Günther Schmigalle Das Deutschlandbild Rubén Darios BADISCHE LAXNDESRBIBLIOTHEK Vorträge 41 3— BADISCHE LANDESBIBLIOTHEK Vorträge 41 Sünther Schmigalle Das Deutschlandbild Rubén Darios Karlsruhe 1994 Vortrag am 13. September 1994 in der Badischen Landesbibliothek ISBN 3-89065-043-0 OBadische Bibliotheksgesellschaft Karlsruhe 1994 INHALT Vorwort! Das Thema des Vortrags hat etwas Typisches an sich für das, Was die Badische LandesbibliothekK in zahlrei- chen ihrer Veranstaltungen anbietet: bełkanntes Unbekann- tes oder unbekanntes Bekanntes. Es gibt viele Sachverhalte, Geschehnisse, Personen, die es wert sind, gewuſst zu werden, die den Speziali- sten, den Alteren, den Fremden bekannt, geläufig sind, uns anderen jedoch unbekannt geblieben oder gewor- den sind. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang beispielhaft auf zwei Ausstellungen der Badischen Landesbibliothek in der letzten Zeit. Der Schriftstellerin Elisabeth Lang- gässer Wurde im Frühjahr dieses Jahres gedacht. Sie war in den ersten Nachkriegsjahrzehnten eine sehr bekannte Dichterin, heute wird nur noch wenig nach ihren Wer— ken gefragt. Längst haben die Bücher anderer Schriftsteller ihren Platz in den Regalen der Buchhändler eingenommen. Derzeit zeigt die Badische Landesbibliothek eine Ausstellung über Sebastian Brant, der mit seinem Nar- renschiff vor 500 jahren ein Werk geschaffen hat, das mehrere jahrhunderte zu den am meisten verbreitetsten deutschen Büchern gehört hat. Auch heute sind die sa- tirischen Gedichte noch in mehreren Ausgaben erhält- lich, das heißt, daſs weiterhin Nachfrage nach ihnen be— steht. Aber sind sie wirklich bekannt? Uber die Leser Für die Veröõffentlichung nachformulierter und angepaßster Text der Begrüßung zu der Vortragsveranstaltung, die am 13. September 1994 im Sitzungsraum der Badischen Landesbibliothek stattfand. läſst sich nur spekulieren. Ich glaube aber nicht ganz falsch zu liegen, daſ es vor allem Germanisten sind, die sich mit dem berühmten Werk beschäftigen und die es häufig wohl weniger mit Genuſßs oder mit der beabsich- tigten Nachdenklichkeit lesen. Selbst dieses so bekannte Buch bleibt letztlich heute unbekannt. Die Badische Landesbibliothek als Schatzkammer des Geistes sieht es als eine ihrer Aufgaben an, bekanntes Unbekanntes oder unbekanntes Bekanntes hervorzuho- len und der interessierten Offentlichkeit wieder zugäng- lich zu machen. Wir wollen nicht nur eine Bücherausga- bestelle und bei den älteren Werken ein riesiger Bücher- friedhof sein, sondern Schatzkammer bleiben und im- mer wieder neben der täglichen Bibliotheksarbeit do- kumentieren, welch ungeheurer geistiger Reichtum in unserem Haus für alle zur Verfügung steht. Person und Thema des Vortrags fügen sich in das geschilderte An- liegen der Badischen Landesbibliothek bestens ein. Der Dichter Rubén Dario, der bereits 1916 starb, ist in Nicaragua noch heute so lebendig mit seinen Werken, wie man es hierzulande für unsere größten Klassiker nur noch zu träumen wagt. Bei uns sind es vor allem die Hispanisten, die mit seinem Namen etwas anzufangen wissen und denen er als Begründer des literarischen Modernismus in Lateinamerika und Spanien geläufig ist. KRubé'n Dario genieſst in seinem Heimatland Nicara- gua so großes Ansehen, daß ihm eine Ehre nachträglich zuteil Wwurde, die uns hier in Deutschland inzwischen etwas befremdlich geworden ist: Sein Geburtsort ist nach ihm umbenannt worden. Lebende nicaraguanische Schriftsteller sind in unse- rem Land durchaus bekannt. Hier haben wohl die poli- tischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte eine po- sitive Wirkung gehabt. Der bekannteste Literat dürfte Ernesto Cardenal sein. Es sei aber auch Gioconda Belli genarnt, deren Roman Bewohnte Frau inzwischen als Taschenbuch eine hohe Auflage erlebt. Aus dem rastlosen Leben Ruben Darios wird im Vor- trag ein einzelner Aspekt beleuchtet. Deutsches kommt im Werk Darios immer wieder vor. Welches Deutsch- landbild hatte der lateinamerikanische Dichter? Günther Schmigalle geht der Frage nach, wie bei diesem aus- ländischen Intellektuellen ein Bild von unserem Land zustande kommt, aus welchen Elementen es sich Zu— sammensetzt. Besonders interessant wird die Frage, werm man weiß, daſs Dario nur einige Wochen durch Deutschland gereist ist. Welches Wissen hat ein Gebilde- ter aus dem spanischen Kulturkreis von Deutschem, von deutscher Literatur? Benutzt bzw. wie benutzt er sein Wissen? Die Frage nach Wissen und Einfluſs der Kultur anderer Länder ist eine von der Art, die wir je- derzeit auch für uns selbst stellen können. jeder, der Auslandsbesuche gemacht hat, hat sicher aufmerksam alles registriert, was auf eine Präsenz von aus Deutsch- land stammenden Kulturäuſserungen hinweist. In dem Vortrag tut dies für uns an einem Beispiel der Referent. Dr. Günther Schmigalle ist Fachreferent an der Badi-— schen Landesbibliothek und für die Betreuung verschie- dener geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer Zu- ständig. Von Haus aus ist er Romanist und Anglist. Das Besondere an ihm ist, daſs er sechs Jahre als Entwick- lungshelfer in Nicaragua war, von wo er Anfang dieses Jahres wieder in die Badische Landesbibliothek zurück- gekehrt ist. Das Bibliotheks- und Büchereiwesen hat in dem kleinen Land auf Grund der äuſseren Verhältnisse einen niedrigen Stand. Herr Schmigalle hat als Dozent an der Bibliotheksschule in Managua zur Entwicklung dieses Bereichs der Kultur beigetragen. Riidiger Schmidt Das Deutschlandbild Rubén Darios In den einschlägigen Handbüchern und Literaturge- schichten strahlt der Name Rubén Darios heute in hel- lem Glanz. In einer großen spanischen Literaturge- schichte heißt es: Rubén ist so Wesentlich für die Ent- wicklung der literarischen Sprache in Spanien wie für das Kastilische in Amerika“2. In einem Wörterbuch der spanischen und hispanoamerikanischen Literatur wird er als Führer einer Bewegung, die einer neuen Epoche der spanischsprachigen Dichtung die Tore geöffnet hat', bezeichnets, und noch eindringlicher heißt es in einer Geschichte der hispanoamerikanischen Literatur: Sein menschliches Profil, die tiefe Bedeutung seines Werks, die Anziehungskraft, die ihn befähigte, poetische Be- strebungen in beiden Kontinenten an sich zu binden, und die Spur, die er in denjenigen spanischsprachigen Autoren hinterlassen hat, die seinen Weg fortführen sollten, machen ihn in jeder Hinsicht zu einer außeror— dentlichen Gestalt“s. Auch in deutschsprachigen Stan- dardwerken finden wir ähnliche Formulierungen: Vater der Erneuerung der spanischen Lyrik's,(anerkann- ter Führer der modernistischen Bewegung in Hispa- noamerika“, eigentlicher Begründer des Modernis- 2 Valbuena 5/ 120. Gullõn 1/423. Iñigo 2/603. 