33 ——* P........*. V 0 10 7 — Lendesbibliothel Kurtsrubs — — lhelm, rl Wĩ — 2 62 2 = — — 2 2 . 8 2 2 5 + 8 R Karlsruthe. Atadt und ihrer Verwaltung. Auf Veranlaſſung des Stadtrats bearbeitet von Friedrich von Weech. I. Banöd. 1715 1830. Harlsruhe. Verlag der Macklot'ſchen Buchhandlung und Buchdruckerei. 1895. Sad/sche C(andesbibliothes) — A. . Vorwort. G8 Fos mir der Stadtrat der Haupt- und Reſidenzſtadt Karlsruhe den Wunſch ausſprach, ich möchte die Bearbeitung einer Geſchichte der Stadt und ihrer Verwaltung übernehmen, konnte ich mich erſt nach längerer und reiflicher Überlegung dazu entſchließen, dieſem ehrenvollen Anſinnen Folge zu leiſten. Mir fehlte der rechte Muth und die rechte Luſt zu dieſer Arbeit, aber in deren Verlauf ſtellten ſich beide ein, und ich kann jetzt nach Vollendung des erſten Bandes ſagen, daß ich ſelten mit ſolcher Befriedigung auf eine Arbeit zurückgeblickt habe. Nicht als ob ich mir der großen Mängel meiner Leiſtung nicht vollkommen bewußt wäre. Es fehlt an manchen Stellen der rechte Fluß der Darſtellung, da und dort wird der auf— merkſame Leſer eine Wiederholung, ein Zurückkommen auf ſchon früher Geſagtes bemerken, zuweilen wohl auch überwiegt das Detail zu ſehr. Anderſeits freilich— was den letzten Vorwurf betrifft— bildet gerade das Detail den eigenartigen Reiz einer Lokalgeſchichte und es iſt nicht immer leicht zu ermeſſen, ob hier mehr oder weniger Eingehen auf die Einzelheiten und Beiſpiele am Platze war. Die Entwickelung der badiſchen Haupt- und Reſidenzſtadt, deren Entſtehung dem Impulſe eines geiſtvollen und thatkräftigen Regenten entſtammt, hat ſich eng angeſchloſſen an die einzelnen Phaſen in den Geſchicken des Fürſtenhauſes und in der Geſtaltung der ſtaatlichen Adminiſtration. Die Einteilung der Stadtgeſchichte nach den Re— IV gierungsperioden der Fürſten, die ſeit 1715 das badiſche Land be⸗ herrſchten, ergab ſich daher aus der Natur des ſtädtiſchen Wachstums und des an Wirken und Walten der regierenden Herrn und an die Thätigkeit ihrer höheren Beamten ſich anſchließenden Gedeihens der Bürgerſchaft. Erſt verhältnismäßig ſpät bildet ſich in dieſer eine gewiſſe Selbſtändigkeit, eine Zuverſicht auf die eigene Kraft heraus. Lange hat der Einfluß des Schloſſes und des Amtshauſes aus⸗ ſchließlich alles geleitet und gelenkt, was auf irgend einem Gebiete des geiſtigen, wie des wirtſchaftlichen Lebens geſchah. Mit dem Regierungsantritt des Großherzogs Leopold beginnt in dieſer Richtung manches anders zu werden. Das patriarchaliſche Regiment, das in verſchiedenen Erſcheinungsformen während 115 Jahren in Geltung war, tritt in der Behandlung der ſtädtiſchen An— gelegenheiten mehr zurück, ſchon auf Grund der Gemeindeordnung von 1831, welche der freien Selbſtbeſtimmung der Gemeinde neue Bahnen eröffnete. Darum fällt wohl der Abſchluß des I. Bandes ganz zutreffend mit dem Ende der Regierung des Großherzogs Ludwig zuſammen. In dem II. Bande ſoll die Darſtellung der Stadtgeſchichte bis zur Gegenwart weitergeführt werden, und dieſem erzählenden Teile wird ſich dann noch ein Abſchnitt anſchließen, der ſich auf Grund der Akten eingehender, als es in jenem geſchehen konnte, mit der allmählichen Erweiterung der Gemarkung, mit deren Bebauung, mit den wichtigſten ſtädtiſchen Anſtalten und mit den Verordnungen, Orts⸗ ſtatuten u. ſ. f., welche der Verwaltung der Reſidenzſtadt zu Grunde liegen, beſchäftigen wird. Bei meiner Arbeit wurde ich von verſchiedenen Seiten in der zuvorkommendſten Weiſe unterſtützt, insbeſondere ſeitens der ſtädtiſchen Behörden, der Verwaltung der großherzoglichen Hof- und Landes⸗ bibliothek, und des großherzoglichen Kupferſtichkabinets, der Herren Hofbuchhändler Max Müller, Archivrat Dr. Krieger u. a. V Die Reproduktionen der beigegebenen Abbildungen ſind in der Hoflichtdruckanſtalt von J. Schober, jene der Stadtpläne von dem Lithographen Geiſendörfer hergeſtellt, das dem Anhang beigegebene ſtädtiſche Wappen, ſowie jene auf dem Titelblatt und der Einband⸗ decke(das letzte nach einem Entwurf von Profeſſor W. Krauskopf) ſind von Fritz Held gezeichnet, das kolorierte Wappen in der Buch- und Kunſtdruckerei Döring, alle dahier, ausgeführt. Für die Fortſetzung meiner Stadtgeſchichte erbitte ich mir die Nachſicht der Leſer, deren ich um ſo mehr bedürfen werde, je mehr ſie ſich der von ſo vielen miterlebten neuen Zeit nähert, und die Unterſtützung der Einwohnerſchaft Karlsruhes durch die Mitteilung von Materialien, deren ſich gewiß noch manche in den hieſigen Familien vorfinden. Karlsruhe, im April 1895. Ir. v. Weech. Inhaltsüberſicht. I. Buch. Karlsruhe wührend der Regierung des Markgrafen Karl Wilhelm 1715—1738. Einleitung Gründung der Stadt K Karlsruhe 5 Der erſte Gnadenbrief des Karl Wibe 8 Die erſten Einwohner. Die erſten Bauten. Die Straßen der Stadt Die Behörden 23 Phyſiognomie der Stadt Neue Gnadenbriefe. Städtiſche Angelegenheiten Kirchen, Schulen, Geiſtiges Leben. Der polniſche Thronfolgekrieg Ableben des Markgrafen Karl Wilhelm II. Buch. Seite 3 13 15 16 17 17 19 20 24 27 30 31 Karlsruhe wührend der Regierung des Markgrafen, Rurfürſten und Großherzogs Karl Friedrich 1738—1811. Die vormundſchaftliche Regierung. 5 Regierungsantritt des Karl Wäc Sorge für die Stadt 3— Stadterweiterung Phyſiognomie der Stadt. Erneuerung der ſtädtiſchen S710 Gemeindebehörden und Einwohner, Handel und Wandel Kirche, Schule und geiſtiges Leben. 37 38 39 40 42 43 48 51 VIII Karl Friedrichs Hof und fein Einfluß 58 die Stadt Die Regierung und ihre Organe Geiſtliche, Lehrer und Gelehrte. Litterariſche Zuſtände, Beſuche Wrdhinter Männer Urteile über die Stadt und ihre Bewohner. Hebel, Voß und Weinbrenner Theater. 5 Die l0 der Reſidenzſtadt Vom ſiebenjährigen Krieg bis zum Ausbruch der hawöſhen Revolution Einwirkungen der franzöſiſchen Revolution — Das badiſche Militär Das Jahr 1792. Wachtdienſt der Bürger Die Jahre 1793—1795 Krankenpflege, Wachtdienſt und Ennnatenng Politiſche Vorgänge. 5 8 Nach dem Basler Frieden Das Jahr 1796. 0 Karl Friedrichs bräcnieimnn Das Jahr 1797. Von 1798 bis 1800 Der Luneviller Friede. Eine Volkszählung. Nachklänge des Krieges Werke des Friedens. Vorgänge in der fürſtlichen Sülte 5 Vergrößerung des Landes Annahme der Kurwürde Organiſationen Fürſtliche Reiſen und Beſuche Sorgen der Reſidenzſtadt. Das Jahr 1804. Kaiſer Napoleon in Karlsruhe. Abermalige Befürchtungen eines Wechſels 5 Verlobung und Vermählung des Kurprinzen Baden wird Großherzogtum. Der Krieg von 1806 Vom Hofe. 8 Der Krieg im Jahre 1807 Grundſteinlegung der evangeliſchen Sidtirhe Nach dem Tilſiter Frieden 5 Trübe Blicke in die Zukunft. Das Jahr 1808. 5 Seite 53 59 63 66 78 81 83 88 93 98 103 103 105 110 115 119 120 124 143 146 152 166 168 169 171 174 178 179 181 182 187 187 198 201 202 20⁵ 206 209 210 211¹ 214 216 217 3 . ——— Grundſteinlegung der katholiſchen Kirche. Neue Ordnung des Bürgermilitärs Der Krieg gegen Sſterreich 1809. Das Jahr 1810. 5 Durchreiſe der Kaiſerin Marie Luiſe Feſtlichkeiten. Das Jahr 1811 Geburt einer Prinzeſſin Ableben des Großherzogs Karl Sriedeich Regierung und Gemeindeverfaſſung Die ſtädtiſchen Finanzen. Das ſtädtiſche Bauweſen Volkszählung von 1809 Neue Organiſation der Polizei. inenpflezz.. Geſundheitspflege Fürſorge für das Geſinde Straßenpolizei Marktpolizei. Fremden- und Sicherheitspolizei Kirchen⸗ und Schulweſen. Die fürſtlichen Sammlungen. 5 Litterariſche Thätigkeit in Karlsruhe. Buchhandel, Buch- und und Gewerbe und Handel. Die Geſelligkeit Das Hoftheater. Konzerte und andere Probttidnen Spaziergänge und Ausflüge... Die Geſellſchaft vom haarenen Ring III. Buch. Karlsruhe während der Regierungszeit der Großherzoge Karl und Tudwig 1811—1830. Die erſte Regierungszeit des Karl Das Jahr 1812. 5 Die Jahre 1813 und 1814 Das Jahr 1815. Das Jahr 1816. Geburt eines Prinzen. Hof und Politik. IX Seite 219 220 221 226 227 229 229 230 231 233 238 239 244 246 246 249 250 253 256 2⁵8 260 266 267 271 277 279 280 284 286 290 295 299 308 346 3⁵8 358 359 X Einweihung der evangeliſchen Stadtkirche Naturereigniſſe und deren Folgen. Einwohnerzahl 8 Das Unglücksjahr 1817 Der Wohlthätigkeitsverein Die Notſtandskommiſſion. Überſchwemmungen. Gute Ernte Auswanderung Vom Hofe. Todesfälle. Freiherr v. Drais. Das Jahr 1818. Erteilung der Verſaſſung. Krankheit und Tod des Karl Großherzog Ludwig I. Die Jahre 1819 und 1820. Der erſte Landtag. Naturereigniſſe Unruhen in Karlsruhe. Die Jahre 1821 bis 1830. Vom Karl Friedrichs Säkularfeier Diplomatie und Militär. 8 Die Landtagsverhandlungen von 1822— 1828 Kirchliche Vorgänge Grundſteinlegungen, Eimoeineftien 190 50 Feſte ⸗ Elementarereigniſſe Hinrichtung Todesfälle. Ableben des Großherzogs Ludwwig Entwicklung der Stadt in den Jahren 1811— 1830 Die Regierung und ihre Organe. 33 Verwaltung und Finanzen der Gemeinde Das ſtaatliche und ſtädtiſche Die Einwohnerzahl. Organiſation der Polizei Armenpflege 35 Leihhaus und N Kranken⸗ und Sterbekaſſen⸗Geſellſchaften. Das Geſinde. Geſundheitspolizei Leichen⸗ und W9en Straßenpolizei Seite 361 362 366 367 369 372 374 375 376 377 381 382 383 384 385 388 390 394 402 403 404 411 416 418 424 427 434 437 438 439 441 441 443 447 450 451 452 458 459 460 460 462 464 Marktpolizei Handel, Induſtrie und Geſeibe Die Poſt Dampfſchifffahrt. Lohnkutſcher Kirche und Schule. Offentliche Vorleſungen Der landwirtſchaftliche Verein Litteratur und Kunſt. Perſönliches Bücher und Zeitungen. Bildende Kunſt Theater und Konzerte. Geſellige Vergnügungen in und 18 50615 138 Stadt Anhang. Das Wappen der Reſidenzſtadt Karlsruhe —— S—-——— 8 Seite 47¹ 487 490 491 492 499 499 500 502 508 513 523 529 Nr. „Porträt des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach. Nach einem 3a. 3b. 7 7b. Verzeichnis der Aluſtrationen. Kupferſtich von Andreas Reinhardt in Koburg.(Titelbild.) Schloß Mühlburg 1689. Nach einer Federzeichnung von Samſon Schmal⸗ kalder in der Kartenſammlung des Großh. Haus⸗Fideikommiſſes im Großh. General⸗Landesarchiv.(Zu S. 4.) Schaumünze des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach. 1708 (Avers). Schaumünze, geprägt auf die Grundſteinlegung von Karlsruhe(Avers), beide nach den Originalen im Großh. Münzkabinet in Karlsruhe. (Zu S. 12.) Porträt des Markgrafen Karl Friedrich von Baden⸗Durlach. Bruſtbild, Zeichnung der Markgräfin Karoline Luiſe, nach dem Stich von B. Hübner, Baſel bei Chr. de Mechel, 1791.(Zu S. 38.) Das Durlacher Thor mit der Pappelallee, nach einem Steindruck von P. Wagner.(Zu S. 42.) „Porträt der Markgräfin Karoline Luiſe von Baden⸗Durlach geb. Prinzeſſin von Heſſen. Knieſtück, nach einer im Beſitze des Herausgebers befindlichen Bleiſtiftzeichnung(Kopie eines angeblich von der Markgräfin ſelbſt gemalten Paſtellbildes im Großh. Schloſſe zu Karlsruhe).(Zu S. 54.) Johann Chriſtian Griesbach, Geh. Legationsrat und Kabinetsſekretär. Wilhelmine Henriette Salome Griesbach, geb. Hemeling, nach Olgemälden von Galeriedirektor Ph. J. Becker, im Beſitze von Frau Otto Griesbach Witwe in Karlsruhe.(Zu S. 70.) Porträt der Reichsgräfin Luiſe Karoline von Hochberg(Bruſtbild), nach einem Aquarell auf Elfenbeinplatte in Medaillonform in der Großh. Privatſammlung im Karlsruher Schloſſe.(Zu S. 96.) Porträt des Staatsminiſters Freiherrn Wilhelm v. Edelsheim. Bruſtbild, nach einer im Karlsruher ſtädtiſchen Archiv befindlichen Photographie des Olgemäldes von Raphael Mengs(Eigentum der Familie v. Edelsheim). (Zu S. 112.) Nr. 20 XIV 10. 11. 0 12. 13a. 13b. 14a. 14b. 15. 162. 16b. 1KNʃ 17b. 18a. 18b. 19a. 19b. 21. 22. 23. 24ä. 24b. Porträts des Staatsminiſters Freiherrn Georg Ludwig v. Edelsheim und des Geheimerats Emanuel Meier, nach Kupferſtichen von C. Guerin(die Zeichnung von Becker bezw. F. Hof) in dem Werke: Recueil des Portraits NMinistres et Députés au Congrés de Rastadt. 4. et 5. livraison. Basle 1799.(Zu S. 150.) Steigen eines Luftballons zur Feier des Luneviller Friedens, nach einem kolorierten Kupferſtich von Aigler im ſtädtiſchen Archiv zu Karlsruhe. (Zu S. 172.) Facſimile der erſten Seite von Nr. 27 der Karlsruher Zeitung vom 16. Februar 1801.(Zu S. 166.) Der gotiſche Turm(Zeichnung von Moller), nach einem Kupferſtich von Haldenwang. Denkmal des Erbprinzen Karl Ludwig von Profeſſor Scheffauer(Zeich— nung von Profeſſor Heideloff) nach einem Kupferſtich.(Zu S. 184.) Chriſtian Griesbach, Oberbürgermeiſter, Bruſtbild von Gaſton Lenthe, nach einem Steindruck von P. Wagner. Bernhard Dollmätſch, Oberbürgermeiſter, Bruſtbild, nach einer Bleiſtift⸗ zeichnung im ſtädtiſchen Archiv.(Zu S. 237.) Das Ettlinger Thor, nach einem Steindruck. Ausſicht vom Garten der Markgräfin Amalie. Ausſicht von dem Garten der Reichsgräfin v. Hochberg, Zeichnungen von K. Autenrieth, nach einem Kupferſtich von J. S. Walwert in Nürnberg. (Zu S. 244.) Der Ludwigsſee. Das Beiertheimer Wäldchen, nach Steindrucken.(Zu S. 286.) Das Alleehaus, nach einem Steindruck im Verlag von Velten. Das Promenadehaus(Zeichnung von Th. Schuhmann), nach einem Stein⸗ druck.(Zu S. 288.) Das Stephanienbad in Beiertheim, nach einem Steindruck. Der Augarten, nach einem Steindruck von P. Wagner.(Zu S. 290.) Karl, Großherzog von Baden, Bruſtbild(Zeichnung von Jacques), nach einem Steindruck von C. Motte.(Zu S. 295.) Stephanie, Großherzogin von Baden, Gürtelbild, nach einem Kupferſtich von C. Seriven.(Zu S. 326.) Ludwig I., Großherzog von Baden, Gürtelbild, Kupferſtich nach dem Ge⸗ mälde von Zoll, geſtochen von F. Lignon, nach dem Druck von Durand und Sauvé in Paris.(Zu S. 388.) Hinrichtung der Gebrüder Qualibert und Damian Maiſch am 27. März 1829, nach einer Zeichnung von Oskar Erhartt.(Zu S. 437.) Johann Peter Hebel, Zeichnung von F. Müller, nach dem Kupferſtich von J. Lips. Johann Leonhard Walz, Oberhofprediger, Kupferſtich, nach dem Gemälde von Orth, von A. Karcher in Mannheim 1814.(Zu S. 438.) (Zu S. 242.) Nr. 25a. 25b. 26a. 26b. 1 — 29a. 29b. 30. 31. 32. 34. XV Friedrich Weinbrenner, Oberbaudirektor, nach Zeichnung und Stich von Feodor Iwanov 1809. Johann Gottfried Tulla, Oberſt, nach einem Steindruck von J. Velten. (Zu S. 440.) Pavillon im Garten der Markgräfin Amalie. Schlößchen im Garten der Markgräfin Friedrich, auf Stein gezeichnet von Louis, Steindrucke von C. F. Müller(von Wandkalendern).(Zu S. 446.) Anſicht der Stadt Karlsruhe von Südweſt aufgenommen(aus den 1820er oder 1830er Jahren), Aufnahme nach der Natur von P. Wagner, nach einem Steindruck von demſelben.(Zu S. 464.) „Facſimile von zwei Seiten des Karlsruher Intelligenz- und Wochenblattes vom 25. Juni 1816.(Zu S. 476.) Scheibenhardt. Leſegeſellſchaft. Zeichnungen von Th. Schuhmann, nach Steindrucken von C. F. Müller(von Wandkalendern).(Zu S. 524.) Das Wappen der Reſidenzſtadt Karlsruhe, gezeichnet von Fritz Held, in Farben ausgeführt in der Buch- und Kunſtdruckerei Döring hier.(Zu S. 530.) Schloß Mühlburg und ſeine Umgebung im 16./17. Jahrhundert. Nach dem Original in den Großh. Sammlungen für Altertums- und Völker⸗ kunde. Proſpekt der Reſidenzſtadt Karlsruhe, 1721, nach einem Kupferſtich von Heinrich Schwarz. Perſpektiviſcher Aufriß der Reſidenzſtadt Karlsruhe, ca. 1770, nach einem Kupferſtich von Joh. Bapt. Haas(Zeichnung von Georg Nicolaus Fiſcher). Plan der Reſidenzſtadt Karlsruhe, auf Stein geſtochen von C. Börner 1817, herausgegeben und verlegt von C. F. Müller, Hofbuchhändler in Karlsruhe.(31—34 am Schluſſe des Bandes.) Erſtes Buch. d r² lοA8e³ ‚R U‚ e während der Rrgierung des Markgraſen Karl Wilhelm 1715—1738. D 22 PEEE SSWSCCSCCCCCCCCC.CCC····cC˖ e i 5 NDNDN& FFPP Einleitung. as Gelände, auf dem am 15. Juni 1715 der Mark⸗ grafn Karl Wilhelm von Baden-Durlach den Grundſtein zu dem Schloſſe Karlsruhe legte, an welches noch im gleichen Jahre die Anfänge der gleichnamigen heutigen Haupt- und Reſidenzſtadt des Großherzog⸗ tums Baden ſich angliederten, gehört dem weitausgedehnten Wald⸗ gebiete an, das unter dem Namen der Hard die Landſtrecke zwiſchen Raſtatt und dem Bruhrain bedeckte. Im Laufe der Jahrhunderte war der Wald an vielen Stellen ausgeſtockt und angerodet worden. Ein noch erhaltener Plan, der aus dem Ende des 16. oder dem Anfang des 17. Jahrhunderts ſtammt, geſtattet uns einen guten Überblick über die Städtchen, Schlöſſer und Dörfer, die damals die nächſte Umgebung des Geländes bildeten, auf welchem ſich heute die Stadt Karlsruhe erhebt. Dieſes Gebiet, in den älteſten Zeiten, aus denen eine Über⸗ lieferung auf uns gekommen iſt, zu dem römiſchen Zehntland, den agri decumates, im Mittelalter zum Ufgau gehörig, wird im Weſten vom Rheinſtrom, im Oſten von den Ausläufern des unteren Schwarzwaldes begrenzt. Dem Rheine fließt die auf dem Lang⸗ martskopf entſpringende Alb zu, welche ſich bei Herrenalb mit dem Gaisbach vereinigt und bei dem„Steinhäusle“ die jetzige Landesgrenze zwiſchen Baden und Württemberg überſchreitet. Das Schloß Mühlburg(oder wie es urſprünglich hieß Mühlberg) an der Alb bildet den Mittelpunkt des Planes, eine ν altbadiſche Tiefburg, die ſchon im dreizehnten Jahrhundert genannt wird, im 16. Jahrhundert von Markgraf Philipp I. zu einer ſtatt⸗ lichen Fürſtenburg erweitert und zur Zeit des Markgrafen Georg Friedrich von dieſem Fürſten für ſo feſt gehalten wurde, daß er nach ſeiner Niederlage bei Wimpfen ſeine ganze Artillerie dort unterbrachte. Sie beſtand aus der markgräflichen Wohnung, der Behauſung des Burgvogtes mit Kanzlei und Gefängnis und den Rüſtkammern, Geſindeſtuben und Wirtſchaftsgebäuden. Damals hatte ſie ohne Zweifel die Geſtalt, in welcher wir ſie auf dem Plane in recht ſorgfältiger Zeichnung abgebildet ſehen. Sie bildete ein ziemlich großes Viereck, hatte an der gegen Nordweſt gelegenen Ecke einen Rund- an der gegen Südweſt gelegenen einen viereckigen Turm, neben jenem ein größeres Gebäude, an der Nord- und Südſeite je ein kleineres Haus; die Gebäulichkeiten umgaben einen geräumigen Hof. Die Mauer hatte kleine Vorbauten mit Schieß⸗ ſcharten zur Aufſtellung von Geſchützen. Zu den wenigen kleinen Häuſern und der von der Alb getriebenen Mühle in der Umgebung des Schloſſes, die man auf unſerem Plane ſieht, kamen mit der Zeit weitere Gebäude hinzu, die ſich bis um die Mitte des 17. Jahr⸗ hunderts ſo ſehr vermehrten, daß Markgraf Friedrich VI. dem bis⸗ herigen Dorfe Mühlburg Stadtrecht verleihen konnte. Dieſer Fürſt baute auch das Schloß völlig um und gab ihm ein prächtiges Ausſehen. So ſah es noch im Juli 1689 Samſon Schmalkalder, der Quartiermeiſter des ſchwäbiſchen Kreisregimentes Baden⸗Durlach und hielt es in flüchtiger Zeichnung in ſeinem uns erhaltenen Skizzen— buche feſt. Danach beſtand damals das Schloß aus einer vieleckigen, von breitem, nicht durch die Alb geſpeisten Graben umgebenen Hauptburg und einer kleineren Vorburg, die zwei Ausgänge hatte. Von dieſer aus hat der Zeichner ſeine Aufnahme gemacht. Die Weſtſeite nahm das aus drei verſchiedenen Häuſern beſtehende Haupt⸗ gebäude ein, an der Südſeite ſchloſſen ſich Skonomiegebäude an. Der Eingang an der Oſtſeite war durch ein Thor gedeckt. Die Weſtſeite des Hofes, auf der ein Brunnen war, ſtand leer. Kleine runde in den Graben vorſpringende Türme ſollten die Verteidigung des Grabens erleichtern“). 8) Bgl. Zeitſchrift für die Geſchichte des Oberrheins Neue Folge Bd. 3 S. 391. 6891 Banqhimt Kanips ö(«4«4k„„„ — 5* ¶ꝗQ‚ Das Schloß Mühlburg war, als die Franzoſen in dem Kriegsjahre 1689 vor Durlach ankamen— am 16. Auguſt— von 60 Soldaten unter Lieutenant Haas beſetzt, der aber, auf Befehl des in Durlach kommandierenden ſchwäbiſchen Kreis-Oberwachtmeiſters Schilling von Cannſtadt, den Verſuch machte, noch in das bereits umzingelte Durlach zu gelangen. So fiel das Schloß Mühlburg unverteidigt in die Hände der Franzoſen, die es beſetzten und demo⸗ lierten. An eine Wiederherſtellung des Schloſſes war nicht zu denken. Die Steine desſelben, ſoweit ſie nicht bei den Demolierungsarbeiten durch die angelegten Minen zertrümmert waren, ſollen beim Schloß⸗ bau in Karlsruhe Verwendung gefunden haben. Auch das Städtchen hatte unter der Kriegsnot ſchwer gelitten. Die Gründung von Karlsruhe raubte ihm vollends alle Ausſicht auf Beſſerung ſeiner wirtſchaftlichen Verhältniſſe. Erſt in neuerer Zeit konnte ſich Mühl— burg wieder zu einem gewiſſen Wohlſtand erheben und nimmt nun, ſeit 1886 in die Haupt- und Reſidenzſtadt einverleibt, an deren Auf—⸗ ſchwung teil. Das Mühlburger Schloß ſtand nördlich von dem jetzigen Gaſt⸗ hauſe zum Hirſchen und der Flurname„Schloßäcker“ bewahrt noch die Erinnerung an dieſe einſtige Herrlichkeit. Auf der Strecke zwiſchen Mühlburg und dem Rhein ſehen wir auf dem rechten Ufer der Alb den kleinen Mühlburger See, das Dorf Knielingen lin älteſter Zeit Knutilingen, d. h. bei den An⸗ gehörigen des Knutilo) und das Zollhaus, welches an der Stelle errichtet war, wo ſeit unvordenklichen Zeiten bei Schröck(von Schrocken— Abhang, hier alſo Hochgeſtade) eine Fähre den Ver— kehr zwiſchen dem badiſchen und dem biſchöflich Speyer'ſchen Ufer des Rheinſtromes vermittelte. Am rechten Ufer der Alb ſehen wir die Appenmühle, deren Name von Unkundigen in Abts⸗ mühle verdreht wurde, während es ſich um die Mühle eines Appo handelt und das Dorf Daxlanden, deſſen älteſte Namensform „Daherslar“ darauf hinweiſt, daß hier dereinſt einer Namens Daho einen Weideplatz beſaß). Von Mühlburg nach Nordoſten, Oſten und Südoſten ſehen wir 8) Vgl. Topographiſches Wörterbuch des Großherzogtums Baden von Albert Krieger. Erſte Abteilung. Heidelberg 1893. 5 6 links der Alb die obere Hard, den Scheibenharter See, neben dem ſich ein kleines Häuschen, noch nicht aber das ſpätere Waſſerſchlößchen Scheibenhart erhebt, das Dorf Bulach, das wir aus den älteſten Urkunden in der Form„Bulant“ kennen, ohne daß wir im Stande wären, deren Etymologie unanfechtbar feſtzuſtellen, die Stadt Ett⸗ lingen, die ſich mit Mauern und Türmen gar ſtattlich darſtellt und durch ihre älteſte Form(aus dem 8. Jahrhundert)„Ediningom“ als Anſiedlung der Sippe eines Edini ausweist. Etwas füdlich davon zeigt unſer Plan das Dörfchen Ettlingenweier, das im 12. Jahrhundert„Owenswiler“ hieß und demgemäß damals die Heimſtätte eines Ouwo war. Rechts der Alb erblicken wir die untere Hard, das Dorf Beiertheim, welches in Urkunden des 12. Jahrhunderts als„Burdam, Burtan“ vorkommt, eine Form, die von den Etymologen mit den Worten„bei den Häuſern“(ahd. bür Wohnung) zu erklären verſucht wird. Es folgt Rüppur— eine verunſtaltete Form des Namens„Riedbur“(Wohnung im Ried)— und zwar das Schloß, das der darnach zubenannten adeligen Familie der Pfauen gehörte, das Kirchlein mit dem Schafhof und das Dorf. Von da nördlich am Gehölze„Horbenloch“ vorüber kommen wir zu dem Kloſter Gottesaue, von da nordöſtlich uns wendend nach Rintheim(Heim der Rinder— Weide) und Au und ſchließlich nach der Stadt Durlach, die ſeit 1565 an Stelle von Pforzheim Hauptſtadt der unteren Markgrafſchaft geworden war, hinter der ſich auf ſtattlicher Anhöhe ein früher mit Un⸗ recht für einen Römerbau gehaltener mittelalterlicher Wartturm erhebt. Zwiſchen Durlach und Ettlingen ſehen wir das Dörfchen Wolfartsweier, das ſich an den Abhang des niederen Gebirgs⸗ zuges anlehnt, in dem der Schwarzwald gegen das Neckargebiet zu ausläuft. Gottesaue war eine im Jahre 1110 von Graf Bertold von Hohenberg geſtiftete Benediktinerabtei, deren Schutzherrn ſeit 1230 die Markgrafen von Baden waren. Im Reformationszeitalter auf⸗ gehoben, wurde das Kloſtergebäude in ein fürſtliches Schloß ver⸗ wandelt, das, wie Mühlburg, 1689 von den Franzoſen verbrannt, von Markgraf Karl Wilhelm wiederhergeſtellt, 1735 abermals ein Raub der Flammen wurde. 1740 wieder neu aufgeführt, diente das Schloß fortan nur noch Wirtſchaftszwecken, bis es in unſerem Jahr⸗ — 7——— hundert zur Artilleriekaſerne umgewandelt und der Stadt Karlsruhe einverleibt ward. Das gottesauiſche Kloſtergut, das nach Aufhebung der Abtei fürſtliches Kammergut geworden war, umfaßte den Grund und Boden der heutigen Haupt- und Reſidenzſtadt. Die mitten im Hardwald gelegene Wieſe iſt die Ortlichkeit, auf der ſich jetzt das Gro Pherzogliche Schloß erhebt). Gründung der Stadt Karlsruhe. Vielerlei iſt über die Gründe geſchrieben worden, welche den Markgrafen zur Erbauung dieſes Schloſſes bewogen. Mag auch die Sitte der Zeit daran beteiligt geweſen ſein, welche ſo manchen neuen fürſtlichen Wohnſitz in Deutſchland nach franzöſiſchem Vorbilde ins Leben rief und mag in erſter Reihe der Geſichtspunkt, welcher der neuen Gründung ihren Namen„Karlsruhe“ gab, maßgebend geweſen ſein— der Wunſch des Fürſten, in tiefer Waldeinſamkeit und doch ſo nahe ſeiner Reſidenz und der Hauptſtadt ſeines Landes einen an⸗ genehmen und ſtillen Aufenthaltsort zu beſitzen, die Erwägungen, welche Karl Wilhelm veranlaßten, einen vielleicht urſprünglich nur flüchtig aufgetauchten Gedanken zu verwirklichen, waren doch von ernſterer Natur. Am 28. Januar 1679 geboren, der Sohn des Markgrafen Friedrich Magnus und der Prinzeſſin Auguſta Maria von Holſtein, war der Markgraf Karl Wilhelm nach ſeines Vaters Tode am 25. Juni 1709 in ſchwerer Zeit zur Regierung gelangt. Harter Druck kriegeriſcher Jahre laſtete auf ſeinem Lande. Erſt fünf Jahre nach ſeinem Regierungsantritt brachten die Friedensſchlüſſe zu Raſtatt und Baden im Aargau(1714) ruhigere Tage und die Möglichkeit eines erfolgreichen Wirkens. Der Markgraf hatte die Welt geſehen. Er liebte den Glanz eines reich ausgeſtatteten Hofhaltes. Eine ſchöne und anſehnliche männliche Erſcheinung, voll Lebenskraft und Lebensluſt, war er allen Freuden vornehmer Lebensführung zugeneigt. Daneben aber war er erfüllt von dem Drange, eine reiche, ſeinem Lande nutzbringende *) Eingehender erläutert unſern Plan eine kleine Abhandlung in den „Karlsruher Nachrichten“ 1877 Nr. 107. Thätigkeit zu entfalten. Die wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſeines Landes, deren Regelung und Verbeſſerung auf feſteren Grundlagen der end— lich wiedergekehrte Friede geſtattete, lagen ihm ernſtlich am Herzen. Und er begnügte ſich nicht, ſeine wackeren Beamten ihrer Pflicht walten zu laſſen und ſie dabei durch ſein Wohlwollen zu fördern, ſondern er griff überall perſönlich ein. Von dem Geiſt hausväteri⸗ ſchen Eifers, dem keine Mühe zu groß und keine Angelegenheit zu klein und gering erſchien, wie er die Verwaltung König Friedrich Wilhelms I. von Preußen erfüllte, verſpürte auch der Markgraf einen Hauch. Er ließ alle Geſchäfte der Regierung ſich perſönlich vorlegen. Entſcheidungen, welche in ihrer knappen Form das Walten eines kerngeſunden Menſchenverſtandes verraten, ſchrieb er eigenhändig auf den Rand der Aktenſtücke. Nicht nur die Verhältniſſe ſeines Landes hatten unter den Schreckniſſen langer Kriegszeiten gelitten, auch das Fürſtenhaus war von ihnen nicht verſchont geblieben. Im Jahre 1689, während Markgraf Friedrich Magnus in Baſel in dem Hofe, den dort ſchon ſeine Vorgänger als Zufluchtsort für die Tage des Unglücks erworben hatten, als Flüchtiger verweilte, war das von Karl II. erbaute ſtattliche Schloß in Durlach, die Karlsburg, von den Franzoſen zer⸗ ſtört worden. Friedrich Magnus hatte begonnen, es wieder auf⸗ zubauen. Der Gedanke, es auf die Höhe, welche Durlach überragt, zu verlegen, der ſich unſerer modernen Phantaſie aufdrängt, wurde bei den fürſtlichen Bauplänen im 17. und 18. Jahrhundert wohl nicht einmal in Erwägung gezogen. An der alten Stelle, wo— wie ein Zeitgenoſſe berichtet— die ſtarken Nebel im Frühlinge und Herbſt das Klima ungeſund machten, wurde der Neubau errichtet. Der Ausbruch des ſpaniſchen Erbfolgekrieges unterbrach das kaum begonnene Werk, und nach dem Tode des Markgrafen Friedrich Magnus konnte ſein Nachfolger, deſſen Kaſſen der Krieg geleert hatte, nicht daran denken, den Bau, der in großen Verhältniſſen angelegt war, entſprechend dem urſpünglichen Plane zu vollenden. Das Reſidenzſchloß, ſoweit es nun— etwa zu einem Dritteil des geplanten Umfangs— unter Dach ſtand, war von der fürſtlichen Familie bewohnt. Sie blickte aus ihren Räumen auf ein Gemein⸗ weſen herab, das, wenn es ſich auch nie ſehr behäbiger Verhältniſſe erfreut hatte, durch die Kriegszeit ſogar des mäßigen Wohlſtandes 838 beraubt war, den es früher genoſſen. Ein kleinlicher, engherziger, gegen jede neue Unternehmung mißtrauiſcher, jeder Leiſtung abge⸗ neigter Geiſt herrſchte im Rathauſe zu Durlach. Der Markgraf aber beſtand auf ſeinen alten Rechten und ſein lebhaftes Tempera⸗ ment begehrte eine Vergrößerung ſeiner Reſidenzſtadt, Heranziehung fremder Elemente. So fehlte es nicht an Konflikten, die, ſo gering⸗ fügig auch ihre Urſachen waren und ſo unbedeutend der Umfang der Streitobjekte in unſeren Augen erſcheint, doch dem Markgrafen Arger verurſachten und den Aufenthalt in Durlach verleideten. Dazu kam ein Weiteres. Des Markgrafen Ehe mit Magdalene Wilhelmine, einer Tochter des Herzogs Ludwig Wilhelm von Würt⸗ temberg, war keine glückliche. Die Markgräfin, eine ernſte, ſtrenge Frau von tiefer Religioſität erfüllt, ſtand der heiteren Lebens⸗ anſchauung ihres Gemahles fremd gegenüber. Von ihren drei Kindern war nur noch der Erbprinz am Leben, einen Sohn und eine Tochter hatte ihr der Tod in früher Kindheit geraubt. Die galanten Nei⸗ gungen Karl Wilhelms konnte die fürſtliche Frau nicht überſehen, und ſie unterdrückte die Empörung, die ſie über die Lebensweiſe ihres Gemahls empfand, keineswegs, ja ſie beſchritt ſogar den Weg der Beſchwerde am kaiſerlichen Hofe, um der beleidigten Würde der Frau und der Fürſtin Genugthuung zu verſchaffen. Es iſt begreiflich, daß dieſes Verhältniß ſehr erheblich dazu beitrug, den Plan des Mark⸗ grafen, ſich einen neuen Wohnſitz zu ſchaffen, der Verwirklichung entgegen zu führen. Da in dem den Karlsruhern erteilten Gnadenbrief von 1722 ausdrücklich darauf hingewieſen iſt, daß die fürſtliche Reſidenz mehr als eine Meile Weges näher gegen den Rhein und die dort— bei⸗ Schreck, ſpäter Leopoldshafen genannt— befindliche„ordentliche Überfahrt“ gerückt ſei, ſo darf angenommen werden, daß auch dieſer Geſichtspunkt bei der neuen Gründung in Betracht gekommen war— Dagegen an eine Städtegründung am Rheinufer ſelbſt iſt wohl nie gedacht worden. Der Markgraf war ein Freund der Jagd. Wenn er den Hard— wald durchſtreifte, mag der Gedanke, ſich mitten unter deſſen mächtigen Baumrieſen ein neues Heim zu gründen, zur Reife gediehen ſein. Nicht minder war er ein Freund der Gartenkunſt. Der weitaus⸗ gedehnten Waldfläche ließ ſich der Raum für große Gartenanlagen 10— abgewinnen, ohne die Schwierigkeiten, die ſeinen hierauf gerichteten Wünſchen ſich in Durlach entgegengeſtellt hatten. Daß Karl Wilhelm ſich auf der Jagd verirrt und an der Stelle, wo der Ermüdete ſich ausgeruht, den Bau eines Schloſſes beſchloſſen habe, iſt eine Sage, die ſpäterer Namendeutung ihren Urſprung ver⸗ dankt. Der Hardwald war nicht völlig unwegſam. Die Bewohner der umliegenden Orte, die Waldarbeiter, die Förſter und Jäger hatten längſt das Bedürfnis nach einigen Stätten empfunden, an denen man der Ruhe pflegen, Hunger und Durſt ſtillen konnte. Die Akten berichten uns, daß einige unternehmende Männer aus der Nachbarſchaft an der Straße, die von Gottesaue nach Rintheim führte, bei dem herrſchaftlichen Thiergarten, wo ein Jägerhaus ſtand und an der Stelle ſelbſt, wo nachher Karlsruhe gegründet wurde, ſich häuslich niedergelaſſen hatten und mit Bewilligung einer hohen Obrigkeit dort Speiſe und Trank verabreichten. Wann ſich in den Entſchließungen des Markgrafen Karl Wilhelm mit dem Wunſche, ſich einen neuen Wohnſitz zu ſchaffen, der Ge— danke einer Stadtgründung verband, iſt uns nicht bekannt. Wohl aber läßt die Feierlichkeit, mit welcher die Grundſteinlegung des Schloſſes vollzogen wurde, darauf ſchließen, daß damals ſchon nicht nur beabſichtigt war, dem fürſtlichen Sitze eine bürgerliche Anſiede— lung zu geſellen, ſondern daß der Entſchluß feſtſtand, mit der Reſidenz des Fürſten eine neue Landeshauptſtadt erſtehen zu laſſen, wenn auch in den lateiniſchen Verſen des gelehrten Durlacher Prorektors Malſch, die nebſt den üblichen Münzen und Medaillen und einer Flaſche Oberländer Weines in den Grundſtein verſenkt wurden, nur von einem„zu den Sternen aufragenden Turm“ die Rede iſt. Mit glänzendem Gefolge war der Markgraf am 17. Juni 1715 von der Durlacher Karlsburg herübergeritten. In die Fanfaren der Jagdhörner miſchte ſich der Klang der Pauken und Trompeten, und nach dem Gebet des Hofpredigers Johann Lorenz Hölzlin und einer von dem Geheimen Rat und Hofmarſchall von Rotberg gehaltenen „wohlabgefaßten“ Rede wurde die Urkunde verleſen, laut welcher Markgraf Karl Wilhelm„Sich gnädigſt entſchloſſen haben, zu dero künftigen Ruhe und Gemüthsergötzung eine fürſtliche Reſidenz in dem ſogenannten Haartwald nahe bei Mühlburg aufzubauen“ und„um dieſes Vorhaben deſto mehrers zu ſolenniſiren, bei Legung des Grund⸗ . 4 ſteins einen Ritterorden unter dem Namen der Treue geſtiftet und darinnen diejenigen aufzunehmen Sich gnädigſt erkläret haben, von deren Treue und wahrhafter Ergebenheit Sie Sich verſichern“. Hierauf wurden dem Markgrafen von dem Hofmarſchall die Ordens— zeichen in einem ſilbernen Baſſin überreicht, welches jener auf den neben ihm ſtehenden Tiſch ſetzte. Demnächſt rief der Ordensſekretarius, Geheimer Rat Johann Wilhelm zur Glocken die neu ernannten Ordensritter in nachfolgender Ordnung auf: Markgraf Chriſtof, Leopold Melchior von Rotberg, Geheimer Rat, Hofmarſchall und Ordenskanzler, Chriſtoß Wilhelm Drais von Sauerbronn, Kammerjunker und Hauptmann des baden⸗durlachiſchen Kreisregiments zu Fuß, Philipp Jakob Löw von Löwenkranz, Oberſtallmeiſter, Friedrich Mainhard Planta von Wildenberg, Kammerjunker, Ludwig Friedrich Drais von Sauerbronn, Kammerjunker und Oberſtlieutenant von der Garde, Heinrich Franz Adolf Buchelle von Löwencron, Kammerjunker und Intendant des Batiments, Johann von Güntzer, Hofrat und Kammerjunker. Dieſe, wie auch der Ordensſekretär, empfingen den Orden, auf einem Knie liegend, aus der Hand des Markgrafen, die ſie beim Aufſtehen küßten. Nach dieſem Vorgang ſtellten ſich ſämtliche Ordensritter zur Rechten des Markgrafen auf und begleiteten ihn bis zu dem Funda⸗ ment des Baues, wo der Grundſtein gelegt wurde. Hier präſentierte Herr von Löweneron, als Intendant des Batiments, dem Mark— grafen die Medaille mit deſſen Portrait nebſt den übrigen Einlagen, während die Baumeiſter bei der Vermauerung des Grundſteines aſſi⸗ ſtierten. Sodann wurde in der Bauhütte zu Nacht geſpeist). Zur Erinnerung an die Grundſteinlegung und Ordensſtiftung wurde eine Medaille geprägt. Der Name des Ordens aber fand ſeine Stelle auf dem Schrägbalken, dem uralten Siegelbilde des markgräflich badiſchen Hauſes, den— wie alle altbadiſchen Städte— auch Karlsruhe im Wappen führt. Treue— Fidelitas— iſt die *) Dieſe Darſtellung der Grundſteinlegung, die von den ausſchließlich auf dem Berichte von J. C. Malſch(der dabei nicht perſönlich anweſend war: „ipse non interfui, valetudine impeditus“) beruhenden Schilderungen dieſes Ereigniſſes in den bisherigen Geſchichten der Stadt Karlsruhe mehrfach ab⸗ weicht, gründet ſich auf die Protokolle des Hausordens der Treue. ſchöne Deviſe, welche der badiſchen Haupt- und Reſidenzſtadt von ihrem Gründer verliehen wurde. Der Turm!) des zu erbauenden Reſidenzſchloſſes bildete den Mittelpunkt der neuen Anlage, mit deren Ausſtockung man ſchon am 28. Januar 1715 begonnen hatte und deren Grenzen ein kreisförmig durch den Wald gezogener Pfahlhag bezeichnete. Innerhalb dieſes Kreiſes wurden 32 Radien gezogen, von denen 23 in der Richtung nach Norden, Oſten und Weſten Waldalleen bildeten, die 9 nach Süden führenden die Straßenzüge der künftigen Stadt darſtellten. Sofort wurde auch mit dem Schloßbau angefangen. Nach Vollendung des Turmes wurde das durch Galerien mit dieſem verbundene Schloß aufgeführt, das in der Form eines nach Süden offenen Halbmondes gedacht war. Den Mittelbau bildeten die Wohn⸗ räume des Markgrafen und ſeines Gefolges, die Hofkapelle und die Bibliothek, während ſich in dem weſtlichen Flügel ein großer Speiſe⸗ ſaal, im öſtlichen das Ballhaus und das Theater befanden. Mit 0 0 0 f der Zeit ſchloſſen ſich an jenen die Hofküche, der Kavalierbau, die Hauskämmerei und die Orangerie, an dieſen die Hofapotheke, der ) Auf den Bau des Turmes bezieht ſich die nachſtehende Inſchrift, welche in eine Kupfertafel eingraviert iſt, die ſich jetzt in der Großh. Privat⸗ ſammlung im Karlsruher Schloſſe befindet. Sie lautet: Anno 1715 den 17. Juni iſt der erſte Grundſtein an dieſem Carolsruhiſchen Thurm gelegt und den 20. 9 br Ao 1716 der Knopf aufgeſteckt worden. Der Baumeiſter war Heinrich Schwartz aus Hamburg gebürtig und der Ingenieur und Lieut. iſt geweſen Jac. Frid. von Bazendorff aus Durlach. —U—— Fru—— Marſtall, das Reithaus und das Feuerhaus an. Hinter dem Schloſſe wurde ein Thiergarten mit einer Reihe von Käfighäuschen, wie man ſie auf den alten Proſpekten des Schloſſes und der Stadt ſieht, vor dem Schloſſe ein Blumengarten angelegt, deſſen Hauptzierde des Markgrafen Lieblingsblumen, die Tulpen, bildeten. Mehrmaliger Aufenthalt in Holland, wo Karl Wilhelm in Harlem ein Haus mit großem Garten erworben hatte, wurde von ihm dazu benützt, ſich mit der Tulpenkultur auf das Genaueſte vertraut zu machen, und es gab für den Markgrafen keine größere Freude, als wenn es ſeinem Hofgärtner Sievert gelang, eine neue Spielart dieſer Modeblume zu züchten. In 16 großen Bänden bewahrt das General-Landesarchiv von allen bekannten Tulpenarten Abbildungen, die auf des Markgrafen Befehl von kundigen Händen meiſterhaft hergeſtellt wurden. Im Süden umſchloß den fürſtlichen Garten ein Halbzirkel von Häuſern, vor deren Erdgeſchoß ein Säulengang gelegt wurde, der einen anmutigen Spaziergang von einem Ende der Stadt zum andern— von der heutigen Waldhorn- zur Waldſtraße— geſtattete. Hinter dieſen Häuſern war eine ebenfalls zirkelförmige Straße angelegt, während die in den neuen Straßen nach und nach entſtandenen Häuſer durch eine von Oſten nach Weſten führende Straße, die einerſeits nach Durlach, anderſeits nach Mühlburg ihre Fortſetzung fand, be— grenzt wurden. Hinter deren ſüdlicher Häuſerreihe dehnte ſich Garten⸗ land aus, das weiterhin von Feld und Wald abgelöst wurde. Doch wir haben mit dieſer Schilderung vorgegriffen und ein Bild gezeichnet, wie es die Angaben der erſten der neuen Stadt und ihrem Urſprung gewidmeten Schrift des ſchon genannten Prorektors Malſch, welche 1728 im Druck erſchien, überliefern. Im Jahre 1715 handelte es ſich neben dem Schloßbau zunächſt nur um die Anfertigung eines Stadtplanes und um die Anordnungen, welche nötig waren, der neuen Anſiedelung Bewohner zuzuführen. Der erſte Gnadenbrief des Markgrafen Karl Wilhelm. Schon am 24. September dieſes Jahres unterzeichnete Mark⸗ graf Karl Wilhelm einen ſogenannten Gnadenbrief für alle diejenigen, „die bey und um gedachtes Carols-Ruhe ſich niederzulaſſen— und 14 mit Erbauung neuer Häuſer veſt zu ſetzen Luſt haben oder bekommen““). In demſelben wurde in erſter Reihe erklärt, daß ſich in der neuen Stadt alle ſollen niederlaſſen können, welche einer der im Heil. Röm. Reich recipierten Religionen zugewandt ſeien. Demnächſt erhielt die Stadt ihre eigene Verwaltungsbehörde und wurde hinſichtlich der Rechtſprechung in erſter Inſtanz dem Oberamt Durlach unterſtellt. Den Anſiedlern wurden die Plätze für Haus und Hof, Scheuer, Stallung und Garten unentgeltlich überlaſſen, auch erhielten ſie eben⸗ falls koſtenfrei Bauholz und Sand, wogegen ſie die zum Bau nötigen Steine auf eigene Koſten bei Durlach brechen und herbeiführen laſſen mußten, was indes nur geringe Auslagen verurſachte. Nur ſolchen wurde die Niederlaſſung geſtattet, welche den Nach— weis liefern konnten, daß ſie„mit ſattſamen Mitteln verſehen“ ſeien. Beim Bau der Häuſer hatten ſie ſich nach einem ihnen vorgelegten Modell(nach holländiſchem Muſter) zu richten. Die Wahl der beim Bauweſen zu verwendenden Handwerker war ihnen völlig freigeſtellt. Allen Anſiedlern wurde auf die Dauer von zwanzig Jahren Befreiung von allen Einquartierungen, Collecten und anderen ordentlichen und außerordentlichen Laſten, insbeſondere auch von dem Pfundzoll, ge⸗ währt und dieſe Vergünſtigung bei etwaigem Ableben des Haus⸗ eigentümers während der genannten Zeit auch auf deſſen Erben ausgedehnt. Die Neuankommenden wurden für die Mobilien und Waren, die ſie mitbrachten, von allen Zöllen und Auflagen befreit und durften Handel und Gewerbe auch in den Nachbarſtädten Durlach und Mühlburg, wie im ganzen Fürſtentum ausüben, ohne dafür mehr als alle übrigen Einwohner und Unterthanen zu präſtieren. Da⸗ gegen ſtellte der Fürſt ihre Bevorzugung bei den Lieferungen und Anſchaffungen für ſeinen Hofſtaat in Ausſicht. Die Einwanderer wurden außerdem von der Leibeigenſchaft und allen Perſonaldienſten für ewige Zeiten befreit. Niemanden war verwehrt, wenn ihm der Aufenthalt in der neugegründeten Stadt auf die Dauer nicht gefiele, ſein Domicil zu wechſeln und bei dieſem Anlaß ſein neu erbautes Haus mit aller Zugehör zu veräußern, doch mußte in ſolchem Fall der Wert des Bauplatzes und der gratis gelieferten Baumaterialien ) Wörtlich abgedruckt bei Fecht, Geſchichte der Haupt⸗ und Reſidenz⸗ ſtadt Karlsruhe, Beilage I. rückerſetzt werden. Auch nach Ablauf der zwanzig Freijahre verſprach der Markgraf den jetzigen und künftigen Einwohnern ſeinen beſonderen Schutz und„alle Fürſtliche Huld, Milde und Gelindigkeit“. Die erſten Einwohner. Auf ſolche Weiſe wurde die neue Haupt- und Reſidenzſtadt der Markgrafſchaft Baden-Durlach in Geſtalt einer Kolonie gegründet, und nicht mit Unrecht hat man ihre Entſtehung mit den Anfängen amerikaniſcher Städte verglichen, die ſich, gleich Karlsruhe, mitten aus dem Dickicht großer Wälder erhoben. Daß der Gnadenbrief Karl Wilhelms verhältnismäßig raſch Bauluſtige zunächſt aus der Markgrafſchaft ſelbſt und den angren⸗ zenden Gebieten, bald aber auch aus andern Teilen des Reiches und ſogar aus dem Ausland herbeizog, iſt um ſo begreiflicher, als ſeine Aufforderung zur Niederlaſſung in einer Zeit erging, in welcher nach harten Kriegsjahren, namentlich in der rheiniſchen Tiefebene, Handel und Gewerbe darniederlag und der kleinere Bürgerſtand vielfach überſchuldet war. Da wirkte ein ſolcher Ruf wie die Verheißung beſſerer Zeiten und zog eine anſehnliche Zahl von Leuten, die ihre Lage verbeſſern wollten, heran. Die Stadt Durlach felbſt lieferte ein erhebliches Kontingent, andere kamen aus dem badiſchen Unter— und Oberlande, aus der Pfalz, aus dem Elſaß, aus den Rheinlanden und Franken, verhältnismäßig viele aus Württemberg und andern ſchwäbiſchen Gebieten, einzelne aus Frankreich, Oberitalien und der Schweiz, es fehlte jedoch auch nicht an Einwanderern, deren Heimat in den öſtlichen und nördlichen Teilen des Reiches lag, Oſterreicher und Baiern, Preußen und Polen, Sachſen und Holſteiner. Aber das ſüdweſtdeutſche Element überwog und aſſimilierte ſich in nicht langer Zeit auch die aus anderen Gegenden Zugezogenen. Aus einer Liſte der in den erſten fünf Jahren in Karlsruhe Niedergelaſſenen und einem andern Verzeichnis der bis 1726 weiter Hinzugekommenen“) ergibt ſich, daß in Kürze alle bürgerlichen Gewerbe vertreten waren und daß viele Nachkommen jener, deren Namen da überliefert ſind, noch heute der Einwohnerſchaft Karlsruhes angehören. Schon vier Jahre ) Fecht S. 73 ff. nach Gründung der Stadt, 1719, betrug die Zahl der Einwohner Karlsruhes 1994, im Jahre 1730 waren es 2347 und am Schluſſe der Regierung Karl Wilhelms 2652. Darunter befanden ſich 218 Vollbürger mit 162 erwachſenen Söhnen, 50 Hinterſaſſen und 86 israelitiſche Haushaltungen. Die erſten Bauten. Während an den Modellhäuſern zweiſtöckig in dem Halb⸗ kreis dem Schloſſe gegenüber, einſtöckig mit Manſardenſtock in den übrigen Straßen— rüſtig gebaut wurde, machte auch der Bau des fürſtlichen Schloſſes raſche Fortſchritte. In der Bauart unterſchied es ſich nicht von den Bürgerhäuſern, wie dieſe war es aus Holz mit ſogenannten Riegelwänden aufgeführt, nur daß es an Höhe und beſſerer Ausſtattung mit ſeinem unverhältnismäßig hohen, aus Stein gebauten Turm die Quartiere der Stadt überragte. Solch einfaches Bauweſen für ſeine eigene Behauſung ordnete der Markgraf aus Gründen weiſer Sparſamkeit und im Hinblick auf die immer noch unſichere Weltlage an. Die Lande am Rheinſtrom waren ſo oft der Schauplatz blutiger Kriege geweſen, in deren Verlauf liegende und fahrende Habe eine Beute der Feinde geworden war, daß die Luſt zur Errichtung ſtattlicher Bauwerke aus koſtbarem Material mangelte. Der bekannte Baron von Pöllnitz erzählt in ſeinen in Briefform geſchriebenen Memoiren, daß er bei ſeinem Beſuche des Karlsruher Hofes den Markgrafen ſelbſt darüber interpelliert habe, warum er nicht wenigſtens für das Schloß eine ſolidere Bauart wähle. Er erhielt zur Ant⸗ wort, der Markgraf habe ſein Land ſchonen und ſeinen Unter⸗ thanen die Auflagen erſparen wollen, welche bei Verwendung von beſſerem Baumaterial nötig geworden wären. Außerdem hätte dann der Bau mehr Zeit beanſprucht und er kaum hoffen dürfen, deſſen Vollendung zu erleben. Schließlich ſei aber auch die Erwägung dabei maßgebend geweſen, daß er keinen feſten Platz habe ſchaffen wollen, deshalb aber habe fürchten müſſen, ſein neues, in einer offenen Stadt gelegenes Schloß ebenſo durch die Franzoſen verbrannt zu ſehen wie jenes in Durlach und ſeine übrigen Schlöſſer. Unter allen Umſtä. en wolle er lieber ungenügend wohnen, als ſich mit einer Schuldenlaſt beſchweren. —— — 117 Die Straßen der Stadt. Bei dem Ordensſteſte, das am 17. Juni 1718 ſtattfand— es wurde jährlich an dieſem Tage gefeiert— wurde auf Antrag des Herrn von Güntzer beſchloſſen, die Karlsruher Straßen nach den Namen des durchlauchtigſten Ordensherrn und der erſten Ordens⸗ ritter zu benennen. Und ſo erhielt denn die vom Schloſſe in gerader Linie durch die Stadt führende Straße den Namen Karlgaſſe, während (vom Schloſſe aus geſehen) rechts von derſelben die Güntzeriſche, die alte Draiſen-, die Löwenkranziſche und die Rotbergiſche, links die Erbprinziſche, die Löwencroniſche, die Plantiſche(ſeit 1726 Uexküllẽ'ſche) und die junge Draiſen-Gaſſe lagen). Die gehörden. Im Jahre 1718 war der Schloßbau vollendet und wurde von *) Dieſe Reihenfolge weist eine bei den Ordensakten liegende colorierte Planſkizze nach. Dem Erbprinzen Friedrich, geboren am 7. Oktober 1703, bei der Gründung des Hausordens alſo noch nicht 12 Jahre alt, war zwar auch am 17. Juni 1715 der Hausorden verliehen worden, doch war er bei der Feier nicht anweſend. Auffallend iſt, daß bei dem vorliegenden Plane, der nicht etwa nur ein Entwurf war, was der ſpätere Eintrag über die Namenänder⸗ ung der Plantiſchen Gaſſe darthut, nicht von Anfang an eine der Straßen nach dem erſten in der Reihe der Ordensritter, nach dem Markgrafen Chriſtof genannt worden wäre. Man muß annehmen, daß die Straßenbenennung nach den Namen der Ordensritter ſpäter geändert wurde, denn auf den ſpäteren Plänen iſt die Reihenfolge(von rechts nach links) die nachſtehende: Plantiſche, Drais'ſche, Graf Leiningen'ſche, Markgraf Chriſtof-, Markgraf Karl-, Prinz Friedrich-, Rotberg'ſche, Güntzer'ſche und Löwenkranz'ſche Gaſſe. Mit der Zeit wurden aber dieſe Straßennamen, unter Verwandlung der ariſtokratiſchen in eine mehr demokratiſche Grundlage, gänzlich abgeändert und„nach den in denſelben ſtehenden vornehmſten Wirtshäuſern“— wie ſich eine bei den Ordens⸗ akten liegende Notiz ausdrückt— benannt; der Zeitpunkt, wann dieſes geſchah, läßt ſich nicht genau beſtimmen. Auf dem Stadtplan von 173 ſtehen noch die alten, auf jenem von 1759 die neuen Namen. Nun hatte man eine Ritter-, Lamm⸗, Bären⸗, Kreuz⸗, Adler⸗, Kronen- und Waldhornſtraße, nur bei zweien war die Patenſchaft der Wirtshäuſer verlaſſen worden: der Name der Herrenſtraße erinnerte noch an die herrſchenden Standesunterſchiede, die Waldſtraße, von der nur eine Seite mit Häuſern bebaut war, hatte ihren Namen von dem Wald erhalten, an den ſie grenzte. Der Name der„Bären⸗ gaſſe“ wurde viel ſpäter in jenen der„Schloß-Straße“ verwandelt, bis ſie erſt in neuerer Zeit den Namen„Karl Friedrichſtraße“ erhielt. 2 2 18 dem Markgrafen bezogen. Im gleichen Jahre erfolgte auch die Überſiedelung der Behörden aus Durlach. Mit dem Fürſten kam eine Anzahl von adeligen Cavalieren, mit der„Kanzlei“ kamen die fürſtlichen„Diener“, die Beamten nach Karlsruhe und damit trat in die Mitte der Einwohnerſchaft ein neues Element. Zu den Kleinbürgern geſellte ſich die Gefolgſchaft des Hofes und der Beamtenſtand. Dieſe Zuſammenſetzung der Stadt⸗ bewohner iſt während geraumer Zeit nicht verändert worden und hat der Stadt ihren eigenartigen Charakter aufgeprägt. Die Staatsbehörden, die in Karlsruhe ihren Sitz aufſchlugen, waren der Geheimrat, der Hofrat, zu dem als beſondere Abteilung der Kirchenrat gehörte, die Rentkammer, welcher die Landſchreiberei unterſtand, und das Oberamt. Die geiſtliche Verwaltung verblieb vorerſt in Durlach. Die geſamte Hofverwaltung leitete das Hof— marſchallamt. Mit den Behörden kam auch das fürſtliche Militär nach der Reſidenz: die aus einer kleinen Abteilung Dragoner und einer Kom⸗ pagnie Fußvolk beſtehenden Haustruppen, welche als fürſtliche Leib⸗ wache dienten. Für die Behörden war teils durch Ankauf, teils durch Neubau von Häuſern ein nach unſern heutigen Begriffen ſehr beſcheidenes Unterkommen geſchaffen worden, das Militär erhielt eine Kaſerne. Die von Zeit zu Zeit zu Übungen eingezogenen Kreistruppen— das Kontingent, welches die Markgrafſchaft' zur Reichsarmee zu ſſtellen hatte— wurden in Bürgerquartiere gelegt. Die Polizei, von dem Oberamt gehandhabt, aber bis in ihre allerkleinſten Amtshandlungen vom Markgrafen nicht nur kontroliert, ſondern beeinflußt, ja ſelbſt ausgeübt, beſchäftigte ſich insbeſondere mit Überwachung von Handel und Verkehr in dem engbegrenzten Geſchäftsleben der Verkaufsläden und Märkte mit dem fortdauernden Kampfe gegen Bettler, Landſtreicher und anderes Geſindel, mit der Beaufſichtigung der Wirtshäuſer, in denen eine verhältnismäßig frühe Feierabendſtunde— im Winter 9, im Sommer 10 Uhr— einge⸗ führt war, deren Übertretung ſtreng geahndet wurde. Der Fremden⸗ verkehr wurde durch Meldung der Einpaſſierenden an den Thoren und auf der Hauptwache ſowie durch die Vorſchrift über Führung von Fremdenbüchern in den Wirtſchaften überwacht. Soweit es ſich hatte, die Häuſer ſeiner Stadt in einer äußerlichen zierlichen Gleich⸗ — 198 dabei nicht um vornehme und angeſehene Leute handelte, die mit eigenem Fuhrwerk reisten, oder um die Armen, die zu Fuße gingen, fand eine Perſonenbeförderung durch die Poſtwagen der von dem Fürſten von Thurn und Taxis verwalteten Reichspoſt oder durch die badiſche Land⸗ kutſche ſtatt. Der Poſthalter Herzog in Durlach, der mit dem Rechte, die Landkutſche zu führen, von dem Markgrafen belehnt war, wurde bald nach der Gründung Karlsruhes auch mit der Verſehung der Reichspoſt⸗ halterei betraut, wodurch manche Conflicte zwiſchen beiden Verkehrs⸗ inſtituten beſeitigt wurden. Briefe und Packete wurden teils durch die Poſtwagen und Landkutſchen, teils durch Berittene nach Karls⸗ ruhe verbracht und von dort weiterbefördert. Seit 1713 beſtand in Karlsruhe ein Poſthaus auf der Langen Straße und ein zur Expedition der Poſtſtücke angeſtellter Poſtcommis. Phyſiognomie der Stadt. Die äußerliche Phyſiognomie der Stadt, für deren Einförmigkeit, die im Geſchmacke der Zeit ihrer Gründung war, der Markgraf durch ſeine Bauvorſchriften geſorgt hatte, war nicht ſehr anziehend. Nicht in ununterbrochenen Reihen, ſondern vereinzelt in den Radialſtraßen und in der ſie abſchließenden Straße, die ihre öſtlichen und weſtlichen Endpunkte verband, entſtanden die Häuſer der Einwohner im Ver⸗ hältnis zur Zahl der Zuziehenden. Zwiſchen denſelben lagen Gärten und Wieſen. Die Straßen waren ungepflaſtert, nur den Häuſern ent⸗ lang waren ſchmale Bürgerſteige angelegt. Nächtliche Straßenbeleuchtung war noch nicht eingeführt. Wer des Nachts über die Straße ging, trug, um ſeinen Weg zu finden, ſeine Laterne vor ſich her. Dennoch fehlte es der neuen fürſtlichen Schöpfung nicht an einem gewiſſen Reiz, den Reiſeſchilderungen jener Zeit als eigenartig hervorheben. Die niedlichen Häuſer mit ihren Manſardendächern erinnerten Weit— gereiste an die holländiſchen Dörfer, die ja auch bei der Feſtſtellung der Modellhäuſer als Muſter gedient hatten, um ſo mehr, da man in Karlsruhe die hölzernen Häuſer mit roter Farbe anſtrich, um ſie dadurch den holländiſchen Backſteinbauten ähnlich zu machen. Aus mündlicher Überlieferung ſtammt die Nachricht, daß die Karlsruher Hluſer in der Form, wie ſie ihnen der Markgraf, der es ſehr eilig heit aufgeſtellt zu ſehen, vorgezeichnet hatte, auf dem Markt gekauft wurden. Zimmerleute und Ziegler der Umgegend brachten das zur Errichtung der Modellhäuschen nötige Material von Balken und Ziegeln wohlzugerichtet Freitags auf den Markt und verpflichteten ſich den Käufern des Materials zu ſchleuniger Bauausführung. Im Südoſten der Stadt war eine von deren ſonſtiger Regelmäßigkeit abweichende Anſiedelung entſtanden, Klhein-Karlsruhe genannt, wo ſich die Wald- und Gartenarbeiter, die bei und ſeit Gründung der Stadt zugewandert waren, niedergelaſſen hatten. Ihnen, durchweg unbemittelten Leuten, geſellten ſich andere bei, denen es ebenfalls an Geld gebrach, um die Bedingungen zu erfüllen, welche den ſtädtiſchen Einwanderern geſtellt waren. Sie erbauten armſelige Hütten wo ſich in dem ihnen angewieſenen Gelände ein geeigneter Platz darbot und gehörten auch der Stadtgemeinde nicht an, ſondern hatten ihre eigene Verwaltung. Der Verpflichtungen gegen die Herrſchaft, die ihnen als Hinterſaſſen oblagen, entledigten ſich die Bewohner von Klein⸗ Karlsruhe durch Frohnarbeit, die ſie regelmäßig in den herrſchaftlichen Gärten vornahmen oder durch ihre Frauen und Kinder vornehmen ließen. Von den Städtern, die auf dieſe Leute und ihre Anſiedelung herabblickten, wurden ſie Dörfler und ihre Wohnſtätte dasͥ„Dörfle“ genannt— ein Name, der ſich lange Zeit, auch als er keineswegs mehr berechtigt war, erhalten hat. Neue Gnadenbriefe. Die Gründung einer ſo wie Karlsruhe lediglich aus fürſtlicher Initiative entſtandenen Stadt ohne jegliche Anlehnung ihrer Ver⸗ hältniſſe an ein früher Beſtandenes war ein Experiment. Es iſt daher ſehr wohl begreiflich, daß die natürliche Entwicklung des neuen Gemeinweſens in kurzer Zeit eine Durchſicht des Gnadenbriefes, der ihm bei der Gründung verliehen worden, nötig machte. Auf Grund der im Verlaufe von ſechs Jahren gemachten Erfahrungen traf am 12. Februar 1722 Markgraf Karl Wilhelm neue Beſtimmungen über Rechte und Pflichten der Bürger und Einwohner von Karlsruhe'). Im Allgemeinen wird der Inhalt der Privilegien von 1715 beſtätigt. Doch wird hinſichtlich der Zuziehenden nunmehr verlangt, ) Abgedruckt bei Fecht, Beilage II. ————ů ů———— daß fürderhin niemand mehr mit leerer Hand kommen dürfe, ſondern wenigſtens ein eigenes Kapitalvermögen von 200 Gulden einbringe, die Juden aber, welche Aufnahme begehren, nicht unter 500 Gulden eigentümlichen Gutes zu liquidieren haben. Auch die Leibesfreiheit wird allen Einwanderern von neuem beſtätigt, doch dabei vorausgeſetzt, daß ſolche, die von auswärts kommen, ſofern ſie nicht freigeboren ſind, ſich von allen Anſprüchen ihrer bisherigen Herrſchaft gelöst haben. Das allerwärts gebräuchliche Bürgergeld wird von keinem Anſiedler erhoben, und ſein Eintritt in alle Rechte, die den Bürgern und Einwohnern verliehen ſind, hängt lediglich davon ab, daß er dem Fürſten die gebührende Landeshuldigung leiſtet. Mit der Erneuerung der Befreiung der Unterthanen von jeglicher Abgabe für ihre in Karls⸗ ruher Mark, Zwing und Bann belegenen Häuſer und Felder wird dieſelbe zugleich auf die Dauer von dreißig Jahren erſtreckt. Bezüg⸗ lich der den Anſiedlern zu überweiſenden Bauplätze wird nun beſtimmt, daß ſie mindeſtens 40 Schuh lang ſein ſollen, von dem nötigen Bau⸗ holz, das ihnen umſonſt zugeteilt wird, haben ſie das ſonſt landes⸗ übliche Stammgeld nicht zu entrichten. Für Rindvieh und Schweine wird ein hinlänglicher Weidgang, ſoweit er ohne Beeinträchtigung der nächſtgelegenen Gemeinden möglich iſt, und überdies zu einer Almend ein 4 Morgen umfaſſender Platz bei Mühlburg zur Haltung des Faſel⸗ viehs, ferner nach Verhältnis der erbauten Häuſer jährlich ein hin⸗ reichendes Gabholz angewieſen. An der Beſtimmung, daß die Bürger bei Erbauung ihrer Häuſer in der Wahl der dabei zu verwendenden Bauhandwerker ganz unbeſchränkt ſein ſollen, wird nichts geändert, doch deutet die Hinweiſung, daß es dem Fürſten lieb ſein würde, wenn ſie ſich der im Lande wohnenden bedienten, auf Beſchwerden hin, welche von dieſen gegen den Beizug fremder Handwerker erhoben worden waren. Beſonders wird verfügt, daß die Vorſchriften über den Bau der Modellhäuſer den Bauenden keine erheblichen Koſten und Beſchwerden verurſachen ſollen und daß dieſe Vorſchriften ſich nur auf die Faſſaden zu beziehen haben, nicht aber auf den Innbau und die Einteilung der Gemächer. Da aber manche mit der Vollendung begonnener Bauten zögerten, wird gleichzeitig beſtimmt, daß die Häuſer im Verlauf von zwei Jahren völlig ausgebaut ſein müſſen. Die Befreiung der Bürger von allen„Perſonalbeſchwerden“— Hagen, Jagen und anderen herrſchaftlichen Frohndienſten— war ſo ver⸗ ſtanden worden, als ob ſie nun überhaupt ſich jeder Leiſtung ent— ſchlagen könnten. Daher wird nunmehr die Erwartung ausgeſprochen, daß alle zu dem, was„zu gemeinem Stadtweſensdienſt“ erforderlich iſt,„nach billiger Proportion“, da ja jedem ſelbſt daraus Nutzen er⸗ wachſe, beitragen werden. Die Befreiung von Zoll- und Weggeld für alle Ein⸗ und Ausfuhr ſowie von dem Aceis oder Pfundzoll wird ebenſo wie das Recht freien Gewerbebetriebs im ganzen Lande neu be— ſtätigt, den Handwerkern jedoch die Befolgung der beſtehenden Zunft⸗ ordnungen zur Pflicht gemacht. Auch den herrſchaftlichen Dienern war es nicht gänzlich unterſagt, bürgerlichen Handel und Gewerbe zu treiben, doch dürfen ſie ſich dabei nicht auf ihre Gerichtsprivilegien beziehen, ſondern unterliegen dem Amts- und Stadtgerichtszwang und haben hinſichtlich ihres Gewerbebetriebs an den Laſten der übrigen Bürger verhältnismäßig Teil zu nehmen. Die Zuſage, daß der Hof— halt vorzugsweiſe in Karlsruhe ſeine Ankäufe machen werde, wird wiederholt, dabei aber die Vorausſetzung zu Grunde gelegt, daß die Güte der Waren und die Höhe der Preiſe die gleiche ſei wie an andern Orten. Nicht minder erneuert der Markgraf die Verſicherung, daß es den Bürgern jederzeit geſtattet ſei, bei einer Ortsveränderung ihre Häuſer zu verkaufen und ohne Entrichtung des Abzugsgeldes fortzuziehen. Auf Kinder und Erben, die in Karlsruhe wohnen, aber nicht auf andere Perſonen gehen die Rechte, die durch Erbauung eines Hauſes erworben werden, über. Den Wirten wird geſtattet, Bier und Wein, die ſie in Karls⸗ ruhe ausſchenken wollen, nach Belieben in oder außer Landes zu kaufen. Vom Ausſchank haben ſie 40 Kreuzer von jeder Ohm Bier, 20 von jeder Ohm Wein an Umgeld zu entrichten. Dabei iſt die zu Mühlburg übliche alte Maß zu gebrauchen. Für die zugeſtan⸗ denen Freijahre wird die Abhaltung von Wochenmärkten geſtattet, für welche gleichfalls die Accisfreiheit in Kraft tritt. Nunmehr wird der Stadt auch die Ausübung der Polizei, die Wahl des Bürgermeiſters, Baumeiſters, Gerichtes und Rates und die Beſetzung der nötigen Amter aus deſſen Mitte geſtattet. Kauf und Tauſch, Teſtamente, Erbteilungen und Vormundſchaften, Schlichtung von Streitigkeiten und Beſtrafung von Übertretungen nach Maßgabe des Landrechts und anderer gültiger Verordnungen ſtehen ihr zu, doch unter Aufſicht des landesherrlichen Beamten — 283 und unter Vorbehalt landesfürſtlicher Beſtätigung der vorgenommenen Wahlen. Der ſtädtiſchen Verwaltung werden jetzt auch eigene Einnahmen zugewieſen. Von dem Umgeld, das ſich aus dem Ausſchank von Bier und Wein ergibt, ſowie von den Polizeiſtrafgeldern unter 10 Gulden wird ihr„zu beſſerer Unterhaltung und Verſorgung des Stadtweſens“ der vierte Teil bewilligt und außerdem geſtattet, auf den Wochen⸗ märkten Standgeld zu erheben. Auch das Schutzgeld, welches die Juden und die Hinterſaſſen zu zahlen hatten, fällt der Stadtkaſſe zu. Die evangeliſch-lutheriſche Religion ſoll auch ferner die Staats⸗ religion bleiben, dennoch wird erlaubt, daß auch die der evangeliſch— reformierten Religion angehörenden Bürger eigene Schul- und Pfarr⸗ häuſer erbauen und ihren Gottesdienſt öffentlich und ungeſtört halten. Für die Katholiken bleibt es bei der Duldung ſtiller Religionsübung, doch wird ihnen die Erlaubnis zur Erbauung einer Kirche und die Anweiſung eines hiezu erforderlichen Platzes in Ausſicht geſtellt, inſo— fern dies„ohne Schmälerung und Abbruch landesfürſtlicher Hoheit“ erfolgen kann. Am Schluſſe dieſes zweiten Freiheitsbriefes erklärt der Mark⸗ graf ausdrücklich, daß die Feſtſetzung der 30 Freiheitsjahre durchaus nicht bedeuten ſolle, daß nach ihrem Ablauf der fürſtlichen Gnade gegen die Bewohner ſeiner Reſidenz ein Ziel geſetzt ſei. Er werde vielmehr auch fernerhin in jeder Weiſe auf ihr Wohl bedacht ſein. Insbeſondere wird ſchon jetzt zugeſichert, daß— abgeſehen von der dauernden Befreiung des Gewerbes von allen Auflagen— die Ein— wohner Karlsruhes von ihrem Vermögen nicht höher als mit 30 Kreu— zern von 100 Gulden angelegt und daß auch die Reichſten nur mit jährlich 5 Gulden beſteuert werden, von allen anderen herrſchaftlichen Abgaben aber, insbeſondere auch von dem Zehnten aus ihren Gütern und Ackern befreit bleiben ſollen. Ein dritter Freiheitsbrief wurde zwei Jahre ſpäter, am 14. Auguſt 1724, erlaſſenk). Man erkennt aus deſſen Inhalt, daß das wirt— ſchaftliche Leben der Stadt einen kleinen Fortſchritt gemacht hatte. Denn es erweist ſich jetzt als nötig, die Kapitalien, die zur Anlegung und Fortführung einer Manufactur an Wolle, Seide oder Leinwand ) Fecht, Beilage III. ä angewendet werden, von allen Auflagen und Beſchwerden zu befreien, woraus geſchloſſen werden darf, daß neben dem Kleinhandel und Kleingewerbe nun auch die Induſtrie, wenn auch nur in beſcheidenen Anfängen, ihren Sitz in Karlsruhe aufgeſchlagen hat. Eiue andere Beſtimmung iſt gleichfalls ein Gradmeſſer für die wachſende Bedeutung der fürſtlichen Gründung. Wenn nunmehr angeordnet wird, daß Perſonen, die ſich in der Reſidenzſtadt häuslich niederlaſſen, wenn ſie von ihren eigenen Mitteln leben und kein bürgerliches Gewerbe be— treiben, von Vermögen und Fahrnis keinerlei Steuer zu bezahlen haben, ſo ergibt ſich daraus, daß die Annehmlichkeit der neuen Stadt bereits begann, eine gewiſſe Anziehungskraft auszuüben, deren Erhöh— ung durch dieſes Privileg der Markgraf ſich angelegen ſein ließ. Welcher Kategorie ſolche Zuziehende angehörten, erweist ſich aus der Beſtimmung, daß ihnen, ſofern ſie früher auswärts in Ehrenämtern geſtanden haben, in der Hierarchie der markgräflichen Beamten ein entſprechender Rang angewieſen wird. Anderſeits muß aber auch eine Beſchränkung eingeführt werden, inſofern zu verhindern iſt, daß durch die erteilten Privilegien die Beitragspflicht zu den allgemeinen ſtädtiſchen Laſten aufgehoben er⸗ ſcheine. Es wird daher ausdrücklich beſtimmt, daß dieſe Privilegien von den Leiſtungen,„die zur Erhaltung des gemeinen Stadtweſens“ erforderlich ſind, nicht befreien und daß nur jenen, die zu perſönlichen Dienſten nicht angehalten werden können, vergönnt ſei, ihren Ver⸗ pflichtungen durch eine verhältnismäßige Zahlung nachzukommen. Städtiſche Angelegenheiten. Durch dieſe Freiheitsbriefe wurden zum größten Teile die Wünſche erfüllt, welche ſeit 1718 in verſchiedenen Bittſchriften dem Markgrafen von Seiten der Stadtbehörde vorgetragen worden waren. Wenn man zwiſchen den Zeilen der fürſtlichen Erlaſſe liest, wird man erkennen, daß in der neuen Stadt die Conflikte nicht ausblieben, welche allent⸗ halben in den ſtädtiſchen Gemeinweſen durch den Widerſtreit der Intereſſen einzelner Stände und Gruppen der Einwohnerſchaft hervorgerufen wurden. Wenn hier der Gegenſatz zwiſchen einer alt⸗ eingeſeſſenen Bürgerſchaft, die auf ihre von Alters her in Kraft ſtehenden Privilegien pocht, und neu heranziehenden Elementen, welche deren Mitgenuß verlangen, fehlte, ſo machte ſich doch der Verſuch bemerkbar, die Zunftſchranken zu durchbrechen und die frei⸗ gebig erteilten Privilegien zum Vorteil einiger Klaſſen der Bürger⸗ ſchaft wider deren urſprünglichen Sinn zu erweitern oder ihre Be⸗ ſtimmungen zu umgehen. Von den Conſumenten wurde geklagt, daß das Brod zu klein, das Fleiſch zu ſchlecht, der Wein zu ſauer ſei, manche Hauseigentümer ſuchten die ihnen perſönlich verliehenen Frei— heiten auszubeuten, indem ſie ihren Wohnſitz verlegten und das zu eigenem Gebrauch unter der Bevorzugung durch fürſtliche Gunſt errichtete Haus durch Vermietung in ein zinstragendes Kapital ver⸗ wandelten, einige Kaufleute wollten die dem unverarbeiteten Material bewilligte Befreiung vom Eingangszoll auch auf Waren, die auswärts verfertigt waren, ausdehnen. Die Stadtbehörde, ausſchließlich aus Handel- und Gewerbetreibenden zuſammengeſetzt, identificierte deren Intereſſen mit jenen der Stadt und ſuchte die Vorteile, welche aus einer ihren Anſchauungen entſprechenden Auslegung der Freiheitsbriefe zu gewinnen waren, möglichſt zu vermehren. Gegen ſolche Beſtreb⸗ ungen mußten aber die fürſtlichen Behörden, und in letzter Inſtanz der Markgraf ſelbſt, der in jenen Zeiten einer patriarchaliſchen Ver⸗ waltung auch mit jenen„minimis“, um welche, nach dem lateiniſchen Sprichwort, der„Prätor“ ſich nicht kümmert, befaßt wurde, mit Entſchiedenheit auftreten. Ein lebhafter Schriftenwechſel von Petitionen und Reſolutionen dreht ſich um dieſe Fragen, die— ſo unbedeutend ſie unſerer heutigen, an größere Verhältniſſe gewöhnten Anſchauung erſcheinen mögen— für die Jugendepoche der Stadt Karlsruhe von höchſter Wichtigkeit waren. Dem Markgrafen, deſſen Initiative alles entſprungen war, was die neue Stadt an Rechten und Freiheiten beſaß, iſt durch die Entwickelung ſeiner Schöpfung zu einer Indi⸗ vidualität, die einen eigenen Willen haben und zeigen wollte, mancher Arger bereitet worden, er hat ſich aber dadurch nicht in dem Be⸗ ſtreben beirren laſſen, der Stadt nach wie vor ſeine fürſtliche Huld und Gnade durch möglichſte Förderung ihres Wohlergehens zu erweiſen. Auf der Grundlage der Privilegien, wie ſie 1715, 1722 und 1724 der Stadt Karlsruhe ertheilt waren, entwickelte ſich ſo nach und nach eine geordnete Verwaltung der Gemeinde und ein nach den verſchiedenſten Richtungen ſich ausbildendes Leben und Treiben der Bürgerſchaft. Dabei übte der Markgraf nicht nur durch die Organe ſeiner Beamtenſchaft, ſondern auch perſönlich eine ſcharfe Beaufſichtig⸗ ung. So ordnete er z. B. nicht nur an, daß über Einnahmen und Ausgaben der Stadt jährlich Rechnung zu ſtellen ſei, ſondern er ließ ſie durch einen ſeiner Beamten abhören und hierauf ſich ſelbſt zur Erteilung des Rechnungsbeſcheides vorlegen. An der Spitze der Gemeindeverwaltung ſtand ein von den Bürgern gewählter und vom Oberamt beſtätigter Bürgermeiſter, dem ſechs Mitglieder des Rates und Gerichts zur Seite traten, welche die vor—⸗ erſt nicht allzu umfangreichen Verwaltungsgeſchäfte unter ſich teilten. Während der Regierung des Markgrafen Karl Wilhelm waren als Bürgermeiſter thätig: der Waldhornwirt Johannes Sembach, der Bäcker Johann Ludwig, der Glaſer Georg Ottmann, der Apo⸗ theker Joh. E. Kaufmann. Der Sitz der ſtädtiſchen Verwaltung war einige Zeit hindurch ein Miethaus bis im Jahre 1728 das erſte Rathaus erbaut ward. Es war, wie alle andern Häuſer der Stadt, aus Holz aufgeführt und ſtand weſtlich von der lutheriſchen Kirche. Daß wenige Jahre nach Gründung der Stadt ſchon ſo ziemlich alle ſtädtiſchen Gewerbe in Karlsruhe ausgeübt wurden, iſt bereits früher erwähnt worden. Mit der Zeit erſcheinen auch einige induſtrielle Unternehmungen, die ſich über das Maß des Kleingwerbes erheben: eine Krahnen-Mahlmühle mit Handbetrieb, eine Ziegelei, eine Olſchläge und eine Tabakfabrik. Auch ein Arzt, dem bald mehrere folgten, hatte ſich in der Reſidenzſtadt niedergelaſſen und eine Apotheke ſorgte für die Bereitung der von dieſem verordneten Arzneien. Der Markgraf hatte natürlich ſeine eigenen Leibärzte und in einem Schloßflügel ſeit 1719 eine Hofapotheke. Für die Unter⸗ bringung von Kranken, die nicht in der eigenen Behauſung verpflegt werden konnten, war nur in ganz ungenügender Weiſe Sorge ge— tragen. Schon in den erſten Jahren des Beſtehens der neuen Reſidenz— ſtadt iſt die große Zahl der Wirtſchaften auffallend, die— bei dem geringen Fremdenverkehr— doch vorzugsweiſe von den Bürgern und anderen Einwohnern beſucht wurden. Ein beliebtes Vergnügen war das Scheibenſchießen, und wir finden, daß ſich an den Schießſtänden Bürger und Beamte zu gemeinſamen Übungen in Handhabung der Schußwaffen vereinigten. Dieſe hatten übrigens inſofern einen ernſteren Hintergrund, als in Kriegszeiten die Fähigkeit, mit dem Gewehre umzugehen, erſprießlich war, wenn es ſich um den Schutz von Haus und Hof, gegen allerlei diebiſches und räuberiſches Geſindel handelte, das ſich im Gefolge der Heere dem friedlichen Bürger läſtig und gefährlich erwies. Für Feuersgefahr war der Schutz der Stadt, entſprechend den im allgemeinen in den badiſchen Landen geltenden Ordnungen, in die Hände der Bürger gelegt. Jeder Bürger hatte die Verpflichtung, zwei Feuereimer anzuſchaffen und auf dem Speicher einen Zuber mit Waſſer aufzuſtellen. Für die Hilfeleiſtung war die Stadt in neun Quartiere eingeteilt, deren jedem ein Gaſſenmeiſter als Obmann vor⸗ ſtand. Eingehende Inſtruktionen regelten die Thätigkeit der zur Hilfe aufgerufenen Bürger. Wie wenig auch auf einem Gebiet, das für das Wohl der Allgemeinheit ſo wichtig war, die Bürgerſchaft von dem Gemeingeiſt beſeelt war, den die Obrigkeit bei ihren Anord— nungen vorausſetzte, ergibt ſich daraus, daß ſowohl die Stadtgemeinde zur Anſchaffung von Löſchgerätſchaften als auch die einzelnen Bürger zur Beiſtellung der vorgeſchriebenen Feuereimer durch fürſtlichen Be— fehl gezwungen werden mußten. Kirchen, Schulen, Geiſtiges Leben. Wie ſich die Einwohnerſchaft aus aller Herren Ländern in Karls⸗ ruhe zuſammengefunden hatte, beſtand ſie auch aus Angehörigen aller Bekenntniſſe. Die meiſten waren Lutheraner, geringer war die Zahl der Reformierten, der Katholiken und Israeliten. Für geordneten Gottesdienſt dieſer verſchiedenen Glaubensgenoſſen mußte thunlich bald Sorge getragen werden. Im Schloſſe befand ſich die Hofkapelle. Die lutheriſche Stadtkirche, umgeben von dem Friedhofe, wurde auf dem Marktplatz, nicht weit davon die kleinere Kirche der Reformierten in den Jahren 1719—22 erbaut, den Katholiken wurde vom Markgrafen zur Abhaltung ihres Gottes—⸗ dienſtes ein Haus überlaſſen, die Israeliten errichteten eine Synagoge. Bis zur Vollendung der Kirchen der beiden evangeliſchen Gemeinden wurde deren Gottesdienſt in ganz unzulänglichen gemieteten Räumen abgehalten. Noch viel länger war dieſes mit der Volksſchule der Fall, denn erſt 1731 wurde für dieſe ein eigenes Haus erbaut. Früher noch, im Jahre 1724, erhielt die Gelehrtenſchule ihre ſelb⸗ ſtändige Unterkunft. Dieſe ward durch allmähliche Verlegung einiger — Klaſſen des Durlacher Gymnaſiums nach Karlsruhe gebildet und vor— läufig in einem hölzernen Hauſe öſtlich von der lutheriſchen Kirche untergebracht. Die erſte Feſtlichkeit, über welche die Annalen der in ſpäteren Zeiten an Feſten überreichen Stadt Karlsruhe berichten, war eine kirchliche: die 200 jährige Jubelfeier der Reformation. Der Mark⸗ graf ſelbſt hatte ein ausführliches Programm zu dieſer Feier ent⸗ worfen, mit welcher die Einweihung der neuen Schloßkapelle ver— verbunden war. Glockengeläute am Abend des 30. Oktober 1717 und eine Predigt über Hebr. 13, 7 in der evangeliſchen Notkirche leitete die Feier ein. Am 31. Oktober morgens verſammelte ſich die Geiſtlichkeit wiederum in der Notkirche, um nach Gebet und Geſang in die Hofkapelle zu ziehen, wohin der Markgraf mit großem Ge⸗ folge ſich begab. Dem Geſang der Gemeinde und einer Vocal- und Inſtrumentalmuſik folgte die Predigt des Hofpredigers Hölzlin über Apokal. 4, 10. Hierauf wurde der zum Hofvikar beſtimmte Kandidat Ph. Jak. Boch ordiniert, der Stadtdiakonus Dietrich Bohm zum arrer von Hagsfeld präſentiert; demnächſt legte ein zum Proteſtan⸗ Hagsf 9 tismus übergetretener katholiſcher Prieſter das Glaubensbekenntnis ab, hierauf wurden zwei Jubelpaare eingeſegnet und endlich ein Kind ge— tauft. Sodann empfing die ganze Gemeinde, an ihrer Spitze der Markgraf, das Abendmahl, worauf ein Te Deum geſungen wurde und der Hofprediger den Segen erteilte. Am Nachmittag wurde aber⸗ mals Gottesdienſt abgehalten und abends war der Schloßturm mit Transparenten beleuchtet. Am 1. November fand große Hoftafel ſtatt und eine Predigt des Stadtdiakonus Bohm bildete am 2. November den Schluß der Feier. Nur wenig iſt uns von dem geiſtigen Leben des damaligen Karlsruhe bekannt. Der Markgraf Karl Wilhelm, der, wie er⸗ wähnt, allein, ohne ſeine Gemahlin, das neuerbaute Schloß bezogen hatte, fand, neben ſeiner ausgeſprochenen Vorliebe für die Gartenkunſt, ſeine hauptſächliche Erholung in dem Theater. Die Aufführungen, die in dem kleinen Saale ſtattfanden, der dieſem Zwecke im öſtlichen Schloßflügel eingeräumt war, waren ausſchließlich der eingeladenen Hofgeſellſchaft zugänglich. Schon in Durlach hatte eine ſtändige „Hofmuſik“ beſtanden, die ſowohl in der Kirche als am Hofe bei muſikaliſchen Aufführungen verwendet wurde. Es iſt uns die ſpär⸗ — Wuueeeen en: Sige liche Bezahlung dieſer Leute überliefert. Sie erhielten ein Gehalt von jährlich 100 Gulden, an Naturalien täglich einen Laib Brot und trugen die Livrée der Lakaien. Die Aufführungen beſtanden faſt nur aus Balleten und aus Opern und Singſpielen, deren Texte meiſtens aus dem Franzöſiſchen und Italieniſchen überſetzt waren; italieniſche Opern in der Originalſprache wurden nur ausnahmsweiſe aufgeführt. Die Ballete waren allegoriſche, mythologiſche und Schäferballete, neben denen auch noch komiſche Ballete vorkamen. Als Kapellmeiſter werden Blinzing, Käfer und Schweitzelberger genannt, daneben ein italieniſcher Muſikdirektor Bonivanti. Für Dekoration und Inſcenier⸗ ung ſorgte ebenfalls ein Italiener Scandalibene. Man wird an⸗ nehmen dürfen, daß auch noch andere italieniſche Künſtler, die der Markgraf wie jene beiden von einer italieniſchen Reiſe mitgebracht hatte, an ſeiner Bühne thätig waren. Von den Sängerinnen war vermutlich nur die Frau des Kapellmeiſters, Frau Anna Barbara Schweitzelberger, förmlich für die Bühne ausgebildet. Im übrigen beſtand das weibliche Perſonal für Oper und Singſpiel, welches auch vielfach Männererrollen darzuſtellen hatte, aus den jungen Mädchen, die der Markgraf in ſeinen perſönlichen Dienſt gezogen und in Ge— ſang und Tanz hatte unterrichten laſſen. Aus den noch erhaltenen Programmen kennen wir ihre meiſt gut deutſchen und zwar haupt⸗ ſächlich Durlacher Namen. Einige genoſſen die beſondere Gunſt des Markgrafen, welcher einer und der andern ein Haus zum Geſchenke machte. Einige waren in der Lage, ſich ſelbſt ein Haus zu kaufen, was allerdings bei den damaligen Häuſerpreiſen in Karlsruhe keine große Ausgabe verurſachte. Manche dieſer Sängerinnen finden wir ſpäter an Beamte und Bürger der Reſidenzſtadt verheiratet. Bei den Balleten wirkten auch die jüngeren Hofcavaliere mit, deren Namen uns ebenfalls die Programme überliefern. Die Einſtudierung der Ballete lag den Balletmeiſtern Miſolly und Paret ob. Die höheren Stände huldigten wie damals allenthalben in Deutſch⸗ land, ſo auch hier ausſchließlich der franzöſiſchen Bildung. Wer Bücher leſen wollte, mußte ſie ſich von auswärts verſchaffen. Der Buchhandel beſchränkte ſich in Karlsruhe auf den Verkauf von Ka⸗ lendern, Geſang- und Schulbüchern, von denen manche, ſo z. B. der mit einer Art von Monopol privilegierte Kalender des Hof⸗ und Kanzlei-Buchdruckers Andreas Jakob Maſchenbauer, auch in Karls— Kreiſe zum Generalwachtmeiſter ernannt, hatte er an der Belagerung von Landau und an der Schlacht bei Friedlingen rühmlichen Anteil genommen und ſpäter als General-Feldmarſchall-Lieutenant ſich in ruhe gedruckt wurden. In dem geiſtigen wie geſellſchaftlichen Leben der jungen Reſidenz⸗ ſtadt waren es, wie wir wohl annehmen dürfen, in erſter Reihe die oberſten Beamten des Markgrafen, welche Erwähnung verdienen:— die Staatsräte Friedrich Emicho Freiherr von Uexküll, Wilhelm Friedrich Freiherr Schilling von Cannſtatt, Heinrich Wilhelm Maler, Conrad Dietrich Stadelmann, Johann Wilhelm zur Glocken, Johann Ernſt Bürcklin und Johann Jakob Schmaus, der Stadtamtmann Johann Freiherr von Güntzer, und die Amtmänner Johann Heinrich Wielandt und Theodor Volz, ferner die Lehrer des Gymnaſiums Boye, Philipp Jakob Bürcklin und der ſchon als Schrifſteller ge- nannte Johann Caspar Malſch, die Prediger Samuel Grynaeus, Lucas Gieſſendorfer und Bernhard Eyben, endlich die Arzte Cloſe, Eichroth, Sulzer und Textor, der Apotheker Greber und der Hof— gärtner Joachim Sievert und ſein Sohn Auguſt Wilhelm. Aber nähere Angaben über die Beziehungen dieſer Männer unter einander und zur Geſamtheit der Einwohnerſchaft fehlen uns. Mit Aus⸗ nahme der Memoiren von Pöllnitz und gewiſſer mehr pikanter als zuverläſſiger Erzählungen der Skandalchronik hat ſich die gleichzeitige Litteratur mit der erſten Periode unſeres Karlsruhe nicht beſchäftigt. Der polniſche Thronfolgekrieg. Achtzehn Jahre nachdem Markgraf Karl Wilhelm ſeine neue 5 Reſidenzſtadt gegründet hattte, wurde er durch kriegeriſche Ereigniſſe— bewogen, den ihm lieb gewordenen Wohnſitz auf längere Zeit zu verlaſſen. In ſeiner Jugend hatte er im Heerlager des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden ſich während des Reichskriegs gegen Frankreich in den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts die Sporen— verdient. Bei Ausbruch des ſpaniſchen Erbfolgekrieges vom ſchwäbiſchen der Schlacht bei Höchſtädt, bei der zweiten Belagerung von Landau und bei der Verteidigung der Stollhofener und der Ettlinger Linien hervorgethan. Als nun, da er ein höheres Alter erreicht hatte und von mancherlei Beſchwerden heimgeſucht war, im Jahre 1733 der 1 R„„ wegen der polniſchen Königswahl ausgebrochene Krieg den Aufmarſch größerer Heeresmaſſen am Rhein zur Folge hatte, war Karl Wilhelm nicht geneigt, ſich nach der längeren Friedenszeit abermals in das Kriegsgetümmel zu begeben. Er reiste im Oktober 1733 nach Baſel⸗ und leitete von dort aus in eifriger Korreſpondenz mit ſeinen oberſten Behörden die Regierung der Markgrafſchaft. Das markgräfliche Gebiet wurde nicht zum Kriegsſchauplatze be⸗ ſtimmt, ſondern hatte nur durch die Durchzüge franzöſiſcher, kaiſer⸗ licher und ruſſiſcher Truppen zu leiden, von denen insbeſondere die Franzoſen ſehr ausgiebige Kontributionen erhoben. Wie Durlach, wo die Markgräfin Magdalene Wilhelmine ihre Reſidenz beibehielt, bekam auch Schloß und Stadt Karlsruhe eine Sauvegarde durch den franzö⸗ ſiſchen Marſchall Herzog von Berwick, der außerdem ſeinen Truppen die ſtrengſte Mannszucht vorſchrieb und jede Ausſchreitung unnach⸗ ſichtlich ahndete. Immerhin machte ſich während der Jahre 1733 bis 1735 der Krieg mit ſeinen unvermeidlichen Laſten, Kriegsleiſtungen und Ein⸗ quartierungen auch den Karlsruhern empfindlich, insbeſondere auch mittelbar durch die von Baſel aus angeordnete Sparſamkeit im mark⸗ gräflichen Hofhalt und in allen Zweigen des öffentlichen Dienſtes. Da war denn die Freude eine ſehr lebhafte, als im September 1736, nach Wiederherſtellung des Friedens, der Markgraf aus Baſel in ſeine Reſidenz zurückkehrte, Ableben des Markgrafen Karl Wilhelm. Dem Markgrafen Karl Wilhelm war indes kein langes Leben mehr beſchieden. Schon während ſeines Aufenthaltes in Baſel mögen Mahnungen an ihn herangetreten ſein, die ihn veranlaßten, dort am 6. Januar 1736 ſeinen letzten Willen aufzuzeichnen. Am 6. Juni 1737 wurde er von einem Schlagfluß betroffen, von dem ſeine Um⸗ gebung fürchtete, daß er ſein Ende herbeiführen werde. Er erholte ſich jedoch wieder, ohne daß Spuren dieſes Anfalls zurückgeblieben wären. Doch wiederholte ſich derſelbe am 12. Mai 1738 und hatte dieſes Mal tötlichen Verlauf. Wenige Monate ſpäter hätte der Mark⸗ graf das 60. Lebensjahr vollendet. Die fürſtliche Leiche wurde in einem Saale des Schloſſes am 18. und 19. Mai auf dem Paradebette ausgeſtellt und am 19. Mai 32923 nachts 12 Uhr in aller Stille in der lutheriſchen Stadtkirche, der Karl Wilhelm den Namen„Eintrachtskirche“ gegeben hatte, in einer unter dem Altar befindlichen gewölbten Gruft beigeſetzt. Erſt am 6. Juli wurde die Trauerfeier abgehalten. Ein prächtiges Trauer⸗ gerüſt— wie man es damals nannte Castrum doloris— wurde in der Stadtkirche aufgeſchlagen und von Tauſenden von Lämpchen erleuchtet. Ein langer Zug bewegte ſich abends 8 Uhr von dem Schloß durch den vor demſelben gelegenen Garten zur Kirche. Die ganze Strecke war mit Fackeln und Pechpfannen erleuchtet. Grena— diere bildeten Spalier, von einem Major, einem Hauptmann, einem Lieutenant und zwei Fähnrichen kommandiert. Die Präceptoren des Gymnaſiums mit ihrer Schuljugend eröffneten den Zug, Fackelträger und Trauermarſchälle führten die verſchiedenen Gruppen: die Geiſtlichen und die Profeſſoren des Gymnaſiums, die Hofbedienſteten, die Beamten. Ihnen folgten ſieben Kammerjunker, welche die fürſtlichen Inſignien trugen. Den Paradeſarg verbrachten 16 adelige Vaſallen und Kavaliere zum Leichenwagen. Mitglieder des Karlsruher Stadtrats ſetzten den Sarg auf denſelben und nahmen ihn, als der Leichenwagen an der Kirchen⸗ thüre angelangt war, ab, worauf abermals die adeligen Herrn ihn zum Trauergerüſt trugen, die zu beiden Seiten des Leichenwagens ein— hergeſchritten waren, welchen 12 Edelknaben, der Hauptmann von Löwenkranz und der Lieutenant Eiſele mit einem Detachement Dragoner geleiteten, während vier oberſte Hofchargen die Ecken der Leichendecke trugen. Dem Leichenwagen folgten, wieder von adeligen Marſchällen geführt, die fürſtlichen Abgeſandten, das vormundſchaftliche Regierungs⸗ Kollegium, die Mitglieder des Hofrats- und des Kirchenkollegiums, Arzte und Geiſtliche, die Mitglieder der Rentkammer und andere Beamte des gleichen Ranges, endlich die Vertreter der Städte Karlsruhe, Durlach, Pforzheim und Mühlburg. Die Trauermuſik leitete Kapell⸗ meiſter Molter. Der Kirchenrat und Oberhofprediger Franz Rud. Krüger hielt unter Zugrundlegung des Textes Jer. 5, 16,„die Krone unſeres Haupts iſt abgefallen“, die Leichenrede, der Hofprediger Johann Friedrich Stein verlas die Perſonalien und der Kirchenrat und Spezial⸗Superintendent Philipp Jakob Bürklin von Pforzheim hielt die Abdankungsrede, worauf der Diakonus Zangmeiſter mit Erteilung des Segens— wie es in der ausführlichen Beſchreibung dieſer Trauerfeier heißt—„dieſen denen fürſtlichen Landen ſehr ſchmertzlichen ̃ p8 Aktum beſchloß, welcher von 8 Uhr biß Morgens um 4 Uhr unter wehmüthiger Devotion aller des höchſtſeeligen Herrn Markgrafen ge⸗ treuer Räthe, Diener und Unterthanen, nicht ohne viele Thränen celebriret worden“. Markgraf Karl Wilhelm hatte die letztwillige Anord⸗ nungd getroffen, daß ſein Leichnam nicht in der fürſtlichen Familien⸗ gruft zu Pforzheim beigeſetzt werde. Er hatte die Gruft unter der Hauptkirche der von ihm gegründeten Reſidenzſtadt zu ſeiner Ruhe⸗ ſtätte beſtimmt, um damit ſeiner Gründung auch im Tode noch ein Zeichen ſeiner Zuneigung zu geben. Und an der Stelle, wo im Jahre 1728 die Beiſetzung erfolgte, iſt der Sarg mit den ſterblichen Überreſten Karl Wilhelms auch dann verblieben, als die Kirche dem Bedürfniſſe der Stadterweiterung weichen mußte. Die Inſchrift auf der an ihre Stelle getretenen Pyramide kündigt noch heute den Be— wohnern der Reſidenzſtadt, daß hier der Fürſt ruht, dem ſie ihr Daſein verdankt. Sweites Buch. Karlsrube während der Regierung des Markgrafen, Rurfürſten und Großherzogs Karl Triedrich. 1736—1511. FFFEPRERRRCoGoooooooGGPGGGboGc PP FFCCC FK * Die vormundſchaftliche Regierung. ür mehr als einen Hofhalt bot das markgräfliche SR Schloß nicht hinreichenden Raum. Es war nur vom Markgrafen Karl Wilhelm bewohnt worden, 75 während deſſen Gemahlin ihren Wohnſitz in Durlach & Os beibehalten und der Erbprinz Friedrich ein Haus auf dem Schloßplatz, in einem der ſogenannten Zirkelhäuſer und zwar zwiſchen der jetzigen Lamm- und Ritterſtraße inne hatte, da wo heute das Miniſterium des Innern ſteht. In dieſem Hauſe waren die beiden Söhne des Erbprinzen, 1728 Karl Friedrich und 1732 Wilhelm Ludwig geboren. Da im Geburtsjahre ſeines jüngeren Sohnes, am 22. März 1732, der Erbprinz Friedrich geſtorben war und der nunmehrige Erbprinz Karl Friedrich beim Ableben ſeines Großvaters erſt zehn Jahre zählte, mußte eine vor⸗ mundſchaftliche Regierung eingeſetzt werden, welche nach letztwilliger Verfügung des verſtorbenen Markgrafen aus deſſen Vetter, dem Senior des fürſtlichen Hauſes, Markgraf Karl Auguſt Rein⸗ hard, der Markgräfin-Witwe Magdalena Wilhelmine und einem Regentſchaftsrate beſtand. Die Mutter des in ſo zartem Knabenalter zur Regierung der Markgrafſchaft berufenen Mark⸗ grafen Karl Friedrich konnte nicht zur Teilnahme an der Re⸗ gentſchaft beſtimmt werden, da ſie ſeit der Geburt ihres jüngeren Sohnes gemütsleidend war. Wie die Regentſchaft durchas im Geiſte und Sinne Karl Wilhelms die Regierung führte, war ſie auch der Stadt Karlsruhe eine gnädige Herrſchaft und beſtätigte ſchon am 21. Juli 1738 deren 38— Privilegien, insbeſondere den Freiheitsbrief vom 12. Februar 1722). Markgraf Karl Auguſt, der bisher in Durlach gewohnt hatte, ſchlug nun ſeinen Wohnſitz in Karlsruhe auf, während die beiden jungen Prinzen, der Sorge ihrer Großmutter anvertraut, ſchon ſeit der Erkrankung der verwitweten Erbprinzeſſin ſich in Durlach auf— hielten, wo ſie die ſorgfältigſte Erziehung genoſſen. Im Jahre 1743 begaben ſich die beiden Brüder nach Lauſanne zum Beſuche der dortigen Akademie und brachten hierauf mehrere Jahre auf Reiſen durch Frankreich und Holland zu. Noch während ſie unterwegs waren, erhielt der junge Markgraf Karl Friedrich, vor Vollendung ſeines achtzehnten Lebensjahres, durch den Kaiſer die Erklärung ſeiner Mündigkeit. Und ſo kehrte er denn am 5. No⸗ vember 1746 in ſein Land zurück, um jetzt ſelbſt die Zügel der Regierung zu ergreifen. Regierungsantritt des Markgrafen Karl Friedrich. Als am 5. November 1746 bei Waghäuſel Markgraf Karl Friedrich die pfälziſch-badiſche Grenze überſchritt, wurde er von den Poſtmeiſtern und Poſtillionen der unteren Markgrafſchaft feierlich eingeholt und in Graben von dem Markgrafen Karl Auguſt, den Inhabern der höchſten Staatsämter und dem Hofſtaate begrüßt. Er begab ſich von da unmittelbar nach Karlsruhe, ohne feſtlichen Em⸗ pfang, da inzwiſchen die Nacht eingebrochen war. Am 6. November erſt fanden die Empfangsfeierlichkeiten im Schloſſe ſtatt, wobei die Bürgerſchaft im Verein mit den Bürgern von Durlach, Pforzheim und Mühlburg und der Landmiliz in ſauberer Montierung in Wehr und Waffen auf dem Schloßplatze Aufſtellung nahm und der Mark⸗ graf unter dem Donner der Geſchütze ihre Front abſchritt. Am Abend war die Reſidenzſtadt beleuchtet und wohlgemeinte Verſe auf Transparenten gaben Zeugnis von der Freude der Einwohner über die Ankunft des jugendlichen Fürſten und von den Hoffnungen, die mit dem ganzen Lande auch die Karlsruher auf ihn ſetzten“). Nicht ohne Bangen mochten Manche ihre Lämpchen angezündet ) Fecht, Beilage IV. **) Eine Auswahl derſelben bei„Drais, Geſchichte der Regierung und Bildung von Baden unter Karl Friedrich“ Bd. I. Beilage S. 17 ff. 4 1 5 EII Karoline Tuiſe, Markgräfin von Baden, geborene Prinzeſſin von Beſſen. 3 haben. Denn es war nicht unbekannt geblieben, daß die Frage erörtert worden war, ob es nicht angezeigt erſcheine, die Reſidenz aus dem Schloſſe in Karlsruhe wieder nach Durlach zu verlegen. Pietät für die Schöpfung des verewigten Großvaters und Rückſicht auf die traurige Lage, in welcher ſich die von Karl Wilhelm zur Anſiedelung Aufgeforderten in dieſem Falle befunden hätten, bewogen den jungen Markgrafen, dieſem Gedanken nicht näher zu treten, ſondern ſeine Reſidenz im Karlsruher Schloſſe beizubehalten. Erſt dieſer Entſchluß entſchied endgiltig über das Schickſal der Stadt. Und bei ihm beharrte der gütige Fürſt auch, als ſpäter noch zweimal bei dem Anfall neuer Landesteile die Frage einer Verlegung ſeines ſtändigen Wohnſitzes, zuerſt nach Raſtatt oder Baden, ſpäter nach Mannheim, an ihn herantrat. Zunächſt freilich war ſein Aufenthalt in Karlsruhe nur ein kurzer. Schon im Jahre 1747 ging Karl Friedrich, in dem Gefühle, daß er ſeinem Lande am meiſten nütze, wenn er ſich mit den Sitten und Einrichtungen, den Geſetzen und der Verwaltung anderer Länder noch gründlicher bekannt mache, abermals auf Reiſen und beſuchte während der nächſten vier Jahre wiederholt die Niederlande und England ſowie Italien. Von Dauer wurde ſein Aufenthalt in Karlsruhe erſt, als er ſich am 28. Januar 1751 zu Darmſtadt mit der Prinzeſſin Karoline Luiſe, Tochter des Landgrafen Ludwig VIII von Heſſen, vermählte. Mit ihr kam ein neues belebendes Element in das Schloß und die Stadt Karlsruhe. Geiſtig hervorragend begabt, auf allen wiſſen⸗ ſchaftlichen Gebieten gründlich unterrichtet, teilte die Markgräfin mit ihrem Gemahl die hohe Meinung von den fürſtlichen Pflichten und wirkte Hand in Hand mit ihm unabläſſig für das Wohl der Unter⸗ thanen, in erſter Reihe der dem hohen Paare zunächſt ſtehenden Ein⸗ wohner der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt. Sorge für die Stadt. Hatte ſich das von Markgraf Karl Wilhelm erbaute Schloß ge— wiſſermaßen als ein Proviſorium dargeſtellt, da es bei der Art der dabei verwendeten Baumaterialien in nicht ferner Zeit unfehlbar dem Verfalle entgegenging, ſo erhielt Karl Friedrichs Entſchluß, ſeine Reſidenz nicht nach Durlach zurückzuverlegen, greifbare Geſtalt durch den ſchon 1749 ausgearbeiteten Entwurf eines neuen Schloſſes. Der Bau wurde im Jahre darauf begonnen und ſehr langſam fortgeführt, äußerlich 1771, im Innern aber erſt 1782 völlig vollendet. Der Schloßgarten, aus dem ſchon die Sparſamkeit der vormundſchaftlichen Regierung die Menagerie entfernt hatte, wurde von Grund aus um⸗ geſtaltet, der Platz vor dem Schloſſe teilweiſe zur Veranſtaltung von Feſtlichkeiten und Paraden freigelegt, teilweiſe mit Bäumen beſetzt, der ganz im franzöſiſchen Geſchmack angelegte Garten hinter dem Schloſſe, aus dem nun auch die Thierhäuschen entfernt wurden, die man auf den älteren Proſpekten ſieht, in einen engliſchen Park um⸗ gewandelt, Wildpark und Faſanerie wurden weiter zurückverlegt, große Nutzgärten für Gemüſe- und Obſtbau neu gegründet. An Stelle der modiſchen Gärtnerei, die vorzugsweiſe den Tulpenbau gepflegt hatte, wurde nun, beſonders auf Wunſch der Markgräfin, deren Lieblings⸗ ſtudium die Botanik war, nach einem auf wiſſenſchaftlichen Grundlagen beruhenden Plane ein botaniſcher Garten angelegt und auch im Schloß⸗ garten auf die Anpflanzung und Pflege ſeltener Bäume und Ge— ſträuche große Sorgfalt verwendet. Mit dem Neubau des Schloſſes und deſſen Umgeſtaltung aus einem Holz- in einen Steinbau ſchritt die Verbeſſerung des Häuſer⸗ baues in den Straßen der Stadt Hand in Hand. Selbſtverſtändlich ging auch dieſe nur allmählich und in ſehr langſamem Tempo, nicht ohne Schwierigkeiten und Proteſt der aus Gewohnheit und Armuth an ihren alten Häuschen hängenden Einwohner vor ſich, zunächſt auf dem Wege, daß bei Reparaturen die Herſtellung ſteinerner Fronten vorgeſchrieben wurde. Neubauten wurden denn nun auch etwas ſo⸗ lider mit ſogenannten Riegelwänden hergeſtellt. Zur Beförderung der Bauthätigkeit bewilligte der Markgraf„Baugnaden“, Prämien von 3 Gulden für den Fuß in der Front eines Gebäudes. Auf ſolche Weiſe erreichte Karl Friedrich nach und nach das Ziel, ſeine Re⸗ ſidenzſtadt aus einer hölzernen in eine ſteinerne zu 200 Stadterweiternug. Mit der Zeit machte ſich auch das Bedürfnis einer Erweiterung des urſprünglichen Stadtplanes geltend. Da die Geſamtanlage, die nicht wieder verlaſſen werden konnte, hauptſächlich eine Verlängerung der Radialſtraßen erforderte, ſo zeigte ſich gleich zu Anfang als ein „ 1 Hindernis der Abſchluß dreier Straßen durch größere Gebäude. Am Ende der vom Schloß nach Süden führenden Straße erhob ſich die Stadtkirche mit Pfarr- und Schulhaus, hinter derſelben war der Fried⸗ hof, die jetzige Kreuzſtraße wurde durch die reformierte Kirche und deren Friedhof abgeſchloſſen, am Ende der Lammſtraße war ein Platz für eine katholiſche Kirche vorbehalten, wurde aber zunächſt, da ſich deren Bau Hinderniſſe in den Weg ſtellten, für ein Brunnenhaus in Anſpruch genommen. Auch der Landgraben lein 1583 unter Markgraf Ernſt Friedrich begonnener und um 1610 unter Georg Friedrich vollendeter, bei Mühlburg in die Alb mündender Kanal zur Entwäſſerung der ſumpfigen Gegend im Weſten von Durlach), über den eine Anzahl von Brücken führte, war für die Erweiterung der Stadt ungünſtig. Jedenfalls aber ergab ſich die Notwendigkeit, durch Aufſtellung eines Bebauungsplanes dafür Sorge zu tragen, daß dieſe Erweiter— ung ordnungsmäßig vor ſich gehe, und ſie wurde zu einer dringenden, als mit dem Anfall der baden-badiſchen Lande im Jahre 1771 der Zuzug neuer Einwohner lebhafter und damit auch die Bauthätig⸗ keit reger wurde. So wurde denn zunächſt die Verläugerung der vom Schloß nach Süden führenden Straße jenſeits der Stadtkirche und die Anlage eines Marktplatzes an Stelle des bisherigen Friedhofes, dabei auch die Entfernung der Kirche und des Rathauſes und Errichtung einer neuen Kirche und eines neuen Rathauſes auf dieſem Platze in's Auge gefaßt. Ein italieniſcher Baumeiſter Pedetti arbeitete einen Plan für dieſe Anlage aus, der aber wohl mit ſeinen im Barockſtil entworfenen Prachtbauten und hohen Arkaden mit Verkaufsräumen der damaligen Sinnesart zu großartig erſchien und über das Stadium ſchön gezeichneter Proſpekte, Grund- und Aufriſſe nicht herauskam. Immerhin begann auf den feſtgeſetzten Baufluchten nach und nach der Bau von Häuſern, die nunmehr ein Stockwerk mehr als die urſprüng⸗ lichen Modellhäuſer erhielten. Nun wurde auch eine mit der Haupt⸗ ſtraße, die den Namen der„Langen Straße“ führte, parallel laufende Allee, die heutige Zähringerſtraße, in den Bebauungsplan herein⸗ gezogen und von Oſten und Weſten je eine in ſchräger Richtung nach Süden verlaufende Straße, die heutige Markgrafen- und Erbprinzen⸗ ſtraße, angelegt. Wo dieſe ſich mit der verlängerten Schloß—(Bären⸗) ſtraße kreuzten, ergab ſich, wie von ſelbſt, die Anlage eines runden Platzes, der nachmals Rondellplatz genannt wurde. In den Kriegs⸗ zeiten, gegen Ende des Jahrhunderts, wurde, um zu verhindern, daß die Munitionstransporte in der Nähe des Schloſſes und durch die Straßen der Stadt ihren Weg nähmen, in der Peripherie die Kriegs⸗ ſtraße angelegt. Um den Transport der Bauſteine für die Karlsruher Neubauten aus den Sandſteinbrüchen des Pfinzthales zu erleichtern, wurde nun die Waſſermenge des Landgrabens, der bis dahin durch Zufluß einiger Seitenbäche(des Mittelbruchgrabens von Rüppurr und des Lohfeld⸗ grabens von Gottesaue her) geſpeist worden war, durch Abgabe von Waſſer aus der Pfinz und Zuleitung aus der ſog. alten Bach beim „Entenfang“ in der Nähe von Rintheim vermehrt. Bis zu dem am Ende der Kronenſtraße gelegenen Rüppurrer Thor, wo eine Auslade⸗ ſtelle ſich befand, hieß der Waſſerlauf„Steinſchiffkanal“, während er von da bis Mühlburg den Namen„Landgraben“ weiterführte. Phyſiognomie der Stadt. Auch der Zuſtand der Straßen wurde allmählich verbeſſert, von 1772 an die planmäßig fortſchreitende Bepflaſterung, verbunden mit der Anlage von Abzugsdohlen, durchgeführt. Nicht minder wurde, zunächſt für die Wintermonate, eine, wenn auch dürftige Beleuchtung der Straßen bewerkſtelligt. Die Phyſiognomie der Stadt veränderte ſich zu ihrem Vorteil nach und nach durch den Bau verſchiedener fürſtlicher und Regierungs⸗ Bauten. Die Prinzen des Hauſes, welche in verſchiedenen Teilen der Stadt Gelände erworben hatten, führten, den Verhältniſſen jener Zeit entſprechend, einfache Wohnhäuſer auf, die ſich aber doch durch beſſeren Geſchmack und reichere Ausſtattung vorteilhaft von den Häuſern der Bürger unterſchieden; ſie waren meiſtens von Gärten umgeben, wie denn überhaupt, nach dem vom Hofe gegebenen Beiſpiele, manches für Hebung der Gartenkultur geſchah und da, wo jetzt hinter den Straßenfronten umfangreiche Hinterhäuſer ſich erheben, neben weiten Höfen nirgends Gartenanlagen fehlten. Der Markgraf ließ im nördlichen Teile der Stadt, angrenzend an den Schloßgarten, größere Waldſtrecken ausſtocken und zu Ackern und Gärten anweiſen, welche zu mäßigen Preiſen willige Käufer fanden. Für Spaziergänger, welche gerne Durlach mit ſeiner maleriſchen Umgebung auffuchten, Das Durlacher Thor und die Pappelaller. war eine Annehmlichkeit die ſchöne, aus hohen pyramidalförmigen, bis auf den Boden dicht belaubten italieniſchen Pappeln beſtehende Allee, die der Markgraf zur Verbindung der früheren mit der jetzigen Re⸗ ſidenzſtadt in ſchnurgerader Richtung anlegen ließ„ſo daß man aus dem Thore der einen Stadt in das Thor der andern ſehen kann“, wie Brunn in ſeinen 1791 erſchienenen„Briefen über Karlsruhe“ rühmend hervorhebt. Von den Bauten, die für die Landesverwaltung nötig wurden, verdient beſonders das Kanzlei- und Archivgebäude Erwähnung, welches den ganzen Raum zwiſchen den beiden Zirkeln, Lamm⸗- und Ritter⸗ ſtraße in Anſpruch nahm und ſich für jene anſpruchloſen Zeiten überaus ſtattlich darſtellte. Die älteren Thore, lediglich aus hölzernen Gittern beſtehend, die den Paliſſadenzaun unterbrachen, welcher urſprünglich die Stadt⸗ grenze bezeichnete, ließen ſich ohne Schwierigkeit verſetzen, ſobald eine Verlängerung der Straßen eintrat. Nun wurden allmählich ſteinerne Wacht⸗ und Zollhäuſer erbaut und mit eiſernen Gittern verſehen. Doch konnte nur das Thor, welches die Langeſtraße in der Richtung gegen Durlach hin abſchloß, Anſpruch erheben, auch vom künſtleriſchen Stand⸗ punkt im Geſchmack jener Zeit als beachtenswerter Bau betrachtet zu werden. Erneuerung der ſtädtiſchen Freiheiten. Nur wenige Jahre nach dem Regierungsantritte des Markgrafen Karl Friedrich lief die Friſt um, für welche im Jahre 1722 Markgraf Karl Wilhelm ſeiner Reſidenzſtadt Privilegien erteilt hatte. Nicht ohne Sorge ſah die Bürgerſchaft dieſem Zeitpunkt entgegen, da ſie für ihre geſamte Exiſtenz darauf angewieſen war, in welchem Umfang eine Erneuerung und Verbeſſerung dieſer Grundlage ihres bürgerlichen Lebens erfolgen würde. Aus der Vorſtellung, welche zu Ende des Jahres 1751 die Gemeindevertretung an den Markgrafen richtete, ergibt ſich, daß ſie ſich von der fürſtlichen Gnade vollſtändig ab⸗ hängig fühlte. Über eine Reihe von Verletzungen der Privilegien wird nicht etwa Beſchwerde geführt, ſondern in dem devoten Tone tiefſter Unterthänigkeit— wie ihn der Kanzleiſtil jener Tage im Verkehr mit Höhergeſtellten, insbeſondere mit dem Landesfürſten vorſchrieb— wird lediglich geklagt und gejammert. Gegenſtand beſonderer Unzufriedenheit iſt-die Überſetzung aller Gewerbe und das allmähliche Überwiegen der⸗ Schutzbürger und Hinterſaſſen über die durch Grund- und Hausbeſitz feſt anſäſſigen Bürger, nicht minder der Überfluß an Wirtſchaften und die Konkurrenz, welche Metzger und Krämer durch die Juden erleiden. Auch durch die Vorſchrift, bei Reparaturen beſſeres Baumaterial zu verwenden, fühlen ſich die Bürger bedrängt. Man ſieht, ſie erwarten nichts von eigener Thätigkeit und Rührig⸗ keit, ſondern ſtellen alles fürſtlichem Ermeſſen anheim, begreiflich genug ſeitens einer Bürgerſchaft, die ohne den inneren Halt, den eine hiſtoriſche Entwickelüng einem ſtädtiſchen Gemeinweſen gibt, bunk genng zuſammengeſetzt aus den verſchiedenartigſten Elementen, in dem Kampf um ihr Daſein ſich lediglich auf die Unterſtützung hingewieſen Jieht, welche ihr aus der höheren Einſicht ünd dem Wohlwollen der Landes⸗ herrſchaft erwächſt. In ihren Erwartungen ſollten ſich die Karlsruher denn auch nicht getäuſcht finden. Soweit ſich Mißſtände durch amtliche Ver⸗ ordnungen abſtellen laſſen, geſchah dieſes durch die am 12. Juni 1752 der Stadt Karlsruhe erteilten neuen Privilegien?). Freilich nicht alle Wünſche, welche Bürgermeiſter und Rat dem Markgrafen vor⸗ getragen hatten, wurden erfüllt. Mit weiſer Umſicht wurden die Vor⸗ teile, welche der Markgraf auch fürderhin dem jungen Gemeinweſen im Hinblick auf die Geringfügigkeit ſeiner Hilfsmittel zuwenden wollte, gegen die Forderungen der Allgemeinheit und die Rückſichten auf die Erhaltung und Stärkung der öffentlichen Ordnung abgewogen. Nichts, was in der That eine Lebensbedingung für das Gedeihen der Stadt war, wurde verweigert, aber dem Egoismus einer dauernde Bevor⸗ zugung heiſchenden Klaſſe der Einwohnerſchaft wurden auch feſte Schranken geſetzt. Wie es im Charakter der Geſetzgebung des 18. Jahrhunderts lag, hielt die Landesherrſchaft nach wie vor nicht nur ſchützend, ſondern auch die Selbſtändigkeit der Unterthanen be— ſchränkend die Hand über ſie und behielt ſich jederzeit ein entſchiedenes Eingreifen in die Einzelheiten der örtlichen Verwaltung vor. Für die Häuſer der Stadt wird nun feſtgeſtellt, daß ſie aus⸗ nahmslos, es ſeien Vorder- oder Hinterhäufer, Scheuern oder Stall⸗ *) Fecht, Beilage V. ungen bei Neubauten oder Reparaturen, nach einem neuen Modell von⸗ Steinen bis unter das Dach aufgeführt werden ſollen. Über jeden Bau iſt dem Oberamt ein Riß vorzulegen. Bauholz wird künftig nicht mehr koſtenlos, aber— ſoweit es ohne Schädigung der herr⸗ ſchaftlichen Waldungen geſchehen kann— nach den jedesmaligen Forſt⸗ taxen an die Bauluſtigen abgegeben. Die Freiheit der Religionsübung wird den Angehörigen aller chriſtlichen Bekenntniſſe wie auch den Israeliten wie bisher und inner⸗ halb der durch die landesherrlichen Gerechtſame gezogenen Grenzen gewährleiſtet. Für die Annahme eines Bürgers iſt der Nachweis ehrlicher Geburt und der Leibesfreiheit, ſowie hinreichender Subſiſtenzmittel er⸗ forderlich. Bei ledigen 5 iſt der Beſitz von 500, bei Ehe— leuten von 700 Gulden eigenen Vermögens nach Abzug aller Schul— den eidlich zu erhärten, unter Vorbehalt der Nachſicht bei Perſonen, die ſich durch beſondere Geſchicklichkeit auszeichnen oder durch andere Eigenſchaften dem gemeinen Weſen in hervorragender Weiſe Rhlith ſein können. Die bisher den nach Karlsruhe ziehenden Bürgern auf die Dauer von 30 Jahren zuhefkandene Befreiung von dem Land- und Pfundzoll ſowie dern badiſchen Amte kommen— vom Abzug wird uüſhehobel, die Befreiung von den Abzugs⸗ gebühren, wenn ſie ihren Wohnſitz anderswohin verlegen. In dieſer Beziehung ſollen fortan die Bürger der Reſidenzſtadt keinen Vorzug mehr vor den übrigen Landesangehörigen beſitzen. Von der Ein— ziehung des Land- und Pfundzolles durch die Zollerheber bleiben lediglich die fürſtlichen Diener, jedoch nur für ihren Hausbedarf, nicht für etwaigen Handelsbetrieb befreit. Von dem zu eigenem Gebrauch geſchlachteten Vieh wird das ſogenannte Hausmetzelgeld auch fernerhin nicht erhoben, ebenſo werden grüne Gartengewächſe, Butter, Eier, Milch und Hühner von der Verzollung bis auf Widerruf aus— genommen. Die Hinterſaſſen haben von nun an auch in die übliche Gebühr von 4 Gulden zu erlegen. Der Weidgang wird der Stadt im 159. Umfang be⸗ llaſſen; die zur Erhaltung des Faſelviehs beſtimmten 3 Morgen Acker ſollen ausgeſteint und der Stadt angewieſen werden. Unter Vorbehalt der landesfürſtlichen Beſtätigung verbleibt der —16.— Bürgerſchaft das Recht, Bürgermeiſter, Baumeiſter, Gericht und Rat zu erwählen. Deren Kompetenz erſtreckt ſich unter Leitung des Oberamtes auf Verträge, Teſtamente, Vormundſchaften, wie ihnen auch die Schlichtung bürgerlicher Streitigkeiten in erſter Inſtanz und Beſtrafung der Frevel nach Maßgabe des Landrechts und der erlaſſenen Verordnungen zuſteht. Die Einnahmen der Gemeinde beſtehen aus der Quart von den durch die fürſtliche Kanzlei, das Oberamt oder den Stadtmagiſtrat angeſetzten Polizeiſtrafen unter 10 Gulden, von dem Umgeld, welches die Wirte zu entrichten haben, und von dem Ertrag des Salzregals, aus der Hälfte des Hinterſaſſengeldes ſowie dem Markt- und Stand⸗ geld von den Jahr- und Wochenmärkten. Hieraus hat die Stadt nach den fürſtlichen Tax- und andern Verordnungen ihre Ausgaben zu beſtreiten, insbeſondere die Materialien für die Märkte zu be⸗ ſchaffen, die Standgeld-Einzieher zu bezahlen, ferner die bisher aus dem Stadtalmoſen gefloſſenen Beſoldungen der Almoſenpfleger, Nacht⸗ wächter, Bettelvögte und des Stadtmeßners zu entrichten. Jeder Einwohner, der ein bürgerliches Gewerbe treibt, unterſteht der oberamtlichen und ſtädtiſchen Jurisdiction, die fürſtlichen Diener jedoch nur, ſofern dabei ihr Gewerbe, ihre Liegenſchaften und die hierauf bezüglichen Polizei-Anordnungen in Betracht kommen. Für ihre Perſon, Familie und ihr Geſinde ſind ſie nur der fürſtlichen Jurisdiction unterworfen. Ebenſo tragen alle Einwohner zu den gemeinen Laſten und Umlagen bei, aber auch hier wird für jene fürſtlichen Diener, die kein bürgerliches Gewerbe treiben, eine Aus⸗ nahme feſtgeſetzt, inſofern dieſe von Einquartierung, Thor- und Haupt⸗ wachen und dergl. auch fernerhin verſchont bleiben. Die Häuſer dagegen ſind— mit einziger Ausnahme der herrſchaftlichen Gebäude— ſämtlich zu den ordentlichen und außerordentlichen Leiſtungen heran⸗ zuziehen. Die Schatzung, 519 die Bürger von ihrer liegenden und fah⸗ renden Habe zu erlegen haben, ſoll— abgeſehen von den umzu⸗ legenden Landes- ſowie etwaigen Kriegskoſten— 30 Kreuzer von 100 Gulden nicht überſchreiten. Ein Maximum der Steuerſumme, wie 1722, wird aber jetzt nicht mehr feſtgeſetzt. Von der Gewerbeſchatzung und allen andern herrſchaftlichen Anlagen bleiben ſie befreit, auch haben ſie von ihren auf Karlsruher Gemarkung belegenen Ackern und Gütern keine Zehnten zu entrichten. Hinſichtlich der Schutzbürger, denen, ſoweit ſie bereits aufgenommen ſind, der Schutz auf ihre Lebenszeit zugeſagt wird, während neue nicht mehr zugelaſſen werden ſollen, wird das neben der gewöhnlichen Kopf- und Gewerbeſchatzung jährlich zu zahlende Schutzgeld je nach ihrem Vermögen auf 2 bis 4 Gulden heruntergeſetzt. Von Leibeigenſchaft, herrſchaftlichen Frohnden, Jagden und dergleichen werden auch künftig alle Einwohner Karlsruhes frei bleiben. Wie in anderen Städten ſollen fortan auch in Karlsruhe alle Handwerker und Gewerbetreibenden in Zünfte eingeteilt und gehalten werden, ſich nach den Zunftordnungen, wie ſie jetzt beſtehen und künftig erlaſſen werden, zu richten. Gegen das unverhältnismäßige An⸗ wachſen der Zahl der Wirtſchaften wird energiſch vorgegangen. Die ſogenannten Straußwirtſchaften, in denen gewiſſermaßen improviſiert Bier und Wein ausgeſchenkt wurde, werden ſofort aufgehoben, die Zahl der Tavernwirtſchaften mit Schildgerechtigkeit wird auf 20 feſt⸗ geſetzt und das Oberamt beauftragt, binnen 6 Wochen diejenigen Wirte zu bezeichnen, welche durch die Lage ihrer Häuſer und durch Tüchtigkeit in ihrem Geſchäftsbetrieb verdienen beibehalten zu werden. Außerdem wird vom 23. Juli 1752 an das Umgeld, welches die Wirte zu entrichten haben, ſamt dem Maßkreuzer für Bier und Wein auf denſelben Fuß geſetzt, wie er in Mühlburg und anderen Orten eingeführt iſt. Für Erneuerung der Schildgerechtigkeit wird nur eine mäßige Expeditionstaxe berechnet, für neue Verleihungen dagegen die gleiche Gebühr wie in den übrigen Städten der Unterlande feſtgeſetzt. Was Klein⸗Karlsruhe betrifft, wird verordnet, daß deſſen Bewohner, mit Ausnahme der herrſchaftlichen Diener, als Hinterſaſſen zu betrachten, zur Erlegung des jährlichen Hinterſaſſengeldes von zwei Gulden und zur Leiſtung der herrſchaftlichen Frohnden und Wachten verpflichtet ſeien, daß ferner die von den Häuſern und Gütern zu ent⸗ richtende Abgabe in gleicher Weiſe wie in der Reſidenzſtadt erhoben werde und daß auch für dieſes„Dörflein“ die Abzugs- und Pfund⸗ zollfreiheit ferner keine Geltung habe. Hinſichtlich der Juden wird beſondere Entſchließung vorbehalten. Dieſe wurde ſchon am 5. Juli erlaſſen. Sie beſchränkte den der Judenſchaft erteilten Schutz auf die Familienhäupter, und zwar auf deren Lebenszeit ohne Vererbung auf die Kinder, und ſetzte das Juden⸗ r — 18 ſchutzgeld auf die Bauſchſumme von 700 Gulden feſt. Eine weitere Verfügung wandte ſich gegen den wucheriſchen Geſchäftsbetrieb der 88 Juden. ö Dies waren die Grundlagen, auf denen ſich fortan bis zu der Zeit, da eine andere Auffaſſung von der Stellung der Gemeinden im Staatsleben herrſchend wurde, die ſozialen und wirtſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe Karlsruhes entwickelten. Gemeindebehörden und Einwohner. Handel und Wandel. An der Spitze der Gemeindeverwaltung ſtanden während der Regierung Karl Friedrichs als Bürgermeiſter Joh. E. Kaufmann, Joh. Chriſtian Maſchenbauer, Johann Kornel Roman, Joh. Sebold Kreglinger, der Stadtbaumeiſter Fink, Joh. Chriſt. Schulz, die Stadtbaumeiſter Hennig und Frohmann, Gabriel Bauer, Chriſtian Griesbach. Den Bürgermeiſtern zur Seite ſtanden 6 und ſpäter 12 Stadträte, die ſeit 1760 den Titel Senatoren führten. Erhebliche Veränderungen gingen weder in der Zahl noch in den Eigenſchaften der Einwohner in den nächſten Jahrzehnten vor ſich. Die Vermehrung der Einwohnerzahl fand nur in einer ſehr mäßigen Progreſſion ſtatt, der Zuzug von auswärts, namentlich aus den be— nachbarten ſchwäbiſchen Landesteilen hielt ſich in ſehr engen Grenzen. Die Einwohnerzahl, welche im Jahre 1719 ſich auf rund 2000 belaufen hatte, ſtieg in den nächſten 50 Jahren nur um 1000 und betrug auch am Schluſſe der ungewöhnlich langen Regierung des Markgrafen Karl Friedrich nicht mehr als 7000. Gegen vermögens— loſe Einwanderer, die keinerlei Bürgſchaft für den Beſitz auch nur der nötigſten Subſiſtenzmittel boten, mußte zu verſchiedenen Malen mit ſtrengen Maßregeln eingeſchritten werden. Der Gewerbebetrieb wie auch der Handel bewegte ſich nach wie vor auf dem beſchränkteſten Gebiete und hatte faſt ausſchließlich die Befriedigung der ſehr mäßigen Bedürfniſſe der mittleren und unteren Klaſſen der Einwohnerſchaft im Auge. Feinere Waren, namentlich die Luxusartikel, welche die Angehörigen der höheren Stände be— durften, wurden von auswärts, namentlich aus Straßburg bezogen. 1 — 19 Übrigens war auch der Haushalt des Adels und der höheren Be— amten von jenem der Bürger nur wenig verſchieden. Die Beſcheiden⸗ heit der Anſprüche entſprach dem durchſchnittlich ſehr niederen Maße des Wohlſtandes. Die Schilderung der Wohnräume eines fürſtlichen Hofrates, der neben ſeiner Beſoldung das für die damaligen Verhält⸗ niſſe nicht unbedeutende Vermögen von 30000 Gulden beſaß, aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verrät uns, daß die Wände der Zimmer, wenn ſie nicht den Kalkanſtrich oder eine einfache Erd— farbe zeigten, von einer groben Tapete oder einer in Blfarbe be⸗ malten Wachsleinwand bedeckt waren, die meherere Generationen über— dauern konnte. Eine Kommode mit eingelegter Arbeit und mit hohem Aufſatz war die vornehmſte Zierde des Wohnzimmers, deſſen übriges Mobiliar ein mit Oelfarbe angeſtrichener Schrank, ein einfacher Tiſch, einige Stühle mit Sitzen von Strohgeflecht und ein paar Holzbänke bildeten. Das Kanapee und die Seſſel mit Sitzen, die von ſpani⸗ ſchem Rohr geflochten waren, in der„guten Stube“ wurden nur bei den Wohlhabendſten durch ein gepolſtertes, mit Tuch oder Seiden— ſtoff überzogenes Sopha erſetzt. Ein ſchmaler Spiegel an der Wand, Vorhänge von Leinwand oder Plüſch, ein paar ſilberne Leuchter und eine Uhr mit metallenem Gehäuſe und verziertem Zifferblatt bildeten den Schmuck des Prunkzimmers, deſſen Boden gebohnt war, während man den Boden des Wohnzimmers mit weißem Sande beſtreute, der den Schmutz aufnahm und wöchentlich einmal erneuert wurde. Hinter dem Ofen pflegte auch in der Wohnung der Reicheren das Eſſigfaß zu ſtehen. Das Tiſchgeſchirr beſtand aus Zinn, ſilberne Löffel waren ein Luxus, den ſich nur das Familienoberhaupt und deſſen Gattin geſtatteten. Den Kindern wurde auf grobem irdenen Geſchirr das Eſſen gereicht. Nur ganz wenige Häuſer in Karlsruhe dürften da⸗ mals in ihrer Einrichtung von dieſer Beſchreibung abweichend ausge— ſtattet geweſen ſein. Denn auch unter den am Hofe und in den erſten Staatsämtern angeſtellten Adeligen erfreuten ſich die wenigſten erheblicheren Wohlſtandes. Die Mehrzahl war auf die Bezüge, die aus der fürſtlichen Kaſſe floſſen, angewieſen. Neben den Kaufläden, die in ihrer beſcheidenen Ausſtattung dem Haushalt der Einwohnerſchaft das Nötigſte lieferten, und den wöchent—⸗ lich dreimal abgehaltenen Märkten, die von der Landbevölkerung der Umgegend mit Lebensmitteln verſehen wurden, fand die Karlsruher 1 Hausfrau Gelegenheit auf zwei Jahrmärkten, die mit der Zeit durch einen dritten vermehrt und erſt um die Wende des Jahrhunderts in zwei„Meſſen“ von achttägiger Dauer umgewandelt wurden, ihre Ein— käufe zu machen. Die konſervative Tendenz, die ſich in der Erhal— tung dieſer— nun allerdings hinſichtlich der Verkaufsgegenſtände ſehr erweiterten— Einrichtung bis in unſere Zeit als mächtig erweist, zeigt ſich auch darin, daß, wie heute, auch ſchon vor 100 Jahren die„Meſſen“ am erſten Montag der Monate Juni und November begannen. Der Verfaſſer einer ſchon erwähnten, aus dem Beginne der 1790er Jahre ſtammenden Beſchreibung Karlsruhes teilt mit, daß er keine einzige Manufaktur, ſie ſei in welcher Art ſie wolle, nennen könne, denn hierin ſtehe Karlsruhe faſt allen übrigen badiſchen Städten nach. Beſſer ſah es ſchon mit den Fabriken aus. Ungefähr ſeit zehn Jahren beſtand eine Tabakfabrik, die auch außerhalb Landes anſehnliche Geſchäfte machte, vielen Arbeitern Unterhalt gab und ſchon eine namhafte Summe in's Land zog und in Umlauf brachte. Die In⸗ haber derſelben, die Herren Reuther und Griesbach, hatten auch ſeit einigen Jahren in dem Dorfe Rüppurr, wo auch die Tabaksmühle war, eine engliſche Lederfabrik begründet. Außerdem gab es eine Lichterfabrik. Die auf Veranlaſſung der Markgräfin errichteten An⸗ ſtalten zur Erziehung der Seidenwürmer waren bald wieder auf⸗ gegeben worden. Auch große Materialwaren-Handlungen waren da⸗ mals nicht zu finden. Der Handel mit Schnittwaren befand ſich ganz in den Händen der Juden. Der Beobachter, dem wir dieſe Mitteilungen verdanken, hob rühmend hervor, daß man in Karlsruhe von den beſchwerlichen und drückenden„geſchloſſenen“ Zünften oder Innungen nichts wiſſe, weil der Markgraf ein Feind allen Zwanges in den Gewerben ſei. Es herrſche hierin eine volle Freiheit und jeder dürfe arbeiten, was er arbeiten könne. Man finde z. B. in Karlsruhe einen Sattler, der außer den Geſellen ſeines Handwerks noch Stellmacher- und Eiſenſchmiedegeſellen u. ſ. w. halte, um ganz vollſtändige Wagen in ſeiner Werkſtatt verfertigen zu können. Der Geſundheitszuſtand der Reſidenzſtadt, durch ihre regelmäßige Bauart und verhältnismäßig breiten Straßen, wie durch die Nähe großer Waldungen begünſtigt, war durchweg ein guter. Als bei Vermehrung der Einwohnerzahl das Bedürfnis nach einer reichlicheren — Waſſerverſorgung ſich dringender geltend machte, wurde in der Lamm⸗ ſtraße ein Brunnenhaus mit einem Sammelbecken erbaut, welches die fließenden und Spring⸗Brunnen der Stadt ſpeiste. Nur allmählich gelang es, durch Polizeivorſchriften den Straßen den vorwiegend länd⸗ lichen Charakter zu nehmen, Reinhaltung der Straßen von Haus⸗ haltungsabfällen, Entfernung von Dünger, Koth und Schutt zu er⸗ reichen. Man muß ſich dabei vergegenwärtigen, daß auch in Karls⸗ ruhe, wie noch heute in unſeren Landſtädten, mit den bürgerlichen Gewerben ein kleiner landwirtſchaftlicher Betrieb vielfach verbunden war. Für Kranke, die nicht in ihren Wohnungen ausreichende Pflege finden konnten, insbeſondere für das Geſinde und zugewanderte Leute, war nur ſehr ungenügend geſorgt. Ein kleines Haus mit wenigen Kammern, von denen noch dazu die meiſten für Militär⸗ perſonen vorbehalten waren, nahm die Erkrankten auf, erſt gegen Ende der 1780er Jahre wurde ein eigens für die Krankenpflege erbautes Spital eröffnet, das— wie ein Reiſeſchriftſteller im Jahre 1794 ſchreibt— ſeinem Stifter, dem Hofrat Schweikard, Ehre machte.„Durchaus herrſchen darin Ordnung, Reinlichkeit und Sorgfalt.“ Die in der Markgrafſchaft allgemein vorgeſchriebene Feuerordnung, welche die Gemeinden zur Haltung von Feuerſpritzen, die Hauseigen⸗ tümer zur Anſchaffung von Feuereimern anhielt und alle Bürger zur Mitwirkung bei den Löſcharbeiten verpflichtete, galt auch in dieſem Zeitabſchnitt in Karlsruhe, wurde aber durch beſondere Beſtimmungen, wie es auch in den anderen Städten der Fall war, noch ergänzt und erweitert. Eine ſtaatliche Brandverſicherung wurde erſt 1758 eingeführt. Kirche, Schule und geiſtiges Leben. Für den Gottesdienſt der Einwohner Karlsruhes reichten die in den erſten Jahren des Beſtehens der Stadt errichteten Kirchen auch noch während des größten Teiles der Regierungszeit Karl Friedrichs aus. Erſt im Beginne unſeres Jahrhunderts, in den letzten Regierungsjahren dieſes Fürſten, wurde den Katholiken eine Kirche erbaut und zum Bau einer neuen Stadtkirche für die Lutheraner der Grundſtein gelegt. Der Stadterweiterung mußten die Friedhöfe nach und nach 41 52 weichen und es erfolgte die Anlage neuer Begräbnis⸗Stätten außer⸗ halb der Stadt, während die Begräbniſſe in den Kirchen, die in Aus⸗ nahmefällen noch ſtattgefunden hatten, endgiltig verboten wurden. Für die Volksſchule wurden neue und beſſere Räumlichkeiten hergeſtellt, ein erweiterter Lehrplan regelte den Unterricht, die Grün⸗ dung eines Lehrerſeminars ſorgte für eine fachmäßige Vorbildung des Lehrperſonals. Beim Unterricht waren die Kinder nach Ge— ſchlechtern und Bekenntniſſen getrennt. Für die Soldatenkinder wurde eine beſondere Garniſonſchule errichtet. Rühmend wird von Fremden die durch den Rat Helmling geleitete Taubſtummenſchule als eine vortreffliche Anſtalt hervorgehoben. Das Gymnaſium mußte ſich bis in das erſte Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts mit dem alten, 1724 erbauten, ſchon in den 1780er Jahren als baufällig erklärten Gebäude begnügen, das immer wieder notdürftig ausgebeſſert wurde. Verſchiedene Baupläne wurden zwar entworfen, aber aus Mangel an Mitteln nicht ausgeführt. Erſt 1807 wurde ein neuerbautes Haus bezogen. Für den Zeichenunterricht wurden eigene Schulen gegründet, in denen neben dem Freihandzeichnen auch der Unterricht für Bauhand⸗ werker beſonders betrieben ward. Einige Zeit hindurch beſtand auch eine unter der Leitung des Gymnaſiums⸗Vorſtandes ſtehende Realſchule und für die höhere Aus⸗ bildung der Mädchen eine eigene Lehranſtalt, der man den hochklin⸗ genden Namen„Gynäcäum“ gab. Mit der Zeit beſchäftigten ſich auch Privatſchulen mit der Fortbildung der Jugend. Gegen Ende der Regierungszeit Karl Friedrichs wurde eine Schule für Ingenieure und eine Lehranſtalt für Forſtwiſſenſchaft in das Leben gerufen. Mit dem allmählichen Anwachſen der Einwohnerzahl, mit der Verbeſſerung der wirtſchaftlichen Lage der Einwohner und der Er— hebung ihres Bildungsſtandes auf eine höhere Stufe, ſtellte ſich auch in größerem Maße das Bedürfnis nach litterariſchen Hilfsmitteln ein. Das Buchdruckereigewerbe, in dem vorigen Zeitabſchnitt hin⸗ reichend durch den Druck von Kalendern und Schulfibeln beſchäftigt, begann nun ſich höhere Ziele zu ſetzen. Die Kalender, für die unteren Stände, ſoweit ſie überhaupt des Leſens kundig waren, die einzige Lektüre, wurden durch beſſere Ausſtattung und Vermehrung des Leſe⸗ ö — 53 ſtoffes auf eine etwas höhere Stufe gehoben. Mit dem Drucke von Zeitungen wurde begonnen, von denen ein Wochenblatt vorzugsweiſe amtliche und gewerbliche Anzeigen enthielt, aber wenigſtens vorüber⸗ gehend auch ſchon ein litterariſch belletriſtiſches Beiblatt ausgab, während eine zuerſt zweimal, ſpäter dreimal wöchentlich erſcheinende politiſche Zeitung, wenn auch unter dem Druck einer ſehr ängſtlichen Cenſur, ſich doch ſchon nicht nur referierend, ſondern auch kritiſierend mit den Welthändeln beſchäftigte. Die damals noch durch keine Pri⸗ vilegien geſchützten Werke der deutſchen Litteratur wurden in Karls⸗ ruhe in billigen Ausgaben nachgedruckt. Aber auch für umfangreiche Werke, wie die„Einleitung in die Geſchichte der Markgrafſchaft und des markgräflichen altfürſtlichen Hauſes Baden“ von dem Kirchenrat Sachs, brauchte der Verfaſſer nicht erſt auswärts einen Drucker zu ſuchen. Dieſes für die damalige Zeit höchſt ſchätzenswerte fünfbändige Werk wurde in der Macklot'ſchen Druckerei hergeſtellt, aus der auch das auf Veranlaſſung des Markgrafen Karl Friedrich verfaßte Prachtwerk des gelehrten Straßburger Profeſſors J. D. Schöpflin, die„Historia Zaringo-Badensis“ mit ihrem Urkun⸗ denbuch in 7 Bänden in einer Ausſtattung hervorging, die geradezu als muſtergiltig zu bezeichnen iſt. Karl Friedrichs Hof und ſein Einfluß auf die Stadt. Eine Schöpfung fürſtlichen Willens wie Karlsruhe mußte auf lange Zeit in ihrer ganzen Entwickelung von dem Fürſten, von ſeinem Hofe, von ſeiner Regierung abhängig bleiben. Dabei war denn das Maß und die Form ſolcher Abhängigkeit von der Perfönlichkeit des Fürſten, von dem Geiſt, der an ſeinem Hofe herrſchte, von den Grund⸗ ſätzen, die ſeine Regierung leiteten, beſtimmt. An Stelle des bis in die kleinſten Einzelheiten unmittelbar und gewaltthätig eingreifenden — wenn der Ausdruck erlaubt iſt— wohlwollenden Deſpotismus des Markgrafen Karl Wilhelm trat nun während der Regierung Karl Friedrichs das patriarchaliſche Syſtem, das mit milder Hand Wohlthaten ſpendete und wo die gehoffte Einſicht in die väter— lichen Abſichten der Regierung bei den Regierten fehlte, mehr durch die Macht der Überredung und der allmählichen Angewöhnung als mit ſtrenger und durchgreifender Energie das Werk der Volksbeglückung vollzog. Wenn es das Streben Karl Friedrichs war, ſein während der langen Regierungszeit, die ihm die Vorſehung gegönnt hatte, aus kleinen Anfängen zu dem Rang eines deutſchen Mittelſtaates heranwachſendes Land aller der Vorteile teilhaftig zu machen, die ſich aus der richtigen Verwertung der allgemeinen Zeitſtrömungen wie aus der Kenntnis der nachahmungswerten Zuſtände anderer Länder und ihrer Übertragung auf die heimiſchen Verhältniſſe ergaben, ſo war es in erſter Reihe ſeine Reſidenzſtadt, welcher er das Gute zuwenden wollte, das er als Frucht ſeiner Beſtrebungen aus der ausgeſtreuten Saat aufkeimen zu ſehen hoffte. Den Wunſch, welchen der edle Fürſt in der denkwürdigen Zeit, da er ſich durch Aufhebung der Leib— eigenſchaft ein unvergängliches Denkmal errichtete, für ſein ganzes Land ausſprach:„ein freies, opulentes, geſittetes, chriſtliches Volk zu regieren“, hegte er mit beſonderer Lebhaftigkeit im Hinblick auf Karls⸗ ruhe. Und wenn man die intellektuellen, ſittlichen und wirtſchaftlichen Zuſtände dieſer Stadt im erſten Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts mit jenen vergleicht, die zur Zeit des Regierungsantrittes Karl Fried— richs herrſchten, ſo wird man erkennen, daß nicht nur der allgemeine Fortſchritt, der ſich infolgſge der großen Umwälzungen in Frankreich allenthalben in Europa vollzog, auch auf Karlsruhe günſtig einge— wirkt hatte, ſondern daß in erſter Reihe und ganz unmittelbar der Einwirkung der von Karl Friedrich und ſeiner Regierung befolgten Grundſätze das Verdienſt einer ſo tief eingreifenden Umgeſtaltung zu⸗ zuſchreiben iſt. Die Entwickelung der Stadt aus einer durch fürſtliches Macht⸗ wort in das Leben gerufenen armſeligen Kolonie zu einem ſich aus ſich ſelbſt heraus organiſch geſtaltenden, behäbigen und anſehnlichen Gemeinweſen konnte nur langſam vor ſich gehen, und es wäre eine unnatürliche Forderung geweſen, von dieſer jungen Stadt bereits eine Selbſtändigkeit des bürgerlichen Gemeingeiſtes zu verlangen, wie ſie nur das Ergebnis einer langen geſchichtlichen Entwickelung ſein und weder durch gewaltthätige Befehle noch durch freundliche Ermahnun— gen ohne weiteres hervorgerufen werden kann. Wir ſehen alſo auch jetzt noch in allem, was die Reſidenzſtadt angeht, gewiſſermaßen den Reflex der Vorgänge, der Anſchauungen, der Grundſätze, die bei Hofe und im Schoße der Regierung herr— ſchend waren. Der Hof Karl Friedrichs aber wie ſeine Regier—⸗ ung zeichnete ſich ſowohl durch den Geiſt wahrer Gottesfurcht und echter Nächſtenliebe als auch durch das Beſtreben aus, wie auf wirt— ſchaftlichem ſo auch auf geiſtigem Gebiete die bedeutendſten Errungen⸗ ſchaften der Zeit aufzunehmen und ihnen eine ihre Ziele fördernde Heimſtätte zu gewähren. Indem ſich die Regierung mehr auf An⸗ regungen zu nützlichem Thun, auf Beſeitigung der Schranken und Hinderniſſe, die ſich einer Entfaltung fruchtbringender Thätigkeit in den Weg ſtellten, beſchränkte, als daß ſie ſcharf eingriff und das, was ſie als Wohlthat für die Unterthanen erkannte, gewaltſam aufdrängte, erweckte ſie— und in dieſem Verfahren darf man eine Folge der perſönlichen Einwirkung des Markgrafen erblicken— ein Gefühl der Zufriedenheit und des Behagens, der Sicherheit und Freiheit, welches ſo feſt in den Gemüthern wurzelte, daß es auch dann nicht erſchüttert wurde, wenn der Erfolg den Abſichten des Markgrafen und ſeiner Regierung nicht immer völlig entſprach, weil es auf der unerſchütter⸗ lichen Überzeugung von der Gerechtigkeit, der Einſicht und dem guten Willen des Landesfürſten ſelbſt und ſeiner Organe beruhte. Wenn dieſes Gefühl im ganzen Lande herrſchte, um wie viel mehr in der Reſidenzſtadt, deren Bürgerſchaft in erſter Reihe die trefflichen Ge⸗ ſinnungen, die im Schloſſe und in der Kanzlei herrſchten, zu gute kamen. Es iſt kein Zufall, daß in allen Beſchreibungen der Stadt Karls—⸗ ruhe, die wir aus dem vorigen Jahrhunderte beſitzen, die Mittei— lungen über den Markgrafen und ſeinen Hof und über die aus⸗ gezeichneten Männer, denen er ſein Vertrauen ſchenkte und die Pflicht auferlegte, in ſeinem Sinne ſein Volk zu leiten und zu beglücken, einen ſo breiten Raum einnehmen. Der Fremde, der damals nach Karlsruhe kam, konnte füglich durch nichts anderes angezogen werden als durch den Hof und die geiſtigen Anregungen, die von dieſem ausgingen. Aus der Ehe Karl Friedrichs mit der Prinzeſſin Karoline Luiſe von Heſſen-Darmſtadt entſtammten drei Söhne, der Erbprinz Karl Ludwig und die Prinzen Friedrich und Ludwig. Der Erbprinz vermählte ſich im Jahre 1774 mit einer nahen Verwandten von mütterlicher Seite, der Prinzeſſin Amalie Friederike von Heſſen⸗Darmſtadt, Prinz Friedrich 1791 mit der Prinzeſſin Chri⸗ ſtine Luiſe von Naſſau-Uſingen, während Prinz Ludwig unver⸗ — 35˙ mählt blieb. Der Erbprinz wird als ein Mann von vortrefflichen Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens geſchildert, der dank dieſen Anlagen und einer ſorfältigen Erziehung dereinſt ein würdiger Nach— folger ſeines Vaters zu werden verſprach. Seine Gemahlin zeichnete ſich nicht minder durch hervorragende Geiſtesgaben wie durch einen in allen Lebensverhältniſſen bewährten Charakter aus. Der reiche Kinder— ſegen, der dieſem Ehebunde beſcheert war, erwies ſich in ſpäteren Jahren bedeutungsvoll nicht nur für die regierende Familie, ſondern auch für das ganze Land durch die Verbindungen, welche das badiſche Fürſten⸗ haus der Vermählung der Töchter des Erbprinzen mit Prinzen ver— ſchiedener fürſtlicher Dynaſtien zu danken hatte. Von dieſen ſechs Töchtern blieb nämlich nur die älteſte, Prinzeſſin Amalie, unver⸗ mählt, während ſich Karoline mit dem Herzog Maximilian von 65 Pfalz⸗Zweybrücken, ſpäteren König von Bayern, Luiſe mit dem Groß⸗ fürſten, ſpäteren Kaiſer Alexander I. von Rußland, Friederike mit dem König Guſtav IV. von Schweden, Marie mit dem Herzog Friedrich Wilhelm von Braunſchweig, Wilhelmine mit dem Erb⸗ prinzen, ſpäteren Großherzog Ludwig II. von Heſſen-Darmſtadt ver⸗ mählte. Von zwei Söhnen des Erbprinzen war einer in zarteſter Kindheit geſtorben, ſo daß nur der Prinz Karl Ludwig Friedrich als Stammhalter des fürſtlichen Hauſes erſchien, da die Ehe des Prinzen Friedrich kinderlos blieb. Die Hoffnungen, welche alle, die ihn kannten, auf den Erb⸗ prinzen geſetzt hatten, ſollten ſich nicht erfüllen. Als er im Jahre 1801, nachdem er ſeine Töchter in Rußland und Schweden beſucht hatte, auf der Heimreiſe begriffen war, verunglückte der Erbprinz am 16. Dezember bei Argoba in Schweden durch einen Sturz ſeines Reiſewagens. Auch der Gemahlin Karl Friedrichs war kein hohes Alter be— ſchieden. Während eines Aufenthaltes in Paris in Begleitung des Prinzen Friedrich ſtarb die Markgräfin Karoline Luiſe am 8. April 1783. Vier Jahre ſpäter entſchloß ſich der Markgraf Karl Friedrich, eine zweite Ehe einzugehen und wählte zu ſeiner Lebensgefährtin das Fräulein Luiſe Karoline Geyer von Geyersberg. Obwohl er dieſe Ehe keineswegs als eine morga⸗ natiſche betrachtete, ſondern als er ſie ſchloß, ausdrücklich den ihr entſtammenden Kindern das Recht der eventuellen Erbfolge zuerkannte, 5 wollte der Markgraf aus zarter Rückſicht für ſeine Schwiegertochter, die Erbprinzeſſin, ſeiner zweiten Gemahlin nicht den fürſtlichen Rang gewähren, ſondern verlieh ihr den Namen einer Frau von Hochberg. 1796 erfolgte ihre Standeserhöhung zur Reichsgräfin durch Kaiſer Franz II. Auch die zweite Ehe Karl Friedrichs war ſehr glücklich. Fand er auch in derſelben nicht einen Erſatz für die ſeltenen Eigen⸗ ſchaften ſeiner erſten Gemahlin, die unzweifelhaft zu den ausgezeich— netſten Frauen ihrer Zeit gehörte, ſo gewährte ſie ihm doch, was er wünſchte, die Freuden eines traulichen Familienlebens und durch die Heiterkeit des Gemütes, welche die Reichsgräfin nie vermiſſen ließ, den Reiz anmutigen Verkehres. Daß der Markgraf ſie gelegentlich „Madame Sansſouci“ nannte, mag dafür ein vollgültiges Zeugnis ſein. Sie ſchenkte ihrem Gemahl drei Söhne, die Reichsgrafen Leopold, Wilhelm und Maximilian von Hochberg und eine Tochter Gräfin Amalie, die ſich ſpäter mit dem Fürſten zu Fürſten⸗ berg vermählte. Prinz Friedrich war, nachdem er kurze Zeit in holländiſchen Dienſten geſtanden, in die Heimat zurückgekehrt und führte an der Seite ſeiner gleichgeſinnten Gemahlin ein ſtilles Leben, das in erſter Reihe Werken der Gemeinnützigkeit und Wohlthätigkeit gewidmet war. Prinz Ludwig trat 1789 in königlich preußiſche Kriegsdienſte, die er indeß infolge der politiſchen Verhältniſſe im Jahre 1795 wieder verließ, um ſich von da an der Ausbildung des heimiſchen Militärs zu widmen. Karl Friedrichs einziger Bruder Prinz Ludwig Wilhelm, der längere Zeit in holländiſchen Dienſten geſtanden und in den— ſelben den Rang eines Generallieutenants erlangt hatte, bewohnte ein hübſches Schlößchen in Mühlburg, wo er, morganatiſch mit Chriſtiane Schortmann, welcher Karl Friedrich den Namen einer Frau von Seldeneck verliehen hatte, vermählt, das behagliche Leben eines Landedelmannes führte. Der frühere Adminiſtrator, Markgraf Karl Auguſt, hatte, nachdem ſeine vormundſchaftliche Thätigkeit beendigt war, wieder im Schloſſe zu Durlach ſeinen Wohnſitz auf⸗ geſchlagen, wo auch ſeine Brüder, die Markgrafen Karl Wilhelm Eugen und Chriſtoph, nachdem ſie aus rühmlichen Kriegsdienſten, der eine in der ſardiniſchen, der andere in der öſterreichiſchen Armee, in die Heimat zurückgekehrt waren, reſidierten. Dieſe Fürſten ver⸗ kehrten aber auch viel am Karlsruher Hofe, und wir entnehmen den Berichten Fremder, deren Stellung den Verkehr am Hofe geſtattete, daß ſie nicht verfehlten, auch dieſen fürſtlichen Herrn ihre Aufwar⸗ tung zu machen. Der ganze Hofhalt war auf einem verhältnismäßig einfachen Fuße eingerichtet. Karl Friedrich war ein guter Haushalter und ausgeſprochener Gegner des übertriebenen Luxus, wie er im 18. Jahr⸗ hundert, in Nachahmung des Vorbildes von Verſailles, an ſo vielen Höfen herrſchte und die Finanzen nicht nur der fürſtlichen Familien, ſondern auch ihrer Länder zerrüttete. Für ſeine eigene Perſon hatte der Markgraf wenige Bedürfniſſe. Ein ſchwediſcher Reiſender, Jakob Jonas Björnſtahl, der zu Ende der 1770er Jahre große Reiſen machte und, von Linn6 an die Markgräfin Karoline Luiſe em⸗ pfohlen, in Karlsruhe längeren Aufenthalt nahm, war erſtaunt, zu ſehen, daß der Markgraf, als er mit dem Erbprinzen aus der Sitzung des geheimen Rates kam, bloß einen Läufer und zwei Lakaien bei ſich hatte und in einem Wagen mit zwei Pferden ohne weitere Pracht fuhr.„Dieſer Herr, ſagt er, iſt zu ſehr Philoſoph, um dergleichen Glanz zu lieben. Er will nicht, daß die Trommel gerührt werden ſoll, wenn er vorbeikommt, ſondern die Wache tritt blos in's Gewehr. Er kleidet ſich ſchlecht und recht, trägt faſt beſtändig Stiefeln und Sporen, ſieht's auch gern, wenn andere, ſogar bei Hofe, in ſolcher Kleidung gehen.“ Dabei fehlte es doch keineswegs an würdiger und dem Range des fürſtlichen Hofes angemeſſener Repräſentation. Wenn auch große und glänzende Feſte nur ſelten ſtattfanden, ſo herrſchte am Karlsruher Hofe doch eine ſehr ausgedehnte Gaſtlichkeit. Jeder Fremde von Diſtinktion, der nach Karlsruhe kam, ließ ſich bei Hofe melden. Es hing dann von ſeinem Range ab, in welcher Weiſe er aufgenommen ward. Den Vornehmſten wurde Wohnung im fürſt⸗ lichen Schloſſe angeboten. Andere wurden auf Koſten des Markgrafen ein einem Gaſthofe einlogiert, für die Dauer ihres Aufenthaltes zur fürſtlichen Tafel geladen und erhielten, wie jene, Hofequipage und Dienerſchaft. Anderen ward ihr Platz an der Marſchallstafel ange⸗ wieſen, die meiſtens in dem gleichen Saale aufgeſtellt war, in welchem die Fürſtlicht. en ſpeiſten. Manche Fremden wurden dem Mark⸗ grafen vorgeſtellt, während nach der Tafel in einem anderen Saale der Kaffee eingenommen wurde. Später war Komödie, Konzert oder Spiel. Zuweilen zogen es die Fürſtlichkeiten vor, ohne Gefolge und Gäſte im Familienkreiſe zu ſpeiſen. Dies hieß in der Hofſprache: „in der Retraite“. Aus den Berichten von Fremden, die am Karlsruher Hofe em⸗ pfangen wurden und ihre Reiſeerlebniſſe veröffentlichten, geht hervor, daß die fürſtlichen Herrſchaften nicht nur voll freundlichen Wohl⸗ wollens für ihre Gäſte waren, ſondern auch, daß ihr Geſpräch ſich weit über das Niveau der alltäglichen Konverſation erhob. Alle rühmen die vielſeitigen Kenntniſſe des Markgrafen, der Markgräfin und der Prinzen. Mit jedem wußten ſie ein Thema anzuſchlagen, das für ihn von beſonderem Intereſſe war. Der Markgraf liebte es, Gäſte gelehrten Standes ſelbſt in ſeine Bibliothek zu führen, ihnen die ſeltenen Bücher und Handſchriften, die wertvollſten Stücke ſeiner Münzſammlung zu zeigen. Die Markgräfin geleitete Kunſt⸗ liebende perſönlich zu ihren Bildern, zu den wertvollen botaniſchen Sammlungen, die ſie angelegt hatte. Und die gleiche Freundlichkeit und Huld wurde ausnahmslos jedem zuteil, der die Schwelle des Fürſtenſchloſſes überſchritt. Während des Aufenthaltes Klopſtocks am Karlsruher Hofe fand ſich, den berühmten Dichter zu ſehen, ein Litterat Affſprung aus Ulm ein. Unbemittelt, wie er war, hatte er den weiten Weg zu Fuße zurückgelegt. Der Markgraf hörte von dem Enthuſiaſten, ließ ihn zu ſich rufen und lud ihn zum Hofkonzert. Dem Fußreiſenden fehlte die vorgeſchriebene Kleidung. Verlegen blieb er, von den erſtaunten Hofleuten nicht in der freundlichſten Weiſe fixiert, an der Thüre ſtehen. Kaum ward der Markgraf deſſen gewahr, als er auch ſchon einem der Prinzen winkte, ſich des Vereinſamten anzu⸗ nehmen und durch freundliche Anſprache in den Kreis der Gäſte zu ziehen. Noch in ſpäteren Jahren klang aus Affſprungs Aufzeichnungen die Dankbarkeit über ſeine freundliche Aufnahme am Karlsruher Hofe heraus. Die Regierung und ihre Organe. Der Geiſt, der am Hofe des Markgrafen Karl Friedrich herrſchte, war auch im Kreiſe der höheren Beamten lebendig, unter denen ſich eine Reihe von Männern befand, die nicht! r durch die 50 Tüchtigkeit ihrer Leiſtungen auf dem von der Rechtsſprechung noch nicht getrennten Gebiete der Verwaltung, durch ihren Fleiß und ihre Einſicht ſich hervorthaten, ſondern denen auch ein reiches Maaß all⸗ gemeiner Bildung eine die Verdienſtlichkeit ihres amtlichen Wirkens noch überragende Bedeutung gab. Bei der Berufung ſeiner oberſten Räte hatte der Markgraf in vielen Fällen über die Grenzen des kleinen Landes hinausgegriffen und ausgezeichnete Männer aus anderen Teilen des Reiches in ſeinen Dienſt gezogen. Der bekannte Publiziſt Weckerlin(der unter dem Pfeudonym Anſelmus Rabioſus 1778 den fingierten Bericht über eine Reiſe durch Oberdeutſchland veröffentlichte) drückt ſich darüber folgendermaßen aus:„Eben diejenigen Koſten, welche ſich andere Prinzen machen, Kunſtſtücke in Europa aufzukaufen, hat der Markgraf aufgewendet, eine Sammlung Männer von Talent anzulegen. Indem man ſolcher⸗ geſtalt dem Verdienſte zu Karlsruhe die Thüre geöffnet hat, ſo haben ſich fähige und geſchickte Ausländer von allen Seiten eingefunden und der Markgraf hat das Genie an ſeine Regierung geheftet. Die Folgen hievon ſind herrſchendes Licht in der Staatsverwaltung, Reſonanz zwiſchen den Departements, ein thätiger, erleuchteter und wirkender Wetteifer unter den Dienern, Rat und That im Kabinete.“ Unzweifelhaft hatte die Berufung auswärtiger Kräfte den doppel⸗ ten Vorteil, einmal daß auf dieſem Wege dem Lande und der Füh— rung der Regierungsgeſchäfte von Zeit zu Zeit friſche Kräfte mit Anſchauungen, welche von der alltäglichen und eingewurzelten Meinung und Praxis wohlthätig ſich abhoben, zugeführt wurden, und ſodann daß— das Überwiegen kleiner in ſich abgeſchloſſener Kreiſe und einer durch verwandtſchaftliche Bande beeinflußten Parteilichkeit, die ſich in einem Nachbarlande nachteilig geltend machte, wenn nicht ganz ausgeſchloſſen, doch auf ein geringes Maaß beſchränkt ward. Konflikte wie ſie dann und wann zwiſchen Perſonen verſchiedener Geiſtes- und Denk⸗ ungsart und ungleicher Vorbildung für ihren Wirkungskreis nicht ausbleiben konnten, wurden aber durch die ausgleichende und in allen grundſätzlichen Fragen mit feſter Hand entſcheidende perſönliche Ein⸗ wirkung des Markgrafen wenn nicht ganz hintangehalten, ſo doch gemildert, der nach wie vor ſeine ganze und volle Aufmerkſamkeit nicht nur der Aufſtellung der Regierungsgrundſätze, ſondern auch der eingehenden Aufſicht über ihre Durchführung zuwandte. — 61— Die tüchtigen Männer aber, denen Karl Friedrich ſein Ver— trauen ſchenkte, wenn auch ihre ſegensreiche Wirkſamkeit dem ganzen Lande gehörte, beeinflußten doch durch die Macht ihrer Perſönlichkeit unmittelbar und darum am ſtärkſten den Kreis, in welchem ſie ſich Tag für Tag bewegten. Es iſt gewiß ihrem Einfluſſe mit zuzu⸗ ſchreiben, daß ſich— wie das den ſcharf blickenden und unbefangen urteilenden fremden Beſuchern der Reſidenzſtadt angenehm auffiel— im Verkehr der Einwohner unter ſich und mit den Fremden eine ge— wiſſe Urbanität des Betragens und der Anſichten geltend machte, die ſich von dem banauſiſchen Weſen anderer kleiner, ja auch mancher viel größerer deutſchen Städte in wohlthuender Weiſe unterſchied. Wenn wir hier einige Namen nennen— ohne die Abſicht, eine vollſtändige Nomenklatur der tüchtigen Männer des fürſtlichen Dienſtes zu geben— ſo iſt für den Zweck, den wir mit ihrer Aufführung verfolgen, im Auge zu behalten, daß nicht nur von ihnen ſelbſt eine bedeutſame Einwirkung auf die Sffentlichkeit ausging, die ſich in ihren Einflüſſen bis in das Thun und Treiben des kleinbürgerlichen Lebens fortſetzte und fühlbar machte, ſondern daß auch ihre Familien durch den Verkehr, den ſie unter einander und mit anderen Kreiſen pflogen, dazu beitrugen, die Elemente einer edlen Geſelligkeit und höheren geiſtigen Anregung vielleicht dem oberflächlichen Beobachter kaum be— merkbar, aber doch unzweifelhaft mit bleibender und tiefgreifender Wirkung zu verbreiten. Ein hervorragender Publiziſt, der mit Meiſterſchaft das herr— ſchaftliche Intereſſe in den wichtigſten ſtaatsrechtlichen Angelegenheiten, vor allem bei Abſchluß des Erbvertrages, durch welchen der Anfall der baden⸗badiſchen Lande geſichert wurde, vertrat, war Johann Jakob Reinhard, in dem bis zu ſeinem Ableben im Jahre 1772 der Markgraf auch die zuverläſſigſte Stütze in ſeiner umfaſſenden Re⸗ formthätigkeit auf allen Gebieten der Rechtspflege und Verwaltung fand. Ihm ſtand, wenn auch nicht an Geiſt und Talent, ſo doch durch gründliche Kenntuiſſe und hervorragende Arbeitskraft ebenbürtig Auguſt Johann von Hahn zur Seite, der bis 1788 dem fürſtlichen Dienſte ſeine nie ermüdende Thätigkeit widmete. Auch Georg Ernſt Ludwig Preuſchen nahm im Geheimerats-Kollegium eine be⸗ deutende Stellung ein, bis er 1772 einem Rufe in naſſau⸗oraniſche Dienſte folgte. Die ausgezeichnetſte Perſönlichkeit unter den Ge⸗ 62 heimen Räten war unſtreitig Freiherr Wilhelm von Edels heim, ein Mann, der mit den reichſten Kenntniſſen und der reifſten Einſicht in ſämtliche Gebiete der Staatsverwaltung eine umfaſſende allge— meine Bildung verband, auf größeren Reiſen die Welt und die nam⸗ hafteſten Perſönlichkeiten der fremden Höfe kennen gelernt hatte und in das kleinere Gemeinweſen, an deſſen Regierung er einen tiefein⸗ greifenden Anteil nahm, die großen Geſichtspunkte und die Vorurteils⸗ loſigkeit mitbrachte, wie ſie eben nur der Verkehr mit den auf den Höhen der Menſchheit Stehenden gewähren konnte. Mit dem Herzog Karl Auguſt von Sachſen-Weimar und mit Goethe eng befreundet, einer der Urheber des Fürſtenbundes, war er, als die völlige Umgeſtaltung der europäiſchen Verhältniſſe ſich vorzubereiten begann, als Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Badens der erſte Ratgeber ſeines Fürſten. Gerade in einem der wichtigſten Momente jener an folgenſchweren Er— eigniſſen ſo reichen Zeit, im Jahre 1793 vom Tode ereilt, konnte er zum Glücke für Karl Friedrich und das badiſche Land durch ſeinen Bruder Georg Ludwig von Edelsheim erſetzt werden, der, nicht ſo genial wie Wilhelm, aber mit der gleichen Umſicht und Kenntnis in den Verhältniſſen der auswärtigen Politik, die badiſchen Intereſſen in den an ſchwierigen Aufgaben ſo fruchtbaren Zeitläufen noch über die Dauer der Regierungszeit Karl Friedrichs hinaus vertrat. Dabei ſtand ihm ein jüngerer Staatsmann, an Geiſt und Charakter vielleicht noch überlegen, zur Seite, der Freiherr Karl Johann von Reitzen— ſtein, dem Baden zumeiſt die während der ſtürmiſchen Epoche zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts errungene Ver⸗ größerung, ſpäter aber auch noch auf dem Gebiete der inneren Ver⸗ waltung die erſprießlichſten Leiſtungen zu danken hat. Eine ganz be⸗ deutende Perſönlichkeit war Johann Georg Schloſſer, Goethes Schwager, der— nach längerem Wirken in der Verwaltung zuerſt als Mitglied des Hofrates in Karlsruhe, dann als Oberamtmann zu Emmendingen— allerdings nur während fünf Jahren in der oberſten Landesbehörde, im Geheimerats⸗Kollegium wirkte, aber trotz dieſer kurzen Spanne Zeit bleibende Spuren der Wirkſamkeit ſeines reichen Geiſtes und edlen Charakters zurück ließ, als er, zu groß angelegt für die kleineren Verhältniſſe, in denen ſich ſeine Thätigkeit bewegte, und der Reibungen, welche dadurch hervorgerufen wurden, müde, im Jahre 1792 aus dem fürſtlichen Dienſte ausſchied. Die Freiherren Johann 1 4 Reinhard von Gemmingen und Heinrich Gayling von Alt⸗— heim waren erfolgreich als Leiter der Finanzverwaltung thätig und gaben ihr, ganz im Sinne des Markgrafen, die Signatur, indem ſie bei ſtrenger Ordnung und weiſer Sparſamkeit den Geiſt der Billig⸗ keit und Milde walten ließen, der im Verkehr mit den Staatsange— hörigen jede Härte ausſchloß. Mit klarem Verſtande und warmem Herzen beſorgte Karl Friedrich Seubert die Aufſicht über das Kirchen- und Schulweſen und ſtand gleichzeitig dem Lehenhofe vor, der damals noch einen weiten Wirkungskreis umfaßte und von ſeinem oberſten Beamten eine Fülle juriſtiſcher Kenntniſſe verlangte. Als unübertrefflicher Kenner des Reichsrechtes that ſich Emanuel Meier hervor, der zudem durch die meiſterhafte Beherrſchung der Form in den vielen ſchriftlichen Ausarbeitungen, die ihm oblagen, auch an fremden Höfen wohlbegründetes Anſehen genoß, neben ihm Nikolaus Friedrich Bauer, deſſen vielſeitige Begabung, lauterer Charakter und unvergleichliche Arbeitskraft im erſten Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts bei der Konſtituierung und Organiſation des vergrößerten Staatsweſens ſich durch muſtergiltige Schöpfungen bewährte. Neben dieſen Män⸗ nern ſind noch als hervorragende Zierden des höheren Beamtenſtandes Freiherr Wilhelm Marſchall von Bieberſtein, Freiherr Karl Wilhelm Drais von Sauerbronn, die ſpäter zu hohen Würden emporſtiegen, Freiherr von Günderode, der neben ſeinen geſchäft⸗ lichen Arbeiten auch wiſſenſchaftlich thätig war und zu früh einer viel— verſprechenden Laufbahn durch den Tod entriſſen wurde, und Karl Friedrich Gerſtlacher zu nennen— wahrlich eine ſtattliche Reihe hervorragender Staatsmänner, wie ſie in ſolchem Verein und Zu— ſammenwirken auch in größeren Staaten doch nur ſelten gefunden wurden. Geiſtliche, Lehrer und Gelehrte. Aber auch auf vielen anderen Gebieten waren in Karlsruhe ausgezeichnete Männer thätig, deren Leiſtungen im Verein mit dem Geiſte, der am Hofe herrſchte und die Verwaltung durchdrang, wohl geeignet waren, der badiſchen Reſidenzſtadt einen weit über die An⸗ ſprüche, die ſie durch ihren Umfang und ihre ſonſtigen Vorzüge konnte, hinausragenden guten Ruf zu ſichern. Von den lutheriſchen und reformirten Predigern ſei hier in 1120 604 Reihe der Oberhofprediger Johann Leonhard Walz erwähnt, ein Mann von gründlichen Kenntniſſen und rechtſchaffenem Charakter, Anhänger eines milden Supranaturalismus ohne confeſſionelle Ein⸗ ſeitigkeit, ein Prediger, der, unterſtützt durch ein mächtiges Organ, es verſtand, ergreifend und erſchütternd die Gemüter ſeiner Zuhörer zu bewegen, auch poetiſch veranlagt, Verfaſſer mehrerer noch heute geſungenen Kirchenlieder und als Redaktor des im Jahre 1787 in Gebrauch genommenen badiſchen Geſangbuches auch für ſpätere Gene⸗ rationen noch wichtig. Neben ihm wirkten Vater und Sohn Mau⸗ ritii, jener ein ehrlicher aber trockener und wenig anregender Mann, dieſer als Kanzelredner ſehr beliebt, auch von den Freunden auf⸗ geklärter Denkungsart hochgeſchätzt, aber ſchon in jungen Jahren der Gemeinde durch den Tod entriſſen, ferner der Hofdiakonus Preuſchen, der indes weniger durch ſeine Wirkſamkeit auf der Kanzel als durch bedeutende Kenntniſſe in den mathematiſchen Wiſſenſchaften und eine außergewöhnliche Geſchicklichkeit in mechaniſchen Künſten, beſonders durch ſeine„Typometrie“ ſich in weiteren Kreiſen bekannt machte. Von den reformierten Predigern wurden Stückelberger und Kühlenthal ſehr geſchätzt, der letztere beſonders durch ſeine prunk— loſen aber ſorgfältig ausgearbeiteten und vortrefflich vorgetragenen Predigten, welche auch manchen Lutheraner in die ſtets gefüllte kleine Kirche der Reformierten zog. Sehr tüchtige Männer waren auch als Lehrer an dem Gym⸗ naſium thätig, deſſen Lehrplan eine Reihe von Fächern umfaßte, welche heutzutage an den Mittelſchulen nicht mehr gelehrt werden. Es befanden ſich darunter der gelehrte Philoſoph Tittel, ein An⸗ hänger der Feder'ſchen Philoſophie, die er mit Eifer gegen die neuen Lehren Kant's verfocht, Sachs, dem man neben vielen kleineren geſchichtlichen Arbeiten die ſchon erwähnte„Einleitung in die Ge— ſchichte der Markgrafſchaft und des markgräflichen altfürſtlichen Hauſes Baden“ verdankt, Böckmann, ein geborener Lübecker, der, ein ſehr kenntnisreicher Mathematiker und Phyſiker, ſich auch eine ge⸗ diegene litterariſche Bildung angeeignet hatte und mit dem zu Göttingen im„Hainbund“ vereinigten Kreiſe von Dichtern in lebhaftem Verkehre ſtand, Wucherer, ebenfalls ein Mathematiker, Bouginé, der neben ſeinen Lehrſtunden in der klaſſiſchen Philologie auch Litteratur⸗ geſchichte lehrte und in ſchriftſtelleriſchen Arbeiten pflegte, Hauber, der auf dem Gebiete der Geographie und Statiſtik ausgebreitete Kenntniſſe beſaß, etwas ſpäter Karl Chriſtian Gmelin, deſſen Ar⸗ beiten das geſamte Gebiet der Naturwiſſenſchaften umfaßten, Johann Peter Hebel, deſſen Ruhm als alemanniſcher Dichter die Bedeutung ſeiner Lehrthätigkeit in den Hintergrund drängte, Nikolaus Sander, Jakob Friedrich Gerſtner, Jakob Friedrich Theodor Zandt u. a. Alle dieſe gelehrten Männer waren nicht nur in der Schule und in ihren Abeitszimmern thätig, ſondern ſie trugen die Fülle ihres Wiſſens auch gern in weitere Kreiſe. Die von Tittel 1766 gegründete „lateiniſche Societät“, welche auch in mehreren Bänden geſammelt litterariſche Zeugniſſe ihrer Thätigkeit hinterließ, wirkte ebenſo über den Kreis der Schule hinaus wie das„lateiniſche Redeinſtitut“, welches Sachs im Jahre 1775 in's Leben rief. Von Böckmann ließ Karl Friedrich ſich und ſeiner Familie zuweilen Vorträge über die neuen Fortſchritte der Phyſik halten, zu denen außer dem Hofſtaat auch die höheren Staatsbeamten beigezogen wurden. Ja auch öffentliche Vorträge fanden damals bereits ſtatt, wie uns Schu⸗ bart in ſeiner„Teutſchen Chronik“ am 11. März 1776 berichtet. „In Karlsruhe— ſagt er— da ſiehts aus, wie zu Athen zu den Zeiten des Perikles. Die Jünglinge rennen in die Stoa der Weiſen und ſelbſt Weiber und Mädchen drängen ſich dahin und bilden einen Sternenkranz um das Leben her.... Herr Profeſſor Sander, ein würdiger Mann, liest über Naturgeſchichte ſo ergreifend und ſchön, daß ſich Junge und Erwachſene in ſeine Vorleſungen drängen. Herr Profeſſor Böckmann liest über die geſamte Naturlehre und lud kürzlich das ganze Publikum mit einem ſolchen Enthuſiasmus für die Wiſſenſchaft dazu ein, daß unſer einer es wohl ſelbſt mit anhören möchte.— O Karlsruh, Karlsruh! Wie wirſt Du unter Deinem vortrefflichen Fürſten ein ſo herrliches Muſter der Nach⸗ ahmung für teutſche Höfe und Städte!