wegen in dem Hörsale der philosophischen Fakultät diese seine angefangene Vorlesungen sort» zusrzen, sich genöthigt sah. Allein, eben dadurch zog er sich den ganzen Haß der damaligen Theologen zu. Denn diese säumten sich nicht, ihn unter dem scheinbaren Vorwände öffentlich anzugreifcn, als ob es nicht schiklich wäre, daß ein Mann, wir Brenz, der "77 doch keinen geistlichen Orden habe, und zumal noch an einem solch öffentlichen Orte, wie nem» lich der philosophische Katheder seye, theologischen Unterricht gäbe. Brenz suchte hingegen diesen Vorwurfschon in seinem Entstehen dadurch- zu vernichten, indem er sogleich in den geistlichen Stand förmlich übertrat. Auch erhielt er schon im Jahr 1520. ein Kanonikal bei der heil. Geisikirchc zu Heidelberg, *) ward zu dem End in Speyer zum Priester geweiht, und las im Jahr 1522, damaliger Sitte und Gewohnheit gcmäs, in Weil, seiner Vaterstadt, die erste Messe. Dann fuhr er im Predigen und in seinen akademischen Vorle« sungen zu Heidelberg auf's neue fort. Sein Ruf nach Schwäbisch Halle. Bei Gelegenheit, als einst in Schwäbisch Hall eine Predigersstelle erledigt ward, wandte sich der damalige Stadtrath, wegen Wiederbcse» zung jener Stelle durch ein anderes taugliches Subjekt, an den Johann Isen mann, der um diese Zeit in Heidelberg studirte. Dieser *1 S. Johann Peter Kayser's Wer. Schau- plaz der Stadt Heidelberg vom Jahr l?ZZ. Kap. XII. z. 14. S. ilü —117. '178 - empfahl sogleich unfern Brenz, als einen Mann, der Seines gleichen weder im Predigen, noch in andern Eigenschaften finden würde. Er begleitete ihn daher selbst, mit Genehme» gung des Magistrats, persönlich nach Halle. Dort legte Brenz in seinem, damals kaum zurükgclegtcn, 2zigsten Jahre, am Tag Mariä -Geburt des Jahres >522. seine erste Predigt ab, die, seiner angenehmen Anssprache und seines gründ» lich gelehrten Vortrags wegen, bei seinen damali» gen Zuhörern allgemeinen Beifall fand. In eben diesem Jahr ward er daher als wirklicher Prediger in Halle mit einer Besoldung von fünfzig Gul« den angcstcllt. Daselbst lehrte er mehrere Jahre hindurch mit grosem Nuzcn und ungerheiltem Beifall. Unter seiner, ihm anvcrtrautcn, Gemeinde verbreitete er nach und nach die evangelische Glaubenslehre; wovon die, in der Stadtbibliothcke zu Hall noch gegenwärtig aufbewahrt werdende, Brcnzische Manuskripte über seine daselbst cingeführte Reformation und Kirchenordnung die hinterlaffcnen Zeugen find. Anfangs fand er zwar sehr heftige Gegner an den Franziskanern, welche, nach damaligem Schrot und Korn, ,'n den schmähevollsten Predigten wider ihn los stürmten. Allein Brenz erwicderte dis, gegen all ihr Erwarten, mit schonender Dullung in seinen nachherigen Predigten, worin» er sich aller Anzüglichkeiten gegen dieselbe gänzlich ent» hielte. Da seine Gegner, ihres Privathaffes ge» gen ihn ohngcacht, seinen Predigten dennoch häufig zuhbrten, so bemühte Er sich, die reine Lehre mit aller Bescheidenheit auf der Kanzel vorzntragen, und eben so auch die, damals noch in der Reli» gion geherrschten Jrrthümer mit kurzen Worte» selbst aus der heil. Schrift zu widerlegen. Im Jahr 152g. untcrlicS schon Brenz das bisherige Messe lesen; schäfte allmählich auch andere, damals noch üblich gewesenen, Mißbrau» che bei seiner Gemeinde ab, und führte dagegen geradeswegs Luthrr'S Glaubenslehre bei ihr rin» Bei dem nachher (in den Jahren 1524 und 1525.) bekanntlich erfolgten Bauernkriege gerieth aber Brenz deshalb in grose Gefahr. Den.» Viele beschuldigten ihn, daß er durch seine Neuerungen in Kirchensachcn dieses Uibel in den dorti» gen Gegenden befördert habe. Schon bedrohten die Bauern des Hällischen Gebiets mit einer förmlichen Belagerung die Stadt Halle; und es fehlte wenig mehr daran, daß nicht auch selbst deren Einwohner sich noch sogar mit jenen Rebellen damals vereinigt hätten.. Allein Brenz predigte ihnen Patriotismus zu, und deklamirte überhaupt wider die ausgebrochen« Flamme der Empörung von der Kanzel so nach» druksvoll, daß die Einwohner von Halle die aufrührischcn Bauern — welche schon eine halbe Stunde von der Stadt, nemlich bei Gottwolts» Hausen, mit 4000 Mann sich gelagert und die Stadt zu beschiesen gedroht hatten — sogleich muthvoll angriffen und samt und sonders in di« Flucht schlugen. Seine Verrichtungen in Religions« und Sludienangelegenheiten von 1529—1543. Weit gefehlt, daß vorerwähnte schiefen Ur« thcile und Aufwieglungen seiner Feinde ihm schaden konnten, dienten sic vielmehr dazu, ihm seine Achtung bei allen Rechtschaffenen und darunter vorzüglich beim Herzog Ulrich von Wirtemberg nur noch zu vermehren. Denn dieser sandte ihn im Jahr >529. zum bekannten Rcligionsgespräche zwischen den Reformieren und Lutheranern nach Marpurg in der Absicht, zur Vereinigung dieser beiden Parteien, die nur noch einzig in der Lehre vom heil. Abendwal von einander abwichcn, mit Andern gemeinschaftlich mitzuwirken. - Nicht minder vorsichtig war sein Betragen zu Augsburg, woselbst die Morgen, öthe des lichten Tages in der Religionsgcschichtr izt anbrach. Denn dahin hatte Kaiser Karl V. ,'m Jahr 75Z0. einen Reichstag ausgeschrieben, um dort die entstandenen Rcligionsstrcitigkeiten, z. B. wegen des Messclesens, wegen der Pr teste re he, der Lehre vom he > l, Abendinal, so wie in Ansehung der Klostergclübden und der Ge« walt der Bisch öffe in geistlichen Din» gen, in seiner, höchst eigenen Gegenwart zu un» tersuchcn und dann auch darüber zugleich zu «nt» scheiden. Brenz nahm nun dort, wo damals die Pro» tcstanten ihr GlanbcnöbekänntniS dem Kaiser über« reichten, an all dergleichen Gesprächen und Ver« Handlungen der evangelischen Theologen seinen war» men und thätigen Antheil; und zwar in Gesell« schast Philipp Melanchthon's und deS Wirtembergischen Pfarrers l). Erhard Sch nepf, welche mit den Theologen der Gcgcnpartic, Na» mens 0 . Johann Eck, und l). Johann Cochlaus aus Nürnberg, über die vorbe» weiten Rcl'gionsgegenstände sich in eine Disputa« tion einlassen mußten. Bei Gelegenheit dieses Reichstags führte Me» lanchthon unfern Brenz bei einem gewissen Bischofs mit den Worten auf: „ksverenäWme Oomine, bin bademns ta- „csrllotem, l.utkernnum coslibem." (das ist: Ehrwürdiger Herr, hier stelle ich Jh» i8r - - nen «inen u^rverheyratheten Lutherr« scheu Pfarrer vor.) Der Bischof lobte nun deshalb den Brenz und ermahnte ihn, seinen ledigen Stand nicht zu verändern. Brenz aber, der sich für den Ehestand geschaffen fühlte, achtete nicht auf dessen Rath, sondern verhcprathete sich gleich nach seiner, im Jahre > -zzi. erfolgten Rük« kehr von Augsburg nach Halle. Dann erhielt' Er- (im Jahr 1534.) vom Herzog Ul r ich von Wirtcmberg den Auftrag zu Wiederherstellung der in gänzliche Abnahme gckomme« neu Universität Tübingen. Zu dem Ende vcr« willigte der Magistrat zu Halle unseren Brenz den, von gedarbtem Herzog für ihn nachgesuchten, einjährigen Urlaub. In Gemeinschaft der um jene Zeit berühmt ge« wesencn Männer, Philipp Melanchthon, Joachim Camerarius, Leonhard Fuchs und mehrerer Andern arbeitete izt Brenz, als Herzoglicher Kommissär, an besserer Einrichtung der Tübinger Universität, so wie am Entwurf zwekmäsiger Statuten für dieselbe. Wie nun bei dieser Gelegenheit einige von obigen Mitarbeitern die akademischen Gradus verwarfen, so nahm sich Brenz auf'S eifrigste der lcztcrn an, und bewies, daß solche als öffentliche Ermunterungen zur Gelehrsamkeit und Tugend für die Studirenden daselbst beizubehaltcn, unumgänglich nothwendig seyen. Da mit vorhin erwähntem Aufträge des Bren» zen auch jener in Bctrcf der Einrichtung des Re« ligionswescns im ganzen Wirtcmbergcr Lande zu» gleich verbunden war, so konnte nachher, nie eine Zusammenkunft oder Gespräch in Religionssachen, ohne Zuziehung des Brenz, gehalten werden. Lczterer wohnte daher im Jahr 1537. dem sogenannten Schmalkaldischen Bunde bcy. Da ihm aber dessen Schluß sich zu lange vcrzb« gerte, so machte er sich bald wieder von da nach Tübingen rükreisefcrtig, nachdem er zuvor dem v. Johann Bugen Hagen den Auftrag hin» terlics, zehn Artikel in seinem Namen zu uu« terschreiben; welches denn auch jener für Ihn that. Nachdem nun Brenz die Einrichtung der Universität Tübingen in der Icitfolge ganz vol« lendet harte, so kehrte er von dort aus, statt sei» ms nur zu diesem Endzwek vom Magistrat zu Halle erhaltenen einjährigen Urlaubs, erst im Jahr 1540. wieder dahin zurük. Noch in die» sem Jahre mußte Er aber dem Religionsgcsprache zu Hagenau, so wie im folgenden Jahre (1541.) auch jenem zu Worms wieder milbci» wohnen. Späterhin, nervlich im Jahre >542. verlangte ihn Herzog Moriz von Sachsen zu besserer Einrichtung der Leipziger Universität. Im Jahre 154z. hingegen erhielte Er sogar den Ruf als Professor nach Tübingen selbst vom 184 Herzog Ulrich von Wirtemberg, und zwar an die Stelle des, zur selben Zeit verstorbenen de» rühmten v. Paul Konstantin Phryg io,^ vormaligen Professors der Theologie und Prcdi» gerö in Tübingen. Allein Brenz lehnte diesen Nuf, so vortheil» hast er sonst für ihn gewesen wäre, ans folgenden Gründen ganz bescheiden von sich ab, eines theils nemlich, weil ihn der Rath zu Halle, oder viel» mehr die dortige Gemeinde aus besonderer Anhang» lichkeit für ihn, nicht von sich entlassen wollte, und anvcrnthcils, weil Er selbst keine Neigung zu jener ihm angctragenen Stelle bei sich fühlte. Seine Flucht aus Halle, so wie sein sonstiges Msgcschik. Der km Jahr 1546. ausgebrochene sogenannt« Schmalkaldische Krieg war izt die Grund» läge zu mancher tiefen Wunde, die in der Folge» zeit dem guten Brenz das harte Schiksal schlug. Denn, nachdem im Jahr 1547. bas kaiserliche Heer unter Karst V. die Stadt Hall eingenom» men hatte, so umringten die, unter dem Kommando des Herzogs von Alba vorausgeschikten spanisch« Truppen sogleich des Brenz en Haus. Dann stürmt«« sie grimmig mit ihren Hclle- barten auf dasselbe los, und drohten, im Fall man es ihnen nicht alsbald öfnen würde, den Pfarrer Brenz, der indeß dazu kam, ohne weiters zu erstechen. Hierauf ward nun sein Haus geplündert, wah» rend dem Er sich mit Weib und Kindern zur Hinterthär hinaus in Sicherheit begab. Schon des folgenden Tags nach seiner Flucht erschien ein spanischer Bischof, der die ganze Biblio» thek und alle zurükgelassene Schriften des Bren» zen durchsuchte. Unglüklicherweise fielen nun dem» selben, bei Eröfnung des Brenzischcn Schrcib- pults, mehrere Briefe, die Brenz mit Andern, des Schmalkaldischen Kriegs halber, gewechselt hatte, zuerst in die Hände. Zudem ward cs auch ruchbar, daß Brenz vormals in seinen Predig» ten die Bürger öfters zur Gegenwehr wider die Feinde ihrer Religion ermahnt und aufgefordert hatte. Man säumte daher-nicht, dieses, unter Mit» theilung jener Vorgefundenen Briefe, sogleich dem Kaiser von der gehässigsten Seite zu hinterbringen. Darauf erfolgte nun pldzlich der Befehl zur ge« fanglichen Verhaftung des Brenz en, der da» malS deswegen in der äußersten Gefahr seines Le» ibens schwebte. Eben daher sah' Er sich genöthiget» zu seiner Sicherheit, sich eine Zeitlang auf einem hohen Thurme zu verbergen, bis er endlich am St. Thomastage Gelegenheit fand, vcrklci» dct, zuerst in das Hospital, und dann von dort aus, mitten durch die spanische Soldaten, aus der Stadt mit einem kranken Weibe und sechs Kindern in's Elend zu wandern. Nächtlicherweile, und zwar bei der strengsten Kalte und der ungesiümmsten Witterung befehlen» rügte Er so seine Flucht in die benachbarte Ge» gend; einzig in der cdeln Absicht, um nicht durch sein längeres Dableibcn den Einwohnern von Halle bei den feindlichen Truppen unangenehme Auftritte zu verursachen, oder sie überhaupt dadurch m Verlegenheit zu sezen. Nach dem, bald darauf erfolgten, Abzüge deS Kaisers, (der am >6. Dezember gedachten Jahrs selbst persönlich in Hall erschien, und damals viel gnädiger, als mau anfangs von ihm erwar» tete, gegen diese Stadt sich bezeugt hatte,) kehrte hingegen Brenz, zur Wicdcrbeklcidung seines vo« rigen Amts und zur Wicdcrbewohnung seines, in» deß rein ausgcplündcrtcn Pfarrhauses, im Gefolge seiner Familie wieder in die Stadt zurük. Im folgenden Jahre izq.8. lies nun Kaiser Karl V. durch Julius Pflug, damaligen Bischof zu Naumburg, so wie auch durch Michael Sidon, vormaligen Suffragan des Erzbischofs zu Mainz, und nachherigen Bischof zu Merseburg in Sachsen, und endlich durch den, aus Eisleben gebürtigen, in Diensten des Kurfürsten Joachim von Brandenburg gestandenen, seiner Gelehrsamkeit wegen, sehr be« rühmt gewesenen Theologen, Johann Agri» cola, eine neue Vereinigungsformel in Augsburg entwerfen. Lcztcre sollten ncmlich die katholischen und protestantischen Parteien un» terd essen (daher sie auch den lateinische» Namen: „Interim" führt,) annehmen und unterschreiben, bis ein freies allgemeines Concilium zu Stand käme. Da nun Brenz im ganzen Reiche sehr hoch» geschäzt, daher zu besorgen war, cS möchten auch andere Stände, wegen Annahme oder Verwerfung des Jnterim's, ganz nach den Gesinnungen unseres Brenzen sich richten, so suchte der kai» scrliche Minister und Kardinal, Nikolas Gran» vella, wegen Annahme jenes Jnterim's, sehr stark in ihn zu dringen. Allein nichts dcstowcniger widersezte sich unser Brenz diesem Interim, welches er nur „Interi- tum« (den ^Untergang der Protestanten) zu nennen pflegte, auf's eifrigste. Ja, er bewies, als er auf obrigkeitlichen Befehl sein Gutachten über das Buch „Interim" — welches, nach deS Kaisers Befehl, von allen Ständen ohne Ausnahm angenommen werden sollte — nach» her ausgestellt hatte, daß solches nichts anders, als schnurstraks wider die heilige Schrift streitende Lehrsäze enthielte. In diesem hierüber schriftlich von sich gegebenen Aufsaz erklärte Er zugleich frcimü» thig, daß Er, für seine Person, und sollte cs ihm auch sein eignes Leben deshalb kosten, zur Annah» me jener schlimmen Gla ubenö form cl« sich nie entschließen würde. Sobald nun dis durch zuvorcrwähntcn Kardi» nal Granvella, dem man desBrenzcn Pro» testationsschrist darwider eingchändigt hakte, dem Kaiser hinterbracht ward, sogleich sandte Lezterer einen Kommissär nach Halle, mit dem Befehl, ihm unfern Brenz lebendig oder tod zu überliefern; wiewohl Manche behaupten, daß die» ses, ohne Vvrwisscn des Kaisers, mithin einzig durch obigen Granvella wäre veranstaltet wor, den. Dieser Kommissar hatte, gleich nach seiner An» kunft inHallc sich verstellterwcise in eine freund» schastliche Unterredung mit unserm Brenz cinge» lassen, ihn dann als Gast zu sich eingeladen und ihn sofort herrlich bewirthet; während dem Er insge« heim schon die Pferde dazu bereit halten lies, womit er den Brenz so ganz in der Stille gefan» gen mit sich aus Halle fortschleppcn wollte. Da jedoch dieser erste Plan erwähntem Kom« missär damals misglükte, so sann derselbe zu desto sicherer Vollendung seines rachevollen Auftrags, auf einen andern Kunstgrif. Diesem zufolge de« rief er izt den Magistrat zu Halle, unter rveislicher Verbergung seiner Absicht, zusammen. Den hierauf erschienenen Gliedern desselben nahm er sogleich einen förmlichen Eid darüber ab, all dasjenige geheim zu halten, was er ihnen im Namen des Kaisers, seines Herrn, nunmehr vor» tragen würde. Nach diesem Auftritt cröfnete er ihnen ohne weitern Rükhalt, daß er den Auftrag habe, ihren Pfarrer BSenz gebunden von Halle nach Augsburg mit sich fortzuführen. Wür« den nun die Rathsglicder, (sezre Er hinzu) dieses ruhig zugeben, so sollten sic an seinem Herrn ei» neu gnädigen Kaiser behalten; wo nicht? so hatte es gewiß einst die ganze Stadt Halle dafür zu entgelten. Glüklichcrweisc erfuhr dis auch Brenz; über den vorzüglich die göttliche Vorsicht damals zu wachen schien. Denn es fügte sich, daß Phi» lipp Büschlcr, ein Mitglied des Raths, erst, nachdem von den übrigen Gliedern desselben der Eyd schon abgelegt ward, in die RathSstube trat und diesen Vortrag des Kommissars mit anhdrte, ohne daß dieser in seinem Eifer, womit er zu den übrigen Rathsgliedern drohnngsweise hmrcdete, die» sen Umstand damals wahrgenommen hatte. Sobald nun jene Rathöversammlung geendigt war, sogleich that B ü sch l c r dem Pfarrer Brenz die ihm drohende Gefahr durch ein Briefchen mit folgenden sechs Worten kund: „ku^s, tngs, „Lrenti, cito, citius. citissime." (d. i. Mein Lieber Brenz, machen Sie Sich aus dem Stau» be, so geschwind Sie nur immer können.) Diese warnende Zeilen überbrachte nun dem Brenz dessen treuer Kollege, der O. Isen» mann, und zwar am Johannistage, wo Brenz zur seyerlichen Vollendung seines damals «ingetretenen Geburts» und Namensfestcö, um sein Abendbrvd in Fröhlichkeit und munterm Scherze mit den Seinigen zu verzöhrcn, just bei Tische saS. Sobald aber Brenz jenes Briefchen durchlesen hatte, sogleich stand er vom Tisch auf, stellte sich bei den Seinigen, als war Er nur auf wenige Augcnblike irgend wohin eilends abgernfen worden; und dann begab er sich spornstreichs mit seinem biedern Isen mann zur Stadt hinaus. Zufälligerweise stieß ihm gerad unterm Thore der vorbcnannte kaiserlich« Kommissar auf. Dieser fragt' ihn sogleich, wo Er hinwolle? Brenz erwicderte demselben aber mit aller Ge» genwart des Geistes: „Er wolle in der Vor» „stadt nur einen kranken Freund besu» „ch cn." Und, als jener Kommissar im, hier» auf eingelcnktcn, Tone der Gastfreiheit den Bren» zen ferner fragte: vb Er nicht des andern Tags bei ihm zu Mittag speisen wolle? so antwortete ihm Brenz: „Wenn Gott will" und — mit diesen Worten eilte Brenz zum Thore hin» aus, und so — entgieng er zugleich auf immer den rachgierigen Händen dieses Kommissars! Nicht lange darnach stand es an, als schon rin Trupp spanischer Soldaten sein HauS bestürm» te», und alles darinn durchsuchten, was sie als eine Beute mit-.sich hätten sortschleppcn können. Allein der größte und vorzüglichste Theil von des Brcnzen Haabe ward schon zuvor von dessen Freunden und Anverwandten aus seinem Hause be» reits irgend wohin vorsichtsvoll in Sicherheit ge» bracht. Nun irrte Brenz auf dem Lande unstat und flüchtig herum. Des Tags hindurch verbarg er sich ncmlich hie und da in diken Wäldern, und zur Nachtzeit begab er sich zu seiner Familie, die in einem Dorfe sich aufhiclt; worinn Er unter der Hand vom Grafen Erasmus von Lim» purg seinen Unterhalt empsi'eng. Die Gemeinde zu Halle, die unter so be« wandten Umständen unfern Brenzen nicht lan« gcr mehr, als ihren bisherigen Pfarrer behalten konnte, gab ihm >zt volle Freiheit, sein besser Heil und künftigen Unterhalt sonst irgendwo zu suchen; und nahm nachher den bl. I ob a n n Ia kob G rc» ter an Brenzen Statt, zu ihrem Pfarrer auf. lyr Brenz wird unverhoft Wirtembergischer Amtmann und verweißt' nachher einem Dorfpfarrer seine lange Predigten. Da Brenz bei seiner vorhinerwähnten Lage sich keineswegs mit einiger Sicherheit öffentlich bliken lassen durste, so lies ihn Herzog Ulrich von Wirtemberg, der ihn in seinen Landen indcß in Schuz aufnahm, durch seinen damaligen Ge» hcimschreiber.Jakob, nach dessen eigenem Gut» finden — wovon der Herzog geflissentlich keine Notiz uahm — heimlich versteken, nur, damit er dem Kaiser erforderlichen Falls, schwören könnte. Laß Er nicht wisse, in welchem Orte seines Lan» des der Pfarrer Brenz zu finden seye. Dieser Gehcimschreiber brachte hierauf denselben auf die, i;t zerstöhrte, Burg Wittlingen bei Urach in Sicherheit, allwo unser Brenz seinen Kommentar über den drey und. neunzigsten Psalmen niederschrieb. Nicht lange stand es an, als schon ein kaiserlicher Kommissär im Gefolge von Soldaten, mitten in der Nacht, zum Herzog rannte, und von diesem zur Eröfnung des, (zwischen Kanstatt und Eßlingen gele, gcncn) alten BerqschlosseS Wirtemberg, (wor» inn man feindlicher Scits den damaligen Aufent» halt des Pfarrers Brenz witterte,) sogleich den unbedingten Befehl zu geben, begehrte. Nachdem nun gedachter Herzog von seinem ver« trauten Gcheimschreiber die sichere Kunde von dem Nichtbefiitden des Brenzen auf jenem alten Schlosse, insgeheim zuvor eingezogen halte, so gestattete Er jenem Kommissär und dessen Mannschaft mit aller Bereitwilligkeit dort die vergebliche Durchsuchung nach ihm. Da jedoch Brenz bei dieser Lage der Sachen sich in den Wirlembergischen Landen nicht sicher genug glaubte, so begab Er sich, mit Genehm!» gung des Herzogs und auf dessen Unkosten, (wiewohl verkleidet,) zu mehrerer Sicherheit nach Basel. Seinen Weg dahin nahm er anfangs über Strasburg, woselbst er bei seinen geistlichen Amlsbrüdcrn einkehrte. Dann begab er sich von dortauönachMdmpelgard zum Herzog Christoph; und von hier gieng Er, in Begleitung des Doktors Nikolas Stad mann, gerades» wegs nach Base l. Dort erbfnere Brenz dem dasigcn Magistrat sein bisheriges Misgcschik als die einzige Ursache seiner Ankunft. Er bat daher zugleich auf eine Zeitlang um ein sicheres Obdach sür sich in Basel. Nicht nur bewilligte ihm dis der damalige Magistrat daselbst auf der Stelle und zwar mit der großmülhigstcn Thcilnahmc an seinem widrigen Schiksale, welches Brenz demselben mit den ungeschminktesten Farben,.so ganz im Tone altdeut» IY 4 - scher Biederkeit an's Herz gelegt hatte, sondern Brenz ward a»ch in der Folge selbst von den Basler Bürgern, so wie auch von den da» maligen Professoren der dortigen Lehranstalt mit der ausgezeichnetsten Achtung und mit den wohl» thatigsten Gesinnungen der Gastfreundschaft lieb» reich ausgenommen. In Basel hatte Er, einige Monate hindurch, in dem Hause der Wittwe, des chmals berühmten Theologen Simon Gryuäuö, sich ausge» halten, und wahrend dem seinen Kommentar über den EsaiaS vollendet. — Dort pflegte einst Brenz, aus Anlaß der, bis izt über sei» nein Naken geschwebten, manchfachcn Verfolgern» gen, sich unter anderen über sein Schiksal auSzu» drüken: „Er habe nun aus der Erfahrung ge» *) Im Jahr 1507. erhielt Simon Grynäus in der, damals berühmten, Stadtschule zu Pforzheim zugleich mit Philipp Melanchthon den ersten Unterricht in den Ansangsgründen der Wissenschaften; und zwar von den damaligen Lehrern daselbst, Namens Nikolas Gcrbel, dem berühmte» Rechlsgelchrten und Historiker von Pforzheim gebürtig, und Georg Simmler von Wimpfen; welche Beide, als in der Griechischen Sprache vorzüglich sich ausgezeichneten Männer, einst bekannt waren. S. llenr Pantaleon, prolopozra- pbise berat um stgue illullr, viror. tolius 6ermani« k. III, x. 40. zzi. «t 275. „lernt, daß keiner die Psalmen Davids „recht verstünde, der nicht durch grosses Kreuz „und Trübsal gegangen wäre." Wie er aber in der Folge die traurige Hiobspost erhielt, daß seine in Hall zurükgelassrne treue Ehegattin M a rg aret h e, blos über seinem Schiksale der Verbannung, im Jahr , 548. sich zu tod gegrämt habe, so verfügte Cr sich nunmehr als Wittrver mit seinen Kindern in das Schloß des schwarzwäldischen StädracnS Hornberg. Um ihn nun hier für all weitern Nachstellun» gen desto sicherer zu stellen, machte Herzog Ulrich von Wirtembcrg unfern Erpfarrer Brenz nun» mehr zum Amtmann — oder wie Andere bchaup» tcn wollen — zum Obervogt in Hornberg; worauf Brenz sogleich seinen Geschlechts-Namen veränderte und sich k^ulllericus Lncauüius, oder tcutsch: „Huldreich Engster" nannte. Ihm war es zwar in gewissem Betraci t angenehm, daß man ihn in dortiger Gegend für einen Beamten hielt. Jedoch ward er nicht von Jedermann dafür gehalten, indem sein strenges sittliches Betragen von jenem der sonstigen Beam- *) Der Vorname davon sollte eben das neinliche, was Zobannes ist, so wie der Zuname Lncauüiu-, b. ulior, eben das, was Brenz oder örcntlur bedeutet, ausdrükcn. S. klsüil krs-f. welche er den xudlicir ^Vürlenberzic!- vorgkskjk. tcn der damaligen Zeit —welche sich meist auf'S Spielen, Saufen, Fluchen und auf Liebes Hände ln legten— nur allzusehr abstach; als worüber nachfolgende Anekdote schon eine kleine karakieristischc Auskunft gibt. Brenz, als damaliger Amtmann, überhaupt gewohnt, fleisig in di« Kirche zu gehen, wohnte einst unter anderm auch der Predigt eines frommen Pfarrers von dem benachbarten Dorfe Gut- ta ch bei, der damals in dem Städtchen Hornberg, woselbst der bisherige Pfarrer gestorben war, aushilfsweise predigen mußte. Da er nun jenem, nach Endigung seiner, dem Brenz damals zu lange gedauerten, Predigt, so ganz im Tone der Freundschaft angeraihen hatte, künftighin keine so lange Predigten mehr zu halten, so erwiedcrte Ihm jener Dorfpfarrer sogleich mit dürren Worten: „Euch Amtleuten „wird allemal die Zeit in der Kirche „zu lang, aber nie auf den Gastmalen „und in den Wirthöhäussern!" Nachdem aber dieser Geistliche bald darauf tddtlich krank ward, so mcikrc er wohinaus den Trostrcdeu des Brenz en, der ihn damals besuchte, daß er kein — Amtmann sey. Er brach - *) S. Leben und Schriften so d. Lr-lltll von Joh. Just von Einem, Magdeburg und Leipzig» S. 33 — 40. daher in die derben Worte gegen ihn aus: „O! „Herr, ihr seyd kein rechter Obervogt, „ihr seyd auch, wer ihr wollet!" Brenz hatte jedoch, bis nach dem erfolgten > Passauischen Vertrag, noch ruhig und un» angefochtcn auf dem Hornberger Schlolse als verkappter Amtmann sich verweilt; welcher Stelle unser Erpfarrer Brenz damals sehr leicht verstehen konnte, indem ihm der Herzog überhaupt von aller Untersuchung gerichtlicher Prozesse gleich anfangs gänzlich frcigesprochen hatte. Brenz begibt sich, statt seines erhaltenen Rufs an auswärtige Höfe, zur Kirchenversammlung nach Trient. Späterhin hatten unfern Brenz, theils Edu» ard V. König von England, und andernthcils Herzog Albert von Preuffen und Markgraf Alb recht von Brandenburg, der ihm ein Biß- thurn anbot, so wie nicht minder die Stadt Mag» deburg, die ihm eine grosse Besoldung versprach, zu ihrem Lehrer berufen. Aber Brenz schlug all biß aus, und zog sich, durchdrungen von dem erhabenen Gedanken; 198 — der Tod für's Vaterland ist ewiger Verth, rung werth — auS seinem, beinahe zwcen volle Jahre hindurch bisher gewährten Erilium, im Jahr »zzo. nur näher nach Tübingen zurük. Zu dem-Ende begab er sich nach Urach, woselbst er im Hause des damaligen Pfarrers, v. Jsenmann, einige Wochen hindurch sich verweilte; dann aber sezr er von da seinen Wandcrsiab nach Mcyerkin» gen fort und hielt sich beim dasigcn alten ehrwür» digcn Pfarrer IVI. Johann Molitor, sonst auch Müller genannt, nur einen Monat lang aus, und kehrte nachher wieder nach Urach.zurük. V -n lcztcrem Ort reiste Brenz endlich nach Det» tingcn, allwo er sich die, am ?ten September 1550. von Schwäbisch Hall abgcholte Jung» fcr Katharine Jsenmann (von Andern aber Eisenmenger in genannt) als seine zweite Gat» tin antraucn lies. Von Dettingen wandertc Er izt nach Syn, del fingen und von dort aus zulczt nach O e h» n i n g e n. So wie aber der neue Herzog Christoph von Wirtemberg seinem Herrn Vater Ulrich, nach dessen, noch in eben diesem Jahre sich ercig» neten Tod in der Regierung folgte, sogleich berief dieser unscrn Brenz cn aus seinem bisherigen Eri« lium öffentlich an seinen Hof nach Stuttgart - IYY zurük; und zwar einzig in der Absicht, um sich dcö Vrcnzcn bei der Reformation seiner, durch das sogenannte Interim auf Irrwege gcrathe» neu Wirtcmbcrgischcn Gemeinden zu bedienen. Dieser Fürst schuf izt den Amtmann wieder zum Theologen um, und ließ ihn das Werk vollenden, das er im Jahr >5,^. schon angefan» gen hatte, nemlich — die völlige Reform«» tion Wirtembergs. Diesem zufolge gab Er dem Brenz im Jahr 1551. den Auftrag, ein G laub en sbcken n t» niS über die sürnehmsten Artikel der christlichen Lehre zu entwerfen, um solches auf dem, zu der Zeit wieder hergestellten Concilium zu Trient im Namen seiner Kirchen übergeben lassen zu können. DiS geschah; und jenes Be» kenntniö, (das zu Tübingen schon im Jahr unter dem Titel: „Lonksüio V/irtenbsi^i- ca" in öffentlichem Druk erschien,) erhielte den ungctheiltcn Beifall von zehn der, damals bk» rühmtesien, Theologen WrtcmbergS. Die Herzoglichen Gesandten Dietrich von Plieningen und Johann Gerhard übergaben nun diese Konfession am 2g. Jänner 1552. auf erwähntem Concilium zu Trient. Dort erschien auch Brenz; und zwar im Gefolge der Wirtembcrqischen Theologen, D. Jakob Beuerlin, Professors der Theologie zu Tü- 200 dingen, des v. Jakob Heerbrand, *) Pa« stors der Kirche zu Herren bcrg, so wie auch deS Valentin Vannius, damaligen Pastors bei der Kirche zu Kannst« tt, nebst den Strass burgischm Theologen, 0, Johann Marpach und Christoph Soll, damaligen Predigern bei den Kirchen zu St, Nikolai und St, Au» x e l. Nachdem aber die dortigen Bischöffe sich mit ihnen hierüber nicht entlassen wollten, ja vielmehr, der, um jene Dcit mit dem Kurfürsten Moriz von Sachsen ausgcbrochenen, Kriegsflammc we» gen, selbst Trient zu verlassen, izt anfiengen, so kehrte hierauf Brenz so ganz unverrichteter Sachen und noch obendrein mit äusserster Lebens» gefahr, im Gefolge seiner übrigen Begleiter, von Pa wieder in sein Vaterland zurük. Im Jahr 1556« führt« Er mit v. Jakob An- dreä und O. Simon Sultzcr in den sämtlichen Landen des Markgrafen Karl II. von Baden die Reformation ein; weshalb Lezterer den Heerbrand zu sich nach Pforzheim berief. S. Llirilkopli. küsttksei klslbl skia «t lcripta publica ecclpf, Vsirtemberx» Publn^oo 17-0. in ^to, p. S58. 20 l Brenz wird Probst zu Stuttgart und Epho» rus bei der Tübinger Universität, so wie auch bei andern, aus Klöstern errichteten Schulen. Herzog Christoph von Wirtemberg, der überhaupt eine besondere Vorliebe für unfern Brenz und dessen Verdien ste um die Reformation seines ganzen Landes gehegt hatte, ernannte Denselben an die Stelle des I a« kob von Westerstetten, im Jahr l 55Z. zum ersten Evangelischen Probst bei der söge» nannten Stiftskirche zu Stuttgart. Eben dieser Herzog, der damals sein ganzes Vertrauen a.if unfern Brenz gesezt hatte, übertrug ihm auch nachher über die Universität Tübingen die Aufsicht. Diese beiden Acmter bekleidete Er denn auch mit beispielloser Treue und unermüdetem Fleise bis an sein LebcnsEnde. Er schrieb und lehrte ununterbrochen; entwarf als Probst zu Stuttgart eine fürkrefliche Schuz- schrjft wider den Petrus ü 8c>to, (welchen Brenz gewöhnlich nur /Xlotum zu nennen pflegte,) einen spanischen Dominikaner, zuerst gewesenen vieljährigen Beichtvater Kaisers Karl V. vvd nachherigen Professor der Theologie auf der Akademie Dillingen, welcher die Wirtem» vergliche Konfession zu widerlegen, cs wag re. *) Im Jahr 1557. wohnte Brenz dem Reli« gionsgesprache zu Worms, und im Jahr izbr. auch jenem zu Elsas za bcrn bcy. Auf seinen Vorschlag verwandelte der Herzog noch verschiede» ne, im Wirtcmbergischen übrig gebliebenen, Kld» stcr in nüzliche Schule»; als worüber Derselbe ihm auch die Aufsicht übertrug. Sein Testament. Die Kräften unseres Brenzen fiengcn izr an, allmählig abzunehmen. Bei Gelegenheit, als Herzog Christoph von Wirkcmberg im Jahr l^bZ. das Icilliche verlies, »nachte sich Brenz schon vorläufig darauf gefaßt, daß er ihm auch bald in die Ewigkeit werde nach» folgen müssen. *) In der Folge erschien auch eine Apologie unter dem Titel! sodann IZrentii, Probsten zu Stuttgarden EhrenRettung wider die üble Nachreden etlicher Sächsischen Theologen, sonderheitlich des Galt und Stoltz, Fürstlich Weymarischcn Hofpredigers, wegen der ausgegangenen Wirtemberg. Kirchenordnung und Catechlsmi. S. LbrM. IVlatiK. aüs et lcripta publica eccler. VVlrtemb. p. Z70 - ZSo. Daher bestellte Er izt schon sein Haus, und errichtete ein Testament, wvrinn Er erstens sein GlaubensbekanntniS ablegtc, und dann zweitens verordnetc, wie es einst nach dessen Tode mit seinem hinterlassenden Vcr» mögen gehalten werden solle. Schon ward Brenz am 17. August des JahrS 1570. von einem hizigen Fieber befallen. Wie er nun das Ende seines Lebens hcranzu- nahen glaubte, so lies er am z i. August des Morgens nach 7. Uhr alle Kirchendiener zu Stuttgart in die probstciliche Behausung zu sich rufen; Ihnen dann, nach ihrem Erscheinen , den ersten ThcIl seines Testaments, der sein förmliches Glaubensbekänntnis enthielt, durch seinen Sohn, den Doctor Johann Brenz, (in der Zcitfolge der Jüngere genannt,) in Gegenwart dcZ Ministeriums zu Stuttgart, laut vorlesen, um dadurch auf's neue zu bezeugen, daß Er auf jener Lehre, die er bei seinen Lebzeiten bisher vertheidigte, zu sterben bereit scy. Nach diesem legte Er seine Beichte ab, und cmpfieng hierauf das heil. Abendmal mit seinem Sohne und allen anwesenden Kirchendienern, die er bei dieser feyerlichcn Handlung zugleich zur christlichen Einigkeit und zum Beharren in der einmal angenommenen Giaubenslehr ermahnt Hane. Nachdem nun Brenz an seinem Fieberanfall 204 fünf und zwanzig Tägr hindurch, krank gelegen war, so überfiel ihn eine Art von Todes sch las, der dreizehn volle Stunden dauerte. Wie Er nach dieser Zwischenzeit wieder von demselben erwachte, so ward ihm von einem Prediger das apostolische Glaubensbekänntnis vor, gelesen. Da nun Brenz auf Befragen, ob er bis an sein Ende darauf beharre, ein lautes Ja erwicdette, so entschlief Er unter dem Gebet der Umstehenden mit der heitern und ruhigen Miene eines vollendeten Christen; und zwar am eiten September 1570, Nachmittags zwischen 12. und i. Uhr, nachdem er sein, meist kummervolles, Le« ben auf 71. Jahre, 2. Monate und 18. Tage gebracht; in Allem aber über fünfzig Jahre hindurch, auf hohen Schulen und im Predigamt ruhmvoll gedient hatte. Eine merkwürdige Anekdote von ihm wegen seiner Grabstätte. Brenz erwählte sich, kurz vor seinem Tode, selbst seine Grabesstätte. Zu dem Ende verordnet« Derselbe, daß man seinen Leichnam.