Geittano Donizetti 4 Die RKegiments- tochter Dollſtändiges Opernbuch Keclami Marie Die Regimentstochter Homiſche Oper in zwei Aufzügen von Gaẽtano Donizetti Dichtung von Saint Georges und A. Bayard AGCtarl Gollmick) vollſtändiges Buch Rerausgegeben von C. F. Wittmann verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig . Sο ανν Æ S Nachdruck und Überſetzung dieſes revidierten, mit dem vollſtändigen Szenarium und mit den üblichen . Strichen in Klammern verſehenen Buches iſt verboten. Das Aufführungsrecht nach dieſem Buche erteilen für Bühnen und Vereine Carl Friedrich Wittmanns Erben N UNIN Holzfreies Papier Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig Printed in Germany Gaßtan o Donizetti, der dramatiſche Komponiſt, wurde am 25 September 17 97 gleich Torquato Taſſo in dem maleriſchen Ber⸗ gamo als Sohn von Andreas 19991 2 und Domenica Nava ge⸗ boren. Er war fünf Jahre jünger als Roſſini und fünf Jahre älter als Bellini. Urſprünglich zum Advokatenſtand beſtimmt, machte er, um ſich darauf vorzubereiten, gründliche Studien auf dem Gymna⸗ ſium; ſein Geſchmack zog ihn jedoch zur Baukunſt hin. Er wollte Archi⸗ tekt werden. Warum er es nicht wurde, iſt nicht bekannt geworden; er ſelbſt hat ſich hierüber niemals ausgeſprochen. Sein Vater, ein einfacher Weber, deſſen Mittel ſich auf das Notdürftigſte beſchränk⸗ ten, ſetzte es durch, ihn die Muſikſchule in Bergamo beſuchen zu welche damals von dem berühmten Simon Mayr geleitet wurde. D Jüngling lohnte es ſeinem Vater, indem er, ſobald er nur Winte von dem Ertrage ſeines Talentes ſeine armen braven Eltern unter⸗ ſtützte. Donizetti erhielt in Bergamo Geſangsunterricht von Salari, und Goncales gab ihm Unterweiſung im Klavierſpiel und der Be⸗ gleitung. Trotz ſeiner Neigung zur Baukunſt hatte ihn die Natur zum Muſiker gemacht. Frappiert durch ſeine glücklichen Anlagen, führte ihn Simon Mayr in die Elemente der Harmonielehre ein. Der Knabe begriff ſehr ſchnell. Seine Lebhaftigkeit und Leichtigkeit, ſowie ſein außerordentlicher Scharfſinn ließen den aufmerkſamen Beobachter dem jungen Mann eine glänzende Zukunft weisſagen. Mayr äußerte ſich oft:„Unſer Gaötano wird ein großer Meiſter werden.“ Schon da⸗ mals las er alle Muſikwerke, die ihm unter die Hände kamen, vom Blatt, ſang Koutra-Alt und war ein ſo vorzüglicher Orgelſpieler, daß er nicht nur die Bewunderung, ſondern auch die Eiferſucht ſeiner Kameraden erregte. Er wandelte mit erſtaunlicher Schnelligkeit vor⸗ wärts auf dem Wege, den ihn der erfahrene Meiſter führte. Zuſehends bildete ſich das junge Talent herrlich vor, die Ideen wurden leben⸗ diger, der zuerſt ruhige Stil fing an, ſeine zu erheben und die feurige Künſtlerſeele erſchloß ſich mehr und mehr, als der Schau⸗ platz der Welt ſich ſeinen Blicken eröffnete. Da Mayr jedoch durch 1* 4 Die Regimentstochter. ſeine dramatiſchen Kompoſitionen häufig abgehalten war— er hat ſelbſt dreiundſiebzig Opern komponiert— und ſeinen Schüler nicht ſeinen bloßen Inſtinkten überlaſſen wollte, ſo empfahl er ihn an Mathei, den Leiter der Muſikſchule in Bologna, damit dieſer Doni⸗ zetti in ſeine Anſtalt aufnähme. Der junge Mann, welcher damals etwas über ſiebzehn Jahre alt war, kam in Bologna im Jahre 1815 an. Pilotti und Mathei wurden nacheinander ſeine Lehrer im Kon⸗ trapunkt und in der Kompoſitionslehre. Durch drei Jahre hindurch gab ſich der reichbegabte Schüler unter ihrer Leitung einem ernſt⸗ haft betriebenen Studium hin. Um ſich die für einen Komponiſten unerläßliche Leichtigkeit des Stils anzueignen, ſchrieb er in dieſer Pe⸗ riode Ouverturen für Orcheſter, Quartette für Violine, Kantaten und lirchliche Sachen. Als er nach Beendigung ſeiner Studien nach Bergamo als Baſſiſt und Archivar an der Kirche Baſilica di San Maggiore zurückgekehrt war, faßte er den Entſchluß, für das Theater zu komponieren. Sein Vater jedoch, der ihn, zur Beſtreitung des Un⸗ terhalts der Familie, Muſitunterricht erteilen laſſen wollte, war mit dem Plane ſeines Sohnes nicht einverſtanden. Die aus dieſer Meinungsverſchiedenheit mehrfach hervorgegan⸗ genen erregten Auseinanderſetzungen beſtimmten Donizetti, Soldat zu werden. Er führte dieſen Entſchluß aus und kurze Zeit darauf kam ſein Regiment in Garniſon nach Venedig. Der nunmehr etwa zwan⸗ zigjährige Muſiker ſetzte es durch, hier im Jahre 1818 auf dem Thea⸗ ter Sankt Lukas ſeine erſte Oper:„Enrico di Borgogna“(„Graf Heinrich von Burgund“) zur Aufführung zu bringen. Der Erfolg dieſes erſten Verſuchs brachte ihm den Auftrag zur Kompoſition einer zweiten Oper:„Il falegname di Livonia“(„Der Holzhauer von Livland“), welche im Jahre 1819 in derſelben Stadt aufgeführt wurde und ſeinen Ruf begründete. Der Erfolg dieſer Partitur erwarb Do⸗ nizetti warme Fürſprecher, die ſeine Befreiung vom Militärdienſt durchſetzten. Es geſchah dies zu derZeit, als Roſſini ſämtliche Bühnen Italiens beherrſchte; ſein Genie hatte neue Formen und bis dahin unbekannte Effekte geſchaffen, welche ſich einer außerordentlichen Be⸗ liebtheit erfreuten und daher von den meiſten Komponiſten zur Er⸗ langung billiger Erfolge nachgeahmt wurden. Donizetti widerſtand dieſem Zuge nicht. Mit einer großen melodiſchen Erfindungsgabe und einer ſeltenen Leichtigkeit in der Improviſation ausgerüſtet, ſchrieb er mit einer ganz ungewöhnlichen Schnelligkeit und kümmerte ſich weder Die Regimentstochter. 5 um beſondere Originalität ſeiner Gedanken, noch um ein Nachfeilen einmal hingeworfener Arbeiten. So geſchah es, daß jedes Jahr faſt ausnahmslos durch die Kompoſition von vier Opern bezeichnet war. Die ganze Reihe von zwanzig Opern, die Donizetti von 1818 bis 1828 ſchrieb, gefielen nun zwar, brachten ihm Ehren und den Direktoren Gewinn, immerhin jedoch waren ſie nur vorübergehende Erſcheinun⸗ gen, die bald wieder und für immer von den Bühnen verſchwanden. In dieſe Zeit gehört auch die 1827 komponierte Oper:„II borgo- mastro di Saardam“(„Der Bürgermeiſter von Saardam“)), die, 1837 auch im Königſtädtiſchen Theater zu Berlin aufgeführt, keinen Beifall zu erzielen vermochte. 1834 war ſie ſchon vorher in Turin mit der Ouverture zum„Freiſchütz“ und mit eingelegten Nummern von Paccini und Roſſini ohne den mindeſten Erfolg zur Aufführung gekommen. Lortzing nützte dieſen Stoff ſpäter voll und lebenskräftig in ſeinem„Czaar und Zimmermann“ aus. Mit„L'esule di Roma“(„Der Verbannte von Rom), nach einer Dichtung von Gilardoni, Neapel 1828, hob ſich Donizettis Bedeutung; die Sängerin Toſi und der berühmte Baſſiſt Lablache waren ihm wackere Bundesgenoſſen. Wieder folgten eine Reihe von Opern, ſämtlich für Neapel, wor⸗ unter„Il diluvio universale“(„Die Sintflut“),„LIpazzi per pro- getto“(„Die Projektenmacher“),„Franoesca di Foix“(, Das Blu⸗ menmädchen“),„Imelda di Lambertazzi“,„La romanziera“. Bei all dieſer überhaſtenden Produktion nahm doch das Talent des Komponiſten da und dort einen ernſteren, mehr dramatiſchen Cha⸗ rakter an, wie man ihn ſonſt bei ihm nicht glaubte erwarten zu dürfen. So in„Iaeastello di Kenilwoorth“(„Schloß Kenilworth“), das 1829 in Neapel aufgeführt wurde, in„Anna Bolena“ nach einer Dichtung von Romani, 18381 für Mailand. Einen größeren Aufſchwung erlebte der Komponiſt mit eben dieſer „Anna Bolena“. Sie war ſeine zweiunddreißigſte Oper und die erſte, welche die Alpen überſchritt, um in Paris zur Aufführung zu kommen. In dieſer„Schweſter der Nachtwandlerin“ war es dem Komponiſten, der mit Leichtigkeit Fremdes und Eigenes zu verbinden wußte, ge⸗ lungen, den glänzenden Stil Roſſinis und den ſentimentalen von Bel⸗ lini zu vereinigen. Der Vertrag, den Donizetti mit dem Theaterunternehmer Bar⸗ baja(ſiehe„Euryanthe“, Univerſal-Bibliothek Nr. 2677, Seite 8) 6 Die Regimentstochter. eingegangen war, hatte ihm die Verpflichtung einer raſtloſen Arbeit auferlegt, die alsbald ſeine Kräfte zu erſchöpfen drohte; aber ſeine ſtarke Konſtitution ſchien davon nicht erſchüttert zu werden. Es war ihm einmal ſo beſchieden, im Laufe ſeines Lebens gegen bei ſeinem Publikum beliebte Talente ankämpfen zu müſſen, die ihn ſtets auf eine untergeordnete Stufe herabzudrücken ſuchten; denn wenige Jahre, nachdem Roſſini nach Paris verzogen war, beſchäftigten die Erfolge Bellinis die Opernfreunde Italiens in einer faſt ausſchließlichen Weiſe. Donizetti war in der Inſtrumentation ſeinem Rivalen weit über⸗ legen, aber Bellini hatte den Vorzug der Originalität der Gedanken für ſich. Sein Stil war ihm eigentümlich, während derjenige Doni⸗ zettis oft die Nachahmung verriet. Seine„Anna Bolena“, die im Wettbewerb mit der„Nachtwandlerin“ von Bellini in Mailand einen ausgezeichneten Erfolg erzielte, liefert den deutlichſten Beweis dieſer Wahrheit. In der nach einer Dichtung von Romani komponierten Oper „Elisire d'amore“(„Der Liebestrank“), in Mailand den 12. Mai 1832 zum erſtenmal aufgeführt, lieferte der Meiſter den deutlichſten Beweis, daß ihm auch der Humor zu eigen ſei. Es gelang ihm zwar nicht, die Oper„Le philtre“(„Der Liebestrank“) von Auber zu überbieten, dennoch atmet ſein Werk die Friſche von Roſſinis„Bar⸗ bier von Sevilla“. Die gleiche Leichtigkeit bewies er auch darin, daß er ſeinen„Elisire d'amore“ gleichwie Roſſini ſeinen„Barbier“ eben⸗ falls in der unglaublich kurzen Zeit von vierzehn Tagen komponierte. Er änderte in dieſer Oper 1837 einiges für die Sängerin Tacchinardi in Paris und 1842 für die Tadolini in Neapel. Auch die nach einer Dichtung von Felice Romani für Mailand komponierte und dort am 26. Dezember 1833 zum erſtenmal zur Auf⸗ führung gekommene„Lucretia Borgia“ unterzog er aller erdenklichen Umformung, bevor ſie Sängern und Publikum mundgerecht war. Auch dieſe Oper errang einen großen Erfolg und beherrſchte bald in Italien, Deutſchland und Frankreich die Spielpläne. Im Jahre 1834 hatte ſich Donizetti mit der liebenswürdigen jugendlichen Virginia Vaſſelli, der Tochter eines römiſchen Rechts⸗ anwaltes verheiratet. Sie ſtarb ihm im Jahre 1835 an der Cholera, eben als das Ehepaar die ſüßeſten Elternhoffnungen hegte. Mit ihr floh der gute Engel ſeines Daſeins dahin. Sein Leben teilte ſich ferner⸗ hin zwiſchen übertriebenem vernichtenden Lebensgenuß und aufrei⸗ 7 Die Regimentstochter. bender Arbeit. Indes keine Verlockung vermochte es, ihn ſeinen über⸗ nommenen Verpflichtungen zu entziehen. 1834 war Donizetti auch zum Maestro di camera und Kom⸗ poſitionslehrer am Konſervatorium der Muſik zu Neapel ernannt worden. 1835 begab ſich der Meiſter nach Paris, um mit zwei gleichgroßen Rivalen um die Palme des Erfolges zu ringen. Er gab nach einer Dichtung von Bidera den zweiaktigen„Marino Falieri“, Merca—⸗ dante„Die Briganten“ und Bellini„Die Puritaner“. Der Kampf hatte diesmal für Donizetti keinen glücklichen Ausgang; ſein Werk ge⸗ fiel nicht, trotzdem es ihm an Schönheiten durchaus nicht mangelte. Donizetti zögerte nicht, nach Neapel zurückzukehren, wo ihn noch in demſelben Jahre, am 26. September 1835 eine ſchöne Genug⸗ thuung erwartete in dem glänzenden Erfolg der nach einer Dichtung von Salvatore Cammarano komponierten dreiaktigen„Lucia von Lammermoor“, die in Wirklichkeit neben der ſpäter komponierten „Regimentstochter“ als ſein Hauptwerk angeſehen werden muß. Dem berechtigten Aufſehen, welches dies Werk in ganz Italien erregte, ver⸗ dankte er ſeine Ernennung zum ſtellvertretenden Direktor des König⸗ lichen Konſervatoriums in Neapel für den neunzigjährigen Zingarelli. Die Oper begann ſofort ihren Siegeszug über die ganze bewohnte Erde und nur wenige Werke können ſich einer Volkstümlichkeit rühmen wie dieſes. Der Tod ſeiner Gattin lähmte des Meiſters Kraft nicht ſo ſehr, um nicht ſofort auf die„Lucia“ den„Beliſar“ zu ſchaffen, der in Venedig im Karneval 1836 faſt allabendlich aufgeführt wurde 5 den ſpäter gegebenen„Moſes“ von Roſſini nicht aufkommen ließ. D Dichtung war diesmal von dem Neapolitaner Cammarano nach Col⸗ bein bearbeitet. Der frühzeitige Tod Bellinis(24. September 1835) hinterließ zu jener Zeit Donizetti ohne Rivalen auf der italieniſchen Bühne Dies gereichte ihm zum Unglück, denn, da er durch den Kampf nun nicht mehr angeregt wurde, verfiel er wieder in die alte Haſt und Nach⸗ läſſigkeit bei ſeinen Arbeiten und ſchrieb während der Jahre 1836 bis 1839 mehrere mittelmäßige Werke wie„Icampanello“(„Das Glöckchen“, 1836),„Betly“(1836),„L'assedio di Calais“(„Die Belagerung von Calais“, 1836),„Pia di Tolomei“(1837),„Ro— 8 Die Regimentstochter. berto Devereux“(1837),„Maria di Rudenza“(1838),„Gianni di Parigi“(„Johann von Paris“, 1839). Im„Glöckchen“ hieß es zum erſtenmal: gedichtet und in Muſik geſetzt vom Kavalier Donizetti. Roſſinis Einfluß hatte es in⸗ zwiſchen durchgeſetzt, daß der Meiſter zum Ritter der franzöſiſchen Ehrenlegion ernannt wurde. Auch in der nach Goethes„Jery und Bätely“ bearbeiteten Oper „Betly“ erſchien Donizetti als Dichter-Komponiſt. „Die Belagerung von Calais“ komponierte er nach einer Dich⸗ tung von Gilardoni als Ballettoper für das Theater San Carlo in Neapel, damit nicht Frankreich allein ſich dieſer Gattung rühmen könne. „Roberto Devereux“ nach einer Dichtung von Cammarano be⸗ handelt mit anfänglich in Neapel großem Beifall, der aber ohne Dauer war, den Stoff des„Grafen Eſſex“ nach Corneilles Tragödie. Im Jahre 1838 wurde Donizetti an Stelle des inzwiſchen ver⸗ ſtorbenen Zingarelli definitiv Direktor des Königl. Konſervatoriums zu Neapel. Er ſtand im Höhepunkte ſeines Ruhmes, die ganze ge⸗ bildete Welt hallte wieder von ſeinem berühmten und beliebten Namen. Zur ſelben Zeit komponierte er nach einer Dichtung von Camma⸗ rano für Adolphe Nourrit die Partitur des„Poliuto,“ ein ernſtes Werk, zu dem der franzöſiſche Sänger ihm nach Corneilles„Po⸗ lyeucte“ das Sujet bezeichnet hatte. Da die neapolitaniſche Cenſur die Aufführung dieſer Oper, welcher der Komponiſt einen größern Wert als ſeinen übrigen Sachen beimaß, nicht geſtattete, ſo entwickelte ſich in ihm eine ſtarke Verſtimmung, die ihn zu dem Entſchluſſe trieb, Neapel zu verlaſſen und ſich nach Paris zu wenden. Er kam daſelbſt in den erſten Tagen des Jahres 1840 an. Es waren ihm Anerbie⸗ tungen von der Verwaltung eines neuen Operntheaters gemacht wor⸗ den, welches ſich in einem Saale der Rue Ventador aufgethan und dem man den Namen„Theatre de la Renaiſſance“ gegeben hatte. Ein ernſtes Opernbuch„Der Engel von Niſida“ war Donizetti von dieſer Verwaltung kurz vor ſeiner Abreiſe von Neapel zugeſchickt worden und er hatte den größten Teil des Werkes bereits fertig, als er in Paris ankam. Damals trug er ſich auch mit der Partitur der„Regimentstoch⸗ ter,“ auf welche der Direktor der„Komiſchen Oper“ hingewieſen hatte. Endlich, auf Auregung Duprez', hatte die Direktion der„Großen Die Regimentstochter. 9 Oper“ Donizetti vorgeſchlagen, ſeinen„Poliuto“ für die franzöſiſche Scene zu arrangieren und in kürzeſter Friſt war die Umgeſtaltung durch Scribe unter dem Titel„Les martyrs“(„Die Märtyrer“) vollzogen. Donizetti empfing das wirkungsvolle Buch zu„Marie, ou la ſille du régiment“(„Die Regimentstochter“) aus den Händen der dramatiſchen Schriftſteller Saint-Georges und Bayard im Spät⸗ herbſt 1839. Er ſchuf bei der Leichtigkeit, mit welcher er komponierte, die„Regimentstochter“, ſein beſtes Werk neben„Lucia von Lammer⸗ moor“, noch zwiſchen andern Schöpfungen, die ihn gleichzeitig, beſon⸗ ders die„Märtyrer“, beſchäftigten. Julius Heinrich Vernoy von Saint-Georges, franzö⸗ ſiſcher dramatiſcher Schriftſteller, geboren zu Paris am 12. Juli 1801, trat im Alter von zwanzig Jahren zuerſt mit einem Roman:„Des nuits terribles“(„Schreckliche Nächte“) an die Offentlichkeit, wandte ſich aber bald dem Theater zu. Er hat teils allein, teils unter Mit⸗ wirkung anderer, die meiſten Balletts, ernſten und komiſchen Opern⸗ dichtungen geſchrieben, welche in langen Jahren den größten Beifall fanden und noch heute ihres Erfolges ſicher ſind. Im Jahre 1829 erfolgte ſeine Ernennung zum Direktor der„Komiſchen Oper“, der 2. April 1837 ſchmückte ihn mit dem Kreuz der Ehrenlegion und am 17. Juni 1856 wurde er zum Offizier befördert. Von den zahlreichen Operndichtungen aus der Feder Saint-Georges ſind zunächſt die⸗ jenigen zu erwähnen, die unter ſeinem Namen allein erſchienen ſind. Hierauf wären einige fünfzig Opern und Balletts anzuführen, die er von derAmbassadrice“(„Botſchafterin“) ab nach dem Jahre 1837 in Gemeinſchaft mit Scribe, mit de Leuven und Marzillier, ſeinen drei beſtändigen Mitarbeitern, verfaßt hat; weiter eine mindeſtens gleiche Zahl von Operndichtungen und Luſtſpielen mit etwa dreißig andern Schriftſtellern zuſammen. Von ſeinen Romanen ſind beſon⸗ ders zu erwähnen:„Le livre dheures“(„Das Stundenbuch“), „Une simple histoire de coeur“(„Eine einfache Herzensgeſchichte“), „Un mariage de prince“(„Eine Fürſtenheirat“),„L'espion du grand monde“(„Der Spion der großen Welt“). Den letzteren wandelte er in ein Drama unter denſelben Titel um. Saint-Georges ſtarb zu Paris am 23. Dezember 1875. Jean Frangois Alfred Bayard, franzöſiſcher dramatiſcher Schriftſteller, wurde am 17. März 1796 in Charolles, Departement 10 Die Regimentstochter. Saöne et Loire geboren. Er machte ſeine erſten Studien auf dem Gymnaſium Sainte-Barbe und entſchied ſich anfänglich für die Advo⸗ katur. Aber ſeine Neigung zog ihn zur dramatiſchen Litteratur und im Jahre 1821 trat er mit einem reizenden Luſtſpiel:„Promenade au Vaucluse“(„Der Ausflug nach Vaucluſe“) vor die Offentlichkeit. Bald nachher wurde er der glückliche Mitarbeiter von Scribe, mit deſſen Nichte er ſich verheiratete. Durch häufige und verdiente Er⸗ folge gelang es ihm bald, unter den beſten und fruchtbarſten drama⸗ tiſchen Schriftſtellern ſeiner Zeit genannt zu werden. Von ſeinen be⸗ ſonders beifallsreichen Schöpfungen ſind zu erwähnen:„La belle mere“(„Die Schwiegermutter“), Vaudeville-Luſtſpiel in 1 Aufzug (1825);„Christine, ou la reine de seize ans“(„Die Königin von ſechzehn Jahren“), Hiſtoriſches Luſtſpiel mit Geſängen in zwei Auf⸗ zügen(1828);„Louise ou la réparation“(„Luiſe, oder die Genug⸗ thuung“), Vaudeville-Luſtſpiel in zwei Aufzügen(1829);„Ma place et ma femme“(„Mein Amt und meine Frau“), Luſtſpiel in drei Aufzügen(1830);„Les gants jaunes“(„Die gelben Handſchuhe“); „Le mari de la dame de choeur“(„Der Mann der Choriſtin“); „Marie Mignot“;„Premier amour“(„Erſte Liebe“);„Marie“; „Le démon de la nuit“(„Der Dämon der Nacht“);„Le gamin de Paris“(„Der Pariſer Taugenichts“);„Les premières armes de Richelieu“(„Der erſte Waffengang“). Feinſte Komik, lebhafte hinreißende und entzückende Einfälle, zugeſpitzter blendender Dialog zeichnen ſeine Arbeiten aus. Im„Gamin de Paris“(„Pariſer Tauge⸗ nichts“) und im„Mari à la campagne“(„Er muß auf Land“) zwei ſehr häufig gegebenen Luſtſpielen aus ſeiner Feder hat Bayard das Ta⸗ lent eines wirklich komiſchen Dichters entfaltet. Zu ſeinemThéntre“, zwölf Bände, Paris 1855— 60, hat Scribe eine Einführung ge⸗ ſchrieben. Bayard ſtarb zu Paris den 19. Februar 18538. Wenn Donizetti zuerſt beſonders auf dem Gebiete der tragiſchen Oper beifallsreich geweſen war, ſo errang er in ſeinen letzten Lebens⸗ jahren auch Erfolge auf dem heiteren Gebiete. Seltſamerweiſe war dies nicht ſogleich bei der ſpäter ſo ſiegesſicheren„Regimentstochter“ der Fall. „Marie, ou la fille du régiment“(„Die Regimentstochter“), wurde nach ſorgfältiger Vorbereitung an der„Komiſchen Oper“ zu Paris den 11. Februar 1840 zum erſtenmal gegeben. Es folgt hier der Theaterzettel der erſten Aufführung. Die Regimentstochter. Jaris. Théätre royal de P'Opéra comique. Marie ou La fille du régiment. Opéra-Comique en 2 actes. Paroles de J. H. V. de Saint Georges et J. F. A. Représenté pour la première fois, à Paris, sur le Théatre royal de L'Opéra comique le 11. Février 1840. Personnages: La marquise de Berkenflellld. Md. Boulanger. Sulpice, sergentt re Tonio, jeune tyrolien M. Märis. Marie, jeune vivandière 7351.. NUlle. Borghése. La duchesse de Crakentoririi Md. Blanchard. Hortensius, intendant de la marquisseUMr. Kiquier. Un notatre,, ¼luUu Lieon Un caporal 8 Mr. Palliauti. Soldats français, Paysans tyroliens, Seigneurs et dames, Zavarois, Valets de Ila marquise. Beſonders der mangelhaften Beſetzung der Hauptpartie ſchrieb man es zu, daß die„Regimentstochter“ in der Premidre eine ſehr kühle Aufnahme fand. Erſt als die Aufführungen in Italien und be⸗ ſonders in Deutſchland einen wahren Sturm des Entzückens erregt hatten, trat man auch in Paris der neuen Oper mit größerer Em⸗ pfänglichkeit näher, um bald an heller Begeiſterung Italien und Deutſchland noch zu überbieten. „Die Regimentstochter“ iſt wohl das Friſcheſte, Melodienreichſte, Anmutigſte und Wirkungsvollſte, was ſich von den Schöpfungen Doni⸗ zettis bis in die Neuzeit gerettet hat. Selbſt„Lucia von Lammer⸗ moor“ tritt dagegen zurück und auch„Der Liebestrank“ und„Don Pasquale“ reichen nicht entfernt an die heutige Wirkung der„Fille du régiment“ heran. Eine echt franzöſiſche luſtige Fabel mit einigen ernſten Zwiſchenfällen, eine graziöſe, lebensvolle, prikelnde, in einigen ernſten Momenten warm empfundene Muſik, Heiterkeit im Dialog und in den Situationen ſichern der noch heute jugendfriſchen Oper überall unbeſtrittenen Beifall. Die größten Sängerinnen wie Hen⸗ 12 Die Regimentstochter. riette Sontag und Jenny Lind gaben in der„Marie“ Glanzleiſtun⸗ gen und nannten ſie ihre Lieblingsaufgabe. Es folgt hier die Handlung der Oper. Die Marcheſa von Maggiorivoglio(im Franzöſiſchen„Berken⸗ field“) befindet ſich in den Tiroler Bergen mit ihrem alten ängſtlichen Haushofmeiſter Hortenſio inmitten des Kriegsgetümmels. Ihre Angſt wird verſtärkt durch den Kampfesmut der Männer und durch das Flehen der Frauen zur heiligen Mutter Gottes. Entferntes Schießen iſt hörbar, welches ſich nach und nach verliert, während die Dame erfährt, daß die das Land bedrohenden Feinde im Rückzug begriffen ſeien. Sie erinnert ſich, daß ſie vor achtzehn Jahren in einer ähn⸗ lichen gefahrvollen Lage in denſelben Bergen ein tiefes Leid erfahren hat. Sie gedenkt ihre Reiſe zu beeilen und beauftragt Hortenſio mit Nachforſchungen. Als der komiſche alte Herr ſich ſeine Aufträge zu⸗ rechtlegt, naht ſich ihm der Sergeant Sulpiz, ein franzöſiſcher Gre⸗ nadier, mit beruhigenden Verſicherungen, unter denen ſich der ängſt⸗ liche Hortenſio, der ſtets den militäriſchen Grad des Sergeanten ver⸗ wechſelt, nochimmer ſorgenvoll entfernt. Da kommt die Markedenterin Marie, welche einſt in ihren erſten Lebenstagen von den Grenadieren auf dem Schlachtfelde gefunden, als Tochter angenommen und er⸗ zogen worden iſt, als ein herrlich erblühtes Mädchen, voll Anmut und allerdings auch Derbheit und ſoldatiſchen Manieren. Sie be⸗ grüßt Sulpiz als ihren Vater und Erzieher, wobei ſie ſämtliche Sol⸗ daten ihres Regiments als ihre Väter bezeichnet und ſich ihnen dank⸗ bar verpflichtet bekennt. Als Sulpiz darauf hinweiſt, daß ſie nur einen ihrer wackern Kameraden dereinſt als Gatten wählen dürfe, wird Marie verlegen und bekennt ihr zufälliges Zuſammentreffen und ihre Zuneigung zu einem jungen Tiroler. Sulpiz erinnert ſie an ihren Schwur und ſie will ihn erfüllen, um ſich ſo für alle Liebe erkenntlich zu zeigen. Da ſchleppen die Soldaten einen jungen Mann herbei, der ſich um das Lager geſchlichen habe und ein Spion ſein müſſe. Er ſoll hängen, als Marie in ihm ihren Lebensretter erkennt und ihn aus ſeiner Gefahr befreit. Nur um Marie wieder zu ſehen, war er ge⸗ kommen, wie er ihr heimlich geſteht. Die Soldaten feiern nun den Erretter ihrer Tochter, nehmen ihn jedoch mit ſich fort und verbieten ihm jede fernere Annäherung. Kaum hat Marie ihrem Unmut hier⸗ über Luft gemacht, als Tonio wieder herbeieilt. Er iſt den Soldaten entwiſcht und verſichert, daß er lieber ſterben wolle, als ſich von Marie Die Regimentstochter. 