. „ . 2 ,, , . W Das verlorene Paradies. verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung Kachfolger in Stuttgart. Die nachſtehend verzeichneten Dramen ſind auch elegant gebunden zu beziehen. Preis für den Einband 1 Mark. Ebermann, Leo, Die Athenerin. Drama. 2. Auflage. Geh. Sulda, Ludwig, Die Sklavin. Schauſpiel. 2. Auflage. Geh. —„— Das verlorene Paradies. Schauſpiel. 2. Auflage. Geh. —„— Der Talisman. Dramat. Märchen. 14. Auflage. Geh. Die Kameraden. Luſtſpiel. 2. Auflage. Geh. 9 —„- Robinſons Eiland. Komödie. 2. Auflage. Geh. 9 —„— Der Sohn des Kalifen. Dramat. Märchen. 3. Auflage. Geh. 9 —,— Jugenoöfreunde. Luſtſpiel. 2. Auflage. Geh. M. 2 Goött, Emil, verbotene Sruͤchte. Luſtſpiel. Geh. J Gottſchall, Rudolf v., Gutenberg. Drama. Geh. gZauptmann, Carl, Waldleute. Schauſpiel. Geh. Langmann, Philipp, Die vier Gewinner. Luſtſpiel. Geh. —„— Unſer Tedaldo. Drama. Geh. 9 Madäch, Emerich, Die Tragoͤdie'des Menſchen. 3. Auflage. Geh. Pohl, Emil, Vvaſantaſena. Drama. 3. Auflage. Geh. Presber, Rudolf, Der Schuß. Schauſpiel. Geh. —,„— Der Vicomte. Komödie. Geh. RKoſtand, Edmond, Die Romantiſchen. Vers⸗Luſtſpiel. Deutſch von L. Fulda. Geh. M. 2. —,- Cyrano von Bergerac. Romantiſche Komödie. Deutſch von L. Fulda. 5. Auflage. Geh. M. 3.— Stratz, Rudolph, Joͤrg Trugenhoffen. Schauſpiel. Geh. M. 2.— 1 Sudermann, Zermann, Sodoms Ende. Drama. 18. Auflage. Geh. M. 2.— —,„— Die Ehre. Schauſpiel. 20. Auflage. Geh. M. 2.— —„— Zeimat. Schauſpiel. 21. Auflage. Geh. M. 3.— —„ Schmetterlingsſchlacht. Komödie. 6. Auflage. Geh. M. 2.— Das. Giůck im. Winkel. Schauſpiel. 10. Auflage. Geh. M. 2.— —,— Morituri: Teje. Fritzchen. Das Ewig⸗Männliche. 13. Auflage. Geh. M. 2.— —,— Johannes.! Tragödie. 25. Auflage. Geh. M. 3.— Wismann, J. v., Jenſeits von Gut und Boͤſe. Geh. M. 2.— Wilbrandt, Adolf, Der meiſter von Palmyra. 6. Auflage. Geh. M. 3.— —— Die Eiggénéffen. Schauſpiel. Geh. M. 2.— Das verlorene Varadies. Schauſpiel in drei Aufzügen von LJudwig FJulda. Zweite Auflage. L E 77• eulns G Veillgt Stuttgart 1899. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung Nachfolger. KAlle Rechte vorbehalten. Druck der Union Deutſche Verlagsgeſellſchaft in Stuttgart. perſonen. Julius Bernardi, Fabrikbeſitzer. Cäcilie, ſeine Frau. Edith, ſeine Tochter. Richard von Gttendorf. Dr. walter Beideck, Schriftſteller. Lotte, ſeine Frau. Bans Arndt, Techniker. Werkmeiſter Weber. Mühlberger, KRvaus, Arbeiter. Franke, Rieke, Mühlbergers Tochter. Martin, Diener bei Bernardi. Ort der Handlung: Berlin. — Erſter Salon bei Bernardi. Elegante Einrichtung. Seitenthüre links; vorn rechts ein Fenſter. Auf der linken Seite des Hintergrundes eine geöffnete Portiere, durch welche man in einen Vorraum mit Thüre ſieht(allgemeiner Auftritt). Auf der rechten Seite des Hintergrundes Flügelthüre. Im Vordergrund links Ziertiſch, mit elegant gebundenen Büchern bedeckt, und Fauteuils; ganz vorn an der Wand Telephon. Rechts Schaukelſtuhl. Im Vordergrund rechts vor dem Fenſter ein großer, weiß gedeckter Geburtstagstiſch mit ſehr vielen Bouquets verſchiedenſter Formate, dazwiſchen Schachteln, Etuis, Geſchenke aller Art; ganz vorn ein auffällig großes Bouquet aus weißen und roten Roſen. In der Mitte der Bühne Chaiſelongue. An der Mittelwand ein breites praktikables Bücherbort, auf dem einige Büſten ſtehen. An der linken Wand ein Pianino; vor der rechten, hinter dem Geburts⸗ tagstiſch, eine kleine Staffelei mit Bild. Erſter Auftritt. Cäcilie und Edith(ſtehen an der Portiere und verabſchieden) mehrere Damen und Herren. Bernardi(einige Schritte entfernt). Cärilie. Noch einmal unſern Dank für die große Aufmerk— ſamkeit. Beehren Sie uns bald wieder, Herr Regierungs— rat.— Wir ſehen uns morgen in der Philharmonie, meine Damen.— Ich freue mich auf die Lieder von Brahms, Herr Kammerſänger. Vergeſſen Sie nicht das verſprochene Autograph.(Zu Bernardi.) Julius, begleite doch die Herrſchaften. Bernardi (gibt den Damen und Herren das Geleit bis zur Thüre des Vor⸗ raums, durch welche dieſelben abgehen). Edith (kommt nach vorn und wirft ſich in den Schaukelſtuhl). Dieſe ewigen Gratulationsbeſuche— es iſt zu lang— weilig! Cäcilie. Ja, es war die reine Völkerwanderung. Du kannſt es aber den Leuten nicht verdenken, daß ſie dir zum Ge— burtstag gratulieren. Edith. Thu' ich auch nicht. Es iſt nur zu dumm, einem Glück dazu zu wünſchen, daß man älter wird. Bernardi(zurückkommend). Na, hör' einmal, du biſt gelungen. Zweiundzwanzig Jahre— und redet von Aelterwerden. eberſieht den Ge— burtstagstiſch.) Ein hübſches Vermögen in Blumen iſt da beiſammen. Edith. Morgen ſind ſie alle welk. Vernardi(vor dem Roſenbouquet).“ Wirklich prachtvoll— das Bouquet von Herrn von Ottendorf— großartig!(er wechſelt mit ſeiner Frau einen Blick.) Daß der noch nicht hier war! Edith. Der kommt noch.— Wenn ich alles ſo ſicher wüßte! ——— Cütilie. Er mißfällt dir doch nicht? Edith. Mißfallen— nein. Er iſt ja ein ſehr hübſcher Menſch und hat gute Manieren. Cücilie. Und er macht dir den Hof. Edith. Ja. Sogar ziemlich auffällig. Bernardi(ſtellt ſich erſtaunt). Ei, ei! Edith. Papa, thu' nur nicht ſo, als wenn du das nicht wüßteſt. Vernardi. Ich? Kein Wort. Martin(tritt auf, meldet). Herr und Frau Doktor Heideck. Cätilie. Sehr angenehm. Martin ab.) Der bringt uns end— lich ſeine Frau. Vernardi. — — Ach richtig, der hat ſich kürzlich verheiratet. ſie Geld? Cärilie. ja vermögend. Keinen Groſchen; aber er iſt 10 Edith. Ich habe ſie neulich ſchon bei Schliebens getroffen. Irgendwoher aus der Provinz; polizeiwidrig unbedeutend. Zweiter Auftritt. Vorige. Walter. Lotte. Walter (mit einem kleinen Blumenſtrauß, geht zunächſt auf Cäcilie zu). Meine Gnädige— hier bringe ich Ihnen meine Frau. GVorſtellend.) Herr Bernardi.— Fräulein Edith kennſt du ja ſchon, Lotte? Edith(Lotte begrüßend). Ich hatte bereits das Vergnügen. Walter (tritt, während Lotte von Cäcilie und Bernardi begrüßt wird, zu Edithh. Unſer Beſuch gilt vor allem dem Geburtstagskind. Ein alter Verehrer geſtattet ſich...(Sieht nach dem Tiſch.) Zwar— bei dieſer Fülle der Geſichte...(Reicht ihr die Blumen.) Edith. Danke vielmals. Wir haben noch Platz.(Stellt die Blumen in einer Vaſe auf den Tiſch.) Cäcilie(zu Lotte). Nun, haben Sie ſich ſchon recht eingewöhnt? Totte. Ach nein; eigentlich noch nicht. 11 Cäcilie. Merkwürdig! Ich meine, man müßte ordentlich auf⸗ atmen, wenn man ſo aus der Provinz nach Berlin kommt. Totte. Ich bin von Jugend auf gewöhnt, ins Grüne zu ſehn. Bei uns in Rudolſtadt iſt am' Haus ein großer Garten und gleich dahinter der Wald. Und hier aus unſrem Fenſter ſehe ich nur auf Mauern... Cüätilie. Aber dafür haben Sie hier die große geiſtige An— regung. Totte. Ja, das allerdings. Vernardi. Und das Leben hier, das Leben! Walter. das Leben! Du wirſt ſchon Da hörſt du's, Lotte Geſchmack dran bekommen. Iſt es nicht famos, alle Tage neue Geſichter, immer einer geſcheiter als der andre, nachts nicht ſchlafen gehn und morgens nicht aufſtehn! Das erhält friſch, jung, elaſtiſch. Es iſt großartig. Cäcilie(zu Lotte). Kommen Sie nur recht fleißig zu uns. Wir wollen Sie für Berlin erobern. Totte. Ja, mein Mann hat mir viel von Ihrem Hauſe erzählt. Auch von Ihnen, mein Fräulein. 12— Edith. Von mir? Totte. Daß Sie ſo geiſtreich ſind und ſo gebildet. Edith. Es iſt wirklich nicht ſo gefährlich. Walter. Seien Sie nicht ſo beſcheiden. Ich ſage dir, Lotte, du kannſt anfangen, wo du willſt: Fräulein Edith weiß alles. Cürilie. Wir haben uns ihre Erziehung angelegen ſein laſſen. Sie hat in jedem Fach die erſten Autoritäten zu Lehrern gehabt, und was ſie hier im Hauſe vor ſich geſehen... Walter. Alles, was überhaupt einen Namen hat. So eine Geſellſchaft hier— weißt du, Lotte, das iſt die reine Autographenſammlung. Vernardi(geſchmeichelt). Ein ſchlichter Kaufmann wie ich— was kann der Beſſeres thun als ſein beſcheidenes Haus offen halten für den Geiſt? Und die Hauptſache iſt, wir ſind nicht ſteif; bei uns verkehrt man zwanglos. An unſern Montagen kommen manchmal über hundert Leute, und trotzdem iſt es ſehr gemütlich. Walter. Außerordentlich! Und da, Lotte—(zeigt nach dem Geburtstagstiſch) da kannſt du die ganze Geſellſchaft beiſam— men ſehn.(er tritt mit Lotte zum Tiſch und ſieht ſich die Viſiten⸗ karten an.) Kammerſänger Farini— das iſt der große Bariton. Graf Freihof-Düren— der berühmte Sports⸗ man. Elly Winkler— die entzückende Naive. Laun⸗ hardt, der gefürchtete Parlamentarier— ſogar mit einem Verschen. Und hier eine eigenhändig gemalte Palette von Müllerhaus; famos. Und da ein Gedichtbuch mit Widmung— und ſo geht das weiter. Haſt du ſolch einen Geburtstagstiſch auch nur einmal im Traum geſehn? Totte. Nein, gewiß nicht.(Sie hat ein Etui in die Hand ge⸗ nommen.) Ach, iſt das wundervoll! Dieſe herrlichen Steine. Edith. Das iſt von Papa. Das fehlte mir noch zu der ganzen Garnitur; Ohrringe, Broſche und Armband hatte ich ſchon früher. Aber ich werd's wahrſcheinlich um⸗ tauſchen. Das Deſſin paßt nicht ganz. Cäcilie. Es paßt gar nicht. So kannſt du's zuſammen un— möglich tragen. Totte. Wie überreich Ihr Herr Vater Sie beſchenkt hat! Vernardi. Man hat ja nur die eine Tochter. Edith(zeigt auf große Bücher). Und das iſt von Mama. 14 Totte(befremdet). Schopenhauers Werke! Edith. Ja, die hatte ich noch nicht. Walter (hat die Viſitenkarte bei dem Bouquet geleſen). Richard von Ottendorf— ei der tauſend! Der iſt alſo wieder hier? Vernardi. Schon ſeit mehreren Wochen. Kennen Sie ihn? Walter. Nicht perſönlich. Aber wer wird den nicht kennen— den Sohn eines weltberühmten Mannes! Soviel ich weiß, war er längere Zeit im Ausland. Vernardi. Ja, er war als Volontär in einem großen Hauſe in London. Cäcilie. Und dann in Paris. Edith. In Paris möchte ich auch leben; aber London— brrr! Totte. Sind Sie denn ſchon dort geweſen? Edith. In London und Paris? Natürlich. Papa und Mama haben mich ja immer auf ihren Reiſen mitgenommen. Sie Beneidenswerte! Edith. Ach, wiſſen Sie— wenn man jedes Jahr reiſt— man iſt ſchließlich froh, wenn man wieder zu Hauſe iſt. Walter(noch bei dem Bouquet). Der junge Mann da hat Geſchmack bewieſen in der Wahl ſeines Vaters. Als man dem alten Ottendorf den erblichen Adel verlieh, ſoll er geſagt haben: Für mich hat das wenig Zweck; aber mein Sohn kann's gebrauchen. Totte. War das der große Naturforſcher Ottendorf? Cäcilie. Allerdings— derſelbe. Bernardi. Die Dynamomaſchinen, die wir fabrizieren, ſind ſein Syſtem. Mein techniſcher Leiter iſt ja auch ein Schüler von ihm. Walter. Hans Arndt? Mein alter Freund Hans? Das will ich glauben! Sein Lieblingsſchüler war er. Edith. Der Herausgeber von Ottendorfs nachgelaſſenen Schriften heißt ja auch Arndt. Papa, das iſt alſo der— ſelbe, der bei dir in der Fabrik iſt? Vernardi. Da fragſt du mich zu viel. 6 Walter. Natürlich derſelbe. Aber ſagen Sie, Fräulein Edith — man entdeckt ja immer neue Weisheit bei Ihnen. Sie kennen die nachgelaſſenen Schriften von Eduard Ottendorf! Edith. Ja, die meiſten habe ich geleſen. Walter. Potz Blitz! So ernſte wiſſenſchaftliche Sachen! Edith chat von dem Bücherbort einen Band geholt). Da ſind ſeine„Pſychologiſchen Streifzüge“. Das iſt gar nicht ſo ſchwer geſchrieben und ſehr intereſſant. Walter(blättert in dem Buch). Alle Achtung. Ich bin da nicht ganz durchgekommen. (Legt es auf den Tiſch links.) Edith. Gott, man lieſt es eben zweimal.— Gerade Sie, Herr Doktor, Sie ſollten mehr Naturwiſſenſchaft treiben. Walter. Ich? Edith. Es iſt doch keine Frage, daß ſich die Poeſie immer mehr auf naturwiſſenſchaftliche Grundlage ſtellt. Walter. Aha— Sie ſchwärmen für Ibſen. Edith. Schwärmen thu' ich überhaupt nicht. Ich bin auch gar nicht mit allem einverſtanden, was er ſchreibt. Aber der ſchildert uns das Leben, wie es iſt. Walter. Kennen Sie denn das Leben ſo genau, Fräulein Edith? Edith. Ich mache mir wenigſtens keine Illuſionen darüber. Walter. Keine Illuſionen? Ei, ei! Dann laſſen Sie ſich ſchleunigſt welche zm Geburtstag ſchenken. Wendet ſich zu den andern.) Martin(tritt auf, um zu melden). Cürilie(ihn bemerkend). Herr von Ottendorf, nicht wahr? Martin. Nein, Herr Arndt. Vernardi. Ah, der kommt jedenfalls in Geſchäften.(Zu Martin.) Ich laſſe bitten. Nartin ab.) Cärilie. Willſt du den hier empfangen? Vernardi. Warum denn nicht? Cücilie(halblaut). Es iſt nur, wenn Herr von Ottendorf... Fulda, Das verlorene Paradies. eee, 158988—— Vernardi(halblaut). Das werd' ich ſchon alles machen. D ritter Auftritt. Vorige. Hans Arndt. Bernardi(geht dem Eintretenden entgegen). Kommen Sie näher, Verehrteſter! Ich glaube wirk— lich, Sie ſind ſeit Jahren nicht in meinem Hauſe geweſen. Hans. Ja, es iſt ſchon lange her. Sie wiſſen, ich komme draußen ſo ſchwer ab.(Begrüßt Cäcilie.) Gnädige Frau, Sie verzeihen die Störung...(Verbeugt ſich vor Edith.) Mein Fräulein!(Auf Walter und Lotte zu.) Da treffe ich ja alte Freunde. Walter. Na, dich bekommt man überhaupt nicht mehr zu ſehn. Wenn ich dich nicht einmal in der Fabrik heim— ſuche... Totte(zu Edith). Wo liegt die Fabrik? Edith(mit einer Handbewegung). Ganz weit draußen. Ich bin in die Gegend noch nicht gekommen. Hans l(iſt zu Bernardi getreten). Ich war zuerſt auf Ihrem Bureau, und da ich Sie dort nicht fand... Bernardi. Ich hatte heute Vaterpflichten— Geburtstag, wie Sie ſehen. 19 Hans. Ach ſo!(Geht zu Edith.) Mein Fräulein, geſtatten Sie, daß ich Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunſch (Sieht ſie an.) Sie haben ſich ſehr verändert. Edith(leichthin). Sie meinen wohl, zu meinem Nachteil? Hans. Nein, das meine ich nicht.(critt wieder zu Bernardi und geht mit ihm in den Vordergrund.) Könnten Sie mir jetzt eine halbe Stunde ſchenken? Vernardi. Eine Sache von Wichtigkeit? Hans. Von großer Wichtigkeit. Vernardi. Doch nicht wieder die alte Geſchichte? Hans. Die alte Geſchichte. Die Arbeiter— Vernardi leinfallend). ſind unzufrieden, beklagen ſich, verlangen höheren Lohn, und ſo weiter. Liebſter, Beſter, dazu muß ich Ruhe haben. Sie ſehen ſelbſt— der Geburtstag meiner Tochter; außerdem erwarte ich jeden Augenblick einen Gaſt, mit dem ich eine unaufſchiebbare Angelegenheit...(Sieht auf die Uhr.) Wiſſen Sie was? Jetzt iſt es halb zwei. Um fünf Uhr eſſen wir. Alſo kommen Sie um vier Uhr wieder; da haben wir eine ganze Stunde... 20 Hans. Es iſt viel draußen zu thun. Ich wollte gleich wieder zurückfahren. Vernardt. Sehr lobenswert; aber es wird uns nicht ruinieren, wenn Sie einmal zwei Stunden ſpazieren gehn. Seien Sie nicht gar zu fleißig. Hans. Ich muß wohl fleißig ſein, da... Stockt.) Bernardi. Sie wollen ſagen, da ich es nicht bin. Hans. Das würde ich mir nicht erlauben. Das Bureau in der Stadt macht Ihnen überdies Arbeit genug. Aber Sie kommen ſo ſelten in Ihre Fabrik hinaus... Bernardi. Darin ſollten Sie einen Beweis meines Vertrauens erblicken. Hans. Ihr Vertrauen iſt mir unſchätzbar, und dennoch— als Chef und Eigentümer... Vernardi. Vor allem bin ich Vater, lieber Freund, Vater einer erwachſenen Tochter— und als ſolcher hat man eine ganze Unzahl von Pflichten. Aber warten Sie nur! Viel— leicht bin ich gerade dabei, eine Aenderung eintreten zu laſſen, eine Aenderung, durch die uns allen zugleich ge— holfen iſt. Warten Sie nur! 21 Hans. Um ſo beſſer.— Alſo um vier Uhr. Bernardi. Deshalb brauchen Sie doch nicht gleich wieder fort zulaufen, Sie Geſchäftsmenſch. Edith, zeige doch Herrn Arndt deine Geſchenke. Cätilie. Darf ich Ihnen vielleicht ein gutes Glas Wein an bieten, Herr Arndt? Hans. Ich danke.(Er geht mit Edith an den Tiſch rechts, während die übrigen links vorn Platz genommen haben. Edith. Herr Doktor Heideck erzählte uns eben, daß Sie der Lieblingsſchüler Ottendorfs geweſen ſind. Hans. Das iſt wohl zu viel geſagt. Aber wahr iſt, daß ich ihm alles verdanke. Er hat mir auch die Mittel zum Studieren verſchafft. Cätilie. Ich wußte gar nicht, daß er auch Techniker ausge bildet hat. Hans. Ich war anfangs nicht Techniker. Ich bin es ge worden auf ſeinen Rat. Edith. Weshalb? Hans. weil ich arm war. Weit noch Edith. Und was hätten Sie denn ſonſt werden wollen? Hans. Warum fragen Sie mich das? Edith. Das iſt doch kein Geheimnis Hans. Man redet nicht gern von ſeinen eigenen Thaten⸗ weniger von ſeinen vereitelten Plänen. Edith. Sie ſcheinen ja alles ſchrecklich ernſt zu nehmen, Arndt. Hans. Nur das, was ernſt iſt. Edith. Ich habe nicht geahnt, daß Sie ſo ſchlagfertig ſind. Es muß ganz amüſant ſein, ſich mit Ihnen herumzu ſtreiten. Sie müſſen wirklich öfter kommen. Wir wollen miteinander plaudern. Hans. Und wenn wir nun verſchiedene Sprachen ſprächen? Edith. Glauben Sie etwa, ich verſtehe die Ihrige nicht? Hans. Ja, das glaub' ich. Edith. Und warum nicht? Hans. Weil Sie zu geſcheit ſind. Edith. Zu geſcheit?——(6ie will noch etwas erwidern, beſinnt ſich anders und macht eine trotzige Bewegung.) Hans(verabſchiedet ſich mit einer Verbeugung). Mein Fräulein!(Verbeugt ſich ſtumm vor Cäcilie; dann zu Walter und Lotte.) Auf Wiederſehn.(Zu Bernardi, der ihm das Geleit gibt.) Um vier Uhr.(Ab.) Vierter Auftritt. Vorige(ohne) Hans. Cätilie. Höre einmal, Julius, ſehr liebenswürdig iſt dein Herr Arndt gerade nicht. Walter. Den kennen Sie nicht. Ein ganz famoſer Kerl. Vernardi. Liebenswürdig! Der Mann hat ſeinen Kopf voll mit meinen Angelegenheiten. Er iſt tüchtig und zuverläſſig und arbeitet für drei. Da ſoll er auch noch liebens— würdig ſein. Edith. Ich finde ihn gar nicht ſo übel. Er beſitzt eine ge— wiſſe Originalität, und dann— auffallend hübſche Augen hat er. Wir ſollten ihn manchmal einladen. 24 Vernardi. Ich habe ihn öfters aufgefordert; aber er hatte immer Ausreden. Uebrigens— er hat wirklich keine Zeit. Cäcilie(aufhorchend). Iſt nicht eben ein Wagen vorgefahren? Bernardi(tritt ans Fenſter). Es iſt Herr von Ottendorf.(Walter und Lotte folgen ihm.) Cücilie(aufatmend, halblaut). Endlich.(Steht auf.) Totte(am Fenſter). Wer iſt der Offizier, den er da begrüßt? Bernardi. Das iſt der Graf Freihof. Cüäcilie. Sein intimſter Freund. Walter. Jetzt verabſchieden ſie ſich. Er wendet ſich nach dem Hauſe. Totte. Ein ſtattlicher Mann. Walter. Jawohl. Aber ſeinem Vater ſieht er gar nicht ähnlich Cüärilie(zu Edith, die allein ſitzen geblieben iſth. Deine Friſur iſt wieder ganz verſchoben. Dieſe neue Jungfer kann auch gar nichts!(Sie macht ſich mit Ediths Haar zu ſchaffen.) —— 2 Martin(tritt auf, meldet). Herr von Ottendorf. Cüäcilie, Vernardi leifrig und gleichzeitig). Sehr angenehm! Martin(ab und öffnet Richard die Thür). Fünfter Auftritt. Vorige. Richard von Ottendorf. Nichard (der eine Roſe im Knopfloch trägt, eilt auf Cäcilie zu und küßt ihr die Hand). Meine Gnädigſte!— Mein lieber Herr Bernardi!— Und nun zu Ihnen, gnädiges Fräulein. Ich habe den Vorzug, Ihnen ganz gehorſamſt Glück zu wünſchen. Edith. Ich danke ſehr— auch für die ſchönen Blumen. Cätilie. Ja, Herr von Ottendorf, Sie haben uns wirklich in Verlegenheit geſetzt Nichard. Aber nicht der Rede wert!(Geht nach dem Tiſch rechts.) Iſt ja berauſchend— dieſer Opferhain.