•v> UnüerkäuFfidies Werbeexemplar. Ueberreichf vom Herausgeber. 90k m )ie Polksaufklärung , herausgegeben von Dr, Martin ßobohm. llr. 3 Wir brauchen Kolonien , / Von ■ - Martin ßobohm Im Oktober 1918 Verlag von Bans Robert Engelmann Berlin W. 15. Aufruf t Dies Heft ist ein Glied in einer Reihe verschiedenartiger Schriften und Korrespondenzen, die von ztvanglos zusammenwirkenden Vaterlai dssreundeu verbreitet werden, um die gesunde politische Einsicht im Volke zu fördern. Das erste Ziel ist, der alldeutschen Agitation ebenso wie der chauvinistischen Bedrohung Deutschlands durch seine Feinde im Sinne einer durch Besonneuheit starken Reichspolitik entgegenzuwirken. Der alte nationale ©cift soll gepflegt werden: Kräftig deutsch, darum nicht alldeutsch; kein die Welt bedrohender Chauvinismus, aber auch kein utopischer Pazifismus, also kein Berzicht um des Friedens willen auf nationale Eigenart, Unabhängigkeit und Größe. Dre Mittel für diese Arbeit liefert ein aus freiwilligen einmaligen Beiträgen gesammelter Fonds, den ein Kvniitee verwaltet, bestehend aus den Herren Professor Otto Baumgarten, Kiel, Professor Hans Delbrück, Berlin, Professor Walter Goetz, Leipzig, und dem Un'er« zeichneten. Um diese Tätigkeit forlsetzcn und ausdehnen zu können, ist weitere Geldhilfe dringend nötig. Gegenüber der mit ungeheuren Mitteln arbeitenden Propaganda des Chauvinismus kann eine gesunde Aufklärungsarbeit nicht ohne Opfer durchgeführt werden. Daruni werden neue Beiträge, bedeutende und geringe, von jedem deutschen Leser erbeten. Sie sind einzusenden an das Bankhaus Delbrück, Schickler & Co., Berlin W. 66, Mauerstr. 62 (Postscheckamt Berlin, Konto-Nr. 400), Depositenkasse, Konto Professor Hans Delbrück, Separatkonto ick Auch um Mitwirkung bei der Berteilung der Aufklärungsschriften wird gebeten. Mit den verbreiteten Schriften erklären sich die Veranstalter nur dem Grundcharakter nach einverstanden, während in allen Einzelfragen derwechselndenStellung derHerrenVerfasserRaum gelassenwird. Charlottcnburg 1, Or. Martin Hobohm. Königin Luis -Str. u Vaterlandsdicnst. (Flugblätter derDcutschenKorrespondenz) >. fresihalten an der Neichstagsrcsotntion! Bon Pros Hans Delbrück. 2 Englands Schuld am Kriege. Von Prof. Hans Delbrück 3 Der Reichstag und die alldrutfche Gefahr Bon einem llngcnaiu'tcn 4 Grohadmiral von Tirpitz als Staatsmann. Bon Dr. Müller. Meiningen, Bi d. R 5. Baterlandepolltik. Bon Dr. Martin Hobohm 6. AUdeutschtum und Elinstentum. Bon Prof Otto Baumgarten 7. Hinhcs Aufgabe. Von Prof. Hans Delbrück. Ausgabe für den Buchhandel: Uerlag von Deine Robert Engrlrn nn. Seulirr W 15 Ladenpreis jedes Flngblat:es P enntg. Weibe-Exemvlare drrch den Heransglber Dr. Mart in Hobohm, Charlottenburg 3, Konigin-2u se-Ctr. li. roW^“' ^ f Mir brauchen Kolonien. Der Herbst des Jahres 1918, in dem dies geschrieben wird, ist eine Zeit militärischer Rückschläge und furchtbarer Sorgen für unser Volk. Welches sind in dieser Lage unsere Kriegsziele? Die Antwort lautet einfach: Dieselben, die es immer waren. So steht es wenigstens, wenn wir im Namen des besonnenen Teils im Volke sprechen wollen. Jene schnellfertigen Kriegszielpolitiker freilich müssen heute ihre Ziele enttäuscht zurückstecken, welche früher Unmögliches gewollt haben. Daß sie es taten, geht weniger zu Lasten ihres Charakters als ihrer politischen Urteilskraft; Vaterlandsliebe ist keine Schande, auch wenn sie blind ist. Die Masse der Nation aber hat Anmerkung: ES mag nützlich sein, hier einen Aufsatz vollständig wieder zu geben, in dem ich am 20. März 1918, nach der ersten SiegeSwoche der großen Offensive, das Programm unserer eisernen KriegSziele ebenso entwickelt habe, wie es in dieser Schrift geschehen soll. Ich schrieb in der „Deutschen Korrespondenz", Nr. 13, unter der Überschrift „Der Einfluß der Offensive auf die Kriegsziele": „Im Zeughause zu Berlin steht eine aüe Heerpauke mit gesprungenem Kalbfell. Ein altes Dokument besagt, daß das Fell einst vor lauter Jubel zertrommelt worden ist, als man zu Pfingsten des Jahres 1747 im Berliner Dom wegen «der Glorreichen Victorien» von Hohenfriedeberg daS Tedeum hielt. Was aber ist die Freude der Berliner über den Sieg von Hohenfriedberg gegen die unsrige in diesen Tagen? Begehrt sich nicht jeder Deutsche eine Heerpauke, um ihr dasselbe Schicksal zu bereiten? Und ist nicht das klopfende Herz der Nation ein einziges Tedeum laudamus? Heber dem Jubel steht der Geist nicht still, er ist erfüllt von großen Zukunftsgedanken: Von dem Dank an Gott, der uns gegeben hat, unser Wesen zu behaupten, und von der tiefgreifenden Frage, wie der Sieg nun in Politik umzusetzen sei. Der gewaltige Erfolg, an dessen Anfang wir vielleicht erst stehen, stellt uns vor eine Situation, die unsere Fähigkeit zur Größe, unseren Beruf zum reifen Weltoolk erproben soll; niemals war unserem Volke die politische Weisheit, weder zu wenig noch zu viel zu wollen, nötiger als in dieser Stunde. „DaS Zuvielwollen regt sich bereits im alldeutschen Lager, bei den Augenblickspolilikern, welche keinen politischen Gedanken haben, als zu nehmen, so viel sie kriegen können. Ihr Herzenswunsch ist eS, nach 4 Wir brauchen Koloniennichts zurückzurehmen: Die Uribeupsamkeit ihres Willens kommt auch darin zum Ausdruck, das; er sich gleich geblieben ist- Was wir im Siegesjubcl als Deutschlands notwendige Forderungen ansahen, war nicht ein willkürliches Programm undisziplinierter Begehrlichkeit, sondern das Ergebnis klarer Einsicht in die Lebensbedingungen der Nation- Unser eigentliches Ziel ist dies: Unsere Zukunft als Weltüolk sicherzustellen. Bon dieser Forderung lassen wir nichi mehr; sic einigt uns alle- Es ist nichts Kleines um diese Entschlossenheit- Denken wir uns ein halbes Jahrhundert zurück oder auch nur in das geglückter Offensive doch noch den falschen Siegesprcis zu fordern, der unseren schließlichen Untergang bedeuten müßte: die flandrische Küste- Durch das dauernde Fußsasien am Kanal will die alldeutsche