13 trennen. Marie bekennt ihre Gegenliebe, aber auch ihren Schwur ihren Wohlthätern gegenüber. Als Sulpiz beide überraſcht und er⸗ zürnt dazwiſchenfährt, entfernt ſich Tonio unter der Verſicherung, daß er ein Mittel gefunden habe, die Einwilligung der Väter zu gewinnen. Sulpiz ruft ihm nach, daß er ihn erſchießen laſſen werde, wenn er ſich je wieder zeige und Marie läuft davon, indem ſie droht, ſich ein an⸗ deres Regiment mit liebenswürdigeren Vätern ſuchen zu wollen. Da naht ſich die Marcheſa mit Hortenſio, um bei der Unſicherheit des Lan⸗ des Sulpiz um ein militäriſches Geleit nach ihrem nur einige Meilen entfernten Stammſchloſſe Maggiorivoglio zu bitten. Sulpiz erinnert ſich bei Nennung dieſes Namens überraſcht eines Schreibens, welches er über Mariens Herkunft bei ſich trägt. Er überreicht es der Mar⸗ cheſa, erfährt, daß ſie Mariens Tante ſei und unterrichtet nun die Dame, wie ſein Regiment für die Kleine geſorgt habe. Marie eilt herbei, um ſich mit Sulpiz wieder zu verſöhnen. Sie begrüßt ihre Tante mit ſoldatiſcher Derbheit und dieſe beſchließt, ſie ſofort aus einer ſolchen Umgebung mit ſich hinwegzunehmen. Marie weigert ſich. Die Marcheſa beweiſt nun aus dem Briefe, daß Mariens Vater Eltern⸗ rechte auf ſie übertragen habe, Marie gehorcht hierauf ſchweren Her⸗ zens und begiebt ſich mit der Marcheſa, Sulpiz und Hortenſio in das nahe gelegene Bauernhaus, um nähere Beſtimmungen entgegen zu nehmen. Tonio hat ſich inzwiſchen anwerben laſſen, um als Kamerad Marie ſtets nahe zu ſein. Mit Leichtigkeit erringt er nun von den Vätern die Hand der Geliebten, als er erfährt, daß dieſe das Regi⸗ ment verläßt, um ihrer Tante zu folgen. Ein wehmütiger Abſchied trennt ihn von der Erwählten ſeines Herzens in dem Augenblick, als er ſie für ſich völlig geſichert wähnt und er bei dem Regimente bleiben muß, während er ihr gern folgen möchte.— Die einſtige Regiments⸗ tochter verweilt nun ein Jahr ſpäter als vornehme Dame auf dem Schloſſe ihrer Tante, mit Sulpiz, der durch eine Verwundung un⸗ tauglich, von der Schloßherrin aufgenommen worden iſt. Die adels⸗ ſtolze Marcheſa plant eine Verbindung mit dem Herzog von Craqui⸗ torpi, ſie ſucht ſich der Einwirkung des alten Sergeanten auf Mariens Entſchließung zu verſichern, ſie betont die Schönheit ihrer Nichte und ihre Fertigkeit im Singen. Es kommt zu einer Probe, bei der die ehemalige Markedenterin den Geſang durch ihr militäriſches Rataplan unterbricht und die Marcheſa in ihren Jubel hineinzieht. Nachdem ſich die Letztere unter Bitten und Ermahnungen entfernt hat, naht ſich 14 Die Regimentstochter. geheimnisvoll Hortenſio, um Sulpiz einen Militär anzumelden. Es iſt der zum Offizier avancierte Tonio, der mit ſeiner Mannſchaft her⸗ bei geeilt iſt. Marie begrüßt ihre alten Kameraden in begeiſterter Weiſe und erfährt von Tonio, daß er inzwiſchen in den Beſitz eines Geheimniſſes gelangt ſei, wodurch er die Genehmigung zu ſeiner ehe⸗ lichen Verbindung mit Marie von der Marcheſa erzwingen werde. Er hält dieſer nach ihrer beharrlichen Weigerung entgegen, daß nach einer Ausſage ſeines Oheims, desAmmanns von Graubündten, der die Familiengeſchichten des Landes genau kenne, Marie nicht ihre Nichte ſei, daß Kapitän Robert nicht mit ihrer Schweſter vermählt geweſen ſein könne, weil ſie niemals eine Schweſter beſeſſen habe. Marie ſei die Tochter des Regiments und dies allein habe über ihre Hand zu verfügen. Gefaßt und ruhig bittet die Marcheſa Tonio, ſie zu verlaſſen. Sie geſteht dem mit ihr zurückbleibenden Sulpiz, daß Marie ihre und des Kapitän Robert Tochter ſei. Auf dies über⸗ raſchende Geſtändnis hin gelobt Sulpiz jede Beihilfe, ihrem Kinde Namen und Rang zu verſchaffen. Als bei der bald eintretenden, dem höchſten Adel des Landes angehörigen Verlobungsgeſellſchaft Marie gar nicht erſcheinen will, unterrichtet er ſie von dem Geheimnis ihrer Geburt und Marie zeigt ſich hierauf ihrer wieder gefundenen Mutter, um den Ehevertrag zu unterzeichnen. Da naht Tonio, um den ent⸗ ſetzten Gäſten zu enthüllen, daß Marie einſt Markedenterin geweſen ſei. Wie betäubt ergreift dieſe die Feder, als die Marcheſa ſelbſt, von ihren Empfindungen überwältigt, die Tochter zurückhält und ſie Tonio als ſeine Verlobte in die Arme führt. Die Herzogin von Cra⸗ quitorpi und die Gäſte verlaſſen indigniert das Schloß und die Ver⸗ lobten freuen ſich jubelnd ihrer Vereinigung. Was die Kompoſition anlangt, ſo hatte ſich der Meiſter mit Leich⸗ tigkeit die Eigentümlichkeiten der franzöſiſchen Schule anzueignen gewußt. Als beſonders volkstümlich gelten das Duett Nr. 2:„Ha, ſie iſt's!“; der Rundgeſang aus Nr. 8:„Weiß nicht die Welt“; aus dem Finale Nr. 5 das„Rataplan“; aus Nr. 7:„Heil dir, mein Vaterland!“ Das Duett Nr. 4:„Wie, du liebſt mich?“ wirkt durch eine beſonders ſchalkhafte Färbung. In dem Enſemble Nr. 3:„Voran mit dir!“ und in dem„Ich trete unter eure Fahnen“ aus dem Fi⸗ nale Nr. 5 tritt der Chor in auffälliger Weiſe ſelbſtändig als han⸗ delnde Perſon ſehr wirkungsvoll hervor. Der Abſchied Mariens aus dem erſten Finale iſt von beſonderer Zartheit und Innigkeit. Das Die Regimentstochter. 15 Terzett Nr. 6 atmet ſoldatiſchen übermut in ſeinem Sieg über her⸗ kömmlichen langweiligen Salongeſang. Die reizvolle Zwiſchenakts⸗ Tirolienne darf nicht unerwähnt bleiben. Die Chöre behandelte der Komponiſt nach der Art jener Zeit leicht und gefällig, wobei ſie keines⸗ falls der bedeutſamen, ſinnigen und eigenartigen Züge entbehren. Der Trommel iſt eine beſondere Thätigkeit zugeteilt. Sie erhöht das mili⸗ täriſche Gepräge der Oper, iſt rhythmiſch wirkſam in die oft marſch⸗ artige Melodik verflochten und verleiht der Inſtrumentation einen eigenartigen Zug. In der Charalteriſtik ſteht die förmliche Marcheſa neben der mun⸗ tern, beinahe derben, dennoch empfindungsreichen und zartfühlenden unverdorbenen Marie, durch Tonios Drollerie, Naivetät und ſpäterer ſoldatiſch gewinnende Haltung ergänzt. Der Sergeant Sulpiz zeigt den Grundton eines bärbeißigen bombaſtiſchen und dennoch gemüts⸗ warmen väterlichen Grenadiers, und der ängſtliche Haushofmeiſter Hortenſio belebt in ſeiner komiſchen Haltung durch kleine Pointen die Vorgänge. Nur Marie, Tonio und Sulpiz ſind muſikaliſch von Bedeutung, alle Aänigen treten dagegen auffällig zurück. Die Oper:„Die Regimentstochter“ fand ſogleich nach ihrem Er⸗ ſcheinen für die deutſche Sprache mehrere überſetzer, aber nur die über⸗ tragung von Karl Gollmick, die ſich durch eine glatte Sprache aus⸗ zeichnet, vermochte es, ſich Bahn zu brechen. Karl Gollmick, am 14. März 1796 zu Deſſau geboren, führte als Schauſpielerkind in ſeiner Jugend ein bewegtes Wanderleben, ſo daß er erſt von 1812 an in Straßburg eine geregelte wiſſenſchaftliche Ausbildung erlangen konnte. Hier empfing er auch den erſten gründ⸗ lichen Unterricht in der Kompoſition durch Kapellmeiſter Spindler, trat daneben aber auch als gewandter Konzertſpieler auf und wurde ſogar zum Organiſtenadjunkt an der Thomaskirche ernannt. 1815 be⸗ gann er an der Straßburger Univerſität ſeine theologiſchen Studien, die er jedoch bald abbrach, worauf er ſich nach Frankfurt a. M. begab, wo er als Muſiklehrer und Komponiſt, dann von Spohr als Pauken⸗ ſchläger und Korrepetitor am Stadttheater angeſtellt, bis 1858 wirkte. Außer zahlreichen Opernüberſetzungen ſchrieb er die komiſche Oper: „Minna, oder die dreifache Haushaltung“(1844); die Luſtſpiele: „Der Räuberhauptmann, oder Wie man ſich irren kann“(182, und „Der Wucherer und der Räuber“(für Kinder, 1856); Muſikaliſche 2 16 Die Regimentstochter. Novellen und Silhouetten(1838); den Roman:„Der Unſterbliche“ (1847), und die Novellen:„Roſen und Dornen“(1852). Gollmick ſtarb zu Frankfurt a. M. den 3. Oktober 1866. Das Original der Oper:„La fille du régiment“ ſpielt mit fran⸗ zöſiſchen Grenadieren in den Bergen Tirols. Es iſt von einem zweiten Regiment die Rede, von einem jungen Tiroler Tonio, von einem Sergeanten Sulpiz, von einem Kapitän Robert, von einer Marquiſe de Berkenfield. In der Übertragung ins Deutſche wurde zuerſt der Ort der Handlung mit öſterreichiſchen Grenadieren nach der Schweiz verlegt. Man hörte von einem zehn⸗ ten Regiment, von Tonio, einem jungen Schweizer vom Sim⸗ plon, von einem Feldwebel Sulpiz, von einem Hauptmann Thalheim, von einer Marcheſa von Maggiorivoglio. Es haben ſich inzwiſchen, unter Beibehaltung der Marcheſa von Maggio⸗ rivoglio, als Ort der Handlung Tirol und die franzöſiſchen Gre— nadiere mit dem zweiten Regiment u. ſ. w. eingebürgert. Auch dies Buch folgt dieſer urſprünglichen Faſſung. Wenn auch keine weitern Opernkomponiſten, ſo hat doch das Buch der„Regimentstochter“ einen Bearbeiter gefunden, der die Oper in ein gleichnamiges Singſpiel umwandelte, welches an kleineren Bühnen viel gegeben wurde und noch gern aufgeführt wird. Die vieraktige Oper„Die Märtyrer“ hatte an der„Großen Oper“ kein beſſeres Geſchick, als die„Regimentstochter“ es an der„Opéra comique“ gehabt hatte. Das Werk, welches am 10. April 1840 zum erſtenmal aufgeführt wurde, hielt ſich nur wenige Tage auf dem Spielplan. Das Talent Donizettis war ſich auch bei dieſem ernſten Stoffe gleich geblieben, obſchon der Meiſter im einzelnen größere Sorg⸗ falt bewieſen hatte. Auch die froſtige Dichtung hinderte eine günſtige Aufnahme. „Die Märtyrer“ wurden im nächſten Jahre in Wien unter dem Titel:„Die Römer in Mylitone“ gegeben. Der Erfolg ſcheint auch hier nicht überſchäumend geweſen zu ſein. Das Mißgeſchick ſchien Donizetti in Paris zu verfolgen, denn 1840 wurde das„Théatre de la renaissance“, für das er die bei⸗ den Opern:„L'ange de Nisida“(„Der Engel von Niſida“) und„La ſiancée du Tyrol“(„Die Tirolerbraut“) begonnen hatte, geſchloſſen Die Regimentstochter. 17 „Die Tirolerbraut“ ſcheint inmitten dieſes Mißgeſchickes unvollendet geblieben zu ſein, denn ſie fehlt in den muſikaliſchen Berichten der da⸗ maligen Zeit. Trotzdem wandte ſich dieſe Sache für Donizetti noch zum Guten, denn er geſtaltete den durch Royer und Wazz gedichteten„Engel von Niſida“, indem er durch Scribe noch einen Aufzug hinzufügen ließ, zur„Favoritin“, einer ſeiner beſten Kompoſitionen um. So wurde ſie zum erſtenmal den 2. Dezember 1840 an der„Großen Oper“ auf⸗ geführt. Eine ungünſtige Voreingenommenheit herrſchte damals in Paris unter den Künſtlern und im Publikum gegen Donizetti. Sie zeigte ſich in ihrem Einfluß auf die neue Oper, indem dieſe zunächſt recht kühl aufgenommen wurde. Die Unſicherheit über den Erfolg war nach der erſten Vorſtellung ſo bedeutend, daß der Komponiſt große Mühe hatte, einen Wagemutigen zu finden, der ihm 3000 Franes für ſeine Partitur geboten hätte, ein Werk, daß ihm in der Folge ſo große Summen eintrug, und welches er ſpäter an einen Pariſer Mu⸗ ſitverleger für 40000 Franes verkaufte, wobei er ſich noch die Auf⸗ führungsrechte vorbehielt. Die Abneigung wich bald einer um ſo größeren Vorliebe für die zuerſt ſo kühl aufgenommene„Favoritin“. Der Beifall glich in der Folge dem des„Robert“ und des„Wilhelm Tell“. Die„Favoritin“ überſchritt bald die Grenzen Deutſchlands und unternahm ihren Siegeszug über die bewohnte Erde. Als be⸗ ſonders intereſſant erſcheint es, daß Richard Wagner, der damals in Paris in bitterſter Not um ſeine Exiſtenz rang, den Klavierauszug der„Favoritin“ arrangierte. Trotz ihrer großen dramatiſchen Schön⸗ heiten und einer Fülle von liebreizenden Melodien iſt dieſe Oper heute faſt gänzlich von den Spielplänen verſchwunden. Wenige Tage nach den erſten Aufführungen der„Favoritin“ be⸗ gab ſich Donizetti nach Rom zur Aufführung ſeiner„Adelia, ossia la figlia dell' arciero“(„Adelia, die Tochter des Bogenſchützen“), eine ſchwache Kompoſition, die ſich nicht zu halten vermochte. Glücklicher war er in Mailand, wo nach einer Dichtung von Roſſi „Maria Padilla“ den 26. Dezember 1841 einen großen Erfolg erzielte. Im Jahre 1842 in Wien angekommen, ſchrieb er daſelbſt nach einer Dichtung von G. Roſſi„Linda von Chamounix“, ein Werk, das ſich durch die lokale Färbung und das Verdienſt einer prickelnden Inſtrumentation auszeichnet. Die Oper hatte am 19. Mai 1842 in dieſer Stadt einen ſo enthuſiaſtiſchen Erfolg, daß der Kaiſer von Oſter⸗ 2 2 18 Die Regimentstochter. reich Donizetti mit dem Titel eines Hofkomponiſten und kaiſerlichen Hofkapellmeiſters auszeichnete. Ende Dezember 1842 nach Paris zurückgekehrt, ſchrieb Donizetti in acht Tagen die Dichtung und die Partitur zu„Don Pasquale“, ein reizendes humoriſtiſches Werk von glücklicher und leichter Einge⸗ bung, die an den Stil der italieniſchen Meiſter der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts erinnert. Die Oper hatte am 3. Januar 1843 einen ausgezeichneten Erfolg und erhöhte den Ruhm des Kom⸗ poniſten. Das Buch iſt einer älteren italieniſchen Oper„Ser Mare Antonio“ nachgebildet. Kurze Zeit nachher kehrte Donizetti nach Wien zurück, um hier den 5. Juni 1843 nach einer Dichtung von Cammarano ſeine„Maria von Rohan“ aufführen zu laſſen. Abſolute Ruhe hätte ihm not gethan; aber es ſchien, als habe ſich der Arme in einer Vorahnung ſeines nahen Endes beeilen wollen, noch etwas zu ſchaffen, bevor ſein Geiſt von ihm genommen würde. Er kam nach Paris zurück, um ſich hier den Proben des„Dom Sé⸗ hastien, roi de Portugal“ zu widmen, den er für die„Große Oper“ und zwar nach einer Dichtung von Scribe in nur zwei Monaten kom⸗ poniert hatte, trotzdem die Partitur zahlreiche Nummern von be⸗ trächtlicher Ausdehnung enthielt. Aber die robuſte Konſtitution des Komponiſten war erſchüttert und zum erſtenmal hatte er bei dieſer Arbeit Ermüdung geſpürt. Während der Proben bemerkte man im dritten Aufzuge bedenkliche Dinge, die geeignet geweſen wären, den Erfolg des Werkes zu gefährden. Scribe nahm das Buch zurück, um zu ändern, was wiederum neue Arbeit für Donizetti zur Folge hatte. Daraus ergab ſich für die erſte Aufführung eine Verzögerung von zwei Monaten. In dieſer Zwiſchenzeit ſchrieb der von Unruhe gequälte Komponiſt in acht Tagen eine komiſche Oper, deren Partitur erſt lange nach ſeinem Hinſcheiden aufgefunden und bis zum heutigen Tage noch nicht aufgeführt worden iſt. Endlich kam die Aufführung des„Dom Sébastien“ heran, um dem Komponiſten eine bittere Enttäuſchung zu bringen, denn das Er⸗ gebnis war ein vollkommener Mißerfolg. Auf der letzten Hauptprobe ſchon hatte Donizetti ſich nicht wohl gefühlt und zu einem ſeiner Freunde geſagt:„Dieſer Sebaſtian iſt mein Tod!“ Kaum hatte er ſich von ſeiner Niederlage erholt, als er 1844 nach Die Regimentstochter. 19 Neapel abreiſte und daſelbſt ſeine„Catarina Cornaro“ komponierte. Dann unternahm er eine Reiſe nach Wien, wo ihn ſeine Verpflich⸗ tungen an den Hof riefen, aber ſtärkere Nervenaufälle, die von einer allmählichen Auflöſung ſeiner Nervencentren Zeugnis ablegten, ſetzten ihn außer ſtand, denſelben nachzukommen. Gegen die Mitte des Jahres 1845 nach Paris zurückgekehrt, war er nur noch ein Schatten ſeiner ſelbſt; dennoch verſuchte er noch zu ſchaffen und eine für das„Théàtre italien“ beſtimmte Oper zu voll⸗ enden, als er am 17. Auguſt 1845 von einem Schlaganfall betroffen wurde. Seine geiſtigen Fähigkeiten begannen in einer Gehirnerwei⸗ chung zu ſchwinden und von dem noch vor kurzem ſo lebensvollen und mit einer ſo energiſchen Konſtitution ausgerüſteten Künſtler blieb nichts übrig, als ein gebrechlicher Leib, aus dem die Fähigkeiten ent⸗ ſchwunden waren, die ihn ehemals belebt hatten. In eine bei Jvry nächſt Paris gelegene Irrenanſtalt verbracht, vegetierte er dort in ſtiller Melancholie und dumpfem Dahinbrüten zwei Jahre und drei Monate ohne irgend eine Erleichterung. Ebenſo ergebnislos verliefen die Verſuche, die im Hauſe des Dr. Blanche in Paris gemacht wur⸗ den. Da faßten ſeine Freunde den Plan, ihn nach Italien zu ver⸗ bringen, um als letztes Mittel den Einfluß des heimatlichen Klimas zu verſuchen. Und ſo verließen ſie mit ihm Paris, begleitet von ſeinem Bruder Franz, einem Arzte und ſeinem Neffen Andreas. Neue An⸗ fälle 8 ſein Gehirn während der Reiſe. Eine edle Dame, Roſa Baſoni, trat in Bergamo dem kranken Künſtler großmütig einen Teil ihres Palaſtes ab. Erquickt durch die Sorgfalt der hochherzigen Frau und des trefflichen Maeſtro Dolci, der ſich nicht mehr von ſeinem Bette trennte und ſeinen letzten Kuß empfing, lebte Donizetti noch einige Zeit in dieſem Aſyl der Gaſt⸗ freundſchaft dahin. Als noch nicht ganz alle Hoffnung aufgegeben war, pflegten die Freunde in einem benachbarten Zimmer etwas zu ſingen, oder irgend eines ſeiner Motive auf dem Flügel zu ſpielen. Da wachte er einmal aus ſeiner tiefen Lethargie auf und die Augen ein wenig aufſchlagend, murmelte er zwiſchen den Zähnen:„O come 8 gra⸗ zioso!“(O wie ſchön!) In der Umnachtung ſeiner Sinne, am Gra⸗ besrande, ſollte er noch etwas von der wunderbaren Schönheit ſeiner eigenen Werke empfinden. Am 8. April 1848, abends um fünf Uhr ſchloß Donizetti in ſeinem fünfzigſten Lebensjahre ſeine Augen für immer. S* 84 20 Regimentstochter. Das war das Ende dieſes ausgezeichneten Künſtlers, deſſen kräf⸗ tiger Körperbau vor der Zeit aufgebraucht war durch raſtloſe Arbeit und durch das Übermaß in ſinnlichen Genüſſen. Die Leichenfeier wurde mit großem Pomp in der Kathedrale ſeiner Vaterſtadt unter den Tönen der Meſſe des Simon Mayrſchen Re⸗ quiems begangen. Das ganze Bergamo wohnte dem Leichenbegängnis des bis ins Grab fruchtbaren Komponiſten in unabſehbarem Zuge bei. Die produktive Zeit Donizettis dehnt ſich von 1818 bis 1844 aus und umfaßt alſo einen Zeitraum von 26 Jahren, in welchem er 67 Opern, mehrere Kantaten, Meſſen und Pfalmen ſchrieb, alſo im Durchſchnitt vier große Werke im Jahr. So war das Leben dieſes Mannes Ein Arbeitstag. Um das Talent des Künſtlers recht zu würdigen, iſt es unerläß⸗ lich, ſeine übertriebene Haſt in der Fertigſtellung ſeiner Kompoſitionen in Rechnung zu ziehen. Während mehrerer im Vertragsverhältnis zum Operndirektor Barbaja verbrachter Jahre mußte Donizetti das Jahr zwei ernſte und zwei komiſche Opern komponieren; das Honorar, das er für dieſe Rieſenarbeit erhielt, war kaum ausreichend zur Beſtreitung der notwendigſten Lebensbedürfniſſe. Daher alſo die Nö⸗ tigung, gleichzeitig für die andern großen Theater Italiens zu kompo⸗ nieren; daher die häufigen Reiſen, die einen Teil ſeiner Zeit ver⸗ ſchlangen, daher ſchließlich dieſes haſtige, der Ausreifung entbehrende Schaffen. Man hat Donizetti eine ganze Partitur in dreißig Stun⸗ den inſtrumentieren ſehen, eine Zeit alſo, kaum ausreichend für die, trotz der in Italien gebräuchlichen Abkürzungen, umfängliche eigent⸗ liche Schreibarbeit. Wenn alſo etwas erſtaunlich iſt, ſo iſt es nicht das, daß ſo viele wertloſe und mittelmäßige Werke das Reſultat einer ſolchen Haſt geweſen ſind, ſondern daß ſo viele wirklich wertvolle Nummern dabei geſchaffen werden konnten. Beſſer hätte Donizetti allerdings gethan, ſeine Kräfte weislich zu⸗ ſammen zu nehmen, und nur weniges und durchdachtes zu kompo⸗ nieren. Aber er war nun einmal ein Vielſchreiber, mit dem eigen⸗ tümlichen Schickſal dieſer Menſchen: ihr Arbeitstrieb iſt ihnen zur Leidenſchaft, iſt zu einem verzehrenden Feuer geworden, und je ſchneller ſie auf ihrer Bahn vorwärts eilen, um ſo mehr entzündet und vergrö⸗ ßert ſich die Flamme in der Haſt ihrer unruhigen Bewegung, freilich um dann deſto ſchneller in Aſche zu ſinken. Donizetti ließ ſich von jedem, auch nur halbwegs annehmharen Die Regimentstochter. 