5Sutiérrez 161. oFogelquist 195. 10 mus, der Dichter, der die Welt anders sah“s. Und im Oxford Companion to Spanisſi Literature charakterisiert man ihn als den einflußsreichsten spanischsprachigen Dichter seiner Zeit“. Im Gegensatz zu diesem, Wwenn man s0 will, durch die literarhistorischen Autoritäten abgesegneten Rang Darios steht sein geringer Bekanntheitsgrad beim deut- schsprachigen Lesepublikum. Freilich teilt er dieses Schicksal weitgehend mit allen lateinamerikanischen Autoren der Vergangenheit: Lateinamerikanische Lite- ratur vor 1950 ist lin Deutschland]l weitgehend unbe- kannt geblieben, die vor 1900 fast vollständig“iο Im Falle Darios kommt noch hinzu, daſs nur ein Kleiner Bruchteil seines umfangreichen Werks(22 Bände in der Madrider Gesamtausgabe von 1917-1919) ins Deutsche übersetzt worden ist. Von dem Erzählungs- und Ge- dichtband Azul., den manche für sein Hauptwerk hal- ten, erschienen zwei deutsche Ausgaben: 1924 in Berlin und 1942 in Buenos Aires. Eine Auswahl seiner Erzäh- lungen wurde 1983 bei Reclam in Leipzig publiziert. Eine kleine Auswahl aus seiner Lyrik liegt in zwei Bän— den vor(Oberschleiſheim 1983 und Stuttgart 1989). Von seinen Essays, seiner Literaturkritik, seinen Reisebe- schreibungen ist noch nichts übersetzt. Das deutsche Lesepublikum hat deshalb noch keinen annähernd voll- ständigen Eindruck von seinem Werk gewinnen kön— nen. Iln Nicaragua dagegen ist Rubé'n Dario ein „Klassiker“, ja sogarder“ Klassiker überhaupt. Die Na- Franzbach 261. 8SGumbrecht 1/771. 9 Ward 147. 10 Reichardt, Autorenlexikon VII. 11 tionalbibliothek trägt seinen Namen, ebenso wie die höchste staatliche Auszeichnung, die im kulturellen Be- reich verliehen wird. Der Kult, der um ihn getrieben wird, motiviert Zzunächst Wenig dazu, sich ernsthaft mit ihm zu beschäftigen. Man behandelt ihn wie eine Art Sott, was jede kritische Analyse, so Wohlwollend sie auch gemeint sei, von vornherein auszuschließen scheint. Auch erweckt er zunächst einmal den Eindruck eines Asthetizisten. Ein bedeutender spanischer Kritiker spricht sogar vom Modernismus als der ästhetizisti- schen Revolution Rubé'n Darios“(Blanco Aguinaga 2/½253). Aber das stimmt nicht ganz. Zwar handeln eini- ge seiner bekanntesten Gedichte von melancholischen Prinzessinnen im Frankreich Ludwigs des Vierzehnten; und, als man ihn deswegen kritisierte, hat Dario erklärt: Was soll ich tunſ Ich verabscheue nun einmal das Le- ben unid die Zeit, in der ich geboren bin; und den Präsi- denten einer Republik könnte ich niemals in der glei- chen Sprache begrũſßen, in der ich dich besinge, o Alga- ball“ii. Aber es gibt von ihm auch Gedichte und vor al- lem Prosatexte, die politisches Bewuſstsein und soziale Serisibilität verraten. Und sein vielgerühmter Universa- lismus bedeutet ein authentisches Interesse an der Kul- tur und Politik sowOhl Lateinamerikas als auch fremder Länder“. Eines dieser- für Dario-fremden Länder“ ist Deutschland, über das er viel gelesen und einiges ge- schrieben hat, darunter auch eine echte Reisebeschrei- bung'. Diese · zusammen mit seinen übrigen Außerun- gen über Deutschland- soll uris hier zu einer ersten An- näherung an sein Werk verhelfen. Werm man im Zusammenhang mit Nicaragua von Reisebeschreibungen spricht, so denkt man zunächst an 11 Pario, Poesia 180. 12 Texte iiber Nicaragua. Die Heimat Darios ist vierhunder- tundneunzig Jahre lang zunächst einmal Gegenstand von Reisebeschreibungen gewesen: von Kolumbus, der im Jahre 1502 seine Atlantikküste dentdeckte“ und seine dabei erlittenen Mühen und Strapazen herzzerreiſsend den spanischen Königen schilderte, in der Hoffnung, endlich angemessen belohnt zu werden, bis zu Hans Christoph Buch, der 1992 die Trümmer der sandinisti- schen Revolution besichtigte und dann in der Zeitschrift Lettre International erklärte, er habe immer schon ge- wuſst, daſs es so nicht gehe. Im 19. und 20. Jahrhundert waren zunehmend auch Deutsche unter den Reisenden, die das Land der Seen und Vulkane besuchen: Alexan- der von Humboldt segelte zwar nur von ferne an der Pazifikküste Nicaraguas vorbei, aber sein Schüler Julius Fröbel bestieg den Vulkan Telica, und Karl Theodor Sapper realisierte 1898 die Erstbesteigung des Momo—- tombo. Karl Hermann Berendt kompilierte 1874 das er- ste Wörterbuch des nicaraguanischen Spanisch; Walter Lehmann studierte die Sprachen, die Ethnologie und Archäologie Nicaraguas. Hans Helfritz und andere ver- fielen dem nicht sehr diskreten Charme des Diktators Anastasio Somoza; und die sandinistische Revolution zog Besucher wie Hermann Schulz, Dietmar Schönherr, Günter Wallraff, Franz Xaver Kroetz, jürgen Sormani und Klaus-Peter Wolf in ihren Bann. Nicaragua, so lange Zeit Objekt fremder Blicke und Beschreibungen, hat erst relativ spät begonnen, diesen Blick zu erwidern. Eigentlich erst im 20. Jahrhundert beginnen nicaraguanische Autoren, fremde Länder Zzu besuchen, ihre Beobachtungen schriftlich festzuhalten und 2zu veröffentlichen. Den großen Wendepunkt in die- 13 ser Hinsicht bildet eben Rub'n Dario. Unter den euro- päischen Ländern, die sein Interesse erweckten, steht Frankreich an erster Stelle: die“geistige Staatsbürger- schaft Frankreichs“ zu erwerben, ein“französischer Dichter“ zu werden, war seit frühester Jugend die Ob- session Darios; nur aus ihr läſst sich das Geheimnis sei- ner ersten Meisterwerke, Azul., Los raros und Prosas profanas erklären. 