Führung England, Frankreich und Holland (von Belgien nicht zu reden) «militärisch für immer in der Hand behalten»; das ist die eingestandenc Wahnidee des alldeutschen Verbantus und der Vaterlandspartei. Dies Ziel bedeutet die Knechtung Europas und den Kampf um die Weltherrschaft- Es ist die entscheidende Angelegenheit des politischen Augenmaßes, sich bewußt zu bleiben, daß wir dazu trotz aller nur denkbaren Siege auf dem Schlachtseide nicht imstande sind- Die Tapferkeit und alle ihre Ruhmestaten vermögen nicht, das Kraftverhälinis auf die Tauer umzuffürzen; unser Volk braucht keinen Mächtigeren über sich zu dulden, aber darum ist cs noch nicht mächtiger als alle anderen zusammengenommen- Die Hand nach der flandrischen Küste ausi'rccken, heißt den Völkerstreit verewigen bis zum endlichen unausweichlichen Verluste der deutschen Großmachtstellung- Tie Völker würden den deutschen Herrn so wenig dulden, wie wir Deutschen einen englischen, amerikanischen oder irgend einen anderen Tyrannen. „Und ist daS etwa nicht gut so? Sind wir Deutschen nicht ein Volk der Freiheit? Wer ist der Lästerer Deutschlands, der zu sagen wagt, wir wollten Freiheit und Recht nur für uns selbst, aber nicht für die Welt? Sind wir darum ein Volk der Tat geworden, um Gott zu betrügen? Gerade nun erst recht sind wir jetzt ein Volk des Rechtes, das-seine Kraft gebrauchen wild, um die Herrschaft der Gewalt auf dieser Erde brechen und die Herrschaft der Sittlichkeit an ihre Stelle setzen zu helfen. „Für diese Zukunftsarbeit der Menschheit wünschen wir freilich ohne Einschränkung Sitz und Stimme im Rate der Weltvölker und können niemals darein willigen, daß deutsches Wesen in der allgemeinen Kulturentwicklung nur eine Rolle zweiten Ranges spielen soll- Die volle Anerkennung dieses Anspruches ist unser Kriegsziel, und nimmermehr können wir uns durch seine Anerkennung mit Worten befriedigt erklären- Wir brauchen ein vollgemessenes Maß greifbarer Sicherheiten, Wir brauchen Kolonien. 5 letzte Jahrzehnt von Bismarcks Kanzlerschaft: Da hatte das Wort von der großen deutschen Zukunft noch einen engen, kontinentalen Sinn, da erkannte unser Volk noch nicht mit festem Willen die Konsequenzen aus seinem Beruf, ebenbürtig unter die Weltvolker zu treten; da war noch dem Deutschen in Riga und Brügge die Welt zu Ende. Heute ist es anders: Nach vier Jahren heißen Daseinskampfes und den Abgrund des Feindeshasses vor Augen, wissen wir doch mit und unsere Bundesgenossen brauchen sie auch. Auf eine große Stärkung unserer Grenzen in Europa zwar dürfen und müssen wir — zumal nachdem uns die Zertrümmerung des russischen Kolosses gelungen ist — durchaus verzichten: Unsere strategische Stellung ist für Nerteidigungszwecke unzweiselbast stark genug; durch eine wesentliche Vergrößerung würde sie den Nachbarn unerlräglich und dadurch ein Hindernis für einen dauerhaften Frieden werden. Umso schlechter aber steht es außerhalb Europas, und das bedeutet für uns keine geringere Gefahr, als wenn wir daheim Stücke von unserem Leibe verlören. Wenn wir nicht ein großes Kolonialreich gewinnen, dann sind und werden wir kein Weltvolk, dann können wir unserer Weltwirtschaft nicht den neuen Unterbau schassen, der nötig ist, um dem Muttertande die volle Leistuugssähigkeit und Widerstandskraft zu geben. Tie kolonialen und weltwirtschaftlichen Zukunft? erfordernisse entscheiden über unsere Zukunft genau so wie der — ebenfalls noch nicht beendete — Kampf um unsere Westgrenze. „Hier also muß das deutsche Volk sich hüten, zu wenig zu wollen. Und hier wird auch die große Offensive wohl noch nicht unmittelbar zum Ziele führen, sondern wir müssen uns mit größter Energie auf eine Fortsetzung des Krieges cinrichtcn. Selbst wenn Frankreich einmal zum Frieden bewogen werden sollte, ist England, zumal mit Amerikas Hilfe, noch zum Weiterkämpfen imstande. Ter U-Boolkrieg vermag nicht von heute auf morgen zu wirken, auch jetzt noch nicht. Die englische Zähigkeit kann nicht leicht überschätzt werden. Selbst wenn der lange Max, oder wie die famose neue Kanone nun heißt, bis nach London hineinschösse, die englischen Vettern würden deswegen nicht nachgeben. Es besteht aber die Möglichkeit, daß sie uns während oder nach der Offensive einen Frieden anbieten, der schön aussicht, weil er uns Elsaß-Lothringen und unsere, europäische Stellung läßt, der unS aber um unsere Ansprüche draußen in der Welt betrügt. Tann heißt es also: Nicht zu wenig wollen, sondern weiter durchhaltcn und siegen, bis die andere Hälfte des Kriegszielcs auch durchgesctzt ist. Wird der Kampf doch dann voraussichtlich ein gut Teil leichter geworden sein, und die Frucht des U-Bootkrieges muß Schritt sür Schritt zur Reife gelangen. Der Gedanke, daß der Friede noch nicht gesichert ist, ist schwer, aber wir dürfen nicht vor dem Ziele matt werden. Was der englische Vetter kann, können wir auch " 6 Wir brauchen Kolonien. eherner Gewißheit, daß Deutschland nicht weichen kann von dem Anspruch, an Freiheit des Schaffens auf dieser Erde keiner anderen Macht nachzustehen. Die Ereignisse der letzten Wochen haben es' uns unmittelbarer, als wir es früher vor Augen hatten, zum Bewußtsein gebracht, daß wir möglicherweise nach einem so langen ehrenvollen Widerstande doch noch besiegt werden können. Wir müssen damit rechnen, und der Chor wilder Feindesstimmen kündigt uns bereits an— so wild wie nur je nach deutschen Siegen der hitzigste Alldeutsche —, daß man uns Kolonien, Flotte, Ehre und Großmachtstellung nehmen wolle. Es ist möglich, daß übermächtige Gewalt Herr über uns werden wird. Aber unseren Stolz wird solches Unglück nicht beugen, wir werden uns niemals selbst aufgeben. ,,Mit einem Frieden der Vergewaltigung, der Demütigung und der Verletzung seiner Lebensinteressen wird sich das deutsche Volk nie und nimmer abfinden," so sagt der Aufruf des. sozialdemokratischen Parteivorstandes vom 18. Oktober 1918. Ueber- mächtige Gewalt kann unser Volk von seinem Weltberus