Neue Schauſpiele von Auguſt von Kotzebue. 2 Fünfter Band. Das neue Jahrhundert. Das Epigramm. Lohn der Wahrheit. Leipzig, hei Paul Gotthelf Kummer. 18 0 1. Das Epigramm. Ein Luſtſpiel in vier Akten. Perſonen. Kanzley⸗Director Loͤwe, Geheimer Re⸗ ferendar des Fuͤrſten. Seine Frau. Karoline, Tochter erſter Ehe. Eduard, Sohn zwehter Ehe.(blind.) Raͤthin Warning. Friderike, ihre Tochter⸗ Doctor Buſch. Hauptmann Klinker. Kammer⸗Rath Hippeldanz. Korporal Muͤller. Luiſe, ſeine Tochter. Jacob, Bedienter im Loͤwiſchen Hauſe. Ein Knabe von 11— 13 Jahren. Ein Bedienter. Et ſtiettt (Zimmer in des Kanzley-Diroctors Hauſe.) Erſte Scehe. (Der Kanzley⸗Director ſitzt und lieſt in Abten. ſcach einer kleinen Weile rauſchen die Thuͤren auf, und ſeine Frau tritt raſch hevein.) M. Löoͤwe. Herr Kanzley-Director! Loͤwe.(ohné aufzublicken) Madame! M. Löwe. Es iſt ein Freinder ge— kommen. Loͤwe. Das geht mich nichts an. M. Lo⸗ 94 M. Loͤwe. Ein Augenoperateur. Loͤwe. Sehr wohl. M. Loͤwe. Hoͤren Sie denn nicht? ein Augenoperateur. Loͤſe. Nun ja, mein Schatz, was kuͤmmerts mich'? ich bin ja nicht blind. M. Loͤwe. Aber unſer Eduard, un⸗ ſer einziger Sohn— Loͤwe. Ja ſo, der iſt blind. Nun, da haben Sie wieder Recht. M. Loͤwe. Der Fremde ſoll ſehr ge— ſchickt ſeyn. Vielleicht koͤnnte er unſerm ar⸗ men Eduard helfen. Löͤwe. Vielleicht ⸗ M. Löwe. I ich meinen einzigen Sohn doch noch auf der Bahn der Ehre erblicken!— Lᷣwenlcnimm ein Akten⸗Stück und lioſt) Die Gemeinde zu Felſendorf— conträ den Schulzen Hauß Nimmerſatt— M. Loͤwe. Aber ſagen Sie mihum des Himmels willen, Herr Kanzley⸗Director— Loͤwe. Löwe. Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Schatz? M. Löwe. Sie hoͤren von der Moͤg⸗ Ik S lichkeit, Ihrem blinden Sohne zu 2 65 zoͤwe. Ja, ſo hoͤre ich. — 5 M. Löwe. Und bleiben ſo kalt dabey, „ö 8 wie Nas Stuͤck Marmor, mit⸗Velchem. Sie. e Maviere AD Runtere Loͤwe. Aber mein Sie wiſ—⸗ ſen ja, daß ich mich um Wirthſchaftsange⸗ legenheiten nicht bekuͤmmere. M. Löwe. Verdammites Phlegma! Loͤwie. Ich habe meine Akten, die Kinder gehoͤren in Ihr Depaärtement. M. Loͤwe. ein, nein, ich weiß ſchon, Sie lieben den Eduard nicht. Löͤwe. Ich liebe die ganze Welt. M. Loͤwe. Ihre empfindſame Toch— ter liegt Ihnen mehr am Herzen. Aber ſo gehts, wenn man einen Wittwer hey⸗ kathet. Loͤwe. Wie geht es dann mein Schatz? M. Loͤ⸗ M. Loͤwe. Man bekommt naſenweiſe Stieftoͤchter. eh2 Loͤwe. Das heißt ſo eigentlich nichts, mein⸗Schatz. 4 3 M. Löwe. Ich kann das nicht laͤnger huͤten. Lowe. Iſt Karoline naſenweis? Maͤdchen Loͤwe. Muß ſie denn gehuͤtet werden? M. Löwe. Beſonders wenn Eduard ſein Geſicht wieder erlangen ſollte, dann bin ich nur Mutter fuͤr ihn. Löwe.(kehrt zu ſeinen Akten zurück.) Nachdem alſo die Gemeinde zu Felſendorf— M. Löͤwe. Karoline muß heyrathen. Loͤwe. Den Schulzen Hanns Nim⸗ merſatt— M. Loͤwe. Ey, warum nicht gar! den Kammer-Rath Hippeldanz. Loͤwe. Loͤwe. Was hat der damit zu ſchaf— fen? M. Löwe. Er hat um Ihre Tochter angehalten. Loͤwe. Ja ſo! darein miſche ich mich nicht. M. Loͤwe. Der Mann hat eine hal— be Million im Vermoͤgen. Loͤwe. Sehr gut. M. Löwe. Freylich, ſehr gut; aber dem Maͤdchen ſteckt ihr verdammter Auguſt noch im Kopfe, und das iſt ſehr ſchlecht. Löwe. Auguſt? wer iſt dieſer Auguſt? M. Loͤwe. Haben Sie ſchon vergeſ—⸗ ſen den ſaubern Warning? Loͤwe. Ach den! nein, den habe ich nicht vergeſſen. M. Loͤwe. Die Dirne iſt ſo keck, mir ins Geſicht zu ſagen, ſie werde nie einen andern Mann nehmen. Loͤwe. Ey, da wird man doch wohl nachgeben muͤſſen. Funft. Band. G M. Loͤ⸗ 98 M. Löwe. Loͤwe. Bewahre der Himmel!— ein Rachgeben? ſind Sie toll? Kanzley-Director und mente captus! M. Loöwe. Vergeſſen ſoll ſie— und gehorchen. Löwe. Wo iſt denn der Warning jetzt? was iſt er denn? M. Loͤwe. Er iſt ja ſchon vor ſechs Jahren davon gelaufen. Loͤwe. Davon gelaufen? Ja ſo! ich erinnere mich. M. Loͤwe. Nachdem ſie ihn und ſei⸗ ne Familie mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hatten. Loͤwe. Ganz recht. Sein Vater war mein Freund. M. Loͤwe. Der Mutter gaben Sie freye Wohnung. Löwe. Eine kreutzbrave Frau. M. Loͤwe. Den Taugenichts ſammt ſeiner Schweſter ließen Sie mit Ihren eigenen-Kindern erziehen. Loͤwe. nun, das war M. Löͤwe. Albern war es Sie haͤt⸗ ten vorausſehen müſſen, daß, wenn die Kinder heranwuͤchſen, eine Liebesgeſchichte daraus entſtehen wuͤrde. Löwe. Recht, mein Schatz. Mich duͤnkt, ich ſah das auch voraus. M. Loͤwe. Ja, wenn es eine Ap⸗ pellaͤtion geweſen waͤre. Löwe. Nicht doch, wie iſt mir denn? ich meine, wir hatten damals die jungen Leute fuͤr einander beſtimint. M. Löwe. Aber du mein Himmel! haben Sie denn ganz vergeſſen, daß der Bube durch ſeinen Hang zur Sathre bet aller Welt verhaßt wurde? Loͤwe. Satyre? ey! ey! M. Loͤwe. Und daß er endlich gar ein Epigramm auf mieh machte? Loͤwe. Ein Epigramm auf Sie? ja, ja, ich entſinne mich. G 2 M. Od 33— M. Löwe. Die Familie mußte ja ſo⸗ gleich das Haus raͤumen. Löoͤwe. Nicht mehr als dillig. M. Loͤwe. Sie zogen Ihre Hand von dem Burſchen ab. Löwe. Und da gieng er in die weite Welt. O nun weiß ich alles— M. Loͤwe. Endlich! Lowe. Aber Mutter und Schweſter, was machen die? M. Loͤwe. Was weiß ich! ſie hun⸗ gern vermuthlich. Loͤwe. Hungern? hm! das iſt mir doch nicht lieb. M. Loͤwe. Es geſchieht ihnen recht— Warum hat die Mutter ihres Sohnes Muthwillen nicht unterdrückt? Lowe. Der Vater war doch mein Freund, ein wackerer Juriſt. M. Loͤwe. Und der Sohn hat ein Epigramm auf mich gemacht. Auf mich, Herr Kanzley-Director! hoͤren Sie das? Loͤwe. 101 Löwe. Ja, ja mein Schatz, ich hoͤre.— haͤ! haͤ! haͤl wie lautete denn das Epigramm? M. Löwe. So? ich ſoll es Ihnen wohl noch wiederholen? habe ich mich da⸗ mals nicht geung daruͤber geaͤrgert? habe beynahe den Tod davon gehabt. Loͤwe. Den Tod? ey, ſehn Sie, das wußte ich nicht. M. Löwe. Weil Sie nichts wiſſen, als Ihre Akten. Löwe. um Verzeihung, mein Schatz, ich weiß doch noch, daß der Auguſt War⸗ ning ein drolliger gutherziger Bube war, den ich wohl leiden mochte. M. Loͤwe. Gutherzig? allerliebſt! Sie reden, wie Ihre Streuſandbuͤchſe. Loͤwe. Deſto beſſer. Jeder Menſch ſollte eigentlich ſo eine Art von Strenſand— buͤchſe ſeyn, und wo er'einen Flecken ge— wahr wird, geſchwind die Liebe des Naͤch⸗ ſten daruͤber ſtreuen. M. Loͤ⸗ 102 M Loöwe. Seht doch! der Herr werden witzig. Loͤwe. So? war nicht meéine Abſicht. M. Loͤwe. Jener gutherzige Bube, wie Sie ihn zu neunen belieben, und wenn er heute noch als Kaiſer von Japan zu⸗ ruͤckkehrt, ſo ſoll er doch nie mein Schwie⸗ gerſohn werden. Loͤwe. Ja das iſt ein anderes, das M. Löwe. Das Epigramm vergeſſe ich ihm nie. Loͤwe. Schade, daß ich es vergeſ— ſen habe. M. Loͤwe. Kardline muß den Kam⸗ merrath Hippeldanz heyrathen Löwe. Meinetwegen mag ſie heyra—⸗ then, wen ſie will. M. Lowe. Nicht wen ſie will, ſon⸗ dern wen ich will. Loͤwe, Ja, ja, wen Sie wollen. M. Loͤ⸗ M. Loͤwe. Heute Abend iſt Verlo— bung. Loͤwe. Das ſind Wirthſchafts-Ange— legenheiten, darum bekuͤmmere ich mich nicht. M. Löͤwe. Ich habe Karolinen be⸗ reits rufen laſſen, und werde es ihr an— kuͤndigen. Loͤwe. Jetzt gleich?⸗ ö M. Löwe. Auf der Stelle. Loͤwel Daun gehe ich in mein Kabi⸗ net.(er packt ſeine Akten zuſäammen.) M. Löͤwe. Sie wuͤrden wohl thun, mein Herr, die vaͤterliche Autoritaͤt mit der muͤtterlichen zu vereinigen. Löͤwe. Nicht doch mein Schatz. Ka⸗ roline wird vermuthlich jammern und weinen. M. Loͤwe. Daran kehrt man ſich nicht. Loͤwe. Aber hehrathen und Thraͤnen gehoͤren nicht in mein Departement(ab.) Zweyte Zweyte Sceene. Madam Loͤwe und Jacob. M. Loͤwe(klingelt.) Jac. ctritt herein.). M. Lowe. Geht in alle Wirehvhnu⸗ eund erkundigt euch nach dem beruͤhmten Augenarzt, Doctor Buſch. Jac. Sehr wohl. M. Loͤwe. Habt ihr ihn ausfuͤndig gemacht, ſo ladet ihn ein. Sagt ihm, eure Herrſchaft habe ſo viel ruͤhmliches von ihm gehoͤrt, und ſo weiter. Verſteht ihr? Jac. Wann ſoll er kommen? M. Loͤwe. Sobald als moͤglich, heute noch. Jac. Sehr wohl.(ab.) M. Löͤwe.(allein.) Eduards Geſicht— und Karoline mir aus dem Geſichte— dann bin ich gluͤcklich!“(Sie wirft ſich in einen Seſſel.) Dritte ————— ————— Dritte Sc̃ene. Madame Loͤwe. Karoline. Kar. ctritt ſchüchtern ein.) Sie haber befohlen— M. Loͤwe. Komm naͤher.(Kavoline thut es.) Da hat die Mamſell einmal wie⸗ der eine recht romantiſche, empfindſame Toilette gemacht. Roſen am Kopfe, Ro⸗ ſen an der Bruſt. Kar. Ich liebe die Roſen. M. Löwe. G(auffahrend.) Aber ich nicht! Kar.(nimmt ſtill die Roſen vom Kopf und Bruſt und legt ſie weg.) M. Loͤwe. Wovon ſiehſt Du ſo blaß aus? Kar. Ich habe nicht gut geſchlafen.“ M. Loͤwe. Komm her, ich ille ſchminken. Jl. Kar. Schminke verdirbt die Hant. , M. Löͤ⸗ 106 M. Löwe. An Deiner Haut iſt ſo nichts zu verderben— Komm her.(ſie zieht eine Schminkdoſe aus der Taſche und ſchminkt Karolinen.) Die Blruſt iſt zu bedeckt. Kar. Verzeihen Sie, liebſte Mutter, die jetzige Mode mißfaͤllt mir. M. Löwe.(ſich blähend.) Fuͤr Dich würde ſie freylich nicht erfunden. Kär. Mich duͤnkt fuͤr die Sittſam⸗ keittwurde ſie nicht erfunden. M. Loͤwe. Schitesg. Du biſt heute uͤberhaupt viel zu einfach gekleidet. Kar. Heute? warum denn eben heute? M. Loͤwe. Weil heute Dein Verlo— bungstag iſt. Kar.(erſchrocken.) Mein Verlobungs⸗ ag? M. Loͤwe. Stellſt Du Dich doch, als ob ich Dir ganz etwas neues erzaͤhlte. Kar. Wirklich, es iſt mir neu. M. Loͤ⸗ 104 M. Loͤwe. Die Sache hat ſchon lang genug gedauert. Kar. Leider! M. Löwe. Es iſt Zeit, daß man ein Ende macht. Kar. Ich glaubte, liebe Mutter, nach meiner letzten Erklaͤrung waͤre das er⸗ wuͤnſchte Ende ſchon da. M. Lowe. Erklaͤrung? Deine letzte? hat man Dich auch um eine Erklaͤrung ge⸗ fragt? Kar. Es betraf nicht⸗⸗Neſen-und. „Scheninke ſondarn das Gluͤck meines Le⸗ bens. M. Löͤwe! Das weiß ich. Kar. Gern will ich gehorchen, wenn bloß von Launen und Phantaſien die Re⸗ de iſt. M. Loͤwe. Willſt Du? wie gnaͤdig! Kar. Aber mein Herz— M. Loͤwe. Ich ſpreche von Deiner Hand. Kar. 108 Kar. Soll mein Herz den Tod von meiner Hand empfaugen? M. Loͤwe. Keine Witzeleyen, wenn ich bitten darf. Schauen Sie in den Ka—⸗ lender, Sie werden finden, daß Sie 23 Jahr alt ſind. Kar. Das weiß ich auch ohne Ka⸗ lender. M. Löwe. Folglich iſt es die hoͤchſte Zeit zu heyrathen. Kar. Muß ich denn uͤberhaupt hey⸗ rathen? M. Loͤwe. Eine ſeltſame Frage. Was wollen Sie denn anfangen, Mamſell? Kar. Sie und meinen Vater im Al⸗ ter pflegen. M. Löwe. Du moͤgteſt mich wohl uͤberreden, Du habeſt eben ſo großen Ab⸗ ſcheu vor dem Heyrathen, als weyland Koͤ—⸗ nigin Eliſabeth von England? Kar. Das waͤre ja doch nur Ziererey! M. Löͤwe. Alſo ein anderer? Kar. Kar. Nur einer! M. Loͤwe. Sehr beſtimmt. Kar. Sie ſelbſt billigten einſt dieſe Wahl. M. Löwe. Haſt Du das vermaledeyte Epigramm vergeſſen? Kar. Ach! wie koͤnnt' ich das? M. Loͤwe. Dieſer eine iſt daher ſo gut, als keiner. Kar. Hgat eine ſechsjaͤhrige freywillige Verbanning ſeine Schuld nicht getilgt? M. Löwe. Nein, und wenn er6do Jahre wie der ewige Jud, herumirrte. Kar. Sie entzogen auch der Mutter ihre Huͤlfe, und beſtraften dadurch den Sohn doppelt hart. M. Loͤwe. Haͤtte er mich beſtohlen, vergiftet, ich wollte es ihm verzeihen,— aber ein Epigramm— die Straßenjungen wußten es auswendig. Kar. Er hat es bitter bereut. 2382*ö»7ö9J — 110— M. Loͤwe. Zu ſpaͤt. Du heyratheſt den Kammer-Rath Hippeldanz. rning ſein Vaterland Kar. Als Wè̃ fliehen mußte, da gab ich ihm den Schwur ewiger Liebe zum Begleiter, um ihn vor Verzweiflung zu ſchuͤtzen. M. Loͤwe. Und meinſt Du, er ſey auch Dir treu geblieben? Kar. Gewiß. M. Löwe. Ha! hal ha! Kaum einem Maͤdchen von 15 Jahren wuͤrde man dieſe Leichtglaͤubigkeit verzeihen. Kar. Nicht Spoͤttereyen, nur Be— weiſe können mich in meinem Glauben wan⸗ kend machen. M. Löwe. Auch Beweiſe werden ſich finden. Kar. Nimmermehr! M. Löwe. Geſetzt aber— Kar. Dann wäre ich ſehr ungluͤck⸗ lich! 111 M. Loͤwe. Naͤrrchen, dann wuͤrdeſt Du ohne Widerſtreben einem andern Dei— ne Hand reichen, nicht wahr? Kar. Vielleicht. M. Löwe.(der man es anſieht, daß ihr ein Plan durch den Kopf geht.) Du weiſt vermuthlich, wo Warning ſich aufhaͤlt? Kar. Nein. M. Löͤwe. Sprichſt Du wahr? Kar. Bey dau Ffehẽ meiner Mutter! M. Löwe. Es werden keine Briefe zwiſchen euch gewechſelt? Kar. Keine. Du ſollſt nicht wieder von mir hoͤren, ſprach er beym Abſchied, bis ich ohne Erroͤthen vor dir erſcheinen darf. M. Loͤwe. Und die treue Schaͤferin harrt noch immer? Le= hbien-Aduandk Teviendratzäle(beyſeit.) Geduld, du ſollſt von ihm hoͤren. Vierte Sẽeene. Kammer⸗Rath Hippeldanz. Die Vorigen. Hipp. Bon jeur, bon jour. Na, was hab' ich geſagt? erinnern Sie ſich noch meiner Worte? M. Löwe. Welcher? Hipp. Sie auch nicht, ſchoͤne Braut? Kar. Nein. Hipp. Als vor ſechs Wochen von unſrer Verlobung die Rede war, was ſagt ich da? wie? Kar. Nichts was der Muͤhe werth geweſen waͤre, ſechs Wochen lang daran zu denken. M. Löwe.(ſtrenge.) Karoline! Hipp. Haͤ! haͤ! haͤ! vergeſſen, vein vergeſſen. Holde Braut, ſagte ich, mit unſerer Verlobung kann es ſo ſchnell nicht gehen.— Kar. Und das Kar. haͤtte ich vergeſſen? Hipp. Sie muͤſſen Geduld haben. Kar. Von Herzen gern. Hipp. Bis ich friſchen Kaviar aus Rußland, und ein Paté de Perigord aus Frankreich erhalte. M. Loͤwe.(unwillig) Ich daͤchte Herr Kammer-Rath— Kar. Sie haben ganz recht, mein Herb. Eine Verlobung ohne Kaviar, das geht' nimmermehr. Und Rußland iſt weit, nicht wahr? Hipp. Weit! weit! aber hoͤren Sie nur! was geſchieht? Geſtern Abend— Ich komme nach Hauſe. Mein Ambroſius ſchließt die. Thuͤr auf— der Kerl iſt ein Schalk, er ſchmunzelt. Ich trete hinein, was duftet mir da entgegen? ich ſchnup— pere, es riecht ſo lieblich, ſo pikant. Ich folge meinem Inſtinkt, und ſtehe ploͤtzlich vor einer großen Paſtete! da ſind perdriz rouges, Truͤffeln, ach! da iſt alles! alles! Fünft. Band. H ich 114— kam in ich alterirte mich, mein Blut Wallung, ich konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun. Kar. Armer Maun! Hipp. Reicher Mann, reicher Mann. Nur reiche Leute koͤnnen ſo ſchoͤne ſchlaflofe Naͤchte bezahlen. Bedenken Sie nur, mei⸗ ne Damen, nur ein wenig daruͤber nach— gedacht: Ich komme nach Hauſe und finde die Paſtete. Kar.(ungeduldig) Nun ja, wir ha⸗ ben das alles ſchon gehoͤrt. Hipp. Alles? hä! haͤl haͤ! bey Leibe noch nicht alles. Was geſchieht wei— ter? Dieſen Morgen klopft es an meiner Thuͤr, poch! poch!— Herein!— ich denke es iſt die Waͤſcherin und ſage Herein! Aber nichts weniger! rathen Sie einmal, wie?(er ſieht ſie beyde wechſelweiſe an.) Der leibhaftige Poſtbote bringt mir den Kaviar aus Rußland. Kar. Ey, wirklich? Hipp. Hipp. Da machte ich meine Refle⸗ rionen. Kar. Reflexionen? Sie? Hipp. Hier, dachte ich, hier iſt Gottes Finger. Geſtern kam die Paſtete, — dieſen Morgen der Kaviar, und folglich iſ heute Abend unſere Verlobung! Kar. Die Paſtete, der Kaviar und ich. Ein allerliebſtes Kleeblatt! Hipp. Nicht wahr 2àhaͤ! haͤl haͤ! M. Loͤwe. Sie haben recht, Herr Kammer-Rath, der Verlobung ſteht nun nichts weiter im Wege. Hipp. Nichts, gar nichts.“ M. Löwe. Und wenn es Ihnen da⸗ her gefaͤllig iſt— Hipp. Vollkommen gefaͤllig. Kalr. Aber, mein Hett', Sie, der Sie ſo reich ſind— und fuͤr Ihr Geld alles verſchreiben koͤnnen— Hipp. Das kann ich. H 2 Kar. Warum verſchreiben Sie ſich nicht auch eine Frau? Hipp. Bin Patriot, will keine Frem— de gluͤcklich machen. M. Löowe. Karoline! Keine Sottiſen. Hipp. Scherz, Muthwille, Amor neckt, hat nichts zu bedeuten. Kommen Sie nur erſt in mein Haus— Kar. O weh! Hipp. Sehen Sie mein Silber, mei— ne Moͤbeln. Kar.“ Alles, alles, nur Sie ſelbſt nicht. M. Loͤwe. Du wirſt unverſchaͤmt. Hipp. Und dann: Frau Kammer— Raͤthin! nicht wahr das kitzelt? Kar. Zum Todlachen. Hippi Und was meinen Sie?, viel— leicht bald gar: Frau Geheime Kammer— Raͤthin! M. Loͤwe. Wirklich? haben Sie Aus⸗ ſichten? Hipp. — 117— Hipp. Ausſichten aus allen Fenſtern. Freylich man muß es ſich ſauer werden laſſen, blutſauer. Kar. Bey der Paſtete? Hipp. Nein, nein, hier iſt von ganz andern Paſteten die Rede. Se. Durch—⸗ laucht haben befohlen— jeder Kammer⸗ Rath muß einen Plan ausarbeiten— ver— ſtehn Sie? einen Plan— Kar. Um eine fuͤrſtliche Tafel zu ar⸗ vangiren? Hipp. Nichts, nichts, man iſt Kam⸗ mer-Rath, man arrangirt den Staat. Kar. O weh! M. Loͤwe. Und dieſer Plan? Hipp. Ja ſehn Sie nur, ich kann das nicht ſo von mir geben. Vier Wochen habe ich daran gearbeitet, taͤglich eine Stunde. Man iſt reich, man koͤnnte es bezahlen, aber nein, man hat Gewiſſen; Alles ſelbſt gemacht, ipse feci! M. Loͤwe. Da hoͤrſt Du nun. Hipp⸗ Hiypp. Heute wird es ubergeben. Iſt 4 ſchon ins Reine geſchrieben. M. Loͤde. So kommen Sie Herr Geheimer Kammer⸗Rath— Hipp., cqchmunzelnd.) Unterthaͤnigſter— M. Löwe.) Damit auch wir unſre Sachen vollends ins Reine bringen. Hipp. Rein, alles rein. Die Pa⸗ ſtete, der Kaviar— was fehlt noch? Kar,, Eine Kleinigkeit, die Brant. Hipp. Werden dieſen Abend ſchon anders ſprechen. Kax. Dieſen Abend werbe ich nur ein einziges Wort ſagen. Hipp. Und das waͤre? Kar. Nein! Hipps Nein? Kar. Nein! Hipp.(ſtemmt voll Verwunderung die Ar⸗ me in die Seite, ſieht wechſelweis bald auf die Mutter, bald 575 die Tochter, will etwas ſa⸗ gen, ſtottert und ſchweigt endlich.) M. Loͤ⸗ 180— M. Löwe. Du wirſt Ja ſagen. aeeie ergreift ſeinen Arm.) Kommen Sie mein Herr, ich muß allein mit Ihnen reden. (im Abgehen.) Hoͤrſt Du Karoline? Du wirſt Ja ſagen. Hipp. em Abgehn.) Nun freylich, frey⸗ lich— nur Geduld— ich ſchicke einen Ning, einen koſtbaren Ring— verſtan⸗ den? he? Fuͤnfte Scene. Karoline allein. 4. 4 Kuett 3* Kar. Mein guter Stppeldunt! die Kette druͤckt, wenn gleich ihre Ringe von Brillanten ſind.— Ich werde nein ſa⸗ gen, Frau Stiefmutter, und ſollte ich ge⸗ mißhandelt werden.— Duͤrfte ich es nur meinem Vater klagen!— Ach! er wird ſprechen: du gehoͤrſt nicht in mein Depar⸗ temenit. Sech⸗ Sechſte Seene. Raͤthin Warning, Friderike, Karoline. Kar.(ihnen entgegen.) Was ſeh' ich! Frau Raͤthin! meine gute Fridevike! Raͤth. Nicht wahr, Sie haben uns nicht erwartet? Kar. Sie? welcher feyerliche Ton! warum nicht du wie vormals. Raͤth. Liebes Kind, das ſchickt ſich nicht fuͤr mich. Kar. Es ſchickt ſich nicht fuͤr Sie, ein Maͤdchen zu dutzen, das von Kindheit an keine andere Mutter kannte, als Sie, dem Sie Tugend in das Herz praͤgten, es denken und empfinden lehrten— Raͤth. Die ſchoͤnen Zeiten ſind nicht mehr! Kar. Pfuy der Liebe und Dankbar— keit, die von irgend einer Zeit abhaͤngig iſt. —y—— 121 iſt. Wollen Sie mich heute vevſchmaͤhen, weil ich in ſechs Jahren Ihre muͤtterliche Hand nicht kuͤſſen durfte? Raͤth.(ihr geruͤhrt die Hand reichend.) Du— Kar. Jetzt haben Sie meiner ſterben— den Mutter Wort gehalten— und Du Schweſter Friderike? willſt Du mich etwa auch durch ein kaltes Sie zuruͤckſcheuchen? Fvid.(ſie herzlich in die Arme ſchließend.) Habe ich es Ihnen nicht geſagt, Mutter, daß wir unſere Karoline ſo wieder finden wuͤrden? Kar. Sie zweifelten? ach! das thut mir weh. Raͤth. Vergieb miv, daß ich an Dei— nem Herzen zweifeln konnte. Kar. Welch ein gluͤcklicher Zufall fuͤhrt Sie heute nach einer ſechsjaͤhrigen Tren— nung in unſer Haus? Raͤth. Ein gluͤcklicher Zufall? nein mein Kind; nur die Noth konnte mich zwin⸗ 2·* zwingen, dieſes Haus wieder zu be⸗ treten. Kar. Die Noth? Raͤth. Kann ich Deinen Vater ſpre⸗ chen? Kar. Ich will Sie ſogleich melden. (te geht und kehrt wieder um.) Aber nur noch eine Frage: Haben Sie keine Nach⸗ vicht von Auguſt? Raͤth.