“ Auch die Vorſtände der fürſtlichen Sammlungen trugen zur Belebung und Pflege des geiſtigen Lebens der Reſidenzſtadt bei, vor allem der ebenſo kenntnisreiche als gefällige Oberbibliothekar Molter, der die reichen Schätze der Hofbibliothek und des Münz— kabinets den Beſuchern gern perſönlich erläuterte und auch weiteren Kreiſen durch eine ihre Beſtände verzeichnende Schrift bekannt machte. Die bildende Kunſt hatte eine beſondere Gönnerin an der Mark⸗ — — 66— gräfin Karoline Luiſe, die ſelbſt vorzüglich zeichnete und malte und mit tiefem Verſtändnis und feinem Geſchmack eine zwar kleine, aber auserleſene Sammlung von Bildern namentlich franzöſiſcher und niederländiſcher Meiſter, die heute zu den vornehmſten Zierden der Karlsruher Gallerie gehören, anlegte. Die Hofmaler Melling und Becker waren Künſtler, deren Namen weit über das Weichbild Karlsruhes hinaus einen guten Klang hatten. Auch ein nicht un⸗ bedeutendes Kabinet von Kupferſtichen war vorhanden, das, wie die Hausbibliothek des Markgrafen, unter der Aufſicht des Hofrates Griesbach ſtand. Die lebhafteſte Teilnahme brachte die Markgräfin der Botanik ent⸗ gegen. Sie beherrſchte das an Naomenklaturen ſo reiche Linné'ſche Syſtem auf das Gründlichſte, ſtand mit Linns ſelbſt in Briefwechſel und plante ſogar die Herausgabe eines großen botaniſchen Werkes, zu deſſen Illuſtration ſie den Kupferſtecher Gauthier Dagoti aus Paris nach Karlsruhe kommen ließ. Litterariſche Zuſtäude. Beſuche berühmter Mlänner. Wenn gleich Karl Friedrich ſich ebenfalls für die Fort⸗ ſchritte der Naturwiſſenſchaften, insbeſondere im Intereſſe der Landes⸗ kultur, die ihm ſehr am Herzen lag, intereſſirte, ſo brachte er doch eine noch lebhaftere Teilnahme den Erſcheinungen auf dem Gebiete der Litteratur entgegen. Die Zeit, da nach dem Abſchluſſe des Hu⸗ bertusburger Friedens eine längere Ara ruhiger und ungeſtörter Ent⸗ wickelung der inneren Verhältniſſe erwartet werden durfte, die 60er und die erſte Hälfte der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts, darf man für die Markgrafſchaft und in erſter Reihe für Karlsruhe als die litterariſche Epoche bezeichnen. Mit emſigem Bemühen iſt jetzt der Markgraf Karl Friedrich beſtrebt, den Beiſpielen größerer Centren folgend, ſeine Reſidenz zum Mittelpunkt eines geiſtig an⸗ geregten Lebens zu machen und— wie er ſeine Verwaltung durch Heranziehung hervorragender Kräfte aus anderen Teilen des Reiches belebte und erſtarken machte— nun auch auf dem wiſſenſchaftlichen und litterariſchen Gebiete ausgezeichnete Männer an ſich zu ziehen, ſei es, daß er dahin ſtrebte, ſie ganz an ſeine Hauptſtadt zu feſſeln, ſei es, daß er nur aus ihren vorübergehenden Beſuchen neue An— regungen empfing. Als er den ſchon genannten Böckmann aus Lübeck berief, war es nicht nur der tüchtige Mathematiker und Phyſiker, den er an der erſten höheren Schule ſeines Landes anſtellte, Bildung hin. Durch ihn ließ Karl Friedrich im Sommer 1774 an den Dichter des„Meſſias“, an Klopſtock, die Einladung ergehen, ſeinen Wohnſitz in Karlsruhe aufzuſchlagen, um mit dem Range und Titel eines markgräflichen Hofrates, doch ohne eigentliche dienſtliche Verpflichtungen in voller Unabhängigkeit hier der Dichtkunſt zu leben. Sein Aufenthalt war allerdings nicht von langer Dauer. Schon im März 1775, als ihn ſein von Madrid nach dem Norden zurück⸗ kehrender Bruder, der Legationsſekretär Karl Chriſtoph Klopſtock, beſuchte, entſchloß ſich der Dichter, deſſen ausgeſprochen norddeutſchem Weſen der Aufenthalt im Süden nicht recht ſympathiſch werden wollte, ohne Abſchied wieder zu verſchwinden. Sicher war es nicht der Mangel geiſtiger Anregung, der ihn nach Hamburg, wo er deren vermutlich nicht mehr vorfand, zurückrief. Denn Klopſtock traf, als er Karl Friedrichs Rufe folgte, in Karlsruhe wohl ein regeres geiſtiges Leben vor, als er von der kleinen ſüddeutſchen Reſidenz erwartet haben mochte. Nach dem Muſter ähnlicher Geſellſchaften in London und Bern hatte Karl Friedrich im Jahre 1764 die „Geſellſchaft der nützlichen Wiſſenſchaften zur Beförderung des gemeinen Beſten“ gegründet, in deren Sitzungen, bei denen er ſelbſt den Vorſitz führte, die wichtigſten wirtſchaftlichen Probleme und ihre Anwendung auf das praktiſche Leben erörtert wurden. Der namhaften hiſtoriſchen Werke von Schöpflin und Sachs, zu deren Abfaſſung der Markgraf den Anſtoß gegeben und reiche Mittel bewilligt hatte, iſt ſchon Er⸗ wähnung geſchehen. Die Bildung einer Geſellſchaft zur Pflege der deutſchen Sprache und vaterländiſchen Dichtkunſt war wenigſtens in eingehenden Erörterungen in Vorſchlag gebracht worden. Große Erwartungen knüpften ſich an die Gründung einer eigenen Zeitſchrift, der„Karlsruher Beiträge zu den ſchönen Wiſſenſchaften“, die manche beachtenswerten Arbeiten enthielt, aber freilich die Hoffnung eines ihrer Mitarbeiter, daß damit ein„unſterbliches Werk“ geſchaffen ſei, nicht erfüllte, ſondern nach Verlauf einiger Jahre zu erſcheinen auf⸗ hörte, weil doch wohl die Karlsruher Verhältniſſe für ein der⸗ artiges periodiſches Unternehmen zu klein waren. Auch an die Er⸗ weiterung der Ziele des mit Recht gerühmten Gymnaſiums wurde 5²* Gründung eines Inſtituts für den Allgemeingeiſt Deutſchlands vorge— —68 ernſtlich gedacht. Die Pflege der fremden Sprachen und der Real— ſtudien lag dem Markgrafen ſehr am Herzen. Ein weiterer Kreis der„ſchönen und nützlichen Wiſſenſchaften“ ſollte in den Lehrplan aufgenommen werden. Der Hofrat Reinhard erhielt den Auftrag, Entwürfe auszuarbeiten und die Meinung geiſtvoller Männer über die Mittel zu einer eingreifenden Schulreform einzuholen. Wie es bei ſolchen etwas unklaren Projekten zu gehen pflegt, ſchoſſen die Ratgeber mit ihrem guten Rat weit über das Ziel hinaus. Pfeffel in Kolmar und der jugendliche Dichter Wieland, damals in Zürich, machten Vorſchläge, der eine das Gymnaſium zu einer Akademie nach Art des Braunſchweiger Carolinums zu erweitern, der andere, an die beſtehende Schule eine freie Univerſität als höhere Stufe des Unterrichts anzugliedern. Dieſe Pläne hatten wenigſtens das Gute, daß man ſich eifrig mit der Schule beſchäftigte und ſie auf dem Boden, auf dem ſie ſtand, mit allen Kräften zu heben und zu ver⸗ beſſern bedacht war. Sicher wurden alle dieſe Projekte auch mit den Gäſten beſprochen, die ſich am fürſtlichen Hofe einfanden. Im Auguſt 1770 war Herder in Karlsruhe erſchienen, deſſen Ideen über„Einrichtung und Freiheit des menſchlichen Geſchlechtes“ bei dem Markgrafen den leb⸗ hafteſten Anklang fanden. Er hat der Art, wie Karl Friedrich mit den„Rittern vom Geiſte“ verkehrte, ein ſchönes Denkmal geſetzt in jenem bald nach ſeinem Karlsruher Aufenthalte an den Markgrafen gerichteten Schreiben, in dem er ſagt, daß bei ihren Unterredungen „in⸗keinem Augenblicke der Fürſt ſichtbar ward, der einem ſeiner Worte mit der Fürſtenmiene oder mit der Farbe des Purpurs hätte Gewicht geben wollen: ſondern die edelſte, ungeſchminkte Weisheit, die herab⸗ laſſendſte Großmut und die erleuchtetſten menſchenfreundlichen Geſinn⸗ ungen— eben die machten den Fürſten im Kreiſe derer, die ihn um—⸗ gaben, ſo kennbar“!! Herder war nur ein kurzer Aufenthalt in Karlsruhe gegönnt. Da er dem Wunſche des Markgrafen, an einem Sonntag in der Schloßkirche zu predigen, nicht ſtattgeben konnte, ſprach er dort in außergewöhnlicher Weiſe an einem Wochentage über die Beſtimmung des Menſchen. Die Beziehungen, die damals ange— knüpft wurden, dauerten fort; ihm hat in einem ſpäteren Abſchnitte ſeines Lebens bekanntlich Karl Friedrich das denkwürdige Projekt der legt und dazu ſeine Mitwirkung erbeten, die ſich freilich nur auf Entwürfe beſchränkte, da, abgeſehen von anderen Hinderniſſen, die politiſchen Verhältniſſe derartigen Plänen nur zu bald den Boden entzogen. In das nämliche Jahr, in welchem Herder Karlsruhe be— ſuchte, fällt auch der mehrtägige Aufenthalt Salomon Geßners aus Zürich, deſſen Idyllen zu den Lieblingsdichtungen der Gebildeten jener Tage gehörten. Er wurde ſehr gefeiert, und nur ein Augen⸗ leiden, zu deſſen Heilung er im Begriffe war, nach Straßburg zu reiſen, verhinderte, daß er, dem Wunſche des Markgrafen entſprechend, den Karlsruhern durch eine Predigt in der Schloßkirche bewies, daß er nicht nur als Dichter, ſondern auch als Ausleger des göttlichen Wortes die Bewunderung der Zeitgenoſſen verdiene. Ein anderer Gaſt des Karlsruher Hofes, der, wie jener, aus Zürich kam, war Lavater, der, ebenfalls auf Böckmanns Einladung, zuerſt im Sommer 1774 die badiſche Hauptſtadt beſuchte und ſich raſch das Vertrauen und die freundſchaftliche Zuneigung des Mark— grafen erwarb. Er wiederholte ſeinen Beſuch auf der Rückreiſe in die Schweiz einige Wochen ſpäter und predigte in der Schloßkirche unter gewaltigem Andrang und zum Entzücken ſeiner Zuhörer über die Gotteskindſchaft des Chriſten. Im Juli 1782 kam Lavater zum zweiten Male nach Karlsruhe, wo er ſich insbeſondere mit Karl Friedrichs drittem Sohne, dem Prinzen Friedrich, befreundete und ein Jahr ſpäter, als der Markgraf durch den Tod ſeiner Gemahlin in tiefe Trauer verſetzt war, finden wir Lavater in dem kleinen Kreiſe, den der Fürſt in dem nahen Bade Langenſteinbach um ſich verſam⸗ melte; man begreift, daß Karl Friedrich gerade damals Troſt und Erhebung im Verkehre mit dem Verfaſſer des von ihm hochgeſchätzten Werkes„Ausſichten in die Ewigkeit“ gefunden hat. Karlsruhe hat Lavater von da an nicht mehr beſucht, da ſich einem beabſichtigten Aufenthalte auf ſeiner Rückreiſe von Kopenhagen im Jahre 1793 Hinderniſſe in den Weg ſtellten. Aber der Markgraf und die ganze fürſtliche Familie blieben in regelmäßigem ſchriftlichen Verkehr mit ihm, und es fanden auch wiederholte Begegnungen teils in Zürich, teils in Baſel ſtatt. Bekanntlich hatte Lavater ſchon im Jahre 1785 begonnen, ſich mit dem Eifer und der Leidenſchaft, die ihm bei allem, was er ernſtlich betrieb, eigen waren, für den Somnam⸗ bulismus zu intereſſieren, indem er deſſen Anwendung bei manchen Krankheiten, die bisher aller ärztlichen Kunſt ſpotteten, kennen gelernt hatte. Seine Beziehungen zu Karl Friedrich waren ſo intimer Natur, daß es für ihn ſelbſtverſtändlich war, den Fürſten von den Erfolgen in Kenntnis zu ſetzen, die er ſelbſt erlebt, und auch deſſen Intereſſe für die von einem Schüler Meßmers, dem Marquis von Puy⸗ ſegur, erfundenen magnetiſchen Kuren zu erwecken. Er empfahl dem Markgrafen einen Arzt aus dem Appenzell, Dr. Grob, der auf deſſen Koſten das neue Verfahren in Straßburg ſtudierte und ſodann in Raſtatt zu ſeiner Ausübung und Lehre angeſtellt wurde. Und ſo lebhaft war die Teilnahme, die Karl Friedrich, von dem Wunſche be⸗ ſeelt, der leidenden Menſchheit durch die neue Kunſt zu helfen, dem Puyſegur'ſchen Magnetismus entgegenbrachte, daß er auch den Hofrat Böckmann zu deſſen Studium nach Straßburg entſandte. Böck⸗ mann aber, der wenige Jahre vorher den Meßmerſchen Theorien den lebhafteſten Widerſpruch entgegengeſtellt hatte, wurde nun ein über⸗ zeugter Adept der neuen Heilmethode und ſuchte mit ſeiner ganzen Autorität ihr in Karlsruhe Aufnahme zu verſchaffen. Ein in der „Karlsruher Zeitung“ vom 5. März 1787 von ihm veröffentlichter Aufſatz faßte in Kürze und in gemeinverſtändlicher Sprache das Weſen des ganzen magnetiſchen Lehrſyſtems zuſammen. Er fand hier einen Kreis begeiſterter Anhänger aus beiden Geſchlechtern und allen Klaſſen der Geſellſchaft, an deren Spitze keine geringeren als der hoch⸗ angeſehene Hofprediger Walz und die Gemahlin des markgräflichen Geheimſekretärs Griesbach ſtanden. Die ganze vornehme Welt war für die modiſche Lehre gewonnen. Der rufſiſche Geſandte Jean de Krook machte bei Hofe und in der Stadt magnetiſche Experi⸗ mente. Ein Baron Roſenfeld, natürlicher Sohn des Markgrafen Karl Wilhelm Eugen, rühmte ſich, Frau Griesbach zur Hellſeherin gemacht zu haben. Auch Böckmanns Amtsgenoſſe Wucherer gehörte zu den Beförderern des Magnetismus. Der Fanatismus, mit dem die „Magnetiſten“ ihre Lehre verkündeten und ihre Kunſt praktiſch aus⸗ übten, rief indeß bald die ernſte Einſprache der Karlsruher Arzte her⸗ vor, welche ſich der Puyſegur'ſchen Methode nicht anſchloſſen und ihre Wiſſenſchaft von dem neuerungsſüchtigen Publikum verſchmäht ſahen. Sie wandten ſich mit einer Immediateingabe an den Mark⸗ grafen und baten um Unterdrückung der neuen Lehre durch die Obrig⸗ keit. Der Markgraf, der übrigens ebenſo wenig als ein anderes 4 wasugupbag la Bunautaél auaaaqaũ pogsaa uviahßd uurihac ürsAie uihee ieee einiinee Mitglied des fürſtlichen Hauſes perſönlich ſich einer magnetiſchen Kur unterzog, wollte jedoch nicht die Polizei entſcheiden laſſen, wo er an⸗ nahm, daß es ſich um einen Konflikt wiſſenſchaftlicher Richtungen handle. Er wies die Bittſteller mit der Begründung ab, daß„die Sache des Magnetismus bis dato weder ausgemacht noch abgethan ſei“, und ſprach den Wunſch aus, es möchten Anhänger wie Gegner „den richtigen wiſſenſchaftlichen Sinn und jenen Geiſt der gegenſeitigen Duldung“ beſitzen,„der allein aufrichtigen Forſchern der Wahrheit gebühre“. Dem Sturme, der ſich mit der Zeit von allen Seiten, am ſtärkſten von Berlin aus gegen den„heilenden“ Magnetismus erhob, konnten auf die Dauer auch die Karlsruher„Magnetiſten“ keinen genügenden Widerſtand entgegenſetzen, um ſo weniger als zu ihren Gegnern ſo einflußreiche Männer wie Kölreuter, Ring und Schloſſer gehörten. Aber die Nachwirkungen der in einer kleinen Städt, wo alles nach dem Hofe und nach einigen den Ton angeben⸗ den Autoritäten hinblickte, ganz beſonders mächtig auftretenden Mode, dem Magnetismus zu huldigen, ſcheinen ſich nicht ſo bald verloren zu haben. Wir leſen wenigſtens in einer im Jahre 1795 in Leipzig erſchienenen Schrift), daß dem Verfaſſer unter den Einwohnern Karlsruhes„ſo viele exaltierte Geſichter“ aufgefallen ſeien.„Ich ſtieß— ſchreibt er— in jeder Gaſſe auf Männer und Frauen, die das Anſehen hatten, als ob ſie durch die magiſche Be⸗ rührung eines Eingeweihten ihren ſechſten Sinn erhalten und die übrigen verloren hätten. Sollte vielleicht die hieſige Atmosphäre noch nicht ganz von den prophetiſchen Dünſten der ehemals hier aus⸗ geſtellten magnetiſchen Zauberbutten gereinigt ſein? Überhaupt ſoll in dieſer Stadt noch ſehr viel Lavater'ſcher und Meßmer'ſcher Glaube herrſchen und ein berühmter Mann ſich ſogar mit der Kunſt abgeben, aus der Siebe zu wahrſagen.“ Wenn Klopſtock, Lavater und in gewiſſem Sinne auch Herder einen Einfluß auf den Hof und damit auch auf das geiſtige Leben Karls⸗ ruhes ausübten, deſſen Wirkung ſich über die Dauer ihres Aufenthalts hinaus erſtreckte, ſo iſt von anderen berühmten Gäſten nur die That⸗ ſache ihrer Anweſenheit in der badiſchen Reſidenzſtadt zu erwähnen. 3) Streifereien durch einige Gegenden Deutſchlands, vom Verfaſſer der Szenen aus Fauſts Leben. Leipzig 1795. Mit Klopſtock trafen in Karlsruhe die beiden jungen Prinzen von Sachſen-Weimar, Karl Auguſt, der ſpätere Herzog und Großherzog, und Konſtantin zuſammen, als ſie mit ihrem Begleiter, Herrn von Knebel, der ſpäter in dem litterariſchen Kreiſe von Weimar eine bedeutende Stellung einnahm, ſich gegen Ende des Jahres 1774 am badiſchen Hofe vorſtellten. Es iſt ein Irrtum Goethes, wenn er in„Wahrheit und Dichtung“ auch ſeinen Aufent⸗ halt in Karlsruhe in dieſe Zeit verſetzt. Goethes erſter Beſuch in Begleitung der Brüder Stolberg erfolgte erſt, als Klopſtock Karlsruhe ſchon wieder verlaſſen hatte, im Mai 1775, und Goethe begab ſich' von hier, auf dem Wege in die Schtveiß, nach Emmen⸗ dingen, wo damals ſeine Schweſter Cornelie als Gemahlin des Oberamtmanns Schloſſer lebte. Die weimariſchen Prinzen waren ſchon am 14. Februar 1775 zum Geburtstag des Erbprinzen Karl Ludwig zum zweiten Male in Karlsruhe erſchienen, dieſesmal in Begleitung der Braut Karl Auguſts, der Prinzeſſin Luiſe, einer darmſtädtiſchen Prinzeſſin, Nichte der Markgräfin Karoline Luiſe von Baden. Karl Auguſt hat ſpäter Karlsruhe noch öfter beſucht, vom 18. bis 21. Dezember 1779 in Begleitung Goethe's, der im Hauſe des Geheimen Rats von Edelsheim Wohnung nahm. Im Februar 1775 war Friedrich Heinrich Jacobi, damals kur⸗ pfälziſcher Hofkammerrat in Düſſeldorf, als er Mannheim beſuchte, nach Karlsruhe gekommen. Von Freiburg aus, wohin er als der erſte proteſtantiſche Profeſſor durch Kaiſer Joſef II. berufen worden, kam auch der ältere Jacobi, Johann Georg, nach Karls⸗ ruhe. Auch die Brüder Stolberg wiederholten ihren Beſuch im Auguſt 1791, wo ſie den Markgrafen, der damals das Oberland bereiste, nicht antrafen, um ſo mehr mit dem von ihnen hochgeſchätzten Schloſſer, mit Böckmann und dem genialen, an ſeinem Wohnort nicht in ſeiner vollen Bedeutung erkannten Botaniker Kölreuter verkehrten. In ſeinen Briefen über ihre„Reiſe in Deutſchland, der Schweiz, Italien und Sicilien“, auf welcher die Brüder gleich zu Anfang Karlsruhe berührten, ſpricht ſich Friedrich Leopold Graf zu Stolberg über die äußere Erſcheinung der badiſchen Reſidenzſtadt folgender⸗ maßen aus:„Karlsruhe iſt regelmäßig gebaut. Dieſe Stadt nimmt ohngefähr den dritten Teil des großen Zirkels ein, deſſen Mittel⸗ punkt das Schloß iſt. Ihre Gaſſen, welche, gleichwie die ſchnur— ee 3 geraden Gänge des Gartens und des Waldes, gleich weit von ein⸗ ander entfernt ſind, bilden mit dieſen Gängen⸗den Halbmeſſer eines Zirkels, welcher daher einem Spinnengewebe ähnlich iſt.“ Der Beſuch, den im März 17¹ der Ritter von Gluck auf ſeiner Rückreiſe von Paris dem badiſchen Hofe abſtattete, erfolgte nicht in Karlsruhe, ſondern in Raſtatt, wo der Hof nach dem Anfall der baden-badenſchen Lande von Zeit zu Zeit reſidierte. Es war während der Anweſenheit Klopſtocks; Gluck erfreute den Hof und den Dichter durch den Vortrag einiger Kompoſitionen zur Meſſiade, und ſeine ihn begleitende Nichte ſang Klopſtock'ſche Lieder. Daß man aber auch in Karlsruhe ſchon damals der guten Muſik volles Ver⸗ ſtändnis entgegenbrachte, wird dadurch bewieſen, daß, ebenfalls während der Anweſenheit Klopſtocks und vielleicht auf ſeine Anregung, unter Leitung des tüchtigen Kapellmeiſters Joſef Aloys Schmittbauer das Stabat Mater von Pergoleſe dem Karlsruher Publikum vorgeführt wurde. Auch der Abt Vogler, der in Mannheim als Hofkaplan und Hofkapellmeiſter lebte, ſtellte ſich von Zeit zu Zeit als Gaſt am Karlsruher Hofe ein und ließ ſich in den fürſtlichen Salons auf dem Klavier und ſowohl in der Schloßkirche zu Karlsruhe als in der Stadtkirche zu Durlach wiederholt auf der Orgel hören. Von ſämtlichen Beſuchern war der vornehmſte ohne Zweifel Kaiſer Joſef II., der am 9. April 1777 in Karlsruhe eintraf und von deſſen Anweſenheit der Umſtand beſonders hervorgehoben wird, daß er, um die weitausgedehnte Fernſicht zu genießen, den Schloß— turm beſtig. Feſtlich wurde auch am 16. September 1782 Groß⸗ fürſt Paul von Rußland(der ſpätere Kaiſer) empfangen, der mit ſeiner Gemahlin, der Großfürſtin Marie, geborenen Prinzeſſin von Württemberg, zum Beſuche erſchien. Bei Hofe fand unter Mitwirkung der Madame Doti ein Concert ſtatt. Der ganze Zirkel ſowie die Gärten vor und hinter dem Schloſſe wurden Abends erleuchtet. Lauge vor dieſer Zeit hatte Voltaire dem Karlsruher Hofe die Freude ſeines Beſuches gemacht. Im Sommer 1758, da er als Gaſt des Kurfürſten Karl Theodor in Schwetzingen verweilte, war der berühmteſte Vertreter des franzöſiſchen Geiſtes, der vor— nehmſte Litterat des Jahrhunderts am 5. Auguſt auch in Karlsruhe erſchienen. Er fand natürlich die zuvorkommendſte Aufnahme und hat die Eindrücke, die er empfing, in Briefen an die Markgräfin niedergelegt.„Je ne cesse pas de parler du séjour de Carlsrue,— ſchrieb er der Fürſtin am 23. Dezember 1758— la nature a rendu ce lieu bien agréable; Vous l'embellissez par les arts et quiconque en à vu la Souveraine, désire passionément de Lui faire encor sa cour.“ Und mit Rückſicht auf die kriegeriſchen Ereigniſſe, unter denen damals ſo viele Teile Deutſchlands ſchwer zu leiden hatten, ſagt er:„Carlsrue est trés bien nommé dans ces tems horribles; o'est en effet Lasile du repos. Puisse-t-wjl longtems l'étre!“ Als viele Jahre ſpäter im Juli 1775 der Markgraf Karl Friedrich in Begleitung des Erbprinzen und des Herrn von Edelsheim dem Patriarchen von Ferney ſeinen Beſuch Smachte, ſprach ſich Voltaire gegenüber einer in ſeinem Hauſe an⸗ weſenden Genfer Dame, Madame Cramer, ebenfalls ſehr ſympathiſch über Karlsruhe aus:„c'est Ie jardin d'Eden— ſagte er— dont on vous à parlé tant et que vous ne verriez que lä. On s“y promène sous les allées de canneliers et de girofflées et Pon M respire un air si aromatique que je vous dis qu'il n'y 2 rien de pareil nul part.“ Wenn aus der früheren Regierungszeit Karl Friedrichs der Beſuch Voltaire's, ſo kurz er war, doch als ein bemerkenswertes Ereigniß zu verzeichnen iſt, ſo haben wir aus den letzten Lebens⸗ jahren des Fürſten der dauernden Anweſenheit eines Mannes in Karlsruhe zu erwähnen, der in jedem Betracht zu dem großen fran— zöſiſchen Schriftſteller im denkbar größten Gegenſatze ſteht, Johann Heinrich Jung's, genannt Stilling. Als Autodidakt eine ganz ſelbſtändige und eigenartige Perſönlichkeit, hatte dieſer Mann durch ſeine Aufſehen erregenden Leiſtungen als Augenarzt, wie durch ſeine bedeutenden Kenntniſſe auf dem Gebiete der Finanz- und Kameral⸗ wiſſenſchaft, noch mehr aber durch ſeine myſtiſch⸗theologiſche Lebens⸗ anſchauung, ſeine philanthropiſchen Beſtrebungen und ſeine tiefgreifende Wirkſamkeit als religiöſer Volksſchriftſteller längſt die Aufmerkſamkeit Karl Friedrichs auf ſich gezogen. Nach wiederholter flüchtiger Be⸗ gegnung und näherer Bekanntſchaft durch einen Briefwechſel berief Karl Friedrich im Jahre 1803 Jung-Stilling in ſein Land, um hier ohne irgend ein eigentliches Amt als Schriftſteller im allgemein 1 + 1 5 menſchlichen Intereſſe thätig zu ſein. 1806 verlegte Jung⸗Stilling ſeinen Wohnſitz von Heidelberg nach Karlsruhe, wo er in ſtiller Wirkſamkeit ſeinen Lebensabend verbrachte. Der vielſeitigen litterariſchen Beziehungen des Karlsruher Hofes kann nicht gedacht werden, ohne ſchließlich eines Mannes zu erwäh⸗ nen, der durch ſeinen Fleiß und Sammeleifer weſentlich dazu beitrug, daß die Nachwelt über das Verhältnis ſo mancher litterariſchen Größe zu Karlsruhe unterrichtet iſt: des Geheimen Hofrats Friedrich Do⸗ minikus Ring. In Straßburg 1726 geboren, hatte Ring nach Voll⸗ endung ſeiner Univerſitätsſtudien größere Reiſen in dem nördlichen Deutſchland gemacht und dort zu den namhafteſten Litteraten Be⸗ ziehungen angeknüpft, wie er auch mit den ſüdweſtdeutſchen Schrift⸗ ſtellern, Männern wie Schöpflin, Pfeffel, Lamey in regem Verkehre ſtand. Nach der Heimat zurückgekehrt und zunächſt ohne Ausſicht, dort eine entſprechende Stellung zu finden, war er in der Familie des Züricher Patriziers von Muralt Erzieher geworden und ſofort auch in Zürich in Verbindungen aller Art mit den dortigen Gelehr—⸗ ten und Dichtern— darunter Wieland— getreten. Später als Prediger und Lehrer in Kolmar mit großem Erfolge thätig, war er durch Pfeffel dem Markgrafen Karl Friedrich empfohlen und von dieſem im Jahre 1760 zum Erzieher des Erbprinzen Karl Ludwig ernannt worden. Von da an war Ring— wenn der Ausdruck geſtattet iſt — der litterariſche Gewiſſensrath des Karlsruher Hofes. Ein Mann von der vielſeitigſten Bildung, der die franzöſiſche wie die deutſche Sprache mit gleicher Eleganz beherrſchte, beweglich und gewandt, ſchmiegſam und gefällig, ſtand er viele Jahre in Karlsruhe im Mittel⸗ punkte des geiſtigen Lebens. Von ſeinen zahlreichen Schriften iſt heute keine Rede mehr. Doch hat er ein wichtiges Denkmal ſeiner Thätig⸗ keit hinterlaſſen. In dem ſchreibſeligen Zeitalter, in dem er heran⸗ gewachſen war, pflegte er eifrig die Korreſpondenz mit allen nam⸗ haften Perſönlichkeiten, mit denen er je in Berührung gekommen war, und bewahrte mit andern Aufzeichnungen ſorgfältig die erhaltenen Briefe und zahlreiche eigene Koncepte. Die Bände, in denen dieſe geſammelt ſind, verwahrt jetzt die Univerſitätsbibliothek in Freiburg. Sie ſind eine wahre Fundgrube für das intime Detail der litterari⸗ ſchen Welt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Bekannt⸗ lich iſt es Ring, dem wir die von D. F. Strauß und Erich Schmidt — 76 veröffentlichten Berichte über Klopſtocks Aufenthalt in Karlsruhe ver⸗ danken). 8 Der kürzere oder längere Aufenthalt anderer fremden Perſönlich— keiten von Bedeutung in Karlsruhe hing mit dem überaus lebhaften Intereſſe zuſammen, welches der Markgraf Karl Friedrich der Lehre der Phyſiokraten entgegenbrachte. Schon 1763 hatte er aus Jena den Dozenten der dortigen Univerſität IJ. A. Schlettwein nach Karlsruhe berufen, der ſpäter als Schriftſteller und Praktiker mit am meiſten dazu beitrug, dieſe volkswirtſchaftlichen Lehren aus ihrer ur⸗ ſprünglichen Heimat Frankreich nach Deutſchland zu verpflanzen. Als Kammer⸗ und Polizeirat zum Mitglied der fürſtlichen Rentkammer ernannt, hatte er die Verpflichtung übernommen, wöchentlich ein paar Stunden öffentlicher Vorleſungen in den Kameral- und Polizeiwiſſen⸗ ſchaften zu halten, für welche Bemittelte ein mäßiges Honorar zu be⸗ zahlen hatten, während den Unvermöglichen der Zutritt ohne Eutgelt geſtattet war. Er nahm den hervorragendſten Anteil an den Verhand⸗ lungen der früher erwähnten Geſellſchaft der nützlichen Wiſſenſchaften. Sein aus dem Rahmen der regelmäßigen Beamtenthätigkeit heraus⸗ tretendes Wirken, nicht frei von Übereifer und Eitelkeit, zog ihm viele Feinde zu, und 1773 verließ Schlettwein den fürſtlichen Dienſt und damit auch die Stadt Karlsruhe wieder. Es iſt bekannt, daß Karl Friedrich ſelbſt als Schriftſteller auf dem Gebiete der Volkswirtſchaft auftrat und in Karlsruhe ein kleines Buch „Abrégé de l'économie politique“ und die„Table raisonnée des principes de I'économie politique“ drucken ließ und daß er mit dem Marquis Viktor de Mirabeau, dem gefeierten Verfaſſer des ami de Thomme, in lebhaften Briefwechſel trat. Bei einem Aufenthalt in Paris hatte Karl Friedrich auch die Bekanntſchaft eines andern eifrigen Vertreters der phyſiokratiſchen Ideen, Du Pont de Ne— mours, gemacht, der auf ſeine Einladung einige Zeit in Karlsruhe zubrachte, den Markgrafen als Legationsrat am franzöſiſchen Hofe ) Es darf hier daran erinnert werden, daß die Enkelin von Friedrich Dominikus Ring, die Tochter ſeines Sohnes, des Geheimen Referendärs Karl Ludwig Ring, Fräulein Julie Ring, in gewiſſer, wenn auch ganz anderer Beziehung als ihr Großvater für die litterariſche Bildung einer ſpäteren Ge⸗ neration des Karlsruher Publikums thätig war— als langjährige(1867—1890) Bibliothekarin der Karlsruher Muſeumsgeſellſchaft. vertrat, dem Erbprinzen in einer langen Reihenfolge ſchriftlicher Aus⸗ führungen die Theorie der Wirtſchaftswiſſenſchaft darlegte und bis 1806 mit dem Markgrafen ſelbſt in einem hochintereſſanten Brief⸗ wechſel verkehrte“). Als der Markgraf beſchloß, das phyſiokratiſche Syſtem in ſeinem Lande, zunächſt in Dietlingen, Bahlingen und Theningen zur probeweiſen Einführung zu bringen, empfahl ihm Mirabeau zur Vornahme der Einſchätzung der einzuführenden direkten Steuer einen franzöſiſchen Edelmann Charles de Butré. Dieſer kam im Sep⸗ tember 1776 nach Karlsruhe und blieb in markgräflichen Dienſten, auch nachdem das phyſiokratiſche Experiment ſich ſchon nach zwei Jahren als undurchführbar erwieſen hatte. Die große Güte und Nachſicht des Markgrafen beließ dem franzöſiſchen Cavalier, der nicht nur ein Anhänger der Phyſiokratie war, ſondern auch zu den eifrigen Adepten der Alchemie, des Magnetismus und Meßmerismus gehörte, ſeinen Gehalt bis zum Jahre 1794, obwohl derſelbe, abgeſehen von ſeinem häufigen Verweilen in Ettlingen, wo er ſeiner Lieblings⸗ beſchäftigung, der Bäume⸗Pflanzung und Gärtnerei, in dem mark⸗ gräflichen Garten oblag, ſich ohne Urlaub zu weiten Reiſen, die ihn bis nach den hyeriſchen Inſeln und nach Spanien, am öfteſten aber nach Paris führten, von Karlsruhe entfernte. Und als er 1797 ganz verarmt nach Straßburg kam und um Wiederaufnahme in den badiſchen Dienſt nachſuchte, wurde ihm dieſe zwar nicht, wohl aber eine Penſion bewilligt. Damit verſchwand er für immer von der Bildfläche unſerer Reſidenzſtadt. Exakte wiſſenſchaftliche Arbeiten veranlaßten im März 1762 den Aufenthalt eines anderen Franzoſen in Karlsruhe. Dieſer war Herr de Caſſini de Thury, Mitglied der Akademie von Paris, London, Berlin, München u. ſ. w., der zur Vornahme von Gradmeſſungen im Auftrag der Pariſer Akademie Deutſchland bereiste. In der Beſchreibung ſeiner Reiſe teilt er mit, wie wohlwollend er vom Mark-⸗ grafen und der Markgräfin aufgenommen worden ſei, welche ver— „) Neuerdings hat die Badiſche Hiſtoriſche Kommiſſion herausgegeben: Karl Friedrichs von Baden brieflicher Verkehr mit Mirabeau und Du Pont, bearbeitet und eingeleitet durch einen Beitrag zur Vorgeſchichte der erſten fran— zöſiſchen Revolution und der Phyſiokratie von Karl Knies. Heidelberg, Karl Winters Univerſitätsbuchhandlung 1892. 2 Bände. — ſtändnisvolle Teilnahme ſie ſeinen Arbeiten entgegenbrachten. Er hielt ſich 14 Tage lang in Karlsruhe auf und fuhr im herrſchaftlichen Wagen und von einem der Offiziere des Markgrafen begleitet, täglich über Land, um geeignete Beobachtungspunkte, ſei es auf Anhöhen, ſei es auf Kirchthürmen aufzuſuchen. Wenn er Abends zurückkehrte, erſtattete er den Herrſchaften ſeinen Bericht und trotz der rauhen Jahreszeit beſtieg die Markgräfin mit ihm den Schloßturm, um ſein Inſtrument zu prüfen und ſich in ſeine Arbeiten einweihen zu laſſen. Urteile über die Stadt und ihre Sewohner. Schon ſind gelegentlich Urteile von Männern, die Karlsruhe auf ihren Reiſen berührten, erwähnt worden. Hier mag noch einiges zuſammengeſtellt ſein, was ſich ſowohl auf die Lage der Stadt als auf den Charakter, auf Leben und Treiben ihrer Einwohner bezieht. Der ſchon früher angeführte Publiziſt Weckerlin, der in ſeiner„Reiſe durch Ober⸗Deutſchland“ Augsburg und die württembergiſchen Lande eine ſo ſcharfe Revue paſſieren läßt, daß er ſich darob den gröbſten Anfechtungen ausgeſetzt ſah, läßt ſich über Karlsruhe folgendermaßen vernehmen:„Die Stadt Karlsruhe iſt, wie man weiß, in einem regelmäßigen Geſchmack erbaut. Ihre Straßen ſind ſchnurgerecht und die Häuſer laufen unter einerlei Geſchoß. Die öffentlichen Plätze und die Luſthäuſer verraten den Wohlſtand der Einwohner. Karls⸗ ruhe iſt einer der angenehmſten und reizendſten Ruhepunkte des Lebens. Die Nachbarſchaft Straßburgs hat eine gewiſſe Verflößung in die Manieren und in die Lebensart der Inwohner gebracht, welche ſie von. dem griesgrämiſchen und ſpießbürgerlichen Charakter der übrigen Schwaben entfernt. Der Umgang der Karlsruher iſt ungezwungen, verbindlich und aufgeklärt. Es iſt— beinahe— athenienſiſche Ur⸗ banität. Die Stutzer ſind hier erträglich. Der vortreffliche Aether, welcher die Stadt umfleußt, hat den Geiſt und die Herzen der Ein— wohner mitgereinigt.“ Dieſe Worte wurden im Jahre 1778 geſchrieben, und wenn vielleicht auch ein Teil der Karlsruhe und ſeinen Bewohnern ge— ſpendeten Lobſprüche eines Mannes, den man bekanntlich nicht unter die Lobredner und Schmeichler zählt, auf Rechnung des Wunſches zu ſetzen iſt, dadurch den Tadel, welchen er über andere Städte ergießt, noch zu verſchärfen, ſo wird man doch im Ganzen und Großen die hier mitgeteilte Charakteriſtik als zutreffend bezeichnen dürfen. Denn in ähnlichem Sinne äußern ſich auch andere Gewährsmänner. Der Verfaſſer der auch ſchon früher angeführten, treifereien“ ſchreibt im Jahre 1794:„Die Stadt hat ſehr an Verſchönerung gewonnen. In den mehrſten Straßen findet man neue, dauerhaft und zum Teil geſchmackvoll erbaute Häuſer. Einige derſelben wurden auf Koſten des Markgrafen aufgeführt und ſodann durch Looſe ausgeſpielt.“ Was den Geiſt der Einwohnerſchaft betrifft, ſo hebt dieſer Schrift⸗ ſteller hervor, daß, wie im ganzen Lande Baden, ſo insbeſondere in Karlsruhe„eine rühmliche Freiheit der Meinungen“ herrſche,„die einem Fürſten, der es ſo ſehr darauf anlegt, ſeine Unterthanen wohl—⸗ habend und geſittet zu machen, nie nachteilig werden kann. Wenn auch hie und da einige Schwindelköpfe von Freiheit und Gleichheit im neufränkiſchen Sinne bramarbaſieren, ſo iſt dies doch im Badiſchen weit ſeltener als anderwärts, wo die Gedankenfreiheit beſchränkter iſt....“ Dieſe Nußerung entſtammt ſchon einer Zeit, in der die Freiheit der Diskuſſion ſich— namentlich in einem Frankreich ſo benachbarten Lande— naturgemäß innerhalb weiter gezogener Schranken bewegte. Daß man ehedem auch in Karlsruhe gegen eine allzuſcharfe Kritik der öffentlichen Zuſtände ſehr empfindlich war, erſieht man aus einer allerdings ſchon dem Jahre 1756 entſtammenden Verordnung, welche verfügt,„daß Jedermänniglich eines Urthels über die Handlungen hoher Fürſten ebenſo als alles ohnzeitigen Räſonirens und Geſchwätzes von Kriegs- und Religions-Sachen ſowohl in Wirthshäuſern als ſonſten in öffentlichen Geſellſchaften, wie auch des Herumtragens deren mehrſten Theils auf Ungrund beruhenden Zeitungen ohnfehlbar ſich enthalten und ſich, wie ohnedem Chriſten geziemet, mit deſſen Benachbarten friedfertig betragen ſollen.“ Denn— wie es in der Begründung dieſes Erlaſſes heißt— durch das„un— beſonnene Räſoniren“ entſtehe„nichts anders als eine höchſt ſchäd⸗ liche Verbitterung“, wie es auch ein Beweis„pöbelmäßigen Be⸗ tragens“ ſei. Nichts vielleicht iſt mehr im Stande, die angeſehene Stellung, welche im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts die badiſche Haupt⸗ und Reſidenzſtadt bereits einnahm, zu kennzeichnen als die Thatſache, daß ein bekannter Litterat, F. L. Brunn, ein Braunſchweiger, der über Jahr und Tag in Karlsruhe ſich aufgehalten hatte, es der Mühe wert hielt, ſeine hier gemachten Wahrnehmungen in einer län⸗ geren Reihe von Artikeln in dem„Berliniſchen Journale für Auf⸗ klärung“ niederzulegen. Dieſe Artikel, überarbeitet und erweitert, er— ſchienen im Jahre 1791 in Buchform unter dem Titel„Briefe über Karlsruhe“(Berlin bei Johann Friedrich Unger). Wir haben ſchon da und dort uns auf den Inhalt dieſes Büchleins bezogen. Hier mag aus demſelben noch mitgeteilt ſein, was der vorſichtig und maß— voll urteilende Mann über die damaligen geſellſchaftlichen Zuſtände Karlsruhes zu ſchreiben weiß. Er rühmt an den Karlsruhern, daß ſie ein ſehr braver Schlag von Menſchen ſeien, die hauptſächlich viel Liebe für ihren vortrefflichen Regenten und große Anhänglichkeit an das fürſtliche Haus überhaupt zeigen.„Da ein großer Teil der— ſelben urſprünglich und zum Teil auch noch jetzt aus Fremden, die aus ſehr verſchiedenen Ländern, hauptſächlich doch aus dem Württem⸗ bergiſchen hierher kamen, beſteht, ſo läßt ſich von ihrem Charakter im Allgemeinen nicht viel Beſtimmtes ſagen. So viel glaube ich in— deſſen bemerkt zu haben, daß größtenteils wahre Herzensgüte die Grundlage davon iſt. Sie ſind ſehr gefällig, mitteilend und zuvor— kommend. Es hält für einen Fremden, ſelbſt wenn er auch nicht gerade wichtige Empfehlungsſchreiben mitbringt, gar nicht ſchwer, Be⸗— kanntſchaften zu machen: und hat er nur erſt eine gemacht, ſo wird' er bald in die beſten Häuſer eingeführt und mit Freundſchaftsbezeug⸗ ungen überhäuft.“ Unter den gaſtlichen Häuſern hebt Brunn als das angenehmſte das Griesbachiſche hervor. Rat Griesbach, Geheimer Kabinetsſekretär des Markgrafen, und ſeine geiſtreiche und geſchmack⸗ volle Gattin ſeien beſtrebt, den Fremden gefällig zu ſein, in ihrem Hauſe empfinde man„die wahren Reize des geſellſchaftlichen Um⸗ gangs.“ Viele Einwohner lernte er kennen, die wahrhaft wohlthätig, freigebig und völlig uneigennützig waren. Man bezeuge, nach dem Beiſpiel des Hofes, viel Eifer und Ehrfurcht für die Religion, ohne bigott zu ſein. Die Kirchen ſeien faſt immer voll, und zwar von Perſonen aller Stände beſucht. Mit beſonderer Genugthuung nimmt Brunn wahr, daß in Karlsruhe, trotz der Nachbarſchaft Frankreichs, viel Liebe zum Deutſchen herrſche, wenn man gleich fremde Sprachen und Moden darüber nicht vernachläſſige. Man ſpreche in allen Ge— ſellſchaften deutſch, franzöſiſch nur im Notfalle. Ohne melancholiſche“ 8 Kopfhänger zu ſein, werden die Karlsruher doch nie ausgelaſſen fröh— lich, nur munter, heiter und aufgeweckt. Zwang und Streitigkeit, die in Norddeutſchland ſo häufig herrſchen, ſeien hier unbekannt. Das Karten⸗ ſpiel diene lediglich zum Zeitvertreib, nur ſelten werde hoch geſpielt. Dagegen erinnert ſich Brunn mit Vergnügen an Abende, an denen er„mit erwachſenen Frauenzimmern und Hausmüttern, ja ſelbſt mit in wichtigen Amtern ſtehenden Männern Blindekuh und andere jugend— liche Spiele ſpielte.“ Getanzt wurde nicht viel, kaum daß den ganzen Winter hindurch zwei Bälle zuſtande kamen. Aber„für die edlern Freuden der Natur“ beſtand viele Empfänglichkeit. Beſonders das Schlittſchuhlaufen und Schlittenfahren auf einer großen, nahe an der Stadt liegenden Wieſe, die man zu dem Ende höchſtens einen Fuß hoch unter Waſſer ſetzte, welches, nachdem es gefroren, ſo glatt und eben wie ein Spiegel werde, bereite den Einwohnern beiderlei Geſchlechter aus allen Ständen viel Vergnügen. Wenn ſich auch der Adel ſonſt ganz vom bürgerlichen Stande abſondere, ſo habe man neueſtens doch ein vortreffliches Mittel zur Verbindung der beiden Stände gefunden durch Errichtung eines Klubs,„wo Perſonen aus den höheren Ständen ohne Zwang zuſammen kommen, ſich über Gegenſtände der Litteratur unterhalten, ſich einander ihre geſammelten Kenntniſſe mitteilen und auch Journale und gelehrte Zeitungen leſen können.“ Dieſer Klub hieß die„Leſegeſellſchaft“, und ein um drei Jahre ſpäter als die Brunn'ſchen Briefe verfaßter Bericht weiß deren zweckmäßige Einrichtung zu rühmen.„Man findet daſelbſt die gang— barſten Zeitſchriften und faſt zu jeder Stunde des Tages gute Ge⸗ ſellſchaft.“ Hebel, Voß und Weinbrenner. Manche zogen es vor, ihre Mußeſtunden im Drechsler'ſchen Kaffeehauſe zu verbringen, wo es geſtattet war, die in dem Klub verpönte lange Pfeife zu rauchen. Über die behagliche Geſellſchaft, die ſich hier verſammelte, geben die Biographien des Dichters Hebel Aufſchluß, und auch als Johann Heinrich Voß im September 1804 mit ſeiner Gattin Karlsruhe beſuchte, fühlte er ſich bei Drechsler heimiſch. Das Ehepaar war gekommen, um den Sohn Hans zu be— ſuchen, der bei dem Architekten Weinbrenner in der Lehre war, von Goethe dahin, als an den einzigen Ort, wo„das Echte zu finden 8 6 ſei“, empfohlen. Der Dichter der„Luiſe“ wurde während ſeines ſechstägigen Aufenthaltes durch verſchiedene Gaſtereien geehrt und mit einem Kranze von Myrthen und Lorbeern gekrönt. Bei ſolchen ſeinem ſchlichten Sinne unerwünſchten Veranſtaltungen ſehnte er ſich ganz beſonders nach dem Drechsler'ſchen Kaffeehaus und ſeiner Pfeife, die ihm beim Geſpräch mit dem ihm kongenialen Hebel und ſeinem Freunde Weinbrenner beſonders gut ſchmeckte. Ein Jahr darauf wurde Voß durch die Berufung nach Heidelberg dauernd für Baden gewonnen. Wohl nur wenige wußten, daß damit ein Traum ſeiner Jugend erfüllt war; denn ſchon 1775, zur Zeit des Aufenthaltes Klopſtock's in Karlsruhe, hatte ſich Voß dem Markgrafen Karl Fried⸗ rich als„Landdichter“ angeboten,„den Herz und Pflicht antrieben, die Sitten des Volkes zu beſſern, die Freude eines unſchuldigen Ge— ſanges auszubreiten, jede Einrichtung des Staates durch Lieder zu unterſtützen und beſonders dem verachteten Landmann feinere Begriffe und ein regeres Gefühl ſeiner Würde beizubringen“. Es ſcheint, daß man damals in Karlsruhe dieſer Anregung nicht näher ge⸗ treten iſt. Da hier der Name Weinbrenner genannt wurde, mögen— obwohl die für die Reſidenzſtadt bedeutungsvolle bauliche Thätigkeit dieſes Mannes in ihren Hauptwerken erſt der nächſten Periode der Stadtgeſchichte angehört— einige Worte über denſelben geſagt werden. Abgeſehen von dem Schloßban waren es bis zum Ende des 18. Jahr⸗ hunderts nur die Architekten Arnold und Müller, welche für die Geſchichte der Bauthätigkeit in Karlsruhe in Betracht kommen, beide tüchtige und geſchickte Männer, welche innerhalb der durch den Ge— ſchmack der Zeit und die verfügbaren Mittel enge genug gezogenen Grenzen durchaus Anerkennenswertes ſchufen, aber keine beſtimmte Individualität in ihren Werken zum Ausdruck brachten. Auf Em⸗ pfehlung Lavater's nahm Markgraf Karl Friedrich im Jahre 1797 Friedrich Weinbrenner in ſeine Dienſte, den am 29. November 1766 in Karlsruhe geborenen Sohn eines Zimmermanns, der noch in jungen Jahren die in der Heimat herrſchenden Verhältniſſe zu enge fand, ſich auf die Wanderſchaft begab und bald aus einem Handwerker ein Künſtler ward. Von dem Architekten Genelli in Berlin, einem der bedeutend⸗ ſten Vertreter der antikiſierenden Richtung in der Baukunſt, beeinflußt, mit dem berühmten Maler Asmus Carſteus befreundet, drang er während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Rom tief in den Geiſt der antiken Baukunſt ein und kam als eine Autorität auf dieſem Ge⸗ biete nach Karlsruhe zurück. Lavater ſagte von ihm, daß er„wenige Künſtler kenne, die mehr ruhig prüfende Vernunft, mehr Kenntnis, Geſchmack, Fleiß und Beſcheidenheit beſitzen“. Als Bauinſpektor und ſeit 1809 als Oberbaudirektor war er nicht nur ſelbſt in der Reſidenz⸗ ſtadt ſchöpferiſch thätig, ſondern beeinflußte auch die geſamte Bau⸗ thätigkeit des Landes. In dem von ihm gegründeten architektoniſchen Bildungsinſtitut konnte ein angehender Architekt ſeine ganze theoretiſche und praktiſche Ausbildung erwerben und fand ſich durch die perſönliche Leitung des Meiſters in der freundlichſten Weiſe gefördert. Als verwandte Bildungsanſtalten dürfen an dieſer Stelle auch die Zeichnungsſchule, welche der ausgezeichnete Kupferſtecher Halden— wang gegründet hatte, und die Privat-Kunſt⸗Akademie, die unter der Leitung des Galeriedirektors Becker ſtand, aufgeführt werden. Theater. Von den noch in die Regierungszeit Karl Friedrichs fallenden Bauten Weinbrenner's verdient in erſter Reihe das 1808 voll⸗ endete Hoftheater Erwähnung, das, auf dem Schloßplatz errichtet, nahezu 40 Jahre lang ſeinen Zwecken diente, bis es im Jahre 1847 durch Feuer zerſtört wurde. Bis zur Erbauung dieſes Theaters fanden in Karlsruhe die theatraliſchen Vorſtellungen zuerſt in dem Theaterſaale im markgräf⸗ lichen Schloſſe und nachdem das alte Schloß abgebrochen war, in einem an Stelle der jetzigen Orangerie erbauten„Komödienhauſe“ ſtatt. Im Schloßtheater trat noch die Truppe des Wieners Franz Schuh auf, der zu den letzten Hanswurſten in Deutſchland gehörte und mit ſeiner„Komödiantenbande“ meiſt Schwänke darſtellte, bei denen die Improviſationen der gewandten Schauſpieler das Publikum am ſtärkſten anzogen. Aus Anweiſungen an die Rentkammer ergibt ſich, daß dieſe Truppe im Jahre 1747 während zweier Wintermonate in Karlsruhe ſpielte. Zehn Jahre ſpäter, 1757— die Berichte über die theatra— liſchen Vorgänge ſind ſehr lückenhaft— ſehen wir in dem neu er⸗ bauten Komödienhauſe die Geſellſchaft des Prager Schauſpielers Parfuß ſpielen, aus deſſen marktſchreieriſcher Ankündigung im Karls⸗ 6* ruher Wochenblatt ſich ergibt, daß neben Luſtſpielen und Poſſen, deren beliebteſte„die hölliſche Pfaufeder“,„Colombina polita oder das Wieneriſche affektierte Stubenmädchen“ und„der großprahlende Baron von Pappendeckel“ waren, auch Trauerſpiele wie„Timoleon oder der Bürgerfreund“ aufgeführt wurden, daß die Vorſtellungen um 7 Uhr Abends begannen, daß„Standesperſonen“ in den Logen nach Belieben, die übrigen Zuſchauer auf den drei Plätzen 12, 8 und 4 Kreuzer bezahlten. Im Jahre 1761 kam Konrad Ernſt Ackermann mit ſeiner Truppe nach Karlsruhe, derſelbe, der ſechs Jahre ſpäter in Hamburg die Leitung des Theaters übernahm, dem kein Geringerer als Leſſing ſein thätiges Intereſſe zuvandte. Um ſo mehr iſt es zu bedauern, daß wir über das Repertoire dieſer Geſellſchaft in Karlsruhe keine Angaben beſitzen. Ihr folgte die Berner'ſche Truppe, die nur aus jugendlichen Kräften beſtand, und die Koberwein'ſche. Im Oktober 1782 bewarb ſich der Schauſpieldirektor Karl Auguſt Dobler um die Erlaubnis, hier Vorſtellungen zu geben, der zur Begründung ſeines Geſuches u. a. anführte, daß ſein Vater und ſein Bruder treue Unterthanen des Markgrafen geweſen ſeien und er ſelbſt von dem Adminiſtrator, Markgraf Karl Auguſt aus der Taufe gehoben worden ſei. Von ſeinen Leiſtungen verraten übrigens die Zeitungen ebenſo⸗ wenig als von jenen ſeiner genannten Vorgänger und die Akten ent⸗ halten nur die Zuſammenſtellung der jämmerlichen Gagen, die er ſeinen Mitgliedern zahlte. Auch über das Unternehmen des Hofſchauſpielers Friedrich Heinrich Bulla, der von Oktober 1782 bis März 1783 dreimal wöchentlich Vorſtellungen gab, ſind uns nur Angaben ge— ſchäftlichen Charakters erhalten, welche ſich auf die ebenfalls kläglichen Gagen, auf Streitigkeiten der Schauſpieler mit dem Direktor und auf Unterſtützungsgeſuche beziehen. Über den Theaterbeſuch gibt eine Abonnentenliſte einigen Aufſchluß. Die Zahl der Abonnenten und die wiederholten Klagen des Unternehmers beſtätigen die Angabe Brunns aus dem Jahre 1791, daß das„mittelmäßig große Schauſpielhaus ſelten ganz, gewöhnlich nicht halb voll“ war. Auf Bulla folgte Appelt, dem von ſeiner früheren Thätigkeit ein guter Ruf vorausging. Mit ihm ſchloß die Hofverwaltung einen Vertrag ab, welcher bezweckte, ſeine Geſellſchaft auf längere Zeit in Karlsruhe feſtzuhalten und vor den ſchlimmſten finanziellen Kalami⸗ Pee i 85 täten, denen das Unternehmen Bulla's unterlegen war, zu bewahren. Die Appelt'ſche Truppe ſpielte mit verſchiedenen Unterbrechungen, während deren vorübergehend der Regiſſeur Wetzel das Theater leitete, während der Jahre 1784 bis 1791 und ſpäter nochmals in den Jahren 1797 und 1798, aber auch die Unterſtützung des Hofes konnte die Geſellſchaft nicht vor einem finanziellen Mißerfolg retten, der um ſo empfindlicher wurde, als zu der Gleichgiltigkeit des Karls⸗ ruher Publikums auch noch die Kriegsunruhen hinzukamen. Auch hier hieß es: Inter arma silent Musae, wenn man überhaupt zugeben will, daß dieſe Art ſchauſpieleriſcher Unternehmungen unter dem Schutze der Muſen ſtand. Etwas beſſere Zeiten kamen für das Karls⸗ ruher Theater, als im Jahre 1804 deſſen Leitung der Schauſpieler Wilhelm Vogel, der ſich ſchon früher dem Karlsruher Publikum durch Veranſtaltung von Konzerten unter Mitwirkung der berühmten Sängerin Mara bekannt gemacht hatte, übernahm. Seine Geſell⸗ ſchaft ging dann auch in das— wie erwähnt von Weinbrenner— neu erbaute Theatergebäude über, in welchem am 1. Oktober 1808 zum erſten Mal geſpielt wurde. Nachdem ſeit November 1808 die Hofintendanz die Aufſicht über das Theater übernommen hatte, wurde 1811, als Vogel ſich auf ſein Gut„Hub“ bei Acheru zurückzog, das Theater völlig von der Hofverwaltung übernommen und in ein Hoftheater verwandelt, deſſen erſter Intendant der Freiherr Stock— horner von Starein war. Mit der„Jungfrau von Orleans“, mit welcher Eduard Devrient 42 Jahre ſpäter ſeine Theaterleitung begann, ſchloß das Unternehmen Vogels. Mit einem von dem Re— giſſeur Mittell gedichteten Prolog und der Oper„Achilles“ von Paer wurde das neue Hoftheater eröffnet. Das Hoforcheſter beſtand Anfangs aus ſehr wenigen Mitgliedern: 2 Violiniſten, 1 Waldhorniſt, 2 Flautotraverſiſten, 1 Violoncelliſt, 2 Claviciniſten, 1 Fagotiſt, 1 Hautboiſt bildeten nach dem baden⸗ durlachiſchen Hof- und Adreßkalender im Jahre 1763 die„Hofmuſik“. Dieſelbe wurde 1771 nach dem Anfall der baden-badiſchen Lande bedeutend erweitert und insbeſondere durch Übernahme des für die damalige Zeit beträchtlichen Orcheſters des Raſtatter Hofes verſtärkt. 1770 zählte das Karlsruher Hoforcheſter ſchon 8 Violinen, 3 Violen, 1 Violon, 1 Flautotravers, 2 Oboen, 1 Clarinette, 2 Fagotte, 2 Hörner und 1 Clavier und 1786 war die Zahl der Inſtrumente auf 5 erſte und 5 zweite Violinen, 2 Oboen, 1 Clarinette, 2 Flöten, 3 Altviolen, 1 Cello, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Baßgeigen, 4 Trom⸗ peten und 1 Pauke erweitert, wozu um 1805 noch 2 Oboen, 2 Flöten, 3 Clarinetten, 2 Cellos, 2 Fagotte, 1 Baßgeige und 1 Horn hinzu⸗ traten. Während 1771 zuerſt Molter, dann der Italiener Seiatti als Muſikdirektoren thätig waren, kamen von Raſtatt Ulbrecht und Schmittbauer als Dirigenten nach Karlsruhe herüber. Mit Alois Schmittbauer, 1718 in Stuttgart geboren, einem Schüler Jomelli's, der viele Jahre hindurch als Hofkapellmeiſter wirkte, kam erſt ein kräftigerer Zug in das muſikaliſche Leben der Reſidenzſtadt. Er war als Lehrer geſchätzt, hatte mancherlei Lieder, Opern(Lindor und Ismene, der Schäfer in Arkadien, Endymion,[noch in Raſtatt 1762 die Feſtoper:] die unbewohnte Inſel), Quartette, Symphonien, Cantaten componiert und war ein vortrefflicher Dirigent. In dem 1792 zu Leipzig erſchienenen„Portefeuille für Muſikliebhaber“ wird ihm, faſt zu überſchwänglich, das höchſte Lob geſpendet. Von ſeinem Dirigieren heißt es:„Ein Zug, ein Strich, ein Ton, eine Miene, eine Empfindung— ſo zieht er aller Zug und Strich und Ton und Aug', das auf ihn wartet, und Empfindung in die ſeinige hinein... Gluckens„Iphigenia“ muß man vor ihm liegen ſehen. Wie er den Inſtrumenten und jeder Stimme leiſe nachgeht, jeder ſogleich aufzu⸗ helfen weiß, wie er Empfindung und Momentengang und die gehörige Abänderung des Tones oder Kolorits in Gluckens Seele zu beſtimmen weiß, wie er den Strom hemmt, ſtellt, forttreibt und brauſen läßt!“ Daß er zur Zeit des Aufenthalts Klopſtocks in Karlsruhe das Stabat Mater von Pergoleſe zur Aufführung brachte, iſt früher erwähnt worden. Als tüchtiger Muſikdirektor ſtand ihm Fr. Danner zur Seite, Heinrich Daun, Franz Piquot, Vater und Sohn, Michael Wöppl werden als beſonders brauchbare Hofmuſiker erwähnt. Von dem Perſonal der Oper finden wir die Sopraniſtin Franziska Wöppl, den Contraaltiſten Martin Lorenz und den Tenoriſten Ignaz Thau genannt. Auf das Repertoire des Karlsruher Theaters können wir hier nicht näher eingehen. Es wird genügen, zu ſagen, daß es ſich von den Darbietungen anderer deutſchen Bühnen jener Tage nicht weſentlich unterſchied. Es verbeſſerte ſich, je mehr die Theaterunternehmungen von Wandertruppen auf Geſellſchaften übergingen, die einen mehr ſtändigen Charakter an ſich trugen. 8 Beiſpielsweiſe ſeien hier— abgeſehen von den ſchon erwähnten Darbietungen jener erſten Wandertruppen— aus der Zeit von 1770 bis in die erſten Jahre unſeres Jahrhunderts— aufgeführt: die Opern und Singſpiele von d'Aleyrac, einem Nachahmer Gretry's, „Nina“,„Die Wilden“,„Die beiden Savoyarden“,„Dies Haus iſt zu verkaufen“, von Monſigny„Der Deſerteur“ und„Felix“, von Philidor„1e Maréchal ferrant“, von Oudinot„Der Faßbinder“, von Dittersdorf„Der eiferſüchtige Liebhaber“,„Betrug durch Aber— glauben“,„Doktor und Apotheker“,„Das rote Käppchen“,„Hiero— nimus Knikker“, von Schenk„Der Dorfbarbier“ und„Die beiden Antons“, von Schak„Die Zaubertrommel“, von Wolf„Die Dorf— deputierten“, von Gaßmann„Die Liebe unter den Handwerksleuten“, von Mozarts Schüler Süßmaier„Der Marktſchreier“, von Mozart ſelbſt„Die Entführung aus dem Serail“, von dem Karlsruher Kapell— meiſter Schmittbauer„Der Betrug aus Liebe“, von Steibelt„Adelheid von Veltheim“, von Schuſter„Der Alchemiſt“ und„Die Eiferſucht unter den Bauern“, von Panek„Die Judenbraut“, von Spindler „Loch in der Mauer“, von Wenzel Müller„Das Sonnenfeſt der Braminen“ und„Das Sonntagskind“, von Hiller verſchiedene Lieder— ſpiele, von Himmel„Fanchon“ u. a. Unter Vogels Direktion erreichten die Opernaufführungen ein höheres Niveau. Nun finden wir die Werke von Brandl, Cherubini, Kauer, Martini, Winter, Mozart, Gluck, Boieldieu und Paer zur Darſtellung gebracht. Im Schau⸗ und Luſtſpiele erſcheinen, neben den bis auf ihre Titel längſt verſchollenen Werken wenig bekannter Autoren, u. a. Sheridans„Läſterſchule“, Molières„Tartuffe“, Leſſings„Minna von Barnhelm“. Und aus dem Gebiete des Trauerſpiels verzeichnen wir Hamlet, König Lear, Richard II., Antonius und Cleopatra, Emilia Galotti, Eſſexr, Die Räuber, Maria Stuart, Clavigo, Otto von Wittelsbach, Agnes Bernauer u. a. ‚ Charakteriſtiſch ſowohl für den Grad des Intereſſes, welches das damalige Karlsruher Publikum den Theatervorſtellungen ent— gegenbrachte, als auch für den Standpunkt, auf dem in jener Zeit in Karlsruhe die Zeitungen ſich befanden, iſt es, daß über die Aufführung dieſer Stücke in den Blättern ſich auch nicht ein einziger Bericht vor— findet, ſo daß ſich z. B. Urteile über die Leiſtungen der in Karls— ruhe während einer Reihe von Jahren auftretenden Vogel'ſchen Ge— — 838 ſellſchaft lediglich aus Zeitungen ſchöpfen laſſen, die in Freiburg erſchienen, wo dieſe Geſellſchaft auch aufgetreten iſt. Die Polizeiverwaltung der Reſidenzſtadt. Selbſtverſtändlich ſtand das Theater nicht nur unter der äſthetiſchen und disciplinären Leitung der jeweiligen Unternehmer und ſpäter der mit ihrer Beaufſichtigung betrauten Hofbeamten, ſondern auch die Polizeigewalt warf ein ſtrenges Auge auf den ganzen theatraliſchen Betrieb, insbeſondere war ſowohl die Wahl der aufzuführenden Stücke als auch unter Umſtänden der Wortlaut einzelner Szenen der amtlichen Cenſur unterworfen. Wie denn in jenen Zeiten die Bevormundung des Thuns und Treibens aller Klaſſen der Geſellſchaft ſo ziemlich bei jedem Anlaß in Kraft trat. Dieſes war auch der Fall bei den Feierlichkeiten, die ſich an die wichtigſten Momente im Leben jedes Menſchen von Alters her anzuſchließen pflegen, bei Taufen, Hochzeiten und Begräbniſſen. Bei den Taufen wurde, um unpaſſendem Luxus entgegenzu⸗ treten, vorgeſchrieben, nicht mehr als zwei Paten zuzuziehen, auch durfte Niemand öfter als ein Mal im Jahre zu Gevatter ſtehen, Dienſtboten waren aber von dieſer Ehrenſtelle gänzlich ausgeſchloſſen. Üppige Taufmahlzeiten waren verpönt. Die in der Stadt wohnenden Paten durften im Hauſe des Täuflings nur mit Kuchen und Land— wein bewirtet werden und mußten dasſelbe vor der Abendmahlzeit wieder verlaſſen. Auswärtigen, deren Zahl auf vier beſchränkt war, konnte man warme Speiſen vorſetzen, aber es durften nur vier Speiſen verabreicht werden. Wer ſich gegen dieſe Vorſchriften ver— ging, zu denen noch das Verbot der Patengeſchenke hinzutrat, wurde ſtraffällig und die auf Grund ſolcher Verfehlungen verfügten Geld— ſtrafen fielen dem Waiſenhauſe zu. Zu Hochzeiten ſollten— Braut und Bräutigam ungerechnet — nur 24 Perſonen geladen werden, doch war hier eine Erhöhung auf 30 Gäſte durch Dispeus des Oberamtes zuläſſig, wofür eine Taxe von 1 Gulden für die Perſon zu entrichten war. Fand die Trauung Morgens ſtatt, ſo waren zwei Mahlzeiten, wenn ſie Nach⸗ mittags vor ſich ging, war nur eine Mahlzeit geſtattet. Perſonen bis hinauf zum„Ratscharakter“ waren in ihren Tafelfreuden auf achterlei warme Speiſen und auf den Genuß von Landwein beſchränkt. Auch Hochzeitsgeſchenke waren verpönt. Wie die obige Taxe verfielen auch die wegen Verfehlung gegen dieſe Anordnungen erhobenen Strafgelder der Kaſſe des Gymnaſiums. Mahlzeiten bei Leichenbegängniſſen waren ebenſo ver⸗ boten wie die Verteilung von Geſchenken, Trauerflören u. dgl. an die Leichenbegleiter. Die Spendung von Blumen und Kränzen, die indes nur bei Unverheirateten üblich war, wollte man nicht gänzlich verbieten, doch mahnte die Verordnung vor Übermaß in derlei Beileidsbezeugungen ab. Selbſt die Trauerzeit unterlag obrigkeitlicher Vorſchrift. Für Eltern und Kinder, Ehegatten und Geſchwiſter durfte man während eines halben Jahres Trauerkleider tragen, für entfern⸗ tere Verwandte und Verſchwägerte und für Kinder unter 14 Jahren war nur eine Trauerzeit von drei Monaten geſtattet. Im erſten Falle durfte man während 6 Wochen„tiefe Trauer“ anlegen, im anderen war die„tiefe Trauer“ unterſagt. Die Anbringung von Trauerzeichen an Häuſern, Zimmern, Kirchenbänken war ebenſo ver⸗ boten wie das Tragen von Trauerkleidern durch Dienſtboten und Livreediener. Auch hier verfielen Zuwiderhandelnde erheblichen Geld⸗ ſtrafen. Wenn man im Intereſſe eines verſtändigen wirtſchaftlichen Lebens überall beſtrebt war, dem Luxus entgegenzutreten, ſo geſchah dieſes mit beſonderer Strenge gegenüber den dienenden und arbeitenden Klaſſen der Einwohnerſchaft. Für die Dienſtboten war eine ein⸗ fache Kleidung vorgeſchrieben und die Handwerksgeſellen wurden an Werktagen zur Arbeit angehalten, indem man jeden Beſchäftigungsloſen in polizeilichen Gewahrſam nahm. Das Halten von Luxushunden wurde auch damals ſchon ver⸗ ſteuert und durch Anhängen von Marken an die Halsbänder die Erlegung der Hundetaxe controliert. Wenn die Bet⸗ oder Feierabendglocke erſchallte, mußten dreimal in der Woche die Straßen gekehrt werden; vorübergehend ließ man auch die Straßen durch ſtädtiſche Tagelöhner begießen und den Kehricht auf Wagen aus der Stadt wegbringen, doch mußten aus finanziellen Gründen dieſe den Anſchauungen der Zeit voraneilenden Anordnungen wieder außer Kraft treten. Hinſichtlich des Verkaufes der Lebensmittel, ihrer Güte, des richtigen Gewichtes u. dgl. wurde eine ſtrenge polizeiliche Über⸗ 000 wachung geübt, die den Schutz der Einwohner ſowohl vor nachteiligen Einwirkungen auf ihre Geſundheit als auch vor Übervorteilung zum Zwecke hatte. Daß die Ruhe des friedlichen Bürgers weder durch verſpätetes lärmendes Arbeiten noch durch Nachtſchwärmer geſtört werden durfte, verſtand ſich von ſelbſt. Die Feierabendſtunde in den Wirts⸗ häuſern war im Winter auf 9, im Sommer auf 10 Uhr feſtgeſetzt, ſpäter wurde ſie bis 11 Uhr verlängert, dann aber auch mit äußerſter Strenge gehandhabt. Wer nach Mitternacht ohne hinlänglichen Nach⸗ weis einer geſchäftlichen Veranlaſſung auf der Straße betreten wurde oder nach Betglockzeit auf der Straße lärmte, jubelte u. dgl., wurde auf 12 Stunden„in's Häusle“ eingeſteckt, im Wiederholungsfalle während zweimal vierundzwanzig Stunden„eingetürmt“, wenn er aber das dritte Mal bei ſolcher Übertretung betroffen wurde, dem Oberamt zur Unterfuchung und von da dem Hofratskollegium zu ſchärferer Beſtrafung angezeigt. Das Tabakrauchen war zwar in den Straßen der Stadt geſtattet, dagegen auf dem freien Platz vor und in den Gärten hinter dem Schloſſe verboten. Das Wür⸗ fel-, Karten- und Kegelſpiel war nur den fürſtlichen Dienern und den vornehmſten Gewerbtreibenden erlaubt, allen andern bei hohen Geldſtrafen unterſagt. Auch für jene war die Höhe des Ein— ſatzes und Verluſtes obrigkeitlich feſtgeſetzt. Das Auge der Polizei wachte auch über die Erleuchtung der Straßen, welche durch Ollampen bewirkt wurde, die teils an Pfählen angebracht waren, teils an Ketten über den Straßen hingen. Nur „in den dunkeln Nächten“ wurden die Laternen angezündet, d. h. wenn der Kalender anzeigte, daß der Mond nicht ſcheine. Die Zahl der Laternen betrug in den 1780er Jahren 370 und es war für deren Erhellung per Licht und Stunde ½ Lot Repsöl berechnet, von welchem das Pfund um den Preis von 10 Kreuzern geliefert wurde. Für die Lampendochte(„Wiechen“ genannt) wurden monatlich 12 Gulden verausgabt. Neun Mann waren mit dem Reinigen und Anzünden der Lampen beſchäftigt, von denen jeder täglich eine Ver⸗ gütung von 12 Kreuzern erhielt. Die Koſten der Beleuchtung, im Ganzen 1360 Gulden jährlich, wurden teils aus dem fürſtlichen Arar beſtritten, teils(und zwar mit 1 fl. 20 kr. von 100 fl. Häuſerſteuerkapital) auf die Hauseigentümer umgelegt und von dieſen ö 4. f K I 1 — den Mietern in Rechnung geſtellt. Von jedem Gulden der Miete waren ½ Kreuzer für Beleuchtung zu entrichten. Wenn Mondſchein im Kalender ſtand, die Witterung jedoch die Leuchtkraft des Mondes beeinträchtigte, beſonders bei ſtarkem Nebel, aber auch dann, wenn in den mondſcheinloſen Nächten die Laternen brannten, deren Licht zu einer genügenden Erhellung der Straßen nicht ausreichte, mußte nach polizeilicher Vorſchrift jeder Fußgänger mit einem brennenden Lichte verſehen ſein. Sogenannte Standesperſonen ließen ſich große Prachtlaternen mit brennenden Wachskerzen durch Diener vorantragen. In Brandfällen mußten die Einwohner dadurch zur beſſeren Erleuchtung der Straßen beitragen, daß ſie Lichter hinter den Fenſterſcheiben aufſtellten. Zur Aufrechterhaltung der Sicherheit der ſtädtiſchen Straßen durchzogen dieſe bei Nacht Patrouillen, die am Rathaus und an den Thoren ihre Ablöſungs⸗Stationen hatten. Wie die Polizei ſich das Wohl der Einwohner nach Maßgabe ihrer Beurteilung der für dasſelbe zuträglichen Anordnungen angelegen ſein ließ, ſo umgab ſie auch den Fremden, welcher die Reſidenzſtadt betrat, mit ihrer Fürſorge. Auf den Abbildungen der alten Stadt⸗ thore ſehen wir überall einen Schlagbaum angebracht. Dieſer wurde fremdem Fuhrwerk nur geöffnet, wenn das Thor⸗ und Pflaſtergeld entrichtet war. Außer der Erhebung dieſer Gebühren lag dem Thor⸗ wart auch ob, die Legitimation der Fremden, ob ſie zu Fuß, zu Wagen oder zu Pferde ankamen, zu prüfen. Er nahm ihre Ausweis⸗ papiere zur Hand und lieferte ſie an die Polizeibehörde ab, die auf Grund derſelben dem Fremden eine Aufenthaltskarte ausſtellte. Den Wirten wie Privaten, welche Fremde bei ſich beherbergten, lag eine ſtreng gehandhabte Meldepflicht ob. Auch in das fürſtliche Schloß wurde ein polizeilicher Fremdenrapport täglich eingeliefert, um den Landesherrn von der Anweſenheit von Gäſten, deren Perſönlichkeit ihn etwa intereſſieren mochte, in Kenntnis zu ſetzen. zu ſetz Die mannigfachen Aufgaben, welche neben andern Juſtiz⸗ und Verwaltungspflichten dem Oberamt Karlsruhe auf dem Gebiete der Ortspolizei oblagen, konnten bei der allmählichen Vergrößerung der Reſidenzſtadt nicht mehr in vollem Umfang und in der Trefflichkeit erfüllt werden, an die man in der badiſchen Markgrafſchaft gewöhnt war. Der Markgraf beſchloß daher im Jahre 1787, um für die U Pflege der Ruhe und Ordnung, der Sicherheit, der Reinlichkeit und Geſundheit ſeiner Reſidenzſtadt nach beſten Kräften zu ſorgen, eine eigene Polizeideputation aufzuſtellen. Sie beſtand aus je einem Mitglied der Regierung, des Kirchenrates und der Kammer, dem Kommandanten des in Karlsruhe garniſonierenden Militärs, einem Beamten des Oberamts und einem eigenen Polizeirat, deren Zu— ſammenwirken nun die Fürſorge für die erwähnten Verwaltungszweige In welchem Sinne, das deutete der Markgraf bei anvertraut ward. der Audienz, die er dem neuen Kollegium bewilligte, mit den Worten an:„Wollen doch die Herren ſorgen, daß bei der neuen Polizei mehr gethan als geſchrieben werde!“ Die Polizeideputation wurde, da es galt, ihrem Wirkungskreis einen feſten Boden zu ſichern, zu— nächſt unter den unmittelbaren Befehl des Markgrafen geſtellt, der alle Sonntage den Polizeirapport perſönlich entgegennahm. Einen der wichtigſten Geſchäftszweige der neuen Behörde bildete das Armenweſen. Um die Not und das Elend wirkſam zu be⸗ kämpfen, wurde in erſter Reihe nach Möglichkeit Arbeitsgelegenheit eröffnet, wo ein dringendes Bedürfnis vorlag, ein Zuſchuß aus dem Almoſen bewilligt, anderſeits aber auch der Bettel mit Strenge ge— ahndet. Es war dabei von größtem Vorteil und gewährleiſtete eine richtige Behandlung der Armen und Notleidenden, beſonders auch der Hausarmen und jener, deren Ehrgefühl, indem man ihrer Not ſteuerte, thunlichſt geſchont werden ſollte, daß man die Fürſorge für ſie nicht Subalternen überließ, ſondern daß regelmäßig ein Mitglied der Polizeideputation ſich unmittelbar mit der Prüfung der Verhält⸗ niſſe der Bedürftigen beſchäftigte, wodurch denn auch, da dieſem die nötige Kompetenz nicht fehlte, die Darreichung der Gaben mit der im Armenweſen doppelt wohlthätigen Schnelligkeit erfolgen konnte. War ſchon drei Jahre früher, im Jahre 1784, dem Beiſpiele der Stadt Mannheim folgend, in Karlsruhe ein Rekonvalescenten⸗Inſtitut ge⸗ gründet worden, ſo ſehen wir nun Anſtalten in's Leben treten, von denen manche glauben, daß erſt die Humanität unſerer Tage ſie her⸗ vorgebracht habe. Für Arbeitſuchende wurde Beſchäftigung in einem Spinn⸗ und Gewerbehaus dargeboten und zur Verhütung des Haus⸗ und Straßenbettels wurde fremden Armen, welche Karlsruhe auf der Durchreiſe berührten, die Fürſorge der Behörde zugewendet. Aber nicht nur aus öffentlichen Mitteln wurden die Koſten dieſer Mild⸗ — n————— — 93— thätigkeit beſtritten, ſondern man erbat freiwillige Beiträge der be— ſitzenden Klaſſen, und zwar mit dem beſten Erfolge. Der Ertrag der alle Vierteljahre vorgenommenen Kollekten erhöhte ſich in ſtändiger Progreſſion, und auch der Markgraf und ſeine Prinzen verdoppelten bald ihre Beiträge, als ſie ſo günſtige Wirkungen des anfänglich etwas zaghaft begonnenen Werkes der Wohlthätigkeit gewahrten. Die Hofapotheke verabreichte anerkannten Armen unentgeltlich Arzueien, die Kammer wies Brennholz an, die Karlsruher Waiſen erhielten Unterſtützungen aus dem Landwaiſenhauſe zu Pforzheim, das Schulgeld und die Lehrmittel für arme Bürgerskinder beſtritt die Stadtkaſſe. Eine nach Analogie der für die Kirchen- und Staatsdiener begründeten Wittwenkaſſe, jedoch ohne Zwang zur Teilnahme, wurde nun für die Bürger von Karls— ruhe eingeführt. Von dem Hoſpital, das 1789 ſeine zwölf Säle mit 150 Betten eröffnete, war ſchon früher die Rede. Um ein paar Jahre vorgreifend, iſt in dieſem Zuſammenhange auch der Einrichtung zu erwähnen, durch welche gegen den mäßigen Beitrag von jährlich einem Gulden, den die Dienſtherrſchaften erlegten, für koſtenfreie Ver— pflegung ihrer erkrankten Dienſtboten geſorgt wurde. Als 1789 in Hamburg eine Reform des Armen- und Unterſtützungsweſens ge⸗ plant wurde, nahm man ſich bei den Vorarbeiten die Anſtalten und Einrichtungen von Karlsruhe zum Muſter. Vom ſiebenjährigen Krieg bis zum Ausbruch der franzöſiſchen Nevolution. Wenn der polniſche Thronfolgekrieg die letzten Lebensjahre des Markgrafen Karl Wilhelm getrübt und ihn gezwungen hatte, während längerer Zeit eine Zuflucht außerhalb der Grenzen ſeines dem Kriegs—⸗ ſchauplatz ganz nahe liegenden Landes zu ſuchen, ſo hatte Markgraf Karl Friedrich nicht in gleicher Weiſe unter den Wechſelfällen des ſiebenjährigen Krieges zu leiden. Er ſelbſt nahm an dem⸗ ſelben nur in dem glücklicherweiſe für ihn ſehr beſchränkten Umfang teil, wie es von ihm, als im Jahre 1757 die Reichsexekution gegen Preußen beſchloſſen war, durch die Reichskriegsverfaſſung und die Beſchlüſſe des Reichstages gefordert wurde. Bei der geringen Zahl des Kontingentes, welches er als ſchwäbiſcher Kreisſtand zu ſtellen hatte— 242 Mann zu Fuß und 44 Berittene— litt unter dieſer aktiven Beteiligung die Markgrafſchaft jedenfalls weniger als durch die Durchmärſche franzöſiſcher Truppen, welche vorübergehend auch die Reſidenzſtadt Karlsruhe mit Einquartierung heimſuchten. Freudig wurden die loyalen, ihrem Landesfürſten aufrichtig ergebenen Bewohner Karlsruhes von der erhöhten Bedeutung berührt, welche dem Durlachiſchen Zweige des badiſchen Fürſtenhauſes im Jahre 1771— zuteil wurde, als nach dem Ableben des letzten Markgrafen der baden⸗badiſchen Linie deſſen Lande an den Markgrafen Karl Friedrich fielen. Da ſchon im Jahre 1765 ein zwiſchen beiden Linien abgeſchloſſener Erbvertrag dieſes Ereignis in Ausſicht ge⸗ ſtellt hatte, war, bei der längeren Krankheit des kinderloſen Mark⸗ grafen Auguſt Georg, der Anfall der baden-badiſchen Lande ſeit ge— raumer Zeit vorausgeſehen. Die Befürchtung, daß durch denſelben und die Erwerbung zweier ſtattlichen Schlöſſer in Raſtatt und Baden der Fortbeſtand Karlsruhes als Reſidenzſtadt ernſtlich bedroht ſein könne, ſchwand, wenn ſie überhaupt je beſtanden hatte, raſch gegenüber den Anfeindungen, denen ſich der Markgraf ſeitens eines Teiles ſeiner neuen Unterthanen ausgeſetzt ſah, welche die allerdings durchaus unbegründete Furcht hegten, durch die Verſchiedenheit des kirchlichen Bekenntniſſes unter den neuen Verhältniſſen ihre Rechte und Gewohn— heiten beeinträchtigt zu ſehen. Die Stadt Baden, wo infolge ſolcher Anſichten die Oppoſition gegen den neuen Landesherrn am ſchärfſten hervortrat, hat Karl Friedrich viele Jahre lang nicht beſucht und in Raſtatt nahm der Hof doch auch immer nur auf kurze Zeit ſeinen Aufenthalt. Die Nachricht von der ſchweren Erkrankung des Markgrafen Auguſt Georg hatte Karl Friedrich und ſeine Gemahlin im Früh— herbſt 1771 in Paris ereilt und zu raſcher Rückkehr veranlaßt. Nahezu zwölf Jahre ſpäter hatte die Markgräfin Karoline Luiſe in Begleitung ihres zweiten Sohnes, des Prinzen Friedrich wieder eine Reiſe nach der franzöſiſchen Hauptſtadt angetreten. Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft war ſie von einem Schlaganfall betroffen worden und am 8. April 1783 geſtorben. Bei dem innigen Ver— hältniſſe, das unter den fürſtlichen Ehegatten herrſchte, war Karl Friedrich von dieſem Verluſte auf das Tiefſte erſchüttert. Während der Geheime Rat von Edelsheim den Sarg, der die Leiche der aus⸗ gezeichneten Fürſtin barg, von Paris nach ihrer Begräbnisſtätte zu Pforzheim geleitete, hatte Karl Friedrich die Einſamkeit des Jagd⸗ 99 ſchloſſes Stutenſee und ſpäter den bei ihm ſehr beliebten Badeort Langenſteinbach aufgeſucht, um ſich dort ganz ſeinem ſo berechtigten Schmerze hinzugeben. Sicherlich war mit der Markgräfin, die ja an allen Regierungs⸗ handlungen und insbeſondere an den Reformen ihres Gemahls den lebhafteſten und verſtändnisvollſten Anteil nahm, der bedeutungsvolle⸗ Entſchluß Karl Friedrichs eingehend erwogen worden, der im Juli des nämlichen Jahres zur Reife gedieh, durch Aufhebung der Leibeigenſchaft einer großen Zahl der Unterthanen eine außer— ordentliche Wohlthat zu erweiſen und dem Ruhmeskranze, der ſeiner verdienſtlichen Regierungsthätigkeit von den Zeitgenoſſen dargebracht wurde, ein neues Blatt einzufügen. Hatte die junge badiſche Haupt- und Reſidenzſtadt, wie wir geſehen haben, ebenſo wie auf dem Gebiete des geiſtigen Lebens auch auf jenem einer einſichtigen Verwaltung und hochſinnigen Humanität ſich bereits einen angeſehenen Namen erworben, ſo wurde ſie in den 1780er Jahren zum erſten Male auch da häufiger genannt, wo man ſich für politiſche Verhältniſſe intereſſierte. Die Zuſtände des Deutſchen Reiches nach dem Regierungsan⸗ tritte Kaiſer Joſefs II., die Verſuche dieſes Monarchen, die kaiſer— liche Machtſtellung zu erhöhen und eine Vergrößerung der öſter⸗ reichiſchen Erblande anzubahnen, führten zu einer Annäherung der mindermächtigen deutſchen Staaten an Preußen und nach längeren Verhandlungen zum Abſchluſſe eines Fürſtenbundes, für deſſen Zuſtandekommen Markgraf Karl Friedrich in den verſchiedenen Stadien, welche dieſe Angelegenheit bis zur Unterzeichnung der badiſchen Bei— trittsurkunde am 2. November 1785 durchlief, eine erfolgreiche Thä— tigkeit entfaltete. Während ſich dieſer Bund vorbereitete, der, unter Führung des großen Friedrich, mit Preußen die Kräfte einer Reihe von nord- und ſüddeutſchen Staaten zum Schutze der altfürſtlichen Häuſer gegen die Übergriffe Joſefs II. vereinigte, war Karlsruhe mehrfach das Ziel diplomatiſcher Reiſen. Der Fürſt Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Deſſau machte im Sommer 1782 ſeinen Beſuch in der badiſchen Reſidenzſtadt, den er im November 1783 wiederholte. Im Auguſt 1785 kam der preußiſche Geh. Rat Georg Friedrich von Böhmer in ſpecieller Miſſion an den badiſchen Hof, um den Markgrafen zum Anſchluß an den Fürſtenbund zu — 96— gewinnen, einen Monat ſpäter folgte ihm mit gleichem Auftrage ſeitens der hannöver'ſchen Regierung der Legationsrat Chriſtof Wilhelm von Knebel. Er kam in einem Augenblicke, da der Vorbeimarſch eines in den Sold der holländiſch-oſtindiſchen Kompagnie überlaſſenen herzoglich württembergiſchen Bataillons, infolge von Ex⸗ zeſſen, welche dieſe Truppen verübten, in Karlsruhe große Auf— regung hervorgerufen hatte. Der Oberſt von Freyſtedt erhielt den Befehl,„zur Sicherheit des Staates“ die Württemberger bis zur Grenze zu eskortieren und, wenn die Ausſchreitungen fortdauerten, zu entwaffnen. Auf eine Beſchwerde, die beim Herzog erhoben wurde, mußte der Kommandant des Bataillons, Oberſtlieutenant von Fran— quemont nach Karlsruhe zurückkehren und Abbitte leiſten. Im Verlaufe der an den Abſchluß des Fürſtenbundes ſich noch weiter anreihenden Verhandlungen kam im Dezember 1785 auch der Herzog von Zwey— brücken nach Karlsruhe. Nach dem Tode Friedrichs des Großen, der den Markgrafen Karl Friedrich im April 1786 durch Ver⸗ leihung des Schwarzen Adler-Ordens ausgezeichnet hatte, pflegte auch ſein Nachfolger, König Friedrich Wilhelm II. die freundlichen Be⸗ ziehungen zu dem badiſchen Hofe. Seit dem Ende des Jahres 1788 reſidierte der an den Höfen von Stuttgart und Karlsruhe beglaubigte preußiſche Geſandte, Freiherr von Madeweiß im Winter regel⸗ mäßig in Karlsruhe, während er den Sommer in Stuttgart zu⸗ brachte. Im September 1789 erſchien der preußiſche Geſandte am Reichstag, der dort auch Baden vertrat, Graf von Schlitz genannt von Görtz mit einem Auftrage ſeines Königs in Karlsruhe, wo ſeit Dezember 1785 auch von Zeit zu Zeit der gleichzeitig am badiſchen Hofe beglaubigte franzöſiſche Geſandte beim ſchwäbiſchen Kreis, Armand Louis Mackau, von ſeinem ſtändigen Aufenthaltsort Stuttgart aus ſich einſtellte. Man ſieht, es war ein reges politiſches Leben, welches die dem Hofe und der Regierung angehörigen Kreiſe Karls⸗ ruhes in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beſchäftigte. Mit dem preußiſchen Hofe waren neue Beziehungen angeknüpft worden durch den im September 1787 erfolgten Eintritt des jüngſten Sohnes Karl Friedrichs, des Prinzen Ludwig, in preußiſche Kriegs⸗ dienſte, in denen er ſofort den Rang eines Oberſten erhielt. Im gleichem Jahre, am 24. November, ſchloß der Markgraf die ſchon früher erwähnte zweite Ehe. Wie die Karlsruher über die Tuiſe Karoline, Reichsgräfin von Bochberg. ν Abreiſe des beliebten Prinzen mit dem Markgrafen, dem die Trennung von dem Sohne außerordentlich ſchwer fiel, betrübt geweſen waren, ſo freuten ſie ſich nun auch des neuen häuslichen Glückes ihres Landes⸗ herren, von dem der Miniſter von Edelsheim in einem Briefe an Dupont ſchrieb, daß es ihn um wenigſtens zehn Jahre verjüngt habe. „Da Frau von Hochberg— fährt er fort— jung, ſchön, heiter, liebenswürdig, ſanft und voll Aufmerkſamkeit iſt, ſich ſelbſt ſehr glücklich fühlt und von der ganzen fürſtlichen Familie geliebt wird, ſcheint nun auch das Glück des Markgrafen für den Reſt ſeines Lebens geſichert.“ In der That fand der treffliche Fürſt in dieſer Verbindung, was er von ihr erwartet hatte, insbeſondere auch die Freude und den Troſt, aus derſelben eine ſtattliche Nachkommenſchaft entſpringen zu ſehen, welche die ihm gar ſehr am Herzen liegende Erhaltung des Mannsſtammes in ſeinem Hauſe verbürgte. Den erſten Rang am Karlsruher Hofe nahm ſeit dem Tode der Markgräfin Karoline Luiſe die Erbprinzeſſin Amalie ein, welche— wie uns Zeitgenoſſen berichten— ihre Repräſentations⸗ pflicht mit der ihr angeborenen Würde und Leutſeligkeit ausübte. Im Schloſſe zu Karlsruhe herrſchte nach wie vor eine ausgedehnte Gaſtfreiheit. Jeden Sonntag war große Tafel im unteren Saale, der an die kleinen Gärten ſtößt. Abends 6 Uhr fand in den oberen Zimmern Cour ſtatt, bis 8 Uhr war in der Regel Konzert im Muſikſaale. Während desſelben wurde an verſchiedenen Tiſchen ge— ſpielt. Die nicht ſpielenden Damen und Herren gingen an den fürſt—⸗ lichen Spieltiſchen umher und machten ihre Verbeugungen, wobei einige von den Fürſtlichkeiten in's Geſpräch gezogen wurden. Der Markgraf, der nicht ſpielte, führte mit anweſenden Fremden oder ſeinen Beamten längere ernſte Unterhaltung. Um 8 Uhr zog er ſich in Begleitung der Reichsgräfin von Hochberg in ſeine Gemächer zu⸗ rück.. Bei dem Erbprinzen fand dann das Souper ſtatt. Jeden Dienstag und Donnerstag war Spiel in den Zimmern des Erb— prinzen, wozu jeweils die Hälfte der einheimiſchen hoffähigen Damen und Herren geladen war. Fremde, die am Hofe vorgeſtellt waren, hatten immer Zutritt. An dieſen Tagen wurde das Souper im Muſikſaale eingenommen. Als die Töchter des Erbprinzen heran— gewachſen waren, fanden auch häufig Hoßbälle ſtatt. Für eine dieſer jungen Prinzeſſinnen eröffnete ſich frühzeitig 7 eine äußerſt glänzende Ausſicht. Den Erbvertrag mit der baden—⸗ badiſchen Linie hatte mit andern Potentaten auch die Kaiſerin Katha⸗ rina von Rußland verbürgt. Daß ihr Sohn, Großfürſt Paul, im Jahre 1782 nach Karlsruhe kam, iſt früher erwähnt worden. Er und ſeine Gemahlin wohnten damals der Taufe einer Enkelin Karl Fried⸗ richs, Marie, der ſpäteren Herzogin von Braunſchweig bei. Auf eine ältere Tochter des Erbprinzen Karl Ludwig, Prinzeſſin Luiſe, lenkte Staatsrat Koch, den im September 1783 der Markgraf zu ſeinem Vertreter am Petersburger Hofe ernannt hatte, die Aufmerkſamkeit der Kaiſerin Katharina, die ſich ſchon damit beſchäftigte, für ihren Enkel, den ſpäteren Kaiſer Alexander, eine Gemahlin zu ſuchen. Dieſes Ehebündniß wurde erſt zehn Jahre ſpäter geſchloſſen und die Be— ziehungen des badiſchen zum ruſſiſchen Hofe waren in der Zwiſchen⸗ zeit etwas geſpannte. Die ruſſiſche Regierung, damals in enger Freund⸗ ſchaft mit Oſterreich, ſah ungern das Zuſtandekommen des Fürſten⸗ bundes und ſchickte den Geſandten, Grafen Romanzow nach Karls⸗ ruhe, um den Beitritt Badens zu hintertreiben. Karl Friedrich aber verwies den etwas ſchroff auftretenden Geſandten der großen Kaiſerin mit ebenſo entſchiedener als würdiger Haltung auf die ihm als einem Fürſten des Reiches zuſtehenden Rechte, ſo daß der Graf ſehr unzu— frieden abreiſte. Wenn an ſolchen hochpolitiſchen Vorgängen in Karlsruhe doch wohl nur eine verhältnismäßig ſehr kleine Zahl in die Staatsge⸗ heimniſſe eingeweihter Perſonen Anteil nehmen konnte und nur an⸗ deutungsweiſe eine und die andere Mitteilung darüber in weitere Kreiſe der Einwohnerſchaft dringen mochte, ſo brach nun, zu Ende der 1780er Jahre, eine Zeit an, welche auch in Baden und ſeiner Hauptſtadt das Volk mächtig erregte und der bisherigen Stille des öffentlichen Lebens ein jähes Ende bereitete. Einwirkungen der franzöſiſchen Revolution. Die urſprünglich von wirtſchaftlichen Fragen ausgehende Be⸗ wegung in Frankreich, von der man in Karlsruhe ſo wenig als anderswo ahnte, daß ſie zu einem Umſturz aller beſtehenden Ver⸗ hältniſſe führen werde, die ein ſo tiefblickender Mann wie Edelsheim ſo wenig ernſt nahm, daß er, wie ſeine Umgebung, ſie nur„mit dem Auge des Philoſophen“ betrachtete, griff in ihren Folgen bald nicht nur in die hiſtoriſchen Rechte des franzöſiſchen Adels, ſondern auch der auf dem linken Rheinufer im Gebiete franzöſiſcher Landeshoheit begüterten deutſchen Reichsfürſten ein. Von dieſer Bedrohung alt⸗ ererbten Beſitzes war auch das badiſche Fürſtenhaus bedroht, und der Karlsruher Hof nahm eifrigen Anteil an den Verhandlungen, die von der franzöſiſchen Regierung eröffnet wurden, um(was ſich freilich bald als unmöglich herausſtellte) zwiſchen den Beſchlüſſen der National—⸗ verſammlung und den Anſprüchen der deutſchen Fürſten einen Aus⸗ gleich anzubahnen. Um eine Verſtändigung herbeizuführen, kam im Mai 1790 ein franzöſiſcher Unterhändler, Chevalier de Ternant, nach Karlsruhe, wo er mit Edelsheim ſehr eingehende Beſprechungen hatte und auch auf der Rückreiſe aus dem inneren Deutſchland, wo er an verſchiedenen Höfen geweilt, im Juli ſich einige Tage aufhielt. Da man in Karlsruhe nur zu genau vorausſah, daß in ſolch ſtürmi⸗ ſchen Zeiten von Kaiſer und Reich keine Hilfe zu erwarten ſei, zeigte man ſich nicht abgeneigt, in unmittelbare Verhandlungen mit Frank⸗ reich über eine Entſchädigung einzutreten, aber nur im Verein mit andern deutſchen Staaten. Doch führten dieſe Verhandlungen zu keinem Ziele. Daß dabei ſchon der Gedanke der Rheingrenze und einer Entſchädigung durch vechtsrheiniſche geiſtliche Gebiete in der Er— örterung geſtreift wurde, war gewiſſermaßen wie eine Vorahnung der Ereigniſſe, die wenige Jahre ſpäter zu einer vollkommenen Umge⸗ ſtaltung der Karte Europas und in erſter Reihe auch der badiſchen Beſitzverhältniſſe führten. Schon ein Jahr vorher, 1789, war ein Nachklang der Gewalt⸗ thaten in Paris und den franzöſiſchen Provinzen auch in badiſchem Gebiete vernehmbar geworden. Als im Juli und Auguſt in Straß⸗ burg das Rathaus geplündert wurde, das Militär revoltierte und die Gefängniſſe ſich öffneten, um Gefindel aller Art zu entlaſſen, fand man es in Karlsruhe nötig, zur Sicherung des Landes gegen ein Herübergreifen dieſer revolutionären Ausſchreitungen Maßregeln zu ergreifen; das Militär wurde durch Bürgerpatrouillen verſtärkt und die Poſten, die am Rheinufer aufgeſtellt waren, erhielten die Weiſung, verdächtiges Volk zurückzuweiſen oder, wenn es ſtärker andringe, zu verhaften und nötigenfalls Feuer zu geben. Waren zunächſt mehr die oͤberen und mittleren Teile der Markgrafſchaft bedroht, ſo lebte 7* — 100— man doch auch im Unterlande nicht ohne Befürchtungen und ſcheute die Anſammlung größerer Menſchenmaſſen. Als im Auguſt 1789 der Durlacher Jahrmarkt, wie herkömmlich, viele Leute anzog, wurden in Karlsruhe beim Zapfenſtreich die Thore„geblendet“ und Niemand durfte ohne Ausweis paſſieren. Und kurz darauf ſah die erſtaunte und erregte Einwohnerſchaft der Reſidenzſtadt, daß ſich der Markgraf an die Spitze ſeiner Truppen ſtellte, um einem Aufſtand, der im Amte Bühl ausgebrochen war, perſönlich zu begegnen. Sein Erſcheinen beruhigte die Aufſtändiſchen, und nach Verhaftung der Rädelsführer war die Ruhe ohne weitere Anwendung von Gewalt wieder hergeſtellt. Aber immerhin mußte noch öfter die Karlsruher Garniſon aufgeboten werden, da die Wiederholung ähnlicher Exzeſſe in verſchiedenen Teilen des Landes bewaffnetes Einſchreiten erforderte. Lebhafter wurde das badiſche Land und ſeine Hauptſtadt durch die Vorgänge in Frankreich berührt, als eine große Zahl von franzöſiſchen Flüchtlingen, wie in allen andern am Rhein gelegenen Gebieten, auch in Baden ſich niederließ und als ganz nahe an der Grenze der unteren Markgrafſchaft, in Ettenheim um den Fürſtbiſchof von Straßburg, Kardinal Louis de Rohan, und den Vicomte de Mirabeau ſich ein Zentrum der gegen die neue Ordnung der Dinge in Frankreich gerichteten Agitation bildete. Auch in Karlsruhe hatte eine große Menge von Emigranten ein Aſyl geſucht und gefunden, und ſo entſchieden der Markgraf im Verein mit der vorderöſterreichiſchen Regierung der Bildung bewaffneter Korps in ſeinen Landen entgegentrat, ebenſo ſehr hielt er franzöſiſchen Reklamationen gegenüber an ſeinem Rechte feſt, friedlichen Fremden, die den Schutz ſeines Landes in Anſpruch nahmen, eine groß⸗ mütige Gaſtfreundſchaft zu gewähren. Ein Straßburger Zeitungs⸗ bericht weiß im April 1791 zu melden, daß der Markgraf zweimal in der Woche die Emigranten an ſeiner Tafel ſehe, und ein Reiſender, der um die Mitte des Januars 1792 ſich in Karlsruhe aufhielt, klagt in ſeinen noch im gleichen Jahre bei Unger in Berlin ver⸗ öffentlichten Briefen, er habe im badiſchen Lande alles ſo gepfropft voll Franzoſen gefunden, daß er in mehreren Poſthäuſern und Gaſt⸗ höfen kaum einen Stuhl und Tiſch für ſich habe erhalten können. Auch die Privathäuſer, beſonders in Raſtatt und Karlsruhe und an anderen Orten lägen voll. Karlsruhe beherberge die Vornehmſten, — 101— ja ganze Familien vom hohen franzöſiſchen Hofadel. Auch der franzöſiſche Geſandte beim ſchwäbiſchen Kreiſe, Maiſonneuve, klagt in einem Bericht an den franzöſiſchen Miniſter des Auswärtigen am 3. Mai 1792, daß er Karlsruhe voll Emigranten gefunden und daß man ihm nicht einmal bei Hofe ihre Anweſenheit geſchenkt habe. Daß dieſe vielen Gäſte dem Markgrafen zuweilen läſtig wurden, kann nicht Wunder nehmen, und es mag wohl ſein, daß er eine Reiſe, die er im Auguſt 1791 in Begleitung ſeiner Gemahlin nach dem Ober⸗ land antrat, wo er in Lörrach mit Lavater zuſammenkam, nicht ohne die Abſicht unternahm, ſich dem Übermaß der Anſprüche, die an ſeine Gaſtfreundſchaft ſeitens der Emigranten erhoben wurden, wenigſtens für einige Zeit zu entziehen. Mit dem erwähnten Vicomte de Mirabeau, welcher ſeinem koloſſalen Leibesumfang den Spottnamen„Tonneau“ verdankte, war auch der Prinz von Condé ſchon im Februar 1791 als Gaſt im Karlsruher Schloſſe geweſen und Mirabeau kehrte noch oft nach Karlsruhe zurück, beſonders da ſeine Familie in Durlach ein Unter⸗ kommen gefunden hatte. Trotz ſeiner unförmlichen Geſtalt genoß er in Folge ſeiner Liebenswürdigkeit die Gunſt der vornehmen Damen der badiſchen Reſidenzſtadt, von denen die Sage ging, daß ſie für ſeine„ſchwarze Legion“ eine Fahne geſtickt hätten. Und wie die Lieblinge der Damen nicht ſelten mit ihren Finanzen auf geſpanntem Fuße ſtehen, ſo befand ſich auch der Vicomte de Mirabeau in ſehr zerrütteten Geldverhältniſſen. Seine Fahrniſſe in Karlsruhe wurden von einem unerbittlichen Gläubiger gepfändet und er be— durfte der Begleitung zweier markgräflichen Offiziere, um ſeine Spazier⸗ gänge unangefochten machen zu können. In gleichzeitigen Berichten wird geklagt, daß der Aufenthalt vieler vornehmen und reichen Emi—⸗ granten in den Städten das Steigen der Lebensmittelpreiſe verurſache. Die große Mehrzahl aber verfügte nur über ſehr beſchränkte Glücks⸗ güter, und die Akten weiſen nach, daß an den Markgrafen ſehr viele Geſuche bedürftiger Emigranten um Bewilligung einer Unterſtützung gerichtet wurden. In der„Schwäbiſchen Chronik“ ſchreibt ein Korre— ſpondent aus Durlach:„Die meiſten Emigranten betragen ſich ganz ruhig und ſuchen durch Sparſamkeit und Beſcheidenheit ſich die Achtung der Gegend zu erwerben. Doch finden ſich einige unter ihnen, die auch im Ausland und im Unglück andere Menſchen fühlen laſſen, 10 welche Herrſcherrollen ſie auch in den kleinſten Sphären geſpielt haben.“ Manche verſtanden es, aus irgend einer Kunſtfertigkeit, in der ſie geübt waren, ſoviel Erwerbsmittel zu ziehen, daß ſie ihr Leben not⸗ dürftig friſten konnten. Ihnen waren die großartigen Mienen, welche ihre beſſer geſtellten Leidensgenoſſen zur Schau trugen, beſonders unerfreulich. Von den flüchtigen Adeligen, die aus dem Elſaß herüber-— kamen, waren manche auch in Baden begütert, wohin ſie ihren Zorn— über die auf dem linken Rheinufer ſiegreiche Revolution und ihre Rachepläne verpflanzten. Der markgräflichen Regierung mochten die dreifarbigen Fahnen, die auf dem Straßburger Münſter wehten, wohl wie eine fortwährende Aufforderung an das badiſche Volk zum Auf—⸗ ruhr erſcheinen, und die hergebrachten Streitigkeiten zwiſchen den Be⸗ wohnern der beiden Rheinufer drohten jeden Augenblick ſich in einen Konflikt der beiderſeitigen Behörden zu verwandeln. Man war in Karlsruhe ſehr empfindlich gegenüber jeder Nußerung der öffentlichen Meinung, die für den neuen Zuſtand der Dinge in Frankreich Partei zu nehmen ſchien. Als der Hofbuchhändler Macklot in der von ihm verlegten„Karlsruher Zeitung“ nicht nur die gegen die franzöſiſche Konſtitution erhobenen Angriffe, ſondern auch die Geſichtspunkte, die zu ihrer Verteidigung dienen könnten, anführte, wurde er zu einer dreitägigen Gefängnisſtrafe verurteilt, und es war ein Akt beſonderer Gnade des Markgrafen, daß dieſe Strafe ſtatt des greiſen Vaters— der Sohn Macklot auf ſich nehmen durfte. Von da an beobachtete ſeine Zeitung ſorgfältig die dem Verleger vom Geheimen Rat erteilte Weiſung, ſich hinſichtlich der franzöſiſchen Nachrichten„aller eigenen Reflexionen zu enthalten“. Wenn der Markgraf und ſeine Regierung auch alles vermieden, was ſie als unmittelbare Grenznachbarn Frankreichs in einen unter Umſtänden folgenſchweren Konflikt mit dieſer Macht verwickeln konnte, ſo blieben ſie doch dem Entſchluſſe treu, ihre Sache nicht von jener des Reiches und der beiden deutſchen Großmächte zu trennen. Die Bemühungen des Geſandten Maiſonneuve, Baden und die anderen Stände des ſchwäbiſchen Kreiſes zu einer Neutralitätserklärung für den Fall des Ausbruchs eines Krieges zwiſchen Frankreich einer- und Oſterreich und Preußen anderſeits zu bewegen, blieben erfolglos. Der Markgraf ſtellte vielmehr, nachdem er zu Mainz der Zuſammenkunft des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen und des ſoeben zu Frankfurt gekrönten Kaiſers Franz II. mit ſeinem Miniſter von Edels⸗ heim beigewohnt hatte, in einer am 21. September 1792 zu Karlsruhe abgeſchloſſenen Konvention einen Teil ſeiner Truppen(zwei Bataillone des Leibinfanterieregiments und zwei Kompagnien des Füſilierbataillons Erbprinz, im Ganzen 1055 Mann), Sſterreich und Preußen zur Ver⸗ fügung und unter den Oberbefehl des Herzogs von Braunſchweig. Das badiſche Militär. Der Markgraf Karl Friedrich hatte im Jahre 1752 aus zwei Kreiskompagnien durch Hinzufügung von 2 neugeſchaffenen Kompagnien ein Leib-Bataillon Grenadiere zu 4 Kompagnien, 314 Mann ſtark errichtet. Nach der Vereinigung der beiden Mark⸗ grafſchaften im Jahre 1771 wurde im Februar 1780 das durlachiſche und das badiſche Grenadier-Bataillon zu einem Leib-Infanterieregiment von 2 Bataillonen vereinigt, jedes Bataillon zu 4 Kompagnien, das erſte Bataillon waren Grenadiere, das zweite Musketiere. Dieſes waren die Haustruppen. Für den Kreisdienſt wurden zur nämlichen Zeit 2 ſelbſtändige Füſilier-Bataillone(Durlach— ſeit 1787 Erb⸗ prinz benannt— und Raſtatt), ebenfalls jedes zu 4 Kompagnien neu errichtet. Jede Kompagnie zählte 4 Offiziere, 9—10 Unteroffiziere, 3 Spielleute, 80—90 Gemeine, im Ganzen 96—107 Mann. Die baden-badiſche Huſareneskadron, die 40 Mann ſtark war, wurde bei— behalten, aus den Landdragonern wurde eine Garde du Korps mit 2 Kompagnien formiert, die erſte Dragoner, die zweite Küraſſiere. Dieſe Truppen wurden nur im Kriegsfall beritten gemacht. Im gleichen Jahre 1780 wurde auch 1 Kompagnie Artillerie, aus 2 Offizieren, 2 Unteroffizieren und 20 Kanonieren beſtehend, errichtet. Sie war mit 4 Dreipfündern ausgerüſtet. 1792 kamen weitere Geſchütze hinzu: 2 Sechspfünder und 2 Haubitzen. Als der Krieg mit Frankreich unvermeidlich erſchien, wurden dieſe Truppen noch durch ein Landaufgebot vermehrt, das aus waffenfähigen ledigen Leuten von 19—50 Jahren beſtand. Die Amter der unteren Mark— grafſchaft ſtellten dazu 9000, die Städte 1700 Mannu. Das Jahr 1792. Nur kurze Zeit nach Abſchluß der erwähnten Konvention und nachdem inzwiſchen vom Kaiſer am Reichstag der Antrag auf Er⸗ 10— klärung des Reichskriegs gegen Frankreich geſtellt worden war, begann das kriegeriſche Treiben die ruhigen Bürger der Haupt- und Reſidenz⸗ ſtadt ernſtlich zu erſchrecken. Am 30. September 1792 überfiel ein franzöſiſches Korps die Reichsſtadt Speyer, überwältigte die öſterreichiſche Beſatzung nnd nahm die beträchtlichen öſterreichiſchen Magazine in Beſitz. Am 1. Oktober verbreitete ſich in Karlsruhe die Nachricht, die Franzoſen ſeien im Begriffe, bei Rheinhauſen oder Philippsburg den Rhein zu über⸗ ſchreiten. Die Sitzung des Geheimen Rates wurde durch die Meldung geſtört, daß der Rheinübergang bereits ſtattgefunden habe. Der Markgraf entſchloß ſich daraufhin, ſich mit der ſürſtlichen Familie nach Raſtatt zu verfügen und das in Karlsruhe garniſonierende Militär dorthin an ſich zu ziehen, um ſich von da den öſterreichiſchen Truppen zu nähern, während Wertſchaften, Kaſſen und Akten zum Transport nach Pforzheim gepackt wurden, ſoweit ſie nicht ſchou früher dorthin verbracht worden waren. Von der ſtädtiſchen Be⸗ völkerung flüchtete wer konnte. Als gegen Abend ſich herausſtellte, daß kein Franzoſe den Rhein überſchritten und nur blinder Lärm die Einwohnerſchaft der Reſidenz⸗ ſtadt erſchreckt hatte, verblieb die fürſtliche Familie, von der nur die Kinder bereits abgereiſt waren, und das Militär in Karlsruhe, während das Archiv trotzdem nach Pforzheim verbracht wurde. Da ſich in den nächſten Tagen die Gerüchte vom Herannahen der Franzoſen wiederholten und Nachrichten von Speyer und Worms, Mainz und Frankfurt eintrafen, daß ſich dort alles zur Flucht an⸗ ſchicke, wurde das Archiv von Pforzheim weiter nach Ulm in Sicherheit gebracht, der ſchwäbiſche Kreis und der öſterreichiſche General Eſter⸗ hazy um Hilfe angegangen. Dieſer entſandte den General Koſpoth, der mit 6000 Mann die Gegend von Stollhofen an landabwärts be⸗ ſetzte. Als am 7. Oktober die Befürchtung um ſich griff, die Franzoſen würden bei Au über den Rhein ſetzen, verfügte ſich der Markgraf mit dem Erbprinzen und dem Militär nach Ettlingen, die fürſtliche Familie begab ſich zunächſt nach Pforzheim und von da nach Ulm und die Flucht der Einwohnerſchaft wurde allgemein. In jeder Stunde war man eines feindlichen Einfalls gewärtig. Da Karlsruhe von Militär entblößt war, galt es, Maßregeln für die Bewachung und die innere Sicherheit der Stadt zu treffen. — 105— Wachtdienſt der Bürger. Die Bewachung der Stadt hatte von jeher für eine Pflicht der Karlsruher Bürger gegolten. Eine Aufzeichnung in den Akten aus dem Jahre 1781 beſagt, daß der Bürgermeiſter Schultz die Zahl der dienſtbaren Bürger, welche am Rathauſe die Wache verſahen, auf 321 Mann ſchätzte. Gegen dieſe perſönliche Wachtpflicht erhob ſich damals unter Führung des Schuhmachers Kreuzbauer eine heftige Bewegung unter der Bürgerſchaft. Die Unzufriedenen erklärten ſich bereit, jeder jährlich einen Gulden zu bezahlen, wenn fortan der Wachtdienſt durch das Militär beſorgt werde. Oberſt von Freyſtedt, der von der Bürgerwache nicht viel hielt, war bereit, darauf einzugehen. Unter Führung des Bürgermeiſters Schultz ſprach ſich ein anderer Teil der Bürgerſchaft für die Fortdauer der perſön⸗ lichen Wachtpflicht aus, nur die„Streifen“, ſo wollen dieſe, ſollen von Militärwachen vorgenommen werden. Ein Vermittlungsvorſchlag des Oberamts und Stadtrates ging dahin, daß jeder Bürger jährlich zwei Gulden zahlen und dafür eine ſtändige Wache von 12 Stadt⸗ ſoldaten beſtellt werden ſolle. Bisher hatten ſich die meiſten Bürger durch Entrichtung eines monatlichen Wachtgeldes von 20 Kreuzern von der perſönlichen Dienſtpflicht frei gemacht und die Wachen am Rathaus und an den Thoren wurden„durch abgelebte Perſonen in unanſtändiger Kleidung und Armatur“ geſtellt. Bei dieſen einander direkt entgegenſtehenden Meinungen berief das Oberamt die Bürger— ſchaft, um ſich über dieſe Frage zu äußern und dieſe Verſammlung entſchied ſich durch Stimmenmehrheit für die Militärwachen, die nun⸗ mehr das Rathaus und die Thore beſetzten und auf Verlangen des Oberamts und Stadtrats vermehrt werden mußten.„Streifen“ (Patrouillen) verſah nach wie vor die Bürgerſchaft. Da nun das Militär abzog, erklärte ſich am 7. Oktober 1792 alsbald die Bürgerſchaft bereit, den ganzen Wachtdienſt zu verſehen, wie es auch ſchon früher, ſo z. B. im Jahre 1773 geſchehen war, als das Militär nach Lahr auf Execution geſchickt geweſen. Der Markgraf hatte dem Bürgermeiſter zur weiteren Mitteilung an die Bürgerſchaft, bevor er die Stadt verließ, geſagt, er baue auf ſie, daß ſie die Stadt gut bewachen werde, und dieſes fürſtliche Wort hatte den guten Willen, ja den Enthuſiasmus der Bürgerſchaft ange⸗ facht. Der Geheime Rat hatte 45 Landleute zum Wachtdienſt in der — 106— Stadt Karlsruhe einberufen. Dadurch fühlte ſich die opferwillige Bürgerſchaft verletzt. Eine ſtädtiſche Abordnung erſchien beim Ge— heimen Rat, um die Entfernung dieſer Landleute zu verlangen.„Die Bürger— heißt es in einem gleichzeitigen Bericht— wollten keine Konſorten zur Nacht. Auf alles Zureden erwiderten ſie, man möge ihnen den Schimpf nicht anthun und ſie nicht noch betrübter machen als ſie es ſchon infolge der Abreiſe des Markgrafen ſeien. Wenn jeder alle zwei Tage die Wache beziehen müſſe, könnten ſie es gut aushalten. Der Geheime Rat beſchloß, ihrem Andringen zu will— fahren. Die Landleute wurden jeder mit 10 Kreuzern abgelohnt und gingen ganz gern wieder nach Hauſe, baten jedoch, ſie wieder holen zu laſſen, wenn man ihrer bedürfe.“ Nun wurden die Wachen ausgeteilt. Täglich zogen 75 Mann auf. Zu den Patrouillen waren keine Bürger nötig, denn es boten ſich ſo viele Freiwillige aus der Klaſſe der Beamten und anderer Honoratioren an, daß die Reihe Dienſt zu thun nur alle vier Tage an einen kam, und ihre Anzahl mehrte ſich ſtündlich. Der erſte, der ſich meldete, war der Profeſſor Wucherer und dieſer erbat ſich in ſeinem Dienſteifer die Ermächtigung, auch allein zu patronillieren. Da ſah man nun— wie eine humoriſtiſche Feder überliefert hat— den gelehrten Herrn, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, nachts durch die Straßen ziehen; jedem, dem er begegnete, rief er mit lauter Stimme ſein„Wer da?“ zu, ſo daß er binnen kurzem heiſer war. Die Stadt wurde in drei Quartiere eingeteilt. Die Patrouillen durchzogen die Straßen von abends 11 bis morgens 5 Uhr, jede beſtand aus 9 Mann, von denen immer 3 die Runde machten. Alle waren mit Gewehren bewaffnet. Für die wachhabenden Bürger be— willigte der Geheime Rat ein Wachtgeld von 20 bis 24 Kreuzern, aber die Wohlhabenderen verweigerten die Annahme. Am 7. Oktober wurde die Parole„Karl Friedrich“, am 8.„Karl Ludwig“ ausge— geben. Dank dieſen Maßnahmen wurde die Ruhe, Ordnung und Sicherheit der Stadt nicht geſtört, aber ſchwer laſtete auf den Gemütern die Sorge vor einem feindlichen Einfall. Als man am 9. Oktober hörte, daß die Franzoſen den Rückzug von Worms nach Speyer angetreten hatten und von da ſchon weiter nach Landau zu marſchiert waren, und als morgens zwiſchen 9 und 1 4 — 107— 10 Uhr eine Diviſion öſterreichiſcher Kaiſerdragoner durch Karlsruhe zog, von der ein Zug in ſtädtiſche Quartiere gelegt wurde, während die übrigen Züge in der Richtung nach Bruchſal abrückten, glaubte der Markgraf die Gefahr ſoweit abgewendet, daß er ſich mit dem Militär wieder nach Karlsruhe zurückbegab. Auf Vorſchlag des Ge— heimerats von Edelsheim wurden die Bürger vom Militär an allen Wachpoſten abgelöſt, was auf ſie einen ſehr vorteilhaften Ein⸗ druck machte. Indes hatte ſchon die kurze Abweſenheit des Markgrafen aus der Reſidenzſtadt das Gerücht hervorgerufen, die Karlsruher Bürger⸗ ſchaft habe ſich empört und die franzöſiſche Kokarde aufgeſteckt. Das Gerücht war in dieſer Form freilich falſch, aber es iſt doch über— liefert, daß manche aus Vorſicht ſich für den Notfall zum Schutz ihrer Perſonen und ihres Eigentums mit dieſem Abzeichen der revolutionären Bewegung verſehen hatten. Der üble Ruf, den das Gerücht den Karlsruhern aufhalſen wollte, war auch nach Baden gedrungen und hatte Oberamt und Magiſtrat der Stadt Baden, die allerdings ein aus der Zeit kurz nach Vereinigung der beiden Markgrafſchaften ſtammendes eigenes Verſchulden gut zu machen hatten, veranlaßt, eine Deputation an den Markgrafen zu ſchicken und ihn einzuladen, auf dem Schloſſe zu Baden Wohnung zu nehmen, wo ſie mit Leib und Leben für ſeine Sicherheit einſtehen würden. Der Markgraf konnte das wohlgemeinte Anerbieten dankend ab⸗ lehnen, den Karlsruhern aber, die durch jenes falſche Gerücht ſchwer gekränkt waren, gab er eine glänzende Genugthuung. An das Ober— amt Karlsruhe wurde am 11. Oktober das nachſtehende Dekret vom Geheimen Rat erlaſſen: „Des Herrn Markgrafen, Unſers gnädigſten Herrn, Hochfürſtliche Durch⸗ laucht haben bei Ihrer neulichen kurzen Abweſenheit das falſche Gerücht ver⸗ nommen, als ob Höchſtdieſelben durch unruhige, vermittelſt wirklicher Zeichen des Aufruhrs zu Tage gelegte Geſinnungen der Karlsruher Bürgerſchaft Sich veranlaßt geſehen haben ſollten, Sich und Ihre fürſtliche Familie von Karls⸗ ruhe zu entfernen. Da aber Sereniſſimus von der Treue und Anhänglichkeit Ihrer Stadt Karlsruhe von jeher vollkommen überzeugt ſind und davon bei Ihrer Abreiſe von hier ſowie durch die während der Abweſenheit der Garniſon von den Karlsruher Bürgern in Höchſtdero Reſidenz nicht ohne Beſchwerlichkeit aufs genaueſte und beſte ausgeführten Sicherheits- und Polizei⸗Anſtalten einen — 108— neuen angenehmen Beweis erhalten haben, ſo finden Sich Höchſtdieſelben be— wogen, jenem falſchen Gerücht, um den beleidigenden Eindruck, den ſolches bei der getreuen Karlsruher Bürgerſchaft etwa gemacht haben könnte, zu vertilgen, andurch öffentlich widerſprechen zu laſſen. Das Oberamt Karlsruhe hat dieſes dem Magiſtrat und der verſammelten Bürgerſchaft zu eröffnen und dieſe zugleich Sereniſſimi dankbarer und wohlwollender Geſinnungen mit dem An— fügen zu verſichern, daß, ſo oft der Fall eintrete, wo die hieſige Bürgerſchaft ihre Treue, ihre Ergebenheit, ihren Mut und ihre Standhaftigkeit, mit der nötigen Vorſicht begleitet, zu erproben habe, Ihre Hochfürſtliche Durchlaucht darauf Ihr vollkommenes Vertrauen ſetzen.“ In Erinnerungen an dieſe erregten Tage ſchrieb im Januar 1793 der Geheimerat von Edelsheim an den Prinzen Ludwig:„Wir haben ſeit dem 1. Oktober beſonders viele Sorgen und Angſt, aber keine Not gehabt, geſorgt war dafür, daß die Franzoſen bei einer Viſite das Schloß, Kaſſe, Keller und Speicher, letztere beide ziemlich leer gefunden hätten. Von den Bürgern und Unterthanen war ich ſicher; würde einer von der Dienerſchaft revoltiert haben, ſo hätte ich ihn ohne Komplimente vor ſein Haus hängen laſſen. Zu alledem iſt es aber nicht gekommen. NB. weil unſer lieber Markgraf lebte, den jedermann lieb hat und der leider ſich mehr als jedermann be— kümmert.“ „Vom 9.—12. Oktober“, ſchreibt der Geheimerat Emanuel Meier in ſeinem Tagebuchk), dem wir manche wertvolle Mitteilung über dieſen Abſchnitt der Geſchichte Karlsruhes entnehmen,„blieb man hier wegen eines Überfalls immer noch zwiſchen Furcht und Hoffnung, doch ſchien die letztere zu prävalieren..... Indes hat das Flüchten nicht nur unſerer Herrſchaft, ſondern dem ganzen Unterland und ſo den weiteren Rheinländern bis über Frankfurt hinaus rechts und links ſchon ſoviel Koſten und Schaden verurſacht, daß man es für eine ſtarke Brandſchatzung anſehen kann“. War nun auch die unmittelbare Gefahr überſtanden, ſo lebte man in Karlsruhe doch in fortwährender Sorge bezüglich der unſicheren Zukunft. Gegen Ende des Oktobers 1792 ließ der Markgraf Karl *) Auszüge aus demſelben ſtehen in der von der Badiſchen Hiſtoriſchen Kommiſſion herausgegebenen, von B. Erdmannsdörffer und K. Obſer bearbeiteten politiſchen Korreſpondenz Karl Friedrichs von Baden(bis jetzt 3 Bände. Heidelberg, C. Winter 1888/93), welche die wichtigſte Quelle für die Geſchichte dieſer Zeit iſt. — 109— Friedrich dem preußiſchen Geſandten von Madeweiß mitteilen, daß er befürchten müſſe, die Franzoſen würden ihre Winterquartiere in ſeinem Lande nehmen, ſo daß weder er noch ſeine Familie in Karlsruhe bleiben könnte. Da Regensburg, Augsburg, Ulm, Nürn⸗ berg u. ſ. w. allerlei Unbequemlichkeiten für ihn hätten, er ſich auch nicht zu weit von Hauſe entfernen dürfe, ließ er durch den Geheime— rat von Edelsheim ſondiren, ob Madeweiß wohl glaube, daß ihm der König von Preußen für dieſen Fall das Schloß zu Ansbach überlaſſen würde. Bald erfolgte die Antwort, daß der König hierzu gern bereit ſei. Unter den Gründen, welche auf den Bericht des Geſandten von Madeweiß hin das preußiſche Kabinetsminiſterium dem König Friedrich Wilhelm II. vortrug, um ſeine Zuſtimmung zu dem Wunſche Karl Friedrichs zu erwirken, erſcheint auch die Bezugnahme auf die bevorſtehende Vermählung einer badiſchen Prinzeſſin mit einem ruſſiſchen Großfürſten. Seit dem Frühjahr 1792 waren in der That die— wie früher angeführt— ſchon 1782 zuerſt in Ausſicht genommenen Verhand⸗ lungen über die Vermählung einer der Töchter des Erbprinzen mit dem Großfürſten Alexander von Rußland im Gange, im Auguſt war die Gräfin Schuwalow mit dem Senator Strekalow von Peters⸗ burg nach Karlsruhe abgereiſt, um den Erbprinzen und ſeine Ge— mahlin zu bewegen, mit ihren Töchtern eine Reiſe nach Petersburg zu unternehmen und im November meldete der ruſſiſche Geſandte Graf Romanzow, daß die Prinzeſſinen Luiſe und Friederike in Petersburg angekommen ſeien, allerdings ohne ihre Eltern, die durch die politiſchen Verhältniſſe in der Heimat zurückgehalten waren. Bis Frankfurt hatte die Erbprinzeſſin ihre Töchter begleitet. Von da an reisten ſie unter dem Schutze der genannten ruſſiſchen Abgeſandten und ihrer Erzieherin. Am 25. Januar 1793 hielt ſodann Graf Romanzow im Auftrage der Kaiſerin Katharina offiziell in Karlsruhe um die Hand der Prinzeſſin Luiſe für den Großfürſten an, am 19. Juni erſchien Fürſt Wiäſemskoy in Karlsruhe mit der offiziellen Nachricht von der Verlobung der Prinzeſſin Luiſe und am 28. September(9. Oktober) fand die Vermählung ſtatt, die am 22. November durch einen von der Kaiſerin nach Karlsruhe ent⸗ ſandten Herrn von Diedenhauſen dem badiſchen Hofe offiziell noti⸗ 8— fiziert wurde. — 110— Die Jahre 1793—1795. Das Jahr 1793, welches durch dieſe glänzenden Ausſichten ſeiner Enkelin für Karl Friedrich glückverheißend begann, in deſſen erſtem Monat er außerdem die Freude erlebte, ſeinen Sohn, den Prinzen Ludwig für ſeine tapfere Haltung in dem Gefecht bei Hochheim(am 6. Januar) mit dem Schwarzen Adlerorden ausge-— zeichnet zu ſehen, verlief gegenüber den großen Befürchtungen, welche man im vorhergehenden Jahre zu hegen genügenden Anlaß hatte, verhältnismäßig ruhig. Die Liebe, welche dem Markgrafen die Bür⸗ gerſchaft ſeiner Reſidenzſtadt entgegenbrachte, fand an ſeinem Namens⸗ tage, dem 28. Januar 1793 einen ebenſo feierlichen als herzlichen Ausdruck. Der preußiſche Geſandte meldete ſeinem König, daß Karl Friedrich von den Karlsruher Bürgern auf die angenehmſte Art überraſcht worden ſei.„Selbige haben nämlich an dieſem Tage die ganze Stadt erleuchtet, das ſie ſeit ſeiner Regierung an ſolchem noch nie gethan hatten, weil ſie es für ihre Schuldigkeit hielten, ihrem Fürſten und Vater ihre Liebe und Ergebenheit auf eine feierliche Art bei den jetzigen bedenklichen Zeiten zu erkennen zu geben. Auch hat der gute Fürſt dieſes Zeichen der Zuneigung ſeiner Unterthanen auf die leutſeligſte Art aufgenommen und den Wert davon um ſo mehr empfunden, da auch ſo viele Regenten von ihren Unterthanen leider ſo ſehr verkannt werden.“ Auch am 14. Februar, dem Geburtstage des Erbprinzen war die Stadt illuminiert. Während bisher nur Oeſterreich und Preußen ſich mit Frankreich im Kriegszuſtande befunden hatten, erfolgte am 22. März durch ein vom Kaiſer am 30. April ratifiziertes Reichsgutachten die förmliche Erklärung des Reichskrieges gegen Frankreich, und ſo war nun auch Baden in die Reihe der kriegführenden Staaten eingetreten. Es war dies ein ſehr ernſter Schritt für ein kleines Land, das durch ſeine geographiſche Lage den Einfällen des Feindes zunächſt ausgeſetzt und auch von befreundeten Truppen über Gebühr in Anſpruch genom— men war. Die Karlsruher Zeitung meldet aus dem April und den folgenden Monaten verſchiedene Durchmärſche von Truppen. Am 16. April paſſierte ein Bataillon des K. K. Infanterieregiments Thurn, am 29. April ein 1500 Mann ſtarkes Bataillon des Freikorps von Michaelowicz, das in Bulach und Beiertheim einen Raſttag gehalten — 111— hatte, am 20. Mai kam General Graf Wurmſer durch die Stadt, um ſich in ſein Hauptquartier zu begeben, um die Mitte des Juni zogen verſchiedene kaiſerliche Regimeuter mit grobem Geſchütz durch Karlsruhe, darunter am Morgen des 17. die kaiſerlichen Leibkarabiner. Am 25. Juni kam eine Abteilung des kaiſerlichen Freikorps v. Kne⸗ ſewich nebſt 150 Tiroler Scharfſchützen. Der türkiſche Anzug der Mannſchaften des Freikorps, welche„fürchterlich wild“ ausſahen, erregte großes Auffehen bei der Einwohnerſchaft. Alle dieſe Truppen defilierten am Schloſſe vorüber und wurden vom Markgrafen be— ſichtigt. Bald kamen auch badiſche Soldaten zum erſten Mal in's Feuer. Als im Mai kaiſerliche Truppen zur Verſtärkung des gegenüber dem Fort Louis liegenden württembergiſchen und Kreis-Generallieutenants von Stein abrückten und die Gegend zwiſchen Raſtatt und Philipps⸗ burg von Truppen entblößt war, ließ der Markgraf badiſche Truppen die von den Kaiſerlichen verlaſſenen Stellungen beſetzen. Die Fran— zoſen, am 16. Mai bei dem beabſichtigten Rheinübergang bei Söllingen zurückgewieſen, verſuchten nunmehr in der Nacht vom 17. zum 18. und am Morgen des 18. Mai den Rhein bei Au znu überſchreiten, wurden aber auch hier von den badiſchen Truppen abgewieſen, wofür dieſe von dem in Karlsruhe verbliebenen Zug des Regiments Kaiſer⸗ Dragoner und deſſen Oberſten von Bauer„die ſchmeichelhafteſten Komplimente“ erhielten. Zu Sſterreich und Preußen beſtanden fortgeſetzt die beſten Be— ziehungen. Im März 1793 reiſte der Markgraf nach Frankfurt, um den König von Preußen zu begrüßen und am 27. Auguſt vor— mittags 9 Uhr traf dieſer mit großem Gefolge, darunter der Marcheſe Luccheſini, der Miniſter v. Biſchoffswerder und der Oberſtallmeiſter v. Lindenau, in Karlsruhe ein. Bei Hofe fand große Kour, ſowie mittags und abends Galatafel ſtatt. Friedrich Wilhelm II., der ſehr heiter war und ſich über die Lage, die Gärten und geſchmack— vollen Anlagen Karlsruhes überaus wohlgefällig äußerte, übernachtete im Schloſſe und ſetzte am 28. Auguſt morgens 6 Uhr ſeine Reiſe zur Armee fort. Am 11. September vormittags kam der Kron— prinz von Preußen mit ſeinem Bruder, dem Prinzen Ludwig in Karlsruhe an. Auch ihnen zu Ehren fand mittags und abends Gala— tafel im Schloſſe ſtatt, an die Abendtafel ſchloß ſich ein maskierter — 112— Ball im Schauſpielhauſe an, wozu aus der Stadt alle Perſonen von Stand geladen waren. Am 12. September morgens reisten die Prinzen wieder ab. Mit dem kaiſerlichen Hof ſchwebten den größten Teil des Jahres hindurch Verhandlungen über den Abſchluß eines Vertrages, durch den der Markgraf einen Teil ſeiner in gutem militäriſchen Rufe ſtehenden Haustruppen in kaiſerliche Dienſte treten laſſen wollte. Dieſe Verhand⸗ lungen zerſchlugen ſich, weil es in Wien an Geld fehlte, um dieſe Truppen zu beſolden, und man dachte im Auguſt 1793 in Karlsruhe ſchon daran, alles Militär, mit Ausnahme der zur Reichsarmee gehörenden Kreistrup⸗ pen, wieder auf den Friedensfuß zu ſtellen, als die zwiſchen Frankreich und England ausgebrochenen Feindſeligkeiten am 21. September zum Abſchluſſe eines Subſidienvertrages führten, durch welchen der Mark⸗ graf 754 Mann auf drei Jahre in engliſchen Sold treten ließ. Der engliſche General Graf Harmouth kam zur Unterzeichnung des Vertrages ſelbſt nach Karlsruhe, wo ſodann die zum Abmarſch in die Niederlande beſtimmten Truppen vom 10. Oktober an vollſtändig ausgerüſtet und marſchbereit ſtanden und auf die Ankunft des engliſchen Kriegskommiſſars Major Gunn und das Eintreffen der Ratifikations⸗ urkunde warteten. Für den 25. Oktober war die Revue der Truppen anberaumt, aber der Major kam erſt am 26., und da die Ankunft der Ratifikation erſt am 1. November erfolgte, ſo verzögerte ſich ſo lange der Abmarſch. Mit den Subſidientruppen, welche unter Führung des Oberſten von Freyſtedt nur ungern die Heimat verließen, zog eine große Anzahl Weiber, von denen das Gerücht ausging, wer nicht freiwillig mitgehe, könne ungeſtraft heimkehren. Man mußte, um die Ordnung herzuſtellen, die Weiber heimjagen. Aber erſt in weiterer Entfernung von Karlsruhe gelang es, dem Widerſtand und der Deſertion ein Ziel zu ſetzen. Noch vor die Verhandlungen mit England begonnen hatten, war der Kriegslärm der Stadt Karlsruhe wieder recht nahe gekommen. Am 2. September war bei Schröck für den Uebergang kaiſerlicher Truppen über den Rhein eine Schiffbrücke errichtet worden und die kaiſerliche Kriegskanzlei befand ſich während einiger Tage in Mühl⸗ burg. Vom 1. Oktober wird der Durchmarſch von 3 Bataillonen heſſen⸗darmſtädtiſcher Truppen durch Karlsruhe berichtet, die vor dem Schloſſe defilierten. Während der Gefechte, in welchen Preußen und 3 Wilhelm Freiherr von Edelsheim, Staaksminiſter. — — 113— Oſterreicher vom 11.—14. Oktober zwiſchen Weißenburg und Bitſch die Franzoſen auf der ganzen Linie zurückwarfen, hörte man in Karlsruhe dumpfen Kanonendonner, und man war von ſchwerer Sorge befreit, als die Botſchaft von dem Siege des Generals Grafen Wurmſer bei Weißenburg eintraf. Am 20. Oktober Furde eine Siegesfeier veranſtaltet. In der Schloßkirche fand um 11 Uhr ein Gottesdienſt ſtatt, bei dem die Gemeinde„Herr Gott, dich loben wir“ ſang. Das anweſende Militär rückte mit 8 Kanonen vor die Stadt und auf das Signal eines auf dem Paradeplatz, dem Schloſſe gegenüber aufgeſtellten Geſchützes erklang bei jedem der drei Verſe des Kirchenliedes eine von Kleingewehrfeuer begleitete Kanonenſalve. Sodann defilierten die Truppen vor dem Schloſſe unter großem Zu⸗ lauf von Menſchen, die aus Karlsruhe und der Umgegend herbei— geſtrömt waren. Aber nur zu bald kamen wieder ungünſtige Nachrichten vom Kriegsſchauplatze. Wurmſer mußte den Rückzug antreten und die Franzoſen errangen einen Vorteil nach dem andern. Unter ſolchen Umſtänden empfand Karl Friedrich, dem der Übergang ſeiner Unterthanen in engliſche Dienſte nie ſehr ſympathiſch geweſen war, bald genug den lebhaften Wunſch, dieſe Truppen wieder an den von dem Feinde bedrohten Oberrhein zurückzuziehen. Zunächſt erwies ſich dieſe Abſicht als undurchführbar, und es wurde nun zum Schutze des rechten Rheinufers aus Bürgern und Bauern der am Rhein gelegenen badiſchen Ortſchaften eine Landmiliz gebildet und über deren Ver⸗ wendung im Zuſammenwirken mit den vorderöſterreichiſchen Milizen im November 1793 zwiſchen beiden Regierungen eine Vereinbarung getroffen. Um dieſe Zeit wurde ernſtlich erwogen, daß im Fall der Rhein⸗ übergang nicht zu hindern wäre, die öffentlichen Kaſſen nach Ulm zu flüchten ſeien und der Markgraf ſich nach Ansbach zurückziehen ſolle. Auch die Einſetzung einer„Interimsregierung“ zur Leitung der Geſchäfte war in's Auge gefaßt. Es ſcheint, daß in den höheren Beamtenkreiſen der Reſidenzſtadt damals eine gewiſſe Kopfloſigkeit um ſich zu greifen begann; denn Staatsminiſter von Edelsheim, der auch in ſchwierigen Lagen ſeinen überlegenen Humor nicht einbüßte, meinte, es dürfte ſich demnächſt empfehlen,„ſtatt Geheimer Legations- räte, Geheime Furchträte zu ernennen“. Der Mund, der dieſes witzige Wort geſprochen, ſollte nur zu 8 — 114— bald für immer verſtummen. In den letzten Tagen des November 1793 erkrankte Freiherr Wilhelm von Edelsheim und ſtarb nach nur neuntägiger Krankheit am 6. Dezember.„Er ſtarb an einem faulichten Gallenfieber und den letzten Hauch preßte ihm ein Steckfluß aus. Badens Genius weint um ihn, den Allgeliebten“ heißt es in einem Nachruf, den dem Verewigten die Karlsruher Zeitung widmete. Es war ein harter Schlag für den Markgrafen, dieſen vertrauteſten ſeiner Ratgeber in ſo ſchwerer Zeit zu verlieren. Doch hatte er das Glück, in deſſen Bruder dem Freihernn Georg Ludwig von Edels— heim, der ſchon 1784 aus preußiſchen in badiſche Dienſte getreten war und die Markgrafſchaft bisher bei dem ſchwäbiſchen Kreiſe ver— treten hatte, einen geeigneten Nachfolger für ihn zu finden, der vom 28. April 1794 an die Politik Badens mit ebenſoviel Hingebung als Geſchick leitete. Bei dem unmittelbaren Eingreifen der höchſten Staatsbeamten in die ſtädtiſche Verwaltung, wie es in jener Zeit ſtattfand, empfand auch die Reſidenzſtadt den Tod des älteren Edels— heim als einen ſchweren Verluſt, wie ſie ſich mit dem Markgrafen des Erſatzes durch ſeinen Bruder freuen durfte. Gleich zu Beginn des Jahres 1794, am 2. Januar, ſah man in Karlsruhe die Reſte der heſſen⸗kaſſel'ſchen Truppen vom Wurm⸗ ſer'ſchen Korps durchmarſchieren, die ſeit dem 19. Dezember in der Umgegend in Kantonnementsquartieren gelegen waren. Etwa 800 Mann, Huſaren, Jäger und leichte Infanterie defilierten vor dem Schloſſe und ſetzten dann ihren Marſch nach Graben fort, von wo ſie in die Gegend von Mainz weiterzogen, um dort durch Zugang von Rekruten Erſatz zu erhalten. Die Truppen hatten im Felde die Hälfte der Mannſchaften verloren. Zur Erholung von den Stra— pazen des Feldzuges hielt ſich F. M.L. Prinz Waldeck geraume Zeit in Karlsruhe auf, am 8. Januar begab er ſich nach Raſtatt zur Organiſierung der Befeſtigung und der Rheinverteidigung. Am 23. April kam der Herzog von Sachſen-Teſchen in Karlsruhe an, ſtieg im Schloſſe ab, wo er zu Mittag ſpeiste und reiste abends nach Raſtatt weiter, um den ganzen Truppenkordon längs des Rheines bis Hüningen und Baſel zu beſichtigen. Am 14. Mai marſchierte das k. k. Infanterieregiment Lasey auf dem Wege nach Schwetzingen durch die Reſidenzſtadt und am 20. Mai bezogen in nächſter Nähe zwiſchen Eggenſtein und Schröck kaiſerliche Truppen ein Lager. — 115— Kraukenpflege, Wachtdienſt und Einquartierung. Die Nähe des Kriegsſchauplatzes war der Stadt Karlsruhe, wie ſchon erwähnt, mehr und mehr fühlbar geworden. Kranke und Ver⸗ wundete von der alliierten Armee jenſeits des Rheines wurden nach Karlsruhe verbracht. Den Gaſtwirten wurde zur Pflicht gemacht, ſolche, wenn ſie zahlungsfähig ſeien, nicht abzuweiſen, ſondern willig aufzu— nehmen. Den Aerzten wurde auferlegt, Vorkehrungen zum Schutze wider anſteckende Krankheiten zu treffen. Mittelloſen Militärs wurde Aufnahme in den Lazaretten gewährt, wie ſolche auf Erſuchen des Generals von Wurmſer in Durlach und Grötzingen eingerichtet worden waren. In dem ſtädtiſchen Hoſpital konnten 16 bis 20 Patienten gegen Entrichtung einer Gebühr von täglich 48 Kreuzern aufgenommen werden, doch unter der Bedingung der Unterwerfung unter die Hoſpital⸗ geſetze. Im September 1793 befanden ſich in Karlsruhe 30 kranke Militärperſonen teils in öffentlichen, teils in Privathäuſern. Außer⸗ dem hielten ſich auch mehrere Militärs von dem Condé'ſchen Corps zur Erholung in Karlsruhe auf. Der Geheimerat, der hierüber Er⸗ hebungen angeordnet hatte, wollte dagegen nichts einwenden, weil er den Wirten den aus der Anweſenheit dieſer Gäſte zu ziehenden Vor⸗ teil gönnte. In dem Hoſpital wurden auf Befehl des Markgrafen die täglichen Verpflegungskoſten auf 30 Krenzer herabgeſetzt. Die Sorge für thunlichſte Erhaltung eines guten Geſundheits—⸗ zuſtandes der ſtädtiſchen Bevölkerung veranlaßte den Stadtphyſikus Dr. Schweickhardt, am 30. Januar 1794„Verhaltungsmaßregeln für diätetiſches und allgemeines mediciniſches Verhalten bei den jetzt herrſchenden Krankheiten“(Gallen- oder Schleimfieber, Faul⸗, Nerven⸗ und Ausſchlagfieber) zu veröffentlichen. Das Jahr 1794 war für Karlsruhe in gewiſſem Sinne eine Zeit der Vorbereitung auf die kriegeriſchen Ereigniſſe der kommenden Jahre. Im Oktober 1792 war die Einrichtung des Wachtdienſtes gewiſſermaßen improviſiert worden und erſt am 11. Dezember hatte die markgräfliche Polizeideputation ein Reglement für die Polizei⸗ Nacht⸗Wachen veröffentlicht. Für jedes der drei Quartiere war ein Sammelplatz(unter dem Linkenheimer-, Ettlinger- und Rüppurrer⸗ Thor) beſtimmt worden. In jeder Nacht hatten 7 Mann die Wache und Patrouille, ſo daß je 2 für das erſte und zweite, 3 für das dritte Quartier im Dienſt waren, die abwechslungsweiſe alle halbe oder ganze Stunden von 11 Uhr des Nachts an bis zu Tages⸗ anbruch das beſtimmte Quartier ununterbrochen und ohne Geräuſch zu durchſtreifen und mit möglichſter Aufmerkſamkeit auf Alles acht zu haben hatten, was zur Ruhe und Sicherheit der Einwohnerſchaft ge— reicht. Jeder Nachtwache war ein Polizeidiener zur Mitverſehung der Patrouillen und zur Aufſicht auf dieſelben beigegeben. Alle waren mit Gewehren bewaffnet, die in der Regel nur mit Pulver geladen waren; doch war den Wachen erlaubt, für den Notfall einige Kugeln, um das Gewehr ſcharf zu laden, mitzunehmen. Das Ver— halten der Wachen, ihre Verpflichtungen und Rechte wurden durch eingehende Inſtruktionen geregelt. Dieſe Einrichtung hatte für nor—⸗ male Zeiten genügt, da ja das Militär an der Bewachung der Stadt ebenfalls Anteil nahm. Nun aber empfand man das Bedürfnis, für den Fall, daß Karlsruhe von Truppen entblößt ſein würde, eine beſſere Organiſation zu ſchaffen. Es wurde nun ein bürgerliches Bewaffnungscorps organiſiert. Demſelben ſollten alle unter 60 Jahre alten Bürger und die wachtfähigen Schutzjuden angehören. Eine aus dem Monat September 1794 ſtammende Aufzeichnung gibt die Zahl der Mannſchaften vom Feldwebel abwärts auf 395(dar⸗ unter 50 Schutzjuden) an. Die Juden ſuchten ſich der perſönlichen Leiſtung der Wachtdienſte zu entziehen und Erſatzmänner zu bezahlen, die Bürgerſchaft aber drang darauf, daß auch die Juden ihre ſchul— digen Wachtdienſte leiſteten. Vom Oktober 1794 bis zum Juli 1795 wurden die Bürgerwachen am Rathaus, am Ettlinger-, Piquet- und Prinzen⸗Thor wieder ſiſtiert und dieſe Poſten durch Militär beſetzt. Zur Bewachung der Stadt mitzuwirken erboten ſich auch die zwei Schützengeſellſchaften, in denen neben Bürgern auch eine nicht unerhebliche Anzahl von Beamten ſich im Gebrauche der Waffen übte: die bürgerliche Schützenkompagnie und die Geſellſchaft der Lieb— haber des Scheibenſchießens. Im Jahre 1794 ergab ſich die Not⸗ wendigkeit, ein neues Schießhaus zu erbauen, für welches ein Platz auf der Lettenwieſe an der Rüppurrer Straße angewieſen ward. Die Begünſtigung dieſer Waffenübungen wurde damit begründet,„es ſei, beſonders bei gegenwärtigen Kriegszeiten, notwendig, daß der Bürger zur Verteidigung der fürſtlichen Lande und ſeines eigenen Herdes mit den Waffen umzugehen wiſſe.“ Dem Scharfſchützencorps trat nun ein größerer Teil der„Hof— und Civildienerſchaft“ bei. Mit beſonderem Eifer betrieb dieſen Bei⸗ tritt der Geh. Kanzliſt Aſſall, der als Endzweck erklärte,„durch deren Beiſpiel Vaterlandsliebe bei lahmen kalten Seelen, deren es ja ſo viele hier hat, zu rütteln und aufzuwärmen“. Am 21. Mai 1795 wurde für die Schützengeſellſchaften ein neues Reglement erlaſſen. Der Übereifer, der ſich bei manchen Teil⸗ nehmern zeigte, wurde durch die Beſtimmung gezügelt, daß die Schießübungen nur Mittwochs und Samſtags erlaubt ſeien. Im Hinblick auf die Ausſicht einer Beſetzung der Reſidenzſtadt durch größere Truppenmaſſen, ſeien es kaiſerliche, ſeien es Franzoſen, wurden nun auch die auf die Einquartierung bezüglichen Ver⸗ hältniſſe neu geordnet. In normalen Zeiten waren die Beamten von der Einquartierungs⸗ laſt befreit. Jetzt erklärten ſie ſich freiwillig bereit,„zur Erleichte—⸗ rung der Bürgerſchaft wo nicht die Naturaleinnahme und Verpflegung, zu welcher nicht jeder Gelegenheit habe, doch die Zahlung für beides zu leiſten“. Zu dieſem Zwecke wurde eine Klaſſifikation der Be— amten zur Teilnahme an der Karlsruher Einquartierungslaſt aufge— ſtellt. Dieſe Liſte ſollte durch den Stadtvorſteher mit der Bürger⸗ einteilung vereinigt werden. Bürgern wie Beamten blieb es über— laſſen, ſich hinſichtlich des Quartiers und der Verpflegung, wenn ſie beides nicht ſelbſt ſtellen wollen oder können, entweder mit den einzu— quartierenden Soldaten oder mit anderen Koſt- und Quartiergebern abzufinden. Im Laufe der nächſten Jahre wurde das Reglement über die Einquartierung noch mehrfach modifiziert. So wurde am 8. Dezember 1796 eine eigene Einquartierungskommiſſion unter dem Vorſitz des Geheimerats Reinhard niedergeſetzt. Sie beſtand aus je einem Mit⸗ glied des Hofrats und des Rentkammerkollegiums, einer Militär⸗ perſon, je einem Beamten des Marſchallamtes, des Oberamtes, des Oberforſtamtes, des Stadtrats und einem Vertreter von Klein-Karls⸗ ruhe. Es wurden von dieſer Kommiſſion Normen über eine gleich— mäßige und billige Verteilung der Einquartierungslaſt aufgeſtellt, um dadurch den Beſchwerden über Parteilichkeit und Überbürdung zu begegnen. Die Einquartierungslaſt ſollte in der Regel auf alle Einwohner ———— 2 verteilt, doch unmittelbar nur auf die Haushaltungen gelegt werden. Sie ſollte alle Bürger und Hinterſaſſen in Groß⸗ und Klein⸗ Karlsruhe ohne Unterſchied der Religion, des Standes, Geſchlechts und Vermögens, alle Witwen derſelben, alle zur jüdiſchen Gemeinde gehörigen Haushaltungen und alle für längere Zeit ſich in Karls⸗ ruhe aufhaltenden Fremden treffen. Von der Einquartierung wurden nicht betroffen alle Armen, die aus dem öffentlichen Almoſen unterſtützt wurden und alle jene, deren Einkommen nicht auf mehr als 100 Gulden veranſchlagt werden konnte. Die Beamten wollten bei dieſer neuen Ordnung der An— gelegenheit zwar auf ihr Recht, von der Einquartierung befreit zu ſein, nicht verzichten, erklärten ſich aber, wie ſchon zwei Jahre früher, bereit, an dieſer Laſt freiwillig teilzunehmen, wobei ſie nur die Vergünſtigung beanſpruchten, ihre Einquartierung in andere Häuſer legen zu dürfen und den Wunſch ausſprachen, daß dieſes durch das Stadtamt vermittelt werde. Für die Militärperſonen wurde eine beſondere Vereinbarung vorbehalten. Die katholiſchen Geiſtlichen(Kapuziner) nahmen freiwillig Einquartierung bei ſich auf. Die Prinzen Friedrich und Ludwig erboten ſich, ebenfalls an dieſer Laſt teilzunehmen und ihrer freiwillig übernommenen Ein⸗ quartierungspflicht ein Kapital von 16000 Gulden zu Grunde zu legen, ihre Dienerſchaft ſollte wie die übrigen Beamten behandelt werden. Hinſichtlich der Ausführung wurde angeordnet, daß einzelne Militärperſonen und kleine Abteilungen nur in Wirtshäuſer, größere Truppenteile dagegen nach einem beſtimmten Turnus in Privathäuſer gelegt werden ſollten. Bisher war die ganze Einwohnerſchaft nach ihrem jährlichen Einkommen in drei Klaſſen geteilt worden, von denen die Angehörigen der erſten einen, die der zweiten zwei, die der dritten Klaſſe drei Mann Einquartierung erhielten. Dabei war bei den Beamten nur das aus ihrer Beſoldung herrührende Einkommen der Klaſſeneinteilung zu Grunde gelegt worden, für die übrigen Einwohner machte der Stadtrat einen auf den Reinertrag ihres Vermögens ſich gründenden Anſchlag. Im Jahre 1796 wurden ſämtliche Einwohner von Karlsruhe in zwölf Klaſſen eingeteilt, auf die erſte(Einkommen von 100 bis Alil“ 250 Gulden) fiel ½ Mann, auf die zweite(250 bis 500 Gulden) 1 Mann, auf die dritte(500—1000 Gulden) 2 Mann und ſo weiter, ſo daß für jede Erhöhung des Einkommens von 500 Gulden 1 Mann mehr zugeteilt wurde. Da die höchſte Einnahme, die damals in Karlsruhe vorkam, wenig über 5000 Gulden betrug, ſo war dem entſprechend die höchſte Zahl von Einquartierten, die auf einen Ein⸗ wohner treffen konnte, 11 Mann. Die Quartierbillets wurden von zwei Bürgern ausgefertigt. Dieſe waren im Jahre 1796 der Kupfer⸗ ſchmied Bauer und der Glaſer Keller. Die Koſten für die in Wirtshäuſern einquartierten Militärs wurden auf die Einwohnerſchaft repartiert. Dabei kamen Unteroffiziere und Soldaten täglich auf 46 Kreuzer, Offiziere auf 1 Gulden 36 Kreuzer zu ſtehen. Im Jahre 1799 wurden von jedem 100 Gulden Vermögen 10 Kreuzer für dieſe Einquartierungskoſten in Wirtshäuſern erhoben. Wenn bei Anlaß der Regelung der Einquartierung u. a. auch von dem Prinzen Ludwig die Rede war, ſo iſt hier zur Erläuterung zu bemerken, daß der Prinz, den die Art der preußiſchen Kriegführung in dem Feldzuge und deſſen unglücklicher Verlauf tief verſtimmte, im Februar 1795 ſeine Entlaſſung aus preußiſchen Dienſten genommen hatte. Schon im Oktober 1794, als er dem Markgrafen Karl Friedrich von dem erfolgten Rückzug über den Rhein Meldung machte, hatte er den Entſchluß dazu gefaßt und zunächſt ſeinen Beſuch in Karlsruhe auf Ende des Monats angekündigt.„Bei Tage komme ich aber gewiß nicht,— ſchrieb er— weil ich mich viel zu ſehr ſchäme, über den Rhein gegangen zu ſein(„wir haben uns mit ewiger Schande be⸗ deckt“, ſagte er an einer anderen Stelle), da unſere Lage bei weitem nicht ſo bedenklich war, wie vor dem Jahr, da wir uns jenſeits erhielten“. Politiſche Vorgänge. Im höchſten Grade unerfreulich wie die Haltung der beiden deutſchen Großmächte gegenüber dem täglich wachſenden Übergewicht der franzöſiſchen Waffen war, rief ſie in den Jahren 1794 und 1795 noch einmal, im Anſchluſſe an die Ideen, wie ſie vor Gründung des Fürſtenbundes zu einem engeren Zuſammenſchluß der mittleren und kleinen deutſchen Staaten führen ſollten, den Gedanken einer neuen Union hervor. Man gab ſich der Hoffnung hin, daß ein freies Bündnis patriotiſch geſinnter deutſchen Fürſten zuwege bringen könne, was das altersſchwache römiſch-deutſche Reich nicht mehr zu leiſten vermochte. Mit dem Landgrafen Wilhelm von Heſſen-Kaſſel war es der Markgraf Karl Friedrich von Baden, der mit Eifer und Opfer⸗ willigkeit das Zuſtandekommen eines ſolchen Bundes anzubahnen ſuchte. Bei einer Zuſammenkunft der beiden Fürſten in Wilhelmsbad wurde über die Einzelheiten eines Bundesprojektes verhandelt. Doch ergab ſich bald, daß die Vorausſetzungen für eine Verwirklichung der in der Idee ſo ſchön erſchienenen Pläne fehlten, und die Urheber derſelben konnten ſich ſelbſt deren Unausführbarkeit auf die Dauer nicht verhehlen. Um ſo weniger, als ſich im Frühjahr 1795 das Gerücht verbreitete und in Bälde als durchaus verbürgt erwies, daß die preußiſche Regierung in Baſel über einen Separatfrieden mit der franzöſiſchen Republik verhandle. Gleichzeitig ließ der Landgraf von Heſſen, der durch die Verlobung ſeines Sohnes mit einer Tochter Friedrich Wilhelms II. ganz in die Bahnen der preußiſchen Politik einlenkte, ſeinem Freunde, dem Markgrafen Karl Friedrich eine ähnliche Entſchließung anraten. Auch jetzt wieder, wie dereinſt zur Zeit der Begründung des Fürſtenbundes waren es nur ſehr kleine Kreiſe hochgeſtellter Perſonen in Karlsruhe, die von dieſen Projekten Kenntnis hatten, aber immerhin wurde, wie damals ſo auch jetzt, der Name dieſer Stadt in den Berichten der diplomatiſchen Agenten auch der großen Mächte oft genannt, als die Reſidenz eines Fürſten, der in dem europäiſchen Areopag einer Achtung und eines Anſehens genoß, welche die Größe und Bedeutung des von ihm regierten Landes weit überragten. Uach dem Basler Frieden. Die Verhandlungen zwiſchen Preußen und Frankreich führten am 5. April 1795 zum Abſchluſſe des Basler Friedens, in deſſen Inſtrument ein Artikel ſtand, wonach die franzöſiſche Republik die Vermittelung des Königs von Preußen zu Gunſten jener deutſchen Reichsſtände annehmen werde, welche in direkte Friedensverhandlungen mit ihr zu treten wünſchten. Demnach lag auch für den Karlsruher Hof der Gedanke nahe, ſich auf dieſem Wege die Segnungen des Friedens zu ſichern, wie es der Landgraf von Heſſen-Kaſſel ſchon am r 7—. FFE 28. April that. Doch lag Baden im Machtbereich der am Ober⸗ rhein ſtehenden kaiſerlichen Armee, welche unzweifelhaft den offenen Übergang Badens zur preußiſchen Politik mit einer Beſetzung der Markgrafſchaft beantwortet hätte, während anderſeits die franzöſiſche Republik nur dann dieſes Gebiet nicht als feindliches Land behandeln wollte, wenn der Markgraf ſich auf Separatverhandlungen zu einem Friedensſchluſſe einließ. Der Markgraf perſönlich war ſolchen Ver⸗ handlungen gar nicht zugeneigt, beſonders nicht ſeit am Reichstag zu Regensburg eine Reichsfriedensdeputation eingeſetzt war und er infolge deſſen hoffen konnte, für ſein Land den Frieden zu erlangen, ohne ſeinen Verpflichtungen gegen das Reich untreu zu werden. Die öſterreichiſche Politik aber drängte, dieſen am Reichstag herrſchenden Wünſchen zum Trotz, zu einer Fortſetzung des Krieges. Bei ſolcher Lage der Dinge kam dem Markgrafen im Auguſt 1795 die Ankunft des Großkomturs des Malteſerordens, des Barons von Flaxlanden in Karlsruhe ſehr ungelegen, der für den Grafen de Lille(unter welchem Namen ſich kein geringerer als der ſpätere König Ludwig XVIII. verbarg) die Erlaubnis zu er⸗ wirken ſuchte, in Pforzheim ſeinen Aufenthalt zu nehmen. Der Ge— heimerat von Edelsheim bemühte ſich, dem Abgeſandten klar zu machen, daß der Markgraf, ſo ſchwer es ihm falle, dieſe Erlaubnis unmöglich erteilen könne und dürfe, indem er als Mitglied der Reichsfriedens- deputation die Pflicht habe, jede Gelegenheit, welche dem Pacifikations— werke irgendwie hinderlich ſein könne, peinlichſt zu vermeiden. Der Aufenthalt in unmittelbarſter Nähe der feindlichen Grenzen aber bringe dem Grafen und durch ihn dem Lande ſelbſt Gefahr. Während dieſe Erwägungen von der Furcht vor einem feindlichen Einfall der Franzoſen beeinflußt waren, hauſten die befreundeten kaiſerlichen Truppen in der Markgrafſchaft beinahe ſo als ob ſie ſich in Feindesland befänden. Die Lieferungen, welche die kaiſerliche Armee beanſpruchte, überſtiegen faſt die Kräfte des Landes und wurden mit Härte einge— trieben. Die Durchzüge kaiſerlicher Truppen nahmen insbeſondere ſeit dem Monat Auguſt 1794 immer größeren Umfang an. Am 7. Auguſt mar⸗ ſchierten unter dem Kommando des F. M.L. Grafen Staray 4 unga⸗ riſche, 3 böhmiſche, 2 mähriſche und 2 öſterreichiſche Grenadier— bataillone und 2 Kavallerieregimenter(Kavanagh-Küraſſiere und Erz⸗ herzog Joſeph-Huſaren) durch die Stadt, bezogen bei Mühlburg ein Lager und zogen am 8. nach Raſtatt weiter; aus dem Lager zwiſchen Mannheim und Schwetzingen kam am 16. Auguſt unter dem Kom⸗ mando des F. M.L. v. Quosdanowich ungariſche und deutſche Infan⸗ terie, die ebenfalls bei Mühlburg ein Lager bezog, vom 18.—20. traten an ihre Stelle neue Truppen, Kavallerie, Infanterie und Jäger; am 24. meldete die Karlsruher Zeitung, daß nun ſeit 14 Tagen die Truppendurchmärſche fortdauern und daß viele Regimenter in der Umgegend von Karlsruhe campieren und ſtationieren, und am J. September marſchierte das Regiment Kaiſer-Dragoner, das ſeit einiger Zeit zwiſchen Mannheim und Karlsruhe lag, in Parade durch die Reſidenzſtadt, um zur oberen Rheinarmee zu ſtoßen. Die Be⸗ unruhigung ihrer Leſer beſchwichtigte die Zeitung durch nachſtehenden Satz:„Über den Zweck dieſer großen militäriſchen Bewegung wird ſehr verſchieden geſprochen und geurteilt, welches wir der Reife der Zeit über⸗ laſſen wollen.“ Dabei wurde die Situation der rechtsrheiniſchen Gebiete immer bedenklicher. Den Siegen der Franzoſen am Niederrhein folgte am 20. September 1795 die Kapitulation von Mannheim und damit ſchien dem Einmarſch der Franzoſen kein Hindernis mehr im Wege zu ſtehen, da das Vertrauen auf einen genügenden Schutz durch die kaiſerliche Armee nur ſehr gering war. Schon am 21. September wurde wegen der Landesbewaffnung an die Oberämter und Amter die Weiſung erteilt, „alle darauf Bezug habenden Einrichtungen und Anſtalten“ gänzlich einzuſtellen und die Gewehre an ſicheren Orten zu verbergen. Man wollte den Franzoſen ſoweit möglich jeden Anlaß nehmen, die Mark⸗ grafſchaft als Feindesland zu behandeln und ſetzte in dieſer Hinſicht auch Hoffnungen auf die verſprochene Verwendung des Königs von Preußen bei der franzöſiſchen Republik. Es wurde auch ausdrücklich feſtgeſtellt, daß unter dem bewaffneten Kontingent keine Haustruppen. des Markgrafen ſich befänden, ſondern nur ſolche, die dem Kreis⸗ generalkommando untergeben und daher der Verfügung des Mark⸗ grafen entzogen ſeien. Trotzdem ſchien es geboten, daß der Markgraf ſich an einen von dem Kriegstheater abgelegenen Ort begebe. Noch am 21. Sep⸗ tember erhielt das Geheimerats-Kollegium Vollmacht, in ſeinem Na⸗ men und an ſeiner Statt alle Geſchäfte nach den herkömmlichen Grund⸗ ſätzen und den im Ganzen ihm bekannten Geſinnungen des Mark— grafen zu erledigen. Und am 22. verließ Karl Friedrich 'mit ſeiner ganzen Familie Karlsruhe, in der Abſicht, zunächſt in Ulm und ſpäter in Regensburg eine Zufluchtsſtätte aufzuſuchen. Unter dem Eindruck der Schreckensbotſchaft von Mannheim war des Markgrafen Abreiſe etwas überſtürzt worden, ſchon am 23. Sep⸗ tember ſprach Edelsheim die Anſicht aus, daß er nach allem gegen— wärtigen Anſchein noch mehrere Tage hätte ruhig in ſeiner Reſidenz verbleiben können. Die Reiſe des Markgrafen erlitt in Göppingen eine Unterbrechung, da ſein älteſter Sohn aus zweiter Ehe, der ſpätere Großherzog Leopold, unterwegs erkrankte. Erſt nach einiger Zeit konnte die Reiſe nach Ulm fortgeſetzt werden. Der preußiſche Ge⸗ ſandte, der dieſe Nachricht ſeinem Monarchen zugehen ließ, fügte bei, des Markgrafen Gefolge ſei ſehr groß, er habe gegen 130 Pferde bei ſich, der Unterhalt koſte, wie verſichert werde, täglich 1200 Gulden. Die Eindrücke, die der Markgraf auf dieſer Reiſe gewann, machten ihn den Ratſchlägen ſeiner Geheimen Räte, beſonders Edels⸗ heims, daß die einzige Rettung in einer Verſtändigung mit Frank⸗ reich zu erhoffen ſei, welche auch Preußen dringend anriet, zugäng⸗ licher und am 3. Oktober gab er von Göppingen aus die formelle Einwilligung zur Eröffnung geheimer Verhandlungen mit Frankreich, mit denen der Landvogt der Herrſchaft Rötteln in Lörrach, Freiherr von Reitzenſtein, betraut wurde. Um Aufſehen zu vermeiden und bei den Oſterreichern keinen Verdacht zu erregen, wurde Reitzenſtein aber zur Empfangnahme ſeiner Inſtruktionen nicht nach Karlsruhe entboten, ſondern hielt ſich zu dieſem Zwecke kurze Zeit in Ettlingen auf. Indes änderte ſich ganz plötzlich und unerwartet die Lage auf dem Kriegsſchauplatze. Nachdem ſchon am 29. F. M.L. Quosdano⸗ witſch die Franzoſen bei Handſchuhsheim geſchlagen hatte, zwang General Clerfayt den franzöſiſchen General Jourdan durch ſeine Operationen am Main und an der Nidda zu fluchtartigem Rückzug an den Niederrhein und auf das linke Rheinufer und zerſprengte am 29. Oktober die vor Mainz liegende franzöſiſche Armee unter Pichegru. Gleichzeitig war auch General Graf Wurmſer im Laufe des Ok⸗ tober in einer Reihe von Gefechten in der Pfalz ſiegreich. Am 1. Oktober paſſierte er die Reſidenzſtadt, um das Lager zwiſchen Karlsruhe und Raſtatt, wo 15—417000 Mann Kavallerie und Infanterie mit Artillerie und Munition vereinigt waren, zu ...c%CEE(bcCcC........ 42— beſichtigen. Am gleichen Tage wurden bei Knielingen 50 franzöſiſche Kriegsgefangene gegen eben ſo viele Oſterreicher ausgewechſelt und die nächſten Tage brachten fortdauernd Truppendurchzüge. Am 11. November hörte man den ganzen Tag hindurch eine furchtbare Kanonade, die gegen Abend näher zu kommen ſchien. Am andern Tage erfuhr man, daß bei Käferthal, ganz in der Nähe von Mann⸗ heim ein heftiges Gefecht ſtattgefunden hatte. Auch am 17. No⸗ vember hörte man Kanonendonner und Kleingewehrfeuer aus der Gegend von Germersheim herüberdringen und am 18. November erzitterte die Luft von dem Bombardement der Feſtung Mannheim, die am 19. September vor Pichegru unrühmlich capituliert hatte. Am 22. November fiel ſie wieder in die Gewalt der Oſterreicher. Noch am gleichen Tage, ſeinem Geburtstage, erlebte der Markgraf, der ſich auf die Nachricht von den Waffenerfolgen der Kaiſerlichen aus Ulm nach Pforzheim begeben hatte, um dem Kriegstheater näher zu ſein, die Freude, durch den aus Karlsruhe an ihn abgeſchickten Freiherrn Gayling von Altheim dieſe hochwichtige Nachricht zu erhalten. Die Franzoſen waren zum Rückzug aus allen ihren Stellungen genötigt. „Je trüber unſere bangen Ausſichten in die Zukunft noch vor einigen Monaten waren— ſchrieb Edelsheim am 23. November an den Reſidenten von Mühl in Wien—, um ſo heiterer und beruhigender iſt unſere gegenwärtige Lage, nachdem die faſt über alle Begriffe reichenden Fortſchritte der kaiſerlichen Kriegswaffen in wenigen Wochen die glorreichſten Siege errungen haben. Nun darf man ſich doch wieder freuen, ein Deutſcher zu ſein!“ Der Markgraf kehrte unter ſolchen Verhältniſſen ſeiner Familie wieder nach Karlsruhe zurück. Er und ſeine ganze Um⸗ gebung und nicht zuletzt die treuen Bürger der Reſidenzſtadt, die den heimkehrenden Fürſten mit lautem Jubel begrüßten, hofften auf den baldigen Abſchluß eines„anſtändigen“ Reichsfriedens. Zunächſt wurde am 1. Januar 1796 zwiſchen den beiden Armeen ein Waffen⸗ ſtillſtand abgeſchloſſen. Das Zahr 1796. Aber dieſer Waffenſtillſtand war nicht der Vorbote des Friedens, ſondern er bildete nur die Einleitung zu kriegeriſchen Bewegungen, die von da an während einer langen Reihe von Jahren die Ruhe des R 125— ganzen Weltteils ſtörten. Schon im April ſchrieb der Geheimerat Meier in ſein Tagebuch:„Die Friedenshoffnungen verſchwinden gänzlich“, und von Woche zu Woche vermehrten ſich die Anzeichen, daß der Wiederausbruch der Feindſeligkeiten bevorſtehe. Am 31. Mai ging der Waffenſtillſtand zu Ende, den die Franzoſen zu einer ge⸗ waltigen Verſtärkung ihrer Heere benutzt hatten, und ſchon am 14. Juni wurde man in Karlsruhe durch die Nachricht über ein hartes Gefecht jen—⸗ ſeits des Rheines in der Gegend von Mannheim erſchreckt, deſſen Erfolg ein Zurückweichen der Kaiſerlichen in die Retranchements war. Am 17. Juni reiſte der Oberbefehlshaber der kaiſerlichen Truppen, Graf Wurmſer, durch Karlsruhe, ſeiner Ausſage gemäß nach Offenburg. „Viel beruhigendes für die Zukunft“— trug Meier ein—„hat man von ihm nicht vernommen“. Bald wurde ruchbar, daß er nicht in das Oberland, ſondern nach Tirol gereiſt ſei und daß an ſeiner Statt General La Tour das Kommando übernommen habe. Am 24. Juni morgens wurde man durch eine heftige dreiſtündige Kanonade vom oberen Rhein her allarmiert. Nur zu bald erfuhr man, daß die Franzoſen mit einem ſtarken Korps bei Kehl über den Rhein gegangen ſeien. Die dort ſtehenden ſchwäbiſchen Kreistruppen leiſteten nur ungenügenden Widerſtand, der Erzherzog Karl hat ſogar ſpäter erklärt, er habe die ſtärkſten Anzeichen, daß dort„Verräterei vor⸗ gegangen“ ſei. Der General La Tour, der an dieſer Stelle keinen Augriff erwartet hatte, konnte ſeine Truppen nicht ſchnell genug zuſammenziehen. Und ſo ſtand denn binnen wenigen Tagen die ganze franzöſiſche Armee auf dem rechten Rheinufer und war Herrin aller Schwarzwaldpäſſe, die ihr den Weg nach Schwaben öffneten. In Karlsruhe war man ſo wenig eines ſolchen Ereigniſſes ge— wärtig, daß noch einige Tage zuvor, am 20. Juni, zur Feier des Geburtstages der Erbprinzeſſin im Schloſſe von Dilettanten des Hofkreiſes Glucks Iphigenie in Aulis aufgeführt worden war. Der 25., 26. und 27. Juni waren für Karlsruhe angf ſtvolle Tage. ungünſtiger lauteten die aus der Gegend von Kehl und Offenburg einkommenden Nachrichten. Nun wurden die zwei Landmilizbataillone ſo aufgeſtellt, daß ſie zur Unterſtützung der kaiſer⸗ lichen Truppen von der Murg bis nach Schröck dienen konnten: das Bataillon Karlsruhe unter Hauptmann Kreußler bezog in Schröck, 26 Eggenſtein, Teutſchneureuth und Knielingen, das Bataillon Ettlingen unter Hauptmann von St. Ange in Neuburgweier, Au am Rhein und Elchesheim Quartiere. Außerdem kam Hauptmann von Stetten mit 80 regulären Grenadieren nach Schröck, Hauptmann von Lindenberg mit ebenſo vielen nach Au a. Rh. General La Tour dankte am 28. Juni dem Markgrafen„vor dieſe ausgezeichnete Probe von wahrer Vaterlandsliebe und treuer Anhänglichkeit an die gerechte Sache“ und erbat die Auf⸗ ſtellung der beiden Bataillone in der Gegend von Karlsruhe und Mühlburg ſo in Bereitſchaft,„daß ſolche bei einem entſtehenden Allarm zum Soutien des Feldmarſchalllieutenants Grafen Rieſch alſogleich abrücken können, um ſie zwiſchen Mühlburg und Eggenſtein zu ver— wenden, weil zwiſchen der Murg und Mühlburg, das bei Mucken⸗ ſturm lagernde Korps im Stande iſt, eine baldige Hülfe zu leiſten“. Am Abend des gleichen Tages ſchrieb aus Muckenſturm Oberſt von Beck, der General La Tour erteile den Rat, es möge die fürſtliche Familie ſchleunig abreiſen. Dieſer Rat wurde auch ſofort befolgt. Die fürſt⸗ liche Familie begab ſich vorläufig nach Pforzheim, die Landſchreiberei aber direkt nach Ansbach, wohin auch das Archiv von Ulm aus überführt werden ſollte. Der Markgraf ſelbſt blieb noch in Karls⸗ ruhe und trat am 29. Juni mit dem Geheimen Rat in Beratung über die weiter zu ergreifenden Maßnahmen. Miniſter von Edels⸗ heim erklärte ſich bereit, auch wenn der Markgraf das Land verlaſſe, zurückzubleiben, in der Hoffnung, ſich dem Lande nützlich zu erweiſen. Auf die Frage, ob man, falls mit Zerſtörung fürſtlicher Schlöſſer und Gebäude gedroht werde, Brandſchatzungsgelder anbieten und zahlen ſolle, erklärte Karl Friedrich, er überlaſſe die Entſcheidung der gewiſſenhaften Prüfung des Geheimen Rates, im Kolliſionsfalle gehe jedenfalls die Erhaltung des allgemeinen Wohlſtandes der Unterthanen der Erhaltung der Schlöſſer vor. Am 2. Juli wurden die Landmilizen, deren Dienſte auf den Gang der kriegeriſchen Operationen doch keinen Einfluß üben konnten, in ihre Gemeinden entlaſſen, was General La Tour durchaus billigte. Am Tage darauf kam Erzherzog Karl, auf deſſen Hilfe alle Hoffnungen geſetzt waren, nachdem er ein paar Stunden in Karlsruhe zugebracht hatte, im Hauptquartier La Tour's zu Muckenſturm an und für den 4. Juli wurde ein ſtarkes Korps zur Verſtärkung oder Reſerve in Mühlburg erwartet, wo der Erzherzog das Quartier nehmen ſollte. Doch be— ——— FSSD 44444444444„„„„„ — 127— hielt dieſer ſein Hauptquartier in Muckenſturm, von wo am 4. Juli General La Tour durch den Oberſten von Beck dem Markgrafen ſagen ließ, er habe die größte Hoffnung, zu glauben, daß Raſtatt ge⸗ rettet ſei und Karlsruhe nicht das geringſte zu beſorgen habe. Aber der 5. Juli war für die Kaiſerlichen unglücklich. Raſtatt und das Murgthal ging verloren, General La Tour meldete, daß er genötigt ſei, ſich nach Ettlingen zurückzuziehen und riet dem Markgrafen, ungeſäumt Karlsruhe zu verlaſſen, weil er ſchon morgen vielleicht dort nicht mehr ſicher ſein würde. Während noch in der Nacht das Hauptquartier des Erzherzogs und La Tour's nach Rüppurr und Beiertheim verlegt wurde, verließ Markgraf Karl Friedrich, der während der letzten Wochen meiſtens in dem Jagdſchloß Stutenſee ſich aufgehalten hatte, mit ſeinen Prinzen am 6. Juli morgens %4 Uhr ſeine Reſidenzſtadt und ſein Land und begab ſich zunächſt über Bruchſal nach Heidelberg, um dort den weiteren Verlauf der Ereigniſſe abzuwarten. Staatsminiſter von Edelsheim fuhr am Nachmittag des 6. Juli in Begleitung des Oberſten von Beck nach Rüppurr und erbat von Erzherzog Karl hinreichende Sauvegarden bei einem allenfallſigen weiteren Rückzug für Karlsruhe, Durlach und Scheibenhart. Infolge deſſen rückten ſchon am 7. Juli, morgens 6 Uhr, 17 Mann Kaiſer⸗ dragoner unter Oberlieutenant von Henriquez in Karlsruhe ein, welcher vorerſt 6 Mann nach Durlach und 2 nach Scheibenhart ab⸗ ſchickte. Für den Fall eines Rückzugs der Armee war die Verlegung des ganzen Regiments Kaiſerdragoner und eines Grenadierbataillons nach Karlsruhe beabſichtigt. Die Pferde der Dragoner kamen in den Huſarenſtall, wo vorläufig auch die Mannſchaft beiſammen blieb. Im Laufe des Tages maſchierten auch die ſächſiſchen Truppen, die ſeit kurzer Zeit um die Stadt herum im Quartier gelegen hatten, durch Karlsruhe. Schon am Abend vorher, war auf das Gerücht, daß das kaiſer⸗ liche Lager abgebrochen werde, Oberſtlieutenant von Rabenau mit dem fürſtlichen Militär nach Münzesheim maſchiert, wo in den nächſten Tagen die Verabſchiedung der Offiziere und Mannſchaften erfolgte. In Karlsruhe war nur ein kleines Detachement vom Leib⸗ regiment nebſt den Huſaren und Gardiſten zur Bewachung des Schloſſes und der Staatsgebäude zurückgeblieben. der ihnen am 4. Juli vom Markgrafen Karl Friedrich erteilten Militär vor ſeinem Einzuge zu entlaſſen, damit es nicht durch ſeine 128 Am darauffolgenden Tage aber, am 8. Juli, ermächtigten die Geheimeräte von Edelsheim, Meier, Brauer und Reinhard, auf Grund Spezialvollmacht, den Freiherrn von Reitzenſtein zur Einleitung von Friedensverhandlungen mit der franzöſiſchen Republik. Der 9. Juli war abermals ein Unglückstag für die kaiſerlichen Waffen. Vom Karlsruher Schloßturm aus konnte man deutlich den Verlauf des Gefechtes verfolgen und den Rückzug der Kaiſerlichen beobachten. Am frühen Morgen des 10. Juli erhielt Miniſter von Edelsheim im Auftrage des Kommandierenden durch Major von Wöllwarth aus Muckenſturm die Nachricht, daß die ganze Armee nach Pforzheim abrücke, und am Abend dieſes Tages nach 6 Uhr fuhr Edelsheim mit der geſamten Deputation(Geheimer Hofrat Herzog, Kreuzwirt Fiſcher und Hofſattler Reiß) nach Raſtatt, um dem franzöſiſchen General en chef Moreau„die Anliegen der Stadt und des Landes angelegentlichſt zu empfehlen“. In Abweſenheit Moreau's wurden ſie zu dem Diviſionsgeneral Deſaix geführt, der ſie ſehr höflich empfing und verſprach, bei ſeinem Eintritt in die Stadt Karlsruhe jede Unordnung möglichſt zu verhüten und für die beſondere Sicherheit und Verſchonung des fürſtlichen Schloſſes zu ſorgen. Er empfahl dabei, daß die Einwohner durch vernünftiges Betragen und angemeſſene Vorbereitung ſich auf dieſen Fall einrichten möchten und riet an, das noch in Karlsruhe befindliche fürſtliche Soldaten entwaffnet und in dem erſten Eifer feindlich 60 werden möchte. Am Abende des 10. Juli war die kaiſerliche Sauvegarde (Franz⸗Küraf ſſiere, welche kurz vorher die Kaiſerdragoner abgelöſt hatten) bereits abgezogen, und nach Karlsruhe zurückgekehrt veran⸗ laßte am Morgen des 11. Juli Edelsheim die alsbaldige Be⸗ urlaubung der wenigen fürſtlichen Soldaten, die ſich noch hier befanden. Im Laufe des Vormittags ritten die kaiſerlichen Patrouillen bis Grünwinkel, auch zogen noch einige Bataillone Kaiſerlicher auf dem Wege nach Pforzheim durch die Stadt. Nachmittags 1 Uhr kam Oberſt⸗ lieutenant Danniel von Szeklerhuſaren mit etwa 200 Mann von dieſem Regiment und von Kinsky-Chevauxlegers. Er ließ von ſeinen Leuten alle Thore beſetzen und ritt mit den übrigen zum Mühlburger — 129— Thor hinaus in der Richtung gegen Mühlburg. Dort entſpann ſich ein Geplänkel mit der Vorhut der Franzoſen. Auch auf der Beiert⸗ heimer Wieſe ſah man franzöſiſche Chaſſeurs hin und herreiten. Abends 6 Uhr kam Oberſtlieutenant Danniel wieder zum Mühlburger Thor herein, hielt am Rathauſe ſtill und ſprach mit den Mitgliedern des Stadtrats, die da verſammelt waren. Er riet ihnen, dafür zu ſorgen, daß Speiſe und Trank vor das Thor gebracht werde, da die Franzoſen bald kommen würden. Darauf zog er ſeinen Hut, nahm Abſchied, ſammelte ſeine Leute wieder und verließ die Stadt durch das Durlacher Thor. Seinem Rat entſprechend wurden Lebensmittel und Getränke vor das Mühlburger Thor geführt, und in der That ließen auch die Fran⸗ zoſen nicht lange auf ſich warten. Um 6 Uhr kam ein franzöſiſcher Huſar in vollem Galopp zum Thor herein und ritt in der ganzen Stadt herum, es ſchien, als ſei er betrunken und könne ſich nur mit Mühe auf ſeinem Pferd erhalten. Am Thore hielt ein General, der auch nicht nüchtern zu ſein ſchien, und verlangte ein anderes Pferd. Der Miniſter von Edelsheim, der ſich ebenfalls an das Thor begeben hatte, bot ihm das ſeinige an; aber dieſes gefiel dem General nicht, der wetterte und fluchte, bis endlich auf Veranlaſſung des Miniſters andere Pferde kamen, von denen der General eines beſtieg, um alsbald wieder fortzureiten. Abgeſehen von dieſem ärgerlichen Auftritt aber erfüllten ſich glücklicherweiſe die Befürchtungen, welche die Einwohnerſchaft gehegt hatte, nicht. Die Kaiſerlichen hatten den Franzoſen einen Parlamentär geſchickt und ihnen die Stadt Karlsruhe in Frieden übergeben. Zu⸗ nächſt begnügten ſich dieſe mit den vor das Thor gebrachten Lebens—⸗ mitteln, und erſt am 12. Juli rückten einige hundert Mann mit dem General Fremon in Karlsruhe ein, während das Gros der Truppen außen um die Stadt herum nach Durlach zog. Der markgräfliche Läufer Heinrich Lanzer, der über die Ereigniſſe vom 6. Juli 1796 bis 16. Februar 1797 ein Tagebuch führte“), urteilt ſehr ungünſtig über die äußere Erſcheinung der republikaniſchen Truppen:„elendes ) Das Original befindet ſich im Beſitze des Herrn Buchdruckereibeſitzers Friedrich Gutſch, der dasſelbe dem Verfaſſer freundlichſt zur Verfügung ſtellte. 9 —130— Geſindel, in Schuhen der Freiheit, d. h. barfuß, in Kitteln, ohne Säbel, beinahe die Hälfte ohne Gewehre, nur mit Prügeln verſehen“ und kann es gar nicht faſſen, daß dieſe Leute die„ſchönen kaiſerlichen Mannſchaften“ zum Rückzug zwangen. Noch mehr aber entrüſtet ſich ſein ehrliches patriotiſches Herz darüber, daß es in Karlsruhe Leute gab, welche ſich über die Ankunft der Franzoſen freuten, ihnen ent⸗ gegen gingen, Arm in Arm mit ihnen durch die Straßen zogen und ihnen die beſten Leckerbiſſen zutrugen, darunter— wie er mit beſonderem Ingrimm anmerkt—„einen abgeſottenen Schinken, mit einem Lorbeerkranz geziert“. Andere freilich verbargen nur mühſam ihren Abſcheu vor den Feinden des Vaterlandes und man ſah manchen wackeren Mann Thränen des Schmerzes und Zornes vergießen. Die franzöſiſche Beſatzung wurde zum größten Teil in der Orangerie bei der Hofküche einquartiert. Nur wenige Häuſer in der Stadt, darunter vorzüglich die im Zirkel gelegenen, bekamen Einquartierung. Man mußte nur für die Leute Eſſen und Trinken in die Orangerie ſchicken und zwar eine Familie alle zwei oder drei Tage für je zwei Mann. Die Schloßwache und die Thore wurden von den Franzoſen beſetzt. Der Diviſionsgeneral Delmas wohnte im Schloß, rechts unten beim Portal, ſeine Adjutanten hatten ihre Zimmer bei der Schloßkirche im mittleren Stock. Der andere Schloßflügel blieb ver⸗ ſchloſſen. Die Pferde wurden in den Marſtall geſtellt und die Huſaren kampierten vor dem Mühlburger Thore im Wald. Im Schloß war täglich drei Mal Tafel für die Offiziere, 10 bis 20 Perſonen, die bei dem General ſpeiſten. Die zahlreichen Ordonanzen wurden„auf dem Türniz“ verköſtigt. Freiherr von Edelsheim hebt in einem Brief an Herrn von Reitzenſtein hervor, daß— Dank den wohlwollenden Geſinnungen und den ſtrengen Anordnungen der franzöſiſchen Generäle, insbeſondere des Generals Delmas, in der Stadt Karlsruhe Ordnung und Ruhe herrſche. Auch der Geheime Rat berichtete an den Markgrafen, daß das Schickſal Karlsruhes in Vergleichung mit anderen noch gelinde ſei, man müſſe der Generalität und der Beſatzung die Gerechtigkeit widerfahren laſſen,„daß ſie für die hieſige Sicherheit viel Sorge tragen, wie denn auch die meiſten Truppenmärſche der Stadt vorbei inſtradiert worden ſind. Dem ohngeachtet haben die Einwohner außer den Einquartierungs⸗ und Verpflegungslaſten ſchon vieles Jwaaunallach aeieszerse Adlati januvutch aisjaaeh n aaainaag Uiatonz Bagach me gelitten“. Namentlich wurden ſie dadurch geſchädigt, daß ſie die Aſſignaten zum Nennwert annehmen mußten. Gleich nach dem Ein⸗ marſch wurden alle herrſchaftlichen Effekten in Karlsruhe, Gottesaue, Rüppurr und Durlach mit alleiniger Ausnahme des Hofameublements mit Beſchlag belegt und teils fortgeführt. Man hatte daher bald über kein Körnchen Frucht und über keinen Tropfen Wein zu ver⸗ fügen, und dennoch mußten bei Hof ſtarke Tafeln unterhalten werden. Auch kannten die ſonſtigen Requiſitionen und Forderungen keine Grenzen. Ahnlich berichtete auch Edelsheim an den Markgrafen:„Man beträgt ſich wechſelſeitig bis jetzt ungemein gut und es iſt faſt unbe⸗ greiflich, wie ruhig ſich die Beſatzung dermalen noch verhält. Einige Exzeſſe in den erſten Stunden abgerechnet, ereignet ſich wenig und ſelten etwas zu neuen Vorſtellungen. Da aber alle Vorräte in Beſchlag genommen ſind, ſo läßt ſich gar nicht einſehen, woher wir die Lebensbedürfniſſe für die Gäſte und für uns ſelbſt hernehmen ſollen und können.“ Der General en chet Moreau und der Diviſionsgeneral Deſaix waren am 14. Juli jeder nur einige Stunden in Karlsruhe anweſend. Am 15. erſchien der Volksrepräſentant und General⸗ kommiſſär Hausmann, mit dem Miniſter von Edelsheim und die Bürgerdeputation konferierten, ohne aus ſeinen Rußerungen beſonders tröſtliche Erwartungen ſchöpfen zu können. Er hatte mit den Friedens⸗ verhandlungen, die inzwiſchen der Freiherr von Reitzenſtein angeknüpft hatte, nichts zu ſchaffen, aber man konnte aus ſeinen Worten wohl den Schluß ziehen, daß der Friede mit der Republik nur um den Preis großer Opfer zu erlangen ſein werde. Zunächſt handelte es ſich jedoch nur um den Abſchluß eines Waffenſtillſtandes und ein ſolcher wurde denn auch zwiſchen Moreau und Reitzenſtein in Stuttgart am 25. Juli 1796 vereinbart. Die Bedingungen dieſes Waffenſtillſtandes waren ſehr hart für die badiſche Markgrafſchaft. Die Baden auferlegte Kontribution an barem Gelde und die Naturalleiſtungen an Vieh, Getreide u. a. ſtanden außer allem Verhältnis zu den regelmäßigen Einnahmen des, Staates. Selbſtverſtändlich wurde von den Franzoſen ausbedungen, daß ihre Truppen, ſo lange der Krieg dauere, ungehinderten Durchzug haben ſollten und daß für ihre Einquartierung die franzöſiſche Republik 9 zu keiner Entſchädigung verpflichtet ſei. Nur hinſichtlich der Reſidenz⸗ ſtadt Karlsruhe wurde die Ausnahme feſtgeſetzt, daß der General en chef jo viel möglich verhüten werde, Truppen durchmarſchieren oder daſelbſt einquartieren zu laſſen. Inzwiſchen war der Markgraf Karl Friedrich mit ſeiner Familie von Heidelberg über Neckargemünd, Adelsheim und Boxberg nach Mergentheim und von da, wo ein kurzer Aufenthalt ſtattfand, über Crailsheim und Feuchtwangen nach Ansbach gereiſt, wo die Herrſchaften am 17. Juli ankamen und bei dem königlich preußiſchen Premierminiſter Freiherrn von Hardenberg zu Mittag ſpeiſten. Der Erbprinz mit Familie, Gefolge und Dienerſchaft blieb in Ansbach; der Markgraf mit der Gräfin Hochberg, dem Prinzen Ludwig, den jungen Grafen Leopold und Wilhelm und der Gräfin Amalie von Hochberg bezog das ihm vom König von Preußen zur Ver⸗ fügung geſtellte Jagdſchloß Falkenhaus bei Triesdorf, wo auch ein Teil des Gefolges und das nötige Dienſtperſonal untergebracht wurde, während ein anderer Teil der Suite im nahen Dorfe Weidenbach, die Dienerſchaft zum Teil in Gunzenhauſen wohnte. Nach Triesdorf reiſte am 30. Juli von Karlsruhe der Miniſter von Edels heim ab, um dem Markgrafen perſönlich Bericht zu erſtatten, nachdem geraume Zeit die Verbindung zwiſchen Karlsruhe und Triesdorf völlig unterbrochen geweſen war. General Delmas hatte ſich ſchon am 23. Juli von Karlsruhe nach Pforzheim begeben und nur einer ſeiner Adjutanten, der am Fieber erkrankt war, blieb im Schloſſe zurück. Am 27. Juli erſchien zum erſten Mal wieder ſeit dem 11. die Karlsruher Zeitung, da während dieſer ganzen Zeit der Poſtenlauf gehemmt war. Erſt am 26. Juli war wieder die Poſt von Frankfurt in Karlsruhe einge⸗ troffen. Am 29. marſchierte die ganze franzböſiſche Beſatzung ab, auch der kranke Adjutant verließ das Schloß und dieſes ſowie die Land⸗ ſchreiberei, das Linkenheimer- und das Piquetthor“) wurden wieder von badiſchen Unteroffizieren beſetzt. Am 31. Juli wurde zum erſten Male wieder in der Schloßkirche Gottesdienſt gehalten, wobei Pfarrer Schmidt predigte. Der Geheimerat Emanuel Meier aber ſchrieb an dieſem Tage ) Vermutlich ein kleines Thor am Ende der Herrenſtraße. —— in ſein Tagebuch:„Den Kummer, die Sorge, die Plage, den Jammer dieſer drei Wochen kann keine Feder beſchreiben!.