Agnes Bernauer. Ein deutſches Trauerſpiel in fünf Aufzügen. Von Jriedrich Hehhel. Verlag Mien. von Tendler&8 Comp. 1855. r N Agnes Bernauer. Ein deutſches Trauerſpiel in fünf Aufzügen. Von Triedrich SHebbel. Das Trauerſpiel Agnes Bernauer, zum erſten Mal aufge⸗ führt im königl. Hoftheater zu München am 25. März 1852, dann in Weimar, Stuttgart u. ſ. w., iſt den Bühnen gegenüber als Manuſeript zu betrachten, und bleibt Eigenthum des Verfaſſers. Denjenigen Directionen, welche wegen unzuläng— licher Beſetzung der kleineren Rollen oder aus irgend einem anderen Grunde eine Verkürzung des fünften Aetes wünſchen, ſteht eine ſolche auf ſchriftliche Anfragen zu Dienſten. ge- 2, 'en un ig⸗ em Agnes Bernaner. Ein denterhes Cranrrapirl in fünk Auffägen. Von Friedrich Hehhel. Verlag von Cendler§ Comp— 1855. Agnes Bernauer. Ein deulſches Crauerſpiel in funf Aufzügen Hebbel. Agn. Bern. 1 Perſonen: Ernſt, regierender Herzog zu München- Baiern. Albrecht, ſein Sohn. Hans von Preiſing, ſein Kanzler. Marſchall von Pappenheim Ignaz von Seyboltstorf, 2 Wolfram von Pienzenau, Herzogs Ernſt. Otto von Bern. Graf Törring, Nothhafft von Wernberg. 8 Rolf von Frauenhoven. Herzogs Albrecht. Ritter auf der Seite des Ritter auf der Seite des Hans von Läubelfing, ein Ritter von Ingolſtadt. Emeran Nusperger zu Kalmperg, Richter zu Straubing. Caſpar Bernauer, Bader und Chirurgus zu Augsburg. Agnes, ſeine Tochter. Theobald, ſein Geſelle. Knippeldollinger, ſein Gevatter. Hermann Nördlinger, Bürgermeiſter zu Augsburg. Barbara, A Martha, Bürgermädchen. Stachus, ein Diener. Der Kaſtellan auf Vohburg und Straubing. Ein Herold des Reichs. Ein Le gat der Kirche. Volk, Ritter und Reiſige in großen Maſſen. Die Handlung ereignet ſich zwiſchen 1420 und 1430. 1* αν EsFEfüiit R6 Augsburg. Erſte Scene. (Baderſtube.) Theobald lallein, einen Blumenſtrauß in der Hand). Ich weiß nicht, was ich thun ſoll.(Er hält den Blumenſtrauß empor.) Zertret' ich dich? Um die ſchönen Roſen wär's Schade, die ſind unſchuldig! Oder überreich' ich dich? Nein, gewiß nicht, und das hätt' ich ihm gleich geſagt, dem Herrn Ungetreu, der zu glauben ſcheint, daß ich keine Augen habe, und kein Herz, und kein Blut, wenn— Ja, das war's ja! Ich wollte ſie prüfen! Da kommt ſie! Mit dem Morgenſüppchen des Vaters! O, wie das ſchmecken muß! Wenn die für mich einmal kochte, ich—(erbirgt den Strauß). Zweite Sceene. Agnes(trit ein mit einer Suppe). Guten Theobald! — orgen, Agnes Bernauer. Theobald. Danke ſchön, Jungfer, danke ſchön! Wohl geſchlafen? Agnes. So ſollt' ich Euch fragen! Ihr werdet oft herausgeklopft, wenn ſie gerauft haben, und ein Pflaſter brauchen. Theobald. Das bemerkt Ihr?(für ſich,) Ich geb' ihr den Strauß und beſtelle Alles! Wenn ſie dann ein Ge ſicht macht und pfui ſagt und mich anfährt: dazu gibſt Du Dich her— Agnes. Was verbergt Ihr denn hinter dem Rücken? Theobald(keigt den Strauß). Ja ſo, das hätt' ich bald vergeſſen! Agnes. Ah, der iſt ſchön! Gebt ihn mal her!(Sie riecht.) Wenn wir doch auch einen Garten hätten! Weſſen Namensfeſt iſt denn heute?(Sie will ihn zurückgeben.) Theobald. Behüte, er gehört Euch! Agnes. Mir? O, da dank ich! Aber da geht's mit Eurem alten Ohm wohl bald zu Ende? Theobald. Mit meinem Ohm? Agnes. Nun ja, weil er ſeine Blumen zu verſchen— ken anfängt, das pflegt ein Gärtner nicht zu thun, und gekauft habt Ihr ſie doch gewiß nicht? Theobald. Er iſt nicht von mir! Agnes. Nicht von Euch? Von wem denn? Theobald. Rathet! Agnes. Von—— Nein, Barbara kann's nicht ſein, die ſieht mich nicht mehr an, ich weiß zwar nicht, warum. Agnes Bernauer. Theobald. Es iſt keine Sie! Agnes. Keine Sie? Und Ihr ſeid's auch nicht?(Sie legt den Strauß auf den Tiſch.) Theobald. Gott Lob, ihr fällt ſonſt Niemand ein! Agnes. Aber, da muß ich Euch doch fragen—— Theobald. Scheltet nur! Ich wollt's bloß wiſſen! Agnes. Was? Theobald. Ob Ihr vielleicht in der Kirche nach ihm geblinzelt, oder ihm wohl gar bei einem Tanze die Hand gedrückt hättet! Agnes. Wem denn? Theobald. Es iſt ſchon gut, wenn Ihr nicht von ſelbſt auf ihn kommt!(Er nimmt den Strauß.) Ha, unſerer alten Gertrud will ich ihn jetzt verehren, die ſoll ihn an die platte Bruſt ſtecken, wenn ſie auf den Markt humpelt und ſich mit einen Knix bedanken, wenn ſie ſich an dem Hauſe vorbei ſchiebt!(Er ſpringt.) Ich könnte jetzt—— (Er ſingt.) Wenn zwei ſich die Hände geben—— Jungfer, es iſt ein ſchönes Lied!(Singt wieder.) Und wer ein guter Geſelle iſt, Der wird wohl auch ein Meiſter! Oder iſt das nicht wahr? Agnes. Ihr ſeid zu früh luſtig! Spät am Abend iſt beſſer, als früh am Morgen. Theobald. Und doch ſingen die Vögel, wenn ſie er— wachen, und nicht, wenn ſie einſchlafen.(Er faßt ihre Hand.) 8 Agnes Bernauer. Agnes(ieht ſie zurück.) Was wollt Ihr? Theobald. Bloß nachſehen, ob— Ihr habt ſie mir einmal gelaſſen! Agnes. Als Ihr mir eine Ader öffnen ſolltet! Theobald. Nun freilich!(Er nimmt die Hand wieder.) Ließ mein Schnepper keine Spur? Ich machte es un— geſchickt! Agnes. Zittert Ihr immer ſo dabei, wie damals? Theobald. O nein! mir ward nur ſo wunderlich, als ich Euch weh thun ſollte. Aber wie roth Euer Blut iſt! Gür ſich) Aus meinen Lippen hätt' ich gern den Ver— band gemacht, wenn der Vater nicht dabei geſtanden wäre! Dritte Scene. Knippeldollinger(uuft in's Feuſterh. Guten Mor— gen, Pathchen! Agnes. Guten Morgen, Herr Gevatter! Theobald. Iſt der alte Geck auch ſchon da? Knippeldollinger. Ich habe von Euch geträumt! Agnes. Danke der Ehre! Theobald. Von Deinem Begräbniß hätt'ſt träumen ſollen! Das hätt' ſich beſſer geſchickt. Knippeldollinger. Kirſchen gab ich Euch, von den großen fremden, die ich an der Mauer aufziehe! Agnes. Sind die ſchon ſo weit? Knippeldollinger. O ja, es kommt heut Abend ein Korb voll davon auf's Tanzhaus! Agnes Bernauer. 2 Theobald. Da werden ſie gut bezahlt! Knippeldollinger. Und während Ihr ſie ver— zehrtet, führte ich Euch ſpazieren! Theobald(aut). Auf den Kirchhof, ja wohl, ich war mit dabei! Knippeldollinger. Spaßvogel, iſt er auch da? Theobald. Ihr tratet auf einen Todtenkopf, und der ſchnappte nach Euch, es war der von Eurer letzten Frau! Agnes. Pfui! Knippeldollinger. Nicht doch, nicht doch, Path— chen, ein Bader muß ſpaßig ſein, man will doch was hö— ren, wenn man ſich den Bart oder das Haar ſcheren läßt. Der Theobald taugt zum Geſchäft! Nur in die Ohren muß er Niemanden ſchneiden, wie neulich mir! Nun, geh' ich heute leer aus, bekomm' ich das Patſchchen nicht? Agnes. Ich habe wieder die Blattern! Knippeldollinger. Halt' mir das nicht immer vor! Nun, ich werde Dich nachher noch ſehen, denn die Muhme wird Dich zum Turnier abholen, ich habe für Plätze 4 geſorgt. Das wollt' ich Dir eigentlich ſagen? Agnes. Danke! Zwar weiß ich nicht— Knippeldollinger. Ei, es kommt nicht alle Tage. Ritter, Grafen und Barone ſind ſchon hier in Augsburg ſelten, nun gar ein Herzog von Baiern— der Tauſend, da wird Niemand, als der Scharfrichter mit ſeinen Frei— knechten fehlen, der freilich ute Gründe hat, nicht unter ehrlichen Chriſtenmenſchen zu erſcheinen! 10 Agnes Bernauer. Vierte Scenue. Theobald. Da humpelt er hin auf ſeinen drei Bei⸗ nen. Ihr ſteht doch in ſeinem Teſtament? Nun, Recht hat er, es wird luſtig zugehen, ich freu' mich auch!(Es wird etwas durch's Fenſter geworfen.) Was iſt denn das? Es klirrt ja! Agnes. Schlüſſel! Fünfte Scene. Barbara(tritt in die Thür). Darf ich ſie wieder holen? Agnes. Barbara! Barbara. Agnes? Agnes. Du kamſt lange nicht! Barbara(uimmt die Schlüſſel auf). Und jetzt hab' ich hier etwas zu thun! Siehſt Du? Agnes. Wir waren immer ſo gut mit einander: was haſt Du jetzt gegen mich? Barbara. O, das bin ich nicht allein! Agnes. Heilige Mutter Gottes, was ſagſt Du da? Barbara. Du ſiehſt Deine Geſpielinnen wohl gar nicht mehr an, daß Du nicht weißt, wie ſie Dich anſehen? Agnes. Es iſt wahr, ich erhalte meinen Gruß nicht immer ſo freundlich zurück, wie ich ihn biete! Barbara. Glaub's! Agnes Bernauer. 11 Agnes. Aber bei Gott, wenn mir das mit Einer be⸗ gegnete, ſo dacht' ich: Sie hat ſchlecht geträumt oder ſie iſt von der Mutter geſcholten oder ſie hat ihren Ring ver— loren— Barbara. Dabei kamſt Du denn freilich gut weg. Agnes. Was thu' ich denn? Sag's! Barbara. Thun! Was thun! Wenn's ſchon ſo weit gekommen wäre, ſo würde man leicht mit Dir fertig! Agnes. Barbara! Barbara. Sag' doch einmal, warum——(ſe zeigt auf Theobald) Nun, da ſteht ja gleich wieder Einer und gafft!(Zu Theobald.) Nicht wahr, ich bin gar nicht da! (Zu Agnes) Gehſt Du heute? Zum Turnier, mein' ich! Ja? Nun, da will ich's Allen anſagen, damit ſie zu Hauſe bleiben, ich zuerſt! Agnes. Das iſt zu arg, das muß mein Vater wiſſen. Barbara. Bewahre! Niemand red't Dir was Ueb— les nach! Agnes. Und doch flieht man mich? Doch will man mich ausſtoßen? Barbara. Agnes, ſieh' mich mal an! Agnes. Nun? Barbara. Wie wär' Dir wohl zu Muthe, wenn— laß' uns hinauf gehen in Deine Kammer! Theobald. Ich will nicht im Wege ſein, wenn ge— beichtet werden ſoll!(ab) 12 Agnes Bernauer. „ Barbara. Ja, wie wär' Dir zu Muthe, wenn Du, wie ſag' ich nun, wenn Du Einen gern hätteſt und der hätte nur Augen für mich? Agnes. Wie ſoll ich das wiſſen! Barbara. So will ich's Dir ſagen! Du würdeſt— Doch ich will mich nicht lächerlich machen, Du weißt es ſelbſt recht gut! Und meinſt Du, daß es Anderen beſſer geht? (Bemerkt den Strauß.) Woher kommt der? Agnes. Das weiß ich nicht! Barbara. Nicht? Kommen ſo viele? Wenn er von meinem Wolfram käme, ich—— Und es iſt gern mög— lich, gerade die Blumen ſtehen in ſeinem Garten! Geſtern den ganzen Tag ſah ich nach ſeinem Vetter, zwang mich, dem gleichgültigen Menſchen verliebte Blicke zuzuwerfen und dachte, er würde raſen. Abends, als wir zu Hauſe gin— gen, ſtrich er den Burſchen ſelbſt gegen mich heraus, es war ihm recht geweſen, ich hatte ihm einen Gefallen damit gethan! Agnes. Arme! Barbara. Daran biſt Du Schuld, Niemand Schuld, als Du! Als er Dich noch nicht kannte, hing er an mir wie eine Klette. In den Bärenzwinger wär' er für mich hinabgeſtiegen und hätte meinen Handſchuh heraufgeholt. Und nun— pfui! Agnes. Du ſchiltſt mich und ich weiß nicht einmal, wovon Du ſprichſt! Barbara(äimmt den Strauß). Ich will ſchon dahinter kommen, ich nehm' ihn mit! Agnes Bernauer. 13 Agnes. Mir gleich! Barbara. Allen machſt Du abſpenſtig, was ihnen gehört! Ich würde mich ſchämen! Agnes. Kannſt Du ſagen, daß ich auch nur Einen anſehe? Barbara. Das iſt's vielleicht eben! Nonne und doch keine! Heilige, aber noch nicht im Himmel! Die muß man Gott abjagen! Da muß man Alles daran ſetzen! Ei, ſei wie wir, guck' auf, ſprich und es wird ſich geben! Agnes. Thät' ich's, ſo würdeſt Du wieder ſchmählen! Barbara. So geh' in's Kloſter, wirf den Schleier über, den Niemand heben darf! Ich Dich um Vergebung bitten? In Ewigkeit nicht! Agnes. Wer verlangt's denn? Barbara. Mein Beichtvater! Glaubſt Du, ich kam von ſelbſt? Aber nein, lieber auf Erbſen knieen!(Hält den Strauß in die Höhe.) Den werd' ich ihm jetzt ſchenken! Kennt er ihn nicht, ſo ſchick ich Dir einen doppelt ſo ſchö⸗ nen!(ab.) Agnes. Sie thut mir leid! Aber kann ich's ändern? Sechſte Scene. Theobald(trtt wieder ein). Die hat die arme Ger— trud ja beraubt! Agnes. Sie ſcheint den Verſtand verloren zu haben! Theobald. Das mögt' ich doch nicht ſagen! Agnes. So hätte ſie Recht? 14 Agnes Bernauer. Theobald. Ich glaube faſt! Jungfer, ich könnt' Euch alle Morgen—— Siebente Seene. Caſpar Bernauer(tritt mit einem Buch ein, das in ein rothes Tuch gewickelt iſt; zu Agnes). 275 ja, ja! Wenn ich nur nicht mit ſoll! Nun geh' hinauf und lege Dein Kett— lein an. Sie blaſen ſchon am Frohnhof. Agnes. Nein, Vater, ich bleibe zu Hauſe! Caſpar Bernauer. Wie? Was? Warum warteſt Du hier denn auf mich?(Zu Theobald.) An den Deſtillir— kolben! Das Feuer wird zu ſchüren ſein! Theobald Geht ab). Caſpar Bernauer. Nun? Agnes. Vater, all' die Augen— es iſt mir, als ob mich gerade ſo viel Bienen ſtächen! Und er weiß ja, ſie ſehen Alle nach mir! Theobald(tritt wieder ein). Caſpar Bernauer. Sieh Du ſie wieder an! Nun, wenn Du lieber Deinen Roſenkranz abbeteſt, mei— netwegen!(Sieht ſich um, zu Theobald.) Noch keine Salben abgerührt? Hat der Hahn heut Morgen nicht gekräht? Theobald(geht an's Geſchäft). Agnes. Barbara war hier, Alle haſſen mich, ich verderb' ihnen den Tag, wenn ich komme. Caſpar Bernauer. Und darum willſt Du aus⸗ bleiben? Nichts da! Dann dürfte der beſte Ritter ja auch könnt' das in enn ich n Kett warteſt eſtillir⸗ r, als ja, ſie ran! „mei⸗ Salben iht? ch, ich u aus⸗ ja auch Agnes Bernauer. 15 nicht kommen, denn der verdirbt den Uebrigen ja auch den Tag. Und der nächſtbeſte eben ſo wenig, und wer noch, bis auf den letzten, der nur zum Umpurzeln da iſt! Thor⸗ heit und kein Ende! Hinauf! Su Theobald.) Und Du hole die Flaſche mit dem Wundwaſſer herunter! Beide(ab). Achte Scene. Caſpar Bernauer. Die Suppe iſt kalt geworden! Ich nehm's für genoſſen!(Legt das Buch auf den Tiſch.) Biſchöfliche Gnaden haben Recht, wenig bring' ich heraus und gerade die Hauptſachen nicht, die vom Hippokrates, denn die ſind griechiſch. Ich muß es ſo zurücktragen. Neunte Scene. Knippeldollinger(uritt herein). Guten Morgen, Gevatter! Ah! Das iſt wohl ein Buch? Ja? Caſpar Bernauer. Und das iſt wohl ein fun— kelnagelneues Wamms? Knippeldollinger. Nun, wenn alte Leute Nichts mehr machen ließen, würde mancher Schneider hungern! (Sieht in's Buch.) Herr Je, wie kraus und bunt! Und das verſteht Ihr, wie der Biſchof? Th eobald(tritt mit der Flaſche ein und macht ſich wie⸗ der zu thun). Caſpar Bernauer. Ihr müßt immer fragen! Knippeldollinger. Wie alt das wohl iſt! 16 Agnes Bernauer. Caſpar Bernauer. Seit der Kreuzigung unſeres Herrn und Heilandes Jeſu Chriſti ſind jetzt verfloſſen Ein Tauſend vier hundert ſechs und zwanzig Jahre, aber der Autor dieſes Buches, das iſt zu ſagen der Urheber, näm— lich der Mann, der es gemacht hat, war ſchon über vier hundert Jahre todt, bevor der Herr auf Erden im Fleiſch unter uns erſchien. Knippeldollinger. Macht an die zweitauſend Jahre! Sollte man's glauben, daß es Leute gibt, die ſolche Bücher ſo lange aufheben? Es iſt doch kein Gold! Denkt nur an all' die Feuersbrünſte und Ueberſchwemmungen, an Peſtilenz und Seuchen! Sieh, ſieh! Caſpar Bernauer. Es gab immer gelehrte Männer! Knippeldollinger. Freilich, freilich! Was gab's nicht! Wenn man das ſo erwägt, Gevatter, und gehörig bedenkt— Ja, ja! Nicht wahr? Sagt ſelbſt! Caſpar Bernauer. Ich weiß nicht, was Ihr meint! Knippeldollinger. Ho, ho! Beſſer, als ich! Damit kommt Ihr mir nicht durch. Nun, wie Ihr wollt! Wo bleibt denn mein Pathchen? Die Muhme wird ſchon warten! Caſpar Bernauer. Ja, die hatte Grillen! Zu Throbald.) Spring' einmal zu ihr hinauf! Bring gleich das Beſteck mit! Wir werden's brauchen. Theobald lab). iſeres Ein rder näm⸗ vier leiſch Hold! ingen, lehrte gab's ehörig Ihr 8 ich! wollt! ſchon Zu ch das Agnes Bernauer. 17 Knippeldollinger. Ihr geht nicht auch? Wir könnten zuſammen rücken! Caſpar Bernauer. Mich kümmern bei einem Turnier nur die Beulen und Wunden und die krieg' ich hier ſchon zu ſehen, denn man trägt mir die Krüppel her! Knippeldollinger. Aber der Herzog, der Her zog von Baiern— Caſpar Bernauer. Mich lüſtet nicht nach ſeiner Bekanntſchaft, und ich will ihm wünſchen, daß er auch die meinige nicht ſuchen muß, denn dazu führt nur ein Rippenbruch! Heut Abend iſt das was Anders. Knippeldollinger. Denkt Euch, hinter der alten Kloſtermauer, wo mein Vetter wohnt, hat man letzte Nacht einen Todten gefunden! Caſpar Bernauer. Da iſt viel zu wundern! Kommen jemals Reichsknechte nach Augsburg, ohne daß es etwas gibt? Knippeldollinger. Wohl! Aber dieſer iſt ſo ent— ſtellt, daß man ihn gar nicht mehr erkennen kann! Caſpar Bernauer. So ſoll man drei Tropfen e ſeines Blutes nehmen und ſie um Mitternacht, mit einem J gewiſſen Liquor vermiſcht, auf eine glühende Eibenkohle ln. Dampf erſchei— träufe nen, wie er leibte und lebte, aber in durchſichtiger Ge Dann wird der Verſtorbene im ſtalt, gleich einer 51 85 aſe, mit einem dunkelrothen Punkt in der Mitte, der das Herz vorſtellt. Knippeldol 196 Ei! Ei! Habt Ihr den Liquor? Hebbel, Agn. Bern. 2 18 Agnes Bernauer. Caſpar Bernauer. Wenn Ihr ihn hättet, ſo ließet Ihr's durch den Rathsweibel ausrufen! Zehnte Scene. Agnes(kommt im Putz. Theobald folgt). Knippeldollinger. Sieh da!(Faßt ihre Hand) Nun bekomm' ich ſie doch? Caſpar Bernauer(u Agnes). Soll ich Dir jetzt mit dem Korkſtöpſel ein neues Geſicht machen, wie zum Schönbartlaufen, da Du das alte nicht gern mehr her— umträgſt? Agnes. Kommt, Gevatter! Knippeldollinger führt ſie ab, in der Thür). Wißt Ihr, daß der Syndikus ſich wieder verheirathet? Er iſt zehn Jahr älter, wie ich! Caſpar Bernauer. Ihr irrt, nur fünf! Viel Vergnügen! Wenig Rippenſtöße! Knippeldollinger(mit Agnes ab). Eilfte Scene. Caſpar Bernauer. Alter ſchützt vor Thorheit nicht! Nun, Caſpar, nicht hochmüthig, Du haſt wohl auch Deinen Sparren!(Zu Theobald.) Geh' nur auch, aber ſei zur rech— ten Zeit wieder da! Du ſiehſt's ja ſchon! Wenn ſie Einen fort tragen! Theobald lab). Hand) rjetzt e zum rher⸗ Wißt tzehn Viel nicht! deinen rech⸗ Einen Agnes Bernauer. 19 Zwölfte Scene. Caſpar Bernauer(nimmt das Buch wieder). Ich will's noch einmal verſuchen! Ich ſchäm' mich doch, es ſo wieder zu bringen! Wahrhaftig, mich ärgert der babyloniſche Thurmbau weit mehr, als der Sündenfall, denn ohne den ſprächen wir mit unſerer Einen Zunge doch auch nur Eine Sprache, und verſtänden uns nicht bloß, wenn wir ſchreien. Das hat mich ſchon in meiner Jugend verdroſſen. Wie gern wär' ich als Geſelle in die weite Welt gegangen, ob ich das Einhornthier, den Vogel Phönix, die Menſchen, die auf Bäumen wachſen, irgendwo zu ſehen bekäme, oder gar in der Türkei, wo ſie doch gewiß Viele unſchuldig hän— gen, ein Alräunchen erwiſchte! Aber dann dacht ich immer: Du verſtehſt die Leute ja nicht und ſie Dich auch nicht! und blieb daheim!(ab.) Herberge. Dreizehnte Scene. Törring, Noth hafft von Wernberg und Ritter Frauenhoven, vom Turnier kommend, nebſt Knappen und Dienern. Bürgermeiſter Nördlinger.) (Herzog Albrecht, Freiherr von Albrecht. Ich danke jetzt, Herr Bürgermeiſter, ich danke für das Geleite! 20 Agnes Bernauer. Bürgermeiſter. Geſtrenger Herr, ich kenne meine 0 ger Herr, ich Pflicht!(Ruft.) Wein her! Nothhafft von Wernberg Cum Herzog). Ihr könnt ihn nicht vor dem Trunk verabſchieden. Albrecht. Frauenhoven! Frauenhoven. Was iſt's? Albrecht. Haſt Du das Mädchen geſehen— Aber, 2 Du 2 mußt ja, Du mußt ja! Frauenhoven. Welche denn? Albrecht. Welche! Ich bitte Dich, geh, ihr nach! Vom Pferd hätt' ich mich geworfen und wäre ihr gefolgt, wenn nicht ler zeigt auf den Bürgermeiſter) der da—— Bürgermeiſter(mit einem Pokal). Geſtrenger Herr, die reichsfreie Stadt Augsburg heißt Euch nach ruhmvoll beſtandenem Turnier in Eurer Herberge willkommen, und dankt Euch, daß Ihr ihre Patrizier einer Lanze gewürdigt habt. Albrecht(trinkt). Sie lebe hoch, denn ſie verdient's! Ha, wo ſolch ein wunderbares Licht der Schönheit leuchtet — dttreift ſich mit der Hand über die Stirn) ja, ſie verdient's! (Wendet ſich). Frauenhoven, Du biſt noch da? Frauenhoven. Aber— Bürgermeiſter Verhoffe demnach—— Albrecht. Heute Abend auf dem Tanzhaus— das verſteht ſich! Nichts kann mich zurückhalten, vorausgeſetzt, daß auch ſie—— Verzeiht, ich bin ganz verwirrt! Ein Bote von meinem Vater— eine Ihr lber, zach! olgt, derr, 1woll und rdigt it's! chtet it's! das ſetzt, Ein Agnes Bernauer. 21 Bürgermeiſter. Ich hatte die Einladung nach Amtspflicht zu wiederholen, muß jedoch als Patrizier be— merken: es iſt nicht blos Geſchlechter-Tanz. Auch die Zünfte kommen! Albrecht. Ich wollte, die ganze Stadt wäre da! Bürgermeiſter. Empfehle mich zu Gnaden!(Ab) Vierzehnte Scene. Albrecht Cu Frauenhoven) Und nun, du lieber, lie— ber Herzensfreund, ſchnell, ſchnell! Oder beſſer: Ihr Alle! Du die eine Straße hinunter, Du die andere, du die dritte! Frauenhoven. Ihr gabt mir heut morgen den Auftrag, dem Werdenberg nachzureiten! Er hat Euch Eure Braut, die Gräfin von Würtemberg, entführt, wißt Ihr's noch? Albrecht. Nenne ſie nicht mehr! Nothhafft von Wernberg. Ja, und ich ſollte dem Würtemberger die Schlüſſel von Göppingen abfor⸗ dern, weil die Heirat durch die Flucht ſeiner Tochter un— möglich geworden ſei, und alſo das Reugeld heraus gezahlt werden müſſe! Törring. Und ich ſollte nach München zu Hof und Eurem Vater Beides melden! Albrecht. Das iſt vorbei, das iſt, als ob's nie geweſen wäre! Ich jauchze, daß Eliſabeth eine Kette zerbrochen hat, die ich ſonſt ſelbſt zerbrochen haben würde. 