«'» der söge« nannten Stiftskirche zu Stuttgart, zu« nächst bei der Kanzel , einsenken sollte. Er drükte sich deshalb, in Gegenwart des vor« maligen Kirchcnraths und Kanzlers bei der Uni» vcrsität Tübingen, Namens, 1 ). Jakob Andre ä, der an jenem, vom Brenz sich selbst erwählten, Begrabnisplaze neben ihm stund, in folgenden merkwürdigen, den Brenz uns näher karakterisi» rcnden Worten darüber ans: „Hier, (nemlich in der Stiftskirche zu Stuttgart, sagte Brenz,) „soll meine „Grabstätte seyn, damit, wenn etwa „nach der Zeit jemand eine andere Leh« „re von dieser Kanzel, als ich ge p re» „diget, verkündigen würde, ich als» „dann mein Haupt auö dem Grab' em» „por richten und ihm zu rufen könne: „D u lüg st." «) So starb Brenz, weiland der erst« Evan« gelische Pfarrer zu SchwäbischHall, woselbst er 26. Jahre lang in dieser Eigenschaft gedient hatte. Er war auch der erste Evangelische Probst und Kirchenrath zu Stuttgart, *) Ln der /tpoloxls pro innocentla Lrentii l'üblnxse 1582. Heist es pgx. 127. von ihm: „In bnc loco „lepelirl volo, vt t> quis ex boc LolbeUrL contrs- „riLM «ioktrinsm propoluerit ob es. ljusm exo au- „aitoribu» mels trsälcii, coput ex tepulcbro eritzer« ,,»t cllcere potüm: 2OÜ wie nicht minder der erste Evangelische Inspektor bei der Universität Tübingen: Uiber» dis bekannt als ein, um die Reformaiivn des ganzen vormaligen HcrzoglhumS und nunmehrigen Kdnigreichs Wirtcmbcrg sich verdient gemachter Gelehrter bildete daher Brenz durch seine rastlose, und, nach den damaligen Zeitum standen, mit ausserstcr Lebensgefahr verbunden gewesene, thätige Bemühungen für die Ansklärung in der Religion, nnwidersprcchlich das Kleeblatt zn den bekannten grossen Reform ationsvollen- dern, Luther und Melanchthon! Sein Leichenbegängnis. Nach der vormaligen Sitte und Gewohnheit unserer guten Alten, wornach man ncmlich die Verstorbenen gleich am folgenden Tage ihres Hin- scheidcus oder vielmehr Scheintodes, frühzeitig zu begraben pflegte, wurde Brenz, der am l i. September 1570, Nachmittags zwischen l2. und l.Uhr verschied, schon am >2ten deffelbigcn MonatS, mithin, nachdem Er kaum 24. Stunden hindurch, auf der Todesstatte lag, zur Beerdigung gebracht. Seinem Leichenbegängnisse folgten nun, ausser seinen hiuterlasscuen Erben und Hausgenossen, auch rin« grosse Anzahl von Rathen, Edclleuten, Bür- 207 gern und Pfarrern aus den umliegenden Gegenden. ") Nach den deshalb getroffenen Anstalten ward der Leichnam unseres Brenzen von den damaligen Kirchendienern in die Stuttgarter Stiftskirche getragen, und dann dort, seinem lezten Willen gcmäs, bei der Kanzel, (und *) S. »poiogla pro lnnocentia Lrentli p. l27, *') In Stuttgart fanden einst zween der gelehrtesten, und zugleich, in Abficht ihres Geburtsorts, sehr nahe Landsleute, ihr gemeinschaftliches Grab. Beide waren mit seltenen Talenten ausgerüstete Männer, die Schwabens, an Genieen fruchtbarer, Boden ehedem hrrvorbrachte. Der erste davon war mein Landsmann, O. Johann Reuchlin aus Pforzheim, der wegen seiner Verdienste um die Wiederherstellung der Literatur, rühmliü st bekannte Vorläufer der Reformation, von weichem in meiner, im Jahr 1792. im Druk erschienenen Pforzheim's kleinen Ehronik S. 56—84. sich umständliche Nachricht findet. Dieter starb am zo. Juny 1522» zu Stuttgart und wurde fso wie auch dessen Gattin) in der dasigen St. LeonbardsKirche oder vielmehr auf dem LazaretKirchhofe begraben. Der zweite von jenen berühmten Männern ist hingegen unser Johann Brenz, der Aeltere, aus Weil, der Stadt, vormaliger Re-vrmator des ganzen eheoorigen Herzogthums Wirtemberg, der obenerzähltermaien, im Jahr 1570. in der sogenannten Stifts- oder Stadtkirche zu Stutt» gart fein Grab fand. 2v8 - zwar zwischen den Gräbern zweyer Grafen ) hie» nieden zur Ruhe gebracht; worauf das — Friede sey mit seiner Asche! — der gelehrte Wilhelm Bidcmbach, mittelst einer zwekmäsigen Lcichenprcdigt, über ihn aus» sprach. Sein Epitaphium und übrigen Denkmäler von ihm. Zwischen der Kanzel und dem Altäre der vor» hin bcmelten Stiftskirche stand nun einst das, dem grosen Manne, Johann Brenz, dem Ae l» rern, nach dessen Tod errichtete Epitaphium. Dis ward aber bei Gelegenheit der Renovation dieser Kirche, mit mehreren andern, an den Sau» len derselben aufgehangt gewesenen, Epitaphien, weggenvmmen und dann in der dortigen Sakristei ausgestellt. Es war nemlich folgenden Inhalts: l). O. N. 8. Z' Zolirin nes lZrentius, 8usvus Nütione, patria Vzr- Itmsiü, l'lieoloAUS clrrrillimrrs, prsepoütus 8tutt- ßsrrjislws, Illrillritlimorvm Oricum VVürteirber- ßicoiurn sonliiiLrius inter primos repurgst» eccieÜR jnÜüurntores kurt. Scripts xroxlietio» / —- -- say et Lpoitollca in icbolis, Loncionibus, Eomi- tüs imperinlibus Rom. et lucubrmiouibus suis iliultravic sc xropa^avit, confsisionis causa exi- lium conüanter tuiit, coutiliis eccieüam et commuuem patrism juvit; Vitse iunoceutia prosejlionem ornsvit et cum in Iicc i'uo curri- cuio zo et amxlius aunos ma^uo Lccieliss commoäo laborsü'et, placilis in lsirrilko o'cxior- lnivit et summo omnium xiorum lustu hic se- pultus eü. -^nno iZ/o. n. 8ext. cum vixis- sst anuos 71. menses 2. 6ies 17. Ferner liest man in erwähnter Stiftskirche auf seinem Grabstein und zwar unter dem Bildnisse des Brenz folgende Verse, (die ebenfalls vor seinen, im Jahre 1576. zu Tübingen in 8. Folio« bänden im Druk erschienenen Schriften unjer seinem Portrait sich befinden: Voce, ü)-Io, xietate, 6äe, arciors xrobatllS ^oliannes tali IZrentius ore suit. koillarä hatte hingegen (in kibliotheca Lsl- cOAmpli.) folgendes Ehrendenkmal auf den Namen krentius, von Brennen he> geleitet, entworfen : ^rllor erss rsrse, krevti! xietatis et ilium ^räorem mcsnäit KeliAioms smor. »4 Unter seinem Bildnis in dem Kommentar über das Buch Hiob, zu Hagenau gedrukt, stehen folgende, aus dem Griechischen in's Latein über» sezten Verse des Martin Crusius: Oui cum Isuäe lscros libros proxe Icrixkit in , omucs, Omnibus in 8zmomeutarios. Zu seinen polemischen Schriften, di« nicht in »bigem l'om. VIII. enthalten sind, gehören noch folgende: 1. ) das bekannte 8)'Nßrsmmu 8uevicum, das Brenz den Rcformirten, wegen ihrer Lehre vom heil. Abendmal, entgegen seztc; 2 . ) die Schriften, welche, wegen des ersten THeils seines Testaments so grossen Lärm bei den Kalvinisten erregten und von den Zürchern im Druk herausgegeben wurden; Z.) öreutii Bericht von püllin^eri Hl NI« mel und Gerechten Gottes, Tübingen 1561. 8. Bei Gelegenheit, als Brenz die Auslegung deS ioü. Psalms niederschncb, fiel Er plözlich in «ine Ohnmacht, und erfüllte dadurch seine Pro» phezcihung von sich selbst, daß er nemlich mit dem Psaltcrbuch sein Leben endigen würde; welches denn auch kurz darauf wirklich cintraf. Brenz verfertigte ausser vorbemelten Schilf» ten auch einen lateinischen Katechismus, der 2lZ insgemein der Ha Nische oder Brenzische ge» nannt, und zu Wittenberg im Jahr 1572. in 8. und 12; zu Frankfurt hingegen 1596 in it>; zu Stuttgart und Tübingen aber in 8. und andcrm Format fast alle Jahr von neuem gedrukt ward. Düsen Katechismus lies Wolfgang, Pfalzgraf zu Iwcibrüken in's Französische übersczen, und nahm ihn häufig mit nach Frank» reich, wie Er den Hugenotten zu Hülfe zog, von denen man hofte, daß sie zur lutherischen Kirche übertreten würden. Von diesem Katechismus erschien' auch ei» ne Ausgabe in Ni< dersä chsis eh er Sprach e, zu Magdeburg durch Hans Walther izzy. gedrukt in 8 von 7. Bögen. Der Tübingische Kanzler, v. Tobias Wag» ner schrieb eine Lxeßefin Eateclusmi iZrentisni, welche zu Eßlingen, auf Befehl der dortigen Obrigkeit cingeführt ward. Eben so verfaßte auch 0 . Lucas Osiandcr eine kurze Auslegung des Brentianischcn Eateolrismi, die im ganzen Herzogthum Wirtemberg eingeführt wurde. Brenz verfertigte unter anderm auch eine schönt lateinische Erklärung seines Ka» techiSmuö in Frag und Antwort mit einer fürtrcflichen Vorrede von der Nvthwendigkcit und dem Nuzen des Katechismus, und von der Kate« »ih chisation überhaupt. Dis Produkt, das Brenz zwar nicht drukcn lassen wollte, beförderte doch Gaspar Greter von Gundelsheim im Jahr IZ5l, zu Frankfurt am Main in g. zum Druk, unter dem Titel: ,.t?attzclr!-!wms pin et ntür ex- ^licntione illultrntus, llrentio uuäbors.'l Selbst N^elanchthon schäzte diesen Kate« chismus des Brenzen sehr hoch, und gab ihm sogar vor dem seinigen den Vorzug, mit dem Wunsch, daß noch vor Herausgabe desselben, solcher vom Brenz wäre dnrcblcsen, und dann hie und da verbessert worden, indem lezter^r ihn an Gelehrsamkeit ükcrtreffc. Es ist der Mühe wcrth, daß ich das bescheidene Ur- theil dieser beiden grossen Männer, (die ihre Talente vorzüglich sür's allgemeine Bsste der Reli, gion, so wie zur Erbauung der Christen verwendet hatten,) in Absicht ihres beiderseits besonders entworfenen Katechismus hier aushebs. Melanchthon äusierte sich nemlich «egen deS Dren zischen Katechismus auf folgende Art, die uns zugleich einen Hew.ess davon gibt, wie sehr der sogenannte Handwerksneid von den damaligen achtdeutschen Gelehrten entfernt war, wovon ich freilich die Kontcoversprcdigcr und orthodoxe Klopf- , fechter, die eigentlich in's Irrenhaus gehörten, hier ausschlieffe» Melanchthon sagte nun in der Vorrede zu seinem eigends verfertigten Katechismus: ^Optarim Lrentlum, gui et eruciitlone excellit, ,t lstM kz; ^SLellas sute esticionem, liomm sstkibulsi». Brenzen's lateinischer Katechismus, der gleichsam ein Supplement von jenem des Doktors Luther war, wurde auch zum Gebrauche für die Nichtlateincr, von Hartmann Beyer, vormaligen Prediger zu Frankfurt am Main, im Jahr izzl. in's Tcutschc übersezc, und erschien so« wohl daselbst im Jahr »552, als auch zu Wir» tenberg in den Jahren izdz und >572. öffentlich im Druke. Ausser diesem Brenzischen Katechismus, der noch izt im Wirtembergischen gelehrt wird, wurden auch folgende Schriften des Brenz, ihrer Fürtreflichkeit wegen, in fremde Sprachen über» sezt, nemlich: s) eine Predigt, die einst Brenz über tzs. XI,, z — 5. am Johannistag gehalten hatte; et quseäsm mutslle." Brenz hingegen urtbeilte in seiner Vorrede zu dem seinigen, folgendes vs» Metanchthon'L KotechesiS: „tllkli opus elk- sr- dllkor, Kuno Ubelluin csteckeieoi longs cooclon« evmwenäsre. ü suüorir tsntum oomen i„ä!-> «Lveio, nlkll rsllguum erit, guoä spuä »erre ple^ tstli üuälolo» commenästloni äekt. Korlpfit enlm Kuno ilbellum kk!l. blelsncktkvn, guo unq verbo äuss i»sr virtuter u- tlmr et kliilippu; sVlelanclitkon"; auf dem Revers hingegen die Worte: ob lervatam kempublicam Lkrilkinam, ^nno sVIOXXV. ersichtlich sind. Mit einer sehr seltenen Denkmünze von Melanchthon prangte ehemals das Gräfliche Kabinet zuArnstadt. Deren Avers zeigte nemlich Melanchthon's Brustbild mit der Randschrift: ,,?KMppur IVIelancli- tbon. ^etatia luoe l,XI; der Revers hingegen stellt einen Löwen vor, der auf einem, mit einer goldncn Krone gezierten offenen Helme aufrecht sizt, und selbst auf seinem Haupt eine Krone trägt, in seiner rechten Pfote oder Pranken einen Hammer, in der linken aber eine Zange hält; auf beiden Seiten hingegen mit Lorbeei zweigen bis an dessen, mit Papierrollen links und rechts umgebenes Haupt hinauf, umwunden ist, mit der zirkelförmigen Raudschrift: 8i I)eu» pro Nabi,,, quir contra nos. S. Christian Junker am angeführten Orte 9.152; allwo Derselbe die Vermuthung hegt, daß diese, wahrscheinlich im "ahr 1558. geprägte Medaille, ein satirisches Sinnbild auf Flacius, den vormaligen Professor Thcologiä zu Jena, (welch r ein heftiger Gegner des Melanchthon's zur Zeit der Neformations- geschichte war,) vorstellen soll. Der Verfasser, wel- 22Z einer einseitigen Denkmünze von ziemlicher Gröse aufzuweisen. Auf selbiger befindet sich nemlich des» cher daher in seiner Anmerkung hierüber, diesen Fla- cius, als einen ergrimmten Löwen, den Me- lanchthon mit der Zange fassen, und mit dem Hammer zerschmettern, oder das nemliche von Me- lanchthon an dem Flacius ausüben lassen will, irrte hier nun sehr gegen die Wappenkunde; indem der Revers vorbcnannter Denkmünze nichts mehr, und nichts weniger, als senes Melanchtho- nische eigene GeschlechtsWappen (bis auf die, des Melanchthon's schriftliche Rcligionsver- handlungen bei der Reformation vorstellende, oben am Revers befindliche Papierrollen,) blos allein verstellt; — ein Wappen, das einst dessen, unt.rm Namen: „Georg Schwarzerd, der Acltere," von Breiten bekannt gewesener Vater, von dem Kaiser Maximilian I., bei dem Er sich, als dessen vormaliger Waffenträger oder Rüstmeisrer sehr verdient gemacht hatte, als ein besonderes Gnadenzeichen verliehen erhielt. Man vergleiche damit meine (,m Jahr 1805. zu Eßlingen bei Johann Christoph Lochner >m Druk herausgekommene, ganz umständliche Nachricht von Melanchthon und seiner Familie enthaltende) so betitelte Bretten's kleine Chronik pag. 74 — 75. ei 28?. Philipp Melanchthon hingegen führte sein Geschlechtswappen nicht fort, sondern bediente sich, statt dessen, eines andern» sich selbst gewälten, welches, (wie ivlches der vormalige Je'uit Jakob Greiser in seinem Buch: „eie Lruce" beschrieb,) 224 scn Brustbild, wornach unser Brenz im Kir» chenornate vorgestcllt mit der linken Hand gegen die rechte hin, die Bibel hält. in Christian Juncker's Ehrengedächtnis Lutheri p I 5 Z. abgebildet steht. Dis Wappen (welches ebenfalls aus den Titelblättern der im Jahr 1566. im Druk erschienenen Ep i steln des Melanchthon'r befindlich ist,) stellt nemlich „sine, gleichsam gekrönte, „Schlange vor, die sich um ein hölzernes, auf einem „Herze ruhendes, Kreuz windet, und mit einem „ziert ch ausgeschnittenen länglichten (oder vielmehr „vvalrunben) Schilde umgeben ist." — Auf diese« Melanchthonische Wappen verfertigte einst oben erwähnter Jesuit folgendes satirische Sinngedicht: „jure, kliillppe, libiLedpens pro stemmate sertur: „eälpir «rar vivus, mortuua sspir erar. ,,-älpia es ln Ubrlr, cruce äignu; «5 inluper alta: „Lrux ergo et lerpenr l/mbola jure tibi." Dis Epigramm findet fich nun in Christian Juncker's Ehrengedachtnis Lutheri p igg. auf folgende Art in teutschen Knittelreimen übersezt: „Eine Schlange führt iVIelanclniion statt des Pitschafts in dem Schild, „weil er lebend und im Tode selbst war einer Schlangen Bild. „Solches zeigt er in den Büchern. Weil er denn nun henckens werth, „darum hat er Creutz und Schlange fich zum Wappen-Bild begehrt." S. ChristianJuncker am «ngeführtenOrtc p. 15s. Den Rand jener Denkmünze selbst aber umgibt die lateinische Jnnschrist: I0^IML8. MLNTIVS. T«L0l.06V8. Brenzen's häuslichen Umstände und Karakter. Einzig in der Absicht, um nicht den Faden der Geschichte zu zerreißen, Hab' ich zur Schilderung der FamilienUmstände und häuslichen Tugenden unseres Brenzcn, deren ich bisher zu rvenig erwähnte, hier noch einen bcsondern Abschnitt, zur Befriedigung der, rege gemachten, Wißbegierde des lesenden Publikum's, gewählt. Brenz war nemlich ein Mann von ansehnlicher Lcibesgrösse; dessen Gesundheit hingegen stark, rvie seine Stimme; und er für seine Person, ward, des friedliebenden Karakters und angenehmen Umgangs wegen, bei Jedermann beliebt und hochge« schäzt. Bei widrigem Geschike zeigte sichBrenz zwar geduldig ausharrend, jedoch unerschroken in den grössesten Gefahren, und standhaft in den, einmal anerkannten, Wahrheiten der Religion. *) S. Christian Juncker'S güldenes und silbernes EhrengedächtniL Lulheri» Frankfurt und Leipzig ä« 1706» x. lüL. -L Eben daher mußte Brenz, sowohl von den Häuptern der Grossen, als auch von mehreren, seiner damaligen theologischen Zeitgenossen man« cherlci Arten der Verfolgung, oftmals ungerechten Haß und unverdiente biltern Vorwürfe dulten und bekämpfen. So beschuldigte man ihn z. B. des Nesio» rianiöm', so wie auch dessen, daß er ein An» Hanger der Irrlehre des vormaligen Nürnbergs» scheu, nachher zu Königsberg in Prcuffen ver» storbenen Theologen, Andreas Osiander's, in Ansehung unserer Rechtfertigung durch die we« sentliche Gerechtigkeit Christi gewesen, seye; so wie man nicht minder unserem Brcnzen, vcrläum» derischer weise nachsagte, daß Er, als öfters ge» wesener Gehcimerrath, sich hie und dort auch in weltliche Händel gemischt habe. Hingegen traten aber M. Ludwig Melchior Fischlin und Joh. Balthasar Beyschlag, sso wie vorzüglich, in Hinsicht der leztcrn Beschuldigung , der vormalige Wirtembergische Abt zu St. Georgen, Namens Andreas David Carolus, in dessen sogenannten Wirtember» gischen Unschuld, als seine standhafte Ver» theidiger auf. Brenz war seiner Zeit ein Theologe, gerade nach dem Herzen Gottes, nnbestechbar, ganz von allem Eigennuz und mithin auch in all seiner Handlungsweise von jedem Schein der Niederträchtigkeit entfernt; wie folgende Anekdoten uns hiervon nähern Aufschlus liefern. Als ihm einst Herzog Christoph von Wkr- temberg für die Zueignung seines Kommentar's über die Epistel Pauli an die Römer, ein Geschenk von einhundert Gvldgülden überreichen lies, so lehnte Brenz die Annahme dieses Geschenks großmüthig von sich ab, nur damit es nicht scheinen möchte, als ob Er mit Gottes Wort einen Handel treiben wollte. Und, als ihm der Kardinal Karl von Lothringen im Jahr »562. zu Elsaszabern, bei Gelegenheit, als Brenz der dort abgehaltenen Kirchenversammlung mit beiwohnte, eine goldene Schüssel von grossem Werth 'oder — wie Andere behaupten — einen silb e rv erg ül- deten Pokal, als ein Geschenk bestechungswcise zusteUcn lies, so schlug Er dasselbe ebenfalls aus, und sandte dis seinem Geber mit den Worten zu- rük: d. i. „der Fein« „de Geschenke sind keine Geschenke."! Nachdem nun jener Kardinal diese Schüssel oder Pokal durch einen eigenen Boten späterhin dem Brenzrn nach Stuttgart nachgeschikt hatte, so sandte Lezterer dein Kardinalen jenes Geschenk gleich wieder durch den nemlichen Boten zu- rük. Dis that Brenz einzig in der redlichen Ab« rZ* X ,s8 ——— sicht, um nicht den Verdacht auf sich zu wälzen, als ob Er mit den protestantischen Gegnern in der Religionsgeschichte heimlich einverstanden wäre. Brenz suchte überhaupt keine irrdische Beloh- nung für seine Bemühungen um die Religion , so wie Er auch hienieden keine Schadloshaltung für seine häufig erlittenen Unfälle und Widerwärtigkeiten hofte. Denn er pflegte in Ansehung der Leztern sich mit den Worten gewöhnlich aufzurich« len und zu trösten: „Gott wird mir für ei- „ne einzige Unze Trübsal hienieden, „einst im zukünftigen Leben tausend „Pfund Freude und Herrlichkeit gewähren." Noch verdienen folgende zween Anekdoten von ihm hier einer vorzüglichen Erwähnung. Einst reiste nemlich des Kaisers Maximilian 1i. vormaliger Hofprediger und Rath, so wie auch nachheriger Pastor bei der Kirche zu Lauingcn, Namens Johann Sebastian Pfauser, auS besonderer Neigung, den grossen Theologen Brenz, den er sehr hoch schazke, persönlich kennen zu lernen, — nach Stuttgart» Bei seiner Ankunft daselbst erfuhr er von seinem damaligen Eastwirth nicht nur, daß Brenz gegenwärtig zu Hauß scyc, sondern daß solcher auch des andern Morgens früh in der nächsten Kirche predigen würde. Psauser, in brr sichern Vcrmuthung stehend, daß Brenz, als ein damals bekannter grosser Kanzelredncr, einen ansserordcnllichcn Zulauf von Zuhörern in der Kirche haben würde, schikte sich daher dazu an, gleich beim ersten Geläute in des» sen Kirche zu seyn, um noch bei guter Zeit um «inen schiklichen Plaz oder Raum zu einem Siz« für sich gewinnen zu können, von wo aus er den Brcnzen genau sehen, und all dessen Predigcr- gebährden deutlich beobachten könnte. Was geschah? Das erste, zweite und dn'ttr Zeichen ward schon mit. der Glvke — deren fcier» licher Schall die frommen Bäter zum Tempel rief — gegeben, und man begann bereits ein Lied zu singen, als endlich die Zuhörer in sehr ge rin» ger Anzahl in jener Kirche sich einfanden. Pfauser, der diesen Auftritt keineswegs erwartet hatte, geriet!) daher auf die Gedanken, daß dis» mal nicht unser Brenz, sondern ein anderer Pfarrer, an dessen Statt, in erwähnter Kirche predigen würde. Er glaubte deswegen nichts an» dcrs, als daß ihn sein Gastwirt!) mit der Nach» richt, daß Brenz diSmal predigen werde, fälsch» lich hintergangen hätte. Nachdem nun der Kirchcngesang geendigt war, fv bestieg izt ein Mann, ehrwürdig durch sein graues Haupt, ganz gravitätisch die Kanzel, und hielt dann «ine Predigt in den rührendsten AuS« drüken an das Volk hin. rzo Pfauser blieb jedoch immer noch zweifelhaft wegen der geringen ZuhörcrZahl, ob wohl dieser kraftvolle Kanzelrcdner wirklich selbst der Brenz, oder einer von dessen Kollegen scyn möchte. Um sich nun naher hievon zu überzeugen, verfügte sich Pfauser, gleich nach dem Ende der Predigt, selbst zu diesem Geistlichen auf's Chor, und fragte ihn dann, indem er ihn freundlich grüßte, nach seinem Namen. Brenz cmdckte sich ihm hierauf mit aller Bescheidenheit, und nahm ihn mit gastfreier Miene sogleich mit sich in seine Wvhnung zurük. Auf dem Hinwege konnte nun Pfauser nicht umhin, um'crm Brcnzen sein besonderes Erstaunen über die damals sehr geringe ZuhörcrZahl bei seiner fürtrcflichcn Predigt zu erkennen zu geben; und zwar mit dem Beifügen, daß Er, an Brcn« zcns Stelle, einem so kleinen Häuflein Zuhörer zu lieb, nicht einmal auf die Kanzel gestiegen wäre» Brenz lächelte ein wenig hierüber, und klagte dem PfOu sc r zugleich, daß die Verachtung des göttlichen WortS beim gemeinen Volke dermal an der Tagesordnung scye: Allein, als sie unterwegs bei einem Brunnen mit einander vor« Übergiengen, so fragte Brenz den Pfauser; „welches wohl die grdste Tugend dieses Brunnens wäre?" Nachdem nun Pfauser sich bei ihm damit .- rzi «ntschuldigte, daß er, als ein, so eben hier zum erstenmal in dieser Stadt angekomwener Fremd« ling die Eigenschaft und Bestandtheile jenes Brun» riens nicht wissen könnte, w erwiedertc ihm Brenz in folgenden, ganz naiven gleichniswcisen AuSdrü« krn: ,-D icse r Brunnen r ek o mmc nd^iret „sich deswegen, weil er Wasser gibt, „cs mögen nun viele oder wenige dar» „aus schöpfen. So muß auch ein Die» „ner des göttlichen Worts beschaffen „seyn, er muß Wasser des Lebens ge» „beu; csmdgen nur einige oder viele „zu ihm kommen." Brenz pflegte, (hier im Vorbeigehen gesagt,) seine Predigten nicht selbst zu konzipiren, sondern dafür nur etwas für's Gedächtnis auf Jedeln la« tcinisch aufzuzcichnen. Daraus formirte nachher JakobGretter, vormaliger Pfarrer zu Schwä» bischHall dessen Predigten in damals üblich ge» rvescnen lateinischen Styl, und gab solche zum Gebrauche für die, der lateinischen Sprache Un» kündigen, in der Folge in teutschem Druk heraus. Nun gehe ich zur zweiten Anekdote über: In den Wirtembergischen Landen, wo man vor Arsten über die guten Werke so stark von den Kanzeln herabdonuerte, stunden in einem dessen Kloster, Nor Halden genannt, folgende, sehr merkwürdigen Verse: Lx rnerl!:o Clirilli tuntnm sulvumnr abunäs, Lrgo tuis suLtis ns kiäas oxtime kruter. D. k. (Nur allein durch Christi Verdienst werden wir gerechtfertigt; verlasse dich daher nicht, mein lie« der Ordensbruder, auf deine guten Werke.) Da nun sowohl Brenz, als auch andere Ge« lehrte im Jahr t-züi. obige Jnnschrift wahrgenommen und gelesen hatten, so suchten sie miteinander den Prior und die Mönche daselbst zu beschämen, indem sie solche damit überwiesen, daß sie irrig Höften, blos durch ihre Klostergelübde und guten Werke den Himmel zu verdienen, der nur allein durch Christi Verdienst erworben seye. Aus Unwillen hierüber zerschlugen nachher die Mönche diesen Stein mit zuvorerwähnter Inn« schrift; damit anzudcutcn, daß sie mehr auf ihre guten Werke, als auf Christi Verdienst bauten. Bevor ich zur eigentlichen Familiengeschichte unseres Johann Brenzen übergehe, so sey es mir erlaubt, von dessen Aeltern hier einer kleinen Erwähnung zu thun. Bisher umständlich erzähltermasen, trat Jo« Hann Brenz, der Aeltere, von der katholi« schen Religion, die, nach der damaligen Zeit, noch mit vielen Jrrthümern und MiSbrauchen ungefüllt war, zu jener, erst in seinen JünglingsJahren an'S Licht getretenen evangelischen Glaubenslehre über. Natürlich war es also, daß dessen Aeltern, nach ihrer Ucberzeugung, auch — ihres Söhnes Beispiele hierinn folgten. Eben daher hatten aber, nachdem die Aeltern unseres Brenz gestorben waren, die katholischen Bürger der damaligen Reichsstadt Weil selbigen den gewöhnlichen Begräbnisplaz da» selbst zu ihrer Ruhestätte verweigert, und ihnen, statt desselben, sonst irgendwo auf einem unge» weihten Grund und Boden ihren Ruhe» Punkt bestimmt. *) Nun wieder zu unserem Theologen, Johann Brenz, dem Arlteren, zurük. Dieser war in seinem Leben zweimal verhev» rathet. Das erstemal vermahlte sich Derselbe gleich, nachdem er von den Religionsverhandlungen auf dem Reichstage zu Rrgensburg wieder nach Hall zurükgrkehrt war, im Jahr rzzi. mit ») Vilj. Ueorlcl ksntLleon. krolopoxrspIiiT!,«- roum stque Illultr. vlror. toliu5 zermanise IH» 6e IZ66: p. 28 °, allwo es heiSt: /oznnes Srenlini ustui elk In oppläo Imperil VuII» »ä l/Iv-im läsr- elsnLM zo. Ivo/ I4YY. kstrem dsbuit dtsrtlnum Lrentluni, et mstrem Lktlierinam IIennIclilrin, qul xstefskko lili temporibur Lvrnxello klil Oel, IIIsm «äläerunt pletstl» conkeHlonem, ut clve», (i^uldur Hlirtinu» »Ilguot snnir IVIzxllkrrtu prsekuerst,) uktstsm leplllturs« negrrlnt, «t In xroxlisn» 3xr» conäläeilot etc. 2Z4 Margarethe, weiland Johann Wetzel's, des inncrn Raths, Hinterbliebenen frommen und ehrbaren Wittwe, einer gebohrncn Greterin. Mit dieser zeugte Er, während einer achtzehnjäh» rigcn Ehe, sechs Kinder; wovon drey frühzeitig gestorben, zwey Töchter und ein Sohn seines Namens, ihm hingegen bei seinen Lebzeiten viele Freude gewährten. Seine einte Tochter Sophie hatte sich an v. Eberhard Bidembach ") vormaligen Präla» tcn zu Dedenhausen; die zwote, NamcnS Ba rbare, hingegen an v. Theodor Schnepf, rhehinigen Theologen zu Tübingen, glüklich verhcyrathet. Nach dem Absterbcn der keztcrn Tochter nahm sich unser Brenz auf's beste und zärtlichste deren hintcrlassenen zwölf Kinder an; worunter neun Töchter und drey Söhne waren. Diese seine vorhingcdachte Gattin starb nun, (wie ich dessen in einem, der vorhergehenden Ab» schnitten bereits umständlich erwähnte,) schon im *) Er war gebürtig von Grünberg in Hessen und wurde, 24. Jahr alt, Diakonus in Herrcnberg, schon im nächsten (Jahr 1555.) Spec. Superint. zu Vaihingen, im Z2sten Prälat zu Bebenhau- sen. Er starb endlich am 24. April 1597. S. Profess. Seybold vaterlänbisch. Historienbüchlein v. I. istor. S. 62 und üü. Jahr l548. zu SchwäbischHalle; und zwar aus heimlichen Kummer und Gram über seiner Flucht von da aus i»'S Erilium. Seine zwote Ehe, die er dann einige Zeit vor seiner Abreise zur tridcntinischcn Kirchenvcrsanrm» lung in seinem, damals zurükgclegten fünfzig» sten Jahre mit Katharine Jsenmannin, (von Andern Eise «menge rin ^) genannt,) aus Schwäbisch Hall gebürtig, am 7. Scpt. 155a. geschlossen hatte, war nun weit fruchtbarer, als die erste, indem er in lczterer chmals zwölf Kinder zeugte; wovon eine Tochter in der Folge mit dem Doktor Thevlvgiä und Professor zu Tü» dingen, Namens Matthias Hafenräffer, sich vcrehligte. Don all seinen Kindern, (darunter zwey auS der ersten, und zehn aus der zweiten Ehe ihn überlebten,) ist vorzüglich demerkenswerth dessen aus erster Ehe Hinterbliebener Sohn Johann, der den Beinamen, der Jüngere, zum Unterschied von seinem Vater gleichen Namens, der I 0» hannBren;, der Aeltere, genannt ward, in den nachherigcn Zeitschriften erhielte. Dieser Johann Brenz, dcrJüngere, ge» bohren zu Halle in Schwaben, am b. August izzy, ward in der Folge Doktor und Professor *) S. Leben fobsnnlo LroiUU von Joh» Just von Einem S. 42. »36 Theologia zu Tübingen, hernach am ir. Au» gust 159 r. Rath und Abt zu H irsa u. Er starb endlich am 2y. Jänner 1596. im 57. Jahre sei» nes Alters; nachdem er zuvor einen Kommen» tar über die Episteln an die Römer und Hebräer, wie anch eine Vcrthcidigung sei» neS, unschuldiger Weise, der Religion halber, verfolgten Vaters unter dem Titel: pro innocsntia örentii" geschrieben, und solche zu Tübingen im Jahr 1582. zum Druk be» fördert hatte. In der, vor dem V. I'omo der, zum Theil von ihm im Druk herausgegebenen Werken seines scel. Vaters, befindlichen schönen Iueignungsschrift an den ehrsamen Stadtrath zu Schwäbisch« Hall, schilderte er mit warmen Lobeserhebungen die von solchem, ihm selbst sowohl, als dessen gan» zen Familie überhaupt, ehmals erwiesene Wohl- thaten. Dadurch widerlegte er zugleich auch stillschwei» genderweise die, bei dem Geschichtschreiber Johann SIeidan in dessen Marginalien untergeschobene verläumdcrische Ausstreuungen gegen den vormali» gen Stadtrarh zu SchwäbischHalle. Nach solchen Marginalien, die zwar nicht' von Gleich an selbst, sondern von einer fremden Hand verfaßt sind, wird nemlich folgendes behauptet: Bei Gelegenheit, als I 0 Hann Brenz, der ! ' ^ 237 Weitere, als vormaliger Pfarrer zu Halle, ,regen des, ihm heimlich nachgestellten, kaiserlichen Kommiffär'ö, am 24. Juny 15^8, auf die, vom damaligen Rathsverwandten, Philipp Büsch» ler, erhaltene freundschaftliche Warnung, aus der Stadt Halle sich pldzlich flüchten mußte, habe man, von Seiten des damaligen Stadtraths, deS Brenzen schwanger zurükgelassene Ehefrau, aus Furcht für den, in der Nähe herumgcschrveiftcn, überall panischen Schreken um sich her verbreiteten Spanischen Truppen, »reuige Tage nach ihres Mannes Flucht aus Halle, genöthiget, mit ihren sechs Kindern diese Stadt zu ve,lassen, ohnge» acht sie damals an einer schweren Krankheit, die bald hernach ihren Tod beschleunigte, hart darnieder lag. Sie seye daher mit ihrer ganzen Familie ihrem Manne in'S Elend nachgcfolgt, und habe deswe» gen, ohne nur irgendwo eine sichere Zufluchtsstätte zu findtN, hie und da hülflos herumirrcu n üsien. Daß nun diese Beschuldigung, die der Stadt Halle hierin»? gemacht wird, rollig ungegründet seye, dis stellt die, von Johann HippolituS *) S. Ik-ar. kagtsl «on. 6« vir» illulli-. toilu, Lermimire k« ltl. p. 28l. und Leben und Schriften foksnui« LrevtlI se 1733. von Loh. Lust von Einem x. 41, er leg. Brenz verfaßte, (und zu Nürnberg im Jahr 1627. in Luart im Druk erschienene) so betitelte: „BrcnzischeJubelpredigt" um desto mehr an's Liclu, indem unter anderem darinn dieser Bren zische Enkel selbst bekennet, „daß Lrentii „Ehefrau, Margaretha, zu Hall gcstor» „b cn und begraben seye." Eben dieser, von Johann Brenz, dem Jüngern, hknterlassenc Sohn Johann Hip, politus, war im Jahr 1572. zu Tübingen grbohren. Dort studierte Derselbe und erhielt' allda im Jahr izyi. die Maglsterwürde. Dann bekleidete Er im Jahr izyg. das Diakonat zu Grönin» gen, kam von dort izyr. als Diakon nach Stuttgart; ward in der Folge Pastor und Dekan zu SchwäbischHall; km Jahr lüiI. hingegen schon Superintendent und Inspektor zu Herrenberg, und in zwecn Jahren darauf, Hauptprediger und Konsisiorialrath zu Anspach. Er schrieb verschiedene Predigten und starb in lezterer Stadt im Jahr rbzo und — mit Ihm, (dem Bren zischen Enkel,) erlosch zugleich auch das Geschlecht des, um die Stadt Halle sowohl, wegen der für sie verfaßren Kirchen» vrdnung. als auch vorzüglich um die Reformation des cbkhinnigen Herzogthums Wirtem» borg sich einst so sehr verdient gemachten Johann - »Zy Brenzen, des Aelteren, aus.der vormaligen Ncichsstadt Weil! *) Umständliche Nachrichten von Johann Brenz und besten ganzen Familie sind in nachbemelten Autoren hie und da zerstreut aufzusindcn, und zwar: S. Fried r. Jakob Beischlag'» (vormaligen Pfarrers zu SchwäbischHalle und gewesenen Lehrers am dortigen Gymnasium) Lebensbeschreibung Joh. Brentii, i. Lheil, Schwäb. Halle, igzz. 4«, welcher Theil nur bis zum Jahr 1521. geht. ^0. iZaltbas öe^lciilag in mem. krentll renovats. VVIt- teb 1ÜY4. q. kllswolz-tu! Lrentlur in besten Brenhischen Jubelpredigt und UelsUon, darinn dreyer Brentzen Leben, Beruf und Lehre, von 1522. dis auf jetzige Zeit gründlich beschrieben und erzählet wird. Nürnberg. 1627. 4. ^ill, elmur Llstenbacliiu! in der Leich-Predigt beym Begräbnis l). soll. Lreiuii. glelcli. /l.stsmi Vltse lierm. Piieol, p. 2^8. 4Z6 - 4ZZ. Jeh. Just von Einem. Leben Joh. Brentii Magdeburg l/ZZ. 8- j. Loissarst Icone« Viror. illuür. k, H. P. 8Z-leg. er ?. IV. Abt I.sstvoc,t, histor. Handwörterbuch ste 1760. x. 57°- «t 57l- Christian Juncker, in dessen güldenen und silbernen Ehrengedächtnis 8utkerl. Frankfurt und Leipzig 1706. 6. p- rü4 — r66. "keillier Llazee stee bommer fyavaur P. I. p, Z40, leg. Greller, in tiiestr, ernst, k.1, Lekk. Ill, x. rr°. ei298» keckt. in lupplsm. p. 78. Lecleeoäors in I»utkeranlrmo. I4atsIir -Ilexsväer in 8ec. XV» «t XVI, k. I. 6» II. -Irtic. ,c>. §. z. H. L. V. ssc, Hesrbrsnä In Orst. äs Vit» et Norts Lrentli» Klsrtln Ceuslu» in Csrmsno-6rsecls» p. läl.ZII. und in dessen SchwLb. Chronik 2. Band, z. Theil, y. Buch, Kap. y. S. 153 » Hiusnu ». I.tb. 47» 8 leIä » nus Ic. keuinsru» in iinsgluibur Virorum litterl» il- iulkriuin p. Z2Y. Cliriltopli Henärsick ln p»näeü!r 8r»näeb. I^lelcli. kl sc KI In in iVIsmor. Ikeol. ^ürtenberg. k. I. p. 2Z. et supplem. x» 66. lei;, /tnä. vsv. 6s roll in der Würtemb. Unschuld x. m. lei;. 6»Ip. I.»sckerur in Lreotio Ortkoäoxo. Vernk. 8turm in Lteostlck. Cent. I, 68. 14. vkse im Leben der berühmtesten Kirchen-Lehrer. 8sc. XVI. und XVII. p. dz. lsg. Io. Vsbr. In Hiü. Sibl. V. II. p. ly. ssq. «t 2Z8. Christian Gottlied Jöcher's Gelehrten Lexikon I73Z> p- 525 er 526. Christian Friedr, Sattler's topogr. Geschichte des Herzogthums Wirtemberg. 1784. in 4« S. 45. et 46. 8. 7. "nd Seite 5, M, §. 3. et §79. §. 4. Ckxtr»»» Cdroo, tax» 241 LI. fob. Llattliloe Großen histor. Lexicon Evangeli- schrr Jubelpriester in 4. 6e ,727. p. 51—55, und im Lupplem. zu dessen I. Theil ln annoMt. p, 46. I^nnsiu» in LIsntlsi'a Lonlult. et orst. sei mo- num. Uslke-nresf p. 487. LIelcli. XVolffx. Krüger, In Latslngo et Hichorio- logla IfliNe Vlrorum, gente et mente, arte et msrts, genio Ätque ingenlo Nlullrium fol IZZ. Bergnüg. müßig. Stunden. ?. IX. p. igg. LI. Joh. Michael Mehlig's histor. Kirch- und Ke- zerLexicon üe 1753. p 232—234. rnold's Kirchen - und Kezer-Historie, selin's Lexikon i.TH. p. 612. und in dessen Lupplem. x. Th. p SM. Joh. Matthias Schröckh's Abbildungen und Lebensbeschreibungen berühmter Gelehrten. 2te Auflage. Leipzig 1766. I. Sammlung. IV. Stük. Seite 31—40. Georg Heinrich Götze hat den Brenz inseinen 3?l>eologum iemi - lecularem elnverleibt. Heinrich Prescher's Geschichte und Beschr. der Grafschaft Limburg rc. I. Bd. S. 273. Pf. iö 2g2 39 . Johann Kepler. Einer der größten Sterblichen, die jemals leb» ten — ein Teutscher, Namens Johann Kepler, war cs, den die Vorsehung dazu erkohrcn hatte, den Menschen die Wunder der göttlichen Allmacht, Weisheit und Güte in dem unermeßlichen Raume der Schöpfung darzustellcn, die, vom Schöpfer den Planeten vorgezeichnete Laufbahnen auf's pünktlichste zu bestimmen, und die Geseze zu ergründen, welchen diese ungeheuren Kugeln in ihren Bahnen folgen müssen. Kepler, dessen Leben so reich an wichtigen Ereignissen ist, und soviel Einfluß auf sein Zeit» alter hatte, in welchem er, als einer der größten Sternkundigen auftrat, und als der wahre Vater der heutigen, bis zu einer erstaunenswürdigen und fast unbegreiflichen Höhe gestiegenen, Astronomie sich die gerechtesten Ansprüche auf unsterblichen Dank bei der Nachwelt erwarb; dieser würdige Teutsche verdiente daher allerdings durch einen Meister in der biographischen Kunst dem lesenden Publikum näher bekannt zu werden. Als ein, zwar unbedeutender,' Laye in dem Hei» ligthume der Biographie, will ich'S jedoch versu» chen, all dasjenige, was bisher noch kein Ge» 243 schichtschreiber vollständig von Kepler aufgezeich« net hat, nach den einzeln gedruklcn und vielen handschriftlichen Quellen, soviel an mir liegt, dem unverdienten Loose der Vergessenheit in Nachfolgen» den Zeitabschnitten zu entreissen. Diesem Leitfaden zufolge, eile ich izt zur Pe» riode Dessen Geburt und Bildung. Johann Kepler ward am 27. Dccember des JahrS 1571. zu Weil, der nun, zum Kö» nigreich Wirtemberg gehörigen, vormaligen Reichsstadt, als ein, nur sieben monatliches Kind, zur Welt gebohren, und zu Lronberg, ohnweit seinem Geburtsorte in der ersten Kindheit erzogen. Denn schon von seinem vierten Lebensjahre hielt' er sich zu Leonberg auf, woselbst sein Vater Heinrich, als Befehlshaber über einige Wirrembergische Kriegsvölker sich niedergelassen hatte. -') Sein Vater, der zuvor als kaiserlicher Hauptmann in den Niederlanden und zur See gedienet, stammte .nun von dem adelichen Geschlechte der *) S. -Ka r l I 0 j e ph 8 r> uAind Handbuch der allgemeinen Litrrargeschichte z. Band S» 149—rZo» v. 3. l7So. rü* 244 von Kepel ab, deren beide Anherren, zwei Vrü» der, im Jahr i gzr. Kaiser Siegmund selbst auf der Tiber brüke zu Rom feyerlich zu Rittern schlug. Johann Kepler ward frühzeitig mit allen Arten von Widerwärtigkeiten dieses Lebens bekannt. Bösartige Blattern, schrckliche Wirkungen eines, am Ohre erlittenen Anfalls der Pest; Dürftigkeit und häuslichen Unfälle der Aeltern, die, unter andern, seinen Vater, nachdem dieser sein ganzes Vermögen, als Bürge für einen Zrennd, .zugcsezt hattezulezt bis zu einem Wirthe einer, in Em- mcdingen gepachteten. Schenke erniedrigten; Mishclligkeiten und Erbitterungen eines kriegerisch- heftigen Vaters und einer Mutter, die sich besser für einen Sokrates, als für .inen Soldaten grschikt hätte, und die darauf erfolgte gänzliche Trennung dieser Aeltern; — all diese Unfälle schienen sich vollkommen mit einander zu vereinigen, um all die grvsen Anlagen in Kepler's Geiste zu zernichten. Aber dem ohngeacht fieng Dieser an,-, vorzüglich durch die Fürsorge seines.' Grosvaters un» rerstüzt, schon in seinem sechsten Jahre, in ej, ner tratschen Schule,, und dann im achten in der Schule zu Emmedingen, die ersten Gründe zu seinen erhabenen Kenntnissen und in lezterer - 245 Schule besonders zu jener in der Musil ") zu legen. Des jungen Kepler's Schiksal, das ihn in seinen Knabcnjahrcn öfters Jahre lang aus der Schule zu harten ländlichen Arbeiten abgcrufen hatte, schien sich endlich zu seinem Vortheil aufzuklärcn, als er in seinem fünfzehnten Jahre (1580.) in die Klostrrschule zu Maulbronn ausgenommen ward. Denn in selbiger hatte Er so starke Fortschritte gemacht, daß er im siebzehnten Jahre, nach dem, *) Merkwürdig ist cs doch, daß zwei der gr.