“ Wenn auch in gleichzeitigen Berichten und Briefen im allgemeinen die Mannszucht der Franzoſen gelobt wird, ſo ergiebt ſich doch aus den Akten, daß nicht einmal die herrſchaftlichen Gebäude vor Plünderung ſicher waren. Aus dem herrſchaftlichen Jagdzeughaus nahm das Militär verſchiedene Gegenſtände im Werte von 2071 Gulden mit fort und General Delmas ſelbſt entführte aus der fürſtlichen Gewehrkammer Waffen im Werte von 913 Gulden. Noch vor dem Miniſter von Edelsheim war in Triesdorf der Korporal Peter von der Harrantiſchen Kompagnie angekommen und am 29. Juli über die Zuſtände in Karlsruhe vernommen worden. Wenn auch ſeine Ausſagen, die alsbald aufgezeichnet wurden, manches enthalten, was ſchon erwähnt wurde, ſo verdienen ſie doch im Zu— ſammenhange hier mitgeteilt zu werden. In Karlsruhe— erzählte er— ſei noch alles ruhig, die jetzt aus ungefähr 80 Mann beſtehende Garniſon liege noch in der Orangerie, der Kommandant Jeannot bewohne des Markgrafen ge⸗ wöhnliche Arbeitszimmer im Schloß, wo eine franzöſiſche Schildwache ſtehe. Der Kommiſſär wohne beim Herrn Miniſter von Edelsheim. Noch müſſen die wolhabenden Einwohner täglich Eſſen und Wein in die Orangerie und an die Thore ſchicken. Nur anfangs hätten die bemittelten Einwohner ſtarke Einquartierung gehabt, auch hätten die— ſelben, ſowie jeder Bürger ein paar neue Schuhe liefern müſſen; Klein⸗Karlsruhe ſei von beiden Auflagen befreit geblieben. Beim Einzug ſei mit Papier bezahlt worden, jetzt aber erhalte man klin⸗ gende Münze. Die nachfolgenden franzöſiſchen Truppen ſeien nicht durch die Stadt, ſondern außen herum geführt worden. Vom fürſt⸗ lichen Militär befänden ſich nur die Beweibten in Karlsruhe, die Ledigen ſeien von den Franzoſen auf Anhalten der Bürgerſchaft be⸗ fehligt worden, in ihre Heimat zu gehen und ſeien auch mit ihrem Torniſter, jedoch ohne Seitengewehr abgezogen; einige hätten fran— zöſiſche Dienſte geſucht, aber nicht bekommen. Alle Armaturſtückt ſamt Munition ſeien überall, auch in Münzesheim, weggenommen worden. Auch den Bürgern habe man ihre ſämtlichen Gewehre abge— nommen, aber mit Ausnahme der Militärgewehre wieder zurückgegeben. Die fürſtlichen Offiziere, die in Karlsruhe ſich aufhielten, der Haupt⸗ mann von Biedenfeld, die Lieutenants Graf Sponeck, von Gültlingen, von Marſchall, Haaf und Schlecht gingen, wie die Soldaten, in bürgerlicher Kleidung. Kokarden litten die Franzoſen nicht, drängten aber auch die ihrigen niemand auf. Das Bürgerſpital in Karlsruhe 85 für die kranken Franzoſen geräumt werden müſſen, im Lazarett aber läge noch badiſches Militär; auch in Ettlingen ſei ein großes Lazarett, doch wiſſe er nicht, ob im Schloſſe. Die Lebensmittel ſtünden i nämlichen Preiſe wie vor Ankunft der Franzoſen; das Fleiſch koſte 15, die Butter 40 Kreuzer das Pfund. Verdienſt ſei, außer dem Schloßgarten, wo 18 Mann arbeiteten, ſehr wenig, weil jetzt die Ernte erſt anfange; von den Franzoſen ſeien keine Felder um Karlsruhe herum verdorben worden, das Schlachtvieh brächten ſie ſelbſt in Menge mit. Ein Mann, der weiter blickte als der Korporal Peter, der Ge— heimerat Meier, fprach ſich um die gleiche Zeit in ſehr peſſimiſti⸗ ſchem Sinne über die durch den bisherigen Verlauf des Krieges ge⸗ ſchaffene wirtſchaftliche Lage aus.„Die auferlegte Kontribution, ſo hart und faſt unerſchwinglich ſie an ſich fällt, kommt in keine Ver⸗ gleichung mit dem unermeßlichen Verluſt, den die Herrſchaft und das Land in corpore ſowohl, als viele tauſend Individua erlitten haben. Alle herrſchaftlichen Vorräte bis auf das Wenige, was man zum täg⸗ lichen Gebrauche zurückerkauft hat, ſind weggenommen, die Vorräte an Frucht und Wein bei Privaten ſind größtenteils verwüſtet und verzehrt. Schlachtvieh iſt kaum mehr zu finden... Aus Mangel an arbeitenden Menſchen und Vieh erliegt der Feldbau, noch ſteht vieles Heu auf den Wieſen und die unzertretene Ernte kann hie und da nicht beſtellt werden. Die Durchzüge der Truppen dauern unauf⸗ hörlich und müſſen vom Land, das doch keine Vorräte mehr hat, ver⸗ pflegt werden. Die ſtädtiſchen und Commune⸗aeraria ſind bereits mit ungeheueren Schulden beladen, die ſich mit jedem Tage ver⸗ mehren. Vom Verkehr mit dem Auslande kann gar keine Rede ſein, im Land eeſſiert faſt aller Handel, Gewerbe, Verdienſt und Nah⸗ Lünnig. Die Stadt Karlsruhe iſt von öffentlicher Plünderung mitgenommen und die meiſtens arme, jetzo verdienſtloſe Inwohner⸗ ſchaft geht zu Grund bei den fortdauernden Einquartierungs⸗ und Verpflegungslaſten. Wenn die Diener, wie bei den meiſten bald der 135 Fall ſein wird, das vorgeſchoſſen erhaltene laufende Quartal aufge⸗ zehrt haben, ſo iſt Mangel und Not leicht vorzuſehen. Und wenn vollends das Kreiskontingent zurückkommt“) und ganz oder zum Teil erhalten werden ſoll, wenn bei eintretender mehrer Sicherheit die Herren zur Hofmarſchallstafel wieder zurückkehren und geſpeiſt ſein wollen, — woher die Mittel nehmen, zumalen bei der eingetretenen exceſſiven Teuerung?“ Das Aufbringen der Kontribution verurſachte große Schwierig— keiten. Als der erſte Termin fällig war(am 4. Auguſt), mußte zur Befriedigung der Franzoſen Beihilfe leiſten, wer nur immer konnte. „Karlsruhe allein— ſchreibt Meier an Edelsheim— hat 125 000 Gul-⸗ den beigetragen; die meiſten haben aber ihre Haushaltungskaſſa aus⸗ geleeret, in Hoffnung, längſtens binnen einem Vierteljahr zu ihrer Subſiſtenz reſtituiert zu werden“. In Triesdorf genehmigte Markgraf Karl Friedrich alles, was bisher geſchehen und war auch mit allen weiteren von dem Geheimen Rat beantragten Schritten und Maßregeln einverſtanden. Er ver⸗ hehlte ſich nicht, daß ihm beſtimmt ſei, noch mehr Unangenehmes zu vernehmen als er ſchon bisher hatte erfahren müſſen und war, wie Edelsheim nach Karlsruhe ſchrieb,„nur über das Uunglück ſeiner Unterthanen innigſt betrübt“. Dem Freiherrn von Reitzenſtein wurden Vollmachten und Inſtruktionen nach Paris, wohin er ſchon am 26. Juli abgereiſt war, nachgeſchickt. Dort wurde am 22. Auguſt 1796 der Friedensvertrag abgeſchloſſen, deſſen geheime Artikel⸗⸗ die Entſchädigungen Badens für den Verluſt ſeiner linksrheiniſchen Herrſchaften feſtſetzten. Die Ratifikation des Friedensvertrages aber verzögerte ſich unter dem Einfluß der Schwankungen in den Kriegsläufen und in der Politik bis zum 15. Dezember 1797. Schon am 3. Auguſt 1796 waren an allen Thoren der Stadt Karlsruhe Pfoſten eingegraben worden, an denen die Worte:„Territoire de Baden. Pays neutre“ angebracht wurden. Truppendurchmärſche, Transporte von Verwundeten und Kranken hörten nicht auf, ebenſo *) Nach den Beſtimmungen des Waffenſtillſtandes ſollte der Markgraf dieſe Truppen zurückrufen, ſie ſollten bewaffnet bleiben und zur innern Landes⸗ polizei verwendet werden. Doch gelang ihre Zurückberufung, mit welcher der Forſtmeiſter von Adelsheim beauftragt war, nicht, vielmehr wurden ſie mit den übrigen Kreistruppen auf Befehl des Erzherzogs Karl entwaffnet. — 136— die Transporte von Munition, Proviant, Fourage und Ausrüſtungs⸗ gegenſtänden. Dabei dauerte der Kampf der badiſchen Verwaltung mit den Generalen und Kommiſſären fort, indem jene ſich der Er— richtung eines Spitals in Karlsruhe ſowohl als im Schloß zu Dur—⸗ lach, der ferneren Evacuation der kleinen Reſte auf den Herrſchafts⸗ ſpeichern u. ſ. f. kaum erwehren, auch die vollſtändige Bekanntmach⸗ ung und Vollſtreckung des Waffenſtillſtands an allen Orten noch nicht erwirken konnte. An Plackereien ſeitens der Franzoſen und allerlei Verlegenheiten fehlte es nicht. Zugleich wurde„der Geiſt der Zeit im Innern des Landes— wie Meier in ſein Tagebuch eintrug— immer reger“. Die Städte Ettlingen, Raſtatt, Baden machten am 9. Auguſt bei einer Zuſammen⸗ kunft in Raſtatt, wozu ſie auch Dorfvorſteher einluden, den Vor— ſchlag, an den Markgrafen das Anſinnen zu richten, das Militär zu vermindern, die fremden Offiziere abzuſchaffen, den Hofaufwand zu verringern, die Marſchallstafel und die Hofchargen aufzuheben, die vielen Pferde und Marſtallbedienten, das Rindenhaus und die Fa— ſanerie abzuſchaffen, die Kammergüter zu verkaufen, den Adel von den wichtigſten Bedienſtungen zu entfernen. Schon vorher hatte der Karlsruher Magiſtrat aus Anlaß des Schlafkreuzers eine ſtarke Vor⸗ ſtellung gegen das Militär übergeben. Aus Durlach berichtete der Amtmann Gaum, daß dort nicht wenig Perſonen, und darunter ſolche von Gewicht und Einfluß, Plänen geneigt ſeien, die der franzöſiſche General Eikemeyer unver⸗ holen während der Tafel gegen ihn erwähnt habe,„daß es nämlich der Republik ſehr geraten ſei und zum Wohle der diesſeits des Rheines liegenden Völker gereichen würde, längs dem Rheine hin kleine, mit Fraukreich in Verbindung ſtehende Republiken zu etabliren. Es ſollen ſogar Deputierte an den Kommiſſär Hausmann abgeſchickt worden ſein, um ſolche Projekte zu fördern, dieſer habe jedoch die Sache von der Hand gewieſen“. Jene in Raſtatt geäußerten Beſchwerden waren teilweiſe unbe⸗ gründet, teilweiſe aus eigener Initiative des Markgrafen ſchon abge⸗ ſtellt, wie z. B. ſchon am 7. Auguſt Edelsheim aus Triesdorf die Weiſung überbracht hatte, die Fortführung des Hofhalts in Karls⸗ ruhe, insbeſondere der Marſchallstafel zu ſiſtieren.(Lanzer trug am 13. in ſein Tagebuch ein:„Heute wurde die Hofküche geſchloſſen und j — 137— keine Marſchallstafel mehr gehalten; das Geſinde geht in Koſt“). Auch hatten in Raſtatt die Vertreter der Stadt Steinbach und anderer Orte des Amtes Pberg gegen die oben angeführten Beſchuldigungen der Hofverwaltung Widerſpruch erhoben und die Magiſtrate von Karlsruhe, Durlach und Raſtatt hatten ſich ebenfalls dagegen ver⸗ wahrt. Dennoch hielt es der Geheime Rat für geboten, in einer im Karlsruher Intelligenz- und Wochenblatte veröffentlichten Erklärung jene Behauptungen mit Schärfe und Entſchiedenheit zurückzuweiſen. Und dieſe Erklärung erfüllte ihren Zweck, beruhigte die Gemüter und beſeitigte die Gefahr, welche Aufregung und Unzufriedenheit weiter Kreiſe der Bevölkerung in einer ſo geſpannten Lage über das Land hätte heraufbeſchwören können. Über die Phyſiognomie der Stadt Karlsruhe wird aus dieſer Zeit berichtet:„Die Kettenallee iſt öde und einſam. Wo ſonſt lieb⸗ liche Mädchengeſtalten herumhüpften, wie mutwillige Grazien, da ſitzen jetzt ſchmutzige Franzoſen und reinigen ſich vom Ungeziefer. Die wenigen Offiziere, welche hier ſind, vermögen es nicht, einiges Leben in das tote Karlsruhe zu bringen. Es ſind artige Leute dar— unter, aber unſere Schönen halten ſich ziemlich ferne von ihnen. Franzoſenfreunde indeſſen giebt es hier genug, vor welchen die andere Partei ihren Abſcheu nur ſchwer zu verbergen weiß“. Lanzer weiß zu erzählen, daß am 14. Auguſt alle Dielen, die in Karlsruhe auf⸗ zutreiben waren, fortgeführt wurden, um vor Philippsburg Hütten zu bauen; der Betrag dafür(24 Kreuzer für das Stück) ſei von der Kontribution abgezogen worden. Bei der reformierten Kirche habe ein franzöſiſcher Marketender Rotwein verkauft, die Durlacher Maß zu 1 Gulden 12 Kreuzer. Das Pfund Butter habe 1 Gulden 20 Kreuzer, das Pfund Ochſenfleiſch 16 Kreuzer, ein Ei 4 Kreuzer gekoſtet. Über die etappenmäßige Verpflegung der durchmarſchierenden Truppen hatte der Commissaire ordonnateur Mathieu Faviers eine eingehende Verordnung erlaſſen, welche die Verpflichtungen der Einwohnerſchaft regelte. Daraus erwuchſen dieſer große und ſchwere Laſten. Lanzer berechnet, daß die Verpflegung eines Mannes täglich 1 Gulden 7 Kreuzer koſtete(48 Kreuzer für Eſſen, 14 für einen Schoppen Wein, 5 für Brod), eine große Summe für ärmere Leute, die ſelbſt in dieſen harten Zeiten nur wenig verdienten. Er rühmt, daß Herr von Edelsheim täglich 8 und mehr Franzoſen ſpeiſte, die er den Armen, welche ſie hätten verpflegen müſſen, abnahm.„Ihm 6 gebührt, fügt er bei, der Dank und Gottes Lohn im Himmel.“ Im Monat September 1796 verließ die Franzoſen ihr bis— heriges Kriegsglück. Erzherzog Karl rückte ſiegreich vor und zwang die franzöſiſchen Generäle zum Rückzug. Am 3. September wurde man zuerſt in Karlsruhe des Wechſels der Verhältniſſe gewahr. Zwiſchen Berghauſen und Söllingen ſtießen Franzoſen, welche 20 Muni⸗ tionswagen zur Armee führen ſollten, auf kaiſerliche Truppen und wurden mit Verluſt zurückgeſchlagen. Verwundete kamen nach Karls— ruhe, wo die kleine franzöſiſche Beſatzung ſehr beſtürzt war. Die Thore wurden geſchloſſen, die franzöſiſchen Mannſchaften wurden allarmiert und ſtanden in Reihe und Glied vor dem Hauſe, das der Kommandant bewohnte, bis abends ½7 Uhr, dann marſchierten ſie wieder in die Orangerie, aber nachts ½11 Uhr verließen ſie die Stadt durch das Linkenheimer Thor. Nun wurden alsbald die Thore von badiſchem Militär, das Rathaus von den Bürgern beſetzt. Aber ſchon am 5. September kam die franzöſiſche Garniſon zurück und be⸗ ſetzte abermals die Thore und das Rathaus. Die folgenden Tage vergingen unter Hin- und Hermarſchieren franzöſiſcher Truppenteile und Paſſieren von Transporten von Munition, Gefangenen und Ver⸗ wundeten. Man war an keinem Abend ſicher, ob man am nächſten Morgen öſterreichiſche oder franzöſiſche Beſatzung haben werde. Am 9. September hörte man eine ſtarke Kanonade. Aber in der Stadt war alles ruhig und die Bürger gingen in den nächſten Tagen ihren Geſchäften nach. Auch noch am Morgen des 14. Sep⸗ tember. Die Leute von Durlach und den anderen umliegenden Ort— ſchaften kamen nach Karlsruhe zum Wochenmarkt. Niemand ahnte Böſes. Aber um 5¼7 Uhr wurden plötzlich alle Thore geſperrt, niemand durfte mehr ein und aus. Beim Mühlburger Thor fielen einige Schüſſe. Es hieß, die Kaiſerlichen ſeien da, und die ganze Stadt war in Allarm. Der von uns ſchon mehrfach angeführte Lanzer hat uns über die Ereigniſſe dieſes denkwürdigen Tages, wohl eines der wichtigſten in der Geſchichte Karlsruhe's, einen ein⸗ gehenden Bericht hinterlaſſen, der bei allem Kummer über die Leiden, welche der Stadt auferlegt waren, doch von Freude und Genugthuung über die Erfolge der kaiſerlichen Truppen erfüllt iſt. 139 Die Franzoſen— erzählt er— liefen ganz raſend, der Kom⸗ mandant und die Kommiſſäre ritten im Galopp durch die Straßen. Die franzöſiſchen Bagagewägen, die im Marſtall ſtanden, wurden eilig durch die Waldhornſtraße zum Durlacher Thor hinausgeführt, der franzöſiſche Kommandant ritt nach Durlach, um Verſtärkung zu holen, kam um 8 Uhr mit dem Kommandanten von Durlach, einem Offizier und 26 Dragonern zum Durlacher Thor hereinge⸗ ſprengt und wollte die Stadt durch das Mühlburger Thor wieder verlaſſen, als eine Sechspfünder⸗Kanonenkugel mitten in die Abteilung ſchlug und ſie auseinandertrieb. Bald hörte man auch ſtarkes Klein⸗ gewehrfeuer. Wer von der Einwohnerſchaft klug war, blieb zu Hauſe, denn niemand war auf der Straße ſeines Lebens ſicher. Einige mußten für ihre Neugier ſchwer büßen. Der Bürger und Lohn⸗ kutſcher Frohnmüller wurde in der Ritterſtraße durch eine Büchſen⸗ kugel ſchwer verwundet, die Frau des Bürgers und Hafnermeiſters Geißendörfer, die zwiſchen der Ritter- und Lammiſtraße wohnte, wurde, als ſie eben aus dem Fenſter ſah und den Laden ſchließen wollte, von einer Gewehrkugel durch den Hals geſchoſſen und blieb ſofort tot. Der Advokat Dill, der an der Bärenſtraße ſtand, erhielt einen Schuß in das Schienbein. In der Langen Straße kam es zum Hand⸗ gemenge zwiſchen Franzoſen und Kaiſerlichen. Um ½9 Uhr ſah Lanzer einen Offizier von Blankenſtein⸗Huſaren bei der Stadtkirche herum auf die Lange Straße vorſprengen, den Säbel in der Fauſt, um ſich nach dem Durlacher Thor zu wenden, da ſtieß ein franzöſi⸗ ſcher Grenadier, der mit einigen Kameraden unmittelbar vorher ein verwundetes Pferd die Straße heraufgeführt hatte, die Thüre des Gymnaſiums ein und rettete ſich in den Hausgang. Die Huſaren beachteten dieſes nicht. Indem kam franzöſiſche Verſtärkung an, die auf die Huſaren losſchrie„Kvancez, aväncez-! und feuerte. Da kehrten die Huſaren um. In dieſem Augenblick gab der Grenadier aus der Gymnaſiumsthüre heraus Feuer und ſchoß einen Huſaren vom Pferde; das Pferd ſtürmte den andern nach, der Franzoſe aber lief zu dem Schwerverwundeten und begann ihn auszuplündern. Da kam zu Lanzers„größter Seelenfreude“ eine Sechspfünderkugel ge— flogen und ſtreckte den Elenden zu Boden. Solche Kugeln fielen von Zeit zu Zeit in die Stadt herein, eine ſchlug durch das Dach des Erkers im reformierten Pfarrhaus und zertrümmerte den„Krämer— bauchladen(einen Laden zum herunter- und hinaufklappen) des Kauf⸗ manns Weiſſinger, eine andere zertrümmerte dem Kaufmann Vogel ſeine„zweitletzte Staffel“ an der Ecke der Kreuzſtraße, dem Erzähler ſelbſt kam eine Kugel ſo nah, daß ſie ihm„Wind in's Geſicht machte und rauſchte wie ein Raubvogel“, dieſe fuhr an das Haus des Säcklers Wagner und von da über die Straße bis an des Metzgers Braunwarth Haus, da blieb ſie liegen und wurde von einem Schloſſer aufgehoben. Die Franzoſen retirierten und um 11 Uhr war die Straße ganz leer. Um ½12 Uhr platze eine Granate bei der Bären⸗ ſtraße, doch ohne Schaden zu thun. Dieſes war der letzte Schuß. Um ¼12 Uhr erſchien eine Patrouille von Blankenſtein-Huſaren, um 12 Uhr kamen Mannſchaften vom Regiment Manfredini. Die Franzoſen zogen ſich über Gottesaue gegen das Gebirge zu und erreichten die Straße nach Raſtatt bei Ettlingen, wo ſie ſich mit der Durlacher Garniſon unter dem Befehle des Generals Scherb vereinigten. Die Beſchießung Karlsruhes machte ihnen dieſen Rückzug mög⸗ lich, welchen der kaiſerliche Oberſt Klein ihnen hatte abſchneiden ſollen. Es darf wohl angenommen werden, daß die Kugeln, welche in die Straßen Karlsruhes hereinflogen, nicht nur zur Verjagung der Handvoll Franzoſen, die hier lagen, beſtimmt waren, ſondern auch einen Straf- und Racheakt gegen die badiſche Politik vollziehen ſollten. Die Kaiſerlichen, voran der Erzherzog Karl, waren über den von Baden mit Frankreich abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand und Separat⸗ frieden ſehr ungehalten und gaben, obwohl dieſer durch den Mark— grafen noch nicht ratifiziert war, ihrer Unzufriedenheit unverholenen Ausdruck. Am Mühlburger Thor war der Kampf am heftigſten entbrannt, hier lagen viele Tote und Verwundete. Auch gefangene Franzoſen wurden eingebracht und teilweiſe aus ihren Verſtecken hervorgeholt, zum Schmerz der Franzoſenfreunde, die ſo lange dieſe in Karlsruhe waren, Arm in Arm mit ihnen gingen:„ſo hat es hier mehrere“, fügt Lanzer bei. Nun wurde den Kaiſerlichen Speiſe und Trank vor das Thor gebracht, auch Lanzer gab zu eſſen und ſeine Hausfrau gab Wein und Brot. Er miſchte ſich in die Reihen der Soldaten und zog — 141— über den Verlauf der Beſchießung Erkundigungen ein. Abends aber wurden die Gefallenen auf dem Gottesacker begraben. Die Karlsruher Zeitung wurde an dieſem Tage zwar druckfertig gemacht, aber erſt am darauffolgenden Tage gedruckt, ausgeteilt und nach auswärts verſandt. Sie erhielt über die Erheigniſſe des Tages nur eine kurze Notiz. Erſt die Nummer vom 16. September brachte einige Details über die Beſchießung der Reſidenzſtadt. Ohne Lanzers Bericht wüßten wir aber nur ſehr wenig von dieſem ſchickſalsvollen Tage. Am 16. September bezogen um ½11 Uhr wieder die mark— gräflichen Soldaten die Wachen und beſetzten ihre Poſten zur großen Freude der Einwohnerſchaft. Es war ein Zulauf auf dem Parade⸗ platz„wie wann es Sonntag wäre“. Nur eines vermiſſen die wackern Karlsruher Bürger: daß der Markgraf und ſeine Ange— gehörigen nicht anweſend ſind.„Wären ſie da“, ſagt Lanzer,„dann wäre mein und Vieler Wunſch befriedigt“. Die nächſten Wochen hindurch wiederholten ſich Tag um Tag die Truppendurchmärſche, und an den bei den Karlsruhern in ſo peinlicher Erinnerung fortlebenden 14. September gemahnte von Zeit zu Zeit wieder die Beerdigung eines der Opfer dieſes Tages, das ſeinen Wunden erlegen war. Am 1. Oktober ſchrieb der von Mannheim heranziehende Erz⸗ herzog Karl überaus große Kontributionen aus. Das Geheimerats— kollegium erklärte ſeine Bereitwilligkeit, das Außerſte zu thun, ſein Verlangen zu befriedigen, wiewohl man die Unmöglichkeit vorausſehe, alles Geforderte beizubringen und deshalb um Linderung bitte. Zu⸗ gleich wurde Oberforſtmeiſter von Adelsheim zum Oberlandeskommiſſär beſtellt und erhielt den Auftrag, mit Herrn von Rabenau den Erz⸗ herzog beim Eintritt in das Land zu begrüßen und ihm das Land beſtens zu empfehlen. Am 3. Oktober kam Prinz Friedrich von Oranien, der in der Poſt abſtieg und am 5. der Erzherzog Karl mit großem Gefolge, der mit den Vornehmſten ſeiner Suite im Schloſſe wohnte. Die Schloßwache bezogen neben den markgräflichen Soldaten auch Kaiſer⸗ liche. Der Erzherzog beſichtigte eingehend das Schloß und den Schloßgarten, wo ihm beſonders das Chineſerhäuschen und die Felſen gefielen und er ſich die Stelle zeigen ließ, an der ſich am 14. Sep⸗ tember 21 Franzoſen bis zum Abend verſteckt hatten. Um 2 Uhr war in der Galerie große Tafel zu 57 Gedecken und abends fand im weißen Zimmer beim Marmorſaal eine kleine muſikaliſche Auf—⸗ führung ſtatt. Am Morgen des 5. Oktober beſtieg der Erzherzog ſchon um 7½¼ Uhr ſein Pferd und ritt über den Schloßplatz durch die Bärenſtraße und über den Markt zum Ettlinger Thor hinaus nach Raſtatt. In Karlsruhe ſcheint der Erzherzog, nach einem Briefe des Ge— heimerats Meier an den Freiherrn von Edelsheim vom 11. Oktober zu urteilen, ſich nicht unzufrieden über den Abſchluß des Waffenſtill⸗ ſtandes geäußert und auch gebilligt zu haben, daß man ſich unter dieſen Umſtänden nicht zu einer Landbewaffnung verſtand, aber nur wenige Tage ſpäter wurde durch einen Erlaß des Erzherzogs an das Oberamt Pburg die ſofortige Ueberlaſſung einer Anzahl bewaffneter Landsleute zur Bewachung des Rheinufers begehrt. Da dieſes Ver—⸗ langen vom Geheimen Rat unter Bezugnahme auf den nicht gekün⸗ digten Waffenſtillſtand abgelehnt wurde, zeigte ſich der Erzherzog ſehr ungnädig und erklärte am 16. Oktober aus ſeinem Hauptquartier Mahlberg, daß er von der badiſchen Neutralität, die„den ächten Grundſätzen der deutſchen Verfaſſung“ widerſpreche,„nicht die geringſte Kenntnis nehme noch nehmen könne“. Und obwohl der Geheime Rat dieſer Anſchauung am 28. Oktober in einer ſehr eingehenden Darlegung entgegentrat, mußten ſeitdem die markgräflichen Lande den ganzen Groll der kaiſerlichen Heeresleitung ſchwer empfinden, beſon— ders auch die Reſidenzſtadt, über deren Bedrängniſſe Oberſt von Sand— berg am 2. November an den Markgrafen meldete:„Karlsruhe bleibt von Einquartierungen nie verſchont; die Herren Kaiſerlichen haben für die hieſige Stadt ſo viele Attention, daß ſie eine Truppe gerne einige Stunden ummarſchieren[laſſen], um nur hier ſie ein⸗ quartieren zu können.“ Um die ſein Land und deſſen Hauptſtadt ſo ſchwer bedrückende Behandlung wo möglich zu mildern, hatte Markgraf Karl Fried— rich die Abſicht, den kaiſerlichen Geheimen Rat Freiherrn Eberhard von Gemmingen auf Bonfeld mit einer beſonderen Miſſion an den Kaiſer zu betrauen, aber dieſer hielt einerſeits ſeine Gegenwart in dem Ritterſchaftskanton Kraichgau, deſſen Hauptmann er war, wegen der ungeheuern Requiſitionen für unumgänglich notwendig, anderſeits glaubte er, daß der ſchicklichſte Zeitpunkt für eine ſolche Sendung ſchon verſtrichen ſei und daß eine Zuſammenkunft des Mark⸗ grafen mit dem Erzherzog einen beſſeren Erfolg verſpreche. Dieſer Meinung ſchloß ſich auch Edelsheim an, und eine ſolche Begeg⸗ nung wurde nun in das Auge gefaßt, da der Markgraf den Wunſch hatte, ſeinen Geburtstag und das fünfzigjährige Jubiläum ſeines Regierungsantrittes in der Mitte ſeiner getreuen Unterthanen zu feiern. Karl Friedrichs Regierungsjubiläum. Karl Friedrichs Heimkehr erfolgte an einem Tage, an dem, wie an vielen Tagen vor- und nachher, kaiſerliche Truppen in ſeiner Reſidenzſtadt Quartier bezogen. Am 12. November 1796 morgens ½10 Uhr rückte eine Eskadron Koburg-Dragoner zum Durlacher Thor ein und wurde bei den Bürgern einquartiert, der Stab kam in den Darmſtädter Hof. Einige Stunden ſpäter ſah die ganze Ein⸗ wohnerſchaft Karlsruhes in freudiger Erregung dem Einzug des ver⸗ ehrten Fürſten entgegen.„Viel Tauſend Menſchen— ſchrieb am nächſten Morgen der Geheime Kämmerer Vierordt an die Reichs⸗ gräfin von Hochberg— Groß und Klein ſtanden bis an Gottsau hin vor dem Durlacher Thor, alles überließ ſich der freien Ergießung des Herzens, alles jubelte und rief ein Vivat nach dem andern“. An der Gottesauer Brücke— berichtet der treue Lanzer, der glücklich war, in Durlach wieder den Dienſt bei dem Markgrafen antreten zu dürfen und mit ſeinem Kollegen Pfeiffer dem fürſtlichen Wagen vorauf lief— ſtanden die kleinen Schulmädchen im größten Staat und ſchrien dreimal Vivat hoch! Am Thor ſtanden die meiſten Bürger in ihrer Uniform, überall ertönte lauter Jubel, die bürgerliche Kanonierkompagnie ſpannte die Pferde aus und wollte die Kutſche in das Schloß ziehen, aber der Markgraf verbat es ſich, die Pferde wurden wieder eingeſpannt und die bürgerliche Schützenkompagnie marſchierte vor der Kutſche her bis zum Thor herein, dann nahm ſie zu beiden Seiten der Straße Aufſtellung, ſo daß der Wagen zwiſchen ihren Reihen durchfuhr. Weiterhin bildete die ganze Juden⸗ ſchaft Spalier und begrüßte mit lautem Jubel den Landesvater. So ging der Zug die lange Straße hinauf bis zur Bärengaſſe und durch dieſe zum Schloß. Hier empfingen den Markgrafen, der vom Prinzen Ludwig begleitet war, die wenigen Adeligen, die ſich noch in Karlsruhe befanden, die Herrn von der Regierung und die Geiſt⸗ lichkeit. Um 2 Uhr betrat der Markgraf nach mehr als vier— monatlicher Abweſenheit wieder ſein Schloß. Am 16. November kam auch der Erbprinz von Ansbach zurück und am 22. wurde in aller Stille das 68. Geburtsfeſt Karl Friedrichs gefeiert. Die Kanonade von ſchwerem Geſchütz, die man von Kehl her hörte, erklang, als ob zu Ehren des Tages Salutſchüſſe abgefeuert würden. Am Tage darauf reiſte der Markgraf nach Offenburg zum Erzherzog Karl, der ihn ſehr freundlich empfing, aber keine Zuſage einer ernſtlichen Erleichterung des Landes erteilte. Am darauffolgenden(1. Advent-) Sonntag, dem 27. November, wurde in der Schloßkirche und in den übrigen Kirchen Karlsruhes und in allen Gotteshäuſern des ganzen Landes ein feierlicher Gottes⸗ dienſt abgehalten, für den eine beſondere liturgiſche Anordnung ergaugen war. Am Vormittag wurde in den proteſtantiſchen Kirchen der Gottesdienſt mit dem Lied:„Nun danket alle Gott“ eröffnet, dem die Verleſung des 71. Pfalms Vers 1—9 und das zweite Lied„Der Fürſt des Landes freue ſich“ folgte. An die Verleſung der Agenden und Anſtimmung der drei letzten Verſe des vorigen Liedes ſchloß ſich die Predigt an, welcher der Text des 61. Pfſalms zu Grund gelegt wurde. Hierauf wurde ein für dieſen Tag beſonders verfaßtes Gebet verleſen und das Te Deum laudamus geſungen. Den Nachmittagsgottesdienſt er— öffnete das Lied:„Haſt du denn ganz dein Angeſicht“, worauf von dem Altar der 1. Pſalm verleſen und über den 62. Pſalm gepredigt wurde. Nach dem Gebet ſchloſſen die drei letzten Verſe aus dem Lied„Du Gott, der unſere Zuflucht iſt“ die Feier. Auch in den katholiſchen Kirchen fanden Dankgottesdienſte ſtatt. Die Israeliten hatten ſchon am 25. November das Geburts- und Regierungsfeſt des Markgrafen in Karlsruhe„in der Judenſchule mit Illumination, Muſik und Almoſenausteilung durch den Juden-Schultheis und Vor⸗ ſteher und mit Abſingung der Pſalmen 21, 45, 61, 72 und 89“ begangen!). In der Schloßkirche zu Karlsruhe, wo der Markgraf mit ſeinem „) In der Macklot'ſchen Hofbuchdruckerei erſchien bei dieſem Anlaß eine Reihe von Schriften(Predigten, Feſtgedichte u. dgl.). — 145— Hofſtaate dem Gottesdienſte beiwohnte, hielt der Hofprediger und Kirchenrat J. L. Walz die Feſtpredigt. Karl Friedrichs Biograph, Freiherr von Drais, hat uns einen charakteriſtiſchen Vorgang über— liefert, der ſich an dieſen Gottesdienſt anſchloß.„Alle Jubelgratu⸗ lationen, erzählt er, wurden abgelehnt. Einer ſeiner Staatsdiener indeſſen überraſchte den Fürſten mit einer Feier, der nicht auszu⸗ weichen war. Ein im Druck vorbereiteter Überblick ſeiner in allen Verwaltungszweigen über das Land ergoſſenen Wohlthaten und Weisheitsſpuren(„Beiträge zur Kulturgeſchichte und Statiſtik von Baden unter Karl Friedrich, Karlsruhe bei Macklot 1796“) wurde ihm mit einem anonymen Schreiben am Morgen jenes Sonntags in ſein Kabinet geſandt und verfehlte die Wirkung nicht. Beim Heraus— gehen aus der Kirche und einigem Verweilen in engem Hofzirkel trat Karl Friedrich zu dem von ihm erratenen Verfaſſer und ſagte mit einer Freundlichkeit, die den Grad ſeines Beifalls bezeichnete: „Wenn Sie hören ſollten, wer der Unbekannte, der mir dieſen Morgen eine Druckſchrift über meine Regierung geſandt hat, iſt, ſo drücken Sie ihm meinen gefühlten Dank aus.“ Zu Ehren des Tages wurde von dem trefflichen Medailleur Bückle eine Schaumünze geprägt, welche auf dem Avers das Bruſt⸗ bild des Markgrafen zeigt, während auf dem Revers eine auf das Jubelfeſt bezügliche Inſchrift ſteht. Auch die Gemeinde Wöſſingen ließ eine Medaille ſchlagen. Am nämlichen Tage noch ſchrieb Karl Friedrich an ſeinen bewährten Freund, den Fürſten Leopold Friedrich Franz von An⸗ halt-Deſſau:„Heute haben wir Gott in den Kirchen gedanket für den Segen, den er uns in dieſem Zeitraum hat laſſen angedeihen und haben Ihn angeflehet, daß er dem verderblichen Krieg und ſeinen Folgen ein Ende machen wolle. Mein armes Land, beſonders das Oberland, hat in dieſem Feldzug äußerſt viel von den Franzoſen gelitten. Nun leidet das Land noch wegen denen zu der Belagerung von Kehl erforderlichen vielen Lieferungen und Fuhren.“ In dieſen Tagen ſeines Aufenthaltes in Karlsruhe reifte bei dem Markgrafen der Entſchluß, dem am 22. Auguſt abgeſchloſſenen Friedensvertrag die Ratifikation nicht zu erteilen. Am 28. November ſetzte er den Kaiſer in Kenntnis, daß er die von der franzöſiſchen Regierung ihm aufgedrängten Friedensbedingungen„in dem innigſten 10 — 146— Gefühl von der Pflicht und Würde eines deutſchen Fürſten“ nicht augenommen habe und ſeinen Verpflichtungen gegen das Reich treu bleiben werde, und am gleichen Tage erhielt der Freiherr von Reitzen⸗ ſtein den Befehl, Paris zu verlaſſen und ſeinen Wohnſitz vorläufig im markgräflichen Hofe zu Baſel zu nehmen. Am 29. November morgens ½6 Uhr reiſte der Markgraf mit dem Prinzen Ludwig und am 30. der Erbprinz wieder nach Tries⸗ dorf zurück. Karl Friedrich verließ— wie er bald darauf dem Hofprediger Walz ſchrieb— Karlsruhe ungern...„Ich liebte von jeher mein Vaterland, werde es auch immer lieben, die Zeiten kommen, wie ſie wollen, doch ſehnte ich mich auch nach denen, mit welchen ich in Familienverhältniſſen ſtehe.“ Familienangelegenheiten waren es auch, welche ſeine alsbaldige Rückkehr verlangt hatten. Am 1. Dezember war Karl Friedrich wieder in Triesdorf angekommen; nur zwei Tage ſpäter feierte er die Verlobung ſeiner Enkelin, der Prinzeſſin Karoline mit dem Herzog Maximilian von Pfalz-Zweybrücken und am 8. wurde die Reichsgräfin von Hochberg von einem Sohne entbunden, der in der Taufe den Namen Maximilian Friedrich Johann Ernſt erhielt. Das Jahr 1797. Obwohl der Kaiſer die Anzeige, daß der Friedensvertrag nicht ratifiziert worden ſei, mit der Zuſicherung ſeines Schutzes für den Markgrafen und deſſen Land beantwortet hatte, dauerten die Truppen⸗ durchzüge mit ihren Laſten und Beſchwerungen unverändert fort. Mit lebhafter Freude wurde daher die am 9. Januar 1797 erfolgte Kapitulation der franzöfiſchen Beſatzung von Kehl begrüßt. Als wenige Tage ſpäter der Erzherzog Karl nach Raſtatt kam, fuhr Edelsheim am 14. Januar herüber, um ihm Quartier im Schloſſe zu Karlsruhe anzubieten. Der Erzherzog lehnte dankend ab und zog vor, in Mühlburg abzuſteigen, ein Teil ſeines Stabes wurde jedoch in Karlsruhe einquartiert. In zwei längeren Unterredungen erhielt Edelsheim in Mühlburg von dem Erzherzog die Zuſicherung, daß die markgräflichen Lande ſo viel als möglich geſchont werden ſollten Nachdem am 3. Februar auch Hüningen von den kaiſerlichen Truppen eingenommen war, ſchien die Sicherheit der ſüdweſtdeutſchen — 147— Gebiete ſoweit hergeſtellt zu ſein, daß die Rückkehr des Markgrafen und ſeiner Familie nach Karlsruhe beſchloſſen werden konnte. Am 16. Februar abends ½6 Uhr hielt Karl Friedrich mit dem Prinzen Ludwig ſeinen Einzug in die Reſidenzſtadt, wie am 12. No⸗ vember des vorigen Jahres durch das Durlacher Thor. Am 18. kam der Erbprinz mit ſeinem Sohne, dem Prinzen Karl und am 19. die Erbprinzeſſin zurück. Auch die Reichsgräfin von Hochberg ſiedelte mit ihren Kindern von Triesdorf wieder nach Karlsruhe über— Nur wenige Wochen ſpäter, am 9. März fand die Vermählung der Prinzeſſin Karoline mit dem Herzog Maximilian von Pfalz⸗ Zweybrücken ſtatt. Die Trauung wurde durch den Hofkaplan des Herzogs vollzogen, ihr folgte ein Souper im Marmorſaale. Zu geräuſchvollen Feſten war der Ernſt der Zeit nicht angethan. Die Neuvermählten blieben noch einige Tage in Karlsruhe und nahmen dann in Rohrbach ihren Wohnſitz. Für die Karlsruher Regierung wuchſen inzwiſchen die Verlegen— heiten mit jedem Tage. Von kaiſerlicher Seite wurde immer ſtärker auf Stellung des Truppenkontingents, auf Lieferungen und andere Leiſtungen ohne Maß, im Notfall ſelbſt auf ein Landaufgebot ge⸗ drängt, auf der andern Seite drohten die Franzoſen mit einem Rheinübergang, deſſen Folgen ſich leicht vorausſehen ließen. Im Laufe des Aprils kamen Nachrichten über die großen Fortſchritte der franzöſiſchen Armee in Tirol, Steiermark und Krain und gleichzeitig die Kunde, daß der öſterreichiſche General Graf Staray in Offenburg die Bildung eines Landſturmes anordne und auch die badiſchen Unterthanen dazu beiziehen wolle. Da herrſchte denn in Karlsruhe die lebhafteſte Freude, als die Karlsruher Zeitung am 14. April die Nachricht brachte, eine Eſtaffete aus Heidelberg habe den Abſchluß des Friedens zwiſchen dem Kaiſer und der franzöſiſchen Republik gemeldet. Freilich mußte ſich die Zeitung bei ihrem Erſcheinen am 17. April(ſie wurde nur drei⸗ mal in der Woche ausgegeben) darauf beſchränken, durch Abdruck verſchiedener Schreiben die„Friedensausſichten“ nachzuweiſen, da die drei Tage früher gebrachte Nachricht bis dahin ohne amtliche Beſtätigung blieb. Aber ſchon am nächſten Tage wurde eine Extra⸗ beilage ausgegeben, auf welcher das badiſche Wappen, das ſonſt den Kopf der Karlsruher Zeitung zierte, durch einen blaſenden Poſtillon 10 — 148— erſetzt und in fetter Schrift zu leſen war: Es iſt Friede. Hierauf folgte nachſtehende Mitteilung:„Carlsruhe den 22. April, Sonn— abends nachmittags um ½2 Uhr. Vor einer halben Stunde brachten kaiſerliche und franzöſiſche Kouriere die fröhliche Nachricht an unſern fürſtlichen Hof. Sie eilten dieſen Augenblick wieder an den Ober⸗ rhein, um auch da, wie bereits am Unterrhein geſchah, den Waffen— ſtillſtand zu gebieten. Den 17. dieſes Abends wurden die Friedens⸗ präliminarien im franzöſiſchen Hauptquartier des Generals Buonaparte ohnweit Gratz, der Hauptſtadt von Steyermark, von den kayſerlichen und franzöſiſchen Bevollmächtigten geſchloſſen und unterzeichnet. So⸗ bald wir die näheren Umſtände und die Bedingungen derſelben er⸗ fahren, ſollen ſie ebenfalls gleich bekannt gemacht werden.“ Es war die höchſte Zeit, daß dieſe Nachrichten kamen. Denn gerade zwei Tage früher war in Karlsruhe bekannt geworden, daß Graf Staray das Aufgebot des allgemeinen Landſturms in der Mark⸗ grafſchaft Baden angeſucht habe und daß die Franzoſen bei Diers⸗ heim unweit von Biſchofsheim am hohen Steg über den Rhein ge⸗ gangen ſeien. In der Nacht vom 21. zum 22. April war ſeitens der kaiſerlichen Generalität aus Anlaß des Vorrückens der Armee Moreau's an den Markgrafen der Rat erteilt worden, ſich abermals aus ſeiner Reſidenzſtadt zu entfernen. Und am 22. April morgens hatte Karl Friedrich dem Geheimen Rat ſeine Inſtruktionen gegeben und ſeine Abreiſe war auf den Nachmittag feſtgeſetzt worden. Da erſchien denn der Kourier, den Buonaparte an Moreau mit der Nachricht über den Abſchluß der Friedenspräliminarien ſandte, gerade noch zur rechten Zeit. Und die Karlsruher durften freudig erregt am Montag den 24. April in ihrer Zeitung leſen,„daß am vorhergehenden Nachmittag ein Eilbote vom General Moreau bei dem kommandierenden Feldzeugmeiſter Graf von La Tour, welcher heute ſein Hauptquartier nach Durlach verlegte, mit der tröſtlichen Nachricht zurückgekommen ſei, daß alle Feindſeligkeiten bereits einge⸗ ſtellt ſeien, und daß die beiderſeitigen Armeen vorerſt in ihren Stellungen blieben. Am 29. April traf der Erzherzog Karl in Karlsruhe ein, ſtieg im Schloſſe ab, kehrte aber am gleichen Tage wieder in ſein Hauptquartier nach Durlach zurück. Am 30. April war ſodann bei Hofe große Tafel, wozu ſich der Erzherzog in Begleitung mehrerer kaiſerlichen Generäle ebenfalls wieder einfand. So wie die Dinge nunmehr lagen, war es von der größten Bedeutung für Badens Zukunft, daß der Freiherr von Reitzenſtein, der in Paris die Situation richtiger beurteilte, als man dieſes am badiſchen Hofe vermochte, ſeine Beziehungen mit der franzöſiſchen Regierung nie abgebrochen, ſondern— trotz der Weigerung des Markgrafen, den Separatfriedensvertrag zu ratifizieren, in Paris ge⸗ blieben war und fortgefahren hatte, denſelben als die Baſis der ferueren Beziehungen zwiſchen Baden und Frankreich zu betrachten, dabei aber unausgeſetzt beſtrebt war, eine Verbeſſerung der Friedens⸗ bedingungen zu erreichen. Jetzt war man auch in Karlsruhe mit ſeiner Haltung einverſtanden und entbot ihn, da man ſich noch immer ſcheute, die Verhandlungen offen zu führen und zuzugeſtehen, aber— mals nach Ettlingen zur Empfangnahme neuer Inſtruktionen. Das Geheimnis ſeines dortigen Aufenthaltes wurde ſo gut bewahrt, daß auch der Erzherzog Karl, als er am Geburtstag der Erbprin⸗ zeſſin, am 20. Juni, wieder nach Karlsruhe kam, keine Ahnung von demſelben hatte. Während Reitzenſtein bald darauf wieder in Paris für die badi—⸗ ſchen Intereſſen thätig war, ſchwebte man in Karlsruhe fortdauernd zwiſchen Furcht und Hoffnung über die Geſtaltung der Verhältniſſe des Landes und des fürſtlichen Hauſes. Im Monat Juli erſchien der hannover'ſche Geſandte von Knebel, um die Mitwirkung des Mark⸗ grafen zu einer gegenüber der unklaren Haltung des Wiener Hofes zu treffenden Verſtändigung der anderen deutſchen Staaten für das bevorſtehende Reichsfriedensgeſchäft zu gewinnen, und im September ſtellte ſich auch der preußiſche Geſandte Graf Görtz in Karlsruhe ein, gerade in dem Augenblick, da die Kunde von dem Staatsſtreich des 18. Fructidor in die badiſche Reſidenzſtadt gelangte und die Be⸗ fürchtung vor erneutem Ausbruch der Feindſeligkeiten erweckte. Er erkannte die von der Sorge für ſein Land eingegebene Sehnſucht des Markgrafen nach Frieden und begriff gewiß deſſen Wunſch, bei et— waiger Fortſetzung des Krieges durch Verhandlungen mit Frankreich, ſeine und ſeines Landes Sicherheit gewährleiſtet zu ſehen. In dieſen ſchweren Zeiten war ein Lichtblick, deſſen ſich mit dem markgräflichen Hauſe auch die Einwohner Karlsruhes herzlich freuten, 150 die Verlobung der Prinzeſſin Friederike mit dem König von Schweden. Bei einem Beſuch des Erbprinzen und der Erbprinzeſſin mit ihren Töchtern an dem verwandten und befreundeten Hofe zu Weimar hatte der König die junge Prinzeſſin kennen lernen und ſich am 14. Auguſt 1797 in Erfurt mit ihr verlobt. Am 17. Auguſt brachte der fürſtliche Bereiter Wentz als Kourier die erfreuliche Nach⸗ richt nach Karlsruhe. Am 27. Auguſt traf der Erbprinz mit ſeiner Familie wieder in der Reſidenzſtadt ein, von der Einwohnerſchaft auf das freudigſte begrüßt. Der allgemeinen Teilnahme an dem für das Fürſtenhaus Glück verheißenden Ereigniſſe gab die Schützen⸗ geſellſchaft Ausdruck, indem ſie am 4. September ein Frei⸗ und Vogelſchießen veranſtaltete. Schon am 20. September trat die Prinzeſſin Friederike ihre Reiſe nach Schweden an, von ihrer Mutter und Schweſter, der Prinzeſſin Marie, bis Stralſund begleitet, wo die Ankunft am 4. Oktober erfolgte. Die Karlsruher Zeitung gab ihren Leſern ausführlichen Bericht über die Feierlichkeiten, die in Stralſund ſtatt⸗ fanden, über die Abreiſe der Prinzeſſin nach Stockholm am 8. und ihre Ankunft in der Hauptſtadt Schwedens am 10. Oktober. Für das Zeitalter des Telegraphen iſt die Notiz der Mitteilung wert, daß dieſe Nachricht erſt am 6. November Karlsruhe erreichte. Elf Tage früher waren die Gemüter der Karlsruher auf das freudigſte bewegt worden durch die Kunde von dem zu Campo Formio erfolgten Friedensſchluſſe. Die Karlsruher Zeitung vom 27. Oktober 1797 vertauſchte abermals das badiſche Wappen mit einer die Verkündigung des Friedens verſinnbildlichenden Vignette. Unter dem Datum des 26. Oktober heißt es:„Itzt iſt würklich Friede zwiſchen Seiner Majeſtät Kaiſer Franz II. und der Republik Frank⸗ reich. Eine Eſtaffette von Wien brachte dieſen Mittag dieſe für ganz Europa ſo wünſchenswerte und freudvolle Nachricht hierher. Noch dieſen Abend um 6 Uhr traf auch an das Hauptquartier in Schwetzingen der k. k. Major vom Generalſtab Baron von Siegen— thal als Kourier mit der Beſtätigung dieſer fröhlichen Nachricht hier ein.“ Die Freude der Einwohnerſchaft war eine aufrichtige und tief empfundene. Denn eine Zeit ſchwerer Prüfung war über ſie ver— hängt geweſen. Deutlicher als viele Worte es vermöchten, bringt die — 151— herrſchende Stimmung folgende Mitteilung aus der Nachbarſtadt Pforzheim, welche der Karlsruher Zeitung zugieng, zum Ausdruck: „Als am 27. Oktober früh die ſichere Nachricht des Friedens dahier anlangte, ſprengte ein hierortiger vielverſprechender Jüngling unauf⸗ gefordert in voller Carrière zur Stadt hinaus und verkündigte in allen abſeitigen Dörfern mit lautem Inbel dem ſchon ſo lang nach Ruhe ſchmachtenden Landmann die erfreuliche Friedensbotſchaft.“ Der Friede von Campo Formio war nur zwiſchen dem Kaiſer und Frankreich geſchloſſen. Um den Frieden mit dem Reich zuſtande zu bringen, war die Eröffnung eines Kongreſſes vorbehalten, der ſich in Raſtatt verſammeln und ſeine Sitzungen in dem vom Markgraf Ludwig Wilhelm, dem Türkenſieger, erbauten Schloſſe abhalten ſollte. Das Bekanntwerden der Friedensbedingungen, welche an der Preis— gebung des Reiches und ſeiner Staaten durch den Kaiſer keinen Zweifel mehr geſtatteten, bewies von Neuem die Richtigkeit der Hand⸗ lungsweiſe Reitzenſteins und zeitigte den Entſchluß zur endlichen Ratifikation des Separatfriedens zwiſchen Baden und Frankreich, die zu Paris am 15. Dezember 1797 erfolgte. Baden war— auf Grund eines ſchon im Auguſt 1795 erfolgten Reichstagsbeſchluſſes— eines der zehn Mitgliedern der Friedens⸗ deputation und am 3. November 1797 erging ein kaiſerliches Reſkript, welches den Markgrafen als Landesherrn erſuchte, für die Unterkunft und Sicherheit des diplomatiſchen Korps geeignete Maß⸗ regeln anzuordnen— Grund genug, um in dem benachbarten Karls⸗ ruhe eine beſonders lebhafte Teilnahme an allen Vorgängen, die ſich am Kongreßorte zutrugen, hervorzurufen. Als ein Zeugnis dafür ſei hier angeführt, daß vom 17. November ab die Karlsruher Zeitung an der Spitze ihres politiſchen Teiles eine Rubrik mit der Über⸗ ſchrift:„Friedenskongreß in Raſtatt“ enthielt. Zu Vertretern des Markgrafen Karl Friedrich auf dem Kongreſſe waren am 11. November Staatsminiſter Georg Ludwig Freiherr von Edelsheim und Geheimerat Emanuel Meier ernannt worden, welche als Sekretär der Hofrat Johann Friedrich Pofſelt begleitete. Die Polizei in der Kongreßſtadt ſtand unter der Leitung des Ober— vogts Freiherrn Karl Ludwig Friedrich Drais von Sauerbronn, welchem eine Abteilung markgräflicher Haustruppen unter dem Kommando des Oberſtlieutenants von Rabenau zur Verfügung ſtand. — 152— Seit der Mitte des November kamen die Diplomaten nach und nach an. Die namhafteren verfehlten nicht, ſich in Karlsruhe zu melden und dem Markgrafen ihre Ehrerbietung zu bezeugen. Als am 26. November der General Buonaparte in Raſtatt eintraf und abends 8 Uhr die badiſchen Delegierten empfing, ſprach auch er alsbald ſeine Abſicht aus, zunächſt durch einen ſeiner Adjutanten den Markgrafen begrüßen zu laſſen. In der That erſchien am 27. November Oberſt Junot in Karlsruhe, welcher, nachdem er dem Markgrafen aufgewartet hatte, zur Hoftafel geladen wurde. Doch lehnte er dieſe Ehre ab unter dem Vorwande, daß er um 5 Uhr wieder bei Buonaparte eintreffen müſſe. Statt deſſen war er bis beinahe 5 Uhr im Gaſthofe ge— blieben und hatte in luſtiger Geſellſchaft gezecht. Am andern Tage wurde der Major von Stetten nach Raſtatt geſandt, um Auf⸗ klärungen über das Benehmen des Adjutauten zu geben, welches Buonaparte auf das Entſchiedenſte mißbilligte. Um ſo mehr da Markgraf Karl Friedrich die Aufmerkſamkeit gehabt hatte, dem General vier Pferde zum Geſchenk anzubieten, welche dieſer nebſt dem Wagen, vor den ſie geſpannt waren, mit lebhaftem Danke ange⸗ nommen hatte. Er ſtellte auch ſofort ſeinen Beſuch in Karlsruhe in Ausſicht und ſchickte am 30. November den General Marmont ab, anzufragen, an welchem Tage der Markgraf ihn empfangen wolle. Marmont machte durch Artigkeit gut, was ſein unhöflicher Vorgänger verdorben hatte, wurde zur Tafel geladen und war ent⸗ zückt über die liebenswürdige Aufnahme, welche er bei dem greiſen Fürſten und ſeiner Familie fand. Buonaparte kam aber doch nicht nach Karlsruhe, wo er am 3. Dezember erwartet wurde, da er in⸗ folge von Nachrichten die er am 1. Dezember aus Paris erhielt, am Morgen des 2. Dezember ganz unerwartet von Raſtatt wieder ab⸗ reiſte. Dagegen ſtellte ſich am 5. Dezember der öſterreichiſche Be— vollmächtigte Ludwig Graf von Cobenzl und am 10. der kaiſer⸗ liche Plenipotentiarius Franz Georg Karl Graf von Mette rnich zum Beſuch in Karlsruhe ein, wo beide vom Markgrafen mit größter Auszeichnung empfangen wurden. Von 1798 bis 1800. Die Verhandlungen des Raſtatter Kongreſſes ſtehen dem Zwecke 153 dieſer Darſtellung fern. Was uns angeht, iſt nur dasjenige, was während des Kongreſſes die Zuſtände in der Reſidenzſtadt berührte. Nur mittelbar geſchah dies durch die revolutionäre Propaganda, welche von der Schweiz aus durch Franzoſen zunächſt in die badiſchen Oberlande hereingetragen wurde, in ihren weiteren Verzweigungen aber auch bis in die Landeshauptſtadt reichte. Wenn die gewiſſenlos inſcenierte Agitation einen durch die Not und Bedrängnis der Zeit— umſtände wohlvorbereiteten Boden fand, ſo hinderte ihren Erfolg die Liebe und Verehrung, die der Markgraf in den weiteſten Kreiſen ſeines Volkes genoß.„Das kann und darf ich Ihnen ſagen“, ſchrieb der Sohn des Geheimerats Meier aus Baſel an ſeinen Vater,„daß das ganze Volk im Markgräflichen unſern Fürſten liebt und allgemein und öffentlich ausruft, es würde mit Freuden Gut und Blut für ihn aufopfern.“ Und die gleiche Geſinnung, wo möglich noch entſchie— dener, herrſchte im Unterlande, beſonders aber in der Reſidenzſtadt Karlsruhe. Größere Schwierigkeiten bereiteten dem Karlsruher Hofe und der Regierung der Markgrafſchaft die Emigranten, die zur großen Unzufriedenheit der offiziellen Vertretung der franzöſiſchen Republik in und um Raſtatt ihr Unweſen trieben. Einer derſelben, ein Mon⸗ ſieur de St. Génié, der angeblich früher Haushofmeiſter der Königin Marie Antoinette geweſen ſein ſollte, auch als ein ehemaliger Agent Condé's bezeichnet wurde, ſcheint in Karlsruhe, durch ſpaniſche Päſſe eingeführt, in den höchſten Kreiſen Gönner gefunden zu haben; doch iſt man über dieſe myſteriöſe Perſönlichkeit, ihr Thun und Treiben nur ſehr ungenügend unterrichtet. Mehr weiß man von einem anderen gefährlichen Emigranten, dem General Danican, der in der Vendée ein Kommando geführt und im Juli 1798 eine berüchtigte Flug— ſchrift unter dem Titel„Caſſandra“ veröffentlicht hatte, in welcher das in Frankreich herrſchende Syſtem als eine Gefahr für das übrige Europa leidenſchaftlich bekämpft und offen zur Ermordung der Direk— toren aufgefordert wurde. Er hatte ſich ſchon geraume Zeit unter falſchem Namen— als Hauptmann Berſy— am Oberrhein, bald am Bodenſee, bald in der mittleren Markgrafſchaft herumgetrieben. Eine Prügelei mit einem Herrn de Livio aus Petersburg, der ſich indes durch ein italieniſches Grafenpatent legitimierte, auf der Land⸗ ſtraße bei Baden hatte die Polizei ſchon im Sommer 1798 auf ihn — 154— aufmerkſam gemacht und es war ein Haftbefehl gegen ihn erlaſſen worden. Trotzdem hielt er ſich, wie der Straßburger„Weltbote“ verriet, im Dezember des gleichen Jahres in Karlsruhe auf, wo er unter dem Namen Bert oder Berton, in der Nähe des Mühlburger Thores wohnte, im Darmſtädter Hof ſpeiſte und das große Wort führte, ungeſcheut ſpazieren ritt und beſonders regen Verkehr mit dem ſchwediſchen Grafen Axel Ferſen unterhielt. Nachdem Edelsheim ſchon damals inſtändig vor jeder Conivenz gegen dieſen Mann wie gegen St. Génie gewarnt hatte, mußte er am 8. Januar 1799 auf An⸗ ſuchen des Generals Vandamme die Verhaftung und Auslieferung Danicans vom Markgrafen verlangen. Doch gelang es der Polizei nicht, ſeiner habhaft zu werden. Er verſchwand ſpurlos und hinter⸗ ließ in Karlsruhe bei ſeinem Hauswirt, dem Hofſchuſter Burkhard, nur Schulden, zu deren Deckung er dieſem eine Anzahl von Exem⸗ plaren der„Caſſandra“ in deutſcher Überſetzung zum Vertrieb überließ. Während die Verhandlungen des Kongreſſes in Raſtatt ihren langſamen Verlauf nahmen, war die engliſche und die öſterreichiſche Diplomatie eifrig beſtrebt, eine neue Koalition der Monarchien des Feſtlandes gegen das republikaniſche Frankreich zuſtande zu bringen, und während in Italien die Bourbonen bereits losſchlugen, Oſterreich und Preußen eifrig rüſteten, näherte ſich ein ruſſiſches Korps den Grenzen des Reiches und begehrte, daß ihm der Durchmarſch ge⸗ ſtattet werde. Da in der Bewilligung dieſes Anſinnens unzweifelhaft eine Verletzung der Neutralität zu erblicken war, drohten die Fran— zoſen mit dem Abbruch der Raſtatter Kongreßverhandlungen, wenn nicht der Reichstag gegen den rufſiſchen Durchmarſch Einſprache erhebe. Von ſolchen Verhältniſſen der großen Politik war Baden durch ſeine geographiſche Lage wieder beſonders lebhaft berührt. Mit ſorgenſchwerem Herzen ſah man in Karlsruhe, als die von den Franzoſen geſtellte Friſt abgelaufen war, ohne daß Oſterreich eine befriedigende Erklärung hinſichtlich des ruſſiſchen Truppendurchmarſches abgegeben hatte, Ende Februar 1799 zwei franzöſiſche Heere den Rhein überſchreiten, die raſch— Jourdan von Baſel und Kehl in Oberſchwaben, Bernadotte von Mannheim bis Heilbronn— vor⸗ drangen, um ſchon im März durch den Erzherzog Karl wieder über den Rhein zurückgeworfen zu werden, auf deſſen rechtem Ufer nur noch Mannheim, Kehl und Altbreiſach in ihren Händen blieben. — 155— Vergebens hatte der Karlsruher Hof die Verwendung der preußiſchen Regierung nachgeſucht, um die Neutralität des Reichs anerkannt oder wenigſtens die Demarkationslinie nach dem Süden ausgedehnt zu ſehen. Preußen erwies ſich zu ſolch ſchützendem Vorgehen nicht ſtark und entſchloſſen genug und gleichzeitig zeigte Oſterreich von Neuem ſeine Verſtimmung über die badiſche Politik. Es wurde eine Außerung des Grafen Lehrbach berichtet, daß, wenn es auf ihn an— käme, bei abermaliger Beſetzung der Markgrafſchaft durch öſterreichiſche Truppen keiner ihrer Einwohner mehr einen Löffel voll zu eſſen be— halten ſolle. Im Hinblicke auf ſolche Geſinnungen galt es, nicht auch noch die Rachſucht der Franzoſen wachzurufen, beſonders da es den guten Beziehungen, die Herr von Reitzenſtein in Paris aufrecht zu erhalten verſtanden hatte, gelungen war, den franzöſiſchen Kriegsminiſter zu der Zuſage zu bewegen, man werde Baden als Freundesland be— trachten, alle Lieferungen vergüten, nirgens Lazarette anlegen und die Städte Karlsruhe, als Reſidenzſtadt, Raſtatt, als Sitz des Kon— greſſes, und wenn möglich auch Durlach mit Durchmärſchen und Ein— quartierungen verſchonen. Obwohl der engliſche Geſandte beim Reichstag, Mr. Paget, den Rat erteilt hatte, der Markgraf möge, wie 1796, ſein Land verlaſſen, hatte ſich Karl Friedrich in Rückſicht auf dieſe franzöſiſchen Verſprechungen und auf die Wünſche ſeiner Unterthanen im März 1799 entſchloſſen, ſich nicht aus Karlsruhe zu entfernen. Die Erwägung, daß der revolutionäre Geiſt, der ſich ja auch gelegentlich in Baden gezeigt hatte, aus der Entfernung des Landesfürſten nur Vorteil ziehen könne, hatte zur Faſſung dieſes Entſchluſſes mitgewirkt. Inzwiſchen war, während die öſterreichiſchen Vorpoſten bereits bis dicht an die Thore von Raſtatt heranſtreiften, der Kongreß all— mählich ſeiner Auflöſung entgegengegangen und die badiſchen Vertreter ſchickten ſich eben an, nach Karlsruhe zurückzukehren, als der Überfall der auf der Heimreiſe begriffenen drei franzöſiſchen Kongreßgeſandten, bei welchem zwei derſelben das Leben verloren, am Abend des 28. April 1799 wie allenthalben ſo auch in der badiſchen Haupt⸗ und Reſidenzſtadt den größten Schrecken verbreitete und die lebhafteſte Entrüſtung gegen die Urheber eines ſo unerhörten Verbrechens hervorrief. — 156— So vorſichtig auch die offizielle badiſche Preſſe ſich über das tragiſche Ereignis äußerte— die Karlsruher Zeitung berichtete nur von einem„großen Unfall, bei welchem die zwei franzöſiſchen Geſandten Bonnier und Roberjot tot auf dem Platze blieben“—, ſprach ſich doch, wie anderswo, auch in Karlsruhe die öffentliche Meinung ſehr entſchieden dahin aus, daß die Oſterreicher durch dieſe Greuelthat belaſtet ſeien. Zu objektiven, nach allen Seiten hin gerecht abwägenden Betrachtungen war der Augenblick begreiflicher— weiſe nicht angethan. Die badiſche Regierung hatte Grund genug, ſich jeder Anſchuldigung nach irgend einer Seite zu enthalten, umſo⸗ mehr da ihr die Verpflichtung, welche ihr durch die Handhabung der Landespolizei überhaupt und der Polizei in der Kongreßſtadt insbeſondere oblag, zur Aufhellung des geheimnisvollen Vorgangs alles Mögliche aufzubieten, durch die Zuſicherung abgenommen war, die der Erzherzog Karl hinſichtlich der Niederſetzung einer militäriſchen Unterſuchungs— kommiſſion dem Abgeſandten des Markgrafen, dem Oberſtkammerherrn von Geuſau, in ſeinem Hauptquartier zu Stockach erteilt hatte. Daher gab das Gerede in der Stadt in Verbindung mit aus Karlsruhe datierten Zeitungsartikeln, die ſich mit dem Raſtatter Ge⸗ ſandtenmord in einer der Regierung unwillkommenen Tendenz be— ſchäftigten, dem Markgrafen Veranlaſſung, den Erlaß einer General— verordnung anzuordnen, die der Geheime Rat am 3. Mai in folgendem Wortlaute ausgehen ließ: „Da durch die Unterredungen und Außerungen in Wirtshäuſern und an ſonſtigen öffentlichen Orten über die jeweiligen Ereigniſſe des wieder neu aus⸗ gebrochenen Krieges und über den Unfall, der in dieſen Tagen den franzöſi⸗ ſchen Geſandten nach ihrer Abreiſe von Raſtatt begegnet iſt, leicht Anlaß zu Spaltungen in den öffentlichen Verſammlungen, zu Beſchwerden für das Militär und andere bei dem Inhalt der Geſpräche beteiligte Perſonen und zu Unannehmlichkeiten für diejenigen, welche an einer ſolchen Unterhaltung teil⸗ nehmen, gegeben werden kann, ſo haben des Herrn Markgrafen Hochfürſtliche Durchlaucht zu befehlen ſich bewogen gefunden, daß alles Geſpräch an öffent⸗ lichen Orten über jene Gegenſtände nachdrücklich verboten und insbeſondere jedermann vor dem Schaden und Verdruß, den er ſich durch einige, ihm in keiner Rückſicht zuſtehende Urteile und Außerungen über jenen höchſttraurigen Unfall der franzöſiſchen Geſandtſchaft leicht zuziehen könne, ernſtlich gewarnet werden ſoll. Es wird daher dieſe Ihrer Hochfürſtlichen Durchlaucht gnädigſte Willensmeinung zur genaueſten Nachachtung und zu jedermanns Warnung hierdurch bekannt gemacht.“ — 157— In der unteren Markgrafſchaft herrſchte, nachdem der Erzherzog Karl Ende Mai in die Schweiz abmarſchiert war, ziemliche Ruhe. Erſt als in der zweiten Hälfte des Auguſt General Müller mit der franzöſiſchen Rheinarmee den Rhein überſchritt und pfälziſches und ſpeyeriſches Gebiet beſetzte, wurde auch die Umgegend von Karlsruhe wieder von den kriegeriſchen Vorgängen unmittelbar berührt. Wieder wurde der Lauf der Poſten gehemmt. Vom 23. bis 29. Auguſt blieb die Mannheimer und Heidelberger Poſt, die über Bruchſal verkehrte, aus. Am 28. Auguſt mußten ſich die Küraſſiere vom Regiment Herzog Albert infolge eines nachteiligen Gefechtes bei Bauſchlott nebſt 3 Schwadronen Szekler Huſaren zurückziehen und abends 7 Uhr rückten 1500 Mann franzöſiſche Infanterie und 120 Mann Kavallerie unter Oberſt Rouſſel in Durlach ein. Der Markgraf, der ſich in Langenſteinbach befand, hatte den Entſchluß gefaßt, ſich zunächſt nach Raſtatt zu begeben, war aber auf beruhi⸗ gende Nachrichten ſtatt deſſen nach Karlsruhe zurückgekehrt. Die franzöſiſchen Vorpoſten ſtanden zwiſchen Karlsruhe und Durlach und es war jede Verbindung mit dieſer Stadt abgebrochen. Oberſt Rouſſel bot dem Markgrafen eine Sauvegarde an, die jedoch der Fürſt höflich ablehnte. Am 29. abends 9 Uhr zogen die Franzoſen, die ſtrenge Mannszucht gewahrt hatten, eben ſo plötzlich, wie ſie ge— kommen waren, wieder nach Bruchſal zurück. Am 2. September wurde die Karlsruher Einwohnerſchaft durch fortwährend ſtarkes Kanonieren und Kleingewehrfeuer in Schrecken verſetzt. Am 10. Sep⸗ tember wurde Durlach abermals durch einen Beſuch der Franzoſen überraſcht, die diesmal der Stadt eine Kontribution von 10 000 Gulden auferlegten, aber nur eine Kompagnie zur Beſatzung dort ließen, während das Gros ihrer Truppen bei der Obermühle lagerte. Nachts zwiſchen 1 und 2 Uhr zogen ſie wieder ab. Es hatte ſich nur um eine Rekognoscierung gehandelt. Am 19. September hörte man in Karlsruhe ſeit den Vormittags— ſtunden ein heftiges Kanonenfeuer vom linken Rheinufer herüber: ſchallen. Um 10 Minuten vor 3 Uhr nachmittags folgten ſich un— mittelbar hintereinander außerordentlich ſtarke Detonationen, ſo daß alle Fenſter zitterten und jedermann auf die Straße lief. Am andern Tage erfuhr man, daß der Erzherzog Karl in einem heftigen Ge— fechte die Franzoſen aus Mannheim verjagt hatte. Zwei Tage darauf — 158— hatte Markgraf Karl Friedrich in Schwetzingen eine Zuſammen— kunft mit„dem lieben und würdigen Erzherzog Karl“— wie er an den Erbprinzen ſchrieb.„Er empfing mich mit ſo vieler Güte und Wohlwollen, daß ich darüber gerührt war.“ An der guten Geſinnung des Erzherzogs mußte dem Karlsruher Hofe, der ſich fort— während gewiſſermaßen zwiſchen zwei Feuern befand, viel gelegen ſein. Im Falle eines Rückzugs der Kaiſerlichen ſtets in erſter Reihe der Rachſucht der Franzoſen preisgegeben, mußte das Ziel der badiſchen Politik die Reſpektierung der Neutralität Badens durch Oſterreich ſein und es iſt das große Verdienſt Karl Friedrichs und ſeines Miniſters von Edelsheim, an dieſer verſtändigen, wenn auch im Augenblick manchen Mißdeutungen und ſelbſt der Oppoſition anderer Mitglieder des Geheimen Rats ausgeſetzten Politik feſtgehalten zu haben. Freilich haben die Oſterreicher dieſe Neutralität nie förmlich anerkannt, aber ſie haben ſie doch, wenn gleich nur mit gewiſſen Einſchränkungen, durch die Lage Badens begreiflich und entſchuldbar gefunden. In unſerem Zeitalter eines ausgedehnten telegraphiſchen Nach⸗ richtendienſtes fällt es ſchwer, ſich die peinliche Ungewißheit vorzu⸗ ſtellen, welche in den Kriegszeiten am Ende des vorigen Jahrhunderts über die Bewegungen der Heere auch in verhältnismäßig geringer Entfernung herrſchte. Am 18. Oktober leſen wir in der Karlsruher Zeitung, daß man in der badiſchen Reſidenzſtadt nichts Gewiſſes darüber wußte, was ſich in den letzten Tagen zwiſchen Heidelberg und Frankfurt zugetragen hatte, da alle Poſten ausgeblieben waren. Erſt als in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober wieder einmal die Bruchſaler Poſt eingetroffen war, hatte man erfahren, daß nach dem Abmarſch des Erzherzogs die Franzoſen abermals den Rhein über⸗ ſchritten, die Kaiſerlichen Heidelberg geräumt und ſich hinter die Enzlinie zurückgezogen hatten. Am 21. erhielt man Kenntnis von einem Gefecht bei der Neudorfer Mühle, unweit von Graben. Am gleichen Tage eröffneten die Franzoſen die dritte Belagerung von Philippsburg und beſetzten Durlach und Pforzheim. Aber am 28. ertönt in der Zeitung neuerdings die Klage, daß man in Karlsruhe nichts Genaues über das Vorgehen der Franzoſen gegen Philipps⸗ burg erfahren könne. Von Zeit zu Zeit hörte man im Hartwald plänkeln und Landleute, die zur Stadt kamen, meldeten, daß in Hoch— — 159— ſtetten und Linkenheim franzöſiſche Vorpoſten ſtänden. Am 31. Oktober ſtanden wieder, kaiſerliche Truppen in Durlach, die ſich jedoch ſchon am 1. November nach Ettlingen zurückzogen, worauf am 3. November abermals 230 Mann franzöſiſcher Truppen Durlach beſetzten. Ihre Vorpoſten waren bis Wolfartsweier und Gottesau vorgeſchoben, die letzte Feldwache ſtand ganz nahe am Durlacher Thor. Abends hörte man von Philippsburg her eine heftige Kanonade. Aber ſchon am November räumten die Franzoſen Durlach wieder und zogen ſich 39 Weingarten zurück, von wo ſie am 5. November durch kaiſerliche Kavallerie zum Rückzug gegen Bruchſal gezwungen wurden. In Karlsruhe war man durch dieſe Ereigniſſe, die von Tag zu Tag einen Wechſel in der Beſetzung der nächſtgelegenen Orte ein⸗ treten ließen, ſehr beunruhigt. Ende Oktober war man durch die Meldung erſchreckt worden, ein franzöſiſcher Spion habe ausgeſagt, daß Karlsruhe von den demnächſt vorrückenden Franzoſen werde ge⸗ plündert werden. Die Ausſage erwies ſich bald als ein grundloſes Gerücht. Doch beſchloß man, die früher erwähnten Zuſagen des franzöſiſchen Kriegsminiſters durch Anſchlag an den Stadtthoren zur Kenntnis der etwa ſoweit vorrückenden franzöſiſchen Truppen zu bringen. Anfangs November hatte der Geheimerat und Oberamtmann von Wöllwarth an den Citoyen commandant les avantpostes francais du citoyen général Bonamy das Erſuchen gerichtet, es wolle Anordnung getroffen werden, die Truppen außen um die Stadt herum marſchieren zu laſſen, deren Thore geſchloſſen bleiben ſollten, denn„il seroit fort désagréable pour Monseigneur le Margrave qu'il Y eut peut-étre quelque escarmouche dans sa résidencer. Den Empfang des Schreibens hatte für den Chef de brigade commandaut le 2. régiment de hussards der Adjutant Morelle in Graben beſcheinigt. Ein gleiches Anſinnen war an den k. k. Generalmajor Graf von Meerveld und den k. k. Oberſt von Löwenberg geſtellt und von dieſen war die Zuſage erteilt worden, die Reſidenzſtadt, wenn die Franzoſen die gleiche Zurückhaltung beobachten würden, nicht zu betreten. Am 12. November nachmittags aber erſchien im Schloſſe zu Karlsruhe der k. k. Major von dem Blankenſteiniſchen Huſaren⸗ regiment Graf Hardegg mit dem Dr. Baum, ließ ſich beim Mark—⸗ grafen melden und erbat ſich die Mitwirkung der fürſtlichen Regierung — 160— zu der ihm aufgetragenen Organiſierung des Landſturms in den badiſchen Landen. Der Markgraf berief ſich auf die in. dieſer Hinſicht dem Erzherzog gemachte Darlegung, auf welche keine weitere Rück— äußerung erfolgt ſei und ließ ſpäter nach einer Konferenz mit ſeinen Geheimen Räten ſeine Reſolution, daß es damit ſein Bewenden haben müſſe, dem Grafen Hardegg durch den Adjutanten Oberlieutenant von Stockhorn eröffnen, worauf der Graf ſeiner Vermutung Ausdruck verlieh, daß es noch in ganz Deutſchland zur allgemeinen Landes—⸗ bewaffnung und alſo auch in den hieſigen Landen dazu kommen, daß jedoch er in dieſen ohne des Markgrafen Genehmigung desfalls nichts vorkehren werde. Noch einmal ſcheint in dieſer ſchwierigen Lage die Abreiſe des Hofes aus Karlsruhe erwogen worden zu ſein. Aber— wie aus einem Briefe Edelsheims vom 12. November hervorgeht— es fehlte dazu an den notwendigſten Mitteln,„wobei die Ausſicht, bei einer ſolchen Entfernung auch nicht einmal mehr auf das geringe Ein⸗ kommen, das man anjetzt noch vom Lande zieht, rechnen zu dürfen, allerdings die Verlegenheiten noch ſehr vergrößert. Wenn nicht Friede wird— ſchließt der Brief— ſo ſind wir ohnfehlbar verloren und vernichtet“. So ging das ereignisreiche Jahr 1799 in Trübſal und Sorge ſeinem Ende entgegen. Am letzten Tage des November erfolgte wieder ein Angriff der Franzoſen auf die Kaiſerlichen in der Gegend von Mühlburg, Neu— reuth und Knielingen. Von Graben her kommend verſuchten die Franzoſen, die durch den Hartwald marſchierten, die Stellung der Kaiſerlichen zu umgehen und in den umliegenden Ortſchaften einzelne aufzuheben. Doch wurden ſie auf Graben zurückgeworfen und nach Mühlburg wurden mehrere verwundete und gefangene Franzoſen ge— bracht. Am 4. Dezember wurden die Feindſeligkeiten eingeſtellt, was die Hoffnung auf einen Waffenſtillſtand und auf Befreiung von dem Kriegsgetümmel in der unmittelbaren Nähe der Hauptſtadt erweckte. Zum Abſchluß eines Waffenſtillſtandes kam es nun freilich vorerſt nicht, aber die harte Winterszeit legte den Truppen beider krieg— führenden Teile eine Waffenruhe auf, die ſich noch in die erſten Monate des neuen Jahres erſtreckte. — 161— Seit dem 12. Dezember herrſchte am Oberrhein große Kälte. Am 21. ſank das Barometer auf—10 Grad Reaumur, der Rhein ging ſtark mit Treibeis und fing an ſich zu ſtellen. Unter fort⸗ dauerndem Einfluß eines ſcharfen Nordoſtwindes ſank das Wetterglas am 28. Dezember auf—13½, am 31. auf—14 Grad.(Im Dezember 1798 hatte die Kälte ſogar—20 Grad betragen und die Not war ſo groß geworden, daß der Hofdiakonus F. Schmidt öffent⸗ lich um milde Gaben, beſonders für die verſchämten Armen bat.) Erſt am 3. Januar 1800 trat wieder Thauwetter ein. Das neue Jahr wurde durch die Kunde eröffnet, daß auf An⸗ ordnung des Erſten Konſuls Buonaparte wieder ein Geſchäftsträger Frankreichs beim Schwäbiſchen Kreiſe ernannt werden und in Karls⸗ ruhe Wohnung nehmen ſolle. Denn Karlsruhe war die Hauptſtadt des einzigen Kreisſtandes, mit welchem die franzöſiſche Republik zur Zeit in Frieden lebte. Für dieſe Stelle wurde Nicolas Maſſias, ein ehemaliger Arrillerieoffizier, auserſehen, welchem Freiherr von Reitzenſtein„ein zuvorkommendes, beſcheidenes und liebenswürdiges Weſen und vielſeitige gründliche Bildung“ nachrühmte. In Karls⸗ ruhe war man indeſſen über dieſe Ernennung mehr betreten als er- freut. Denn die franzöſiſche Artigkeit, die darin erblickt werden konnte, mißfiel unzweifelhaft den Oſterreichern und drohte die ohnehin ſo ſchwierige Lage des Markgrafen und ſeiner Regierung noch mehr zu komplizieren. Zunächſt konnte Maſſias gar nicht den ihm ange⸗ wieſenen Wohnort erreichen, da die OSſterreicher das rechte Rheinufer behaupteten und wiederholte Verſuche Maſſias', von Straßburg und Mainz aus Karlsruhe zu erreichen, ohne Ergebnis blieben. Noch einmal ſtellten die Oſterreicher im Beginne des Jahres 1800 das Anſinnen an die badiſche Regierung, ſich an der Aufſtellung des Landſturmes zu beteiligen und abermals gelang es, ſich dieſer An⸗ forderung zu entziehen, zum großen Vorteil für das Land, das bald wieder in der Gewalt der Franzoſen war, die unter Moreau's Oberbefehl am 25. April den Rhein überſchritten und auf der ganzen Linie ſiegreich vordrangen. Immerhin mußte ſich Baden und in erſter Reihe Karlsruhe noch durch die öſterreichiſche Beſatzung von Philippsburg bedroht fühlen, und erſt als Mitte Juli, da ſich Schwaben und Baiern bis zum Inn in den Händen der Franzoſen befanden, der Waffenſtillſtand von Parsdorf dieſe Beſatzung unſchäd⸗ 11 — 162— lich machte, war man in Karlsruhe der Furcht vor Oſterreich voll⸗ kommen ledig. Immerhin aber herrſchten auch vorher ſchon, ſobald nur erſt die tägliche Bedrohung, wie ſie das Jahr 1799 in buntem Wechſel heute von Franzoſen, morgen von Oſterreichern gebracht hatte, geſchwunden war, in Karlsruhe verhältnismäßig normale Zuſtände, in denen auch die Werke des Friedens wieder zur Geltung gelangen konnten. In dieſer Richtung iſt ein Bericht charakteriſtiſch, den die in Gotha erſcheinende„Nationalzeitung der Teutſchen“ aus Karls⸗ ruhe über eine denkwürdige Schulfeier ihren Leſern mitteilte. Vom 28. März bis zum 4. April— heißt es da— wurde in dem hieſigen Gymnaſium das gewöhnliche Frühjahrsexamen gehalten, dem bisher außer den Ephoren und den Lehrern ſelten andere Perſonen beiwohnten. Und dieſe ſämtlichen Prüfungen der obern und untern Klaſſen(nur wenige Stunden ausgenommen) beehrte diesmal der Markgraf, von dem Erbprinzen und dem Prinzen Louis begleitet, mit ſeiner Gegenwart. Er ſcheute dabei keine Unbequemlichkeit, ließ ſich die Mittagstafel früher als gewöhnlich zubereiten, um auch des Nachmittags ſich wieder in Zeiten einfinden zu können, verſagte ſich die Bewegungen, die er ſich ſonſt in dieſen Stunden zu Pferde oder zu Wagen zu machen pflegt, war an mehreren Tagen von 8 bis 12 und von 3 bis nach 6 Uhr anweſend und eines Morgens ſogar den Lehrern mit ſeiner Gegenwart zuvorgekommen. Es war rührend, den ehrwürdigen Greis zu ſehen, wie er ſtundenlang mit ununter⸗ brochener Aufmerkſamkeit den Prüfungen zuhörte, mit freundlich väterlichem Blick auf die Schüler hinſah oder ſich zuweilen mit den Lehrern über die vorgekommenen Sachen oder die Schüler ſo ganz ohne Anmaßung, als wäre er einer von ihnen, unterhielt. Ganz beſonders aber wurden Aller Herzen innigſt bewegt, als er, nach dem Ende des Examens, die Theologie ſtudierenden und nun die Akademie beziehenden Jünglinge ganz unvermutet in dem Ton eines zärtlichen Freundes dem weſentlichen Inhalte nach auf folgende Art anredete: 4 „Sie gehen jetzt auf Univerſitäten, um ſich zum Dienſte des Vater⸗ landes vorzubereiten. Erinnern Sie Sich, daß nicht allein Gelehrſamkeit, ſondern vornehmlich Rechtſchaffenheit und Tugend Sie dazu fähig macht. Dieſe fließt nur aus der Religion, die uns allein Recht⸗ ̃ ſchaffenheit und die ſublimſten Tugenden lehrt. Nehmen Sie nicht r — 163— Teil an der Neuerungsſucht, die alle Religion und Tugend unter⸗ gräbt und den Staaten den Umſturz droht. Erinnern Sie ſich zu⸗ weilen an die Ermahnung eines alten Mannes, der es gut mit Ihnen und mit dem Lande meint.“ Die tiefe Rührung, von der Karl Friedrich ſelbſt ergriffen war, und welcher ſich keiner der Anweſenden zu entziehen vermochte, teilte ſich auch den weiteren Kreiſen der Einwohnerſchaft mit, die von dieſem Vorgang Kenntnis erhielten, ſowie von einer Wieder— holung freundlich mahnender Worte, welche der Fürſt an eine Ab⸗ ordnung der Schüler richtete, die im Namen des ganzen Gymnaſiums im Schloſſe den Dank für die der Schule erwieſene Auszeichnung abſtatten durften. Auch ſonſt haben wir Nachrichten, daß die Verlegung des Kriegsſchauplatzes dazu führte, die Einwohnerſchaft der Reſidenzſtadt wieder ihres Lebens froher werden zu laſſen. Am 29. März fand nach langer Pauſe wieder einmal ein öffentliches Konzert ſtatt. Die Sängerin Tereſa Lombardi Bianchi kündigte an, daß ſie im Saale der Poſt ein Vokal- und Inſtrumentalkonzert veranſtalten werde, deſſen Beginn auf 6 Uhr feſtgeſetzt war und wozu Eintrittskarten zum Preiſe von 48 Kreuzern zu haben waren. Ihr Gatte war Dichter, und die Macklot'ſche Hofbuchhandlung lud zur Subfkription auf eine Sammlung ſeiner Gedichte ein, die in der Stärke von 16 Druckbogen 1 Gulden koſten ſollte. Auch im Marmorier Schwind'ſchen Saale wurden wieder Konzerte veranſtaltet, ein Vokal⸗ und Inſtrumentalkonzert von H. Marconi am 18. Juli und ein Konzert der 10 Jahre alten Violinſpielerin Mademoiſelle Thereſe Magerin aus Raſtatt am 21. Auguſt. In den erſten Tagen des Auguſt war endlich auch der fran— zöſiſche Chargé d'affaires Maſſias in Karlsruhe angekommen und am 5. von dem Markgrafen in beſonderer Audienz empfangen worden. Er machte einen ſehr guten Eindruck und erweckte„durch ſeinen ſanften Charakter und ſein beſcheidenes Benehmen“ die während ſeines ſiebenjährigen Aufenthaltes in Karlsruhe auch niemals getäuſchte Erwartung eines ſehr angenehmen geſchäftlichen Verkehres. Wie ſchnell er ſich in die Karlsruher Verhältniſſe einlebte, beweiſt wohl am beſten ſeine ſchon am 25. September erfolgte Verlobung mit 11³ — 164— einem Fräulein von Böcklin“). Zum Zuſtandekommen dieſer Ver⸗ bindung ſoll der ſchon früher erwähnte St. GEnis mitgewirkt haben, der eine Zeit lang, wie es ſcheint, nähere Beziehungen zu Maſſias unterhielt, ſpäter aber von dieſem als Intrigant und Abenteurer erkannt wurde, ohne daß es gelang, ſeine Stellung am Karlsruher Hofe zu erſchüttern. Am Abend des Tages, an welchem Maſſias ſeine Antritts⸗ audienz hatte, erſchien in Karlsruhe auch der erſte Flügeladjutant des franzöſiſchen Obergenerals Moreau, Leguay, welcher in deſſen Auftrag die willkommenſten Eröffnungen machte und verſprach, daß. die franzöſiſchen Truppen, den Befehlen des Generals entſprechend, den Landesbewohnern nicht die geringſte Unbequemlichkeit oder Be⸗ läſtigung verurſachen würden. Zugleich deutete er an, daß Moreau in Bälde auf der Durchreiſe die markgräflichen Lande berühren werde. In der That ſtattete dieſer ſchon am 17. Auguſt dem Erb⸗ prinzen in Karlsruhe einen Beſuch ab und begab ſich von da nach der Favorite, wo ſich der Markgraf ſeit einigen Tagen aufhielt. Hier wurde er mit militäriſchen Ehren wie ein kaiſerlicher Feldmar⸗ ſchall empfangen und zur Tafel geladen und machte durch ſeine Höf⸗ lichkeit und Offenheit den beſten Eindruck, wie er ſeinerſeits durch die Loyalität und Artigkeit, mit der man ihn empfing, auf das An⸗ genehmſte berührt ſchien. Dieſer Beſuch hatte zunächſt die erfreuliche Folge, daß die Ortſchaften in der nächſten Umgebung von Karls⸗ ruhe hinſichtlich der Einquartierungslaſt ſehr erheblich erleichtert wurden. Am 27. Auguſt kehrte Moreau über Raſtatt und Durlach wieder zur Armee zurück. Nußerungen, die er bei dieſer Anweſen⸗ heit fallen ließ, erweckten die Befürchtung, daß die Friedenshoffnungen, die man ſeit einiger Zeit hegte, verfrüht ſeien. Um ſo größer war die Freude, als ſich am 22. September die 3) Ein aus dieſer Ehe entſtammter, am 29. Dezember 1801 geborener Sohn wurde(nach einer in die Karlsruher Zeitung vom 8. Januar 1802„auf Verlangen eingerückten“ Mitteilung) am 4. Januar durch den in Karlsruhe anweſenden Biſchof von Dijon, Herr Desmoutier de Mereuville, welcher die Dimiſſion ſeines biſchöflichen Stuhles gegeben hatte, getauft und Namens des. abweſenden Landesprinzen Karl Ludwig Friedrich von dem Geheimerat und Oberhofmarſchall Marquis von Montperny und der Freiherrin Joſephine von Venningen aus der Taufe gehoben. — 165— Nachricht verbreitete, daß der Friedensſchluß unmittelbar bevor⸗ ſtehe. An dieſem Tage wurde ein Extrablatt der Karlsruher Zeitung ausgegeben, welches die Kunde enthielt, morgens 9 Uhr habe Durlach ein aus dem franzöſiſchen Hauptquartier in Bayern kommender franzöſiſcher Schildkourier Namens Pierre Sales paſſiert, um die offizielle Nachricht von der durch den Kaiſer geſchehenen Unterzeich⸗ nung der Friedenspräliminarien nach Paris zu überbringen. Eben dieſe Nachricht ſolle auch durch den(optiſchen) Telegraphen in Straß⸗ burg unmittelbar nach Ankunft des Kouriers daſelbſt nach Paris ſignaliſiert werden und der franzöſiſche Obergeneral Moreau dem Kourier bedeutet haben, daß er ihn bei ſeiner Rückkunft zur Armee mit dem Hauptquartier in Stuttgart finden würde, indem die franzöſi⸗ ſche Armee ſogleich rückwärts verlegt werde. Wie groß die Freude war, läßt ſich ſchon daraus ſchließen, daß die Kriegslaſten auch in der von den Franzoſen ſo ſchonend be⸗ handelten Markgrafſchaft Baden ſchwer auf die Bevölkerung drückten, wie z. B. nach einer Angabe in dem Tagebuch des Geheimerats Meier den Gemeinden in dem Oberamt Karlsruhe nur allein die Verköſtigung der franzöſiſchen Offiziere in den Wirtshäuſern bis zum September 1800 ſchon 2000—3000 fl. Koſten verurſachte. Aber dieſe Freude war verfrüht. Der Kaiſer hatte die Unter⸗ zeichnung der Friedenspräliminarien abgelehnt, und es war darauf hin von Frankreich gegen Auslieferung der Feſtungen Ingolſtadt, Ulm und Philippsburg nur eine Verlängerung des Waffenſtillſtandes um 45 Tage bewilligt worden. Wie erwünſcht auch ſchon die Er⸗ leichterungen waren, die man dieſem verdankte, ergiebt ſich aus einer Nachricht, die am 27. September von Schröck in Karlsruhe eintraf: ein franzöſiſcher Offizier, Namens la Goutte, habe aus Germersheim dem dortigen Zollamt die offizielle Nachricht gebracht, daß die Rhein⸗ ſchifffahrt und die Ueberfahrten vom 26. September an wieder frei und offen ſeien. 38 Schon war Luneville zum Verſammlungsort des Friedenskon⸗ greſſes auserſehen, und am 23. Oktober kam aus Durlach die Mel⸗ dung, daß der bſterreichiſche Miniſter Graf von Kobenzl auf der Reife nach Luneville dieſe Stadt berührt habe. Da empfand man es denn doppelt ſchmerzlich, als die Friedensausſichten abermals ver⸗ 666 ſchwanden und die blutige Entſcheidung durch die Waffen noch einmal angerufen wurde. 3 Am 21. November kam der General Moreau neuerdings durch⸗ Karlsruhe. Er befand ſich auf der Reiſe zur Armee. Der Mark⸗ graf war abweſend, um den Erbprinzen, der von einer Reiſe zurück⸗ kam, in Pforzheim zu begrüßen. Er erwartete dort den General und unterhielt ſich mit ihm eine halbe Stunde. Dieſe Unterredung. benahm zwar noch nicht alle Hoffnung auf eine Fortdauer der Unter⸗ handlungen. Aber ſchon die nächſten Tage brachten die Nachricht vom Wiederbeginne der Feindſeligkeiten, welcher bald die Kunde folgte, daß die Oſterreicher am 3. Dezember bei Hohenlinden eine völlige Niederlage erlitten hatten. Am Weihnachtsabend früh 9 Uhr ritt ein franzöſiſcher Schildkourier aus dem Hauptquartier Moreau's mit der Siegesnachricht durch Karlsruhe auf dem Wege nach Straß⸗ burg. Etliche Stunden ſpäter paſſierte die Reſidenzſtadt ein kaiſerlich königlicher Kabinetskourier, von einem franzöſiſchen Kourier begleitet, die als ihr Reiſeziel Luneville angaben und die Zuverſicht äußerten, die Unterzeichnung der Friedenspräliminarien zurückzubringen. Der TLuneviller Friede. Am 1. Januar 1801 wurde ein Extrablatt der Karlsruher Zeitung ausgegeben, welches die erfreuliche Nachricht vom 29. De⸗ zember aus Kempten brachte, ein franzöſiſcher Kourier habe ausgeſagt, daß die Friedenspräliminarien unterzeichnet ſeien, und„die freudenvolle Botſchaft“ durch zuverläſſige Berichte, die aus Straßburg eingelaufen waren, beſtätigen konnte. In der That war am 25. Dezember in, Steyer ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen worden, der dem Kriege ein Ende machte. Nicht ohne Rührung vermag man die Worte zu leſen, welche⸗ an der Spitze der Karlsruher Zeitung von Mittwoch dem 1. Januar 1800 ſtehen: Zum neuen Jahr. Gott ſey Ehre, der Erde Frieden, Den Menſchen Glückſeeligkeit von GOtt beſchieden. Aber das Jahr 1800 hatte den Frieden nicht gebracht. Erſt das Jahr 1801 ſollte dieſe ſehnlichen Wünſche des nach Frieden Nro. 27. Carlsruher Montags den 16 Februar. O 1 mit Sochfürſtlichmarkgraͤflich ⸗Badiſchem gnadigſten Privllegioz REILATA RFEFERNO. z wi ſchen Sr. Maſeſtät dem Kapſer und der Republick Frankrei⸗ Durlach den 1öten Februar.— Veewichne Nacht um zwey Uhr eilte der Kaiſerl. Kabinets Kourier Brukmayer hier durch nach Wien, wohin er den in Lünewille von dem Kaiſerl. Bevollmaͤchtigten Miniſter Herrn Grafen von Kobenzel und dem franzoͤſiſchen Geſandten B. Joſeph Buonaparte wirklich unterzeichneten zwiſchen dem Haus Heſterreich und der Republick Frankreich uͤbebringt. Vorgeſtern Nachmit⸗ tag verließ Bruckmayer Lüneville in dem Augenblick, als dieſr Friede in der ganzen Stadt oͤffentlich bekannt gemacht wurde. ö ſich ſehnenden deutſchen Volkes erfüllen. Am 9. Februar 1801 war endlich in Luneville von dem Vertreter Oſterreichs, Grafen Kobenzl, zugleich im Namen des Römiſch⸗Deutſchen Reiches und von dem Bürger Joſeph Buonaparte, als Vertreter der franzöſiſchen Republik, der Friede unterzeichnet worden. Am 16. Februar kündigte die Karlsruher Zeitung an, daß in der vorigen Nacht um 2 Uhr ein kaiſerlicher Kabinetskourier Durlach mit dem Friedensinſtrument paſſiert habe und am 17. Februar wurde die beglückende Nachricht durch eine Meldung des Herrn von Reitzenſtein aus Paris beſtätigt. Eine Extrabeilage der Karlsruher Zeitung vom 19. Februar machte den Wortlaut des Friedensſchluſſes der Reſidenzſtadt und dem ganzen Lande bekannt. Der Friede von Luneville ging in allem Weſentlichen auf die Beſtimmungen zurück, die beim Abſchluß des Friedens von Campo Formio feſtgeſtellt worden waren und eröffnete, indem er den Rhein als Deutſchlands Weſtgrenze bezeichnete, den Fürſtenhäuſern, die ihre auf dem linken Rheinufer gelegenen Beſitzungen verloren, nach Maß⸗ gabe der auf dem Friedenskongreß zu Raſtatt gepflogenen Verhand⸗ lungen Ausſicht auf Entſchädigung durch die Säkulariſation der geiſt⸗ lichen Gebiete. Zu dieſen Fürſtenhäuſern gehörte auch das mark⸗ gräfliche Haus Baden und ſo waren deſſen Intereſſen in den nächſten Jahren in hohem Maße bei den Verhandlungen beteiligt, die ſowohl bei der zu dieſem Behufe eingeſetzten Reichsdeputation in Regensburg als auch— und zwar in einer den eigentlichen Ausſchlag gebenden Weiſe— in Paris geführt wurden. Dort war Baden durch den gewiegten Kenner des alten deutſchen Staatsrechts, Geheimerat Meier, hier durch ſeinen hervorragendſten Diplomaten Freiherrn von Reitzen⸗ ſtein vertreten. Die Vorgänge in der Reſidenzſtadt treten gegenüber dieſen Haupt⸗ und Staatsaktionen in den Hintergrund. Von dieſen aber haben wir in der vorliegenden Darſtellung nur in Kürze zu erwähnen, daß die Angelegenheiten des badiſchen Hauſes und Landes in den beſten Händen lagen und daß die außer allem Verhältnis zu den erlittenen Verluſten ſtehenden Entſchädigungen, welche Baden erhielt, die Grundlage der im Laufe des nächſten Jahrzehntes zur Durchführung gelangenden Umgeſtaltung und Vergrößerung bildeten, durch welche die Markgrafſchaft in die Reihe der deutſchen Mittel⸗ + ſtaaten eintrat. — 168— Eine Volkszählung. Im erſten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts fand in Karls⸗ ruhe eine Zählung der Einwohnerſchaft ſtatt, deren Ergebniſſe nach fünf verſchiedenen Geſichtspunkten zuſammengeſtellt und im November 1801 in dem„Allgemeinen Intelligenz- oder Wochenblatt für ſämt⸗ lich hochfürſtlich⸗badiſche Lande“ veröffentlicht wurden. Die Geſamtzahl der Einwohner betrug 8721, von denen 4370 dem männlichen, 4351 dem weiblichen Geſchlechte angehörten. Von dieſen bewohnten 58 männliche und 96 weibliche Perſonen das Schloß und die zu dieſem gehörigen Gebäude, die Reſidenzſtadt 2817 männliche, 3068 weibliche Perſonen, während in Klein⸗Karlsruhe 1495 männliche und 1187 weibliche Perſonen wohnten. Da die Stadt(ohne die drei Kirchen und das Schloß) 488 Häuſer zählte, ſo kamen im Durchſchnitt auf ein Haus 12 Bewohner, in Klein⸗ Karlsruhe bei 240 Gebäuden deren 11. Von den männlichen Einwohnern waren 1906 zwiſchen 1 und 20, 2238 zwiſchen 20 und 60 Jahre alt, darunter 1094 Ledige und Witwer, 222 zählten mehr als 60 Jahre, darunter waren 73 über 70 Jahre alt. Von den weiblichen Einwohnern waren 1208 zwi⸗ ſchen 1 und 14, 2597 zwiſchen 14 und 50 Jahre alt, darunter 1511 Ledige und Witwen, mehr als 50 Jahre zählten 550 Frauen, unter denen 89 das 70. Lebensjahr überſchritten hatten. Dem Glaubensbekenntniſſe nach waren unter der Ein⸗ wohnerſchaft Karlsruhes 6711 Lutheraner, 1250 Katholiken, 225 Reformierte, 535 Ifraeliten, ſo daß etwa auf 8 Chriſten 1 Ifraelit kam. Nach Ständen und Berufsklaſſen ergaben ſich(einſchließlich ſämtlicher Familienmitglieder) zum Hofe gehörig 993 Seelen, in Civil⸗Staatsämtern ſamt den Lehrern und den dem mediziniſchen und chirurgiſchen Fach Angehörenden 855, beim Militär 1731, Gewerb⸗ treibende 1829(darunter 1520 aus der„induſtriöſen Klaſſe“, 309 zu den 28 Kaufmanns- und 38 Wirtsfamilien Gehörige), Geſellen und Jungen zünftiger und unzünftiger Gewerbe 479, Taglöhner und ſonſtige Handarbeiter 1140, Dienſtboten 791(darunter 334, die in Karlsruhe nicht heimatberechtigt waren), Fremde 368(darunter 216 „lernende Koſtgänger“). Die Iſraeliten(in 107 Haushaltungen— von denen 36„eine beſtimmte Nahrung“ haben— und in 102 aus⸗ — 169— wärtigen Lehrlingen, Koſtgängern und Dienſtboten beſtehend) ſind hierbei nicht eingerechnet. Unter den 8186 chriſtlichen Einwohnern befanden ſich 333„re⸗ guläre Almoſengenießer“, ſo daß(abgeſehen von jenen, welche„Gra⸗ tialien“ oder nur in außerordentlichen Fällen Unterſtützung empfiengen) der 24. Menſch als„Almoſenpfründer“ zu bezeichnen war. Aus ſpäteren ſtatiſtiſchen Zuſammenſtellungen ergaben ſich für die Jahre 1804, 1807, 1808 und 1809: 277, 329, 336, 352 Ge⸗ burten, 162, 267, 258, 256 Todesfälle, 86, 87, 109, 117 Ehe⸗ ſchließungen. Dieſe Zahlen beziehen ſich nur auf die chriſtlichen Einwohner,„da die Bekenner der moſaiſchen Religion bis daher keine Kirchenbücher führten und man daher die Anzahl ihrer Geborenen, Geſtorbenen und Kopulierten nicht angeben kann.“ Die Zahl der Geborenen überſtieg in allen dieſen Jahren recht erheblich jene der Geſtorbenen.„Die ebene Lage unſerer Stadt,— heißt es in der Karlsruher Zeitung von 1809— die ſchönen breiten, geraden und regelmäßigen Straßen, hauptſächlich auch die Reinlichkeit derſelben tragen viel zu der hieſigen geſunden Luft bei.“ Nachklänge des Krieges. Wenn auch der Friede geſchloſſen war, ſo fehlte es doch nicht an Ereigniſſen, welche der Hauptſtadt und ihren Bewohnern die ver⸗ gangenen Tage der Sorge und Bangigkeit wieder in die Erinnerung zurück riefen. Dazu gehörte die wiederholte, wenn auch ſtets nur kurze Anweſenheit des franzöſiſchen Obergenerals Moreau in Karlsruhe. Aus den Zeitungen ergibt ſich, daß Moreau am 22. Februar 1801 abends ½8 Uhr eintraf, ſich alsbald in das Schloß begab, beim Markgrafen ſpeiſte und um Mitternacht nach Straßburg weiter fuhr. Schon am 4. März abends nach 5 Uhr kam er, mit ſeiner Gemahlin und von ſeinen Guiden begleitet, von Straßburg wieder zurück und ſtieg an der Poſt am Gaſthof zum„Erbprinzen“ ab. Einige Stunden vorher hatte ein Kourier ſeine Ankunft angekündigt und alsbald war eine Ehrenwache an den Gaſthof geſtellt worden. Abends war große Tafel bei Hofe, welcher General Moreau mit ſeiner Gemahlin beiwohnte. Am 5. März ſetzten ſie über Pforzheim und Stuttgart ihre Reiſe zur Armee fort. Auch als er am 18. März wiederum nach Straßburg fuhr, ſpeiſte Moreau mit ſeiner Gemahlin àà. — 170— abermals bei Hofe und nahm, wie in den früheren Fällen, in Karls⸗ ruhe nur während weniger Stunden Aufenthalt. Im Laufe der Kriegsjahre waren viele Angehörige des badiſchen Militärs ſtraffällig geworden. Bei den fortwährenden Wechſelfällen des Krieges, welche bald die Entlaſſung, bald wieder die erneute Be⸗ rufung der Militärpflichtigen zu den Waffen veranlaßt hatten, war bei gar Manchen die Pflicht gegen den Fürſten und gegen die Fahne in Vergeſſenheit geraten. Der humane Sinn des Markgrafen wollte den Leuten gerne die Strafen für dieſe militäriſchen Vergehen nach⸗ laſſen. Es erging daher am 18. März ein„auf hochfürſtlichen Spezialbefehl“ von dem Oberſten von Sandberg unterſchriebener Generalpardon. Durch denſelben wurde für alle Kreis- und Hausmilitärs zu Pferd und zu Fuß, welche im Felde oder aus ihren Garniſonen fahnenflüchtig wurden, ſich aber binnen drei Mo⸗ naten im Stabsquartier wieder einfinden, wenn ſie keine anderen Ver⸗ brechen begangen haben, Amneſtie gewährt. Der Dankbarkeit gegen die göttliche Vorſehung, mit deren Hilfe der Frieden wiederhergeſtellt worden war, ſollte auf Anordnung des Markgrafen ein allgemeines Friedens- und Dankfeſt Ausdruck verleihen, das durch ein Kirchenratsreſkript vom 21. Mai auf den erſten Sonntag nach Trinitatis, den 7. Juni angeordnet wurde. Dieſes Feſt wurde im ganzen Lande gefeiert und wir haben aus verſchiedenen Städten Berichte über die Feierlichkeiten und Volks⸗ beluſtigungen, die an dieſem Tage nach Beendigung des Gottesdienſtes ſtattfanden. Über die Feier in Karlsruhe wird nur gemeldet, daß der Oberhofprediger Walz die Feſtpredigt gehalten habe. Von an⸗ deren feſtlichen Veranſtaltungen in der Hauptſtadt beſitzen wir keine Nachricht. Im Laufe des Jahres 1801 wurde auch noch eine gerechte Ver⸗ teilung der Laſten vorgenommen, die durch die Einquartierung und Verpflegung fremder Truppen während der letzten Jahre einem Teile der Landesbewohner erwachſen waren. Zur Vergütung der dadurch verurſachten Koſten wurde in Karls⸗ ruhe im Oktober von der fürſtlichen Einquartierung⸗Deputation eine Umlage von 8 Kreuzern von 100 Gulden Steueranſchlag auf die geſamte Einwohnerſchaft gelegt und in der Reſidenzſtadt durch den — 171— Stadtbaumeiſter Fellmeth, in Klein-Karlsruhe aber durch den Anwalt Korn eingezogen. Werke des Friedens. In den Kriegszeiten hatte die Unſicherheit aller Verhältniſſe einen Stillſtand der Geſchäfte herbeigeführt, der die Thätigkeit jedes unternehmenden Mannes lähmte. So wurde denn auch erſt einige Zeit nach dem Friedensſchluſſe ein ſchon ſeit geraumer Zeit vorbereitetes „merkantiliſches“ Unternehmen eröffnet, an welchem mit der Bevöl⸗ kerung der Reſidenzſtadt auch der Markgräfliche Hof ein lebhaftes Intereſſe bewies. Die neu errichtete Pforzheimer Holländerholz⸗Geſellſchaft ließ durch den Floßinſpektor Böhringer einen Floßkanal von der kleinen Meiſenbach im Frauenalbiſchen an bis in die Alb bei Rüppurr in den Floßgraben herſtellen, der in den bei Karlsruhe vorbeifließenden Landgraben führte und mit deſſen Waſſern bei Knielingen ſich in den Rhein ergoß. Auf dieſer neuen Floßſtraße kam in der erſten Woche des Ok⸗ tober 1801 der erſte Floß bei Rüppurr an. Am 3. Oktober mor⸗ gens 9 Uhr begaben ſich die Vorſteher der Geſellſchaft mit einigen Mitgliedern derſelben dahin. Um 11 Uhr erſchien der Markgraf mit allen ſeinen in Karlsruhe anweſenden Familienangehörigen. Nach⸗ dem die Deputation den hohen Herrſchaften ihre Ehrerbietung be⸗ zeugt und die ſo allgemeinen Nutzen verbreitende Geſellſchaft dem ferneren Schutze des Landesherrn empfohlen hatte, überreichte der Markgraf ſelbſt dem Direktor Böhringer, dem die Induſtrie des Landes ſchon manche Förderung zu verdanken hatte, unter ſchmeichel⸗ haften Ausdrücken der Anerkennung ſeiner Verdienſte, die Signatur als Kamerrat. Hierauf ging die Abfahrt des Floßes in feierlicher Weiſe vor ſich. Die Flößer auf der Floßſpitze hatten rote und gelbe Bänder auf den Hüten und waren mit Sträußen geſchmückt. Auf dem erſten „Geſtör“ Holländerholz war vollſtändige türkiſche Muſik, auf dem zweiten die Direktion mit den Karlsruher Geſellſchaftsmitgliedern und die übrigen waren mit Zuſchauern beſetzt. So ging der Zug, von den fürſtlichen Herrſchaften und einer großen Menſchenmenge begleitet, ohne Hinderniſſen zu begegnen, bis Karlsruhe fort, wo er mittags — 172— 1 Uhr, von Kanonenſchüſſen begrüßt, eintraf. Die grüne Laube, die an der Stelle erbaut war, wo der Floß landete, wurde abends, während auf demſelben ein Feſtmahl eingenommen wurde, erleuchtet. An dem Mahle nahm auch die markgräfliche Familie, die dort um 8. Uhr ſich einfand und unter dem Klange der Trompeten und Pauken in die Laube geleitet wurde, teil. Einen unter Kanonen⸗ donner von dem Direktor ausgebrachten Trinkſpruch auf ein langes und glückliches Leben des durchlauchtigſten Stifters und Beſchützers der Kompagnie beantwortete der Markgraf mit einem Toaſt auf deren Glück und Gedeihen. Am 6. Oktober brach der Floß von hier wieder auf und fuhr „pfeilſchnell“ über Mühlburg nach Knielingen, wo die Bürger durch häufiges Schießen ihre Freude bezeugten. Unterhalb dieſes Ortes, wo die mit dem Landgraben vereinigte Alb ein ſehr breites, mit vielen Sandhügeln verſehenes Bett hatte, wurde von dem Floß— inſpektor Böhringer die letzte Waſſerſtube angelegt. Der Markgraf wohnte an dieſer Stelle dem ungehinderten Paſſieren des Floßes bei und bezeugte über die glückliche Ausführung der ganzen Floßſtraße ſein Wohlgefallen. Zur Verherrlichung der abendlichen Feier am 3. Oktober hatte der Mechanikus Friedrich Drechsler einen Luftballon aufſteigen laſſen, von dem es in einem dieſe Feier beſchreibenden Berichte der Karlsruher Zeitung heißt, er habe„vollkommen reuſſiert“. Dieſe Angabe ſcheint aber auf offiziöſer Schönfärberei zu beruhen. Denn im Allgemeinen Intelligenz- oder Wochenblatt für ſämtlich hochfürſt⸗ lich⸗badiſche Lande vom 8. Oktober 1801 Nr. 41 verheißt Herr Drechsler dem„Wiederbringer des von ihm bey der Flozillumination in die Höhe gelaſſenen Ballons, welcher ſeine Richtung nach Grün— winkel genommen“, eine Belohnung. Dieſer Mechanikus Drechsler ſcheint ein ſehr rühriger und unternehmender Mann geweſen zu ſein. Seine Inſerate erſcheinen in zahlreichen Jahrgängen der Karlsruher Zeitung und des genannten Wochenblattes. Er bietet alle erdenklichen Curioſa in bunter Mannichfaltigkeit feil, ſo z. B. in der angeführten Nummer des Wochenblattes elektriſche Lampen für 36 fl. und 365 Nachtlichter zu 48 kr., auch Feuerwerker von 2 bis 50 kr., Medaillen auf den Frieden, auf Prinz Karl, auf Buonaparte zu 24 kr., auf den Tod Ludwigs XVI. zu 1 fl. Das Steigenlaſſen von Luft⸗ — r α RRNfnn rene — SERRRr: 2 Feier des ESNLWIIE (Joif lalet, ſif, L. Lealen —.— 1 Hlate. Aateau Aeldllit e, meinoli 4 2. 299 uneviller Friedens. 22 — 173— ballons war eine ſeiner Spezialitäten. Es iſt bekannt, in welch hohem Grade die Erfindung der Brüder Montgolfier das Intereſſe der Zeit⸗ genoſſen in Anſpruch nahm. Von dem Miniſter v. Edelsheim weiß man, daß er eigens nach Straßburg reiſte, um dem Steigen eines Luftballons beizuwohnen. Aus anderen Inſeraten ergibt ſich, daß der Mechanikus Drechsler öfter Luftballons ſteigen ließ, ſo z. B. im Auguſt 1802 in Baden, bei welcher Gelegenheit die Perſonen, welche die Füllung zu ſehen wünſchten, je nach den eingenommenen Plätzen 36, 24 und 12 Kreuzer zu bezahlen hatten. Sein größtes derartiges Unternehmen war die Veranſtaltung einer„Ballonerie“ zu Ehren des Friedensſchluſſes von Luneville. Wie allen unternehmungsluſtigen Perſonen heftete ſich Neid, Eiferſucht und üble Nachrede an Drechs⸗ lers Ferſen. Schon am 5. September 1801 fühlt er ſich veranlaßt, in der Karlsruher Zeitung zu erklären: Denen dahier zum Nachteil meiner über meine Ballonerie ausgeſtreuten verläumderiſchen Unwahrheiten wird durch Attestata aus Strasburg und Nancy nicht nur widerſprochen, ſondern noch beſcheinigt, daß ich mehr geleiſtet als zugeſagt habe, wovon ſich jeder, der mir die Ehre gibt, mit eigenen Augen überzeugen kann.“ Und nun im Oktober 1801 gibt er Folgendes kund: „Nach dem Wunſch mehrerer geroſtatiſcher Freunde werde ich meinen 20 Schuh hohen Ballon mit einer 15ſchuhigen, den Frieden verkündigenden Fama und Deutſchlands Genius mit der Harpfe für den Frieden dankend, welche vor einigen Monaten zu Naney und Strasburg(nicht verbrandt oder verplazt) ſondern zu allgemeiner Bewunderung und zwar 7 Stunden weit flogen, auch dahier ſteigen laſſen, wenn ſo viele Kupferſtiche, worauf das hieſige Schloß ſamt der ganzen Ballonerie zu ſehen und zu einem Andenken unſers ſo merkwürdigen Zeitalters dienen, verkauft werden, daß meine Koſten dabey herauskommen, ſolche ſind für 30 und 20 kr. bey den Hrn. Hofbuchbindern Müller und Watri zu haben. Der Tag des Steigens wird hernach beſonders bekannt gemacht.“ Von einer ſolchen Bekanntmachung hat ſich in den Karlsruher Blättern nichts auffinden laſſen. Vermutlich war der Verkauf der Kupferſtiche zur Deckung der Koſten nicht ausreichend. Aber auch über das Steigen der Ballons in Straßburg und Nancy hat ſich— abgeſehen von einer kurzen Ankündigung der bevorſtehenden„Ballonerie“ im Straßburger Weltboten— in den Zeitungen keine Notiz erhalten. Nur ein Exemplar jenes Kupferſtiches, welches das Städtiſche Archiv in Karlsruhe aufbewahrt, von dem in verkleinerter Form ein dieſem — 174— Buche beigegebener Lichtdruck eine Abbildung wiedergiebt, zeigt uns die Drechsler'ſche Friedensfeier⸗Ballonerie. Wir haben ausführlich über jene Floßfahrt und dieſe Ballonerie nach den vorliegenden gleichzeitigen Überlieferungen berichtet, weil ſolche kleine Züge oft das hellſte Licht auf die Kultur eines Zeit⸗ abſchnittes und die örtlichen Verhältniſſe werfen und ein wahrheits⸗ getreues Bild von ihnen geben, wie es keine Kunſt der Darſtellung beſſer vor Augen zu ſtellen vermöchte. Vorgänge in der fürſtlichen Lamilie. Neben der Gunſt der maßgebenden Kreiſe in Paris hing das Geſchick der kleineren deutſchen Staaten, die um eine Vergrößerung ihrer Gebiete rangen, von der Stellung ab, die der Petersburger Hof zu dieſen Fragen einnahm, da der erſte Konſul Buonaparte die Freund⸗ ſchaft Rußlands zu gewinnen ſuchte und ſich deshalb in ſeinen Ent⸗ ſchließungen durch eine Empfehlung Kaiſer Alexanders J. gern beein⸗ fluſſen ließ. War ſchon der Wunſch des erbprinzlichen Paares, die Tochter, welche in dem Glanze der ruſſiſchen Kaiſerkrone eine der erſten, wenn nicht die erſte Stelle unter den gekrönten Häuptern Europas einnahm, in der neuen Heimat zu beſuchen, begreiflich ge— nug, ſo trat dazu nun auch noch das Beſtreben, durch einen längeren Aufenthalt in St. Petersburg die Angelegenheiten der Dynaſtie in die richtigſen Wege zu leiten. Und ſo war denn ſchon ſeit geraumer Zeit der Plan einer Reiſe des Erbprinzen und ſeiner Familie nach Rußland und von da nach Schweden zum Beſuche der zweiten fürſt⸗ lichen Tochter beſchloſſene Sache geweſen, als am 13. Juni 1801 die Abreiſe wirklich erfolgte. Den Erbprinzen und die Erbprinzeſſin begleiteten drei ihrer Kinder, Prinz Karl und die Prinzeſſinnen Amalie und Marie, während die jüngſte Prinzeſſin Wilhelmine mit ihrer Erzieherin in Karlsruhe zurückblieb. Im Gefolge befanden ſich Ge⸗ heimerat von Wöllwarth, Oberſtlieutenant von Stetten, Kammerherr und Major von Roeder, Kammerherr von Berckheim, Rittmeiſter von Gayling, Leibmedicus Hofrat Maler, Legationsrat Tiſſot. In der vorhergehenden Nacht war Prinz Friedrich Wilhelm von Braunſchweig-Wolfenbüttel aus Karlsruhe abgereiſt, wo er ſich ſeit dem 7. Juni aufgehalten hatte. Der Zweck ſeiner Anweſenheit wurde erſt am 15. Juni allgemein bekannt, als am markgräflichen —7 l — 175— Hofe deſſen Verlobung mit der fünften Tochter des Erbprinzen, Prin⸗ zeſſin Marie offiziell verkündigt wurde. Das Stillleben, welches im Frohgefühl des wiedergewonnenen Friedens das ganze Land und nicht zum mindeſten die Reſidenzſtadt genoß, wurde durch die in Regensburg und Paris geführten Ver— handlungen, welche nur die Kanzleien ab und zu in Bewegung ſetzten, nicht geſtört. Auch der Markgraf und ſeine jüngeren Söhne freuten ſich der gegenüber den ſchweren Tagen der jüngſtvergangenen Jahre doppelt beglückenden Sorgloſigkeit und Karl Friedrich führte durch den Beſuch ſeiner Enkelin, der Kurfürſtin Karoline von Bayern in Nymphenburg einen lang gehegten Plan aus, genoß die Ehren und Aufmerkſamkeiten, die ihm der liebenswürdige Kurfürſt Max Joſeph erzeigte, verweilte gern in der bayeriſchen Reſidenzſtadt München mit ihren mancherlei Sehenswürdigkeiten und erwies ſich in ſeinem vorgerückten Alter immer noch als eifriger und glücklicher Jäger. In Karlsruhe teilte man aus der Ferne in loyalem Mitgefühle die Freuden und Ehren der fürſtlichen Herrſchaften, man war ſtolz auf die hohen Damen, deren glänzendes Loos um ſo höher geprieſen wurde, als man ſich gern der muſterhaft einfachen Erziehung erinnerte, welche die Erbprinzeſſin im vollen Einvernehmen mit ihrem Gemahl den Töchtern gegeben hatte, und inſofern jeder Karlsruher ſich ge— wiſſermaßen durch ein perſönliches Anhänglichkeitsverhältnis mit den Prinzeſſinnen verbunden fühlte, die jetzt auf den Thronen von Peters⸗ burg, Stockholm und München ſaßen und ſich— darüber waren zuverläſſige Nachrichten in die Heimat gedrungen— immer noch freundlich und teilnahmvoll an ihr liebes altes Karlsruhe erinnerten. Man las Berichte über die glänzenden Feſte, mit denen die erbprinzliche Familie geehrt wurde und hörte gern, daß ein Plan, nach dem Aufenthalt in Stockholm wieder nach Petersburg— wo Prinzeſſin Amalie bei der kaiſerlichen Schweſter zurückgeblieben war— zurückzukehren, aufgegeben worden, weil dem Erbprinzen von Braunſchweig die Zuſage einer baldigen Vermählung gegeben war und gehalten werden mußte. Schon trug man ſich in Gedanken mit Vorbereitungen zu feſt⸗ lichem Empfang der Heimkehrenden, als wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Fürſtenhaus wie die Reſidenzſtadt und das ganze ba⸗ diſche Land die Trauernachricht erſchütterte, daß der Erbprinz auf — 176— der Rückreiſe von Stockholm bei Arboga am 15. Dezember 1801. mit dem Wagen geſtürzt und am Morgen des darauffolgenden Tages an den Folgen eines Schlagfluſſes geſtorben ſei. Eine Eſtaffette aus Schweden brachte die Trauerkunde am 2. Januar 1802 abends 6 Uhr nach Karlsruhe, gleichzeitig mit der Nachricht, daß die Erbprinzeſſin mit ihren Kindern alsbald nach dem Hinſcheiden ihres Gemahls nach Stockholm zurückgekehrt ſei, wohin man auch vorläufig den Leichnam des Erbprinzen verbracht habe. Sofort wurde Landestrauer angeordnet, und die Nummer der Karlsruher Zeitung vom 4. Januar, welche die Trauerkunde nebſt einigen den Hamburger Zeitungen vom 24. Dezember entnommenen näheren Nachrichten brachte, enthielt auch ſchon die Ankündigung, daß „die Haltung des ſonſt gewöhnlichen Liebhaberkonzertes auf unbe⸗ ſtimmte Zeit unterbleibe.“ Mit dem Kummer über dieſen ſo tief betrübenden Trauerfall, von dem man insbeſondere mit aufrichtiger Teilnahme den greiſen Markgrafen auf das Schmerzlichſte betroffen wußte, vereinigte ſich bange Sorge über Naturereigniſſe, welche die ganze oberrheiniſche Gegend mit einer ſchweren Heimſuchung trafen. Auf außergewöhnlich ſtarken Schneefall und heftige Kälte war um die Jahreswende ein plötzliches Thauwetter eingetreten. „Überall her— wird am 6. Januar berichtet— von der oberen Gegend bei Baſel im Oberamt Rötteln bis herunter in die Gegend der Reſidenz liefen bis vorgeſtern die traurigſten Berichte von all⸗ gemeinen Überſchwemmungen und außerordentlichen Verheerungen ein, deren ſich die älteſten Leute nicht erinnern können. Der ganze Rhein⸗ ſtrom, ſowie alle ſonſtigen Flüſſe und Bäche ſind ganz aus ihren Ufern getreten und drohen nichts als Verderben, denn die meiſten Ortſchaften links und rechts dem ganzen Rheinſtrom nach ſtehen im Waſſer und man kann ihnen nicht zu Hülfe kommen, da beinahe überall alle Dämme und Wehren gebrochen ſind oder das Waſſer darüber hinweg lief, indem es außer ſeinem gewöhnlichen Bett noch viele Schuhe hoch ſtieg. Der dadurch verurſachte Schaden iſt nicht zu berechnen.“ ein, ſo daß ſämmtliche Gewäſſer wieder fielen. War durch die allgemeine Landeskalamität der fürſtliche Trauer⸗ fall in der öffentlichen Aufmerkſamkeit etwas in den Hintergrund ge⸗ Glücklicherweiſe trat am 5. Januar ſtarker Froſt drängt worden, ſo zeigte ſich, als die Befürchtung vor noch größerer Ausdehnung des Hochwaſſers wieder geſchwunden war, die Teilnahme aller Bevölkerungskreiſe auf das Lebhafteſte. Dem langſamen Nach⸗ richtendienſt jener Zeit entſprechend, brachte erſt die Karlsruher Zei⸗ tung vom 11. Januar aus Hamburger Blättern einen eingehenderen Bericht über den Transport des fürſtlichen Leichnams von Arboga nach Stockholm und erſt einen Monat ſpäter erſchienen Mitteilungen über deſſen vorläufige Beiſetzung in der Ritterholmskirche. Die Trauer der treuen Landeskinder aber fand in einer großen Anzahl von Kundgebungen in Poeſie und Proſa Ausdruck, die teils in der amt— lichen Zeitung veröffentlicht, teils in den Anzeigen der Macklot'ſchen Hofbuchhandlung zum Verkauf angeboten wurden. Für den 14. Februar, den Geburtstag des ſo früh heimgegan⸗ genen Fürſten— an dieſem Tage hätte er ſein 47. Lebensjahr ab⸗ geſchloſſen— wurde eine Trauerandacht angeordnet, zu welcher für die evangeliſchen Lande die Texte: morgens Pſalm 73 Vers 23 und 24, nachmittags Hoſea Kap. 6 Vers 1 vorgeſchrieben waren. Am 15. Februar nachmittags 4¼ Uhr kam in Karlsruhe der von dem König von Schweden abgeordnete Oberſt und General— adjutant Herr von Bogenſtierna mit dem Herzen des Erbprinzen an, welches Prinz Ludwig im Namen des Markgrafen aus deſſen Händen empfing. Der greiſe Karl Friedrich hatte ſich an dieſem ſchmerzlichen Trauertage nach Raſtatt begeben. Das in einer ver⸗ ſchloſſenen koſtbaren Kapfel befindliche Herz wurde in einem dazu beſonders eingerichteten Trauerzimmer auf einem Castrum doloris ausgeſtellt. Jedermann war der Zutritt geſtattet. Oberhofprediger und Kirchenrat Walz hielt eine alle Anweſenden tief ergreifende Trauerrede. Am Abend um 9 Uhr wurde das fürſtliche Herz, unter dem Geläute aller Glocken, während die geſamte Garniſon und die Bürgerſchaft vom Schloß bis zum Durlacher Thor Spalier bildete, in feierlichem Trauerzuge in die Familiengruft nach Pforzheim ab⸗ geführt. Den Leichnam des Erbprinzen geleitete Kammerherr von Gayling in die Heimat. Am frühen Morgen des 2. Juni wurde er in aller Stille in der Pforzheimer Fürſtengruft beigeſetzt. Noch im gleichen Monat, am 27. Juni 1802, abends nach 7 Uhr traf die verwittwete Erbprinzeſſin mit ihren Kindern, dem nunmehrigen Erbprinzen Karl Ludwig Friedrich und der Prinzeſſin 12 178 Marie, nebſt ihrem Gefolge von der nordiſchen Reiſe zurück wieder in der Reſidenzſtadt ein, wo ſie von ihrer älteren Tochter, der Kur⸗ fürſtin Karoline von Bayern, die einen Tag früher aus München angekommen war, begrüßt wurde. Markgraf Karl Friedrich war der Schwiegertochter bis Stutenſee entgegengefahren. Selbſtverſtändlich wurde von jedem feierlichen Empfang Umgang genommen, aber die treuen Herzen der Karlsruher waren hocherfreut, die verehrte fürſt⸗ liche Frau wieder in der Heimat zu wiſſen. Sobald es die Rückſicht auf die tiefe Familientrauer geſtattete, fand die Vermählung des Erbprinzen Friedrich Wilhelm zu Braun⸗ ſchweig mit der Prinzeſſin Marie ſtatt. Am 30. Oktober kam der fürſtliche Bräutigam in Karlsruhe an und am 1. November wurde im Marmorſaale des Reſidenzſchloſſes die feierliche Trauung durch den Oberhofprediger und Kirchenrat Walz vollzogen. Am 2. No⸗ vember war große Gala und Tafel bei Hofe, aber öffentliche Feſt⸗ lichkeiten fanden nicht ſtatt. Vergrößerung des Tandes. Noch bevor in Regensburg die Frage der Entſchädigung des badiſchen Fürſtenhauſes für die linksrheiniſchen Verluſte vollſtändig geregelt war, ſah ſich Markgraf Karl Friedrich veranlaßt, dem Bei⸗ ſpiel anderer deutſchen Fürſten folgend, zu einer proviſoriſchen Beſitz— nahme der ihm zugewieſenen Gebietsteile zu ſchreiten, die gegenüber einem Verluſte von nahezu 20, etwa 62 Quadratmeilen umfaßten, ſo daß ſich für das badiſche Land nunmehr ein Beſtand von etwa 113 Quadratmeilen ergab. Am 16. September 1802 erging das Beſitz⸗ ergreifungspatent und unmittelbar nachher reiſten die zu deſſen Aus⸗ führung beſtimmten landesherrlichen Kommiſſare in die neu erworbenen Territorien ab. Zu dem gleichen Zwecke wurden auch Truppen entſandt. Am 21. September marſchierte von Karlsruhe das 2.(Musketier⸗) Ba⸗ taillon des Leibregimentes, 1(Grenadier⸗) Compagnie des 1. Ba⸗ taillons, 2 Compagnien des Füſfilierbataillons Erbprinz, 1 Huſaren⸗ detachement und 2 Geſchütze unter dem Befehl des Oberſtlieutenants von Eck zur vorläufigen Beſetzung der pfälziſchen Gebiete, ſowie eine Infanteriecompagnie mit einer Abteilung Huſaren nach Bruchſal ab, während ein Detachement, aus dem Füſilierbataillon Raſtatt, einigen 14˙9 Huſaren und 2 Geſchützen beſtehend, unter Oberſtlieutenant von Harrant das ſog.„obere Fürſtentum“ in der Bodenſeegegend beſetzte. Am 26. November fand die endgiltige Beſitznahme unter entſprechenden Feierlichkeiten ſtatt. Die ehrfurchtgebietende Perſönlich⸗ keit des neuen Landesherrn, der vortreffliche Ruf, den ſich die Ver⸗ waltung ſeiner Erblande allenthalben erworben hatte, die Schonung, mit der ſich, dem Geiſte des humanen Fürſten entſprechend, die Über⸗ leitung in die neuen Verhältniſſe vollzog, erleichterte den Unterthanen, die in deutſcher Treue an ihren Fürſtenhäuſern, an den althergebrach— ten Rechten, Einrichtungen und Gewohnheiten hingen, den Übergang. Einen beſonders erfreulichen Beweis des ihm entgegengebrachten Ver⸗ trauens durfte der greiſe Karl Friedrich in einer Adreſſe erblicken, welche am 27. Dezember eine Deputation des zum Fürſtentum Bruchſal gehörenden katholiſchen Kuratklerus überreichte. Noch drückte die franzöſiſche Protektion, welcher Baden die ſo anſehnliche Vergrößerung ſeines Umfanges zu danken hatte, nicht, wie wenige Jahre ſpäter, auf Fürſt und Volk. Aber immerhin iſt es ſchon als ein der folgenden von Frankreichs Einfluß beherrſchten Aera voraneilendes Symptom zu betrachten, daß die amtliche Zeitung zu Karl Friedrichs 74. Geburtstag den„Nestor de la Germanie, bon père d'un peuple heureux“ in einem in franzöſiſcher Sprache verfaßten Glückwunſchgedichte verherrlichte, das für die dieſes Idioms unkundigen Unterthanen in einer danebenſtehenden herzlich ſchlechten Überſetzung verdeutſcht wurde. Annahme der Kurwürde. Das Jahr 1803, das für die fürſtliche Familie als erfreuliches Ereignis am 24. Februar die feierliche Verlobung des Erbprinzen Ludwig von Heſſen⸗Darmſtadt mit der jüngſten Enkelin Karl Fried⸗ richs, Prinzeſſin Wilhelmine, brachte, war wie für das Fürſtenhaus ſo auch für das Land dadurch bedeutungsvoll, daß— entſprechend der ſo erheblichen Vergrößerung des Staatsgebietes— nach erfolgter Ratifikation des Reichsgutachtens über den Reichsdeputationshaupt⸗ ſchluß in der Reichsfriedensſache durch den Kaiſer im Anfang des Monats Mai der Markgraf von Baden zur Würde eines Kurfürſten des heil. Römiſchen Reiches erhoben wurde. Am 5. Mai wurde dieſes bedeutungsvolle Ereignis in der Reſi⸗ 12² — 180— denzſtadt Karlsruhe feſtlich begangen. Bei Tagesanbruch erſchallten hundert Kanonenſchüſſe, hierauf ertönte überall türkiſche und andere Muſik, zwiſchen 8 und 9 Uhr war große Wachtparade und von 9 bis 10 Uhr nahm Karl Friedrich als erſter Kurfürſt Badens vom ganzen verſammelten Hof und ſämtlichen Landes⸗Dikaſterien die Glück⸗ wünſche entgegen. Bei dieſer Gelegenheit wurde verſchiedenen hoch⸗ geſtellten Perſonen der Hausorden der Treue, der an dieſem Tage neue Statuten mit 2 Ordensklaſſen: Großkreuzen und Kommandeuren erhielt, verliehen, auch viele Militär- und Civilbeförderungen wurden bekannt gemacht. Um 10 Uhr war feſtlicher Gottesdienſt in der Schloßkirche, welchem der Kurfürſt mit der fürſtlichen Familie und dem ganzen Hofſtaat beiwohnte. Oberhofprediger Walz hielt die Feſtpredigt. Nach deren Beendigung wurde unter Pauken⸗ und Trompetenſchall das„Herr Gott dich loben wir“ abgeſungen und von hundert Kanonenſchüſſen auf dem Paradeplatze begleitet. Nach⸗ mittags war große Gala und Tafel bei Hofe. Die„aus eigenem Antriebe der Stadteinwohner“ geplante Illumination, durch die Un⸗ gunſt der Witterung vereitelt, wurde am 16. Mai zur Ausführung gebracht. Faſt die ganze Stadt war beleuchtet und mit Transparen⸗ ten geziert. In dem Feſtberichte wird beſonders die auf dem Markt⸗ platz errichtete, mit Gemälden geſchmückte Ehrenpforte hervorgehoben, welche folgende Inſchrift trug: „Zähringens alter Heldenſtamm durch den Edelſten ſeiner Abkömmlinge mit neuem Glanze verherrlicht.“ Seiner Freude über die neue Ehrung des fürſtlichen Hauſes gab ein alter treuer Diener, der Geheimerat Friedrich Dominikus Ring, in fünf Worten, die ein„überaus glückliches Chronodiſtichon“ aus⸗ machten, Ausdruck, welche die Karlsruher Zeitung„dem Publikum der Kenner, die ihr freudiges Jo! gerne mit ausrufen werden“, mit⸗ 9 teilte. fLoreat IolI! MarChlo babDensls— eLeCtor! MDCCCIII. Auch verſchiedene andere Dichtungen in deutſcher und lateiniſcher Sprache veröffentlichte das amtliche Blatt zu Ehren des„feſtlichen, wonnevollen, in der Geſchichte Badens Epoche machenden, ewig merk⸗ — 181— würdigen Tages“, der nicht minder als in Karlsruhe in allen grö⸗ ßeren Städten des neuen Kurſtaates mit feſtlichen Veranſtaltungen gefeiert wurde. Organiſationen. Während die treuen Unterthanen Karl Friedrichs und ſicher in beſonders gehobener Stimmung die Karlsruher, auf welche die erſten Strahlen des neuen fürſtlichen Glanzes fielen, den Gefühlen, die ihre Herzen bewegten, in ihrer Weiſe Ausdruck verliehen, war der greiſe Fürſt ſelbſt mit ſeinen bewährten Räten, unter denen jetzt der Geheimerat Nikolaus Friedrich Brauer ſich als ein Organiſations⸗ talent erſten Ranges hervorthat, in ernſter Arbeit bemüht, die neuen Gebietsteile mit dem altbadiſchen Staatsweſen zu einer höheren Ein⸗ heit zu verſchmelzen. In den Kanzleien der Haupt- und Reſidenz⸗ ſtadt wurde mit raſtloſem Eifer gearbeitet, um von dieſem Zentrum aus die Neugeſtaltung der drei Provinzen, in welche das Kurfürſten⸗ tum eingeteilt wurde, zu leiten. In Karlsruhe behielten alle oberſten Landesbehörden ihren Sitz, nur der oberſte Gerichtshof, das Ober⸗ hofgericht, fand zunächſt in Bruchſal ſeine Stätte. Mit der Größe und Bedeutung des Staates mußte nun auch ſeine Kriegsmacht in Einklang gebracht werden. Die oberſte Leitung des geſamten Militärweſens wurde nun dem in der Schule des preußiſchen Heeres ausgebildeten Prinzen Ludwig übertragen, der zum General en chef der kurfürſtlichen Truppen und zum Präſi⸗ denten des Kriegskollegiums ernannt wurde. Zu dem im Jahre 1803 aus 4 Bataillonen mit 20 Kompagnien(73 Offiziere und 1883 Mann) beſtehenden badiſchen Korps traten nun kurpfälziſche und biſchöflich⸗ſpeyeriſche Kontingente hinzu. Mit dieſen Truppen wurden verdiente Offiziere in den badiſchen Dienſt übernommen, und zu ihnen kamen tüchtige Offiziere aus Preußen, Kurheſſen und Hannover. In Karlsruhe hatten ihre Garniſon das Leib⸗Infanterieregiment, welches am 8. Mai den Namen Leib⸗Infanterieregiment Kurfürſt erhielt und fortan aus 2 Grenadier- und 8 Musketier-Kompagnien, 45 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Soldaten beſtand, die Garde du Corps, welche in 2 Kompagnien abgetheilt war und 6 Offiziere, 9 Unteroffiziere, 66 Gemeine zählte, und das Huſarenkorps, das die Stärke von 4 Offizieren, 10 Unteroffizieren, 98 Huſaren hatte; ihm wurde am 9. Mai der damals 7jährige Reichsgraf Maximilian von Hochberg, Karl Friedrichs jüngſter Sohn, als Rittmeiſter aggregiert. Jnfolge der Anderung der Titulatur des bisherigen Markgrafen Karl Friedrich und der Annahme der Kurwürde durch dieſen wurde der bisherige Erb- oder Landesprinz fortan Kurprinz genannt und ſeiner Mutter, der Erbprinzeſſin⸗Wittwe Amalie, der Titel Markgräfin verliehen. Die beiden Prinzen Friedrich und Ludwig führten von nun an neben dem Prinzen-Titel auch noch jenen von Markgrafen. Türſtliche Reiſen und Beſuche. Im Laufe des Sommers hatte der Kurfürſt mit ſeiner Familie die neu erworbenen pfälziſchen Lande beſucht und in den Städten Mannheim und Heidelberg wie auch in dem Schloſſe zu Schwetzingen einen längeren Aufenthalt genommen. Als Karl Friedrich am 30. Juli wieder nach Karlsruhe zurückkehrte, wurde er von Bürgermeiſter, Stadtrat und Bürgerſchaft in einer Adreſſe bewillkommt, die jungen Bürgersſöhne veröffentlichten in der Karlsruher Zeitung ein Be— grüßungs⸗ und Huldigungsgedicht und Carolus Fridericus Marchio Badensis, S. R. I. Elector, Manhemio, Heidelberga, Bruch- Salia Carlsruham redux ad d. 30. m. Julii Anni 1803 wurde auch von dem alten Ring in drei lateiniſchen Diſtichen beſungen. Bald darauf durften ſich die Karlsruher des Beſuches der Schwe— diſchen Majeſtäten freuen, die nach längerem, mit mancherlei Feſten begangenen Aufenthalt in Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen, am 20. September 1803 in der Reſidenzſtadt eintrafen. Kanonen⸗ donner verkündete abends /½9 Uhr die Annäherung und den feier— lichen Einzug des Königspaares, das in Begleitung des Kurfürſten und der ganzen fürſtlichen Familie von Mannheim nach Karlsruhe gereiſt war. Die drei Wegſtunden lange ganz gerade Allee von Stutenſee bis zum fürſtlichen Schloſſe war durch Pechpfannen, die alle 50 Schritte aufgeſtellt waren, erleuchtet. Die bürgerlichen Korps von Karlsruhe— Scharfſchützen, Kanoniere und Infanterie— mit ihren Fahnen und Muſik bildeten den ganzen Weg entlang Spalier. Das wohlberittene Korps der Bürgerkavallerie und eine Abteilung Huſaren begleiteten die fürſtlichen Wagen bis zum Schloſſe, wo der Hofſtaat, der Adel und die höchſten Beamten zum Empfang ver⸗ ſammelt waren. Als die Majeſtäten ihren Wagen verließen, ertönte — 183 am eiſernen Thor hinter dem Schloſſe Kanonendonner, in welchen die vor dem Schloſſe aufgeſtellte türkiſche Muſik mit ſchmetternden Fanfaren einfiel. Ein prachtvolles und überraſchendes Schauſpiel, beſonders vom Balkon des Schloſſes aus betrachtet, bot die von Bau⸗ direktor Weinbrenner angeordnete und von der ſchönſten Witterung begünſtigte Beleuchtung des dem Schloſſe gegenüberliegenden vorderen großen Zirkels. In deſſen Mitte war ein großer Tempel, nach Art einer römiſchen Rotunde, aufgerichtet. Über dem Eingang zweier Straßen prangten, mit dem Worte Salve verbunden, die Namen Guſtav Adolph und Friederike Dorothee. Von einem weitgereiſten Herrn des ſchwe— diſchen Gefolges, Baron Lagerbiella, zirkulierte in Hofkreiſen das Wort:„je vois une façade enchantée, qui on dit étre une ville.“ Am nächſten Tage, dem 21. September, fand bei Hofe zu Ehren der ſchwediſchen Gäſte Cour und Gala ſtatt, auch mittags große Tafel, welcher der ganze Hofſtaat und der bei Hofe vorgeſtellte Adel beiwohnte. Im Namen der Bürgerſchaft überreichte eine Ab⸗ ordnung des Karlsruher Magiſtrates dem König von Schweden eine Adreſſe. Am Nachmittag aber zog die ganze Schuljugend, Knaben und Mädchen, die Häupter mit Guirlanden umwunden, unter Vortritt von Muſik mit ihren Lehrern in das Schloß, um den Majeſtäten durch Ueberreichung eines(wie es im Hofberichte heißt)„rührenden proſaiſchen Gedichtes“ ihre kindliche Huldigung darzubringen. Eine wehmütige Überraſchung war der Königin von Schweden in der Heimat durch die Umgeſtaltung des Erbprinzengartens bereitet. Während der Abweſenheit des Erbprinzen waren die beiden durch die Erbprinzenſtraße getrennten Teile dieſes fürſtlichen Gartens durch einen unter der Straße angelegten Gang verbunden und in dem ſüdlichen Teile, den Garteninſpektor Schweigert mit geſchmack— vollen Anlagen bepflanzt hatte, durch Baudirektor Weinbrenner ein zum Sommeraufenthalt beſtimmtes kleines Palais erbaut worden. Von Zeit zu Zeit hatte Kammerrat Wielandt dem Erbprinzen über die Fortſchritte dieſes Werkes berichtet, aber dem fürſtlichen Herrn ſollte die Freude nicht mehr zuteil werden, dasſelbe vollendet zu ſehen. Die Erbprinzeſſin hatte in dieſem Garten ein in ihrem Auftrag von dem Bildhauer Profeſſor Scheffauer in Stuttgart ausgeführtes Denkmal aufſtellen und zu dieſem Zweck von Weinbrenner eine go— ————————————————————— — 184— tiſche Kapelle erbauen laſſen, in welchem das Denkmal ſeinen Platz erhielt. Über derſelben erhob ſich ein ſteinerner Turm, ebenfalls im gotiſchen Stil, zu deſſen Plattform 125 Stufen emporführten. Von hier war dem Auge eine weite Fernſicht über die von den Bergen des Schwarzwaldes, der Pfalz und des Elſaſſes begrenzte Rheinebene er— öffnet. Eine eingehende Beſchreibung dieſes Denkmals war in Wieland's neuem deutſchen Merkur(1803, 4. Heft) zu leſen. Es zählte fortan ſamt der Stätte, in der es Aufſtellung gefunden hatte, zu den Sehenswürdigkeiten der badiſchen Reſidenzſtadt. Noch am Nachmittag des 21. September lenkten der König und die Königin von Schweden ihre Schritte zu dem gotiſchen Turm und dem Denkmal des ver— ewigten Vaters. Das Medaillonporträt des Erbprinzen fand in der fürſtlichen Familie ſo vielen Beifall, daß Profeſſor Scheffauer bald mit anderen Aufträgen betraut ward. Der Kurfürſt ſelbſt und ſeine Gemahlin, die verwittwete Erbprinzeſſin, der Prinz und die Prin— zeſſin von Braunſchweig hatten ihre Porträtbüſten von ihm ausführen laſſen, nun erhielt er auch von den ſchwediſchen Majeſtäten den gleichen Auftrag und der Kurfürſt veranlaßte ihn, ein Modell zu dem großen Denkmal zu entwerfen, welches dem Markgrafen Karl Wil⸗ helm auf dem Marktplatz errichtet werden ſollte. Der Bildhauer begann auch die Arbeit, die aber in den ſchweren Zeiten, welche bald darauf im Gefolge der die Kräfte des Landes verzehrenden napoleoni⸗ ſchen Kriege hereinbrachen, nicht zur Ausführung kam. Der Beſuch der ſchwediſchen Majeſtäten nahm lange Zeit hin⸗ durch das Intereſſe nicht nur des kurfürſtlichen Hofes, ſondern auch der ganzen Stadt Karlsruhe und ihrer Bürgerſchaft auf das Lebhafteſte in Anſpruch. Der erſte Beſuch des Königspaares in der Schloßkirche, wo es am Sonntag den 25. September dem Gottesdienſt beiwohnte, gab dem Oberhofprediger Walz zu einer„dem Zweck angemeſſenen, rührenden und kraftvollen Rede“ Anlaß. Mittags war große Tafel und abends Konzert bei Hofe, am 28. September ließ man den hohen Gäſten zu Ehren nachmittags vor dem Reſidenzſchloſſe einen großen Luftballon ſteigen, der am gleichen Abend bei Freckenfeld, unweit Langenkandel, zur Erde niederfiel und von den dortigen Bauern zertrümmert wurde, am 30. veranſtaltete die Markgräfin Amalie und am 4. Oktober der Markgraf Ludwig ein großes Gartenfeſt, am 1. Oktober fand um 11 Uhr vormittags auf dem Schloßplatz eine große Parade 5 1* Der gutiſche Turm und das Denkmal de Erbprinzen Karl Tudwig. —185— ſtatt, welcher die fürſtlichen Damen vom Balkon des Schloſſes aus beiwohnten, am gleichen Tage beſah der König von Schweden mit dem Kurfürſten das unter der Direktion des Hofrats Dr. Gmelin ſtehende anſehnliche und erſt kürzlich durch eine ruſſiſche Samm⸗ lung beträchtlich bereicherte Naturalienkabinet, am 5. Oktober wurde die kurfürſtliche öffentliche Bibliothek und am 8. das phyſikaliſche Kabinet, wo Profeſſor Böckmann die koſtbaren mathematiſchen und phyſikaliſchen Inſtrumente vorzeigte und verſchiedene neue Verſuche anſtellte, und hierauf das Malereikabinet beſichtigt. In den folgenden Wochen wurde die nähere und fernere Umgebung der Reſidenzſtadt beſucht, Durlach und Raſtatt, Baden, das Luſtſchloß Favorite und das Murgthal bei Gernsbach, auch Rüppurr, wo man gerade ein Jahr vorher eine römiſche Villa entdeckt und mancherlei Altertümer ausgegraben hatte, für die der König ein lebhaftes Intereſſe an den Tag legte. In den fürſtlichen Weinbergen zu Grötzingen am Schloß Auguſtenburg und zu Ettlingen wurde die Weinleſe fröhlich begangen, überall wurden die Herrſchaften von der freudig erregten Bevölkerung feſtlich begrüßt. Die heimkehrenden Fürſtlichkeiten wurden ſtets an der Grenze des Stadtgebietes von Bürgerkavallerie eingeholt und bis zum Schloſſe geleitet. Die kurbadiſche Holländer Holzkompagnie ließ auf dem floßbar gemachten Landgraben ein großes Holländer Tan⸗ nenholzfloß durch die Reſidenzſtadt gehen, ein Schauſpiel, das den König ſo lebhaft intereſſierte, daß er ſich bald darauf nach Schröck am Rhein begab, wo gerade mehrere Handelsſchiffe vor Anker lagen, andere zur Abfahrt bereit waren. Der König verweilte beſonders bei dem hier zum Verflößen vorrätig liegenden Holländerholz und nahm hierauf im kurfürſtlichen Lagerhaus bei dem Spediteur Cramer das Frühſtück ein. Erſt am 22. Oktober eröffnete die Hofſchauſpielergeſellſchaft unter der Direktion von Vogel mit der Oper„Doktor und Apotheker“ von Dittersdorff wieder ihre Vorſtellungen. Bis dahin, aber auch ſpäter noch einige Male wurden im Hoftheater deutſche und franzöſiſche Schauſpiele von dem Karlsruher Adel aufgeführt, wozu„ſämtlichen Honoratioren der Eintritt erlaubt“ war. Die Anweſenheit der ſchwediſchen Majeſtäten veranlaßte auch andere fürſtliche Perſonen, die badiſche Reſidenzſtadt zu beſuchen: der Kurfürſt und die Kurfürſtin von Bayern, der Prinz und die Prin⸗ — 186— zeſſin von Braunſchweig, der Erbprinz und Prinz Chriſtian von Heſſen⸗Darmſtadt, der Erbprinz von Naſſau⸗Oranien und der Fürſt⸗ biſchof von Baſel verweilten während dieſer Zeit kürzer oder länger in Karlsruhe. Beſonders feſtlich, mit Kanonendonner am frühen Morgen, mit Gala, Hoftafel und Ball wurden die Geburtstage des Königs von Schweden(am 1.) und ſeines vierjährigen Söhnchens des Kronprinzen (am 11. November) begangen. Nachdem ſie einen kurzen Aufenthalt in Stuttgart genommen, reiſten der König und die Königin am 30. November für längere und einem großen Hofball begangen worden. und als er eines Tages die Rumford'ſche Suppenanſtalt beſuchte, erwies ſich ſein Incognito noch ſo wirkſam, daß der auf den ange⸗ unerkannten Eindringling zurückwies und nur mit großer Schwierig⸗ ſich in Mannheim aufhielt, gemeldet. Sie ſind aber ſo charakteriſtiſch, daß ſie ſich eben ſo gut hätten in Karlsruhe zutragen können, vielleicht auch in der That hier wiederholt haben. Ehren wieder allerlei feſtliche Veranſtaltungen am Hofe ſtattfanden, Hofbälle wurden abgehalten, faſt jeden Tag waren Fremde zur Hof⸗ adelige Dilettanten führten franzöſiſche Theaterſtücke auf, mehrere tafel geladen, Deutſche und Schweden, welche durch die Anweſenheit des Königspaares angezogen wurden. Auch neue diplomatiſche Ver⸗ treter ſtellten ſich ein, der kaiſerlich königliche bevollmächtigte Miniſter Freiherr von Schall mit ſeinem Legationsſekretär von Fahnenberg Zeit nach München ab. Einige Tage vorher, am 22., war das 75. Geburtsfeſt des Kurfürſten Karl Friedrich mit Gala, Gratulation kündigten König von Schweden wartende Verwalter der Anſtalt den keit überzeugt werden konnte, daß dieſer eben die erwartete hohe Perſon ſei. Dieſe Vorgänge werden uns aus der Zeit, da der König Schon im Februar 1804 kehrten der König und die Königin von Schweden von München nach Karlsruhe zurück, wo ihnen zu Der König von Schweden hatte durch ſeine Leutſeligkeit in Karls⸗ ruhe alle Herzen gewonnen. Da er ſtets in Civilkleidern— nach damaliger Mode im Frack und runden Hut— ausging, konnte es vorkommen, daß ihm die vor ſeiner Thüre ſtehende Schildwache den Eintritt verweigerte, da nur der König dieſe Zimmer betreten dürfe, — 187— und der kaiſerlich ruſſiſche außerordentliche Geſandte Freiherr von Maltitz. Sorgen der Reſidenzſtadt. So erfreut auch die Karlsruher Bürger- und Einwohnerſchaft⸗ über die Hoffeſtlichkeiten war, deren Zeuge aus mehr oder weniger großer Nähe ſie ſein durfte, ſie konnte ſich doch nicht verhehlen, daß die Stellung der Reſidenzſtadt durch die Konkurrenz der neu erwor⸗ benen Städte Mannheim und Heidelberg immerhin einigermaßen be⸗ droht ſei. Mit der Zeit bemächtigte ſich ihrer ein gewiſſes Gefühl der Unſicherheit und die Gerüchte tauchten— man wußte nicht recht woher ſie kamen— neuerdings auf, daß der Hof an eine Verlegung der Reſidenz ganz ernſtlich denke. Da wirkte es denn überaus beruhigend, als am 7. Dezember 1803 der Geheime Kämmerer Vierordt ſich auf Befehl des Kur⸗ fürſten zum Cafetier Drechsler begab und ihm zu weiterer Verbrei⸗ tung unter der Bürger- und Einwohnerſchaft eröffnete, daß der Kur⸗ fürſt und deſſen Enkel, der Erbprinz, nie geſonnen geweſen ſeien und nie ſein werden, ihre Reſidenz von Karlsruhe zu verlegen. Am 15. Dezember begab ſich eine vom Bürgermeiſteramt und Magiſtrat ernannte Abordnung, die aus dem Bürgermeiſter Baur und den Rats⸗ verwandten Drechsler, Groß, Bayer und Keller beſtand, zum Kur⸗ fürſten, um für dieſe hocherfreuliche Mitteilung den ehrerbietigſten Dank auszuſprechen und von dem wohlwollenden Fürſten, der ſich ſehr entrüſtet über die Verbreiter derartiger unbegründeter Gerüchte ausſprach, die Verſicherung fernerer Huld und Gnade entgegenzunehmen. Ein Bericht über dieſen für die Stadt ſo wichtigen Vorgang wurde in den Stadtakten niedergelegt. Das Zahr 1804. Immer mehr machten ſich um dieſe Zeit die gewaltthätigen Ein⸗ griffe Frankreichs den in dem franzöſiſchen Machtbereich liegenden deutſchen Staaten gegenüber geltend, und insbeſondere Baden, wo die Emigranten eine bevorzugte Aufenthaltsſtätte gefunden hatten, wurde in Paris mit Mißtrauen und Ungunſt betrachtet. Die Gefangen⸗ nahme und Fortführung des Herzogs von Enghien war einer der ſchlimmſten Eingriffe, die ſich franzöſiſche Willkür in Deutſchland er⸗ 188— laubte, aber die Regierung eines kleinen Staates war gegen ſolche Akte brutaler Gewalt machtlos und mußte ſich, wollte ſie nicht ihre Exiſtenz auf's Spiel ſetzen, vor denſelben beugen. In der Reſidenz⸗ ſtadt war man viel zu wohlgezogen, als daß etwa die öffentliche Meinung es hätte wagen können, gegen ſolch widerrechtliches Vor⸗ gehen Einſprache zu erheben, und die Preſſe ſtand unter ſo ſtrenger Aufſicht, daß man in der Karlsruher Zeitung vergebens auch nur nach einer Erwähnung dieſer gröblichen Verletzung des Völkerrechtes ſuchen würde. Nur der König von Schweden, von jeher ein ent⸗ ſchiedener Gegner der franzöſiſchen Politik, machte von der Freiheit, die ſeine hohe Stellung ihm gewährte, ausgiebigen Gebrauch und verlieh ſeiner Entrüſtung in den kräftigſten Worten Ausdruck. Bei Hofe war man darüber ſehr betreten und lebte ſtets in großer Angſt und Aufregung, wenn der König die langen Spaziergänge, die er täglich im Wildpark unternahm, weiter als gewöhnlich ausdehnte, weil ſtets die Befürchtung beſtand, daß er eines Tages das gleiche Schickſal wie der Herzog von Enghien erleben werde. Der Kurfürſt Karl Friedrich war über die etwas excentriſche Haltung ſeines hohen Gaſtes ſehr wenig erbaut und wartete nur die Vermählung des Erbprinzen von Heſſen-Darmſtadt mit ſeiner jüngſten Enkelin, Prinzeſſin Wil⸗ helmine— die am 19. Juni 1804 ſtattfand— ab, um bald darauf dem König Guſtav Adolph den dringenden Wunſch auszuſprechen, er möge ſich einen andern Aufenthaltsort wählen. Am 12. Juli reiſte der König nach Nymphenburg ab, wohin ihm die Königin am 1. Auguſt folgte. 7 Der Kurfürſt hatte einen Teil des Sommers mit ſeiner Familie in Schwetzingen zugebracht, von wo er am 25. Juli nach Karlsruhe zurückkehrte, um am nächſtfolgenden Tage dem franzöſiſchen Geſchäfts- träger Maſſias eine Audienz zu erteilen, der ihm durch den Mi⸗ * niſter der auswärtigen Angelegenheiten in ſeiner neuen Eigenſchaft als Vertreter des Kaiſers von Frankreich vorgeſtellt wurde, nachden Napoleon Buonaparte die kaiſerliche Würde angenommen hatte. Immer enger zog ſich der Ring der franzöſiſchen Oberherrſchaft um die deutſchen Staaten zuſammen. Nur wenige Monate vergingen, und auch der greiſe Kurfürſt von Baden, der die heiße Jahreszeit in der wohlthätigen Stille des Luſtſchloſſes Favorite zugebracht hatte, mußte ſich wie andere deutſche Fürſten im September 1804 nach — 189— Mainz begeben, um in der alten deutſchen Stadt dem franzöſiſchen Imperator zu huldigen. Nach ſeiner Rückkehr in die Reſidenzſtadt am 3. Oktober, wo er nur ganz kurz verweilte, begab ſich der Kur⸗ fürſt wieder nach der Favorite und blieb dort bis zum 23. Ok⸗ tober. Einen Monat ſpäter feierte Karlsruhe den 76. Geburtstag des geliebten Fürſten durch feierliche Gottesdienſte in allen Kirchen, durch Geſchützſalven, welche abgebrannt wurden, während die Gläu— bigen das„Herr Gott Dich loben wir“ anſtimmten, durch fröhliche Mahlzeiten in den bürgerlichen Kreiſen, durch große Tafel und Gala bei Hofe. Im November aber trat der Markgraf Ludwig und wenige Tage nach ihm auch der Erbprinz die Reiſe nach Paris an, um der Kaiſerkrönung Napoleons beizuwohnen. Von beſonderer Bedeutung war das Jahr 1804 für die katho⸗⸗ liſchen Einwohner von Karlsruhe. Schon am 28. März hatte der Kurfürſt den bisher in der Reſidenz beſtandenen katholiſchen Privat— gottesdienſt zu einem öffentlichen erhoben und an Stelle der Kapu⸗ ziner, die jenen bisher verſehen, eine katholiſche Stadtpfarrei treten laſſen. Am Sonntag, den 26. Auguſt, wurde der neu ernannte Stadtpfarrer Profeſſor Huber von Mannheim vor der im Laufe der Jahre ſehr erheblich angewachſenen katholiſchen Gemeinde feierlich ein— geſetzt. In den über dieſe Feier vorhandenen Berichten werden die Reden des Schulrats Brunner und des Oberpfarrers Geh. Kirchenrat Rothenſee, ſowie des neuen Stadtpfarrrers, ebenſo die erhebende Muſik, mit welcher die kurfürſtliche Hofkapelle das Hochamt und Tedeum begleitete, ſehr gerühmt. Wie am Gottesdienſt, ſo nahmen die Miniſter und Geheimen Räte, die lutheriſchen und reformierten Stadtpfarrer auch an dem Feſtmahle teil, das der Vorſtand der katholiſchen Ge— meinde veranſtaltete und ſtimmten lebhaft in den Toaſt ein, der zur Kennzeichnung der damals herrſchenden Geſinnungen hier wörtlich angeführt ſein möge: „Der Eintracht aller drei chriſtlichen Religionen eben ſo rein als ihr Wunſch aus der großen Seele unſers Durchlauchtigſten Kurfürſten fließt, eben ſo dauerhaft als es die Güte aller hier Anweſenden hoffen läßt und eben ſo fruchtbar an Heil, Glück und Segen als es ihr göttlicher Stifter durch ſein Geſetz der Liebe für alle Menſchen verſprochen hat!“ Mit Vorführung der Schuljugend und einer ergiebigen Spende an die Armen ſchloß die für die katholiſchen Einwohner ſo bedeutungs⸗ volle Feier. Der Krieg von 1805. Am 2. Januar 1805 kamen der Kurprinz und Markgraf Lud⸗ wig aus Paris wieder in Karlsruhe an. Die Nachrichten, die ſie aus der Umgebung des Kaiſers mitbrachten, gaben ſchon der Ver— mutung Raum, daß der Friede nicht mehr von langer Dauer ſein werde. Schon bereitete ſich den täglich ſich ſteigernden Übergriffen Na⸗ poleons gegenüber ein Bündnis zwiſchen Oſterreich und Rußland vor. Markgraf Ludwig hätte nicht der tüchtige und weitblickende Soldat ſein müſſen, der er in der preußiſchen Armee geworden war, wenn er nicht angeſichts kriegeriſcher Ausſichten alles gethan hätte, die badiſchen Truppen immer beſſer auszubilden und für ihre kriegeriſche Ausrüſtung alle erforderlichen Vorkehrungen zu treffen. Leider konnte dies aber nicht ohne eine ſtarke Inanſpruchnahme der Kräfte des Landes geſchehen, deſſen Wohlſtand mit ſeiner Ver⸗ größerung nicht gleichen Schritt gehalten hatte.„Als Markgraf war ich reich und Herr“— ſoll Karl Friedrich ausgerufen haben— „jetzt bin ich Kurfürſt, aber arm und ohnmächtig.“ Und nichts fiel dem greiſen Fürſten, deſſen ganzes langes Leben der Förderung des Wohles ſeiner Unterthanen gewidmet war, ſchwerer aufs Herz, als daß er ſein Volk nun durch ſchwere Laſten gedrückt ſah. Und doch mußten dieſe dem Lande auferlegt werdeu, wenn Baden die Stellung, welche es im Verlaufe der politiſchen Entwickelung der letzten Jahre eingenommen hatte, erhalten und unter Benützung der in Ausſicht ſtehenden Konjunkturen noch erhöhen und verbeſſern wollte. Am Hofe ſelbſt wurden die möglichſten Einſchränkungen ein⸗ geführt, um Erſparniſſe zu machen. Alle größeren Hoffeſte unter⸗ blieben, große Tafeln fanden nur ſelten ſtatt, der Marſtall wurde auf die nötigſte Ausſtattung reduciert. Nur wenn ein Gaſt von be⸗ ſonderer Auszeichnung, wie am 15. Februar der Kurerzkanzler und Erzbiſchof von Regensburg, Freiherr von Dalberg, der auf der Reiſe von Paris nach Aſchaffenburg Karlsruhe paſſierte, eintraf, zeigte ſich der Hofhalt wieder in ſeinem alten Glanze. In Karlsruhe herrſchte bei der drohenden Kriegsgefahr eine trübe und gedrückte Stimmung. Sowohl der Kurfürſt als ſein Sohn der Markgraf Ludwig hätten ſich weit lieber der öſterreichiſch-ruſſi⸗ ſchen Koalition angeſchloſſen, als ſich von Frankreich ins Schlepp⸗ tau nehmen laſſen. Da eine ſolche Politik ſchlechthin unmöglich war — 191— und im Falle eines franzöſiſchen Sieges unfehlbar die Vernichtung zur Folge gehabt hätte, ſo tauchte noch einmal der Plan auf, im Verein mit Württemberg unter preußiſcher Führung eine Neutralitäts⸗ erklärung des Reiches zuſtande zu bringen. Napoleon aber war nicht geſonnen, bei denen, welchen er ſeine Protektion hatte angedeihen laſſen, eine ſolche Halbheit zu dulden. Er ſandte den Kammerherrn Thiard nach Karlsruhe mit der Erklärung, daß er auf die mili⸗ täriſche Hilfe Badens rechne, indem er gleichzeitig als Lohn einen weiteren anſehnlichen Gebietszuwachs in Ausſicht ſtellte, verführeriſch genug in einem Augenblick, in welchem man— unter Mitwirkung des franzöſiſchen Staatsrats Jollivet, der einen längeren Aufenthalt in Karlsruhe nahm— noch mit der Regelung der Grenzen und des Schuldenweſens, die im Zuſammenhang mit den Ländererwerbungen des Jahres 1803 ſtand, beſchäftigt war. Als der Sommer herannahte, verließ der Kurfürſt mit ſeiner ganzen Familie die Reſidenzſtadt, um ſich auf längere Zeit nach Schwetzingen zu begeben, während die Markgräfin Amalie wie in früheren Jahren ihren Sommeraufenthalt in Rohrbach bei Heidelberg nahm. Zum Geburtstag der Markgräfin, am 20. Juni, vereinigten ſich die Fürſtlichkeiten wieder in Karlsruhe. Bei Hofe war große Gala und Tafel, abends veranſtaltete der Adel im Hoftheater eine Aufführung— das franzöſiſche Schauſpiel„Ruse contre ruse“ in 3 Aufzügen und ein„Koſackenballet“— zum Beſten der Armen und nach deren Beendigung fand auf dem Schloßplatz eine„niedliche“ Be— leuchtung ſtatt, die im Namen der Bürgerſchaft der Magiſtrat anordnete. Als der Herbſt herannahte, war der Ausbruch des Krieges zwi— ſchen Frankreich einer⸗, Oſterreich und Rußland anderſeits entſchieden. Am 21. September rückte Kaiſer Franz in München ein, von wo der Verbündete Napoleons, der Kurfürſt von Bayern, ſich mit ſeinen Truppen hatte zurückziehen müſſen. Am gleichen Tage ſchrieb Na⸗ poleon an Murat:„Laſſen Sie Thiard in Baden wiſſen, daß das Heer marſchiere und daß die Badener der Bewegung des Marſchalls Ney auf Durlach folgen und ſich ſeinen Befehlen unterordnen müſſen. Sobald die franzöſiſchen Truppen den Rhein überſchritten haben wer⸗ den, ſchreiben Sie dem Kurfürſten Karl Friedrich, daß dieſe gekom⸗ men ſeien, um die Unabhängigkeit des deutſchen Reiches zu vertheidi⸗ gen und Baden gegen Oſterreichs Gewaltthätigkeit zu ſchützen.“ — 192— In Baden war ſchon alles für die Kriegsbereitſchaft vorgeſehen. Seit dem März 1804 war an Stelle der bisherigen Werbung der ſtehenden Truppen um Handgeld das Kantonsreglement eingeführt, auf Grund deſſen die zum Dienſte Tauglichen zwangsweiſe ohne Loos und mit vielfachen Ausnahmen ausgehoben wurden. Am 20. Sep⸗ tember war der Generaladjutant des Markgrafen Ludwig, von Por⸗ beck, in Karlsruhe eingetroffen und alsbald machte ſich eine lebhafte Bewegung beim Militär bemerkbar. Die Urlauber wurden eingezogen, eine Anzahl Kanonen wurde nach Mannheim transportiert, andere Geſchütze ſtanden zum Wegführen bereit. Das Lazareth mit Sack und Pack, alle Feldrequiſiten und militäriſchen Vorräte, ſowie die Munition wurden durch Fronfuhren ebenfalls nach Mannheim ver— bracht. Die Karlsruher Garniſon hatte Befehl, ſich marſchfertig zu halten. Der franzöſiſche Geſandte Maſſias war ſchon in der Nacht vom 17. auf den 18. September von Paris nach Karlsruhe zurück⸗ gekehrt. Am 25. September überſchritten die Marſchälle Lannes und Murat bei Kehl, am 26. die Marſchälle Davouſt bei Mannheim, Soult bei Speyer, Ney bei Neuburgweier und bei Aue den Rhein. Marſchall Ney ſchlug in Karlsruhe ſein Hauptquartier auf und die Stadt hatte ſehr ſtarke Einquartierung, 2 Infanterieregimenter, in manchen Häuſern lagen 40 bis 50 Mann. Nun wiederholten ſich wieder die Vorgänge, an die ſich aus den 1790er Jahren die Ein—⸗ wohner der Reſidenzſtadt noch mit Unbehagen erinnerten. Am 27. Sep⸗ tember morgens war die Poſt von der Route von Frankfurt und von Stuttgart, die am Abend vorher eintreffen ſollte, noch nicht an⸗ gekommen. Aus Pforzheim kam die Meldung, daß dort am 26. ein Streifkommando von einigen hundert Uhlanen und Dragonern war, in der Nacht vom 26. zum 27. September ritten durch Durlach franzöſiſche Kavallerie-Patrouillen. Wie Karlsruhe, die Poſt von Mannheim wieder nicht in Karlsruhe an, nachdem am 26. auf dieſer Route das Poſtfelleiſen geleert worden war. Das ganze Korps des Marſchalls Ney marſchierte durch Karlsruhe, von wo der Marſchall am 27. September eine Proklamation in franzöſiſcher und deutſcher Sprache erließ, in welcher eine genaue Inſtruktion über die Verpflegung der Truppen auf dem rechten Rheinufer niedergelegt war auch die ganze Umgegend mit franzöſiſchen Truppen belegt. Auch am 28. kam — 193— war. Auch am Abend des 29. September rückte wieder ein beträcht⸗ liches Korps franzöſiſcher Truppen, lauter Infanterie, deren gute Dis⸗ ciplin die Karlsruher Zeitung rühmt, in der Reſidenzſtadt ein, brach aber ſchon nachts 1 Uhr mit dem ganzen in Karlsruhe und Um⸗ gegend einquartiert geweſenen 6. Korps der Rheinarmee wieder auf, um nach Pforzheim und Stuttgart zu marſchieren. Neue Truppen, die alle, wie jene, den Rhein bei Aue überſchritten hatten, kamen auch in den nächſten Tagen: Infanterie, Artillerie mit vielen Muni⸗ tionswagen, Küraſſiere,„ſchöne Leute und prächtig beritten,“ andere zogen durch Ettlingen in das Gebirg. Troſtlos lauteten die Nachrichten, die aus Kehl einliefen. Dort wurde die Anlage neuer Verſchanzungen und zu dieſem Behufe die Niederlegung vieler eben erſt wieder aufgebauten Häuſer angeordnet. Viele Familien wurden dadurch obdachlos und mußten ihre Heimat verlaſſen. Trotz der Entſchädigung, die Kaiſer Napoleon in Ausſicht ſtellte, war die Not überaus groß, und die Karlsruher Zeitung for— derte alle Menſchenfreunde dringend auf,„den armen vertriebenen unglücklichen Familien die nötige Unterſtützung bei dem herannahen⸗ den Winter angedeihen zu laſſen.“ Da zeigte ſich, trotz der offiziellen Freundſchaft, die den Kurſtaat Baden mit Frankreich verband, da und dort die Abneigung gegen den alten Feind, der ſo oft dieſe rheiniſchen Lande verwüſtet hatte, und die Anhänglichkeit an den Kaiſer und die öſterreichiſchen Truppen. Als gefangene Oſterreicher durch Bruchſal ge— leitet wurden, ſtrömte viel Volk aus der Umgegend, beſonders Frauen, herbei, um die unglücklichen Landsleute mit Speiſe und Trank zu laben. Und wie in und um Bruchſal dachte und fühlte das Volk auch anderswo. Die offizielle Welt freilich ſtand ganz unter dem übermächtigen Einfluß des Kaiſers der Franzoſen. Als Napoleon am 26. September mit ſeiner Gemahlin, der Kaiſerin Joſephine, in Straßburg angekom⸗ men war, wo dieſe vorläufig blieb, war Kurfürſt Karl Friedrich mit dem Kronprinzen und dem Markgrafen Ludwig von ſeinem Sommer⸗ aufenthalte in Schloß Favorite zur Begrüßung herübergeeilt. Von da kehrten die fürſtlichen Herrſchaften mit der reichsgräflich Hochbergi— ſchen Familie am Abend des 1. Oktober nach Karlsruhe zurück, der Kurfürſt und die Prinzen fuhren aber ſofort wieder nach Ettlingen, wo Napoleon die Nacht vom 1. zum 2. Oktober im fürſtlichen Schloſſe 13 zubrachte. Hier wurde zwiſchen dem Kaiſer der Franzoſen und dem Kurfürſten von Baden der Vertrag abgeſchloſſen, welcher dieſen zur Stellung von 3000 Mann, zur Lieferung von Lebensmitteln und Transportmaterial verpflichtete. Damit war Baden in die volle Kriegs- und Intereſſengemein⸗ ſchaft mit Frankeich getreten, die Geſandten Oſterreichs und Rußlands erhielten ihre Päſſe und reiſten unter franzöſiſcher Bedeckung nach Frankfurt ab. Während am 2. Oktober wieder ein franzöſiſches Dragoner⸗ regiment die Reſidenzſtadt und die kaiſerliche Garde nebſt dem Ma⸗ melukenkorps die Stadt Ettlingen paſſierte, ſetzte Kaiſer Napoleon von da die Reiſe nach Pforzheim fort. Mittags 1 Uhr hielt ſein Wagen bei der Poſt in Durlach an; während umgeſpannt wurde, lehnte der Kaiſer ſich aus dem Wagenfenſter, ſprach mit der ſich dicht herandrängenden Volksmenge und fragte den herbeigeeilten Oberamts⸗ rat Eiſenlohr nach der Größe der Stadt und nach der Haltung ſeiner Truppen. Nicht über dieſe, wohl aber über die Fuhrleute beim Ar⸗ tilleriepark, die den Ort Wolfartsweier bösartig mitgenommen hatten, wurde nun ſo laut geklagt, daß der Kaiſer nicht umhin konnte, ſeinem Mitgefühl Ausdruck zu geben. In der That hatte dieſes Dorf mit ſeinen 44 Bürgern unter der Laſt der Einquartierung ſchwer gelitten, nicht weniger als 2000 Mann mit 1200 Pferden hatten im Ver⸗ lauf weniger Tage hier im Quartier gelegen. Im Oktober kehrte auch Markgräfin Amalie wieder nach Karls⸗ ruhe zurück. Sie hatte ihren Sommeraufenthalt in Rohrbach bei⸗ behalten, bis eines morgens auf der nach Heidelberg führenden Straße eine franzöſiſche Patrouille erſchienen war, die eine größere Truppen⸗ abteilung ankündigte. Da war die Markgräfin eilig nach der Reſidenz aufgebrochen. Inzwiſchen hatte ſich bei Pforzheim unter dem Kommando des Generalmajors von Harrant eine badiſche Brigade aufgeſtellt, die aus 5 Bataillonen Infanterie, einem Huſarendetachement und 6 Geſchützen beſtand. Auch ein Bataillon des Leib⸗Infanterieregiments, das in Karlsruhe in Garniſon lag, befand ſich darunter. Markgraf Ludwig hatte die Einladung, am Feldzuge teilzunehmen, abgelehnt, da ſeine Gegenwart in Karlsruhe in ſeiner Eigenſchaft als Kriegs- und Fi⸗ nanzminiſter unerläßlich war, er auch den Kurfürſten nicht allein ˙—˖——— — 195— laſſen wollte, um zu verhindern, daß etwa auf den greiſen Fürſten andere Perſonen Einfluß gewönnen. Nachdem die öſterreichiſche Armee am 17. Oktober bei Ulm zur Kapitulation genötigt worden war, und während die franzöſiſchen Truppen ihren Marſch durch Bayern und über den Inn bis Wien fortſetzten, brach die badiſche Brigade am 25. Oktober aus ihren Kantonierungen bei Pforzheim auf und mar⸗ ſchierte bis Braunau am Inn. Sie wurde indes nur zum Etappen⸗ dienſt verwendet und kam in kein Gefecht. Über die weiteren Kriegsereigniſſe, die zunächſt mit der Ein⸗ nahme der Hauptſtadt Wien durch die Franzoſen ihren Abſchluß fanden, wurden die Karlsruher durch ihre Zeitung aus franzöſiſchen Quellen auf das Eingehendſte unterrichtet. Die öffentliche Meinung war mit ihren Sympathien vollſtändig in das franzöſiſche Lager über⸗ gegangen. Es war nur ein kleiner Kreis von Männern des alten Schlages, die ſich mit der neuen Ordnung der Dinge nicht zu be⸗ freunden vermochten und mit bekümmertem Herzen den Untergang des Reiches und die Heeresfolge, welche Baden dem franzöſiſchen Kaiſer leiſten mußte, als eine vaterländiſche Schmach empfanden. Die Regie⸗ rung war in allen ihren Berechnungen auf den Sieg der franzöſi⸗ ſchen Waffen hingewieſen, von dem allein ſie eine noch weitere Ver⸗ größerung des Landes zu erwarten hatte, während eine Niederlage der Franzoſen unzweifelhaft auch für ihre Verbündeten die ſchlimmſten Folgen hätte haben müſſen. In dieſen die Gemüter erregenden und beunruhigenden Zeitläufen war es immer wieder die Verehrung und Liebe, die dem greiſen Kur⸗ fürſten dargebracht wurde, welche die etwa im übrigen auseinander⸗ gehenden Meinungen und Beſtrebungen verſöhnte und vereinigte. So wurde denn auch am 22. November 1805, an welchem Karl Friedrich ſein 77. Lebensjahr vollendete, der Geburtstag des Landesherrn in der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt feſtlich begangen. In der Stadkkirche fand feierlicher Gottesdienſt und Dankfeſt ſtatt, welchem das Ober⸗ amt, der Stadtmagiſtrat, ſowie mehrere Bürgerkorps beiwohnten. Vor, während und nach dem Feſtgottesdienſt wurde vor der Kirche dreimal das Stadtgeſchütz zur Feier des Tages abgebrannt. Wenige Tage nachher wurde der Schauluſt der Karlsruher ein ſeltenes Schauſpiel dargeboten. Auf der Reiſe zu ihrem Gemahl, dem Kaiſer Napoleon, nahm die Kaiſerin Joſephine in Karlsruhe einen 13 ——————— — 196— kurzen Aufenthalt. Am 28. November nach 6 Uhr abends hielt ſie ihren feierlichen Einzug in die badiſche Reſidenzſtadt. Von Kehl aus durch 2 Stallmeiſter und 200 Mann kurbadiſcher Kavallerie begleitet, war die Kaiſerin in Raſtatt von dem Kurprinzen Karl begrüßt worden, während Markgraf Ludwig ſie in Mühlburg, mit der Leibgarde zu Pferd und einer Abtheilung Huſaren erwartete. Mehrere Stunden weit war die Straße durch zahlreiche Feuer er— leuchtet. Beim Eingange der Stadt, in der Nähe des Mühlburger Thores war eine ſchön illuminierte Ehrenpforte errichtet, in der Langen⸗ ſtraße und in der Schloßſtraße, die ebenfalls beleuchtet waren, bis⸗ zum Schloſſe bildeten das kurfürſtliche Militär und die ſämtlichen uniformierten Bürgerkorps Spalier. Auf der Ehrenpforte und auf der inneren Seite des Durlacher Thores waren in Brillantfeuer er⸗ glänzende Inſchriften angebracht. P. I. J. bedeutete: Pro Imperatrice Josephina, V. L. X. hieß: Votiva Lumina Ardent, H. V. 1 endlich beſagte: Herois Visura Triumphos. Im Garten des Mark⸗ grafen Ludwig vor dem Mühlburger Thore, an welchem die Kaiſerin vorbeifuhr, ſtand ein kleiner Tempel mit der Aufſchrift: Salve, ein größerer tempelartiger Bau enthielt, von Palmen umgeben, die lor⸗ beergekrönte Büſte des Kaiſers Napoleon und trug auf ſeinem Fronti⸗ ſpiz die Inſchrift: M. T. S.(Maximo Triumphatori Sacrum.) Ein Gerüſt zu beiden Seiten des Tempels zeigte die Inſchrift: L'Amour guide vers la gloire. Im großen Zirkel, gerade dem Schloſſe gegenüber, war eine 100 Fuß hohe Säule errichtet, auf deren Spitze die Initiale des Namens der Kaiſerin in Flammenſchrift zu leſen war, auf dem Piedeſtal ſtand Galliarum Augustae. An den beiden rechts und links zunächſt gelegenen Straßeneingängen waren Triumphbogen zu Ehren der beiden Armeen in Italien und Deutſch⸗ land, weiterhin auf jeder Seite ein hoher Obelisk, den Manen der Gefallenen zu Ehren, angebracht, den Abſchluß bildeten an beiden Enden des Zirkels zwei Altäre mit brennenden Urnen. Die ganze Anordnung war von Baudirektor Weinbrenner getroffen, der in Italien ſolche Beleuchtungen kennen gelernt hatte. Die Luft war ruhig, der nächtliche Himmel tief dunkel, ſo daß die ganze Veranſtaltung einen großen Eindruck hinterließ. Die Stadt war voll Menſchen, alle Ein⸗ heimiſchen waren auf den Beinen, viele Fremde aus nah und fern waren herbeigeſtrömt. ä˖ 19.,— Unter Glockengeläute und Salutſchüſſen fuhr die Kaiſerin durch die Stadt. Vor dem Schloſſe trat der greiſe Kurfürſt mit dem Kur⸗ prinzen und den Markgrafen Friedrich und Ludwig an ihren Wagen⸗ ſchlag, um ſie zu begrüßen. Wem es gelang, in die Nähe des kai— ſerlichen Wagens vorzudringen, der ſah eine niedliche kleine Geſtalt mit blaſſer Geſichtsfarbe ausſteigen, in rotem reich in Gold geſtickten Sametüberrock auf einem weißen ebenfalls reich geſtickten Unterkleide, das Haupt mit einem goldgeſtickten Schleier bedeckt. An der Treppe von der Markgräfin Amalie empfangen, zog ſich die Kaiſerin, von der Reiſe ermüdet, ſofort in ihre Gemächer zurück, nur ihr Gefolge erſchien bei der Abendtafel. Um die Mittagsſtunde des 29. November war großer Cerele bei der Kaiſerin, der die Markgräfin alle hoffähigen Damen vor⸗ ſtellte. Joſephine trug ein roſa Schleppkleid mit einem breiten Kranz von Myrthen eingefaßt und einen prachtvollen Schmuck von Opalen und Diamanten. Nach der Familientafel fand um 4 Uhr eine Aus⸗ fahrt der Kaiſerin mit dem Kurfürſten, dem Kurprinzen und einer Hofdame ſtatt. Vorauf fuhr der Oberforſtmeiſter von Adelsheim, den 2 Forſtmeiſter und 12 Gardiſten zu Pferde begleiteten, hier⸗ auf kam ein ſechsſpänniger Wagen mit Kavalieren, der Oberſtſtall⸗ meiſter, 4 Läufer, ſodann der Wagen der Kaiſerin, mit 8 Pferden beſpannt, ein Zug Garden, ein dritter Wagen, ſechsſpännig, ſchloß den Zug. Man fuhr durch die Stadt, in den Faſanengarten und be⸗ ſichtigte die umliegende Gegend.“ Abends war Concert und Cour. Am 30. November morgens 9¼ Uhr reiste die Kaiſerin ab. Wieder ertönten alle Glocken und die Kanonen donnerten. Der Markgraf Ludwig fuhr dem Wagen der Kaiſerin vorauf. Der Kurprinz war bis Pforzheim vorangeeilt, um von da die Kaiſerin bis zur Landes⸗ grenze zu geleiten. Die Straßen der Stadt, durch welche die Fahrt ging, waren mit Sand beſtreut und von Neugierigen gefüllt. Das Reiſeziel der Kaiſerin war zunächſt Stuttgart und München. Bald kamen neue Nachrichten vom Kriegsſchauplatze, welche aber⸗ malige Siege der Franzoſen über Sſterreicher und Ruſſen meldeten. Dem für die franzöſiſchen Waffen ſo glücklichen Tage von Auſterlitz (3. Dezember) folgten alsbald Verhandlungen und am 6. Dezember der Abſchluß eines Waffenſtillſtandes, von dem man aber in Karls⸗ ruhe erſt am 13. Dezember Kenntnis erhielt. Sofort wurde ein 198 Dankfeſt in der Schloßkirche angeordnet, das am 14., vormittags 11 Uhr, unter dem Donner der Kanonen ſtattfand. Der bald nachher zu Preßburg abgeſchloſſene Friede, von dem der Kurfürſt Karl Friedrich durch den in beſonderer Sendung an ihn abgeordneten General Lemarois Nachricht erhielt, brachte Baden reich⸗ lichen Lohn für die erſte Waffenbrüderſchaft mit dem ſiegreichen Frank⸗ reich. Die Vergrößerung, die dem Kurſtaate Baden zuteil wurde, umfaßte über 40 Quadratmeilen mit 164000 Einwohnern: den größ⸗ ten Teil des Breisgaus, die Ortenau, die Deutſchordenskommende Mainau, die Herrſchaften Blumenfeld und Hagnau und die Stadt Konſtanz. Mit dem Breisgau fielen die Abteien St. Blaſien und St. Peter, St. Märgen und St. Trudpert an Baden, ihre Güter wurden vom Staate eingezogen, und da man ihren Fortbeſtand nicht zuließ, fiel auch ihr Inventar, darunter die ſeit Jahrhunderten an— geſammelten Bücherſchätze, ſoweit ſie nicht vor der Beſitzergreifung außer Landes gebracht waren, dem Staate zu. Die Hofbibliothek in Karlsruhe, die ſchon vorher durch die uralten Manuſcripte der Abtei Reichenau einen bedeutungsvollen Zuwachs erhalten hatte, wurde nun durch die Bibliotheken dieſer Klöſter bereichert, von denen auch den beiden Hochſchulen Heidelberg und Freiburg anſehnliche Beſtandteile zufielen. Auch das Landesarchiv erhielt durch die Urkundenſchätze der aufgehobenen Klöſter eine ſehr erhebliche Erweiterung ſeiner Beſtände. Kaiſer Napoleon in Karlsruhe. Zu Beginn des Jahres 1806 kehrte die badiſche Brigade, die zur Beſetzung der Städte Braunau, Schärding und Paſſau und ſpäter zur Eskorte der bei Auſterlitz gefangenen Ruſſen verwendet worden war, wieder in die Heimat zurück. Bald nachher, am 20. Januar, trafen, von München kommend, Kaiſer Napoleon und Kaiſerin Jo⸗ ſephine in Karlsruhe ein. Schon an der Landesgrenze, bei Enzberg, war das Kaiſerpaar durch einen Triumphbogen mit der Inſchrift: Napoleoni Triumphatori Augusto begrüßt worden, die Stadt Durlach huldigte durch Böllerſchüſſe, die vom Thurmberg erklangen, durch Glockengeläute, Spalier der Bürgerſchaft und Beleuchtung der Fenſter. Hochrufe ertönten während der kaiſerliche Wagen durch die Stadt fuhr und die Freude der Bürgerſchaft klang in einem zu Ehren Napoleons veranſtalteten Ball aus. 199 In Karlsruhe trafen die hohen Gäſte gegen 8 Uhr abends ein, ebenfalls durch Kanonendonner und Glockengeläute begrüßt. Vor dem Durlacher Thor war ein großer beleuchteter Triumphbogen mit den Inſchriften: Hostium Victori und Patriam servavit errichtet. Am anderen Ende der erleuchteten Straße, beim Mühlburger Thor ſtand ein zweiter Triumphbogen, an dem in Brillantfeuer die Worte: Pacem restituit erglänzten. Am Durlacher Thor ſtand der Bür⸗ germeiſter mit einer Deputation des Stadtmagiſtrats, um eine in franzöſiſcher Sprache abgefaßte, auf Atlas gedruckte Dankadreſſe zu überreichen. Von hier bis zum Schloſſe bildeten das kurfürſtliche Militär und die ſtädtiſchen Bürgercorps Spalier. Der Zug bewegte ſich durch die lange und Waldhornſtraße, in denen alle Häuſer be—⸗ leuchtet waren.