22 Agnes Bernauer. Ich will nicht einen Dachziegel von Göppingen oder einen Pfennig zur Auslöſung, denn ich könnte mir das Leben, das Athemholen, eben ſo gut bezahlen laſſen, wie meine neue Freiheit, und was meinen Vater betrifft, ſo ſteht mir ſeit lange eine Bitte an ihn zu, und das ſoll die ſein: daß er es ganz ſo verhalten möge, wie ich! Törring. Dieſer Wechſel iſt raſch! Nothhafft von Wernberg. Und koſtet Baiern fünf und zwanzig tauſend Gulden! Albrecht. Ich kenn' Euch nicht mehr! Knapp, ſchäl' mich ab, ich will ſelbſt fort, und in dieſem Aufzug ſchlepp' ich einen Schweif von Hunderten hinter mir her. Ein Knappe lentkleidet den Herzog des Panzerhem⸗ des u. ſ. w.) Albrecht. Da liegt der Herzog!— Habt Ihr Augen?(Schnallt ſein Schwert ab) Und da der Ritter! Blumen her, daß ich ſie vor ihr ausſtreuen kann, wo ich ſie finde!(Setzt ein Barett auf.) Wird mich nun noch Je— mand erkennen? Törring. Ohne Schwert? Jeder wird ſich zu täu— ſchen glauben! Albrecht lündem er abgehth. Freunde, habt Geduld mit mir!(Ab.) Törring. Begreift Ihr das? Nothhafft von Wernbergů Herzog Ernſt wird Augen machen! Der beſinnt ſich etwas länger, wenn ſich's um den Verluſt von fünf und zwanzig tauſend Gulden handelt. einen eben, neine t mir : daß aiern ſchäl' hleppꝰ rhem⸗ Ihr itter! bo ich h Je⸗ täu⸗ eduld wird ſich's udelt. Agues Bernauer. 23 Frauenhoven. Brüder, richten wir nicht, daß D wir nicht gerichtet werden! Das haben wir Alle entweder hinter uns oder vor uns. Wenn Ihr's noch nicht wißt, ſo ſeht Ihr's jetzt, warum unſ're Altvordern für das Weib den Namen Mannrauſch erfanden! Doch dieſen Rauſch vertreibt man durch's Trinken, wie den andern durch Ent— haltſamkeit; je tiefer der Zug, je raſcher die Nüchternheit! Darum müſſen wir ihm beiſtehen! Nothhafft von Wernberg. Aber die abſonder⸗ lichen Reden wollen wir uns merken, wir können ſie einmal wieder ausſpielen, ſei's auch nur, um uns ſelbſt unſ'rer Haut gegen ihn zu wehren.„Habt Ihr Augen?— Blu— men her!— Ich kenn' Euch nicht mehr!“ Damit belad' ich meinen Eſel. Sammelt Ihr auf, was heut Abend ab— fällt, denn ohne Zweifel trifft der neue Adam ſeine Eva beim Tanz. Vielleicht iſt's der Engel von Augsburg! Törring. Der Engel von Augsburg! Nothhafft von Wernberg. So nennt man hier eine Baderstochter, Agnes Bernauer, deren Schön— heit die halbe Stadt verrückt machen ſoll. Wollen wir die Bude ihres Vaters einmal aufſuchen? Wir können uns die Bärte ſtutzen laſſen, und wer weiß, ob wir das Wunder bei dieſer Gelegenheit nicht zu ſehen bekommen. Frauenhoven. Topp!(Alle ab“. 24 Agnes Bernauer. Großer Saal im Tanzhauſe der Stadt. (Feſtlich geſchmückt mit den Panieren der Zünfte und den Wappen der Geſchlechter. Abend. Die Gäſte verſammeln ſich raſch, die Zunftmeiſter empfangen.) Fünfzehute Scene. Bürgermeiſter Hermann Nördlinger kommt mit Nothhafft von Wernberg. Bürgermeiſter. Ja, Herr Ritter, ſo läuft nun Alles ſeit jenem unſeligen Katharinen-Abend, wo wir den Pöbel mit in den Rath aufnehmen mußten, bei uns durch— einander! Perlen und Erbſen in Einem Sack, der Herzog wird das Ausklauben mühſam finden, mich wundert, daß er kommt! Nothhafft von Wernberg. Ihr habt Euch noch immer nicht gewöhnt? Es iſt doch ſchon lange her. Bürgermeiſter. Noch nicht lange genug, daß die Hoffnung auf die Rückkehr der guten alten Zeit ſchon ganz erſtickt ſein ſollte. Seht den Dicken da, das iſt der Zunft⸗ meiſter der Bäcker, der macht die Ehre der Stadt. Seht doch hin! Wenn er dem ankommenden Gaſt, den er zu begrüßen hat, nicht mit ſeinem Stierkopf den Bruſtkaſten einſtößt, ſo zerſchmettert er einem ſchon anweſenden ganz ſicher durch den Kratzfuß das Schienbein! Was ſagt Ihr? Iſt's nicht, als wenn ein Pferd ausſchlüge? Und das ſollte man gewöhnen! ippen „die ommt nun den irch— rzog daß Agnes Bernauer. 25 Nothhafft von Wernberg. Ihr hättet Euch beſſer wehren ſollen! Bürgermeiſter. Wir wurden überrumpelt! Kaiſer und Reich hätten uns beſſer beiſtehen ſollen! Was nöthigte die Majeſtät, den vermaledeiten Zunftbrief, der uns abge— zwungen wurde, hinterher mit Ihrem Siegel zu verſehen? Wir hatten genug zu thun, daß wir uns nicht nur ſelbſt unter die Metzger und Handſchuhmacher aufnehmen laſſen und unſere alten Namen mit neuen vertauſchen mußten. Denn das wurde verlangt. Sechzehnte Steene. Frauenhoven und Törring(kommen). Frauenhoven. Da ſteht der Bürgermeiſter, der kann es uns ſagen!(kritt zum Bürgermeiſter heran.) Iſt es wahr, wie man im Reich erzählt, daß der Boden von Augsburg keine Ratten duldet? Bürgermeiſter. Gewiß iſt es wahr, man trifft dieß Ungeziefer nimmer! Das war ſchon ſo zu den Zeiten des Druſus. Törring. Kurios! Siebzehnte Scene. (Trompeten.) Bürgermeiſter. Seine Gnaden der Herzog! (Eilt zum Eingang und begrüßt den eintretenden Herzog Al— brecht,) 26 Agnes Bernauer. 20 Albrecht(tritt zu Frauenhoven, Törring und Nothhafft von Wernberg heran). Da ſeid Ihr! Frauenhoven. Wir haben den ganzen Nachmittag geſucht— Albrecht. Und gefunden— Nothhafft von Wernberg. Eben jetzt! Albrecht. Mich, meinſt Du! O, kbſtlicher Fund! Ich bedanke mich! Frauenhoven. Ich ſtrich allein und— Albrecht. Es ging Dir beſſer, wie mir? Du ent— deckteſt ihre Spur? Frauenhoven. Ja! Albrecht. Warum treff' ich Frauenhoven. Dieß Mädchen—— O! Wohl hattet Ihr Recht, uns zu fragen, ob wir Augen hätten! Albrecht. Du liebſt ſie auch? Frauenhoven. Könnt' ich anders? Albrecht. Frauenhoven, das iſt ein großes Unglück! Ich glaub's Dir, daß Du nicht anders kannſt, es wäre Wahnſinn von mir, wenn ich verlangte, daß Du entſagen ſollteſt, hier hört die Lehnspflicht auf. Aber wahrlich, auch die Freundſchaft, hier beginnt der Kampf um Leben und Tod, hier fragt ſich's, in weſſen Adern ein Tropfen Blut's übrig bleiben ſoll! Du lächelſt? Lächle nicht! Wenn Du das nicht fühlſt, wie ich, ſo biſt Du nicht werth, ſie anzu— ſehen! Frauenhoven. Dieſe pechſchwarzen Augen— K8 Dich erſt jetzt! 7. Fft von ittag und! ent⸗ glück! wäre ſagen auch und kut's t Du anzu⸗ Agnes Bernauer. 27 und wie ſie den Hals trägt, recht, um ſich daran aufzuhängen— und vor Allem dieſe kaſtanienbraunen Haare— Albrecht. die ſich um ihre ein Nacken geſenkt und ihre Augen können nicht ſchwarz Faſelſt Du? Goldne Locken ſind's, Stirne ringeln— demüthiger ward nie ſein! Nein, nein, wie Meeresleuchten traf m ch ihr Strahl, wie Meeresleuchten, das plötzlich fremd und wunderbar aus dem ſanften blauen Elemente aufzuckt und eben ſo plötzlich wieder erliſcht! Frauenhoven. Gnädiger Herr, ich weiß nichts von ihr, es war ein Scherz, den Ihr dem luſtigen Ort, wo wir uns befinden, verzeihen mögt! Albrecht. So flieh! Flieht Alle, daß nicht Ernſt daraus wird, fürchterlicher Ernſt, denn ich ſage Euch, die ſieht Keiner, ohne die höchſte Gefahr! Achtzehnte Scene. Agnes(erſcheint, von Caſpar Bernauer und Knippeldol— linger begleitet). Albrecht(ausbrechend). Da iſt ſie! Nothhafft von Wernberg und Frauenho— ven Gugleich). Wunderſchön, das iſt wahr! Törring. Und der Engel von Augsburg, das iſt auch wahr! Dort ſteht ja der Vater! Albrecht. Kennſt Du ſie? 28 Agnes Bernauer. Törring. Man nennt ſie hier allgemein den Engel von Augsburg. Sie iſt die Tochter eines Baders, gnädi— ger Herr! Wir ließen uns vorhin die Bärte bei ihm ſtutzen.(Er zeigt auf ſeinen Bart.) Seht Ihr? Der Mann iſt geſchickt, nicht wahr? Es könnte dem Eurigen auch nicht ſchaden!(Er tritt auf die Gruppe zu.) Guten Abend, Meiſter, da ſehen wir uns ſchon wieder! Caſpar Bernauer. Viel Ehre für mich! Albrecht cfolgt, zu Agnes). Jungfrau, warum er— theilt Ihr auf den Turnieren nicht den Dank? Was durch Eure Hände geht, iſt edler als Gold und köſtlicher als Edelſtein, wär's auch nur ein grüner Zweig, vom näch— ſten Buſch gebrochen! Caſpar Bernauer. Meine Tochter iſt an ſolche Reden nicht gewöhnt, gnädiger Herr; fragt ſie aus den ſieben Hauptſtücken unſeres allerheiligſten Glaubens, und ſie wird nicht verſtummen! Agnes. Nicht doch, Vater, der Herzog von Baiern will ſeine Braut ſo anreden und macht bei der Bürgers— tochter von Augsburg nur die Probe! Caſpar Bernauer. Wohl geſprochen, Agnes, aber zum Antworten haſt Du keine Vollmacht, darum danke Seiner Fürſtlichen Gnaden für die Herablaſſung und komm'! Albrecht. Warum, ſtörriger Alter? Noch habe ich ja kaum den Ton ihrer Stimme gehört, noch kamen die vier und zwanzig Buchſtaben nicht alle über ihre Lippen! —— — Engel zädi⸗ iihm Mann auch bend, ner⸗ durch r als näch⸗ ſolche 8 den „und daiern rgers⸗ lgnes, arum aſſung habe en die ppen! Agnes Bernauer. 29 (Abgewandt.) Ha, ich könnt' ſie bitten: ſprich dies Wort aus, oder das, oder jenes, nicht des Sinn's wegen, nur damit ich erfahre, mit wie viel Muſik Dein Mund es beſchenkt! Gu Caſpar Bernauer.) Ihr geht doch? So müßt Ihr mir geſtatten, Euch zu begleiten! Euer Schatten weicht eher von Euren Schritten, als ich! Caſpar Bernauer. Eures Gleichen würde nei— diſch werden! Törring(äaßt Caſp. Bernauer unter dem Arm). Baierns Herzog hat hier ſeines Gleichen nicht! (Er führt ihn ab, Nothhafft von Wernberg geſellt ſich zu Knip⸗ peldollinger und folgt.) Albrecht Ezu Agnes, die ebenfalls folgt und ſich ihrem Vater zu nähern ſucht.) Mädchen, ich täuſchte mich nicht, Du haſt heut Morgen nach mir geſehen. Galt der Blick mir oder meinem venezianiſchen Helmbuſch? Agnes. Ich zitterte für Euch, gnädiger Herr, Ihr ſchautet zu mir herüber und rittet gegen den Feind, ich dachte, Ihr müßtet Schaden nehmen! Albrecht. Und das war Dir nicht gleichgültig? (Sie verlieren ſich, nebſt den Andern, im Gewimmel.) Barbara(mit Martha und andern Mädchen, hervor tre— tend). Ha, ha, ha! Sagt ich's Euch nicht, daß es beſſer ſei, zu Hauſe zu bleiben? Nun freut Euch, wenn Ihr könnt! Martha. Ei dies iſt ja gut! Wenn der Herzog ſie mitnimmt, ſteht ſie uns eben ſo wenig mehr im Wege, als wenn ſie gen Himmel fährt! 30 Agnes Bernauer. hin! Er e ſen! Aber ſie wird noch im Werth 0 Seht Euch nur um, wie Barbara. Mitnimmt! Wo denkt Ihr wird ſie ſchon hier laſ ſteigen, nun auch er genickt hat! Alles guckt und flüſtert!(Gehen vorüber.) Nothhafft von Wernberg ckommt mit Knippel⸗ 1 dollinger, ihm tritt entgegen?) Bürgermeiſter Nördlinger(mnit einem Fräu— f lein). Herr Ritter— meine Baſe, Juliana Peutinger- ſie hat des Kaiſers Majeſtät ſchon als vierjähriges Jung⸗ fräulein im Namen des Naths mit einer kleinen lateini ſchen Rede begrüßt! Ich mögte ſie Seiner Gnaden gern aufführen! Nothhafft von Wernberg(nit ihm weiter ge— hend). Nachher, Herr Bürgermeiſter, nachher! Ceiſe.) Der Herzog iſt von den Bürgern ſo warm empfangen worden, ſie haben ſich die Kehle faſt abgeſchrien, Ihr ſeh't, er bezeugt ſich dankbar!(Gehen vorüber.) f Albrecht(lommt mit Agnes). Nun ſprich auch Du! Was ſagſt Du dazu? Agnes. Mir iſt, als hört' ich eine Geige mehr, ſüß klingt's, auch träumt ſich's ſchön dabei. Albrecht. Ich frage Dich, ob Du mich lieben kannſt! Agnes. Das fragt eine Fürſtentochter, doch nicht mich! Albrecht. O ſprich! Agnes. Schont mich, oder fragt mich, wie man Er Jerth wie ippel⸗ Fräu⸗ er Jung⸗ tteini igern ter ge⸗ er 'orden, mehr, lieben ch nicht ie man 8 Agnes Bernauer. 31 ein armes Menſchenkind fragt, von dem man glaubt, daß ein ungeheures es treffen köenn! Albrecht. Dieß Wort— Agnes. L Legke s nicht aus, ich bitt' Euch, zieht Nie manden die Hand weg, wenn er ſie über die Bruſt hält. Caſpar Bernauer(der mit Törring gefolgt iſt und ſich Agnes zu nähern ſucht). Morgen, Herr Graf, Morgen! Knippeldollinger(der mit Nothhafft von Wern— berg neben den Beiden geht, zu Törring). Einen, der das Blut beſprach, habe ich ſelbſt gekannt. Albrecht. Agnes, Du verkennſt mich! Ich liebe Dich! Ca ſpar Bernauer(tritt zwiſchen Beide). Komm, mein Kind! Auch Du haſt Ehre zu verlieren!(Er will ſie abführen.) Albrecht bertritt ihm den Weg). Ich liebe ſie, aber ich würd's ihr nimmer geſagt haben, wenn ich nicht hin— zufügen wollte: ich werb' um ſie! Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr! Frauenhoven. Albrecht! Kennſt Du Deinen Vater? Törring. Denkt an Kaiſer und Reich! Ihr ſeid ein Wittelsbach! Es iſt nur zur Erinnerung. Albrecht. Nun, Alter, fürchteſt Du noch für ihre Ehreꝰ? Caſpar Bernauer. Nein, gnädiger Herr, aber —— Vor fünfzig Jahren hätte ſie bei einem Turnier nicht einmal erſcheinen dürfen, ohne geſtäupt zu werden, denn damals wurde die Tochter des Mannes, der dem 32 Agnes Bernauer. Ritter die Knochen wieder einrenkt und die Wunden heilt, noch zu den Unehrlichen gezählt. Es iſt nur zur Erin— nerung! Albrecht. Und nach fünfzig Jahren ſoll jeder Engel, der ihr gleicht, auf Erden einen Thron finden, und hätte ihn Einer in's Leben gerufen, der Dir noch die Hand küſſen muß. Dafür ſoll mein Beiſpiel ſorgen! Frauenhoven. Er iſt verrückt!(Zu Albrecht.) Nur hier nicht weiter, nur heute nicht! Alles wird aufmerkſam und auf jeden Fall muß die Sache geheim bleiben! Albrecht(zu Caſpar Bernauer.) Darf ich morgen kommen? Caſpar Bernauer. Wenn ich auch nein ſagte, was hülfe es mir? Albrecht. Agnes? Agnes. Wer rief mir doch heute morgen zu: geh' in's Kloſter? Mir däucht, ich ſehe jetzt einen Finger, der mich hinein weift! Albrecht. Dir ſchwindelt! Halt Dich an mich! Und ob die Welt ſich dreht, Du wirſt feſt ſtehen! Caſpar Bernauer. Gnädiger Herr, wir beur— lauben uns! Die fällt mir ſonſt um!(Ab mit Agnes und Knippeldollinger.) Albrecht. Ich muß—(will folgen). Frauenhoven. Keinen Schritt! Ihretwegen, wenn nicht Deinetwegen. Albrecht. Du kannſt Recht haben! den heilt, ur Erin⸗ er Engel, und hätte ſie Hand cht.) Nur fmerkſam morgen in ſagte, zu: geh' iger, der n mich! vir beur⸗ Agnes und en, wenn Agnes Bernauer. 33 Frauenhoven. Sprich jetzt auch mit Anderen! Sprich mit Allen! Und lange, ich bitte Dich, lange! Albrecht. Ich hätte ſo gerne noch meinen Namen von ihren Lippen gehört! Doch— wer will denn auch Weihnacht, Oſtern und Pfingſten auf einmal feiern!— (Er miſcht ſich unter die übrigen Gäſte. Ihm tritt Bürgermeiſter Nördlinger mit dem Fräulein entgegen.) Hebbel, Agn. Bern. 3 Jchtei ker kH6. Augsburg. Erſte Scene. (Herberge. Früher Morgen.) Nothhafft von Wernberg— Die Sache wird ernſt. Törring. Sehr ernſt! Die Linie ſteht auf zwei Augen— Frauenhoven. Das doch nicht! Auch Herzog Wilhelm hat einen Sohn! Törring. Der ſchwach und ſiech iſt und kaum vier Jahre alt. Habt Ihr das Jammerbild nie geſehen? Ich weiß, was ich ſage. Die Münchner Linie ſteht ſo gut, wie auf zwei Augen, und wenn es uns nicht gelingt, Al— brecht von ſeinem tollen Vorhaben abzubringen, ſo zeugt er Kinder, die nicht einmal den unſ'rigen ebenbürtig ſind! Was wird dann? Schon jetzt iſt Baiern in drei Theile zerriſſen, wie ein Pfannkuchen, um den drei Hung'rige ſich ſchlugen, ſoll's ganz zu Grunde gehen? Und das wird geſchehen, wenn wir dieß Unglück nicht verhindern können. wird zwei rzog vier Ich gut, Al zeugt ſind! Theile g'rige das ndern Agnes Bernauer. 35 No Nothhafft von Wernberg. Das iſt wahr! Von allen Seiten würden ſie heranrücken, vergilbte Pfand briefe auf der Lanzenſpitze und vermoderte Verträge auf der Fahnenſtange, und wenn ſie ſich lange genug gezankt und gerauft hätten, würde nach ſeiner Weiſe der Kaiſer zugreifen, denn während die Bären ſich zerreiſſen, ſchnappt der Adler die Beute weg. Törring. Alſo laßt uns vorbeugen! Frauenhoven. Aber wie? Vergeßt nicht, daß er eben ſo viel welſches Blut im Leibe hat, als deutſches, und vielleicht noch einige 55f en mehr! Ich ſage Euch, wenn Ihr's noch nicht wißt, die Mutter iſt mächtig in ihm, und wenn Ihr ihm nicht neue Augen einſetzen könnt, daß ihm das Schöne häßlich vorkommt und das Häßliche ſchön, ſo richtet Ihr nichts bei ihm aus. Ihr hättet ihn dieſe Nacht auf dem 8 eingeng hören ſollen! Und iſt es denn nicht auch wahr? Wer kann ſich rühmen, einen ſolchen Engel geſehen zu haben, 0 er nach Augsburg kam? Törring. Glaubt Ihr denn, ich bin der Narr, der das Feuer beſprechen will? Das fällt mir nicht ein! Mag's brennen, bis er Aſche iſt, was kümmert's mich. Aber ich denke, die Nahrung wird dieſem Feuer etwas billiger zu kaufen ſein, als mit Thronen und Kronen! Zum Teufel, iſt denn Albrecht nicht auch ſo ein Weib werth? Laßt mich nur machen! Ich ſage Euch, es ſind wackre Menſchen, ver nünftige Leute! Stand der Alte nicht geſtern Abend da, als ob ſich ihm der Erzengel Michael zum Eidam antrüge? Und 3* 3 36 Agnes Bernauer. das Mädchen— ſchaute ſie nicht drein, als ob ſie zum Flie gen aufgefordert würde, anſtatt zum Tanzen? Gebt nur acht, ich bringe Alles in's Gleiche!(Ab.) Frauenhoven. Der irrt ſich! In Vater und Toch⸗ ter, wie im Herzog! Nothhafft von Wernberg. Aber in's Gewiſſen müſſen wir ihm reden! Frauenhoven. Warum? Um es gethan zu haben, nicht wahr, wenn wir dereinſt zur Rechenſchaft gezogen werden! Borg' Dir die Poſaune des jüngſten Gerichts und verſuch's, ob Du Gehör bei ihm findeſt. Ich bin zufrieden, wenn's nur einſtweilen geheim bleibt. Er iſt bei'm faulen Wenzel in Prag auferzogen worden, und was der bei Geigen— und Flötenklang in ihn hinein geſä't hat, das bringt Gott ſelbſt nicht wieder heraus! Zweite Scene. Albrecht(tritt ein). Nun, Freunde? Was ſagt Ihr zu dieſem Morgen, der die ganze Welt vergoldet? Nicht wahr, den hätt' man ſich nicht ſchöner beſtellen können? Aber, wie ſteht Ihr denn da? Als ob Ihr augen— blicklich in's Gefecht ſolltet und Euern letzten Willen noch überdächtet! Nothhafft von Wernberg. Da hoff' ich anders auszuſehen, obgleich ich keinen Vater mehr habe, der mich wieder heraushaut, wenn's zu arg wird, wie Ihr! Albrecht. Ja, das iſt wahr, da hab' ich einen Vor⸗ Agnes Bernauer. 37 zug vor Euch. Ich darf dem Tode keck in den Rachen Ins dringen, wie die Maus dem Löwen. Noch zwiſchen Kauen 9 5 und Schlucken reißt mich der wieder heraus, der mich 7 7 7 4 gemacht hat. Nothhafft von Wernberg. Das habt Ihr bei Alling erfahren! Wäre er nicht geweſen— Albrecht. So würde mein erſter Kampf auch mein etzter geblieben ſein und ich hätte nie gehört, wie ſüß ie Sieg'strompete tönt; was red' ich, ich hätte Agnes +— nie erblickt! Nothhafft von Wernberg. Agnes! Albrecht. O, ich bin ihm Dank ſchuldig, unend— lichen Dank, mehr Dank, wie irgend ein anderer Sohn dem ſeinigen! Nothhafft von Wernberg. Fühlt Ihr's? Albrecht. Erſt ſeit geſtern ganz! Dieß Auge, das ich jetzt freiwillig ſchließen mögte, wie den Mund, wenn er ſeine Kirſche hat— gebrochen und mit Sand ver— ſchüttet würde es ohne ihn ja längſt da liegen, ein Spie— gel, der zerſchlagen ward, bevor er das Bild noch auffan— gen konnte, das er feſthalten ſollte, und dieß Herz—— die Stunde wird kommen, wo Ihr mich verſtehen könnt, dann mehr! Seht, wenn Euch auch einmal wird, als ob ſich Millionen Lippen in Euch aufthäten, und alle ſaugen wollten— wenn Ihr nicht mehr wißt, ob's Luſt oder Schmerz iſt, was Euch die Seele im Wirbel herumjagt — wenn Euch die Bruſt zerſpringen will und Ihr, von 38 Agnes Bernauer. 011 und Hitze zugleich geſchüttelt, zweifelnd ausruft: doch wohl Luſt, ja, wohl Luſt, Wolluſt! und dieß dunkle Wort, wie ich, nun auf einmal begreift, indem Ihr's, ſchwindelnd zwiſchen Leben und Tod, mit Eurem letzten Athemzug nach⸗ ſchafft— dann— dann! Eher nicht! Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr— eine Bitte! Albrecht. Was iſt's? Nothhafft von Wernberg. Stellt Euch Euren Vater einmal vor! Albrecht. Nun? Nothhafft von Wernberg. Aber recht deutlich, mit dem Geſicht, das er hat, wenn er Einem einen Wunſch nicht bloß abſchlagen, ſondern in den Hals zurückjagen will, ſo daß man ihn, wenn man um Honigbirnen gekom⸗ men iſt, um Stockprügel anſpricht! Albrecht. Gut! Nothhafft von Wernberg. Seht Ihr ihn? So fragt Euch, ob Ihr das vom Spiegel und vom Wirbel und von Luſt und Schmerz, und von Leben und Tod vor ihm wiederholen mögtet! Albrecht. Vor ihm? Ja! Ich habe eine Mutter gehabt! Vor Euch? Nicht um die Welt! Nothhafft von Wernberg. Eure Mutter war eine Prinzeſſin von Mailand! Albrecht. Und ſollte ſie meine Mutter nicht auch geworden ſein, wenn ſie keine Prinzeſſin von Mailand en ch, ſch zen ni⸗ So bel vor tter var luch and Agnes Bernauer. 39 geweſen wäre? Sie war das Muſter eines Weibes— hätte das nicht genügt? Nothhafft von Wernberg. Ich zweifle! Wenn aber— ſo würde Euch jetzt Nichts mehr hindern, Euch mit dem Engel von Augsburg zu verbinden, denn Ihr würdet Baierns Thron nie beſteigen! Albrecht. Nicht, Herr Ritter? Wer weiß! Wer weiß, was geſchähe, wenn ich mein Volk zum Spruch auf⸗ riefe, wenn ich ſagte: Seht, ich ſoll nicht würdig ſein, Euch zu beherrſchen, weil mein Vater Eine Eurer Töchter zu ſich erhoben hat, Eine, die ihm am beſten in's Ohr ſagen konnte, was Euch fehlt! Ich ſoll nicht würdig ſein, Euch zu beherrſchen, weil die Theilnahme für Euch mir von der Mutter her angeboren iſt, weil ich Euch verſtehe, ehe Ihr noch den Mund aufthut, weil mir's im Blut liegt, Euch beizuſpringen! Ich ſoll nicht würdig ſein, Euch zu beherr— ſchen, weil ich Euer Bruder bin! Wer weiß, was ſie thun werden, die alten treuen Bavaren, wenn mein Sohn ſie dereinſt nach Urväter-Weiſe in einem Eichenhain zuſam— menruft und ſo zu ihnen ſpricht; wer weiß, ob ſich dann nicht der letzte Bauer in einen Ritter verwandelt und ob die Senſe nicht gegen das Schwert ſchlägt, daß das ganze deutſche Reich zu wackeln anfängt, und der große Karl zu Aachen in ſeinem Sarg erſchrocken nach der Krone greift! Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr, ver— kennt mich nicht! Nothhafft von Wernberg kann Euch nicht 40 Agnes Bernauer. rathen, in den Abgrund zu ſpringen, aber er ſpringt nach, wenn Ihr's thut! Albrecht. Das iſt ein Wort! So kommt!(Alle ab.) Baderſtube. Dritte Seene. Agnes. Hier, mein Vater? Caſpar Bernauer. Hier, meine Tochter, hier erwarten wir ihn, nirgends ſonſt. Wie iſt Dir denn zu Muthe? Etwas anders, wie gewöhnlich, wenn Du die Augen aufmachſt, nicht wahr? Nun ja, das iſt natürlich. Die Mädchen zögern gern aus Angſt oder Neckerei noch eine Weile vor der Thür, wenn ſie auch wirklich ſchon hin— ein wollen und wiſſen, daß der Bräutigam ihnen längſt die Arme entgegenſtreckt. Du armes Ding haſt nun nicht einmal Kranzwindens⸗Zeit. Agnes. Alſo, Euer Entſchluß iſt gefaßt? Caſpar Bernauer. Es gibt nur Ein Mittel! Und wenn Du nur bereit biſt: Für Ihn mögt' ich ſtehen! Agnes. Ja?ꝰ Caſpar Bernauer. Ich kenn's, wenn's auch lange her iſt, daß ich ſelbſt an dem Fieber litt! Eine treue, redliche Seele!(Er zieht etwas aus der Taſche.) Was hab' ich da? Agnes. Mein Kettlein! Aber, das hab' ich ja geſtern Abend gleich wieder weggelegt! Agnes Bernauer. 41 Caſpar Bernauer. Kann doch wohl nicht ſein, denn Theobald hat's auf der Straße gefunden, als er hin— ter uns herſchritt! Agnes. Theobald? Caſpar Bernauer. Ja, den haſt Du eben ſo wenig geſehen, wie ich! Was ſagſt Du? Der närriſche Junge iſt uns, ſo lange die Reichsknechte hier ſind, jeden Abend heimlich gefolgt, wenn wir das Haus noch verließen, und hat auf uns gewartet, bis wir wieder heim gingen. Nie hat er ſich etwas davon merken laſſen, und wenn ich's jetzt weiß, ſo kommt das daher, daß er Deine Kette fand! Iſt das Einer? Agnes. Es freut mich, daß er ſo an Euch hängt! Ca ſpar Bernauer. Nun dächt' ich, es wär' die beſte Antwort für den tollköpfigen Herzog, wenn Du dem Theobold raſch, noch heute morgen, ja augenblicklich die Hand reichteſt! Du biſt ihm ja doch den Finderlohn ſchuldig! Agnes. Wie? Caſpar Bernauer. Ihr beide trätet ihm dann Hand in Hand entgegen, ich aber ſtände ſegnend hinter Euch und riefe ihm zu: So war's im Himmel beſchloſſen, und was Gott zuſammengefügt hat, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden! Agnes. Vater! Caſpar Bernauer. Fürchte keine Gewaltthat! Auch hier ſtehen wir auf rother Erde, auch in Augsburg iſt Weſtphalen, jaa—— doch, wozu das! Nun, Jung— 42 Agnes Bernauer. fer Tochter, was ſagt Ihr? Der Bräutigam iſt, wie ich hoffe, bereit und ſogar der Prieſter nicht weit! Sprich, ſoll's ſo ſein? Agnes. Nie! In Ewigkeit nicht! Caſpar Bernauer. Das heißt: heute nicht! Agnes(glühend). Es heißt— Caſpar Bernauer(unterbricht ſieb. Morgen! Mor— gen! Morgen! Vierte Sceue. Theobald(tritt hinter einem Schrank hervor'. Wozu, Meiſter? Ich kann's auch heute hören! Caſpar Bernauer(u Agnes). Da ſiehſt Du jetzt! Theobald. Scheltet ſie nicht! Ich ſelbſt bin Schuld! Ich hätte Euch nicht folgen ſollen! Dieß Mal nicht! Agnes. Theobald, es thut mir weh! Theobald. Ich weiß, Jungfer, ich weiß! Und ich fühl's ja auch, daß ich—— Du mein Gott, ich darf ja nicht einmal von Unglück ſprechen, Ihr könnt mir ja gar nicht beſchieden ſein, ich brauche Euch ja nur anzuſehen, D 2 um das zu erkennen. Meiſter— darf ich ein wenig fort— gehen? In einer Stunde bin ich wieder da, um dieſe Zeit kommen ſo nicht Viele!(Er faßt Agnes Hand.) Agnes, ich wollte, ich könnt' einem Andern meine Liebe zu Euch ab— treten, nicht um mein Herz zu erleichtern, o Gott, nein, es wäre das größte Opfer, das ich bringen könnte, und ich brächte es nur, um Euch glücklich zu machen, aber glücklich ich Agnes Bernauer. 43 würdet Ihr, das glaubt mir, wenn das, was Ler ſchlägt ſich auf die Bruſt) hier glüht, eine beſſere Bruſt ſchwellte!(Ab.) Fünfte Sceue. Caſpar Bernauer. Ich glaub's auch! Zürnt mir nicht, Vater! Hätt' ich geahnt— 8 Agnes. Caſpar Bernauer. Kein Wort mehr davon. Es iſt nun, wie's iſt! Wer kann gegen die Sterne! Aber mich grauſ't, Agnes, wenn ich an Deine Zukunft denke, denn D (er zeigt auf ein Barbierbecken) ſo ein Ding und eine Krone — es geht nimmermehr gut! Agnes. Ihr ließt mich vorhin nicht ausreden! Nicht Theobald, nicht irgend Einem könnt' ich meine Hand reichen Caſpar Bernauer. Und warum nicht? Agnes. Weil ich—— Ich dürfte nicht! Caſpar Bernauer. So ſitzt er Dir ſchon im Herzen? Verflucht ſei dieß Turnier! Agnes. Aber— Zu der Mutter aller Gnaden könnt' ich mich flüchten— in's Kloſter könnt' ich gehen! Caſpar Bernauer. Und Deinen Herzog draußen laſſen? Agnes. Nein! Caſpar Bernauer. Was hätt'ſt Du dann im Kloſter zu thun! 44 Agnes Bernauer. Sechste Scene. Törring(trrit ein). Guten Morgen, Meiſter! Auch ſchon da, Jungfer? Die Hand her, wackrer Alter! Ich hab' Euch geſtern Abend lieb gewonnen. Schöne Agnes, wäre des Törrings Schädel für die Honigreime und Schmeichelſprüche Heinrichs von Ofterdingen und Wulf rams von Eſchenbach nicht immer zu hart geweſen: jetzt gäbe er Alles wieder von ſich, was er je verſchluckt hätte! Aber der hat Nichts behalten, als das Eia popeia von der Ammenſtube her, darum kann ich Euch nur ſagen: Ihr ſeid's werth, daß Ihr einem Herzog gefallt! Agnes. Schon das iſt zu viel, Herr Graf! Törring. Bewahre! Wenn Kaiſer Wenzels Bade— mädchen Euch geglichen hat, ſo will ich's ihm verzeihen, daß er eine Weile glaubte, er ſei mit ihr allein auf der Welt. Nur das verzeih' ich ihm nicht, daß er's zu weit trieb und ſich gar nicht wieder zur Beſinnung bringen ließ, denn ſie mußt' es büßen und das hätt' er vorher wiſſen kön— nen!(Er ſieht Agnes ſcharf an.) Arme Suſanna, junges, ſchönes Kind, wie bleich magſt du geweſen ſein, als die ſtarren, grimmigen Böhmen dich verbrannten und von ihren eig'nen Biſchöfen und Erzbiſchöfen dabei angeführt wurden, als ob's ein heilig Werk wäre! Du warſt gewiß keine Zaube⸗ rin, oder es ſteht auch hier eine vor mir! Ca ſpar Bernauer. Das geſchah im fröhlichen Lande der Geigen? Agnes Bernauer. 45 Törring. Es ſollte mich wundern, wenn man noch keinen Reim darauf gemacht hätte! So etwas ſingen die Leute gern, wenn ſie luſtig ſind! Caſpar Bernauer. Was ſagſt Du, meine Tochter? Agnes. Pfui über den Kaiſer, daß er's geſchehen ließ! Törring. Er lag im Thurm und ſein Adel ſtand zornig mit blankem Schwert vor der Pforte, er wußte nicht, wer zunächſt bei ihm anpochen würde, ob der Hen ker oder der Befreier! Agnes. So war's ihr Schickſal, und ſie wird ſchon einmal erfahren, warum. Törring. Bernauer, ein Wort mit Euch! Caſpar Bernauer. Geh', Agnes, und lege Dein Kettlein weg! Agnes(ab). Siebente Scene. Caſpar Bernauer. Wir ſind allein. Törring. Nun, Alter, was denkt Ihr eigentlich? Sagt an! Caſpar Bernauer. Ich weiß nicht, was Ihr meint! Törring. Nun, ich glaube, der Herzog wird heute Morgen gerade ſo aufgeſtanden ſein, wie er ſich geſtern Abend niedergelegt hat. Caſpar Bernauer. Acht Stunden ſind allerdings nur acht Stunden! 46 Agnes Bernauer. Törring. Der Meinung bin ich auch, darum müſ— ſen wir bei Zeiten einig werden! Alſo—(nimmt ein Raſir⸗ meſſer, wie ſpielend) Euer Schwert, nicht wahr? Caſpar Bernauer. Wie es Euch gefällt! Törring. Mein's iſt etwas länger! Schlägt an ſein Schwert.) Ja, was ich ſagen wollte! Der Herzog liebt Eure Tochter— er liebt ſie— wenn jedes Eheweib ſo geliebt würde, ſie hätten den K immel auf Erden! N Caſpar Bernauer. Vor dem Trunk und nach dem Trunk, es iſt ein Unterſchied und muß auch ſein! Törring. Ihr ſeid verheirathet geweſen oder noch, und wollt Euch entſchuldigen! Ja, ja, das kann ich Euch betheuern, er brennt wie ein Zohannisfeuer, wenn der Wind gut bläſ't, aber——(nimmt das Barbierbecken) Euer Helm? Caſpar Bernauer. Iſt man in Baiern ſo ſpaßig? Törring. Nein, nein, es ginge, ſeht!(Er macht, als ob er Caſpar Bernauer das Becken aufſetzen wollte.) Habt Ihr das noch nicht verſucht? Ich verſich're Euch, der Herzog lodert, daß die Kaſtanien gahr werden, wenn er ſie nur anſieht, doch was das Werben betrifft, das Heimführen ——(r nimmt den Schnepper.) Dieß Ding da, Zick Zack, Trick Track, führt Ihr wohl im Wappen, oder iſt's ein nackter Arm mit einer ſprudelnden Ader, wie ich's draußen an der Thür gemalt ſah? Caſpar Bernauer. Keins von Beiden, Herr Graf! Törring. Nicht? Nun alſo, kurz weg, wenn's Agnes Bernauer. 47 überhaupt noch nöthig iſt! Die Liebe des Herzogs ſtammt aus dem Herzen, die Werbung—— nun, das war, Ihr habt's ja ſelbſt geſehen, ein Rauſch—— vielleicht ſogar, was weiß ich's, ein Weinrauſch! Caſpar Bernauer. Das freut mich! Aber dieſe Botſchaft iſt nicht für mich allein! Ruft.) Agnes! Törring. Freut Euch! Ich hab' mich nicht in Euch geirrt, als ich Euch für verſtändig hielt! Gebt mir noch einmal die Hand! Ca ſpar Bernauer haͤlt ſeine Hand zurück). Ihr habt mich ſchon geadelt! Achte Scene. Agnes(tritt ein). Törring. Nicht wahr, ein mäßiges Glück, aber geſichert für immer— unter uns—— der Herzog hat ſchöne Güter von ſeiner Mutter her! Caſpar Bernauer. Merk' wohl auf, mein Kind! örring. Ei, da Ihr ſie rieft, ſo ſprecht ſelbſt weiter! Caſpar Bernauer. Wohl!(Zu Agnes.) Der Her— zog nimmt ſeine Bewerbung zurück! Törring. Nicht doch! u Törring.) Nun? 7 Caſpar Bernauer. Er nimmt ſeine Bewerbung um Deine Hand zurück, die läßt er Dir, er iſt nicht un⸗ verſchämt! Das Uebrige, nun ja, das mögt er, ich weiß nicht, ob für immer oder auch nur für einige Zeit! 48 Agnes Bernauer. Agnes(tſetzt ſich nieder). Caſpar Bernauer b(eeigt auf ſie). ihre Antwort! Jetzt die meinige! Zuerſt!(Mit gefalt'nen Händen gen Himmel.) Ich danke Dir, Vater im Himmel, daß es ſo kam! Schick' mir nun, welches Leid Du willſt, D 2 a habt Ihr es kann mich nicht ärger treffen, als dieß Glück mit ſeinem ſchrecklichen doypelten Geſicht mich traf!(Zu Törring.) Ihr ſeht, wie mir iſt, damit erklärt's Euch, daß ich Euch ſo ruhig anhörte! Ihr wart mir ein Freudenbote, denn 6 meine Tochter in keine Schmach willigen würde, wußt' ich, alſo gab Euer Antrag mir ſie wieder, ſonſt war ſie für mich verloren. Nun aber zur Abrechnung! Ihr erkundigtet Euch nach meinem Schwerte, wir Reichsbürger führen wirklich eins, wenn's auch gewöhnlich hinter'm Schornſtein hängt, und mit dem meinigen habe ich früher manchen Rücken ausgeklopft, der dem Eurigen, das glaubt nur, völlig glich. Törring. Bernauer! Agnes(ſpringt auf und ſtellt ſich neben Caſpar). Recht Vater, recht! Caſpar Bernauer. Den Helm mit dem bunten Federbuſch habt Ihr vor mir voraus, ich begnügte mich immer, wie wir Alle, die wir nicht durnſereh, nur ſtreiten, wenn es gilt, unſer Hab und Gut zu vertheidigen, mit einer ſimpeln Sturmhaube. Doch auch die genügte zuwei⸗ len, aus einer guten Klinge eine noch beſſre Säge zu ma— chen, wenn ſie ſich daran verſuchte. Was aber mein Wap⸗ er ein jed Du Ihr lt'nen imel, illſt, inem Ihr ſo daß ' ich, e für digtet ühren uſtein inchen nur, Recht dunten e mich reiten, n, mit zuwei⸗ zu ma⸗ Wap⸗ Agnes Bernauer. 49 pen betrifft, ſo werdet Ihr's ſchon hie und da früh mor— gens an 2 Burgthoren geſehen haben, Einige aus meiner Familie führen einen Strick und einen Dolch im rothen Felde, und ſie wiſſen ſich Reſpekt zu verſchaffen, ſelbſt bei Kaiſer und Reich. Törring. Das iſt das Zeichen der Vehme! Caſpar Bernauer Kennt Ihr ſie? Auch Jung⸗ frauen ſtehen unter ihrem Schutz, und wenn die Gerechtig— keit ihren Weg auch in dieſen betrübten Zeiten, wie ein Maulwurf, unter der Erde ſuchen muß: ſie iſt immer zur rechten Stunde da! Agnes. Ich kann mich ſelbſt ſchütz en, mein Vater! Was mir geſtern Abend widerfuhr, da das raubte mir Sprache und B Zeſinnung; was mir jetzt widerfährt, gibt mir Bei— des wieder! Das Eine hätt' ich nicht für möglich gehalten, aber, bei Gott! das Andere noch viel weniger! (Zu Törring.) Dieß ſagt dem Herzog von mir! Caſpar Bernauer. Da iſt er ſelbſt! Neunte Scene. Albrecht(tritt ein). Ja, da iſt er!(Zu Agnes). Ward er erwartet? Agnes(wendet ſich ab). Albrecht. Agnes— wenn auf dem Wege zu Dir ein Himmels: wagen flammend vor mir niedergefahren wäre, jeder Nadnagel ein Stern, ich w äre nicht eingeſtiegen, und Duüů Hebbel, Agn. Bern. 50 Agnes Bernauer— Agnes. Gnädiger Herr— geſtern fehlte mir der Muth Euch anzufehen, heute, dächt' ich, ſollte er Euch fehlen! Albrecht. Was hab' ich Dir denn gethan? Agnes. Nichts? Alſo das wäre Nichts? Gnädiger Herr, ſo viel Ehre könnt Ihr mir gar nicht bieten, und wenn Ihr mir die Krone aufſetztet, daß ſie dieſe Schmach wieder aufwöge! Albrecht. Schmach? Agnes. Wär's keine? Wär das an mir keine Schmach, was, einem Fräulein zugefügt, die Klingen aller ihrer Ver⸗ wandten, bis zum zehnten Glied herab, aus der Scheide reißen und gegen Euch kehren würde? Gnädiger Herr, auch mich hat Gott gemacht! Albrecht. Törring! Ihr da? Was heißt das? Agnes. Auch mich hat Gott gemacht, auch aus mir kann er mehr machen, wenn es ſein heiliger Wille iſt, auch aus Euch weniger, denn Alles auf Erden iſt nur zur Probe und Hoch und Niedrig müſſen einmal wechſeln, wenn ſie nicht vor ihm beſtehen! Gnädiger Herr, thut Keinem wie⸗ der ſo weh, wie mir, man erwartet's nicht von Euch, dar— um iſt's doppelt bitter!(Zu Caſpar Bernauer.) Mein Vater, jetzt in's Kloſter! Nun nehme ich von der Welt Nichts mehr mit über die Schwelle, als einen ewigen Schauder! Albrecht. Mädchen, geſtern warb ich um Dich, heute komm' ich um die Antwort, während meine Freunde ſchon den Prieſter ſuchen, der uns verbinden ſoll: iſt das Schmach? r der ehlen! ädiger und hmach hmach, Ver⸗ Scheide Herr, W is mir ſt, auch Probe enn ſie m wie⸗ h, dar⸗ Vater, Nichts auder! 1Dich, Freunde iſt das Agnes Bernauer. 51 1 rring(tritt vor). Der Herzog weiß von Nichts, auf Ritterwort, ich ſprach nur aus mir ſelbſt! Ich glaubte — nun, Irren ſoll menſchlich ſein! * 2 Albrecht. Du beſchimpfteſt ſie? Du beſchimpfteſt meine Braut? Dafür— Cer will ziehen). Törring. Nein! Dafür—(er tritt zu Agnes heran und küßt ihr ritterlich die Hand). Ihr wißt, ich bin nicht feig, aber es wäre nicht wohl gethan, die Zahl ihrer Freunde zu mindern, und nun ich ſie kenne, bin ich ihr Freund, ja ich werde ihr dienen bis zum letzten Athemzug, und mir iſt, glaubt's mir und denkt darüber nach, als faßte der Tod mich ſchon jetzt bei der Hand!(Zu Agnes.) Das ſprach ein Edler von Baiern, der nicht der Geringſte iſt, und nennt mich einen ehrvergeſſenen Mann, wenn Euch nun etwas widerfährt, ſo lange ich's hindern kann.(Zu Albrecht.) Ihr aber, gnädiger Herr, grollt nicht länger, daß ich ihr den Schleier etwas unſanft abnahm, es gereicht Euch wie ihr zum Vortheil, daß ich ihr in's Geſicht ſah!(Tritt zurück.) Albrecht. Sie ſchweigt! Das Vergeben iſt an ihr, nicht an mir! Folgt mir! Wenn ſie ſieht, wie ich ſie räche, wird ſie wiſſen, wie ich ſie liebe! Agnes. Um Gott nicht! Nur von Euch war's mir wie Todesſtich! Jetzt— jetzt— Vater! Caſpar Bernauer. Ihre harten Worte thun ihr leid, gnädiger Herr, ſie hätte ſie gern zurück, Ihr ſeht's wohl, ſie erſtickt ja faſt! Albrecht. Und nicht um die Welt mögt' ich ſie miſ— 52 Agnes Bernauer. ſen! Alter, zwei Kinder ſind ausgewechſelt worden, die Tochter des Kaiſers wurde in Deine Wiege gelegt und der Kaiſer zieht die Deinige auf! Schau hin, erkennſt Du ſie noch? Agnes, davon hat Dir in früher Jugendzeit ſchon ein Mährchen erzählt, doch damals ahnteſt Du's noch nicht, daß Du über Deine eig'ne Geſchichte weinteſt, erſt in die ſer Stunde haſt Du Dich wieder auf Dich ſelbſt beſonnen! Aber nun weißt Du endlich, wer Du biſt, das zeigt die edle Glut, die Dir aus dem Auge blitzt und von der Wange flammt, nun denkſt Du nicht mehr daran, daß Du bisher nicht im Purpur gingſt und nicht aus goldenem Be cher trankſt; ſo komm denn auch zu mir herüber, eh' Dir das wieder einfällt! Caſpar Bernauer. Agnes! Agnes. Vater, kein Wort von Gefahr! Erinnert mich nicht, daß Muth dazu gehört! Sonſt könnt' ich—— Albrecht(breitet die Arme gegen ſie aus). Was? Was? Agnes(ſinkt hinein). Und müßt ich's mit dem Tode bezahlen— das thäte nichts! Albrecht lumſchließt ſie). Agnes! Agnes(macht ſich wieder los). Aber dazu berechtigt mich kein Muth!— Ihr ſeid ein Fürſt— Albrecht. Und darf als ſolcher von vorn anfangen, ſo gut wie irgend Einer meiner Vorgänger! Agnes. Ihr habt einen Vater— Albrecht. Und bin ſein Sohn, nicht ſein Knecht! Agnes. Und wenn Euer Volk murrt? Agues Bernauer. 53 Albrecht. So murrt es, bis es wieder jubelt. Ja wenn ſie ſich zuſammen rotteten und ſich offen wider mich empörten: ich ſchickte Dein Bild, ſtatt eines Heer's, und ſie kehrten ſchamroth zum Pfluge zurück! Agnes. Und wenn Euer Vater flucht? Albrecht. So ſegnet Gott! Agnes. Und wenn er das Schwert zieht? Albrecht. So gibt er mir das Recht, auch nach dem meinigen zu greifen! Agnes. Und dabei ſollten wir— dabei könntet Ihr glücklich ſein? Albrecht. Viel glücklicher, als wenn ich Dir entſa— gen müßte! Das Eine wär' Kampf, und zum Kampf ge⸗ hört's, daß man den Ausgang nicht vorher weiß; das Andere wäre Tod, Tod ohne Wunde und Ehre, feiger Erſtickungstod durch eig'ne Hand, und den ſollt' ich wäh— len? Nach der Kehle greifen, ſtatt nach dem Schwert? O pfui! Da wär' ich doch gewiß der Erſte und der Letzte! Mädchen, ich kenne jetzt Dein Herz, her zu mir(er drückt ſie an ſich), ſo, nun haſt Du Alles gethan, das Uebrige iſt meine Sache! Worauf ſollte Gott die Welt gebaut haben, Wenn nicht auf das Gefühl, was mich zu Dir zieht und Dich zu mir? Die Würtembergerin, die man zwiſchen Dich und mich geſtellt hatte, würde in dieſem Augenblick todt umfallen, wenn ſie nicht geflohen wäre! Das fühl' ich! Darum zitt're nicht! Agnes Bernauer. Zehnte Sceene. Frauenhoven und Nothhafft von Wern berg (treten ein). Albrecht. Iſt Alles bereit? Frauenhoven. Ein Prieſter iſt gefunden, der's mit 4 jungen Herzog gegen den alten wagen will! Nothhafft von Wernberg. Aber nur unter der Bedingung, daß es ſo lange als möglich Geheimniß bleibt! Albrecht. Was ſagſt Du dazu, Agnes? Agnes. So lange nur Gott es weiß, wird keine meiner Ahnungen in Erfüllung gehen! Albrecht. Alſo! Wo und wann? Frauenhoven. Heut' Abend, Schlag zehn, in der Kapelle der heiligen Maria Magdalena. Aber wir müſſen Alle vermummt kommen, wie zum Todtendienſt! Albrecht. Gut! Und Morgen nach Vohburg! Agnes, das iſt ein rothes Schloß an der grünen Donau, womit meine Mutter— ſie ruhe ſauft und ſtehe fröhlich auf— mich für meine erſte Schlacht belohnte! Gib Acht, dort wirſt Du über Dich ſelbſt lachen, ſo oft Du an dieſen Morgen zurückdenkſt, da gibt's mehr Lerchen, wie anders wo Spatzen, und in jedem Baum faſt ſitzt eine Nachtigall. Ich ſchenk es Dir zum Leibgeding, nimm den luſtigen Vo— gelkäfig unbeſehens an, ich bitte Dich, er wird Dir ge— fallen, der Himmel ſchaut immer blau auf ihn herab, und wenn Du Dich über eine Gabe, die Du noch nicht kennſt, rg mit der bt! ine * Agnes Bernauer. auf alle Gefahr hin dankbar bezeigen willſt, ſo nenne mich zum erſten Mal Du! Agnes. Mein Albrecht! Albrecht(ſie in den Armen haltend). Du weinſt dabei? Agnes. Sollte es nicht nachbrennen? Euch—— Dir konnt' ich—— Aber es ſchmerzte mich mehr um Deinet kelndſte als um meinetwillen, mir war, als wäre der fun Stern über meinem Haupt auf einmal aus ſeiner Bahn gewichen, und ich hätte ihn in der Schaudergeſtalt, in der man ſie hier unten zuweilen verlöſchen ſieht, zu meinen Füßen wieder getroffen! Nun iſt mir dafür zu Muth, als hätt' ich ſchon jetzt mehr vom Leben, als mir gebührt!— Mein Vater! Caſpar Bernauer(tritt hervor). Sie ſollen Vater und Mutter verlaſſen und an einander hangen! Mein Kind, ich muß Dich ſegnen, Du thuſt nach Gottes Gebot! So ſei er mit Dir!(Er legt ihr die Hände auf's Haupt.) Albrecht. Auch mich! Caſpar Bernauer. Ihr fürchtet, daß Ihr ſonſt nicht dazu kommt!(Er legt auch ihm die Hände auf's Haupt.) ee München. Erſte Scene. (Das Herzogliche Cabinet. Man ſieht an der einen Wand zwei Karten. Die andern Wände ſind mit Bildern Baieriſcher Fürſten behängt.) Ernſt(ſteht vor den Karten). Ich kann's nicht laſſen und es ärgert mich doch immer wieder von Neuem. Das war Baiern einſt und das iſt Baiern jetzt! Wie Vollmond und Neumond hängen ſie da neben einander! Und wenn noch ein halbes Jahrtauſend dazwiſchen läge! Aber wie mancher alte Mann muß noch leben, der der Zeit noch recht gut gedenkt, wo Tirol und Brandenburg und das fette Holland, und was nicht noch ſonſt unſer war, ja, der obendrein auch die ganze Reihe von Thorheiten aufzählen kann, durch die das Alles verloren ging!(er tritt vor die Bllter.) Nein, wie Ihr gewirthſchaftet habt! Vier und zwanzig Stunden vor'm jüngſten Tag wär's noch zu arg geweſen! Und Ihr hattet das kluge Vorbild im benach— barten Oeſterreich ſo nah! Rudolph von Habsburg hätte ein Sandkorn durch geſchicktes Wenden und Drehen und zwei rſten ſſen lond denn wie noch 2 Ddas Agues Bernauer. 57 unabläſſiges Umkehren auf klebrigtem Boden zum Erdball aufgeſchwemmt, Ihr den Erdball zum magerſten Sand— korn herunter getheilt!