GNN 8 3 74 NIN 7 125 28 . 75 4 81 6 eeee — 2 SNNN NNIN N N 4 Die Schule der Frauen. RRLE Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen gegenüber als Manufcript gedruckt. von A. Wernicke componierten Muſik(& vice versa) zu erwerben und wird durch die Direction der Deutſchen Genoſſenſchaft dramatiſcher Autoren und Componiſten(Leipzig, Nürnbergerſtraße 47, J.) vermittelt. Me. N. Fiſcher. Das Aufführungsrecht iſt nur zuſammen mit der eigens dafür die Schule der Luſtſpiel in 5 Akten von Moliére neu überſetzt und als Bühnenſtück von 3 Aufzügen mit Zwiſchenſpiel und Tanz bearbeitet von M. A. Tiſcher. 1*——— n 4* 8— 33 0 Muſik von R. Wernicke. Zum erſten Mal den 6. Mai 1892 am Mannheimer Hof⸗ und Nationaltheater aufgeführt.) Maunheim. Uruck von ax Bahn§ Pomp. 1892. 3 iie 4 N&,; dss 0— f I N ν I NN N N K NNN N NN 2 Doch die Liebe fand den Weg. Aus des Labyrinthes Pfaden Leitet ſie mit ſicherm Faden, Auch den Blöden macht ſie klug, Beugt ins Joch die wilden Thiere, Spannt die feuerſprüh'nden Stiere Vor den diamant'nen Pflug. Schiller. Sur Giuführung. Die Liebe, herzliches Wohlgefallen zweier Weſen an einander, inniger Einklang der jugendlich fühlenden Seelen, feuriges Gelöbniß des Lebens Laſt und Mühen zuſammen zu tragen und nur eines in dem andern ſein Glück zu ſuchen, ja dieſe Liebe ohne berechnenden Eigennutz ſtiftet die guten Ehen, auf welche die Geſellſchaft ihre Hoffnung auf Fortdauer gründet, in denen der Staat ſeinen Anſpruch auf Nachwuchs tüchtiger Bürger befriedigt ſieht. Und wie ſie die Thatkraft des Mannes erhöht, ſo iſt ſie es auch, die recht eigentlich die Erziehung des Weibes vollendet, indem ſie ſeinen Gedankenkreis erweitert, ihm Muth und Geduld für die Kämpfe des Lebens ſtählt und jene Aufopferungsfähigkeit erzeugt, mit der es ſeine Aufgabe am ſchönſten und vollſten zu löſen vermag. Dieſe Wahrheit iſt alt und bekannt; ſie iſt durch Dichter zu lebendiger Anſchauung gebracht, der Phantaſie und dem Gefühle näher gelegt; ſie hat ſich in der Geſchichte der Völker bewährt, und das deutſche Volk dankt vornehmlich ſeine Kraft und Ausdauer dem ſinnigen Ernſte, mit dem es das Inſtitut der Ehe als ein heiliges auffaßte und auf ſeine wahren Grundlagen ſtellte. Aber gerade weil dieſe Wahrheit ſo alt und bekannt iſt, wird ſie am häufigſten verkannt und vergeſſen; ſog. Vernunft⸗ heiraten greifen immer mehr Platz, und eine frivole Philoſophie nahm nicht erſt heute davon Text, das ganze ehrwürdige Inſtitut zu verdächtigen, als ein verwerfliches hinzuſtellen und davon die ſ. g. reine Liebe abzutrennen, ein Unding, dem die Vernichtung unſrer ganzen europäiſchen Civiliſation auf dem Fuße folgen würde. Um ſo mehr müſſen wir es denen danken, die uns immer von neuem durch Lehre und That auf den rechten Weg hinlenken, vor den Verirrungen des Zeitalters bewahren und das einzig Edle und zu Erſtrebende andeuten. Einer unſrer größten deutſchen Söhne, Schiller, hat das Beiſpiel einer guten Ehe gegeben, und wie er ſich das Verhältniß des Mannes zur Frau denkt, hat er ſelbſt ſeiner Erwählten noch als Bräutigam in ernſter Stunde ausgeſprochen; als einige zu feurige Herzensergießungen IN gegen die künftige Schwägerin bei der zaghaften Lotte Bedenken erregten, ſie zwiſchen Eiferſucht und Reſignation ſchwanken machten, ſchrieb er ihr, jeden Zweifel daran, daß ſie und nur ſie die Einzige ſei, zerſtörend:„Nein, Lotte, dir gehörte dies Herz vom erſten Blick. Auch Karolinen durfte ich lieben, aber anders als Dich. Was Karoline vor Dir voraus hat, mußt Du von mir empfangen. Deine Seele muß ſich in meiner Liebe entfalten, und mein Geſchöpf mußt Du ſein; deine Blüte muß in den Frühling meiner Liebe fallen.“ Und in demſelben Sinne hat er uns das Ideal eines deutſchen Liebespaares in Max und Thekla geſchaffen. Aber auch ältere Zeugniſſe von der hohen Bedeutung der ächten Liebe für ein wohlorganiſirtes eheliches Leben ſind willkommen, und vor allen verdient aus der klaſſiſchen Zeit der Franzoſen eine Stimme hervorgerufen und auch der deutſchen Geſellſchaft wieder zu Gehör gebracht zu werden. Es iſt Molières Schule der Frauen, und um kurz zu ſagen, was uns zumeiſt an dieſer liebenswürdigen Schöpfung anſprechen darf: in Molières Horaz und Agnes iſt in heiteren bürgerlichen Verhältniſſen vorgebildet, was Schiller mit Max und Thekla in die großen tragiſchen Weltgeſchicke verpflanzte. Ich habe zwar vergeblich in brieflichen Aeußerungen und ſonſtigen Erinnerungen aus der jena⸗weimarer Zeit nach einem urkundlichen Belege dafür geſucht, daß Schillern, als er den Wallenſtein dichtete, Molières Komödien vorge— legen haben; auch iſt mir von keinem Aeſthetiker oder Kritiker ein Verſuch bewußt, insbeſondere die Beziehungen der Figuren der Schule der Frauen zu denen des Wallenſtein klar zu ſtellen; aber wie wir aus der Rede des Jägers in Wallenſteins Lager: Wie er räuſpert und wie er ſpuckt, Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt; Aber ſein Genie, ich meine, ſein Geiſt Sich nicht auf der Wachparade weiſt, beſtimmt vorausſetzen dürfen, daß dem Dichter die Stelle der gelehrten Frauen: Quand sur une personne on prétend se régler, C'est par les beaux cbtés qu'il faut lui ressembler, Et ce n'est point du tout la prendre pour modéle, Ma soeur, que de tousser et de cracher comme elle, vorgeſchwebt habe, ſo kann ich nicht umhin, in den folgenden Parallelen der Schule der Frauen und des Wallenſtein deutlich zu erkennen, daß Schiller in gewiſſem Maße von Molieére angeregt und inſpirirt geweſen iſt. Arnulf, von ſeiner Reiſe zurückkehrend, erfährt, daß während der Zeit Horaz in ſeine Wohnung eingedrungen iſt und ſich das Herz der jungen Agnes, mit der er ſich vermählen wollte, erobert hat, und ruft auf ſich ſelbſt zürnend aus: Eloignement fatal! voyage malheureux! Und Octavio, der gewahrt, daß ſein Sohn Max die Frauen ins Lager ten, ihr, abholend unterwegs ſein Herz an Wallenſtein's Tochter verloren hat, gebraucht 7——4 8 0 Jbl faſt buchſtäblich dieſelben Worte: ich Verwünſcht, dreimal verwünſcht ſei dieſe Reiſe! Du Agnes, von ihrer mangelhaften Bildung ſprechend, macht ihrem eigennützigen und Vormund das rührende Bekenntniß, daß nur ihr Liebhaber es ſei, der das iner Beſte für ihre Belehrung gethan habe: chen 50 5 5 5 C'est de lui que je sais ce que je peux savoir, iet Et beaucoup plus qu' à vous je pense lui devoir. iebe llen Und Thekla, die von ihrer Tante auf die Pflichten ihres Ranges, der ſie ufen über den Geliebten ſtellt, hingewieſen wird, macht ganz dasſelbe Geſtändniß, S8 nur in gewählterer Form und tiefer gehender Bedeutung: neiſt Ich bin die ſeine. Sein Geſchenk allein 9925 Iſt dieſes neue Leben, das ich lebe. iller Er hat ein Recht an ſein Geſchöpf. Was war ich, Ich Eh' ſeine ſchöne Liebe mich beſeelte? igen ini if 5 ucht Noch mehr; auch der bürleske Ehekodex, von dem Agnes einige Artikel leſen Wüe muß, findet ſein Echo in den ſatiriſchen Auslaſſungen Thekla's über ihre klöſterliche i: cſuch klöſterliche Erziehung auen So wurde mir's im Kloſter vorgeſagt. des Ich hatte keine Wünſche, kannte mich Als ſeine Tochter nur, des Mächtigen, Und ſeines Lebens Schall, der auch zu mir drang, Gab mir kein anderes Gefühl als dies: Ich ſei beſtimmt, mich leidend ihm zu opfern. Wenn Agnes zuerſt in gemeſſenem Tone den Drohungen Arnulf's mit 15 körperlicher Züchtigung antwortet: Hélas! vous le pouvez, si cela peut vous plaire, ſo iſt es jetzt Max Piccolomini, der Wallenſtein gegenüber faſt dieſelben Worte hat: Du wirſt mit mir verfahren, wie du Macht haſt. der Der Trotz des jungen Mädchens, das ſchließlich in der Verzweiflung ſich zum Wain Fenſter hinaus ſtürzen will, hat ganz ſein Gegenbild in den ſtolzen Worten nulf 0„. 0 f Thekla's, die ohne den Zorn des mächtigen Vaters zu fürchten allen Vor— 0 1 haltungen der Gräfin Terzky unerſchrocken erwidert: mi Er ſoll in mir die ächte Tochter finden. aus: Was niemand wagt, kann ſeine Tochter wagen. 88 Dieſe Uebereinſtimmungen ſind doch mehr als zufällig; aber ſie machen uns das Erzeugniß der molisriſchen Muſe, an dem ſich ein Geiſt wie Schiller erwärmte, um ſo lieber und werther, und erregen gewiß den Wunſch, das⸗ ſelbe auf der deutſchen Bühne wieder eingeführt und dauernd eingebürgert zu ſehen. Der pſychologiſche und ethiſche Gehalt des Stückes iſt bedeutend, und wie ſeinerſeits der Wallenſtein mit ſeiner Auffaſſung des Liebesverhält niſſes wohlthätig gegen die Ausſchweifungen der Lueinde und ihrer romantiſchen Verehrer reagierte, ſo könnte heutiges Tags füglich ſein beſcheidenes Gegen— ſtück oder Vorbild gegen die unſinnigen Uebertreibungen Ibſens und ſeiner jüngſtdeutſchen Geiſtesverwandten ins Gefecht geführt werden. Aber der Form und Faſſung nach ächt künſtleriſch angelegt, iſt die Schule der Frauen ſo weit als möglich von jeder oſtenſiblen Tendenzverfolgung entfernt. Obwohl ſich ſtarke Anſätze zur Ausbildung des höhern Genres, der Charakter- und Sittenkomödie, zeigen,— ſo die Zeichnung Arnulfs und ſelbſt Agneſens und Horazens, die Kritik der zeitgenöſſiſchen Eheſtandsſitten, einige pathetiſche Situationen,— ſo will das anmuthige Luſtſpiel doch nichts weiter ſein und iſt auch nichts anderes als eine harmloſe Intriguenkomödie, aber von ſo virtuoſer Natur, als hätte Molière noch zum letzten Mal alle ſeine außer— ordentliche Geſchicklichkeit Verwickelungen zu ſpinnen, zu durchbrechen, wieder anzuknüpfen, zuſammen genommen, ehe er dieſe Gattung zu Gunſten der höheren Conceptionen eines Miſanthrope, eines Avare, eines Tartuffe verließ. Die Moralpredigt verſteckt ſich unter dem heitern Spiel mit Thaten und Be⸗ gebenheiten, Planen und Enttäuſchungen, und die mit Spannung verfolgten Abenteuer, wovon das Wichtigſte und Drolligſte gerade iſt, daß ſie am un rechten Orte erzählt werden, gewähren ein reines Vergnügen. Dieſes anſpruchloſe und hochpoetiſche Auftreten des Originals gab aber auch dem Ueberſetzer einen wohl zu beachtenden Fingerzeig. Wenn ich be— hauptete, bei Anpaſſung des ernſteren Luſtſpiels„Gelehrte Frauen“ an die deutſche Bühne müſſe der unſerm Geſchmack mehr zuſagende fünffüßige Blank⸗ vers gewählt werden, wie ihn Shakeſpeare und Schiller überhaupt für die dramatiſche Poeſie feſtgeſtellt haben, ſo liegt hier die Sache doch anders. Ss ſoll ja die angenehme Illuſion hervorgebracht werden, daß das Ganze nichts iſt als Scherz und Neckerei. Für dieſen Zweck ſchien mir der Alexan⸗ driner das Angemeſſenſte, der mit ſeiner ungewohnten veralteten Muſik weit weg aus der Wirklichkeit in ein ideales Reich der Träume entführt. Freilich, um dieſen Vers, deſſen eintöniges Gehack ſo übel aufſtößt, den heutigen Ohren noch annehmbar zu machen, mußte man ſich einige Freiheiten erlauben, hauptſächlich durch öftere Verrückung der intellectuellen Cäſur, wobei jedoch die formale Cäſur in der Mitte, ohne die es gar keinen Alexandriner gibt, ſtreng beobachtet blieb. Im Reim wurde möglichſte Reinheit und auch einige Neuheit erſtrebt. CCCCC r chen iller aS gert end, zält chen gen iner der zuen wohl und und iſche und n ſo ißer⸗ ieder der rließ. Be⸗ lgten mun aber h be⸗ n die lank⸗ ir die iders. Vanze exan⸗ weit eilich, itigen zuben, jedoch gibt, einige Um früh genug auf die ſehr unerwartet kommende Entwicklung hin— zuweiſen, etwas wirkſamere Aktſchlüſſe zu gewinnen und die Zuſchauer noch beſſer über die ernſte Bedeutung des Stückes hinwegzutäuſchen, wurden einige Füllſeenen, Zwiſchenſpiele mit Tanz gewagt. Man ſuchte natürlich dieſe Zuthaten ganz im Stile Molières zu halten, wie ſie der Meiſter ſelbſt nicht blos ſeinen Gelegenheitsdichtungen und Poſſen(wie 1es Fächeux, le Malade imaginaire) ſondern auch größeren Charakterſtücken(wie 1e Bourgeois gentilhomme) einfügte. Dazu gehörte ſelbſtverſtändlich auch einleitende und begleitende Muſik. Dieſe Schweſterkunſt ſollte überhaupt nie ihr Recht auf⸗ geben zur würdigen Ausſtattung klaſſiſcher Dichterwerke mitzuwirken. Die Bühne iſt ſo einzurichten, daß der Vordergrund rechts durch Arnulfs Haus mit vorliegendem kleinem Gehöft, in welchem die bäuriſchen Diener zuerſt hinter der Hausthüre erſcheinen, links durch ein Haus mit offenem Durchgang, in welchen Arnulf im 5. Akt mit Agnes eintritt, gebildet wird. Hinter dem Hauſe rechts iſt die Allee, die ſich an der abgekehrten Faſſade vorbeizieht und deren vordere Bäume in die Seene hereinragen können; links hinten denke man ſich den Weg nach der Stadt; den übrigen Hintergrund kann eine landſchaftliche Decoration ausfüllen. Perſonen. Arnulf, anders genannt Herr von Strunk. Agnes, junges unſchuldiges Mädchen, von Arnulf auferzogen. Horaz, Liebhaber der Agnes. Alan, Bedienter Arnulfs. Georgette, Bäuerin, Magd Arnulfs. Chriſa d, Freund Arnulfs. Enrico, Schwager Chriſald Oront, Vater des Horaz, Ein Notar. Magdalene, eine alte Bäuerin. ds. alter Buſenfreund Arnulf Spaziergänger.— Straßenjugend.— Landleute. Der Schauplatz iſt in den Außenwerken einer Stadt. Dem Aufzug des Vorhangs geht Orcheſterſpiel als Einleitung vorher. Der Gedanke von der Macht der Liebe, die alle Hinderniſſe beſiegt und die eigentliche Schule des Weibes iſt, ſoll darin angedeutet werden. 722 2 *2 I K r 7 2*— 2 7 L 8 R Erſter Nukzug. (Erſter Akt Moliére's). Erſter Auftritt. en. Chriſald, Arnulf(beide aus der Stadt kommend, im Geſpräche) Chriſald. Ihr kommt, verſteh' ich recht, um ihr die Hand zu reichen? Arnulf. Ja, morgen ſoll's geſchehn. Chriſald. Ein Wagſtück ſonder gleichen! Seht, wir ſind hier allein und können ungeſtört Zuſammen ſprechen, was kein Unberufner hört. Soll ich aufrichtig euch als Freund mein Herz erſchließen? Ich fürcht', aus eurem Plan wird wenig Heil erſprießen. Wie ihr es wenden mögt: es bangt mich; eine Frau Zu nehmen iſt für euch ein Streich, mehr kühn als ſchlau. her. Arnulf. die Wahr iſt es, guter Freund: ſeid ihr für euch verlegen, So kann es wohl für mich zu fürchten euch bewegen: Vielleicht hat eure Stirn ſchon ſolch ein Reif geſchmückt, Beweis, daß man zur Eh' ſtets dieſe Blüten pflückt. Chriſald. Wer hindert's, wenn das Glück ſo ſeine Launen übet? Ein Dummkopf iſt mir nur, wer ſich darob betrübet. Doch wenn um euch mich bangt, ſo macht's der arge Hohn, Den mancher Ehemann von euch erfahren ſchon. Ihr wißt es ſelbſt zu wohl, wie weder Volk noch Adel Jemals geſichert war vor eurem ſcharfen Tadel; Mit Schadenfreude ſpürt ihr, wo ſich's treffen mag, Geheime Sünden auf und zieht ſie an den Tag. Arnulf. Ei freilich, gibt's denn auch noch einen Ort auf Erden, Wo Ehemänner gar ſo leicht betrogen werden? Sieht man denn hier ſie nicht in übergroßer Zahl, Die ihrem Schickſal ſich bequemt nach eigner Wahl? Der häuft ſich Schätze an, worauf die Frau die Sachen Austheilt an Leute, die auf ſeine Koſten lachen. Ein andrer, glücklicher bei nicht geringrer Schmach, Sieht, wenn man ſeine Frau beſchenkt, es gerne nach Und läßt durch Eiferſucht ſich nie den Sinn verkehren; Denn, ſagt ſie ihm, man will nur meine Tugend ehren. Der macht zwar vielen Lärm und doch nichts ungeſchehn, Der andre läßt das Ding in aller Stille gehn, Und wie den Seladon er ſieht von weitem kommen, Wird fein zum Ausgang gleich Handſchuh und Hut genommen. Die eine(liſtig Weib) nennt ihren Hausgalan Ganz ſpöttiſch im Vertraun dem braven Ehemann; Der träumt ſich ſüßbeglückt bis in die Morgenfrühe, Bedauert den Galan für nicht verlorne Mühe. Die andre, eifrig zur Entſchuld'gung ihrer Pracht, Sagt, ſie gewinn' im Spiel den Aufwand, den ſie macht; Ihr Gimpel, ohne die Natur des Spiels zu ahnen, Dankt Gott für den Gewinn, der treu folgt ihren Fahnen. Kurz, überall iſt Stoff zu der Satire da, Und ich zuſchauend ſoll nicht lachen? hahaha! Verdienen ſie's? Chriſald. Ja, doch wer über andre ſpottet, Fürchte, was wider ihn ſich bald zuſammenrottet. nen. N. ottet, Was in der Welt geſchieht, davon gehn Reden um; Sich es erzählen freut ein müß'ges Publikum; Auch mir kommt's zu Gehör; doch was ſie nur verbreiten, Nie ließ ich mich darob zu Hohngeſchrei verleiten. Ich halte mich zurück, und wenn gelegner Zeit Wohl höchlich mir mißfällt elende Duldſamkeit, Wenn ich nicht willens bin, in gutem hinzunehmen, Was manche Männer zu ertragen nicht ſich ſchämen, So ließ ich nie mich geh'n in wildem Zornesbraus; Denn dieſes fordert die Satiren ſtets heraus, Und ſich verſchwören mag in ſolchem Fall nicht paſſen, Was man zu thun gedenkt, was man wird unterlaſſen. Darum, wenn meiner Stirn geſchäh' durch Schickſalsliſt Ein böſes Ungefähr, wie's menſchenmöglich iſt, Bin ich nach meiner Art zu leben ziemlich ſicher, Es gäb' in's Fäuſtchen da nur ſo ein leis Gekicher; Vielleicht hätt' ich ſogar noch dieſen Vortheil dann, Daß man gutmüthig ſpricht: Schad' für den braven Mann. Jedoch mit euch, fürwahr, Gevatter, ſteht's verſchieden. Der Teufel reitet euch; ihr habt es nie gemieden, Auf Ehemänner, die man feiger Schwäche zeiht, Zu ſchleudern frechen Muths der Zunge Fertigkeit; Ja, wie ein Dämon ſeid ihr auf ſie losgefahren: Drum haltet euch gerad, um eure Haut zu wahren. Wenn ihr an eurer Ehr' die kleinſte Blöße gebt, Seht zu, welch' einen Lärm euch Straß' und Markt erhebt. Arnulf. Ach