„Ein edler Wetteifer— ſagt der amtliche Bericht— hatte ſich aller Einwohner bemächtigt; jeder ſtrebte in dem Ausdruck ſeiner Ehrfurcht gegen Napoleon, den Unbeſiegten, es dem andern zuvorzuthun.“ Das deutſche Selbſtbewußſein war unter dem Einfluß der neuen franzöſiſchen Freundſchaft ſchon ſo weit zurückgedrängt, daß die guten Karlsruher ihre Begeiſterung in der fremden Sprache kund gaben, indem ſie:„Vive Napoléon le grand“ riefen. Das Wetter war dem feierlichen Einzug nicht günſtig. Es regnete ſo heftig, daß die geplante allgemeine Illumination auf den nächſten Tag verlegt werden mußte. Im Laufe dieſes Tages fanden bei Hofe wichtige Verhandlungen ſtatt. Eben erſt hatte Napoleon in München ſeinen Stiefſohn Eugen Beauharnais, Vizekönig von Italien, mit der Prinzeſſin Auguſte von Bayern vermählt, auf der Durchreiſe in Stuttgart hatte er für ſeinen Bruder Jéröme um die Hand der württembergiſchen Prinzeſſin Ka⸗ tharina geworben, hier in Karlsruhe wünſchte er eine Verbindung des Kurprinzen mit einer Nichte ſeiner Gemahlin, Stephanie Beauharnais, zum Abſchluß zu bringen. Es wird berichtet, daß ſich die Mutter des Kurprinzen, die Markgräfin Amalie, ernſtlich dagegen ſträubte und erſt durch das Verſprechen einer Adoption Ste⸗ phanies durch Kaiſer Napoleon bewogen wurde, ihre Zuſtimmung zu erteilen. Ein äußeres Zeichen der Befriedigung des Kaiſers über den ihm erwünſchten Ausgang dieſer Verhandlungen, als deren wich⸗ tigſtes Ergebnis die politiſchen Ratgeber des Kurfürſten die Eröffnung neuer Ausſichten auf noch weitere Vergrößerung des Landes betrach⸗ — 200— teten, war die Verleihung des Großbandes der Ehrenlegion an den Kurfürſten und den Kurprinzen durch Kaiſer Napoleon, der dagegen ſeinerſeits aus Karl Friedrichs Händen das Großkreuz des badiſchen Hausordens der Treue entgegennahm. Im Laufe des Vormittags wohnte der Kaiſer einer großen Pa⸗ rade der kürzlich aus dem Felde heimgekehrten Truppen bei, nämlich der Infanterieregimenter Kurfürſt und Markgraf Ludwig, der Grena⸗ dier⸗ und Jäger⸗Bataillons, der Garde du Corps, des Huſarencorps und des Artilleriebataillons. Den übrigen Teil des Tages verbrachten die Herrſchaften im engſten Familienkreiſe, abends fand großer Hof— ball ſtatt. Als der Kaiſer, die Markgräfin führend, den Marmorſaal betrat, wo alle Damen verſammelt waren, um ihm vorgeſtellt zu werden, rief er aus: Vous ave là une belle cour! Während des Balles ſaß er auf einer Eſtrade zwiſchen der Markgräfin und dem Kurfürſten, an deſſen anderer Seite die Kaiſerin Joſephine Platz genommen hatte. Napoleon führte beſonders mit der Markgräfin, die er als eine geiſtvolle Frau ſehr hoch hielt, eine lebhafte Konver⸗ ſation. Ein und das andere Mal traten die Herrſchaften auf den großen Balkon, um die Illumination zu beſehen, die, wie beim erſten Aufenthalt der Kaiſerin Joſephine, von Weinbrenner mit vielem Ge⸗ ſchmack angeordnet war. Alle Häuſer des Zirkels mit ihren Arkaden waren erleuchtet, ebenſo die neuen von der Peripherie der Stadt gegen das Schloß zu führenden geradlinigen Straßen. In der Mitte des Zirkels erhob ſich ein großer Tempel mit der Inſchrift: Paci sacrum, zu beiden Seiten deſſelben ſtanden Altäre und Säulen mit den Initialen NT und Jund den Inſchriften Imperatori Invicto Felici Augusto und Augustae Egregiae Indulgentissimae Op- timae, ſowie Triumphogen mit der Inſchrift: Militi Triumphanti und Obelisken, auf denen Manibus Defunctorum NMilitum zu leſen war. Die Initialen Uund A deuteten auf die zwei Hauptaktionen des letzten Krieges bei Ulm und Auſterlitz hin. Am 22. Januar morgens nach 9 Uhr verließen die franzöſiſchen Majeſtäten Karlsruhe wieder unter dem gleichen Ceremoniell, mit dem ſie beim Einzug begrüßt worden waren, die Fahrt ging durch die Waldſtraße und durch das Mühlburger Thor. Der Kurprinz und Prinz Ludwig gaben ihnen das Geleit bis Straßburg, wo neue Feſte ihrer harrten. dli — 201— Abermalige Befürchtungen eines Wechſels der Reſidenz. Die Kunde von der bevorſtehenden Vermählung des Kurprinzen hatte ſich mit größter Schnelligkeit in der Reſidenzſtadt verbreitet, die Freude der loyalen Bürgerſchaft über die Verbindung ihres künf⸗ tigen Regenten mit dem Hauſe des mächtigen Kaiſers der Franzoſen wurde aber alsbald durch das wohlverbürgte Gerücht getrübt, daß Mannheim zur Reſidenz des jungen fürſtlichen Ehepaares auserſehen ſei, woran ſich die Befürchtung knüpfte, es möchte auch nach dem Ableben des greiſen Kurfürſten die pfälziſche Hauptſtadt für die Dauer zum Wohnſitz des regierenden Fürſten erhoben werden. Die Be— ſtürzung der Karlsruher wuchs noch, als Perſonen, die in die Ge— heimniſſe des Hofes eingeweiht zu ſein vorgaben, die Nachricht ver— breiteten, daß auch die Markgräfin Amalie Karlsruhe verlaſſen und nach Bruchſal überſiedeln wolle. Dieſe beunruhigenden Gerüchte veranlaßten den Stadtrat, ſich mit einem Ausſchuß von Bürgern zu beraten. Es ergab ſich dabei die Unmöglichkeit, den Entſchluß der Verlegung der Reſidenz des Kur— prinzen nach Mannheim für jetzt rückgängig zu machen. Man be⸗ ſchloß daher, ſich darauf zu beſchränken, die Stadt der Gnade des Kurprinzen zu empfehlen und bei dieſer Gelegenheit Erkundigungen einzuziehen, die geeignet ſein dürften, die Einwohnerſchaft zu beruhigen. Für die Markgräfin hoffte man in einem großen Privatgebäude eine geeignete Wohnung ausfindig zu machen und man war einig, daß zu dieſem Zwecke kein Opfer zu groß ſein dürfe. Sekretär Cnefelius und Kaufmann Lauer übernahmen es, den Kammerherrn von Berck— heim und den Oberhofmarſchall von Montpernis zu bitten, die An— ſchauungen des Hofes zu erforſchen. Das Ergebnis dieſer Verhand— lungen war die Bezeichnung des Hauſes der Frau Obriſtin von Freyſtedt als geeignet, der Markgräfin zur Wohnung zu dienen. Es wurde nun beſchloſſen, daß eine Deputation der Bürgerſchaft, deren Anliegen Oberamtsaſſeſſor Eiſenlohr in paſſenden ſchriftlichen Aufſätzen formuliert hatte, Audienzen beim Kurfürſten, bei der Mark— gräfin und beim Kurprinzen nachſuchen ſolle. Die Deputation, aus den Herren D. Bayer, Chr. Griesbach und Friedrich Lauer beſtehend, wurde am 13. Februar vom Kurfürſten und von der Markgräfin, am 15. vom Kurprinzen empfangen. Das Ergebnis ihrer Vorträge bei den fürſtlichen Herrſchaften war die Beſtätigung der Abſicht, die — 202— Reſidenz des Kurprinzen für jetzt nach Mannheim zu verlegen, das Verſprechen, daß Karlsruhe auch nach dem dereinſtigen Regierungs⸗ antritte des Kurprinzen die Reſidenzſtadt des regierenden Herren blei⸗ ben ſolle, endlich die Ablehnung des Anerbietens, ein Palais für die Markgräfin zu erwerben, die ſich nicht entſchließen könne, ein Opfer von ſolchem Belang von der— wie ſie wohl wiſſe— nicht reichen Bürgerſchaft, die zudem jetzt mehr Laſten als ſonſt habe, anzunehmen, aber wohl überlegen wolle, wie ihrem eigenen und dem Wunſche der Bürgerſchaft, daß ſie ihren Wohnſitz in Karlsruhe beibehalte, Ge⸗ nüge geleiſtet werden könne. Der Deputation gereichte es zur be— ſonderen Freude, aus dem Munde der fürſtlichen Herrſchaften die Verſicherung ihrer Anhänglichkeit an Karlsruhe wiederholt und in der freundlichſten Weiſe zu erhalten. Ein ausführlicher Bericht über den ganzen Vorgang wurde am 21. Februar den ſtädtiſchen Akten einverleibt. Wurde durch die erhaltenen Zuſicherungen aus fürſtlichem Munde die ernſte Sorge der Karlsruher Bürger beſchwichtigt, ſo hatten ſie ſich ſchon vorher an dem erhöhten Glanze des kurfürftlichen Hofes erfreut, der unter anderm auch dadurch eine neue Zierde erhielt, daß die Herrſcher von Bayern und Württemberg, welche nach dem Preß⸗ burger Frieden den Königstitel angenommen hatten, Geſandte in Karlsruhe beglaubigten. Der bayeriſche Freiherr von Reibelt und der württembergiſche Freiherr von Uxküll-Gyllenband über⸗ reichten Ende Januar 1806 ihre Creditive. Verlobung und Vermählung des Kurprinzen. Die Kunde von der Adoption der Nichte der Kaiſerin Joſephine, Stephanie Beauharnais, durch Kaiſer Napoleon und ſeine Ge⸗ mahlin und die Verleihung des Prädikats„Kaiſerliche Hoheit“ an dieſelbe erfuhren die Karlsruher nur durch eine Notiz in den„Ver⸗ miſchten Nachrichten“ des amtlichen Blattes. Erſt am 9. März wurde bei ſolenner Cour die Verlobung des Kurprinzen Karl Ludwig Fried⸗ rich mit der kaiſerlich franzöſiſchen Prinzeſſin Stephanie Napoleon, adoptierten Tochter Ihrer Kaiſerlichen Königlichen Majeſtäten, öffent⸗ lich bekannt gemacht. Am Tage vorher hatte der kaiſerliche Kammer⸗ herr Hector d'Aubuſſon la Feuillade dem Kurfürſten ein die Ver⸗ Der lobung notifizierendes kaiſerliches Handſchreiben überbracht. — 203— Kurfürſt nahm die Glückwünſche ſeines Hofſtaates entgegen und erhob bei der Feſttafel ſein Glas mit den Worten:„Je bois à la santé de la Princesse Stephanie Napoléon!“ Einer der Anweſenden ſchrieb in ſein Tagebuch:„Es war, als ob die alte Zeit die neue begrüßte.“ Am 18. April traf die amtliche Nachricht aus Paris ein, daß im Tuilerienpalaſt am 7. April, Abends 8 Uhr die Ceremonien der Unterzeichnung des Ehevertrages, der Verlobung und des Civilaktes der Vermählung des Kurprinzen Karl und der Prinzeſſin Stephanie ſtatt gehabt haben und daß am 8. April die eheliche Einſegnung unter prunkvollen Feſtlichkeiten erfolgt ſei. Zur Feier dieſes Ereig⸗ niſſes fand am 20. April am Karlsruher Hofe große Gala ſtatt. Aber erſt am 20. Juni brachte ein Courier aus Paris die Botſchaft, daß in den nächſten Tagen der Einzug des neuvermählten Paares in die Reſidenzſtadt erfolgen werde und am 4. Juli wurden die ſeit Wochen hochgeſpannten Erwartungen der Karlsruher durch das glänzende Schauſpiel dieſes Einzuges erfüllt. Straßburg, wo der Kurprinz und ſeine Gemahlin am 3. Juli, früh 4 Uhr eingetroffen und im Kaiſerlichen Palaſte abgeſtiegen waren, hatten ſie am 4. Juli, nachmittags 1 Uhr verlaſſen und in Begleitung des ihnen bis Straßburg zur Begrüßung entgegengeeilten Markgrafen Ludwig, des Oberſtkammerherrn von Geuſau und ihres neuen Hofſtaates bei Kehl die badiſche Grenze überſchritten. Von Kehl an durch badiſche Kavallerie eskortirt, in allen Ortſchaften, welche ſie paſſierten, unter Glockengeläute von den Gemeindebehörden, den Geiſtlichen und der Schuljugend jubelnd empfangen, beſtiegen der Kurprinz und die Kurprinzeſſin bei Grünwinkel an der Alb⸗ brücke den ihnen vom Kurfürſten entgegengeſchickten ſechsſpännigen Staatswagen und fuhren unter Vorritt des Oberſtſtallmeiſters, Frei⸗ herrn von Geyer, zweier Stallmeiſter, nebſt 6 Läufern und 2 Hei⸗ ducken und begleitet von der Garde du Corps, ſowie der Bürger⸗ Kavallerie von Ettlingen und Karlsruhe nach der Reſidenzſtadt, wo ſie unter Kanonendonner und Glockengeläute Abends /8 Uhr am Mühlburger Thore eintrafen. An einer mit Baumreiſern und Blumen⸗ gewinden geſchmückten Ehrenpforte wurde das fürſtliche Paar vom Oberamt, von der Geiſtlichkeit, dem Stadtmagiſtrat, ſämtlichen Vor⸗ ſtehern der Reſidenz und der Vorſtadt Klein-Karlsruhe nebſt jenen — 204— der jüdiſchen Gemeinde und von den vor dem Thore Reihen bilden— den Schulkindern, welche den Wagen mit Kränzen umwanden und den Weg mit Blumen beſtreuten, mit Hochrufen empfangen. Der Stadtmagiſtrat überreichte auf ſamtenem Kiſſen eine in deutſcher und franzöſiſcher Sprache abgefaßte Adreſſe, welche huldvollſt entgegen genommen wurde. Von hier an bildeten das bürgerliche Infanterie⸗ korps und die Infanterie-Regimenter Kurfürſt und Markgraf Ludwig Spalier durch die Lange- und Waldſtraße, an deren Mündung in dem großen Zirkel beim Palais des Markgrafen Ludwig eine ver⸗ grünte Ehrenpforte errichtet war. Auf dieſem Wege und an den drei Orangeriehäuſern vorbei bewegte ſich der Zug zum Schloſſe. Unter dem großen Portal wurden die Neuvermählten von der fürſtlichen Familie und dem geſamten Hofſtaate empfangen und in die Ge— mächer des Kurfürſten geleitet, der ſie auf das herzlichſte begrüßte. Als ſich hierauf der Kurprinz und die Kurprinzeſſin in ihre Zimmer begaben, wurden ihnen von einer Anzahl ſchöner Mädchen der Stadt Gedichte und Kränze überreicht und das Veſtibül nebſt der großen Treppe mit Blumen beſtreut. Inzwiſchen war die ganze Stadt be⸗ leuchtet worden und man genoß von den Fenſtern des Schloſſes aus ‚ den bekannten ſchönen Ausblick auf den beleuchteten Zirkel. Beſon⸗ ders prächtig erſtrahlten in hellſtem Lichterglanze die Palais des Markgrafen Ludwig und des franzöſiſchen Geſandten, das Rathaus, das Mühlburger und Durlacher Thor und ein am Ende der ſym— metriſch erleuchteten verlängerten Herrengaſſe errichteter Feuertempel. Auch viele Privatgebäude waren glänzend illuminiert. Dem Schloſſe gegenüber und an anderen Plätzen aber waren Muſikbanden aufge⸗ ſtellt, welche die Klänge ihrer Fanfaren erſchallen ließen. Am nächſten Tage fand bei Hofe Gala und Vorſtellung der Damen, der Fremden, des Offizierkorps und der kurfürſtlichen Dika⸗ ſterien ſtatt und am 6. Juli ſchloß ein Hofball die Reihe der Ein⸗ zugsfeſtlichkeiten ab. In der Karlsruher Zeitung vom 7. Juli 1806 liest man eine ausführliche Schilderung der Feſtbeleuchtung, der ver⸗ ſchiedenen Dekorationen, Transparente und Inſchriften, die jenen ähnlich waren, welche ſeiner Zeit beim Einzuge des Kaiſers Napoleon angeordnet waren, auch dieſes Mal wieder ein Werk des Baudirektors Weinbrenner,„deſſen Namen auch das Ausland mit Achtung nennt“. Auch die Adreſſen, welche der Magiſtrat und„eine Anzahl junger — 205— Rausgezeichneter Schönen hieſiger Reſidenz“ überreichten, ſind in der Karlsruher Zeitung abgedruckt, doch nur in deutſcher Sprache, wäh⸗ rend die an die Kurprinzeſſin gerichteten Huldigungsworte in fran⸗ zöſiſcher Sprache abgefaßt waren, da die junge Fürſtin des Deutſchen nicht mächtig war. Noch geraume Zeit hindurch waren die Spalten des amtlichen Blattes von Gedichten, ſowie von Meldungen über die Feſte, die dem neuvermählten Fürſtenpaare, welches alsbald die Pfalz bereiste, allenthalben dargebracht wurden, gefüllt. Ganz be⸗ ſonders glänzend war das Feſt, welches Markgraf Ludwig am 15. Juli in ſeinem prachtvoll gezierten und beleuchteten Garten vor dem Mühl⸗ burger Thore veranſtaltete. Kurz vor dem Einzug des Fürſtenpaares war der greiſe Kur⸗ fürſt erkrankt. Seiner Wiedergeneſung wie der Vermählung des Kurprinzen zu Ehren wurde am 27. Juli in den ſämtlichen Kur— landen und bei allen Religionsgemeinſchaften ein feierliches Kirchen— dankfeſt gefeiert. In Karlsruhe wurde in der Schloßkirche und in allen übrigen Gotteshäuſern, während die Kanonen gelöſt wurden, das„Herr Gott Dich loben wir“ geſungen, wozu der Oberhof⸗ prediger und Kirchenrat Walz eigens einen dieſer Feier angepaßten Text verfaßt und der 89jährige Kapellmeiſter Schmittbauer, der ſich ſchon ſeit 62 Jahren in badiſchen Dienſten befand, eine neue Melodie komponiert hatte. Alle Fürſtlichkeiten wohnten dem Gottesdienſte bei, die Lob⸗ und Dankrede hielt Oberhofprediger Walz. Schon am 18. Juli hatte in Gegenwart des ganzen Hofes die Judenſchaft der Reſidenzſtadt in ihrer neuen Synagoge, die bei dieſem Anlaß ein⸗ geweiht wurde, den feierlichen Dankgottesdienſt abgehalten, den die Karlsruher Zeitung in einer beſonderen Beilage ausführlich beſchreibt. Am Ende des Monats begab ſich der Kurfürſt mit dem Mark⸗ grafen Ludwig, der Reichsgräfin von Hochberg und der reichsgräf⸗ lichen Familie nach Baden, der Kurprinz mit ſeiner Gemahlin nach dem Schloß Favorite. Baden wird Groſiherzogtum. Inzwiſchen hatten ſich wichtige politiſche Vorgänge vollzogen. Baden hatte ſich dem rheiniſchen Bunde angeſchloſſen, der unter Na⸗ poleons Protektorat 16 deutſche Fürſten dem Vaterland entfremdete und der franzöſiſchen Politik zinspflichtig machte. Am 12. Juli 1806 war die Beitrittsakte unterzeichnet worden. Der Lohn des An⸗ ſchluſſes an dieſes Bündnis, welchem fern zu bleiben Baden nicht in der Lage war, da die Weigerung des Beitrittes ſeine Vernichtung bedeutet hätte, war eine abermalige Vergrößerung des Staatsgebietes um 91 Quadratmeilen mit 270000 Einwohnern. Durch den Ab— ſchluß des Rheiniſchen Bundes war die Auflöſung des Römiſch⸗ deutſchen Reiches von ſelbſt vollzogen. Es war nur eine Form, daß Kaiſer Franz II. die Kaiſerkrone ablegte und fortan nur noch den ſchon im Auguſt 1804 angenommenen Titel eines Kaiſers von Oſter⸗ reich führte. Der Auflöſung des Reiches und der erhöhten Bedeu⸗ tung des nunmehr ſouveränen badiſchen Staates entſprach die An⸗ derung des Titels des Staatsoberhauptes. Der Kurfürſt Karl“ Friedrich nahm jetzt den Titel„Großherzog“ an und ſetzte von dieſem Entſchluß ſeine Unterthanen durch eine vom 13. 50 1806 datierte Bekanntmachung in Kenntnis. Die Einfügung der neuen Gebietserwerbungen in den badiſchen Staat erheiſchte neue Organiſationen, die Beſtimmungen der Rhei⸗ niſchen Bundesakte eine abermalige Vermehrung der Truppen. Das Großherzogliche Truppenkorps wurde nunmehr auf den Beſtand von 5 Infanterie- und 4 Garniſonsregimentern, 1 Jägerbataillon, 3 Ka⸗ vallerieregimentern und 1 Artilleriebataillon erhöht. Die militäriſche Neubildung war noch nicht abgeſchloſſen, als auch ſchon der Krieg Frankreichs gegen Preußen und Rußland ausbrach und die badiſchen Truppen nach einer ziemlich überſtützben Mobilmachung ins Feld rücken mußten. Der Krieg von 1806. Am 4. Oktober verließ der Erbgroßherzog Karl die Reſidenz⸗ ſtadt, um ſich in das Hauptquartier des Kaiſers Napoleon(„des Großen,“ wie das amtliche Blatt hinzufügt) zu begeben. Am gleichen Tage bewerkſtelligte das in Karlsruhe in Garniſon gelegene Leib⸗ infanterieregiment Großherzog unter dem Kommando des Oberſten Joſef von Stockhorn mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ſeinen Abmarſch, während ſchon am 3. Oktober das Infanterieregiment Markgraf Ludwig aus ſeinen Standquartieren Raſtatt und Durlach aufgebrochen war. Nach dem Auszug des Leibinfanterieregiments R ö 4 — 207— hatten die uniformierten Bürgerkorps ſämtliche Wachen in der Reſi⸗ denzſtadt bezogen und fuhren zumteil noch fort, ſie zu verſehen, nach⸗ dem am 8. Oktober das Bataillon der Leibgrenadier-Garde, das den Sommer über in Freiburg im Breisgau in Garniſon geſtanden hatte, wieder in Karlsruhe eingerückt war. Der Ausbruch des Krieges, ſo entlegen auch der Kriegsſchau— platz war, machte ſich doch auch den Karlsruhern dadurch bemerkbar, daß vom 10. Oktober an alle Poſten aus Sachſen, Hamburg, Ber⸗ lin u. ſ. f. ausblieben. Erſt am Morgen des 17. Oktober traf aus Straßburg das offizielle Bulletin ein, welches von der erſten Niederlage der preußiſchen Truppen und dem Heldentode des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen Kunde gab. Fortan waren es regel— mäßig die amtlichen Nachrichten der franzöſiſchen Armeeleitung, welche in der Karlsruher Zeitung zum Abdruck kamen, nur in vereinzelten Fällen wurden auch Berichte aus preußiſcher Quelle mitgeteilt. Am 6. November kehrte der Großherzog Karl Friedrich mit der Reichsgräfin von Hochberg und den gräflichen Kindern aus Baden zurück, wo ſich in dieſem Jahre ſchon ein ſehr lebhaftes Kur⸗ leben— die Zahl der Kurgäſte betrug bereits 1800— entwickelt hatte. Wie ſchmerzlich mag es dem greiſen Fürſten geweſen ſein, daß die politiſche Lage ihn zwang, am 10. November Napoleons Siege über die preußiſche Armee und den Staat Friedrichs des Großen durch Löſung der Kanonen und ein Dankgebet und Te Deum in der Schloßkirche zu feiern. Inzwiſchen waren noch weitere Truppen⸗ teile marſchbereit gemacht worden. Am 13. November marſchierte das Jägerbataillon von Bruchſal ab, ihm folgte am 15. das Dra⸗ gonerregiment aus Durlach, am 17. eine Batterie Artillerie und am 20. das neu errichtete Infanterieregiment von Harrant unter dem Kommando des Oberſten von Stetten und das Huſarenregiment Markgraf Ludwig, welches Oberſtlieutenant von La Roche befehligte, aus Karlsruhe. Alle dieſe Truppen marſchierten über Frankfurt, Erfurt und Spandau, um ſich mit der früher ausgerückten badiſchen Truppenabteilung zu vereinigen, die ſeit dem 1. Oktober einen Be⸗ ſtandteil der„großen Armee“ bildete und ſich, nach den Depeſchen eines an den Großherzog entſendeten, am 18. November in Karls⸗ ruhe eingetroffenen Kouriers, zu Küſtrin an der Oder befand. Auch die Kavallerie, die erſt zu Spandau beritten gemacht werden ſollte und ihre Pferde an die zurückbleibende Reiterei und Artillerie ab⸗ gegeben hatte, marſchierte zu Fuße. In der Reſidenzſtadt herrſchte unter dem Einfluſſe der Zeit⸗ ereigniſſe, über die— trotz dem amtlichen Jubel über die franzöſiſchen Siege und der Freude über gelegentlich eintreffende Nachrichten von den badiſchen Truppen, deren vortreffliche Haltung und Tapferkeit die Anerkennung auch der franzoſiſchen Befehlshaber fand“)— ſich niemand freuen mochte, eine gedrückte Stimmung. Der greiſe Großherzog lebte in ſtiller Zurückgezogenheit, die Markgräfin hatte ihre Reſidenz in das Schloß zu Bruchſal verlegt und die Erbgroß⸗ herzogin ihren Wohnſitz in den Schlöſſern zu Mannheim und Schwetz⸗ ingen genommen. Von den Hoffeſtlichkeiten, welche zu anderen Zeiten eine bunte Mannigfaltigkeit in das Leben der Reſidenzſtadt und den Gewerbetreibenden reichen Verdienſt gebracht hatten, war unter den obwaltenden Verhältniſſen keine Rede. Aber das rege Interreſſe an allem, was die fürſtliche Familie und ihre einzelnen Mitglieder anging, war bei den Einwohnern von Karlsruhe immer gleich lebendig. Als vom Oſtſeeſtrande die Nachricht einlief, daß der Erbgroßherzog nach einer nicht unerheblichen Erkrankung wieder völlig geneſen ſei, veranſtalteten patriotiſche Bürger zur Kund⸗ gebung ihrer Freude im Februar 1807 eine Abendmahlzeit im Gaſt⸗ hof zum Darmſtädter Hof, wo unter Vortrag von Geſängen und eigens für dieſe Feſtlichkeit verfaßten Gedichten der Becher kreiste und das Wohl des Großherzogs, des Erbgroßherzogs und der Erb⸗ großherzogin, wie des ganzen großherzoglichen Hauſes in zahlreichen Trinkſprüchen ausgebracht wurde. Nicht minder gedachten patriotiſche Badener der tapferen Landsleute im Felde. Vom 26. Januar 1807 iſt eine in der Karlsruher Zeitung veröffentlichte Dankſagung des Großherzoglichen Kriegskollegiums datiert, welche den Empfang von 3 Speciesdukaten beſcheinigt, die von einem Unbekannten„aus Freude⸗ gefühl über das tapfere Benehmen der diesſeitigen zu Stettin und in jener Gegend ſtehenden Truppen bei einem ſtattgefundenen Schar⸗ mützel mit einem aus der noch vom Feinde beſetzten Feſtung Colberg herausgekommenen Detachement“ durch das Zeitungs-Redaktionsbureau eingeſandt worden waren. ) Z. B. Karlsruher Zeitung 1806 S. 919, 1807 S. 98. — 209— Vom Hofe. Große Freude herrſchte unter der Bürgerſchaft, als die Mark⸗ gräfin Amalie am 11. April von Bruchſal wieder zu längerem Aufenthalt nach Karlsruhe zurückkehrte und von ihrem Palais in der Langen Straße, nahe beim Mühlburger Thor!), Beſitz ergriff. Schon in Durlach wurde die Markgräfin von der Karlsruher berittenen Bürgergarde eingeholt, mit einer kurzen Anrede begrüßt und nach der Reſidenz geleitet, wo die hohe Frau von ſämtlichen Bürgerkorps, die an ihrem Palais aufmarſchiert waren, mit türkiſcher Muſik em⸗ pfangen wurde. Abends wurde dem Palais gegenüber eine mit In⸗ ſchriften gezierte 50 Schuh hohe Pyramide erleuchtet. Anfänglich war dieſes Palais nur zu einem Abſteigequartier beſtimmt, da es nicht ſehr geräumig war. Doch gefiel der Markgräfin der Aufent⸗ halt in der Reſidenzſtadt bald wieder ſo gut, daß ſie Mittel fand, auch in den beſchränkten Räumen viele Gäſte bei ſich zu ſehen. Täg⸗ lich lud ſie einige Perſonen zu Tiſche, zweimal wöchentlich war größere Tafel, jeden Sonntag nach Tiſche Empfang aller bei Hofe vorgeſtellten Damen und Herren. Im April 1807 ſah ſich der Großherzog zur Stiftung eines ausſchließlich militäriſchen Verdienſtordens für Offiziere und von Verdienſtmedaillen für Unteroffiziere und Soldaten, des Karl Friedrich-Ordens, bewogen, mit deſſen Inſignien geſchmückt er am 26. April zum erſten Male ſelbſt erſchien, während gleichzeitig an den Erbgroßherzog und eine größere Anzahl im Felde ſtehender Offiziere und Soldaten eine Verteilung von Ordenskreuzen und Medaillen er⸗ folgte. Wie die mit der Ordensſtiftung verbundene Feierlichkeit, ſo berührte die dem Hofe näher ſtehenden Kreiſe der Einwohnerſchaft Karlsruhes auch die feſtliche Belehnung des Fürſten Karl Alexander von Thurn und Taxis mit der ihm bereits im Jahre 1806 als Thronlehen übertragenen Würde eines Großherzoglich Badiſchen Erblandpoſtmeiſters. Als Stellvertreter des Fürſten war zur Be⸗ lehnungshandlung der fürſtliche dirigierende Geheime Rat Frei⸗ herr von Vrints⸗Berberich in Karlsruhe erſchienen und hatte, zum Schloſſe feierlich eingeholt, in Gegenwart der Großherzoglichen Fa⸗ milie, des Staatsminiſteriums und des geſamten Hofſtaates das 3) Wo ſich ſpäter die Hofapotheke befand, jetzt Kaiſerſtraße 124. 14 210 Lehen empfangen. Der Pomp der Auffahrt des fürſtlichen Vertreters bot der Neugierde des Karlsruher Publikums ein hocherwünſchtes Schauſpiel. 5 Der Krieg im Jahre 1807. Im Laufe des Jahres 1807 machten ſich die kriegeriſchen Zeit⸗ läufe auch den Karlsruhern wieder unmittelbar bemerklich. Am 8. Mai erließ der Stadtkommandant Generalmajor von Eck einen „Avis an die Bürgerſchaft der Reſidenzſtadt Karlsruhe,“ daß das bisher hier bequartiert geweſene Garniſonsregiment von Lindheim werde nach Durlach verlegt, dagegen ein zur Ergänzung des Feld⸗ korps beſtimmtes Detachement von 400 Mann hier werde zuſammen⸗ gezogen und bei der Bürgerſchaft bis zu ſeinem Abmarſch auf freie Hausmannskoſt einquartiert werden“, und am 14. Mai eröffnete Bürgermeiſteramt und Stadtrat der Bürgerſchaft ein von der Stadt⸗ kommandantſchaft an das Oberamt und von dieſem dem Bürger⸗ meiſteramt übergebenes neues Einquartierungs-Reglement. Die wichtigſte Beſtimmung desſelben war die, daß es künftig keinem Einwohner, der Quartier zu tragen ſchuldig iſt, geſtattet ſei, die ihm zugewieſenen Soldaten außer ſeinem Hauſe unterzubringen oder ſich durch baares Geld mit denſelben abzufinden. Demgemäß waren Maſſenquartiere durchaus verboten und ſollte die Verpflichtung, die Soldaten im eigenen Hauſe der Quartierpflichtigen unterzubringen, nur ausnahmsweiſe gegenüber verheirateten Unteroffizieren und Sol⸗ daten oder bei Durchmärſchen fremden Militärs nicht in Kraft treten. Die Quartierpflicht lag zunächſt den Hauseigentümern ob, denen an⸗ heimgeſtellt war, ihre Mieter zu entſprechender Beteiligung an der Quartierlaſt heranzuziehen. Neben der Formierung des Erſatzdetachements, welches beſtimmt war, in Bälde den kürzlich zur Kompletierung des badiſchen Haupt⸗ Auxiliarkorps abgegangenen Truppen auf der Etappenroute nach Danzig zu folgen, wurde gleichzeitig in Karlsruhe ein Reſervekorps mobil gemacht, um zu der Reſerve- oder Obſervationsarmee des Reichsmarſchalls Brune zu ſtoßen und bei derſelben zu bleiben, ohne ſich mit dem Danzig belagernden Hauptkorps zu vereinigen. Am 5. Juni morgens 6 Uhr marſchierte dieſes 1500 Mann ſtarke Re⸗ ſervekorps unter Befehl des Oberſtlieutenants und Generaladjutanten von Porbeck von Karlsruhe ab. Es beſtand aus dem Leibgrenadier⸗ garde-Bataillon, einer Eskadron Huſaren vom Regiment Mark⸗ graf Ludwig, einem len Bataillon und einer halben Batterie von 4 Kanonen, wovon 2 zur reitenden Artillerie gehörten. Die Truppen marſchierten in vortrefflicher Haltung und beſter Stimmung vor dem Großherzog vorbei. Nur drei Tage ſpäter brachte ein Kourier die Nachricht von der Beſetzung der Feſtung Danzig und der Forts Weichſelmünde und Neufahrwaſſer durch die Belagerungsarmee ſowie von der Verleihung des Ordens der Ehrenlegion an den Oberſt⸗ lieutenant Karl von Stockhorn, den Lieutenant von St. Ange und den Korporal Stotzler vom Regiment Erbgroßherzog. Am 15. Juni marſchierte eine weitere zur Kompletierung der Feldregimenter be⸗ ſtimmte Abteilung von 500 Mann, aus Linieninfanterie und Jägern zu Fuß beſtehend, unter dem Befehle des Majors von Rechthaler aus Karlsruhe nach Danzig ab. Am 27. Auguſt verkündigten der Reſidenzſtadt 100 Kanonenſchüſſe die durch einen Kourier— den Kapitän von Kageneck von der Leibgrenadiergarde— überbrachte Nachricht von der am 20. erfolgten Übergabe der Feſtung Stral⸗ ſund an die alliierte Armee. Bei ſeinem Abgang hatte die Leib⸗ kompagnie der badiſchen Grenadiergarde bereits ein Thor der Feſtung beſetzt. An der Belagerung hatte zuletzt auch noch das badiſche Auxiliarkorps unter Generallieutenant von Cloßmann teilgenommen. Grundſteinlegung der evangeliſchen Stadtkirche. Im ſchärfſten Gegenſatz zu dieſen kriegeriſchen Leiſtungen, zu denen, ſich das ganze Großherzogtum Baden durch das Machtwort ſeines Protektors gezwungen ſah, ſtand ein feierlicher Akt, der am 8. Juni 1807 in Karlsruhe vollzogen wurde— die Grundſteinlegung der evan⸗ geliſch⸗lutheriſchen Stadtkirche. Südöſtlich von der Konkordienkirche, dem erſten von Markgraf Karl Wilhelm in der Reſidenzſtadt erbauten Gotteshauſe, war der Platz zur Errichtung der neuen Kirche aus⸗ geſucht worden. Seit Wochen waren emſige Hände bemüht geweſen, den Baugrund auszuheben und das Balkenwerk herzurichten, welches als Roſt für die Fundamente des Kirchenbaues dienen ſollte. Schon um 8 Uhr morgens verſammelten ſich die ſämtlichen uniformierten Bürgeatorps unter Anführung ihrer Kommandanten am Rathauſe. Im alten Lyceumsgebäude verſammelten ſich die Mitglieder des Kon⸗ 14* — 212— ſiſtoriums und der anderen Kollegien und die Geiſtlichkeit, im Rat⸗ hauſe das Oberamt, das Phyſikat, der Stadtrat und die Kirchen⸗ cenſoren. Die Profeſſoren und die Lyeeiſten der oberen Klaſſen und die Volksſchüler kamen aus ihren Schulgebäuden nach dem Bauplatz gezogen. Um 9 Uhr begann das Bürgermilitär vom Schloßplatz durch die Bärengaſſe bis zur Konkordienkirche Spalier zu bilden. Als es 10 Uhr ſchlug, läuteten die Glocken der Konkordienkirche, und eine Abordnung der Staatsbehörden, die Kirchenbaukommiſſion unter Führung des Geh. Finanzrates Herzberg, nebſt einem Teil des Stadt⸗ magiſtrates begab ſich an das Ende der Bärengaſſe, um den Groß⸗ herzog Karl Friedrich ehrerbietigſt zu begrüßen und mit der fürſt⸗ lichen Familie und großem Gefolge zur Konkordienkirche zu geleiten, an deren Thüre eine Wache von der Garde du Corps aufgeſtellt war. Nach Abſingung des Liedes„Gott ſei Preis und Dank“ ſprach der Kirchenrat und Spezial Volz im Anſchluß an Pſalm 26, 8, „Herr ich habe lieb u. ſ.f.“ tiefgefühlte Worte des Abſchieds. Denn unmittelbar nach der Grundſteinlegung der neuen Kirche ſollte mit dem Abbruch der alten begonnen werden. Zum letzten Male erklangen die Glocken, als das Vater Unſer gebetet wurde, um alsbald durch das aus Frauenalb ſtammende Geläute der reformierten Kirche ab⸗ gelöſt zu werden, in der fortan bis zur Vollendung des Neubaues auch der lutheriſche Gottesdienſt abgehalten werden ſollte. Und nun bildete ſich der Zug zur Bauſtelle. Das Bürgermilitär mit klingen⸗ dem Spiele ſchritt vorauf. Der Schützenkompagnie in ihrer hecht⸗ grauen Uniform mit gelber Weſte, hellgrünen Kragen nnd Aufſchlägen und Achſelklappen aus gewundenen Goldſchnüren folgten drei Kom⸗ pagnien Infanterie in dunkelblauer Uniform, die Hüte mit weißblauen Federbüſchen geziert. Die Bürgerartillerie hatte auf der Schießwieſe Aufſtellung genommen und gab dort aus ihren zwei Geſchützen die⸗ Feſtſalven ab. Nach dem Bürgermilitär ſchritt der Stadtrat, den Bürgermeiſter Gabriel Bauer an der Spitze, einher. Das Oberamt führte Hofrat Preuſchen, ſodann kam das Phyſikat und unter Vor⸗ tritt des Baudirektors Weinbrenner das Bauamt. Dem Baudirektor zur Seite gingen zwei weißgekleidete Mädchen, welche die zwei ſilbernen Inſchriftstafeln trugen, die in den Grundſtein geſenkt werden ſollten. Dem greiſen Großherzog, den Prinzen und ihrem Gefolge ſchloß ſich die Geiſtlichkeit an, welche die dem Gottesdienſte gewidmeten heiligen — 213— Gefäße trug, das Konſiſtorium, die Miniſter, die Kollegien folgten und eine Abteilung Bürgermilitär ſchloß den Zug. Die heiligen Gefäße, die Inſchriftstafeln, die Münzen wurden auf einen an der Bauſtelle errichteten Altar geſtellt, und während der Großherzog den Bauplatz betrat, ertönte Muſik und das Lied„Jehova“. Die Ein⸗ weihungsrede hielt der Stadtpfarrer Kirchenrat Gockel unter Zugrund— legung des Textes Offenbarung 21, 3,„Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menſchen“. Weinbrenner bot dem Großherzog als Bau— herrn Hammer und Kelle, Prachtſtücke von Silber aus der Werk— ſtätte des Gürtlers Raupp, und Karl Friedrich ſprach, während er mit dem ſilbernen Hammer drei Schläge auf den Grundſtein that, in welchen inzwiſchen die Inſchrifttafeln, Münzen u. ſ. w. gelegt worden waren, die Worte:„Zur Ehre Gottes, zur Zierde der Stadt und zu der Menſchen Seelenheil ſei dieſer Bau gegründet.“ Eine Salve von 50 Kanonenſchüſſen verkündete weithin den feierlichen Augenblick. Nachdem der Geiſtliche die Feier mit Gebet und Segen geſchloſſen hatte, ſetzte ſich der Zug unter den Klängen der Muſik nach der reformierten Kirche in Bewegung, wo die heiligen Gefäße aufgeſtellt wurden und Kirchenrat Kühlenthal eine Rede hielt, in welcher er dem Gedanken einer Vereinigung der beiden Schweſterkirchen, der lutheriſchen und reformierten, die ſich 14 Jahre ſpäter in der That vollzog, aber ſchon damals von vielen Geiſtlichen und Laien gewünſcht wurde, ergreifenden Ausdruck verlieh. Noch ehe der Großherzog ſich wieder in das Schloß begab, empfing er eine Abordnung von Beamten und Bürgern, welche den Dank der lutheriſchen Gemeinde für die Stiftung des neuen Gotteshauſes darbrachte. Auf den ſilbernen Tafeln ſtand— auf der einen in deutſcher, auf der andern in lateiniſcher Sprache— nachſtehende Inſchrift: Der öffentlichen Verehrung Gottes und Jeſus Chriſtus Widmet mit fürſtlicher Milde, gründet mit eigener Hand dieſen Tempel Karl Friedrich Großherzog von Baden Des edeln Zähringer Stammes Entſproſſener und Wiederbeleber Der Weiſe und Gute Seiner Staaten glücklicher Mehrer Gottes, des Vaterlandes, der Zeitgenoſſen Liebling — N4A Jedes Zeitalters Wunſch und Sehnſucht Im 79. Jahre Seines Lebens im 61. Seiner Regierung. Entworfen und aufgeführt von Friedrich Weinbrenner Erſtem Baubeamten Seiner künftigen Beſtimmung geweiht von Bernhard Gockel Und Theodor Volz, Oberpfarrer In Gottes ſchützende Hand feierlich gelegt Von Joh. Gerh. Herzberg, der Kirchenregierung Vorſteher Und deren Räthen Gottl. Aug. Tittel, der höheren Landesſchule Aufſeher, Mit ihren Lehrern und Zöglingen Friedr. Wilh. Preuſchen, Oberſtem Beamten der Stadt Und deren Amtsgehilfen Gabriel Bauer, Bürgermeiſter Und dem Rath der Stadt Werde Dieſes Haus von Gott bewahrt der Sittlichkeit und Tugend nach Jeſu Chriſtus Lehre und Vorbild geſegnete Pflanzſtätte für uns und eine ſpäte 0 Nachwelt. Den 8. Juni 1807 Am 22. Geburtstage Karl Ludwig Friedrichs des geliebteſten Erbgroßherzogs. Nach der Feier waren die Herren von der Kiechenbäckonrttiffon mit dem Baudirektor Weinbrenner im Schloſſe zur Tafel geladen, im Darmſtädter Hof, im Ritter und im Straßburger Hof aber war den ſämtlichen beim Wh ein fröhliches Mahl bereitet. 15 Nach dem Culſter Frieden. Einen Monat ſpäter wurde zu Tilſit der Friede zwiſchen Frankreich einer, Preußen und Rußland anderſeits unterzeichnet und unmittelbar nachher gab Großherzog Karl Friedrich einen neuen Beweis ſeiner landesväterlich milden Geſinnung, indem er am 18. Juli durch ſein Kriegskollegium verkünden ließ,„daß allen denjeni⸗ gen, welche dem Milizzuge entwichen und die nicht auf dem Marſch in's Feld oder im Feld ſelbſt ſeit dem 1. Oktober 1806 bis jetzt deſer⸗ tiert ſind und ſonſt kein Verbrechen begangen haben, ein General⸗ pardon erteilt werden ſolle.“ Bald darauf, am 7. Auguſt traf der Erbgroßherzog wieder in Karlsruhe ein, reiſte jedoch ſchon nach weni⸗ gen Tagen mit ſeiner Gemahlin nach Paris, von wo die Rückkehr in die Reſidenzſtadt erſt am 27. Oktober erfolgte.. Auf der Reiſe nach Paris kam am 14. Auguſt die Prinzeſſin Katharina von Württemberg durch Karlsruhe, im Begriffe, ihre Hand dem Bruder des Kaiſers Napoleon, dem König Jeröme von Weſtfalen, zum Ehebunde zu reichen. Zu ihrem Empfang war der Großherzog und ſein Hof von Baden, wo er den Sommer zu⸗ brachte, herübergekommen. Nach der Mittagstafel ſetzte die Prinzeſſin ihre Reiſe zunächſt nach Raſtatt fort, wo der König von Württem⸗ berg, ihr Vater, von ihr Abſchied nahm. Sie verließ Karlsruhe unter dem Donner der Geſchütze, von einem Zug der Leibgarde geleitet, welche in Durmersheim von einem Zug Huſaren des Regi⸗ ments Markgraf Ludwig abgelöst wurde. Ein anderer hervorragender Gaſt, der Karlsruhe berührte, war der Reichsmarſchall Keller— mann; er traf am 15. Oktober ein und wurde mit den ſeinem Rang gebührenden militäriſchen Ehren empfangen. Gegen Jahresſchluß kehrten die badiſchen Truppen aus dem Felde zurück. Am 18. Dezember kam die erſte Brigade, aus der Leibgrenadiergarde, den Regimentern Großherzog, Erbgroßherzog und dem Jägerbataillon beſtehend, in Karlsruhe an. Markgraf Ludwig war den Truppen mit der Garde du Corps und den Huſaren bis Durlach entgegengeritten und zog an der Spitze der Kolonne, welche der Erbgroßherzog ſelbſt von Bruchſal herführte, unter Kanonen⸗ donner, während das uniformierte Bürgermilitär Spalier bildete, in die Reſidenzſtadt ein. Der Zeitungsbericht hebt hervor, daß ſämtliche Mannſchaft in dem beſten Zuſtand war und friſch und munter aus⸗ ſah. Am 19. Dezember kam die zweite Brigade, beſtehend aus den Regimentern Markgraf Ludwig(dem die reitende Bürgermiliz von Durlach bei ſeinem Einrücken ein Begrüßungsgedicht überreichte) und von Harrant und dem Bataillon von Frank, am 20. die aus 3 Batterien, worunter eine reitende, beſtehende Artillerie und am 21. das Huſarenregiment in Karlsruhe an. Am 26. Dezember meldet die Karlsruher Zeitung, daß nunmehr die ſämtlichen Truppen ihre Friedensgarniſonen wieder bezogen haben. Sie erwähnt dabei rühmend den herzlichen Empfang derſelben ſeitens der Einwohnerſchaft. „Die Civilbeamte und Magiſtrate haben in allen Garniſonsſtädten einen wahren Wetteifer gezeigt, ihre Regimenter mit Achtung, Liebe und Aufopferungen zu empfangen. Keine Stadt iſt darin zurückgeblieben und es würde ſchwer halten, einer vor der andern hierin den Vorzug zu geben.“ Trübe Blicke in die Zukunft. Die durch die Kriegsereigniſſe ohnehin erregten Gemüter waren im Oktober 1807 durch das Erſcheinen eines Kometen noch mehr beunruhigt worden. Der Aberglaube der Menge ließ ſich nicht nehmen, das Geſtirn„für einen Unglücksboten von Krieg, Peſt, Theurung und anderm Unglücke“ zu halten. Die Regierung ſah ſich deshalb veranlaßt, in der Karlsruher Zeitung eine eingehende Belehrung über dieſe Himmelserſcheinung zu veröffentlichen, welche mit dem Satze ſchloß:„Wir können daher ohne Furcht und Schrecken den gegen—⸗ wärtigen ſchönen Kometen betrachten und vielmehr dabei Veranlaſſung nehmen, die Weisheit und Allmacht des Schöpfers der Welt zu bewundern.“ Es beſteht indes gegründete Vermutung, daß die abend⸗ lichen Spaziergänger in Karlsruhe, wie auch an anderen Orten, trotz⸗ dem beim Anblick des Kometen ihren Gedanken über die durch ihn angekündigte, immer bedenklicher werdende Bedrohung der allgemeinen Weltlage in Sorge und Schrecken nachhingen. An Gründen, mit getrübten Blicken in die Zukunft zu ſehen, fehlte es wahrlich nicht. Die Unſicherheit aller Verhältniſſe kann man ſich kaum noch größer vorſtellen. Durch die Kriege, die ſich von Jahr zu Jahr folgten und deren Friedensſchlüſſe nur als vor⸗ übergehende Ruhepunkte zu betrachten waren und lediglich die Ein— leitung zu neuen Konflikten bildeten, war Handel und Gewerbe in jeder ſtetigen Entwickelung geſtört. Das Verbot des Handelsverkehrs mit England, welches auf Napoleons Befehl, wie alle Rheinbund⸗ ſtaaten, am 31. März 1807 auch Baden für ſeine Staatsangehörigen verfügen mußte, laſtete ſchwer auf den davon berührten Kreiſen. Und immer neue Opfer forderte der kriegsluſtige Protektor von ſeinen Schützlingen. Um den immer noch ſich erhöhenden militäriſchen An⸗ forderungen des Kaiſers der Franzoſen genügen zu können, mußte Baden ſein Aushebungsſyſtem neu geſtalten und die Konfkription ein⸗ — 217— führen, welche die Kriegsdienſtpflicht zu einer den Söhnen aller Bürger obliegenden Laſt unter Aufhebung faſt aller bisher beſtandenen Be⸗ freiungen und Privilegien machte. Immer ſchärfer und rückſichts⸗ loſer griff die harte Hand Napoleons auch in ſolche Verhältniſſe ein, von denen man hätte glauben ſollen, daß ſie durch die Rückſicht, welche der greiſe Fürſt dieſes Landes beanſpruchen konnte, von ſeiner Einmiſchung hätten bewahrt bleiben müſſen. Markgraf Ludwig hatte ſich mißliebig gemacht und mußte vor dem Zorn Napoleons aus der Hauptſtadt und der von ihm mit Auszeichnung geleiteten Verwaltung des Kriegsdepartements weichen und in der Einſamkeit des Schloſſes Salem als Verbannter leben. Unter dem Einfluſſe von Perſönlichkeiten, welche Napoleons Vertrauen genoſſen und ſich den dadurch gebotenen Vorteil zunutze machten, wurden verdiente, durch lange Dienſtzeit bewährte Ratgeber des Großherzogs aus ihren Stellungen an der Spitze der Staatsverwaltung verdrängt, um ge— fügigen Anhängern des franzöſiſchen Weſens Platz zu machen. Dabei verſchlechterten ſich die Finanzen des Staates immer mehr, ſodaß Karl Friedrich im Auguſt 1808 ſich veranlaßt ſah, in beweglichen Worten den Unterthanen die Gründe des eingetretenen Defizits und die unvermeidliche Notwendigkeit neuer Belaſtung darzulegen. Mit der Zeit gewannen Perſönlichkeiten zweifelhaften Charakters einen unheilvollen Einfluß auf den greiſen Fürſten und benützten die Schwäche ſeines hohen Alters, um in ſeinem Namen Anordnungen zu treffen, welche mit dem Staatswohle nicht vereinbar waren. Rechtzeitig erhielt im November 1808 der Erbgroßherzog Kenntnis von dieſen Machen— ſchaften und war im Stande, ſeinen Großvater über die Umtriebe der gefährlichen Intriganten aufzuklären und ſich eine regelmäßige Mitwirkung an der Regierung zu ſichern, welche einer Wiederholung ſo bedenklicher Vorgänge vorbeugte. Das Jahr 1808. Im April 1808 wurde das großherzogliche Haus in tiefe Trauer verſetzt. Die Herzogin von Braunſchweig, deren Gemahl durch das Machtwort Napoleons ſeines Landes beraubt worden, war nach Bruchſal zu ihrer Mutter, der Markgräfin Amalie, gekommen, um dort ihre Entbindung zu erwarten. Tiefgebeugt durch das harte Schickſal des Herzogs, fehlten ihr die Kräfte, die Folgen einer un⸗ glücklichen Niederkunft zu ertragen. Am 21. April entſchlief ſie ſanft in den Armen ihrer Mutter. In der Nacht vom 26. zum 27. April wurde die Leiche in feierlichem Zuge nach Pforzheim gebracht und dort am 27. vormittags in der fürſtlichen Familiengruft beigeſetzt. Der Trauer des greiſen Großherzogs über dieſen ſchmerzlichen Verluſt einer geliebten Enkelin geſellte ſich einige Monate ſpäter der Kummer über die Notwendigkeit, dem eroberungsluſtigen Protektor des Rheinbundes badiſche Landeskinder zur Teilnahme an dem Kriege gegen Spanien zur Verfügung ſtellen zu müſſen. Am 24. Auguſt 1808 ging ein kombiniertes Infanterieregiment unter Oberſt von Porbeck nebſt einer Kompagnie des Artilleriebataillons unter Haupt⸗ mann von Laſollaye bei Kehl über den Rhein, um ſich der deutſch⸗ holländiſchen Diviſion Leval des IV. Armeekorps unter Marſchall Lefebvre anzuſchließen. Kurz vorher hatte Karl Friedrich ſich ent⸗ ſchließen müſſen, Kehl als wichtigen Rheinübergang an Frankreich abzutreten. Und ſofort waren dort die wenige Jahre vorher zer⸗ ſtörten Feſtungswerke wieder aufgeführt worden. In jeder Beziehung war dieſes Jahr ein Unglücksjahr für Baden. In der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt ging aber das Leben ſeinen hergebrachten Gang. Die Chronik berichtet, daß am 22. Januar zu Ehren der vorübergehend in Karlsruhe auweſenden Erbgroßher⸗ zogin eine glänzende Schlittenfahrt veranſtaltet wurde, an welcher, abgeſehen von zwei großen Schlitten, auf denen ſich ein Muſikkorps mit Pauken, Trompeten und andern Blasinſtrumenten befand, 18 Schlitten teilnahmen; es fanden zwei Fahrten ſtatt, die eine mittags, um 1, die zweite beim Scheine vieler Fackeln, abends um 8 Uhr. Da der Schuee nicht beſonders tief lag, beeilten ſich die Einwohner, die Schlittenbahn durch herbeigeſchafften Schnee aufzufüllen„und be⸗ zeugten— wie der amtliche Bericht ſagt— durch frohen Jubel ihre liebevolle Devotion.“ Die Bürgergarde paradierte während beider Fahrten vor dem Rathauſe. Wenige Tage ſpäter, am 28. Januar, wurde der Karlstag, der Namenstag des Großherzogs, bei Hofe feſtlich begangen, am 29. reisten der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin wieder nach Manuheim ab. Am 16. Februar bot ſich den neugierigen Reſidenzbewohnern ein ſeltenes Schauſpiel, der Durchzug der 20 arabiſchen Pferde, welche der Sultan dem Kaiſer der Franzoſen zum Geſchenke überſandte, ſie wurden von einem — türkiſchen Offizier und mehreren türkiſchen Soldaten eskortiert. Auch die feierliche Auffahrt des neuen franzöſiſchen Geſandten von Talley⸗ rand, der am 29. April dem Großherzog ſein Beglaubigungsſchreiben überreichte, war eine Freude für die Schauluſtigen, die den ſechs⸗ ſpännigen Galawagen, in welchem der Geſandte unter Vortritt der geeigneten Dienerſchaft in das Schloß abgeholt und nach dem Empfang und der großen Tafel wieder nach ſeiner Wohnung geleitet wurde, anſtaunten. Das gleiche Ceremoniell wiederholte ſich am 13. Juli bei dem Empfang des ruſſiſchen Geſandten von Räbinin. Grundſteinlegung der katholiſchen Kirche. Der Geburtstag des Erbgroßherzogs, der 8. Juni, geſtaltete ſich in dieſem Jahre beſonders feſtlich durch die Legung des Grund— ſteins der neuen katholiſchen Kirche, gerade am Jahrestag der 1807 vorgenommenen Grundſteinlegung der evangeliſchen Stadtkirche. Gegen 11 Uhr verfügte ſich der Großherzog in Begleitung des Erbgroß—⸗ herzogs und der dem katholiſchen Bekenntniſſe angehörenden Erb⸗ großherzogin ſowie des geſamten Hofes auf den Bauplatz, wo das Militär und das Bürgerwehrkorps paradierte und die Miniſter, die Geſandten, die geiſtlichen und weltlichen Behörden, der Stadtrat und viele Zuſchauer auf mehreren Tribünen verſammelt waren, die den künftigen Kirchenplatz im Halbkreis umgaben. Der Oberpfarrer, Kirchenrat und geiſtliche Referendar Rothenſee hielt eine Anſprache und weihte ſodann unter Aſſiſtenz der übrigen anweſenden katho⸗ liſchen Geiſtlichen den Grundſtein, worauf der Großherzog, von dem Oberbaudirektor Weinbrenner geführt, ſich in Begleitung der Fürſt⸗ lichkeiten und des Hofſtaates auf den Bauplatz begab und unter dem Donner der Geſchütze und dem Jubel der die üblichen drei Hammerſchläge gab. Nach Beendigung dieſer Feſtlichkeit begaben 00 die Anweſenden in die alte katholiſche Kirche, ſoweit deren beſchränkter Raum dieſes geſtattete. Hier hielt der Sidifed Huber eine längere Dankrede, welcher ein Hochamt und das Te Deum folgte, wozu die— wie jene während des Hochamts— von der Großherzoglichen Hof— kapelle ausgeführte Muſik der Muſikdirektor Brandl komponiert hatte. Am 22. November 1808 beging Großherzog Karl Friedrich ſeinen achtzigſten Geburtstag. Am Vorabende fand bei Hof Cercle und Ball ſtatt. Am Feſttag ſelbſt wurden bei Tagesanbruch 100 Kanonenſchüſſe gelöſt. Am Vormittag nahm der greiſe Fürſt die Glückwünſche der Geſandten, des Adels, der Behörden, der Geiſtlich⸗ keit und des Stadtrats entgegen. Das Bürgermilitär zu Fuß und zu Pferd war vor dem Reſidenzſchloſſe mit Muſik aufmarſchiert. Bei dem Feſtgottesdienſt in der Hofkirche, welchem der Großherzog an⸗ wohnte, wurde eine von Oberhofprediger Walz verfaßte und von Muſikdirektor Brandl in Muſik geſetzte Kantate aufgeführt. Abends kam im Schauſpielhaus, wo der Hof mit jubelnden Hochrufen empfangen wurde,„Roſette, das Schweizermädchen,“ komiſche Oper in 2 Akten von Bierey, und ein muſikaliſcher Epilog von Schmitt⸗ bauer zur Aufführung. Ueue Ordnung des Bürgermilitärs. Das Bürgermilitär erhielt im Jahre 1808 eine neue Ordnung. Die Zahl der Gemeinen jeder Bürgerkompagnie wurde auf 60 Mann feſtgeſetzt, in eine der uniformierten Kompagnien aber ſollte jeder Bürger, der ſich in Rückſicht des Alters und anderer Umſtände dazu qualifiziert, eintreten und darin wenigſtens bis zum 50. Jahre verbleiben. Außer den Gemeinen zählte jede Kompagnie: 1 Kapitän, 1 Oberlieutenant, 1 Unterlieutenant und 6 Unteroffiziere, welche ſämtlich von der Kom⸗ pagnie gewählt und vom Stadtmagiſtrat und Oberamt beſtätigt wurden. Das Kommando über ſämtliche Korps, ſowohl Kavallerie als Infanterie, wurde einem Bataillonschef übertragen. Dieſe Würde erhielt im Jahre 1808 der Baumeiſter Berkmüller. Ihm lag der Verkehr mit dem Oberamt, mit dem Bürgermeiſteramt und dem Stadtgouvernement ob, deren Befehle er den einzelnen Kompag⸗ nien mitzuteilen hatte. Einen Adjutanten mit Lieutenantsrang konnte er ſich aus den uniformierten Korps wählen und dem Oberamt zur Ernennung vorſchlagen. Im Jahre 1808 wurde zu dieſer Charge der bei dem Jägerkorps zu Pferde als Wachtmeiſter ſtehende Hein⸗ rich Reis ernannt. Die Uniform des Chefs war dunkelbau mit hellblauen goldgeſtickten Kragen und Aufſchlägen, 2 goldene Epauletten mit Bouillon, weiße Weſte, weiße Beinkleider, ſchwarze ſteife Stiefel, Säbel mit goldener Kuppel. Der Adjutant behielt die Uniform ſeines Korps. Die Kompagniechefs trugen goldene Hutkordons, Porte d'Epee und 2 Epauletten mit Bouillons, die Lieutenants — 221— aber nur 1 Epaulette mit Bouillon und eine Contre-Epaulette. Über den Dienſt wurden gleichzeitig eingehende Anordnungen erlaſſen. Dabei wurde, eingetretenen Übergriffen gegenüber, beſonders auch feſt⸗ geſtellt, daß ſich die Verpflichtung der Mannſchaften des Bürgermilitärs zum Gehorſam gegen ihre Vorgeſetzten nur auf die Zeit erſtrecke, in der ſie ſich im Dienſt befinden. Der Krieg gegen Oeſterreich 1809. Das neue Jahr brachte, den ſchon im September 1808 erfolgten Ankündigungen entſprechend, Baden abermals die Notwendigkeit einer Mobilmachung ſeiner Truppen. Der ſchon im Herbſt 1808 drohende Konflikt zwiſchen Frankreich und Oſterreich ſpitzte ſich immer mehr zu und eine der erſten Amtshandlungen des neuen franzöſiſchen Ge⸗ ſandten Bignon, der am 15. Februar 1809 dem Großherzog ſein Beglaubigungsſchreiben überreicht hatte, war die im Namen des Kaiſers Napoleon geſtellte Forderung an die badiſche Regierung, eine ent⸗ ſprechende Truppenzahl zu der gegen Sſterreich aufzuſtellenden fran⸗ zöſiſchen Armee ſtoßen zu laſſen. Am 14. März marſchierte das Leib⸗Infanterieregiment Großherzog, nachdem es vor ſeinem hohen Chef defiliert hatte, von Karlsruhe aus in die Kantonnements in und um Pforzheim, und ihm folgte am 16. März eine halbe Batterie reitender und eine Batterie Fußartillerie. Bei Pforzheim verſammelten ſich um dieſe Zeit 7 Bataillone, 2 Eskadronen, 12 Geſchütze, im Ganzen 6850 Mann, die eine Brigade unter dem Befehle des General— lieutenants von Harrant bildeten. In den nächſten Tagen ſchon ſahen die Karlsruher einige der hervorragendſten Führer der franzöſiſchen Armee die Reſidenzſtadt paſſieren. Am 18. März kam Marſchall Maſſena, Herzog von Rivoli, in Karlsruhe an, ſtieg in der Poſt ab und wurde mit allen militäriſchen Ehren empfangen. Er begab ſich alsbald nach ſeiner Ankunft in das großherzogliche Schloß zu einer Unterredung mit dem Großherzog. Abends fand bei Hofe Cerele ſtatt. Am 19. März ſetzte der Marſchall, von Huſaren eskortiert, ſeine Reiſe nach Pforz⸗ heim fort, um die dort im Kantonnement liegenden badiſchen Truppen zu beſichtigen. Am 21. März berührte Marſchall Lefèbvre, Herzog von Danzig, am 3. April der Marſchall Beſſière, Herzog von — 222.— Iſtrien, und am 12. April der Marſchall Berthier, Fürſt von Neuchätel, auf der Durchreiſe zur Armee die Stadt Karlsruhe. Den Marſchällen folgten bald Truppen, die wochenlang in ſchier endloſen Reihen durch das badiſche Land, nur wenige auch durch die Hauptſtadt zogen. Mehrere Taufend Wagen mußten zu deren raſcherem Transport geſtellt werden. Von Einquartierung waren durch eine Verfügung des Kaiſers Napoleon die Reſidenzſtädte Karlsruhe und Mannheim ſeit dem Ende des Jahres 1805 befreit. Am 25. April reiſte der Miniſter Staatsſekretär Maret durch Karlsruhe. Die badiſchen Truppen, im Verbande des 14. Armeekorps unter Marſchall Maſſena, in deſſen Hauptquartier ſich der zweite Sohn aus des Großherzogs Karl Friedrich zweiter Ehe, Graf Wilhelm von Hochberg, befand, nahmen an den Schlachten und Gefechten des Feldzuges gegen Oſterreich rühmlichen Anteil und zeichneten ſich beſonders bei Aſpern und Wagram durch hervorragende Tapferkeit aus, die auch die ausdrückliche Anerkennung des Kaiſers Napoleon fand. Am 2. Mai kamen in Durlach und Ettlingen einige Tauſend Mann öſterreichiſche Kriegsgefangene von verſchiedenen Regimentern, welche in dem Gefecht bei Rohr(zwiſchen Landshut und Regensburg in Bayern) gefangen worden waren, unter bayriſcher Eskorte an und ſetzten am 3. Mai ihren Marſch nach Frankreich fort. Viele Karls⸗ ruher eilten in die Nachbarſtädte, um die Gefangenen zu ſehen. Am Sonntag dem 22. Mai wurde nach dem Gottesdienſt in der Schloßkirche aus Anlaß der am 13. Mai erfolgten Einnahme von Wien durch die franzöſiſche Armee ein feierliches Dankfeſt unter Abſingung eines Te Deum und unter Löfung von 250 Kanonen⸗ ſchüſſen abgehalten. Der Großherzog mit dem ganzen Hofſtaate, das diplomatiſche Korps und alle Staatsbehörden wohnten dieſer Feier⸗ lichkeit bei, an welche ſich große Galacour bei Hofe anſchloß. Am 2. Juni marſchierte ein neu ausgerüſtetes Ergänzungsbataillon von Karlsruhe ab. Es hatte die Beſtimmung, zur großen Armee zu ſtoßen und vereinigte ſich vorläufig mit dem unter dem Befehle des Oberſten Karl Stockhorner von Starein ſtehenden badiſchen Truppen⸗ korps am Bodenſee, das die Operationen des franzöſiſchen Diviſions⸗ generals Grafen Beaumont zu unterſtützen hatte. Daneben gingen die Durchmärſche franzöſiſcher Truppen, Munition und Bagage und öſterreichiſcher Gefangener auf der Etappenſtraße, welche Karlsruhe als Reſidenz des Großherzogs umging, durch Ettlingen unausgeſetzt fort. Am 1. Juni paſſierte eine Abteilung der zur Garde des Fürſten von Neuchätel gehörigen Grenadiere zu Pferde, die direkt aus Spanien kam. Man berechnete, daß mindeſtens 40 000 gefangene Oſterreicher, darunter 800 Offiziere, allein durch Ettlingen gekommen ſeien. Vom Schlachtfeld von Wagram ſchickte Kaiſer Napoleon den in ſeinem Hauptquartier anweſenden badiſchen Generalmajor von Vin— centi noch am Abende nach der Schlacht am 5. Juli mit der Siegesnachricht an den Großherzog Karl Friedrich. Ihm folgte am Tage darauf im Auftrage des Erbgroßherzogs deſſen Adjutant, Hauptmann von Seutter, mit näheren Nachrichten über die voll⸗ ſtändige Niederlage des öſterreichiſchen Heeres. Am 16 Juli wurde dieſes Ereignis durch Löſung von 250 Kanonenſchüfſen gefeiert. Zwei Tage ſpäter traf durch Eilboten die Nachricht ein, daß in Folge die⸗ ſer Schlacht und weiterer für die öſterreichiſchen Waffen ebenſo ungünſtiger Gefechte am 12. Juli im Lager von Znaim zwiſchen der franzöſiſchen und der öſterreichiſchen Armee ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen worden ſei. Dennoch marſchierten ſpäter— am 9. und 10. September— noch einmal gegen 1000 Mann Ergänzungs⸗ truppen unter Anführung des Oberſtlieutenants Brückner von Karlsruhe zu dem badiſchen Truppenkorps in Sſterreich ab. Der Großherzog Karl Friedrich hatte die Sommermonate mit ſeiner Gemahlin, der Reichsgräfin von Hochberg, und den gräflich Hochbergiſchen Kindern in Baden zugebracht. Als er am Abend des 24. September zuerſt wieder das Karlsruher Theater beſuchte, gaben lebhafte Hochrufe des verſammelten Publikums der allgemeinen Freude über die im beſten Wohlſein erfolgte Rückkehr des greiſen Fürſten Ausdruck. Tags darauf empfing der Großherzog den königlich weſtfäliſchen Geſandten General von Girard zur 518 ſeines Beglaubigungsſchreibens. Am 6. Oktober brachte die Karlsruher Zeitung die Mitteilung, daß nach einer am 5. durch Stafette eingegangenen Nachricht der Friede mit Oſterreich in der Nacht vom 29, auf den 30. September in Schönbrunn unterzeichnet worden ſei. Die Nachricht war ver⸗ früht. Erſt am 19. Oktober konnte ein Extrablatt der amtlichen Aiteng die authentiſche Meldung bringen: „Heute Nacht hat ein am 14. dieſes von Wien eigends abgefertigter Kourier dem Großherzogl. Hofe die Beſtätigung der Nachricht des am nemlichen Tage in der Frühe glücklich unterzeichneten und ſogleich unter Abfeuerung von hundert Kanonen publicirten Friedens überbracht. Obiges frohe Ereigniß wurde heute hier mit 200 Kanonenſchüſſen verkündet.“ Am Abende des gleichen Tages traf der von Kaiſer Napoleon abermals abgeſandte Generalmajor von Vincenti in Karlsruhe ein und überbrachte zwei kaiſerliche Schreiben an den Großherzog und an die Erbgroßherzogin, worin die Nachricht über den am 14. unter⸗ zeichneten Frieden ſowohl, als auch über die nahe bevorſtehende Durch— reiſe des Kaiſers enthalten war. Indes berührte Napoleon auf ſeiner Reiſe Karlsruhe, wo ihn“ der verſammelte Hof ſtundenlang erwartete, nicht, ſondern entbot, als er am 24. Oktober ſich kurze Zeit in Raſtatt aufhielt, dorthin den Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin, die ihn in ſeinem Wagen bis Straßburg begleiteten und von da ſchon am Abend des 25. Oktober wieder in Karlsruhe eintrafen. Am 27. Oktober fand in Karlsruhe eine großartige Friedens⸗ feier ſtatt. Schon bei Tagesanbruch wurden 200 Kanonenſchüſſe gelöſt. Um 10 Uhr riefen die Glocken zur Schloßkirche, in welcher, nach einer Rede des Oberhofpredigers und Kirchenrats Walz, unter abermaligem Kanonendonner ein Te Deum geſungen wurde. Nach dem Gottesdienſte fand bei Hofe große Cour ſtatt, an welcher der Adel, die Staatsbehörden und der Stadtrat teilnahmen. Abends war ein glänzender Hofball und eine unter Leitung des Oberbaudirektors Weinbrenner angeordnete Beleuchtung des großen Zirkels, die— wie der Zeitungsbericht ſagt—„zu den geſchmackvollſten, glänzendſten und gelungenſten gehörte, die hier jemals geſehen wurden.“ In den neun Offnungen der Gaſſen, welche in den Zirkel münden, ſtrahlten eben ſo viele Siegesdenkmale. Gerade dem Schloſſe gegenüber erhob ſich 100 Fuß breit, 80 Fuß hoch der Tempel des Sieges mit der Aufſchrift: Victorie S. Über demſelben erſchien in einem Traus:⸗ parent das Bild des Kaiſers Napoleon in einer Quadriga, darüber ſchwebten zwei Lorbeerkränze haltende Viktorien, während zu beiden Seiten ebenfalls in Transparenten Kriegstrophäen und die Buchſtaben C. Aug. leuchteten. In der Kreuz⸗ und Lammſtraße wie in der Kronen⸗ und Herrenſtraße brannten auf hohen, mit 8. bezeichneten Altären auf: lodernde Opferflammen. In der Ritter- und Adlerſtraße ſtand 1 — 225— eine 100 Fuß hohe Säule in der Form der Trajansſäule in Rom, auf deren Spitze der Buchſtabe N. glänzte; zu beiden Seiten der Säulen erſtrahlten in Brillantlicht die Worte: Magnus Imperator —PFelix Augustus— Foderis Rhenani— Conditor Protector. An der Mündung der Waldhorn- und der Waldſtraße endlich erhoben ſich Ehrenpforten mit den Aufſchriften: Eckmühl und Wagram. Die mit Lämpchen erleuchteten Arkaden des Zirkels verbanden alle dieſe Denkmale zu einer harmoniſchen Einheit. Auch die drei Hauptthore der Reſidenzſtadt waren beleuchtet und trugen die Inſchriften: Eßlingen, Abensberg, Simmering. Und gleichzeitig waren an der öſtlichen, wie an der weſtlichen Landesgrenze, wo der ſiegreiche Kaiſer nach dem Friedensſchluſſe auf der Heimkehr nach Frankreich das badiſche Land betreten und wieder verlaſſen hatte, Triumphpforten errichtet mit den Inſchriften: Victor a Danubio redux, und Magnus bello, major pace. Unter den Häuſern der Reſidenzſtadt zeichneten ſich durch präch⸗ tige Beleuchtung beſonders der gräflich Hochbergiſche Palaſt und das Rathaus mit der Inſchrift Invicto Reduci aus. Eine große Menſchen⸗ menge wogte, des wiedergewonnenen Friedens froh, durch die Straßen. Erſt am 19. November, dem 24. Sonntag nach Trinitatis, wurde in allen übrigen Kirchen des Landes das kirchliche Friedensfeſt gefeiert. Die Karlsruher Zeitung veröffentlichte an dieſem Tage eine ſchwungvolle Ode, deren letzte Strophe lautete: Flicht, o Friedensgott, in des Caeſars Leben Ewig grüne Palmen; um unſers Neſtors Schläfe flicht den Kranz für beſiegte Leiden! Friede! ſey ewig! und ein, wie jene Ode, von dem Amtmann Pecher in Raſtatt (Rastadium pace lætum) verfaßtes Akroſtichon: NapoLeonl IperatorL aVgVsto Orbls genlo VICtorI SVb VtroqVe poLo QVa soL orltVr, qVaqVe Dlsparet. Am 1. November kam der Reichsgraf Wilhelm von Hoch⸗ berg, Oberſt und Inhaber eines badiſchen Infanterieregiments, aus dem Felde zurück, wo er ſich die erſten kriegeriſchen Lorbeeren erworben 15 hatte. Der jugendliche Kriegsmann konnte bald darauf an der Feier des 81. Geburtsfeſtes ſeines ehrwürdigen Vaters teilnehmen, das am 22. November bei Tagesanbruch Kanonendonner der Reſidenzſtadt verkündigte. Um halb 8 Uhr brachten ſämmtliche uniformierte Bürger⸗ korps, die vor dem Schloſſe militäriſch aufmarſchierten, dem Groß⸗ herzog Karl Friedrich ihre Huldigung dar. In einer ſpäteren Vormittagsſtunde fand in allen Kirchen feierlicher Gottesdienſt ſtatt, dem in der Schloßkirche, wo Oberhofprediger Walz„eine feierliche und rührende Rede“ hielt, der Großherzog ſelbſt mit dem ganzen Hofe beiwohnte. Im Schloſſe wurde, auf Wunſch des Großherzogs, das Feſt in aller Stille begangen. In der Stadt aber fanden in mehreren Geſellſchaften feſtliche Mahlzeiten ſtatt, bei denen feierliche Geſänge und Trinkſprüche den Empfindungen der Einwohnerſchaft Ausdruck verliehen. Abends wurde in dem ſchön erleuchteten Theater das vaterländiſche Schauſpiel:„Markgraf Georg Friedrich und die 400 Bürger in Pforzheim“ und ein pantomimiſch-muſikaliſcher Epilog, „der Tempel der Unſterblichkeit“, beide von dem Hofſchauſpieldirektor Vogel gedichtet, mit Muſik von Muſikdirektor Brandl, aufgeführt. Den Großherzog empfing bei ſeinem Eintritt in das ſehr ſtark beſetzte Haus der Jubel des Publikums und der Schall der Trompeten und Pauken. Das Schauſpiel wurde am 25. November unter lebhaftem Beifall wiederholt, der Dichter erhielt vom Großherzog als Zeichen der Anerkennung eine goldene Doſe mit dem Bruſtbilde des Mark⸗— grafen Georg Friedrich und ein anſehnliches Geſchenk von der Bürger— ſchaft der Stadt Pforzheim. Das Jahr 1810. Mit dem Beginne des Jahres 1810 kehrte das badiſche Militär aus dem öſterreichiſchen Kriege wieder in die Heimat zurück. Von dem⸗ ſelben rückte das 1 Linien⸗Infanterrieregiment am 18., die reitende und die Fußbatterie am 19. Januar in Karlsruhe ein und am 24. Januar waren die ſämtlichen Truppen in ihren Garniſonsorten eingezogen, wo man ſofort begann, das ganze Korps wieder in beſten Stand zu ſetzen und zu kompletieren. Man vermißte nun nur noch die in Spanien kämpfenden tapferen Landsleute, und eben ſchickte man ſich in Karlsruhe an, ein Bataillon neu auszurüſten, das zu deren Ergän⸗ zung im Februar nach der iberiſchen Halbinſel abmarſchierte. Ein ſchmerzliches Wiederſehen einer ihrer Töchter war um dieſe Zeit der Markgräfin Amalie beſchieden. Durch eine Revolution war der König von Schweden ſeines Thrones entſetzt und ge— nötigt worden, ſein Vaterland zu verlaſſen. Am 8. Februar 1810 kam er mit ſeiner Gemahlin, der Königin Friederike, und den beiden Kindern, Prinz Guſtav und Prinzeſſin Sophie, nach Bruchſal, wo ſie ſich längere Zeit aufhielten, bis der König, der ſeit ſeiner Thronentſagung ſtets die Malteſeruniform trug und deſſen excentriſches Weſen ſich durch den Kummer über ſein und ſeiner Familie tragiſches Geſchick von Tag zu Tag ſteigerte, ſich von ſeiner Familie trennte und in der Schweiz ein Aſyl ſuchte und fand. Die Königin ſchlug mit ihren Kindern zuerſt in dem Schlößchen Scheibenhard ihre Wohnung auf, ließ ſich aber nach kurzer Zeit dauernd in Karlsruhe nieder, wo ſie von ihrem Oheim, dem Markgrafen Friedrich, ein Haus mietete, deſſen Garten an jenen des Palais der Markgräfin, ihrer Mutter, angrenzte. Nach dem Friedensſchluſſe zwiſchen Frankreich und Oſterreich wurde auch die diplomatiſche Verbindung zwiſchen Baden und Sſter⸗ reich wieder angeknüpft, der Großherzogliche Staatsminiſter Freiherr von Hacke zum badiſchen Geſandten in Wien, der k. k. Kämmerer Graf Apponyi zum öſterreichiſchen Geſandten in Karlsruhe er— nannt. Dieſer überreichte unter dem herkömmlichen Ceremoniel, durch einen ſechsſpännigen Galawagen aus ſeinem Quartier, dem Zähringer Hof, feierlich abgeholt, am 24. Mai dem Großherzog ſein Be⸗ glaubigungsſchreiben. In dem diplomatiſchen Korps am Karlsruher Hofe gingen im Laufe des Jahres 1810 noch andere Veränderungen vor ſich: am 17. April ſtarb der holländiſche Geſandte, Ritter Gronovius und wurde am 21. April in Karlsruhe feierlich zur Erde beſtattet, am 20. Dezember überreichte der Geſandte des Fürſten von Hohenzollern-Sigmaringen, Geheimerat Freiherr von Schmitz⸗ Grollenburg, ſein Creditiv. Durchreiſe der Kaiſerin Ularie Tuiſe. Große Bewegung erregte in Karlsruhe die Durchreiſe der öſterreichiſchen Kaiſertochter, Erzherzogin Marie Luiſe, die am 11. März 1810 in Wien durch Procura dem Kaiſer Napoleon an⸗ getraut worden war und daher bereits den Rang der Kaiſerlichen 15˙* — 228— Majeſtät zu beanſpruchen hatte. Sie kam am 21. März abends nach 5 Uhr in Karlsruhe an, geleitet von Napoleons Schweſter, der Königin von Neapel(die ſchon einmal, am 7. März 1810 mit großem Gefolge unter dem Scheine der Fackeln die badiſche Reſidenz⸗ ſtadt paſſiert hatte) und dem Marſchall Berthier, Fürſten von Neu⸗ chätel und Wagram. Ihre erſte Ehrendame war die ſchöne Wittwe des Marſchalls Lannes, Herzogin von Montebello. Der Erbgroß⸗ herzog hatte die Kaiſerin an der Landesgrenze begrüßt und war ihr dann, um ſie in Karlsruhe zu empfangen, wieder vorangeeilt. Der Einzug in die Reſidenzſtadt erfolgte unter Kanonendonner und Glockengeläute durch eine am Durlacher Thor errichtete Ehrenpforte, wo der Magiſtrat ſeine Huldigung darbrachte. Eine aus Garde du Corps, Huſaren und reitender Artillerie gebildete ſtarke Eskorte geleitete den von dem Reiſeſtallmeiſter von Geuſau geführten kaiſerlichen Wagen, großherzogliche Truppen bil⸗ deten Spalier durch die Lange- und Waldhornſtraße bis zum Schloß⸗ portal, wo die großherzogliche Familie und der verſammelte Hof⸗ ſtaat die Kaiſerin begrüßten. Hierauf fand für die höchſten Herr⸗ ſchaften Familien⸗, für den Hofſtaat Marſchallstafel ſtatt und ſpäter wurde im Hoftheater die Oper„Sargines“ von Paer aufgeführt, wozu außer dem Hofe und dem diplomatiſchen Korps auch die Honoratioren der Stadt eingeladen waren. Beim Kommen und Gehen wurde Kaiſerin Marie Luiſe unter dem Schall der Pauken und Trompeten von den freudigen Zurufen des Publikums begrüßt. Die Feier des Tages beſchloß eine allgemeine Beleuchtung der Stadt, wobei der Schloßplatz und die Zirkelgebäude, das Rathaus und die Wohnung des Miniſters von Türckheim ſich beſonders hervorthaten. Am andern Morgen gegen ½9 Uhr bewegte ſich der Zug in der gleichen Ordnung wie bei der Ankunft der Kaiſerin über den Schloß⸗ und Marktplatz und durch das reich verzierte Ettlinger Thor über Ettlingen nach Raſtatt. Der Erbgroßherzog war bis Ettlingen vorausgeeilt und empfing die Kaiſerin dort, wo ihr von dem Hof⸗ marſchall von Edelsheim ein Frühſtück angeboten wurde. Von Raſtatt ſetzte die Kaiſerin ihre Reiſe über Straßburg nach Paris fort, wohin ihr am nächſten Tag der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin zur Beiwohnnng der Vermählungsfeierlichkeiten folgten. Die Karlsruher Zeitung brachte in ihrer Nummer vom 23. März — 229— ein von C. Peterſohn verfaßtes Gedicht zu Ehren der Gemahlin Napoleons und in Raſtatt überreichte die Stadtvertretung Diſtichen von Pecher. Eeſtlichkeiten. Am 15. Auguſt wurde das Geburtsfeſt des Kaiſers Napoleon feſtlich begangen. Abends gab der franzöſiſche Geſandte Bignon“ in ſeinem ſehr geſchmackvoll beleuchteten Hauſe einen glänzenden Ball, dem u. a. auch der Kronprinz von Württemberg, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Heſſen beiwohnten. Die Erbgroß⸗ herzogin Stephanie von Baden war zu dieſem Feſte eigens aus Baden in Karlsruhe eingetroffen, der Erbgroßherzog Karl brachte den Toaſt auf Kaiſer Napoleon aus. Die heiße Jahreszeit hatte Großherzog Karl Friedrich, deſſen Kräfte unter dem Einfluſſe des hohen Alters ſichtlich zu ſchwinden begannen, im Raſtatter Schloſſe und in der Favorite zu— gebracht. Am 13. Oktober kehrte er nach Karlsruhe zurück und wurde, als er am 14. das Theater beſuchte, von dem Publikum mit lebhaften Hochrufen bewillkommt. Dasſelbe war der Fall am Ge— burtstag des Großherzogs, der mit Rückſicht auf deſſen hohes Alter am Hofe, abgeſehen von dem Feſtgottesdienſt, in aller Stille be⸗ gangen wurde, während in der Stadt mehrere Geſellſchaften ſich zu fröhlichen Feiern vereinigten. Im Dezember erfreute ſich Karlsruhe des Beſuches der Königin von Bayern, des Erbgroßherzogs und der Erbgroßherzogin von Heſſen. Am Hofe fand große Cour und Ball ſtatt, im Theater wurde zu Ehren der fürſtlichen Gäſte die Oper„Jakob und ſeine Söhne“ von Mehul gegeben. Das Jahr 1811. Eine große Freude brachte das Jahr 1811 dem großherzoglichen Hauſe und dem ganzen Lande. Die Erbgroßherzogin Stephanie erwartete Nachkommenſchaft, und am 10. März wurden in allen Kirchen des Landes Fürbitten für eine glückliche Entbindung an⸗ geordnet. Der Vice-Oberkammerherr von Stetten wurde vom Großherzog am 13. März nach Paris geſandt, um dem kaiſerlich franzöſiſchen Hofe die erfreuliche Ausſicht zu notifizieren. Am 6. März hatte der franzöſiſche Geſandte Bignon ſein — 230— Abberufungsſchreiben überreicht. Eine der erſten Amtshandlungen ſeines Nachfolgers, des Mouſtiers, war die Notifikation von der Entbindung der Kaiſerin Marie Louiſe von einem Prinzen. Am— 24. März wurden zur Feier dieſes Ereigniſſes ſchon morgens um 5 Uhr 101 Kanonenſchüſſe gelöſt, in der Schloßkirche fand vor ver— ſammeltem Hofe ein Te Deum ſtatt. Der Graf Wilhelm von Hochberg reiſte in Begleitung des Kammerherrn von Ende zur Beglückwünſchung des Kaiſers nach Paris. Zu Ehren des neu— gebornen Prinzen, der den Namen eines Königs von Rom erhalten hatte, gab am 2. Juni der franzöſiſche Geſandte ein glänzendes Mittagsmahl, dem am 9. Juni zur Feier der Taufe des Prinzen ein großer Ball folgte. Das Geſandtſchaftshotel war prachtvoll geſchmückt und beleuchtet, die Eintretenden erblickten am Ende eines⸗ langen Ganges ein Transparent, welches die hinter Vogeſen und Rhein aufgehende Sonne darſtellte mit der Inſchrift:„II paroit, pour le bonheur du monde.“ Geburt einer Prinzeſſin. Drei Tage früher, am 6. Juni, nachmittags, hatte eine Salve von 50 Kanonenſchüſſen der Reſidenzſtadt die Nachricht von der glück⸗ lichen Entbindung der Erbgroßherzogin von einer Prinzeſſin ver⸗ kündigt. Dieſelbe war in dem Schloſſe zu Schwetzingen erfolgt, wo⸗ hin der Erbgroßherzog und die Markgräfin Amalie ſchon am 4. Juni geeilt waren. Die von dem Leibarzt Dr. Kramer unterzeichneten Bulletins gaben Kunde von dem guten Befinden der hohen Wöchnerin. und der neugeborenen Prinzeſſin. Nach Paris überbrachte der Reiſe⸗ ſtallmeiſter Freiherr von Geuſau die erfreuliche Nachricht. Am 8. Juni wurde der Geburtstag des Erbgroßherzogs durch mehrere frohe Gaſtmahle gefeiert und abends im Theater als Feſt— oper die„Zauberflöte“ gegeben, welcher ein den Feſttag, unter gleich— zeitiger Beziehung auf die Geburt der Prinzeſſin, feiernder, von Kirchenrat Ewald verfaßter, von Muſikdirektor Brandl in Muſik geſetzter Epilog folgte. Am Sonntag, den 9. Juni, wurde die Ent⸗ bindung der Erbgroßherzogin durch einen feierlichen Gottesdienſt mit, Abſingung des Te Deum unter dem Donner der Kanonen des Mili⸗ tärs und der Bürgerwehr begangen, wozu auch das ſämtliche uni⸗ formierte Bürgermilitär ausrückte. Für den Abend war zu einer 234 Wiederholung der„Zauberflöte“ freier Eintritt in das Hoftheater bewilligt. Das Theater wurde ſchon nachmittags 4 Uhr geöffnet und alsbald, ohne allen Unterſchied und ohne Austeilung von Eintritts— karten, eine ſo große Zahl von Perſonen eingelaſſen, als der Raum es erlaubte. Außer den für den Hof vorbehaltenen Logen waren alle Logen dem Publikum geöffnet und konnten von dem Erſteintretenden nach Gefallen beſetzt werden, doch hatte jeder auf dem einmal ge⸗ wählten Platze zu verweilen. Außerdem war auch freier Eintritt zu den Übungen der beiden in Karlsruhe anweſenden Kunſtreiter-Geſell⸗ ſchaften und anderen während der Meſſe ſtattfindenden Beluſtigungen, und in allen jenen Wirtſchaften, welche Tanzzettel begehrten, fand Muſik und Tanz ſtatt. Ableben des Großherzogs Karl TFriedrich. In all dieſen Feſtjubel drang plötzlich ein ſchriller Mißton— die Kunde von dem Ableben des Großherzogs Karl Friedrich. Seit dem 1. Juni war eine ſehr erhebliche Verſchlimmerung in dem Befinden des greiſen Fürſten eingetreten. Die Kräfte ſchwanden ſichtlich, eine faſt ſtändig anhaltende Schläfrigkeit trat ein, die Fähig⸗ keit zu ſprechen war verſchwunden. Doch konnte der Greis noch Speiſe und Trank genießen und ſchien auch an den Vorgängen der Außenwelt einigen Anteil zu nehmen. Das Glockengeläute, die Freuden⸗ ſchüſſe aus Anlaß der Entbindung der Erbgroßherzogin erregten ſeine Aufmerkſamkeit, und der Händedruck, mit dem er die Benachrichtigung über das freudige Ereignis verdankte, ſchien zu verraten, daß er die Bedeutung der Freudenbezeugungen verſtanden habe.„Den 9. Junius, berichtet Freiherr von Drais in dem„Gemälde über Karl Friedrich“, als er am letzten Mittag mit 8 Perſonen zu Tiſche ſaß, erhob er ſich auf einmal aus dem gewöhnlichen Schlummer; ſein Glas auch diesmal noch ohne Zittern haltend, ſah er den einen Gefellſchafter um den andern an der runden Tafel mit feierlichem Ernſt an, ſo daß es Allen auffiel; unmittelbar darauf trank er das Glas aus— als wollte er ſagen:„Zum Lebewohl!“— Dann überließ er ſich dem Schlummer wieder, der gegen Abend in däs Röcheln des Sterben⸗ den überging. Sowie der Leibarzt dieſe Erklärung, um 6 Uhr, that, gingen die Sendungen an die nahen Familienglieder ab und die erſten Staatsdiener in der Reſidenz wurden beigerufen. Der Thronerbe war ſchon auf dem Rückweg von Schwetzingen, allwo die Markgräfin⸗ Mutter bei ſeiner Gemahlin zurückblieb. Der Markgraf Ludwig war zu weit entfernt, auf ſeinen Beſitzungen an der Schweizer Grenze. Über ſechs Stunden rang die Natur heftig mit dem Tode. Noch ahnte der Arzt ein Bewußtſein, und man wurde deſſen gewiß, indem Karl Friedrich, eine halbe Stunde vor dem Hinſcheiden, die Augen aufthat, die Hand ſeiner Gemahlin erfaßte und ſtark drückte, als wollte er ihr noch für alle pflegende Liebe danken. Sein letztes Seelenzeichen war ein warmes Gefühl. Der Oberhofprediger beob⸗ achtete zwiſchen 2 und 3 Uhr nachts am 10. Junius den Moment der brechenden Augen und ſegnete den Vollendenden feierlich ein.“ Er hatte ein Alter von 82 Jahren, 7 Monaten und 18 Tagen erreicht. Trat auch ſein Ableben nicht unerwartet ein, ſo ergriff die Kunde von demſelben doch ſeine Unterthanen mit der Gewalt eines ſchweren Schickſalsſchlages. Drei Generationen hatten ſich gewöhnt, von der milden und doch feſten Hand des trefflichen Fürſten regiert zu werden. Die Karlsruher verehrten und liebten ihn wie einen Vater. Der amtlich angeordneten Trauer für den Hof und die landesherrlichen Diener ſchloſſen ſich unaufgefordert und aus innigſter Verehrung für den Verewigten die meiſten Einwohner von Karlsruhe freiwillig an. „Nach der Einbalſamierung— ſagt der Nekrolog— ſtellte ſich die Geſtalt Karl Friedrichs wie aus früheren Jahren ſeltſam her. Der krümmende Druck des hohen Alters und deſſen kleine Angſtlich⸗ keiten in den Geſichtszügen verloren ſich in der Ruhe des Todes; die angebornen und ausgebildeten Hauptzüge traten in ihrer ſchönen Kraft und Milde wieder hervor— man erkannte ſogar die muskel⸗ ſtarken Arme wie vor dreißig Jahren.“ So ſahen ihn die Bewohner der Reſidenzſtadt auf dem Parade⸗ bette liegen, zu welchem am 21., 22. und 23. Juni jedermann der Zutritt geſtattet war. In dem ſchwäcz behangenen Marmorſaale des Reſidenzſchloſſes war der Leichnam des verewigten Großherzogs in Generalsuniform aufgebahrt. Aus der Nähe und Ferne ſtrömte viel Volk herbei, um die geliebten Züge des unvergeßlichen Fürſten noch einmal zu ſchauen. Am Sonntag, den 23. Juni, ſtand der Trauer⸗ ſaal von 10 bis 11 Uhr vormittags zum letzten Male dem Publikum offen. Dann wurde der Sarg geſchloſſen. Abends 10 Uhr fuhr der Leichenwagen unter das Schloßportal. Alle Glocken begannen zu — 233— läuten, die Träger traten zu dem Sarge und der Oberhofprediger Walz hielt eine kurze Rede. Vor dem Schloß war das zur Leichen⸗ parade befehligte Militär aufmarſchiert. Der übrige Teil der Be⸗ ſatzung bildete Spalier von der Schloßwache bis zur reformierten Kirche, die uniformierte Bürgerwehr von hier bis zum Durlacher Thor. Als der Sarg auf den Leichenwagen gehoben wurde, während die Truppen das Gewehr präſentierten, die Fahnen ſich zum letzten Gruße ſenkten und die Hautboiſten den Choral„Jeſus meine Zuverſicht“ blieſen, bemächtigte ſich aller auf dem weiten Schloßplatz Anweſenden die tiefſte Rührung und kein Auge blieb trocken. Ein endloſer Zug Leidtragender: der Großherzog Karl und alle übrigen Mitglieder des Großherzoglichen Hauſes, die Standesherren, der Adel, die Miniſter und alle Behörden, die Vertretung der Stadt Karlsruhe, ſowie des Stadt- und Landamtes, folgte dem Leichen— wagen zu Fuße bis Gottesaue, wo diejenigen Perſonen, welche be— ſtimmt waren, die Leiche bis Pforzheim zu begleiten, die Wagen beſtiegen, die inzwiſchen durch den hinteren Schloßgarten nach der Durlacher Allee gefahren waren. Der ganze Weg war durch Pech⸗ kränze und Wachtfeuer beleuchtet. In der fürſtlichen Gruft zu Pforz⸗ heim wurde am Morgen des 24. Juni die Leiche beigeſetzt. Am 30. Juni fand in der Karlsruher Schloßkirche eine Trauer⸗ feier ſtatt. Nach der Aufführung des Requiem von Mozart hielt Oberhofprediger Walz die Trauerrede, welcher die Verleſung einer kurzen Darſtellung der wichtigſten Momente aus dem Leben des verewigten Großherzogs folgte. Am 1. Juli wurde in der katho— liſchen Kirche ein Gottesdienſt abgehalten, welchem— wie jenem in der Schloßkirche— Großherzog Karl mit dem ganzen Hofſtaate bei⸗ wohnte. Die ungeſchickte Rede, die bei dieſem Anlaß der katholiſche Stadtpfarrer Dereſer hielt, erregte allgemeine Entrüſtung und veran— laßte die alsbaldige Entfernung dieſes Geiſtlichen aus der Reſidenzſtadt. Auch die Iſraeliten verauſtalteten in ihrer Synagoge eine Todesfeier, bei welcher nach Abſingung mehrerer Pfſalmen der Oberrat und Ober⸗ landesrabbiner Aſcher Löw eine Trauerrede in deutſcher Sprache hielt. Regierung und Gemeindeverfaſſung. Mit dem Ableben des Großherzogs Karl Friedrich endigte eine Periode patriarchaliſcher Regierung, deren Segen zunächſt die — 234— beiden Markgrafſchaften, dann aber auch die mit denſelben neu ver⸗ einigten Landesteile in reicher Fülle genoſſen hatten. Eine Reihe ausgezeichneter Staatsmänner war aus der alten in die neue Zeit übergegangen und hatte auf Befehl und ſpäter, als der greiſe Fürſt ſelbſt keinen thätigen Anteil an der Lenkung der Staatsgeſchäfte mehr nehmen konnte, in ſeinem Sinne und den Überlieferungen ſeiner großen Zeit entſprechend, die verſchiedenen Zweige der Staatsverwaltung in vortrefflicher Weiſe gepflegt. Zu dieſen waren im Laufe der Zeit andere Staatsmänner hinzugetreten, teilweiſe den neuerworbenen Ge⸗ bieten entſtammend und ſchon in deren Verwaltung erprobt zund be⸗ währt, der Freiherr von Gemmingen zu Bonfelden, die Freiherren von Dalberg, von Hövel, von Hacke, von Gayling, von Andlaw. der Heidelberger Profeſſor Klüber, die Herren von Hofer und von Türckheim u. a. Durch die Conſtitutions- und Organiſationsedikte wurde i⸗ ganze Verfaſſung und Verwaltung des Staates neu geregelt und die Annahme des franzöſiſchen Civilrechtes, des Code Napoleon, gab dem aus ſo vielen Beſtandteilen zuſammengeſetzten Lande ein ge— meinſames Geſetzbuch, das doch nicht fklaviſch dem franzöſiſchen Vor— bilde entnommen war, ſondern durch viele Zuſatzartikel den An— forderungen der Landesart und Sitte hinreichend Rechnung trug. Durch die Veränderungen in der Organiſation der Verwaltung und in der Geſetzgebung wurden auch die Verhältniſſe der G e⸗ meinden ſehr weſentlich berührt. Im Laufe des erſten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts wurden dieſe zweimal— in den Jahren 1807 und 1809— zum Gegenſtande geſetzgeberiſcher Regelung gemacht, nachdem ſie bis dahin im Weſent⸗ lichen durch die im Jahre 1794 erlaſſene und 1805 wieder aufge— legte Hofratsinſtruktion geordnet geweſen waren, die ihrerſeits auf der Kommun⸗Ordnung von 1760 beruhte. Über Verfaſſung und Verwaltung der Gemeinden waren allgemeine Grundſätze aufgeſtellt, die aber— wie wir es auch bezüglich Karlsruhes geſehen haben— durch beſondere Freiheitsbriefe, welche den einzelnen Städten erteilt wurden, nach den örtlichen Verhältniſſen und Bedürfniſſen mannig— fache Abänderungen erlitten. Da in den Karlsruher Freiheitsbriefen über die Beſtallung des Gemeinderats und des Bürgermeiſters keine beſonderen Vorſchriften gegeben ſind, traten auch für dieſe die all⸗ e — 235— gemein geltenden Beſtimmungen in Kraft, wonach der Gemeinderat ſich durch Kooptation ergänzte, der Bürgermeiſter durch die Gemeinde oder einen Ausſchuß derſelben gewählt wurde, während für Gemeinderat wie Bürgermeiſter ein unbeſchränktes Beſtätigungsrecht der Staats⸗ behörde beſtand. Für die Dauer des Dienſtes der Gemeindebeamten war keine Zeit beſtimmt, in der Regel hatten ſie ihre Amter auf Lebenszeit inne. Eine Verſammlung der Gemeinde konnte nur mit Bewilligung der Staatsbehörde erfolgen. Bei der Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten kam dem Staate das Recht der Obervor— mundſchaft, der„Bevogtung“ zu, aus welcher ſich eine Überwachung der geſamten Gemeindeverwaltung, u. a. auch eine regelmäßige Rechnungsabhör ergab. Im Jahre 1807 erhielt durch das zweite und ſechſte Konſti—⸗ tutionsedikt das Gemeindeweſen eine neue Regelung. Wie bisher wurden auch durch dieſe neue Geſetzgebung die Städte anders behan— delt als die Landgemeinden. Ihnen blieben die Vorrechte erhalten, welche ihnen durch die Freiheitsbriefe verliehen worden waren. An der Wahl der Gemeinderäte und Gemeindevorſteher wie am Be— ſtätigungsrecht der Regierung wurde keine Anderung vorgenommen. Eine Verſammlung der Gemeinde oder ihres Ausſchuſſes fand nur in beſonderen durch das Geſetz beſtimmten Fällen ſtatt. Nach wie vor behielten die Gemeinden die rechtliche Stellung Minderjähriger, ſo daß ihnen einerſeits, wie dieſen, die Fürſorge der Aufſichtsbehörde zugute kam, anderſeits aber auch ihre Dispoſitionsfähigkeit mit den Schranken umgeben war, welche die Rechtsgeſetzgebung für die Minder— jährigen gezogen hatte. Tiefer und in gewiſſer Beziehung die hisherigen Verhältniſſe völlig umgeſtaltend griff die Geſetzgebung des Jahres 1809 durch das Edikt vom 26. November in das Leben der Gemeinden ein. Im Zuſammenhang mit der Einführung des franzöſiſchen Civil⸗ rechts wurden auch andere Teile der Geſetzgebung nach franzöſiſchem Muſter neugeſtaltet. Der deutſchrechtliche Charakter der Gemeinde als einer abgeſchloſſenen, für ſich beſtehenden Körperſchaft verſchwand zugunſten einer Staatsanſtalt, die dem geſamten Verwaltungsorganis—⸗ mus als unterſtes Glied in ſeinem Aufbau eingeordnet wurde. Der Unterſchied zwiſchen Stadt- und Landgemeinden, der bisher als ein ganz weſentliches Element in der Gemeindegeſetzgebung beſtanden — 236— hatte, hörte auf, alles wurde nach Normen geregelt, die für die ſämtlichen Gemeinden, ohne Rückſicht auf Größe, Bedeutung und geſchichtliche Vergangenheit, die gleichen waren. 5 Für eine ſo junge Stadt wie Karlsruhe war dieſe nivellierende Tendenz der Geſetzgebung weniger empfindlich als für jene Städte, die eine Jahrhunderte alte Geſchichte durchlebt und in langen Zeit⸗ räumen ſich eigenartig entwickelt hatten. Blieb auch die Verwal— tung der Gemeindeangelegenheiten dem Gemeinderat überlaſſen, ſo waltete dieſer ſeines Amtes doch eigentlich nur als ein völlig ab⸗ hängiges Organ der Regierung. Dieſe Stellung der Gemeinde er— +hielt auch dadurch ihren Ausdruck, daß die Bürgermeiſter zwar von den Gemeinden— nicht wie bisher von den Gemeinderäten— gewählt, aber von der vorgeſetzten Staatsbehörde nicht mehr nur beſtätigt, ſondern ernannt wurden. Wo es die Behörde für nötig erachtete, konnte dem Ortsvorgeſetzten ein Stellvertreter beigegeben werden, der indes nur bei Verhinderung des Vorgeſetzten in Thätig— keit trat. In den Städten hieß der Vorgeſetzte Bürgermeiſter, auch erſter oder Oberbürgermeiſter, ſein Stellvertreter zweiter Bürgermeiſter. Die Mitglieder des Gemeinderats und eben ſo die von ihnen ge⸗ wählten Stadtrechner und Ratſchreiber bedurften der amtlichen Be⸗ ſtätigung. Nur die niederen Bedienſteten durfte der Gemeinderat ohne weiteres ernennen. Die Dauer der Gemeindeämter auf Lebens⸗ zeit, vorbehaltlich der durch die zuſtändige Behörde auszuſprechenden Entlaſſung, blieb beſtehen. In Gemeinden, die mehr als 3000 Seelen zählten, trat an Stelle der Gemeindeverſammlung ein von der Gemeinde gewählter Bürgerausſchuß. Die Beſchlüſſe, welche von der Gemeindeverſammlung bezw. dem Bürgerausſchuſſe gefaßt wurden, bedurften der Staatsgenehmigung. Die hier einſchlägigen Geſchäfte konnten aber auch einſeitig von der Staatsbehörde ohne Rückſicht auf die Wünſche der Gemeinde entſchieden werden. Die frühere Theilnahme der ſämtlichen Gemeindeglieder an der Gemeindeverwaltung in wichtigen, das Gemeindevermögen betreffenden Angelegenheiten wurde vermißt, als infolge der größeren Anſprüche, welche die moderne Staatsentwickelung an die Gemeinden ſtellte, in⸗ beſondere aber infolge der ſchweren Belaſtung des Gemeindever— mögens und der Heranziehung der Einzelnen zu den Gemeindelaſten, 8 welche durch die kriegeriſchen Ereigniſſe herbeigeführt waren, die aufauuaabanqaaqel AAIHautaaDanqαν,m-a Pfmuiha dgavihuaag ipugsalae urufiah⸗ — 237— ganze Verantwortung auf die Gemeinderäte und die Bürgermeiſter fiel. Mißtrauen und Uneinigkeit im Gemeindeleben machte ſich geltend und die auf Lebensdauer erwählten und durch Kooptation ſich ergänzenden Gemeinderäte, welche immer mehr einem ſchleppenden Geſchäftsgang ohne Initiative und Thatkraft verfielen, in denen Kaſtengeiſt und Vetterſchaften herrſchend waren, konnten die Aufgaben, die ihnen, wenn auch in beſcheidenen Grenzen, geſtellt waren, nicht mehr in befriedigender und erſprießlicher Weiſe löſen. In Karlsruhe war das nicht anders als in den andern Städten des Landes. Da war es denn von großer Bedeutung, daß im Jahre 1809 ein Mann zum erſten Bürgermeiſter gewählt wurde, der durch ſeine ganze Perſönlichkeit zu einer würdigen Vertretung der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt und zu einer verſtändigen Leitung ihrer Angelegen⸗ heiten vortrefflich vereigenſchaftet war. Wilhelm Chriſtian Gries⸗ bach, der am 8. April 1772 geborene Sohn des 1804 verſtorbenen Kabinetsſekretärs Griesbach, der im elterlichen Hauſe eine aus⸗ gezeichnete Erziehung erhalten und lebhaftes Intereſſe an der höheren wiſſenſchaftlichen und litterariſchen Bildung, die in dieſem Hauſe ſtets eine Heimſtätte fand, gewonnen hatte, war nicht minder, wie es auch ſein Vater geweſen, ein ſehr tüchtiger Geſchäftsmann und führte das von ſeinem Vater ererbte große Tabaksgeſchäft mit Eifer und Ein⸗ ſicht weiter, das ſich unter ſeiner Leitung noch mehr vergrößerte. Als Griesbach zum Bürgermeiſter gewählt wurde, beſtand das Perſonal der ſtädtiſchen Verwaltung außer ihm aus dem zweiten Bürgermeiſter und elf Stadträten(Senatoren), von denen einer die Stelle des Stadtverrechners, ein zweiter jene des Ratſchreibers verſah. Das Subalternperſonal beſtand aus einem Aktuar und einem oder zwei Dekopiſten, einem Stadtwachtmeiſter, zwei Ratsdienern, einem Fleiſchwäger, einem Schlachthausaufſeher und vier Stadtdienern. Die Beſoldung des erſten oder Ober-Bürgermeiſters belief ſich auf 150 Gulden aus der Stadtkaſſe, den kleinen Sporteln für Auf⸗ drückung des Stadtſiegels und einem Fünfzehntel an dem Ertrag der Gewährgelder. Griesbach überließ dem zweiten Bürgermeiſter— damals Herr Dollmätſch— die Hälfte ſeines fixen Gehaltes. Dieſer bezog außerdem ein kleines Honorar aus der Wachtgeldfond⸗ kaſſe und als Ratſchreiber jährlich 30 Gulden aus der Stadtkaſſe und verſchiedene Sporteln von ſehr mäßiger Einträglichkeit. Die — 238— übrigen Mitglieder des Stadtrates hatten keine Beſoldung aus der Stadtkaſſe. Die Bezüge eines jeden beſchränkten ſich auf ein Fünf⸗ zehntel an dem Ertrage der Gewährgelder und ein Neujahrsgeſchenk, das in einem 4 Loth ſchweren ſilbernen Löffel beſtand, der, wie wir den Aufzeichnungen eines Karlsruher Bürgers entnehmen, von den Senatoren mit Vorliebe zu Patengeſchenken verwendet wurde. Einige bekleideten, wie z. B. der Stadtverrechner, ſtädtiſche Amter und erhielten dafür kleine Vergütungen, die ſich zwiſchen 8 und 100 Gulden jähr⸗ Flich bewegten. Der Bürgerausſchuß zählte 14 Mitglieder. Die ſtädtiſchen Linanzen. Die langen Kriegsjahre mit ihren vielen Laſten hatten die Finanzen der Reſidenzſtadt, die von Anfang an keine glänzenden waren, ſchwer geſchädigt. Schon im Jahre 1802 war der Stadt und dem Oberamt eine von Georgi 1803 an verzinsliche Kon— tributionsſumme von 264000 fl. auferlegt und befohlen worden, dieſe in der Eigenſchaft einer Staatsabgabe auf das Grundvermögen und den Gewerbeſtand, mittels Beizugs aller herrſchaftlichen und ſonſt von den gewöhnlichen Staatsabgaben befreiten Objekte dieſer Art, in der Weiſe zu verteilen, daß die ganze Schuldigkeit mit fortlaufenden Zinſen in zehn Jahren getilgt werde. Da man ſich nicht ſofort über die richtige Auswahl der Steuerobjekte und deren Anlage vereinigen konnte, überdies der damals noch angeordnet geweſene Kriegsſteuer— Einzug nicht beendigt war, neben dem man, beſonders in den gegen- über der begünſtigten Stadt Karlsruhe viel ſchwerer belaſteten Land⸗ orten des Oberamts, neue Steuern nicht erheben wollte und endlich die neuen Kriegsereigniſſe eine Stockung in den Geſchäftsgang brachten, ſo verfloſſen drei Jahre, in denen die Schuld noch um den Betrag der inzwiſchen fälligen Zinſen anwuchs. Erſt im September 1806 war man ſoweit gekommen, die ganze beitragspflichtige Kapitalsſumme zu berechnen und darauf die Kontributionsſumme auszuſchlagen, wo⸗ nach(nach Abzug der während des Kriegs geleiſteten Kontributions- und Kriegslieferungen) in der Stadt Karlsruhe, ohne die von Georgi 1803 nachzutragenden Zinſen, den Gulden Kapital 24½ Kreuzer, in 4 Klein⸗Karlsruhe aber 27½ Kreuzer betraf. Obwohl ſeiner Zeit zur allmählichen Abtragung dieſer Schuld, wie ſchon erwähnt, eine zehn⸗ jährige Friſt anberaumt war, ſo wurde doch am 20. September 1806 29 an den vermöglicheren Teil der Beitragspflichtigen das Anfinnen ge— richtet, alsbald die ganze verzinsliche Schuldigkeit abzutragen. Zugleich erging die Anordnung, alle bereits entſtandenen und bis 1813 noch entſtehenden neuen Objekte des Grundvermögens und Gewerbeſtandes in gleicher Weiſe, jedoch nur nach einer für die Zeit von ihrer Ent⸗ ſtehung und Ertragsfähigkeit bis Georgi 1813 zu berechnenden Rate, beizuziehen und den entſprechenden Betrag der Stadt in neuen Kriegskoſtenzahlungen ſeiner Zeit wieder gut zu ſchreiben. Auf Georgi 1813 betrugen die Kriegsſchulden noch 79 449 Gulden. Dazu kamen noch Stadt- und Gemeinde⸗ ſchulden im Betrage von 66 900 fl., ſo daß im ganzen auf Karls⸗ ruhe 146 349 fl. Schulden laſteten. Um eine genaue und zuver⸗ läſſige Überſicht des ſtädtiſchen Schuldenweſens zu gewinnen, hatte der Stadtrat im Jahre 1811 die Errichtung eines eigenen Kapi— tal⸗Schuldbuches beſchloſſen und ließ daher am 29. Jannar d. J. durch das Großherzogliche Amtsreviſorat alle jene, welche ſowohl an die Stadtkaſſe, als an die von ihr abhängenden Neben— kaſſen auf Rechnung des Kontributions-Werbkoſten-Fonds Kapitalien geliehen haben, und namentlich die Inhaber der von dem Oberamt Karlsruhe ausgeſtellten und auf die Reſidenzſtadt verwieſenen Schuld— verſchreibungen auffordern, ihre Urkunden oder Interimsſcheine binnen vier Wochen zum Eintrag in das neue Kapital-Schuldbuch vorzulegen. Die ordentlichen Einnahmen der Stadt wurden im Durchſchnitt auf 10 000 fl. berechnet. Nach dem Geſagten verſteht es ſich, daß die weſentlichſte Auf⸗ gabe des Stadtoberhauptes in einem verſtändnisvollen und friedlichen Zuſammenwirken mit den ſtaatlichen Verwaltungsbehörden, dem Ober— amt und der Polizeidirektion beſtand. Das ſtädtiſche Bauweſen. Wohl der wichtigſte Zweig der amtlichen Wirkſamkeit der Bürger⸗ meiſter und Stadträte war die Fürſorge für eine der vermehrten und vorausſichtlich immer mehr wachſenden Einwohnerzahl entſprechende Vergrößerung der Reſidenzſtadt und die allmähliche Ver⸗ beſſerung der Bauart. Auch hier ging— ganz abgeſehen von jenen Bauten, die vom Staate und vom Hofe errichtet wurden— die Initiative von den Staatsbehörden aus, denen auch die obere Leitung des geſamten ſtädtiſchen Bauweſens oblag. Am 21. Januar 1803 kündigte die Markgräfliche Rentkammer an, daß ſich der Mark⸗ graf—„da ſich ſeit einiger Zeit etliche 20 Einwohner um Anweiſung von Bauplätzen zu Erbauung eigener Häuſer gemeldet haben und die zunehmende Bevölkerung, ſowie die unter den jetzigen Umſtänden zu erwartende Vermehrung der Einwohner durch auswärtige Perſonen eine Vergrößerung der Stadt notwendig machen, um dem Mangel an Privatwohnungen und der allzu großen Teuerung der Mietzinſe vorzubeugen“— bewogen gefunden habe, ein neues Stadtquartier für bauluſtige Einwohner eröffnen zu laſſen und den ganzen Diſtrikt vom rechten Ende der Rittergaſſe an bis an die Erbprinzenſtraße und von da abwärts bis an den Beiertheimer Viehtrieb, bis wohin auch die Herren- und Waldgaſſe verlängert werden ſollen, alſo zu Bau⸗ plätzen zu erklären, daß mit den Beſitzern der dortigen Gärten und Acker wegen deren käuflichen Abtretung zum Überbauen vorerſt eine gütliche Übereinkunft verſucht, bei überſpannten Forderungen aber eine gerichtliche Feſtſtellung ihres Wertes, nach welcher jeder ſein Land abzutreten hat, veranſtaltet werden ſolle. Es wurde dann ferner beſtimmt, daß, nach dem für die neue Anlage feſtgeſetzten Plan, zunächſt von der Stadt aus dreiſtöckige und in der Mitte der Be⸗ zirke zweiſtöckige Gebäude aufzuführen ſeien und daß vorerſt nur ein Teil von dem zu Bauplätzen erklärten ganzen Bezirk zum Überbauen werde beſtimmt werden, damit die neue Anlage im Anfang nicht allzu ſehr vereinzelt werde, ſondern mit Beobachtung einer gewiſſen Ordnung nach und nach zu Stand kommen möge. Da ſich bald der Mißſtand ergab, daß Perſonen, denen auf ihr Anſuchen Bauplätze von Herrſchaftswegen zum Überbauen gegen Be⸗ zahlung abgegeben wurden, ſolche lange Zeit unbebaut liegen ließen oder an Andere„auf eine wucherliche Art“ verhandelten, wurde am 2. März 1804 verordnet, daß jeder von der Herrſchaft erworbene Platz ſogleich baar bezahlt, von dem Erwerber ſelbſt binnen zwei Jahren überbaut oder nach Abfluß dieſer Zeit wieder an die Herr⸗ ſchaft mit dem Verluſt des dafür bezahlten Kaufſchillings zu ander⸗ weitiger Verfügung zurückgegeben werden müſſe. Schon im Juli 1802 hatte der Markgraf„in der Abſicht, dazu beizutragen, daß die Lange- oder Hauptſtraße, welche, ob ſie gleich der vorzüglichere Teil der Stadt iſt und bleiben wird, immer noch — 2⁴ größtentheils mit niedrigen, unanſehnlichen und ſchlecht gebauten Häuſern beſetzt iſt, nicht nur des äußeren Anſehens wegen, ſondern auch um die Wohnungen daſelbſt ohne Eröffnung neuer Bauplätze zu vermehren, nach und nach mit dreiſtöckigen Häuſern angebaut werde“, beſtimmt, die bisher feſtgeſetzte Baugnade erheblich zu erhöhen. Wer ein Haus in der Langen Straße abriß und demnächſt„drei Stock⸗ werke hoch, die vordere Seite von Bruch- oder gebrannten Steinen, und zwar der untere Stock ungefähr 10, der mittlere 11, der dritte aber 9 Schuh, im Ganzen alſo wenigſtens zu 30 Schuh hoch im Licht ohne den Sockel aufführt und mit einem anſtändigen Verputz verſieht“, ſollte für jeden Schuh der vorderen Faſſade des Gebäudes eine Baugnade von 15 ſtatt bisherigen 5 Gulden ausbezahlt erhalten. Eine Verfügung, die im September 1804 erging, faßte noch entſchiedener das Ziel ins Auge, auf die Verſchönerung der Langen Straße und der von derſelben gegen das Schloß führenden Neben⸗ ſtraßen durch Aufführung neuer Gebäude Bedacht zu nehmen. Um vor allem die Beſeitigung der„kleinen und unanſehnlichen Manſarden⸗ gebäude“ zu befördern, wurde, unter Aufrechthaltung der 1802 feſtgeſetzten Baugnade für dreiſtöckige Häuſer, nunmehr für neue zwei⸗ oder vierſtöckige modellmäßige ſteinerne Häuſer in der Langen Straße eine Baugnade von 10 beziehungsweiſe 20 fl., für die Er⸗ richtung zweiſtöckiger Häuſer in den zwiſchen dem Schloß und der Langen Straße gelegenen Seitenſtraßen 8 fl. für den laufenden Schuh bewilligt. Eine ſehr eingehende Bauordnung regelte alle Einzelheiten des ſtädtiſchen Bauweſens. Im Jahre 1806 wurde zum Zweck der Verſchönerung der Reſidenzſtadt verfügt, daß Hauptreparaturen an den Erkern nicht mehr geſtattet ſein, ſondern, wo ſolche nötig würden, der Erker beſeitigt und der betreffende Teil des Hauſes in gerader Linie mit den übrigen Gebäuden hergeſtellt werden ſolle. Die Mehrzahl der vom Schloſſe aus ſtrahlenförmig nach Süden führenden Straßen wurde allmählich verlängert, die von der Gottes⸗ acker⸗bis zur Schloßſtraße mit der Langen Straße parallel ziehende Querallee wurde nach und nach bebaut und erhielt jetzt den Namen Zähringerſtraße, andere neue Straßen im Weſten der Stadt wurden nach den Namen fürſtlicher Perſonen Karl-, Amalien- und Stefanien⸗ ſtraße genannt. Es währte freilich noch lange, bis ſie durchweg mit Häuſern beſetzt wurden. Um die Bebauung der inneren Stadt, 16 — 2⁴ gegenüber dem Beſtreben mehr nach der Peripherie zu bauen, zu befördern, wurde im Jahre 1810 verfügt, daß leere Bauplätze„in der bereits ſtehenden Stadt“ beſonders zwiſchen der Langen Straße und dem großen Zirkel, wenn deren Eigenthümer nicht bauen, binnen 14 Tagen nach Eingang der Meldung anderer Bauluſtiger an dieſe zum Schätzungspreiſe abzugeben ſeien. Fremden fielen die Breite der Straßen, ihr gutes Pflaſter und die mit Platten belegten Fuß⸗ wege angenehm auf. Erſt 1813 wurden an den Eingängen der Straßen Tafeln mit deren Namen und der Bezeichnung des Diſtrikts, zu dem ſie gehören, angebracht und eine Numerierung der Häuſer, wie ſie noch heute üblich iſt, mit den geraden Zahlen auf der rechten, den ungeraden auf der linken Seite(vom Schloſſe aus) vorgenommen. Durch den Abbruch der lutheriſchen Stadtkirche war ein anſehnlich großer Platz gewonnen, der nach den Plänen Weinbrenners zum ſtädtiſchen Forum ausgeſtaltet wurde, aber ſeiner Bebauung mit der neuen Stadtkirche, dem Rathaus und anſehnlichen Privatgebäuden nur ſehr langſam entgegenging. Da das frühere Projekt Scheffauers zu einem Denkmal des Erbauers von Karlsruhe nicht zur Ausführung ge⸗ kommen war, hatte Weinbrenner einen neuen Denkmalsplan: auf hohem, mit Basreliefs geſchmückten Sockel eine die Stadt verkörpernde Koloſſalfigur(Rea), den Aſchenkrug des Erbauers im Schoße haltend, ausgearbeitet. Aber auch dieſer Entwurf wurde nicht ausgeführt. Seit dem Beginne des Jahrhunderts war zu den ſchon früher entſtandenen Thoren(Durlacher-, Rüppurrer⸗, Mühlburger- und Linkenheimer⸗) noch ein neues Thor, zum Abſchluſſe der vom Schloß über den Marktplatz nach Süden führenden Straße hinzugekommen, das von Weinbrenner 1803 ſehr ſchnell, allerdings nicht aus monu⸗ mentalem Material, im griechiſchen Stil erbaute Ettlinger Thor, das zugleich ein Denkmal des Anfalls der Pfalz an Baden und der Annahme der Kurwürde durch den Markgrafen Karl Friedrich bilden ſollte. Hierauf wieſen die auf dem Frontiſpiz angebrachten Reliefs und die Inſchrift hin: A. C. MDCCCIII. Regnante Carolo Fri⸗ derico M. B. S. R. I. P. E.(Marchione Badense, Saneti Romani Imperii Palatino Electore). Von neu errichteten fürſtlichen Gebäuden verdienen Er⸗ wähnung die Palais der Markgräfin Amalie auf der rechten ———-—-— ——— R 5 243— Seite der Langen Straße nahe am(damaligen) Mühlburger, der Königin Friederike von Schweden nächſt dem Linkenheimer Thor, des Markgrafen Ludwig im großen Zirkel, des Markgrafen Friedrich in der Schloßſtraße(jetzt die Landesgewerbehalle) und das nach Weinbrenners Plänen erbaute Palais der Reichsgräfin von Hochberg auf dem Rondellplatz. An den ſüdlichen Ecken des Marktplatzes erhoben ſich das Kanzleigebäude der Markgrafen und das Wohnhaus des Oberbürgermeiſters Griesbach. Von ſtattlichen Privatgebäuden heben die gleichzeitigen Berichte die Wohnhäuſer des Generals Link und des Einnehmers Bodemer(in der Waldhornſtraße noch heute erhalten), der Staatsräte Meier und v. Wechmar, den Gaſthof zum Kreuz, den Badiſchen und den Zähringer Hof, von militäriſchen Gebäuden die Infanteriekaſerne vor dem Mühlburger Thor, das Gouvernements⸗ haus und das Zeughaus hervor. Auf dem Friedhof erhoben ſich neben vielen beſcheidenen Zeichen der Erinnerung an die dort Beſtatteten ſchon einige durch kunſtvolle Bildhauerarbeit ausgezeichnete Denkmäler. Eine beſondere Zierde Karlsruhes bildeten die zahlreichen umfang⸗ reichen und ſchön gehaltenen fürſtlichen Gärten. Außer dem Schloßgarten und den an ihn angrenzenden Anlagen, dem Faſanen⸗ garten und dem Botaniſchen Garten, ſowie dem an der Durlacher Allee gelegenen Großherzoglichen Küchengarten ſind hier in erſter Reihe die früher„Erbprinzengarten“ genannten ſchönen Anlagen zu beiden Seiten der Erbprinzenſtraße zu nennen, die nach des Erb⸗ prinzen Karl Ludwig frühem Tode Eigentum ſeiner Witwe, der Markgräfin Amalie wurden, und den Namen„Amaliensruhe“ erhielten. In dem nördlichen Teile dieſer Anlagen war ein auf doriſchen Säulen ruhendes Gebäude, das einen Saal mit zwei Nebenzimmern enthielt, errichtet, in welchem die Markgräfin einen kleineren Kreis ihr näher ſtehender Perſonen zu empfangen pflegte. Auf einem altarähnlichen Steine las man die Inſchrift:„Hier ſey der Sitz unſchuldiger Freuden und der Ruhe nach wohlthätiger Arbeit.“ Im füdlichen Teile des Gartens, wo der früher erwähnte gotiſche Thurm ſich erhob, in deſſen Nähe eine Volière die Anlage abſchloß, war ein zu längerem Auf⸗ enthalt im Sommer beſtimmtes Schlößchen, das noch heute beſteht, errichtet, von deſſen Terraſſe ſich ein hübſcher Blick auf die Stadt eröffnete. Das ganze Beſitztum, welches einen Flächeninhalt von 16* — 244— beinahe 18 Morgen umfaßte, war von einer ſogenannten„Ahamauer“ umgeben. Vor dem Mühlburger Thor beſaß der Markgraf Ludwig einen mit ſehr ſchönen Bäumen beſtellten großen Park mit einem einfachen Luſthauſe, welches gute Gemälde und Statuen zierten. Ein Teil der Anlage war mit Hirſchen beſetzt, welche das Gelände anmutig belebten. Auch an das Palais der Reichsgräfin von Hochberg ſchloß ſich ein großer Garten an, auf deſſen Südſeite ein ebenfalls noch beſtehendes ſtattliches Gartenhaus mit joniſchen Säulen und einem Kuppeldach einen freundlichen Ausblick nach dem Thurmberg bei Durlach und den von Ettlingen bis in die Gegend von Baden ſich erſtreckenden Höhenzügen geſtattete. Innerhalb der durch die Häuſerreihen gebildeten Quadrate, wo heute faſt allenthalben hohe Hintergebäude ſich erheben, befanden ſich in jener Zeit und noch viele Jahre ſpäter große Privatgärten, die zwar dem die Stadt Durchwandernden keine Augenweide boten, aber den Bewohnern manche Annehmlichkeit bereiteten und nicht wenig zur Geſundheit der Reſidenzſtadt beitrugen. Rolkszählung von 1809. Am Ende des Jahres 1809 war unter Anwendung eines von Bürgermeiſter Dollmätſch aufgeſtellten Formulars zum erſten Mal eine zuverläſſige ählung vorgenommen worden, während alle früheren Zählungen, in Folge der Vornahme durch verſchiedene Behörden, die dabei abweichende Grundſätze befolgten, keine ganz ſicheren Ergebniſſe geliefert hatten. Die Zählung von 1809, deren Ergebnis im Karlsruher Intel⸗ ligenz- und Wochenblatt vom 16. Juni 1810 veröffentlicht wurde (wobei durch einen Rechen⸗ oder Druckfehler die Geſamtzahl auf 10 579 angegeben iſt), ergab für die Reſidenzſtadt Karlsruhe mit Klein⸗Karlsruhe und Gottesaue eine Einwohnerzahl von 10597 Seelen, darunter 7750(3638 männliche, 4112 weibliche) Lutheraner, 1791 (1001 männliche, 790 weibliche) Katholiken, 386(207 männliche, 179 weibliche) Reformierte und 670(313 männliche, 357 weibliche) „Moſaiten“. Von den 10 597 Einwohnern gehörten(immer die ganze Familie eingerechnet) 1405 dem Stande der Staatsdiener, 1196 dem Militärſtande, 1490 der Hofdienerſchaft an, die Zahl der Ausſicht vom Garten der Markgräfin Amalie. Uusſicht vom Garten der Reichs gräfin von Bochberg. — 245— dem Bürgerſtand Angehörigen betrug 3886, die Zahl der Dienſt-⸗“ boten 1494, jene der Fremden 356. Die Stadt war in 31 Straßen und 4 offene Plätze eingeteilt, in 56 Quadraten ſtanden 869 Gebände“) darunter 73 öffentliche Gebäude, 796 Privatwohnhäuſer. Die Feldgüter waren in 719 Morgen Acker, 411 Morgen Wieſen, 64 Morgen Nutzgärten und 31 Morgen Luſtgärten eingeteilt“); der Viehſtand betrug 437 Pferde, 31 Ochſen, 139 Kühe, 771 Schweine, 480 Schaafe. Ihren Berufsarten nach befanden ſich unter der Bürgerſchaft 5 Anſtreicher, 44 Bäcker, 5 Bierbrauer, 4 Bildhauer, 7 Buchbinder, 3 Buchdrucker, 2 Buchhändler, 3 Büchſenmacher, 2 Bürſtenmacher, 5 Dreher, 2 Färber, 1 Feilenhauer, 1 Fiſchhändler, 2 Fripiers (Trödler), 7 Glaſer, 1 Glasfabrikant, 7 Gold- und Silberarbeiter, 5 Gürtler, 6 Hafner, 25 Handelsleute, 4 Hutmacher, 1 Inſtru⸗ mentenmacher, 3 Kammmacher, 3 Knopfmacher, 4 Kübler, 15 Küfer, 2 Kupferſtecher, 2 Kupferſchmiede, 3 Kürſchner, 10 Kutſcher, 7 Leine⸗ weber, 6 Maler, 1 Marmorier, 11 Maurer- und Steinhauermeiſter, 1 Mechanikus, 8 Mehlhändler, 1 Meſſerſchmied, 36 Metzger, 1 Nadler, 3 Nagelſchmiede, 7 Peruquiers, 2 Poſamentierer, 8 Säckler, 8 Sattler, 1 Schieferdecker, 10 Schloſſer, 8 Schmiede, 78 Schneider, 1 Schorn— ſteinfeger, 33 Schreiner, 61 Schuhmacher, 6 Seifenſieder, 8 Seiler, 5 Spängler und Flaſchner, 1 Sporer, 2 Steinſchleifer, 1 Stein⸗ drucker, 3 Strumpfſtricker, 2 Tabaksfabrikanten, 5 Uhrenmacher, 2 Vergolder, 6 Viktualienhändler, 5Wagner, 1 Weißgerber, 54 Wirte, 2 Zeug⸗ und Bohrerſchmiede, 4 Zimmermeiſter, 1 Zinngießer, 7 Zuckerbäcker. Über den Verbrauch von Lebensmitteln im Jahre 1809 wurde ebenfalls eine Zuſammenſtellung veröffentlicht: Es wurden verzehrt 27 750 Zentner Mehl, 1008 Ochſen, 535 Kühe, 733 Rinder, 11 Farren, 4658 Kälber, 1257 Hämmel, 73 Gaiſen, 1637 Schweine; 2903 Ohm Wein, 1175 Ohm Bier“), 2912 Zentner Salz. An )Nur die Hauptgebäude, ohne die dazu gehörigen Nebengebäude. ˙ Hierunter ſind der Schloß- und der Faſanengarten nicht enthalten. z) Der Wein⸗ und Bierverbrauch begreift nur in ſich, was von den Wirten und Brauern verohmgeldet wurde. — 246— Feuerungsmaterial wurde verbraucht 10942 Meß Holzs), 820 Zentner Steinkohlen. Neue Organiſation der Polizei. Die für Leben und Treiben der Einwohnerſchaft Karlsruhes wichtigſte der ſtaatlichen Behörden war und blieb auf lange Zeit die Polizei. Sie hatte im Jahre 1800 eine neue Organiſation er⸗ halten. Die bis dahin in Kraft geweſene Einrichtung, wonach täglich ein anderes Mitglied der Polizeideputation den laufenden Dienſt leitete, hatte ſich auf die Dauer nicht bewährt und es wurde nunmehr ein Polizeidirektor für alle Vollziehungen ernannt, unter deſſen Vorſitz jedoch die Deputation fortbeſtand. Dieſes Amt erhielt der Freiherr von Drais, der ſich während des Raſtatter Kongreſſes in der gleichen Stellung vortrefflich bewährt hatte. Mit ſeinem Eifer und der Energie, die er, durch kollegialiſche Beſchlußfaſſungen nicht ge— hindert, erfolgreich entwickelte, verband ſich zu ſehr erfreulicher Wirk⸗ ſamkeit die reiche Erfahrung der übrigen Deputationsmitglieder. Im Jahre 1808 wurde eine neue Polizeiordnung erlaſſen, welche den Wirkungskreis der Polizei und ihre Geſchäftsbehandlung in ein⸗ gehender Weiſe regelte. Auf kurze Zeit wurde im Jahre 1810 die Polizei, wie es früher der Fall geweſen war, wieder mit dem Oberamt vereinigt. Armenpflege. Das Armenweſen, dem, wie wir ſchon früher ſahen, von jeher die beſondere Sorge der Polizeibehörde zugewendet war, er⸗ hielt im Jahre 1800 eine neue Einrichtung. Die Stadt wurde zu dieſem Zweck in 12 Bezirke geteilt, in jedem derſelben verwaltete ein Bezirksangehöriger das freiwillige Amt eines Armenpflegers. Den Armenpflegern lag die genaue Beobachtung der Armen ihres Bezirkes und die Vertretung ihrer Intereſſen bei der Polizeidirektion ob. Nur wo es ſchlechthin unmöglich war, den Armen Arbeitsgelegenheit zu verſchaffen, wurde ihnen, in erſter Reihe alſo ſchwachen, kranken und alten Perſonen, Unterſtützung zugewendet. In dem außerordentlich ſtrengen Winter von 1801—2, in welchem die Kälte beſonders ) Soviel wurde von dem herrſchaftlichen Holzhof abgegeben. ee eeee 247— lange anhielt, erließ am 20. Januar 1802 die Polizeideputation einen beweglichen Aufruf an die Bewohner der Reſidenzſtadt, in welchem ſie beſonders dazu aufforderte, die Mittel, die ſonſt für Winterluſtbarkeiten ausgegeben wurden, deren Ertrag den Armen zugute kam, die aber wegen der Landestrauer um den Erbprinzen ausgefallen waren, für die Not der Armen zu verwenden. Schon am 27. Januar konnte im Intelligenz- und Wochenblatt der Erfolg dieſes Aufrufes veröffentlicht und bekannt gegeben werden, daß außer namhaften Gaben an Kleidern und Bettzeug die anſehnliche Summe von 354 fl. 35 kr. für die Armen eingegangen ſei. Und in ähnlicher Weiſe und ſtets mit gutem Erfolge ergingen auch in den folgenden Jahren ſeitens der Polizeideputation Aufrufe an die Mildthätigkeit der Reſidenzbewohner. Abgeſehen von ſolchen aus beſonderen Anläſſen veranſtalteten Sammlungen fanden aber das ganze Jahr hindurch regelmäßige Kollekten ſtatt, über deren Ertrag die Polizeideputation alle Vierteljahre öffentlich Rechnung legte. Hier ſei beiſpielsweiſe mit⸗ geteilt, daß im Jahre 1809 die Kollekte im erſten Vierteljahr 591 fl. 40½ kr., im zweiten 613 fl. 27 kr., im dritten 566 fl. 3 kr., im vierten 593 fl. 29 kr. betrun. Zu dem Ertrag der Kollekten kamen aber ferner landesherrliche Beiträge zur Abſchaffung des Bettels und zur Unterſtützung von Angehörigen niederer Diener, kirchliches Almoſen, Beiträge des Kriegsminiſteriums, Ertrag aus Schauſpielen, Konzerten und Redouten, Geſchenke und Vermächtniſſe von Privatperſonen und halbjährig ein Erſatz aus der Stadtkaſſe. Daraus ergab ſich im Jahre 1809 im Ganzen eine Einnahme von 7213 fl. Die Ausgaben des gleichen Zeitraumes beliefen ſich auf 7313 fl. 50 kr., ſo daß die Almoſenrechnung mit einem Defizit von rund 100 fl. abſchloß. Unter den Ausgabepoſten erſcheinen in den Quartalabrechnungen: das wöchentliche Almoſen, beſondere Gaben, Kur⸗ und Verpflegungskoſten, Koſten für Bekleidung, Hauszinſe, Schulgeld, Unterſtützungen armer Reiſender, Transportkoſten, Leichen⸗ koſten, endlich die ſehr mäßigen Verwaltungsgebühren. Eine ganz beſondere Wohlthat für die Armen war die nach dem Vorgang anderer Städte im Dezember 1804 auch in Karlsruhe erfolgte Errichtung einer Rumford'ſchen Suppenanſtalt. Die milde Hand Karl Friedrichs hatte zur Begründung dieſes wohl⸗ — 248— thätigen Werkes 1000 Gulden geſpendet. In einem eigens hierzu aufgeführten Anbau des Gewerbhauſes wurde täglich zweimal, des Mittags von 11 bis ½2, des Abends von 6 bis 8 Uhr Suppe bereitet und um den Preis von 2 Kreuzer für die Portion an jeder— mann verabreicht. Dabei ſtand den Beſuchern der Anſtalt frei, die Suppe in dem dazu eingerichteten Saale zu verzehren oder in einem mitgebrachten Gefäße nach Hauſe holen zu laſſen. Es wurden auch Suppenbillets angefertigt, welche Wohlthäter kaufen und an die Armen als Anweiſung zum Empfang einer beliebigen Zahl von Por⸗ tionen vertheilen konnten. Die Polizeideputation ſchloß ihre Be— kanntmachung dieſer neuen Einrichtung im Provinzialblatt der Badi⸗ ſchen Markgrafſchaft mit dem Satze:„Die ökonomiſche Suppe kann von Jung und Alt als eine nahrhafte und geſunde Speiſe gegeſſen und als ſolche empfohlen werden. Mehrmaliges Abwechſeln der Suppenrezepte ſowie die ſtrengſte Aufſicht auf Reinlichkeit bei Be⸗ reitung derſelben kann man ſich von diesſeitiger Stelle verſichert halten.“ Die Veranſtaltung fand raſch ſolchen Anklang, daß die Verwaltung ſich veranlaßt ſah, in den Wintermonaten auch des Morgens von 7 bis 8 Uhr täglich Suppe abzugeben. Nach Jahres⸗ friſt wurde ein Bericht über die Benützung der„ökonomiſchen Sup⸗ penanſtalt“ veröffentlicht. Derſelbe wies nach, daß vom 3. De⸗ zember 1804 bis Ausgang Dezember 1805 überhaupt 18 855 Por⸗ tionen bereitet, davon 4604 Portionen gegen bares Geld, 8442 ſtatt Almoſens an Arme und 5809 Portionen teils von dem Koch und ſeiner Familie genoſſen, größtenteils aber unentgeltlich an die im Gewerbhaus arbeitenden Kinder abgegeben worden ſeien. Die Zahl der ausgeteilten Suppenportionen wechſelte in den verſchiedenen Jahren je nach den Verhältniſſen der armen Leute; ein beſonders ſtrenger Winter erhöhte wohl, ein milder verminderte den Beſuch. So wurden z. B. 1807—8: 12 772, 1808-9: 16 901, 1809 10: 12 647 Portionen verabreicht. Die Ausgaben der An⸗ ſtalt ſchwankten in dieſen Jahren zwiſchen 669 und 813 fl. Für die Hälfte des verausgabten Betrages kam die Stadtkaſſe und der Militär⸗Gratialfond auf. Die Suppenanſtalt wurde zuerſt von der Polizeideputation in eigener Regie verwaltet, 1807 in Pacht gegeben. Da dem arbeitskräftigen Armen, wo immer möglich, Gelegenheit zur Arbeit geboten, dem zur Arbeit unfähigen Unterſtützung gereicht — 249— wurde, verſchärfte man noch die ſchon früher ergriffenen Maßregeln gegen den Straßenbettel und nahm auch keinen Anſtand, notoriſch arbeitsſcheuen Perſonen durch Verhängung körperlicher Züchtigung den Hang zum gewerbsmäßigen Bettel abzugewöhnen. Um den Eifer der Polizeidiener zu ſteigern, erhielten ſie für jeden ergriffenen Bettler eine Belohnung von 15 Kreuzern. Geſundheitspflege. Ein anderer nicht minder wichtiger Gegenſtand der polizeilichen Fürſorge war die Geſundheitspflege. Im allgemeinen war der Geſundheitszuſtand der Karlsruher Einwohnerſchaft als ein guter zu bezeichnen. Die Sterblichkeit der Kinder unter einem Jahre hielt ſich in normalen Grenzen. Einer der gefährlichſten Feinde des Kinderalters, die natürlichen Blattern, kamen immer ſeltener vor, je mehr die Kuhpockenimpfung Anklang fand. Eine im„Reichs⸗ anzeiger“ erſchienene Belehrung über dieſe prophylaktiſche Maßregel wurde, wie im ganzen Lande, ſo auch in Karlsruhe maſſenhaft ver⸗ breitet; hier waren es beſonders die Medizinalräte Schweickhard und Zandt, die ſich mit großem Eifer der Bekämpfung der gegen die Impfung noch beſtehenden Vorurteile widmeten. Und da die Im⸗ pfung unentgeltlich vorgenommen wurde, war auch die Armut kein Hindernis, die Kinder dieſer Wohlthat teilhaftig zu machen. Nach einer von dem Stadtphyſikat jährlich veröffentlichten Tabelle durften die Karlsruher mit Befriedigung feſtſtellen, daß hier die Kuhpockenimpfung verhältnismäßig in größerem Umfang als in den Hauptſtädten Wien und Berlin zur Anwendung kam. In Erkrankungsfällen waren 11„Civilärzte“ und mehrere Wund⸗ ärzte zur Hülfeleiſtung bereit, in 3 Apotheken wurden die verordneten Arzneien hergeſtellt, einige Krankenwärter waren ausgebildet, für 2 derſelben war, wenn ſie unbeſchäftigt waren, ein Koſtgeld ausgeſetzt, um ſie nicht zur Ergreifung eines anderen Broderwerbes zu nötigen. Gegen Kurpfuſcherei wurde mit Ernſt und Entſchiedenheit ein⸗ geſchritten. Im ſtädtiſchen Hoſpital wurden jährlich durchſchnittlich 400 Kranke aufgenommen. Eine eingehende Darſtellung des Kranken⸗ ſtandes aus dem Jahre 1810 weist nach, daß vom 1. Januar bis 31. Dezember dieſes Jahres„medieiniſch⸗chirurgiſch beſorgt“ wurden 223 Manns⸗ und 100 Weibsperſonen. Von dieſen 323 wurden — 250— 262 geheilt entlaſſen(194 derſelben hatten an innerlichen Übeln, 68 an äußerlichen Beſchwerden und Verwundungen gelitten), 9 gingen aus der Kur, 1 wurde als unheilbar entlaſſen, 20 ſtarben. Die Verpflegung eines Kranken koſtete täglich etwas über 1 fl. Milde Stiftungen erlaubten jedoch die Verpflegungsgelder erheblich mäßiger anzuſetzen. Die Verwaltung des Hoſpitals lag in den Händen einer Kommiſſion, welcher als ſtändige Mitglieder die Pfarrer der drei chriſtlichen Bekenntniſſe und die im Hoſpital angeſtellten Arzte, außerdem fünf wechſelnde Mitglieder aus verſchiedenen Ständen an⸗ gehörten, die ihre Thätigkeit als Ehrenamt ausübten und von denen monatlich einer das Vorſteheramt übernahm. Im Militärhoſpital konnten 90 bis 100 Kranke untergebracht werden, deren Pflege einem Stabsarzt und mehreren militäriſchen Wundärzten anvertraut war. Die Israeliten hatten ein eigenes Hoſpital, dem ein chriſtlicher Arzt vorſtand. Fürſorge für das Geſinde. Eine eigenartige und beſonders wohlthätig wirkende Anſtalt war das im Jahre 1800 gegründete Inſtitut für erkrankende Ge— ſellen und Lehrjungen. Am 17. Dezember dieſes Jahres erließ der Polizeidirektor v. Drais ein Ausſchreiben an Meiſter und Geſellen, in welchem er ihnen vorſtellte, daß die Zünfte den Beginn des neuen Jahrhunderts nicht würdiger als durch dieſe menſchen⸗ freundliche Stiftung feiern könnten. Es wurde ihnen anheimgeſtellt, zur weiteren Beratung mit der Polizeidirektion ſelbſt einen Ausſchuß zu wählen. Von den Geſellen wurde wöchentlich 1½¼ kr. vom Lohn eines jeden zurückbehalten. Die dadurch gewonnenen Gelder wurden nicht mit dem allgemeinen Armenverſorgungsfond vereinigt, ſondern blieben unter beſonderer Verwaltung Eigentum der Zünfte. Aus dieſen Mitteln wurden die erkrankten Geſellen und Lehrjungen ge— pflegt, ernährt, transportiert, im Todesfalle begraben. Die erſten freiwilligen Beiträge der Zünfte betrugen 319 fl. Dazu kam mit der fürſtlichen Beſtätigung, die am 16. Februar 1801 erfolgte, ein Einſtandsgeſchenk des Markgrafen von 200 fl. Demnächſt wurde beſtimmt, daß jeder, der von nun an in Karlsruhe Meiſter wurde, 1 fl., jeder Lehrjunge bei Aufdingen und Ledigſprechen 15 kr. in SSSS die Kaſſe zu zahlen habe, nur ganz Armen konnte Dispens erteilt werden. Auf Wunſch der Zünfte übernahm der Polizeidirektor ſelbſt die Funktidn eines fürſtlichen Kommiſſars bei dem neuen Inſtitut und wurde einem fürſtlichen Diener die Rechnungsſtellung übertragen. Die Zahl der beitragenden Geſellen und der Lehrjungen, für welche jemand den gleichen Wochenbeitrag übernahm, war zu Beginn des Jahres 1801 auf 435 angewachſen. Der Inſtitutsvorſtand war aus 4 Meiſtern und 2 Altgeſellen zuſammengeſetzt. Im Jahre 1804 betrugen die Einnahmen des Inſtitutes ſchon 2126 fl. 13½ kr. die Ausgaben 2098 fl. 14 kr., das reine Vermögen 616 fl. 53 kr. Nicht minder als dieſes hatte ſich auch das ſchon vor einer Reihe von Jahren begründete Inſtitut für die Kur erkranken⸗ der Dienſtboten als ſehr wohlthätig bewährt; im Jahre 1802 waren 37 Patienten während 771 Tagen im Hoſpital verpflegt worden, doch wurde gerügt, daß viele Dienſtherrſchaften noch zögerten, ſich für ihre Dienſtboten an dem gemeinnützigen Unternehmen zu beteiligen. Vom Jahre 1809 an wurde der Beitritt der Dienſt⸗ herrſchaften obligatoriſch. Wer ihn verſäumte, hatte die Verpflegung ſeiner erkrankenden Dienſtboten auf ſeine Koſten— ſtatt aus öffent⸗ lichen Fonds— zu gewärtigen. Neben dieſen beiden beſtand noch ein Inſtitut für Verpflegung armer Rekonvalescenten, für deſſen Zwecke z. B. im Jahre 1808 die Summe von 265 fl. 51 kr., die durch milde Gaben des Landesherrn und anderer Gönner eingegangen war, zur Verwendung kam. Am 13. Mai 1809 war eine allgemeine Geſindeordnung für das Großherzogtum erlaſſen worden. Um Weihnachten trat dieſe für die Reſidenzſtadt Karlsruhe in Kraft. Nun erſt wurde eine Meldung der Dienſtboten auf der Polizei und danach die Anlage eines Verzeichniſſes der Dienſtboten eingeführt. Für den Mietſchein, welcher die obrigkeitliche Anerkennung der Dienſtboten darſtellte, wurden 6 Kreuzer bezahlt, dieſer Ertrag der Mietſcheine wurde zur Deckung der durch die Handhabung der Gemeindeordnung verurſachten Koſten verwen— det. Wer einen Dienſtboten ohne Mietſchein behielt oder neu annahm, wurde mit einer Buße von 3 Reichsthalern, Dienſtboten, die man ohne Mietſcheine betraf, wurden mit Gefängniß und, wenn ſie fremd waren, mit Ausweiſung beſtraft. Die Wanderziele waren, wie heute, Oſtern, Johannis, Michaelis, Weihnachten. Dienſtboten, die in einem Srrrr——— — 252— Jahr vier⸗ oder in zwei Jahren dreimal ohne genügenden Grund den Dienſt wechſelten, wurden unter Polizeiaufſicht geſtellt oder aus⸗ gewieſen. Streitſachen zwiſchen Dienſtherrſchaften und Dienſtboten wurden von der Polizei binnen 24 Stunden ſummariſch und ohne Appellation entſchieden. Mutwillige Kläger und Beklagte erhielten beſondere Strafe. Guten Dienſtboten, d. h. ſolchen, die lange Jahre in dem gleichen Dienſt blieben, wurde beſondere obrigkeitliche Rückſicht in Ausſicht geſtellt. Aber auch auf die Heranbildung brauchbarer Dienſt— boten war die Polizei bedacht. Schon 1800 wurde auf Anregung des Freiherrn von Drais die Anſtalt getroffen, daß der Schule ent⸗ laſſene Mädchen, die ſich zu einem Dienſt eigneten und durch ihr Wohlverhalten eine Belohnung verdienten, ein halbes Jahr ehe ſie in einen Dienſt traten, im Nähen Unterricht erhielten. Zugleich er⸗ teilte ihnen Hofdiakon Volz wöchentlich einmal eine Unterrichtsſtunde, in welcher er ſie nach einem von ihm entworfenen zweckmäßigen Plane über die Pflichten ihres künftigen Standes im Verhältnis gegen ihre Herrſchaft und deren Kinder in geſunden und kranken Tagen, gegen ihr Mitgeſinde u. ſ. w. beſonders belehrte. Der Unterricht, welcher Schreiben und Rechnen, Verfertigung von Aus⸗ gabezetteln, Wäſchetabellen u. dgl. umfaßte, wurde jährlich während mehrerer Monate in einem Kleinkarlsruher Schulzimmer erteilt und es konnten an demſelben auch Mädchen, die ſchon im Dienſte ſtanden, teilnehmen. Nicht alle Mädchen, welche ſich zu dieſem Unterricht meldeten, blieben der Sache treu. Mit denen, welche ausharrten, wurde von Zeit zu Zeit eine Prüfung in Gegenwart mehrerer dazu eingeladenen fürſtlichen Räte und einiger— wie es in der An⸗ kündigung heißt—„des hausmütterlichen Gegenſtandes wegen“ dazu gebetenen Frauen abgehalten. Nach deren Ausfall wurden die Schülerinnen in drei Abteilungen zum Hervortritt gerufen. Die Beſten erhielten aus einer Stiftung teilnehmender Wohlthäter je einen kleinen Thaler und ein zu ihrer Empfehlung und zu baldigem Unterkommen dienendes Zeugnis mit obrigkeitlichem Siegel, an die der zweiten und dritten Abteilung Zugewieſenen wurden zur Auf— munterung Belohnungen von 30 und 12 kr. verteilt. Allen, die nicht in der Zwiſchenzeit einen Dienſt antraten, wurde wiederholte Teilnahme am Unterricht bei deſſen nächſten Veranſtaltung empfohlen. — 253— Zur beſſeren Heranbildung guter Mägde wurde verſucht, wohl— erfahrene und ehrenwerte Hausfrauen zu bewegen, junge Mädchen, welche die Dienſtbotenſchule beſucht hatten, zur Ausbildung in allen hausmütterlichen, in jedem Haushalt vorkommenden Kenntniſſen bei ſich aufzunehmen und wie Kinder des Hauſes—„dem Willen der Herrſchaft und ſomit auch nötigen Falles der väterlichen Zucht übergeben, nicht minder aber einer väterlichen Liebe em⸗ pfohlen“— zu behandeln, zum Kirchgang und„allem guten Geiſt der⸗ Ordnung“ anzuhalten, aber auch denſelben die ſonſt den Dienſtboten, zukommende Selbſtändigkeit und Erholungszeit zu gewähren. Die Mädchen mußten ſich zu wenigſtens einjährigem Dienſt gegen den üblichen Lohn, zu welchem die Polizei— um die Hausfrau zu er⸗ leichtern— jährlich 20 fl. beitrug, verpflichten. Um die Er⸗ munterung zu längerem Dienen zu geben, wurde aus einer von dem Freiherrn von Palm gemachten Stiftung„zur Beförderung der Moral und Polizei“ jährlich eine mäßige Summe zu einem„Karls⸗ ruher Mädchen-Inſtitut“ verwendet und teils zu Schulpreiſen für die beſten Schülerinnen, teils zu Dienſtpreiſen für ſolche Mädchen, die wenigſtens ein Jahr lang bei einer und derſelben Herrſchaft treu gedient haben, beſtimmt. Alle dieſe gemeinnützigen Einrichtungen überdauerten die Dienſt⸗ zeit ihres Begründers, des Freiherrn von Drais, der ſchon im, Jahre 1803 zum Präſidenten des Hofgerichts in Raſtatt ernannt wurde, nur um wenige Jahre, und wurden— teilweiſe in anderer Form— erſt viel ſpäter wieder in's Leben gerufen. Straßenpolizei. Mit der Vergrößerung und dem allmählich eintretenden wirt⸗ ſchaftlichen Aufſchwung der Reſidenzſtadt mußten auch die polizei⸗ lichen Maßnahmen für eine verbeſſerte Pflege der Straßen und des ſtädtiſchen Verkehres Schritt zu halten ſuchen. Die Stadtbeleuchtung wurde im Laufe der Jahre vervollſtändigt, ſo daß man ſich im März 1811 genötigt ſah, ein Dritteil mehr als bisher von den Hauseigentümern als Beitrag zur Stadtbeleuchtung einziehen zu laſſen; gleichzeitig wurde der Beitrag der Mieter von ¼ Kreuzer auf 1 Kreuzer vom Gulden jährlicher Hausmiete erhöht. Zur Reinhaltung der Straßen wurde mit Strafandrohung das regelmäßige — 254— Kehren der Straßen, Bürgerſteige und Rinnen, das Begießen der— ſelben, das in der heißen Jahreszeit täglich zweimal vorzunehmen war, angeordnet. Den Kindern wurde die herkömmliche Unart ver⸗ boten, auf offener Straße mit Steinen zu werfen, auf den Bau⸗ plätzen zu klettern, unvorſichtiger Weiſe vor Wagen und Pferde zu treten. Herrenloſe Hunde durften nicht umherlaufen und es wurde jedermann erlaubt, ſolche niederzuſchlagen; für alle großen Hunde, mit Ausnahme der eigentlichen Jagd- und Windhunde wurde bei Strafe von 1 fl. 30 kr. das Tragen von Maulkörben vorgeſchrieben. Das Entleeren von Abtritten und das Wegfahren von Dünger war für die heiße Jahreszeit unbedingt unterſagt, während der übrigen Monate nur zu beſtimmten Nachtſtunden geſtattet. Um Vorüber⸗ gehende vor Beſchädigung zu bewahren, wurde verfügt, daß Blumen⸗ töpfe nur hinter hölzernen Latten oder eiſernen Stangen vor die Fenſter geſtellt werden dürfen. Der kindiſche Mutwille, neu ange— ſtrichene Häuſer oder Mauern„mit albernen Strichen“ zu bemalen, wurde bei Strafe von 2 fl., wofür die Eltern haftbar waren, und der Verpflichtung, den Wiederanſtrich zu beſtreiten, verboten. Den Knaben wurde das Führen von Armbrüſten(„Spielwerken, die ihnen und andern gefährlich werden können“) unterſagt. Denen, die damit die Straße betraten, wurden ſie von den Polizeidienern abgenommen, Eltern oder Pfleger traf eine Strafe von 1 fl. Nachdem ſchon früher das Austreiben von Rindvieh durch die Reſidenzſtadt unter— ſagt worden war, wurde im Jahre 1806 auch der Austrieb der Schweine verboten und das Umherlaufen einzelner Rinder und Schweine in den Straßen mit einer Strafe von 30 kr. für jedes Stück und im Jahre 1809 das Hetzen des Viehs mit Hunden mit einer Strafe von 5 fl. bedroht. Ueber die Freihaltung der Straßen und Fußwege von Laſtfuhrwerk, unbeſpannten Wagen, über das Lagern von Baumaterialien, von Fäſſern, Dielen und andern Gerät⸗ ſchaften vor den Häuſern, wurden Vorſchriften erlaſſen und die Be— leuchtung ſolcher Verkehrshinderniſſe bei Nacht angeordnet. Es wurde auch Vorkehr getroffen, daß Fußgänger nicht durch zu nahes Beifahren herrſchaftlicher Wagen an Thore und Thüren der Häuſer und unnötiges Halten derſelben auf den Fußwegen beläſtigt wurden, und überhaupt in Anſehung des Reitens und Fahrens in der Stadt eine ſtrenge Ordnung gehandhabt, deren einzelne Beſtimmungen von — 255— Zeit zu Zeit in Erinnerung gebracht wurden; insbeſondere wurde bei Vermeidung einer Strafe von 1 fl. 30 kr. im Februar 1811 das Verbot des Reitens und Fahrens„auf den Fußpfaden der aller⸗ wärts breit genug angelegten Straßen in- und außerhalb der Reſi⸗ denz“ erneuert. In der Nähe des Schauſpielhauſes durften die Wagen nur im Schritt fahren und mußten ſich beim Warten in eine Reihe hinter einander ſtellen. Wer ſich gegen dieſe Vorſchrift verfehlte, wurde mit einer Strafe von 2 fl. belegt, wer an den„zur Verſchönerung der Straßen angebrachten Bäumen“ etwas beſchä⸗ digte, wurde außerdem zum Erſatz angehalten. Als im Auguſt 1806 die Polizei wahrnahm, daß innerhalb der Stadt einige Raketen ab⸗ gebrannt wurden, ohne daß dazu die Erlaubnis eingeholt worden war, gab ſie die Erläuterung, daß das Verbot des Schießens inner⸗ halb und in der Nähe der Stadt auch die Abbrennung jeder Art von Feuerwerk begreife und daß zu derartigen Veranſtaltungen nicht nur die polizeiliche Erlaubnis einzuholen, ſondern auch bei dem Stadtkommandanten Anzeige zu erſtatten ſei,„damit man teils der gehörigen Vorſicht im Voraus verſichert ſeie, teils aber Niemand unnötig allarmiert werden möge“. Die Polizei ſah ſich durch unſchickliches Betragen des Publi⸗ kums auch genötigt, Maßregeln zum Schutze der Anlagen des Schloß— gartens zu treffen. Schon am 31. März 1800 hatte die Polizei⸗ deputation ſolche, welche durch Abbrechen von Blumen, durch Be— ſchädigung an Gewächſen oder Mauerwerk, durch unziemliches Lärmen und andern groben Unfug ſich„des Genuſſes unwürdig zeigten, den Sereniſſimus den Einwohnern der Reſidenz durch Offnen ſeiner Gärten gewährte“, mit Strafen bedroht. Im Mai 1801 wurde dieſe Drohung erneuert und angekündigt, daß jenen, welche ſich gegen dieſe Vorſchrift vergingen, ohne Unterſchied des Standes, der Spazier⸗ gang in den fürſtlichen Gärten auf ein Jahr und länger unterſagt werde. Auch das ſchon früher ergangene Verbot des Tabakrauchens auf den Promenaden des vorderen und hinteren Schloßgartens wurde ſo häufig übertreten, daß im Juni 1801 dasſelbe unter Androhung einer Strafe von 1 fl. in Erinnerung gebracht werden mußte. Im Juni 1806 wurden ſehr eingehende Vorſchriften für die Beſucher der Schloßgärten erlaſſen, da in dieſen allerlei Exceſſe begangen worden waren. Die übertretungen wurden mit anſehnlichen Geld⸗ — 256— ſtrafen geahndet. Daß ſolche häufig und in höchſt unziemlicher Art vorgekommen waren, geht daraus hervor, daß jetzt das Publikum aufmerkſam gemacht wurde, die neu aufgeſtellten Wachen ſeien des Nachts bei ihren Patrouillengängen mit geladenen Gewehren bewaffnet, und daß die Warnung erging,„ſich vor Beſchädigung zu hüten, die derjenige, ſo auf Anrufen nicht gleich ſtille ſteht, zu befürchten hat.“ Auch das Verbot, die Friedrichsthaler, Grabener und Stu⸗ tenſeer Allee im Hardtwalde mit Fuhren, zu Pferd und zu Fuß zu paſſieren, wurde im Jahre 1806 unter Strafandrohung in Erin⸗ nerung gebracht. Es ſcheint, daß überhaupt die öffentlichen Anlagen in Karlsruhe nicht genügend vor Beſchädigung ſeitens des Publikums geſchützt waren. Denn im Mai 1807 ſah ſich die Polizeideputation auch dazu veranlaßt, den Schutz der Beiertheimer Anlagen und der vor dem Ettlinger Thor angelegten Pflanzungen durch Androhung von Geldſtrafen, Leiſtung von Schadenerſatz,„auch nach Befund der Unſtände einer angemeſſenen Leibesſtrafe beſonders im Falle des Mutwillens und der Bosheit“ zu ſichern. Im Faſanengarten waren ebenfalls Unordnungen verübt und dadurch die Zucht der Faſanen geſtört worden. Die Hofverwaltung ſah ſich deshalb im April 1811 bewogen, den Garten fortan ſchließen zu laſſen und den Eintritt für ſolche, die dort Geſchäfte hatten oder die Faſanerieanlage ſehen wollten, von einer Meldung beim Thor⸗ wart und im Faſaneriegebäude abhängig zu machen. Es wurde auch allen Perſonen, die„etwa einige die Eingänge der Faſanerie zu⸗ fällig öffnende Schlüſſel“ beſaſſen, deren Gebrauch aufs Strengſte unterſagt. Marktpolizei Handel und Wandel auf dem Markt und ſonſt wurde eben⸗ falls durch die Polizeideputation ſtreng geregelt. Der Ungebühr der Holzmeſſer trat eine Polizeiordnung entgegen, welche die in Geld — nicht mehr wie früher in Holz— zu entrichtende Meßgebühr genau feſtſtellte und eine ſcharfe Überwachung der Meßſtangen, deren ſich die Holzmeſſer bedienten, einführte. Auch die Abgabe des Holzes und deſſen Preis wurde durch eine Polizeiverordnung geregelt. Der Preis des geflözten Buchenholzes auf dem Holzplatz wurde auf 11, des Tannen⸗, Erlen⸗ oder Eichenholzes auf 9 fl. für das Klafter ——— 8 RRERRRRRE feſtgeſetzt, wobei gleichzeitig beſtimmt ward, daß Buchenholz nur mit den anderen Holzarten vermiſcht abgegeben werden dürfe. Mehr als 2 Klafter durfte Niemand auf einmal erhalten. Im Juni 1810, als dieſe Verordnung erging, wurde auch die Meßgebühr von 3 auf 5 kr. für das Klafter erhöht, um zu vermeiden, daß die Holz⸗ meſſer Geſchenke erhielten. Im Oktober 1810 wurde bekannt gemacht, daß die im herr⸗ ſchaftlichen Holzhofe vorrätigen Wellen partienweiſe zu 12, 25, 50 bis 100 Stück käuflich abgegeben werden und zwar die große zu 5, die kleine zu 2 kr. das Stück. Schäleichholz wurde zum Preiſe von 10 fl. 6 kr. verkauft. Zur Vermeidung von Unterſchleifen wurde beſtimmt, daß alle Holzfuhren ihren Weg in die Stadt nur durch das Rüppurrer Thor nehmen durften. Für den Wochenmarkt wurde die ſchon im Jahre 1795 erlaſſene Ordnung im Dezember 1804 mit einigen zeitgemäßen Ab⸗ änderungen wieder in Erinnerung gebracht, wobei unter Feſtſetzung ſehr eingehender, die Rechte der Käufer und Verkäufer vorſichtig gegen einander abmeſſender Vorſchriften beſonders jeder Übergriff der ſogenannten Vorkäufer, ſolange die Marktfahne aufgeſteckt war, ſtrengſtens verpönt wurde. Auch wurde die Zeit des Aufſteckens der Marktfahne um eine Stunde verlängert, ſo daß ſolche von Michaelis bis Oſtern vor 11, von Oſtern bis Michaelis vor 10 Uhr nicht abgenommen wurde. Bei dem Verkauf in den Fleiſchbänken wurde die genaue Beobachtung des Unterſchiedes zwiſchen Maſt- und gemeinem Ochſenfleiſch eingeſchärft und dabei als Maſtochſenfleiſch dasjenige angenommen, das bei vollkommen feſtem Fleiſch auf das Stück Vieh wenigſtens 600 Pfund enthielt. Ein Fleiſcher, der ge— wöhnliches Ochſenfleiſch für Maſtochſenfleiſch verkaufte, hatte eine Strafe von 15 fl. zu gewärtigen. Es wurde auch die Verordnung erneuert, daß die Beiwage zum Fleiſch nicht mehr als den zehnten Teil des Gewichtes ausmachen dürfe. Wer ſich dagegen verfehlte, wurde um ſo viel Reichsthaler gebüßt, als die Beiwage Zehnteile des Ganzen zu viel ausmachte. Den Kienholzverkäufern wurde vor⸗ geſchrieben, jeden Markttag einen hinlänglichen Kienvorrat und die Kienbüſchel in der vorſchriftsmäßigen Größe auf den Markt zu liefern. Fremde durften Kien überhaupt nicht feilbieten, Einheimiſche nicht mit Kien hauſieren. Der Mangel an genügendem Kienvorrate wurde 17 — 258— mit Niederlegung des Verkaufsrechtes, das unerlaubte Hauſieren mit Wegnehmen der Waare, die Verkleinerung der Kienbüſchel mit 3 fl. beſtraft. Bezüglich des ſonſt in Karlsruhe dreimal des Jahres ge— haltenen Jahrmarktes wurde im November 1806 verordnet, daß derſelbe unter dem Namen einer Meſſe künftig nur zweimal und zwar auf den erſten Montag bis Sonnabend in den Monaten Mai und November abgehalten werden ſolle. Im Jahre 1811 wurde ein Pflaſtergeld im Betrage des Weggeldes von zwei Stunden, jedoch unter Freilaſſung der Ein⸗ wohner der Reſidenzſtadt, eingeführt und damit die Erhebung eines Thorſperrgeldes im Betrage von 2 kr. vom Pferd, ſowohl von Einheimiſchen als Fremden verbunden, davon wurden jedoch nur jene, welche in Chaiſen und an einen andern Ort fuhren, ſowie alle Frachtwägen betroffen, die vom 1. April bis 1. Oktober von abends 9 bis morgens 4 Uhr und vom 1. Oktober bis 1. April von abends 8 bis morgens 6 Uhr die Thore paſſierten. Die Erhebung durch die Thorwarte begann am 10. Februar 1811. Fremden- und Sicherheitspolißzei. Mit der Zunahme des Verkehres wurde auch die Fremden⸗ polizei verſchärft. Wenn man ſich früher damit begnügt hatte, die Fremden bei ihrem Eintritt in die Stadt durch die Thorwachen ver⸗ zeichnen zu laſſen, ſo wurden jetzt ſorgfältige und eingehende Mel⸗ dungen ſeitens der Gaſtwirte angeordnet, und im September 1801 erging die Beſtimmung, daß Perſonen, die aus Gaſthäuſern in Privat⸗ wohnungen verzogen, von den Hausvermietern neuerdings anzumelden ſeien. Ferner wurde eingeſchärft, daß auch nächſte Verwandte, die auf Beſuch nach Karlsruhe kommen, angezeigt werden ſollen. Die Anmeldung mußte, wenn auch der Aufenthalt nur eine einzige Nacht gedauert hätte, binnen längſtens 24 Stunden nach der Ankunft bei 2 fl. Strafe auf der Polizei mündlich oder ſchriftlich erfolgen. Zur Kontrolle dienten die Meldungen der Thorwachen über die ein⸗ paſſierenden Fremden. Hinſichtlich nicht nach Karlsruhe gehöriger Leute behielt ſich zudem die Polizei die Entſcheidung darüber vor, ob ſie deren Aufenthalt in Privatwohnungen überhaupt geſtatten wolle. Es handelte ſich hierbei wohl vorzugsweiſe um die Überwachung von Perſonen, die in politiſcher Beziehung irgend welchen Verdacht — 259— erweckten, und deren Entfernung aus der Reſidenzſtadt man, ſei es aus eigenem Antrieb, ſei es auf Verlangen anderer Regierungen, be⸗ ſonders der franzöſiſchen, jederzeit bewerkſtelligen zu können wünſchte. So wurde zur Zeit der Aufhebung des Herzogs von Enghien in Ettenheim ganz plötzlich allen in Karlsruhe anweſenden Emigranten die Gaſtfreundſchaft gekündigt und von einem Tag zum andern ihre Ausweiſung verfügt. Auch gegen geheime Verbindungen wandte ſich um die gleiche Zeit die ſtets wachende Fürſorge der Polizei. Geſellſchaften, welche„zu irgend einem politiſchen, religiöſen oder angeblich wiſſenſchaftlichen Zwecke ſich verbinden, ſolchen Zweck verheimlichen oder falſch darſtellen, mögen ſie ſich verſammeln oder nur durch Korreſpondenz zuſammenhängen“, wurden aufs ſtrengſte verboten. Es verdient Erwähnung, daß dieſes Verbot ſpeziell auch auf das Lyceum ausgedehnt wurde. Im April 1809 erließ die Polizeideputation, unter Erneuerung älterer Verordnungen aus den Jahren 1787 und 1797, ein Verbot aller Hazardſpiele„ohne Unterſchied des Namens und der Er⸗ findung“. Jeder Spieler verfiel, nebſt Beſchlagnahme des Spiel— geldes, einer Strafe von 10 fl., die bei Wiederholung des Falles verſchärft wurde, der Wirt, der ſolche Spiele duldete, wurde um 40 fl. geſtraft, im Wiederholungsfalle der Wirtſchaft entſetzt. Die Vermehrung der Einwohnerzahl und die dadurch entſtandene ſtärkere Nachfrage nach Wohnungen führte unter anderm auch zu einer erheblichen Erhöhung der Mietpreiſe. Die alle Verhältniſſe der Bevölkerung der Reſidenzſtadt mit ihrer weiſen Fürſorge um⸗ faſſende und überwachende Polizei ſchritt auch hiegegen ein. Im Oktober 1810 wurden„Maßregeln gegen Erpreſſungen der Haus— eigentümer“ angeordnet. Hauseigentümern oder Quartiervermietern wurde verboten, für die Zeit vom 23. April 1810 bis dahin 1811 den Hauszins um mehr als ein Zehntel deſſen zu erhöhen, was ſie vom 23. Januar bis 23. April bezogen hatten. Bei bisheriger Vermietung unter dem ortsüblichen Zins wurde der fernere Betrag der Miete durch polizeiliche Abſchätzung beſtimmt, ebenſo der Zins für Quartiere, die in dieſem Vierteljahr unvermietet waren. Über⸗ tretungen dieſer Vorſchrift wurden mit dem Zehnfachen der die ge— ſtattete Höhe des Zinſes überſchreitenden Summe, nach dem Jahres— betrag der Miete berechnet, beſtraft, dieſes Strafgeld wurde der 17³ — 260— Armenkaſſe überwieſen. Da die Verordnung im April 1811 nicht erneuert wurde, iſt anzunehmen, daß durch die inzwiſchen erfolgten Neubauten dem im Jahre 1810 hervorgetretenen Wohnungsmangel abgeholfen war. Auch zur Abhilfe der Mißbräuche, die ſich bei den Umzügen aus und in Mietwohnungen dadurch ergeben hatten, daß Mieter ihre Umzüge ungebührlich verzögerten, wurde im April 1810 eine Verordnung erlaſſen, welche hiefür bei Strafandrohung beſtimmte Friſten feſtſetzte. Die Umzüge erfolgten auch damals ſchon am 23. eines jeden Quartalmonats. Kirchen- und Schulweſen. Von der Gründung der Reſidenzſtadt Karlsruhe an nahm im Leben ihrer Bewohner die Religion eine bedeutungsvolle Stellung ein, und die regierenden Fürſten, ihre Familie und ihre Räte ließen ſich angelegen ſein, den kirchlichen Verhältniſſen ein ſorg⸗ ſames Augenmerk zuzuwenden. Mit dem Hofe ſtand in der engſten Verbindung die auf fürſtliche Koſten unterhaltene Hofpfarrei, welcher nebſt dem Hofe ſelbſt alle unter dem Oberhofmarſchallamt ſtehenden Perſonen angehörten. Ihr Hauptgeiſtlicher, Oberhofprediger und Kirchenrat Walz, iſt bei allen zu feierlichen Gottesdienſten in der Schloßkirche Anlaß gebenden Vorgängen in unſerer Darſtellung erwähnt worden. Ihm ſtand Hofprediger Karl Philipp Bommer als Gehülfe zur Seite. Der ebenfalls auf landesherrliche Koſten erhaltenen Stadtpfarrei, deren Aufſichtsbehörde die evangeliſche Kirchendirektion im Miniſterium des Innern war, ſtand in dieſem Zeitabſchnitt der Kirchenrat Gottlieb Auguſt Knittel vor, neben welchem der Feldpropſt Wilhelm Ludwig Volz als Archidiakonus thätig war. Außerdem wirkten in dieſer Pfarrei der Stadtdiakonus Ludwig Deimling und der Hof⸗- und Stadtvikar Kärcher, die beiden letzteren zugleich mit der Verpflichtung, auch in der Hofkirche zu predigen und den Garniſonspfarrer, den ſchon erwähnten Feld⸗ propſt Volz, in der Verwaltung der dem Kriegsminiſterium unter⸗ ſtellten und vom Staat unterhaltenen Garniſonspfarrei zu unterſtützen. Dazu kam noch die reformierte Kirchengemeinde, welcher Kirchenrat Kühlenthal eine lange Reihe von Jahren vor⸗ ſtand. Dieſe Pfarrei wurde, allerdings mit reicher Unterſtützung aus der fürſtlichen Kaſſe, aus eigenen Mitteln unterhalten. An r — 261— ihrer Spitze ſtanden neben dem vom Landesherrn ernannten Pfarrer einige Kirchenälteſte oder Cenſoren, die mit jenem das Presbyterium bildeten, das auch die geiſtliche Verwaltung verſah. Von der Gründung der katholiſchen Stadtpfarrei und deren Vorſtehern war ſchon früher die Rede. An Stelle der Kapu⸗ zinerpatres, die bis dahin den Gottesdienſt verſehen hatten, trat ein Pfarrer(der erſte Huber, der zweite Dr. Dereſer) mit zwei Kaplänen; als Stadtdekan fungierte der geiſtliche Miniſterialrat Dr. Brunner, die Rechte des Landesherrn bezüglich der Aufſicht über das Kirchenweſen und den Verkehr mit dem Dibeeſanbiſchof nahm ein Oberpfarrer, der Geh. Kirchenrath Rothenſee zu Bruchſal wahr. Die katholiſche Pfarrei war aus Stiftungsmitteln ſowie durch ſtaatliche und fürſtliche Zuwendungen genügend dotiert. Über die Verfaſſung der israelitiſchen Kultusgemeinde führte das Oberrats⸗Collegium unter dem Vorſitz eines Miniſterial— kommiſſärs die Oberaufſicht, während ſie hinſichtlich der gottesdienſt⸗ lichen Ceremonien dem Land- und Orts-Rabbiner Aſcher Löw unter⸗ ſtand. In unmittelbarer Verbindung mit den kirchlichen Organen und unter Leitung der Pfarrgeiſtlichen ſtanden die allgemeine Knaben— und die allgemeine Mädchenſchule, nach den Bekenntniſſen ge⸗ trennt, in welchen der Unterricht in den Elementargegenſtänden erteilt wurde. Die Kinder der Israeliten beſuchten teils die Stadtſchule, teils wurden ſie von eigenen unter Staatsaufſicht ſtehenden Lehrern unterrichtet. Für die Kinder in Klein-Karlsruhe, ſowie für die Jugend wirklicher und geweſener Militärperſonen beſtanden beſondere Schulen. Das Schulgeld war ſehr mäßig, noch geringer als in den andern Schulen in jener von Klein-Karlsruhe, die Soldaten-Kinder in der Garniſonsſchule wurden auf Staatskoſten unentgeltlich unter⸗ richtet. Die aus der Schule Entlaſſenen waren bis zum 18. Lebens⸗ jahre zum Beſuche einer Sonntagsſchule verpflichtet, in welcher die reifere Jugend im Rechnen, in Aufſätzen für die Haushaltung geübt und mit Geometrie und einigen gewerblichen Hülfsmitteln be⸗ kannt gemacht wurde. Außerdem beſtanden mehrere Privatſchulen. Aus Privatſtunden, die der Rat Ruf in einigen Häuſern erteilt hatte, entſtand deſſen Privat-Bildungsinſtitut, in welchem zumeiſt Mädchen, in der unterſten Klaſſe aber auch Knaben Elementarunter⸗ — 262— richt nach einer auf den eigenen Erfahrungen dieſes Pädagogen be— ruhenden Methode erhielten. Im Jahre 1806 eröffnete Mademoiſelle Melling, welche früher in Straßburg und im Kloſter Lichtenthal unterrichtet hatte, in einem der damaligen katholiſchen Kirche gegen— überliegenden Hauſe eine Anſtalt für Töchter, in welcher ſie täglich von 8 bis 11 und von 1 bis 5 Uhr mit einer Gehülfin den erſten Unterricht in deutſch und franzöſiſch Leſen, in Schreiben und Rechnen, Nähen und Stricken erteilte. Auch Madame Marx gründete im gleichen Jahre in einem Hauſe der Adlergaſſe eine Privatſchule für Kinder, die dort Unterricht in der franzöſiſchen Sprache, im Stricken, Zeichnen und ſonſtigen weiblichen Arbeiten erhielten. Die Zahl der Eleven beſchränkte ſich auf 20 bis 25. Das Schulgeld betrug monatkich 1 fl. Der Betrag dieſes Schulgeldes wurde durch die Beſtimmung erhöht, daß jene Eltern, welche ihre Kinder in Privat⸗ ſchulen ſchickten, daneben auch das Schulgeld in der öffentlichen Schule zahlen mußten. Für Töchter höherer Stände allein war die Erziehungsanſtalt beſtimmt, welche im Jahre 1810 ein franzöſiſcher Emigrant aus vornehmem Hauſe, Profeſſor von Graimberg mit ſeiner Ge⸗ mahlin, geb. von Budberg, eröffnete. Die Ankündigung dieſer An⸗ ſtalt in Nr. 40 der Karlsruher Zeitung vom 10. März 1810 war von empfehlenden Worten des Staatsrats Grafen von Benzel—⸗ Sternau, des Hofrats Dr. Jung⸗Stilling und des Kirchenrats Ewald begleitet. Es handelte ſich um ein ſogenanntes Internat, in welchem die Zöglinge, deren Zahl zunächſt auf 12 feſtgeſetzt wurde, vom 7. bis 15. Lebensjahre neben dem Unterricht in allem, was zur geiſtigen Bildung eines jungen Mädchens nötig iſt, den Vorzug der ſtändigen Leitung einer vornehmen und hochgebildeten Dame genoſſen und nicht nur lernten, ſondern wirklich erzogen wurden. Auf Ver⸗ langen ihrer Angehörigen konnten die älteren Zöglinge auch unter Aufſicht einer mit der Vorſteherin befreundeten erfahrenen Dame zur Führung einer Haushaltung angeleitet werden. Der Preis für die Penſionäre, in dem alle Unterrichtsgegenſtände außer den Übungen in Muſik und im Tanz und die ganze Verpflegung außer den Koſten für die Wöſche einbegriffen waren, betrug jährlich 500 fl. Dem Graimbergiſchen Inſtitut, das ſich bald eines wohlbegründeten vor⸗ teilhaften Rufes erfreute, verdanken zahlreiche Damen der älteren — 263— Karlsruher Generation eine hohe Geiſtes- und Herzensbildung und bewahrten ihm und den ausgezeichneten Perſönlichkeiten, die an deſſen Spitze ſtanden, zeitlebens eine dankbare Erinnerung. Als Muſteranſtalt durfte auch das Unterrichts-Inſtitut für Taubſtumme betrachtet werden, das ſchon 1784 unter der Leitung des Bibliothekars Geh. Hofrat Hemeling, der ihm auch am Schluſſe dieſes Zeitabſchnittes noch vorſtand, begründet worden war. Die eigentümliche Organiſation dieſer Anſtalt, deren Zöglinge bei rechtſchaffenen Leuten untergebracht waren, die gegen mäßiges Koſtgeld nicht nur für ihre Bedürfniſſe Sorge trugen, ſondern ſie auch zu einer ihrem Alter entſprechenden Beſchäftigung außerhalb der täglichen 4 bis 6 Unterrichtsſtunden anhielten, geſtattete nur nach Ablauf eines 7 bis 9 Jahre umfaſſenden Ausbildungskurſes die Auf⸗ nahme neuer Schüler. Der Entlaſſung ging eine Prüfung voraus, nach deren Ablegung die Zöglinge zu Beichte und Abendmahl zu⸗ gelaſſen und ſodann ihren Eltern zurückgegeben wurden. Das Karlsruher Lyceum bewahrte ſeinen alten Ruhm unter der Leitung tüchtiger Lehrer. Ein in der„Nationalzeitung der Teutſchen“ abgedruckter Bericht aus dem Jahre 1811 ſtellt eine fortdauernde Zunahme der Schülerzahl feſt. In dem damals eben abgelaufenen Semeſter war das Lyceum von 270 Schülern und 30 Hoſpitanten beſucht geweſen. An der Spitze der 17 Lehrer ſtand ſeit 1808 Johann Peter Hebel als Direktor. In den unteren Klaſſen unterrichteten mit gutem Erfolg die Lehrer Ruf, Koch, König (der in Pverdon nach peſtalozziſcher Methode ausgebildet war), Peterſohn und Doll, in den oberen waren Holtzmann, Gerſtner und Zandt thätig, Religion lehrten Volz und Sander, Mathematik und Phyſik vertrat Böckmannn der jüngere, Naturgeſchichte Gmelin, Chemie der Hofmedikus Teuffel, Franzöſiſch v. Graimberg, Engliſch Hemeling. Die oberſte Abteilung, die ihre Schüler ausſchließlich auf den ge— lehrten Beruf vorbereitete— an anderen Orten Selekta genannt— hieß in Karlsruhe die Klaſſe der Exemten und zählte im Jahre 1811 13 Schüler. Ein zweijähriger Kurs umfaßte Religion und Lateiniſch, Griechiſch, Hebräiſch, Franzöſiſch und Engliſch, Beredſamkeit, Allge— meine Weltgeſchichte, Römiſche Altertümer, Naturgeſchichte, Mathe— mathik, Phyſik, Chemie, Philoſophie. Für die adeligen Schüler des Lyceums und der Militärakademie — 264— beſtand ein Internat, die unter oberſter Aufſicht des Oberhofmarſchall⸗ amtes ſtehende Pagerie, an der mit den wiſſenſchaftlichen auch militäriſche, künſtleriſche und gymnaſtiſche Übungen verbunden und die Zöglinge in den feinen Lebensformen erzogen wurden, die eine Bedingung ihrer ſpäteren Stellung am Hofe wie in Zivil⸗ und Militärdienſten bildeten. An Spezialbildungsanſtalten für einzelne Fächer beſtanden die Ingenieurſchule, an der in zwei Klaſſen reine und angewandte Mathematik gelehrt wurde, und deren Zöglinge ebenfalls in zwei Klaſſen in dem Ingenieurbureau Unterweiſung in praktiſch⸗techniſchen Arbeiten erhielten. Dieſen Anſtalten ſtand Obriſtlieutenant Tulla vor, den mathematiſchen Unterricht erteilte Profeſſor Ladomus. Für junge Leute, die ſich dem Militärſtande zu widmen beabſichtigten, war mit Vergrößerung des badiſchen Truppenkontingentes eine eigene Militärſchule gegründet worden. Außerdem beſtand in Karls⸗ ruhe noch eine Bildungsanſtalt für Wundärzte, eine Tierarznei— ſchule, ferner zwei Privatunternehmungen: ſeit 1809 unter Leitung des Oberforſtrates Laurop ein Forſt- und Jagdlehrinſtitut und das chemiſche Laboratorium des Staatschemikers Salzer. Wie für den Unterricht in den verſchiedenen Zweigen der Wiſſen⸗ ſchaft, ſo war in Karlsruhe im erſten Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts auch für den Unterricht in der bildenden Kunſt gut geſorgt. In der ſchon vor langen Jahren gegründeten, öffentlichen, allgemeinen Zeichnungsſchule wurde durch einen vom Staate beſoldeten Lehrer ein trefflicher Elementarunterricht erteilt, an dem, da er un⸗ entgeltlich war, auch die Armeren teilnehmen konnten, denen im Falle des Bedürfniſſes auch die Lehrmittel geſtellt wurden. Im Jahre 1810 rief der in Durlach geborene, bei Chriſtian von Mechel in Baſel ausgebildete, vortreffliche Kupferſtecher Chriſtian Haldenwang eine landſchaftliche Zeichnungsſchule ins Leben, in welcher dieſer Meiſter etwa 12 talentvolle junge Leute zwiſchen dem 12. und 15. Lebens⸗ jahre in wöchentlich vier Stunden(obwohl ohne ſtaatliche Unter⸗ ſtützung) ebenfalls unentgeltlich unterrichtete. Eine kleine Zahl von Schülern, die mit den Elementen der Zeichenkunſt ſchon vertraut waren, ſammelte der aus Pforzheim ſtammende Galleriedirektor Philipp Jakob Becker, ein Schüler von Rafael Mengs, um ſich, zur höheren Ausbildung im Zeichnen und Malen. Ihnen waren neben der Unterweiſung dieſes geſchickten und eleganten, wenn auch nicht genialen Künſtlers die reichen Schätze der Galerie und des Kupferſtichkabinets zugänglich. Als hervorragend tüchtiger Schüler Beckers iſt hier der Maler Fedor Iwanowitſch zu erwähnen, ein von ruſſiſchen Soldaten im Grenzkrieg entführter Kalmück, den die Kaiſerin von Rußland als Knaben ihrer Mutter, der Markgräfin Amalie geſchenkt hatte. Von der architektoniſchen Zeichnungsſchule des Ober⸗ baudirektors Weinbrenner war ſchon früher die Rede. Unter deſſen Leitung waren die Baumeiſter Arnold und Berckmüller an der Heran⸗ bildung junger Handwerker zu tüchtigen Meiſtern thätig. Auch dieſer Unterricht, der im Winter täglich, während der Bauzeit aber nur Mittwochs und Samstags erteilt wurde, war unentgeltlich. Ein voll⸗ ſtändiger Kurs umfaßte drei Jahre. Die Zahl der Schüler betrug durchſchnittlich 25. Jene, welche Baumeiſter werden wollten, fanden, wenn ſie aus dieſer Schule entlaſſen waren, zu weiterer Ausbildung Gelegenheit in den Baubureaux von Weinbrenner oder Arnold. In erſter Reihe für den Unterricht dieſer Schüler beſtimmt, aber auch anderen Perſonen zur Benützung zugänglich war die von dem Ar⸗ tilleriemajor Lux begründete, durch den aus England berufenen In⸗ genieur, Major Burdett erweiterte Modellkammer, in der eine große Anzahl von Modellen aus dem Gebiet der Geometrie, Me⸗ chanik, Hydraulik, Oekonomie, ſowie der bürgerlichen und Kriegs-⸗ Baukunſt vereinigt war. In Verbindung mit dem Hoftheater ſtand eine Theater⸗ ſchule, in welcher talentvolle Knaben und Mädchen aus der Thea— terkaſſe unentgeltlich Unterricht in den erſten Elementen der Drama⸗ turgie, der Muſik und der franzöſiſchen und italieniſchen Sprache, im Fechten und Tanzen erhielten. Acht Knaben und ebenſoviele Mäd⸗ chen(erſtere vom 10. Jahre an, letztere zwiſchen dem 12. und 15. Le⸗ bensjahre), welche ſich durch körperliche und geiſtige Anlagen aus— zeichneten, konnten mit Erlaubniß ihrer Eltern oder Vormünder als Eleven aufgenommen werden, mußten ſich aber auf die Dauer von drei vollen Jahren verpflichten. Hof⸗Schauſpiel-Regiſſeur Mittell nahm die Meldungen entgegen. In der Reitkunſt wurde durch großherzogliche Bereiter in der nächſt dem fürſtlichen Marſtall gelegenen Reitſchule ein gediegener Unterricht erteilt. — 266— Die fürſtlichen LSammlungen. Vorzügliche Hülfsmittel für die wiſſenſchaftlichen Studien waren in der Hofbibliothek vereinigt, die— urſprünglich nur zum per⸗ ſönlichen Gebrauche der fürſtlichen Herrſchaften und ihres Hofſtaates beſtimmt— nunmehr Mittwochs und Sonntags vormittags von 10 bis 12 und nachmittags von 3 bis 5 Uhr jedermann zugänglich war und— mit Ausnahme von Seltenheiten und Prachtwerken— Bücher auslieh. Es iſt ſchon früher erwähnt worden, daß ſie durch Handſchriften und Bücher der aufgehobenen Klöſter eine ſehr weſent⸗ liche Bereicherung erfahren hatte. Mit dieſer Anſtalt war eine Sammlung von Altertümern und Münzen vereinigt, die von Kennern ſehr geſchätzt wurde. Das phyſikaliſche und das Naturalienkabinet enthielten ebenfalls ſehr bedeutende Samm⸗ lungen, die durch vortreffliche Ordnung und Aufſtellung den Lehr⸗ zwecken dienten, aber auch für flüchtige Beſucher manche Anregung darboten. Molter und Hemeling, Böckmann und Gmelin waren die Vorſtände dieſer verſchiedenen fürſtlichen Sammlungen, welche ſie nicht nur gut verwalteten, ſondern auch durch die Art, wie ſie die⸗ ſelben dem Publikum eröffneten, der Wiſſenſchaft nutzbar machten. Die ſchöne, teilweiſe bedeutende Sammlung von Gemäl⸗ den und Kupferſtichen, welche im Anſchluß an die von früheren badiſchen Fürſten gemachten Erwerbungen mit feinem Verſtändnis und Geſchmack die Markgräfin Karoline Luiſe zuſammengebracht hatte, war bis zum Jahre 1806 in einigen Zimmern des Schloſſes auf⸗ geſtellt geweſen. Als es dort nach der Vermählung des Erbgroß⸗ herzogs Karl an Raum mangelte, wurde ſie auf Antrag des Galerie— direktors Becker in das Akademiegebäude verbracht, welches Karl Friedrich hatte erbauen laſſen, zunächſt um darin die Bauſchule und die Modellkammer unterzubringen. Die Anlage dieſes ſtattlichen zweiſtöckigen Gebäudes war auf eine allmähliche Erweiterung berech⸗ net, die aber infolge der Zeitverhältniſſe, welche jeden nicht unent⸗ behrlichen Aufwand verboten, vorerſt unterblieben war. So ungenügend dieſe Räume waren, um die Sammlung in einer ihrer Bedeutung entſprechenden Weiſe aufzuſtellen und die nicht geringe Zahl hervor⸗ ragender Werke, insbeſondere der franzöſiſchen, niederländiſchen und altdeutſchen Schule, nach Gebühr zu voller Geltung zu bringen, er⸗ freute ſie ſich doch in Karlsruhe und auch außerhalb der Reſidenzz 266 ſtadt eines wohlbegründeten Rufes. Abgeſehen von ihrer ſchon er⸗ wähnten Zugänglichkeit zu Unterrichtszwecken wurden dieſe Kunſtſchätze Fremden, die ſich bei dem Galeriedirektor meldeten, jederzeit gezeigt, und der treffliche Becker verſammelte auch einheimiſche Künſtler und Kunſtfreunde, namentlich in den Wintermonaten an den Sonntagen in dem Akademiegebäude bei ſich, um Herkunft und Bedeutung der⸗ ſelben zu erläutern. Litterariſche Thätigkeit in KRarlsruhe. Eine im Verhältnis zur Einwohnerzahl der Reſidenzſtadt be— merkenswert große Zahl von Männern aller Berufsarten trat in dem erſten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, teilweiſe im Anſchluß an ihre bereits früher berührte wiſſenſchaftliche Thätigkeit, mit litte— rariſchen Arbeiten in die Offentlichkeit. Unter den Theologen zeichneten ſich Johann Ludwig Ewald, Johann Heinrich Jung, gen. Stilling, der ſchon früher erwähnte, in den verſchiedenſten Gebieten des Wiſſens und Könnens bewanderte merkwürdige Autodidakt, Gottlob Auguſt Tittel, der auch philoſophiſche und hiſtoriſche Schriften ver⸗ öffentlichte, Johann Leonhard Walz, der beliebte und erfolgreiche Prediger, und neben dieſen ſämtlich dem evangeliſchen Bekenntnis Angehörenden der katholiſche Prieſter Philipp Joſef Brunner aus. Hiſtoriſche Schriften, die noch heute nicht ganz vergeſſen ſind, verdankte man Siegmund Friedrich Gehres, Ernſt Julius Leichtlen und Karl Ludwig Wielandt. Ein Mann, deſſen Ruf weit über das Weichbild der badiſchen Reſidenzſtadt hinausreichte, Ernſt Ludwig Poſſelt, der Verfaſſer zahlreicher hiſtoriſchen Schriften, von denen die„Europäiſchen Annalen“ einen beſonders wichtigen Beitrag zur Geſchichte der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts bilden, ſtarb in Heidelberg am 11. Juni 1804, auch in Karlsruhe von vielen Ver⸗ ehrern tief beklagt. Auf den vielfach verwandten und in jener Zeit, da noch keine ſo ſcharfe Spezialiſierung der einzelnen Zweige der Wiſſenſchaft wie heutzutage eingetreten war, mehr als heute in einander übergreifenden Fächern der Jurisprudenz, Publiziſtik und Volkswirtſchaftslehre ſind zu nennen Johann Nikolaus Friedrich Brauer, deſſen geiſtige Regſamkeit und unermüdliche Arbeits⸗ kraft neben einer faſt alle Gebiete der Staatsverwaltung umfaſſenden Thätigkeit auch noch die Zeit zu einer ausgedehnten ſchriftſtelleriſchen — 268— Wirkſamkeit fand, Johann Friedrich Eichrodt, dem die erſte topo— graphiſche Darſtellung des neu gebildeten Großherzogtums zu ver⸗ danken iſt, Karl Heinrich Freiherr v. Fahnenberg, der ſich beſonders um die wiſſenſchaftliche Erörterung der Handelsgeſetzgebung Frank⸗ reichs und der Staaten des Rheiniſchen Bundes verdient machte, Wilhelm Chriſtian Griesbach, der Karlsruher Oberbürgermeiſter, der ſeine praktiſchen Kenntniſſe auf dem Gebiete des Handels auch durch litterariſche Arbeiten für ſeine Mitbürger fruchtbringend machte, Ernſt Andreas Lamey, ſeit 1811 Redakteur der Badiſchen Staats⸗ zeitung, Wilhelm Reinhard, der finanzpolitiſche Unterſuchungen ver⸗ öffentlichte, Ernſt Philipp Freiherr von Sensburg, ein gründlicher und ſcharfſinniger Kenner des alten Reichsrechts und auch als Finanzmann angeſehen. Neben ihrer Thätigkeit als praktiſche Aerzte waren Friedrich Wilhelm Maler, Chriſtian Ludwig Schweickhard, der ſich beſonders um die Einführung der Kuhpockenimpfung verdient machte, und Sigmund Jakob Teuffel auch wegen ihrer ſchriftſtelle— riſchen Arbeiten in den verſchiedenen Zweigen der mediziniſchen Wiſſenſchaft viel genannt. Als Botaniker genoß Karl Chriſtian Gmelin, der Direktor des Naturalienkabinets und Vorſtand der botaniſchen Gärten, eines wohlbegründeten Rufes in den weiteſten Kreiſen der Gelehrtenwelt; der geniale Joſef Gottlieb Kölreuter ſetzte ſeine bedeutenden und allgemein anerkannten Arbeiten und Verſuche auf dem Gebiete der Phyſiologie und Biologie der Pflanzen eifrig und erfolgreich fort; faſt als Curioſum mag aber hier erwähnt ſein, daß Chriſtian Friedrich Böckh, der ſpätere hochverdiente Finanz⸗ miniſter, ſich ſeine litterariſchen Sporen durch Bearbeitung der bota⸗ niſchen Unterſuchungen eines franzöſiſchen Naturforſchers verdiente. Auf dem Gebiete der Phyſik trat in die Fußſtapfen ſeines Vaters, des am 15. Dezember 1802 verſtorbenen, früher ſchon in ſeiner vielſeitigen Wirkſamkeit gekennzeichneten Johann Lorenz Böckmann, deſſen Sohn Karl Wilhelm Böckmann, der eine große Menge wiſſen⸗ ſchaftlicher Unterſuchungen und Beobachtungen veröffentlichte, die, wenn ſie auch heute keine Beachtung mehr finden, doch für ihre Zeit von Bedeutung waren und durch Ehrungen, die ihrem Verfaſſer ſeitens einer Reihe ausländiſcher Akademien zuteil wurden, öffentliche Anerkennung erfuhren. Neben ſeiner Thätigkeit als Vorſtand des phyſikaliſchen Kabinetes und als Lehrer am Gymnaſium fand Böck⸗ — 269— mann auch noch Zeit, wie dereinſt ſein Vater, vor Teilnehmern, Männern und Frauen, aus den gebildeten Kreiſen der Reſidenzſtadt, ein Experimental-Kollegium über die geſamte Phyſik oder auch über deren intereſſanteſte Teile zu halten und ſeine Vorträge„mit einer Menge belehrender und angenehmer Verſuche“ zu begleiten. Seinen Vorträgen wohnte noch im Jahre 1804 der damals 76jährige Karl Friedrich mit ſeiner Gemahlin regelmäßig bei und die Anweſenden waren— nach einem gleichzeitigen Berichte— erſtaunt über die Auf⸗ merkſamkeit und Wärme, mit welcher der greiſe Fürſt die neueren Fortſchritte der phyſikaliſchen Wiſſenſchaft verfolgte. Dem großen Publikum teilte Böckmann auch in periodiſchen Veröffentlichungen die von ihm angeſtellten Witterungsbeobachtungen mit, aus welchen ſo— dann Schlüſſe über die vermutliche Witterung gezogen und, wie jene, in der Karlsruher Zeitung bekannt gemacht wurden. Im An⸗ ſchluſſe an die Erwähnung der Böckmann'ſchen Vorträge mag hier auch noch mitgeteilt werden, daß im Jahre 1806 Dr. Franz Joſeph Gall in Karlsruhe anatomiſch-phyſiologiſche Vorleſungen über ſeine Gehirn- und Schädel-Lehre hielt, die ſo ungeteilten Beifall fanden, daß er nach Beendigung eines Kurſes bewogen wurde, noch eine zweite Reihe von Vorträgen in den Abendſtunden von 6 bis 8 Uhr zu veranſtalten. Hofbuchdrucker Chriſtian Friedrich Müller lud zur Unterzeichnung auf dieſelben ein; der Abonnementspreis betrug einen Louisd'or. Im Jahre 1807 wurde von der C. F. Müller'ſchen Verlagshandlung ein Werk herausgegeben, welches nach den Gallẽ'ſchen „Unterredungen“ zu Karlsruhe im Dezember 1806 deſſen„neue Entdeckungen in der Gehirn⸗, Schädel- und Organlehre“ darſtellte und mit Anmerkungen begleitete. Dem Buche waren das Porträt Galls und 3 Schädelabbildungen beigegeben, außerdem bot die Verlags⸗ handlung auch„Gipsſchädelabgüſſe nach der Gall'ſchen Organenlehre bezeichnet nebſt einem Erklärungsblatt“ zu 3 Gulden das Stück zum Kaufe an. Zur Aufzählung der litterariſch thätigen Karlsruher zurückkehrend, erwähnen wir noch, daß der als Vorſtand einer Forſtſchule ſchon genannte Chriſtian Peter Laurop auch zahlreiche forſtwiſſen— ſchaftliche Schriften veröffentlichte und daß der ausgezeichnete Ingenieur Major Tulla ebenſo wie der vielgerühmte Architekt Johann Jakob Friedrich Weinbrenner ſich, wie durch praktiſche Be⸗ 270 thätigung ihres Wiſſens und Könnens, ſo auch durch deſſen theo— retiſche Begründung in wiſſenſchaftlichen Arbeiten als hervorragende Meiſter ihrer Fächer bewährten. Auf dem Gebiete der Belle⸗ triſtik verdienen Karl Chriſtian Freiherr von Berckheim, Philipp Karl Bonafont, der Pfälzer Albert Friederich und Karl Ludwig 6. Februar 1809 im 83. Lebensiahre verſtorbenen Geheimen Rates Friedrich Dominikus Ring, Erwähnung?). Wurden dieſe— wie man damals ſagte—„ſchöngeiſtigen“ Hebel den in ganz Deutſchland und über Deutſchlands Grenzen hinaus bekannten und gefeierten Koryphäen der vaterländiſchen Litteratur an. Seine„Alemanniſchen Gedichte für Freunde ländlicher markt und fanden ſo großen Beifall, daß ſchon 1804 eine zweite und 1806 eine dritte Auflage, dieſe mit einigen von Haldenwang und Strott in Aquatinta-Manier geätzten Blättern geziert, veran⸗ ſtaltet werden mußte. Jenaiſchen Litteratur-Zeitung im Februar 1805 eine eingehende ſchrift„Fris“. Neben dieſen ſeinen Meiſterwerken, welche ein ent⸗ Volk der Sinn für wahre Poeſie nicht erloſchen iſt, verfaßte Hebel die durch die Zeitverhältniſſe entſtanden, ſo z. B. das Grenadier⸗ 3) Biographiſche Notizen dieſer und anderer Karlsruher Schriftſteller und ein Verzeichnis ihrer Schriften findet man in dem Werke„Statiſtiſches Ge⸗ Hartleben, Karlsruhe im Verlag von Gottlieb Braun 1815, dem wir in dieſem Abſchnitt manche ſchätzenswerte Notiz entnommen haben. Ring, der Sohn des in dieſer Darſtellung mehrfach genannten, am Schriftſteller nur in engeren Kreiſen bekannt, um in nicht ferner Zeit der Vergeſſenheit anheimzufallen, ſo reihte ſich Johann Peter Natur und Sitten“, zuerſt nur in Freundeshänden verbreitet, er⸗ ſchienen durch Vermittlung der Macklot'ſchen Buchhandlung, die im Auguſt 1802 eine Ankündigung derſelben und die Einladung zur Sub⸗ ſkription eröffnet hatte, im Anfang des Jahres 1803 auf dem Bücher⸗ Kein Geringerer als Goethe hat in der Würdigung der Gedichte des Karlsruher Poeten ausgehen laſſen und der Freiburger Profeſſor Jakobi verkündete ihr Lob in ſeiner Zeit- zücktes und dankbares Publikum finden werden, ſo lange in unſerem auch verſchiedene Gedichte in hochdeutſcher Sprache, darunter ſolche, und das Musgquetierlied für die 1809 ins Feld ziehenden Truppen. Aber auch in Proſa zeigte ſich Hebel bald als Meiſter volkstümlicher mälde der Reſidenzſtadt Karlsruhe und ihrer Umgebungen von Dr. Theodor — 271— Darſtellung, ſeit 1803 in verſchiedenen durch Geheimerat Brauer veranlaßten Beiträgen zu dem Landkalender, deſſen Bearbeitung Hebel von 1807 an ganz allein übernahm und dem er 1808 den Namen„Der Rheinländiſche Hausfreund“ gab. Aus den Erzählungen der Jahrgänge 1808—11 in Verbindung mit einigen früher im Landkalender erſchienenen Geſchichten entſtand, infolge der Beliebtheit dieſer echt volkstümlichen Darbietungen, das auch heute noch gern geleſene„Schatzkäſtlein des Rheiniſchen Hausfreundes“. Ein Mann von der Eigenart Hebels konnte und wollte ſich den Strömungen der öffentlichen Meinung ſeines Landes nicht entziehen. Daraus er—⸗ klärt ſich die unſere heutige politiſche Empfindung verletzende Haltung, die er in den während der Kriegsjahre erſcheinenden Jahrgängen ſeines Kalenders als Anhänger des Rheinbundes gegen Preußen und die Erhebung der Tiroler einnahm. Daß er übrigens in ſeiner Partei—⸗ nahme für die Franzoſen und ihren Kriegsruhm, an dem ſeine im Felde ſtehenden Landsleute teilnahmen, kein Fanatiker war, ergiebt ſich aus manchen Stellen ſeiner Kalendergeſchichten, in denen er die ihm angeborene Schalkhaftigkeit nicht verleugnet. Buchhandel, Buch- und Runſtdruck und Preſſe. Mit dem größeren Umfang, den nach und nach die litterariſche Thätigkeit in Karlsruhe annahm, gewann auch der Buchhandel der Reſidenzſtadt eine größere Bedeutung. Neben den Buchhand— lungen von Macklot und Schmieder entſtand noch eine dritte von Friedrich Chriſtian Müller, der aus Pforzheim zugezogen war. In dieſer Buchhandlung erſchienen namentlich die Ausgaben der neuen Geſetze und Organiſationen, die Bearbe itung des Code Napoléon als badiſches Landrecht und der dazu gehörige Kommentar von Brauer, aber auch andere wiſſenſchaftliche und belletriſtiſche Werke, ſo z. B. die Flora Badensis von Karl Chriſtian Gmelin, eine Art Muſenalmanach, das„Taſchenbuch für edle Weiber und Mädchen“, von Wilhelmine Müller geb. Maiſch(1 12. Dez. 1807), die ſelbſt Verfaſſerin einer großen Zahl von Gedichten war, eine Zeitſchrift „Süddeutſche Miszellen für Leben, Litteratur und Kunſt“ u. a. Bei Macklot kam— wie es ſcheint ein Konkurrenzunternehmen— das„Taſchenbuch für ſchöne Geiſter des ſchönen Geſchlechts“ heraus. Dieſes, wie das Müller'ſche Taſchenbuch, war mit Kupfern einheimiſcher — 272— und fremder Künſtler geziert. Aber nicht nur für geiſtige Genüſſe im idealen Sinne ſorgte der Karlsruher Buchhandel, ſondern auch geiſtige Getränke gelangten durch ſeine Vermittlung unter das Publikum. So finden wir z. B. in den Zeitungen mehrfach Anzeigen, durch welche Buchhändler Schmieder bekannt macht, daß ächter 1783er Nierſteiner Rheinwein, die Bouteille für einen halben Kronenthaler, „der berühmte Steinwein aus Franken“ und andere feine Weinſorten bei ihm zu haben ſeien. In der Macklot'ſchen Buchhandlung erſchien nach wie vor„mit hochfürſtlich markgräflichem(ſpäter großherzoglichem) gnädigſten Privilegio die„Karlsruher Zeitung“, die ſeit 1811 den Titel „Badiſche Staatszeitung“ führte und ſich durch die denkbar farb⸗ loſeſte Zuſammenſtellung der Tagesneuigkeiten mit auffallender Vernach⸗ läſſigung der Vorgänge in dem badiſchen Lande ſelbſt, beſonders, ſeit mit Verleihung des Titels„Staatszeitung“ der offizielle Charakter dieſes Blattes noch erhöht wurde, auszeichnete, und das„Karls⸗ ruher Intelligenz- und Wochenblatt“, das 1804 mit dem neu begründeten„Provinzialblatt für die Markgrafſchaft Baden“ und 1808, als an deſſen Stelle Kreisverkündigungsblätter traten, mit dem neu begründeten„Provinzialblatt für die Mittelrheiniſche Provinz“, das 1810 den Titel„Anzeigeblatt für den Kinzig⸗Murg⸗Pfinz⸗ und Enzkreis“ erhielt, verſchmolzen wurde und in den Müller'ſchen Verlag Hhersins. Der Anzeigeteil ſowohl der Karlsruher Zeitung als auch des Intelligenz- und Wochenblattes iſt für den aufmerkſamen Leſer eine reich fließende Quelle für die Geſchichte des öffentlichen wie des ſozialen und wirtſchaftlichen Lebens jener Zeit. Neben der großen Menge von Anzeigen, wie wir ſie auch heute noch in unſern Tages⸗ und Lokalblättern finden, neben den amtlichen Bekanntmachungen, den Perſonalnachrichten des Staats⸗ und Militärdienſtes, den Kirchenbuch⸗ auszügen, Marktpreiſen, Fremdenliſten u. ſ. w., enthielt der Anzeigeteil der Karlsruher Zeitung und das Intelligenzblatt auch Anekdoten, Gedichte, Rätſel und Charaden und kleine gemeinnützige und be⸗ lehrende Abhandlungen, ſpäter auch Lokalnachrichten, zu deren Auf⸗ nahme die„Staatszeitung“ ſich unſtreitig zu vornehm dünkte. Unter den Bekanntmachungen kehren immer wieder jene, die mit den ganz heilloſen Münzverhältniſſen im Zufammenhange ſtehen. Die — 273— Warnung vor Annahme abgewürdigter, nicht konventionsmäßiger Scheidemünzen wird von Zeit zu Zeit wiederholt. Soweit ſie ſich nicht alsbald außer Kurs ſetzen laſſen, werden ſie auf einen niede⸗ reren Betrag herabgeſetzt. Aber immer wieder fanden ſich Unkun⸗ dige und Leichtfertige, welche einige Münzſorten zu höheren Preiſen, als ſich gebührte, annahmen und andere ſich aufdrängen ließen, die ganz wertlos waren. Denn auch falſche Münzen wurden in den Verkehr gebracht, vor deren Annahme das Publikum von Zeit zu Zeit gewarnt wurde mit gleichzeitiger Ausſetzung einer Belohnung für Ausfindig⸗ machung der Verfertiger. Zu den regelmäßigen Anzeigen gehörte nun auch die Mit⸗ teilung des Wechſelkurſes von Frankfurt a. M. Unter dem Publikum befanden ſich aber erſichtlich Viele, welchen die techniſchen Ausdrücke der Börſe noch gänzlich ungeläufig waren. Daher ſah ſich die Redaktion der Karlsruher Zeitung im Auguſt 1805 in ihrer No. 131 veranlaßt,„auf Verlangen mehrerer Freunde“ eine eingehende Erklärung des Frankfurter Kurszettels zu geben. Aus den Zeitungsanzeigen erhält man gelegentlich auch Auf⸗ klärung über den üblichen Zinsfuß. So finden wir z. B. im Provinzialblatt von 1805 unter der Rubrik„Kapitalangebot“ die Mitteilung, daß— wo? ſagt das Comptoir des Provinzialblattes— 200 Gulden gegen eine gerichtliche Verſicherung zu 6 PCt. parat liegen. Die Kenntnis der Decimalrechnung, welche durch die neuen franzöſiſchen Münzen, Maße und Gewichte entſtanden war, machte ſich wegen der vielen Beziehungen zu dem benachbarten Frank⸗ reich bald auch in Baden unentbehrlich. Unter eingehender Moti⸗ vierung des Nutzens dieſer Rechenmethode für den praktiſchen Rechner, namentlich bei Berechnung der Brüche, erbot ſich in Nr. 13 der Karlsruher Zeitung von 1806 Collaborator Aab, wöchentlich mehrere Stunden dieſem Unterricht zu widmen und neben den ſonſt gewöhn⸗ lichen Vorteilen im Rechnen die Decimalrechnung zu lehren. Aus einer andern Anzeige iſt zu erſehen, wie man in jener Zeit ohne viele Umſtände dem Wucher wirkſam entgegenzutreten verſtand. Im Mai 1803 wurde bekannt gemacht, daß der minder⸗ jährige Huſarenlieutenant v. G. unterm 25. Juli 1802 dem Karls⸗ ruher Schutzjuden Meier Auerbacher einen Wechſel, binnen einem 18 — 274 Jahr mit 6 Prozent Zinſen zahlbar, über 350 Louisd'or oder 3850 fl. zu Gunſten des Juden Iſaae Lehmann zu Straßburg lautend, ausgeſtellt habe. Da nun bei der dieſes Wechſels halber gegen den Meier Auerbacher vorgenommenen Unterſuchung ſich zeigte, daß derſelbe auf wucheriſche Art dieſen Wechſel erhalten habe, wurde jedermann von Regierungswegen vor deſſen Annahme gewarnt, „damit man ſich vor Schaden und Unannehmlichkeiten hüten könne“. Eine große Angelegenheit war zu Beginn des Jahrhunderts, da — trotz der Kriege, welche die badiſchen Landeskinder im Dienſte des korſiſchen Eroberers im Weſten bis Spanien, im Oſten bis Ruß⸗ land führten— im allgemeinen, beſonders in den bürgerlichen Kreiſen die denkbar größte Stabilität herrſchte, die Unternehmung einer Reiſe. ſondern mit Extrapoſt oder Privatfuhrwerk zu reiſen wünſchte, wählte den Weg der Zeitungsanzeige, um ſich eine Reiſegeſellſchaft zu ſuchen. Solche Geſuche für Fahrten nach Baſel, Straßburg, Ulm, Frank⸗ furt und andere näher oder ferner gelegene Städte und Landſchaften finden ſich in großer Zahl in den Anzeigeteilen der genannten Blätter. Auch wer im eigenen Wagen reiste— ſo z. B. im Januar 1811 jemand, der über Augsburg, München, Salzburg und Linz, allenfalls auch über Regensburg nach Wien fahren wollte— ſuchte durch die Zeitung für die ganze Reiſe oder für einen Teil derſelben — in obigem Fall auf halbe Koſten— einen oder mehrere Reiſe⸗ geſellſchafter. Wer ſich nach fernen Ländern begab, bot ſich wohl öffentlich an, Beſorgungen dorthin zu übernehmen. So benachrichtigte ein Jakob Kielmann, der im„Kurprinzen“ wohnte, im Juli 1811 durch die„Staatszeitung“ vor dem Antritt ſeiner Rückreiſe nach der Krim alle, die dorthin oder nach welcher ruſſiſchen Kolonie es ſei, Briefe zu beſtellen haben, daß ſie ihm ſolche längſtens bis den 13. Juli franko einſenden mögen. Eine der eigenartigſten Anzeigen erließ im April 1805„ein jun⸗ ger Mann von der Handlung“, der über Holland nach Amerika zu reiſen beabſichtigte. Um dort zugleich Landsleute aufſuchen zu können, bat er diejenigen, welche Freunde oder Bekannte in dieſem Weltteil haben, ihm deren Namen und Wohnort mitzuteilen, und erbot ſich, beliebige Aufträge an dieſelben zu übernehmen. Aus einer ſpäteren Anzeige vom 24. Auguſt 1805 ergiebt ſich, daß dieſer Reiſende— Wer nicht die gewöhnliche Poſt benützen wollte, — 275— jetzt nennt er auch ſeinen Namen: Wilh. Fr. Kummer von Pforz⸗ heim— von Amſterdam aus nach einer ſehr glücklichen Fahrt von 45 Tagen über Newyork geſund und wohlbehalten in Philadelphia angekommen war. Nun bot er— auch in dieſer großen Entfernung ſich„der Freunde und Bekannten im Vaterlande beſtändig mit wahrem Vergnügen erinnernd“— jedem, dem er etwas Nützliches auf die eine oder die andere Art erweiſen könne, ſeine Dienſte an und erſfuchte, in dieſem Fall ſich bei ſeinen Eltern E. P. Kummer in Pforzheim um ſeine Adreſſe zu erkundigen. Wenn auch damals noch kein ſo reger Verkehr wie heute die Straßen Karlsruhes belebte, ſo war doch ſchon die Pflicht des Grüßens Bekannter, wie es ſcheint, zuweilen für einen gewiſſen⸗ haften Mann nicht immer ganz leicht zu erfüllen und das Unter⸗ laſſen des Grußes mit Unzuträglichkeiten verknüpft. Wir dürfen dieſes aus einem in der Karlsruher Zeitung vom 23. Oktober 1805 enthaltenen Inſerat des Forſtkommiſſions⸗Expeditors Kempf ſchließen, welcher mitteilt,„daß er ſeit geraumer Zeit Mangel am Geſicht leide und dadurch ſchon öfter in den ihm allerdings unangenehmen und hie und da zu nachteiligen Meinungen Anlaß geben könnenden Fall gekommen ſei, manche Perſonen ohne ſeinen Willen nicht gegrüßt oder gar ihren Gruß nicht erwidert zu haben. Darum halte er es für nötig, dieſen ihn betroffenen Umſtand öffentlich bekannt zu machen, mit der Bitte, in deſſen Rückſicht bei ſich allenfalls weiter ereignen⸗ den ähnlichen Fällen ihn gütigſt zu entſchuldigen.