zurückdrängen, aber sie kann ihm sein Recht darauf nicht mehr nehmen, und seine innerlichen Kräfte sind zu groß, als daß es an sein dauerndes Unterliegen zu glauben vermöchte. Die Entwicklung der Deutschen zum Weltvolk läßt sich nun nicht mehr zurückschrauben. Weil man uns unser Recht nehmen will, werden wir nur um so zäher daran festhalten. Und in der Stunde, da der übermütige Feind wieder in der Ausmalung unserer Zerstückelung schwelgt, richten wir unseren Blick über das Nächstliegende hinaus, auf die Bedürfnisse unserer kolonialen Zukunft. Die Erlangung eines Kolonialbesitzes, der unseren Kräften entspricht, gehört auch zur Durchsetzung unserer Gleichberechtigung mit den übrigen Weltvölkern. Bis auf den letzten Mann im Volke müssen wir es in der Feindesnot und dem wilden Durcheinander ausschweifender Feindesdrohungen klar vor Augen behalten, daß Deutschland einen vollen Anteil an der äußer-europäischen Erde und Wirtschaft haben oder jeder großen Zukunft entsagen muß. Von diesen Zielen können wir also so wenig lassen, wie von dem Schutz unserer heimatlichen Erde; auch sie sind ein Stück deutscher Selbsterhaltung. Wir brauchen Kolonien. 7 In dieser Forderung der Sicherstellung unserer kolonialen Zukunft waren sich in dem langen Streit um die Kriegsziele alle Parteien einig. Darüber haben wir in der vergangenen Zeit voller Zwistigkeiten zu wenig geredet: Wir haben uns zu sehr in diejenige Hälfte unseres Gedankenganges verrannt, die uns auseinanderführte, nämlich die Frage nach der Gestaltung unserer europäischen Stellung, und haben zu wenig die einigende Kraft dessen in den Vordergrund gestellt, was uns gemeinsam war. Der große Kriegszielstreit hat sich doch wesentlich um europäische Dinge gedreht; sein Brennpunkt war die Frage, wer fortan über die flandrische Küste herrschen solle. Und wenngleich dies alldeutsche Begehren nun, um mit Friedrich Nieinecke zu reden, vor der öffentlichen Meinung als Donquichoterie dasteht, so ist es doch zum Schicksal für uns geworden: Unsere innere und auswärtige Politik wird von dem Streben beherrscht und in andere Bahnen gelenkt, die Folgen jenes Irrtums einer Minderheit im Volke wieder gut zu machen- Und zu tief hat der Streit gegriffen, zu zügellos haben die Alldeutschen den Charakter, die Vaterlandsliebe der Leute, die Belgien nicht behalten wollten, verdächtigt, als daß man heute bereits über Deutschlands Weltstellung reden könnte, ohne den alldeutschen Weg von neuem als Irrtum zu erweisen. Die Pose, welche heute die alldeutschen Organe einnehmen: als ob Deutschland in sein nationales Unglück stürze, indem es dem anmaßenden alldeutschen Führeranspruch ein radikales Ende bereite — diese Pose muß unzweideutig als leer und hohl enthüllt werden, lim unsere wahren Ziele zu erreichen, brauchen wir Einigkeit; wir können nicht zulassen, daß die Verwirrung im Volke noch weiter genährt wird. An sich ist es natürlich sehr begründet, wenn die Erörterungen über die Gestaltung unserer Zukunft von den europäischen Dingen ausgehen; nur dürfen sie nicht dabei stehen bleiben. Deutschlands Ausdehnung und Einfluß in Europa wird noch für lange Zeit über seine politische Stellung im ganzen entscheiden. Es ist aber ein Fehler, zu glauben, daß diese politische Stellung Deutschlands unter allen Umständen mit der einfachen Anhäufung von Machtmitteln in Europa 8 Wir brauchen Kolonien. Verbessert, vergrößert, befestigt würde. In diese Richtung zielen die Fehlschlüsse vieler Alldeutschen. Ist Deutschland etwa gewillt und imstande, auf der Bahn der Machterweiterung bis zum Ende, bis zur unangreifbaren Herrscherstellung fortzuschreiten? Sind wir imstande, jeden Widerstand, welchen die Welt solcher Absicht entgegensetzen kann, mit Gewalt zu brechen? Nur dann wäre die unbekümmerte Eroberungspropaganda, wie sie in unserer Mitte getrieben worden ist, logisch zu verteidigen; politisch klug wäre sie auch dann keineswegs. In Wirklichkeit aber sind wir weder unserem inneren Wesen nach dazu gemacht, den Welttyrannen zu spielen, denn den militärischen und bureaukratischen Tendenzen im Lande stehen denn doch ganz andere und viel breiter verankerte Kräfte gegenüber; noch auch sind wir nach den in der Welt obwaltenden, in den vier Kriegsjahren zum Ueberfluß noch erprobten Machtverhältnissen auch nur von ferne imstande, eine solche Rolle zu spielen. Indem aber unsere alldeutschen Landsleute dem Traum nachhingen, Deutschland eine unangreifbare Herrscherstellung zu erkämpfen, bewiesen sie für sich selber, daß sie zu den Forderungen der Realpolitik noch kein klares Verhältnis haben. Und wie wirkten ihre Phantasien auf die außerdeutsche Welt? Die anspruchsvollen Schriften der Alldeutschen seien „das laut träumende Deutschland", so schrieb man im Jahre 1915 sogar in Holland und knüpfte an eine Reihe durchschnittlicher alldeutscher Machtphantasien aus dem letzten Vierteljahrhundert die leidenschaftliche Mahnung: „O Niederlande, seid auf der Hut!"*) Und vollends die Wirkung auf den Feind! Indem die Alldeutschen ihre Eroberungswünsche der ganzen Welt erzählten und tausendfältig drohend mit ihnen prahlten, boten sie unseren Feinden den Vorwand, unter dem Schein der Abwehr deutscher Herrschaftsgelüste nach der Zerstörung unserer Machtstellung überhaupt zu streben und die Völker zu Anstrengungen gegen uns aufzupeitschen, für die in Wirklichkeit gar kein vernünftiger Grund vorhanden ist. Und notwendig mußte der Streit um das flandrische Kriegsziel d er Schauplatz werden, auf dem diese Dinge am *) „Amsterdamer" vom 13. 6. 16. Wir brauchen Kolonien. 9 greifbarsten in die Erscheinung traten. Wenn Deutschland am Kanal Fuß saßt, so bedroht es nach Maßgabe der geographischen Verhältnisse Frankreich, Holland und England dermaßen, daß die freie Selbständigkeit dieser Mächte dadurch aufgehoben wird. Der Hauptgeschäftsführer des Alldeutschen Verbandes hat dieses Kriegsziel des Verbandes ausdrücklich damit begründet, daß wir vermöge der Position am Kanal „die von dieser Flanke her möglichen Gegner (alle natürlich!) militärisch in der Hand haben" würden.