Gott, mein lieber Freund, ihr braucht euch nicht zu quälen: Das muß ein Schlaukopf ſein, der mich ertappt auf Fehlen. Ich weiß die Hinterliſt, den feinen Fadenſchlag, Womit ein ſchlechtes Weib uns überſtricken mag. Da ihr Verſtand es iſt, der immer uns belüget, Sann ich ein Mittel aus, ein ſichres, das nicht trüget. Die ich zur Frau mir nehm', iſt ſolcher Unſchuld Bild, Daß nimmer meiner Stirn' ein böſer Schmuck entquillt Chriſald. Was kann die Dumme euch nach eurer Meinung nützen? Arnulf. Die Dumme nehmen heißt vor Dummheit ſich beſchützen. Sei eure Hälfte brav, ich glaub's als guter Chriſt; Doch ſchlimm iſt's, wenn die Frau gar zu verſtändig iſt, Und mir bekannt iſt, was es manchem eingetragen, Daß allzu hoch empor der Frau Talente ragen. Ha, ich belüde mich mit einer Frau von Geiſt, Die nur um Frühbeſuch und Aben idkränzchen kreist, Die Vers und Proſa macht zu ihren ſchönen Thaten Und ſich läßt huld'gen von Marquis und Litteraten, Indeſſen ich als Mann von der gelehrten Frau Vergeſſen ſitze da, als wie der Dachs im Bau? Nein, nein, ich bin kein Freund von dem erhabnen Streben; Die Dichterin weiß mehr, als was ſie braucht für's Leben. In keiner Wiſſenſchaft ſei meine Frau daheim; Ja nicht einmal bekannt ſei ihr, was iſt ein Reim. Wenn ſie beim Pfänderſpiel umher nach Reimen frägen,— Es kommt an ſie die Reih', man gibt ihr„Galawagen“,— Soll ſie mit Zuverſicht drauf reimen„Zuckerbrod“. Kurzum, nichts wiſſe ſie,— es iſt der Unſchuld Tod, Und was verlang' ich mehr von ihr, als ſich Peiihinen Auf ein Gebet zu Gott, mich lieben, nähen, ſpinnen? Chriſald. In eine dumme Frau ſeid ihr ſo ſehr vernarrt? Arnulf. Die dumme Häßliche will lieber ich zum Part, Als wenn's die Schönſte wär' mit vielen Geiſtesgaben. eben; 'en. Chriſald. Die Schönheit und der Geiſt— Arnulff. Sie ſoll nur Tugend haben. Chriſald. Wie aber wollt ihr, daß in ihrem blöden Geiſt Ein Gänschen je begreift, was tugendhaft ſein heißt? Ich will nicht ſprechen von der tödtlich langen Weile, Wenn man ſein Lebtag ſchleppt die Kuh herum am Seile: Doch glaubt ihr's gut beſtellt, und wird nach eurem Plan Des Schadens Möglichkeit auch völlig abgethan? Denn eine Frau von Geiſt kann wohl die PFflicht verletzen; Doch mußte ſie zuvor den Fehltritt richtig ſchätzen: Die Dumme aber fehlt gewöhnlich unbewußt, Sie denkt ſich nichts dabei und folgt nur fremder Luſt. Arnulf. Der ſchönen Folgerung, dem hohen Weisheitspochen Hat ſchon Pantagruel Panurgen widerſprochen: Lobt jedes andre mir eh' als ein dummes Weib, Predigt bis Pfingſten fort zu eurem Zeitvertreib; Ihr werdet ſtaunen, wenn ihr den Sermon geendet: Ihr habt im mindſten nichts von meinem Sinn gewendet— Chriſald. Kein Wort mehr ſag' ich euch. Arnulf. Laßt jedem ſein Syſtem: Bei Frauenwahl, wie ſonſt, thu' ich, was mir bequem. Ich bin doch reich genug, die Gattin mir zu wählen, Die mir Gefügigkeit und Demutſinn empfehlen. Die alles mir verdankt und nicht mit ihrem Geld Und adliger Geburt mir einſt die Stange hält. Ein frommes Lammsgeſicht in andrer Kinder Reigen Gewann vom vierten Jahr mein Herz ſich ſchon zu eigen: Die Mutter, dacht' ich mir, von Dürftigkeit bedrückt, Durch mein Erbieten wird ſich fühlen hochbeglückt. So kam's: Die Bäuerin, in ihr Geſchick ergeben, Sah gern auf meinen Wunſch ſich dieſer Laſt entheben. In eines Kloſters Ruh' ließ ich nach meinem Sinn Fern von dem Weltgetrieb das Mädchen auferziehn; Das heißt, ich zeichnete den Frau'n die rechten Wege, Daß gründlich man in ihr die blöde Einfalt pflege. Gottlob! es iſt geglückt, wie man erwarten ſoll: Erwachſen fand ich ſie ſo aller Unſchuld voll, Daß ich den Himmel pries, der gütig mir den wilden Stoff gab, nach meinem Plan draus eine Frau zu bilden. Ich nahm ſie denn heraus, und da mein Stadtquartier Für Leute jeder Art ſteht täglich offen hier, So that ich ſie beiſeit,— man muß für alles ſorgen,— In dieſes andre Haus, das vor Beſuch geborgen. Um ihr nicht zu verdrehn die glückliche Natur, Halt' ich ihr Leute da derſelben Einfalt nur. Ihr fraget mich, warum ich alles dies erzähle? Daß ihr erkennt, wie fein ich meine Schritte wähle. Und nun das End' vom Lied: kommt heut', den Abendſchmaus Mit mir als treuer Freund zu theilen, in mein Haus. Da ſollt ihr das Geſchöpf ein wenig lernen kennen Und ſeh'n, ob mein Entſchluß ſo thöricht iſt zu nennen. Chriſald. — Recht gern. Arnulf. Da könnt ihr denn in heiterem Vertrau'n An ihrer Unſchuld euch und Lieblichkeit erbau'n. Chriſald. Was das betrifft, ſo kann, wie ihr mir die Geſchichte Erzählt,—— — EEr WIIR“I F % Arnulf. Die Wahrheit geht noch über die Berichte. So wunderbar iſt's, wenn die Einfalt kommt in Fluß: Da ſagt ſie Zeugs, daß ich vor Lachen berſten muß. Ja neulich, kann man ſich ſo etwas auch nur denken?— Kommt ſie daher,— es ſchien ein Zweifel ſie zu kränken,— Fragt mit dem frommen Blick, dem keiner gleicht, mich ſacht: Wird, wie's im Hymnus heißt, ein Kind durch's Ohr gemacht. Chriſald. Ei, das ergötzt mich ſehr, Herr Arnulf— Arnulf. Donnerwetter! . Iſt's dieſer Name ſtets, den ihr mir gebet, Vetter? Chriſald. Hab's auf der Zunge ſo, wie einen friſchen Trunk, Nie kommt mir in den Sinn der gnäd'ge Herr von Strunk. Was Teufels mußte euch durch die Gedanken laufen, Mit zweiundvierzig Jahr euch alſo umzutaufen? Aus einem alten Stumpf von eurem Gartenzaun Den Herrſchaftsnamen euch gemüthlich zuzuhau'n?' maus Arnulf. Ein jeder kennt das Haus, dem dieſer Nam' erkoren, Und lieber geht von Strunk als Arnulf mir zu Ohren. Chriſald. Verleugnen heißet dies den Namen ſeines Ahns Und einen andern bau'n auf ein Geſpinnſt des Wahns. So viele laſſen ſich von dieſer Laune kitzeln. Ich will nicht grad auf euch damit anſpielend witzeln, Doch kenn' ich einen Mann, den man Dickpeter hieß, Der hatt' als Eigenthum ein großes Lager Kies, Ließ es mit einem Wall von Steinen rings umrahmen Und nahm als Herr von Berg den ſtolzen Adelsnamen. 2 rau'n 8 4 R N NN NNNIN 4 2 18 Arnulf. Bleibt mir mit ſolcherlei Beiſpielen doch vom Hals. Genug ſei's: Herr von Strunk, ſo heiß' ich jedenfalls; Der Name lautet ſchön, iſt mein von Rechtes wegen, Und wer mich anders nennt, kann mir die Gall' erregen. Chriſald. Doch vielen koſtet's Müh', ſie laſſen's außer Acht; Ich ſeh' auf Briefen oft den alten angebracht. Arnulf. Mag ſein von Leuten, die noch nichts davon erfahren; Doch ihr Chriſald. Gut, darum liegt man ſich nicht in den Haaren. Ich will gewöhnen mich an dieſen neuen Prunk Und ſag' euch künftighin nichts mehr als Herr von Strunk. Arnulf. Lebt wohl! Ich klopfe hier, die Kleine zu begrüßen Und mir die Wiederkehr an ihrem Blick zu ſüßen. Chriſald(im Weggehen). Mein' Seel', er iſt verrückt, ſo lang und breit er iſt. Arnulf. Mit ſeinen Mucken kommt man gar zu leicht in Zwiſt. Es iſt doch wunderbar, wie leidenſchaftlich jeder Auf ſeinem Sinn beſteht mit Herz und Mund und Feder. Heda!(Er klopft ans Thor.) 1 l 143 Zweiter Auftritt. Alan, Georgette, Arnulf. Alan(an einem Fenſter). Wer klopft? Arnulf. Macht auf!l ljür ſich): Man freut ſich wohl am Ort Des Wiederſehns: ich war ja doch zehn Tage fort. Alan. Wer da? Arnulf. Ich bin's. Alan. Georgett'! ren. Georgette(an einem andern Fenſter). Was iſt? tk. Alan. Den Riegel ſchieben! Georgette. Geh du hin! Alan. Du geh hin! Georgette. Das iſt nicht mein Belieben. Alan. Und meines auch nicht. Arnulf. Ho! welch' Oratorium! Man läßt mich außen ſtehn. Macht auf! ich bitt' euch drum. Georgette. Wer klopft denn? Arnulf. Euer Herr. Georgette. Alan! Alan. Was? Georgette. Sollſt aufmachen: Der Herr iſt's Alan. Du mach' auf! Georgette. Hab' Feuer anzufachen. Alan. Muß hindern, daß mein Spatz heraus zur Katze ſchwirrt. Arnulf. Wer von euch beiden nicht die Thüre öffnen wird, Der wird vier Tage lang mir nichts zu eſſen kriegen. Georgette, im Hof hinter dem Thor. Nu, nu, jetzt lauf' ich doch: warum dazwiſchen fliegen? Alan, gleichfalls herbeieilend und ſie wegzu—⸗ drängen ſuchend. Was kommſt du mir zuvor? Die wunderbare Liſt! Georgette. So geh doch weg! Alan. Nein, du geh' weg, ſo dick du biſt. Georgette. Ich mach' die Thüre auf. Alan. Ich will es thun. Georgette. Mit nichten. Alan. Ich laſſ' es dir nicht zu. Georgette. Was ſind das für Geſchichten? Arnulf. Da iſt ein gutes Stück Geduld am rechten Platz. Alan. Ich hab' euch aufgemacht. Georgette. Das iſt nicht wahr, mein Schatz: Ich war's. Alan. Wär' nicht der Herr zugegen, alle Engel, Ich wollte—— Arnulf(von Alan geſchlagen). Teufel! Alan. Ah, Verzeihung! Arnulf. Seht den Bengel! Alan. Da, die iſt ſchuld, ſie hat—— Arnulf. Nun ſchweigt mir einmal ſtill! Laßt mir die Poſſen; hört, was ich euch fragen will. So ſage denn, Alan, wie man ſich hier befinde. Alan. Herr, wir befinden uns,— Herr, wir bef— das Geſinde— Gottlob! (Arnulf zieht dem Alan dreimal den Hut herunter und wirft ihn endlich auf die Erde.) Arnulf. Ei, frecher Kerl, wie ſchlecht biſt du geleckt! Spricht mir zu Angeſicht und läßt den Kopf bedeckt. Alan. Ganz recht; ich that nicht wohl. Arnulf(zu Alan). Laß Agnes hier erſcheinen. (Alan geht hinein.) (Zu Georgetten.) Als ich von hinnen gieng, ward ſie verſtimmt zum Weinen? Georgette. Verſtimmt? das nicht. Arnulf. Nicht? Georgette. Doch. Arnulf. Warum denn? Georgette. Ja, auf Ehr': Stündlich erwartete ſie eure Wiederkehr; So oft ſie traben hört' in unſrer Straße Mitte Ochs, Eſel, Maulthier, Gaul, hielt ſie's für eure Schritte. Dritter Auftritt. Agnes, Alan, Georgette, Arnulf. Arnulf. Die Arbeit in der Hand, das iſt ein rechtes Glück. Nun, Agnes, ſieh, ich bin von meiner Fahrt zurück. Es freut dich doch? Agnes. Ja wohl: der Himmel ſei geprieſen! Arnulf. Dich wieder ſo zu ſehn, hat er mir Huld erwieſen. Du warſt doch immer, wie ich ſehe, wohl geſund? Agnes. Die Flöhe nur, die nachts mich quälten jede Stund?—— Arnulf. Bald gibt es einen, um ſie von dir weg zu jagen. Agnes. Das iſt mir angenehm. Arnulf. Das darfſt du mir wohl ſagen. Was machſt du? Agnes. Häubchen ſind's. Arnulf. Ein nützliches Geräth— Agnes. Nachthemd und Zipfelmütz' iſt ſchon für euch genäht. Arnulf. Ha, das iſt ſchön; ſo haſt du keine Langeweile. Geh wieder jetzt hinauf; ich komm' zurück in Eile Und habe Wichtiges zu reden dann mit dir. (Nachdem alle hineingegangen.) Heldinnen unſrer Zeit, gelehrte Frauen ihr, Strotzt nur von Zärtlichkeit, von köſtlichen Gefühlen, Laßt alles, was ihr ſchafft, Roman und Vers, durchwühlen, Brief, ſüßes Liebeswort und ſtolzen Wiſſens Tand: Nichts hält der züchtigen, der frommen Einfalt Stand. Vierter Auftritt. Horaz, Arnulf. Arnulf. Es iſt nicht Schönheit und nicht Reichthum, was mich blendet, Iſt nur die Tugend da. Ha, ſeh' ich recht? wer ſendet Euch her? Seid's wirklich ihr? Nein— doch— er iſt es, ja. Hor Horaz. Herr Ar⸗ ar⸗ Arnulf. Horaz! Horaz. Arnulf! Arnulf. Hallelujah! Seit wann ſchon hieſig? Horaz. Seit neun Tagen. Arnulf. Herr des Lebens! Horaz. Ich ging zuerſt zu euch; doch leider war's vergebens— Arnulf. Ja, ich war über Land. Horaz. Zwei Tage war es her. Arnulf. Oh, wie von Jahr zu Jahr aufwächſt das Kinderheer! Wer dacht' es, daß der Menſch ſo in die Höhe ſchöſſe, Nachdem ich ihn geſehn nicht mehr als dieſer Größe? U EA 2+ 7722 — e 2 2= 2i 2— ö2 —+. 5* 1 Horaz. Da ſeht ihr's. Arnulf. Doch Oront, eu'r Vater? wo verblieb Der gute theure Freund, der mir ſo werth und lieb? Was treibt er? wie vergnügt er ſich? doch immer munter? Von allem, was ihn trifft, ſchluck' ich mein Theil hinunter. Wir haben uns ja ſeit vier Jahren nicht geſehn, Noch uns geſchrieben; wie doch konnte das geſchehn? Horaz. Er treibt's, Herr Arnulf, noch viel luſt'ger, als wir's treiben. Ich hatte da für euch von ſeiner Hand ein Schreiben: Doch ſeither kündigt er ſein baldig Hierſein an; Nur weiß ich noch nicht recht, aus welchem Grund und wann. Ward euch von einem Mann von hier nicht etwa Kunde, Der aus Amerika rückkehrt mit reichem Pfunde, Das er ſich dort erwarb in vierzehnjähr'ger Friſt? Arnulf. Nein; ſagte man euch nicht, was deſſen Namen iſt? Horaz. Enrico. Arnulf. Nicht bekannt. Horaz. Des Vaters Worte nennen Ihn und ſein Reiſeziel, als müßt' ich ihn ſchon kennen. Er ſchreibt, ſie wollen jetzt hierher Auläſnune gehn In wicht'gen Sachen, die nicht in dem Briefe ſtehn. Arnulf. O ſchönes Wiederſehn! ich ſchlürf's in vollen Zügen; Ihn zu bewirthen ſei mein einziges Vergnügen. (Nachdem er den Brief geleſen.) Ach, unter Freunden braucht's nicht dieſe Höflichkeit; Dies Complimentenſpiel iſt gar nicht an der Zeit. Es war nicht nöthig, das im Brief erſt zu erwähnen; Ihr könnt, was ihr bedürft, aus meiner Kaſſ' entlehnen. Die Von K raz. 1 Horaz Die Das kommt mir grad geſchickt, ich pack' euch gleich beim Wort: Hundert Piſtolen nähm' ich gerne daraus fort. Ah, Arnulf. Die Ei, daß ihr ſo verfahrt, bin ich euch hoch verpflichtet. Ich habe juſt ſo viel im Beutel hier gerichtet. ch (Da Horaz das Geld herausnehmen will.) Laßt's drin! Oh, Horaz. Ich—— Arnulf.— Ungeniert! Die Flauſen hab' ich ſatt. f. Ihr habt euch umgeſehn: gefällt euch noch die Stadt? Mei Horaz. So Sie ſcheint mir ſtark bewohnt, und die Gebäude prächtig, Und Und was das Beſte, man ergötzt ſich darin mächtig. Zu Arnulf. Und Vergnügen findet ſich, wie jedem es behagt. Doch wer ſich gern verlegt auf die galante Jagd, Wird ſeine Mühe hier zu Lande nie verlieren: Ihr Die Frau'n verſtehen ſich gar ſchön auf's Kokettieren. Ein Ob braun, ob blond, ſie ſind euch alle wohlgeneigt, Häl Wozu der Ehemann ganz unterthänig ſchweigt. Doe Ein Spaß für Könige! In allernächſter Nähe Glä Iſt es ein Luſtſpiel, das ich täglich vor mir ſehe. Ein Vielleicht ſchon bot ſich euch ein Abenteuer dar: Ein Ein Wunder wär's, wenn nicht das Glück euch günſtig war. Es Gewachſen, wie ihr ſeid, hilft weiter als die Thaler, Und Und Hörner dürft ihr drehn, wie keiner der Bezahler. Agr itt. eeeeei Reeeee 2 es ++ —4 Horaz. Die Wahrheit zu geſtehn, ſo etwas wie Roman Von Liebe ſpann ſich mir an dieſem Ort ſchon an. Die Freundſchaft nöthigt mich, es kurz euch zu berichten. Arnulf. Ah, wieder eine von den köſtlichen Geſchichten, Die man ſich gleich hinein in ſein Regiſter ſchreibt. Horaz. Ich bitt' euch aber, daß geheim die Sache bleibt. Arnulf. Oh, oh! Horaz. Ihr wißt es wohl, in ſolchen Vorkommniſſen, Wird das Geheimnis laut, iſt das Geweb zerriſſen. Freimüthig will ich's denn geſtehen, daß mein Sinn An eine Schönheit hier ſich gab gefangen hin. Mein zärtliches Bemühn war von Erfolg begleitet, So daß man ruhig ein und aus jetzt bei ihr ſchreitet. Und ohne Geck zu ſein, noch ihrer Ehre nah Zu treten, freu' ich mich der ſchönſten Stellung da. Arnulf(lachend). Und wo? Horaz. In dieſem Haus, ein Weſen zum Bedauern: Ihr ſehet gleich von hier die rothgetünchten Mauern; Ein thörichter Verſtand, den dichter Nebel deckt, Hält hier vor aller Welt das holde Kind verſteckt. Doch trotz der Einfalt Flor, mit dem man ſie umſponnen, Glänzt ihrer Anmuth Reiz wie Morgenſtrahl der Sonnen: Ein Blick, ſo licht und klar, ſo wunderlieblich zag', Ein Zauber, deſſen ſich kein Herz erwehren mag. Es iſt unmöglich, daß ihr ſelbſt ſie nicht bemerktet Und mit dem Kenneraug' den Sinn für's Schöne ſtärktet. Agneſe heißt der Stern. Arnulf(beiſeit). Ich berſte. Horaz. Der Tyrann s iſt, glaub' ich, Dunk-Stunk-Strunk, wie man ihn nennen kann Am Namen war mir nicht beſonders viel gelegen; Reich, wie man ſagte; doch Vernunft blieb unterwegen; Sprach man von ihm doch nur als Bruder Lächerlich. Vermuthlich kennt ihr ihn. Arnulf(beiſeit). Schwer ſchluckt die Pille ſich. Horaz. Ihr ſagt mir nichts darauf? Arnulf. Je nun, ich kenn' ihn freilich. Horaz. Ein Tollkopf, nicht wahr? Arnulf. Eh. Horaz. heißt——? Doch was verweil' ich Dabei? Dies Eh gilt Ja. Und eiferſüchtig, dumm: Ich ſeh','s iſt richtig, was man trägt im Kreis herum. Kurzum, die himmliſche Agnes hat mich bezwungen; Sie iſt ein Kronjuwel, das künden alle Zungen, Und eine Sünde wär's, den ſeltnen Liebesſtern Zu laſſen in der Macht des wunderlichen Herrn. Bei mir, all mein Bemühn, all meine Wünſche ſtreben, Trotz dem Tyrannen ſie in meine Hand zu geben; 2 — Da⸗ Sol Ihr Da⸗ Di Doe Ihr Euce Doe Lat We unen lich. was 29 Das Geld, das ich von euch mit Offenheit entliehn, Soll helfen, bis der Plan zum guten End gediehn. Ihr wißt am beſten, daß, was auch für Minen ſpringen, Das Geld der Schlüſſel iſt zu allen großen Dingen, Dies köſtliche Metall, das manchen Kopf verdirbt, Doch in der Liebe, wie im Krieg, den Sieg erwirbt. Ihr ſcheint verdrießlich mir: mein Unternehmen ſollte Euch nicht gefallen ſo, wie ich es gerne wollte? Arnulf. Doch, doch; nur dacht' ich— Horaz. Dies Geplauder nimmt euch mit. Lebt wohl, ich mache bald euch meine Dankviſit'. Arnulf. Oh, muß icht Horaz(zurückkommend). Noch einmal, ich bitt' euch, ſeid verſchwiegen; Laßt mein Geheimniß nicht in alle Winde fliegen! Arnulf. Was wühlt im Herzen mir—— Horaz(zurückkommend). Ja meinem Vater nichts! Es gäb' ihm Anlaß ſonſt erzürnten Strafgerichts. (Ab nach links hinten.) Arnulf. Oh! (ſich umſchauend, ob Horaz noch einmal zurückkommt). Fünfter Auftritt. Arnulf lallein). Gott, was litt ich bei dem Reden und dem Fragen! Kann einer je, wie ich, von gleichem Aerger ſagen? Mit welcher Unvernunft, mit welcher Eile Schuß Erzählt' er mir, mir ſelbſt die Sach' in einem Guß! Mein andrer Name zwar beläßt ihn noch im Dunkel: Doch zeigt' ein Leichtfuß je ein ſolches Wuthgefunkel? Und ich, bei meinem Schmerz, ich nahm auf mich den Zwang, Um aufzuhellen noch, was ihm mit ihr gelang. Was ich zu fürchten hätt' von ſeinen Miſſethaten, Sollt' mir ſein windiges Geträtſche noch verrathen. Ihm nach! er iſt nicht weit, er würde bald erreicht; Von allem mach' er mir die unverkürzte Beicht. Ich Armer zittre vor dem Unheil, das mir dräuet, Und öfters ſucht man mehr, als uns zu finden freuet. (Er will dem Horaz nachgehn; Magdalene vertritt ihm den Weg.) 2 2 2 iiee Sechster Auftritt. Arnulf. Magdalene(aus der Stadt kommend). Magdalene. Herr Arnulf, auf ein Wort! Arnulf. Ich habe keine Zeit. (Für ſich.) Soll ich in einem fort den Arnulf ſchlucken? Weit Gefehlt. Magdalene. So höret doch! Arnulf. Weib, laßt mich ungeſchoren! — 80 25 87 —31 Magdalene. 