“ Von den das Familienleben berührenden Ereigniſſen pflegten damals Geburten, Verlobungen und Vermählungen noch nicht durch die Zeitung bekannt gemacht zu werden, wie denn auch unſeres Wiſſens das Inſerat noch nicht ein gangbarer Weg zur Anbahnung von Eheſchließungen war. Um ſo mehr wurde die Vermittlung der Zeitung bei der Bekanntgabe von Todesfällen in Anſpruch genommen. Der ausgiebige Redefluß, dem wir in den meiſten In⸗ ſeraten begegnen, entwickelte ſich beſonders bei dieſen betrübenden Anläſſen in behaglichſter Breite. Es wurde nicht nur der Verdienſte des Dahingeſchiedenen, je nach ſeiner Stellung, um Staat, Kirche, Gemeinde, Familie, ſeiner Rechtſchaffenheit im bürgerlichen Leben u. dgl. eingehend gedacht, ſondern häufig auch eine kurze Geſchichte der Krankheit, der er erlegen, mitgeteilt; zum Schluß wurden alle Bei⸗ 18* — 2276 leidsbezeugungen,„die den Schmerz der Trauernden nur vermehren könnten“, verbeten und die Hinterbliebenen„dem Wohlwollen und der Freundſchaft der Verwandten und Freunde“ empfohlen. Die ganze Gefühlsſeligkeit jener Tage fand oft in dieſen Anzeigen einen Aus⸗ druck, der, dem Zeitgeſchmack entſprechend, damals gewiß den gewollten Eindruck nicht verfehlte, während er den heutigen Leſer eher zur Heiterkeit zu ſtimmen geeignet iſt. Welcher Unterſchied aller dieſer Anzeigen von dem Telegrammſtil, in dem ſie heutzutage abgefaßt zu werden pflegen! Mit den Buchhandlungen waren Buchdruckereien verbunden, in denen ſehr gute und ſaubere Arbeit geliefert wurde. Die Aus⸗ ſtattung der oben erwähnten Werke, denen man ſpeziell in dieſer Hinſicht noch die Geſchlechtsbeſchreibung der freiherrlichen Familie von Schilling, die 1807 in Folio herausgegeben wurde, anreihen kann, ſtellt den damaligen Buchdruckereien von Macklot und Müller, die noch heute von Angehörigen dieſer Familien betrieben werden, das beſte Zeugnis aus. Fr. Chr. Müller hatte auch eine Kupfer⸗ druckerei mit ſeinem Geſchäft verbunden, aus welcher u. a. im Jahre 1804 die erſte Karte des Kurfürſtentums Baden, 1812 die ſchöne badiſche Karte von Oberſtlieutenant Tulla und die Kupfer zu Gmelins Flora badensis hervorgingen. Die Wagner'ſche Stein⸗ druckerei war die erſte, welche in Karlsruhe errichtet wurde und beſaß in Wagners Geſchäftsteilhaber Karl Müller einen in Wien ausgebildeten künſtleriſch veranlagten techniſchen Leiter. Neben den Buchhandlungen ſorgte für die geiſtige Nahrung der Karlsruher auch die Leihbibliothek von Raphael Marx. Nach einer Verordnung vom Jahre 1801 war zur Errichtung von Leih⸗ bibliotheken eine obrigkeitliche Erlaubnis erforderlich, die nur auf Grund von befriedigenden Erkundigungen über den Ruf und die ſonſtigen Eigenſchaften des Unternehmers erfolgte. Raphael Marx war die Konzeſſion erteilt worden, und ſchon im Juli 1803 konnte er ankündigen, daß ſeine Leihbibliothek durch Ankauf von 2000 Bän⸗ den der neueſten und beſten Bücher in deutſcher und franzöſiſcher Sprache die Zahl von 5000 Bänden erreicht habe. Er hatte über dieſelben einen ſyſtematiſch eingerichteten Katalog angefertigt, der für 20 Kreuzer(der Katalog der deutſchen Bücher beſonders für 12, jener der franzöſiſchen für 8 Kreuzer) zu kaufen war. Die franzö⸗ eeeeee reee meler ον — 277— ſiſche Bibliothek, welche aus den vorzüglichſten und zumteil neueſten Produkten der franzöſiſchen Litteratur beſtehe, empfahl er beſonders, für die deutſche ſtellte er in der Folge eine beträchtliche Vermehrung in Ausſicht. Für deutſche Bücher betrug das Abonnement monatlich 24, für franzöſiſche 36 Kreuzer, wofür alle 8 Tage die Bücher ge⸗ wechſelt werden konnten. Die Bücher wurden, und zwar in größerer Zahl, auch nach auswärts gegen frankierte Beſtellung und Rückſendung verliehen. Gewerbe und Handel. Leben und Treiben der Einwohnerſchaft Karlsruhes hatte ſich während der langen Regierungszeit des Großherzogs Karl Friedrich nicht weſentlich verändert. Auf Karlsruher Gemarkung wurde, wenn auch nur als Neben— geſchäft, immer noch Landwirtſchaft betrieben, in nur mäßigem Um⸗ fange Viehzucht, in größerem der Anbau von Halmfrüchten, Kar⸗ toffeln und Hanf. Dem Gemüſebau wurde viele Sorgfalt gewidmet, noch mehr der Obſtbaumzucht, die ganz beſonders durch den Unter⸗ richt gefördert wurde, der in den fürſtlichen Obſtplantagen erteilt ward. Die landwirtſchaftliche Muſteranſtalt des Kammergutes Gottes— aue ſtellte allen ſtrebſamen Landwirten das treffliche Beiſpiel ſorg⸗ ſamſter Wirtſchaftsführung vor Augen. Mit dem wachſenden Wohlſtand der Einwohnerſchaft vermehrte ſich auch der Luxus und dem entſprechend für die Gewerbetreibenden die Gelegenheit zu lohnender Thätigkeit, die mit einiger Sicherheit auskömmlichen Verdienſt verſprach. Die Zahl der Handwerker nahm daher erheblich zu, und viele Gegenſtände, welche die Angehörigen der höheren Stände früher von auswärts hatten beziehen müſſen, konn⸗ ten nun in Karlsruhe ſelbſt angefertigt werden. Durch die infolge der Vergrößerung der Stadt und der Zunahme ihrer Einwohnerzahl geſteigerte Bauthätigkeit wurde namentlich das Baugewerbe gehoben, aber auch alle Handwerker, welche ſich mit der inneren Einrichtung der Häuſer beſchäftigten, insbeſondere Tiſchler und Maler, ſahen ihre Thätigkeit nicht nur vermehrt, ſondern auch durch die Notwendigkeit, höheren Anforderungen zu entſprechen, ver⸗ beſſert. Von Fabriken und Manufakturen werden in gleichzeitigen Be⸗ — 278— richten rühmend erwähnt die Bijouteriefabrik von Oelenheinz u. Co., die aus Pforzheim nach Karlsruhe verlegte Uhrenfabrik von Dürr, die als eigene Spezialität auch die damals beliebten Petſchafte mit künſtlichen Spielwerken verfertigte, die Wagenfabrik von Reiß, in welcher zur Herſtellung von Kutſchen aller Gattungen ſich Werkſtätten von Schloſſern, Schmieden, Wagnern, Schreinern, Lackierern und Sattlern befanden, die Möbelfabrik von Himmelheber, für welche Groß⸗ herzog Karl Friedrich noch in der markgräflichen Zeit in der ſo⸗ genannten Hofſchreinerei im Schloßgarten ein geräumiges Lokal zur Verfügung geſtellt hatte, die Tapetenfabrik von Eyth, die Tabak⸗ fabriken von Griesbach und Sievert, welche alle Sorten von Schnupf⸗ und Rauchtabak(beim Verkauf im großen das Pfund zum Preiſe von 6 Kreuzer bis 6 Gulden) lieferten, die Kartenfabrik von Hom⸗ burger, aus der alle Gattungen von Spiel⸗ und Viſitenkarten hervor⸗ gingen, die Patent⸗Kaffee⸗Fabrik von De Antoni u. Co. in dem be⸗ nachbarten Mühlburg, deren Produkte, wozu auch ihr eigen fabriziertes Senfmehl gehörte, auch in Karlsruhe bei Johann Friedrich Döring zu Fabrikpreiſen abgegeben wurden; im Jahre 1811, mit dem Aus⸗ tritt des bis dahin mit der Direktion der Fabrik und der Firma⸗ führung betrauten Herrn F. W. Wittich, ließen die Inhaber den Namen De Antoni u. Co. hinweg und nannten ihr Etabliſſement: Privilegierte Kaffee⸗Surrogat⸗Fabrik. Hier ſind auch noch die Hof— Steinſchneiderei, in der alle Gattungen von Steinen des In⸗ und Auslandes mit Ausnahme der Edelſteine bearbeitet wurden, und Dölters Anſtalt zur Verfertigung phyſikaliſcher Inſtrumente zu er⸗ wähnen. Obwohl der Aufſchwung der Gewerbe, den Karl Friedrich ſtets aufs eifrigſte unterſtützte, unverkennbar war, machte ſich doch die ſchwere Not der Zeit mit dem Druck, den ſie auf alle Lebenskreiſe ausübte, in Karlsruhe ſehr bemerkbar. Die mit den Kriegsereigniſſen in Ver⸗ bindung ſtehende Bedrängnis der Staatsfinanzen geſtattete für die zahlreichen auf feſte Einnahmen aus der Staatskaſſe angewieſenen Beamten keine Erhöhung ihrer Bezüge und die Einkünfte aus mäßi⸗ gem Vermögen wurden durch die allgemein herrſchende Finanzklemme eher vermindert als vermehrt. Unter ſolchen Umſtänden konnte der Handel, der ſich in Karls⸗ ruhe nur in ſehr beſcheidenen Gränzen bewegte, keinen viel größeren Umfang als bisher gewinnen. Immerhin beſtanden im erſten Jahr⸗ zehnt unſeres Jahrhunderts in Karlsruhe ſchon einige Geſchäftshäuſer, die ſich über das früher ausſchließlich vorhandene Niveau der Krä— merei erhoben. Die Firmen Mallebrein, Meerwein, Lauer, Roſen⸗ feldt, Schmieder und Füeßlin u. a., welche Spezerei-, Kommiſſions⸗ und Speditionsgeſchäfte betrieben, die Modehandlung von Fellmeth, die Ellenwaarenhandlungen von Kuſel und Model genoſſen verdientes Anſehen. Auch die Firmen Homburger, Hermann, Levi, Seligmann und Willſtetter begannen neben jenen älteren und größeren Geſchäften nach und nach in die Höhe zu kommen. Wechſelgeſchäfte, welche früher nur durch die Vermittlung des Vorſtandes der Vermögens⸗ verwaltung der Markgrafen Friedrich und Ludwig, Heinrich Vierordt, mehr aus Gefälligkeit als des Gelderwerbes willen betrieben worden waren, beſorgten nun die Firmen Samuel Haber und David Selig— mann. Die Geſelligkeit. Das geſellige Leben der höheren Stände in Karlsruhe hatte ſeinen Mittelpunkt in dem Muſe um. Die ſchon 1785 gegründete Leſegeſellſchaft erweiterte im Jahre 1808 mit der Annahme des Namens„Muſeum“ die Zwecke ihrer Vereinigung. Außer einem mit politiſchen Zeitungen und gelehrten Zeitſchriften reich ausgeſtatteten Leſezimmer wurde eine anſehnliche Bibliothek zur Benützung durch die Mitglieder angelegt, in den Leſezimmern wurden auf Anordnung des Großherzogs, des Protektors der Geſellſchaft, aus den fürſtlichen Sammlungen auserleſene Gemälde, Zeichnungen und Kußferſtiche ausgeſtellt, gut eingerichtete Säle dienten der Konverſation und dem Spiele, im Winter fanden Bälle, Konzerte und kleinere Abendunter— haltungen ſtatt. Auch ſtanden die Geſellſchaftsräume fremden Künſt⸗ lern zu ihren Produktionen offen. Bei den Konzerten wirkten Mit⸗ glieder der Hofbühne mit, die ein überaus dankbares Publikum fanden, das nicht nur nicht mit ſeinem Beifall im Konzertſaale geizte, ſondern auch ſpäter noch ſeiner Befriedigung Ausdruck verlieh. Im Februar 1810 z. B. finden wir in der Karlsruher Zeitung ein Inſerat, in welchem Namens der Muſeumsgeſellſchaft deren Kom⸗ miſſion den Damen Kiel und Köhler und den Herren Jeckel, Kiel, Köhler und Mayerhofer„für die gefällige Unterſtützung der Winter⸗ — 280— konzerte, wodurch ſie der Geſellſchaft ſo manches Vergnügen gemacht haben“, verbindlichſt dankt.„Eine Freundlichkeit und Liberalität, die aus ächtem Kunſtſinne quillt, von ihm zeugt und in ſchöner Wechſel⸗ wirkung ihn auch wieder beleben muß.“ Die Mitglieder der Hof⸗ bühne erhielten für ihre Mitwirkung kein Honorar, ſondern wurden von der Geſellſchaft zu Ehrenmitgliedern ernannt. Die Bälle wurden zuweilen bis in die Sommerzeit fortgeſetzt; wir finden z. B., daß im Jahre 1809 noch am Freitag, den 2. Juni, Abends 6 Uhr ein Muſeumsball veranſtaltet wurde. Es war wohl der letzte in dieſer Saiſon, denn gleichzeitig teilte die Kommiſſion mit, daß„vielfältigen Wünſchen zur Entſprechung der nämliche Wochentag den Sommer hindurch zur e und Spiel für die Damen regelmäßig be⸗ ſtimmt ſei!“ In den Sälen der größeren Gaſthöfe fanden Bälle auf Subſkription ſtatt, an der die höheren Geſellſchaftskreiſe teilnahmen; dieſe Veranſtaltungen wurden„Caſino“ genannt. Das Hoftheater. Zu den beliebteſten Genüſſen des Karlsruher Publikums zählte das Theater. Zur Ergänzung des früher über die Geſchichte des hieſigen Theaters Mitgeteilten mag hier noch angeführt ſein, daß ſchon während des Baues des neuen Hoftheaters, welchen Oberbaudirektor Weinbrenner nach ſeinen Plänen leitete, die Aufmerkſamkeit der Ein⸗ wohner der Reſidenzſtadt in lebhafter Weiſe auf dieſes Werk ge⸗ richtet war, von dem man erwartete, daß es„eines der vorzüglichſten in Deutſchland“ ſein werde. Im März 1807 war mit dem Bau begonnen worden; als nun im Dezember das Werk bis zum Auf⸗ ſchlagen des Daches gediehen war, hielten die Bauleute mit Winkel⸗ maß, Arxt, Hammer und Kelle, welche mit Band und Blumen ver⸗ ziert waren, mit türkiſcher Muſik einen feierlichen Aufzug; in ihrer Mitte befand ſich ein großer, mit Band, Halstüchern u. ſ. f. ge⸗ zierter Tannenbaum auf einem Wagen. Dieſer Zug ging zuerſt am Reſidenzſchloſſe vorbei und dann durch die Straßen der Stadt; nachdem er auf dem Bauplatz angekommen war, wurde der Baum unter Muſik auf der Zinne des Gebäudes befeſtigt und einer der Gewerkleute hielt einen längeren Spruch, den man der Ehre des Abdrucks in der Karlsruher Zeitung würdigte. Aber es währte dann doch noch bis zum 30. Oktober 1808 bis das neue Haus mit dem 0 der Weihe“ — 281— und dem„Triumph mütterlicher Liebe“, beide von Kapellmeiſter Spindler komponiert, eröffnet werden konnte. Wie allenthalben in Deutſchland ſtand in dieſen Jahren auch am Karlsruher Hoftheater das Repertoire des Schauſpiels, unbeſchadet der Aufführung der namhafteſten Werke der deutſchen und franzöſi⸗ ſchen Klaſſiker, unter der Vorherrſchaft Kotzebues. Seine Stücke waren unſtreitig die beliebteſten und wurden am häufigſten aufgeführt. Als man ſeine„Huſſiten vor Naumburg“ einſtudierte, brauchte man zur Darſtellung dieſes Schauſpiels viele Kinder. Die Theater⸗ verwaltung erſuchte daher durch ein Zeitungsinſerat„die Eltern, welche ihren Kleinen dies unſchuldige Vergnügen gewähren wollen, dieſelben am Tage der Aufführung früh 9 Uhr zu einer Probe in das Theater zu ſenden.“ Allem Anſchein nach waren die Eltern über die Beteiligung ihrer Kinder beim Theater ebenſo beglückt wie dieſe. Über die Leiſtungen der unter Vogels Leitung ſtehenden Truppe nach Eröffnung des neuen Hauſes ſpricht ſich Hebel in ſeinen Briefen an Frau Sophie Haufe in Straßburg?) ſehr ungünſtig aus. Um ſo entzückter war unſer alemanniſcher Dichter und ſicher mit ihm das ganze Karlsruher Publikum über das Auftreten von Madame Hendel, die im November 1808 auf dem Wege von Berlin nach Italien acht Tage in Karlsruhe verweilte. Sie kam— wie es in der An⸗ kündigung ihres Gaſtſpieles heißt—„eben ruhmbekränzt von Mann⸗ heim an, wo ſie das Publikum in mehreren Gaſtrollen entzückt hatte.“ Dieſe vorzügliche,„in der Figuration und Darſtellung vielleicht einzige“ Künſtlerin ſpielte viermal bei vollem Theater, als Medea, Ariadne, Margrethe in den„Hageſtolzen“ und Freſen im„Frem⸗ den.“„Der Text— ſchreibt Hebel über die beiden erſtgenannten Rollen— ſchien ihr nur leitender Faden zu ſein, um alle äſthetiſch ſchönen Attituden der alten Welt und Kunſt zu repräſentieren.“ Vor einer kleinen Zahl von Erwählten gab Madame Hendel dann noch eine Darſtellung ihrer hervorragenden Leiſtungen in Pantomimen, Attituden und Gruppierungen, in denen ſie, wie man weiß, die Zeit⸗ genoſſen zur höchſten Bewunderung hinriß. Im Jahre 1809 kam ſie zum zweitenmal nach Karlsruhe und gab, außer den mimiſchen ) Briefe von J. P. Hebel, herausgegeben von O. Behaghel. Karlsruhe 1883. Darſtellungen, Medea, die Jungfrau von Orleans, die Orſina in Emilia Galotti, Schillers Phaedra und eine deklamatoriſche Akademie. Wieder verdanken wir Hebel eine begeiſterte Schilderung ihrer Lei— ſtungen, ſie trug unter ſtürmiſchem Beifall auch einige ſeiner ale⸗ manniſchen Gedichte vor. Im Juli 1810 gaſtierte eine andere da⸗ mals hoch gefeierte Künſtlerin, Madame Schönberger als Murney im„Unterbrochenen Opferfeſte“ und als Titus in Mozart's gleich⸗ namiger Oper. Auch ſie riß das Karlsruher Publikum zu enthu⸗ ſiaſtiſchen Beifallsbezeugungen und einen Kunſtfreund zu einem Ge⸗ dicht in der Karlsruher Zeitung hin. Selbſt Hebel, der ſie anfangs, aus Begeiſterung für die Hendel, nicht gelten laſſen wollte, mußte bekennen, daß ſie ſchön ſpiele und ſinge,„ihre männliche Stimme— ſchreibt er— durch Zartheit gemildert, im Umfang von 19 Tönen, thut in Männerrollen, die ſie faſt einzig ſpielt, außerordentliche Wirkung.“ Schon geraume Zeit bevor dieſe virtuoſenhaften Leiſtungen die Theaterwelt bewegten, im Jahre 1806 war den Karlsruhern Ge⸗ legenheit geboten worden, in pietätvoller Weiſe ihrer Verehrung für Friedrich Schiller, den zu früh Geſchiedenen, Ausdruck zu geben. Am 25. März wurde im Hoftheater mit vollem Orcheſter, welches außer dem ganzen Perſonale der Karlsruher Hofmuſik auch ſämtliche Mitglieder der ehemaligen Bruchſaler Kammermuſik umfaßte, eine Kantate zu Schillers Andenken aufgeführt. Bis zum 23. März konnte man um den Betrag von 1 fl. 12 kr. auf eine Eintrittskarte unterzeichnen, von da ab wurde der Preis auf 1 fl. 36 kr. erhöht. Als Leiter der Oper waren ſeit 1806 der 1760 in der Nähe von Regensburg geborene Hofmuſikdirektor Johann Brandl, der früher in fürſtbiſchöflich Speyer'ſchen Dienſten zu Bruchſal geſtanden, und ſeit 1810 der Kapellmeiſter Franz Danzi aus Mannheim erfolg—⸗ reich thätig. Von beiden wurden auch Kompoſitionen aller Art, die ſich damals großer Beliebtheit erfreuten, aufgeführt. In der von franzöſiſchem Weſen beherrſchten Zeit wurde in Karlsruhe auch äuf dem Theater den Franzoſen gehuldigt. Längere Zeit hindurch gaſtierte im Winter 1806 eine durchreiſende franzöſiſche Schauſpielergeſellſchaft unter der Direktion des Herrn Volange in der badiſchen Reſidenzſtadt und gab im Hoftheater Luſtſpiele, kleine — 283— Opern und Ballets mit großem Beifall. Daß die Hofgeſellſchaft zuweilen— auch meiſt franzöſiſche Stücke— im Hoftheater ſpielte, iſt gelegentlich erwähnt worden. Aber auch aus bürgerlichen Kreiſen ſehen wir einmal— im April 1805— eine Liebhabergeſellſchaft im Hoftheater zum Beſten der Armen auftreten. Sie gab„Le Cerele ou la Soirée à la mode“ und„La partie de chasse de Henry IV“. Im Hoftheater fanden zur Winterszeit auch Maskenbälle, die man auch Redouten nannte, zu Gunſten der Armen ſtatt. Von der Theaterverwaltung war zur Aufrechthaltung der Ordnung ein Regle⸗ ment erlaſſen, das im Theater und in allen Gaſthöfen angeſchlagen wurde. Während des Karnevals fanden die Redouten wöchentlich an einem beſtimmten Tage ſtatt. Im Jahre 1808 wurden ſie, ver— mutlich wegen des Neubaues des Theaters, im Saale des Durlacher Hofes und in den anſtoßenden Zimmern abgehalten. Nach Vollen⸗ dung des Theaterbaues kehrte man mit Erlaubnis des Großherzogs wieder in den Hoftheaterſaal zurück. Der Eintrittspreis für den Ball betrug 1 Gulden. Zuſchauer bezahlten auf der erſten Galerie 30, auf der zweiten 12 Kreuzer. Eintrittskarten waren an der Kaſſe und bis 7 Uhr abends in der Wohnung des Theaterkaſſiers Emanuel Crecelius zu haben. Die Logenabonnenten konnten gegen Löſung eines Billets zu 30 Kreuzer für die Perſon von ihren Logen Gebrauch machen. Wenn ſie Ballkarten gelöst hatten, ſtand ihnen der Beſuch ihrer Logen ohne weiteres Eintrittsgeld frei. Der Saal wurde um 8 Uhr geöffnet. Eine Leihanſtalt für Masken und Kleider hatte ſchon 1805 Salomon Reutlinger eröffnet. Waren naturgemäß Kinder vom Beſuche der Redouten aus⸗ geſchloſen, ſo wollte man doch auch dieſen das Vergnügen gönnen, ſich in der Faſtnachtszeit in Maskeraden zu zeigen. Es ſcheint aber, daß die maskierten Unterhaltungen der Kinder einen zu großen Um⸗ fang gewannen, denn im Jahre 1804 wurde eine Verordnung erlaſſen, wonach maskierte Bälle für Kinder nur bei Aufſtellung geeigneter Aufſichtsperſonen und unter Oberaufſicht der Polizei erlaubt wurden. Vor Ablauf der Polizeiſtunde mußten die Kinder wieder zu Hauſe ſein. Es mußte aber auch eingeſchärft werden, daß ſchulpflichtige Kinder zu Maskenbällen und öffentlichen Tänzen der Erwachſenen nicht zugelaſſen werden dürfen. 284 Konzerte und andere Produktionen. Wir leſen auch von vielen Konzerten, die teils im Hoftheater, teils in den Sälen des Durlacher Hofes und der Poſt, von 1808 an auch im Muſeumsſaale ſtattfanden. Um aus der großen Zahl der Konzerte, die darauf ſchließen läßt, daß ſchon damals der Sinn für Muſik in Karlsruhe ſehr ausgebildet war, einige herauszuheben, er⸗ wähnen wir ein Vokal⸗ und Inſtrumentalkonzert der von Paris kommenden Madame Planſinni, eine große muſikaliſche Akademie der königlich bayriſchen Kammermuſiker Legrand und Metzger, zwei Konzerte der ſachſen⸗koburgiſchen Kammermuſici Schunke und Leye, die ſich als Virtuoſen auf dem Horn bewährten, Produktionen der Gebrüder Bohrer, königl. bayriſchen Kammermuſici aus München, Virtuoſen auf der Violine und dem Violoncell, ferner ein großes Vokal⸗ und Inſtrumentalkonzert, das Madame Vogel, Directrice des Straß⸗ burger Theaters, unter Mitwirkung der erſten Sängerin dieſer Bühne, Madame Fiſcher, veranſtaltete, ein Konzert des Herrn Walter, bei dem Madame Vogel einige Arien und mit Mademoiſelle Danner ein Duett vortrug und Herr Vogel das Publikum„mit der deklamatori⸗ ſchen Kunſt unterhielt“, auch die Violinvirtuoſen Madame Michaelis und Herr Böhnlein legten Proben ihrer Kunſt ab. Auf einem„ſehr vorzüglichen und von ihr vorzüglich behandelten Melodion“ ließ ſich Demoiſelle Welſch hören und Herr Mayer,„vormaliger Hofſänger und Muſikus bei dem verſtorbenen Kurfürſten von Pfalzbayern, der an den vornehmſten Höfen in Deutſchland und in Frankreich den größten Beifall erhielt“ auch vor der Erbgroßherzogin in Mannheim ſich hatte hören laſſen dürfen, gab„ein köſtliches Konzert, worin er ohne Gebrauch eines Inſtruments, blos mit dem Munde die Töne muſikaliſcher Inſtrumente, als Fagot, Waldhorn, Serpant, Trompete und Pauken unter Begleitung eines Orcheſters ganz natürlich nach⸗ ahmte“. Im Durlacher Hof bei Madame Seeger arrangierte ein Herr T. B. von Sydow eine deklamatoriſche Unterhaltung„genau für Geiſt und Herz berechnet“ und„durch das Zwiſchenſpiel auf der Harmonika, welches ein hieſiger Kunſtfreund mit zuvorkommender Gefälligkeit zugeſagt hatte, beſonders ausgezeichnet“. Karl Bredow mit Gattin, Schauſpieler aus Berlin, kündigte ein„Deklamatorium (Gedichte von Schiller, Bürger und Kotzebue) mit abwechſelnder Muſik“ an. Madame Eliſe Bürger, des Dichters dritte Gattin, ieeee ie ee ————— — 285— das„Schwabenmädchen“, veranſtaltete im Hoftheater eine„muſikaliſch⸗ deklamatoriſche Akademie“, in welcher ſie in vier Abteilungen„ernſt⸗ hafte, heitere, hochtragiſche und komiſche Gedichte“ von Schiller, Bürger, Baggeſen, Goethe, Schubart und von ſich ſelbſt, zum Schluſſe den„Morgenſtern“ von Hebel vortrug. Im Jahre 1811 erſchienen auf der Reiſe von Wien nach Paris der Kompoſiteur Konradin Kreutzer und der Mechaniker F. Leppeck in Karlsruhe, um das von dieſem neu erfundene Inſtrument„Pan⸗ melodikon“ vorzuführen; ſie erreichten damit wie anderswo ſo auch hier eine große Wirkung. Sie ließen dieſes Inſtrument lüber welches in einer Anzeige geſagt wird, es ſei„der Inbegriff von dem, was Blas⸗ und Saiteninſtrumente an Feinheit und Annehmlichkeit geben können, ſelbſt der menſchlichen Stimme kommt man damit am nächſten“) in einem Konzert im Saale des Durlacher Hofes hören, wo auch Kreutzer ein Klavierkonzert von ſeiner Kompoſition ſpielte. Bald hierauf kam der Univerſitätsmechanikus Link aus Freiburg, um ebeu⸗ falls ein von ihm konſtruiertes Panmelodikon vorzuführen, von dem er hoffte, daß es dem Kreutzer⸗Leppeck ſchen werde gleichgeſtellt wer⸗ den ꝛc. In der Zwiſchenzeit hatte ſich auch ein Konkurrent mit einem ähnlichen Taſteninſtrument eingeſtellt, das er erfunden und„Har⸗ monichord“ genannt hatte, Friedrich Kaufmann aus Dresden, der eben— falls im Durlacher Hof ein Konzert gab. Die Glanzperiode aller dieſer Inſtrumente war indes nur eine kurze, und Konradin Kreutzers Name iſt ſpäter durch andere muſikaliſche Leiſtungen auch den Karls⸗ ruhern wert geworden. Die Kunde der verſchiedenen muſikaliſchen Produktionen konnten wir nur kurzen Zeitungsanzeigen entnehmen. Nur über ein Konzert, das am 25. September 1809 in Gegenwart des Großherzogs und der ganzen fürſtlichen Familie ſtattfand, iſt ein ausführlicher Bericht erhalten. Dieſes ſtellte ſich geradezu als ein mufikaliſches Ereignis dar. Nach Verlauf von 19 Jahren hatten die Karlsruher Muſik⸗ freunde wieder das Glück, Abbs Vogler auf der Hoforgel ſpielen zu hören. Er führte eine Reihe eigener Kompoſitionen vor, und die Zuhörer waren von der Vollendung und mächtigen Wirkung ſeines Spieles zur höchſten Bewunderung hingeriſſen. Der Dank für ſeine „unerreichbaren und unüberwindlichen“ Leiſtungen, die der Bericht⸗ erſtatter der Karlsruher Zeitung in überſchwänglichen Redewendungen — anerkennt, wurde noch wärmer im Hinblick auf die Güte und Men⸗ ſchenfreundlichkeit des großen Künſtlers, der die ganze Einnahme ſeines Orgelkonzerts den ſtädtiſchen Armen zuwandte. Auch Dilettanten vereinigten ſich zu regelmäßigen muſikaliſchen Aufführungen. Während der Wintermonate fand wöchentlich einmal, meiſt am Donnerstag„Liebhaberkonzert“ in dem Marmorier Schwind'⸗ ſchen Hauſe unter der Direktion des Muſikdirektors Danner ſtatt, und daß es den Mitwirkenden mit ihren Übungen Ernſt war, ergiebt ſich daraus, daß u. a.„Die ſieben Worte“ von Haydn zur Auf⸗ führung gelangten. Eine andere Art von Produktionen waren Vorſtellungen in der Fechtkunſt. Wir leſen gelegentlich, daß Herr Senoble, Fechtmeiſter aus der Akademie zu Paris, einen Assaut d'armes im Saale des Durlacher Hofes gab, worauf ein von Hoftanzmeiſter Richard diri⸗ gierter Ball folgte. Der Eintrittspreis betrug 1 Gulden, die Vor⸗ ſtellung begann nachmittags 4 Uhr. Ein andermal veranſtalteten Michael Hetzel, Zögling der libertiniſchen Akademie in Naney und erſter Fechtmeiſter des Großherzoglich badiſchen 3. Linien⸗Infanterie⸗ regiments, und Jakob Neumann, zweiter Fecht⸗ und Tanzmeiſter, nebſt zwei Vorfechtern deſſelben Regiments ein großes Tournier auf Stoß und Hieb. Auch Sergeant Eſcher von der Leibgrenadiergarde, der eine beſondere Geſchicklichkeit auf Stoß beſaß, wirkte mit. Die Produktion, welche ſchon um 3 Uhr begann, fand in Gegenwart eines großen Publikums von Damen und Herren unter den Klängen der Muſik ebenfalls im großen Saale des Durlacher Hofes ſtatt. Der Eintrittspreis betrug 48 Krenzer. Wie in früheren Tagen, ſo veranſtaltete auch jetzt von Zeit zu Zeit die Schützengeſellſchaft ein Freiſchießen, wozu öffentlich ein⸗ geladen wurde. Einem dieſer Ausſchreiben, die vom Schützenmeiſter F. W. Günther unterzeichnet waren, entnehmen wir, daß„lauter Silbergaben von wenigſtens 300 Gulden, auch, je nachdem Liebhaber ſich einfinden, von größerem Wert“ dabei herausgeſchoſſen wurden. Spaziergänge und Ausflüge. Der ſchöne, allen Einwohnern zugängliche Schloßgarten, der unmittelbar an die Stadt grenzende ausgedehnte Hardtwald boten zu jeder Jahreszeit Gelegenheit zu Spaziergängen, aber auch die Das Beiertheimer Wäldchen. weitere Nachbarſchaft der Reſidenzſtadt war nicht arm an Ortlich⸗ keiten, wohin der Wanderluſtige gern ſeine Schritte lenken mochte und wo auch für Speiſe und Trank und der Jahreszeit entſprechende Unterhaltung geſorgt war. Da war in erſter Reihe Beiertheim, wohin man im Schatten uralter Bäume auf einem von dem Hof⸗ gärtner Hartweg d. j. im engliſchen Geſchmack angelegten Spazier⸗ weg wandelte, um an Ort und Stelle angelangt das nach Wein⸗ brenners Plänen erbaute(bis heute erhaltene) ſtattliche Gaſthaus des Badwirtes Andreas Marbe zu beſuchen, welches am Oſtermontag Nachmittag des Jahres 1811 mit Tanzbeluſtigung eröffnet worden war. Hier fand an jedem Sonntag Nachmittag für das große, an jedem Mittwoch Nachmittag aber für das diſtinguiertere Publikum Tanz⸗ beluſtigung ſtatt, Freitag abends aber wurde je nach Bedarf für unter⸗ ſchriebene Abonnenten ein beſonderer Ball gegeben. Der Alb entlang hatte der unternehmende Wirt Badekabinette anbringen laſſen, deren Vermehrung er in einer im April 1811 erlaſſenen Anzeige in Aus⸗ ſicht ſtellte. Die Badeanſtalt beſtand ſchon geraume Zeit bevor das neue Wirtſchaftsgebäude errichtet war, und vom Juli 1810 an ſtand am Ettlinger Thor täglich ein Geſellſchaftswagen bereit, um Bade⸗ gäſte hin und her zu fahren. Der Wagen fuhr Vormittags um ½6 und 8, nachmittags um 2, 4 und 6 Uhr, die Fahrt koſtete für jede Perſon 12 Kreuzer. Vor dem Gaſthaus in Beiertheim fanden ab und zu auch beſonders veranſtaltete Beluſtigungen ſtatt; ſo ließ z. B. am Sonntag den 9. Juni 1811 der„phyſikaliſche Künſtler“ Friedrich Siegmann„einen außerordentlich großen Mon⸗ golfieriſchen Luftballon(65 Schuh hoch, im Durchſchnitt 36 Schuh haltend, deſſen Oberfläche gegen 2000 Quadratſchuh betrug und „neben anderen Verzierungen mit roten, gelben und ſchwarzen Fahnen prangte“) mit einem 9jährigen Knaben aufſteigen. Es war ein ſog. Feſſelballon, den, als er eine beträchtliche Höhe erreicht hatte, 30 Männer wieder aus der Luft herunterzogen. Hierauf wurden 2 Luft⸗ ballons gefüllt und ſtiegen mit einem Schiff, in dem ſich ein lebendes Tier befand, in die Höhe, mittels des Fallſchirmes ließ ſich aus einer Höhe von ungefähr 2000 Klaftern das Schiff langſam zur Erde nieder und brachte das Tier unverſehrt zurück. Muſik begleitete das Steigen des Ballons. Wer die Ballons finden ſollte, wurde erſucht, ſie zu ſchonen und dem Unternehmer gegen Erkenntlichkeit im 38 Lamm zu Karlsruhe davon Anzeige zu machen.„Standesperſonen“ zahlten nach Belieben, der erſte Platz koſtete 24, der zweite 12 Kreuzer. Von Beiertheim führte ein anmutiger Weg nach dem fürſtlichen Jagdſchloß Scheibenhart. Weſtlich vom Ettlinger Thor gelangte man, an dem großen Garten der Markgräfin Amalie vorbei, durch eine ſchattige Allee zu dem Promenadehaus, einem nach den Plänen des Baumeiſters Arnold erbauten Wirtſchaftsgebäude mit großem und viel benütztem Tanzſaal, an der Stelle errichtet, wo früher eine dem Geheimerat und Leibmedikus Schrickel gehörige Glashütte geſtanden hatte. Vom Mühlburger Thor, an dem Garten des Markgrafen Ludwig votüber, erreichte man, ebenfalls in weſtlicher Richtung gehend, durch eine Allee von Ahorn und Pappeln das Städtchen Mühlburg, das beſonders an Samstagen und Sonntagen von den Karlsruhern mit Vorliebe beſucht wurde. Vom Linkenheimer Thor führte eine durch den Hardtwald gezogene Straße, in nördlicher Richtung nach Deutſch⸗ und Welſchneureut, Eggenſtein und weiterhin gegen den Rhein, während man vom Rüppurrer Thor aus, ſich nach Süden wendend, zunächſt die Schießſtätte, ſodann eine den Namen Augarten führende Wirtſchaft und endlich das Dorf Rüppurr beſuchen konnte. Vom Durlacher Thor führte die ſtattliche Allee hoher italieniſcher Pappeln in öſtlicher Richtung nach dem Städtchen Durlach, mit ſeiner maleriſchen Umgebung und ſeinem ausſichtsreichen Turmberg in jeder Jahreszeit gern beſucht, als Zielpunkt einer Wanderung aber beſonders im Herbſt beliebt, wenn die Weinleſe mit ihren länd⸗ lichen Feſten eine außergewöhnlich lebhafte Gaſtfreundſchaft veran⸗ laßte. Unterwegs lud rechts das Kämmergut Gottesaue mit ſeiner Muſterwirtſchaft und weiterhin die Meierei Killisfeld, deren Pächter das ſtädtiſche Publikum gern bewirtete, zu einem Spaziergang ein, während auf halbem Wege nach Durlach das von Arnold gebaute Alleehaus dem Wanderer einen angenehmen Ruhepunkt mit unter⸗ haltender Ausſicht auf die belebte Landſtraße darbot. Am Pfingſt⸗ montag 1811 wurde dieſes Wirtſchaftsgebäude mit Muſik und Tanz eröffnet, wobei der Eigentümer Chriſtian Wagner ankündigte, daß künftig außer den Sonn⸗ und Feiertagen jeder Dienstag zu Muſik und Tanz beſtimmt ſei, für Geſellſchaften aber, die ſich auf irgend einen andern beliebigen Tag zu einer Tanzbeluſtigung vereinigen, 6 60 Das Promenadehaus. — 289— auf vorherige Anmeldung ſtets die nötige Einrichtung dazu werde getroffen werden. Eine halbe Stunde vom Alleehaus entfernt konnte man auch den Entenfang beſuchen.„Dort locken— ſagt ein gleich⸗ zeitiger Bericht— ohne Gebrauch des Pulvers und Bleies zahme abgerichtete Enten ihre in der Freiheit lebenden Schweſtern täuſchend und unbemerkt auf dem Waſſer an den Ort, wo ſie umſtrickt eine Beute der Entenfänger werden.“ Für Mietwagen,— oder wie man damals auch in Karlsruhe ſagte, „Fiaker“— war ebenſowenig zu jederzeitigem Verkehr in der Stadt als für Fahrten außerhalb derſelben geſorgt. Wer alſo nicht eigenes Fuhrwerk oder— wie der vornehmere Ausdruck lautete—„Equipage“ beſaß, mußte ſeine Spaziergänge und Ausflüge in der 3 zu Fuße machen. Man ſieht, daß es den Karlsruhern im Beginn des Jahrhun⸗ derts weder an hübſchen Spazierwegen, noch an Gelegenheit zu heiterer Unterhaltung fehlte, ſoweit es den Tanz betraf, ſogar in einem Umfang, den unſere heutige ob ihrer Genußſucht ſo verſchrieene Zeit nicht mehr annähernd erreicht. Wem aber Muße und Mittel erlaubten, ſich von der Reſidenz— ſtadt zu entfernen, ohne doch weitere Reiſen anzutreten, die damals, da das Reiſen noch eine eben ſo umſtändliche als zeitraubende und koſtſpielige Sache war, nur einer verſchwindenden Minderheit über⸗ haupt möglich waren, der fand einen angenehmen Aufenthalt in dem nahen Badeorte Langenſteinbach, in Raſtatt, wo man in der Murg baden konnte, in Pforzheim, um die Schlackenbäder zu gebrauchen, deren Bereitung durch die zwei nahen Eiſenhammerwerke möglich wurde— das durch darin abgelöſchte Eiſenſchlacken erhitzte Waſſer wurde näm⸗ lich warm zum Gebrauch ins Bad abgeliefert—, oder in Wildbad mit ſeinen altberühmten Thermen. Mehr noch zogen die Heilquellen von Baden⸗Baden an, wo der Reiz einer unvergleichlich ſchönen Gegend und die Genüſſe ſtädtiſcher Unterhaltung, Spiel, Tanz und Theater zuſammenwirkten, auch den Verwöhnteſten und den an die Sitten der großen Welt Gewöhnten jeden Anſpruch zu erfüllen. Hier hatte ſich die Zahl der Kurgäſte im Jahre 1810 auf 2462, im Jahre 1811 auf 2733 belaufen. Im Winter und Sommer aber luden die zahlreichen Gaſthöfe und Wirtſchaften Karlsruhes, die ſich durch gute Bewirtung und 19 — 290— mäßige Preiſe auszeichneten, zur Einkehr ein und vereinigten beſon⸗ ders abends zahlreiche Geſellſchaft in ihren Räumen. Die Geſellſchaft vom haarenen Ring. Im allgemeinen wird man annehmen dürfen, daß das geſellige Leben der Karlsruher ſich noch in den gleichen Verhältniſſen bewegte, die wir früher auf Grund gleichzeitiger Berichte geſchildert haben. Auch in einer Darſtellung, die den erſten Jahren des zweiten Decen⸗ niums unſeres Jahrhunderts angehört, iſt noch von„dem zufriedenen Zuſtande der Karlsruher“ und ihrer im Verhältnis zu andern Reſidenzſtädten genügſamen Lebensart die Rede. Beſonders charakteriſtiſch für die Harmloſigkeit und Schlichtheit der geſelligen Verhältniſſe der badiſchen Reſidenzſtadt iſt die Ge⸗ ſellſchaft vom haarenen Ring, die, im Jahre 1792 ge⸗ gegründet, nach kurzer Unterbrechung 1793 wieder erneuert wurde und bis 1813 beſtand). Ein Kreis von Männern und Frauen, die ſich zuerſt im Winter 1792 im Hauſe des Bibliothekars Heme⸗ ling abends verſammelten, wobei Hemeling durch Vorleſung neuer litterariſcher Erſcheinungen, damals in erſter Reihe der Volksmärchen von Muſaeus, die Koſten der Unterhaltung beſtritt, gab ſich— dem edlen Junker Siegfried von Lindenberg“) zu Ehren— den Namen der„Sotſchetaet“ und ernannte Hemeling zum„Prätendenter“ und „Lectoris ornarié“. Die Kriegszeiten ſtörten die vertraulichen Zuſammenkünfte, an deren Stelle im Sommer 1793 regelmäßige Beſuche des Beiertheimer Bades traten. Als dieſe mit Eintritt der kälteren Jahreszeit aufhören mußten, beſchloß man, ſich mit Beginn der Winterſaiſon neu zu conſtituieren und eröffnete am 30. Oktober 1793 die regelmäßigen Sitzungen wieder. 1795 wurde das Geſetz⸗ buch der Geſellſchaft neu bearbeitet und erweitert. In demſelben wird als ihr Zweck innige Freundſchaft, die Förderung des geſelligen Vergnügens und eines edlen frohen Lebensgenuſſes bezeichnet und ) Die Mitteilung der über dieſe Geſellſchaft noch vorhandenen Papiere verdanke ich der Freundlichkeit von Fräulein Ida Griesbach. ½h) Dem damals vielgeleſenen ſatiriſchen Roman Siegfried von Linden⸗ berg von Johann Gottwerth Müller lerſchien zuerſt 1779 in 1 Band, dann 1781—82 zu 4 Bänden erweitert) ſind die Bezeichnungen der Amter der Geſellſchaft vom haarenen Ring entnommen. 5 Der Augarten. — 291— hervorgehoben, daß ſie mit allen möglichen Akademien der Künſte und Wiſſenſchaften oder mit geheimen Orden nichts gemein habe und daher den Staat lediglich nicht intereſſieren könne. Als äußeres Zeichen wählt die Geſellſchaft das Symbol der Unzertrennlichkeit, den Ring. Die Ringe, welche die Mitglieder nur bei den regelmäßigen Verſammlungen tragen, dann aber auch bei Vermeidung von Strafe tragen müſſen, ſind aus den Haaren der Mitglieder verfertigt. Aus den ſehr ausführlichen Satzungen ſei hier nur erwähnt, daß die Ge⸗ ſellſchaft einen„Prätendenter“, einen Sekretär und einen Schatz⸗ meiſter erwählt, ferner einen„Lectoris ornari“ und daß das jüngſte Mitglied den Titel„Jungmeiſter“ führt, während die Mit⸗ glieder, welche keine Chargen bekleiden,„Simpel“ heißen. Die Sitzungen finden in den Häuſern der Mitglieder in alphabetiſcher Reihenfolge wöchentlich einmal von 5 bis 8 Uhr abends ſtatt, können jedoch auch verlängert werden. Bei der Bewirtung hat man ſich eine weiſe Frugalität zum Geſetze gemacht. Hauptgegenſtände der Verſammlungen ſind freundſchaftliche Unterhaltungen, Vorleſen kleiner Aufſätze, Geſellſchaftsſpiele u. dgl. Geſpräche von Kriegs- und Dienſt⸗ ſachen ſind ausgeſchloſſen, die erſteren aber ſind ausnahmsweiſe ge⸗ ſtattet, wenn die Vorfälle neu und richtig ſind. Kartenſpiele ſind verboten. An Stelle aller Titulaturen tritt die Bezeichnung Bruder und Schweſter. Zuweilen— regelmäßig am Stiftungstage, dem 30. Oktober— wird ein Picknick veranſtaltet. Die Strafen, welche wegen Verletzungen der Geſellſchaftsgeſetze verhängt werden, bewegen ſich zwiſchen 6 und 24 Kreuzer. Die Gelder werden zum Vergnügen der„Sotſchetaet“ und zu wohlthätigen Zwecken verwendet. Aus der Zahl der Mitglieder heben wir nach einer Liſte,„Seelenregiſter“ benannt, aus dem Jahre 1808 hervor den Bibliothekar Johann Wilhelm Hemeling, den Stadtphyſikus Chriſtian Ludwig Schweick— hardt, den Hofökonomierat Auguſt Vierordt, den Kirchenrats⸗ direktor Johann Gerhard Herzberg, den Kaufmann(ppäteren Ober⸗ bürgermeiſter) Chriſtian Griesbach, den Kammerdirektor Johann Chriſtoph Volz, den Landbaumeiſter Wilhelm Frommel und deren Ehefrauen. Hemeling war„Prätendenter“ und„Lectoris“, Vierordt Schatzmeiſter, Frau Marie Caroline Herzberg geb. Kaerner hatte die Stelle des„Sekretär ornater“ inne und verdankte ihrer poetiſchen Begabung den weiteren Titel der„gekrönten Sappho 19 — 292— der Sotſchetaet“. Von ihr ſind alle mit vielem Humor verfaßten Protokolle, viele in gebundener Rede, geführt. Auch die Mehrzahl der in dem Liederbuch der Geſellſchaft verzeichneten Geſänge verdanken dieſer„Sappho“ ihre Entſtehung, aber auch andere Mitglieder, da⸗ runter Chr. Griesbach, legten hier Proben dichteriſcher Befähigung nieder. So viel ſich aus den Protokollen ergibt, führte die „Sotſchetaet“, ungeſtört durch die politiſchen Ereigniſſe im letzten Jahrzehnt des 18. und im erſten des 19. Jahrhunderts, ihr unſchul⸗ diges und ſtillvergnügtes Daſein Winter um Winter fort. Es er⸗ folgte auch keine förmliche Auflöſung der„Sotſchetaet zum haarenen Ring“. Dem Anſchein nach fehlte es an jungem Nachwuchs, die Mitglieder wurden älter, einige ſtarben, andere zogen fort. Im Jahre 1813 fanden die letzten Verſammlungen ſtatt. Vielleicht war in der neuen Zeit, die mit der patriotiſchen Erhebung Deutſch⸗ lands auch für die badiſche Reſidenzſtadt hereinbrach, kein Platz mehr für die harmloſen Beluſtigungen einer älteren Generation. Drittes Buch. l während der Regierung der Großherzoge Karl und Tudwig I. 1811—1630. Karl, Großherzog von Baden. Die erſte Regierungszeit des Großherzogs Karl. ehr noch als in den bürgerlichen Verhältniſſen gilt an den Fürſtenhöfen das Wort, daß der Lebende Recht hat. Die Verpflichtungen des regierenden Fürſten gegen ſeine Unterthanen drängen die perſön⸗ lichen Gefühle der Trauer zurück. Für den zur Regierung berufenen Thronfolger gilt es, die Continuität der Staatsregierung ohne Zögern zur Durchführung zu bringen. An die Trauerfeier bei der Beſtattung Karl Friedrichs mußten ſich unmittelbar die erſten Regierungs⸗ handlungen ſeines Enkels und Nachfolgers, des Großherzogs Karl, anſchließen. Zunächſt handelte es ſich um Ceremonialakte. Die Fürſten von Fürſtenberg, Leiningen und Salm und die Grafen von Löwenſtein⸗ Wertheim, welche als Standesherrn einberufen waren, um den Trauerfeierlichkeiten beizuwohnen, verabſchiedeten ſich am 2. Juli von dem jungen Großherzog. Die Biſchöfe von Lüttich und Baſel wur⸗ den am 3. Juli von ihm in Audienz empfangen, ebenſo die Ge⸗ ſandten von Bayern und Württemberg, Graf von Seiboltsdorff und General von Wimpfen(an deſſen Stelle noch im gleichen Jahre Geheimerat von Harmenſen trat), welche ihre neuen Beglaubigungs⸗ ſchreiben überreichten. Die Fürſtbiſchöfe und Geſandten ſpeisten an der Tafel des Großherzogs, während für den Hof eine Marſchalls⸗ tafel von 100 Gedecken ſtattfand, worauf der Großherzog die ein⸗ berufenen Staatsdiener und Vaſallen nach Hauſe entließ. Am 9. Juli wurde das Hoftheater mit einem Prolog und — 296— der Oper„Jakob und ſeine Söhne in Egypten“ von Mehul wieder eröffnet, am Tage darauf überreichte der franzöſiſche Geſandte De⸗ mouſtier mit den üblichen Feierlichkeiten ſein neues Beglaubigungs⸗ ſchreiben. Am 7. Auguſt abends 5 Uhr traf die Großherzogin Ste⸗ phanie mit der neugeborenen Prinzeſſin aus Mannheim in der Reſidenzſtadt ein. Eine Abteilung der großherzoglichen Garde und die bürgerliche Kavallerie begleiteten den Wagen der Fürſtin durch die Straßen, in welchen die bürgerliche Infanterie bis zum Schloſſe Spalier bildete. Glockengeläute und das Abfeuern von 200 Kanonen⸗ ſchüſſen begrüßten ſie bei ihrer Ankunft. Unter einer vor dem Dur⸗ lacher Thor errichteten, mit Laub überdeckten Ehrenpforte bewill⸗ kommte der Stadtmagiſtrat die Großherzogin, während weißgekleidete Jungfrauen auf dem Wege Blumen ſtreuten und ihren Wagen unter Geſängen mit Blumengewinden bekränzten. Der laute Jubel be⸗ gleitete ihren Einzug bis zum Portal des Schloſſes, wo der Hof zu ihrem Empfang verſammelt war. Eine allgemeine Beleuchtung beſchloß den feſtlichen Tag. Gegen 10 Uhr abends durchfuhr die Großherzogin, abermals von der Bürgerkavallerie begleitet, die Straßen, die von dem Zujauchzen des Volkes wiederhallten, um von der wohl⸗ gelungenen Beleuchtung Augenſchein zu nehmen. Am darauffolgenden Tage nachmittags 4 Uhr empfing die Großherzogin eine Abordnung junger Mädchen, die ihr ein Körbchen mit einer goldenen Kette und Spielzeug für die neugeborene Prinzeſſin überreichten und in ent⸗ ſprechenden Anreden in deutſcher und franzöſiſcher Sprache ihrer Ver⸗ ehrung und Liebe Ausdruck verliehen. Am 12. Auguſt wurden der öſterreichiſche Geſandte Graf Ap⸗ ponyi und der Geſandte des Großherzogs von Frankfurt, Freiherr von Gruben zur Uäberreichung ihrer Creditive vom Großherzog und demnächſt auch von der Großherzogin empfangen und zur Tafel gezogen, ebenſo der neue ruſſiſche Geſandte Baron von Maliitz, nachdem unmittelbar vorher ſein Vorgänger, der Staatsrat Riäbinin, ſein Abberufungsſchreiben überreicht hatte. Ihnen folgte wenige Tage ſpäter der weſtphäliſche Geſandte General Girard. Der Napoleonstag, 15. Auguſt, war zur Vornahme der Taufe der neugeborenen Prinzeſſin feſtgeſetzt worden. Hundert Kanonen⸗ ſchüſſe verkündeten den Anbruch des feſtlichen Tages. In ſechs⸗ *———————ů———— — 297— ſpännigen Galawagen, eskortiert von einer Abteilung der Garde zu Pferde, wurden Markgräfin Amalie, ſowie Markgraf und Markgräfin Friedrich, in das Schloß geleitet, wo in der großen Galerie das diplomatiſche Korps, die Standesherrn, das Offizierskorps und die oberſten Hof- und Staatsbeamten verſammelt waren. Oberhofprediger Walz verrichtete nach einer kurzen Anſprache die Ceremonie der Taufe der Prinzeſſin, welche bereits in Schwetzingen die Nottaufe erhalten hatte. Sie erhielt die von Kaiſer Napoleon, der nebſt der Mark— gräfin Amalie die Patenſtelle übernommen hatte, gewählten Namen: Luiſe Amalie Stefanie. Den Taufakt verkündeten der Einwohnerſchaft hundert Kanonenſchüſſe. Nach Aufhebung der großen Galatafel, an der in 6 Sälen 284 Perſonen teilgenommen hatten, verfügte ſich der ganze Hof in das feſtlich erleuchtete Theater, wo die Oper„Die Karthagerin“ von Paer in vortrefflicher Beſetzung zur Aufführung gelangte. In dem gedrängt vollen Hauſe wurde die Großherzogin mit lebhaften Hochrufen unter dem Schalle der Trompeten und Pauken empfangen. Inzwiſchen war die ganze Stadt beleuchtet worden und die fürſtlichen Herrſchaften durchfuhren, von der Garde zu Pferde ge— leitet, nach dem Schluß der Oper die Straßen, von den Zurufen des Volkes begrüßt. In dem Zeitungsbericht werden die Wohnhäuſer des franzöſiſchen und des öſterreichiſchen Geſandten, des Miniſters des Innern, Frei— herrn von Andlaw, das Rathaus, der Gaſthof zum römiſchen Kaiſer, und„ein ſchönes Perſpektiv im Anhang der neuen Herrengaſſe“ als beſonders ſchön beleuchtet hervorgehoben. Am nächſten Tage, am 16. Auguſt, feierte der franzöſiſche Geſandte das Namensfeſt ſeines Kaiſers durch Veranſtaltung eines glänzenden Gaſtmahls, an welchem die Fürſtlichkeiten und der ganze Hof teilnahmen. Als ein glückliches Vorzeichen für die Regierung des Groß⸗ herzogs Karl betrachtete man es, daß im Monat September 1811 eine höchſt ſeltene und ſchöne Aloe aus Südamerika, Agave Vera Cruz genannt, in prachtvoller Blüte ſtand. Dieſe Pflanzenart, die vor dem Jahre 1746 noch Niemand in Europa hatte blühen ſehen, blühte in jenem Jahre, in welchem Karl Friedrich die Regierung antrat, zum erſtenmal in ſeinen Gärten. Und nun fügte es ſich, — 298— daß dieſes ſo ſeltene Schauſpiel ſich gerade im erſten Regierungsjahre ſeines Enkels wiederholte. Der Geh. Hofrat Gmelin veröffentlichte in der Staatszeitung eine eingehende Beſchreibung dieſer natur⸗ geſchichtlichen Seltenheit. Das Jahr 1811 zeichnete ſich durch die üppigſte Fruchtbarkeit aus. Vom März bis November war unausgeſetzt ſchöne Witterung, doch war die Hitze nie läſtig, ſondern ſtets durch erquickende Lüfte oder erfriſchende Gewitter gemildert. Um Johanni hatte man ſchon neues Brod, im Juli reife Trauben, im Auguſt neuen Wein. Die Volksſtimme brachte dieſes herrliche Wachstum mit dem prachtvollen Kometen in Verbindung, deſſen mächtiger Schweif ſich über einen großen Teil des Horizontes erſtreckte. Andere freilich wollten in dieſer Himmelserſcheinung den Vorboten neuer kriegeriſchen Ereigniſſe erblicken und erinnerten an ihre Vorherſagung, als ein Jahr ſpäter das Weltgericht über den Kaiſer der Franzoſen und ſeine Heere hereinbrach. Zunächſt war aber in Karlsruhe und ganz Baden Alles von Freude und Jubel erfüllt. Die liebliche, im Glanze der Schönheit und Jugend ſtrahlende Großherzogin gewann alle Herzen, und eine Reiſe, die ſie am 9. September in das Oberland antrat und von der ſie erſt am 3. November wieder in die Reſidenzſtadt zurückkehrte, glich einem Triumphzuge. An dieſe Reiſe ſchloß ſich eine Reihe feſt⸗ licher Veranſtaltungen bei Hofe, bei den Geſandten und in den Hof⸗ kreiſen an; es war, als wolle man ſich für die geſellſchaftlichen Ent⸗ behrungen entſchädigen, welche in den letzten Jahren das hohe Alter des Großherzogs und die zu ernſterer Lebensführung mahnenden Kriegszeiten der Lebensluſt der vornehmen Welt auferlegt hatten. Den Schluß bildete am 27. Dezember zur Feier des Namens⸗ feſtes der Großherzogin die Aufführung der„Veſtalin“ von Spontini und— um an der Feſtfreude auch weitere Kreiſe teilnehmen zu laſſen— am Sonntag, dem 29. Dezember, ein öffentlicher Masken⸗ ball im Hoftheater. uUm auch von ernſteren Dingen zu berichten, ſei aus dem Jahre 1811 noch erwähnt, daß vom 28. September an der Großherzog, der Überlieferung ſeines Großvaters folgend, die nur in den letzten Jahren außer Übung gekommen war, zwei Tage in jeder Woche, Mittwoch und Samstag, zu Audienzen für Perſonen aller Stände — 299— beſtimmte, welche ihm irgend ein Anliegen vorzutragen hatten, ſowie daß eine neue Organiſation der oberſten Staatsbehörden durch Bil⸗ dung eines Staatsrats und eines Geheimen Kabinets erfolgte, an welches alle ſeit 1809 zur Miniſterkonferenz zuſtändigen Geſchäfts⸗ gegenſtände zur Entſcheidung durch den Großherzog eingeſendet werden mußten. Das Zahr 1812. Die erſten Monate des Jahres 1812 verliefen verhältnismäßig ruhig. Das geſellige Leben der Hofkreiſe begann ſich während des Karnevals wieder in gewohnter Weiſe zu entfalten, die zahlreichen Diplomaten öffneten der Geſellſchaft ihre Salons, von denen be⸗ ſonders jener des öſterreichiſchen Geſandten Grafen Apponyi und ſeiner Gemahlin, geborenen Gräfin Nogarolla, einen lebhaften An⸗ ziehungspunkt bildete. In dem diplomatiſchen Corps trat im Feb⸗ ruar an Stelle des Herrn Demouſtier der Graf Nicolay als Ge⸗ ſandter des franzöſiſchen Kaiſers, den württembergiſchen Geſandten von Harmenſen erſetzte Graf Gallatin. Mit entſprechender Feierlichkeit überreichte am 8. März der bayriſche Geſandte Graf Seiboltsdorff im Auftrag ſeines Souveräns den St. Hubertusorden dem Großherzog, der zu Beginn des Jahres am Keuchhuſten erkrankt war und bei dieſem Anlaſſe zuerſt wieder im Kreiſe ſeines Hofes erſchien. Bald nachher, am 17. März, wurde im Hochbergiſchen Palais die Verlobung des Fürſten von Oettingen⸗Waller⸗ ſtein mit der Tochter des Großherzogs Karl Friedrich, Gräfin Amalie von Hochberg, in Gegenwart des Großherzogs gefeiert. Das Ver⸗ löͤbnis wurde jedoch nach kurzer Zeit wieder aufgelöst. Schon im Laufe des Jahres 1811 war die Abſicht des Kaiſers Napoleon klar geworden, nachdem er alle Völker des Feſtlandes von Europa unter das Joch ſeiner Eroberungsluſt gezwungen hatte, auch den Widerſtand Rußlands zu brechen, und die Staaten des Rheinbundes mußten ſelbſtverſtändlich auch zu dieſem neuen Kriegs⸗ zuge ihre Kontingente ſtellen. Bereits im März 1811 war das Linien⸗Infanterieregiment„Erbgroßherzog“ Nr. 2 in der Stärke von 1722 Mann unter dem Oberſten von Böcklin mit 2 Geſchützen ausmarſchiert und hatte zunächſt Garniſon in Magdeburg bezogen, von wo es nach Stettin und im November nach Danzig vor⸗ — 300— gerückt war. Im Februar 1812 verließen weitere 5000 Mann aller Waffengattungen ihre badiſchen Garniſonen, um zur Beſetzung der Feſtungen an der Weichſel verwendet zu werden. Noch bevor die in Karlsruhe ſtehenden Truppen aus der Reſidenz⸗ ſtadt abzogen, wurde ein glänzendes Feſt, wie es die Karlsruher noch nie geſehen hatten, eine maskierte Schlittenfahrt von den Offi⸗ zieren veranſtaltet. Niemand von den lebensluſtigen jungen Kava⸗ lieren und den neugierigen Zuſchauern ahnte, daß die meiſten von jenen, die jetzt auf ihren glänzenden Schlitten durch den Schnee dahinſauſten, vor Jahresfriſt auf den weiten Schneefeldern Rußlands ihr frühes Grab finden ſollten. Als im April der Krieg erklärt worden war und die große franzöſiſche Armee den Niemen überſchritt, wurde das erſte Bataillon des Linien⸗Infanterieregiments Nr. 2 mit zwei Geſchützen in das kaiſerliche Hauptquartier befehligt, während die übrigen badiſchen Truppen mit dem Generalſtab dem IX. Armeekorps unter Marſchall Victor, Herzog von Belluno, zugeteilt wurden. Den Oberbefehl über die badiſche Brigade führte der Generalmajor Graf Wilhelm von Hochberg. In Karlsruhe wurde es nach dem Ausmarſch der Truppen tille. Im März ſiedelte die Markgräfin, von der bürgerlichen Kavallerie bis Grombach begleitet, nach dem Schloſſe in Bruchſal über, am 2. April reisten der Großherzog und die Großherzogin, welche ſich in geſegneten Umſtänden befand, nach Mannheim ab, von wo ſie erſt am 11. Juni wieder in die Reſidenzſtadt zurückkehrten, auf der Hin⸗ und Rückfahrt bis Graben ebenfalls von der bürgerlichen Kavallerie eskortiert. Trotz der reichen Ernte des Jahres 1811 machte ſich im Frühling 1812 eine empfindliche Teuerung aller Lebensmittel geltend und weitere Preisſteigerung ſtand in Ausſicht. Der Polizei⸗ direktor von Baur erließ daher am 23. April einen Aufruf, in welchem er die Bewohner der Reſidenzſtadt um milde Beiſteuern an Geld und Naturalien(Brod, Mehl und Grundbirnen) anging, um den Armen, für welche das regelmäßige wöchentliche Almoſen nicht ausreichte, zu Hilfe zu kommen. Beſcheidene verſchämte Arme wurden hierbei aufgefordert, ſich an das Oberhofpredigeramt zu wenden, welches ihre Namen und ihre Not der Polizeidirektion melden 4 f — 301— werde,„die ſchonend und ſchweigend die Gaben, um die ſie bitten, ihnen zugehen laſſen wird“. Vorſorglich wurde— Angeſichts der Kriegsereigniſſe— am 11. Juni unter Leitung des Stadtkommandanten, Generalmajor Karl von Stockhorn eine Einquartierungskommiſſion gebildet, welcher außer dieſem der Platzmajor Hauptmann Kagerer, der Stadtamtmann und die zur Einquartierung beauftragten Ratsglieder und ſonſtigen Depu— tierten angehörten. Dem Stadtkommandanten ſtand die Beſtimmung darüber zu, wieviel Militär, nach Belegung der Kaſernen und ſonſtigen Maſſenquartiere, jedesmal einzuquartieren ſei, die ſtädtiſchen Behörden hatten die Ausfertigung der Quartierbillette zu beſorgen, welche ſo— dann der Platzmajor übernahm und verteilen ließ. Wegen Unter— bringung der Offiziere und Mannſchaften, die auf Koſten der Quartier— pflichtigen, welche ſie nicht im eigenen Hauſe beherbergen wollten, zu erfolgen hatte, wurden Verträge abgeſchloſſen, um einer Über⸗ forderung vorzubeugen. Vom Monat Juli an veröffentlichte die Staatszeitung eingehende Berichte vom Kriegsſchauplatze auf Grund der amtlichen Bulletins von der großen Armee. Mit Zuverſicht ſah man auch jetzt dem weiteren Fortgang des Krieges entgegen und rechnete auf einen abermaligen glänzenden Sieg des Kaiſers Napoleon, dem— wie in allen Staaten des Rheiniſchen Bundes— auch in Baden die Sym- pathien nicht nur der offiziellen Welt, ſondern, mit verſchwinden— den Ausnahmen, auch der weiteſten Volkskreiſe gehörten. Als der ruſſiſche General Barclay de Tolly von Wilna aus einen Auf⸗ ruf an die deutſchen Truppen erließ, mit der Aufforderung, die Sache Napoleons zu verlaſſen und ſich den Ruſſen zur Bekämpfung des Feindes anzuſchließen, in welchem ſie auch einen Feind ihres Vater⸗ landes erblicken müßten,— einen Aufruf, der wohl in erſter Reihe an das preußiſche Heer gerichtet war, von dem bekannt war, wie viele Offiziere und Soldaten in ſeinen Reihen nur gezwungen den Fahnen des Eroberers folgten, der ihr Vaterland ſo tief gedemütigt hatte— herrſchte in den Rheinbundſtaaten die größte Erbitterung über dieſe „Verleitung zum Aufruhr, zum Meineid und zur Deſertion“. Die „Badiſche Staatszeitung“, die— wenn ſie auch das Motto„Relata refero“ nicht mehr wie vordem die„Karlsruher Zeitung“ am Kopfe jeder Nummer trug— ſich dennoch in peinlicher Sorgfalt jeder eigenen — 302— Meinungsäußerung enthielt, brachte an der Spitze der Nummer 250 vom 8. September eine hochoffiziöſe Kundgebung über dieſen Aufruf, der„bei dem hieſigen Gouvernement den gerechteſten Unwillen erregt“ habe. „Das großherzogliche Gouvernement, das täglich ſo viele Beweiſe von den loyalen Geſinnungen der badenſchen Unterthanen, von ihrer erprobten Treue und Anhänglichkeit an ihren Souverain und ihr Vaterland erhält, darf nicht fürchten, daß eine ſolche Aufforderung nur den mindeſten Eindruck weder bei den großherzoglichen Truppen, noch bei den übrigen Landeseinwohnern hervorbringen kann. Es iſt vielmehr überzeugt, daß eine ſolche Verleitung zu einem pflichtwidrigen Benehmen nur ein neuer Anlaß für jeden badiſchen Krieger werden wird, den Befehlen ſeines Souverains durch verdoppelten Eifer zu entſprechen. überdem hat jener Aufruf in der von Wilna datierten ebenfalls öffentlich bekannten Antwort eine ſo gründliche Widerlegung er⸗ halten, daß derſelben nichts mehr hinzugefügt werden kann.“ Dieſen Geſinnungen der unerſchütterlichen Anhänglichkeit an Frankreich und Napoleon entſprach auch die Ausführlichkeit, mit welcher das ſonſt ſo ſchweigſame Blatt über das Feſt berichtete, welches der franzöſiſche Geſandte Graf von Nicolay zu Ehren des Napoleonstages am 15. Auguſt veranſtaltet hatte. Die Großherzogin, welche die Sommermonate in Baden zubrachte, war mit ihrem Hofſtaat herübergekommen, um dem Feſte beiwohnen zu können und war nebſt allen übrigen Mitgliedern des großherzoglichen Hauſes bis morgens 2 Uhr bei dem Balle anweſend. Das Geſandtſchafts⸗ hotel war glänzend geſchmückt und beleuchtet, bei dem Souper, an dem 200 Perſonen teilnahmen, wurde die Geſundheit des Kaiſers ausgebracht, worauf der Geſandte auf das Wohl des badiſchen Hauſes trank. Erſt in den Morgenſtunden endigte das Feſt, welches— wie der offizielle Bericht ſagt—„durch die ſeltene Aufmerkſamkeit des ſo allgemein geſchätzten Herrn Geſandten doppeltes Intereſſe erhielt“. Um dieſe Zeit— am 22. Auguſt 1812— vollzog ſich endlich die ſeit langem gewünſchte und vorbereitete Vereinigung der bisher ſelbſtändigen Gemeinde Klein⸗Karlsruhe mit der Reſidenzſtadt. Die bisherigen Mitglieder dieſer Gemeinde wurden— teils als Bürger, teils als Hinterſaſſen— der Gemeinde der Reſidenzſtadt einverleibt, Schultheiß Korn wurde Senator und Bürgermeiſter Schlenkerer Mitglied des Bürgerausſchuſſes. Durch die Vereinigung dieſer faktiſch längſt zuſammenhängenden und nur geſetzlich getrennten Gemeinden wurde die Verwaltung weſentlich vereinfacht, insbeſondere die Wirk— ſamkeit der Polizei, der durch das bisherige Verhältnis manche Schwierigkeit erwachſen war, ſehr erheblich erleichtert. Mit großer Freude begrüßte die Einwohnerſchaft Karlsruhes wie das ganze Land die Nachricht, welche am 29. September die Staatszeitung an der Spitze ihrer Nummer 271 veröffentlichte: „Karlsruhe, den 29. Sept. Heute Morgen gegen 10 Uhr verkündigte eine Artillerieſalve von 200 Kanonenſchüſſen der Reſidenz und dem Lande die glückliche Entbindung unſerer allgeliebten Großherzogin von einem geſunden Prinzen. In der Schloßkirche wurde ſogleich in Gegenwart des Hofes ein feierliches Tedeum geſungen.“ Aus anderen Berichten entnehmen wir, daß auch Glockengeläute die Geburt des Erbgroßherzogs verkündigte und daß ebenfalls in allen anderen Kirchen der Stadt feierliche Dankgottesdienſte ſtatt⸗ fanden. Am Nachmittag waren auf dem Markt- und auf dem Ron⸗ dellplatz Volksbeluſtigungen veranſtaltet. Auf dem Rondellplatz war ein Maſtbaum errichtet, deſſen Gipfel mit Preiſen für jene, die ihn erkletterten, geziert waren. Auf dem Marktplatz wurden Speiſen und Getränke in Form einer unentgeltlichen Lotterie verteilt und Muſik lud die Tanzluſtigen ein, ſich im Reigen zu ſchwingen. Abends war die ganze Stadt erleuchtet und nach 9 Uhr wurde auf dem Markt⸗ platz ein Feuerwerk abgebrannt. Bis tief in die Nacht hinein bewegte ſich eine große Menſchenmenge in den Straßen. Der Feſt⸗ bericht hebt hervor, daß keine Unordnung, kein widriger Zufall die Freuden dieſes Tages ſtörte. Im Hoftheater wurde als Feſtvor— ſtellung„Die Blumenfee“, Myſtiſche Scene mit Muſik von Danzi und hierauf„Aline, Königin von Golkonda“, Oper in drei Akten, Muſik von Berton gegeben. Am 2. Oktober wurde„nach einem für dieſe frohe Gelegenheit gedichteten und komponierten Prolog“ die Oper„Titus“ von Mozart„als Freikomödie“ auf⸗ geführt, der über 3000 Perſonen beiwohnten. Der muſikaliſche Genuß wurde— wie Franz v. Andlaw in ſeinem Tagebuch erzählt— vielfach durch Geſchrei, Drücken und Unruhe geſtört, aber der Zweck der Vorſtellung, dem Volk Freude zu bereiten, war erfüllt. Am 3. Oktober fand, ebenfalls im Hoftheater, freier Masken⸗ ball ſtatt, an dem eine noch größere Anzahl von Perſonen teilnahm. Die Bulletins, von dem Leibarzt Dr. Kramer unterzeichnet, gaben — 304— kund, daß, nach Überwindung eines mehrere Tage andauernden Fiebers, die Großherzogin ſich ſo gut befand, als es nur gewünſcht werden konnte und daß auch der Erbgroßherzog alle Zeichen des Wohlſeins an den Tag legte, ſo daß ſchon am 8. Oktober das Er⸗ ſcheinen der Bulletins eingeſtellt werden konnte. Am Sonntag, dem 4. Oktober, war für das ganze Großherzogtum ein allgemeines kirchliches Dankfeſt wegen der glücklichen Entbindung der Großherzogin angeordnet. In der katholiſchen Stadtpfarrkirche in Karlsruhe wurde eine Rede und ein muſikaliſches Hochamt mit Tedeum in Gegenwart aller hohen katholiſchen Staatsbehörden abgehalten. Am frühen Morgen dieſes Tages waren die Einwohner der Reſidenzſtadt durch 100 Kanonenſchüſſe geweckt worden, und bald verbreitete ſich die Nachricht, daß dieſe Feſtſalven einem von den alliierten Truppen in Rußland erfochtenen glänzenden Sieg und dem Einzug des Kaiſers Napoleon in Moskau galten. In der Schloß⸗ kirche wurde in Gegenwart des Großherzogs, der Mitglieder des fürſtlichen Hauſes, der auswärtigen Geſandten und des ganzen Hofes ein feierliches Tedeum unter dem Donner der Kanonen abgeſungen. Nur die Markgräfin Amalie, die ſich nicht entſchließen konnte, Gott für die Niederlage ihres Schwiegerſohnes zu danken, war der Feier ferngeblieben. Nach dem Feſtgottesdienſt überreichte der weſtphäliſche Geſandte General Girard in einer beſonderen Audienz die von dem König von Weſtphalen an den Großherzog und den Erbgroßherzog überſandten Inſignien des großen Ordens der weſtphäliſchen Krone. Hatte ſich die Reſidenzſtadt und das ganze Land— denn überall wurden ähnliche Feſte wie in Karlsruhe begangen— mit dem Fürſtenhauſe über die Geburt eines Thronfolgers herzlich ge⸗ freut, ſo war ebenſo allgemein die ſchmerzliche Teilnahme, als der Erbgroßherzog am 16. Oktober wieder aus dem Leben ſchied. Im Hoftheater wurde„Der Geizige“ von Moliere mit Iffland in der Rolle des Kammerrats Fegeſack gegeben, als ſich plötzlich die Nach⸗ richt verbreitete, daß das fürſtliche Kind von einem ernſten Unwohl⸗ jein befallen worden, und ſchon um 8 Uhr wurde die Vorſtellung durch die Trauerkunde unterbrochen, daß der Erbgroßherzog einem Stickfluß erlegen ſei. Der kleine Prinz war in der vorhergegangenen Nacht erkrankt und da die Arzte dem Großherzog am 16. Oktober im Laufe des — 305— Nachmittags anzeigten, daß für ſeine Erhaltung wenig Hoffnung vorhanden ſei, erhielt der Hofmarſchall Frhr. von Gayling den Auf⸗ trag, den Oberhofprediger Kirchenrat Walz zur Vornahme der Taufe herbeirufen zu laſſen. Da aber, ehe dieſer erſchien, ſich der Zuſtand des Kindes ſo ſehr verſchlimmerte, daß ein ſchnelles Ende zu be⸗ fürchten war, wurde nach 5 Uhr abends im Beiſein des Groß— herzogs, des Oberkammerherrn Marquis von Montperny, des Hof⸗ marſchalls von Gayling und der Leibärzte Geheimerath Schrickel und Dr. Kramer die Nottaufe durch die Hebamme Horſt von Mann⸗ heim verrichtet, und ſchon um ½8 Uhr entwich das Leben des Prinzen. Am 18. wurde die Sektion vorgenommen und ihr Ergebnis durch ein von den Arzten und anderen hiezu beſonders beigezogenen Perſonen unterzeichnetes Protokoll feſtgeſtellt, und am 19. abends wurde nach einer kurzen Trauerrede und einem Gebet des Oberhofpredigers Walz die Leiche nach der fürſtlichen Gruft in Pforzheim verbracht. Die ganze Straße war durch viele Wachtfeuer erleuchtet, in allen Ortſchaften, welche der Zug paſſierte, waren die geiſtlichen und welt⸗ lichen Ortsvorgeſetzten verſammelt, überall wurden die Glocken ge— läutet, die Einwohner hatten vor den Häuſern Fackeln aufgeſtellt. Am 20. morgens ½5 Uhr kam der Zug in Pforzheim an, wo nach einer kurzen Rede des Dekans Holzhauer die Beiſetzung der Leiche erfolgte. In der am gleichen Tage ausgegebenen Nummer der Staatszeitung verwahrte ſich in einer mit Ermächtigung des Großherzogs abgefaßten Erklärung der Leibarzt Dr. Kramer gegen den laut gewordenen Vorwurf, als ob der Tod des Erbgroßherzogs infolge unrichtiger ärztlicher Behandlung eingetreten ſei. Niemand in Karlsruhe konnte ahnen, daß gerade in dieſen Tagen die große Armee nach dem Brande von Moskau und ange⸗ ſichts des hereinbrechenden rauhen Winters ihren Rückzug angetreten hatte. Bei den damaligen Verkehrsverhältniſſen erfuhren die Karls⸗ ruher die Thatſache der Räumung Moskaus, natürlich in dem Ge⸗ wande eines franzöſiſchen Bulletins, welches die wahren Beweggründe derſelben verſchleierte, erſt am 24. November. Die badiſche Brigade hatte am 30. Auguſt den Niemen überſchritten, war vom 28. Sep⸗ tember bis 11. Oktober in Smolensk gelegen, vereinigte ſich am 29. Oktober mit dem von Marſchall Oudinot befehligten zweiten Armeekorps und ſtand zum erſtenmal gegen die ruſſiſche Armee am 20 „„*........ — 306— 31. Oktober-bei Czasniki im Feuer. Am 22. November teilte die Staatszeitung mit, ein in dieſen Tagen von der großen Armee zurückgekommener Kurier habe„ſehr befriedigende Nachrichten“ über die Lage des bei derſelben ſtehenden großherzoglichen Truppenkorps mit⸗ gebracht.„Es befinden ſich darunter nur ſehr wenig Kranke, und durch die beträchtliche Verſtärkungsmannſchaft, die der Großherzog zu dem hieſigen Kontingent abgeſchickt haben, iſt ſolches in überkompletem Stand und brennt vor Begierde, auf dem Felde der Ehre ſich aus⸗ zuzeichnen.“ Im Beginne des Dezember müſſen doch wohl, wenn auch das große Publikum nichts davon erfuhr, beim Miniſterium Berichte eingelaufen ſein, welche über den Zuſtand der Armee auf dem Rückzug Aufklärung gaben und die Notwendigkeit, weitere Mannſchaften nach dem Kriegsſchauplatz zu entſenden, nahe legten. Denn wir finden, daß am 9. Dezember ein General-Einſtandsbureau in Wirkſamkeit trat und am 10. Dezember alle in auswärtigen Kriegsdienſten befindlichen nicht penſionierten und im aktiven Linien⸗ dienſt ſtehenden Militärperſonen vom Stabskapitän abwärts bei Ver⸗ luſt ihres Vermögens und Unterthanenrechts mit dem Bedeuten zurückberufen wurden, daß ſie innerhalb drei Monaten ſich in Karls⸗ ruhe zu ſtellen und wegen ihrer Anſtellung das weitere zu erwarten haben,— ein Aufruf, an welchen das Bürgermeiſteramt von Karlsruhe die Aufforderung an Eltern, Vormünder und Verwandte ſolcher Perſonen anſchloß, davon(unter Angabe, bei welchem Korps und in welchem Grade ſie dienen) Anzeige zu machen. Und am 23. Dezember morgens traten 1200 Mann Infanterie und ein Artillerietrain, unter Major Anton Brückner, ihren Marſch zur großen Armee an, wohin ſie als Verſtärkung des großherzoglichen Bundeskontingents beſtimmt waren. Kurz vorher hatten die in Karlsruhe garniſonierenden Truppen Gelegenheit gehabt, der Bürgerſchaft einen großen Dienſt zu leiſten. In der Nacht vom 7. zum 8. Dezember war— wir erfahren nicht in welchem Stadtteile— ein ſtarker Brand aus⸗ gebrochen. Am 10. Dezember veröffentlichte im Karlsruher Intelligenz⸗ und Wochenblatt Bürgermeiſteramt und Stadtrat eine Dankſagung „im Namen der hieſigen Einwohner und beſonders derjenigen, welche bei dieſem Brande naher Gefahr ausgeſetzt waren, für die durch das großherzogliche Militär geleiſtete thätige Hilfe“. Auch den Nachbarn und unter dieſen beſonders der Stadt Durlach wurde„dankbare An⸗ — 307— erkennung ihrer herbeigeeilten Unterſtützung“ ausgeſprochen, und von den Karlsruher Bürgern erhielt„die Küfer- und Küblerzunft für das fleißige anhaltende Herbeiſchaffen von Waſſer die gebührende Belobung“. Welch' gutes Einvernehmen zwiſchen Bürgerſchaft und Militär be⸗ ſtand, ergiebt ſich auch daraus, daß im Laufe des Dezember, auf den Wunſch von Einwohnern, den Kranken und Verwundeten der großherzoglichen Truppen im Felde die Anteilnahme an ihren Leiden zu bezeugen(es waren demnach, auch ohne offizielle Kundgebung, Nachrichten über den Zuſtand des badiſchen Kontingents unter das Publikum gedrungen), Aufforderung zur Veranſtaltung einer Samm⸗ lung ergangen war, welche den Betrag von 3308 fl. 27 kr. ergeben hatte. Dem am 23. Dezember abmarſchierten Erſatzkorps wurden unter der Adreſſe des Grafen Wilhelm von Hochberg mitgegeben: baar durch den Feldjäger Sommerlatt 566 fl. 30 kr., außerdem namhafte Vorräte an Wein, Cognac, Lebensmitteln(Nudeln, Kernen⸗ gries, Heidegries, Suppentäfelchen) und Charpie. Der nach Abzug der 37 fl. 30 kr. betragenden Koſten verbleibende Reſt von 205 fl. 45 kr. wurde zu weiterer Verfügung zurückbehalten. Die Staatszeitung vom 29. Dezember hatte die Karlsruher mit der Nachricht überraſcht, daß Kaiſer Napoleon ganz unerwartet am 14. Dezember in Dresden angekommen ſei und nach kurzem Aufent⸗ halt die Reiſe über Leipzig und Frankfurt nach Paris fortgeſetzt habe. Die folgenden Nummern des amtlichen Blattes vermehrten dieſe Kunde durch Mitteilung von allerlei Einzelheiten, aber ohne nähere Angaben über den Stand der Dinge auf dem Kriegsſchau⸗ platz; die Treffen an den Ufern der Berezina wurden immer noch in kurzen Andeutungen als Siege der großen Armee bezeichnet. Hier hatte ſich das badiſche Huſarenregiment unter Führung des Oberſten von La Roche beſonders ausgezeichnet, indem es ein ruſſiſches Carree ſprengte, war dabei aber faſt gänzlich aufgerieben worden. Vom 2. Dezember an ſtand die badiſche Brigade im Nachtrab der großen Armee und zeichnete ſich am 4. Dezember beſonders in dem Gefechte bei Malodeczuo aus. Aber von der ſtattlichen Kriegerſchaar ent— rann nur eine geringe Zahl den feindlichen Kugeln und den Schreck— niſſen des ruſſiſchen Winters. Nur noch 400 Mann, zu einem Bataillon formiert, kamen in einem troſtloſen Zuſtande am 8. De⸗ zember in Wilna an. 20⸗⁰ — 308— Am Namenstage der Großherzogin Stephanie, am 26. Dezember, ſtiftete Großherzog Karl den Orden vom Zähringer Löwen mit den drei Klaſſen der Großkreuze, Kommandeure und Ritter. Als bei Hofe dieſes Feſt am 25. Dezember durch Cercle in Gala und ein Souper von 150 Gedecken und am 26. vormittags durch große Gratulationscour und abends durch einen glänzenden Maskenball von mehr als 500 Perſonen gefeiert wurde, waren dieſe letzten Nachrichten noch nicht in Karlsruhe eingetroffen, wohl aber hatte das Kriegs⸗ miniſterium Kunde von der Kataſtrophe an der Berezina und den ſchweren Verluſten des badiſchen Kontingentes. Aber dieſe Hiobs⸗ poſt wurde, um nicht an dem feſtlichen Tage einen paniſchen Schrecken zu verbreiten, verheimlicht und mehrere Damen, deren Männer an dem unglücklichen 28. November auf dem Felde der Ehre geblieben waren, tanzten voll Vergnügen auf dem Maskenball, ohne ihr Un⸗ glück zu ahnen. Die Jahre 1813 und 1814. Auf die Dauer konnte man aber doch die Wahrheit nicht unter⸗ drücken, wenn man auch möglichſt lang zögerte, ſie zu bekennen. Aus dem amtlichen Berichte des Generalmajors Grafen Wilhelm von Hochberg über die Vorgänge auf dem Kriegsſchauplatze ſeit Ende Oktober 1812, der am 28. Dezember in Karlsruhe eingegangen war, veröffentlichte die Staatszeitung erſt am 12. Januar 1813 einen Auszug, der indes nur das Lob der ausgezeichneten Haltung der badiſchen Truppen und eine Liſte der gefallenen und verwun⸗ deten Offiziere enthielt, von dem ganz jammervollen Zuſtand aber, in dem ſich das Kontingent, ſoweit es nicht vernichtet war, befand, nichts verlauten ließ. Nur aus den nichtamtlichen Zeitungsberichten konnte ſich das Publikum nach und nach ein Bild der furchtbaren Kataſtrophe ausmalen, welche über die große Armee hereingebrochen war. Nun wurde allmählich auch das Vorrücken der ruſſiſchen Truppen bekannt, und am 17. Januar erzählte die Staatszeitung ihren Leſern von der Konvention, die zu Tauroggen der preußiſche General York mit dem Generalquartiermeiſter der ruſſiſchen Armee abgeſchloſſen hatte. Man mochte in Karlsruhe, wo ſelbſtverſtändlich die rettende That Yorks mit den Worten des Pariſer Moniteur als„Verräterei“ — 309— gebrandmarkt wurde, doch eine Ahnung davon haben, daß der Geiſt, der dieſe That erzeugt hatte, ſich auch in anderen Teilen Deutſchlands und vielleicht ſogar ſchon in Baden zu regen begann. Daraus wird man ſich wohl am beſten erklären, daß am 30. Januar eine Verordnung veröffentlicht wurde, welche die Fremdenpolizei weſentlich verſchärfte. Von nun an war für jeden Reiſenden, der Karlsruhe zu beſuchen beabſichtigte, ein Paß unbedingt erforderlich, der am Thore abgefordert und für Durchpaſſierende ſogleich auf dem Polizeibureau viſiert wurde, während alle andern Reiſenden ihn bis zu ihrer Abreiſe auf der Polizei zu hinterlegen hatten. Bei einem Aufenthalte, der die Dauer von 24 Stunden überſchritt, wurden den Fremden auf Grund ihrer Päſſe„Sicherheitskarten“ gewöhnlich auf 8 Tage ausgeſtellt. In den Gaſthöfen mußten, unter Verantwortung der Wirte, Fremdenbücher geführt werden. Fremde, die in Privat⸗ häuſern abſtiegen, mußten ſofort angezeigt werden und erhielten eben⸗ falls„Sicherheitskarten“. Wer die Anzeige unterließ, verfiel einer Strafe von 5 Gulden. Perſonen aus der Umgegend(d. h. aus den 7 Stunden im Umkreis von Karlsruhe entfernten Ortſchaften) be⸗ durften zwar keines Paſſes, mußten aber ebenfalls„Sicherheits⸗ karten“ erwerben. Jeden Morgen und Abend um 9 Uhr hatten die Thorſchreiber die Paſſantenliſten vorzulegen. In die kriegeriſchen Nachrichten, die nun wieder in größerem Umfang den Zeitungsleſern geboten wurden, tönte als ein friedlicher Klang der Bericht über die Feierlichkeiten bei der Legung des Grund⸗ ſteins zum Muſeum am Namenstag des Großherzogs Karl, dem 28. Januar 1813. Die Muſeumskommiſſion begab ſich im Zug mit dem größten Teil der Mitglieder von ihrem Lokal im Hauſe des Zimmermeiſters Weinbrenner zu dem Bauplatz an der Ecke der Langen Straße, der Poſt gegenüber, um dort den Kommiſſar, welchen der Großherzog, der hohe Protektor der Muſeumsgefellſchaft, zu dieſem Feſt abgeordnet hatte, den Generalmajor und Stadt⸗ kommandanten Freiherrn von Stockhorn unter Pauken⸗ und Trom⸗ petenſchall zu empfangen. Nach der ſpäter im Druck erſchienenen, vom Direktor der Kommiſſion, Kirchenrat Sander, gehaltenen Rede, wurde die metallene Kapſel, welche eine ſilberne Platte enthielt, deren lateiniſche und deutſche Inſchrift, von Kirchenrat Sander und Legationsrat Friedrich verfaßt und von Haldenwangs Künſtlerhand — 310— eingegraben, auch den Namen des Baumeiſters des neuen Hauſes, des Oberbaurats Weinbrenner der Nachwelt überliefert, ferner ein Exemplar der Muſeumsgeſetze und ein Verzeichnis der Geſellſchaftsmitglieder in den Grundſtein gelegt und von dem großherzoglichen Kommiſſar noch zwei Fläſchchen Landwein, Karlsruher Gewächs, aus dem Ge— burtsjahr des Großherzogs und aus dem Jahre 18412 beigefügt, worauf der Kommiſſar und alle Kommiſſionsmitglieder die üblichen Hammerſchläge abgaben. Ein fröhliches Mahl, bei welchem die eigens für dieſen Tag gedichteten Lieder des Oberhofpredigers Walz und des Legationsrates Friedrich abgeſungen wurden, ſchloß die ge— lungene Feier. Der Bericht, dem wir dieſe Daten entnehmen, war aus der Staatszeitung in das Intelligenz- und Wochenblatt verbannt worden, wie denn jene Zeitung ſich immer mehr nur der hohen Politik— d. h. der Mitteilung knapper thatſächlicher Berichte aus aller Herren Ländern, jedoch mit ſorgfältiger Vermeidung jeder ein ſelb⸗ ſtändiges Urteil bekundenden Außerung— widmete und über die Landesangelegenheiten, mit Ausnahme gelegentlicher kurzer Hofnach— richten, wochenlang vollſtändig ausſchwieg. Nicht einmal die Nachricht war in der Staatszeitung zu leſen, daß am 18. Februar 1813 die Trümmer der ſtattlichen Schar, die vor Jahresfriſt nach Rußland ausgezogen war, in die Heimat zurückkehrten. Es war freilich kein glänzender Einzug. Die nach Karlsruhe kamen, waren nicht mehr kriegsdienſttauglich und unbewaffnet. Die wenige noch bewaffnete Mannſchaft war im Januar nach Glogau geſchickt worden, wo ſich mit ihr das am 23. Dezember ausmarſchierte Erſatzbataillon am 7. Februar vereinigte und unter das Kommando des aus Rußland zurückgekehrten Oberſtlieutenants von Brandt geſtellt wurde. Dieſe Truppen nahmen an der Verteidigung der Feſtung Glogau an der Seite franzöſiſcher Bataillone unter General Laplane gegen das ruſſiſch⸗preußiſche Blokadekorps vom 21. Februar an, und an den Ausfallgefechten am 26. März und 7. Mai teil, bis am 26. Mai infolge der Schiacht bei Bautzen die Blokade aufgehoben wurde. Inzwiſchen waren im Großherzogtum neue Erſatztruppen organiſiert worden, von denen am 29. März das Depotbataillon des Linien⸗ Infanterieregiments von Stockhorn Nr. 1 und am 4. April das Linien-Infanterieregiment Großherzog Nr. 3 und eine halbe Fuß⸗ —2311— batterie unter Generalmajor Karl von Stockhorn über Würzburg zum III. franzöſiſchen Armeekorps unter Marſchall Ney ausgerückt und der Diviſion zugeteilt worden waren. Das ſchon am 24. März aus⸗ marſchierte Dragonerregiment von Freyſtedt Nr. 1 unter Oberſt von Heimrodt wurde bei dem gleichen Armeekorps mit dem 10. fran⸗ zöſiſchen Huſarenregiment zu einer Brigade vereinigt. Die Leiden der vaterländiſchen Truppen hatten in der Heimat die herzlichſte Teilnahme hervorgerufen und aus allen Landesteilen, beſonders auch von Einwohnern der Reſidenzſtadt waren dem Kriegs⸗ miniſterium nach und nach reichliche Beiträge zu beſſerer Verpflegung der Kranken und Verwundeten des großherzoglichen Kontingentkorps in dem ruſſiſchen Feldzug eingeſandt worden. Am 22. April brachte das Kriegsminiſterium unter Bezeugung ſeiner lebhaften Erkenntlichkeit die Verfügung, die es über jene Gelder, welche zuſammen die an— ſehnliche Summe von 10661 fl. 36 kr. betragen, und deren augen— blickliche Verwendung„durch die bekannten Kriegsvorfälle im Norden“ unthunlich geworden war, jetzt erſt getroffen hatte, zur öffentlichen Kenntnis. Zur beſſeren Unterhaltung der aus dem Felde zurück⸗ gekehrten Soldaten in der Quarantäneanſtalt zu Ettlingen wurden zunächſt 661 fl. ausgeſetzt, 4000 fl. überſandte man nach Wilna und Orel, wo ſich die in ruſſiſche Kriegsgefangenſchaft gefallenen badiſchen Krieger,„ſo viel hier bekannt iſt“, befanden, zur Austeilung unter die bedürftigen Unteroffiziere und Gemeinen, und zur Unter—⸗ ſtützung der Weiber und Kinder von Soldaten, welche aus der Militärwitwenkaſſe wegen Unbekanntheit des Schickſals ihrer Gatten und Väter noch nichts erhalten konnten, wurden einſtweilen 1500 fl. beſtimmt. Der Reſt von 4500 fl. wurde vorläufig zu weiterer Verfügung nach Maßgabe der Ausſtände und Bedürfniſſe zurückbe⸗ halten. Zum Beſten leidender vaterländiſcher Krieger giengen auch weiterhin Beiträge ein. So ließ z. B. der Diakonus G. Beck die von ihm am Sonntag Invocavit gehaltene Predigt, der Aufforderung einiger Freunde folgend, auf eigene Koſten drucken und widmete dieſem Zweck den vollen Erlös aus der kleinen Schrift, die man um 12 kr. in ſeiner Wohnung kaufen konnte. Im Verbande des III. franzöſiſchen Armeekorps nahmen die badiſchen Truppen an der Schlacht von Lützen, am Entſatz von Torgau und am Marſch nach Schleſien teil; die Kavallerie focht bei — 312 Königswerda, in der Schlacht von Bautzen und bei Reichenbach, während die Infanterie bei Bautzen in der Reſerve ſtand. Mit ihr wurden nach der Aufhebung der Belagerung von Torgau die dadurch frei gewordenen badiſchen Truppen vereinigt. Während des Waffen⸗ ſtillſtandes ſtanden ſie im Lager bei Liegnitz und Lüben. Nach den damaligen Verkehrsverhältniſſen erhielten auch von dieſen Gefechten, an denen die Landsleute beteiligt waren, die Karls⸗ ruher erſt ziemlich ſpät Kenntnis. Die Leipziger Zeitungen blieben infolge der Kriegsereigniſſe in Sachſen längere Zeit aus und der durch einen Kourier überbrachte Bericht des Generals von Stockhorn über die Leiſtungen ſeiner Truppen bis zum 5. Mai, in welchem die Tapferkeit zahlreicher Offiziere und Mannſchaften hervorgehoben, ſowie der Verluſt an Todten und Verwundeten mitgeteilt wurde, konnte erſt am 17. Mai der Offentlichkeit übergeben werden. Am 5. Juni und am 2. Juli ſtanden in der Staatszeitung die Liſten der durch Kaiſer Napoleon mit dem Orden der Ehrenlegion ausge— zeichneten Badener und das Blatt vom 7. Juni enthielt die amtlichen Nachrichten über die Vorgänge auf dem Kriegsſchauplatze bis zum Ende des Monats Mai. Eine Nachſchrift in der Staatszeitung vom 8. Juni gab endlich Kunde von dem am 1. d. M. zwiſchen den kriegführenden Mächten abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand. Die Einwirkungen des Krieges auf die bürgerlichen Verhältniſſe fanden ihren unwillkommenen Ausdruck durch die Erhebung einer außerordentlichen Kriegsſteuer auf Grundlage des Einkommenſteuer⸗ betrages von 1811, durch Anordnung einer außerordentlichen Re⸗ krutenaushebung aus der Zahl der im Jahre 1794 Geborenen und durch verſchärfte Beſtimmungen über das Benehmen der quartier⸗ pflichtigen Einwohnerſchaft bei vorkommenden Einquartierungen. Der Geſundheitszuſtand der Reſidenzſtadt war um dieſe Zeit nicht der beſte. Insbeſondere griff das ſchon ſeit dem Monat März, anfänglich nur bei einzelnen Kindern, vorgekommene Scharlachfieber in der zweiten Hälfte des Juni mehr um ſich und forderte manche Opfer, wenn auch die Arzte feſtſtellten, daß es bisher noch keinen typhöſen Charakter angenommen habe. Es wurden von der Polizei—⸗ direktion Belehrungen über die in Erkrankungsfällen zu treffenden Maßnahmen, Anordnungen zur Verhütung der Anſteckung veröffentlicht und in den beiden Stadtapotheken unentgeltlich Fläſchchen zur Ent— — 313— wickelung der oxygenierten Salzſäure als Beitrag zur Verhütung weiterer Verbreitung der Krankheit verabreicht. Am 5. Auguſt wurde unter dem Vorſitz des inzwiſchen aus dem Felde heimgekehrten Generallieutenants Grafen Wilhelm von Hochberg ein Ordenskapitel des militäriſchen Karl Friedrich-Verdienſt⸗ ordens abgehalten, nach deſſen Vorſchlägen der Großherzog einer größeren Zahl von Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten Ritter⸗ kreuze, goldene und ſilberne Medaillen dieſes Ordens verlieh. Am 15. Auguſt gab der franzöſiſche Geſandte, Graf Nicolay, zu Ehren des Geburtsfeſtes des Kaiſers Napoleon ein glänzendes Feſtmahl. Abends war aus gleichem Anlaß Bal paré bei Hofe. Die nächſten Nummern der Staatszeitung teilten ausführliche Berichte über die Feier des Napoleonstages in verſchiedenen deutſchen Städten mit, der am glänzendſten in Dresden begangen wurde, wo Napoleon ſelbſt anweſend war. Nur wenige Tage ſpäter erfuhr man, daß der Krieg, welcher der Fremdherrſchaft ein Ende machen ſollte, wieder begonnen habe. Am 10. Auguſt war der Waffenſtillſtand zwiſchen Frankreich einer, Preußen und Rußland anderſeits ab⸗ gelaufen, ohne verlängert zu werden, und am 12. hatte auch Oſter⸗ reich an Frankreich den Krieg erklärt. Vom Kriegsſchauplatz kamen auch jetzt wieder die Nachrichten nur in der Faſſung, wie ſie die Franzoſen in die Sffentlichkeit zu bringen für gut hielten. Von den Siegen Bülows bei Großbeeren, Hirſchfelds bei Hagelberg, Blüchers an der Katzbach erfuhren die Karlsruher nichts, wohl aber teilte die Staatszeitung am 3. Sep⸗ tember mit, daß am Tage vorher der großherzogliche Generalmajor von Schäffer aus dem kaiſerlich franzöſiſchen Hauptquartier in Karls⸗ ruhe eingetroffen ſei, um dem Großherzog„die Nachrichten von den ausgezeichneten Siegen zu überbringen, welche die franzöſiſchen Armeen am 27., 28 und 29. Auguſt über die vereinigten ruſſiſch⸗ öſterreichiſchen Armeen erfochten haben. Die letzteren— hieß es weiter— haben ihre Poſitionen verlaſſen und ziehen ſich mit dem bedeutendſten Verluſt in großer Unordnung zurück“. Wegen dieſer Siegesnachrichten wurden am 5. September mor⸗ gens 101 Kanonenſchüſſe abgefeuert, mittags empfing der Großherzog die Glückwünſche des Hofes, der darauf zum Cercle bei der Groß— herzogin eingeführt wurde. — 314— Über dieſe Siege wurde in den nächſten Nummern der Staats⸗ zeitung eingehend berichtet, aber erſt am 13. September wurde die Kataſtrophe Vandammes bei Kulm am 30. Auguſt kurz erwähnt. Während der nächſten vier Wochen war man in Karlsruhe durchaus im Unklaren über die kriegeriſchen Vorgänge; was darüber mitgeteilt wurde, war ſtets im franzöſiſchen Sinne gefärbt. Mit der größten Ausführlichkeit wurden vom 9. Oktober an durch eine Reihe von Nummern der Staatszeitung die auf das Verhalten des Wiener Kabinets bei dem Vermittlungsgeſchäft und dem Prager Kongreß bezüg— lichen, dem franzöſiſchen Senat mitgeteilten Aktenſtücke veröffentlicht. Daß in Mitteldeutſchland ſich eine größere Aktion vorbereite, ſchloß man in Karlsruhe aus dem Umſtand, daß die Kaſſeler Poſt ausblieb und auch aus Leipzig keine Zeitung mehr ankam. Überraſchend wirkte am 20. Oktober die Nachricht bayriſcher Blätter, daß— nach einem Tagesbefehl des Generals Grafen Wrede aus Braunau vom 15. Ok⸗ tober— Bayern ſich an die gegen Frankreich verbündeten Mächte angeſchloſſen habe und daß ein öſterreichiſches Armeekorps zu den am Inn verſammelten bayriſchen Truppen ſtoßen werde. Fünfzig Kanonenſchüſſe, die am nächſten Tage, am 21. Oktober mittags um 1 Uhr abgefeuert wurden, galten jedoch nicht einem angeblichen Siege der franzöſiſchen Waffen, wie manche im erſten Augenblick glauben mochten, ſondern verkündeten der Reſidenz die Nachricht, daß die Großherzogin von einer Prinzeſſin glücklich ent— bunden worden ſei. Das Extrablatt der Staatszeitung, welches dieſes frohe Ereignis kund gab und weiter mitteilte, daß ſich der Hof in der Schloßkirche zu einem Dankgebet verſammelt habe, wollte dieſen Tag doch nicht vorübergehen laſſen, ohne auch vom Kriegsſchauplatz eine„erfreuliche Botſchaft“ zu melden. Es teilte unter der Geburts⸗ anzeige die„ſichere Nachricht“ mit,„daß der König von Neapel, der Herzog von Caſtiglione und der Prinz von der Moskwa den Feind am 11. und 12. dieſes überall, wo ſie ihn getroffen, gänzlich geſchlagen haben. 3800 Gefangene und eine große Anzahl feindlicher Stabsoffiziere— hieß es weiter— ſind bereits im Hauptquartier eingetroffen. Die Angelegenheiten nehmen überhaupt die erwünſchteſte Wendung.“ Bei den ſchlechten Verbindungen der damaligen Zeit hatte man nicht nur am 21. Oktober noch keine Kunde von der am 16., 17. und 18. geſchlagenen großen Völkerſchlacht bei Leipzig, ſondern ſelbſt am 24. noch wurde die Nachricht gedruckt und geglaubt, daß— nach einer vom 19. Oktober datierten Depeſche des Generals Bertrand— „der Kaiſer neuerdings den Feind völlig geſchlagen habe“. Erſt am 27. Oktober wird aus Baireuther, Nürnberger, Augsburger und andern Blättern„die Nachricht von großen Vorteilen, welche die Alliierten am 16., 17. und 18. dieſes in der Gegend von Leipzig erfochten haben ſollen“, mitgeteilt und daran die Bemerkung geknüpft: „gewiß ſcheint es für den Augenblick zu ſein, daß Kaiſer Napoleon am 19. d. morgens Leipzig verlaſſen und daß die Stadt kurz darauf von den Alliierten genommen worden iſt“, und erſt die Nummer vom 29. Oktober brachte einen allerdings nur ganz kurzen Bericht über die totale Niederlage Napoleons bei Leipzig, dem dann in den fol— genden Nummern ausführliche Darſtellungen der Schlacht folgten. An allen dieſen Kämpfen hatten auch die zumteil inzwiſchen neu organiſierten badiſchen Truppen teilgenommen, die ſeit Auguſt wieder mit 7 Bataillonen, 5 Eskadronen und 1 Batterie, 6990 Mann ſtark, unter dem Oberbefehle des Generallieutenants Grafen Wilhelm von Hochberg, im Felde ſtanden. Insbeſondere waren bei Leipzig beide Brigaden ins Feuer gekommen, die erſte hatte ihre Stellungen in den Dörfern Holzhauſen, Zuckelhauſen und Probſtheyda hartnäckig verteidigt, die zweite bei Lindenau tapfer gekämpft. Auch an den letzten Kämpfen in den Vorſtädten und am Grimma'ſchen Thor waren die Badener rühmlich beteiligt, bis ſie gezwungen waren, vor der Übermacht die Waffen zu ſtrecken. Am 22. Oktober ſah ſich Graf Wilhelm von Hochberg genötigt, in einer öffentlichen, am 30. auch von der Staatszeitung abgedruckten Erklärung feſtzuſtellen, daß die unter ſeinem Befehl ſtehenden Truppen nicht, wie in einigen öffentlichen Blättern auf Grund der öſterreichiſchen Armeeberichte behauptet worden war, die ihnen zurückgegebenen Waffen gegen ihre hisherigen Verbündeten, die franzöſiſche Armee, gekehrt hatten, vielmehr habe man ihnen die Waffen wieder abgenommen und ſie ſelbſt als Kriegs— gefangene nach Berlin abgeführt. Die Staatszeitung begann um dieſe Zeit dem Umſchwung der Verhältniſſe ihre Berichterſtatuung anzupaſſen. Aus dem„Kaiſer“ wurde nun der„Kaiſer Napoleon“ oder der„Kaiſer der Franzoſen“ und ſein Heer aus der„Armee“ oder der„großen Armee“, wie ſie 316 noch am 23. Oktober genannt worden war,„der Feind“. Und am 7. November wurde zum erſtenmal die regelmäßig an der Spitze des Blattes ſtehende Überſchrift„Staaten des rheiniſchen Bundes“ mit der Überſchrift„Deutſchland“ vertauſcht. Der rheiniſche Bund war vor den ſiegreichen Waffen der Alli⸗ ierten in Trümmer zerfallen. Nachdem die badiſchen Truppen in militäriſcher Treue bis zuletzt an der Seite der Franzoſen gekämpft und ſomit ihre militäriſche Ehre glänzend bewährt hatten, war nun auch für den badiſchen Staat der Augenblick gekommen, der ver⸗ änderten politiſchen Lage gerecht zu werden. Am 11. November begab ſich der Großherzog Karl in das Hauptquartier der Ver⸗ bündeten nach Frankfurt und vollzog dort den Anſchluß an die Sache Deutſchlands, die fortan auch wieder die Sache Badens war. Am 19. November kehrte er nach Karlsruhe zurück, wo er am 20. No⸗ vember den Beſuch des Königs von Bayern empfing, der mit ſeiner Gemahlin, der Schweſter des Großherzogs, mit Abfeuerung von 100 Kanonenſchüſſen empfangen, im Palais der Markgräfin Amalie abſtieg. Am 21. November wurde des Großherzogs vom 20. datierter „Aufruf an Baden“ veröffentlicht, welcher den Beitritt zur Allianz gegen Frankreich verkündigte und begründete. Wieder war es der Freiherr von Reitzenſtein, der Unterzeichner des erſten Waffenſtill⸗ ſtandsvertrages mit Frankreich im Jahre 1796, welcher jetzt mit den Vertretern der verbündeten Mächte in deren Hauptquartier zu Frankfurt am 20. November die Konvention unterzeichnet hatte, kraft welcher der Großherzog„von dem rheiniſchen Bunde abtrat, ſich mit der großen Allianz vereinigte und zu deren Zwecken mit allen ſeinen Kräften mitwirkte, auch ſich den zur Erhaltung der Selbſtändigkeit Deutſchlands zu treffenden Einrichtungen anſchloß, wohingegen die drei alliierten Mächte ihm ſeine Souveränität und den Beſitzſtand der großherzoglichen Staaten garantierten“. Als die Großherzogin, welche ihr Wochenbett ſehr gut über⸗ ſtanden hatte, wie ſich auch die junge Prinzeſſin des beſten Wohl⸗ ſeins erfreute, wieder ihre Gemächer verließ, fand ſie ſich gewiſſer⸗ maßen in eine ganz neue Welt verſetzt. So hatten ſich alle Ver⸗ hältniſſe verändert. Glücklicherweiſe nicht die Geſinnungen des Groß⸗ herzogs gegen ſeine Gemahlin. Mit Entrüſtung hatte er die ihm in Frankfurt gemachte Zumutung, ſeinen Anſchluß an die Alliierten durch eine Trennung von ſeiner franzöſiſchen Gemahlin zu bekräftigen, zurückgewieſen. Ein Bund, der lediglich unter dem Drucke der politiſchen Notwendigkeit von ſeiner Seite widerwillig geſchloſſen worden, war durch die ausgezeichneten Eigenſchaften der Großherzogin Stephanie zu einer beglückenden Gemeinſamkeit des Denkens und Fühlens geworden, die hoch über den Plänen kalt berechnender politiſcher Ratgeber ſtand. Auch die Reſidenzbewohner, denen die anmutige Erſcheinung der fürſtlichen Frau ſehr lieb geworden war, wußten ſehr wohl die nun wieder erwachten nationalen Gefühle von den Empfindungen zu trennen, die ſie der Großherzogin perſönlich entgegenbrachten. Und dieſe ihrerſeits fand ſich mit dem bewunderungs⸗ würdigen Takt, den nur wahre Herzensbildung verleiht, in die neue Lage der Dinge. Am 28. November traf Kaiſer Alexander von Rußland in Karlsruhe ein, nachdem er vorher ſeiner Schwiegermutter, der Mark— gräfin Amalie, auf ihrem Landſitz in Rohrbach bei Heidelberg ſeinen Beſuch gemacht hatte. Er kam mit der Markgräfin in deren Wagen an und ſtieg in ihrem Palais ab, und am 29. hatte die Fürſtin die Genugthuung, an der Seite des Kaiſers in offener Kaleſche durch die Straßen der Reſidenzſtadt zu fahren.„Die ganze Bevölkerung der Stadt und ihrer Umgebung— erzählt ein Zeitgenoſſe— war in Be— wegung, um den ſchönen ſiegreichen Kaiſer an der Seite der hochverehrten Schwiegermutter zu ſehen.“ Abends beſuchte der Hof nach einer großen Feſttafel das Theater, wo die Oper„Salomons Urteil“ ge— geben wurde. Am 30. November nachmittags 5 Uhr kehrte der Kaiſer wieder nach Frankfurt zurück. „Da der Kriegsſchauplatz ſich abermals unſerem Vaterlande nähert“, war ſchon am 20. November das Verpflegungsregulativ für die alltierten Truppen der Einwohnerſchaft mitgeteilt worden. Dabei war eröffnet worden, daß ein Geldſurrogat für Natural— einquartierung nur ſo lange zugelaſſen werden könne, als die jeweils einzuquartierenden Mannſchaften die Zahl 3000 nicht überſteigen. Bei außerordentlichen Einquartierungen, d. h. bei ſolchen von mehr als 3000 Mann, ſollten auch jene Einwohner, welche keine Ortsſaſſen ſind, in Konkurrenz geſetzt werden. Die bisher Geldſurrogate zah— lenden Einwohner waren aufgefordert worden, binnen 24 Stunden eine Erklärung darüber abzugeben, ob und wieviele Offiziere bei ihnen 318 untergebracht werden können. Da dieſe Ankündigung unter der Ein⸗ wohnerſchaft große Aufregung hervorrief, weil bisher die Reſidenzſtadt von allen Durchmärſchen fremder Truppen verſchont geblieben war, hatte der Stadtkommandant ſchon am 22. November zur Beſchwich⸗ tigung der beunruhigten Gemüter bekannt gemacht, daß es ſich nur um Einquartierung einheimiſcher Truppen handle. Als gegen Ende des Jahres die badiſchen Truppen aus der Kriegsgefangenſchaft in die Heimat zurückkehrten und zum Zweck der Neuaufſtellung des Armeekorps ſämtliche Linieninfanterie in Karlsruhe zuſammengezogen wurde, ergab ſich, daß die Menge der hier unterzubringenden groß⸗ herzoglichen Truppen ſo groß war, daß ausnahmslos Naturaleinquar⸗ tierung zu erfolgen hatte. Es wurden daher am 26. Dezember alle Hauseigentümer und Mietbewohner aufgefordert, ſich nach Verhältnis des Raumes auf ſtarke Belegung vorzubereiten und Quartiere bereit zu halten. Nun wurde auch eine neue Einquartierungskommiſſion gebildet, deren Vorſitz dem Platzkommandanten, Generalmajor von Franken, übertragen ward und welcher ferner angehörten der Oberbürgermeiſter Griesbach, der Bürgermeiſter Dollmätſch, die Rats⸗ verwandten Beyer und Frey, der Stadtverrechner Dollmätſch und die neun Gaſſenmeiſter. Die bevorſtehende Einquartierung wurde von der Einwohner⸗ ſchaft, beſonders in den weniger bemittelten Ständen, als eine ſchwere Laſt empfunden, denn die harte Zeit machte ſich allenthalben fühlbar und die Not der Armen ſtellte an die Wohlhabenderen in den rauhen Wintermonaten auch gar manche Anforderung. Schon am 4. No⸗ vember hatte die Polizeidirektion einen eindringlichen Aufruf an die Mildthätigkeit der Einwohnerſchaft gerichtet, der mit der Bitte ſchloß, „das Entbehrliche aller Gattung von Kleidern, Wäſche und Bettwerk, ſei es auch dem Beſitzer noch ſo unwert, an den Polizeikommiſſär Eccardt einzuſenden oder die Polizei wiſſen zu laſſen, wo und wann es abgelangt werden könne“, die Beiträge an Geld aber den Armen⸗ Bezirksvorſtehern einzuhändigen. Was die der Stadtkaſſe obliegenden Leiſtungen betraf, ſo war in Karlsruhe zunächſt kein Bedürfnis zur Aufnahme neuer Anleihen. vorhanden, wogegen Durlach ſich zu Anfang des Dezember 1813 genötigt ſah, zur Beſtreitung der Kriegsbedürfniſſe ein Kapital von 5000 bis 8000 Gulden zu 6 Prozent aufzunehmen. III iee eeeeee ieeeeeeee „ 3 Zu den bedenklichſten Erſcheinungen, die ſich im Gefolge der Heeresmaſſen, die jetzt gegen den Rhein vorgeſchoben wurden, zeigten, gehörte das Auftreten anſteckender Krankheiten in den umliegenden Städten und Dörfern. Spuren derſelben hatten ſich auch ſchon in Karlsruhe geäußert, und ſo ſah ſich denn um die Weihnachtszeit die Polizeidirektion veranlaßt, Mittel zur Verhinderung einer weite— ren Verbreitung dieſes verheerenden Übels aufzuſuchen. Es wurde daher verordnet, daß die Einwohner von Karlsruhe, welche Verwandte oder Bekannte in der umliegenden Gegend haben, die mit einer anſteckenden Krankheit behaftet ſind, alle Beſuche bei denſelben einſtellen ſollen bei Vermeidung eines Verbotes, ſich ferner in der Reſidenzſtadt aufzuhalten. Zugleich wurde bekannt gemacht,„daß der Polizei⸗ inſpektor Schrickel die Erlaubnis und Anweiſung erhalten habe, den ſog. Peſteſſenz als Präſervativmittel gegen anſteckende Krankheiten zu verfertigen und gegen möglichſt billigen Preis zu verkaufen“, und es wurde jedermann angeraten, ſich dieſes Mittels zu bedienen. Daß man ſich in Karlsruhe auch mit dem Gedanken an den Durchmarſch, vielleicht ſogar den Aufenthalt ruſſiſcher Truppen ver⸗ traut zu machen begann, beweiſt die Thatſache, daß die C. F. Müller'ſche Buchhandlung in der Rittergaſſe, dem Archiv gegenüber, das„Neueſte deutſch⸗ruſſiſche Wörterbuch, enthaltend eine Menge der vorzüglichſten Wörter und der geläufigſten Redensarten“ als„ſoeben angekommen und broſchiert für 12 Kreuzer zu haben“ anzeigte. Den Aufgaben, welche der nunmehr mit voller Aufbietung aller Kräfte der Verbündeten unternommene Krieg gegen Frankreich auch an das Großherzogtum Baden ſtellte, konnte die bisherige Truppen⸗ zahl nicht genügen. Es war deshalb nötig, wie in den übrigen deutſchen Staaten, größere Maſſen des Volkes zu bewaffnen und kriegstüchtig zu machen. Es wurde daher am 9. Dezember 1813 außer der Ergänzung des ſtehenden Heeres für die Dauer des gegen⸗ wärtigen Krieges die Errichtung einer Landwehr beſchloſſen, aus 10000 Mann beſtehend, wovon 8000 Mann zum Felddienſt gleich den Linientruppen und 2000, die im Lande bleiben und ſpäter organiſiert werden ſollten, zur Ergänzung beſtimmt waren. Die noch vorhan⸗ denen Mannſchaften aus den Jahren 1791 bis 94 wurden zur Er⸗ gänzung des ſtehenden Heeres vorbehalten, während zur Landwehr alle vor dem Jahre 1791 Geborenen, die das vierzigſte Jahr noch nicht zurückgelegt hatten, gehörten. Jeder von dieſen, der einen geſunden Körper hatte, war zur Landwehr verbunden, ausgehoben wurden zuerſt alle Freiwilligen, dann alle Ledigen, endlich— nach Bedarf und durch das Loos— Verheiratete. Die Ofſiziere vom Kapitän abwärts wurden durch die von den Kreisdirektorien mit den Be⸗ zirksbeamten und einigen Vaſallen gebildeten Kreisausſchüſſe, die Unteroffiziere von den Kompagnieoffizieren gewählt und vom Ba⸗ taillonschef beſtätigt, aus dieſen ſollten in der Regel die Offiziere genom⸗ men werden. Ihre Kleidung und Equipierung mit Inbegriff von Pa⸗ trontaſche und Torniſter hatten die Landwehrmänner ſelbſt zu ſtellen; nur bei conſtatierter Vermögensloſigkeit trat die Staatskaſſe dafür ein. Gewehre wurden, ſoweit der Vorrat reichte, aus dem Zeughauſe abgegeben, außerdem waren alle, welche nicht ſelbſt dienten und Gewehre beſaßen, verpflichtet, dieſelben zur Verfügung zu ſtellen. Vom Tage der vollendeten Formation, bis zu welchem die eingezo⸗ genen Landwehrmänner die etappenmäßige Verpflegung erhielten, an trat jedes Landwehrbataillon in Bezug auf Sold und Verpflegung in die Verhältniſſe der Linientruppen. Die Vollendung der Organi⸗ ſatibn der Landwehr war auf den 1. Februar 1814 beſtimmt. Bezüglich der Staatsdiener, Aktuare, Teilungskommiſſäre und Skribenten wurde am 14. Dezember durch das Miniſterium des Innern der Wunſch des Großherzogs verkündigt, daß alle nach Anſicht ihrer Behörden Entbehrlichen ſich dem Dienſte der Landwehr widmen mögen, indem allen, welche ſich durch Tapferkeit und ſittliche Aufführung auszeichnen werden, nach Auflöſung der außerordentlichen Bewaffnung der Wiedereintritt in ihre vorigen Dienſt⸗ und Beſoldungs⸗ verhältniſſe und, je nach dem Grade ihrer Auszeichnung, beſondere Berückſichtigung zugeſichert wurde. Gleichfalls am 9. Dezember wurde die Organiſation eines frei⸗ willigen Kavalleriekorps von der Landwehr beſchloſſen, eines Jäger⸗ korps zu Pferde, deſſen Stärke nach der Zahl der ſich Melden- den feſtgeſetzt werden ſollte. Die freiwilligen Jäger hatten Pferde, Kleidung und Waffen(Säbel, ein paar Piſtolen und eine Kugel⸗ büchſe) ſelbſt zu ſtellen. Die Montierung beſtand in einer ſchwarzen polniſchen Litewka mit hellblauen Schnüren, ſchwarzen, nach Koſaken⸗ art verfertigten und mit hellblauen Streifen verſehenen Pantalons, einem grauen Mantel mit hellblauem Kragen, ſchwarzem Lederzeug, eeeeee eeee ungariſchen Stiefeln und Reitzeug, die Kopfbedeckung war eine hell— blaue Ulanenmütze mit weißen Fangſchnüren und einem Federbuſch. Als Sammelplatz für die freiwilligen Jäger wurde die Stadt Baden be⸗ ſtimmt. Zum Kommandeur des Korps ernannte der Großherzog ſeinen Flügeladjutanten Major von Holzing, zur Ausbildung der Leute wurden Lieutenant Hilbert vom Dragonerregiment v. Freyſtedt als Adjutant und 8 Unteroffiziere aus der Linie auf unbeſtimmte Zeit kommandiert. Major von Holzing erließ alsbald einen Aufruf an Badens Jünglinge, ſich zum Eintritt in das freiwillige Jägerkorps bis ſpäteſtens zum 26. Dezember zu melden, da nach Verfluß dieſer Friſt niemand mehr aufgenommen werden könne. Um die nüötigen Anſchaffungen zu erleichtern und möglichſte Gleichförmigkeit der Aus⸗ rüſtung zu erzielen, ſchloß der Verwaltungsrat des freiwilligen Jägerregiments zu Pferde einen Vertrag mit Hofſattler Reiß in Karlsruhe über Lieferung der Ulanenmütze, des Sattel- und Reit⸗ zeugs zu feſtgeſetzten Preiſen. Da der„Schwäbiſche Merkur“ die Nachricht verbreitete, daß ſich zwar zur badiſchen Landwehr viele Freiwillige, ja nicht ſelten ſogar Verheiratete meldeten, weniger jedoch bis jetzt zu dem Korps freiwilliger Jäger zu Pferde, ſah ſich Major von Holzing am 24. Dezember zu der öffentlichen Erklärung ver⸗ anlaßt,„daß bereits 200 Jünglinge aus den edelſten Geſchlechtern des Landes ſich geſammelt haben und daß in wenig Wochen das Regiment vollſtändig organiſiert ſein wird“. Es wäre ungerecht zu erwarten, daß in Baden, welchem durch die franzöſiſche Revolution und das Bündnis mit dem Kaiſerreich große Vorteile zugefallen waren, eine patriotiſche Begeiſterung von der Gewalt und der Tiefe wie in dem von den Franzoſen ſchmach⸗ voll mißhandelten und ausgeſaugten Preußen beim Ausbruch des Befreiungskrieges hätte herrſchen ſollen. Immerhin hatte es auch hier nicht an Männern gefehlt, die nur knirſchend die Freundſchaft und Bundesgenoſſenſchaft des korſiſchen Eroberers erduldet hatten und ſich jetzt hochbeglückt fanden, da es galt, Schulter an Schulter mit den Vertretern der übrigen deutſchen Stämme gegen den Erb— feind, der gerade in der oberrheiniſchen Tiefebene unvertilgbare Spuren ſeiner Eroberungskriege zurückgelaſſen hatte, ins Feld zu ziehen. Und bald zeigte ſich das ganze badiſche Volk von echt vaterländiſchen Empfindungen erfüllt. 21 — 322— Wie ſich in der Bereitwilligkeit der Jugend, zu den Fahnen zu eilen, dieſe Geſinnung mächtig erwies, ſo auch in den reichen Gaben, welche von jenen, die nicht zu den Waffen greifen konnten, für die vaterländiſche Sache mit offener Hand geſpendet wurden. Schon am 11. Dezember hatte Major von Holzing durch ein Inſerat in der Staatszeitung das Erſuchen geſtellt,„um die nach und nach eingehenden patriotiſchen Beiträge zur Equipierung und Uni⸗ formierung ärmerer Individuen des freiwilligen Jägerkorps zu Pferd zweckmäßig deponiert zu ſehen, den jedesmaligen Betrag in die Hände des Herrn Oberbürgermeiſters Griesbach zur weiteren Ver⸗ rechnung abzuliefern, auch auswärtige Beiträge an ihn einzuſenden“, und bereits am 13. Dezember konnte Herr Griesbach bekannt machen, daß ein Karlsruher Bürger die vollſtändige Equipierung und Mon⸗ tierung des Stabstrompeters übernommen und ſich überdies verbind⸗ lich gemacht habe, demſelben die gewöhnliche Stabstrompetergage für die Dauer dieſes Krieges zu verabreichen. Sattlermeiſter Wöttle habe ſich erboten, Sattel und Zeug für einen Kavalleriſten darzu⸗ bringen und Herr Hofſchauſpieler Pleißner habe 2 Dukaten über⸗ geben. Und ähnliche Beſcheinigungen zuweilen über ſehr namhafte Summen, über Waffen, über Koſtbarkeiten, welche zur Verwertung eingegangen waren, teils mit den Namen der Geber, teils mit deren Anfangsbuchſtaben, teils ohne jede Bezeichnung, von Perſonen aller Stände, von Gemeinden und Körperſchaften aus Karlsruhe wie aus allen Teilen des Großherzogtums wiederholen ſich von nun an bis tief in das Jahr 1814 hinein faſt in jeder Nummer der Staats⸗ zeitung. In manchen Fällen wurde die volle Ausrüſtung für einen Mann mit Pferd geſtellt, verſchiedene zeichneten für die Kriegsdauer beſtimmte Beſoldungsanweiſungen in Quartalszielern. Auch die Schüler der einzelnen Klaſſen des Lyceums und der deutſchen Knaben⸗ ſchule zu Karlsruhe und die Schüler vieler Lehranſtalten des Landes, ſelbſt aus ganz unbedeutenden Ortſchaften hielten mit ihren Gaben nicht zurück. Beſondere Hervorhebung fand die Ausrüſtung von 20 Mann und 1 Trompeter und die Stellung von 18 Pferden durch die Stadt Pforzheim, die Stellung von 14 vollkommen ausgerüſteten Jägern mit Pferden durch die Stadt Lahr, von 16 berittenen und ausgerüſteten Jägern durch die Stadt Freiburg u. a. m. Auch für die Landwehr, insbeſondere zur Beſtreitung der Be⸗ eeeeeeee eeee kleidungskoſten und zur Unterſtützung der vom Staate nicht über— nommenen unvermöglichen Landwehrmänner, aber auch zur Bewaff⸗ nung der Landwehrbataillone wurden Sammlungen veranſtaltet. Hier waren es in erſter Reihe die Amtsbezirke und die Gemeinden, welche ihren Patriotismus durch teilweiſe ſehr reiche Gaben bethätigten. Die Haupt⸗ und Reſidenzſtadt Karlsruhe brachte zum Dienſt der Landwehr zwei Stück Dreipfünderkanonen, die Kommiſſion der Muſeumsgeſellſchaft als freiwilligen Beitrag eines Teiles der Mit⸗ glieder dieſer Geſellſchaft den Betrag von 1225 fl. 12 kr. dar. Wir leſen auch von Beiträgen, die von Geſellſchaften bei Gelegenheit patriotiſcher Feſtfeiern geſpendet wurden, und beſonders rührend erſcheint, daß mehrere im Feld ſtehende Linienregimenter für die Landwehr—⸗ bewaffnung eine Taglöhnung opferten. Viele Beiträge waren auf Kriegsdauer, andere auf ein Jahr gezeichnet. Man ſieht, daß die damalige Generation ſich an den Gedanken gewöhnt hatte, es werde, wie die vorhergehenden Kriege, ſo auch dieſer Feldzug einen längeren Zeitraum umfaſſen. 8 Der Reſidenzſtadt Karlsruhe brachte die Bewegung der Truppen der Verbündeten gegen den Rhein die Beſuche berühmter und erlauchter Perſönlichkeiten. Am 10. Dezember kam der Oberbefehlshaber der verbündeten Truppen, der kaiſerlich öſterreichiſche Feldmarſchall Fürſt von Schwarzenberg in Karlsruhe an, um am 11. ſeine Reiſe über Raſtatt fortzuſetzen, in der nämlichen Richtung reiste am gleichen Tag der am 9. Dezember eingetroffene königl. bayriſche General der Kavallerie Graf von Vrede ab. Verſchiedene zum öſterreichiſchen Hauptquartier gehörige Perſonen waren ebenfalls am 9. in Karls⸗ ruhe angekommen. Am 14. Dezember traf der Kaiſer von Rußland ein und ſtieg bei der Markgräfin Amalie ab, während der Kaiſer von Sſterreich, wie jener aus Frankfurt kommend, ohne Karlsruhe zu berühren, über Pforzheim und Ettlingen zur Armee reiste. Auch der König und die Königin von Bayern verweilten um dieſe Zeit in der badiſchen Reſidenzſtadt, von wo ſie am 21. Dezember die Rückreiſe nach München antraten. Während der Anweſenheit des Kaiſers von Rußland waren am 18. und 19. Dezember zahlreiche Abteilungen der kaiſerlichen Garde zu Pferd und zu Fuß durch Karlsruhe marſchiert. Der Kaiſer ließ 21 — 324 ſie vor dem Palais der Markgräfin Amalie, wo er zu Pferde hielt, Revue paſſieren. Das Regiment Semenofsky mit ſeinen ſpitzigen Grenadiermützen von Meſſing und ein Regiment Kirgiſen in ihrer eigentümlichen Nationaltracht fielen den ſchauluſtigen Karlsruhern beſonders auf. Anlaß zu vielem Gerede gab es, als Kaiſer Alexander am 18. Dezember im Garten des Palais ſeiner Schwiegermutter von der griechiſchen Kapelle ein Tedeum ſingen ließ zur Feier des Friedens, den er mit Perſien geſchloſſen hatte. In der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember reiste der Kaiſer zur Armee ab. Er fuhr vom Palais der Markgräfin in offener Droſchke weg, vom Grafen Tolſtoi begleitet und von Koſaken eskortiert, welche brennende Fackeln trugen. Er fuhr zunächſt nach Freiburg, wo er im Dorfe Zähringen vom Kaiſer von Oſterreich empfangen, an deſſen Seite einziehend, von der Bevölkerung mit Enthuſiasmus begrüßt wurde. Am 22. Dezember war der Großherzog von Würzburg, der den Kaiſer von Oſterreich bis Freiburg begleitet hatte, auf der Rückreiſe in ſein Land in Karlsruhe angekommen, hatte bei Hofe geſpeist und abends ſeine Reiſe über Bruchſal ſortgeſetzt. In dieſen Tagen hatte der Kammerjunker und Forſtmeiſter Freiherr von Drais— wie die Staatszeitung vom 26. Dezember meldet—„ſeinen erfundenen Wagen, der ohne Pferde durch den inſitzenden Menſchen getrieben, leicht und ſchnell hinläuft, wie ſchon vorhin unſerer Landesherrſchaft, ſo nun dem Kaiſer von Rußland vorgeführt. Der Monarch bezeugte daran Wohlgefallen, verlangte am folgenden Tage die nochmalige Vorzeigung und ſandte dem Er⸗ finder einen brillantenen Ring für das Vergnügen, welches Seiner Majeſtät damit gemacht worden ſei“. Am 25. Dezember, am Vorabend des Namensfeſtes der Groß⸗ herzogin, war am Hofe großer Cerele in Gala und hierauf Souper. Am 26. empfing die Großherzogin die Glückwünſche der Geſandten, des ganzen Hofes, des Militärs und der höheren Beamten. Hierauf fand die Taufe der neugeborenen Prinzeſſin ſtatt, welche die Namen Joſephine Friederike Luiſe erhielt. Am Abend wurde im Hoftheater die dreiaktige Oper„Helene“ von Mehul aufgeführt, welcher im Schloſſe ein Feſtball folgte. Auch in anderen Kreiſen der Reſidenzſtadt war der Krieg kein Hindernis für die Veranſtaltung von Feſten aller Art. Am 27. De⸗ ö 3 zember fand ein Maskenball im Hoftheater und am letzten Tage des Jahres der übliche Silveſterball im Muſeum ſtatt, denen im Muſeum während des Carnevals verſchiedene Bälle, im Hoftheater mehrere Maskenbälle und ſogenannte„Vauxhalls“ folgten. An den Sonn— tagen begannen wieder die beliebten Maskenbälle im Badiſchen Hofe bei C. W. Wielandt, welche abends 9 Uhr nach dem Theater eröffnet wurden; man zahlte dort ein Eintrittsgeld von 48 Kreuzer. Nicht minder bot ſich jeden Sonntag im Promenadehaus die erwünſchte Gelegenheit zum Tanzen. Die Begeiſterung in deutſch-nationalem Sinne, von der die Anpreiſung patriotiſcher Schriften aller Art in den Ankündigungen der Buchhändler, welche außerdem auch ſchon Karten des künftigen Kriegsſchauplatzes zum Kauf anboten, Zeugnis ablegte, trat nunmehr auch in dem Repertoire des Hoftheaters zu Tage, wo jetzt Stücke wie„Hermann oder Deutſchlands Befreiung“ von Johanna Weißen— thurn,„Teutſcher Sinn“, vaterländiſches Gemälde von Fr. v. Hol⸗ bein u. a. wiederholt gegeben wurden. Das Hoftheater wollte auch das Seinige zur Ausrüſtungskaſſe des freiwilligen Jägerkorps bei— tragen, indem mit allgemein aufgehobenem Abonnement„Der Lor— beerkranz oder die Macht der Geſetze“, Schauſpiel in 5 Akten von Ziegler und hierauf„Die Waffenweihe, eine Szene aus den Zeiten Ludwigs des Deutſchen“ aufgeführt wurde. Der Nettoertrag, 155 fl. 26 kr., wurde an Oberbürgermeiſter Griesbach abgeliefert. Die erſte Nachricht, welche das Jahr 1814 den Karlsruhern brachte, war die Kunde von dem am 1. Januar vollzogenen Über⸗ gang der verbündeten Truppen über den Rhein bei Mannheim und verſchiedenen anderen Orten und von der Proklamation Blüchers an die Bewohner des linken Rheinufers. Und die erſten fürſtlichen Gäſte, welche im neuen Jahre Karlsruhe beſuchten, waren der Kron— prinz und der Prinz Wilhelm von Preußen, die am 2. Januar mittags mit kleinem Gefolge ankamen, bei Hofe ſpeisten und am 3. morgens ihre Reiſe zur Armee über Raſtatt fortſetzten. Es war das erſte Mal, daß der ſpätere König von Preußen und deutſche Kaiſer Wilhelm die badiſche Reſidenzſtadt betrat. Schon am 1. Januar 1814 hatte die Leibgrenadiergarde mit einer Batterie die Reſidenzſtadt verlaſſen, um ſich mit den ruſſiſchen und preußiſchen Garden, mit denen ſie nach dem Wunſche — 326— des Kaiſers von Rußland an dem Feldzug teilnehmen ſollte, zu ver⸗ einigen. Im Laufe des Januar folgten ihr das Linien-Infanterie⸗ regiment v. Stockhorn Nr. 1, das Linien-Infanterieregiment Großherzog Nr. 3, das leichte Jägerbataillon, das Linien-Infanterieregiment Graf W. v. Hochberg Nr. 2 und eine Batterie zur Armee. Dieſe Regimenter bildeten mit den 8 neugebildeten Landwehrbataillonen 3 Brigaden, dazu kam noch die Kavalleriebrigade und das freiwillige Jägerkorps zu Pferde. Mit dem 330 Mann zählenden hohenzollernliechtenſtein⸗ ſchen Kontingent bildete das 16 389 Mann ſtarke badiſche Korps das achte deutſche Bundeskorps, welches der ſechſten Armeeabteilung unter dem ruſſiſchen General der Kavallerie Fürſten v. Wittgenſtein zu⸗ gewieſen wurde, in deſſen Hauptquartier ſich Graf Leopold v. Hoch— berg befand. Dem Grafen Wilhelm v. Hochberg wurde das Militär⸗ kommando im Departement des Niederrheins und die Blokade oder Belagerung der dortigen Feſtungen ſelbſtändig übertragen. Die badiſchen Truppen— um das hier gleich vorwegzunehmen— nahmen Teil an der Blokade und Beſetzung von Kehl, an den Blokaden von Straßburg, Landau und Pfalzburg und den vor dieſen Feſtungen gelieferten Ausfallgefechten, die Leibgrenadiergarde mit der ihr zu— geteilten Batterie an den Schlachten bei Brienne, Arcis ſur Aube und vor Paris. Gegenſtand der beſonderen Sympathien der Bevölkerung war das freiwillige Jägerkorps. Am 8. Februar 1814 rückte deſſen erſte Eskadron unter dem Rittmeiſter von Gemmingen in Karlsruhe ein. Der Großherzog muſterte ſie und ſie trat ſodann ihren Marſch über den Rhein an, wohin ſie der Chef des Korps Major v. Holzing ſelbſt führte.„Der Anblick dieſer auserleſenen Schaar vaterländiſcher Fünglinge— ſchreibt die Staatszeitung vom 10. Februar— die ſich freiwillig und in ſchöner Begeiſterung der ehrenvollſten Beſtimmung, dem Kampfe für die heilige Sache Deutſch— lands, geweiht haben, der brüderliche Geiſt, der unter ihnen herrſcht, der mutige Sinn, der aus jedem Geſicht leuchtete, alles dies gewährte dem Vaterlandsfreunde einen rührenden und erhebenden Anblick. Durch die geſchmackbolle Uniformierung iſt dieſes Korps eines der ſchönſten, die man ſehen kann, und es iſt zum Erſtaunen, welche kriegeriſche Haltung das Ganze in ſo kurzer Zeit gewonnen hat.“ Zu dieſen militäriſchen Formationen kam, auf Grund einer am * —.....˖.——..————.—.ß.———— Stephanie, Großherzogin — von Baden. — AHuᷓονν, 4 . — 327— 12. Februar 1814 ergangenen Verordnung, auch noch eine allgemeine Landesbewaffnung unter dem Namen Landſturm, welche bis Mitte März zur Verfügung ſtehen ſollte. Der Landſturm, aus⸗ ſchließlich zur Verteidigung der Grenzen des Vaterlandes beſtimmt, wurde in 9 Brigaden mit 92 Bataillonen, jedes zu 1000, 1500 bis 2000 Mann beſtehend, formiert, die mit Einſchluß der Kavallerie eine Macht von 100000 Mann darſtellten. Mit dieſem Landſturm, der infolge der glücklichen Wendung, die der Krieg nahm, zwar auf⸗ geſtellt und eingeübt wurde, aber nicht in Wirkſamkeit trat, betrug die Zahl der von dem Großherzogtum Baden für die allgemeine Sache geſtellten Truppen mehr als 125000 Mann,„welches— wie die Staatszeitung ausführt— bei der Population von kaum einer Million unſtreitig eine Anſtrengung iſt, die einzig in ihrer Art ge— nannt werden muß“. Seit dem Wiederbeginn des Krieges wurden auch die Nachrichten vom Kriegsſchauplatz, welche die Staatszeitung veröffentlichte, reich⸗ haltiger. Sie kamen nunmehr aus den vom Hauptquartier der verbün⸗ deten Monarchen geſpeisten Quellen. Aber auch jetzt noch beſchränkte ſich die Redaktion des amtlichen Blattes auf die Mitteilung von Thatſachen, ohne dieſelben ihrerſeits durch irgend welche ſubjective Zuthaten zu erörtern. Höchſtens daß ab und zu Betrachtungen über die Weltlage— jetzt im deutſch-nationalen Sinne— auswärtigen Blättern entnommen wurden. Über die Teilnahme der badiſchen Truppen wurden Auszüge aus den beim Kriegsminiſterium einlaufen⸗ den amtlichen Berichten mit Erwähnung der ſich beſonders Auszeich⸗ nenden und der Verluſte des Armeekorps an Toten und Verwundeten mitgeteilt. Ausführliche, auch die Namen der Mannſchaften enthal⸗ tende Verluſtliſten wurden in dieſen Feldzügen noch nicht veröffentlicht. Am 28. Januar erſchien in der Staatszeitung ein Aufruf, in welchem die Großherzogin die Frauen Badens einlud, zu einem Verein zuſammenzutreten, um den im Felde ſtehenden Truppen„ihre Zeit und Aufmerkſamkeit zu weihen, den vaterländiſchen Kriegern die Beſchwerden ihres großen Berufes zu erleichtern“. Was der Staat nicht für die Truppen zu leiſten habe, hieß es weiter, ſei willkommen. „Was dem Verwundeten oder Kranken Linderung ſeiner Leiden zu verſchaffen vermag, was dem Geneſenden ſeine Gefundheit ſchneller wiedergiebt und ihm die Erhaltung derſelben ſichert, entſpricht dem — 328— Zweck des ſchönen Bundes.“ Leinwand, Verbandzeug, Wäſche oder, wo die Verhältniſſe jene Naturalbeiträge nicht verſtatten, Geld wurde erbeten. Die Großherzogin trat ſelbſt an die Spitze des von ihr ernannten Verwaltungsrates dieſes Frauenvereines und übertrug die Beſorgung der Korreſpondenz desſelben dem von ihr zum Sekretär ernannten Reiſemarſchall Freiherrn v. Gayling. In Karlsruhe wurden zu Mitgliedern des Verwaltungsrates ernannt die Gräfin Amalie v. Hochberg, Frau v. Gayling, geb. v. St. André, Frau Generalin v. Freyſtedt, Frau Finanzdirektor Vierordt, Frau v. Göler, geb. v. Reck und Frau Oberbürgermeiſter Griesbach, die beiden letzt— genannten waren beauftragt, die Beiträge in der Reſidenzſtadt und. in der umliegenden Gegend einzuſammeln. Ebenſo wurden in allen Landesteilen angeſehene Frauen zu Mitgliedern des Frauenvereins ernannt und mit Einſammlung der Beiträge betraut. Bald gingen von allen Seiten anſehnliche Spenden ein, über deren Empfang und Verwendung in einer langen Reihe von Num-⸗ mern der Staatszeitung Rechenſchaft abgelegt wurde. Wie bei den Sammlungen für die Landesbewaffnung nahmen auch an den Bei⸗ trägen für die Kranken und Verwundeten der Armee im Felde alle Landesteile und Stände in edelm Wetteifer teil. In einer öffentlichen Dankſagung am 4. März wird hervor⸗ gehoben, daß ſich„viele faſt über ihre Kräfte angeſtrengt, ja manche ſich ihres einzigen Schmuckes oder des ſo lange geſammelten Betrags ihrer Sparbüchſe beraubt haben“. Beſonders wirkten auch die Geiſt— lichen zur Beförderung des edeln Zwecks eifrig mit. Zu Gunſten des Vereines wurden auch Konzerte veranſtaltet und verſchiedene Geſellſchaften ſandten anſehnliche Beiträge ein, die bei ihren Vereini⸗ gungen geſammelt worden waren. In Karlsruhe wurde zum Beſten der verwundeten vaterländiſchen Krieger von einer Geſellſchaft von Muſikfreunden am 16. Februar eine muſikaliſche Akademie im Saale des Badiſchen Hofes gegeben, von welcher wir zwar das nur durch Anſchlagzettel verkündigte Programm nicht kennen, aber durch einen Bericht der Staatszeitung erfahren, daß ſie„durch das gemeinſame Beſtreben von Liebhabern und Künſtlern einen wahren Kunſtgenuß gewährte“. Die der Verwaltung des Frauenvereines überlieferte Ertragsſumme betrug 774 Gulden.„Da das Orcheſter keine Ver—⸗ gütung nahm, der Eigentümer des Hauſes ſein Lokal unentgeltlich gab und der Buchdrucker Müller den Zettel- und Billetdruck umſonſt beſorgte), ſo waren die Unkoſten nur ſehr unbedeutend.“ Am 9. Februar kam zur höchſten Freude der Karlsruher Kaiſerin Eliſabeth von Rußland, die Gemahlin des hochgefeier⸗ ten Kaiſers Alexander, die Schweſter des Großherzogs Karl, die Tochter der Markgräfin Amalie mit ihrer Mutter und ihren Schweſtern, der Königin Friederike von Schweden und der Prinzeſſin Amalie, aus Bruchſal in die Reſidenzſtadt, die ſie ſeit ihrer Abreiſe nach Ruß⸗ land im Herbſt des Jahres 1792 nicht mehr beſucht hatte. Nach⸗ mittags 5 Uhr hielt ſie ihren Einzug, von der bürgerlichen Kavallerie von Karlsruhe und Durlach bis zum Palais der Markgräfin, wo ſie abſtieg, begleitet. Kanonendonner und Glockengeläute verkündigten die Ankunft der Kaiſerin, welcher am Durlacher Thor der Gouverneur, der Kommandant und der Magiſtrat ihre Huldigung darbrachten. Das herzliche Zujauchzen der von weither zuſammengeſtrömten Volks⸗ menge begrüßte die Kaiſerin auf ihrem Wege durch die Stadt. Knaben und Mädchen, feſtlich gekleidet, bildeten die vorderſten Reihen. Eine Gruppe von Töchtern angeſehener Familien empfing die fürſt⸗ liche Frau beim Ausſteigen aus dem Wagen mit einem„dem ſüßen Wiederſehen im geliebten Vaterland“ gewidmeten Gedicht. Auch die Lehrer, Schüler und Schülerinnen der Karlsruher Stadt-Bürger⸗ ſchulen durften„Rußlands Beherrſcherin“ ein Gedicht überreichen. Die Kaiſerin, ſichtlich erfreut und gerührt, zeigte ſich dem jubelnden Volke auf dem Balkon des Palais an der Hand ihrer von dem Wiederſehen und der begeiſterten Begrüßung tief ergriffenen Mutter. Später überbrachte eine Deputation der Muſeumsgeſellſchaft der Kaiſerin ihre ebenfalls in gebundener Rede abgefaßten Glückwünſche“). Später ſtattete die Kaiſerin einen Beſuch bei der Großherzogin ab. Abends war die Stadt beleuchtet. Am nächſten Abend fand im Hof⸗ 3) wie dies die Firma Chr. Fr. Müller im Laufe der Jahre bis zum heutigen Tage unzählige Male zu Gunſten gemeinnütziger und wohlthätiger Veranſtaltungen gethan hat. 34) Die in den Städten Bruchſal und Durlach, wie in Karlsruhe der Kaiſerin Eliſabeth dargebrachten Gedichte ſind in der Beilage zum Karlsruher Wochenblatt Nr. 13 vom Samstag, 12. Februar 1814 abgedruckt. In Nr. 47 der Staatszeitung erſchien ein zu Ehren der Kaiſerin von C. Peterſohn verfaßtes Gedicht. theater zu Ehren der Kaiſerin mit aufgehobenem Abonnement die Aufführung der Oper„Camilla“ von Paer ſtatt. Die Kaiſerin war ſichtlich bewegt durch die ihr dargebrachten Huldigungen, wie durch alle die Erinnerungen an ihre Kindheit, die nun in ihr wieder lebendig wurden. Zeugnis davon legen die Verſe ab, die ſie in einen Stein meißeln ließ, der in dem Erbprinzengarten ſeinen Platz erhielt. Da leſen wir heute noch nicht ohne Rührung die Worte aus dem 4. Geſang von Wielands Oberon, durch welche Kaiſerin Eliſabeth ihren Empfindungen Ausdruck verlieh: Du kleiner Ort, wo ich das erſte Licht geſogen, Den erſten Schmerz, die erſte Luſt empfand, Sei immerhin unſcheinbar, unbekannt, Mein Herz bleibt ewig doch vor Allen Dir gewogen, Fühlt überall nach Dir ſich heimlich hingezogen, Fühlt ſelbſt im Paradies ſich doch aus Dir verbannt. E. A.) Kaiſerin Eliſabeth von Rußland ſtiftete dieſen Denkſtein bei ihrer Rückkehr in die Heimath 1814. Bald nach dieſen Tagen feſtlicher Erregung wurde es in Karls⸗ ruhe wieder ſtiller. Die Kaiſerin von Rußland begab ſich mit der Mark⸗ gräfin Amalie nach Bruchſal zurück, wo nun geraume Zeit hindurch in dem prächtigen Schloſſe ein glänzendes, durch fürſtliche Beſuche von nah und fern ſehr mannigfach geſtaltetes Hofleben ſich entfaltete. Am 2. März verließ Großherzog Karl die Reſidenzſtadt, um ſich mit zahlreichem Gefolge in das Hauptquartier der Alliierten zu begeben. In dieſer Zeit begann der Druck der Kriegslaſten ſich ſtärker— fühlbar zu machen. Zwar hatte die ſtädtiſche Kontributionskaſſe alle Zahlungen leiſten können. Aber dennoch ſah ſich das Bürger—⸗ meiſteramt am 7. März veranlaßt, vorſorglich alle Zahlungspflich⸗ tigen zu mahnen, ihre Schuldigkeit ſofort zu entrichten. Auch der Geſundheitszuſtand wurde durch die vielen Truppen, welche die Reſidenzſtadt und ihre Umgebung berührten, gefährdet. Die Polizeidirektion mußte im oberſten Stockwerk des Bürgerhoſpitals mehrere Säle ausſchließlich zur Unterbringung und ärztlichen Pflege für„Petechial⸗Nervenfieberkranke“ einrichten laſſen und verordnete ) Eliſabeth Alexiewna. — 331— am 29. März, daß von nun an„Perſonen, die von dem kontagiöſen Nervenfieber ergriffen werden, bei welchen aus Mangel an Platz oder ſonſtigen häuslichen Verhältniſſen die nötige medieiniſche polizei⸗ liche Maßregeln gegen weitere Ausbreitung dieſer Krankheit nicht nach ihrem ganzen Umfange ſtattfinden können, ſogleich, jedoch nach vorher geſchehener Anzeige des betreffenden Arztes, in das Hoſpital gebracht werden müſſen“. Am 7. April abends nach 6 Uhr brachte ein ruſſiſcher Stabs⸗ offizier, Oberſt Baron von Rönne, der auf der Durchreiſe aus dem Hauptquartier des Generals der Kavallerie, Grafen von Wittgenſtein, nach Bruchſal zur Kaiſerin Eliſabeth Karlsruhe berührte, die erſte Kunde von der Kapitulation von Paris auf das Redaktionsbureau der Staatszeitung und bald nachher wurden dort die näheren Um— ſtände der ſiegreichen Gefechte vom 29. und 30. und der Beſetzung der franzöſiſchen Hauptſtadt durch die verbündeten Heere am 31. März— in Form einer vom Grafen von Hochberg beglaubigten Abſchrift einer Darſtellung dieſer Vorgänge durch den General du jour der ſämt⸗ lichen kaiſerlich ruſſiſchen Armeen, Generalmajor Oldekopp— bekannt und alsbald in einer Beilage zu Nr. 97 der Badiſchen Staatszeitung veröffentlicht. Artillerieſalven verkündeten gleichzeitig der Stadt das große Ereignis.„Die öffentliche Freude— berichtet die Staats⸗ zeitung am 8. April in der Nummer, in der ſie die auf die Kapitu— lation von Paris bezüglichen Aktenſtücke abdruckte— kannte von dieſem Augenblick keine Grenzen mehr. Feuerwerke, Beleuchtungen, Jubelgeſchrei in allen Straßen bezeichneten bis zum grauenden Morgen dieſe einzige Nacht.“ Weitere ausführliche Nachrichten über die Vorgänge in Paris vom 1. bis 5. April brachte am 10. April eine Beilage zu Nr. 99 der Staatszeitung und die Nr. 100 dieſes Blattes teilte die Liſte der Auszeichnungen mit, welche der Kaiſer von Rußland einer An— zahl badiſcher Offiziere„teils wegen ausgezeichnetem Betragen vor dem Feind, teils wegen bewieſenem Dienſteifer und geſchickter Erfüllung der ihnen gewordenen Aufträge“ verliehen hatte. In der gleichen Nummer wurde aus dem Hauptquartier des Grafen Wilhelm von Hochberg in Brumath gemeldet, wie die dort anweſenden Offiziere am 8. April gleichzeitig den Geburtstag ihres geliebten Generals und die Rettung Deutſchlands mit dem wärmſten Enthuſiasmus gefeiert hatten und daß„nach Kurierausſagen Napoleon Bonaparte ge— fangen“ ſei. Am 11. April wurde in ſämtlichen Kirchen des Großherzogtums „wegen der letzten weltbeglückenden Siege der alliierten Armeen“ ein feierliches Dankfeſt abgehalten; Kanonendonner begleitete das in der Karlsruher Schloßkirche abgeſungene Tedeum.„Abends war die Stadt beleuchtet. Alle Straßen hallten von dem lauteſten und herzlichſten Jubel wieder.