(ſeufzend.) Keine! Kar.(ſie geht und kommt noch einmal zu⸗ vück.) Seit ſechs Jahren gar keine Nach— richt? Näth.(bricht in Thränen aus.) Keine! Kar. Arme Mutter! Frid. Und Dein guter blinder Eduard? wie geht es ihm? Kar. Wie immer. Er duldet ſtill. Iſt er allein, ſo phantaſirt er wehmuͤthig auf ſeiner Floͤte. Frid. Wer fuͤhrt ihn jezt? Kar. 128 Kar. Ich, wenn ich darf. Oft auch nur ein Bedienter. 16 Frid. Erinnert er ſich noch zuweilen, daß es votmals mein Amt war ihn zu fuͤhren? Kar. O das vergißt er nie! an Dir und Deinem Bruder haͤngt er mit unend⸗ licher Liebe. Frid.(bückt mit gefalteten Haͤnden vor ſich nieder in die Vergangenheit.) Räth. Melde mich Kind; ich moͤchte ungerne Deiner Mutter hier begegnen. Kar. Meiner Mutter? ach! ſeit Sie unſer Haus verließen, habe ich keine Mut⸗ ter mehr!(ab in ihres Pateys Kabinet.) Siebente Sceᷣene. Raͤthin Warning. Friderike. Naͤth. Wie mit alles hier ſo be⸗ kannt iſt! Frid. Und mir! Räth. Zwanzig Jahre habe ich in dieſem Hauſe gewohnt. Frid. Aus jedem Winkel lacht meine frohe Kindheit— Raͤth. In dieſem Zimmer pflegten wir Thee zu trinken. Frid. Hier ſpielten wir blinde Kuh. Raͤth. Dein Vater ſaß dann dort—! Frid. An jener Ecke ſtieß ſich eines ags der blinde Eduard. Raͤth. Da ſteht noch ein Glasſchrank, daſſelbe Porzelain. Da ſteht es noch! und die guten Menſchen, die daraus tranken, T ſind nicht mehr. Frid. Frid. Und ſehn Sie nur, die nämli—⸗ che zerbrochne Gluͤcksgoͤttin, der Bruder Auguſt einſt den Arm entzwey ſchlug. Raͤth. Ach haͤtte er nur mein Gluͤck zerbrochen! er brach auch mein Herz! Frid. Auguſt ſollte beſtraft werden; da kam der blinde Eduard, und gab ſich als den Thaͤter an. 4 Raͤt h. Der gute Knabe! Frid. Ja wohl! der gute ſanfte Eduard! Raͤth. Es war damals alles hier ſo einig— Frid. So froh— Raͤth. Die Welt rings umher ſchien uns ſo uͤberfluͤſſig. Frid. Und war es wirklich. Raͤth. Bis das unſelige Epigramm, wie ein ſcharfer Dolch alles zerſchnitt.(man hört hinter der Scene auf einer Fldte phan⸗ taſiren.) 126 Frid. cheftig bewwegt.) Mutter, hoͤren Sie, Mutter?' Raͤtt h. Das iſt Eduard. Frid.(weint, die Flöte phantaſirt fort.) Darf ich hinein zu ihm? Raͤthin. Nicht doch. Frid. Ich habe ihn in ſechs Jahren nicht geſehen. Raͤth. Wenn die Mutter bey ihm iſt, wie wuͤrde ſie Dich empfangen? Frid. Ich liebe ihn, wie meinen Bru⸗ der, habe ihn oft kindiſch geneckt, das werfe ich mir jetzt vor. Einſt machte ich ihm weiß, ich ſey krank, und wolle ſchlum⸗ mern. Da ſetzte er ſich vor mein Bett und wehrte mir die Fliegen ab. Ich Muthwil— lige ſchlich leiſe davon. Als ich nach ein paar Stunden wieder kam, ſaß er noch im⸗ mer da, ſtille und geduldig, und glaubte mir die Fliegen abzuwehren.(die Floͤte ſchweigt.) O wie ſchaͤmte ich mich damals!— Liebe Mutter! darf ich zu ihm? 773—— Achte Achte Scene. Eduard. Die Vorigen. Ed.(an der Thür.) Jacob! Jacob! Frid. Ach! da iſt er! Ed. Ich hoͤre hier eine bekannte Stimme. Iſt denn niemand da, der mich fuͤhrt? Frid.(naäͤhert ſich ihm zitternd.) Ich bin da. Ed. Du? wer biſt Du? Frid. Kennſt Du mich nicht mehr? Ed. Guter Gott! Du biſt meine Friderike! Frid. Cihm um den Hals fallend.) Mein lieber, lieber Eduard! Ed. Icchleudert die Floͤte weit von ſich, und druͤckt ſie an ſein Herz) Ach! ich muß weinen! ſie haben mir verboten zu wei— nen, aber ich muß! Frid. Wie geht es Dir? Ed. Ich kann noch immer nicht ſehen. Frid. Biſt Du geſund? Ed. Ich eſſe und trinke. Frid. Liebſt Du mich noch? Ed. Ich lebe ja noch. Frid. O! ich habe oft an Dich ge— dacht! Ed. Und ich!— wenn ſie mich ſo allein laſſen— wenn ich vergebens frage: ob es Tag oder Nacht iſt— dann rufe ich Dich! dann biſt Du bey mir!— Acht Jahre bin ich nun blind, aber ich weiß noch recht gut, wie Du ausſiehſt. Frid. Mein Bruder! Ed. cfühlt nach ihr.) Du biſt ſo groß geworden— ſo groß.— wirſt Du denn nun bey mir bleiben? Frid. Ach nein! Ed. Es fuͤhrt mich doch niemand ſo gut, als Du. Frid. Wie gern wollt ich Dich durch das Leben fuͤhren! Ed. Ed. Sage mir ſinde wir' allein? Frid. Nein. Ed. Wer iſt denn noch hier? Frid. Meine Mutter. Ed. Deine Mutter? wo iſt ſie 0 geſchwind fuͤhre mich hin zu ihe. Frid.(ſuͤhrt ihn.) Ed. Ach, wie Du mich ſo ſanft und gut fuͤhrſt!Dwie mir ſo wohl iſt!— Nun, wo iſt denn Deine Mutter? N àt h.(die ihre Thraͤnen zu ugnterdruͤcken ſucht.) Hier, lieber Eduard⸗ Ed.Ja, jaß, das iſt ſie! das iſt die Stimme, die ich immer ſo gern hoͤrte! (er taſtet nach ihr.) Ihre Hand—, Ihre Hand.— Raͤth.(giebt ihim die Hand.) Ed. ckuͤßt ſie, und druckt ſie an ſein Herze) Das iſt ein froher Tag!— Ach! ich lebe ſo einfoͤrmig, ich habe ſo viel lange Weile. Es lieſt mir niemand mehr vor, wie Friderike ſonſt wohl that.— Fride⸗ Fuͤnft(, Band. 3 rike rike gieb mir doch auch Deine Hand.(ſie thut es, er druͤckt beyde Haͤnde an ſich) Das iſt ein recht froher Tag! Geht nicht wie—⸗ der fort! verlaßt mich nicht wieder! ich bin ſo verlaſſen.— Raͤth. Iſt Karoline nicht bey Dir? Ed. Sie darf nur ſelten. Die Mut⸗ ter ſagt, ſie wuͤrde mich verderben. Des Abends ſchleicht ſie ſich wohl⸗ zu mir, und ſagt mir, daß es Abend iſt— aber am Tage habe ich nichts als meine Floͤte. Frid.(weint.) Armer Menſch! Ed. Die Augen wollt ich wohl ent— behren, aber Liebe! Liebe kann ich nicht miſſen. Neunte Neunte Scene. Hauptm. Klinker. Die Vorigen. (Als Klinker herein tritt, ziehen Mutter und Tochter, ſich' etwas ſchuͤchtern von Eduard zuruͤck.) Klr.(der Eduards letzte Worte hoͤrte.) Da haſt Du Recht, mein Freund. Liebe iſt das Athemholen, der Natur; die Welt erſtickt, wenn die Liebe hinaus ſcheidet. Ganz gehorſamer Diener, meine ſchoͤnen Damen. Aber wiſſen Sie auch, daß das Vorzimmer zeines Kanzley-Directors gar nicht dazu gemacht iſt, um Liebeserklaͤ— rungen anzuhoͤren? Fräid. Mein Herr— Klr. Ihr Herr?, mein ſchoͤnes Kind, moͤgte ich nur dann ſeyn wenn der Prieſter es geſagt haͤtte; aber Ihr Sclave, ſobald Sie es befehlen. J12 Ed. Ed. Willkommen lieber Hauptmann Klinker. Klr. Hier haſt Du meine Hand, blin⸗ der Liebesgott. Wie geht es Dir. Ed. Heute recht gut. Klr. Da haben wir die Macht der Schoͤnheit. Sie iſt wie die Sonne, auch ein Blinder fuͤhlt ihre Naͤhe. Raͤth.(etwas empfindlich.) Herr Hauptmann ich weiß nicht— Klr. Madam, ich weiß ſchon, was Sie nicht wiſſen. Mein Ton faͤllt Ih⸗ nen auf, nicht wahr? Räth. Allerdings, ich geſtehe— Klr. Uund ich geſtehe, daß ich ein Narr bin, weil die Narren uͤberall am be— ſten durchkommen. Die ganze Stadt hat ſich nun einmal an meinen Ton ge⸗ woͤhnt, und ich hoffe, Sie gehoͤren auch zur Stadt, denn ſonſt wandere ich noch heute zum Thor hinaus. Raͤth. 2 3 Raͤthl“ Wir ſehen uns zum erſten⸗ male.— Klr. Das thut mir ſehr leid. Ich werde Sie taͤglich beſuchen muͤſſen, um den Verluſt einzuholen. Raͤt h. ckey Seited. Ein ſonderbarer Mann. Ed. Hauptmann Klinker iſt ein guter Menſch, immer luſtig. Er ſpottet oft, aber beleidigt nie. Raͤt h.(gedenkt ihres Sohnes und ſeufzt.) Klr. Blinder, Du ſollſt mir den Lei— chen⸗Sermon halten. Ed. Er hat mich oft uͤber meinen Zuſtand getroͤſtet. Einmal bewies er mir ſogar, daß Blindheit ein Gluͤck ſey. Khr. Allerdings. Frid. daaͤchelnd.) Blindheit ein Gluͤck? Klr. Ja, ja, mein ſchoͤnes Kind, das getraue ich mich zu beweiſen, nur eben nicht in Ihrer Gegenwart, weil dann freylich zwey offene Augen noch zu wenig ſind. daͤt h. Raͤth. Sie helfen ſich durch eine galante Wendung. Klr.“ Olnein! wenn Sie mich her⸗ ausfodern— zum Exempel, iſt es denn etwa ein Vergnuͤgen, die Schurken auf der Welt herumwandeln zu ſehen? Raͤth. Ey nun, wer ſie nicht ſieht, der hoͤrt ſie doch. Klr.“ Mit nichten, ſie treten gewoͤhn— lich ſehr leiſe auf.— Und denken Sie nur, wenn die ganze Welt blind waͤre, wie manches Uebel weniger, wie manches Gute mehr. Krieg, zum Beyſpiel, Krieg waͤre ſchon gar nicht; Sie muͤßten denn an⸗ nehmen, daß ein Paar Armeen Blindekuh mit einander ſpielten. Jedeu bliebe fein zu Hauſe, denn wer in der Welt herumliefe, ſtieße ſich vor den Kopf. Kein Ehemann waͤre untreu, denn er haͤtte keine Augen fuͤr fremde Schoͤnheiten. Niemand wuͤrde ſich mehr durch Luxus ruiniren; keine blinde Dame koͤnnte mit blinden Pferden ausfah⸗ ren, ren, nur um zu ſehen und geſehen zu wer— den. Und— denken Sie nur— welch' ein Vortheil fuͤr die Haͤßlichen! eine ſanfte, weiche Hand waͤre ſchon genug um Liebe einzufloßen! Der Verſtand wuͤrde anfangen etwas zu gelten. Wenn die Damen lach⸗ ten, ſo muͤßten ſie immer ſagen, warum? denn man wuͤrde nichts mehr verzeihen um der ſchoͤnen Zaͤhne willen. Die Gerechtig— keit bliebe zwar blind, wie bisher, aber die Liebe— die Liebe wuͤrde weit heller ſehen. Kurz, wenn ich einen Staat von lauter Blinden wuͤßte,— Gu Frideriken mit einer leichten Verbeugung.) oder, wenn ich Sie nicht geſehen haͤtte— ſo ließe ich mir noch heute die Augen ausſtechen, und zoͤge dahin. Frid. Sie wuͤrden wenig Nachahmer finden. Klr. Es wäre doch naͤrriſch genug, und das Narriſche findet immer Nach⸗ ahmer. Ed. 136 Ed. Richt wahr, er hat es bewieſen? er hat Recht. Klr. Das ſagſt Du, weil Du blind biſt. Ich gbehaupte⸗(mit einem Blick auſ Frideriken) daß,ich. Unrocht habe. d.Koͤnnte ich nur meine Friderike 95 Klr.“ Ey, mer iſt denn die? Ed. Worum entzogſt Du mir Deine Hand 7.(er tuppt nach ihr.) Frid.(reicht, ihm die Hand, die er ſanſt liebkoſt.) Kür. Ich erſtaune. Man pflegt ſonſt zu ſagen: Die Liebe ſchleicht ſich nur durch die Augen in das Herz. Ed. Ganz recht, lieber Hauptmann, ich bin blind geworden, um ihr, den Ruͤck⸗ weg zu verſperren. Klr. Menſch! Du ſtoͤßeſt mein gan⸗ zes Syſtem um; denn wenn die Macht der Schoͤnheit ſich auch auf Blinde er—⸗ ſtreckt, 575 R aͤth. 3— Raͤth. Sie irren, Hert Hauptmann. Eduard und meine Tochter wurden mit ein— ander erzogen. Klr. So? iſt der Bube darum ſo ſanft, ſo weiblich? Raͤth. Wir wohnten vormals in die— ſem Hauſe. Klr. Und jetzt? Raͤth. Jetzt ſind wir Fremde, die als Bittende erſcheinen. Klr. Schade, daß Sie nichts von meir zu bitten haben. Zehnte Sc̃ene. Madam Löͤwe. Die Vorigen. M. Loͤwe eſtutzt als ſie hereintritt.) Sie hier Madam? mein Gott! was wollen denn Sie hier? Raͤth. Ich wuͤnſche mit dem Hervrn Kanzley-Director zu ſprechen. M. Loͤ⸗ M. Löwe. emit vornehmer Kätte.) So, ſo, ſchon gemeldet!? Räth. Mademoiſell Karoline gieng hinein. M. Loöwe. War denn kein Bedienter bey der Hand? Klr. Schoͤne Frau, wer auf Erden Ungluͤckliche anmeldet, darf einſt dort nicht lange im Voörzimmer warten. M. Löͤwe. Sieh da, Herr Haupt⸗ mann. Wie kommen Sie in die Klienten⸗ ſtube?(mit einem Blick auf die Raͤthin.) Klr. Haben Sie mich noch nie hier geſehen? o ich bin ſehr oft hier. Den gan— zen Vormittag pflege ich von einem Staats⸗ 6 manne zum andern, aus einem Vorzimmer ins andere zu laufen. M. Löͤwe. Haben Sie denn etwas zu ſuchen? Klr. Gott ſey Dank, nein! wenig⸗ ſtens nichts, was ich da finden koͤnnte. 139— M M. Loͤwe. Dann iſt es eine vol Ih⸗ ren Sonderlingslalmen. Klri Keinesweges.“ Aber Sie wiſſen, ich binzein wenig Mahler, und auch ein wenig Dichter— M. Löwe. Gehoͤren denn die ſchönen Kuͤnſte in die Vorzimmer? Klr. Sie gehoͤren freylich nicht dahin, aber man findet ſie meiſtens dort. Doch das beh Seite. Ein Mahler, ein Dichter, muß jede Leidenſchaft mit allen ihren Nuͤan⸗ cen' keunen lernen, und wo kann er das beſſer,ſals in dem Vorzimmer eines maͤch⸗ tigen Mannes?— Da ſitze ich in einer Ecke und lauſche. Furcht, Hoffnung, Er⸗ wartung, Gram, Freude— alles das wogt in den Geſichtern auf und nieder. M. Loͤwe. Eine ſeltſame Unterhal⸗ tung. Und was gewinnen Sie am Ende dabey? Klr. Menſchenkenntniß. M. Löwe. Ich zweifle. Wer etwas zu ſuchen hat, der vevſtellt ſich. Klr. O ja, wenn er thinein geht zum Miniſter, aber nicht, wenn er her⸗ aus kommt. Ich habe es ſo weit gebracht, ſchöͤne Frau, daß ich es jedem Clienten an der Naſe anſehen will, ob er das Gute oder Boͤſe verdiente, was ihm bey der Au⸗ dienz wiederfahren iſt. M. Löwe. Ein ſolcher. Menſchenken⸗ ner iſt oft mehr werth, als ein Gelehrter. Klr. Und es waͤre gar nicht uͤbel, wenn ſtatt der unverſchaͤmten Kammerdie⸗ ner, in jedem Vorzimmer ein ſolcher Mann ſtaͤnde.— Setzen Sie, zum Beyſpiel, ich— ich waͤre jetzt hier in dieſer Qua⸗ litaͤt angeſtellt. M. Loͤwe. Nun? was würden Sie thun? Klr. Ich wuͤrde fuͤrs erſte dieſen Da— 8 men Stuͤhle ſetzen.(er thut es wirklich.) M. Loͤ⸗ 141 M. Löwe(wendet ſich halb ſpötticch, halb verdrͤßlich ab.) Was machſt Du hier, Eduard? Ed. Ich? ich habe meine Floͤte ver⸗ lohren— e. Loͤwe. Wer hat Dich aus dem Zimmer gefuͤhrt? Ed. Niemand— M. Löwe. Du weiſt, ich kann es nicht leiden, wenn man ſein Elend oͤffent⸗ lich zur Schau traͤgt. Ed. Ach Mutter! ich bin ſo vergnuͤgt! meine gute Friderike iſt hier. M. Loͤwe. Was ſoll das heißen? eure ehemaligen Verhaͤltniſſe ſind laͤngſt vergeſſen. Ed. Ein Blinder vergißt nie. M. Löwe.(mit einem bittern Blick auf Frideriken.)“ Solche Vertraulichkeiten ſind unſchicklich. Raͤth. freut mich. Raͤth. Friderike! geh' auf dieſe Seite. Die gnaͤdige Frau ſieht es nicht gern, daß man ihren Sohn ſchweſterlich liebt. M. Loͤwe. Wie ſpitzig! das war wohl ſchon wieder ein Epigramm? Eilfte Scene. Der Kanzley,⸗Director. Die Vorigen. Löwe.(mit Hut, Stock und Degen, ein Bündel Acten unter dem Arm.) Madam, es freut mich, Sie zu Ja, ja, es M. Loͤwe.(ſtößt ihn an, leiſel) Es freut Sie? Sind Sie toll? Loͤwe. Stille doch, mein Schatz.— Das die Mamſell Tochter? ey, ey, huͤbſch groß geworden.— Gehorſamer- Diener Herr Hauptmann. Sie verzeihen Ge⸗ ſchaͤfte— Klr. Klr.. Ohne Umſtaͤnde. Ich bleibe, wenn ich darfz oder ich gehe, wenn dieſe Damen allein mit Ihnen zu ſprechen wuͤn⸗ ſchen. Raͤth.) Bleiben Sie, Herr Haupt— mann, ich ſchaͤme mich meiner Armuth nicht. Klr.(lehnt ſich mit verſchraͤnkten Armen an die Wand und beobachtet.) Loͤwe. Womit kann ich dienen? Räth. Herr Kanzley-Director, es geht mir ſehr uͤbel. Loͤwe. Das hoͤre ich mit Verdruß. Raͤt h. Sie koͤnnten helfen— Loͤwe. Wenn es in mein Departe— ment ſchlaͤgt, von Herzen gern. M. Löwe.(heimlich zu ihrem Manne.) Haſt Du vergeſſen? das Epigramm— Raͤth. Ich bin kränklich. Meine Tochter arbeitet Tag und Nacht; aber ihre Kraͤfte reichen nicht zu. M. L d⸗ 144 M. Loͤwe. Schickt denn der Herr Sohn nichts aus freinden Landen? Raͤth. Das iſt hart! M. Löwe. Nun er war ja ein Ge— nie! ein Kraftmann! ſolche Leute braucht man uͤberall. Ed.(der aͤngſtlich zuhört.) Wo iſt meine Floͤte? Raͤth. Geſtern, Herr Kanzley-Di— rector ſtarb die Wittwe Brandenſtein. Durch ihren Tod iſt eine Penſion erledigt worden, die die fuͤrſtliche Schatulle zahlte. Se. Duuychlaucht verſprachen einſt in einem ſol⸗ chen Falle ſich meiner gnaͤdigſt zu erinnern. M. Loͤwe. Ja, das war zu einer Zeit, wo— Löͤwe. Stille, mein Schatz! das ge— hoͤrt wirklich in mein Departement. Raͤth. Sie, Here Kanzley⸗Director, waren der Freund meines ſeligen Mannes. Loͤwe. Das war ich. Räth. Sie wiſſen, daß er treu und redlich gedient hat— Loͤwe. Ja, ja, das hat er. Raͤth. Ich ſchmeichle mir!' daher mit der Hoffnung— M. Loͤwe. Die Frau Raͤthin ſcheinen ganz vergeſſen zu haben, daß die Unarten des Sohnes noch groͤßer waren, als die Verdienſte des Vaters. Raͤth. Nun ja, mein Sohn handelte unbeſonnen, ſoll ioh' dafuͤr buaͤßen? oder ha be ich nicht ſchon dafuͤr gebüßt? M. Loͤwe. Eltern, die ſich eine vern nachlaͤßigte Erziehung zu Schulden kommen laſſen— Ed. O wer giebt mir meine Floͤte! Raͤtth. Ich weiß, Madam, daß ich von Ihnen nichts zu hoffen habe; aber den Freund meines Mannes, den gerechten Die— ner des Fuͤrſten fodre ich auf— Loͤwe. Sehr wohl, Madam, ich wer— de— Fuͤͤnft. Band. K M. Loͤ⸗ 146— M. Loͤwe.(haſtig und leiſe.) Nichts, werden Sie thun, gar nichts! Loͤwe. Ich werde meine Pflicht— M. Loͤwe. Ihre Pflicht iſt, die be⸗ leidigte Ehre Ihrer Gattin zu raͤchen. Loͤwie.)(wendet ſich zu ihr.) Aber was kuͤmmert mich der Sohn? M. Löwe. Er hat Epigramme ge— macht auf Stadt und Land. Loͤwel! Aber, mein Schatz, Sie ſind ja nicht Stadt und Land. M. Loͤwe. Wenn Sie etwas verſpre— chen— ich laſſe mich ſcheiden. Loͤwe. Ja ſo!(laut.) Meine Frau er⸗ innert mich da eben auf einen Umſtand— Raͤth. Mich duͤnkt, meine Noth iſt der einzige Umſtand, der hier zu erwaͤ⸗ gen iſt.“ Löwe. Ich werde es dem Faͤrſten vor— tragen.(zu-feiner Frau, dic ihm Geſichter ſchnei⸗ det.) Ja, das muß ich, das iſt meine Pflicht. Raͤth. 147 Raͤth! Dann bin ich ſchon zufrieden. M. Loͤwe. Aber es ſtehen bereits an⸗ dere auf der Exſpectanten-Liſte; nicht wahr, mein Schatz? Loͤwe. Ich weiß nicht— M. Loͤwe.(ihn eneifend.) Freylich wiſ⸗ ſen Sie, beſinnen Sie ſich doch nur. Loͤwe. Ja, ja, ich beſinne mich. Raͤth. Wenn darf ich die Entſcheidung abholen? Lowe. Jetzt muß ich nach Hofe, und da— M. Loͤwe. Da giebt es fuͤrs erſte viel zu thun. Loͤwe. Dieſen Nachmittag. M. Loͤwe. Wo denken Sie hin! wir werden Geſellſchaft haben. Loͤwe. Ey was, mein Schatz! die Geſellſchaft gehoͤrt nicht in mein Departe— ment. Und Antwort muß die gute Frau doch haben! wie?— Nachmittag Frau Raͤthin, fuͤr jetzt Gott befohlen. Ler geht.) K 2 M. Loͤ⸗ 148— M. Loͤwe.(beyſeite.) Ich muß den Mann nur inſtruiren Gaut.) Ihre Die— nerin Madam. Keine Nachricht von dem jungen Herr Warning? Klhr. gtutzt.) Warning? Warning? M. Löwe. Iſt noch kein Baͤndchen Epigramme von dieſem zweyten Kaͤſtner im Druck erſchienen?(ſie macht eine hoͤhni⸗ ſche Verbougung, und folgt ihrem Manne.) Raͤth. anit einem Blick gen Himmel.). Geduld! Zwoͤlfte Sc̃ene. Die Vorigen ohne Herr und Madam Loͤwe. Klr. Warning? heißt Ihr Sohn Warning? Ed.(ſauft weinend.) Ich ſoll ja nicht weinen! Klr. Antworten Sie mir Madam. Raͤth. 149 Raͤth. Ja mein Herr, Warning heißt der ungluͤckliche junge Menſch, der durch einen witzigen Einfall ſich und ſeine Familie ins Elend ſtuͤrzte. Kli. Doch nicht Auguſt Warning? Raͤth.(erſtaunt.) Sie kennen ihn? Klr. Ob ich ihn kenne? ohne ihn wandelte ich jetzt an den Ufern des Stir. Räͤth. Wie das mein Herr? Kli. Ich war in Venedig, lag im e Aerzte ſprachen mir — hitzigen Fieber; d dasl Leben ab; Ihr Sohn hat nich eu— rirt. Raͤth. Vom hitzigen Fieber? un— moͤglich! wodurch? Klr. Je nun, was weiß ich. Ihr Sohn iſt ein ſehr geſchickter Arzt. Raͤth. Arzt? Sie irren. Er ver— ſteht nichts von der Arzneykunſt. Klr. Nichts? das thut mir leid. Raͤth. Ach! ſchon glaubte ich ein Wort des Troſtes zu hoͤren. Vergebens! Klr. Klr. war, ſo war es doch ein Namensvetter, und alle Warnings haben ein Recht auf meine Dankbarkeit. Indeſſen, wenn er es nicht Ed.(leiſc.) Biſt Du noch da Fride— rike? Klr. Folglich, Madam, wenn Sie einen Freund brauchen, ich bin der Haupt—⸗ mann Klinker. Erkundigen Sie ſich nach mir, Sie werden nichts Boͤſes von mir hoͤren„und das iſt ſchon viel, denn das Gute pflegt niemand nachzuerzaͤhlen. Ed. Ueiſe.) Iſt meine Mutter fort? Dreyzehnte Scene. Karoline. Die Vorigen. Kar.(die ſchon, als ihre Eltern noch da waren, dann und wann an der Thuͤre lauſchte, eilt jetzt ſchuchtern aus ihres Vaters Zimmer, und drückt Frideriken indem ſie ſie um⸗ umarmt, einen kleinen Beutel in die Hand, mit den Worten:) Das habe ich fuͤr Dich erſpart.