12 In der Reihenfolge seines Interesses folgen Spanien, Italien und Griechenland. Deutschland belegt in dieser Rangliste immerhin einen ehrenvollen fünften Platz, wobei Dario vor allem das romantische Deutschland, das Land der Dichter und Denker faszi— niert. So findet man zwar im Deutschlandbild des jungen Dario einige realistische Eindrücke: als er mit 19 Jahren aufgrund einer schweren Liebesenttäãuschung Nicaragua verläſst und nach Chile emigriert, reist er auf einem deutschen Dampfer: Tomèẽ el vapor, un vapor alemãn de la compañia Kosmos, que se llamaba Uarda. Entrè àa mi camarote, me dormi. Era yo el ünico pasajero. Desperté horas después y me fui sobre cu- bierta. A lo lejos quedaban las costas de mi tierra. Se veia sobre el pais una nube negra. Me entrö una gran tristeza. Quise comunicarme con las gentes de a bordo, con mi preca- rio inglés, yno pude hacerme entender. Asi empezaron lar- gos dias de navegacion entre alemanes que no hablaban mãs lengua que la suya. El capitàn me tom6 cariño, me obse- quiaba en la comida con buenos vinos del Rhin, cervezas teutõnicas y refinados alcoholes. V por el juego del dominõ aprendi a contar en alemãrn: ein, a bei, drei, vier, fünf. Ich nahm den Dampfer, einen deutschen Dampfer der Kompanie Kosmos“, der Uarda hieſs. Ich ging in meine Ka- bine und schlief ein. Ich war der einzige Passagier. Stunden 12 Arellano, Azul..,“ 99. später erwachte ich und ging an Deck. Die Küsten meiner Heimat waren schon weit entfernt. Uber dem Land sah man eine schWarze Wolke.18 Mich ergriff eine tiefe Traurigkeit. Ich versuchte mit der Mannschaft ins Gespräch zu kommen, in meinem holprigen Englisch, konnte mich aber nicht ver- ständlich machen. So begann eine viele Tage währende See- reise unter Deutschen, die keine Sprache außer ihrer eigenen sprachen. Der Kapitän gewann mich lieb und bewirtete mich beim Essen mit guten Rheinweinen, teutonischem Bier und ſeinen Schnäpsen. Und beim Dominospiel lernte ich auf Deutsch zu zählen: eins, Zwei, drei, vier, fünf.. Jl4 Iln Santiago de Chile ernährt er sich einige Zeit in einem deutschen[Wirts]! Haus von Heringen und Bierls, später bezeichnete er Chile als vielleicht das ein- zige Land Spanisch-Amerikas, in dem dem deutschen Geist die eine oder andere Eroberung gelungen ist“i. Aber überwiegend bezieht er sein Deutschlandbild in dieser Etappe aus französischen Büchern. Das gilt für seine Erzählungen: in Der taube Satyr“ tritt ein Esel auf, der(obwohl er damals noch nicht mit Kant gesprochen hatte) Experte in Philosophie War“i7, als Quelle gibt Dario selbst das Gedicht L'ãne“ an, in dem Victor Hugo auf über 3000 Versen einen humoristischen Gesamt- überblick über die abendländische Philosophie bietetls. 13 Eine schwarze Wolkel: es handelt sich um den Ausbruch des Vulkans Momotombo vom 3. Mai 1886(Torres 132, Sapper 268). 14 Pario, Autobiografia 34. 15 Ebd. 38. 82 7 Dario, Azul., 307. In der deutschen Ubersetzung von Her- mann Weyl geht dieses Detail verloren: Der Esel War, nach allge- meinem Dafürhalten, in der Lebensweisheit sehr erfahren“ ODario, Azul“ 59). 18 Das Gedicht Hugos präsentiert sich als ein Dialog zwischen Kant und dem Esel, oder genauer gesagt, als ein Monolog: der Esel redet, Kant hört zu. Es kulminiert in der komischen Verzweiflung 15 Die erste veröffentlichte Erzählung Darios ist A las orillas del Rhin“ IAn den Ufern des Rheinsl, eine Legen- de im Stil von Es waren zwei Königskinder“, mit den Protagonisten la linda Marta de los ojos azules“[die schöne Marta mit den blauen Augen] und“el caballero Armando la flor de los valientes“[der Ritter Armando, Blüte der Tapferen]. In einer anderen Erzählung, Por el Rhin“[Rheinfahrtl, defilieren Margarethe, Faustus, die Lorelei, Friedrich der Groſse, die Walzer von Straußs, Mephistopheles, der groſse Wolfgang“,'der göttliche Heine“, Nietzsche, der Wahnsinnige“. Diese Erzählung ist von dem französischen Symbolisten Gustave Kahn inspiriert. Auch in den Gedichten Darios finden wir zahlreiche Anspielungen auf die deutsche Kultur. In El libro“ Das Buchl, das Dario 1882, mit fünfzehn Jahren, schrieb, erscheinen Gutenberg und Luther als Repräsentanten des Fortschritts, während der Papst Obskurantismus und Reaktion verkörpert. In der erotischen Geographie von Divagaciõn“ sind vier Strophen dem“amor alemän“[der deutschen Liebe] gewidmet, in ihnen er- scheinen Gretchen, die Lorelei, Lohengrin mit dem Schwan, der„göttliche Heinrich Heine“ und der göttliche Wolfgang“, den ein spanischer Kritiker in mũ- des Grautiers, das sich, ob des Uberangebots an Theorien verwirrt und verstört, nach seiner ursprünglichen Unwissenheit zurücksehnt und den Entschluſs faßst: e miéèvade à jamais de la science in- grate./ Il est temps que, rentrant dans le vrai, je me gratte/ Lechine aux bons cailloux du vieux globe éternel.“ Die Skepsis angesichts der Wissenschaft findet bei Kant Verständnis: Quil dit-il, la science est encore insalubre/ Lesprit marche, baissant la tete et parlant bas,/ Et cette surdité de la bẽte nest pas/Si stupide en effet que dabord elle semble“(Hugo, Lànel 370). 16 hevoller Kleinarbeit als Wolfgang ſ[sicl von Eschenbach“ identifiziert hat, Während in Wirklichkeit natürlich Goe- the gemeint isti“. Etwa fünfzig Namen von deutschen Dichtern und Denkern, Künstlern und Musikern findet man in Darios Werk, und mit vier von ihnen hat sich Dario intensiver auseinandergesetzt: Goethe, Heine, Wagner und Nietzsche?“. Marcha triunfal“ Triumph- marsch] lehnt sich bis in die Einzelheiten seiner Struktur an den Einzug der Sänger in die Wartburg in Richard Wagners Oper Tannhäuser an-Darios Begeisterung für Wagner fällt mit seinem Aufenthalt in Buenos Aires Zzu— sammen, wo er das berühmte Opernhaus frequen-— tierteꝛ2i. Für Nietzsche begeisterte sich Dario, allerdings nur für kurze Zeit, ebenfalls während seiner argentini- schen Periode, und hegte sogar den Plan, ein Kapitel über Nietzsche in sein Buch Los raros aufzunehmen2. In Lo fatal“[Das Verhängnisvollel hat man den Einfluß der Philosophie Schopenhauers nachgewiesen, wobei er übrigens in diesem, einem seiner bekanntesten und zugleich pessimistischsten Gedichte, bestimmte Verse des deutschen Expressionismus vorwegzunehmen scheint: O daſs wir unsere Ururahnen wären./ Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor“24. In Letania de Nuestro Señor Don Quijote“[Litanei unseres Herrn Don Quijote] bittet der Dichter unter anderem darum, von den Ubermenschen Nietzsches“ befreit zu werden: Was die Menschheit braucht, sind nicht Uber— 19 Zamora Vicente 167-193. 20 Reichardt, Ruben Dario“ 179. 2¹ Ebd. 181. 22 Ebd. 23 Renitez. 24 Benn 3/ 25. 