*) Allein der ungeheure Trugschluß dieses ausschweifenden Planes ist der, daß die Stellung am Kanal gerade durch ihre Europa beherrschende Wichtigkeit für uns unhaltbar ist. Weil sie jene drei Nachbarn so schwer bedroht, müßten wir von vornherein alle unsere Kräfte auf den Schutz dieser Neuerwerbung konzentrieren. Wir müßten Rüstungen machen, welche unsere erschöpfte Wirtschaft nicht zu tragen vermöchte, und die uns für alle die vielen großen wirtschaftlichen Aufgaben, die sonst unserer warten, keine Kraft übrig ließen. Und alle diese Anstrengungen wären von vornherein vergeblich. Die vorgeschobene, von Süden und Norden her umfaßte, von der See her bedrohte Position wäre militärisch überhaupt sehr schwer zu halten, sie würde zudem in dem uns maßlos feindlichen Belgien von vornherein nur als strengste Gewaltherrschaft zu behaupten sein, so daß ein großer Teil unserer gesamten Wehrkraft dafür dauernd verbraucht würde, ohne daß wir doch auf Erfolg rechnen könnten. Und wenn schon der gegenwärtige Krieg als ein Befreiungskrieg der meisten Völker gegen Deutschland geführt werden konnte, wie würde erst der nächste Krieg aus- sehen, den die Welt führen würde, um die in ihrer Selbständigkeit geknickten Westmächte Europas aus der Knechtschaft der alldeutschen Eroberer zu lösen! Schon dieser Krieg hätte schwerlich solange ausgedehnt werden können, wenn die feindlichen Regierungen nicht gegenüber dem belgischen Kriegsziel der Alldeutschen mit dem Schein des Rechts hätten behaupten können, in der belgischen Freiheit die eigene verteidigen zu müssen! Daß es ihnen mit dieser Auffassung nicht ernst war, und daß sie wohl wußten, wie wenig Deutschland in Wahr- *) Von Metinghoff-Scheel, Die Sicherheiten der deutschen Zukunft, t.915. 10 Wir brauchen Kolonien. heit an die Ausführung der alldeutschen Pläne zu denken imstande sei, dafür gibt es einen handgreiflichen Beweis in der Haltung Hollands. Dieser Staat hätte niemals neutral bleiben können, wenn er an die realpolitische Möglichkeit einer deutschen Absicht auf Belgien hätte glauben können. Wie klar man in ihm die Gefahren der alldeutschen Wünsche bezüglich Belgiens für das holländische Interesse erkannt hat, haben führende Mäuner, wie der ehemalige Ministerpräsident Heems- kerk und der Historiker N. Japikse, in deutschen Zeitschriften sehr kräftig ausgesprochen. Suchen wir uns also am Kanal dauernd festzusetzen, so wird Holland unser Todfeind. Und mit ihm werden es dann auch die übrigen Neutralen von heute, denn sie müssen aus einer solchen Politik folgern, daß wir aus Frieden und Gleichgewicht verzichten und eine wahnwitzige Unterjochungspolitik treiben, eine Gewaltherrschaft aufrichten wollen. Demselben Schlüsse können sich auch unsere Verbündeten nicht entziehen; und ihr Wille kann es nimmermehr sein, uns zu einer solchen Gewaltherrschaft zu verhelfen, welche auch ihre Selbständigkeit beeinträchtigen müßte- Kann sich jemand vorstellen, daß sich andere Mächte uns anschließen würden, um uns alldeutsche Politik machen zu helfen? Eine Politik im alldeutschen Stil nimmt uns also schließlich sogar die Bündnisfähigkeit. Was wie eine Politik der Kraft aussieht, ist in Wirklichkeit ein Gebäude von Trugschlüssen, ein ebenso trügliches wie gefährliches Spiel ungeschulter Gedanken, nur geeignet, im eigenen Volke die gefährlichste Begriffsverwirrung anzurichten und dem Feinde den erwünschtesten Vorwand wider uns zu bieten. Ueberblickt man Gunst und Ungunst unserer Lage im ganzen, so will es fast unbegreiflich erscheinen, daß die alldeutschen Landsleute genau die Politik gewählt haben, welche allein unsere große Zukunft gefährdete. Wir wuchsen vor dem Kriege so rasch empor, daß es kein Kunststück war, uns den Völkern als Weltgefahr zu verleumden. Wir enthüllten dann im Kriege selbst eine Kraft, welche den übrigen Mächten der Erde nur die Wahl läßt, diese Kraft entweder zu zertrümmern, oder aber sie als Faktor der Weltgestaltung anzuerkennen. Auf das Zertrümmern glauben sie jetzt Aussicht Wir brauchen Kolonien. 11 gewonnen zu haben, indem sie uns in Ausnutzung der alldeutschen Bestrebungen als den gemeinsamen Feind der Menschheit hinstellen und bekämpfen. Unsere sichere und aufwärts führende Entwicklung konnte also allein dadurch gefährdet werden, daß die Menschen gelehrt wurden, in uns die Unterdrücker der Völkerfreiheit zu sehen, daß sie von Grund aus mit der Kreuzzugsidee gegen die angebliche Gefahr der deutschen Welttyrannei erfüllt wurden, die doch in Wirklichkeit nicht besteht und nicht bestehen kann. Tritt es nun ins Licht, wie dringend die Realpolitik von uns eine ruhige Haltung, ein Maßhalten in Zukunftsprogrammen gefordert hätte? Wird es deutlich, daß solche Mäßigung mehr Kraft und Besonnenheit in sich birgt als das laute Pochen auf unsere Macht, das Drohen mit der Ueberlegenheit des deutschen „Herrenvolks"? Wie sind wir, die wir vom ersten Kriegsjahre an für dieses Progranmi der politischen Mäßigung neben der höchsten Anstrengung zur militärischen Niederringung des Feindes eintraten, von den Alldeutschen als schlechte Deutsche verkannt worden! Ob sie es nun wohl im Herzen einsehen, daß der Gedanke des Verteidigungskrieges ohne Eroberungsabsichten, den sie als eine nationale Schmach hinstellten, in Wahrheit den Weg zu der herrlichsten, machtvollsten Entwicklung bedeutete, die Deutschland erstreben kann? Unsere auswärtige Politik wird von zwei Grundforderungen bestimmt: einerseits eine Haltung zu zeigen, welche die Lüge von der deutschen Weltgefahr zunichte macht, und andererseits das volle Maß der Forderungen durchzusetzen, deren Erfüllung unsere Anerkennung als gleichberechtigtes Weltvolk bedeutet: die koloniale und weltwirtschaftliche Gleichstellung und. wie man neuerdings hinzufügen muß, die erneute Anerkennung unserer kulturellen Ebenbürtigkeit. Es ist entscheidend wichtig, sich klar zu machen, daß die Durchsetzung