's iſt wichtig. Arnulf. Ich muß gehn. Magdalene. Das bleibt euch unverloren. Das Kind—— Arnulf. wang Geht euch nichts an: ihr tratet mir es ab— Lebt wohl! Stürmt fort.) Siebenter Auftritt. Magdalene(allein). Da ſurrt er hin im vollen wilden Trab. 90 Der Teufel ſtelle ihm ein Bein, dem plumpen Ochſen: Was fehlte mir die Fauſt, um nieder ihn zu boxen? Was fang' ich Arme an? Dem Himmel ſei's geklagt. Und doch, ich muß, ich muß.— Noch einen Schritt gewagt! (Sie pocht mehrmals an dem Hofthor.) Macht mir die Thür doch auf! ich hab' mit ihr zu ſprechen. Achter Auftritt. Magdalene, Georgette. Georgette(zieht einen Schieber am Hofthor zurück und ſtreckt den Kopf heraus mit fürchterlicher Grimaſſe). Mit wem? Magdalene. Dem Kind. Georgette. Es darf ſich niemand des erfrechen. Ja, wärt ihr die, die uns den jungen Herrn gebracht, Der uns ſo prächtige Geſchenke hat gemacht Magdalene. Weiß Gott, wenn's ſchenken gilt, da könnt' es bei mir fehlen. Ich nehme lieber ſelbſt. Doch, laßt euch nur erzählen! (Georgette tritt heraus.) 's iſt auch von einem Herrn, der kam mir in den Strich, Vom Amte, aus der Stadt— ſucht mich im Dorfe, mich. Ich ſteh' am Brunnen, denk' an nichts. Weit reißt die Zähne Er auf: Aha, ihr ſeid die alte Magdalene?— Madlene heiß' ich; alt will, ſag' ich, niemand ſein. Er zieht'nen Brief heraus: Laßt mir die Narrethein, Und ſteht mir Rede, was zu fragen ich beordert: Ihr habt ein Kind bei euch, das jemand anders fordert— Ja, leugnet mir es nicht! Da ſteht's auf dem Papier. σ Auf dem Papier? wo denn? Ich ſeh' kein Kind doch hier—— Georgette. Schon gut; ich brauche von euch weiter nichts zu hören. Sucht andre Gimpel auf, mit Wind ſie zu bethören! (Tritt hinter die Thüre zurück.) Magdalene. So hört nur weiter! Georgette. Ach, ſo laßt mich doch in Ruh! (Schlägt barſch die Thüre zu und verſchwindet.) Magdalene(allein). Und ſtößt die Thüre mir grad vor der Naſe zu. So ſpeiſen die mich ab. Ich' ſteh wie angenagelt. Fort, auf die Polizei, daß es euch Spieße hagelt! (Geht nach der Stadt zurück. Die Bühne bleibt während des Zwiſchenakts offen. Muſik fällt ein.) m R d len. hne iakts äN 1211832—* Zwiſchenſpiel: Einige Perſonen gehen über die Bühne. Darauf ein Rudel Kinder aus der Allee kommend; ſie tanzen einen Reigen mitten auf dem Platz und ſingen nach einer franzöſiſchen Volksmelodie: Die Bäckerfrau hat Thälerchen; Sie koſten ihr wenig, die Thaler. Ja, ja, ſie hat; ich hab' ſie geſehn, Ich hab' ſie geſehn, ich, die Thaler. Sie ducken ſich nieder und ſpringen den Reigen auflöſend hoch auf mit erhobenen Händen und dem Ausruf: So viel! ſo viel! Indem ſie den Reigen von neuem beginnen, bemerkt eines den herannahenden Arnulf und ſchreit: Uh! der Wulewuz kommt, worauf alles Reißaus nimmt und einer der Spaziergänger umgerannt wird. (Zweiter Akt Molisre's.) Erſter Auftritt. Aüiuif(zurückkommend). Ri chtig erwogen kommt mir's wie ein Glücksfall vor, Daß ich da irre gieng und ſeinen Pfad verlor: Denn die gewaltige! Verwirrung meiner Seele, Unmöglich war's, daß ſie ſich ganz vor ihm verhehle Zu Tage trat, der mich verzehret, der Verdruß; Nicht ahnen darf er, was geheim ihm bleiben muß. Doch bin ich nicht der Mann, die Unbill einzuſtecken, Zu laſſen freies Feld den Wünſchen eines Gecken; Durchkreuzen will ich das und unverzüglich ſehn, Wie weit ſie ſich bereits zuſammen einverſtehn. [Es handelt ſich zu ernſt um meine Mannesehre, Ich ſeh' es an, als ob ſie meine Frau ſchon wäre. Ich bin dabei beſchimpft, wenn ſie den Fehl begieng; Was ſie gethan, es iſt ein Stoß, den ich empfieng.] Was mußt' ich ferne ſein! oh, die verwünſchte Reiſe! (Klopft an die Thüre.) Zweiter Auftritt. Alan, Georgette, Arnulf. Alan. Der Herr! Ah, diesmal—— Arnulf. Still! kommt beide her da, leiſe! Geht daher, geht daher! kommt, kommet her, geſchwind! Georgette. Ach, ach, ihr macht mir Angſt, und all mein Blut gerinnt. Arnulf. So habt ihr mir gehorcht? Kaum war ich fort, nicht ſpäter, Und beide im Verein wart ihr an mir Verräther. Georgette(kniefällig). He, freſſet mich doch nicht, o Herr! ich bitt' euch drum. Alan bbeiſeit). Ein toller Hund hat ihn gebiſſen, glaub' ich; hum! Arnulf. Luft! Mir erſtickt das Wort; ſo hat's mich übernommen. Es würgt mich, und ich möcht' aus allen Kleidern kommen. Ihr habt's gelitten denn, verdammte Lumpenzucht; (Zu Alan, der fliehen will.) Ein Mann kam hier herein,— was? du ergreifſt die Flucht? (Zu Georgette, die Miene macht aufzuſpringen.) Steh! Auf der Stelle müßt— ja, rühr' dich nur!— mir ſagen Müßt ihr; ja, ſagt mir an, was hier ſich zugetragen. (Zu beiden, die fliehen wollen) Bei Gott, den ſchlag' ich todt, der von der Stelle weicht— Wie kam's, daß eines Tags der Mann herein ſich ſchleicht? He, redet! macht geſchwind! wird's bald? nur ſchnell! nicht Wäumen e! ht? gen e ee Alan und Georgette(wieder auf den Knien). Ach, ach! Georgette. Mein Herz ſteht ſtill. Alan. Ich lieg' in Fieberſchäumen. Arnulf, für ſich. Es trieft an mir herab. Ein friſcher Athemzug, ſch hemzug Spaziergang, Windeswehn! Ha, ſcheußlicher Betrug! zlergang L 0 0 9 Hätt' ich mir das gedacht, als ich ihn ſah, den Kleinen, Daß er zu ſolchem Streich groß würde?'s iſt zum Weinen. Es wird wohl beſſer ſein, ich lock' aus ihrem Mund Die Sache ſanft hervor, wovon das Herz mir wund. Wohlan denn, ſuchen wir den argen Groll zu dämpfen: Geduld, Geduld! ich will den Unmuth niederkämpfen. (Zu Alan und Georgette.) Steht auf und geht hinein; ruft Agnes mir herab. (Für ſich.) Nein, halt! das träfe nicht, wie ich's beſchloſſen hab'. Man gäb' ihr Winke, was mich kränket, zu verſtehen. Ich hole ſelbſt ſie her, daß wir uns hier ergehen. (Zu Alan und Georgette.) Man warte hier auf mich. Dritter Auftritt. Alan, Georgette. Georgette. Wie ſchrecklich iſt der Mann! Die Augen, die er macht! Man ſieht ſich todt daran. Nein, nie, nie ſah ich noch'nen greulicheren Chriſten. Alan. Der Herr hat ihn erzürnt, der ſich ſucht einzuniſten. Georgette. Doch was zum Henker iſt's, daß er ſo ſtrenger Art Im Haus in unſrer Hut das Fräulein hält verwahrt? 8 f 0 N* 0. 8 0 8 Warum will er ſie ſo vor aller Welt verſtecken? Was macht ihm, wenn ein Menſch ihr naht, den jähen Schrecken? Alan. Das iſt, weil dieſe Sach' ihn bringt in Eiferſucht. Georgette. Ja, doch wie kommt es, daß die Grille ihn beſucht? Alan. Das kommt, das kommt davon, weil er iſt eiferſüchtig. Georgette. Ja, doch warum der Zorn, der ihn ſo ſchüttelt tüchtig? Alan. Das iſt, die Eiferſucht— Georgette, hörſt du wohl? Das iſt ein Ding, das— das rumort im Kapitol Und ſucht die Leute weit weg von dem Haus zu jagen. Merk' auf, ich will davon ein gutes Gleichniß ſagen, Das dich den Sachverhalt gar leicht begreifen läßt. Nicht wahr, geſetzt, du hältſt die Supp' in Händen feſt, Und ſo ein Hungriger kommt her, davon zu ſpeiſen, Da würd'ſt du zornig ſein und ihn von hinnen weiſen. Georgette. Ja, ich begreife das. Alan. Nun, grad ſo iſt es ganz: Die Frau iſt wirklich ja die Suppe ihres Mann's, Und wenn ein Mann es ſieht, wie andere zuweilen In ſeine Suppe frech die Hand zu tauchen eilen, Nun, da geräth er gleich in ungeheure Wuth. 12 Georgette. Ja, doch ein jeder iſt nicht ſo auf ſeiner Hut: Gar viele gibt es, die ſo recht vergnügt erſcheinen, Wenn ihre Frauen ſich mit ſchönen Herrn vereinen. Alan. Ein jeder iſt auch nicht ſo auf ſein Lieb erpicht, Daß er's für ſich nur will. Georgette. Wenn mich nicht Blindheit ſticht, So kommt er da zurück. Alan. Dein Aug', nichts iſt genauer: Er iſt's. Georgette. Sieh, wie betrübt. Alan. Drum hat er eben Trauer. Vierter Auftritt. Arnulf, Alan, Georgette, ſpäter Agnes. Arnulf. Ein Grieche war es, der Auguſt dem Kaiſer hat Gegeben nützlichen ſo ſehr als weiſen Rath: Wenn ein Ereigniß will jemand in Harniſch bringen, Sag' er ein A B C für ſich vor allen Dingen. Die Galle hat indeß ſich zu beſchwicht'gen Zeit, Daß nichts geſchieht, was man verdammt als nicht geſcheit. Mit Agnes will ich grad denſelben Weg betreten: Ich habe ſie darum mit Fleiß hierher gebeten. Ganz unverfänglich, ein Spaziergang ſollt' es ſein, Wo mein Gemüth, erfüllt von düſtern Träumerei'n, Ihr ſanft das Herz erforſcht in fein gewählter Windung Und wieder ſich gewinnt des klaren Geiſt's Empfindung. (Agnes erſcheint.) Komm, Agnes. (Zu Alan und Georgetten.) Geht hinein! Fünfter Auftritt. Arnulf, Agnes. Arnulf. Der Gang iſt ſchön vor's Thor. 9 0 0 Agnes. Recht ſchön. Arnulf. Ein ſchöner Tag. Agnes. Sehr ſchön. Arnulf. Gieng Neues vor? Agnes. Die kleine Katz' iſt todt. Arnulf. Wie ſchade! Doch was thut es? Wir alle ſind des Tods, und manchem bringt er Gutes. Hat es geregnet nicht, derweil ich weg von hier? 5 Agnes. O nein. Arnulf. Langweilte dich's? 60 9= i — 7+1 122 5929 f—4 1 2 eeee ens 39— Agnes. Langweile hab' ich nie. Arnulf. Vas haſt du ſonſt gemacht in den zehn letzten Tagen? Agnes. Sechs Häubchen, glaub' ich, und ſechs Hemden auch mit Kragen. Arnulf(nach einigem Nachdenken). Die Welt, mein liebes Kind, iſt doch ein ſeltſam Ding. Sieh mir die Schmähſucht: nichts iſt dafür zu gering. Nachbaren ſagten mir, daß während meiner Reiſe Ein junger Fremder kam in's Haus auf eig'ne Weiſe, Du habſt gelitten den Beſuch und ſein Geſpräch. Ich aber glaubte nicht den Zungen bös und frech. Und wetten wollt' ich, daß es eine Lügenkette Agnes. O Himmel, wettet nicht! denn ihr verlört die Wette. Arnulf. Wie? Wahrheit iſt es, daß ein Mann Agnes. Ich ſchwör's euch zu: Er wich faſt nie vom Platz und ließ uns keine Ruh'. Arnulf bbeiſeit). Dieſes Geſtändniß, das ſie macht in Ehr' und Treuen, Muß wenigſtens durch die naive Art erfreuen.— (Zu ihr): Doch, Agnes, wie mir ſcheint, trügt mein Gedächtniß nicht, Sollt' niemand hier herein: das macht' ich euch zur PFflicht. Agnes. Ihr wißt nicht, wie es kam; doch als ich ihn geſehen,— Ihr hättet ganz gewiß es laſſen auch geſchehen. Arnulf. Möglich; doch kurz, erzähl' mir die Begebenheit. Agnes. Sie iſt unglaublich faſt, vom Wunder gar nicht weit. Ich ſaß auf dem Balkon im Frei'n arbeitend eben: Da kam des Wegs daher in der Allee hierneben Ein Jüngling, ſchön gebaut, der, wie er mich erblickt, Mit tiefem Bückling gleich mich grüßt und freundlich nickt. Ich, daß ich Höflichkeit verſtehe, ihm zu zeigen, Ich mußte gleichfalls ſo mich meinerſeits verneigen. Er macht' mir alſobald ein neues Compliment, Ich ebenſo in Eil', und er, als wenn's ihm brennt, In einem dritten neigt ſich hin bis zu der Erden, Und eines dritten ließ auch ich ihn Zeuge werden. Er geht und kommt zurück, kommt wieder, jedesmal Ein neuer Bückling, bald unzählig an der Zahl, Und ich, auf dies Gethu' die Blicke feſt gerichtet, Hielt mich zu neuem Knix beſtändig auch verpflichtet. Und hätt' indeß ſich nicht die Nacht herabgeſenkt, Von meiner Stellung wär' ich nimmer abgelenkt: Vor Aerger, meint' ich, müſſ' ich und Verdruß vergehen, Wenn ich in Höflichkeit ihm ſchiene nachzuſtehen.“ Arnulf. Sehr wohl. Agnes. Den Morgen drauf,— ich ſtand da vor dem Haus,— Naht eine Alte mir und läßt ſich ſo heraus: Mein Kind, mög' über euch der güt'ge Himmel walten, In eurem Liebesreiz euch lange Zeit erhalten! Er hat euch nicht geſchenkt ſo hoher Schönheit Glanz, Daß ihr verwelken laßt der Gaben Blütenkranz. Ja, wiſſen mögt ihr's nur, ihr habt ein Herz verwundet, Das jetzt darüber klagt, bis es durch euch geſundet.— — 6 5979 —— 22 eeeenee enn e R—— + ee 2 41 Arnulf bbeiſeit). Ha, Teufelsbotin, wart', verdammte Höllenbrut! Agues. Verwundet hätt' ich? wen? fragt' ich mit trübem Muth. Ja wohl, verwundet, ſagt ſie, und durch ſchwere Schläge Den Mann, den vom Balkon ihr ſahet auf dem Wege.— Und ich: Was war's, o Gott, das dies zuſtand gebracht? Ließ ich auf ihn hinab was fallen unbedacht?— Nein, eure Augen, ſagt ſie, haben das verſchuldet; Von ihren Blicken kommt das Uebel, das er duldet.— Ach, mein Erſtaunen iſt unendlich, ſagt' ich; wie Geſchah's, daß meinem Blick etwas den Stachel lieh? Ja, ſagte ſie, es iſt ein Gift in euren Augen,— Ihr kennt's nicht,— jedermann kann draus den Tod ſich ſaugen. Mit einem Wort, er ſiecht, der arme kranke Mann; Wenn eure Grauſamkeit ihm Hilfe weigern kann, So, fährt die Alte fort mit mildgeſinntem Klagen, So muß man morgen ihn bereits zu Grabe tragen. Mein Gott, das würde mich ſehr ſchmerzen, ſagt' ich ihr; Doch ihm zu helfen, was verlangt er denn von mir?— Mein Kind, erwiedert ſie, nur dies iſt's, was er bittet, Daß ihr von ihm Beſuch und Unterhaltung littet. Glaubt, euer Blick nur macht von Sterbensqual ihn frei; Er iſt dem Weh, das er geſchaffen, Arzenei.— Ach, ſagt' ich, herzlich gern, und ſollt' es ihm ſo frommen, So kann er, wann er will, mich zu beſuchen kommen. Arnulff bbeiſeit). Verfluchte Hexe du, Seelenvergifterin! Die Hölle lohne dir, was ſpann dein milder Sinn! Agnes. So hat er mich geſehn und Heilung auch empfangen— Sagt ſelbſt, nach eurem Sinn, hab' Unrecht ich begangen? — +2+ 12 118 *— . RRNRRRRe 42 Gieng mein Gewiſſen ſelbſt nicht mit mir ins Gericht, Wenn ich ihn ſterben ließ und rettete ihn nicht? Geht mir's doch nahe, wenn jemand in Qualen ſchmachtet, Und weinen möcht' ich ſtets, wo man die Hühner ſchlachtet. Arnulf(leis). Dies alles ging noch ſo in frommer Unſchuld hin: Beſchuld'gen muß ich mich, daß ich verreiſet bin Und ohne klugen Rath ließ dieſe Engelsgüte, Wie viel Verführerliſt für ſie Verderben brüte. Doch fürcht' ich, daß der Schelm bei ſeinem frechen Ziel Die Sache weiter trieb, als nur zum bloßen Spiel. Agnes. Was iſt euch denn? Ihr ſteht verloren in Gedanken: Habt ihr wohl über das, was ich erzählt, zu zanken? Arnulf. Nein; doch was gab es mehr? Ich hörte nicht genug, Wie ſich der junge Mann bei dem Beſuch betrug? Agnes. Ach, könntet ihr's verſtehn, wie alles ihn entzückte! Wie ich ihn ſah, verſchwand das Weh, das ihn bedrückte. Das ſchöne Käſtchen, das er mir gegeben, denkt! Georgett' auch und Alan, ſo reich mit Geld beſchenkt! Säht ihr's, ihr würdet ihn, wie wir, ganz ſicher lieben. Arnulf. Gut. Was geſchah, als er mit dir allein geblieben? Agnes. Er ſchwur, er liebe mich unendlich, grenzenlos, Und Worte ſtreut' er mir, wie Blumen, in den Schooß, So zärtlich, daß damit ſich nichts je läßt vergleichen. Ja, jedesmal, wenn ich ihn reden hör', beſchleichen Mich ſüße Ahnungen und regen in der Bruſt Mir ein Gefühl, von dem ich niemals noch gewußt. ELRREP ** 7 1— NNReee eS Arnulf beiſeit). Unſeliges Verhör! was werd' ich da entdecken, Wovon nicht auf mich ſelbſt zurückfällt aller Schrecken? (zu Agnes) Und zu den Worten, zu dem zärtlichen Gethu' Fügt' er nicht andere Liebkoſungen hinzu? Agnes. Oh, nur zu viele: ſo nahm er mir Händ' und Arme Und drückte Küſſe drauf, ſo herzliche, ſo warme. Arnulf. Hat er nicht, Agnes, dir nach anderem gelangt? (da er ſie verblüfft ſieht.) Oh! Agnes. Ja, er nahm— Arnulf. Was? Agnes. l Arnulf. Nun? ſprich doch! Agnes. Mir bangt: Es iſt doch möglich, daß es euch verdrießlich wäre. Arnulf. Nein. Agnes. Doch. Arnulf. Mein Gott,'s iſt nicht—— Agnes. Schwört mir's auf eure Ehre! Arnulf. Auf Ehre. — 8 9 — J 2 N V. 8 2 0 N N& WWRRR 44 Agnes. Nun, er nahm—— Ach, ihr erzürnt euch gleich. Arnulf. Agnes. Arnulf. Nein, nein, nein, nein. Zum Henker, was für Streich! Was nahm er dir, ſag'! Agnes. Er—— Arnulff(beiſeit). Ich leide Höllenfeuer. Agnes. Die Buſenſchleife nahm er mir, ihr wißt noch, euer Geſchenk; ich konnt' es ihm nicht wehren, in der That. Arnulf(aufathmend). Die Schleife gieng noch an; doch wollt' ich hören, hat Er ſonſt dir nichts gethan, als Kuß auf Arm' und Hände? Agnes. Wie? thut man andres noch? Arnulf. Daß es der Himmel wende! Doch gegen dieſes Weh, an dem er ſiechte hin, Verlangt' er nicht von dir noch andre Mediein? Agnes. Nein. Glaubt mir, hätt' er auch die Forderung geſteigert, Ich hätt' zu ſeinem Heil gewiß ihm nichts verweigert. 