21¹ Buche gewinnen, er komponierte die Arbeiten der verſchiedenſten Dich⸗ ter. Zwei Bücher:„Das Glöckchen“ und„Betly“ hat er ſelbſt ge⸗ ſchrieben, auch die Dichtung„Don Pasquale“ hat er ſelbſt einer äl⸗ teren italieniſchen Oper nachgebildet. Er lebte beſtändig in ſeinen Tönen und gewöhnlich wurden ſeine Ideen auch ſogleich von ihm feſtgehalten. Jedes Stückchen Papier veranlaßte ihn zum Schreiben, und was er ſchrieb, das ſpielte und ſang er auch ſogleich, im offenen Felde, am Fuße eines Berges, in fröhlicher Geſellſchaft, unter dem betäubenden Lärm der Trinkſprüche, kurz, wo immer ihn die Laune dazu antrieb. Die Ouvertüre zur„Linda von Chamounix“ kompo⸗ nierte er in Bergamo in einer Geſellſchaft von Freunden, indem er anſcheinend an ihrer muntern Unterhaltung vollen Anteil nahm. Von einer großen Zahl ſeiner improviſierten Partituren iſt in der That weiter nichts übrig geblieben, als die Namen; aber der Schöpfer der„Regimentstochter“, der„Lucia von Lammermoor“, der„Favoritin“, des„Don Pasquale“, des„Liebestrank“ wird in der Muſikgeſchichte ſtets mit hohen Ehren genannt werden und die Nachwelt wird die in ſeinen Werken ausgeſtreuten wirklichen Schön⸗ heiten nicht unterſchätzen. Reich an melodiſcher Erfindung und an dramatiſchem Gefühl, beſaß er leider nicht in demſelben Grade die Gabe der Originalität. Als eklektiſcher(das Beſte auswählender) Künſtler, wendet er mit Geſchick Mittel und Formen an, die von an⸗ dern Komponiſten erſonnen ſind; aber er erfindet weder im Rhyth⸗ mus, noch in der Harmonie, noch in der Inſtrumentation, noch im ſceniſchen Aufbau. Kurz, ſein Schaffen bezeichnet auf keinem Punkte ſeiner Schaffenszeit den Ausgangspunkt neuer Bahnen. Neben den nachſtehend verzeichneten Opern ſchrieb er Meſſen, Pſal⸗ men, Veſpern, ein Offertorium, ein Miſerere für die Kirche; ferner zwölf Kantaten, meiſt Gelegenheitsſtücke, eine Reihe von andern Ge⸗ ſangsſachen, Matineen, Soireen, Reverien, Inſpirationen, Balla⸗ den und eine Menge ungezählter Kleinigkeiten. Seine Kompoſition „Graf Ugolino“ nach Dante wird als Muſter einer poetiſch muſikali⸗ ſchen Deklamation gerühmt. Endlich ſind Streichquartette, Klavier⸗ ſonaten mit Begleitung anderer Inſtrumente, Variationen für Piano und mehrere Ouverturen von dem fruchtbaren Komponiſten vorhanden. Mit ſolchem Talent und Wiſſen und dieſem ausgebreiteten Wir⸗ ken mußte Donizetti notwendig hohen Ruhm erlangen und von einer Ehrenſtufe zur andern ſteigen. 1835 ſehen wir ihn als ſtellvertreten⸗ 22 Die Regimentstochter. den Direktor des Königlichen Konſervatoriums in Neapel, 1888 wurde ihm dieſe Stellung definitiv übertragen. 1839 modellierte Dantan in Paris ſeine Büſte, der große Ahnlichkeit nachzurühmen iſt. Auch der Hof bewies ihm ſeine Gunſt; er war Maestro di camera des Prinzen von Salerno und Muſiklehrer der Königlichen Prinzeſſinnen. 1842 wurde er mit reichen Bezügen zum Kammer-Kapellmeiſter am k. k. Hofe in Wien ernannt und zum Direktor des italieniſchen Theaters gewählt. Dekoriert war er mit einem portugieſiſchen Orden, dem päpſtlichen Sylveſterorden, dem der franzöſiſchen Ehrenlegion, dem türkiſchen Verdienſtorden. Er war Mitglied muſikaliſcher Akademien, Geſellſchaften und Inſtitute in Frankreich, Oſterreich, Rom, Bologna, Neapel, Florenz, Bergamo. Donizetti, der in ſeiner Jugend fleißige Studien gemacht hatte, war von umfaſſender Bildung, ſprach mehrere Sprachen fließend und hatte ſich im Verkehr mit ausgezeichneten Männern ein gewinnendes und weltmänniſches Weſen angeeignet. Er war ein ſchöner ſtattlicher Mann, mehrfach mit Spohr ver⸗ glichen. Sein ganzes Weſen hatte etwas von einem ehrlichen Deut⸗ ſchen, ohne einen Anflug von Stolz. Er hatte eine ſonore Baßſtimme mit kräftigem Accent, freie Rede, raſche Gedanken. Sein Lebensbild zeigt im Kranze der Erinnerung einen Men⸗ ſchen von verſchwindenden Fehlern und hohen bewunderungswürdigen Vorzügen. Die Stadt Bergamo hat ihrem berühmten Sohne ein Denkmal geſetzt. Chronologiſches Verzeichnis der von Donizetti komponierten Opern nach dem Jahre ihrer Erſtaufführung. Venedig 1818. Enrico di Borgogna(Graf Heinrich von Burgund). Venedig 1819. Il falegname di Livonia(Der Holzhauer von Livland). 3) Venedig 1820. Le nozze in villa(Die ländliche Hochzeit). 4) Rom 1822. Zoraide di Granata. 5) Neapel 1822. La zingara(Die Zigeunerin). Neapel 1822. La lettera anonima(Der anonyme Brief). 7) Mailand 1822. Chiara e Seraſina. Neapel 1823. I1 fortunato inganno(Der geglückte Betrug). 1 — 2 D — re 9 10) 11) 12) 13) 14) 15) 16) 17) 18)9 19) 20 21) 22 230 2⁴ 25) J 26) 27) 28) 29) 30) 31) 3²2) 37 33) 34) 35 — 36) 37 Die Regimentstochter. Neapel 1823. Aristea. Venedig 1823. Una follia(Ein toller Einfall). Neapel 1823. Alfredo il grande(Alfred der Große). Rom 1824. L'ajo nell' imbarazzo(Der Hofmeiſter in tauſend Ang ſten). Neapel 1824. Emilia di Liverpool. Palermo 1826. Alahor in Granata. Palermo 1826. II castello degli invalidi- lidenhaus). Neapel 1826. Elvida. Rom 1827. Olivo e Pasquale. Neapel 1827. II borgomastro di Saardam(Der Bür⸗ germeiſter von Saardam). Neapel 1827. Le convenienze teatrali(Theaterbräuche). Neapel 1827. Otto mesi in duo ore(Die Tochter des Verbannten). Neapel 1828. L'esule di Roma(Der Verbannte von Rom). Genua 1828. La regina di Golconda(Die Königin von Golcondaj. Neapel 1828. Gianni di Chalais. 28. Giovedi grasso(Donnerstag vor Faſtnacht) Neapel, 12. Januar 1829. II paria(Der Verſtoßene). Neapel 1829 Il castello di Kenilworth(Schloß Kenil⸗ worth). Neapel 1830. II diluvio universale(Die Sintflut). Neapel 1830. Lpazzi per progetto(Die Projektenmacher). ſteapel 1830. Francesca di Foix(Das Blumenmädchen). Neapel 1830. Imelda de' Lambertazzi. Neapel 1830. La romanziera. Mailand 1831m. Anna Bolena. Neapel 1831. Fausta. Mailand, 13. März 1832. Ugo conte di Parigi(Der Graf von Paris). Mailand, 12. Mai 1832. L'elisire d'amore(Der Liebes⸗ tranh). Neapel, 4. November 1832. Sanoia di Castiglia. Rom 1833. I furioso nell' isola di San Domingo(Der Wahnſinnige auf der Inſel San Domingo). Das Inva⸗ 54 — 55) 56) 57 58) 60 61) 62) 63) Die Regimentstochter. Florenz, 18. März 1833. Parisina. Rom 1833. Torquato Tasso. Mailand, 26. Dezember 1833. Luorezia Borgia. Florenz 1834. Rosmonda d'Inghilterra Noſamunde von England). Neapel 1834. Maria Stuarda. Mailand 1835. Gemma di Vergy. Paris 1835. Marino Faliero. Neapel, 26. September 1835. Lucia di Lammermoor. Venedig 1836. Belisario. Neapel 1836. II oampanello di notte(Das Glöckchen). Neapel 1886. Betly. Neapel 1836. L'assedio di Chalais(Die Belagerung von Calais). Venedig, 18. Februar 1837. Pia de' Tolomei. Neapel 1837. Roberto Devereux. Venedig, 30. Januar 1838. Maria di Rudenz. Neapel 1838. Poliuto.(Unaufgeführt geblieben und in Paris 1840 umgearbeitet für die„Opéra“ unter dem Titel:„Les martyrs“). Mailand, 10. September 1839. Gianni di Parigi(Johann von Paris). Paris 1840. L'ange de Nisida(Der Engel von Niſida). Unaufgeführt und zur„Favoritin“ umgearbeitet. Paris 1840. La flancée du Tirol(Die Tirolerbraut). Un⸗ vollendet und unaufgeführt. Paris, 11. Februar 1840. La fille du régiment(Die Re⸗ gimentstochter). Paris, 10. April 1840. Les martyrs. Paris, 2. Dezember 1840. La favorite(Die Favoritin). Rom 1841. Adelia ossia la ſiglia dell'arciero(Die Toch⸗ ter des Bogenſchützen). Mailand, 26. Dezember 1841. Maria Padilla. Wien, 19. Mai 1842. Linda di Chamounix. Paris, 3. Januar 1843. Don Pasquale. Wien, 5. Juni 1843. Maria di Rohan. Paris 1843. Dom Sébastien, roi de Portugal. Neapel 1844. Catarina Cornaro. 8 tstochter. 25 ie Regimen 25 64) Neapel 1844. Gabriella di Vergy. Nachgelaſſene Oper. 65) Neapel 1844. Le duc d'Albe(Herzog Alba). Nachge⸗ laſſene Oper. 66) 9 Una farsa. Eine komiſche Oper, unaufgeführt 67) Paris, 7. Mai 1860. Rita, ou le mari battu Ein ge⸗ ſchlagener Mann). Nachgelaſſene Oper. Nr. 7auch unter dem Titel: Ipirati(Die Seeräuber); Nr. 181due Pietri(Die beiden Peter, Lortzings„Czaar und Zimmermann“), Nr. 20 Gli esiliati di Siberia(Sibiriſche Verbannte); Nr. 26 Kli- subetta di Kenilworth; Nr. 41 Eleonora di Guienna; Nr. 42 Zuondelmonte; Nr. 44 Antonio Grimaldi; Nr. 61 Il conte di Chalais(Der Graf von Calais). Die Erſtaufführungen der Oper:„Die Regimentstochter“ er⸗ folgten in den Städten: Paris, Opéra comique, 11. Februar 1840(Premidre). Wien, k. k. Hofoper, 11. Mai 1841. Schwerin i. M., 24. Oktober 1841. Stuttgart, 21. November 1841. Leipzig, 1. Februar 1842 Hamburg, 10. Juni 18 Berlin, Hofoper, 29. Juli 1842 und fanden bis zu Ende des Jahres 1896 im ganzen 231 Aufführungen ſtatt. 5 7 a. M., 13. Auguſt 1842. Bremen, Oktober 1842. Braunſ ei„November 1842. Prag, 7 Dezember 1842. Kaſſel, 10 1 0 1843. Hannover, 8. März 1843. Darmſtadt, 125 51 5 1843 München, 17. März 1843. Weimar, 8. A pril 1843 Mannheim, 17. April 1843. Brünn, 10. Auguſt 1843. Karlsruhe, 21. September 1843. Deſſau, 20. Oktober 1843. Koburg, 19. November 1843. Gotha, 14. Januar 1844. Dresden, 18. Februar 1844. Schauplah. Erſter Aufzug. vor eine Steinbank. Links vorn eine lebensgroße Madonna; links herab, davor ein großer B Sweiter Aufzug. Ein Jahr ſpäter.) Links vorn ein Fenſter. rück ein Sofa. Zur Linken vorn ein Tiſch und ein Teppiche. thüren rechts und links. ˖ H Es iſt Tag. Eine Hochgebirgslandſchaft. Rechts vorn ein einfaches B Art Grotte, in deren Mitte eine weiter zurück ein Felſenweg von oben aum mit weit verbreiteten Aſten und Zweigen. Es iſt zu Beginn des Tages. Rokokoſaal im Schloſſe Maggiorivoglio. Mittelkamin mit rechts Mitte ins Innere, links Mitte allgemeiner Zur Rechten vorn 4 ein Klavier mit Klavierſtuhl und aufliegenden Noten; eff zurück ebenfalls ein Sofa. Reiches Ameublement. Seſſel. Reihenfolge der Muſiknummern. OQuverture. Erſter Aufzug. Nr. 1. Introduktion und Chor. Marcheſa. Hortenſio. Landleute. Brüder, auf! zu ſtreiten! Duett. Sulpiz. Marie. Ha, ſie iſt's! 3. ESnſemble. Tonio. Marie. Sulpiz. Soldatenchor. Voran n mit dir, fort, fort! . Nr. 4. Duett. Marie. Tonio. Wie, du liebſt mich? Nr. 5. Finale. Marie. Korporal. Soldaten. Rataplan, rataplan, rataplan! Mavatine. Tonio. Korporal. Soldaten. Sulpiz. Marie. Marcheſa. Hortenſio. Ich trete unter eure Fahnen. Swiſchenakts⸗Walzer. Zweiter Aufzug. Nr. 6. Cerzett. Marcheſa. Marie. Sulpiz. Der junge Tag er⸗ glüht im Haine. Nr. 2. Arie und Soldatenchor. Marie. Soldaten. Es iſt geſchehn, ohne Hoffnung und Troſt. [Nr. 8. Cerzett. Marie. Sulpiz. Tonio. Endlich ſind wir vereint. Walzer.] [Nr. 9. Ronianze und Quartett. Tonio. Marie. Marcheſa. Sulpiz. Um ſie zu erringen, zu beſitzen.] Walzer(Zwiſchenakts-Walzer). Nr. 10. Finale.“ Herzogin. Marcheſa. Kavaliere. Damen. Notar. Sulpiz. Marie. Tonio. Korporal. Soldaten. Himmel, welch ein Lärmen vor der Thür. Perſonen: Die Marcheſa von Maggiorivoglio.(Sopran.) Sulpiz, Sergeant.(Baß.) Tonio, ein junger Tiroler.(Tenor.) Marie, Markedenterin.(Sopran.) Die Herzogin von Craquitorpi.(Sopran.) Hortenſio, Haushofmeiſter der Marcheſa.(Baß.) Ein Notar.(Tenor.) Ein Korporal.(Baß.) Franzöſiſche Grenadiere. Tiroler Landleute. Kavaliere und Damen Diener der Marcheſa. Ort der Handlung: Tirol. Im erſten Aufzug eine Hochgebirgslandſchaft. Der zweite Aufzug ein Jahr ſpäter auf dem Schloſſe der Marcheſa. Zeit: 1815. Rechts und links vom Darſteller. Spielzeit: Zwei und eine halbe Stunde. Erſte Aufführung: Paris, Opéra comique, 11 Februar 1840. Ouverture. (Vier Minuten.) Erſter Aufzug. Nr. 1. Introduktion: Chor. (Der Vorhang hebt ſich ſofort nach der OQuverture im erſten Takt.) Eine Hochgebirgslandſchaft. Rechts vorn ein einfaches Bauernhaus, davor eine Steinbank. Links vorn eine Art Grotte, in deren Mitte eine lebensgroße Madonna; links weiter zurück ein Felſenweg von oben herab, davor ein großer Baum mit weit verbreiteten Aſten und Zweigen. Es iſt zu Beginn des Tages und noch Dämmerung. Rechts und links vom Darſteller. Erſter Aufkritt. Die Marcheſa von Maggiorivoglio. Ihr Haushofmeiſter Hortenſio. Tiroler Landleute beiderlei Geſchlechts. Marcheſa(eine vornehme Dame in Reiſekleidern ſitzt voll größter Bedrängnis, matt und ſchwach, rechts vorn auf der Steinbank vor dem Bauernhaus). Hortenſio(alter komiſcher Herr ſteht ihr zur Linken, iſt um ſie be⸗ ſchäftigt und hält ihr von Zeit zu Zeit ein Riechfläſchchen vor). Tiroler Ränner(mit Büchſen bewaffnet und zum Schuß bereit, beobachten im Hintergrunde und auf dem Felſenweg ſtehend nach links hinaus). Tiroler Frauen und Rädchen(knieen lints vorn vor der Madonna im brünſtigen Gebete). (In der Ferne hört man Trommelwirbel, der ſich zu nähern ſcheint.) Chor der Ränner. Brüder, auf! zu ſtreiten!— Der Feind rücket an!— Wir wollen ſie fällen, Mann für Mann! Wohlan! Wohlan! Ha, kommt nur an! Chor der Frauen(betend). Heilige Mutter, ſüße Patronin, 30 Die Regimentstochter. Sieh, deine Knie umfaſſen wir! Jungfrau Maria, wir flehen zu dir, Heilige Mutter, wir flehen zu dir! Jungfrau Maria, wir flehen zu dir! Wir flehn zu dir, wir flehn zu dir! Hortenſio(zur Marcheſah. Nur Mut, noch ſind wir nicht verloren, Der Retter naht in dieſer harten Not. Marcheſa(ſteht auß). Tödliche Angſt in ſolchem Kriegsgetümmel, O Gott, iſt härter als der Tod! Die Männer(kommen bis auf Einen, der hoch oben beobachtend ſtehen bleibt, mehr nach vorn; Entſetzen malt ſich auf allen Geſichtern). Chor der Männer(unter ſich). Brüder, auf zu ſtreiten, der Feind rücket an! Ha, der Feind, der Feind rücket an! Wir kämpfen für Ehre, wohlan denn, heran! Hortenſio(zur Marcheſa). Ha, wie ſie zittern!— Frau Marcheſa, nur Mut gefaßt! Nur Mut gefaßt! Nur mutig, o gnäd'ge Frau! Marcheſa. Die Todesangſt im Herzen— o Gott!— O Gott, iſt ſchlimmer als der Tod! Chor der Frauen. Jungfrau Maria! Alle(nit Ausnahme der Marcheſa und des oben beobachtenden Candmannes fallen, nach links zur Madonna gewendet, auf die Knie). Heilige Mutter, ſüße Patronin, Sieb, deine Knie faſſen flehend wir! Jungfrau Maria, wir beten zu dir; Heilige Mutter, wir flehn zu dir! Der Eandmann(welcher noch beobachtend oben ſteht). Sehet her! ha, ſie retirieren Und abgewandt iſt die Not. (Er kommt herunter und nach vorn.) Chor der Franen. Ha, welches Glück, welche freudige Botſchaft. Wir ſind frei von Gefahr und Not! Die Regimentstochter. 34 Alle(erheben ſich freudig, fragen den Landmann aus, geben Zeichen ihrer Befriedigung). Marcheſa(tritt vor). Hortenſio(tritt ebenfalls hinzu, läßt ſich Beſcheid geben und wendet ſich dann nach links vorn). Ale(ſind in gehobener Stimmung). )LMarcheſa. Es ſchirmt nicht meines Namens Klang Mich vor des Krieges Schreckgewalten. Sie drohn, die wütenden Geſtalten, Sie wetzen ihren Mörderſtahl. Des ſchwachen Weibes Todesſchmerzen, Sie lähmen mich, ich atme kaum. Sie wühlen im zerriſſnen Herzen. Es läßt der Feind keinem Mitleid Raum! Chor der Landleute. Keinem Mitleid Raum! Marcheſa. Die Soldaten, hör' ich ſagen, Sind tapfer, aber auch galant. Der Frauen Schutz ſei ihnen heilig In jedem Alter und Gewand; Doch denke ich ihrer mit Schrecken, Und hin iſt all mein bißchen Mut. Nicht wird mich mein Adel erretten Vor der Feinde roher barbariſcher Wut, Vor barbariſcher Wut, Vor der Feinde barbariſcher Kriegeswut! Ach, nicht wird mich mein Adel erretten Vor Feindes barbariſcher Kriegeswut! Chor der Landleute onitleidig). Wie ſie zittert und bebt! Wie ſie zittert vor Seudes Vor Feindes barbariſcher Kriegeswutl] (Es wird nach und nach ganz hell.) Der Landmann(nimmt den Hut ab und tritt zur Marcheſa heran). Schon ſind ſie fort, erheitern Sie die Blicke! Einige Männer(entfernen ſich nach verſchiedenen Seiten hin). ) Die eingeklammerten L] Stellen ſind zu ſtreichen, 32 Die Regimentstochter. Hortenſio und Chor der Landleute. Schon ſind ſie fort, Dank dem Geſchicke! Marcheſa. Kämen ſie nur nimmer zurück! Die Männer(miſchen ſich unter die Frauen, ergrelfen deren Hände und ſchwenken ſie zum Zeichen der Freude hin und her). Marcheſa. Kämen ſie nur nimmer zurück! Verſenket den Kummer, denn ſie ſind ſchon fern. Es gehet bald unter ihr Stern! Der geliebte Friede, er reicht uns die Hand, Und im Siegesliede jauchzt das Vaterland! O Himmel, hab Dank! hab Dankl hab Dank! hab Dank! O mein Gott, o mein Gott, hab Dank! Mein Name iſt bewahrt, bewahrt! O Himmel, habe Dank! Vom Siegesgeſange ertönet das Land! Hoch ſchall unſer Jubel, denn ſie ſind ſchon fern. Es gehet bald unter ihr Stern! Habe Dank, habe Dank, o mein Gott, habe Dank! Im Siegeslied ertönt das Land! O mein Gott, habe Dank, o habe Dankl habe Dank! Im Siegesliede jauchzt das Land! Hortenſio. Es ſchall unſer Jubel, denn ſie ſind ſchon fern. Es gehet bald unter ihr Stern! Der geliebte Friede, er reicht uns die Hand, Und im Siegesliede jauchzt das Vaterland! Laut ſchalle der Jubel, der Jubel erſchall! Es lebe der Friede!— Der Feind iſt verſchwunden!— Vom Siegesgeſange ertönet das Land! Hoch ſchall unſer Jubel, denn ſie ſind ſchon fern. Es gehet bald unter ihr Stern! Lalalalalalalalalalalala! Im Siegesliede ertönet das Land! O mein Gott!— Gott!— Habe Dank! Im Siegesliede jauchzet das Land! Chor. Es ſchall unſer Jubel, denn ſie ſind ſchon fern, Die Regimentstochter. Es gehet bald unter ihr Stern! Der geliebte Friede, er reicht uns die Hand Und im Siegesliede jauchzt das Vaterland! Lalalalalalalalalalalala! Laut ſchalle der Jubel, der Jubel erſchall! Lalalalalalalala! Es lebe der Friede! Im Siegesliede jauchzt das Vaterland! Der Feind iſt verſchwunden, der Friede uns lacht! Lalalalalalalalalalalala! Hoch ſchall unſer Jubel, denn ſie ſind ſchon fern. Es gehet bald unter ihr Stern! Lalalalalalalalalalalala! Im Siegesliede ertönet das Land! O mein Gott!— Gott!— Habe Dank! Im Siegesliede jauchzet das Land! ö Einige Ränner und Frauen(entfernen ſich nach verſchiedenen Seiten hin). Andere(bleiben bei der Marcheſa wie zu ihrem Schutze zurück). Marcheſa epricht, zu den Landleuten). Ach, meine Freunde, bleibt bei mir! Verlaßt mich nicht, meine Nerven ſind ja ſo ſchwach! Denn wenn es nur ein verſtecktes Manöver wäre, wenn ſie zurückkehrten, dieſe Soldaten— dieſe ſchrecklichen Grenadiere— Hortenſio(zu ihrer Linken). Du lieber Gott, wer konnte aber auch denken, daß ſie ſo lange an der Grenze ſtehen und ge⸗ rade an dem Tage vorrücken würden, wo die Frau Marcheſa ihr Schloß verließ, um dem Kriegsgetümmel zu entfliehen. Marcheſa. Was iſt aber zu thun?[Was ſoll aus mir wer⸗ den7] Soll ich meine Reiſe fortſetzen? Ich darf es nicht. Ach, Hortenſio, es war ſehr verwegen von mir, daß ich deinem Rate folgte. Aber du machteſt mir ſo bange. Hortenſio. Mein Himmel, Sie hatten mich ja mit Ihrer Angſt angeſteckt! Karcheſa. Ich, eine Frau, mir verdenkt es niemand, be⸗ ſonders wenn man ſchon ſo ſehr durch den Krieg gelitten hat! Dieſe Wunde wird nie heilen. Candleute(unter ſich). Wie? Sie iſt verwundet? 2 34 Die Regimentstochter. Hortenſio. Ja, Freunde, ja! Es war ein Angriff aufs Herz. Es ſind bereits neunzehn Jahre— Marcheſa. An jenem Schreckenstag, der die Bewohner der ganzen Gegend in die Flucht trieb— mir ſchwinden die Sinne, wenn ich daran denke! Landleute. Die arme Frau! Hortenſio(leiſe zu den Landleuten). Still! Erinnert Sie nicht daran, Sie würde nur von neuem ohnmächtig werden— und das geſchieht ſehr oft. Marcheſa. Und auch heute wieder umgeben von den Schreck— niſſen des Kampfes! Ich, die Letzte der Maggiorivoglios! Wenn ich jenes Regiment anträfe! Hortenſio. Dann wäre ich da zu Ihrer Verteidigung, zu Ihrem Schutze. Marcheſa(ihn zweifelhaft anſehend!,,. Du?— Ach ja—! Aber ehe ich einen Entſchluß faſſe, ſuche dich zu überzeugen, ob keine Gefahr vorhanden iſt. Ich erwarte dich dort in jenem Hauſe. Sie zeigt nach rechts.)