17 menschen, sondern Quijotes?s. In den Versos de Añ̃o Nuevo“ Verse zum Neuen jahrl evoziert er seine Bohèmejahre in Buenos Aires mit den Worten: Kants y Nietzsches y Schopenhauers ebrios de cerveza y de azur iban, gracias al calembou a tomarse su cliop en Auer's. Kants und Nietzsches und Schopenhauers, Trunken von Bier und von Azur, Singen, wegen des Calembour, Ihren Schoppen Zzu trinken im Auerts.] Das reale Deutschland taucht in Darios Poesie nur einmal auf. In dem Sonett A Francia“[An Frankreich], während seines ersten Parisaufenthalts im juni/ juli 1893 geschrieben, thematisiert Dario die Bedrohung Frankreichs von seiten des preußischen Militarismus. Der Dichter nennt die Deutschen die Barbaren“ und vergleicht sie mit dem Zyklopen und mit Herakles, Symbolen brutaler und hirnloser Kraft. Tannhäuser ist in diesem Gedicht nicht mehr eine Sagengestalt aus ei- ner Wagner-Oper, sondern ein Militärmarsch, hinter dem derKkaiserliche Helm“ Wilhelms II. aufblitzt. Aber erst im periodistisch-essayistischen Werk Darios finden wir eine gewisse Vertiefung seines Deutschlandbilds. Ihr sichtbarstes Zeichen ist die Ab- lehnung der deutschen Politik. In dem Band La caravana pasa Die Karatbane ziehit vorbei!(1902) veröffentlichte Dario eine Auswahl der Artikel, die er als Pariser Korre- spondent für die Zeitung La Nacioõn in Buenos Aires ge- schrieben hatte. Einer dieser Artikel handelt von den Groſsmachtplänen Kaiser Wilhelms Il. und den Ambi- 25 Reichardt, Rubẽn Dario“ 182. 18 tionen des Deutschen Reiches, auch in Lateinamerika Fuſs Zu fassen. Uber den Einfluſs der deutschen Kultur in Lateinamerika heiſst es dort: Después de recorrer casi toda la América espanola y de haber residido por algün tiempo en varias de las repüblicas, creo poder afirmar que las ideas alemanas no han encontrado ni pueden encontrar buen terreno en nuestro continente. L-4 La América latina, después de la Revoluciõn, en el orden de las ideas, mira en Francia su verdadera madre patria. Nachdem ich fast das gesamte Sparisch-Amerika bereist und auch in mehreren seiner Republiken einige Zeit gelebt habe, glaube ich behaupten zu können, daßs die deutschen Ideen auf unserem Kontinent kein günstiges Terrain gefun- den haben noch auch finden werden. I.] Lateinamerika sieht seit der Revolution auf dem Gebiet der Ideen seine wirkliche Heimat in Frankreich. Iꝛ5 Bestimmte deutsche Sitten und Gebräuche werden von Dario sogar mit beiſsender Ironie dargestellt: Ciertamente, alguna parte de la juventud hispanoameri- cana se ha educado en Alemania y ha logrado grandes pro- gresos desde el punto de vista profesional. No nos faltan el mẽdico que guarda en su cara el recuerdo de los estũpidos duelos universitarios y la dilataciõn de estõmago de los aun mãs estüpidos trasegamientos obligatorios de cerveza. Pero no se tiene, en el grupo pensante, puesta la mirada y el ensu- eñio en Berlin ni en Bonn, sino en Paris. [Sewiß, ein Teil der hispanoamerikanischen Jugend hat in Deutschland seine Ausbildung genossen und in professionel- ler Hinsicht große Fortschritte erzielt. Es fehlt uns nicht an Arzten, die in ihrem Gesicht noch die Erinnerung an die dummen Universitäts-Duelle tragen und infolge der noch dümmeren obligatorischen Bier-Saufereien an Magenerweite- rung leiden. Aber unter denen, die denken, richten die Blicke 26 QP 251. 19 und die Träume sich nicht auf Berlin oder Bonn, sondern auf Paris. I2 Und die Zusammenfassung lautet: Los sudamericanos que meditan en la verdadera grande- 2a de los pueblos, los hombres de buena voluntad y de juicio noble, no se hacen ilusiones sobre la virtud y alteza del alma alemana. l..] No, no puede ser simpãtico para nuestro espiri- tu abierto y generoso, para nuestro sentir cosmopolita, ese pais pesado, duro, ingenuamente opresor, patria de cẽsares de hierro y de enemigos netos de la gloria y de la tradicion latina. Die Südamerikaner, denen die wirkliche Größe der Völ- ker am Herzen liegt, die Menschen von gutem Willen und edlem Urteil, machen sich keine Illusionen über die Tugend und die moralische Gröõße der deutschen Seele..-] Nein, für unseren offenen und großszügigen Geist, für unser kosmopo- litisches Gefühl, kann dieses schwerfällige, harte, plump re- pressive Land, diese Heimat eiserner Cäsaren und erklärter Feinde des lateinischen Ruhms und der lateinischen Tradi- tion, nicht sympathisch sein. Iꝰ8 In einem anderen Artikel im gleichen Buch spricht Dario von Heinrich Heine. Ausgehend von der Infor— mation, es sei geplant, für Heine in Paris ein Denkmal zu errichten(Was sich dann als falsch herausstellte), er- klärt er:“sabido es que su patria original, la tierra de su nacimiento, Alemania, no ha consentido en que se le- Vante el menor monumento“ ſes ist bekannt, daß seine ursprüngliche Heimat, sein Geburtsland, Deutschland, niemals zugestimmt hat, ihm auch nur das kleinste Denkmal zu errichten]ꝰ?. Von dieser Tatsache ausge- hend, Kkonstatiert Dario eine tiefe Spaltung zwischen deutschem Geist und deutscher Realität. Das Lebens- 27Ebd. 28 COP 253. 29 P 189. 20 schicksal und die Ansichten einiger der größsten deut— schen Dichter und Philosophen sind nach seiner Auffas— sung ein Beleg für diese Kluft: Alemania, gran madre, sin embargo, Germania mater, no ha llenado los sueños y aspiraciones de mäs de uno de sus ilustres hijos. l..] Previendo mi muerte, dice Schopenhauer, declaro: que desprecio la patria alemana, a causa de su estu- pidez, y que me avergüenzo de pertenecer a ella.“ VHeine: El pueblo prusiano, es siempre el mismo pueblo de muñecos pedantes; siempre el mismo ängulo recto en cada movimien- to, yY, en el rostro, la misma suficiencia helada y estereoti- pada. Se apretaban siempre tan tiesos, tan estirados, tan estrechos como antes, y derechos como una J. Diriase que se han tragado la vara de cabo con que antes les zurraban.“ Es el pais chato de Europa', escribe de su Alemania el flagelante Nietzsche: Das Flachiland Europas. Deutschland, die große Mutter, Germania mater, hat je- doch die Träume und Aspirationen mehr als eines ihrer be- rühmten Söhne enttäuscht. I.Um Angesicht des Todes', sagt Schopenhauer, erkläre ich: daſs ich meine deutsche Heimat aufgrund ihrer Dummheit verachte und mich schäme, ihr anzugehören.