(Zu Bernardi, der dicht neben ihm ſteht, ſchnell, leiſe.) Na, wie iſt Ihnen der Abend bei Uhl bekommen? Vernardi lerſchreckend, leiſe). — Vorzüglich.— Was macht die Kleine? Pft! 26 Nichard(leiſe). Danke der gütigen Nachfrage. Werden ihr nächſtens in Gnaden den Abſchied geben. Vernardi. So? Hm! Nichard(ſich zu den Damen wendend). Ich erkläre eben Herrn Bernardi meine Verſpätung. Gerade heute muß irgend eine Excellenz mich mit ihrem Gegenbeſuch langweilen. Cäcilie. Wir freuen uns, daß Sie da ſind.— Nein, meine Vergeßlichkeit... Ich habe Sie ja noch gar nicht bekannt gemacht.(Vorſtellend) Herr von Ottendorf— Walter Heideck— Frau Doktor Heideck. Nichard. Angenehm.— Herr Doktor, ſind Sie verwandt mit dem Huſarenlieutenant Heideck? Walter. Ich glaube nicht. Cätilie. Walter Heideck— unſer beliebter Erzähler! Richard. Ah, Pardon!— Ich hörte Ihren berühmten Vor— namen nicht. Habe ja ſehr viel von Ihnen geleſen. Malter. Das iſt nicht gut möglich, Herr von Ottendorf; denn ich habe ſehr wenig geſchrieben. Vichard. Ich meine qualitativ. Walter. Wenn mich nämlich die gütige Hausfrau einen be— liebten Erzähler nennt, ſo will ſie damit andeuten, daß ich vor zehn Jahren einen Band Novellen geſchrieben habe und ſeitdem nichts wieder. l J Cäcilie. Ja, Ihre Verehrer verübeln Ihnen dieſe Faulheit ſchon lange. Walter. Faulheit? Nichts weniger als das! Ich bin der fleißigſte Menſch von der Welt! Fehle ich in irgend einem Theater, bei irgend einem Konzert, einem Feſteſſen, einer Wahlverſammlung? Ich laſſe mich anregen, ich ſammle Eindrücke. Nichard. Und die bringen Sie nicht zu Papier? Walter. Später einmal— viel ſpäter. Ich habe noch lange nicht genug; ich bin noch nicht durchſättigt.— Vor zehn Jahren lebte ich in Rudolſtadt und dichtete ſo vor mich hin— die mit Recht ſo beliebten Novellen. Das Buch hatte Erfolg, machte Aufſehn; man rief mir von allen Seiten zu: Verkümmern Sie nicht im Winkel! Gehen Sie in das Centrum! Sammeln Sie Eindrücke! Das habe ich gethan— und ſeit zehn Jahren mache ich alles mit. Immer iſt etwas Neues los; immer bin ich aufs 28 neue gepackt, gefeſſelt, elektriſiert. Ich komme überallhin, nur nie zu mir ſelbſt. In Rudolſtadt hätte ich inzwi ſchen zehn Bücher geſchrieben; aber dann hätte ich eben keine Eindrücke ſammeln können. Totte. Du ſollteſt nicht ſo viel in Geſellſchaften gehn. Walter. Das iſt noch dein Provinzſtandpunkt. Aber ich ſage dir, Lotte, auch du wirſt gefaßt werden und verſchlungen von dieſem göttlichen, unvergleichlichen Strudel! Bah! Leben iſt mehr wert als ſchreiben. Nichard. Topp! Sie ſind mein Mann!— Sehen Sie mal zum Beiſpiel meinen Vater an. Was hat der überhaupt von ſeinem Leben gehabt? Walter. Das will ich doch nicht ſo ſchroff hinſtellen. Vernardi. Er opferte ſich für die Wiſſenſchaft. Cäcilie. Und für die Menſchheit. Nichard. Jawohl, den ganzen Tag und die halbe Nacht ſaß er am Schreibtiſch oder im Laboratorium und ruhte nicht, bis er ſich richtig zu Tode gearbeitet hatte. Na, ich habe ihn wenigſtens immer gewarnt.(Zu Edith.) Gnädiges 29 Fräulein hatten mir doch verſprochen, mir das letzte Bild zu zeigen, das Sie gemalt haben. Edith. Es iſt nicht viel dran.(Führt ihn zur Staffelei.) Vichard. Aha— Paſtell! Iſt ja einfach glanzvoll. Cäcilie (die ſich den beiden genähert hat, zu Richard). Das hat ſie in ein paar Stunden gemacht. Vichard. Unglaublich! Edith. Ich habe jetzt ſehr wenig Zeit zum Malen. Cäcilie. Ja, das Singen nimmt ſie ſo in Anſpruch. Nichard. Wenn man ſolch eine Stimme hat Cätilie. Ach, Sie können gar nicht urteilen. Sie haben ſie ja nur neulich bei Fellners gehört, und da war ſie ſtark indisponiert. Nichard. Unheimlich talentvoll! Gnädiges Fräulein, ich kann nur ſagen, man kommt ſich ordentlich blamiert vor. 30 Walter (der ſich mit Lotte erhoben hat, zu Bernardi). Nun iſt es die höchſte Zeit Cärilie. Sie wollen ſchon gehn? Walter. Wir ſind zum Gabelfrühſtück geladen bei General konſul Becker. Cärilie. Da werden Sie ſehr wohlſchmeckende Eindrücke ſammeln. Bernardi. Das beſte Eſſen von Berlin. 0 (Verabſchiedung. Walter und Lotte ab.) Sechſter Auftritt. Bernardi. Cäcilie. Edith. Richard. Nichard(zu Edith). Das iſt alſo ein Dichter? Edith. Sehr begabt; aber verbummelt. 8:ie ſprechen weiter.) Vernardi (Cäcilie in den Vordergrund nehmend, halblaut). Sieh zu, daß du jetzt mit Edith verſchwindeſt. Cücilie. Jetzt ſchon? Bernardi. Na, lange hinausziehen wollen wir die Sache doch nicht. Das iſt eine unangenehme Situation für ihn und für uns. Cätilie. Allerdings— aufgeregt bin ich gerade genug.(Ruft.) Edith! Edith(nach vorn kommend). Mama? Cätilie. Haſt du ganz vergeſſen, daß wir den Stoff für das Ballkleid ausſuchen müſſen? Es wird ja ſonſt nicht mehr fertig.— Herr von Ottendorf wird uns für einige Mi— GHnis entſchuldigen. Nichard(ſieht Bernardi an und begreift). Bin zwar untröſtlich; aber wenn die Pflicht ruft... Cätilie. Wir ſehen uns jedenfalls noch. Nichard(mit Betonung). Ich hoffe zuverſichtlich. Cücilie(geht mit Edith zur Thür links; Edith ab). Bernardi (hält Cäcilie, die Edith folgen will, an der Thür zurück; leiſe). Willſt du ſie nicht ein bißchen vorbereiten? Cärilie. Und wenn nun nichts daraus wird? Vernardi. Ja, das iſt richtig. 233 Cätilie. Uebrigens— glaubſt du vielleicht, daß ſie noch nichts gemerkt hat?(Ab links.) Siebenter Auftritt. Bernardi. Richard. Vernardi. So, mein lieber Herr von Ottendorf— jetzt ſtehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.—(Bietet ihm ſein Etui an.) Rauchen Sie? Nichard. Cigarren niemals; aber wenn Sie geſtatten, daß ich mir eine Cigarette...(Er nimmt aus einem ſilbernen Etui eine Cigarette; Bernardi bietet ihm Feuer an.) Alſo— ohne lange Umſchweife... Bernardi. Warten Sie nur noch einen Augenblick... Geht zur Wand und drückt auf einen elektriſchen Knopf.) Für alle Fälle... Martin(tritt auf). Vernardi(zu Martin). Ich bin jetzt für niemand zu ſprechen, hören Sie, für niemand! Martin. Sehr wohl.(Ab.) Bernardi. Nun alſo—— los! Nichard. Herr Bernardi, ich glaube, Sie werden mir dank— bar ſein, wenn ich gleich zur Sache rede... Sie wiſſen, warum ich Sie um dieſe Unterredung gebeten habe. Vernardi. elbſtverſtändlich weiß ich das. Nichard. Sie haben mir angedeutet, daß Ihre prinzipielle Geneigtheit... Vernardi. Das habe ich. Uebrigens— gut, daß ich daran denke! Ich will Ihnen gleich ganz offen ſagen: Ich habe inzwiſchen bei—*333 Leuten Erkundigungen eingezogen— über Ihre Verhältniſſe Richard. Durchaus korrekt. Bernardi. Ueber Ihre Familie— das war natürlich unnötig. Die iſt prima. 110 ja— alſo nur, damit wir das ab— machen— Sie waren zuerſt Juriſt und haben ſich noch während des Studiums zur kaufmänniſchen Carriere ent— ſchloſſen. Ihr Herr Vater brachte Sie in dem Londoner Hauſe unter, und die Referenzen von dort laſſen nichts zu wünſchen übrig. Nichard. Der Chef machte mir ſogar Ausſicht, daß ich als Teilhaber... Vernardi. Weiß ich alles. Nach dem Tode Ihres Vaters zogen Sie es aber vor, die Stellung aufzugeben, und gingen Fulda, Das verlorene Paradies. 3 34— nach Paris. Dort lebten Sie anderthalb Jahre ohne Stel— lung und haben ſich amüſiert. Nichard. Ja— ſehr gut. Vernardi. Iſt auch eine großartige Stadt! Donnerwetter— dieſe Weiber! Was? Nichard. Na, und ob! Vernardi. Es gibt überhaupt nur die Pariſerinnen. Sehen Sie— heute noch, wenn ich nach Paris komme— (Sich beſinnend.) Ja ſo— was ich ſagen wollte... Sie haben ſich amüſiert, und das war natürlich teuer! Nichard. Sündhaft! Bernardi. Dabei ging das kleine Vermögen, das Ihr Herr Vater Ihnen hinterließ, ſo ziemlich drauf. Beweis: Sie haben ſogar das ererbte Patent auf die verbeſſerte Dynamo— maſchine verkauft. Nichard. In einer augenblicklichen Verlegenheit... Bernardi. Kann ich mir alles ſehr lebhaft vorſtellen. Fällt mir auch nicht ein, Ihnen vorzuwerfen, daß Sie Ihre Jugend genoſſen haben. Man lebt nur einmal. Aber, lieber Freund— jetzt müſſen Sie vernünftig werden! Nichard. Herr Bernardi, es gibt gewiſſe Dinge, die unter Kavalieren— wie ſoll ich ſagen— die ſich von ſelbſt verſtehn. In dem Augenblick, wo ich die Ehre habe, um die Hand Ihrer Fräulein Tochter Bernardi(ihn unterbrechend). Schon gut! Ueber den Punkt wären wir alſo einig. Nun alſo— um kaufmänniſch zu reden— das, was Sie poſitiv mitbringen, das iſt Ihr Name und Ihre Ar— beitskraft. Nichard. Ich denke doch Vernardi. Gleich; laſſen Sie mich nur ausreden. Ihr Name — alle Achtung! Was den Adel betrifft— daraus macht ſich meine Frau mehr als ich;(Bewegung Richards) obſchon— ich unterſchätze das keineswegs. Trotz der liberalen Geſinnung, die ich immer bethätigt habe, weiß ich mit den ſozialen Thatſachen zu rechnen. Worauf ich aber den Hauptwert lege— Sie ſind ſozuſagen geiſtige Ariſtokratie; Sie ſind der Sohn Ottendorfs, und das bedeutet in unſrer induſtriellen Welt mehr als ein ein— faches„Von“. Alſo— Ihren Namen kann die Fabrik brauchen. Aber— das iſt es natürlich nicht allein. Ich bin nicht mehr jung; ich will eine Stütze im Geſchäft haben, eine friſche Kraft, die mir einen Teil der Sorge und Arbeit abnimmt. Du lieber Gott— dieſe Zeiten! Fortwährende Aufregung; kein Verlaß mehr auf die Ar— beiter— und ich will doch ſchließlich auch noch etwas von meinem Leben haben. 36 Nichard. Herr Bernardi— wenn dieſe Verſicherung Sie be— ruhigen kann— ich werde arbeiten, und zwar heftig. Wie Sie wiſſen, bin ich Offizier; und ein gewiſſes orga niſatoriſches Talent... Ich fühle den Ehrgeiz in mir, aus dieſer Fabrik durch ſtramme Verwaltung eine Art Muſterinſtitut zu machen und dadurch für eine ſpätere politiſche Carriere Vernardi. 0 Alſo daran denken Sie? Nichard. Allerdings. Ueberlegen Sie doch: wenn ich faulenzen wollte— wenn es mir lediglich um eine gute Partie zu thun wäre— Bernardi. Nun, ich darf behaupten, der Eintritt in meine Firma repräſentiert zugleich eine Mitgift, wie ſie ſich nicht alle Tage findet. Nichard. Wohl— wohl... und da wir einmal bei dieſem Thema angelangt ſind Vernardi. Nur Geduld— wird ſchon alles kommen. Wie Sie ſich denken können: mein Kapital ſteckt ſo ziemlich voll— ſtändig in der Fabrik. Nichard. Dachte ich mir. Vernardi. Trotzdem die Bilanzen in den letzten Jahren immer günſtiger wurden, habe ich begreiflicherweife nichts Nen— nenswertes zurücklegen können. Denn inzwiſchen wuchs Edith heran, und bei der Erziehung, die wir ihr gaben, bei dem Leben, das wir mit Rückſicht auf ſie zu führen genötigt wurden... Nichard. Verſtehe. Vernardi. * Wobei natürlich unſre eigenen Bedürfniſſe auch ge⸗ wachſen ſind. Dieſe Geſellſchaften, dieſe Reiſen, dieſe Ertravaganzen... unter ſiebzigtauſend Mark ſind wir da ſelten durchgekommen, und etwas mehr oder weniger be— trug bisher der jährliche Reingewinn. Nichard. Hm!— Das läßt ſich ſteigern. Vernardi. Höchſt wahrſcheinlich;— wenn alles glatt geht, ſogar ſicher. Alſo— kurz geſagt: ich beſtreite die geſamte Ausſtattung und Einrichtung. Sie treten als Teilhaber bei mir ein; Sie übernehmen zunächſt die Korreſpondenz und die Repräſentation, vor allem aber die Ueberwachung des Betriebes— was Ihnen nebenbei ſehr erleichtert wird; denn mein techniſcher Leiter iſt die Zuverläſſigkeit in Perſon. Und ich beteilige Sie vom Tag Ihres Ein— tritts an— das heißt, wenn Sie wollen, ſofort— mit einem Drittel. Das entſpricht alſo, nach der letzten Bilanz und zu vier Prozent gerechnet, einem Kapital von— rund ſechsmalhunderttauſend Mark.(Er ſieht Richard an, welcher ſchweigt. Nach einer kleinen Pauſe.) Wie? 38 838— Nichard(zögernd). Herr Bernardi, ich brauche Ihnen nicht erſt zu ver— ſichern, wie ehrenvoll Ihr Anerbieten iſt, und wie die Ausſicht, in Ihre hochgeſchätzte Familie... Bernardi(beſorgt). Lieber Herr von Ottendorf, um Gottes willen jetzt keine Phraſen. Wir ſind unter uns Männern. Vor mir brauchen Sie ſich nicht zu genieren. Sagen Sie klar heraus, was Ihnen nicht paßt. Nichard. Auf Ehre, es iſt mir überaus peinlich, gerade dieſen Büintt? Bernardi. Wir reden hier doch rein geſchäftlich. Ich habe Ihnen meine Propoſition gemacht; machen Sie mir jetzt 0 5 die Ihre. Nichard. Ich wiederhole— und das iſt keine Phraſe— Ihr Anerbieten iſt höchſt ehrenvoll, und ich würde kein Wort weiter verlieren, kein Wort, wenn hier nicht noch ein ſehr wichtiger Faktor mitſpielte— nämlich Ihr Fräulein Tochter. Vernardi(noch nicht verſtehend). Meine Tochter— wieſo? Nichard. Ich werde ja nicht nur Ihr Teilhaber, ſondern in erſter Linie Ihr Schwiegerſohn, der Gatte Ihrer Tochter. Sie ſelbſt haben mir eben auseinandergeſetzt, auf welchem Fuß die junge Dame erzogen iſt, welche Anſprüche an das Leben zu machen ſie von Ihnen gelernt hat. Mein Stolz würde mir verbieten, eine Frau an meiner Seite zu ſehn, der ich Einſchränkungen auferlegen müßte, die in meinem Haus auch nur das Kleinſte entbehren würde, was ihr im Elternhaus geboten war. Und ſie ſelbſt könnte ſich dabei nicht glücklich fühlen. Wenn ich alſo anſpruchsvoll bin, ſo ſind Sie es, der mich durch die Erziehung Ihrer Tochter dazu zwingt. Vernardi(ſehr betroffen). Durch ihre Erziehung! Ja, konnten wir ſie denn anders erziehen, wenn wir ihr Glück wollten? Konnten wir unſer einziges Kind, ein Mädchen von ſolchem Geiſt, von ſolchen Gaben zu einer ſpießbürgerlichen Hausfrau beſtimmen? Wofür habe ich denn gearbeitet? Nichard. Sehr richtig. Aber deshalb können Sie jetzt auch nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben. Zur Führung eines annähernd ſtandesgemäßen Haushaltes bedarf ich der ſo— fortigen Beteiligung mit der Hälfte. Vernardi(ſich den Schweiß abtrocknend). Das iſt hart! Nichard. Uebrigens— wenn Ihre Tochter aus dem Hauſe iſt, dann fällt ja der einzige Grund fort, weshalb Sie dieſen Aufwand entfaltet haben. Vernardi. Da liegt es ja eben! Durch ihre Erziehung haben wir nach und nach uns ſelber mitverwöhnt. Meine Frau 40—— und ich— wir können jetzt auch nicht mehr leben wie früher. Richard. Außerdem— ich werde mein ganzes Beſtreben daran ſetzen, die Rentabilität der Fabrik zu erhöhen. Und wenn ich mir ſo etwas vornehme... Bernardi(mit innerlichem Kampfj. Alſo— Sie machen das zur Kabinettsfrage? Nichard. Ja— allerdings Vernardi(tief aufſeufzend). Nun denn— in Gottes Namen.— Es iſt ein großes Opfer, das ich Ihnen bringe. Nichard. Sie bringen es Ihrer Tochter. Bernardi. Jawohl— meiner Tochter. Aber— öhat Richards Hand ergriffen) machen Sie ſie glücklich! Nichard. Wird mein eifrigſtes Bemühen ſein. Vernardi(Atem ſchöpfend). Gott ſei Dank— dann wären wir alſo ſo weit. Nichard(lächelnd). Bis auf eine Kleinigkeit. Vernardi(beunruhigt). Was denn noch? — 41 Nichard. Die Einwilligung Ihrer Tochter. Vernardi lerſtaunt). Sind Sie deren denn nicht ſicher? Ich denke, Sie haben ihr ſchon ſeit Wochen den Hof gemacht? Nichard. Allerdings— ich ſchmeichle mir, einigen Eindruck... Aber ſo ein Mädchenherz... Veornardi. Nun, darauf wollen wir's einmal ankommen laſſen. (Geht zur Thür links und ruft.) Cäcilie! Cäcilie! Nichard lerleichtert). Ah!— Mir iſt wirklich auch ganz warm geworden! Achter Auftritt. Vorige. Cäcilie(von links). Cäcilie(zu Bernardi, ihre Erregung bemeiſternd). Julius, du haſt mich gerufen? Vernardi. Ja, Cäcilie— faſſe dich!— Herr von Ottendorf hat dir eine wichtige Eröffnung zu machen. Cätilie. Mein Gott, wie du mich erſchreckſt!— Doch nicht etwa... Nichard. Verehrte gnädige Frau! Nachdem ich in dieſer Stunde 42 ſo glücklich war, den Segen Ihres Herrn Gemahls zu erringen, habe ich die Ehre, Sie um die Hand Ihrer Fräulein Tochter zu bitten. Cäcilie. Herr von Ottendorf— dieſe Ueberraſchung— ich finde keine Worte Bernardi(ungeduldig). Na, finde nur Worte! Du brauchſt dich vor Herrn von Ottendorf nicht zu verſtellen. Cüärilie (reicht in aufrichtiger Bewegung Richard die Hand, die er küßt). Wenn ich auf Ihre Frage mit ja erwidere, Herr von Ottendorf, ſo wiſſen Sie, was das für eine Mutter bedeutet.(Die Stimme verſagt ihr wiederholt vor Rührung.) Es iſt unſer einziges ind— und was für ein Kind!— unſer ganzer Reichtum— unſer Leben und Denken ſeit zweiundzwanzig Jahren. Nichard. Ja, das weiß ich. Cärilie. Wenn Ihr edler Vater das nur noch hätte erleben können... Sie hätte ihm ganz gewiß gefallen... ſie iſt kein gewöhnliches Mädchen, glauben Sie mir! Wenn Sie ſie erſt genau kennen... dieſer Geiſt und dieſes Streben.. Nichard. Das habe ich hinlänglich bewundern gelernt.— Aber noch weiß ich nicht, ob ſie ſelbſt geneigt iſt... Cätilie. Sie wird nicht nein ſagen, Herr von Ottendorf. Nichard. Wirklich? Bernardi. Woher weißt du? Cäcilie. Sie ſelbſt fing davon an. Sie iſt ja zu klug; vor ihr kann man nichts verbergen. Als wir hineingegangen waren, ſagte ſie:„Mama, ich weiß ganz genau, daß Herr von Ottendorf jetzt um meine Hand anhält.“ Richard. Köſtlich! Cärilie. Und als ich ſie nun fragte, wie ſie ſich dazu ſtellte, da erwiderte ſie mir in ihrer klaren, verſtändigen Art, ſie glaube, daß es das Richtige ſei. Vernardi. Nun alſo! Nichard. Dann will ich aber keinen Augenblick mehr zögern... Cärilie. Ich werde ſie rufen.(Sie geht durch die Thür links ab, welche ſie offen läßt. Man hört ſie drinnen rufen.) Edith, komm einmal herein. Vernardi(ſcherzend zu Richard). Mut, junger Mann! Nichard. Hab' ich!(Zieht ſich beim Auftreten Ediths ein wenig zurück.) Neunter Auftritt. Vorige. Cäcilie(mit) Edith(von links). Edith. Was gibt's denn? Vernardi(auf ſie zugehend). Meine liebe Edith, Herr von Ottendorf wird eine Frage an dich ſtellen... Cäcilie(von der andern Seite). Die wichtigſte Frage des Lebens. Edith(nickt). Schon kapiert. Vernardi(ihre rechte Hand ergreifend). Antworte, wie du glaubſt, daß es zu deinem Glücke gut iſt. Cücilie(ihre Linke faſſend). Wir wollen ja auf der weiten Welt nichts als dein Glück.—(Umarmt und küßt ſie.) Mein gutes Kind! Bernardi(umarmt und küßt ſie gleichfalls). Mut, meine Tochter! (Cäcilie und Bernardi gehen langſam, rückwärts blickend, ab links. Edith ſetzt ſich links vorn.) 45 Zehnter Auftritt. Edith. Richard. Nichard (kommt nach vorn. Nach einer kleinen Pauſe). Mein wertes Fräulein... der gütige Zufall... ge⸗ währt mir einen Augenblick, den ich lange vergeblich her— beigeſehnt habe... einen Augenblick des Alleinſeins mit Ihnen.(Er wartet, ob Edith etwas ſagen wird. Sie ſchweigt und ſieht ihn an.) Es wird Ihnen nicht entgangen ſein, daß Sie der Gegenſtand meiner Wünſche geworden ſind, daß die ſeltene Vereinigung von Eigenſchaften... Und gerade heute— an Ihrem Geburtstag iſt es mir ganz evident geworden, wie ſozuſagen eine höhere Fügung uns zu einander geführt hat. Vor Ihnen ſteht nicht der erſte beſte unerfahrene Junge, ſondern ein Mann— ein Mann, der die Welt und das Leben kennt— durch und durch... ja, das darf ich kühnlich behaupten. Und deshalb brauche ich wohl auch keine lange Rede zu halten; ſondern ich frage Sie ganz einfach und geradezu: Wären Sie geneigt, das Leben eines ſolchen Mannes zu teilen?— Würden Sie einwilligen, meine Gattin zu werden? Edith (hat bisher nervös mit dem Band der Ottendorfſchen Schriften ge⸗ ſpielt, der auf dem Tiſch liegt; jetzt ſieht ſie ihn wieder an und ſagt ruhig). 