“ Am zweiten Oſterfeiertag hielt Oberhofprediger J. L. Walz in der Schloßkirche eine Rede„zur Feier des Waffen⸗ glücks der verbündeten Fürſten und ihres ſiegreichen Einzugs in die Hauptſtadt Frankreichs“, die in der C. F. Müller'ſchen Hofbuch⸗ handlung und Hofbuchdruckerei im Druck erſchien. Am 14. April, abends gegen 6 Uhr, kam die Kaiſerin von Rußland mit ihrer Mutter, der Markgräfin Amalie, und ihren Schweſtern, der Königin Friederike von Schweden und der Prinzeſſin Amalie, abermals von Bruchſal nach Karlsruhe. Am Linkenheimer Thor wurde die fürſtliche Fran von 44 erwachſenen, weiß gekleideten und mit grünen Gürteln und Bändern feſtlich gezierten Bürgertöchtern empfangen. Der Wagen, welcher von der berittenen bürgerlichen Kavallerie eingeholt und begleitet war, hielt vor dem Thor und wurde von dieſem Mädchen-Chor mit einer Blumenguirlande bekränzt. Eine aus ihrer Mitte überreichte der Kaiſerin ein für dieſe Veranlaſſung von Oberhofprediger Walz gefertigtes, auf Atlas gedrucktes Gedicht. Unter den Hochrufen des Volkes geleiteten die Mädchen, welche mittlerweile ein grünſeidenes Band an beiden Seiten des Wagens befeſtigt hatten, die Kaiſerin zum Palais der Markgräfin, wo ſie abſtieg. Hier waren im Vorplatze und auf der Treppe 12 junge Mädchen aus der bürgerlichen Mädchenſchule verſammelt, die den Pfad der Kaiſerin aus Füllhörnern mit lebenden Blumen beſtreuten, während der große Chor der Töchter die Treppe hinauf bis zu den Zimmern der Kaiſerin Spalier bildete. Abends wurde im feſtlich beleuchteten Theater die Oper„Die Schweizerfamilie“ gegeben. Lauter Jubel empfing die Kaiſerin bei ihrem Eintritt und wiederholte ſich am Schluſſe des von dem Hof⸗ ſchauſpieler Eßlair vorgetragenen Prologes. In den Zwiſchenakten 4 flogen von den oberen Galerien bedruckte Blätter in das Parterre herab. Sie enthielten ein von Herrn von Holbein gefertigtes Gedicht, — 333— von welchem am Schluß der Oper Madame Gervais nach der Melodie „God save the King“ einige Strophen ſang, in deren Refrain das ganze Publikum einfiel. Nach dem Theater war die ganze Stadt beleuchtet und der Jubel des Volkes ertönte in allen Straßen bis um die Mitternachtsſtunde. Am 15. April begab ſich die Kaiſerin nach Raſtatt, um dort, wo die Gemahlin des ruſſiſchen Generals Grafen von Wittgenſtein eines Kindes geneſen war, bei dieſem Patenſtelle zu vertreten. Als die Kaiſerin, nach Karlsruhe zurückgekehrt, ſich des Abends in dem Palais der Königin von Schweden aufhielt, wurde ihr von einer zahlreichen Männergeſellſchaft, welche ſich im Reinhard'ſchen Kaffe⸗ hauſe verſammelt hatte uud von dort mit Wachsfackeln paarweiſe nach dem Palais gezogen war, von einem Theil des Hoforcheſters und den Opernſängern eine„Nachtmuſik“ gebracht. Ein für dieſe Veranlaſſung gedichtetes Lied(Solo mit Chor) wurde vorgetragen und Hofſchauſpieler Eßlair brachte das Hoch auf die Kaiſerin, die verbündeten Monarchen und das badiſche Fürſtenhaus aus, in welches die verſammelte Volksmenge jubelnd einſtimmte). Am 16. April kehrte die Kaiſerin mit den andern Fürſtlichkeiten wieder nach Bruchſal zurück. Die peinliche Lage, in der ſich dem allgemeinen Jubel über die Niederlage und Gefangenſchaft Napoleons gegenüber, die Großherzogin Stephanie, ſeine Adoptivtochter, befand, begreift ſich. Sie lebte in dieſen Wochen, in denen der Großherzog von Karlsruhe abweſend war, ſehr zurückgezogen. Es iſt ein ſchöner und edler Zug, der uns von der Markgräfin Amalie überliefert wird, daß ſie jetzt der Schwiegertochter, die ſie nicht gewählt und der ſie in den Tagen des napoleoniſchen Glanzes kühl und zurückhaltend gegenübergeſtanden, warme Teilnahme an dem Kummer bewies, den dieſer das Schickſal Napoleons und Frankreichs bereitete. Karlsruhe war in dieſen Zeiten, da der Verkehr zwiſchen dem Oſten und Weſten Europa's ein ſehr lebhafter war, ein ſtark frequen⸗ tierter Durchgangspunkt. Kuriere aller fürſtlichen Höfe und Re⸗ gierungen und zahlreiche hochgeſtellte Perſönlichkeiten nahmen ihren die bier erwähnten Gedichte ſind in der Beilage zu Nr. 31 des Karlsruher Wochenblattes vom Samstag den 16. April 1814 abgedruckt. Weg von und aus Paris über die badiſche Reſidenzſtadt; in der Zeitung finden wir als Paſſanten die Großfürſten Nikolaus und Michael von Rußland, den Fürſten Radziwill, den Kronprinzen von Bayern, den Prinzen Eugen, bisher Vizekönig von Italien, der jetzt den Namen eines Grafen von Malmaiſon führte und ſpäter zum Herzog von Leuchtenberg ernannt wurde, den Fürſten Schwarzenberg, den Grafen Wrede u. A. erwähnt. Nach und nach wurde auch der Poſtverkehr wieder ein normaler. Seit dem 1. Mai kam die Pariſer Poſt über Straßburg wieder regelmäßig in Karlsruhe an. Am 2. Mai wurde die Feſtung Kehl durch den kaiſerlich-⸗öſterreichiſchen Oberſt von Varnbühler im Namen der Alliierten übernommen und durch das erſte Bataillon des Regiments Großherzog beſetzt. Gleichzeitig wurde die Blokade von Straßburg aufgehoben und ſämtliche Blokadetruppen unter dem Befehle des Grafen von Hochberg bezogen nun Kantonierungsquartiere im Niederelſaß. Nun begann auch ſchon der Rückmarſch eines großen Teils der in Frankreich ſtehenden Truppen, von denen insbeſondere ruſſiſche Regimenter durch Karlsruhe zogen. Um dabei für die nötige Ordnung zu ſorgen, wurde von kaiſerlich-ruſſiſcher Seite der Oberſtlieutenant von Tartarinow als Kommandant in Karlsruhe ernannt, der ſeine Wohnung auf dem Marktplatz im Zähringer Hofe nahm und in einer öffentlichen Bekanntmachung alle Einwohner der Reſidenzſtadt ſowohl als der zum Landamt Karlsruhe gehörigen Dörfer erſuchte und anwies, alle Geſuche und Klagen, die allenfalls durch die durch—⸗ marſchierenden Truppen entſtehen könnten, an ihn zu melden. Während der Dauer dieſer Durchmärſche befand ſich das ruſſiſche Hauptquartier in Karlsruhe, wo ſowohl in den Gaſthöfen als auch in Privat⸗ häuſern viele hohe Offiziere einquartiert waren. Die im Wochen- blatt veröffentlichten Fremdenliſten weiſen überhaupt für dieſe Zeit einen außerordentlich großen Fremdenverkehr nach. Eine Maßregel, die ſchon während des Aufmarſches der Truppen nach Frankreich Bürgermeiſteramt und Stadtrat im Auftrag des Stadtamtes er⸗ griffen hatten, erwies ſich jetzt neuerdings als ſehr zweckmäßig, nämlich die amtliche Bekanntmachung des Wertes der ruſſiſchen Silber⸗ und Papierrubel und der preußiſchen Groſchen. Demnach war ſchon am 20. Dezember 1812 verordnet worden, daß alle — 335— ruſſiſchen Silberrubel ohne Unterſchied des Jahrgangs, älteren oder neueren Gepräges, nur zu 1 fl. 48 kr., die Papierrubel jedoch proviſoriſch zu 23 kr. und die preußiſchen Groſchen zu 2½ kr, ferner beſchmutzte k. k. öſterreichiſche Einlöſungsſcheine und ruſſiſche Papierrubel, wenn die Zahl des Nominalwertes noch ganz kennbar iſt, auf keinen Fall aber, wenn ſie durch Einriſſe beſchädigt ſind, bei öffentlichen Kaſſen angenommen werden. Am 22. Mai erachtete die Großherzogin den Zeitpunkt für ge⸗ kommen, die Thätigkeit des Frauenvereins zum Abſchluß zu bringen. Dieſer Verein hatte durch die Opferwilligkeit der badiſchen Frauen in der kurzen Zeit ſeines Beſtehens überaus wohlthätig gewirkt. Außer den ſehr großen Gaben an Lebensmitteln, Kleidern, Wäſche und Verbandzeug, hatte er bis zum 15. Mai an barem Gelde die für die damalige Zeit ſehr beträchtliche Summe von 6242 fl. für ſeine Zwecke aufgebracht. Abgeſehen von den Zuwendungen an die Verwundeten und Kranken, denen ſein Wirken in erſter Reihe gewidmet war, und an die geſunden Mannſchaften der im Felde ſtehenden Truppen, hatte er— wie eine Dankſagung des Generalmajors und Generalinſpekteurs der geſamten Infanterie im Lande, Freiherrn v. Stockhorn vom 8. Mai hervorhebt— auch an die im Lande befindlichen Reſerven der verſchiedenen Korps der Linie und des Landwehrbataillons namhafte Spenden, insbeſondere von Wäſche, verteilen laſſen. Nun verdankte, im Namen und Auftrag der Groß— herzogin, Vorſteherin des Frauenvereins, der Sekretär, Karl Freiherr Gayling von Altheim, unter lebhafter Anerkennung alles Geleiſteten, die umfaſſende Thätigkeit des Vereines und lud die Glieder des Verwaltungsausſchuſſes ein, alle noch an ſie kommenden Gaben mit Dank zurückzuweiſen. Am 19. Juni kehrte nach einer Abweſenheit von mehreren Monaten der Großherzog wieder in die Reſidenzſtadt zurück. In⸗ zwiſchen waren auch die badiſchen Truppen in das Vaterland heim⸗ gekehrt. Das Hauptquartier des Generallieutenants Grafen v. Hoch—⸗ berg befand ſich in Bauſchlott und am 23. und 24. Juni hielt der Großherzog eine Muſterung über dieſelben, worauf ſie in ihre Garniſonen aufbrachen. In Karlsruhe hielten am 26. Juni das Linien⸗Infanterieregiment Graf v. Hochberg Nr. 2 und das freiwillige Jägerkorps zu Pferde ihren Einzug. Die Landwehrbataillone wurden beurlaubt. Im Namen des Offizierkorps des 6. Landwehrbataillons, welches zum größten Teil aus dem Pfinz- und Enzkreis gebildet war, ſprach deſſen Kommandant, Major v. Cloßmann den Dank für die demſelben und insbeſondere deſſen kranken und verwundeten Soldaten bewieſene wohlthätige Geſinnung öffentlich aus. Die Leib— grenadiergarde kam erſt am 31. Juli nach Karlsruhe zurück. An dem gleichen Tage, an dem die obengenannten badiſchen Truppen in Karlsruhe wieder einrückten, wurde die ruſſiſche Kavallerie, welche auf der Schiffbrücke bei Fortlouis den Rhein überſchritten hatte, auf dem Marſch von Raſtatt nach Bruchſal bei Neu-Malſch von der Kaiſerin Eliſabeth beſichtigt, die zu dieſem Zweck von Baden herübergefahren war. Die Truppen— 8000 Mann mit 16 Geſchützen— waren auf der Malſcher Hardt unter dem Befehl des Kommandanten des geſamten Reſervekorps, General der Infanterie Grafen Miloradowitſch in Parade aufgeſtellt und defilierten vor der Kaiſerin, welche ſich die Generale und Regimentskommandeure vor— ſtellen ließ und ſich mit jedem einzelnen unterhielt. Das kaiſerlich ruſſiſche Hauptquartier kam ebenfalls am 26. Juni in Ettlingen an. Um dieſe Zeit hatte der frühere Franzoſenkultus der Begeiſterung für die Ruſſen Platz gemacht. Auch das Hoftheater trug hiezu das Seinige bei. Am 28. Juni leſen wir, daß bei aufgehobenem Abonnement zwiſchen den Luſtſpielen,„der Ehekontrakt“ von Dilg und „der Diener freier Herren“ von Goldoni, mehrere ruſſiſche Harmonie— ſtücke von den Mitgliedern des Hoforcheſters geſpielt wurden. Aber auch den vaterländiſchen Truppen zu Ehren öffnete das Hoftheater ſeine Pforten. Am 3. Juli wurde„des Kriegers Heimkehr, Szene gegenwärtiger Zeit“ von Profeſſor Alois Schreiber mit großem Beifall aufgeführt. AAln dieſem Tage war die nächſte Umgegend von Karlsruhe Zeugin einer denkwürdigen militäriſchen Feier geweſen. Die Brigade der groß— herzoglich würzburgiſchen Truppen, welche eben von Lyon her aus dem Felde zurückkehrte— 4 Bataillone Infanterie, darunter das Bataillon freiwilliger Fäger aus Franken und 1 Schwadron Kavallerie unter dem Befehl des Oberſten Freiherrn v. Moſer—, wurde zwiſchen Karlsruhe und Mühlburg verſammelt, um ihrem neuen Souverän, dem König von Bayern, den Eid der Treue zu leiſten. Die Ver— eidigung nahm im Auftrage des Feldmarſchalls Fürſten v. Wrede ö — 337— der Major im bayriſchen Generalſtabe Graf von Seiboltsdorff vor. Nach der Feier vereinigte der bayriſche Geſandte in Karlsruhe den ganzen Stab und einen großen Teil des Offizierskorps bei einem Feſtmahle, an welchem auch der Gouverneur und der Kommandant der Reſidenzſtadt, die Generäle v. Cloßmann und v. Freyſtedt, teil⸗ nahmen. Am 11. Juli, nachmittags 2 Uhr, kamen der Kaiſer und die Kaiſerin von Rußland, die Königin von Schweden, die Markgräfin, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Heſſen und die Prinzeſſin Amalie von Bruchſal, wo der Kaiſer ſeit dem 7. Juli geweilt und ein glänzender Kreis von Gäſten in dem Schloß der Markgräfin ſich um ihn verſammelt hatte, unter dem Donner der Kanonen in Karlsruhe an. Im Gartenpalais der Markgräfin wurde mit dem Großherzog und der Großherzogin das Mittagsmahl ein— genommen und abends 7 Uhr, nachdem Kaiſer und Kaiſerin der Großherzogin im Reſidenzſchloſſe einen Beſuch abgeſtattet hatten, wurde nach Bruchſal zurückgefahren, in deſſen Nähe der Kaiſer, vom Großherzog begleitet, am 12. Juli die zweite Diviſion der ruſſiſchen Garden in Parade vorbeidefilieren ließ. Am 13. Juli verließ der Kaiſer Bruchſal, um die Rückreiſe nach Rußland anzutreten. Am 25. Juli traf die Königin von Bayern und kurze Zeit nach ihr der König von Preußen mit ſeinem zweiten Sohne, dem Prinzen Wilhelm, in Karlsruhe ein. Der König, der unter dem Namen eines Grafen von Ruppin reiste, nahm— nach Ausweis der Fremdenliſte des Wochenblattes— in einem Gaſthofe Wohnung und verbat ſich jeden feierlichen Empfang. Er ſpeiste mit dem Prinzen in den Gemächern der Großherzogin zu Abend und ſetzte. am 26. Juli nach der Mittagstafel, zu welcher der König von Bayern von Baden herübergekommen war, ſeine Reiſe über Bruch—⸗ ſal fort. Im Juli und Auguſt kamen neue Geſandte an, von Preußen der Geh. Staatsrat v. Küſter, von den Niederlanden der Viee— admiral Freiherr v. Kinkel. Nach der Abreiſe des Kaiſers von Rußland hielt ſich die Kaiſerin noch längere Zeit teils in Bruchſal, teils in Baden, zeit— weiſe auch in Karlsruhe auf. Sie beſuchte alle die Stätten, in denen ſie als Kind frohe Tage verlebt hatte und ſah mit Wehmut dem 22 Abſchied entgegen, überzeugt, weder ihre Mutter und ihre Geſchwiſter noch ihre Heimat jemals wiederzuſehen. Am 10. September kündigte eine Artillerieſalve den Karlsruhern die Abreiſe der Kaiſerin an, die ſich zunächſt nach Wien begab. Am Alleehaus wurde ſie von dem berittenen Bürgerkorps von Durlach empfangen und von demſelben bis über Bretten hinaus begleitet. Glockengeläute und Böllerſchüſſe ertönten während ihrer Fahrt durch die Stadt Durlach, wo am Rathauſe die Staatsbeamten und der Magiſtrat verſammelt waren, ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Ein Gedicht, das am 15. September in der Staatszeitung veröffentlicht wurde, enthielt„Abſchiedsworte an Eliſabeth Alexiewna, Kaiſerin aller Reußen, von ihrem vaterländiſchen Volke“. Am 22. September traf der Herzog von Braunſchweig, der auch vor dem Feldzuge ſeiner Schwiegermutter, der Markgräfin Amalie, einen Beſuch abgeſtattet hatte, ſeit kurzem aus England zurückgekehrt, zu kurzem Aufenthalt in Karlsruhe ein, wo er ſeine beiden Söhne, die Prinzen Karl und Wilhelm, am Hofe ihrer Groß— mutter zurückließ. Am 26. September trat der Großherzog mit mehreren ſeiner Miniſter und großem Gefolge die Reiſe nach Wien an, um dort dem Monarchenkongreß anzuwohnen. Ein ſchönes, von der patriotiſchen Begeiſterung, die jetzt auch in Karlsruhe alle Erinnerungen an die Franzoſenfreundlichkeit in den Hintergrund gedrängt hatte, zeugendes Feſt fand am erſten Jahres-⸗ tag der Schlacht bei Leipzig, am 18. Oktober ſtatt. Auf dem Felde vor dem Promenadewäldchen war über einer beleuchteten Halbkugel, mit der Inſchrift Germania— XVIII. October ein koloſſales Kreuz, das in Brillantfeuer erglänzte, aufgeſtellt. Darunter war eine Rednerbühne und ein flammender Opferaltar angebracht, rechts und links, durch eine hundert Schuh lange beleuchtete Balu⸗ ſtrade mit dem Mittelpunkt verbunden, erhoben ſich zwei grün verzierte Hütten mit den ebenfalls in Feuer erglänzenden Um⸗ ſchriften:„Liebe“ und„Eintracht“. Von dieſen beiden Endpunkten war ein großer Halbkreis mit einer reich beſetzten Reihe von Pech— fackeln gezogen, welcher den Feſtplatz abſchloß. Der ganzen Ver⸗ anſtaltung lag eine Handzeichnung des Oberbaudirektors Weinbrenner zugrunde. Die Koſten wurden durch freiwillige Beiträge beſtritten. — 339— Abends zwiſchen 5 und 6 Uhr verſammelte man ſich im Gaſthauſe zum Darmſtädter Hof, im Reinhard'ſchen und Kölle'ſchen Kaffee⸗ hauſe und an anderen Punkten in der Mitte der Stadt, um, ſobald die Dämmerung angebrochen war, einen Zug in Gliedern zu 4 und 4 zu bilden, welchen Knaben, die Wachsfackeln trugen, umgaben. In Begleitung von Muſik begab ſich der Zug auf den Schloßplatz und von da an den verſchiedenen fürſtlichen Palais vorüber durch die Waldgaſſe und die Lange Straße über den Marktplatz zum Ettlinger Thor hinaus. Dort brach der Zug, von Salven aus den Kanonen der bürgerlichen Artillerie begrüßt, rechts und links ab und bildete vor dem beleuchteten Kreuz einen Halbkreis, in welchem weiß geklei⸗ dete Mädchen Zweige von Eichenlaub verteilten. Nach einer kurzen Einleitung durch Inſtrumentalmuſik wurde eine von Held gedichtete, von Kapellmeiſter Danzi komponierte Kantate geſungen und hierauf folgte die Feſtrede, von der leider nicht überliefert iſt, wer ſie gehalten hat. An die Rede ſchloß ſich abermals ein allgemeiner Geſang an, in deſſen Kehrreim Wir ſchwören, in herzlichem hohen Verein Der Liebe und Eintracht ergeben zu ſein die Batterie mit 12 Schüſſen einfiel. Inſtrumentalmuſik leitete ſodann eine Reihe von Trinkſprüchen auf die deutſche Befreiung und den deutſchen Genius, auf den Großherzog und das großherzogliche Haus, auf die ſämtlichen hohen Mächte, welche die Freiheit Deutſch— lands erkämpft haben, endlich auf alle biederen Deutſchen ein, zwiſchen denen ein eigens für dieſen Tag gedichtetes Lied nach der Melodie „Bekränzt mit Laub u. ſ.w.“ geſungen wurde, während ein mit Wein gefüllter, bekränzter, aus rohem Eichenholz geſchnittener Pokal von Hand zu Hand ging. Unter den Klängen der Muſik kehrte alsdann der Zug in die Stadt zurück. Eine Nachfeier fand am 19. Oktober im Badhauſe zu Beiert⸗ heim ſtatt; an ein Feſtmahl von hundert Gedecken, bei welchem patriotiſche Lieder geſungen und unter dem Donner der Geſchütze zahlreiche Trinkſprüche ausgebracht wurden, ſchloß ſich ein Ball, ein Feuerwerk und eine Illumination an, welche die Idee des Ober⸗ bandirektors Weinbrenner zu einem deutſchen Nationalmonument auf 22² — 340— dem Leipziger Schlachtfelde in halber Größe darſtelltes).„Noch nie — ſagt der Zeitungsbericht— hatte man bei irgend einer andern Veranlaſſung weder an dieſem ſonſt ſo häufig beſuchten, noch an einem andern öffentlichen Ort der Gegend eine ſo zahlreiche Volksmenge aus allen Ständen verſammelt geſehen, und die durchgehends bewahrte geſellige Anſtändigkeit mitten im vielfachen Gedränge und den mannig⸗ faltigſten Außerungen der Freude war ein ſchöner Beweis, wie ſehr jeden der Gegenſtand derſelben ehrte.“ „Die allgemeine Freude über den wiedergekehrten Frieden und deſſen fruchtbare Folgen“ veranlaßte den Beſitzer des Gaſthofes zum Durlacher Hof, Chriſtian Seeger, durch eine Anzeige in der Zeitung am 22. Oktober„zur geſellſchaftlichen Feier dieſer glücklichen Zeit⸗ umſtände die Hand zu bieten“, indem er zur Subſkription auf die ſonſt bei ihm unter allgemeinem Beifall ſtattgefundenen„Winter⸗ kaſinos“ einlud. Spätere Ankündigungen beweiſen, daß ein tanz⸗ luſtiges Publikum dieſer Aufforderung gern Folge leiſtete. Den höheren Geſellſchaftskreiſen bot im Beginn des Monats Dezember die Einweihung des neuen Hauſes der Muſeumsgeſell⸗ ſchaft Anlaß zur Veranſtaltung eines ebenſo glänzenden als eigen⸗ artigen Feſtes. Schon am 1. November waren die Leſezimmer im dritten Stockwerk nach der langen Straße zu eröffnet worden. Nun waren auch die Geſellſchaftsräume vollendet, eingerichtet und die Mitglieder hatten die Freude, in ihrem neuen Hauſe ein nach den Plänen Wein⸗ brenners hergeſtelltes wohlgelungenes Kunſtwerk, das als ein Muſter geſellſchaftlicher Einrichtungen bezeichnet werden durfte, am Abend des 9. Dezember feierlich einzuweihen. Die aus nahezu 400 Mit⸗ gliedern beſtehende Geſellſchaft war möglichſt vollzählig verſammelt, als die Großherzogin Stephanie das Haus betrat und von einer Deputation unter der Führung des Direktors, Geh. Referendärs und Kammerherrn Freiherrn von Fahnenberg, empfangen und die ſteinerne Treppe des linken Flügels hinauf durch die ſchön geſchmückten und beleuchteten Seitenzimmer unter Pauken- und Trompetenſchall in den ) Einen andern Vorſchlag machte ein„Eingeſandt“ in Nr. 292 der Staats⸗ zeitung, nämlich„auf dem Hügel, wo die drei Monarchen vor dem Allmächtigen niederſanken und beteten, drei Eichen in einem gleichſeitigen Dreieck zur Bezeich⸗ nung der Walſtatt des Heiles zu pflanzen“. — 341— großen Saal eingeführt wurde, an deſſen Eingang die Saalinſpektoren Major Freiherr von Kageneck und Hauptmann Zech ſie ehrfurchtsvoll begrüßten. In dem glänzend erleuchteten Saale waren die Büſten des Großherzogs Karl Friedrich von Kaiſer, ſowie des Großherzogs Karl und der Großherzogin Stephanie aufgeſtellt. Die Großherzogin hatte dem ihr vorgetragenen Wunſche der Muſeumskommiſſion, bei dieſem Anlaß eine einfache„Nationaltracht“ einzuführen, ſtattgegeben und als Feſtanzug vorgeſchlagen,„ein einfaches weißes Kleid von beliebigem Schnitt und Stoff, Sammet und Atlas jedoch ausgeſchloſſen, zu wählen, zum Ausputz einen Gürtel in den badiſchen Hausfarben aus rotem Sammet mit einer in Gold geſtickten ſchmalen Kante, deſſen beide mit Goldfranzen beſetzten Enden auf der linken Seite in eine Schleife gebunden würden, und einen Kopfputz ohne Federn und Blumen mit einem rot ſeidenen oder ſammetnen, mit ſchmalen Gold— kanten verſehenen, in die Haare gewundenen Bande.“ So gekleidet erſchien die Großherzogin ſelbſt mit den Damen ihres Gefolges, und in gleicher Tracht zeigten ſich alle anweſenden Damen der Geſellſchaft. Der Berichterſtatter der Staatszeitung behauptet, daß„dieſe edle Uniformität von der ſchönſten Wirkung“ geweſen ſei und ſpricht die Hoffnung aus, ſie werde„gewiß immer allgemeiner und bleibender werden“. Aber obwohl die Großherzogin verſprach, ſtets in dieſem einfachen Anzug in der Mitte der Muſeumsgeſellſchaft zu erſcheinen, haben wir guten Grund anzunehmen, daß dieſer Gebrauch einer Uni— form im Ballſaal nicht von allzulanger Dauer war. Ihm war der Wunſch der Damen nach Veränderung ihrer äußern Erſcheinung und Einzelner nach Auszeichnung vor den andern nicht förderlich. Nachdem Freiherr v. Fahnenberg die fürſtlichen Gäſte— auch Markgraf Ludwig und Gräfin Amalie v. Hochberg waren anweſend— und die Geſellſchaft begrüßt hatte, folgte ein Bericht des Geh. Legations⸗ rats Ring über die Geſchichte des Baues und eine Rede des Legations⸗ rats Friedrich über den Sinn dieſer Eröffnungsfeier und das Weſen des Inſtituts. Hierauf wurde eine Kantate von Kapellmeiſter Danzi mit unterlegtem Text von Sekretär Römer geſungen, nach deren Schluß die Großherzogin gebeten ward, als erſte ihren Namen in das Geſellſchaftsbuch einzutragen. Indem Großherzogin Stephanie ihre unter den Schiller'ſchen Vers — 342— „Was wir als Schönheit hier empfanden, Wird uns als Wahrheit einſt entgegen gehen“ fetzte, gab ſie der Muſeumsgeſellſchaft einen freudig begrüßten Wahl⸗ ſpruch. Auch der Markgraf Ludwig und die Gräfin Amalie v. Hoch— berg ſchrieben ihre Namen ein. Demnächſt begann der Ball mit einer Polonaiſe, an der Hand des Geſellſchaftsdirektors von der Groß— herzogin eröffnet, die ſich auch weiterhin an den Tänzen beteiligte. Ein Feſtmahl in den Seitenzimmern des großen Saales, ſowie in allen Sälen und Zimmern des unteren Stockwerkes unterbrach um 10 Uhr die Reihen der Tänze, die ſpäter wieder fortgeſetzt wurden, bis gegen ½3 Uhr morgens die Großherzogin mit ihrem Gefolge ſich entfernte. Noch lange Zeit lebte das ſchöne Feſt in der Erinner⸗ ung der Teilnehmer fort. Während der Großherzog mit einigen ſeiner Miniſter in Wien⸗ dem Monarchenkongreſſe beiwohnte, auf dem auch über die zukünftigen Geſchicke des badiſchen Staates beraten und beſchloſſen werden ſollte, war am 1. Dezember in Karlsruhe der Staatsmann geſtorben, der im Vereine mit dem Freiherrn v. Reitzenſtein am meiſten zu den Erfolgen der badiſchen Politik in ſchweren Zeiten beigetragen hatte, Freiherr Georg Ludwig v. Edelsheim. Die Staatszeitung widmete ihm folgenden Nachruf: „Seine ganze Thätigkeit war dem Staat gewidmet, deſſen Wohl er als Chef des Miniſteriums der auswärtigen Angelegenheiten mit der ſeltenſten Redlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit eine große Anzahl Jahre hindurch auch noch im höchſten Lebensalter und bis zum letzten Atemzug beſorgte. In Badens unglücklichſter Periode, beim Einfall im Jahre 1796, blieb er eben ſo mutvoll und thätig an der Spitze der Geſchäfte, als er ſolche in den mancherlei ſpätern höchſtwichtigen Zeitveränderungen mit Umſicht, Erfolg und hoher Würde leitete. Sein Ruhm als Staatsmann und als Menſch verwelkt ſo wenig, als der Dank des Regentenſtammes und des Landes, welchen die allgemeine Teilnahme an ſeinem Verluſt erprobt hat.“ Aus dem letzten Monat des Jahres 1814 iſt noch als bemer⸗ kenswert zu verzeichnen die am 15. Dezember in der Schloßkirche vollzogene Konfirmation des Prinzen Guſtav, Sohnes der Königin von Schweden, der hierauf am 16. Dezember mit allen bei der Konfirmation anweſenden Mitgliedern des Fürſtenhauſes und deren Hofſtaat das Abendmahl empfing— am Todestage ſeines Groß⸗ vaters, des Erbprinzen Karl Ludwig, an welchem ſich die Mark⸗ — 343— gräfin jährlich mit ihren in Karlsruhe anweſenden Kindern zu dieſer heiligen Handlung vereinigte. Ferner das Namensfeſt der Groß⸗ herzogin Stephanie, an welchem die feierliche Einweihung der neu erbauten katholiſchen Pfarrkirche, zu deren Patron— mit Beziehung auf den Namen der dem katholiſchen Bekenntnis angehörenden Großherzogin, welche an dem Bau das lebhafteſte Intereſſe genommen hatte— der heilige Stephan gewählt worden war. Schon am 23. Dezember war im Auftrag des Biſchofs von Konſtanz, Freiherrn v. Dalberg, deſſen Weihbiſchof, Freiherr v. Kolhorn, mit zwei geiſtlichen Räten von Aſchaffenburg in Karlsruhe angekommen und im katholiſchen Pfarrhauſe abgeſtiegen, wo ihn der geiſtliche Miniſterialrat und Stadtdechant Dr. Brunner im Namen der ver— ſammelten katholiſchen Kirchenſektion, der katholiſchen Geiſtlichkeit der Reſidenz und des Kirchenvorſtandes der katholiſchen Gemeinde bewill⸗ kommte. Die Kirche*), eine Nachbildung der ſchönen Rotunde des Kloſters St. Blaſien, war nach den Plänen von Weinbrenner erbaut. ) Im Juni 1894 bei der Abnahme des Turmknopfes der St. Stephans⸗ Kirche zum Zweck der Vergoldung fand ſich im Innern deſſelben, in einer Taſche von Wachsleinwand eingenäht, ein Bogen Pergament, der— auf den beiden innern Seiten beſchrieben— auf der einen Seite den am 24. Oktober 1811 über die Vollendung der Kirche durch Aufſetzen des Thurmknopfes aufgenommenen Akt, auf der anderen Seite aber Abſchrift der am 8. Juni 1808 in den Grund⸗ ſtein der Kirche eingelegten Urkunde enthielt. Die beiden Urkunden haben folgenden Wortlaut: Heute am 24ten Oktober Eintauſend achthundert und Eilf Ward unter Gottes Seegen und ſeiner Menſchen Fleiß auf dem vollendeten Thurn der neuen katholiſchen Kirche dahier in Karlsruhe dieſer Knopf geſetzt, nachdem beſage anliegender Abſchrift auf dem anderen Bladt der Stein hierzu am Sten Juni 1808 gelegt, und bisher die Arbeit ſowohl an der Kirche als dem Thurn verfloß und glücklich fortgeſetzt war unter der oberen Leitung des Herrn Ober Baudirektors Weinbrenner und Mitwirkung nachbenannter Hrn Hru Werkmeiſter Hr. Bau und Maurermeiſter Joſef Berckmüller, Hr. Zimmermeiſter Wein⸗ brenner, Hr Steinhauer Schwindt, Hr Schloſſer Brühlmann, Schieferdecker Becker, Blechner Drechßler, Schreiner Schmidt. Der Grundſtein wovon die Abſchriften der Einlage beygefügt ſind, liegt — 344— Als Vorbereitung zur Einweihung hatte der katholiſche Stadtpfarrer Biechele eine kurze Erklärung der dabei vorkommenden Ceremonien „den Anweſenden zur Belehrung und Erbauung“ veröffentlicht(gedruckt bei Philipp Macklot). Am 26. Dezember, dem Stephanstage, bald nach 9 Uhr morgens unter dem Gewölbe des Cohrs auf dem Roſte nach der Nordſeite, und der Einſatz iſt mit einem durch ein Kreutz bezeichneten eingekitteten Steindeckel verſchloſſen. Urkundlich der Unterſchrift und Siegel des unterzeichneten Vorſtandes Karlsruhe am Tag und Jahr wie oben ſteht. I.S. gez. J. Ohl m. p. Großherzogl. Badiſcher Staats Rath und Gen. Landes Commiſſ. gez. J. Berckmüller Baumeiſter. Ehre ſey Gott in der Hoehe und Friede ſeinen guten Menſchen auf der Erde! Gott Dem liebenden Vater Erlößer und Heiliger aller Menſchen gründet dießen katholiſchen Tempel mit eigener Hand Carl Friderich Großherzog von Baden Herzog von Zähringen, der Beförderer jeder Religion, der beſte Fürſt und Menſch im 80ten Jahre ſeines wohlthätigen Lebens im 62ten ſeiner glücklichen Regierung. Entworfen und aufgeführt von Friederich Weinbrenner Oberbaudirektor, 8 ſeiner Beſtimmung geweiht von Fried. Rothenſee und Joſef Huber Ober und Stadtpfarrern zu dankbarem Andenken des gedeihlichen Vermächtniſſes der Hochſeeligen Frau Markgräfin Marie Victorie von Baden Baden. In des Himmels ſchützende Hand gelegt von den Vorſtehern der katholiſchen Gemeinde Caxl Joseph Oehl, Jos. Malle- brein, Nic. Würz, Jos. und Pet. Berckmüller, Heinr, Böhme aus der Diener⸗ und Bürgerſchaft. Möge dieße Kirche jedem betenden Troſt und Hülfe, dem Lehrbegierigen Unterricht, Heil allem Guten, und den edeln, welche hierzu beytragen, Glück und Seegen auf immer gewähren! den Sten Juni 1808 am 23ten Geburtstage Carl Ludwig Friderich des geliebteſten Erbgroßherzogs, an welchem nämlichen Tage im verfloſſenen Jahre auch der Grundſtein zu der neuen Evangeliſch Lutheriſchen Kirche gelegt ward. Deo Creatori Redemptori Consolatori Hoc templum religioni catholicae sacrum manu fundat propria Carolus Fridericus Magnus Dux Zaringo Badensis, Pietate Virtute Sapientia illustris Prineipum begann die würdige Feier. Die großherzogliche Grenadiergarde und ein ſtarkes Detachement des Linieninfanterieregiments Graf Hochberg hatte ſich vor dem Portal der Kirche aufgeſtellt. Nachdem der Weih⸗ biſchof v. Kolhorn in Begleitung der zahlreichen Geiſtlichkeit und unter dem Geläute aller Glocken an dem Haupteingang der Kirche angelangt, die Weihungsceremonien außerhalb derſelben vollzogen hatte, öffneten ſich alle Eingänge dem zuſtrömenden Volke, und es wird als ein überraſchend ſchöner und rührender Anblick geſchildert, wie in wenigen Minuten der herrliche Tempel mit Andächtigen an⸗ gefüllt war. Die Großherzogin wohnte mit ihrem Hofſtaate der Einweihungsfeier bei, desgleichen der Markgraf Ludwig, die Miniſter, die Generalität, die Vertreter der geiſtlichen und weltlichen Behörden. Nach der Einweihungsrede des Geiſtlichen Rates Brunner über Joh. 4, 23 und 24(die zum Beſten armer Schulkinder ebenfalls bei Philipp Macklot im Druck erſchien) wurde die Weihe im Innern der Kirche fortgeſetzt und mit einem Pontifikalamt beſchloſſen, wozu Muſikdirektor Brandl eine treffliche Muſik komponiert hatte. Während des Tedeums wurden die Kanonen gelöſt. Die ganze Ceremonie, „welche kein religiöſes Gemüt ohne tiefen Eindruck ließ“, endigte nach 1 Uhr. An dieſem und dem darauffolgenden Tage ſpendete der Weihbiſchof mehr als 1700 Perſonen das Sakrament der Firmung. Die„Staatszeitung“ ſchließt ihren Bericht mit folgenden, für den damals herrſchenden Geiſt des Friedens bezeichnenden Worten:„Un— vergeßlich werden dieſe der Religion und dem Vaterlande geweihten Tage allen Einwohnern der Reſidenz ſein und die Bande der Liebe und Eintracht noch feſter knüpfen, welche bereits, bei der Verſchieden— heit des Kirchenglaubens, die Gemüter vereinigt.“ sui gevi Nestor Patriae Pater Anno aetatis LXXX regni LXII. Delineavit extruxit Friedericus Weinbrenner supremus Aedilis, dedicant Friedericus Rothensée et Joseph Huber Parochi in memoriam Beneficae Mariae Victoriae Marchionissae Bada Badensis P. defunctae, fovent Communitatis Catholicae Praepositi Carolus Josephus Oehl, Josephus Mallebrein, Nic. Würz, Jos. et Pet. Berckmüller, Heinr. Böhme, ut Benevolis omnibus semper fiat Benedictio salus et Incrementum. VI Idus Junii MDOOCVIII. Magni Ducis Haeredis Dilectissimi Caroli Ludovici Friderici Die Natali vicesimo tertio, quo Die anno praeterito fundatum fuit Templum Evangelico Lutheranum. —— ů ů — 346— Zur Feier des Namensfeſtes der Großherzogin wurde im Hof— theater bei erleuchtetem Hauſe„Malvina“, Oper in drei Aufzügen von Sekretär Römer, Muſik von Kapellmeiſter Danzi gegeben. Das Jahr 1815. Das Jahr 1815 wurde, als der letzte Tag des„entſcheidenden, ewig denkwürdigen“ Jahres 1814 ſich zu ſeinem Ende neigte, feier⸗ lich eingeläutet. Mit dem Neujahrstag begann das Jubeljahr der Stadt Karlsruhe, von deſſen Erbauung man im bevorſtehenden Juni 100 Jahre zu zählen hatte. Niemand ahnte, daß dieſer Monat neue kriegeriſche Entſcheidungen für den ganzen Weltteil bringen würde, hinter deren Bedeutung der Gedenktag der Erbauung Karls⸗ ruhes in weſenloſem Scheine zurücktreten mußte. Am Portal der im Bau begriffenen evangeliſchen Stadtkirche wurde„ein kurzes religiöſes Lied“ abgeſungen, das weithin durch die Stille der Nacht erklang. Dann ſchallten die Glocken in deren bereits vollendetem Turm wie ein lauter harmoniſcher Geſang, in den alle anderen Kirchenglocken einfielen.„Es war eine ſeltene Freude und eine eigene herzergreifende Empfindung, die ſich aller bemächtigte— ſagt der Bericht der Staatszeitung—, als die Glocken der Schloßkirche, der geſchmack— vollen ſchönen(katholiſchen) Rotunde und jene der Reformierten mit einſtimmten.“ Man ergriff in jenen Tagen, da eben erſt unter Gottes ſichtlicher Führung das Vaterland von ſchwerem Druck befreit worden war, gern jeden Anlaß, die Einigkeit aller chriſtlichen Be— kenntniſſe in den oberſten Grundſätzen der Lehren des Chriſtentums zu betonen. Des Trennenden, das man heute auf allen Seiten ſo ſchroff hervorzuheben liebt, wurde kaum gedacht. Wie in dem Danke gegen die Gnade der göttlichen Vorſehung waren alle Karlsruher und Badener einig in der Liebe zu dem damals in der Ferne weilenden Landesherrn Großherzog Karl. Seinen Namenstag verkündeten am 28. Januar mit Tagesanbruch 101 Kanonenſchüſſe. In der Schloßkirche wurde um 11 Uhr ein feierliches Tedeum gehalten, worauf die Großherzogin die Glück— wünſche der fürſtlichen Familie in ihren Gemächern und in den Courzimmern rechts vom Marmorſaal jene der Miniſter, der Ge⸗ ſandten, des Hofes, des Militärs und der Staatsbeamten entgegen⸗ nahm. Um 3 Uhr war große Tafel von 90 Gedecken in der oberen — 347— Galerie. Abends wurde in dem feſtlich erleuchteten Hoftheater die vieraktige Oper„Marie von Montalban“ von Winter zum erſtenmal aufgeführt. Lauter Jubel des in großer Zahl verſammelten Publikums empfing bei ihrem Eintritt die Großherzogin und die ſämtlichen Mit⸗ glieder des großherzoglichen Hauſes. An der Straße gelegen, welche in direkter Richtung Wien und Paris verband, war Karlsruhe von dem lebhaften Verkehr berührt, der ſich ſeit der Eröffnung des Monarchenkongreſſes zwiſchen Wien und der franzöſiſchen Hauptſtadt entwickelte. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht Kuriere einer oder der andern europäiſchen Macht die badiſche Reſidenzſtadt paſſierten. Am 28. Januar meldete die Staatszeitung die Durchreiſe des großbritanniſchen Botſchafters zu Paris, Herzogs von Wellington, der ſich nach Wien begab und am 21. Februar die Ankunft des großbritanniſchen Miniſters Lord Caſtlereagh, der auf der Reiſe von Wien nach London hier über⸗ nachtete. Am 17. Januar war aus Wien ein Kurier angelangt, welcher eine wichtige Entſchließung des Großherzogs überbracht hatte. Sie betraf die Ernennung einer Kommiſſion, aus den Staatsräten Meier, Herzog und v. Dawans in Karlsruhe, dem Hofrichter v. Zyllnhardt in Mannheim und dem Hofgerichtsrat v. Hennin in Freiburg beſtehend, welcher die Beratung eines von dem Freiherrn v. Marſchall ver⸗ faßten und aus Wien überſandten Entwurfes einer landſtändiſchen Verfaſſung übertragen wurde. Dieſe Kommiſſion eröffnete den 23. Januar ihre Beratungen, welche ſie in zahlreichen Sitzungen bis zum 4. März fortſetzte, um ſodann deren Ergebnis an den Groß⸗ herzog nach Wien zu ſenden. Aber ehe von dort eine Entſcheidung über die verſchiedenen Abänderungsvorſchläge, mit denen die Kommiſſion jenen erſten Ent⸗ wurf begleitete, wieder eintreffen konnte, war am 12. März in Karls⸗ ruhe die Nachricht angelangt, daß Napoleon die Inſel Elba ver⸗ laſſen habe und am 1. März in der Nähe von Cannes an der franzöſiſchen Küſte gelandet ſei. Die Pariſer Zeitungen vom 8., die am 12. März in Karlsruhe hätten eintreffen ſollen, waren— wie die Staatszeitung meinte,„wahrſcheinlich der ſchlimmen Witterung wegen“— ausgeblieben und lediglich Ausſagen von Reiſenden machten zuerſt die hochwichtige Nachricht bekannt. Am 13. März wurde ſie durch drei — 348— Briefe der„Allgemeinen Zeitung“ aus Livorno und die inzwiſchen eingelaufenen franzöſiſchen Blätter beſtätigt, denen die Staatszeitung bereits eine Reihe von Einzelheiten über dieſen überraſchenden, ja verblüffenden Vorgang entnehmen konnte. Am 25. März beſtätigte der Moniteur vom 21. die ſchon ſeit dem 23. in Karlsruhe ver⸗ breiteten Gerüchte von Napoleons Einzug in Paris und vom 28. März an paſſierten nach und nach die am königlich franzöſiſchen Hof be— glaubigt geweſenen Geſandten Oſterreichs, Preußens und Hollands mit ihrem ſämtlichen Geſandtſchaftsperſonale, von Paris kommend, durch Karlsruhe. Schon am 16. März war zwiſchen Kehl und Offenburg ein badiſches Obſervationskorps mit detachierten Poſten zur Beob⸗ achtung der Rheinübergänge bis Baſel unter dem Kommando des Generallieutenants von Stockhorn aufgeſtellt worden. Bald darauf begann man auch, ſich bereit zu machen, um für die etwaigen Opfer des Krieges Heilſtätten zu errichten. Am 3. April wurde in dem ehemaligen Kloſter Frauenalb ein großes Militärhoſpital aufgeſtellt. Von Durchmärſchen fremder Truppen blieb die Reſidenzſtadt auch jetzt, da der Aufmarſch der Truppen der Verbündeten nach der franzöſiſchen Grenze begann, verſchont, aber auf der Straße, die von der Landesgrenze bei Pforzheim über Durlach, Ettlingen, Mühlburg, Raſtatt in die Richtung von Kehl führte, marſchierten unausgeſetzt öſterreichiſche und württembergiſche Truppen. Höhere Führer, wie der Feldzeugmeiſter Graf Colloredo und der Kronprinz von Württem⸗ berg nahmen zeitweiſe kurzen Aufenthalt in Karlsruhe. Am 29. Mai hielt der Kronprinz auf dem ſog. großen Exercierplatz Muſterung über zwei württembergiſche Kavallerieregimenter und eine Abteilung Artillerie. Der Wiederbeginn der Feindſeligkeiten veranlaßte die Polizei⸗ direktion, der Aufſicht auf die Fremden neuerdings ihre beſondere Aufmerkſamkeit zuzuwenden und am 3. Mai 1815 einſtweilen auf zwei Monate eine ſehr erhebliche Verſchärfung der Kontrolle über ankommende und abreiſende Fremde anzuordnen. Wer nicht notoriſch in Karlsruhe wohnhaft und dem Thorſchreiber oder Polizeidiener bekannt war, wurde von dieſen über ſeine Perſon und Reiſe befragt. Um die Angaben der die Thore Paſſierenden gehörig prüfen zu können, wurde auf ausdrückliches Verlangen des großherzoglichen — 349— Gouvernements befohlen, ſchon in einer Entfernung von 20 Schritten vom Thor oder vom Poſten in langſamerem Schritte zu fahren, zu reiten oder zu gehen. Dieſes galt auch für ſolche, die in eigenem Wagen oder mit Extrapoſt reiſten, wenn ſie nicht einen beſonderen, auf der Polizei viſierten Paß beſaßen. Sogenannte„Hauderer“ durften ohne Thorpaß nicht aus den Thoren fahren, weder mit Inſaſſen noch leer, denn es war auch verboten, den Wagen leer vor ein Thor gehen zu laſſen und ſich draußen einzuſetzen. Über⸗ ſchreitungen dieſer Vorſchriften wurden nach Befund mit 5 fl. und höher beſtraft. Am 1. Juli wurde dieſe Verordnung auf weitere zwei Monate verlängert. Die Truppendurchmärſche und die Errichtung von Feldſpitälern ließen befürchten, daß das anſteckende Nervenfieber, auch Lazarett⸗, Lager⸗, Soldaten⸗, Petechial⸗, Fleckfieber, Spitaltyphus, Kriegspeſt u. ſ.f. genannt, wieder ausbrechen werde. Es wurden daher am 13. Mai von den Kreisdirektoren und am 6. Juni von der Sanitäts⸗ kommiſſion des Miniſteriums des Innern eingehende Belehrungen über den Charakter und die Erſcheinungsformen dieſer Krankheit und die Mittel zu ihrer Abwehr und Heilung veröffentlicht. Am 18. Mai morgens nach 7 Uhr kam der Großherzog nach beinahe achtmonatlicher Abweſenheit aus Wien wieder in die Reſidenz⸗ ſtadt zurück. Schon vorher, am 12. Mai, hatte er ſeinen Beitritt zu dem erneuerten Bündnis der Mächte gegen Napoleon vollzogen. Nun wurde der Verkehr zwiſchen Karlsruhe und dem Hauptquartier, das ſich in Heidelberg befand, und durch dieſes auch mit dem Kriegs— ſchauplatz noch reger als bisher. Am 30. Mai traf aus dem Haupt⸗ quartier, von dem Feldmarſchall Fürſten von Schwarzenberg entſandt, der Generaladjutant Graf Clam mit der Nachricht vom Siege der Oſterreicher über die neapolitaniſche Armee und deren Kapitulation ein, welche den Karlsruhern am Morgen des 1. Juni durch hundert Kanonenſchüſſe und das Geläute aller Glocken bekannt gemacht wurde. Auch am Geburtstag des Großherzogs, am 10. Juni, erſchien aus Heidelberg im Auftrag des Kaiſers von Oſterreich ein Spezialgeſandter, der Oberſtallmeiſter Graf v. Trautmannsdorf, zur Beglückwünſchung in Karlsruhe. Und die Kriegsnachrichten wurden jetzt wieder auf Grund der amtlichen Bulletins in großer Ausführlichkeit und ſo raſch als es die damaligen Verkehrsverhältniſſe geſtatteten, in der Staats⸗ zeitung mitgeteilt. Die Kunde von der ſiegreichen Schlacht bei Waterloo kam am Nachmittag des 22. Juni nach Karlsruhe und wurde alsbald durch eine Salve von hundert Kanonenſchüſſen gefeiert. Erſt am 15. Juli erhielt man in Karlsruhe die Nachricht, daß am 6. die alliierten Truppen zum zweiten Mal in Paris eingezogen ſeien und am 24. Juli die Kunde von Napoleons Übergabe an die Engländer. 3 Obwohl man auch in der badiſchen Reſidenzſtadt annahm, daß durch dieſen glänzenden Sieg der— wie die Staatszeitung ſchrieb— „Europa durch den Störer ſeiner Ruhe abgedrungene Krieg wohl in ſeinem Beginnen ſchon beinahe als glücklich beendigt angeſehen werden“ durfte, wurde doch am 22. Juni die Thätigkeit des Frauenvereins wieder aufgenommen. Deſſen Verwaltungskommiſſion erließ einen Aufruf an die Frauen Badens,„welche ihren Wohlthätigkeitsſinn in dem vergangenen Jahre ſo ſchön bewährt haben“, und forderte ſie auf, möglichſt raſch einen Vorrath von Charpie, Bandagen und Kompreſſen zu fertigen und an die Frauen des Verwaltungsausſchuſſes in ihrem Bezirk abzugeben. An den unmittelbar darauf folgenden Tagen hörte man in Karls⸗ ruhe Kanonendonner, vermutlich von der Blokade von Straßburg. Die badiſchen Truppen unter Generallieutenant von Schäffer waren in den Tagen vom 18. bis 23. Juni nach dem Oberlande aufgebrochen und wurden bei Lörrach dem II. k. k. öſterreichiſchen Armeekorps unter dem General der Kavallerie Prinzen von Hohenzollern zugeteilt; ſie überſchritten bei Bafel den Rhein und nahmen an mehreren Ge⸗ fechten im Elſaß, ſowie an der Einſchließung der dortigen Feſtungen teil. Graf Wilhelm v. Hochberg war Militärkommandant im Departement des Oberrheins. Mit großer Entrüſtung hatte man bald nach Wiederausbruch des Krieges in Karlsruhe von den An⸗ griffen Kenntnis genommen, welche in patriotiſchem Übereifer der „Rheiniſche Merkur“(„der ſich herausnimmt, die ganze Welt zu meiſtern und zu ſchelten“) gegen das badiſche Militär wegen an⸗ geblich neuerdings zu Tage getretener Sympathien für Frankreich gerichtet hatte. Beſſer noch als die energiſche Abwehr in der Staats⸗ zeitung vom 4. Mai bewies jetzt die Haltung des badiſchen Korps, das ſich bei allen Anläſſen rühmlich hervorthat, den Ungrund jener Beſchuldigungen. 88 rreeee Rrreee Kriegszeiten mit ihren die Gemüter erregenden Nachrichten ſind beſonders geeignet, den Aberglauben in ſeinen verſchiedenen Er⸗ ſcheinungsformen zu begünſtigen. So darf man denn hier auch nicht ſtaunen, wenn man hört, daß im Junimonat des Jahres 1815 in Karlsruhe die Bevölkerung ſehr erſchreckt wurde, als man während mehrerer Tage drei weiße Tauben auf der Uhr der katholiſchen Kirche bemerkte; dieſe gaben— wie die Staatszeitung unter der Überſchrift „Warnung vor Aberglauben“ mitteilte— den Einfältigen, die ſich an jedem Abend in großer Menge dort einfanden, zu allerlei Mut⸗ maßungen, albernen Auslegungen und Prophezeihungen Anlaß. Der Scherz entdeckte in ihnen die Lilien Frankreichs und der Aberglaube hielt ſie für Vorboten einer Vereinigung der drei Religionen. Das amtliche Blatt hielt es an der Zeit,„die ſtaunenden Zuſchauer wieder ins Geleis und zur Vernunft zurückzuführen“, indem es nachwies, daß die Tauben einem benachbarten Taubenſchlag entflogen waren, in den ein Marder eingebrochen war und mehrere der gefiederten Bewohnerinnen getötet hatte.„Die Übriggebliebenen, die das Glück hatten, zu entrinnen, getrauten ſich nicht, in ihre Wohnung umzukehren. Sie ließen ſich zwar im Hauſe; wohin ſie gehörten, füttern, flogen aber gegen Abend, ſcheu und ſchüchtern gemacht, nicht in den Schlag, ſondern auf die Uhr der Kirche, wo ſie auf dem Zwölfer bequem ruhten, weil ſie auf dem Fünfer oder Sechſer nicht ſitzen konnten, indem ſie keine Zaubertauben und übernatürliche, ſondern gewöhnliche Haustauben ſind. Es iſt nun zu hoffen, daß künftig die Beſuche bei ihnen unterbleiben und ihre Bewunderer ſich beſchämt zurück⸗ ziehen werden.“ Beunruhigungen, welche durch ſolch' harmloſe Erſcheinungen wie dieſe Tauben auf der Kirchenuhr hervorgerufen wurden, waren leicht zu zerſtreuen, aber dieſes war nicht der Fall hinſichtlich der Sorgen, welche für Staat und Gemeinde aus den großen Anſprüchen erwuchſen, die der neuerdings ausgebrochene Krieg an ihre finanzielle Leiſtungsfähigkeit ſtellte. Am 22. Juni 1815 ſah ſich die Verwaltung der General-Staatskaſſe genötigt, in einer öffentlichen Bekanntmachung zu verkündigen, daß es unmöglich ſei, neben den— nur auf die dringendſten Staatsbedürfniſſe beſchränkten— laufenden Zahlungen auch zugleich die durch die Zeitumſtände und beſonders den Krieg von 1814 verurſachten Paſſivrückſtände der Staatskaſſen an Handwerksleute und Lieferanten durch bare Mittel zu berichtigen und daß daher das Finanzminiſterium verordnet habe, für ſämmtliche dergleichen Forderungen, die vor dem 1. April 1815 zahlbar waren, Kaſſenſcheine auszuſtellen, welche mit 6 Prozent verzinſt, aus dem Erlös eigens hierzu beſtimmter Domänen bezahlt und bis ſpäteſtens 1. Juli 1818 wieder eingelöſt werden ſollen. Dieſe Kaſſen⸗ ſcheine ſollten auf Grund einzureichender Liquidationen bis zum 1. Auguſt ausgegeben werden. Eine Woche ſpäter ſetzte das Bürgermeiſteramt die Einwohner von Karlsruhe in Kenntnis, daß der wieder ausgebrochene Krieg auch die Reſidenzſtadt durch bare Geldpräſtationen und Lieferungen in die Magazine nach Gengenbach, Durlach und Mühlburg bis jetzt in einen Koſtenaufwand von mindeſtens 16000 fl. geſetzt habe. Da die Zahlungen an die Lieferanten ſchnell gedeckt werden müßten, ſei von der Kriegskommiſſion im Miniſterium des Innern verfügt worden, proviſoriſch nach dem Schatzungsfuß zunächſt 8000 fl. von der Ein⸗ wohnerſchaft zu erheben. Der Verrechner Hauer ſei zur Erhebung angewieſen und man empfehle dringend, auf demnächſt ergehende Auf⸗ forderung ſchleunige Bezahlung zu»leiſten. Da der Verlauf des Krieges annehmen ließ, daß in nicht ferner Zeit der Reſidenzſtadt wieder Einquartierung zufallen werde, wurde am 31. Juli eine neue Einquartierungskommiſſion gebildet. Vom großherzoglichen Armeekorps waren iheh Nach⸗ richten über deſſen rühmlichen Anteil an dem Gefecht vom 9. Juli, bei eiuem Ausfall der Straßburger Garniſon, eingelaufen, wobei der jüngſte Sohn des verewigten Großherzogs Karl Friedrich, Graf Maximilian von Hochberg, verwundet worden war und ſich durch hervorragende Tapferkeit beſondere Erwähnung im Tagesbefehle des kommandierenden Generals, Prinzen von Hohenzollern, erworben hatte. Auch ſpäter noch erfreute ſich die Reſidenzſtadt an dem Kriegsruhm der Landsleute, ſo aus Anlaß von Gefechten bei Neubreiſach am 2. und 5. Auguſt und bei der Blokade von Hüningen. Die hervor⸗ ragende militäriſche Tüchtigkeit des Grafen Wilhelm von Hochberg kam in allen Berichten vom Kriegsſchauplatz beſonders zur Geltung. Die Aufhebung der Blokade von Straßburg machte ſich auch in Karlsruhe durch die Wiederherſtellung der Poſtverbindung fühlbar. Am 6. September kamen, zunächſt noch anf Umwegen, zum — 353— erſtenmal wieder Briefe von Straßburg in Karlsruhe an, am 13. Sep⸗ tember traf die Straßburger Poſt wieder auf direktem Weg über Kehl in der Reſidenzſtadt ein, aber erſt am 21. September ver⸗ öffentlichte die Oberpoſtdirektion, daß„der reitende und fahrende Poſtenlauf zwiſchen Kehl, Straßburg und ganz Frankreich wieder vollkommen hergeſtellt“ ſei. Während dieſes kurzen Feldzuges war auch zum erſten Mal bei dem badiſchen Armeekorps eine Feldpoſt zur Beſorgung aller in das Feld gehenden und von daher kommenden offiziellen und Privat⸗ korreſpondenz eingerichtet. Infolge dieſer Einrichtung wurden die bisher üblichen„Armee-Botengänge“ ſtreng unterſagt. Der Verkehr zwiſchen dem Kriegsſchauplatz und dem Inneren von Deutſchland machte ſich auch jetzt wieder in Karlsruhe durch ver— mehrten Fremdenbeſuch bemerkbar, über welchen die im Intelligenz⸗ blatt veröffentlichten Fremdenliſten Auskunft erteilen. Durch beſondere Hervorhebung in der Staatszeitung erhalten wir Kunde von einem Beſuche des Kronprinzen von Württemberg, der auf der Rückreiſe aus Frankreich über Dijon und Baſel am 9. Oktober Karlsruhe berührte, von der Durchreiſe der Großfürſten Nikolaus und Michael von Rußland am 11. Oktober und der Prinzen Friedrich und Clemens von Sachſen, die im Gaſthofe zum„Zähringer Hof“ abſtiegen und vom 13. bis 15. Oktober in Karlsruhe verweilten. Nicht vom Kriegsſchauplatze her, ſondern nach vollendeter Badekur aus Baden kommend, verweilte vom 24. bis 28. September der Großherzog Karl Auguſt von Sachſen-Weimar in Karlsruhe, wo er in dem Palais des Markgrafen Ludwig abſtieg. Der zum kaiſerlich öſterreichiſchen Kom⸗ miſſär auf der Inſel St. Helena, dem künftigen Aufenthaltsort Na⸗ poleons, beſtimmte Baron v. Stürmer paſſierte Karlsruhe, aus Frank⸗ reich kommend, auf der Reiſe nach Wien am 30. Juli und wieder auf der Rückreiſe nach Paris am 30. September. Zu den Fremden von Auszeichnung, welche im Laufe des Jahres 1815 Karlsruhe beſuchten, gehörte auch Goethe. Am Schluß der Fremdenliſte, die das Intelligenz- und Wochenblatt vom Mittwoch 4. Oktober als„in verſchiedenen hieſigen Gaſthäuſern“ angekommen veröffentlicht, ſteht:„Hr. Geheime Rat v. Göthe aus Weimar“. Am Schluß einer längeren Reiſe in den Rheinlanden war der große 23 — 354— Dichter in Geſellſchaft ſeines Freundes Sulpiz Boiſſerse am Diens⸗ tag den 3. Oktober morgens 6 Uhr von Heidelberg abgereiſt und gegen 1 Uhr in Karlsruhe eingetroffen. Nach Tiſch galt ſein erſter Beſuch dem Geh. Hofrat Jung-Stilling. Das Wiederſehen mit dem alten Bekannten, auf das er ſich ſichtlich gefreut hatte, war jedoch ſehr unerquicklich. Goethe, damals auch ſchon ein Mann von 66 Jahren, trat dem um neun Jahre älteren Jung, wie Boiſſerée erzählt, ſo herzlich und jugendlich wie möglich entgegen, fand aber ſehr kühle und ablehnende Aufnahme. Am meiſten kränkte ihn Jung's Ausruf:„Ei, die Vorſehung führt uns ſchon wieder zuſammen!“ Darauf bezieht ſich die Außerung in einem Briefe, den Goethe aus Karlsruhe an Knebel richtete:„Jung iſt leider in ſeinem Glauben an die Vorſehung zur Mumie geworden.“ Abends beſuchte Goethe mit Boiſſerke das Hoftheater— in ſein Tagebuch notierte er „Schöner Saal“—, wo zum erſtenmal„Der Hausdoktor“, Original— luſtſpiel in 3 Akten von Ziegler und„Die Feuerprobe“, Luſtſpiel in 1 Akt von Kotzebue gegeben wurde. Am Morgen des 4. Oktober begaben ſich die Freunde mit Geh. Hofrat Gmelin in den botaniſchen Garten und beſichtigten mit beſonderem Intereſſe die Treibhäuſer. Nach der Table d'höte verbrachten ſie einige Stunden wieder in Gmelins Begleitung im Naturalienkabinet; Goethe verzeichnet in ſeinem Tage— buch:„Mineralogie und Geologie. Muſcheln. Vögel. Verſteinerungen. Oeningen. Bolca“. Hierauf beſuchten ſie Gmelin in ſeinem Hauſe, wo Goethe an der Vallniseria spiralis, dem merkwürdigen, gewiſſer⸗ maßen ſich ſelbſt bewegenden Waſſerpflänzchen, das Gmelin von Montpellier mitgebracht hatte, beſonderes Intereſſe nahm. Während ihrer Anweſenheit erſchien der Staatsrat v. Sensburg, der aber nicht lange blieb, die Oberforſträtin Laurop mit einigen anderen Frauen, und Hebel, deſſen perſönliche Bekanntſchaft Goethe machen wollte. Wie ſehr er ihm gefiel, beweiſt die briefliche Außerung an Knebel:„Hebel iſt ein ganz trefflicher Mann.“ Frau Laurop nötigte Hebel, eines ſeiner alemanniſchen Gedichte vorzutragen, das er ihr zuliebe, die als Niederdeutſche das Alemanniſche nicht verſtand, in's Hochdeutſche überſetzen mußte. Darüber ward Goethe grimmig: man ſollte doch, meinte er, dem Dichter die Ehre anthun, ſeine Sprache zu lernen. Er lobte das Oberländiſche und ſagte zur Bekräftigung ſelbſt„etwas ſich auf ein Liebchen beziehendes Elſäſſiſches her.““ Als Boiſſer'e um ½10 Uhr abends in den Gaſthof“) zurückkam, wohin ſich Goethe unmittelbar von Gmelins Hauſe begeben hatte, fand er Muſik vor ſeinen Fenſtern. Goethe ging vergnügt im Dunkeln in ſeinem Zimmer ſpazieren. Am 5. wurde Oberbaudirektor Wein⸗ brenner beſucht. Goethe freute ſich der neu errichteten Bauten des von ihm bekanntlich überaus hochgeſchätzten Architekten, von denen er das Palais Hochberg und das Muſeum beſonders hervorhebt. Im Muſeum, wo er einige Zeit verweilte, ſah und notierte er eine dort ausgeſtellte Kopie nach P. Potter(ohne Zweifel das unter Nr. 289 des Katalogs der Gemäldegallerie verzeichnete Bild:„Zwei ſtehende und ein liegendes Rind, dahinter ein Schaf, am Pfahle ſich reibend. Dunkler Himmel“). In den Geſellſchaftsräumen nahm Goethe ein Frühſtück ein und hatte Gelegenheit, dem Vorſtand, welcher die Abendmuſik veranſtaltet hatte, ſeinen Dank auszuſprechen. Hierauf beſichtigte er unter Weinbrenners Führung das Theater, beſuchte den Prinzen Ludwig und verweilte nochmal einige Zeit in dem Naturalienkabinet(das Tagebuch notiert:„Conchilienſyſtem“). Nach Tiſche wurde um ½2 Uhr wieder bei ſchönſtem Herbſtwetter („ein unglaublich ſchöner Tag“ ſchrieb Goethe an Knebel) nach Heidelberg zurückgereiſt. Die Staatszeitung, die jeden durch Karls⸗ ruhe reiſenden Kurier gewiſſenhaft verzeichnete, nahm von Goethes Anweſenheit in der Reſidenzſtadt keine Notiz. Dagegen teilte ſie am 21. Oktober mit, daß„Nachrichten aus Weimar zufolge daſelbſt Geh. Rath v. Göthe von ſeiner Reiſe nach den Rheingegenden am 11. d. wohl und geſund, voll Kraft und Laune wieder eingetroffen“ ſei. In dem zu Karlsruhe reſidierenden diplomatiſchen Korps waren im Laufe des Jahres 1815 mehrfache Veränderungen vor⸗ gegangen. Am 22. Juni überreichte der neue ruſſiſche Geſandte Freiherr v. Maltitz ſeine Kreditive, am 1. Juli empfing der Groß⸗ herzog in Antrittsaudienz den öſterreichiſchen Geſandten Grafen Trautmannsdorff und am 10. September den hannover'ſchen Geſandten Baron v. Reden. Während des Sommers 1815 war die Reſidenz der Markgräfin Amalie das Schloß in Bruchſal, und ſpäter Baden-Baden der ) Da die Fremdenliſte die Gaſthöfe, in denen die Fremden wohnten, nicht aufführt, können wir nicht mit Sicherheit feſtſtellen, wo Goethe wohnte. 23* — 356— Vereinigungspunkt der fürſtlichen Familie und zahlreicher Gäſte; auch die Kaiſerin von Rußland nahm wieder längere Zeit hindurch ihren Aufenthalt am Hoflager ihrer Mutter, bis ſie am 1. November ihre Rückreiſe nach Rußland antrat. Zwiſchenherein kamen die Fürſt⸗ lichkeiten auch einige Male zu kurzem Aufenhalt nach Karlsruhe. Die faſt gleichzeitig mit der Siegesnachricht von Waterloo eintreffende Botſchaft vom Heldentode des Herzogs von Braunſchweig bei Quatre⸗ bras trübte die Freude über die glänzende Waffenthat der Alliierten, welche Europa einen dauernden Frieden zu verbürgen ſchien. In der erſten Hälfte des Oktober begann das großherzogliche Armeekorps unter dem Oberbefehl des Generallieutenants v. Schäffer den Rückmarſch aus der Umgegend von Straßburg nach der Heimat anzutreten. Am 18. dieſes Monats hielt der Großherzog auf der Raſtatter Heide eine große Heerſchau über ſeine Truppen, mehr als 20000 Mann, die dort in ſchönſter Haltung aufmarſchiert waren. Von denſelben rückten am 20. Oktober die Garde zu Pferde, die Gardegrenadiere, die reitende und die Fußartillerie, das Infanterie⸗ regiment v. Stockhorn, das Jägerbataillon und eine Abteilung Dragoner in Karlsruhe ein. Am Abend des 18. Oktober wurde in der badiſchen Reſidenz⸗ ſtadt zum zweitenmale der Gedächtnistag der Völkerſchlacht bei Leipzig feſtlich begangen. Abends zwiſchen 5 und 6 Uhr verſammelten ſich die Teilnehmer in dem großen Hofe des Zimmer⸗ meiſters Küenzle in der Spitalſtraße. Von hier bewegte ſich bei einbrechender Nacht der Zug: die Inſtrumentalmuſik, die Mädchen und Knaben der Singanſtalt je vier und vier, der Marſchall, die Feſtteilnehmer ebenfalls zu vier und vier, alle die Hüte mit Eichen⸗ laub bekränzt, von 14⸗ bis 16jährigen Knaben, welche Fackeln trugen, begleitet durch die neue Adlergaſſe, die Lange Straße, die Waldhorn⸗ gaſſe, links neben der Kaſtanienallee an der ganzen Faſſade des Schloſſes vorbei, worauf er ſich links von der Kettenallee in die Waldgaſſe wendete und die Lange Straße hinauf bis zum Marktplatz, die Schloßſtraße entlang, zum Ettlinger Thor hinaus marſchierte. Dort wurden die Feſtgenoſſen durch die von der Bürgerartillerie bediente Batterie mit Kanonenſchüſſen begrüßt, worauf ſie ſich im Halbkreis aufſtellten, während Muſik, Sänger und Sängerinnen die für ſie errichteten Tribünen beſtiegen. Hierauf wurde eine von Ober⸗ 5 hofprediger Walz gedichtete und von Muſikdirektor Brandl in Muſik geſetzte Kantate geſungen. Der an dieſe ſich anſchließenden Feſtrede folgte ein von den Sängern angeſtimmter Geſang, deſſen Kehrreim alle Auweſenden mitſangen, nach der Melodie„Zieht ihr Krieger, zieht von dannen“. Dem Geſang ſchloſſen ſich die Toaſte auf den Großherzog und das großherzogliche Haus, auf die alliierten deutſchen Mächte, auf die alliierten Armeen und beſonders das tapfere vater—⸗ ländiſche Armeekorps an, welche von Pauken, Trompeten und Artillerie⸗ ſalven begleitet wurden. Nachdem zum Schluſſe noch das Lied„Ein— tracht und Liebe“ geſungen worden war“), begab ſich der Zug wieder in der gleichen Ordnung in die Stadt zurück. Im Monat Dezember 1815 tauchten zuerſt Gerüchte auf, die im Laufe der nächſten Jahre ſo oft und in der peinlichſten Weiſe die Gemüter der Karlsruher beunruhigten und die Empfindungen ihrer Treue und Anhänglichkeit an das Herrſcherhaus beleidigten. Im„Hamburgiſchen unparteiiſchen Korreſpondenten“ behauptete ein „vom Main den 26. November“ datierter Artikel, die Pfalz ſolle an Bayern fallen, wenn die direkte Linie des jetzt regierenden Groß— herzogs erlöſche, das„Journal de Francfort“ erteilte die Pfalz in dieſem Falle an Oſterreich und fügte das ehemalige Breisgau noch hinzu. Die Staatszeitung, welche dieſer Nachrichten in ihrer Nummer 344 vom 12. Dezember Erwähnung that, fügte denſelben folgende Bemerkungen hinzu: „Zeitungsſchreiber und Journaliſten ſollten beſcheiden genug ſein, ihren Leſern bloße Thatſachen anzuführen und ſich nicht erlauben, ihre Meinungen über zukünftige Ereigniſſe als abgeſchloſſene Verträge darzuſtellen. Dieſer ganze Artikel trägt an und für ſich das Gepräge ſeiner Unächtheit, da nach ihm die zur Nachfolge berechtigten Mitglieder des großherzoglich badiſchen Hauſes von der Erbfolge in die befragten Landesteile ausgeſchloſſen wären, welches nie der Fall ſein kann. Aber abgeſehen auch hiervon wird niemand dieſer Nachricht Glauben beimeſſen, wenn man erwägt, daß der einzige Zweck der hohen ver⸗ bündeten Mächte nur dahin ging, der Welt den Frieden wieder zu geben, Ruhe und Ordnung herzuſtellen, das Band zwiſchen Regenten und Völkern feſt und unauflöslich zu knüpfen und es dieſem Zweck wenig angemeſſen erſcheint, neue Ungewißheit über die künftige Exiſtenz eines Landes zu erregen.“ 95 Das Programm dieſer Feier und die Texte der Geſänge ſind in dem Intelligenz- und Wochenblatt vom 18. Oktober 1815 abgedruckt, — 358— Das Jahr 1816. So zuverſichtlich auch dieſe amtliche Außerung lautete, ſo war dennoch die badiſche Regierung ſehr beſorgt über das Ergebnis von Verhandlungen zwiſchen Oeſterreich und Bayern, welche eine Ent⸗ ſchädigung dieſes Staates betrafen, wobei die oben angedeutete Even⸗ tualität ins Auge gefaßt war. Als am 12. Mai 1816 Graf Wilhelm von Hochberg von einer ſchon im verfloſſenen Winter unternommenen Reiſe aus St. Petersburg zurückkehrte, über deren Zweck die Ein⸗ wohnerſchaft Karlsruhes natürlich nicht unterrichtet war, brachte er befriedigende Nachrichten mit, welche zu der Erwartung berechtigten, daß Rußland einer etwaigen Gebietsveränderung zu Ungunſten Badens nicht zuſtimmen werde. Geburt eines Prinzen. Von beſonderer Bedeutung war aber bei dieſer Sachlage, daß in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1816 die Großherzogin von einem geſunden Prinzen entbunden wurde. Hohe Freude und die Erfüllung der ſehnlichſten Wünſche brachte dieſes Ereignis dem Fürſtenhauſe und dem badiſchen Lande. Am 2. Mai um 4 Uhr Morgens wurde es durch eine Artillerieſalbe von 101 Kanonenſchüſſen der Reſidenz verkündet und um 7 Uhr ſchon fand in der Schloßkirche ein feier⸗ licher Dankgottesdienſt ſtatt. Die Nummer 122 der Staatszeitung, welche die freudige Nach⸗ richt mitteilte, enthielt ein mundartliches Gedicht an den neugeborenen Prinzen„von einem Schwarzwälder“, das mit den ſinnigen Verſen beginnt: „Lang ſchun he' mer uf di g'wart, Doch zur rechte Zit biſch kumme, Noh de Stürme, mit de Bluhme, Wu ſi's Lebe offebart.“ Die von dem Leibarzt Dr. Kramer unterzeichneten Bulletins, deren letztes am 10. Mai erſchien, gaben Kunde von dem— ab—⸗ geſehen von einem raſch wieder beſeitigten Milchfieber— vortreff⸗ lichen Befinden der Großherzogin und des neugebornen Erbgroßherzogs. Am 3. Mai fand im Hoftheater eine Feſtvorſtellung ſtatt, eröffnet durch ein von dem Hofſchauſpieler Cäſar Max Heigel gedichtetes und von Muſikdirektor Brandl komponiertes Feſtſpiel„Das Orakel“, ———...— — 359— welchem die Oper„Joconde oder das Roſenfeſt“(der franzöſiſche Text von Miniſterialſekretär Römer verdeutſcht) von Iſouard folgte. Am Abend des 5. Mai wurde— da bis dahin ungünſtige Witterung die Veranſtaltung öffentlicher Freudenbezeugungen ver— hindert hatte— die Stadt beleuchtet, und auf mehreren öffentlichen Plätzen waren durch den Stadtmagiſtrat mancherlei Volksbeluſtigungen angeordnet. Aus allen größeren Städten des Landes liefen Nach⸗ richten über feſtliche Veranſtaltungen zu Ehren dieſes freudigen Er— eigniſſes ein und verſchiedene Amter entſandten Abordnungen, um dem Großherzog die Glücks- und Segenswünſche der Bevölkerung darzubringen. Am 12. Mai erließ Bürgermeiſter und Stadtrat von Karlsruhe eine Bekanntmachung, wonach zur Feier der glücklichen Entbindung der Großherzogin aus dem zur Ausſtattung für tugend⸗ hafte Mädchen beſtimmten Stiftungskapital der Markgräfin Maria Viktoria die bis zu dieſem Jahre noch nicht vergebenen 9 Preiſe ver⸗ teilt werden ſollten und die Bewerber aufgefordert wurden, ſich in den nächſten 6 Tagen zu melden. Zu allgemeiner Beſtürzung erkrankte der kleine Prinz am 23. Juni lebensgefährlich, ſo daß ihm noch am gleichen Tage die Taufe erteilt werden mußte. Hierbei vertrat Markgraf Ludwig den erſten Tauf⸗ paten, Kaiſer Alexander von Rußland. Nach dieſem und den weiteren Paten, dem König von Bayern und dem Erbgroßherzog von Heſſen erhielt der Erbgroßherzog die Namen Alexander Maximilian Karl. Glücklicherweiſe erholte ſich der Prinz raſch wieder und wurde am 30. Juni,„zur Feier des glücklichen Hervorgangs der Großherzogin“, dem verſammelten Hofe vorgeſtellt. Hierauf fand große Cour, Hof⸗ tafel und Abends Feſttheater„bei doppelt beleuchtetem Hauſe“ ſtatt. Es wurde die Oper„Guliſtan“ von d'Aleyrac aufgeführt, und der großherzogliche Hof, mit welchem der auf der Durchreiſe nach Baden nachmittags in Karlsruhe eingetroffene Prinz Karl von Bayern im Hoftheater erſchien, wurde von dem zahlreich verſammelten Publikum mit lautem Jubel empfangen. Eine allgemeine Beleuchtung der Reſidenzſtadt ſchloß den feſtlichen Tag. Hof und Politik. Noch einmal, am Schluſſe des Jahres 1816 fand im Hoftheater eine Feſtvorſtellung ſtatt, am 26. Dezember, dem Namensfeſte der — 360— Großherzogin. An dieſem Tage wurde bei beleuchtetem Hauſe zum erſtenmal das komiſche Singſpiel„Turandot“ nach Carlo Gozzi mit Muſik von Kapellmeiſter Danzi aufgeführt, welchem am 30. Dezember, aus dem gleichen Anlaß„Bal paré et masqué“ folgte. Viele fürſtliche und andere hochgeſtellte Perſonen ſtatteten im Laufe des Jahres dem großherzoglichen Hofe Beſuche ab oder paſſierten mit kürzerem oder längerem Aufenthalt Karlsruhe. Die Staatszeitung führt u. a. auf: die Herzogin-Witwe von Naſſau, welche ihre Tochter, die Markgräfin Friedrich beſuchte, den Großherzog von Sachſen-Weimar, der— wie im Vorjahre— beim Markgrafen Ludwig abſtieg, den ſpaniſchen Botſchafter am öſterreichiſchen Hofe, Herzog von San-Carlos, den Herzog von Kent, den ſpaniſchen Bot— ſchafter in St. Petersburg, Ritter de Zea Bermudez, den Geſandten des Schah von Perſien am franzöſiſchen Hofe, den ruſſiſchen General Graf Roſtoptſchin(berühmt als Urheber des Brandes von Moskau), den unter dem Namen eines Grafen v. Diepholz reiſenden Herzog von Cambridge. Der Beſuch des Königs von Württemberg, der am 24. Juli abends 7 Uhr ganz unerwartet ankam, in der Wohnung ſeines Ge— ſandten abſtieg und erſt am nächſten Morgen dem Großherzog ſeine Ankunft melden ließ, galt offiziell als Erwiederung des Beſuches, den ihm der Großherzog im vorigen Jahr zu Stuttgart abgeſtattet hatte. In Wahrheit aber hing er mit der Abſicht des Königs, der über die auf dem Wiener Kongreß beſchloſſene Neugeſtaltung Deutſch— lands ſehr ungehalten war, zuſammen, innerhalb des deutſchen Bundes eine gegen das Übergewicht Oſterreichs und Preußens gerichtete engere ſüddeutſche Verbindung zu ſtiften. Er fand indes für ſeine Pläne hier ebenſowenig als in München und Darmſtadt ein geneigtes Gehör, und reiſte daher, nachdem er an einer großen, ihm zu Ehren veran— ſtalteten Hoftafel teilgſenommen und mit dem Großherzog eine Spazier— fahrt durch die Faſanerie und den Schloßgarten gemacht hatte, ſchon am 25. Juli abends 5 Uhr wieder nach Stuttgart zurück. Der Großherzog und die Großherzogin waren längere Zeit von Karlsruhe abweſend, indem ſie, die Monate Auguſt und September teilweiſe im Schloſſe Favorite bei Raſtatt, teilweiſe im Bade Gries⸗ bach zubrachten. Im diplomatiſchen Korps gingen auch wieder einige Ver— 3641— änderungen vor ſich. In der Perſon des Grafen Montlezun wurde ein neuer franzöſiſcher Geſandter am badiſchen Hofe beglaubigt, der württembergiſche Geſandte Graf Gallatin wurde von ſeinem Poſten abberufen und Preußen ſandte einen Geſchäftsträger, den Legationsrat Varnhagen von Enſe, dem wir lehrreiche Aufzeichnungen über die Zeit ſeines Aufenthaltes in der badiſchen Reſidenzſtadt verdanken, welche im Jahre 1859 in dem 9. Bande ſeiner Denkwürdigkeiten und ver⸗ miſchten Schriften veröffentlicht wurden. In politiſcher Beziehung iſt aus dieſem Jahre nur zu erwähnen, daß am 16. März eine Verfügung des Großherzogs auf Grund der bereits vollzogenen Vorarbeiten für Einführung einer land ſtändiſchen Verfaſſung die Eröffnung der erſten ſtändiſchen Verſammlung auf den 1. Auguſt ankündigte, wogegen am 29. Juli eine landesherrliche Bekanntmachung erging, welche erklärte, daß die Hoffnung des Groß⸗ herzogs, bis zu dem genannten Zeitpunkt diejenigen Gegenſtände der deutſchen Bundesverfaſſung, mit welchen er die beſondere Verfaſſung des Großherzogtums in Einklang zu ſetzen gedachte, durch nähere Übereinkunft mit den ſämtlichen Bundesgliedern zu verabreden und zu beſtimmen, zur Zeit noch nicht in Erfüllung gegangen ſei und er ſich daher veranlaßt ſehe, die dem Lande zu gebende ſtändiſche Kon⸗ ſtitution, welche bereits vollendet zu ſeiner Sanktion vorliege, für jetzt noch nicht zu verkünden. Einweihung der evangeliſchen Stadtkirche. Am Pſingſtſonntag dieſes Jahres eröffnete ſich unter dem Ge⸗ läute der Glocken die vollendete neue evangeliſche Stadt- und Karls⸗ kirche zum erſtenmal der lutheriſchen Gemeinde. Sobald der Groß⸗ herzog mit den übrigen höchſten Herrſchaften erſchienen war, wurden die heiligen Gefäße unter dem Vortritt von 24 Schülern und Schülerinnen in feierlichem Zuge aus der reformierten Kirche, in der ſie ſeit dem Abbruch der Konkordienkirche im Jahre 1807 aufbewahrt waren und beide Konfeſſionen ihren Gottesdienſt abwechſelnd hielten, nach einer kurzen Abſchieds- und Dankrede des Archidiakonus Martini von den Geiſtlichen dem Altar entgegengetragen und dort niedergeſetzt, während eine von dem Hoforcheſter unter Leitung des Muſikdirektors Brandl aufgeführte Symphonie ertönte. Dann nahm nach einleitendem Orgelſpiel der Gottesdienſt ſeinen Anfang mit vierſtimmigem Geſang, an welchem die Sänger und Sängerinnen des Hoftheaters nebſt den Schülern und Schülerinnen des Sing⸗ inſtitutes teilnahmen. Der Predigt des Kirchenrats und Dekans Knittel folgte die Weiherede des Oberhofpredigers Walz. Dazwiſchen erklangen die von der Gemeinde geſungenen Choräle. Den Preis— geſang„Herr Gott dich loben wir“ begleiteten 100 Kanonenſchüſſe. Auf die Verſammelten machte tiefen Eindruck die Kommunion der am Altar knieenden Geiſtlichen, die Vornahme mehrerer Taufen und die Einſegnung der Jubelhochzeit des Ehepaares Hambel, das zu— ſammen 174 Jahre zählte. In ungetrübter Andacht der Gemeinde— glieder verlief das erhebende Feſt, zu welchem viele Fremde herbei— gekommen waren, die ſich mit jenen der Weihe des ſchönen Kirchen— gebäudes freuten und dem Baumeiſter, Oberbaudirektor Weinbrenner, ehrende Anerkennung zollten. Naturereigniſſe und deren Folgen. Das heitere Wetter dieſes feſtlichen Tages, welches der Feſt—⸗ bericht der Staatszeitung beſonders hervorhebt, war eine Ausnahme in dem regneriſchen Sommer des Jahres 1816, in welchem nach einer zuſammenfaſſenden Darſtellung, die Hofrat Böckmann Ende Juni veröffentlichte, bis dahin nur wenige ſchöne Tage zu verzeichnen waren, im Gegenteil ſeit mehr als 6 Wochen ſehr unfreundliche düſtere Witterung herrſchte und ungeachtet der niedrigen Temperatur meiſtens gewitterdrohende Wolken am Himmel ſtanden. Dieſer fort⸗ dauernd abnorme Gang in der Witterung wirkte mehr oder weniger nachteilig auf die organiſche Natur und erregte die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit der Menſchen, wodurch mancherlei, zumteil beunruhigende falſche Ideen ausgeſtreut wurden, welche hier und da Wurzeln faßten und gegen deren Umſichgreifen und für deren— wo möglich— völlige Zerſtöruug der genannte angeſehene Naturforſcher aufzutreten ſich verpflichtet fühlte. Er hielt einen Einfluß des großen und merkwürdigen Kometen von 1811, ſeit deſſen Erſcheinen alle Sommer auffallend kühl waren, auf unſer Sonnenſyſtem und dadurch auch auf die Erdatmoſphäre nicht ausgeſchloſſen, verbreitete ſich über die Sonnenflecken(deren fortgeſetzte Beobachtung übrigens in dieſem Jahre bei dem meiſt bewölkten oder nur weißlichblauen Himmel ebenſowenig als befriedigende Meſſungen über die Lichtſtärke der — 363— Sonne[durch Photometer] möglich war) und beruhigte endlich die Gemüter, welche die allmähliche Erkaltung der Erde für die Urſache der ungewöhnlich kühlen Witterung hielten, durch die Berechnung, daß unſere mittlere jährliche Wärme erſt nach Verfluß von 10,000 Jahren etwa um 1 Grad abgenommen haben würde, ohne jedoch zu einem poſitiven Ergebnis ſeiner Unterſuchungen zu gelangen. Die Meteorologen erinnerten daran, daß im Unglücksjahre 1770 ähnliche Witterungsverhältniſſe geherrſcht hatten. Profeſſor von Bohnenberger in Tübingen teilte aus dem Nachlaß ſeines Vaters dem Hofrat Böckmann mit, daß man 1770 bei Calw von Mai bis September 91 Regentage verzeichnet hatte, während in der gleichen Zeit des Jahres 1816 die Zahl der Regentage in Karlsruhe 98 betrug. Infolge des vielen Regens trat im Monat Juni der Rhein aus ſeinen Ufern und überſchwemmte die niedrig liegenden Dammfelder und Wieſen der angrenzenden Gemeinden, wodurch viele Feldgewächſe zu Grunde gingen, insbeſondere die Heuernte ganz verunglückte. Namentlich aus Rußheim und Linkenheim wurden ſchwere Schädi⸗ gungen der Landwirte gemeldet. Wochenlang blieb das Waſſer 5 bis 6 Schuh hoch auf Feldern und Wieſen ſtehen, und wo nicht das Waſſer des Stromes den Schaden anrichtete, geſchah dieſes durch die Gewäſſer der Pfinz und Hecklach und das infolge des Schließens der Rheinſchleuſe ſteigende und durch den Regen immer von Neuem vermehrte Quellwaſſer. Obwohl der Großherzog an die Armen in dieſen Gemeinden Früchte und Geld hatte verteilen laſſen, war dennoch die Not ſehr groß und auch die Vermöglicheren ſahen ſich ſchon gezwungen, einen Teil ihres Viehes abzuſchaffen. Dazu kam nun noch am 5. Auguſt nachmittags nach 4 Uhr ein Sturm und Hagelwetter, wie man in dieſer Gegend ſeit Menſchen— gedenken keines erlebt hatte. Der Orkan entlud ſich, von Südweſten kommend, in einer Ausdehnung von mehr als 4 Stunden über die Stadt Karlsruhe und die Orte Daxlanden, Knielingen, Deutſch- und Welſchneureut, Eggenſtein, Schröck, Linkenheim, Hagsfeld, Büchig, Blankenloch, Friedrichsthal und Spöck. Ziegel flogen von den Dächern, Schilderhäuſer wurden von ihrer Stelle geſchleudert, Bäume umgeriſſen. Die Arbeit und die — 364— Hoffnung vieler Hunderte von Familien war zerſtört. Strichweiſe fielen Hagelkörner und Eisklumpen von der Größe einer Haſel⸗ nuß bis zu der eines Hühnereies in ſolchen Maſſen, daß ſie auf weiten Strecken den Boden bedeckten und den ſchönſten Stand der Feldfrüchte ganz zerſtörten oder wenigſtens ſchwer beſchädigten. Vögel und Wild wurden getötet, Landleute, die mit Erntearbeiten auf den Feldern beſchäftigt waren, verwundet, Obſtbäume abgebrochen, ihrer Aſte und Früchte beraubt, manche mit den Wurzeln aus dem Boden geriſſen, in den Waldungen ganze Reihen von Bäumen nieder⸗ geſtürzt. In einzelnen Gemeinden war der ganze noch auf dem Halm ſtehende Felderwachs verloren. Vorübergehend waren ſchon im Juli und Anfang Auguſt die Getreidepreiſe ſo hoch geſtiegen, daß in manchen Landesteilen die ärmere Menſchenklaſſe in einen völlig nahrungsloſen Zuſtand zu geraten drohte und der Ausbruch einer Hungersnot bevorzuſtehen ſchien. Der Eintritt beſſerer Witterung im Auguſt ließ aber— wie ſich die Staatszeitung ausdrückt—„zur großen Freude der Menſchen, aber zum größten Verdruſſe der Kornwucherer“ die Preiſe wieder erheblich ſinken, ſo daß die ärgſten Befürchtungen wieder wichen. Immerhin wurde es notwendig, daß der Großherzog auf Vortrag des Finanzminiſteriums am 15. September verfügte, die Klaſſe der Armen vom 1. Dezember an bis auf weiteres von Entrichtung der Fruchtacciſe für ihre auf die Mühle gebrachten Brodfrüchte zu be⸗ freien. Durch eine vom 30. November datierte Entſchließung wurde dieſen auch die Steuer von ihren Weinbergen nachgelaſſen und zwar in allen Orten, wo entweder gar keine Weinleſe ſtattgehabt hatte oder wo der Erwachs ſo unbedeutend war, daß der Zehnten nachgeſehen wurde. Um insbeſondere die drückende Not der ärmeren Klaſſe auf dem Schwarzwalde zu erleichtern, wurden im Monat Dezember auf Befehl des Großherzogs 1000 Malter Frucht zum Beſten der Ge— meinden dieſes Landesteils abgegeben und zu Brod verbacken, welches an die Dürftigen unentgeltlich, an Minderbemittelte um die Hälfte des laufenden Preiſes abgegeben wurde. Dieſer Erlös aber wurde wieder zum Beſten der Gemeinden verwendet. Schon früher waren zum gleichen Zweck aus Mangel an Fruchtvorräten 12 000 Gulden in Geld zur Unterſtützung der Bedrängten in jenen Gegenden angewieſen worden. Am 14. November wurde der Ausgangszoll von Früchten, Grundbirn, Mehl und Branntwein erhöht und beſtimmt, daß der Ertrag der Ausgangszölle zur Unterſtützung derjenigen Gemeinden verwendet werden ſolle, welche durch Mißwachs, Hagelſchlag oder Überſchwemmung gelitten haben. In der Umgegend von Karlsruhe war durch die erwähnten Elementarereigniſſe ein ſchwerer Notſtand eingetreten, zu deſſen Lin— derung das Landamt Karlsruhe, dem bereits von mehreren achtbaren Bürgern der Reſidenzſtadt größere und kleinere Geldſummen für dieſen Zweck angeboten worden waren, am 1. Oktober einen Auf⸗ ruf erließ. Es wurden insbeſondere für die armen Bewohner von Schröck, welche weder Brodfrüchte noch Viehfutter eingebracht hatten, freiwillige Beiträge erbeten, deren Empfang und Verrechnung Amtsreviſor Rheinländer übernahm. Die in verſchiedenen Nummern der Staatszeitung veröffentlichten Liſten weiſen eine ſehr rege Be— teiligung der Einwohnerſchaft Karlsruhes an dieſem Werke der Nächſtenliebe nach. Allen voran ging mit einer reichen Gabe die Großherzogin, welche an ihrem Namensfeſte den Karlsruher Armen aus ihrer Privat⸗ kaſſe ein Geſchenk von 1100 Gulden bewilligte. Für die Stadt Karlsruhe ſelbſt hatte das Polizeiamt ſchon am 29. Auguſt angeordnet, daß,„ſo lange als mit dem Fruchtpreiſe ein merkliches Schwanken ſtattfinden wird, die Regulierung des Brod— gewichtes alle 8 Tage vorgenommen“ und daß„auf gewichtiges, ſtahlmäßiges, gutes, ſchmackhaftes, wohlausgebackenes und gut ge⸗ formtes Brod die größte Aufmerkſamkeit gerichtet werden ſolle“. Es waren zu dieſem Behufe ſehr eingehende Weiſungen an die Bäcker und die Brodviſitatoren erlaſſen. Infolge der Steigerung der Gerſten⸗ preiſe um mehr als die Hälfte wurde auf Bitten der Bierbrauer die Taxe des Bieres von 8 auf 10 Kreuzer erhöht. In Vorausſicht einer längeren Dauer des herrſchenden Not⸗ ſtandes wurde in der oben erwähnten Verordnung vom 30. November die Erwartung ausgeſprochen, daß ſämtliche Steuerpflichtigen„ſich beeifern werden, ihre Schuldigkeit in den geſetzlich beſtimmten Ter⸗ minen pünktlich abzutragen, damit der Generalſtaatskaſſe, welche durch den Nachlaß eines Teiles der Fruchtacciſe, der Steuer von den 6 Weinbergen und die bereits erteilten Nachläſſe wegen Hagelſchlag und Überſchwemmungen einen anſehnlichen Revenüenverluſt erleidet, der notdürftigſten Zuflüſſe an direkter Steuer nicht entbehre, die gegenwärtig und in den erſten Monaten des künftigen Jahres um ſo dringender notwendig ſind, als nach den Abſichten des Großherzogs die einen großen Teil des Domänenertrags ausmachenden Frucht⸗ vorräte für die kommenden Monate vorſorglich aufbewahrt und zur Unterſtützung der bedrängteſten Gemeinden verwendet werden ſollen.“ Um die Naturerſcheinungen, welche in dieſem Jahre die Gemüter erſchütterten, noch zu vermehren, war für den 19. November eine totale Sonnenfinſternis angekündigt. Hofrat Böckmann hatte das Karlsruher Publikum durch Ausgabe einer kurzen Darſtellung mit einer kleinen Karte, die zum Preiſe von 10 Kreuzern in der Wagner'ſchen Steindruckerei zu kaufen war, zur Beobachtung dieſes Ereigniſſes vorbereitet. Das ſchlechte Wetter aber vereitelte die von ihm getroffenen zweckmäßigen Anſtalten, durch welche beſonders auch neue Ergebniſſe über die allmähliche Licht- und Wärmeabnahme gewonnen werden ſollten. Er hatte zu dieſem Zwecke ſehr empfind⸗ liche Thermometer, ſchwarz, weiß und rein, und mehrere treffliche Photometer aufgeſtellt. Allein der ganze Himmel war und blieb ſo dicht mit Schneegewölk bedeckt, daß keine Spur von der Sonnenſcheibe ſichtbar wurde. Einwohnerzahl. Wir verzichten darauf, für jedes Jahr die ſtatiſtiſchen Angaben mitzuteilen, die in einem der erſten Monate des darauffolgenden Jahres in dem amtlichen Blatte veröffentlicht zu werden pflegten. Aber von Zeit zu Zeit iſt es für die Kenntnis vom allmählichen Wachstum der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt lehrreich, die einſchlägigen Daten anzuführen. So ſei denn auf Grund der Angaben aus dem Monat Februar 1817 feſtgeſtellt, daß im Jahre 1816 in Karlsruhe 474 Kinder geboren wurden. Die Zahl der geſchloſſenen Ehen belief ſich auf 128 und die der Sterbfälle auf 357. Die Zahl der Ge⸗ burten überſtieg demnach jene der Sterbfälle um 117. Die geſamte Einwohnerzahl betrug 15 789 und hatte ſich gegen die des Jahres 1815, welche ſich auf 14 491 belief, um 1 298 vermehrt. RRRRrr — 367— Das Unglücksjahr 1817. Der Notſtand, welchen die ganz ungenügende Ernte von 1816 im Gefolge hatte, machte ſich, je weiter die Jahreszeit vor— rückte, immer empfindlicher geltend. Und alle Mittel, welche von der Regierung ergriffen wurden, der Not zu ſteuern, erwieſen ſich als unzureichend. Nachdem der Großherzog die unentgeltliche Abgabe eines anſehnlichen Teiles der auf den herrſchaftlichen Speichern vorrätigen Früchte an Notleidende angeordnet hatte, wurde für die Zeit vom 1. Januar bis 1. Mai 1817 verfügt, daß von den disponibeln Vorräten in den fruchtreichen Gegenden bis auf ein Sechſtel, in den fruchtarmen bis auf ein Drittel zur allmählichen Verwertung ausgeſetzt werde; es wurde ferner an bedrängte, durch Mißwachs, Hagelſchlag oder Überſchwem⸗ mung ſchwer betroffene Gemeinden Getreide verkauft zum Zweck der Verteilung in kleinen Quantitäten an die minderbemittelten Orts— bewohner. Dabei wurde den kaufenden Gemeinden ein Nachlaß von 25 Procent vom Hafer und von 20 Procent von den übrigen Fruchtgattungen ſowie eine ziemlich lang bemeſſene Friſt für die Zahlung bewilligt. Endlich wurde für ſolche Landesgegenden, in denen ſich herrſchaftliche Fruchtvorräte weder befanden, noch ohne verhältnis⸗ mäßig große Transportkoſten bezogen werden konnten, namentlich für die ſtandesherrlichen Gebiete beſtimmt, daß ſie bei Verteilung von Ausgangszöllen von Früchten, Grundbirnen und Branntwein vorzüglich berückſichtigt werden ſollten; aus dem Ertrag dieſer Zölle wurde deshalb in allen Kreiſen ein allgemeiner Unterſtützungsfond gebildet. Noch im Laufe des Januar wurde die Ausfuhr von Grundbirnen gänzlich verboten, der Ausfuhrzoll auf Getreide, Hülſenfrüchte und Mehl, ſowie auf Branntwein ſehr erheblich erhöht, der Ankauf von Kartoffeln im Lande zum Zweck des Branntweinbrennens bei Kon— fiskationsſtrafe verboten, die heimliche Ausfuhr der mit Zoll belegten Gegenſtände neben der Konfiskation noch mit einer Strafe von 25 Reichsthalern bedroht. Am 28. Januar wurde zu weiterer Steuerung der Not und des Mangels beſtimmt, daß zur Verſorgung der Gemeinden, welche durch Mißwachs und Hagelſchlag am meiſten gelitten haben, eine allgemeine Kollekte in den geſegneten Teilen des Landes veranſtaltet werde. Zugleich wurden die Behörden ermächtigt, die Renten der milden Stiftungen und der Gemeindekaſſen vorzüglich zu dieſem — 368— Zweck zu verwenden und dieſelben nötigen Falles zu anticipieren, auch, unter Beobachtung der geſetzlichen Formen, ſowohl Aktivkapitalien dieſer Stiftungen aufzukündigen, als auch Kapitalien zu dem gedachten Zweck aufzunehmen. Gegen Ende Februar wurde von den vor— behaltenen Fruchtvorräten der herrſchaftlichen Speicher ein weiteres Fünftel zur allmählichen unentgeltlichen Abgabe an Notleidende beſtimmt. Auch die Reſidenzſtadt litt ſchwer unter der Not, die das ganze Land heimſuchte und die wohlhabenderen Einwohner bethätigten durch Veranſtaltung von Sammlungen für die Armen ihre milde Geſinnung. Schon am 18. Januar 1817 konnte die Polizei-Armenkommiſſion mitteilen, daß die Summe der eingegangenen Gaben ſich auf 4000 fl. belaufe. Über deren Verteilung machte ſich die durch zwei Bürger aus jeder Konfeſſion verſtärkte Kommiſſion dahin ſchlüſſig, in erſter Reihe die Summe von 2600 bis 3000 fl. für Brot zu verwenden, das vom 27. Januar an wöchentlich zweimal unentgeltlich den hülfs⸗ bedürftigſten Armen verabreicht werden ſoll; man hoffte damit während 5 Monaten fortfahren zu können, wenn nicht unterdeß die Zahl der Armen unverhältnismäßig anwachſe. Mit den übrigen 1000 fl. beſchloß man das Defizit zu decken, welches ſich bei dem Verkauf der Kartoffeln, die man den Armen an jedem Markttage zu einem faſt auf die Hälfte herabgeſetzten Preiſe abgab, einſtellte. Bei Gelegenheit dieſer Bekanntmachung wurde das Publikum auf die Unzulänglichkeit des quartalweiſe eingezogenen Almoſens, das meiſtens nur 500 fl. ertragen hatte, hingewieſen und für die Zu⸗ kunft monatliche Einſammlung angekündigt, von der man ſich ein gerade jetzt beſonders wünſchenswertes reicheres Ergebnis verſprach. Dabei unterließ die Armenkommiſſion nicht, vor Begünſtigung des Hausbettels zu warnen und zu bitten, würdige Arme zur Unter⸗ ſtützung zu empfehlen, unwürdige namhaft zu machen, damit ihnen die Beihilfe entzogen werden könne. Zu den Zeichen der Zeit, welche das durch den vorjährigen Mißwachs und die daraus entſtandene Not erſchreckte und erſchütterte Volk noch mehr erregten, gehörte auch die Fortdauer ganz ungewöhn⸗ licher Witterungsverhältniſſe. Die in der Karlsruher Zeitung durch Hofrat Böckmann regel⸗ mäßig veröffentlichten Witterungsbeobachtungen bezeichneten beſonders — 369— auch den ſchnellen Wechſel im Gang des Barometers als merkwürdig. Vom 10. bis 15. Januar war das Queckſiber von 28,58/% auf 26,118/10, alſo um 18 Linien gefallen, in der Nacht vom 15. zum 16. Januar um 7¼0 Linien geſtiegen—„ein für unſere Gegenden ungewöhn⸗ liches Ereignis“. Die Zeitung teilte auch von Zeit zu Zeit Ein⸗ ſendungen über die vermutliche Witterung in einem gewiſſen Zeit⸗ abſchnitte mit. Böckmann, der über die exakten Angaben ſeiner barometriſchen Beobachtungen nicht hinausgehen wollte, hatte ſich aber dabei die ausdrückliche Bemerkung ausgebeten, daß dieſe Voraus⸗ ſagungen nicht von ihm herrührten. Im Beginn des Monats März ſtellten ſich ſehr heftige Stürme mit Schnee und Regen ein, welche den Rhein und den Neckar zu einer Höhe brachten, die ſchon der Überſchwemmung des vorigen Sommers gleichkam, und noch wurde am 9. März aus den Rhein⸗ orten das unausgeſetzte Wachſen des Waſſers gemeldet. Doch nahm die Waſſernot vorerſt nicht mehr zu, da am 10. März heiteres Wetter und Kälte eintrat. Dieſe Gunſt der Witterung benutzte Hofrat Böckmann, um ſeine durch den anhaltenden Regen unterbrochenen Beobachtungen der Sonne fortzuſetzen und eine beträchtliche Menge von Flecken in derſelben feſtzuſtellen. Indem er in der Karlsruher Zeitung vom 12. März die Ergebniſſe ſeiner Beobachtungen mit⸗ teilte, trat er, wie ſchon früher, der weitverbreiteten Anſicht entgegen, als ob aus dem Erſcheinen dieſer Flecken ſich beſtimmte Schlüſſe hinſichtlich der Witterung ziehen ließen. Der Mohlthätigkeitsverein. Inzwiſchen war der Notſtand immer größer geworden und es zeigte ſich, daß die bisher zu ſeiner Linderung ergriffenen Mittel nicht ausreichten. Von dem Gedanken geleitet, daß den vielen Be⸗ dürftigen„nur durch eine dauernde, auf neue Belebung des Mutes und des Wohlſtandes berechnete, von Menſchenfreunden gegründete Anſtalt Hülfe geleiſtet werden“ könne und„vertrauend auf den edeln Sinn, den Badens Bewohner ſchon früher bei einer ähnlichen Anſtalt — dem im Jahre 1813 gegründeten Frauenverein zur Unterſtützung vaterländiſcher Krieger— ſo ſehr bewährten“, entſchloß ſich im März 1817 die Großherzogin, einen allgemeinen Wohl⸗ thätigkeitsverein,„der ſich freiwillig ohne Beeinträchtigung — 370— ſchon beſtehender Armenanſtalten bilden ſoll“, zu errichten und ſich als Vorſteherin desſelben zu erklären. Am 25. März wurde das Statut dieſes Vereines veröffentlicht und ein Aufruf zum Beitritt und zur Bildung von Bezirks⸗ und Ortsvereinen, die ſich mit dem in Karlsruhe unverweilt in Wirkſamkeit tretenden Centralausſchuß in Verbindung ſetzen ſollen, erlaſſen. Das Statut verzeichnete als Zwecke des Vereines„Beförderung des Gewerbefleißes, Erhaltung beſtehender und Schaffung neuer Nahrungszweige, auch Unterſtützung arbeitsunfähiger Armen“. Dem Vereine ſollten„Menſchenfreunde von jedem Geſchlechte und Stande“ als Mitglieder beitreten können, die ſich bei ihrem Eintritt„zu einem freiwilligen, ihnen nicht läſtigen jährlichen Beitrag an Geld, Naturalien oder weiblichen Arbeiten“ verpflichteten. Die übrigen Paragraphen des Statuts*) bezogen ſich auf die Organiſation und Geſchäftsordnung des Vereines, der, wie man ſieht, nicht nur der augenblicklich herrſchenden Not ſteuern, ſondern eine dauernde Einrichtung zur zweckmäßigen Bekämpfung der Armut werden ſollte. Am 8. April fand die erſte Sitzung des Centralausſchuſſes, deſſen 20 Mitglieder— Herren und Damen der höheren Geſellſchaftskreiſe Karlsruhes, aus dem Bürgerſtande gehörten ihm nur Handelsmann Meerwein und Frau Schmieder geb. Kreg⸗ linger an— die Großherzogin ernannt hatte. Die Großherzogin führte ſelbſt den Vorſitz und wurde bei ihrer Verhinderung durch die Markgräfin Friedrich vertreten. Als Sekretäre fungierten Haus⸗ marſchall Freiherr v. Gayling und Hofprediger Martini, als Kaſſier war Handelsmann Meerwein und als Kaſſa⸗Kontroleur Finanzdirektor Vierordt thätig. Staatsrat v. Gulat, Geh. Referendär v. Fahnen⸗ berg, Kirchenrat Kühlenthal und Geiſtlicher Rat Kirch übernahmen die Referate über Eingaben und Berichte aus allen Kreiſen des Großherzogtums. Die Mitglieder des Centralausſchuſſes bildeten zugleich den Vorſtand für den Wohlthätigkeitsverein des Stadt⸗ und Landamtes Karlsruhe. An die Bewohner der Reſidenzſtadt erging am 8. April eine beſondere Einladung„zum Eintritt in dieſe Ge⸗ ſellſchaft wohlthätiger Menſchen“. Es wurde dabei bekannt gemacht, daß die Gräfin Amalie v. Hochberg, Frau v. Hacke, Frau Generalin ) Anzeigeblatt für den Kinzig⸗, Murg⸗ und Pfinz⸗ und Enzkreis 1817 Nr. 29. 38 — 371— v. Stolze, Frau Geh. Referendärin Reinhard und Frau Bau⸗ meiſterin Berckmüller ſich zur Annahme von Geſchenken und außer⸗ ordentlichen Gaben an Geld und weiblichen Arbeiten erboten haben. Die Beitrittserklärungen ſcheinen in großer Zahl erfolgt zu ſein. Denn ſchon am 24. April drückte der Centralausſchuß denjenigen Bewohnern der Reſidenz, welche bereits ihre Erklärungen abgegeben und den Verein durch ihre Gaben unterſtützt haben, das Wohlgefallen und den Dank der Großherzogin aus. Gleichzeitig wurde die Einladung zum Beitritt wiederholt und über die Ziele des Vereines und die Art, wie deren Er⸗ reichung geplant war, eingehende Auskunft erteilt. Als Magazinsauf⸗ ſeher zur Entgegennahme von Arbeitsmaterialien, Kleidungsſtücken und Wäſche wurde nunmehr Geh. Referendär Dahmen bezeichnet. Sämmt⸗ liche Ortsgeiſtliche und Arzte,„welche durch ihren Beruf ſtets die genaueſte Kenntnis des wahren Notſtandes haben“, wurden als „natürliche Mitglieder des Vereines“ betrachtet und gebeten, deſſen Zwecke beſtens zu befördern. Bei der Beſchränktheit der Mittel des Vereines konnte man ſich nur„auf Unterſtützung der wirklich Kranken und der ganz arbeitsunfähigen Armen, welche durch ſittliches Betragen dieſer Unter⸗ ſtützung würdig ſind, einlaſſen“. Zeugniſſe von Geiſtlichen, Orts⸗ behörden und Arzten nahm von Perſonen aus dem Landamt Hof⸗ prediger Martini, von denen aus der Stadt Geiſtlicher Rat Kirch entgegen. Arbeitſuchende, welche Flachs, Hanf und Wolle ſpinnen wollten, hatten ſich an Frau v. Blittersdorf, wer in Baumwolle ſtrickte, an Fräulein v. Moſer, wer in Wolle ſtrickte, an Frau Schmieder zu wenden, welche die Arbeitsſtoffe abgaben und die aus ſolchen ver⸗ fertigten Arbeiten entgegennahmen. 3 Am 20. Mai konnte mitgeteilt werden, daß ſich in Mannheim, Offenburg, Durlach, Pforzheim, Säckingen und Ettlingen Orts⸗ Wohlthätigkeitsvereine gebildet hatten und daß der Frauenverein in Freiburg und die Hilfsgeſellſchaft in Konſtanz mit dem Central⸗ ausſchuß in nähere Verbindung getreten ſeien. Bei dieſem Anlaß wurde beſonders darauf hingewieſen, daß die Beſchaffung„fortgehender Gelegenheit zu nützlicher Beſchäftigung“, um dadurch dem Elend zuvorzukommen, vorzüglich in dem Plane des Wohlthätigkeitsvereines liege. Und gegenüber einer— wie es ſcheint auch damals ſchon wie ſpäter bei ähnlichen Anläſſen noch oft— hervorgetretenen Ab⸗ 24* — 3— neigung ſich einer Zentralleitung unterzuordnen, erklärte der Zentral⸗ ausſchuß gleichzeitig,„daß er weit entfernt ſei, ſich in die Geſchäfts⸗ führung der Bezirks⸗ und Ortsvereine einzumiſchen oder ſich gar ein Dispoſitionsrecht über ihre Fonds anzumaßen“, er glaube nur„von den Verrichtungen derſelben nähere Kenntnis nehmen zu müſſen, da⸗ mit ein gemeinſchaftliches Zuſammenwirken zu dem allgemeinen Zwecke des Wohlthätigkeitsvereines um ſo eher erzielt werden möge“. Am 1. Oktober wurde über Einnahmen und Ausgaben des Karlsruher Ortsvereines öffentliche Rechnung gelegt; die Einnahmen beliefen ſich auf 19 578 fl. 34 kr., die Ausgaben auf 18 422 fl. 28 kr., der Kaſſenvorrat des Verrechners betrug 1156 fl. 6 kr. Der Status des Fonds(Materialienvorrat, Arbeiten, unverkaufte Geſchenke, angelegte Darleihen, Kaſſenvorrat, Inventar) belief ſich auf 12 391 fl. 20 kr. Aktiva und(Vorſchüſſe zu kleinen Anlehen) 5000 fl. Paſſiva, ſo daß ſich ein Aktivreſt von 7391 fl. 20 kr. ergab. Da der größere Teil der Beiträge von Mitgliedern des großherzoglichen Hauſes herrührte, kam der Ortsverein Karlsruhe auch der Not in anderen Teilen des Landes zu Hilfe. 858 arbeitsfähigen Armen wurde der Unterhalt durch Beſchäftigung geſichert, 75 Familien, die der ganz arbeitsunfähigen Armut angehörten, erhielten Unterſtützung durch einen täglich auf 8 Kreuzer für die Perſon berechneten Betrag, außerdem wurden Kranke unterſtützt, und augenblicklich in Not geratenen Perſonen ward durch kleine Anleihen, die ſie für das laufende Jahr unverzinslich und mit der Verbindlichkeit einer nach zwei Jahren zu leiſtenden Rückzahlung erhielten, Hilfe geleiſtet. Die Arbeitslöhne mußten mit Rückſicht auf den hohen Preis der Lebensmittel und nach dem allerdringendſten Bedarf der Unterſtützten bemeſſen werden, ſo daß der Wert der gelieferten Arbeit bedeutend unter dem Betrag der dafür gemachten Auslagen blieb. Die Notſtandskommiſſion. Im Monat Juni ſah ſich die Regierung„bei der immer ſteigenden Teuerung der Viktualien und bei der Notwendigkeit, alles, was auf den Kauf und Verkauf derſelben Bezug hat, durch ſo ſchleunige als zweck⸗ mäßige Verfügungen zu erledigen und mit Nachdruck in Vollzug zu ſetzen“, veranlaßt,„eine eigene Kommiſſion für dieſen wichtigen und dringenden Gegenſtand niederzuſetzen“, zu deren Mitgliedern Staatsrat v. Dawans — 373— (als Vorſitzender), Geh. Referendär v. Baur, Miniſterialrat Winter, Staatsrat Volz und Finanzrat Nebenius ernannt wurden. Die Kommiſſion erließ am 18. Juni eine Verfügung, wonach Einkauf und Verkauf des Getreides der öffentlichen Aufſicht, Anordnung und Leitung unterworfen wurde. Die Fruchteigentümer, die einen Über⸗ ſchuß über ihr eigenes Bedürfnis(4 Seſter Weizen oder Kernen, 5½ Seſter Roggen für jede Perſon des Hausſtandes) bis nach der Ernte beſaßen, wurden zum Verkauf ihres entbehrlichen Vorrats an⸗ gehalten. Jeder Ortseinwohner hatte deßhalb binnen zweimal 24 Stunden ſeinen Vorrat anzuzeigen. Die Preiſe für die einzelnen Fruchtgattungen wurden obrigkeitlich feſtgeſetzt. Verheimlichung des Vorrats wurde mit Beſchlagnahme des Verheimlichten beziehungs⸗ weiſe Einziehung des entſprechemden Geldwertes beſtraft. Zu niedere Angaben, ſowie Überſchreitung der feſtgeſetzten Preiſe wurden ebenfalls mit Strafe belegt. Von den Strafen erhielt die Hälfte der Angeber, die andere Hälfte wurde an die Ortsarmen verteilt. Schon früher waren Okonomierat Hoyer und Generalkaſſier Sievert nach Holland geſchickt worden, um Brotfrüchte für das Groß⸗ herzogtum zu kaufen. Dieſe kamen insbeſondere für das Bedürfnis der Reſidenzſtadt zur Verwendung. Sie waren den Rhein herauf bis Schröck auf dem Waſſerweg geliefert worden. Im Publikum hatte ſich das Gerücht verbreitet, dieſe Früchte ſeien von ſo ſchlechter Be⸗ ſchaffenheit, daß das daraus erzeugte Brot der Geſundheit nachteilig werden müſſe. Es wurde daher von dem Polizeiamt am 15. Juli eine Backprobe veranſtaltet und als deren Ergebnis am 17. Juli im Intelligenz- und Wochenblatt verkündigt, daß man dabei ſchmackhaftes und wohlgeratenes Brot erhalten habe. Der Brottarif wurde fortan nicht nur durch das Wochenblatt, ſondern auch durch einen gedruckten Anſchlag an allen Straßenecken bekannt gemacht. Für das Weißbrot blieb es bei der bisherigen Übung, wonach deſſen Gewicht ſich nach dem Preiſe richtete. Für das„meliert⸗ökonomiſche Brot“ dagegen wurde beſtimmt, daß deſſen Gewicht immer das nämliche bleibe und nur der Reis einem Wechſel unterworfen werde. Bis zur Auf⸗ zehrung der für das Bedürfnis der Reſidenz angeſchafften Früchte wurde für dieſes Brot eine Miſchung von 7; Weizen,/ Korn und / Gerſte und der Preis für das Pfund auf 10 Kreuzer feſtgeſetzt. Vom Weißbrot erhielt man um dieſe Zeit für 2 Kreuzer 6 Lot, für — 374— 6 Kreuzer 10 Lot. Die wöchentlichen Brodviſitationen wurden mit großer Strenge vorgenommen, ihr Ergebnis brachte das Polizeiamt zur öffentlichen Kenntnis. Beiſpielsweiſe ſei hier angeführt, daß am 24. Juli das Brot bei 9 Bäckern„vorzüglich in jeder Hinſicht“, bei 19„gut“ befunden wurde, 1 Bäcker wurde wegen„verfälſchter Miſchung“ um 15 fl. beſtraft, 2 wurden„wegen Gewichtsmangel“ in Strafen verfällt, der eine von 18 fl., der andere von 6 fl. 44 kr. Die Teuerung der Lebensmittel führte auch zu wucheriſchen Manipulationen der Verkäufer, ſo daß ſich die Polizei veranlaßt ſah, beſondere Anordnungen gegen den Handel mit Lebensmitteln außer⸗ halb des Marktes und gegen den⸗ Vorkauf durch Zwiſchenhändler zu erlaſſen. Übertreter dieſer Verordnung wurden ſtreng beſtraft und zwar die Käufer mit Beſchlagnahme der gekauften Waare zum Beſten der Armen und Spitäler, die Verkäufer mit dem Geldwert der Waare. Mit wiſſenſchaftlichen Waffen verſuchte der Geh. Hofrat Karl Chriſtian Gmelin den Notſtand zu bekämpfen, indem er in der C. F. Müller'ſchen Hofbuchhandlung eine hierauf bezügliche Schrift veröffentlichte:„Nothülfe gegen Mangel aus Mißwachs oder Be⸗ ſchreibung wildwachſender Pflanzen, welche bei Mangel der angebauten als ergiebige und geſunde Nahrung für Menſchen und Thiere ge⸗ braucht werden können, nebſt Vorſchlägen, den Folgen des Mißwachſes vorzubeugen und die Landeskultur zu verbeſſern.“ 85 AUberſchwemmungen. 05 Zu allem Unglück, das auf dem Lande laſtete, kam im Juli 1817 auch noch, als Folge des in der Schweiz äußerſt ſchnell abgegangenen Schneewaſſers und gleichzeitiger ſchwerer Gewitterregen, eine abermalige Überſchwemmung der am Rhein liegenden Gemar⸗ kungen. Bei Liedolsheim erfolgte am 9. Juli ein Dammbruch, der 900 Morgen Fruchtfelder, die ſeit Menſchengedenken nicht ſo ſchön und ergiebig dageſtanden waren und nur noch 8 bis 10 Tage zur völligen Reife erforderten, und auch den größten Teil der angrenzenden Gemarkung Hochſtetten, beſonders das 400 Morgen umfaſſende Almend⸗ gut zu Grunde richtete. Am 20. Juli wurden die Fruchtfelder von Rußheim, die durch die große Anſtrengung der Einwohner von der überflutung bewahrt geblieben waren, ebenfalls von der Gewalt des Rheinwaſſers, dem die Dämme nicht mehr Stand hielten, zerſtört. — 375— Die Bewohner dieſer Orte, noch von der Überſchwemmung des vorigen Jahres ſchwer betroffen, ſahen ſich nun vollſtändig an den Bettelſtab gebracht. Mit beredten Worten flehte in einem Aufruf Pfarrer Arnold von Liedolsheim die Mildthätigkeit der von dem Unglück verſchont gebliebenen Mitbürger um Hilfe an. An thätigen Beweiſen mitfühlender Geſinnung fehlte es denn auch weder den Liedolsheimern und Rußheimern noch den übrigen durch den allgemeinen Notſtand in die größte Bedürftigkeit verſetzten Landsleuten. Der Wohl⸗ thätigkeitsverein wandte den durch Ueberſchwemmung Verunglückten eine namhafte Unterſtützung zu, die Schüler des Lyceums, der Real⸗ ſchule und die Schülerinnen der Ruf'ſchen Mädchenſchule veranſtalteten unter ſich eine Sammlung, im Muſeum wurde zu Gunſten der Armen ein Konzert, zum Eintrittspreis von 1 fl. gegeben, von deſſen Ertrag, der ſich auf 642 fl. 48 kr. belief, der 5. Teil den Karlsruher Armen zugewendet wurde, ſpeziell zu Gunſten der Liedolsheimer gab im Saale des Badiſchen Hofes Demoiſelle Margaretha Bils, Tochter des Hof- und Kammermuſikus Bils, ein Konzert, das 371 fl. 57 kr. eintrug, Hofbuchhändler C. F. Müller wandte den Erlös der von Hofprediger Martini am Grabe des Staatsminiſters Freiherrn von Marſchall gehaltenen Rede den ärmſten Familien Rußheims zu und C. Bonafont widmete die Einnahme aus dem Verkauf eines von ihm verfaßten 30 Bogen ſtarken Unterhaltungsbuches„Polymnia“ durch Vermittelung des Frauenvereins, dem er ſie zur Verfügung ſtellte, den Karlsruher Armen. Gute Ernte. Die Schickſalsſchläge, von denen die genannten Nachbargemeinden der Reſidenzſtadt und durch Hagelwetter auch Pforzheim mit ſeiner Umgebung betroffen wurden, waren glücklicherweiſe doch nur ver— einzelte Erneuerungen der ſchweren Prüfung, welche im Jahre 1816 faſt das ganze Land heimgeſucht hatte. Aus den meiſten Landesteilen kamen ſehr günſtige Berichte über den Ausfall der Ernte und man kann nicht ohne Rührung einen Bericht aus Mannheim leſen, wie dort für die in die Stadt eingeführten Erſtlinge der heißerſehnten Ernte des Jahres 1817 dem Allmächtigen der gebührende Dank öffentlich dargebracht wurde. Der feſtlich gezierte, mit ſchönſter und reifſter Frucht beladene Wagen wurde, gefolgt von der Schuljugend — 376— aller chriſtlichen Bekenntniſſe mit ihren Lehrern, unter Muſikbegleitung und dem Geläute aller Glocken auf dem Marktplatz von der Geiſtlichkeit und dem Magiſtrat feierlich empfangen. Vom Ffarrturm herab ſtimmten Blasinſtrumente die Lieder:„Wie groß iſt des Allmächt'gen Güte“ und„Großer Gott wir loben Dich“ an, welche von der ganzen Jugend mitgeſungen wurden. Aus Karloruhe liegt uns kein ähnlicher Bericht vor, aber ſicherlich wurde auch hier mit dank⸗ erfülltem Herzen der reiche Ernteſegen begrüßt. Am 14. Auguſt konnten die bisher angeordnete Getreideſperre und alle wegen der Fruchtteuerung ergangenen Verordnungen wieder aufgehoben werden. Da ſich aber im Laufe der nächſten Monate die erwartete Ermäßigung der Fruchtpreiſe nicht einſtellte, wurde am 1. November die Ausfuhr von Getreide und Kartoffeln nach Frank⸗ reich gänzlich verboten, der Verkehr nach der Schweiz auf den An⸗ kauf auf öffentlichen Märkten und die Ausfuhr auf einige Grenz⸗ ſtationen beſchränkt und auch anderen Ausländern der Kartoffelankauf nur auf öffentlichen Märkten geſtattet. Im Innern des Groß⸗ herzogtums fand vollkommen freier Verkehr der Lebensmittel ſtatt mit Ausnahme der Branntweinbrenner und Eſſigſieder, welche Kartoffeln nur unter beſtimmten Beſchränkungen kaufen durften. Die Rückvergütung des Acciſes bei der Branntweinausfuhr wurde auf⸗ gehoben und der Ausfuhrzoll auf 20 fl. vom Fuder erhöht. Im Oktober ſtellte,„da es dermalen nur dem keiner Unter⸗ ſtützung würdigen Arbeitsſcheuen an Beſchäftigung fehlen kann“, auch der Wohlthätigkeitsverein die Arbeiten ein, um ſie erſt nach Eintritt des Winters wieder beginnen zu laſſen. Auswanderung. Eine Folge des herrſchenden Notſtandes war auch der Entſchluß vieler Landleute, ſich in fernen Ländern beſſere Daſeinsbedingungen zu ſuchen. Schon im Jahre 1816, noch mehr aber 1817 fand eine nicht unbeträchtliche Auswanderung einerſeits nach Nordamerika, anderſeits nach Rußland, insbeſondere nach Polen ſtatt. Die Regie⸗ rung, welche dieſen Beſtrebungen nicht mit einem Verbot entgegen⸗ treten wollte, hielt doch nicht mit ihren Mahnungen gegen unbeſonnenes Auswandern zurück, veröffentlichte Darſtellungen der gedrückten Lage der Ausgewanderten, der Schwierigkeiten, denen ſie ſchon unterwegs, — 377— beſonders in den zur Einſchiffung beſtimmten Seeplätzen begegneten, Warnungen, die von ſolchen, welche leichten Herzens die Heimat verlaſſen hatten und nun nicht mehr die Mittel zur Rückkehr fanden, ausgingen, und knüpfte im Intereſſe der Auswanderungsluſtigen die Auswanderungserlaubnis an wohlüberlegte Bedingungen. Nichts⸗ deſtoweniger war es jetzt auch in der Reſidenzſtadt kein ſeltener An⸗ blick, ganze Familien mit Kind und Kegel und ärmlichem Gepäck auf den Straßen zu ſehen, die in mühſeliger Wanderung in der Rich⸗ tung nach Antwerpen, Amſterdam oder Norddeutſchland einer un⸗ ſicheren neuen Heimat entgegenzogen. Ein beſonders draſtiſches Bild des Elends, welchem die Auswanderer meiſtens verfielen, bevor ſie zur Einſchiffung gelangten, bietet die Darſtellung, welche die früher ſchon erwähnten, zum Einkauf von Getreide nach Holland abgeſandten Kommiſſäre Hoyer und Sievert in den Nummern 140 und 141 der Karlsruher Zeitung von 1817 über ihre Begegnung mit Landsleuten in Amſterdam veröffentlichten, welche, durch falſche Vorſpiegelungen gewiſſenloſer Agenten verleitet, die Heimat verlaſſen hatten und ſich nun der bitterſten Not verfallen ſahen. Vom Hofe. Das Jahr 1817, im höchſten Grade ungünſtig für die wirt— ſchaftlichen Verhältniſſe des badiſchen Landes, geſtaltete ſich auch für das großherzogliche Haus zu einem Unglücksjahre. Am 8. Mai, am 7. Tage ſeines zweiten Lebensjahres, ſtarb der Erbgroßherzog an den Folgen eines ſehr beſchwerlichen Zahnausbruches, der mit anhaltendem Fieber verbunden war. Am 11. abends erfolgte die Beiſetzung des Verblichenen, deſſen Leichnam mit dem herkömmlichen Ceremoniell, wie jener ſeines 1812 geſtorbenen Bruders, in die fürſt⸗ liche Familiengruft nach Pforzheim überführt wurde. Der Verluſt dieſes Prinzen, auf deſſen gedeihlichem Heran⸗ wachſen die Hoffnungen des Landes geruht hatten, war um ſo empfindlicher, als der Großherzog ſelbſt ſeit geraumer Zeit ernſtlich leidend war und ſein Zuſtand ſeiner Umgebung ernſte Sorgen zu be—⸗ reiten begann. Nur wenige Wochen ſpäter öffnete ſich abermals die Pforte der Fürſtengruft, um die ſterblichen Ueberreſte des Mark⸗ grafen Friedrich aufzunehmen. Schon ſeit mehreren Jahren kränkelnd, wurde der Markgraf am 26. Mai von einem Nervenſchlag — 378— befallen, der am Abend des 28. ſeinem Leben ein Ende machte. Am 29. Auguſt 1756 geboren, ſtand er im 61. Lebensjahre. Am 30. Mai wurde nach einer Leichenrede des Oberhofpredigers Walz ſeine ent⸗ ſeelte Hülle unter dem üblichen Ceremoniell nach Pforzheim verbracht. Der verſtorbene Markgraf hatte ſich durch eine ausgebreitete Wohl⸗ thätigkeit, die er beſonders auch in dieſem Notjahre bethätigt hatte, die Herzen gewonnen und war insbeſondere auch in der Reſidenzſtadt außerordentlich beliebt und verehrt. Ganz in ſeinem Sinne beſchloß ſeine Witwe, die Markgräfin Chriſtiane Luiſe, das Andenken des Entſchlafenen noch mehr als dies bei ſeinen Lebzeiten der Fall geweſen, zu einem geſegneten zu machen, indem ſie in der ſchweren Zeitlage durch Bau eines Witwenſitzes auf einem ihr gehörigen Gelände am ſüdlichen Saume der Stadt, an der Kriegs- und neuen Herrenſtraße zahlreichen Beſchäftigungsloſen Arbeit und damit genügenden Ver⸗ dienſt gewährte. Oberbaudirektor Weinbrenner entwarf den Plan zu dem ſchönen und originellen Bau, den Hofgärtner Hartweg mit Gartenanlagen umgab; dieſe erhielten durch eine Anzahl von Statuen, welche bisher in dem vorderen Schloßgarten geſtanden hatten und auf Wunſch der Markgräfin ihr vom Großherzog überlaſſen wurden, einen anſehnlichen Schmuck; zwei Gruppen, welche Werke des Her⸗ kules darſtellten, wurden auf dem Gartenportale angebracht. Am 29. Auguſt fand bei ſchönſtem Wetter die Grundſteinlegung zu dem Gartenſchlößchen ſtatt unter Anweſenheit des Kanzleiperſonals der Markgräfin, den Direktor Bohm an der Spitze. Hofrat Schreiber hielt eine dem Andenken an den zu früh dahingeſchiedenen Fürſten gewidmete Rede und in den Grundſtein wurde„unter den gewöhn⸗ lichen uralten ſymboliſchen Ceremonien“ eine kupferne Platte mit folgender Inſchrift gelegt: Am 29. Auguſt 1817 dem Geburtstag des Markgrafen Friedrich von Baden, dem erſten, welchen er nicht mehr erlebte, legte dieſen Grundſtein ſeine Wittwe Chriſtiane Luiſe von Naſſau⸗Uſingen. Er wollte hier einen ländlichen Ruheſitz ſchaffen zur Erholung im Frieden der Natur, verſagte ſich aber den freundlichen Wunſch, weil ihn die Noth der Zeit rührte und der Thränen gar viele zu trocknen waren. Darum ſei dieſer Wiee — 379— Garten ein Mahl der Erinnerung an den edlen Dahingeſchiedenen und offen allen guten Menſchen, wie ſein Herz ihnen offen war. Dem ahnenden Gemüth wird er fortan als der Schutzgeiſt des Orts erſcheinen. Die nach dem Ableben des Erbgroßherzogs 8 ſtärker hervortretende Befürchtung, daß mit der Zeit von anderen Staaten Anſprüche auf badiſches Gebiet erhoben werden möchten, beſtimmte den Großherzog, am 4. Oktober 1817 ein Hausgeſetz zu erlaſſen, welches in feierlicher Form die Unteilbarkeit und Unveräußerlichkeit des Großherzogtums, ſowie das Recht und die Ordnung der Regierungs⸗ nachfolge feſtſtellte und die Akte des Großherzogs Karl Friedrich vom 10. September 1806, wonach deſſen Söhne zweiter Ehe zur Nach— folge in der Regierung berufen wurden, beſtätigte und verkündigte. Um dieſer Verfügung ſeines Großvaters auch äußerlich den geziemen⸗ den Ausdruck zu verleihen, wurden gleichzeitig die drei Grafen Leopold, Wilhelm und Maximilian von Hochberg zu Prinzen und Markgrafen und deren Schweſter, Gräfin Amalie zur Prinzeſſin von Baden erklärt. Am 11. Oktober wurde die Großherzogin von einer Prinzeſſin entbunden, wodurch der von dem Großherzog wenige Tage zuvor voll⸗ zogene Staatsakt noch an Bedeutung gewann. Am 12. Oktober wurde die neugeborene Prinzeſſin in Anweſenheit der großherzoglichen Familie durch den Oberhofprediger Walz getauft und erhielt die Namen Marie Amalie Eliſabeth Karoline. Die Großherzogin erfreute ſich des beſten Wohlſeins und konnte ſchon am 20. Oktober wieder das Bett ver⸗ laſſen, auch die kleine Prinzeſſin gedieh erſichtlich. Von politiſchen Akten, welche die Beziehungen des Großherzog— tums zum Ausland betrafen, iſt der auf Einladung des Kaiſers von Rußland am 14. März 1817 erfolgte Beitritt zur heiligen Allianz zu erwähnen. Die darüber ausgefertigte Urkunde wurde dem ruſſiſchen Geſandten Freiherrn v. Maltitz übergeben, der bald nachher, am 13. April, dem Großherzog ſein Abberufungsſchreiben überreichte und durch den Grafen Golowkin erſetzt wurde. Auch andere Veränderungen im diplomatiſchen Korps ſind zu ver— zeichnen. Als bayeriſcher Geſandter trat an die Stelle des Grafen v. Seiboltsdorff der Graf v. Reigersberg, Württemberg ſandte als ſeinen Vertreter den Freiherrn Gremp v. Freudenſtein, der preußiſche Geſchäftsträger Varnhagen v. Enſe rückte zum Miniſterreſidenten vor. Vorübergehend erſchien auch ein Abgeſandter des heiligen Stuhles, — 380— der päpſtliche Nuntius in der Schweiz, Monſignor Zen, Erzbiſchof von Calcedonien, der vom 11. bis 17. Juni in Karlsruhe verweilte, um mit der Regierung über die Beſetzung des Konſtanzer Bistums zu verhandeln, für welche von dieſer der Freiherr v. Weſſenberg auserſehen war, deſſen Erhebung jedoch der römiſchen Kurie nicht genehm erſchien. Von fürſtlichen Gäſten werden in den Zeitungsberichten der König von Bayern, ſowie der Großherzog und die Großherzogin von Sachſen⸗Weimar und der Prinz Adam von Württemberg, von durch— reiſenden Perſonen von Auszeichnung u. a. der kaiſerlich öſterreichiſche Bundespräſidialgeſandte Graf von Buol⸗Schauenſtein, der königlich preußiſche Bundestagsgeſandte Graf v. d. Golz und der kaiſerlich ruſſiſche Geheime Rat Graf Markoff erwähnt. Einen längeren Aufenthalt nahm in Karlsruhe die Prinzeſſin von Wales(oder— wie man damals ſchrieb— Wallis), eine geborene Prinzeſſin von Braunſchweig, die mit ihrem Gemahl, dem Prinzregenten, ſpäteren König Georg IV. von England, völlig zer— fallen war, ſeit 1814 weite Reiſen angetreten hatte, am 25. März 1817, aus Italien über München kommend, mit einem etwas eigen⸗ artigen Gefolge von Italienern in der badiſchen Reſidenzſtadt eintraf und in der„Poſt““) abſtieg. Der Prinzeſſin zu Ehren fand bei Hofe eine Feſttafel ſtatt, ſie beſuchte die Kunſt⸗ und wiſſenſchaftlichen Samm⸗ lungen und wohnte am 27. der im Karlsruher Hoftheater vortrefflich gegebenen Oper„Johann von Paris“ von Boieldieu bei, in deren zweitem Akt die erſte Tänzerin des königl. Hoftheaters in München, Mademoiſelle Kammel, ein von Konzertmeiſter Fesca begleitetes Paſtoralſolo tanzte. Die Prinzeſſin fuhr auch nach Baden und reiſte am 31. März wieder ab, um in Erlangen ihre Tante, die verwitwete Markgräfin von Baireuth, zu beſuchen. In dem Eheſcheidungsprozeß, den im Jahre 1820 ihr zur Regierung gelangter Gemahl gegen ſie führte, ſpielte bei den Zeugenverhören auch der Karlsruher Auf⸗ enthalt der Prinzeſſin eine Rolle. Von aktuellen Vorgängen ſei hier noch aufgeführt der Trauer⸗ gottesdienſt, der am 21. Januar, dem Todestag Ludwigs XVI. auf Veranlaſſung der franzöſiſchen Geſandtſchaft in der katholiſchen Kirche in der Anweſenheit von Vertretern des Hofes und des ganzen ) dem ſpäteren Gaſthof„zum Erbprinzen“. — 381— diplomatiſchen Korps ſtattfand, und die große muſikaliſch-dramatiſche Akademie, die zur Feier des Jahrestages der Schlacht bei Belle-Alliance am 18. Juni durch A. Bringmann veranſtaltet wurde. Den Namenstag der Großherzogin feierte das Hof⸗ theater am 26. Dezember durch die erſte Aufführung der Oper „Ferdinand Cortez“ von Spontini und am 31. durch Veranſtaltung eines großen Maskenballes. Wie im ganzen Lande, ſo wurde auch in Karlsruhe das dritte Jubiläum der Reformation in den Tagen vom 30. Oktober bis 2. November von der lutheriſchen und reformierten Kirchen⸗ gemeinde feierlich begangen. Schon geraume Zeit vorher wurde die Schuljugend in den Kinderlehren durch die Geiſtlichen über die Be⸗ deutung des Feſtes unterrichtet, an zwei Sonntagen, am 19. und 26. Oktober verbanden die Geiſtlichen mit der Predigt kurze An⸗ ſprachen zur Verkündigung des Feſtes, welches in der Abendzämmerung des 30. Oktober eingeläutet wurde. Am 31. Oktober wurden in ſämt⸗ lichen evangeliſchen Kirchen Feſtgottesdienſte abgehalten, an denen die Be⸗ amten, der Stadtrat, die Schuljugend des lutheriſchen und reformierten Bekenntniſſes teilnahmen. Am 1. November nachmittags fand Gottes⸗ dienſt zur Vorbereitung auf das heilige Abendmahl ſtatt, welchem am Sonntag den 2. November die Austeilung des Abendmahls neben dem gewöhnlichen Gottesdienſte folgte. Auch an Feſtſchriften mangelte es nicht. Ein Büchlein über„die merkwürdigſten Lebensumſtände Dr. Martin Luthers nebſt deſſen Bildnis“ wurde zum Preiſe von 30 kr. von der C. F. Müller'ſchen Hofbuchhandlung in großen Partien verkauft. Friedrich Schützenberger ließ bei D. R. Marx ein Trauerſpiel in 5 Aufzügen„Religion und Liebe“ erſcheinen; eine Kantate:„Sieg der Wahrheit, Töne bei der Feier des dritten Jubelfeſtes der Reformation“ mit Klavier- oder Orgelbegleitung hatte H. L. Ritter in Muſik geſetzt. Eine etwas eigenartige Veranſtaltung aber war der„auf erhaltene gnädigſte Erlaubnis“ auf Mittwoch den 5. November„zur Feier des dritten Jubiläums der Reformation“ von Karl Segard, Wirt zum Augarten, angekündigte Ball. Todesfälle. Im Jahre 1817 ſtarben in Karlsruhe zwei Perſönlichkeiten, deren Namen in unſerer Darſtellung der Stadtgeſchichte öfter genannt — 382— wurden; am 2. April der Geh. Hofrat Johann Heinrich Jung genannt Stilling, den im 77. Lebensjahr ein ſanfter Tod aus einem bis zuletzt thätigen und gemeinnützigen Leben abrief, und am 8. Dezember der Oberhofprediger und Kirchenrat Leonhard Walz, deſſen beredter Mund während einer langen Reihe von Jahren allen Feſten der Freude und allen Tagen der Trauer im großherzoglichen Hauſe und in der Reſidenzſtadt Worte des Segens, der Erbauung, des Troſtes geſpendet hatte. Eine Auswahl der von dem gefeierten Kanzelredner gehaltenen Predigten, deren Sammlung er ſich ſelbſt hatte angelegen ſein laſſen, gab nach ſeinem Tode die C. F. Müller'ſche Hofbuchhandlung heraus, in deren Verlag auch ſein von Karcher in Kupfer geſtochenes erſchien. Treiherr v. Drais. Im Jahre 1817 war es dem Forſtmeiſter Freiherrn Karl v. Drais gelungen, ſeine„Fahrmaſchine ohne Pferd“ ſo zu verbeſſern, daß er von Mannheim bis an das Schwetzinger Relais⸗ haus und wieder zurück, alſo gegen 4 Poſtſtunden Weges in einer kleinen Stunde Zeit fahren und den ſteilen, 2 Stunden betragenden Gebirgsweg von Gernsbach nach Baden in ungefähr einer Stunde zurücklegen konnte. Auch in Karlsruhe„überzeugte er mehrere Kunſt⸗ liebhaber von der großen Schnelligkeit dieſer ſehr intereſſanten Fahr⸗ maſchine“. Der neueſten Verwendung der aus den beſcheidenen An— fängen der„Draiſine“ allmählich zu höchſter Vollkommenheit ent⸗ wickelten Fahrräder gegenüber darf es hervorgehoben werden, daß der Artikel in Nr. 211 der Karlsruher Zeitung vom 1. Auguſt 1817, welchem wir vorſtehende Angaben entnehmen, ſchon auf den Gebrauch der Drais'ſchen Maſchine„zu Staffetten“ hinweist. Vom Groß⸗ herzog wurden die Verdienſte des Freiherrn v. Drais durch Ver⸗ leihung des Charakters eines Profeſſors der Mechanik anerkannt. Außerdem erhielt er ein Erfindungspatent auf 10 Jahre für ſeine „Laufmaſchine“, welches dieſe im Großherzogtum gegen Nachahmung ſchützte. Wer ſie ohne Verſtändigung mit dem Erfinder nachahmte, ſollte außer der Beſchlagnahme der nachgeahmten Maſchine noch eine Strafe von 10 Rthlr. erlegen. Für die Erlaubnis, ſeine Maſchine nachzubilden, verlangte v. Drais die Löſung eines Honorarzeichens, beſtehend in einem Silberplättchen mit ſeinem Namen und Wappen, eeeeeeeeeee — 383— das ſichtbar vorn an der Maſchine zu befeſtigen ſei. Er forderte dafür 1 Karolin(= 11 Gulden) für die Dauer ſeines Privilegs, ½ Karolin oder 2 große Thaler bis zum Schluſſe des Jahres 1821. Beim Kaufe von 10 ſolcher Zeichen war das 11. frei. Das Jahr 1818. Schon im Jahre 1817 hatte das Befinden des Großherzogs Karl zu ernſten Beſorgniſſen Anlaß gegeben. Sie vermehrten ſich noch um die Jahreswende und lagen als ein ſchwerer Druck auf allen Gemütern. Es herrſchte denn auch im Vergleich zu andern Jahren eine dumpfe Stille in dem geſelligen Leben der höheren Kreiſe der Reſidenzſtadt. Am Karlstage(28. Januar) verſuchte die Großherzogin Stephanie, welche ihren Gemahl mit der zärtlichſten Sorge umgab und jeden Anlaß benützte, ihn aus der Lethargie, der er ſich widerſtandslos hingab, aufzurütteln, den Kranken durch Ver⸗ anſtaltung eines großen Maskenfeſtes aufzuheitern. Mehr als fünfzig Geſtalten aus Goethes Dichtungen bildeten einen feſtlichen Zug und brachten in anmutigen Verſen von Ludwig Robert, Varnhagens Schwager, der damals vorübergehend in Karlsruhe wohnte, ihre Huldigungen dar. Aber der Großherzog fühlte ſich ſo wenig wohl, daß er dem ihm zu Ehren geplanten Feſte fern blieb und die Groß⸗ herzogin die für ihn beſtimmten poetiſchen Wünſche entgegennehmen mußte. Die Elaſtizität ihres Naturells machte es ihr möglich, den tiefen Kummer über das Leiden des Gemahls vor der Offentlichkeit zu verbergen und die poetiſchen Anreden in ſo feiner, geiſtreicher und liebenswürdiger Weiſe zu erwidern, daß 85 Anweſenden entzückt waren. Drei Monate ſpäter wurde im Reſidenzſchloſſe die feierliche Trauung der Prinzeſſin Amalie Chriſtine, Tochter des Großherzogs Karl Friedrich, mit dem Fürſten Karl Egon zu Fürſtenberg voll⸗ zogen, mit dem ſie ſich am 6. Januar verlobt hatte. Auch dieſer Feier mußte der Großherzog fern bleiben, aber er nahm an dem freudigen Ereignis lebhaften Anteil, und aus ſeinen Gemächern, wo er ihr die herzlichſten Glückwünſche wurde die Braut an den Traualtar geführt. Aus dem Leben der dem Hofe 5 ſtehenden Kreiſe iſt die Abberufung des württembergiſchen Geſandten Grafen Mülinen, welchen — 384— vorläufig der Staatsrat v. Wächter erſetzte, und des öſterreichiſchen Geſandten Grafen Trautmannsdorff ſowie die vorübergehende Au⸗ weſenheit eines Geſandten der Eidgenoſſenſchaft, Staatsrat und Alt⸗ bürgermeiſter v. Eſcher, und des engliſchen Geſandten in Stuttgart Brook Taylor, welche beide mit Aufträgen an die badiſche Regierung betraut waren, ſowie die Ankunft des Bistumsverweſers Freiherrn v. Weſſenberg aus Rom zu erwähnen. Die befriedigend ausgefallene Ernte des Jahres 1817 machte es möglich, die im Jahre 1812 eingeführte Fruchtacciſe vom 1. Mai an wieder abzuſchaffen und damit auch die Brodtaxe in allen Orten des Großherzogtums um den Preis herabzuſetzen, um welchen ſie damals erhöht worden war, ſowie die bis dahin noch aufrecht erhaltene Fruchtſperre gegen Frankreich wieder aufzuheben. Daß auch jetzt, wie im Jahre 1811, ein Komet am Abendhimmel zu erblicken war, wurde— trotz aller von Hofrat Böckmann aus⸗ gehenden Belehrungen— hoffnungsvoll als Vorzeichen einer Wieder⸗ kehr des im Jahre 1811 mit der Erſcheinung eines Kometen ver⸗ bundenen reichen Ernteſegens gedeutet. Erteilung der Verfaſſung. In aller Stille waren die Vorarbeiten für die Erteilung einer landſtändiſchen Verfaſſung fortgeſetzt worden. Aber erſt ſeit der Großherzog einem ſeiner fähigſten und arbeitstüchtigſten Beamten, dem Finanzrat Nebenius das Referat in dem für dieſe Angelegen⸗ heit niedergeſetzten Ausſchuß übertragen hatte, ſchritt das Werk ſeiner Vollendung entgegen, und nachdem am 22. Auguſt der Großherzog die Verfaſſungsurkunde unterſchrieben hatte, iſt ſie in dem Staats⸗ und Regierungsblatt vom 29. Auguſt verkündigt worden. Gleichzeitig wurde die Eröffnung des erſten Landtages auf den 1. Februar 1819 feſtgeſetzt. Groß war im ganzen Lande die Dankbarkeit für den Entſchluß des Großherzogs, welcher eine neue Bürgſchaft für die durch Bayerns Anſprüche immer noch bedrohte Erhaltung des Großherzogtums in ſeinem gegenwärtigen Beſtande und für eine ſegensreiche Entwickelung des öffentlichen Lebens auf dem Boden geſicherter Rechtsverhältniſſe und in den Bahnen liberaler Anſchauungen darbot. Aus allen Teilen des Landes wurden Dankadreſſen an den Großherzog gerichtet, und — 385— nachdem am 4. September bei einer Verſammlung ſämtlicher Orts⸗ vorgeſetzten des aus 20 Gemeinden beſtehenden Landamtes Karlsruhe eine Kundgebung der Dankbarkeit beſchloſſen worden war, vereinigten ſich am 5. September auch Oberbürgermeiſter, Stadtrat und Bürger— ausſchuß von Karlsruhe zur Abfaſſung einer Adreſſe an den Landes⸗ herrn, welche am 12. September durch einen Erlaß des Großherzogs erwidert wurde. Mit Befriedigung laſen die Karlsruher, als am 17. September die großherzogliche Antwort in der Karlsruher Zeitung veröffentlicht wurde, daß der Großherzog in derſelben„die Auf— richtigkeit der Geſinnungen der Bürger ſeiner Reſidenz“,„die Ergeben⸗ heit und das feſte Vertrauen“, das ſie ihm gegenüber an den Tag legten, anerkannte und die Hoffnung ausſprach, daß„die Bewohner der Reſidenz ſich auch fernerhin beeifern werden, in dieſem Beſtreben ein muſterhaftes Vorbild für Alle zu ſein“. Nicht ganz ungetrübt war die Freude der Karlsruher Bürgerſchaft über die Erteilung der Verfaſſung geweſen. Denn es hatte ſich das Gerücht verbreitet, daß die Stadt Durlach zum Sitz des Landtages beſtimmt ſei. Der großen Beunruhigung, welche darüber in der ganzen Stadt herrſchte, gab der 1816 an Griesbachs Stelle getretene Ober— bürgermeiſter Dollmätſch im Verein mit Stadtrat und Bürgerausſchuß in einer am 10. September an den Großherzog gerichteten Eingabe Ausdruck. In derſelben wurden die Geſichtspunkte, welche gegen die Wahl von Durlach und für die Beſtimmung Karlsruhes zum Sitze der Ständeverſammlung ſprachen, dargelegt. Beſonders wurde auch darauf hingewieſen, daß ſich in Karlsruhe im Schreiner Himmelheber'ſchen Hauſe, im Badiſchen Hof, im Roten Haus und in der Stadt Freiburg hinlänglich Raum für die Verſammlung der Stände finde und in dem neu zu erbauenden Rathauſe wenigſtens für eine Kammer ein geeignetes Lokal eingerichtet werden könne. Die Befürchtungen der Karlsruher waren wohl von vornherein unbegründet und konnten daher um ſo leichter und ſchneller zerſtreut werden. Die ſtädtiſche Vertretung blickte aber doch mit Befriedigung auf ihre Bemühung zurück, eine drohende Gefahr von der Reſidenzſtadt abzuwenden. Krankheit und Tod des Großherzogs Karl. Für ſeine von Tag zu Tag ſich verſchlimmernden Leiden ſuchte Großherzog Karl, von der Großherzogin begleitet und aufs ſorgſamſte 25⁵ — 386— gepflegt, Linderung in dem Schwarzwaldbade Griesbach, und als der Herbſt herankam, auf dem Schloſſe Favorite, das zu Beginn des Winters mit dem Schloſſe zu Raſtatt vertauſcht wurde. Während ſein Zuſtand immer weniger Hoffnung auf Geneſung eröffnete, dauerten die Beſtrebungen fort, für den Fall ſeines Ablebens Pfalz und Breis⸗ gau von dem Großherzogtum zu trennen. Den badiſchen Staatsmännern gelang es ſchließlich, ſowohl den Kaiſer Alexander von Rußland als auch den König von Preußen für die Intregrität des badiſchen Staates zu intereſſieren und ſchließlich mit deren Hilfe auch den Kaiſer von Oſterreich zur Zuſtimmung zu gewinnen, als auf dem Kongreß von Aachen die badiſche Frage verhandelt wurde. Durch einen Beſchluß der Groß⸗ mächte wurde dem badiſchen Fürſtenhauſe ſein voller Beſitzſtand und die von Großherzog Karl Friedrich getroffene und durch das Haus⸗ geſetz von 1817 beſtätigte Erbfolgeordnung gewährleiſtet. Dieſer Erfolg hervorragend tüchtiger und dem Herrſcherhauſe treu ergebener Unterhändler war die letzte Freude, die dem Großherzog Karl be— ſchieden war. An ſein Schmerzenslager eilten im Spätherbſt die Kaiſerin Eliſabeth von Rußland, welche ſeit dem 6. Oktober wieder Gaſt ihrer Mutter im Bruchſaler Schloſſe war, und ſeine andern Schweſtern, die, wie auch andere fürſtliche Perſonen, in Baden-Baden längeren Aufenthalt nahmen. Am 7. November kam die Kaiſerin mit der Markgräfin Amalie nach Karlsruhe, wo am 19. ihr Namenstag feierlich begangen wurde. Am 25. November kam auch Kaiſer Alexander wieder in der badiſchen Reſidenzſtadt an. Ihm war der Ruf der Unterſtützung vorangeeilt, die er in Aachen den badiſchen Rechtsanſprüchen gewidmet hatte. Ein dankbares Volk begrüßte ihn mit herzlichem Zurufe. Zu ſeinem Empfang waren große Anſtalten getroffen. Der Kaiſer aber lehnte Alles ab, verweilte die nächſten Tage im engſten Kreiſe der fürſtlichen Verwandten und zeigte ſich nur am 26. abends im feſtlich beleuchteten Hoftheater, wo Tankred von Roſſini gegeben wurde. Doch konnten ſeine Verwahrungen nicht verhindern, daß am ſpäten Abende dieſes Tages die Karlsruher auch durch freiwillige Beleuchtung der Stadt ihrer Freude über ſeine und der Kaiſerin Anweſenheit Ausdruck verliehen.„Manche Inſchrift an öffentlichen und Privatgebäuden— ſchrieb die Karlsruher Zeitung— 4 Rrrcrbeeee 8 drückte ſinn⸗ und würdevoll die Empfindung der höchſten Verehrung für den großen und edeln Beherrſcher Rußlands aus.“ Am 28. November verließ Kaiſer Alexander Karlsruhe wieder, um nach einem Beſuche am Krankenbette des Großherzogs in Raſtatt ſich über Ettlingen nach Stuttgart zu begeben. Dort vereinigte ſich mit ihm Großfürſt Michael, der ſich gleichfalls einen Tag lang in Karlsruhe— wo er in der Poſt abgeſtiegen war— aufgehalten hatte, und von da ſetzten die Brüder ihre Reiſe nach Rußland fort. Den Armen Karlsruhes ſpendete Kaiſerin Eliſabeth die reiche Spende von 250 Dukaten, welche am 2. und 3. Dezember unter ſie verteilt wurden. Gleichzeitig überwies die Kaiſerin dem Gewerbs— fond ein Geſchenk von 50 Dukaten. Nur wenige Tage nachher, am 8. Dezember, wurde mit dem fürſtlichen Hauſe und dem ganzen Lande auch die Reſidenzſtadt Karlsruhe in die tiefſte Trauer verſetzt durch die Nachricht, daß morgens um ½9 Uhr Großherzog Karl im 33. Jahre ſeines Lebens, im 8. ſeiner Regierung, in Raſtatt verſchieden ſei. In der Nacht vom 9. zum 10. Dezember wurde der entſeelte Leichnam von Raſtatt nach Karlsruhe verbracht und am 10. vormittags von 9 bis 11 und nachmittags von 5 bis 6 Uhr im Marmorſaale auf dem Paradebett ausgeſtellt, wozu dem Publikum der Zutritt verſtattet ward. Am 11. Dezember abends erfolgte ſodann die Überführung nach der Gruft zu Pforzheim mit dem bei ſolch' traurigen Anläſſen üblichen Gepränge. Am Sarge hielt Hofprediger Martini eine kurze Rede. Das ganze Trauergefolge bewegte ſich, mit Ausnahme der Kavallerie, der berittenen Landjäger und Bürger, zu Fuße vom Schloßplatze durch die Bärengaſſe, die Lange Straße und das Durlacher Thor bis Gottesaue. Bis zur reformierten Kirche bildete das Militär, von da die Bürgergarde Spalier. Von Gottesaue folgte mit dem Großherzog Ludwig und den Prinzen des Hauſes nur eine kleinere Zahl von Würdeträgern dem Sarge zu Wagen bis Pforzheim, wo am 12. Dezember morgens nach 7 Uhr die Beiſetzung ſtattfand. Nach der Rede des Dekans Holzhauer ſprach in der Gruft Hofprediger Martini„einige rührende Abſchiedsworte“. Am 27. Dezember fand in allen proteſtantiſchen Kirchen des Großherzogtums für den verewigten Großherzog Karl ein feierlicher Trauergottesdienſt ſtatt, der am 28. eine Trauerfeier in den katholiſchen Kirchen folgte. Am 25* — 388— 31. Dezember abends wurde auch in allen israelitiſchen Gemeinden des Großherzogtums ein Trauergottesdienſt gehalten, mit beſonderer Feierlichkeit in der prächtig beleuchteten und gänzlich in Trauer ge⸗ hüllten Synagoge der Reſidenz. In Karlsruhe wohnten der Groß⸗ herzog Ludwig mit allen anweſenden Verwandten des großherzog— lichen Hauſes dem Gottesdienſte in der Hofkirche bei. Das Trauer⸗ geläute war für die erſten acht Tage dreimal täglich, von 6—7 morgens, von 11—12 mittags und von 6—7 abends, für weitere drei Wochen einmal täglich von 11—12 Uhr angeordnet. Während, vier Wochen hatten alle öffentlichen Schauſpiele, während drei Monaten Tänze und Muſik zu unterbleiben. Großherzog Tudwig J. Zur Nachfolge in der Regierung war der dritte Sohn des Großherzogs Karl Friedrich, Prinz und Markgraf Ludwig berufen. Am 20. Dezember vormittags nahm er im großherzoglichen Schloſſe die Huldigung von den in Karlsruhe wohnenden Hof- und Staats⸗ dienern bis zum Range eines Miniſterialrates einſchließlich in Perſon entgegen. Die Subalternen der Hof- und Staatsdienerſchaft ſowie die übrigen Staatsbeamten huldigten gleich nachher in die Hände ihrer Vorgeſetzten und zur nämlichen Zeit die übrigen Einwohner der Reſidenz in die Hände des Kreisdirektors, Staatsrats v. Wechmar. Die Huldigungsfeier fand in der Stadtkirche ſtatt und wurde durch eine Predigt des Kirchenrats und Stadtpfarrers Knittel eingeleitet, der über 1. Petr. 2,17„Fürchtet Gott und ehret den König“ ſprach. Nach ihm ergriff Staatsrat v. Wechmar das Wort zu einer beredten Mahnung an die Bürgerſchaft, ſich der Vorzüge würdig zu erweiſen, welche die Reſidenz des Herrſchers genießt. Ihm antwortete mit einem Gelöbnis der Treue namens der Bürgerſchaft Oberbürger— meiſter Dollmätſch. Die Huldigung der israelitiſchen Bürgerſchaft in der Synagoge leitete ebenfalls Staatsrat v. Wechmar durch eine entſprechende Anrede ein. Eine der erſten Regierungshandlungen des Großherzogs Ludwig war die Einberufung des Landtages auf den 23. März 1819 und die Veröffentlichung der Wahlordnung. Mit Großherzog Karl war ein Fürſt zu früh dahin geſchieden, der mit reichen Gaben des Geiſtes eine hohe und edle Geſinnung und eine große Herzensgüte verband. Ein klarer Blick, der Menſchen 1⁰ Tudwig J., Großherzog von Baden. Tνν Lendlos51bliothel Kurte 4 U — 389— und Dinge ſcharf zu beurteilen verſtand, war ihm eigen. Aber was ihm fehlte— vielleicht ſchon ſeiner Veranlagung nach, ſicher jedoch infolge einer nicht richtig geleiteten Erziehung— war ein feſter und entſchiedener Wille. Entbehrte er ſchon in geſunden Tagen der Kraft, zu vermeiden, was ſeiner Geſundheit unzuträglich war, ſo erlag er, als ſchwere körperliche Leiden ihn vorzeitig zu einem kläg— lichen Siechtum verurteilten, der Macht eines Übels, das, rechtzeitig, konſequent und energiſch bekämpft, nicht unheilbar ſchien. Dieſer bedauerliche Körperzuſtand war in den zwei letzten Lebensjahren des Großherzogs Karl nicht ohne ſtörenden Einfluß auf die Staats⸗ geſchäfte geblieben. Es war oft ſehr ſchwer, den kranken Fürſten zu einem Entſchluſſe zu bewegen, die wichtigſten Angelegenheiten blieben lange Zeit unerledigt, und insbeſondere auch die finanziellen Verhält⸗ niſſe des Hofhaltes, durch die harten Zeiten am Beginn des Jahr— hunderts ſchon in Zerrüttung geraten, litten ſchwer durch den Mangel einer feſten Hand und eines zielbewußten Willens. Dieſes wurde nun anders. Großherzog Ludwig konnte mit ſeinem verewigten Neffen bezüglich der Gaben des Geiſtes und Herzens nicht wetteifern. Aber er war in ſeiner Jugend durch eine gute Schule gegangen. Sein ganzes Weſen wurde durch einen ſtrengen Ordnungsſinn beherrſcht, und er brachte den Verpflichtungen, die ihm nun oblagen, als er 56jährig die Regierung des Landes übernahm, das Gefühl entgegen, daß vor Allem Sicherheit und Stätigkeit in den Gang der Staats— maſchine zu bringen ſei. Nüchtern und ruhig wurden jetzt wieder alle Geſchäfte von Tag zu Tag, wie es in einer guten Verwaltung zu gehen pflegt, erledigt. Eine wohlüberdachte Sparſamkeit wurde im Hofhalt eingeführt, dem jede Prachtentfaltung fern blieb und der ſchon um deswillen ſehr einfach ſich geſtaltete, weil der Groß— herzog unvermählt war. Nun wurden auch die in den letzten Regierungsjahren des Großherzogs Karl nicht mehr üblich geweſenen regelmäßigen Audienzen wieder eingeführt, und ſchon am 6. Januar 1819 brachte das Re⸗ gierungsblatt die Mitteilung, daß hinfort an jedem Mittwoch für jeden, der etwas vorzutragen habe, von morgens 10 Uhr an der Zutritt zum Großherzog offen ſtehe. Gleich nach der Beiſetzung des Großherzogs Karl hatte die Großherzogin Stephanie mit ihren Töchtern und ihrer Schwägerin, — 390— Prinzeſſin Amalie, von dem Wunſche nach ſtiller Zurückgezogenheit geleitet, das Schlößchen Scheibenhart bezogen. Nun wurde ihr das— Schloß in Mannheim als Witwenſitz angewieſen. Mit ihrem Weg— zug verlor Karlsruhe ein Element geiſtiger Anregung und vornehmer Lebensführung, wie es gerade für dieſe Stadt von ganz beſonderem Wert geweſen wäre. Der Hof der Großherzogin Stephanie in Mannheim machte die alte pfälziſche Reſidenz von Neuem zu einem Anziehungspunkt für die vornehmen Kreiſe des badiſchen Unterlandes und verſammelte nicht ſelten auch Fremde von Auszeichnung aus allen europäiſchen Ländern um ſich, welche der allmählich durch den Handel materiell aufblühenden Stadt am Rhein eine Regſamkeit⸗ und Lebhaftigkeit auch des geiſtigen und geſelligen Lebens zubrachten, die während geraumer Zeit in Karlsruhe faſt gänzlich entbehrt wurde. Die Jahre 1819 und 1820. Am 9. Januar 1819 trat die Kaiſerin Eliſabeth von Rußland die Rückreiſe nach St. Petersburg an. Vormittags 8 Uhr rückte die Beſatzung aus und ſtellte ſich vom Palais der Markgräfin Amalie längs der Langen Straße bis zum Durlacher⸗ Thor regimenterweiſe in Parade auf. Die Straße war von dicht⸗ gedrängten Scharen der Einwohnerſchaft beſetzt. Eine Abteilung der Garde du Corps gab der Kaiſerin das Geleite bis Pforzheim, wo ſie in der Stiftskirche über der Fürſtengruft längere Zeit in ſtiller Andacht verweilte. Es war der Abſchied von der Heimat, welche die fürſtliche Frau nicht mehr ſehen ſollte. Mit ihrem Gefolge⸗ reiste die Kaiſerin in 16 Wagen in zwei Abteilungen; an jeder Station ſtanden 69 Pferde zur Weiterbeförderung bereit. Der letzte Wunſch, dem die Kaiſerin vor ihrer Abreiſe Ausdruck gab, ſollte noch im Laufe des Jahres 1819 erfüllt werden. Er be⸗ traf die Verbindung des präſumtiven Thronerben, des Markgrafen Leopold, mit der Enkelin des Erbprinzen Karl Ludwig, der älteſten Tochter der Königin von Schweden, Prinzeſſin Sophie. Da die⸗ Zuſtimmung hierzu bei dem Vormund der Prinzeſſin, Kaiſer Alexander⸗ von Rußland, eingeholt werden mußte, begab ſich zu dieſem Zwecke⸗ Markgraf Wilhelm nach St. Petersburg, von wo er am 11. Juli nach Karlsruhe zurückkehrte, nachdem der Kaiſer ſich mit der beab⸗ — 391— ſichtigten Verbindung einverſtanden erklärt hatte. Am 17. Juli fand in Gegenwart ſämtlicher Mitglieder der großherzoglichen Familie, des Königs und der Königin von Bayern und deren beiden älteſten Töchter, ſowie der Prinzen von Braunſchweig die feierliche Verlobung ſtatt, welcher eine große Tafel folgte, an der auch der Herzog von Naſſau teilnahm. Am 25. Juli abends 7½ Uhr wurde im Marmor⸗ ſaale des Schloſſes die Vermählung des Markgrafen Leopold und der Prinzeſſin Sophie gefeiert, welcher die gleichen fürſtlichen Fami⸗ lienmitglieder und Verwandten, zu denen noch der Großherzog von Sachſen-Weimar hinzutrat, und Abordnungen der beiden Kammern des Landtages beiwohnten, welche ſchon am 22. Juli dem Groß— herzog Beglückwünſchungsadreſſen aus Anlaß dieſes freudigen Ereig— niſſes überreicht hatten. Nach dem Feſtmahl, welches der Vermählungs⸗ feier folgte, beſichtigte der ganze Hof die von der Stadt auf dem Schloßplatze veranſtaltete Beleuchtung, an welche ſich ein Feuerwerk anſchloß, von dem ſchönſten Wetter begünſtigt und von dem Jubel des in großer Zahl verſammelten Volkes begleitet. Am 26. Juli fand große Hoftafel ſtatt, an welche ſich im Hoftheater bei feſtlich beleuch— tetem und übervollem Hauſe die Aufführung der heroiſchen Oper in zwei Akten„Berthold der Zähringer“, Text von dem Lieutenant Freiherrn v. Auffenberg, Muſik von dem Kammerſänger Weixelbaum, welche enthuſiaſtiſchen Beifall fand, anſchloß. Am 30. Juli nahmen die Feſtlichkeiten ein Ende mit einem im Hoftheater veranſtalteten großen Maskenball. Die gleiche Freude, welche bei dieſem Anlaß die Einwohnerſchaft der Reſidenzſtadt in gehobener Stimmung an den Tag legte, bezeugte ſie, als am 6. Dezember 1820 dieſer fürſtliche Ehebund durch die Geburt einer Tochter, der nachmaligen Herzogin von Sachſen— Koburg⸗Gotha, geſegnet wurde. Am 26. Dezember fand in dem Palais des Markgrafen Leopold auf dem Rondellplatz die Taufe der neugeborenen Prinzeſſin ſtatt, welche durch ihre Großmutter, die Markgräfin Amalie, über die Taufe gehalten wurde und die Namen Alexandrine Luiſe Amalie Friederike Eliſabeth Sophie erhielt. Den Kaiſer und die Kaiſerin von Rußland, welche die Patenſtellen über— nommen hatten, vertrat der kaiſerliche Geſandte, General v. Benken⸗ dorff. Im gleichen Jahre, in welchem dieſe Prinzeſſin, von väterlicher Seite eine Enkelin, von mütterlicher eine Urenkelin des Großherzogs Karl Friedrich, geboren wurde, ſtarb deſſen zweite Gemahlin, die Reichsgräfin von Hochberg, in ihrem 53. Lebensjahre am 23. Juli 1820. Am 26. Juli abends wurde ihr Leichnam aus dem Trauerſaale im Palais der Markgrafen in feierlichem Zuge nach Pforzheim verbracht und in der großherzoglichen Familiengruft von dem Hofprediger Martini eingeſegnet und beigeſetzt. Schon zu Beginn des Jahres 1819, am 6. Januar, hatte der königlich preußiſche Miniſterreſident Varnhagen von Enſe dem Groß— herzog Ludwig ein Handſchreiben des Königs von Preußen über— reicht, durch welches ihm die Übertragung der Würde eines Generals der Infanterie in der preußiſchen Armee und Chefs des 4. Infanterie⸗ regiments(3. oſtpreußiſchen) mitgeteilt wurde, und gegen Ende des Jahres überreichte dem Großherzog der k. k. Kämmerer Graf Palffy ein Handſchreiben des Kaiſers von Sſterreich, laut welchem dieſer ihm das k. k. Infanterieregiment, deſſen Inhaber Großherzog Karl geweſen, und die Inſignien des St. Stephansordens verlieh. Zum erſtenmale nach Großherzog Ludwigs Regierungsantritt ward am 9. Februar 1819 ſein Geburtstag feſtlich begangen. Ein Gedicht in der Karlsruher Zeitung feierte ihn, anknüpfend an das Jahr ſeiner Geburt 1763, in welchem der Hubertusburger Friede abgeſchloſſen worden war, als den Friedensfürſten, der„bauen“ ſollte„was die Zeit zertrat, und neu das Band um Thron und Bürger ſchlingen, wie einſt ſein großer Vater that!“. Im Muſeum vereinten ſich 120 Mitglieder zum feſtlichen Mahle, das Offizierskorps tafelte im Darmſtädter, die Leſegeſellſchaft im Badiſchen Hofe, andere waren im Roten Hauſe verſammelt, um in feurigen Trink⸗ ſprüchen ihrer treuen Geſinnung für Fürſt und Vaterland Ausdruck zu geben. Noch feierlicher beging man in der Reſidenzſtadt wie im ganzen Lande den Namenstag des Großherzogs am 25. Auguſt, den in Karlsruhe ſchon in der Morgenfrühe Artillerieſalven an— kündigten. In allen Kirchen fanden Feſtgottesdienſte ſtatt und— wie die Karlsruher Zeitung ſich ausdrückt—„in mehreren frohen Vereinen ſprachen ſich die Empfindungen der Treue, Liebe und Er— gebenheit für den Vater des Vaterlandes laut und warm aus und jedes Herz teilte ſie“. Der Großherzog verbrachte den Tag„in ländlicher Abgezogenheit“. Aus allen Städten des Landes liefen — 393— Feſtberichte ein, deren Veröffentlichung das amtliche Blatt bis zum 7. September fortſetzte. In ähnlicher Weiſe wurde fortan das Namensfeſt des Landesherrn alljährlich gefeiert. Am 6. September 1819 trat Großherzog Ludwig eine Reiſe in das Oberland an, allenthalben von lautem Jubel der Bevölkerung begrüßt. Bei ſeiner Rückkehr in die Reſidenzſtadt am 28. September war vor dem Durlacher Thor eine Ehrenpforte errichtet, die durch vergrünte Säulengänge mit dem ebenſo geſchmückten Thore ver— bunden war. Auf der Ehrenpforte las man die Worte Salve und Hic Ames Dici Pater Atque Princeps, über den Säulengängen rechts und links die Buchſtaben CF. und CL.; am Thore: Ludo- vicus Wilhelmus Augustus. Ein Begrüßungsgedicht war im „Karlsruher Unterhaltungs- und Intelligenzblatt“ abgedruckt. Ein Jahr darauf, vom 15. bis 21. September 1820 unternahm der Großherzog abermals eine Reiſe, diesmal zum Beſuche des Main⸗ und Tauberkreiſes. Sehr reges Leben herrſchte in Karlsruhe im Beginne des Monats November 1820, da der Großherzog die in Mannheim, Bruchſal und Raſtatt garniſonierenden Truppen in der Umgegend der Reſidenzſtadt verſammelte, um in Verbindung mit deren Garniſon „einige Waffenübungen auszuüben“, welche zu ſeiner vollen Zufriedenheit ausfielen. Am 10. November traten die von auswärts herangezogenen Truppen den Rückmarſch in ihre Standorte wieder an. Noch im Jahre 1819 war die während der Befreiungskriege gebildete Landwehr gänzlich aufgelöst worden. Den bis dahin noch dabei angeſtellt geweſenen, ſowie den bereits früher wegen Privatverhältniſſen abgegangenen Offizieren, wie auch der ſämtlichen Mannſchaft vom Feldwebel abwärts bezeugte der Großherzog durch eine am 6. Oktober 1819 im Regierungsblatte veröffentlichte Ordre ſeine„dankbare Anerkennung der in den Feldzügen von 1814 und 1815 freiwillig dem Vaterlande geleiſteten Dienſte und Aufopferungen“. Schon vorher, im Auguſt 1819, waren in den beiden Dragoner— regimentern die ſechſten Eskadronen aufgelöst und in die übrigen Eskadrouen ihrer Regimenter verteilt worden. Die erſten Eskadronen der beiden Regimenter bezogen am 25. Auguſt die in Gottesaue für ſie eingerichtete Kaſerne, wurden unter den unmittelbaren Befehl des Kommandeurs der Garde du Corps geſtellt und bildeten mit dieſer — 394— proviſoriſch ein Ganzes, das aus 4 Eskadronen beſtehende Garde— kavallerieregiment. Wiederholt verweilten in den Jahren 1819 und 1820 der König und die Königin von Bayern, welche regelmäßig die Kur in Baden gebrauchten, außerdem der Großherzog von Sachſen-Weimar, der König von Württemberg, der Kronprinz und der Prinz Wilhelm von Preußen, ſowie der Prinz Friedrich von Oranien als Gäſte des Großherzogs in Karlsruhe. Am 8. September 1819. paſſierte die dem König von Spanien durch Procura angetraute Prinzeſſin Maria Joſepha von Sachſen die badiſche Reſidenzſtadt. Von anderen Fremden verzeichnen wir nur als eine Perfönlichkeit, welche die allgemeine Aufmerkſamkeit in beſonders hohem Maße auf ſich zog, den General Freiherrn Kleiſt v. Nollendorff. Im diplomatiſchen Korps gingen verſchiedene Veränder— ungen vor ſich. Ein neuer öſterreichiſcher Geſandter wurde in der Perſon des Freiherrn v. Hruby⸗Gelleny am großherzoglichen Hofe beglaubigt, als Geſandter des Königs von Württemberg kam der General Graf v. Bismarck, an die Stelle des Fürſten Koßloffsky trat als ruſſiſcher Geſandter der General v. Benkendorff, der preußiſche Miniſterreſident Varnhagen v. Enſe wurde von ſeinem Poſten ab⸗ berufen, und in beſonderer Miſſion war geraume Zeit der Ratsherr Hirzel von Zürich als Vertreter der Eidgenoſſenſchaft in Karlsruhe anweſend. Der erſte Landtag. Im Januar 1819 begannen die Vorbereitungen zur Wahl der landſtändiſchen Abgeordneten. Die Reſidenzſtadt Karlsruhe, welche damals rund 16000 Einwohner zählte, war für die Wahl der 48 Wahlmänner in 6 Wahldiſtrikte eingeteilt. Die Wahlmänner⸗ wahlen gingen am 22., 25., 28. und 30. Januar, am 2. und 4. Februar vor ſich. Am 18. Februar fand im Saale des badiſchen Hofes die Wahl der drei Abgeordneten(oder, wie man damals mit Vorliebe ſagte, Deputierten) ſtatt. Als Wahlkommiſſär fungierte der Staatsrat Freiherr v. Wechmar, der in eindringlicher Rede die Wahl- männer an die Wichtigkeit ihrer Pflichten erinnerte. Gewählt wurden Handelsmann Griesbach(der frühere Oberbürgermeiſter) mit 45, Regierungsrat Eiſenlohr mit 41 und Generalkaſſier Sievert —2395— mit 31 Stimmen. Die Eröffnung des Landtages verzögerte ſich, da— wie eine amtliche Bekanntmachung vom 3. März beſagte— ees wider Verhoffen den Miniſterien nicht möglich geworden war, die Ausarbeitung der dem Landtag vorzulegenden Geſetzentwürfe recht⸗ zeitig zu vollenden. Ein neuer Termin wurde auf den 20. April feſtgeſetzt. Nahezu einen Monat früher, am 24. März, wurde die Reſidenz— ſtadt durch die Nachricht erſchreckt, daß der kaiſerlich ruſſiſche Staatsrat v. Kotzebue am Tage vorher, abends /½6 Uhr, in Mannheim, wo er ſeit einiger Zeit ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen hatte, ermordet worden ſei. Die meiſten Karlsruher kannten dieſen Namen lediglich aus den Theaterzetteln, auf denen er ſeit Jahren mehr als der irgend eines anderen Dichters figurierte, wohl nur wenige wußten, daß Herr v. Kotzebue von ſeiner Regierung den Auftrag erhalten hatte, Berichte über die politiſchen Zuſtände Deutſchlands zu erſtatten und daß der Mordſtahl, den ein Jenenſer Student, Ludwig Sand, gegen ihn gezückt, einen politiſchen Racheakt vollzogen hatte. Zunächſt waren nur alle einig in der Verurteilung eines von wahn— ſinnigem Fanatismus eingegebenen Verbrechens. Über die Folgen, welche dieſe That auch für die politiſchen Zuſtände des Großherzog— tums Baden haben ſollte, mochten ſich aber unmittelbar nachdem die Kunde des Frevels ſich verbreitet hatte, wohl nur Wenige Gedanken machen. Inzwiſchen war man bemüht, die neugewählten Vertreter des Volkes mit allen Ehren, die man ihnen erweiſen konnte, zu begrüßen. Unter dem Donner der Geſchütze, von dem Bürgermilitär begleitet, traten die Deputierten der größeren Städte ihre Reiſe nach Karlsruhe an und wurden unterwegs von Abordnungen empfangen und bis zur nächſten Amtsgrenze geleitet, wo neuerdings feſtlicher Empfang ihrer harrte. In Karlsruhe war dem Landtag im großherzoglichen Schloſſe eine prachtvolle Stätte für ſeine Beratungen bereitet.„Bis zur bleibenden Anſchaffung eines eigenen Lokals und um die Koſten einer interimiſtiſchen Einrichtung zu erſparen, werden die Sitzungen beider Kammern während des erſten Landtags in den Sälen Unſeres groß⸗— herzoglichen Schloſſes abgehalten.“ Mit dieſen Worten hatte der Großherzog in der Verordnung vom 23. Dezember 1818 ſeinen — 396— Willen angekündigt, die Volksvertretung im eigenen Hauſe zu be⸗ herbergen. Und darum traten im Fürſtenſchloſſe am 20. April 1819 zum erſtenmale die Mitglieder beider Kammern zuſammen, um die Deputationen zu wählen, welche den Großherzog bei der feierlichen Eröffnung des Landtags empfangen ſollten. Dieſe fand am 22. April, vormittags 11 Uhr, ſtatt und Artillerieſalven kündigten der Reſidenz⸗ ſtadt dieſes bedeutungsvolle Ereignis an. Der feierliche Akt ging im Sitzungsſaale der zweiten Kammer vor ſich, zu welchem die untere Galerie beſtimmt war, welche die Abgeordneten durch die Thüre am Schloßturm betraten. Hier verſammelten ſich nach dem Gottes⸗ dienſte die Abgeordneten der zweiten Kammer, in dieſen Saal wurden ſodann die Mitglieder der erſten Kammer eingeführt, und hier trat der Großherzog vor die Erwählten ſeines Volkes, um zum erſtenmal zu ihnen zu ſprechen. In der Schloßkirche hatte Hofprediger Martini über die Worte des 119. Pſalms„Ich ſchwöre und will es halten, daß ich halte die Rechte deiner Gerechtigkeit“ eine der Würde des Tages ſehr angemeſſene Predigt gehalten, und als nun, nachdem der Großherzog in Begleitung der Prinzen, ſeines Gefolges und des ganzen Hofſtaates unter Paradierung der Grena⸗ diergarde und Löſung der Kanonen den Sitzungsſaal betreten und ſeine Eröffnungsrede geſprochen hatte, die Vereidigung der Prinzen und der Mitglieder beider Häufer auf die Verfaſſung erfolgte, entzog ſich keiner der Anweſenden der erhebenden Empfindung von der Bedeutung des Augenblicks. Nachdem der Großherzog unter lauten Hochrufen den Saal wieder verlaſſen und der Staatsminiſter Freiherr v. Berſtett ſich in längerer Rede über die äußeren und inneren Verhältniſſe des Landes verbreitet hatte, folgten die Depu⸗ tierten beider Kammern einer Einladung zur Hoftafel. Aus einem Pokale, gefüllt mit dem beſten Landwein, trank der Großherzog auf das Wohl der Stände mit den Worten:„Meine Herren, auf die Geſundheit der badiſchen Stände mit altem badiſchem Wein, und nun ſoll auch nach alter Sitte der Pokal kreiſen.“ Hierauf brachte der Präſident der erſten und der proviſoriſche Präſident der zweiten Kammer die Geſundheit des Landesherrn aus und der Pokal kreiste wieder. Abends wurde im Hoftheater die Oper„Eliſabeth“ von Roſſini bei erleuch⸗ tetem Hauſe mit freiem Eintritt gegeben, und die Deputierten wurden mit Pauken- und Trompetenſchall und Freudenbezeugungen empfangen. — 397— Später erſchien der Großherzog mit den Mitgliedern der groß— herzoglichen Familie unter dem lauteſten, herzlichſten Jubel des Publikums. Allgemein gab man ſich hinſichtlich der Thätigkeit der Land⸗ ſtände den größten Erwartungen hin, denen in der Karlsruher Zeitung der Dichter Nadler in poetiſcher Form Ausdruck verlieh. Ihren Verhandlungen die ſchnellſte und weiteſte Verbreitung zu geben, wetteiferte man von allen Seiten. Schon am 13. April kün⸗ digte Hofbuchhändler C. F. Müller das Erſcheinen einer Zeitſchrift unter dem Titel„Archiv für landſtändiſche Angelegenheiten im Groß— herzogtum Baden“ an, die Ständeverſammlung gab ihre Verhand— lungen im Verlage von G. Braun ſelbſt amtlich heraus und Archivrat Brodhag gründete im„Landſtändiſchen Boten“ ein Organ, welches den Leſern, denen jene Publikation zu ausführlich erſchien, kurze Auszüge aus den Kammerverhandlungen verſprach. Eine überſichtliche Darſtellung des Verhandelten brachte auch von Tag zu Tag die Karlsruher Zeitung. Die erſte Tagung der badiſchen Kammern iſt gekennzeichnet durch die namhafte Zahl hervorragender und geſchäftskundiger Männer, welche in beiden Häuſern des Landtags ſaßen, und durch die überaus große Menge von Motionen, welche beabſichtigten, auf allen Gebieten des Staatslebens tiefeingreifende Veränderungen herbeizuführen. Sowohl dieſe teilweiſe ſehr weit gehenden Anträge, die aus der Mitte der Landſtände hervorgingen, als auch eine in der zweiten Kammer mit ungeahnter Schärfe hervortretende Oppoſition gegen einen Teil der Regierungsvorlagen führten bald zu Konflikten, die— angeſichts der bei den führenden deutſchen Großmächten herrſchenden Abneigung gegen das conſtitutionelle Syſtem— ſchon im Laufe der wenigen Monate, während welcher im Jahre 1819 der Landtag verſammelt war, auch in Baden der erwarteten Entwickelung des parlamentariſchen Lebens hemmend entgegentraten. Daß die unſelige That Ludwig Sands auf badiſchem Boden verübt worden, verſtärkte die Ratſchläge jener, welche in der Umgebung des Landesherrn den, neuen Inſtitutionen eine entſchiedene Abneigung entgegenbrachten. Badens Vertreter nahm an den Miniſterkonferenzen zu Karlsbad, die beſtimmt waren, einer Ausdehnung der Volksrechte mit Ent— ſchiedenheit entgegenzutreten, eifrigen Anteil. So fand denn die 5 5 unter ſo glänzenden Vorzeichen begonnene Tagung ein unerfreuliches und verfrühtes Ende. Am 28. Juli 1819 wurde der Landtag ver⸗ tagt, ohne daß ein befriedigendes Ergebnis, insbeſondere eine Ver—⸗ ſtändigung über das von der Regieriitz vorgelegte Budget erreicht worden war. Auf die Verhandlungen der Landtage näher einzugehen, iſt nicht die Aufgabe dieſer Darſtellung. Es iſt hier nun in Kürze der Anteil hervorzuheben, welchen die Abgeordneten der Reſidenz⸗ ſtadt an denſelben nahmen. Bei der Ausloſung der Abgeordneten in die Abteilungen erhielt der Abgeordnete Sievert ſeinen Platz in der II., während Eiſenlohr und Griesbach, der letztere als Vor⸗ ſitzender, der V. Abteilung angehörten. Eiſenlohr war Mitglied der Kommiſſion, welcher die Abfaſſung des Entwurfes einer Dank⸗ adreſſe auf die Thronrede oblag, und ihm verdankt man die Ab— änderung des urſprünglich vorgeſchlagenen Namens„Reglement“ in den noch heute üblichen Namen„Geſchäftsordnung“. Er gehörte ferner den Kommiſſionen für die Motionen auf Abſchaffung der Frohnen, auf Einführung der Geſchworenengerichte und auf Tren⸗ nung der Juſtiz von der Verwaltung, ſowie für den Antrag wegen Verbeſſerung der Gefängniſſe an. Von ihm rührt ein Antrag auf Erlaß eines Geſetzes gegen den Zinswucher her. Griesbach war Mitglied der Kommiſſion für den Antrag wegen Errichtung von Leihanſtalten mit Sparkaſſen und erſtattete den Kommiſſionsbericht über den Antrag des Abgeordneten v. Lotzbeck, welcher die Freiheit des Handelsverkehres im Innern der Bundesſtaaten anzubahnen be⸗ ſtimmt war. Sievert gehörte der Kommiſſion für die Motion auf Verbeſſerungen der Poſteinrichtungen auf der Bergſtraße von Raſtatt aufwärts an. Alle drei Vertreter Karlsruhes nahmen an den Debatten lebhaften Anteil, ohne jedoch der Oppoſition anzu⸗ gehören, deren Reden mehr Aufſehen erregten und von der öffent⸗ lichen Meinung in höherem Maße beachtet wurden, als die rein ſachlichen Ausführungen, für welche gerade dieſe drei Männer, jeder auf ſeinem Gebiet(der Rechtsgelehrſamkeit, des Handels und der Finanzen) ſich beſonders befähigt zeigten. Als der Landtag am 26. Juni 1820 neuerdings zuſammentrat, fanden ſeine Verſammlungen nicht wieder im großherzoglichen Schloſſe 4 ſtatt, ſondern in Räumen, welche in dem Hauſe Schloßſtraße 18 am ö Rondellplatz, deſſen Eigentümer damals der Sattler Karl Schmidt war), zu dieſem Zweck gemietet worden waren. Dieſer hatte ſchon während der Tagung von 1819 dem Landtag ſein Haus zum Kauf angeboten, welches, da ein großer Garten in der Erbprinzenſtraße dazu gehörte, der baulichen Erweiterung fähig war. Man hatte ſich aber nicht ſchlüſſig machen können, auf dieſes Angebot einzugehen, ebenſowenig als auf die von anderer Seite, von Karl Lang, dem Bagdiſchen Hofwirt Wieland und dem Capitän v. St. Ange gemachten Kaufanerbietungen. Einer der Hauptgründe, welche gegen Erwer— 1bung des Schmidt'ſchen Hauſes ſprachen, war der Lärm des Straßen⸗ verkehrs“). 4 Auf Vorſchlag der zur Prüfung dieſer Frage niedergeſetzten Kommiſſion beſchloß die zweite Kammer, ein neues Ständehaus zu bauen, bewilligte dafür eine Summe von 80 000 Gulden, beauftragte e. * * 1den Oberbaudirektor Weinbrenner mit Anfertigung des Bauplanes e und entſchied ſich dafür, als Bauplatz den Garten des Poſtverwalters Kͤreglinger, zunächſt der katholiſchen Kirche in der Ritterſtraße zum Preiſe von 12000 Gulden zu erwerben. Um mit der Regierung ˖ das Weitere zu beſorgen, wurde eine Kommiſſion ernannt, welcher f von den Vertretern Karlsruhes der Abgeordnete Griesbach angehörte. r Die erſte Kammer ſchloß ſich dieſem Beſchluſſe an*). 88 t) Dieſes Haus, heute Karl⸗Friedrichſtraße 22, war nach Plänen Wein⸗ t4 brenners im Jahre 1800 von dem damaligen Hofrat, ſpäteren Staatsrat Wohnlich erbaut worden und enthielt einen, auch heute noch vorhandenen großen 8 Saal. Nach Wohnlichs Tode hatte 1814 Graf Luccheſi, ein ſardiniſcher Edel⸗ 1 mann, der längere Zeit in Karlsruhe ſeinen Wohnſitz hatte und Beſitzer einer U nicht unbedeutenden Gemäldeſammlung war, das Haus käuflich erworben, von dieſem hatte es 1818 Sattler Schmidt gekauft. Aus deſſen Händen ging es im Oktober 1820 an den Freiherrn v. Lotzbeck über, der es ſpäter an den groß⸗ herzoglichen Leibarzt Teufel verkaufte. Von deſſen Witwe erwarb es der gegenwärtige Eigentümer, Herr Fabrikant Deſſart. U z) Um dieſem Übelſtand abzuhelfen, wurde während der Dauer der * Sitzungen die Erbprinzenſtraße für Wagen abgeſperrt, und die vom Ettlinger r Thor her kommenden Kutſcher wurden angewieſen, langſam zu fahren und nicht mit den Peitſchen zu knallen. a), Das Gutachten des Oberbaudirektors Weinbrenner, von deſſen ur⸗ ſprünglichen Vorſchlägen indes bei Ausführung des Baues ſehr erheblich ab⸗ gewichen wurde, iſt in den Verhandlungen der Ständeverſammlung im Jahre un 1820 im 8. Heft S. 100—107 abgedruckt. — 400— Die Verhandlungen des Landtags vom 26. Juli bis 5. Sep⸗ tember 1820 verliefen viel ruhiger als jene, die im Jahre 1819 ſtattgefunden hatten. Die Regierung wie die Stände waren zu gegenſeitiger Nachgiebigkeit geneigt und man ging den Konflikten, die 1819 wohl einmal abſichtlich aufgeſucht worden waren, vorſichtig aus dem Wege. Von den Karlsruher Abgeordneten gehörte dieſesmal Eiſenlohr der III., Sievert(als Vorſitzender) der IV. und Griesbach der V. Abteilung an. Griesbach hatte einige wichtige Berichte zu erſtatten, u. a. über die Amortiſationskaſſe und das Amortiſations⸗ Ranlehen und über den Entwurf einer neuen Zollordnung und beteil gen ſich mit beſonderem Eifer an der Diskuſſion über den Hauſierhangl, für deſſen vollſtändige Aufhebung er gegen den lebhaften Widerſoruch der Abgeordneten vom Schwarzwald ſeine Stimme erfolglos erhob. Er war auch Mitglied der Kommiſſion für die Motion auf Cin— führung einer Kapitalienſteuer und— ebenſo wie Sievert— der Budgetkommiſſion. Eiſenlohr gehörte der Kommiſſion an, welche zur Behandlung der Motion auf Prüfung der alten Beetabg iben niedergeſetzt war. Am 5. September, vormittags 11 Uhr, nahm der Großberzog perſönlich den Schluß des Landtags vor. Von der Schloßwache bis zu dem Ständehaus bildete Militär Spalier, durch delches ſich, von Kavallerie eskortiert, der feierliche Zug mit dem janzen Pomp altfürſtlichen Ceremoniells— Stallmeiſter und Stalloff zianten zu Pferde, Läufer und Pagen, die Hofchargen und Staats miniſter in ſechsſpännigen, der Großherzog in achtſpännigem Wagen, von dem Oberſtallmeiſter, den General- und Flügeladjutanten zu Pfeed um⸗ geben, von den Prinzen des Hauſes gefolgt— bewegte). Nachdem der Großherzog im Sitzungsſaale der zweiten Kammer die Thronrede verleſen hatte, kehrte der Zug in gleicher Ordnung wieder in das Schloß zurück. Mittags wurden ſämtliche Deputierte zur Tafel gezogen, bei welt der Großherzog den Trinkſpruch ausbrachte:„Auf frohes Wieverſehen, ſo einig zum Wohl des Vater⸗ landes, wie wir uns heute verlaſſen.“ 3 ) Das Programm über den feierlichen Landtagsſchluß iſt in Nr. 245 der Karlsruher Zeitung vom 3. September 1820 abgedruckt. Feins — aen; — 401— Am 16. Oktober 1820 fand die Grundſteinlegung des neuen Ständehauſes ſtatt. Schon um 9 morgens beſetzte eine Kompagnie der Leibgrenadiergarde den Feſtplatz, auf dem ſich bald darauf auch die Bürgerkavallerie einfand, beſtehend aus einer Eskadron Dragoner in dunkelblauen Fräcken, goldgeſtickten Kragen und Aufſchlägen, goldenen Achſelſchnüren, weißer Weſte und blauen Beinkleidern und einer Eskadron Jäger in hechtgrauen Fräcken, grünen Kragen und Aufſchlägen mit Goldſtickerei, weißen Weſten und Bein⸗ kleidern. Gegen 10 Uhr verſammelten ſich an der Bauſtelle die Prinzen des großherzoglichen Hauſes, der Hofſtaat, das Staats⸗ miniſterium, die landſtändiſche Baukommiſſion, die Staatsbeamten und das Offizierskorps der Karlsruher Garniſon. Um 10 Uhr erſchien der Großherzog zu Pferde mit ſeinem militäriſchen Gefolge, vom Jubel des zahlreich herbeigeeilten Volkes begrüßt, und begab ſich unter Vortritt ſeines Dienſtes und der landſtändiſchen Kommiſſion auf die neben dem Grundſtein errichtete Eſtrade. Hier hielt im Namen der Landſtände das Mitglied der erſten Kammer, Prälat Hebel an den Großherzog eine Anſprache?), welche dieſer mit den Worten erwiderte: „Da ich nichts ſehnlicher wünſche, als das Glück unſeres Vaterlandes immer mehr und feſter zu begründen, ſo lege ich mit innigſtem Vergnügen die Hand an den erſten Stein dieſes Gebäudes, in welchem dereinſt das Wohl meines teuren Volkes beraten werden ſoll.