(Er geht weiter.) Kaiſer Ludwig, wackrer Kämpfer, der Du jeden Feind beſtandſt, ausge nommen den Letzten, Heimlichen ohne Namen und Ge— ſicht, Du blickſt finſter auf Deinen Enkel herab. Ich ver— ſteh' Dich, und Du haſt Recht, das Schelten iſt für die Weiber, das Beſſermachen für die Männer. Nun, ich ſtückle und flicke ja auch ſchon ein Leben lang, ob ich nicht wenigſtens den alten Kurfürſten-Mantel wieder zuſammen bringe, und ich denke, Du ſollſt mir die Hand geben, wenn wir uns einmal ſehen. Du hätteſt mir gewiß die Arbeit erſpart, wenn der Giftmiſcher ſich nicht mit Wein und Brot gegen Dich verſchworen und Dich vor der Zeit aus— gethan hätte! Aber Deine Söhne— Nun! Sie ſind todt! Zweite Scene. Stachus(tritt ein). Ernſt. Was gibt's? Stachus. Der Meiſter aus Köln iſt da, der geſchickte Mann mit dem wunderlichen Namen. Er ſagt, er ſei beſtellt. Ernſt. Er hat was bei ſich! Das bring' mir! Stachus(ab). 8 Dritte Seene. Ernſt. Der Zierrath für die Todtenkapelle, wo die jetzt in Staub zerfällt, die mir mit Schmerzen meinen Sohn gebar! Agnes Bernauer. Vierte Scene. Stachus(bringt einen Bogen). Ernſt(nachdem er ihn betrachtet hat). Das iſt mir viel zu kraus! Komm' mal her! Bringſt Du heraus, was es bedeuten ſoll? Stachus. Ach, Herr, ich bin ein gar einfältiger Menſch! Ernſt. Thut Nichts, Du gehörſt auch mit dazu, Grä ber ſollen ſtillſchweigen, oder ſo reden, daß auch der Ge 105 ſie verſteht! Genau ſo ſoll er's machen, wie ich's ihm angab: den Heiland, unſern allbarmherzigen Erlöſer, mit ausgebreiteten Armen, die Abgeſchiedene zu ſeinen Fü ßen, wie man die heilige Martha malt, aber mit verhüll tem Geſicht, da doch Niemand wiſſen kann, wie ſie jetzt ausſieht, und ganz unten ich und mein Sohn Albrecht, wie wir für ihre arme Seele beten! Das ſag' ihm, dieß da kann er auf ſein eig'nes Grab ſetzen, ich bedank mich dafür, ich hätt' mir aus der Kölner Bauhütte etwas And' res erwartet, das iſt die Reiſekoſten nicht werth! tachus(nit dem Bogen ab). Fünfte Scene. Ernſt. Die hätten ſchön zu Deinem demüthigen, from—⸗ men Sinn gepaßt, Du ſtille Eliſabeth, all dieſe Engel mit Flügeln und Trompeten, die blaſen, als ob die Himmels—⸗ königin zum zweiten Mal ihre Auferſtehung feierte! Und ich hatt' ihm Alles ſo deutlich angegeben! Aber, das muß immer ſcharrwenzeln, immer, es wär kein Wunder, wenn E Agnes Bernauer. 59 man's am Ende gar vergäße, daß man von der Erde ge— nommen iſt und wieder zur Erde werden ſoll, und es ſcheint doch Vielen zu gefallen, ſonſt würden's dieſe Leute ja wohl nicht bei Jedermann verſuchen! Sechste Scene. Der Kanzler Preiſing(tritt ein). Ernſt. Schon da, Preiſing? Gut! Wißt Ihr was? Wir wollen von heut' an immer eine Stunde früher an fangen! Niemand weiß, ob er nicht Feierabend machen muß, ehe er müde iſt! Wie viel hatte die Herzogin noch vor, nun liegt ſie da! Was bringt Ihr? Preiſing. Zuvörderſt! Die Klagen über den Wu— cher der Juden mehren ſich! Ernſt. Man ſoll ſich ſo einrichten, daß man die Ju— den nicht braucht! Wer nicht von ihnen borgt, wird nicht arm durch ſie, und ob ſie Fünfzig vom Hundert nehmen! Preiſing. Es iſt der Juden ſelbſt wegen, daß ich darauf zurück komme. In Nürnberg ſchlägt man ſie ſchon todt wie die Hunde, und böſe Beiſpiele ſtecken eher an, als gute! Ernſt. Meine Juden ſollen's ſo treiben, daß ſie das Todtſchlagen nicht verdienen, dann wird's wohl unterblei— ben. Ich miſche mich in dieſe Händel nicht hinein. Fragt bei meinem Bruder an, ob er will! Preiſing. Das wär' wohl das erſte Mal, daß Her— zog Wilhelm Etwas wollte, was Ew. Gnaden nicht wollen! 60 Agnes Berunauer. Ernſt. Eben darum ſoll man ihn nie vorbei gehen! Weiter! Preiſing. In Sachen des ſtrittigen Kurhuts hat der böhmiſche Hof 510—— Ernſt. Nichts davon! Das hat Kaiſer Rudolph durch ſeinen doppelten S5r ſo verwickelt, daß nur das Schwert noch helfen kann, und das Schwert können wir erſt dann ziehen, wenn München, Ingolſtadt und Landshut einmal e gehen. Dazu iſt bis jetzt wenig Hoffnung, denn meine theuren Vettern Lud dwig und Heinrich mögten 6 freilich gern umarmen, wenn ſie mir nur zugleich auch den Rücken kehren könnten. Alſo weiter! Doch halt, halt, erſt dieß! Wir ſind ja unverhofft zu Geld gekommen, der Würtemberger muß das wieder herausgeben, was er bei Erziehung ſeiner Tochter an Birkenreiſern erſpart hat, und obendrein ſchwere Zinſen zahlen. Mit ſeinen fünf und zwanzig Tauſend Gulden können wir Allerlei machen! Preiſing. Wenn wir ſie erſt haben, ja! Ernſt. Haltet Ihr den Grafen für keinen ehrlichen Mann? Preiſing. Für den ehrlichſten Mann von der Welt! Ernſt. Nun denn! Ein Bettler iſt er doch gewiß auch nicht! Wir könnten eine unſ'rer verpfändeten Städte dafür auslöſen, und ich weiß ſchon, wo man ſich am billigſten finden laſſen wird, weil man unſer Geld am nöthigſten braucht. Preiſing. Das wäre freilich ein Gewinn! hen! 2 — urch wert dann mal ung, gten auch halt, der bei und und Agnes Bernauer. 61 Ernſt. Ja, da gäb's doch einen Fleck weniger im Lande, wo wir unſern Herzogsſtand nicht wieder aufheben dürften, wenn er uns einmal aus der Hand glitte. Wir könnten dem Lech aber auch für ewige Zeiten einen Frei paß damit erkaufen, daß er uns von den Augsburgern nicht wieder auf einen Wink des Kaiſers verſperrt werden kann, wie anno Neunzehn bei den Biſchofhändeln! Preiſing. Dazu werden die Kaufherren rathen! Ernſt. Und Ihr? Preiſing. Gnädiger Herr, der Würtemberger wird nicht aufknöpfen, ich ſag's Euch! Ernſt. Nicht aufknöpfen? Ei! Ei! Hab' ich nicht mein Pfand? Sind mir nicht Geißeln geſtellt? Was kann er denn einwenden? Preiſing. Er legt's übel aus, daß Herzog Albrecht ſich gar keine Mühe gab, ſeine Braut wieder zu bekommen, daß er in Augsburg auf's Tanzhaus ging, ſtatt den Ent führer verfolgen zu helfen! Ernſt. Was war denn an der noch wieder zu bekom— men? Sie war ja ſchon das Weib eines Andern, eh' wir hier noch die Flucht erfuhren! Der Würtemberger ſoll ſich in Acht nehmen! Ich beſetz' ihm Göppingen, eh' er's denkt, es kommt mir auf einen Ritt noch nicht an! Preiſing. Ich ſage Euch, und bitt' Euch, nicht un— wirſch zu werden, über den Sieger von Alling iſt nie ſo viel geredet worden, wie über den Tänzer von Augsburg! Ernſt. Ich weiß, ich weiß, und es verdrießt mich 62 Agnes Bernauer- genug! Preiſing, es iſt die Strafe unſ'rer eig'nen Jugend— fünden, daß wir gegen die unſerer Kinder nachſichtig ſein müſſen. Ihr wißt, was ich auf Andechs verwende, glaubt's mir, man baut niemals Kapellen ohne Grund! Aber es iſ ſchon dafür geſorgt, daß ein Ende wird. Erich von Braun ſchweig ſagte ſchon vor zwei Jahren zu mir: es iſt Schade, Ernſt, daß Du nur den einen Sohn haſt und daß der ver⸗ ſprochen iſt! Dieß Wort blieb mir im Kopf hängen und noch denſelben Tag, wo ich die Flucht der Würtembergerin erfuhr, ließ ich um die Braunſchweigerin anhalten! Nun, geſtern zur Nacht lief das Jawort ein! Preiſing. Und Albrecht? Wird er einverſtanden ſein? Ernſt. Einverſtanden? Wie kommt Ihr mir vor? Darnach hab' ich wahrhaftig noch nicht gefragt, das, denk' ich, verſteht ſich von ſelbſt! Preiſing. Ihr habt ihm einen Boten geſchickt! Ernſt. Einen? Drei, vier hab' ich ihm geſchickt, mit Ermahnungen und Warnungen, dem letzten hab' ich ſogar einen Brief mitgegeben! Preiſing. Nun, der iſt wieder da, er ſteigt eben vom Pferd! Ernſt. Er hat lange genug gemacht! Preiſing. Und iſt doch nicht langſam geritten, denn er kommt nicht von Augsburg, ſondern von Vohburg, der Herzog hatte die Reichsſtadt verlaſſen, bevor er eintraf! Ernſt. So iſt der Handel mit der Dirne vorbei und ich hätte mir den dummen Brief ſparen können! 1¹ in er Agnes Bernauer. 63 Preiſing. Nichtsweniger, als das, er hat die Dirne mitgenommen! Ernſt. Das iſt viel! Das würde ich bei Lebzeiten meines Vaters nie gewagt haben! Bringt das der Bote? Preiſing. Ja— Und— Ernſt. Was noch? Warum ſtockt Ihr? Das kenn' ich ja gar nicht an Euch! Preiſing. Das Gerücht— wiſſen müßt Ihr's— geht ſogar noch weiter, viel weiter! Ernſt. Das Gerücht hat tauſend Zungen und nur mit einer ſpricht es die Wahrheit; wer will die heraus fin⸗ den? Aber wie weit geht's denn? Ich bin doch neugierig! Preiſing. Man munkelt von einer heimlichen Hei⸗ rath! Die Dirne hät's nicht anders gethan! Ernſt. Und das könnt Ihr mir mit einem ernſthaften Geſicht ſagen? Preiſing! Bringt das auch der Bote? Preiſing. Ich habe ihm augenblicklich das ſtrengſte Stillſchweigen auferlegt. Ernſt. Nicht doch! Er ſoll reden! Aber er ſoll hinzu— fügen, daß der Dirne ganz Baiern zum Leibgeding ver— ſchrieben iſt!(Er lacht.) Meint Ihr nicht? Auch der Theil, der nicht uns gehört, der ſolle apart für ſie erobert wer— den! Durch mich, verſteht Ihr? Preiſing. Und Ihr ſeid gewiß, daß Nichts dahinter ſteckt? Gar Nichts? Ernſt. Preiſing!(Er hebt ſeine drei Finger in die Höhe.) Das ſolltet Ihr doch auch können, und ob Ihr auf dem 64 Agnes Bernauer. Todtbett lägt! So viel Reſpect für mein Blut verlang' ich! Die Sippſchaft der Dirne hat's in Umlauf geſetzt, um ihre Schande zu verbrämen! Das liegt ja auf der Hand! Aber daraus folgt nicht, daß wir ruhig zuſehen wollen, bis es im ganzen Reich herum iſt, bewahre! Es freut mich jetzt doppelt, daß der Braunſchweiger endlich geſprochen hat, nun können wir dem Koth gleich einen Platzregen nach ſchicken, und wir wollen uns rühren, daß er ſich nicht vor her feſt ſetzt! Alſo! Ihr ſteigt augenblicklich zu Pferd und meldet's meinem Sohn— Preiſing. Wenn er's nun aber doch nicht aufnimmt, wie Ihr denkt? Ernſt. Haltet Euch doch nicht bei Unmöglichkeiten auf! Das ſind ja ganz verſchiedene Dinge! Er ſagt ja; ob gern oder ungern, ſchnell oder langſam, das kümmert nicht mich und nicht Euch. Es gibt zwar eine Perſon, der das nicht ſo gleichgültig ſein kann, wie uns Beiden, aber auch um die iſt mir nicht bange, ſie wird's ſchon durchſetzen, wenn ſie nur einmal da iſt! In Braunſchweig iſt ja Alles ſchön, bis auf das Hexenvolk, das ſich zu Walpurgis bei Nebel und Nacht auf dem Blocksberg verſammelt, und Erichs Anna ſoll noch mächtig hervorleuchten! Ihr kennt das ſchnurrige Wort ja wohl, das auf dem letzten Fürſtentag D über ſie umging. Der Burggraf von Nürnberg, der kleine Bucklichte, der immer ſo twatſche Einfälle hat, ſagte, als die Rede auf ihr ſchlichtes Weſen in Gang und Kleider— tracht kam, ſie ſei ein Licht, das ungeputzt noch heller brenne, g' ich! nihre Aber i + e8 hjetzt ihat, nach t vor dund immt, nauf! gern mich nicht h um wenn ſchön, Nebel rrichs t das tentag kleine „als eider— renne, Agnes Bernauer. 6 S als geputzt, und die Jüngeren unter uns ſchwuren mit großem Lärm, das ſei wahr, während wir Aelteren lachten. Zum Teu fel, die wird's doch mit der Baderin aufnehmen können? Preiſing. Gut denn! Ernſt. Weiter entbietet ihn zum Turnier, nach Re— gensburg, denk' ich! Ja, ja, nach Regensburg! Ich bin's denen ſchuldig! Er ſoll nicht länger da ſtehen, wie ein Knabe, dem der eine Vogel davon geflogen iſt, und der keinen andern fangen auch ſoll's die Ritterſchaft gleich wiſſen, daß Welf und Wittelsbach ſich endlich einmal wie— der küſſen wollen und das will ich feierlich auf dem Tur— nier verkünden! Es muß ſo raſch, als möglich, zu Stande gebracht werden, mein Bruder ſoll die Ausſchreibungen auf der Stelle erlaſſen, ich will gleich zu ihm, er wird's gern thun, das iſt ein Geſchäft für ihn! Wißt Ihr, wie's mit ſeinem Sohne ſteht? Ich ſah ihn lange nicht, ſie verſtecken ihn vor mir, wie's ſcheint, als ob ſie ſich ſchämten, ich mag kaum nach ihm fragen! Preiſing. Beſſer, wie ich höre, etwas beſſer, ſeit das alte Kräuterweib ihn pflegt! Ernſt. Das freut mich, obgleich es wohl nicht viel heißt! Denn mit dieſem Knaben ſpielen alle Gebreſten Fangball, ich hätte gar nicht gedacht, daß es ſo viele Uebel gibt, als er ſchon gehabt hat, es iſt ein Elend! Preiſing, der arme Adolph wird gewiß keine tolle Streiche machen, höchſtens den, daß er in's Kl oſter geht und daran thut er am Ende ſogar Recht! Hebbel, Agn. Bern. 66 Agnes Bernauer. Preiſing. Oft werden ſchwache Kinder doch noch ſtarke Männer! Ernſt. Gott geb's, ich wünſch' es von Herzen! Aber — was trieb mein Albrecht ſchon Alles, als er vier Jahr alt war! Da kam kein Bart ungerupft vom Schloß und kein Fenſter blieb ganz, wo er herum hanthierte. Freilich, jetzt iſt's weit mit ihm gekommen, er hat ſein Neſt be ſchmutzt und das hätt' ich nie gedacht, ich hielt ihn für einen beſſern Vogel. Nun, es ſoll ſchon wieder rein wer den und ſpäter kann ich dafür auch um ſo mehr von ihm fordern, denn alle zehn Gebote zuſammen peitſchen den Mann nicht ſo vorwärts, wie die Jugend-Thorheiten, die ihm rechts und links über die Schultern gucken, wenn er den Kopf einmal dreht. Nur darum, glaub ich, läßt Gott, der Herr, ſie zu!(Wendet ſich zum Abgehen.) Preiſing. Und wenn—— Gnädiger Herr, in — einem ſolchen Fall ward das Ja gewiß noch niemals ſchnell geſagt! Wenn er es mir nicht gleich auf den Weg mit gibt: lad' ich ihn dann auch zum Turnier? Ernſt. Dann erſt recht! Dann will ich ihn vor ge ſammter Ritterſchaft—— Thorheit! Zu Pferd, Prei— ſing, zu Pferd!(Raſch ab) Vohburg. Siebente Scene. (Erkerzimmer. Albrecht tritt mit Agnes ein. Der Kaſtellan folgt.) Albrecht Cu Agnes, die einzutreten zaudert), Nun? (Zum Kaſtellan.) Alſo dieß iſt das Zimmer? noch Aber Jahr und eilich, ſt be n für wer mihm mden „4 un er Gott, Rin ſchnell gibt 5 ge Prei⸗ folgt.) Nun? Agnes Bernauer. 67 Kaſtellan. Dieß iſt das Zimmer! Albrecht. Ein wahrer Lug in's Land Kaſtellan. Ja, von hier aus ſieht man die Fei zuerſt, aber auch die Freunde. Das ſagte die Hock 5 ige, als ſie's zum erſten Mal betrat und gerade ſo, wie Ew. Gnaden jetzt, auf's Fenſter zuging! Albrecht. Wir hätten früher kommen ſollen, nicht wahr, Alter, gleich nach der Ankunft? Denn ich merk's wohl, daß meine Mutter Dich in's Vertrauen gezogen hat! Kaſtellan. Ei, ich brauch's nicht zu erfahren, warum das fünf Tage ſpäter geſchieht, als ſie erwartete! Ich weiß ohne das, was ich dem Burgwart und dem Kellermeiſter zu antworten hab', wenn ſie die Köpfe noch einmal zuſam— men ſtecken ſollten, denn Ew. Gnaden ſtehen jetzt darin, und alſo auch meine erlauchte Gebieterin Eliſabeth von Würtemberg, nunmehr von Baiern! Albrecht. Deine Gebieterin gewiß, wenn auch nicht Eliſabeth von Würtemberg! Kaſtellan. Nicht? Ich meinte doch! Anders freilich hätt' ich's mir vorgeſtellt! Wenn Fürſtinnen im heiligen römiſchen Reich ſonſt ihren Brautzug hielten, meldete es ein Glockenthurm dem andern durch fröhlich Geläut, die Fahnen flogen, die Trompeten ſchmetterten und bunte Herolde ſprengten hin und her! Davon hat man dießmal nichts gemerkt: nun, Gott ſegne die Herzogin dieſer Lande und die rechtmäßige Gemahlin meines Herrn!(Ab.) 5*³ Agnes Bernauer— Achte Sceue. Albrecht. Ein wunderlicher Alter! Ganz wie ein welkes Blatt unter grünem Laub, das der Wind hängen ließ! Agnes. Er erinnert mich an meinen Vater! So wird der einmal ausſehen! Albrecht. Nun ſind wir denn hier! Wie trieb er! So viel ich ihm auch zu Gute halte, es verdroß mich faſt, dieß ewige Sich in den Weg ſtellen und Klirren mit dem Schlüſſelbund! Agnes. Und ich ſchämte mich! Aber es rührte mich doch! Er kann keinen Flecken an ſeinem Herzog dulden und er hielt mich für Deinen Flecken! Albrecht. Nun, ihr Wände? Wenn ihr Zungen habt, ſo braucht ſie, damit ich endlich erfahre, warum wir gerade hierher zuerſt kommen ſollten! Ich glaubte, dieſer ſei eine Ueberraſchung zugedacht, aber ich ſehe ja nichts! Agnes. Schön iſt es hier! Dieß braune Getäfel iſt ſo blank, daß es uns abſpiegelt! Das iſt gewiß Regens⸗ burger Arbeit! Und die bunten Glasfenſter mit den vielen, vielen Bildern darin! Albrecht. Ja, das machen ſie jetzt am Rhein, ſeit ſie in Cölln den Dom bauen! Lauter Legenden! Man wird heilig, wenn man durch ſolche Scheiben ſieht! Aber ich kann mir doch nicht denken, daß wir hierher gerufen ſind, um uns die zu erklären! mein ingen wird er! fa ſt, dem mich und ngen wir ieſer 81 liſt ens⸗ len, t ſie vird ann um Agnes Bernauer. 69 Agnes. Und die Ausſicht! O! Albrecht. Das Alles iſt jetzt Dein! Aber freu' Dich nicht zu ſehr! Du mußt auch Manches mit in den Kauf nehmen. Zum Exempel den alten krüpplichen Baum da, und dort die Hütte ohne Dach! Agnes. Mein Albrecht, Du biſt ſo fröhlich, das iſt mein größtes Glück! Albrecht. O, ich bin heute ein Maulhänger gegen das, was ich morgen ſein werde, und ſo fort und fort! Ja, Agnes, ſo iſt's! Ein Entzücken iſt bei mir immer nur der Herold des anderen, größeren, und jetzt erſt weiß ich's, warum wir Menſchen unſterblich ſind. Agnes. Nicht mehr! Ich halt's nicht aus! Die Bruſt zerſpringt mir!(Sie erblickt den Betſchämel.) Da! Da!(Sie wirft ſich hin und betet.) Albrecht(mit einem Blick nach oben). Nun ſegneſt Du! Und ich weiß auch, durch wen! Agnes(ſteht wieder auf, an dem Betſchämel öffnet ſich, wo ſie kniete, ein geheimes Fach, ſie bemerlt es nicht). Albrecht. Jetzt iſt meine Mutter nicht mehr im Himmel, ſondern wieder auf Erden und hier bei uns, aber ihre Seligkeit iſt gleich groß! Agnes. Ach, auf mich war ſie nicht gefaßt! Albrecht(bemerkt das geheime Fach). Aber, was iſt das? Agnes. Perlen und Kleinodien! O, welche Pracht! Albrecht. Ihr Schmuck! Das denk' ich wenigſtens, denn getragen hat ſie ihn wohl nur, eh ich geboren wurde! — 70 Agnes Bernauer. Und ein Brief!(Er nimmt den Brief). An dasjenige meiner Kinder, das hier zuerſt nach mir betet! list ihn Agnes.) Alſo an Dich! D a iſt das Geheimniß! Sieh! ſieh! Da hatte dieſer Gang doch einen Zweck! Das hätte Dir bei der Trauung prächtig geſtanden! Freilich, wir hatten ſie hinter uns, eh wir kamen!— Nun? Agnes Ceicht ihm den Brief). Albrecht(nachdem er ihn geleſen hat). Wär' ich's gewe— ſen, ſo hätt' ich Dich damit ſchmücken dürfen, nun ſollſt Du's ſelbſt thun! Das iſt auch beſſer! Agnes. Nicht dieß, nicht das! Albrecht. Und was darunter liegt, iſt für den, der nicht betete. Das wird nicht ſo glänzen und funkeln! Gute Mutter, Du haſt voraus gewußt, wer das ſein würde; ich ſeh' Dich, wie Du den Zeigefinger gegen mich erhebſt! (Zu Agnes.) Aber nun mach' doch! Wie lange ſoll ich um den letzten Tannenbaum, den ſie mir aufrichtete, herum hüpfen, eh ich ihn plündern darf? Nimm raſch das Dei— nige weg, daß ich zum neen komm! Agnes. Wie ſollt' ich! Albrecht. Du biſt ihr freilich keinen Gehorſam ſchul— dig, aber ich, und wahrlich, ich will ihn der Todten am wenigſten weigern. Du wirſt mich nicht hindern wollen, ein frommer Sohn zu ſein! Alſo!(Er nimmt die Perlen und will ſie ſchmücken.). Agnes(tritt zurück). Nicht doch! Was bliebe noch für eine Prinzeſſin! Agnes Bernauer. 71 iner Albrecht. Willſt Du trennen, was zuſammen ge— 1680 hört? Da gäb'ſt Du meinem Vater, den Du ſo fürchteſt, Da ein böſes Beiſpiel! Mach's ſchnell wieder gut, daß er ſich bei nicht darauf berufe! Komm! Gleiches zu Gleichem!(er ſie ſchüttelt die Perlen, daß ſie klappern.) Das heißt hier: Hagel zu Schnee!(Er hängt ſie ihr um.) Nun mögen ſie ſich ſtrei⸗ ten, wer weißer iſt! we Agnes. Schmeichler! ollſt Albrecht. Agnes, hat man's Dir ſchon geſagt, daß der rothe Wein, wenn Du ihn trinkſt, durch den Alaba ſter Deines Halſes hindurch leuchtet, als ob man ihn aus der einem Kriſtall in den andern göße? Aber, was ſchwatz' ich! zute(Er nimmt das goldene Diadem.) Ich habe ja noch ein Paar zich zu vereinigen!(Er will es ihr aufſetzen.) bſt! Agnes. Es würde mich drücken! um Albrecht. Du haſt Recht, daß Du Dich jetzt noch rum mehr ſträubſt, wie vorher, denn hier iſt die Ebenbürtigkeit dei⸗ noch mehr zweifelhaft! Dieß Gold und das ler deutet auf ihre Locken), der Abſtand iſt zu groß! Dieß iſt der Son⸗ nenſtrahl, wie er erſt durch die Erde hindurch ging und hul au ihre Millionen Gewächſe ſein Beſtes abgab, dann ver— am dichtete ſich der grobe Reſt zum ſchweren todten Korn! Das len, iſt der Sonnenſtrahl, der die Erde niemals berührte, er eti hätte eine Wunderblume erzeugt, vor der ſich ſelbſt Roſen und Lilien geneigt haben würden, doch er zog es vor, ſich für koſend als ſchimmerndes Netz um Dein Haupt zu legen! Bernauer. Agnes 72 (Er ſetzt ihr das Diadem auf.) Aber nimm's nicht ſo genau, wir finden nichts Beſſ'res. Agnes. Nur, um zu ſehen, wie's ihr geſtanden hat! Albrecht. Das Auge iſt ſo edel, daß es nicht ge— ſchmückt werden kann, noch dieſen Ring an den Finger— er ging lange genug nackt!— noch dieſes Armband, und (er führt ſie ritterlich vor) die Kaiſerin iſt fertig! Denn, das ahnteſt Du nicht, eine Kaiſerin wollt' ich machen, und ſie ſteht da, ſetz' Dich auf den erſten Thron der Welt, und in tauſend Jahren wird nicht kommen, die ſagen darf: erhebe Dich! Nun will ich aber auch mein Theil ſehen!(Er nimmt eine Menge welker Blumen u. ſ. w. aus dem Fach.) Welke Blu⸗ men und Blätter, die faſt zerſtäuben, wenn man ſie an— rührt? Was mag ſich ſo ankündigen? Heraus!(ér erblickt einen Todtenkopf und erhebt ihn.) Ah, du biſt's, ſtummer Pre— diger? Du redeſt noch beſſer wie Salomo, aber mir ſagſt du nichts Neues; wer, wie ich, auf Schlachtfeldern auf— wuchs, der weiß es auch ohne dich, daß er ſterben muß! Doch erſt will ich leben! Im Himmel gibt's Halbſelige, ſie blicken nach der Erde zurück, und wiſſen nicht, warum! Ich weiß es, ſie haben ihren Kelch nicht geleert, ſie haben nicht geliebt! Ja, Agnes— Nennte Scene. Der Kaſtellan(tritt ein). Albrecht(zum Kaſtellan). Halt! Noch kein Wort, und ob die Welt unterginge! Ja, Agnes, wenn ich bei Gott das ſie in hebe umt klu⸗ an⸗ lickt rre⸗ igſt zuf⸗ uß! ſie Ich icht und zott Agnes Bernauer. 