29 — 9 0ο 79 —— 2722 7 22 X2 22 Arnulf(leiſe beiſeit). Dem Himmel Dank, ich hab' mich gut herausgerollt. Fall wieder ich hinein, ſo ſchimpft mich, was ihr wollt! (Laut.) Still! Deine Unſchuld hat, o Agnes, dich gerettet. Ich ſage dir nichts mehr. Gebettet iſt gebettet. Ich weiß, der Laffe will mit ſeinen Schmeichelei'n Dich nur misbrauchen, dann darüber lachen. Agnes. Nein, Das nicht: er hat den Schwur mir zwanzigmal erneuert. Arnulf. Ach, das verſtehſt du nicht, was alles er betheuert. Doch lerne: Käſtchen da ſich ſchenken laſſen und Anhören das Geträtſch aus ſolchen Herrchens Mund, Die Küſſe dulden, die, ſein Fieber abzukühlen, Er auf die Hände drückt, und was im Buſen fühlen, Todſünde iſt's und von den ſchwerſten die es gibt. Agnes. Wie? Sünde, ſagt ihr? und warum, wenn's euch beliebt? Arnulf. Warum? Nun, das Warum, von oben ward's verkündet: Weil über dieſe That ſich Gottes Zorn entzündet. Agnes. Sein Zorn? Warum denn ſich erzürnen ohne Noth? Die Sach' iſt ja ſo ſüß, ſo wunderl lieblich. Bot Sich je mir ſolche Luſt in meinen frühern Jahren? Nein, nie hab' ich die Wonn' und Seligkeit erfahren. Arnulf. Ja, Seligkeit iſt's wohl, der Zärtlichkeit Erguß, Die ſüße Liebelei, der Rede Zauberfluß. Doch muß man davon nur in guter Sitte zechen Und durch Verehlichung entfernen das X Verbrechen. Agnes. Iſt's keine Sünde mehr, wenn man verehlicht iſt? 2 Arnulf. Nein. Agnes. So verehlicht mich in allerkürzſter Friſt! Arnulf. Du wünſcheſt es? ſo wünſch' ich's auch; klär' deine Mienen! Dich zu verehlichen, bin ich zurück erſchienen. 3 Agnes. 6 Iſt's möglich? Arnulf. Ja. Agnes. Nichts könnt' ihr Lieb'res auf der Welt 0 Mir thun— Arnulf. Ich glaub' es wohl, daß Heirath dir gefällt. Agnes. Ihr wollt uns beide, ihr——? 3 8 Arnulff. Gewiß, ſo iſt's beſchloſſen. Agnes. Wie werd' ich, wenn's geſchieht, euch lieben unverdroſſen! Arnulf. Mit Freuden wird von mir der Gegendienſt gethan. Agnes. Sagt ihr nur ſo zum Spaß, da kämt ihr übel an. Iſt's wirklich euer Ernſt? Arnulf. Ja; dies Gefühl iſt labend? en! N. Agnes. Vermählen wird man uns? Arnulf. Jad. Agnes. Wann? Arnulf. Gleich dieſen Abend. Agnes. Gleich dieſen Abend? Arnulf. 2 15 Gleich. macht dich doch vergnügt? Agnes. Sehr. Arnulf. Dich zufrieden ſehn, das heißt mein Feld gepflügt. 8 0 9 Agnes. O Gott, wie ſchön iſt das! wie muß ich es euch danken! Wie werd' ich mit ihm ſein ſo glücklich ohne Schranken! Arnulf. Mit wem? Agnes. Mit—— dem— Arnulf. Da— dem? Das iſt nicht meine Wahl. Du ſtürzeſt dich etwas zu raſch auf den Gemahl. Denn kurz, ein andrer iſt's, den ich bereit dir halte, Und was den Herrn betrifft, ſo will ich, daß erkalte Die Freundſchaft, die du ſo voreilig angeknüpft, Und wenn er von dem Weh in's Grab hinunterſchlüpft. ee K42* IIN — 82 Kommt er zu dieſem Haus, um wieder dich zu grüßen, So ſchließeſt du ihm fein die Thüre vor den Füßen, Und wirfſt ihm, wenn er klopft, durch's Fenſter einen Stein, Daß ihm die Luſt vergeht, ſich hier zu ſtellen ein. Agnes, verſtehſt du mich? Ich ſelbſt, aus jener Ecke, Will ſehn, ob du mit Fleiß vollführſt, was ich bezwecke. Agnes. Ach Gott! er iſt ſo ſchön; es iſt—— Arnulf. Was für Geſchwätz! Agnes. Ich kann's nicht wagen— Arnulf. Still! befolge mein Geſetz! Hinauf! 8 Agnes. Wie, was, ihr wollt——? Arnulf. Es iſt genug geplaudert. Ich bin der Herr, ich ſprach's; geh hin und nicht gezaudert! (Agnes geht ins Haus; Arnulf folgt ihr.) (Der Vorhang fällt. Pauſe von einigen Minuten. Hierauf kurze Einleitung zum dritten Aufzug, gegen deren Ende ein kräftiger Schlag auf die Pauke geführt wird.) 79 ν ν eο 2 —ν σ ο ου ε ο⏑⏑ e=2 νν νιν 2 5 2 in, 15 rt! urze auf ˖ ASweiter NAufzug. (Dritter Akt Molieére's.) Erſter Auftritt. Arnulf, Agnes, Alan, Georgette. Arnulf. Ja, alles war ſehr ſchön, und meine Freud' iſt groß; Ihr habt mit Pünktlichkeit gethan, was ich beſchloß. Der blonde Seladon iſt glücklich heimgeſendet: Da ſeht, wie weiſer Rath ein Ding zum Guten wendet. ein unſchuldfrommes Herz vergaß ſich unbedacht: ie falſche Lage ſieh, in die du dich gebracht; Dein irrer Schritt zog dich auf ſchlüpfrigem Gerölle, Wenn ich nicht wachte, zur Verdammnis hin, zur Hölle. Von dieſen Stutzerchen kennt man die Art zu gut: ie Spitzengarnitur, die Bänder, Federnhut, Haarlocken, weiße Zähn' und ſüßes Wort bei allen; Doch, Agnes, ſag' ich dir, darunter ſtecken Krallen. Ihr gier'ger Rachen gleich dem ächten Satanas Aus Weibesehre will ſich machen einen Fraß.] Doch noch einmal, du haſt, Dank ſei es meinen Sorgen, Dich gut heraus geſchält; die Ehre iſt geborgen. Der ſtrenge Blick, womit du ihm den Stein gewürzt, Der ſeiner Hoffnungen Gebäude niederſtürzt, Beſtärkt mich in dem Plan, nicht weiter zu verſchieben Die Hochzeit, die bisher ich insgeheim betrieben. Jedoch vor allem Ding jetzt mache dich gefaßt Auf einen Redeſpruch, den du vonnöthen haſt. (Zu Georgette und Alan.) Ein Stuhl daher im Frei'n! Ihr, wenn ihr im geringſten— 4 U — D X D I ο Georgette. Oh, eurer Predigten gedenkt uns über Pfingſten Hinaus. Der andre Herr, der hat uns angeführt; Doch Alan. Laſſ' ich ihn noch ein,— kein Glas mehr angerührt! Ein Schafskopf iſt es, der uns neulich hat geangelt Mit zwei Goldthalern, wo es am Gewichte mangelt. Arnulf. So geht und ſchaffet zum Nachteſſen alles bei, Und wegen des Contracts muß eines, wer es ſei, Im Heimweg, wie geſagt, mir den Notar beſtellen, Der an der Ecke wohnt: es iſt da ſtark zu ſchellen. (Alan und Georgette gehen nach links hinten ab.) Zweiter Auftritt. Arnulf, Agnes. Arnulf(ſitzend). Agnes, Aufmerkſamkeit! arbeite weiter nicht; Halte den Kopf empor und zeig' mir dein Geſicht; Hierher geblickt, daß nichts die Unterredung ſtöre, Und das geringſte Wort bring' dir recht zu Gehöre! Nun, ich heirate dich: du, hundertmal im Tag Mußt preiſen das Geſchick, das dir erblühen mag. Denk' an die Niedrigkeit, in der du einſt geweſen, Sieh meinen Edelmuth zugleich, der dich erleſen, Um aus dem tiefen Stand der armen Dörferin Zu ſteigen zu der Höh' ehrbarer Bürgerin, Um Lagerſtatt und Kuß mit einem Mann zu theilen, Der ſolchen Banden ſonſt entfloh auf zwanzig Meilen, Der Dutzenden von wohl anſtändigen Partien Die Ehr' entzogen, die ſein Herz nun dir verliehn. 2 U 5 F⸗ — — — — 2— g 22 7*+9 · rt! RSeAe e Ja, immer mußt du, ſag' ich, vor den Augen haben, Wie wenig du vorher warſt ohne meine Gaben, Damit du, ſo gewarnt, mit deſto größ'rem Ernſt Die Wohlthat, die man dir erweiſt, verdienen lernſt, Damit du dich erkennſt, und es mich nie verdrieße, Daß ich mich jetzt zu dem ſo wicht'gen Schritt entſchließe. Die Ehe, Agnes, iſt nicht ein frivoler Scherz: In ſtrenge Pflichten fügt die Gattin Geiſt und Herz. Du nimmſt, ſo hoff' ich, nicht Beſitz vom Frauenrange, Dem Leichtſinn dich zu weihn und eitlem Müßiggange. Zur Unterwürfigkeit beſtimmt iſt dein Geſchlecht; Auf Seiten nur des Barts iſt volles Herrſcherrecht. Zwei Hälften ſind es wohl in dem Geſellſchaftsleben; Doch beiden Hälften iſt die Gleichheit nicht gegeben. Die eine Hälft' iſt hoch, die andre unterthan, Und dieſe beugt ſich dem, was jene ordnet an. Und was der Militär pflichtſchuldigſt in den Kriegen Gehorſam zeigt dem Chef, der ihn gewöhnt zu ſiegen, Der Diener ſeinem Herrn, dem Vater auch ſein Sohn Und der geringſte Mönch dem Abt auf ſeinem Thron, Kann nicht bei weitem die Gefügigkeit erreichen Und den Gehorſam und die Demuth ohnegleichen, Die tiefe Ehrfurcht nicht, die eine Frau ſoll gern Dem Mann und Meiſter, Chef beweiſen, ihrem Herrn. Wenn ſie ein ernſter Blick von ihm ſcheint auszufragen, So muß ſie allſogleich die Augen niederſchlagen Und niemals wagen ihm ins Angeſicht zu ſchau'n, Als bis ſüß blickend er ermuthigt ihr Vertrau'n. Doch das verſtehen ſchlecht die Frau'n in unſern Zeiten; Du, laß von anderer Beiſpiel dich nicht verleiten Und ahme nimmermehr wüſten Koketten nach, Die in der ganzen Stadt man nennt zu ihrer Schmach, Und gieb dich nimmer preis dem Sturm des böſen Geiſtes, Das heißt, hör' nie Geſchwätz der blonden Herrn, ſo dreiſtes! 4* Bedenke, wenn du wirſt die Hälfte meines Seins, Iſt's meine Ehre, die du übernimmſt miteins. Ehr' iſt ein zartes Ding, zerbrechlich wie ein Gläschen: Mit ſolchen Sachen treibt man nicht ſein Spiel und Späßchen, Und in der Hölle ſind die heißen Keſſel, traun! Da ſieden ewiglich die ſchlechtgeart'ten Frau'n. Was ich dir ſage da, ſind keine Firlefanzen; Tief in die Seele haſt die Lehren du zu pflanzen. Willſt du befolgen ſie und nicht Kokette ſein, So bleibet ſtets dein Herz, wie Lilien, weiß und rein: Wenn's an der Ehre ſich verſündigt nur verſtohlen, So wird es alſogleich ſo ſchwarz wie Pech und Kohlen. Mit Abſcheu ſchaudert vor dir jedermann zurück: Du fährſt dereinſt hinab als Satans Beuteſtück, In aller Ewigkeit im Höllenpfuhl zu ſieden. Davor bewahre dich des Himmels Gunſt in Frieden! Nun mach' ein Compliment, und ſo wie die Noviz' Auswendig wiſſen muß im Kloſter ihr Offiz, Muß es beim Eintritt in den Eheſtand geſchehen. (Er ſteht auf.) Hier laſſ' ich aus der Taſch' ein wichtig Schriftwerk gehen; Das unterweiſe dich in einer Gattin Pflicht. 's iſt gut gemeint; ſonſt kenn' ich den Verfaſſer nicht. Doch ſoll's dir dienen zur beſtänd'gen Unterhaltung. Da, ſiehe, wie du lieſ'ſt mit rechter Stimmentfaltung! Agnes(liest). Die Grundſätze der Ehe oder die Pflichten der verheirateten Frau mit ihren täglichen Uebungen. Erſter Grundſatz. Die Jungfrau, die ein ehrbar Band Dem Mann fügt an die Seite, Die hab' es klar erkannt, Trotz heut'gem Unverſtand, Daß nur für ſich der Bräutigam ſie freite. Arnulf. Ich werd' es dir nachher erklären, was das heißt; Für jetzt iſt es genug, wenn du's zu leſen weißt Agnes(liest weiter Zweiter Grundſatz. Sie denke ſich in Schmuck zu kleiden Nur, inſoweit es möchte leiden Der Ehgemahl, der ihr befiehlt. Für ihre Schönheit hat nur er zu ſorgen: Was liegt dran, wenn an einem Morgen Ein andrer ſie für häßlich hielt? Dritter Grundſatz. Weg mit dem Augenſpiel und Zwinken, Den Schönheitswaſſern, Oel und Schminken, en tauſend Stoffen, die auf den Geſichtern blühn! Ein tödtlich Gift iſt dies für Ehr' und Tugend; Nicht für den Ehmann ſieht man die in Jugend Gemalte Stirn und Wange glühn. D Vierter Grundſatz. Ausgehend, züchtiglich unter beſcheidnem Häubchen Erſticke ſie des Blicks gewagte Fechterei: Sie ſei des Gatten liebes Täubchen, Und andrer Lob ihr einerlei.) Fünfter Grundſatz. Nur die den Hausherrn zu beſuchen kommen, Sonſt keine Seele wird Nach guter Regel von ihr angenommen. Wer mit galantem Neigen Sich nur der gnäd'gen Frau will zeigen, Iſt nicht genehm dem Ehewirth. 5 8 N 0 9 *(Sechster Grundſatz. Geſchenk von Männerhand Sei ihr wie Feuerbrand: Denn wie wir heute leben, Wird nichts für nichts gegeben.) Siebter(ſechster) Grundſatz. In ihrem Hausgeräth, wie's auch in's Herz ihr ſchnitte, Sei Tint' und Schreibzeug nicht, nicht Federn noch Papier— Der Mann allein, ſo will's die gute Sitte, Schreibt, was zu ſchreiben iſt bei ihm und ihr. Achter(ſiebter) Grundſatz. Die frevelhaften Klatſchviſiten, Geſellſchaftsabend, Thee und Tanz Verderben Tag für Tag der Frau'n Gemüthe ganz. Man ſollte weislich ſie verbieten: Denn hier wird gegen Manns Gewalt Verſchwörung angezettelt bald.) (Neunter Grundſatz. Die Frau, die ſich in Dienſt der Ehre ſtellt, Darf ſpielen nicht um alles in der Welt Tod iſt es und Verderben. Das trügeriſche Spiel erzielt Gar oft, daß eine Frau verſpielt Noch ihre letzten Scherben.) Zehnter(achter) Grundſatz. Die Landpartien ohne Zahl, Die Pikeniken allzumal Muß ſie ſich ganz verſagen. *) Der 6. und der 9. Grundſatz bleiben beſſer weg, die übrigen aber ſind alle beizubehalten. — E 3 7 R— S 27 960— 5 U Seeeeeeeesesese νν Wie der Vernünftige wohl weiß, Die Männer ſind's mit ihrem Schweiß, Die ſtets die Koſten tragen.) Elfter(neunter) Grundſatz. Arnulf. Lies es allein zu End', und Schritt vor Schritt erkläre Ich dir die Dinge dann, wo etwas dunkel wäre. Da kommt mir in den Sinn noch eine kleine Sach', Ein Wort zu ſagen. Geh, ich folge gleich dir nach. Doch dieſes Buch, du ſollſt es hoch und heilig halten. Kommt der Notar, er mag ſein Blatt inzwiſchen falten. Dritter Auftritt. Arnulf, allein. Sie werde denn mein Weib; nichts Beſſres kann geſchehn: Nach meinem Willen werd' ich dieſe Seele drehn. Wie weiches Wachs iſt ſie mir zwiſchen meinen Händen; Ich kann an ihr die Form, die mir gefällt, vollenden. Der Unſchuld Uebermaß hätt', als ich ferne war, Mir übel mitgeſpielt,— es ſtand auf einem Haar, Jedoch weit beſſer iſt's,— frei ſei es eingeſtanden,— Wenn bei der Frau zuviel des Guten iſt vorhanden. Bei Fehlern ſolcher Art wird Heilung bald erreicht. Die fromme Einfalt gibt ſich der Belehrung leicht, Und wenn Verführung ſie gebracht aus dem Geleiſe, Zwei Worte lenken dann hinein ſie wieder weiſe.] Doch die geſcheite Frau, das iſt ein ander Ding: In ihrem Kopf nur ſchließt ſich unſres Schickſals Ring; (Was ſie ſich drein geſetzt, das hält ſie ohne Wanken; Belehrung hilft ſoviel, als wie der Arzt den Kranken. Ihr frecher Witz verlacht zu häufig unſern Rath Und kehrt in Tugend um die arge Frevelthat. Sie täuſcht, um ihren Plan zum ſchlimmen Ziel zu reifen, Den gründlichſten Verſtand mit ihren Unterſchleifen. Vergebens ſucht man ſich zu wahren vor dem Streich: Ihren Kabalen kommt der Teufel ſelbſt nicht gleich; Und wenn ihr Uebermuth zu unſrer Ehre Schaden Sein Urtheil ſprach, ſo hat man's ruhig aufzuladen. So mancher Biedermann weiß wohl ein Wort davon, Doch meinem Strudelkopf vergeht das Lachen ſchon; Die Plaudertaſche hat den Lohn, der ihr gebührte: Das iſt's, was immer dies Franzoſenvolk verführte. Iſt einem ſo nach Wunſch das Glück einmal geneigt, Unmöglich iſt's ihm dann, daß er es fein verſchweigt. Die dumme Eitelkeit hat für ihn ſolche Reize: Er hienge lieber ſich, als daß er ſich nicht ſpreize Das hat der Belzebub den Weibern angethan, Die mit ſo windigen Geſellen bändeln an; Und—— Ei, da iſt er ja; nun hinterm Berg gehalten! Und mög' an ſeinem Weh mein heißes Leid erkalten. Vierter Auftritt. Horaz, Arnulf. Horaz(von hinten links kommend). Grad komm' ich aus der Stadt: das Schickſal wollte nicht, Daß ich euch da zu Haus betreffe; doch was ficht Mich's an? denn hundertmal erneur' ich meine Schritte, Bis endlich—— Arnulf. Oh, mein Gott, weg mit der läſt'gen Sitte! Was ſollen unter uns all' die Ceremonien? Wenn's mir nachgienge, würf' man alles dieſes hin— Si Die meiſten Leute da bei der verdammten Plage Verlieren dummerweis zwei Drittel ihrer Tage—, Bedecken wir uns nicht? Nun, eure Liebe, wie Steht's damit, Herr Horaz? ſagt an, gedeihet ſie? Es liefen mir vorhin Schreckbilder in die Wege; Doch ſeither, da ich mir's genauer überlege, Bewundr' ich eures Glücks ſo reißenden Verlauf, Und was daraus erfolgt, beſchäftigt mich vollauf. Horaz. Ach, Herr, es hat, ſeitdem ich euch mein Herz enthüllet, An meiner Liebe ſich groß Ungemach erfüllet. Arnulf. Oh, oh, wie gieng das zu? Horaz. Ein böſer Schickſalsſtern Führte vom Land zurück der Schönen ihren Herrn. Arnulf. Welch' Unglück! Horaz. Und noch mehr: zu meinem großen Leide Erfuhr er, wie wir insgeheim verkehrten beide. Aruulf. Wie Teufels kam ſo bald die Sach' zu ſeinem Ohr? Horaz. Weiß nicht; doch ſicher iſt's: es gieng ſo etwas vor. Der Angebeteten aus tiefſtem Herzensgrunde Aufwarten wollt' ich g'rad zu der gewohnten Stunde: Da kam mit andrem Ton und andrer Miene ſchräg Mir Knecht und Magd heran; ſie ſperrten mir den Weg. Fort, hieß es, fort, zurück! ihr langweilt uns,— ich raſe—, So ſchloſſen ſie mir grob die Thüre vor der Naſe. Arnulf. Die Thüre vor——2 Horaz. Der Naſ'. Arnulf. Das iſt ein bischen arg. Horaz. Ich will ſie durch die Thür, die ſie den Blicken barg, Bereden; aber nein! ein Wort nur kam von dieſen: Ihr dürfet nicht herein; der Herr hat es verwieſen. Arnulf. Und ward nicht aufgemacht? Horaz. Nein, und vom Fenſter aus Beſtätigt Agnes mir, daß nun der Herr zu Haus. Sie jagt mich weg von da mit vorwurfsvollem Tone, Und einen Stein noch wirft nach mir ſie, wie zum Hohne— Arnulf. Wie? einen Stein? Horaz. Ja; ſeht, und der war gar nicht klein: Das ſollte der Empfang meines Beſuches ſein. Arnulf. Der Kuckuck! ei, ei, ei, das ſind mir keine Miſpeln: Darauf hat eure Zung' ihr keinen Dank zu liſpeln. Horaz. Es geht mir ſchlecht durch die verdammte Wiederkehr. Arnulf. Ich ſchwör' es euch; es thut mir leid um euch gar ſehr. Horaz. Der Menſch verdirbt mir's ganz— Arnulf. Ja, doch das ſind nur Poſſen. Euch wieder einzureih'n, arbeitet unverdroſſen! 