[Vor allem aber gieb Achtung auf meinen Wagen und bedenke, daß mein Gold, meine Juwelen, Alles, ja ſelbſt meine Perſon der Plünderung ausgeſetzt ſind.] Gehe, Hortenſio, und laſſe mich nicht zu lange allein, ich bitte dich. Hortenſio. Ich eile, Frau Marcheſa. Marcheſa ézu den Landleuten). Und euch, ihr guten Menſchen, vertrau' ich meine Ehre an. Sie geht, von einigen Landlenten unterſtützt, ab nach rechts in das Bauernhaus.) Die anderen Männer und Franen(zerſtreuen ſich nach rechts und links). Zweiter Auftrilt. Hortenſio allein. Hortenſio. Welche Lage für einen friedlichen Haushofmeiſter, ſich ſo plötzlich mitten unter die Greuel des Kriegs ver⸗ ſetzt zu ſehen! Ich weiß nicht, ob es Froſt iſt, aber ich zit⸗ tere ganz entſetzlich. Iſt das aber auch ein Wunder? Hier Tiroler, dort Franzoſen! Man wird hin und her geworfen, weiß nie, wer gewinnt oder verliert, wer eigentlich Freund oder Feind iſt, denn der Letzte, dem man in die Hände fällt, iſt immer noch ärger als der vorige. Die grimmigſten Teufel ſind 1 iſt 1 38 tochter. 30 Die Regiments aber die Grenadiere,[die geſchickt worden ſind, das Land zu befreien, und ſchon ihr bloßer Anblick iſt mir fürchterlich. Aber Courage, Hortenſio. Wozu biſt du ein Mann? Der Sergeant Sulpiz(kommt, das Gewehr in der Hand, mit einigen Soldaten, denen er geſprächsweiſe Be erteilt, von links den Felſen⸗ weg herunter, ſtehen bleibend und nach links hinaus ſchauend). Drikler Auflritt. Hortenſio links vorn. Sulpiz und die Soldaten links hinten auf dem Felſenweg. Dann Maries Stimme. Hortenſio(abgewendet, mit komiſcher Energie). Ei was wenn ich Stirn gegen Stirn mit einem von dieſen Sch oni irr⸗ bärten zuſammenträfe, ſo würde ich ihm ſagen— ja, ich würde ihm— Sulpiz(hat den Soldaten einen Wink nach links erteilt). Die Soldaten(verſchwinden nach links). Hortenſio(wendet ſich, ſieht Sulpiz, das W rt erſtirbt ihr Munde, er ſinkt angſtvoll zuſammenbrechend auf di iee und fährt ohne Pauſe ſchnell und in tiefſter Unterwürfigkeit fort). Mein Herr, ich habe die Ehre, mich Ihnen höflichſt zu empfehlen! Sulpize(der ihn noch nicht bemerkt hat).[Haben dieſe Schlingel Beine! Da ſpringen ſie zurück in ihre Berge, als wenn wir auf der Gemſenjagd wären].(er erblickt Hortenſio.) Was iſt denn das für ein Affengeſicht? Hortenſio(von weitem grüßend). Herr Offiz ier! Sulpiz. En avant, Kameradl] Was machſt du hier? Hortenſio(itternd). Ich? O gar nichts! Ich ging ſo zufällig hier ſpazieren. Sulpiz. Auf den Knieen? Hortenſio. ſt ſo meine Gewohnheit.(er ſteht furchtſam auf.) Sulpiz. Ei, ſag' einmal, ich glaube gar, du haſt das Ka⸗ nonenfieber? Hortenſio. Im Gegenteil— ich vergehe faſt vor Hitze. Sulpiz. Vort zefflich Es giebt talſo hier nichts als Haſenfüße! Hortenſio(lebhaft). Verzeihen Sie—ſich bin kein 1Patriot— Ich begleite bloß meine Gebieterin, eine vornehme und edle Dame, welche mit Ihrer Erlaubnis ſogleich wieder abreiſen wird. Sulpiz. Wie alt? Hortenſio. So einige fünfzig und 9 8 83 36 Die egimentstochter. Sulpiz. Paſſiert. Hortenſio. Danke, mein Herr Offizier! Sulpiz(ihn korrigierend). Sergeant! Im vorigen Tone.) Hör' einmal, kannſt all dieſen Tröpfen ſagen, daß ſie ihre Köpfe herausſtrecken können. Wir bringen Frieden, wir beſchützen die Männer, wenn ſie honett, und die Frauen, wenn ſie nett ſind. Hortenſio Geiſeiteyß. Du kannſt lange warten.(Laut.) So⸗ gleich, Herr Offizier! Sulpiz(wie oben). Sergeant! Und was die betrifft, die ſich in ihre Wälder und Berge legen, um den Krieg fortzuſetzen, weil ſie nicht zu unſerer Fahne ſchwören wollen, denen wollen wir ſchon andere Gedanken beibringen, die brauchen bloß Franzoſen zu werden. Es ſteht in der Proklamation wie mir geſagt worden iſt, denn geleſen hab' ich ſie nicht—=Jund des⸗ halb— was dich betrifft— rechts um, Marſch! und Glück auf den Weg! Hortenſio. Ich fliege ja, mein Herr Offizier! Sulpiz(barſch). Sergeant!! Potz Pulver und Blei. Hortenſio(verwundert beiſeite),. Hm, du meine Güte— warum der mich nur immer Sergeant nennt? Es ſind brave Leute, wenn man ſo will! Aber ſie ſehen aus—1 Sulpiz. Was brummſt du da, du alter Zitteraal?(Er lehnt ſein Gewehr an den Baum links hinten.) Hortenſio. Nichts, mein Herr Offizier— nichts, als was ſehr ſchmeichelhaft für Sie iſt. Ich eile, Ihre Aufträge aus⸗ zurichten. Im Abgehen beiſeite.) Das heißt, ich werde nach unſerer Poſtchaiſe ſehen.(Er geht im großen Bogen ab nach rechts hinter dem Hauſe.) Marie(ſingt links entfernt einige Töne). Vierter Aufkritt. Sulpiz allein. Sulpfz(init einigen Schritten nach rechtsQ. Nun, wer kommt denn da?(er ſieht nach links.) Ah, es iſt Marie, unſere Tochter, die Perle, der Ruhm des zweiten Regiments![Ich denke doch, daß dieſe die andern nicht vertrieben hätte. Marie(kommt, im linken Arm ein Körbchen mit kleinen Schnaps⸗ gläſern und zwei Rumflaſchen, von links den Felſenweg herunter). Die Regimentstochter. 37 Fünfler Auftrilt. Sulpiz, Marie zu ſeiner Linken. Dann Stimmen. Marie(ſteut das Körbchen links auf die Stufen zur Madonna; dann reicht ſie Sulpiz zur Begr ng die Hände). Nr. 2. Duett. Sulpiz. Ha, ſie iſt's! Ha, ſie iſt's! Der Donner, zum Entzücken! Wie glücklich iſt das Regiment, Das zu ihr ſich Vater nennt. Marie(entzückt). Mein Regiment. Ha, auf das bin ich ſtolz. Im Schutze zärtlicher Vaterliebe Ward ich groß, treu von ihm bewacht. Sulpiz(freudig). Ja, ſo iſt's! Marie. Es allein erſetzte mir den Vater und den Lehrer Und den Freund. Sulpiz. Ja, ſo iſt's! Marie. Und ich, ohne mir zu ſchmeicheln, Nicht wahr, auch ich mach' Ehre ihm? Zulpiz. Das will ich meinen, das will ich meinen! Marie(nit Feuer). Und wie ein Soldat, wie ein Grenadier Hab' ich Mut. Nicht wahr?— Julpiz(faßt Marle unterm Arm und geht mit ihr während des fol⸗ genden Vorſpiels ein paar Schritte zurück). Marie(vorkommend). Auf dem Felde der Ehre Grüßt' ich das Licht der Welt! Darum über alles der Trommelwirbel mir gefällt. Zur Unſterblichkeit führet Uns der Soldatenſtand! Zwei Sterne ihm glänzen: Der Ruhm und das Vaterland. SZulpiz(mit Stolzhß. Es war Sulpiz, der ihr gegeben So edlen Sinn als Tapferkeit, Denn ſolchen Mut, ſo feine Sitten Sucht man vergebens weit und breit! 38 Die Regimentstochter. Marie(geht an Sulpiz vorüber nach rechts). Ah!— Im Felde der Ehre Grüßt' ich das Licht der Welt! Darum über alles der Trommelwirbel mir gefällt. Zur Unſterblichkeit nur führet Uns der Soldatenſtand! Zwei Sterne ihm glänzen: Der Ruhm, das Vaterland! Sulpiz. Ja, weit und breit! Ja, weit und breit, Vergebens weit und breit! Im Felde der Ehre Grüßt' ſie zuerſt das Licht der Welt! Darum über alles der Trommelwirbel ihr gefällt. Es führt zur Unſterblichkeit Nur der Soldatenſtand! Zwei Sterne ihm glänzen: Ruhm und das Vaterland! (Er faßt Marie wieder unterm Arm, hin und hergehend.) Welch ein Tag, als wir ſo dich fanden, Verlaſſen, ein hilfloſes Kind! Wir alle blickten auf dich nieder, Naſſen Blicks, väterlich geſinnt. Marie. Ihr hobt mich auf und trugt mich fort Auf rauhen Händen, des Fundes nur froh. Sulpiz. Schöner Tag! Marie. Und darauf dient' mir ſtatt der Wiege zartem Flaum Eurer Grenadiermütze Raum. Sulpiz. Worin du friedlich ſchlummernd lagſt. Marie(nit der Bewegung des Wiegens). Worin ich friedlich ſchlummernd lag. Beide. Bei dem lieblichſten Trommelſchlag. Marie. Doch nun, mein Freund, Reſpekt! ich bitte. (Sie legt die Hand an die Mütze.) Sapperment! So grüßt ein Grenadier! Sulpiz. Das iſt die Ordre. Den Vätern allen dieſen Gruß Und nicht bloß mir. I Die Regimentstochter. Aarie. Beim Feſtgelag, im Schlachtgetöſe Bin ich der erſte auf dem Feld. Sulpiz. Da ſprichſt du Mut ein den Bleſſierten, Selbſt an Mut ein junger Held. Marie. Und dann, wer iſt's, die bei dem Gläschen Euch tauſend luſt'ge Schnurren ſingt? Sulpiz. Die uns nur ſchabernackt und foppet, Iſt ſtets des Regimentes Kind. Marie. Und mein Talent dann zu prüfen, Ob meiner Väter ich auch würdig bin, Macht' man mich zur Markedenterin. Sulpiz. So iſt's, von alt und jung gekannt— Marie. Charmant! werd' ich wirſt du Aarie. Und wenn es gilt, im Kriegsgewimmel, Im Schlachtgetümmel Zög' ich voran! Sulpiz(mit Bewunderung). Zög' ſie voran! Marie. Ja, ich trotze kühn den Kartätſchen Und ſchlüge mich gleich wie ein Mann! Sulpiz(Freudig). Ha! gleich wie ein Mann! Marie. Meiner Väter Ruhm ſei mir heilig, Ich mehrte ihn! Sulpiz. Ha! ſie mehrte ihn! Marie. Und wenn es gilt! Sulpiz. Und wenn es gilt! Marie. Zög' ich voran! Sulpiz. Zög' ſie voran! Marie. Nur voran! Sulpiz. Nur voran! Marie. Auf des Ruhmes goldner Bahn! Sulpiz. Auf des Ruhmes goldner Bahn! Beide. Nur voran! Nur voran! Marie(geht an Sulpiz vorbei nach links). Beide. Marketenderin von allen nur genannt. 40 Die Regimentstochter. seide. Auf dem Felde der Ehre Grüßt' 16 das Licht der Welt, Darum über alles Der Trommelwirbel gefällt. Marie(narſchiert jetzt, beim Beginn des Rataplan nach rechts, Sulpiz nach links, aneinander im Vordergrunde vorbei, dann an den Seiten rechts und links hinauf; dann treffen ſie in det Mitte zuſammen und marſchieren ganz nach vorn).“) Marie(nit der Bewegung des Trommelns im Militärſchritt). Rataplan, rataplan, rataplan, rataplan! Nur voran! Marſch!— Für Ruhm und Vaterland! Sulpiz(ebenſo). Rataplan, rataplan, rataplan, rataplan! Wie zum Herzen ihr Heldenmut dringt, ö Für Rub hm, für Ruhm und für Vaterland! [Marie. Voran, marſch!— Marſch!— Voran, mutig voran Nur voran, rataplan! nur voran, rataplan, We Für Ruhm und Vaterland! Zulpiz. Marketendrin des Regiments, nur voran, rataplan! Wie zum Herzen ihr Heldenmut dringt, Für Ruhm, für Ruhm und für Vaterlandl] Marie. Für Ruhm und Vaterland! Für Vaterland! Ja, für Vaterland! Sulpiz. Ha, wie mir zum Herzen ihr Heldenmut dringt! Für Ruhm und Vaterland! [Marie. Für Ruhm und Vaterland! Für Vaterland! Ruhm und Vaterland! Sulpiz. Rataplan, rataplan, rataplan, rataplan! Für Ruhm und für Vaterland!] Marie. Für Ruhm und Ehr', für Ruhm und Vaterland! Sulpiz. Voran für Ruhm und Vaterland! Rataplan, rataplan, rataplan! ) Wenn bei der Größe der Bühne dieſes Marſchieren nicht ausreicht, ſo können beide im Hintergrunde, anſtatt zuſammen zu treffen, anein⸗ ander vorbeimarſchieren und den Gang wiederholen. 5 n —8 Die Regimentstochter. 41 Marie(fäut ihm um den Hals, ſpricht). Nun, ſo recht mein Alter— heut biſt du weit munterer als geſtern! Sulpiz. Wie? Munter? Das bin ich doch immer! Marie. So? Immer? Geſtern ſah ich doch recht gut, wie man ſich eine Thräne aus dem Auge wiſchte. Man fuhr mit der Hand da über den alten Schnurrhart. Das iſt doch ein Zeichen von Sturm! Da war doch etwas Verdruß! Sulpiz. Etwas, das iſt wahr! Das Herz war mir gepreßt, wie am Abend nach einer Schlacht, wenn man die gefallenen Freunde zählt. Ich dachte ſo daran, wie es jetzt gerade acht⸗ zehn Jahre ſind, daß ich dieſe nämlichen Berge mit wackeren Kameraden d durchzog, die nun nicht mehr da ſind. Siehſt du, Marie, von jener Zeit iſt niemand mehr übrig geblieben, als ich und Ler reicht ihr die Hand) du! Marie. So ſind wir alſo die beiden älteſten Grenadiere des Sulpiz. Mir iſt, als wär' es erſt geſtern.(Er nimmt Maries Arm.) Beide(ſetzen ſich rechts). Sulpiz(ohne Pauſe fortfahrend). Die Feinde flohen, der Weg war bedeckt mit zerbrochenen Wagen und mit Volk, das um Gnade flehte. Plötzlich erblicken wir in dem Getümmel, unter den Füßen der Pferde, ein verlaſſenes Kind, das uns an— lächelt und ſeine Händchen entgegenſtreckt. Marie. Das war ich! Sulpiz.„Freunde!“ rief uns ein alter Offizier zu— er iſt längſt geblieben—„Freunde, der Himmel ſchickt uns das Kind, es ſoll unſer ſein!“ Er hob dich in die Höhe, wir ſchwenkten die Mützen auf unſern Bajonetten und riefen: „Es lebe unſer Kind!“ Und das ganze Regiment nahm dich an Kindesſtatt an. Auf dem Schlachtfelde wurdeſt du ge⸗ tauft, da, wo wir dich gefunden hatten, und ſo biſt du die Tochter des zweiten Regiments geworden. Marie. Die Tochter des Regiments. Sulpiz. Von einem Abzug an dem monatlichen Solde wurde deine Erziehung beſtritten. O ſie war brillant, obgleich du ein wenig verzogen biſt und wir dir folgen wie der Trommel. Marie(macht eine Bewegung des Widerſpruchs). Sulpiz.(Thut aber nichts! Paſſiver Gehorſaml] Und das pflanzte ſich ſo fort von Grenadier zu Grenadier. Die Sol⸗ 42 Die Regimentstochter. daten gehen, das Regiment bleibt, und die Rekruten, wenn ſie an dir vorbeigehen, legen die Hand an die Mütze und winken dir freundlich zu:„Guten Tag, meine Tochter!“ Marie(nit derſelben Gebärde). Und ich desgleichen:„Guten Tag, lieber Vater!“ Sulpiz. Im Grunde haſt du auch keinen andern. Es war nicht möglich, dein Vaterland und deine Familie ausfindig zu machen, ungeachtet des kurioſen Schreibens, das wir bei dir gefunden hatten, und das in meiner Taſche als beſtän⸗ diger Poſten mitgewandert iſt. Marie. Mein guter Sulpiz! Sulpiz. Auch haben wir alle Pflichten der Vaterſchaft er⸗ füllt. Und wenn einmal dein Herz ſeine Marſchroute an⸗ tritt, dann wird ſich dein Vater in Maſſe verſammeln und mit deiner Einrichtung beſchäftigen. Marie. O damit hat es keine Eile! Sulpiz. Wie du nur das ſagen kannſt?— Sollten viel leicht die Kameraden recht haben? Marie(werlegen). Die Kameraden? Sulpiz(forſchend). Ja. Sie erzählen, daß du ſeit einiger Zeit allein aus dem Zelte ſchleichſt,[ſie zu vermeiden ſcheinſt, und daß, als wir zum letztenmal kampierten, ſie bei ihrer Annäherung einen gewiſſen Jemand ſahen, der dich aber ganz ſchnell wieder verließ. Sage, das iſt doch nicht wahr?ꝰ Marie. O ja! Ich will dir nichts verheimlichen— Sulpiz. Alſo doch!(er ſpringt auf und geht nach links.) Marie(ebenſo, folgt ihm). Hulpiz. Höre, das iſt ſehr fatal. Blitz und Knall! Marie. Nur nicht gleich aufgefahren! Was kann man für ein zufälliges Zuſammentreffen. Stelle dir vor: ich hatte eines Morgens das Lager verlaſſen, und lief von Felſen zu Felſen, um mir ein Sträußchen zu ſuchen. Da ſah ich eine Blume, ach, eine herrliche Blumel Ich habe ſie aufgehoben — bier habe ich ſie— hier trage ich ſie immer.] Plötzlich gleitet mein Fuß, ich ſchreie und falle—! Sulpiz. In einen Abgrund? Marie. In die Arme eines jungen Mannes! 15(aufgebracht). In die Arme eines jungen Mannes? Bli-1 nn nd en ar ig dei N⸗ d er er er Die Regimentstochter. 43 Marie. Nun höre nur weiter! Sulpiz. Ein Mädchen darf nur in ihres Vaters Arme fallen! Marie. Ich konnte doch wahrhaftig nicht in der Luft ſchweben bleiben, bis das ganze Regiment kam? Sulpiz. Richtig bemerkt! Und dieſer junge Mann war— Marie. Sehr artig. Sulpiz(ironiſch). Das wußte ich ſchon. Das iſt immer ſo beim zufälligen Zuſammentreffen. Aber ſein Grad, ſein Stand, ſein Vaterland? Marie. Tiroler Parteigänger, wie er mir ſpäter geſagt hat. Sulpiz(betroffen). Haſt du ihn denn wiedergeſehn? Marie. Wie konnt' ich anders? So oft ich das Lager verließ, um Proviant zu holen, war er da, folgte mir, wartete auf mich. Und immer war er ſo ehrerbietig, der gute Junge. Kaum wagte er es, mich anzuſehen, wenn er mit mir ſprach! Sulpiz(vergißt ſich). Ihn ſoll der Teufel holen!(er faßt ſich wieder.) Das heißt— im Gegenteil— es iſt recht gut— das heißt— alle Hagel, es iſt gar nicht gut von dir, daß du Umgang mit andern haſt. Gewiß einer von den ver⸗ fluchten Scharfſchützen, die ſich hinter ihre Gebüſche ſtecken und die Feinde im Sitze ſchießen wie die Kaninchen. [Marie. O was das betrifft, ſo wollt' ich dafür ſtehen, daß er deſſen unfähig iſt, er ſieht ſo gut, ſo ehrlich und ſanft aus! Sulpiz. Der Teufel! Regiments Kind, du verteidigſt ihn ja gewaltig, und ſiehſt mir bald aus, als wollteſt du mit Sack und Pack zu ihm übergehenl!] Marie(traurig). Beſorge nichts. Es iſt aus. Wir haben vor zwei Tagen Abſchied Hehrenninef(Als das Regiment wieder ausrückte, hat er mir Lebewohl geſagt.](Sehr bewegt.) Wir ſehen uns nicht wieder! Sulpiz(befriedigt). Nun, deſto beſſer![Was! Dich ſollte ein Fremder lieben und dazu noch ein Feind?]! Ein Mäd⸗ chen wie du kann auf die ſchönſten Partien Anſpruch machen. Wenn man die Ehre hat, einen Vater zu beſitzen, wie du einen haſt, einen Vater,(wichtig); der aus 1500 Helden be—⸗ ſteht. Übrigens, du weißt, du darfſt nur einen von uns heiraten, einen braven Grenadier, das iſt ja ausgemacht. 44 Die Regimentstochter. MRarie(verſtimmt). Ja, ja— es iſt geſchworen—l[du haſt recht— ich habe mich verpflichtet. Das iſt ja auch das wenigſte was ich thun kann, mich für eure Sorge, eure Liebe erkenntlich zu bezeugen. Und dann, könnte ich euch verlaſſen?! Geh'—] denken wir nicht mehr daran. Nun, alles eins! Es iſt aber doch ſchade— er war ſo liebens⸗ würdig. Stimmen der Soldaten(links entfernt)b. Nur vorwärts! Vor⸗ wärts! Sulpiz(nach links in die Ferne horchend). Was hör' ich da?ꝰ Marie. Es ſind die Kameraden! Ich bin gleich wieder da.(Sie geht ab in das Bauernhaus rechts und kommt ſogleich zurück.) Zwei Marketenderinnen(folgen ihr und treten in die Nähe der Madonna links zu dem Körbchen mit den Gläſern und Flaſchen). Ein Korporal, zwanzig Soldaten, alle ohne Gewehre, zwei Tam⸗ bours mit Trommeln(kommen von links, den Felſenweg herunter). Conio(wird als vermeintlicher Spion vor ihnen hergeſtoßen). Hechſter Auftrilt. Tonio rechts. Marie in der Mitte. Sulpiz links. Der Korporal und die Soldaten zurückſtehend. Die beiden Marketenderinnen links vorn in der Nähe der Madonna. Korporal(tritt an Sulpiz heran, ihm die Meldung von der Ver⸗ haftung des Spions zu bringen). Nr. 3. Enſemöle. Soldatenchor(zu Tonio). Voran mit dir, fort, fort! Schnell fort mit dir, fort, fort! Schnell fort mit dir, du Spion, In dem Lager verſteckt! Marie(erblickt Tonio und nimmt die Mitte). Was iſt das? Er iſt's, großer Gott! Sulpiz. Er ſoll hängen! Zwei Soldaten(faſſen Tonio). Marie(zu den Soldaten). Haltet ein! Ceiſe zu Sulpiz.) Er iſt's! Fulpiz(leiſe). Wie, was? Am Ende jener Fremde? Marie(nickt bejahend und winkt den beiden Soldaten). Die Regimentstochter. 45 ſt Die zwei Soldaten(laſſen Tonio los). 18 Tonio(beiſeite, Marie betrachtend). re Ach, für mein Herz welch herbe Folter! ch Marie(leiſe zu Tonio). O Gott, was führt dich zu uns her? Conio(leiſe und mit Leidenſchaft zu Marie). 5 Wen ſucht' ich wohl, als dich allein? r⸗ Sulpiz(tritt zwiſchen Tonio und Marie, beide trennend). Soldatenchor(umringt Tonio drohend). Ein Spion, ein Hochverräter, r Der zu nahen ſich erfrecht, 2 Er muß hängen, die Gerichte er Sprechen den Soldaten Recht! Marie(wirft ſich, die Mitte nehmend, zwiſchen die Soldaten). 8 Freunde, hört nur ein Wort. Soldatenchor. Der Verräter— Marie. Nur ein Wort, hört mich, ihr Freunde! Freunde, hört nur ein Wort, laßt euch doch ſagen! 0 So hört mein Bitten, hört mich doch! 3 Soldatenchor. Er muß ſterben, die Gerichte, Die Gerichte ſprechen den Soldaten Recht! Er muß ſterben, der Verräter! Die zwei oldaten(faſſen Tonio aufs neue und ſchleppen ihn zurüch. Marie(auf Tonio weiſend). Ihm den Tod, der jüngſtens Rettete mir das Leben? Soldatenchor. Wär es möglich? Julpiz. Es iſt wahr. (Allgemeines Erſtaunen.) Soldatenchor. Dies Wort ändert ſein Los. Die zwei Soldaten(laſſen Tonio los). Marie. Jüngſt glitt an eines Abgrunds Rande Mein Fuß, es war um mich geſchehn! Er hielt mich auf mit eigner Lebensgefahr (eidenſchaftlich.) Und zu töten ihn wär't ihr imſtande? Sulpiz. Wahrlich nein! Soldatenchor. Wahrlich nein, wahrlich nein! 46 Die Regimentstochter. Sulpiz. Iſt alles ſo, ſo ſoll er Bruder und Freund uns ſein. Korporal(tritt zu Tonio und reicht ihm die Hand). Sulpiz(giebt Marie ein Zeichen, die Gläſer zu füllen). Marie(wendet ſich nach links zu den beiden Marketenderinnen, die an dem Körbchen bei der Madonna ſtehen). Die Marketenderinnen und Rarie(füuen aus den Flaſchen im Körbchen die Gläſer und reichen ſie herum). Tonio(beiſeite). Gerade recht. Darf ich nur Marien Mich ungefährdet nahn, ſo will'ge ich in alles. Sulpiz. Wohlan, wohlan! Unſers Kindes Erretter lebe hoch! Füllet die Gläſer, füllet ſie! Hoch leb' der neue Kamerad! Soldatenchor. Hoch leb' der neue Kamerad! Sulpiz. Es ſei ein Feſt für unſere Familie. Soldatenchor. Für unſere Familie! Sulpiz(zu Tonio). Auf Frankreichs Wohl getrunken, Des teuren Vaterlands. Tonio. Hinweg, nein, niemals! Eh' ſpring dies Glas in Scherben! (Er will das Glas von ſich werfen.) Soldatenchor(im größten Erſtaunen). Was iſt das? Marie(winkt ihm). Tonio(den Wink verſtehend). Nun, es ſei! Meiner neuen Freunde Wohl! Sulpiz und Soldatenchor. Gut geſprochen, gut geſprochen! Deiner neuen Freunde Wohl! K Sulpiz(zu Marie). Doch damit dieſem hohen Feſte An Glanz nichts fehle, ſinge uns Des Regimentes Rundgeſang. Marie(verſchwindet nach rechts in das Bauernhaus und kommt, eine Trommel umgehangen, ſofort von dort zurückh). Tonio und Soldatenchor. Ja, ſo ſei's! Still, und hört des Regimentes Rundgeſang! Die beiden Rarketenderinnen(ammeln die Gläſer in das Körb⸗ chen und verſchwinden damit nach rechts in das Bauernhaus). Soldatenchor etritt in zwei Gliedern zurüch. Marie(ſchlägt, die Mitte nehmend, ganz frei vor der Kadenz). Die Regimentstochter. 47 Rundgeſang. Marie(Kgadbenz, bann). Weiß nicht die Welt, ſagt nicht die Welt, Dem Regiment vor allen andern Ihm wird allein nur kreditieret In allen Schenken unſres Landes. m Das Regiment iſt überall Des Liebhabers Schreck und des Gatten Pein, Denn bei ihren Schönen Schleicht es oft ſich ein, Es rückt an, es rückt an, es rückt an, friſch drauf! Es iſt da, es iſt da, es iſt da, paßt auf! Es rückt an, es rückt an, es iſt da! Es rückt heran, von Mut entbrennt, Das ſchöne zweite Regiment. (Sie begleitet den folgenden Refrain mit Trommelſchlägen). Soldatenchor(rückt mit ganz kurzen Schritten, die Hände erhoben, als ob ſie das Gewehr zum Angriff gefällt hätten, auf Marie los). Conio, Sulpiz und Soldatenchor. Es rückt an, es rückt an, es rückt an, friſch drauf! Es iſt da, es iſt da, es iſt da, paßt auf! Es rückt an, es rückt an, es iſt da! Es rückt heran, von Mut entbrennt, Das ſchöne zweite Regiment! Conio(vorlaut). 