73 aufhören ſoll, muß ich bei Dir anfangen, es aibt 6 U 8 8 für mich keinen anderen Weg zu ihm! Geht es Dir nicht auch ſo? Agnes. Und käme jetzt der Tod, ich dürfte nicht mehr ſagen: Du kommſt zu früh! Albrecht(preßt ſie an ſichb. All' unſ're Wolluſt mün— det in Gott, was unſ're enge Bruſt nicht faßt, das fluthet in die ſeinige hinüber, er iſt nur glücklich, wenn wir ſelig ſind, ſoll er nicht glücklich ſein?(Er küßt ſie.) Und zuweilen ſtößt er die Welle zurück, dann überſtrömt ſie den Men ſchen und er iſt auf einmal dahin, wandelt im Paradieſe und ſpürt keine Veränderung! Wenn das jetzt käme! Agnes. Nicht weiter, nicht weiter! Albrecht aläßt ſie los). Das war eine Stunde! Nun komme die zweite!— Was gibt's? Kaſtellan. Botſchaft von Eurem Herrn Vater! Rit— ter Preiſing! Albrecht. Hierher!(Kaſtellan ab.) Agnes(will gehen“. Albrecht. Nein! So iſt's nicht gemeint, daß ich Dich verläugnen will! Bleib! Wie der Dich anſieht, ſieht mein Vater Dich auch an. Da wiſſen wir gleich, wie's ſteht! Agnes. Laß mich, mein Albrecht! Es treibt mich fort! Dieß(ſie deutet auf das Diadem) wäre Herausforderung! Albrecht. So geh' da hinein, da iſt ja auch noch ein Gemach, nicht wahr? Dann biſt Du mit drei Schritten wieder bei mir! Agnes Bernauer. Agnes(ab'. Albrecht. Kommt nur, ich laſſe mich finden! Zehnte Sceue. Preiſin g(tritt ein, von Törring, Frauenhoven und Nothhafft von Wernberg begleitet). Albrecht. Was bringt Ihr, Kanzler? Preiſing. Fröhliche Botſchaft! Albrecht. Wirklich? Da käme Freude zur Freude! Preiſing. Eine Botſchaft, die mein gnädiger Herr eigentlich dem Ritter Haydeck, und nicht mir, hätte über— tragen ſollen! Albrecht. So! Ich verſteh' ſchon! Preiſing. Er mußte Euch die Flucht Eurer erſten Braut melden— Albrecht. Ich habe vergeſſen, ihn dafür zu belohnen, es ſoll geſchehen, ſobald ich ihn wiederſeh'! Preiſing. Er ſollte Euch billig auch das Jawort der zweiten überbringen! Albrecht. Preiſing, gerade heraus! Ich verſteh' mich ſchlecht auf's Räthſellöſen, aber gut auf's Nußknacken! Was iſt's? Preiſing. Euer Vater hat um die ſchönſte Fürſtin Deutſchlands für Euch angehalten— Albrecht. Das bedaur' ich ſehr! Preiſing. Erich von Braunſchweig hat eingewilligt! Albrecht. Das bedaur' ich noch mehr! afft err er⸗ ſten en, zort nich ken! ſtin igt Agnes Bernauer. 75 Preiſing. Und ich— Albrecht. Ihr ſollt mich zum Nicken bringen, wie einen Nürnberger Hampelmann, den man von hinten zie hen kann! Es wird Euch nicht gelingen, und das bedaur' ich am meiſten, denn Euer Anſehen wird darunter leiden! Preiſing. Euer Vater würde erſtaunt ſein, das kann ich Euch verſichern, wenn Ihr Euch nur einen Augenblick gegen eine Verbindung ſträuben könntet, die ſeit der Aech tung Heinrich's des Löwen nicht zu Stande gebracht wer— den konnte, ſo oft es auch verſucht wurde, und die eine ur— alte, zuweilen ſchon höchſt gefährliche Feindſchaft für ewige Zeiten erſticken wird! Hier nicht mit beiden Händen zugrei— fen, heißt nicht blos das Glück mit Füßen treten; es heißt auch die endlich eingeſchlafene Feindſchaft zwiſchen Welf und Wittelsbach wieder aufwecken, ja verdoppeln; es heißt den ungerechten Haß in einen gerechten verwandeln; es heißt die Rache herausfordern und ihr ſelbſt die Waffen reichen! Albrecht. Das weiß ich, o, das weiß ich, mich ſollt's wundern, wenn's anders wär'! Man kann die Pläne mei— nes Vaters nie kreuzen, ohne zugleich der halben Welt in's Geſicht zu ſchlagen, mit ihm allein hat's noch Keiner zu thun gehabt! Aber ſo groß die Kunſt auch ſein mag, den Faden ſo zu ſpinnen, unfehlbar iſt ſie nicht und dießmal reißt er ab! Preiſing. Und Euer Grund? Albrecht. Ihr kennt ihn! Preiſing. Ich hoffe, nein! 76 Agnes Bernauer. Albrecht. Nicht? Nun, Ihr braucht ihn nicht weit zu ſuchen! Ich bin ein Menſch, ich ſoll dem Weibe, mit dem ich vor den Altar trete, ſo gut, wie ein And'rer, Liebe und Treue zuſchwören, darum muß ich's ſo gut, wie ein And'rer, ſelbſt wählen dürfen! Preiſing. Ihr ſeid ein Fürſt, Ihr ſoll't über Millio— nen herrſchen, die für Euch heute ihren Schweiß vergießen, morgen ihr Blut verſpritzen und übermorgen ihr Leben aushauchen müſſen: wollt Ihr das Alles ganz umſonſt? So hat Gott die Welt nicht eingerichtet, dann wäre ſie nimmer rund geworden, einmal müßt Ihr auch ihnen ein Opfer bringen und Ihr werdet nicht der Erſte Eures ruhmwürdigen Geſchlechts ſein wollen, der es verweigert! Albrecht. Einmal? Einmal mit jedem Athemzuge, meint Ihr! Wißt Ihr auch, was Ihr verlangt? Gewiß nicht, denn ſonſt würdet Ihr die Augen wenigſtens nieder— ſchlagen und nicht da ſtehen, als ob alle zehn Gebote mit feurigen Buchſtaben auf Eurer Stirn geſchrieben ſtänden. Was thut Ihr, wenn der Tag Euch ein finſt'res Geſicht zeigt, wenn Euch Alles mißlingt und Ihr Euch ſelbſt fehlt? Ihr werft bei Seite, was Euch quält und eilt zu Eurem Weibe, ſie iſt vielleicht gerade doppelt von Gott geſegnet und kann Euch abgeben, wenn das aber auch einmal nicht zutrifft, ſo könnt Ihr ſie ja gar nicht anſehen, ohne aller Eurer glücklichen Stunden zu gedenken, und wem die wie⸗ der lebendig werden, der hat eine mehr! Was wär' mein Loos? Könnt' ich auch zu meinem Weibe eilen? Unmög— eit mit ebe ein Agnes Bernauer. — lich, ich müßte eher eine Wache vor meine Thür ſtellen, damit die Unſelige in ihrer Unſchuld nur nicht von ſelbſt komme und mich ganz verrückt mache, denn ſie wäre ja mein ärgſter Fluch! Doch nein, das wäre ſchlecht von mir, das dürft' ich nicht, ich müßte ihr entgegen gehen und ſie in meine Arme ſchließen, während ich ſie lieber von mir ſchleudern möchte, wie einen ankriechenden Käfer, denn das hätt' ich vor Gott gelobt. Grauſ't Euch? Wißt Ihr jetzt, was Ihr verlangt? Nicht bloß auf mein Glück ſoll ich Verzicht leiſten, ich ſoll mein Unglück liebkoſen, ich ſoll's herzen und küſſen, ja ich ſoll dafür beten, aber nein, nein, in alle Ewigkeit nein! Preiſing. Herzog Ludwig, Euer Vorfahr, nahm eine Gemahlin, die Keiner erblickte, ohne ihr zu dem Na— men, den ſie in der heiligen Taufe empfangen hatte, un willkürlich noch einen zweiten zu geben; es war Marga retha von Kärnthen, die im Volksmund noch heut' zu Tage die Maultaſche heißt. Er war jung, wie Ihr, und man hört nicht, daß er blind geweſen iſt, aber ſie brachte die Grafſchaft Tirol an Baiern zurück, und wenn er ſich über ihre Schönheit nicht freuen konnte, ſo wird der Gedanke ihn getröſtet haben, daß ſeine armen Unterthanen unter ſeiner Regierung das Salz noch einmal ſo billig kauften, wie zuvor, und ihn mit fröhlichen Geſichtern Morgens, Mittags und Abends dafür ſegneten! Albrecht. Wißt Ihr, ob er ihnen nicht jedes Mal eine Bitte abſchlug, wenn er ſein Weib geſehen hatte? Agnes Bernauer. Preiſing. Ich weiß nur, daß er vier Kinder hin terließ. Gnädiger Herr, ich habe meine Botſchaft ausge richtet und werde Eurem Vater melden, daß Ihr zu mir nicht Ja geſagt habt. Wollt Ihr etwas hinzufügen, ſo hinzufügen, thut's, wenn Ihr ihn ſeht! Mein Auftrag iſt noch nicht 7 7 5 7 zu Ende, ich ſoll Euch noch zu dem Turnier laden, das er in Regensburg zu halten gedenkt, und Ihr werdet ſeinen Unwillen nicht dadurch noch erhöhen wollen, daß Ihr aus bleibt! Albrecht. Gewiß nicht, ich habe das Fechten nicht verlernt, auch in Augsburg nicht, und ich gebe gern den Beweis! Preiſing. Da müßt Ihr denn noch heute aufſitzen Albrecht. Noch heute? Preiſing. Uebermorgen findet's Statt! Albrecht. Das kommt ja raſcher zu Stande, wie eine Bauern-Schlägerei! Was gibt's denn? Iſt dem Kai ſer in ſeinem Alter eine Prinzeſſin geboren? Preiſing. Wahrſcheinlich ſollte Eure neue Verlo bung der Ritterſchaft verkündigt werden, denn Euer Vater hält Eure Weigerung für unmöglich und iſt ſtolz darauf, daß ihm gelang, was ſeinen Vorfahren drei Jahrhunderte 7* hindurch mißglückte. Nun wird's wohl auf ein bloßes Lan zenſpiel hinauslaufen! Albrecht. Gleichviel! Ich bin in billigen Dingen ſein gehorſamer Sohn und will um eine Erbſenſchote tur— nieren, wenn er's verlangt! mir ſo icht er nen Us icht den zen wie Nai rlo ater auf, erte an igen tur⸗ Agues Bernauer. 79 Preiſing. Alſo, Ihr erſcheint, ich hab' Euer Wort! (Ab, von Törring, Frauenhoven und Nothhafft von Wernberg zurück begleitet.) Eilfte Scene. Albrecht. Da iſt's! Und ich kann nicht ſagen, daß mich's verdrießt! Ich bin nicht gemacht, mein Glück zu genießen, wie ein Knabe die Kirſchen naſcht, die er geſtoh len hat! Und wenn der Sturmwind mir die Tarnkappe abreißt, ſo kann der Augsburger Prieſter doch gewiß nicht ſagen, ich ſelbſt hätte das Geheimniß verrathen! Zwölfte Scenue. Agnes(tritt wieder ein, aber ohne die Kleinodien). Nun, mein Albrecht? Albrecht. Ja, Agnes, nun werd' ich's bald ſehen, ob Du von Deinem Vater was gelernt haſt, ich werde blos, um Dich auf die Probe zu ſtellen, ein Paar Beulen von Regensburg mitbringen! Aber, was haſt Du gemacht? Mein Werk wieder zerſtört? Nein, wirſt Du ſagen, Got tes Werk wieder hergeſtellt! Und es iſt wahr, ich hatte es nur verdorben, wie der Knabe die Lilie, die er mit Nelken blättern beſtreut! Du thateſt wohl, den bunten Ueberfluß abzuſchütteln. Agnes. Ich habe Alles gehört, Alles! Ich mußte! Albrecht. Alles, nur meine letzte Antwort nicht! Fürchte Nichts von meinem Ungeſtüm, ich halte ſie zurück, ſo lange ich kann, auch jetzt noch! Aber im äußerſten Fall; 0 Agnes Bernauer. Æ Hier iſt ſie!(Er umarmt ſie) Wir ſind vereint, nur der Tod kann uns noch trennen, und der iſt ſein eigner Herr. Auch gibt's auf der ganzen Welt keinen Mann, der ſich ſchneller Etwas ergibt, wie mein Vater, wenn er ſieht, daß Nichts mehr zu ändern iſt! Nun in die Rüſtkammer! Nothhafft und Törring nehm' ich mit, Frauenhoven bleibt hier zu Deinem Schutz! Agnes. Es iſt nicht Furcht, was mich bewegt! Den Schwindel hab' ich überwunden! Aber— Sieh', mein Albrecht, es thut mir weh', wenn ich mir denke, daß ganz Augsburg mich für etwas Anderes, als für Deine Gemah lin hält; und der Troſt, vor Gott rein dazuſtehen, reicht nicht immer aus, kaum, laß mich's bekennen, das Gefühl, mein Glück damit zu bezahlen. D Doch ich will es gern mein ganzes Leben lang ertragen, wenn's nur zwiſchen Dir und Deinem Vater Friede bleibt. Wie fürchterlich war's mir früher ſchon immer, wenn ſich Freunde und Brüder mei netwegen entzweiten, und von wie manchem Tanz blieb ich weg, um's nur nicht zu ſehen! Und was war das gegen dieß! Albrecht. Dieß Mal iſt gar nichts zu beſorgen! Auch ein Fürſtenſohn darf ſagen: ich will die nicht! und wenigſtens: ich will noch nicht! Aber zuſammen hauen will ich ſie— Hei! wer mich bisher ſchon einen guten Fechter genannt hat, der ſoll ſich ſchämen und ein Jeder ſoll ſich's im Stillen zuſchwören, mir nie wieder in den Weg zu treten, auch wer ſelbſt Nichts abbekommt!(Beide ab.) Tod uch eller daß ner! leibt Den nlein anz lah icht ihl, iein und mir lei lieb das en! ind vill ter h's zu Agnes Bernauer. 81 Regensburg. Dreizehnte Scene. (Turnierplatz. Die Zuſchauer ſind auf ihren Tribunen ſchon ver— ſammelt. Der Marſchall ſteht vor den Schranken, ein Buch unterm Arm. Großer Zug; Fahnen, Trophäen, Trompeten.!) Ernſt(tritt auf, von ſeinen Rittern begleitet. Unter dieſen befinden ſich Wolfram von Pienzenau, Otto von Bern, Ignaz von Seyboltſtorf und Hans von Preiſing. Preiſing geht ihm zur Seite Die Ritter ſtellen ſich bis auf Preiſing rechts vom Marſchall auf). Preiſing. Gnädiger Herr, mißdeutet's nicht, daß ich noch einmal anklopfe, aber die Stunde iſt ernſt, was Ihr zu thun gedenkt, kann vielleicht nicht mehr zurück ge than werden, und Ihr pflegt ja doch ſonſt meinen geringen Rath nicht zu verſchmähen! Ernſt. Gegen Jedermann kann ich Euch ſchützen, nur nicht gegen meinen Nachfolger, darum rath' ich mir dieß Mal allein! Marſchall(euft). Wolfram von Pienzenau! Otto von Bern! Pienzenau und Bern. Hier! Marſchall(äßt ſie eind. Preiſing. Ich fürchte zu errathen, was Ihr vor⸗ habt, der Marſchall hat das Buch gewiß nicht umſonſt unterm Arm! Ueberlegt's noch, ich bitt' Euch, und ſeht in der raſchen Antwort, die er Euch vorhin gab, nicht d Hebbel, Agn. Bern. 6 2 Agnes Bernauer. △ Trotz eines Sohns, ſondern die Hartnäckigkeit eines Ver— liebten, der ſein Gefühl für eine Agnes nicht ſogleich auf eine Anna übertragen kann! Ernſt. Ihr werdet augenblicklich aufgerufen werden! Preiſing ggeht zu den Rittern). Ernſt. Ein Schnitt in's Fleiſch thut noth. Wirkt's nicht gleich, ſo wirkt's ſpäter! Ei, ei, wer hätte das gedacht! Einer Dirne wegen! Albrechtltritt mit Nothhafft von Wernberg und Törring auf) Ernſt(an Albrecht vorbeiſchreitend). Noch einmal! Darf ich der Ritterſchaft Eure Verlobung mit Anna von Braun— ſchweig ankündigen laſſen? Albrecht. Ich habe zu viel von Euch im Leibe, um auf eine und dieſelbe Frage an einem und demſelben Mor— gen zwei Antworten zu geben!— Mein Gott, lag ich denn ganz umſonſt auf den Knieen vor Euch? Ernſt. Gut!(Er geht weiter) Marſchall, ich habe Euch Nichts zu ſagen!(Er beſteigt ſeine Tribune.) Nur fort! Marſchall(ruft). Hans von Preiſing! Ignaz von Seyboltſtorff! Preiſing und Seyboltſtorff. Hier!(Treten an die Schranken.) Albrecht. Preiſing! Seyboltſtorff! Zurück! Wittels— bach iſt da!(Tritt an die Schranken) Marſchall. Halt! Albrecht. Marſchall von Pappenheim, aufgeſchaut! Den Blinden, dem ich den Staar ſtechen muß, bedien' ich mit der Lanze! Agnes Bernauer. 83 Ver⸗ Ernſt. Artikel zehn! Jauf Marſchall(öffnet das Buch und liest). Weiter wurde zu Heilbronn für ewige Zeiten beſchloſſen und geordnet: den! welcher vom Adel geboren und herkommen iſt und Frauen und Jungfrauen ſchwächte— irkt's Albrecht(cchlägt ihm das Buch aus der Hand). Der acht! darf nicht turnieren! Werden hier Krippenreiter zugelaſſen, die das nicht wiſſen? gauf) Marſchall. Ihr ſeid angeklagt, auf Eurem Schloß Darf Vohburg mit einem Schwabenmädchen in Unehren zu leben! raun— Albrecht. Mein Kläger? Ernſt(erhebt ſich). „ um Albrecht. Herzog von München-Baiern, laß Deine Mor— Späher peitſchen, ſie haben deine Schwieger verunglimpft! denn Die ehr- und tugendſame Augsburger Bürgertochter, Jung— fer Agnes Bernauer, iſt meine Gemahlin und Niemand habe als ſie befindet ſich auf Vohburg! Hier ſtehen meine Zeugen! fort! Ernſt. Preiſing! Das iſt ja zum— Wiederjung⸗ z von werden! Albrecht. Da man nun mit ſeinem angetrauten en f Weibe nicht in Unehren leben kann, ſo—— Schildknapp, zeig' dem Mann mit dem Buch da, wie man öffnet! ittels⸗ Schildknapp(öffnet raſch). Albrecht(tritt ein). Nun, Ihr Herren? Manpflegt: ich wünſch' Euch Glück! zu ſagen! chaut! Ernſt(greift zum Schwert und will hinunter ſtürzen). Ich en' ich komm' ſchon! Agnes Bernauer. Preiſing(wirft ſich ihm entgegen). Gnädiger Herr, erſt müßt Ihr mich durchſtoßen! Ernſt. Ei, ich will's ja nur als Knüttel brauchen, ich will nur für die Ueberraſchung danken! Doch Ihr habt Recht, es iſt auch ſo gut, was erhitzt der Vater ſich, der Herzog genügt.(Er ruft.) Edle von Baiern, Grafen, Frei— herren und Ritter, auch Wilhelm, mein Bruder, hat einen Sohn— Albrecht. Was ſoll das? Ernſt. Wer den Weg zur Schlafkammer ſeiner ehr— und tugendſamen Jungfer— allen Reſpekt vor ihr, es muß eine geſcheite Perſon ſein!— durch die Kirche neh— men mußte, der nimmt die Benediktion mit und die Gnade aller Heiligen obendrein, aber Krone und Herzogsmantel läßt er am Altar zurück!(Er fährt fort.) Dieſer Sohn heißt Adolph und ihn erklär' ich— Albrecht. Bei meiner Mutter, nein! Hans von Läubelfing. Albrecht von Wittels— bach, Ingolſtadt ſteht hinter Euch, fürchtet nicht für Euer Recht, Ludwig der Bärtige zieht! Ernſt. Ludwig von Ingolſtadt, oder wer hier für ihn ſpricht, das Reich ſteht hinter mir mit Acht und Aberacht, weh' dem, der ſeine Ordnung ſtört! Marſchall(ebſt vielen andern Rittern, mit den Schwertern klirrend.) Ja, weh' dem! Ernſt. Bürger von Augsburg, Eidam des Baders, empfangt jetzt Segen und Hochzeitsgabe zugleich!(Fährt „erſt n, ich habt der Frei⸗ einen ehr⸗ r, es neh⸗ znade 'antel r ihn racht, den ers, Fährt Agnes Bernauer. 85 fort.) Es lebe mein Nachfolger!(Er ſteigt von der Tribune herunter.) Wer ein guter Baier iſt, ſtimmt mit ein: es lebe Adolph, das Kind! Marſchabll(mit vielen andern Rittern um Ernſt ſich ſchaa— rend). Es lebe Adolph, das Kind! Albrecht lzieht und dringt auf den Marſchall ein, auch um ihn ſchaaren ſich einige Ritter). Otto, mein Ahnherr, für Treu! Ernſt(cchlägt ihm mit der Fauſt aufs Schwert). Das Turnier iſt aus! Albrecht. Nein, es beginnt! Die Ritterſchaft verläßt mich! Bürger und Bauern, heran!(Er ſchwingt ſein Schwert gegen die Zuſchauer. Großes Getümmel.) ie e e München. Erſte Scene. (Das Herzogliche Cabinet. Preiſing ſitzt an einem Tiſch, ein ver⸗ flegeltes Dokument in der Hand.) Preiſing. Dieß ſoll ich öffnen und prüfen! Und gerade heut', an dieſem Tage des Jammers!(Er beſieht das Dokument.) Keine Aufſchrift, bis auf ein Kreuz! Aber ſieben Siegel von ſeiner eig'nen Hand! Dazu lag's, drei— fach verſchloſſen, in einer ehernen Truhe! Der Inhalt muß ernſt und wichtig ſein! Auch neu iſt es nicht! Das beweiſ't der Staub, der ſich mir an die Finger ſetzt! (Er fängt an, die Siegel zu erbrechen.) Offenbar ein Geheim— niß, das er lange vor mir verbarg! Mir wird faſt beklommen! Zweite Scene. Stachus(tritt ein). Ein Bauer iſt da, mit einer un— geheuer großen Aehre, die er dem Herzog zeigen will! Preiſing. Nur heute nicht! Er wird vom Sterbebett keine Augen dafür mitbringen! Agnes Bernauer. 87 D Stachus. Das hab' ich ihm ſchon geſagt! Aber er läßt ſich nicht bedeuten, und Ihr wißt's ja, daß wir mit den gemeinen Leuten nicht unſanft verfahren dürfen! Preiſing. So laß' ihn ſtehen, bis er von ſelbſt geht! Hört man denn Nichts von dem armen Prinzen? Wird's nicht doch ein wenig beſſer? Bei Gott iſt ja kein Ding unmöglich! Stachus. Beſſer! Vor einer halben Stunde ward er verſehen! Herr Kanzler, die Augsburger Hexe paßt 0 U 8 L 5412 ſchon auf, und der Teufel läßt ſie nicht im Stich, wie ſollt's beſſer werden! Und Preiſing. Was red'ſt Du da wieder, Stachus! 115 Stachus. Was ſie Alle reden! In der Burg, auf der lber Straße, an der Schranne, im Kloſterhof, wo man auch hin— tei⸗ kommt, Alle, Alle! Ein hochwürdiger Pater Franziskaner halt hat dieſe Bernauerin ſchon von der Kanzel herab verflucht, er das hat geſagt, ſie ſei werth, bei lebendigem Leibe verbrannt etzt! zu werden, da wird's doch wohl wahr ſein! Und wie ſollt's 55 auch nicht! Erſt ſtirbt der Vater, der gute, gute Herzog faſt Wilhelm; dieß Wamms hab' ich von ihm! Dann folgt ſeine Gemahlin! Heute roth, morgen todt: wir mußten ſie beweinen, eh' ſie ihn noch beweinen konnte. Nun der Prinz, der freundliche kleine Adolph! Hört Ihr? Das Sterbe— int glöcklein! Es iſt aus! Aus!(Er ballt die Hände wie zum Fluchen.) Und ich ſollte nicht!?—(Er ſinkt auf die Kniee bett und betet.) Preiſing(finkt gleichfalls auf die Knieeb. 88 Agnes Bernauer. Stachus(aufſtehend). Selbſt in Brand ſtecken mögt' ich den Scheiterhaufen! Die fände ſo viele Henker, als es treue Baiern gibt. Nun geht's an den Herzog, den regie renden Herrn, gebt nur Acht!(Ab.) Dritte Scene. Preiſing ber ſich zugleich mit Stachus erhebt). Ja, es iſt aus! Das Glöcklein verſtummt, das Kind that ſeinen letzten Athemzug und Ernſt hat keinen Erben mehr, da er ſeinen Sohn verſtieß. Dieß iſt eine ſchwere Stünde für's Land! Gott ſchaue gnädig auf uns herab!(Er ergreift das Dokument wieder.) Nun wird er wohl gleich hier ſein! Die ganze Nacht war er drüben!(Er nimmt es aus dem Umſchlag und entfaltet's) Was iſt das?(Er lieſ't.)„Rechtlicher Be— weis, geſchöpft aus den Ordnungen des Reichs und ande— ren lauteren Quellen, daß die Agnes Bernauer oder Pern— auer aus Augsburg wegen verbrecheriſcher Verleitung des jungen Herzogs Albrecht zu unrechtmäßiger Ehe, ja ſogar, falls ſich nichts Weiteres erhärten ließe, wegen bloßer Ein— gehung einer ſolchen im äußerſten Falle gar wohl, zur Ab⸗ wendung ſchweren Unheils, auf welche Weiſe es immer ſei, vom Leben zum Tode gebracht werden dürfe!“(Er ſetzt ab.) O nun begreif' ich Alles! Dieſer Todte wird wieder töd— ten, dieſer Knabe, der nicht einmal ſeine Nürnberger Klap— perbüchſe mehr ſchütteln kann, wird das Mädchen nachho— len! Schrecklich!(Er fteht wieder hinein.) Des jungen Her— zogs! Er iſt fünf Jahre älter, als ſie und hat vielleicht ögt' gie es nen Agnes Bernauer. 89 ſchon ſeine erſte Schlacht gewonnen, bevor ſie noch ihre letzte Puppe in den Winkel warf! Aermſte, welch' ein Schickſal ereilt Dich!(Er blättert um.) Wer hat ſich denn unterſchrieben? Adlsreiter! Kraitmayr! Emeran? Nusper ger zu Kalmperg! Große Juriſten, würdig, zu Juſtinians Füßen zu ſitzen und die Welt zu richten, wer wagte ihnen zu widerſprechen! Sie iſt verloren!