12 · 8 8 14 z RR Horaz. Mit eines Partners Hilf' hätt' ich wohl ſchon verſucht Zu ſtören das Bemühn der ſtörr'gen Eiferſucht. Arnulf. Das wird euch leicht, und was die Hauptſach' iſt, das Mädchen Liebt euch. Horaz. Oh, ſicherlich. Arnulf. Ihr habt den Sieg am Fädchen. Horaz. Ich hoff' es. Arnulf. Zwar der Stein hat euer Spiel geſtört; Das kann für euch nicht viel Bedeutung haben. Horaz. Hört! Wohl merkt' ich gleich, daß hier der Kerl war gegenwärtig, Daß ungeſehen er dies alles brachte fertig; Doch, was mich hat erſtaunt und euch erſtaunen muß, Das iſt ein andrer Fall: das hört mir mit Genuß, Was dieſes ſchöne Kind mit Schlauheit abgekartet; Ein kühner Streich und von der Einfalt nicht erwartet. Die Liebe iſt fürwahr die größte Lehrerin: Was einer niemals war, es werden lehrt ſie ihn, e * Und oft die völligſte Verändrung ſeines Weſens Geſchieht durch ſie im Nu, wie mit dem Schlag des Beſens. Von der Natur in uns zwingt ſie den Widerſtand, Die wie durch Wunderkraft ſcheint plötzlich umgewandt. Den Geizhals weiß ſie mit Freigebigkeit zu zieren, Der Feigling wird ein Held, der Grobe kriegt Manieren; n. Sie giebt dem Geiſte Trieb, und wär' er ſchwer wie Blei, Und macht einfält'gen Sinn aus der Beſchränkung frei. Ja, dieſes Wunder zeigt ſich in Agneſen ſprechend; Denn dieſe Worte rief ſie ſcheinbar mit mir brechend: Zurück! verbieten muß ich ferneren Beſuch; Ich weiß, wie ihr es meint; hier habt ihr meinen Spruch! Doch dieſer Stein, der euch Verwundrung abgerungen, Iſt vor die Füße mir mit einem Brief geſprungen, Und ganz erſtaunlich ſtimmt das Briefchen überein Mit ihrer Worte Sinn und dem geworfnen Stein. Was ſagt ihr zu dem Streich? iſt's nicht zum Niederwerfen? Iſt's nicht der Liebe Kunſt, den blöden Geiſt zu ſchärfen? Und kann man leugnen mir, daß ihr gewalt'ger Brand In einem Herzen wirkt, was es noch nie verſtand? Ha, das iſt grandios: da, ſeht mir das Geſchriebne! Bewundert doch mit mir die Seele, die geriebne! Iſt es nicht drollig, wie der eiferſücht'ge Thor All ſeine Müh' und Witz in dieſem Spiel verlor? Sagt an! Arnulf. Ja, drollig iſt's. Horaz. Lacht doch mit mir zuſammen! (Arnulf lacht gezwungen.) Der Menſch, der gleich erbost auf meine Liebesflammen Sich verbarrikadiert und flunkert mit dem Stein, Als wollt' ich laufen Sturm in ſeine Wohnung ein, Der in dem Schreckenswahn, um mich zurückzuſtoßen, Von innen gegen mich erregt die Kampfgenoſſen, Grad mit dem Wurfgeſchütz wird ihm ſo mitgeſpielt Vom Mädchen ſelbſt, das er in höchſter Einfalt hielt. Nein, ich geſteh' es euch, obwohl ſein Wiederkehren Mir meines Liebesplans Gelingen muß erſchweren, Ich finde drollig das, mehr als man ſagen kann: Wie ich dran denke, kommt mich herzlich Lachen an. Doch ihr lacht nicht genug darüber, wie ich glaube. Arnulf(mit gezwungenem Lachen). Verzeiht, ich lache grad, ſoviel ich mir erlaube. Horaz. Doch macht mit ihrem Brief als Freund euch auch bekannt! Was ihre Seele fühlt, das zeichnet' ihre Hand. Jedoch wie rührend iſt's im Ausdruck voller Güte, Von treuer Unſchuld voll und zärtlichem Gemüthe! Kurz, wie die lautere Natur den erſten Schlag Von Amors Schmerzenspfeil in ſich empfinden mag. Arnulf(eiſe für ſich!. Da ſieht man's— Bübin, wart'— was dir genützt das Schreiben. Mein Wille war es nicht, daß man dich's ließe treiben. Horaz(liest). Ich will Ihnen ſchreiben; aber ich bin ſehr verlegen, wie ich das anfangen ſoll. Ich möchte gern, daß Sie meine Ge— danken kennen lernten; doch weiß ich nicht, wie ich ſie Ihnen ausdrücken könnte, und fürchte, ich möchte die rechten Worte nicht brauchen. Da ich jetzt einſehen lerne, daß man mich ohne Bildung gelaſſen hat, fürchte ich irgend etwas zu ſchreiben, das nicht richtig ſei, und mehr zu ſagen, als ich ſollte. Ich weiß wirklich nicht, was Sie mir angethan haben; aber ich fühle, daß ich mich zu Tode ärgern könnte über das, was man mich zwingt, Ihnen gegenüber zu thun, daß ich die größte Mühe haben werde, ohne Sie zu leben, und daß ich gerne Ihnen ganz angehören möchte. Vielleicht iſt es ſehr ſchlecht, dies zu ſagen; aber ich kann nicht umhin, es zu ſagen, und ich möchte, ich könnte es thun, ohne ein Unrecht zu be gehen. Man ſagt mir ſtets, daß alle jungen Leute Schwindler ſind, daß man ſie nicht anhören ſoll, und daß Sie nur ein Spiel mit mir treiben; aber ich kann Ihnen verſichern, daß ich mir das noch nicht von Ihnen vorſtellen konnte; denn Ihre Worte haben mich ſo gerührt, daß ich ſie nie für Lügen zu halten vermag. Sagen Sie mir offen, wie es damit ſteht; denn da ich ſelbſt ohne Falſchheit bin, hätten Sie das größte Unrecht der Welt, mich zu betrügen, und ich denke, daß ich aus Kummer darüber ſterben würde. Arnulff(beiſeit). Verruchte! Horaz. Was iſt euch? Arnulf. Mir? nichts: ein Huſtenreiz Horaz. So ſüßen Ausdruck, wo ſaht ihr ihn euerſeits? Trotz häßlichen Bemühns unbilliger Bedrückung Welch' herrliches Gemüth für eines Manns Beglückung! Das iſt ſtraffällig doch, ein Frevel unerhört, Wer dieſes ſchönen Geiſts Entwicklung boshaft ſtört Und in Unwiſſenheit und in des Blödſinns Sumpfe Erſticken wollte hier der Seele Glanztriumphe. Die Liebe jetzt begann den Schleier wegzuziehn, Und wenn bei glücklichem Geſtirn ich fähig bin, Zu thun, wie ſich gebührt, dem unverſchämten Hunde, Dem Henker, dem Kujon, dem Schelm, dem Geifermunde—— Arnulf. Lebt wohl. Horaz. Wie? was? ſo ſchnell? Arnulf. Es kommt mir in den Schuß Ein dringendes Geſchäft, das ich beſorgen muß. uß Horaz. Doch wüßtet ihr mir nicht Bericht, wer bei der ſtraffen Bewachung in dies Haus mir Eingang könnt' verſchaffen? Ich halte nicht zurück: natürlich iſt es doch, Daß Freunde ſich verſtehn und ziehn am gleichen Joch— Da drinnen gibt es nur noch Leut', die nach mir ſpähen, Und Knecht ſowohl als Magd, die eben ich geſehen, Sie ließen niemals, wie ich auch zu ihnen ſprach, Um mir Gehör zu leih'n, von ihrer Rohheit nach. Ein altes Weib war mir zur Hand in ſolchen Dingen, Wahrhaftig ein Genie, dem alles konnt' gelingen: Sie hat zuerſt mir gut gedient in meiner Noth: Doch ſeit vier Tagen iſt die arme Alte todt. Oh, könntet ihr mir nicht ein andres Mittel finden? Arnulf. Nein, leider! Ihr vermögt euch ſelbſt szuwinden. Horaz. So lebt denn wohl: ihr ſeht, wie viel ich euch vertraut. (Ab nach rechts hinten.) Fünfter Auftritt. Arnulf. Wie würg' ich ihn hinab, den Zorn, der an mir kaut? Wie ſchwer ward mir's, vor ihm den melgen zu bezähmen! Wie muß ich vor dem Witz des dummen Dings mich ſchämen! Dumm? Ha, ſie ſtellte ſich ſo, die Verrätherin; Blies ihr der Teufel gar die Liſten in den Sinn? „Ich bin ein todter Mann durch dies verwünſchte Schreiben: Er, der Verräther, wird im Hauſe Meiſter bleiben; Mich ſchafft man ab, und er, er iſt im Korb der Hahn: Da fängt die Todesqual mir, die Verzweiflung an. Ich leide doppelt, da ihr Herz mir iſt entwendet; Denn mit der Liebe iſt die Ehre auch geſchändet— Wuth aller Enden! Denn mein Platz iſt nun beſetzt, Und meine Klugheit iſt getäuſcht, für nichts geſchätzt. Was thu' ich, um ihr frech Gelüſte zu beſtrafen? Laſſ' ich ſie laufen denn mit den verirrten Schafen? Ihr böſes Schickſal gäb' mir ſüßer Rache Luſt; Doch ärgerlich iſt ſtets geliebten Guts Verluſt.) O Gott! was half hierin all mein Philoſophiren? Mußt' ich an ihr Geſicht ſo den Verſtand verlieren? Sie hat nicht Eltern, nicht Vermögen, nicht Geleit, Verachtet mein Bemühn und Güt' und Zärtlichkeit, Und dennoch lieb' ich ſie nach dieſem Streich der Diebe Und kann ſogar nicht mehr entſagen ihrer Liebe. Da knirſcheſt du vor Wuth und ſchämſt dich nicht, du Tropf? Du magſt nur tauſendmal dir ſchlagen an den Kopf. Ich tret' ein Weilchen ein, und einzig um zu ſehen, Wie ihr Betragen nach ſo gräßlichem Vergehen. Laß, Himmel, mir die Stirn von Schande unberührt! Doch wenn mein Schickſal auch durch dieſe Pforte führt, So gib mir wenigſtens in ſolchen Unheils Nöthen Der andern Feſtigkeit davon nicht zu erröthen! (Er geht ins Haus.) Kurzer Zwiſchenakt bei offener Bühne. Muſik. Man hört aus dem Hauſe Geräuſch von polternden Tritten, zugeſchlagenen Thüren, zerbrochenem Glas, Winſeln eines Hundes u. dergl. Spaziergänger können über die Bühne nach der Allee gehen und durch Zeichen ihre Aufmerkſamkeit zu erkennen geben. Buben johlen, werfen Steine nach den Fenſterläden und entfliehen, ſobald Arnulf wieder unter der Thüre ſichtbar wird. FUs 5 2808 em em hne ien en, 65 (Vierter Akt Moliére's.) Erſter Auftritt. Arnulf(aus dem Hauſe kommend). Am Platz zu bleiben ſtill, es wird mir wahrlich ſchwer, Und tauſend Sorgen gehn in meinem Geiſt umher. Es gilt nach innen und nach außen Ordnung bringen Und niedertreten ſtracks des Mädchenräubers Ringen. Wie die Verrätherin mir feſt in's Auge ſah! Sie ſchien nicht aufgeregt von allem, was geſchah. Nachdem ſie an den Rand mich des Verderbens führte, Beträgt ſie ſich, als ob ſie nichts davon verſpürte. Je mehr ich ſie beſchaut' und völlig ruhig fand, Je mehr fühlt' ich in mir den Gallenſtoff entbrannt, Und dieſer heiße Strom, der mir im Herzen flammte, Verdoppelte mir nur die Liebe, die verdammte. Ich war geärgert, bös, verzweifelt über ſie, Und doch ſo ſchön, ſo ſchön, ſo ſah ich ſie noch nie. Nie ſtrahlt' aus ihrem Blick mir ſo erhabne Zierde; Nie, nie erregt' er mir ſo heftige Begierde: Es kocht im Innern mir, gibt mir den Todesſtoß, Wenn ſich in Weh erfüllt mein unglückſelig Loos. Was? hätt' ich darum ſie mit allem Fleiß erzogen, Mit ſoviel Zärtlichkeit und Vorſicht es erwogen, Seit ihrer Kindheit ſie zu mir in's Haus gebracht, Die ſchönſte Hoffnung mir von ihrem Dank gemacht, Des Herzens Wunſch genährt nach ihrer Jugendblüte Und dreizehn Jahre ſie gekirrt mit ſolcher Güte, Damit ein junger Thor, in den ſie ſich verkeilt, Sie vor der Naſe mir wegzuſtipitzen eilt, Nachdem ſie halb und halb mit mir ſchon iſt vermählet? Bei Gott, Herr Dummrian, lieb Freundchen, weit gefehlet! 66— Ja, dreh dich, wie du willſt! ich müßt' des Henkers ſein, Wenn ich dein Hoffen nicht verkehr' in bittre Pein: Dein Lachen wird dir noch zu guter Letzt benommen. Zweiter Auftritt. Der Notar, Arnulſ. Notar. Da iſt er. Guten Tag. Ich bin ja recht gekommen, Daß ich euch mache den Kontrakt, den ihr begehrt— Arnulf(der ſich allein glaubt und den Notar weder ſieht noch hört), Wie thun? Notar. Natürlich, wie es das Geſetz uns lehrt. Arnulf(ſich allein glaubend). mir die Vorſicht heiſcht, das will ich ernſt bedenken. — 5⁰ 0 9 8 Notar. Ich werde ſicher nichts zu Schaden euch verrenken. Arnulf(ſich allein glaubend). Man müßte ſchützen ſich vor jeder Hinterliſt. Notar. Genug, wenn eure Sach' in meinen Händen iſt. Wollt ihr in guter Treu' nicht werden hintergangen, So gebt die Quittung nicht, bevor ihr habt empfangen. Arnulf(ſich allein glaubend). Kommt der geringſte Lärm davon in unſre Stadt, So gibt's ein Freuen gleich, daß man zu klatſchen hat. Notar. Ei nun, es iſt ja leicht, Aufſehen zu verhüten: Man braucht nur insgeheim die Eier auszubrüten. * 5 Æ 2 + Arnulf(ſich allein glaubend). Wie aber komm' ich nun mit ihr aus dem Gefecht? Notar. Das Witthum wird dem, was ſie beigebracht, gerecht. Arnulf(ſich allein glaubend). Ich liebe ſie: dies macht mich innerlich verlegen. Notar. Man bringt in dieſem Fall Vortheile ihr entgegen. Arnulf(ſich allein glaubend). Was laſſ' ich ihr nur für Behandlung angedeih'n? Notar. Der Bräut'gam gibt der Braut— dies ſoll die Regel ſein— Ein Drittel ihres Guts; doch dies iſt nicht ſo zwingend: Man kann viel weiter geh'n, wenn man es findet dringend. Arnulf(ſich allein glaubend). Wenn—— Eer bemerkt den Notar.) Notar. Zu beſtimmen iſt das künft'ge Präciput. Kurzum, der Bräut'gam kann, wie es ihm deuchte gut, Die Braut bedenken. Arnulf. He? Notar. Wenn er nachgibt der brünſt'gen Lieb' und Gewogenheit, kann er ſie recht begünſt'gen, Und zwar durch Witthum, ſei's als Präfix, wie ſich's ſchreibt, Das durch den Hintritt der Perſon verloren bleibt, Auch ohne Rückfall, daß es zukommt ihren Kindern, Sei's nach Gewohnheitsrecht, wenn ſonſt nicht Wünſche hindern, Und auch durch Schenkungen, beſtätigt im Vertrag, Ein⸗ oder gegenſeits, wie man ihn machen mag. Was zuckt die Achſeln ihr? Wie? führ' ich eitle Reden? Kenn' ich nicht des Kontrakts Artikel all' und jeden? Wer lehrt ſie beſſer mich? Ich denke, niemand mehr— Nicht wahr? Der Ehebund gibt rechtliche Gewähr Für Möbel, Liegenheit, errung'nen Guts Gemeinſchaft, Wenn nicht ein eigner Akt den Ausnahmfall hineinſchafft? Und nur ein Drittel geht vom Gut der Ehefrau In der Gemeinſchaft auf, um— Arnulf. Ja, ihr wißt's genau; Wahr iſt es; doch wer hat euch damit angerempelt? Notar. Ihr, der muthwillig mich zum dummen Schafskopf ſtempelt, Und der die Achſeln zuckt' und mir Geſichter ſchnitt. Arnulf. Der Teufel hol' den Kerl und ſeine Fratze mit. Lebt wohl: ſo hat die Sach' ihr rechtes End' genommen. Notar. Zur Faſſung des Kontrakts hat man mich laſſen kommen. Arnulf. Ja, ich beſtellt' euch; doch vorläufig muß es ruhn. Geht es von neuem los, ſo wird man's wieder thun. Seht mir den Grobian: gleicht er nicht einem Sbirren? (Er geht in's Haus.) Notar. Ich glaub', er iſt verrückt, und glaub' mich nicht zu irren. 69 Dritter Auftritt. Der Notar, Alan, Georgette(die aus der Stadt kommen). Notar(ihnen entgegen gehend). Sagt mir, hat euer Herr euch nicht nach mir geſandt? Alan. Doch. Notar. Wenig ſchiert es mich, wofür er euch bekannt; Nur gehet mir jetzt hin, ſagt ihm aus meinem Munde, Er ſei ein ganzer Narr. Georgette. Wir werden's thun zur Stunde. Vierter Auftritt. Alan, Georgette, Arnulf. Alan. Arnulf. Tretet näher, ihr: ihr ſeid mir beide treu, Mir wahre, gute Freund'; ich hab's erprobt auf's neu'. Alan. Herr, der Notar— Arnulf. Laß ſein: der geht uns nicht verloren. Zum Schaden meiner Ehr' hat ſich ein Feind verſchworen, Und, Kinder, welcher Schimpf iſt dann für euch beſtimmt, Wenn jemand eurem Herrn die Mannesehre nimmt! Ihr dürftet nimmer ſtehn vor Großen noch Geringern: Ein jeder würd' auf euch hinzeigen mit den Fingern. 14 N 4 N I 128132181225 Da nun auf euch ſowohl als mich die Schande fällt, So gilt es jetzt zu ſehn, wer gute Wache hält; Denn der galante Herr darf uns auf keine Weiſe Georgette. Ihr habt uns vorhin recht gerückt in das Geleiſe. Arnulf. Ja, doch ſein ſchön Geträtſch, bewahrt euch wohl davor! Alan. Ja wohl. Georgette. Wir wiſſen's ſchon: den Riegel vor das Thor! Aruulf. Käm' er ganz ſachte her:„Alan, mein liebes Herze, 14 O hilf mir, laß mich nicht erliegen meinem Schmerze!“—— Alan. Ihr ſeid ein Gimpel. Arnulf. Gut.(Zu Georgette.) „Georgette, hilf geſchwind! Du ſcheinſt mir doch ſo ſanft, du gutes liebes Kind.“ Georgette. Ihr ſeid ein Dummrian. Arnulf. Recht ſo.(Zu Alan.) „Wo iſt das Böſe, Wenn ich mit Tugendſinn ihr mein Verſprechen löſe?“ Alan. Ihr ſeid ein Schurke. Arnulf. Recht.(Zu Georgette.) „Der Tod iſt ſicher mir, Erbarmt's dich nicht der Qual, die ich erdulde hier.“ Georgette. Ihr ſeid ein Eſel, ein Nichtswürd'ger: mögt euch trollen. Arnulf. Sehr gut.(Zu Alan.) „Ich bin nicht Manns, nichts gegen nichts zu wollen; Ich hab' Gedächtnis für dienſtwilliges Gehör, Und W Alan, da haſt du ein Douceur, Und hier, Georgette, dir ein Unterkleid zu kaufen. (Sie ſtrecken beide die Hand hin und nehmen das Geld.) as ſoll von meinem Dank voraus ein wenig laufen. as einz'ge, was ich will von eurem Freundesſinn: Jaßt ſprechen mich ein Wort mit der Gebieterin!“ 8 898 Georgette(ihn ſtoßend). Nichts da. Arnulf. Vortrefflich. Alan(ihn ſtoßend). Weg Arnulf. Sehr gut. Georgette(ihn ſtoßend). Doch augenblicklich! Arnulf. Gut. Au! nun iſt's genug. Georgette. Mach' ich es nicht ganz ſchicklich? Alan. Iſt es auf dieſe Art, wie ihr es haben wollt? Arnulf. Ja wohl. Das Geld nur habt ihr nehmen nicht geſollt. Georgette. Ja, dieſer Umſtand kam uns eben nicht zu Sinnen. Alan. Sprecht, ſollen wir ſogleich von neuem nicht beginnen? Arnulf. Nein, es genügt. Hinein! Alan. Sprecht, wenn es euch genehm. Arnulf. Nein, ſag' ich; geht hinein! So iſt es mir bequem. Ich laſſ' euch dieſes Geld. Geht nur: ich folg' euch eben. Habt gut auf alles acht und fechtet für mein Leben! Fünfter Auftritt. Arnulf. Ich nehme zum Spion, der alles überſchaut, Den Schuſter, der an's Eck die Bude ſich gebaut. Sie ſoll mir immerdar im Hauſe ruhig bleiben In guter Aufſicht, und von hinnen wird man treiben Haarkräuslerin und Haub'- und Bandverkäuferin, Wer Handſchuh, Taſchentuch feil bietet her und hin, Die Leute, die da ſtets nach allen Mitteln ſpüren, Um Amors Neckerei'n ans Ziel hinaus zu führen.) Ich hab' die Welt geſehn, ich weiß, was grob und fein: Der Burſche müßte doch ausnehmend pfiffig ſein, Wenn Botſchaft, Liebesbrief von ihm herein ſich ſchliche. Sechster Auftritt. Horaz, Arnuulf. Horaz(aus der Allee kommend). a find' ich höchſt erwünſcht euch unter meinem Striche. ch bin gekommen ſchön davon, beim Element. ch denk' an nichts. Kaum hatt' ich mich von euch getrennt, ah ich auf dem Balkon allein Agneschen ſtehen ie Lüfte athmend, die von jenen Bäumen wehen. gibt ein Zeichen mir, ſie weiß es ſo zu thun, aß ſie im Garten mir die Pforte öffnet. Nun Sind wir zwei beide kaum vereint in ihrer Stube, Da poltert auf der Trepp' ihr eiferſücht'ger Bube— Was ſie noch fertig bracht' als letzte Rettungsplank', Iſt einzuſchließen mich in einen großen Schrank. Er trat ſofort herein; mir war er nicht zu ſehen; Doch hört ich ſtarken Schritts ihn durch das Zimmer gehen, Stumm, nur von Zeit zu Zeit erbärmlich ſeufzend und Zuweilen pochend laut auf aller Tiſche Rund. Er ſchlug den kleinen Hund, den ſein Gelärm erſchreckte, Warf Kleider um ſich her, die er gerad' entdeckte; Ja, er zerbrach ſogar mit ungeſchickter Hand Die Vaſe, die auf dem Kamin als Zierde ſtand. Es war doch ganz gewiß dem dummen Bock gekommen Aufklärung von dem Streich, wie man ihn mitgenommen. Zuletzt, nachdem er ſo ſich um und um gedreht Und auf unſchuldiges Geräth den Zorn verweht, Geht, ohne eines Worts den Aerger zu entlaſten, Mein Narr aus dem Gemach und ich aus meinem Kaſten. Wir wollten beide nicht, aus Furcht vor dem Patron, Noch länger in Gefahr beiſammen weilen: ſchon War dies zuviel gewagt; doch abends iſt mein Wille, In ihre Stube ſpät zu ſteigen in der Stille. Dreimalig Huſten wird ihr künden, ich ſei nah; Auf dieſes Zeichen ſteht ihr Fenſter offen da; Cο ειοσ ν 8 Oο Mit einer Leiter dann, die Agnes hält an Ringen, Sucht ſich mein Liebesdrang zu ihr hinaufzuſchwingen. Als einz'ger Freund, will ich, daß ihr es mitgenießt: Des Herzens Fröhlichkeit wächst, wenn man ſie ergießt, Und mag man tauſendmal vollkommnes Glück erfahren, Befriedigt iſt der nicht, der's heimlich muß bewahren. Ihr nehmet, denk' ich, gern an meinem Glücke Theil. Lebt wohl! Ich rüſte zu, was führt zu meinem Heil. (Ab nach der Stadt.) Siebter Auftritt. Arnulf. Wie? das Geſtirn, das mich will zur Verzweiflung bringen, Läßt mir die Zeit nicht mehr, nach Athemzug zu ringen? Und ich ſoll Schlag auf Schlag von ihrem Einverſtehn Mir Vorſicht, Wachſamkeit, Sorgfalt vereiteln ſehn? In Klugheit werd' ich von dem Kind von ſieben Wochen, Vom wind'gen Friſchling da, ich Alter, ausgeſtochen? Als weiſer Philoſoph ſah man mich lange Zeit Beſchau'n der ehlichen Geſchicke Traurigkeit, Mich mit Bedacht von all den Fällen unterrichten, Wovon der Klügſte hat verdrießliche Geſchichten; Das Unglück anderer mir kehrend zum Gewinn, Bei einer Gattin Wahl ſucht' ich in meinem Sinn, Wie ich die Stirne mir vor Ueberſchuß behüte Und unterſcheide von den Stirnen ſchlechtrer Güte; Zu dieſem edlen Zweck glaubt' ich zuſtandgebracht, Was Menſchenklugheit nur und Witz ausfindig macht, Und doch, als wär' es ſo vom Schickſal feſt geregelt, Daß ohne dieſes Loos niemand durchs Leben ſegelt, Nach der Erfahrung und dem leuchtenden Begriff, Den über dieſen Stoff ich mir zuſammenſchliff, Nach zwanzigjähriger genauer Ueberlegung, Nach jeder Einzelheit durchdringendſter Erwägung Hätt' ich verlaſſen ſo viel andrer Männer Spur, Daß ich grad ſo erläg' dem Banne der Natur? — a, widrig Schickſal, du erliegſt mit deinem Witze: en Schatz, nach dem man ſtrebt, hab' ich noch im Beſitze. tahl mir der ſchreckliche Zieraffe auch ihr Herz, Ich werd's verhindern, daß man weiter treibt den Scherz, Und dieſe Nacht, die man zum Ritterſtück erwählte, Geht nicht ſo ſänftlich ab, wie er es mir erzählte. Es iſt mir eine Luſt in dieſer Schwerenoth, Daß man mir gibt Bericht vom Schlage, der mir droht, Und daß mein Todfeind ſelbſt mit übermüth'gem Prahlen In ſein Vertrauen zieht den eigenen Rivalen. 