östen Geister, Kepler und Euler so groie Kenner und Freunde der Musik gewesen, und daß drey unserer größten Philosophen und Matbematiker. neinlich Kepler, Leibniz und Kästner der Licktkanst Ehre gemacht haben. S. Frciherrn von Bibra, Journal von und für Deutschland z. Jahrgang v. I. 1786. S. 162. IX. Abschnitt. **) So hat z.E. der junge Kepler, nach einer, von den alten Bürgern Weil's von Mund zu Mund auf ihre Kinder fortgepflanzten Erzählung, ehemals bei einem Hirten Schaafe hüten müssen: bei welcher Gelegenheit denn Kepler am nächtlichen Sternenhimmel mehrere, hockst auffallende Bemerkungen gemacht, und selche nachher, mit einer Art von Begeisterung , Andern wieder mitg.thrilt hatte; woraufhin eigentlich dessen Mutter und Freunde, — ihn in der Folge studiren zu lassen, veranlaßt wurden. -46 im Wirtcmbcrgischcn üblichen Studienplane, schon Baccalaurcus ward, und im achtzehnten das herzogliche StipendiatenKollegium zu Tübingen beziehen konnte. Hier legte Er sich im Jahr rg8y auf die Phi» losophie; erhielt schon ln zween Jahren darauf (i.-zyl.) den Magistergrad hierum, und studirte alsdann unter der Leitung des berühmten Astrono» men Michael Mdstlin, die Theologie und Mathematik. Vorzüglich wicdmcte Er sich aber dem erstem Fache und zeichnete sich durch seine be» sondern Talenten als — Kanzelredner aus. Die Vorsehung hatte hingegen unsern Kepler zu weit grösern Absichten bestimmt. Er sollte Gottes Priester im grosen Tempel der Natur werden, und der erstaunten Nachwelt die k Allmacht, Weisheit und Güte des Schöpfers pre» - digen. Zu diesem erhabenen Berufe bahnte sie ihm den Weg durch die, im Jahr i>;yz. von den Land» ständen in Step er mark ihm übertragenen Pro» fessur an dem evangelischen LandscbaftsGymnasium zu Gräz; woselbst er über die Moral und Mathematik mit vielem Beifall Vorlesungen hielt; eine Stelle, wozu ihn seine Tübingischen Lehrer, '--d andere Grvse liesscn alle durch Ihn bei nichtigen Angelegenheiten den Himmel um Rath fragen. Sein, im Kalender vom Jahr ibi8. gestelltes Prognostiken des siebenfachen IVI. stellte Ihn daher bei dem, in diesem Jahr erfolgten Tod des Kaisers Matthias in ganz Teutschland als einen Propheten und astrologischen Seher dar: Man fand nem» lich in jenen sieben Buchstaben die prophetischen Worte: MLANU8 klonarckw ülriiräi lVIattkuari ülense lVIartio Norietur. *) Ein ähnliches Prognostiken schreibt man auch dem bekannten Zessin Ski, Kanzler der Universität zie d. i. Matthias, der grose Herrscher der Welt, wird im Monat März sterben. Es fehlte aber auch schon damals der Astrolo» gie nicht an Feinden, gegen die aber Kepler öffentlich austrat und seine Kunst vcrtheidigte. Irvey Aerzte, Philipp Enselius und Heli» sänS Röslin, waren, jener zur gänzlichen Verdammung; dieser zur übertriebenen Verthcidst gung der Astrologie ausgetreten. Dis gab unscrm Kepler Gelegenheit ein Buch zu schreibe», dessen vollständiger Titel ist: „ 1 eruu 8 interveniens d. i. „Warnung an etliche sslreolvMs, IVlellwog, „pstiloloplios, sonderlich den PH. Ensclinm, „daß sie bei billiger Verwerfung des sterngukcri« „schen Aberglaubens nicht das Kind mit dem Bade „ausschüttcn, und hiemit ihrer Profession „zuwider handeln." Prag und Kaisers Matthias Leibarzt zu, der «inst die 5> Buchstaben 'livuvibtivi Imperator biat- tliis« diente Nsrtio IVIo> ie!ur s d. i. der Kaiser Matthias wird im Monat März sterben) an die Wand schrieb; welches der Kaiser aber io auslegte: iolleni IVIsIs dlorte IVIon. rir. ( d. j. Jeffenski du lügst, du^ wirst eines schlimmen Todes sterben.) Beides ward wahr. Der K a i ser -sta r b und Jessenski kam lüai. als Rebell zu Prag auf das Schafot. S. Journal von und für Teutschland vom Jahr 1786, Z. Jahrgangs 2. Stük r, tüz. in annotst» Seine Reise nach Regensburg wegen Verbesserung des Kalenderwesens. Nicht bloS als Astrolog, sondern vorzüglich auch als Astronom ward Kepler bei feinen Ka« lendern geschäzt. Dis beweist das, ihm vom Kaiser und Reich, bei Gelegenheit der, zu jener Zeit vorgehabten Ka« lendcrverbcsserung und Vereinigung geschenkte Zutrauen. wornach er am 29. December lüi2. den Auftrag erhielt, sich fertig zu halten, um im April des folgenden IahrS zur Verbesserung und Einrichtung des Kalenderwescns, im kaiserlichen Gefolge von Linz mit nach Regensburg zu reisen. Kepler befolgte diesen Befehl und reiste auch im kaiserlichen Gefolge wieder zurük. *) Die Kalendersache, in welcher Gregor Xllt. schon entschieden Holle, kam ober, wegen Religionsursachen und Relichsnsbesorgnissen der Protestanten, damals nicht, sondern 1700. und in aller Rüksicht erst 1776. zu Regensbur g>, nach dem, unterm 7. Iuny dieses Jahrs in Wien datirten kaiserlichen Patent zu Stande. Merkwürdig ist, daß schon geraume Zeit vor dem Pabst Gregor Xllt. der berühmte Regiomon» tanus oder Müller, also gleichfalls ein Teut- scher vom Pabste Sixtus IV» »um Bischof von Sie- 255 Bei dem Allem ward das einträgliche astrologische Studium unserm Kepler, dessen grosse Geist würdigere Gegenstände suchte, und des ermüdenden astrologischen Calculs überdrüssig mar, öfters lästig. So wie aber der, in aller Absicht, grose Kepler, als Astrolog, der gebrechlichen Menschheit auch seinen Tribut entrichtete , eben so schüzte auf der andern Seite diese nichtswürdige Kunst — die Schiksale der Men-' schcn am Himmel lesen zu wollen — (welcher die Astronomie zwar ihr groseö Wachöthum zu ver, danken hat,) den Vater der heutigen Sternkunde gegen Hunger und Dürftigkeit. Kepler pflegte daher die Astrologie die verkühlte Tochter einer weisen Mutter, der Astronomie, zu nennen, durch deren feile Reize diese ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, sich gendthigl sähe. Kepler rettet seine alte Mutter vom Scheiterhaufen. Kepler, dem bisher so viele Widerwärtigkeiten seinen frohen Mulh und die, ihm eigene, Thä- gensburg ernannt und zur Verbesserung des Kalenders nach Rom berufen, dort aber 1476. von den Nebenbuhlern seines Ruhms, den Söhnen des Georg Trapezuntius vergiftet wurde. 2ZÜ tigkeit nicht hatten rauben können, fand sich im Jahr il>2i.ganz unvcrmuthet durch einen Schlag getroffen, der ihn beinahe zu Boden schlug. Ihn hatte nemlich die Besäimpfung seiner betagten Mutter K) und die Gefahr, die ihr drohte, we« gen angeschuldigter Zauberei, auf dem Scheiterhaufen zu sterben, so sehr ge» beugt, daß. nachdem er sie in seinem Vaterlande, wohin er von Lin; geeilt war, durch sein Anse« hen endlich mit vieler Mühe — gerettet hatte, er im Uibermase seines Sämerzes und bei dem, nach den damaligen Begriffen, äusserst gekrankt geglaub» tcn Ehrgefühle, kaum in einem ganzen Jahre sich inLinz wieder zu zeigen, es wogte, sondern, diese Zeit über, in einer Art von einsiedlerischer Ver- *) Dies« soll überhaupt eine besonders frappante Gesichtöbildung gehabt haben. Dis ward mithin, nach den damaligen Begriffen, Verdachts genug wider si , daß sie eine — Here seye. Ausserdem trat Kepler's Mutter auch von der katholischen Religion zur Lutherischen über. nach dem Beispiele ihreo Sohnes, Johann Kepler; welchen sie, nachdem sie, kurz vor ibrem Ende, Glaubens- , wankend wurde, um Rath gefragt habe; — auf welcher Glaubenslehre sie beharren solle? Dieser hätte ihr alsdenn angeratbcn, auf der lutherischen Religion, wozu sie bisher sich bekannte, ruhig zu sterben! — Diese Nachrichten sind aus den Ma- nuscripten alter Bürgerfamilien Weil's gezogen. 2?7 bannung ln Schwaben zubrachte. Doch der Phk« losoph ward nur gebeugt, aber keineswegs gänzlich zu Boden geworfen! Sein Uibertritt in die Dienste des Herzogs von Friedland. Kepler reiste izt wieder nach Lin; zurük und erhielt bald darauf einen ausgezeichneten Beweis,'wie sehr man seine Verdienste in England zu schäzen wisse; als wohin der König Jakob durch den berühmten Wotton ihn cinladcn lies. Diesen Antrag, so wie andere dergleichen nach Frankreich, Florenz und Bononicn, lehnte er jedoch aus einer überwiegenden Neigung und Anhänglichkeit für Deutschland und tcutsche Sitten von sich ab. Dafür trat er im Jahr rbag. in die Dienste des Herzogs von Friedland, und vertauschte daher Linz mit Sag an. Wallenstein, »der nunmehr Herzog zu Mklenburg ge« * worden, gab Gelegenheit, daß demselben der Lehrstuhl der Mathematik zu Rostok angetragen ward. Er erklärte sich aber dahin, daß er diesen nicht eher anzunehmen, entschlossen scye, als bis der Herzog von Kaiser Ferdinand !l. (dessen Rath er noch immer war,) die Erlaubnis hierzu 17 2Z8 würde ausgewirkt und seine, vom Kaiser an den Herzog angewiesene Forderung von 12000 Gulden zuvor ausbezahlt haben. Sein Tod zu Regensburg. Kepler, der bei allen VerPrcchungen und andern Beweisen der herzoglichen Gnade dennoch merkte, daß der Herzog eö für unbillig hielt, jene, an ihn angewiesene Summe der kaiserlichen Besol- dungsRükstände zu bezahlen, sah sich genöthigt, im Jahr lbzo, nach Regensburg, allwo da« mals Kaiser Ferdinand sich auf dem Reichs« tage befand, zu reisen, und bei diesem um die Auszahlung all seiner BesoldungsRükständen un« mittelbar selbst allerunterthänigst zu bitten. In dieser Stadt, worinn Kepler so oft sich verweilte und die ihm jederzeit so theuer, schäzbar und werth war, kam Er endlich am zo. Oktober zu Pferd an. Dort vollendete er, durch die Be« schwerlichkeiten seiner langen Reise und vorherge« gangenen grosen Kummer erschöpft, schon am 5« November selbigen Jahrs durch ein Kathari halste« der das Ziel seines, so thatigen, Lebens, besten Alter kaum auf 59. Jahren sich erstrcktc. So starb der Mann,' dessen so viel umfassender Geist von gleich starkem Liefblik begleitet, das. dem menschlichen Verstände fast eben so, als den Sinnen unermeßliche Weltall durchwanderte, um die Gesczc anszuspähen, nach welchen der Unend» liche die darinn herrschende allgemeine Harmonie geordnet hatte. Sein Grabstein zu Regensburg. Als der würdige Professor Ostertag vor vhngefahr drey Jahrzehend den Ruf zum Re» genöburgischen Schulrektorat annahm, so hielt er's bei seiner Ankunft in Regensburg für eine, seiner heiligen Pflichten, jene Statte zu besuchen, wo Kcpler's Asche ruht, um dort dem Schatten dieses grosen Mannes seinen Zoll der dankbaren Ehrfurcht zu weihen. Allein dieser hatte hier daS nemliche Schiksal, wie einst Cicero, als sich derselbe zu Syra» kus nach Archimedes Grabmal erkundigte. Und nur erst die, dem Kepleri > chen Brief« Wechsel von l). Hansch im Jahr 1718. vor» gesezte kurze Biographie dieses grosen Mannes dekt auf, daß Kepler's Asche auf dem Re» genSburger Kirchhofe zu St. Peter ruhe. Allein hier ist kein freundschaftlicher Stein anzu« treffen, der von Kepler'S Urne was erzählt. Die Verwüstungen des dreissigjährigen Kriegs und die, gleich nach Kepler's Tod erfolgte Belagerungen der Stadt RegenSburg hatten auch dieser, an. den Aussenwerken beim P c» terSthor ganz nah gelegenen Grabstätte nicht verschont, sondern Kepler's Grabstein, dessen Aufschrift der vormalige gelehrte RegenSburgische Superintendent Scrpilins, erhalten hatte, ward mit unter den Ruinen begraben. Jene Aufschrift, an deren Aechtheit selbst die Regesburgischen Gelehrten zweifeln, soll nemlich folgenden Jnnhalts gewesen seyn: In boc agro guiescit Vir nobiliilimus, äokbiliimus et celeberrimus Dom..I02lML8 XL??I,LirV8 Trium Imperatorum Rudolpbi II. ker annos XXX ante vero krocerum 8tirise ^ ab anno NOXLl V, usgus UDO, poltea ^uogue ^uüriacorum oräinum ad anno IVlOLXli, usgus aä annum UOLXXVill. IVIatbematicus toti Orbit Lbrilbia^p per monumenta publica coAnitus, ab Omnibus cloctis inter principe« aüronomiR numeratus, gu! manu propria aliiAnatum polt se reiiguit Tale Lxitapbium; 2kl Uenlus eram ccielos, nunc terroe metior umbrsm ö^ens cocleüis erst, corporis urnbra jacet. In Lkriüo pic odnt -Znno 8slntis HIOLXXX O. V. blov. /letatis fuse 8exsAelimo. Der gross Newton, Britanniens Stolz, ruhet den Königen Albivns zur Seite. Sein Leichnam lag auf dem Paradebette, — dem nemlichcn Orte, wo sonst nur die erblaßten Könige zu liegen pflegen. Sein Leichentuch ward vom Grvö- kanzler, von zwecn Herzogen und drcycn Grafen nachgetragea, die durch diese, dem groscn Geist erwiesene Ehre ihre Namen im Tempel des Nachruhms neben Newton's Namen angeschrieben haben. - Das, am besten Orte der Westmünsterkirche stehende Mausoläum von Marmor ward im Namen derjenigen Nazivn aufgcrichtet, welche Künste und Wissenschaften mit einem, in Teutschland unbekannten Enthusiasmus zu ehren und zu belohnen pflegt. Jndeß ruhet, bis izt, die Asche von Kepler, Newton's ehemaligen Lehrer, auf welchen Teutschland stolz scyn sollte,-völlig unbekannt an der Landst'rasse von RegenSburg, ohne, daß das mindeste Denkmal 2Ü2 der dankbaren, durch Ihn aufgeklärten, Nach« wclt dem, ganz nah an seinem namenlosen Grabe Vorbcircisendcn das, der Römischen Achtung für die Verdienste der Vorfahren so bekannte: „8itks grsänin Vistor" (Wanderer, stehe still) zuruft! — Seine Verdienste um die Sternkunde. Z» den Ungeheuern Riesenschritten, welche der menschliche Verstand seit zwecn Jahrhunderten, in Ansehung der Sternkunde, zurüklegte, hatte Jo« Hann Kepler ans Weil, wahrend er, im Ge» folge, des tiefestcn Elends und der drükendstcu Ar« muth seinen rastlosen Wanderstab nach Erforsch»»» gen der Lichter des Himmels lenkte, vorzüglich den Weg gebahnt. Ja, mit Recht darf man behaupten, daß — wa c Kepler nicht gewesen — gewiß nie, Bri« tannienS Stolz, der grose Newton, im Tempel des Ruhms eine so glänzende Rolle hätte spielen können. Des grosen Newton'S Ruhm stüzt sich vor« züglich auf seine Theorie von den Centralkräftcn, die er aus den tiefsinnigsten Grundsäzcn der Dy« namik herleitcte, dann auf die Bewegung der himmlischen Körper anwandte und dadurch dem LtzZ menschlichen Verstände gleichsam die, verborgenen Federn, Räder und Triebwerke in der, durch gött» liche Kraft, Kunst und Weisheit geordneten Ma- schine des Universums aufdekte. Auster diesen erhabenen Grundsäzcn der physi- schcn Astronomie, die Newton zuerst erwies, wagte cS sein kühner Geist, daS, fast geistige, Wesen zu zergliedern, vermittelst dessen unser Aug mit unbegreiflicher gcdankcnähnlicher Eeschwindig« ket das Universum durchschaut. Er zerlegte den Strahl des Lichts in seine sieben Bestandthcilc, und zeigte den Weg, woraus jeder dieser sieben getrennten Strahlen die, ihm eigenthümliche, Farbe darstellen muß. Newton war es endlich, welcher daS Unendliche dem Calcul der Analyse unterwarf, und seine Berechnung der Flurionen fast zur nemlichen Zeit mit Leibniz erfand, der diese ausserordentliche, und für Physik und Mathematik unglaublich nüzliche Wissenschaft aber mit dem Namen der Differentialrechnung belegte. Auf solchen Pfeilern ruht des grosen Britten Ruhm, dem sein begeisterter Landsmann Pop, die stolze Grabschrist machte: „die Natur und ihre Geseze lagen ganz in Nacht gehüllt. Gott r ief New ton und e ö wa rd Licht!" Aber schon mehr, denn fünfzig Jahre zu» Lkq. — vor, rief dieser Gott den teutschen Kepl er, und lies durch I h n die Morgenröthe dieses gro« sen und herrlichen Tages in ihrem prachtvollen Schimmer heranbrechcn. Kepler war es, der das, durch den berühmten Tycho Brahe so sehr hcrabgewürdigte wahre Weltsystem des Ko« pcrnikus wieder in Ansehen brachte, und durch neue Beweise, troz aller, theologischen Vorurtheile, Skrupel und Derkezerungcn bestätigte. Auch vol« lendete Er, als Tycho's vormaliger Gchülfe auf Kaisers Rudolf Sternwarte zu Prag, die, , von Tycho Brahe angcfangene sogenannte Ru« doiphinische Tafeln im Jahre 1627, Er war eS, der die Bahn der Planeten, die man bisher durchaus für völlig zirkelfdrmig hielt, anders bestimmte und mit unsäglicher Anstrengung seiner, damals noch durch kein Teleskop bewaffne« ten Augen aus unglaublich vielen Beobachtungen das Resultat erhielt, daß die Planeten sich in el» liptischen Bahlicn bewegen, in -deren einem Brennpunkt der Körper, um den die Bewegung geschieht, sich befinde. Er wählte bei diesen seinen Beobachtungen den Planeten Mars und nach diesem den Merkur, der aber der Sonne zu nahe *) Diese Tafeln erschienen nun im Druk unter folgendem Titel: Hülse knaolpliinse totius ^lironomlcsp Iclentise d g'/ck. Lraliso primum conceptse, conti» Änrtse Pt sbsolutse. Vlwss. IÜ17. meä. kol. k. tix» und daher zu selten sichtbar ist, die gröste Erccn- trität hat, und also für diese grose Emdekung am glüklichsien gewählt ward. So glüklich aber auch diese Wahl war, so viele Schwierigkeiten und ün» begreifliche Gegenstände muste Kepler antreffcn und übersteigen, bis er diese elliptische Laufbahn entdckte. Kaum hatte er aber diese Emdekung ge» macht, alsahm wieder neue Unbegreiflichkeiten auf» stießen, die ihn auf eine zweite, gleich grose Ent« dekung führten. Er fand nemlich in dem, bei der Sonne ungleich geschwindem, in der Sonnenferne aber langsamem Gange dieses Planeten das grose Gesez der Bewegung unsrer heutigen Astronomie, daß die Planeten keineswegs, wie man so lang« Zeit irrig geglaubt hatte, in gleichen Zeiten gleiche Räume zurüklegcn, sondern daß die Zeiten ihres Laufs den, durch ihre rallios veäbores bestimm» ten Flächcnstükcn Proportion!« sind. Kepler, der als ein groser Verehrer des Pythagoras und Plato, das Geheimnisvolle in Zahlen, Figuren und den fünf regulären Körpern der Geo» metn'e ausserordentlich liebte, den die, bei den Alten so gepriesene Harmonie der Sphären so sehr entzükte, spürte unaufhörlich den, in unserm Son» nensystcm vom göttlichen Baumeister beobachteten Verhältnissen nach. und rntdekte nach siebzehnjährigem Forschen bei dieser Gelegenheit das grose Gesez der Ordnung in dem Weltgebäude, daß nem- 266 r lich, wenn mehrere Körper sich um einen gemein« schriftlichen Mittelpunkt bewegen, die Quadrate ihrer periodischen UmlaufSzciten sich, wie die Wür« sei der Aren, ihrer elliptischen Bahnen oder ihrer Mittlern Entfernungen verhalten. — Eine Wahr» heit, die in der Folge, besonders durch die genaue Deobach tung der Jupiters« und SarurnsTraban» ten auf's vollkommenste bestätigt ward. — Nie hat wohl mystischer Sinn für Zahlen Quadrate und den Cubus zu einer ähnlichen so ausserordentlichen Entdekung Gelegenheit gegeben. Voll Entzüken darüber machte Kepler dieselbe im Jahr r6iy. zu Linz, woselbst er zu der Zeit als Lehrer der Mathematik stand, der Welt in seiner liurmonra nimrch bekannt. Er ward durch diese und die zu» vor erwähnten Entdekungen des grosen Newtvn'S Lehrer; wie der berühmte Kästner bei Uiberscn» düng dieses Werks an den gelehrten, aber unglük« lichen Mylius in folgenden Strophen bemerkte: „Freund, da dein zärtlich Ohr der Tonkunst „Reiz empfindet, „Des Weltbau's Harmonie dein tiefer Geist ergründet, „LieS, was von bevden hier der Lehrer New- „tvn'S schreibt, „Dm Teutschland hungern lies, und seiner un» „werth bleibt." -67 Kepler ward aber auch Newton'S Lehrer, in Ansehung der Centralkräfte. Wenigstens scheint Kepler den grosen Britten weit mehr auf diese erhabene Theorie gclcitcr zu habe», als jener berühmte Apfel, den dieser Philosoph im Jahr 1666. in seinem Garten, unweit Cambridge, vom Baume fallen sah. Schon Kepler ahndete Etwas von einer anziehenden und fortstvffende» Kraft der Himmelskörper. Er verglich daher in seinem Lpitome alkronomios Coporiril-aiiso (kur» zen Brgrif von der Koper nika nischen Stern« künde) die Sonne mit einem grossen Magneten, von dessen beiden Polen der eine in der Sonnen» nähe anziehe, der andere hingegen in der Sonnen» ferne wegstosse. Diese, noch undeutliche Ideen mußten in New» ton's Geiste sehr bald die, ohnehin ans der Er» prrimentalphysik schon bekannten Centralkrafte ent- wikeln, auf welche Kepler - hätte er langer gewartet und sich von seinen animalischen Kräften, die er den Planeten, als von gewissen Jntelligen» zien belebten Wesen, beilegte, endlich losgemacht — ohne Zweifel selbst verfallen, und auf das gross und allgemeine Gesez der Gravitation gera» then seyn würde, aus dem sich die Bewegung aller Himmelskörper mir all ihren scheinbaren Un» gleichheiten, die Anomalien des Monds, daS Fort» rüken und der periodische Umlauf der Aequinoctial» 2k>8 punkte im grosen Platonischen Jahre, daS, vom grosen Euler aufgelöste Problem von drehen Körpern, die Ebbe und Flut, und überhaupt alle die grosen Szenen auf dem Schaupkaze der Natur erklären und herleitcn lassen. Kepler, dessen Aufmerksamkeit am Himmel nichts entgieng, beobachtete die, in jenem unglük» lichen Jahre lürZ — wo bekanntlich der drei» sig jährige Krieg begann — erschienenen drei Kometen und suchte ihre Laufbahn zu besiim» rnen. Ein, damals kühnes, Unternehmen! Kepler lies diese wunderbaren Himmelökör» per ihren Gang in geraden Linien machen, sie selbst also auf ewig von uns Abschied nehmen. Dieser Hypothese Kepler's widersprach nun sein Zeitgenosse Habrecht, ein berühmter Stras« burgischer Arzt und Mathematiker, und bchavp« tete mit den Alten, daß alle Bewegungen am Himmel ki aisförmig, die, auf der Erde hingegen geradlinigt wären. Die Wahrheit lag zwischen beiden Behauptungen gleichsam in der Mitte; Kepler's Jrrthum gränzte an diese Wahrheit, welche im Jahr ik>Zr. vom berühmten Plaui» schen Prediger Dörfel in der Parabel gefunden ward. Nicht blos in der theoretischen und physischen Sternkunde war aber Kepler des grosen New» tvn's Lehrer, sondern auch in den optischen Wif» 2öy senschaftcn, die mit der Astronomie in der genauest Verbindung stehen und gleichsam ihre beide Augen ausmachen. Kepler war es, der zuerst in seiner, im Jahr l6ri, zu Prag herausgegebenen Dioptrik das Gesez der Strahlenbrechung in Glas bestimmte, und dem Lichtstrahle, wenn er aus einem Medium in ein anderes übergeht, seinen Weg anwies. Er war es, der das eigentliche astronomische Fernrohr mit zwcen Cvnvcrglasern zuerst erfand, ohne jedoch diese seine Erfindung selbst zu nüzen; als woran, wie er sich in einem Schreiben an den Galilei beklagt, nur allein der Mangel an geschikten Künstlern ihn hinderte. Wäre dieser grose Geist durch einen Graham, Brander, oder gar durch einen tcutschxn Herschel in seinen optischen Theorien unterstüzt worden; was für Wunder der Schöpfung würde er nicht seinen Zeitgenossen haben sehen lassen! Kepler war der erste , der die Wunder des menschlichen Augs aufdekte und uns die Natur des vollkommensten Sinnes, des Gesichts in seinem, im Jahr lüog. zu Frankfurt herausgcgcbe« neu parulipomenis aä Vitelüonenu aufklärte. Auch die astronomische Strahlenbrechung im Dunstkreise, auf deren Theorie die Berichtigung der astronomischen Beobachtungen so sehr beruhet, entgieng seiner Untersuchung nicht. Doch war er darinn nicht so glüklich, und zwar wegen der damals noch nicht bekannten stufenweisen Abnahme der Dichtigkeit der Atmosphäre, wodurch der Strahl gcnöthigt wird , durch eine krumme Linie seinen Weg nach dem Auge zu nehmen. Glüklicher hingegen war Kepler's erfinden« scher Geist in seinen katoptrischcn Untersuchungen über den' Ort, der durch die Iurükstrahlung (Re« flerion) auf den ebenen — Convex — und hohlen Spiegeln verursachten Bilder, und in der, zuerst gewagten, Idee vom Halbmesser der Krümmung bei den Brcnnipicgeln, und die Brennlinie in ei» ncn Brennpunkt zu verwandeln. Der Astronom und Analist kürzt seine öfters so sehr verwikelten Rechnungen durch die Logarith» men auf eine unglaubliche Art ab. Der Schottlandische Baron Johann Na» pier machte der Sternkunde und der Mathematik überhaupt dis ausserordentliche Geschenk, verbarg aber die Methode ihrer Berechnung als «in Ge« heimnis auf das sorgfältigste. Kaum aber bekam Kepler Napier's Os- non iniriücua I.o§arit!imorum in die Hände, als schon sein scharfsinniger Geist dis Geheimnis in seiner vemonürutio legitim» im Jahr 1621. ent« zifferte. So gtvS war Kepler in den erhabensten Gegenständen des menschlichen Wissen-! Gas« sendi zählt ihn daher unter dir grösten Geister» Descartes verehrt ihn als seinen Lehrer; und daß — Newton ihm eben diesen Namen schuldig scy; dis erhellt aus dem bisher Gesagten schon hinlänglich. Katharina, einst die grosse Beherrscherin Rußlands Ungeheuern Monarchie, suchte, als wahre Schäzerin der Künste und Wissenschaften, dadurch das Andenken unscrs Kepler's zu ehren, indem sie die, beinah' anderthalb Jahrhunderte hindurch, vernachlässigte Keplc rische Handschriften vor ohngefähr drei Jahrzchend, durch ihre weltkündige Grosmuth dem nahen Untergang entriß. Aber — noch dis izt — erhob sich kein Denkmal über seinem Grabe, zu deuten dem Wanderer, wo — die heiligem Gebeine des verdienstvollen Kepler's ruhen! — Seine häuslichen Umstände und Karakter. Um nicht den Faden der Geschichte zu zerreis- sen, Hab' ich von den FamilicnUmständen und häuslichen Tugenden unseres Kepler's bisher zu wenig erzählt, als daß ich diesem Gegenstände hier nicht noch einen bcsondern Abschnitt wiedmen sollte. Kepler war nemlich rin Mann von teutschem Biedersinn, von einfachen und ungekünstelten, aber sehr gefälligen Sitten, edel in seinem ganzen Betragen, standhaft in der Freundschaft, bei ausserordentlichen Talenten, Verdiensten und Wissenschaften ausserordentlich bescheiden; und in dieser Absicht, so wie fast im ganzen Karakter des berühmten Tycho wahrer Antipode. Bei seinen, sehr mittelmasigrn Vermögensumstanden bezeigte er sich ungewöhnlich wohlthatig-und zwar gegen seineLehrer. Vorzüglich gegen seinen, ihm bis in den Tod verehrungswürdigen Möstlin, diesen seinen Hierophanten in den groscn Mysterien der Natur, bewies sich Kepler wahrhaft, und nicht in blosen Worten, dankbar. Denn, so geldarm Er war, so schikte Er doch diesen seinem Lehrer einen, ehedem selbst von hoher Hand zum Geschenk erhaltenen silbervergüldcten Pokal. Er erfüllte an seiner, vielleicht in mancher Hinsicht, nicht tadclfreyen Mutter äußerst gewissenhaft die Pflichten der kindlichen Liebe. Ausserdem war Er ein zärtlicher Gatte, «in treuer, liebevoller Vater und in jeder Rüksicht «in wahrer christlicher ») Pokale und goldene Gnadenketten vertraten in jenen Zeiten die Stelle der heut zu Tag gewöhnlichen Titeln und Medaillen, rnd beyde machen einen karakteristischen Zug in den Sitten der vorigen Jahrhunderte und des jezigen» -73 Philosoph, auch ein sehr groier Kenner und Freund von der Dichtkunst und Musik. Cr bekannte sich übrigens zur Lutherischen Kirche; hatte aber, wegen der Allgegcnwart der menschlichen Natur Christi einige Händel mit den Theologen. Kepler war, (wie ich dessen bereits oben schon erwähnte) zweenmal verhcvralhet. Die Wahl seiner ersten Gattin bestimmte zwar vorzüglich seine Liebe; jedoch nahm er dabei auch Rüksicht auf ihr — ansehnliches Vermögen, das er aber mit einer, zu Kald, bach, unweit Regcnsburg, glüklich verhey- ralheten Stieftochter thcilcn mußte. Die zärtliche Liebe für diese Gattin dauerte, ihrer langwierigen kränklichen Umstanden und jener mit den Verwandten, ihres Vermögens halber , geführten verdrießlichen Prozesse ohngcachret, bis an ihren, zu Prag erfolgten Tod. Leztercr ward nun auf's rührendste beklagt <— von den Armen und Nothleidenden daselbst, welche in zahlreicher Menge dem Sarge dieser ihrer Wohl- thatcrin damals gefolgt sind. Die Wohlthatig- keit scheint also im Keplcrischcn Hause ganz einheimisch gewesen zu scyn, und wie sehr wird nicht ihr Werth bei so mittelmasigen, oft dürftigen Umständen erhöhet? So viel man weiß, hatte Kepler aus dieser 18 S74 seiner ersten Ehe einen Sohn, Namens Lud» wig hintcrlassen, der einst zu Prag gebohren, und in der Folge Doktor der Philosophie und Heilkunde, auch praktischer Arzt zu Königs« berg in Preussen ward. Dieser schrieb unter Anderem: metdcxiuni coirciüanllarum teKsrum in me- clicina cliscrcpantiuin, llisputationes äe kebri epiäemia UsAiomontana an. ibgy. kaltliscum ^sllo - ferpentsin monüroium etc. Er starb am y. Septbr. iddz. in seinem 56. Jahr, nachdem er zuvor noch seines Vaters Buch, betitelt: „iomnium lunarisve sxoloZia" im Druk hcrausgcgebcn hatte. An Kepler's zwoten Heprath, die er mit der vater- und mutterlosen schönen achtzehnjäh» rigcn Reutingerin im Jahr ibiz. vollzog, scheint blos allein die Liebe ihren Antheil gehabt zu haben. Dieser grose Mann, der sein Leben hindurch die Harmonie und Schönheit des Welt» alls betrachtete, gieng freilich öfters auch auS dieser, ihm so bekannten Sinnenwelt in die unbe» kanntern Regionen des Reichs der Ideen, aber nur in der, einem Philosophen so anständigen Ab« sicht, die Geseze, Ursachen, Erscheinungen und Bil» der dieser, so zauberischen Sinnenwelt auszuspä» hen, zu der er immer mit neuer Bewunderung zu. 275 rükkehrte. Sein starker und gefühlvoller Sinn für Harmonie und Schönheit, verbunden mit einem sanften, liebreichen Herzen und einer muntern Lau» ne, konnte daher den Philosophen sehr leicht für die Reize des, von Mil ton so schön geschilderten lezten und grösten Meisierstüks der sichtbaren Schöpfung gefühlvoll machen. Welch männlich süsse Schwachheit den Ruhm der Philosophie bei den Sokraten, Descar- teS und Eulern eben so wenig verdunkeln, als ihre Abwesenheit bei dem Zkenocrates, Newton und Leibniz solchen erhöhen wird. Vorzüglich bemerkenswert!) ist indeß bei K e p- lern sein hoher, unerschütterlich gebliebener Muth und dessen holder Gefährte, der, immer frohe, heitere , sich immer gleiche Sinn. Diese Erhabenheit der Seele war eigentlich die goldne Frucht jener *) Tenocrates vereitelte das Attentat der schönen Buhlerin Phryne auf seine Keuschheit. Newton starb, nach der Aussage seines Cchirurgus, als Junggesell im strengsten Verstände. Phryne würde ihn eben so, wie den Tenocrates, für eine marmorne Statue gehalten haben: Seine Zeitgenossen und die Nachwelt' denken nicht so weiblich; ihnen ist Newton ein Engel in Menschengestalt, der, ohngeachtet seines Hagenstolziats, die sanfteste Seel» hatte, wie unter andern die Anekdote mit feinem Hunde beweist. Der göttliche Sokrates nahm zu seiner sehr schönen, aber auch sehr mürri» 18 L?6 -- erhabnen Philosophie, die schon Plato gelehrt, Kepler aber in der Harmonie der Welten st»» dirte, und Lcibniz, der Stolz des vorigen Jahr» Hunderts, in ihrer völligen Klarheit darstellte. Diese Philosophie, welche eine allgemeine Ver» ikettung von Ursachen und Wirkungen, von Mit» tcln und Absichten in dem Universum erdlikt, er» hebt sich zum ordnenden Verstände des Weltrcgie» rers, der die Kdrperwelt mit der Welt der Geister durch unauflösliche Bande verbunden, erstere dem Vergnügen und Wohl der leztern dienstbar, so wie er die Glükseeligkeit der Geister zum lezten Ziel der Schöpfung machte: sic befestigt sodann diese Kette vom Unendlich kleinen, bis zum Unendlich grosen, vom Sonnenstäubchen bis zum Sirius, vom belebten Atome, bis zum Seraph an den Thron des allmächtigen, allweisen und allgütigen Weltrcgenten. Und das Resultat dieser heiligen, scheu Xantippe, deren üble Laune nur der schöne Alcibiades befriedigen konnte, und, nach Attischer Sitte, durfte, aus Gehorsam gegen das ergangene Bevölkerungsdekret die zwote Frau, Namens Myrtv: Cartesens Zärtlichkeit gegen seine Liebst« und die, mit ihr erzeugte Franziska jsi bekannt. Der grose Euler war der zärtlichste und glüklichste Ehegatte und Vater: und der teut- sche Wellweise Leibniz fand bei seinem beständigen Aufenthalte an Leutschlands glänzendsten Höfen nicht Zeit — zu heprathen! 277 schon von Moses vorgctragcnen Philosophie — was ist dis anders, als Optimismus, den Kepler überall erblikte, und aus dieser göttlichen Quelle jenen unerschütterlichen Mut!) und jenen frohen Sinn sich schöpfen konnte. Wie gros erscheint daher nicht unser, im Un- glük und Dürftigkeit und Mangel, und von einem Heere von Widerwärtigkeiten gleichsam beständig umlagerte, jedoch immer heitere, mit aller Stinke und Gegenwart des Geistes denkende und handelnde Kepler! - * Nein, ! so hoch war noch kein Sterblicher gestiegen , als Kepler stieg — und starb in Hungersnot!): Er wusste nur die Geister zu vergnügen; Drum liefen ihn die Körper ohne Brod. Seine Schriften. Das wichtigste Denkmal von Kepler's Bemühungen um die grosen Fortschritte im Studium der Sternkunde und Mathematik sind folgende Werke, die er dem forschenden Geiste der Nach-- weit, als einen Leitfaden zu weitern Entdckungcn *) S. Freiherrn Siegmund von Bibra's Journal von und für Deutschland 1736. Stük 2. S. 163» - 278 in obigem Fache nach seinem Tode hinterlies; und zwar unter nachbemelten Titeln: 1. ) ?ro6romus äilsertaticinnm 6e proportions ordium ccelelrivm, 6s . herauögab, nannte Er auch mvüsrium cosmo^roxlucum, welche unter diesem Titel zu Frankfurt 1621. im Drnk erschien. Auf dieses Buch hielt nun Kepler am meisten; indem eS das, von ihm erfundene regulairc Fünfek zum Gegenstand seines Jnnhalts hatte. Ja er war so sehr dafür eingenommen, daß er über jene Schrift, wodurch er seinen Ruhm gründete» sich auszudrüken pflegte: „Er nähme nicht das Kurfürstenthnm Sachsen zum Geschenk für die Ehre der in diesem Buche be» findlichen En td cku ngen." 2 . ) kiarmomu mvnäi nebst einer Vcrtheidigung 6s >diy. (Linz.) z.) 6s Eomstis I,. III. Hux;. Vin6. ibiy. 4. 