(Er ſieht wieder hinein.) Und gleich nach dem Regensburger Turnier abgefaßt! Ja, da trafen ſie alle drei hier in München zuſammen, ich hielt's für Zufall, nun ſeh' ich wohl, daß ſie gerufen waren! Das ſind ſchon dritthalb Jahre! Wie wenig mag ſie's noch er warten!(Er blättert noch einmal um.) Unten das förmliche Todesurtheil, dem nur noch der Name des Herzogs fehlt! Der wird nun wohl bald hinzu kommen! Mich grauf't! Manch' ähnliches Blatt hielt ich ſchon in der Hand, aber da ging dem ſtrengen Spruch jedesmal eine Reihe ſchnö⸗ der Gewaltthaten voran, man las viel von Raub, Mord, Brand und Friedensbruch, ehe man an die Strafe kam. Hier könnte höchſtens ſtehen: ſie trug keinen Schleier und ſchnitt ſich die Haare nicht ab! Ich weiß jetzt ja recht gut, wie's zugegangen iſt! Und dennoch—(Er lieſ't wieder.) Durch's Beil, durch's Waſſer, ja durch einen Schuß aus dem Buſch—(sr ſetzt ab.) Gibt's denn gar kein anderes Mittel mehr? Vierte Seene. Ernſt(teitt ein). Ich ließ Euch warten, Preiſing! 9 Aber ich mußte ſelbſt warten! Agnes Bernauer. Preiſing. Gnädiger Herr! Ernſt. Laßt, laßt! Die Erde kann ſchon mit gebro— chenen Augen gepflaſtert werden! Es kam ein Paar hinzu! Habt Ihr geleſen? Preiſing. Ich wollte juſt, da hört' ich das Glöcklein! Ernſt. So lef't jetzt!(Er wendet ſich.) Es hat mich angegriffen! Wie ſchwer ſtirbt ein Kind! Zwölf Stunden Todeskampf für ein ſo kurzes Leben! Mein Gott! Nun, es iſt vorbei!(Er macht ein Paar Schritte.) Die große Glocke! Endlich! Mir fehlte noch was! Die verkündigt's der Stadt! Nun geht's von Ort zu Ort, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund. Ja, betet, betet, betet! Wir können's brauchen!(Wendet ſich wieder zu Preiſing.) Nun? Preiſing(legt das Dokument auf den Tiſch). Was ſoll ich noch ſagen! Ernſt. Was Ihr könnt! Prüft Punkt für Punkt, ich ſteh' Euch Rede, dieß Mal, wie alle Mal! Habt Ihr Etwas gegen die Männer einzuwenden, die das Gutachten abgaben und den Spruch fällten? Preiſing. Gegen die Männer! Wenn der Schwa— benſpiegel noch nicht zuſammen geſtellt wäre, dieſen Dreien würde ich an Kaiſers Statt den Auftrag geben, es zu thun! Eruſt. Sind ſie beſtechlich? Trifft Einen unter ihnen der Verdacht der hohlen Hand? Preiſing. Gewiß nicht! Wenn aber auch: Herzog Ernſt hat Keinem Etwas hinein gedrückt! Ernſt. Ihr erweiſ't mir nur Gerechtigkeit! Nicht ein— ich Ihr ten wa⸗ eien un! nen zog ein⸗ N Agnes Bernauer. 91 mal den Schweißpfennig, der ihnen gebührt hätte, und das iſt die einzige Schuld, die ich nie bezahlen will! Preiſing. Ich ſchwöre für Euch! Aber auch für ſie! Ernſt. Nun, ſolche Männer, ſo beſchaffen, legten vor dritthalb Jahren nach gewiſſenhafteſter Erwägung des Falls dieß Blatt bei mir nieder und erſt jetzt zieh' ich's hervor. Kann man mich der Uebereilung zeihen? Preiſing. Nicht Euer Feind! Ernſt. Wenn ich's vollſtrecken laſſe: kann man be— haupten, es ſei nicht der Herzog, der ſeine Pflicht erfüllen, ſondern der Ritter, der einen Flecken abwaſchen oder der Vater, der ſich rächen will? Preiſing. Auch das nicht! Ern ſt lergreift die Feder). Wohlan denn! Preiſing. Gnädiger Herr, haltet noch ein! Ernſt. Ja? Gut! Gegt die Feder nieder.) Ich bin kein Tyrann, und denke keiner zu werden. Aber man ſoll von mir auch nicht ſagen: er trug das Schwert umſonſt! Wer's unnütz zieht, dem wird's aus der Hand genommen, aber wer's nicht braucht, wenn's Zeit iſt, der ruft alle zehn Plagen Egyptens auf ſein Volk herab und die treffen dann Gerechte und Ungerechte zugleich, denn unſer Herrgott jätet nicht, wenn er ſelbſt ſtrafen muß, er mäht nur! Das er⸗ wägt und nun ſprecht!(Er ſetzt ſich.) Preiſing. Ich kann dieß Blatt nicht widerlegen! Es iſt wahr: wenn die Erbfolge geſtört wird oder auch nur zweifelhaft bleibt, ſo bricht früher oder ſpäter der Bürger— 92 Agnes Bernauer. krieg mit allen ſeinen Schrecken herein, und Niemand weiß, wann er endet! 8 Ernſt. Er bricht herein, wenn ſie Kinder bekommen, er bricht herein, wenn ſie keine bekommen! In dem einen Fall wollen die ſich behaupten, in dem andern können In⸗ golſtadt und Landshut ſich nicht vereinigen, weil jedes den Löwentheil verlangt! Ja, es iſt die Frage, ob die auch nur bis zu ſeinem Tode ruhig bleiben! Denn wenn ſie jetzt mit ihm liebäugeln, ſo geſchieht's, um mich zu ärgern! Preiſing. Aber es iſt doch auch entſetzlich, daß ſie ſterben ſoll, blos weil ſie ſchön und ſittſam war! Ernſt. Das iſt es auch! Ja! Darum ſtellt' ich's Gott anheim. Er hat geſprochen. Ich warf mein eignes Junges aus dem Neſt und legte ein fremdes hinein. Es iſt todt! Preiſing. Und gäbe es wirklich keinen anderen Aus— weg? Gar keinen? Ernſt. Ihr greift mich hart an, Ihr meint, ich könnte noch mehr thun! Und wahr iſt's: in den Adern Ludwigs von Ingolſtadt und Heinrichs von Landshut fließt das Blut des Geſchlechts eben ſo rein, wie in meinen eignen! Preiſing. Daran hab' ich noch nicht gedacht! Ernſt. Aber ich! Zwar wär's ſo arg, daß wohl auch ein Heiliger fragen würde: Herr, warum das mir? Doch wenn's nun wär'? Der letzte Hohenſtaufe ſtarb durch Henkers Hand, mit Gottes dunklem Rathſchluß kann viel beſtehen, was der Menſch nicht faßt. Aber dieß kann veiß, men, inen In⸗ den nur t mit ſi e ich's znes Es lus⸗ unte bigs das n! zohl irꝰ irch viel mn Agnes Bernauer. 93 Gottes Rathſchluß nicht ſein, denn es hälfe nichts, und das iſt mein Troſt! Spräche ich zu Heinrich: Komm, Fuchs, Du haſt mir mein ganzes Leben lang Fallſtricke gelegt und Gruben gegraben, nimm mein Herzogthum zum Lohn! ſo führe Ludwig dazwiſchen. Spräche ich zu dwig: Ich bin Dir noch den Dank für ſo manchen Schlag Hein⸗ ſchuldig, der von hinten kam, hier iſt er! ſo griffe rich mit zu, und Einer könnt's doch nur ſein! Oder iſt's +* 4 nicht ſo? Preiſing. Gewiß! Ernſt. Es bliebe alſo immer dasſelbe, Alles ginge drunter und drüber, und die Tauſende, die im Vertrauen auf mich in's Land kamen und meine Märkte zu Städten erhoben, meine Städte ſo weit emporbrachten, daß ſelbſt die ſtolze Hanſa ihnen nicht mehr ungeſtraft den Rücken kehren darf, würden mich und mein Andenken verfluchen! Preiſing. Ich meinte nicht das! Laßt ſie entführen und dann verſchwinden! Das geht jetzt leichter, wie ſonſt, er läßt ſie nicht mehr ſo ängſtlich bewachen. Ernſt. Was wär' damit gewonnen! Er würde ſie ſuchen bis an ſeinen Tod! Ihr wart ein ſchlechter Prophet in Regensburg! Preiſing. Man breitet aus, daß ſie geſtorben iſt. Er fand den Prieſter, der ihn mit ihr verband: kann Euch der Prieſter fehlen, der einen Todtenſchein ausſtellt? Ernſt. Und ich ſollte ihm das zweite Weib geben, ſo lange das erſte noch lebte? Nein, Preiſing, das Sacra— 94 Agnes Bernauer. ment iſt mir heilig, er ſoll nicht am Tage des Zorns wider mich zeugen und ſagen: Herr, wenn ich mich mit Gräueln befleckte, ſo wußte ich nichts davon. Hier hilft kein Klo ſter, nur der Tod! Preiſing. Doch auch wohl der Papſt, und wenn der ſich weigert, der Kaiſer! Friedrich Barbaroſſa ſchied ſich ſelbſt, Ludwig der Baier ſchied ſeinen Sohn! Eynſt. Wie ſoll man ſcheiden, wenn Keins von Bei— den will? Preiſing, ich hatte dritthalb Jahre Zeit, und das Kind, für das jetzt die Glocken gehen, war oft genug krank!(éEr greift wieder zur Feder.) Nein, Gott will es ſo und nicht anders! Und gerade jetzt geht es leicht. Er reitet heut' oder morgen nach Ingolſtadt zum Turnier hinab. Dort ſoll er, ich möchte ſagen, wieder ehrlich geſprochen werden und dieß wird glücken, denn Ludwig hat Alles zuſammen gerufen, was mir Feind iſt, er denkt: je weiter der Riß zwiſchen uns Beiden, je beſſer für ihn! Nun, während ſie die Fahne über ihn ſchwenken, will ich dafür ſorgen, daß ſie ſich hinterdrein nicht zu ſchämen brauchen. Nichts hat mich ſo verdroſſen, als das Gepränge, mit dem er ſie gleich nach dem Regensburger Tag, einer Herzogin gleich, von Vohburg nach Straubing führte. Jetzt iſt das gut! Emeran Nusperger zu Kalmperg iſt Richter in Strau⸗ bing und Pappenheim kann mit hundert Reitern in vier und zwanzig Stunden dort ſein! Preiſing. Und nachher? Gnädiger Herr, Ihr habt Recht, ich war in Regensburg ein ſchlechter Prophet! Agnes Bernauer. 95 'der Wird er's tragen? Wird er nicht raſen und Hand an ſich ieln ſelbſt legen oder ſich offen wider Euch empören? lo Ernſt. Das Eine vielleicht, das And're gewiß, ich thu', was ich muß, der Ausgang iſt Gottes. Ich ſetz' ihn der daran, wie Abraham den Iſaak, geht er in der erſten ſich Verzweiflung unter, und es iſt ſehr möglich, daß er's thut, ſo laſſe ich ihn begraben, wie ſie, tritt er mir im ei Felde entgegen, ſo werf' 5ich ihn oder halte ihn auf, bis und der Kaiſer kommt. Dem meld' ich's, noch eh' es geſchieht, iug und er wird nicht ſäumen, denn wie ich Ordnung im Hauſe ſo will, ſo will er Ordnung im Reich. Es iſt ein Unglück itet für ſie und kein Glück für mich, aber im Namen der Wit ab. wen und Waiſen, die der Krieg machen würde, im Namen hen der Städte, die er in Aſche legte, der Dörfer, die er zer— lles ſtörte: Agnes Bernauer, fahr' hin!(ér unterſchreibt und iter geht, dann wendet er ſich und winkt) Kanzler!(Ab, Preiſing un, folgt mit dem Blatt.) für 2 116 Straubing. 5 Fünfte Sceue. 5(Burghof und daran ſtoßender Garten. Törring, Frauenhoven und das Nothhafft von Wernberg, alle gerüſtet, an einem ſteinernen Tiſch, au⸗ auf dem Wein ſteht. Der Kaſtellan geht vorüber.) ier Nothhafft von Wernberg. Nun, Alter, ſchon wieder in die Kapelle?(Er erhebt ſeinen Becher.) Komm', abt verſuch einmal, damit Du ſiehſt, daß die Frommen noch et! immer nicht umſonſt beten! 96 Agnes Bernauer. Kaſtellan. Ich ſtoß Dich um, ſagte der Ritter zum Becher, und that's, ſiebenmal hinter einander. Aber der Becher ſtieß ihn wieder um, und da fiel er dem Teufel in die Arme, der ſchon längſt hinter ihm ſtand! Hütet Euch und ſpottet nicht!(Ab.) Sechste Seene. Frauenhoven. Wo bleibt der Herzog? Die Pferde werden ungeduldig! Törring. Er wird die Todtengruft beſehen, die ſie ſich bauen ließ. Sie iſt geſtern oder heut' fertig geworden. Ich ſah ſie Beide zu den Karmelitern hinübergehen. Nothhafft von Wernberg. Doch ein ſeltſamer Gedanke für ein junges Weib! Eine Todtengruft! Törring. Nun, im Anfang gerade ſo ſeltſam nicht! Da mag ihr beklommen genug geweſen ſein, und mit Recht. Jetzt freilich ſieht's anders aus! Und doch kann man noch nicht wiſſen, wie's kommt! Das ſchwache Kind in München iſt nicht ſtark dadurch geworden, daß der alte Herzog ihm die Krone aufſetzte. Ja, er hat's vielleicht nur gethan, weil er ſich darauf verließ, daß ſie ſchon von ſelbſt wieder herunter fallen würde! Frauenhoven. Da irrt Ihr! Wie oft hat er Al— brecht durch ſeinen Bruder die förmliche Entſagung abzu— dringen geſucht! Törring. Das war immer nur ein Stich, eine ver— kappte Anfrage, ob er ihrer noch nicht ſatt ſei! Wenn zum Aber Teufel Euch orden. tſamer nicht! d mit kann Kind er alte ht nur ſelbſt er Al⸗ abzu⸗ e ver⸗ Wenn Agnes Bernauer. 97 Ernſt keinen Hintergedanken hatte, warum ſtellte er ſich zwiſchen ihn und den Kaiſer, als dieſer wegen der Re— gensburger Händel Rechenſchaft forderte? Der alte Sig— mund meinte es ſehr ernſthaft, das Podagra hat einen wackern Reichsvogt aus ihm gemacht und ſeine Kommiſſa— rien, wir dürfen's uns wohl bekennen, hätten nicht ein⸗ mal Brillen aufzuſetzen gebraucht, um einen offenen Aufruhr zu entdecken. Warum kehrten ſie ſo plötzlich in München um? Frauenhoven. Ihr ſeht immer ſchwarz! Nothhafft von Wernberg. Sie kommen! Stei— gen wir zu Pferde, daß wir den Abſchied abkürzen! Aber vorher—(er ergreift den Becher.) Törring. Auf guten Ausgang!(Sie ſtoßen an und gehen ab.) Siebente Seene. (Albrecht und Agnes treten auf. Albrecht iſt ebenfalls gerüſtet.) Agnes. Alſo, die Ampel, die noch fehlt, bringſt Du mir mit, nicht wahr? Eine eherne, mit einer lan⸗ gen Kette, daß ſie hoch vom Gewölb niederſchweben kann. Albrecht. Lieber etwas And'res, ich geſteh's Dir offen. Doch ich hab's verſprochen und ich thu's! Agnes. Zürnſt Du mir? Albrecht. Wie könnt' ich! Aber es ängſtigt mich, daß Dir dieß ſo am Herzen liegt! Haſt Du eine böſe Ahnung? Ich wüßte zwar nicht, woher die Dir jetzt noch kommen ſollte und dennoch muß es ſo ſein! Hebbel, Agn. Bern. 7 98 Agnes Bernauer. Agnes. Gewiß nicht! Ei, da würd' ich von meinem Sarg reden, von den Fackeln, dem Glockengeläut und Allem, was ich mir ſonſt noch wünſchte! Und wenn ich fürchtete, Dir weh zu thun, würd' ich ſagen: Denke Dir, mir hat geträumt, ich würde begraben und darüber mußt Du Dich freuen, denn es bedeutet langes Leben, aber das Leichenbegängniß war ſo ſchön, daß ich's dereinſt gerade ſo und nicht anders haben mögte. Und dann würde ich's Dir beſchreiben! Albrecht. So will ich Dir die Ampel nach dreißig Jahren ſchenken! Agnes. Wenn Du nicht anders willſt! Angezündet ſoll ſie ja noch nicht werden! Aber, mein Albrecht, Du kennſt uns nicht, Du weißt nicht, wie wir ſind! Ein bür— gerliches Mädchen macht ſich das Todtenhemd gleich nach dem Hochzeitkleid und ſie thut wohl daran, denn ſie kann nicht wiſſen, wie ſie's ſonſt in ihrem Alter bekommt! Nun, das liegt mir in der Art, und ſo lange bin ich noch nicht die Gemahlin eines Herzogs, daß ſich ſchon Alles an mir verändert hätte! Aber, Du ſiehſt, die Demuth iſt ſchon entwichen, denn ich habe nicht, wie meine Geſpielinnen, die eigenen Finger geplagt und mir das Sterbegewand genäht, ich habe den Maurer und den Zimmermann gequält und mir eine Todtenkapelle erbaut! Nun ſteht ſie und es iſt mir eine Freude, daß ich die Stätte, wo ich meinen längſten Schlaf halten ſoll, jetzt ſchon kenne, ja daß ich ſie betreten und dort im voraus für mich beten kann! Darum einem t und un ich Dir, mußt er das gerade e ich's reißig zündet t, Du n bür⸗ h nach e kann Nun, h nicht an mir ſchon linnen, zewand gequält und es meinen ich ſie Ddarum Agnes Bernauer. 99 mögt' ich auch die Ampel gleich aufhängen, ſonſt wär mir da in der letzten Stunde ja doch noch etwas fremd! Albrecht. Wenn es nur das iſt! Agnes. Was ſonſt? Ich ſeh ſchon bei Tage einmal nach meinem Bett, weiter Nichts! Ei, merkſt Du denn noch etwas von jener Angſt und Beklommenheit an mir, die mich ergriff, als Du ſo ungeſtüm von Regensburg zurückkehrteſt und mich hierher führteſt? Damals zitterte ich für mich und Dich! Noch hatte ich mich an Vohburg nicht gewöhnt, noch lief ich, wie ein Kind, von Gemach zu Ge— mach und konnte kein's finden, das mir eng genug war, und ſchon mußt' ich das kleine Schloß mit dieſem großen vertauſchen, neben dem es ſich ausnahm, wie mein armes Vaterhaus ſich neben ihm ausgenommen hatte! Ach, die Muſik unterwegs, das wilde Lebehoch der Bauern, die ſich mit ihren Senſen und Pflugeiſen um uns zuſammen rotteten, die Blumen, die man uns ſtreute, Alles entſetzte mich. Du ſelbſt kamſt mir ganz fremd vor, weil Du's litteſt und Dich darüber freuteſt: ich erſchrak zu Tode, als Du hier ſogar die Glocken läuten laſſen wollteſt! Aber das iſt vorbei, längſt vorbei! Du hörſt ja, ich ſelbſt nenne Vohburg jetzt klein, ich wundere mich gar nicht mehr, wenn ſich die Armen und Bittenden des Morgens um mich drängen, ich kann fragen, wie eine geborne Herzogin, ich kann den Kopf ſchütteln und faſt abſchlagen, ich ſollte mich ſchämen! Albrecht. So will ich Dich! 7* 100 Agnes Bernauer. Agnes. Nur in meinen Träumen geht's anders her, ſonſt würd' ich gewiß zu ſtolz! Da kehrt die alte Zeit wie⸗ der, wo ich die Brotkrumen ſorgfältig aufleſen mußte, die zu Boden fielen, und wo miein Geburtstagsgeſchenk mei— ſtens darin beſtand, daß ich nicht geſcholten wurde, wenn ich etwas that, was nicht ganz recht war. Noch in der letz⸗ ten Nacht, Du mit Deiner immer offnen Hand wirſt la⸗ chen, bat ich meinen Vater glühend und ſtotternd um irgend eine Kleinigkeit und er ſagte, was er gewöhnlich zu ſagen pflegte, wenn er eine Bitte nicht zwei Mal hören wollte: gut, es ſei, aber dann kann ich ein halbes Jahr lang keinen Tropfen Wein mehr trinken! Ich war noch recht unwillig auf ihn, als ich erwachte, aber nun— Ich hab' ihn doch wenigſtens einmal wieder geſehen! Albrecht. Du wirſt ihn——(er unterbricht ſich.) Da hab' ich Dich um die Ueberraſchung gebracht! Agnes. Nein, mein Albrecht! Ich hab's recht gut gemerkt, aber wenn er kommen wollte, wär' er längſt da geweſen! Ich kann mir auch denken, was ihn abhält und Du mußt ihn darum ehren! Albrecht. Ich glaube doch, er wird dieß Mal nach— geben! Sonſt gehen wir im Winter nach Augsburg zum Mummenſchanz. Achte Scene. Törring(tritt ein). Verzeiht! Albrecht. Ich bleib Euch zu lange! Törring. Wenn Ihr überhaupt noch fort wollt— Agnes Bernauer. 101 her, Albrecht. Wenn ich überhaupt noch fort will? Ei, t wie⸗ ich werde die Ritter und Herren, die Herzog Ludwig ſo „die mühſam zuſammen brachte, nun doch nicht zum Narren mei⸗ halten! wenn Törring. Hört Ihr die Domglocke nicht? letz⸗ Albrecht. Längſt, aber was kümmert ſie mich? ſt la⸗ Törring. Mehr, als Ihr denkt: Euer Vetter rgend Adolph iſt todt! ſagen Albre ch t. Todtꝰ ollte: TörringůEben trifft die Trauerbotſchaft aus Mün⸗ keinen chen ein! willig Albrecht. Friede mit ihm! Er lebte ſich ſelbſt nur doch zur Laſt und Keinem zur Freude! Agnes. Gott im Himmel! Das iſt nun in ſechs ſich.) Monaten der Dritte! Törring. Ja, ja, edle Frau, Ihr verſteht's! t gut Agnes. So bin ich wieder Schuld? O freilich! frei— gſt da lich! Wer ſonſt wohl! t und Albrecht. Gott weiß, daß ich mich nicht freue! Wie ſollt' ich auch? Für mich war er nie da! Aber weinen kann nach⸗ ich eben ſo wenig! Ich denk nur an Eins! Nun kann mein zum Vater mit Ehren zurück! Törring. Ich darf abſatteln laſſen? Albrecht. Was fällt Euch ein? Zwar, ich mögte nicht, daß jetzt aus dem Turnier noch etwas würde. Aber ich bin doch wohl der Letzte, der ausbleiben darf! Fort muß 13 ich, und das gleich, doch gewiß werd' ich nun viel früher 102 Agnes Bernauer— 92 wieder hier ſein, als ich dachte! Agnes jetzt—(ér ſagt ihr etwas in's Ohr, dann hält er ſeine Hand an ihre Wange!) Au, ich brenne mich! Agnes. Verzeih' Dir's Gott, daß Dir das in den Sinn kommt! Albrecht. Amen! Ich ſag's mit! Aber es wird ſich zeigen! Ich hatte immer das Gefühl, mein letzter Wunſch könne nicht eher gekrönt werden. Ei, unſer Sohn mußte doch auch einen Großvater haben! Und nun—(Er umarmt ſie.) Siehſt Du, daß Du mir nicht aufrichtig zürnſt? Du hältſt mich feſt! O, ich weiß es ja längſt, daß Du erſt dann an Gottes Segen glauben wirſt! Darin biſt Du abergläubiſch. Aber ändre Dich ja nicht, ich lieb' auch das an Dir!(Er küßt ſie.) Mein Leben, auf Wiederſehen!(Er läßt ſie los und eutfernt ſich ein Paar Schritte von ihr.) Seht Ihr, Törring, daß man von ſeinem Leben ſcheiden kann, und darum doch nicht gleich zu ſterben braucht? Alſo! Werdet kein Hageſtolz! Aber freilich, man muß das Beſte erſt abküſſen!(Er umarmt und küßt ſie noch einmal) So! Nun bin ich in Ingolſtadt und Du in Straubing! Siehſt Du mich noch? Ja? Ich Dich nicht mehr!(Ab.) Törring(öolgt). Neunte Seeue. Agnes(eilt in den Garten). Da kann ich ihn zu Pferd ſteigen ſehen!(Sie kehrt wieder um.) Ja, wenn er ſelbſt mich in die Höhe höbe und über die Mauer gucken ließe, wie damals, als die ſchwarzbraunen Egypter mit Cymbeln und t ihr Au, den ſich uſch ußte armt Du erſt Du das (Er Seht ann, lſo! eeſte So! iehſt ferd mich wie und Agnes Bernauer. 103 Schellen vorüber zogen. Aber hören muß ich ihn können! (Sie eilt wieder foit.) Still, ſtill mit Euren Trompeten! Horch! Das iſt Er!„Ihr ſeid brav, Törring!“ Gewiß, aber warum ſagſt Du ihm das gerade jetzt? Ach, da geht's ſchon fort! Leb' wohl, mein— Halt! Der Trab ſtockt! Es iſt doch Nichts geſchehen? Da redet Einer! Schwach, undeutlich— ſchweig Du! Nun noch einmal Er!„Führt ihn gleich zu ihr!“ Zu mir? Wen denn?„Es wird ihr lieb ſein!“ Mir lieb? Nein, Albrecht, da kennſt Du mich nicht! Ich wollte, es würde augenblicklich Nacht und erſt in drei Mal vierundzwanzig Stunden 15 Tag! Oder wär's mein Vater?(Sie jauchzt auf.) Mein Vater! Gewiß nicht! Ach nein! ſprengen ſie weiter. Hui! Recht, ihr Roſſe, holt aus! Um ſo eher ſeid ihr wieder mit ihm da. (Sie horcht auf.) Ich höre Nichts mehr.(Sie horcht wieder.) Doch!(Sie pflückt während dem gedankenlos eine Blume.) Was ſoll's noch! Sie läßt die 1110 fallen) Hab' ich da was ge— pflückt? Das thut mir leid! Es iſt keine Zeit, Blumen vor die Bruſt zu fenen(Sie wandelt langſam wieder herauf.) Nun iſt's denn ſo gekommen, wie ſie Alle vorher ſagten! Todt! Ob das uns wirklich was Gutes bedeutet? Was thu' ich jetzt? Zieh' ich mich ſchwarz an? Da bin ich wieder hochmüthig und rechne mich mit zur Familie, wie dieſer unheimliche Menſch mit den kalten Augen, der Richter, geſpöttelt haben ſoll. Unterlaß' ich's? Da freu' ich mich über das Unglück! Ich folg' meinem Herzen und das ſagt: traure mit den Traurenden! Lacht nicht, Herr Emeran! 