2 a Sie, wie es ſcheint, mit meinen Eltern einig idN Nichard. Ja, ich habe es allerdings für Kavalierspflicht ge— 46 halten, mich der Zuſtimmung Ihrer würdigen Eltern zu verſichern, bevor ich an die höchſte Inſtanz appellierte; und da ſie beide dafür ſind Edith(aufſtehend). So bin ich auch nicht dagegen. Nichard. Das heißt, Sie beglücken mich mit Ihrem Jawort! Edith. Mein Jawort! Wie furchtbar feierlich das klingt! Das wäre alſo in aller Form eine Verlobung! Nichard. In aller Form. Es fehlt nur noch, daß wir zur Beſiegelung den Verlobungskuß Edith. Nein, Herr von Ottendorf, das hat ja noch etwas Zeit. Nichard. Ganz nach Ihrem Belieben— obwohl...(Auf eine leicht verneinende Handbewegung Ediths.) Aber dann geſtatten Sie wenigſtens, daß wir das vertrauliche Du... Edith. Warum denn ſo eilig? Das ſind ja alles Neben— ſachen. Das Wichtigſte iſt jetzt, daß wir uns kennen lernen. Nichard. Kennen lernen? Iſt das Ihr Ernſt? Edith. Mein voller Ernſt. 4575 Nichard. Aber— ich bitte Sie— nachdem wir wochenlang miteinander verkehren...! Edith(ſich ſetzend). Wir ſind in den vier Wochen ſeit Ihrer Rückkehr fünf- oder ſechsmal in Geſellſchaft zuſammen geweſen. Wir haben miteinander getanzt, und in den Pauſen haben wir auch miteinander geſprochen— was man ſo auf Bällen ſpricht. Sie haben mir den Hof gemacht— worin Sie ja große Uebung haben— und die erſten Male habe ich nichts Beſonderes bemerkt. Nichard. Auch nicht, wie ſehr ich mich für Sie intereſſierte? Edith. Erſt als Sie mir das Bouquet ſchickten und den ganzen Abend ausſchließlich mit mir tanzten. Das mußte mir natürlich auffallen. Nichard. Natürlich. Und was haben Sie ſich dabei gedacht? Edith. Ich habe mir gedacht: Herr von Ottendorf wird 5 wohl eines ſchönen Tages um dich anhalten, und da ich Zeit hatte, habe ich mir die Sache inzwiſchen überlegt. Nichard. Sehr richtig. Edith. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt geworden und 18. habe ſehr viele Männer kennen gelernt. Keiner hat mich ſonderlich begeiſtert. Ich bin überhaupt nicht ſo ſchwär meriſch angelegt. Meine Freundinnen— du lieber Gott, die waren alle Vierteljahr in einen andern verliebt; aber das ſind ſchließlich abgeſchmackte Kindereien. Es war mir keinen Moment zweifelhaft, daß ich mich einmal ver heiraten würde; nur— wir jungen Mädchen haben's ja nicht ſo gut wie die Männer; wir ſitzen da und müſſen warten, bis einer kommt. Es ſind ja vor Ihnen ſchon verſchiedene gekommen Nichard. Selbſtredend! Edith. Aber die waren nicht ernſt zu nehmen. Bald war es die Perſönlichkeit, bald die Familie, bald die geringe geſellſchaftliche Stellung... Denn Sie werden ſchon ge— merkt haben: Genügſamkeit iſt nicht meine Tugend. Wenn ich das Haus meiner Eltern verlaſſen ſollte, ſo mußte ich wiſſen, warum. Steht auf.) Nichard. Vollſtändig korrekt gedacht. Edith. In Ihnen ſehe ich den Mann, der mir das alles wird bieten können, was ich vom Leben verlange. Denn — damit Sie's nur gleich wiſſen— ich bin ehrgeizig, und die Ehe iſt nun einmal die einzige Carriere, die wir Frauen machen können. Vichard. Auf Ehrenwort— Sie ſind die geſcheiteſte junge 49— Dame, die mir je vorgekommen iſt! ganz famos vertragen. Wir werden uns Edith. Das hoffe ich. Nichard. Gerade weil Sie ſo vernünftig ſind, haben Sie mir gleich imponiert. Keine Gefühlsduſelei, keine ſentimentale Verdrehtheit. Die meiſten jungen Mädchen heutzutage— ſchauderhaft! Da leſen ſie lauter ſchlechte Romane und glauben all das dumme Zeug; es iſt zu albern! Aber Sie— Sie wiſſen, was Sie wollen; Sie nehmen das Leben, wie es iſt. So eine Frau brauche ich, und ſeien Sie überzeugt, Sie werden auch in meinen Kreiſen ganz enorm gefallen. Edith. Und wie ſtellen Sie ſich im übrigen unſer Leben vor? Nichard. Ich werde Sie auf Händen tragen. Edith. Das wäre auf die Dauer recht langweilig. Nichard(lachend). Iſt auch nur ſo Redensart.— Wir werden uns ein behagliches Neſtchen etablieren; wir werden ein Haus machen, die Welt empfangen, Theater beſuchen... Edith. Sehr ſchön; aber weiter? Richard(nicht verſtehend). Weiter? Fulda, Das verlorene Paradies. 50 Edith. De as habe ich ja alles bei meinen Eltern ſchon gehabt. Nichard. Nun ja... wir werden auch reiſen— nach Ita— lien, nach Paris Edith. Da war ich ſchon überall. Nichard. Mein Gott— das iſt doch jetzt etwas total andres... Edith. Ich möchte hauptſächlich wiſſen, wie Sie ſich meine Stellung zu Ihrem Berufe denken? Nichard Zu meinem Beruf? Verſtehe ich nicht. Ich trete zunächſt ganz einfach als Kompagnon in das Geſchäft Ihres Vaters. Edith. Das habe ich vermutet; aber... Nichard. Aber? Wollen Sie vielleicht mit mir im Bureau ſitzen? Oder wollen Sie ſich in der Fabrik mit den Ar— beitern herumzanken? Edith. Das natürlich nicht— und doch: hören Sie!(Sie hat den Band vom Tiſche links genommen und aufgeſchlagen. Sie lieſt mit Betonung.)„Will die moderne Frau die Stellung einnehmen, die ihrer allein würdig iſt, dann wird ſie nicht 51 nur die Haushälterin, ſondern auch die Mitarbeiterin 7 ihres Mannes ſein müſſen.“ Nichard lärgerlich). Das ſind die bekannten Phraſen. Alſo— Sie leſen doch auch ſchlechte Romane. Edith. Das iſt kein Roman. Nichard. Was denn? Edith(klappt das Buch zu und legt es hin). Ein Werk Ihres Vaters. Nichard(ſucht ſeine Verwirrung zu maskieren). Sein Werk— natürlich! Wer kann das auch alles ſo im Kopfe haben? Uebrigens— reine Zerſtreutheit! Ich denke eigentlich die ganze Zeit nur an den Kuß, den Sie mir ſchuldig ſind. Edith. Später. Nichard. Sie ſind grauſam! Was nennen Sie ſpäter? Edith. Nicht vor der offiziellen Verlobungsfeier. Nichard. Und was ſoll ich bis dahin anfangen? Edith(reicht ihm das Buch). Sie könnten ja das einmal durchleſen. Elfter Auftritt. Vorige. Cäcilie, Bernardi(von links). Cäcilie. Nein— ich laſſe mich nicht länger zurückhalten! Ich muß endlich erfahren Vernardi. Kinder— ſeid ihr einig? Nichard. Meine hochverehrten Schwiegereltern— ich ſtelle Ihnen hier das jüngſte Brautpaar vor: Edith Bernardi, Richard von Ottendorf empfehlen ſich— und ſo weiter und ſo weiter. Cücilie(Edith umarmend). Geliebtes Kind! Vernardi(zieht Richard an ſich). Mein lieber Sohn, kommen Sie an mein Herz! (Er fühlt ſeine Augen feucht werden.) Es iſt doch ein eigen— tümliches Gefühl... Nichard. Ja— es iſt ein Abſchnitt. Cüärilie(zu Edith). Nun, wie kommſt du dir vor als Braut? Edith. Weihevoll! Cücilie(zu Richard). Mein lieber Richard— ja, ſo muß ich Sie jetzt nennen— ſind Sie dafür, die Sache gleich publik wer— den zu laſſen? Nichard. Aber ſicher. Die Geheimniskrämerei einem kait ac- compli gegenüber— das hat ja gar keinen Zweck. Cätilie. Die Geſchichte wird kein geringes Aufſehen machen— bei unſerem rieſigen Bekanntenkreis— Vernardi. Ganz Berlin wird Kopf ſtehen.(Zu Richard.) Und wann denken Sie etwa, daß wir die Hochzeit... Nichard. Das überlaſſe ich vollſtändig den Damen. Cärilie. Jetzt haben wir Februar... vor Herbſt kann die 8 Ausſtattung nicht fertig ſein. Edith. So gegen Ende September. Nichard. War auch meine ungefähre Anſicht. Bernardi. Darüber reden wir noch. Zunächſt kommen dringen⸗ dere Sachen.(Zu Cäcilie.) Du mußt eine Liſte ent⸗ werfen... Cärilie. Edith braucht auch drei neue Toiletten... Vernardi. Nur nicht alles auf einmal; das macht einen ja kon— fus! Vor allem— nächſte Woche müſſen wir ein Diner geben— Verlobungseſſen. Cäcilie(zu Richard). Und heute werden Sie doch mit uns vorlieb nehmen — am Familientiſch? Vernardi. Natürlich! Wir müſſen doch ein paar Pfropfen ſpringen laſſen. Nichard. Werde mir die Ehre geben. Aber dann wollen Sie gütigſt geſtatten, daß ich mir vorher ein paar Telegramme leiſte und einige notkwendige Gänge... Cäcilie. Wir ſpeiſen um fünf. Richard. Meine teure Edith— das iſt der erſte Abſchied. (Küßt ihr die Hand.) Edith(lächelnd). Ziehen Sie mit Gott, mein Herr. Nichard. Frau Mama— Sie geſtatten mir dieſe Bezeich— nung?— Schwiegerpapa... ich werde pünktlich wieder antreten.(Ab.) Zwölfter Auftritt. Edith. Cäcilie. Bernardi. Cätilie. Er hat entzückende Manieren. Bernardi. Biſt du glücklich, Edith? Edith. Ich glaube, Papa. Cärilie. Du haſt wirklich allen Grund, vergnügt zu ſein. Edith. Gewiß, Mama. Vernardi. Stolz bin ich nicht, das weißt du. Aber wenn ich bedenke, was wir alles für dich gethan haben, deine Mutter und ich... wie, Alte? Man ſoll's uns einmal nachmachen. Wir können behaupten, daß wir unſre Tochter...(Iſt ans Telephon getreten, klingelt und ruft hinein.) Bitte— Amt IV. Cätilie. Was willſt du? Vernardi. Den Koch anfragen, wann er frei iſt. Elingelt und ruft.) Bitte 7856— Koch Werner. Martin(tritt auf und meldet). Arndt. 56 Cäcilie. Was will denn der ſchon wieder? Bernardi(ärgerlich). Ach, das hatte ich ganz vergeſſen. Ich habe ihn herbeſtellt.(Ruft ins Telephon.) Hier Fabrikant Bernardi— einen Augenblick! Cürilie. Laß ihm ſagen, daß eine dringende Verhinderung... Vernardi. Das geht nicht.(Zu Martin.) Soll eintreten. Cätilie. Dann komm, Edith. Wir haben noch genug zu thun.(Geht mit Edith zur Thür links. Beide begrüßen leicht den 0 0 0 eintretenden Hans; dann ab.) Dreizehnter Auftritt. Bernardi. Hans. Bernardi(ins Telephon). Spreche ich mit Herrn Werner ſelbſt?— So? Schön! (Zu Hans.) Lieber Arndt, nehmen Sie Platz; gleich zu Ihren Dienſten.(Ins Telephon.) Wann ſind Sie nächſte Woche frei?— Sonſt nicht?— Alſo gut, ſagen wir Mittwoch.— Ungefähr ſechzig Couverts.— Ja.— Können Sie mir verſchiedene Menus vorlegen?— Sehr gut.— Das Beſte, was Sie überhaupt haben.— Ja, meine Tochter hat ſich verlobt.— Danke ſchön. Schluß! Hans(hat aufgehorcht). Ihr Fräulein Tochter hat ſich verlobt? Bernardi. Vor einer Viertelſtunde— jawohl— mit Herrn von Ottendorf. Hans. Da wünſche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück! Vernardi. Danke.— Sie kennen ihn jedenfalls? Hans. Wir ſind uns nie begegnet. Er war damals noch auf der Schule... Aber Sie wiſſen ja, was ſein Vater mir geweſen iſt. Bernardi. Weiß wohl. Um ſo leichter werden Sie ſich mit ihm verſtändigen. Hans. Verſtändigen? Vernardi. Er tritt als mein Teilhaber bei mir ein und wird nach und nach die ganze Laſt mir abnehmen. Nun, was ſagen Sie dazu? Hans. Was ich dazu ſage? Daß ich mich freue— für Sie, Herr Bernardi, und für uns alle. Der Sohn Ottendorfs— ja, das wird, das muß der rechte Mann ſein; den können wir brauchen. Und jetzt wird es mir noch einmal ſo leicht, mit Ihnen zu reden. 0 Vernardi(ungeduldig). Lieber guter Freund, dauert's lang? 58 Hans. Nicht länger als nötig. Vernardi, Denn Sie können ſich denken, wie ich jetzt den Kopf voll habe... Verlobungskarten, Telegramme, Einladun gen... und wenn ich da noch mit Nebenſachen Hans. Herr Bernardi, halten Sie die Exiſtenz von drei— hundert Menſchen für eine Nebenſache? Bernardi(auf und ab gehend). Nun ja, da haben wir's. Großartig! Alſo Sie haben ſich jetzt richtig auch von den Leuten verhetzen laſſen. Hans(ſeinen aufſteigenden Unwillen bekämpfend). Ich laſſe mich nicht verhetzen— und was ich ſage, das ſage ich in Ihrem eigenſten Intereſſe und im Inter— eſſe der Fabrik. Ueberlegen Sie doch nur: es handelt ſich in dieſem Falle nicht um frivole Anſprüche, ſondern um eine Notlage, die auf die Dauer unerträglich iſt. Vernardi. Warum unerträglich? Sind die Leute nicht früher immer zufrieden geweſen, früher, wo ſie zwei Drittel von dem verdient haben, was ſie heute verdienen? Hans. Und die Hälfte von dem gebraucht haben, was ſie heute brauchen. Vernardi. Gerade wie wir auch. Hans. Aber das iſt es nicht allein. Die Leute ſehen, daß unſre Induſtrie im vollen Aufſchwung begriffen iſt, daß unſre Preiſe ſteigen, daß es an guten Arbeitskräften mangelt. Haben ſie da nicht recht, wenn ſie ebenfalls die Konjunktur benutzen wollen— für ſich und ihre Fa— milien? Bernardi. So, mein Beſter! Jetzt will ich Sie mit Ihren eigenen Waffen ſchlagen. Können wir denn die Kon— junktur benutzen? Oder wiſſen Sie vielleicht nicht, daß bis zum erſten Januar, alſo noch über zehn Monate, unſre Verträge laufen— mit Dänemark und Rumänien — Verträge zu den alten Preiſen? Daß wir bis dahin keinen Heller mehr verdienen? Daß wir von der ganzen ſchönen Konjunktur nur den Vorteil haben, unſer Roh⸗ material ſo und ſo viel teurer zu bezahlen? Hans. Dafür werden wir jetzt neue Verträge abſchließen zu den neuen Preiſen, und vom Januar ab— Bernardi. Wir werden! Ich bin Kaufmann, lieber Freund. Ich rechne mit dem, was iſt, und nicht mit dem, was wird. Kommen Sie am erſten Januar wieder. Hans(dringlicher). Sie ſind Kaufmann. Dann bitte, rechnen Sie auch damit, daß die Konkurrenzfabriken zum allergrößten Teil ihre Löhne ſchon jetzt am erſten März erhöhen, und daß unſre beſten Kräfte uns abſpenſtig gemacht werden, wenn nicht ſchon vorher... 60 Vernardi. Hans. Wenn nicht ſchon vorher die allgemeine Unzufrieden— heit zu einer Kataſtrophe führt. Vernardi(ſehr erſchrocken). Kataſtrophe!(Wieder etwas ruhiger.) Ach, Sie ſind ein Schwarzſeher! Wie viele Streiks haben Sie mir ſchon prophezeit! Hans. Wenn die Forderungen diesmal abgelehnt werden, dann ſind wir keinen Tag, keine Stunde mehr ſicher. Vernardi(mit ſteigender Aufregungh. Unerhört! Das fehlte mir noch! Und heute, wo meine Tochter... Hundertmal ſchon habe ich dieſe Fabrik verwünſcht. Ein Sklave bin ich geweſen mein Leben lang; keine ruhige Stunde... Aber ſagen Sie doch endlich heraus, was die Leute verlangen! Hans. Dasſelbe wie in den andern Fabriken. Lohnerhöhung um fünfzehn Prozent— vom Erſten ab. Vernardi. Fünfzehn Prozent— und vom Erſten!— Dann will ich Ihnen nur gleich erklären: das iſt die pure Un⸗ möglichkeit. Hans. Aber bedenken Sie doch, daß die Notlage von ſo und ſo viel Familienvätern... 61 Bernardi. Zum Kuckuck, Herr! Ich bin ſelbſt Familienvater, ich bin ſelbſt in einer Notlage! Bin ich vielleicht ein Unmenſch? Haben's meine Leute bei mir nicht immer ſo gut gehabt wie bei irgend jemand? Nur zu nachgiebig bin ich immer geweſen... jawohl! Und ich will ihnen ja auch diesmal helfen. Im neuen Jahre ſollen ſie haben, was ſie wollen. Aber jetzt— im Augenblick— un— möglich! Hans. Warum unmöglich? Was Sie jetzt zuſetzen würden, bringen Sie im nächſten Jahr wieder ein. Bernardi. Sie ſind wirklich naiv. Nichts bringe ich ein. Nicht einen Pfennig! Was vom Januar ab mehr eingenommen wird, das bekomme nicht ich, ſondern die Arbeiter. Und vorher zehn Monate höheren Lohn— wiſſen Sie, was das bedeutet? Einen glatten Verluſt von— Kechnet) vierzig— tauſend Mark— allermindeſtens. Wollen Sie mir das Geld vielleicht geben? Ich hab's nicht. Hans. Sie— ein wohlhabender Mann! Vernardi. Wohlhabend! Wer iſt heute wohlhabend, wenn er ein Haus führen muß wie ich, wenn er eine Tochter zu verheiraten hat? Und die Zukunft meiner Tochter iſt mir mehr wert als die ganze verdammte Fabrik! Hans. Die Zukunft Ihrer Tochter? 62 Vernardi. Ja, wenn Sie's durchaus wiſſen wollen! Wären Sie geſtern, wären Sie heut früh gekommen dann hätte ich vielleicht noch anders geſprochen, ſogar wahr ſcheinlich. Aber jetzt... Warum ſoll ich denn vor Ihnen ein Geheimnis daraus machen? Dieſe Verlobung zwingt mich zu ſchweren Opfern; ich und meine Frau, wir werden uns einſchränken müſſen— ganz gehörig. Ich muß Ediths Ausſtattung übernehmen; ich muß meinem Schwiegerſohn größere Zugeſtändniſſe machen, als ich glaubte; er hat es verlangt, und er hat ganz recht ge— habt, es zu verlangen. Jeder andre junge Mann von ſeiner Poſition hätte das gerade ſo gemacht. Und von derſelben Fabrik, die unſre eigenen Bedürfniſſe kaum mehr gedeckt hat, müſſen jetzt zwei Haushalte leben. Jetzt wiſſen Sie's, und jetzt werden Sie einſehen: Es iſt gar nicht dran zu denken! Hans(rnach einer kleinen Pauſe). Hat Herr von Ottendorf ſchon genaue Einſicht ge⸗ nommen in die Lage? Vernardi. Nein; nur ganz im allgemeinen... Aber er würde ſich jedenfalls ſchönſtens bedanken... Hans. Erlauben Sie, Herr Bernardi, ich weiß bis jetzt nur, daß Sie ſelbſt dem Glück Ihrer Kinder dieſes große Opfer bringen; aber ich weiß noch nicht, ob Ihr Schwiegerſohn und Ihre Tochter dieſes große Opfer auch dann noch annehmen, wenn ſie erfahren, aus welchen Taſchen es zur Hälfte beſtritten wird. 9 63 Vernardi. Nun, das iſt ſtark! Jetzt möchte ich Sie doch darauf aufmerkſam machen, wer ich bin, und wer Sie ſind! Hans. Wer ich bin, das will ich Ihnen ſagen. Ich bin Ihr Angeſtellter, genau ſo lange als es Ihnen beliebt. Ich bin nichts weiter als ein Beamter, der auf ſeinem Poſten fünf Jahre ſeine Pflicht gethan hat. Vernardi(dazwiſchenwerfend). Habe ich ſtets anerkannt. Hans. Und da ich kein Familienvater bin, ſo liegt mir nach dem Intereſſe meines Chefs das Wohl derjenigen am nächſten, die mir untergeben ſind, aus deren Kreiſen ich ſelber ſtamme. Dafür werde ich eintreten— gerade ſo wie Sie für das Wohl Ihrer Tochter. Bernardi. Sehr hübſch! Sehr! Und wie denken Sie ſich das? Hans. Ich rechne dabei vor allem auf Ihren neuen Teil— haber. Bernardi. Probieren Sie's. Machen Sie's mit ihm aus. Ich will mich um den ganzen Krempel ſo wie ſo nicht mehr kümmern. Aber das ſage ich Ihnen voraus: Er kann auch nicht anders. Hans. Ich hoffe doch, und wenn nicht... — 641— Vernardi. Was dann? Hans(nach ſeinem Hute greifend). Dann lehne ich jede Verantwortung ab für die Folgen. Vernardi(wirft ſich in einen Stuhl). Ich ſag's ja immer! Dieſes Leben! Zum Verrückt— werden! Nicht um ein Haar hab' ich's beſſer als der — unterſte Taglöhner in meiner Fabrik. Vierzehnter Auftritt. Vorige. Edith(von links). Edith. Verzeihen Sie die Unterbrechung, Herr Arndt.— (Zu Bernardi.) Mama ſchreibt an der Liſte für die Ver— lobungskarten und muß dich notwendig verſchiedenes fragen. Hans. Wir ſind fertig. Bernardi. Jawohl.— Gleich!(Zu Hans.) Mein Schwiegerſohn wird in die Fabrik hinauskommen, ſobald er Zeit hat. Hans. Ich hoffe, er hat bald Zeit. Bernardi. Ich auch. Guten Morgen.(Ab links.) 65 Fünfzehnter Auftritt. Hans. Edith. Hans. Da habe ich gerade noch Gelegenheit, Ihnen meinen Glückwunſch zu ſagen. Der Name Ihres Herrn Bräuti— gams iſt mir wert.(Mit einer Verbeugung.) Ich empfehle 0 mich beſtens.(Wendet ſich zum Gehen.) Edith(ruft ihn zurück). Herr Arndt! Hans(kehrt um). Mein Fräulein! Edith. Sie ſind mir noch eine Erklärung ſchuldig. Hans. Eine Erklärung? Edith. Sie haben heute geſagt, ich ſei zu geſcheit. Hans(ausweichend). O— mein Fräulein— das fuhr mir nur ſo heraus. Edith. Wenn man nicht höflich iſt, Herr Arndt, dann ſollte man wenigſtens mutig ſein. Hans. Mutig? O, was das anbelangt Edith. Daß ich eine unpaſſende Frage an Sie richtete— Fulda, Das verlorene Paradies. 5 6 das bedaure ich. Aber das war üherhaupt nicht der Grund, weshalb Sie ſagten, ich ſei zu geſcheit. Hans. Sind Sie denn gerade an Ihrem Verlobungstag in der Laune, die Wahrheit zu hören? Edith. Ja— in der Laune bin ich. Ich will wiſſen, was Sie ſich eigentlich für einen Begriff von mir machen.(Sie bietet ihm an, Platz zu nehmen.) Hans. Ich warne Sie.(Mit Betonung.) Denn ich bin vielleicht heute in der Stimmung, aufrichtiger zu ſein, als Ihnen lieb iſt. Edith. Bitte! Hans(ſich ſetzend). Nun gut.—(hhne ſie anzuſehen.) Als ich ſagte: Sie ſind zu geſcheit, da hätte ich auch ſagen können: Sie ſind zu wenig jung. Edith. Komplimente machen Sie wirklich nicht Hans. Nein.