4.) Lpitomsu olkrouomiM LopernicauN. k.id. VII. >. *)S. AbbtLadvokat's histor. Handwörterbuch v» 1 .176s. S.2IZ8-2160. und Christ. Gottlieb ILcher' s Gelehrten Lexikon v. I. i/zz. S. 1677 — 1678. und Carl Joseph Louxind Handbuch der aügem. Literargeschichtr z. Band S. iM. - 279 I,incü 1 *. I. 1618. krancok. P. II. 162 l. 8» ibiä. eä. II. ibzz. Z.) ^itrononiiu ncivu, 6vs äe motibns lkellss blsrtis; UsiäelberA. iboy. kc>I. 6. ) (^kiliss I.o^Lritbmornkn etc. c. inpplem» I^lsrpur^i 1624. 25^ II. 4. 7. ) Nova 8tersc>metriu äoliormn vinuriornm; I.incü l6iZ. kol. . 8.) Dioptrics; äs 1611. ?rs§. y.) äs vero NLtsIi snno Lliriüi; krsncok. 1614.4. IS.) 26 VitsIIionem purslichomena, c^nidns sktrc»- nomise x^rs optlcu truäitnr etc. äe 1604. kran- coknrti, in 4to. 11. ) säverssria Innuria; 12. ) OiLlc)gn8 äs calenäsrio ^reMrisno; iz.) äe egclchübus scilsridus et Innuribus; 14.) Llrronolo^ia mutbsmuticu; IZ.) Pertins interveniens, d. i. Warnung an et« liche Tdeols^og, Ueäicos, kbilosopdos, sonderlich den PH. Enscllum, daß sie bey billiger Verwerfung des sicrnguckcrischcn Aberglaubens nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, und hiemit ihrer Profession zuwider Han» de ln. ib.) 8ornniuin lunurisve spoloZig. Dieser Traktat, worinnen Kepler lehrte, daß die Erde und die Sonne, jede ihre Seelen und Empfindungen haben, gab, nach feinen» Tode, dessen Sohn, Ludwig Kepler im Druk heraus, unter dem Titel: „8omnium 8. opus xoklmmum äs süronOlriia lunnri." b'rnncok, Ibz^. 4. Der Theologe l), Han sch kaufte einst Kepler's Handschriften für Einhundert Gulden, Um nun deren Ausgabe zu befördern, reiste er im Jahr 171g. von Leipzig über Augsburg nach Wien, wo damals Lcibnij sich aufhiclr. Der kaise liche Hof unterstüzte ihn mit vier Tausend Gulden, Hansel) machte das Jahr darauf ( >714.) durch ein öffentliches SclMasma sich anheischig, Kepler's sämmtlft che Werke in 22» Volum, in tolio druken zu lassen, Schon veranstaltete Derselbe im Jahr 1718» *) Dieser hies eigentlich MichaelGottliebHansch, ward gebohren den 22. Seplbc. i68Z. zu Müggen- ha hl im Danziger Gebiet, wo sein Vater damals Prediger war. Er studirte zu Danzig und ' Leipzig nebst der Theologie die Mathematik. In der leztern ward er noch mehr durch den Umgang mit Wolf und durch die Bekanntschaft mit Tschlrnhausen und Leibniz ermuntert. Er verband noch die Chemie und Anatomie. Au R 0 st 0 k erlielt er 1709. die theologische Doktorwürde; hielt l7to. und 1711, Vorlesungen zu Leipzig. Jnheß kaufte er Kepler's Handschriften w. Siehe Ghtten jeztleb, gel. Eur. z. LH, x, 449» den Anfang hierin«, und zwar mit Kepler'S Briefwechsel, 2) dem er eine kurze Biographie dieses grosen Mannes voranschikte. Diese Kep» lcrischen Briefe machten nun den ersten Band dessen Werke aus, welchen Hansch in lezrgedachtcm Jahre zu Wien dem Kaiser über» reichte; wofür er, nebst einer gvldnen Gna» den kette, den Titel eines kaiserlichen Raths erhielt. Die weitere Untersiüzung unterblieb hingegen, so sehr auch Hänsch darum sich bemühte. Man hatte ihn indeß zum Senior im FrauenKollegium zu Leipzig gewählt, wo er nun immer sich aufhalten sollte. Weil er aber Lust hatte, herumzureiscn, so verlohr er diese Stelle wieder. * Die achtzehn handschriftlichen Bän» de der Keplerischen Schriften mußte er im Jahr 1721. als ein Unterpfand gegen 828. Gulden zu Frankfurth zurüklasscn. Sic wur» den aber im Jahre 1774 von der rusfiickcn Kai, seri'n Katharine crkauftamd dann der Akademie zu Petersburg geschenkt. Doktor Hansch starb nach »752. zu Wien, wo er zulezt sich üufhielt. > *) Dieter Briefwechsel führte eigentlich folgende» Litel: LgMo'w etc. c. vit» L UILU. 60711.. Uädisc». -aitse. t.ixf. 1718 . fol. moö, L§. Die Schriften, die er unter andern herausgab, hatten folgende Titel: Zok. Xspleri oxsrum 1 ". I. krarwof. 1718. kol. m. auch unter der Aufschrift: Kepleri et aliorum epiüolss mutuos ib. 1718. nie6. fol. Ljus6. liber 6s Lalenäarlo 6re§oriano. lls- tisb. 1726. toi. Kepler's Hinterlaffenschafls, Jnventarium. Ausser den Schriften unseres Kepler's, die sein achtungsvolles Andenken bei der spätesten Nachwelt noch erhalten werden, ist das wichtigste Denkmal desselben das auf dem Rathhause zu Regensburg befindliche Jnventarium seiner Hinterlassenschaft. In dem Göttingischen Magazin ist davon «ine glaubwürdige Abschrift anzutrcffen, welche ich nebst dem von dem berühmten Hofrath Kästner jenem Jnventarium beigefügten, ausserordentlich interessanten, Kommentar meinen Lesern auszugsweise hier mittheile. „Jnventarium. Weylandt deß Edlen Eh- „renuesten vnd Hochgelehrten Hrn. Johann Käp- *) 2m vierten Stük des zweite» Jahrgangs. „lers, Rbm. Kays. Maystt. auch Ihr Fürst!. Gna» „den von Friedtlandt, wohlbestelten IVlatlremutici, „seel. verlaffenschaft. 8ub ^nno ltzzo. I n v c n t a r i u m. „Zu wiesscn stv menniglichcn das anhennt Dato, „den iz. MonatS tage Oecemdrig i 6 zo. wey» „landt des Edlen, Ehrnuestcn vnd Hochgelehrten „Herrn Johann Käplers, Rdm. Kays. Maystt. „auch Ihr Fürstlich Gnaden von Friedtlandt Wol» „verordncten hlarlrewstici in Hyllebiandts Pylli „Handelsmann behausung seel. ligcndte verlassen» „schaft gemeiner Statt Regcnspurg ordnung, her» „kommen vnd gebrauch nach, in bcyscin Christoph „StulnuerS, Christophen SchorffenS becdcr In- „ventierer. vnd Wolffcn Schilttenbcrgers Iriven- „tier knechts inventiert, vnd beschrieben worden» Paarschafft. „22. gannze Reichs Tahlcr. „Mehr i k. fl. wegen vcrkaufften Ross. So Hil» „leprandt Pylli noch bey lcbzeiten des verstor» „benen seel. empfangen, vnd solches ins künff« „tige begehrt zuucrrcchnen. „i. gülden Pfening, wigt 4 7/2 Ducaten. „Mehr 7. gülden Pfening wigt 8. Ducaten. „2. Rosenobl. „r. Schieffnobl. „55, einfache Ducaten. 284 „Davon dt» Invsntierern, wegen verrichter „obü^nnon, vnd Inventur geben worden i.Stuckh. „r. falschm Iickhin. „i. gülden gnaden Pfeni'ng mit Herzogs von Friedlands büldnus, 4 Demankhn, vnd einem anhanden perl. „i. rundt gülden gnaden Pfening mit dcß Pi- schoffs von Augspurg Wappen. „An Münz 2 fl. Davon dem Canceillisten vnd lnventierern, wegen vcrrichter obü^naon vnd Inventur i fl. 2vkr» „i. schlichten halben Tahler. „i. schlechten Sechspezner. Sielbergschmaidt. Rinng. „Des verstorbnen Hrn. serl. sielbern PetschierRing. Klaider. „i. schwarz wollen Mantk. „r. schwarz wullen Leibrockl, mit rauhem fuetter. „r. schwarz wullen Wames. „i. leinen abgenehet Nachthembdt. „i. wullene Hauben, mit rauhem fuetter. „i. braun baar Sockhen. „l. FLlzhuett. „2. baar Handtschuch. „r. Kampfuetter. „i. Frhlei'ß. „i. Pusagn. „>. alt lederne Gürtl. „iz. Schlüeßl. i. Wachsstöckhl. > Rüstuung. „r. Wehr sambt dem gheng. „,. Pistohl, sambt der Hulffter vnd Puluerflaschc. „>. baar Stiffl. „i. baar Sporn. Pöttgwanndt. „i. barchet „r. federickhen „2. leinen Polster, „i. barchet küeß. ^ deckhpett. Leinengewandt. „l. Leilach. „2. hemdter. „i. baar Schlaffhvsen. „q. Vberschleg. „2. baar handtegl. „4. fagenetl. „z. Stückhel Schlesingisch Tischgewandt. „1. Stückhel Schlayher. „z. dickhe kragn. Bücher. „4. In quart, vnd weiß pargament gepundtenr , Bücher, die Lxkeineriäes novse rnotuum c«- Isstium intituliert. „57. vueingepundtme ejusä. tituli. 286 - „l6. vnemgepnndtcne LxemxiÄria in folio, 1'»- bulse kuäolpdinss ^oltarm Xüpleri Nutdemn- tici. „Mehr 5 i8. in 5olio „^ 6 . < 15. in l^uai-t ! , . „ > alle gebunden. ) 1 ZV. rn ocrav ^ ^ ^ 4. in 8eäe2 ^ *) „Ob zwar wvl diese in Iiac parentbest geschloffen „Ideologische Bücher, d. iz. Xbris et. p. 6zo. hie- „her verzeichnet, vnb man eben damals, (also o'v „solche weils in Hielleprandts Pylli behausung,'ne- „ben gemelkten Hrn. Cäxlers secl. verlaffenschafft, „in einem Mittlern Bäßl gestanden, auch zu der ver- „laffensckafft gehörige s vermeint: Sv hat sich doch „Sambstag d. 10 . 7 bri>>. >1. paz. 6zi. der Ehrwürdige vnd Wolgelebrte Hr. Caspar Amman gewester „Pfarrer zue Reichebach, in der Churfl. Pfalz, bey „dem Edlen, B. E. F. E.H. v.Ml. Cammer Ambts- „verwaltern, Herrn k^eeon/ms Perger, gehor- „samblich anzemelbt, jhm solch seinVäßl so per-rro> „rem Hiehergeführt, vnd inventierr worden, großgl» „folgen zu lassen, welches Ihnen also baldten in ge» „genwartl. der hierzu verordneten Inventierer, über« „antwort, vnd zuegestelt worden; Deß Hrn. Cäp- „lers Baaß seel. aber, darinnen allerhand iVlLtKe- „matische bücher sollen seyn, vnd dafür eben dickh „bemeltes zu iliventie-En, vnd zu beschreiben, ist „hergeben worden, besndt sich der Zeit noch vuin- „venkisrter, in "hr Ehr Weyl. Herrn Johann „Franckhen deß jnnern Raths alhie, gueter verwah» „runge. Schulden. „Hilleprandt Pylli, Methhendlern allhle, ist man „über das geldt, so er empfangen, wie vorn ver« „meldt, laudt einer sonderbaren sxsciticstioii noch „—Johann Georg PeuffelApoteckhn laudt zetls.— Gegenschulden. „Purgermeister vnd Richter auch Vertretterin der „alten Eysenhandlungs Geseelschaft der Statt „Stkyer, laudt einer obliAsoli äis Uiclrsslis » „d28. looo. fl. Sambt andern beygelegten zue „der sachen gehörige Abschrifften» Maria Pillin, „laudt Schuldscheinls, 5 ub so. 1628. d. 12. ^s- „irusr^. 22. fl. „Darumben befündt sich ein Jetl lud so> 628. d. „10. so man noch dran schuldig seyn soll „E> fl» 38 „Wolfs Helzl. Purger und Leinweber -d. Statt „Grießkirchen, laut obliAson äs 12. kebrusr^. „^. ibl8. 50. fl. ' „Palthauser Greilich, laudt Zeines Scheinls, sbs- ^us so. et äie ästiert, 6 fl. „Gemeine Landtschafft des Erzherzogthumbs' Oeff« „terreich ob d Ennß verordnete, laudt Ambts ke- „coZnition ürb so. Ü28. ä. 4. izoo fl. „Vom Kays, kuäolplio 2, hochlöblichsier gedecht« „nus, gnadenbrieff, geben Prag d. 2yten ^xri- „lis, p. idio. deß Römisch im zzten deß hun» „gcrisch im z8ten deß Pehemischen auch im zzten. „k.-. — svoo, Reichs Tahler. 288 „Darbey quittnng von Johann Huebcr Röm. „Kays. Mays. Rath vnd Hvffzahlmeistcr, so er „Hr. Stephan Schmidt zu sein des Cepler Han« „den vnd contentierunj; vbernvhmen vnd empfan» „gen lud ^ ibro. cl. 2^8. >1817. fl. Brieffliche Vrkhundtn. „z. verpettschicrte Schreiben, ains an Carl Gaffer „seel. daß andre die Frau Pfcffcrin. In einem „fssciculo, mit Hrn. Kaplers seel. aigner Handt „allcrhandt geschrievne memoriaüa, verzeichnuön „vnd zugeschickhte Milli v. „2. V. Herzog von Friedlandt verschlossene Schrei» „den, daß eine dem Edlen Gestrengen Hrn. Rei« „charln von Wallmeradt Röm. Kays. Mayt. Hoff« „CamerRath vnd Eommiüario. „Mehr >. vnerdffnet Milli v an den Edlen Gestren» „gen Johann von Pcschc, dabcy 2. Krauffn. so „vorn gesezt, 12. RcichöTahler aber seindt nicht „gefunden worden. „1. gefertigter Volmacht-5Schein mit Hrn. KeplcrS „seel. handt vnterschrifft vnd Peltschafft, wegen 289 „liZi?' st. Kayserlich anforderung im Halberstat. „tischen einzubringen. „i. quittung p. loo. fl. in Abschlag wegen bey „Ihr Herzog von Friedlandt, habender jährlicher „Unterhaltung. „Mehr ein quittung p. 120. fl. von 2000. fl. in „einer löblich Landt-Eiunember Ambt dargeliehen, „mit tjsrtkolomaei deß ibryten Jahrs verfalle» „nen IntreÜs. „Ein quittung p. empfang von 2000. fl. in einer „löblichen Laudt > Einnember»Ambt dargelichenen „Hauplsumma, eines Jahrs IntrbL'e, mit 8t. „lZartkolornsel deß dreysigsten verfallen. H e. 122. fl. „Mehr ein quittung x>. empfang 1500. fl. so in „einer löblichen Landschafft Einnember Anibt dar» „geliehener Hauptsumma benanntlichen yo. fl. mit „St. bsrtllolomsoi. deß (,2>^. Jahrs verfallenen „eines Jahrs Intrelle. „Mehr ein quittung x. empfang von izvo fl. „Hanptsumma so in einer löblichen Landt-Einnem» „ber Ambt dargclichen, eines mit 8t. Larrdolo- „moei des drcysigsten verfallenen intreÜ'e von ei« „nem Jahr H e. i^o fl, „^xtrsüus Ralhs-Protocnlli, 66 i6zo. „Wegen Herrn KeplerS Kays. Matlwmatmi Todt» „fall und Verlasscnschaffk ist nach Sagan zu schrei» „ben bevohlen worden» in 8kNÄtu. 66, rü, Decembrs. 19 syo - „Hildeprandt Pühli ist wegen gebetener erstattung „der für Herrn Johann Keplers Kay. Mathcma« „ticum ausgelegtcr kuuernlisu und anderer vncostcn „an Herrn Gerolden gewiesen vnd dabey sscretirt „worden das seligen crmclts Herrn Keplers hin» „verlassene stehen zusamen und entweder zu gedachtem Herrn Gerald oder Hansen Hallern Zeordnen ,,und Auverwahrn. x. Losä." Nun folgt der Kommentar darüber vom Hof« rath Abraham Gott h elf Kästner in G ö t- tingen, unter der Aufschrift: Etwas über Keplers Glüks-Umstände. „Kepler starb zu Rcgcnsburg, wohin er ge« kommen war, um Auszahlung rükständiger Besoldungen anzuhalten. Was Er mit sich gehabt hatte, ward ausgezeichnet. In diesem Verzeichnisse finden sich einige Artikel, welche den Gedanken erregen könnten: Kepler habe ein nicht unbeträchtliches eignes Vermögen besessen. So würde der Vorwurf etwas gemindert werden, den man insgemein Teutschland macht, daß es einen der größten Sterblichen habe darben lassen. Auf der an« *) Keplers Lebensbeschreibung, von Ha n- schen aufgesezt findet sich vor des lezten Sammlung Keplerischer Briefe: Lpütolee sä so. Xepl, Lcrlp- t« . . . 1718. lo>. Die angeführte Nachricht steht in diesem Leben x. XXXll. dern Seite aber würde man Veranlassung haben, in Keplers häufigen Klagen was Uibertriebenes zu finden. Ein Publikum, das glaubt, eine Untersuchung darüber verdiene seine Aufmerksamkeit, wird, denke ich, das Jnventarium als Urkunde, gern ganz abgedrukt lesen. Die Beweisstellen müßten doch aus ihr abge- schrieben werden, und ob dieses vollständig und richtig genug geschehen sey, blieb allemal ein Zwei« fcl übrig. Wem Keplers Andepkcn werth ist, der wird sich auch gern unter seiner Verlaffenschaft umsehen; und selbst Materie und Form eines «bzo. zu Rcgensburg verfertigten Jnventariums könnte einem Alterthumsforscher unterhaltend seyn. Das Manuskript des Jnventariums betragt zween Bogen in Folio, nicht geheftet, noch pagi- nirt. Der Titel: Inventarmm Weylandt. . . . ibzo. auf einer Folio-Seite allein. 'Der Zuiam- mcnhang wies, daß einer in den andern mußte gelegt werden, und die Seite des eingelegten, deren oberste Zeile An Münz heißt, zu dem Artikel Paarscbaft, gehörte, der sich gleich anfangs des Bogens befinder, in welchen der andre gelegt ist. Unterschrift und Besiegelung der Jnven- tierer und des Jnvcntierkncchts sind nicht vorhanden. Der Extrakt aus dem Rathsprotvkvü lchrt we« 19 ^ nigstenS, wer Keplers Beerdigung besorgte. Die . Stelle: „hinderlasscne stehen zusammen" verbessere ich muthmaslich: „hinderlassene Sachen zusam» men." Schriftzüge und Rechtschreibung machen glaublich, daß die Manuscripte im Jahr «üzo. verfertigt sind. Die Rechtschreibung ist, meinem Rathe gemäs, im Abdrukc bcibehaltcn worden. Also vorausgcsezt, daß man diesen Abdruk gelesen habe, will ich einige Bemerkungen über die Anwendung des Jnventariums zu gegenwärtiger Absicht beibringcn. Aus dem, was ein Fremdling an dem Orte, wo er stirbt, verläßt, kann man wohl auf seine Vermögensumstände nicht sicher schließen. Er könnte reich seyn, und wenig auf der Reise mit sich genommen haben. Wenn er aber viel bei sich hätte? und das soll hier der Fall scyn. Unter dem baaren Gelbe finden sich einige Gold« stükc, die als Geschenke ihrem Brsizer Ehre machen , und die Bequemlichkeiten des Geldes nicht eher verschaffen , als bis ihn Noch dringt, sie zu veräußern. Auögcbcgcld, 20. ganze Thaler und 5z. Dukaten, war doch wohl nicht mehr, als ein reisender kaiserlicher und fürstlicher Mathematikus im Vorrat!) haben mußte? zumal, wenn er auf Befriedigung seiner Forderungen in einer vornehmen Reichsstadt warten sollte, wo ein Tag viel Jahre währt. 2YZ Schuldig war Kepler. dcm Jnventarium gemaS, zu Rcgensburg f>ricmand. als seinem Wirthc und dem Apotheker. Die Größe dieser Schulden ist nicht angegeben, kann aber nicht beträchtlich gerne» srn ftvn, denn er langte den zo. Oktober zu Re» gcnsdurg an, und starb am 5. November alten Kalenders. * Nun die Gege »schulden, e^äbiva im Juri» stcnlatein. , Die 50. fl. laut Obligation seit 1618. bei einem ' Leinweber, werden wohl ibzo. nicht viel mehr ge» gölten haben, und die Kleinigkeiten von 22. und 6. fl. kommen auch nicht in Betrachtung. Wichtiger scheinen die kaiserlichen Briefe und An» Weisungen, die so weit in Tausende gehen. Offenbar beweisen sie, daß Kepler so viel Geld haben sollte aber nicht hatte; sonst hätte er ja diese Anweisungen, auch die Quittung von Jo» Hann Hueber nicht mehr in Händen gehabt. Kepler klagt sehr oft, daß er feine rüksiandige Besoldungen, Gelder, die der Gelehrte immer Gnadenbezeugungen nennt, wenn er sie gleich verdient, nicht bekomme. Folgendes aus einem Briefe verteutscht, kn welchem Kepler dcm kaiserlichen Rathe Johann Matthias Wackhcr ,1617. für Gewogenheit und Freigebigkeit dankt. °) Ln Hänschens angef. Sammlung der 347. „Sobald ich (schreibt Kepler) von Prag ngch Hause gekommen bin, habe ich mich wieder an die Taseln und Ephemcriden gemacht, und damit ich die Kosten für die Ephemeridcn auf zwey Jahr bekäme, auch einen schlechten Kalender mit Progno- siico geschrieben. Es ist ein wenig ehrbarer, als Betteln, doch wird so die Ehre des Kaisers geschont, der mich gänzlich verläßt, daß ich, bei seinen noch so öftern und neuen Kammerbefehlen, verhungern mochte." Kepler ist der Gerechtigkeit dieser Klagen so sicher gewesen, daß er das Herz gehabt hat, sie vor den 16^7. herauSgckommcncn rudolphini« sehen Tafel» an Kayscr Ferdinand II. zu wiederholen. Ich will sie in der Sprache herse- zcn, in der er sie verträgt: ... b'rustru tune HNZS livi cnr «leeret» IN?, in ins munisicentiliiinn, gnidus prn^N reti'nednr, nnl- los conlscznsrstur sventns, cur in cnllnin, et kumtus impenäerem et tempus, pu's»näis, jnm (sumseae lrleüscos, zsrn lmperislis /lsrurii t'ori- dns. . . . ") Kepler hatte diese Papiere bcy sich, eben weil er Erfüllung seiner Erwartungen zu erhalten suchte. Nun die Schuldverschreibungen. *) labu!« kuclolplimss, in Keplers Dedicatl'on, die nach der tychonischen Erben ihrer folgt, auf der 2. Seite. Eisenhandlungsgescllschaft .... rooo fl. Landschaft von Oestreich ob der Ennö . izoo fl. LandeinnehmerAmt ...... 2000 fl. —:« 4522 fl. denn vcrmuthlich sind die 1500. fl. die bei Gelegenheit der Quittungen über Jinnsen erwähnt werden, mit den landschaftlichen einerlei. Von dem Kapitale bey der Eisenhandlung findet sich keine Nachricht wegen der Jinnsen, von den andern beydcn lagen bey ihm Quittungen über zweyjährige Jinnsen zu b. von Hundert. Weil Er diese Quittungen noch in Händen hatte, sb waren ihm die Jinnsen nicht ausgezahlt worden. Das Jnventarium zeigt ihn also als einen Mann, der frcylich ansehnliche Kapitale ausstehen hatte, aber davon in zwey Jahren, so lang, als die Obligationen (wenigstens wegen der beyden ersten Kapitale) ausgestellt waren, keine Jinnsen bekommen hatte. Vermuthlich wollte er auch diese Fodcrungcn cintreiben, denn seine Lebensbeschreibung meldet: er habe von Regensburg nach Lin; reisen wollen. Wie kam aber Kepler zu diesen Kapitalien? Ich will eine Muthmassung wagen: Sie rührten von seiner ersten Frau her. Sie hies: Barbara, ihr Familienname Müllerin von Müleckh, 157z. gebohren. Sie war dreymal vermählt; die erste Ehe mit einem reichen und ansehnlichen Manne war von kurzer Dauer; die zweite ungjüklich, mit einem kränklichen Manne, dessen Rechnungen unordentlich waren, und der böse Kinder hatte. Die dritte mit Kcplcrn, von den größten Unruhen begleitet. So schreibt Kepler selbst von ihr, in der Nativität, die er ihr gestellt. Han sch in Keplers Leben XIll. S. Die Nativität befand sich ohne Zweifel unter Keplers Manuskripten in H a n scheus Händen, Kepler war 1594. Professor der Mathematik und Ethik zu Gräz; Er dachte >596, (mithin in seinem 25tcn Jahre) auf diese Hcyrath. Der Geliebten Verwandten wollten nicht eher darein willigen , bis Kepler seinen Adel dargcihan hatte; deswegen mußte er in sei» Vaterland reisen und die Hemath kam >597, erst zu Stande. WaS konnte nun der Professor zu Graz für Bcwegungsg ündc haben, sich einer Ahnenprobe zu unterwerfen, damit er der dritte Gemahl einer gnädigen Frau würdet die ihm eine Stieftochter zubrachte. Zwar nur noch etwa 2g. Jahr alt, aber das doch auch ein? Bedenklichkeit: sie zeigte so eine gute Anlage zu dem Schiksale der Braut des jungen Tobias. Kepler war nicht allein Mathematikers, auch Dichter; dichterisch sieht indessen diese Heyrath eben nicht aus« Ihre Vermbgcnsumstaude könnten also wohl einen Einfluß gehabt haben, und vielleicht ist es,doch Keplern gegangen, wie es mehreren geht, die nach Reichthum Heyrathen. Was er in vorerwähnter Nativität von den Unruhen sagt, drukt Han sch in der Lebensbeschreibung so aus: „Es wären Streitigkeiten über die Mitgabe entstanden." Ihr Vater hatte ausserdem noch sechs Kinder, sie war das Aclteste. Sie starb >6rr. nach einer drenjahrigenKrankheit; Kepler redet mit sehr viel Ruhme von ihr. Die Erbschaft mußte er (und zwey Kinder, die er von ihr hatte,) mit seiner Stieftochter theilen. Er heyrathete zum zweytenmal rb z. eine vater- und mutterlose Waise von Mittlern Jahren bürgerlichen Standes, ohne Mitgabe, und hinterstes sie als Wittwe mit fünf Kindern von ihr, ausser den bcyden erster Ehe. Die gegenseitigen Erscheinungen der Erde und des Mondes, und den Gebrauch, den die Astronomen davon machen, hat Kepler in eine sinnreiche Erdichtung eines Traumes cingckleidet, unter welchem Titel sie zu Frankfurt rüzg. herausgekommen ist. Sein Sohn erster Ehe M. Ludwig *) Im Z58. der vonHansche n herausgegcbenen Briefe erzählt Kepler einem Gönner allerlei Schikiale, die ihm bei seinem Entschlüsse, sich wieder zu ver- heyrathen begegnet; denn er hatte unterschiedene Personen in Gedanken. so. kepleei, Natbem-tlci olim lmperatorll lom- olum, leu Oxur kochkumum ä« /ksironomis Luosn, 2Y8 Kepler, damals Kandidat der Arzneikunst, hat das Werk Landgraf Philipp von Hessen zuge- eignet. Sein Vater, (erzählt er in dieser Iueig- nungsschrift) sey während des Drukes verstorben. Darauf habe die Vollendung Bartsch übernom- men, der Keplers Tochter erster Ehe geheyrathet hat, sey aber auch darüber gestorben. Er Ludwig, habe sich mit einem Oestreichischen Baron auf Reisen befunden, und in zwey Jahren von den Seinigen keine Nachricht erhalten. Nach seiner Rükkunft habe er von Frankfurt aus, an sie in die Lausi'z geschrieben. Da sey die verwittwcte Stiefmutter mit vier Unmündigen geldlos zu ihm gekommen, in dem unruhigsten Zustande, an «inen Ort, der wegen der Theuerung höchst unbequem sey, habe die unvollständigen Eremplare des Traumes mitgebracht. Hülfe von ihm verlangt, der selbst andrer Hülfe bedürfe . . In diesen Umstanden hätten sich doch wohl Kepler'S Hinterlasscne, etwa drey Jahre nach seinem Tode nicht befunden, wenn sie eine beträchtliche Erbschaft gethan hätten. Nach meiner Hypothese haben die in der Inventur erwähnte Kapitale, den beyden Kindern erster Ehe gehört. Daß Ludwig nach des Vaters Tode die älvulgstum L N> I.uä. Kepplero L>. dleätc. Lsnä. Impreüum xsrtim 6sx->ni tilelior. sdlolutum krsn- cok. Lumtibur versäum Huktorl- I6Z4. 2YY Erbschaft anzutreten berufen worden, steht in ei» ner Stelle des Leichenprogramms auf ihn, die Hansel) anführt. *) Er gieng lbz2. mit dem Sohne eines Herrn von Switzendorf nach G en f, und kam ein Jahr darauf nach Frankfurt; welches also völlig zu seiner Erzählung in der Zu« eignungsschrift an Landgraf Philipp paßt. Noch nicht 5000. Gulden, in den unsicher», trübseligen Zeiten des teutschen Krieges, so ausge« lehnt, daß die Zinnscn gar nicht ordentlich einsamen: Sczten doch wohl einen kaiserlichen Mathe» matikum nicht in Uiberfluß, der gegen sein fünf» Zigstes Jahr, ausser ein Paar erwachsnen Kindern noch fünf unerzogene, und eine, nicht alte, Frau, zu versorgen hatte? Oder, sollte er vielleicht diese Gelder nehmen, und bis er mit seiner Familie sie verzehrt hatte, den Lohn, der ihm seit zwanzig Jahren versprochen war, unerinnert lassen? Gehörte dieses Geld nicht einmal ganz ihm eigen , anußte er seinen Kindern erster Ehe davon Rechenschaft geben, so wäre es noch seltsamer, dem Vormunde, der seine Bedürfnisse äußert, zu antworten : Eure Mündlinge sind ja nicht ganz Bettler» Die Sache verhält sich eigentlich so: Kepler bekam nicht, was ihm war versprochen worden, was er gewiß mehr, als zu sehr durch Bemühun» *) In Keplers Leben XXIII. G. Ludwig war Doctor der Arzneykunst und starb zu Königsberg lööz. ZOS - gen verdiente, die erst von der Nachwelt gekannt und verehrt wurden. Sich und die Scinigen zu erhalten, mußte er also Arbeiten vornehme», die für einen solchen Geist zu schlecht waren. So half er sich vielleicht, wie ein rechtschaffener Mann in seinen Umständen thun konnte, ohne zu betteln oder zu betrügen, und litt eigentlich nicht Hunger; wie ihm doch wiederfahren wäre, wenn er, mit gleicher Ehrliche, weniger Biegsamkeit gehabt hätte. Ob er sich und den Seinigcn, selbst mit dieser Her» ablaffung und Anstrengung, alle Bequemlichkeiten, die sie wünschen durften, erringen konnte; — dar» an könnte man doch wohl zweifeln, zumal, wenn man jene unglüklichcn Zeiten in Erwägung zieht. Bey Arbeiten aus Noth, zu denen gehaust, die er mit Neigung vornahm, mußten seine Kräfte ganz anders verbraucht werden, als wenn er sich den lezten allein hätte wicdmen können. Und Kepler'n zu tadeln, daß er eine sol.l'e Lage sehr unangenehm fand, in der er doch sein Leben gegen 50. Jahre fristen konnte! Wer das thut, dessen Seele mag weiter keine Bedürfnisse kennen, — als Nahrung und Kleider." *) Nachrichten von Kepler finden sich bei: Naxiri Lpon^m. Nontucls Ulli Natkel. 'IV II. p. 205, feg. 6 k su lep i ö, No r >1 0 f. IV II. p.244. Lruck «rl llik.cr. plillol. U.V. p. ÜZ2- 6Z4.IV VI. p. 9l6. — V or ii ur 6e icisnt. mslkem. p. 198. tq. SZ7.Zl5.340. Nieeron. IZ. Th. p. 321-342.— - Zvl Fromme Wünsche für die baldige Errichtung eines Monuliients für Kepler in Negensburg. Schon vor zween Jahrzehend hatte der, um Regens bürg so sehr verdiente Professor und Rektor Ostertag in der edeln Absicht, um den gegründeten Vorwurf der tcutschen Undankbarkeit gegen teutsche Verdienste endlich einmal zu vernichten , das aufgeklärte teutsche Publikum öffentlich aufgcfordert, dem so würdigen Kepler ein ehrenvolles Denkmal teutscher Achtung für teutsche ausgezeichnete Verdienste zu errichten. Das, damals in der Idee von ihm entworfene Monument des groscn Kepler's in Regensburg war nun folgendes: „Dis Keple rische Cenotaph (sagt Ostertag in seinem Programm Seite 24.) würde auf einem schwarz marmornen Piedestal einen Sarkophag von Kepler's Monument in Regensburg. re. von Joh. Phil. Ostcrtag. Regensburg 1786. 4. *) S. Joh. Philipp Ostertag's Programm, betitelt: Kepler's Monument in Regensburg. An das aufgeklärte deutsche Publikum: nebst einem lateinischen Sendschreiben an den berühmten Herrn Hofrath Kaestner in Göttingen. rc. Regensburg mit Aeitlerischen Schriften I 7 LS. in 4to. 3°2 gleichem Marmor zeigen, an dessen Vorderseite zwecn Genii in halb erhabner Arbeit stehen, deren Einer ein Tclcscop in der Rechten, und «inen Wür« fel in der Linken hält, um den Erfinder des Ast roll omi scheu Fernrohrs und der, im gläsernen Würfel entdckten Strahlenbrechung zu bezeichnen: Der andere Genius deutet mit einem Stabe auf eine, ebenfalls auf dieser Seite des Sarkophags gezeichnete Ellipse, in deren Brennpunkte sowohl, als in den drey unterschiedenen Entfernungen halb erhabene proportivnirte Kugeln stehen und auf de» ren elliptischen Fläche zugleich zwey gleich grosse Flächenstüke durch eine, etwas rauhere Bearbeitung des Marmors sichtbar sind; in der Linken hält aber der ncmliche Genius einen, in einem Vierek eingeschlossenen Cubus. Auf jeder Ncbenseite des Sarkophags stehet ein Genius, deren Einer, in Traurigkeit versenkt, eine umgekehrte Fakel hält, der andere aber mit Mienen eines Flehenden mit dem Zeigefinger auf die Worte deutet: plorsvere suis uon relponäere ssvorem, Optutvm meritis. Auf dem Sarkophag erscheint Kepler selbst aus weisem Marmor gebildet, als ein deutscher Mann der ersteren Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts in liegender Gestalt: zu Kopfküffen die« neu Ihm zwey seiner wichtigsten Wei°ke mit ihren Aufschriften: Eommeutarü äe Motibus ssellos Markts und üsiMvuic». Hinter dem Sarkophag endlich erhebt sich eine Pyramide, mit einer, des unsterblichen Kepler's würdigen Aufschrift: auf der abgestumpften Pyramide sizt Urania mit einer Sphäre in der Rechten und einem Telescop in der linken Hand." Eben dieser Professor Ostertag hatte nun die Erfüllung dieser seiner Vision von Kepler's Monument in Regensburg weislich in das grosse Jahr 2440. gesezt. Aber dieses Jahr scheint dem guten Regensburg früher herangerükt zu seyn, als es damals hoffen konnte l Denn nach einer, am l. Hornung rstoS. zu Regensburg im Druk erschienenen Einladung,^) ist, im festen Vertrauen aus die hohem Neigungen gebildeter Zeitgenossen bereits der Plan zu einem Denkmale für Kepler nachfolgendermasen entworfen worden; wozu des nunmehrigen Herrn Fürsten Karl Primas Hoheit-, als damaliger Reichserzkanzler zu Regensburg, zu einem Beitrage von Eintausend Reichsthalern sich bereits zv erklären, geruhte. „Eine, von dem berühmten Künstler, Professor Döll zu Gotha verfertigte kolossalische Büste (nach dem Verhältnisse eines Körpers von y. Fus Höhe) von carrarischem Marmor — Heist es in *)Siehe.J.G.Pahls Nat. Chr. d. T e utsch e n rc. igoS. S. 125. ff. wo einige interessante Bemerkungen über Keplers Verdienste und Tchiksale gemacht sind» 304 zuvorerwähnter Einladung — würde auf einem Piedcstal von wcissem schwarzgcädcrtem italiäni- schcn Marmor, mit bronzener, kn Feuer vergolde» ter Jiinschrift und mit angemessene», rein anriken Verzierungen ruhen. Es seye nur noch die Frage übrig: wo das Monument aufgestellt werden solle? und zwar dis um so mehr, weil von der Entscheidung derselben der mindere oder grössere Aufwand abhange. Kepler's irrdischcn Reste lägen nicht in der Kirche, sondern auf einem Kirchhofe. Zage sein Leichnam in der Kirche, so war jene Frage bald entschieden und man sezte das Piedcstal mit der Büste über sein Grab. Aber so liege er an einem abgelegenen Orte, und es wär nicht einmal passend, das Monument auf dem, nicht reizenden St. Peterskirchhof aufzustellen. Dieser Umstand allein mache cs schon nothwen» dig, darauf zu denken, das Monument auf einen andern schiklichcrn Ort zu errichten, zumal, da selbst die eigentliche Stelle, wo Kepler's Asche auf dem Kirchhof ruhe, wegen der vielen Ver» Wüstungen, so Regensburg im dreissig» jährigen Kriege nach Kepler's Tod erlitten, vielleicht nicht einmal ganz bestimmt anzuge» den seyn dürfte. Man sene daher auf die Idee verfallen, die Büste mit dem Piedcstal in dem neuen Botanischen Gräflich Stern berg > schen Garten, der von dem gegenwärtigen Bestzer und des 3°5 höchstgedachten (vormaligen Knrerzkanzlcrs Kur» fürstliche Gnaden) und nunmehrigen Herrn Fürst Primas Hoheit zum Size der Musen und der Charitinnen erwählt worden, in einem schönen Hayne von Gesträuchen und Blumen aufzurichten. Hier könnte etwa auch sein Sarg, wenn er jc noch aufzufinden wär', unter sein Monument ge« brachk werden. Sollte aber auch dieser sich nicht finden, so wäre dieser Plaz immer der schiklichste, um sein Andenken zu verherrlichen, da er dem Kirchhofe zunächst liege, und gewiß auch Kepler's Manen im Garten eines Freunds und Lieblings der Musen gerne weilen würden. Weil aber alsdcnn das Monument doch für dem zerstdhrcnden Ein» stufst der Witterung zu sichern scye, so müßte ein passender, aber nicht zu kostbarer Pavillon, Tcm» pel rc. über dis Monument anfgerichtet werden. Hiezu habe der Obrisilieutcnant und Landbau- meister 6'VriZoin vorläufig einen sehr schönen Riß entworfen, der, wenn er ausgssührr würde, sowohl dem Lokal vollkommen angcimssen stye, als auch alle Bedingungen erfülle, die man von einem Gebäude, der Art erwarten könne. Ein schöner "dorischer Tempel von 2 Z. FuS Höhe im richtigen Verhältnisse mit der, in der offenen Sanlenlaube ausgestellten Büste Kepler's würde schon von ferne dem Zuschauer die Würde dcS Denkmals verkünden. In den Mclopcn könnten nemlich so schikliche und so schöne Verzierungen an- 20 gebracht werden, die Anspielungen auf den Zwek enthielten, welchem das Gebäude gewiedmct styc. Wenn z. B. in diesen Metopen die zwölf Zeichen des Thicrkreises und andere schiklichc Srernbilder ausgchaucn würden, so könnte schon durch diese edle Verzierung das Andenken des grossen Mannes seiner Nazion noch mehr versinnlicht und zugleich das Gefühl für das Grosse und Erhabene noch mehr, in der Nazion aufgeregt werden." Zur Ausführung dieses, auf Subscription veranstaltet werdenden planmäsigen Unternehmens, welches im Ganzen ohngcfahr fünftausend Gulden erfordern dürfte, haben sich der Herr Graf von Sternberg, nebst den Kurhannövri- schen und Braunschweigischen (vormaligen) Gesandten in Regens bürg, ncmlich L. von Pl essen, und F. von Reden, verm'og Eingangs erwähnter, im Druk erschienenen Einladung, freiwillig ancrboten. In Ansehung dek eingehenden patriotischen Beiträge hiezu, machte sich hingegen der damalig kurfürstliche Landesdircktorialrath, Herr BoeSner verbindlich, nicht nur die Kaffe und Rechnung zu besorgen, sondern auch überdis jeden Monat über Einnahm und Ausgabe öffentliche Rechnung abzu- lcgen, und am Ende durch eine Beschreibung samt Vignette das Denkmal zur Kenntnis des Publikums zu vringcn. Selbst Aom, der berühmte Siz der Künste 3«7 und Wissenschaften, lohnte teutscheö Verdienst; indem es unserm Raphael Mengö, so wie auch unserm Winkclmann, in seinem herrlichen Pantheon ehrenvolle Beweise seiner Dankbarkeit aufstellte. Schon ehrt Hannover seinen Leibniz — Hamburg seinen Busch durch ein öffentliches Denkmal. In andern Gegenden Deutschlands wetteiferten teutschc Männer, dem grossen Luther, und dem herrlichen Schiller, den Tribut ihrer Verehrung zu zollen. Sollte cs wohl izt schwieriger seyn, auch dem Verdienste Keplcr' s — auf den ganz Schwaben vorzüglich stolz seyn darf — seine Krone zu verschaffen? " Kepler's Denkmal steht zu Regensburg. Kaum hatte der vorhergehende Abschnitt über die „frommen Wünsche für baldige Errichtung eines Monuments für Kepler in Rege ns bürg" die Presse verlassen, als ich auf einmal, ganz unerwartet, die sichere Kunde davon erhielt: daß die Büste des Unsterblichen bereits seit mehreren Monden aus den Händen des Herrn Professors Döll zu Gotha gegangen seye, so wie nicht minder auch das, zum Picdestal gehörige Basrelief zu Anfang des Aprils gegenwärtigen (l8o8.) Jahrs den Meisel des Herrn Dann- 20* ekcr in Stuttgart verlassen habe. Es seye daher zur Vollendung der Umgebungen, so wie zur Vorbereitung der Errichtung nur noch ein kleiner Zeitraum erforderlich, nm dann Teutschland mit Bestimmtheit sagen zu können: Kepler'S Denkmal steht zu Rege ns bürg! ") Nach den indcß hierüber erhaltenen nähern Nachrichten ist das, an der neuen Chaussee beim Kirchhofe zu St. Peter in Rcgensburg stehende Keplcrische Monument ganz nach der Idee des verstorbenen Professors Oster tag zu Stande gekommen. Dieser Idee, und hauptsächlich jenem