104 Agnes Bernauer. Man iſt Manchem Dank ſchuldig, ohne daß man's weiß! Es iſt gut für Euch, daß dieß Herz ſo weich iſt, wenn Ihr es auch nicht ahnt! Zehnte Seene. Törring(tritt auf). Agnes. Ihr noch hier? Törring. Ich bleibe, edle Frau! Es iſt Einer aus Augsburg da, ich darf ihn wohl ſchicken? Agnes. Aus Augsburg? Törring(geht ab, gleich darauf erſcheint Theobald). Agnes(ruft ihm entgegen). Theobald! Theobald. Agnes— Frau Herzogin, wollt ich ſagen — Nicht? So iſt's recht? Agnes. Laßt das! Kommt mein Vater auch? Doch, was frag' ich! Wie könntet Ihr Euch alle Beide zugleich entfernen! Theobald. Nun, das— Aber Ihr wißt, wie er iſt! Er meint, Ihr ſolltet Gott danken, wenn Euch der Vater endlich vergeben und vergeſſen ſei, und ihm keine Boten weiter ſenden, es helfe doch Nichts, denn er ſeinerſeits kenne ſeine Schuldigkeit und werde den alten Bartkratzer hier nicht in Erinnerung bringen! Es freue ihn zwar von Her— zen— und das thut's auch, ich weiß es, darum kehrt Euch nicht an ihn— daß Ihr noch an ihn dächtet und daß auch Euer Herr ſich ſeiner nicht ſchäme, aber er verſtehe das beſſer und Ihr möchtet aufhören, ihn zu quälen! iß! nn zus iſt! ter ten une jier er⸗ uch uch das Agnes Bernauer. 105 Agnes. Und das iſt Alles, was Ihr mir von ihm melden ſollt? Nur, um mir das zu ſagen, habt Ihr die weite Reiſe gemacht? Theobald. Nun, das gerade nicht! Ich hatte wohl auch noch einen anderen Grund! Agnes. Und der— muß er mir Geheimniß bleiben? Theobald. Ach, warum auch! Wir hören nun ſeit Jahren ſo allerlei, und da wollt' ich, da ſollt' ich doch ein— mal ſehen— Agnes. Ob ich auch wirklich glücklich ſei? O, wärt Ihr doch eine Stunde früher gekommen! Dann hättet Ihr mit eigenen Augen—— Doch nein, nein, es iſt beſſer ſo! Und Ihr? In Augsburg? Theobald. Wegen des Vaters braucht Ihr Euch nicht zu ängſtigen! Gleich, nachdem Ihr fort wart, baute er ſich den neuen Ofen, an den er früher nie die Koſten wagen wollte, und das hat ſich ihm belohnt. Agnes. Ich danke Gott dafür! Theobald. Er hat Allerlei entdeckt, mehr als er zei— gen darf, wenn er nicht noch ärger als Hexenmeiſter in's Geſchrei kommen will. Dinge, ſag' ich Euch— es iſt Schade, daß Ihr ſie nicht ſehen könnt. Das wird nun ſo wieder mit ihm untergehen. Doch, es iſt auch Manches darunter, was er nicht zu verbergen braucht und dabei ſteht er ſich ſchon gut genug. Er könnte ſich nun gern ein Gärt— lein kaufen, wie Ihr es immer wünſchtet. Agnes. Und Ihr ſelbſt, Theobald? Agues Bernauer. Theobald. Mir gibt er jetzt doppelten Lohn! Agnes. Ach, das will ich nicht wiſſen! Theobald. Nun, ich lache noch zuweilen über mich! Und das recht von Herzen, Ihr könnt mir's glauben! Noch vorhin, als ich den Herzog, Euren Gemahl, zu Pferd da— her kommen ſah. Freilich, das iſt ein Mann! Und wie er Euch lieben muß, kann man ſchon daran ſehen, daß er ſeine Leute ſo warten läßt, was doch gar nicht Ritterart iſt! An denen kam ich bereits vor einer Stunde vorbei und ſie mußten ſchon lange ſtehen, denn ſie waren höchſt ungeduldig. Agnes. Das iſt ja nicht möglich! Er hat ſie ja bei ſich! Theobald. Zehn oder Zwölf! Ich meine die Uebrigen! Agnes. Die Uebrigen? Ei, er reitet ja nur zum Turnier und nimmt nicht einen Mann mehr mit! Theobald. Und doch ſah ich eine Stunde von hier hinter dem Föhrenwald, wo die Hügel ſich ſenken, einhun⸗ dertundfünfzig oder zweihundert Gewappnete, den Fuß im Bügel, die Lanze in der Hand und das Geſicht gen Strau— bing gekehrt, als ob ſie ihren Führer oder ſonſt etwas von dort erwarteten! Agnes. Ich erſchrecke. Wo? Theobald. Ei, an der Münchner Straße! Agnes. An der Münchner Straße! Er reitet nach Ingolſtadt. Theobald. Auch ſprengte ein Geharniſchter, der von hier kam, in wilder Haſt an mir vorbei. Ich dachte, der ſagte ihn an. Zetzt fällt's mir ein, daß er verkappt war. 815 ſier un⸗ im Au⸗ bon 'ach der hte, ar. Agnes Bernauer. 107 Agnes. Das iſt höchſt verdächtig, das muß Törring wiſſen, das— Mein Gott, hört, der Burgwart ſtößt in's Horn, daß es zerſpringt— Trompetengeſchmetter von allen Seiten— ganz nah'— immer näher— das iſt nichts Gutes— das iſt Herzog Ernſt!(Man hört das Alles.) Theobald. Es iſt nichts Gutes! Geſchrei! Waffen— geklirr! Gilt das denn Euch? Kein Zweifel, man ſtürmt! Und ſie ſind ſchon an einander.(Man hört das Alles.) Agnes. Das iſt nicht möglich! Das Schloß hat Mauern und Gräben. Eilfte Seene. Der Kaſtellan(ſtürzt herein). Edle Frau— folgt mir in die Todtengruft— mich ſchickt der Törring! Agnes. Ich hoffe, er wird mich vertheidigen. Der Kaſtellan. Die Brücke— ein Verräther hat die Brücke niedergelaſſen oder gar nicht wieder aufgezogen, denn die Dummheit kann nicht ſo weit gehen. Die Feinde ſind gleich hier! Wie ſoll er ſie aufhalten! Agnes. Nun, ſo ſind's keine Mörder, und ich, was bin denn ich?(Das Getöſe kommt immer näher! Der Kaſtellan. Kommt, kommt, ich beſchwör' Euch! Wer weiß, ob ſie Euch dort ſuchen! Agnes. Theobald, geht Ihr mit ihm! Theobald. Um eine Waffe zu holen, meint Ihr! Es wächſ't wohl auch eine auf'm Baum!(Er reißt einen Aſt ab.“) 108 Agnes Bernauer. Zwölfte Seene. Törring und Pappenheim(treten kämpfend auf. Im Hintergrunde kämpfen Reiſige und Burgknechte. Auch Preiſing wird ſichtbar, aber ohne das Schwert zu ziehen). Pappenheim. Ergebt Euch, Törring! Törring. Ho! Pappenheim. So nehmt! Ich hab' Euch lange genug geſchont! Törring. Pah! Pappenheim. War's nicht vom Beſten? Törring. Ei was!(er holt aus, fällt aber in die Kniee.) Doch!(Zu Agnes hinüber.) Edle Frau, Ihr ſeht— Was hilft's Euch! Pappenheim(beugt ſich auf ihn nieder). Ihr habt's nicht anders gewollt! Törring(fält um). Macht's Kreuz über mich! Freund oder— Ler ſtirbt). Theobald(wirft den Aſt weg, und ſtürzt auf Törring zu). Da erb' ich was! Agnes. Theobald! Theobald. Weiß wohl, es iſt ein Hochmuth von mir! Aber—(er nimmt Törrings Schwert). Pappenheim(ſich wendend). Wo iſt die Hexe, um die ich dieß edle Blut vergoß? Agnes(ſchreitet ihm entgegen). Wen ſucht Ihr? Pappenheim(ſenkt unwillkürlich ſein Schwert und greift Im wird inge iee.) Vas bt's ich! zu). nir! um reift Agnes Bernauer. 109 an den Helm, dann ſchlägt er ſich vor die Stirn). Teufel, was mach' ich! Theobald. Ihr Knechte, ſchaart Euch um Eure Ge— bieterin! Sie hat gewiß Jedem von Euch Gutes gethan! Die Knechte(chaaren ſich). Pappenheim Cu den Seinigen). Ergreift ſie! Die iſt's! Theobald(tritt vor Agnes). So lange ich lebe, geht's nicht! Pappenheim. Was willſt Du? Theobald. Es iſt die Tochter meines Meiſters! Pappenheim. Badergeſell, kannſt Du zählen? Nie— der mit ihm, wenn er nicht weichen will und fort mit ihr! Die Reiſigen Crängen ſich um Agnes herum, aber mit Scheu, und ohne ſie anzurühren, weil ſie von ihrer Schönheit ge⸗ blendet ſind). Ha! Ei! Die! Pappenheim. Nun, was gafft Ihr? Hat ſie's Euch ſchon angethan, wie dem armen Herzog, oder wollt Ihr warten, bis Ihr's weg habt? Laßt ihr nur Zeit, guckt ihr nur in die gefährlichen ſchönen Augen, ſo läßt ſie Euch Borſten wachſen, ſtatt der Haare, und Klauen, ſtatt der Nägel! Ich dächte, Ihr hättet genug von ihren Künſten gehört. Muß ich ſelbſt den Schergendienſt verrichten?(Er dringt auf Agnes ein und will ſie ergreifen.) Theobald(ſchwingt das Schwert, wie ein Rad, um den Kopf herum, ſo daß Pappenheim ſich nicht nähern kann). Pappenheim Ei, dich ſoll ja—(er will Theobald durchſtoßen). 110 Agnes Bernauer. Agnes(mwirft ſich zwiſchen Beide). Schont ihn! Er denkt an meinen alten Vater! Ich folg' Euch! Aber vergeßt nicht, es iſt Herzog Albrechts Gemahlin, die Ihr in ſeinem eigenen Schloß überfallt! Pappenheim(will wieder auf Theobald eindringen). Der Burſch hat mich—— Preiſing(caſch hervor tretend). Im Namen des Her— zogs, meines Herrn, jedes Schwert in die Scheide! Pappenheim lindem er ſein Schwert einſteckt). Warum auch nicht! Ich ſoll ſie nur fangen! Agnes. Theobald, kehrt noch nicht nach Augsburgzu— rück! Dieß kann das Ende nicht ſein!(Sie geht voran.) Pappen 0 eim(folgt ihr mit den Reiſigen). Theobald(will gleichfalls folgen, ſchlägt ſich dann aber vor die Stirn). Nein! Nach Ingolſtadt! Zu ihm! Das erſte Pferd, das ich unterwegs treffe, iſt mein!(Stürzt ſort.) Preiſing. Gott gebe, daß ſie jetzt auf mich höre! Noch kann ich ſie vom Tode retten und ich will's(Ab.) um vor rſte re! Füitftet Ke. Straubing. Erſte Sceue. (Kerker.) Agnes.„Ingolſtadt iſt weit!“ Es könnte mich ver— rückt machen, das ſchreckliche Wort! Ingolſtadt iſt keine vier und zwanzig Stunden von hier und als Theobald eben vorbeiſtürzt und der Marſchall ihn mit vorgeſtreckter Lanze aufhält, ſagt dieſer Richter mit einem Blick auf mich: laßt ihn doch laufen, wohin er will, Ingolſtadt iſt weit! Wä— ren keine vier und zwanzig Stunden mehr mein? Herr, mein Gott, ſo kannſt Du mich nicht verlaſſen! Zweite Scene. Preiſing(tritt ein). Agnes(ihm entgegen). Was bringt Ihr mir? Preiſing. Was Ihr ſelbſt wollt! Agnes. Was ich ſelbſt will? O, ſpottet meiner nicht! Ihr werdet mir die düſtre Pforte nicht wieder öffnen, die man ſo feſt hinter mir verriegelt hat! Preiſing. Ich werde, wenn Ihr Euch fügt! 112 Agnes Bernauer. Agnes. Und was verlangt Ihr von mir? Preiſing. Ich ſtehe hier für den Herzog von Baiern. Agnes(macht eine zurückweichende Bewegung). Preiſing. Aber ich meine es redlich mit Euch und auch mein erlauchter Gebieter iſt nicht Euer Feind! Agnes. Nicht mein Feind? Wie komm' ich denn hieher? Preiſing. Ihr wißt, wie's ſteht! Herzog Ernſt iſt alt und ſein Thron bleibt unbeſetzt, wenn Gott ihn ab— ruft, oder ſein einziger Sohn muß ihn beſteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit hinaufnehmen und da er ſich von Euch nicht trennen will, ſo müßt Ihr Euch von ihm trennen! Agnes. Ich mich von ihm! Eher von mir ſelbſt! Preiſing. Ihr müßt! Glaubt's mir, glaubt's einem Mann, der Euer Schickſal ſchon kennt, wie Gott, und es gern noch wenden mögte! Ihr könnt kein Mißtrauen in mich ſetzen; warum wär ich gekommen, wenn Euer Loos mir nicht am Herzen läge? Meines Arms bedurfte es doch gewiß nicht; Ihr habt's ja geſehen, wie überflüſſig ich war und welchen Gebrauch ich von meinem Schwert machte. Ich zog mit, weil Ihr mich erbarmtet; ich ſuche Euch jetzt im Kerker, im Vorhof des Todes, auf, weil ich allein noch helfen kann, doch ich wiederhol's Euch: Ihr müßt! Agnes. Ihr habt den armen Menſchen gerettet, der vorhin ſein Leben für mich wagte, ich muß glauben, daß Jaiern. ch und denn nſt iſt in ab⸗ Nun, und da r Euch lbſt! einem und es men in er Loos irfte es rflüſſig ſchwert ch ſuche weil ich h: Ihr tet, der en, daß Agnes Bernauer. 113 Ihr's aufrichtig meint, aber Ihr ſeid ein Mann und wißt nicht, was Ihr fordert! Nein, nein! Das in Ewigkeit nicht! Preiſing. Nicht zu raſch, ich beſchwör' Euch! Wohl mag's ein ſchweres Opfer für Euch ſein, doch wenn Ihr's verweigert, ſo wird man— könnt Ihr noch zweifeln nach Allem, was heute geſchah?— aus Euch ſelbſt ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht ſchon weiter, als ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung ſtelle, und thu's auf meine eig'ne Gefahr! Agnes. Ihr wollt mich erſchrecken, aber es wird Euch nicht gelingen!(Sie hält ſich an einem Tiſch.) So leicht fürchte ich mich nicht, dieß Zittern meiner Kniee kommt noch von dem Ueberfall! Mein Gott, erſt die Trompeten, dann die blutigen Schwerter und die Todten! Aber für mich beſorg' ich Nichts, ich bin ja nicht in Räuberhänden und Herzog Ernſt iſt ebenſo gerecht, als ſtreng!(Sie ſetzt ſich.) Seht mich nicht ſo an, mir ward jetzt ſo wunderlich, weil der todte Törring mir auf einmal vor die Seele trat, es iſt ſchon wieder vorüber.(Sie erhebt ſich wieder.) Was könnte mir auch wohl widerfahren! Iſt doch ſelbſt ein Miſſethäter, ſo lange der Richter ihn noch nicht verurtheilt hat, in ſeinem Kerker ſo ſicher, als ob die Engel Gottes ihn bewach— ten, und ich habe den meinigen noch nicht einmal erblickt! Nein, nein, ſo hat mein Gemahl nicht von ſeinem Vater geſprochen, daß ich dieß glauben dürfte! Doch wenu's auch ſo wäre, wenn der Tod— es iſt unmöglich, ich weiß es, Hebbel, Agn. Bern. 8 114 Agnes Bernauer. ganz unmöglich— aber wenn er wirklich ſchon vor der Thür ſtände und meine Worte zählte: ich könnte nimmer⸗ mehr anders! Preiſing. Der Tod ſteht vor der Thür, er kommt, wenn ich gehe, ja er wird anklopfen, wenn ich zu lange ſäume! Schaut einmal durch's Gitter zur Brücke hinüber! Was ſeht Ihr? Agnes. Das Volk drängt ſich, Einige heben die Hände zum Himmel empor, Andere ſtarren in die Donau hinab, es liegt doch Keiner darin? Preiſing(mit einem Blick auf ſie). Noch nicht! Agnes. Allmächtiger Gott! Verſteh' ich Euch? Preiſing(nickt). Agnes. Und was hab' ich verbrochen? Preiſing(bebt das Todesurtheil in die Höhe). Die Ord— nung der Welt geſtört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk ſeinen Fürſten entfremdet, einen Zuſtand herbei ge— führt, in dem nicht mehr nach Schuld und Unſchuld, nur noch nach Urſach und Wirkung gefragt werden kann! So ſprechen Eure Richter, denn das Schickſal, das Euch bevor— ſteht, wurde ſchon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch verhängt und Gott ſelbſt hat den harten Spruch beſtätigt, da er den jungen Prinzen zu ſich rief, der die Vollziehung allein aufhielt. Ihr ſchaudert, ſucht Euch nicht länger zu täuſchen, ſo iſt's! Und wenn's einen Edelſtein gäbe, koſtbarer, wie ſie alle zuſammen, die in den Kronen der Könige funkeln und in den Schach— — der mer⸗ umt, ange iber! die onau Ord⸗ dem i ge⸗ nur So vor⸗ urcht hat n zu dert, nn's „die hach⸗ Agnes Bernauer. 115 ten der Berge ruhen, aber eben darum auch ringsum die wildeſten Leidenſchaften entzündend und Gute wie Böſe zu Raub, Mord und Todtſchlag verlockend: dürfte der Einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn nicht mit feſter Hand er— greifen und in's Meer hinunter ſchleudern, um den allge— meinen Untergang abzuwenden? Das iſt Euer Fall, er— wägt's und bedenkt Euch, ich frage zum letzten Mal! Agnes. Erwägt auch Ihr, ob Ihr nicht verlangt, was mehr als Tod iſt! Ich entſage meinem Gemahl nicht, ich kann's und darf's nicht. Bin ich denn ſelbſt noch, die ich war? Hab' ich bloß empfangen? Hab' ich nicht auch gegeben? Sind wir nicht Eins, unzertrennlich Eins durch Geben und Nehmen, wie Leib und Seele? Aber ich ver— bürge mich für ihn, daß er dem Thron entſagt! Fürchtet nicht, daß ich verſpreche, was er nicht halten wird! Ich hab's aus ſeinem eig'nen Munde, wie ein Zauberwort für die höchſte Gefahr! Zwar glaubte ich längſt nicht mehr, daß ich's noch brauchen würde, aber dieſe Stunde hat's mir entriſſen und nun braucht's wie Ihr wollt! Preiſing. Das rettet Euch nicht mehr! Herzog Albrecht kann die angeſtammte Majeſtät ſo wenig ablegen, als Euch damit bekleiden, ſie iſt unzertrennlich mit ihm verbunden, wie die Schönheit, die ihn feſſelt, mit Euch. Will er's nicht ſeinen Segen nennen, ſo nenne er's ſeinen Fluch, aber er gehört ſeinem Volk und muß auf den Thron ſteigen, wie Ihr in's Grab. Euch rettet's nur noch, wenn 838 116 Agnes Bernauer. Ihr Eure Ehe für eine fündliche erklärt und augenblicklich den Schleier nehmt. Agnes. Wie mild iſt Herzog Ernſt! Der will doch nur mein Leben! Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht' ich blos zu thun, ſo wär' ich für ihn, wie nie dageweſen; ich ſelbſt hätte mein Andenken in ſeiner Seele ausgelöſcht und er müßte erröthen, mich je geliebt zu haben! Mein Albrecht, Deine Agnes Dich abſchwören! O Gott, wie reich komm' ich mir in meiner Armuth jetzt auf einmal wieder vor, wie ſtark in meiner Ohnmacht! Dieſen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden! Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zitt're ich wirklich nicht mehr! Preiſing. O, daß Euer alter Vater neben mir ſtände und mich unterſtützte! Daß er ſpräche: mein Kind, warum willſt Du einen Platz nicht freiwillig wieder auf— geben, den Du doch nur gezwungen einnahmſt? Denn ich weiß ja, daß dieß Euer Fall war! Agnes. Gezwungen? So alſo wird meine Angſt, mein Zittern und Zagen ausgelegt? O, wenn Ihr mir Euer Mitleid geſchenkt habt, weil Ihr das glaubt, ſo nehmt's zurück und quält mich nicht länger, ich habe keinen Anſpruch darauf. Nein, nein, ich wurde nicht gezwungen! So gewiß ich ihn eher erblickt habe, als er mich, ſo gewiß habe ich ihn auch eher geliebt, und das war gleich, als ob's immer geweſen wäre und in alle Ewigkeit nicht wieder aufhören könne. Darum keine Anklage gegen ihn, ich war früher ſchuldig, als er! Nie zwar hätt' ich's verrathen, ich lich doch ich ich und echt, um' wie doch rzog mir ind, auf⸗ 1ich gſt, mir ſo inen gen! ewiß ob's ieder war „ ich Agnes Bernauer. 117 hätte vielleicht nicht zum zweiten Mal zu ihm hinüber geſchaut, ſondern im Stillen mein Herz zerdrückt und unter Lachen und Weinen ein Gelübde gethan. Ach, ich ſchämte mich vor Gott und vor mir ſelbſt, mir war, als ob mein eignes Blut mir über den Kopf liefe, ich erwiderte ein Lächeln des armen Theobald, um mir recht weh zu thun. Doch, als er nun am Abend zu mir heran trat, da wandte ich mich zuerſt freilich auch noch ab, aber nur, wie ein Menſch, der in den Himmel eintreten ſoll und weiß, daß er dem Tode die Schuld noch nicht bezahlt hat! Wenn ein Engel den mit ſanfter Gewalt über die Schwelle nöthigt: hat er ihn gezwungen? Preiſing. So iſt es Euer letztes Wort? Dritte Seenue. (Die Thür wird geöffnet, man erblickt Häſcher und Reiſige, die jedoch draußen bleiben, es tritt ein: Emeran Nusperger zu Kalmperg und bleibt am Eingang ſtehen.) Agnes(ihm entgegen). Herr Emeran, hätte mein Gemahl je erfahren, was ich von Euch wußte, Ihr lebtet nicht, um mich zu verderben! Er haßte Euch ſchon ohne Grund, wie Keinen auf der Welt, ich hätt' ihm wohl einen Grund angeben können, aber ich that's nicht! Sinnt nach, und wenn Ihr ein Menſch ſeid, ſo muß ſich in Eurer Bruſt jetzt etwas für mich regen! Emeran Nusperger zu Kalmperg(chweigt). Agnes. Herr Emeran, bin ich auf ehrliche Weiſe in 118 Agnes Bernauer. Eure Hand gefallen? Bedenkt, wohin Ihr mich ohne Vor⸗ bereitung ſchickt, laßt mir noch etwas Zeit, und Gott ſoll's Euch verzeihen, daß Ihr einen Judas mehr gemacht habt, ich will ſelbſt für Euch bitten! Emeran Nusperger zu Kalmperg(chweigt). Agnes. Herr Emeran, wie ich in dieſem Augenblick zu Euch, ſo werdet Ihr dereinſt zu Gott um eine kurze Friſt flehen und er wird Euch antworten, wie Ihr mir! Seht mich an, wie jung ich noch bin, und gebt mir von jedem Jahr, das Ihr mir raubt, nur eine Minute zurück! Könnt Ihr mir's weigern? Ich will ja nur von mir ſelbſt Abſchied nehmen! Preiſing. Ihr verlangt von ihm, was er nicht ge— währen kann! Er weiß von Eurem Knecht, daß Ihr geſtern zur Nacht erſt gebeichtet habt und die Stunde drängt! Auch iſt die eine eben ſo ſchwarz, wie die andere, glaubt's mir! Aber willigt ein und— Agnes. Hebe Dich von mir, Verſucher! Emeran Nusperger zu Kalmperglwinkt einem Häſcher). Ein Häſcher(tritt herein und nähert ſich Agnes). Agnes. Fort, Menſch! Willſt Du Deine Hand an die legen, die noch Keiner, als Dein Herzog berührt hat? Nur dem Todtengräber kann ich's nicht mehr wehren! (Sie ſchreitet zur Thür, bleibt dann aber ſtehen.) Albrecht, Albrecht, was wirſt Du empfinden! + m Agnes Bernauer. 119 Preiſing. Ja! Ja! Und Ihr wollt dieſen Stachel lieber in ſeine Seele drücken, als—— Noch iſt's Zeit! Agnes. Fragt ihn, wenn ich dahin bin, ob er lieber eine Unwürdige verfluchen, als eine Todte beweinen möchte! Ich kenne ſeine Antwort! Nein, nein, Ihr bringt Euer Opfer nicht ſo weit, daß es ſich ſelbſt befleckt. Rein war mein erſter Hauch, rein ſoll auch mein letzter ſein! Thut mir, wie Ihr müßt und dürft, ich will's leiden! Bald weiß ich, ob's mit Recht geſchah! Sie ſchreitet durch die Häſcher hindurch, Preiſing und Emeran Nusperger zu Kalmperg folgen.) Offenes Feld. Vierte Scene. (Herzog Ernſt mit ſeinen Rittern und Reiſigen, die man ziehen und ſich ausbreiten ſieht. Bauerhütten, wovon eine ganz in der Nähe iſt.) Ernſt(tritt mit Wolfram von Pienzenau, Ignaz von Sey⸗ boltſtorff und Otto von Bern hervor). Ernſt. Ihr, Pienzenau, reitet zu Haydeck! Er ſoll ſo weit vorwärts gehen, als er kann! Ich muß hier Halt machen, und auf den Kanzler warten. Wolfram von Pienzenau(ab). Ernſt. Ihr, Seyboltſtorff, ſchwenkt Euch gegen Straubing, und beſetzt die Hügelkette! Ignaz von Seyboltſtoryff(ab). Ernſt. Ihr, Bern, ſeht nach Euren Reitern und bleibt nüchtern, damit die auch nüchtern bleiben.(Wie Bern 120 Agnes Bernauer. ſprechen will) Ich weiß wohl, daß Ihr behauptet, des Morgens immer benebelt aufzuſtehen und Euch den Ver— ſtand erſt nach und nach anzutrinken, wie andere Leute den Rauſch, aber ich halte Nichts davon und ich muß Euch heute zur Hand haben, wie mein Schwert! Otto von Bern(ab). Fünfte Seene. Ernſt. Eine Bauerhütte! Ich will doch einmal ſehen, wie die Leute leben!(Er geht auf die Hütte zu, findet ſie aber verſchloſſen.) Zu! Alles auf'm Felde bei der Arbeit. Wer kocht denn Eſſen? Oder hab' ich ſie ſchon verjagt?(Er kommt zurück.) Wenn's geglückt iſt, muß die Nachricht jeden Augenblick kommen! Dieß iſt das erſte Mal, daß mir die Zeit lang wird.— Ernſt, frevle nicht! Wer weiß, welcher Schatten jetzt ſchon zwiſchen Himmel und Erde umher irrt! Sechste Seene. Preiſing(tritt mit Pappenheim auf). Hier ſoll er ſein! Ernſt lihnen entgegen). Ihr, Preiſing? Nun? Preiſing. Todt! Ernſt. So ſei Gott ihr gnädig!