(Sie plötzlich voll anſehend.) Aber wenn Sie wünſchen... Edith(geärgert). Ach bewahre! Hans. Ich habe Ihnen heute zweimal Glück gewünſcht. 67 Ihrem Geburtstag, an dem man Sie fürſtlich beſchenkt hat, und zu Ihrer Verlobung mit dem Manne Ihrer Wahl. Glück gewünſcht— verſtehen Sie, was das heißt? Sie haben die Pflicht, glücklich zu ſein. Edith. Ich bin ja auch ſoweit ganz zufrieden. Aber glück— lich— was heißt das? Hans. Das heißt, mein Fräulein, daß man den Verſtand beiſeite wirft und aufjauchzt und die Hände über dem Kopf zuſammenſchlägt. Edith. Das mögen die thun, denen es Spaß macht. Hans. Jawohl. Dann hören Sie aber auch weiter, daß in alledem eine ganz gewaltige, ganz rieſenhafte Undank— barkeit liegt. Edith. Bei wem ſoll ich mich denn bedanken? Hans. Bei Ihrem Schickſal, bei Ihrem ſeltenen Schickſal. Denn es hat Ihnen ein Leben beſchert, nach dem die meiſten Menſchen in Neid und Sehnſucht ſich verzehren. Um ein einziges der Güter, die Ihnen mühelos zu teil geworden ſind, ringen Millionen vergeblich bis zum letzten Atemzug- Edith. Was habe ich denn bis jetzt gar ſo Beſonderes von meinem Leben gehabt? Hans. Das fragen Sie mich? Das muß ich Ihnen erſt ſagen? Was haben Sie nicht gehabt? In den Jahren der friſcheſten Empfänglichkeit hat man Ihnen die Welt gezeigt, den Süden, die Berge, das Meer... Sie durften das alles betrachten— mit dieſen Augen! Edith Ja, als Kind. Da begriff ich es noch nicht recht. Und ſpäter war es mir nichts Neues mehr. Hans. Und die Kunſt! Sie ſelbſt hatten künſtleriſche An— lagen und durften ſie frei entfalten. Während andre gearbeitet haben und wieder gearbeitet— in der Dach kammer, in der Werkſtatt, in der Fabrik— da konnten Sie Theater beſuchen, Galerien, Konzerte Edith. Auch damit hat man ſich bald überſättigt. Hans. Und dann haben Sie ſich bilden dürfen nach Herzens— luſt. Ahnen Sie, was es heißt, ſich nach Menſchen zu ſehnen, die einen lehren und führen könnten, und zu wiſſen, daß ſie einem unerreichbar ferne ſind? Mit vier— zehn Jahren ſtand ich an der Maſchine von früh bis ſpät, und in der Nacht las ich phyſikaliſche Bücher— zehn— 8 mal, hundertmal, bis ich ſie nur halbwegs verſtand. Ich war ſchon faſt zu alt zum Lernen, als ich dem Vater Ihres Bräutigams näher trat Edith. 5 Ja, das muß ein ausgezeichneter Menſch geweſen ſein. Hans. Aber Ihr größtes Glück habe ich noch nicht genannt— die Freiheit. Vielleicht begreifen Sie jetzt, wie einem die Frage thut, warum man nicht frei ſeinen Beruf hat wählen können. Was für den Mann der Beruf iſt, das iſt für die Frau die Liebe. Und heute haben Sie frei gewählt. Edith(leicht bewegt). Das iſt wahr. Das werd' ich wohl auch noch em— pfinden. Es iſt noch zu neu, zu ungewohnt Hans(ſteht auf). Ja, da liegt's. Lernen Sie empfinden. Edith. Wie lernt man das? Hans. Durch das Leben. Edith. Was nennen Sie das Leben? Hans. Ihre Bücher und Ihr Geburtstagetiſch und Ihre gute Stube ſind es nicht. Das Leben iſt da draußen, 70 wo die Menſchen leiden und ächzen und ſich abmühen— dort, wo wir alle dafür ſchaffen und entbehren, daß es Ihnen und Ihresgleichen gut geht, mein Fräulein. Edith(tief betroffen). Daran habe ich nie gedacht. Hans. Nein, daran denken die gebildeten jungen Damen nicht. Die haben anderes zu thun. Nicht wahr, Sie wiſſen ganz genau, wann die Schlacht bei Marathon ge weſen iſt? Nicht wahr, Sie kennen Paris und London, Rom und Neapel und alle Bildergalerien von Europa? Aber die Fabrik Ihres Vaters ſich anzuſehen, die Fabrik, deren Arbeit Ihnen alles das geſchenkt hat— auf dieſe Idee ſind Sie im ganzen Leben noch nicht gekommen. Edith(ſchüttelt den Kopf, leiſe). Nein. Hans. Sehen Sie ſich dort einmal um. Sehen Sie und vergleichen Sie! Vielleicht lernen Sie dann empfinden; vielleicht lernen Sie dann glücklich ſein. Edith(ſteht auf; nach einer kleinen Pauſe). So hat noch niemand mit mir geſprochen. Hans. So ſpricht der Schüler Ottendorfs. Aber Ihr Bräu tigam iſt ſein Sohn. Er ſoll Sie in das Leben führen. Sechzehnter Auftritt. Vorige. Richard. Nichard(geht raſch auf Edith zu). Teuerſte Edith(Zeigt auf ſeine Uhr.) Fünf Uhr auf den Schlag. Pünktlich, was?(Er zieht ein Etui hervor und übergibt es ihr.) Und hier habe ich mir geſtattet— ein kleines Brautgeſchenk... Edith(ſieht es an). Wirklich viel zu großartig. Nichard. Für Sie noch lange nicht genug. Edith(ſtellt vor). Herr Arndt, der techniſche Leiter unſerer Fabrik— mein Bräutigam. Vichard. So, das ſind Sie! Hans(mit Wärme). Ich freue mich von Herzen, Herr von Ottendorf. Vichard. Na, Sie wiſſen, ich übernehme jetzt das Kommando. Sie werden es leicht haben; denn ich gebe meine Ordres knapp, klar, präzis.— Werden allerlei Reformen nötig ſein. jans. g O gewiß— dringende Reformen! — 72 Nichard. Etwas Schwung in die Sache bringen. Hans(ſtutzig werdend). So?— 5 Nichard. Die Zügel etwas ſtraffer nehmen. Hans(ſieht ihn feſt an). Meinen Sie? Nichard. Ja, mein' ich.(Zu Edith, ihr den Arm bietend.) Ihre Eltern erwarten uns zu Tiſch.(Zu Hans, leichthin.) Wir reden noch darüber. Edith (die zwiſchen beiden geſtanden und ſie ſcharf beobachtet hat, nimmt Richards Arm, geht mit ihm nach links, wendet ſich noch einmal halb um und grüßt Hans mit einer langſamen Neigung des Kopfes. Dann mit Richard ab links). Hans ieht ihnen nach, bis ſie verſchwunden ſind; dann mit Nachdruck). ht ih ä Ja— darüber reden wir noch. (Während er ſich zum Gehen wendet, fällt der Vorhang.) Eweiter Aufzug. —— Arbeitszimmer Arndts in der Fabrik. Schlicht tapezierter Raum; in der Mitte des Hintergrunds eine breite eiſerne Schiebethür, worauf in nicht allzugroßen Lettern die Inſchrift:„Verbotener Eingang.“ In der linken Seitenwand ganz vorn Thür zu einem Arbeitsraum, weiter hinten Thür ins Innere der Fabrik. In der rechten Seitenwand hinten Thür des allgemeinen Auftritts; vorn ein großes quadratiſches Fenſter ohne Vorhänge, welches auf den Fabrikhof hinausgeht. Vor dem Fenſter Zeichentiſch, bedeckt mit einem Reißbrett, dem kleinen Modell einer Maſchine, Inſtrumenten, Zeichnungen, Schreibzeug u. ſ. w. Dreh⸗ ſtuhl. An der rechten Wand neben dem Fenſter Kleiderhaken; weiter hinten kleines rohgezimmertes Büchergeſtell mit Werken großen Formats. Links hinten in der Ecke eiſerner Ofen. An den Wänden techniſche Zeichnungen, Karten; an der Mittelwand ein Plakat mit der lesbaren Ueberſchrift:„Fabrik-Ordnung.“ Erſter Auftritt. Hans.(Gleich darauf) Werkmeiſter Weber. Hans (ſitzt am Zeichentiſch in eifriger Arbeit; bald hantiert er an dem Modell, bald zeichnet er auf dem Reißbrett). Weber (Ekommt durch die zweite Thür links, wartet einen Augenblick, ob Hans ihn nicht von ſelbſt bemerkt; dann). Herr Arndt— 74 Hans(noch ohne aufzuſehen). Aha— Weber— gleich! Weber. Sie haben befohlen... Hans (ſteht auf und nimmt mehrere Kartons vom Zeichentiſch). Hier ſind die Zeichnungen für die neubeſtellten Ele— vatoren. Sehen Sie ſich das genau durch und ſagen Sie mir dann, ob Ihnen alles klar iſt. Weber(die Kartons nehmend). Jawohl. Hans. Bis wann können wir die zwanzigpferdige Dampf— maſchine montieren? Weber. Schwerlich vor Ende der Woche. Hans. Das iſt jetzt das Allerwichtigſte. Sorgen Sie dafür, daß die fehlenden Teile ſofort in der Gießerei und in der Schmiede fertig geſtellt werden. Lieber alles andre ſtehen laſſen. In drei Tagen iſt der erſte März, und wie es dann ausſehen wird... Weber. Ja, das weiß niemand. Hans. Ebendeshalb muß das Dringlichſte bis dahin erledigt ſein. Haben Sie noch genug Nieten und Schrauben? Weber. Für den Keſſel wird's nicht mehr langen. Hans. Dann gehen Sie gleich durchs Magazin(deutet auf die erſte Thüre links) und laſſen ſich von der Rieke herausgeben, was Sie brauchen. Sie iſt doch heute wieder da? Weber. Jawohl; aber ſie ſteht noch auf ſchwachen Füßen. Hans. Sie ſoll ſich ſchonen, bis ſie ganz geſund iſt. Sagen Sie ihr, daß ihr nichts abgezogen wird.— Sie haben jetzt einen harten Stand, Weber. Weber. Es iſt eine böſe Zeit, Herr Arndt. Hans. Man kann die Leute hundertmal ermahnen, ſie ſollen paar Tage noch Geduld haben— alles umſonſt. Weber. Geſtern haben ſie wieder eine Verſammlung abge⸗ halten. Hans(den Kopf ſchüttelnd). Schon wieder! Weber. Der Kraus ſoll eine große Rede gehalten haben, und toll wär's hergegangen. Hans. So, der Kraus! Und Mühlberger? Weber. Der war auch dabei. Hans. Alſo doch!— Unſer ganzes Streben muß jetzt ſein, wir müſſen die beſonnenen und ruhigen Leute beſtimmen, daß ſie von dieſen Hitzköpfen ihre gute Sache nicht ver— derben laſſen. Ich will noch einmal mit Mühlberger reden. Weber. Ja, wenn einer was fertig bringt, dann ſind Sie es. Hans. Schicken Sie mir ihn nachher herauf und...(Es klopft.) Herein! Zweiter Auftritt. Vorige. Walter(von rechts). Hans l(ihm entgegen). Ach, das iſt eine hübſche Ueberraſchung. Endlich einmal! Walter. Ich hatte dir's ja lange genug verſprochen. Hans. Und ſo früh am Tage! Walter chängt Mantel und Hut an den Kleiderhaken). Die einzige Stunde, wo ich noch manchmal über mich verfügen kann. Heute um halb zwölf große Wohl⸗ % thätigkeitsmatinee— Geſang, lebende Bilder— ganz Berlin iſt anweſend. Hans. Und da mußt du auch dabei ſein? Walter. Natürlich. Sonſt wäre ja Berlin nicht ganz.— Und heute abend Verlobungsdiner bei Bernardi's. Du kommſt doch auch? Hans. Ich bin nicht eingeladen. Walter. Nicht?— Na, viel verlierſt du nicht dabei. Hans. Wie geht's deiner Frau? Walter. Danke... ſo leidlich. Sie wollte mitkommen; aber — ſie muß ſich doch anziehen... Uebrigens— wirklich ein nettes Ende hier heraus. Hans. Doppelt verdienſtlich.(Zu Weber, der unentſchloſſen im Hintergrunde ſteht) Wünſchen Sie noch etwas, Weber? Weber(verlegen). Ich dachte nur, wenn Sie ſonſt noch Arbeit für mich hätten... Ich könnt' Ihnen ja vielleicht was ab— nehmen. Hans. Nichts können Sie mir abnehmen. Weber. Ich könnte abends ganz gut eine Stunde länger bleiben. Hans. Warum? Was meinen Sie damit? Weber(herausplatzend). Alles, was recht iſt! Aber ich meine, das kann kein Pferd aushalten, wie Sie in der letzten Woche gearbeitet haben. Hans. Was wiſſen Sie davon? Weber. Heut früh um halb ſechs hat wieder Ihre Lampe noch gebrannt. Hans. Das geht jetzt nicht anders. (Weber ab erſte Thür links.) Dritter Auftritt. Walter. Hans. Walter. Hübſches Leben, das du da führſt! Aeußerſt geſund! Wirklich höchſte Zeit, daß wir dem ein Ende machen. DHans. Ich habe keine Wahl, lieber Freund. 19 Walter. Und wenn du doch die Wahl hätteſt? Wenn ich endlich ein Mittel hätte, dich aus dieſem gottverlaſſenen Käfig herauszubringen— he? Hans. Du biſt ein unverbeſſerlicher Projektenmacher. Walter. Abwarten! Glaubſt du vielleicht, ich komme umſonſt hierher— mitten in der Nacht, und wo ich noch ſo viel zu thun habe vor meiner Abreiſe! Hans(am Zeichenbrett hantierend). Du willſt verreiſen? Walter. Jawohl— mit Lotte— auf ein paar Monate. Ich brauche ganz notwendig eine neue Anregung. Hans. Schon wieder? Walter. Weißt du— hier in dieſem Sündenpfuhl komme ich ja doch niemals in die richtige Arbeitsſtimmung. Hans. Und du warſt doch ſo feſt überzeugt, daß durch deine Verheiratung... Walter. War ich auch. Deshalb hab' ich mir das Frauchen aus meiner Heimat geholt: Kleinſtädtiſche Genügſamkeit, eigener Herd, geordnetes Leben... das macht ſich in der 8800 Theorie ganz wundervoll. Aber die Praxis! Früher habe ich allein gebummelt; jetzt bummeln wir zu zweit. Hans. Macht das deiner Frau Vergnügen? Walter. Nicht das mindeſte. Und, bei Licht betrachtet, mir auch nicht. Na, ebendeshalb geh' ich mit ihr durch— nach Italien. Hans. Nach Italien! Ihr Glücklichen! Walter. Ja, dort ſichte ich in aller Ruhe meine geſammelten Eindrücke— und dann geht's los mit der Arbeit, außer es müßte gerade... Aber nicht von mir iſt jetzt die Rede, ſondern von dir. Iſt es dir noch Ernſt mit deinen alten Zukunftsplänen? Oder willſt du in dieſem Mauſe— loch alt und grau werden? Hans. Wenn man abhängig iſt, verlernt man's Willen zu haben. „einen Walter. So haſt du früher nicht geſprochen. Hans. Ich habe auch noch nie eine ſo ſchlimme Zeit durch gemacht. Seit der Verlobung kümmert ſich Herr Bernardi um die Fabrik weniger als je; unter den Arbeitern iſt eine Gärung ausgebrochen, die unabſehbare Folgen haben 81 kann; ich ſchaffe mit erzwungener Kaltblütigkeit— wie in einem brennenden Hauſe— und dazu der Eintritt eines neuen Chefs... Walter. Dein neuer Chef— hm! Sag einmal, was hältſt du von dieſem Zeitgenoſſen? Hans. Ich bin ihm bis jetzt nur einmal flüchtig begegnet. Seitdem iſt ſchon über eine Woche vergangen, und er hat ſich hier noch nicht ſehen laſſen. Aber das iſt ver— zeihlich— im erſten Rauſch des Glückes... Walter. Rauſch des Glückes? O udu holder Unſchuldsengel! — Sie iſt berauſcht von ſeinem Namen, und er von ihrem Geld. Hans. Da biſt du ſehr im Irrtum. Man bringt nicht ſo beträchtliche Opfer wie Herr Bernardi, wenn man nicht ſicher iſt, ein echtes Glück zu begründen.— Uebrigens— mich geht das alles nichts an. Herr von Ottendorf iſt mein Brotherr, und außerdem noch iſt er der Sohn ſeines Vaters. Walter. Ein netter Sohn, der ſofort nach dem Tod ſeines Vaters einen ganzen Stoß Briefe an die Autographen— händler verkauft. Hans(beſtimmt). Das glaub' ich nicht. Fulda, Das verlorene Paradies. 82 Walter. Nicht?(Holt aus dem Paletot, den er vorher aufgehängt hat, ein Paket und legt es auf den Zeichentiſch.) Hier ſind ſie. Mein Verleger ſchickt dir den Pack zur gefälligen Durch— ſicht. Er hat ihn erworben, als die einzelnen Blätter in alle Welt zerſtreut werden ſollten. Hans. Eine ſolche Pietätloſigkeit— es iſt undenkbar! Walter. Warum? Der Herr Sohn brauchte Geld, um ſich in Paris zu amüſieren. Der Herr Sohn betrauerte ſeinen großen Vater in der Weltabgeſchiedenheit der Chambres séparées.(Bewegung von Hans.) Du aber biſt der Mann von dem der alte Ottendorf gehofft hat, daß du ſein Lebenswerk fortſetzen wirſt. Dem Vater gehören deine Dienſte, nicht dem Sohn. Hans. Das iſt nicht der einzige Wunſch, auf den ich ver— zichten mußte. Walter. Im Gegenteil, zugreifen ſollſt du. Mein Verleger wünſcht dich als Herausgeber der Briefe zu gewinnen. Im Anſchluß daran macht er dir den Antrag, die Bio— graphie Ottendorfs zu ſchreiben und bietet dafür ein ſehr anſtändiges Honorar. Hans(freudig überraſcht). Iſt das wahr? Walter. Mit dieſem Rückhalt kannſt du die Stellung hier aufgeben, kannſt deinen wirklichen Beruf wieder ergreifen die Naturwiſſenſchaft. Hans(ſchwankend). Meine ganze Exiſtenz noch einmal in Frage ſtellen.. Walter. So laß dir wenigſtens einen längeren Urlaub geben. Du haſt ja ſeit fünf Jahren keinen Tag hier gefehlt. Nimm den Pack Briefe unter den Arm und geh mit nach Italien. Hans. O— du weißt gut, wo du mich treffen kannſt. Wenn ich mir das vorſtelle— weit, weit fort— und vom Fenſter nicht mehr den Fabrikhof ſehn, ſondern das Meer— und hinaus in den hellen Sonnenſchein— und keine Feſſel, keine— und es gibt wirklich Menſchen, die das alles haben können und nicht daran ſterben! Walter. Du kannſt es auch haben. Hans(mit blitzenden Augen). Wenn es wahr würde, wenn... Vierter Auftritt. Vorige. Mühlberger. Wlühlberger (kommt durch die zweite Thüre links und bleibt an der Thüre ſtehen. Alter Mann mit weißen Haaren, weißen buſchigen Augenbrauen, gebeugter Haltung, berußtem Geſicht und Händen. Er ſpricht mit ſchwerer Zunge, mühſam die Worte ſuchend). Ju'n Morjen, die Herrn. Hans(wie aus einem Traum erwachend). Mühlberger!— Richtig!—(Zu Walter.) Entſchul dige.(Zu Mühlberger.) Nehmen Sie doch einen Augen blick Platz. MWlühlberger(abwehrend). Danke jütigſt. Hans. Ich habe Sie kommen laſſen, lieber Mühlberger, weil Sie der fleißigſte, der ruhigſte und vor allem der älteſte von unſern Arbeitern ſind. Sie haben wie alle andern die Forderung unterzeichnet, wonach am erſten März eine Lohnerhöhung beanſprucht wird. Sie wiſſen auch, daß ich dieſe Forderung nach Kräften unterſtütze, und ich hoffe noch immer, ſie wird bewilligt. Ebendeshalb thut es mir leid, daß die Leute nicht ruhig auf die Entſcheidung warten, ſondern ſich zu allerlei Demonſtrationen hinreißen laſſen, die höchſtens unſern Brotherrn verſtimmen— weiter nichts. In Ihrem eigenen Intereſſe, Mühlberger: Sie ſind ein alter Familienvater... Mühlberger. Familienvater— ja. 85— Hans. Sie ſollten nicht unter die Randalierer gehn. Im Gegenteil, Sie ſollten die jungen Burſche zur Ruhe und Mäßigung ermahnen. Und da höre ich nun: Auch Sie beſuchen dieſe ſtürmiſchen Verſammlungen... Mlühlberger. Ick kann mir— nich ausſchließen; aber— ick trinke nie. Hans. Nicht ums Trinken handelt ſich's. Mühlberger. Die trinken— und dann reden ſie. Ick hab' keen Jeld zu's Trinken hab' doch keen Jeld zu's Streiken. Ick bin... Familienvater— ja. fünf lebendije Kin⸗ der hab' ick... und die Rieke, wat nu die Aelteſte is, war krank... und meine Olle is dod und kann niſcht mehr verdienen. Hans(ſein Mitleid bekämpfend). N Ich weiß— ich weiß. Mühlberger. Nu bin ick doch keen Redner niche... ja. Wie ſie nu haben beſchloſſen zu ſtreiken, bin ick ufjeſtanden und hab' jeſagt: Mit Streiken is nich!— hab' ick jeſagt. Hans. Und was geſchah darauf? Mühlberger. Ausjetrampelt haben ſie mir... ja. 86 Hans. Einen Mann mit weißen Haaren! Wlühlberger. Mit weißen Haaren... ja. Micheli werden's jrad fufzig Jahr, wo ick in die Fabrike jekommen bin— zu Kellermannen— in die Jewehrfabrike, wo ick mit den ollen Arndt an eine Maſchine jeſtanden bin— wat Ihnen Ihr Vater war.(Bewegung von Hans.) Fufzig Jahr... und mein Willem mit die kräftije Fäuſte is dod... und die Rieke wird ſechsundzwanzig, und mein Jüngſter is man elfe... und ick bin dreiundſechzig... ja. Aber ſo ſchlecht wie in den Winter is mich noch nich jejangen — in meinen janzen Leben nich. Walter (holt ſein Portemonnaie heraus und ſucht darin). Hans. Sagen Sie, Müh Glauben Sie, daß Ih holfen iſt? lberger ſagen Sie mir offen: nen durch die Lohnerhöhung ge— Mühlberger. Ach ja woll— da wär' ick feine raus. Et is nich um mir; et is man bloß von wejen die Rieke. Sie war krank'n janzen Monat... und drei Pullen Wein hat ſe trinken müſſen— von den deuren franzö'ſchen und recht jeſund is ſe noch nich... und ſie muß partuh wieder arbeeten— da drin ins Majezin. Und der Dokter hat jeſagt: ſie muß an die friſche Luft, hat er jeſagt; ſonſt macht ſie's nich lange. Und ſie is doch'n jutet Mä'chen. Hans. Nun, was das betrifft— die Rieke ſchicken wir heute Mittag wieder nach Haus und laſſen ſie nicht arbeiten, bis ſie ganz geſund iſt. Die vollen Lohn; dann werden wir weiter ſehn. Und nun den Kopf hoch, Mühlberger. Verlaſſen Sie ſich auf mich mMühlberger. Nee, nee— ſie muß Jeld verdienen! Hans. Die paar Tage bis zum Erſten geben wir ihr den und gehen Sie jetzt ruhig an Ihre Arbeit. Mühlberger(gibt Hans die Hand). Danke jütigſt.