Plane gemäS, welcher in der, in vorhergehendem Abschnitte erwähnten Einladung zur Kostende!» tragssubcription vom i. Febr. 1806. umständlich enthalten ist, verkündigt ein schöner dorischer Tem» pel von 2Z. Fus Höhe im richtigen Verhältnisse mit der, in der offenen Säulenlaube ausgestellten Büste Kepler's von carrarischem Marmor schon von ferne dem Zuschauer die Würde des Denk» mals; und durch die, in den Mctopcn ausgehaue» ne zwölf Zeichen des Thierkrcises und andere schik» liehe Sternbilder, ist das Andenken dieses grossen Mannes seiner Nazion noch mehr versinnlicht dar» gestellt. Die feierliche Einweihung dieses Monuments soll nun gegen das Ende gegenwärtigen (>8o8.) Jahrs oder zu Anfang des nächstfolgenden vor sich *) S. Schwab, Merkur v, rr. May iLoL. Aro. yz. - ZOY gehen, und selbst durch die persönliche Gegenwart Sr. Hoheit, des Herrn Fürsten Primas von Frankfurt am Mayn — als auf Höchstdessen Ankunft in Regensburg diese Einweihung eigentlich beruht— noch mehr verherrlicht werden! Ein Programm wird seiner Zeit das Nähere angebcn und das Ganze von dieser Geschichte zur Kenntnis dcS Publikums bringen. / 40 . Josef Anton Gall. Ein glänzender Zeitpunkt öffnet sich mir jezt; aus den nicht gar groscn Mauern der ehmaligen freien Reichsstadt und nunmehrigen Königlich Wir« > tembcrgischen Oberamtsstadt Weil tritt jezt ein Mann aus neuerer Zeit hervor, der erst mit ciscr» ncm Fleisc sich ganz in die Wissenschaften vergrub, und dann seinen Lebensplan blos auf die Bered» lung der Menschheit und ans ideale Zweke berechnend, nach dem unparteyischen Zeugnisse seiner Zeitgenossen, durch sein thatiges, edles Streben, Licht und religiöse Gesinnung zu vcibrciten, der gemeinsame Lehrer und Volksausklärcr e-Nr.... katholischen Glaubensgenossen, nicht bloS- ZI0 - Oestreichs, sondern des ganzen Teutsch» lands wurde; wodurch Er ein unsterbliches Ver- dienst um die (zwar aus politischen Gründen nur) lange schon irrgcführte Menschheit sich erwarb; Er war cs, der , als teutscher Fenclon, seiner kleinen Vaterstadt einen groscn unvergänglichen Ruhm verschafte, indem er durch sein eifriges Be» streben, der Menschheit nüzlich zu werden, sich stufenweise zur wahren Gröse eines solchen Mannes hinaufbildete, der an Geist, an Großheit der Gesinnungen und an Thätigkcit, allerdings neben die gröSten Männer des Alterthums gestellt werden darf — und Dieser nannte sich; Josef Anton Gall! Sein Leben ist so reich an wichtigen Ereignissen , hatte soviel Einfluß auf sein Zeitalter, daß ich cs izt, um die Geduld des lesenden Publikums durch eine ununterbrochene Schilderung desselben nicht zu sehr zu ermüden, hier in kurzen Zeitabschnitten zu erzählen, qm zwekmasigsien finde. Diesem Plane gemäs, schreite ich nun zur Beschreibung Dessen Geburt und Bildung, Josef Anton Gall erblikte das Licht der Welt am 27. März des Jahrs 1748. zu Weil M seinem väterlichen Hause, das zwar dermalen ' flicht mehr mstirt, indem solche? sein Bruder, der —- ZU gegenwärtige erste Bürgermeister, Herr Johann Baptist Galt, nach seines Vaters Tode, gänzlich nicdergeristen, und auf den Trümmern dieses gemeinschaftlichen älterlichen Hauses, ein viel grö» sereS, nach der neuesten gcschmakvollstcn Bauart eingerichtetes Wohngebäude, je;t mit der Haus, immer ,zt>. bezeichnet, aufgeführt hatte; — ein mcrkantilisches Gebäude, da§ dem Marktplaze der Stadt Weil nunmeh^das schönste Ansehen ver» schast. Die Aeltern unseres Josef Anton hielten sich fest an jenen wichtigen Grundsaz: „daß Kinder nur an vertraute Geschenke dcS Himmels scyen"; daß es daher eine der heiligsten Pflichten der Aeltern wäre, selbige, nach der Bestimmung der Religion, zu bilden, indem überhaupt eine gute Erziehung den Menschen zum guten Bürger und Christen mache und ihm zu» gleich ein glückliches Leben bereite. Nach dieser Uiberzeugnng versäumten sic daher auch kein Mittel, das sie zu diesem erhabenen Zweke näher bringen konnte; sie kannten freilich jene tändelnde Erzichungswcise unsercsZeitalters nicht; aber ein väterlicher Ernst, eine mütterliche Aufmerksamkeit auf die allmähligc Entwikelung der geistigen und körperlichen Kräfte ihrer Kinder bewirkten jene kern hafte Ausbildung, die den Menschen in jeder ZI2 Lage des Lebens zum gulcn, so wie zum nüzlichcn Mitglied«: des Staats und der Kirche macht. Unbedeutende Kleinigkeiten abgerechnet, welche immerhin die Zeugen menschlicher Unvollkommenheit und Schwäche sind, mußte die ernstliche Er» zichiiiigsart selbiger Zeiten nothwendig auch schäz» bare Menschen hcrvorbriugcn, weil Gcmciiinüzig» keit, in Verbindung mit der Religion, die allgemeine Grundlage der Erziehung war. Sein Vater Anton Galt, ein vermöglicher Handelsmann, dessen Fleis, Gcschiklichke.it und tugendsanier Lebenswandel d^ Scegen des Himmels beglükte, gcnoö auch auf der andern Seite den Lohn siincr Nechtichaffenheit — die Hochachtung und Liebe seiner Mitbürger. Sie erwählten ihn znm- Bürgermeister, indem sie, seiner Lnbe^znr Tugend, die glükliche Leitung des Bür- gerwohlö anvcrtrautcn. Wie glüklich nun ihre Wahl gewesen sey, beweist die, in der Folge wiederholte Bestätigung desselben in seinem Amte; dieser Mann von ausgezeichneter Rechtschaffenheit sollte noch mehrere Jahre an der Spize seiner Mitbürger stehen, und uncigennüzig das Wohl des Vaterlands besorgen. Judeß hinderte diese Ehrcnstelle den Vater keineswegs, auf das sorgfältigste über der Erziehung seines ältesten Sohns Josef Anton zu wachen ; noch viel weniger konnte die Eitelkeit seine frommt Mutter, Namens Katharine, eine gebohrne Bey erlin, soweit zerstreuen, daß sie die Pflicht hintangesczt hatte, dcn Liebling ihres Herzens, zur Ehre Gottes zu erziehen. Schon als Knabe ward unser Josef Anton Gall, in Hinsicht seines sittsamen Betragens, seiner Eingezogenheit und Herzensgute, der Liebling nicht blos seiner Aeltcrn, sondern der ganzen Vaterstadt; ja die Bürger derselben schmeichelten-sich schon im voraus mit der angenehmen Hofnuug, einst durch ihn die Stelle seines, allgemein gcschazten Vaters ersezt zu sehen, während dem er sic) mit unermüdetcm Eifer im Lesen, Schreiben und Rechnen übte; als in welchen Gegenständen ein Kapuziner seiner Vaterstadt, der eine besondere Geschiklichkeit hieriun besas, unfern jungen Gall sorgfältig unterrichtete. Die Laufbahn seiner Studien beginnt in Rothenburg am Nekar. Jezt nahte der Zeitpunkt heran, daß er seinen väterlichen Heerd verlassen mußte. Mit vorzüglichen Gaben ausgerüstet und mit einem regen Sinne für das Leben in der ideal!« sehen Welt, hatte der Sohn keine Lust, sich dem väterlichen Gewerbe zu widmen. Er besuchte deshalb, nachdem er den ersten Unterricht erhalten hatte, die Schul e der Ie« Zl4 suiten zu Rothenburg am Nekar; in welcher sich derselbe einige Jahre hindurch vcr> weilte. Früh zur Arbeit gewöhnt und hinlänglich dazu vorbereitet, nach den Vorschriften der Religion zu handeln, konnte man.-auch, bei der Veränderung seiner wissenschaftlichen Laufbahn, die glüklichste Folgen schon !m voraus von ihm erwarten. Unter der grossen Anzahl seiner Mitschüler zeichnete sich der tugendhafte und flcissigc Josef Anton immer vorzüglich aus; er war daher stets der Gegenstand der Liebe seiner Lehrer sowohl, als auch seiner Schulkammcraden. Kein Wunder war es daher, wenn dieser, ver, möge seiner glüklichen Naturanlagen, beständig den ersten Rang unter seinen Mitschüler;« bchaup» tete, die sich, theilö seines Verstandes, und theilS auch seine- unschuldigen Betragens und seiner Her» zensgüte wegen, sich an ihn hindrängtcn, so, daß die Lehrer und Schüler gleichsam um ihn buhlten. Daher kam es denn auch, daß er, nach jeder geendigten Laufbahn des Schuljahrs, mit Preisen geschmükt und mit den fürtreflichsten Zeugnissen seiner Lehrer ausgerüstet, in seine Heimat zurük» kehrte. Wie sehr hob sich dann nicht die väterliche Brust bei dem Gedanken an die wonnevollcste Zukunft, und welch süssen Gefühle erfüllten da nicht das Herz seiner frommen Mutter, wenn sie diesen. - Zl5 ihren gekrönten Liebling an ihre Brust drükte! Ja, diese Frcudengefühle theilten sich damals allen Mitbürgern Weil's mit; und diese waren nicht wenig stolz darauf, daß auch ihre Vaterstadt unter die bedeutenden Städte Tentschlands gehöre, in welchen grosse Talente zum Vorschein kamen. Von izt an, faßten seine Acltern den Entschluß, ihrem Sohne die Herbstferien nach seinem Gcschmake recht angenehm zu machen. Sie erlaubten ihm daher, jährlich einen oder den andern seiner Schul- kammcraden mit sich nach Weil zu bringen, damit er diese Zeit der Erholung, ganz nach seinem eigenen Gefallen, dort zubringen könnte. Er be- nuzte auch in der Folge immer jene Gelegenheit zu seiner unschuldigen Unterhaltungsweisc. Aber, welche Gesellschafter führte er jedesmal in das väterliche Haus? Nur sylche Jünglinge waren es, denen die äussern GlükSumstände nicht schmeichelten, die aber an Geist und Herz in einer Verwandschaft mit ihm stunden. Diese glükliche Auswahl erfreute seine Acltern noch mehr, da sie die deutlichsten Beweise seines guten Herzens und seiner richtigen Denkungsart -araus schlissen mußten. Er reist zu seiner weitern Ausbildung nunmehr nach Augsburg. Nach und nach sollte Er nun den Schauplaz der grossem Welt betreten und ihn auch kennen lernen. Eben daher schikten ihn izt seine Aeltern nach Augsburg. Aber auch hier blieb er sich immer gleich; die Grundsäze der Tugend und Arbeitsamkeit waren zu tief in seiner Seele eingedrükt, als daß eine grössere und glänzendere Stadt eine Veränderung derselben hätte bewirken können. Er bewies, daß ein fester Karakter, der sich frühzeitig gebildet hat, sich unter jeder Himmelsgegend gleich bleibt. Ja, hier leuchteten sein Fleis, seine Unschuld und Bescheidenheit, die in all seinen Handlungen sich sehr kenntbar machen, in einem ausgedehntem Kreise; und seine Vorzüge erhielten durch die grössere Zahl seiner Mitschüler zugleich auch einen grossem Glanz; und bei jedem jugendlichen Wetteifer trug er immerhin den Preis davon. Wenn nun die tadelfreie Blume der Jugend selbst, an sich so viele Reize hatte, so mußte sie um so mehr die Hochachtung der Lehrer sich bereiten , so wie dafür auch der dankbare Schüler den Werth und das Verdienst derselben schazen lernte. Dis machte daher den frommen Entschluß in ihm rege, ,sich zu einem, eben so nüzlichen Manne zu bilden, und sein Leben nunmehr dem Lchrstande, dem wichtigsten in der Menschheit, zu weihen. Er begibt sich auf die Universität Heidelberg. Nachdem ihm nun der Vertraute seines Her« zcns die Zukunft — in die sein JünglingsAug noch nicht hätte bliken können — dahin eröfnet hatte, daß der JesuiterOrden in Augsburg seiner Auflösung nahe sey, so gab er bei diesen Umständen nunmehr seinen, zuvorerwähntcn Lieb« lingsgcdanken auf. Jzt kehrte er von dort mit den Zeugnissen seines Fleiscs und ohntadelhasren Lebenswandels in den Schoos der Seinigen znrük, und besuchte das folgende Jahr die Universität zu Heidelberg, woselbst er Philosophie studierte. Gewohnt, sein Tagwerk nicht halb zu verrich» ten, sondern selbiges ganz zu vollenden, bemühte er sich mit rastlosem Eifer die philosophischen Grund, säze sich ganz eigen zu machen, so, daß er, durch die Veranstaltung seiner fürtrcfliche» Lehrer, die seine ausgezeichnete Kenntnis hierinne zu belohnen suchten, auf eben dieser hohen Schule auch in der Philosophie der Doktorgrad crtheilt. Nun stand der edelste Jüngling an Herz und Zi8 Geist an dem Scheidewege; denn izt sollte Er den künftigen Berussstand wählen. Er, als der älteste unter seinen Geschwistern, hatte den Anspruch auf das väterliche Haus und Gewerbe. Allein, wie konnten diese Dinge einigen Eindruk auf seine Seele machen, die erhabnere Ge« gcnstände kannte und mit geistigen Bedürfnissen vertraut geworden war? Sehr gerne hätte Er sich zwar Alles dessen ent» schlagen; aber dem Wunsche seiner Acltern zu entsprechen, die in ihren einzelnen Absichten getheilt waren, hätte dem hofnungsvollen Jünglinge schwer werden müssen, wenn sie nicht beiderseits aus Klugheit ihre Absichten, um seine Freiheit in der Staatswahl unbeschränkt zu lassen, vor ihm verborgen halten. Ihm war der einstimmige Wunsch der Bürger Weil's, (wovon sein Vater der erste war,) nicht unbekannt geblieben, ihn nemlich «inst alö Rechtsgclehrtcn, der das vaterländische Interesse und die Rechtspflege besorgen sollte, in ihrem Schoose zu besizen, so wie er auf der andern Seite die frommen Wünsche seiner andächtigen Mutter leicht errathen konnte, wornach sie ihn lieber unter der Zahl der Gesalbten des Herrn crbliken würde. In dieser kritischen Lage wanderte Er izt zum andernmale auf die hohe Schule nach Heidelberg, studierte dort, zween Jahre hindurch, so« wohl die Rechte, als wie nicht minder die Theo» logie; und dis zwar mit solcher unermüdcten An» slrcngung, daß seine, ohnehin sehr schwache. Na» tur seinem übertriebenen Fleise zulezt gänzlich un» terlag. Tddtlichcr Schmerz durchbohrte die Herzen seiner Aeltcrn bei der Nachricht, daß er nunmehr dem Rand des Grabes nahe scy. Da ihm die Starke seiner Schmerzen, wäh« rend dieses Zustandes, öfters das Bewußtseyn raubte, und er in der Zwischenzeit über sich selbst, so wie über die Bestimmung und Vervollkomm» ming des Menschen reiflich nachdachte, so cntschlos er sich, wie allmählig das süsse Blut in seine Adern wiederkehrte, nunmehr-das christliche Lehramt zur Aufgabe seines Lebens zu machen. Doch wollte Er diesen wichtigen Schritt, ohne die ausdrükliche Bewilligung seiner Ackern, kei» neswegs unternehmen. Er studiert in der Folge zu Bruchsal die Theologie. Seine Aeltcrn, bei denen überhaupt Kopf und Herz am rechten Fleke fassen, behandelten ihn, als das Kleinod ihres Herzens, mit äußerster Schonung und Klugheit bei seinem, ihnen kund getha- nen festen Entschlüsse, Z20 Sie stellten ihm nemlich seine natürliche Freiheit, als sein unveräusserliches Eigenthum für, und liesscn ihm also freye Wahl, zu studi» rcn, was er wolle. Er folgte daher dem Drange seines Herzens und begab sich hierauf in das bischöfliche Semi» narium nach Bruchsal. Dort bildete Er sich zu einem musterhaften Seelsorger, und zwar unter der Leitung des ge» lehrten und lichtvollen nachhcrigcn Weihbischofs Seelmann, welcher die Kunst — die RcligionS» lehre nicht blos, als ein gelehrtes Wissen, dem Kopf annehmbar, sondern auch, als Gottes Wort, dem Herzen liebenswürdig zu machen — in vor» züglichem Grade verstand. Wahr ist eö übrigens, daß immer von Seiten deS Zöglings — will er anders in den Wissen» schäften wichtige Fortschritte machen — ein gutes Talent und ununterbrochener Fleis erfordert wer» den. Aber, zu welcher Gröse und Vollkommenheit konnte nicht diesen die tiefe Kenntnis eines solchen Lehrers erheben', wie damals Schmid war, der die Stelle des, in der Zcitfolgc in Speyer verstorbenen Seclmann's, als wirklicher Weih» bischof von Bruchsal vertrat! Welch vorzügliche, und fast ungewöhnlich er« habene Bildung mußten nicht dergleichen Zöglinge *) Dieser Schmid starb ebenfalls vor ohngetähr drei Jahren als Weihbischof in Bruchsal. Z2l unter Seelmann'ö weiser Leitung erlangen, der auf daS Bcwußtseyn reinsittlicher Grundsäze, auf die geschärfte Urteilskraft, dieselben anzawendcn, so wie auf die Kraft, daS jedesmalige Urthcil des sitt» lichen Beurtheilungsvermögens zu befolgen, drang? Der unter anderem ganz unverdrossen dahin arbei« tete, daß seine geistlichen Zöglinge auch Menschen» und Weltkenntnis, woran er so reich war, auS seinem Hörsale mitbrächrrn, damit sie einst ihrer künftigen Bestimmung zum Segen der Gemeinden entsprechen könnten. . In der That waren Zöglinge von einer sol» chen Bildung allerdings dazu geschikt, nicht nur Hirten einer Gemeinde, sondern sogar deS grösten Airchsprengels zu sevn. Es scheint-überhaupt, als hätte die Vorsehung unfern Gall, als Zögling in diesen glüklichen Zeitpunkt hilikkngefügt, in welchem er sich zu ei» ncm künftigen Oberhirten hier bilden sollte! Er liest, als e'mgeweihker Priester, in seiner Vaterstadt die erste Messe^ Nachdem er nun unter jenen glüklichen Auspi» zien seine theologische Laufbahn vollendet Chatte, ward er, izt an Kopf und Herz zum geistlichen Stande hinlänglich vorbereitet, im Jahre 1771. zum Priester geweiht. Er las zwar erst am 29. 2l Z22 - Juny 1772, als am Feste der heil. Aposteln Pe- tri und Pauli, nach damaliger Sitte und Gewohnheit, in der Pfarrkirche seiner Vaterstadt Weil die erste Messe. Dieser festliche Tag ward nun durch ein splendides Gastmal auf dem dortigen Rathhause selbigen Nachmittags verherrlicht. Von dieser Begebenheit an, genos er eine Zeit- lang der, seiner schwächlichen Gesundheit wegen, ihm so ndthigen Ruhe im väterlichen Hause. Allein der Heise Wunsch, mit aller Thätigkeit an dem Wohl seiner Mitbrüdcr zu arbeiten, und überhaupt auf mehrere Veredlung seiner Mitmenschen dauerhaft hinzuwirken, brachten ihn auf die ganz natürliche Idee, die er aus eigner Erfahrung schon dunkel fühlen mußte, daß das Mcnschcnglük gleich in den ersten Jugendjahren gegründet werden müsse, und, wenn man die Anfangskenntnisse, in Rüksicht der bürgerlichen und religiösen Erziehung erleichtere, angenehmer und faßlicher mache, dadurch das Menschengeschlecht, gleichsam unvermerkt einen grossen Vorsprung in der Ausbildung gewinne. 323 Er unternimmt eine Lustreise von Weil nach Wien und eröfnet sich dadurch die Lauf» bahn zu seinem künftigen Glüke. Gerade in vorerwähnten Zeitpunkt fiel die Ver» befferung der östreichischcn Bürgerschulen. Die Zeitungen, so wie die glüklichen Erfahrun» gen verkündigten diese aufklärende Epoche. Unser gemeinnüziger Wahrheitsforscher Gall, überzeugt, daß der Grund des Guten nirgends sicher und feste zu legen scy, als in der Erziehung der Jugend, und entschlossen, all seine Kräfte der Herstellung und Verbreitung dieses Guten zu widmen, säumte daher nicht, jene Gelegenheit, die im Jahr 177z. zu einer Lustreise nach Wien sich ihm darbot, sogleich zu benuzen. Denn diese Lustreise diente ihm nicht nur dazu, um die Merkwürdigkeiten der grosen Kaiser» -stadt zu sehen, sondern dadurch zugleich auch seine Gesundheit zu stärken, und dort seinen wißbegierigen Geist zu befriedigen; indem er sich bei dieser Gelegenheit auch vorzüglich mit der vervollkomm- neten Lehrart, zum Besten der Jugend, in der patriotischen Hinsicht bekannt zu machen gedachte, um einst, nach seiner Rükkehr in sein Vaterland, jene Methode dort ebenfalls einführen zu können. Aber diese Lustreise war, nach dem Willen der Vorsehung, die Hauptveranlaffung dazu, daß Er für immer — in Oestreich blieb» LL " Z24 Seine gränzenlosc Wiöbegicrde und Neigung, auf jede, nur mögliche, Weise an der Veredlung seiner Zeitgenossen zu arbeiten, führten lhn in den Hörsal des Prälaten Fel big er von Saga», der'eben damals über die verbesserte Lehrmethode beim Schulunterrichte Vorlesungen gab. Der junge Priester Gall hörte nun solche auf« merksam mit an, und vcrschafte jenem weisen Lehrer dadurch ein bezauberndes Schauspiel, wenn er ihn, als einen, ohnevis schon fürtreflich gebildeten, und von sehr wohlbemittelten Ackern abstammenden Mann in der Blüte seiner Jahre sich mit den Grundlagen der ersten Bildung des Menschen aus« zeichnungSweisc vor allen übrigen Zuhörern, beschäftigen sah. Denn Gall, dieser würdige Schüler — der ohne solche Einsichten, entweder von einer reichen Pfründe im Vaterlande, oder wenigstens von sei« nem.ansehnlichen Vermögen hätte leben können machte sich die Begriffe jener Methode so eigen, daß er in Kurzem solche thcils erhöhte, und theils auch verbesserte. Sein eignes Forschen enthüllte ihm den fehlerhaften Mechanismus dieser Lehrart, die, weil sie neu war, von ihrer Vollkommenheit noch weit entfernt sevn mußte. Dergleichen ähnliche Verbesserungen erhoben ihn bald über seinen Lehrer, den Prälaten oder Abbt Frlbiger von Sagan. 3-5 Wie konnte daher ein solcher Mann, wie der junge Priester Galt sich darstcllie, den Augen der frömmsten Monarchin lauge verborgen bleiben? Sein Erzichungrtalcnt glanzte zu auffallend her» vor, als daß man ihm nicht halte den Antrag machen sollen, in Oe st re ich zu bleiben, um dort die vaterländische Erziehung, den Stolz des rdeln Regenten, gemeinschaftlich zu besorgen! Er erhält das Amt eines Katecheten an der k. k. Normalschule zu Wren. Die Hauptsorge der groscn Kaiserin? Marie Therese, war vorzüglich dahin gerichtet, das Wohl ihrer Unttrthanen durch reine und richtige Religionsbegriffe unerschütterlich zu machen; hin» länglich davon überzeugt, wie sehr eine ungeheu» chclte und gründliche Religion zum Glük des Le» bcns führe, das jeder, auch sogar der Unbedeu» tendste in der Monarchie, in vollem Maas genie» scn sollte. Da nun diese erhabene Monarchin, deren wahr» Haft mütterliches Herz einzig nur für das Wohl ihrer Volker schlug, von den vorzüglichen Einsich» tcn und der ausgezeichneten Gcschiklichkcil dcö, in jeder Rüksicht sich als Muster dargcstellten Pric» sterS, Josef Anton Gall, hinlänglich unter» richtet ward, so überschütt Hhm diese huldreichste Z2b -- Landesmutter unterm z. August des Jahrs 1774. ein allergnädigstcs Dekret. vermöge dessen Er, als Katechet bei jener Normalschule öffent« lich angestellt ward. Er erhält in vier Jahren hernach, den Titel eines kaiserlich königlichen Hofkaplans. Wie groß war sein Erstaunen, als er so plöz» lich in eine unerwartete Lage sich vcrsezt.sah! Denn hierdurch erhielten die, bisher heimlich in seiner Brust genährten patriotischen Plane mit Eincmmale eine ganz andere Richtung; und doch wollte Er den Absichten der gnädigsten Monarchin, welche in einer huldreichcstcn Zuschrift ihn zu Bekleidung jener Katechetenstelle aufgcfordert hatte, keineswegs entgegenhandcln. Nach rciscr Uibcrlegung entschlos er sich endlich, diesem Rufe zu folgen, und überlies sich daher ruhig der Leitung der höher» Vorsicht. Jzt leistete Er in der, ihm vorgezeichncten Laufbahn Alles, was man von einem fleisi'gen und ge- schikten Religionslehrcr erwarten konnte, der die ganz besondere Gewandheit hatte, nach dem Aus- druke der Bibel, den Kleinen das Brod zu brechen, und der die, tief verborgen liegende und ierhabenste Rcligionswahrheiten der Jugend recht anschaulich und faßlich zu machen, und ihr 3-7 selbige, vermöge seines sanften und liebevollen Vor» trags, in das Gedächtnis und Herz einzudrüken, das grose Talent bcsas. Diese glükliche Reform machte nun einen so tiefen Eindruk auf das religiöse Herz der grossen Kaiserin, daß Solche sich einmal das fürstliche Vergnügen machen wollte, Selbst ein Augenzeuge bei einer solchen Prüfung zu seyn. Aber Ihre Erwartungen hierinne wurden in einem hohen Gra« de überrascht. Sie fühlte bei seinem Lehrvortrage lebhaft die erhabenen ReligionSgcfühle; die aufgeklärte und herzliche Fragen, so wie die aus Uibe » zeugung hierauf erfolgte Antworten der Klei» ncn, gewährten Ihr izt in hohem Mase das süsse Fürstcngcfühl, daß es eine vorzügliche Vergünstigung des Himmels sey, über Andere zu herrschen, um sic — beglüken zu können. Aber auch der rastlose und Einsichtsvolle Lehrer Gall sollte an dieser Wonne Ihres gro- scn Herzens einigen Antheil haben. Sie erthcilte Ihm daher, zum Beweise Ihres Wohlgefallens, an seiner Lchrart, gleich nach der ersten Prüfung der Normalschüler, welcher Sie, so ebcncrzähltermasen, mitbciwohnte, durch ein Dekret vom 24. April 1778. den Titel eines kaiserlich königlichen Hofkaplans. 1 Z28 ——— Schon im nächstfolgenden Jahre bekömmt er die Pfarre Burg Schleinitz. Kaum konnte seine schwächliche Gesundheit jene starken Anstrengungen in die Länge ertragen, ohne, daß er Gefahr lief, das Opfer derselben zu werden. Aber, es lag ganz in der Seele der huldreich» sten Monarchin, die jedes anerkannte Verdienst so bereitwillig lohnte, nunmehr diesem verdienstvollen Manne seine Bürde zu erleichtern, damit sowohl seine körperlichen Kräfte geschont würden, als auch vorzüglich sein Geist noch lange zum Wohl des Oestreichischen Staats fortwirkcn könnte? Um nun seine Wünsche zu erfüllen, und zu» gleich dessen wirklichen Verdienste zu belohnen, vcr» lieh Ihm diese erhabene Monarchin schon am 27. Dcccmbcr r/gy. die landessürstliche Pfarre Burg» Schleinitz. Manchem, der sich über die Vorurtheile seiner, ehmals erhaltenen Bildung nicht hinwcgsezen konn» te, schien Gall's neue Lehrmethode, die Reli- gionswahrhcitcn durch leichte und sanftflicscnde Gespräche vorzutragen, zu herabwürdigcnd; manche vermulheten, daß man eben dadurch der Reinheit und Heiligkeit der Religion entgegen handle, und daß vielleicht ein Lehrer von dem Schlage, wie Gall war, mehr a u f das G efä llig c, als aus strenge Ortodorie hielt. Doch nur dtk Unwissenheit konnte, wie die Geschichte des Z2Y finstern Zeitalters vielfach bestätigt, an dieser jämmerlichen Ahndung krank liegen und ihr schleichendes Gift Andern mittheilen. Der würdige Priester Gall lieferte die untrüglichsten Beweise von seiner reinen Denkungsart; so wie auf der andern Seite die Sittlichkeit seiner zahllosen Zöglingen den unumstößlichsten Beweis seiner acht, christlichen Lehrart jedermann aufstcllte. So, wie die heraufstcigende Sonne durch ihre unwidcrstch- bare Strahlen die Nebel zerstreut, eben so schwan» den auch die Vorurrheile dahin, die nicht selten in der Hand des Unwissenden gefährliche Waffen sind, womit er in fanatischem Eifer das Hei» ligthum zu schüzen wähnt. Etwas von dessen Kanzelvorträgen bei der Gemeinde Burgschleinitz. Diese Gemeinde war izt so glüklich, an unserm Gall einen Seelsorger zu besizen, dem es weder an Einsichten , noch am guten Willen fehlte, sie in der Religivnswahrheit gründlich zu unterrichten, mit Worten und Beispielen zur Tugend zu ermuntern, und ihr das Himmelreich liebenswürdig zu machen. Um izt den Geist dieses würdigen Seelsorgers näher kennen zu lernen, dienen zur allgemeinen Uibersicht einige seiner Kanzelvorträge, die er unter der Frühmeß hielt» 3zo In der Predigt am fünften Sonntage nach Pfingsten trägt Er ncmlich seinen ländlichen Zuhörern jene, sehr interessante Materie vor, daß die Werke der Liebe gegen den Nächsten, jenen der Frömmigkeit Vorgehen. Mit einleuchtenden Gründen erhöht er stufenweise ihre Denkkraft und belehrt sie von der Wichtigkeit der Liebe Gottes, die man in Handlungen gegen den Ncbenmenschen äussern müsse; dann zeigt er ihnen durch Beispiele aus der täglichen Erfahrung, daß an sich sonst fromme Werke, wenn rö die Nächstenliebe fordert, hintangesezt werden müssen, und daß die reine Ausübung der Nächstenliebe wahre Andacht und ächter Gottesdienst sey. Mit welcher Stärke und Deutlichkeit spricht er am zwölften Sonntage nach Pfingsten, daß der Unterschied in der Religion keinen Vorzug in der Liebe gebe, noch vielweniger Jemand davon ausschliessc, indem alle Menschen die Kinder eines und des nemlichen Vaters im Himmel scyen! — daß die guten Werke (am siebenten Sonntage nach Pfingsten) nicht blos im Beten, Fasten und Allmosengeben, sondern überhaupt in der Erfüllung unserer Pflichten aus Liebe zu Gott, indem er uns selbige auferlegte, in dem allgemeinen Willen Gottes bestehen. — Wie salbungsvoll und nachdrüklich sprach er nicht am Festtage der Geburt Mariä, da er lehrte, daß die größte Heiligkeit bei einem ganz gemeinen Leben bestehen könne! „Nicht Wunder sind es (sagt Er,) die das Leben Mariens auszeichnen; ihre Lebensart hatte nichts Ausserordentliches oder Sonderbares, z. B. strenge Abtddtungen, Fa» sten, Schlafbrechen, Geisseln, Einöde, Absonderungen in dem Tempel und dergleichen. Sie war von armen Aeltern gcbohren, sie mußte sich mit den häuslichen Geschäften abgeben, und, nach ihrer Vermählung mit Josef, wieder die häusliche Sorgen mit ihm thcilen, um sich den nvthdürftigcn Unterhalt zu erwerben. Gott hatte sie zur Jungfrauschaft berufen, dennoch lies sie sich mit Josef vermahlen, um den Ehe» stand in den Augen aller Menschen ehrwür» big zu machen. Sie zog den geselligen ehelichen Beystand und die häusliche Sorgen, in Verbindung ihres Ge» mahls, dem einsamen, sorglosen jungfräulichen Leben vor. Sie übte die weibliche Sorgfalt nicht allein zu Hause, sondern auch bei ihrer alten Base Elifabeth, wo sie ihrer im Wochenbette mit dem heiligen Johannes wartete. Sie hielt es für einen Vorzug ihrer Heiligkeit, die Mutter des Kindes Jesu zu seyn, und die mütterlichen Pflich» ten seiner Verpflegung, Ernährung, Erziehung auf das getreueste zu erfüllen. Auf solche. Art floS 3Z2 das Leben Mariä, zwar meistens in einem stillen, häuslichen Wandel dahin; sie floh aber die Gesellschaft der Menschen nicht, wo es der Umgang, die Freundschaft oder Nachbarschaft erforderte. — Sie hielt sich mit Andern in der Andacht und bei gottesdienstlichen Ulbungen an den gemeinen Gebrauch. Sie gieng nur an den ordentlichen Festtagen, wo das Gesez es vorschrieb, in Gesellschaft Ande», rer, nach Jerusalem in den Tempel, und ihr Opfer, welches sie dort darrcichtc, was nichts kostbarers — als ein Paar Turteltauben, die jede ander eFrau ihres Standes zu opfern pflegte. Daraus folgert unser Priester Gall, daß, nachdem die Evangelisten ihre Hauptzüge entworfen haben, die größte Heiligkeit bei einem ganz gemeinen Leben bestehen könne. Nach diesem macht er die Anwendung auf das alltägliche Leben für Töchter, Söhne, Väter und Mütter, für Freunde, Nachbarn und Anverwandte. Endlich schliest er damit, daß, wie das Leben Mariä in der treuen Erfüllung der gemeinen häuslichen und gesellschaftlichen Pflichten bestand, sich durch Reinheit und Frömmigkeit ihres Herzens, durch die Gottseelig» keit ihrer Gesinnungen zu dem hohen Grade der Heiligkeit zu erheben, wir durch ähnliche reine Beweggründe und tugendhafte Berusstrcue, ohne unfern Beruf zu verändern , nachahmen sollen. - 3Ä Diese einfache und höchst nüzliche Art, zum Landvolke zu sprechen, ist es, die er jedem Seelsorger in seinen Werken über kirchliche Gebräuche und Zeremonien sehr anempfiehlt. Er wählte sich die wesentlichsten, nothwendig- stcn und gemeinnüzlichsten Lehren, uyd richtete es so ein,, daß das Jahr hindurch die Hauptglaubens» und Sittenlehren zuverlässig vorkamcn. Um recht gut zu predigen, zeige der Volkslch- rer, wie die Lehre zu verstehen sey, was sie für einen Trost und Nuzen schaffe, und bei welcher Gelegenheit wir uns derselben fleissig erinnern, und wie wir selbige befolgen sollen. Gall, der Mann, welcher nach diesen richtigen Grundsazcn bei jedem Vorträge im väterlichen Tone sprach, und dessen Worte mit seinen Handlungen vollkommen übereinsiimmten; dieser mußte allerdings die segensvollsten Folgen bewirken. Er, als Pfarrer, lebte daher in brüderlicher Eintracht und Zufriedenheit mit seiner Gemeinde. Leztere bildete unter sich ganz ein Herz und eine Seele, und ihr bester Hirt verlebte in ihrem Kraise, (wie er dis selbst in der Folge mit inniger Rührung erzählte) seine einsamen Tage sehr vergnügt in ländlicher Ruhe dahin. Einzig mit den Verufspflichtcn eines Seelsorgers beschäftigt, benuzte er die Augenblike seiner Erholung in dem grosen Garten dex Natur, deren angenehmen ,334 - Reize auch in seinen übrigen Lebenstagen der Lieb» lingsgcgenstand seiner jeweiligenUnterhaltung waren. Denn, je mehr er der Freuden des Landlebens genos, um desto mehr gewann auch seine Gesund» heit an Stärke, so, wie zugleich sein Geist an '^Wirkungskraft. Aber nur zu bald mußte diese glükliche Gemein» de den Wechsel, der menschlichen Dinge erfahren; ja, sie sollte, gleichsam nur im Vorbeigehen, den hohen Grad des menschlichen Glüks empfinden; denn nur zu bald fehlte der grosen Kaiser» stadt der Mann, der das grose Triebrad des neuen Schulinstituts in Bewegung zu sezen, und solches gehörig zu leiten, das erforderliche Talent besas! Sein schneller Rükruf nach Wien in der Eigenschaft eines Oberaufschers über die Schulen Niederöstmchs. In Wien hatte man Gall's Brauchbarkeit für's teutsche Schulwesen so sehr durch Erfahrung kennen gelernt, daß er schon im Jahr 1780. dahin zurükberufen ward. Der Mann, der ganz in den Geist der fügend» lichen Lehrmethode eingedrungen war, sollte nun als Obcraufseher über sammtliche Schulen in Nie« deröstreich dis glükliche Werk seiner Vollkommen» 335 heit naher bringen. Hier befand er sich in seinem eigentlichen Elemente, und bald waren in einer weiten Sphäre die Wirkungen seiner Kenntnis, seines Eifers und seiner Sorgfalt sichtbar. Denn Er, gewohnt, die menschliche Seele bei ihren Anlagen, und ihrer Wirksamkeit zu erforschen, ihre allmählige Ent» wiklung zu beobachten, war sogleich auf die zwek» masigstcn Mittel bedacht, die Dcnkkraft des ju» gendlichen Geistes zu entfalten, und ihm den Weg zur Einsicht zu erleichtern. Daher folgten sehr bald kn den teutschen Lehr» ansialten mancherlei Reformen, die alle hauptsächlich dahin zielten, aus ersteren das Drükende und Schwerfällige, welches die jugendliche Seele entweder lange zurükhält, oder gedankenlose Folgen für die Zukunft hinterläßt, allmählig zu verbannen. So brachte Er z. B. den Gebrauch der Tabellen, das monotonische Zusammcnlesen und mehrere dergleichen Dinge aus der Uibung; die Kinder mußten zum Lesen nunmehr mit Verstand unterrichtet werden, ihre gespannte Aufmerksamkeit sollte das Kopfrechnen zur hdhern Geschiklichkeit ausbildcn, und der Religionsunterricht sollte mit der natürlichen und geoffenbartcn Kenntnis Gottes angcfangen werden. Wer je Gelegenheit hatte, unfern Gall vortragen zu hören, der wird gestehen müssen, daß tr eine eigene, ganz vorzügliche Gabe besas, die erhabensten und ' ..Wen Gegenstände kn einem sehr faßlichen und leichten Gesichtspunkte darzu» stellen; er war folglich ganz dazu geeignet, den Kleinen das Brod zu brechen, die Christusreligion auch den ungebildetesten Menschen, wenn Er sich mit solchen , wie es oft geschah, in Unterredung einlies, recht liebenswürdig zu machen , so, daß sie nach solchen Unterhaltungen sich freuten — Christen zu seyn, und sich dann glücklicher fühlten. Er entwirft einen Plan zur Errichtung ei« nes' Schullehrer« Seminariums und wird bald darauf Domherr und Scholastikus bei der Merropolitankirche zu Wien. Der glükliche Erfolg seiner Bemühungen der« anlaßten in ihm den Gedanken, solch glükliche Wirkungen fortzupflanzcn, und, so viel cS die Veränderlichkeit menschlicher Dinge verstauet, zu verewigen. Zu dem End entwarf er den Plan zur Errichtung eines Schullehrer-Seminariumö; welcher, ob er gleich fürtreflich war und allen Beifall erhielt, der damals eingetretenen Hindernisse wegen, nicht ausgeführt ward. Kaiser Josef II» der wahrhaft Gr ose, der das Verdienst bei allem aufspähte, und es belohnte, gab am 24. Hornung 337 1787. das Gesez — das allein schon hinreichend wäre, den freyen Blik und die humanen Absich« ten dieses unvergeßlichen Monarchen zu bewahren — daß die Präbenden der Skolasterie bei den Me« tropolitan» und Kathedralkirchen überall den Auf« sehern der teutschen Schulen künftig verliehen wer» den sollte; welches sogleich bei unserm Gall in Ausübung gebracht wurde. Denn der zehnte April des IahrS 1787 war der lohnende Tag unseres