(darauf wendet ſie ſich ſchnell zu der Mutter, kuͤßtt ihr mit Innbrunſt die Hand, und verſchwindet.) Frid. Was war das? Mutter ſehn Sie, ſoll ich das behalten? Raͤth. Warum nicht? ſie gab es von Herzen. Frid. Ich kann aber' noch arbeiten. Soll ich denn die Freude, meine Mutter zu ernaͤhren, mit einer Fremden theilen? Raͤth. Du bedarfſt Ruhe, und Ka— roline iſt uns nicht fremd. Frid. Es bleibt aber doch immer eine Abt von Almoſen. Rath.“ Wohlthaten kann die Liebe erzeigen, aber Almoſen giebt ſie nicht. Ed. Ach! daß ich ſo arm bin! Klr. Braves Maͤdchen, die Karoline! erlauben Sie guͤtigſt. cer nimmt Frideriken den Beutel aus der Hand, und beſieht ihn.) Gute 15e2— Gute Seele! ich weiß, wie knapp die Frau Stiefmutter dich haͤlt—und es iſt ziemlich viel— du muſt lange daran ge⸗ ſammelt hahen.(waͤhrend er dieſes ſpricht, verwechſelt er insgeheim Karolinens Beutel mit ſeinem eigenen, und giebt dieſen darauf ganz unbefangen Frideriken mit einer Verbeu⸗ gung zuruͤck.) Füts(diees ſogleich gewahr wird⸗) Halt mein Herul das iſt ja nicht/ der nem⸗ liche Beutel? Klr. ckomiſch zuͤrnend.) Was? Sie beſchuldigen mich eines Diebſtahls? Frid. Dieſer iſt ja dreymal ſchwerer, als der vorige. Klr. Meinen Sie ich waͤre ein Taſchen⸗ ſpieler? und haͤtte Steine hinein practizirt? Frid. Geld iſt darin, viel Geld, Ihr Geld mein Herr. Klr. Ich habe Karolinen in meinem Leben nichts geſchenkt, und folglich kann auch mein Geld nicht dabey ſeyn. Frid. Fride Ich bitte Sie, Horr Haupt⸗ mann. Muttev kommen Sie mir zu Huͤlfe. Raͤth. Ich verſtehe Sie; mein Hebr. Khr. Aber ich' verſtehe Sie nicht. Raͤth.“ Ihre Großmuth— Klr. Eine verdammte Großmuth, daß ich einen Beutel zuruͤckgebe, der mir nicht zugehoͤtt. Frid. Herr Hauptmann, das Ge⸗ ſchenk meiner Freundin demüthigte mich nicht. Das Ihrige kann ich nicht anneh⸗ men. Klr. Aber wiſſen Sie Mamſell, daß ich im Ernſt anfange boͤſe zu werden? womit wollen Sie mirt eine Spitzbuͤberey beweiſen? haben Sie Zeugen? gegen den Blinden da proteſtire ich. Frid. Ezweifelhaft, was ſte thun ſoll.) Wahrhaftig, das iſt ſonderbar. Klr. Nach Ihrem Belieben. Aber 4 ich finde es noch weit ſonderbarer, daß Sie Sie einem ehrlichen Mann, den Sie zum erſtenmale ſehen yſo mir nichts dir nichts, des Diebſtahls beſchuldigen. Quilibet prae⸗ gumitur Föngste——3 Friid.(ſieht itzro, Mutter an.) Raͤth. Sey zruhig, mein Kind. Wer ſo giebt„„dem iſt es Ernſt mit dem Geben. Ed. Lieber Hauptmann, kommen Sie her zu mir. 103 WintKl“ Willſt Du mir etwa die Ta⸗ ſchen viſitiren? Ed. Die Hand will ich Ihnen druͤcken. Vierzehnte Scene. Madam Löwe. Die Vorigen. M. Löwe. Wie? noch immer hier? ſteht noch etwas zu Ihren Dienſten Ma—⸗ dam? Raͤth. Verzeihen Sie.— N. Loͤ⸗ 155 M. Löoͤwe. Mein Mann iſt nicht mehr zu Hauſe, und mir war ja die Ehre Ihres Beſuchs nichtl zugedacht. Rath. Ich verſtehe. Komm meine Tochter.(beyde verbeugen ſich⸗) M. Löͤwe.(erwiedert es nachlaͤßig und halb ſpöttiſch.) Raͤth. Ju Klinker.) Herr Haupt⸗ mann, es giebt Menſchen, die man nie wieder vergißt, wenn man ſie auch nur einmal geſehen hat. Klr.(ſich nachlaͤßig buͤckend, als ob es ihm nichts angienge.) Das kann wohl ſeyn. Frid.(nit einer dankbaren Verbeugung⸗) Im Namen meiner Mutter.(ſie druͤckt Eduard verſtohlen die Hand) Ed. Vergiß mein nicht!(Mutter und Tochter gehen ab.) Ed. Du gehſt? M. Loͤwe. Was ſoll das bedeuten, Herr Hauptmann? Ed. Ach! gebt mir meine Floͤte! Klr. Klr. Bedeuten? mit Erlaubniß, ſchoͤ⸗ ne Fraué, was die Daämen ſagen, bedeutet nicht immer etwas. „M. Loͤwe. Spoͤtter! Klr. Dagegen ſagen ſie aber auch zu⸗ weilen mit einem Worte mehr, als ein Stuben-Philoſoph in einem Quartanten. M. Löwe. Sie lenken ab—⸗ Klir. Gut, daß Sie mich auf das Lenken erinnern. Der Baron Tkumpf will heute ein paar neue Schimimel pro⸗ biren; er weiß, daß ich ein ausgelernter Hütſcher bin, ich ſoll mit ihm fahren. Ihr Diener, ſehoͤne Frau! Cim Vorbehgehen zu Ebduard) Blinder! es iſt gut, wenn man zuweilen auch ſtumm iſt. C(ab.3 Funf⸗ Funfzehnte Srene. Eduard und ſeine Mutter. M. Löwe. Was iſt hier vorgefallen? Ed. Nichts. M. Loͤwe. Haſt du Geheimniſſe vor deiner Mutter? Ed. Ein Blinder und Geheimniſſe! M. Löwe. Aber hoͤren kannſt du doch? Ed. Leider habe ich hoͤren muͤſſen, wie hart Sie mit meiner Friderike und ihrer Mutter umgiengen. M. Löͤwe. Hart? ſeht doch! haſt du das Epigramm vergeſſen? Ed. Was hat die Schweſter mit des Bruders Unart zu ſchaffen? O Mutter! Sie koͤnnten mein Elend erleichtern, wenn Sie mir das liebe Maͤdchen— M. Loͤwe. Schweig! Dir ſteht ein Gluͤck bevor. Ed. Mir? M. Loͤwe. Du wirſt vielleicht bald keines Fuͤhrers mehr beduͤrfen. Ed. Werde ich ſterben? M. Loͤwe. Ein beruͤhmter Augenarzt beſucht Dich noch heute, Ed. Kann er' mir helfen? M. Löͤwe. Wir hoffen es. Ed. O! dann werde ich Feideriken ſe— hen! M. Loͤwe. Du wuͤrdeſt dann ganz andere Dinge ſehen. Durch unſern Ein—⸗ fluß, unſer Vermoͤgen—omein Sohn! was koͤnnte noch aus dir werden! Ed. Friderikens Gemahl! M. Löwe. Poſſen! Komm auf dein Zimmer. Ich will Dir Entwuͤrfe mitthei⸗ len, vor deren Hoͤhe Dir ſchwindeln ſoll. Ed.(indem er ſabgeführt wird.) Ach'! wenn ich Frideriken nicht ſehen darf, ſo ge⸗ be man mir meine Floͤte, und laſſe mich in der Blindheit. Ende des erſten Akts. Zweyter Akt. (Eine abgelegene Gegend. Im Hintergrunde ein Garten⸗Zaun mit einer Thür. Seit⸗ waͤrts ein Ziehbrunnen; einige Bäume und eine Naſenbank.) ——-—-— Erſte Scene. Hauptmann Klinker tritt auf. (Sonskibal⸗— ganz verteufelt ſonderbar! — es gibt Menſchen, die man ſchnell lieb⸗ 10 gewinnt, ſo auch fremde Gedanken, mit denen manleicht vertraut wird— und der Henker werde ſie wieder los! ſie wuͤhlen N ſich ,wie ein Haarwurm durch Fleiſch und Blut. 100— Blut.— Cer ſieyt ſich um.)“ Da bin ich in eine ziemlich abgelegene Gegend gera— hen, ich weiß ſelber nicht wie. Setzen Sie ſich, mein lieber Hauptmann Klinker. Sie ſind ja ſo oft vernuͤnftig geweſen, wo es ganz uͤberfluͤſſig war, jetzt haben Sie das bischen Vernunft verdammt noͤthig. Setzen Sie ſich. Cer wirft ſich auf eine Na— ſenbank.) Sie wollen alſo heyrathen?— St! ums Himmels willen nicht, ſo laut! — ey, ey, das iſt ein ſchlimmes Zeichen. Warum ſchaͤmſt du dich, als ob du ſtehlen wollteſt?— Friſch heraus damit! Sie wollen alſo—(er'ſieht ſich uͤberall um, dann laut.) heyrathen!— Nun ja, ſchreyen Sie nur nicht ſo— Aber ſind ſie nicht ein Narr in folio? Als Sie die Maͤdchen noch ſuͤr lauter Engel hielten, da zogen Sie ſich drey Schritt zuruͤck, ſo oft das Wort Eheſtand ausgeſprochen wurde, und jetzt, da Sie wiſſen, was ein Maͤdchen fuͤr ein unſicheres Ding iſt— Klinker! Klinker! biſt biſt du darum ſo weit gereiſet?— Ja, wenn du verliebt waͤrſt, wie ein Knabe von 17 Jahren— aber— zwey Maͤd⸗ chen gaukeln vor dir herum, und du haſt noch nicht einmal gewaͤhlt. Sehr vernuͤnf⸗ tig— ſehr weiſe— es laͤßt ſich nichts dagegen einwenden— gar nichts. Cploͤtzlich mit dem Stocke ſtampfend.) Aber zum Hen⸗ ker! ich bin ja lange genug ein geſcheiter Kerl geweſen, ich will nun auch eintmal ein Narr ſeyn, der ganzen Welt zum Poſ—⸗ ſen!— Ler ſpringt auf.)) Heyrathen will ich! und Sie geſtrenge Frau Vernunft, Sie ſoll nicht einmal eine Stimme bey meiner Wahl haben. Der Sufall ſoll ent⸗ ſcheiden, das Loos!— Das Loos? ha! ha! ha!(ylötzlich ernſt⸗ haft.) Na? was gibts denn da zu lachen? — Iſt das Heyrathen nicht ſchon tauſend⸗ mal mit einer Lotterie verglichen worden? und wohl dem Sterblichen, der ſo einſetzt, wie ich: meine Lotterie hat zwar nur zwey Fuͤnft. Band. L Tref⸗ 162 Treffer, aber keine Niete.— Wohlan! Freund Klinker, wir lobſen, Cer pfluͤckt zwey Blumen.) Zwey Gaͤnſebluͤmchen. Das eine iſt Karbline, das andere Friderike.— Halt! halt! wer wird ſeine Maͤdchen mit Gaͤnſeblumen vergleichen? Cer wirft ſie weg.) Hier ſtehen Veilchen, die ſind paſſender. Cer pflückt zwey Veilchen.) Beyde kaum anf⸗ gebluͤht— beyde ſo duftend— Cer nimmt in jede Hand eins.) Alſo hier Karoline— und hier Friderike— wie mache ich es nun mit dem Looſen, ohne mich ſelbſt zu betruͤgen? Er blickt von ungefaͤhr ſeitwaͤrts in die Ferne.) He! Du Kleiner! pſt! pſt! Komm her zu mir! 163— Zweyte Scene. Ein Knabe und Klinker. Knabe.(mit einem leeren Vogelneſt.) Was will der Herr? Klr. Das ſollſt du gleich hoͤren. Was haſt du da? Knabe. Ein Vogelneſt. Klr. Es iſt ja nichts darin. Knabe. Leider iſt nichts darin. ſtern waren noch fuͤnf Junge in dem Ne⸗ ſte, die ſperrten den Schnabel auf, wenn man ihnen nah kam. Klr. Und heute ſind ſie ausgeflogen? Knabe. Wie der Herr ſieht. leere Neſt. O man muß gewaltig aufpaſ— ſen! entweder kommt man zu fruͤh— da ſterben die Jungen; oder zu ſpaͤt— weg ſind ſie! Klr. Ja, ja, du haſt Recht: zu fruͤh oder zu ſpaͤt. Faſt fuͤrchte ich, daß ich zu 892 ſpaͤt komme. Aber da ſich nun einmal al— les Neſter bauet, warum ſoll ich denn al—⸗ lein, wie ein Guguk herumfliegen?— Hoͤre Bube, willſt Du ein paar Groſchen verdienen? Knabe. Auch wohl Thaler, wenn es ſeyn kann. Khr. Setze dein Neſt auf die Erde. (der Knabe thut es.) Siehſt Du dieſe bey⸗ den Veilchen? Knabe. Ja. Klr. Das hat einen langen Stiel, das andre einen kurzen. Knabe. Das ſeh' ich. Klr. Ich werfe ſie in das Reſt. Knabe. Was ſollen ſie da? Klr. Jetzt decke Deinen Hut druͤber. Knabe.(thut es.) Kurios! Klr. Jetzt fahre mit der Hand unter den Hut, und hole mir eins von den Veil— chen aus dem Neſte. Knabe. Welches denn? 165 Klr. Welches Du willſt. Knabe.(Ethut es.) Nun da! Klr. Karoline! Knabe. Heißt das Veilchen Karo— line? Klr. Ich bin zufrieden mit meinem Looſe. Knabe. Was nun weiter? Klr. Jetzt kannſt Du gehen. Knabe! Aber meine paar Groſchen? Klr. Allerdings, die gebuͤhren Dir. Cer zieht Karolinens Beutelchen hervor.) Und welche Groſchen? Knabe. Ey, das gilt mir gleich; einer ſo gut, als der andere. Klu. Pfuy Knabe! wenn! man die Geſchichte jedes Groſchens wuͤſte, man wuͤrde manchen nie in die Hand nehmen. Knabe. Ich verſteh' den Herrn nicht. Klr. Da nimm. Noch eins: wenn Du mich um Jahr und Tag wieder an— triffſt, und ich dann noch ſo vergnügt aus⸗ ſehe ſehe als heute, ſo fodere keck einen Tha— ler von miy, hoͤrſt Du? Knabe. Danke, danke.(beyſeite, in⸗ dem ev das Geld betbachtet.) Was der Mann fuͤr eine Freude uͤber ein Veilchen hat; Ich will ihm einen Hut voll holen.(Claͤuft fort.) Klr. Alſo, gewaͤhlt haͤtten wir. Nun kommt es nur noch auf eine Kleinigkeit an:— ob das Maͤdchen uns haben will? Dritte Scene. Hippeldanz und Klinker. Hipp. Gehorſamer Diener Herr Hauptmann. Wie kommen Sie in dieſe Einoͤde? ein galantes Abentheuer, wie? Klr. Das ſchoͤne Wetter— Hipp. Ey, das machen Sie einem Dummkopf weis. Klr.(beyſeite.) Nun ja, das thu ich ja. Hipp. 162— Hipp. Ich bin auch dabey geweſen, oft! verſtehen Sie? Cer trockuet ſich den Schweiſ von der Stirne.) Klr. Iſt es Ihnen immer ſo ſauel geworden, als heute? Hipp. Heute? ja heute iſt ein war⸗ mer Tag. Ich muß hinaus zu meinem Oheim. Khr. Hat er friſche Auſtern bekommen? Hipp. Nichts Auſtern! Der Dienſt —(witzig.) Unter uns. Haben Sie nichts gehöͤrt? Klr. O ja, die Nachtigall ſchlaͤgt⸗ Hipp. Was Nachtigall! Hier iſt von ganz andern Trillern die Rede. Haͤl haͤ! haͤ! Sie kommen uͤberall hin. Aber die Staats-Geheimniſſe ſind Ihnen verborgen. Klr. Was iſt zu thun! uns beyden ſagt man nun ſchon einmal nichts. Hipp. Mir wohl.— Se. Durch⸗ laucht haben Verbeſſerungen im Sinne. Klr. Sie werden doch nicht abgeſetzt? Hipp. 66 Hipp. Spottvogel!— der Fuͤrſt hat ſaͤmmtlichen Kammer-Raͤthen anbefohlen ihre Gedanken— verſtehen Sie! ihre Gedanken— Klr. Armer Mann! ja, ja, ich ver⸗ ſtehe. Hipp. Ueber das Commercial-We⸗ ſen, uͤber auswaͤrtige Handelsverbindungen und dergleichen, auf das Papier zu wer⸗ fen; und da habe ich nun—(er zieht ein Buͤndel Papier aus dem Buſen.) Klr. Ein Kochbuch geſchrieben.“ Hipy. Scherz bey Seite! Sie haben mir das nicht angeſehn? Kle“ Wahrhaftig, ich habe Ihnen gar nichts augeſehen. Hi pp. Sie haben nicht geglaubt, daß der dicke Hippeldanz im Stande waͤre, ſo viele Bogen vollzuſchreiben? Klr. Abzuſchreiben, warum nicht? Hipp. Selbſt gemacht, Freundchen, ein Gutachten— alles ſelbſt gemacht. Und ge⸗ 169— getrunken habe ich dabey! ganz moͤrderlich! D Faß Burgunder. el paar Bogen koſten mich ein halbes Klr. Das muß ja ein recht feuriges Gutachten ſeyn! Hipp. Feuer! viel Feuer! Der Fuͤrſt wird erſtaunen! Dieſen Nachmittag wird es uͤberreicht. Ich will eben hinaus zu mei—⸗ nem Oheim; er iſt ein alter Practicus, er ſoll mir das Ding noch einmal durchſehen. Vier Augen ſehen mehr, als zwey; wie? Ktr. Nicht immer. Es giebt Faͤlle, wo hundert Augen kaum ſo viel ſehen, als zwey. Hipp. Sehr verbunden. Sie ſind ein kleiner Schmeichler. Klr. Nein, bey meiner armen Seele! Hipp. Da, dä, leſen Sie, leſen Sie. Wir ſind ja gute Freunde.(Er ſtopft ihm ſeine Papiere in die Hand.) Klr. Heunte leſe ich nichts, mein Schatz. Es iſt zu warm, ich ſchlafe gleich ein. Hipp. Da haben Sie recht, ſo geht mirs auch. Aber nur die erſten paar Sei⸗ ten, die Hauptideen. Klr. Sind auch Ideen davin? Hipp. Allerdings! große luminoͤſe⸗ Ideen! Da, zum Beyſpiel, Paragraphus 5. wo ich die Monopolia in Schutz nehme. Klr. Clieſt ein paar Seiten; währende deſſen ſteht Hippeldanz neben ihm, ſieht ihn ſehr freundlich an, und ſagt zuweilen:) Na2 na? Klr. Ha! ha! ha! ha! ha! JHüipfp. Richt wahr, Sie lachen? was ſagen Sie nun? Klr. Daß Ihr Burgunder verdammt ſchlecht ſeyn muß. 1913 Hipp. Mein Burgunder? Der iſt gut, ſehr gut, Klr.“ Freund, ich rathe Ihnen, ma⸗ chen Sie Fidibus aus dieſem Wiſche. Hipp. Fidibus? Wiſch? was wollen Sie damit ſagen? Hipp. Klr. Erſtens iſt es nicht einmal deutſch: Hipp. Kein Deutſch? haͤ! haͤ! haͤ! ich bin ja ein Deutſcher, wie? Klo. Zweytens iſt es die komiſchſte Olla potrida von Gedanken-Spaͤnen, die jemals ein Gehirn zuſammen gekocht hat. Hipp. Olla potrida?— ich weis, was das iſt. Gedanken-Spaͤne? das ver⸗ ſteh' ich nicht. Klr. Folgen Sie mir, werfen Sie das halbe Faß Burgunder' ins Feuer. Hipp. Das ſpricht der Neid aus Ih⸗ nen. Mein Kammer-Diener, mein Am⸗ broſius; hat mir geſagt; ſo etwas habe er in ſeinem Leben nicht geleſen. Khe. Der Fuͤrſt hat'aber mehr gele— ſen, als Ihr Ambroſius. Hipp. Nein Freundchen, Spaß bey Seite. Das iſt eine ernſthafte Sache, wie? Das geht an Hals und Kragen. Klr. Klr. Je nun“ wenn nur der Bauch verſchont bleibt. Hipp. Sagen Sie mir aufrichtig— wir ſind ja alte gute Freunde— und ge⸗ ſcheute Leute halten immer zuſammen— Klr. Geſcheute Leute ſchreiben frey⸗ lich auch mitunter etwas dummes, aber ſie verbrennen es hinter drein. Hipp. Caͤngſtlich.) Sie meinen alſo wirklich— Klr. Laſſen Sie Lerchen dabey bra⸗ ten— Hipp. Du lieber Gott! ich habe doch vier Wochen daran gearbeitet, und mein Ambroſius— Klr. Der kann Papilloten daraus machen. Hipp. Was wird der Fuͤrſt dazu ſa⸗ gen? Klr. Seyn Sie froh, wenn er lacht, wie ich. Hipp. Und meine Braut. Klr. Was? Sie ſind Braͤutigam? Hipp. Allerdings! wegen der Poſte— ritaͤt. Man iſt reich, man muß doch auch einmal heyrathen. Klr. Wer iſt denn die Gluͤckliche? Hipp. Karoline Loͤwe. Klr. Herr! ſind Sie des Teufels? Hipp. Nicht wahr, gut gewaͤhlt? ein Leckerbiſſen! wie? Klr. Ich breche Ihnen den Hals! Hipp. Wie ſo Freundchen? warum? Klr. Weil ich ſie ſelbſt heyrathen will. Hipp. So? Kommen zu ſpaͤt, viel zu ſpaͤt. Heute Abend Verlobung. Klr. Heute? Hipp. Der Kaviar iſt ſchon da. Klr. Heute Abend? Hipp. Die Paſtete kam geſtern. Klr. Herr! daraus wird nichts. Ein ſolches Maͤdchen— Hipp. 174 Hipp. Aber auch ein ſolcher Kam⸗ mer-Rath! wie? reich! ſehr reich!— Aha Freundchen! jetzt merke ich was! mein Gutachten hat nicht Ihren Beyfall? Ver— ſtehe, verſtehe. Sie ſind mein Nebenbuh—⸗ ler. Kann es Ihnen nicht verdenken. Ja, es thut mir leid, Freundchen, aber man iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte. Klr.(verdruͤßlich.) Sie haben auch keinen andern Naͤchſten, als ſich ſelbſt. Hipp.(ſpöttiſch.) Alſo Fidibus ſoll ich machen, aus den Papieren? Klr. Cimmer aͤrgerlich.) Ja, ja, Fi⸗ dibus. Hipp. Lerchen dabey braten? Klr. Sich ſelbſt, wenn Sie wollen. 0 Hipp. Papilloten fuͤr meinen Am— broſius? Klr.(behſeite.) Unertraͤglicher Nark! Hipp. Ich ſage Ihnen Freundchen, die Abhandlung iſt gut, ſehr güt. Aber ein Nebenbuhler, du lieber Gott! man weiß weiß wohl, der lobt nichts. Nun, nun, es bleibt doch zwiſchen uns beym Alten. Ich lade Sie zur Hochzeit. Klr. In die Hoͤlle. Hipp. Haͤl haͤ! haͤl laſtig, ſehr lu⸗ ſtig, tragikomiſch. Aber jetzt muß ich zum alten Oheim, der wird eine Freude häben⸗ Auf Wiederſehen, lieber Hauptmann. Cer ſchuüttelt ihm die Hand, die ihm Klinker wider Willen reichtk.) Sans räncune. Sie ſollen mit meiner Braut vortanzen. em Abgehen.) Haͤ! haͤ! haͤl tragikomiſch! tragikomiſch! Vierte Scene. Klinker allein. Eihm mit verſchraͤnkten Armen nachſehend.) Da geht ein Narr hin, gerade als wenn er ein geſcheuter Kerl waͤre,— und ich, der geſcheute Kerl, bleibe ſtehen, wie ein Narr. Cer nimmt das Veilchen vom Ermel.) Haͤngſt —.— 176—.— Haͤngſt du das Koͤpfchen, armes Veilchen? Ich glaube dirs wohl. Unmoͤglich kannſt du mit dieſem Kohlſtrunk ſympathiſiren.— Sollte es wahr ſeyn?— oder ſollte man ihn nur zum Beſten haben?— Nein, nein, das iſt ein Stckchen von der Frau Stiefmama. Cer bleist in Gedanken ſtehen.) Fuͤnfte Scene. Doctor Buſch und Klinker. Buſch. Siehe da, meine Linde! mei⸗ ne alte gute Freundin!— Hier ruhete ich in der Amme Schoos— hier ſaß ich oft als Knabe.— O dieſe Linde hat mich wie eine Großmutter verhaͤtſchelt, denn ſie gab auch dem Juͤngling Schatten, wenn er Epigramme ſchuf. Klr.(Eden Fremdling muſternd.) Den Mann ſoll ich kennen.“ Buſch. 177 Buſch. War es nicht hier, wo ich im letzten bittern Jahre eine Thränen—⸗ weidepfl anzte?— ſie iſt vertrocknet!— die Thraͤnen meiner Mutter fließen noch. Khr.“ Wahrhaftig! er iſt es. Cer naͤ⸗ hext ſich ihm:) Mein Herr— Buſch. Cerſchrickt und nimmt ſich zu⸗ ſammen.) Klr. Verzeihen Sie meiner Neube⸗ gier. Tragen Sie ſchon lange eine Pe— ruͤcke? Buſch. Ich?— o ja— von Ju⸗ gend auf. lr. Hm! ich wollte darauf ſchwoͤ— ren, Sie haͤtten in Venedig Ihr eignes Haar getragen. Buſch. In Venedig?— ich war nie in Venedig. Klr. Aber ich war dort. Ich hatte ein hitziges Fieber. Ein Menſch ohne Peruͤcke wurde mein Retter, mein Wohl— thaͤter. Und wenn dieſer Menſch ſich in Fuͤnft. Band. M Pe⸗ 178 4 Peruͤcken kleidete vom Kopf bis zu den Fußſohlen, meinem Blick entgeht er nicht. Buſch. Sie irren— Klr. Es war freylich ein anderes Auge, mit dem jener Wochenlang an mei⸗ nem Bette ſaß. Herr! es thut einem ehr⸗ lichen Mann verdammt weh, wenn ſein Wohlthater ihn nicht kennen will. Buſch. Iſtreckt die Hand aus() Haupt⸗ mann Klinker— Klr. Cumarmt ihn mit Heftigkeit.) Sapperment Herr! wenn Sie meine Freundſchaft verſchmaͤhen, wie vormals mein Geld, ſo weiß ich nicht, warum Sie ſich die Muͤhe gaben, mich vom Tode zu retten? Buſch. Ich erſtaune Sie hier anzu⸗ treffen. Klr. Per varios casus, per tot discri- mina rerum. Als ich meinen biedern War— ning verließ— Buſch. 129 Buſch.“ Ums Himmels willen! nicht dieſen Namen! Klr. Nicht? warum nicht? Buſch. Hier heiße ich Buſch. Klr. Buſch?