1 Hoch leb' das Regiment, das zweite Regiment! Sulpiz(ihn anſchnauzend). Halt's Maul! Soldatenchor ctritt in ſeine frühere Stellung zurück). Marie. Wohl hat's geſiegt in Sturm und in Schlacht, t, Drum werden wir auch auf alle Fälle, Wenn uns das Glück ein wenig nur lacht, Alle Oberfeldmarſchälle. Weiß nicht die Welt, ſagt nicht die Welt Vom ſiegsgewohnten Regiment, Das jeder Feind und jede, jede Schöne kennt! Es rückt an, es rückt an, es rückt an— Die Regimentstochter. Conio, Karie, Sulpiz und Soldatenchor. Friſch drauf! Marie. Es iſt da, es iſt da, es iſt da Conio, Marie, Sulpiz und Koldatenchor. Paßt auf! Marie. Es rückt an, es rückt an, es iſt da! Es rückt heran, von Mut entbrennt, Das ſchöne zweite Regiment! Soldatenchor(rückt ganz wie vorher wieder vor). Marie(egleitet den Refrain wieder mit Trommelſchlägen). Tonio, Sulpiz und Soldatenchor. Es rückt an, es rückt an, es rückt an, friſch drauf! Es iſt da, es iſt da, es iſt da, paßt auf! Es rückt an, es rückt an, es iſt da! Es rückt heran, von Mut entbrennt, Das ſchöne zweite Regiment! Es rückt an, es rückt an, es rückt an, es rückt an! Marie. Das zweite— Alle. Regiment! (Trommelwirbel zum Appell nach Schluß der Nummer links entfernt.) Marie(giebt ihre Trommel raſch ins Bauernhaus rechts und kommt zurüch. Sulpiz. Zum Appell, zum Appell! Vorwärts Marſch! Auf, zögert länger nicht, Die Ordonnanz iſt ſtreng. Zu Tonio, indem er zwiſchen beiden die Mitte nimmt.) Burſche, du, fort von hier! Marie(tritt an Sulpiz vorüber zu Tonio). Ich hab' ihn arretiert, Gut ſtehe ich für ihn. Julpiz(nochmals die Mitte nehmend und beide trennend). Du? Das glaub' ich gern, Ich aber nicht. Drum fort! Conio(ſucht ſich während des folgenden Chores Marie zu nähern; er ſchleicht ſich hinter den Soldaten weg zu ihr). Sulpiz(bemerkt es nach einer Weile und trennt beide mit einer energiſchen Bewegung). Marie(ſchleicht ſich nun hinter den Soldaten weg zu Tonio). Sulpiz(fährt wie vorher dazwiſchen). Marie(ſetzt ſich verdrießlich auf die Bank rechts vorn). Die Regimentstochter. 49 Tonio(wie oben). Sulpiz(ebenſo). Die beiden Trommler(trommeln ſcheinbar“) zu dem nachfolgen⸗ den Chor). Sulpiz und Soldatenchor. Alles muß gehorchen der wirbelnden Braut, Und wir folgen freudig ſchnell dem Trommellaut. „Sorgenfrei im Felde“ Soldaten Loſungswort, Denn vielleicht wohl morgen müſſen wir ſchon fort. Dem Trommelſchlag folgen wir nach, Dem Trommelſchlag folgen wir freudig nach! Korporalkerteilt zwei Soldaten den Befehl, Tonio mit fortzuführen). Die zwei Soldaten(faſſen Tonio ziemlich unſanft). Sulpiz(giebt ihnen einen Wink). Die zwei Soldaten(führen den widerſtrebenden und ſich nach Marie umſchauenden Tonio fort nach links den Felſenweg hinauf). Die Soldaten(gehen gleichzeitig, nicht im Gliede, ſondern durchein⸗ ander, ab nach links vor dem Felſenweg) Korporal(cchreitet voran). Sulpiz(iſt der letzte; er tritt vorher nach rechts zu Marie, ſtreckt ihr die Hand entgegen und will ſie beſänftigen). Marie(vendet ſich trotzig ab). Sulpiz(folgt den Andern mit Achſelzucken als wolle er ſagen nicht? Auch gut!“, indem er ſein Gwehr vom Baum vor den weg mit ſich nimmt). „Alſo Hiebenter Auflritt. Marie allein. Marie(ſteht auf, wenn alle abgegangen ſind, geht langſam nach rechts hinten, ſieht traurig nach links, wo Tonio abgeſchleppt worden iſt und ſpricht). Sie haben ihn fortgeſchleppt, und ich hätte ihm doch noch ſo mancherlei zu ſagen gehabt. Armer Junge! Welcher Gefahr hat er ſich ausgeſetzt, um mich wieder zu ſehen. Doch was hör' ich da? Er iſt's! Ach, mein Gott, wie er ſpringt! Conio(ſpringt von links den Felſenweg herunter). ) Das Trommeln wird im Orcheſter ausgeführt. 4 Die Regimentstochter. Achter Auftritt. Marie, Tonio zu ihrer Linken. CTonio(zurückrufend), Wenn ihr eine Gemſe fangen wollt, müßt ihr leichtere Füße haben! Marie. Wie? Du biſt es! Ich glaubte— Tonio. Daß ich mit ihnen ginge? Ja, ich habe dergleichen gethan, aber beim Umbiegen um den Wald, kaum zwölf Schritte von hier, da bin ich verſchwunden.[(Siehſt du, wir Gebirgsbewohner ſind behende, und beſonders, wenn man ſich der Gefahr ausſetzt, mit einem ſchönen Mädchen zu plau⸗ dern.] Dieſe Grenadiere, erſt trinken ſie mit mir, dann nehmen ſie mich gefangen. Iſt das Kriegsgebrauch? Sie waren mir lieb, ihrer Tapferkeit wegen, aber da ſie mich von dir trennen, ſind ſie mir zuwider. Beſonders der bärbeißige Alte, der— Marie. Nichts über den, der iſt mein Vater. Tonio. Der Alte? Nun dann täuſcht' ich mich. Ich meine den kleinen Dicken, der da ſtand! Marie(lächelnd). Das iſt auch mein Vater. Tonio(verblüfft). Ach, warum nicht gar!— Nun, dann ſind es die andern— 8 Marie. Die ſind auch mein Vater. Tonio. Wie— haſt du denn ein ganzes Regiment—? Marie. Ja. Das ganze Regiment iſt mein Vater. Ich verdanke ihm meine Exiſtenz und eine ſorgfältige Erziehung.] Es giebt keine glücklichere Tochter als ich! Tonio. Wirklich? Wenn das ſo iſt, dann ſind es brave Leute und ich will ſie liebhaben, dir zu gefallen. Ohne dich wäre ich ja eben—(Gebärde des Erſchießens.) Marie.[Warum kamſt du aber auch unſerm Lager ſo nah? Wir hatten ja doch Abſchied genommen und ſollten uns nicht wieder ſehen. Tonio. Ach— ich glaubte es auch. Geſtern aber, als ich hörte, daß dein Regiment wieder aufbrach, als ich dachte, daß du fortgingſt— vielleicht für immer— da konnte ich es nicht länger aushalten— ich bin fortgeeilt— dir nach— und da bin ich.] Marie. Aber nun, Tonio. Was willſt du bei mir? Conio. Ich will dir ſagen, daß ich dich liebe, daß ich nur 0 5 Die Regimentstochter. 51 dich lieben werde, und daß ich lieber ſterben wollte, als dich verlieren. Nr. 4. Duett. Marie. Wie, du liebſt mich? Tonio. Ob ich dich liebe? Höre mich— höre mich und entſcheide ſelber. Marie. Wohlan, ſprich es aus. Ich will hören und entſcheider Tonio. Seit jener Zeit, als Hol Mein Arm umfangen Mit Angſt und Bangen, Folgt dein Bild, wo ich mag auch weilen, Folgt mir nach durch Wälder, Thal und Flur. Marie(chelmiſch). Nun, das iſt, wie mag ich es deuten? Das iſt ja Gedächtnisſache nur. Conio. Nur Geduld, nur Geduld, noch ſind wir nicht am Ende Und was ich ſprach, du darfſt es glauben. Marie. Wohlan! Sprich nur fort! Ich will hören Und— entſcheiden. (Sie geht an ihm vorüber nach links.) Tonio. Das ſchöne Land, das mich geboren Und die Freunde meiner Jugendzeit, Ach, für dich würd' ich alles laſſen, Sprich ein Wort nur und ich bin bereit. Marie(ſchelmiſch). Ei, mein Herr, das iſt ja ſtrafbar, Seine Freunde, ſeine Freunde zu verlaſſen, Das zeugt von herber Grauſamkeit! Tonio. Es iſt unmöglich, dich entbehren, Solche Qual wäre mehr als Tod, Denn der Kugel, die dem Leben droht, Trotzte ich, flog hierher, dich zu ſehen. Marie. Ha, welche That! Tonio. Denn der Kugel, die meinem Leben gedroht, Trotzte ich! Marie. Ja, gewiß! Das iſt viel, das iſt viell 0 4* . de dich 52 Die Regimentstochter. CTonio. Flog hierher, dich, Teure, zu ſehen, Dich zu ſehen! Marie. Wenn man liebt wahr und treu, So ſchonet man für die Liebe auch ſein Leben. Merken Sie ſich's, mein Herr. (Sie geht an ihm vorüber nach rechts; beiſeite.) Nicht zweifeln darf ich länger, Sein Herz gehöret mir; Das meine, ach, es klopfet Ihm ewig nun dafür! Ja, es klopft, ja, es klopft ihm dafür! Conio(beiſeite). Nicht zweifeln darf ich länger, Ihr Herz gehöret mir; Das meine, ach, es klopfet Ihr ewig nun dafür, ihr nun dafür! Beide. Nicht zweifeln darf ich länger, Sein/ Ihr Conio. Ja, es gehöret mir! Beide. Das meine, ach! es klopfet Ihm Ihr Ewig, auf ewig Herz gehöret mir! ewig nun dafür! ihm!/ ihrl 5 Conio. Nun ſiehſt du wohl, daß ich dich liebe, Doch ach— allein— Marie. Entſcheide ſelber. Conio. Wohlan! Sprich es aus! Ich will hören und entſcheiden. larie. Stets unbewacht, ſorglos, glücklich, heiter Fühlt' ich niemals der Liebe Schmerz. Doch es giebt wohl ein höhres Leben, Dieſes ſaget mir mein ahnend Herz. Conio(freudig). O herrlich, ſchön! Marie. Nur Schlachten liebt' ich Und alles, was im Lager weilt. Die Regimentstochter. 53 Doch jetzt, ich will es nur geſtehen,(ihn anſehend.) Dieſes Herz, es iſt nun geteilt. Tonio. O welch ein Glück! Marie. Seit jenem Tag, wo ich dich hab' gefunden, Dort von tiefem Abgrund bedroht, Belauſchet nur von holder Blumen Zeugen, (Sie zieht ein uchen hervor.) Dies ſüße Blümchen, dir zum Angedenken, Ich brach's und hier nur find' es ſeinen Tod (Sie ſteckt es in den Buſen.) Conio(entzücktö. O Wonnelaut! Marie. Nur efind' es den Und nun entſcheide! Und nun entſcheide! Conio. Marie! od! Marie. Ach!— Geiſeite) Nicht zweifeln darf ich länger, Sein Herz gehöret mir; Das meine, ach, es klopfet Ihm ewig nun dafür! Ja, es klopft, ja, es klopft ihm dafür! Conio(beiſeite). Nicht zweifeln darf ich länger, Ihr Herz gehöret mir; Das meine, ach, es klopfet Ihr ewig nun 1 (Laut.) Dich lieb' ich, Marie! Marie. Nicht zweifeln tann ich länger! Tonio. Ja, ewig lieb' ich dich, nur dich! 0 Nimm lieber hin mein Leben Marie. Sein Herz— mir! Tonio. Nur meine Liebe nicht! Nur meine Liebe nicht! Marie. Zähle auf Rien Liebe, Denn ewig liebt ſie dich Conio. Nur dich lieb' ich, N Ja, ewig lieb' ich dich! Beide. Nimm lieber hin mein Leben, Nur meine Liebe nicht! Die Regimentstochter. Ja, nimm mein Leben, Nimm es hin, nur Liebe nicht! (Sie ſinken ſich in die Arme.) Sulpiz Eommt von links vor dem Felſenweg). Neunker Auftritt. Marie rechts. Sulpiz in der Mitte. Tonio links. Sulpiz(überraſcht ſie bei der Umarmung, trennt ſie und nimmt die Mitte). Was? Tauſend Donnerwetter! Was muß ich da ſehen? Wieder dieſer Tiroler? Marie(ihm drohend). Sulpiz! Tonio. Was liegt daran? Marie, ich liebe dich, und du liebſt mich, und das iſt die Hauptſache. Julpiz. Wie— was? Per Du? Sind wir ſchon ſo weit? Da ſoll ja gleich— MRarie. Nun, zanke nur nicht! Der arme Junge hat ja nichts Böſes gethan, im Gegenteil— Sulpiz. Ei freilich! Das war wohl etwas Gutes! Ein Kuß! Marie(naiv). Nur einen! Sulpiz. Nur? Tonio(eilt auf Marie zu). Nun, dann will ich mir noch einen nehmen. Sulpiz(hält ihn auf). Rechts um, kehrt Euch, marſch! Tonio. Aber Herr Soldat, ich liebe Marie ja. Sulpiz. Und wer hat dir's erlaubt? Tonio. Wer? Sie! Sulpiz. Sie? Nein, das iſt nicht möglich.[Potz Pulver und Bleil]! Marie kann niemandem erlauben ſie zu lieben, als einem der Unſrigen, einem braven Grenadier vom zweiten Regiment, das iſt ausgemacht; ſie hat mir's ſoeben noch zu⸗ geſchworen,[mir ſelbſt in eigener Perſon und das läßt ſich nicht widerrufenl] Conio(traurig). Wie, Marie, iſt das wahr? Marie(ebenſo). Ja, Tonio. Ich habe verſprochen nur einen von den Unſrigen zu heiraten—(Den Ton wechſelnd.) Wenn ich jemals heirate; aber beruhige dich, ich thue es nicht— ich bin feſt entſchloſſen— ja, ich bleibe frei, und ſo hat mir niemand etwas vorzuwerfen. ιn 1 Die Regimentstochter. 55 Conio. Frei? O ganz und gar nicht. Du ſollſt heiraten, und zwar mich. Sulpiz(ſtellt ſich höhniſch mit den Armen in der Seite vor Tonio hin). Ei was! Preſſiert es Ihm ſo? Soll ich vielleicht den Pfarrer holen? Gornig.) Burſche, mach mich nicht toll! Conio(retiriert hinter Sulpiz herum, Marie zur Rechten). O vor Euch fürcht ich mich auch nicht! Sulpiz(verfolgt ihn und trennt b Tonio(retiriert wieder hinter S Sulpiz(trennt beide abermals). Tonio. Bekümmere dich nichts darum, Marie;[wenn du mich liebſt, ſo laſſe ihn nur ſchwatzenz] er iſt ja doch nicht allein dein Vater; und wenn mir die 1499 Andern ihre Ein⸗ willigung geben, ſo muß er wohl auch Ja ſagen.(er ſtürmt an Sulpiz vorüber und umarmt Marie.) Lebe wohl!(Weiter ſag ich dir nichts.] Adieu, Schwiegerpapa!(er eilt ab nach links vor dem Felſenweg.) Zehnkter Ruftrikt. Marie, Sulpiz zu ihrer Linken. Sulpiz(verfolgt ihn drohend). Das iſt ja ein verdammt kecker Burſche.(eEr kehrt zurück.) Mir ins Geſicht zu trotzen, mir, Sulpitius, Murrkopf genannt, den Seine Majeſtät der Kaiſer und König mit dem hohen Grad eines Sergeanten beehrt hat! Marie. Auf jeden Fall haſt du dieſe Auszeichnung nicht wegen deiner Liebenswürdigkeit erhalten!(Sie ſetzt ſich ſchmollend auf die Steinbank rechts.) Sulpiz(auf den linken Arm zeigend). Dafür giebt man keine Treſſen! Der verfluchte Tiroler aber,[der dich deinem Regi— mente, deinen Freunden rauben will,] wird, ſobald er wieder hier herumſtreicht, als Parteigänger ergriffen und auf der Stelle füſiliert! Marie(aufſtehend und ſehr erboſt auf Sulpiz zugehend). Das iſt ja entſetzlich, das iſt ſchlecht![DDas kommt aus einem böſen Herzen,] und iſt eines wackern Soldaten nicht würdig. Sulpiz. Was? Ich wäre kein wackerer Soldat? Marie. Gewiß nicht! Ein Böſewicht, ein Tyrann biſt du— und wenn das Regiment denkt wie du— nun gut, dann geh' ich fort von dir, fort von euch allen, und was willſt 56 Die Regimentstochter. 1 du dann machen, he? 8Sie ſchlägt ein Schnippchen.) Dann bin ich frei. [Sulpiz. Das iſt nicht wahr! Marie. Ich bin mein eigener Herr! Sulpiz. Das wollen wir ſehen! Marie. Nun, wart' nur, du ſollſt es ſehenl) Ich gehe fort, zu einem andern Regiment. Es giebt deren, Gott Lob, noch genug in der Armee! Und ich weiß gewiß, daß ich liebenswürdigere und auch edlere Kameraden finde.(Sie geht raſch ab nach links über den Felſenweg.) Elfter Auflrilt Sulpiz allein. Sulpiz(ruft ihr nach). Marie! Marie! So bleib doch!(Zornig⸗) Ja, gebe einer ſeinen Kindern eine gute Erziehung! Tauſend Donnerwetter! Eine Tochter, die wir gepflegt haben, die unſer Eigentum iſt— ſie will uns verlaſſen. (Man hört links außerhalb trommeln.) Sulpiz. O du Undankbare! Aber du irrſt gewaltig, wenn du glaubſt, man könne mit fünfßzehnhundert Vätern nur ſo wechſeln.(Er folgt ihr nach links über den Felſenweg.) Marie(tommt trommelnd, vor dem Korporal und den Soldaten marſchierend, von links vor dem Felſenweg), Zwölfler Auftrill. Marie. Der Korporal. Die Soldaten. Korporal(kommandierend). Halt!— Front! Gewehr ab! Soldaten(führen das Kommando aus, ſtehen in drei Gliedern) Marie(ſteht während des Chores trommelnd vor ihnen). Nr. 5. Finale. Chor. Korporal und die Soldaten. Rataplan, rataplan, rataplan, Rataplan plan plan plan plan, rataplan! Wenn der Donnerhall, luſt'ger Trommelſchall Lehrt uns auf der Lauer ſein; Rataplan, rataplan, rataplan, rataplan, Stimmt mit fröhlichem heiterm Schlag, Im nämlichen Takt der Tapferen Herz 6 in Die Regimentstochter. Im Trommelwirbel ein! Rataplanplanplan! Ha, welch fröhlich Sein! Planplanplanplan! Rataplanplanplanplanplanplanplanplan! Hoch, lebe hoch das Kriegsgetöſe, Du kühner Feind, komm nur heran, heran, beran! Hoch leb der Tod, der in den Waffen Fällt den tapfern, den tapfern Kriegersmann, Den Kriegersmann, rataplan, rataplan! Hoch leb des Kriegers ehrender Tod! Rataplan, rataplan, rataplan, rataplan! Ha, welch edler Hall, dieſer Trommelſchall, Wenn er wirbelt nur voran! Rataplan, rataplan! Rataplanplanplanplanplan, rataplan! Korporal(kommandiert). Achtung!—Gewehrauf!— Linksum!— Vorwärts marſch! Marie und die Soldaten(marſchieren ab nach links vor dem Felſenweg) Sulpiz(tommt mit ſeinem Gewehrvon links den Felſenweg herunter). Die Aarcheſa von Maggiorivoglio und ihr Haushofmeiſter Hortenfio(kommen faſt gleichzeitig von rechts aus dem Bauernhaus). Dreizehnter Auftritt. Marcheſa rechts. Hortenſio zu ihrer Linken. Sulpiz links vorn. Marcheſa(verweilt mit Hortenſio noch im Hintergrunde), Sulpiz(geht, ohne beide zu bemerken, im Vordergrunde links auf und ab). Hortenſio(zeigt der Marcheſa Sulpiz, ſpricht leiſe). Da iſt der bewußte franzöſiſche Offizier. Fürchten Sie ſich nicht, er iſt zwar ſehr bärbeißig, aber doch dabei höchſt liebenswürdig. Marcheſa(zitternd, leiſey). Weißt du das gewiß, Hortenſio? Ach, ſchon die Uniform verurſacht mir Krämpfe! Hortenſio(folgt Sulpiz ängſtlich und ſucht eine Gelegenheit, ihn anzureden). Sulpiz(für ſich). Wie ihr nur ſo ein Gelbſchnabel den Kopf verrücken kann, daß ſie uns allen den Reſpekt aufkündigt? Was wäre denn da zu machen? Hm, im Grunde iſt er ein Inſurgent. Ich laſſe ihn arretieren und in vierundzwanzig Stunden(er macht die Bewegung des Schießens) Puff! Die Regimentstochter. Hortenſio(fäult vor Schreck faſt zu Boden). Marcheſa(dieſe Bewegung beobachtend, leiſey. Ach, du mein Gott! Hortenſio(ebenſo, leiſe zur Marcheſah. Er macht ganz zwei⸗ deutige Bewegungen.(er ſtellt die Marcheſa vor, laut.) Hier iſt die Frau Marcheſa, welche Sie zu ſprechen wünſcht. Sulpiz. Ach! die Frau— wer?(GGeiſeite.) Sie haben poſſierliche Köpfe hierzulandel] Marcheſa. Herr Kapitän— Sulpiz. Danke ſchön!(Beiſeite.) Die Leute hier laſſen mich verflucht ſchnell avancieren. Hortenſio. Mit Erlaubnis, die Frau— Sulpiz(ſtarh. Ruhig im Glied! Hortenſio(tritt erſchreckt einige Schritte zurüch. Sulpiz. Die Madame gab ſich die Ehre, mir zu ſagen— Marcheſa. Herr Kapitän— Sulpiz(beiſeiteß. Sie bleibt dabei. Immer zu! Es thut nichts, ſim Gegenteill!] Marcheſa. Ich wollte, um meine Reiſe fortzuſetzen— Hortenſio(trilt furchtſam in die Mitte vor). Die Frau Marcheſa befanden ſich nur auf der Durchreiſe[nach Bayern, wo ſie große Güter beſitzen— Sulpiz(ſtart). Ruhig im Glied! Hortenſio(tritt wieder erſchreckt einige Schritte zurüch. Marcheſa. Auf meine Reiſe verzichtend, wollte ich in mein Schloß zurückkehren, aber dieſe Berge wimmeln von Soldaten und ich fürchte mich! Sulpiz. Das iſt ganz in der Ordnung, Frau Marcheſa. Hortenſio(tritt wieder furchtſam in die Mitte vor). Sie ſind alle wackere Männer— man fürchtet nichts von Ihnen, doch bisweilen— Sulpiz. Ruhig im— Hortenſio(wankt wieder erſchreckt zurück und tritt der Marcheſa zur Rechten). Sulpiz(beiſeite). Der Alte iſt verteufelt geſchwätzig. Marcheſa. Ich dachte nun, da die franzöſiſchen Grena⸗ diere ebenſo galant als tapfer ſind— daß Sie mir nicht abſchlagen würden, mich durch einige Ihrer Soldaten bis an mein Schloß begleiten zu laſſen. n 1 n Die Regimentstochter. 59 Sulpiz. Wie weit von hier? Marcheſa. Einige Meilen höchſtens. Sie zeigt nach hinten.) Von dieſem Berge aus ſieht man die Türme von Maggiorivoglio. Sulpiz(verwundert). Von— Matſch— Matſch— Hortenſio.—iorivoglio. Sulpiz(überraſcht). Erlauben Sie, Frau Mar— Ihr Schloß heißt? Marcheſa. Gerade wie ich! Sulpiz. Blitz und Knall! Wäre es möglich!— Ach, ver— zeihen Sie— Dieſer Name— Es giebt Dinge, die einem den Atem benehmen. Hortenſio. Maggiorivoglio! Es iſt ein ſchöner Name! Zu deutſch Maikäfer! Sulpiz. Der Teufel ſoll ihn holen! Ich konnte ihn nie ausſprechen. Aber ich habe ihn doch gut behalten. Es iſt dies alſo ein Name, ein Schloß. Ja, wer konnte das er⸗ raten! Überdies, wie konnte man es denken? Marcheſa. Was meinen Sie? Sulpiz(vor ſich hin).] Und dann, wie hängt dieſer Name mit dem Namen Robert zuſammen? Marcheſa. Wie ſagen Sie? Den Kapitän Robert? Sulpiz.[Kapitän? Möglich? Ein Franzoſe war er ſicher.] Sie haben ihn gekannt? Marcheſa(lebhaft). Sehr genau, mein Herr! 8Sie faßt ſich.) Das heißt, nicht ich, ſondern jemand aus meiner Familie. Sulpiz. Eine Couſine? Tante? Schweſter? Marcheſa(das Wort aufgreifend). Meine Schweſter! Ja, mein Herr, es war meine Schweſter! Sulpiz. Und dieſe Schweſter, lebt ſie noch! Marcheſa. Sie lebt nicht mehr. Aber aus Ihrer Heirat mit dieſem Kapitän— war ein Kind— Sulpiz(einfallend). Eine Tochter! Hortenſio. Nein, ein Kind! Marcheſa. Woher wiſſen Sie? In der That, ein armes Kind, welches der Kapitän mir vor ſeinem Tode zuſchickte. Es ſind achtzehn Jahre her— aber der alte Diener, dem ſie anvertraut war, verlor an jenem Schreckenstage das Leben — und die einzige Erbin meines Vermögens und meines Namens— 60 Die Regimentstochter. Sulpiz. Ihre Nichte? Hortenſio. Welche jetzt Baroneſſe wäre— Marcheſa. Verloren, verlaſſen, zu Grunde gegangen lin der Menge— tot, das arme Kind! Sie wankt!) Hortenſio(ſtützt ſie und hält ihr ein Riechfläſchchen vor). Sulpiz(außer ſich). Gerettet! Gerettet, Frau von Matſch— vogel![Gerettet! Gott und uns ſei Dankl] Marcheſa. Wäre es möglich? O Himmel![Mein Herr, ſtützen Sie mich! Sulpiz. Potz Pulver und Blei! Kann ich mich doch kaum ſelbſt halten! Hortenſio. Sind Sie auch gewiß—27] Sulpiz. Gerettet, ſage ich Ihnen, von wackeren Leuten, die nicht erſt lange nach Taufſchein und Paß gefragt haben welche ſie erzogen, ernährt und gepflegt haben, die arme Kleine. Marcheſa. Sie kennen ſie alſo? Sulpiz. Ob ich ſie kenne?! Hortenſio. Lebt ſie weit von hier? Sulpiz. Zwei Schritte. Hortenſio(ſieht ſich um nach rechts). Marcheſa. Ach, mein Herr, geben Sie mir meine Nichte, mein Kind zurück. Führen Sie mich zu ihr. Sie haben doch den Beweis in Händen? Sulpiz. Den Beweis?