rastlosen Schulmanns Gall, an welchem er als Domherr und Scho» lastikus bei der Hauptkirche zu Wien aufgcnom« men ward. Seine bisherige Absicht, blos im Stillen, ganz unbemerkt zu wirken, war izt vereitelt. Ob er gleich von dem blendenden Glanze der Ehre weit entfernt war und mit kühnem Schwung über dir Tandeleyen menschlicher Grbse herabsah, auch selbige mit einem mitleidsvollen Blike zu be» trachten, Muth genug hatte, so bestätigte sich doch an ihm die alltägliche Erfahrung, daß die Ehre meist denjenigen zu Theil werde, welche am we» nigsten darnach geizen! »r 3Z8 Kaiser Josef II. ernennt izt unfern Gall, aus höchst eigenem Antriebe, zum Bischof von Linz. Im Jahr 1788. starb Graf Ernst von H erberste! n, der erste Bischof von Linz. Nun war die Reihe an den damaligen Dom« Herren zu Wien, Jemand aus ihrer Mitte zum künftigen Nachfolger als Bischof in Linz, an die Stelle des Verstorbenen, dem Kaiser Josef in Vorschlag zu bringen. — Wohlgemerkt, diese Domherren waren damals Alle von Adel, — bis auf unsern bürgerlichen Josef Anton Gall. Kaiser Josef, der Zweite, gewohnt, sich über alle Vorurthcilc derGeburt weit hinaus zu sczen; Er, dessen Scharfblikr das besondere Verdienst unse« ^es Gall'S um die Seelsorge sowohl, als um die Normalschule nicht entgicng, und ihn daher, zum Nuzen des Staats und der Kirche, für einen noch hdhcrn Wirkungskreis bestimmte, hatte nun im voraus den Plan getragen, die erledigte Stelle des bisherigen Bischofs in Linz dem bürgerlichen Domherrn Gall vorzüglich znzuwenden. Jedoch wollte Er anfangs dieser Wahlsache ihren freien Lauf lassen und zu dem Ende das Ne« sultat derselben zuvor noch ruhig abwarten. Endlich kömmt der Vorschlag wegen jener Bi« fchofswahl zum Vorschein, weiche denn — kvas - 339 man leicht voraussehen konnte — auf einen ade« lichen Domherrn in Wien gerichtet war. Kaiser Josef mit diesem Subjekte keineswegs zufrieden, verlangte izt einen andern Vorschlag. Nun wird Ihm auf's neue ein anderer ade« licher Domherr, statt des vorigen, hiezu in Vorschlag gebracht; Er aber verwirft hierauf gleichfalls den zweiten, wie den ersten; dann be« gibt Er sich mitten unter die säinmtliche Domher« ren in Wien, mit der kurzen, aber sehr naiven Anrede an Sic: „Ihr habt auch Einen unter Euch —^ auf den bürgerlichen Domherrn Gall hinzic» lcnd — der edel ist, aber nicht edel geboh« ren ward, welcher gleichfalls würdig wäre. Bi« schof in Linz zu scyn!" Diese Domherren, — jenen deutlichen Wink deS scharfjehenden Monarchen wohl verstehend — zogen nunmehr ihres Kollegen Gall gelehrten Verdienste nicht in Abrede, und gaben ihm hier» auf cinmüthig zu den, bereits vorgeschlagcnen zwcen adelichcn Individuen ihre Mitwahlstimme zu jenem wichtigen Posten. Von diesen Dreyen erhob izt Kaiser Josef II. aus höchsteigenem Antriebe, — unsern Gall zum Bischof in Linz! Die Hauptveranlassung dazu war nun folgende: In der Periode, wo nemlich Josef II. in seinen Staaten mehrere Aufklärung in der Religion z» LS ^ 340 verbreiten, «S unternahm, und daher die Riegel der öden Zellen der Nonnen aufreissen lies und sie der Welt wieder gab, die aus dem Klostergitter so reizend scheint; in diesem Zeitpunkt überreichte Gall, durchdrungen von Menschenliebe, diesem erhabenen Monarchen, (dessen Karakter den Zeit» genossen räthselhast oder absichtlich von ihnen vcr» kannt ward) in einer Denkschrift seine freimüthigcn Gedanken und Vorschläge wegen Ab» schasfung und Einschränkung der, bei der katholischen Kirche der Oestreichischen Staaten da» rnals noch üblich gewesenen vielen Feyertä» gen, häufigen Prozessionen und Wallfahrten; — Vorschläge, die dem grossen Vvlksfreunde Joses II. um so willkommner waren, als durch deren Ausführung bei dem Staatsbürger überhaupt mehr Industrie eben so sehr bczwckt wurde, als sie auf dessen Privatwohl einen vielbedeutenden Einfluß hatte, indem es denselben von jenem andächtigen Müssfggan» ge, der ihn daran hinderte, allmählig abge- wbhnte. Ausserdem war dieser unvergeßliche Monarch von der Klugheit, von dem Eifer und Biedersinn unseres Gall im voraus schon hinlängliH. überzeugt, daß er Seine, zum Besten der Kirche, so wie zum Wohl des Staats künftig erlassende Der» vrdnungen einst pünktlich in Ausübung bringen würde, so wie dieser Monarch in unseres Gall'S -- Z4r bischöflichen Anstcllungsdckrete vom y. May 7788 sich deutlich hierüber ausdrükte, uud zwar in den schmeichelhaften Worten: „daß Er ihn für den Mann halte, der das Wohl der Kirche und des Staats mit gewissen» Hafter Treue besorgen werde." Der erste März des Jahrs 178Y war nun für die Stadt Linz der unvergeßliche Tag, an wel» chem Gall, ihr künftiger Schuzgeist, — was sie jedoch damals nicht ahndete — als neu erwählter Bischof, in Linz seinen feyrrlichen Einzug hielt! Gall wird, wegen seiner neubischöfiichen Handlungsweise bvm Linzer Publikum anfangs schief beurkhcilt. Die meisten Ungerechtigkeiten begehen die Men» schen in der Bcurtheilung ihrer Mitbrüdcr; denn ihr Urthcil fällt gewöhnlich nur das Aug uud Ohr, und nicht — der Verstand. So gicng es anfangs in Linz dem neuen Obcrhirtcn Gall. Wer nun die besondern Vorkehrungen, die izt Derselbe hier, als Mcnschenforscher traf, nach dessen bürgerlichem Herkommen bcurtheilte, der mußte freilich sehen, was nirgends, als in seiner altmodischen, grosältcrlichen Jdeenreihe zu sehen war; er konnte nicht begreifen, daß die Natur 34 - ihre Gaben nicht nach Stand und Rang ausspende, und daß ein Mann von bürg erli» chem Blute vom Himmel berufen scpu könne, die Heerde Gottes zu waiden; er zog mithin die Schlußfolge daraus, daß die Quelle einer solchen Erhöhung-unrein seyn müsse! Mit diesen Vorurtheileu war nun ein grvser Theil deS Linzer Publikum's erfüllt, als Gall seine bischöfliche Laufbahn betrat. Eben daher ward er als ein Mann verschrieen, der verdächtige Grundsäze und Verbindungen hegte. Jndeß war sein ganzes Betragen, wenn diS seine Gegner noch so scharf in'S Auge faßten, die gründlichste Widerlegung aller lieblosen Beschuldi» gungcn wider ihn. Sein untadelhafter Lebenswandel, seine uncr» müdcte Thatigkcit in seinen bischöflichen Berufs» gcschäftcn, seine Wohlthätigkcit und Herzensgute, seine Religiosität und Genauigkeit in Erfüllung seiner Pflichten mußten daher jeden Unbefangenen eines Bessern überzeugen, und ihm in spätem Zei» ten die allgemein« Hochachtung, Liebe und Ver» ehrung des Publikum's, so wie der ganzen Geist» lichkeit erwerben machen. Er empfiehlt allen Seelsorgern vorzüglich den Religionsunterricht bei der Jugend. Gall hielt den Religionsunterricht bei der Jugend für das Wichtigste beim Seclsorgcramt; indem davon die Veredlung der Sitten, das Ge« Leihen aller übrigen Rcligionsaustaltcn, die Reli» giositat des Volks und dessen Bereitwilligkeit in Hinsicht der Befolgung höherer'Anordnungen und Verbesserungen einzig und allein abhangc. Er bc» trieb daher ganz besonders die Schul» und Kir« chcnkatechescn, hielt darüber so genaue Aufsicht, daß von der ersten, bis zur lezten kanonischen Vi« sitationsreise, dis immer der erste Gegenstand sei» ner Untersuchung war. Er konnte den Seelsorgern diese wichtige Pflicht nicht genug an das Herz legen; er selbst gieng ihnen mit diesem Eifer und der faßlichen Methode des Unterrichts mit seinem Beispiele voran, und er schien in diesen glüklichen Augenbliken seines bi« schöflichen Rangs gänzlich zu vergessen. Mit Wonne sah' er sich von seinen derartigen Zöglingen umrungen, sprach so lang mit Liebe, Herzlichkeit und seiner gewöhnlichen Sanftmuth zu den Klei» neu, bis ihn die Natur, nach langer Anstren« gmig, seine Schwäche fühlen lies. Parteylose Zuschauer wußten nicht, ob sic mehr seine Geschiklichkeit oder dessen Herzcnsdrang be» wundern oder vorziehen sollen. — Eben dis war auch ein Hauptgegenstand seiner Unterhaltung mit den Seelsorgern; und nie erhob sich die Freude deutlicher in all seinen GcsichtSzügen, als wenn er reine und bestimmte Religionsbegriffe bei der 344 Jugrnd «ntdckte, dadurch aber das gewissenhafte und seegcnreiche Bemühen des Seelsorgers hiebei gewahr wurde, welchen er dann als Freund der Wahrheit und Tugend zum Gegenstand seiner Hochachtung und seines Herzens sich wählte. Gi» gentheils konnte sich ein Seelsorger mir nichts so sehr bei ihm hcrabsezen, als gerade durch seine Nachlässigkeit in der Erfüllung dieser äusserst wich» Ilgen Pflicht des scelsorglichcn Berufs. Darauf ward nun auch von seiner bischöflichen Seite dann vorzügliche Rüksicht genommen, wenn cs bei Pfarrvorschlägen darauf ankam, wer unter den Milwerbern den Vorzug erhalten sollte. Eben dis brachte daher beim Klerus, der seine gcgrün» deic Vorliebe für den Kindcruntcrrichk bald kennen lernte, die gute Wirkung hervor, daß jeder sich bcflies, ihm hierin» ein Genüge zu leisten; ja, dis veranlaßte sogar, daß mehrere von den altern Geistlichen , die niemals eine ordentliche Anleitung !n der Katechetik erhielten, mit Hülfe seiner An» leitung und jener katechetischcn Bücher, die er ih» neu anzurathcn pflegte, durch eigenes Nachdenken und Uibung es endlich zu einer bewundernswürdi» gen Fertigkeit im Katechisiren brachten. So erhielt nun das katcchetische Fach durch seine sorgfältige Vorkehr einen sehr guten Fort« gang in der ganzen Diözcs, so, daß sich selbige wenn ein Unbefangener das Unheil hierüber hätte fällen sollen , mit jeder in der ganzen k. k. Mon« 845 archi'e nicht nur gleichstellen, sondern solcher viel, leicht noch gar den Vorzug strittig machen dürfte! Seine kirchlichen Anordnungen in Ansehung des Katechismus und anderer Gegen, stände betreffend. Wenn man je unfern würdigen Bischof Galt üb r «inen Gegenstand unerbittlich streng nennen könnte, so war dis — wie dessen Biograph, der Domprediger an der Kathcdralkirche zu Linz, Herr Josef Provence, behauptet — einzig in der Verordnung der Nachmittags Christenlehre in der Kirche, an Ihm aufzufinden; denn hier galt keine Entschuldigung, wo mehrere Seelsorger waren, auch die entferntesten Dörfer wegen Ertheilung des Religionsunterrichts zu durchwandern; weder stren« ge Kälte oder schlechte Witterung, noch andere kirchliche Feyerlichkeiten durften eine Ausnahm hierinn erlauben. Die Ausbreitung der Wahrheit der Religion lag unserm tugendhaften Weisen allzusehr am Her« zen, als daß seine Gewissenhaftigkeit hatte hiezu gleichgültig seyn können; denn nur durch seine Thatigkeit erhielt die Diöces eine bessere Ordnung hiennn. Doch lies er es nicht beim blossen Projekt bewenden, sondern dis heilsame Geschäft sollte zur Wirklichkeit kommen. Deshalb gab Er, nach dem Antritte seines Bisthums (im Jahre 1789.) eine gedrukte An» ordnung dem Klerus in die Hände, wornach die Kirchcnkatechesen sollten gehalten werden. Dieser Anweisung gemäs , sollten selbige vorzüglich darinn bestehen, daß die Lehre, die man abhandclt, zuerst aus einem Schrifttcrre- oder aus einer Geschichte, oder auS einem Beispiele Jesu hergcleitct und erklärt, hierauf aber der Nuzen desselben, waS sie ncmlich zu unserer Besserung, zu unserem Heile, Trost und Beruhigung beitrage, deutlich gezeigt, und endlich angedcutct werden, in welchen Fällen und bei welchen Gelegenheiten man sich deren erinnern und sie auf sich selbst anwenden soll. Zugleich enthielt diese Anweisung die nähere Vorschrift , was die Seelsorger zu thun haben, um das fleisige Erscheinen'der erwachsenen, bereits aus der Schule getretenen Jugend vom zwölften bis in's achtzehnte Jahr ihres Alters, für die Er eigentlich die Kirchenkatechese bestimmte, zu betreiben; 'in welcher Hinsicht Er denn auch eine besondere Verordnung von der Landeöstelle zu erwirken suchte. Z47 Seine Gedanken und Verordnungen in Hinsicht der Messe, der Predigt, so wie auch der Beicht und des Mischmasches von Bildern in der Kirche. Unter mehreren seiner, zum Besten der ihm an» vertrauten christlichen Heerde getroffenen heilsame« Verfügungen war auch jene neue Anordnung, daß für die Zukunft in Gleichförmigkeit mit der ältesten Kirchenliturgke an Sonn» und Feyertägcn die Predigt immer unter dem Amte, nach Verlesung des Evangeliums, so wie die Frühlehre unter der Frühmesse, gehalten werden mußten. Diese Anordnung war um so wohlthatigcr, indem der Mensch, die ganze Woche hindurch, in so manch» fache Geschäfte sich verwikelt sieht, die seine Aufmerksamkeit theilcn und ihn von seinem Seelenheil abziehcn, so, daß die besten Entschlüsse desselben gleich dem Feuer, welchem es an Nahrung ge« bricht, allmählig verlöschen, daher Kaltsinn und Gleichgültigkeit gegen Gott und seinen Willen, sich der Seele desjenigen bemeistert, der seinen Eifer, durch den Gebrauch der Mitteln, die ihn zur Tu» gend führen, bei gottesdienstlichen Versammlungen wieder zu beleben, unterläßt. Gall suchte nun, als Bischof, diesen Vortheil durch Wiederherstellung einer alten kirchlichen Sitte zu erreichen; denn in der alten Kirche machten die Messe und die Predigt einzelne Theile deö Gänzen 348 aus; und, so oft die Kirchenväter von jenen Ge, genstqndcn sprechen, womit sichre Gläubigen bei ihren religiösen Zusammenkünften beschäftigten, re» den sie von diesen beiden gottesdienstlichen Hand» lungcn, als von einer Sache, die Niemand zu trennen, gewohnt war. Durch diese kluge Anstalt, mittelst einer sanften Belehrung eingeführt, ward allmählig jeder überzeugt, daß die Anhörung des göttlichen Worts «in wesentlicher Thcil deS feyerlichen Gottesdienstes ausmache, wozu ihn sein Gewissen verpflichte. Auch, in Ansehung des Bussakramentö, war unser Bischof Gall darauf bedacht, daß die Beichtväter jene, den besondern Bedürfnissen eines jeden Busse thuenden angemessene Belehrung zu ertheilen, die nöthige Zeit gewinnen könnten. Deshalb erlies er die Verordnung, wornach in der österlichen Bei'chtzeit die Pfarrkinder in kleinen Abteilungen berufen werden, um hierdurch hinlängliche Zeit zu erübrigen, den Beichtenden gehörig abzuwarten und das Sakrament mit wahrem Nuzen an sie auszuspcnden. Die grossen Beichtversammlungen, deren Schädlichkeit jedem Unparteyischen einleuchtet, suchte Gall auf alle mögliche Weise cinzuschränkcn. Die Gemeinden sollten, seinem redlichen Wunsche gemäs, daran gewöhnt werden, sich, in Rük- sicht des Beichtenö, nach und nach immer mehr abzutheilcn, um das Gedrängt zu vermeiden. Ir- 34 ? der vernünftige Christ, bei welchem die Religion kein geistloser Mechanismus war, stimmte nun die« ser edeln Forderung bei. Eben dergleichen weise Verordnungen gab er auch den Seelsorgern, in Hinsicht der Administrirung des Bussakraments. — Wie groß die Menge der Vorurkheile, und wir stark der Hang sey, von vorgefaßten Meinungen sich leiten zu lassen, und mit welcher Gewalt sie in der Seele ihren Plaz behaupten, zumal, wenn der Schein der Religiosität sie in Schuz nimmt; was für schädliche Folgen solche über das ganze Reich der Wahrheit verbreiten; wer weiß diö nicht schon aus der Erfahrung, aus Thatsachen und überhaupt aus der Geschichte des menschlichen Verstandes! Blinde Nachahmung, unbesonnener Hang an Meinungen, die durch Alter und Gewohnheit ehr« würdig wurden, daher das Ansitzen er Untrüg» lichkeit erhielten; übertriebene Würdigung fremder Beispiele, aus Trägheit nicht prüfende Billigung derselben, welche die Sinnlichkeit unterstüzt, der Befriedigung der Leidenschaften frbhnt; unmäßige Neigung zum Neuen und Wunderbaren; dis sind so mancherlei Ursachen, die den Menschen an der Erkenntnis der Wahrheit und Tugend hindern, daher die Religion und das Glük desselben zwei« deutig machen. Hiezu konnte nun der gewissenhafte Bischof Gall, der kein Miethling, sondern im strengsten Z5-- - Sinne des Worts, wahrer Hirt und achter Nach« feiger des Paulus war, keineswegs gleichgül» tig seyn. Diesem Strome der Unheiligkeit, der aus der heiligsten Quelle zu fliesten schien, sezte sich Gall mit Riesenmuth entgegen. Seine Grundsäze, wor» nach Wahrheit und Tugend von einander unzer» trennbar sind, und daß daher Untreue an der Wahrheit verübt, schändlichster Hochverrat!) seye, machten ihn zum unerschütterlichen Lehrer, sowohl wegen der Reinheit des Glaubens, als des äußer» liehen Gottesdienstes; ein Qpser, das er der Tu» gend und Wahrheit, vermöge seines bischöflichen Amts, darbrachtc, ermüdete keineswegs seinen Ei» fer, Muth und ssine Thätigkeit, troz so mancher unbesonnrzien Widerrede; denn Ihm lag es sehr am Herzen, sowohl den wirklich Irrenden, als auch den irrenden Frömmling zurecht zu weisen. Wit dem Unterricht sollre auch, nach unseres Gall's edelnPlane, der äusserliche Gottes» dienst zusammenstimmcn; dieser sollte nemlich so beschaffen seyn, daß nicht Jrrthum und Aberglau» den, sondern würdige Religionsbegriffe durch den« selben genährt und unterhalten würden. Daher lies Gall sich besonders angelegen seyn, die Ordnung des äußerlichen Gottesdienstes zwek» mäsig und allenthalben gleichförmig einzurichten, dann vorzüglich darüber zu wachen, daß solch? überall, auch bei der kleinsten Gemeinde, genau beobachtet werde. In dieser Absicht rrtheilte Er dahin die Vorschrift, daß jeder Pfarrer über alle gottesdienstliche Handlungen, Messen, Aemter und andere öffentlichen Andachtöübungen ein ordentliches Verkündbuch führe und solches zur Einsicht bei den jeweiligen Visitationen stets aufbewahre. Er gab sich überdis alle Mühe — wie dessen vorhin erwähnter Biograph in Linz von ihm erzählt — die, oft sehr unschikliche Verkündungen der Meßintentionen zu.verbessern, den gemeinschaftlichen Meßgesang, statt des, für die Messe so wenig passenden R osenkran zG cb a ts, zu befördern, in der Feyerlichkeit des Gottesdiensts, nach Verschiedenheit der Feyertäge, den gehörigen Unterschied zu machen; alle selbst gewählten Iu- säze zur vorgeschriebenen öffentlichen Kirchenandacht , wodurch öfters so viel Unfug entstand, zu beseitigen, die allzuhäufige Aussezung und SregenEr theilung mit dem Hochwürdigen, wodurch die Verehrung des heil. Altarsfakraments nur geschwächt würde, nach dem Gebrauch der römischen Kirche, zu beschränken; statt der sogenannten ausserordentlichen Bittgänge, die sogern zur Zerstreuung und zum Aberglauben dienten, die stille Andachtsübung dafür in der eignen Pfarrkirche zu empfehlen; zu welcher Absicht Er denn auch tin eignes, sehr schönes Gebät, um Seeg« nung der Feldfrüchten verschrieb; endlich alle zwekwidrige Bilder und Statuen auf eine gute Art aus der Kirche hinwegzuräumcn, und dafür richtige und erbauliche Vorstellungen, besonders aus dem Leben Jesu anzubringen, dann aber rich« tige Begriffe über wichtige Gegenstände der Religion in Umlauf zu sezen, und so — seine, von Gott ihm anvertraute Heerde in der zuverlässigen Lehre zu bilden, sich bestrebte. Manchem, der sich nur an das Herkommen und an die alte Gewohnheit hielt, schien freilich eine solche Neuerung anfangs sehr verdächtig; er ahndete daher Gefahr — ja grosse Gefahr für die Religion! Bruchstüke aus Gall's Werken: „über Andachtsübungen, kirchliche Ge« bräuche und Zeremonien." Jndeß in der Folge Gall'S Zuhörer so gern die Belehrung auS seinem Munde vernahmen, und sich, nach jedesmaliger Belehrung, aufgeklärt, ge« bessert und getröstet fühlten, vernehmen wir ihn aus seinen Schriften, die doch nicht in alle Hände gekommen sind, wie Er über wichtige Gegenstände, die ich aus dessen Werken über Andachtöübungen, kirchliche Gebräuche 353 und Zeremonien, zu Gunsten mancher Leser, hier aushebe, vormals gedacht und gesprochen hat. AuS welch wichtigem Gesichtspunkte beurthcilt er nicht (B. i. S. 15.) z. B. die Andachtsübungen, indem er den christlichen Unterricht voransezt! Nur durch ihn — sagt Gall — lernt der Mensch, was er von Gott glauben, was, und auf welche Art er auf ihn hoffen, und wie er sein Leben durch die nngeheuchclte Liebe gegen Gott und die Menschen veredeln soll; ohne Unterricht ist der Glaube entweder mangelhaft, oder mit Aberglauben gepaart; ohne selbigen kennt man die göttlichen Vcrheisungen nicht, und ohnmöglich kann alsoenn ein wahres Vertrauen auf Gort statt finden, und da man folglich Gottes Verhalten g-egen den Menschen, seinen heiligen Willen nicht genau kennt, kann ächte Liebe, kindlicher Gehorsam zu ihm, das Herz nicht beherrschen. Ohne gründlichen Unterricht kennt der Mensch weder die Absicht, noch die Wirkungen der Sakramente, die doch sein Heil befördern sollten; er wird, weder mit Herz, noch mit dem Munde beten, da ihm der Sinn der heiligsten Worte verbeugen ist, die ihn folglich nicht tugendhafter machen. Und was mag sich endlich der Christ bei so manchfaltigcn Kirchcnzercmonien denken, wenn er nicht durch Unterricht sich die geistvolle Bedeutung derselben eigen gemacht hat? Nur durch fleisige Anhörung des göttlichen Worts, sleisiges Lesen der 23 354 göttlichen Bücher (folgert Er) wird diese Beleh» rung bald Freude oder Bewunderung erregen; sic wird bald Ehrfurcht und Hochachtung gegen Gott einfldsen, bald Hofnung, Trost, Vertrauen, Be» rulsigung bewirken, und zum Gehorsam gegen seine weisen Geseze aufmunteru, und jede gegenseitige Handlung mit Uiberdruö, Schaam und Neue brandmarken, sie wird den Verirrten mit dem Herz» lichstcn Wunsche beleben, seinem Vater im Himmel in die Ankunft zu gefallen, seine Absichten und Handlungen nach den Befehlen Gottes einzurichten. Wenn unser Bischof Gall den Rosenkranz oder Gebäte an die Heiligen, während dem Meßopfer verwirft, so will Er, was die Absicht und der Ztvek dieses heiligen Opfers erheischen, daß daS dankbc'e Andenken an das Leiden Jesu und die Folgen desselben den Gegenstand unserer Betrachtung ausmachen soll. Nachdem Er die einzelnen Thcile des Hess. Meßopfers ( B. i. S. gz.) erklärt hat, sczt er mit Recht dieses dankbare Andenken unter die vollkommenste Andacht. „Du wirst eikennen, (fährt er fort) daß die Messe der eigentliche Kreuzweg ist, den Jesus selbst zum Andenken seines Leidens und Todes eingcsezt hat. Du sollst dich bei dem Opfer, welches hier unter den Gestalten des Brods und Weins verrich« ket wird, der unaussprechlichen Liebe erinnern, womit sich Jesus zum blutigen Opfer am Kreuze für -355 deine und der ganzen Welt Sünden hingcgeven hat. Da Jesus unter den Gestalten des Brods und Weins selbst gegenwärtig ist, und sich unblutigerweise als Opfer darstcllct, welches chmals am Kreuze für uns geblutet hat; so stehest du wohl ein, daß dieses Opfer nicht Mariä, oder einem Heiligen, sondern Gott allein dargebracht werden könne. Der Sohn Gottes kann sich ja nicht den Heiligen, über die er unendlich erhaben ist, sondern allein seinem himmlischen Vater zum Opfer widmen. Du sollst nicht sagen, daß du die Messe M a- riä oder einem Heiligen lesen lassest; und wenn du sagst, du wollest der Messe, zu ihrer Ehre, beiwohnen, verstehe es so, daß du bei dem heiligen Opfer, welches dem höchsten Gott darge« bracht wird, auch dieses und jenes Heiligen gedenken , Gott für die Tugend, die Heiligkeit und Glükseligkeit, wozu er ihn geführt, hat, danken und Gott bitten wollest, daß er wegen JesuS die Fürbitte dieses Heiligen erhöxc, und dich, nach seinem Beispiele, zu gleicher Tugend und Belohnung gelangen lasse. Ans diese Art gereichen das Andenken und die Ehre, die du den Heiligen bei der Messe erweisest, zur gröffern Ehre und Anbetung Gottes und Jesu Christi." „Am Kreuze hat sich Jesus für Alle aufgcopfert, die er mit seinem himmlischen Vater auöjdhnea 2Z " 356 wollte. Er opfert sich auch in der heil. Messe, als dem immerwährenden Denkmale jenes Opfers, für alle Christglänbige, sowohl Lebendige, als Abge» ssorbene, die der Verdienste seines Todes fähig sind. Du mußt also nicht wahnen, daß, da du die Messe für dich, oder einen andern so bestellen könnest, daß sie dir, oder einem andern allein zu« komme. Wenn du nun eine heil. Messe lesen lassest, so sagst du dem Priester dein Anliegen, deinen Wunsch oder deine Bitte, daß er sie bei der Messe vorrra« gen, und daß Gott dieselbe, um deS heiligen Opfers willen, erhören wolle. Da aber dieses Opfer am Altar, wie chmals am Kreuze, vor» nemlich zum Heile der Seelen dargebracht wird; so mußt du auch vor Allem um solche Güter bit» ten, welche die Seele betreffen, als: um wahre Busse und Besserung, um Vergebung der Sün» den, Bcfrcyung von diesem und jenem Laster, Be« gabung mit dieser oder jener Tugend und derglci« chcn. Wenn du aber ein leibliches Gut verlan» gest, so bitte zuvor um ein geistliches. Du verlangst z. B. daß Gort dich von einer Krankheit gesund werden lasse, so bitte zuvor, daß er dich von diesem und jenem Gebrechen, womit deine Seele behaftet ist, heile. Du wünschest, daß er dein Haus vor Feuersbrunst bewahre, so bitte, baß er deine Familie vor Unfrieden, Unord» «mig und Verführung behüte. Du begehrest. Z57 Gott wolle deine Saat und dein Vieh beschirmen, so bitte, daß er dir Saamcn des göttlichen Worts zu einem gottseligen Leben fruchtbar scyn lasse, und gebe, daß du dich mit dem, was du zur Nahrung deines LcibS erhältst, begnügest, und es 'Mcht in Unmäslgkcir zum Wohlleben und Uiber» muthc misbrauchest. Du kannst versichert scyn, daß Gott, wenn du geistliche Güter verlangst, dir cs an leiblichen nicht werde ermangeln lassen. Denn der Ausspruch Jesu ist unfehlbar: „Suchet zuerst das Reich Gottes und die Rechtschaffenheit, so wird euch das Uibrige beigelcgt werden." — Mit eben so viel Gründlichkeit, Licht und An- innth behandelt Er die Verehrung der Hei« ligen; indem sein Forschcrblik ihn so manchen MiSbrauch sehen lies, den er auö seiner Heerde zu verbannen, sich bemühte. Er behauptet, daß, gleichwie die guten Bei« spiele tugendhafter Menschen einen tiefen Eindruk auf unsere Seele znrnklassen, und sehr viel zur Veredlung unseres Karaklcrs beitragen, es daher dem Christen eine angelegene Sache scyn soll, auf die Denk- und Handlungsweise guter Menschen, ans die Beweggründe und Folgen guter Handlungen, auf die Mittel, sich die Erfüllung der Pflich» ten zu erleichtern, so wie auf die Tngendhindcr- uisse Acht zu geben, um solche mit Klugheit und Rüksicht auf die besondere Lage eines jeden anzu- 358 Wenden. Zum vorzüglichsten Muster stellt er uns Christum aus, der uns zu seiner Nachfolge auf» fordert; dann zeigt er uns die biblischen Heiligen, in so fern sie uns zur Nachahmung vorgcstcllt werden können. Die Religion sey zwar die Angelegenheit des Verstandes und Herzens, eine Anleitung zur wahren Kenntnis und Verehrung Gvtteö. Jrideß scycn Bilder, Reliquien, Segnungen und Zeremonien, wenn sie gut und zwekmäsig angewcndet würden, wirksame Mittel, den Hauptzwck der Religion , richtige Kenntnisse und eine standhafte Besserung zu befördern. Daher war es denn auch unserm Gall bei jeder kanonischen Bereisung des Sprengcls eine, sehr am Herzen gelegene Sache, z. B. leere Bilder, die nichts bctrachtnngswürdigcs enthielten, elende Gemählde, die sich in mancher armen, oder alten Kirche vorfanden, die, — statt einen religiösen Eindruk zn bewahren und zu stärken — lächerliche. kindische, ungereimte, unanständige oder solche Vorstellungen zum Gepräge der Andacht an sich trugen, welche vielmehr nur Stoff zn Jrrthümern geben konnten, als zwckwidrigc Gegenstände keineswegs zu dulten, sondern erbaulichere, an deren Statt, hinstellen zu lassen. Besonders nachdrüklich sprach Er über die Mirakel- Wunder« und Gnadenbilder. Nachdem Er zur richtigen Belehrung mehrere Stellen aus manchen Kirchcnversammlungen wörtlich anführl, schließt Er (Band S. 5<-.) mit den Worten des Kirchenraths von Rouen: „daß öfters gewisse Namen, die man den Bildern gibt, das Volk zum falschen Vertrauen und zur Mcynung, als wenn das Bild was Vorzügliches an sich hätte, verführen, so Heist dieser Kirchenrath dergleichen Bildcrbenennungen nicht gut, als: Gnaden-Mutter, Mutter der Barmherzigkeit, Maria-Trost, Maria-Hülf und so weiters. Solche Benennungen machen die Einfältigen glauben, als wäre in einem solchen Bilde Etwas, wovon man sich eine besondere Wirkung z» versprechen hätte." ES ward auch untersagt, vor den Bildern Lichter oder Lampen anzuzünden, oder zu räuchern, damit nicht eine solche Auszeichnung, die man vor dem Hochwürdigstcn gebraucht, manchem Unwissenden zur Anbetung der Bilder Gelegenheit gebe. Aus diesen reinen Rcligionssäzcn folgert Er: „Diese und mehr ähnliche Kirchcnenlscheiduu, gen, mein Christ, belehren dich ganz klar, daß cs nicht heilsam wäre, wenn auch Du gewissen Bildern zuliefest; wenn du glaubtest, daß gerade dort deine Andacht Gott gefälliger sey, dein Gebät sicherer erhört werde; wenn du die Hvfnung und das Vertrauen zu ihnen hättest, daß dir gerade bei diesen Bildern, als wären sie mit besvnd c- 36 ° ^—— rer Gnade und Wunderkraft begabt, geholfen werde; wenn du dort deinen Rosenkranz, ein Bild, Tüchlein rc. anrührcst, als ob eine Kraft von ihnen ausgienge, wenn du sie Gnaden- und Wunder-Bilder nennest, Lichter dabei anzündcst, Opfer aufhän« gcst, oder sonst etwas dergleichen thust, um diese Bilder, als solche auszuzcichncn, denen vor andern eine besondere Mcpnung und Achtung gebühre. — Urtheilc, ob ein solches Betragen dem, was die angeführten Kirchcnräthe erklären und verfügt haben, nicht gerade entgegen wäre? Laß dich also durch das Beispiel Anderer nicht mislcitcn. Laufe nicht diesem, oder jenem Bilde in fremden Kirchen nach. Das Crucisir« Frauen- oder Heiligenbild in deiner Kirche erinnert dich eben so gut an JesuS Christus, an Maria und den lieben Hciligin;" du kannst dir alles Gute zur Andacht dabei denken — denn du sollst nicht zu dem Bilde, welches stbloS ist, dein Gebät und Vertrauen richten, sondern zu dem lebendigen Gott und JesuS Christus, welchen auch die Heiligen an beten, da sie bei Gott für dich fürspre« chen." Wenn so Manche, (spricht Gall B. Z. S. 82.) mit den kirchlichen Gebräuchen und Zeremonien nicht so ganz zufrieden sind, so rührt es zum Theil daher, weil sic entweder nicht wissen, was unsere heil. Kirche, in Ansehung der Zeremonien und ihrer zwekmäsigen Ordnung, eigentlich vorge- schrieben hat, oder, weil sie glauben, die Ze°re- ins nien enthalten in sich eine Kraft, die Andacht Gott wohlgefälliger zu machen; unh wirken, je oster und vielfältiger sie gebraucht werden, desto mehr zur Ehre Gottes und zu unserem geistlichen und leiblichen Wohl. Darüber hat der heil. Augustin schon zu seinen Zeiten ein grosses Mis- vergnügcn bezeugt. Aber, wie genau, richtig, ge, meinfaßlich durchgehet nicht der würdigste Hirt alle kirchlichen Gebräuche und Zeremonien, deren wahren Sinn Er lebhaft darstellt? Er benimmt ihnen nemlich den übertriebenen Werth und die falschen Wirkungen, die ihnen so Manche beilegen, als könnte der Mangel des Guten dadurch ersezt, Sünde und BöseS dadurch gut gemacht werden. Er mißbilligt cs im hohen Grade, wenn das Volk sie zu mancherlei Aberglauben misbraucht, und der Ordnung, welche die Kirche vorschricb, widerstrebet, woraus Tadel, Verachtung und Aergcrnis entstehen müssen. Endlich macht Er die Erinnerung: „Du sollst aber vor allen darauf achten, was in der Religion wesentlich und die Hauptsache ist — was dich Gott besser kennen lehrt, dir eine grössere Ehrfurcht und,Liebe gegen Gott cinfldst, dich gehorsamer gegen seine Gebote, dich besser und tugendhafter, liebreicher gegen deinen Neben- z6r Menschen, treuer und fleisiger in deinem Berufe, überhaupt gewissenhafter und ordentlicher in dci» nem ganzen Wandel macht. Dis, mein Christ, ist der Hauptzwek der Religion, wornach du trachten mußt; verfehlst du diesen, so wären deine Andacht und alle Zeremonien, womit du sie begleitest, eitel und fruchtlos." Ganz nach dem Sinne der Kirchenväter, schreibt Er, (B. 2. S. l,y.) über die Tage des Herrn, wie der Christ sie heilige» soll. Ohne ein wichtiges Hindernis, ist der Christ znm öffentlichen Gottesdienst in der Kirche ver- pflichtet, um allda der Messe und der Predigt beizuwohnen. Es ist aber nicht genug, daß man der Messe ganz beiwohne, sondern man muß sich, dem Zweke gemäs, dabei verhalten. Eine, blos körperliche, Gegenwart ist Frevel. Mangel an Andacht, oder unanständiges Betragen, ist Thorheit, Gefühllosigkeit und Feindseligkeit gegen das Menschengischlecht. Wenn man Gcbate nur nach Willkühr und Laune verrichtet, ohne, daß sie mit dem Zweke und dem, was in der Messe vorgcht, in Verbindung stehen, so ist dis, im eigentlichen Verstände, nicht Meß gehört. Ohne viel Scharfsinn zu besizen, kann doch jeder leicht einschen, daß die Absicht der Sonn - und Fcsttäge durch eine halbstündige Andacht noch nicht erreicht seye; den Sonntag heili- 3^3 gen, Heist doch mehr, als eine Messe an Hb« ren: der Christ ist folglich um so mehr verpflich» tet, der Predigt, als dem dffenrlichen Religions» unterrichte bcizurrohnen, da die zwekmasige Heiligung aus der Verkündigung des göttlichen Worts fliest. Hier soll der Christ die gottseeligcn Gesinnungen und Vorsäze fassen, die er die nächste Woche vor Augen haben und befolgen will. Durch eine solche geistvolle Gegenwart beim Gottesdienste werden die allgemeinen Gcbate, die Gesänge, und die übrigen kirchlichen Verrichtungen sehr Vieles beitragen, die in der Predigt erlangten Kenntnisse in Empfindungen aufzuldsen, unser Herz zur glühenden Andacht zu erheben, und mit den Gedanken an Gott, mit Gefühlen der Liebe, des Danks und der Ehrfurcht gegen ihn und-mit feurigen Gelübden des Vertrauens und Gehorsams zu erfüllen. Die übrigen Stunden des Sonntags verlangt Er, daß man sie dazu verwende, die Kinder und Dienstboten darüber auszufragcn, was sie in der Predigt und Christenlehre sich gemerkt haben, mit der Anwendung, rvie sie solches befolgen sollen." Dann (sagt Er,) besuche einen Bekannten oder Verwandten, Kranken, und besonders, wenn er arm ist. Suche bei deinen Unterredungen Andern gut zu rathen; sind Zwistigkeiten vorhanden, gleiche sie aus. Besuche deine Grundstüke und freue dich dankbar des göttlichen Seegenö; oder lese zu 3^4 Hause die heil. Schrift, durchsehe den Zustand deines Vermögens. Uibrigcns habe genaue Aufsicht über deine Kinder und Dienstleutc. — Kurz, sey nicht müssig!" Uiber die abgcstellten Feyertäge, zu denen sich so viele noch nicht bequemen wollten, spricht Er (B. 2. S. 12b.) ganz im bischöflichen Eifer, ganz im Tone des aufgeklärten Obcrprie» sters. Nachdem er die mancherlei Fehler gerügt hatte, welche die Uiberzahl der Feyertäge hervorbrachte, und die Kirche sich endlich genöthigt sah, die meiste davon in bürgerliche Wochentage wieder zu verwandeln, sagt Er: „Wenn nun Manche wähnen, daß es dennoch besser wäre, an diesen Tagen nicht zu arbeiten s und sich für ihre Fcyerung bei Andern bceifern, so verachten sie dadurch das Unheil der heil. Kirche; sie widerstreben der heilsamen Anordnung des römischen Pabstcs, der Bischöfe und der christlichen Landcsfürsten, die, nach ge, schchener reiflichen Berathschlagung, gemeinschaftlich dazu eingesiimmt haben. Sie machen sich durch ihren falschen Eifer des pharisäischen Hoch- ^ muths, des Eingrifs in höhere Gewalt, der es allein zukömmt, Feyertäge zu sczcn, schuldig, und nehmen ihrer Seits Theil am fremden Ungehorsam, an der Vernachlässigung häußlicher Pflichten, an der Verkürzung so vieler Armen um