— doch wohl nicht der nemliche, der dem Kommerzienrath Bauer den Staar geſtochen? Buſſch. Eben der. Klr. Der fuͤr einen meiner Freunde einen Bauanſchlag verfertiget, und fuͤr den andern eine Luftpumpe veparirt hat? Buſch. Eben der. Kli Der hier einen Prozeß fuͤhrt und dort junge Baͤume pfropft? Buſch. Ganz recht. Klr. Von dem man ſagt: daß es ihm gleichviel gelte, ob er ein bout rimé mache, oder Kants Critik der reinen Vernunft er⸗ klaͤre? Buſch.(lächelnd.) Der nemliche. Klr. Nun bey meiner Treu! ich bin neugierig geweſen, dieſen Wundermann Mẽ 2 ken⸗ 188 kennen zu lernen, und ließ mir nicht traͤu⸗ men— Aber zum Henker, Herr! was ſind-Sie denn eigentlich? Alzt oder Bau⸗ meiſter? Juriſt oder Gaͤrtner? Dichter oder Profeſſor? Buſch. Nichts von allem dem. Ich bin ein Ungluͤcklicher. Klr. Und warum verſchweigen Sie Ihren Namen?— ich daͤchte die Haͤlfte von Ihren Kenntniſſen wuͤrde hinkeichend ſeyn, einen ehrlichen Namen beruͤhmt zu machen. Buſch. So lange ich Buſch heiße, kann ich Gutes ſtiften. Der Name War— ning wuͤrde jeden meiner Mitbuͤrger von mit zuruͤckſchroͤcken. Klr. Wie vevſteh' ich das? Buüſch. Diefe Stadt iſt mein Ge⸗ burtsort. Klr. Ich wuͤnſche ihr Gluͤck dazu. Buſch.“ Hier hat meine arme, wak— kere Mutter ſich jeden Genuß des Lebens ver⸗ verſagt, um meine Erziehung zu vollen⸗ den. Ktr. Dieſen Zweck hat ſie erreicht. Buſch. Ich lernte viel als Knabe, aber alles nur oberflaͤchlich. Ich gieng auf Akademien und trieb es eben ſo. Von einem Daͤmon beſeſſen, der ſchlimmer iſt, als alle Gaßneriſche Teufel, vom Daͤmon der Satyre! kam ich zuruͤck in mein Va⸗ terland— Klr. Und fanden hier Narren ge— nug? Buſch. Leider! Klr. Und machten ſich Feinde? Buſch. Wie Sand am Meere. Klr. Die Geſchichte, iſt eben nicht neu! Der Kitzel, uͤber die Thoren zu la⸗ chen, hat ſchon manchen feurigen Juͤng⸗ 10 ling unter die Fuͤße der Thoren gebracht. Bufch. Ja, mich haben ſie getreten! Klr. Mich duͤnkt, ich habe etwas da⸗ von gehoͤrt. Buſch. Buſch. mals einen Sohn ſchenkt, ſo ſoll ſchon die Wenn der Himmel mir je— Amme ihm taͤglich vorſingen? Kind! laß die Narren ruhig ihre Straße wandeln! Klr. Das iſt freylich ein Wiegenlied, bey dem auch alte Leute ruhig ſchlafen koͤnnen. Buſch. Das Gluͤck meines Lebens, die Ruhe meiner Seele habe ich durch Witz verſcherzt! Klr. Wußten Sie denn nicht, daß man eher einmal ſtehlen, als ungeſtraft witzig ſeyn darf? Buſch. Vergebens hoffte ich auf Be⸗ foͤrderung. Ich floh mein Vaterland mit dem druͤckenden Bewußtſeyn, Mutter, Schweſter und Geliebte in Thraͤnen zuruͤck⸗ zu laſſen! Klr. Auch eine Geliebte? Buſch. In Thraͤnen, die ich ihnen auspreßte! Klr. Nun erklaͤre ich mir die Schwers muth, die ſelbſt in den lachenden Gefilden Italiens Sie begleitete. Buſch. Ohne Brod irrte ich eine Zeitlang umher. Das Gluͤck laͤchelte mir einen Augenblick. Ich wurde Fuͤhrer eines jungen Grafen auf Acadenien und Reiſen; ich hatte Gelegenheit, mir mannichfaltige Kenntniſſe zu erwerben, und benutzte ſie. Klr. Daß ich noch hier bin, iſt ein Beweis davon. Buſch. Mein Plan war: durch flei— ßiges Sammeln praktiſcher Gelehrſamkeit mein Vaterland zu zwingen, die Verir— rungen meiner Jugend zu vergeſſen. Klr. Mangel an Menſchenkenntniß. Ausſchweifungen, ſchlechte Streiche, o! die werden vergeſſen; aber ein Epigramm— Freund, das vergißt ſich nie. Buſch. Leider habe ich dieſe Eefah— rung gemacht! ich komme hier an unter fremden Namen, dieſe Verkleidung und die Blate 184— Blattern, an welchen ich ſchwer darnieder lag, machen mich unkenntlich. Ich ſuche zu dienen, wo ich kann; nebenher lauſche ich auf jedes Wort, das man von dem ar⸗ men vertriebenen Warning ſpricht. Ach'! noch immer iſt dieſer Name verhaßt!„Er war ein ſchlechter Menſch!“ heißt es uͤber⸗ all, und ein Spoͤtter! er hatte ein boͤſes Herz—“ Klr. Sehr natuͤrlich. Welche andere Rache kann ein Dummkopf nehmen? Buſch. Da ſteh' ich nun unter mei⸗ nen Mitbuͤrgern, und keiner heißt mich willkommen! Mutter, Schweſter und Ge⸗ liebte mir ſo nahe, und ich muß mich vev— huͤllen, um ihren Umarmungen zu entge— hen!k Klr. Aber warum das? Buſch. Soll ich meiner Mutter un⸗ ter die Augen treten, ohne ihr vergelten zu koͤnnen, was ſie um mich litt?— ſoll ich meine Geliebte nur durch ferne, viel⸗ leicht 2 — 185— leicht leexe Hoffnungen taͤuſchen?— Nein, es iſt feſt beſchloſſen: Buſch wird nicht eher wieder Warning, bis er durch Ver⸗ dienſte ſich mit ſeinen Mitbuͤrgern aus— ſoͤhnt. Klr. Iſt das nicht bereits geſchehen? Die ganze Stadt iſt voll von Ihren Ta⸗ lenten. Buſch. Aber wiſe wurde ich be— kannt?— Drey blinde Bettler machte ich ſehend, und niemand ſprach von mir; E viele arme Kranke habe ich geheilt, und niemand erwaͤhnte meiner. Endlich fuͤhrte mich der Zufall in das Haus einer Dame, deren Papagay das Podagra hatte. Ich half ihm, und nun ſtroͤmte die große Welt mir zu. Klr. Freund! Freund! das Satyriſi⸗ R ren ſteckt Ihnen noch immer im Blute. Buſch. Aber meine meiſte Hoffnung habe ich auf eine Abhandlung geſetzt, an der ich ſeit mehreren Jahren mit der höch⸗ ſten 186 ſten Anſtrengung aller meiner Kraͤfte ar— beitete. Klr. Eine Abhandlung? Die wird niemand leſen. Buſch. Gleichviel, wenn nur der Fuͤrſt ſie lieſt; nur Er kann ihren Werth ſchaͤtzen! Klr. Alſo— etwas ſtatiſtiſches? Buſch. Ueber den Aetiv“ und Paſ— ſiv-Handel meines Vaterlandes. Klr. Ein weites Feld. Buſch. Meine Reiſen und Beobach⸗ tungen haben mich in den Stand geſetzt, manche in die Augen leuchtende Verbeſſe⸗ rung vorzuſchlagen. 6419 Kr. Vortrefflich! das kommt gerade zu rechter Zeit. Sechſte ———— Sechſte Scene. Hippeldanz. Die Vorigen. Hipp.(außer Athem.) Uf! Freund⸗ chen! liebes goldnes gut, daß ich Sie noch antreff Klr. Was 5 Sie ſcheitene ganz erſchrocken? Hipp. Soll ich nicht erſchrecken? ſoll ich nicht mager werden? und allen Appetit verlieren? Klr. Da muß Ihnen ja ein fuͤrchter⸗ liches Ungluͤck zugeſtoßen ſeyn? Hipp. Mein Oheim— ich gehe zu ihm wohlgemuth— er ſetzt mir ein Fruͤh— ſtuͤck vor— ich eſſe— Klr. Der Anfang iſt ziemlich luſtig. Hipp. Aber das Ende!— Ich zie— he mein Gutachten aus der Taſche, ich bitte ihn um ſeine Meinung— ach Gott! ich — 188— ich haſſe alle Meinungen, aber man muß doch, man iſt dech nun einmal Kammer⸗ Rath. Klr. Freylich- Hipp. Er lieſt— ich verzehre un⸗ terdeſſen noch einige Biſſen, und bin au⸗ ßer Sorgen. Was thut er? er ſtreicht das Wort Gutachten aus, und ſetzt ſtatt deſ⸗ ſen: Uebelachten. Klr. Das war hart. Hipp. Ich denke, der Schlag ſoll mich ruͤhren. Vetter, ſagte er, das Ding taugt nichts, und, ſagte er, du biſt ein Narr.— Wie Freundchen? mir das?— ich bin Kammer-Rath— das ſchmerzt. Klr. Wer weiß denn auch, ob es wahr iſt? Hipp. Es muß doch wohl wahr ſeyn. Ich habe Digeſtiv Tropfen einge⸗ nommen. Klr. Schaͤmen Sie ſich. Ein Mann; der eine Polenta verdaut, ſollte keinen Nar; ren verdauen koͤnnen? Hipp. Sehr wohl. Was das Ver⸗ dauen anbelangt, da ſuche ich meines gleir chen; o ja, das thue ich. Aber, das Gut⸗ achten? wenn es nun wirklich ein nlebelk achten iſt? und der Fuͤrſtu mich abſetzt? wie?⸗ 1525 Klr. Je nun, Sie haben ja zu ler ben. lis Hipp. Das wohl, aber die Ehren Freundchen, ich halte auf Ehre, verſtehn Sie mich? ˖ Klr. Halten Sie nur immer eine gute Tafel, das wird Ihnen mehr Ehre bringen, als wenn Sie ein zweyter Sullg waͤren. Hipp. Herzlich gern. Ich laſſe es mir ſauer werden, das wiſſen Sie.“ Ich ſchaͤme mich nicht, ſelbſt meine Schuͤrze vorzubinden, und ein feines Anerhahns⸗ Ra-· Ragout zu ſchmorens Aber das verdammte Gutachten!— Klr. Iſt es ihke Schuld, adaß ein Gutachten ſich weder ſchmoren noch braten laͤßt? 1 0 Häpp. Freylich nicht, aber die Ehre! die verdammte Ehrel! man hat doch Geld, viel Geld, man will doch einen gewiſſen Rang in der Welt behaupßten. Man be⸗ kommt zuweilen Briefe, die Addrelle iſt lang, das laͤßt fein. Klr. Beſſer ein langer Kuͤchenzettel! Hipp. Auch gut, ſehr wahr. Aber doch— Freundchen, wie iſt mir denn? Sie ſind ja ein Tauſendkuͤnſtler. Die letz⸗ tere Sauce, die Sie mich neulich gelehrt haben, ſie iſt gut, ſie iſt prohat. Koͤnn⸗ ten Sie nicht auch ſo ein Ding machen, ſo ein Gutachten? wie? Klr.“ Clachend.). Nein, wahrhaftig nicht! Hipp. Hipp. Nun, nun, hoͤren Iche habe einen Rhein; Wein ein aͤchtes laͤuft der Mund voll Waſſer? Klr. Weiter. es abzapfen, wir kheilen wie? Toßp'! es gilt. Hipp. Was Kenütniſſe! der ſolche Saucen macht— mercial-Weſen muß Saft und ben) wie ein Stuͤck Roſtbeef. Hipp. Aber mein Gott! Mann, kann alles kaufen: zu kaufen ſeyn? Sie nur. Keller, Gewaͤchstvon Anno 26. Henꝛ Hipp. Es iſt ein Stuͤckfaß, ichlaſſe Kilrie Der Vorſchlag iſt reitzend. Klhr. Mir ſehlen aber die Kenntniſſe. ein Mann, Klr. Saucen gelten nür bey Röma⸗ nen; aber ein Gutachten üͤber das Com⸗ Kraft ha⸗ wer hilft mir denn? ich bin ja doch ein reicher Titel und Lei⸗ chenpredigten und Lobgedichte— ſoll denn ſo ein vermalebeites Gutachten nicht auch N Klr. Klr. Vielleicht. Ich will Ihnen einen Gelehrten zuweiſen, der die Sache aus dem Grunde verſteht. Hipp. Wo wo'? Klr. Sehen Sie den Mann, der da am Gartenzaune äuf und niederſchleicht? Hipp. Ich ſehe. Kle. Wenden Sie ſich nur an Wen Hipp. Wie heißt er? Klr. Buſch Hipp. Profeſſor? Klr. Nein, er hat keinen Titel. Häüpp. Ey, ey, Herr Buſch.ſchlecht⸗ weg? ich bin Kammer⸗Rath, ich ſollte ges doch beſſer verſtehn, wie? Klr. Ja, wenn Sie ſich) an⸗ ſolche Kleinigkeiten ſtoßen wollen Hti pp. Nein,, nein, ich ſtoße! mich an gar nichts. Ich will mit dem Herrn Buſch reden. Ach Gott! ſich habe heute ſchon ſo viel geredet.“ Klr. So will ich Platz machen.“ Hipp. 19 93 Hipp. Platz? Ja, wenn es mit dem Platz gethan waͤre! Du mein Gott! ich ſaße lieber bey Tiſche, da iſt mein Platz. Klr. Herr Buſch, ich empfehle Ih⸗ nen meinen Freund, den Herrn Kammer⸗ Rath Hippeldanz, er hat ein Anliegen an Sie. Buſch. Wenn ich dienen kann. Klr. Lleiſe im Abgehen.) Auf den Abend eine Flaſche Wein unter vier Au— gen. Cab.) Siebente Sceene. Hippeldanz und Buſch. Hipp. Ja, ja, Herr Buſch, es freut mich Sie kennen zu lernen. Sie ſollen bey mir ſpeiſen, und wie wollen ſie ſpei— ſen? delicat. Buſch. Wenn ich Ihnen in weiter nichts dienen kann, ſo bedaure ich, denn ich bin kein ſtarker Eſſer. Fuͤnft. Band. N Hipp. 194 Hipp. Deshalb ſind Sie auch ſo ma⸗ ger. Nun, nun, nur getroſt! wir wollen Ihnen ſchon einen Bauch verſchaffen. In meinem Hauſe finden Sie keinen Menſchen, der weniger als zwey Ellen im Umfange haͤtte, Buſch. Der Umfang iſt nicht immer eine Empfehlung fuͤr den Inhalt. Hipp. Sehr gut, daß Sie auf den Inhalt zu ſprechen kommen. Ich brauche gerade ein ſolches Ding, und mein Freund, der Hauptmann Klinker, verſicherte mich, Sie waͤren der Mann, der mir helfen koͤnnte. Buſch. Darf ich bitten, ſich deutli—⸗ cher zu erklaͤren? Hipp. Allerdings duͤrfen Sie das bit⸗ ten. Serenissimus verlangt—(giebt ihm ſeine Papiere.) doch leſen Sie nur das, Maͤnnchen, ſo erſparen Sie mir eine Men⸗ ge Worte. Buſch— Buſch.(durchlaͤuft die Paviere fluͤchtig, ſein Geſicht erheitert ſich, er ſpricht beyſeite.) Du hatteſt Recht Klinker, das kommt zu rechter Zeit. Hipp. Es ſollen da verſchiedne Miß⸗ braͤuche herrſchen. Boͤſe Leute haben das dem Fuͤrſten in den Kopf geſetzt. Ich bin doch auch Kammer Rath, ich gehe taͤglich ins Collegium und ſitze da ganz ehrbar, aber ich weiß von keinen Misbraͤuchen. Buſch. Der Wunſch des Fuͤrſten iſt eines braven Regenten wuͤrdig. Hipp. Sehr wohl, aber ich— was mache ich denn? Buſch. Sie haben ja bereits ein Gutachten fertig. Hipp. Ja— es ſoll aber nichts tau⸗ gen, wie? Buſch. Nun, ſo machen Sie ein anderes. Hipp. Meinen Sie man ſchuͤttele die Gutachten nur ſo aus dem Ermel?— N8 und —— 196——— und hernach, meine Korpulenz— das Schreiben wird mir blutſauer. Sie hin⸗ gegen ſind mager, bey Ihnen leidet der Unterleib nicht durch das viele Sitzen. Wie waͤre es Maͤnnchen, wenn Sie mir uͤber Hals und Kopf ſo ein paar Bogen lieferten? verſteht ſich, gut bezahlt. Buſch. Ich, Herr Kammer-Rath? Hipp. Ja, ja, Sie. Es muß aber unter uns bleiben. Der Ehre wegen, ver— ſtehen Sie? Buſch. Das Zutrauen, das Sie einem Unbekannten ſchenken, iſt zwar ſchmeichelhaft— Hipp. O ich kenne Sie! Sie ſind der Herr Buſch, ein Gelehrter. Ich weiß ſchon was das heißt: Viel im Kopf, we⸗ nig im Magen. Nun, nun, dem laͤßt ſich abhelfen. Buſch. Ich habe nie in einem De— Partement gearbeitet. Hipp. 197 Hipp. Ich weis ja wohl, Sie ſind der Herr Buſch und weiter nichts. Aber da kann man auch Rath ſchaffen. Ich weis ſchon ein Laͤndchen, wo die Titel wohlfeil ſind. Buſch. Der Herr Hauptmann hat vermuthlich nur geſcherzt. Hipp. Den Henker auch! jetzt iſt nicht Zeit zu ſcherzen. Das Meſſer ſteht mir an der Kehle. Beſtimmen Sie den Preis, Maͤnnchen, fodern Sie. Buſch. Um keinen Preis. Hipp. Aber— wie ſoll denn das werden? He? Buſch.(die Achſein zuckend) Ja, das weis ich nicht. Hipp. Wenn ich nur Zeit haͤtte— der Mittag iſt vor der Thuͤr— man ſoll eſſen, ſchlafen, verdauen. Ueberdies bin ich nun gar Braͤutigam, da habe ich alle Haͤnde voll zu thun. Auf den Abend ſoll die die Verlobung ſeyn: und noch iſt die Ta— fel nicht einmal gehoͤrig arrangirt. Buſch. Armer, gepiagter Mann! Hipp. Arm nicht, aber geplagt! Sollte nun gar der Fuͤrſt eine Ungnade auf mich werfen— meine kuͤnftige Schwieger—⸗ mutter iſt eine ſtolze Frau, Sie werden ſie kennen? Buſch. Schwerlich. Hipp. Ein vornehmes Haus, die Kanzley-Directorin Loͤwe. Buſch. Cerſchrickt heftig.) Wie? was? Hipp. Ja, ſie fuͤhrt wohl recht den 4 Namen mit der That: es iſt eine grim⸗ mige Frau! Buſch. Demoiſell Löͤwe waͤre Ihre Braut? Hipp. Meine Braut. Buſch. Karoline Loͤwe? Hipp. Cempfindlich.) Mademoi⸗ ſelle Karoline Loͤwe. Buſch. Sie werden von ihr geliebt? Hipp. 199 Hipp. Das wird ſich finden. Buſch. Und heute ſoll die Verlobung ſeyn? Hipp. Heute. Buſch.(beyſeite.) O Gott! Hipp. Es kommt mir freylich unge⸗ legen— die ganze Freude verſalzen. Das vermaledeyte Gutachten! Buſch.(haſtig entſchloſſen.) Es ſcheint Ihnen ſehr am Herzen zu liegen? Hipp. Allerdings! die Ehre! Sie können das nicht ſo gruͤndlich beurtheilen, Sie ſind nur Herr Buſch ſchlechtweg, aber ich—! Buſch. Wie wenn ich Ihnen in zwey Stunden ein Gutachten liefere? Hipp. O Maͤnnchen, Naͤnnchen! Sie entzuͤcken mich! Buſch. Ich wuͤrde einen hohen Preis fodern. Hipp. Fodern Sie, fodern Sie, man iſt reich, man bezahlt. Buſch. 200 Buſch. Hier iſt nicht von Geld die Rede. Hipp. Wovon denn? Der beſte Wein aus meinem Keller— Buſch. Auch das nicht. Ich begehre ein Opfer Ihres Herzeus. Hipp. Mein Herz? damit kann ich nicht dienen. Bu ſch. Sie muͤſſen der Verbindung mit Mamſell Loͤwe entſagen. Hipp. Wie? Buſch. Unter dieſer einzigen Bedin— gung arbeite ich fuͤr Sie. Hipp. Aber— wie iſt mir denn?— Das macht mich ganz confus. Was hat denn meine Heyrath mit dem Commercial— Weſen zu ſchaffen? Buſch. Gleichviel. Wollen Sie das nicht, ſo erwarten Sie ruhig Ihr Schick— ſal. Hipp. Wie? werde ich denn ein Schickſal haben? Buſch. — 201 8 855 Buſch. Der Fuͤrſt iſt ſtreng, mat ſpricht von Reformen— Hipp. Reformen? im Ernſt? ſpricht man davon? Ach Gott! wenn man doch meinem Beyſpiel folgte, wenn man doch mehr aͤße und weniger ſpraͤche. Buſch. Man murmelt von Verab⸗ ſchiedung einiger unwiſſenden Raͤthe. Hipp. Murmelt man? o weh! Buſch. Auf der andern Seite, was verlieren Sie? Hipp. Eine Braut! Buſch. Aber ſie iſt mager. Hipp. So ziemlich. Buſch. Verſteht ſich ſchlecht auf die edle Kochkunſt. Hipp. Nichts verſteht ſie davon, gar nichts. Buſch. Ein Mann wie Sie, findet uͤberall anſtaͤndige Parthieen. Hipp. Das wohl. Buſch. —— 202— Buſch! Kurz Herr Kammer-Rath, ich liefere das Gutachten, und ſie entſagen der Braut. Hipp. Aber Maͤnnchen, wenn nun Ihr Gutachten auch nichts taugt? wie? Buſch. So ſind Sie an nichts ge⸗ bunden. Hipp. Hin! Ja unter dieſer Bedin—⸗ gung— Buſſch. Die Hand drauf— Hipp. Topp!(ſie geben ſich die Haͤn⸗ de.) Aber nun ſagen Sie mir auch, war⸗ um Sie es nicht leiden moͤgen, daß die Karoline mein Ehegeſpons werde? denn ſe—⸗ hen Sie, ich bin Kammer-Rath, ich muß doch wiſſen, warum ich eine Sache thue? Bu ſch. Ach! jetzt habe ich den Kopf ſo voll von dem Gutachten, daß ich un⸗ moͤglich darauf antwoeten kann. Hipp. Ja, um drey Uhr muß es fertig ſeyn; hoͤren Sie Maͤnnchen? um drey — —— 20 — 2 93 drey Uhr, ſonſt feyere ich um vier Uhr die Verlobung(seht ab.) 7 Achte Scene. Buſch allein. Wie iſt mir geſchehen!— Die Arbeit eines Jahrs, mit der Morgenſonne begon⸗ nen, bey der ſpaͤten Lampe vollendet, in einem Augenblicke raſch geopfert.— Wo bleibt nun meine Hoffnung auf Befoͤrderung?— wo der damit verknuͤpfte Unterhalt meiner Mutter?— Ach! ich gab alles, was ich hatte! und wofuͤr?— habe ich Kavolinens Beſitz dadurch erkauft?— war ſie nicht ſelbſt vielleicht durch Rang und Reichthum verblendet?— nein! nein! das nicht!— von gehaͤſſigen Banden habe ich ſie befreyt, und ſie weiß es nicht! Ich war ihr Schutz⸗ geiſt, ihr Retter, ohne Hoffnung der Ver— geltung, von reiner Liebe beſeelt.— Aber meine meine Mutter! meine arme Mutter! Konnte ich an dieſer Staͤtte ihrer Noth vergeſſen?— Ach! das iſt das liebe Gärtchen, wo die Freuden meiner Kindegit neben Roſenſtraͤuchen bluͤhten— his er Grasplatz, wo ich gehen lernte— dort der Brunnen, vor dem die muͤtterliche Vorſicht'( mich oft warnte. Ler naͤhert ſich dem Zaune.). Das Gartenhaus iſt verfallen — die Hecke unbeſchnitten— fort ſind die ſchoͤnen Statuen, an welchen mein Va⸗ ter ſich ergoͤtzte— vermuthlich aus Noth verkauft— dort wo mein Vater Blumen zog, ſteht jetzt Kohl— und hier, wo die Baumſchule war, ſind jetzt Erbſen geſaͤet. — Ach! dieſer Garten dient nicht mehr zur Erholung! er liefert Kohl ſtatt Blumen. — Was ſeh' ich!— iſt das nicht meine Schweſter?— o! hinweg ihr neidiſchen Stachelbeeren! zuruͤck ihr Bluͤthenzweige! — Ja ſie iſt es! nur der Strohhut ver— birgt mir noch ihr holdes Geſicht.— Was graͤbt graͤbt ſie da mit ſchwacher Hand?— Gute Friderike! die Schaufel iſt dir zu ſchwer. Mit wem redeſt du?— wem läͤchelſt du ſo freundlich?— Cer ſinkt ploͤtzlich auf bei⸗ de Knie.) Gott! meine Muttev!(Pauſe. Er blickt bebend hin, die Thraͤnen rollen ihm über die Wangen.) Meine arme Mutter! — ſie iſt alt geworden!— der Gram um mich hat vor der Zeit ihr Haar gebleicht — Ach! ſie begießt ſelbſt ihren Kohl!!— warum darf ich ihr nicht helfen? Jetzt wiſcht ſie ſich ihren Schweis von der Stir⸗ ne— im Schweis ihres Angeſichts muß ſie der Erde ihre Fruͤchte abgewinnen— Ungluͤcklicher! das iſt dein Werk!— O! ich bin ſehr elend!— Cer weint.) Halt! — meine Schweſter naͤhert ſich—(Er ſpringt auf,.) Sie traͤgt der Mutter Gies— kanne— will vielleicht Waſſer hier vom Brunnen hohlen— welche wolluͤſtige Angſt ergreift mich!— ihr ſo nahe— ſoll ſoll ich mit ihr reden?— wird ſie mich kennen?— ſteunte Scene. Fridebike. Buſch. Frid. Ceilt ohne Buſch zu ſehn mit der Gieskanne zum Brunnen. Sie laͤßt den Eimer hinab und ſchöpft. Als ſie ihn wieder herauf⸗ winden will, wird er ihr zu ſchwer, ſie muß ausruhen.) Buſch. Cder ihr in großer Bewegung zuſah, eilt herbey und ſpricht mit zitternder Stimme.) Darf ich Ihnen helfen, Mam⸗ ſell? Frid. Ich danke Ihnen, mein Herr, es wird ſchon gehen. Geduld und Beharr⸗ lichkeit richten oft mehr aus, als Staͤrkeln Buſch. Erlauben Sie mir Ihnen zu helfen. Frid. Wenn Sie es gern thun— Buſch. 207 Buſch.