unserer berechtigten Forderungen durch die Jnnehaltung jener ersten, auf unzweideutige Gleichgewichtspvlitik zielenden Richtlinie nicht beeinträchtigt wird, sondern vielmehr umgekehrt davon ganz und gar abhängig ist. Wenn Deutschland über das Gleichgewicht nicht hinausstrebt, dann wirkt seine anerkannte Stärke und Leistungsfähigkeit zu seinem Vorteil, schafft 12 Wir brauchen Kolonien- ihm große Anziehungskraft und willige oder widerwillige Anerkennung, macht es bündnisfähig im höchsten Grade. Auf der anderen Seite aber läßt der Verlauf des Krieges auch ängstlichen Gemütern jenseits unserer Grenzen keinen Zweifel mehr darüber, daß wir zwar mächtig, aber nicht übermächtig sind, und daß uns die Natur der Dinge, wenn unsere natürlichen kolonialen Ansprüche befriedigt werden, zu der Partei des Weltfriedens und der gerechten Politik verweist. Ein gesunder Friede kann auch heute noch zustande kommen, sofern es den Chauvinisten in den feindlichen Ländern nicht mehr gelingen wird, unter Berufung auf die alldeutschen Ansprüche ihre Völker über diese klare Sachlage zu täuschen. Und ein solcher Ausgang des Krieges ist es, den das Interesse des Völkerfriedens, auch das wahre Interesse der uns feindlichen Völker, fordert. Wir glauben nicht, daß die ruhigen Elemente in der Entente sich ernstlich vorstellen, die deutsche Großmacht vom Erdboden vertilgest, sie zu einer geschichtlichen Episode machen zu können. Dazu sprechen die Erfahrungen mit der Lebenskraft und Reife des deutschen Volkes denn doch zu deutlich. Ueberdies werden uns auch in derZukunft immer wieder hinreichend mächtige Bundesgenossen zur Seite stehen, die einen solchen Freund sehr begehren, mit dessen Hilfe jedeHerrschaft einer dritten Macht unmöglich gemacht werden kann, und der doch erfahrungsgemäß nicht stark genug ist, um selber zum Herren zu werden. Vielleicht werden sehrbald andere, außereuropäischeMachtprobleme in den Vordergrund der Ereignisse treten, welche jede auf irgend welcher Seite etwa übrigbleibende Neigung ersticken werden, an einer leidlich gesunden Ordnung der europäischen Dinge zu rütteln. Die Alldeutschen haben den Fehler gemacht, nach Unangreifbarkeit der deutschen Stellung zu streben, und haben uns darüber in ernste Gefahr gebracht, das Gleichgewicht der Kräfte zu verlieren, auf dem unser Dasein beruht. Unangreifbar zu sein, ist ein trügliches Ideal, denn es ist nur durch die deutsche Weltherrschaft zu verwirklichen, die wir nicht als ein mögliches und als ein sittliches Zwl ansehen können. Eine Verständigung mit dem Feinde auf Grund eines erprobten Gleichgewichts der Kräfte ist das Mögliche, nach dem wir streben Wir brauchen Kolonien. 13 können, während unbedingte Sicherheit gegen neue Angriffe unmöglich, also ein leeres Wort ist. Wir werden auch nach demKriege unsereHäfen keinesfalls am freien großen Ozean haben, weil ein solcher Gewinn mit'bem Gleichgewicht, über das wir nicht hinaus wollen und können, nicht vereinbar wäre; aber unsere Schiffahrt würde nach einem Friedensschluß auf Grund des Gleichgewichts der Kräfte dadurch gesichert sein, daß ein zweiterKrieg gegen das deutsche Reich noch überflüssiger wäre als der erste- Unser rheinisches Industriegebiet wird immer so nahe an der Grenze liegen, daß es im Kriegsfall sehr gefährdet ist; aber wollten wir zu seiner Sicherung neue Provinzen davor legen, so würde das den Krieg um die Weltherrschaft bedeuten, bei dem wir unser Industriegebiet und unser Reich dazu verlieren würden. Daß Belgien nicht gegen uns mißbraucht und zu einer englisch-französischen Festung ausgestaltet wird, dagegen würden uns nicht die „papierenen Verträge" eines Ver- stündigungsfriedens sichern, über welche dieAlldeutschen zuspotten lieben, sondern die Machtverhältnisse, auf Grund deren diese Verträge zustandekommen würden. Auf unmittelbare undunbedingt wirksame Sicherheitsmaßregeln sinnen, hieße über den Sicherheitsmaßregeln den Frieden selber preisgeben. Es ist auch eines starken Volkes nicht sehr würdig, über das möglicheMaß hinaus um sedcn Preis nach unbedingter Sicherung vor Gefahren zu jammern. Bleiben wir gefährdet, so bleibt es doch auch jeder, der uns in Zukunft wieder zu gefährden wagen sollte. Und ist uns nicht im Osten der übermächtige Feind dahin gesunken, haben wir dort nun nicht umgekehrt ein riesiges Arbeitsfeld zur sicheren Betätigung unseres kulturellen Einflusses gewonnen? Die Wiedererstehung einer starken Militärmacht Rußlands ist für absehbare Zeit als unmöglich anzusehen, weil die alten Fundamente staatlicher Organisation und Leistungsfähigkeit dort völlig zerstört sind und die Vorbedingungen für einen Neubau, der überdies nicht in kurzer Frist zu- sammenkommen könnte, vollständig fehlen. Ein unermeßliches Glück ist uns damit beschieden gewesen, daß wir des gefährlichen Nachbarn, dessen Riesenmafse schwer auf unsere Grenze drückte, ledig geworden sind. Wie kam es doch? Die Feinde sagen, es sei ein Sieg der alldeutschen Bestrebungen, 14 Wir brauchen Kolonien. man erkenne an Rußlands Schicksal die ganze Gefährlichkeit des alldeutsch regierten Reiches für seine Nachbarn, und die Welt müsse sich aufraffen, um das Schicksal Rußlands von sich abzuwehren. So ist unser Sieg im Osten in unzweifelhaft wirksamer Weise ausgenutzt worden, um uns die Abwehr im Westen zu erschweren. Und die Alldeutschen ihrerseits stimmen gar so laut wie möglich in diese Melodie mit ein! Sie bezeichnen den Ostfrieden als ihr Werk, um sich dadurch im Volke, das zur Widerlegung zu ungeschult ist, Ansehen zu verschaffen. Unter allen alldeutschen Mißgriffen ist dies vielleicht der kurzsichtigste und handgreiflichste. Es ist wahr, es hat seit langer Zeit alldeutsche Stimmen gegeben, welche die Zertrümmerung Rußlands gefordert haben, aber war damit irgend etwas geleistet? Die einzige politische Wirkung, die damit erzielt worden ist, war die, daß man in Rußland diese alldeutschen Drohungen als Entschuldigung der eigenen Kriegsabsicht verwendet hat. In