(Geht nach links.) Walter (geht ihm nach und will ihm eine Fünfmarkbanknote in die Hand drücken). Mühlberger(abwehrend). Nee— bin keen Bettler nich. (Ab zweite Thüre links.) Fünfter Auftritt. Walter. Hans. Walter(ſich ſchüttelnd). Ach, dieſes Elend— ſchauerlich! Du mußt ja ordent— lich aufatmen, wenn du aus dieſer Atmoſphäre heraus biſt. Hans lentſchloſſen). Ich bleibe hier. Walter. Was? Du lehnſt den Vorſchlag ab? Hans. Du haſt das alles mitangehört und fragſt mich noch? Hier ſind wichtigere Dinge zu thun als nach Italien gehn und Bücher ſchreiben. Walter. Was kannſt du thun in deiner abhängigen Stellung? Kannſt du den Leuten vielleicht helfen? Hans. Ich will es verſuchen, und wenn ich es nicht kann, will ich wenigſtens nichts vor ihnen voraus haben. Walter. Du biſt ein Schwärmer. Hans. Ich bin ein Arbeiter! Aus jedem Wort dieſes alten Mannes klingt mir das Schickſal meiner Eltern und meine eigene Jugend. Und ich ſollte dieſe Leute verlaſſen — gerade jetzt verlaſſen, wo ich der einzige bin, der mit ihnen fühlt, weil er mit ihnen gelitten hat! Walter. Das iſt nun derſelbe Menſch, der auf der Univer— ſität wie ein junger Gott herumlief und ein großer Ge— lehrter werden wollte. Hans. Ein junger Gott, der die Nächte durch Schreiber— dienſte that, um für den Sonntag Fleiſch zu kaufen! Der —— ſeine Bücher aufs Leihhaus trug, um des Vaters Begräb— nis zu bezahlen. Mich hat die Not beſcheiden gemacht. Aber du— du warſt ja unabhängig, vermögend, frei... Walter. Und doch iſt nichts aus mir geworden, willſt du ſagen? Na, ich bin immerhin ein beliebter Erzähler und, was viel mehr bedeutet, ich bin ein Lebenskünſtler. Ich finde dieſe Welt raſend hübſch und laſſe ſie mir nicht verekeln. So lange es noch ſo entzückende Sachen gibt wie Liebe, Muſik, Mondſchein und Johannisberger Ausleſe, ſo lange redet man mir nicht ein, wir hätten das Paradies ver— loren und wären nur auf der Welt, um zu arbeiten im Schweiße unſres Angeſichts. Hans. Und doch habt ihr das Paradies verloren— ihr Lebenskünſtler— mehr noch als wir! All dieſe entzücken⸗ den Sachen entzücken euch nicht mehr, und wie wir uns nach Freiheit ſehnen, ſo ſehnt ihr euch nach einer Ab— wechslung, nach einer Thätigkeit, ja manchmal ſogar nach einer Sorge. Ihr könnt nicht mehr lachen und weinen, nur noch gähnen; es gibt nichts, was euch erhebt, nichts, was euch erſchüttert, und deshalb müßt ihr geiſtreich ſein im Schweiße eures Angeſichts.— Ich bin gefeſſelt an Händen und Füßen; aber mit deiner Freiheit tauſch' ich nicht. Walter(achſelzuckend). Wir verſtehen uns nicht mehr. Hans. Dann haben wir uns nie verſtanden. 09000 Sechſter Auftritt. Vorige. Richard, Edith(treten von rechts ein. Es folgt ihnen ein Diener in Livree, der in der Thüre ſtehen bleibt). Nichard(ſpricht zu dem Diener zurück). Der Wagen erwartet uns am Hofthor.(diener iſt Richard beim Ablegen behilflich und geht mit deſſen Mantel ab.) Hans(halblaut zu Walter). Mit ſeiner Braut! Was ſoll das... 2(Geht auf Richard zu.) Herr von Ottendorf, ich geſtatte mir, Sie in dieſen Räumen willkommen zu heißen. Nichard. Danke.— Ich habe meine Braut mitgebracht. Sie hat die Caprice, ſich die Fabrik anſehen zu wollen. Hans. Mein gnädiges Fräulein, ich bin ſo ſehr über W0% Edith(zu Hans). Die Fabrik kann ſich etwas einbilden; denn ſo früh bin ich nicht mehr aufgeſtanden ſeit meinen Inſtitutszeiten. Aber Sie haben mich nun einmal neugierig gemacht... Nichard(zu Hans). Aha— das haben Sie meiner Braut in den Kopf geſetzt, Herr...(Sucht nach dem Namen.) Hans. Arndt. Nichard. Arndt— richtig.— Nun, Sie können uns ja nach— — 91 her gemeinſam herumführen.(Zu Walter, der inzwiſchen Edith begrüßt hat.) Sieh, ſieh— Herr Doktor Heideck— überall und nirgends. Sie haben das Geheimnis, an mehreren Orten zugleich zu ſein. Walter. Das Geheimnis des Erfolges, Herr von Ottendorf. Man iſt ſchon viel, wenn man weiter nichts iſt als immer anweſend. Früher verſchwand der Dichter hinter ſeinem Werk; heute verſchwindet das Werk hinter ſeinem Dichter. Nichard. Hä hä— Sie ſprudeln, wie gewöhnlich.(Zu Hans. Wäre ſchon längſt herausgekommen; aber... wollte mich erſt aus den Büchern genau informieren. Wie weit ſind wir mit der Lieferung für Rörland& Comp.? Hans. Beinahe fertig.(Tritt mit ihm zum Zeichentiſch und reicht ihm Papiere.) Wenn Sie das vielleicht durchſehen wollen...(Sprechen weiter, am Zeichentiſch ſtehend.) Edith(zu Walter links vorn). Sie kommen doch auch nachher in die Matinee? Walter. Selbſtverſtändlich. Edith. Wird wohl ein mäßiger Genuß werden? Eine Sängerin, die in den weiteſten Kreiſen unbekannt iſt... 92 Walter. Wohlthätigkeitsſache. Der gute ſchlechten Stimmmittel. Zweck heiligt die Edith(lacht). Na, wenn nur das Publikum intereſſant iſt. Wir wollen uns bei dieſer Gelegenheit zum erſtenmal öffent lich zeigen. Walter. Uebrigens—(ſieht auf die Uhr) gleich zehn— und ich muß noch zu Hauſe meine Frau abholen. Edith. Wir fahren von hier direkt. Walter(geht zu Hans, halblaut). Ich laſſe dir die Briefe bis morgen. Ueberleg's dir noch einmal gründlich. Edith(zu Walter). Heute Abend ſehen wir Sie doch bei uns? Walter. Beim Verlobungsfeſt— gewiß— wir freuen uns ſehr darauf. Edith. Ich auch. Trotzdem bin ich froh, wenn das alles vorüber iſt. Es iſt fürchterlich anſtrengend, verlobt zu ſein. Walter. Jawohl; aber es hat auch mancherlei Angenehmes.— Empfehle mich.(lb rechts.) Siebenter Auftritt. Hans. Edith. Richard. Vichard(zu Edith, die ſich umſieht). Sie bemerken: hier iſt weiter nichts zu ſehen. Edith. Nichts als eine ungemütliche Einrichtung. Zu Hans.) Wollen Sie jetzt unſer Cicerone ſein, Herr Arndt? Hans. Sehr gern. Darf ich bitten.(Geht beiden voran nach links und öffnet die vordere Thür.) Hier hätten wir zunächſt Magazin und Packraum. Edith(auf der Schwelle). O— doa iſt aber eine ſchlechte Luft.— Das will ich mir doch lieber von außen anſehn. Vichard lerfreut). Konnt' ich mir denken. Edith. Arbeiterinnen? Hans. Dieſe drei ſind die einzigen weiblichen Arbeiter, die wir beſchäftigen. In den Maſchinenſälen ſind Frauen nicht gut verwendbar. Edith. So— und was haben die hier zu thun? Hans. Hauptſächlich Magazinverwaltung. Sie überwachen 94 das geſamte Arbeitsmaterial, teilen die nötigen Werk— zeuge zu und müſſen genau darüber Buch führen. Die Arbeit iſt nicht körperlich anſtrengend, aber ſehr verant wortlich. Edith. Und was bekommen die armen Dinger dafür? Hans. Ungefähr zehn Mark. Edith. Pro Tag? Hans. Nein, pro Woche. Edith. Die ganze Woche zehn Mark!— Und davon leben ſie? Hans. Sie müſſen. Edith(nachdenklich). So viel brauche ich für Handſchuhe und Eau de Cologne. Richard(nervös). Was für Vergleiche! Hans. Wenn es Sie intereſſiert— ich will eines der Mäd— chen hereinrufen. Edith längſtlich). Nein, nein— laſſen Sie das lieber. Zeigen Sie uns jetzt bitte die Maſchinenſäle. 95 Hans(ſchließt die Thür). Wie Sie wünſchen. Zunächſt können Sie einen all— gemeinen Ueberblick haben über den Hauptſaal— von der Galerie aus.(Geht auf die Mittelthür zu.) Edith. Warum ſteht da„Verbotener Eingang“? Hans. Die Treppe, die hier direkt hinunterführt, ſoll wäh— rend der Betriebszeit nicht benutzt werden. Sie iſt ge— fährlich infolge der vielen Transmiſſionen, welche dicht darüber hinlaufen. Früher ſind da wiederholt Unglücks— fälle U010 (eEr öffnet mit kräftigem Ruck die Schiebethür. In demſelben Augenblick hört man den ganzen Fabriklärm— das Schnurren der Räder und Riemen, das Klopfen, Hämmern, Stampfen u. ſ. w. Für das Publikum iſt nur der obere Teil des Saales ſichtbar, deſſen Boden ein Stockwerk tiefer angenommen iſt. Hinter einer hölzernen Bruſtwehr ſieht man zahlreiche Transmiſſionen über Räder laufen, alles in vollſter Bewegung. Dahinter die gegenüberliegende Wand des Saales mit— Alle drei, Edith in der Mitte, ſtehen einige Augenblicke mit dem Rücken gegen das Publikum an der Bruſtwehr und ſehen hinunter. Edith hält ſich die Ohren zu. Hans deutet erklärend nach verſchiedenen Seiten.) Edith (eilt nach vorn und ſetzt ſich links, noch immer ſich die Ohren zu⸗ haltend. Richard folgt ihr). Hans (ſchließt die Schiebethür. Der Lärm wird wieder unhörbar). Edith. Aber mein Gott— wie können es denn die Menſchen aushalten— in dieſem Höllenſpektakel! 96 Hans. Sie hören ihn nicht mehr. Edith. Was für Nerven!!(Steht wieder auf.) Und Ri Nichard. Haben Sie nach dieſer Probe noch nicht genug? Edith. Nein ich muß auch noch hinunter ich werde mich ſchon zuſammennehmen. Jetzt bin ich einmal hier; jetzt muß ich alles ſehen. Nichard. Dann möchte ich Sie doch darauf aufmerkſam machen, liebe Edith, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben, wenn wir nicht zu ſpät ins Theater kommen wollen, und daß ich hier noch wichtige Geſchäfte erledigen muß. Edith. Das geht natürlich vor, mein Herr. Erledigen Sie zunächſt Ihre Geſchäfte.(Setzt ſich wieder.) Nichard(zu Hans). Sie halten alſo im Falle der Nichtbewilligung den Streik für eine ſichere Sache? Hans. Für ganz ſicher. Nicht fünf von den dreihundert Arbeitern würden in der Frühe des Erſten antreten. Nichard. So ſo— das wiſſen Sie? 97 Hans. Ich weiß, daß das geſtern förmlich beſchloſſen worden iſt. Und wir dürfen uns keinem Streik ausſetzen, Herr von Ottendorf. Nichard. Dürfen wir allerdings nicht. Könnten wir keine vierzehn Tage aushalten. Hans. Ich wußte ja, daß Sie das einſehen würden. Nichard. Sehr verbunden für gute Meinung. Ebendeshalb will ich mit den Leuten ſprechen— und zwar gleich. Hans(freudig). Sie wollten... Nichard. Dem Streik vorbeugen— ja, will ich. Selbſtredend gehe ich vor— in vollſtem Einverſtändnis mit meinem Schwiegerpapa. Er wird im Laufe des Vormittags her— kommen, und ebendeshalb wünſche ich dieſen Fall vor⸗ her klarzulegen. Wollen Sie alſo die Leute anhalten, mir eine Deputation zu ſchicken, mit der ich verhan— deln kann. Hans. O— gerne! Geht nach links. Man hört das Signal einer Dampfpfeife.) Edith. Was bedeutet das? Fulda, Das verlorene Paradies. — 298 Hans. Das Zeichen der Frühſtückspauſe. Ich werde ihnen ſagen, ſie ſollen ſich ſofort nach der Pauſe hier einfinden. Das wäre in zwanzig Minuten. Nichard. Warum? Sollen etwas ſpäter frühſtücken. Edith. Laſſen Sie doch den armen Leuten ihre Pauſe. Auch wenn wir das erſte lebende Bild nicht ſehen. Nichard(geärgert). gearg Na— meinetwegen. Aber dann bitte etwas plötz— lich.(Hans ab zweite Thür links.) Achter Auftritt. Richard. Edith. Nichard. Und nun, mein liebes Kind, reichen Sie mir Ihren Arm und laſſen Sie ſich zu unſerm Wagen führen. Edith. Zu unſerm Wagen— weshalb? Nichard. Sie fahren damit in die Stadt, ſchicken ihn mir zurück— und wir treffen uns im Theater. Edith. Halten Sie's nicht für richtig, daß wir dort gemein— ſam erſcheinen? — 99 Nichard. Vor allen Dingen halte ich es für richtig, daß Sie nicht länger hier bleiben. Edith. Störe ich Sie? Nichard. Aber ich bitte Sie, Edith— ſeien Sie doch ver— nünftig. Als Sie zuerſt die ſonderbare Laune ausſprachen, mich in die Fabrik zu begleiten, waren ſowohl Papa wie Mama durchaus dagegen, und ich ſelbſt— ich widerſetzte mich nur deshalb nicht energiſcher, weil ich annahm, Sie würden durch die Befriedigung dieſer Grille am ſchnellſten den Geſchmack daran verlieren. Sie haben ſich jetzt ge— nügend überzeugt, daß hier kein Salon für junge Damen iſt, und alles weitere wäre direkt unpaſſend— ſowohl Ihre Gegenwart bei meinen Verhandlungen mit Arbeitern, als Ihre Familiarität mit dieſem Biedermann da— dieſem Herrn Arndt. Edith. Haben Sie etwas gegen Herrn Arndt? Vichard. Ich habe nichts gegen und nichts für ihn. Er iſt mein Techniker— baſta. Aber Sie ſind meine Braut, und ich— Ihr Bräutigam— finde, daß hier nicht Ihr Platz iſt. Edith. Nicht mein Platz? In der Fabrik meines Vaters, in Ihrer Fabrik? 1008 Nichard. Dafür ſind wir Männer da. Die Frauen gehören ins Haus. Edith(auf die Magazinthür deutend). Und die Frauen da drinnen— gehören die auch ins Haus? Vichard(ungeduldig). Meine liebe Edith— davon verſtehen Sie nichts. Edith. Dann lehren Sie mich's verſtehen. Richard. Schön.. ein andermal. Edith. Nein, jetzt gleich. Laſſen Sie mich hier noch ein wenig die Augen aufmachen; laſſen Sie mich hören, was Sie mit dieſen Arbeitern reden. Möglich, daß es eine Laune war, weshalb ich herkam; aber daß ich nun hier bleiben will— das iſt keine Laune mehr; das iſt not— wendig. Nichard. Notwendig— wofür? Edith. Merken Sie denn nicht, daß das alles eine neue Welt für mich iſt? Daß ich von alledem keine Ahnung hatte? Und daß es mich intereſſiert— ganz rieſig inter— eſſiert? Ich habe bis heute nicht gewußt, daß es Menſchen gibt, die von zehn Mark die Woche leben. K. Nichard. Das ſollen Sie auch nicht wiſſen— abſolut nicht! Sie ſollen ſich mit ſchönen, mit äſthetiſchen Dingen be⸗ ſchäftigen— mit Kunſt, mit Muſik— meinetwegen ſogar mit der Wiſſenſchaft. Aber Sie ſollen ſich nicht von ver— ſchrobenen und ordinären Ideen Ihr Köpfchen verdrehen laſſen, und deshalb bitte ich Sie noch einmal, ebenſo freundlich wie dringend... Edith. Nun gut, ich gehe. Aber ſo viel will ich Ihnen ſagen: Das iſt nicht der Weg, auf dem wir einander näher kommen. Nichard. Das ſagen Sie zu mir! Ich könnte Ihnen erwidern: An aufrichtigen Anſtrengungen meinerſeits hat es dazu nicht gefehlt— aber ganz und gar nicht. Edith. Vielleicht waren es nicht die rechten. Nichard. Ich habe Ihnen von Anfang an mein volles Ver⸗ trauen geſchenkt. Ich habe es an keiner ritterlichen Auf⸗ merkſamkeit, an keiner Galanterie fehlen laſſen— und Sie vergelten mir das alles mit einer Kälte, einer Gleich— gültigkeit... Edith. Sind Sie denn ſo beſonders warm? Nichard. Ich habe Sie des öfteren um das Du gebeten— 102— und wir nennen uns noch heute Sie— zehn Tage nach unſerer Verlobung. Ganz abgeſehen von uns— was ſoll die Welt davon denken? Was ſoll ſie ſich ſagen, wenn wir jeden Abend nebeneinander ſitzen und Sie ein Geſicht dazu machen, als ob Sie ſich mit mir lang weilten! Edith. Da langweile ich mich auch; da langweile ich mich maßlos! Oder finden Sie es beſonders amüſant— dieſe allabendlichen Brauteſſen und dieſe Beſuche und dieſe Redensarten— immer dasſelbe? Iſt mir das denn etwas Neues? Habe ich das nicht ſeit vielen Jahren ab gehaſpelt— einen Winter um den andern? Und da verlobt man ſich nun und denkt: Jetzt wird das Leben endlich einen Sinn bekommen! Jetzt wird das Neue be ginnen, das Unerhörte, das Verwandelte! Und der ganze Unterſchied ſoll ſch ließlich darin beſtehen, daß Sie jetzt mein ſtändiger Tiſchnachbar ſind, und daß die große Rede auf uns gehalten wird, ſtatt auf jemand anders! Nichard. Das ſind die Opfer, die man der Geſellſchaft bringt. Aber— wenn Sie den neuen Sinn des Lebens begreifen wollen— warum geben Sie mir nicht mehr Gelegenheit, mit Ihnen allein zu ſein? Warum verweigern Sie mir auch nur die minimalſte Zärtlichkeit?—— Edith(ſieht ihn groß an). Nichard. Spüren Sie keine Verwandlung, wenn ein Mann vor Ihnen ſteht mit offenen Armen?(eEr legt ſeinen Arm 103 um ſie und will ſie an ſich ziehen.) Fühlſt du nicht, daß etwas Neues beginnt? Edith(ſich vuhig losmachend). Nein, Sie verſtehen mich noch nicht recht. Nichard. Ah— Sie behandeln mich wie einen Fremden! Edith. So behandeln Sie mich. Sonſt würden Sie glück— lich darüber ſein, daß ich Sie nicht nur im Salon kennen lernen will, ſondern auch in Ihrem Beruf. Sonſt würden Sie mir nicht die Thüre weiſen, wenn es ſich um die wichtigſten Intereſſen Ihres und meines Lebens handelt. Richard. Na, alſo ſchön, bleiben Sie!— Ja, bleiben Sie nur! Und da Sie bis jetzt noch nicht erkannt haben, was ein Mann bedeutet, ein ganzer Mann, der ſtramm durchs Leben geht— jetzt ſollen Sie's erfahren. Neunter Auftritt. Vorige. Hans. Hans(kommt zurüch). So— das iſt beſorgt. Drei Mann werden ſich ſofort nach der Frühſtückspauſe hier einfinden— als die bevollmächtigten Vertreter der Arbeiterſchaft. Nichard. Kennen Sie dieſe drei Mann? — 104 Hans. Ich weiß nicht, wen diesmal die Wahl trifft. Jeden— falls aber wird der älteſte Arbeiter mit darunter ſein— der Schloſſer Mühlberger, ein Mann von ſehr gemäßigten Anſichten. Er allein hat ſich in der Verſammlung gegen den Streik erklärt, obwohl es gerade ihm mit am ſchlimm⸗ ſten geht. Nichard. So— hm!— Sie halten alſo für ausgeſchloſſen, daß die Leute widerborſtig ſind? Hans. Wenn Sie nur ein wenig auf ihre Art einzugehen verſuchen... Nichard. Sehr vorſichtig bemerkt.— Dann möchte ich Ihnen nur noch einmal ins Gedächtnis rufen, daß Sie unſer Beamter ſind. Hans. Das habe ich noch nie vergeſſen, Herr von Ottendorf. Vichard. Sie ſcheinen es doch vergeſſen zu haben— damals, als Sie meinem Teilhaber gegenüber ſich für den be— rufenen Vertreter der Arbeiter erklärten. Für unſre Ar⸗ beiter zu ſorgen, das iſt ausſchließlich unſre Sache. Ihre Sache iſt es, unſern Weiſungen nachzukommen und nötigen— falls unſre Intereſſen als die Ihrigen zu verfechten. Hans. Ich frage mich umſonſt, wodurch eine ſolche Rüge... — 110035.— dichard. Nicht als Rüge will ich das aufgefaßt wiſſen, ſondern als Warnung. Denn ich brauche kaum zu betonen, daß der Standpunkt meines Teilhabers voll und ganz auch der meinige iſt, und daß von einer fünfzehnprozentigen Lohnſteigerung in dieſem Jahr nicht die Rede ſein kann. 1 i Hans(zurückfahrend). Nicht die Rede... nicht die Rede! Ich habe wohl vorhin nicht recht gehört? Vichard. Bedaure. Hans. Aber, Herr von Ottendorf— dieſe Deputation...! Nichard. Dieſer Deputation werde ich haarſcharf beweiſen, daß ihre Forderungen unſinnig ſind. Bis zu fünf Pro—⸗ zent werde ich mich allenfalls von ihnen treiben laſſen, und das iſt ſchon eine äußerſt ſtarke Konzeſſion, da wir das Geld einfach aus unſrer Taſche nehmen—(ieht nach Edith hin) aus unſrer Taſche. Vor allem aber werde ich dieſen Herren den Gedanken an das Streiken gründlich abgewöhnen. Dazu habe ich mich Herrn Bernardi gegen— über verpflichtet, und ich bin der Mann, dieſe Verpflich— tung zu halten. Bin in meinem Leben ſchon mit ganz andern Leuten fertig geworden— aber mit ganz andern! Mit denen werde ich auch fertig, und Sie— Sie wer— den mich dabei unterſtützen. Hans. Nein! —106 Nichard. Sie werden! Hans. Ich werde nicht! Nichard. Nicht? Nun, wir wollen ſehen!(Geht auf und ab.) Hans(ſich bezwingend, zu Edith). Mein Fräulein, ich beklage ſehr, daß gerade in Ihrer Gegenwart... Edith(mit leicht zitternder Stimme). Nehmen Sie keine Rückſicht auf mich. Ich will nur zuhören— nur zuhören. Nichard. Jawohl, meine Braut hört zu. Hans. Herr von Ottendorf, verzeihen Sie meine Schroff— heit; wir ſind jetzt beide erregt; verſchieben wir's— nur 4 ſo lange, bis Herr Bernardi kommt und ich Ihnen klar gemacht habe... Nichard. Mir iſt alles klar. Hans. Eine Arbeitseinſtellung koſtet Sie täglich Unſummen, während durch dieſe Bewilligung ein für allemal... Nichard. Großartige Logik! Wenn wir heute bewilligen, dann müſſen wir morgen wieder bewilligen— und ſo fort mit Grazie. Ich kenne die Herren Arbeiter. Der Appetit kommt beim Eſſen. Hans. Beim Hungern kommt er, Herr von Ottendorf. Nichard. Die Leute hungern nicht. Für ihren Stand und 2 für ihre Bildung geht es ihnen genau ſo gut wie uns. Hans. Wie können Sie das wiſſen! Haben Sie ſich denn um dieſe Leute gekümmert? Haben Sie unterſucht, ob ſie das entbehren können, was ſie verlangen? Waren Sie in ihren Wohnungen? Haben Sie ihre Frauen und Kinder geſehen? Seien Sie erſt einmal zehn Minuten lang in der engen Stube, die unſer alter Mühlberger mit ſeiner ganzen Familie bewohnt, und Sie werden finden, daß Ihnen noch nicht alles klar iſt. Nichard. Mit dieſen Redensarten imponieren Sie mir nicht. Aber ich glaube wahrhaftig, daß Sie jetzt mehr auf die Sentimentalität meiner Braut ſpekulieren. Edith(ſehr eingeſchüchtert). Warum ſollen denn die Leute nicht wirklich— die paar Groſchen bekommen? Richard(zu Hans). Richtig— Sie haben auf Ihr Publikum Eindruck gemacht. Edith. Aber Herr Arndt— redet doch— aus Erfahrung. 