(mit gerührter Stimme.) O ja, ich thue es ſehr gerne! Ler windet den Eimer vollends herauf.) Frid. Chaͤtt ihm die Gieskanne hin, er fuͤlt ſie mit Waſſer.) Aber Sie zittern mein Herr; Sie ſind der Avobeit nicht gewohnt. Sehen Sie, Sie begießen mich. Buſch. Verzeihen Sie. Frid. Reines Waſſer, es hat nichts zu bedeuten. Ich danke Ihnen.(will gehn.) Buſch. Darf ich fragen, Mademoi— ſell— ob nicht hier in der Naͤhe eine ger wiſſe Wittwe Warning wohnt? Frid. Ja, ſie wohnt hier, ich bin ihre Tochter. Buſch. Wirklich? ſo freut es mich, die Schweſter meines Freundes kennen zu lernen. Frid. Wie, mein Herr? Sie ſind ein Freund meines Bruders? Buſch. Buſch. ander durchreiſet. Frid. Mutter! Mutter! o geſchwind Wir haben Italien mit ein⸗ mein Herr, treten Sie naͤher, Sie ſind uns ein Bote des Himmels! Mutter! Mutter! Hier iſt ein Fremder, ein Freund von unſerm Auguſt!(ſie läßt die Gieskan⸗ ne ſtehn, und rennt in den Garten.) Buſch. Um Gotteswillen! das hatte ich nicht vorausgeſehen.— Meine Mut— ter wird kommen— werde ich ihren An— blick ertragen?— ſoll ich fliehen?— (ſchmerzhaft.) Fliehen vor meiner Mutter? — Armer Sohn!— nein ich will ſie ſehn— ich will ihren Segen ſtehlen!— Verrathe dich nicht!— Bettler! verrathe dich nicht. Zehnte Scene. Raͤthin Warning, Friderike, Buſch. Raͤth. Caußer ſich.)) Wo? wo? Frid. Hier, Raͤth. Iſt es wahr mein Herr?— meine Tochter hat mir geſagt— ach! ich kann nicht veden— Buſch.(beyſeite, mit tiefeſter Wehmuth.) Sie liebt mich noch! Raͤth. Sie haben ihn geſehen? er lebt? wo? wie? Buſch. Ich verließ ihn in Venedig. Raͤth. Gedenkt er meiner? Frid. Und meiner? Buſch. Mit der zaͤrtlichſten Sehn— ſucht! Raͤth. Geht es ihm wohl? Buſch. Ach nein! Fuͤnft. Band. O Raͤth. Raͤth. Nicht? Guter Gott! du haſt mein Gebet verworfen! es geht ihm nicht wohl! Frid. Warum ſchreibt er nicht? Buſch. Um Sie nicht zu betruͤben. Raͤth. Sein Schweigen betruͤbt mich. Buſch. Auch fuͤrchtet er, wenn Sie ſeinen Aufenthalt und vielleicht ſeine Noth wuͤſten— Raͤth. Nun? Buſch. Daß Sie Ihr eigenes karges Brod mit ihm theilen wuͤrden. Raͤth. Das fuͤrchtet er. Nicht ein⸗ mal die Freude goͤnnt er ſeiner Mutter, ihren letzten Biſſen mit ihm zu theilen. Buſch. Er ſinnt Tag und Nacht dar— auf, etwas zu erwerben. Raͤth. Doch wohl auf ehrliche Art? Buſch. Ehrlich war er, und iſts ge⸗ blieben. Naͤth. 2LL Raͤth. Gewiß mein Herr? iſt er ehrlich? hat ihn die Noth niemals zu einem ſchlechten Streiche verleitet? Buſch. Niemals. Frid. Sehn Sie Mutter, das wuſte ich wohl. Raͤth. O! dann ſegne ihn Gott! Buſch.(durch den muͤtterlichen Segen heftig erſchuͤttert, kann ſich kaum noch halten, daß er nicht zu ihren Fuͤßen ſinkt. Pauſe.) Frid. Und die Satyre, mein Herr? die verwuͤnſchte Satyre! hat mein Bruder noch immer dieſen unſeligen Hang? Buſch. Nein! dieſer Daͤmon iſt ganz von ihm gewichen. Raͤth. O! wenn ich das glauben duͤrfte! Buſch. Gewiß Madam. Die trau⸗ rigſte Erfahrung hat ihn weiſe gemacht. Er hat einſehen gelernt, daß man die Menſchen nur durch Liebe, und nicht durch Witz beſſert. O 2 Raͤth. Raͤth. Buſch. Er laͤßt jeden Narren ſeine Ja wohl. eigene Straße wandeln, ſie ſey krumm oder kothig. Frid. Vormals pflegte er gleich mit Fingern auf ihn zu deuten. Buſch. Jetzt laͤchelt er nur, und geht voruͤber. Raͤth. O Friderike! dann duͤrfen wir hoffen, ihn einſt gluͤcklich in unſere Arme zu ſchließen! Frid. Hab' ich das nicht immer ge— hofft liebe Mutter? Naͤth. Seinem Herzen mangelt nichts, um gute Menſchen an ſich zu ziehen, nur ſeine Zunge ſtieß ſie zuruͤck. ̃ Frid. Weil man das Herz nach der Zunge zu beurtheilen pflegt. Raͤth. Mein Herr, Sie haben uns frohe Augenblicke verſchafft, die froheſten ſeit ſechs Jahren! wollen Sie nicht herein— treten in meinen kleinen Garten? Buſch. Buſch. Cverwirrt.) 2 Radam— Rath. Ich will Ihnen den vormali⸗ gen Spielplatz Ihres Freundes zeigen. Buſch. Die Zeit erlaubt mir nicht— Raͤth. Es iſt ein heißer Tag, womit kann ich Sie erquicken? Buſch.(ſehr bewegt.) Sie? bieten mir eine Erquickung? Räth. Was ich habe. Arm bin ich; die Armuth giebt wenig, aber gern. Frid. Eine Schaale friſche Milch liebe Mutter, was meinen Sie? Räth. Ja mein Kind, lauf und hole. Frid.(ab in den Garten.) Raͤth. Wann werd' ich meinen Sohn wiederſehen? Buſch. Nicht eher, bis er Ihrer Liebe und Verzeihung vollkommen wuͤrdig iſt. Räth. Das iſt er ja ſchon! Buſch—⸗ 214 Buſch. So lange Sie um ſeinetwil⸗ len darben? Räth. Trocken Brod und Freude, mehr bedarf ich nicht Brod habe ich, Freude muß er mir geben. Buſch. ſchmerzlich.) Trocken Brod! Frid.(kommt mit der Milch zuruͤck, welche ſie in einer altvaͤteriſchen, ſchwarzen, mit goldnen Blumen gezierten Schaale traͤgt.) Hier mein Herr. Wir haben nur eine Kuh, aber ihre Milch iſt fett. Bu ſch.(wirft einen Blick auf die Schaa⸗ le, ſeine Züge veraͤndern ſich, er geraͤth in wehmuthige Verwirrung.) und die Schaale, Mademoiſell? die Schaale— Frid. Nun, die Schaale gehoͤrt frey— lich in ein Antiquitaͤten-Kabinet. Buſch. Sie beſitzen ſie ſchoͤn lange? Frid. O ſo lange ich denken kann. Buſch. Sie haben vielleicht oft— mit Ihrem Bruder aus dieſer Schaale ge— geſſen? Frid. Frid. Errathen, mein Herr, ſehr oft. Buſch. Als Kinder, nicht wahr? Frid. Ja als Kinder. Buſch. Hier iſt aber nur ein Loͤffel? Frid. Fuͤr Sie. Buſch. Ich bin ja hier im Namen ihres Bruders. Sie muͤſſen mit mir eſſen! Frid.(ſchöpft, koſtet die Milch, und reicht ihm dann den Loöffel.) Buſch. Pflegten Sie nichts dabey zu ſagen? Frid. Da lieber Bruder. B uſch. Cnimmt zitternd den Löffel, will ihn zum Munde fuͤhren, bricht in Thraͤnen aus, legt den Loͤffel ſchnell zuruͤck, wendet ſich, ver⸗ birgt ſein Geſicht und ſchluchzt.) Raͤth. Was iſt Ihnen, mein Herr? Buſch. Verzeihen Sie, ich habe auch eine geliebte Schweſter. Frid. Und ein gutes bruͤderliches Herz. —— Eilf⸗ Eilfte Scene. Jacob. Die Vorigen. Jac.(im Hintergrunde.) In dieſe Ge— gend ſoll er gegangen ſeyn; wenn ich nur wuͤſte, wie er ausſieht. Raͤth. Ehrlicher Jacob! wie kommt er hieher? wen ſucht er? Jac.“ Ich ſuche den Doctor Buſch. Raͤth. Den kennen wir nicht. Jac. Ich auch nicht. Buſch. Was verlangt er? ich bin Doctor Buſch. Ja c. Sind Ste es? deſto beſſer! Raͤth. Verzeihen Sie der muͤtterli— chen Freude, die mich ſogar vergeſſen ließ, nach Ihrem Namen zu fragen. Jac. Ich ſoll den Herrn Doctor in das Haus des Kanzley⸗Director Loͤwe ein— laden. Buſch. Buſch. Jac. Die gnaͤdige Frau hat erfahren, daß der Herr Doctor auch Blinde ſehend Loͤwe? machen koͤnnten! Frid. Ach! wenn Sie das koͤnnten! Jac. Ja wohl Mamſell! ſo ein lie— ber junger Herr, ſo ſanft und geduldig— Buſch. Und ſeine Herrſchaft hat das Zutrauen zu mir? Jge. Ich ſoll Sie recht ſehr bitten. Schon ſeit einer Stunde habe ich Sie uͤberall geſucht. Der Herr Hauptmann Klinker wies mich hieher. Buſch. Ich werde kommen. Ja cu Bald? Buſch. Bald. Jac. Nun Herr Doctor, wenn Sie dem braven jungen Herrn helfen; ſo traͤgt das ganze Haus Sie auf den Händen. (ab.) Zwoͤlf⸗ Zwoͤlfte Scene. Die Vorigen ohne Jacob. 0 Frid. Sollten Sie wirklich einige⸗ Hoffnung haben? Buſch. Warum nicht?— Vielleicht! — O ja! vielleicht! Frid. Wie wuͤrde Karoline ſich freuen! Räth. Und du! Frid. Und ich! Raͤth. Und wir alle! Frid. Gehn Sie, mein Herr! ich beneide Sie um das goͤttliche Vergnuͤgen, einem Menſchen zum erſtenmal Sonnen— licht und Freudenthraͤnen zu zeigen. Raͤth. Wir hoffen Sie wieder zu ſehen. Nicht wahr, mein Herr, wir hof⸗ fen nicht vergebens? Buſch. Buſch.(nach einer Pauſe, in welcher er mit ſich ſelbſt kampft.) Madam— ich bitte Sie um Ihren Segen zu dieſer Ope⸗ ration. Raͤth. Um meinen Seegen? was kann der Ihnen nuͤtzen? Buſch. Wenn ich mich recht entſin⸗ ne— ſo hat Ihr Sohn mir erzaͤhlt, daß ſein Leichtſinn Sie um die Freundſchaft jenes angeſehenen Hauſes brachte. Raͤth. Er hat Ihnen die Wahrheit erzaͤhlt. Buſch. Vielleicht waͤre es mir auf⸗ behalten,— vielleicht waͤre es der Preis meiner Geſchicklichkeit— das wieder gut zu machen— auszugleichen— taͤthh. Braver Mann! Buſch. Sehn Sie nun, daß meine Bitte nicht ohne Grund war? Cer drüͤckt ihre Hand zitternd an ſeine Lippen.) Ihren Segen, Madam! R aͤt h. Rath.(legt die andere Hand auf ſein Haupt und ſpricht.) Von ganzem Herzen! Buſch.(wendet ſich, ruft leiſe:) Meine Mutter hat mich geſegnet!(und ſtuͤrzt fort.) Nath.(ſieht ihm verwundernd nach.) Räthſelhafter Menſch! (Der Vorhang faͤllt.) Ende des zweyten Akts. rit tenAlke⸗ (Zimmer wie im erſten Akt.) Erſte Seene. Karoline ſteht und betrachtet einen koſt⸗ baren Brillantring, mit einem Miniatur⸗ Portrait. Im Hintergrunde ein Bedien⸗ ter. Auf dem Tiſche ein Arbeits⸗Koͤrb⸗ chen mit Strickzeug.) Kar. Neins, Herr Kammer⸗RNath, Brillanten thun es nicht; und wenn Sie auch lauter Pitts um ihr Portrait ſetzen ließen. Wer ſich ſeinen Glanz ſo von au⸗ ben 222 4 ßen holt, bey dem iſt es gewoͤhnlich in⸗ wendig dunkel.(Sie zieht eine Schreibtafel aus der Taſche und nimmt eine kleine Silhouette heraus.) Du biſt mir doch lieber! O pfuy! warum habe ich dich eben jetzt aus der Taſche gezogen? doch wohl nicht um Ver⸗ gleichungen anzuſtellen?— Da mein Freund, nehm er ſeinen Ring wieder mit. Bedient. Wieder mit? Kar. Ich trage keine Ringe. Bed. Aber meines Herrn Por— trait— Kar. Iſt ſchoͤn gemahlt. Bed. Er wuͤnſcht es an Ihrer Hand zu ſehen. Karl. Weder ſich ſelbſt, noch das Portrait. Geh er. Bed.(ſchuͤttelt den Kopf und geht.) Kar.(allein.) Wahrheit, Tugend und Liebe finden ihren Preis nicht in den Dia⸗ mantgruben von Goleonda. Erwerben kann man ſie, aber nicht erkaufen.—(ſie drüͤckt die die Silhonette an ihr Herz.) Du bedarfſt keiner Brillanten.(ſie hoͤrt kommen, und verbirgt das Taſchenbuch.) Zweyte Scene. Karoline, Jacob, dann Luiſe. Jacob. Madam Warning will auf— warten. Kar. Madam Warning, ſie iſt will⸗ kommen.(Jacob ab.) Kar. Seine Mutter! o! wann werde ich ſagen duͤtfen, meine Mutter! oſie thut einige Schritte nach der Thuͤr.) Luiſe Ctritt hevein, Karoline ſtutzt.) Kar. Wer ſind Sie Madam? Luiſe. Eine Ungluͤckliche— Betro— gene! Kar. Sie wollen vielleicht zu mei⸗ nem Vater? Luiſe Luiſe. Bey Ihnen hoffe ich Mitleid zu finden. Kar. Wenn Sie nur Mitleid ſu⸗ chen— Luiſe. Ich bin eine Fremde— von meinem Manne huͤlftos verlaſſen, den Sie und ich einſt fuͤr gut hielten. Kar. Ich? Luiſe. Durch den Schwur ewiger Liebe lockte er mich aus meinem Vater— lande— aus den Armen meiner Ael— tern!— Kar. Wer? Luiſe. Mein undankbarer Mann!— In Sachſen ließen wir uns nieder. Er ſchrieb, ich arbeitete, wir verdienten unſer Brod. Aber ein ungluͤcklicher Hang zur Satyre machte ihm Feinde— Kar. Gott! wie hieß Ihr Mann? Lui ſe. Auguſt Warning:⸗ Kar.(ſteht wie vom Blitz⸗getroffen.) Luiſe. 225 Luiſe. Er wurde verfolgt, und da ſein Herz fuͤr mich erkaltet war, ſo ergriff er dieſen Vorwand, um heimlich zu ent— fliehen. Kar. Auguſt Warning! Luiſe. Mich, ſein Weib, ließ er dem bitterſten Elend zum Raube! Kar. Auguſt! Luiſe. Oft hatte er mir von Ihnen erzaͤhlt, von Ihrer Gutmuͤthigkeit— Kar. Und Leichtglaͤubigkeit! Luiſe. Das brachte mich auf den Gedanken, Huͤlfe bey Ihnen zu ſuchen. Kar. Warnings Gattin, Huͤlfe bey mir! Luiſe. Wir ſind beyde hintergan⸗ gen— Kar. Beyde? Luiſe. Sie, dachte ich, weiß am beſten, wie leicht es dieſem Manne wer⸗ den mußte, mich zu taͤuſchen. Kar. O ja, Madam, o ja. P Luiſe. Fuͤnft. Band⸗ — 226— Luiſe. Seine Geſtalt, ſein Ver— ſtand— Kar. Und einſt ſein Herz! Luiſe. Wer haͤtte ihn nicht geliebt, den haſſenswerthen Mann? Kar. Sie ſind gluͤcklicher als ich, Madam. Sie koͤnnen ihn ſchon haſſen, ich muß das erſt lernen. O, es iſt eine bittere Empfindung, wenn die Ver— nunft das Herz uͤberzeugt, daß es aufhoͤren muͤſſe zu lieben. Luiſe. Die Noth trieb mich zu Ih— nen. Kar. Gerne wollt' ich helfen— aber ich habe nichts— eben heute gab ich al— les, was ich hatte, an gute Menſchen— die ihn auch liebten! Luiſe. Was ſoll aus mir und der armen Wayſe werden! Kar. Eine Wayſe?— Warnings Kind?— O bringen Sie es her zu mir, ich will ſeine Mutter ſeyn!— wo iſt Ihre —A*E*E — 227 Ihre Wohnung Madam? ich will es ſelbſt abholen. Luiſe. Cverlegen.) Meine Wohnung! ich habe noch keine. Nar. Wo ließen Sie Ihr Kind. Luiſe.(ſtockend.) In— einem na⸗ hen Dorfe. Kar. Eilen Sie es herzubringen(ſie zieht einen Ning vom Finger.) Geld kann ich Ihnen nicht bieten, aber hier iſt ein Ring von einigem Werthe: verkaufen oder verpfaͤnden Sie ihn, damit das arme Geſchoͤpf nicht Noth leide. Luiſe.(mit einer Miſchung von Ruͤh⸗ rung und Erſtaunen.) Mademoiſell— Ihre Großmuth— Kar. Ach, ich thue es nicht aus Großmuth. Luiſe. Sie ſcheinen ſehr bewegt! Kar. Und Sie ſehr ruhig. Luiſe.(autmuͤthig.) Sollte meine Entdeckung Sie ungluͤcklich machen? Y 2 Kar. 28 2 8— — — Kar. Gehn Sie Madam, ehe man 8 uns uͤberraſcht. Der Name Warning, den f Sie tragen, iſt in dieſem Hauſe keine Em— pfehlung. Luiſe. Ich fuͤhle, daß ich grauſam r. gegen Sie geweſen bin. Ich raubte Ih— nen eine ſuͤße Taͤuſchung— aber Sie wer— den es mir einſt Dank wiſſen. Cab.“) Dritte Scene. Karoline allein. (Sie ſieht Luiſen lange ſtumm nach, und bricht dann mit Bitterkeit aus.) Dank?— nein, gutes Weib! du nahmſt mir alles!— gaͤlte es blos meine Liebe— das Herz ſollte ſchweigen, und die Vernunft ihn ent⸗ ſchuldigen— aber— Auguſt ein Boͤſe— wicht!— ach!— Jetzt fuͤhl' ich es; Hochachtung allein kuuͤpft ſchoͤne Seelen an einander. Liebe leiht dieſem Bande nur die 229 die Farbe. Ver bleichen kann die Far⸗ be, ohne daß das Band zerreißt, aber wehe! wehe, wenn es zerriſſen iſt! Vierte Sc̃ene, Hauptmann Klinker. Karoline. Kkr. Cin komiſcher Vevlegenheit, wie er ſeinen Ankrag einfoͤdeln ſoll.) Mademoiſell— Kar.(ſich faſſend.) Seyn Sie will⸗ kommen Herr Hauptmann. Klr.(ſteht vor ihr und verſucht einige⸗ mal zu roden.) und Kar.(bemerkt ſeine Verlegenheit dußert ihre Verwunderung.) Nun?— was iſt Ihnen? Klr. Cnach einer abermaligen Pauſe. Sie— Sie haben ſchoͤne Pferde— Kar. Das kann ſeyn, ich veyſtehe mich nicht darauf. 2380— Klr. Ich war eben in Ihrem Stal— le— Kar. Ich war in meinem Leben noch nicht darin. Klr. Aber— Sie haben keine Hand voll Heu mehr vorraͤthig. Kar. Das muͤſſen Sie dem Kutſcher ſagen. Klr. Man kann das Haus nicht ein⸗ mal in Brand ſtecken, wenn man auch wollte. Kar. Das wird hoffentlich auch nie— mand wollen. Klhr. Doch, doch— ich war eben im Begriff— Kar. Sie? Klr. Cohne Karolinen anzuſehen, indem er mit dem Stockbande ſpielt.) Ja, ſehn Sie nur, ich dachte ſo: mein lieber Klinker, du biſt doch nun einmal entſchloſſen zu heyrathen— — Kar. Sie wollen heyrathen? Klr. Cimmer ohne ſie anzuſehn.) Ein beſſeres Maͤdchen findeſt du nicht auf dem weiten Erdenrund— als— Karoline Loͤ⸗ we— Kar. Mich? Klr. Aber, ob ſie dich mag? das iſt die Frage!— (laͤchelnd.)' Und um dieſe Fra⸗ Kar. ge zu entſcheiden, wollten Sie unſer Haus anzuͤnden? Khr. An allen vier Ecken. Dann, dachte ich, laͤſſeſt du es ſo ein Weilchen brennen— 3 Kar. Allerliebſt! Klr. Und wenn die Treppe ſchon wackelt, ſo ſtuͤrzeſt du mit Lebensgefahr hinauf, nimmſt Karolinen in deine Arme und traͤgſt ſie durch die Flamme. Viel⸗ leicht heyrathet ſie dich dann aus Dankbar⸗ —————— keit. Kar. Die Wendung iſt neu. 0 Klr. 232 Klr. Sagen Sie Ja, und in einer Stunde brennt das Haus lichterloh. Kar. Aber wenn nun mein Daſeyn keinen Werth fuͤr mich haͤtte? Klr., Je nun! was man nicht achtet, das verſchenkt man. Schenken Sie es miv. Kar. Dazu habe ich Sie zu lieb. Klr. So? am Ende muß ich Sie wohl gar erſuchen, mich etwas weniger lieb zu haben? Kar. Wo bliebe Ihre frohe Laune, wenn mein Truͤbſinn ſie taͤglich verſcheuchte? Klr. Wer ſagt Ihnen denn, daß mei— ne frohe Laune ſich verſcheuchen laͤßt? und von Ihnen nun gerade gar nicht; Sie muͤßten denn— Apropos! darf ich bitten, daß Sie einen Augenblick ſo ſtehen bleiben, ohne ſich umzuſehen? Kar. Warum das? Klr. Ich bitte, nur eine Minute. Kar. Nun ja. Killt — 9 4 iee 2 22 —9 lr. Aber keinen Blick ſeitwaͤrts. 2 Kar. Ich bin ja kein Orpheus. Klr. Cnimmt das Strickzeug aus dem Korbe, und verſteckt den Korb unter dem Tiſche.) So, nun iſts geſchehen. Kar. Was denn? Iir. Es war nur wegen der Ideen— Aſſociation. Ich habe den Korb da ver— ſteckt. Kar. Meinen Korb? Klr. Ja, damit er nicht etwa mein Korb wuͤrde. Es iſt immer ein boͤſes Zei⸗ chen, wenn man einem Maͤdchen ſeine Hand antraͤgt, indem ein Korb auf dem Tiſche ſteht. Es bringt einen ehrlichen Kerl ganz aus aller Faſſung. Kar. Sie ſind heute ſehr froh ge— ſtimmt. Klr. Noch nicht, aber ich koͤnnte es werden. —— Kar. Ich beneide Sie um dieſe Hei— terkeit, weil ſie Ruhe des Herzens vor— ausſetzt. Klr. Mein Gott! ich toͤde mich ja ſeit einer Viertelſtunde, um Ihnen zu be— weiſen, daß mein Herz eben ſo wenig ru— hig iſt, als die See bey Aequinoctial- Stuͤrmen— Nun?— Das Herbſt-Ae— duinoctium meines Lebens iſt vorhanden— die Blaͤtter fallen ab— die Abende wer— den laͤnger— o bey Gott! ich brauche ein gutes Weib fuͤr den Winter. Kar. Wer in Bildern ſpricht, iſt ru— hig. Klr. Ich bitte Sie, liebes Maͤdchen, weichen Sie mir nicht laͤnger aus. Sa⸗ gen Sie mir lieber geradezu: Hauptmann Klinker, du gefaͤllſt mir nicht. Cer holt den Korb unter dem Tiſche hervor, und reicht ihr ihn haſtig hin.) Da! da! nun thun Sie 2 was Sie wollen. Kar. Herr Hauptmann— Klr. Klinker waͤre mir lieber. Kar. Faſt ſollte ich glauben, daß Sie im Ernſte ſpraͤchen— Klr. Faſt?— ſaſt! Kar. Alſo wirklich? Klr. Der Angſtſchweis ſteht mir vor der Stirn— ſie glaubt es faſt! Kar. Soll ich mich wundern? Sie ſind ſo lange ſchon bey uns aus⸗ und ein⸗ gegangen, und nie habe ich bemerket— Klr. Ja, ich habe es ſelbſt nicht be⸗ merket. Das hat ſich ſo eingeſchlichen, wie ein Thautropfen in einen Blumenkelch. Kar. Die Liebe eines ſo wackern Mannes ſchmeichelt meiner Eitelkeit— Klr. Eitelkeit? mein Ziel liegt weiter hinaus. Kar. Dieſe Liebe zu erwiedern, ſteht nicht in meiner Gewalt. Klr. Nicht? Kar. Jetzt nicht. Klr. 6— 23 Klr. Jetzt nicht? aber einſt? Kar. Das kann ich nicht verſpre— chen! Klr. Warum nicht? wenn Sie mich wirklich fuͤr gut halten? Kar. Gewiß, das thue ich. Klr. Liebes Maͤdchen, ich habe nur einen Bedienten und einen Reitknecht, die ſind beyde nun ſchon r8 Jahre bey mir, und ließen ſich fuͤr mich todtſchlagen. Auch habe ich eine alte Haushaͤlterin, eine wun⸗ derliche Frau; außer ein paar Katzen und miv, liebt ſie nichts auf der Welt. Nun denke ich immer: wer mit ſeinen Dome⸗ ſtiken gut umgeht, mit dem darf es eine geliebte Gattin ſchon wagen(nit vieler Gut⸗ muͤthigkeit und halber Nuhrung zy was Ihnen etwa an mir nicht anſtuͤnde, das wollte ich mir abgewöͤhnen. Wenn ich ſpraͤche: ich liebe dich; ſo ſollten Sie mir nur ant⸗ worten: ich bin dir gut— und wenn Sie dann ſo ein paar Jahre nacheinander ge⸗ ſagt — 2.8757— ſagt haͤtten: ich bin dir gut— ſo ſpraͤ⸗ chen Sie vielleicht endlich auch: ich liebe dich— und wenn es einmal zum Schei⸗ den gienge— bey meiner armen Seele! ſo ſpraͤchen Sie: es hat mich nicht gereut. Kar. Guter Mann! Klr. Thun Sie den Korb weg! ja, ja, thun Sie ihn weg! Kar. Soll ich Sie taͤuſchen? ich ha⸗ be ſchon geliebt. Klr. Was geht das mich an? Kar. Ich liebe vielleicht noch! Klr. Das iſt ſchlimm. Kar. Freylich iſt der Gegenſtand mei— ner Liebe unwerth— Klr. Wird er ſich beſſern? Kar. Cauckt die Achſeln.) Klr. Werden Sie ihn heyrathen? Karv. Nie. Klr. Nun da mag er ſich vor den Kopf ſchießen; warum hat er ſein Gluͤck verſcherzt? Kar⸗ — 238— Kar. Dann iſt noch ein Hinderniß. Meine Mutter hat mich dem Kammer— Rath Hippeldanz zugeſagt. Klr. O den lehre ich nur neue Sau— cen machen, ſo giebt er ſeine Anſpruͤche auf. Kar. Wohlan, Herr Hauptmann, laſ— ſen Sie mir Bedenkzeit— Klr. Bedenkzeit? wozu?