Deutschland haben diese Zertrümmerungsträume überhaupt nichts bedeutet, sondern Volk und Regierung waren gleichermaßen entschlossen, Frieden zu halten, in der Gewißheit, daß unserer wachsenden Kraft auch im Frieden ihr natürlicher Anteil an der Erde trotz aller mißgünstigen Nachbarn schließlich zufallen müsse. Der russische Riese aber stürmte zum Angriff heran und blieb mit zerschmettertem Haupt vor unserer eisernen Mauer liegen. Was hat das mit alldeutscher Politik zu tun? Wenn ein eroberungslustiger Angreifer von dem Angegriffenen zu Boden gestreckt wird, so ist das ein Gottesgericht und weiter nichts. Unsere Entlastung im Osten ist so wenig wie nur möglich eine Frucht alldeutscher Bestrebungen, sondern sie ist ein überwältigend herrlicher Erfolg unserer siegreichen Verteidigung. Die Dampfwalze der Zarenmacht ist gesprengt, an ihrer Stelle ist vor unseren Linien ein weites staatliches Chaos, im großmächtlichen Sinne ein Vakuum übrig geblieben. Dort hat das Schicksal uns nun das eingeräumt, was wir in solchem Maßstabe nicht mehr erwarten durften: ein ungeheures kulturelles Einflußgebiet in Europa selbst. Bisher erschien das nach Osten ebensowenig denkbar wie nach allen übrigen Richtungen. Am wenigsten ist es natürlich nach Wir brauch«» Kolonien. 1.5 Westen hin möglich, wo reife Völker mit alter Kultur uns selbstbewußt gegenüberstehen, an die Ueberlegenheit ihres Wesens mit genau dem gleichen subjektiven Rechte glaubend, wie wir an die des unsrigen. Ein Volk, wie etwa die Belgier, einzudeut- schen, wäre eine von vornherein verfehlte Aufgabe und wäre nach dem alldeutschen Eisenbart-Rezept für „Herrenvölker"*) am allerwenigsten zu lösen. Im Südosten, dem Balkan und dem vorderen Asien, erwarten uns bereits länger als im Osten reiche Arbeitsmöglichkeiten, soweit die dortigen, ihre staatliche Eigenart rasch vertiefenden und modernisierenden Völker noch das Bedürfnis haben werden, sich an uns anzulehnen. Im Osten aber haben wir nun unzweifelhaft eine große europäische Sendung erhalten. Hier braucht man tausendfältig Hilfe, und wir sind der nächste leistungsfähige Nachbar. Ueber Sympathien wollen wir uns keine falschen Vorstellungen machen: Nicht Liebe bringt man uns entgegen, oft genug wohl gar ein gefühlsweiches Grauen; aber man empfindet, daß man uns braucht. Die Not zwingt die Völker.von der Ostsee bis zum Kaukasus, uns in Anspruch zu nehmen. Unsere Begriffe der Ordnung und des willenskräftigen Schaffens, in denen wir uns selbst noch so wenig genügen, haben für die Primitivität, die phantastische Ziellosigkeit östlichen Lebens und das dämonische Gebrodel seiner Politik eine ungeheure schöpferische Kraft. Hier haben wir zu geben, hier können wir lehren, heilen, säubern, ordnen, bauen. Nur eins können wir nicht: herrschen. Als Staat haben wir dort keine Zukunft. Die östlichen Völker wollen alle Herren im eigenen Hause sein. Sie werden alles Lernbare von uns zu lernen suchen, sie werden uns wirtschaftlich nützlich sein, sich Eisenbahnen und anderes mehr von uns bauen lassen, sie werden selbst unsere Ratschläge annehmen, wenn wir sie ihnen richtig zu erteilen verstehen — aber unsere Untertanen sein können sie nicht. Unsere Arbeit wird den östlichen Völkern gerade helfen, ihre Eigenart und ihr staatliches Selbstbewußtsein zu entwickeln, Eigenschaften, durch die sie von uns mehr und mehr unabhängig werden müssen. Das „Selbstbestimmungsrecht der *) Vgl. }. B. Alldeutsche Blätter vom 30. 8. 1913. V iS Wir brauchen Kolonien. Völker" ist in der wahllosen sofortigen Anwendung an jeder Stelle des Erdballs nicht durchführbar; aber es ist einer der großen erzieherischen Gedanken der Menschheit. Wir Deutschen, die wir doch darauf angewiesen sind, diesem Gedanken die Bahn brechen zu helfen, haben uns leider in einer überflüssigen Kritik daran gefallen, die unserem politischen Ansehen nicht vorteilhaft war. Daß die Alldeutschen, denen er das Konzept verdirbt, ihren oberflächlichen Spott darüber ausgegossen Haben, nimmt niemanden wunder; aber es ist beklagenswert, daß auch Politiker der maßvollen Richtung nichts , weiter über diesen Gedanken geäußert haben, als daß er sich mit den Forderungen der Praxis oft schwer vereinigen lasse. Ist es denn nicht mit jedem erzieherischen Gedanken des Völkerlebens so? Ist nicht zum Beispiel die Freiheit auch ein hohes Ideal? Wie unendlich bedingt aber ist doch ihre Durchführung! Wir Deutschen müssen gerade den Ostvölkern ihr Selbstbestimmungsrecht in einem Grade zu entwickeln helfen, der für chie Handhabung dieses Prinzips, wenngleich noch nicht vollendete, so doch praktisch bahnbrechende Normen schafft. Warum müssen wir das? Warum müssen wir selbstlos sein im Osten? Warum dürfen wir nicht, wie die Alldeutschen träumen mögen, unsere Generäle mit ihren Armeekorps hinaussenden wie einst das weltbeherrschende Rom seine Prokonsuln an der Spitze der Legionen, keineswegs nur um Ordnung zu schaffen und wieder heimzukehren, sondern vielmehr um neue Provinzen zu annektieren und dort unsere Herrschaft aufzurichten? Weil die Menschheit reifer geworden ist als damals, und eine solche Erobererpolitik an dem sittlichen und politischen Widerstand in Deutschland selbst wie in der ganzen politischen Menschheit scheitern müßte/ Sittliche Politik ist heute Realpolitik geworden. Und wiederum übt hier der Gedanke des Weltgleichgewichtes seine entscheidende Kraft aus: Wenn es denkbar wäre, daß Deutschland den Osten Europas gewaltsam germanisierte, so würde seine Macht unverhältnismäßig anwachsen, und eben dadurch wird eine solche Entwicklung vollends unmöglich: der ungeheuren inneren Widerstandskraft der Ostvölker selbst gegen einen solchen Vergewal- tigungsprvzeß würde und wird in der Tat aus der nicht- Wir brauchen Kolonien. 