(Er ſucht in ſeiner Brieftaſche unter vielen Papieren.) Er iſt da— in meiner Brieftaſche— ein Brief, den ich nie leſen konnte— aber die andern, die Gelehrten behaupten, daß daraus unzweifelhaft hervorgeht, wem unſere Marie angehört. Marcheſa(zu Hortenſio). Marie! Er nennt ſie Marie! Noch ein Wort, mein Herr! Die Tochter, iſt ſie meiner würdig und ihres Namens, des Namens Maggiorivoglio? Sulpiz(ſuchend). Matſchio— Das will ich meinen. Marcheſa. Sie wurde erzogen— Sulpiz. Eine vollendete Erziehung— ich ſchmeichle mir! Hortenſio. In welchen Grundſätzen? Nach Peſtalozzi oder Klopſtock? Sulpiz. In ſehr ſoliden Grundſätzen, Tugenden und herr⸗ lichen Manieren], vor allen Dingen aber in Subordination. Marie(kommt von links den Felſenweg herunter), Die Regimentstochter. 61 Vierzehnter Auftritt. Hortenſio und Marcheſa rechts. Marie zurückſtehend. Sulpiz links. Marie(zurückſtehend). Der Teufel! haben die Durſt, dieſe luſtigen Burſche! Sulpiz(beiſeitez). Da kommt ſie ja.(Er ſteht abgewandt.) Horkenſio chat Marie gehört). Wie dieſe Weiber fluchen und ſchwören! Marie(nähert ſich Sulpiz, der ihr, nach links gewendet, den Rücken kehrt, für ſich). Er trotzt mit mir! Im Grunde aber hat er recht! An mir iſt's, ihm zuerſt zu kommen. Gie reicht ihm die Hand hin.) Sulpiz, alter Freund Sulpiz(talt). Was beliebt? Marie(geht vor Sulpiz herum, um ihm ins Geſicht zu ſehen). Komm, wir wollen Frieden machen. Du weißt ja doch, wie lieb ich euch alle habe und daß Marie euch nie verlaſſen könnte. Marchefa. Marie, ſagt ſie— Marie dies wäre Hortenſio(beiſeitej. Dies Mädchen wäre eine Baroneſſ Marcheſa(leiſe zu Sulpiz). Den Brief, mein Herr, den Brie Sulpiz(nach der Marcheſa gewendet). Da iſt er. Marcheſa(durchfliegt den Brief ſtillſchweigend). Marit(zu Sulpiz). Nun, biſt du mir noch böſe? Du wendeſt dich ab? Sulpiz. Nein, mein Kind— nein— ich bin dir nicht böſe. Du wirſt eine gute Tochter bleiben und uns nicht ver⸗ geſſen! Marie. Euch vergeſſen! ich, meine einzigen Freunde, meine einzige Familie! Sulpiz. Deine Familie— du baſt eine andre, Marie eine große, ſehr edle, ſehr reiche Familie. Marie(erſtaunt). Wie? Ich hätte noch Eltern? Wirkliche Eltern? Ach, werde nicht böſe, aber dieſer Gedanke, ſiehſt du, der macht mir wider meinen Willen Freude. Marcheſa Gu Sulpiz). Ich habe alles geleſen, mein Herr— dieſer Brief iſt wirklich von dem Kapitän Robert. Rarie. Was will denn dieſe Dame mit dir? Sulpiz. Sie will ſie ſagt daß du ihre Nichte biſt und daß ſie folglich deine Tante iſt.(Er wirft ſie der Marcheſa in die Arme.) e71 f! 62 Die Regimentstochter. Marie(ausbrechend). Meine Tante! Sie ſind meine Tante! Sie ſchlägt die Marcheſa derb auf die Schulter.) Donner und Hagel! das iſt mir ſehr lieb. Sie dreht ſich, ſie umarmend, mit ihr herum; dann zu Hortenſio.) Und iſt das da vielleicht mein Onkel? Sie will auf ihn zu.) Hortenſio Gehnt ehrerbietig ab). Marcheſa(beiſeite)'. Ach, mein Gott, ſie flucht ja! Hortenſto(beiſeite). Welche Erziehung! Sulpiz. Ja, Frau Marcheſa, unſer Kind, welches wir mitten aus dem Getümmel an Kindes Statt angenommen haben. Es war nicht möglich, ihre Familie wieder zu finden. Indeſſen, ſie war eine Waiſe, verlaſſen; ſie bedurfte eines Beſchützers, eines Vaterszl wir waren gerade da— Marcheſa. Das war brav. Ihr ſeid wackere Leute, Sie und Ihre Kameraden! Ich werde es nicht vergeſſen. Marie. Ich will Ihnen meinen Vater vorſtellen,[das ganze Regiment.] Auf Sulpiz deutend.) Da iſt ſchon ſo ein Pröbchen! Nicht wahr, er iſt ganz hübſch,(ſie zieht ihn an ſeinem Schnurr⸗ bart) aber ein bißchen ein Murrkopf. Marcheſa. Gewiß— Sie ſollen Beweiſe meiner Erkennt⸗ lichkeit haben— ſpäter—(eiſe zu Hortenſio.) Wir müſſen ſie von dieſen Leuten trennen. Hortenſio(ebenſo). Sobald als möglich! Marcheſa(laut). Hortenſio, gleich Pferde! Ich kann es nicht erwarten, bis ich meine Nichte in das Schloß ihrer Ahnen einführen kann. Marie. Wie? Ins Schloß? Und meine Kameraden? Und meine Wirtſchaft? Marcheſa. Davon kann nicht mehr die Rede ſein, mein Kind. Du mußt von jetzt an den Rang und Titel führen, der dir zukommt und gleich mit mir gehen. [Hortenſio. Verſteht ſich!! Marie. Mit Ihnen gehen und ſie, meine Freunde und Wohlthäter verlaſſen? Marcheſa. Ich wünſche es, und wenn es ſein muß, befehl' ich es. Marie(ernſt). Und mit welchem Rechte, Madame? Marcheſa. Mit dem Rechte, welches mir dein ſterbender Vater über dich verliehen hat. Sie ze nl r⸗ Die Regimentstochter. Marie(bewegt). Mein Vater! Marcheſa. Lies, was er mir geſchrieben hat und bedenke, Marie, daß ein ſolcher Wunſch uns heilig ſein muß! Sie giebt ihr den Brief.) Marie(ieſty.„Gnädige Frau, morgen ſchlägt man ſich; morgen bin ich vielleicht nicht mehr; ich gebe meine Tochter in Ihre Hände; ſie hat auf der Welt keine andere Stütze als Sie; möchte ſie Ihnen als zärtliche Tochter durch Ge— horſam für alles Gute lohnen, das Sie mir erzeigt haben. Möchte ſie einſt Ihrer Familie würdig werden! Möchte ſie das Unrecht, das ihr Vater an Ihnen begangen hat, ver⸗ wiſchen. Mein Segen begleite ſie! Kapitän Robert.“(Gerührt zur Marcheſa.) Ach, Madame— Sulpiz(gerührt zu Marie). Wohlan! Mut! Es muß ſein! Marie. Nun gut, ja, ich will gehn.(Zu Sulpiz.) Ihr geht aber alle mit mir, alle! Hortenſio(für ſich). Barmherzigkeit! Ein ganzes Regiment! So viel ſilberne Löffel haben wir ja gar nicht! Marcheſa. Ja, ſpäter; wir wollen ſehen! Nur jetzt komm' mit, liebe Nichte! Marie. O nein, ſo gehe ich nicht fort; ich will ſie noch einmal ſehen und Abſchied von ihnen nehmen! Doch nein, nein, jetzt hätte ich weder Mut noch Kraft dazu! Marcheſa. Komm, mein Kind, komm einen Augenblick mit in dieſes Haus. Sie zeigt nach rechts.) Sulpiz. Bis die Kameraden zurückkommen und der Alte die Pferde beſtellt haben wird. Marcheſa. Eile, Hortenſio! Sulpiz. Eilt Euch, Freund Hortenſius! Hortenſio(beiſeite). Nun, das laß ich mir doch gefallen, jetzt heißt er mich doch nicht mehr Sergeant.(Er geht ab nach rechts hinter dem Bauernhaus.) Marcheſa, Marie und Sulpiz(gehen ab nach rechts in das Bauern⸗ haus). Der Korporal und die Soldaten(kommen mit ihren Gewehren, unter ihnen Tonio mit der franzöſiſchen Kokarde an der Mütze, von links vor dem Felſenweg). Die Regimentstochter. Fünſzehnler Auftritt. Tonio. Der Korporal und die Soldaten ihn umringend. Kavatine. Conio(begeiſtert zu den Soldaten). Ich trete unter eure Fahnen Ha, welch ein froher Tag für mich! Die Liebe macht zum Veteranen Und ein Held, und ein Held bin ich, Ein Tapfrer, ein Held bin ich! Ich trete unter eure Fahnen, eure Fahnen Und ein tapfrer Held bin ich! Vortretend, Nur ſie, die meinen Atem belebet Und der jeder Pulsſchlag bebet, mehr für ſich.) Pflanzet Hoffnung in dieſe Bruſt Und ach, mein Buſen wallt in Luſt! ach! (Wieder wie zuerſt.) Ich trete unter eure Fahnen, 10 Ha, welch ein froher Tag für mich! KHorporal und Soldaten Gächelnd auf Tonio zeigend). Der Kamerad hier, er iſt verliebt! Tonio. Und auf euch allein ruht mein Hoffen! N Korporal und Soldatenchor. Du, du willſt Marie, unſer Kind? Conio. O hört mich an, o hört mich an, hört! (Von dem einen zum andern.) N Ihr Herren Väter, ihr Herren Väter, N Erhöret mich! Erhöret mich! O ich weiß, ihr nur könnt allein Geben ihre Hand, ihr allein! Korporal und Soldatenchor. Unſre Tochter iſt nicht für dich, iſt nicht für dich! Sie iſt uns zu lieb, nein! Ihr gebührt wohl ein beſſ'rer Mann. Dies iſt der Wille ihres Vaters. Conio. So wollt ihr nicht? nen, ſich.) lſer Die Regimentstochter. 65 0 Horporal und Soldatenchor. Wir wollen nicht. Nur Einem ſoll ſie werden KHorporal(zu ſeiner Linken)j). Aus unſerm Regiment! Soldatenchor. Aus unſerm Regiment! Tonio. Alſo mir, alſo mir. Ich gehör dazu. Ich bin jetzt auch Soldat Und euer Kamerad. Horporal(abgewendet und achſelzuckend). Sehr ſchlimm für dich! Conio(von dem einen zum andern). Ihr Herren Väter! Soldatenchor(abwehrend). Sehr ſchlimm für dich! CTonio(wie oben). Ihr Herren Väter! Soldatenchor. Sehr ſchlimm für dich! Tonio. Ihr Herren Väter, ſo höret doch! Korporal und Soldatenchor. Sehr ſchlimm für dich, ſehr ſchlimm für dich! Tonio. Sie liebet ja nur mich. Korporal und Soldatenchor(überraſcht). Wie kann das ſein? Wir ſagen nein! Conio. Ja, ſie liebt mich. (Leidenſchaftlich.) Ich ſchwör es bei meinem Heil! Korporal und Soldatenchor. O Gott, wie iſt es möglich! Conio. Ja, ich ſchwör es bei meinem Heil! Horporal und Soldatenchor(unter ſich beratſchlagend). Und was nun beginnen? Da er ihr gefallen, Iſt's billig, daß wir Väter Ihm geben ihre Hand. (Mit den Gewehren aufſtoßend.) Doch ich werde raſend, Iſt's nicht Jammerſchade, Daß ſie uns entführet Solch ein junger Fant? Tonio(drängend). Und nun? Korporal(giebt Tonto die Hand), Sprichſt du die Wahrheit, Die Regimentstochter. So mag es darum ſein: Der Vater willigt endlich ein. Soldatenchor. Ja, der Vater, ja, er willigt ein! Conio(entzückt). Für mich Armen, welch ein Glück! Welch erhebender Augenblick. So iſt endlich mein Ziel erreicht, II Und alle Väter, alle Väter ſind erweicht, NN Ja, ſie ſind nun erweicht! I Ach! Für mich Armen, welch ein Glück! Welch erhebender Augenblick! 1 Korporal und Soldatenchor. Sie alſo liebt dich? Sprich die Wahrheit, Sprich die Wahrheit! Tonio. Seht, ich ſchwöre! Korporal und Soldatenchor. 4 So iſt's wahr, ſo iſt's wahr, ſo iſt's wahr, ſo iſt's wahr? Conio(entzückt). Für mich Armen, welch ein Glück! Welch erhebender Augenblick. So iſt endlich mein Ziel erreicht. Alle Väter, ſie ſind nun erweicht! Für mich Armen, welch ein Glück, Welch erhebender Augenblick! So iſt endlich, iſt endlich mein Ziel erreicht! Ja, mein Ziel, endlich iſt es, N Endlich iſt es erreicht! Sulpiz(kommt in gedrückter Haltung von rechts aus dem Bauernhaus). HSechzehnler Auftritt. Sulpiz rechts. Tonio in der Mitte. Korporal links. Die Soldaten N zurückſtehend, ſo daß der Weg zum Bauernhaus frei wird. Tonio(entzückt zu Sulpiz). Sie iſt nun mein, ſie iſt nun mein! Ihr Vater hat's bewilligt! Sulpiz(ärgerlich). Oho! ſchlag dir das aus dem Sinn, Sie iſt ſchon angeworben. Mit ihrer Frau Tante geht ſie fort. ten n! Die Regimentstochter. Korporal und Soldatenchor. Sie geht fort, ſie geht fort? Was ſoll das ſein? O ſprich! Conio. Sie geht fort? Großer Gott? Ich mich trennen von ihr? Iſt's Wahrheit, iſt's ein Traum? Marie(kommt von rechts aus dem Bauernhaus). (Es wird ſehr langſam dunkel; Abendrot.) Siebzehnter Auſftrill. Die Vorigen. Marie. Marie(noch an der Thür, wehmutsvoll). Es iſt kein Traum! (Sie geht an Sulpiz vorüber zu Tonio und reicht ihm zum Abſchied beide Hände; dann wendet ſie ſich zu den Soldaten.) So lebet wohl, ihr teuren Waffenbrüder, Muß fortan leben fern von euch; Aus Mitleid ſchlagt nicht eure Augen nieder, Euer Schmerz iſt mir das höchſte aller Güter. So lebet wohl! So lebet wohll Ach, ach, ſo ſchlagt nicht eure Augen nieder, Und lebet wohl, lebet wohl, lebet wohl! Sulpiz, Tonio und Korporal. Ach, welch ein Schmerz, Mir bricht das Herz! 's iſt aus mit mir, Zieht ſie von hier! Marie(zu den Soldaten). O lebet wohl, ihr alle, die in ſchönern Tagen Ich lieben gelernet, lebet wohl! Fröhlich teilt' ich mit euch eure Freuden, eure Plagen, Das wahre Glück entweicht, doch will ich's ertragen! So lebet wohl! So lebet wohl! Ach, ach, ſo ſchlagt nicht eure Augen nieder Und lebet wohl, lebet wohl, lebet wohl! Conio. Freunde, ach, hört! laßt ſie nicht ziehen. Ach, hört, ihr Freunde, hört— ach, hört! 5˙ 68 Die Regimentstochter. Sulpiz und Korporal. Ach, welch ein Schmerz, mir bricht das Herz! Zieht ſie von hier, iſt's aus mit mir— mit mir! Marie. Fort muß ich ziehn. So lebet wohl! Soldatenchor. Wir laſſen ſie nicht ziehen von hier. Nein. Tonio. Gut nun! So folg ich dir überall. Sulpiz(ſtreng). Wie? Du folgſt? Ein Soldat? Haſt du das ſchon vergeſſen? Marie c(heftig erſchreckend). Hör ich recht? Tonio! Tonio. Teuere Marie! Marie. Der Schlag vollendet meine Qual! Tonio. Marie! Marie! Marie. Kaum erkoren, iſt er mir nun Auf ewig verloren! Tonio. Marie! Mariel Sulpiz(zu Tonio). Du biſt nun Soldat. Marie. Dieſer Schlag vollendet meine Qual! Tonio(zu Marie). Ach, nur für dich ward ich Soldat! Sulpiz(ausbrechend). Sie verläßt dieſen Ort, Denn ihr bleibt keine Wahl Zum Teufel die Marcheſa, Die uns unſer Kleinod ſtahl! Soldatenchor. Sie verläßt dieſen Ort, Denn ihr bleibt keine Wahl. Zum Teufel die Marcheſa, Die uns unſer Kleinod ſtahl! Sulpiz. In der Schlacht wie im Lager— Soldatenchor. In der Schlacht wie im Lager— Sulpiz. Unſre Tochter man kennt! Soldatenchor. Unſre Tochter man kennt! Sulpiz und Soldatenchor. In der Schlacht wie im Lager Unſre Tochter man kennt. Sie entflammet zu Thaten Das ganze Regiment, Ja, das ganze Regiment! Die Regimentstochter Marie und Tonio(ſchmerzvoll). Ach! Ach, ſelbſt die Hoffnung iſt nun verloren; Unſer Glück war ein einz'ger Tag. Ach! wozu ſind wir, u geboren, l. Wenn ſelbſt Liebe nichts verme Sulpiz. Zum Teufel die Marcheſa! Marie Conio(wie vocher). Ach, ſelbſt die Hoffnung iſt nun verloren; Ach, unſer Glück war ein einz'ger Tag! Soldatenchor. Zum Teufel die Marcheſa! Sulpiz. Zum Teufel, zum Teufel Soldatenchor. Mit Marcheſa! Marie und Tonio(wie vorl Ein einziger Te Ach, nur ein ein Die Klarcheſa von M lenſio(treten vonrechts einziger Tag! ig! lziger, einz'ger X aggiorivoglio und der Haushofm Bauernhaus und bleiben erf Achlzehnler Ruftlritt. Die Vorigen. Marcheſa. Hortenſio. Korporal [Marie(die Marcheſa erblickend). Und nun lebt wohl, Kameraden! Lebt wohl! (Abwechſelnd zu den Soldaten.) Die Regimentstochter. Die Hand, Peter! Jakob, Die deine! und du, mein alter Hans— Marcheſa(für ſich). Ha, welcher Greul! Marie. Der du als Kind auf dem Arm mich trugſt. Marcheſa(für ſich). Meine Nichte! Marie ozu Sulpiz). Umarme mich, Sulpiz. Sulpiz(umarmt ſie). Marcheſa(für ſich). Welch ein Greul! Conio. Welch ein Schmerz! Marie Gur Marcheſa). Ich bin dieſer Braven Kind! Sulpiz und Soldatenchor. Ja, des Regimentes Kindl] Tonio. Dir folgt mein Herz, nur dir, Marie! Marie. Tonio! Tonio. Vergiß deinen Tonio nicht, Wenn auch vor Gram ihm das Herze bricht! Die Soldaten(formieren ſich von links vorn nach rechts hinten in einer Linie). Hortenſio. Die Zeit enteilt! O Frau Marcheſa! Die Zeit enteilt! Welch Zögern! Hinweg mit Eile! Fort fort, fort fort, fort fort, fort fort! Marcheſa. Die Zeit enteilet! Es harrt die Poſt! Fort, die Zeit enteilet! Fort, teure Nichtel Hinweg, hinweg, hinweg, ſo komm! Sulpiz. Nun iſt's genug! Stillt eure Thränen! Su den Soldaten.) Für unſre Tochter nun präſentiert! Zum Teufel die Marcheſa! Auf, präſentieret! Nun Gott befohlen und fort allzumal! Marie. Vergiß meiner nicht, Tonio!— Ach! Conio. Dir folgt mein Herz, mein einzig Leben! Dir folgt mein Herz, nur dir, Marie! Dir folgt mein Herz, leb wohl, leb wohl, Marie! Marie! KHorporal und Soldatenchor. Nun iſt's genug! Stillt eure Thränen! Für unſre Tochter wir präſentier'n! Zum Teufel die Marcheſa! Zum Teufel die Marcheſa! Nun Gott befohlen und fort allzumal! Die Regimentstochter. Sulpiz und Soldatenchor. Zum Teufel die Marcheſa, die uns unſre Tochter ſtahl— Hortenſio. Eilet, fort fort, fort fort! Die Zeit enteilet! Nur nicht verweilet, nicht verweilet! Fort, fort von hier! von dieſem Ort! Fort, fort, fort! Marcheſa. O fort, teure Nichte, hinweg, hinweg! Hinweg von hier, von dieſem Ort! Sulpiz und Soldatenchor. Die die Tochter uns ſtahl, zum Teufel, zum Teufel! Die uns unſre Tochter, die Tochter uns ſtahl! Zum Teufel die Marcheſa, die uns unſre Tochter ſtahl!! Fort, fort, fort! Marie. Tonio! Tonio! Ach, ach, Tonio! Ach, vergiß meiner nicht! Leb wohl, Tonio, mein einzig Leben! Dir nur bleibt mein Herz allein! Leb wohll Conio. Dir folgt mein Herz, nur dir allein! Dir, dir, dir! Leb wohl, ſo lebe wohl! ſo lebe wohl! Marie, mein einzig Leben, dir nur folgt mein Herz allein! Leb wohl! Stellung: Hortenſio 3 8 Sulp/** A* pi* Marcheſa Korgs., Trommmler borar * Tonio Die Regimentstocht Sulpiz(kommandiert). Achtung! Präſentiert! Die Soldaten(präſentieren das Gewehr). Die Trommler(trommeln). Marcheſa 6zeht Marie nach deren acht Takte langem„Ach!“ nach rechts hinter dem Bauernhauſe fort). Hortenſio(folgt). Marie(eeißt ſich los und eilt wieder nach vorn). Marcheſa(kommt zurück und reicht Marie aufs neue die Hand). Marie(geht einige Schritte mit d gewendet, eilt ulfz neue nach vorn in zum Abſchied d die Rechte; dann we gang nach rechts hinter dem B mit dem letzten Takte Tonio). Marcheſa, den Blick rückwärts ulpiz' Arme und giebt Tonio ndet ſie ſich mit der Marcheſa zum Ab uernhauſe, ihr letzter Abſchiedsblick trifft Umzug: Marcheſa. Marie. Sulpiz(als Invalide). Tonio. Zwiſchenalltsmuſik(Walzer). Zweiter Aufzug. Der Vorhang hebt ſich nach der Zwiſchenaktsmuſik.) Rokokoſgal im Schloſſe Maggiorivoglio Mittelkamin mit Seſſeln. Thüren rechts Mitte ins Innere, links Mitte allgemeiner Eingang. Seitenthüren rechts und links. Links vorn ein Fenſter. Zur Rechten vorn ein Klavier mit Klavierſtuhl und auflie⸗ genden Noten; etwas mehr zurück ein Sofa. nvorn ein Tiſch und ein Seſſel; etwas mehr zurlck ebenfalls ein Sofa. Reiches Ameuble⸗ ment. Seſſel. Kronleuchter. Teppiche Es iſt Tag. 2.8 Erſter Auftritt. ie Herzogin von Cragnuitorpi ſitzt rechts auf dem Sofa. Der Notar mit einer Mappe ebenſo links vor einem Tiſche ſchreibend. Die Marcheſa von Maggiorivoglio in Salontoilette ſteht ihm beobachtend zur Seite Dann ein Diener. 2 Notar Gieſt aus einem Schriftſtück in ſeiner Mappe). Die Frau Herzogin von Craquitorpi cediert und übergiebt dem Herzog Seipio von Craquitorpi, ihrem Neffen, ihr Lehen und ihre Baronie mit dem Ertrage von 200000 Lire Renten. te in ch 73 Die Regimentstochter, Herzogin. Gut. Marcheſa(zum Notar). Schreiben Sie, daß ich meinerſeits meiner Nichte die Herrſchaft Maggiorivoglio abtrete. Herzogin. In beſter Ordnung. Marcheſa(zum Notar). Über die andern Punkte ſind wir einig. Sorgen Sie dafür, Herr Notar, daß der Heiratskon⸗ trakt noch heute Abend unterzeichnet werden könne. Sie ver beugt ſich gegen die Herzogin.) Ich will die Gnade, welche die Frau Herzogin meiner Familie zu erweiſen geruhten, nicht länger aufſchieben. Herzogin(zum Notar). Setzen Sie hinzu, daß Seine Majeſtät es wünſchten und daß Höchſtdeſſen Wille Diener(neldet von links Mitte durch den allgemeinen Eingang). Der Wagen der Frau Herzogin!(er geht ab woher er kam.) Herzogin(ſteht auf und geht). Auf Wiederſehen, Frau Marcheſa. Marcheſa(begleitet ſie). Ich weiß die Ehre zu ſchätzen, Frau Herzogin. Herzogin(hält die Marcheſa zurück). Ich darf es nicht zugeben, Frau Marcheſa. Marcheſa(darauf beſtehend). Nur meine Schuldigkeit, Frau Herzogin Herzogin. Ich habe die Ehre. Marcheſa. Auf meiner Seite. Herzogin(geht ab nach links Mitte durch den allgemeinen Eingang). Aotar chat ſeine Papiere zuſammen genommen und folgt unauffällig). bunbn Cu atleh ueb Zweiter Auftritt. Die Marcheſa. Dann der Sergeant Sulpiz. Marcheſa. Endlich wird ſie ſich vermählen vermählen mit einem der vornehmſten Kavaliere des Landes von zwei⸗ unddreißig Ahnen.(Mit einigen Schritten nach rechts.) Nun, wenn ſie jetzt nicht glücklich iſt Sulpiz(links außerhalb). Gut, gut, du weinerliches Tier, ich gehe ja ſchon! Er kommt im Invalidenüberrock von links Mitte durch den allgemeinen Eingang.) Marcheſa. Ihr ſeid es, Sulpiz? Sulpiz(zu ihrer Linken, noch zurückſtehend). Ja, Frau Marcheſa. Ihr Haushofmeiſter ſagt mir, Sie wünſchten mich zu ſprechen. 74 Die Regimentstochter. Marcheſa(ſetzt ſich rechts. Kommt näher! Sulpiz(tritt einen Schritt näher). Marcheſa. Näher! Ich erlaube es Euch. Sulpiz(beiſeite). Vor der alten Batterie, da bin ich ſchüch⸗ tern wie ein Rekrut vor der erſten Schlacht!(er tritt noch näher.) Marcheſa. Ihr ſeid ein braver Mann, ein guter Soldat, Sulpiz. Sulpiz. Teufel, das will ich meinen!(er nimmt ſich zuſammen.) Sie ſind auch ganz charmant, Frau Marcheſa. Marcheſa. Seit einem Vierteljahr, da Ihr in einer Eurer mörderiſchen Schlachten bleſſiert wurdet, und ich auf Mariens Bitten Euch in mein Schloß aufnahm, habe ich keine Ver⸗ anlaſſung gehabt, unzufrieden mit Euch zu ſein. Sulpiz. Und ich desgleichen, Frau Marcheſa. Marcheſa. Marie hält viel auf Euch. Ihr beſitzt ihr Ver⸗ trauen, Ihr habt mir geholfen, ſie ein wenig folgſamer zu machen; lihre Lehrer konnten, Dank meiner Sorgfalt, etwas mit ihr ausrichtenz] ihren ſoldatiſchen Ton ſund ihre Manieren] hat ſie beinahe völlig abgelegt. Sulpiz(beiſeite). Dank dir's der Teufel, du Alte! Marcheſa. Und ſomit konnte ich ihr eine der reichſten Par⸗ tien des Landes, den Herzog von Craquitorpi, zum Gemahl beſtimmen. Sulpiz. Ein famoſer Name! [Marcheſa. Man machte wohl einige Schwierigkeiten; die alte Herzogin wollte unter dem Vorwande der Abweſenheit ihres Neffen noch ein wenig zögern, ich habe es aber durch— geſetzt und alles iſt nun in Ordnung. Sulpiz Geiſeite). Ja, ſie ſchoß Breſche.](Laut.) Und Marie? Marcheſa(macht eine mißbilligende Bewegung). Sulpiz(ſich reſpektvoll korrigierend). Fräulein Marie? Sie hei⸗ ratet, ohne ihren Bräutigam zu kennen? Marcheſa(aufſtehend). Das iſt bei uns nicht Sitte.