“ Hierauf überreichte Oberbaudirektor Weinbrenner dem Groß— herzog einen ſilbernen Hammer, mit welchem dieſer, die Prinzen und die übrigen Geladenen drei Schläge auf den Grundſtein gaben, und demnächſt eine ſilberne Kelle zum Auftragen des Kalkes. Die in den Grundſtein eingemauerte Inſchrift, in eine filberne Platte ein— graviert, hat folgenden Wortlaut: „Am 16. Tag des Weinmonats im Jahr 1820, im zweiten Jahr nach der frühen Vollendung des Großherzogs Carl Ludwig Friedrich, der preiswürdig und unvergeßlich in der Gewährung der ſtändiſchen Verfaſſung lebt, als Ludwig Wilhelm Auguſt auf dem Throne ſeiner Väter ſaß, der Huldreiche und Gerechte, der die Verfaſſung in ihr ſchönes, feſtes Daſeyn ſtellte, nach dem Schluſſe des erſten Landtages, hocherfreulich für den Fürſten und ſein Volk, ward zu dem Ständehaus in frohen Hoffnungen und 9 Sie iſt in der Nr. 288 der Karlsruher Zeitung vom 16. Oktober 1820 abgedruckt. 26 — 402— Wünſchen für ſein Werden und Beſtehen, für Badens Wohl und Frieden unter Gottes allmächtigem Schutz dieſer Grundſtein gelegt.“ Nach Beendigung der Ceremonie kehrte der Großherzog wieder in das Reſidenzſchloß zurück. Naturereigniſſe. Abermals zeigte ſich im Jahre 1819 ein Komet am Himmel. Als am 3. Juli nach mehrtägiger trüber Witterung wieder heiteres Wetter eintrat, erblickte man zwiſchen den Sternbildern des Fuhr— mannes und des Luchſes dieſes merkwürdige Geſtirn, welches dem großen Kometen von 1811 an die Seite geſetzt werden konnte. Er beſaß— nach der von der Mannheimer Sternwarte veröffentlichten Beſchreibung—„einen ſehr dichten, lebhaft funkelnden Kern mit weißgelblichem Lichte; ſein Schweif, der ſehr regelmäßig und ungeteilt erſchien, hatte am 3. Juli bei nicht großer Breite bereits eine Aus⸗ dehnung von 5 bis 6 Graden in der Länge und war die ganze Nacht hindurch ſichtbar.“ Als ſollten jene Recht behalten, welche, trotz aller wiſſenſchaft⸗ lichen Belehrungen an dem Glauben feſthielten, daß das Erſcheinen eines Kometen auf irgend ein unheilvolles Ereignis vorbereite, trat gegen Ende des Jahres 1819 wieder Waſſernot ein, welche die Nachbarſchaft der Reſidenz ſchwer betraf. Während die oberen Rhein⸗ gemeinden des Landamtes Karlsruhe von Daxlanden bis Linkenheim ihre ſchützenden Dämme durch angeſtrengte, Tag und Nacht fortgeſetzte Thätigkeit gegen Wind und Wellen zu erhalten vermochten, was ſie— wie der Bericht der Karlsruher Zeitung gewiß mit Recht hervorhebt— beſonders auch den ſeit zwei Jahren zu Daxlanden, Knielingen und Eggenſtein ausgeführten großen Rheindurchſchnitten zu verdanken hatten, waren die Orte Liedolsheim und Rußheim, welche erſt im Jahre 1817 ihre ganze Ernte durch Überſchwem⸗ mung verloren hatten, abermals ſo unglücklich, durch mehrere, ſchon in der Nacht des 23. Dezember 1819 erfolgte Dammbrüche beinahe ganz unter Waſſer geſetzt zu werden. Nur durch umſichtige Hülfs⸗ und Rettungsanſtalten, welche der Großherzog perſönlich in Augenſchein nahm, gelang es, die Einwohner und ihren Viehſtand zu erhalten. Aber die Not in dieſen Dörfern war ſehr groß, und die Mildthätigkeit der Karlsruher fand auch jetzt wieder Gelegenheit, ſich bei den Sammlungen, welche zu Gunſten der durch das Hoch— waſſer beſchädigten Nachbarn veranſtaltet wurden, wirkſam zu be—⸗ thätigen. Lebhaftes Intereſſe bei den Naturkundigen erweckte im September 1820 eine„ringförmige“ Sonnenfinſternis, über deren Be— obachtung in phyſikaliſcher Hinſicht Hofrat Böckmann in der Karls⸗ ruher Zeitung ſehr eingehende Mitteilungen veröffentlichte. Unruhen in Karlsruhe. Wie ſehr die ſonſt ſo ruhige Stadt Karlsruhe nunmehr auch begann, von den herrſchenden Strömungen der öffentlichen Meinung berührt zu werden, geht daraus hervor, daß im Auguſt 1819 wie in anderen deutſchen Städten auch in Karlsruhe ernſte Ruheſtörungen, deren Tendenz ſich gegen die Israeliten kehrte, vorkamen. Der Notſtand des Jahres 1817 und die Beſchuldigung jüdiſcher Handels— leute, dieſen zur Ausbeutung notleidender Bürger benutzt zu haben, hatte in verſchiedenen Teilen Deutſchlands leidenſchaftliche Kundgebungen der Bevölkerung gegen die Juden hervorgerufen. In Hamburg und anderen norddeutſchen Städten, im Südweſten Deutſchlands aber in Frankfurt und Darmſtadt, Mannheim, Heidelberg und Bruchſal, auch in Pforzheim und Bühl und ſchließlich in Landgemeinden wie Niedergrombach fanden Ausſchreitungen ſtatt, bei denen die tumul— tuierenden Volkshaufen ſich ſogar nicht der perſönlichen Bedrohung der Juden und der Beſchädigung ihres Eigentums enthielten. Am 27. Auguſt abends nach dem Zapfenſtreiche verſammelte ſich in Karlsruhe eine Menge Menſchen teils in der Langen Straße, teils in anderen Straßen, in denen Juden wohnten, und ſchrie aus vollem Halſe: Hepp! Hepp!— den Schlachtruf, unter deſſen Klang die Ausſchreitungen gegen die Juden in Szene geſetzt zu werden pflegten. Nur durch ſtarke Kavalleriepatrouillen konnte endlich gegen Mitternacht die Ruhe wieder hergeſtellt werden, ohne daß es, wie an anderen Orten, zu Mißhandlungen und Beſchädigungen gekommen wäre. Mehrere Unruheſtifter, größtenteils Handwerksburſchen, die wohl von der Wanderung den Keim der Unruhen nach Karlsruhe verpflanzt hatten, wo gar kein Grund zu Klagen gegen die israelitiſchen Einwohner vorlag, wurden verhaftet. Am 28. Auguſt veröffentlichte die Polizeidirektion eine Ver⸗ 26˙*˙ — 404— ordnung, wodurch jedes lärmende Geſchrei und jede Zuſammenrottung, beſonders zur Nachtzeit ſtrengſtens verboten und jeder, der ſich den Verfügungen der Polizei widerſetzen würde, mit Haft und Strafe nach Strenge der Geſetze bedroht wurde. An Bürger und Einwohner erging die Aufforderung, Hausangehörige, Kinder und Dienſtboten. beſonders bei Eintritt des Abends bei ſich zu behalten und zur Aufrechthaltung der allgemeinen Ordnung mitzuwirken, endlich aber bei etwa wieder eintretender Unordnung ihre Häuſer ſorgſam zu ſchließen. Die Aufforderung der Behörde verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Nacht vom 28. auf den 29. Auguſt ging ganz ruhig vorüber. Dennoch war ein großer Teil der Beſatzung unter den Waffen und Militärwachen durchſtreiften die Stadt. Die Jahre 1821 bis 1830. Vom Hofe. Dem großherzoglichen Hauſe waren in dieſen Jahren manche freudigen und ſchmerzlichen Ereigniſſe beſchieden, an denen die Bürger⸗ ſchaft der Reſidenzſtadt innigen Anteil nahm. Am 26. Januar 1821 veranſtaltete die Muſeumsgeſellſchaft „zur Feier des Wiederausgangs“ der Markgräfin Sophie, Gemahlin. des Markgrafen Leopold, nach ihrer am 6. Dezember 1820 erfolgten Entbindung von einer Prinzeſſin, einen Maskenzug, an dem ſich eine große Zahl von Damen und Herren beteilligte. Zauberer und Feen, Hexen und Genien ſprachen unter Muſikbegleitung beziehungs⸗ reiche Verſe, die in einem bei Ph. Macklot gedruckten Heftchen. erhalten ſind. Am 26. Oktober 1822 wurde die Markgräfin von einem Prinzen entbunden. Aber die Freude der fürſtlichen Familie und des ganzen Landes ſollte unerwartet und ſchnell getrübt werden. Am 15. November, dem Namensfeſte des fürſtlichen Vaters, ſollte die feierliche Taufe des Neugeborenen ſtattfinden, wozu alle Vorbereitungen getroffen waren, als eine ſchnell ſich entwickelnde Entzündungskrankheit das Kind ergriff und am 16. November ſeinem jungen Leben ein frühes Ende bereitete. Am 17. November abends 9 Uhr wurde die kleine Leiche nach der Familiengruft in Pforzheim gebracht. Ein ſinniges Gedicht in Schwarzwälder Mundart, das in der Karlsruher Zeitung abgedruckt war, gab der allgemeinen Trauer Ausdruck. Deſſen Schlußvers „Doch mer wölle nit verzage, Wenns au gar zu truri klingt, 's kemmt jo wohl en andrer Engel, Der es frohe Botſchaft bringt.“ ſollte ſich in nicht ferner Zeit verwirklichen. Am 15. Auguſt 1824 wurde dem markgräflichen Paare abermals ein Sohn geboren, der am 25. Auguſt, dem Namenstage des Großherzogs, die heilige Taufe empfing. Die greiſe Großmutter der hohen Wöchnerin, Markgräfin Amalie, hatte die Patenſtelle übernommen und legte dem Neuge— borenen den Namen Ludwig bei. Mit der Markgräfin waren die bei ihr zum Beſuch in Bruchſal anweſenden Töchter der Großher— zogin Stephanie, die Prinzeſſinen Luiſe, Joſefine und Marie zu dieſem Familienfeſte nach Karlsruhe gekommen, dem auch der Fürſt zu Fürſtenberg beiwohnte. Das Volk ergötzte ſich an einem Luft— ballon, den Herr Eduard Becker zu Ehren des Doppelfeſtes auf dem Linkenheimerthorplatz in die Höhe ſteigen ließ und der ſich bald in den Wolken verlor, um in einem Dorfe jenſeits des Rheines unbe— ſchädigt wieder niederzufallen. Feierlich wurde am 26. September der Wiederausgang der Markgräfin Sophie begangen. Am Morgen fand Feſtgottesdienſt ſtatt, welchem mittags große Galatafel im großherzoglichen Schloſſe, abends im beleuchteten Schauſpielhauſe die Aufführung des romautiſchen Dramas„Prezioſa“ von Wolf mit Muſik von Karl Maria von Weber und einem eigens für die Feier des Tages gedichteten und von Madame Neumann geſprochenen Epilog folgte. Am 27. September war großer Hofball und am Abend darauf ſchloß eine Freiredoute die vom Großherzog angeordneten Feſtlichkeiten. Zwei Jahre ſpäter, am 9. September 1826, wurde abermals ein Prinz, der jetzt regierende Großherzog, geboren. Am 27. September fand im markgräflichen Palais die feierliche Taufe ſtatt. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, vertreten durch ſeinen Geſandten, Freiherrn von Otterſtedt, Großherzog Ludwig und die Königin Friederike von Schweden, vertreten durch ihre Mutter, die Markgräfin Amalie, hatten die Patenſtellen übernommen, der junge Prinz erhielt die Namen Friedrich Wilhelm Ludwig. 5— 406— Eine der hohen Patinen, die Großmutter des Täuflings, die Königin von Schweden, ſchied an dem feſtlichen Tage, fern von der Heimat, in Lauſanne, wo ſie Erleichterung von einem langen und ſchweren Leiden ſuchte, aus dem Leben. Bei den mangel—⸗ haften Verbindungen jener Zeit wurden die freudigen Gefühle, die⸗ bei der Taufe des Prinzen herrſchten, durch dieſen Trauerfall nicht getrübt. Denn erſt am ſpäten Abend des 27. September erreichte die Botſchaft von dem Ableben der Königin die Reſidenzſtadt. Am 8. Oktober abends 11 Uhr traf der Leichenkondukt, welchem der Oberhofmeiſter der Dahingeſchiedenen, Freiherr v. Munk, bis Baſel entgegengefahren war, in Karlsruhe ein, von der Bürgerkavallerie in Mühlburg eingeholt, von dem Stadtkommandanten Generalmajor Brückner am Mühlburgerthor empfangen und von Fackelträgern bis zum ſchwediſchen Palais geleitet. Hier wurde die Leiche aufgebahrt, und am ſpäten Abend des 10. Oktober mit dem üblichen Zeremoniell nach der fürſtlichen Gruft in Pforzheim verbracht, wo ſie nach Trauerrede und Gebet des Dekans und Stadtpfarrers Gottſchalk von Hofprediger Martini eingeſegnet wurde. Wegen der Trauer um die entſchlafene Mutter wurde der Hervorgang der Markgräfin Sophie am 22. Oktober nur durch eine kirchliche Andacht in der Schloßkirche gefeiert. Schon drei Jahre früher, am 26. Oktober 1823 war die älteſte Tochter der Markgräfin Amalie, Prinzeſſin Amalie, einſt Dekanin von Quedlinburg, aus dieſer Zeitlichkeit geſchieden und von Bruchſal aus, wo ſie in den Armen ihrer tiefgebeugten Mutter ihre Seele ausgehaucht hatte, in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober nach der Fürſtengruft in Pforzheim verbracht worden. Und noch einm al in dieſem Jahrzehnt, am 22. Februar 1829, öffnete dieſe ihre Pforten, um die ſterblichen Überreſte der am 19. Februar nach kurzer Krank— heit verſtorbenen Wittwe des Markgrafen Friedrich, Markg räfin Chriſtiane Luiſe, geborene Prinzeſſin von Naſſau, aufzunehmen. An ihr verloren die Armen Karlsruhes eine in allen Notſtänden mit offener Hand hilfbereite Wohlthäterin. Im letzten Monat des gleichen Jahres hatte die fürſtliche Familie wieder einen Freudentag zu verzeichnen, den 18. Dezember 1829, an welchem die Markgräfin Sophie von einem geſunden Prinzen entbunden wurde, der am letzten Tage des Jahres in der — 407— heiligen Taufe, bei welcher der Großherzog und die Markgrafen Wilhelm und Maximilian Patenſtelle vertraten, die Namen Ludwig Wilhelm Auguſt empfing. Am 31. Januar 1830 hielt die hohe Wöchnerin den erſten Kirchgang nach ihrer Entbindung. Mittags fand im Schloſſe große Tafel ſtatt und abends wurde die Fürſtin im Hoftheater, wo bei beleuchtetem Hauſe Auber's„Stumme von Portici“ aufgeführt wurde, von dem zahlreich verſammelten Pub⸗ likum mit herzlichem Jubel empfangen. Von anderen Vorgängen am Hofe, welche auch die Teil⸗ nahme weiterer Kreiſe der Einwohnerſchaft Karlsruhes in Anſpruch nahmen, ſeien hier erwähnt die am 30. März 1822 im Palais der Königin Friederike erfolgte Konfirmation der Prinzeſſinnen Amalie und Cäcilie von Schweden durch den Hofprediger Martini und die Konfir— mation der Prinzeſſin Luiſe, älteſten Tochter des verewigten Großher— zogs Karl, welche am 1. Juni 1827 der Prälat Bähr, von dem Kirchenrat und Dekan Katz und dem Hofprediger Martini unterſtützt, vornahm. Feſtlich wurden der Geburtstag des Großherzogs am 9. Februar und ſein Namensfeſt am 25. Auguſt begangen, Beiſpiels⸗ weiſe ſei nur aus dem Jahre 1823 angeführt, daß am 9. Februar das Muſeum und die Leſegeſellſchaft Feſtlichkeiten veranſtalteten. In dem großen Saale der letzteren, welcher geſchmackvoll verziert war, wurde eine von Kapellmeiſter Danzi komponierte Kantate aufgeführt und ein fröhlicher Tanz vereinigte die Mitglieder bis zu vorgerückter Stunde. Und im Jahre 1827 wurde in der Leſegeſellſchaft der Geburtstag des Großherzogs durch ein Feſtſpiel gefeiert, deſſen Tert von dem Hofſchauſpieler H. Schütz gedichtet und von dem Hofkapellmeiſter J. Strauß in Muſik geſetzt war. Viel Leben brachten in die Reſidenzſtadt die zahlreichen fürſt— lichen Beſuche am großherzoglichen Hofe. Faſt alljährlich nahmen der König und die Königin von Bayern, welche das badiſche Land nie berührten, ohne bei der Markgräfin Amalie in Bruchſal einige Tage zuzubringen, auf der Reiſe nach den Bädern von Baden auch in Karlsruhe kurzen Aufenthalt. Im Jahre 1824 waren ſie von dem Kronprinzen von Preußen mit ſeiner jungen Gemahlin, der Prinzeſſin Eliſabeth von Bayern, begleitet, die der ehrwürdigen fürſtlichen Großmutter als Neuvermählte ihren Beſuch abſtatteten. Die Herr— — 408— ſchaften beſuchten das Theater, wo ſie auf das Lebhafteſte begrüßt wurden, der Kronprinz erſchien am 8. Juli mit dem Großherzog auf der Parade und gab auf deſſen Erſuchen die Parole. Mehrmals hielt ſich auf der Durchreiſe nach der Schweiz der Großherzog von Sachſen-Weimar, der mit Großherzog Ludwig in ſehr freundſchaftlichen Beziehungen ſtand, in Karlsruhe auf und wandte als eifriger Botaniker den fürſtlichen Gärten in der Reſidenz und deren Umgebung ſein beſonderes Intereſſe zu. Am 13. Mai 1821 traf der König von Württemberg in Karlsruhe ein und ſtieg im Gaſthof zum„Schwarzen Bären“ ab. Am folgenden Tage manöverierte die Beſatzung von Karlsruhe in Verbindung mit den zu Raſtatt und Bruchſal liegenden Jägern und Dragonern im Feuer in Gegenwart des Königs, der ſpäter im Kreiſe der großherzoglichen Familie der Mittagstafel im Schloſſe beiwohnte und bald darauf nach Stuttgart zurückkehrte. Am 27. September 1822 machte auf der Reiſe zum Fürſten⸗ kongreß nach Verona König Friedrich Wilhelm III. von Preußen dem Großherzog ſeinen Beſuch. Er hatte ſich jeden Empfang verbeten und nahm im Gaſthof„zur Poſt“ ſein Abſteigequartier. Abends wohnte er in Begleitung des Großherzogs der Vorſtellung im Hof— theater bei und ſpäter ſpielte die Muſik der Leibgrenadiergarde vor den Fenſtern der Wohnung des Königs mehrere ausgewählte Muſik— ſtücke. Am 28. September vormittags nahm der König die Truppen in Augenſchein, wozu auch die Garniſonen von Bruchſal und Raſtatt befohlen waren, und ſprach ſich in den ſchmeichelhafteſten und für das großherzogliche Armeekorps ehrenvollſten Ausdrücken über die von dem Großherzog ſelbſt kommandierten Evolutionen derſelben aus. An der Galatafel im Schloſſe nahmen nebſt den großherzoglichen Prinzen und dem Prinzen Guſtav von Schweden auch die beiden Herzoge von Braunſchweig und der Erbprinz von Hohenzollern⸗ Hechingen teil. Nach einer Fahrt durch die Stadt und ihre Um⸗ gebung beſuchte der König abermals das Theater, wo er, wie am vorigen Abende, mit lauten Hochrufen empfangen wurde. Am 29. September früh 7 Uhr ſetzte der Monarch, unter dem Namen eines Grafen von Ruppin reiſend, die Fahrt nach Verona fort. Bei dieſer Anweſenheit des Königs erſieht man aus der amtlichen Mit⸗ teilung der Karlsruher Zeitung zum erſtenmal, was ſeitdem zur — 409— regelmäßigen Übung geworden iſt, die Verleihung von Ordens— dekorationen an die beiderſeitigen Gefolge. Am Abend des 30. September trafen die Söhne des Königs, die Prinzen Wilhelm und Karl ein, denen zu Ehren am 2. Oktober eine große Parade und Galatafel im Schloſſe ſtattfand, nach deren Aufhebung ſie abends 5 Uhr ihre Reiſe nach Verona fortſetzten. Ein intereſſanter Gaſt, der vom 15. bis 23. Oktober 1824 in Karlsruhe verweilte, war der Infant Dom Miguel von Portugal, der mit größerem Gefolge ankam und im Gaſthofe„zum goldenen Kreuz“ abſtieg. Er beſuchte am Sonntag den 17. Oktober den Gottesdienſt in der katholiſchen Kirche, an deren Thüre ihn die Geiſtlichkeit empfing, ſpeiſte mehrmals bei Hofe, erſchien im Theater, jagte mit dem Mark⸗ grafen Leopold, zeigte ſich bei häufigen Spazierritten in der Um— gegend als gewandter Reiter und machte durch ſeine Liebenswürdigkeit den vorteilhafteſten Eindruck. Er befand ſich damals, nachdem ſein Verſuch, ſeinen Vater zu entthronen und die Konſtitution abzuſchaffen, geſcheitert war, aus Portugal verbannt, auf dem Wege nach Wien. Er reiſte unter dem durchſichtigen Inkognito eines Herzogs von Beja, welches indes nicht hinderte, daß ihm alle mit dieſem irgend verein— barlichen Ehrenbezeugungen erwieſen wurden. Als er nach dem Tode ſeines Vaters, um während der Minderjährigkeit ſeiner Nichte, der Königin Maria da Gloria, die Regentſchaft zu führen, von Wien nach Portugal zurückkehrte, nahm Dom Miguel vom 13. bis 16. Dezem⸗ ber 1827 abermals Aufenthalt in Karlsruhe. Er wohnte wieder im Gaſt— hof„zum goldenen Kreuz“, wo bei ſeiner Ankunft eine Kompagnie der Grenadiergarde als Ehrenwache aufgeſtellt war. Bei Hofe fanden mehrere Galatafeln ſtatt und im Hoftheater wurde bei beleuchtetem Hauſe dem Prinzen zu Ehren die Oper„Der Maurer und der Schloſſer“ von Auber aufgeführt. Mit beſonderem Intereſſe beſichtigte er verſchiedene militäriſche Gebäude, beſonders eingehend die Kaſernen zu Gottesaue, wohnte im Gießhaus dem Guß einer Glocke bei, beſuchte das Kadettenhaus und in Begleitung des Oberſten von Laſollaye die Militärwerkſtätten und wohnte den Übungen einer reitenden Batterie an. Nachdem er den ſonntäglichen Gottesdienſt in der katholiſchen Kirche beſucht hatte, ſetzte er ſeine Reiſe fort, von der Karlsruher Zeitung mit Lobeserhebungen und Prophezeiungen einer glücklichen Zukunft begleitet, die ſich nicht erfüllen ſollten. — 410 Welches Intereſſe die weiteſten Kreiſe der Bevölkerung dem viel⸗ genannten Gaſte entgegenbrachten, ergibt ſich daraus, daß die Velten'ſche Kunſthandlung um„einem gefühlten Wunſche des verehr⸗ lichen Publikums entgegenzukommen“, das„wohlgetroffene“ Porträt des Prinzen erſcheinen ließ. Ein Jahr früher hatte ein andererer fürſtlicher Beſuch die Erinnerung an vergangene höchſt bewegte Tage in ſchweren Kriegs—⸗ zeiten wieder belebt. Am 30. Mai 1826 war der Erzherzog Karl von OSſterreich mit ſeiner Gemahlin und dem Herzog von Naſſau zum Beſuche der großherzoglichen Familie in Karlsruhe eingetroffen. Nachdem das Mittagsmahl im Schloſſe eingenommen worden war, wurde die Reiſe nach Baden fortgeſetzt. Vom 21. bis 23. November 1829 hielten ſich der Erbgroß— herzog und die Erbgroßherzogin von Mecklenburg-Schwerin, von Paris kommend, in Karlsruhe auf, wo ſie im Gaſthofe„zum ſchwarzen Bären“ unter dem Inkognito eines Grafen und einer Gräfin von Grabow ihr Abſteigequartier genommen hatten. Aus der großen Zahl hervorragender Perſönlichkeiten, deren Aufenthalt in der Reſidenzſtadt die Fremdenliſten des Intelligenz— und Wochenblattes nachweiſen, ſeien hier nur der Herzog von Wellington erwähnt, der am 25. September 1822, über Straßburg kommend, auf der Reiſe nach Stuttgart Karlsruhe paſſierte, und der Fürſt Metternich, der in Begleitung ſeines Sohnes des Prinzen Viktor am 11. September 1826 eintraf, bei Hofe ſpeiſte, die Stadt beſichtigte und ſich gegen Abend zu einem Beſuche des Kabinets-⸗ miniſters Freiherrn von Berſtett auf deſſen Landgut bei Ettlingen begab. Lebhaften Anteil nahm die Bevölkerung Karlsruhes an dem Ableben zweier Fürſten, welche die badiſche Reſidenzſtadt häufig beſucht hatten, des Königs Maximilian von Bayern, der am 13. Okt. und des Kaiſers Alexander I. von Rußland, der am 1. Dez. 1825 ſtarb. Beiden dem großherzoglichen Hauſe verſchwägerten Monarchen widmete die Karlsruher Zeitung in warmen Worten einen Nachruf. Die Thronbeſteigung Kaiſer Nikolaus I. wurde dem Großherzog durch den Kaiſerlich Ruſſiſchen Senator Geheimen Rat v. Poletica angezeigt, aus deſſen Händen er am 2. Februar 1826 in feierlicher Audienz das Notifikationsſchreiben entgegennam. Zur Beglück⸗ 4J1˙— wünſchung des Kaiſers war der Markgraf Leopold in Begleitung des Rittmeiſters v. Rotberg nach St. Petersburg geſandt und dort von der geſamten Kaiſerlichen Familie mit der größten Auszeichnung aufgenommen worden. Nur wenige Monate ſpäter kam eine neue Trauerkunde aus Rußland nach Karlsruhe. Am 16. Mai 1826 war auf der Reiſe von Tagaurog nach Kaluga zur Kaiſerin-Mutter, in Beleff, einem Städtchen im Gouvernement Tula, die Kaiſerin Eliſabeth, nachdem ihre leidende Geſundheit ſchon ſeit geraumer Zeit zu ernſten Beſorgniſſen Aulaß gegeben hatte, geſtorben. Der Kaiſerliche Flügeladjutant Oberſt Manſuroff überbrachte am 3. Juni die Todesnachricht. Die innigſte Teilnahme der ganzen Bevölkerung wandte ſich der ſchwergeprüften greiſen Mutter der entſchlafenen Kaiſerin, der Markgräfin Amalie zu. Ihr Befinden verurſachte zwei Jahre ſpäter, 1828, ſowohl der großherzoglichen Familie als auch der herzlichen Anteil nehmenden Einwohnerſchaft lebhafte Sorge. Kaum von einer ernſten Erkrankung geneſen, ſah ſich die Markgräfin, da ſich zu der ſeit Jahren be— ſtandenen Schwäche des einen Auges der graue Staar geſellt und zuletzt das Licht beider Augen verdunkelt hatte, zur Vornahme einer Operation genötigt. Durch den von dem Großherzog aus Bonn nach Karlsruhe berufenen Geheimen Rat Dr. von Walther wurde am 6. Oktober 1828 vormittags 11 Uhr die Operation auf beiden Augen mit dem beſten Erfolge vollzogen. Doppelt freudig begingen darum am 7. Oktober die der fürſtlichen Frau unverbrüchlich an— hänglichen Karlsruher deren Namensfeſt. Aber erſt im Juni 1829 konnte die Markgräfin wieder den Gang zur Kirche wagen und am 28. dieſes Monats zum erſtenmale im Hoftheater erſcheinen, wo ſie von den lebhaften Huldigungen des über ihre völlige Geneſung hoch— erfreuten Publikums begrüßt wurde. Im gleichen Jahre hatte die Anweſenheit des Königs von Frankreich, des Dauphins und der Dauphine im Elſaß einen Beſuch des Großherzogs, des Markgrafen und der Markgräfin Leopold in Straßburg und des Markgrafen Wilhelm im Lager von Lunerille veranlaßt. Karl Friedrichs Säkularfeier. Ein Feſt, zu dem die erſten Anordnungen vom Hofe ausgingen, das ſich aber bald zu einem echten und wahren Volksfeſte aus⸗ — 412— geſtaltete, war die Feier des 22. November 1828, als des feſtlichen Tages, an welchem Karl Friedrich vor hundert Jahren geboren wurde. Schon am 1. November erließ der Großherzog an den Staats⸗ miniſter des Innern, Freiherrn von Berckheim, ein am 3. November zur öffentlichen Kenntnis gebrachtes Handſchreiben, welches die An⸗ ordnungen für eine würdige Feier dieſes denkwürdigen Tages im ganzen Lande enthielt und ſchon am 5. November konnte die Karls⸗ ruher Zeitung darauf hinweiſen, daß allenthalben der Wunſch laut werde,„durch Stiftungen im Geiſt und Sinn des unvergeßlichen Fürſten, alſo durch Anſtalten für Volksbildung und Volkswohl mit neuem Schmuck ſeinen Namen den kommenden Geſchlechtern zum Bild der Eintracht, der Liebe und Verehrung zu überliefern“, ſowie daß ſich bereits in Karlsruhe„ein freiwilliger Verein von Einwohnern aus allen Ständen und Gegenden des Landes gebildet habe, damit durch Einheit des Planes und der Beſtrebung ein großartiges, allen Bürgern Badens frommendes, hauptſächlich aber der ärmeren Klaſſe nutzbringendes Werk ins Leben trete“. Am 6. November wurde ein von 23 angeſehenen Männern unterzeichneter Aufruf veröffentlicht, der zunächſt zur Zeichnung von Beiträgen zur Begründung einer Karl⸗Friedrichs⸗Stiftung einlud, wobei noch unentſchieden blieb, ob die beſtehende Abſicht, das An⸗ denken des beſten Fürſten zu ehren,„durch beſondere Schuleinrichtungen zu beſſerer Bildung des Handwerkerſtandes oder durch Verwendung der jährlichen Zinſen zu Lehrgeldern oder durch Gebrauch zur Er⸗ ziehung armer hilfloſer Waiſen oder zur Ausſtattung unbemittelter tugendhafter Bürgerstöchter oder ſonſt durch irgend eine wohlthätige Anſtalt am beſten erreicht werden könne“. Nach einer den Aufruf einleitenden Bemerkung der Redaktion der Karlsruher Zeitung ſcheinen ſich die meiſten Stimmen für die Errichtung von Lehranſtalten aus⸗ geſprochen zu haben,„in welchen die zu Gewerben jeder Art be— ſtimmte Jugend, hauptſächlich der künftige Handwerker und Landwirt genügende Vorbereitung erhält“. Zu gleicher Zeit wurden„nähere Beſtimmungen über die Einſammlung und Verwendung der Beiträge“ veröffentlicht. Am Samatag den 22. November„ſtieg— wie die Karlsruher Zeitung in ihrem Feſtartikel ſchreibt— nach trüben Novembertagen majeſtätiſch und freundlich, wie einſt Karl Friedrich über ſein Volk — 413— waltete, die Sonne am Morgenhimmel hinauf“. Schon um 6 Uhr morgens hatten 100 Kanonenſchüſſe den Eintritt des Gedächtnistages verkündet, um 8 Uhr ertönte Muſik vom Turme der Stadtkirche und um 9 Uhr begingen die Schulen und Lehranſtalten ihre Feier. Beſonders feſtlich war die Erinnerungsfeier im Lyceum. In der Aula führten ſämtliche Schulpräparanden einen von Kirchenrat Sonntag der Gelegenheit angepaßten erhebenden Geſang aus, worauf der Direktor, Kirchenrat Zandt, eine anſprechende Rede hielt, nach deren Schluß ein zweiter religiöſer Geſang und die Verteilung gedruckter Exemplare der Rede und einer von Profeſſor Kärcher gedichteten lateiniſchen und deutſchen Ode an die Schüler folgte. Um 11 Uhr bewegte ſich vom Rathauſe aus ein feierlicher Zug, aus den Mi— niſterien und übrigen Staatsbehörden und der Bürgerſchaft, jeder Gewerbsverein mit ſeinen Inſignien, beſtehend, nach dem äußeren Schloßplatze, zur Stelle, welche der Großherzog zur Errichtung des Denkmals ſeines verewigten Vaters ausgewählt hatte. Das Garde— bataillon und die Kadetten waren in Parade aufgeſtellt. Um ½12 Uhr kamen, von Zeremonienmeiſtern geführt, aus dem Schloſſe das diplo— matiſche Korps, das Staatsminiſterium, die Deputationen der beiden Kammern, die Hofchargen und das Offizierskorps und endlich unter dem Geläute aller Glocken der Großherzog, gefolgt von den Prinzen des Hauſes, dem Herzog Wilhelm von Braunſchweig und dem Fürſten zu Fürſtenberg, während die fürſtlichen Damen auf dem Balkon des Schloſſes erſchienen. Der Staatsminiſter Freiherr von Berckheim hielt eine der Bedeutung der Stunde angemeſſene Rede, worauf unter Pauken⸗ und Trompetenſchall der Grundſtein gelegt wurde und die Bürgerſchaft im Feſtzug defilierte. Mittags fand große Tafel von 130 Gedecken im Schloſſe ſtatt, wozu das diplomatiſche Korps, der Erzbiſchof, der Hof, die Staatsbehörden, die Deputationen, die Stabs⸗ offiziere, die Geiſtlichkeit beider Bekenntniſſe und der Oberbürger— meiſter der Reſidenzſtadt geladen waren. Abends im Hoftheater, wo in beleuchtetem Hauſe das Schauſpiel„Bayard, der Ritter ohne Furcht und Tadel“ von Kotzebue gegeben wurde, begrüßte den Groß— herzog bei ſeinem Eintritt der Jubel des Publikums. Den Feſttag ſchloß eine freiwillige Beleuchtung der Straßen Karlsruhe's. Der Feſtbericht hebt als beſonders glänzend illuminiert, nebſt dem hell— ſtrahlenden Denkmal an der Stätte des Grundſteins, das große — 414— Kanzleigebäude(an der Stelle, wo Karl Friedrich vor 100 Jahren in der achten Abendſtunde geboren worden), das Portal des Markgräflichen Palais, das Rathaus, die Kirchen, das Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten, das Haus des preußiſchen Geſandten, das Kadettenhaus, die Ingenieurſchule, das Haus des Kunſthändlers Velten hervor. Das für Sonntag den 23. November angeordnete Kirchenfeſt war ſchon am Vorabend von 5 bis 6 Uhr von allen Glocken ein⸗ geläutet worden. Wieder ertönte um 8 Uhr morgens Choralmuſik vom Stadtkirchenturm. Bald nach 9 Uhr zogen die Staatsbehörden und die Bürgerſchaft von ihren Verſammlungsorten zum Rathauſe, an deſſen Eingang ſie ſich nach Bekenntniſſen trennten, um in die katholiſche und evangeliſche Stadtkirche ſich zum Feſtgottesdienſte zu begeben. Deputationen von allen Behörden, dem Magiſtrat und der Bürgerſchaft gewählt, verfügten ſich in die Schloßkirche, wo das diplomatiſche Korps, das Staatsminiſterium, der Hof, das Offiziers⸗ korps u. ſ. f. ſich verſammelt hatten und eine angemeſſene Inſtru⸗ mentalmuſik den um 10 Uhr mit der ganzen großherzoglichen Familie eintretenden Großherzog empfing. Nach der von Kirchenrat Hüffel gehaltenen Rede und nach Verleſung der denkwürdigen Antwort Karl Friedrichs auf die Dankſagungen für die Aufhebung der Leibeigen⸗ ſchaft ſtimmte ein Singchor das„Herr Gott dich loben wir“ an. In der katholiſchen Stadtkirche hielt der Erzbiſchof von Freiburg ein Pontifikalamt. Auch in der Garniſonskirche fand ein Feſtgottes⸗ dienſt ſtatt und in der Synagoge predigte der Rabbiner Willſtätter als Subſtitut des Ober⸗Landrabbiners über Pfſalm 112. Mittags fand im Schloſſe Familientafel ſtatt, das diplomatiſche Korps und die Deputationen vereinigten ſich zu einem Feſtmahle bei dem Staats⸗ miniſter Freiherrn von Berſtett und in vielen Häuſern feierten frohe Geſellſchaften den feſtlichen Tag bei heiterem Mahle. Von 3 bis 5 Uhr nachmittags wurde auf dem Marktplatz Speiſe, Trank und warme Winterkleidung unter den Klängen der Muſik an die Armen verteilt. Im Hoftheater wurde bei beleuchtetem Hauſe die Oper„Die Dame von Avenel“ von Boieldien aufgeführt, und öffentliche Luſt⸗ barkeiten beſchloſſen den Tag.„Anſtand, Ordnung, Sitte“, ſagt der Feſtbericht,„verſchönerten überall ſeine Feier.“ Am 24. November war große Tafel beim Markgrafen Leopold, am 25. beim preußiſchen Geſandten, Freiherrn von Otterſtedt. — 415— Mancherlei war auch in Litteratur und Kunſt zur Verherr— lichung des Jubeltages geboten worden. Die Kunſthandlung von Velten kündigte ſchon in den erſten Novembertagen ein ähnliches Porträt des Großherzogs Karl Friedrich nach Ellenrieder an und zum Andenken an den feſtlichen Tag wurde eine Medaille mit Karl Friedrichs Bildnis geprägt. Die erſte Hälfte einer Schrift mit dem Titel„Gemälde über Karl Friedrich, den Markgrafen, Kurfürſten, Großherzog“ ließ als„Beitrag zur Säcularfeier der Geburt des unvergeßlichen Fürſten“ der greiſe Oberhofrichter Freiherr von Drais erſcheinen. Aloys Schreiber verfaßte eine„Lebensbeſchreibung Karl Friedrichs“. Die Wagner'ſche Steindruckerei ſtellte eine getreue Nach— bildung der urſchriftlichen Antwort des Großherzogs Karl Friedrich auf die Dankſagung ſeines Landes nach Aufhebung der Leibeigen— ſchaft her und die Müller'ſche Hofbuchhandlung und Hofbuchdruckerei gab die„Badiſche Landestafel“ heraus mit einem Porträt des Fürſten, ſeiner Antwort auf die mehrerwähnten Dankſagungen, einer Vignette, die einen früheren Plan der Reſidenzſtadt Karlsruhe, vorſtellt und dem facſimilierten Schluß der Rede Karl Friedrichs nach dem Anfall der baden-badiſchen Lande. Am 22. November erſchien an der Spitze der Karlsruher Zeitung ein ſchwungvolles Gedicht von Friedrich Sonntag und ein anderer ungenannter Poet ließ die„Geiſterſtimme“ Karl Friedrichs am erſten Säcularfeſte ſeiner Geburt zu ſeinen Kin— dern und Enkeln ſprechen. Ein Jubelgedicht, nach der Melodie des Liedes„Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher“ zu ſingen, wurde in zahlreichen Exemplaren„zum Beſten der abgebrannten Bonn⸗ dorfer“ verſandt und die Aufhebung der Leibeigenſchaft wurde von Aloys Schreiber zum Gegenſtand eines einaktigen Feſtſpieles gemacht. Am Schluß der feſtlichen Tage aber erging ein„Aufruf an Badens Bewohner“, aus dem ganzen Land alle Berichte über die ſtatt— gefundenen Feſtfeiern an das Komptoir der Karlsruher Zeitung ein— zuſenden, um danach eine„Beſchreibung der allgemeinen Landesfeier dieſes Tages“ zuſammenzuſtellen. Die Sammlungen, die auf Grund des früher erwähnten Aufrufes veranſtaltet worden waren, nahmen einen guten Fortgang.„Im Namen des Zentralvereins zur Be— gründung der Karl Friedrichs-Stiftung“ gnittierten über die ein— gegangenen Gelder in der Karlsruher Zeitung von Zeit zu Zeit Chr. Griesbach, Aug. Kloſe, C. Füßlin. — 416— Diplomatie und Militär. Eine ſowohl im politiſchen als im geſellſchaftlichen Leben ſehr hervortretende Stellung nahmen während der Regierung des Groß— herzogs Ludwig die Vertreter der fremden Staaten ein, von denen hier namhaft gemacht ſeien die Geſandten Oſterreichs Freiherr von Hruby und Graf von Buol⸗Schauenſtein, Preußens Varnhagen von Enſe und Freiherr von Otterſtedt, neben dem, da er auch bei der Schweizer Eidgenoſſenſchaft beglaubigt war, Freiherr von Maltzahn als Geſchäftsträger fungierte, Rußlands die Herren von Struve und Moltke, Frankreichs der Graf von Montlezun, Großbritanniens und Hannovers Herr von Reden, der Niederlande Herr von Heldewier und Freiherr von Schimmelpenninck von der Oye, Bayerns Graf Reigersberg und Freiherr von Tautphoeus, Württembergs die Grafen von Mülinen und von Bismarck. Es iſt bekannt, daß Großherzog Ludwig mit großem Eifer und gründlicher Sachkenntnis ſich der Ausbildung ſeiner Truppen widmete. Faſt in jedem Jahr fanden größere Truppenübungen ſtatt. Am 27. September 1821 rückte an der Spitze der Karlsruher Garniſon der Großherzog in die Gegend von Offenburg aus, wo ſich das ganze badiſche Armeekorps zu einem Manöver vereinigte. Zur Be⸗ ſetzung der Wachen blieb die nötige Mannſchaft in Karlsruhe zurück. Das Brandpiquet aber und die ſonſt von dem Militär gegebenen Nachtpatrouillen verſah die Bürgergarde. Am 10. Oktober übernahm das Militär wieder den Garniſonsdienſt; der Bürgergarde ließ der Großherzog durch die Stadtkommandantſchaft ſeine vollkommene Zu⸗ friedenheit zu erkennen geben. 5 Mehrmals fanden die Truppenübungen in der Nähe von Karls⸗ ruhe ſtatt. So wurden im September 1823 ſämtliche Truppen des Armeekorps in der Nähe der Reſidenzſtadt zuſammengezogen, um über dieſelben allgemeine Muſterung zu halten und von ihnen mehrere Manöver ausführen zu laſſen. Als Haupttage für dieſe waren der 22., 24. und 26. September beſtimmt, worauf ſämtliche Truppen wieder in ihre Garniſonen zurückkehrten. Auch im Jahre 1825 war die letzte Periode der gewöhnlichen vierwöchentlichen Exerzierzeit der großherzoglichen Truppen den gemeinſamen Übungen aller Waffen gewidmet und hierzu ein Teil des Armeekorps bei Karlsruhe ver⸗ einigt. Das Manövergelände, teils nächſt Karlsruhe, teils längs dem Gebirge zwiſchen Durlach und Ettlingen, bot vermöge ſeiner Be— ſchaffenheit die Gelegenheit zu den mannigfaltigſten und zweckmäßigſten Übungen. Die Truppen erfreuten ſich der beſten Geſundheit und der Krankenſtand war ungewöhnlich gering. Die über den gewöhn⸗ lichen Dienſtſtand einberufen geweſene Mannſchaft kehrte am 1. Ok⸗ tober wieder in ihre Heimat zurück. Auf der Forchheimer Heide oberhalb Bulach fanden faſt alljährlich Übungen der Artilleriebrigade ſtatt, die dort ein Lager bezog. Dieſes war das Ziel vieler Aus⸗ flüge der Karlsruher. Im Jahre 1826 finden wir in den Zeitungen Einladungen des Reſtaurateurs Lips und des Hirſchwirts Müller in Beiertheim zum Beſuch ihrer Wirtſchaften nebſt der Anzeige, daß am Mühlburger und Ettlinger Thor Wagen zur Fahrt nach dem Lager bereit ſtehen. Im September und Oktober 1826 verſammelten ſich die verſchiedenen Truppengattungen wieder in der Umgegend von Karlsruhe, am 15. Oktober wurde das ganze Korps von dem Groß— herzog in großer Parade geſehen und rückte hierauf in die Gegend von Raſtatt, wo es unter den Befehlen des Markgrafen Leopold ein Revuemanöver und mehrere Feldmanöver ausführte. Bei dieſen letz— teren wurden die gegen einander fechtenden Abteilungen von den Markgrafen Leopold und Wilhelm und die Kavallerie des angreifen— den Korps von dem Markgrafen Max geführt. In großer Zahl eilten die Einwohner von Karlsruhe auf das Manövergelände und bezeugten in jeder Weiſe ihr lebhaftes Intereſſe für die vaterlän— diſchen Truppen. Aber trotz dieſem Intereſſe wurde doch die Einquartierungslaſt, welche die Einwohnerſchaft von Karlsruhe erheblich beſchwerte, ſobald eine den gewöhnlichen Dienſtſtand der Garniſon überſchreitende Truppen⸗ zahl eingezogen ward, oft recht hart empfunden. Der Bau der Infanteriekaſerne auf einem ſeitens des Staates durch einen Kauf- und Tauſchvertrag vom 16. April 1809 von der Stadt erworbenen Gelände war im gleichen Jahre begonnen worden, kam aber mit den beiden Seitenflügeln erſt im Jahre 1813 zur Voll⸗ endung. Zu den Baukoſten hatte die Stadt einen Zuſchuß von 30 000 fl. geleiſtet, welche durch beſondere Umlagen gedeckt wurden. Um zu erreichen, daß künftig keine zur Garniſon von Karlsruhe, ein⸗ ſchließlich Gottesaue, nach ihrem damaligen completen Stande gehörige Mannſchaft in die Stadt einquartiert werde, beſchloß die Stadtver⸗ 27 waltung, einen Anbau an die Kaſerne gegen Süden aufführen zu laſſen. Im Jahre 1823 kaufte die Gemeinde zu dieſem Zwecke um 6137 fl. das erforderliche Gelände zwiſchen Karl⸗, Amalien⸗, Kaſernen⸗(jetzt Douglas⸗) Straße und Landgraben. Am 24. Mai 1824 wurde der Grundſtein zu dem Kaſernen⸗ bau mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten gelegt. In den Grundſtein wurden außer den damals kurſierenden badiſchen Münzen verſenkt die Abbildungen der Uniformen des großherzoglichen Militärkorps, der neueſte Grundriß und der neueſte Wegweiſer der Stadt, zwei Flaſchen Wein Karlsruher Gewächs vom Jahre 1823, eine Flaſche „mit hieſigen Crescentien“ und eine Flaſche hier gefertigtes Oel, eine Flaſche hieſigen Weizens vom gleichen Jahrgang, endlich eine Flaſche mit badiſchem Salz. Am 4. Dezember konnte der Dachſtuhl auf dem Neubau im Beiſein der Stadtkommandantſchaft und der ſtädtiſchen Baukommiſſion unter den Klängen der Militärmuſik auf⸗ geſtellt werden. Und im September 1825, als wieder die zu den Herbſtübungen einberufenen Mannſchaften der Karlsruher Garniſon einrückten, konnten ſie ſchon die neue Kaſerne beziehen. Das ſtattliche Gebäude, in welchem in dieſem Zeitpunkt 1239 Mann Aufnahme fanden, das indes zur Kaſernierung von 1720 Mann eingerichtet war, war nach den Plänen und unter Leitung des Militär-Baudirek⸗ tors Hauptmann Arnold aufgeführt worden. Der— abgeſehen von einem Staatsbeitrag von 50000 fl.— aus ſtädtiſchen Mitteln beſtrittene Bauaufwand mit Einſchluß der Anſchaffungskoſten für die erforderlichen Requiſiten betrug 164000 Gulden. Die dadurch der Stadt erwachſende Auslage wurde aber reichlich dadurch ausgeglichen, daß fortan die Unbequemlichkeit der Naturaleinquartierung und ein jährlich auf 2 500 bis 2 800 Gulden veranſchlagter Koſtenaufwand für die Verpflegung der Truppen wegfiel. Die Landtagsverhandlungen von 1822— 1828. Am 28. März 1822 wurde der Landtag durch den Großherzog perſönlich eröffnet. Am Mittwoch den 27. März wohnte der Groß—⸗ herzog dem feierlichen Gottesdienſte in der evangeliſchen Stadtkirche bei und erteilte hierauf um 11 Uhr vormittags den Mitgliedern beider Kammern in dem großen Appartement des Reſidenzſchloſſes Audienz. Am Donnerstag den 28. begab er ſich um die gleiche — 419— Stunde in Begleitung der Prinzen des großherzoglichen Hauſes, des Oberſtallmeiſters und ſämtlicher General- und Flügeladjutanten vom Schloſſe aus unter Kanonendonner und Glockengeläute zu Pferde durch die Spalier bildenden Truppen der Garniſon nach dem Muſeumsgebäude. Da der Bau des landſtändiſchen Hauſes unge— achtet aller Anſtrengungen für dieſen Landtag nicht mehr vollendet werden konnte, hatte die Muſeumsgeſellſchaft bereitwillig ihren Saal zur Eröffnung und zu den Sitzungen der zweiten Kammer über⸗ laſſen. Die Sitzungen der erſten Kammer fanden wie bisher im Großherzoglichen Schloſſe ſtatt“). Die Stadt Karlsruhe war, wie auf dem vorigen Landtag, durch die Abgeordneten Eiſenlohr und Griesbach vertreten. Als dritter Abgeordneter war an Stelle des durch das Loos ausgeſchiedenen Sievert durch die in den 6 Diſtrikten vom 25. April bis 6. Mai 1821 gewählten Wahlmänner der Oberbürgermeiſter Dollmätſch gewählt worden. Nachdem, nach erfolgter Eidesleiſtung der Abgeordneten, der Großherzog den Saal verlaſſen hatte, verbreitete ſich der Staats⸗ miniſter Freiherr von Berſtett in längerer Rede über die Lage des Landes und die zur Vorlage bereiten Geſetzentwürfe. Am 28. März hielt die zweite Kammer ihre erſte Sitzung. Von den Karlsruher Abgeordneten führte Griesbach in der erſten und Eiſen— lohr in der fünften Abteilung den Vorſitz. An den ſehr lange dauernden Verhandlungen dieſes Landtages nahmen die drei Abge⸗ geordneten ſowohl im Plenum als in den Kommiſſionen eifrigen Anteil. Dollmätſch war Mitglied der Kommiſſion wegen Ab— änderung des Ohmgeldes und Berichterſtatter der Kommiſſion, welche niedergeſetzt war, um Vorſchläge über eine Verbeſſerung der Lage der Juden zu machen. Sein Bericht, den Freiherr von Liebenſtein „eine ſchöne und gründliche Arbeit“ nannte, ſtellte die vielen Schäden, die ſich in den Verhältniſſen der jüdiſchen Bevölkerung geltend machten, in eine ſcharfe Beleuchtung, war aber zugleich von wohlwollender Gefſinnung für dieſen damals noch völlig rechtloſen Teil der Staats- angehörigen erfüllt, indem er eine Reihe von Maßnahmen empfahl, welche den Zweck verfolgten, die Israeliten aus der iſolierten Stell⸗ ung, die ſie durch Bildung und Beſchäftigung im Staatsleben ein⸗ ) Hiernach iſt die Angabe auf S. 398 richtig zu ſtellen. 27* 4—— — 420— nahmen, nach und nach zu befreien und den chriſtlichen Staatsbürgern näher zu bringen. Von Eiſenlohr rührte eine Motion auf„zeit⸗ gemäße, mit den Grundſätzen unſerer freiſinnigen Verfaſſung überein⸗ ſtimmende Reform des Zunftweſens“ her, er war Mitglied der Kommiſſionen für die Motion des Abgeordneten Ziegler auf Offent⸗ lichkeit des Kriminalverfahrens und Einführung der Geſchworenen⸗ gerichte, für den Geſetzentwurf die Landſchaftsſchulden betreffend und für die Motion des Abgeordneten Duttlinger auf Trennung der Juſtiz von der Verwaltung und Einführung des öffentlichen und mündlichen Verfahrens in Civilſachen, ſowie Berichterſtatter der Kommiſſion für Beratung des Geſetzentwurfes über die Aufhebung alter Abgaben. Am umfangreichſten und am meiſten eingreifend war die Thätigkeit des Abgeordneten Griesbach. Gleich zu Beginn der Tagung hatte er den Kommiſſionsbericht über den Bau des Ständehauſes zu er⸗ ſtatten. Die Leitung dieſes Baues war von dem im Jahre 1820 durch die Kammern niedergeſetzten Ausſchuß, wegen anderweitiger In⸗ anſpruchnahme des Oberbaudirektors Weinbrenner und trotz deſſen Widerſpruch, dem Hauptmann und Militärbaumeiſter Arnold über⸗ tragen worden und ſchon jetzt, noch ehe der Bau vollendet war, ergab ſich die Notwendigkeit, die Erhöhung der Baukoſten von 80000 auf 100 000 Gulden zu beantragen und zu genehmigen. Als Mitglied der Kommiſſion für den Entwurf einer Gemeinde⸗ ordnung, in welcher ſeine Kenntniſſe und Erfahrungen auf dem Gebiete des Gemeindelebens ſich als ſehr nützlich erwieſen, erſtattete Griesbach den Bericht über die durch die erſte Kammer vorgenom— menen Abänderungen der Beſchlüſſe der zweiten Kammer. Er war ferner Berichterſtatter des landſtändiſchen Ausſchuſſes über die Prüfung der Rechnung der Amortiſationskaſſe und der Kommiſſion für die Prüfung der Zunft⸗ und Gewerbeordnung. In dieſer Frage ſtand er auf einem ſtreng konſervativen Standpunkt, indem er nicht einmal eine An⸗ näherung an die unbedingte Gewerbefreiheit für das Staatsleben förderlich hielt. Trotzdem war er für die im Zunftweſen eingeriſſenen Mißſtände keineswegs blind, ja ſtimmte ſogar für die Aufhebung der Zünfte und ſchloß ſich der Bitte um Erlaſſung einer zeitgemäßen Ge— werbeordnung an. Eigene Gewerberäte hielt er nur in größeren Städten für zweckmäßig und wollte nicht, daß ſolche für Diſtrikte gebildet würden, ſondern befürwortete die Übertragung ihrer Funktionen in — 421— kleineren Orten an die Gemeinderäte. Er ſprach in warmen Worten für die Erhaltung des Standes der Gewerbegehilfen und brach eine Lanze für die geſetzlich feſtzuſtellende Wanderpflicht, weil das Wandern den Geſichtskreis des Gewerbetreibenden erweitere. Als über den Antrag verhandelt wurde, den Antritt des Meiſterrechtes von der erreichten Volljährigkeit abhängig zu machen, dem er zu— ſtimmte, trat er für die Rückkehr zu der Beſtimmung ein, wonach erſt mit dem 25. Lebensjahr die Volljährigkeit eintrat. Er erklärte ſich auch mit Entſchiedenheit dafür, daß die Gehilfen ihre Befähigung durch Fertigen von Meiſterſtücken darthun ſollten. Griesbach war ferner Berichterſtatter der Kommiſſion, die ſich über die Handelsverhältniſſe mit Frankreich und über ein gegen dieſen Staat aufzuſtellendes Retor⸗ ſionsſyſtem auszuſprechen hatte. Er nahm dabei Anlaß, mit beſonderer Entſchiedenheit auf die Notwendigkeit eines für ganz Deutſchland, mindeſtens aber für mehrere deutſche Staaten gemeinſchaftliches Handels- und Zollſyſtem hinzuwirken. Ein anderer wichtiger Bericht, den Griesbach erſtattete, beſchäftigte ſich mit§S 87 der Geſchäfts— ordnung, veranlaßt durch die erfolgte Überreichung eines nur in der erſten Kammer beſchloſſenen Geſetzes, welches die zweite Kammer für ein Finanzgeſetz erklärte, an den Großherzog. Dabei wurde zum erſtenmal der Begriff eines Finanzgeſetzes definiert. Die Verhandlungen der Kammer nahmen in Folge der großen Zahl eingebrachter Motionen und der Neigung faſt aller Abgeordneten, ſich in langen Ausführungen an den Debatten zu beteiligen, einen ſehr ſchleppenden Verlauf. Als die vorgerückte Jahreszeit im Auguſt gebieteriſch eine Vertagung des Landtags verlangte, ſtellte Griesbach den Antrag, es möchten ſich die Mitglieder der Budgetkommiſſion, welcher er ebenfalls angehörte, 14 Tage vor Wiederbeginn der Sitzungen verſammeln, um die Budgetberatungen beſſer vorbereiten zu können, die bis dahin im Plenum noch nicht begonnen hatten und auch in der Kommiſſion noch ſehr im Rückſtand waren, weil dieſe gleichzeitig mit den zahlreichen Plenarſitzungen ihrer Aufgabe nicht genügend nachzukommen vermochte. Sein Antrag begegnete aber ſeitens des Abg. v. Itzſtein, der in demſelben die Gefahr einer Be— einträchtigung der freien Entſchließung der Kammer erblickte, einem ſo entſchiedenen Widerſpruche, daß Griesbach ihn wieder zurückzog. Unter den nach Wiedereröffnung der Sitzungen im November 1822 — Æe —422— beratenen Geſetzentwürfen nahm das Konfkriptionsgeſetz eine beſonders wichtige Stelle ein. Im Laufe der Verhandlungen über dieſes Geſetz war die Beſtimmung überaus lebhaft umſtritten, in welchen Fällen die Rückſicht auf das Wohl der Familie einen Befreiungsgrund bilden ſolle. Die Entſcheidung darüber, ob durch Einziehung eines vom Loos bei der Konſkription Getroffenen die Ernährung der Familie unmöglich oder im hohen Grade gefährdet werde und ob keine Mittel vorhanden ſeien, einen Mann zu ſtellen, wollte ein Antrag Griesbachs einem Ge— ſchworenengericht von fünf Perſonen aus der Bürgerſchaft jeder Gemeinde übertragen. Aber auch dieſen Antrag zog er ſpäter, gegen— über deſſen heftiger Bekämpfung durch v. Itzſtein, wieder zurück. Ein anderer wichtiger, 43 Druckſeiten umfaſſender Bericht, den Gries— bach im Namen der Budgetkommiſſion erſtattete, betraf die Nach—⸗ weiſung der Verwendung der für das Rechnungsjahr 1820/21 verwilligten Staatseinnahmen unter Vorlage einer ungefähren Über⸗ ſicht des damaligen Aktivs und Paſſivſtandes des Großherzogtums, ferner die Nachweiſung der Verwendung der der Amortiſationskaſſe für 1820/21 zugewieſenen Gelder. Alle dieſe Ausarbeitungen Gries— bachs machen den wohlthuenden Eindruck gründlicher Sachkenntnis und auf dieſer beruhenden unabhhängigen Geſinnung. Die durch die politiſchen Verhältniſſe in allen europäiſchen Staaten zu Ungunſten der liberalen Anſchauungen veränderte Lage machte ſich auch in Baden in den Beziehungen zwiſchen Regierung und Landtag geltend, die Haltung des Miniſteriums geſtaltete ſich immer mehr ablehnend gegen die in der zweiten Kammer aufgeſtellten Forderungen und anderſeits wurde der Ton, den in dieſer die Oppo— ſition anſchlug, immer heftiger. Zu einem für die nächſten Jahre ver⸗ hängnisvollen Bruche führte die Beratung über das Militärbudget. Von der urſprünglichen Anforderung von 1648 000 Gulden ging in deren Verlauf die Regierung bis auf die Summe von 1600000 Gulden zurück, an der aber um ſo entſchiedener feſtgehalten wurde, als der Kriegsminiſter und ſchließlich in einem der Kammer eröffneten Erlaſſe der Großherzog ſelbſt dieſe Summe zur Erfüllung der Bundespflichten unerläßlich bezeichnete. Nach langen und gereizten Verhandlungen ſtellte der Abgeordnete Sautier den Antrag, dieſe Summe zu bewilligen. Er wurde mit der Mehrheit von einer Stimme abge— lehnt, mit 31 gegen 30 Stimmen. Unter der Mehrheit befand ſich Griesbach, während Eiſenlohr und Dollmätſch für die Bewilligung des von der Regierung geforderten Betrages ſtimmten. Auch als nachträglich noch ein Vermittlungsantrag des Abgeordneten Knapp der Regierung, wenn ſie nachweisbar mit 1500 000 Gulden, welche die Oppoſition zu bewilligen bereit war, zur Erfüllung ihrer Bundes⸗ pflichten nicht auskommen könne, für ihren Notbedarf 1600 000 Gul-⸗ den bewilligen wollte, war Griesbach unter denen, welche ſich auch dieſem Verſuch einer Annäherung an den Regierungsſtandpunkt widerſetzten. Am Tage nach dieſer Abſtimmung wurde der Landtag geſchloſſen, deſſen ganze Thätigkeit erfolglos war, da bedauerlicher Weiſe kein einziges der während ſeiner Dauer angenommenen Geſetze die Ge— nehmigung des Großherzogs fand. Das Vertrauen der Kammer ſandte zwar Griesbach abermals in den landſtändiſchen Ausſchuß, doch war mit dieſer in ſo vielen Beziehungen verhängnißvollen Abſtimmung ſeine politiſche Laufbahn abgeſchloſſen. Zwar wählte ihn, als im Dezember 1824 nach Auf— löſung des Landtags Neuwahlen angeordnet waren, der erſte Wahl— diſtrikt neben dem Oberbürgermeiſter Dollmätſch zum Wahlmann, aber bei den Abgeordnetenwahlen, die am 19. Januar 1825 ſtattfanden, wurde Griesbach nicht wieder gewählt. Auch Eiſenlohr nicht, welcher als liberaler Beamter der inzwiſchen zur ausſchließlichen Geltung gelangten Richtung eben ſo wenig als Griesbach genehm war. In den nächſten Jahren war die Reſidenzſtadt Karlsruhe im badiſchen Landtag durch den Oberbürgermeiſter Dollmätſch, den Handels— mann Füßlin und den Ratsverwandten, ſpäteren Stadtrat Küentzle im badiſchen Landtag vertreten. Am 23. Februar fand in den Stadtkirchen der beiden chriſt— lichen Bekenntniſſe feierlicher Gottesdienſt und hierauf die Vorſtellung der Abgeordneten im Großherzoglichen Schloſſe ſtatt. Am 24. Februar erfolgte in dem neu erbauten Ständehauſe die Eröffnung des Land⸗ tags durch den Großherzog, der ſich wieder zu Pferd zum Stände— hauſe begeben hatte, unter dem üblichen Ceremoniell. Von den Karlsruher Abgeordneten gehörte auf dieſem ſehr kurzen Landtag— er wurde ſchon am 15. Mai wieder geſchloſſen — Füßlin der Budgetkommiſſion an und wurde auch in den land— ſtändiſchen Ausſchuß gewählt. Alle drei hielten ſich zu der regie— rungsfreundlichen Kammermehrheit, der in allen Fragen von grund— ⁴Æ — 424— ſätzlicher Bedeutung— ſo insbeſondere bei dem Beſchluſſe, daß in Zukunft alle 6 Jahre eine vollſtändige Erneuerung der Kammern und nur alle 3 Jahre eine Tagung derſelben ſtattfinden ſolle— nur eine Oppoſition von 3 Abgeordneten: Duttlinger aus Freiburg, Föhrenbach aus Mannheim und Grimm aus Weinheim gegenüberſtand. Ganz in gleicher Weiſe wie 1825 wurde am 28. Februar 1828 der Landtag vom Großherzog eröffnet und am 14. Mai geſchloſſen. Wiederum gehörte Füßlin der Budgetkommiſſion an, während Küentzle Mitglied der Kommiſſion, die den Geſetzentwurf über die Beförderung des Bergbaues und die Aufhebung des Bergzehnten vorzuberaten hatte und Dollmätſch Berichterſtatter über die Geſetz⸗ entwürfe wegen Aufhebung der Acciſe und des Ohmgeldes des Branntweins und Einführung eines Keſſelgeldes, ſowie über den Geſetzentwurf war, welcher die Aufhebung aller bisher geltenden Verordnungen über die Fleiſchacciſe und die Einführung eines neuen Tarifs betraf. Von politiſcher Regſamkeit, wie ſie ſich in den erſten Jahren nach Erteilung der Verfaſſung wie im ganzen Großherzogtum ſo auch in der Reſidenzſtadt gezeigt hatte, war in der zweiten Hälfte des dritten Jahrzehnts unſeres Jahrhunderts in Karlsruhe wohl noch weniger als in anderen Städten des Landes die Rede. Kirchliche Vorgänge. Nachdem ſchon längſt bei den Angehörigen der beiden evan— geliſchen Bekenntniſſe, bei Lutheranern und Reformierten, der Wunſch nach einer Vereinigung lebendig geweſen war, wurde es dem Großherzog Ludwig gegönnt, dieſes Ziel zu erreichen. Nach längeren Beratungen im Schoße der Oberkirchenbehörde, nach Verhandlungen, an denen theologiſche Profeſſoren der Univerſität Heidelberg und mehrere Geiſtliche des Landes teilgenommen hatten, und nach Abgabe von Gutachten der Heidelberger theologiſchen Fakultät und der einzelnen Synoden der ſämtlichen Diöceſen war dem Großherzog im Juni 1820 der Entwurf einer Vereinigungsurkunde vorgelegt worden, der von einer frei gewählten Generalſynode zu beraten war. In Karlsruhe fanden die Wahlmännerwahlen für dieſe Generalſynode vom 6, bis 19. Juni 1821 in den 6 Wahlbezirken ſtatt. Die Wahlmänner wählten den Major und Flügeladjutanten v. Kalenberg zum Depu⸗ tierten, den Amtmann Stöſſer zum Erſatzmann. Unter den geiſt⸗ lichen Deputierten befand ſich kein Karlsruher. Am 26. Juli 1821 unterzeichnete die am 2. Juli zuſammengetretene Generalſynode die urkundliche Akte der Vereinigung des lutheriſchen und evangeliſchen Bekenntniſſes zu einer evangeliſch-proteſtantiſchen Landeskirche. Für den 28. Oktober wurde die Feier dieſer Kirchenvereinigung für die ſämtlichen evangeliſchen Kirchen des Landes angeordnet. In Karlsruhe wurde das Feſt am Vorabend in beiden evangeliſchen Kirchen eingeläutet. Am Feſttage ſelbſt fand in der größeren Stadtkirche der Gottesdienſt ſtatt, welcher durch das von der Gemeinde geſungene Lied:„O Vater, ſend' uns deinen Geiſt“ eröffnet wurde. Einem am Altar durch Hofdiakonus Deimling geſprochenen Gebet folgten Chöre mit Inſtru— mentalbegleitung und abermaliger Gemeindegeſang. Demnächſt hielt Kirchenrat Katz die Predigt und ſprach ein Gebet, an welches ſich der Geſang eines Verſes aus dem Lied„O heiliger Geiſt“ durch die Gemeinde anſchloß. Es folgte ſodann das heilige Abendmahl nach dem von der Generalſynode entworfenen Ritus, an welchem der Großherzog mit allen Mitgliedern des großherzoglichen Hauſes, die Geiſtlichen und alle Gemeindeglieder teilnahmen. Die Nachtmahls— agende las Pfarrer Bender, das Schlußgebet ſprach Stadtpfarrer Sachs. Am Nachmittage predigte in der bisherigen reformierten Kirche Stadtpfarrer Bender. In den erſten Tagen des Januar 1822 ſtellte ein Artikel der Karlsruher Zeitung feſt, daß nach den nun— mehr aus allen Landesteilen eingelaufenen Berichten das Feſt überall in würdigſter Weiſe gefeiert worden ſei und daß man den ſegens⸗ reichen Früchten dieſer Vereinigung mit voller Zuverſicht entgegen— ſehen dürfe. Ueber eine— wie es in dem Stil jener Zeit heißt—„für empfindſame Seelen äußerſt rührende Scene“, die in der evangeliſchen Stadtkirche am 27. Mai 1825 vor ſich ging, liegt ein ausführlicher Bericht vor. Es war die Konfirmation dreier Zöglinge des 1783 vom Großherzog Karl geſtifteten Taubſtummeninſtitutes. Rat König, ein Schüler des um die Ausbildung der Taubſtummen hochverdienten Geh. Hofrats Hemeling, hatte alle drei in der Zeichenſprache, zwei von ihnen auch in der Tonſprache unterrichtet. In Gegenwart der Markgräfinnen Amalie und Friedrich wurden ſie in der Religion geprüft, konfirmiert und ſodann zum heiligen Abendmahl zugelaſſen. 9 Die zahlreichen Anweſenden nahmen lebhaften Anteil an den Leiſtungen dieſer Armen, deren fromme Rührung beim Genuß des heiligen Abendmahles jedermann tief ergriff. Am 10. Januar 1830 wurde auf Anorduung des Großherzogs in der Hof⸗ und in der Garniſonskirche die neue Liturgie zum Haupt⸗ gottesdienſte nach der königlich preußiſchen Agende vom Jahre 1829 „mit gewiſſen im Geiſte der evangeliſch-proteſtantiſchen Freiheit be— dingten Modifikationen“ eingeführt. Bald darauf wandte ſich der evangeliſche Kirchengemeinderat und der Stadtrat von Karlsruhe mit der Bitte um Einführung dieſer Liturgie auch in der Stadtkirche an den Großherzog. Dieſer empfing eine Deputation der beiden Körperſchaften zur Überreichung einer ihre Bitte enthaltenden Adreſſe und ſprach mit Befriedigung ſeine Genehmigung aus. In Folge deſſen wurde dieſer Ritus vom 31. Januar an in der Stadtkirche ein⸗ geführt. Im Laufe des Februar geſchah das Gleiche in der Stadt Durlach und in den 15 evangeliſchen Pfarrgemeinden der Landdiöceſe Karlsruhe. In der katholiſchen Kirche fand am 26. September 1823 die Trauerfeier für den am 20. Auguſt 1823 geſtorbenen Papſt Pius VII. ſtatt. Am Vorabend verkündete Glockengeläute die Feier, welche der Geiſtliche Rat und Stadtpfarrer Kirch mit einer Rede eröffnete, der das Traueramt folgte. Während deſſelben wurde von dem Hof— und Theatermuſikperſonal, dem ſich mehrere Muſikfreunde angeſchloſſen hatten, im Ganzen von 70 Perſonen das Requiem von Mozart ausgeführt. Am Schluß des Gottesdienſtes machte das von Muſik⸗ direktor Brandl komponierte Libera auf alle anweſenden Andächtigen den tiefſten Eindruck. In der Mitte der ſchwarz behängten Kirche war der von mehr als 100 Wachskerzen umgebene Katafalk errichtet. Das diplomatiſche Corps, die Offiziere der Garniſon, die dem katho⸗ liſchen Bekenntniſſe angehörenden Beamten und der größte Teil der katholiſchen Gemeinde wohnten dem Trauergottesdienſte bei. Am 25. März 1828 erteilte der erſte Erzbiſchof der neu gebildeten Erzdiöceſe Freiburg, Bernhard Boll, in der gleichen Kirche etwa 1000 Firmlingen das ſeit 14 Jahren nicht mehr geſpendete Sakrament der Firmung. Eine große Zahl Andächtiger wohnte der erhebenden Feier bei und war von der heiligen Handlung, die der ʃgreiſe Kirchenfürſt mit hoher Würde vollzog, erbaut und ergriffen, — 427— und mächtig tönten durch den hochgewölbten Raum die majeſtätiſchen Klänge des von der ganzen Gemeinde angeſtimmten Lobgeſanges: „Großer Gott, wir loben dich“. Grundſteinlegungen, Einweihungsfeiern und andere ELeſte. Am 5. Januar 1824 wurde in Anweſenheit des Großherzogs die Karlsruher Waſſerleitung feierlich eröffnet. Die Erquickung eines friſchen Trunkes reinen Quellwaſſers hatte der Reſidenzſtadt ſeit ihrer Begründung bis dahin gefehlt.„Was auch die Menge ziemlich tiefer Brunnen bot“, ſagt ein gleichzeitiger Bericht,„war doch nur ein Notbehelf, den die Gewohnheit erſt erträglich machen mußte.“ Bald nach ſeinem Regierungsantritt hatte Großherzog Ludwig eine abermalige Prüfung der ſchon früher mehrfach erwogenen Möglichkeit, Waſſer vom Gebirge nach Karlsruhe zu leiten, ange— orduet und auf ſeinen Befehl war im Jahre 1821 eine Immediat— kommiſſion aus dem Oberbürgermeiſter Dollmätſch und verſchiedenen ſtaatlichen Verwaltungs- und techniſchen Beamten gebildet worden, welche ſowohl über die Verſorgung Karlsruhes mit Quellwaſſer als auch über den dadurch entſtehenden Koſtenaufwand und die Beſchaffung der hierzu erforderlichen Mittel Vorſchläge machen ſollte. In Durlach waren ſchon in früheren Zeiten auf Befehl der Markgrafen mehrere Quellen gefaßt worden; dieſe wurden nun durch Zuführung zweier neuen Quellen vermehrt, die Mitbenutzung des fürſtlichen Waſſerturmes wurde geſtattet und deſſen Leiſtungs⸗ fähigkeit durch eine neue Maſchine vergrößert und das Waſſer ward in zwei nebeneinander in der Durlacher Landſtraße liegenden Rohr⸗ ſträngen nach Karlsruhe geleitet. An dieſe Leitung wurden ſodann die Brunnen und Springbrunnen im Schloßbezirk angeſchloſſen und eine Anzahl neuer Brunnen mit 1—4 Auslaufröhren wurde in den verſchiedenen Stadtteilen aufgeſtellt. Die Koſten der Anlagen wurden zu 110 000 fl. veranſchlagt und die Mittel zu deren Tilgung ſollten durch ein 4½ Anlehen der Stadt Karlsruhe aufgebracht werden. Zur Tilgung dieſer Schuld ſollte die Staatskaſſe jährlich 4000 fl. beiſteuern, dazu ſollte ein Zuſchuß aus der Beleuchtungskaſſe kommen, der wieder durch Ein—⸗ ſtellung der öffentlichen Beleuchtung in den Sommermonaten ſeinen Erſatz — 428— finden ſollte, außerdem ſollte vom Gulden Mietzins Kreuzer auf das Stadtbeleuchtungskapital umgelegt werden. Auf ſolche Weiſe gewann man jährlich. 7800 fl., aus welcher Summe, neben Tilgung der Schuld, auch noch ein Reſervefonds zur Verteilung der Koſten für außer⸗ ordentliche Unterhaltungen und Erweiterungen angelegt werden ſollte. Aber bald zeigte ſich, daß die Summe von 110 000 fl. für den Bau nicht ausreichte. Die Koſten derſelben beliefen ſich vielmehr auf rund 219 600 fl., zu deren Deckung die Stadt ein zweites 4% An⸗ lehen von 108 000 fl. aufnehmen mußte. Als am erſten heiteren Wintermorgen nach einer wochenlangen Reihe düſterer Regentage, am 5. Januar 1824 die Eröffnung der Leitung erfolgte, war man ſich über die nahezu eine Verdoppelung ausmachende Überſchreitung des urſprünglichen Voranſchlages, welche die Feſtfreude erheblich getrübt haben würde, noch keineswegs klar, ſondern es herrſchte in dem großen Kreiſe, der ſich, durch eine Ab⸗ teilung der Leibgrenadiergarde und der Bürgerkavallerie umſchloſſen, auf dem Marktplatz um den neuen Hauptbrunnen zwiſchen dem Rathauſe und der evangeliſchen Stadtkirche verſammelte, lediglich die Empfindung reiner Freude über das wohlgelungene Werk. Hier hatten ſich die Miniſter, der Hof, das Offizierscorps, die Staats⸗ beamten, der Magiſtrat und der Bürgerausſchuß von Karlsruhe und Durlach eingefunden. Der nicht abgeſperrte Teil des weiten Platzes war von einer großen Zuſchauermenge erfüllt, und auch alle Häuſer, das Rathaus mit ſeinen Balkonen, die Treppenſtufen der Kirche und ſelbſt die Dächer waren mit Zuſchauern beſetzt. Um 12 Uhr erſchien der Großherzog zu Pferde, von den Prinzen des Großherzoglichen Hauſes und einem glänzenden Gefolge begleitet. Der Staatsrat Winter, als Vorſtand der zur Leitung des Unternehmens eingeſetzten Kommiſſion, hielt hierauf eine längere Anſprache, in welcher er die Geſchichte und Bedeutung der neuen Waſſerleitung darlegte. N Der Großherzog ſprach demnächſt ſeine volle Zufriedenheit mit dem wohlgelungenen Unternehmen aus und verlieh, als Zeichen ſeines Wohlgefallens und um der Bürgerſchaft ſeiner getreuen Stadt Karls⸗ ruhe ein Merkmal ſeiner Zufriedenheit zu geben, dem Oberbürger⸗ *) Die Rede iſt abgedruckt in der Extrabeilage zu Nr. 6 der Karls⸗ ruher Zeitung vom 6. Januar 1824. meiſter Dollmätſch das Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens, dem Oberbürgermeiſter Dumberth in Durlach und dem Techniker Haber— ſtroh„die goldene Medaille mit Oehr und Band“. Ein frohes Mahl, an dem die Miniſter im Kreiſe der Bürger teilnahmen, beſchloß den feſtlichen Tag. Der Ausbau der Leitung und deren Verwaltung nahm die Kommiſſion noch längere Zeit in Anſpruch, denn erſt am 21. September wurde ſie aufgelöſt und die weitere Beſorgung ihrer Geſchäfte den ſtädtiſchen Behörden übertragen. Im gleichen Jahre konnte die Vollendung des Lyceums— baues gefeiert werden. Noch unter Karl Friedrichs Regierung war der Bau eines neuen Gebäudes für das Lyceum begonnen worden, das nach Weinbrenners Entwurf die evangeliſche Stadtkirche umgeben und mit ihr vereint eine ſtattliche Façcade bilden ſollte. Der zweite Flügel dieſes Gebäudes harrte aber immer noch der Ausführung, obwohl in— zwiſchen die Zahl der Schüler des Lyceums ſich erheblich vermehrt hatte. Da die ſtudierende Jugend in dem einen Flügel nicht untergebracht werden konnte, mußte ſie zerſtreut in verſchiedenen gemieteten Räumen ihren Unterricht erhalten. Erſt unter der Regierung des Großherzogs Ludwig wurde der Neubau des zweiten Flügels begonnen und im Oktober 1824 konnte er bezogen werden. Dem feierlichen Eröffnungsakt am 8. Oktober wohnte der Groß— herzog mit den Markgrafen Leopold und Maximilian perſönlich an. Mehr als 500 Schüler begrüßten mit freudigen Zurufen die fürſt— lichen Gäſte, als ſie mit den Miniſtern, den oberſten Hof- und vielen Staatsbeamten, dem militäriſchen Gefolge der Herrſchaften und den ſtädtiſchen Behörden den großen geſchmackvoll verzierten Hörſaal betraten. Einem vierſtimmigen unter Leitung des Muſiklehrers Berger durch eine Anzahl älterer Schüler ausgeführten Geſang folgte die Weiherede des Kirchenrats und Profeſſors Doll, an die ſich aber— mals Geſang anſchloß. Dann ergriff der Kirchenrat und Lyceums— direktor Zandt das Wort zu einer Rede, welche die Schickſale dieſer badiſchen Fürſtenſchule von ihrer Stiftung in Pforzheim bis zur neueſten Zeit herab ſchilderte. Ein Chorgeſang beendigte die Feier, von der die Prüfung der erſten Klaſſe, welcher die Feſtgäſte auch noch beiwohnten, zu dem Wiederbeginn des regelmäßigen Unterrichts hinüberleitete. In dieſen Zeitabſchnitt fällt auch die Erbauung des Rat⸗ — 430— hauſes, die ſchon während der Regierung Karl Friedrichs in Aus— ſicht genommen, aber während der Kriegsjahre und der Notſtands⸗ periode, die ihnen folgte, auf beſſere Zeiten verſchoben worden war. Am 7. Mai 1821 fand die feierliche Grundſteinlegung ſtatt. In den unteren Räumen der ſogenannten„Prinzenkanzlei“, des Dienſtgebäudes der markgräflichen Domänenkanzlei, verſammelten ſich die geladenen Feſtgäſte, die Miniſter und das diplomatiſche Korps, die Generalität, der Hofſtaat und ſchließlich der Markgraf Leopold mit ſeinem Schwager, dem Prinzen Guſtav Waſa, während ſich auf dem Bauplatze, an der Weſtſeite des Marktplatzes, eine Ehren— kompagnie des Leibgarde-Grenadierregiments mit der Regimentsmuſik und die Bürgergarde in Paradeuniform aufſtellte. Hier befanden ſich auch die Ortsbehörden, die Beamten des Stadt- und Landamts, der Magiſtrat und der Bürgerausſchuß mit dem Oberbürgermeiſter Dollmätſch an der Spitze, der Oberbaurat Weinbrenner mit den Werkmeiſtern und Bauleuten. Gegen 11 Uhr erſchien der Großherzog zu Pferde, von ſeinem militäriſchen Gefolge begleitet und von den Verſammelten ehrfurchts⸗ voll begrüßt. Unter den Klängen der Muſik und den Hochrufen der Volksmenge, die den Feſtplatz einſäumte, begab ſich ſodann der Feſtzug nach dem Grundſtein, zu welchem ein mit Brettern und Teppichen belegter Gang, auf dem zwei Reihen Bürger Spaliere bildeten, von der Straße aus führte. Nachdem ſich um den Grundſtein in großem Kreiſe die Feſtteilnehmer gruppiert hatten, ergriff der Stadtdirektor Freiherr von Sensburg das Wort zu einer kurzen Anſprache 3).“ Dieſe beantwortete der Großherzog mit den Worten:„Es war mir ſehr angenehm, zu dieſem Bau, deſſen Bedürfnis ſchon ſo lange gefühlt wurde, etwas beizutragen. Ich wünſche nur, daß er zum Wohle der Stadt gereichen und für immer das Zeichen der Eintracht und des Friedens ſein möge.“ Hierauf reichten dem Großherzog zwei Schüler Weinbrenners, die Baueleven Joſeph Berckmüller und Karl Küentzle, beide Karlsruher Bürgerſöhne, die ſilberne Kelle zum Auftragen des Mörtels und den ſilbernen Hammer, um die erſten Schläge auf den Grundſtein zu thun, während vom Ettlinger Thor her die Salven der zwei Geſchütze der Bürgerartillerie donnerten und ) Karlsruher Zeitung 1821 Nr. 128. — 431— abermals laute Hochrufe erklangen. Sodann überreichte der Ober— bürgermeiſter dem Großherzog auf rotſammtnem Kiſſen einen Abdruck der Urkunde, welche, auf eine ſilberne Platte eingraviert, in den Grundſtein eingeſchloſſen wurde. Sie hatte folgenden Wortlaut: „Den Bau des neuen Rathauſes der Reſidenzſtadt Karlsruhe gründete den 30. April 1821, nach ihrer Erbauung im 106. Jahre, der Enkelſohn ihres Stifters, Großherzog Ludwig Wilhelm Auguſt, den das Vaterland ſegnet. Zu der Zeit waren Stadtdirektor: Joſeph Freiherr von Sensburg, Polizei⸗ amtmann: Joſ. Häfelin, Stadtamtmann: Karl Stöſſer, Stadtamtsaſſeſſor: Chriſt. Umrath, Stadtamtsreviſor: Theod. Obermüller, Stadtphyſikus: Dr. Karl Seubert, luther. Stadtpfarrer: Wilh. Katz, kathol. Stadtpfarrer: Phil. Kirch, reform. Stadtpfarrer: Fr. Bender, Oberbürgermeiſter: Bernh. Dollmätſch, Mitglieder des Stadtrats: Frdr. Grooß, Wilh. Wagner, Karl Werrmann, Dan. Bayer, Karl Küentzle, Guſtav Hauer, zugl. Stadtverrechner, Karl Wielandt, Friedr. Dürr, Chriſt. Baumann. 886 Bürger, 16 199 Ein⸗ wohner waren gezählt in 970 Häuſern. So unter Gottes allmächtigem Schutz und ihrer edlen Fürſten Pflege blühe die werte Vaterſtadt ſpäten Jahrhun⸗ derten entgegen. Den Bau entwarf und leitete Friedr. Weinbrenner, Ober⸗ baudirektor.“ Im November 1822 wurde die Aufrichtung des Dachſtuhles in üblicher Weiſe gefeiert, wobei der leitende Zimmerpalier Meeß die ſogen.„Baurede“ in Form eines Feſtgedichtes hielt. Endlich am 28. Januar 1825 konnte der fertiggeſtellte Bau feierlich eingeweiht werden. Wieder nahm an dieſem Feſte ſeiner Bürger der Groß— herzog mit den Markgrafen Wilhelm und Maximilian und dem Prinzen Guſtav Waſa teil. Am Portale von der Rathaus⸗Bau⸗ kommiſſion, der Stadt⸗ und Polizeidirektion, dem Stadtrat und Bürger⸗ ausſchuß empfangen und von der Volksmenge jubelnd begrüßt, begab ſich der Großherzog mit ſeinem Gefolge unter Trompeten- und Pauken⸗ ſchall in den großen Bürgerſaal, wo die höchſten Staats- und Hof— beamten, die Generalität und die Ortsbehörden verſammelt waren. Hier ſprach Stadtdirektor Baumgärtner Worte des Dankes für die Huld des Landesherrn und belehrte ſodann in ernſter Weiſe die an— weſenden 130 jungen Bürger und Schutzbürger über die Bedeutung des Huldigungseides, welchen dieſe hierauf leiſteten, Es folgte die Feſtrede des Oberbürgermeiſters Dollmätſch, der ſich über die Ge— ſchichte des vollendeten Baues eingehend verbreitete. Aus ſeiner Dar—⸗ legung erfuhren die Anweſenden, daß die Baukoſten ſich auf 260 000 Gulden bezifferten, wovon 42 000 Gulden als Beitrag zu den Koſten des Turmbaues, welcher die Amtsgefängniſſe enthielt, durch die Amtskaſſe erſetzt wurden. Der Staat hatte während der Bauzeit jährlich 26 000 Gulden beigeſteuert. Durch Vermietung von Räumen an Staatsbehörden hatte die Stadt eine Einnahme von jährlich 4300 Gulden zu erwarten, die Mehlhalle ertrug 2800 und das Lagerhaus 900 Gulden. Nach Worten ehrender Anerkennung für den Bauleiter Weinbrenner und einem dreifachen Lebehoch auf den Großherzog beſchloß der Geſang der badiſchen Volkshymne:„Unſer Vater Ludwig lebe!“ die würdige Feier. Eine andere Grundſteinlegung, zu dem neuen Münzgebäude, fand am 10. Februar 1826 ſtatt. Eine Kompagnie der Leibgrenadier⸗ garde mit der Bataillonsmuſik beſetzte um 10⅛ Uhr vormittags den Bauplatz in der Stefanienſtraße. Um 11 Uhr erſchien der Groß⸗ herzog, begleitet von den Markgrafen Wilhelm und Maximilian und gefolgt von ſeinen General- und Flügeladjutanten, zu Pferde und begab ſich alsbald, von der Baukommiſſion empfangen, zu der Ver⸗ tiefung des Grundſteinlagers, wo eine zahlreiche und glänzende Ver— ſammlung ſeiner harrte. Der Präſident des Finanzminiſteriums, Staatsrat von Böckh, hielt hierauf eine längere Anſprache“), an deren Schluß er dem Großherzog die zur Einlage in den Grundſtein beſtimmte ſilberne Kapſel überreichte. In dieſer befand ſich nebſt einer zur Erinnerung an die Erbauung der Münzſtätte eigens ge⸗ prägten, von dem Münzwardein Kachel gearbeiteten Medaille und verſchiedenen Gold- und Silbermünzen eine ſilberne Gedächtnis⸗ tafel, in die auf der einen Seite der Grund- und Aufriß des Münz⸗ gebäudes eingegraben war, während die andere folgende Inſchrift trug: „Im Jahre 1826 am 9. Februar, dem feſtlichen Tage der Geburt des allerdurchlauchtigſten Großherzogs Ludwig Wilhelm Auguſt, der Badens Volk mit Weisheit, Gerechtigkeit und Milde regiert, ward zu dem Bau der Münz⸗ ſtätte in froher Erwartung auf ihr Werden und Wirken zur Verherrlichung des Großherzoglichen Hauſes und zum Wohle des Landes dieſer Grund⸗ ſtein gelegt.“ Nachdem an Stelle des Oberbaudirektors Weinbrenner, der den Plan des Gebäudes entworfen hatte, aber durch Unwohlſein gehindert war, perſönlich an dem Feſte teilzunehmen, ein Mitglied der Baukom⸗ ) Karlsruher Zeitung 1826 Nr. 42. —— anlaßte auch viele Karlsruher zur Beteiligung. — 433— miſſion Kelle und Hammer dem Großherzog dargereicht hatte, wurde die Grundſteinlegung in der üblichen Form vollzogen, worauf der Groß— herzog mit ſeinem Gefolge, unter lebhaften Hochrufen der Verſam⸗ melten, den Bauplatz wieder verließ. Genau ein Jahr ſpäter war die neue Münzſtätte mit ihren tech⸗ niſchen Einrichtungen ſo weit vollendet, daß am 9. Februar 1827 die erſten Münzen in Ludwigsd'or geprägt werden konnten. Die Markgrafen Leopold, Wilhelm und Maximilian und der Fürſt zu Fürſtenberg wohnten dieſer erſten Ausprägung bei, und am Tage darauf überreichte Staatsrat von Böckh dem Großherzog die Proben des geſchlagenen Geldes. Für den Volkswohlſtand war die Eröffnung der ausgiebigen Salzlager in Dürrheim und Rappenau, welche Baden bezüglich des Salzbezuges vom Auslande unabhängig machten, von großer Be— deutung. Darum geſtalteten ſich die erſten Salztransporte, die aus der Ludwigsſaline zu Dürrheim nach und nach in alle Landesteile gelangten, zu wahren Volksfeſten. Am 27. Dezember kam der erſte für den Verbrauch der Reſidenz— ſtadt beſtimmte Salztransport in Karlsruhe an. Die Bürgerkaval—⸗ lerie unter Führung des Rittmeiſters Glöckler hatte ihn in Mühl— burg erwartet und geleitete die ſchön geſchmückten Wagen bis an das Mühlburger Thor. Dort ſchloſſen ſich, unter Vortritt eines Mar⸗ ſchalls, der Stadtrat und viele Hunderte von Karlsruher Einwohnern dem feſtlichen Zuge an, der ſich bis zum neuen Rathauſe bewegte, in deſſen Nähe das Salz gelagert wurde, während Tauſende zu beiden Seiten der Langen Straße ſich aufgeſtellt hatten und den Zug mit Freuderufen begrüßten. An den Feſten, welche im Jahre 1827 die Nachbarſtädte Durlach und Ettlingen feierten, nahm die Einwohnerſchaft von Karlsruhe aufrichtigen und lebhaften Anteil. Vor 600 Jahren waren dieſe beiden Städte an das badiſche Fürſtenhaus gefallen und hatten ſeit⸗ dem Freud und Leid mit ihm geteilt. Die feſtliche Begehung des bedeutungsvollen Erinnerungstages, die auf den Namenstag des Großherzogs, den 25. Auguſt, anberaumt war— Glockengeläute, Dankgottesdienſt, Feſtmahle, Armenſpeiſung, Beleuchtung— ver— 28 — 434— Elementarereigniſſe. Anhaltendes Regenwetter im Herbſt 1824 machte ſich zunächſt dadurch in ſtörender Weiſe geltend, daß am Ende des Monats Ok⸗ tober der Poſtenlauf unterbrochen wurde. Die Briefpoſt aus Bayern und Württemberg, die am 29. nachmittags zwiſchen 3 und 4 Uhr eintreffen ſollte, kam erſt am Morgen des 30. gegen 8 Uhr in Karls⸗ ruhe an. Die Poſt aus Frankreich blieb an dieſem Tage ganz aus. Der von Baſel kommende Eilwagen mußte in Karlsruhe übernachten, weil das Waſſer auf der Straße von Durlach nach Weingarten ſo angewachſen war, daß dieſelbe ohne Lebensgefahr'nicht befahren wer⸗ den konnte. Der Stuttgarter Poſtwagen mußte, wegen zu großen Waſſers auf der Straße nach Wilferdingen, in Durlach übernachten. Ja ſogar die Poſtverbindung zwiſchen Karlsruhe und Ettlingen war unterbrochen. Auch an den folgenden Tagen dauerte die Unter⸗ brechung des Poſtenlaufes fort. Zwiſchen Mühlburg und Grün⸗ winkel war die über die Alb führende Brücke ſo ſchwer beſchädigt, daß ſie, nach amtlicher Bekanntmachung vom 31. Oktober, mit ſchwerem Fuhrwerk gar nicht, mit leichtem nur bei Tag befahren werden konnte. Am 1. November trafen von allen Seiten Anzeigen über die ſchrecklichen Verwüſtungen ein, die das Hochwaſſer angerichtet hatte. Unterhalb Linkenheim war der Damm gebrochen und die ganze Gegend ſtand unter Waſſer. Am 2. November wurde vom Mi⸗ niſterium des Innern eine Verordnung erlaſſen, welche Belehrungen erteilte und Maßregeln befahl, um den nachteiligen Folgen der Über⸗ ſchwemmungen für die Einwohnerſchaft und deren Wohnungen vor⸗ zubeugen. In der Nacht vom 1. zum 2. November brach auch der Rheindamm bei Altlußheim beinahe an der gleichen Stelle wie im Jahre 1819. Erſt am 5. November konnte gemeldet werden, daß der unterbrochene Poſtenlauf allmählich wieder in ſeinen geregelten Gang zurückkehre. Den ſchweren Schädigungen, die das Hochwaſſer allenthalben angerichtet hatte, galt es nun, nach Möglichkeit abzuhelfen. Am 7. November teilte die Karlsruher Zeitung bereits mit, daß der Großherzog zur dringendſten Unterſtützung der Notleidenden die Summe von 25 000 Gulden habe anweiſen laſſen. Die katholiſche und die evangeliſche Kirchenſektion veranſtalteten durch Vermittlung der Pfarr⸗ ämter und Ortsvorgeſetzten eine allgemeine Kollekte an Geld und 435 Lebensmitteln für die durch Waſſerſchaden Verunglückten. Auf An— regung der Unteroffiziere und Soldaten des Leibregiments beſchloſſen, mit Zuſtimmung ihrer Vorgeſetzten, die Angehörigen aller Waffen— gattungen der Karlsruher Garniſon, den Sold eines Tages zur Bei— hilfe darzubringen und das Offizierkorps ſchloß ſich dieſer menſchen⸗ freundlichen Handlungsweiſe gerne an. Das Ergebnis dieſer mili— täriſchen Sammlung belief ſich auf 1372 Gulden 48 kr. Der Karls⸗ ruher Frauenverein organiſierte Sammlungen für die Notleidenden und fand für ſeinen Aufruf an die Nächſtenliebe nicht bloß bei der Bürgerſchaft, insbeſondere bei der weiblichen Jugend, ſondern auch bei der dienenden Klaſſe, ja ſelbſt bei den Armen Gehör. In dem Gartenſaale des Pavillons an der Kriegsſtraße, der täglich von 10 bis 12 und von 3 bis 5 Uhr geöffnet war, wurden Kleidungsſtücke und Bettzeug entgegengenommen, Stoffe zur Verarbeitung abgegeben und die zuſammenwirkende Thätigkeit weiter Kreiſe machte es möglich, daß aus der Reſidenzſtadt reiche Gaben zunächſt in die verwüſtete Gegend des Murgthales und nach Ettlingen geſandt werden konnten. Am 13. November konnte der Handelsmann Chr. Griesbach, der„von dem Miniſterium des Innern mit der Hauptverrechnung über die zur Unterſtützung der durch Überſchwemmung verunglückten Unterthanen eingehenden freiwilligen Geldbeiträge beauftragt“ war, bereits eine zweite Veröffentlichung der eingelaufenen Summen aus— gehen laſſen, die ſich auf 4996 Gulden 13 kr. beliefen. Am 28. No⸗ vember machte die Armenkommiſſion bekannt, daß die bei den Reſidenz⸗ bewohnern eingeſammelten Beiträge im Ganzen 8587 Gulden 43 kr. betrugen und an Herrn Griesbach zur geeigneten Verwendung abge— liefert worden ſeien. Die Teilnahme der Karlsruher erwies ſich beſonders lebhaft zu Gunſten der Bewohner von Liedolsheim, die ſeit 1816 zum viertenmal von Rheinüberſchwemmungen heimgeſucht auch in dieſem Jahre wieder aufs Empfindlichſte betroffen waren. Mit großer Energie wandte die Regierung ihre Fürſorge den durch die Ueberſchwemmung beſchädigten Unterthanen zu. Durch eine am 25. November 1827 erlaſſene Verordnung wurden denſelben ſehr namhafte Steuernachläſſe gewährt, die katholiſche Kirchenſektion des Miniſteriums des Innern ermächtigte ſämtliche Lokal-Stiftungs⸗ vorſtände, für die durch Ueberſchwemmung Verunglückten, je nach 28* der Größe des erlittenen Schadens, den ganzen Revenuenüberſchuß des laufenden Jahres oder zwei Dritteile deſſelben als Unterſtützung zu verwenden. Zur Leiſtung der durch die Überſchwemmungen herbeigeführten außerordentlichen Staatsausgaben wurde ein Anlehen von 700 000 fl. aufzunehmen beſchloſſen und eine Subſkription zur Beteiligung an demſelben öffentlich aufgelegt. Als zu den ſonſtigen Folgen der Überſchwemmung für die ärmeren Bevölkerungsklaſſen auch noch die ſtrenge Winterkälte, den Notſtand verſchärfend, hinzutrat, beſchloß der Karlsruher Frauen— verein, die bedürftigen Landleute durch leichtere bezahlte Handarbeiten, beſonders Spinnen u. ſ. f. zu beſchäftigen. Am 15. Dezember wurde eine Liſte der Damen veröffentlicht, welche bereit waren, für dieſen Zweck Gaben in Empfang zu nehmen. Im Landamte Karlsruhe hatte ſich durch raſtloſen Eifer um die bedrängten Gemeinden deſſen Vorſtand, Obervogt Freiherr v. Fiſcher, beſonders verdient gemacht. Ihn zeichnete der Großherzog durch Verleihung des Ritterkreuzes des Zähringer Löwenordens aus. Auch im Ausland erweckte das Unglück, das ſo viele Bürger des badiſchen Landes betroffen hatte, wohlthuende Teilnahme. Insbeſondere in Berlin hatte ſich dieſe Teilnahme thatkräftig durch Veranſtaltung eines Konzerts zu Gunſten der in den preußiſchen Rheinlanden und in Baden Verarmten bewährt, von deſſen Reinertrag in der Höhe von 867 Reichsthalern die Hälfte mit 433 Reichsthalern 12 Gr. nach Karlsruhe geſandt wurde, um hier die zweckentſprechende Ver⸗ wendung zu finden. Auch der Hilfsverein in Frankfurt am Main ſpendete 1500 fl. und manche Wohlthäter ſandten direkt an Orts⸗ vorſteher und Geiſtliche der geſchädigten Orte namhafte Unterſtützungen. Im Januar 1826 wurde eine Zuſammenſtellung der für die Opfer der Überſchwemmungen im Ganzen eingegangenen Beträge veröffent⸗ licht und es ergab ſich dabei die überaus hohe Summe von 195 735 fl. Im Zuſammenhang mit dieſer Veröffentlichung wurde im Auftrage des Großherzogs durch das Miniſterium des Innern„dem Handels⸗ mann Griesbach, welcher die ſo Zeit raubende und läſtige Kollekten⸗ verrechnung ohne alle Vergütung übernommen und mit raſtloſem Eifer beſorgt, auch weſentlich zur Vermehrung des Fonds beigetragen hatte, das höchſte Wohlgefallen zu erkennen gegeben.“ —— ñꝰ.'lj. ̃æ————— RNRRN N 6881 ktauuuu 28 utr ip uviut aun aqupenzz aaanag 4ad Bumipiauig ——222— — 437— Im Februar 1827 trat in Folge außergewöhnlich ſtrenger Kälte eine Stockung des Grundeiſes im Rheine ein, die ſich von der Neckarmündung aufwärts am 20. Februar bis an den Daxlander Durchſchnitt erſtreckte, oberhalb Schröck konnte das Eis durch Fuß— gänger überſchritten werden. Aber ſchon am Nachmittag des 20. trat gelindere Witterung ein, infolge deren das Eis bei Daxlanden, Knielingen und Eggenſtein wieder in Bewegung gerieth und erſt unterhalb der Schröcker Fähre neuerdings ſtockte. Zu Anfang März drohte kurze Zeit hindurch Hochwaſſer, doch kehrte der Strom bald wieder zu ſeinem normalen Waſſerſtand zurück. Auch im Januar 1829 und im Februar 1830 herrſchte außergewöhnlich große Kälte. 1830 hielt ſie geraume Zeit an, ſo daß ſich unter der ärmeren Bevölkerung der Reſidenzſtand ein Notſtand zeigte. Auch dieſes Mal erging nicht erfolglos der Hilferuf der Polizeibehörde an die Wohl⸗ habenden. Im Intelligenz- und Wochenblatt wurden namhafte Summen bekannt gegeben, die zur Linderung der Not von den ver— ſchiedenſteu Kreiſen der Einwohnerſchaft geſpendet wurden. Die Mildthätigkeit der Karlsruher zeigte ſich auch in rühm— lichſter Weiſe, als im Juli 1826 eine Sammlung veranſtaltet wurde, um den Bewohnern des am 30. Juni durch eine Feuersbrunſt faſt gänzlich zerſtörten Städtchens Triberg Hilfe zu bringen. Der Auf— forderung des Hofbuchhändlers Macklot, Verlegers der Karlsruher Zeitung, der ſich erbot, Beiträge entgegenzunehmen, entſprachen ſehr viele Menſchenfreunde. Karlsruhe ſelbſt wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1826 ebenfalls durch eine höchſt gefährliche Feuersbrunſt erſchreckt. Nur der ausgezeichneten Hilfeleiſtung von Seite des groß— herzoglichen Artilleriecorps, der Maurer-, Zimmer- und Küferzunft, vieler Einwohner und auswärts herbeigeeilter Angehöriger der Nach— bargemeinden gelang es, das Feuer, das eine große Menge Heu und ſonſtige brennbare Materialien ergriffen hatte, auf ſeinen Herd zu beſchränken. Der Großherzog war perſönlich auf der Brand— ſtätte erſchienen und verweilte daſelbſt, bis die Gefahr gänzlich ver— ſchwunden war. Hinrichtung. Am 27. März 1829 ſtrömte viel Volk vor das Mühlburger Thor nach dem Richtplatze des Karlsruher Stadtbannes, zwiſchen I 9 — 438— der Mühlburger Straße und dem Landgraben, um Zeuge zu ſein, wie die ſtrafende Gerechtigkeit ihres unerbittlichen Amtes waltete. Am 29. Juli 1827 in der Morgenfrühe war vor den. Thoren der Reſidenzſtadt der Melker Johann Reinhard aus der Schweiz auf dem Hofe der Brüder Wagner, aller ſeiner Habſelig⸗ keiten beraubt und erſchlagen, aufgefunden worden. Nach mehreren Wochen fiel der Verdacht, die Unthat begangen zu haben, auf die übel beleumundeten Brüder Qualibert und Damian Maiſch aus Winkel bei Rothenfels. Sie wurden nach langer Unterſuchungshaft des Raubmordes überführt und mußten nach dem landesherrlich beſtätigten Urteil des Oberhofgerichts vom 7. März 1829 ihr Ver⸗ brechen mit dem Schwerte büßen. Am 27. März wurde zuerſt an Qualibert und hierauf an Damian, der als Anſtifter des zum Morde führenden Raubes noch die Hinrichtung des von ihm mit⸗ verführten Bruders erleben und erleiden ſollte, die Todesſtrafe ordnungsmäßig vollzogen. Todesfälle. Das Jahr 1826 ſetzte dem Leben zweier Männer ein Ziel, deren Namen in der Geſchichte Karlsruhes eine hervorragende Stelle einnehmen und auch in den fernſten Zeiten nicht in Vergeſſenheit geraten werden. Am 1. März entſchlummerte ſanft nach kurzem Unwohlſein der Oberbaudirektor Friedrich Weinbrenner, welcher den Stempel ſeines an der Antike geſchulten Geiſtes unſerem Karlsruhe aufprägte, das durch ihn erſt ein hauptſtädtiſches Aufehen erhielt. Als Bau⸗ meiſter, als Schriftſteller, als Lehrer gleich fruchtbar, beſaß er auch als Menſch hervorragende Eigenſchaften.„Jedem aufſtrebenden Talent — ſagt ein unmittelbar nach ſeinem Tode erſchienener Nachruf— kam er ermunternd entgegen, und wie er im Stillen wohlthätig gewirkt, wiſſen wenige. Seine Rechtlichkeit war unerſchütterlich und nie hat er ſeine Überzeugung verleugnet.“ Am frühen Morgen des 22. September ſtarb der Prälat Johann Peter Hebel, der gefeierte alemanniſche Dichter, zu Schwetzingen, wo er, auf einer Prüfungsreiſe begriffen, ſeinen Freund, den Gartendirektor Zeyher, beſuchte, nach einer Krankheit von wenigen Tagen. Er wurde dort begraben. Aber in Karlsruhe, wo er ſeit 9 2 — einer langen Reihe von Jahren gelebt hatte und in einem großen Kreis von Freunden und Verehrern hochgeehrt worden war, blieb ſein Gedächtnis als das eines der beſten Bürger dieſer Stadt lebendig, und noch heute verſammeln ſich an ſeinem Geburtstage im Lenzmonat die Sänger um ſein Denkmal im Schloßgarten und laſſen in den Liedern, die ſie nach Worten ſeiner Gedichte ſingen, einen Hauch ſeines Geiſtes den Hain durchwehen, in dem der Dichter ſo gern luſtwandelte. Sie empfinden, wie ein wenige Tage nach Hebels Tode in der Karlsruher Zeitung veröffentlichtes Gedicht ſagt: er wird als Schutzgeiſt uns umſchweben, Und ewig uns in ſeinen Liedern leben. In weiter Ferne von ſeiner Vaterſtadt Karlsruhe, wo er den 20. März 1770 als Sohn eines evangeliſchen Pfarrers geboren war, ſtarb am 27. März 1828 zu Paris und fand ſeine Ruheſtätte auf dem Montmartre einer der berühmteſten Söhne der badiſchen Reſidenz, der Direktor der Waſſer- und Straßenbau-Verwaltung Oberſt Johann Gottfried Tulla. Das unvergängliche Werk ſeines Lebens,— welches, nach dem Ausſpruch eines kompetenten Fachmannes„heute noch als das bedeutendſte in ſeiner Art in Europa bekannt iſt“— die Rheinkorrektion, kam nicht nur den badiſchen Rheinufergemeinden, ſondern mittelbar auch Karlsruhe zu gute. Wie wir an anderer Stelle ſehen werden, hatte er in deren Intereſſe ver— ſchiedene Projekte ausgearbeitet, die eine Verbindung Karlsruhes mit dem Rhein in's Auge faßten. Als ſie ſich als undurchführbar erwieſen, befürwortete er wenigſtens die Verlegung des Hafens von Schröck nach Knielingen, die ſpäter zu Karlsruhes Vorteil erfolgte. Seine perſönlichen Eigenſchaften— Redlichkeit, Uneigennützigkeit, Wohlwollen und Beſcheidenheit— erwarben ihm ſchon bei Lebzeiten die Hochachtung ſeiner Mitbürger, während ſeiner Genialität als In⸗ genieur die verdiente Anerkennung in vollem Maße erſt nach ſeinem Tode zu teil ward. Ableben des Groſßherzogs Ludwig. Bis in vorgerückte Lebensjahre hatte der Großherzog ſich eine ſeltene körperliche und geiſtige Friſche und Rüſtigkeit bewahrt. Groß war daher die Beſtürzung der Reſidenzbewohner, als ſich am 26. März die Nachricht verbreitete, daß der Großherzog von ernſter — 440— Unpäßlichkeit befallen worden ſei. Die von dem Leibarzt Geheimen Rat Dr. Schrickel unterzeichneten Bulletins, die am 27., 28. und 29. März ausgegeben wurden, ſprachen zuerſt von erheblicher Beſſerung, um am zweiten und dritten Tage Verſchlimmerung ſeines Befindens, am dritten„einen Zuſtand größter Schwäche“ kundzuthun, und am 30. März wurde die Nachricht ſeines„an den Folgen hinzugetretenen Nervenſchlages“ morgens 1¾ Uhr erfolgten Ablebens bekannt gemacht. Zum erſtenmal erſchien— was bis dahin nicht Sitte geweſen war— die Karlsruher Zeitung an dieſem Tage mit Trauerrand, den ſie bis zum 27. April beibehielt. Alsbald wurde eine ſechswöchentliche Landestrauer angeordnet und am 1. April das Programm der bei dem Leichenbegängnis ſtattfindenden Feierlichkeiten veröffentlicht. Am Samstag den 3. April abends 9 Uhr fand die Beiſetzung des Großherzogs Ludwig in der Gruft der evangeliſchen Stadtkirche, die er ſelbſt zur letzten Ruheſtätte auserſehen hatte, ſtatt. Die Gar⸗ niſon bildete von der Schloßwache bis zur Stadtkirche Spalier, den Marktplatz beſetzte die Leibgrenadiergarde und das Bürger— militär. Nachdem im Trauerſaal der Hofprediger Martini ein Gebet verrichtet hatte, bewegte ſich bei Fackelſchein unter den Klängen eines Trauermarſches und dem Donner der Kanonen der Zug mit dem Leichenwagen zur Kirche. Hier empfing den Sarg feierliche Trauermuſik, vom Hoforcheſter ausgeführt, welcher, als jener auf dem Katafalk aufgeſtellt war, Choralgeſang folgte. Demnächſt hielt Prälat Hüffel die Trauerrede. Während abermals Choralgeſang ertönte, wurde der Sarg in die Gruft verſenkt und dort von Hofprediger Martini eingeſegnet. Am Sonntag den 4. April vormittags 9 Uhr fand in ſämtlichen Kirchen ein Trauergottesdienſt ſtatt. Großherzog Ludwig war unvermählt. Seiner Verbindung mit Fräulein Katharina Werner entſtammten zwei Kinder, Ludwig Wil⸗ helm Auguſt und Luiſe, die nebſt ihrer Mutter mit dem Namen von Langenſtein in den Grafenſtand erhoben und die Erben ſeiner Allo⸗ dialgüter wurden, darunter auch des großen Gartens im Weſten der Reſidenzſtadt, der von da an der„Langenſteiniſche Garten“ hieß und auch, nachdem er von der Hirſchſtraße an in weſtlicher Richtung überbaut worden war, durch ſeine prächtigen Baumgruppen bis in die 1870er Jahre zu den größten Zierden Karlsruhes gehörte. —— 3——— — Aiaaggl hun dalathaeh uurijac uu⁰,jnurqοuανu]¶— Aauuaaquiaqi ipnagalag Mit Großherzog Ludwig ging der letzte Repräſentant der alten Zeit zu Grabe. Der Regierungsantritt ſeines Bruders, des nunmehrigen Großherzogs Leopold, eröffnete für Baden und auch für die Haupt⸗ und Reſidenzſtadt Karlsruhe eine neue Ara. Entwickelung der Stadt in den Jahren 1811—1830. Wenn wir verſuchen, die Entwickelung der Stadt Karlsruhe in der Periode, die in dieſem dritten, die Regierung zweier Großherzoge umfaſſenden Buche dargeſtellt wird, zur Anſchauung zu bringen, ſo wird das Gebiet, welches zu überblicken iſt, wenn es ſich auch räumlich nicht weſentlich ausdehnt, doch reicher an vielgeſtaltigen Erſcheinungen, je mehr ſich die Lebensbedingungen, auf denen dieſe Entwickelung beruht, erweitern und vertiefen. Die Regierung und ihre Organe. Das geiſtige, geſchäftliche und geſellſchaftliche Leben der Reſidenz— ſtadt iſt allezeit in engem Zuſammenhang mit den Strömungen und Perſönlichkeiten geſtanden, die in der Verwaltung des Großherzog— tums herrſchend und maßgebend waren. Es dürfen daher ebenſo— wenig als in der Landesgeſchichte in der Darſtellung der Schickſale Karlsruhes die Namen der Männer ungenannt bleiben, welche durch das Vertrauen der Landesherren an die Spitze der bedeutendſten Staatsbehörden geſtellt waren. In die Regierungszeit des Groß— herzogs Karl ragen noch gar manche der Männer herein, welchen. in den Tagen Karl Friedrichs dem geſamten Staatsleben die Signatur ihrer geiſtigen Fähigkeiten und ihrer geſchäftlichen Wirk— ſamkeit aufgeprägt haben: neben dem jüngeren Freiherrn v. Edels— heim, über deſſen Ableben am 2. Dezember 1814 ſchon früher berichtet worden, der Freiherr Konrad v. Andlaw, der den von 1810 bis 1813 innegehabten Poſten des Miniſters des Innern mit dem ihm mehr zuſagenden des Hofrichters in Freiburg vertauſchte, Friedrich Nikolaus Brauer, ſeit 1811 Mitglied des Staatsrats und der Miniſterien der Juſtiz und des Innern, der am 17. November 1813 aus dem Leben ſchied, Karl Freiherr v. Hacke, der, 1808 an Marſchalls Stelle Miniſter des Innern geworden, 1809 Geſandter in Wien wurde, wohin er, nach Leitung des Miniſteriums der aus— wärtigen Angelegenheiten von 1815—17, in gleicher Eigenſchaft * zurückkehrte, Ernſt Sigmund Herzog und Friedrich Auguſt Wie⸗ landt, Emanuel Meier und Karl Wilhelm Freiherr Mar- ſchall v. Biberſtein, die ſehr verſchieden an Jahren, aber gleich in Klarheit des Geiſtes, Fülle des Wiſſens und Wärme des patrio⸗ tiſchen Empfindens, beide 1817 ihr raſtlos im Dienſte des Staates thätiges Leben ſchloſſen, der Freiherr v. Reizenſtein, der auf den verſchiedenſten Gebieten ſich mit Rat und That als der treue Eckart ſeines Fürſtenhauſes bewährte, u. a. Andere ausgezeichnete Männer traten erſt unter Großherzog Karl in die Reihe der hervorragenden Staatswürdenträger ein, um, wie unter ihm, ſo auch während der Regierung ſeines Nachfolgers, des Großherzogs Ludwig, ihrem Fürſten und dem Staate die nützlichſten Dienſte zu leiſten. Um nur jene zu nennen, welche an der Leitung der Staatsgeſchäfte in erſter Reihe beteiligt waren, er— wähnen wir den Freiherrn v. Berckheim, der nach längerer Thätigkeit im diplomatiſchen Dienſt ſeit 1821 an der Spitze des Miniſteriums des Innern ſtand, den langjährigen Miniſter des groß⸗ herzoglichen Hauſes und der auswärtigen Angelegenheiten, Freiherrn v. Berſtett(beide ſeit März 1821 auch Ehrenbürger der Reſidenzſtadt), die Juſtizminiſter Freiherrn v. Hövel und v. Zylln— hardt, die Finanzminiſter v. Fiſcher und v. Böckh, die Staats⸗ räte v. Dawans, Gulat v. Wellenburg und v. Sens⸗ burg. Auch die große Zahl ihrer tüchtigen und verdienſtvollen Mitarbeiter namhaft zu machen, würde zu weit führen. Der Geiſt, der die Regierung Karl Friedrichs beſeelt und ihr eine ſo viel gerühmte Stellung in der Geſchichte des politiſchen Lebens ihrer Zeit angewieſen hatte, war in den weſentlichſten Zügen auch unter den Nachfolgern des unvergeßlichen Fürſten lebendig, wenngleich die ver⸗ änderten Formen in den ſtaatlichen Verhältniſſen vielfach eine andere Methode des Regierens erheiſchten und auch die perſönlichen Eigen⸗ ſchaften der Regenten zu mancherlei Abweichungen von dem Her⸗ gebrachten führten. Die Einführung des badiſchen Volkes in das konſtitutionelle Leben beſchwor bald mancherlei Konflikte zwiſchen Re⸗ gierung und Volksvertretung herauf, die ſich auch in der Reſidenz⸗ ſtadt bemerklich machten, aber hier noch weniger als in anderen Städten des Landes das enge Band des Vertrauens und der Zu— neigung, das zwiſchen dem Fürſten und ſeinem Volke beſtand, zu lockern vermochten. Nach wie vor ſtand Karlsruhe unter dem Zeichen der unbedingten Zuſammengehörigkeit mit dem Hofe, welche ſich auf allen Gebieten des Lebens, in die ganze Entwickelung der Stadt und ihrer Einwohnerſchaft tief eingreifend, bemerklich machte. Verwaltung und Finanzen der Gemeinde. Weder an der Verfaſſung der Gemeinde noch an ihrer Ver— waltung wurde in dieſem Zeitabſchnitt etwas geändert. Aber die Neugeſtaltung der ſtaatlichen Verhältniſſe, die Decentraliſation, welche mit der Erwerbung neuer Gebiete eintrat, die Überſiedelung mehrerer Behörden in die Hauptſtädte dieſer Landesteile, die Verminderung der Garniſon, welche nun auch, ohne eine in gleichem Umfang vor⸗ genommene Vermehrung der Truppen, auf mehrere Städte verteilt wurde, machte ſich in den Erwerbsverhältniſſen der Reſidenzſtadt in empfindlicher Weiſe bemerklich. Schon in den Jahren 1812 und 1813 hatte ſich der Stadtrat mit einem langen Regiſter von Klagen an die Regierung gewandt. Bei der Armut der Gemeinde und ihrer Angehörigen drückten— ſo hieß es— die Kriegsſchulden, zu deren Tilgung man die Bürger heranziehen müſſe, die Koſten der Ein— quartierung und des Kaſernenbaues ſchwer. Die Aktivkapitalien ſeien verbraucht, man habe Schulden machen müſſen, die, obwohl ſie zum Teil amortiſiert ſeien, immer noch die anſehnliche Summe von 150000 fl. betrugen. Es ſtünden aber auch neue Auslagen: die Vollendung des Rathauſes, die Errichtung eines neuen Schlachthauſes, die Herſtellung des Pflaſters in manchen, deſſen Verbeſſerung in anderen Straßen bevor. Es empfehle ſich daher die Erhebung von Umlagen zugunſten der Stadtkaſſe von Lebensmitteln, Holz, von dem Ausſchank des Branntweins, von den Wirtſchaftsgerechtigkeiten, von Luxuspferden u. dgl. Die Kriegszeiten waren der Einführung ſolcher Laſten nicht günſtig, vermehrten vielmehr noch die Ausgaben der Stadtkaſſe. Und nach Herſtellung des Friedens hatte die Regierung eine Reihe ungleich wichtigerer Ausgaben zu löſen, hinter denen die Sorge für Finanzen der Reſidenzſtadt in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Jahre 1819 ſah ſich darum der Stadtrat veranlaßt, in einer neuen Eingabe an die Großherzogliche Staatsregierung die ungünſtige Finanzlage der Gemeinde und ihrer Angehörigen eingehend darzulegen. — 444— Außer den ſchon früher erwähnten Gründen wurde nun auch noch angeführt, daß in den Jahren unmittelbar nach der Erhebung Badens zum Großherzogtum ſich die Stadt nach Art einer Treibhauspflanze zu raſch, um den ſpäter hereinbrechenden Störungen gewachſen zu ſein, entwickelt habe. Der Zuzug Fremder, auch ſolcher ohne Vermögen, ohne genügende Bildung und Gewerbekenntnis aus allen Gegenden Deutſchlands, Frankreichs, Italiens, ſei in jeder Weiſe begünſtigt worden, auch dann, wenn aus der Mitte der Gemeindebehörden ſich dagegen Einſpruch erhoben habe. Mehr als hundert Häuſer ſeien in einem Jahrzehnt erbaut worden, Bauhandwerker ſeien in großer Zahl herbeigekommen und hätten durch ihre Thätigkeit auch andere Gewerbetreibende in Nahrung geſetzt. Aber unter den jetzigen Um— ſtänden habe das alles aufgehört. In allen Zweigen des Staats— haushalts und der Hofverwaltung werde geſpart. Die Großherzogin Stephanie habe ihren Hofhalt nach Mannheim verlegt und man hege die Befürchtung, daß auch noch andere Mitglieder des Fürſtenhauſes Karlsruhe verlaſſen werden. In Folge dieſer Verhältniſſe ſtünden viele Gebäude leer, Per— ſonen, welche mit Zuhilfenahme fremder Kapitalien Häuſer erbaut hätten, könnten, da ihnen der Mietzins entgehe, die Kapitalzinſe nicht bezahlen, ihnen werde das Kapital gekündigt und ſie müßten, beim Mangel an Kaufliebhabern, das Pfand den Gläubigern überlaſſen. Auch die Häuschen Klein-Karlsruhes ſeien durch den Wegzug der Arbeiter, die dort Wohnung genommen hätten, entwertet. So ſei denn der Häuſerwert bedeutend geſunken und es beſtehe keine Ausſicht auf Beſſerung. Dem entſprechend ſeien auch die Gewerbetreibenden in ihren Verhältniſſen zurückgegangen, die Handwerker hätten keinen Verdienſt, da ſich jedermann einſchränke, und die Ausgaben für die unentbehrlichen Bedürfniſſe des täglichen Lebens kämen nicht den Bürgern zu gute, da ja die Stadt keinen Feldbau habe, ſondern den Bewohnern der Umgegend, die ihre Erzeugniſſe nach Karlsruhe zu Markte bringen. Auch der finanzielle Zuſtand der Gemeinde ſei durchaus un— erfreulich. Die Stadt ſei mit einer Schuld von 207398 Gulden 56 kr. beladen und der Bürgerſchaft könne man nicht zumuten, außer den Kriegskoſten weitere Umlagen zu ertragen. Ohne gegen die Stadtverwaltung ungerecht zu ſein, darf man — 445— wohl annehmen, daß die vorgebrachten Klagen— die ſchließlich in dem Satze gipfelten, es müſſe„ſchnelle und kräftige Hilfe er— ſcheinen, wenn 14000 Seelen nicht völlig verarmen, wenn die Re⸗ ſidenz nicht zu einem allgemeinen Armenhaus, am Ende gar zu einer Räuberhöhle werden ſolle“— nicht unerheblich übertrieben waren. Ein großer Teil der Gründe, welche zur Zerrüttung der ſtädtiſchen Finanzen geführt hatten, konnte zudem mit gleichem Recht aufgeführt werden, wenn über den höchſt bedauerlichen Zuſtand der Finanzen des Staates geklagt wurde). Zu dieſen Gründen, hier wie dort, gehörte auch der Mangel einer klaren Überſicht über Einnahmen und Ausgaben und einer ſtreng geregelten Rechnungsführung. Wie ſollte die Bürgerſchaft einen zuverläſſigen Einblick in die ſtädtiſche Wirtſchaft gewinnen, wenn die Rechnungen ihr nur nach einer längeren Reihe vou Jahren zur Kenntnis gebracht wurden? So wurden z. B. vier Jahresrechnungen der Stadtkaſſe von 1810 bis Georgii 1814 erſt im Jahre 1816 während 14 Tagen von 9 bis 12 Uhr vor- und von 2 bis 5 Uhr nachmittags zur Einſicht aufgelegt und zwar aus Mangel an Raum im Rathauſe bei Gaſtgeber Wielandt„zum badiſchen Hof“. Die am 27. März 1816 erfolgte Bekanntmachung dieſer Anordnung be— ſagte weiter, daß Bemerkungen dem dort befindlichen Mitglied des Bürgerausſchuſſes und dem ſtädtiſchen Aktuar zu Protokoll gegeben werden können. Im Jahre 1817 wurde am gleichen Orte die Rech— nung von 1815, 1818 jene von 1816 aufgelegt, und ſo wurde nach und nach für dieſen Zweig der ſtädtiſchen Verwaltung ein geregelter Geſchäftsgang hergeſtellt. Und wie unter dem ſtrengen und ſparſamen Regiment des Groß— herzogs Ludwig in verhältnismäßig kurzer Zeit die Staatsfinanzen in gute Ordnung gebracht wurden, ward jetzt auch den Finanzen der Stadt die Verbeſſerung, deren ſie bedurften, durch Eröffnung neuer Einnahmsquellen zu teil. Zum Beſten der Stadtkaſſe, namentlich zur Abzahlung der auf derſelben laſtenden und zum notwendigen Bau eines Rathauſes noch zu machenden weiteren Schulden wurde im Dezember 1820 die Erhöhung einiger bereits beſtehenden und die ) Bgl. hierüber v. Weech, Geſchichte der badiſchen Verfaſſung. Karls⸗ ruhe 1868. Beilage II. S. 191 ff. — 446— Einführung neuer indirekter Abgaben, vom 13. Januar 1821 beginnend, bewilligt: die Erhöhung des Ohmgeldes, welches die Staatskaſſe be— zieht, um ein Fünftel, der Immobiliar-Acciſe um ½ Kreuzer vom Gulden, die Verdoppelung des beſtehenden Standgeldes, eine Auf— lage von 12 Kreuzer auf jedes„Mees“ Holz und eine Abgabe von 30 Kreuzer auf jedes in die Stadt eingehende und zur Konſumtion beſtimmte Malter Mehl, mit Ausnahme des zum Verbrauch des Hofes und des Militärs beſtimmten Holzes und Mehles. Die Be— willigung erfolgte jeweils nur auf ein Jahr, nach deſſen Ablauf die Bedürfnisfrage, von deren Bejahung die weitere Bewilligung ab— hängig war, erhoben wurde. Für Hinterziehung der Einfuhrabgaben war neben dem Erſatz der einfachen Abgaben die Strafe des 4- und 8Sfachen Erſatzes des hinterzogenen Betrages angedroht. Im Juni 1829 wurden mit Wirkung vom 1. Juli 1830 an zur Verzinſung und allmählichen Tilgung der ſtädtiſchen Schulden neben den beſtehenden Oktroiauflagen noch weitere indirekte Steuern für die ſtädtiſchen Kaſſen, zunächſt auf 3 Jahre, bewilligt:/ Kreuzer von jedem Pfund Fleiſch von großem Schlachtvieh, 30 Kreuzer von jedem Stück kleinen Schlachtvieh, J/ Kreuzer von jedem Pfund Fleiſch, das geſchlachtet in die Stadt gebracht wird, 4 Gulden 10 kr. Ohm⸗ geld zu dem ſchon früher bewilligten gleich hohen Satz von jedem Fuder Wein und 1½ Kreuzer für die Flaſche feinen Flaſchenweines. Außerdem wurde zunächſt für das Rechnungsjahr 1829/30 die Er⸗ hebung nachſtehender direkter Steuern für die ſtädtiſchen Kaſſen er— hoben: 7 Kreuzer von 100 fl. des Grund-, Häuſer- und Gewerbe— ſteuer-Kapitals von den bürgerlichen und ſchutzbürgerlichen Einwohnern für die Stadtkaſſe, 3¼ Kreuzer von 100 fl. der gleichen Kapitalien von ſämtlichen bürgerlichen und nichtbürgerlichen Einwohnern und Körperſchaften für die Kriegsſchuldenkaſſe, 4 Kreuzer von 100 fl. Häuſer⸗ und Gewerbſteuerkapital von den einquartierungspflichtigen Einwohnern für die Kaſernenbau- und Einquartierungskaſſe. Bürger und Schutzbürger, die keine Staatsſteuer zahlten, wurden mit 500 fl. Steuerkapital zur Gemeindeſteuer herangezogen. Die bisherigen Wacht⸗ gelder und ſogenannten alten Kaſernenbaubeiträge hörten für die Zukunft auf. Damit waren der ſtädtiſchen Verwaltung Einnahmsquellen er— öffnet, welche— allerdings immer unter der Vorausſetzung kluger +• PPRRR 8 8 8 E N 5——ĩ Schlößchen im Garten der Markgräfin Friedrich. . Candesb/bHhν KciriaruHο — 447— Zurückhaltung und weiſer Sparſamkeit— ihr die Erfüllung ihrer wichtigſten Aufgaben möglich machten. Das ſtaatliche und ſtädtiſche Zauweſen. In dieſer Periode vollendete ſich— wie ſchon erwähnt, weſent— lich unter dem Einfluſſe des Oberbaudirektors Weinbrenner— die äußere Erſcheinung der Reſidenzſtadt, wie ſie dieſe mehrere Jahr⸗ zehnte lang in ihren Straßen, Plätzen und öffentlichen Gebäuden zeigte. Ja trotz ſo vielfacher Umgeſtaltungen, welche das Bauweſen der Stadt nach und nach erlebte, obwvohl man im Lauf der Zeit in der Peripherie von der urſprünglich beabſichtigten und lange Zeit eingehaltenen Führung der Straßenzüge vielfach abwich, obwohl ſich neue Stadtteile, welche an Umfang die Altſtadt überflügelten, an dieſe anſchloſſen, obwohl zahlreiche Prachtbauten in den verſchiedenſten Stilarten und mit Benützung aller Arten von Baumaterialien ent⸗ ſtanden, iſt das eigentlich Charakteriſtiſche des Stadtbildes bis heute nicht völlig verwiſcht worden: die fächerförmige Anlage der von dem Schloß ausgehenden Straßen und die ſtiliſtiſche Richtung, welche Weinbrenner auf Grund ſeines gründlichen Studiums der antiken Baureſte in allen ſeinen Werken zur Ausführung brachte. Es fehlte ſeinen Bauten, wenn man ihnen auch mit Recht den Vorwurf er— müdender Nüchternheit machte, doch nicht an einem großartigen Zuge; Fachmänner rühmen an ihnen„eine klare Einfachheit, Großräumig— keit und würdige Ruhe unter Weglaſſen alles unnützen Beiwerkes“, und wenn lebhaftere Effekte und maleriſche Wirkungen entbehrt wer— den, ſo darf man nicht vergeſſen, daß die Finanzverhältniſſe des Staates wie der Privatbauherren damals nicht, wie ſpäter, die Ver— wendung koſtbarer Baumaterialien geſtatteten und daß der farbloſe und einförmige Putzbau die Regel war, von der kaum je abgewichen, wurde. Aber ſowohl in den klar disponierten Grundriſſen wie in— der Geſamtanlage umfangreicher Baukomplexe, wie z. B. der ſtatt⸗ lichen Straße vom Ettlingerthore zum Schloſſe, tritt ein großartiger Zug zu Tage, der auch heute noch dem aufmerkſamen Beobachter nicht entgeht. Außer den in dieſer Straße gelegenen Gebäuden— dem 1847 abgebrannten alten Hoftheater und dem 1894 abgebrochenen Gartenpalais der Markgräfin Friedrich— ſind die katholiſche Stadt— kirche, die Synagoge, der vordere Teil der Infanteriekaſerne, das Münz— — 448— gebäude und eine große Zahl von Privathäuſern von Weinbrenner er⸗ richtet worden und werden, ſoweit ſie nicht im Laufe der Zeit neuen Bauten weichen müſſen— was doch wohl bei vielen nie der Fall ſein wird— ſein Andenken in der badiſchen Reſidenzſtadt dauernd erhalten. Bei dem ſehr langſamen Zeitmaße, in welchem ſich die Ver— größerung der Stadt Karlsruhe vollzog, ging die Überbauung der neu angelegten oder in der Richtung der alten fortgeführten Straßen⸗ züge ſehr langſam vor ſich. Noch im Jahre 1826 mußte z. B. an⸗ geordnet werden, daß diejenigen Perſonen, welche in der Amalien— ſtraße herrſchaftliche Bauplätze unter der Bedingung erhalten hatten, ſie ſelbſt zu überbauen oder um den Ankaufspreis wieder abzutreten, ſich binnen Jahresfriſt für das eine oder andere zu entſcheiden hätten. Für die Erbauung der Häuſer wurde im Jahre 1811 durch ein am 29. Auguſt erlaſſenes neues Baugnade-Reglement beſtimmt, daß auf jedes modellmäßige dreiſtöckige neue Gebäude in der Langen Straße, welches an Stelle eines niedergeriſſenen alten Hauſes aufgeführt wurde, ſtatt der durch das Reglement von 1804 den Bauenden bewilligten Unterſtützung von 15 fl. für den laufenden Schuh der vorderen Front 25 fl. bewilligt werde. Am 14. Juli 1815 wurde für die neu angelegten Straßen, als Nachtrag zu dem Reglement von 1811, neu verordnet, daß in dieſen keine zweiſtöckigen, ſondern wenigſtens dreiſtöckige Gebäude aufgeführt werden ſollen, auch ſolle kein Haus weniger als 40 Schuh in der Front lang ſein; von drei Gebäuden müſſen wenigſtens zwei mit einem Einfahrtthor verſehen ſein, zwiſchen dreien können zum Vorteil für künftige Häuſervergrößerung 20—30 Schuh breite Plätze für Höfe, Gärten u. dgl. unbebaut bleiben, müſſen aber gegen die Straße anſtändig dekoriert werden. Vor den Häuſern ſind die Fuß⸗ wege auf eine Breite von 6 Fuß mit ſteinernen Platten zu belegen. Da aber der Erfolg der im Auguſt 1811 bewilligten Baugnade den gehegten Erwartungen nicht entſprach, ſo wurden am 1. Februar 1816 alle für Neubauten bewilligten Beiträge aufgehoben. Dagegen wurde zur Herſtellung von geplatteten Fußwegen vor alten und neuen Häuſern ein Beitrag von 6 Kreuzer für den Quadratſchuh aus der herrſchaftlichen Kaſſe bewilligt. Im Jahre 1824 wurde allen Bauunternehmern für jede Art von Bauwerken die Pflicht der Anzeige bei der Polizeidirektion unter — 449— Vorlage eines Bauriſſes bei Strafe von 15 fl. auferlegt. Schon im Februar 1816 war angeordnet worden, daß bei Strafe von 5 Reichs⸗ thalern Niemand einen Bau unternehmen oder die Materialien zu einem ſolchen herbeiführen und auf die öffentliche Straße legen dürfe, ohne vorher Anzeige erſtattet und über die Unterbringung der Bau⸗ materialien Weiſung erhalten zu haben. Und im Juli des gleichen Jahres wurde dieſe Verordnung dahin verſchärft, daß bei 10 Reichs⸗ thaler Strafe jeder Unternehmer eines Neubaues oder einer baulichen Anderung 3 Tage vor Beginn der Arbeit ſich über die erhaltene Bauerlaubnis durch ein behördliches Zeugnis ausweiſen müſſe. Im Intereſſe der Geſundheit der Einwohnerſchaft wurden im Februar 1817 Verfügungen über die Zeit getroffen, welche zwiſchen der Vollendung eines Baues und deſſen Beziehung verfließen müſſe. Für die Wintermonate(Oktober bis April) wurden 6, für die Sommer⸗ monate(Mai bis September) 4 Monate zur Austrocknung der Neu— bauten feſtgeſtellt. Dieſe Vorſchriften wurden im Oktober 1825 von neuem eingeſchärft. Im Auguſt 1818 wurde der Taglohn der Maurer- und Zimmer⸗ geſellen folgendermaßen feſtgeſetzt: für den Sommer(22. Februar bis 15. Oktober) auf täglich 50, für den Winter(16. Oktober bis 21. Februar) auf täglich 46 Kreuzer. Gleichzeitig wurde bekannt gemacht, daß die Ruheſtunden im Sommer von 8 bis 9 und 12 bis 1, im Winter dagegen nur von 12 bis 1 Uhr ſtattfinden ſollen. Zur Verhütung von Brandunglücken wurden im Auguſt 1820 Vorſchriften über die Aufführung der Kamine(mit liegenden Back— ſteinen, 24“ Breite und 18“ Tiefe oder 21“ Breite und Tiefe oder ungefähr 440 Quadratzoll im Licht) erlaſſen. Im Mai 1829 wurde die Einführung der ſogenannten ruſſiſchen Kamine genehmigt, dabei aber die Einholung genauer Belehrungen über die zweckmäßigſte An⸗ lage derſelben bei der Baudirektion vorgeſchrieben. Im Jahre 1823 wurden zur Viſitation der Blitzableiter beſondere Handwerksverſtändige aufgeſtellt: zum erſten Male der Maurermeiſter Weilbier, der Schloſſer— meiſter Weihlöhner und der Schieferdecker Becker. Die Gebühr, zu deren Entrichtung die Hauseigentümer verpflichtet wurden, betrug für alle drei 36 Kreuzer per Auffangſtange. Im Februar 1826 wurde befohlen, daß innerhalb zweier Jahre ſämtliche Häuſer der Reſidenzſtadt mit Dachrinnen und Abzugsröhren 29 — 450— verſehen werden ſollen. Im März 1828 war dieſer Anordnung bis auf 146 noch rückſtändige genügt, denen nun unter Androhung an— gemeſſener Strafe ein letzter Termin von 3 Monaten bewilligt wurde. Im März 1827 wurde eine neue Bauordnung erlaſſen. Auf Grund derſelben durfte fortan an den alten Gebäuden der Langen Straße keine Hauptreparatur(„Einziehen neuer Pfoſten, Pfetten und Schwellen“) mehr vorgenommen werden. Dagegen wurde nun wieder das zweiſtöckige Bauen erlaubt, jedoch unter der Vorausſetzung des Bauens der Fundamente in ſolcher Stärke, daß nötigenfalls ein dritter Stock darauf geſetzt werden kann. Nur die Gebäude von der Bären— ſtraße bis zur Lamm- und Kreuzſtraße auf- und abwärts zu beiden Seiten ſollten wegen der Symmetrie und wegen Verſchönerung des Marktplatzes dreiſtöckig fortgeſetzt werden. Für ſämtliche Häuſer wurde ein neues Modell vorgeſchrieben. Die Einwohnerzahl. Im Jahre 1811 betrug die Geſamtzahl der Einwohner Karls— ruhe's, das Militär miteinbegriffen, 13 477. Dieſelbe vermehrte ſich langſam, aber ſtätig: im Jahre 1814 auf 15 128, 1821 auf 16 038, 1826 auf 18 866, Ende 1829 betrug ſie 19734. Davon gehörten 10018 dem männlichen, 9583 dem weiblichen Geſchlechte an. Die Zahl der Geburten betrug in dem letztgenannten Jahre 543, die der Todes⸗ fälle 472, ſo daß 71 Perſonen mehr geboren wurden als geſtorben ſind. 139 Paare wurden getraut. 120 männliche und 48 weibliche, im Ganzen alſo 168 Perſonen wanderten ein, während nur 10 (3 männliche und 7 weibliche) Individuen auswanderten. Den von Zeit zu Zeit vorgenommenen Volkszählungen wurden ſogenannte„Seelentabellen“ zugrunde gelegt. In ſechs Rubriken waren nach der im Jahre 1812 erlaſſenen Vorſchrift Namen, Alter, Stand, Religion und Geburtsort eingetragen. Der Hauseigentümer war verpflichtet, die Einträge zu machen und für deren Richtigkeit verantwortlich.„Wer des Schreibens unerfahren iſt— hieß es in der amtlichen Belehrung— oder ſonſt die Ausfüllung nicht ſelbſt vornehmen mag, kann dann auf der Polizei die Anzeige machen, wo man gegen billige Belohnung eine Perſon zur Ausfüllung in's Haus. ſchicken wird.“ Bei der 1822 vorgenommenen Volkszählung wurde die Zahl der Rubriken auf 8 erhöht, von denen die erſte die Ord— nungszahl, die folgenden Namen, Alter(nach Jahren), Stand, Re— ligion, Geburtsort oder Heimat, Familienzahl enthielten, in der letzten endlich anzugeben war, wann und von welchem Arzt den in der zweiten Hälfte des Jahres 1821 und im Laufe des Jahres 1822 geborenen Kindern die Schutzpocken eingeimpft wurden. Unterlaſſene Ablieferung der Tabelle wird mit 3, eine fälſchliche Ausfüllung mit 15 fl. beſtraft. Im Laufe der Zeit begann Karlsruhe eine größere Anziehungs— kraft auf wohlhabende Familien auszuüben, welche die ſtille, behag⸗ liche, von dem Drängen und Treiben einer Handelsſtadt verſchonte, dabei gar manche vortreffliche Einrichtungen auf allen Lebensgebieten beſitzende Stadt gern zum Aufenthalte wählten, ohne dazu durch Beruf oder Erwerbszwecke veranlaßt zu ſein. Eine Zuſammenſtellung bei den Akten aus dem Jahre 1825 führt eine ganze Reihe ſolcher Familien auf, die in Karlsruhe zur Miete wohnten, und da beim Verkauf eines Hauſes an einen Ausländer die Staatsgenehmigung nachgeſucht werden mußte, erfahren wir ebenfalls aus den Akten, daß von 1818 an unter andern der Bankier Steinwachs, die Partikuliers Weltzien und von Berckholz aus Rußland, Madame Chevalier aus Frankreich und die Großhändlerswitwe Dietz aus Regensburg ſich in Karlsruhe Häuſer käuflich erwarben. Organiſation der Polizei. In der alle ſtädtiſchen Verhältniſſe leitenden, ja man darf wohl ſagen beherrſchenden Stellung der Polizei ging keine Ver⸗ änderung vor ſich. Ja die Polizeidirektion übte vom Regierungs— antritt des Großherzogs Karl bis zum Ableben des Großherzogs Ludwig vielleicht einen noch größeren Einfluß aus als früher, was mit ihrer neuen Organiſation zuſammenhing. Im Jahre 1811 wurde die ſeit geraumer Zeit mit dem Stadtamt vereinigte Polizeiverwaltung der Reſidenzſtadt wieder in Form einer eigenen Polizeidirektion von dem Stadtamt unabhängig gemacht. Es geſchah dieſes ſowohl, weil man die Überbürdung des Amtes mit Geſchäften für unzuträglich hielt, als auch weil ſich bei der beſtehenden Organiſation Konflikte des Stadtamts mit der Stadtkommandantſchaft ergeben hatten, die man durch eine völlige Gleichſtellung der Polizei- und der Militär⸗ behörde beſeitigen wollte. Nunmehr ſtanden beide oberſten Lokal— 29⸗% behörden— ohne jegliche Unterordnung unter ein Miniſterium— in ganz gleicher Weiſe unmittelbar unter dem Befehle des Groß— herzogs. Der erſte Polizeidirektor unter der Herrſchaft dieſer neuen Organiſation war Karl Baur von Eiſenegg, der jedoch ſchon im November 1812 zum Geh. Referendär im Miniſterium des Innern ernannt wurde. Die Polizeidirektion wurde hierauf mit der Stadt— kommandantſchaft vereinigt und dem Stadtkommandanten General— major Freiherrn Karl Stockhorner von Starein übertragen. Während dieſer Vereinigung beider Behörden wurde das Bureau der Polizei— direktion von dem Hofſattler Reiß'ſchen Hauſe vor dem Mühlburger— Thor in das Berckmüller'ſche Haus bei der reformierten Kirche verlegt. Während der Feldzüge gegen Frankreich war Generalmajor von Franken Stadtkommandant und Polizeidirektor. 1815 wurde die Polizei— direktion abermals mit dem Stadtamt vereinigt und unter Aufſicht und Leitung des Obervogtes(Franz Betz) von dem Polizeiamtmann ver— waltet. Nach dem Regierungsantritt des Großherzogs Ludwig wurde im März 1819 die Reſidenzſtadt Karlsruhe unmittelbar dem Mi-⸗ niſterium des Innern untergeordnet und die Kompetenz der Stadt⸗ und Polizeidirektion durch Miniſterialverorduung vom 1. Mai 1819 feſtgeſtellt. Gleichzeitig wurde Freiherr Joſeph v. Sensburg zum Stadt⸗ und Poſlizeidirektor ernannt. Aber 1824 wurden die Funktionen des Polizeidirektors abermals mit jenen des Stadt— kommandanten vereinigt und dem Generalmajor Ludwig Brückner übertragen. Armenpflege. Die Fürſorge für die Armen beſchäftigte auch während dieſes Abſchnittes der Stadtgeſchichte in umfaſſender Weiſe ſowohl die Poli⸗ zei als auch verſchiedene zu Zwecken der Wohlthätigkeit gebildete Vereinigungen. Im Jahre 1812 ſtellte die Polizeidirektion eingehende Erhebungen über die Verhältniſſe aller aus den Armenanſtalten unterſtützten Perſonen an. Auf den 22. April wurden alle bisher erteilten Dekreturen für erloſchen erklärt. Allen Armenpfründnern und ſonſtige Armen⸗ unterſtützung beziehenden Perſonen war vorgeſchrieben, ſich bis zu dieſem Tage durch Vermittlung des Bezirksarmenvorſtehers zu mel— den, welche tabellariſche Überſichten anzufertigen und die Geſuche — 453— der ſich Meldenden zu begutachten hatten. Um feſtzuſtellen, welche Mittel zur Unterſtützung der Armen vorhanden ſeien, veranſtalteten die Bezirksvorſteher in ihren Bezirken Zeichnungen von Beiträgen für das Jahr von April 1812 bis April 1813, zu deren Ablieferung in Quartalsraten die Zeichner ſich verpflichteten. Gleichzeitig mit dieſer neuen Organiſation der Almoſenſammlung(deren Ergebniſſe in Einnahme und Ausgabe fortan regelmäßig ſpezifiziert veröffentlicht werden ſollten, 1812 betrug die Einnahme 16692, die Ausgabe 15 989 fl.), wurde an die Einwohnerſchaft die Bitte gerichtet, Bett— lern keine Gaben zukommen zu laſſen. Zur Verſtärkung der Zahl der Bezirksarmenvorſteher, die zum größten Teil aus der Mitte der Bürgerſchaft hervorgegangen waren, übernahmen die mit dieſem Ehrenamt verbundenen Pflichten nach dem Vorgang anderer Städte auf Einladung der Polizeidirektion im Jahre 1815 auch mehrere Staatsdiener, die ſich mit jenen bei Wahrnehmung der einſchlägigen Geſchäfte im Intereſſe der leidenden Menſchheit ablösten. Die Polzeidirektion ſah ſich auch bei dem herrſchenden Not— ſtand mehrmals gezwungen, an das Publikum die Bitte um Unter— ſtützung der Notleidenden durch Geld, Kleider, Weißzeug und dergl. zu richten. In ſtrengen Wintern wurde an die Armen nicht nur aus öffentlichen Mitteln Brennholz verabreicht, ſondern es wandte ſich auch, um Beiträge zum Holzankauf zu erhalten, die Polizei⸗ direktion an die Mildthätigkeit der Einwohnerſchaft. Die Verteilung der„ökonomiſchen“ oder„Rumfordiſchen“ Suppen erwies ſich auch in den Jahren, welche dieſen Abſchnitt unſerer Darſtellung umfaßt, als ſehr wohlthätig. Nach wie vor wurden ſie an Durchreiſende wie Einheimiſche, teils unentgeltlich, teils um zwei Kreuzer für die Portion, verabreicht. Um die Einnahmen, die zur Unterſtützung der Armen nötig waren, zu vermehren, ſchritt man auch zur Veranſtaltung von Feſten, deren Ertrag dem Almoſenfond zugewieſen wurde. Wie ſchon früher, ſo wurden auch jetzt mit Genehmigung des Großherzogs Masken⸗ bälle im Hoftheater zum Vorteil der Karlsruher Armen gegeben. Der Ertrag derſelben war nicht unerheblich, z. B. im März 1818 betrug bei einer Brutto-Einnahme von 1473 fl. 43 kr. die reine Einnahme 1206 fl. 15½ kr. In einigen Jahren traten an die Stelle der Maskenbälle Theatervorſtellungen. Da wurden denn Stücke gegeben, die auf die große Maſſe des Publikums eine leb⸗ hafte Anziehungskraft ausübten, ſo z. B. im März 1827„das Sternenmädchen im Maidlinger Walde, romantiſch⸗komiſches Volks⸗ märchen mit Geſang in 3 Akten, Muſik von Kauer.“ Mit den Bällen war die Aufſtellung von ſog.„Glückshäfen“ mit anſehnlichen Gewinnſten verbunden. Mit dem Abſatz der Karten befaßten ſich neben dem Theaterperſonal auch verſchiedene Privatleute. Auch feſtliche Anläſſe, bei denen ſich das menſchliche Herz mehr als ſonſt zu Gunſten des Elends der Nächſten rühren läßt, wurden für die Armen nutzbar gemacht. An Großherzogs Geburtstag und bei andern Gelegenheiten, bei denen ſich patriotiſche Tafelrunden zu bilden pflegten, wurde für die Armen geſammelt und— wie die im Wochenblatt erfolgten Veröffentlichungen darthun— oft ein recht anſehnlicher Ertrag erzielt. Zuerſt, ſo viel wir ſehen, zu Neujahr 1827 kam die Sitte auf, an Stelle der abzugebenden Neujahrskarten Geſchenke an die Armenkaſſe zu entrichten. Eigentümlicher Weiſe aber unterblieb bei der Veröffentlichung die Nennung der Geber. Der erſte, der bei dieſem Anlaß den erheblichen Betrag von 10 fl. 48 kr. ſpendete, wurde in der Dankſagung der Armenkommiſſion nur mit F. bezeichnet. Auch 1829 wurde der gleiche Betrag anonym, nur mit dem Bemerken„Anſtatt Neujahrsviſitenkarten“ eingeſandt und mit dem Zuſatz, daß dieſem ſich ein zweiter mit der gleichen Summe angeſchloſſen habe, öffentlich verdankt. Im Jahre 1825 erfolgte eine eingehende Veröffentlichung über alle die Armenverſorgung betreffenden Verhältniſſe. Die Leitung dieſes Verwaltungszweiges war der Armenkommiſſion anvertraut, die aus den Mitgliedern der verſchiedenen Lokalbehörden und einer An— zahl von Bürgern zuſammengeſetzt war. Sie trat regelmäßig im Anfange eines jeden Monats zuſammen und faßte ihre Beſchlüſſe mit Stimmenmehrheit. Sie beſchäftigte ſich ſowohl mit der Armen⸗ unterſtützung als auch mit der Armenbeſchäftigung im Gewerb⸗ hauſe. Bei der Armenunterſtützung handelte es ſich um die Unter⸗ ſtützung der eigentlich bürgerlichen oder Stadtarmen aus dem Stadt⸗ almoſen und um die Unterſtützung für Ernährung der unehelichen Kinder aus den Gerichtsbarkeitsgefällen. Für dieſe beiden Unter⸗ ſtützungsarten beſtanden völlig getrennte Verrechnungen und Kaſſen und nur in die erſte floſſen die freiwilligen Beiträge und außer⸗ 3455 ordentlichen Geſchenke der Einwohner und die jährlichen Averſal— beiträge des Staates. Mit der Armenverſorgungsanſtalt ſtand das zur Beſchäftigung der ärmeren Volksklaſſen beſtimmte Gewerbehaus, das im Jahre 1819 wieder neu belebt worden war und ſich der beſonderen Protektion der Markgräfin Chriſtiane Luiſe erfreute, in der engſten Verbindung.„Dort ſollten alle Armen, die keinen Ver—⸗ dienſt hatten, einen ſolchen finden, andere aber, die nicht arbeiten wollten, zur Arbeitſamkeit angehalten, und insbeſondere ſollten dort die Kinder mit nützlichen Arbeiten beſchäftigt und frühe ſchon an Thätigkeit gewöhnt werden.“ Im März 1825 waren im Gewerbhaus 160 arme Kinder mit nützlichen Arbeiten beſchäftigt und von den da— ſelbſt gefertigten Arbeiten konnte man mit Recht„einen gewiſſen Grad von Vollkommenheit“ und„die dauerhafte Güte“ rühmen. Indem man ſich beſtrebte, von Amtswegen die Arbeitſamkeit zu fördern, trat man folgerichtig auch dem müheloſen und unehrlichen Erwerb durch den Bettel ſtreng entgegen und zwar nicht nur dem gewöhnlichen Haus- und Straßenbettel, ſondern auch gewiſſen Unſitten, welche durch eine an althergebrachte Gebräuche ſich anlehnende Form den Bettel zu verhüllen ſuchten. So wurden z. B. die üblichen Geſchenk⸗Einſammlungen am Neujahrstag bei ſchwerer Strafe unter— ſagt und das Herumziehen der Kinder in verſtellter Tracht mit ge— färbten Geſichtern am Dreikönigstage— unter Bedrohung der Eltern mit Geldſtrafen, der Kinder mit körperlicher Züchtigung— verboten. Neben den Veranſtaltungen und Maßnahmen der öffentlichen Armenpflege fehlte es aber auch nicht an recht eifrigen Anſtrengungen einer die gleichen Ziele mit anderen Mitteln anſtrebenden Vereins— wirkſamkeit. Der ſchon früher erwähnte„Wohlthätigkeitsverein“ hatte an der Ecke der Waldhorngaſſe Nr. 1, der herrſchaftlichen Heuwage gegenüber, ein Magazin eröffnet, in welchem Arbeiten aller Art, welche von Armen angefertigt waren, dem Verkaufe ausgeſetzt wurden. Zu Gunſten des Vereins fand in dieſen Räumen aber auch der Verkauf von Gegenſtänden ſtatt, die zu dieſem Zwecke geſchenkt waren, darunter ſogar Bücher und Muſikalien(z. B. Der fürſt⸗ liche Menſchenfreund Friedrich Markgraf von Baden, Züge aus ſeinem Leben.— Chorgeſänge von Berger.— Walzer von Frei⸗ — 456— herrn v. Kageneck), aber daneben auch„Getüch, Socken und Strümpfe, ſowie flächſenes, hänfenes und wergenes Garn.“ Auch Verſteigerungen und Lotterien wurden in dieſem Magazin zuweilen vorgenommen, und um die Weihnachtszeit pflegte es„mit einem ſchönen Aſſortiment von Weihnachtsgeſchenken“ verſehen zu ſein. Als von den ſtädtiſchen Be— hörden die Wiedereinführung der Seidenzucht und zu dieſem Be— hufe die Erteilung eines praktiſchen Unterrichts in der Behand— lung der Seidenwürmer und Bearbeitung der Seide in's Auge gefaßt wurde, nahm der Wohlthätigkeitsverein an der Belebung dieſes wichtigen Induſtriezweiges thätigen Anteil. Der Unterricht wurde unentgeltlich erteilt, und dürftige Eltern, welche ihre Kinder an dem— ſelben nicht teilnehmen laſſen wollten, um ſich nicht dadurch den Arbeitsverdienſt derſelben entgehen zu laſſen, wurden durch Bezahlung eines dem Verdienſte der Kinder angemeſſenen Taglohns noch beſon— ders unterſtützt. Für dieſen Zweck ſtellte die Großherzogin Stephanie dem Vereine die anſehnliche Summe von 550 fl. zur Verfügung. Eine verwandte Thätigkeit entfaltete die Chriſtiane-Luiſen⸗Stif⸗ tung, welche in dem von ihr errichteten und verwalteten Magazin in dem Stiftungshauſe Nr. 31 neben dem Hoſpital alle Gattungen von Wollwaaren, die von Bedürftigen gefertigt wurden, zu möglichſt billigen Preiſen verkaufte. Dieſe Wollwaaren wurden auch in einem beſonderen Stand auf dem Wochenmarkt feil gehalten, und die Stif— tung bezog mit ihren Arbeiten ſogar die auf dem Schloßplatz ab— gehaltenen beiden Meſſen im Früh- und Spätjahr. Endlich hatte ſie Niederlagen bei den Gebrüdern Philipp und Wilhelm Lang, Poſamentieren in der Langen Straße Nr. 135 und 173, welche dieſe Waaren ohne eigenen Nutzen zum Fabrikpreis verkauften. Zu Gunſten dieſer Stiftung wurden auch öffentliche Sammlungen veranſtaltet und die eingelaufenen Beträge mit geeigneten Motto's bekannt gegeben. Zuweilen vereinigten ſich Gruppen von Einwohnern oder die Be— wohner einer Straße zu gemeinſamen Spenden. Im Jahre 1820 trat zuerſt in Nr. 97 des Intelligenz- und Wochenblattes vom 3. Dezember„ein Vorſchlag zum Beſten Karls— ruh's gerichtet an ſeine wohlhabende Bewohner und Gönner“ zu Tage. Von der Wahrnehmung ausgehend, daß Karlsruhe„in Betracht deſſen, was zur Erleichterung ſeiner mittelloſen, durch irgend einen Zufall arbeitsloſen Bewohner vorhanden iſt, die Fehler ſeiner Jugend und — 457— der Zeit, wo milde Stiftungen außer der Mode gekommen ſind, trägt“, wurde zum Zweck der Errichtung einer Anſtalt„für Unheilbare, für gebrechliche Alte“, wo auch„bejahrte Einwohner mit einer mäßigen Summe ſich einkaufen und ſo den Reſt ihrer Tage ohne Nahrungs⸗ ſorgen vollbringen können“, zunächſt, die erſte Zuſammenbringung eines mäßigen Kapitals, deſſen erſte Stifter freilich auf den ihnen ſicht⸗ baren Erfolg ihrer Stiftung verzichten mußten“, angeregt. Bei unerwarteten Vermögensvermehrungen, Erbſchaften und dgl. ſei mancher zur Mildthätigkeit geneigt und in Teſtamenten ſeien Legate zu wohlthätigen Zwecken nicht ſelten. Aber beſſer als ſolche Zuwen⸗ dungen mit ſchnell vorübergehender Wirkung„wäre ein Vermächtnis zu der Vermehrung eines ſolchen für eine bleibende Anſtalt beſtimmten Fonds“. Der Einſender dieſes Vorſchlages erklärte ſich bereit, wenn ſein Gedanke Anklang finde,„ein kleines Kapital, das er vor Jahren zu irgend einem wohlthätigen Zweck angelegt hat, hiezu zu beſtimmen, ſich mit ähnlich Geſinnten zu beſprechen, vereint mit dieſen den Grund zu einem ſolchen Fonds zu legen und nach gemeinſchaft⸗ lichem Übereinkommen das Weitere einzuleiten.“ Für dieſen Fall ermächtigte er den Herausgeber des Blattes, ſeinen Namen mitzu— teilen— es war der frühere Oberbürgermeiſter Chriſtian Griesbach. Sein Aufruf fiel nicht auf ganz unfruchtbaren Boden. Aber es währte doch lang bis auch nur eine Summe zuſammengebracht war, die es überhaupt möglich machte, der Ausführung näher zu treten. Dies geſchah erſt neun Jahre nach jener erſten Anregung. Im November 1829 gab Griesbach von dem Stand des unter ſeiner Verwaltung gebildeten„Fonds zur Errichtung einer Verpfründungs⸗ und Verſorgungs-Anſtalt für alte oder gebrechliche arbeitsunfähige Perſonen“ Mitteilung. Die urſprüngliche Gabe von 500 fl. hatte ſich inzwiſchen durch Hinzuſchlagung der Zinſen auf ungefähr 900 fl. vermehrt. Hierzu waren Geſchenke in Baar von 240 fl. eingegangen und der Ertrag der Ausſpielung eines Flügels(496 fl.), den„die erhabene Wohlthäterin“, die ihn gewann, zum Beſten dieſes Vorhabens um 275 fl. verkaufte. Im Ganzen waren demnach 1911 fl. zins⸗ tragend angelegt. Nun hielt es Griesbach an der Zeit, den Plan einer ſolchen Anſtalt zu entwerfen und in der Beilage zum Intelligenz— und Wochenblatt Nr. 96 vom 29. November 1829 zu veröffentlichen. Aus dieſen beſcheidenen Anfängen erwuchs in der Folgezeit— — 458— dem Samenkorn der bibliſchen Parabel vergleichbar— das Karls— ruher Pfründnerhaus. Leihhaus und Erſparniskaſſe. Neben dieſen verſchiedenen Maßnahmen, welche der Armut un— mittelbar Hilfe bringen wollten, gingen noch andere einher, welche mehr mittelbar und vorſorglich der Not der ärmeren Bevölkerungs— klaſſen zu ſteuern bezweckten. Dazu gehörte in erſter Reihe die Er— richtung eines Leihhauſes in Karlsruhe, welche durch landesherr— liche Verordnung vom 12. Dezember 1812 erfolgte. Am 25. Juni 1813 wurde eine eingehende Inſtruktion für die Verwaltung des Leihhauſes veröffentlicht, welches am 27. Oktober dem Verkehr über⸗ geben ward. Da das Leihhaus in der Abſicht errichtet war, auch die Bewohner der Umgegend an den Wohlthaten, die man von dem— ſelben erwartete, teilnehmen zu laſſen, ſo wurden die Satzungen dieſer Anſtalt nicht nur im Karlsruher Rathauſe, ſondern auch bei den Ortsvorſtänden beuachbarter Städte aufgelegt. An jedem Wochen— markttage(Montags, Mittwochs und Freitags) war das hinter der großen Metzig im unteren Stock befindliche Lokal von 8 bis 12 Uhr vormittags geöffnet. Für ſolche, die nicht ſelbſt in das Leihhaus gehen wollten, dienten als Vermittler Schuſter Wilhelm Chriſt, wohn— haft in der Totengaſſe in dem ehemaligen Klein-Karlsruhe, und Perückenmacher Brechtel in der Waldgaſſe. Jeder von ihnen hatte eine Kaution von 500 fl. geſtellt. Für Verpfändung und Auslöſung erhielten ſie von jedem verſetzten Stück eine Gebühr von 6 Kreuzer. Die erſte Überſicht über den Geſchäftsbetrieb des Leihhauſes wurde am 3. Juni 1814 veröffentlicht und ergab eine Einnahme von rund 7052 und eine Ausgabe von 7005 fl. Im Jahre 1816 wurde vom Miniſterium des Innern genehmigt, daß künftig auch die Natural⸗ Beſoldungs-Anweiſungen herrſchaftlicher Diener als Pfand angenom⸗ men werden dürfen. Im Zuſammenhang mit dem Leihhaus wurde am 9. September 1816 die Errichtung einer Erſparniskaſſe verfügt. Sie ſtand unter Leitung der Leihhauskommiſſion, wurde durch das ſtädtiſche Vermögen garantiert, die Verrechnung wurde dem Kaſſier, die Kontrole dem Kontroleur des Leihhauſes übertragen. Als Zweck dieſer Anſtalt wurde bezeichnet,„Handwerkern, Dienſtboten und Taglöhnern die — 459— ſichere und verzinsliche Anlage ihrer Erſparniſſe und Gelder zu ge— währen, nur dieſe konnten als Darleiher angenommen werden“. Die Geldanlagen, welche nicht unter 10 und nicht über 100 fl. betragen durften, konnten an jedem Werktag vormittags in dem Leihhausbureau aufgegeben und ohne vorhergegangene Kündigung wieder zurückgenom⸗ men werden. Die Anlagen wurden mit 4½ Procent verzinſt, doch wurde ſpäter der Zinsfuß auf 4 Procent herabgeſetzt. Den Dar— leihern ſtand frei, die Zinſen bis zur Zurücknahme des Kapitals unerhoben ſtehen zu laſſen. Über den guten Fortgang dieſer Anſtalt gibt eine Veröffentlichung aus dem Jahre 1826 in überſichtlicher Form Auskunft. Danach bewegten ſich in den Jahren 1822 bis 1826 die jährlich angelegten Kapitalien zwiſchen 10 994 und 41325 fl., die zurückgezogenen Beiträge zwiſchen 5060 und 22 600 fl. und der Kapitalſtock je auf 31. Dezember dieſer Jahre zwiſchen 13 637 und 59915 fl. Kranken- und Sterbekaſſen⸗Geſellſchaften. Wenn auch nicht im ſtrengſten Sinne des Wortes für Arme be— ſtimmt, war doch auch die im Jahre 1828 gegründete Kranken— kaſſe-Geſellſchaft zu dem Zwecke in's Leben gerufen, minder bemittelten Perſonen im Erkrankungsfalle eine erwünſchte Hilfe zur Beſtreitung der Krankheitskoſten zu ſichern. Neben einer mäßigen, nach dem Lebensalter der Mitglieder abgeſtuften Aufnahmegebühr war ein ordentlicher Beitrag von vierteljährlich 45 Kreuzer zu ent— richten, wogegen die Entſchädigung bei Erkrankungen für die erſten 13 Wochen je 5 fl., von da an je 3 und bei einer die Dauer eines Jahres überſchreitenden Krankheit je 1 fl. 30 kr. für die Woche betrun. Am 17. März 1829 fand die erſte Generalverſammlung ſtatt, bei welcher der meiſt aus Beamten beſtehende Vorſtand ge— wählt wurde. Wohl ebenfalls im Intereſſe minder bemittelter Perſonen war ſchon im Auguſt 1825 eine Privat⸗Sterbekaſſe-Geſell— ſchaft gegründet worden, welche den Hinterbliebenen verſtorbener Geſellſchaftsmitglieder eine gewiſſe Barſchaft zu ſichern beabſichtigte. Außer dem Eintrittsgeld von 1 fl. hatte jedes Mitglied bei jedem Todesfall eines Mitglieds, wenn dabei ein Beneficium(wofür als Höchſtbetrag 300 fl. angeſetzt war) fällig wurde, 1 fl. zu entrichten. — 460— Die erſte Verſammlung der Mitglieder dieſer Geſellſchaft fand am 12. Auguſt 1825 ſtatt und wählte den Miniſterialſekretär Lepique zum Vorſtand. Der Ausſchuß beſtand aus ſogenannten Balleibeamten und Bürgern. Das Geſinde. Im Januar 1812 wurde das Geſinderegiſter revidiert und an— geordnet, daß alle Dienſtboten, welche am Weihnachtsziel ihren Dienſt nicht gewechſelt hatten oder neu eingetreten waren, auf der Polizei zu erſcheinen haben, um ſich durch Meldeſcheine, Atteſte und Päſſe zu legitimieren. Wer keine ſolchen Papiere beſaß und ſie nicht binnen 6 Wochen beibrachte, wurde am nächſten Ziel(Oſtern) ausgewieſen. Im Juni des gleichen Jahres wurde den Dienſtherrſchaften auferlegt, wenn ſie Dienſtboten zwiſchen zwei Zielen entließen, am gleichen Tage Anzeige zu erſtatten bei Strafe von 3 Reichsthalern. Im April 1815 wurde von der Polizeidirektion verfügt, daß auf Be⸗ gehren einer Dienſtherrſchaft deren ungehorſame oder widerſpänſtige Dienſtboten ſogleich und ohne weitere Verhandlungen abgeholt und auf 24 Stunden, nach Befinden auch auf längere Zeit eingeſperrt werden ſollen. Bei dem Erſuchen hatte die Dienſtherrſchaft für Turmgebühr und Atzungskoſten jedesmal 28 Kreuzer zu entrichten. Während der Arreſtzeit mußte der eingeſperrte Dienſtbote zum Vorteil der Dienſtherrſchaft ſtricken, nähen oder ſpinnen, wozu dieſe das Material zu ſtellen hatte. Das Dienſtboteninſtitut, deſſen Zweck die unentgeltliche Verpflegung der Dienſtboten im Hoſpital war, arbeitete— wie eine Veröffentlichung vom Jahre 1813 beſagte— mit einem Deſficit, woran die geſtiegenen Preiſe der Arzeneien und die erhöhten Ver— pflegungsbeiträge die Schuld trugen. Das Abonnement der Dienſt— herrſchaften wurde daher 1813 von 1 fl. auf 1 fl. 20 kr. und ein Jahr ſpäter auf 2 fl. 40 kr. für jeden Dienſtboten erhöht; ſpäter wurde es wieder auf 2 fl. herabgeſetzt. Im Jahre 1822 betrug die Zahl der eingezeichneten Dienſtboten 988, 1826: 1360, 1829 aber 1596. Geſundheitspolizei. Von jeher ließen es ſich die Karlsruher Behörden angelegen ſein, nicht nur für einen guten Geſundheitszuſtand der Reſidenzſtadt — 461— nach Kräften zu ſorgen, ſondern auch darüber zu wachen, daß der wohlbegründete gute Ruf derſelben in dieſer Hinſicht nicht angetaſtet werde. Als ſich im Jahre 1825 das Gerücht verbreitete,„es herrſche ſeit einiger Zeit in der Reſidenzſtadt, welche ſich bisher wegen ihrer Salubrität auszeichnete und in welcher ſeit undenklichen Zeiten keine anſteckende Seuche beobachtet wurde, eine ſehr bösartige, contagiöſe Krankheit“, die ſchon viele Opfer gefordert habe, trat die Sanitäts⸗ kommiſſion in einer Bekanntmachung vom 12. Oktober dieſem Gerede ſehr energiſch entgegen, indem ſie feſtſtellte, daß zwar durch die un— gewöhnlich große und lang anhaltende Hitze im Sommer dieſes Jahres und die ſchnell darauf erfolgte Abkühlung der Atmoſphäre akute Er— krankungen(Diarrhöen, Erbrechen, gaſtriſche und Wechſel- auch gallicht-nervöſe Fieber), doch ohne anſteckenden Charakter aufgetreten und an ſolchen vom 15. Auguſt bis 12. Oktober in der Stadt und dem Bürger- und Militärſpital 374 Perſonen erkrankt, 260 geneſen, 36 geſtorben ſeien, während ſich noch 78 in ärztlicher Behandlung und Rekonvaleszenz befänden und daß, nachdem die ſo lange herr— ſchenden Süd- und Weſtwinde einem trockenen Oſtwinde wichen, keine neuen Erkrankungen mehr aufgetreten ſeien. Auf dem Gebiete der Geſundheitspolizei ſind u. a. Verfügungen des Polizeiamtes zur Verhinderung weiterer Verbreitung des Scharlach— fiebers aus dem Jahre 1816 zu erwähnen. Die Eltern wurden über die Maßregeln, welche deßhalb zu ergreifen waren, belehrt und zu deren Anwendung verpflichtet ſowie zur Erſtattung einer Anzeige bei Ausbruch der Krankheit angehalten; geſunden Kindern aus Familien, in denen Scharlachfälle vorkamen, oder die mit ſolchen im gleichen Stockwerk wohnten, wurde der Schulbeſuch unterſagt. Als ſich herausſtellte, daß die Frequenz der Lungenſchwindſucht in Karlsruhe auf eine beunruhigende Weiſe zugenommen habe, erließ die Polizeidirektion am 30. Dezember 1819 eine eingehende Beleh— rung über die Vorſichtsmaßregeln, welche zur Beſchränkung einer weiteren Ausbreitung dieſer Krankheit zu beobachten ſeien. Auch gegen Einſchleppung der in der Schweiz und im Elſaß aufgetretenen und ſchon in einige Orte des Großherzogtums übergegangenen natür⸗ lichen Blattern und einer Abart derſelben, der ſogenannten Varioliden, wurden von Polizeidirektion und Stadtphyſikat am 1. Februar 1816 Maßnahmen, insbeſoudere die unverweilte Vaccination aller noch — 462— nicht geimpften Kinder angeordnet, und als im März 1827 die natürlichen Blattern in Karlsruhe dennoch ausbrachen, wurde die ö ſchleunigſte Impfung der Kinder abermals befohlen und für jedes Haus, in dem die Krankheit ſich zeige, Hausſperre angedroht, auch die unentgeltliche Impfung der Kinder und Angehörigen der un⸗ bemittelten Klaſſe der Einwohner im Bürgerſpital auf jeden Montag nachmittag feſtgeſetzt. Von anderen ſanitären Anordnungen ſeien hier beiſpielsweiſe noch aufgeführt die zur Teuerungszeit im Juli 1816 ergangene War⸗ nung vor dem Genuß unreifer Kartoffeln, mit welchen eine ausführ⸗ liche Belehrung ſowohl über die Nachteile des Genuſſes als die Kennzeichen des Nichtreifſeins derſelben verbunden war, ſowie eine 1 Warnung vor dem Genuß verdorbener geräucherter Würſte, die im 0 Januar 1830 veröffentlicht wurde und ſich auch auf eine Belehrung über die Bereitung von Würſten erſtreckte, hinſichtlich welcher man namentlich auf die Gefahr der Verwechslung des ſchwarzen Pfeffers 5 oder des Modegewürzes(Piments) mit ſogenannten Kokelskörnern 5 hinwies. Auch die Kurpfuſcherei machte ſchon damals der Stadtbehörde zu ſchaffen. So wurde— um nur ein Beiſpiel aufzuführen— eine von der Witwe Dengler, des wiederholten Verbotes ungeachtet, vo⸗ genommene und unglücklich ausgefallene medieciniſche Kur an einer Karlsruher Einwohnerin, deren ſchädliche Folgen nur durch die Hilfe eines geordneten Arztes abgewendet werden konnten, durch 14tägige Eintürmung der Witwe geahndet und die Strafe am 5. Mai 1817, zur Warnung vor dem Gebrauch der medieiniſchen Pfuſcher und zur Abſchreckung der Schuldigen von Fortſetzung ihrer Pfuſchereien, im 0*5 Intelligenz- und Wochenblatt zur öffentlichen Kenntnis gebracht. —————. Leichen- und Legräbnisordnungen. In einer gewiſſen Beziehung zur Gefundheitspolizei ſtanden die 4 Anordnungen, welche getroffen wurden, um das Verhalten bei Sterb⸗ 6 fällen zu regeln und die Intereſſen der Geſamtheit bei allen mit der Beſtattung der Toten zuſammenhängenden Vorgängen wahrzunehmen. Dazu gehörten auch Beſtimmungen, welche ſich einerſeits auf die beim Tode Angehöriger der Familie wichtigen vermögensrechtlichen Ver⸗ hältniſſe bezogen, anderſeits dafür Sorge trugen, daß nicht bei Be⸗ — 463— ſtattungen ein unangemeſſener Luxus entfaltet werde. Da dieſe An— ordnungen vielfach in einander eingreifen, iſt es am geeignetſten, ſie nicht nach Materien zu trennen, ſondern in chronologiſcher Reihen— folge anzuführen. Im Jahre 1812 wurde von der Polizeidirektion verfügt, daß Sterbfälle binnen 24 Stunden dem Amtsreviſor anzuzeigen ſeien, wenn man ſich nicht eines der Leichenprokuratoren, Stäb und Sommer— ſchu, zum Anſagen derſelben in den Häuſern bedienen wolle. In dem gleichen Jahre wurde das Verbot, bei Beerdigung junger Leute und Kinder Leichenkränze zu ſchicken und anzunehmen, wegen des damit verbundenen unnötigen Aufwandes erneuert. Als im Jahre 1818 die Erweiterung der Begräbnisſtätte ſowie deren Einfaſſung mit einer Mauer bewirkt war, wurde beſtimmt, daß die Begräbnisſtätte in der Regel verſchloſſen zu bleiben habe und daß, außer bei Gelegenheit eines Begräbniſſes, der Zutritt zu der— ſelben nur durch den die Schlüſſel bewahrenden Thürhüter geſtattet werden könne, der angewieſen war, lediglich erwachſenen Perſonen, Kindern aber nur in Gegenwart der Eltern oder anderer Aufſeher den Eintritt zu geſtatten. Zuwiderhandlungen wurden mit einer Geld— ſtrafe von 2 fl. 30 kr., nach Umſtänden auch durch körperliche Züch— tigung geahndet. Die gleichen Strafen waren bei Beſchädigung von Grabſteinen, Zerſtörung von Anlagen, Abreißen von Blumen oder Geſträuchen angedroht. Mit großer Schärfe wurde gegen den— wenn auch aus gutem Willen entſtandenen— Mißbrauch eingeſchritten, jenen Perſonen, welche zunächſt mit den Leichen beſchäftigt ſein müſſen, Wein vor— zuſtellen. Solchen Perſonen wurde im Jahre 1818 bei einer Strafe von 5 Thalern verboten, im Sterbehauſe Eſſen oder Trinken an— zunehmen. Dagegen wurden nun für Leichenprokuratoren, Leichen— ankleider, Leichenträger, Leichenkutſcher und Totengräber Gebühren angeſetzt, die aber ſo mäßig berechnet waren— ſie bewegten ſich zwiſchen 2 fl. 45 kr. und 12 kr.— daß man es jedermann unbenommen ließ, ſie nach Belieben zu erhöhen. Ebenfalls im Jahre 1818 wurden vier Leichenträger angeſtellt und daneben aus geſundheitspolizeilichen Rückſichten zwei beſondere Totenfrauen zum Ankleiden der Kinder unter acht Jahren, was bisher die Hebammen beſorgt hatten. Manchen Erbintereſſenten waren die geſetzlich vorgeſchriebenen — 464— Obſignationen ſo unerwünſcht, daß ſie ſich denſelben widerſetzten, ja ſogar die von dem Stadtamtsreviſorat damit beauftragte Kommiſſion beleidigten. Gegen ſolches Gebahren wurde im Jahre 1820 von der Stadtdirektion unnachſichtlich Strafe angedroht, gleichzeitig aber ſolchen, welche Gründe gegen Vornahme einer Obſignation zu haben glaubten, deren Vorlage an die Stadtdirektion empfohlen. Durch das Miniſterium des Innern wurde im Jahre 1823 für das ganze Land eine Leichenſchau angeordnet und eine allgemeine Leichenſchau-Ordnung erlaſſen. Zur Ausführung dieſer Anordnungen in Karlsruhe beſtellte die Polizeidirektion zwei Leichenſchauer: die Chirurgen Heinrich(für den weſtlichen) und Schmiz(für den öſt— lichen Teil der Stadt), an welche das Publikum bei vorkommenden Todesfällen verwieſen wurde. Im Jahre 1826 endlich wurden Anordnungen, welche eine beſſere Einrichtung des Karlsruher Begräbnisplatzes bezweckten, erlaſſen, welche von der Anlage desſelben und der Ordnung der einzelnen Gräber, beſonders auch der Familiengräber oder-Gruften und der für dieſe zu entrichtenden Taxen(25 bis 75 fl.), von Führung des Begräbnisbuches durch den Totengräber, von den Verzierungen des Begräbnisplatzes und endlich von der Aufſichtsbehörde, als welcher die Polizeidirektion funktionierte, handelte. Straßenpolizei. Mit Eifer und Umſicht war die Polizei bemüht, die Straßen Karlsruhes immer mehr in einen der Hauptſtadt des ſo anſehnlich vergrößerten Landes würdigen Zuſtand zu verſetzen. Wie die rein polizeilichen und die äſthetiſchen, ſo wurden auch die Rückſichten auf die Geſundheit der Einwohnerſchaft bei Regelung dieſer Frage von ihr wahrgenommen. Dabei hatte die Polizei in ſehr weitgehendem Maße mit den knappen Geldmitteln der Gemeinde und des größten Teils der Bürgerſchaft zu rechnen. Zum Wegfahren des Kehrichts waren drei Wagen beſchafft wor⸗ den; da aber dieſe nicht im Stande waren, die Kehrichtmaſſen zu be⸗ ſeitigen und da für die Beſchaffung weiterer Wagen die Mittel fehlten, wurden im Jahre 1812 die Hauseigentümer angewieſen, den Keh—⸗ richt vor ihren Häuſern in die Dunggruben in ihren Höfen ver— bringen zu laſſen. Der auf den Fahrwegen liegende Schmutz mußte „6PPP 93— 8 — —— Karlsruhe. in die Abzugsgräben und deren Inhalt nach erfolgter Spülung auf die Gaſſe gekehrt werden. Zum Straßenkehren an den drei Kehrtagen (Dienstag, Donnerstag, Samstag) wurde vom Oktober bis April um 2, von Mai bis September um 4 Uhr nachmittags mit der Feier⸗ abendglocke das Zeichen gegeben. Verſpätung beim Beginne des Kehrens war mit einer Strafe von 30 kr. bedroht. Um das Rein⸗ halten der Straßen zu erleichtern, wurde durch eine polizeiliche Ver— ordnung im Jahre 1816 unter Androhung einer Strafe von 30 kr. und der Verpflichtung zu etwaigem Schadenerſatz verboten, Kehricht oder Staub, Broſamen der Mahlzeit und dgl. auf die Straße zu werfen oder die Abputzlumpen auf die Straße auszuſchütteln, ſowie Flüſſigkeiten auf die Straße zu gießen. Auch das Reinigen der Höfe ſah man ſich im gleichen Jahre veranlaßt, den Hauseigentümern ein— zuſchärfen. Am 17. Oktober wurde ihnen hiezu eine 14tägige Friſt gegeben und dabei insbeſondere befohlen, den in den Höfen befind— lichen Dünger in verſchloſſene Gruben oder aus den Höfen zu bringen und den flüſſigen Unrat von Zeit zu Zeit mit friſchem Waſſer wegzuſchwemmen. Wo nach dieſer Friſt Unreinlichkeit ange⸗ troffen wird, erfolgt Beſtrafung mit 1 fl. 30 kr. und Reinigung der Höfe auf Koſten der Säumigen. Die Abfuhr der Düngers war nur an den Kehrtagen und nur auf wohloerſchloſſenen Wagen geſtattet. Vor nachts 12 und nach morgens 4 Uhr durfte kein Dünger„ausgeſchlagen“ werden. In den Monaten April bis Oktober war dies überhaupt ver⸗ boten. Naſſer Dünger mußte vor morgens 5 Uhr aus der Stadt ent— fernt ſein, das Trocknen deſſelben auf dem Kehricht wurde mit 3 fl. be⸗ ſtraft. Wer ihn auf dem offenen Wagen fortbrachte, verfiel einer Buße von 1 Reichsthaler. Nachdem ſchon früher zu dieſem Zweck den aus—⸗ wärtigen Gemeinden, welche Dünger aus Karlsruhe abführten, der Gebrauch geſchloſſener Kaſtenwagen vorgeſchrieben worden, wurden 1816 auf Anordnung der Polizei in der Reſidenzſtadt 6 ſolche Wagen beſchafft und bei Bürgern der verſchiedenen Stadtteile aufbewahrt, wo ſie gegen einen billigen Mietzins zur Verfügung ſtanden. In andern Wagen Dünger auszuführen, war fortan bei einer Strafe von 5 Reichsthalern verboten. Konnten die Wagen nicht in den Höfen ge— laden werden, ſo war bei Verbringung des Düngers in dieſelben mittels Körben jede Verunreinigung der Straßen zu vermeiden. Die Wagen durften deshalb bei Strafe von 1 Reichsthaler auch nur ſo weit 30 ——————————————ßf — 466— gefüllt werden, daß vom Rande an immer 3 Zoll frei blieben. Mit Ausnahme der Monate Juli und Auguſt durfte täglich vor 11 Uhr vormittags Dünger weggeführt werden. Es ſcheint, daß die Dienſtboten beim Kehren der Straßen nicht die nötige Sorgfalt verwendeten. Denn im Juni 1815 erließ die Polizeidirektion eine ganz eingehende Inſtruktion, wie daſſelbe vor⸗ zunehmen ſei, und wies die„Polizeiabgeordneten“ an,„den mit dem Kehren beſchäftigten Leuten anfänglich an die Hand zu gehen und ihnen die Vorteile des Verfahrens begreiflich zu machen“, und im November des gleichen Jahres wurde die tägliche Reinigung„aller Kändel und Waſſerrinnen“ und deren Ausſchwenken mit friſchem Waſſer bei einer Strafe von 20 kr. vorgeſchrieben; auch wurden die Hauseigentümer für den Vollzug aller auf die Straßenreinigung bezüglichen Vorſchriften durch die Hausbewohner verantwortlich gemacht. Im Winter wurden durch eine im Jahre 1813 erlaſſene Ver— ordnung die Hausbewohner dazu angehalten, vormittags zwiſchen 8 und 10 Uhr das Eis in den Gräbchen aufhauen und in die Höfe bringen zu laſſen. Die für den Vollzug haftbaren Dienſtboten wurden mit 30 kr. Strafe, welche im Wiederholungsfall verdoppelt werden konnte, und bei dauernder Nachläſſigkeit mit Ausweiſung bedroht. Der Schnee mußte in die Gräbchen gekehrt, bei größerer Menge in die Höfe verbracht werden. Bei Glatteis war das Beſtreuen der Fußwege vorgeſchrieben. In Häuſern, die der Eigentümer nicht be— wohnte, waren für das Streuen die Dienſtboten des Erdgeſchoſſes verantwortlich gemacht. Im Jahre 1830 wurde verfügt, daß der in den Höfen angeſammelte Schnee nicht in die Straßen geworfen werden dürfe, ſondern aus der Stadt gefahren werden müſſe. Als im Februar 1818 der durch eine landesherrliche Verord— nung vom 1. Februar 1816 feſtgeſetzte Termin zur Belegung der Trottoirs mit 6 Schuh langen und 4 Zoll dicken Steinplatten ab⸗ gelaufen war, wurde er nicht erneuert. Der damals bewilligte Zu⸗ ſchuß aus der herrſchaftlichen Kaſſe im Betrag von 6 kr. für den Quad⸗ ratſchuh wurde den— wie es ſcheint ziemlich zahlreichen— Säu— migen, wenn ſie jetzt erſt an die Herſtellung gingen, nicht mehr aus⸗ bezahlt, und jene, die bis zum 1. Sept. 1818 mit der Platten⸗ belegung der Seitenwege noch im Rückſtand ſein würden, bedrohte — 467— das Polizeiamt nunmehr mit einer Strafe von 5 Reichsthalern und mit der Anwendung der geeigneten Zwangsmittel, um ſie zu deren Herſtellung anzuhalten. Um die auf den Seitenwegen Gehen— den und die Trottoirplatten vor Verunreinigung durch den Abfluß aus zu kurzen Abzugszröhren der Dachrinnen oder durch das unmittel- bare Herunterfallen des Regenwaſſers aus dieſen zu ſchützen, wurde im September 1816 angeordnet, daß bei Strafe von 5 Reichsthalern binnen 6 Wochen alle„Dachkändel“ in der Art bis auf den Boden herabzuführen ſeien, daß das Regenwaſſer unter den Platten durch in die Abzugsgräbchen abgeleitet wurde. Im März 1818 wurde die ſchon früher vorgeſchriebene Bedeckung der Abzugsgräbchen, welche die mit Platten belegten Seitenwege durchſchnitten, in Erinnerung gebracht und gleichzeitig die Befeſtigung der dazu erforderlichen Bretter nächſt dem Hauſe durch eiſerne Bande angeordnet. Um die Hemmung des Verkehrs zu verhindern, wurde im Jahr 1820 verfügt, daß alle Treppen, welche über 2 Tritte in das Trottoir gehen, zurückverlegt und bei Erbauung neuer Häuſer ganz in der Mauertiefe des Hauſes angebracht werden müſſen, um ſie bei der Straßenreinigung aufheben zu können. Aus dem gleichen Grunde war ſchon im Jahre 1812 angeordnet worden, daß bei Aufführung von Neubauten ſowohl als bei baulichen Reparaturen die Straßen nicht weiter als bis zum Abzuggräbchen, andere Stellen der Straßen oder benachbarte Trot— toirs aber nur mit beſonderer Erlaubnis der Polizei mit Bau⸗ materialien belegt werden dürfen. Es wurde in der Verordnung ausdrücklich hervorgehoben, daß ſie auch für Staatsbauten Geltung habe. Im Intereſſe einer vor Störung ſicheren Bewegung der Ein— wohner wurde ſchon im Jahre 1812 das Reiten ſowie das Fahren der Metzger-, Milch- und anderen Karren auf allen Fußwegen bei einer Strafe von 30 kr. verboten. 1816 wurde verordnet, daß inner⸗ halb der Stadt nur in mäßigem Trab gefahren und geritten werden dürfe, daß an Straßenecken die Pferde im Laufe etwas anzuhalten ſeien und daß nachts, beſonders aber bei der Fahrt vom Theater, die größte Vorſicht beobachtet werde. 