17 deutschen Kulturwelt soviel Unterstützung und antideutscher Einfluß zugeleitet werden, daß solche Pläne davor verschwinden müssen. Auch hier heißt es also über phantastischen Trugbildern nicht die sichere große Zukunft verscherzen. Großen Ertrag wird uns das neue weite Arbeitsfeld unter allen Umständen bringen, das sagt uns unser sicherer Instinkt eines schaffensfreudigen Volkes. Wir sehen noch nicht, wie dieser Ertrag im einzelnen aussehen wird, wir sehen vorerst sogar nur eine Festlegung eines fast übergroßen Teiles unserer Kraft, verwickelte Sorgen und Aufgaben, einen weiten Tummelplatz für die Machenschaften unserer Neider in der Welt. Es ist, wie Hans Delbrück gesagt hat, zunächst überhaupt kein Machtzuwachs, den uns der Ostfriede bringt, sondern vielmehr eine sorgenvolle Bindung unserer Macht.*) Aber die Erfüllung eines großen Berufs trägt ihren Lohn in sich. Ist die große Leistung der Emporführung Osteuropas zur Fähigkeit einer eigenen reifen Kultur erst vollbracht, dann werden wir nicht mehr zu fragen brauchen, wieso sie auch uns selbst gefördert hat. Die Wendung der Dinge im Osten gibt uns aber auf keinen Fall diejenige Erweiterung unserer staatlichen und wirtschaftlichen Existenz, die wir brauchen, um uns neben Weltmächten wie namentlich England und Amerika in Zukunft behaupten zu können; im Gegenteil, die großen östlichen Anforderungen an unsere Leistungskraft lassen nur um so deutlicher ins Licht treten, daß unser schmaler Heimatboden nicht hinreicht, um die Riesenwirtschaft einer Großmacht darauf aufzubauen. Dazu brauchen wir ein umfangreiches Kolonialreich, das nach Lage der Dinge nur in Mittelafrika liegen kann. Es steht fest, daß wir ohne reichliche koloniale Produkte unsere Industrie und Landwirtschaft nicht weiter führen können, daß wir nur als eine auf eigenen Füßen stehende Rohstoffmacht uns zwischen den anderen Weltmächten behaupten, ihnen etwas bieten und etwas abnehmen können. Wie stark diese Interessen unser ganzen Dasein beherrschen, wird der zweite Teil dieser Schrift an einigen Einzelgebieten anschaulich machen. *) Preußische Jahrbücher Bd. 172, S. 133 ff. Aprilheft 1918. Aolkiauskliirungl». IS Wir brauchen Kolonien. Neben dem heimischen muß ein überseeisches Deutschland erstehen. Auch dieses muß groß genug sein und in sich selbst reif genug entwickelt werden, um eine Zeitlang für sich allein bestehen zu können. Es muß im Zusammenwirken mit einem freien Welthandel der Heimat hinreichende Mengen an Rohstoffen liefern, damit diese zu arbeiten und zu leben hat und Vorräte aufstapeln kann. Auch hier wieder gilt, was von der Sicherung für den Fall eines neuen Angriffs auf uns ausgeführt wurde: Eine unbedingte Sicherung unseres Besitzes gibt es nicht. Kleingläubige Patrioten fragen: Was nutzt uns ein großer Besitz in Mittelafrika, wenn wir den Weg dorthin nicht sicher beherrschen, so daß er uns bei Kriegsausbruch sofort wieder verloren geht? — Demgegenüber muß inan sich klar machen, daß eine unbedingte Sicherung des Weges nach Afrika nur in Gestalt der unbedingten Herrschaft auf der See zu erlangen ist. Hat aber etwa Deutschland die Kräfte, die Seeherrschaft an sich zu reißen, einen „neuen Königsfrieden" zur See aufzurichten, wie es eine Programmschrift des, Alldeutschen Verbandes gefordert hat? Nein, diese Fähigkeit hat es nicht, sondern es muß sich begnügen, nach einer Stellung in der Welt zu streben, welche einen neuen Krieg so unwahrscheinlich wie- möglich macht, und der dennoch bestehen bleibenden Möglichkeit eines künftigen Anfalles furchtlos entgegensetzen. Die Erlangung und Sicherung eines hinreichenden Kolonialbesitzes ist abhängig von einer gesunden Ordnung der Weltverhältnisse überhaupt. Seine künftige Sicherheit und die Sicherheit unseres Seeverkehrs nach einem Verständigungsfrieden wird darin bestehen, daß die Weltlage dann einen Krieg gegen das deutsche Reich nicht mehr vorteilhaft erscheinen lassen wird. Die wirksamste Art, wie wir diese Güter verscherzen können, ist eine alldeutsche Haltung den europäischen Problemen gegenüber, also eine Haltung, welche nicht auf die Schaffung und Erhaltung eines lebensfähigen Friedens, sondern auf unsere Gewaltherrschaft hinzielt und dem Kampf gegen Deutschland neue Aussichten schafft. Ein Deutschland, daß in Europa unannehmbare Bedingungen aufstellt, ^verliert mit der Möglichkeit, sie durchzusetzen, auch die Aussicht aus die Erlangung Mr brauchen Kolonien- I» des Kolonialreichs, das ihm erst eine gesunde Lebensfähigkeit für die Zukunft schaffen soll. Ein Deutschland, daß zum Beispiel die flandrische Küste in seine Gewalt bringen wollte, würde mit dieser Küste durchaus noch nicht die Seeherrschaft und den unbedingt sicheren Weg nach Afrika erlangen, aber es würde um dieser Küste willen alles, was es hat und ist, opfern müssen und sie doch nicht behaupten. Wer zweifelt, daß wir das Kolonialreich leichter erringen werden als Flandern? Und welches Ziel ist gesünder? Nicht Krieg und Herrschaft ist es, was wir brauchen, sondern ein gesunder Friede, den wir, und den die anderen halten können. Daß aber Deutschland nicht mit einem Frieden einverstanden sein könnte, der seine kolonialen Forderungen nicht erfüllte, liegt zu deutlich auf der Hand, als daß wir glauben könnten, unser entschlossener Wille in dieser Richtung werde auf unüberwindlichen Widerstand stoßen. Was sind alle ausschweifenden feindlichen Drohungen gegen die Notwendigkeit einer sinnvollen Ausgleichung der Machtverhältnisse in der großen Welt? Wenn der Weltfriede, der diesen Krieg beendigen wird, mehr sein soll als ein bloßes Provisorium, so muß er alle wichtigen schwebenden Fragen befriedigend lösen. Das Maß von militärischer und politischer Leistungsfähigkeit, welches wir im Kriege bewiesen haben, stellt unser geschichtliches Recht auf umfassende Mitwirkung an der Kolonisation von neuem außer Frage. Unser Volk hat durch seinen fast übermenschlichen Widerstand gegen den großen Völkeransturm, durch seine zähe, opfervolle, riesenhafte Kriegsarbeit seine Jugendkraft und sein Recht auf Weltgeltung auf das Glänzendste bewährt. Und zur Weltgeltung bedarf es eines großen Kolonialreiches. Auch unsere frühere Arbeit in unseren Kolonien hat unsere Fähigkeit auf diesem Gebiete mehr als hinreichend dargetan: widerwillig haben die Engländer das auf Grund ihrer Beobachtungen im Kriege zugestehen und inmitten aller ihrer ungereimten Haßgesänge anerkennen müssen. Daß unsere kleinen, verstreuten Kolonien im Fall eines Weltkrieges zunächst verloren gehen würden, war von vornherein anzunehmen: überraschend ist nur das Eine, daß ihr Heldenmut sich so lange gegen feindliche Ueber- macht hat halten können. 