— Sie werden mich doch nicht beſſer kennen ler— nen; denn von nun an werde ich immer meine beſte Seite herauskehren. Kar. Ich ſehe ein, daß ich thoͤricht handeln wuͤrde, wenn ich in meiner jetzi⸗ gen Lage die Hand eines Mannes ausſchluͤ— ge, den ich herzlich hochachte, und dem dieſes Gefuͤhl genuͤgt. Klr. Chaſtig.) Nun? und folglich? Kar. Cnach einer Pauſe.) Reden Sie mit meinen Eltern. Klr. Cdrückt ihre Hand entzückt an ſeine Lippen und rennt fort. An der Thuͤre bleibt er er ploͤtzlich ſtehen und kehrt langſam zuruͤck.) Aber— das geht mich nun eigentlich nichts an— Kar. Was denn? Klr. Und Sie koͤnnten es wohl gar uͤbel nehmen— Kar. Ich kann die Menſchen nicht leiden, die alles uͤbel nehmen. Klr. Ich wuͤnſchte den Namen des Mannes zu wiſſen, der Eindruck auf ihr Herz gemacht hat. Er muß verdammt lie— benswuͤrdig ſeyn. Kar. Er war es. Auguſt— War— ning. Klr.(wie vom Blitz geruͤhrt.) Auguſt Warning? Kar. Sie haben ihn nicht gekannt. Klr. Doch— wer weiß— und die— ſer Warning iſt Ihrer Liebe unwerth? Kar. Leider! Klr.(nach einer ziemlich langen Pauſe.) Sehn Sie— da ſteh' ich und moͤgte mich ſelbſt 4 ſelbſt zur Thuͤr hinaus werfen, daß ich ſo ein Schurke bin, mich auch nur noch einen Augenblick zu beſinnen. Kar. Worauf? Klr. Freylich war mein ganzes Gluͤck nur eine Seifenblaſe— ſobald ich den Mund aufthue— paff! weg iſt ſie!(er nimmt ſich zuſamimen.) Aber pfuy! Klinker. Sapperment! ich ſage pfuy! Kar. Ich verſtehe Sie nicht. Klr. Dieſer Warning iſt Ihrer Liebe vollkommen wuͤrdig. Kar. Woher wiſſen Sie das? Klr. Geben Sie mir den Korb, es iſt vorbey. Kar. Kennen Sie ihn? Klr. Meinen Freund, meinen Wohle thaͤter? Kar. Ihren Wohlthaͤter? Klr. Ich waͤre ein Schurke, wenn ich ihn in dieſem Augenblicke verlaͤugnen koͤnnte. Ich darf nicht alles ſagen, aber— Kar. Kar. Er iſt verheyrathet. Klr. Das iſt nicht wahr. Kar. Er hat Weib und Kind verlaſ— ſen— Klr. Potz Element! das iſt nicht wahr! Kar. Die Verlaſſene war aber bey mir. Klr. Seine Frau? das ſind Satans⸗ kniſſe. Kar. Aber der Zuſammenhang? Klr. Ey, was weiß ich, wo Spitz⸗ buͤberey und Bosheit ihre Schwefelfaͤden zuſammengeknuͤpft haben. Genug, ich haue den Knoten durch, und ſpreche: es iſt nicht wahr! Kar. Ach Herr Hauptmann! wenn Sie Beweiſe dafuͤr haͤtten— Klr. Wo iſt das Weib? laſſen Sie ſie kommen. Ich will ihr auf den Zahn fuͤhlen, und wenn es ein Schlangenzahn waͤre. Fuͤnft. Band. O Kar. Kar. Sie iſt fort, ich weiß nicht wo ſie wohnt. Klr. In der Hoͤlle. Kar.(küngelt haſtig.) Jacob! Ja— cob! Fuͤnfte Scene. Jacob. Die Vorigen. Kar. Habt ihr nicht geſehn, welchen Weg die Frau genommen hat, die ſich Madam Warning nannte? Jac. Sie gieng zur gnaͤdigen Frau. Kar. Zu meiner Mutter? ha! Klr. Der Zuſammenhang— merken Sie was? Kar. Iſt ſie noch dort? Jac. Das weiß ich nicht. Kar. Verzeihen Sie, Herr Haupt— mann—(ſie will gehn.) Klr. Chaͤlt ſie auf.) Nur noch ein Wort— denn wenn ich es Ihnen jetzt nicht ſage, ſo koͤnnte nachher der Satan ſein Spiel haben, und der Eigennutz mir die Zunge laͤhmen.— Dieſer Warning iſt nicht allein unſchuldig— ſondern er liebt Sie wie immer. Jetzt gehn Sie, und bleiben Sie mir gut. Kar. Bis in den Tod! eſte druͤckk ihm die Hand und eilt fort.) Jac.(ab.)9 Sechſte Seene. Klinker allein. Nun mein lieber Klinker, deine Ehr⸗ lichkeit haſt du gerettet, aber alles uͤbrige iſt zum Henker!— Setze dich in einen Schmollwinkel, und lies Ciceros Buch von den Pflichten.— Hier Karoline— und da Cicero— o weh! o weh!—(Fauſe.) Q 2 Und Und wenn es nun doch wahr waͤre?— wenn der Zugvogel an irgend einer Leim— ruthe ein paar Federn im Stiche gelaſſen haͤtte?— Moͤglich iſt es immer— dum— me Streiche macht auch der beſte Menſch — dumme? ja!— aber ſchlechte? nein! Siebente Seene. Hippeldanz und Klinker. Hipp. Sieh da, Freundchen, ſo eben habe ich Ihre Geſundheit getrunken. Klr. Und doch bin ich krank. Hipp. Schicken Sie zu mir. Keine beſſere Arzeney auf der Welt als Kapwein, das muß ich verſtehen. Ein Dutzend Bou— teillen ſind fuͤr Sie beſtimmt. He? Sie machen große Augen? heute bin ich ge—⸗ neros. Klr. Iſt denn heute ein Schalttag? Hipp. Hipp. Wie ſo? warum ein Schalt⸗ tag? Sticheley! Sticheley! mag paſſiren. Werden erſtaunen. Klr. Woruͤber? Hipp. Es wird ſich ein Ruf verbrei— ten, die Fama wird trompeten. Klr. Mit dem Munde? Hipp. Von meiner Geſchicklichkeit— Klr. Daun werde ich allerdings er⸗ ſtaunen. Hipp. Rathen Sie, wo ich her⸗ komme? Klr. Vermuthlich vom Tiſche? Hipp. Falſch. Ich komme vom Praͤ⸗ ſidenten. Der Fuͤrſt hat meine Abhand⸗ lung geleſen. Klr. Und Sie abgeſetzt? Hipp. Wird ſich finden, häͤ! haͤ! haͤ! Heute noch. Ich bin beſtellt. Klr. Wohin? Hipp. Zum Fuͤrſten. Ja, ja, Freund⸗ chen, man geht zum Fuͤrſten. Klr. 246— Klr. Und Sie hoffen wirklich? Hipp. Ich hoffe nicht, ich weiß ge— wiß. Se. Durchlaucht haben geſagt: Das iſt ein Mann! haben Sie geſagt: Das iſt ein Mann! den muͤſſen wir in Ehren hal— ten!— Mein Praͤſident, der Schlaukopf, wollte wiſſen, wer mir die Abhandlung gemacht haͤtte? aber ich war kein Narr, wie? Freundchen, ich bitte— reinen Mund! Klr. Aha! es war alſo nicht Ihre Abhandlung? Hipp. Nun freylich war es die mei— nige; ich habe ſie ja theuer genug erkauft! Klr. Von Buſch? Hipp. Pſt!— nun ja; von Buſch. Sie ſollen Dank haben. Schicken Sie nur nach dem Kapwein. Klr. Was haben Sie dafuͤr bezahlt? Hipp. Unter uns: Der Keel iſt ein Narr, er verlangt kein Geld. Klr. Was denn? Hipp. Er kann das Heyrathen nicht leiden. Ich glaube, wenn es auf ihn an⸗ kaͤme, ſo ſtuͤrbe die Welt aus. Klr. Ich verſtehe Sie nicht. Hipp. Seine Bedingung war— meiner Braut zu entſagen. Khr. Und Sie thaten es? Hipp. Nun freylich, was ſollt' ich machen. Maͤdchen finde ich uͤberall mit meinem Gelde, wie? aber ſo eine Abhand—⸗ lung— Geben Sie acht, ich werde heute noch Geheimer Kammer⸗Rath. Klr.(beyſeite.) Vortrefflich! er iſt nicht verheyrathet! Claut.) Ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck, Herr Geheimer-Kam⸗ mer-Rath. Hipp. Dank, dank, Freundchen! ſoll auch Ihr Schade nicht ſeyn. Speiſen Sie nur fleißig bey mir. Klr. — 248— Klr.(beyſeite.) Warte du Kaliban! du ſollſt den Lohn ſeines Fleißes nicht ver— ſchlingen. Cer will gehn.) Hipp. Wohin? wohin? Klr. Zum Eſſen. Hipp. Ich gehe mit. Klr. Nichts als Faſtenſpeiſe. Hipp. Ach nel dann bleibe ich zu— ruͤck.(Klinker ab.) Achte Scene. Hippeldanz allein. Ich lobe mir das Fleiſch Cer faltet die Haͤnde über den Bauch.) und dem Himmel ſey Dank, ich eſſe viel Fleiſch; Cer ſtrei⸗ chet ſich den Vauch) es gedeiht denn auch ſo ziemlich. Wenn man nur den Kopf ſchont, und ſich vor Aerger huͤthet, o da kann man viel verdauen.— Aerger?— ja, heute wird es wohl nicht ganz ohne Aer— — 249— Aerger ablaufen.— Was wird die hof⸗ faͤrtige Schwiegermama ſagen, wenn ich der Mamſell Tochter den Korb bringe? — Ich thue es eben nicht gern— aber Wort muß man halten. Cnach einigem Nachdenken.) Hm! und warum muß man denn Wort halten?— ich frage warum? — es iſt Herkommens.— Ich koͤnnte mich wohl druͤber wegſetzen, denn ich habe Geld, wie?— Aber den Buſch koͤnnte der Teu— fel reiten, daß er plauderte— und wo bliebe dann der Geheime Kammer-Rath? — die Ehre! die Ehre geht uͤber alles! Neun⸗ Neunte Scene. Hippeldanz und Mad. Loͤwe. M. Löwe. Willkommen Herr Schwie— gerſohn. Die Anſtalten zu dem heutigen Feſte ſind getroffen. Hipp. Lin groößter Verlegenheit.) Ey, ey— die Frau Kanzley-Directorin haben ein Feſt veranſtaltet? M. Löwe. Seltſame Frage. Hipp. Wunderliche Dinge geſchehen in der Welt— M. Loͤwe. O ja. Hipp. Und ſeltſame Fragen entſprin— gen aus wunderlichen Dingen— M. Löwe. Was ſoll das heißen? Hipp. Der Weg zum Eheſtande iſt holpericht, wie eine ſächſiſche Landſtraße, man wirft um, ehe man ſichs verſieht. M. Loͤwe. — 251 M. Löwe. Ey, man muß nur nicht ſo langſam darauf fahren, wie eine ſaͤchſi⸗ ſche Extrapoſt. Hipp. Eile mit Weile. M. Loͤwe. Nun, ich denke Sie ha⸗ ben eben nicht geeilt. Hipp. Darum bin ich denn auch noch weit vom Ziele. M. Loͤwe. Herr Kammer-Rath— Hipp. Meine theure Frau Erx— Schwiegermama! erlauben Sie, daß ich mich freymuͤthig eyxpectorire. M. Löwe. Nach Belieben, nur ſcho⸗ nen Sie meiner Geduld. Hipp. Man ſoll ſich vermaͤhlen— man hat dieſem Schritte nachgedacht— M. Löͤwe. Vorher, oder nachher? Hipp. Man haät vorher nicht allemal Zeit nachzudenken. M Löwe. Iſt auch beym Heyrathen nicht gebraͤuchlich. Hipp. 252 Hipp. Ich bin gebohren Anno domini 1750. M. Löwe. Haben alſo Zeit gehabt klug zu werden. Hipp. Das wohl— aber— M. Löwe. Wahrhaftig ein drolliges Aber. Hipp. Ich bin doch wirklich zu alt fuͤr Ihre Mamſell Tochter. M. Löwe. So muß Karoline Sie Papa nennen. Hipp. Und kraͤnklich iſt man auch— M. Löwe. Das iſt gerade nicht Ihre ſchlimmſte Eigenſchaft. Hipp. Man ſtirbt, man hinterlaͤßt eine junge Wittwe— M. Loͤwe. Die untroͤſtlich ſeyn wuͤr⸗ de— Hipp. Eben deswegen. M. Löͤwe. Mein Herr, was ſind das fuͤr Winkelzuͤge? Hipp. Hipp. Sollte an der Deutlichkeit noch etwas ermangeln? M. Löwe. Sie ziehen Ihr Wort zuruͤck? Hipp. Behuͤte der Himmel! ich bin nur ſo frey Ihnen das Ihrige zuruͤck zu geben. M. Löwe. Sind Sie von Sinnen? Hipp. Keineswegs. M. Löwe. Sie wagen es unſer Haus zu beſchimpfen? Hipp. Wir bleiben ja gute Freunde. M. Löwe. Zum Henker mit Ihrer Freundſchaft! Hipp. Den Kaviar verzehren wir miteinander. M. Löwe. Zum Fenſter hinaus mit Ihrem Kaviar! Hipp. Ey ja, warum nicht gar! das waͤre ein Schmaus fuͤr die Gaſſenbu— ben. M. Löwe. Sie handeln wie ein Kind! Hipp. Bin 17 50 gebohren— M. Loͤwe. Sind ein inconſequenter Menſch! ein Narr! Hipp. Ein Narr? Frau Ex-Schwie⸗ germama! das iſt zu viel! ich, mit mei⸗ nem Gelde! ein Narr, wie? M. Loͤwe. Ein verſilberter, Narr! Eine Puppe, die nach jeder Pfeife tanzt. Hipp. Ich tanze gar nicht. M. Loͤwe. Wenn es der Muͤhe werth waͤre, mit ſolch einem Automaten einen Prozeß anzufangen— Hipp. Automat? das wird wohl wie⸗ der eine andere Gattung von Narren ſeyn. M. Löwe. Gehn Sie mir aus den Augen! Hipp. Von Herzen gern. M. Loͤwe. Und betreten Sie meine Schwelle nie wieder. Hipp⸗ — 82385 Hipp. Werde mich huͤten. M. Löwe. Wenn Sie jemand fragt, warum ihre Verlobung ruͤckgaͤngig gewor⸗ den, ſo antworten Sie: Ich haͤtte Ihnen den Korb gegeben; ich! ich! verſtehen Sie? Hipp. Ja, aber warum— M. Löwe. Weil Sie ein alberner Menſch ſind— Hipp. Das glaubt ja niemand. M. Loͤwe. Der nichts hat als Geld. Hipp. Eben deswegen. Was ſoll ich denn noch mehr haben, als Geld? M. Loͤwe. Ein Quentchen Gehirn, das wiegt ſchwerer als ein Sack mit Du⸗ caten. Hipp. Ein Quentchen? Sie ſpaßen. M. Löwe. Gehn Sie, oder ich ver— greife mich an Ihrem leeren Hirnkaſten. Hipp. Cindem er ſich nach der Thuͤre ſchiebt:) Ey was! es kann ja nicht alles voll — 256— voll ſeyn, wie? Geldkaſten und Hirnkaſten zu gleicher Zeit?(ab.) Zehnte Sceene— Madam Loöwe allein. Verwuͤnſchter Thor!— aber ſo geht es in der Welt. Die geſcheiten Leute ſaͤen und pflanzen, und ehe man ſichs verſieht, kommt ein Eſel, und tritt alles in den Koth.— Was hilft mir nun meine wohl ausgeſonnene Liſt?— haͤtte ich doch nur die eigentliche Urſache erforſcht— aber ſo ein Menſch hat keine Urſache.— Vermuth⸗ lich ſteckt die ſaubere Mamſell Stieftochter ſelbſt dahinter.— Schon gut! fort ſoll ſie mir, und wenn ich ſie dem erſten be— ſten Voruͤbergehenden an den Hals werfen muͤßte.(Sie geht in ein Seitenzimmer ab.) Eilfte Sceene. Eduard, Jacob, Buſch, Kanzley⸗ Director Loͤwe. Eduard(phinter der Scene, phantaſirt von Zeit zu Zeit auf der Flote) Jac.(der dem Doctor Buſch die Mittel⸗ thuͤr öffnet.) Nur hier herein. (Die Flöͤte ſchweigt.) Buſch etritt herein.) JabKges Buſch.(ſieht ſich uͤberalt um— alles iſt ihm intereſſant— wehmuͤthige Ruͤckerinne⸗ vungen ſchweben auf ſeiner Stirn— er wiſcht ſich eine Thraͤne aus dem Auge.— Eduards Flöͤte laͤßt ſich wieder höͤren.—Bu ſch wird aufmerkſam und ſehr bewegt.— Er naͤhert ſich leiſe der Thuͤr— er kaͤmpft einige Augenblicke mit ſich ſelbſt.— Endlich ſtuͤrzt er in Eduards Zimmer.— Die Flöoͤte ſchweigt ploͤtzlich. Man Fuͤnft. Band. R hoͤrt 98 hört Eduard rufen: Wer umarmt mich?— Buſch kommt weinend zuruͤck, und ſucht ſich zu faſſen. Kanzley⸗-Director(tritt auf, mit Acten unter dem Arm.) Was ſteht zu Dien⸗ ſten mein Herr? Buſch. Ich ſelbſt und meine Kunſt ganz zu Ihren Dienſten. Loͤwe. Kunſt?— doch nicht etwa ein Taſchenſpieler? Buſch. Ein Augenarzt. Man hat mich rufen laſſen— Loͤwe. Ach ja! ich weiß, ich weiß. Nun das gehoͤrt in die Wirthſchaft, das geht mich nichts an. Buſch. Mich deucht, es iſt Ihr Herr Sohn, der— Loͤwe. Mein Sohn iſt kein Prozeß. He! Jacob! rufe meine Frau. Sprich, der Augendoctor waͤre hier.(Jacob ab.) So— ſo— ſo— Haben Sie denn auch eine Bude? Buſch. Bude? Buſch. Eine Löwe. Ja, ich meine ſo, mit dem Hanswueſt. Ich habe das vor 40 Jahren einmal geſehen. Buſch. Nein, Herr Kanzley-Diree— tor, ich habe keine Bude. Löwe. Das iſt Schade. Der Hans⸗ wurſt iſt mein Favorit. Ich hoͤre, ſie ha— ben ihn auf dem Theater abgeſchaft, die Herrn vom Parnaß. Darum gehe ich auch gar nicht mehr hin. Denn, wenn ich den ganzen Tag untet den Aeten ge— ſeſſen habe, ſo will ich auf den Abend la⸗ chen, und nicht weinen. Buſch. Weinen iſt zuweilen ſuͤßer, als lachen. Löwe. Ey warum nicht gar. Das Weinen iſt eine Poena naturalis der ſuͤndi⸗ gen Menſchheit. Ich hoͤre meine Frau, ſie wird Ihnen wohl ſagen, was mit dem Eduard geſchehen ſoll. Ihr Diener Herr RN 2 Augen⸗ — 260— Augendoctor ohne Hanswurſt. Cer geht in ſein Zimmer.) h Buſch. Er iſt noch der alte. Zwoͤlfte Sceene. Madam Loͤwe und Buſch. M. Loͤwe. Willkommen mein Herr! und wenn Sie helfen koͤnnen, geſegnet von einer liebenden Mutter! Buſch. Ja gnaͤdige Frau, Mutterſe—⸗ gen ſoll mir beyſtehen. Ich werde meine ganze Kunſt aufbieten. M. Loͤwe. Ach! ſchon einigemal wur⸗ de ich in meiner Erwartung getaͤuſchet. Sie, mein Herr, der Ruf Ihrer Geſchick— lichkeit, geben mir neue Hoffnung. Buſch. Ich kann nichts beſtimmen, bevor ich die Angen des Kranken unterſucht habe. M. Löwe. Ich fuͤhre ihn ſogleich her.(ſie will gehn.) Buſch. Doch verrathen Sie ihm mei⸗ ne Gegenwart nicht. Rur ſehen will ich ihn, nicht ſprechen. M. Loͤwe. Ich verſtehe. ſie geht in Eduards Zimmer.) Buſch. Callein.) Dieſe Vorſicht war nothwendig. Ein Blinder hat ſchaͤrfere Sinne. Eduard wuͤrde meine Stimme er⸗ kannt, und mich vor der Zeit verrathen haben. Dreyzehnte Scene. ad. Loͤwe fuͤhrt Eduard herein. Ed. Wohin Mutter? M. Loͤwe. ʃicht weiter. Hier ſteh. Buſch.«betrachtet ſeine Augen aufmerk⸗ ſam.) Ed. Was ſoll ich denn hier?— (Pauſe.) Sie antworten mir nicht?— (Pauſe.)— Mich deucht, es ſey noch je— mand im Zimmer? Buſch.(zu Mad. Löwe.) Genug. M. Loͤwe. Komm Eduard, ich fuͤhre dich wieder hinein. Ed. Was war denn das?(im Abge⸗ hen.) M.Loöwe. Du wirſt es ſchon erfah⸗ ren.(ſie fuͤhrt ihn fort.) Buſch. Callein.) O Gott!— wenn nur diesmal meine Hand nicht zittert.— Ihm iſt noch zu helfen! Vierzehnte Scene. Madam Loͤwe und Buſch. M. Löwe. Nun, mein Herr. Ihr Ausſpruch? Buſch. Huͤlfe iſt moͤglich. M. Loͤwe. Sie hoffen wirklich? Buſch. Ich hoffe. M. Löwe. O dann ſind Sie mir ein Bote des Himmels!— Jetzt, mein Herr, muß ich Sie mit der ganzen Lage meines Hauſes bekannt machen, um Ihren Eifer anzuſpornen. Buſch. Deſſen bedarf ich nicht. M. Lowe. Wir ſind reich, mein Ge⸗ mahl ſteht in großem Anſehn; ſchenken Sie unſerm einzigen Sohn das Tageslicht wie⸗ der, ſo befoͤrdern Sie zugleich die herrlich—⸗ ſten Entwuͤrfe fuͤr den Glanz unſeres Hau⸗ ſes.. 264— ſes. Rechnen Sie daher auf eine fuͤrſtli⸗ che Belohnung. Buſch. Das thue ich, gnaͤdige Frau. Der Preis, den ich auf meine Kunſt ſetze, iſt ſehr hoch. M. Löͤwe. Fodern Sie. Buſch. Ich kein Geld. M Löwe. Was ſonſt Bu ſch. Ich ſuche eine liebenswurdige Gattin, und hoffe ſie in dieſem Hauſe ge— funden zu haben. M. Lowe. In dieſem Hauſe? B Buſch h. Ihre Mademoiſelle Sieeftoch⸗ ter— M. Löwe. Wie mein Herr?— Buſch. Ein gluͤcklicher Zufall hat mich einigemak mit ihr in Geſehef ge⸗ bracht. M. Löwel. Davon hat ſie mir nichts geſagt. Buſch. Vielleicht uͤberſah' ſie mich; aber der Eindruck, den'ſie auf mein Herz mach—⸗ 265 machte, iſt unverloͤſchbar! und wenn es mir gelingt, Ihr den Bruder wieder zu geben, ſo fodere ich zum Lohn die Hand der Schweſter. M. Löͤwe. Sonſt nichts? Buſch. Mich duͤnkt, ich fodere ſehr viel. M. Löwe. Nach dem mans nimmt. Freylich wir kennen Sie nicht. Ihre Her— kunft— Ihre Umſtaͤnde— Buſch. Meine Herkunft iſt untadel⸗ haft; mein Brod erwerbe ich durch Fleiß und Verdienſt. Waszich ſage, kann ich be⸗ weiſen. M. Löͤwe. Aber Sie kennen ja das Maͤdchen noch nicht? Buſth. O ich kenne ſie. M. Loͤwe. Sie hat ihre kleinen Lau⸗ nen und Grillen. Buüſch. Wer hat deren nicht zuwei⸗ len? die Liebe ſchont und tragt. 200 M. Loͤwe. Ich zweifle ſogar, daß ſie ohne Zwang in dieſe Verbindung willigen wird. Buſch. Wenn ſie ſich weigert, ſo ha— ben Sie nichts verſprochen. M. Loͤwe.(beyſeite.) Das koͤmmt zu rechter Zeit. Das waͤre eine trefliche 9 60 die Dirne los zu werden. (laut.) Wir muͤſſen doch vorher mit mei— nem Manne— Buſch. Allerdings. M. Löwe. Cgeht an des Kanzlehdirec⸗ tors Thüre.) Kotnmen Sie heraus mein Schatz, Loͤwe.(inwendig.) Ich habe keine Zeit. M. Löwe. Es iſt nothwendig, Sie muͤſſen heraus kommen. Funf⸗ Scene. Funfzehnte Kanzley-Director. Die Vorigen. Loͤwe. Cunwillig.) Immer geben Sie leges positivas. Nun? was ſoll ich denn? M. Loͤwe. Der Herr Doctor Buſch will unſerm Eduard helfen. Loͤwe. Das weiß ich ſchon. M. Löwe. Unter der Bedingung, daß wir ihm Karolinen zur Frau geben. Loͤwe. Aber mein Schatz, gehoͤrt das nun wieder in mein Departement? M. Loͤwe. Sie haben alſo nichts dawider? Loͤwe. Wenn ſie will— und wenn er ein ehrlicher Mann iſt, der ſein Aus⸗ kommen hat— aber daran zweifle ich, denn er fuͤhrt keinen Hanswurſt bey ſich. M. Löͤwe. Schaͤmen Sie ſich. Loͤwe. Wofuͤr? — 268 M. Löoͤwe. Nirgends kann man Sie produciren. Loͤwe, Als auf dem Richterſtuhle; dahin gehoͤre ich. Die Leute, die man uͤberall produciren kann, ſind manchmal am wenigſten zu Hauſe, wo es ihre Pflicht erheiſcht.(geht in ſein Zimmer.“) ht erheiſch Sechszehnte Scene. Mea d. Löwe und Buſch. M. Löͤwe. Schon gut. Seine Ein⸗ willigung haben wir. Buſch. Und die Ihrige? M. Loͤwe. Gebe ich unter einer Be— dingung. Buſch. Ich unterwerfe mich einer jeden. M. Löwe. Daß Sie, nach vollzoge— ner Verbindung, einen entfernten Wohn⸗ ort waͤhlen. Buſch. — 269 Buſch. Und die Urſache? M. Löwe. Familienverhaͤltniſſe. Buſch. Die Bedingung iſt hart! M. Loͤwe. Aber unerlaͤßlich. Buſch. Wohlan es ſey! M. Löwe. So ſende ich meine Stief— tochter her, damit Sie das uͤbrige ſelbſt vollenden. Cab.) Siebenzehnte Scene. Buſch allein. Geh' nur. Alle meine Lieben werden mit mir ziehen!— Wo Gattin, Mutter und Schweſter mich umgeben, da iſt mein Vaterland! meine Welt!— Sie wird kommen!— ich werde meine Karoline wie— der ſehen!— meine Karoline!