08 Hans. Ja, aus Erfahrung ſpreche ich, mein Fräulein, aus eigener bitterer Erfahrung. Denn ich ſelbſt habe gehungert wie dieſe Menſchen da, und ſeit fünf Jahren ſehe ich, wie kümmerlich es den meiſten von ihnen geht. Ihr Herr Bräutigam aber, der heute zum erſtenmal dieſe Schwelle betrat... Nichard(aufbrauſend). Genug jetzt, Herr Arndt! Genug! Es war Zeit, daß ich kam— aber höchſte Zeit! Mein gutmütiger Schwieger papa hat Sie ſich gehörig über den Kopf wachſen laſſen; ſonſt wär's einfach unverſtändlich, wie dieſe unerhörte Art und Weiſe... Hans. Ja freilich iſt es unerhört, daß ich die Fabrik ſo gut wie ſelbſtändig geleitet habe, während Ihr Herr Schwiegervater auf Reiſen oder in Geſellſchaften war. Freilich unerhört, daß ich in dieſen fünf Jahren Tag und Nacht gearbeitet habe, um das Geſchäft auf ſeine jetzige Höhe zu bringen— ich— ich ganz allein. Frei— lich unerhört, daß ich nicht die Hand dazu bieten will, wenn Sie einreißen, was ich aufgebaut habe; wenn Sie mir kommandieren wie einem Rekruten, ſtatt von mir zu lernen. Richard(ſich die Lippen beißend). Alſo— Sie verweigern mir den Gehorſam! Hans. Sie können mich ja fortſchicken— auf der Stelle; aber mich zwingen, meine Ueberzeugung mit Füßen zu treten— das können Sie nicht. — 109— Edith(heftig zitternd). Richard— bedenken Sie doch... Vichard(zu Edith). Ich bedenke.(Zu Hans.) Nun, mein lieber Herr, wenn Ihnen die Pflicht ſo wenig bedeutet, wie ſteht es denn mit Ihrer Dankbarkeit? Soll ich Sie erſt noch an meinen Vater erinnern? Hans. An den, Herr von Ottendorf, erinnern Sie mich beſſer nicht! Nichard. Nicht wahr, das iſt Ihnen unbequem! Mein Vater hat Sie zu dem gemacht, was Sie ſind. Er hat Sie ſtudieren laſſen; er hat Sie jahrelang erhalten. Alles verdanken Sie ihm! Und hier ſtehe nun ich, ſein einziger Sohn. Aber bei Ihnen darf man auf Pietät nicht rechnen. Hans (greift krampfhaft nach den Briefen auf dem Zeichentiſch und will damit auf Richard losgehen. In dieſem Augenblick ertönt das Signal der Dampfpfeife. Hans läßt die Hand mit den Briefen ſinken und murmelt vor ſich hin). Pistäatt“ Edith(geht auf Hans zu, faßt ſeine Hand). Herr Arndt... wenn... ich Sie bitte...(Sie ringt vergeblich nach Worten.) Hans(ſieht ſie an; dann entſchloſſen). Ich werde ſchweigen. — 110— Zehnter Auftritt. Hans(rechts vorn). Richard(in der Mitte der Bühne). Edith(hat auf dem Drehſtuhl vor dem Zeichentiſch Platz genommen. Durch die hintere Thür links treten ein:: Kraus(ſchmächtiger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren), Mühlberger und Franke(gedrun⸗ gene Geſtalt in mittlerem Alter. Sie ſtellen ſich in derſelben Reihen— folge auf der linken Seite der Bühne aufj. Nichard (im Rednerton, überlegen, aber mit forcierter Freundlichkeit). Na, ihr Leute... ihr ſeht in mir euren zweiten Arbeitgeber, und ich hoffe zunächſt aufrichtig, daß ihr das— ſelbe Zutrauen zu mir habt, das ich zu euch habe. Trotz meiner begreiflichen Geſchäftsüberhäufung habe ich es mir nicht nehmen laſſen, perſönlich zu euch zu kommen, und zwar erſtens, weil ich Fühlung gewinnen will mit euch und euren Kameraden, zweitens weil ich mit euch in Ruhe debattieren möchte über eure bekannten Wünſche und For— derungen. Was dieſen zweiten Punkt betrifft, ſo ſetze ich voraus, daß ihr dabei löbliche Maßhaltung entwickelt und beſonders... Objektivität.(Die Arbeiter ſehen ſich verblüfft an.) So, das wäre alſo das... Und nun, wer ſpricht für euch? Rraus. Ich, Herr!(Bewegung von Hans.) Nichard. Ihr Name? Kraus. Wilhelm Kraus. Nichard. Wie lange ſind Sie in der Fabrik? 111 Rraus. Acht Monat. Nichard. Haben gedient? Kraus. Nein. Nichard. Warum nicht? Kraus. Mühlberger. daß Zu ſchmale Bruſt.— Das hier iſt der Schloſſer Nichard. Mir dem Namen nach als wackrer Mann bekannt. lange in der Fabrik? Mühlberger. Micheli werden's fufzig Jahr'. Nichard. Ah— meine natürlich in— unſrer Fabrik. Mlühlberger. So achtzehne bis neunzehn. Rraus. Und das iſt der Maſchinenführer Franke. Franke(mit einem Bückling). Seit ſieben Jahren— uffzuwarten, Herr Baron. Richard(zu Kraus). Sie ſind hier verhältnismäßig kurz. Wie kommt es, man gerade Sie zum Sprecher gewählt hat? 15 Kraus(halb zu den beiden andern). Meine Kameraden kennen mich! Nichard. Alſo— dieſe beiden Männer arbeiten hier ſeit Jahr und Tag, und Sie— nun, Sie ſind auch lange genug da, um zu wiſſen, daß Herr Bernardi allgemein bekannt iſt für ſeine aufgeklärte und menſchenfreundliche Ge— ſinnung... Und da könnt ihr euch wohl ungefähr denken, daß es ihn und mich geſchmerzt hat... heftig geſchmerzt, als wir es ſchwarz auf weiß laſen, wie wenig ihr das alles zu ſchätzen wißt. Kraus. Das mit der Menſchenfreundlichkeit vom Herrn Ber nardi— das mag ſchon ſeine Richtigkeit haben. Hut ab. Nur wir, was die Arbeiter ſind, wir haben niſcht davon gemerkt— is auch nicht anders möglich. Sein Geſichte haben wir nicht oft das Vergnügen zu ſehen, und um die einzelnen Privatverhältniſſe von Dreihundert kann er ſich nicht kümmern. Nichard. Allerdings... beim beſten Willen Kraus. Nu eben drum... gottlob, die Menſchenfreundlich— keit haben wir auch nicht nötig. Es is ſchon mehr ein rechtskundiges Geſchäftsverhältnis— Kontrakt, wie's ge— nannt wird. Vor niſcht is niſcht. Wir arbeiten, und er zahlt uns davor. Nun haben wir ihm zu wiſſen gethan: Vom Erſten ab müſſen wir ſo und ſo viel haben— keinen — 113— Knopp mehr als in die andern Fabriken doch. Sagt er ja, denn gut. Sagt er nein, denn gehn wir'n Haus weiter. Nichard. Sie irren, mein Teurer. Wenn Sie plötzlich eine ſo unverhältnismäßige Mehrforderung ſtellen, dann haben Sie uns vor allem zu beweiſen, ob dazu irgend eine Not⸗ wendigkeit vorliegt. Rraus. Notwendigkeit— nu nee! Is allens fürs Pläſier! Nichard. Laſſen Sie gefälligſt Ihre Scherze. Kraus(halb zu den Arbeitern). Zum Scherzen is es uns nicht— was? Nichard. Ich frage Sie hiermit, Sie perſönlich: Sind Sie mit Ihrem bisherigen Lohn nicht ausgekommen? Kraus. Von meiner Perſönlichkeit is nicht die Rede, Herr. Ich ſtehe hier vor unſern Stand. Nichard. Beantworten Sie meine Frage! Kraus. Nu— ich bin ein einſamer Junggeſelle und nicht verwöhnt. Ein geſchickter Gießer wie ich findet überall ſein Auskommen; deshalb hätt' ich nicht ſo oft mit der Ar⸗ beit wechſeln brauchen... nee. Aber ich bin nicht alleine Fulda, Das verlorene Paradies. 8 * I auf der Welt.(Zu Franke.) Wie viel Familienväter ſeid ihr hier? Tranke. Hundertſiebenundzwanzig. Wlühlberger. Familienväter— ja. Franke. Uns ſitzt det Meſſer eeklig an der Kehle, Herr Baron. Und wenn Sie't uns nicht glauben, denn fragen Sie hier den Herrn Arndt. Kraus. Nee, Franke. Wir wollen unſre Sach' alleine führen. Das wär' faul, wenn wir auf fremde Hilfe warten müßten. Mühlberger. Laß jut ſind... Herr Arndt meint et jut. Kraus. Wenn er's gut meint, dann könnt' er ja dem gnä⸗ digen Herrn dasſelbe vorreden wie uns! Hans(kämpft mit ſich und ſchweigt). Edith (die ihn beobachtet hat, aufſtehend, leis und entſchieden). Das hat er gethan. 68ie iſt erſchrocken über ihre eigenen Worte.) Hans (zu Kraus, mühſam ſeine große Erregung bemeiſternd). Ich habe hier nichts zu ſagen— jetzt nicht! Aber wenn Sie meinen, daß dies der rechte Ton iſt, Ihre Sache zu führen... 115— Kraus. Hab' keine ſo pikfeine Erziehung gehabt wie Sie. Ich red', wie mir der Schnabel gewachſen iſt. Nichard. Zur Sache! Kraus. Zur Sache— jawohl. Geben Sie uns, was wir verlangen, oder nicht? Nichard. Leute, ſeid doch nur einmal gerecht! Fragt euch doch, ob wir genug verdienen..ob wir das Geld überhaupt haben. Und dann... wenn ich euch klar machen wollte, wie wir uns plagen müſſen, wie wir Tag und Nacht uns abſtrapazieren und abdenken und dazu noch das Ri— ſiko tragen... Franhke. Wir wollen an det Riſiko teilnehmen! Nichard, Was wißt ihr davon! Was wißt ihr von unſeren entſetzlichen Sorgen! Habt ihr denn überhaupt einen Be— griff, was Kopfarbeit iſt? Wenn ihr Abends eure Werk— zeuge hinlegt, dann ſeid ihr fertig... Kraus. Ja, fertig ſind wir dann! Nichard. Und dann kommen bei uns erſt die ſchlafloſen Nächte. — Wir meinen es ja gut mit euch. Ihr ſollt mehr be— kommen, ſobald wir die Konjunktur benutzen können. Nur gerade jetzt geht unſer Geſchäft ſo ſchlecht.... Rraus. Aber unſer Geſchäft geht gut. Sie brauchen uns jetzt nötiger, als wir Sie. FTranke. Anjebot und Nachfrage, Herr Baron. Nichard(ſich immer weniger beherrſchend). Lächerliche Prahlerei! Nicht der fünfte Teil von euch fände wieder Beſchäftigung. Kraus. Und Sie fänden noch nicht den zehnten Teil Erſatz für uns. Denn am Erſten kommt Ihnen keine Katze in die Fabrik. Nichard. Alſo keine Einſicht, keine Anhänglichkeit— der ganz gemeine Intereſſenſtandpunkt! Kraus. Stehn Sie auf einem andern? Nichard. Ich wiederhole euch, wir können nicht mehr geben! Kraus. Dann wiſſen wir genug.(Aufbrechend, zu den beiden andern.) Kommt! Nichard(hält ſie eifrig zurüch). Ihr laßt mich ja nicht ausreden. Wir können nicht 117— mehr geben als fünf Prozent, und zwar dies... in An— betracht... Kraus(zu den Arbeitern). Worauf wartet ihr noch?(Will wieder gehen.) Nichard. Habt ihr gehört? Fünf Prozent! Eine enorme Kon— zeſſion! Kraus. Fufzehn— keinen Pfennig drunter! Nichard. Mühlberger! Franke! Habt ihr keinen eigenen Willen? Noch habe ich mehr Zutrauen zu meinen wackeren Arbei⸗ tern, als daß ſie ſich von gewiſſenloſen Agitatoren ins Bockshorn jagen laſſen. Rraus. Probieren Sie's! Nichard. Sie, Mühlberger— ich weiß, Sie haben ſich gegen den Streik erklärt... Mühlberger. Wat ick jeſagt habe, det hab' ick jeſagt... Aber ausſchließen duh ick mir nich. Franke. Koalition muß ſind. Nichard(knirſchend). Ihr kennt mich noch nicht, Leute; ihr wißt noch nicht, mit wem ihr es zu thun habt. 118 Kraus(höhniſch lachend). Hoho! Bangemachen gilt nicht. Nichard. Und ihr wollt noch ehrliche Arbeiter ſein... ihr e Kraus(ihm einen Schritt entgegen). Was ſind wir? Was? Hans(zwiſchen beide ſpringend, zu Kraus). Zurück! Kein Wort mehr! Elfter Auftritt. Vorige. Bernardi.(Später) Rieke. Vernardi liſt von rechts eingetreten und hat die letzten Worte gehört. Er kommt raſch nach vorn). Was iſt... was geht hier vor?! Hans (atmet bei ſeinem Anblick erleichtert auf und ſagt gleichzeitig), Gott ſei Dank! Edith (ſchmiegt ſich angſtvoll an ihren Vater an). Hilf ihnen, Papa, hilf ihnen! KRraus (durch Bernardis Erſcheinen einen Augenblick verdutzt, tritt nun vor). Was hier vorgeht, Herr? Man ſpricht uns die Ehr—⸗ lichkeit ab, weil wir auf unſerem Recht beſtehn! — Iiill Bernardi. Dummes Zeug! Wer thut das? Kraus(auf Richard deutend). 8 Der neue Herr da. Nichard (bemüht ſich vergeblich, ſeine Haltung wiederzugewinnen). Ichh Bernardi (wirft ihm einen mißbilligenden Blick zu; dann zu den Arbeitern). Kinder, das ſind Mißverſtändniſſe... Wenn wir nur im großen einig ſind... Kraus. Hoho, einig! Bernardi. Hat euch mein Socius denn nicht geſagt... Kraus. Angeranzt hat er uns, jawohl, und fünf Prozent will er uns ſchenken— allergnädigſt! Aber wir danken davor. Bernardi. Kinder, ihr habt euch in die Hitze geredet; das kenn' ich. Da gibt ein Wort das andere, und wenn man's auch noch ſo redlich meint... ihr meint es redlich, dafür leg' ich meine Hand ins Feuer! Wenn ihr nur erſt euer Herz ſprechen laßt, dann werdet ihr einſehen, daß wir mehr bewilligt haben, als wir können,(Bewegung der Ar— beiter) daß... hört mich doch nur ruhig an!... ja, daß wir's uns ſelbſt am Munde abſparen. Weiß Gott, ich 120— bin in den letzten Wochen ſichtlich gealtert— alles aus Sorge für euch! Seht mich nur an und ihr werdet zu euren Genoſſen ſagen: So ſieht kein Mann aus, der uns drücken und ſchinden will. Haben wir Geduld mit ihm! Vertrauen wir ihm! Unſre Sache iſt in den allerbeſten Händen. Kraus. In unſern eigenen Händen iſt ſie beſſer! Vernardi. Nein, nein— ihr wollt euch unbedacht ins Unglück ſtürzen— ja noch mehr— ihr wollt auch mich ins Unglück ſtürzen, und ich hab' doch keinen andern Fehler, als daß ich zu weich bin... daß mir alles zu nahe geht Seht, wenn ich allein ſtünde in der Welt, ich wollte ſelber darben, nur um euer Los zu verbeſſern. Ja, das thät' ich. Aber ich hab' eine Familie— eine Frau— einen Schwiegerſohn— und hier(Edith zärtlich umſchlingend) eine Tochter, meinen ganzen Reichtum, meinen Stolz, meine Hoffnung. Gerade jetzt hat ſie ſich verlobt, gerade jetzt wollte ich ihren Hausſtand begründen... Rührt euch das nicht? Habt ihr das Herz, auch ihre Zukunft zu unter— graben? Mühlberger (der bisher meiſt ſtumpf und ſcheinbar teilnahmlos dageſtanden, hat ſich von dem Augenblick an, wo Bernardi auf ſeine Familie zu ſprechen kam, merklich verändert. Er hat ſich aufgerichtet; ſeine Augen leuchten; aus einer nervöſen Beweglichkeit heraus ſchreitet er auf die Thüre links vorn zu, öffnet ſie und ruft mit einer Leidenſchaft, die man ihm bisher nicht zugetraut hätte). Rieke— Rieke— komm heraus! Vernardi. Was ſoll das? 1 RNieke (ein leidend ausſehendes, vergrämtes Geſchöpf in dürftiger Arbeits⸗ tracht, erſcheint auf der Thürſchwelle, blickt ſcheu um ſich und ſieht ihren Vater erſtaunt und fragend anh. O Jott! Wollen ſie mir fortſchicken? Mühlberger (nimmt ſie bei der Hand und geht mit ihr nach der Mitte der Bühne, ſo daß Bernardi und Edith einerſeits, Mühlberger und Rieke andrer⸗ ſeits ſich iſoliert gegenüberſtehen). Hier is meine Dochter... die ſoll an die friſche Luft... an die friſche Luft. Vieke. Vater, laß los... ick muß arbeeten. Mühlberger(mit leidenſchaftlicher Entſchloſſenheit). Nee, nich mehr arbeeten... nich mehr, nie mehr... An die friſche Luft ſollſte— mein Kind... mein jutet kranket Kind.(Er hält ſie umſchlungen. Pauſe. Niemand von den Anweſenden kann ſich dem Eindruck dieſer Epiſode entziehen. In Ediths Mienen malt ſich tiefſte Erſchütterung.) Vernardi l(ehrlich ergriffen). Warum hab' ich davon nichts gewußt! Ihrer Tochter ſoll geholfen werden... ſie ſoll die Mittel erhalten. Kraus. Von ſolchen Töchtern gibt's noch mehr! Zahlen Sie uns, was uns zukommt— und wir brauchen Ihre Al— moſen nicht! Vernardi. Können Sie denn nichts anderes thun als hetzen, ſelbſt in dieſem Augenblick! 122— Franke(zu Kraus). Willem, du jehſt zu weit. RKraus. Du alter Haſenfuß, haſt du verſchlafen, was abge— macht iſt? Nichard(zu Franke). Sagen Sie's doch dem frechen Burſchen, daß er nicht für euch alle ſpricht! Kraus. Nicht? Nu paſſen Sie mal auf! Nichard. Wird ſich zeigen am Erſten! Kraus. Am Erſten? Wir warten gar nicht bis zum Erſten! Auf der Stelle wird ſich's zeigen— auf der Stelle! (Ehe jemand gemerkt hat, was er beabſichtigt, iſt er zur Schiebethür geſprungen und reißt ſie auf. Das Getöſe wieder hörbar. An der Bruſtwehr ſtehend ſchreit er, den Lärm übertönend, in den Saal hinunter.) Alle Mann Arbeit niederlegen! Verſammlung im Saal!(Ein vielſtimmiges, dumpfes, anſchwellendes Echo ant⸗ wortet ihm.) Bernardi. Herr meines Lebens! Da haben wir's! (Nach und nach hört das Maſchinengetöſe auf. Der Betrieb wird abgeſtellt. Die Transmiſſionen laufen noch, aber geräuſchlos, da ſie nicht mehr treiben. Um ſo deutlicher hört man das immer ſtärkere Stimmengewirr der unten zuſammenſtrömenden Arbeiter.) Rraus (hat ſich an der Brüſtung umgedreht und winkt den beiden andern, mit welchen während des Lärms Bernardi und Richard noch ver— handelt haben, ihm zu folgen). Hier gleich hinunter— vorwärts! 123— Vernardi(zu Mühlberger, ihn zurückhaltend). Haben Sie gehört...? Ich habe Ihnen verſprochen.. MWlühlberger (der Rieke noch immer feſt an der Hand hält). Kann mir nich ausſchließen.(Zu Rieke.) Komm! (Er folgt mit ihr den beiden andern, und ſie verſchwinden durch die Mittelthür, welche offen bleibt.) Zwölfter Auftritt. Bernardi. Richard. Edith. Hans. Bernardi(vollſtändig rabbiat). Um Gottes willen, nur jetzt keinen Augenblick ver— loren! Herr Arndt, warum ſtehen Sie noch da? Eilen Sie ihnen nach, ſogleich! Hindern Sie dieſen Aufwiegler... Sagen Sie den andern... Hans. Herr Bernardi, ich habe geſprochen, ſolange es Zeit war. Ihr Teilhaber hat nicht auf mich gehört. Da hinunter gehe ich nur unter einer Bedingung! Vernardi. Welche? Welche? Hans. Daß ich ſagen darf: Alles bewilligt. Vernardi(verzweifelt). Ich kann ja nicht. ich Nichard. Halten wir uns nicht auf mit einem Menſchen, der ſeine Pflicht vergißt. — 124— Hans. Herr, das nehmen Sie zurück! Nichard. Nein! Hans. Dann beſtehe ich auf meiner ſofortigen Entlaſſung! (eEr hantiert während des Folgenden am Zeichentiſch, holt ſeinen Hut und Mantel und ſchickt ſich zum Aufbruch an.) Bernardi. Sie wollten Hans. Ich habe hier nichts mehr zu thun. Bernardi. Sie laſſen mich im Stich, Sie auch... Menſch, Freund...(Zu Richard.) Nun, das haben Sie wirklich gut gemacht! Nichard. Ich hätte die Kerle untergekriegt, wenn nicht Ihre Dazwiſchenkunft... Bernardi(alles vergeſſend). Nein, Ihre Dazwiſchenkunft, Ihre! Hätte mich nicht Ihr rieſiges Selbſtbewußtſein getäuſcht... Nichard. Herr Bernardi— erwägen Sie gütigſt... Bernardi. Jawohl, ich erwäge, daß ich Ihnen, daß ich dieſer Verlobung die wahnſinnigſten Opfer gebracht habe, und 125 zum Lohn dafür ſtellen Sie in einem Vormittag meine ganze Fabrik auf den Kopf. Nichard. Ich werde Ihnen beweiſen... Bernardi. Beweiſen Sie mir gar nichts mehr, ſondern bringen Sie lieber mein armes Kind nach Hauſe.— Sehen Sie nur, wie ſie zittert. Am Ende wird ſie mir noch krank!— Nichard(zu Bernardi). Ich darf Sie jetzt nicht allein laſſen! Meine Pflicht... Edith. Ich gehe nicht fort ohne Papa. Vernardi. Unmöglich! Hier kannſt du jetzt nicht bleiben— keinen Augenblick mehr! Nichard. Allerdings. Bernardi (da Edith eine bittende Bewegung macht). Geh— hörſt du— ich will es ſo! Herr Arndt wird dich begleiten.(Zu Hans) Um dieſen Dienſt darf ich Sie doch wohl noch bitten?(LLärm im Maſchinenſaal.) Wir ſchwatzen hier, und unterdeſſen... Mindeſtens die Hälfte iſt zu halten, wenn man nur... Entſchloſſen.) Ich gehe hinunter!— Edith(ihn beſchwörend). Papa! — 126— Nichard. Ich gehe mit!— Aber ſollen wir ſo unbewaffnet... Vernardi. Halten Sie ſich hinter mir. Meine Arbeiter thun mir nichts. (Bernardi und Richard ab durch die Mittelthür.) 0 0 0 Dreizehnter Auftritt. Hans. Edith. Edith (hat bei immer größerer Ergriffenheit bis jetzt ihre Faſſung äußer⸗ lich bewahrt. Nun bricht ſie völlig haltlos in ein heftiges Schluch⸗ zen aus). O mein Gott! Mein Gott! Hans. Mein Fräulein— ſeien Sie nur ganz unbeſorgt. Den Herren geſchieht nichts. Edith(ſich mühſam aufrecht haltend). Kann denn niemand helfen? ö Hans(ſieht ſie einen Augenblick an). Niemand.