— Pappenheim, Ihr müßt gleich wieder aufſitzen und Euch mit Pienzenau vereinigen, um Haydeck zu ſtärken. Der hat den erſten Stoß zu erwarten, wenn's was gibt! Pappenheim l(ab). u en Agnes Bernauer. 121 Ernſt. Wie ſtarb ſie? Preiſing. Hat ſie ſich Euch um die elfte Stunde nicht angezeigt? Ernſt. Das verſteh' ich nicht! Preiſing. Da war's! Der Henker verſagte den Dienſt, Herr Emeran mußte einen ſeiner Hörigen entlaſ— ſen, der ſtürzte ſie von der Brücke herab. Erſt ſchien's, als ob ſie aus Angſt vor der Befleckung durch ſeine Hände freiwillig hinunter ſpringen wollte, doch dann kam die Furcht des Todes über ſie, ihr ſchwindelte und er mußte ſie packen. Das Volk hätte ihn gern geſteinigt und doch wußte Jeder, daß der jämmerliche Menſch es nur für ſeine Freiheit that. Nicht um die Welt möcht' ich's zum zweiten Mal ſehen. Ernſt. Genug, Preiſing! Es gibt Dinge, die man wie im Schlaf thun muß. Dieß gehört dazu. Das große Rad ging über ſie weg— nun iſt ſie bei dem, der's dreht. Jetzt handelt ſich's denn um ihn! Preiſing. O, er wird's ſchon wiſſen! Es war ge— rade Einer aus Augsburg auf dem Schloß, als Pappen— heim eindrang, ein braver Burſch, der ſich wacker hielt. Der eilte fort, als ſie in den Kerker geführt wurde, und gewiß nach Ingolſtadt. Es war ein Bote ihres Vaters! Ernſt. Armer, alter Mann! Nun, ich ſetzte mein eigen Fleiſch und Blut eben ſo gut ein, wie das Deine! Wer weiß, ob unſer Loos nicht ſchon gleich iſt! Preiſing. Und dann? 122 Agues Bernauer. Ernſt. Dann werde was will! Ich habe das Me nige gethan und ſorge für die Gräber. Aber es kann 115 anders kommen. Der Fürſt ſchlief nur in ihm, er war nicht todt. Warum hätt' er ſonſt nicht entſagt? Warum ſo auf dieß Turnier gedrungen? Vielleicht erwacht er wieder, und dann— Es iſt thöricht, mit den gemeinen Leuten von Zauberei zu reden, wo ein Geſicht, das unſer Herrgott zwei Mal angeſtrichen hat, Alles erklärt, aber es ändert ſich viel, wenn Himmel und Erde ſich erſt einmal wieder in ſolch ein Blendwerk von Mädchen getheilt haben, und nur noch ein Leichnam da liegt, der nicht mehr durch rothe Lippen und friſche Wangen an die Eitelkeiten der Welt, nur noch durch gebrochene Augen an die letzten Dinge mahnt! Preiſing. Da brennt's! Oder nicht? Ja! ja!(Man ſieht in der Ferne ein Dorf in Flammen ſtehen.) Ernſt. Das iſt Er! So hat die Wuth den Schmerz beſiegt! Nun wird Alles gut!(Rufend.) Nur zu, mein Sohn, nur zu! Je ärger, je beſſer! Preiſing. Aber das wolltet Ihr ja eben verhüten! Ernſt. Ei, jetzt iſt's ein Tag! Was in dem zerſtört wird, bau' ich ſchon wieder auf! Und verlaßt Euch darauf, der Kaiſer hat ſeinen Adler ſchon fliegen laſſen, und der wird ihm die Krallen zeigen, eh er's denkt! Und dann— (Er erhebt ſeinen Herzogsſtab.) Preiſing, Ihr werdet heut' noch überraſcht!(Da Preiſing ſprechen will.) Kommt, kommt, zu Pferde!(Er ruft.) Otto von Bern!(Ab mit Preiſing.) Agnes Bernauer. 123 Siebente Scenue. (Bauern, Männer, Weiber und Kinder tumultuariſch durcheinander rennend und ſchreiend.) Einige. Der Böhme! Der Böhme! Andere. Der Kaiſer! Andere. Ingolſtadt und Landshut! Alle. Alle zuſammen! Alle zuſammen! Weh uns! Wohin! Achte Scene. Albrecht lerſcheint mit vielen Kämpfenden, worunter ſich auch Theobald befindet). Albrecht(er thut bei jedem Ausruf einen Streich). Agnes Bernauer! Agnes Bernauer! Hei, daß Ihr's wißt, eh' Ihr umfallt, der Tod heißt heute Agnes Bernauer und kennt kein Erbarmen! Kein Geſchlecht in Baiern, hoch oder niedrig, das morgen nicht weinen ſoll! Da liegt ein Hay— deck, da ein Pienzenau, da ein Seyboltſtorff! Aber noch immer lebt Pappenheim! Pappenheim, wo biſt Du? Räu⸗ ber, Verräther, Schurke, verſteckſt Du Dich? Ihr Alle, ruft mit mir, daß es über die ganze Erde ſchallt: Pappen⸗ heim, Räuber, Verräther, Schurke, hervor! Pappenheim(tritt auf). Wer ſucht mich? Albrecht. Ich und der Teufel, wir Beide zugleich! Aber erſt komm' ich! Zieh und laß' ſehen, ob ein 124 Agnes Bernauer. ehrlich Eiſen Dir noch dient!(Er wirft Pappenheim zurück.) Theobald(tritt hervor). Und ich? Ha, ha, ha! ich glaube, ich fürchte mich, es wird mir ganz ſchwarz vor den Augen. Ei, ich mach' ſie zu und ſteche darauf los! Bring' ich Keinen um, ſo reiz' ich doch wohl Einen, daß er mich umbringt! Albrecht ltritt wieder auß. Abgethan! Was nun? O, daß man mir ihn wieder lebendig machte, und daß ich ihn mit jedem Athemzug einmal niederhauen dürfte, von heute an bis zum Anbruch des jüngſten Gerichts. Theobald(tritt vor Albrecht hin). Haut mich nieder! Albrecht. Dich? Wofür? Ei, Du biſt's? Was fällt Dir ein! Theobald. Meint Ihr, daß ich mit einer ſolchen Nachricht nach Augsburg zurück will? Albrecht. Guter, treuer Menſch, bleib' bei mir! Theobald. Bei Euch? Bei Euch! Ha! Wenn Ihr nicht geweſen wär't— Da!(er ſticht nach Albrecht.) Der kommt auch von Agnes Bernauer! Und der! Und der! Albrecht(wehrt ab). Biſt Du verrückt? Gib mir lieber die Hand! Du bringſt mich nicht ſo weit, daß ich Dir ein Leid zufüge! Theobald(ſicht wieder nach ihm). Ihr ſollt aber! Albrecht. So muß ich ſchon thun, was ich noch nie that!(Er wendet ihm den Rücken.) Wem gehört denn das Agnes Bernauer. 125 rothe Geſicht? Das iſt ein Degenberg, und an dem fehlt's noch! Stürzt fort.) Theobald. Alles ſoll ſterben, Alles, Freund und Feind! Er wirft ſich ſeinem eignen Trupp entgegen, der Albrecht folgen will.) Wohin? Halt!(Er wird durchbohrt.) So! Nun iſt's genug!(Fällt und ſtirbt.) Nothhafft von Wernberg(titt auf). Sieg! Sieg! Wo iſt der Herzog? Albrecht, ſie laufen vor uns, als ob wir mehr als Menſchen wären! Albrecht. Aber ſie ſollen liegen! Ich will die Donau, die ſie erſtickt hat, mit Leichen wieder erſticken! Nothhafft von Wernberg. Der im Bart wirft ſich auf Straubing, Ihr ſollt's betrachten, als ob er's ſchon hätte! Albrecht. Daß er mir den Richter blos fängt, und ihm kein Leid zufügt! In deſſen Blut will ich mir den letzten Rauſch trinken! Rolf von Frauenhoven(tritt auf). Hurrah! Hur⸗ rah! Nun iſt's aus! Wir haben ihn!(Zu Albrecht, wie er ihn bemerkt.) Wir haben Euren Vater, Ihr könnt ihm gleich guten Tag ſagen! Eben ward er gepackt! Albrecht. Wer hat das befohlen? Frauenhoven. Wer hat's verboten? Seine eignen Leute rannten ihn über den Haufen, als er ſich ihrer Flucht in den Weg ſtellte, und Hans von Läubelfing— Da bringt er ihn mit dem Kanzler! Seht! Albrecht(wendet ſich nach der entgegengeſetzten Seite). Er ſoll ihn frei laſſen! Gleich! 126 Agnes Bernauer. Nothhafft von Wernberg. Ei, das kommt wohl morgen auch früh genug! Albrecht. Gleich! ſage ich. Menſch, fühlſt Du's denn nicht auch? Nothhafft von Wernberg. Eh' er Urfehde ge— ſchworen und uns wenigſtens die Köpfe geſichert hat? Albrecht(ſtampft mit dem Fuß). Gleich! Gleich! Gleich! Nothhafft von Wernberg. So ſagt's ihm ſelbſt! Neunte Stene. Ernſt(tritt mit Preiſing auf, von Hans von Läubelfing und ſeiner Schaar begleitet). Ernſt. Da ſteht mein Sohn! Wenn der den Degen ſeines Vaters will, hier iſt er! Albrecht. Ihr habt mir bei Alling das Leben geret— tet!(Mit einer Handbewegung.) Fort! Fort! Ernſt. Ich that bei Alling, was ich ſchuldig war, und begehre keinen Dank dafür! Albrecht(indem er ſich umkehrt). So komme dieſe Stunde über Euer Haupt!(Er bemerkt Preiſing) Ha, da iſt noch Einer! Herr Kanzler, Ihr ſeid frei, Ihr mögt wollen oder nicht! Aber nur, um Eurem Gefährten, dem Mar— ſchall, gleich in die Hölle nachgeſchickt zu werden!(Er zieht gegen Preiſing.) O, wär' auch der Dritte da! Ernſt. Pfui! Willſt Du Dich am Diener rächen, ſtatt am Herrn? Mein Kanzler vollzog nur meinen Befehl, und ich mußte ihn zwei Mal geben, eh' er's that! * Agnes Bernauer. 127 Albrecht. So ſeid Ihr's wirklich allein? Ganz allein? So kann ich mich an Niemanden halten, als an Euch? Und Ihr tretet mir noch in den Weg? Ihr weicht mir nicht aus? Ernſt. Warum ſollt' ich! Ich habe meine Pflicht gethan, in Straubing, wie in Alling, oder in Regensburg! Albrecht. Eure Pflicht! Gott hat Euch in meine Hand gegeben! Zeugt er ſo für den, der ſeine Pflicht that? Ernſt. Gott will Dich verſuchen! Hab' wohl Acht, daß Du vor ihm beſtehſt! Er hat noch nie auf zwei Men— ſchen herab geſchaut, wie jetzt auf Dich und mich! Er tritt Albrecht näher.) Mein Sohn, Du haſt Dich mit meinem ärgſten Feind verbunden, mit Deinem falſchen Ohm, der Dir zwar gern die Brandfackel voran trug, als es galt, mein unſchuldiges Land zu verheeren, der Dir aber nicht das Schwert aus der Hand geriſſen haben würde, wenn Du es gegen Dich ſelbſt gezückt hätteſt! Kehre zu mir zurück, es iſt beſſer. Ich mußte thun, was ich that, Du wirſt es ſelbſt dereinſt begreifen, und wär's erſt in Deiner letzten Stunde, aber ich kann auch mit Dir weinen, denn ich faſſe Deinen Schmerz! Albrecht. O, ſprecht nicht ſo! Laßt mich glauben, daß Ihr nicht mehr davon wißt, als der kalte Fluß, der ſie verſchlungen hat. Wenn ich Euch nicht fluchen ſoll, muß ich mir denken: ein neuer Tod iſt in die Welt gekommen, um den alten abzulöſen, und das iſt Dein eig'ner Vater! Ein Menſch konnte ihr kein Leid zufügen; nicht bei Tage, 128 Agnes Bernauer. denn er hätte ſie geſehen, nicht bei Nacht, denn er hätte ſie gehört, und nur Eins von Beidem war nöthig, um Jeden zu entwaffnen! Sagt: ich bin kein Menſch und ſchickte auch keine Menſchen, dann will ich mich vor Euch bekreu— zen und flieh'n! Ernſt. Ich bin ein Menſch, und hätt's wohl verdient, daß es mir erſpart worden wäre. Aber wenn Du Dich wider göttliche und menſchliche Ordnung empörſt: ich bin geſetzt, ſie aufrecht zu erhalten, und darf nicht fragen, was es mich koſtet! Albrecht. Göttliche und menſchliche Ordnung! Ha, ha! Als ob's zwei Regenbogen wären, die man zuſammen gefügt und als funkelnden Zauberring um die Welt gelegt hätte! Aber die göttliche Ordnung rief ſie in's Leben und ließ ſie aus dem Staube hervorgehen, damit ſie wieder erhöhe, was ſich ſelbſt erniedrigt, und erniedrige, was ſich ſelbſt erhöht hatte. Die menſchliche——(er tritt Eruſt näher.) Die menſchliche——(Er wendet ſich raſch um gegen die Seinigen) Vorwärts, Ihr Freunde, vorwärts, wer wird ſchon am Mittag feiern! Herzog Ernſt iſt frei, Niemand krümme ihm ein Haar, er kann keine Agnes mehr tödten, aber raſten wollen wir erſt, wenn ſein München in Flam— men ſteht!(Will fort.) Ernſt. Recht ſo! Dann wird der Baier ſie doch gewiß verfluchen, ſonſt hätt' er ſie vielleicht beweint. Ihre Brüder ſind's, die Du erwürgſt, nicht die meinigen, und ob Du die ganze Menſchheit abſchlachteſt: in ihren Adern ö 1 ätte uUm ickte eu⸗ ent, Dich bin was Ha, men legt und eder ſich her.) die wird iand dten, lam⸗ doch Ihre und dern Agnes Bernauer. 129 wird nicht ein Blutstropfe wieder warm davon! Aber da— hin kannſt Du's bringen, daß ihr eigener Vater die Stunde vermaledeit, in der ſie ihm geboren ward und daß ſie ſelbſt ſich aus dem Paradies, wenn ſie's ſchon betreten hat, ſchaudernd und ſchamroth wieder hinaus ſtiehlt, die Erſte und Letzte, die's thut, ohne verdammt zu ſein! Albrecht(hält inne und ſenkt ſein Schwert). (Man hört Trompeten in der Ferne.) Ernſt. Das iſt Ludwig von Ingolſtadt! Der Würg⸗ engel wird ungeduldig! Folgt ihm doch, Niemand kann beſſer zerſtören, was ein And'rer baute, als er! Aber laßt Euch Alle mahnen: es iſt Einer über Euch im Himmel und auch auf Erden, und Beide werden furchtbar mit Euch in's Gericht gehen!(Die Trompeten nähern ſich.) Stimmen. Platz! Platz dem Banner des Reich's! Andere Stimmen. Ein Herold! Zehnte Scene. Der Herold des Reichs(tritt mit Gefolge auf, das Ban— ner wird vor ihm hergetragen). Der Herold(ſchwingt nach allen Weltgegenden ſein Schwert). Bei Acht und Bann, kein blankes Schwert, als dieß! Alle Ritter(bis auf Albrecht ſtecken die Schwerter ein!. Der Herold. Albrecht von Wittelsbach, Herzog von Baiern, erſcheint vor Kaiſer und Reich! Hebbel, Agn. Bern, 9 130 Agnes Bernauer. Albrecht(tritt zögernd heran und ſteckt langſam ſein 5 ein). Iſt hier die Schranke? Der Herold. Sie iſt überall, wo die Acht verkünde werden ſoll! Nothhafft vonWernbergund Frauenhoven. Die Acht! Iſt's ſchon ſo weit!(Poſaunenſtöße.) P reiſin g Eu Ernſt). Was iſt das noch? Ernſt. Mehr, als ich verlangte, fürcht' ich! Stimmen. Ein Legat! Ein Legat des heiligen Stuhl's! Der Herold. Und mit ihm der Bann der Kirche! Viele Stimmen(on Rittern und Reiſigen). Acht und Bann zugleich! Da iſt's Zeit!(Sie werfen die Waffen von ſich.) Der Legat ltritt mit Gefolge auf, eine brennende Kerze wird vor ihm hergetragen, er ſtellt ſich zur rechten Hand des Herolds). Der Herold(entfaltet die Achterklärung). Wir Sigis⸗ mund, von Gottes Gnaden erwählter römiſcher Kaiſer, König von Ungarn, Böheim, Dalmatien, Slavonien und Bosnien, Markgraf von Mähren und Schleſien, Churfürſt von Brandenburg u. ſ. w. Schirmvogt der Kirche, höchſter Schiedsrichter auf Erden, thun kund hiemit: Nachdem Du, Albrecht von Wittelsbach, allbereits vor dritthalb Jahren zu Regensburg in offenem Aufſtand den Frieden des Reichs gebrochen und ſchwere Acht auf Dein Haupt herab⸗ gezogen haſt, die Wir damals, obgleich ſchon verhängt, auf Fürbitte Deines fürſtlichen Herrn und Vaters noch zurück— ſein eu. igen el Acht affen Kerze olds). igis⸗ iſer, und fürſt hſter Du, ihren des erab⸗ „auf trück⸗ Agnes Bernauer. 131 4 hielten; nachdem Du weiter, unwürdig ſolcher Fürbitte und Unſerer Gnade, in Deinem Trotz wider menſchliche und göttliche Ordnung beharrteſt, anſtatt, Unſerer gerech— ten Erwartung gemäß, in reuiger Unterwürfigkeit Verſöh— nung und Vergebung zu ſuchen; nachdem Du endlich, um das Maß Deiner Frevel zu häufen, Unſere Langmuth aber bis auf den Grund zu erſchöpfen, zum zweiten Mal mit blanker Waffe rebelliſch im Felde erſchienen biſt: So e gebieten Wir Dir durch dieſen Unſeren offenen Brief, daß Du Angeſichts desſelben Dein Schwert auf der Stelle zu den Füßen Deines Herrn und Vaters niederlegen und als ſein freiwilliger Gefangener Unſeren letzten Spruch in De— muth abwarten ſollſt.—(Er ſetzt ab und ſieht Albrecht an.) Albrecht(bohrt ſein Schwert in die Erde und ſtützt ſich darauf!. Der Herold(fährt ſort). Widrigenfalls ſetzen wir Dich nunmehr aus Kaiſerlicher Machtvollkommenheit aus dem Frieden in den Unfrieden, weiſen Dich hinaus auf die vier Straßen der Welt und erklären Dich für vogelfrei— Ernſt. Willſt Du noch mehr hören, mein Sohn? Sag' nein und ich erhebe meinen Herzogsſtab! Frauenhoven. Jetzt kommt das von den Thieren Fiſchen im Waſſer! Nothhafft von Wernberg. Schau Dich um! Sie gehen alle hinter ſich! Keiner wird's mit Dir tragen, als wir! —— 8 8 88 132 Agnes Bernauer. Albrecht. Wie ſollten ſie auch! Fangen doch die Berge zu wandeln an, um mich zu bedecken! Ernſt. Soll auch die Kirche den Mund noch öffnen? Soll die Kerze ausgelöſcht, ſoll Deine Seele dem ewigen Fluch übergeben, Dein Name im Buch des Lebens getilgt werden? Albre cht(zu Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven). Geht von mir, daß ich antworten kann! Frauenho ven. Haben wir das um Euch verdient? Teufel, es brennt! Albrecht. Soll ich mich vor der Gewalt demüthigen, weil Ihr neben mir ſteht? Mich mag ſie noch heute zer— malmen! Ernſt. Gewalt? Wenn das Gewalt iſt, was Du er— leideſt, ſo iſt es eine Gewalt, die alle Deine Väter Dir anthun, eine Gewalt, die ſie ſelbſt ſich aufgeladen und ein halbes Jahrtauſend lang ohne Murren ertragen haben, und das iſt die Gewalt des Rechts! Weh dem, der einen Stein wider ſie ſchleudert, er zerſchmettert nicht ſie, ſondern ſich ſelbſt, denn der prallt ab und auf ihn zurück. Oder bin ich's, der zu Dir redet, iſt's nicht das ganze deutſche Reich? Albrecht. Sei's ſo! Ich wußte nicht, daß der Tod darauf ſteht, eine Perle aufzuheben, ſtatt ſie zu zertreten, aber ich hab's gethan und will's büßen. Heran, Bär und Wolf, ſchießt auf mich herab, Adler und Geier, und zer— fleiſcht mich! Nicht mit der Hand will ich mich wehren, wenn Ihr thut nach des Kaiſers Gebot! och die ffnen? ewigen getilgt hoven). dientꝰ thigen, te zer⸗ Du er⸗ rDir ind ein haben, einen ondern der bin Reich? r Tod treten, ir und d zer⸗ ehren, Agnes Bernauer. 3 Ernſt. Haſt Du ſolche Eil, vor Deinem Richter zu erſcheinen? Noch hat er dieſe Todten und ihre Wunden nicht gezählt und Du weißt ſo gewiß, wie er Dich empfan— gen wird? Albrecht. O, ihn fürcht' ich nicht, er wird's ſchon vergeben, daß ich ſein liebſtes Kind bei der Hand gefaßt habe, er weiß ja, wie ſchön und edel er's gemacht hatte! Ernſt. Mein Sohn, geh' in Dich! Es iſt wahr, Du kannſt Deine Schuld noch vergrößern, Du kannſt Dir den Tod ertrotzen, oder Dich, wer will's hindern, hinterrücks aus der Welt wegſtehlen, Du kannſt aber auch Alles wie— der gut machen! Thu's, o thu's, faſſe einen Entſchluß, daß Du vor Deinen Ahnen nicht zu erröthen brauchſt, füge Dich! Dieß Schlachtfeld wird einſt furchtbar wider Dich zeugen, ſie Alle, die hier blutig und zerfetzt herum liegen, werden Dich verklagen und ſprechen: wir fielen, weil Her⸗ zog Albrecht raſ'te! Weh Dir, wenn ſich dann nicht eine viel größere Schaar für Dich erhebt und Deine Ankläger zum Verſtummen bringt, wenn nicht Millionen ausrufen: aber wir ſterben in Frieden, weil er ſich ſelbſt überwand! Denn das hängt davon ab, daß Du lebſt, davon ganz allein! Albrecht. Die Unſchuldige ſollte modern und ich— — Welch ein Schurke wär' ich, wenn ich auf Euch hörte! Ernſt. Du biſt nicht, wie ein Anderer, der die Ge— rechtigkeit dadurch verſöhnen kann, daß er ihrem Schwert reuig den Hals darbietet, von Dir verlangt ſie das Gegen— theil! Schau dieß Banner an, es iſt Dein Bild und kann 134 Agnes Bernauer. Dich's lehren! Es ward aus demſelben Faden geſponnen, woraus der letzte Reiter, der ihm folgt, ſein Wamms trägt, es wird einſt zerfallen und im Winde zerſtäuben, wie dieß! Aber das deutſche Volk hat in tauſend Schlachten unter ſend Schlachten unter ihm ihm geſiegt, und wird noch in tau erzupfen, nur ein ſiegen, darum kann nur ein Bube es z Narr es flicken wollen, ſtatt ſein Blut dafür zu verſpritzen und jeden Fetzen heilig zu halten! So iſt's auch mit dem Fürſten, der es trägt. Wir Menſchen in unſ'rer Bedürftig— keit können keinen Stern v ihn auf die Standarte zu nageln, und de s dem Paradies in die Wüſte om Himmel herunter reißen, um r Cherub mit dem Flammenſchwert, der uns au hinaus ſtieß, iſt nicht bei uns geblieben, um über uns zu richten. Wir müſſen das an ſich Werthloſe ſtempeln und ihm einen Werth beilegen, wir müſſen den Staub über den Staub erhöhen, bis wir wieder vor dem ſtehen, Könige und Bettler, nur Gute und Böſe kennt und der ſeine Stellvertreter am ſtrengſten zur Rechenſchaft zieht. Weh dem, der dieſe Uebereinkunft der Völker nicht verſteht, Fluch dem, der ſie nicht ehrt! So greife denn endlich auch in Deine Bruſt, ſprich: Vater, ich habe geſündigt im Him⸗ mel und vor Dir, aber ich will's büßen, ich will leben! Albrecht. Hängt das von mir ab! Ernſt. Dieß Wort iſt mir genug! Deine Witwe ſelbſt wird für Dich beten! der nicht Gott wird Dich ſtärken, und Albrecht. Meine Witwe!? Ernſt. Was ich ihr im Leben verſagen mußte, kann n, t, 8¹ ter m ein zen em ig⸗ um dent üſte zu und den nicht der ieht. ſteht, auch Him⸗ Dich 1 kann Agnes Bernauer. 135 ich ihr im Tode gewähren und ich thu' es gern, denn ich weiß, daß ſie's verdient! Deine Gemahlin konnte ich nicht anerkennen, Deine Witwe will ich ſelbſt beſtatten und für ewige Zeiten an ihrem Grabe einen feierlichen Todtendienſt ſtiften, damit das reinſte Opfer, das der Nothwendigkeit im Lauf aller Jahrhunderte gefallen iſt, nie im Andenken der Menſchen erlöſche! Albrecht. Ich will— Ich will, was ich noch kann! (Gegen den Herold.) Kaiſerlicher Majeſtät meinen Reſpekt! Gu Eruſt.) Euch, mein Herr und Vater—(Er will ihm das Schwert überreichen.) Euch— Ernſt löffnet die Arme und ſchreitet ihm entgegen). Albrecht(weicht zurück, und zieht)h. Nein, nein! Die Hölle über mich, aber Blut für Blut! Ernſt. Halt! Erſt nimm den da!(Er reicht ihm den Herzogsſtab, den Albrecht unwillkürlich faßt) Der macht Dich zum Richter Deines Vaters! Warum willſt Du ſein Mörder werden! Preiſing. Herzog! Ernſt. So war's beſchloſſen! Und nicht bloß des Feierabends wegen! Ich brauch' ſein Ja! Kann er's mir in ſeinem Gewiſſen weigern, ſo ſteht's ſchlimm um mich! Albrecht. Mich ſchwindelt! Nimm ihn zurück! Er brennt mir in der Hand. Ernſt. Trag' ihn Ein Jahr in der Furcht des Herrn, wie ich! Kannſt Du mich dann nicht losſprechen, ſo ruf' ö 136 Agnes Bernauer. mich und ich ſelbſt will mich ſtrafen, wie Du's gebeutſt! Im Kloſter zu Andechs bin ich zu finden! Albre cht(will nieder knieen). Vater, nicht vor Kaiſer und Reich, aber vor Dir! Ernſt. Wart'! wart'! Mein Tagewerk war ſchwer, aber vielleicht leb' ich noch über's Jahr! Geht, zu Preiſing, als er folgen will.) Bleibt! An Einem Mönch iſt's genug! Druck von J. P. Sollinger's Witwe. gebeutſt! or Kaiſer ſchwer, Preiſing, genug! ccc 9938 3 41 eRN 4 5 ee Aeetitane e 1 3*3ꝗ 2