— iſt ſie es noch? Cer erwartet ihre Ankunft in heſtiger Bewegung.) Scene. Achtzehnte Karoline und Buſch. Kar.(verbeugt ſich.) Meine Mutter hat mir geſagt, daß Sie mich zu ſprechen wuͤnſchen. Buſch.(mit möͤolichſt veraͤnderter Stim⸗ me.) Ich habe— ich bin— Kar. Sie ſind ein wohlthaͤtiger Mann, der meinen Bruder aus ſeiner ewi⸗ gen Nacht hervorziehen will. Buſch. Wenn der Preis, den ich for— dere, nicht zu hoch iſt— Kar. Um die Augen ihres einzigen Sohnes zu oͤffnen, iſt meinen Aeltern nichts zu koſtbar. Bu ſch. Aber Ihnen? Kar. Was kann ich dazu beytragen? Buſch. Ihre Frau Mutter hat Ih⸗ nen nicht erklaͤrt— Kar. Kar. Was? Buſch. Daß ich gewagt habe, mir die einzige Belohnung, die Reitz fuͤr mich hat— Ihre Hand zu erbitten? Kar.(höoͤchſt erſtaunt.) Meine Hand? Buſch!. Es muß Ihuen auffallen!— Kar. Wirklich, auchuals Scherz faͤllt mir das auf. Buſch. Es iſt nicht Scherz— Kalr. Gewiß, mein Herr, gewiß. Sie ſehen mich zum erſtenmale in Ihrem Leben— Buſch. O nein— Kar. Und wenn auch, ſo haben Sie mich doch nur geſehen, nie geſprochen; koͤnnen ſich hoͤchſtens in mein bischen Lar⸗ ve verliebt haben; und ſolch einen Mann — doch verzeihen Sie, ich antworte ernſt— haft, wo ich blos lachen ſollte. Buſch. Ich habe Freunde, die mit Ihrem Charakter genau bekannt ſind. Kar. Kar. Pfuy mein Herr, wer wird auf bloßes Hoͤrenſagen um ein Maͤdchen wer— ben? Buſch. Ich weis Zuͤge Ihres edeln Herzens= Kar. Ein Zug meines Charakters iſt der, daß ich mich ungern ins Geſicht lo⸗ ben hoͤre.— Kurz mein Herr, ich bitte Sie, brechen wir davon ab. Buſch. Vielleicht iſt Ihr Herz ſchon gefeſſelt? Kar. C(nach einer kleinen Pauſe.) Das gehoͤrt nicht hirher. Buſch. Cmit erkünſielter Empfindlich⸗ keit.) So muß ich bedauern, Ihrem Herrn Bruder mit meiner Kunſt nicht dienen zu können. Kar. Wirklich!— Sie waͤren im Stanbe einen Blinden ſehend zu machen? Sie haͤtten Ihre huͤlfreiche Hand bereits ausgeſtreckt? und der Eigennutz zoͤge ſie zuruͤck? Buſch. Buſch. Ein ſo edler Eigennutz— Kar. Gleichviel, mein Herr. Wer mit dem ſchoͤnen Beruf, der leidenden Menſchheit beyzuſtehn, einen Handel trei— ben kann— der wird nie mein Gemahl! Neunzehnte Scene. Korporal Muͤller. Die Vorigen. Korp. Pardoniren Sie. Ich ſuche die Mamſell Loͤwe. Kar. Die bin ich. Wer iſt er? was will er? Korp. Ich bin der alte Korporal Muͤller. Sie werden wohl von mir nicht gehoͤrt haben? Kar. Nein. Korp. Glaub es gern. Ich bin nur ein gemeiner Mann, aber mein Haar iſt mit Ehren grau geworden, und darum wurde dieſer Gang mir ſauer. 110 Fünft. Vand. S Kar. 274— Kar. Dieſer Gang? wie ſo? Korp. Meine Tochter iſt heute bey Ihnen geweſen. Kar. Seine Tochter? Korp. Sie hat einen dummen Streich gemacht, der beynahe ausſieht, wie ein ſchlechter Streich— aber der Wille war nicht boͤſe. Kar. Sprech er deutlicher. Korp. Die Frau Mama hat ihr einen Haufen Geld gegeben, und hat ſie inſtruirt, daß ſie ſich fuͤr eine gewiſſe Ma— dam Warning ausgeben ſollte. 81 Kar. Gott! Buſch.(beyſeite.) Was iſt das? Korp. Die Frau Mama hat verſi⸗— chert, meine Tochter wuͤrde ein gutes Werk ſtiften, wenn ſie das Herz der Mamſell von einem Landſtreicher abzoͤge— Kar. Weiter! weiter! Korp! Meine Luiſe verſchweigt mir ſonſt nichts— aber da liegt zu Hauſe ein krankes Weib— und weil das Maͤdchen ſieht, daß es uns blutſauer wird, uns ehr⸗ lich durch die Welt zu bringen, ſo denket ſie mir eine heimliche Freude zu machen. Da kommt ſie heute mit dieſem Beutel und dieſem Ringe, und ſpricht: Vater, uns iſt geholfen!— Ich ſtutze— es uͤberlaͤuft mich eiskalt— das Maͤdchen iſt huͤbſch— ich denke der Schlag trift mich auf der Stelle.— Als meine Tochter das merkt, erzaͤhlt ſie mir geſchwind den Verlauf der Sache und meint Wunder wie klug und wie gut ſie gehandelt habe. Aber das weine ich nicht, ich meine, man ſoll ſich nicht in fremde Haͤndel miſchen. Das Ding ſchien mir krumm, und ich bin mein Lebtage immer gerade gegangen. Meine Tochter ſollte die Sachen ſelbſt wieder her⸗ tragen, und den Betrug melden; aber ſie ſchaͤmt ſich, ſie ſitzt zu Hauſe und weint. S 2 Da — 276— Da mußte ich denn wohl ſelber meine Kruͤcke zur Hand nehmen. Hier, Mam⸗ ſellchen, hier iſt der Ring und das Geld. Kar. Ol guter Mann! behalte er beydes. Mein Auguſt treu! er weiß nicht, welch' ein koſtbares Geſchenk er mir ge⸗ macht hat. Korp. Nein, Mamſellchen, das be⸗ halte ich nicht. Mein Kind hat einen dummen Streich gemacht, und dafuͤr laͤßt ſich der Vater nicht bezahlen. Von Almo⸗ ſen lebe ich auch nicht, mein gnaͤdiger Fuͤrſt giebt mir eine Penſion. Ich bitte, nehmen Sie, und verzeihen der unerfahrnen Dirne. Kar. Mein Auguſt treu!— o lieber Alter! wenn er wuͤßte, wie gern ich in dieſem Augenblick die halbe Welt ver⸗ ſchenkte! Korp.(lschelnd.) Kann wohl ſeyn. Iſt mir auch vor Zeiten ſolg zuy/Muth ge⸗ weſen.) Nun, nun, wenn es einmal eine Hochzeit giebt, ſo meldet ſich/ der alte Muͤl⸗ ler * ler wohl zu einem Stüͤck Kuchen. Gott befohlen! Cab.) Scene. Zwanzigſte Karoline und Buſch. Kar.(faltet die Haͤnde, und wirft einen fröhlichen dankenden Blick gen Himmel.) Büſch. Wenn ich recht verſtanden habe— Kar. Ich liebe, mein Herr, ja ich liebe!— Sie fragten mich ja vorhin: ob mein Herz gefeſſelt ſey?— nun' wiſſen Sie es, nun haben Sie es ſelbſt gehoͤrt. ſich Eine Freude, wie die meinige, laͤß nicht verbergen. Ich liebe einen edeln Juͤng— ling. Sie haben geſehn, was man thut, um ihn von meinem Herzen zu reißen, aber 1 6—*—* das kann nur der Tod!— Ich bitte Sie, mein Herr, geben Sie Ihre ſonderbaren Waͤnſche auf. Ich liebe! ich bin Braut! nur +0 2˙78 nur der Tod iſt das Ziel meiner Treue! nur der Tod kann meine Feſſeln loͤſen. Buſch.(beyſeite, im hoͤchſten Entzuͤcken.) Guter Gott! gieb mir Thraͤnen! Kar. Verzeih, mein Auguſt! verzeih, daß ich einen Augenblick an deinem Her— zen zweifeln konnte! Buſch. Mademoiſell, Ihre Liebe iſt mir heilig.— ich werde ohne Eigennutz fuͤr Ihren Bruder thun, was ich kann. Kar. So gebe Ihnen Gott zum Loh⸗ ne einſt ein treues Herz, wie das mei— nige. Buſch. Cunwillkuͤhrlich ausbrechend.) Er hat es mir gegeben! Kar. Und doch— 2 Buſch, Verzeihung! nur pruͤfen wollt' ich Sie— Warning iſt mein Freund! Kar. Ihr Freund? Buſch. Er koͤmmt— Kar. Er koͤmmt? 2 2 9— Buſch. Doch nicht unter ſeiner eig⸗ nen Geſtalt— Kar. Unter welcher? Buſch. Er ſcheut Ihren Anblick— Kar Meinen Anblick? Buſch. Cmit ſeiner natürlichen Stimme.) Die Blattern haben ihn entſtellt— viel— leicht mehr noch Kummer und Sehn⸗ ſucht— Kar. Gott! welche Stimme! Buſch. Wenn dein Herz ihn nicht erkennt— Kar. Auguſt!—(ſie ſtürzt ohnmaͤch⸗ tig in ſeine Arlie.) (Der Vorhang faͤllt.) Ende des dritten Akts. Vierter Akit⸗ Erſte Seene. Eduard, Buſch, M. Loͤwe, Karo— line, Kanzley-Director Loͤwe, Jacob. Eduard ſitzt auf einem Stuhle in der Mitte der Buͤhne; ſein Kopf iſt mit einem weißen Tu⸗ che leicht verhuͤlt. Buſch ſteht vor ihm mit dem Inſtrument in ſeiner Hand. Neben ihm auf dem Tiſche noch ein Futteral mit meh⸗ rern Inſtrumenten, einem Flaͤſchchen Wein⸗ geiſt zum Aufbewahren der Staarlinſe u. ſ. w. M. Lowe, Karoline und der alte Jacob zu beyden Seiten in aͤngſtlicher Er—⸗ War⸗ wartüng. Löwe ſitzt gelaſſen im Sorgen⸗ ſtuhl. Buſch. Es iſt geſchehn! Ed. Nehmt mir das Tuch weg! Buſch. Noch einen Augenblick Ge⸗ duld. M. Löwe. Karol. und Jacob(zu gleicher Seit.) Kann er nun ſehen? Buſch. Nur noch eine kleine Erho— lung. Löwe. Und wenn er nun ſehen kann, ſo frage ich: was hat er gewonnen? M. Loͤwe. An deinem Anblick frey—⸗ lich nichts. Loͤwe. Blinde koͤnnen teſtiren, adop⸗ tiren, tutelam fuͤhren, bona adminiſtriren. M. Loͤwe. Wenn Sie nicht ſchwei⸗ gen, ſo laſſe ich Sie an der Zunge ope— riren. Löwe. Nur Koͤnig von Perſien konnte er nicht werden; denn Procopius ſagt: Per— Sae sae ne luscum quidem ad regnum admitte- bant. Buſch.(nimmt Eduard das Tuch vom Kopfe.) Schlagen Sie Ihre Augen lang— ſam auf. Ed. Cthut es.) O wie hell! wie ſchoͤn! es iſt Morgen! Buſch. Chaͤlt ihm ſeine Hand vor.?2 Was iſt das? Ed. Cimmer haſtig.) Eine Hand. Buſch.(ſteut M. Löwe vor ihm hin.) Kennen Sie dieſe Dame? Ed.(ſtreckt beyde Arme nach ihr aus.) Meine Mutter! Buſch. Cindem er Karolinen vorfuͤhrt.) und dieſe? Ed. Ihre Zuͤge ſind mir bekannt— Kar. Bruder! Ed. Meine Karoline! Kar.(will in ſeine Arme ſtuͤrzen.) Buſch.(hält ſie zurnck.) Laſſen Sie ihn. Keine zu heftige Erſchuͤtterung. Kar. — 283 Kar.(geht in einen Winkel, kniet nie⸗ der und dankt Gott ſtill.) Ja c. Ctritt weinend vor Eduard.) Ed. Du biſt der alte Jacob! Jac. Gott ſey Dank! Buſch.(mit zitternder Stimme.) Ken⸗ nen Sie auch mich? Ed. Sie ſind mein Engel! mein Schutzgott! M. Löwe. O Sohn! Sohn! Buſch. Genug. Jetzt muß er auf einige Tage in freywillige Dunkelheit zu⸗ rückkehren. Cer nimmt ein Tuch ihn zu ver⸗ binden.) Ed. Muß ich? M. Loͤwe.(waͤhrend Eduard verbunden wird, zu ihrem Manne, der immer ruhig ſaß.) Man ſollte darauf ſchwoͤren, Herr Gemahl, daß die ganze Begebenheit Sie nichts an⸗ gienge. Löwe. Da wuͤrde man einen falſchen Eid ſchwoͤren. e. Loͤwe. 284 M. Löwe! Keine Bewegung, keine Freude. Löwe. Ich freue mich allerdings, daß mein Sohn in Zukunft auch qua testis oculäris auftreten kann. M. Loͤwe. Unertraͤglich. Ed. Bindet mir die Haͤnde, oder ich reiße das Tuch wieder weg. Buſch. Geduld, nur einige Tage, ſonſt waͤre alles verlohren! Jac. Ich will ihn ſchon huͤten. Ed.(kindiſch entzuͤckt.) Ich habe die Meinigen geſehen— und den alten Ja cob und das ſchoͤne Tageslicht! es war ſo hell! ſo ſchoͤn! Bu ſch. Füͤhren wir ihn jetzt auf ſein Ruhebett. Ed. O ja, laßt mich nur allein, ich habe ſo viel geſehen und das Licht iſt in meinem Herzen geblieben— es umſchließt das Bild meines Wohlthaͤters! wo iſt er, daß daß ich ſeine Hand kuͤſſel ſeine ſegenreiche Hand! Buſch. Lieber Eduard, keine Ge⸗ muͤthsbewegung. Ed. O nun kenne ich ihn! ſogar ſeine Stimme iſt mir ſchon bekannt! Buſch. Cerſchrickt.) Fort auf ſein Ru⸗ hebett! Buſch, Karoline und Jacob cfuͤh⸗ ren Eduard ab.“) Zweyte Scene. Löwe und Madam Loͤthe. M. Loͤwe. Ich bin außer mir vor Freuden! Löͤwe. Ich nicht. M. Loͤwe. Das glaub' ich wohl. Sie werden ſich nicht eher freuen, bis einmal der blinden Themis der Staar geſtochen wird. Loͤwe. Loͤwe. Bewahre der Himmel! die Themis muß blind ſeyn, und das von Rechtswegen. M. Loͤwe. Ob Ihr einziger Sohn fuͤnf Sinne hat, wie ein Menſch, oder zwey, wie eine Auſter, das gilt Ihnen gleich. Loͤwe. Keineswegs. Ich betrachte nur, wie manche Muͤhſeligkeit ihn etwar⸗ tet. Jetzt war er blind von Natur; doch welchen Stand er auch ergreifen mag, ſo wird er nun oft blind ex officio ſeyn muͤſſen. Dritte Seene. Buſch mit Karolinen an der Hand. Die Vorigen. Buſch. Es iſt vollbracht. Ich wage es nunmehr, Sie an Ihr Wort zu erinnern. M. Löwe. Ich gab es, und werde es halten. Karoline ich entbinde dich von der Pflicht, den Kammer-Rath Höippel— danz zu heyrathen. Du biſt wieder frey. Bu ſch. Nicht frey, ſie iſt die mei⸗ nige! Kar. Von ganzen Herzen. M. Löwe. Wirklich?(ſpoöttiſch.) Hat ſich das ſo ſchnell gemacht? Haͤtte ich doch kaum geglaubt— um deſto beſſer. Kar. Meines Vaters Segen. Löͤwe. Wovon iſt denn die Rede? M. Löwe. Segnen Sie nur, ich werde es Ihnen nachher ſchon erzaͤhlen. Loͤwe. — 288 Löwe. Aber ich muß denn doch wiſ— ſe M. Loͤw Angelegenheit, die Verheyrathung Ihrer 2 Eine bloße Wirthſchafts⸗ Tochter. Löwe. Ach ſo! nun wohl, sub reser- vatione aller meiner Rechte ſegne ich dein chriſtliches Vorhaben. Kar. Und meine Mutter?— M. Löwe.(zu Vuſch.) Wenn Sie Ihre Herkunft eben ſo gut beweiſen koͤn⸗ nen, als Ihre Geſchicklichkeit— Buſch. Ich mag nichts erſchleichen— Eduards offene Augen moͤgen fuͤr mich ſpre⸗ chen.— Gnaͤdige Frau! von dem Jung⸗ ling erlitten Sie eine Beleidigung, von dem Manne empfingen Sie eine Wohlthat. Darf der Mann hoffen, daß Sie dem Juͤngling verzeihen werden? M. Loͤwe. Was ſoll das heißen? Buſch. Buſich. Ich hin der' ungluͤckliche Au⸗ guſt Warning. M. Löͤw e: Lerſchrocken) Sie? Löwere Ey, ey! M. Loͤwe. Und Sie unterſtehn ſich, mir unter die Augen zuſtreten? Buſch. Der die Augen des Sohnes oͤffnete, muß er die Augen der Mutter noch immer ſcheuen? M.Löwe. Welche Dreiſtigkeit! mir wird ſchlinim— fort aus meinem Hauſe! Buſch. Habe ich nicht ſtreng gebuͤßt? bin ichhnicht Jahre lang unſtaͤt und' fluͤch— tig umherſgeirrt, wie ein Brudermoͤrder? M. Löwe. Ein Epigramm iſt ſchlim⸗ mer, als eine Mordthat. Loͤwe. Wo denken Sie hin, mein Schatz? das Jus criminale— M. Loͤwe. Wer kragt nach Ihrem lus criminale? Ein Dolch in der Bruſt Fuͤnfte Band. T ſchmerzt ſchmerzt nur Minutenlang, ein Epigramm zeitlebens. Buſch. Sechs Jahre habe ich darauf ſtudirt, mein Unrecht wieder gut zu ma⸗ chen— M. Löwe. Jahrhunderte ſind zu we⸗ nig. Buſch. Ich ward Augenarzt um Ih⸗ rem Sohne zu helfen; Gaͤrtner und Mah⸗ ler um Ihren Neigungen zu huldigen; ich ward Juriſt um Ihrem Gemahl im Alter heyzuſtehen— Loöwe. Auch Juriſt? ey, ey, wir wollen ein kleines Tentamen verſuchen. M. Löwe. Schweigen Sie. Buſch. Wie oft hat mich das Mor⸗ genroth bey der Studierlampe gefunden, weil das immer rege Verlangen, Ihre Ver⸗ zeihung zu verdienen, mich wachſam er⸗ hielt. 2142 — 291— M. Löwe. Vergebens mein Herk, die Operation ſoll Ihnen bezahlt werden, gut bezahlt. Fodern Sie. Wie Buſch. Wie? Ich haͤtte durch unzaͤh⸗ liche Opfer dieſen Augenblick Jahrelang vorbereitet, um ihn mir durch ein paar elende Goldſtuͤcke abkaufen zu laſſen?— Nein, ich habe Karolinens Hand verdient, ſie ward mir zugeſagt, ich fodere was recht iſt. Cer ergreift Karol. Hand.) Kat. Ich bin die Ihrige mit meines Vaters Segen. Jetzt ſcheidet uns nur deb Tod. M. Loͤwe. Was? mir ins Geſicht? und das leiden Sie, Herr Gemahl? Loͤwe. Warum denn nicht? M. Löwe. Sie wollen ein Juriſt ſeyn?— 85 Löwe. Ich bin einer. M. Löwe. Und wiſſen nicht einmal, was Kinder ihren Eltern ſchuldig ſind? 2 Loͤwe. Löwe. Aber mein Schatz, Sie ſelbſt haben ja meinen Conſens zu dieſer Ehe be⸗ gehrt? M. Löwe. Wußte ich denn aber— Löwe. Das war Ignorantia vincibilis. „M. Loͤwe. Sie ſind ein Narr! und kurz, ich will es nicht haben. Loͤwe., Aber die Geſetze ſuppliren die älterliche Einwilligung, wenn kein rechtli⸗ cher Grund vorhanden iſt. M. Löwe. Sie reden wie ein Pe⸗ rückenſtock! Loͤwe. Ich rede wie Ulpianus, wel⸗ cher ausdruͤcklich.— M. Löwe. Kein Grundlaiſt denn das Epigramm kein Grund?, Löwe. Das Epigramm iſt mir ent⸗ fallen. Haben Sie doch die Guͤte Herr Warning, und repetiren Sie kuͤrzlich das Epigramm quaestionis. M. Loͤwe. Was? wollen Sie mich umbringen? Loͤwe. ——— — Löwe. Ich will mich nur in den Stand ſetzen zu judiciren. M. Loͤwe. Judiciren Sie ſo viel Sie wollen, ich ſperre das M aͤdchen ein, und damit hat der Prozeß ein Ende. Loͤwe. Das iſt via lacti. M. Löwe. Ich ſollte mich in den Au⸗ gen der ganzen Stadt laͤcherlich machen? Buſch. Dem Reuigen verzeihen, iſt das laͤcherlich? M. Löwe. Ich ſollte meine Tochter einem Menſchen geben, der nichts verſteht, als Reime ſchmieden? der nichts iſt, nichts hat, nichts werden wird? den ich haſſe? den alle ſeine Mitbuͤrger haſſen 2 d der.— Loͤwe. Prrrr! Vierte Scene. Klinker. Die Vorigen. Klr. Cathemlos.) Geſchwind mein lie— ber Doctor! zum Fuͤrſten! zum Fuͤrſten! M. Löwe. Da haben wirs! er wird des Landes verwieſen. Klr. Se. Durchlaucht erwarten Sie ſogleich, wie Sie gehn und ſtehn. Bu ſch. Mich? Klr. Sie! Sie! fort! fort! M. Löwe. Ha! ha! ha! ſo hat ja die Komoͤdie ohnehin ein Ende(zu Karoli⸗ nen.) Run Mamſellchen? wollen Sie nicht Ihr bischen Habſeligkeiten zuſammenpacken, und dem herumziehenden Herrn Doctor folgen? Kar. Allerdings Mutter, das will ich. M. Loͤwe. Dafuͤr giebt es Schloß und Riegel. Klr. 5 195 Klie Ich merke, man hat ſich er⸗ pectorirt. Buſch. Ach! Klr. Und Eduard? Buſch. Er ſieht. Klr. Brav Bruder! Juchhe mein Freund! eile zum Fuͤrſten! das Gluͤck iſt eine Blume, die ſelten im Garten des Verdienſtes bluͤht. Eile ſie zu pfluͤcken. M. Löwe.(ſpöttiſch.) Keine Roſe ohne Dornen; wenn er ſich nur nicht ſticht, ha! ha! ha! Klr.(galant.) Schoͤne Frau, wenn wir noch in Ovids Zeiten lebten, ich glau⸗ be, Sie ließen ſich in einen Roſenſtrauch verwandeln, blos um zu ſtechen. Löwe. Oder in eine Brenn Neſſel. Wenn es M. Loͤwe. Czu ihrem Manne.“) Sie doch nur nicht witzig ſeyn wollten, kleidet Sie gar nicht. Klr. Zum Henker Doctor! Sie ſind noch nicht fort? Buſch. 3 296— Buſch. Ichngehe ſchon.— Kakoline! es geſchehe, was da wolle— Kat ihm mit Entſchloffenhejt die Hand reichend.) Ich wanke nicht. Buſch. Cverbeugt ſich, und geht.) M. Löche. Iſpöttiſch zu. Karol.) Wie groß, wie erhaben! ich rathe dir, dich im naͤchſten Landſtaͤdtchen als Schauſpielerin fuͤr die Heldenrollen zu engagiren. Kar.“ Warum nicht? bey unbefleckter Unſchuld ziemt einem liebenden Weibe jede Rolle, die ihres Gatten Sorgen mindern kann. M. Loͤwe. Sehr ruͤhrend und erbau⸗ lich! Loͤwe. Aücat er die Jurisprudenz gruͤndlich/ſtuditt, ſoß iſt mir nicht bange um(ſein Fortkömmen. M. Lowe. Ein Verſemacher und Gruͤndlichkeit! wo denken Sie hin? Kle. Aberſer macht keine Verſe mehr. M. Loͤ Mi Löwe. O, wer dieſe vermaledeyte Krankheit einmallam Halſe hat, der wild ſie nie wieder los. Klr. Sie irten, ich hatte auch ein— mäl Verſe gemacht, aber die Recenſenten haben mir die Luſt bald vevtrieben. M. Löoͤwe. Schade, daß ich keine Mannsperſon bin; ich wäre ein Recenſent geworden. Klre. O! werden Sie es noch. Dieſe Herrn beduͤrfen einer Dame, um Lebens⸗ art zu lernen. Kar. Aber iſt es nicht grauſam, Herr Hauptmann? Sie wiſſen welchen Antheil ich an Warnings Schickſal nehme, Sie berufen ihn zum Fuͤrſten, ſehn mich zit⸗ tern— und ſchweigen. Klr. Sie kennen meine Freundſchaft fuͤr Warning; Sie ſehen mich froͤhlich und fuͤrchten? — 298— M. Löwe. Darf man wiſſen, wo⸗ durch dieſer moderne Juvenal ſich Ihre Freundſchaft erworben? Klr. Durch eine, Kleinigkeit!. Ex hat mich in Venedig vom hitzigen Fieber curirt. Loͤwe. Ein ſeltſamer Juriſt, er ſticht den Staar und curirt hitzige Fieber. Aber Serenissimus ſind weder blind noch krank, was ſoll er denn bey Hofe? Klr. Da koͤmmt ein Mann, der Ih⸗ nen das am beſten erklaͤren wird. Fuͤnfte Scene. Hippeldanz. Die Vorigen. M. Loͤwe.(zu Hippeld.) Wie, Herr Kammer⸗Rath? nach einem ſolchen Affront wagen Sie noch mein Haus zu betreten? Löͤwe. Affront? davon weiß ich ja nichts? M. Löwe. Weil es nicht in Ihr Departement gehoͤrt. Loͤwe. Deſto beſſer, ſo kann ich gehn. (ab in ſein Zimmer«) Hipp. Ich komme ganz zerknirſcht— M. Löwe. Sie ſollten aber gar nicht kommen, auch nicht einmal zerknirſcht. Hipp. Ein Platzregen hat mich be— troffen— M. Löwe. Hier gerathen Sie unter die Traufe. Hipp. Das ſey ferne! ich bin ein armer betrogener Menſch! M. Löwe. Betrogene ſind meiſtens Dummkoͤpfe.“ Hipp. Dieſer Herr Hanptmann— eine Grube hat er gegraben, und man iſt hinein gefallen. Klr. Ich? Hipp. Sie Freundchen! haben Sie mir nicht den verdammten Buſch recom— mandirt? haben geſagt, daß er gar nichts waͤre?—. ein Spitzbube iſt er! — 386— Kli. Vor kurzem ſchienen Sie doch recht ſehr zufrieden mit ihm? Hipp. Ein Nakt war ich, wie? „M. Löwe. Erzaͤhlen Sie doch. Ge— wiß hat der boͤſe Menſch auch ein Epi⸗ gramm auf ſie gemacht? Hipp. Was Epigramm! meinetwegen huͤtte er ein Heldengedicht auf mich machen moͤgen. Kli. Das waͤre ein Meiſterſtuͤck Hipp. Ich kaufe ihm ein Gutachten ab!.