“ Und Heine: Noch immer das hölzern pedanti- sche Volk, /Noch immer ein rechter Winkel/ In jeder Bewe- gung, und im Gesicht/ Der eingefrorene Dünkel.// Sie stelzen noch immer so steif herum,/ So kerzengerade geschnie- gelt,/ Als hätten sie verschluckt den Stock,/ Womit man sie einst geprügelt'. Es ist das Flachland Europas', schreibt der Sarkastische Nietzsche über sein Deutschland.PBο Greifen wir aus den drei Textstellen, die Dario zitiert, das Heine-Zitat heraus.31 Es scheint sich um ein wörtli— 30 Cp 190191. 31 Das Nietzsche-Zitat konnte ich bisher nicht lokalisieren. Das Schopenhauer-Zitat ist in Wagners Schopenhauer-Register in dieser Form zwar nicht nachgewiesen, es gibt jedoch mehrere sinngemäſs ähnliche Zitate, wie etwa das folgende aus den Parerga und Parali- pomena: Ich soll Wohl auch, als ein guter Patriot, mich im Lobe der 2 ches Zitat zu handeln, das zwei Strophen aus dem Ca- put III von Deutschland. Ein Wintermärchen entspricht. Allerdings modifiziert Darios spanische Version den deutschen Originaltext in signifikanter Weise. Wo es bei Heine heißt: noch immer das hölzern pedantische Volk“, heiſst es bei Dario: el pueblo prusianob- das preußsische Volk“. Nun zeigt uns aber der Kontext, daßs Heine sich hier nicht auf das preuſsische Volk, sondern auf das preuſßische Militär bezieht, genauer gesagt, auf das 1. Bataillon des 34. Infanterieregiments, das sich zur Zeit seiner Deutschlandreise im Jahre 1843 in Aachen in Garnison befandꝰꝛ. Volk' bedeutet an dieser Stelle(S0 sind die Feinheiten der deutschen Semantikſ) eben nicht Volk', sondern soviel wiediese Leute“, diese Typen“. Man Kann sagen, daſs Darios Ubersetzung die anti- mili- Deutschen und des Deutschthums ergehn, und mich freuen, dieser und keiner andern Nation angehört zu haben? Allein es ist, wie das Spanische Sprichwort sagt: cada uno cuenta de la feria, como le va en ella. JCeder berichtet von der Messe, je nachdem es ihm darauf er- gangen.) Geht zu den Demokolaken und laßt euch loben. Tüchtige, plumpe, von Ministern aufgepufſte, brav Unsinn schmierende Scharlatane, ohne Geist und ohne Verdienst, Das ist's, was den Deutschen gehört; nicht Manner wie ich.- Dies ist das Zeugniß, wel- ches ich ihnen, beim Abschiede, zu geben habe. Wieland(Briefe an Merck S. 239) nennt es ein Unglück, ein Deutscher geboren zu seyn: Bürger, Mozart, Beethoven u. A. m. würden ihm beigestimmt ha- ben: ich auch“ Schopenhauer 5/ 104). Das Zitat zeigt deutlich, daß Schopenhauer selbst sich des subjektiven Charakters solcher Urteile vollkommen bewuſst war und daſs er für sein Urteil über die Deut- schen keine Allgemeingültigkeit beanspruchte. Im übrigen schrieb er 1818 aus Italien, Wo er den Hauptzug im Nationalcharakter der Italiener in ihrer Unverschämtheit entdeckt zu haben glaubte: Geht man Einem Unheil aus dem Wege, so läuft man dem andern entge- gen: flieht man die Nationalfehler Eines Volks, so sucht man die an- derartigen eben so schlimmen eines andern auf. Der Himmel erlöse uns aus diesem Jammerthalꝰ Schopenhauer 1/163). 52 Woesler, in: Heine 1097. 22 taristische und anti-preuſische Tendenz des Heine-Tex- tes in einèe anti-deutsche Tendenz ummünzt. Freilich konnte Dario sich dabei auf die von Heine autorisierte französische Version, Germania. Conte d'hiver berufen, die ihm wahrscheinlich als Vorlage diente und die den Volks!-Begriff beibehält: C'est toujours le mème peu- ple de pantins pédants““s. Wie dem auch sei, die mangelnden Entfaltungsmög- lichkeiten gerade der originellsten Köpfe unter den deutschen Dichtern und Philosophen, ihre weitgehende Auſsenseiterrolle in Staat und Gesellschaft, werden von Dario zweifellos Zzutreffend beobachtet. Für seine eigene Heimat Nicaragua trifft dies alles ja in noch stärkerem Maße zu, und Dario hat das Fehlen einer intellektuellen Kultur in seinem Heimatland später in einem anderen Reisebericht, El viaje à Nicaragua, ausführlich darge- Stelltꝰ“. Im Mai 1904 hat Dario zum ersten und einzigen Mal Deutschland besucht. Die Großzügigkeit eines reichen Mexikaners ermöglichte ihm diese Reise, die ihn erst zum Schlachtfeld von Waterloo, dann nach Köln, Frank- furt, Hamburg und Berlin, dann nach Wien und Buda- pest führte und die er in dem Reisebericht De tierras solares a tierras de bruma“ Von sonnigen Ländern in neblige Länder“] beschrieben hat. Der direkte Kontakt mit Deutschland- aus der Perspektive eines vielbelese- nen, aber sprachunkundigenòꝰ Touristen, oder, wie er leine 246. Schmigalle 76. 5 Die Behauptung Arturo Torres-Riosecos, Dario habe Deutsch gelernt, um Heine im Original lesen zu können, trifft wohl nicht zu (Seldrich 187). 23 sich selbst nennt, Pilgers der Poesie“ · führt bei Dario zu einer neuen Vertiefung seines Deutschlandbildes. Die Kluft, die er jetzt wahrnimmt, ist nicht mehr die zwi- schen Geist und Realität, sondern die wWischen dem poetischen, romantischen Deutschland, dem Deutsch- land der Vergangenheit, das er liebt, und dem moder- nen Deutschland, Inkarnation des kapitalistischen Fort- schritts, den er mehr und mehr verabscheut. Dario versucht Deutschland durch den Filter der Poesie zu sehen: von seinem Rheindampfer aus grüßt er Köln im Namen von Heinrich Heine, Bonn im Namen von Arndt und Beethoven, Mainz um Gutenbergs wil- len. Adios, Colonia, que aprendi a amar en Heine, A que me eres grata por tu catedral portentosa ſ.-] Ilevo de ti la vision A del domo labrado que erige al fimmamento sus oraciones de piedra, armoniosa y severa iglesia, hermana gõtica de las maravillas de Burgos, de Paris, de las antiguas basilicas de las ciudades que antaño sabian orar catõlicamente. Sei mir gegrüßt, Köln, das ich in den Werken von Heine lieben lernte; du gefallst mir wegen deiner stattlichen Kathe- drale[.-] ich nehme aus dir die Vision L-] des ⁊ziselierten Domes mit, der seine steinernen Gebete zum Himmel empor- streckt, harmonische und strenge Kirche, gotische Schwester der Wunderwerke von Burgos und Paris, der alten Basiliken jener Städte, die einstmals noch auf katholische Art zu beten verstanden. Pꝰ Auf welchen Text Heines bezieht sich nun Dario, wenn er sagt, er habe Köln in den Werken Heines lie- ben gelernt“? Sicherlich auf das Buch der Lieder“, meint Noel Rivass7. Sicherlich nicht, denn im Buch der Lieder kommt Köln ja überhaupt nicht vor. Nein, wir haben 36 TB 197-198. 