(er wendet ſich noch einmal um; mit tiefer Bitter⸗ keit.) All meine Arbeit umſonſt!(Dann zu Edith)) Kom—⸗ men Sie!— (Während ſie abgehen, erneutes dumpfes Stimmengewirr im Saal.) (Der Vorhang fällt.) Dritter Aufzug. — Salon bei Bernardi wie im erſten Aufzuge. (Der Geburtstagstiſch iſt fortgeräumt; dafür deuten Arrangements von Blattpflanzen ꝛc. auf eine feſtliche Veranſtaltung.) Erſter Auftritt. Martin. Zwei Lohndiener.(Dann) Cäcilie. Ulartin (einen mit Deſſertkonfekt gefüllten Teller in der Hand, führt zwei Lohndiener herein, welche große reich arrangierte Fruchtſchalen tragen, und öffnet ihnen die Thür im Hintergrund rechts). So! Das wär's. Die Lohndiener(ab rechts). Cüäcilie(ruft, noch hinter der Scene). Martin! ⸗Sie erſcheint im Vorraum, in Hut und Mantel.) Martin! Vlartin (der den Lohndienern folgen wollte, ſtellt den Teller hin und kommt zurück). Gnädige Frau! Cäcilie. Die Herrſchaften noch immer nicht zurück vom Theater? Mlartin. Nein. Cäcilie. Die Matinee müßte doch jetzt zu Ende ſein... Wie weit halten Sie? Martin. Wir ſind gerade dabei, die Tafel zu decken. Cüärilie, Sind die Tiſchkarten ſchon abgegeben worden? Martin (deutet auf ein Paket, welches auf dem Tiſche links liegt). Ja— bier liegen ſie. Cäcilie(öffnet das Paket). Es iſt gut, und wenn Herr Doktor Heideck kommt... Zweiter Auftritt. Cäcilie. Walter. Walter (iſt während der letzten Worte in den Vorraum getreten und kommt nach vorn). Sehen Sie, da iſt er ſchon. Kann man gehor— ſamer ſein? Cüärilie (macht Martin ein Zeichen, worauf derſelbe Hintergrund rechts abgeht). Sehr liebenswürdig, Herr Doktor!— Kommen Sie aus der Matinee? Walter. Nein. Ich wollte eigentlich hin. Aber eine kleine 129 häusliche Scene... Nun alſo, Sie haben mir ge— ſchrieben... Cätilie. Ich bat Sie, auf einen Augenblick bei uns vorüber— zukommen; denn ich habe eine große Bitte. Walter. Na— geben Sie ihn nur gleich her, den Auto graphenfächer. Cätilie. Nein, das iſt es nicht. Aber heute Abend bei unſerem Verlobungsdiner... Walter. Soll ich die Tiſchkarte erklären. Cäcilie(erſtaunt). Woher wiſſen Sie? Walter. Das eine oder das andere. Ich bin ja Schriftſteller von Beruf. Cäcilie. Für Sie iſt das eine Kleinigkeit, und Sie tragen dadurch ſo viel bei, unſerem Feſt eine geiſtige Würze zu geben... So ein Verlobungseſſen hat ſonſt leicht etwas Förmliches, Monotones... Walter. Alſo— was befehlen Sie? Witz, Anzüglichkeit oder Humor, der unter Thränen lächelt? Fulda, Das verlorene Paradies. 9 130 Cäcilie. Ich überlaſſe das ganz Ihnen. Nur bitte: ſprudeln Sie!(Zeigt ihm eine der Tiſchkarten.) Sehen Sie— die 2 3 eichnung hat uns Müllerhaus gemacht. Walter. Entzückend. Cäcilie(erklärt). Da iſt der Ballſaal, in dem ſie ſich kennen lernten; hier iſt das Geburtstagsbouquet, durch das er ihr Herz gewann— und hier erklärt er ihr die Werke ſeines Vaters. Walter. Oder ſie ihm. Cärilie. Wie? Walter. Ich meine nur— das läßt ſich aus der Zeichnung nicht deutlich erkennen. Cäcilie. Sie haben da jedenfalls Stoff genug— und wenn Sie auch noch über das Menu einige Scherze machen wollten... Walter. Ja, das wäre ſehr originell.— Geben Sie her. (er ſteckt die Tiſchkarte zu ſich.) Aber heute geſchieht das zum unwiderruflich letzten Mal. Dies Leben muß ein Ende haben... Ich ziehe mich aus der Geſellſchaft zurück. Cäcilie. Na, damit drohen Sie ſchon lange. Walter. Diesmal wird es Ernſt. Ich fange an zu arbeiten... ich ſchreibe einen Roman... Cäcilie. Ah, wie intereſſant. Walter. Eine ganz große ſoziale Sache.— Und wiſſen Sie, wann mir die Idee dazu gekommen iſt? Heute früh— in Ihrer Fabrik. Cärilie. Was Sie nicht ſagen! Walter. Sehr aktueller Stoff... Satire auf die moderne Arbeitswut... die Menſchen, die keiner Freude mehr fähig ſind, keines Genuſſes, keiner Freiheit, weil ſie ſamt und ſonders ſich plagen müſſen im Schweiße ihres An— geſichts. Cüäcilie. Das iſt aber ſehr peſſimiſtiſch. Walter. Was wollen Sie! Heutzutage wird man zum Peſſi— mismus gedrängt. Cäcilie. Aber mit Ihrem heiteren Temperament, in Ihren glücklichen Verhältniſſen... Walter. Wiſſen Sie, meine Gnädige— ganz unter uns ge— ſagt— es kann vorkommen, daß jemand zehn Jahre lang Tiſchkarten erklärt mit glückſelig lächelnder Miene— und wenn er Abends nach Hauſe kommt und die Maske ab— gelegt hat und ſich im Spiegel ſieht, dann lächelt er nicht mehr, ſondern ſagt ſich mit brutaler Offenheit: Du biſt doch eigentlich nichts anderes als ein Hanswurſt. Cäcilie. Aber lieber Doktor Walter. Das iſt weiter nicht ſchlimm, ſolang er allein iſt. Aber dann heiratet er— eine brave, gute Frau, die früher gläubig zu ihm emporgeſehen hat— und eines Tages erkennt er, daß auch ſie hinter das Geheimnis gekommen iſt— daß auch ſie ihn nicht mehr ernſt nimmt— und das iſt ein bißchen ſtörend. Cätilie. Ach, das glauben Sie ja ſelbſt nicht.— Sie werden der Welt nicht dauernd Ihre reizenden geſelligen Gaben entziehen. Walter. O doch! Das werde ich ganz beſtimmt. Cäcilie. Alſo Sie gehen wirklich nach Italien? Walter. Nein, das will meine Frau nicht. Sie glaubt, das würde mich zu ſehr zerſtreuen.— Aber von hier geht es fort— noch in dieſer Woche. Cäcilie. Wohin denn? Walter(kleinlaut). Nach Rudolſtadt. Cüäcilie. Ach, das halten Sie ja nicht drei Wochen aus. Walter. Wir ſiedeln vollſtändig dahin über. Dort— in idylliſcher Ruhe— fern vom Lärm der Großſtadt— dort wird gearbeitet. Meine Gnädigſte— auf Wieder⸗ ſehen heute Abend. Güßt ihr die Hand.) Cätilie. Auf Wiederſehen. Walter(kehrt noch einmal um). Wiſſen Sie was? Sie könnten mir eigentlich einen großen Gefallen thun! Helfen Sie mir heute Abend, meiner Frau die Geſchichte mit Rudolſtadt auszureden.— Man kann ja ſchließlich doch nirgends anders leben als in Berlin. Finden Sie nicht auch? Cüäcilie. Selbſtverſtändlich. Walter. Selbſtverſtändlich!(Geht ab.) Dritter Auftritt. Cäcilie. Martin. Ulartin (kommt vom Hintergrund rechts zurück, um den Deſſertteller zu holen). Cärilie So— nun laſſen Sie einmal ſehen, was Sie fertig gebracht haben.(Sie geht zur Thüre Hintergrund rechts und ſieht hinein.) Natürlich! Wenn man nicht überall dabei iſt! Da können wir grad noch mal von vorn anfangen. Martin. Gnädige Frau hatten angeordnet... Cätilie. Angeordnet— was?... Daß der Tiſch ſo aus— ſieht— ſo handwerksmäßig— ſo ſpießbürgerlich! So hat man vor dreißig Jahren gedeckt! Keinen Begriff (Geht ab Thür Hintergrund rechts. Martin folgt ihr.) Vierter Auftritt. Hans. Edith. Hans. So— mein Fräulein— nun gönnen Sie ſich vor allem Ruhe— das thut Ihnen not. Ich habe mich auf dem ganzen Wege recht um Sie geängſtigt. Aber nun geht es Ihnen ſchon beſſer— nicht wahr? Gdith. gewiß. Hans. Ich werde jetzt Ihre Frau Mutter benachrichtigen. Edith(auffahrend). Nein— nein! Hans. Ich ſelbſt muß zurückkehren; ich habe in der Fabrik noch mancherlei zu ordnen...(Vitter.) Ich muß ja auch rechtmäßigen Abſchied nehmen. Edith(in ſteigender Erregung). Nein, gehen Sie nicht! Ich habe Sie gebeten, mit mir zu kommen... ich kann es ja nicht ertragen... dieſe entſetzliche Ungewißheit. Hans. Seien Sie verſichert— Ihr Vater und Ihr Bräu tigam ſind nicht im mindeſten bedroht. Der Streik aller— dings war nicht mehr zu verhindern. Edith. Nein... das iſt es nicht... etwas andres ganz andres.(Sich mit äußerſter Willenskraft beherrſchend.) Sagen Sie mir.. Hans(will aufbrechen). Mein Fräulein, nach dem, was vorgefallen iſt, werden Sie es verſtehen... Edith. Herr Arndt... ich bitte Sie... bei allem, was Ihnen... Geben Sie mir nur Antwort auf eine einzige Frage! Sagen Sie mir die Wahrheit... die volle Wahrheit! Hans(noch nicht verſtehend). Die Wahrheit?— Edith. Was meinte mein Vater, als er ſprach von wahn 885 ſinnigen Opfern? Was hat meine Verlobung zu thun mit dieſem ſchrecklichen...(Da Hans ſchweigt) Ich will es wiſſen; ich muß es wiſſen... Ah, Sie wollen mir nicht antworten— Sie können nicht! Alſo iſt es wahr! An dieſem Streik iſt meine Verlobung ſchuld! Hans(ausweichend). Mein Fräulein... Edith(raſch kombinierend). Ja, ja... ſonſt hätte mein Vater den Arbeitern helfen können.... Mein Bräutigam hat gefordert... er hat ihm Zugeſtändniſſe gemacht.... Iſt es nicht ſo? Hans. Alles in der Ueberzeugung, Ihr Glück zu begründen. Edith l(laufſchreiend). Mein Glück!— Hans. Nur Ihr Glück. Seit der Stunde Ihrer Geburt hat dieſe ganze Fabrik für Sie gearbeitet— für Sie allein. „Meine Tochter“— mit dieſem Wort hat Ihr Vater alles entſchieden— was er that, und was er unterließ. Ja, nun ſollen Sie es wiſſen. Sie erſchienen mir wie ein Götzenbild, dem alles zu Füßen gelegt wird, alles, und in meinen bitterſten Stunden habe ich mir geſagt: Wie groß muß das Glück dieſes Mädchens ſein, wenn es nicht zu teuer erkauft iſt! Edith(außer ſich). O— es hat ſich gelohnt— für dieſes Glück— für dieſe elende, erbärmliche Lüge! Seine Jugend ver— bringen— roh und unwiſſend und gefühllos, ſich benebeln laſſen mit Weihrauch und mit Vergnügen und mit Bil— dung— ſo lange, bis man nichts mehr empfindet, nichts als Stumpfheit und Müdigkeit und Langeweile— und zuletzt... zuletzt ſich einen Bräutigam kaufen vom Brote dieſer Armen— o pfui o pfui— o pfui!—— Hans(mit tiefer Bewegung)., Meine liebes Fräulein, ich... Edith. Sagen Sie mir's nur... ſagen Sie mir's, daß Sie mich verachten! Hans. Nein, wahrhaftig, das thu' ich nicht! Edith. Ich verdiene nicht... Ich bin nicht wert... Und alles, alles erſt begreifen, nachdem es zu ſpät iſt. Vernardi(rechts hinter der Scene). Wo iſt ſi e? Hans. Ihr Vater! Edith(plötzlich gefaßt und mit Größe). Nein, nicht zu ſpät!— Ich hab's verſchuldet; ich 0 werd' es wieder gut machen.—(Ihn voll anſehend.) Wollen Sie mir dabei helfen? Hans(ihr beide Hände reichend, warm und innig). Ich will's verſuchen.(Geht raſch ab.) Edith wendet ſich gegen die Thür Hintergrund rechts, von wo ihr Bernardi und Cäcilie entgegenkommen). Fünfter Auftritt. Edith. Bernardi. Cäcilie(vom Hintergrund rechts). Cäcilie (eilt auf Edith zu und zieht ſie ſtürmiſch an ſich). Edith— mein Kind— was höre ich! Ich denke, du biſt in der Matinee, und unterdeſſen... ach, ich kann noch gar nicht zu mir kommen.... Laß dich nur an ſehn.... Wirklich! Du biſt ganz verweint— und deine Hände glühen.... Wenn es dir nur nicht ſchadet. Edith(in verhaltener Erregung). Ich fühle mich ganz wohl, Mama. Cärilie. Und heute Abend die Geſellſchaft! Du ſollteſt dich wenigſtens ruhig halten— nach ſo einem Schrecken. Du ſollteſt dich hinlegen und verſuchen zu ſchlafen. Ich will dir auf alle Fälle ein Antipyrinpulver... Edith. Nein, nein, es iſt nicht nötig.(Zu Bernardi.) Papa — haſt du denn nichts mehr erreicht? Bernardi (der bisher bei halber Abweſenheit die größte innere Unruhe ver— raten hat). Nichts! Die Fabrik iſt geſchloſſen. Ich weiß nicht, was ich beginnen ſoll— ich weiß nicht.(eEr wirft ſich faſſungslos in einen Stuhl.) Cätilie. Aber ein Streik— davon hört man doch jetzt alle 3 39 Tage; das kann doch das Leben nicht koſten. Geſchäft iſt nun einmal Geſchäft. Da geht einem nicht alles nach dem Kopf. Glaubſt du, ich habe hier im Haus nicht auch meine Sorgen und Widerwärtigkeiten? Vernardi. Das iſt alſo dein Verſtändnis— bei einem ſolchen Unglück! Cätilie. Julius, ich verſtehe allerdings nicht viel von dieſen Dingen; gar nichts verſteh' ich davon. Das kannſt du auch nicht verlangen... du haſt mir ja nie etwas davon geſagt. Ich bitte dich— erkläre mir wenigſtens— was iſt denn da ſo Schlimmes dabei? Vernardi(aufſpringend). Schlimmes! Daß ich dieſen Streik nicht beilegen kann— unmöglich, ganz unmöglich!— und daß ich ihn noch viel weniger aushalten kann— nicht zehn, nicht acht Tage... daß mir ſo oder ſo die unerhörteſten Verluſte drohen— Konventionalſtrafen, Abfall der Kundſchaft, Ueberholung durch die Konkurrenz, mit einem Wort eine Kalamität! Cäcilie. Um Gottes willen! Bernardi. Und wenn ich auch neue Arbeiter finde, was hilft mir das alles— jetzt, wo dieſer Arndt... Cüäcilie. Streikt der auch? 4 Vernardi. Ach was! Gekündigt hat er mir. Ein Mann, auf den ich mich ſeit Jahren blindlings verlaſſen konnte, der das ganze Getriebe beſſer kennt als ich— meine rechte Hand— einfach unerſetzlich! Cätcilie. Aber dafür haſt du doch nun Richard. Bernardi. Ja— den hab' ich allerdings. Uebrigens— er wird bald hier ſein. Vorher muß ich noch aufs Bureau und in die Fabrik und was weiß ich, wo noch hin... ich muß Edith. Vor allem mußt du mich jetzt hören, Papa! Bernardi. Hören! Das hat Zeit. Du ſollteſt doch wahrhaftig wiſſen, was auf dem Spiele ſteht! Edith. O— es ſteht mehr auf dem Spiel, als du ahnſt. Bernardi. Was ſoll das heißen? Edith. Das ſoll heißen, daß du den Streik beilegen mußt — noch heute, noch in dieſer Stunde— wenn du willſt, daß ich je wieder ruhig werden ſoll. Bernardi. Was geht dich denn der Streik an? 141 Edith. Was er mich angeht? Für mich haſt du dich in dieſe Lage gebracht, für mich und für meine Verlobung. Für mich und meine Verlobung willſt du alles opfern— die Arbeiter, die Fabrik und dich ſelbſt. Ich habe nichts davon gewußt; jetzt aber weiß ich es, und jetzt kann ich dir ſagen: das will ich nicht; das nehme ich nicht an! Cätilie. Ach Gott, das Kind iſt ganz verwirrt! Bernardi. Großartig— wirklich großartig! Cäcilie(zu Bernardi). Nicht ſo laut! Wenn die Dienerſchaft... Bernardi(mit gedämpfter Stimme fortfahrend). Ich will dir nicht die Antwort geben, die du ver— dienſt. Ich will Rückſicht nehmen auf deinen überreizten Zuſtand. Was ich in dieſem Fall für dich gethan habe, das iſt, was jeder anſtändige Vater für ſeine Tochter thut— nicht mehr und nicht weniger. Das wäre ja noch hübſcher, wenn die Tochter dem Vater Vorſchriften machen will, wie er zu ſorgen hat für ihre Zukunft. Edith. Sage mir, Papa— ſage mir offen: Hältſt du die Forderungen der Leute für ungerecht? Hätteſt du ſie nicht gewährt, wenn du keine Rückſicht zu nehmen brauchteſt auf mich? Vernardi. Du ſtehſt mir näher als ſie. 1 Edith. Dann bitte ich dich um meinetwillen: Stelle ſie zu frieden! Bernardi. So! Wie denkſt du dir das eigentlich?— Ich gehe alſo einfach hin und ſage: Da habt ihr, was ihr wollt! — Glaubſt du, ein Geſchäftsmann läßt es überhaupt ſo weit kommen, wenn er anders kann? Wenn ihm nicht die Hände gebunden ſind? Und mir ſind ſie gebunden. Edith. urch meinen Bräutigam! D X Vernardi. Jawohl, durch deinen Bräutigam. Deine Zukunft iſt auch die ſeinige. Und nun meinſt du, ich kann ihm ſagen: Schränken Sie ſich ein, lieber Herr; verzichten Sie auf das, was Ihnen von jetzt an rechtmäßig gehört... Edith. Rechtmäßig! Wodurch hat er es denn erworben? Bernardi. Durch deine Hand. Gdith. Das heißt: Nicht er ſorgt für meine Zukunft, ſondern ich ſorge für ſeine. Das heißt, er verlangt die Arbeit und Entbehrung anderer als Lohn dafür, daß er mich nimmt. Das heißt, er hat um mich gehandelt, und du haſt ihn zu teuer bezahlt! Bernardi. Edith! 143— Cäcilie. Sie iſt von Sinnen. Vernardi. Zu teuer ſagſt du— zu teuer! Willſt du wohl nachrechnen, wie viel dein Glück mir wert iſt? Mir war nie etwas zu teuer, wenn es zu deinem Beſten war. Oder wärſt du vielleicht mit einem einfachen, beſcheidenen Mann zufrieden geweſen? Du? Wir haben uns jahrelang gerade Sorgen genug gemacht wegen deiner Verheiratung. Keiner war dir recht; du mußteſt was ganz Beſonderes haben. Endlich kommt ein Mann wie Herr von Ottendorf— von der beſten Familie, mit einem Namen, einer geſell— ſchaftlichen Stellung. Glaubſt du, ſolche Leute laufen auf der Straße herum? Glaubſt du, eine ſolche Partie läßt ſich zu ſtande bringen, ohne daß man ein Aequivalent dafür bietet? Edith. O— es iſt ein erhabener Gedanke, was man für Geld alles haben kann! Vernardi. Ja wahrhaftig— ein Leben, wie du es zu führen gewohnt biſt, das koſtet Geld— ſehr viel Geld. Du haſt nicht gelernt zu ſparen; du biſt anſpruchsvoll... Edith. Und wenn ihr nun durch irgend ein Unglück euer Geld verloren hättet, nicht wahr, dann hätte ich keinen Mann bekommen, dann hätte ich mich auch nicht ſelbſt erhalten können; dann wäre ich hilflos geweſen— voll— kommen hilflos. 144 Vernardi. Für dieſen Fall haben wir geſorgt. Edith. Warum habe ich nicht gelernt, ſelbſt dafür zu ſorgen? Bernardi. Weil man die jungen Mädchen ſo erzieht und nicht anders. Gdith. Dann erzieht man ſie falſch. Bernardi. Das iſt unerhört! Das iſt beiſpiellos! Cätilie. Ach du undankbares Kind! Bernardi. Undankbar— ja, das iſt das rechte Wort! Wenn auf der Welt ein Kind ſeinen Eltern Dank ſchuldig iſt für ſeine Erziehung, ſo biſt du es! Cüäcilie. Wir haben dir nie einen Wunſch verſagt. Edith. Aber gerade das hättet ihr thun ſollen. Vernardi. So, hätten wir? Willſt du vielleicht nachträglich deine Eltern erziehen? Willſt du uns vorwerfen, daß wir dich alles haben ſehen laſſen, was es in der Welt Schönes — ¶145 gibt? Haſt du nicht deine Jugend genießen können wie wenige? Edith. Nein, dazu war ich zu ungebildet. Cäcilie. Ungebildet— du! Edith. Ja, ungebildet. Denn ich wußte nichts vom Leben. Cäcilie. Sei froh, daß du nichts davon wußteſt. Vernardi. Danke uns, daß wir dir das erſpart haben. Edith. Aber ihr habt mir nicht erſpart, für das Leben zu wählen. Vernardi. Wir ſagten dir: Wähle ſo, daß du glücklich wirſt. Edith. Und ſo bin ich elend geworden— elend!— Cücilie(auf einen Stuhl ſinkend). Das überlebe ich nicht. Vernardi(außer ſich). Edith, das iſt nicht wahr— das kann nicht wahr ſein! Sage uns auf der Stelle, daß es nicht wahr iſt. Edith. Ich kann nicht! Fulda, Das verlorene Paradies. 10 — 146— Vernardi. Nun— dann ſage uns auch gleich, daß wir ver— geblich auf der Welt geweſen ſind! Sage deinem Vater und deiner Mutter, daß ſie Narren ſind— ja Narren, Narren! Edith. Nein, nein— glaubt mir nur— ich weiß— ihr habt es ſo gut gemeint... ich weiß... ich bin undank— bar und ſchlecht und von Sinnen.... Aber ſeht... ich kann euch doch nicht vorlügen, daß ich glücklich bin... jetzt nicht mehr. Cäcilie(mit thränenerſtickter Stimme). Du ſollſt glücklich ſein— du mußt! Wir haben ein Recht, es zu verlangen! Edith. Dann macht mich frei von dieſem Mann! Bernardi. Wie? Was? Von deinem Bräutigam? Cüäcilie. Allbarmherziger Gott! Edith. Ich bitte euch: macht mich von ihm frei!