— M. Loͤwe. Sie kauften? —Hipp. Nun ja, das Feuer brannte auf die Naͤgel. M. Löwe. Und er verkaufte 0 pfuy! Klr. Fraͤgen Sie um den Preis, und nehmen Ihr Pfuy! zuruͤck. Hipp. Einé verdatnmter Preis! ich mußte verſprechen, das ſchöͤne Kind da ſitzen zu laſſen. Klr. Kle Und wenn die Mamſell ſich nun zu tod gekraͤnkt haͤtte? Hipp. Eben deswegen. Ein ver— dammter Preis! M. Löwe. Das war alſo die ſaubere Urſach? Kar. Was hoͤr' ich! o Auguſt! M. Loͤwe. Und betrog Sie dennoch, mit einem elenden Gewaͤſch? es geſchahe Ihnen Recht. Hipp. Elendes Gewaͤſch? den Hen⸗ ker auch! mein Ambroſius ſagt: das Ding hat, Haͤnde und Fuͤße. Klr. Und Kopf obendrein⸗ Hipp. Er hatte Jahrelang daran ge⸗ arbeitet. Klr. Hatte die Hoffnung ſeiner Be⸗ foͤrderung darauf geſetzt., Kar.(ſehr bewegt.) Und opferte es fuͤr meine Freyheit! Hipp. Er gab mir ſein Wort reinen Mund zu halten; aber ſo ein Menſch oh— ne ne Geld und ohne Titel, was ließ ſich da erwarten? wie? Klr. Hat er denn geplaudert? Hipp. Freylich! hoͤren Sie nur. Ich werde ſchleunig nach Hofe berufen. Aha! denke ich, willkommen Herr Geheimer Kammer-Rath. Mit beſcheidener Zuver— ſicht trete ich vor den Fuͤrſten. Er ſieht mich lange an und ſpricht kein Wort. Sein Windſpiel ſchnuppert an mir herum. Aus Verlegenheit kratzte ich es hinter den Ohren, und weiß nicht, daß ich mich bald ſelbſt werde kratzen muͤſſen.— Von wem iſt dieſes Gutachten? fragt der Fuͤrſt.— Von mir Euer Durchlaucht.— Koͤnnen Sie mir die Hauptideen muͤndlich wieder— holen?— Nun reden Sie Freündchen! was iſt das? was weiß ich von Haupt⸗ ideen? Klr. Se. Durchlaucht ſind auch der erſte, der welche bey Ihnen ſucht. Hipp. Hipp. Eben deswegen⸗ Ich ſtottere, und weiß mir nicht zu helfen.— Ich will wiſſen, faͤhrt er fort, worauf ſich Ih⸗ re Gedanken concentriren?— Nun bitte ich Sie Freundchen, meine Gedanken! wor⸗ auf concentriren ſie ſich denn? Klt. Eine ſeltſame Zumuthung. Hipp. Ich dachte, kluge Leute ſchwei⸗ gen— und ſchwieg.— Ploͤtzlich donnert es mir in die Ohren: Sie ſind ein Un⸗ verſchaͤmter! ich entlaſſe Sie Ihrer Dienſte. M. Loͤwe. Entlaſſen? Hipp. Bedenken Sie Freundchen! ich, der reichſte Mann im Lande, ein Un⸗ verſchaͤmter. Kli. Als ob Schaam fuͤr den Reich⸗ thum erfunden waͤre. Hipp. Vor Schrecken kniff ich das Windſpiel in die Ohren, es ſchrie und biß mich in die Finger. Halbtod kam ich ins Vorzimmer; ein verdammter Page hatte ge⸗ horcht, die Satans gratulirten mir. Als ich auf 384—— auf, die Straße, komme, laufen mir die Gaſſenbuben ngch— was wars?— die gottloſen Pagen hatten mir einen papier⸗ nen Haarbeutel angeheftet. M. Löowe.„verneigt ſich. hohniſch.) Herr Ex-Kammer⸗Nath! ha! ha! ha! Hipp. Hgt nichts zu bedeuten, ſo lange es nur mit dem Geld nicht ex iſt. Buſch hat geplaudert, folglich bin ich an nichts gebunden. Was meinen Sie Muͤt⸗ terchen? wir thun als ob nichts vorgefal⸗ len waͤre; der Kaviar, iſt da, die Paſtete noch unberuͤhrt; ich kaufe, mir einen andern Titel; und wir feyern die Verlobung. M. Loͤwe. Zwar ſollte ich, Ihr heu⸗ tiges Betragen ſtrenge ahnden— doch dem Herrn Warning zum Poſſen! es, ſey dar⸗ um. Denn— merke es Karoline.— ehe ich deinem Landſtreicher verzeihe, ehe ver— maͤhle ch dich, mit, dem Neptun, der auf unſerm Brunnen ſteht. Cab.) Hipp. Hipp. ſagen? ich will nicht hoffen, daß ſie mich Neptun? was will ſie damit fuͤr den Neptun anſieht? Klr. Wenn ſie noch geſagt haͤtte: der reiche Pluto. Kar. Neptun oder Pluto; ſo lange ich eine Sterbliche bin, werde ich nie die honneurs an Ihrer Tafel machen.(ſie geht in Edüards Zimmer.) 1 Hipp. Sterbliche? was will ſie da⸗ mit ſagen? wir ſind ja alle' ſterblich“ Es iſt recht fatal, wenn die Leute ſo in Bil—⸗ dern reden. Neptun, Pluto, Sterblichkeit, Kraut und Ruͤben, Klaut und Ruͤben. Le⸗ ben Sie wohl Freundchen; der Schrecken hat mir Appetit gemacht. Ich muß mich ein wenig, veſtauriren.“ Und dann ein Schlaͤfchen wie? Rbilen Klr. Verſchlafen Sie nut die Verlo⸗ bung nicht. Hipp. Mein Ambroſius ſoll mich ſchon zu rechter Zeit wecken. Eim Abgehn.) Fuͤuft. Band. u Eine — 386— Eine Verlobung— da haben Sie recht Freundchen— die muß man nicht verſchla⸗ fen.(ab.) Sechſte Scene. Klinker allein. Der Kerl iſt ein Narr.— Stille! ſtille Freund Klinker! was biſt du denn? — vor der Händ nichts viel beſſers.— Deine Heyraths-Tollheit gleicht einer La⸗ vine. Anfangs war es nur ein Schneebal— len, der ſich, der Himmel weiß wo! los— geriſſen hatte— nun iſt ein Berg daraus geworden, unter dem deine Ruhe begraben liegt,—(Er ſetzt ſich. Pauſe. Dann mit Innigkeit.) Haͤuslichkeit! du ſchoͤner Abend⸗ ſtern! du flimmerſt nicht eher, bis die brennende Jugendſonne im Meere der Lei⸗ denſchaften verloͤſchte— dann ſcheinſt du lieblich in jede Huͤtte, wo zwey gute Men⸗ ſchen —— 307—.— ſchen wohnen— und wenn du untergehſt — wehe! dann iſt es Nacht! 0 0 Siebente Scene. Rath. Warning und Friderike treten ein. Kle.„ſpringt auf und ſagt beyſeite.) Vortrefflich! mein Stern geht auf. Claut.) Meine ſchoͤne Damen, wenn der Zufall die Welt regiert, ſo bin ich der Liebling des Regenten. Raͤt h. Eine Wohlthat fuͤr den Bit⸗ tenden, wenn in dem Hauſe, was er mit ſchwerem Herzen betritt, ein freundliches Geſicht ihn empfaͤngt. Klr. Wenn ich Kanzley Director waͤre— Raͤth. Dann wuͤrde das Bitten mir leichter werden. 08 Kle. Der ſchoͤnſte Lobſpruch! denn wer gute Menſchen kennen lernen will, der gebe nur acht, zu wem der Ungluͤckliche Vertrauen hat. Räth. Ja, Herr Hauptmann, ich halte Sie fuͤr einen guten Menſchen. Klr.(zu Frideriken.) Sie auch? Frid. Gewiß. Kli. Dank dir Natur fuͤr die leſer— liche Schrift auf meiner Stirn. Raͤth. Der Seelen-Adel hat auch ſein Diplom. Klr. Und dieſes Diplom giebt An⸗ ſpruch auf die Freundſchaft ſchoner See⸗ len?— auf die Ihrige? nicht wahr? Räth. Die Armuth findet zuweilen Wohlthaͤter, ſelten Freunde. Klr. Der iſt ein Thor, der den Baum begießt, und ſich nie in ſeinem Schatten erquickt.— Ihre Hand Madam— und die Ihrige gutes Kind.(vertrattlich.) Nicht wahr, Sie ſind hier wegen der Penſion? Raͤth. Raͤt h. Ja. Klr. Sie hoffen auf guͤnſtigen Be⸗ ſcheid? Raͤth. Um der Verdienſte meines Mannes willen, ja. Khr. Und wenn es fehlſchlaͤgt? Raͤth. Zuckt die Achſeln.) Dann— Frid. Ich kann arbeiten Herr Haupt⸗ mann. Klr. Koͤnnen Sie wirklich? und ſoll⸗ ten Ihre Kraͤfte hinreichen? Frid. Man hoͤrt, daß Sie nie fuͤr eine Mutter gearbeitet haben. Klhr. Geben Sie mir eine Mutter, und wir wollen ſehen, wer es am weite— ſten bringt. Frid. Sie wuͤrden dann fuͤhlen, wie froh auch die Armuth ſeyn kann. Klr. Wohlan, Madam! Sie haben vor der Hand keinen Sohn. Darf ich ſei⸗ ne Stelle erſetzen? 310— Raͤth. Ach, Herr Hauptmann! eines Sohnes Stelle erſetzt kein Fremdling. Klr. Aber ich werde Sie lieben, lie— ben, lieben! durch Liebe kann auch der Mann im Monde unſer Bruder werden. Raͤth. Sie ſind ein gutherziger Son⸗ derling. Es wird mich freuen, Sie naͤher 4 kennen zu lernen. Klr.(zu Frider.) Und Sie, liebes Maͤdchen? Halten Sie es auch der Muͤhe werth, mich naͤher kennen zu lernen? Frid. Wenn mir das Muͤhe koſten ſollte, ſo wuͤrde ich ſchon mißtrauiſcher werden. Khr. Sie haben recht; eigentlich ken—⸗ nen Sie mich ſchon durch und durch; denn ich gehoͤre leider zu den Menſchen, die, wie uͤberreife Fruͤchte, von ſelbſt aufſprin⸗ gen, und bis auf den Kern ſchauen laſſen. Frid. Deſto beſſer, ſo iſt man ſicher keinen Wurm drinn zu finden. — Klr. Alſo— der Handel iſt geſchlof⸗ ſen?— ja?— ja?(beyde ſchlagen ein.) Nun Mamagen, gereuen ſoll es Sie nicht. Zwar habe ich meine Eltern fruͤh verloh— ren, aber das Lieben iſt eine ſuͤße Gewohn⸗ heit, man verlernt ſie nie.— doch eine Bedingung!— verſtoßen laſſe ich mich nicht, wenn etwa der rechte Sohn ploͤtz⸗ lich ankaͤme. Raͤth. Ach! er wird nicht kommen! Klr. Nun man kann nicht wiſſen. Auf dieſen Fall, mein liebes Schweſter—⸗ chen, muͤſſen Sie mich in Schutz nehmen. Merken Sie wohl? von Ihnen fodere ich dann die Mutter!— meine Mutter und Ihre Mutter— verſtehn Sie mich? Frid. Cetwas befremdet.) Herr Haupt⸗ mann— Klr. Ja, ja, ich laufe davon— aber ich komme wieder— ich hole mir nur einen Fuͤrſprecher—(ſchalkhaft) und dann muͤſ⸗ ſen —— 2— 312 ſen Sie mir ſagen, daß Sie mich verſtan⸗ den haben.(ſchnell ab.) Achte Scene. Die Vorigen ohne Klinker. Frid. Was wollt' er damit ſagen? Raͤth. Er ſcheint edle und ernſthafte Abſichten auf dich zu haben. Frid. Nach einer Bekanntſchaft von einigen Stunden? das waͤre ſonderbar. Raͤth. Aber ein Gluͤck fuͤr mich und dich. 00 Frid. Sie wuͤnſchen es? Raͤth. Wenn er der iſt, der er ſcheint— Frid. Ich ſchaͤtze ihn hoch, aber wer⸗ de ich ihn jemals lieben? Raͤthe Verbindungen aus Hochachtung geſchloſſen, gerathen weit oͤfter, als Hey⸗ rathen aus Leidenſchaft. Ueberdieß, Dein Herz ——— — Herz iſt frey; wir ſind arm, ſehr arm! dein Bruder koͤmmt nicht— wer weiß ob er jemals kommen wird'! wie bitter wuͤrde meine Todesſtunde ſeyn, wenn ich dich oh⸗ ne Rath und Schutz in der Welt zuruͤck⸗ laſſen muͤßte! Frid. O Mutter! nichts mehr davon! Ihrer Ruhe bringe ich jedes Opfer. Scene. Die Vorigen. Neunte Kanzley⸗Director. Löwe.(tritt in die Thur ſeines Zim⸗ mers.) Aha, Frau Raͤthin! vermuthlich wegen der Penſion. Kein Bedienter hier? ſchon lange gewartet? Raͤt h. Um deſto laͤnger habe ich gehofft. Loͤwe. Ja lieber Gott! die Hoffnung gehoͤrt nicht in mein Departement. Rur hevein zu mir. Die allerhoͤchſte Entſchei⸗ dung ſoll Ihnen amicabiliter eroͤffnet wer⸗ den(ſie geht zu ihm hinein, Frid. — 314— Frid. Callein.) Ich ſehe Eduard nicht— ich hoͤre nicht ſeine Floͤte— war der Doctor ſchon hier?— wird er ihm helfen koͤnnen?— o! das moͤgte ich doch gerne wiſſen, ehe wir dieſes Haus verlaſ— ſen.— Wer weiß, ob ich ihn dann jemals wiederſehe!—(ſie horcht an Ednards Thür.) Alles ſtill— ganz ſtill— ſchlaͤft er?— oder iſt er krank?— krank! und es iſt vielleicht niemand bey ihm!—(ſie klopft leiſe an die Thuͤre.) Was mache ich! das war unbeſonnen. Zehnte Scene. Friderike. Jacob. Vald darauf Eduard. Jac. Zu wem wollen Sie Mamſellchen? Frid. Guter Jacob, ich wuͤnſche bloß zu wiſſen, ob ſein junger Herr ſich wohl befindet? Jac. O recht ſehr wohl! Frid. Frid. Ob der Augenarzt ſchon hier geweſen? Jac. Allerdings. Frid. Ob er ſich getraut, ihm zu helfen? Jac. Er hat ihm ſchon geholſen. Flid. Wie? Jac. Mein junger Herr ſieht. Frid. efreudig und laut.) Er ſieht? Jac. Aber noch muß er ſich huͤten. Frid. Gaußer ſich.) Eduard ſieht? O Gott! o Gott! Jac. Er darf nicht vom Bett auf⸗ ſtehn. Eduard. enit verbundenen Augen.) Ich hoͤre Friderikens Stimme. Frid.(an ſeinen Hals fliegend.) Eduard! Du ſiehſt! Jac. Ums Himmelswillen! junger Herr! Ed. Meine gute Friderike muß ich ſehn, und ſollt ich auch gleich die Augen auf auf ewig wieder ſchließen!(er will die Vin⸗ de wegreißen. Frid.(ſteht zitternd vor ihm.) Jac.(hindert ihn daran.) Nein, das darf ich nicht zulaſſen. Der Do ctorhat es ſtrenge verboten. Ed. Ich bitte dich Jacob! nur einen Augenblick!— Du biſt ja ſchon ſo lange hier im Hauſe— du erinnerſt dich doch noch, wie ſie bey uns wohnte. Jac. O ja, das wohl. Ed. Wie ſie immer ſo gut war gegen uns alle! Jac. Das war ſie. Ed. Und vor allen gegen mich! ſie hat mich nie verlaſſen! wenn andere auf Baͤlle und Schauſpiele fuhren, iſt ſie bey mir geblieben!— Jacob! ich muß ſie ſe— hen!(er will die Binde wegſchieben.“) Jac. Cihn hindernd.) Ich bitte Sie Mamſell, ſtehn Sie mir bey. Frid. Fri d.(mit ihren Wünſchen kaͤmpfend.) Ich— thu es nicht Eduard Jac. Beſter junger Herri!l Sie wer den wieder blind werden. Ed. Ol ſo hab' ich doch Frideriken geſehn! Jac. Nun, ich bin unſchuldig. Ed.(ſchiebt die Binde weg und öffnet dis Augen.) Friderike!— biſt Du es?— re⸗ de, daß ich es glaube. Frid.(ſauft weinend.) Ich bin es. Ed! So groß! ſo ſchoͤn! o wie arm war mein Phantaſie! Frid.(ſchluchzend.) Guter Eduard! ich wuͤnſche dir von Herzen Gluͤck! Ed. Du weinſt? Frid. Ich freue mich— Jac. Die Binde vor die Augen. Ed. Ja, ja, die Binde vor die Au⸗ gen Cer laͤßt ſich geduldig verbinden.) Macht was ihr wollt. Friderikens Geſtalt vergeſſe ich nun nie wieder! ihre Thraͤnen habe ich ich geſehen!— vormals fuͤhlte ich ſie nur — ich kannte das ſchoͤne Auge nicht, aus dem ſie floſſen. Jac.(ſetzt ihn auf ſein Nuhebett.) Ed. Gieb mir Deine Hand gutes Maͤdchen!(Sriderike thut es, er druͤckt ſie an ſein Herz.) Laß mir deine Hand! laß mir ſie auf immer! wenn auch der Blinde dei⸗ ner Leitung nicht mehr bedarf, ſo fuͤhre doch den Sehenden ſanft bis zum Grabe! Frid. Ctaͤßt ihr Haupt geruͤhrt auf ſeine Schulter ſinken.) Mein lieber, lieber Eduard! Eilfte Scene. Raͤthin. Vorige. Räth. Ckömmt traurig aus des Kanz⸗ ley⸗Directors Zimmev, der ſie bis an die Thuͤre bogleitet und mit einer Verbeugung entlͤͤßt.) Komm meine Tochter! unſere einzige Zu⸗ flucht iſt Arbeit— und wenn wir krank werden— Gott! Frid. 3 Frid. Mutter! Eduard ſieht! Raͤth. Er ſieht? wirklich? o das freut mich von ganzen Herzen!(ſie geht zu ihm und reicht ihm die Hand.) Guter Eduard, den ich immer geliebt habe, wie meinen Sohn— Ed. Mutter! ſobald ich ausgehen darf, beſuche ich Sie. Raͤth. Thue das. In meiner Ein⸗ ſamkeit duͤrfen wir uns ungeſtoͤhrt freuen. Komm Friderike! Frid. Leb wohl Eduard! Ed. Deine Geſtalt bleibt bey mir. Leb wohl! Zwoͤlfte Scene. Auguſt Warning. Die Vorigen. Aug. Ctritt raſch in die Thuͤr, ſiutzt als et Mutter und Schweſter ſieht, und naͤhert ſich mit Beklommenheit.) Räth. Cim Vorbeygehn.) Empfangen Sie meinen Gluͤckwunſch. Frid. Frid. Und meinen Dank. Aug.(mit zitternder Stimme.) Blei⸗ ben Sie Madam. Ich habe einen Auftrag an Sie. Raͤth. An mich? Aug. Ich komme ſo eben vom Fuͤr— ſten. Raͤth. Ach ich weiß ſchon— Aug. Nein. Sie wiſſen nicht. Durch Ihren Segen geſtaͤrkt, habe ich dieſem Juͤngling ſein Geſicht wieder gegeben. In dem nemlichen Augenblicke werde ich nach Hofe berufen. Eine Abhandlung— die Frucht vieljaͤhrigen Fleißes— hat mir die Gnade des Furſten erworben. Er ſtellte mir frey, um eine Wohlthat zu bitten— ich bat— er gewaͤhrte— nehmen Sie⸗ Räth.(höchſt erſtaunt, entfaltet das Papier.) Was iſt das?— eine Penſion? — und weit mehr, als ich hoffen durfte? — um Gotteswillen, mein Herr! was ſoll das heißen!— Wie kommen Sie dazu, fuͤr ſeine Mutter thun Aug. O wohl ſteht zitternd und (wird von einem elektri He was nur ein Sohn fuͤr gandlung den SGohvoir NDf Sgebreiteten Ar⸗ Schlage getroffen. ſtot ihr von Furcht, gluͤhendes Auge ſtarr auf Anguſt, das Papier bebt in ihrer Hand. Frid. Mutter! welche Ahndung!(ſie betrachtet Auguſt mit aͤngſtlicher Aufmerkſamkeit.) R qͤt h. Cmit heftiger innerer Bewegung.) O wenn er mein Sohn wäre! warum kaͤ⸗ me er nicht an das Herz der Mutter? Aug.(hebt die Arme auf.) Darf er— (die Mutter ſinkt mit einem Schrey in me ihrer Tochter.) Auge Cſturzt(zu ihren Fuͤßen.) Fuͤnft. Band. 322 Frib.(ihr beyſtehend.) Bruder! Mut— ter! Ed. Er iſt es! er iſt es! Cer will die Binde wegreißen.) Jac. Cihn verhindernd.) Um Gottes—⸗ willen! junger Herr! Raͤth. Cerholt ſich, ihre Freude ſucht vergebens in Worte auszubrechen— nur ihre trunkenen Blicke haͤngen mit Entzuͤcken an ih⸗ rem Sohne.) Aug. Mutter! bin ich nun wieder Ih— rer Liebe werth? Raͤth.(winkt ihm an ihr Herz, er ſtuͤrzt in ihre Arme, ſie druͤckt ihn feſt an ſich.) Aug. Heute ſtahl ich Ihren Segen — ietzt, jetzt ſegnen Sie mich! Raͤt h.(legt ihre Nechte auf ſein Haupt, die Linke drückt ſie an ihre Bruſt, blickt mit naſſen Augen gen Himmel und ſtammelt athem— los.) Ol o! A ug.(im frohen Taumel.) Ha!l welch ein neues Leben! die Mutter hat den Sohn er⸗ 323 erkannt— der Fuͤrſt den Buͤrger aufge— nommen— alle jene zerriſſene Bande ſind wieder angeknuͤpft—— mein Herz klopft nicht mehr in einem liebeleeren Raume— ich bin Sohn! Buͤrger! Kar.(die waͤhrend dem hereintrat, und ihn umfaßt.) Gatte! Frid. Cvon der andern Seite.) Bru⸗ der!— Ed.(breitet ſeine Arme aus.) Freund! Raͤth. O nun weiß ich, wie jener Griechin zu Muthe war, die vor Freude uͤber ihren Sohn ſtarb! + d. Gehoͤre ich denn nicht zu euch? Aug.(ihn umarmend.) Mein guter Edithe! Kar. Er war dein Arzt, dein Retter. Ed. Er?— 1 Drey⸗ 324 Dreyzehnte Scene— Der Kanzley-Director aus ſeinem Zimmer. M. Löwe durch die Mittelthuͤre. Voirige. M. Löwe. Ey, hier iſt ja große Ge— ſellſchaft. Ich ſehe Thraͤnen; vermuthlich eine AbſchiedsScene? doch der Schaüplatz in meinem Hauſe ſcheint mir nicht güt gewaͤhlt. Aug. Ihr Haus, gnaͤdige Frau, iſt ein Schäuplatz' der reinſten Freüude. M. Löͤwe. So? ich denke Sie kom⸗ men vom Fuͤrſten? Au g. Von dem beſten, meenſchen— freundlichſten Fuͤrſten. Er hat meiner Mutter eine Penſion bewilligt. M. Loͤwe.(erſtaunt.) Wirklich? Aug. Hat mich zum Geheimen Kam⸗ mer⸗Rath ernannt. M. Loͤwe. Ey! Loͤwe. Ey, ey! 8 Aug. alle haben r Jugend verziehen! nur Sie nicht.(Er Aug. Alle ſind mit mir ausgeſoͤhnt! ir die Unbeſonnenheit meiner 2 kniet niedev und faßt ihre Hand.) Mache 1 Sie mein Gluͤck vollkommen! S Ed. Er 5 mir meine Augen wieder. Kar. r hat mich ſo treu geliebt. K40 1 Er iſt ein guter Sohn. Frid. Ein liebevoller Bruder. Eöwe. Ein wackerer 15 M. Löwe. Wenn es wahr' waͤte, daß Se! Durchlaucht— Aug. Hier iſt das Handbillet an den Miniſter. M. Löwe.(durchiöuft es und wankk.) Dieſes erhabene Beyſpiel.— Auſg. Vollenden Sie! M. Löwe. Cnach einer Pauſc.) In der Hoffnung, daß Sie nie wieder Verſe machen werden— Aug. Nie! nie! M. Löwie. Stehen Sie auf, Herr Geheimer Kammer-Rath. Ich verzeil 7 Auge,(aufſpringend.) O meine Bruſt 0 iſt zuſeng, um dies liebermaß der Freude zu faſſen! Letzte Scene. Klinker. Die Vorigen. Klr.(der im Hereintreten die letzten Worte höͤrte.) Hier iſt die Bruſt eines Freundes, die Dir offen ſteht. Wle Aug. Lieber Hauptmann! Sie haben meinen Kummer geheilt— Klr. Drum hab' ich auch ein Recht auf Deine Freude. Gluͤck zu! Dein Schiff⸗ lein iſt im Hafen Das meinige tanzt noch auf den Wellen. Doch, wenn der erſte Sturm des Entzuͤckens ſich gelegt hat, (mit einem Blick auf Frideriben.) ſo ſollſt Du mir ſteuern helfen. Aug. Gern— Klr. Stille nur! ſtille! 327 Ed. Mutter, ſie ſind heute ſo gut! — ich will auch etwas bitten. M. Löwe. Bitte, mein Sohn. Ed. Geben Sie mir Frideriken zur Gattin. M. Loͤwe. Wie? Frid.(ſchlaͤgt die Augen nieder.) Klr. Allerliebſt. Ed. Sie hat mich gefuͤhrt, als ich an meiner Hand will ich ſie —.— ——— blind war; durch das Leben fuͤhren. — Klr. Vortrefflich! Ed Rede, Friderike. Klr. Sie ſagt nicht ein Wort. Ed. Koͤnnt' ich in deinen Augen le— ſen! Kli. Ja, ſie ſchlaͤgt ſie nieder. Ed. Koͤnnt' ich Deine Wange ſehen! Kli. Sie gluͤht wie Feuer. Ed. Sie ſchweigen Mutter? M. Loͤwe. Ich weiß nicht, mein Sohn— Du kennſt die glaͤnzenden Ent⸗ 1 wuͤrfe— Ed. 22— 8 2 Sianz und 6 iſt leicht— M. Löwe. Freylich, da fetzt der Herr Geheime Kammer9 2 ne.) W᷑ Schatz? Loͤme. 18 meinen partement. Klr. Ich ſehe wohl, wie es ſteht. Cer führt 1 dammter Blinder! nimm ſie! Ed. Ach Friderike! daß ich dich noch nicht ſehen darf! Klr.“ Schweig Unwenn ſie mein waͤre, ließe ich mir die Augen ausſtethen. M. Löwe öwe.(das junge Paar umarmend.) Nun ja, ich bin ſo attendrirt.— Räth.(Aug. und Kar. umarmend.) Kinder! helft mir mein Gluͤck tragen! Spousaliaà ill mich denn niemand heyrathen? (Der Vorhang fällt.) En d C. ieeeeehr S O 00 ⏑ A+ 43 BLB kKarlsruhe