ihren nothdürfli» gen Taglvhn, an der Versäumnis der Gottes Ga- ZkZ den, und allen den Ausschweifungen, die der Müs« siggang und die allzuvielen Lustbarkeiten zum, stets übcrhandnehmcuden Sittenverdcrbnis nach sich ziehen. Erinnere dich, lieber Christ, des ^Gebotes : Sechs Tage sollst du arbeiten, und dein Werk thun. Denke aber auch, wahrend der Arbeit, steissig an Gott, und opfere deinen Flcis, Schweis und Mühe zu seinem Wohlgefal« len auf. Durch solches öftere Andenken an Gott stärkest du dich in der Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam zu ihm, beweisest gegen dich und dein Haus, wie der Apostel sagt, deine liebreiche Sorgfalt, bleibst mit deinen Kindern und Untergebenen in frommer häuslicher O dnung und Zucht; und solchergestalt heiligest du durch die Erfüllung deiner Pflichten, und ein nüchternes, gerechtes und stilles Leben die Werktage, die von andern, wider die kirchliche Anordnung, abergläubisch, als Fcyer- täge durch Müssiggang und Ausschweifung entheiliget werden." So dachte und schrieb der Mann, der jeden Augcnblik des Lebens für verkehren hielt, den Er nicht mit der beobachteten Pflicht seines bischöflichen Amts ansfüllce, der jede Gelegenheit sorgfältig dazu benuzte, den Geist der Weisheit und Tugend seiner Heerde einzuhauchc», der mit strenger Gewissenhaftigkeit mit dem, von Gott ihm verliehenen, Pfunde wucherte! l z66 Etwas von Bischofs Gall kirchlichen Visikali-onsrcisen. Alle Diözesangcschafte ordnete und kettete Er selbst. Er unternahm alle Jahre die beschwerlichen Visitationsreiscn, um überall Selbst zu sehen und zu hören, ob die. Ihm anvcrtraute Heerde so, wie Er es wünschte, nach der Christusreli« givn gebildet und geleitet werde. Innig freute es ihn, wenn Er irgendwo Ordnung und Aufnahme der Religion und der christlichen Tugend fand, und dankte mit herzlicher Rührung den braven Seelsorgern, daß sie so redlich ihre Pflicht erfüllten. Aber eben so tief schmerzte es Ihn auch, wenn er irgendwo Unordnung entdektc, und Er that Alles, was in seinen Kräften war, um zu helfen und zu verbessern. Bei einer jeden derartigen Derufsreise war nun sein Eifer in voller Thätigkcit, und all seine Gc- sichtszüge verriethrn das befriedigende Bewußtsein seiner, dadurch erfüllten treuest Hirtenpflicht. Dis edle Vergnügen gönnte er sich jedesmal, so oft es nur seine Gesundheitsumstände ihm gestatteten ; wenn auch gleich eine solche Visitationö- reise mit grossen Beschwerlichkeiten jeweils verbunden war. Hier lebte er ganz für die Geistlichkeit, so wie auch für Gemeinden, 367 Seine bischöfliche Verrichtung begann gewöhn» lich mit einer darauf passenden Rede, die er, wenn er sie nicht selbst halten konnte, wenigstens durch einen Begleiter halten lies, solche aber immer selbst aussezte. Dann folgte die Prüfung der Ju» gend im Religionsunterrichte, die er durch den ordentlichen Katecheten vornehmen lies, nachdem er selbigem zuvor die Materie angezeigt hatte, wel» che er nach einiger Zeit selbst fortsezte. Wenn Er — dessen vorzügliches Augenmerk auf den Unterricht der Kinder gerichtet war —> mit forschendem Geiste die jugendlichen Kenntnisse selbst geprüft hatte, spraä) er mit ihnen mit so viel Freundlichkeit und väterlicher Güte, munterte sie so herzlich zum Guten und zur standhaften Er» füllrmg der Religivnspflichten auf; und zwar in solch rührenden Ausdrükcn, daß Aeltern und Kinder gar oft Thränen der Freude und des Danks gemeinschaftlich mit einander weinten, und dann ihren liebevollen Hirten mit Scegenc-wünschcn überhäuften. Nur derjenige, welcher einst Zeuge eines solchen Auftritts war, weiß cs, wie matt dieses Bild davon entworfen ist, und welch unwiderstehdare Rührung sich damals aller Herzen bcineistcrte! — Kaum war die Religionsprüfung vorüber, als dieser würdige Oberhirt die Ertheilung der Fir» mung izt vornahm. Aber auch hiebei zeigte Er, wie wenig die hergebrachte Gewohnheit ihn feßle, wie er über Alles selbst dachte, um alle Heils« mittel, wie es einem tugendhafte» Weisen ziemt, zwekmasig auszuspendcn. Keinen der Kleinen, noch vielwenigcr den Unmündigen, ward die heil» Firmung crlhcilt, wenn selbige die Rcligionsbe» griffe nicht vollkommen inne hatten. Denn er hielte sich streng an die Grundsaze der Offenbarung und an den alten Gebrauch der Kirche. Daher wur« den nur diejenige hiebei zugelasscn, welche ein schrift« lichcs Zeugnis ihrer Fähigkeit von ihrem Seelsor» gcr milbrachten. Hatte Er nun so alle Pflichten des bischöfli« chen Amts im ganzen Umfang in einer Pfarrvisi« tation, zum Besten des Seelsorgers und der Gemeinde jeweils erfüllt, so dachte er weder auf Ruhe, noch Erholung, sondern scztc nach diesem mühsam vollbrachten Tagewerk, noch selbigen Abends seine Reise weiter fort. Wenn er von diesen seinen kirchlichen Funclio« ncn, die oft sechs Stunden ununterbrochen andauerten, ermüdet nach Hause kam, so war es ihm nicht zu viel, die Abgeordneten der Gemein« den mit aller Gedult stundenlang anzuhbren, und sie nach ihren Bedürfnissen zu trösten, zu belehren, zum Gefühle des Guten und zum Gehorsam gegen die Kirche zu bewegen. Seine Gegenwart machte allenthalben den besten Eindruk; denn welches Herz konnte wohl seiner Bescheidenheit, Sanftniuth, so wie seiner un« geheuchelten Wahrheitsliebe widerstehen ? Wer fühl« te nicht den liebevollen Ton des zärtlichen Vaters? Diese Eindrüke schienen sich in seinen leztcrn Le, bensjahren bei der gcsammten Heerde lebhafter und mit mehr Empfindung zu äußern, als ob eine ge« wisse Ahndung sich ihrer Herzen davon bemeistert hätte, daßoihr liebenswürdigster Hirt, Vater und Freund, den sie aus Uiberzeugung schaztcn und liebten, seine Schaafe — bald und gänzlich verlassen würde. — Unser würdigste Bischof, der die Gemeinden seines Sprengels durch seine Reisen näher kennen lernte, machte mit wehmuthsvollcm Herzen viel« fällig die Beobachtung, daß der grössere Thcil der Erwachsenen unächtc Begriffe und Vorstellungen von den Grundsäzcn der Religion und Sittlichkeit in sich nähre. Bemerkungen dieser Art kränkten zwar sein Vaterherz, spornten aber zugleich seinen Geist dazu an, die nbthigen Mittel ausfindig zu machen, wodurch er die rohe Unwissenheit so man« cher Bejahrten, die nichts weniger, als unwissend scheinen wollen, heben könnte. Das Evange« lium, sein Handbuch, verschafte ihm Rath. — Es war die Sitte des Morgenlands und der jüdischen Lehrer insbesondere, moralische Wahrhci» ten in Bildern und Gleichnissen vorzutragen, um sie dadurch dem grösser« Hausen anziehender und anschaulicher zu machen. Diese Art deö Vortrags war von grosser Wich« »4 Z?o tigkeit, theils wegen der beschrankten Fassungskraft des grössern Theils, als wegen der, zu grossen Sinnlichkeit, so, daß die Wahrheit, ohne Hülle vorgctragen, keinen Eindruk aus sie gemacht haben würde. Christus selbst sah sich gcnöthigt, seinen Unterricht in Bildern und Gleichnissen cinzuklciden, um ihn dadurch der Fassungskraft und den Bedürfnissen seiner, an sinnliche Vorstellungen zu sehr gewohnten Zuhörern anpassen zu machen. Unser menschenfreundliche Bischof schlug auch diesen Weg ein; er entschlvs sich, die wichtigsten Wahrheiten der Religion und Sittlichkeit in Parabeln und Beispielen cinzukleiden, und selbige zum Nuzen für den gemeinen Mann in Druk zu geben. Eine aufmerksame Durchlcsung dieser Schriften kann jeden überzeugen, wieviel ihm daran lag, vom Niedrigsten im Volke verstanden zu werden; wie sehr er sich bemühte, seine moralischen Vorträge zur Fassungskraft der Schwächer» herabzustimmen. Nach dem Muster des Heilands schien ihm dis das schiklichste Mittel, dessen er sich zur Errci, chung seiner Absicht bedienen könnte, weil dadurch die Aufmerksamkeit der gemeinen Leser rege gemacht, auf die vorgetragene Wahrheit hingclenkt und selbst diese ihrem Verstände und ihrem Her» " zen näher gebracht wird. Zugleich bringt Er in diesen Schriften die passendsten Warnungen an für herr>chendkn Lastern und Lhvrhenen; so wie er Z7r auf der andern Seite Ermunterung zur Tugend dafür aufstcllt, solche seinen Lesern versinnlicht, und einen starken und bleibenden Cindruk derselben auf ihre Herzen zu machen, bedacht ist. Deshalb entlehnt er seine Gleichnisse meist von Gegenstän» den, sowohl aus der Natur, als aus dem gemei, nen Leben; weil diese Gegenstände am gcschiktrsien sind, den Bortrag anziehend und lebhaft zu ma» chen, uud die gemeinsten Leser, wofür er schrieb, an dieser Art Gleichnisse und Beispiele am meisten Sinn und Empfänglichkeit haben, solche am lcich» testen verstehen. Er überreicht dem Kaiser Leopold il. eine merkwürdige Denkschrift wegen allgemeiner Verbreitung mehrerer Neliglonsaufkiä- rung in den katholischen Staaten Oestreichs. Sv vortheilhaft das Herz und der Verstand unseres Bischofs Gall in den Augen jedes unbe, fangenen Seelsorgers erschien; eben so interessant waren dem tiefdenkenden Kaiser, Leopold 1l. die Beobachtungen und Anweisungen unseres weisen und tugendhaften Gall, wodurch er, seinen Vorschlägen gemäs, die Reinheit der Sitten und ächte Frömmigkeit zu befördern, zu dem End aber jeden Zweig des Aberglaubens, unächter Lugend, 24 * 372 und unzuverlässiger Traditionen zu verbannen, sich eifrig bemühte. Reinheit des Glaubens nach der Lehre des Evangeliums, Tugend aus Liebe zur Pflicht mit den edelsten Beweggründen, die Chrisiusreligion in dem liebenswürdigsten und vortheilhaftcsten Ge» sichtspunkte vorzustellen, machten den Hauptge- gcnstand dieser merkwürdigen Schrift auS. Da bei dem Regierungsantritte des religiösen Kaisers Leopold im Jahre >7<)o. alle erblandi« scheu Bischöfe aufgefordcrt wurden, ihre etwaigen Beschwerden und Erinnerungen in Absicht aus die Religion, Andachtövrdnung und Ausübung des Oberhirtenamts höchsten Orts vorzubringen, überreichte unser Bischof Gall, eine höchst merkwürdige Schrifr, die eben so sehr seine tiefen Einsichten und reife Erfahrung, als seinen herzlichen Wunsch, die Sache Gottes aufs beste zu nnterstüzcn, hinlänglich darlegte. Diese Denkschrift, die der Erwartung de- scharfsinnigen Monarchen vollkommen entsprach, erhielt den ungetheilten Beifall, welchen die, darüber erfolgte höchste Entschließung bestätigte. Als Grundlage, in Rüksicht auf Religion, machte Er den Antrag, zu Einführung eines gleichförmigen und bessern Unterrichts, wornach «in katechetischcr Leitfaden, in theologischer und pa» Vagogischer Hinsicht, genau, richtig und deutlich dearbeitet, zum Grund gelegt werden müßte. Die- 373 sen sollten Muster von Kirchenkatechcsen und Predigten folgen, die, in Rüksicht der Auswahl der Materien sowohl, als der Popularität des Vor» tragö, der obigen Grundlage entsprächen. Dann zeigte Er, wie durch Vorbereitung zwckmäsiger Volksbücher, besonders eines lehrreichen Kirchen» gebatS- und Gesangbuchs wahre Frömmigkeit bc» fördert werden könnte. Er bewies, daß dadurch allmählig jene gcschmak» und vernunftlvse Erbau» ungSbüchcr auf die Seite geschafft würden, welche ohnedem so manches Religionswidrige und sogar Abergläubische enthielten, und immerhin reineS Christcnthum nur hinderten. In Hinsicht der Andachtsordnung bemerkte Er, daß ihre Einförmigkeit dem Volksgeiste nicht zuträglich scy, indem solche das ganze Jahr hindurch, blos auf das vor« geschriebene Lied vom heil. Meßopfer, und auf die Fürbitte der Heiligen, vermöge der Litauer), sich beziehe. Sein Vorschlag zwektc daher einzig dahin, daß, thcils guie und kernhafte Kirchengcbäte und Kirchenlieder nach den verschiedenen Zeiten, Festen und Andachten des Kirchcnjahrs zum öffentlichen Ge« brauch cingcführt würden, und anderntheilS, daß mit der BuSanstalt einige Verbesserung getroffen, die Aussezungen und Segen des Hochwürdigsten beschränkt und überhaupt in der Fcycrlichkeit deS Gottesdienstes mehr Abwechslung eingeführt werden sollte. Nicht minder fand er es für die Erbauung der Gläubigen sehr zuträglich, wenn die, bisher i n lateinischer Sprache geschehene Benedictiv» nen für die Zukunft in der Volkssprache ausgesprochen würden. In Ansehung der Ausübung des Oberhirtcn« amtS machte Er vorzüglich auf jene Hindernisse aufmerksam, die einige Verwalter des Heiligthumö aufpflanzcn, und z»m Thcil aus Mangel achter und reiner Grundsäze jede Verbesserung öffentlich befehden, oder sie ans andern Absichten in der Stille zu untergraben suchen. Er stiftet noch in seinen gesunden Tagen eine beträchtliche Summe von seinem eigenen Vermögen zur Errichtung eines Priester» seminarium's in Linz. Bischof Gall, durch die tägliche Erfahrung den Mangel an Nachwachs für den Seelsorger» siand fühlend, sann izt auf Abhilfsmittel dagegen sowohl, als auch zugleich auf Maasregeln zu künftlger Bildung redlicher und gehorsamer Gehil» fen der obcrhirtlichen Befehle, um hierdurch die strengste Einigkeit zu unterhalten. Eben daher brachte Derselbe einige, sehr zwckdicnliche Mittel nunmehr in Vorschlag. Die erste kostspielige Antwort zu erleichtern, in» Z75 dem, nach Aufhebung der Gcncralsemi'narien, die geistliche BildungSAnstalt stokte, verwandte Er sich mit vieler Anstrengung dahin, daß im Jahr 179g. mittelst vereinigter Beitrüge des Studien« fonds, und der Linzer Regularstiftcr, deren Vorsteher mit ruhmvollen Eifer zu diesem heilst» me» Werke mitwirktcn, ein eigenes theolo» gisch es Studium und ein ^riesterhaus in Linz errichtet wurde, welches freilich bei dessen Entstehen, wie jedes menschliche Werk im Anfang , nur klein und arm war; aber in der Folge um so grösser, berühmter und wohllhatigcr ward, indem gelehrte, kluge und einsichtsvolle Männer zu Lehrern und Erziehern für künftige Seelsorger darinn ausgestellt waren. Der Name eines systematisch gelehrten Geis- Hüttner, dessen Werke in ganz Deutschland den ungetheilten Beifall fanden, und auf andern hohen Schulen izt gelehrt werden; dessen Namen allein schon verschafte der Linzer Studienansialt die höchste Celcbrität. Aus Liebe und zärtlicher Sorgfalt für seine Heerde wünschte nun Bischof Gall derselben solche Hirten und Seelsorger geben zu können, die ihrem Amte mit gebildetem Verstand und frommen Herzen verstünden, und, in dem Sinn und Geiste Christus, des Herrn Weinberg bearbeiteten. WaS daher das Andenken an Gall' S edelsten Karakter beim Klerus der Linzer Diözese und bei allen christlichen Patrioten vorzüglich verewigte, ist dessen wohlthätige Stiftung für daS Priesterseminarium, für welches Derselbe aus seinem eigenen Vermögen, zuerst ein, sehr wohlgelrgenesHauS in Linz, mit einem Garden und einer eigenen Kapelle um zwan« zigtausend Gulden erkaufte, und dann zum Bau desselben noch übcrdis zehntausend Gul» d e n beitrug, auch zugleich noch mehr andere Zu» schösse dazu machte. Dis lhat er hauptsächlich in der Absicht, da» mit Jünglinge, die, als Geistliche, der Menschheit dienen wollen, in diesem, mit gnädigster Bewilli» gung Sr. Majestät, neu hcrgestellten Seminarium, unter der Leitung drey er würdiger Män» n?r, die Er dem Hause vorsezte, zu ihrem wich» tigcn Berufe fähig und vorbereitet gemacht wür« den, seinen und deö Volks angenehmen Hofnun» gen zu entsprechen. Die geistlichen Zöglinge fühlten und fchäzten die Wohlthat ihres Obcrhirtcn, und berechtigten ihn durch ihren Fleis und guten Wandel zu der frohen Aussicht, daß sie einst der Sregen des Volks seyn werden. 377 Er zeigt sich izt als Schuzgeift für die Einwohner von Linz Leim feindlichen Emfalle der Franzosen im Kriege des vorigen Zahrzehends. Uiberzeugt, daß der Hirt, der die Herzen seines Volks für die Tugend gewinnen will, auch für ihre Noth ein fühlbares Herz haben müsse, war Gall auch Helfer und Retter in jeder Noth und Gefahr. Er verlies seine Heerde, selbst in dem brütend» sten Unfall nicht; es war ihm keine Ausgabe zu gros, wenn Er dadurch seiner gcdrüklen Gemeinde einige Hülfe, oder wenigstens Erleichterung ver» schaffen konnte. Noch drükt manchen Bewohner der Sradt Linz die stille Last, die ihm vor sieben Jahren die französische Kriegsflamme zuzog, wodurch sein »origer Wohlstand einen starken Stoß empfand. Schreklich schwebt noch Manchem jene verzehrende Glut im lebhaften Andenken, wo ein grosser Theil des vieljährigen Fleises in einer Rauchwolke dahin schwand, die sie mit schwarzen Bildern eine brütende Zukunft ahnden lies. Ganz der Natur des Mcnschengefühls sind solche Ansichten angemessen, wenn wir plözlich von «nglüklichen Ereignissen befallen werden. Aber der Mensch bleibt auch in den traurigsten Lagen seines 378 - Lebens ein Kind der Vorsehung, die eben derglci- chcn Verübungen zuläßt und auf der andern Seite grossen Seelen den Wirkungskreis zu grossen Tha« ren aufschlicst, um der Tugend eine desto grossere Laufbahn zu erofnen. Mir Thränen des Mitleids im Auge wandelte rzt unser würdigste Bischof Gall in dem Zirkel der gebeugten Unglüklichen; er tröstete die sprachlose Mutter, die ihren Säugling an ihr Herz drükte; Balsam goö er in das Herz der harm- vollen Wittwe, die ihre kleine Wohnstätte mit dem kärchlichcn Dorrath im Raub der Flammen sah; Vertrauen zu Gottes weisen Vatergüte flöste er dem keichcnden Greise ein, der, mit Verzweiflung ringend, den Rest seines Lebens izt gern mit dem Grabe vertauscht hätte; mit heiserer Stimme ruft er den hofnungölosen Waisen zu, daß Er, von nun an, — ihr Vater scy. Die Glut der reinsten Bruderliebe brach in die heftigste Flammen aus, indeß geschäftige Hände die Wuth des Feuers bändigten. Doch Er beru, higte sie nicht mit den Worten des leeren Trostes; denn kein mattes, kaltes Erkennen, sondern mitleidsvolle reelle Thcilnahmc, lebendiges Gefühl seiner Pflichten und ihrer moralischen Vortrcflichkeit füllten seine Seele. Handeln, Wirken und Vollbringen war sein wichtigstes Ziel, das er vollkommen erreichte. Die vielen Unglüklichen, die, ohne seine grosmüthige Unterstüzung, sich nie mehr aus Z79 dem Staube der drükcndsten Armuth hätten cm« porrichten können, wären noch in diesem Au« genblike so viele redende Beweise, wenn ihnen Gall, ihr heimlicher Wohlthäter, nicht heiliges Stillschweigen darüber auferlegt hätte. Eben so groö, edel erhaben und geistvoll glänzt sein Karakter hervor, da wir ihn in den Zeiten des allgemeinen Jammers crbliken, da sich die Feinde den Linzer Gefilden näherten. Keineswegs einem Micthling ähnlich, entwich der Hirt seiner Heerde, um den unvermeidlichen Drangsalen des Kriegs zu entfliehen, oder seine eigene Person und Vermögen in Sicherheit zu bringen. Nein! unerschütterlich, wie ein Held, harrte Er an der Spize seiner Heerde, um mit ihr jedes Leiden, jedes Ungemach zu thcilen, oder — gab' cs Gelegenheit dazu — das edle Vergnügen zu haben, sie bei der Gefahr zu retten, oder doch wenigstens ihr Schiksal zu mildern. Zur Zeit der grösten Gefahr schien Er, seiner selbst zu vergessen, um nur für seine Schaafe zu leben, und Allen — Alles zu werden. Sein seltnes Beispiel entsprach auch dem gewünschten Erfolge. Und, wenn man unpartcyisch die Züge der Grosen würdigt, die uns die Ge« schichte ausgezeichnet hat, so stand Bischof Gall, wie einst Leo, der Gr ose, vor dem bekannten Hunnenkönig Attila, eben so furchtlos vor dem feindlichen Feldherrn. Seine, ihm eigene. Würde mit Bescheidenheit gepaart, bahnte ihm den Weg zum Herzen des, billig erzürnten französischen Feldherrn Moreau, der einen Meuchelmord zu rächen, fest entschlossen war. Mit lebhaften Farben schildert' Er ihm izt das, von den Bewohnern Oberöstrcich's bisher mit stiller Wehmuth rrdultete gränzenlose Elend, welches durch Ausführung des, von jenem Feldherrn über sie beschlossenen Vorhabens, die Einwohner der Stadt Linz vollends in Verzweiflung stürzen würde. Mit hoher Begeisterung stellt unser Gall Ihm vor: bis izt hätte er tapfere Völker überwunden, die schrekbarsten Gefahren und mächtigsten Hinder» niffe besiegt; nun sollte Er Sich Selbst über» winden, seinem erbitterten Herzen Gewalt an» thun, seinen Zorn den Vorschriften der Menschlichkeit unterwerfen, und durch grosmüthigeScho» nung der Schwachen, der ohnehin Ge» demüthigten und Bedrängten, seinen Ruhm vollenden, indem das Verbrechen eines Einzigen nichr Alle — strafbar mache. Der Anstand, die Ruhe, die Sanftmuth und Majestät, die in der ganzen Gestalt unseres Bi» schoss Gall herrschte, die unverkennbaren Züge seiner, in Reinigkeit der Sitten verlebten Jahre, die Kraft seiner Worte, die Würde seiner erklär» ten Gesinnungen, die mit den edcln Gefühlen des Kommandirrnden so glüklich übereinstimmte; all —- Z8L dis mußte der Seele des Intern das schwarze Ideal von der Menschheit auf emige^Augenblike verhüllen, dann sein Selbstgefühl zu den Unstern Empfindungen des sympathetischen Gefühls hm» aufsiimmen, unter welchen sich der feindliche Feld» Herr seines edelsten Vorzugs, — der izt einzig in seiner Willkühr stehenden Kraft, Unglükliche zu unterstüzcn, und zugleich seiner Rache zu entsagen — bewußt war. ^ Manchfach und unvermeidlich waren die Leiden des Krieges; streng hingegen die Forderungen, wel» che der Feind im Jahr 1822. den Besiegten auf» legte; drükend war der Mangel des Gelds, indem jeder sein Bestes, gleich bei der herannahenden Gefahr schon entfernt hatte. Allein man konnte dem ohngeachtet nichts vom Feinde befürchten; denn Gall, der Linzer Obcrhirt war da; und dieser schonte seines vorräthigen Geldes nicht, das blos zum Wohl» thun damals bereit lag, um damit den feindlichen Forderungen ein Genüge zu leisten, welches, ohne seinen Patriotismus keineswegs hätte geschehen kbn» ne». Und, wie das Unglük wollte, daß die feind» liehen Heere zum zweitenmal die Gegend von Linz überschwemmten, zeigte sich Bischof Gall eben so groß, edel und erhaben, daß ihm gerne die Feinde die verdiente Hochachtung zollten, und, aus Ehrfurcht für Ihn, die dortigen Be» wohner fink möglichster Schonung behandelten; Z8- denn, überzengt, daß der Hirt, welcher die Her» zen seines Volks für die Tugend gewinnen will, auch für ihre Noch ein fühlbares Herz haben müsse, zeigte sich auch Bischof Gall, als Helfer und Retter in jeder Noch und Gefahr. Daher verlies er seine Heerde, selbst in den drükenstcn Unfällen des Krieges nicht; es war ihm auch keine Ausgabe zu groß, wenn Er da» durch seiner gedrükten Gemeinde auf jede Art ein!» ge Hülfe oder wenigstens nur Erleichterung hierinn verschaffen konnte. Selbst die Einwohner von Linz bekannten in der Folge mit dankbar gerührtem Herzen, daß ihr würdigster Bischof Gall in jenem allgemeinen Drangsal des Kriegs viel geholfen, viel für sie erleichtert habe; denn immer sey Er der Vater der Armen und Kranken, so wie der rettende Engel gewesen, der so oft Hilfe und Er» quikung in die Wohnungen des Elends brachte, indem jederzeit sein Vermögen nichts anders, als das Patrimonium pauperum oder die Vorrathskammer einzig für die Armen war! Szenen aus den lezten Lebensjahren des Bischofs Gall. Dieser fand bei seinem Amtöeiser viele und grosse Hindernisse auch häufige bittere Kränkungen; aber denen Bewußlseyn, daß Er nur das Gule suche und wolle, sein fester Glaube an Gottes Vorsehung, die Alles zum Guten lenkt, hielten Ihn ansrecht im Sturme, und Er ward nicht müde, ein treuer Arbeiter im Weinberge seines Meisters zu seyn. So viel Anstrengung, so viele Kränkungen und Sorgen mußten nothwendig seinen, vhnedis sehr schwachen Körper erschöpfen; aber dessen Amtscifer konnten sie nicht schwächen. Denn selbst noch im Jahre iHob, dg schon, (seit dem Herbste) der Tod in seinem Innern wüthetc, unternahm Er die Disitationsreise in der beschwerlichsten Gegend, und lhat mit aller An» strckigung seiner lezten Kräfte, was seines bischöf» liehen Berufes war. Ader eben diese Anstrengungen kündigten ihm an, daß die Maschine, die sein Geist bewohnte, nunmehr abgenüzt scy, mithin der Wirkungskreis seiner bisherigen Thätigkeit nach dem periodischen Laufe des Menschcnalters sich ihm verschlieft. Diese Kraftlosigkeit, die an die Stelle seiner bis» hcrigen Thätigkeit sich stellte, verftzre ihn in tiefe Traurigkeit. Er konnte kaum über den Gedan» kcn, den er oft mit Seufzen äußerte: „Ich bin Bischof und kann nicht arbeiten" sich hinwegsczen. Er verachtete gleichsam sich selbst und hegt« einen Ekel gegen sich; denn ein un> thätigcr Mensch war immer in seinen Augen — ein Auswurf! Doch tröstete Er sich, daß durch ärztliche Hülfe seine schlaffen Kräfte in so fern wieder eine Schnell« kraft erlangen dürften, daß, troz der körperlichen Schwachheiten, sein Geist dennoch fortwirken könnte. Als Er eben kn dieser Absicht eine Luftveränderung vvrgcnommen hatte, und im mildern Himmelsstriche Niedcrösireichs im Zirkel seiner Freunde zu Wien schon fröhlicher zu athmcn begann, ward die Stadt Linz durch die Gegenwart ihres huldreichsten Monarchen, Franz ll. beglükt. Hdchsiderselbe, dessen Herz ohnehin jede gute Anstalt cntzükte, konnte seine Freude bei Besuchung des, ncuerbautcn Pricsterhauses, das sein Daseyn der frommen Grosmuth unseres Bischofs Gall zu dankcn/Hat, keineswegs unterdrü« kcn. Ja, dieser edelste Monarch ward, nachdem er die Produkte von Gall's Arbeit und dessen Edelmnth bemerkt hatte, nicht ohne sichtbares Gefühl von Rührung und Schmerz ergriffen, zu dem Ausrufe veranlaßt: „O! möchte doch die Gesundheit dieses musterhaften Hirten wieder her ge« stellt werden, an dem ich einen der würdigsten Männer meiner Staaten verliere." Aber die tägliche Abnahme desselben an Kör« perkraft konnte, aller ärztlichen Hilfsmittel vhnge« achtet, nicht mehr ersezt werden. Gall kehrte nun in der Mitte des Herbsts wie» der zu seiner Heerde nach Linz zurük, mit dem Gedanken, derselben noch das wichtige und grosse Beispiel davon zu geben, wie man als Christ — sterben müsse! Seine Krankheitsgeschichte und dessen nachher erfolgter Tod. Sv fromm und christlich das Leben dieses wür» digen Bischofs war, eben so beschaffen war auch dessen langwierige Krankenlager. Niemand konnte, ohne die innigste Rührung den frommen Dulder sehen, der bei seinen langen bittern Leiden — aus welchen die geschikresten Aerztc in Linz nicht eher, als bis nach seinem Tode klug werden konnten — im geringsten keinen Aus» ruf des Schmerzes von sich hören lies, sondern mit unüberwindlicher Geduld, mit kindlicher Hin« gebung in den Willen der göttlichen Vorsehung, den schmerzlichen Kampf des Todes kämpfte. Gottes Wort war seine Richtschnur im Leben, und auch sein Trost und seine Starke im Sterben. Diö bewies Er, indem Er in seiner Todeskrank» heit seinem Beichtvater folgendes sagte: „Ich muß noch ein bischöfliches Wort mit Jh» 25 386 nm sprechen. Sagen Sie es allen Geistlichen, sie sollen die heilige Schrift nicht blos in gelehrter Hinsicht, sondern auch zu ihrer Erbauung flüssig lesen. Es gicbt zwar viele schöne Erbauungöbü- cher, aber in der heiligen Schrift spricht doch Gott selbst unmittelbar zu uns; darinn habe ich nun in allen Lagen und Umständen meines Lebens Trost und Stärke gefunden." Als unscrm Bischof Gall die heiligen Sterb» sakramcnrcn ertheilt wurden und die Umstehenden hierüber gerührt, weinten, so nahm Er dis übel, und sagte nachher: „Man muß bei dieser heiligen Handlung nicht weinen, sondern sich vielmehr freuen, daß Gort so barmherzig für den Lcideilden gesorgt hat, und ihn durch diese heiligen Sakra» mente stärket und erguskt." Er litt lange, litt immer schmerzlicher; aber kein Wort der Klage, kein Ausruf der Ungedult kam über seine Lippen. ,Ja, Er bat vielmehr seine Wärter, mit Ihm Gedult zu haben, und bedauerte sie, daß sie mit Ihm so viele Plage hatten. Nur — einmal schien Ihn der Schmerz gleichsam zu Boden zu drüken (wer hätte dis auch dem rastlos Leidenden verargen können?) und sprach, nicht im Tone der Ungedult, sondern in jenem der Wehmuth: „Mein Gott, kann ich denn nicht sterben!" Aber schnell sammelt' Er sich wieder, und sprach reumüthig zu den Umstehenden : „Das war nichtrecht. Gott 387 lasse mich vielmehr leiden, soviel und solang er will; nur schenk er mir seine Gnade, daß ich auch gedultig leide!" Es war Ihm Ernst mit dieser Musterung; Er wollte wirklich alle Leiden von der Hand Gottes kindlich annehmen, den biltern Kelch trinken, den Ihm der Vater darreichtc; denn in der Besorg» nis, als möchte man ihm vielleicht aus Mitleid solche Arzneimittel reichen, die seinen namenlosen Schmerz zugleich mit seinem Geiste berauben könn» ten, erklärte er sich mit feyerlicher Stimme aus» drüklich dagegen, indem er sagte: „Ich verbit» te mir, eine betäubende Medizin zu reichen; denn ich will mit Hellem Ver» stände in die Ewigkeit hin ü berge hen." Seine frommen Gespräche zeigten, wie sehr sein Geist bei seinem, schon halb erstorbenen Körper mit gotterhabenen Gedanken und noch mit den Ge» genständen seines hohen Berufs sich beschäftigte. Denn, selbst schon am Ende seines Lebens, wo Ihn manchmal die Bcsinnungökraft verlies, sprach Er in der Irre seiner Phantasie z. B. nur von sei» nen bischöflichen Geschäften, die er sich zum Lieb» lingsgegenstande gemacht hatte; Er machte Visi» tationsreisen; Er erthcilte Zusprüche, munterte zum Guten auf, und besonders zur bereitwilligen Ergebung in den göttlichen Willen zur Zeit deö Leidens. «5 » - 388 Hierdurch bestätigte Er jenes wichtige Grund« gesez der Seelcnlchrc, und sei» naher Tod bekräf» tigte jenen ErfahrungSsaz, daß Leben und Tod in gleichem Verhältnisse mit einander stehen. Seinem Gewiffensfreundc zeigte er die Schrift« tertc an, die ihm dieser von Zeit zu Zeit Vorträgen sollte, so, wie er diese schon längst zu diesem Gebrauche vorbereitet hatte. Wie sich nun ein Vater im Sterben seiner recht« schaffenen Kinder freut, durch die er der Mensch« heit auch nach seinem Tode noch wohlthut, so freute auch Er sich seiner geistlichen Zöglinge. Durch seinen GcwisscnSrath nahm Er herzlichen Abschied von ihnen, und in der Hofnung, daß dit lezte Birke eines sterbenden Vaters unmöglich bei guten Kindern eine Fehlbitte seyn könne, lieS Er sie bitten, sich zu bestreben, einst ja recht gute und fromme Geistliche zu werden. Noch empfahl Er seine geliebte Heerde, die er in wenigen Minuten verlassen würde, seinem Nach« folger mit der Bitte, solche innig zu lieben, deren Wohl sich recht am Herzen liegen zu lassen, die guten Anstalten aufrecht zu erhalten, mit dem eignen guten Beispiele ihr vorzuleuchten, seine Ein» 'lünfte gewissenhaft zu gebrauchen, und dann solche zum Besten seiner Heerde zu verwenden. Jndrß vernahm Er mit Salbung die Abschieds» rede Jesu von seinen Jüngern; empfahl hierauf seine Heerde der schüzenden Zürsehung des Allmäch« 389 ti'gcn und betend für sie, gab Er am 18. Juny 1807. des Morgens um drcy Uhr, seinen Geist in die Hände des ewigen Vaters zurük; nachdem Er sein Lebensalter nicht höher, als nur aus 59. Jahre, 2. Monate und 22. Tage gebracht hatte. — So starb Gal! -unsterblich in der Geschichte der wutschen katholischen Kirche, durch sein thätiges edles Streben, Licht und religiöse Gesinnung zu verbreiten! Sein Testament. Wie sehr sich nun der, im strengsten moralischen Sinne genommen, grosse und würdige I 0- sef Anton Gall, der seinem bischöflichen Beruf in Linz achtzehn volle Jahre hindurch» ruhmvoll vorgcstanden, sich zur vorzüglichen Angelegenheit seines wohlthatigcn Herzens gemacht hatte, die Einkünfte, welche die geistlichen Güter ihm verschaften, nach ihrer wahren Bestimmung und nach der Vorschrift der Kirchensazungcn zu verwenden; dis beweist sein zurükgclassenes Testament. Denn darinn lies Er der, ihm angestammten Vorliebe für seine Verwandte keineswegs die Oberhand , sondern er bedachte dieselbe nur in so weit, als sein, ehemals erhaltenes väterliche Vermögen betrug. Alles übrige aber, aussex einigen zyc, - frommen Legaten und jenen für seine'Domestiken, vermachte Er einzig und allein dem, ehmals von ihm gestifteten Linzer Pricsterseminarium, als seinem cingcscztcn Universalerben. Nach der mündlichen Aussage genau hievon unterrichteter glaubwürdiger Zeitgenossen, betrug nun das ganze Vermächtnis für gedachtes Scmi« narium die beträchtliche Summe von mehr, denn dreimal hunderttausend Gulden! Möchte mit diesem Monumente der bessere Geist sortdancrn, der durch seinen Stifter angeregt worden ist! Möchte dieser tcutsche Fenelvn Muster und Vorbild aller derjenigen bleiben, die als Bischöfe oder als Lehrer sich dem hohen Berufe weihen, die Menschen aus den Schranken der Zeitlichkeit zum höher« Leben des Geistes zu erheben ! Sein Leichnam wird geöfnet. Die geschiktesien Aerzte zu Linz, deren Hilft sich Gall, unser verewigte Bischof, während seines langwierigen Krankenlagers daselbst bediente, waren einstimmig der festen Mcynung, als bestünde dessen Krankheit in nichts mehr, und in nichts weniger, als — in einem hektischen Fieber. Sie vttordneten daher ihrem bischöflichen Pas tienten , nach dem Brownc'schen Systeme, nichts anders, als lauter — stärkende Heilmittel. Darunter war hauptsächlich die edle, bekanntlich— nur auf Ver st op fung hinwirkende Chinarinde, wovon Gall mehrere Pfunde verpul» vcrisirt, — in der süssen Hofnung, dadurch zum fernem Dienste für den östreichischcn Staat wieder zu genesen — nach und nach verschlecht hatte. Da hingegen all jene, bei unserm kranken Bischof Gall angebrachten Stärkungsmittel für den eigentlichen Endzwek gänzlich fruchtlos blieben, vielmehr solche die heftigsten Schmerzen — weil jene Mittel gcgcntheilig wirkten — bis an sein Ende ihm bereiteten; da mithin der wahre Siz dessen Krankheit dem ärztlichen Personale zu Linz ein unerklarbares Rathsel blieb, so ward, um hierüber die ächte, ganz befriedigende Auskunft, zum künftigen Wohl der leidenden Menschheit, zu erlangen, die urkundliche Vornahme der Section deS Gallischen Leichnams nunmehr veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich's nun, daß der Verewigte an keinem hektischen Fieber laborirte, sondern — lnrm illoe Igcrz'mR! — vielmehr der eigentliche Si; der vormaligen Krankheit unseres Gall's, einzig und allein in dessen Unterleibe sichtbar ausznfindcn war. Hiernach vcroffenbarte sich dann deutlich, daß unser würdige Bischof Gall — wie diS ohnedem auch aus dessen viel sizenden, und unermüdel stu» direnden Lebensweise natürlich zu folgern war —° an nichts an anderem, als— an Verstopf» n» gen litt! — Sein Leichenbegängnis. Am 21. Iuny des Jahrs 7807. ward des Abends um 6. Uhr der Leichnam des Linzer Bi» schoss, den einst die katholische Nachwelt, mit dem Gefühle der Dankbarkeit, Gall, den Einzi« gen, nennen wird, von den Priestern zu Grabe getragen. ES war der Lrichenzug eines Vaters, dem seine verwaisten Kinder nachwcinen. Die Geistlichkeit von der ganzen umliegenden Gegend — ans 150. Personen bestehend — folgte ncmlich seiner Leiche. Nicht minder war das Volk, mit Jnbegrif der Zuschauer, aus allen Ständen und Orten der Nachbarschaft, wenigstens in der Zahl von fünfzehn Tausenden dabei versammelt; auch das k. k. Militair bezeugte noch dem Verblichenen seine öffentliche Achtung, indem drey Bataillons von dem, in Linz kantonircnden JnsanterieRegimente Stain bei Gall's Leichen» zug Spaliere bildeten. Rührend war die Pracht, die den Leichenzug dieses, für die Einwohner von Linz gewiß ewig unvergeßlichen Bischofs verherrlichte; aber