66) 9* Achter Auftritt. Chriſald, Arnulf. Chriſald. Wie ſteht es? wird noch vor dem Abendgang geſpeiſt? Arnulf. Nein doch, ich faſte heut. Chriſald. Was fährt euch durch den Geiſt? Arnulf. Verzeiht, ich bitt' euch drum: es liegt was in den Wegen. Chriſald. Iſt's mit der Heirat nichts und dem gehofften Segen? Arnulf. Ihr kümmert euch zu ſehr um anderer Geſchäft. Chriſald. Oho, welch barſcher Ton! Wer greift euch denn an's Heft? Wär' euch im Liebestraum trotz zärtlichem Gebahren, Gevatter, etwas Angſt und Trübſal widerfahren? Ich wollt' es ſchwören faſt auf eure Miene hin. Arnulf. Was mir auch werden mag, des habt ihr nie Gewinn, Daß ich zu meiner Scham gewiſſen Leuten gleiche, Die ſanft hinnehmen der galanten Ritter Streiche *[Chriſald. F5. iſt doch ſeltſam, daß eu'r trefflicher Verſtand n dieſem Stücke ſtets ſolch arge fand, Daß hierein ihr allein die höchſte Ehre ſetzet, Euch ſonſt auf dieſer Welt an keinem Glück ergetzet. Geiz, Rohheit, Schurkerei, Bosheit und feiger Schreck Iſt eurer Anſicht nach nichts gegen dieſen Fleck, Und wie man ſonſt auch ſei in Leben und Manieren, Ihr heißet Ehrenmann, wen keine Hörner zieren. Wenn ihr es recht erwägt, mit gutem Grund warum Von dieſem Zufall ſoll abhangen unſer Ruhm? Wie ſoll ein Biederſinn ſich nicht viel eher lindern Den Vorwurf eines Leids, das er nicht kann verhindern? Warum denn wollt ihr, wenn man eine Gattin wählt, Daß ihre That es macht, ob man uns lobt, ob ſchmählt? Was iſt das für ein den man ſo gräßlich ſcheue, Weil ſie geſündigt hat an Liebespflicht und Treue? Setzt es euch in den Kopf: man kann verrathen ſein Und nicht geſtrichen aus der Ehrenmänner Reihn; Was böſer Zufall bringt, kann niemand uns erſparen; Gleichgiltig muß uns ſein, was wir derart erfahren. Das ganze Uebel liegt trotz dem Geträtſch der Welt Nur darin, was man ſelbſt von dieſer Sache hält; Und um in ſolchem Fall ſich paſſend zu benehmen, Muß man, wie überhaupt, ſich hüten vor Extremen, Nicht folgen jenen Herrn von zu gutmüth'gem Schlag, Die ſolcherlei Geſchick ziehn an den hellen Tag, Von ihren Weibern ſtets die Seladons bekennen, Ihr Lob verkünden und ihre Talente nennen, Es J Ihnen betheuern laut die wärmſten Sympathien, Sich ihrer Gaben freu'n und ihrer Luſtpartien Und machen, daß mit Recht die Leute ſich erſtaunen, Wie ſie erſcheinen hier mit Pauken und Poſaunen. Ja, dies Benehmen iſt gewißlich tadelnswerth: Das andere Extrem iſt ebenſo verkehrt. Gefällt mir nicht, wer ſich zum Freund macht der Galane, ˖ So lieb' ich auch nicht die, die toben wie Orkane, So voller Heftigkeit, ſo toll und wuthentbrannt, Daß ihr Gelärm auf ſie die Blicke aller ſpannt, Und die mit dieſem Sturm es zu verſchmähen ſcheinen, Daß man, was ſie betraf, gedächte zu verneinen. Dazwiſchen findet ſich ein guter Mittelpfad, Den im bedürft'gen Fall der Kluge ſtets betrat: Wer ihn zu nehmen weiß, hat niemals ſich zu ſchämen es ſchlimmen Spiels, womit die Frau ihn könnte grämen. Was man auch ſagen mag, es läßt dies Mißgeſchick Sich überſchauen wohl mit einem mildern Blick: Der ganzen Weisheit Schluß, um dies Geſpräch zu enden, Iſt nach der guten Seit' ein jedes Loos zu wenden. 2 Arnulf. Mit dieſer ſchönen Red', ſo voller Würz' und Kraft, Darf höchſt zufrieden ſein die ganze Brüderſchaft; Sie wird es danken euch, und wer euch ſo vernommen, Der wird die größte Luſt ſich einzureihn bekommen. Chriſald. So iſt es nicht gemeint: das grade tadl' ich viel; Doch da die Frau uns wird, wie durch ein Lottoſpiel, So, ſag' ich, muß man thun, wie wenn ihr Triktrak machet: Wenn euch der Wurf nicht kommt, der euch am meiſten lachet, So braucht's Beſonnenheit: ergebnen Sinns erwägt, Wie ein geſchickter Griff des Zufalls Launen ſchlägt. Arnulf. Das heißt, nur immerdar gut ſchlafen, trinken, eſſen, Und in dem Taumel all das Mißgeſchick vergeſſen. Chriſald. Ihr ſeid nicht recht bei Troſt: ehrlich jedoch geſagt, Ich ſehe vieles, was mir weniger behagt, Und was ich für ein gar viel größres Unglück achte, Als dieſer Unfall, der euch ſo viel Sorgen machte. Meint ihr, von zweierlei, wär' mir die Wahl erlaubt, Ich möcht' nicht lieber ſein, was ihr ſo ſchrecklich glaubt, Als mich vermählt zu ſehn mit jenen Tugendhaften, Die mürriſch um ein Nichts verlangen Rechenſchaften, Den Drachen, vom Gefühl der Rechtlichkeit erfüllt, In ihren Heldentrotz beſtändig eingehüllt, Die für ein kleines Weh, vor dem ſie uns bewahren, Das Recht ſich nehmen, uns deſpotiſch anzufahren, Und mit dem Anſpruch, den die Treue ihnen gibt, Aufhalſen uns das Joch, das ihrem Stolz beliebt? Nochmals, Gevatter: merkt, daß dieſer Schmuck am Haupte Nichts iſt, das etwas von der eignen Schätzung raubte, Daß man aus manchem Grund ſogar ihn wünſchen kann Und, wie an andrem Ding, ſchon Freude dran gewann. Arnulf. Wenn ihr die Abſicht habt, darein euch zu ergeben, So iſt es meine nicht, das Gleiche zu erleben,] Und ehe ſolche Schmach mir ſtiege zu Geſicht,—— Chriſald. Mein Gott, ein Meineid könnt' es ſein; drum ſchwöret nicht! Will es das Schickſal ſo, was nützen eure Sorgen? Und eure Meinung mag auf ſich beruhn bis morgen— Arnulf. Ich ließe mir's geſchehn? 79 Chriſald. Ihr ſteckt in böſer Haut— Viel hunderten geſchah's— nehmt nichts für ungut, ſchaut!— N Die an Geburt und Geiſt, an Wohlgeſtalt, Vermögen, Mit euch verglichen, nicht fürwahr den Kürzern zögen. Arnulf. Und ich, mit ihnen wollt' ich nicht verglichen ſein. Doch ſteckt mir dies Geſpött nur hochgefällig ein: Es iſt mir unbequem. Chriſald. Es kocht in eurem Innern. (für ſich) Gaut) Die Urſach' hört man bald. Lebt wohl! laßt euch erinnern: Was eure Ehr' auch ſpricht in hohem Redeſchwall, Der iſt ſchon halb und halb in jenem ſchlimmen Fall, Der es beſchwören will, daß er's nie wird erfahren. Arnulf. Ich ſchwör' es noch einmal und werde mich bewahren. Wer mich zu täuſchen ſucht, der hat ſein Spiel verthan. (Läuft nach ſeiner Thüre und klopft.) Neunter Auftritt. Alan, Georgette, Arnulf. Arnulf. O Freunde, jetzo fleh' ich eure Hilfe an. Ich bin wohl überzeugt von eurer Lieb' und Treue; 5 0 8 Doch muß ſie heute ſich bewähren mir auf's neue: Bedient ihr mich, wie es erwartet mein Vertrau'n, So könnt auf meinen Dank ihr zuverſichtlich bau'n. — 8 V I N 8 N N RNRRNNN 2 80 Der Blonde, den ihr kennt,— doch ſtill davon geſchwiegen!— Verſucht, wie ich erfuhr, die Nacht mich zu betriegen; In Agnes' Zimmer will er heimlich ſteigen ein; Doch wir, wir ſtellen ihm den Hinterhalt zu Drei'n. Ihr einen guten Stock in eure Hand genommen! Und hat er nahezu die letzte Sproſſ' erklommen,— Inzwiſchen wird euch dort das Fenſter aufgemacht, Dann auf den Schurken los mit einer tücht'gen Tracht! Ja, aber daß ein Mal ihm auf dem Rücken bleibe, Das ewig ihm die Luſt zur Wiederkehr vertreibe, Doch ohne Namensruf und ohne daß man ahnt, Als hätt' ich euch dazu von hinten her ermahnt. Seid ihr geneigt, an ihm den Zorn mir abzukühlen? Alan. Wenn's nur zu klopfen gibt, ſein Buckel wird es fühlen, Was meine Hand vermag: es rieſelt euch durch's Mark. Georgette. Die meine ſcheint vielleicht dem Anſehn nicht ſo ſtark; Doch ſtellt ſie auch ihr Theil bei allen Prügelungen. Arnulf. Gut, geht mir jetzt hinein und wahret eurer Zungen! (allein.) Man nehme ſich daran die gute Leetion: Wenn jeder Ehemann hier zahlte dieſen Lohn Den Stutzern, die ſich Müh' um ſeine Gattin geben, Man würde bald davor in Ruh' und Frieden leben. (Er geht ins Haus; es iſt inzwiſchen dunkel geworden) 81 Zehnter Auftritt. Georgette, Alan kommen um die Ecke, jedes einen dicken Prügel in der Hand, Georgette voraus. Alan. Wohin denn ſo geſchwind? Georgette. Mich ſehen als Profoß. Alan. Der gravität'ſche Schritt! Georgett', was iſt denn los? Georgette. Das iſt mein Prügel. Alan. Haſt ihn ſtark genug genommen? Georgette. Bald wird das Herrchen ſehn, wie der ihm mag bekommen. Alan. Laß ſehn! Georgette. Sei ruhig: wem der um die Ohren ſaust, Der hat zum letzten Mal auf fremdem Kraut gelaust. Alan. So kannſt du keinen Hieb aus dem Gelenke führen, f. Wie ich dir's zeige. Gleich ſoll mir's der Baum verſpüren. Georgette. Da ſiehſt du, wie ich's kann.(Haut nach einem Baum und trifft den Alan an's Bein.) 6 12 1 5 2 WRRRN Alan. Au weh, du rohes Thier: ſchlägſt du mich? Verdammt! Reibt ſich das Bein und hinkt.) 2 2 2 19 Georgette. Bleib weiter weg von mir! Alan. Du ſollſt mir's zahlen, wart! 6 Georgette. Schlag nur, ſo ſchlag' ich wieder. Alan. Wenn ich auf einen Hieb dich nicht gleich ſchlage nieder— (Sie verprügeln ſich. Der Vorhang fällt.) Pauſe mehrerer Minuten. Hierauf muſikaliſche Einleitung zum dritten Aufzug, zuerſt lugubren Charakters, dann ſich in Freude auflöſend. Dumpfes Getöſe und Geſchrei aus dem Hintergrund der Bühne, ehe der Vorhang 9 8 0 0 wieder aufgeht. tten pfes ang Dritter Aufzug. Fünfter Akt Moliére's.) Erſter Auftritt. Alan, Georgette, Arnulf(kommen aus dem Hauſe; es iſt Nacht). Arnulf. Verräther, was habt ihr gethan? Die Raſerei—— Alan. Wir haben euch gezeigt, Herr, was Gehorſam ſei. Arnulf. Vergebens mögt ihr das euch zur Entſchuld'gung ſagen. Befehl war, ihn zu hau'n, doch nicht ihn todtzuſchlagen; Und auf den Rücken nur, wollt' ich, nicht auf den Kopf Sollt' niederſenken ſich der Sturm dem armen Tropf. Wie übel iſt mit mir das Schickſal umgeſprungen! O Gott! was fang' ich an mit dieſem todten Jungen? Zurück, ins Haus hinein, und hört! von dem Befehl, Den ich unſchuldig gab, macht mir das größte Hehl! (allein).(Es wird nach und nach heller). Der Morgen bricht heran: es gilt, ſich zu beſinnen, Was bei dem Unglücksfall ich habe zu beginnen. Was wird aus mir? wie groß des Vaters Herzeleid, Wenn plötzlich er vernimmt die ſchlimme Neuigkeit! I IXIXN Æ 5— 4. I INXANNIS 2 WoVNVNVVVVN&N 84 Zweiter Auftritt. Horaz, Arnulf. Horaz kommt von hinten rechts(für ſich). Ich muß erkennen erſt, wer hier umhergeſchlichen. Arnulf(ſich allein glaubend). Wie hätte man's gedacht——? (von Horaz angeſtoßen, den er nicht erkennt). Was kommt mir da geſtrichen? Horaz. Ihr ſeid es, Herr Arnulf. Arnulf. Ja, aber ihr? Horaz. Ich bin's, Horaz; um einen Dienſt zu bitten war ich Sinns. Ihr geht ſehr frühe aus. Arnulf(leiſe, beiſeit). Ich möcht' zu Boden ſinken: Iſt es ein Zauberſpiel? iſt's eines Trugbilds Winken? Horaz. Ich hatte, frei geſagt, da eine harte Nuß, Und preiſend dank' ich es des Himmels gnäd'gem Schluß, Der ſo zu rechter Zeit euch führt in meine Hände, Vor allem die Notiz: es nahm ein gutes Ende, Viel beſſer auch ſogar, als ich's vorher gedacht, Durch einen Umſtand, der es faſt zu Fall gebracht. Ich weiß es nicht, woher man Wind davon bekommen, Daß wir zu dieſem Streich Verabredung genommen; Doch wie ich oben faſt mich ſchon an's Fenſter lehn', Seh' unerwartet ich Geſtalten vor mir ſtehn, 7 Die über mir den Arm erheben in der Kürze, So daß ich trete fehl und ganz hinunter ſtürze: Der Fall, der mir die Haut nur ſchürft' ein wenig zart, Vor zwanzig Prügeln hat er glücklich mich bewahrt. Die Leute,— ſicher war auch mein Rival bei ihnen,— Sind ängſtlich, weil die Schläg' des Falles Urſach' ſchienen, Und da das Schmerzgefühl ſo ziemlich lange feſt Und unbeweglich mich am Boden liegen läßt, Vermeinen ſie im Ernſt, ſie hätten mich erſchlagen, Und jeder fühlt ſogleich ein Jucken unterm Kragen. Ich höre mäuschenſtill den Lärm von dieſem Wahn: Sie klagen wechſelſeits ſich der Gewaltthat an, Sie kommen ohne Licht und mit dem Schickſal zankend, Zu taſten, ob ich todt ſei oder ob nur krankend. Ihr mögt euch denken, ob ich in der finſtern Nacht Mich ſo verhalten konnt', als wär ich umgebracht. Sie zogen ſich zurück mit ungeheurem Schrecken, Und wie ich eben dacht' den Rückzug mir zu decken, Kam furchtbar aufgeregt von dieſer Todesmär Mit raſchem Schritt auf mich die junge Agnes her: Denn was die Leute dort geſprochen wie im Chore, Das alles war ſofort gedrungen ihr zum Ohre, Und da ſie weniger bewacht war in dem Graus, War ſie mit leichter Müh' entſprungen aus dem Haus; Doch als ſie unverſehrt mich fand, da mocht' man ſehen, In welchen Freudenrauſch ſie gleich ſich ließ ergehen. Was red' ich euch noch viel? Das liebenswürd'ge Kind Nahm die Entſchlüſſe, die der Lieb' entſproſſen ſind, Verzichtete darauf, nach Haus zurückzukehren, Und legt' in meine Hand ihr Loos in Zucht und Ehren. Nun denket bei dem Schritt der Unſchuld die Gefahr, Der durch des Narren Wuth ſie preisgegeben war, Was in die Schanze ſie ſchlug für ihr ganzes Leben, Wär' ich ihr weniger in Lieb' und Treu' ergeben. Doch ſterben wollt' ich eh'r, als ſie der Schande weihn: Das mir im Herzen brennt, das Feuer iſt zu rein; Der Holden Anmuth ſoll ein beſſres Schickſal kennen, Und nichts vermag von ihr mich als der Tod zu trennen. Wohl ſeh' ich daraufhin des Vaters Zorn voraus; Doch wird bei günſt'ger Zeit geſtillt der jähe Braus. Von ihrem ſüßen Reiz laſſ' ich mich überwinden, Und kurz, im Leben muß man doch Befried'gung finden. Was ich von euch verlang' in treuer Heimlichkeit; Empfangt in eure Hut mir die geliebte Maid, Gebt ihr in Rückſicht auf die Glut, in mir entglommen, Für ein, zwei Tage nur ein ſichres Unterkommen. Man muß doch vor der Welt verbergen ihre Flucht, Wo ſelbſt der findigſte Spürhund ſie nimmer ſucht; Auch iſt für ein Geſchöpf in heller Schönheit Morgen Mit einem jungen Mann Verdächt'gung zu beſorgen. Drum, wie ich euch zunächſt, von eurer Güt' erbaut, Des Herzens innerſtes Geheimnis anvertraut, Kann ich auch euch allein, dem Schützer meiner Triebe, Beruhigt anvertrau'n dies Unterpfand der Liebe. Arnulf. Ich bin, verlaßt euch drauf, zu eurem Dienſt bereit. Horaz. Wahr, daß ihr euer Haus zu ihrem Schutze leiht? Arnulf. Sehr gerne, ſag' ich euch; es iſt mir ein Entzücken, Bei der Gelegenheit nach Wunſch euch zu beglücken. Dem Himmel ſpend' ich Dank, daß ich euch dienen kann, Und nie hab' ich etwas mit ſolcher Luſt gethan. Horaz. Wie vieles muß ich euch für eure Güte ſchulden! Es konnt' euch mißlich ſein, die Unordnung zu dulden: Æ/ Doch ſeid ihr Mann von Welt und habt es nie verdammt In eurer Weisheit, was in Jünglings Buſen flammt. Ein Diener ſteht mit ihr dort an der Straßenecke. Arnulſ. Es wird ſchon helle: wie verfolgen unſre Zwecke? Nehm' ich ſie hier zur Hand, ſo ſieht man mich vielleicht, Und wenn ihr zu mir in die Stadtbehauſung ſchleicht, So gibt es ein Geſchwätz. Drum laßt uns ſichrer gehen, Sie mir zu bringen, nach geheimern Orten ſehen. Der Durchgang iſt bequem, und dort erwart' ich ſie. Horaz. O kluge Vorſicht! auch zu viele ſchadet nie. Ich thue alſo nichts, als euch ſie übergeben, Und gleich drauf ohne viel Geräuſch verduft' ich eben. Arnulf(allein). 