37 Dario, Tierras[19911 187, Anm. 1. 24 hier wieder eine Anspielung auf Deutschland. Ein Win- termarchen vor uns, aus dem Dario bereits in La caravana pasa mehrere Strophen zitiert- wir haben diese Stelle angeführt · und in dem ein ganzes Kapitel- das Caput IV- der'heiligen Stadt Cöllen“ und speziell dem Kölner Dom gewidmet ist. Wenn wir diese Quelle identifiziert haben, so stellt uns ihre spezifische Rezeption durch Dario allerdings vor neue Rätsel. Erinnern wir uns, daß Köln für Heine in diesem Text die reinste Verkörperung des Dunkelmännertums, d.h. des Fanatismus, der Heu- chelei und Bigotterie im Zeichen der Religion ist, und daſs seine Charakterisierung der Stadt Köln in der Stro- phe gipfelt: Dummheit und Boſsheit buhlten hier Gleich Hunden auf freyer Gasse; Die Enłkelbrut erkennt man noch heut An ihrem Glaubenshasse.38 Wie Dario aufgrund einer so sarkastischen Karikatur Köln lieben lernte“, muſs allerdings zunächst unver- ständlich bleiben. Mehr noch sein bruchloser Ubergang von der Lektüreerinnerung an Heine zum Lob des Köl- ner Doms. Derm wir erinnern uns, daſs Heine den noch urwollendeten Dom Heine als des Geistes Bastille“, als Riesenkerker“, in dem'die deutsche Vernunft ver- schmachten“ solle, bezeichnet. Heine verspottet die armen Schelme vom Domverein“, die bey Ketzern und Juden sogar“ um Geld betteln würden-· eine Anspielung darauf, daſs er selbst anfangs, d.h. 1842 Vizepräsident der Pariser Filiale des Zentral-Domvereins gewesen und den relativ hohen Betrag von 20 Francs für das Dom- Vollendungs-Projekt gespendet hatte, bevor die durch die preuſsische Regierung betriebene Politisierung des 38 Heine 98. 25 Projekts einen radikalen Sinneswandel bei ihm herbei- führtesꝰ. Heines Satire auf das Dombauprojekt gipfelt in den Versen: Er wird nicht vollendet, der köllner Dom, Obgleich die Narren in Schwaben Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff Voll Steinen gesendet haben. Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrey Der Raben und der Eulen, Die, alterthümlich gesinnt, so gern In hohen Kirchthürmen weilen. Ja, kommen wird die Zeit sogar Wo man, statt ihn zu vollenden, Die inneren Ràume Zzu einem Stall Für Pferde wird verwenden. 40⁰ Wern Heine den Tag voraussah, an dem der Dom in einen Pferdestall umgewandelt Werden würde, so War dies allerdings nicht nur eine auf die Zukunft gerichtete Prophezeiung, sondern vor allem ein nostalgischer Rückblick auf die von ihm bewunderte Ara Napoleons: derm Wwährend der Napoleonischen Besetzung der 39 Woesler, in: Heine 1102; Fingerhut 54. Diese Politisierung gipfelte in der Eröffnungsfeier nach der Vollendung des Domes im jahre 1880. Die Feier fand nicht am Tage der Grundsteinlegung, dem 15. September, statt, wie es für ein kirchliches Baudenkmal na- he gelegen hätte, sondern genau einen Monat später, am Geburtstag Friedrich Wilhelms IV., der als der zweite Domgründer betrachtet Wurde. Da das Fest rein weltlich angelegt und der Stuhl des EKölner Erzbischofs verwaist war, übten die führenden Katholiken Kölns dabei würdige Zurückhaltung', d. h. sie blieben der offiziellen Ver- anstaltung fern, Was sie vorher Kaiser Wilhelm I. wissen lieen“ (Lützeler 243). Wilhelm I. hatte übrigens zeitweise mit dem Gedan- ken gespielt, sich in dem vollendeten Kölner Dom zum Kaiser krö- nen zu lassen(vgl. Hampe). 40 Heine 99. 26 Fheinlande hatten die französischen Truppen häufig Kirchen als Pferdeställe benutzt. Der Kölner Dom diente von 1796-1801 nachweislich als Proviantlager, andere Kölner Kirchen waren sogar tatsächlich als Pferdeställe verwendet worden1. Darios Gruſs, der sich gleichzeitig an Heine und an den Kölner Dom richtet, ist also geradezu paradox. Wir müssen arnnehmen, daſs Dario, als er Deutschland. Ein Wintermärchen(vVermutlich in französischer Uberset- zung) lIas, die anti-religiöse Satire, die gegen die Allianz von Thron und Altar gerichtete Polemik entweder nicht wahrgenommen hat, oder daſs er den Text in seiner Er- irmerung soweit“assimiliert'“, umgeformt und seinen eigenen Anschauungen angepaßst hat, daſs er im glei- chen Atemzug Heine begrũſen und den Kölner Dom als Monument der unüberwindbaren Kraft der katholischen Tradition feiern Konnte. 1 Woesler, in: Heine 1107. 2 Auch der von Dario verehrte Victor Hugo stand dem Projekt zur Vollendung des Kölner Doms skeptisch gegenüber: dieser Dom, den man heute aus Eitelkeit, nicht um den Glaubens willen Weiterbauen will“(Wiegand 76).- Darios auffallende Identifikation mit dem Katholizismus kann dennoch nicht einfach als ideologi- sche Rechtsentwicklung“(im Vergleich zum militanten, liberalen Antiklerikalismus seiner Jugendjahre) gewertet werden. Dario sah vielmehr in der katholischen Tradition einen wesentlichen Bestand- teil der lateinamerikanischen Identität, den es angesichts der Ex- pansion des(protestantischen) USAImperialismus zu verteidigen galt. Zwei Jahre vor seiner Deutschlandreise schrieb Dario in einer für La Naciõn verfaſsten Besprechung des Buches Ihe Americanixation of the Worid des englischen Journalisten William Thomas Stead: Mit Welchen Mitteln amerikanisiert das herrschsüchtige Amerika? Eines seiner Mittel ist die Religion, durch den Einsatz umzähliger Heer- scharen von Missionaren und aller amerikanischen Kirchen und Glaubensgemeinschaften“(CP 221). In Nicaragua ist die Uberzeu- gung, daßs es eine der Aufgaben der protestantischen Kirchen und 27 Auf seiner Rheinfahrt sieht Dario endlich die mythologische Landschaft, die er zuvor in Erzählungen verewigt hatte: Por el Rhin“[Rheinfahrtl nennt er die- ses Kapitel seines Reiseberichts, entsprechend dem Titel seiner Erzählung aus dem Jahre 1897. Auch diese Land- schaft sieht Dario durch den Filter der Poesie. Sein wichtigster Bezugspunłkt ist dabei Victor Hugo, der das Rheinland in den Jahren 1838-1840 bereist und darüber eine poetisch- politische Reisebeschreibung unter dem Titel Le Ruin veröffentlicht hatte. Dabei kommt es nun zu einer Durchbrechung von Darios, durch die Hugo- Lektüre erzeugter ErWartungshaltung. Denn seit den Tagen Hugos ist der Fortschritt“ in diese Landschaft eingedrungen: Vsucede que, àa menudo, mientras vais pensando en una brumosa soñ̃aciõn, o mirando con los ojos de vuestra