1818 wurde unter Erneuerung dieſer Vorſchriften beſtimmt, daß Kutſcher oder Reitknechte die Handpferde — von denen nie mehr als eines geführt werden darf— bei jeder Ge⸗ legenheit ganz kurz und vorſichtig zu führen, ſowie in der Stadt und 30* 88 deren nächſten Umgebung nur im Schritt zu reiten haben. Für die⸗ Fahrt zu und aus dem Theater erging 1820 eine beſondere Verfügung. Ebenſo das Verbot, Pferde auf dem Schloßplatz herumzutummeln. Auch das Fahren und Reiten über die Seitenwege an der ehe— maligen reformierten(kleinen) Kirche und am Waſſerturm wurde verboten. Schon 1814 war ein Verbot des Reitens und Fahrens auf der neuen Fußweganlage zwiſchen Karlsruhe und Beiertheim ergangen. Verfehlungen wider alle dieſe Anordnungen wurden nebſt dem Schadenerſatz mit 1 fl. 30 kr. beſtraft. Zwiſchen Karlsruhe und Durlach durften mehrere Fuhrwerke nur in der Mitte der Straße fahren, die Fußwege neben der Allee durften auch nicht mit leeren Wagen, mit Chaiſen oder zu Pferde benutzt werden. Pferdehändlern war das Vorführen der Pferde nur außerhalb der Stadt erlaubt. Zuwiderhandelnde hatten, je nach Maßgabe des Erfundes, körperliche Züchtigung zu gewärtigen. Den Küfern war zwar geſtattet, bei Tage auf den Straßen zu arbeiten, wenn ihre Häuſer nicht den genügenden Raum boten. Aber ſie durften die Trottoirs nicht über Gebühr belegen und kein Feuer anzünden. Abends mußte ihr Gerät von der Straße entfernt werden. Lärmende Arbeiten durften von ihnen im Sommer nicht vor 6, im Winter nicht vor 8 Uhr morgens weder in Häuſern, noch Gaſſen, noch Kundenkellern und niemals nach 10 Uhr abends vorgenommen werden. In Notfällen war polizeiliche Erlaubnis zur Überſchreitung dieſer Termine einzuholen. Die niederſte Strafe für Übertretungen be⸗ trug 3 fl. Das Schießen war ſowohl in den Straßen als auch vor den Thoren der Reſidenz bei Strafe von 10 Reichsthalern verboten. Der Ruhe der Einwohner zuliebe wurde im Jahre 1812 ſogar den. Poſtillonen unterſagt, in den Straßen Karlsruhes zu blaſen oder mit der Peitſche zu knallen. Ebenfalls dem Jahre 1812 entſtammt das Verbot für Trödler und Kleiderhändler, ihre Waren und alten Kleider vor den Fenſtern, Thüren oder ſonſt an den Häuſern auszuhängen bei Strafe der Kon⸗ fiskation oder ſonſtiger Ahndung. Das Anbringen von Auslage⸗ tafeln zur Ankündigung ihres Gewerbes, nicht aber die Anlage von Läden oder ſonſtigen Vorbauten vor den Fenſtern war geſtattet. Auch den Bäckern und Metzgern ſowie den Kaufleuten, Krämern und — 469— ſonſtigen Gewerbetreibenden wurde auferlegt, ihre hervorſtehenden Läden zu entfernen. Waren durften nur noch hinter den Fenſtern, die zu dieſem Zweck um etliche Zoll vorgerückt werden konnten, aus⸗ gelegt werden. Wetterdächer, welche bisher jene hervorſpringenden Läden deckten, mußten beſeitigt und durften nicht durch Leinwand⸗ ſtore erſetzt werden. Auch die Befeſtigung der Fenſterläden und der vor den Fenſtern angebrachten Blumentöpfe bei Tag und Nacht, ſowie die Bedeckung der Kellerläden wurde polizeilich vorgeſchrieben. Gegen allerlei Unfug ſah ſich die Polizei zu verſchiedenen Zeiten veranlaßt, einzuſchreiten und ihre Verordnungen mehrmals zu erneuern. So wurde z. B. bei nachdrücklicher Strafe unterſagt, in den Umgebungen der Reſidenzſtadt Nachtigallen und andere Sing⸗ vögel zu fangen, ihre Neſter auszunehmen und zu zerſtören, ſowie Singvögel auf den Markt oder ſonſt zum Verkauf zu bringen. Für Nachtigallen, die in Käfigen eingeſperrt gehalten wurden, war eine Taxe von 5 fl. zu bezahlen, mit 10 fl. wurde die Verheimlichung ſolchen Beſitzes geahndet. Das Abwerfen und Abſchütteln der Mai⸗ käfer durch Kinder von den Bäumen in den Umgebungen und An⸗ lagen der Reſidenz, ſowie alle Beſchädigungen der Bäume und Pflanzen in denſelben wurde im April 1814 bei Vermeidung öffent⸗ licher körperlicher Strafe und Erſatz des Schadens durch die Eltern verboten. Die Wahrnehmung, daß ſich täglich viele Hunde aus allen Teilen der Stadt auf dem vorderen Schloßgarten verſammeln, herum⸗ tummeln und die Anlagen beſchädigen, veranlaßte im April 1820 die Anordnung, alle auf dem Schloßplatz ſich verſammelnden Hunde einzufangen und aufzuzeichnen, die Eigentümer aber das erſtemal mit 1 fl. 30 kr., das zweitemal mit 3 fl. zu beſtrafen, das dritte⸗ mal die eingefangenen Hunde zu töten und die Eigentümer in eine Geldſtrafe von 6 fl. zu verfällen. dDa man wahrnahm, daß am Ge⸗ länder des Gartens des Großherzogs Ludwig beim Mühlburger Thor Stäbe umgebogen worden waren, wurde derartiger Unfug an dieſer Stelle wie an allen anderen Orten, wo ſich eiſerne Stakete befanden, bei Geld⸗, Gefängnis- oder Leibesſtrafe verboten. Als in der außer⸗ gewöhnlich finſteren und ſtürmiſchen Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1829 zwiſchen 12 und ½2 Uhr 28 gläſerne Laternenkolben in ver⸗ ſchiedenen Teilen der Stadt zerſchlagen worden waren, ſah ſich die Polizeidirektion veranlaßt, demjenigen, der die Thäter zur Anzeige —— — 470— bringe, eine Belohnung von 50 fl. nebſt Verſchweigung ſeines Namens⸗ zuzuſichern. Die Behörde erlebte in dieſem Fall die Genugthuung, daß die Thäter„aus wahrer Reue über ihre leichtſinnige Handlung“ ſich ſelbſt anklagten und den Koſtenbetrag zur Herſtellung der⸗ Laternen mit 151 fl. 28 kr. dem Polizeidirektor entrichteten, der, unter der angelobten Verſchweigung der Namen, dieſes veröffentlichte. Das Herumlaufen von Kindern auf den Straßen ohne Aufſicht veranlaßte im Mai 1812 die Erneuerung eines früheren hierauf bezüglichen Verbotes. Zur Warnung leichtfertiger Eltern wurden bei dieſem Anlaß einige in jüngſter Zeit vorgekommene Unglücksfälle ver⸗ öffentlicht. Das Spielen der Kinder am Rande des Landgrabens zwiſchen Gottesaue und dem Durlacher Thor—„da jüngſt zwei Kinder herunterfielen“— ſowie in der Anlage vor dem Dur— lacher Thore wurde ebenfalls im Jahre 1812 unterſagt. Trotzdem ließ die elterliche Aufſicht viel zu wünſchen übrig, denn noch im November 1817 mußte das nächtliche Herumziehen der Schulknaben und Mädchen öffentlich gerügt, die Arretierung ſolcher Kinder ange— ordnet und die Nachläſſigkeit der Eltern und Vormünder mit einer Strafe von 3 Reichsthalern bedroht werden. Der Floßkanal vor dem Rüppurrer Thor war zur Zeit, als ſich die Stadt nach dieſer Richtung noch nicht ausgedehnt hatte, wie es ſcheint, unbeanſtandet zum Waſchen wie zum Baden benutzt worden. Nachdem im Jahre 1823 die vor dieſem Thore errichtete privilegierte Waſch⸗Bleich⸗Anſtalt vollkommen hergeſtellt worden war und von Jedermann gegen Entrichtung der geordneten Gebühren benutzt werden konnte, wurde das Waſchen im Floßkanal vom Schießhaus an auf⸗ wärts bis gegen Rüppurr bei Strafe von 1 fl. 30 kr. verboten. Später erfolgte ein Verbot des„ſittenwidrigen“ Badens an dieſer Stelle bei Strafe von 5 fl. Wegen Gefahr bei hohem Waſſerſtand wurde das Baden auch in der Alb zwiſchen der(1824 errichteten) Militärſchwimmſchule und Beiertheim unterſagt. Mit der Vergrößerung der Stadt wurde das dringende Be— dürfnis einer Verbeſſerung der Straßenbeleuchtung empfunden. Im Jahre 1815 wurde verordnet, daß die Straßen das ganze Jahr hindurch, außer in ganz hellen Mondnächten, zu beleuchten ſeien. Der dadurch den Einwohnern gewährten Annehmlichkeit trat aber in unerfreulicher Weiſe eine Erhöhung der Erleuchtungsbeiträge gegen⸗ — 471— über. Dieſe wurden— nach Abzug des von der Staatskaſſe zu tragenden Anteils für die öffentlichen Gebäude— nach dem Maßſtabe des Häuſerſteuerkataſters umgelegt. Den dadurch ausſchließlich be— troffenen Hauseigentümern fielen jedoch ſeitens ihrer Mieter ¼ kr., in Klein⸗Karlsruhe aber nur/ kr. von jedem Gulden Miet⸗ zins zu. Zu den Koſten der Stadtbeleuchtung wurde bei der Verteilung des Betreffniſſes auf die Zahlungspflichtigen in jedem Jahre noch die Summe von 2000 fl. als Beitrag zu den Waſſerleitungskoſten ge⸗ ſchlagen. Es wird genügen, hier nur die entſprechenden Zahlen aus dem letzten Jahre dieſes Zeitabſchnittes anzuführen. Für 1829 waren zur Beſtreitung der Stadtbeleuchtungskoſten 8000 fl. erforderlich. Mit dem Beitrag zu den Waſſerleitungskoſten waren alſo 10000 fl. um⸗ zulegen. Daran hatte der Schloßbezirk mit 105 Lichtern 1440 fl. 19⅛ kr., der Stadtbezirk mit 603 Lichtern und 7849 970 fl. Steueranſchlag 9158 fl. 18 kr., das herrſchaftliche Feuerhaus mit 2 Lichtern 27 fl. 26 kr., das Münzgebäude mit 1 Licht 13 fl. 43 kr. und der Klein-Karlsruher Bezirk mit 18 Lichtern und 439 355 fl. Steueranſchlag 292 fl. 54 kr. zu zahlen; es waren demnach von 100 fl. Steuerkapital in der Stadt 7 kr., in Klein⸗ Karlsruhe 4 kr. zu entrichten und die Koſten für ein Licht betrugen 13 fl. 43 kr. Der bei dieſer Berechnung ſich ergebende Mehrbetrag von 932 fl. 40¾ kr. war durch die vielen Bruchrechnungen nicht zu vermeiden und wurde zur Tilgung der im Jahre 1828 gebliebenen Rückſtände von 784 fl. 2 kr. verwendet. Marktpolizei. Von den polizeilichen Anordunngen, welche Kauf und Verkauf auf den Wochenmärkten regelten, die ſeit 1. Juni 1821 täg⸗ lich und zwar Montags, Mittwochs und Freitags auf dem Platz an der Waldſtraße, Dienstags, Donnerstags und Samstags aber auf dem Spitalplatz abgehalten wurden, waren mit die wichtigſten jene, welche die Verſorgung der Einwohner mit Fleiſch betrafen. Während einiger Jahre war es den Metzgern verboten, ihren Kunden Fleiſch in's Haus zu bringen. Im März 1812 wurde dieſes Verbot aufgehoben. Aber das Hauſieren mit Fleiſch und das Hereinbringen 9 — 472— fremden Fleiſches in die Stadt durch andere Perſonen als Dienſt⸗ boten oder Beauftragte der Beſteller blieb unterſagt. Auf Ent⸗ deckung einer Zuwiderhandlung war eine Prämie von 2 Gulden geſetzt. Mit dieſer Anordnung gleichzeitig wurde die Verfügung getroffen, daß Maſtochſenfleiſch täglich, auch am Sonntag, in der Metzig zu haben ſei, wobei die Qualität des Fleiſches durch Verteilen von Marken den Käufern gewährleiſtet wurde. Nur völlig ausgemäſtetes Fleiſch hinlänglich großer Ochſen und großer fetter Kälber durfte zur Taxe des Maſtfleiſches verkauft werden. Schon vorher, im Februar 1812, waren Verordnungen, welche die Aufſicht über Geſundheit und Güte des Schlachtviehes betrafen, erlaſſen worden. Das Schlachten war in der Regel nur nachmittags von 1 Uhr an bis abends und nur im Schlachthauſe geſtattet. Die Aufſicht hatten zwei Beauftragte des Magiſtrats— im Jahre 1812 der Stadtbaumeiſter Braun und der Ratsverwandte Wagner— in Verbindung mit dem Schlachthausaufſeher zu führen. Kein Stück Vieh durfte ohne vorherige Beſichtigung durch die Fleiſchbeſchauer und den Polizeiinſpektor verkauft und verdächtiges Fleiſch mußte verlocht werden. Über Aufrechthaltung von Ordnung und Reinlichkeit in der Metzig erging ebenfalls im Jahre 1812 eine polizeiliche Verordnung. Ein Polizeidiener, der am Eingange ſtand, hatte die Verpflichtung, durch Nachwiegen feſtzuſtellen, daß die Käufer bei ihren Einkäufen nicht hintergangen wurden. Für jene Perſonen, welche ihren Fleiſch⸗ bedarf nicht durch Einkauf in der Metzig decken wollten, war dadurch Vorſorge getroffen, daß ſtets vier Metzger— alle 14 Tage wechſelnd — außerhalb der Metzigſtunden in ihren Läden alle Fleiſchgattungen zu verkaufen verpflichtet wurden. Mit der Zeit wurde den Metzgern geſtattet, in ihren Häuſern zu jeder Zeit Fleiſch zu verkaufen. Dabei ergaben ſich aber, be⸗ ſonders hinſichtlich der im geſundheitlichen Intereſſe nötigen Controle Mißſtände, welche im Mai 1824 die Einführung einer„öffentlichen Fleiſchſchranne“ herbeiführten. Nachdem deren Bezug durch die Metzgermeiſter auf den 1. Juni 1824 feſtgeſetzt worden war, hörte während der Schrannezeit aller Fleiſchverkauf in den Häuſern der Metzgermeiſter völlig auf. Die öffentliche Fleiſchſchranne war in den Sommermonaten von morgens 5 bis mittags 11 Uhr, in den — 2 Wintermonaten von morgens 7 bis mittags 12 Uhr geöffnet und es wurde verfügt, daß die ſämtlichen Metzgermeiſter daſelbſt immer mit gutem Fleiſch von jeder Sorte verſehen ſein müßten. Bei Feſtſtellung der marktpolizeilichen Anordnungen hinſichtlich des Schlachtviehs hatte die Verwaltung mit den althergebrachten Zunfteinrichtungen zu kämpfen. So weigerte ſich z. B. die Metzger⸗ zunft, die Schlachtung des großen und kleinen Viehes zu teilen und ſogenannte„Ochſenmetzger“ zu konſtituieren. Nach langen Erörterun⸗ gen verpflichtete ſich die Zunft, täglich oder wenigſtens jeden zweiten Tag einen ganz ausgemäſteten Ochſen von wenigſtens 700—800 Pfund zu ſchlachten. Dieſes Fleiſch durfte das Pfund um 1 bis 1½ Kreuzer teurer als das gewöhnliche Maſtochſenfleiſch verkauft werden und es war für dieſe Fleiſchſorte in der Metzig ein beſonderer Stand errichtet. Um die Metzgermeiſter zur Schlachtung ſchweren Maſtviehes anzueifern, wurde von Zeit zu Zeit eine Liſte derjenigen veröffent— licht, die das ſchwerſte Maſtvieh geſchlachtet hatten. Beiſpielsweiſe ſei hier angeführt, daß eine ſolche im Februar 1823 im Intelligenz⸗ und Wochenblatt bekannt gegebene Liſte 14 Metzger aufführt und daß das Gewicht der von dieſen im Laufe des Januar geſchlachteten Ochſen ſich zwiſchen 751 und 813 Pfund bewegt. Im Mai des gleichen Jahres waren es 35 Metzger, welche Ochſen von 750 bis zu 1095 Pfund ſchlachteten. Zum Schutze des Publikums vor Beeinträchtigung wurde die Beſtimmung getroffen, daß die Metzger nur von gleicher Fleiſchgat— tung Zugaben geben durften und zwar niemals mehr als 2 Loth beim erſten Pfund und ein Zehntteil bei den übrigen Pfunden. Eine erhebliche Ausdehnung erhielt die Zahl der Metzgergeſchäfte, von denen das Geſamtpublikum ſein Fleiſch bezog, als im Jahre 1818 auch die Judenmetzger in die Metzgerzunft aufgenommen und derſelben als Meiſter einverleibt wurden. Über den Fleiſchkonſum in der Reſidenzſtadt ſei hier eine ver— gleichende Zuſammenſtellung aus den Jahren 1812 und 1826 mit⸗ geteilt. Es wurden im Jahre 1812 geſchlachtet 1581 Ochſen, 775 Kühe, 982 Rinder, 7033 Kälber, 7049 Schweine, 1495 Schafe, 14 Ziegen, im Jahre 1826 dagegen 2304 Ochſen, 718 Kühe, 1740 Rinder, 5 Farren, 10524 Kälber, 1575 Hämmel, 5730 Schweine, 22 Geiſen. — 474— Der Preis des Fleiſches war durch die Polizei genau geregelt. Es ergaben ſich aber bei der Feſtſetzung desſelben manche Schwierig⸗ keiten, und ſie konnte meiſtens nur unter lebhaftem Widerſpruch der Gewerbtreibenden erfolgen. Daher wurde dieſe Einrichtung vom 1. April 1830 an verſuchsweiſe auf unbeſtimmte Zeit aufgehoben. Doch mußten die Metzger jeweils fünf Tage vor dem Anfang eines jeden Monats der Polizeidirektion die ſchriftliche Anzeige der Preiſe übergeben, welche ſie im Lauſe derſelben einzuhalten gedachten. Dabei wurde den Metzgern freigeſtellt, ob ſie Schmal- oder Ochſenmetzgerei treiben wollten. Eine gleichzeitige Ausübung beider Gewerbegat⸗ tungen war verboten. Eine Überſchreitung der angegebenen Preiſe war mit einer Polizeiſtrafe im zwanzig- bis dreißigfachen Betrage der mehr erhobenen bedroht, der Verkauf unter dem Preiſe aber war geſtattet. Eine Verabredung der Metzger über die Preisbeſtim⸗ mung war bei nachdrücklicher Polizeiſtrafe unterſagt. Eine Liſte der für den Monat April 1830 von den Metzgern feſtgeſtellten Fleiſch— preiſe weiſt übrigens bei den Metzgern der drei Kategorien(Ochſen⸗, Schmal- und Judenmetzger) nur ganz unbedeutende Abweichungen bei einzelnen Fleiſchſorten(um halbe Kreuzer beim Pfund) auf, ſo daß doch wohl auf eine vorausgegangene Verſtändigung derſelben ge⸗ ſchloſſen werden kann. Dörrfleiſch durfte auf dem Markt nicht verkauft werden. Für den Verkauf von Wildpret war eine beſondere Verkaufſtelle— Wild⸗ pretbank— errichtet, der heimliche Verkauf von Wild außerhalb der Marktſtunden wurde mit 10 Reichsthalern beſtraft. Auch der Ver⸗ kauf der Fiſche fand bei der Eichanſtalt auf dem Marktplatze ſtatt. Unter ſtrenger polizeilicher Aufſicht ſtand die Herſtellung des Brodes. Im Auguſt 1816 wurde die Einleitung getroffen, daß der Erfund der Brodviſitationen nach jeder Woche in das Anzeige⸗ blatt eingerückt werde und das Publikum dadurch Kenntnis erhalte, welche Bäcker gutes und welche ſchlechtes Brod backen. Das Publikum wurde gleichzeitig aufgefordert,„das ungewichtige, unverhältnismäßig ſchwarze und ſchlecht ausgebackene Brod“ dem Polizeiamt vorzulegen. Vom September 1816 an wurde dann in der That das Ergebnis der Brodviſitation veröffentlicht. Von 11 Bäckern wurde am 6. Sep⸗ tember bekannt gegeben, daß ſie„vorzüglich ſchönes, wohlgeformtes, gut ausgebackenes, ſtahlmäßiges und vollgewichtiges Brod“ backen; bei 7 Bäckern fand man das Brod ebenfalls wohl ausgebacken, gut, ſchmackhaft und vollgewichtig; es fehlte demſelben jedoch an der vor— geſchriebenen länglichten Form; 5 hatten mittelmäßig gutes Brod; einem Bäcker wurde das ſämtliche Brod weggenommen und unter die Armen verteilt, weil an demſelben die Miſchung verfälſcht war, einer endlich wurde wegen Gewichtsmangel beſtraft. Über die ganze Manipulation des Backens und über die herzuſtellenden Brodſorten wurde eine ausführliche Belehruug veröffentlicht. Wer gegen dieſe Vorſchriften ſich verging, wurde mit verhältnismäßig hohen Geld—⸗ ſtrafen und bei öfterer Straffälligkeit mit Einſtellung des Gewerbe— betriebes bedroht. Dieſe drakoniſchen Beſtimmungen waren zu der Zeit ergangen, als langdauernder Mißwachs eine erſchreckende Teuerung der nötigſten Lebensbedürfniſſe hervorgerufen hatte. Aber der Grund⸗ ſatz der ſtrengen und andauernden Überwachung der Bäcker blieb doch auch ſpäterhin in Kraft. So wurde z. B. im Juli 1823 laut amtlicher Veröffentlichung ein Bäcker„wegen Verfälſchung des Schwarzbrodſtahls“ um 10 fl. 20 kr. beſtraft, und einem anderen „ſein äußerſt ſchlecht gebackenes Schwarzbrod hinweggenommen“. Im gleichen Jahre wurden eine Zeitlang unter Anleitung eines Straß— burger Bäckermeiſters die verſchiedenen in Straßburg beliebten Brod⸗ ſorten„aus reinem Kernenmehl“ gebacken und auf beiden Markt⸗ plätzen in Boutiquen feilgehalten. Gleichzeitig mit der verſuchsweiſen Aufhebung der Fleiſchtaxe und unter den gleichen Vorausſetzungen wurde auch die Brodtaxe vom 1. April 1830 an aufgehoben. Den Bäckern wurde dabei insbeſondere noch die Verpflichtung auferlegt, die vorſchriftsmäßige Führung und Form und ebenſo das für die einzelnen Brodſorten feſtgeſetzte Gewicht beizubehalten. Nur ausnahmsweiſe konnte die Polizeibehörde die Verbackung von Brod von anderer Sorte und verſchiedenem Gewicht geſtatten. Schon im Jahre 1812 waren Verſuche mit„Grundbirnbrod“ angeſtellt worden und man hatte„durch eine Miſchung von Grundbirn und Weißmehl“ ein ſchmackhaftes, ſchönes und wohlfeiles Brod erzielt. Während nach der damals geltenden Brodtaxe ein 6 Kreuzer-Brod 25 Loth wiegen mußte, wog ein 6 Kreuzer⸗Grundbirnbrod 32 Loth 1 Pfund. Doch wurde nur ſolchen Bäckern, die ſich durch gute Ware auszeichneten, geſtattet, Grundbirnbrod zu bereiten, während ....· 65F — 4466 es den übrigen bei 10 Reichsthalern Strafe verboten war. Die erſten Bäcker, denen dieſe Erlaubnis erteilt wurde, waren Wagner in der Langen Straße, gegenüber der fahrenden Poſt, und Wanney in der Adlergaſſe. Vorübergehend war auch der Plan erörtert worden, Gemeindebacköfen zu errichten, wo jeder ſein eigenes Mehl verbacken können ſollte, er gelangte jedoch nicht zur Ausführung. Sowohl über den Bäckern wie über den Metzgern hing wie ein Damoklesſchwert die Drohung, daß man, wenn ſie es an guter und hinreichender Ware fehlen laſſen und dadurch oder durch übertrieben hohe Preiſe zu Beſchwerden Anlaß geben würden, auswärtige Bäcker mit ihrer Ware in die Stadt Karlsruhe einlaſſen und dieſen den Bezug der Wochenmärkte geſtatten oder ſonſtige Verkaufsgelegenheit anweiſen werde. Mit den Vorkehrungen gegen die Teuerung der Lebensmittel hing auch die Errichtung eiuer Mehlwage in der Reſidenzſtadt im April 1817 zuſammen. Zum erſten Mal wurde vom Bürger⸗ meiſteramt ihr Etat vom 16.—23. Mai 1817 veröffentlicht. Derſelbe wies nach, daß in dieſer Zeit 67 158 Pfund Mehl eingeſtellt, 58 549 Pfund verkauft worden waren. Solche Veröffentlichungen erfolgten regelmäßig in beſtimmten Zeitabſchnitten, und die wohl⸗ thätige Einrichtung blieb, auch als der Notſtand gewichen war, fortbeſtehen. Auch der Zubereitung eines guten und geſunden Bi eres wandte ſich die Fürſorge der Polizeidirektion zu. Schon im April 1815 wurden auf Grund einer von der Obrigkeit veranſtalteten Unter⸗ ſuchung des Bieres„nach ſeinem nährenden und geiſtigen Gehalt“ die Eigenſchaften eines guten Bieres genau feſtgeſtellt und dabei insbeſondere angeordnet, daß in Karlsruhe kein Bier verzapft werden ſolle, welches nicht wenigſtens um /½1000 ſpecifiſch ſchwerer ſei als rein deſtilliertes Waſſer. Alles Bier, welches unter dieſem Gehalt befunden wurde, verfiel der Beſchlagnahme. Mit ſcharfen Strafen, eventuell ſogar Entziehung der Braugerechtſame wurde die Verwen⸗ dung ſchädlicher und ekelhaſter Erſatzmittel für den Hopfen(Quaſſia, Enzianwurzel, Glanzruß u. dgl.) bedroht. Das Ergebnis der jeweiligen Bierunterſuchungen wurde im Intelligenz- und Wochenblatt veröffentlicht. Die Wirte, welche ſchlechtes Bier verzapften, hatten zu gewärtigen, daß ihnen vonſeiten der Polizei eine Tafel mit der ——— IIIIr—— S„„„„„ —— ——— SSrrrYRRCr EEEEEEEEETE.EEEEEEEEEETEEEEETEcCCTcce Karlsruher Intelligenz⸗ und Wochen⸗Blatt. Mittwoch den 26. Juny 1816. Mit Großherzoglich Badiſchem gnaͤdigſtem Privilegio— Poli zey⸗Verkündung. Die kuͤrzlich vergenommene Bierunterſuchung hat folgende Reſultate geliefert. Daſſelbe enthielt ohne Ruͤckſicht auf geiſtigen Gehalt: 1) Beim Bierbrauer Ruͤppele 20 Grad naͤhrende Theile. 2)— Bierwirth Scheelmann 26— 3)—— Knecht 26— 4)— Bierbrauer Schnabel 25— 5—— Eypert 24— 6)—— Klaus 24— 7)— Bierwirth Schwab 22— F 8)—— Weidner 21— 0)—— Büttuer 20— 10)—— Jacobi 20— 115—— Schmidt 18— 12)—— Potier 17— Dieſe Biere hatten nun zwar ſaͤmmtlich das vorgeſchriebene ſpecifiſche Gewicht oder den naͤhrenden Gehalt, in ihrem Geſchmack waren ſie jedoch ſehr verſchieden, und es iſt mit Grund zu vermuthen, daß mehrere der⸗ ſelben nicht gehoͤrig vergohren ſind, und deshalb auch ſehr arm an geiſtigem Gehalt ſeyn würden. Auch hierüber wird man bey der naͤchſten Unterſuchung dem Publikum das Noͤthige bekannt machen, einsweilen ſollen die Bierbrauer darin eine Aufforderung finden, ihrem Bier nicht nur den geſetzlichen näh⸗ renden Gehalt, ſondern auch einen angenehmen Geſchmack zum Trinken zu geben. Da man inzwiſchen, ſoweit es zuläſſig war, auch den geiſtigen Gehalt einiger Biere unterſucht hat, ſo macht man das Reſultat dieſer Unterſuchung vorläͤufig dem Publikum durch die nachſtehendk tabellariſche Ueberſicht bekannt, um aus derſelben zu entnehmen, daß das Bier, wenn es gleich, wie z. B. jenes vom Caſſewirth Frey und Ankerwirth Burckhardt, den vorgeſchriebenen naͤhrenden Gehalt nicht beſitzt, den⸗ noch durch einen deſto größeren geiſtigen Gehalt, den Forderungen des Liebhabers entſprechen koͤnnen; iem fügt man die Ankündigung bey, daß in Zukunft alles Bier auf dieſe Art unterſucht, und das Reſultat davon, durch eine aͤhnliche Tatelle bekannt gemacht werden ſoll. Karlstuhe den 21, May 1816. 4 Großberzogliches Polizey Amt, — 355⁵— Vergleichungs⸗Tabelle aͤber den nährenden und geiſtigen Gehalt des Biers, hinſichtlich deſſen Güte. Nach yſfitauſch heniſcer Ruͤckſicht bearbeitet und entworfen.) Naͤhrender Gehalt. Geiftiger Gehalt. It. Namen des Bierbrauers 4 8 oder Bierwirths. 4 4 RReee— 1. Bi 22 gut ſäß, 1. Bierbrauer Rüppele. 20ſbraun. hopfenbitter. S 23(2 i 58 S3 n der 2 S[[Maas. nmerkungen. S5 E 12 25 .518 —. SAs 7——— noch jung, ſehr 4 Alkohol ö 0,995 296 Wüſfr 4f1ſfſreich an naͤhren⸗ den Theilen. j 2 gut ſuͤßlicht, 2. Bierbrauer Klauß. 55 24fbraun. hopfenzitter. 4 Alkohol noch jung und hell⸗noch etwas 3. Caffeewirth Frey. 46555 bezog⸗u aus Heidelberg. 88814 lche 1 eiltJJJIES cferdie Eigen- 0,89 1 Wl 2 23— ſchaften eines gu⸗ ten Biers. 4. Ankerwitth Burkhardt.Ir88910f hell⸗nicht mehr bezogen aus Heidelberg. gelb⸗ ſuͤß, ſtark licht, hopfenbitter. — D Kauf⸗Anträge. (1) Karlsruhe. l[Hausverſteigekung.] Die⸗ Heubinder Georg Jacobiſche Wittwe will ihr ein⸗ ſöckigtes in der Quergaſſe dahier, neben Polizey⸗ Wachtmeiſter Dietz und Fleen Appenzeller gelegenes Haus, ſammt gekaͤumigen Hof, Garten und Hintergebäude, und einem halben Morgen Acker im Hardwinkel, neben Badwirth Marbe und Fuhr⸗ mann Waldhauer gelegen, mit Grundbirnen und Welſchkorn angepflanzt, im Hauſe ſelbſt, Montags den 1 July d. J. Nachmittigs 2 1 oͤffentlich zu eigen verſteigern laffen. Karlsruhe den 21. Juſh 1816. Großherz. Stadtemtsreviſorat. (2) Karlsruhe.( ausverſteigerung.] Das Schloſſer Weyloͤhneriſche Haus luninnt W hoͤrdte, auf welches bei det zweiten Verſteigerung 10950 fl. geboten worden, wird Donnerſtags den 18, Juli d. J. Nachmittags 2 Uhr im Hauſe ſelbſt nicht unange⸗ nehm fuͤr die 0,089] 8 Alkohol 8213— Liebhaber, doch Son: Waſſer etwaäs arm an nährenden Thei⸗ len. zum dritten und letztenmal auf freywillige Verſteige⸗ rung geſetzt. Karlsruhe den 20. Juni 1816. Großherzogl. StadtamtsReviſorat. (1) Karlsruhe.(Gaͤrtenverſteigerung.] Die Rathsverwandten Baierſchen Gärten vor dem Linkenheimer Thor, werden Montags den 1. Juli d. J. Nachmittags 2 Uhr, im Gaſthaus zur Stadt Straß⸗ burg zum 2tenmal auf Steigerung geſetzt. Karlsruhe den 25. Juny 1816. Großh. Stadtamtsreviſorat. (1) Karlsruhe. l[Möbel feil.] Es ſind hier zwey gute ein ſchoͤnes Sofa mit 6 Seſſeln, nebſt einigen andern wohlerhaltenen Moͤ⸗ beln, aus freyer Hand zu verkaufen. Wo? ſagt das Comptoir dieſes Blattes. Pachtanträge und Verleihungen. Logis Verleihungen in Karlsruhe. Bey Präceptor Wagner iſt ein Zimmer mit Bett und Möbel zu vermiethen, unb kann ſogleich bezogen werdben. — 477— Aufſchrift„Schlechtes Bier“ zur Warnung des Publikums über ihre Hausthüre gehängt werde. Im Laufe der Zeit nahmen die Ver— öffentlichungen der Bierunterſuchung, in tabellariſcher Form— wo— von die Anlage ein Beiſpiel gibt— den Charakter wiſſenſchaftlicher Analyſen an, denen Erläuterungen und Bemerkungen beigegeben wurden, welche auf ein gründliches Bierverſtändnis des Polizeiamts einen Rückſchluß geſtatten. Der Preis des Bieres betrug für die Maß„ordinären“ Bieres 6—8, für„Krugbier“ 8—10 Kreuzer. Durch eine Verordnung war ſeit langer Zeit beſtimmt, daß in Karlsruhe Holz nur auf dem Holzmarkt verkauft werden dürfe. Dieſe Beſtimmung wurde aber vielfach umgangen, deshalb im Jahre 1815 vom Polizeiamt nenerdings eingeſchärft und das Publikum belehrt, daß es dabei nicht auf die Meßgebühr des Holzmeſſers ab— geſehen ſei, ſondern eine Übervorteilung der Einwohner durch gewinn— ſüchtige Holzverkäufer verhindert werden ſolle. Im Jahre 1817 wurden die Einrichtungen und Vorſchriften bezüglich des Holzhofes und der Holzabgaben neu geregelt. Dabei wurde u. a. beſtimmt, daß nie mehr als 2 Klafter Holz auf einmal verkauft werden dürfen, daß nur an ſtädtiſche Einwohner, nie aber an Auswärtige Holz ver— kauft werde, daß für den Holztransport, unabhängig von der Ent— fernung, der Fuhrlohn für 1 Klafter Holz 24 Kreuzer, für ½ oder ½ Meeß 12 Kreuzer betrage. 1818 ſah man ſich veranlaßt, um Täuſchung des Publikums zu verhüten, zu befehlen, daß Scheiterholz nie mit„Bengel“ und„Stumpen“ gemiſcht, ſondern vielmehr jede Holzſorte für ſich allein zu verkaufen ſei. 1820 wurde zu dem Fuhrlohn noch eine Gebühr von 6 Kreuzer vom Klafter geſchlagen, welche an dem Stadtthore erhoben und der Stadtkaſſe überwieſen wurde. In dieſem Jahre wurden die Verkaufspreiſe folgendermaßen feſtgeſtellt: für Waldbuchenholz 16 fl. 12 kr., für Albbuchenholz 13 fl. 12 kr., für Murgbuchenholz 12 fl. 12 kr., für Eichenholz 10 fl. 32 kr., für Tannenholz 10 fl. 10 kr., für gemiſchtes Bengel⸗ holz 10 fl. 10 kr., für eichenes Bengelholz 7 fl. 10 kr. per Klafter einſchließlich Meßgeld und Acciſe. Das Scheiterholz war 4 Schuh lang, die Klafter enthielt 144 Kubikſchuh Holz. Im Jahre 1830 wurden die Meßgebühren der ſtädtiſchen Holzmeſſer, die ſchon längſt beſtanden, wiederholt zur Kenntnis des Publikums gebracht. Sie betrugen von einem Meeß(Klafter) Scheiterholz 12 kr., von ½ Meeß. — 478— 11 kr., von ¼ Meeß 6 kr., von einem Schuh und weniger 1 kr. Hiervon hatte der Käufer 2 bezw. 1½, 1 und ½ kr., das Übrige der Verkäufer zu entrichten. Schon unter der Regierung Karl Friedrichs waren in den 1770er Jahren in einigen Rheingemeinden des Oberamts Karlsruhe Torflager entdeckt worden. Doch konnte nur wenig Torf ge— graben werden und bei den damaligen Holzpreiſen ſchien auch kein Bedürfnis nach anderem Brennmaterial zu beſtehen. Auf Antrag des Vogts Süß wurde 1819 in der Gemarkung von Graben eine Torfſtecherei eingerichtet, und nachdem der Staatschemiker Salzer durch ſeine Unterſuchungen den Wert des dort gefundenen Torfes feſtgeſtellt hatte und durch den Hauptmann und Baumeiſter Arnold der Verſuch einer kunſtmäßigen Verkohlung dieſes Torfes vorgenommen worden war, wurden in der bei Graben eröffneten Torfgrube während des Sommers 1820 bereits 200000 Torfſteine geſtochen und vollſtändig ausgetrocknet zum Verkauf angeboten und zwar auf dem Platze ſelbſt das Tauſend oder ein vollſtändiges Klafter zu 2 fl. 45 kr. nebſt 4 kr. Meßgeld, in Karlsruhe aber zu 4 fl. nebſt dem gleichen Meß— geld. In Karlsruhe nahm der Gaſtwirt zur Sonne Beſtellungen an. Steinkohlen dienten nur zur Feuerung im Gewerbebetriebe, nicht zur Heizung in Wohnräumen. Im Jahre 1818 boten Ettlinger und Wormſer in der alten Herrengaſſe„niederländiſche Steinkohlen für Feuerarbeiter“ zentnerweiſe zum Kaufe an. Das ſchon früher erlaſſene Verbot unbefugten Aufkaufens der Lebensmittel durch Händler wurde im April 1812 neuerdings in Erinnerung gebracht und angeordnet, daß die Viktualienhändler aller Art auf dem Wochenmarkt an einen beſondern Platz zu verweiſen ſeien und nicht mehr unter den andern Käufern ſitzen dürfen. Noch mehr wurde die Abwehr der Zwiſchenhändler im September 1815 verſchärft durch die Anordnung, daß an den Wochenmarkttagen in den Monaten April bis September von morgens 3, in den übrigen Monaten von 5 Uhr an niemand mit Marktwaren zu den Stadt⸗ thoren einpaſſieren dürfe. Handel, Anduſtrie und Gewerbe. Für den Handel Karlsruhes war von Wichtigkeit, daß unter den Ein⸗ und Ausladſtationen am Oberrhein, an welchen ausſchließ⸗ — 479— lich— bei Strafe von 50 Reichsthalern— für die Schiffer, Handelsleute und Spediteure Verladungen der Kaufmannsgüter ge⸗ ſtattet waren, ſich das benachbarte Schröck befand(die anderen waren Mannheim und Freiſtett), wo die ſpäter nach der Reſidenzſtadt über— geſiedelte Firma Meerwein ein anſehnliches Speditionsgeſchäft ge— gründet hatte. Von Schröck wurden Güter nach dem badiſchen Oberlande, nach Württemberg, Südbaiern und der Schweiz durch die Karlsruher Häuſer befördert. Zu der Firma Meerwein waren im Laufe der Zeit als Kommiſſions- und Speditionsgeſchäfte die Firmen Heinr. Roſenfeldt, Chr. Reinhard, Joh. v. Salvini u. Comp. hinzu⸗ gekommen. Es war daher natürlich, daß in Karlsruhe ſchon frühzeitig der Gedanke angeregt wurde, eine Waſſerverbindung mit dem Rhein zu erreichen. In einer Eingabe, welche im Auguſt 1818 Stadtrat und Bürgerausſchuß an den Großherzog richteten, wurde der Bau eines Rhein- und Albkanals erbeten und deſſen Herſtellung mit der beabſichtigten Anlage eines großen Grabens im Hardtwalde— welcher „mehrere Diſtrikte des Oberamts Durlach vor künftiger Überſchwem— mung ſichern und zugleich dem Wild im Hardtwalde das Waſſer her— beiführen“ ſollte— in Verbindung zu bringen verſucht. Damals, zur Zeit ſchwerer Erkrankung des bald darauf aus dem Leben ab— gerufenen Großherzogs Karl, war kein günſtiger Augenblick für ſolche weit ausſehende Pläne. Aber einige Jahre ſpäter wurden ſie von der Regierung wieder aufgenommen.„Von dem Wunſche belebt, daß alle ausführbaren Mittel zur Aufmunterung des inneren und äußeren Verkehrs aufgeſucht und benutzt werden möchten, um dadurch teils neue Quellen zur Vermehruug des Wohlſtandes aufzufinden, teils die vorhandenen ergiebiger zu machen“, ordnete Großherzog Ludwig im April 1824 an,„den ſchon in früheren Zeiten gemachten Vorſchlag, die Reſidenzſtadt durch einen ſchiffbaren Kanal mit dem Rhein in Verbindung zu bringen, in vorläufige Beratung zu nehmen“ und befahl die Niederſetzung einer Kommiſſion zur Feſtſtellung aller bezüglich der Ausführung, der Koſten und des Nutzens eines ſolchen Werkes in Betracht kommenden Geſichtspunkte. Staatsrat Winter, Oberbaudirektor Weinbrenner, Oberſt Tulla und Oberbürgermeiſter Dollmätſch wurden zu Mitgliedern dieſer Kommiſſion ernannt, welcher außerdem noch der Mechaniker Haberſtroh beigegeben wurde. Der — 480— Verbindung Karlsruhes mit dem Rhein bei Daxlanden bezw. Knie⸗ lingen widmete Oberſt Tulla, deſſen Name und verdienſtliche Thätig⸗ keit auf dem Gebiete des Waſſerbaues ſchon früher erwähnt wurde, drei Projekte. Im Verlaufe dieſer Arbeiten wurde die Anlage eines ſchiffbaren Kanals von Kehl oder Freiſtett nach Mannheim in Er⸗ wägung gezogen, um aber alsbald zugunſten einer Kanaliſation des Rheinſtromes ſelbſt, zunächſt einer Rektifikation ſeines Laufes und einer Verbeſſerung ſeines Fahrwaſſers, wieder aufgegeben zu werden. Bei der geringen Einwohnerzahl und dem unbedeutenden Handel Karlsruhes ſchien aber auch der Bau eines Kanals zwiſchen dieſer Stadt und dem Rhein keine Rentabilität in Ausſicht zu ſtellen, und ſo begnügte ſich Tulla ſchließlich— wie ſchon früher erwähnt— damit, im Intereſſe der Frachterſparnis auf der Axe die Verlegung des Hafens von Schröck nach Knielingen zu empfehlen. So trat das Kanalprojekt wieder in den Hintergrund, und auch der im Jahre 1828 von einem Baron Lafleche vorgelegte Plan einer Verbindung Karlsruhes mit dem Rhein bei Knielingen kam über das erſte Stadium eines Konzeſſionsgeſuches nicht hinaus. Es währte lange, bis dieſes Projekt wieder auf die Tagesordnung geſetzt wurde. Der Regierung lag zunächſt daran, daß ein„von den gemeinen Krämern“ ſich unterſcheidender Handelsſtand ſich in Karlsruhe bilde, und zu dieſem Behufe wurden am 22. Juli 1812 durch das Stadtamt ſämtliche in Karlsruhe anſäßigen und bürgerlich anerkannten Handlungsberechtigten, welche zu der Klaſſe der wechſelfähigen Kaufleute zu gehören vermeinten, aufgefordert, ſich zur unentgeltlichen Erteilung eines Patentes zu melden, ohne deſſen Beſitz künftig niemand die landrechtlichen Vorzüge, welche mit der Wechſelfähigkeit verbunden ſind, genießen konnte. Da ſich binnen mehr als Jahresfriſt nur einige Handelshäuſer um die Aufnahme in die Matrikel der wechſel⸗ fähigen Handelsleute gemeldet hatten, wurde jene Aufforderung am 14. Oktober 1813 wiederholt und den Säumigen vor Augen geſtellt, daß ſie durch Unterlaſſung der Anmeldung„von dem Anteil an den Beſtimmungen der Handlungsbörſe ausgeſchloſſen und ihre Bücher bei vorkommenden Rechtsgeſchäften als Beweis nicht zugelaſſen wer— den“ können. ‚ Daraufhin ſcheint eine genügende Zahl von Anmeldungen erfolgt zu ſein, um noch im Jahre 1813 zur Bildung einer„Geſellſchaft — 481— der Handelsſtube“ zu ſchreiten, als deren Sekretär Chriſtian Rein⸗ hard erſcheint. An die Spitze dieſer Geſellſchaft trat ſpäter ein aus drei Mitgliedern beſtehender Ausſchuß, den im Jahre 1819 Chr. Griesbach, C. Füßlin und Chr. Reinhard bildeten. Die meiſten Stimmen bei der Wahl des Ausſchuſſes nach dieſen vereinigte J. Kuſel auf ſich, der daher bei Verhinderung eines der Genannten als Erſatzmann einzutreten hatte, aber auch ſonſt„in Vorfallenheiten des Ellenwarenhandels“ beizuziehen war. In jedem Jahr erfolgte die Neuwahl dieſes Ausſchuſſes, in welchen 1820 K. Roſenfeldt an Stelle Füßlins trat, der ſeinerſeits als Erſatzmann gewählt wurde. In dieſem Jahre begegnet man zum erſtenmal dem Namen„Handels⸗ kammer“. Soweit ſich aus den ſehr lückenhaften Akten ergiebt, ſchwankte die Zahl der Mitglieder der Handelskammer zwiſchen 20 und 30. Neue Namen, denen wir im Ausſchuß begegnen, ſind M. Goll, C. J. Mallebrein und C. H. Erhard). Beim Eintritt hatte jedes Mitglied 5 fl. 30 kr. zu erlegen, der Jahresbeitrag betrug 2 fl. Die Zahl der Handelsleute, welche ſich 1813 auf nur 37 belief, betrug nach einer im Jahre 1816 veröffentlichten Zuſammenſtellung ſchon 69. Es befanden ſich darunter 29 chriſtliche, 25 jüdiſche, 3 Banquiers, 5 Galanteriehändler und 7 Krämer. Um einige der namhafteren Geſchäfte zu nennen, führen wir neben den oben genannten Kommiſſions- und Speditionsgeſchäften die Ellen— warenhandlungen von J. Kuſel, S. Model, L. S. Leon, V. D. Levinger, L. Homburger, S. Hermann, J. und V. Levi, J. Selig⸗ mann und L. Willſtätter(dieſer Geſchäftszweig war lange Zeit aus⸗ ſchließlich in den Händen israelitiſcher Kaufleute), die Modehandlung von H. Fellmeth, die Spezerei- und Eiſenhandlung von Schmieder und Füßlin, das Weinhandelgeſchäft von K. Meier, die Möbelhand⸗ lung von J. Reutlinger an. Der Handel mit Pulver wurde im Jahre 1813 ausſchließlich zweien Kaufleuten: Williard und Schmieder und Füßlin erlaubt, allen andern bei Strafe von 5 Reichsthalern verboten. In Folge der Eröffnung der badiſchen Salinen zu Dürrheim und Rap⸗ penau durfte vom 1. Januar 1824 an nur Salz verkauft werden, welches aus dieſen bezogen war. Hierzu wurden„angefertigte und *) Vergleiche die Einleitung zum Jahresbericht der Handelskammer für den Kreis Karlsruhe für 1880 S. 4 und 5. 31 adjuſtierte Gewichte, das Pfund zu 34 Loth“ beſtimmt, und der Preis wurde für Karlsruhe, wo ſich ein Salzdepot befand, auf 35¾ kr. für das Pfund feſtgeſetzt. Der Hanf- und Flachsverkauf durfte nur in dem Lagerhaus im neuen Rathausgebäude ſtatthaben. Bezüglich des Oles war verordnet, daß es nicht nach dem Hohlmaß, ſondern nur nach dem Gewicht verkauft werden dürfe. Zum Schutze des Erwerbes der berechtigten inländiſchen Handels— und Gewerbsleute wurde durch eine Verordnung vom 31. Dez. 1815 der Hauſierhandel ſehr erheblich eingeſchränkt, insbeſondere aus⸗ ländiſchen Hauſierern, neben dem Nachweis genügender Mittel, die Entrichtung höherer Gebühren als den inländiſchen auferlegt. Daß auch in der„guten alten Zeit“ die einheimiſchen Geſchäftsleute unter Praktiken, die man heute als„unlauteren Wettbewerb“ bezeichnet, zu leiden hatten, ergiebt ſich daraus, daß eine gewiſſe Katharine Schön⸗ wald aus Freiburg im Jahre 1812 in Karlsruhe während ſechs Tagen Modewaaren feil bot und nach Ablauf dieſer Friſt ihren Vorrat verloſte. Auf 650 Loſe zu 24 kr. entfielen 22 Gewinne. Die Induſtrie nahm auch in dieſem Zeitraum in Karlsruhe keinen höheren Aufſchwung. Die 1803 gegründete Sievert'ſche Ta— bakfabrik, Ecke der Zähringer- und Adlerſtraße, hörte wegen Alter und Entkräftung des Eigentümers, Rechnungsrat Sievert, im Novem⸗ ber 1816 wieder auf zu beſtehen, die 1806 von dem Hof- und Leib⸗ medikus F. A. Schrickel errichtete Kriſtallglasfabrik, die in Karls— ruhe nicht gedeihen wollte, wurde 1817 nach Forbach verlegt, eine Roßhaarbleiche und Spinnerei eröffnete auf dem Gottesauer Kammer⸗ gut im Jahre 1821 der Kaufmann Geſell, eine Hoſenträgerfabrik betrieb ſeit 1816 die Witwe Gutſch, zur Errichtung eines Induſtrie⸗ und Geſchäftskontors erhielt 1824 der Kaufmann H. Erhart die Konzeſſion. In einer Waſchanſtalt vor dem Rüppurrer Thore hatte im Jahre 1828 F. Doll die Einrichtung getroffen, mittels Dampfes die Lauge ins Kochen zu bringen und auf ſolche Weiſe die ihm übergebene Wäſche billig und gut zu reinigen. Gegen die wider ſein Verfahren erhobenen Angriffe verteidigte er ſich unter Berufung auf das Urteil des Profeſſors Walchner in einer umfangreichen An⸗ kündigung im September 1829. Eine eigenartige Induſtrie verſuchte der Polizei⸗Inſpektor Schrickel ins Leben zu rufen. Er kündigte an, daß er in Gegenwart ſeines Bruders, des Geheimerats und Leib⸗ ..——— — 483— medikus Schrickel, und des Medizinalrats und Hofmedikus Teufel Verſuche angeſtellt habe, aus Kartoffeln Zucker zu bereiten. Aus 12 Pfund Kartoffeln habe er 8 Pfund klaren Zuckerſyrup erhalten und hoffe, auf Grund weiterer Verſuche, reinen feſten Zucker herſtellen zu können. Die übrig bleibenden Teile der Kartoffeln ſeien als Futter für Rindvieh und Schweine verwendbar. In ſeinem„Statiſtiſchen Gemälde der Reſidenzſtadt Karls— ruhe“ veröffentlichte Th. Hartleben eine ſehr intereſſante tabellariſche Darſtellung des geſamten Gewerbeſtandes in Karlsruhe in den Jahren 1813-1814. Es gab damals 6 Fabriken, in denen 157 Arbeiter beſchäftigt waren, 6 Groſſiſten und Banquiers, 33 Ellen⸗ waren- und Modehandlungen, 20 Spezerei- und 7 Kramhandlungen, 8 gemiſchte Geſchäfte, 31 Schild⸗, 10 Straußwirtſchaften, 9 Reſtau⸗ rants und Kaffeehäuſer, 10 Bier- und Branntweinſchenken, 4 Paſteten⸗ bäckereien und Garküchen, 2 Bierbrauereien, 435 Gewerbsmeiſter (davon 324 mit, 94 ohne Geſellen), 2 auf eigene Hand arbeitende(d. h. weder anſäſſige noch angeſtellte und daher nur geduldete) Profeſſio⸗ niſten, 8 Lohnkutſcher, 15 Fuhrleute, 6 chriſtliche und 23 israelitiſche Frucht⸗- und Viehhändler, 3 chriſtliche und 37 israelitiſche„Not— händler“. Außerdem ſind 42 unter der Bezeichnung„Künſtler“ zu— ſammengefaßt, ohne daß ſich feſtſtellen läßt, welche Betriebe darunter gemeint ſind. Im Ganzen waren es 717 Gewerbetreibende. Bei 78 derſelben betrug der jährliche Gewerbsertrag 150 fl., bei 539 bewegte er ſich zwiſchen 150 und 1000 fl., bei 97 zwiſchen 1000 und 1600 fl., einen Ertrag von 3000 hat nur einer(ein Schildwirt), ein Ertrag von 3800 fl. kommt zweimal(bei Ellenwarenhand⸗ lungen) vor. Die Tabelle, welche die Befähigung, die Geſchäftsdauer und das wirkliche Vermögen des Karlsruher Gewerbeſtandes von 1813 bis 1814 nachweiſt, zählt 238 mit dem Prädikat„vorzüglich“, 298 mit„hinlänglich“, 181 mit„zu wenig“ auf, 564 Geſchäfte wurden ſeit weniger, 111 ſeit mehr als 25 Jahren betrieben, bei 42 fehlt die Zeitangabe. 46 Gewerbetreibende werden als arm be— zeichnet, 254 beſaßen 100—1000, 259 zwiſchen 1000 und 5000, 129 zwiſchen 5000 und 30000, 8 zwiſchen 30 und 40000, 5 zwiſchen 40 und 50000, je 3 zwiſchen 50 und 60000, 60 und 75 000, 75 und 100 000, 150 und 200 000, je 2 endlich zwiſchen 100 und 150000 und zwiſchen 200 000 und 500 000 fl. 31* 4 — 484— Das geſamte Häuſerſteuerkapital betrug 5 505 625 fl., das Güterkapital, einſchließlich der Hausgärten, 509 441 fl., zuſammen 6015 066 und nach Abzug der gerichtlich hypothekariſchen Faſſion von 1070000 noch 4 945 066. Davon gehörte der„Herrſchaft“ ein Kapital von 1801 500 fl., während das„bürgerliche Eigen— tum“ ſich auf 3 143 566 fl. bezifferte. Der Brand⸗Aſſekuranzanſchlag der Gebäude betrug 1813: 3 796 450 fl. Eine dritte Tabelle weiſt nach, daß von 240 Taglöhnern(da⸗ runter 29„bejahrt“, 6„entſchieden liederlich“, 21„bettelarm“ waren), 112 ein Vermögen(einſchließlich der Fahrniſſe) von 100 bis 300, 14 von 300 bis 500, 32 von 500 bis 1000, 28 von 1000 bis 1500, 11 von 1500 bis 2000, 12 von 2000 bis 3000, 6 von 3000 bis 4500, 3 von 4500 bis 5000 und ſchließlich 1 von 6000 bis 8000 fl. beſaßen. Der erhöhte Verdienſt erklärt ſich aus dem Betrieb kleiner Nebengewerbe, vorzüglich mit Viktualien, und dem hohen Ertrag der Hausgärten. Das Handwerk ſtand, wie allenthalben in Deutſchland, unter dem jede freie Bewegung hemmenden Banne des Zunftweſens. Um zur Charakteriſtik der dadurch ſich ergebenden Verhältniſſe nur ein aufs Geratewohl herausgegriffenes Beiſpiel anzuführen, ſei auf eine Verordnung verwieſen, welche im Januar 1823 Bürgermeiſter— amt und Stadtrat auf Stadtdirektorialweiſung bezüglich der„Be— ſchwerden der Maurerzunft über die Eingriffe der Zimmermaler und Anſtreicher in ihre Gewerbsrechte“ veröffentlichte. In dieſer wurde feſtgeſetzt:„daß das Weißeln der Plafonds, Stiegenhäuſer und der⸗ gleichen, inſofern es mit einer Maſſe von Gyps oder Kalk geſchehe, allein in das Gewerbe der Maurer einſchlage und die Anſtreicher, Zimmermaler u. ſ. w. davon ausgeſchloſſen ſind und letzteren nur das Weißeln oder vielmehr Anſtreichen oder Bemalen genannter Gegenſtände mit einer eigentlichen Farbe, auch wenn dieſe ins Weiße gränze oder ganz weiß iſt, z. B. von Bleiweiß, Schieferweiß u. dgl. hiermit erlaubt wird“. Geſellen und Jungen unterlagen einer ſtrengen Aufſicht. Binnen drei Wochen mußte jeder, welcher neu ein- oder aus einer Werkſtatt in eine andere übertrat, bei Strafe von 4 fl. 30 kr. bei der Polizei angemeldet werden. Geſellen durften nicht auf eigene Rechnung arbeiten, ſondern mußten alles den rechtmäßigen Meiſtern überlaſſen. — 485— Wer bei einem Geſellen Arbeit beſtellte, hatte nicht nur Aufhebung des Akkordes, ſondern auch Strafe zu erwarten. Die„blauen Montage“ waren ebenſo ſtreng verpönt, als es verboten war, andere Wochentage zu„Schwelgtagen“ zu machen. Die Meiſter hatten dafür Sorge zu tragen, daß ihre Geſellen beſchäftigt waren. Der Meiſter, der ſeinen Geſellen nicht jeden Tag Arbeit gab, wurde mit 5 fl., unter Umſtänden auch mit Gefängnis beſtraft. Geſellen, die an Wochentagen nicht arbeiteten, wurden verhaftet und zu öffentlicher Arbeit angehalten. Feiernde Geſellen mußten die Meiſter bei Vermeidung ernſter Beſtrafung anzeigen. Herbergsväter und andere Wirte durften feiernden Geſellen kein Getränk verab— reichen. Geſellen, welche in der Nachbarſchaft herumzogen, hatten bei der Rückkehr Verhaftung zu gewärtigen. Für die Ablegung der Meiſterprüfungen wurde im Februar 1815 von der Polizeidirektion eine im Intelligenz- und Wochenblatt vom 4. März veröffentlichte Verordnung erlaſſen, welche in 12 Artikeln Schwierigkeiten aller Art jenen, die ſich um die Meiſterannahme zu bewerben gedachten, in den Weg legte. Von polizeilicher Genehmigung war nicht nur die Eröffnung jedes Gewerbebetriebes abhängig, ſondern auch das Anbringen der Schilde durfte bei Vermeidung einer Strafe von 5 Rthlr. nur nach vorher erholter polizeilicher Erlaubnis erfolgen. Als im Mai 1829 die hierauf bezügliche, aus dem Jahre 1817 ſtammende Verordnung erneuert wurde, erhielt ſie noch den Anhang, daß der Entwurf der zur Ankündigung eines Geſchäftes dienenden„Inſchriften, Sinnbilder oder Zeichnungen“ der Polizeidirektion zur Genehmigung vorzu— legen ſei. Durch die anſehnliche Zahl der Gaſthöfe und Wirtſchaf— ten war nicht nur für eine anſtändige Unterkunft der Fremden, ſondern auch dafür geſorgt, daß die Karlsruher Gelegenheit fanden, ſich in ihren Mußeſtunden bei einem guten Trunk geſellig zu ver⸗ einigen. Und in mehreren Geſchäften war die Möglichkeit geboten, auch die Anſprüche verwöhnter Feinſchmecker in genügendem Maße zu befrie⸗ digen. Chriſtian Reinhard kündigte ſpaniſche und franzöſiſche Weine, Rheinweine, weiße und rote Burgunderweine, mittägliche Weine, rote Bordeauxweine, Champagnerweine an, bei Giani, Fellmeth, Schmieder fand man wöchentlich dreimal friſche franzöſiſche und engliſche Auſtern, 0 9 64 5 f 4 1 * — 486— Caviar, holländiſche Vollhäringe und andere Delikateſſen, italieniſche und franzöſiſche Früchte, fremde Weine, bei Aug. Hofmann hatte eines der erſten Häuſer von Epernay ein Kommiſſionslager vorzüg⸗ licher Champagnerweine(1. Qualität— grand mousseux— die Bouteille zu 1 fl. 54 kr.) u. ſ. f. Für den Verkehr in den Wirtſchaften waren im Mai 1812 neue Vorſchriften erlaſſen worden, wonach zwar das bis dahin übliche Feierabendbieten durch Polizeidiener abgeſchafft, aber gleichzeitig der Aufenthalt von Gäſten nach 12 Uhr abends mit Strafe bedroht wurde, die für den Wirt 2, für den Gaſt 1 fl. betrun. Im No⸗ vember 1814 wurde die Verordnung erneuert und ein Glockenzeichen auf ½11 Uhr, das ſchon früher gebräuchlich geweſen, wieder ein⸗ geführt. Zugleich wurde den Wirten bei Vermeidung einer Strafe von 5 fl. verboten, nach dem Zapfenſtreiche etwas zu verabreichen. Hazardſpiele, unziemliches Lärmen und lautes Singen war zu jeder Zeit verboten. Gegen widerſtrebende Gäſte waren die Wirte an— gewieſen, die Hilfe der Polizei oder der Militärwache anzurufen. Eine ſchon früher zur Beobachtung der Sonntagsfeier durch Wirte und Kaufleute ergangene Verordnung wurde im Dezember 1822 erneuert. Während des vor- und nachmittägigen Gottesdienſtes — 9 bis 11 und 2 bis 3 Uhr— durfte an Sonn- und Feiertagen nur eine ſtille Bewirtung der Gäſte ſtattfinden, in keinem Falle aber geſpielt werden, die Ladenfenſter mußten zu dieſer Zeit verſchloſſen ſein, auch durften keine Waren öffentlich herumgetragen, herumgeführt, ausgeſtellt oder feilgeboten und ebenſowenig Perſonen auf den Handel eingeladen werden. Hazardſpiele— um Geld, Geldeswert oder um Zechen— waren nicht nur in Gaſt⸗, ſondern auch in Privathäuſern aufs ſtrengſte verboten. Übertretungen wurden mit hohen Geldbußen oder bei Ver— mögensloſigkeit mit entſprechender Gefängnisſtrafe geahndet, im Betre—⸗ tungsfalle wurde alles ausgeſetzte Geld zum Vorteil der Armen weggenom⸗ men. Im Jahre 1816, als dieſes Verbot— die Erneuerung eines früheren— erging, wurden in Baden noch keine Lotterien gedul— det und das Kollektieren für auswärtige war bei 300 Rthlr. Strafe unterſagt. Gegen zudringliche Offerten auswärtiger Kollekteure, z. B. der Gebrüder Stiebel in Frankfurt a. M., erging in öffentlichen Blättern eine„patriotiſche Warnung“. Aber nicht allzulange nach— 4 her hielten die verſchiedenartigſten Lotterien ihren Einzug in das Großherzogtum, und auch in Karlsruhe wurden deren Loſe ſchwung— haft vertrieben. So wurde das Alleehaus von dem Eigentümer Chriſtian Wagner, und nach deſſen Tode durch Vermittlung des Handelsmannes Löw Homburger einer Verloſung ausgeſetzt. 9000 Loſe zu 2 fl. 42 kr. ſollten verkauft werden, die Zahl der Gewinnſte war fünf— der 1. das gerichtlich zu 23000 fl. taxierte Haus, die anderen 4 Geldpreiſe zu 400, 300, 200 und 100 fl. Auch das Hubbad wurde verlost. Durch W. H. Ladenburg in Mannheim wurde eine große Güterlotterie mit 5 Hauptpreiſen im Wert von 70 000 bis 5000 fl. und 2 448 Nebengewinnſten im Geſamtbetrag von 40 087 fl. und durch F. Gerbel die Verloſung des Schriesheimer Vitriol- und Alaunbergwerkes veranſtaltet. Nicht minder wurden die Loſe der Ausſpielung der Gemäldegalerie von Malmaiſon durch die Gebrüder Frommel in Baden zugelaſſen. Für alle dieſe Glücksſpiele fanden ſich in Karlsruhe Kollekteure und ſchließlich nahm der Staat ſelbſt durch Ausgabe von Loſen zu 25 und 50 fl. an dieſem großen Wettbewerb, der auf die Spielleiden— ſchaft ſpekulierte, teil. 1827 betrug der Kurs dieſer Looſe 64½ und in der Serie gezogene Looſe wurden zu 89 ¼ gehandelt. Die 50 fl.⸗Looſe ſtanden 1828 zu 717/ bis 72 ¼ und in der Serie ge— zogene Looſe zu 96½. Auch eine legendenhafte Erbſchaft, die noch viele Jahrzehnte ſpäter manche geldbedürftige und leichtgläubige Gemüter erregte— die vorgebliche Erbſchaft des Gouverneurs zu Breda in Holland, Theobald Mezger— veranlaßte ſchon im Jahre 1819 die Ver⸗ öffentlichung einer miniſteriellen Warnung in der Karlsruher Zeitung. Die Poſt. Mit der Hebung von Handel und Gewerbe ſtand im engſten Zuſammenhange die Verbeſſerung der dem Verkehre dienenden Ver— hältniſſe der Poſt. Die örtlichen Poſteinrichtungen erhielten eine neue und verbeſſerte Geſtalt, als im Januar 1827 ein neues Poſtgebäude bezogen wurde. Das Haus, welches dem in Konkurs geratenen Bankier Meerwein gehört hatte, dem„Goldenen Kreuz“ gegenüber, wurde jetzt von der Poſtverwaltung erkauft, die es von da an bis 4 A 5 4 4 — 488— in die 1870er Jahre inne hatte. Hier wurde zunächſt am 11. Ja⸗ nuar das Briefpoſtbureau eröffnet, welches ſeit Juni 1813 in dem die Ecke der Zähringer- und der neuen Adlergaſſe bildenden, bisher Staatsrat v. Hofer'ſchen Hauſe ſich befunden hatte. Dort konnten von dieſem Tage morgens 8 Uhr an Briefe und Eſtaffeten auf⸗ gegeben und die eingehenden Briefe und Zeitungen in Empfang ge⸗ nommen werden. Zur Bequemlichkeit des Publikums wurden nun zwei Briefladen, eine in der Kreuz- und eine in der Zähringerſtraße angebracht. In dieſe Briefladen durften nur ſolche Briefe gelegt werden, welche unfrankiert abgehen konnten. Alle Briefe, welche nach dem öſterreichiſchen Kaiſerſtaate, nach Luxemburg, den Niederlanden, England, Italien, Polen, dem ſüdlichen Rußland, nach Spanien, Portugal, der Levante und den Kolonien abgeſandt wurden, mußten frankiert und zu dieſem Zweck am Schalter aufgegeben werden, ebenſo alle Schreiben, welche an Großherzogliche Behörden gerichtet waren, wenn ſie unter Privatſiegel gingen und Partieſachen betrafen. Fanden ſich frankaturpflichtige Briefe in den Laden vor, ſo wurden ſie in der„Rebut-Rahme“, dem Schalter gegenüber, während vier Wochen ausgeſtellt, um von den Abſendern reklamiert und gehörig frankiert werden zu können. Stadtbriefe durften weder am Schalter aufgegeben, noch in die Briefladen gelegt werden. Fanden ſich ſolche dennoch in den Briefladen, ſo wurden ſie nicht beſtellt, ſondern uneröffnet verbrannt. Das Poſtamt war täglich von 8—12, ſpäter bis 1 und von 3—8 Uhr geöffnet. Über den Abgang der Briefpoſten wurden von Zeit zu Zeit Überſichten veröffentlicht, welche dem Publikum die Anhaltspunkte für die Zeit der Ablieferung der Briefe an die Hand gaben. Ebenſo wurde die Ankunftszeit der Briefpoſten bekannt gemacht. Beides ſowohl in dem Intelligenz- und Wochenblatt als auch in beſonderen von der Oberpoſtdirektion in den Druck gegebenen Heften. Die Briefe, welche die Morgenpoſten brachten, wurden durch die Briefträger bis mittags 12 Uhr beſtellt, die Briefe, welche im Laufe des Nachmittags ankamen, wurden noch abends ausgetragen, nur wenn die Poſt nach 8½ Uhr abends eintraf, blieben die Briefe bis zum nächſten Morgen liegen. Daß das Poſtgeheimnis nicht immer ſtreng bewahrt wurde, iſt bekannt. Die Poſtverwaltung ſelbſt wollte ſich aber nicht zur — 489— Mitſchuldigen eines verwerflichen Vertrauensbruches machen. Ober⸗ poſtdirektor v. Fahnenberg erließ eine öffentliche Aufforderung, in verdächtigem Zuſtande abgelieferte Briefe ſofort zur Anzeige zu bringen. Über den Verkehr der Poſtwagen ſollen hier einige aus den Zeitungsanzeigen ausgezogene Notizen orientieren. Nach einer Be⸗ kanntmachung vom Juni 1820 ging jeden Sonntag und Donnerstag morgens 5 Uhr eine bedeckte Kutſche von Karlsruhe nach Raſtatt und Baden und den nämlichen Tag abends 5 Uhr„mit abwechſeln— den Pferden“ wieder zurück; die mit dieſer Gelegenheit reiſenden Perſonen legten die Strecke von Karlsruhe nach Baden in 3½ bis 4 Stunden zurück. Der Preis einer Fahrt einſchließlich des Trink— geldes betrug für eine Perſon 2 fl. 24 kr. Teilnehmer meldeten ſich bei Poſtverwalter Kreglinger in Karlsruhe, bei Poſtſtallmeiſter Kramer in Raſtatt und bei Gaſtgeber Meixel in der Sonne zu Baden. Zwiſchen Karlsruhe und Mannheim verkehrte eine ſogenannte„Diligence“, zu welcher je nach Bedarf eine„Beichaiſe“ gegeben wurde. Als aber am Schluſſe des Jahres 1821 Wagen eingeſtellt wurden, welche für 12—13 Perſonen Platz boten, wurden die„Beichaiſen“ abgeſchafft. Im Jahre 1826 fuhren zwiſchen München und Karlsruhe in jeder Woche zwei Eilwagen hin und her. Bei Abgang von München am Sonntag und Mittwoch früh 6 Uhr erfolgte die Ankunft in Karlsruhe am Dienstag und Freitag früh 4 Uhr. Hier war dann um 5 Uhr An— ſchluß nach Straßburg und Baſel. Umgekehrt traf ein Reiſender, der Dienstag oder Freitag abends 5 Uhr Karlsruhe verließ, Donnerstag oder Sonntag nachmittags 2 Uhr in München ein. Die Route ging über Stuttgart und Ulm. Packwagen aus Bayern und Württem— berg kamen am Dienstag morgens und Freitag mittags in Karls— ruhe an, von wo ſie am Dienstag und Freitag abends nach Stutt⸗ gart, Nürnberg, Ulm u. ſ. f. abgingen. Zwiſchen Frankfurt und Baſel verkehrten in den Wintermonaten zwei, im Sommer ſeit 1826 drei Eilwagen, welche Karlsruhe berührten. Auf dieſer Strecke war man z. B. von Samstag mittags bis Montag früh unterwegs. Im Jahre 1829 wurde zwiſchen Baſel und Frankfurt ein„mit Be— ſchleunigung beförderter, beſonders bequemer Tageilwagen“ eingeführt, der vom 15. Mai bis Ende Oktober jeden Freitag abends 7 Uhr von Baſel abging, Samstag früh 4 Uhr in Freiburg, mittags 1 Uhr „5 8 f f 3 0 3 —490— in Kehl und abends 8 Uhr in Karlsruhe eintraf, von hier Sonntag früh ½ 6 Uhr abging, mittags 12 Uhr in Heidelberg, abends 6 Uhr in Darmſtadt und nachts 9 Uhr in Frankfurt ankam. In um⸗ gekehrter Richtung kam der Samstag früh 5 Uhr Frankfurt ver⸗ laſſende Eilwagen nachts 9 Uhr in Karlsruhe an, ſetzte Sonntag früh 5 Uhr die Fahrt fort, langte nachts 9 Uhr in Freiburg an, von wo er Montags früh ½ 6 Uhr wieder die Reiſe fortſetzte, um mittags ½1 Uhr in Baſel anzukommen. In Kehl bezw. Heidel— berg wurde eine Stunde zum Mittagsmahl verwendet, landabwärts in Karlsruhe, landaufwärts in Karlsruhe und Freiburg übernachtet. Dieſer Tageilwagen enthielt 14 Plätze, 6 im vorderen und hinteren Coupé, 6 im Kaſten, 2 auf der Imperiale. Die Fahrpreiſe betrugen in den Eilwagen 40 Kreuzer per Meile, das Gepäck war auf 60 Pfund(davon 40 Pfund portofrei) für die Perſon beſchränkt. Die über 60 Pfund ſchweren Gepäckſtücke mußten mit dem Packwagen befördert werden. Die Fahrgäſte auf der Imperiale zahlten per Meile nur 25 kr. Dazu kam noch eine Scheingebühr von 8 kr. für die Perſon. Nach dieſem Tarif belief ſich z. B. die Taxe für eine Perſon von Karlsruhe nach Mannheim auf 4 fl., nach Schwetzingen auf 3, nach Waghäuſel auf 2, nach Graben auf 1 fl. 15 kr. Als non plus ultra von Eilwagengeſchwindigkeit galt gegen Ende der 1820er Jahre die Schnellpoſt von Mainz nach Köln, da dieſe 40 Stunden lange Strecke in einem Tage zurückgelegt wurde. Dampfſchifffahrt. Als neues Verkehrsmittel trat um dieſe Zeit die Dampfſchiff— fahrt in die Erſcheinung. In Baden war ſchon früher die Dampf— ſchifffahrt auf dem Bodenſee begünſtigt worden, im September 1825 erteilte der Großherzog dem Freiherrn v. Cotta in Stuttgart, dem amerikaniſchen Conſul Church und dem Handelsmann und Spediteur Kißling in Raſtatt die Erlaubnis, eine Aktiengeſellſchaft zur Errich— tung und zum Betrieb der Dampfſchifffahrt auf dem Rhein von der Grenze des Kantons Baſel bis an die nördliche Grenze des Groß— herzogtums zu gründen. Im Juli 1827 machte das erſte Dampf⸗ boot„Ludwig“ ſeine Probefahrt nach dem Oberrhein. Am 12. Juli abends kam es im Hafen zu Schröck an, wo ſich unter den zahl— — 491— reich anweſenden Zuſchauern, welche das impoſante Schiff mit Jubel begrüßten, auch viele Karlsruher befanden. Am 13. blieb das Schiff, dem eine Menge Neugieriger zuſtrömte, im Hafen von Schröck und ſetzte am 14. die Probefahrt bis Kehl fort. Zu einem regelmäßigen Verkehrsmittel auf dem Oberrhein waren indes die Dampfſchiffe weder jetzt noch ſpäter geeignet. Lohnkutſcher. Im Jahre 1812 wurden auch ſolche Karlsruher Einwohner, die nicht über eigenes Fuhrwerk verfügten, in die Lage verſetzt, in eleganten, bequemen und mit guten Pferden beſpannten Wagen zu fahren. Da die Behörde den hierauf zielenden Wunſch verſchiedener Perſonen„der Würde einer Reſidenzſtadt angemeſſen“ fand, erfolgte ein entſprechendes Ausſchreiben und der ſich meldende Löhnkutſcher Stephan von Heidelberg wurde mit drei Wagen mit je zwei guten Pferden angenommen.„Um dieſem Etabliſſement mehr Glanz zu geben“, wurden außerdem zwei Livreebediente gedungen, die bei Viſitentouren in Thätigkeit traten. Allen übrigen Lohnkutſchern wurde bei Strafe von 5 Reichsthalern verboten, innerhalb des Weichbilds von Karlsruhe Leute in einer ſogenannten„Chaiſe“(d. h.„in einem mit Fenſtern und Thüren verſehenen Wagen“) im Lohn zu führen. Dieſes Recht ſtand Stephan allein zu. Ihm wurde auch die Be— ſpannung der Leichenwagen übertragen. Außerdem hatte Stephan, wie alle übrigen Lohnkutſcher, das Recht, auch über Land zu fahren und Reitpferde zum Vermieten zu halten. Eine überaus komplizierte Taxordnung, welche der Generalmajor Frh. v. Stockhorn, Stadt— kommandant, als Polizeidirektor der Reſidenz, im Intelligenz- und Wochenblatt vom 2. Dezember 1812 verkündigte, regelte die An— ſprüche des Lohnkutſchers Stephan gegenüber dem Publikum. Im November 1813 machte Stephan bekannt, daß er einen eigenen Trauerwagen, der ausſchließlich für, Leichenfahrten beſtimmt ſei, habe bauen laſſen und daß die übrigen Stadtwagen bei Be— erdigungsfahrten nie zur Anwendung kommen würden. Die Verbindung mit Heidelberg gab Stephan nicht auf. Als er im Mai 1816 anzeigte, daß er ſeine Wohnung in die verlängerte Kronenſtraße verlegt habe, that er zugleich kund, daß er„mit ſeiner Ordinaire, mit großherzoglichem Patent verſehenen Chaiſe, die — 492— wöchentlich zweimal, Montags und Freitags, nach Heidelberg gehe und den darauf folgenden Tag zurückkehre, alle Kommiſſionen und Aufträge beſtens zu beſorgen und auch dafür zu garantieren“ ſich erbiete. In die Rechte Stephans trat ſpäter der Sattlermeiſter und Lohnkutſcher Beck und nach dieſem der Lohnkutſcher Franz Schmidt. Die für dieſe feſtgeſetzte Taxe wurde im Jahr 1823 durch die Polizeidirektion auf ſämtliche Karlsruher Lohnkutſcher ausgedehnt. Kirche und Schule. Die örtlichen Einrichtungen des evangeliſch-lutheriſchen Pfarr- und Kirchenweſens wurden durch eine im Februar 1819 erlaſſene Verordnung des Großherzogs, unter Berückſichtigung des früheren Normale von 1792 und der im Laufe der Zeit eingetre— tenen Abänderungen desſelben, neu feſtgeſtellt. Es wurden vier Ordinarii— ein Stadtpfarrer, ein Hofprediger, ein Archidiakon oder zweiter Stadtpfarrer und ein Hof- und Stadtdiakon— ſowie zwei Vikare beibehalten, auch blieb die beſondere Regimentspredigerſtelle mit dem Hof- und Stadtdiakonat verbunden. Auch der ehemals ab— geſonderten Klein-Karlsruher Gemeinde blieb ihre am 3. Februar 1815 bewilligte kirchliche Vereinigung mit der Stadtgemeinde erhalten. Eine Einteilung der Gemeinde in mehrere beſondere Pfarreien wurde auch jetzt nicht beliebt, vielmehr ſtand der genannten evangeliſch⸗ lutheriſchen Einwohnerſchaft, mit Ausnahme der abgeſonderten Mili— tärgemeinde, die Wahl des Beichtvaters unter den vier Ordinarien frei. An den einmal gewählten Beichtvater war man aber bis zur Erledigung ſeiner Stelle gebunden, wenn auch„für Fälle des beſon- deren Vertrauens in geſunden und kranken Tagen“ niemand gehin— dert war, Beratung und Beiſtand eines der übrigen Geiſtlichen in Anſpruch zu nehmen. Der Unterricht der Konfirmanden ſtand dem Beichtvater des Hauſes zu; an dem Konfirmationsakt beteiligten ſich die vier Ordinarien. Die Beſorgung der Kaſualien und der Bezug der Belohnungen dafür ſtand jedem Beichtvater bei ſeinen Beicht—⸗ angehörigen zu. Die Führung der Kirchen- oder bürgerlichen Stan— desbücher wurde unter die drei erſten Ordinarien verteilt, die Hof— kirchenbücher führte der erſte Hofgeiſtliche. Der Kirchen-Cenſuranſtalt wohnten alle vier Ordinarien bei. Durch die im Jahre 1821 vollzogene Union der lutheriſchen und reformierten Gemeinde traten in dieſen Einrichtungen keine weſentlichen Veränderungen ein. Außer den ſchon früher erwähnten Geiſtlichen, ſoweit ihre Amts⸗ thätigkeit ſich in dieſen Abſchnitt der ſtädtiſchen Geſchichte erſtreckt, ſind noch zu nennen Hofprediger und Stadtpfarrer Martini und die Stadtpfarrer Katz, Sachs und Reich. Für die lutheriſche Stadtkirche wurde bald nach ihrer Einweihung im Juni 1816 zur Vermeidung von Störungen beim Gottesdienſte eine Austeilung der Kirchenſtühle vorgenommen. Zur Verbeſſerung des Kircheng 129015 errichtete im Juli 1812 Friedrich Mohr ein„Inſtitut zu Erweckung einer guten Kirchen⸗ muſik“, indem er„Jünglinge, die das 11. Jahr überſchritten haben“, zur Beteiligung einlud. Im September 1822 eröffnete zu gleichem Zwecke der Abbs Schmittbauer eine Subſcription auf eine„Ausgabe von 80 der gewöhnlichſten und ſchönſten evangeliſchen Kirchenlieder“, die er vierſtimmig mit beziffertem Orgelbaß ſetzte. J. Velten über⸗ nahm den Vertrieb des auf ca. 300 Quartſeiten berechneten Werkes, das bei der Pränumeration auf 2 fl. 45 kr. zu ſtehen kam, während der ſpätere Ladenpreis auf 5 fl. 30 kr. angeſetzt wurde. Und im Mai 1825 bildete ſich unter der Vorſtandſchaft des Kirchenrats Katz, des Kreisrats v. Stockhorn, des Miniſterialſekretärs v. St. Julien, des Profeſſors Stern und des Lyceumslehrers Maurer ein Verein zu dem Zwecke,„die in der evangeliſch-proteſtantiſchen Landeskirche ein⸗ geführten Choräle vierſtimmig zu ſingen und auf dieſe gebaute Fi⸗ guralgeſänge auszuführen.“ Die Übungen des Vereins, welchem„er⸗ wachſene Perſonen beiderlei Geſchlechts“ beiwohnten, fanden im Ly— ceumsſaal an jedem Donnerſtag von 5—6 Uhr unter Leitung des Geſanglehrers Gersbach am Schullehrerſeminar ſtatt. In der katholiſchen Stadtpfarrkirche waltete des Pfarramtes von 1811 bis 1815 Dr. J. N. Biechele und, nach deſſen Er— nennung zum Pfarrer von St. Martin in Freiburg, Ph. Kirch, der 1829 ſtarb und durch J. Gäßler erſetzt wurde. In der iſraelitiſchen Gemeinde trat eine Anzahl meiſt jüngerer Gemeindeglieder zu einem„Tempelverein“ zuſammen, welcher den Zweck verfolgte, die Gebete in deutſcher Sprache zu verrichten und durch angemeſſene Predigten„das Gemüt der Andächtigen er— ——————ꝙ——————— I A 5 — bauen zu laſſen“. Am 23. Juni 1820 verſammelten ſie ſich zum erſten Male zur Einweihung des hierzu in einem Privathauſe erwor— benen Lokales und am darauf folgenden Samſtag hielt dort der Prediger des Vereins Dr. Wolff ſeine erſte Predigt. Die Re— gierung gab indes zu dieſer Vereinigung ihre Zuſtimmung nur unter der Bedingung,„daß die Teilnehmer nach wie vor die herkömmlichen Beiträge zu den gemein-jüdiſchen Bedürfniſſen leiſten, daß ihr Unter— nehmen lediglich als Privatſache gelte und die Vorbeter, Redner und Lehrer dieſes Vereins nie als Diener der jüdiſchen Gemeinde ange— ſehen werden.“ Nach einem Artikel der Karlsruher Zeitung vom 27. Auguſt 1820, der die feierliche Aufnahme von drei Jünglingen in dieſen Verein bekannt gab, erhoffte man von deſſen Beſtrebungen, namentlich dem Gebrauch der deutſchen Sprache, einen weſentlichen Fortſchritt zur Anbahnung„der bürgerlichen Verbeſſerung der Juden“. Für die evangeliſche Stadtſchule wurde durch Verord— nung vom 18. Dezember 1829 eine neue Organiſation eingeführt, vermöge deren ſich eine beſondere Knaben- und eine beſondere Mäd— chenſchule in zwei beſonderen Schulhäuſern bildete. Jede Schule war in vier Klaſſen eingeteilt und erhielt die eine vier Lehrer für die Knaben, die andere vier Lehrerinnen für die Mädchen. Die Zahl der Lehrſtunden wurde vermehrt, in der Mädchenſchule trat zu den Unterrichtsgegenſtänden noch der Arbeitsunterricht hinzu und dem entſprechend wurde das Schulgeld für die Knaben der beiden unteren Klaſſen auf 4, der beiden oberen Klaſſen, ſowie für die Mädchen ſämtlicher Klaſſen auf 6 fl. jährlich beſtimmt. Am 23. April 1830 trat die neue Schuleinrichtung ins Leben. Daß der Schulbeſuch nicht immer ein ſo eifriger war, wie er im Intereſſe der Heran— bildung der Karlsruher Jugend wünſchenswert erſchien, ergiebt ſich aus der im Jahre 1818 bei der evangeliſch-lutheriſchen Schule ge— troffenen Anordnung, wonach wegen Zunahme der Schulverſäumniſſe ein Mann aufgeſtellt wurde,„um die mutwilligen und ohne Erlaub—⸗ nis ausbleibenden Kinder auf Koſten der nachläſſigen Eltern in ihren Wohnungen aufzuſuchen und zur Schule zu führen“. Eine neue Knabenſchule wurde ebenfalls im Jahre 1829 mit dem Schullehrerſeminar verbunden. Durch den in dieſer Schule erteilten Unterricht ſollte„die geiſtige Entwicklung der Kinder ſo ge— fördert werden, daß ſie zur Erlernung eines bürgerlichen Gewerbes — 495— oder zum Eintritt in eine höhere Lehranſtalt vorbereitet ſeien“. Der Seminardirektor Kirchenrat Katz und der erſte Seminarlehrer Profeſſor Stern nahmen die Anmeldungen entgegen. Die Schule, am 19. Oktober 1829 im ehemaligen Weinbrenner'ſchen Hauſe in der Akademieſtraße eröffnet, wurde für die ſechs- und ſiebenjährigen Knaben vormittags von 9—11 und nachmittags von 2—4 und für die von acht und neun Jahren vormittags von 8—11 und nach— mittags von 2—4 Uhr gehalten. Das Schulgeld betrug jährlich 8 fl. Im Lyzeum, wo im Jahre 1812 eine Überfüllung der unteren Klaſſen eintrat, ſuchte der Direktor Hebel dieſer durch Wieder— herſtellung der im Jahre 1807 eingegangenen Realſchule abzuhelfen. Aber die Zahl der zu bürgerlichen Gewerben beſtimmten Schüler dieſer Anſtalt ſtieg bis 1818 nur von 14 auf 53, während jene des Lyzeums ſich trotzdem in dem gleichen Zeitraum von 257 auf 449 erhöhte. Hebel trat übrigens ſchon im September 1814 wegen ſeines Eintrittes in die evangeliſche Oberkirchenbehörde von der Direktion des Lyzeums zurück, welche der Kirchenrat Zandt übernahm, betei— ligte ſich jedoch noch bis 1824 an dem Unterricht der oberſten Klaſſe. Von Oſtern 1814 hörte der Name„Exemten“ auf und ihr zwei— jähriger Kurs trat in die Reihe der Klaſſen als oberſte derſelben (Prima) über. Die Zahl der Klaſſen, 1801 von 6 auf 9 erhöht, ſtieg 1819 auf 10, wozu ſeit 1818 noch eine Vorbereitungs— ſchule, ein Privatunternehmen des Lyzeumslehrers König, trat. 1829 eröffnete der Sprachlehrer Alan Amann außerdem ein Prä⸗ paratorium für die unteren Klaſſen des Lyzeums für ſolche Zög— linge, welche einer Nachhülfe bedurften. Zu dem Lehrerperſonal traten in dieſer Periode Vikar L. Lang und nach dem Tode der Profeſſoren Peterſohn und J. M. Holtzmann die Hauptlehrer der Pä— dagogien von Durlach und Lahr E. Kärcher und C. F. Vier⸗ ordt. An Stelle des 1821 verſtorbenen Kirchenrats Knittel über— nahm Kirchenrat Katz den Religionsunterricht. Ebenfalls im Jahre 1821 ging die Lehrſtelle der Phyſik von K. W. Böckmann an den Freiburger Univerſitätsprofeſſor Hofrat G. Fr. Wucherer über. Noch ein Jahr vor Hebel zog ſich(1823) Kirchenrat Sander von der Erteilung des Unterrichts zurück. Rat Ruf und Kirchenrat Doll wurden durch die Profeſſoren A. Gerſtner und C. F. Gockel erſetzt. Seit 1826 fungirte J. Epple als Zeichnungslehrer und 1827 — 496— trat Jul. Holtzmann in den Lehrkörper des Lyzeums ein. Von der Eröffnung des Neubaues war früher die Rede. Den Zöglingen des Lyzeums wurde im März 1820 eine„uni⸗ forme Auszeichnung“ gegeben und hierzu ein Kragen von violetter Farbe, mit einer goldenen Schnur eingefaßt, auf jedem Kleid, Über⸗ rock oder Frack, in welchem ſie öffentlich erſcheinen, beſtimmt. Der Beſuch von Wirtſchaften war den Lyzeiſten ſtreng unterſagt. Als im Februar 1826 die Kaffeewirt Kölle'ſche Witwe mehreren Lyzeiſten gegen das höchſte Verbot in ihrem Wirtshauſe Getränke abgegeben hatte, wurde ſie um 15 fl. geſtraft und dieſe Strafe„als Warnung für alle diejenigen, die es angehen mag, zur öffentlichen Kenntnis gebracht“. Am 7. Oktober 1825 wurde in Karlsruhe durch Großherzog Ludwig eine polytechniſche Schule gegründet, welcher der linke Flügel des Lyzeumsgebäudes, ſoweit er nicht für das Lyzeum gebraucht wurde, zugewieſen ward. In der Beilage zu Nr. 290 der Karls⸗ ruher Zeitung vom 19. Oktober 1825 wurde das Programm der neuen Anſtalt veröffentlicht, mit welcher die bisher ſchon beſtandene Ingenieurſchule und die Realſchule vereinigt wurden. Zum Direktor wurde Hofrat Wucherer ernannt und die Eröffnung auf 1. Dezem⸗ ber 1825 feſtgeſetzt. Für Zöglinge, welche das Lyzeum oder das polytechniſche In— ſtitut beſuchten, eröffnete mit Empfehlung der Direktoren beider An— ſtalten, Zandt und Wucherer, Lehrer Stieffel ein Penſionat, um ſolchen„in ſeiner Häuslichkeit die Familie, von welcher ſie getrennt wurden, möglichſt zu erſetzen“. Es wurden nur junge Leute von 11 bis 16 Jahren aufgenommen, der Penſionspreis betrug jährlich 300 fl. In einem gewiſſen Zuſammenhang mit der polytechniſchen Schule ſtand der von Profeſſor Dr. W. L. Volz im November 1828 eröff⸗ nete Unterricht in einer Sonntagsſchule, in welcher über die Anwendung der Geometrie auf die Gewerbe vorgetragen wurde. Im Schuljahre 1829/30 bildete die Mechanik und ihre Anwendung auf die induſtriellen Künſte und Gewerbe den Unterrichtsgegenſtand. Regelmäßige chirurgiſche Lehrvorträge fanden in dem ſchon längſt beſtehenden Inſtitute ſtatt. Materia medica, Oſteologie und Bindenlehre, Phyſiologie des menſchlichen Organismus und — 497— Materia chirurgica wurden 1812 von den Medizinalräten Teufel, Herbſt und Kölreuter gelehrt. Schweickhard, Herbſt, Teufel und Kölreuter leiteten auch praktiſche übungen. 1825 finden wir Medi⸗ zinalaſſeſſor Baur(Anatomie, chirurgiſche Krankheitslehre und Ope⸗ rationen), Medizinalrat Seubert(Phyſiologie, allgemeine chirurgiſche Pathologie und Therapie), Dr. Hochſtetter(chirurgiſche Arzenei⸗ mittellehre und Rezeptierkunſt), Medizinalrat Herbſt(Inſtrumenten⸗ und Verbandlehre), als Lehrer thätig. Der Unterricht fand im Hoſpital ſtatt. Die Einladung zur Beteiligung ging von der Polizei— direktion aus. Schon im Jahre 1817 hatte mit miniſterieller Genehmigung der Lehrer Aab eine techniſche Schule, verbunden mit einem Hand— lungs-Inſtitut im Hauſe des Kaffetiers Kölle im inneren Zirkel eröffnet. Dieſes Inſtitut war für Jünglinge von 14—20 Jahren beſtimmt,„die ſich der Handlung und anderen bürgerlichen Gewerben widmen wollten“. Die Unterrichtsgegenſtände waren Schönſchrift, Rechenkunſt, Geometrie und Mechanik, Geſchäftsaufſätze und Korre— ſpondenz, Warenkunde und Technologie, einfache und doppelte Buch— haltung, vaterländiſche Geographie und Statiſtik, allgemeine Handels⸗ geographie und vaterländiſche Handelsgeſetzgebung; in fremden Sprachen wurde auf Verlangen in Privatſtunden Unterricht erteilt. In den wichtigen Teilen der reinen Mathematiek erteilte im katholiſchen Schulhauſe der Lehrer am katholiſch-deutſchen Lehr— inſtitut, Stratthaus, Unterricht. Franzöſiſchen Unterricht gab 12 bis 16 jungen Mädchen von 10 bis 15 Jahren an 5 Wochentagen in je 2 Stunden zum Preiſe von monatlich 2 fl. 42 kr. Madame Kreglinger geb. Neu—⸗ kirch, und Herr Béguin eröffnete 1826 eine franzöſiſche Schule zu weiterer Ausbildung ſolcher, die ſchon mit den Anfangsgründen dieſer Sprache vertraut waren. Für drei wöchentliche Stunden von 6 Uhr abends an wurde ein Brabanter Thaler als Honorar bezahlt. Das von Mannheim 1815 nach Karlsruhe verlegte und in der Waldhorngaſſe Nr. 9 inſtallierte franzöſiſche Lehr- und Er— ziehungsinſtitut des Profeſſors Imbert-Bourdillon entfaltete nur eine kurze Wirkſamkeit, da deſſen hochbetagter Direktor ſchon am 21. Juli ſtarb. In der gleichen Straße Nr. 17 gründete im Juli 1816 C. La⸗ 32 6 3 3 — 498— fontaine eine Anſtalt zur Anleitung junger Mädchen im Alter von 7 bis 12 Jahren in Handarbeiten und in der franzö— ſiſchen Sprache— Der großherzogliche Pagen-Sprachlehrer P. A. v. Maulen⸗ dorff errichtete 1817 eine Schule, um 10 bis höchſtens 15 Kinder, welche gut deutſch leſen und ſchreiben können und die lateiniſchen Buchſtaben gut erlernt haben, die engliſche und italieniſche Sprache zu lehren. Das Honorar für eine tägliche Stunde betrug im Monat 1 fl. 24 kr. Im September 1818 eröffneten Julie und Philippine Müller eine Unterrichtsanſtalt für junge Mädchen, in welcher von 8—12 Uhr vor- und von 2—5 Uhr nachmittags alle Unterrichts⸗ gegenſtände der öffentlichen Schulen und weibliche Handarbeiten gelehrt wurden. Für die kleineren Mädchen von 6—10 Jahren betrug das Honorar 1, für die größeren 2 Kronenthaler. Einen in manchen Kreiſen ſchmerzlich empfundenen Verluſt erlitt Karlsruhe, als, gleichzeitig mit der Überſiedelung der Großherzogin Stephanie nach Mannheim, auch das Graimberg'ſche Er— ziehungsinſtitut im September 1829 dorthin verlegt wurde. Im Schönſchreiben erteilte Knaben von 8 bis 12 Jahren der Collaborator J. G. Koch am Lzeum Unterricht. Ein Inſtitut und Bureau der höheren Kalligraphie errichteten Schunggart und Lorenz, die ſich gleichzeitig zur Anfertigung aller Arten von Auf⸗ ſätzen, Eingaben, Plakaten, Gelegenheitsgedichten u. dgl. erboten. Eine öffentliche Handzeichnungsſchule beſtand unter der Leitung des Malers Autenrieth und ſpäter des Malers Schmitt. Einen Lehrkurs im Zeichnen, auf geometriſchen Grundſätzen beruhend, kündigte 1816 der Maler Gasnier an. Zum Unterricht in der Inſtrumentalmuſik wurde im Jahre 1813 ein„Inſtitut für Bürgerſöhne“ errichtet. Schon im Laufe des Jahres 1812 hatte ſich„auf Veranlaſſung einiger achtungswerter Bürger“ im Stillen eine Vereinigung zu dieſem Zwecke gebildet. Mit Zuziehung junger Sänger und Sängerinnen aus den Stadtſchulen zu einigen Geſangspartien gab das neue Inſtitut bald Proben ſeiner Leiſtungsfähigkeit. Muſikdirektor Brandl, Hofmuſiker Bils und Hof⸗ ſchauſpieler Jeckel erteilten dem Inſtitut und deſſen Lehrer, Herrn Mohr, das beſte Zeugnis, und in einer von Männern, wie Walz, Sander, Brunner, Hebel, Vierordt, Volz und Ewald mitunterzeichneten — — 499— Einladung forderte Oberbürgermeiſter Griesbach weitere Kreiſe mit gutem Erfolge zur Betheiligung an dieſem Unternehmen auf, das ſich während längerer Zeit in erfreulicher Weiſe entwickelte. Unter Leitung des Hofkantors J. C. Haag trat die Karlsruher Singanſtalt am 29. September 1815 mit einem Vokalkonzert im Saale des Durlacher Hofes zuerſt in die Offentlichkeit. Für junge Männer, welche körperliche übungen vorzunehmen wünſchten, eröffnete Fechtmeiſter Hetzel im Jahre 1815 bei Gaſt⸗ geber Wichtermann„Zum Kaiſer Alexander“ einen Fechtſaal. Der Unterricht fand von 8—9 und 11—12 Uhr vor- und von 2— 4 Uhr nachmittags ſtat.. Das Monatsabonnement betrug 2 fl. 42 kr. Gffentliche Vorleſungen. In einem gewiſſen Zuſammenhange mit den zahlreichen Ver— anſtaltungen zur Ausbildung der Jugend ſtanden die in verſchiedenen Orten gehaltenen Vorleſungen, die ſich freilich an weitere Bevölkerungs⸗ kreiſe wandten. Im Muſeum veranſtaltete Freiherr v. Odeleben wiederholt Vorleſungen über europäiſche Staatengeſchichte für Damen und Herren und freie Vorträge über die allgemeine Welt- und Völker⸗ kunde. Chladni hielt einen Kurſus von 10 Vorleſungen„über die Akuſtik oder die Lehre vom Schall und Klang nebſt dazu gehörigen Experimenten und über die vom Himmel gefallenen Maſſen nebſt Vorzeigung ſeiner Sammlung“. Hofrat Böckmann veranſtaltete — um noch weitere Beiſpiele anzuführen— populäre Vorleſungen über die intereſſanteſten Gegenſtände der Naturkunde, insbeſondere der Phyſik und Aſtronomie, Karl Nehrlich las über„Aeſthetik und Wiſſenſchaft der Kunſt“ und Hans Georg Nägeli über Muſik. Schon im Jahre 1817 machte Böckmann vor einem geladenen Kreiſe von Freunden der Naturkunde Verſuche über Gasbeleuchtungen, über welche er in No. 126 und 127 der Karlsruher Zeitung orien— tierende Artikel veröffentlichte. Der landwirtſchaftliche Verein. Im Jahre 1823 wurde der Sitz des Vorſtandes des landwirt— ſchaftlichen Vereins, deſſen Präſident der Markgraf Wilhelm war, von Ettlingen nach Karlsruhe verlegt. Im Jahre 1825 wurde die Ver⸗ 32 anſtaltung eines landwirtſchaftlichen Feſtes und einer Generalverſamm— lung des Vereins, verbunden mit einer Preisausteilung an inländiſche Landwirte beſchloſſen. Am 16. Auguſt lud der Ausſchuß der diri⸗ gierenden Abteilung des Vereins die Landwirte zur regen Beteiligung an dieſem„erſten Feſt der Landwirtſchaft“ in einer beſonderen Bei⸗ lage zu No. 234 der Karlsruher Zeitung ein. Das beabſichtigte Feſt fand zwar des ſchlechten Wetters wegen nicht ſtatt, die Preiſe wurden jedoch in feierlicher Weiſe im Auftrag des Großherzogs und in An⸗ weſenheit des Markgrafen Wilhelm durch einen Kommiſſarius, Staatsrat und Miniſterialdirektor Winter, in dem Bürgerſaale des Karlsruher Rathauſes verteilt, nachdem die ernannten Preisrichter über die in großer Zahl eingekommenen und auf der Beiertheimer Wieſe zur Schau aufgeſtellten Gegenſtände ihre Entſcheidung getroffen hatten. Der Saal und deſſen Tribünen waren von den anweſenden Mitgliedern des Landwirtſchaftlichen Vereins und vielen Zuſchauern gefüllt. Die Preiſe beſtanden in goldenen und ſilbernen Medaillen mit dem Bruſtbild des Großherzogs und wurden nach einer kurzen Anrede des Staatsrats Winter, welche den Zweck dieſes Vorgangs darlegte, verteilt, verſchiedenen Perſonen wurden öffentliche Belobungen zuerkannt, und alle dieſe Auszeichnungen veröffentlichte der Sekretär des Ausſchuſſes, Katz, in No. 300 der Karlsruher Zeitung. LTitteratur und Kunſt. Perſönliches. Das geiſtige Leben Karlsruhes erhielt in der Epoche von nahezu zwanzig Jahren, welche durch die Regierung der Großherzoge Karl und Ludwig ausgefüllt wird, keine beſonders hervortretenden Impulſe. Der bedeutendſte litterariſche Name, deſſen ſich die Re⸗ ſidenzſtadt zu rühmen hatte, blieb immer noch Hebel. Im Laufe der Zeit machte ſich Freiherr Joſef v. Auffenberg durch eine große Zahl dramatiſcher Werke bekannt. Vorübergehend in den Jahren 1812 bis 1816 lebte Max v. Schenkendorf in Karls⸗ ruhe, wo er in dem Hauſe des greiſen Jung⸗Stilling—„ein Bild von alter Deutſcher Art“— in welchem ſich geraume Zeit hindurch auch Frau v. Krüdener aufhielt, die liebevollſte Aufnahme fand und mit der Witwe Barkley geborenen Dittrich am 15. Dezember 1812 den Ehebund ſchloß. Kirchenrat Ewald, deſſen Schwiegerſohn 3 — 501— Major v. Kalenberg, Staatsrat Gulat v. Wellenburg, der Oberſthof—⸗ meiſter der Königin von Schweden, Freiherr v. Munk, General-⸗ lieutenant Freiherr Stockhorner v. Starein, die Familie v. Graim⸗ berg, der durch ſeinen Roman Dya-Na-Sore in der Litteratur be⸗ kannte Hauptmann v. Meyern, der Profeſſor der Mathematik La⸗ domus, der geiſtvolle hannöver'ſche Geſandte v. Reden gehörten zu dem Freundeskreiſe, in welchem ſich der Dichter mit Vorliebe bewegte. In den ſchattigen Gängen des Schloßgartens lauſchte er andächtig dem Geſang der Nachtigallen, und auf den Spaziergängen in der Umgegend von Karlsruhe erfreute ihn der Turmberg bei Durlach, der „graue, hohe Rittersmann“, der„ein Rieſe vom Hügel ins liebe grüne Thal herabſchaut“ oder das Kirchlein von Rüppurr, das er in einem ſeiner ſchönſten Gedichte beſang. Das Haus Erbprinzenſtraße 8 erhält durch eine Gedenktafel die Erinnerung daran, daß Schenken— dorf hier während des größten Teils ſeines Karlsruher Aufenthaltes wohnte. Als er am 11. Dezember 1817 in Koblenz geſtorben war, verkündigte im Namen der Witwe Hofprediger Martini in der Karls— ruher Zeitung die Trauerbotſchaft. Von 1816 bis 1819 hatte der als Schriftſteller mehr denn in ſeiner— von ihm ſelbſt allerdings ſehr hoch gehaltenen— Eigen⸗ ſchaft als Diplomat bekannte Varnhagen von Enſe ſeinen Aufenthalt in Karlsruhe und ſtand mit ſeiner geiſtvollen Gattin Rahel, die ſich nicht ganz leicht in den kleinen und etwas ſchwer— fälligen Verhältniſſen zurecht fand, im Mittelpunkte des gefelligen Verkehrs der höheren Kreiſe, dem ſie ſich bemühten, in der Art, an die ſie aus den Berliner Salons gewöhnt waren, einen geiſtreichen Anſtrich zu geben. Zu ihnen geſellte ſich Rahels Bruder Ludwig Robert, ein talentvoller Dichter, deſſen nun längſt verſchollene Werke damals vielen Beifall fanden und auch auf der Bühne eine leb⸗ hafte Anziehungskraft ausübten. Im diplomatiſchen Corps machten ſich beſonders die Söhne des ruſſiſchen Geſandten, Freiherrn v. Maltitz — namentlich der jüngere— durch ein ſchönes poetiſches Talent angenehm bemerkbar, und das gaſtliche Haus des hannöver'ſchen Geſandten v. Reden wies neben heiterer Geſelligkeit auch rege Teil— nahme an geiſtigen Intereſſen auf. In dieſen Kreis trat zu längerem Beſuche d' Alton, ein höchſt talentvoller Mann, Naturforſcher, Maler und Kunſtkenner, der im Begriffe war, eine von der preußiſchen — 502— Regierung angebotene Profeſſur der Kunſtgeſchichte an der Univerſität Bonn anzutreten. Während längerer Zeit ein Genoſſe des merk— würdigen Kreiſes, der ſich in Weimar um Goethe und Schiller, Herder und Wieland geſchart hatte, dann weit gereist, in Spanien Zeuge der das größte Aufſehen erregenden revolutionären Bewegung, ſtand er Varnhagen und Rahel beſonders durch ſeine Beziehungen zu deren Berliner Freunden Herz, Veit, Schlegel, Mendelsſohn u. a. nahe. Auch Oken, in der Nähe des jetzt badiſchen Offenburg ge— boren, ſtellte ſich ein und erſchreckte mit ſeinen radikalen Reden etwas die durch Rückſichten auf den Hof und die Regierung zur Zurück— haltung veranlaßte Geſellſchaft. Von Einheimiſchen der höheren Kreiſe näherten ſich die Frauen v. Wechmar und v. Holzing und die Oberſthofmeiſterin der Großherzogin Stephanie, Gräfin Walſch, dieſem Kreiſe. Doch fand der ſpezifiſch norddeutſche Zuſchnitt der hier gebotenen Geſelligkeit nicht gerade vielen Anklang bei dem Karlsruher Adel. Mit den Beamten- und Bürgerkreiſen hatte das geiſtreiche Gebahren der nach Karlsruhe importierten Berliner Salons ſo gut wie gar keine Berührung. In den 1820er Jahren war noch weniger als in dem vorher— gehenden Jahrzehnt von einer regen Bewegung auf geiſtigem und insbeſondere auch auf litterariſchem Gebiete die Rede. Die Rück⸗ wirkung der in den politiſchen Verhältniſſen eingetretenen Stagnation auf jedes die Linie des Hergebrachten und Altgewohnten überſchrei⸗ tende Streben machte ſich in einer die geiſtige Regſamkeit lähmenden Weiſe geltend. Bücher und Zeitungen. Zu den Buchhandlungen und Buchdruckereien der Brüder Karl Friedrich und Philipp Macklot, welche ſchon im Jahre 1808 ihr Geſchäft geteilt hatten, und Friedrich Chriſtian Müller kam im Jahre 1814 auch noch die Buchhandlung von Gottlieb Braun, der, aus Böblingen in Württemberg ſtammend, von Heidelberg aus in Karls⸗ ruhe ein Geſchäft errichtet hatte und nach Karl Friedrich Macklots Tode im Jahre 1815 deſſen Druck- und Verlagsrecht erwarb. Da⸗ neben beſtanden, jedoch ohne Druckerei, das Antiquariat und die Leihbibliothek von David Raphael Marx, dem 1816 auch das Pri— vileg für Verlag und Sortiment verliehen wurde, und die Buch— — 503— handlung von Müller und Gräff, mit welcher ebenfalls eine Leih⸗ und Leſebibliothek verbunden war. Im Jahre 1827 wurde von dem Antiquar J. Bühler eine weitere Leihbibliothek eröffnet, in der man ſich für das ganze Jahr um 5 fl. 30 kr., für einen Monat um 30 kr. abonnieren konnte. Derſelbe Bühler gründete 1828 auch eine Auktionsanſtalt für Bücher und Kunſtſachen. Von öffentlichen Blättern enthielt das bei K. Fr. Macklot und ſpäter bei G. Braun erſcheinende Regierungsblatt die für das ganze Land beſtimmten Geſetze und Verordnungen, während die Anord— nungen der Behörden, ſoweit ſie einen lokalen Karakter hatten, nebſt den geſchäftlichen Anzeigen aller Art nach wie vor in dem von Fr. Chr. Müller verlegten„Intelligenz- und Wochenblatt“ erſchienen, das bis 1812 und dann wieder von 1820 ab ſelbſtändig ausgegeben wurde, von 1812 bis 1819 aber mit dem unter verſchiedenen Titeln auftretenden Provinzialanzeigeblatt verbunden war. Seit 1817 nahm die im Verlag von Ph. Macklot erſcheinende„Staatszeitung“ wieder den alten Namen„Karlsruher Zeitung“ an, ohne daß mit ihr eine weſentliche Veränderung vorgegangen wäre. Im Jahre 1825 kündigte die G. Braun'ſche Buchhandlung das Erſcheinen einer Zeitſchrift an, welche unter dem Titel„Badiſches Archiv zur Beförderung allſeitiger Vaterlandskunde der Vergangenheit und Gegenwart“ Dr. F. J. Mone, ord. Profeſſor der Geſchichte und Statiſtik der Univerſität Heidelberg, herausgab, nachdem ihm zu dieſem Behufe der Großherzog die Staatsarchive eröffnet hatte, und da auch mehrere Städte die Benutzung ihrer Urkunden geſtatteten, und„gelehrte und eifrige Vaterlandskenner“ ihm ihre Mitwirkung zuſagten. Die„Karlsruher Zeitung“ erſchien bis zum Jahre 1819 ohne Angabe des Verlegers und Redakteurs, vom 1. Januar 1820 bis zum 24. März 1822 ſtehen am Schluſſe jeder Nummer die Namen des Verlegers und Druckers Phil. Macklot und des Redakteurs E. A. Lamey. Von dieſem Tage an, dem Todestage des groß— herzoglichen Rates Lamey, zeichnet weder Redakteur noch Verleger, bis am 3. September 1822 nicht nur wieder der Name des Ver— legers, ſondern auch jener eines neuen Redakteurs, A. Gebauer er— ſcheint, jedoch nur, um ſchon am 30. September abermals zu ver⸗ ſchwinden. Ein etwas lebhafterer Ton, welchen dieſer Publiziſt in — 504— dem Regierungsorgan angeſchlagen hatte, wurde, wie es ſcheint, von den maßgebenden Perſonen nicht gebilligt. An der Spitze der Nummer vom 15. Oktober 1822 mußte das Blatt melden, daß„die groß— herzoglich badiſche Regierung der Redaktion ihr Mißfallen über den Inhalt und grellen Ton mehrerer ſeit einiger Zeit erſchienenen Artikel zu erkennen gegeben“ habe. Vom 2. Januar bis 30. Juni 1823 zeichnet am Schluſſe des redaktionellen Teiles vor den Witterungs— nachrichten und Inſeraten Dr. Wolter, und vom 1. Auguſt 1823 bis zum 7. Mai 1824 A. Wichmann als Redakteur. Von da an erſcheint der Name eines Redakteurs überhaupt nicht wieder. Vom 1. Januar 1830 an wird jede Nummer der Karlsruher Zeitung durch die Rubrik„Badiſcher Geſchichtskalender“ eröffnet, welche kurze Notizen aus der Geſchichte des fürſtlichen Hauſes und des badiſchen Landes enthält. Die Karlsruher Staatszeitung enthielt ſich faſt ausnahmslos jedes eigenen Urteils über die Welthändel, insbeſondere aber über die Vorgänge im Großherzogtum. Nur Hof- und Staatsaktionen wurden in großer Ausführlichkeit mitgeteilt, und dadurch iſt das Blatt eine der wichtigſten Quellen der Lokalgeſchichte Karlsruhes. Aus den übrigen Landesteilen erſcheinen nur ſpärliche Nachrichten in ihren Spalten und auch dieſe beziehen ſich meiſt nur auf Feſtlichkeiten, fürſtliche Reiſen, Truppenübungen und Elementarereigniſſe. Im Ausland hatte das amtliche Blatt keine eigenen Korreſpondenten, ſondern entnahm die Nachrichten, die es ſeinen Leſern mitteilte, den fremden Zeitungen, von denen die Redaktion eine ziemlich erhebliche Anzahl bezog. Es iſt dieſes aus einer Einladung erſichtlich, welche im Jahre 1812 das Komptoir der Staatszeitung erließ, Zeitungen am Tag nach deren Ankunft für die Hälfte des Preiſes käuflich zu erwerben. Es waren Zeitungen aus Frankreich, Holland, Nord— deutſchland, Bayern, Württemberg, Sſterreich, der Schweiz und Italien, die dem leſenden Publikum angeboten wurden. In dem„Karlsruher Intelligenz- und Wochenblatte“, das wöchentlich dreimal erſchien, wurde die recht anſehnliche Zahl der Anzeigen unter verſchiedene Rubriken verteilt. Nach den amtlichen Bekanntmachungen folgten Kaufanträge, Pachtanträge und Verleih— ungen, Kommerzialanzeigen, Dienſtanträge. Die Auszüge aus den Kirchenbüchern wurden in der Karlsruher Zeitung veröffentlicht. Da— — 505 gegen die Liſte der in Karlsruhe angekommenen Fremden, ſeit 1816 nach den Gaſthöfen, in denen ſie abſtiegen, angeordnet, konnte man nur im Intelligenz- und Wochenblatte leſen. Vom 1. Januar 1819 an erſchien das Anzeigeblatt für den Kinzig⸗, Murg⸗, Pfinz⸗ und Enzkreis von dem Karlsruher Intelligenz—⸗ und Wochenblatt, mit welchem es ſeit vielen Jahren verbunden war, getrennt. Das Anzeigeblatt wurde alle Mittwoch und Samstag, das Intelligenz- und Wochenblatt jeden Donnerstag und Sonntag aus⸗ gegeben. Die Hälfte des Inhalts dieſes letzteren war„der angenehm unterhaltenden und belehrenden Lektüre“ gewidmet, die andere Hälfte gab„die Karlsruher Lokalbekanntmachungen, welche jedem Einwohner der Reſidenz zu kennen größtenteils unentbehrlich ſind“. Durch dieſe Einrichtung ſollte„das verehrliche Publikum, neben dem trockenen Inhalt der nötigen Avertiſſements, eine unterhaltende Lektüre, welche in den jetzigen friedlichen Zeiten, wo die politiſchen Neuigkeiten nicht mehr das vormalige Intereſſe haben, willkommen ſein wird“, erhalten. Aber ſchon im Juli 1819 verfügte das Miniſterium des Innern, daß vom 1. Januar 1820 an„das Intelligenz- und Wochenblatt nur das abſolut Nötige der Bekanntmachungen, ohne Beigebung von unterhaltenden und dergleichen Aufſätzen enthalten ſolle, wodurch die Bogenzahl und folglich auch der Abonnementspreis vermindert wird“. Es ſcheint aber, daß das Publikum damit doch nicht zufrieden war. Denn vom 9. März an erſcheinen im Intelligenz- und Wochenblatt wieder— obwohl jede Nummer nur einen halben Bogen ſtark war— belehrende Aufſätze, Anekdoten, Rätſel, Charaden u. dergl., jedoch nur dann, wenn die Anzeigen den Raum des Blattes nicht ausfüllten. Man kam aber davon bald wieder zurück, und erſt vom Jahre 1825 an erſcheinen derartige Mitteilungen von neuem unter der bezeich— nenden Überſchrift„Lückenbüßer“. Im Dezember 1827 entſchloß ſich der Verleger Müller, ein unterhaltendes Beiblatt zu dem Intelligenz- und Wochenblatt herauszugeben, welches jeden Sonntag erſcheinen und neben den Aufſätzen auch Abbildungen enthalten ſollte. Die Abon— nenten des Wochenblattes erhielten dieſes Beiblatt, welches den Titel „Karlsruher Unterhaltungsblatt“ führte, gratis, nur wenn eine Zeichnung hinzukam, waren 4 kr. zu vergüten. Da die Zeichnungen bald in keiner Nummer fehlten, wurde der Zuſchlag von 4 kr. für die, welche das Unterhaltungsblatt beziehen wollten, zur Regel. Wer — 506— nicht auf das Wochenblatt abonniert war, zahlte für jede Nummer 6 kr. Für das ganze Jahr betrug demnach das Abonnement für dieſe 5 fl. 12 kr. Wer es ohne Abonnement in Bandform kaufte, mußte 7 fl. 48 kr. bezahlen. Im Dezember 1827 wurden Probe— nummern ausgegeben, welche vielen Beifall fanden, das Abonnement begann mit Beginn des Jahres 1828. Der Proſpekt ſprach ſich über dieſes Blatt folgendermaßen aus: „Ein ähnliches, wie dieſes unſer Unternehmen, wodurch man für die Jugend regelmäßig die intereſſanteſten Zeichnungen, ſowie zugleich für ältere Perſonen die unterhaltendſten Aufſätze erhält, exiſtiert noch nirgends, und wer ſich von den Herren Abonnenten des Wochenblattes jetzt gleich bei Anfang hierauf abonniert, ſieht ſich nach wenig Jahren für eine unbedeutende Ausgabe, wöchentlich höchſtens 4 kr., im Beſitze eines Bilderwerkes, das alsdann, wegen der Fortſetzungen im Preiſe erhöht, ſchon Louisd'or koſtet und nicht wie viele der Zeitſchriften ſpäterhin ſeinen Wert verliert.“ Wenn der Verlagsbuchhandel auch keinen bedeutenden Auf— ſchwung nahm, ſo erſchienen doch Jahr um Jahr in Karlsruhe Werke meiſt inländiſcher Verfaſſer, die ſich einer weiten Verbreitung erfreuten. So z. B. Böckmanns Verſuche über die Wärmeleitung verſchiedener Körper, Frh. v. Fahnenbergs Magazin für die Handlung, Handels— geſetzgebung und Finanzverwaltung Frankreichs und der Bundes— ſtaaten, Teufels Magazin für theoretiſche und praktiſche Thierheil— kunde, Frh. v. Drais' biographiſche Werke über Karl Friedrich, Frh. v. Hacke's Bearbeitung der Maximen von La Rochefoucault, A. v. Maltitz' Poetiſche Verſuche, Franz v. Maltitz' Bearbeitung des Schiller'ſchen Demetrius, Schreiber's Badiſche Geſchichte, Bähr's Ge— ſchichte der Römiſchen Litteratur, Kolb's Topographiſches Lexikon des Großherzogtums Baden u. a. 1820 erlebten Hebel's Gedichte die fünfte Auflage und 1829 nach des Dichters Tode bereitete die Mäller'ſche Hofbuchhandlung eine Ausgabe ſeiner ſämtlichen Werke vor. Eine hiſtoriſche Karte von Baden mit einer ſtatiſtiſchen Tabelle ver— öffentlichte 1820 A. J. V. Heuniſch. Verſchiedene Stadtpläne gaben von der allmählichen Entwickelung der Reſidenzſtadt Kunde. Im Jahre 1820 bildete ſich auch eine badiſche Bibelgeſellſchaft unter dem Vorſitz des Kirchenrats Ewald, der einen aus den angeſehenſten Perſönlichkeiten zuſammengeſetzten Centralausſchuß um ſich verſammelte. Seit 1818 erſchien der„Rheinländiſche Haus⸗ freund“ wieder unter Hebel's Leitung. Bureaukalender in Plakat⸗ 350 form, geziert mit Anſichten von öffentlichen Gebäuden der Stadt Karlsruhe und ihrer Umgebung, gehörten zu den Verlagsartikeln von Fr. Chr. Müller, bei dem von 1823 an auch ein ſogenannter Bijoux⸗Almanach, 1,8 em hoch, 1,3 em breit erſchien, der mit Vig— netten und Miniaturportraits geziert war. Der Jahrgang 1826 brachte in dieſem Liliputformat einen Stadtplan von Karlsruhe, auf dem man nur mit Hilfe der Lupe die Straßenzüge genau zu erkennen vermag— eine Spielerei, die aber doch viel Anklang und in Eng— land ſogar Nachahmung fand. Die Müller'ſche Hofbuchhandlung begründete auch ſchon im Spätjahr 1814 ein„Bureau der deutſchen Claſſiker“, aus dem nach und nach eine Sammlung der vorzüglichſten Werke verſtorbener deutſcher Claſſiker in einer langen Reihe von Bänden hervorging. Ein der Karlsruher Zeitung von 1817 bei— gegebener Proſpekt, der über das Unternehmen ausführliche Rechen— ſchaft giebt, und eine Anzeige in Nr. 350 der Karlsruher Zeitung vom 19. Dezember 1817 führen gleichzeitig die Verteidigung gegen die Angriffe, welche dieſes als Nachdruck bekämpften. Im Jahre 1815 zum erſtenmal wurde ein Häuſer- und Ein- wohnerverzeichnis unter dem Titel„Wegweiſer für die Reſidenzſtadt Karlsruhe“ veröffentlicht, von dem alle 2—3 Jahre eine neue Be— arbeitung erſchien. Zwei periodiſche Unteruehmungen„Rheiniſche Erholungsblätter“ und„Oberdeutſcher Anzeiger“, deren Proſpekte in den Jahren 1822 und 1823 Hofrat Gebauer veröffentlichte, ſcheinen nicht den er— warteten Anklang gefunden zu haben, entweder aus Mangel an Subſkribenten gar nie erſchienen oder bald nach ihrer Begründung wieder von dem litterariſchen Schauplatz verſchwunden zu ſein. Auch eine Muſikalienhandlung, mit einer Leihbbibliothek verbunden, wurde ſchon 1812 im Hauſe des Hofbuchbinders Zeuner von Fr. Danzi und Jeckel eröffnet. Und 1819 übertrug Hans Georg Nägeli aus Zürich die Spedition für ſeine in der Schweiz ſchon beſtehende und nunmehr auch im Großherzogtum auszubreitende Muſikaliſche Leihbibliothek für Karlsruhe und Umgegend der Firma Joſ. v. Salvini. 1822 eröffnete auch Joh. Velten ein Abonnement auf Muſikalien, es betrug jährlich 8 fl., halbjährlich 5 fl. 24 kr., vierteljährlich 4 und monatlich 1 fl. Wie ſehr der allerdings recht beſcheidene Karlsruher muſikaliſche — 508— Verlag ſich in Fühlung mit aktuellen Vorgängen hielt, beweiſen u. a. die Titel von 6„charakteriſtiſchen“ Walzern, welche— von Franz Picquet dem Fräulein Amalie Wenz gewidnet— im März 1824 in der K. Wagner'ſchen Steindruckerei erſchienen und um 24 kr. zu kaufen waren. Da finden wir den„fröhlichen Badener, den ba⸗ diſchen Militärwalzer, die neue Waſſerleitung, den gebildeten Iſraeliten, den Winzer und den Dürrheimer Salzbohrer“. Bildende Runſt. Eine zielbewußte und ſyſtematiſche Pflege der bildenden Kunſt kann man in dieſen Jahren in Karlsruhe noch nicht verzeichnen. Auch der Geſchmack des großen Publikums ſcheint keineswegs ein ſehr ge— läuterter geweſen zu ſein. Als im Jahre 1819 der Maler König aus Bern ſeine Transparentgemälde(Diaphanoramen) vorzeigte, wurden dieſe in einem Zeitungsbericht mit den„Verſuchen mehrerer der ver— dienſtvollſten beſonders niederländiſchen Künſtler, Landſchaften mit dem Sonnen- oder Mondlicht, oder Effektſtücke mit Feuerlicht zu beleuch— ten“ in eine Parallele geſtellt, welche zu Gunſten des Herrn König ausfiel. Von ſeinen Produktionen heißt es in etwas dunkler Rede, daß ſie„auf dem Punkte ſtehen, wo die Kunſt endigt und jenſeits der Linie die Wahrheit beginnt“. Auch die Beſchreibung eines Hi— ſtoriengemäldes, das„ein talentvoller, vaterländiſcher Künſtler“, Herr Bär(Sohn des Medicinalrats Bär in Durlach), im Jahre 1820 im Muſeum ausſtellte, läßt nicht auf beſonderes Kunſtverſtändnis des Referenten ſchließen. Das gleiche gilt von der Berichterſtattung über Portraits eines von Meiſenbach bei Meersburg ſtammenden Malers Anton Geßler, eines Schülers von Marie Ellenrieder, die im Jahre 1822 ausgeſtellt waren. Hier erſchien dem Kunſtſchreiber das In— tereſſanteſte, daß dem einarmigen Künſtler gelungen war,„an ſeiner Staffelei eine mechaniſche Vorrichtung anbringen zu laſſen, die ihm dasjenige leiſtete, was ſonſt die linke Hand beim Malen zu verrichten hat“. Ein bedenkliches Licht auf den Kunſtgeſchmack der damaligen Karlsruher wirft auch die Ankündigung des Malers D'Aprix, der in der neuen Waldgaſſe bei Handelsmann Giani eine Treppe hoch und ſpäter im Goldenen Anker wohnte, und ſich den Perſonen, die von ihm in Portrait gemalt zu ſein wünſchten, empfahl, da er ſchon„ſehr viele Portraits mit ausgezeichneter Ahnlichkeit der Per⸗ 590 ſonen gefertigt“ habe,„man nur eine halbe Stunde zum Gemälde ſitzen“ dürfe„und noch denſelben Tag die Arbeit fertig“ erhalte. Das Tuch, worauf er malte, war— wie er in einer andern Anzeige mitteilt—„nicht geleimt, ſondern auf beiden Seiten durchgehends mit Ol grundirt, ſo daß dasſelbe, wenn es eine Zeitlang ins Waſſer gelegt werden wollte, unbeſchädigt bleiben wird“. Für größere Ge⸗ mälde berechnete D'Aprix einen Preis von 2½ Karolin(27 fl. 30 kr.— etwa 47 Mark), wenn aber ein Gemälde nicht über/ Ellen hoch war, nur 2 Karolin. Der Preis ſeiner Paſtellportraits war auf 1 Karolin angeſetzt. Dieſer Mann war ſehr vielſeitig. Er hatte u. a. einen Ofen erfunden, der„mit zwei Händen voll Holz ein großes Zimmer heizte und zugleich zum Kochen, Dämpfen, Bra⸗ ten, Backen und Obſtdörren eingerichtet“ war. Die Beſchreibung dieſer merkwürdigen Maſchine ſteht im Intelligenz- und Wochenblatt vom 5. Juni 1816. Immerhin wurden die Karlsruher Kirchen und die Gemäldegalerie in dieſen Jahren durch einige Werke einheimiſcher Künſtler von blei— bendem Werte geſchmückt und bereichert. Von der Konſtanzerin Marie Ellenrieder wurde 1823 im Saale des Kunſt- und Induſtrie⸗ vereins ein dem Staatsminiſter Frh. v. Berſtett gehöriges Bild dieſer Künſtlerin, in Rom gemalt, eine Heilige, in einem Buche leſend, ausgeſtellt, und machte großes Aufſehen. Von ihr ſtammt das 1827 gemalte Altarbild der katholiſchen Pfarrkirche, die Steinigung des heiligen Stephanus, koloſſal, mit einer großen Zahl von Figuren, nach Pecht's Urteil„eine edle und ausdrucksvolle Kompoſition“. Auch der ſchon früher erwähnte Feodor Iwanow war noch in dieſer Zeit vielfach mit Aufträgen betraut. In der evangeliſchen Stadt⸗ kirche befindet ſich eine größere Zahl von Bildern nach ſeinen Ent⸗ würfen, teils von ihm ſelbſt, teils von Zoll und Koopmann aus— geführt, Darſtellungen aus dem Leben Chriſti an den Seitengalerien und die vier Evangeliſten grau in grau. Im Kupferſtichkabinet ſind zahlreiche Handzeichnungen von ihm, religiöſen, klaſſiſchen und alle— goriſchen Inhalts. Den Galeriedirektor Becker, der am 13. Auguſt 1829 ſtarb, erſetzte Karl Kuntz, der ſich namentlich als Tiermaler hervorthat, die Leitung der Galerie aber nur ein Jahr lang inne hatte, da er ſchon am 8. September 1830 ſtarb. In der Galerie wie im Privatbeſitz befindet ſich in Karlsruhe eine Anzahl ſeiner — 510— Arbeiten, welche zu ihrer Zeit ſehr hochgeſchätzt waren. Auch von dem in Karlsruhe geborenen Bildhauer Johann Chriſtian Lotſch, der den größten Teil ſeines Lebens in Rom zubrachte, beſitzt die katholiſche Pfarrkirche zwei bald nach 1818 entſtandene Reliefs zu beiden Seiten des Hochaltars. Karl Ludwig Frommel, ein Schüler von Becker und Haldenwang, wurde nach längerem Aufenthalt in Italien als Hofmaler in Karlsruhe anſäſſig. Er war als Maler, Radierer und Kupferſtecher überaus thätig. Im Jahre 1825, von einer Reiſe nach Paris und London zurückgekehrt, gründete er in Karlsruhe eine Schule, namentlich für Stahlſtecher, aus der viele Schüler hervorgingen, von denen ſein Neffe, Karl Lindemann, den er 1830 adoptierte, ſich am rühmlichſten bekannt machte. Als ſehr namhaft galten die von Haldenwang in Kupferſtich reproduzierten Kunſtwerke, von denen beſonders die Tageszeiten nach Claude Lorrain ſich allgemeinen Beifalls erfreuten. Von Reproduk— tionen auf lithographiſchem Wege wurde namentlich die Vervielfältigung eines im Beſitze des Hofzahlmeiſters Burckhardt befindlichen Ge— mäldes von Lukas Kranach als hervorragende Arbeit gerühmt, die ihren Platz neben Pariſer Steindrucken und Engelmann'ſchen Litho— graphien ehrenvoll behauptete. Schon 1817 hatte ſich C. F. Müller mit dem Verein der Mühlhauſer lithographiſchen Societät und durch dieſe mit allen Kupferſtichverlegern von Paris in Verbindung geſetzt und bezog ebenſo aus Uckermann's Kunſthandlung in London die dort erſcheinen— den Kupferwerke und Blätter, die er zu Originalpreiſen ſeinen Kunden zur Verfügung ſtellte. Aber auch aus ſeinem Geſchäft gingen ſehr ſorgfältig ausgeführte Steindrucke, darunter namentlich die Porträts der Mitglieder des großherzoglichen Hauſes und angeſehener Per— ſönlichkeiten der Reſidenzſtadt, hervor. Als Zeichner und Steindrucker war auch mit ſchönem Erfolg Karl Wagner thätig und die Kunſthandlung von Johann Velten veröffentlichte zahlreiche Werke des Kupferſtichs und Steindrucks, dar— unter den hiſtoriſchen Atlas von Le Sage(Graf Las Caſes), nach der franzöſiſchen Ausgabe von 1823 bearbeitet von Miniſterialrat v. Duſch, dem ſpäteren Miniſter und eine— mit kurzem hiſtoriſchem Text begleitete— Sammlung von 40 lithographierten Abbildungen der Regenten des Hauſes Baden in ganzer Figur. In einer Beſprechung der Thätigkeit des Velten'ſchen Kunſtinſtituts wird hervorgehoben, daß es im Jahre 1828 in ſeiner Buch- und Steindruckerei 30 Per⸗ ſonen beſchäftigte. In der Velten'ſchen Kunſthandlung, die— wie ein richtiger Kleinſtädter in der Karlsruher Zeitung vom 24. März 1823 klagt— „zum Unglück aller ſchwachen Beine“ am Mühlburger Thore ſich befand, waren ſtets Kunſtwerke zur Beſichtigung ausgeſtellt, und dieſes unternehmende Geſchäft veranſtaltete auch,„ẽum mit größerer Gewiß— heit die nicht unbedeutende Anzahl von Künſtlern, mit denen es in Verbindung ſtand, ununterbrochen zu beſchäftigen und auch jedem Liebhaber der Kunſt einen Weg zu eröffnen, auf die möglichſt wohl— feile Art Kunſtſachen von hohem Wert zu erhalten“, eine Verloſung von Kunſtſachen. Das waren nun allerdings nicht nur Original— gemälde(darunter Bilder von Carlo Dolee, Holbein, Hans Schäufelein, Lukas Kranach u. a.), Kopien, Kupferſtiche und Lithographien, ſondern auch flügel- und tafelförmige Fortepianos und Muſikalien. Dieſe Verloſung wurde 1823 vom Staatsminiſterium genehmigt. Das Los koſtete 6 fl., auf 12000 Loſe ſollten 4000 Gewinnſte fallen, jeder Intereſſent aber ferner„aus des Unternehmers Verlagsartikeln für ſeine Einlage gleich zu Handen den Wert in Kunſtſachen nach beliebiger Auswahl im allgemeinen Ladenpreis“ erhalten. Der Pro— ſpekt mit den Velten'ſchen Verlagsartikeln wurde der Karlsruher Zeitung im Jahre 1824 beigelegt. Der Abſatz der Loſe ging jedoch nur langſam vonſtatten, ſo daß Velten ſich entſchloß, die Lotterie in Klaſſen abzuteilen, von welchen die Ziehung der erſten nach einer Ankündigung vom April 1826 im November dieſes Jahres ſtatt⸗ finden ſollte. Es ſcheint aber, daß das groß angelegte Unternehmen ſchließlich doch an der ungenügenden Beteiligung des Publikums ſcheiterte, da ſich ſpäter keine weiteren Anzeigen deſſelben vorfinden. Die Überzeugung, daß„nur durch Vereinigung der Kunſtfreunde es möglich ſei, den ſchönen Genuß zu erlangen, welchen die Anſchau— ung der Werke bildender Künſte uns gewähren“, veranlaßte im Jahre 1818 die Bildung eines Kunſtvereins, der zunächſt nur aus Mitgliedern der Muſeumsgeſellſchaft ſich zuſammenſetzte und dem— gemäß auch ſeine Ausſtellungen im Muſeum veranſtaltete. Nachdem unter Vortritt der Markgrafen Leopold und Wilhelm ſich 48 Muſeums— mitglieder zum Beitritt verpflichtet hatten, fand am 2. Februar 1818 deren erſte Verſammlung ſtatt, wobei die Herren Haldenwang, Kuntz und Frommel zu permanenten Mitgliedern der Kommiſſion erwählt wurden, welche alsbald mit den Herrn H. Vierordt, Frh. v. Fahnen⸗ berg, Rat Keller und A. Kloſe zur Beratung von Satzungen zu— ſammentraten. Geh. Legationsrat Friedrich verfaßte eine auf die Gründung des Vereins bezügliche Anzeige. In einer zweiten Ver⸗ ſammlung wurden die Satzungen genehmigt und 4 Kunſtfreunde— Frh. v. Gayling, A. Kloſe, Aſſeſſor Hauer und Sekretär Ziegler— gewählt, die mit den oben genannten 3 Künſtlern den Vorſtand des Kunſtvereins bildeten. Im Jahre 1820 ſah man ſich, um dem Verein eine ausgedehn— tere Wirkſamkeit zu verſchaffen, veranlaßt, ſeine Zwecke zu erweitern und ihn in einen„Kunſt- und Induſtrieverein“ umzwandeln. Unter dieſem Namen wurde die neugebildte Geſellſchaft am 27. De— zember 1820 vom Großherzog beſtätigt. Mit dem Beginne des Jahres 1821 eröffnete er ſeine Wirkſamkeit. Den bisherigen Vor⸗ ſtandsmitgliedern traten zwei Kaufleute, Griesbach und v. Salvini, bei, den Sekretär Ziegler erſetzte Oberreviſor Bauer. Der Jahresbeitrag eines Mitgliedes betrug 5 fl. 30 kr. Als eine der Hauptgrundlagen wurde in das Statut dieſes Vereins die Veranſtaltung öffentlicher Aus— ſtellungen von Gegenſtänden der ſchönen Künſte und von Erzeugniſſen vaterländiſcher Induſtrie aufgenommen, die in der Regel im Monat Juni ſtattfinden ſollten. Ausnahmsweiſe wurde die erſte Ausſtellung im Auguſt 1821 im Muſeumsgebäude veranſtaltet. Es wurden zwei Aufnahmekommiſſionen gebildet, denen für die Kunſtgegenſtände Galeriedirektor Becker, Hofmaler Kunz und Hofkupferſtecher Halden⸗ wang, für die Erzeugniſſe des Gewerbefleißes die Handelsleute Gries—⸗ bach, v. Salvini und A. Kloſe angehörten. Die zweite Ausſtellung wurde in dem gleichen Lokale am 8. Mai 1823 eröffnet. Von beiden Veranſtaltungen wiſſen die kurzen Zei⸗ tungsnotizen, die ſich mit ihnen beſchäftigen, zu rühmen, daß ſie „manches Vorzügliche in Kunſtſachen und mehreres Beifallswürdige im Induſtriefache“ aufzuweiſen hatten, und als beſonders wichtiges Ergebnis dieſer Ausſtellungen wird hervorgehoben, daß ſie geeignet ſeien,„das badiſche Publikum zu überzeugen, wie manches im Vater⸗ lande erzeugt wird, das man gewöhnlich nur vom Auslande erhalten zu können glaubt“. — 513— Werke der bildenden Kunſt waren von In⸗ und Ausländern willkommen, von Induſtrieprodukten wurden dagegen nur badiſche zu⸗ gelaſſen. Für beide Abteilungen wurden vom Großherzog und vom Vereinsvorſtand Medaillen und Preiſe ausgeſetzt. Das Handelshaus Jof. v. Salvini u. Co. beſorgte die Spedition der Ausſtellungs⸗ objekte, von welchen eine größere Anzahl teils angekauft, teils ver⸗ lost wurde. Aus den Katalogen der in den Jahren 1825, 1827 und 1829 ſtattgefundenen Ausſtellungen und den in der Karlsruher Zeitung veröffentlichten Berichten erſehen wir, daß von Künſtlern, die ſchon damals ſich einen guten Namen gemacht hatten oder ſpäter als her⸗ vorragend anerkannt wurden, ſich an den Ausſtellungen beteiligten die Maler Zoll, Frommel, Ernſt Fries, Moosbrugger, Tiſchbein, Roux, die beiden Kunz, Neureuther, Heinlein, Wagenbauer, Ditten— berger, Kirner, die Malerinnen Ellenrieder und Reinhard(die ſich ſchon 1820 durch eine Folge radierter Blätter nach Hebels alemanniſchen Gedichten vorteilhaft bekannt gemacht hatte), der Bildhauer Rauffer u. a. Unter den Handzeichnungen werden die feinen Arbeiten von Longhi und Architekturbilder von Weinbrenner und ſeinen Schülern Berckmüller, Hübſch und Eiſenlohr hervorgehoben, die Glasgemälde von Helmle finden rühmende Erwähnung, Kupferſtiche und Holzſchnitte waren in großer Zahl ausgeſtellt. Auch verſchiedene Dilettanten beteiligten ſich an der Ausſtellung, darunter Kreisrat v. Stockhorn und ein Frh. v. Roeder. Unter den Werken der Plaſtik erſcheinen auch Proben von Steinſchnitten, eine Pyramide aus Eiſen und eine Holzform für Marzipan. Von Induſtriegegenſtänden war die Textilinduſtrie am aus⸗ giebigſten vertreten. Theater und Ronzerte. Die Leitung des großherzoglichen Hoftheaters war im Februar 1812 von dem Generalmajor Karl v. Stockhorn auf den Kammerherrn und Ceremonienmeiſter Freiherrn v. Ende übergegangen, welchem zunächſt 1816 der Kammerherr Chevalier Du Bois de Greſſe, ſodann 1819 der Kammerherr Freiherr Karl Gayling v. Altheim folgte, bis 1821 an Stelle des Intendanten ein Comits trat, deſſen Mitglieder Rat Keller, Kapellmeiſter Danzi und Regiſſeur Karl 33 — 514— Meyer waren. Im Jahre 1823 wurde der Lieutenant in der Garde du Corps Freiherr v. Auffenberg zum Kammerherrn und Hoftheater⸗ intendanten ernannt. Die Thätigkeit der Karlsruher Hoftheaterintendanz unterſchied ſich wohl weder im Guten noch im Schlimmen weſentlich von der Art und Weiſe, wie die Bühnen damals durchſchnittlich geleitet wurden. Es war viel Abwechſelung im Repertoire, das heitere Genre überwog und pädagogiſche Experimente, wie ſie eine ſpätere Zeit liebte, blieben den Erwägungen der Theaterleitung fern. Aber man erwies den Klaſſikern die ſchuldige Ehrfurcht und gab auch modernen, insbeſondere einheimiſchen Talenten Gelegenheit, ihre Werke die Feuerprobe auf den die Welt bedeutenden Brettern beſtehen zu laſſen. Das Publikum war nicht all zu anſpruchsvoll, beſaß eine unbe— fangene Genußfähigkeit, ſtand zu den beliebten Bühnenmitgliedern in einem ſehr ſympathiſchen Verhältnis, das ſich nicht ſelten zu be— geiſterter Bewunderung ſteigerte, und wurde durch keine nörgelnde Kritik voreingenommen oder beeinflußt, weil in der Regel Theater— berichte überhaupt fehlten. Als der Litterat Nehrlich ein Blatt „Die Jahreszeiten“ gründen und in dieſem auch regelmäßige Be⸗ ſprechungen der Theatervorſtellungen veröffentlichen wollte, wurde ihm dieſes Vorhaben auf höhere Weiſung ſtreng unterſagt. Im Schauſpiel erſchienen auf dem Repertoire die meiſten der auch anderswo in dieſen Jahren aufgeführten Stücke der deutſchen klaſſiſchen Autoren Schiller, Goethe, Leſſing; von Schiller u. a. auch Phaedra, von Goethe Mahomet und Tankred. Daß man bei Dar⸗ ſtellung der„Jungfrau von Orleans“ ſchon um ½6 Uhr begann, läßt darauf ſchließen, daß das Drama ohne erhebliche Striche gegeben wurde. Die Wallenſteintrilogie wurde wiederholt im Verlaufe weniger Tage(ſo z. B. am 3., 6. und 10. Auguſt, am 30. Auguſt, 1. und 3. September 1819) aufgeführt. Am 13. März 1822 wurde zur fünfzigjährigen Jubelfeier der„Emilia Galotti“ vor Beginn des Stücks ein Prolog zu Ehren Leſſings geſprochen. Von anderen dramatiſchen Autoren finden wir im Repertoire Körner, Collin, Zſchokke, Kleiſt, Babo, Conteſſa, Holbein, den Grafen Soden, Johanna v. Weiſſenthurn, Klingmann, Steigenteſch, Ohlen⸗ ſchläger und Weſt, am meiſten Iffland und Kotzebue vertreten. Das — 515— Anſehen, in welchem Iffland ſtand, zeigt ſich u. a. darin, daß zu ſeinem Andenken am 16. Oktober 1814 eine Totenfeier durch Auf⸗ führung einer dramatiſchen Nänie von Legationsrat Friedrich, an welche ſich das Schauſpiel„Eliſe Valberg“ anſchloß, veranſtaltet wurde. Auch die Namen Schröder und Jünger fehlten nicht auf den Theaterzetteln, ſpäter erſchienen Deinhardſtein, Müllner und Grillparzer, Rauppach, Ziegler und Alexander Wolf. Von einhei⸗ miſchen oder vorübergehend in Karlsruhe ſich aufhaltenden Dichtern führte man dramatiſche Arbeiten Ludwig Roberts, v. Gemmingens, v. Auffenbergs, Römers auf. Aus fremden Sprachen erſchienen Bearbeitungen einzelner Werke von Shakespeare, Calderon, Sheridan, auch Oedipus zu Colonos, mit Muſik von Sachini, nach dem Fran— zöſiſchen von Herklodts. Daß Kotzebues dominierende Stellung ver⸗ hältnismäßig frühzeitig erſchüttert war, ergibt ſich daraus, daß ſchon im März 1813 eine Parodie der„Huſſiten von Naumburg“ unter dem Titel:„Herodes von Betlehem oder der Triumphierende Viertels— meiſter, Schau-, Trauer- und Thränenſpiel in 3 Aufzügen“ über die Bretter ging. Nachdem es ſelbſt Goethe nicht gelungen war, den „Hund des Aubry“ von der weimar'ſchen Hofbühne fern zu halten, kann es nicht Wunder nehmen, daß dieſes Stück auch in Karlsruhe zur Aufführung gelangte, ebenſowenig daß das Publikum an Ge⸗ ſchmackloſigkeiten Gefallen fand, wie z. B. an der„Zauberpantomime in 8 Akten mit Muſik, Maſchinerie, Feuerwerk und Tänzen: die Fee Amandalindaſuwandazivalilottidara oder Harlekins Abenteuer vor und nach ſeinem Tode“ von Cäſar Heigel oder an einem Faſtnachts⸗ ſtück, welches nicht weniger als vier Titel hatte:„Roderich und Kuni— gunde oder Der Eremit vom Berge Prazzo oder Die Windmühle auf der Weſtſeite oder Die lange verfolgte und zuletzt doch trium— phierende Unſchuld, dramatiſcher Gallimathias, als Parodie aller Ret⸗ tungsſtücke und aller gewöhnlichen Theatercoups in 2 Akten, nebſt einem Prolog mit Muſikbegleitung von Caſtelli“. Daß die Wiener Poſſen von Evakatel und Schnudi, von dem berühmten Parapluie⸗ macher Staberl und der Familie Pumpernickel nicht fehlten, verſteht ſich von ſelbſt. In der Oper waren neben Gluck, Mozart und Beethoven von Deutſchen Paer, Weigl, Süßmayer, Gyrowetz, Schenk, Winter, Wenzel, Müller, Dittersdorf, in den ſpäteren Jahren auch Kreutzer, Weber und 33˙* — 516— Spohr, von Franzoſen Mehul, d'Allayrac, Gretry, Iſouard, Boiel— dien und Auber, von Italienern Paeſiello, Cimaroſa, Salieri, Cheru— bini, Nicolini, Spontini und Roſſini mit ihren namhafteſten Werken vertreten. Von einheimiſchen Kompoſiteuren erſchienen Opern von Brandl, Ritter, Danzi und Fesca auf dem Repertoire. Auch dem Ballet wurde einige Sorgfalt zugewendet, obwohl die Mittel fehlten, in dieſem Kunſtzweig die Darbietungen über die Mittelmäßigkeit zu erheben. Groteske Späſſe und equilibriſtiſche Kunſtſtücke gefielen einem großen Teil des Publikums beſonders gut, auch Fechtübungen wurden zuweilen auf der Bühne angeſtellt. Daß man die Ausſtattung nicht vernachläſſigte, ergibt ſich aus einer Ankündigung, wonach zur Aufführung der„Zauberflöte“ neue Dekorationen,„nach den von Chevalier, Denon und anderen Rei— ſenden über Egypten herausgegebenen Werken entworfen“, angefertigt wurden. Auch Curioſa ſind zu verzeichnen, wie z. B. die Aufführung des romantiſchen Schauſpiels„Ahasverus der nie ruhende, mit Muſik von Mozart aus deſſen Werken gezogen von Seyfried“ oder die „Vorſtellung des berühmten Mimikers und Stimmtäuſchungskünſtlers Herrn Alexander, Mitglieds des Theaters J. K. H. Madame, Her⸗ zogin von Berry“, der in zwei Luſtſpielen Les Ruses de Niclas“ und„La Coche d'Auxerre“ im Auguſt 1829 ſämtliche Rollen allein ſpielte. Unter den Mitgliedern des Hoftheaters ragten aus der Mitte der meiſtens recht tüchtigen Künſtler einige hervor, welche auch an größeren Bühnen zu den ausgezeichnetſten ihres Faches gerechnet worden wären. Allerdings nur kurze Zeit gehörte Eßlair zu dieſer auserleſenen Schaar, ein Heldenſpieler, deſſen hinreißendes Talent ſpäter die Münchener Theaterfreunde entzückte und mit deſſen Namen auch für nachkommende Generationen durch die Erzählungen der Eltern ſich der Begriff kaum je wieder erreichter Leiſtungen verband. Den Komiker Labes ſchätzten die Freunde ächten Humors und natur⸗ wüchſiger Heiterkeit, Demmer war ein denkender Darſteller von Cha⸗ rakterrollen und erwarb ſich vielen Beifall im Fach der Intriganten, ſeine Schweſter Auguſte nötigte, zu früh für die Verehrer ihres Ta⸗ lentes, ihre Kränklichkeit, dem Berufe, in dem ſie ſchon in den Jugend⸗ jahren Lorbeeren geerntet, zu entſagen. Längere Wirkſamkeit war der — 517— ſehr geſchätzten Schauſpielerin Benda beſchieden. Neben ihnen finden wir Antoinette Dittenberger, Marie Grimminger, Caeſar Heigel in rühmlicher Weiſe erwähnt. Eine durch ihre höchſt ſympathiſche Per— ſönlichkeit eben ſo ſehr wie durch ihr Talent anziehende Künſtlerin, deren ſpätere Lebensſchickſale ſie den intereſſanteſten Erſcheinungen der Geſellſchaft zugeſellte— Karoline Bauer— war nur als Anfängerin auf der Karlsruher Bühne thätig. Die bedeutendſte und dabei liebens— würdigſte Begabung aber entwickelte Amalie Morſtadt, ein Karls—⸗ ruher Kind, durch Schönheit und frühe Reife ausgezeichnet, ſchon ſechszehnjährig mit dem Hofſchauſpieler Neumann, dem Vertreter des Fachs der jugendlichen Liebhaber, vermählt. Devrient nennt ihr Talent„erfindungsreich, von natürliche Wärme der Empfindung, blühendem Humor, Verſtand und Eleganz“. Im Luſtſpiel hatte ſie nicht ihresgleichen. 1823 verwittwet, ſchloß ſie 1827 einen zweiten Ehebund mit Anton Haizinger, der in der Oper ſeit 1825 thätig, als Tenoriſt erſten Ranges die höchſte Begeiſterung für ſeinen Ge— ſang zu erwecken verſtand. Neben ihm waren der Tenoriſt Weixel— baum, die Baſſiſten Sehring und ſpäter Reichel mit großem Erfolge thätig. Im Orcheſter, deſſen Leitung nach Danzi's Tod mit hervor⸗ ragender Thatkraft Joſef Strauß übernahm, wirkten Männer wie Fesca und Pechatſchek, deren Ruf weit über das Weichbild der badiſchen Reſidenzſtadt hinausreichte. Auch viele berühmte Gäſte betraten die Karlsruher Bühne. Vielleicht am wirkſamſten war das Gaſtſpiel Iffland's, der in zwölf Rollen die ganze Fülle ſeiner vielſeitigen Befähigung den Karls— ruher Theaterbeſuchern vor Augen ſtellte. Eßlair und ſeine Frau, bevor ſie der Karlsruher Bühne als Mitglieder gewonnen wurden, Friederike Ellmenreich, Auguſte Brede, Sabine Heinefetter, Charlotte Pfeiffer, Wilhelmine Schröder-Devrient, Gura und Krüger, die Milder-Hauptmann, im Ballet die Familie Taglioni— um nur die namhafteſten zu nennen— entfalteten den Glanz ihrer Talente vor einem allem Anſchein nach ſehr empfänglichen und begeiſterungsfähigen Publikum. Die mimiſch-plaſtiſchen Darſtellungen von Frau Hendel-Schütz riefen die ſchon früher dieſer genialen Frau gezollte Bewunderung von neuem hervor, die ihr mit vollem Recht auch dann entgegen— — 518— gebracht wurde, wenn ſie in klaſſiſchen Dichtungen als dramatiſche Darſtellerin vor die Lampen trat. Für die Ausbildung der jüngeren Mitglieder und die Heran⸗ ziehung eines tüchtigen Nachwuchſes wurde durch die Bildungs— anſtalt für dramatiſche Künſtler geſorgt: der Litterat Karl Nehrlich, der Abbs Schmittbauer, die Schauſpieler Pleißner und Labes, der Hofmuſiker Buchner, die Balletmeiſter Richard und Gerſtel waren als Lehrer mit gutem Erfolge wirkſam. Für die Balleteleven wurde ſpäter unter Leitung des Tanzmeiſters Mayer eine beſondere Tanz- ſchule errichtet, in welcher auch die weiblichen Mitglieder des Chors Unterricht in den Regeln des Anſtandes und in der Kunſt,„beim Figurieren Haltung mit Grazie zu verbinden“, erhielten, um ſie„bei Formierung von Gruppen mit Effekt verwenden“ zu können. Das Theaterjahr begann Ende Oktober oder Anfang No— vember. Die Logen wurden auf ein Jahr vermietet und der Logen— inhaber durfte in ſeine Loge nur Familienangehörige und Gäſte ſeines Hauſes, aber keine Fremden einführen. In den Parterrelogen betrug das Jahresabonnement für 144 Vorſtellungen für die Perſon 40 fl., in den Logen des erſten Ranges 50, des zweiten 30 fl., im Parquet 43 fl. 12 kr., im Parterre 32 fl. 24 kr., auf der zweiten Gallerie 27 fl. Im Jahre 1823 wurden dieſe Preiſe in den Logen auf 45, 55, 50 und 33 fl., 1825 auf 65, 60 und 55 fl. erhöht. Die Offiziere hatten ihre Plätze auf der erſten Gallerie, ſofern ſie nicht Logen abonnierten. Dieſe genoſſen auch in den Logen für ſich und ihre Damen eine Preisermäßigung, die übrigen zahlten monatlich von jedem Gulden ihrer Gage 2½ kr., welche der Platz⸗— major erhob. Später wurden die Preiſe feſt normiert und etwas erhöht. Bei aufgehobenem Abonnement erfreuten ſich die Offiziere mit ihren Damen ebenfalls ermäßigter Preiſe. Die Ordnung im Theater wurde durch militäriſche Wach— poſten gehandhabt. Bei den Konzertaufführungen fehlte es nicht an Dar— bietungen klaſſiſcher Muſik; von Beethoven wurde das Oratorium Chriſtus am Olberg, von Graun der Tod Jeſu, von Haydn die Schöpfung und die Jahreszeiten mehrmals aufgeführt. Am Palm⸗ ſonntag hat man wohl mit ſolchen Konzerten die Darſtellung lebender Bilder oder— wie man auch ſagte—„plaſtiſcher Gemälde“ verbunden. — 519— Derartige Aufführungen fanden im Hoftheater oder im Muſeum ſtatt. Im Muſeumsſaale veranſtaltete A. Bringmann im Jahre 1817, am 18. Juni, dem Jahrestage der Schlacht von Belle-Alliance, eine große„muſikaliſch-dramatiſche Akademie“, bei welcher die Hofmuſik und mehrere Chöre mitwirkten. Auch von einem im Hoftheater zum Benefiz des Hofmuſikers Stemme aufgeführten Konzert leſen wir, bei dem eine von Brandl componierte Kantate zu Schillers Andenken und die Friedenskantate von Winter zur Aufführung gelangten. Im Theater fanden nicht ſelten in den Zwiſchenakten Konzerte ſtatt, ſo z. B. ein von Hofmuſiker Langendorf ausgeführtes Fagot— Konzert, ein Konzert für zwei Waldhörner von Danzi, durch die Hofmuſiker Kinberger und König exekutiert, ein Adagis und Rondo für Violine, von Hofmuſiker Gaßner geſpielt, u. v. a. Die Mitglieder des Hoftheaters und der Hoffapelle vereinigten ſich wohl auch, insbeſondere zum Benefice für einen Kollegen oder zu ſonſtigen Unterſtützungszwecken, zu einem großen„Deklamations⸗ konzert“, einem in Karlsruhe noch lange Zeit beſonders beliebten Genre. Die größte Zahl der Konzerte wurde von einheimiſchen und fremden Virtuoſen im Theater- oder im Muſeumsſaale, oder aber in den Sälen der größeren Gaſthöfe, beſonders des Badiſchen Hofes, gegeben. Ohne irgendwie eine Vollſtändigkeit anzuſtreben, ſeien aufs Geratewohl aus der ſehr erheblichen Menge der in der Zeitung angekün— digten Virtuoſenkonzerte einige herausgegriffen. Da finden wir unter den Konzertierenden den königl. württembergiſchen Hof- und Kammermuſiker Marx, den erſten Violiniſten vom großen Konzert zu Amſterdam, H. Kleine, den blinden Violinvirtuoſen Franz Conradi, den erſten Flötiſten des Königs von Württemberg Karl Keller, der auch zur Guitarre ſang, die Demoiſelle Marinoni, Sängerin aus Venedig, den königl. bayriſchen Kammermuſiker(Clarinettiſten) Heinrich Bärmann, den Karlsruher Konzertmeiſter F. E. Fesca, Madame Milder, Mit— glied des Berliner Hoftheaters, den erſten Flötenſpieler des k. k. Hof— operntheaters in Wien, Raphael Dreßler, die königl. preußiſchen Konzertmeiſter Gebrüder Bohrer, deren einer auf der Violine, der andere auf dem Violoncell exeellierte, die königl. däniſche Hofſängerin Ida da Fonſeca, den Violiniſten Boucher, Muſikdirektor des Königs — 520— von Spanien, der mit der Klavier- und Harfenkünſtlerin Frera ein Konzert gab und dabei auf einer Violine von neuer Erfindung ſpielte, den königl. bayeriſchen italieniſchen Opernſänger(erſten Tenoriſten) de Vecchi, die„vaterländiſche Tonkünſtlerin“ Demoiſelle Karoline Schleicher aus Stockach, welche Violine und Clarinette, Klavier und Guitarre ſpielte und einen„patriotiſchen Kunſtfreund“ zu einem be— geiſterten Bericht über ihre Leiſtungen in der Karlsruher Zeitung (eine Seltenheit in jenen Tagen) veranlaßte, den königl. bayeriſchen Hof- und Kammerſänger Franz Löhle aus München, die erſte Sängerin der königl. italieniſchen Oper in London, Demoiſelle Corri, „einzige Schülerin der Mad. Catalani“, den erſten Violiniſten und Muſikdirektor des k. k. Theaters in Wien, Franz Clement, Mad. Pedrotti, erſte Sängerin aus Venedig, Diego Sommariva, erſten Tenoriſten, und Alexander Pedrotti, Zögling der kaiſerl. akademiſchen Harmonieſchule zu Mailand, die gemeinſam ein großes Vokalkonzert gaben, die Demoiſelle Tereſa Seſſi, Ehrenmitglied der philhar— moniſchen Geſellſchaft von Venedig, und Cremona, den Muſikdirektor der großen Oper zu Mailand, Pietro Vimercati, Virtuoſen auf der lombardiſchen Mandoline, deſſen Leiſtungen die Karlsruher Zeitung mehrere enthuſiaſtiſche Berichte widmete, den erſten Sologeiger der königl. philharmoniſchen Geſellſchaft in Paris Lagoanére, der„die Anmut eines Lafont mit der Kraft und Sicherheit eines Baillot verbindet“, u. a. auch auf der Guitarre den„Triumphmarſch von der Schlacht von Vittoria“ ſehr effektvoll ſpielte, die königl. bayeriſche Hofſängerin Luiſe Schweizer, die Münchener Kammermuſiker Fladt, Vater und. Sohn, die u. a. ein Konzert für zwei Hautbois von Stunz vortrugen, die Harfenvirtuoſin Mademoiſelle Krings aus Heidelberg(ſpäter Baronin Eichthal), Schülerin von Naderman in Paris, welche, unterſtützt von Mademoiſelle Siebert und den Herren Haizinger, Strauß, Schunke und Marx, ein großes Vokal- und Inſtrumentalkonzert gab u. ſ. f. Auch muſikaliſche Wunderkinder entfalteten in Karlsruhe ihre Talente, wie u. a. der vierzehnjährige Sohn des königl. bayeriſchen Muſikdirektors Faubel, der„als Klavierſpieler bereits rühmlich be— kannte“(im Jahre 1825) zehnjährige Knabe Jakob Roſenhain aus Mannheim, der aber an Jugend noch übertroffen wurde durch den fünfjährigen Knaben Karl Eduard Sigl aus München, welcher ſich — 521— auf dem Violoncell hören ließ, während ſeine dreizehnjährige Schweſter, Katharina Sigl, Schülerin des Kapellmeiſters Winter, ſich in Geſang und Violinſpiel auszeichnete(beide waren in ſpäteren Jahren hervor⸗ ragende Zierden der Münchener Hofoper). Es darf nicht verſäumt werden, über das Auftreten dreier Künſt⸗ ler allererſten Ranges zu berichten. Louis Spohr gab ſchon 1816 ein Konzert, deſſen ſämtliche Nummern ausſchließlich aus eigenen Kompoſitionen beſtanden, und erfreute mit ſeiner Gattin 1817 die Muſeumsmitglieder durch ſeine Kunſt. Madame Angelica Ca— talani veranſtaltete am 18. Oktober 1816 ein großes Konzert, unter Mitwirkung des Hoforcheſters, das u. a. eine Symphonie von Haydn, und eine Ouverture von Beethoven ſpielte. Aus dem Programm, das ausnahmsweiſe in der Karlsruher Zeitung— ſonſt immer nur auf Auſchlagzetteln— veröffentlicht wurde, erſieht man, daß die berühmte Frau die Arien: Della Tromba von Portogallo und Oh quanto l'animo von Simon Mayer, die Va— riationen: Nel cor piu non mi sento von Paeſiello und God save the King ſang, ſowie daß in den Logen des J. Ranges jeder Platz einen Dukaten(etwa 9 M. 30 Pf.), die Plätze in der erſten Galerie, in den Parterre- und II. Rang⸗Logen und im Parquet 2 fl. 42 kr., auf den beiden obern Galerien 1 fl. 12 kr. koſteten. Um den Beſuch dieſes Konzertes möglich zu machen, wurde der Muſeumsball auf den 19. Oktober verlegt. Das zahlreich verſammelte Publikum, welches den rauſchendſten Beifall ſpendete, bewunderte im Geſang der Catalani„die ſeltenſte Vereinigung der glücklichſten Natur⸗ gaben und der höchſten künſtleriſchen Ausbildung“. Ihre Schwägerin Adelina, die noch als Anfängerin im Mai 1818 mit ihrem Gatten nach Karlsruhe kam, fand dagegen nicht den gehofften Erfolg. Varn— hagen erzählte, daß außer ihm und Rahel kaum ſechs Perſonen ſich zu ihrem Konzert(im Badiſchen Hof) einfanden, ſo daß dieſes gar nicht ſtattfand, aber um ſo entzückender dann die verſchüchterte Frau, von ihnen ermahnt und mit nach Hauſe genommen, unter Begleitung des Herrn Catalani den ganzen Abend über in den prächtigſten und rührendſten Tönen ſang. Ob ein von ihr in Ausſicht genommenes Konzert im Hoftheater zum Beſten der Armen zuſtande kam, iſt aus der Zeitung, in der nur die Ankündigung ſteht, nicht zu erſehen. Am 9. Dezember 1829 gab— wie es in der Ankündigung 9 heißt—„Ritter Paganini, k. k. öſterreichiſcher Kammermuſikus und k. preußiſcher erſter Konzertmeiſter“, ein großes Vokal- und In⸗ ſtrumentalkonzert im Hoftheater. Das Hoforcheſter ſpielte die Ouver⸗ ture zur Zauberflöte, Fräulein Gerwer aus Bern und Hofſänger Haizinger vertraten den Geſang, Paganini ſpielte nur eigene Kom— poſitionen: den I. Teil des Violinkonzerts in Es dur, eine Sonate über das Gebet aus„Moſes“ von Roſſini mit variirten Themen auf der G-Saite, Variationen auf den Contretanz„le Streghel, Adagio cantabile spianato und Variationen auf die Canzonetta „Oh Mamma, Mamma, io“. Wegen des hohen Honorars, das Pa— ganini erhielt(1650 fl.), wurden die Eintrittspreiſe erhöht, doch jene für die erſten Plätze nicht in dem gleichen Maße wie in dem Kon⸗ zert der Catalani, die demnach ein noch erheblich höheres Honorar erhalten haben dürfte: ein Platz in der Fremdenloge koſtete 3 fl., in den Logen des I. Ranges, der I. Galerie und in den Parterrelogen 2 fl. 42 kr., in den Logen des II. Ranges 2 fl., im Parket 2fl. (geſchloſſene Sitze 2 fl. 42 kr.), in der II. Galerie 1 fl. 30 kr., in der III. Galerie 48 kr. Ganze Logen wurden zu ermäßigten Preiſen abgegeben, die Offiziere zahlten auf ihren Plätzen 1 fl. Der Beſuch des Theaters war ein ſehr ſtarker, die Kaſſeneinnahme betrug 1911 fl. 42 kr., der Beifall war ſtürmiſch. Merkwürdiger Weiſe enthält die Karlsruher Zeitung kein Wort über dieſes ſo viel Aufſehen machende Konzert. Als Kurioſität möge hier noch erwähnt ſein, daß der kur— heſſiſche Hofmuſikus H. Schmitt leingeführt durch ein in deutſcher Überſetzung veröffentlichtes anerkennendes Schreiben von Cherubini) im Februar 1829 ein Konzert auf der Poſaune ankündigte, wäh⸗ rend im April 1825 der Böhme Kunert ſich auf der Maul—⸗ trommel hören ließ. Auf den von ſeinem(ſchon früher erwähnten) Vater und ihm ſelbſt erfundenen Inſtrumenten mit den abſonderlichen Namen„Bellonion, Chordaulodion, Harmoniechord und Trompeter— automat“ produzierte ſich im Oktober 1817 der„Akuſtiker“ F. Kauf⸗ mann. Auch Orgelkonzerte fanden noch zuweilen ſtatt, ſo z. B. ſpielte in der katholiſchen Kirche am 10. Juli und in der evan— geliſchen am 7. September 1829 der Organiſt K. H. Zöllner die Orgel. Da am Eingang der Kirche keine Kaſſe war, wurden die — 523— Eintrittskarten bei Velten, Marx und im Römiſchen Kaiſer(zu 48 kr.) verkauft. An Liebhaberkonzerten fehlte es nicht. Sie wurden meiſt im Saale des Badiſchen Hofes veranſtaltet. Wer nicht abonniert war, hatte 1 fl. Eintrittsgeld zu zahlen. Wer thätigen Anteil zu nehmen wünſchte, hatte nur am Tage des Konzerts morgens 9 Uhr zur Probe zu erſcheinen. Militärkonzerte wurden von dem Muſikchor der Leib— grenadiergarde im Hoftheater veranſtaltet. In den Zeitungsberichten wird ſowohl der Inſtrumentalmuſik als auch den Geſangschören, ins— beſondere auch dem Kapellmeiſter Kies großes Lob geſpendet. Geſellige Vergnügungen in- und außerhalb der Stadt. Für die höheren Kreiſe der Karlsruher Geſellſchaft bildeten, abgeſehen von den bei Hofe veranſtalteten Feſten, den Mittelpunkt der Wintervergnügungen die Bälle und Konzerte der Muſeums⸗ geſellſchaft. Während der Wintermonate fand jeden Freitag ein Geſellſchaftsabend ſtatt und dabei wurde abwechſelnd getanzt und muſiziert. Von der Beliebtheit der Muſeumsbälle geben ein Zeugnis die von dem Kapitän v. Kageneck komponierten„Muſeumstänze“, die im Klavierarrangement in den Muſikalienhandlungen zu kaufen waren. Eine neue geſellige Vereinigung wurde unter dem Namen der Leſegeſellſchaft im Jahre 1816 gegründet. Als ihr Zweck wurde in den Geſetzen, welche ſie ſich im Gründungsjahre gab und im Jahre 1817 auf Grund der bis dahin gemachten Erfahrungen er— weiterte und an manchen Stellen veränderte,„das Vergnügen der geſellſchaftlichen Unterhaltung oder Erholung nach den Arbeitsſtunden im trauten Zirkel gebildeter Männer“ bezeichnet, als Mittel zur Er⸗ füllung dieſes Zweckes galten bei der Gründung„Konverſation, Lek— türe, Spiel“, 1817 wurde auch die Veranſtaltung von Konzerten, Bällen und andern Feierlichkeiten beſchloſſen. Alle Hazardſpiele waren verpönt. Jedes Mitglied übernahm die Verpflichtung,„ſich aller politiſchen Außerungen, welche nicht den Stempel der Beſcheidenheit und des Staatszwecks tragen und dadurch der Geſellſchaft zum Nach⸗ teil dienen könnten, ſowie aller Außerungen über öffentliche Staats⸗ anordnungen zu euthalten“. Die Geſellſchaft führte ein Siegel, welches den Grundriß der Reſidenzſtadt mit der Umſchrift„Leſegeſellſchaft Carlsruhe“ vorſtellte. Während des Karnevals fanden im Hoftheaterſaal große Mas— kenbälle ſtatt, z. B. im Jahre 1812, vom Dreikönigstage be— ginnend, an jedem Montag. Dabei mußten die teilnehmenden Herren maskiert ſein, während die in Balltoilette erſcheinenden Damen nur eines Maskenzeichens— etwa einer Brille am Arm— bedurften. Der Eintrittspreis betrug 1 fl. In der Frauengarderobe hatte ſich ein Maskenverleiher etabliert. Im Jahre 1813 leſen wir von einem Maskenball und 3„Vauxhalls“ im Hoftheater. Reſtaurateur Schneider ſtellte ein Buffet auf. Im Jahre 1814 wurden dieſe Veranſtaltungen in den„Badiſchen Hof“ verlegt und fanden dort in jeder Woche ſtatt. Es ſtand der Saal mit 10 Zimmern im mittleren Stockwerk verliehen. 1816 fand im Hoftheater eine Redoute ſtatt, und auch Maskenbälle(wie ſchon früher erwähnt) zum Beſten der Armen mit „Glückshafen“ wurden in den folgenden Jahren von Zeit zu Zeit im Hoftheater veranſtaltet. Auch der Geburtstag des Großherzogs wurde wohl z. B. im Jahre 1822 durch einen„bal paré et masqué“ im Muſeum gefeiert. Bei den Hoftheatermaskenbällen wurden in den Garderoben Maskenanzüge jeder Gattung zu billigen Preiſen (nach einem amtlich aufgeſtellten Tarif) abgegeben; wer einen geliehenen Anzug während des Balls mit einem andern zu vertauſchen wünſchte, zahlte für dieſen nur die Hälfte der Taxe. Außerdem veranſtalteten die Beſitzer der größeren Gaſthöfe ſellſchaftskreiſe teilnahmen. Dieſe Veranſtaltungen führten den Namen „Caſino“. Zum erſtenmal findet ſich im Oktober 1811 die öffent⸗ liche Aufforderung zur Subſcription auf die jeden Sonntag und Mitt— woch ſtattfindenden Caſinos im„Durlacher Hof“ bei Gaſtwirt Seger. 1812 lud auch der Gaſtwirt Wielandt zur Subſcription auf die im „Badiſchen Hof“ zu veranſtaltenden Caſinos ein. Der erſte Ball ſollte am 18. November abends 7 Uhr ſtattfinden, und die Sub— ſeribenten wurden aufgefordert, einen Caſinovorſtand zu wählen. Dabei verfehlte Wieland nicht, mitzutheilen, daß„faſt der ganze hohe Adel und ein ſehr großer Teil der Muſeumsmitglieder“ ſubſeribiert zur Verfügung. Im dritten Stockwerk wurden Maskenkleider ver⸗ Tanzgeſellſchaften, an denen auch Angehörige der höheren Ge⸗ . 979———ß 23— art. benh Hchei * ft eſegeſellſcha IT — 525— habe.„Eine bereits beſtehende Geſellſchaft“ vereinigte ſich dort jeden Sonnabend um 8 Uhr zu einem Caſino, und im gleichen Gaſthof fanden auch andere Bälle„für hieſige und benachbarte Bürgers— ſöhne und andere honete junge Leute“ ſtatt. Das Eintrittsgeld be— trug 48 kr., die„Frauenzimmer“ waren frei. Dieſe Aufforderungen wiederholten ſich in jedem Winter. Von 1817 an wurden auch im „Roten Hauſe“, bei der Witwe Dolletſchek alle acht Tage Caſinos abgehalten. Im Sommer verpflanzte ſich dieſe, wie es ſcheint ſehr beliebte, Art der Geſelligkeit nach Beiertheim, wo der Tanz— unterhaltung Harmoniemuſik im Garten des„Stephanienbades“ vorausging. Dieſen Namen hatte im Jahre 1817 Großherzogin Stephanie dem Bade des Wirtes Marbe zu führen bewilligt. Hier wurden die von Dr. Kölreuter verfertigten Stahl- und Schwefelwaſſer von den Reſidenzbewohnern getrunken und künſtliche Stahl⸗ und Schwefelbäder genommen, worüber eine eigene Schrift des Archivrats Brodhag eingehende Auskunft erteilte. Von den verſchiedenen Vergnügungen, welche der Reihe nach die Badewirte Marbe, Trißler und Ruth veranſtalteten, ſeien— außer den ſchon erwähnten Caſinos und anderen Tanzunterhaltungen an verſchiedenen Wochentagen für die verſchiedenen geſelligen Kreiſe— die gemeinſamen Mahlzeiten größerer Geſellſchaften an den Sonntagen, das Eierleſen in den Oſterfeiertagen, die auf Freitag anberaumten „Brezeltage“ erwähnt. Zuweilen fanden auch Theatervorſtellungen, Deklamationen, Produktionen von Akrobaten, Baumklettern mit aus⸗ geſetzten Prämien und dergleichen ſtatt, woran ſich meiſt ein Tänzchen anſchloß. 5 Im Promenadehaus, welches deſſen Eigentümer, der Ge— heimrat und Leibarzt Schrickel, auf dem Wege der Verſteigerung ver—⸗ äußert hatte, wurden zuweilen Feuerwerke abgebrannt, am Johannis⸗ tag auch wohl Johannisfeuer veranſtaltet, womit Muſik und Tanz verbunden ward. Das Alleehaus, das geraume Zeit ſehr ſchlechte Geſchäfte machte, ging 1819 in die Hände von J. Jacobſohn über, der mit der Wirtſchaft eine kleine Meierei verband und das ganze Etabliſſe⸗ ment neu herrichten ließ.„Für alle Stände und Klaſſen“ wurden jetzt auf Verlangen beſondere abgeteilte Zimmer abgegeben, die öffent— — 526— lichen Tänze hörten auf, aber Privatgeſellſchaften fanden ſtets geeig— nete Säle, um einen geſchloſſenen Tanz zu halten. Aber auch dieſes Unternehmen hatte kein Glück, und es iſt ſchon an anderer Stelle er— wähnt worden, daß dieſe Wirtſchaft eines Tages das Objekt einer Verloſung wurde. Auch in Killisfeld und im Amalienbad zu Durlach fanden Sommer⸗Caſinos und andere Tanzbeluſtigungen ſtatt. Auch patrio⸗ tiſche Feſte wurden an beiden Vergnügungsorten veranſtaltet. Der Namenstag des Markgrafen und der Markgräfin Friedrich, die Ver— mählung des Fürſten zu Fürſtenberg mit der Prinzeſſin Amalie, der Geburtstag des Markgrafen Leopold, der Jahrestag der Schlacht bei Leipzig und andere Gedenktage wurden feſtlich begangen. In Killis⸗ feld fanden auch zuweilen ſogenannte„muſikaliſche Divertiſſements“ ſtatt. Das auch ſonſt ſchon viel beſuchte Ettlingen erhielt im Jahre 1819 durch Errichtung einer Badeanſtalt des Hirſchen-Wirts Ignaz Häſcher eine neue Anziehungskraft. Hier wurden„Bäder mit Lohe, Stahl, Salz, Seife, Schwefel, Kräutern, Ameiſen u. 5 zubereitet, auch alle gangbaren Mineralwaſſer zu Brunnenkuren ver⸗ abreicht, und nicht minder war für gute Bewirtung und Bedienung ſowie an beſtimmten Tagen für Mittagstafel und Tanzbeluſtigung geſorgt. Zu den ſtädtiſchen Vergnügungen gehörten u. a. auch Vorſtellungen auf dem Gebiet der natürlichen Magie, von Phantas⸗ magorie, Nekromantie und ſchwarzer Magie, die teils im Hoftheater, teils im Saale des Badiſchen Hofes ſtattfanden. Im Jahre 1817 war ein„Perpetuum mobile“ zu ſehen, welches„Kenner und Liebhaber nicht ohne Bewunderung und Ver— gunügen betrachteten“. Es beſtand„in einer metallenen, durchſichtigen, mit verſchiedenen Uhrwerken gezierten runden Maſchine von 2 Schuh im Durchmeſſer, welche ſich innerhalb einer Stunde um ihre Axe von ſelbſt herumdreht“. Eine eigenartige Erfindung hatte ſchon 1812 der Freiherr v. Drais, derſelbe, von dem die früher erwähnte Fahrmaſchine konſtruiert war, gemacht, nämlich eine Maſchine, wodurch Phantaſien auf dem Klavier ſich zugleich in Noten aufſchreiben.„Sie ſchreibt— — ſo berichtet die Staatszeitung— ganze Muſikkompoſitionen mit Takt, forte und piano ſo vollkommen und etwa auf dieſelbe Art auf, wie es die verbeſſerte Tonſchriftsſprache des Dr. Karl Krauſe zu Dresden angibt.“ Drais ſuchte einen Unternehmer zur Anlage einer Fabrik von ſolchen Maſchinen, es ſcheint aber, daß ſich Niemand zur Finanzierung dieſer Erfindung gefunden hat. Seltene Tiere wurden zuweilen, ſo z. B. von dem Lieferanten des Königl. franzöſiſchen Tiergartens, Felix Caſal, vorgeführt.“ Luftreiſen gehörten immer zu den beſonders gern geſehenen Schauſtellungen, ſo z. B. als im Mai 1812 der Mechanikus Bittorf mit einem gegen 60 Schuh hohen, papierenen, mit Feuer gefüllten Ballon in die Luft ſtieg, während einer Viertelſtunde etwa eine Höhe von 1500 Schuh erreichte und eine halbe Stunde nordöſtlich vom Platze des Aufſteigens, auf dem großen Exerzierplatze niederſtieg. Er wurde in einem vierſpännigen Wagen in die Stadt zurückgeführt und allenthalben mit froher Teilnahme begrüßt. Sehr eifrig erwies ſich in ihren Übungen die Schützengeſell— ſchaft unter der Leitung des Schützenmeiſters Sievert. Es wurden bei verſchiedenen Anläſſen Silbergaben herausgeſchoſſen. Ein Stech— ſchuß koſtete bei den von ihr veranſtalteten Freiſchießen 30 kr., ein Schuß auf die Schnapperſcheibe 6 kr. Aber nach und nach geriet ſie in Verfall, viele der älteren Schützen ſtarben oder zogen ſich zu— rück und im Jahre 1822 konnte öffentlich geſagt werden, daß hin— ſichtlich der Zahl der Mitglieder gewiß jede Stadt des Großherzog— tums ihr den Rang abgewinne. Im Juli dieſes Jahres erließ daher der Schützenmeiſter, Kapitän W. Sachs einen Aufruf zum Beitritt, indem er darauf hinwies, daß das Scheibenſchießen nicht blos zum Vergnügen ſei, ſondern ſeinen beſtimmten Zweck habe. Von Seiten der Polizei wurde das Scheibenſchießen auf Samſtag und Sonntag und das Probieren der Feuergewehre auf Sonntag, Mittwoch und Samſtag Nachmittags beſchränkt und das Publikum gewarnt, an dieſen Tagen die an dem Schießhauſe liegenden Felder und Wege zu begehen. Auch Vogelſchießen wurden zuweilen veranſtaltet und zu den im Alleehaus gebotenen Vergnügungen gehörte das Entenſchießen. Da wurde mit der„Pörſchbüchſe“ aus freier Hand vom Tanzſaal aus auf 50 Schritte geſchoſſen und jeder Schuß mit 6 kr. bezahlt. 58 Im Winter war für den Eislauf in einer kaum anderswo ſo trefflich dargebotenen Weiſe auf den Beiertheimer Wieſen geſorgt. Da aber das Verbot ſtets zu reizen pflegt, ſteiften ſich manche da⸗ rauf, im Entenfang in der Nähe der Straße nach Durlach den Schlittſchuhlauf zu betreiben, wo die Gefahr des Einbrechens beſtand. Aus. all' dieſem ſieht man, daß es den Karlsruhern im zweiten und dritten Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts nicht an Gelegenheit fehlte, ſich gut zu unterhalten und daß ſie von dieſer Gelegenheit auch Gebrauch machten. Auch in der„guten alten Zeit“ war man ſehr vergnügungsſüchtig. — ieeee—..— EEE.....C...E......................— Mappen der Haupt- u. Reſidenzſtadt Karlsruhe. zuch- u. Runſtdr. Poering, Ahe. —————..—— Anhang. Das Wappen der Neſidenzſtadt Karlsruhe. Am 21. Mai 1718 richtete der damalige Obervogt W. v. Güntzer an den Markgrafen Karl Wilhelm von Baden⸗Durlach einen Bericht, in welchem er es für nötig erklärte, daß der Markgraf ſeine Reſidenz⸗ ſtadt Karlsruhe„auch mit einem Wappen begnadige“. Als ſolches ſchlug er vor, im Schild einen mit dem Worte„Fidelitas“ be⸗ ſchriebenen Schrägbalken„und zwar um ſo viel mehr— wie er hinzufügte— als ſelbiges auf Dero gnädigſt ausgeteilten Orden alludiret. Und meinte ich, daß das Feld gelb, der Balken aber karmoiſinrot und das Wort„Fidelitas“ ſchwarz zu blaſonieren wäre.“ Darauf reſcribierte der Markgraf eigenhändig:„fiat daß Feld roth und der Balken orangegelb mit den ſchwartzen Buchſtaben. Carl.“ Demnach wollte Markgraf Karl Wilhelm nicht, daß— wie Güntzer vorgeſchlagen hatte— das Wappen der Reſidenzſtadt mit ſeinem Hauswappen identiſch ſei, ſondern er beſtimmte für jenes andere Farben und zwar das Heroldſtück, den Schrägbalken, in der Farbe des Bandes, an welchem der am Tage der Grundſteinlegung des Karlsruher Schloſſes gegründete Hausorden der Treue ge⸗ tragen wird. Es ſcheint aber, daß die Reſidenzſtadt von dieſem Wappen zu⸗ nächſt keinen Gebrauch machte. Es begegnet wenigſtens nirgends eine Spur davon. Als älteſte Urkunde, auf welche ein Siegel der Stadt Karlsruhe aufgedrückt iſt, bewahrt das General-Landesarchiv 34 — 530— einen Kaufbrief vom 17. September 1751. Auf dieſem Siegel be⸗ findet ſich im goldenen Schild ein roter Schrägbalken, das Wort „Fidelitas“ mit ſilbernen Buchſtaben beſchrieben. Über dem Schild ſchwebt eine ſogenannte Laubkrone. Wir teilen hier ein Abbildung dieſes Stadtſiegels, deſſen ſich von da an die Reſidenzſtadt bediente, mit. Wie man dazu kam, trotz der ausdrücklichen Beſtimmung des Markgrafen doch die Farben des badiſchen Hauswappens auf dem Siegel der Stadt Karlsruhe anzuwenden und über dem Schild eine Krone anzubringen, läßt ſich beim Mangel aller hierauf bezüg⸗ lichen Akten nicht feſtſtellen. Aber die Vermutung liegt nahe, daß in einer Zeit, in welcher die alten Überlieferungen der Heraldik ſo ziemlich überall in Vergeſſenheit geraten waren, die Krönung des Schildes ebenſo wie die Verzierung des Siegelfeldes mit zwei Palm⸗ zweigen lediglich ein Akt der Willkür, entweder des Siegelſtechers, oder des ihn mit Anfertigung des Hichelſenhelz beauftragenden Beamten war. Eine Anfrage, die ſich auf die über dem Schild angebrachte Krone bezog, veranlaßte im Oktober 1894 den Stadtrat, einer Prü⸗ fung der richtigen Darſtellung des Stadtwappens näher zu treten. Bei den hierüber angeſtellten Nachforſchungen fand ſich in der Re⸗ giſtratur des großherzoglichen Bezirksamtes in einem die älteſten Privilegien der Reſidenzſtadt enthaltenden Aktenfaszikel der oben angeführte Bericht mit der Entſcheidung des Markgrafen. Im März 1895 wurde hiervon der ſtädtiſchen Archivkommiſſion Mitteilung gemacht, und auf ihren Antrag beſchloß der Stadtrat in 0 — 531— ſeiner Sitzung vom 21. März die Richtigſtellung des Stadtwappens und die entſprechende Abänderung der im Gebrauche befindlichen ſtädtiſchen Siegel. Das Wappen, wie es ſich auf Grund der eigenhändigen An⸗ ordnung des Markgrafen Karl Wilhelm aus dem Jahre 1718 dar⸗ ſtellt, zeigt die hier beiliegende kolorierte Abbildung. * Karlsruher Intelligenz⸗ und Wochen⸗Blatt. Mittwoch den 26. Juny 1816. Mit Großherzoglich Badiſchem gnaͤdigſten Privilegio, EEAEL⏑⏑rr Polizey⸗Verkündung. Die kuͤrzlich vergenommene Bierunterſuchung hat folgende Reſultate geliefert. Daſſelbe enthielt ohne Ruͤckſicht auf geiſtigen Gehalt: 1) Beim Bierbrauer Ruͤppele 20 Grad naͤhrende Theile. 2)— Bierwirth Scheelmann 26 3)—— Knecht 26 4)— Bierbrauer Schnabel 25 5—— Eypert 24 6)—— Klaus 24 7) Bierwirth Schwab 22 8)— Weidner 21 9)— Buͤttuer 20 10)— Jacobi 20 11)— Schmidt 18 12)—— Potier 17 Dieſe Biere hatten nun zwar ſämmtlich das vorgeſchriebene ſpecifiſche Gewicht oder den nährenden Gehalt, in ibrem Geſchmack waren ſie jedoch ſehr verſchieden, und es iſt mit Grund zu vermuthen, daß mehrere der⸗ ſelben nicht gehoͤrig vergohren ſind, und deshalb auch ſehr arm an geiſtigem Gehalt ſeyn würden. Auch hierüber wird man bey der naͤchſten Unterſuchung dem Publikum das Noͤthige bekannt machen, einsweilen ſollen die Bierbrauer darin eine Aufforderung finden, ihrem Bier nicht nur den geſetzlichen naͤh⸗ tenden Gehalt, ſondern auch einen angenehmen Geſchmack zum Trinkrn zu geben. Da man inzwiſchen, ſoweit es zulaͤſſig war, auch den geiſtigen Gehalt einiger Biere unterſucht hat, ſo macht man das Reſultat dieſer Unterſuchung vorlaͤufig dem Publikum durch die nachſtehende tabellariſche Ueberſicht bekannt, um aus derſelben zu entnehmen, daß das Bier, wenn es gleich, wie z. B. jenes vom Caſfewirth Frey und Ankerwirth Burckhardt, den vorgeſchriehenen näſtenden Gehalt nicht beſitzt, den⸗ noch durch einen deſto gröͤßeren geiſtigen Gehalt, den Forderungen detz Liebhabers entſprechen koͤnnen; dieſem füge man die Ankuͤndigung bey, daß in Zukunft alles Bier auf dieſe Art Unterſucht, und das Reſultat davon, durch eine ähnliche Tatelle bekannt gemacht werden ſoll. Karlsruhe den 21, May 1816. —. —— — — — — — — — — — Großberzogliches Polizey Amt. —— 355⁵— WVergleichungs⸗Tabelle uͤber den naͤhrenden und geiſtigen Gehalt des Biers, hinſichtlich deſſen Guͤte. ach hiſikaliſch⸗chemiſcher Rüͤckſicht bearbeitet und entworfen.) DERELL n Naͤhrender Gehalt. A. Geiſtiger Gehalt. Namen des Bierbrauers 0 Gewicht. oder Bierwirths. Geſchmack. Grade. 8 f ſpeciſiſche gut ſuͤß, hopfenbitter. braun. 1. Bierbrauer Rüppele. g Synthetiſches Verhaͤltniß. Anmerkungen. ſpezifiſches Gewicht des geiſtigen Edukts. 5 Alkohol 15 jung, ſehr 5 reich an naͤhren⸗ S Waſſer den Sheilen S D S gut ſuͤßlicht, 25 hopfenbitter. * 2. Bierbrauer Klauß. 4 Alkohol noch jung und reich an naͤhren⸗ Sob Waſſer den Theilen. hell⸗ noch etwas gelb⸗ſüß, hopfen⸗ licht⸗ bitter. 3. Caffeewirth Frey. bezogzu aus Heidelberg. 5 8 Alkohol Beſibt die Eigen⸗ 8 ſchaften eines gu⸗ Sz Waſſer 1 Biers. nicht unange⸗ nehm fuͤr die J. Ankerwirth Burkhardt.885 hell⸗nicht mehr bezogen aus gelb⸗[ſuͤß, ſtark licht. hopfenbitter. ieee Kauf⸗Anträge. (1) Karlsktuhe. l[Hausberſteigetung.] Die Heubinder Georg Jacobiſche Wittwe will ihr ein⸗ ſtoͤckigtes in der Quergaſſe dahier, neben Polizey⸗ Wachtmeiſter Dietz und Stallbedienten Appenzeller gelegenes Haus, ſammt giräͤumigen Hof, Garten und Hintergebäͤude, und einem halben Morgen Acker im Hardwinkel, neben Badwirth Marbe und Fuhr⸗ mann Waldhauer gelegen, mit Grundbirnen und Welſchkorn angepflanzt, im Hauſe ſelbſt, Montags den 1 Julp d. J. Nachmittiags 2 Uhr, öffentlich zu eigen verſteigern laſſen. Karlsruhe den 21. July 1816. Großherz. Stadtamtsreviſotat, (2) Karlsruhe. Hausverſteigerung.] Das Schloſſer Weyloͤhnerifſche Haus Mißit F hoͤrdte, auf welches bei der zweiten Verſteigerung 10950 fl. geboten worden, wird Donnerſtags den 18, Juli d. J. Nachmittage 2 Uhr im Hauſe ſelbſt 8 Alkohol Liebhaber, doch So: Waſſer etwäs arm an nährenden Thei⸗ len. zum britten und letztenmal auf freywillige Verſteige⸗ rung geſetzt. Karlsruhe den 20. Juni 1816. Großherzogl. Stadtamts Reviſorat. (1) Karlsruhe. l(Gärtenverſleigerung.] Die Rathsverwandten Baierſchen Gärten vor dem Linkenheimer Thor, werden Montags den 1. Juli d. J. Nachmittags 2 Uhr, im Gaſthaus zur Stadt Straß⸗ burg zum ꝛ2tenmal auf Steigerung geſetzt. Karlsruhe den 29. Juny 1816. Großh. Stadtämtsreviſorat. (1) Karlscuhe.[Mögkel feil.] Es ſind hier zwey gute Roßhaarmatratzen, ein ſchoͤnes Sofa mit 6 Seſſeln, nebſt einigen andern wohlerhaltenen Moͤ⸗ beln, aus freyer Hand zu verkaufen. Wo? ſagt das Comptoir dieſes Blattes. Pachtanträge und Verleihungen. Logis Verleihungen in Karlsruhe. Bey Präceptor Wagner iſt ein Zimmer mit Bett und Möbel zu vermiethen, unb kann ſogleich bezogen werben, Een 2 A. —— 5 — 7˖ —.— 7—.— — S 2. 4 F 2 4 Ju 0—— K 4 +*3—— — 5 5 Deoh e Keee 1 4 3.— bi 08 DER ——— Schluß Mühlburg und ſeine Umgebung im 16.—17. Jahrhundert. —92—————— 9, DD — P—++++ ee 4* 1 11 170 14 1 TTKTaATiKT17 NTSK7N un DL eeee 2 3⁴ TTUIII%⁰ 4⁰⁰ 8 8 2E Acg, aſtein geumpcen um CAcmme. Idu,. ERK LXR U N 6 4. Socſere ogHοον οαν 2 Salagſcuiumee, Cndrumn ae-Ailggem A. Jalſgſimaαεεεε ανρνννανhοihρ“.. Joαß. mabe. diblionteb, Aohuullen- Ccibinc mo e, Amle, i leegabed. 4d. 33 zund, Iil,per: Nemtben. 4, EKub.— 40 N albbermademꝙ, Cbeußafuο%α‘ Am bHTiumte u, Cundlirel umd, Zucl-dl, Aafbeν,ů, Cranqere GePçu)“eum⁴. eonοmi. Lmu⁴ IdAtedlemie imd UlCu. ¶ OUAllete Cnungee OLæοννανε αναννεn. Su Hiüuune. Hoßnung..— Euuerue umd, Aiuν C Hantage Carem. C. Gemdioe Gn. Luubulau, lurd Rloltcitt dle-Lαν ααν. um, 2, Cανννu. 2 Halæe, Ibne Ame̊ οννd dln Aonen αu, ſemer: Hoßtett gl, Alumugugſen Becutal. Oullet, Jeune.- Aollert dlæs,— Aand, Zonnſ mαᷣ Hα Cu,. di α Fadbaæti imd,&2 Guα. GH Almubgilete Auu er.&, Auemal. Siſum, rν Cauerne.&C Chααννε Cνεον umnd Juallungem. C],, Candle dlis Cnme AdArbillente Cauermne. GEpłemener Hlgeur.. J. Cοιποοαοααuelgit. A, Ailm, Jetube. 4 2 ranixxxgen dler-Allancun uren dund, Landlen Alrulßces. A GCAu ̃. ᷑und, a. Cæhle A. Buunerumung. Gænereeb-ſinanr. Cinre. l GCAmᷣ’iiAunte. A. Cucrul. Hammenge. AIlugee, Baclnele Domamem-NamæUgge.— Dueeͥν. ον,)hο ν‘αο uiα, ume hber. U Lapeclien ale, Lumlen, Luuen.. Aubalrgn, iuα, Hounα“. Hanlliæuu, ſauumbellan vcnh, Lenllgue, Alerr, Lagelbaen, gr, Cabugnbe, Luulbun, a, AllIme. Zandamie-Aiam. Domamnan-lοαiινn,g. d. Cianemereg, LfLiuimuule Hinafe. Sum Aanbuluee A5 e. Cl mmleu. Ci, Iacfuon, mue Anule. G& HAgfinmimer gurenme. Cu Deumale ſuluſe. Gα Haueben, ſubuulbe. Ce. Hebeiu¹ᷣ ͥᷣ eb,, Jii, mmbelle. Gö,, Jiuig C T·¶ ¶¶¶¶¶¶¶·¶¶ ·¶¶¶·¶¶·¶···¶·¶·¶·¶·¶·¶¶·· Hunaalier. Lnor. Sd. Llutlbge. Lor, uLunfEen,εrνονν. Fl Canen Ilon ffUuiᷣ e, Llon&. KHaßupuren, Ilon. OAm, Sueger Nan Hegermteimer Mor,, d ναααναenit. 5 5 5 3 5 3 Laate nan. YIUuke, —— 4⁰ 3%ο nme Hadieel Alacs. 5 8 Auengecpellen mud. vericpt bon CL Aα Hafbuuclliænale. CALNn 22 5 — 2— 8—— +—— 2 1 1 I6 2· 23. 2. 2.Ä 22 777 NIAILRTIUUEEEEee FLEeeeen anmmldn Wen run 10¹ĩ e Gen 4—— ee ee e DKN DER d ODE EVVDARIENr. rE AI TIUEN. voR innο HocHf rURsTU¹ DvnctttEUcErr LIEE cRL. 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Ders Fcuea nan melstem uοοue dnfagſuno des GarEM äft, + len ꝗ; nã 6 da αννut digꝗſten— bribiſ.egio. Karlsruh Intelligenz⸗ und Woch Mittwoch den 26. Juny 1816. Mit Großherzoglich Badiſchem gnaͤdigſtei 80 885 1 Polizev⸗Verküändun ˖ Die kürzlich vergenommene Bierunterſuchung hat folgende Reſultate ˖ 0 Ruͤckſicht auf geiſtigen Gehalt: 0 1) Beim Bierbrauer Ruppele 20 Grad nährende Theile. 1 2)— Bierwirth Scheelmann 6—— 3—— Knecht 26——— 4)— Bierbrauer Schnabel 25— 55—— Eppert 24.—— 45 6)—— Klaus 24——— 14 7)— Bierwirth Schwab 22——— 9 8— Weidner 21—— 9)—— Büttuner 20—— 9 10)—— Jacobi 20——— 115—— Schmidt 18——— 12)—— Potier 17——— 90 Dieſe Biere hatten nun zwar ſämmtlich das vorgeſchriebene ſpecifiſche Gel ihrem Geſchmack waren ſie jedoch ſehr verſchieden, und es iſt mit Grund z 79 ſelben nicht gehoͤrig vergohren ſind, und deshalb auch ſehr arm an geiſtiger 3 70 Auch hierüber wird man bey der naͤchſten Unterſuchung dem Publiku einsweilen ſollen die Bierbrauer darin eine Aufforderung finden, ihrem Bi tenden Gehalt, ſondern auch einen angenehmen Geſchmack zum Trinken zu. Da man inzwiſchen, ſoweit es zulaͤſſig war, auch den geiſtigen Gehal macht man das Reſultat dieſer Unterſuchung vorlaͤufig dem Publikum di⸗ Ueberſicht bekannt, um aus derſelben zu entnehmen, daß das Bier, wenn 0 8 ew* DSSrrr 24— — 2— 3..———