0 O Schickſal! dieſes Glück in meiner Leiden Zug, Heilt alle Wunden, die mir deine Laune ſchlug. (Er hüllt ſich in ſeinen Mantel bis über die Naſe). Dritktter Aſüfttitt. Agnes, Horaz, Arnulf. Horaz(zu Agnes) O ſeid um nichts beſorgt, wir ziehn uns aus der Schlinge: Es iſt ein Zufluchtsort, an den ich euch verbringe. Behielt' ich euch bei mir, zerſtört's den ganzen Plan. Geht unter dieſes Thor und nehmt die Führung an. (Arnulf ergreift ihre Hand, ohne daß ſie ihn erkennt.) Agnes. Warum verlaßt ihr mich? Horaz. Es muß ſein, meine Liebe. Agues. Und gibt es nichts, das bald zu mir zurück euch triebe? Horaz. Mein Liebesfeuer drängt mich ſchon von ſelbſt zurück. Agnes. Seh' ich euch nicht, ſo fehlt etwas zu meinem Glück. Horaz. Bin ich von euch getrennt, befällt mich düſtres Sinnen. Agnes. O Himmel, wär' es wahr, ihr gienget nicht von hinnen. Horaz. Ihr könntet zweifeln noch an meiner Liebesglut? Agnes. Nein, ſo wie ich euch lieb', ihr liebt mich nicht ſo gut. (Arnulf zerrt ſie.) Ach, wie man an mir zerrt! Horaz. Gefährlich iſt es, wehe, Wenn man an dieſem Ort uns miteinander ſähe; Der edle Freund, von dem ihr fühlt den Druck der Hand, Zeigt weiſen Eifer nur, den er für uns empfand. Agnes. Er iſt mir unbekannt,f und—— Horaz. Macht euch keine Sorgen: In ſolchen Händen ſeid ihr immer wohl geborgen. 89 Agnes. Mir wäre wohler in Horazens Arm; doch ihr—— (zu Arnulf, der ſie wieder zerrt). So wartet doch! Horaz. Lebt wohl! der Tag treibt mich von hier. Agnes. Wann kommt ihr mir zurück? Horaz. Bald, bald: auf Wiederſehen! Agnes. Wie werd' ich härmen mich, bis dieſes wird geſchehen! Horaz(im Weggehen). Dem Himmel Dank, mein Glück ſchwankt nicht mehr in dem Streit, Und ſchlafen kann ich bis zur hohen Mittagszeit. (Ab nach links hinten) Vierter Auftritt. Arnulf, Agnes. Arnulf(in ſeinen Mantel gehüllt und ſeine Stimme verſtellend). Kommt mit: da hab' ich nicht die Wohnung euch gerichtet, Und anderwärts iſt euch das Lager aufgeſchichtet. Ich denk', ich bring' euch ſchon an einen ſichern Platz. (Sich zu erkennen gebend.) Erkennt ihr mich jetzt? Agnes. Hu! Arnulf. Mein Antlitz, ſchlimmer Schatz, Jagt eure Sinne nun in fürchterlichen Schrecken, Und ungern mußtet ihr gerade mich entdecken: Ich ſtör' in ihrem Zug die Liebe, die euch faßt. (Agnes ſchaut um ſich, ob ſie nicht den Horaz erblickt.) Ruft mit den Augen nicht zu Hilfe euren Gaſt: Er iſt zu fern, als daß ihn euer Schrei erreiche. Ah, ah, ſo jung noch, und ihr ſpielet ſolche Streiche? Die liebe Einfalt, die man wie nichts ſonſt belacht, Fragt einen, ob ein Kind wird durch das Ohr gemacht, Und Stelldicheine wißt ihr in der Nacht zu geben, Zuſammt mit dem Galan geräuſchlos zu entſchweben. Mein Gott, wie ſchön mit ihm das Zünglein kost und ſpricht! In guter Schul' bekamt ihr euren Unterricht. Wer Teufels hat euch denn ſo ſchnell ſo viel gelehret? Ihr ſeid auf einmal von Geſpenſterfurcht bekehret. Das iſt wohl der Galan, der euch erdreiſtet hat? Ha, Schurkin, ſo verſteigt man ſich zu Miſſethat? War meine Wohlthat nichts, daß man die Plane pflegte? Giftſchlange, die ich warm in meinem Buſen hegte, Und die, wie ſie ſich fühlt, mit undankbarem Muth Dem, der ihr liebevoll geſchmeichelt, Böſes thut! Agnes. Was ſchreiet ihr mich an? Arnulf. Es iſt wohl unberechtigt. Agnes. Was meint' ich Böſes, wenn ich außen hab' genächtigt? Arnulf. Durchgehn mit dem Galan, iſt das nicht Sünd' und Schand'? 2 91 Agnes. Es iſt ein Menſch, der mir als Gatte reicht die Hand. Ich folgte eurer Lehr', ihr ſagtet mir die Gründe, Daß man heiraten muß, um wegzuthun die Sünde. Arnulf. Ja, doch war ich der Mann, der euch begehrt zur Frau, Und mir bedünkt, ich ließ es merken euch genau. Agnes. Ja, aber frei geſagt und ohne mich zu ſchämen, Es iſt mehr mein Geſchmack, ihn— ihn als euch zu nehmen. Der Eheſtand bei euch iſt grämlich, rauh und wild, Und eure Rede macht davon ein ſchrecklich Bild; Doch, ach! er ſchildert ihn ſo voll Ergetzlichkeiten, Daß er den Wunſch erregt, zum Ehebund zu ſchreiten. Arnulf. Aha! ihr liebet ihn, Treuloſe. Agnes. Es iſt wahr. Arnulf. Und habt die Stirne, mir es ſelbſt zu ſagen gar. Agnes. Was wär' der Grund, daß ich die Wahrheit nicht geſtehe? Arnulf. War's ihn zu lieben recht, Verrätherin? Agnes. Ach, wehe! Kann ich dafür? nur er allein iſt ſchuld daran. Ich dachte nichts dabei, als ſich die Sach' entſpann. Arnulf. Doch mußtet ihr mit Ernſt den Liebeswunſch verjagen. Agnes. Wie läßt verjagen ſich, was einem macht Behagen? Arnulf. Und wußtet ihr denn nicht, daß dieſes mir mißfiel? Agnes. Ich? im geringſten nicht. Was konnt's euch ſchaden viel? 0 2 Arnulf. Wohl hab' ich mich zu freu'n;— man hält mich werth des Spottes,— Ihr liebt mich alſo nicht? Agnes. Euch? Arnulf. Mich. Agnes. Nein, leider Gottes. Arnulf. Was ſoll dies Nein? Agnes. Soll ich euch lügen in's Geſicht? Arnulf. Warum, Frau Unverſchämt, wollt ihr mich lieben nicht? Agnes. Mein Gott, kein Tadel fällt auf mich von dieſen Sachen. Warum nicht mochtet ihr, wie er, beliebt euch machen? Ich hindert' euch doch nicht daran, hätt' ich gedacht. Arnulf. Ich habe mich bemüht mit aller meiner Macht; Doch was ich auch gethan, das alles war vergebens. Agnes. Wirklich? da weiß er mehr als ihr die Kunſt des Lebens; Denn ohne viele Müh' macht' er ſich gleich beliebt. Arnuff bbeiſeit). Seht, wie die Arge mir vernünftelt, Antwort gibt! Bei Gott, kann mehr davon ausklügeln die Gelehrte? Ich hab' ſie ſchlecht gekannt, wenn ſich's nicht gar bewährte, Daß eine Gans hier mehr weiß, als der klügſte Mann. (zu Agnes.) Da euer Geiſt ſo gut Vernunft gebrauchen kann, Schöne Vernünftlerin, hab' ich ſo lange Jahre Auf meine Koſten euch ernährt als ſeine Waare? Agnes. Er zahlt euch alles heim bis auf den letzten Deut. Arnulf(eiſe beiſeit). Sie hat gewiſſe Wort', wo ſich mein Zorn erneut. (ñaut.) Zahlt er mir, Bübin, je mit ſeinem Vollvermögen All die Verpflichtungen, die Berge Goldes wögen? Agnes. So große hab' ich euch nicht, wie man ſie ſich denkt. Arnulf. Die Sorg' iſt nichts, die ich euch aufzuziehn geſchenkt? Agnes. Ihr habt da ſchön gewirkt, oh über alle Maßen, Und mich in jedem Stück hübſch unterrichten laſſen. Thu' ich mir Unrecht an, und find' in meinem Sinn Ich nicht vollkommen ſelbſt, daß ich ein Gänschen bin? Ich ſchäme deſſen mich, und, Jungfrau dieſer Größe, Will ich nicht bleiben mehr in ſolcher Geiſtesblöße. Arnulf. Ihr flieht Unwiſſenheit und wollt um jeden Preis Etwas erlernen von dem Blondkopf? Agnes. Und mit Fleiß: Sein Werk iſt, was ich weiß, was mir den Geiſt gelichtet, Und ihm viel mehr als euch bin ich zu Dank verpflichtet. Arnulf. Ich weiß nicht, was mich hält, daß nicht mein Pfefferrohr Die freche Rede ſtraft, die dringt zu meinem Ohr. Ich werde toll, wenn ich den ſchneid'gen Kaltſinn ſehe, Und nur durch's Handgelenk entſchwände wohl mein Wehe. Agnes. Ach ja! ihr könnt' es thun, iſt es euch ſo geſchickt. Arnulff bbeiſeit). Entwaffnet iſt mein Zorn, wie ſie ſo ſpricht und blickt; Zärtliche Neigung kehrt zum Herzen wieder leiſe Und löſcht den ſchwarzen Hauch von ihrer Handlungsweiſe. O Schwachheit ohne End', o toller Liebeswahn, Der dieſen Falſchen macht die Männer unterthan! Wer kennt an ihnen nicht die Unvollkommenheiten? Es iſt ja nichts als Wind und freches Ueberſchreiten; Boshaft iſt ihr Gemüth, und ihre Seele ſchwank; Nichts iſt ſo ſchwach, und nichts ſo innewendig krank, Nichts, nichts ſo ungetreu, und ungeachtet deſſen Wird alles in der Welt für dies Gezücht vergeſſen. (zu Agnes.) Nun, Friede ſei mit uns! Geh, geh, Verrätherin; Es ſei vergeben dir: nimm meine Liebe hin; Sieh dran die Zärtlichkeit, die ich für dich empfinde; Zu meiner Güte Lohn lieb' wieder mich geſchwinde! Agnes. Von Herzen möcht' ich gern euch zu Gefallen ſein. Ach, könnt' ich nur, fürwahr! es wär' mir keine Pein. Arnulf. Du kannſt es, wenn du willſt, mein armes kleines Herze: (Er ſeufzt.) Den Seufzer höre, der entweicht dem Liebesſchmerze; Sieh dieſen Todesblick, den ganzen Menſchen an; Vergiß den Schmutzfink und was er dir angethan! Ein böſes Zaubermal hat er dir aufgedrücket, Und hundertfältig mehr wärſt du mit mir beglücket. Du liebſt den Kleiderputz, leichtfertige Manier: Du kannſt es immer thun; geh, ich beſchwör' es dir. Stets Tag und Nacht will ich dich auf den Händen tragen, Dich wargeln, küſſen und dir an den Lippen nagen. Du führſt dich, wie du magſt, nach deiner Wünſche Ziel; Ich laſſ' mich näher nicht heraus; ſchon war's zuviel. (beiſe beiſeit.) Wie weit kann Leidenſchaft doch einen Menſchen bringen! (laut.) Kurz, nichts kann ſich hinauf zu meiner Liebe ſchwingen. Welchen Beweis noch willſt du haben, Sünderin? Willſt du mich weinen ſehn, hinfallen auf das Kinn? Soll ich ausraufen mir die Haare von dem Schopfe? Soll ich mich tödten? ſprich, wie iſt's nach deinem Kopfe? Befiehl, und du wirſt ſehn, was meine Flamme thut. Agnes. All euer Reden, ach! es rührt mir nicht den Muth. Zwei Worte braucht Horaz, die mehr als ihr bewegen. Arnulf. Das heißt zuviel getrotzt und meinen Zorn erregen. Ich folge meinem Sinn, du widerſpenſtig Ding; Gleich, heißt es, aufgepackt aus dieſer Mauern Ring! Du ſtößeſt mich zurück, und die Geduld muß brechen; Doch Kloſterzellen gibt's, um mich dafür zu rächen. Fünfter Auftritt. Alan, Arnulf, Agnes. Alan. Ich weiß nicht, was es iſt, Herr; doch vermuth' ich ſchon, 8 Daß Agnes eben mit dem Todten iſt entflohn. Arnulf. Hier iſt ſie. Nimm ſie fort, verſtell' ſie auf mein Zimmer! (beiſeit.) Da kommt er doch nicht hin, da ſucht er ſie doch nimmer. Und dann, es iſt ja nur für eine Spanne Zeit. Ein Wagen muß herbei, um ſie in Sicherheit Zu ſchaffen. Gleich beſorg' ich's ſelbſt. (zu Alan) Ihr, haltet dichte Geſchloſſen und verliert ſie nicht aus dem Geſichte. (allein.) Vielleicht, wenn einſam in Betrachtung ſie verweilt, Wird ihre Seele doch von dieſer Glut geheilt. Auftritt. G * — 2 2 Horaz, Arnulf. Horaz(aus der Stadt). Ich fliehe her zu euch, Herr Arnulf, ſchmerzbeklommen. Der Himmel hat ſich mein Verderben vorgenommen: Mit höchſtem Unrecht will man mir zu meiner Qual Grauſam entreißen die Geliebte meiner Wahl. Mein Vater wollt' einmal hinaus ins Weite fliegen: Gerade fand ich ihn hierneben abgeſtiegen. Und was, mit einem Wort, iſt dieſes Kommens Grund, Der, wie ich ſagte, nicht zu meiner Kenntnis ſtund? Man hat mich, ohne mir etwas davon zu ſchreiben, Vermählt, und er kommt her, die Hochzeit zu betreiben. Da ſehet, und erbarmt euch meiner bittern Pein, Ob je mir etwas mehr zuwider konnte ſein. Enrico, über den ich euch befragte geſtern, Macht dieſes Unglück,— ach! es iſt zum Gottverläſtern,— Mit meinem Vater kommt er, ſtößt mich in das Grab, Sein einz'ges Kind iſt's, dem man mich zum Gatten gab. Beim erſten Wort verlor ich beinah das Beſinnen Und ſtürmte, ohne mehr zu hören, raſch von hinnen; Denn da mein Vater euch Beſuch zu machen denkt, Hab' ich voll Schrecken gleich die Schritte her gelenkt. Ich bitt' euch, hütet euch, ihm nur ein Wort zu ſagen Von meinem Treubund, der ihn könnt' in Harniſch jagen, Und ſucht bei dem Vertrau'n, das er euch ſtets geſchenkt, Ihn abzubringen von der Heirat, die mich kränkt. Arnulf. Ja, ſchön. Horaz. O rathet ihm, daß er etwas verſchiebe, Und dieſen Dienſt als Freund erweiſet meiner Liebe! Arnuulf. Ich werd' euch nicht entſtehn. Horaz. Auf euch hab' ich gebaut, Arnulf. Vortrefflich. Horaz. Und auf euch als Vater hingeſchaut. Sagt ihm, ich ſei nicht reik—— O weh, da kommt der Alte, Hört mir die Gründe, die ich euch dafür entfalte. Siebter Auftritt. Magdalene, Enrico, Oront, Chriſald, Horaz, Arnulf. (Horaz und Arnulf ziehen ſich in eine Ecke der Bühne zurück und ſprechen leiſe mit einander). Magdalene(den andern voraus, auf Arnulf zeigend). Da haben wir den Mann. Umſonſt war er erbost; Jetzt wird er ſehen, wo ſich Barthel holt den Moſt. Vergebens iſt zu fliehn; jetzt muß er Katz' aushalten; Es iſt doch prächtig, daß noch andre Leute walten. Eurico(ohne auf ſie zu achten, zu Chriſald). Sobald ich euch erblickt, eh' man euch mir genannt, Aus eurem Angeſicht hätt' ich euch doch erkannt. Der lieben Schweſter Blick hab' ich in euch gefunden, Mit der ein Eheband mich glücklich einſt verbunden. Wie gerne hätt' ich, wenn es Gott mir zugedacht, Die treue Gattin mit hierher zurückgebracht Und nach ſo langem Leid nun wiederum die ſüßen Nachwonnen ihr verſchafft, die ihrigen zu grüßen. hen 99 Doch weil das Schickſal uns ſo grauſam und ſo hart Auf ewig vorenthält der Theuern Gegenwart, Ergeben wir uns drein und ſtellen uns zufrieden Mit jenem Liebespfand, das mir von ihr beſchieden. Auch ihr habt Theil daran, und ohne euer Wort Möcht' ich darüber nicht verfügen alſofort. Der Sohn Oronts iſt mir begehrenswerth vor allen; Doch müßte dieſe Wahl euch ſo wie mir gefallen. Chriſald. Ich müßte doch ſehr ſchlecht im Geiſt berathen ſein, Wenn ich nicht freudig ſtimmt' in ſolche Wahl mit ein. Arnulf(beiſeit zu Horaz). Ja, ja, ich will euch auf die rechte Weiſe dienen. Horaz(beiſeit zu Arnulfj). Nehmt euch gar ſehr in acht—— Arnulf. Laßt dieſe düſtern Mienen. (Arnulf verläßt den Horaz, um den Oront zu umarmen). Oront(zu Arnulf). Ah, die Umarmung iſt ſo voller Zärtlichkeit. Arnulf. Wie macht dies Wiederſehn das Herz mir froh und weit! 8 0 Oront. Ich bin gekommen— Arnulf. Nun, ihr braucht's nicht zu erzählen: Ich weiß es ſchon, weshalb. Oront. Wie ſollt' ich's euch verhehlen? 7 22I 2 & NII V— — 100— Arnulf. Drum—— Oront. Sprecht nur! Arnulf. Euer Sohn verwirft dies Eheband; Sein Herz ſieht ſchwarz darein, in Grillen feſtgerannt. Er drängte mich ſogar, euch davon abzuwenden; Ich aber rath' euch, es baldmöglichſt zu beenden. Laßt keinen Aufſchub mehr in dieſer Sach' ergehn, Und laßt ihn die Gewalt des Herrn und Vaters ſehn. Man muß mit Ernſt und Kraft das junge Volk regieren; Durch Nachſicht würden ſie ihr eignes Glück verlieren. Horaz bbeiſeit). Verräther! Chriſald. Iſt ſein Herz dem Bunde abgeneigt, So wär' es ſehr verkehrt, wenn man Gewalt ihm zeigt'. Mein Bruder, denk' ich, wird dieſelbe Meinung faſſen. Arnulf. Von ſeinem Sohne ſoll er ſich beherrſchen laſſen? Wehe der Schlaffheit, die den Vater niederringt, Wenn er vom Jiüngling ſich Gehorſam nicht erzwingt! Das wäre wahrlich ſchön, ließ' er jetzt den Geſellen Befehlen, den Natur und Recht ihm unterſtellen. Nein, nein, er iſt mein Freund, und ſeine Ehr' iſt mein; Gegeben iſt ſein Wort: es muß gehalten ſein. Er muß hier kräftigen Entſchluß und Willen zeigen, Vor dem die Neigungen des Sohnes alle ſchweigen. Oront. Recht ſo! ich ſteh' dafür, wenn mich nicht alles trügt, Daß ſein Gehorſam gern ſich dieſer Ehe fügt. Chriſald(zu Arnulfj). Mich wundert's höchlich, wo euch die Beſinnung bleibet, Daß ihr mit Eifer ſo zu dieſem Bunde treibet, Und ich errathe nicht, aus welchem Grund ihr's thut. Arnulf. Ich ſage, was ich ſoll, und weiß, was jedem gut. Oront. Ja, ja, Herr Arnulf, er 8 Chriſald. Ihr macht ihm Gallenfieber. Ihr wißt es doch ſchon: Herr von Strunk; ſo heißt er lieber. Arnulf. Gleichviel. Horaz bbeiſeit). Was hör' ich? Arnulf(ſich gegen Horaz wendend). Ja, das iſt der Untergrund, Und nun erkennt ihr wohl, wie mir zu handeln ſtund. Horaz bbeiſeit). O welche Noth und Pein! Achter Auftritt. Georgette, Enrico, Oront, Chriſald, Horaz, Arnulf. Georgette. Herr, fahrt ihr nicht dazwiſchen, So bleibt uns Agnes nicht: die Schöne will entwiſchen, Und wenn man nicht mit Macht ſich widerſetzte, wär' Sie durch das Fenſter ſchon geſprungen. 2 e E NRR Arnulf. Bringt ſie her, Und ſtehnden Fußes gleich, denk' ich ſie wegzunehmen. (Georgette ab). (zu Horaz.) Verſchluckt den Aerger und laßt's euch ſo ſehr nicht grämen! Ununterbrochen Glück zeugt Stolz und Uebermuth. Heut mir und morgen dir, ſo ſagt das Sprichwort gut. Horaz bbeiſeit). O Gott! kann einen je ein größres Unheil treffen? So tief herabgeſtürzt! was konnt' mich ärger äffen? Arnulf(zu Oront). Nur ſchnell den Tag zu der Feſtfeier angeſetzt! 8 Ich nehme Theil daran und lade mich ſchon jetzt. Oront. bin ich auch gewillt. 