mente las figuras de la luz de luna, nacidas de la melodia de los poemas, pasa de pronto ante vuestros carnales ojos, por la cultivada ribera, a perderse en la negrura de un tũnel, una locomotora, que arrastra su cauda de vagones. Cuando Hugo vino todavia no habia ferrocarriles en estas regiones que sin- tieron antaño el paso de los dragones y de los gigantes. Und es kommt vor, daß, während ihr irgendeiner nebli- gen Träumerei nachhängt oder mit den Augen des Geistes die Gestalten des Mondlichts, geboren aus der Melodie der Gedichte, betrachtet, plötzlich vor euren fleischlichen Augen am bebauten Flußufer eine Lokomotive entlangfährt, die ihre Waggon/ Last hinter sich herschleppt und sich in der Schwär- 26 eines Tunnels verliert. Als Hugo den Rhein besuchte, gab Sekten sei, die Eæpansion des USImperialismus ideologisch abzu- stützen, allgemein verbreitet, vor allem seit jener vauffälligen Koin- zidenz des Auftretens der ersten vier Missionare jener Us8-Firche, die zwei Jahre später die Asambleas de Dios bildete, mit der Inwasion von Us-Marineinfanterie im Jahre 1911˙ Erien 265). 28 es noch keine Eisenbahnen in diesen Regionen, die einstmals unter dem Schritt der Drachen und der Riesen erbebten.]4 Die Eisenbahnen waren in jener Zeit der wichtigste Indikator des technischen Fortschritts. Ein Land galt als um so moderner, je länger und effizienter sein Eisen- bahrmetz war; ja die Eisenbahn kann geradezu als ein Symbol der Moderne betrachtet werden:(The modern world began with the coming of the railWays“ A. Kein anderes von den Menschen erfundenes Instrument hat 80 viel Zzur Ausbreitung der Kultur, zur Herausbildung und Festigung der Institutionen, zum wirtschaftlichen Wohlstand der Völker und, alles in allem, zum Glück der Menschheit beigetragen wie die Eisenbahn“, ist ein anderes typisches Zitat(s, und auch bei Dario selbst fin- det man ähnliche Formulierungen: Die Eisenbahn, eine der schönsten Formen der menschlichen Energie, hat hier Wunder gewirkt. I.] Wohl dem Staatschef, der Ei- senbahnen baut und dadurch den Wohlstand seines Volkes mehrt!“(Huldigungsrede an den Diktator Ma— nuel Estrada Cabrera in Guatemala, 20. 4. 1915%6). In Deutschland dagegen assoziiert Dario die Eisenbahnen mit einem Fortschritt, der ein tödlicher Feind der Poesie ist. Im übrigen trifft seine Lektüre-Erinnerung auch in diesem Falle nicht ganz zu. Zwar gab es zu Hugos Zei- ten noch keine am Ufer des Rheins entlangführenden Eisenbahnen.“ Die Bahnverbindung zwischen Mainz und Frankfurt existierte jedoch bereits, und Hugo er- wähnt sie: Mainz und Frankfurt sind, wie Versailles TB 200.201. 44 Faith 1. 45 Vera 14. Zum literarischen Kult um das Fortschrittssymbol Ei- senbahm vgl. Gumbrecht 1/716. ᷣTorres 862. Tümmers 235 29 und Paris heut zu Tage nur eine und dieselbe Stadt. Im Mittelalter lagen zwischen diesen zwei Städten acht Stunden, das heiſst zwei Tagereisen; heut zu Tage wer- den sie durch fünf Viertelstunden getrennt oder viel- mehr angenähert. Zwischen der kaiserlichen und der kurfürstlichen Stadt hat unsere Civilisation jenen Ver- bindungsdraht gespannt, den man die Eisenbahn nennt“s. Den Triumph des Fortschritts sieht Dario in Frank- furt, Wo nach seiner Schilderung der Kampf ums Geld alle Poesie, allen Geist, ja sogar alle Lebensfreude aus dem Stadtbild vertrieben hat und Wo das moderne Le- ber, achtzehn jahre vor der Veröffentlichung von TS. Eliots Ihe Waste Land, als eine Wüste, eine Art Vorhof der Hölle beschrieben wird: Francfort, ciudad seca, triste, honrada, judia. A pesar del abuso del art noiweau que la invade como a todas las ciuda- des alemanas, a pesar de sus tranvias eléctricas y de los pa- lacios modernos de sus banqueros, tiene un aire de antigüe- dad, un olor de vejez y un sello imborrable de glietto y de ju- dengasse. l..] Pasan tipos de Shylock, o hermosas Rebeccas, por las calles en donde se alzan los muros de la sinagoga. La restaurada catedral se ve como extraña en esta tierra de circuncisos. En el dia, se siente el hervor de los negocios, la agitacion de los rapaces mercaderes de oro. De noche, no hay lugar mãs triste. A las diez, ya todos los teatros estän cerra- dos. A las diez y media, nadie anda por las calles. Tanto co- mo el catolicismo, el arte parece estar aqui en dominio ajeno. Frankfurt ist eine trockene, traurige, jüdische Stadt. Trotz des Jugendstils, der sich wie in allen deutschen Städten un- 4s Hugo, Der Rliein 106. Kurfürstlichen Stadt“, wörtlich ville Electorale“, d.h. Wahlstadt“: Anspielung auf den Frankfurter Katholischen Bartholomäusdom als alter Wahlort der deutschen Könige und seit Ferdinand I. regelmäßige Krönungsstätte der rö- misch-deutschen Kaiser“'(Hampe 137). 30 mäßsig in ihr ausbreitet, trotz ihrer elektrischen Eisenbahnen und der modernen Paläste ihrer Bankiers, hat die Stadt eine altertümliche Atmosphäre, und der Geruch von Ghetto und Judengasse ist unverkennbar..]J Typen in der Art Shylocks, oder schõne Rebekkas, schreiten durch die Straße, in der sich die Mauern der Synagoge erheben. Die restaurierte Kathedra- le sieht in diesem Reich der Beschnittenen wie eine Fremde aus. Tagsüber fühlt man die Hektik der Geschäfte, die Erre- gung der gierigen Goldhändler. Nachts kann man sich keinen traurigeren Ort vorstellen. Um zehn Uhr sind schon alle Theater geschlossen. Um halb elf ist niemand mehr auf den Straſsen zu sehen. Ebenso wie der Katholizismus, scheint auch die Kunst sich hier auf fremdem Gebiet zu befinden.]Aꝰ In solchen Texten zeigt der Modernismus“ Darios mit besonderer Deutlichkeit seinen Vantimodernen“ Charakter. Dario ersehnt den Fortschritt für Nicaragua und die übrigen rückständigen Republiken Zen- tralamerikas, aber er verwirft ihn dort, Wo der Fort- schritt sich realisiert und in gewisser Weise sich selbst ad absurdum geführt hat. In solchen Augenblicken be- ginnt Dario selbst Kaiser Wilhelm IIL., dessen Politik er von Frankreich aus scharf verurteilt hatte, zu verstehen, ja zu schätzen: Guillermo II, militar, creyente fervoroso, apasionado de arte, inquieto, viajero, abarcador, es el ũnico cerebro de coro- nada testa en que hoy caben los antiguos ideales de grandeza, de dominaciõn y de dignidad cesãrea que constituyeron, durante tanto tiempo, el poder y la fuerza del vigoroso feu- dalismo. [Wilhelm II., Soldat, tief gläubig, kunstbegeistert, ruhelos, Reisender und Eroberer, ist das einzige gekrönte Haupt Eu- ropas, in dem heute noch die alten Ideale von kaiserlicher Gröſse, Herrschaft und Würde, auf denen so lange Zeit die 49 TB 206-207. Vgl. die Ausführungen über die Franłfurter Juden bei Hugo, Le Riin 2/14. 