noch weit rührender waren die dankbaren Thränen, dir dem Hirten und Vater seines Volks da» mals seine Kinder in's Grab nachweinten. Am ersten July 1807. hielt nun, bei Gelegen» heit Gall's feyerlichen Erequien, Herr Jo» Hann Waldhauser, Domherr an der Käthe« dralkirche zu Linz in der dasigcn Domkirche eine zwekmästge Predigt, die in gedrängter Kürze das verdienstvolle Leben, langwierige Krankheit und endliche Hinscheiden desselben enthielt; — eine Predigt, die nachher, zum Dortheile der Armen, bei -Josef Fink in Linz, zum öffentlichen Druk befördert ward. Seine Geschwister betreffend. Von neun Geschwistern des Bischofs Gal! gierigen demselben bereits fünfe in die Ewigkeit voran, nemlich: r.) Katha -1 rina. die Ehe» 2.) Wald» burga. gattin» >nen der< verstorZ.) Vikto» benen. ria, . Färbers Laumayer in Weil, Handelsmanns Bek zu Rothenburg amNc» kar, Obcrvogts Grßler in Horb, 394 q.) T here -1 Ehegat» s des Oberbürgermeisters u. sia, ^ tinncn ^ Handelsmanns Herrn und ^ der noch ^ Franz Buhl in » leben» f' Ettlingen, Z.) Auto» den. ! des Handelsmanns Herrn nia l. Mößncr in Nastatt. Im Leben hingegen hinterlies Bischofs Gall noch folgende vier Geschwister, und zwar: 1. ) Magdalena, des Gastgebers zum Hirsch, Namens Gerbert, Hinterbliebene Wittwe zu Rothenburg am Nckar, 2. ) Marian na, des Handelsmanns Herrn Gäß zu Frei bürg im Brcisgau Ehegattin, Z.) Herr Johann Baptist Gall, erster Bür» germeistcr und Handelsmann in Weil, und 4.) die, dermalen bei lcztcrcm sich aufhaltende.le» dige Schwester Rosalia. Solche befand sich mehrere Jahre hindurch bei ihrem Herrn Bruder Bischof in Linz und be» sorgte die Mitaufsicht über dessen häuslichen An» gelegcnheiten bis an sein LebcnöEndc. Dann kehrte sie mit ihrem voro/dachten Bruder, dem Herrn Bürgermeister Gall, von Linz wieder nach Weil, in ihre Vaterstadt zurük. Lezterer war nervlich in Gesellschaft seines Schwagers, des Herrn Oberbürgermeisters Buhl von Ettlingen, den verewigten Bischof in sei» «er leztern Krankheit zu besuchen, nach Linz ge» - 3?5 reist. Beide verweilten sich dort gegen 20. Tage hindurch, bis an dessen Tod. Sie folgten daher auch noch dessen nachhen'gcn Leichenbegängnisse in Begleitung mehrerer Taufen» den aus der Gegend von Linz, die ihrem unver« geßlichen Bischof damals bei seinem Grabe mir heissen Thranen des Danks und der Liebe zollten! Seine Schriften. Wer sich von des verewigten Bischofs Galt leichten und faßlichen Unterrichtungsart der Jugend in Ansehung der Hauptgrundsäzcn in der katholischen Religion genau unterrichten will, der lese nur nachfolgende, von ihm zum Druk beförderte Schriften hierüber, und zwar unter dem Titel: Einleitung zum Religionsunterricht in Gesprächen; kleine Erzählungen; das Leben Jesu für Kinder erzählt und anwendbar gemacht; und Anweisung zur Glückseligkeit nach die» sem Leben. Freilich vermißt man hierbei sowohl, als bei seinen Werken in z. Bänden : „über Andachtsübungen, kirchliche Gebräuche und Ze» rrmonien;" wie nicht minder bei seinen, mit Gründlichkeit und munterer Laune niedergeschriebenen 2. Bänden, be- titelt : „Sokrates unter den Christen, in der Person eines Dorfpfarrcrs," den Namen des edeldenkendcn Verfassers; allein Gall schrieb nicht des eiteln Ruhms oder Lobs wegen, sondern bloö allein in der Absicht, um unbekannt hie und da in der Stille bei der Menschheit Nuzcn zu stiften; welchem Hauptgrundsazr denn derselbe in seinem ganzen Leben ununterbrochen treu blieb. Anekdoten und Karakterzüge aus seinem häuslichen Leben. Welch hohen Grad der Vollkommenheit der vormalige Linzer Obcrhirt, mit welchem ich bisher meine Leser unterhielt, ehedem erreicht habe, verbürgt uns sein tadelfreier Lebenswandel, wor- nach es schien, als hätte er schon bei seinen früher» Lebensjahren keinen Antheil an menschlicher Schwachheit mehr gehabt. Seine Unschuld verleitete ihm auch dazu , daß Er andern Menschen nicht leicht was Böses Zutrauen konnte, sondern sie auch gern so lange für unschuldig hielt, bis er wirklich des Gegentheils von solchen überzeugt ward. 397 Um die Reinheit seines Herzens genau zu be« wachen, lebte er so eingezogen, daß man ihm seine allzugrosse Enthaltsamkeit oder Entfernung von gesellschaftlichem Umgänge nicht selten übel nahm. Seine Erholung nach erschöpfenden Arbeiten war entweder ein Spaziergang in den freien Garten der Natur, oder, nach einem solchen — einzig der Umgang mit seinen Geistlichen, die er vom ersten, bis zum lezten, als seine Mitarbeiter schazte und mit liebevoller Freundlichkeit und Achtung behandelte. Liebe, Sanftmuth und Milde, waren überhaupt die hervorstechenden Züge seines Karakters, der ihm Aller Herzen gewann, und es Ihm leicht machte, auf Alle mit Vortheil hinzuwirken. Selbst sein Ernst und seine Verweise trugen das Geprag« der aufrichtigsten Liebe, erbitterten deshalb auch nie, sondern rührte» und besserten vielmehr. Daher kam cs auch, daß das Bcwußtseyn, je einmal seinen guten Bischof gekrankt zu haben, die bitterste Strafe für den Fehlenden war. Der allgemeine paulinische Zuruf an jeden Bischof: „Scy wvhlthätig;" — diese Stimme drang so tief in die Seele unseres Gall, daß Er sich's zum heiligsten Geftz machte, seine bischöflichen Einkünfte, statt solche zu üppigen Thorhei- ten, blos zum nothwcndigen und wohlanständigen Genüsse zu verwenden, und den größten übrigen ZY8 Theil derselben nur zum Wohlthun für Dürftige sorgfältig aufzusparcn. So auffallend nun seine strenge Oekonvmie dem Verschwender und lokern Tischfrcunde schien; so grosmüthig und beinahe verschwenderisch streute dagegen seine freigebige Hand Wohlthaten für Noth« leidende hin. Hatte er aber blos beim Anblike des UnglükS seinem Mitleidsgefühle hierinn gefolgt, ohne zuvor das, für Zeit, Ort und Umstände an« gemessene Beste zu untersuchen, so würde Er beim Wohlthun nicht immer mit freier Selbstthätigkeit und, der menschlichen Würde gemäs, gehandelt, sondern nur an Nichtswürdigc seine Wohlthaten öfters vergeudet haben. Allgemein bekannt ist es zwar, daß sein Hauß nie leer von Aryien war, die, sobald sie nur im Geringsten ihre Dürf» tigkeit gründlich darthun konnten, immerhin dort Hülfe fanden. Aber, Wenigen nur kund ward cs, daß Bischof Gall mehreren Seelsorgern seiner Linzer Diö» zes reichliche Allmosen zur Austhcilung für arme Kranke aus seinen eigenen Mitteln übergab; ja, daß er es ihnen sogar befehlsivcisc zur Pflicht machte , cs ihm, wo keine Hülse da wäre, gera« dezu anzuzeigen, damit ihm ja das angenehme Geschäft des Wohlthuns nicht entgehen möchte, und Er dann, ohne Verzug, Trost und Erquikung in die Hütten des Elends schiken könnte. Sein Gefühl für fremde Noth, seine Wohl« thätigkeit, die ihm jedes Jahr grosse Summen kostete, wer kennt sie nicht? Wie viele Dürftige, die sich zwar schämten, ihr häusliches Elend der Welt bekannt zu machen, oder es nicht wohl wagen durften, um nicht noch unglüklicher zu werden; wieviele dergleichen kamen nicht im Stillen zu ihm, ihn um Rettung und Hülfe zu bitten? und Er — half! Denn sie fan- den an Ihm einen rettenden Engel, der ihnen obendrein noch strenge Verschwiegenheit hierüber aufer- legte. Wie so mancher studirende Jüngling stand, zu stillen Zähren des Danks und der bittersten Weh« muth gerührt am Sarge unseres Bischofs l in welchem nun sein Nährvater verschlossen lag, dessen, leider! für ihn zu früher Tod ihm Thränen des Kummers über die bange Zukunft entlokte! Er hat so vielen Ehegattinnen ihre Gatten, Aeltern ihre Kinder, Kindern ihre Väter und Mütter wieder gegeben, die, ohne seinen Beistand, auf ihrem Krankenlager hätten verschmachten, müssen. Er war in der That die Zuflucht der Unglük- lichen, der Tröster der Betrübten und der Versorger der Armen, Wittwcn und Waisen. Um allgemeiner Vater der Armen zu scyn, unterhielte Galt ehedem mehrere Jahre hindurch, beinah ganz allein aus seinen eigenen Mitteln — die Rumfortis che Suppe «Anstalt. Sein Benehmen gegen Untergebene war nun rin Muster für alle Vorgesezte und Obrigkeiten; denn Er war sanft und bescheiden. Jeder hatte freien Zutritt zu ihm; jedem be- gcgnete Er mit gebührender Achtung; ja, man konnte es ihm eher zum Vorwurf machen, daß er nur zu höflich und zu herablassend war, als daß er irgend einen seine Würde hätte fühlen lassen. Er schäzte den Werth der Menschheit! — Suchte Jemand um irgend Etwas bei ihm an, welches er, weil es gegen die allgemeine Ordnung stritt, keineswegs bewilligen konnte, so wußte Er das Bittere der abschlägigen Antwort durch die sanfte und schonende Art seines Vortrags, und durch die Erklärung der Ursachen davon, zu mildern. Waren es aber solche Menschen, denen eS an richtigen Begriffen des Gegenstandes fehlte, so hatte Er Gedult genug, oft stundenlang mit ihrer Belehrung und Zurechtweisung sich abzugeben. Auch alle ichnftlich verfaßten abschlägige Bescheide mußten schonend eingerichtet und zugleich mit einer passenden kurzen Belehrung verbunden seyn. Hatte Er je einen Fehler zu verweisen, so geschah es in einem väterlichen Tone, mit einem herzlichen Zuspruche für das Gewissen, und zwar auf eine so liebreiche Art, daß der Fehlerhafte gewiß ihn allemal gerührt verlies. Diese, dem menschlichen Gefühle angemessene Weise mußte frei« li'ch die beste Wirkung hcrvorbn'iigen; ja, Er war sehr oft auch so glüklich, selbige wahrzunehmen, und der gute Hirt nahm- das verirrte Schaaf auf seine Schulter», und sühne es da»» zur Heerde, so wie auch zur Erfüllung seiner Pflicht zurük. Diese sauste und wohlmeinende Gesinnung hatte nun in seinem Herzen so tiefe Wurzeln gefaßt, daß er nicht leicht jedes lieblose Wort oder jede Handlung, wodurch Er hätte aufgebracht weiden können, mit feindseligen Blik betrachtete. Er war überhaupt mit dem menschlichen Leichtsinne, mit der Ulvercilung und Unwissenheit der Sterblichen allzuwohl bekannt, als daß er sogleich die Neigung und den Vorsaz, zu schaden, hätte daraus folgern sollen. Er wollte, der Menschheit zur Ehre, lieber Gutes, als Böses von Andern denken, und vis solange, bis er aus deren Handlungen des Gegeutheils — als worüber Er jedesmal zuvor genaue Untersuchung ansrcllle— hinlänglich überzeugt ward, Ohngcacht unser würdiger Bischof Gall Jedermann Gutes und keinem Menschen Böses that, so hatte Er doch auch Feinde, die Ihn, seines Giüks und anderer Umstände wegen, beneideten. Allein Er vergab, und vergas unter einem angenommenen bescheidnen Betragen gegen dieselbe, jede Beleidigung; er vergalt nie BöscS mit Bösem, sondern that seinen Feinden bei jeder Gelegenheit vielmehr Gutes. Denn Feindseligkeit und Rachsucht waren Ld seinem Herzen ohnehin ganz fremd. Er wollte lieber fortleiden, als Selbst seinen Feinden nur die geringste Leiden verursachen. Anstatt die Augen« blike zu benuzen, wo er, vermöge seines bischöfli» chen Ansehens und Einflusses, seine Feinde aufs empfindlichste hätte demülhigen, ja sogar gänzlich l niederdrüken können, suchte Er sie vielmehr gros« I müthig zu schonen. I Er lehrte die Religion durch sein erhabenes Beispiel. Dis Unterscheidungszeichen eines wahren Christen von dem Scheinchristcn leuchtete in seinem Wandel so auffallend hervor, daß jene, welche die Szenen seines Lebens genauer wußten, sich wcchsclsweise das Geständnis machten: „Galt ist ein wahrer Hirt in Worten und Thaten!" Daher, wenn man in ähnlichen Umstanden sich mit Ihm besprach, pflegte Er zu sagen: „Man muß jede Uibereilung vermei« den, und bei der gerechtesten Ursache ^ — langsam zum Zorne seyn! Wir müs« , sen tragen und^dulten, soviel wir kdn» nen; und damit unsere Feinde Zeit haben, sich zu besinnen, müssen wir lang- müthig seyn! " — ! Selbst, wenn Er nur fürchtete, jemand weh gethan zu haben, so ruhte Er nicht, bis Er es wieder gut machte. Er fand es nicht unter i seiner bischöflichen Würde — um Berge- - 4--Z bung zu bitten, und war groß genug Selbst Seinem Diener zu sagen: „Wenn ich manchmal ein hartes Wort spreche, so nehm' er mir's nicht übel; es ist nicht böse gemeynt!" Für Seine Anverwandten hegte Er stets eine besondere Vorliebe. Er verabsäumte daher auch keine Gelegenheit, wo er zu deren wissenschaftli« chen Veredlung, so wie zur Laufbahn ihres künf« tigen Glüks nur im Geringsten Etwas beitragen zu können, glaubte. So berief Er z. B. seinen jungen Vetter Franz Josef Galt aus dessen (nunmehr zum Badischen Lberamt Pforzheim gehörigen) Geburtsorte Tiefen bronn- wie sol- chcr kaum achtzehn Jahr alt war, zu sich nach Wien. Dort untersiüzte Er ihn überall mit seiner, vielvermdgcnden Empfehlung und guten Rath zu dessen mehreren Vervollkommnung im medizinischen Fache. Hier ward dieser, damals noch junge Gall in der Folge zu dem Manne gebildet, den izt, als Schädellchrer — ganz Europa bewundert! — Unser verewigter Bischof Gall konnte nun in seinem Erdenlebcn das Lob durchaus nicht vertragen; und Er würde, — wenn Er eS wüßte, daß man nach seinem Tode Ihn gelobt hätte — vielleicht im.Grabe darüber izt zürnen'. Desto dankbarer hingegen war Er gegen all diejenige, so ihm von seiner Jugend an, bis in'S Grab, thcils Wohlthatcn und theils sonst auf irgend eine Art eine Gefälligkeit jemals erwiesen hatten. Denn, wie oft sprach Er nicht mit innigster Wärme von Ehrfurcht und Dankbarkeit z. B. von seinen Aeltern, die sich das wichtige Geschäft seiner Erziehung chmals so sehr am Herzen ließen angelegen seyn? — Und, wie grosmüthig handelte Er nicht an seinem jugendlichen Retter, dem alten Walkmüller Anton Straub! Unser verblichener Bischof Gall fiel nemlich, als ein zwölfjähriger Knabe, eine Viertelstunde von Weil, seiner Vaterstadt, in den sogenannten Würmfluß, und zwar bei Gelegenheit , ,alS er fischen wollte. Der damalige Walkmüllcr Anton Straub, der des jungen Gall's unglüklichen Wasserfall, ohnweic seiner Walkmühle auf der Stelle gewahr wurde, eilte nun sogleich zu seiner Rettung herbei, zog ihn dann aus dem Flusse, und befreite Ihn so — von seiner damaligen Todesgefahr. Nachdem unser gerettete Gall seinen - Vater, den vormaligen Bürgermeister Anton Gall, kurz vor dessen, im Jahr >?yi. erfolgten Lebens- Ende, als wirklicher Bischof von Linz, zu Weil besuchte, so erkundigte sich dieser sogleich bei jener Gelegenheit nach dem Leben oder Tod seines jugendlichen Retters, des alten Walkmüllers, Anton Straub, - 405 Wie nun Bischof Gall mit dem Gefühle der innigste» Freude hierauf vernommen hatte, daß Straub noch lebe, so lies er selbigen in seines Vaters Hause sogleich zu sich rufen, und dankte ihm bei einem, dort für ihn und sein Weib damals zubcreitetcn köstlichen Gastw.ale, nochmals verbindlich für seine Rettung aus dem nnglüklichcn Wasserfall in seiner Jugend. Dann cntlics Er diesen alten Walkmüller nebst dessen Ehehälfte reichlich in Geld beschenkt wieder von sich! — Da unser Gall in der Eigenschaft eines Bischofs zum erstenmal nach Linz reiste, so betrat Er mit inniger Rührung die Provinz, deren Gemeinden Er nun als Obcrhirt leiten sollte. Er brachte die herzlichste Liebe, so wie den ernsten Vor, saz mit, (den Er auch, mittelst eines sepei liehen Gelüblcs zu Gott bekräftigte,) — einzig nur für seine Heerde zu leben und zu sterben. Er hielt in der That auch — Wort; wie dis seine, bisher umständlich erzählte Lebensgeschichte beweist! ^) *) Uiber Gall's Leben und Karakter sind erschienen: Seine Biographie von Joseph Provence, Domprediger zu Linz. 8. Linz I8o8. Dann eine Predigt bey seinen feyerlichcnExequien von Joh. Waldhauser, Domherrn zu Linz^ 4. Linz 1807. und I. G. Pahls Chronik, der Lrutschen rc. 1807. S. 402. ff. Sowohl aus diesen drei Quellen, als auch aus 4 -. Uibrigen Gelehrte aus Weil. 406 Ausser dem vormaligen Bischof Gall, dem gelehrten Zöglinge neuerer Zeiten, hatte die Stadt Weil noch folgende aufzuweisen, deren Aufzeichnung hier unter diesem Abschnitte gleichfalls eine Stelle verdient. Johann Michael Gall war Doktor der Medicin und des theoretisch medici,nschen Unterrichts Professor auf der Badischen Universität Freiburg im Breisgau, der aber schon vier Jahre zuvor, (nemlich >8oz.) seinem gelehrten Anverwandten , dem Linzer Bischof Gall, mit dem Ruhme eines sehr rechtschaffenen und in seinem Fache vorzüglich geschiktcn Mannes, in die Ewigkeit vorangieng. Auch hat noch izt gedachte Universität an Herrn Josef Anton Laumaycr, dem Professor der Anatomie daselbst einen würdigen Zögling der Stadt Weil, aufmweisen. Zum Beschlüsse dieses Abschnitts erwähn' ich hier nur noch des, mit Bischof Gall im dritten Grad der Verwandschaft gestandenen Herrn Ste« mündlichen Uiberlieferungen glaubwürdiger Zeitgenossen, Hab' ich die Materialien zum Entwürfe dieser umständlichen Lebensgeschichte von Gall, dem verewigten Bischof in Linz entlehnt. phan Gall auS Weil. Dieser ist gegenwärtig in dem, nur eine Stunde von seiner Geburtsstadt entlegenen, vormals dem MaltheserRitter Baron Flachslanden, zuständig gewesenen, vor Kurzem aber der Krone Wirtembcrgs zugefal« lenen Dorfe Däzingen, als Pfarrer angestellt. Er studirte die Logik, Philosophie, Metaphysik, praktische Wcltweishcit und die Naturrcchtc chmals auf dem berühmten bischöflichen Scminarium in Bruchsal und dann auch anderwärts. — Einen Beweis von dessen menschenfreundlichen und toleranten Gesinnungen liefert uns die Nachricht, daß Er gegenwärtig an der Vollendung «ines, längst schon angcfangencn, wenigstens seinem guten Herzen Ehre machenden, WcrkchenS arbeitet, welches „Entwürfe und Vorschläge enthalten soll, „wie auf eine, leicht „mögliche, Weise die drey christlichen „Religionsparteyen miteinander zu „vereinigen sind!" 42. Weil kömmt an die Krone WirtembergS im Jahr 1803. Lange Zeit hindurch hatten die vorigen Herzoge von Wirtcmberg vergebens den Plan getragen, die qo8 vormalige Reichsstadt Weil zum Arrondissement der, rings sie umgebenden Wirtcmbcrgischcn Ge« filde unter ihren Regcntcnstab zu bringen. Allein die Erfüllung dieses frommen Wunsches, schien nur aufgespark für das Ende des, vor einem Jahrzehend cröfuctcn französischen Revolu« tionskricgs, der überhaupt dein gröffcsten Thcile von Europa eine ganz neue Gestalt gab und am y. Hornung »8o>. den bekannten Lüne« viller Frieden hcrvorbrachte. Lcztcrcr mar daher auch die Grundlage zu dem, am 25. Hornung >8og. zu Stand gekommenen N c i ch s fr icd ens sch lu sse, wyrnach der nun» mchrigcn Krone WirtcmbcrgS für die, jenseits Rheins einst verlohnte Besizungcn unter mehreren andern Orrcn auch die vormalige Reichsstadt Weil auf dem Wege der Entschädigung zufiel. Die Einwohner dieser Stadt huldigten nun ih« rem erhabenen Königlichen Regenten Friedrich am 28.'July 80z. im süssen Vorgefühl der st» chcrn Erwartung, unter Höchstdessen Szepter einst vollkommen geschüzt und wahrhaft glüklich zu seyn k Beschluß. Gegenwärtiger Zustand Weil's. Weil ist, so wie cs min wieder, nach vielen Drangsalen der vorigen Kriege, aus innerer Kraft wurde, der vorzüglichen Aufmerksamkeit und Liebe seines erhabenen königlichen Regenten würdig. Es ist eine, (vermög der, am 11. November 1806. regulieren KreisEinthcilung deS Königreichs Wirtcmberg) nunmehr zum Kalwcr Kreis gehörige, durch gute Oekonomie vor den meisten ihrer vormaligen Mitreichöstädten sich auszcichnendr Oberamtsstadt. Es liegt drey Meilen von Tübingen, zween Meilen hingegen von Stuttgart gegen Abend, und zwar an dem Flüßchen, welches — in Hinsicht seines, der Krümmung eines kriechenden Wurms ähnlicben Laufes'— die Würm genannt wird, und Ul Pforzheim, einer zwo Meilen unterhalb Weil gelegenen Stadt, sich in die Enz ergicst und dort seinen Namen verliert. Weil hat eine Vorstadt, die in einem ange» nehmen Wicsenthale liegt, dicht an der Würm, und wird von einem andern Bache, welcher zum Behuf der Gärberci hineingelcitet ist, durchflossen. Die Stadt an sich ist klein, und mit einer Mauer, welche vorzüglich gegen die Vorstadt hin. noch kn gutem Stande sich befindet, umgeben, und hat drey Hauptthore, nemlich das Stuttgar» ter, das Kalwer und das obere, oder Pforz- he im er Thor genannt. Die, vormals um-die Stadt gewesenen Wälle und Gräben, wodurch die Vorstadt ganz unter Wasser gesczt werden konnte, sind nunmehr geebnet, und theilS in Wiesen, thcils in Fruchtfclder umgeschaffen. Sie geben izt zum Unterhalt der Stadtpferde einen Beitrag. Ein kleiner Theil der Wälle am obern Thvre blieb aber stehen, und dient nunmehr den, zur Schanzarbeit vcrurthcilten Sträflingen zur Beschäftigung. Die Stadt selbst umgeben Aeker und Weinberge, vorzüglich aber drey schöne Wiesenthäler. Die Hauptstrase, welche durch die Vorstadt auf den Marktplaz in der eigentlichen Stadt führt, ist breit, Helle, und wie der Markt, in dessen Mitte zwecn wasserreiche Brunnen sind, geräumig. Die ührigen Strassen sind meist schlecht und hökericht. Das von aussen ziemlich gut aussehende, von innen aber nur zur Nothdurst eingerichtete Rathhaus gibt nebst den erwähnten zween Röhr- brunnen, (wovon jeder 16. Schuh tief ist,) dem Marktplaze ein artiges Ansehen. Ausser mehreren Privatbronnen befinden sich noch vier andere, auf Kosten der Stadt unterhalten werdende Springbronnen» Auch das Bürgerhospital zu Unserer Lieben Frauen genannt, hat eine angenehme und gesunde Lage. Schade ist es übrigens für die dortige Spitaliten, die meist aus gebrechlichen und nervenschwachen Personen bestehen, daß die vormalige Badanstalten, die eigentlich zur Stärkung der schwachen Glieder dergleichen Pfleglingen dienten, schon seit mehreren Jahren gänzlich emgcgangen sind. So eristirte z. B. schon in altern Zeiten, nein« lich im Jahr 1554. ein Bad in Weil, das äussere Bad genannt, welches in selbigem Jahre, nach einer handschriftlichen Aufzeichnung des dass« gen Stadlschreibers W ippertmeister, um 220. Gulden erkauft wurde. Dis ward aber schon seit unfürdenklichen Zeiten in ein Bürgerhaus verwandelt, das dermalen einem Rothgärber zugehört, und in der Vorstadt nah am sogenannten Badthvre gelegen ist. Zunächst an diesem Thore in der Stadt befand sich auch in neueren Zeiten ein anderes Badhaus, welches aber bei seinem lczten Besi'zer, dem Bürger Niklas Eble, indeß ebenfalls in Abgang kam; daher seitdem die Stadt Weil bis izt keine Badanstalt mehr aufzuweisen hat. Ausser der schcnswürdigcn Pfarrkirche zu St. Peter und Paul genannt und dem so eben gedachten wohlgebauten Spital nebst der dabei befindlichen Kirche sind zween Mönchsklöster, nemlich das vom Augustiner» und jenes vom Kapu» zincr-Orden vorhanden. Das Augustiner« kloster hingegen ward vor wenigen Jahren auf» gehoben und zur dcrmaligcn Steuereinnehmer reiwohnung umgeschaffcn. Südlich von der Pfarrkirche befinden sich noch vier andere Kapellen, nemsich am Kalwcr Thore, die St. WendclinS» im Thalaker die St. Laurenrii- vor dem obern« oder so» genannten Pforzheimcr Thore die zum heiligen Kreuz« und endlich am Stuttgar» ter Thore die Sankt Michaels-Kapelle genannt, wo izt das bürgerliche Begrab» nis ist. In kirchlichen Sachen stand vormals Weil, wie sie noch eine Reichsstadt war, unter dem da» maligen Bisthum Speyer. Hier sind auch drey Wirtembergische Manns» klöstcrhöfe, nemlich der Hirsau er, Beben hau» se r und Herren albcr Hof; welche sämmtlich der, ehmals hier wohnhafte, aber seit Kurzem nach Merklingen gezogene Rath und Kameral» Verwalter Herr Martin besorgt. Die Hirsaucr Pflege bezieht jährlich dir Hälfte des grossen Zchendens von Wei l's sammt» sicher Gemarkung, so wie auch den Vorzchenden von einem gewissen Distrikte. Nicht minder hat diese Pflege auch den Erbsen« Linusen- und Wikcn» behenden» -. 4,z , Der erste und hauptsächlichste Nahrungszweig der Einwohner ist der Feldbau. Fast alle Bürger haben eigene Feldgüter. Uiberhaupl ist der Boden zwar fruchtbar; da aber die meisten Felder äuffcrst schlecht und steinigt sind, so ist ihre Bestellung mühsam und kostbar. Man muß jedoch von den Einwohnern Weil's bekennen, daß sie gute Land, und Hauswirthe sind. Der Akerbau steht bei ihnen im besten Flor, soviel es nemlich der Boden zulaßt, welcher die Abschaffung der Brache durchaus verbietet. Man baut hier alle Gattungen von Futterkräntcrn in Menge, sucht die ödesten Plaze urbar zu machen, und durch sleisige, nattnliche und künstliche Düngung auch dem kargesten Boden einen Ertrag abzugcwinnen. Die„Stallsüttcrung ist durchgchendS cingcführt, und den Beweis ihrer Nüzlichkkir gibt auch hier die Menge und Schönheit des Rindviehs. Wein wird von Jahr zu Jahr immer weniger gebaut, indem die Weinberge meist zum Kleebau verwendet werden. Handel und Gewerbe stunden noch bis in's Jahr >8oz. in geringem Flor, ob es gleich mehrere gcschikte Künstler, Professionistcn und thatige Handelsleute gibt. Denn Weil traf auch in dieser Rüksicht das ncmlichc Loos, welches in neuern Zeiten auch die vormals blühendsten Reichsstädte sinken machte, weil sich Handel und Wandel nieist von ihnen hinweg, und nicht nur in ansehnliche Provinzen und Mum'cipalitätsstädte, sondern auch auf das Land gezogen hat. Das hauptsächlichste Hindernis des Handels rührte eigentlich daher» weil die Stadt Weil, gleich einer, ringsum mit Wasser umgebenen Insel, von Wirtrmbergk« schcm Territorium ganz umschlossen war; als von welcher Sekte man ihr denn, noch eh' und bevor sie als eine isvlirte Reichsstadt der Kro« ne Wirtcmbcrgs zufiel, gänzlich alle Zu» und Ausfuhr sperren konnte. Bei denen, für die Stadt Weil, nun glük» lich veränderten, Zeitumständen aber kann der Handel daselbst für die Zukunft besser, denn zu« vor, gedeihen, ja solcher vielmehr alsdann zum schönsten Flor gelangen, wenn die, gegenwärtig zwar noch im Plan liegende Königsstrasse von Tübingen über Rothenburg nach Weil einst zur wünschenswerthen wirklichen Ausführung kömmt. Denn hier ist eine Handlungsgeftllschaft, die mit innländischen wollenen Zeugen handelt, und zwar unter der Firma: Gall, Reich Lc Kon« sorten; welche ihre Fabrikate vorzüglich in die Schweiz Verschlüssen. Eben so hat der gegenwär« tige erste Bürgermeister, Johann Eap» tist Gakk eine, nabe bei We'l, nemlich zu Mühlhausen an der Würm anS^gte, sehr beträchtliche Tobaksfadrik, die er, noch unter der voriaen, seines verstorbenen Vaters, Anton Ga kl, Firma, führt, und seine Fabrikate, in allerlei Sorten von Schnupf« und Rauchto« bak bestehend, in's entfernteste Ausland versendet. Auch haben Reich und Müller hier eine Plüschfabrike. Eine Menge baumwollener Strümpfe werden von Michael Luz jährlich in's Ausland fabrizirt. Ausser diesem befinden sich mehrere Strumpfwirker, Tuchmacher, Zeugmacher, Kommisschuhmacher und Färber aller Art dahier; unter welch lcztern die Schönfärber mit vieler Kunst arbeiten. Hier sind dermalen in Allem zoz. Meister, die mit 64. Gesellen und 21. Lchrjungen arbeiten. Bemerkenswert!) ist'ö übrigens, daß, ausser Z. Hirten und 1. Holzhauer, im Ganzen nur sechs Akersleute — die kein Gewerb treiben — sich hier befinden, die übrigen Bürger hin- i gegen samt und sonders Profess io nisten sind! Die Stadt hat jährlich sechs Jahrmärkte und an jedem Montag einen Wvchenmarkt. Der Magistrat in Weil, (worüber der jcwei« lige königlich Wirtembergische Oberbeamte, gegenwärtig-in der Person des OberamtmannS Herrn Friedrich Klett, bei einer jeden Sizung, daS Präsidium führt,) besteht dermalen in dem Herrn Stadtschreiber Bahnmryer, sodann in zween Bürgermeistern, nemlich: dem Herrn Johann Baptist Gall und — — Johann Baptist Reiffsteck ferner in 8 . Rathsglicdern, worunter der Stadtbaumeister Herr Franz Anton Schöning er sich befindet. Ausser diesen Rathsglicdern sind noch 8 . Gerichtsverwandte, die das städtische Gemeindswcscn gemeinschaftlich milbesorgen. — Obgleich Brenz ein eifriger Reformator war, auch Lnthcr's Lehre selbst anfieng, Eingang in der Stadt zu finden, so blieb Weil doch bei der katholischen Religion; wozu sich die ein» gcbohrncn Einwohner der Stadt noch izt bekennen. , Ausser diesen befinden sich — seitdem Weil der Krone Wirtcmbcrg zuficl— auch sechs Familien daselbst, nemlich die, des königlich Wirtembergi» schen Oberamtmanns, — des Raths und Käme« ralverwalters, — des Stadtschreibers Herrn Christoph Bahnmayer, — des Steuereinnehmers — und sonst zwei bürgerliche Familien, welche der Lutherischen Glaubenslehre zugelhan sind. Nach einer Berechnung vom Jahr 1807. enthält die Gemarkung der Stadt Weil: 4l7 1 bür, s Mer, > g-r, Wiesen , I liehe j Gärten, s Weinberg, GemeindöWaldung in Eichen, 447 . - Forlen und Tannen bestehend. Dagegen belauft sich deren Einwohnerschaft, nach obiger Berechnung, auf: 1807. Seelen, Z76. Bürger mit Inbegrif der Wittwen. Die Gebäude in der Stadt Weil bestehen aber in folgenden, und zwar in: q. herrschaftlichen neu Wirtembergk, schen Gebäuden, nemlich: der Oberamteiwohnung, -» Steuereinnehmerei- wohnung, oder dem sogenannten vormaligen Au» gustinerKloster, dem KapuzinerHospitium und der Scharfrichterswvhmmg. Feiner in: 2 . alt Wirtcmbergischcn Gebäuden, nemlich: der Hirschauischen Kellerei 1 und ^ > Wohnungen — Bebenhauser Pflegerei ) und 1. Haust, das die KastenknechtsWohnung vorstellt, I. Kasten, oder Fruchtspcichcr; sodann sind zum Kirchen» und Schulfond gehörig: i. Pfarrhaus, r. SchulhauS, und i. Haust, wobei die Zehendscheuer von der St» Peter und Paulskirche angebracht ist. Die übrigen Gebäude hingegen sind folgende, als: 1. das Spital samt Zugehör, g. Kirchen, worunter das, schon-vben erwähnte, bereits eingcgangene Augustinerkloster begriffen ist; 271. numerirte, Z und > bürgerliche Häuser, Z. nicht numerirte z 2. Rarhshäuser, worunter r. Keller, Z. Gemcinds» ncmlich die Z. Thorhäuser, 1. Wacht» 1 i. Schlacht» 1. Schaaf» 2. Wasch» ) . r. Malzdarre, r. Brennholzmagazin, 1. Zicgelhütte, 171. Scheuern, gemeine, i. herrschaftliche Zehendschcner, 2Z. Bierbrauereien und Brandweinbrennerclen, Z. Mahlmühlen, wovon die einte (auS r. Gerb» und 2» Mahlgängen bestehend,) die gr offe; > gemeine Häuser, ! —— qiy die zwvte hingegen, so nur 2. Mahlgänge hat, die kleine Mühle, und die dritte die, dem Epital zugehörige Mühle, die Planmüh» le, genannt wird; welch leztere aus 1. Gerb« und z. Mahlgängen besteht, i. Sägmühle, i. Schlcifmühle, 1. Loh» und l. Walkmühle. Die Stadt Weil hat übcrdis zum Vvrthcil des Häuserbaues drey nahe gelegene Stein« b r ü ch e. Der Vieh st and der Stadt besteht endlich in 77. Stük Pferden, 57z. Stük Hornvieh aller Gattung, 1000. Stük Schaafen, igl. Stük Schweinen, 21.-Ziegen und Z7. Bienenständen. Die Stadt Weil besaß ausser vorhinerwähn» tem noch ein eigcnthümlichcS Hofgut zu Mött» lingen (einem königlich Wirtembergischen Dorfe,) und auf ihrer Markung die nun ausgehobene freie Pürschgcrechtigkeit, welche aber nur auf das kleine Gewild ausgcübt werden durfte, weil die grosse Jagd, gegen Erlassung des Brcnnholzzolls, durch Vertrag an die Krone WirtembergS überlasse» worden ist. 27» Der, zum Kalwer Kreise und dem dortl« gen Oberamt gehörige, Möttlinger Hof an sich, besteht nun in: 12 Wohnhaus samt Scheuer und Stallungen und in ohngefähr l6y. Morgen Acker, qq. Morg.n Wiesen und 2yo. Morgen Laub- und Nadelwald. Der RcichSmatrikularanschlag der Stadt war vormals grösser, hingegen >5^5 und 15-,,. um b. Mann zu Fus und >. Mann zu Pferd verrin» gert, und gab also damals einen Reiter »nd i r. Mann zu Fus, oder zahlte dafür bo. Gulden sogenannter Römermvnate, welche die Stadt biö zum Aufh'oren ihrer Unmittelbarkeit erlegte. Viel grösser war der Beitrag zur Unterhaltung des Kamme'gc ichts, wozu diese kleine Stadt zü. Reichsthaler zz. kr., also'mehr, als das Für« stcnthum Hohenzollcrn, welches im Jahr 1801. ohngefähr ,2000. Seelen enthielt, ehedem beitragen mußte. Der Krcissieueranschlag war r8. Gulden, und zur Kreismannlchast stellte die Stadt zu z. Simplen, 2>. Mann zu Fus. Von ihrem Schulthcissenamt bezahlte sic jährlich zum Landwaibclamt der Landvogtei Altdvrf iz. Gulden oder so. Pfund Heller, Konstanzer Währung. Auf dem, vvrmalS brstandncn, Reichstage hatte sie auf der schwäbischen Städtebank die ein und zwanzigste; beim Krais hingegen die acht» zehnte Stelle. Weil hatte noch vvx dtey Jahrzehcnd einen beträchtlichen Schuldenlast, welcher durch die vie» len verderblichen Reichsknege des vorigen und je« zigen Jahrhunderts, wobei die Stadt allzeit übel mitgenommen ward, stch beständig anhäufte. Die dcrmalige königlich Wirtcmbcrgische Dienerschaft dahier besteht aus folgenden Individuen, als: dem Herrn Oberamtmann Friedrich Klett, -7— Rath und Kameralverwalter Michael Martin, -KrcisSreuenath Schmitt, -Stadtschreibcr CHristoph Bahnmayer, -Steuei Einnehmer Ludwig Neuster und dem Kasienkuecht Denzel. Das Geistliche Personale ist bei den betreffen« den Abschnitten von Klöstern und Kirchen bereits namentlich aufgeführt. DaS Physikat dahier besorgt gegenwärtig der Phystkus Doktor, Herr Dominik Eble. Ausser diesem befinden sich noch die zween Herren Ge, brüder Andreas und Adam Siegle, als 422 Hebarzte m dieser Stadt; welch leztcre, sowohl ihrer gesunden Lage nach, als rükstchtlich des altdeutschen tugendhaften Karakters deren Einwohner, all diesen Aerztcn wenig Beschäftigung und daher auch geringen Verdienst vcrschaft. Denn, wenn man irgendwo noch altdeutschen Sinn und Mnth, Körperkraft und Sittenunvcr- dorbenheit in unserer Gegend findet, so ist es hier — wie in den Geburtsorten der beiden berühmten Männer, Reuchlin und Melanch« 1hon. Eben daher kann man auch die Geschichte der Stadt Weil mit allem Recht hier nennen: das Kleeblatt zu pforzheim's und Brette »r'6 kleinen Chroniken! — -') *) Anmerkung. Während dem ich, der Verfasser vonWeil's kleiner Chronik, das Manuscript derselben der Presse übergab, ereigneten sich folgende Veränderungen in Weil: Stach der Abkunft des vorherigen Herrn Oberamtmanns Klctt, kam der Herr Oberamtmann Fader von Merklingen an dessen Stelle nach Weil. In einiger Zeitfolge darauf hörte das bisher daselbst bestandene Oberamt auf, und die Stadt -Weil ward alsdann zu dem, nur l. Meile von da gelegenen Oberamt Levnberg eingctheilt, welches der nunmehrige Herr Oberamtmann Griesinger verwaltet. Statt des abgekommenen Steuereinnehmers Herrn Neuffer zieht der Rath und Kameralverwalrer 42 ) Herr Martin von Merklingen nunmehr die königliche Revenüen in Weil ein; und an die Stelle des vormaligen Stiftsverwalters, Herrn Wizigerreuter, ward hingegen Herr Grill, vormaliger Oberamtmann in Ellwang en, als Stiftsverwalter und zugleich als Untcramtmann nach Weil berufen. Der, beim Bürgerhospital daselbst ehemals angestellt gewesene Stadkäccoucheur, Herr Andreas Siegle starb schon am Wngsttage lgoz. Drukfehler. Sekte i8. Zeile 4. lies: zu künftiger Errichtung, statt zukünftiger. — 89. in der Anmerkung Zeile 12. lies: in der umgedckten Pfarrkirche, statt ungedekten. — 197» Zeile 9. lies: indem ihn der Herzog, statt indem ihm. — 317. Zeile iy. von dem.Abschnitt: „Er be« gibt sich auf die Universität Heidelberg" licS: den Doktorgrad erhielt, statt: der Doctorgrad erthcilt. — 396. Zeile 8. von Gall's Anekdoten lies: verleitete ihn auch dazu, statt verleitete ihm. k.j AÄ! ^ ?. «M. M - '' - ' i! W . '! . U - O: 20 Z6778 5 0Z1 6l,8 XLr>lL>'uks Mf'H M?tL r^W-''*^ r.^-'7 -ML- .v < < ^745 -4^7? LGW >.^sil EH-G