[Kurz, ſie hat eingewilligt— wenn auch nicht ganz mit dem Eifer, wie ich gewünſcht hätte. Deshalb zähle ich auf Euch, um ihr etwas mehr Mut einzuflößen.] Heute Abend noch unterzeichnen wir hier den Kontrakt, der dann dem Herzog nach Hofe ge⸗ ſchickt wird. Sulpiz. Recht ſo! Eine Heirat im Sturmſchritt! EEER Die Regimentstochter. 75 Marcheſa. Das iſt aber noch nicht alles;[die guten Leute im Lande, neidiſch über dieſe Verbindung, haben alles ver— ſucht, um die Heirat zu hintertreiben und behaupten, Marie ſei linkiſch und ſchlecht erzogen. Und] denkt einmal— wenn man erführe, was ſie war! Sulpiz(lachend). Marketenderin des zweiten Regiments. MRarcheſa. Ums Himmels willen, ſtill! Darum bin ich ge— ſonnen, dieſe Leute zu beſchämen; ſie ſollen ſich von des Kindes Anſtand und Talenten überzeugen. Mariens reizende Stimme muß ſie aufs höchſte entzücken ſund ihr Bräutigam ſelbſt— Marie(kommt in Salontoilette, gemeſſenen Schrittes, langſam aus der Seitenthür rechts). Dritter Auftritt. Marcheſa rechts. Marie in der Mitte. Sulpiz links. Marcheſa(halblaut). Doch ſtill, da kommt ſie! Sulpiz(bei Mariens Eintritt, beiſeitey). Armes Mädchen! Wie ſiehſt du ſo hochzeitlich aus! Marie(geht an der Marcheſa vorüber zu Sulpiz). Marcheſa(zu Marie). Komm her, mein Kind, umarme mich! Marie(tritt der Marcheſa mit herabhängenden Armen entgegen). Marcheſa(umarmt ſie gemeſſen). Marie(reicht Sulpiz die Hand, freundlich und raſch). Guten Tag, Sulpiz. Marcheſa(für ſich). Wie ſie ſo reizend iſt![ldie Anmut! das beſcheidene Weſen! Wer ſollte denken, daß dieſes Mädchen vor einem Jahre—] Caut.) Ich hoffe, daß du heute bei dem Adel der Gegend, der uns mit ſeinem Beſuche beehrt, unſerm Unterrichte Ehre machen wirſt! ich erwarte zahlreiche Gäſte, die der Unterzeichnung deines Heiratskontraktes beiwohnen werden. Marie. Ach, gnädige Tante Marcheſa. Keine Widerrede. Auch ſingen ſollſt du dabei, du ſingſt ja ſchon recht gut— und wir wollen ſogleich pro— bieren! SSie ſetzt ſich ans Klavier rechts und reicht Marie ein Notenblatt.) (Beliebige Einlage.) Marie(nach der Einlage, leiſe zu Sulpiz). Unſere alten Sol⸗ datenlieder waren mir lieber! Julpiz(ebenſo). Und mir erſt! 76 Die Regimentstochter. Marcheſa. Und jetzt die Romanze von Garat, einem fran zöſiſchen Dichter! [Sulpiz. Von einem Franzoſen? Blitz und Knall! Das mag ſüß klingen. Marcheſa. Ein wundervolles Sujet, und ganz neul] Cy⸗ pris Liebe. Sulpiz(für ſich). Cypris? Der war kein Grenadier, ſonſt müßt' ich ihn kennen. Marcheſa(reicht Marie ein anderes Notenblatt). Fangen wir an! (Sie begleitet Marie auf dem Klavier.) Marie(traurig). Ich will ſingen! Sulpiz ſetzt ſich lints). Und ich zuhören! Nr. 6. Terzett. Marie. Der junge Tag erglüht im Haine Und von des Himmels Höhn Eilt Cypris in die grünbelaubten Hallen— Sulpiz. So ſchmachtend war nicht unſer Sang. Marie. Will ſeiner Liebe Göttin ſehn. Sulpiz(leiſe zu Marie). Rataplan, rataplan, rataplan, Hoch leb' der Ruhm, das Vaterland! Marie(vergißt ſich). Rataplan, rataplan, rataplan, Rataplan! Hoch leb' der Ruhm, das Vaterland! Marcheſa(ſie unterbrechend). Ha! Kind, was ſingſt du das? Marie(verlegen). Vergebung, liebe teure Tante, Ich habe mich nur geirrt, Ach, ich hab mich nur geirrt, Ach, Vergebung, ach, Vergebung! Ich hab mich nur geirrt! (Sie ſammelt ſich und ſingt weiter.) Der Holde, dem die Liebesgöttin Den Preis erkannt der Tapferkeit Sulpiz(leiſe zu Marie, aufſtehend). Rataplan, rataplan! Marie. Er war der Schönſte, Er war der Schönſte in dem Hain, Der Schönſte im Hain! Sulpiz(leiſe zu Marie). Des Gatten Schreck, Schreck und Pein! Die Regimentstochter. 77 Marie(vergißt ſich, läßt das Notenblatt ſinken und fährt in dem Ton des obigen Rundgeſanges fort). Bei ihren Schönen Schleicht es oft ſi Es rückt an, es rückt an, es rückt an Marie und Sulpiz. Friſch drauf! Marcheſa(erhebt ſich en Marie. Es iſt da, Marie und Sulpiz. Paßt auf! Es rückt an, es rückt an, es iſt da! Es rückt heran, von Mut entbrennt Marcheſa(aufmerkſam werdend), Was heißt denn das? Marie und Sulpiz. Das ſchöne zweite Regiment! Ach, wie mich Langeweile plaget Bei des Schäfers verliebtem Drang. Nimmer, nimmer kann ich v vergeſſen Unſers Regimentes Rundgeſang. h ein. Doch dieſer Sang, ach, wie ſo lang! Marcheſa Welch ein Greul! Ha, der Schmach! So fahre fort! (Sie ſetzt ſich wieder ans 855 er und begleitet Marie.) Marie. Sehr gern, ſehr gern! Leiſe zu Sulpiz.) Doch S ilpiz, Ich verſteh kein Wort! Sulpiz(ſetzt ſich achſelzuckend wieder links). Marie(wieder in ihr Blatt ſehend, laut). Sie ſehen Cypris hohe Schöne Bald wiederholt mit leiſem Hall Die ſüßen Liebesklagetöne Das Scho einer Nachtigall Sulpiz Gleiſe zu Marie). Hinweg dieſes Klagegeſtöhne, Ich lobe mir den Trommelſchall! Marcheſa und Marie. Einer Nachtigall! Marcheſa. Komm, Nichte, laß uns wie ſie girren. (Geziert, ſanft). Tra-lalalalalalala! Marie(nachahmend). Tra-—lalalalalala! 8 Die Regimentstochter. Marcheſa(geſteigert). Tra—lalalalalalala! Marie(widerwillig wiederholend). La—-lalalalalala! Marcheſa(mißbilligend). Nein! Marie(lauter). La! Marcheſa(wie vorher). Nein! Marie(noch lauter). La! (Im ſtarken Triller.) La— la— la— la! Marcheſa. Nein, ſo iſt's nicht recht! Nein, nein, nein, nein, nein, nein! ö Marie(ſtart). La—— la! Sulpiz(für ſichh). Brav, das Ding gefällt mir, brav! Marie(ſanft). Tra, la, la, la! Marcheſa. Stärker doch! Marie(ſtärker). Tra, la, la, la! Marcheſa. Nun ſanft und zart! Marie(ſanfter). La, la, la, la! Marcheſa(zufrieden). Ganz recht! Marie(ungeduldig trillernd). La! Marcheſa(unzufrieden). O ſchlecht! Marie(ſanfter). La, la! Marcheſa(ufrieden). Ganz recht! Marie(wieder ungeduldiger). La—— la! Marcheſa(unzufrieden). Nein, nein! Marie(noch ungeduldiger). La, la! Marcheſa(mißbilligend). Wie ſchlecht! Marie(empört, ſtoßweiſe). La, a a a a, a— a— a— al Marcheſa(außer ſich, mißbilligend),. Nein!— Nein! 90 Marie(wirft die Noten hinter ſich hinweg auf den Boden). Nein, ſinge, wer da wolle! Bei unſerm Regiment Solchen Zwang niemand kennt! Marcheſa(ſteht aufo. O Himmel, welche Antwort! Was ſprachſt du da? Sulpiz(hat ſich ebenfalls erhoben). Marie(zu Sulpiz). Raſch voran! Die Regimentstochter. Sulpiz(freudig darauf eingehend). Raſch voran! Marie. Raſch voran— Marie und Sulpiz. Iſt unſer ſchönſter Rundgeſang! (Sie marſchieren von vorn nach hinten auf und nieder.) Marcheſa(will es verhindern). Marie und Sulpiz(nehmen die Widerſtrebende in die Mitte und zwingen ſie zum mitmarſchieren). Raſch voran, nur voran, nur voran! Raſch voran, rataplanplanplan! Nur voran, nur voran, nur voran! Das iſt der ſchönſte Rundgeſang! Tapfres zweites, raſch voran, nur voran! Das iſt der ſchönſte Rundgeſang! Nur das iſt unſer Rundgeſang! Marcheſa. Welch ein Geſang! Nicht kann ich's hören! Ach! So zu ſpotten meines Cypris Hochgefühlen, Und des holden Schäfers Liebesdrang, Durch barbariſcher ſchrecklicher Töne Geſang! Welche Töne! Mir wird wehe! Ich kann nicht mehr! Mir wird ganz weh! Welch Geſchrei! Ich vergeh! Zu ſpotten meines Cypris Hochgefühl, Des zärtlichen Schäfers Liebesdrang Durch ſolchen barbariſchen wilden Rundgeſaug! Durch ſolchen wilden Rundgeſang! Sie fällt atemlos und erſchöpft auf das Sofa rechts und ſpricht, nach⸗ 15 ſie ſich einigermaßen erholt hat:) In Wahrheit, liebe Nichte, ich begreife dich nicht. Das ſind wieder deine alten Gewohn⸗ heiten und Soldatengeſänge, die mir immer ſo viel zu ſchaffen machten. Ach, wie das meine Nerven angreift! Und Ihr, Sulpiz, Ihr ſeid auch ſchuld daran— Ihr animiertet ſie noch dazu. Sulpiz ſeine Verlegenheit verbergend). Im Grunde genommen iſt das ja weiter nichts, als ein bißchen Phantaſie. Marcheſa](erhebt ſich und tritt zu Marie). Um des Himmels willen, Marie, zeige dich nicht ſo vor deiner neuen Familie. (Du haſt mir's verſprochen, mir, deiner guten Tante, die 1 80 Die Regimentstochter. dich ſo innig liebt. Das könnte deine hohe Verbindung auf immer ſtören. Sulpiz. Ganz gewiß! Ein fröhliches Lied und eine ſolche Veranlaſſung! Marcheſa. Heute beſonders, wo ſich die vornehmſten Per⸗ ſonen der Gegend hier verſammeln, die alle mir ebenbürtig ſind. Sulpiz. Der Donner! Was für Flügelmänner! Marcheſa.] Folge meinem Rat, ich bitte dich! Ich muß dich jetzt verlaſſen, denn ich habe noch meine Einladungen in die Nachbarſchaft zu beſorgen.] Sei vernünftig, liebes Kind! Komm, umarme mich!(és geſchieht.) Halt dich ge⸗ rade, den Kopf in die Höhe— Sulpiz(traftvol). Bruſt heraus! Marie(thut es mit einem Ruch). Marcheſa. So, ſo! Jetzt iſt's recht![Was wird das für eine noble Herzogin geben! Komm, ich muß dich noch ein— mal umarmen.] Sulpiz, ich vertraue ſie Euch bis zu meiner Rückkehr an. Sulpiz. Schon gut, Frau Marcheſa, man wird gewiſſen⸗ haft Schildwache ſtehn. Marcheſa(oreht ſich im Abgehen um, für ſichh. Ach, wie ſie ſo reizend iſt! Ganz mein Ebenbild!(Sie geht ab nach links Mitte durch den allgemeinen Eingang.) Vierker Auftrikt. Marie, Sulpiz zu ihrer Linken. Sulpiz(geht der Marcheſa nach; ſobald ſie verſchwunden iſt, kehrt er zu Marie zurüch). Marie(beiſeite), Halte dich gerade! Kopf in die Höhel Unerträglich iſt dieſer Zwang. Sulpiz. Rottenweiſe links um! Sie iſt fort! Komm und umarme mich! Marie(thut es mit Hingebung und Vertraulichkeit). So laſſ' ich mir's gefallen, nun erkenne ich dich wieder, jetzt biſt du wie ſonſt! Sulpiz. Kann ich dich liebhaben, wenn die Alte dabei iſt? Sie hält mich mit ihrem vornehmen Weſen in Reſpekt lund dann ihre Fabeln— ihre Federn nichts imponiert mir überhaupt mehr, als Federbüſche. 1 Die Regimentstochter. 8 uf Marie. Nun, aber ich? Bin ich für dich nicht immer die Nämliche? Deine Tochter— des Regimentes Kind? he Sulpiz. lentium über dieſen Punkt, mein Kind. Du biſt eine große Dame durch Gottes und des Adels Gnaden. Deine Familie hat hohen Rang und Namen! Wie es mit der Ehre ausſieht, weiß ich nicht, denn die Alte ſagt, du müßteſt ihnen erſt Ehre machen.] Marie. Ach, mein guter Sulpiz, wie unglücklich bin ich! Hulpiz. Unglücklich! Du? Eine Herzogin, Prinzeſſin! was s weiß ich, was alles! 8 8 5 Marie. Dieſe Heirat— ſie iſt noch nicht geſchloſſen. [Sulpiz. Nein, aber ſie wird es. Und dann, wenn dein Zukünftiger ein braver Mann iſt, wirſt du ihn liebgewinnen Marie. Ich glaube nicht! ir Sulpiz. Doch! Die Liebe nach der Hochzeit iſt die ſolideſte. i⸗ Das wird ſich ſchon machen. er Marie. Ach! Es hat ſich für einen andern gemacht! Sulpiz. Da haben wir's!] i⸗ Marie. Der arme Tonie— der meinetwegen Dienſte ge— nommen hat. 0 Sulpiz. O geh! Der denkt lange nicht mehr an dich! te(Beſonders ſeit er Soldat geworden. Bei Grenadieren wird die Liebe bald nach Hauſe getrommelt; ich weiß das aus Er— fahrung; ſo eine Etappenliebſchaft—1 Marie. Glaubſt du?— Ich fürchte es faſt auch. Darum t habe ich aus Verzweiflung auch alles gethan, was man wollte, ich habe verſprochen zu heiraten; wen, das weiß ich nicht, iſt 4 mir auch gleich. Sulpiz. Einen Herzog, mein Kind, einen reichen ahnen— d ſtolzen edlen Herzog[wie die Tante ſagt, und das iſt auf jeden Fall etwas ſeltenes.“ Du ſiehſt einer glänzenden Zu— 0 kunft entgegen. 1 Marie. Und dich— dich ſeh' ich nicht mehr! Sulpiz. Doch! Zum Teufel! Sobald ich vollends In— * valide bin, komm' ich zu dir— freilich zuſammengeflickt (Er weiſt auf das Herz.) Da aber komplett und wenn ˖ nur dein Mann mich nicht abweiſt! Marie. Nun, was das betrifft— ſei ruhig. Dann kehre 6 8² Die Regimentstochter. ich das Soldatenkind heraus. Ich laſſe dich in den Heirats⸗ kontrakt ſetzen. Sulpiz. Richtig! Samt der Bagage! Der Haushofmeiſter Hortenſio(kommt von links Mitte durch den allgemeinen Eingang). Fünfter Auftritt. Marie rechts. Sulpiz in der Mitte. Hortenſio links. Hortenſio. Ein Wort, Herr Sulpiz. Sulpiz(für ſich). Nun, was will das alte Eulengeſicht? Caut.) Was giebt's? Hortenſio. Ich will nichts, aber andere wollen etwas. Sulpiz. Wer? Die Frau Marcheſa? Hortenſio. Nein doch, ſie iſt ja ausgegangen! Es iſt ein Mann draußen, der ein Mann, den— Sulpiz(troniſch),. Ein Mann, der— ein Mann, den— Hortenſio. Nun, gehn Sie ſelbſt hin. Sulpiz. Gut, ich komme! Fur ſich.) Der iſt ja heute be⸗ ſonders liebenswürdig![(Zu Marie.) Nur Mut! Es iſt ja zu deinem Beſten! Die Alte hat dich ja ſo lieb. Marie(traurig). Ja, ich will Mut faſſen! Ich verſpreche dir'sl](Sie wendet ſich nach dem Klavier rechts.) Hortenſio(leiſe zu Sulpiz). Es iſt ein Offizier. Sulpiz(überraſcht). Wie? Warum nicht gar! Marie(dreht ſich um). Was iſt's? Was iſt's? Was ſagſt duꝰ Sulpiz(ſtammelnd). Nichts— nichts! Ein Mann, der— ein Mann, den— Geiſeite.) Tauſend Donnerwetter! der hat mich ganz verwirrt gemacht! Caut zu Marie.) Ich komme gleich zurück, mein Kind!(er geht raſch ab nach links Mitte durch den allgemeinen Eingang.) Hortenſio. Das iſt ein Leben; ein Soldat, zwei Soldaten und dann noch einer. Eine ganze Schachtel voll Soldaten! Die ehrlichen Civilgeſichter werden ſtets rarer, und] unſer Schloß wird noch zur Caſerne!(er geht ab nach rechts Mitte⸗) Hechſler Auftritt. Marie allein. Nr. 7. Arie mit Soldatenchor. Marie. Es iſt geſchehn, ohne Hoffnung und Troſt, Ganz allein auf der Welt, beweine ich mein Los!— den er ne ch en n1 er .0 Die Regimentstochter. Ach, umſonſt denkt ihr mich zu blenden Durch Reichtum und hohen Stand! Ich muß mein Leiden in mich wenden, Kann nur leben im Erinnerungsland; Muß unterdrücken Jammertöne, In Spitzen und Edelſtein gehüllt. Und verhaßt und verhaßt, ach, iſt mir das Leben, Ich bin vergeſſner Liebe Bild, Ach, ich bin vergeſſner Liebe ſchmerzlich Bild! [(Bewegt.) Wie lebt' ich froh in Eurer Mitte, Die Freundſchaft allein war mein Schmuck: Gern gäb ich hin, was ich beſitze, Für einen biedern Händedruck. Ach, ſo gern, ach, ſo gern gäb' ich's hin! Doch nun fort, wo ſich der Glanz Zum Ahnenſtolz geſellet. Ein Federzug von mir, Und mein Urteil iſt gefället. (Man hört Trommeln und Trompeten links außerhalb.) Marie(will abgehen und hält plötzlich ein). Doch was ſchlägt an mein Ohr?— Gott! Iſt's Wahrheit, iſt's Traum? Das ſind Kriegestöne! Sie eilt jubelnd an das Fenſter links vorn und öffnet es.) Ja, ſie ſind's, meinen Augen trau' ich kaum. (Sie winkt mit dem Schnupftuch hinaus.) Her zu mir! O Wonneſtunde! Freunde, ihr, ihr ſeid hier? Her zu mir! Welch Wiederſel hn! Her zu mir, her zu mir, her zu mik! Die Vergangenheit Sich in dieſem Anblick erſchli Seid gegrüßt! Seid gegrüßt! S (Mit Begeiſt terung, in die Mitte tretend.) Ah! Heil dir, o mein Vaterland! Heil euch, ihr Tage, oßt. d gegrüßt! Seid gegrüßt! Die Regimentstochter. Da ich die Freunde fand, ſo teuer mir! Der Ruhm ſei geprieſen, Und Frankreichs Krieger, Und ſein Panier! Heil dir, o mein Vaterland, Das ſolche Helden zeugt! O könnt' ich euch folgen, Mein Ziel wär' erreicht! Heil dir, o mein Vaterland, Heil euch, ihr Tage, Da ich die Freunde fand, ſo teuer mir! Das Vaterland lebe! das Vaterland lebe! das Vater⸗ land lebe! Die Soldaten(eilen tumultuariſch von links Mitte durch den allge⸗ meinen Eingang herein). Hiebenter Auftrikt. Marie. Die Soldaten. Soldalen(ſtrecken Marie die Hände entgegen, begrüßen und um⸗ ringen ſie). Sie iſt es, unſre Tochter, Unſer Kind, welches Glück! Sieh uns an, deine Väter! Neidenswerter Augenblick! Marie. Seid ihr da, alle da? Eure Hand, in euren Armen(ſie umarmt ſie) Unbeſchreiblich Wiederſehn! So zu ſterben wäre ſchön. O meine Väter, ach, Kameraden, Ihr teuern Freunde! [Heil dir, o mein Vaterland! Heil euch, ihr Tage, Da ich die Freunde fand, ſo teuer mir! Soldaten. Sie iſt es, ſie iſt es! Marie. Der Ruhm ſei geprieſen, Und Frankreichs Krieger, Die Regimentstochter. Und ſein Panier! Heil dir, o mein Vaterland, Das ſolche Helden zeugt! O könnt' ich euch folgen, Mein Ziel wär' erreichtl] Heil dir, o mein Vaterland! Heil euch, ihr Tage, Da ich die Freunde fand, ſo teuer mir! Das Vaterland lebe! Soldaten. Das Vaterland lebe! Marie. Das Vaterland lebe! Hoch es lebe! Hoch es lebe! Hoch es lebe! Soldaten. Ha, ſie liebt uns noch! Welch hohes Glück! Herrlich ſchöner Augenblick! Der Sergeant Sulpiz(eilt von links Mitte durch den allgemeinen Eingang herbei). Tonio(in Offiztersuniform mit Epauletts folgt ihm unauffällig und noch unbemerkt) Achter Auftritt. Marie, Sulpiz zu ihrer Linken. Die Soldaten beide umringend. Tonio hinter den Soldaten. Sulpiz(ſpricht). Blitz und Knall! Da ſeid ihr ja— Freunde Kameraden! An mein Herz! Alle(umringen und umarmen ihn). Sulpiz, Sulpiz! Sulpiz(freudig). Seid ihr's auch alle? Alle? Jakob, Tho⸗ mas, Peter, Stephan.](Sie betrachtend.) Ja, wahrlich, nicht einer fehlt beim Appell! Marie(ſucht mit den Augen). Nicht einer 2 Conio(tritt hervor, Sulpiz zur Linken). Nein, Marie, nein! nicht einer von allen, die du liebſt. Marie(in höchſter Überraſchung). Tonio! Conio. Ja, Tonio hat ſie hierher geführt! Marie(eilt an Sulpiz vorüber zu Tonio). Tonio! mein Tonio! O Himmel, ſo haſt du mich nicht vergeſſen?(Sie ſchmiegt ſich an ihn und bemerkt ſeine Epauletts.) Aber mein Gott, welche Veränderung? Du biſt Offizier geworden? 86 Die Regimentstochter. Tonio. Wenn man den Tod ſucht, avanciert man. Sulpiz. Das will ich meinen. Ich ſalutiere, Herr Offizier! Und meine armen Kameraden, die alle daſtehen, müde und gewiß auch durſtig, ſie müſſen Ihre Geſundheit trinken! Soldaten. Ja, Ihre Geſundheit! Marie(zu Sulpiz). Aber meine Tante? Wenn ſie käme! Sulpiz. Du haſt recht. Doch wie wär's, wenn wir drunten in der Orangerie, am Ende des Parks— Soldaten. He! herbei! Wirtſchaft! Der Haushofmeiſter Hortenſio(kommt erſchreckt und aufgeregt von rechts Mitte). Neunter Auftritt. Die Vorigen. Hortenſio zwiſchen Sulpiz und Marie. Hortenſio. Gottes Barmherzigkeit! Soldaten, nichts als Soldaten! Regnet es denn heute Soldaten? Was ſoll's? Marie. Das ſind meine Freunde, meine Kameraden, denen du mit den beſten und älteſten Weinen unſeres Kellers auf— warten ſollſt! Hortenſio. Das wäre! Sulpiz(zu Hortenſio). Du haſt die Order gehört, Marſch! Hortenſio. Wie, Marſch! Was ſoll das heißen? Soll dies Schloß geplündert werden? Nein, nicht Marſch! Ich revol⸗ tiere, ich depreziere, ich proteſtiere, ich rebelliere, ich empöre mich, ich erhebe mich mit Gewalt— Sulpiz Ezu den übrigen). Nun gut, ſo erhebt ihn mit Gewalt! Hortenſio(wehrt ſich). Verräterei! Aufruhr! Zu Hilfe! Ein Verbrechen gegen Haushofmeiſters Majeſtät! Einige Soldaten lergreifen ihn lachend, heben ihn hoch empor und tragen ihn ab nach rechts Mitte). Die Andern(rufen ihm nach). In den Keller! Hahaha! Hinaus! Wein her! Hahahaha! Sie folgen nach rechts Mitte.) Zehnter RNuftritt. Marie. Sulpiz. Tonio. Sulpiz(folgt einige Schritte und nimmt dann die Mitte). LAr. 8. Terzett. Alle Drei. Endlich ſind wir vereint Und des Wiederſehns Sonne, ſie ſcheint r! nd en on Die Regimentstochter. 87 Nach ſo bitteren Leiden, Und dahin iſt der Schmerz, Und nichts ſoll uns mehr trennen noch ſcheiden, Nur umgaukelt von ſeligen Freuden, Denn dahin iſt der Schmerz, Und es klopft dieſes Herz In der Bruſt voller Luſt, Voll von ſeliger Luſt! Endlich ſind wir vereint Und dahin iſt der Schmerz! Wie es klopft, dieſes Herz! Und die Sonne des Wiederſehns ſcheint! Sulpiz(nahnend). Doch mäßigt Euch! Tonio(zuverſichtlich)h. Ich bringe Hoffnung! Marie(erfreut). Iſt's Wirklichkeit? Sulpiz(ungläubig). Sie gehn zu weit. Tonio(wie oben). Der Liebe Glück— Sulpiz(nachgiebig). Gern möcht' ich hoffen. Conio(wie oben). Bring' ich zurück! Sulpiz Geſtimmt). Doch weiß ich's beſſer. Marie(beglückt). Ich lebe nur in dieſem ſchönen Augenblick. Tonio! ach, Sulpiz! Ihr teilet ja mein Glück. Alle Drei. Endlich ſind wir vereint, Und des Wiederſehns Sonne, ſie ſcheint Nach ſo bitteren Leiden, Und dahin iſt der Schmerz, Und es klopft dieſes Herz In der Bruſt voller Luſt, Voll von ſeliger Luſt! Endlich ſind wir vereint Und dahin iſt der Schmerz! Wie es klopft, dieſes Herz! Und die Sonne des Wiederſehns ſcheint! Conio(zu Sulpiz, der in der Mitte ſteht). Ich baue nur auf dich! Marie. Ich baue nur auf dich! 88 Die Regimentstochter. Conio(eindringlich). Auf dich! Marie(ebenſo). Auf dich! Marie und Tonio. Gewiß, du ſprichſt für mich! Sulpiz(abwehrend). Wie? Tonio. Nur deiner Freundeshand— Marie. Vertraue ich mein Heil! Marie und Tonio. Deiner Hand! deiner Hand! Sulpiz(wie vorher). Wie? Was? Wer? Ich? 0 Ach, Kinder, hört mich an! Conio(ſtets wie vorher). Du giebſt mir dein Verſprechen! Sulpiz(ebenſo). So hört mich doch nur an, Ihr wißt ja nicht, ihr wißt ja nicht Marie(ebenſo). Du giebſt mir dein Verſprechen! Sulpiz. So hört mich an! Conio. Ich baue nur auf dich! Sulpiz. Hört mich nur an! Marie. Ich baue nur auf dich! Sulpiz. Ach, Kinder, Kinder, hört mich an! Marie. Gewiß, du ſprichſt für mich! Ich baue ganz auf dich! In deiner Hand liegt unſer Heil! Nur in deiner Hand liegt ja unſer Heil! Sulpiz. Reden ſoll ich? Ach, ihr wißt ja nicht! Ei, was vermag denn ich! 0 Ich? Was? Ich? Wie? Was? Wer? Ich? Conio. Gewiß, du ſprichſt für mich! In deiner Hand liegt unſer Heil! Nur in deiner Hand liegt ja unſer Heil! Sulpiz(ausbrechend). Zum Henker, hört mich an! Alle Drei. Endlich ſind wir vereint, Und des Wiederſehns Sonne, ſie ſcheint Nach ſo viel herben bittern Leiden, Und dahin iſt der Schmerz, Und es klopft dieſes Herz In der Bruſt voller Luſt, Die Regimentstochter. Voll von ſeliger Luſt! Endlich ſind wir vereint, Und dahin iſt der Schmerz! Wie es klopft, dieſes Herz! Und die Sonne des Wiederſehns ſcheint! Ach, wir ſind, ſind vereint! Walzer.] Julpiz(ſpricht). Aber die Tante, liebe Kinder! Die ſchreck— liche Tante! Wenn ſie uns überraſchte! Ich habe eine Rekrutenaugſt, daß ſie kommen möchte! Zu Tonio.) Herr Offizier, Sie müſſen entfliehen! Conio. Sie verlaſſen! Jetzt Marie verlaſſen! Nein, nie! Er tritt an Sulpiz vorüber zu ihr.) Nichts vermag mich von ihr zu trennen— ich halte bei der Marcheſa um ſie an, und wenn man ſmir ſie abſchlägt, wenn man] mich zurückweiſt nun, dann rede ich und werde mein Recht zu behaupten wiſſen! Sulpiz. Was können Sie ſagen? Conio. Ich werde ſagen, was ich lieber verſchweigen möchte! was mir mein Oheim, der Ammann von Graubündten, auf meinem Durchmarſch vertraut bat.