2 5U Neunter Auftritt. Agnes, Alan, Georgette, Oront, Eurico, Arnulf, Horaz, Chriſald. Arnulf(zu Agnes). Kommt, meine Schöne, höret, Die ſich nicht halten läßt und ſich darob empöret. Seht eueren Galan, den kühnen Seladon, Macht ihm die Reverenz zum ſüßen Liebeslohn— Und Abſchied. (zu Horaz.) Der Erfolg hat euern Wunſch betrogen: ſcicht allen Liebenden iſt halt das Glück gewogen. Agnes(ſich Horazen an die Bruſt werfend und gleich wieder von Arnulf weggezogen). Ach, laßt ihr mich, Horaz, wegführen mit Gewalt? Horaz. Ich weiß nicht, wo ich bin die rührende Geſtalt! Arnulf. He, Schwätzerin, fort, fort! Agnes. Ich will zur Stelle bleiben. Oront. Wer mir den Scherz erklärt, den die zuſammen treiben, Wir ſehn uns alle an, verſtehen nichts davon. Arnulf. Bei beſſrer Muße werd' ich euch belehren ſchon. Auf Wiederſehn! Oront. Wo wollt ihr euch denn hinbegeben? Ihr ſprechet nicht, wie ſich's gehört; ihr ſchießt daneben. Arnulf. Ich rieth euch eben 1155 trotz ſeinem Widerſtand Die Hochzeit zu begehr Oront. Ja, doch dies Eheband, Wo knüpfen wir es an? Ihr habt noch nicht vernommen, Daß ihr bei euch ſie habt, die wir zur Frau bekommen, Die Tochter, die vordem Emiliens Mutterſchooß Für Herrn Enrico in geheimer Eh' entſproß. Auf welchen Gründen denn beruhte eu'r Verfahren? Chriſald. Ich wunderte mich auch da über ſein Gebahren. Arnulf. Was? 27 NRNN N 2¹ 8 Wreeree NRND. 4 N 10̃— Chriſald. Aus geheimer Eh' kam dieſes Liebespfand, Ein Mädchen, deſſen Sein uns andern nicht bekannt. Oront. Mit fremdem Namen hat ſie dann des Vaters Willen Aufs Land gegeben, um hier aufzublühn im Stillen. Chriſald. Zur ſelben Zeit mußt' er, des Schickſals Grimm zu fliehn, Von ſeiner Muttererd' in ferne Länder ziehn, Oront. Und aus Gefahren in Gefahr beſtändig rennen An jenen Orten, die viel Meere von uns trennen, Chriſald. Wo ihm von neuem Fleiß und Redlichkeit erwarb, Was ihm im Vaterland Betrug und Neid verdarb. Oront. Und wieder heimgekehrt, ſucht' er die Frau vor allen, In deren Hand das Loos der Tochter war gefallen. Chriſald. Und dieſe Bäurin hat freimüthig ihm erklärt, Daß ſie vierjährig ſie euch gab, wie ihr begehrt,— Oront. Und daß ſie dies gethan, auf eure Güte bauend, In tieffter Armut an dem Hungertuche kauend. Chriſald. Und er, dem wonnevoll das Herze hüpft im Leib, Hat unverzüglich mit hierher geführt dies Weib. Magdalene(auf Agnes zurennend). Agneschen, ja ſie iſt's:(ein Kinderhäubchen aus der Taſche ziehend). ies Häubchen wird ihr paſſen, Das ſie zu Haus mir ließ. 50 —— —7 Chriſald. Ei, ihr beliebt zu ſpaſſen. Ein Häubchen, groß genug für ein vierjährig Kind, Wenn dies zur Jungfrau reift, verkleinert ſich geſchwind. Oront. Gleichviel; wir ſehn erfreut nach ſo viel langen Jahren Vor unſern Augen das Geheimnis offenbaren. Chriſald(zu Arnulf). Ich kann begreifen, wie ihr bei der Sache leidet; Doch glaub' ich, daß es ſich zu eurem Glück entſcheidet. Dünkt's euch ein ſolches Gut, daß euch die Hörner fehlen, So iſt der beſte Weg, ſich gar nicht zu vermählen. Arnulf(geht in Verzweiflung fort, ohne ſprechen zu können). Uff! Zehnter und letzter Auftritt. Enrico, Oront, Chriſald, Agnes, Horaz. Oront. Was bedeutet's, daß er lautlos ſo entweicht? Horaz. Jetzt wird von allem dem uns die Erklärung leicht. Der Zufall hatte ſchon an dieſem Ort vollzogen, Was eure Weisheit ſo ſchön hatte vorerwogen. Es knüpfte mich bereits mit Herz und Geiſt und Mund An dieſes ſchöne Kind ein ſüßer Liebesbund. Es iſt dieſelbe, die ihr ſucht; mein Widerſtreben Fällt weg und wird euch nicht mehr Grund zum Aerger geben. Enrico. Sie iſt's: kein Zweifel mehr, ſobald ich ſie nur ſah! Und noch ſteh' ich entzückt von ihrem Anblick da. Mein Kind, ich widerſteh' nicht mehr dem Herzenstriebe—— (Er umarmt Agnes.) 3— NNNNSSSNNNNN& FWoesss J Chriſald. Dem Beiſpiel folgt' ich gern, mein Bruder, und ich bliebe Nicht hinter dir zurück; doch, wie? ſo öffentlich? Viel beſſer doch entwirrt all dies im Hauſe ſich. Dort zahlen wir dem Freund auch ſeine Vaterpflege Und ſtreu'n dem Himmel Dank, der führt die beſten Wege. Magdalene(tritt vor mit einer Schaar junger Landleute). So ſei's, dem Himmel Dank und ſeiner treuen Wacht! Die Jugend unſres Dorfs, die hab' ich mitgebracht: Sie ſchenkt dem Pflegekind hier einen Korb mit Eiern Und will durch Spiel und Tanz ſein Ehverlöbnis feiern. Zwei Mädchen ſtellen vor Agnes, die ſich rechtshin zwiſchen Enrico und Horaz geſetzt hat, den Korb nieder; andere überreichen Blumenſträuße, von denen ſich Horaz einen großmächtigen an die Bruſt ſteckt; Chriſald, Oront und Magdalene nehmen auf der Bank zur Linken Platz; Alan und Georgette erſcheinen wieder im Hintergrund, wo ſich noch einiges Volk an— ſammelt, und es beginnt ein Rallel (Gavotte), das die ganze Handlung ſchließt und mit einem Hochruf endigt. 9 0 ‚ 3 5 Bemerkungen. Zu S. 17, Zeile 8: Zartfühlige Ohren, die ſich an dieſem Vers ſtoßen, können dafür ſetzen: Wird, wie der Schäfer ſagt, vom Storch ein Kind gebracht? In dieſem Fall würde S. 90, Z. 11 zu leſen ſein: Fragt einen, ob ein Kind wird durch den Storch gebracht. Was im Text ſteht, hat ſeine litterariſchen und kulturhiſtoriſchen Gründe. Die Ueberlieferung macht mehrere Stellen namhaft, welche ſchon zu Molière's Zeiten und vermuthlich mit deſſen Billigung bei der Aufführung weggelaſſen wurden. Sie ſind mit A, u. ſ. w.] bezeichnet. Wir würden manche derſelben, namentlich 1, 3, lieber beibehalten. Dagegen kann eine größere Stelle 5..], über deren früheren Strich nichts berichtet wird, füglich wegbleiben, weil ſie nur eine übertreibende Wiederholung des ſchon in der erſten Scene Geſagten enthält. Der Text des Luſtſpiels, der hier vollſtändig abgedruckt iſt, verträgt noch manche Kürzungen und Abänderungen. Von denen, die am Mannheimer Theater beliebt wurden und zu denen ich mitgeholfen habe, theile ich beiſpiels⸗ weiſe die folgenden mit, das Uebrige den Regiſſeuren der einzelnen Bühnen überlaſſend. Statt S. 15, Z. 17—22 ſetzen: Predigt bis Pfingſten fort! wenn der Sermon geendet, Habt ihr im mindſten nichts von meinem Sinn gewendet— 28, Z. 2 v. u. bis S. 29, Z. 5 ſetzen: ‚ 0 Statt Mein muß ſie ſein: dies Geld, das ich von euch entliehen, Soll helfen, bis der Plan zum guten End' gediehen. (Den Beutel in der Luft ſchwenkend und herzend) Oh, köſtliches Metall ꝛc. * 11 12 en 4 ¹ U U U— + 4 WReeeee — 108— S. 35, Z. 8. Die vier erſten Verſe Arnulfs können geſtrichen werden; dann wäre fortzufahren: (nach tiefem Athemholen). Ach!— Beſſer wird's doch ſein ꝛc. Statt S. 36, Z. 5 v. unten bis S. 37, Z. 7 ſetzen: Da haſt du den Bericht: Die Suppe, das iſt ihm——(auf Agneſens Fenſter weiſend) Georgette(ſich umdrehend). Wenn mich ꝛc. 6 Statt S. 49, letzte Zeile ſetzen: Und ihr— ihr geht indeß—— Doch, wenn ꝛö. (Da auf der Bühne Sitzbänke angebracht waren, ſo iſt der im Text ſtehende Befehl unnöthig.) S. 53, Z. 3 lies: Agnes ſieht ihn fragend an. Arnulf(etwas verlegen). Hm, hm! 8 Ich werde ſpäter dir erklären ꝛc. (Er ſetzt ſich bald wieder.) Statt S. 56, Z. 10 v. u. bis S. 57, Z. 8 ſetzen: (nach wechſelſeitig ſtummer Begrüßung) Grad komm' ich aus der Stadt—— ε σε Arnulf. Nun, eure Liebe, wie Steht's damit, Herr Horaz? Sagt an, gedeihet ſie? Horaz. Ach, Herr, ꝛe. + Statt S. 64, Z. 15—22 ſetzen: Wuth, Raſerei, was hilft's? Sehn wir im Hauſe nach, Vie ſie dabei ſich hält; und, ſtürzt zu meiner Schmach Der ſüßen Hoffnung Bau vor ihren herben Mienen, So ſei mein eignes Grab tief unter den Ruinen. Statt S. 70, Z. 13—21 ſetzen: Käm' er ganz ſachte her und ſpräch':„Alan, lieb Herze, Oh, hilf mir, laß mich nicht erliegen meinem Schmerze!“ Was thätſt du? Alan(ſtößt ihn zurückh). Gimpel! Arnulf. Gut.(Zu Georgette.) „Und du, Georgett', geſchwind W 109 Hilf!“ ſagt er:„ach, du biſt ſo ſanft, mein gu Antworte! Statt S. 93, Z. 9 v. O Zahlt er di Das heißt, bei der erſten Aufführ Arnulf Agnes Horaz Alan Georgette Chriſald Enrico Oront Notar Magdalene ch f Streichelt tes Kind.“ U te.) Georgette(kehrt ſich unwillig abh. Dummrian! Arnulf. Recht ſo ꝛc. u. bis letzte Zeile ſetzen: Agnes. ihr habt mich um mein edler Thei Beſetzung der Rollen ung am Théätre français, Moliéère Mlle. de Brie La Grange Brécourt Mlle. Beauval VEspy 7 r— Mühe mir, mit der ich euch erzogen 72 in Mannheim. err Jacobi. H Fräulein Gumpoſch. * derr Stury. Herr Homann. Fräulein De Lank. Qr „ Herr Neumann. err Eichrodt. 3 Herr Bauer. Herr Tietſch. Frau Jacobi. Stimmen der Kritil. Die„Neue Zeit, officielles Organ der deutſchen Genoſſenſchaft dram. Autoren und Componiſten“ theilt in ihrer Nr. 35 vom 5. Juni 1892 folgende Auszüge aus Mannheimer Zeitungen mit. Ueber die am 6. Mai erfolgte Erſtaufführung unſeres Debitwerkes: „Die Schule der Frauen“ Luftſpiel von Molière, überſetzt und be— arbeitet von M. A. Fiſcher, Muſik von A. Wernicke am Hoftheater berichtet das„Neue Mannheimer Volksblatt“ vom 8. Mai 1892: Das hieſige Hof⸗ und Nationaltheater hat ſich geſtern das Verdienſt erworben, ein Moliere ſches Luſtſpiel„Die Schule der Frauen“('école des temmes) wohl zum erſten Male in Deutſchland zur Aufführung zu bringen. Es darf dies mit Recht als ein Verdienſt bezeichnet werden; denn Moliére ſchuf nicht nur zu ſeiner Zeit jene neue Gattung des Luſtſpiels, welche bis zum heutigen Tage beſteht, er trat in demſelben ſofort auch als Meiſter auf. Er griff in ſeinen Stücken friſch ins Leben hinein und gab Charakterbilder, welche durch ihre innere Wahrheit überraſchen und tiefe Menſchenkenntniß verraten. Dieſe Eigenſchaften ſichern ſeinen Luſtſpielen, in denen er aber oft ganz ernſte ſittliche Probleme behandelt, noch heute nach mehr als zwei Jahrhunderten, die ſeit deren Entſtehung umlaufen ſind, ihren unbeſtreitbaren Wert, abgeſehen davon, daß Moliére zugleich das Geheimnis dramatiſcher Wirkung vollſtändig kannte und die Sprache wie wenige beherrſchte. Mit ſeltener Schärfe zeigt uns Molière in dem geſtern aufgeführten Luſtſpiele, daß die Liebe die eigentliche Schule der Frauen iſt und daß, wenn die Liebe von ihnen Beſitz ergriffen hat, ſelbſt blöde, unerfahrene und unge⸗ bildete Frauen muthig, erfinderiſch und uusdauernd im Kampfe um ihre Liebe werden. An der beifälligen Aufnahme, welche das Luſtſpiel geſtern fand, parti⸗ cipirt aber auch im vollen Maße Herr Profeſſor Dr. Fiſcher hier, welcher dasſelbe vorzüglich in gereimten Verſen unter voller Wahrung der Schön— heiten des Originals ins Deutſche überſetzte und für die Bühne bearbeitete. Die Bearbeitung iſt eine ſelbſtſtändige; denn ſie fügt dem Originale Zwiſchen— ſcenen, muſikaliſche Zwiſchenſpiele und Tänze bei, um die unſerem modernen Geſchmacke ſonſt vielleicht nicht zuſagende Einförmigkeit zu beſeitigen. Im allgemeinen iſt es immer ein gefährliches Unternehmen, einem klaſſiſchen Werke bei der Bühnenbearbeitung Zuſätze zu geben; allein in dieſem Falle erſcheint dies als unbedenklich, weil die Zufätze nach dem von Moliere ſelbſt in andern ſeiner Stücke gegebenen Vorbild geſtaltet ſind. Jedenfalls wurde der beabſichtigte Zweck erreicht, die Zuthaten bewirkten eine erfreuliche Abwechſelung. Die Aufführung des Luſtſpiels war eine gute, theilweiſe ſogar ſehr anſprechende. Das Ballet, insbeſondere die Kinder, trugen viel zur Aus⸗ ſchmückung bei. Von beſter Wirkung war die von Herrn A. Wernicke compo⸗ nirte, ziemlich umfangreiche Muſik, welche ſich ebenſoſehr durch Friſche und Anmuth der Melodien, wie durch charakteriſtiſche Geſtaltung auszeichnet. Das Haus war gut beſucht und der Abend zeigte die Leiſtungsfähig⸗ keit unſerer Bühne im günſtigſten Lichte. M. im. nde be⸗ iter enſt des zen. ière bis auf. der, tniß aber zwei zren cher rten henn nge⸗ ihre arti⸗ lcher chön⸗ itete. chen⸗ rnen Im ſchen Falle ſelbſt burde lliche ſehr Aus⸗ ömpo⸗ und fähig⸗ M. Das„Mannheimer Tageblatt“ vom 8. Mai 1892 ſchreibt über dieſelbe Aufführung: Der geſtrigen Aufführung der über 200 Jahre alten Novität, des Moliere'ſchen Luſtſpiels„Die Schule der Frauen“,(L'école des femmes ſah man mit lebhaftem Intereſſe entgegen, das ſich auch in einem ſtark beſetzten Hauſe kund gab. Es ſei ſofort beigefügt, daß der Erfolg ein ſehr günſtiger war. Das erwähnte Luſtſpiel Moliére's iſt ein geiſtvolles, es zeigt ihn als Realiſt im beſten Sinne des Wortes; denn er ſucht den Realismus in der vollen Wahrheit der Charaktere. Die Art und Weiſe, wie er uns zeigt, daß die Liebe die eigentliche Schule der Frauen iſt, iſt ſehr anziehend. Profeſſor Dr. Fiſcher in Mannheim hat ſich in der That ein Verdienſt erworben, daß er dieſes ſeither in Deutſchland unſres Wiſſens nirgends auf⸗ geführte Luſtſpiel für die deutſche Bühne überſetzt und bearbeitet hat. Beides iſt ihm vorzüglich gelungen, die Ueberſetzung in gereimten Alexandrinern bringt die Schönheit der Sprache, den Witz und Humor trefflich zum Aus⸗ druck, und es war dies keine leichte Aufgabe. Die Zuthaten der Zwiſchen⸗ ſcenen, der muſikaliſchen Zwiſchenſpiele und des Tanzes verleihen dem nach der früher üblichen Einheit des Ortes im nämlichen Raume ſich abſpielenden Stücke Leben und Abwechſelung und bringen es dadurch dem modernen Ge— ſchmacke näher. Es läßt ſich gegen die Zuthaten um ſo weniger etwas ein⸗ wenden, als dieſelben im Style Moliere's gehalten ſind. Zum Schluſſe habe ich noch der von Herrn Alfred Wernicke zu dem Luſtſpiel componirten Muſik zu gedenken. Dieſelbe erhebt ſich weit über eine Gelegenheits-Compoſition. Zunächſt iſt anzuerkennen, daß ſich Herr Wernicke ſtreng im Rahmen der Luſtſpiel⸗Muſik hielt: er ſchrieb ſie nur für kleines Orcheſter und in knapper Form. Das Orcheſter-Vorſpiel beginnt mit einer ſehr anſprechenden, poetiſch erfundenen Melodie, welche im erſten Entreakt gleichſam als Liebesmotiv wiederkehrt, und geht dann in die Melodie des Kinderreigens über. Dieſer, ſowie das nach einer franzöſiſchen Original⸗ Melodie gearbeitete Kinderlied„Die Bäckerfrau hat Thälerchen“ iſt allerliebſt, ebenſo wie die Gavotte, welche den Schluß bildet. Sehr charakteriſtiſch iſt das Intermezzo, welches in Form eines Scherzo das Toben des wüthenden Arnulf, der im Hauſe poltert, Vaſen zertrümmert, ſeinen Hund ſchlägt, daß er winſelt, trefflich illuſtrirt, und ferner der tragikomiſche Trauermarſch, als das Bauernpaar meint, ſie hätten Horaz, welcher zu Agnes ſchleichen will, todtgeſchlagen. Die Muſik iſt eine ſehr talentvolle, friſch erfundene und wirkſam inſtrumentirte; ſie ſprach auch ſehr an. J. Richard. Aus dem geiſtreich geſchriebenen Bericht der„Neuen Bad. Landes⸗ Zeitung“ vom 7. Mai, No. 229 Mittagsblatt heben wir einige Stellen aus, da leider der Raummangel einen vollſtändigeren Auszug verbietet. Eine Novität, heißt es da, von recht ehrwürdigem Alter in der That, aber eine intereſſante Novität,— war es doch Molière der zu uns redete, einer der Wenigen, denen ein für alle Zeiten verſtändliches Volapück des Humors als Mutterſprache verliehen war. Was bekommen wir in der„Schule der Frauen“ zu ſehen? Wie die junge vollblütige Liebe der alten galligen Eiferſucht ein Schnippchen ſchlägt Arnulf, der ein Ehephiloſoph und Prinzipienreiter iſt, hat ſich ein Kind als„ſtille Einfalt“ erziehen laſſen, um in ihr das Ideal des Weibes zu ehlichen. Aber aus der falſchen kommt Agnes, dieſe liebe Einfalt, in die wahre Schule der Frauen, in die der Liebe, und lernt durch einen einzigen Blick„des Rechten“ mehr als durch ihre ganze verfehlte Erziehung. Horaz heißt dieſer Rechte. Und mit einer Naivetät geht die Einfalt in dieſer Liebe auf, wie ſie nur ihre tragiſchen Schweſtern Julie oder Hero kennen. Eine Naturgewalt hat ſie erfaßt, durch welche dieſe untergehen, unſere Agnes aber in den ſchönen Hafen der Ehe einläuft. Das virtuos⸗komiſche in Moliéres Luſtſpiel beſteht darin, daß der junge Geliebte ahnungslos den alten Hüter zum Vertrauten macht, ihn von jeder neuen Intrigue in Kenntniß ſetzt, und daß der ſehende Hintergangene die Fäden in der Hand hält und doch ſchließlich fallen laſſen muß. Das durch⸗ und auszuführen, konnte nur ein Genie wagen und vollbringen. Wie der wahrhaft große Humor immer das Tragiſche ſtreift, ſo auch bei Moliere. Das Publikum lacht über Arnulf, den betrogenen Alten, der leer ausgehen muß, weil die liebe heiße Jugend ſich findet. Und doch iſt dieſer Arnulf nichts anderes als eine Verkürzung des wehmüthigen„si vieillesse pouvait“, des Kampfes um Liebe aus Dankbarkeit, bei dem Saraſtros„zur Liebe kann ich Dich nicht zwingen“ nicht begriffen wird. Die Ironie des Schickſals herrſcht, und ihre Hiebe ſind für Arnulf nicht Pritſchen⸗, nein blutige Geißelhiebe. Arnulf iſt überhaupt viel mehr tragiſche als komiſche Figur. Moliere ſelbſt hat ihn wohl mit großartiger Selbſtironie dargeſtellt; war es doch ein Stück ſeines Lebens, die qualvolle Eiferſucht gegen eine leichtfertige Frau, die er da auf die Bretter trug! Herr M. A. Fiſcher hat ſich viele Mühe um die Verdeutſchung und Bühneneinrichtung gegeben und dem deutſchen Theater jedenfalls einen ſehr anerkennenswerthen Dienſt durch ſeine im Molièriſchen Geiſte gehaltene Arbeit geleiſtet. Er hat das Originalversmaaß, den Alexandriner, beibehalten und ſeine Gründe hierfür gelegentlich ſelbſt vertreten. Sie mögen im Weſent⸗ lichen ſtichhaltig ſein. Jedenfalls hat die neue Bühnenausgabe geſtern einen recht ſchönen Erfolg gehabt und die„Echtheit“ des Luſtſpiels— die Ein⸗ führung der Pflegemutter iſt ebenſo praktiſch als vereinfachend— gewahrt. Das ſchon durch die Einheit des Ortes etwas einförmige Bühnen⸗ gewand war durch muſikaliſche, pantomimiſche und Balleteinlagen verbrämt worden. Die Idee iſt eine recht glückliche,— wenn auch der Contraſt zwiſchen der Schlichtheit der Handlung und dem bunten Ausſtattungsflimmer ein etwas ſtarker iſt. Nicht minder glücklich war die Ausführung. Herr Wernicke hat den muſikaliſchen Theil in äußerſt geſchickter, auch durch Beifall gelohnter Weiſe beſorgt. Mit vielem Feingefühl hat er muſikaliſch das hiſtoriſche Kolorit zu finden gewußt. Von den einzelnen Nummern hat namentlich das originelle Kinderlied, der ebenſo humoriſtiſch erfundene wie inſtrumentirte Scherzo und die aller— liebſte Gavotte ſehr angeſprochen. Es liegt Grazie und Liebenswürdigkeit in dieſer Muſik. Dr. Sch. 8 2 2 U U 8 f — 52 9 * ht 0 e ht hr ne en nt en as hat ter ch0 E ed, er in 7 XII — *+ + s 5 NN 5 4 122 W 76 5 7 , 9 91 1 8 885 1 2 6