(Pauſe.) Bernardi. Edith... willſt du mich jetzt einmal ruhig anhören? Edith. Ja. 147 Bernardi. Du haſt dich verlobt, und eine Verlobung iſt ein förmliches und feierliches Verſprechen, das man nicht zu— rücknimmt ohne die allertriftigſten Gründe. Aber nicht du allein haſt dein Wort verpfändet, ſondern ich auch meines. Ich habe mit deinem Bräutigam einen Kontrakt geſchloſſen; er iſt als mein Teilhaber in mein Geſchäft getreten... das ſind Thatſachen; ich muß mit ihnen rechnen, und das mußt du auch. Aber gut— nehmen wir einmal an, er iſt nicht ganz der Mann, wie du ihn dir geträumt haſt; nehmen wir an, er hat Schwächen, ſo— gar große Schwächen. Was beweiſt das? Engel gibt es nicht auf der Welt, und man muß ſich ineinander ſchicken. Edith. Und das wäre Glück? Vernardi. Glück! Es gibt überhaupt kein Glück! Wenn du wirklich vom Leben eine Ahnung hätteſt, da würdeſt du das wiſſen. Glück ſieht man immer nur da, wo man nicht genau genug hinſieht— und das iſt auch der ein— zige Grund, weshalb meine Arbeiter mich beneiden. Man kann ſchon zufrieden ſein, wenn man von zwei Uebeln das kleinere wählt— jawohl— und darum handelt ſich's auch hier: Was iſt beſſer? Daß du verſuchſt, dich mit dieſem Mann zu vertragen, dich an ſeine Fehler zu gewöhnen— oder daß du eine alte Jungfer wirſt. Edith. Ich kann ja warten. —148 Vernardi. Warten, bis ein Beſſerer kommt? Nachdem du dich ſo kompromittiert haſt? Denn darüber brauchſt du dich nicht zu täuſchen. Eine zurückgegangene Partie— das heißt ſo viel wie ein unerhörter Skandal. Cürilie Ach, das iſt wahr. Du könnteſt noch ſo ſehr im Recht ſein, an dir bleibt es hängen! Ein junges Mädchen, das ſchon einmal verlobt war! Das iſt ein Makel... Bernardi. Wir wären lächerlich... wir wären blamiert ein für allemal. Cücilie. Und dann das Geklatſch... Bernardi. Ja, man muß nur unſre guten Freunde kennen... Cärilie. Ach— und das Feſt heute Abend— das Feſt! Edith— ich frage dich: Was ſoll aus dem Feſte werden? Edith. Ich frage, was aus meinem Leben werden ſoll. Martin(tritt auf). Herr von Ottendorf iſt eben vorgefahren. (Allgemeine Bewegung.) Cüätilie. Führen Sie ihn ins Herrenzimmer und bitten ihn, einen Augenblick zu warten. (Martin ab.) — 1 Edith. Ich will ihn jetzt nicht ſehen— nicht ſprechen! Cätilie. Und wenn du ihn nun falſch beurteilſt? Wenn du ihm unrecht thuſt? Edith. Seit heute kenne ich ihn. Vernardi. So? Willſt du einen Ehemann danach taxieren, wie er ſich in der Fabrik mit den Arbeitern benimmt? Edith. Ja, danach taxiere ich ihn. Denn im Salon be— nimmt ſich einer wie der andre. Vernardi. Aber wenn er zu weit ging, ſo that er es doch zu deinem Beſten. Er kämpfte für dich. Er konnte doch nicht wiſſen, daß du auf einmal weltbeglückende Gedanken bekommſt. Cütilie. Ja gewiß, Edith. Du haſt ihn bis heute nicht ge— kannt; aber kannte er denn dich? Bernardi. Schon in der erſten Unterredung mit mir hat er be— tont, daß er ſeine Anſprüche nur nach den deinigen richtet. Immer wiederholte er: Ich will, daß es meine Frau bei mir ebenſo gut hat wie bei ihren Eltern; ich könnte ihr keine Einſchränkungen auferlegen. 150— Edith. Das hat er geſagt? Cäcilie. Und vielleicht gewinnſt du nur in ſeinen Augen, wenn er erfährt, daß du auf alles das verzichteſt. Stelle ihn wenigſtens auf dieſe Probe, das biſt du ihm ſchuldig. Edith. Ja, das will ich. Sage ihm, Papa, daß er mich verkannt hat; ſage ihm, daß er dir helfen ſoll den Streik beizulegen— ohne Rückſicht auf mich. Bernardi(klingelt). Das mußt du ihm ſelber ſagen. Martin(tritt auf). Bernardi. Führen Sie Herrn von Ottendorf hierher! Martin ab Hintergrund rechts.) Cäcilie. Gott ſei Dank— nun wird alles gut. Edith. Laßt mich mit ihm allein. Vernardi. Na alſo! Das wird noch die beſte Ehe. 0 (Bernardi, Cäcilie ab links.) 151— Sechſter Auftritt. Edith. Richard. Nichard (kommt in voller Balltoilette vom Hintergrund rechts und ſpricht nach dem Speiſeſaal zurüch). Das entwickelt ſich ja ganz nett... Nur nicht wieder ſo wenig Spieltiſche— und richtige Whiſtkarten— ver— „meine liebe Edith— wie fühlen Sie ſich? Sind Ihre Nerven wieder beruhigt? ſtanden?(Kommt nach vorn und bemerkt Edith.) Nun Edith. Ich danke— ſo leidlich. Nichard. In der That— ich war beſorgt— ſchon ganz ſo beſorgt wie ein junger Ehemann. Uebrigens— ſo eine kleine Douche iſt oft merkwürdig geſund— beſonders für junge Damen, die gern in alles ihr charmantes Näschen ſtecken.(Mit dem Finger drohend.) Ja, ja, Edithchen, ſo was thun wir nicht wieder.— Sie ſehen wirklich etwas blaß aus; aber das macht Sie um ſo intereſſanter. Sie werden heute Abend Furore machen. Edith. Sie ſind überraſchend gut gelaunt. Nichard. Feſtſtimmung. Ich habe ganz famos gefrühſtückt und habe mich dann ſofort in meinen Frack geworfen— für alle Fälle. Anzunehmen, daß die geſchäftliche Beratung mit Ihrem Papa etwas länglich wird; auf ſechs Uhr iſt eingeladen, und jetzt haben wir nach vier... Edith. Papa iſt ſehr verſtimmt und ſehr ratlos; deshalb wundert es mich, daß Sie... Nichard. Ich bin nicht ſo ſchnell kleinzukriegen; habe ſchon ganz anderen Affairen ſtandgehalten.... Läſtig iſt die Geſchichte ja; wird uns allemal unſer ſchönes Geld koſten. Aber die Herrſchaften haben ſich trotzdem verrechnet. In 0 f drei Tagen haben wir andere Arbeiter— die ſchwere Menge. Edith. Alſo Sie denken daran, ſie alle und auch die alten bewährten Leute zu entlaſſen? Nichard. Unerbittlich! Wer nicht Raiſon lernen will, dem muß man ſie beibringen— und zwar möglichſt hand— greiflich. Einfache Logik der Thatſachen. Edith. Aber wenn Sie ſich über die Thatſachen täuſchen... Nichard. Verſtehe nicht. Edith. Wenn Sie von einer falſchen Vorausſetzung aus— gehen. Nichard. Ueber die Herren Arbeiter? 1583— Gdith. Nein, über mich. Nichard. Sie belieben zu ſcherzen. Edith. Es iſt mir ernſt damit— ſehr ernſt. Sie müſſen endlich erfahren, daß Sie in einem großen Irrtum über mich begriffen ſind— vielleicht durch meine eigne Schuld. — Sie mußten glauben, ich könnte mir kein anderes Leben vorſtellen, als ich es bei meinen Eltern geführt habe. Sie mußten mich für verwöhnt halten, für anſpruchsvoll. Es war Rückſicht auf mich, wenn Sie vor allem an den äußeren Glanz unſeres Lebens dachten und wenn Sie danach handelten. Nichard. Bitte— war nur meine Pflicht. Edith. Nun denn— ich enthebe Sie dieſer Pflicht. Ich brauche das alles nicht; ich will es nicht; ja, ich bin es ſogar überdrüſſig.— Ich werde nie etwas von Ihnen fordern, was Sie mir nicht ohne Sorgen und Opfer ver— ſchaffen könnten, und die ſogenannten Freuden der großen Welt— auf die kann ich verzichten. Nichard. Verzichten! I, da kennen Sie mich aber ſchlecht. Meine Frau— und verzichten! Ganz im Gegenteil, Sie ſollen anſpruchsvoll ſein— aber äußerſt!— Das gehört einfach zu unſrer geſellſchaftlichen Poſition; das erfordert — 154— ſozuſagen meine Selbſtachtung. Eine Frau aus unſern Kreiſen muß mitmachen, muß ſich ſehen laſſen, muß den guten Ton angeben durch ihren Chic, durch ihre Eleganz.. Edith. Aber wenn wir zu alledem nicht die Mittel hätten? Nichard. Haben wir. Edith. Wodurch? Richard. Durch... nun, durch meine Arbeit. Edith. Vorerſt doch nur durch die Arbeit andrer— ja ſogar durch ihren Mangel. Und ich ſoll ihnen nehmen, was ſie notwendig brauchen, und damit bezahlen, was ich entbehren kann— was mir nicht einmal Vergnügen macht? Das kann ich nicht verantworten; das kann ich nicht ertragen.— Nun wiſſen Sie's, und nun bitte ich Sie, gehen Sie hin und ſagen Sie den Leuten, daß ſie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Nichard. Ich denke nicht daran! Edith. Haben Sie gehört— ich bitte Sie darum. Nichard. Sie reden wie ein Kind. 838 Edith. Alſo Sie wollen nicht! Nichard. Nein— und Sie werden mir's noch danken. Edith. Dann liegt alſo die Schuld nicht an mir, ſondern an Ihnen! Nichard. Ich werde ſie zu tragen wiſſen. Edith. Dann ſind Sie es, für den mein Vater unrecht thut— gegen ſeinen Wunſch, gegen ſeine Ueberzeugung. Richard. Ich könnte Sie fragen: Wie kommen Sie dazu, Ihrem künftigen Gatten gegenüber eine ſolche Sprache zu führen und Dinge zu erörtern, die ausſchließlich— ganz ausſchließlich in mein Reſſort gehören. Aber ich weiß ja, bei wem ich mich dafür bedanken muß— wer Ihnen all dieſen lieblichen Unſinn eingeredet hat. Ein recht ſauberes Handwerk das— die Braut gegen ihren Bräu— tigam aufzuhetzen. Edith. Sprechen Sie von Herrn Arndt? Nichard. Ja— ich geſtatte mir. Dieſer edle Streber kann es mir nicht verzeihen, daß ich ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht habe. Wenn man ſelbſt Abſichten hat auf ein Plätzchen am Familientiſch... 1156 Edith(erſt langſam begreifend, flammt auf). Wie? Dieſen abſcheulichen Verdacht wagen Sie... und gegen einen Mann, dem mein Vater, dem wir alle ſo viel verdanken! Nichard. Lehren Sie mich die Menſchen kennen! Edith. Nein, Herrn Arndt kennen Sie nicht! Sonſt würden Sie ſich vor ihm ſchämen. Nichard. Wird ja immer beſſer. Edith. Er war der Lieblingsſchüler Ihres Vaters, und— wenn Sie es wiſſen wollen— er hat mehr gethan für das Andenken Ihres Vaters— weit mehr als Sie! Nichard. Jetzt hab' ich das nachgerade ſatt!— Seit dem Augenblick unſrer Verlobung benutzen Sie jede Gelegen— heit, um mir anzudeuten, daß ich für Sie nichts andres bin als der Sohn meines Vaters. Edith. Was ſind Sie denn ſonſt? Vichard. Ein Mann bin ich! Gdith. ſind der Sohn Ihres Vaters— genau ſo, wie 157 ich bis heute nichts andres war als die Tochter meines Vaters. Das iſt unſer einziges Verdienſt. Nichard. Fabelhaft! Edith. Alles alles verdanken wir unſern Vätern; wir ſelbſt haben nichts dazu gethan, nicht das Geringſte. Ich empfinde das heute wie eine Laſt und wie eine Schuld— und ich bin ein Mädchen. Aber Sie ſind ein Mann— Sie ſagen es ja ſelbſt! Was haben Sie gethan, um ſich Ihres Vaters würdig zu machen? Nichard. Wetter auch— ich habe mir eine Stellung er— rungen... Edith. Die Stellung hat er Ihnen errungen durch ſeine Arbeit. Den Adel hat er Ihnen erſchrieben durch Werke, die Sie nicht einmal geleſen haben. Nichard. Bombenelement— dafür habe ich Beſſeres gethan! Ich habe das Leben kennen gelernt; ich bin ein ganzer Kerl geworden. Rechnen Sie das für nichts? Und da ſoll ich alles meinem Vater verdanken? Hat denn mein Vater ſich überhaupt um mich gekümmert? Ja, wenn ich mich zum Stubenhocker ausgewachſen hütte— zum Bücherwurm. Aber als er ſah, daß ich dazu keine Luſt verſpürte, da ſteckte er mich in eine Penſion und hielt mir alle Weihnachten, wenn ich zu Beſuch nach Hauſe — 158 kam, eine Strafpredigt. Er war eben ein Pedant, mein berühmter Papa; er hat mich nie verſtanden. Edith. Sie ihn noch weniger. Nichard. Jetzt möchte ich Sie aber doch wirklich fragen: Haben Sie ſich mit meinem ſeligen Vater verlobt oder mit mir? Edith(ſieht ihn ſtarr an). Mit Ihnen!— Nichard. Dann darf ich auch gebieteriſch verlangen, daß Sie mich um meiner ſelbſt willen ſchätzen! Edith. Das Gleiche habe ich von Ihnen verlangt— in dieſer Stunde, und Sie haben es verweigert. Nichard. Verweigert! Wenn ich den Streik bekämpfe... Edith. Sie haben zuerſt geſtreikt. Nichard (der ſich von jetzt an bemüht, die Sache komiſch zu nehmen). Hähä— das iſt gut! Edith. Oder wie nennen Sie es, wenn man die günſtige Konjunktur benutzt? 65998 Nichard. Ich ſoll2 Edith. Ja, Sie haben erkannt, daß heute das Angebot von heiratsfähigen jungen Herren kleiner iſt als die Nachfrage, und deshalb haben Sie Ihren Lohn in die Höhe ge— trieben. Nichard. Welchen Lohn denn? Edith. Den Lohn, den Sie von meinem Vater verlangten, als Sie um meine Hand anhielten. Nichard. Köſtlich, köſtlich! Edith. Sie haben ſich verkauft! Und Sie wollen ein ganzer Mann ſein!— Vichard(mit krampfhaftem Lachen). Hahaha! Seht mir doch dies kleine Mädchen! Das will ſchon wiſſen, was ein ganzer Mann iſt!— Seine Stimme wird heiſer.) Vor mir haben ſchon Männer ge— zittert; vor mir haben ſchon Weiber auf den Knieen ge— legen— und auch dich, auch dich werde ich zähmen! (Er zieht ſie mit Gewalt an ſich.) Edith(ſtößt ihn mit der Kraft des Abſcheus zurück). Fort! Ich verachte Sie! Nichard(aufſchreiend). Ah! 160 Edith (wirft ihm ihren Verlobungsring vor die Füße). Hier!— Das war das Letzte!— Nichard. Edith! Edith(mit verändertem Ton, aufjubelnd). Und nun bin ich frei!(Ab links.) Siebenter Auftritt. Richard(allein. Dann) Martin. Nichard (ſcheint einige Augenblicke ratlos und unentſchloſſen. Er geht auf und ab, ſtreicht ſich den Schnurrbart, kommt endlich zur Klarheit über die Situation. Mit einer Bewegung, welche erkennen läßt, daß er zu einem Entſchluſſe gekommen iſt, drückt er auf die elektriſche Klingel). Martin (kommt vom Hintergrund rechts, mit einer japaneſiſchen Schale voll Spielkarten). Herr Baron befehlen? Nichard. Sagen Sie Herrn Bernardi, ich laſſe ihn bitten, ſo— gleich hierherzukommen. Martin. Sofort.(Z8eigt Richard die Karten.) Herr Baron ent— ſchuldigen, ſind das die richtigen? Nichard(gedankenlos). Jawohl. 161 Martin (findet, während er abgehen will, den am Boden liegenden Ring und hebt ihn aufj. Haben Herr Baron das verloren? Nichard (deutet ihm durch eine energiſche Bewegung an, ſich zu entfernen). Mlartin (legt den Ring auf den Tiſch links und geht ab links). Achter Auftritt. Richard.(Gleich darauf) Bernardi. Nichard (geht zum Tiſch, zieht ſeinen Ring vom Finger, legt ihn hin, ent fernt ſich vom Tiſch, kehrt wieder zurück, nimmt den Ring Ediths und ſteckt ihn in die Taſche). Vernardi (kommt von links, von Martin gefolgt, welcher gleich rechts abgeht). Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht... Nichard. Herr Bernardi... ich ſetze voraus, daß Sie bereits Kenntnis erlangt haben... Vernardi. Meine Tochter hat mir ſoeben geſagt... Aber— wollen Sie nicht Platz nehmen?(ichard bleibt ſtehen.) Ich bin wie vor den Kopf geſchlagen... Eine ſo entſetzliche Situation. Nichard. Ich nehme an, daß unſer gegenſeitiges Taktgefühl... Fulda, Das verlorene Paradies 11 162 Vernardi. Jawohl... aber trotzdem iſt es ſo überaus peinlich... Nichard. Herr Bernardi— bei aller Delikateſſe— bei aller Schonung berechtigter Gefühle kann ich mich der That ſache nicht länger verſchließen, daß zwiſchen Ihrer Toch ter und mir ein gedeihlicher Ehebund undenkbar iſt. Bernardi. Ich glaube doch, meine Tochter hat zuerſt... Nichard, Die Anſchauungen Ihrer Tochter ſind derart über ſpannt— ja, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, verſchroben... Es mangelt ihr ſo ganz die erforderliche Weiblichkeit... Vernardi. Bitte— über meine Tochter bedarf ich keiner Be— lehrung. Nichard. Ich habe bis jetzt gehofft, dem ſteuern zu können durch eine— wie ich wohl ſagen darf— durchaus liebe volle Behandlung. Aber der heutige Tag hat mir zur Evidenz bewieſen, daß ich kein Entgegenkommen finde, kein Verſtändnis, keine Spur von Seelenharmonie und wenn Sie nicht im ſtande ſind, Ihrer Tochter die Einſicht beizubringen Bernardi. Ich habe auf die Einſicht meiner Tochter keinen Ein— fluß mehr— noch weniger auf ihren Willen. Sie iſt majorenn. 163 Nichard. Sie werden es alſo erklärlich finden, wenn ich die Initiative ergreifen mußte... Vernardi Erlauben Sie— die hat meine Tochter ſchon er— griffen.(Bewegung Richards.) Wir wollen nicht weiter unterſuchen, wer der ſchuldige Teil iſt; das hat auch jetzt keinen Zweck. Ich beklage nur aufs tiefſte, daß es ſo weit hat kommen müſſen. Nichard. Meinerſeits!—(Kleine Pauſe.) Vernardi. Natürlich... auf dieſe Weiſe wird unſre geſchäft— liche Vereinbarung... Richard(raſch einfallend). Es iſt ſelbſtredend, daß Sie auf mein volles Ent— gegenkommen rechnen dürfen. Bernardi. Ich danke Ihnen. Nichard, Nur in einem Punkte bin ich unerbittlich— abſolut unerbittlich. Bernardi. Was meinen Sie? Nichard. Ich kann nicht eine Stunde länger Ihr Teilhaber 164 ſein. Ich lehne es rundweg ab, Ihnen ferner noch meine Kraft zur Verfügung zu ſtellen.(ach einer kleinen Pauſe, förmlich grüßend.) Herr Bernardi. (Er geht erhobenen Hauptes ab.) Neunter Auftritt. Bernardi.(Gleich darauf) Cäcçilie. Vernardi (geht zur Thüre links und ruft hinein). Cäcilie! Cücilie(von links). Ach Gott, ich ſehe dir's an— es iſt alles aus! Vernardi. Jawohl— mit dem ſind wir fertig. Cärilie. Ach, daß wir ſo etwas erleben mußten! Bernardi (ſetzt ſich und trocknet ſich die Stirn). Ja, wahrhaftig— an den Tag werd' ich denken! Martin (erſcheint Thüre Hintergrund rechts). Gnädige Frau— jetzt iſt alles in Ordnung. Sollen wir die Lichter anzünden? Cäcilie. Ich komme gleich!(Martin ab.) Julius— ich bitte dich— was ſoll jetzt geſchehen? Bernardi(apathiſch). Ich weiß nicht. Laß mich zufrieden. 165 Cüärcilie. Willſt du heute ſechzig Menſchen empfangen? Bernardi(aufſpringend). Nein, das geht nicht! Cüätilie. Wir müſſen augenblicklich abſagen. Vernardi, Laß die Lohndiener überall herumfahren... Cätilie. Wenn nur noch Zeit iſt... Zehnter Auftritt. Vorige. Hans.(Dann) Edith. Hans (kommt raſch nach vorn). Herr Bernardi... Vernardi(ihm entgegen). Mein lieber Arndt... das iſt ſchön, ſehr ſchön... (Zzu Cäcilie.) Beſorge das einſtweilen... Gu Hans.) Nehmen Sie Platz...(Zu Cäcilie, die nach rechts geht.) Sie ſollen ſich Droſchken nehmen... Cäcilie ab rechts.) Hans. Ich komme ungelegen... Vernardi. Ganz im Gegenteil— ich freue mich— ich bin 166 nur etwas... Hoffentlich wollen Sie mir ſagen, daß Sie bleiben. Hans. Nein, das nicht. Bernardi lenttäuſcht). Nicht! Und wenn ich Ihnen viel günſtigere Bedin— gungen...(Auf eine abwehrende Bewegung von Hans.) Auch dann nicht? Und trotzdem kommen Sie zu mir? Hans. Ich habe, Ihrer Tochter verſprochen, mein möglichſtes zu thun zur Beilegung des Streiks. Und deshalb iſt es meine Pflicht, Ihnen ſofort zu ſagen, daß vielen unſrer tüchtigſten Arbeiter ſchon anderweitige Beſchäftigung in Ausſicht ſteht... Vernardi lerſchrocken). Wirklich? Hans. Heute Abend findet eine Verſammlung der Streiken— den ſtatt. Ich ſagte mir: Vorher muß noch eine Ver— ſtändigung verſucht werden, muß noch etwas geſchehen. Bernardi. Unbedingt. Hans. Ich habe deshalb einen eigenmächtigen Schritt gethan. Ich habe die Deputierten der Arbeiterſchaft hierherbe— ſtellt— vor Beginn der Verſammlung. Nur dies wollte ich Ihnen mitteilen. Schickt ſich an zum Gehen.) Bernardi. Und Sie wollen mich wirklich verlaſſen? 167 Edith (erſcheint, von den beiden unbemerkt, in der Thür links). Hans. Ich muß, Herr Bernardi. Ein Zuſammenwirken mit Ihrem neuen Teilhaber iſt mir unmöglich. Bernardi. Da gibt es noch einen andern Ausweg. Hans. ie? Vernardi. Daß mein Teilhaber geht. Edith (eilt auf ihren Vater zu und fällt ihm leidenſchaftlich um den Hals). Papa— lieber guter Papa! Bernardi(zu Hans). Ja— ſehen Sie— meine Tochter hat meinem Teilhaber gekündigt. Hans (ſehr bewegt, kaum eines Wortes mächtig). O— das iſt Edith. Herr Arndt— darf ich eine Bitte an Sie richten? Hans. Mein Fräulein— Sie— eine Bitte?— Edith. Bleiben Sie bei meinem Vater.— Ich weiß, Sie müſſen dabei auf manchen Wunſch verzichten. Aber ich 168 denke mir— für ſo viele Menſchen zu ſorgen, zum Wohl ſo vieler zu arbeiten— das iſt doch auch ein Glück. Hans (reicht ihr in ſtummer Ergriffenheit die Hand). Elfter Auftritt. Vorige. Cäcilie.(Dann) Martin.(uletzt) Mühlberger. Kraus. Franke. Cäcilie(zurückkommend). So— das wäre beſorgt. Die Feſtgenoſſen ſind beſeitigt.— Martin(vom Hintergrund rechts). Herr Bernardi— ſoeben ſind Leute gekommen. Bernardi(ſehr erſchrocken). Da haben wir's. Alſo doch ſchon Gäſte! Mlartin. Nein— es ſind nur Arbeiter. Edith(mit leuchtenden Augen). Papa— nun weißt du doch, welche Antwort du ihnen geben kannſt! Bernardi (legt lächelnd den Arm um ihre Schulter; dann zu Martin). Laſſen Sie die Arbeiter eintreten. Martin(löffnet die Flügelthür). (ẽMan ſieht in den erleuchteten Saal. Während aus demſelben Mühl⸗ berger, Kraus und Franke in ihren Sonntagsröcken hereinkommen und Bernardi ihnen freundlich entgegengeht, fällt der Vorhang.) Ende. NNNNNN DD W 2 22 . NNRNNSVJANNNNxxxxNN 22 2 2 22 2 D Æ S J 22