[Ich habe ihm alles erzählt: meine Liebe, meinen Kummer über Mariens Geburt! Der wackere Mann hat mir daraufl ein Geheimnis lanver— raut,] das uns alle glücklich machen wird. Marie und Sulpiz. Ein Geheimnis! Tonio. Jawohl![Ich mußte ihm aber verſprechen, nur in dem äußerſten Notfalle Gebrauch davon zu machen,] und ich hoffe, ſſo weit wird es nicht kommen;] wir werden die Frau Marcheſa[dazu] bewegen. Sulpiz. Ja, das iſt nicht ſo leicht![Eine Alte, die gar keine Raiſon annimmt, beſonders was die Heirat betrifft, iſt feſt wie ein Blockhaus. Marie. Wer weiß, ſie hat mich ja ſo lieb, und wenn mein guter Sulpiz, deſſen Wort ja ſo viel bei ihr gilt— Sulpiz. Nun, meinetwegen! Ich will's riskieren, ich will ihr um den Bart gehen und Breſche ſchießen, aber unter einer Bedingung. Conio und Rarie. Welche? 90 Die Regimentstochtet. Sulpiz. Daß er fortgeht, damit ihn die gnädige Frau erſt ſpäter zu ſehen bekomme, ſo nach der Schlacht— wenn wir ſie gewinnen— ich kenne ſie; wenn ſie euch beiſammen träfe, ſo wäre alles verloren! Tonio(geht auf Marie zu). Es ſei, ich will gehen. Lebe wohl, Marie! Sulpiz. Wenn Sie es mit dem Fortgehen ſo machen— Doch ſtill! Horch! Marie. Was iſt das? Hulpiz. Ein Wagen hält— gewiß iſt ſie's— lund die andern ſitzen da und trinken— und die Familie, wenn die nun auch kommt! und wenn die Kameraden die Geſichter zu ſehen bekämen— das wäre ein ſauberes Zuſammen⸗ treffenl](Zu Tonio.) Alſo Marſch, fort! Tonio. Lebe wohl! Marie, lebe wohl! Er will nach dem Hintergrund.) [Sulpiz(ruft ihn zurüch. Nicht da hinaus! Durch die kleine Gartenthür— Fort, rechts in die Flanke, Marſch!(er öffnet die Seitenthür links, um Tonio hinauszulaſſen.)] Die Marcheſa von Maggiorivoglio(kommt von links Mitte durch den allgemeinen Eingang). Elſter Auftritt. Die Vorigen. Marcheſa tritt zwiſchen Marie und Tonio. Sulpiz(für ſich). Die Tante! Wir ſind blockiert! Alle Wetter! AHarcheſa(entſetzt). Was iſt das? Ein Soldat! Bei meiner Nichte? Sulpiz, Ihr habt zugegeben— Sulpiz(beiſeite). Jetzt geht's los! Marie. Liebe Tante! Marcheſa(ſtreng). Schweig! Conio. Gnädige Frau! Sie1(ebenſo). Wer ſind Sie, mein Herr? Was wollen ie hier? Tonio. Ich bitte, hören Sie mich! LXr. 9. Romanze und Quartett. CTonio. Um ſie zu erringen, zu beſitzen, Ward ich ein tapfrer Grenadier. Und ich warf mich ins dickſte Schlachtgetümmel, Die Regimentstochter. Und alle Liebesgötter kämpften mit mir. Und nun will man mir ſie rauben, Den Engel, der lieben mich gelehrt? Ach! Doch lieber will ich untergehen, Wird, was ich hoffe, nicht erhört! Marie. Ach, was wird ſie ſagen in des Zornes Drang? Wird ſie uns erhören? Wie iſt mir ſo bang! Marcheſa. Was ſoll ich ſagen? Meinen herrlichen Plan, Soll ich auf ihn opfern dieſem fremden Mann? Dem niedern fremden Mann? Tonio. Ach, was wird ſie ſagen? Wie iſt mir ſo bang? Wird ſie wohl zerſtören, was ich mir errang? Sulpiz. Ach, was wird ſie ſagen in des Zornes Drang? Wird ſie wohl zerſtören, was er ſich errang?— Wie iſt mir ſo bang! Tonio. Ich fordre dies engelreine Weſen Zum Lohn für mein vergoſſnes Blut. In ihrem Blick hab' ich geleſen: Auch Tonio iſt ihr höchſtes Gut. Marie(zur Marcheſa). Ach, Vergebung der Kühnheit, Dem verwegnen Mut! Marcheſa. Welche Kühnheit zu hoffen! Ha, ſchon wallet im Zorn mein Blut! Conio. Mein Herz will ſich der Hoffnung geben, Die in dem Buſen ich genährt— Sulpiz(ebenſo). Ach, Vergebung dem kühnen Mut! Es iſt Soldatenblut! Conio. Doch lieber will ich untergehen, Wird, was ich hoffe, nicht erhört. Doch lieber will ich untergehen, Wird mein Hoffen nicht erhört! Doch lieber will ich untergehen, Wird es nicht erhört, mein Hoffen— Marie(bittend). Vergebt! Marcheſa(abwehrend). Niemals! 92 Die Regimentstochter. Conio(energiſch). Nicht erhört! Sulpiz(bittend). Vergebt!J Conio(ſpricht). Ich fand Marie als eine arme Waiſe und liebte ſie, ohne ihre hohe Geburt zu wiſſen. Um ſie zu be⸗ ſitzen, ward ich Soldat, ſund diene nun meinem Vaterlande ehrenvoll. Marie liebt mich wieder.] Ich habe ſie mir mit meinem Herzblut erkämpft, bin nicht ohne Vermögen, und halte nun, wie es ſich ziemt, um ihre Hand bei Ihnen an. [Werden, können Sie das innige Band zweier Herzen zer— reißen?] Marcheſa. Wahrlich! Das iſt eine Kühnheit![Ein Menſch, der gak nichts iſt! Ein Soldatl! Wer ſind Sie? Conio. Offizier bei dem zweiten Grenadierregiment, gnädige Frau! Und mit etwas Glück und einer tüchtigen Wunde Sulpiz. Verſteht ſich! Ein Bein ab, und er macht ſeinen Weg! Dies iſt bei uns die Bahn zum Ruhm! Marcheſa. Ich hoffe wenigſtens, daß meine Nichte dieſe Liebe nicht teilt! Meine Nichte! Die Erbin der Marie. Liebe Tante! Marcheſa. Ich frage Sie nicht, Fräulein, lich will nichts hörenl] Ich ſchaudere bei dem Gedanken, daß ich mich täuſchte! Tonio. Schaudern bei dem Gedanken, von einem braven Manne geliebt zu werden?[Von einem wackern Offizier, der hundertmal dem Tod entgegen gegangen iſt, um ſie zu ver⸗ dienen?] Nein, gnädige Frau, ich kenne Marie, ſie wird ſich meiner ebenſowenig als ihrer alten Freunde, ihrer Kameraden ſchämen. Aarie. Was das betrifft, liebe Tante, ſo hat er recht: mein Regiment, mein Vater!(Auf ihr Herz zeigend.) Da lebt es, ſehen Sie, und nichts auf der Welt kann es mir ent⸗ reißen! Sulpiz. Das heiß' ich geredet— Blitz und Knall! Marcheſa(ernſt). Sulpizl](Zu Tonio.) Mein Herr, meine Nichte iſt verlobt; in einer Stunde wird der Heiratskontralt unterzeichnet.[Sie können hieraus ſchließen, daß es über⸗ flüſſig iſt, länger Ihre thörichte Hoffnung zu nähren; kurz,] ich bitte Sie, uns augenblicklich zu verlaſſen. Conio. Sie weiſen mich alſo ab, Sie ſtoßen mich fort? Marcheſa. Ich halte Sie wenigſtens nicht zurüct. Die Regimentstochter. 93 Sulpiz(beiſeite). Ziemlich einerlei! Tonio. Nun gut, weil Sie mich dazu zwingen, ſo hält mich nichts mehr zurück; ich bin meines Verſprechens quitt und will reden! Marcheſa. Was ſoll das bedeuten? [Tonio. Das ſoll bedeuten, daß mein Oheim, der Ammann von Graubündten, der Ihr Haus und alle Familien des Landes kennt, mir ein Geheimnis offenbart hat, das zu ver— ſchweigen ich ihm eidlich verſprechen mußte, Ihret Ehre wegen, und damit die, die ich liebe, nicht Ihrer Wohlthaten beraubt würde. Jetzt aber ſoll alles kund und offenbar werden! Marcheſa(erſtaunt). Mein Herr?] Tonio. Der Kapitän Robert hat nie Ih heiratet! [Marcheſa(ſehr heftig). Mein Herrl! Aarie und Sulpiz. Was hör' iche] Tonio. Weil Sie nie eine Schweſter hatten— und Marie nicht Ihre Nichte iſt! Marcheſa(beiſeiteyh. Ach, mein Gott! [Sulpiz und Marie. 155 ſagt er?] Tonio. Marie iſt frei! Sie iſt das Kind des Regiments, lwelches man getäuſcht hat, um ihm ſeine Adoptiotechter zu entziehen—]und ihre Grhen allein haben das Recht, ihren Willen zu beſtimmen, über ihre Hand zu verfügen. Marie(auf die Marcheſa zueilend und ihre Hand ergreifend). Gnädige Frau! Marcheſa(nit erſtickter Stimme). Marie! liebe Nichte! ich bitte dich— ich beſchwöre dich— glaube kein Wort! Tonio. Man wird es beweiſen— und wir alle kommen hierher, ſie zu holen, lohne daß jemand ſich widerſetzen darflI Kurcheſu. Mir Marie entreißen? Nimmermehr! [Sulpiz. Im Grunde— ja— Sie hätten wohl einige Rechte. Marcheſa(im Tone des Vorwurfs). Sulpiz, Ihr auch?] Zu Tonio.) Entfernen Sie ſich, mein Herr, i0 befehle es, ich beſchwöre Sie! Du aber, Marie, gehſt auf dein Zimmer, und wenn du noch ein Fünkchen Liebe für mich empfindeſt, ſo gehorchſt du mir lals derjenigen, welche dich von allen re Schweſter ge⸗ 94 Die Regimentstochter. Menſchen auf der Welt am meiſten und vernünftigſten liebt.] Geh', mein Kind, gehe! Marie(geht ab nach rechts). Sulpiz(zu Tonio). Und wir, ſchwenkt Euch, Marſch!(er wendet ſich zum Gehen.) Tonio. Ich entferne mich, um Ihnen Zeit zur Überlegung zu laſſen.(Er geht ab nach rechts Mitce.) Zwölſter Auftritt. Marcheſa, Sulpiz zu ihrer Linken. Marcheſa(zu Sulpiz). Bleibt, Sulpiz! Sulpiz(tehrt um). Ich?(Er geht nach vorn; beiſeite.) Ach, mein Gott, was wird's da geben? Marcheſa. Wir ſind allein.[Nun ſagt mir, glaubt Ihr wirklich, daß ſie die Kühnheit hätten, hierher zu kommen, mich zu zwingen? Sulpiz. Der Teufel! wenn es wahr iſt, was er ſagt, wenn der Kapitän Robert— Marcheſa. O Gott! nennt mir dieſen Namen nicht mehr! Sulpiz. Wenn Sie nicht ihre Tante ſind! Marcheſa(herausfahrend).] Sulpiz!(Sie hält plötzlich inne.) Hört mich an. Ihr ſeid ein braver Mann, Ihr wollt gewiß eine arme Frau, die ihr Vertrauen auf Euch ſetzt, nicht verderben! Sulpiz. Viel Ehre, Frau Marcheſa! [Marcheſa. Es giebt Geheimniſſe, welche das Herz brechen — Ihr werdet mich bedauern und nicht verlaſſen. Sulpiz(beiſeitey). Was wird da herauskommen?) Marcheſa. Der hohe Rang meiner Familie, ihr Wunſch, mich nach meinem Stande zu verehelichen, hatten mich zum Cölibat verurteilt— Sulpiz. Das heißt ſo viel als: Sie wollten zu hoch hinaus und blieben ſitzen. Ja, das geht oft ſo. Marcheſa. Ich zählte bereits dreißig Jahre und war, ob⸗ gleich ſehr ſchön, noch frei. Sulpiz. Das ſieht man Ihnen nicht mehr an. Marcheſa. Kapitän Robert hatte mich geſehen— Meine Reize feſſelten ihn— wir liebten uns— und— [Sulpiz. Man ſagt, er war— Die Regimentstochter. 95 Marcheſa. Sehr einnehmend! Ich liebte ihn, ich leugne es nicht.] Ungeachtet meiner Abneigung vor einer Mesalliance hätte ich ihm meine Hand gereicht, wenn nicht ſeine Abreiſe zu einem abermaligen Feldzuge,[wohin ich ihm leider ins⸗ geheim gefolgt war,] eine plötzliche Trennung veranlaßt hätte. Sulpiz. Aha! Marcheſa. Bald darauf kam ich hierher und wollte ihn in dieſem Schloſſe erwarten; aber ich kam allein— ohne ſie— Sulpiz. Ol ſie? Wen denn? Marcheſa. Ohne meine Tochter! Sulpiz. Mariel GBeiſeite.) Ihre Tochter? Blitz und Knall! Jetzt geht mir ein Licht auf! Marcheſa. Ihr begreift jetzt, warum ich,[von dieſem ſo ſtolzen und hochmütigen Adel umringt,] um alles in der Welt mein Geheimnis bewahren muß! Ihr begreift auch, daß ich Marie liebe, daß, wenn man mir ſie nähme, man mir das Leben raubte! Sulpiz. Man darf ſie Ihnen nicht nehmen, Frau Marcheſa. Man ſoll es nicht wagen! Marcheſa. Dieſe Heirat macht alles gut.[Sie giebt der⸗ jenigen, welche ich nicht anerkennen darf, einen Namen, einen Rang— und erlaubt mir, ihr mein ganzes Vermögen zu⸗ zuſichernl! Beſtimmt Marie, einzuwilligen— und Ihr habt Euch meiner ewigen Dankbarkeit verſichert! [Sulpiz. Genug, Frau Marcheſa, ſchon genug! Marcheſa. Und was mein Geſtändnis betrifft, denkt daran, Sulpiz, mein Leben, meine Ehre hab' ich Euch anvertrautl] Sulpiz. Verlaſſen Sie ſich auf mich, Frau Marcheſa! Ein Soldatenherz, das täuſcht, das verrät nie! Der Haushofmeiſter Hortenſio(kommt ſehr leiſe von links Mitte durch den allgemeinen Eingang). Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen. Hortenſio zurückſtehend. Hortenſio(ſpricht erſt, wenn er dicht hinter beiden ſteht). Frau Marcheſa! Marcheſa und Sulpiz(fahren erſchrocken auseinander), Hortenſio(tritt zurüch). Marcheſa. Was giebt's? Was willſt du? 96 Die Regimentstochter. hortenſio. Es kommt Geſellſchaft; der Notar wartet lin der Bibliothek! und das Volk bereitet ſich zum Tode wer⸗ beſſernd) Tanze vor! Marcheſa(betſeiteß. Ach, mein Gott! lund gerade in dieſem Augenblickel] Hortenſio(leiſe zu Sulpiz). Und die andern, die da unten ſitzen und trinken— Julpiz. Na, das wird ſchön werden! Marcheſa(zu Hortenſio). Laſſ“ den Notar hereinkommen; [hier will ich ihn empfangen. Geh'l] Hortenſio(geht ab nach links Mitte durch den allgemeinen Eingang). Marcheſa(u Sulpiz). Und Ihr verliert keinen Augenblick — geht zu Marie! Geht! Julpiz. Ich gehe, Frau Marcheſa, ich gehe ſchon doch ſehen Sie, an Ihrer Stelle würde ich ein anderes Mittel aufſuchen, Maries Glück zu machen— ich würde alles ge— radezu abbrechen! Klarcheſa. Wenn ich es jetzt auch wollte, ſo könnte ich nicht mehr, ohne ein Aufſehen, einen Skandal, der Argwohn erregen müßte. Ich zähle auf Euch, auf Euch allein, mein wackerer Sulpiz! Sie reicht ihm die Hand.) Mein Freund! Sulpiz. Frau Marcheſa!(Beiſeite.) Arme Frau! Und wenn ich bedenke, daß Marie ſeit einem Jabre um ſie iſt, und daß ſie ſie nicht Mutter nennen darf! Alle Hagel! Nein, ich würde ſie alle Tage hundertmal umarmen und ſagen: ich bin dein! Er bemerkt, daß ihn die Marcheſa anſieht.) Ich gehe ſchon, Frau Marcheſall Aber ſie wird nicht kommen!(Er geht ab nach rechts). Leiſe Eintrittsmuſil: Walzer. GBwiſchenaltsmuſil.) Vier Diener(in reicher Livree treten von links Mitte durch den all—⸗ gemeinen Eingang voraus und bilden Spalier). Die Herzogin von Craquitorpi, fünf Kavaliere und fünf Damen cfolgen). Der Uotar(mit ſeiner Mappe ebenſo). Vierzehnter Auftrikt. Herzogin. Marcheſa. Kavaliere. Damen. Notar. Vier Diener. Marcheſa(empfängt die Gäſte), Die Eintretenden(machen der Marcheſa tiefe Verbeugungen). 712828882.. —7——2·—— et ſin mer⸗ dieſem unten nmen; ngang). jenblick doch Mittel les ge⸗ nte ich gwohn mein nd! wenn nd daß in, ich en: ich ch gehe u!(Er den all⸗ d fünf diener. n). Die Regimentstochter. 97 Rotar(tritt unauffällig an ſeinen früheren Platz hinter dem Tiſch inks vorn). Die vier Diener(ſtellen auf der linken Seite fünf Seſſel für die Damen und entfernen ſich dann, woher ſie kamen). Die Damen(nehmen Platz). Die Kavaliere(ſtellen ſich hinter die Seſſel der Damen). Herzogin(wird von der Marcheſa nach dem Sofa rechts geleitet). (Der Walzer endet.) Stellung: Klavier Die Kavaliere und Damen(flüſtern ſich unauffällig Bemerkungen zu, daß die Braut nicht zugegen iſt). Marcheſa[(für ſich. O Himmel! und in dieſem Gemüts⸗ zuſtand ſoll ich Gäſte empfangen!] Caut zur Herzogin.) Ah, Frau Herzogin, wie ungeduldig haben wir Sie erwartet, meine Nichte und ich! Sogleich werde ich die Ehre haben, ſie Ihnen vorzuſtellen. Herzogin(befremdet). Iſt ſie nicht hier? Marcheſa(in kaum unterdrückter Verlegenheit). Sie wird ſogleich e die Ehre haben— ſie beendigt ihre Toilette— ſſie kennt keine höhere Pflicht, als der Frau Herzogin zu gefallen— und hin in elſcd gmctts f dann— Sie können ſich ja die Unruhe, die Verlegenheit denken, die ein ſolcher Moment mit ſich bringt—] Rotar(entfaltet den Kontrakt). Iſt jedermann gegenwärtig? 7 98 Die Regimentstochter. Herzogin(ironiſch). Jedermann, ausgenommen die Braut— und wenn nicht ein Unwohlſein Marcheſa. Ja, ja— ſie hat reizbare Nerven ich muß doch nach ihr ſchicken— Der Sergeant Sulpiz(Tommt von rechts). Fünſzehnter Auftrikt. Die Vorigen ohne die Diener. Sulpiz tritt der Marcheſ Marcheſa(leiſe). Ah, Sulpiz! Sie geht ihm einige Schritte ent⸗ gegen.) Nun? Marie? Sulpiz. Ganz unmöglich, ſie hierher zu bringen! Marcheſa. Ach, mein Gott! Sulpiz. Alles Bitten, alles Flehen war umſonſt! Sie weigert ſich beharrlich. [Karcheſa. Was iſt zu thun? Was ſoll das werden? Sulpiz. Ich kenne ſie! Sie kommt nicht! Aarcheſa. O Himmell] a zur Rechten. Sulpiz. Vielleicht— wenn ich ihr alles entdeckte!? Marcheſa. Wo denkt Ihr bin? Sulpiz. Dann wäre der Reſpekt— der Gehorſam—! Verſtehen Sie? Dann kann ſie nicht mehr anders! Marcheſa(leiſeß). Nun denn! Wenn dieſes letzte Opfer nötig iſt—! Geht hin und bringt ſie her— um jeden Preis! Sulpiz(geht eilig ab nach rechts). Hechzehnter Aufkritt. Herzogin. Marcheſa. Kavaliere. Damen. Notar. Uotar(fortfahrend). Der Herzog Scipio, den Dienſtverhält⸗ niſſe am Hofe zurückhalten, hat mir ſeine Vollmacht zuge⸗ ſandt, wodurch er in die Verbindung mit Fräulein Marie— Marcheſa(ſtol). Von Maggiorivoglio! Uotar. Von Maggiorivoglio einwilligt. Da alle Punkte des Kontraktes zwiſchen beiden hohen Häuſern im reinen ſind, ſo ſind nur noch die Unterſchriften nötig. Herzogin lerhebt ſich erzürnt und geht vor der Marcheſa vorüber nach links vorn). Die Kavaliere und Damen(ſtehen ebenfalls auf). stocht 99 Herzogin. Unterſchriften! Aber noch ei cheſa, wo bleibt denn Ihre Nichte?(Betri den höchſten Adel des Land Marcheſa che Gott! ich vergehe! ar⸗ ſo gegen Nr. 10. Finale. Der Sergeant Sulpiz und Marie(kommen vo Siebzehnter Muftrilt. e Vorigen. Sulpiz und Marie der Marcheſa zur Marie if f 10 Abl da iſt ſie! Aarie(nit erſtickter Stimme). Ach, meine Mu— Marcheſa(fäut ihr ins Wort). Marie! Meine liebe Nichte! ein Kind—! ogin und zie Kavaliere und Damen(tönnen ihre B — nicht unterdrücken). 5 Sulpiz(eiſe zur Marcheſa). Nehmen Sie ſich in acht! Man 8 faßt Sie aufs Korn. 8 Herzogin(ungeduldig und beſtimmt). Nun denn, Frau Mar⸗ 7 85 cheſa 2 Marie c(ſich faſſend, geht an der Marcheſa vorüber zur 8 O jetzt geborche ich— Dieſer Kontrakt— geben Sie— ich bin bereit— (Man hört beim Tempowechſel ree J außerhalb Lärm.) Alle(Chor). Himmel, welch ein Lärmen vor der Thür! Tonio(außerhalb zu ſeinen Soldaten). Folget mir! fol get mir! Er kommt mit dem Korporal und ſeinen Soldaten von rechts M Mitte). Achtzehnter Auſtrikt. Die Vorigen. Tonio. Korporal. Soldaten. Die Havaliere(ſetzen erſchreckt die Seſſel der Ddamen nach links zurück). Die Damen(6ziehen ſich ebenfalls nach lints zurüch. Die Soldaten(nehmen die recht Marcheſa(wendet ſich an S e Seite ein). vorüber nach rechts). Marcheſa Herzogin Chor der Gäſte(erſchrockenh. Was wollen dieſe hier! Soldatenchor. Unſerer Tochter beizuſtehen, Eilen alle wir herbei; Wenn wir in Gefahr ſie ſehen, Stehn als Vater wir ihr bei. Trockne, Mädchen, deine Thränen, Keine Furcht mehr und kein Sehnen; Alles, Kind, iſt wieder gut, Wir ſind hier zu deiner Hut! Conio(auf Marie zeigend). Zur Rettung ſind wir da, Man opfert unſer Leben, Man will für ſchnöden Glanz Dem Jammer Preis ſie geben. Mit goldnen Ehebanden Feſſelt man Sie an das Elend an. Soldatenchor(heftig). Sie retten wollen wir! Tonio. Sie retten wollen wir! Marcheſa. Was ſoll das ſein? Tonio(energiſch). Gebrochen ſei das Schweigen! Tonio und Soldatenchor. Marie, ſie war Marketenderin Und die Tochter des Regiments. Herzogin, Kavaliere und Damen(entſetzt). Welche Schmach! eine Marketend'rin 21 Die Regiment Al Soldatenkind 2! 5 Alles nun bekannt! er Gäſle(wie oben). Marketenderin! arie. Ja! sSie tritt vor.) Als elternlos, eine arme Waiſe zn ihre Reihen das Kries Da fand ich Schutz und Troſt bei ihnen, Die erſte Liebe, die mir blieb. Thor der Gäſte. Manch Großen ſie beſchämet— Marie. Wie könnt ich ſie— Chor der Gäſte. Durch noble Sentimer Marie. Sie je vergeſſen— Die meine Kindheit beſchirmt. TChor der Gäſte. Daß von Adel ſie ſtammt, Hört man ihren Reden an! ö Marie(beteuernd). Nein, nein, niemals! Die mich als Kind ſo treu beſchirmt!— Nän wißt ihr alles nütig). Und o gebt her den Kontrakt tt ar Tiſch li Uotar(reicht ihr die Feder). Marie(ergreift ſie). Tonio ſich). Sie unterſchreibt! Marie(kaum ſich haltend). Ich gehorche! Marcheſa(ſehr ergri Ihre Duldung bricht mir das Für mich den Jammer und dieſen Schmerz! Gu Marie, die ſoeben unterſchreiben will.) Haltet ein! Sie tritt in die Mitte, zwiſchen Tonio und Marie.) Chor der Gäſte(erſtaunt). Was iſt's, das ſie beweget? Marcheſa(von ihrem Gefühl überwältigt). Ach, zu viel! ich ſell bſt Ich will das Opfer bringen, Ich bin beſiegt! Der Gatte, den ſie ſich erwählt Und den ich i ihr gebe— Herz. U umarmen). (Sie ziehen ſich zurück nach lin Soldaten(umringen das Paa 102 Die Regimentstochter. Alle Gschſt geſpannt). Wer iſt es? Marcheſa(auf Tonio zeigend). Seht ihn hier. Soldatenchor. Charmant! Marie ein freudiger Überraſchung). Tonio! Conio(ebenſo, geht an der Marcheſa vorüber Soldatenchor. Bravo! Braviſſimo! Sulpiz. Welche Frau! Blitz und Ich geb' ihr einen Sold Er will die Marcheſa umarmen, zu Marte). Mariel) Braviſſimo! Knall! Ich muß, atenkuß! tritt aber doch ehrerbiet Damenchor(höchſt entrüſtet). Wie gemein, welch n Dieſe Heirat, welch ein Skandal! Herzogin(geht ab nach links Mitte durch den allgemeinen Ei igang). Uotar(nimmt ſeine Mappe zuſammen und folgt unauffällig). Marie(eilt an Tonio vorüber zur Marcheſa, um ſie dankend;t ig zur iedre S Sulpiz, Rarie, Tonio und Soldaten. Heil dir, o mein Vaterland! Heil euch, ihr Tage, Tochter Freunde fand, Holde So teuer mir! Das Vaterland lebe! Da ich die U Der Ruhm und die Ehre! Das Vaterland lebe! —— Chor der Gäſte(ſich voller Ab Welch ein Skandal! Laßt uns ganz heimlich von hier entfliehn. Laßt uns entfliehn ganz heimlich! ſcheu zurückziehend). iks Mitte durch den allgemeinen Eingang.) r unter beglückwünſchenden Gebärden). BLB Karlsruhe a 21 27466 8 031 24 27466 034