31 Macht des noch lebenskräftigen Feudalismus beruhte, le- bendig sind.]ỹꝰ Wenn wir den Wandel in Darios Deutschlandbild Zzu- sammenfassen, so können wir folgendes sagen: Von Frankreich aus gesehen, erscheint ibm Deutsch- land gespalten in das geistige, poetische, philosophische Deutschland, das er liebt und verehrt Heine, Nietzsche usw.), und in das imperialistische Deutschland, das Land Kaiser Wilhelms mit seinen Welteroberungsplä- nen, das er scharf ablehnt(s0 in La caravana pasq). Als er dann Deutschland besucht, sieht er das poeti- sche Deutschland, das er nach wie vor verehrt, bedroht durch den Fortschritt“. Jetzt neigt er dazu, die ver- meintliche Einheit von Poesie, Kirche und Kaisertum als die positive Seite Deutschlands zu sehen, die bedroht ist durch die Technik, durch die Moderne, durch den Kapi- talistischen Fortschritt, für den er den Protestantismus, vor allem aber die juden verantwortlich macht(60 in Tierras de bruma).51 50 TB 210.211. Der von Dario verehrte Paul Verlaine hat übrigens eine sarkastische Ode an Wilhelm II.“ verfaſst, erschienen 1896 in dem postumen Band Invectives Verlaine 963). Ahnlich wie seine Identifikation mit dem Katholizismus, hat auch Darios überra- schende Begeisterung für Wilhelm II. einen politischen, nämlich anti-amerikanischen Hintergrund. In der bereits erwähnten Bespre- chung des Buches Ihe Americanization of the World von William Thomas Stead schreibt Dario u.a.: Die Amerikanisierung Europas Sschreitet rasch voran, obwohl einige wenige weitblickende Geister sich ihr entggenstellen. Ihr wichtigster Vertreter und Führer ist der deutsche Kaiser“(CP 217). 51 Obwohl das von ihm angeführte Zitat richtig sein mag, kön- nen wir Reichardts Meinung, Dario habe Toleranz gegenüber dem judentum gepredigt und den Antisemtismus scharf verurteilt, nicht ganz zustimmen Reichardt, Ruben Dario“ 180). Dario ist 1916 gestorben und hat die Epoche des Fa- schismus und des Antifaschismus nicht mehr erlebt. 1927 entsteht in Nicaragua, in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung von Dario, eine literarische Bewe- gung, die als das Zweitwichtigste“ Phänomen in der nicaraguanischen Literatur gilt: das Movimiento de Vanguardia“[IAvantgarde-Bewegungl, verkörpert durch José Coronel Urtecho(1906-1994), Pablo Antonio Cuadra (geb. 1912), Joaquin Pasos(1914-1947), Manolo Cuadra (1907-1957), Luis Alberto Cabrales(1901-1974) und an- dere. Diese Bewegung ist revolutionär in der Poesie, aber reaktionär in der Politik: die Enquẽte sur la Monar- chie von Charles Maurras ist das Lieblingsbuch dieser Avantgardisten, als sie, sich selbst als Reaktionäre be- zeichnend, sich in der Politik engagieren“sꝛ. Diese Dich- ter bewundern Mussolini, Hitler und Franco, wünschen sich für Nicaragua, Wo nach ihrer Uberzeugung die Demokratie nicht funktionieren kann, einen ähnlichen Caudillo, und die meisten von ihnen glauben zumindest Zzeitweise, ihn in Anastasio Somoza Garcia(1896-1956) gefunden zu haben. Als der Spanische Bürgerkrieg aus- bricht und es zu einer Polarisierung der Intelligenz in allen Ländern kommt, gibt es auch in Nicaragua eine Debatte: für welche Seite Wohl Ruben Dario, wenn er noch leben würde, Partei ergriffen hätte? Der Nicara- guaner Pablo Antonio Cuadra und der Spanier José Maria Pemän antworten darauf, daſs Dario zweifellos den antikommunistischen, anti-modernen Kreuzzug Francos zur Verteidigung des christlichen Abendlandes uriterstũützt haben Wwürdess. 52 Arellano, zitiert nach Valle-Castillo 25.1 ganberger 14. 33 Carlos Fonseca, der Begründer des FSLN, hat seiner- seits auch Dario gelesen und ihn auf seine Weise inter- pretiertꝰd. Während der sandinistischen Epoche Wwurden zahlreiche Bücher veröffentlicht, die den antiimperiali- stischen Aspełkt in Darios Werk hervorheben. Und wäh- rend zu Somozas Zeiten auf den Nummernschildern der nicaraguanischen Autos Pais de Dario“ standẽs, wurde Nicaragua während der sandinistischen Revolution in Tierra de Dario y de Sandino“ umgetauft. Aufgrund unserer Untersuchung des Deutschland- bildes von Ruben Dario könnte man sagen, daſs beide Seiten recht hatten. Es wird jedoch auch deutlich, daſs der Versuch einer politischen Einordnung Darios (fortschrittlich oder reaktionär, anti- oder proimperiali- stisch) letztlich an der Oberfläche bleibt. Das Befremden Darios angesichts der am Rheinufer dahindonnernden Eisenbahnen erklärt sich ja nicht daraus, daſs er den „Fortschritt“ schlicht ablehnen würde, sondern daſs er die Dialektik eines Modernisierungsprozesses fühlt, dessen zerstörerische Konsequenzen wir erst heute voll erfassen können-““ Seine Faszination durch römische Kirche und deutsches Kaisertum dürfte, abgesehen von den politischen Aspekten, die wir erwähnt haben, als Versuch Zzu erklären sein, gegen die Entzauberung der Welt“ die Religiosität und den Sinn für das Heilige zu rehabilitierenꝰꝰ. Und seine Polemik gegen die Juden/- 54 Dario, Tantos vigores 13-21. 55 Helfritz 107. 56 Heute fahren täglich 350 Züge und 18 000 Autos durch das mittlere Rheintal; nur noch 4,09 Prozent der Fläche des Mittelrheins können als naturnah gelten; der Rhein ist dabei, zu einem betonierten Abwässerkanal inmitten einer langgestreckten Groß- stadt zu werden“(Reisner 24-28). 57 Vgl. Ernct 154. 34 Kapitalisten(für ihn Synonyme) dürfte als Reaktion ge- gen die Quantifizierung der Welt, gegen den Kult des Geldes zumindest zu verstehen sein, auch wenn man ihm in den Worten des Stephen Dedalus zurufen möch- te:Eini Kaufmann(.] ist einer, der billig einkauft und teuer verkauft, ganz gleich ob jude oder Heide, nicht Wahr?“ss Mit anderen Worten, man kann Darios Mo— dernismo“ Wohl nur dann gerecht werden, wenn man ihn als Strömung in der Nachfolge der Romantik, und damit als eine Form der Kritik und Selbstkritik der Moderne begreift. 58 Joyce 1/ 49. Bibliographie AERELLANO, Jorge Eduardo. 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