2 * 20 Wir brauchen Kolonien. Wir fordern sie ausnahmslos zurück, diese Gebiete, in denen so viel deutsche Arbeit, so viel Opfer und Hoffnungen stecken. Es wird Sache der Regierung sein, zu entscheiden, was wir davon hingeben können, um dafür neue Gebiete.einzutauschen. Entwicklungsfähig in großem Stil erscheinen uns allein die afrikanischen Kolonien. Ein zusainmenhängendes Deutsch- Mittel-Afrika bedeutet für uns in greifbarer Gestalt unseren natürlichen Anteil an dem kolonialen Erbe. Es ist imstande, für sich zu bestehen, ein eigenes neues Kraftzentrum zu bilden. Ein solches Reich erst kann uns diejenige Erweiterung unseres politischen und wirtschaftlichen Einflußgebietes bedeuten, welche unsere Weltstellung fest unterbaut. Nur der eigene Besitz kann uns das geben. Welchen Umfang, welche Grenzen er haben soll, darüber mögen die Minister für uns sprechen. Der nationale Wille steht über den Fragen der Taktik; er bringt das Gesetz der inneren Notwendigkeiten zum Ausdruck. Wir Deutschen dürfen uns nicht in Europa einsperren lassen, aus idealen wie materiellen Gründen nicht. Täten wir es, so hieße das moralisch und politisch abdanken. Die Zeiten sind vorbei, da Europa die Welt war. Seine vergangene Herrscherstellung unter den Erdteilen ist wie eine Erinnerung an eine Art Kleinstaaterei. Seine Führerstellung im Reiche der Kultur aber, zu der es durch den Vorsprung der Jahrtausende noch immer berufen ist, kann nicht durchdringen, wenn es sich nicht im geistigen Wetteifer mit den selbstbewußt emporstrebenden Völkern der anderen Kontinente verjüngt und seine in sich selbst entwickelte Kraft hinaus ins Weite wenden, an den wechselnden Verhältnissen aller Zonen erproben will. Für uns Deutsche gilt das ganz besonders; wir haben diesen Weg nur erst zu beschreiten angefangen. Wir haben lange innerlich an uns gearbeitet und unser produktives Können bewährt, wir haben, fast zuletzt, auch unsere staatenbildende Kraft bewiesen; nun nehmen wir für uns in unmittelbarerer Weise als bisher das Recht und die Pflicht in Anspruch, unser Wesen als Einschlag in das Gewebe der Menschheitsentwicklung einzufügen. Und wenn die übrigen Kulturvölker sich von ihren Chauvinisten vorlügen lassen, wir seien schlechter als sie, so wird uns das nicht aus der Bahn drängen; wir werden es Wir brauchen Kolonien. 21 durch die Aufzeigung ihrer eigenen Sünden widerlegen. Wir beanspruchen nicht mehr Geltung als irgend einer unserer Nachbarn auf diesem Planeten und haben uns durch die Uebertreibungen der alldeutschen Bewegung besonders davor hüten gelernt, uns für die einzigen Kulturbringer der Welt zu halten. Aber ebensowenig werden wir uns ausschalten lassen. Das Vorhandensein der Deutschen in der Welt zu ignorieren, diese Donquichoterie des Völkerhasses, ist ein aussichtsloses Bestreben, das den Krieg, den Völkerzwist verewigen und doch nie zum Ziele führen würde. Und nichts kann nun die innere Entwicklung unseres Wesens besser fördern als die Loslösung von heimischer Engigkeit, die Hinlenkung auf die freie, starke, stolze Art kolonialen Lebens, das Unbekümmerte und Sieghafte einer in die unbegrenzte Weite gerichteten Tatkraft. Das haben wir an unseren Kaufleuten schon zur Genüge erfahren, die sich die Welt zum Felde erkoren; und das ganze Volk wird freier und größer werden, wenn es durch und durch mit dem Sauerteig dieses neuen Geistes durchsetzt wird. Alle die fatalen Fehler unserer Lebensart, welche uns draußen neben der böswilligen Verleumdung auch viel ehrliche Abneigung schaffen, sind Nachwirkungen von Schattenseiten unserer Entwicklung und sind auszumerzen, indem wir unsere Kraft an außerdeutschen Ver- bältnissen üben. Die Ausländsdeutschen selbst waren bisher über die alten Fehler nicht durchweg hinausgewachsen, und sie werden für sich selbst, für die Nation und für die Menschheit am besten wirken, indem sie denjenigen Typus verallgemeinern, der ein wahres deutsches Weltbürgertum darstellt; ein Weltbürgertum in einem neuen praktischen Sinne, das mit dem alten Weltbürgertum des betrachtenden Geistes eine edle und fruchtbare Verbindung eingehen kann. >'T Ob diesen Pionieren unserer schaffenden Kraft die Welt offenstehen, ob das Deutsche Reich überhaupt beim Friedensschluß Bedingungen zu stellen haben wird, das versucht heute die Feindschaft der Völker, mit denen wir kämpfen, in Frage zu stellen. Wir haben die Gefahren unserer Lage voll vor Augen. Menzel hat einmal Friedrich den Großen gezeichnet, ruf einem engen Felsen stehend, auf drei Seiten den Abgrund, 22 - Wir brauchen Kolonien. nach der vierten hin, wo die Angreifer nahen, den Degen zückend. So ist auch unsere Lage nun. Aber wir sind stärker als der einsame König: Wir stehen als ein großes Volk da, das in dem Willen einig ist, von seiner nationalen Unhängig- keit und Größe nimmermehr zu lassen. Die Matten unter uns bedeuten nichts; es hat ihrer noch überall gegeben, wo ein Volk sich zur Größe durchdrang; was sind sie wider den trotzigen Willen der Nation? Und noch ist unser Schwert nicht stumpf. Wohl wissen wir nicht, ob das Kriegsglück sich wieder zu unseren Gunsten wenden lassen wird; vor falscher Sicherheit müssen wir uns hüten. Auch für uns ist Unglück aus dem Schlachtfelde nicht unmöglich. Ein Wunder wäre es nach dem, was wir ertragen haben, nicht mehr. Wir haben aber die Nerven, auch die Niederlage zu überwinden. Wir können Unglück haben, aber wir können uns nicht selbst aufgeben. Je größer die Not, desto größer das Volk. Unser Glaube ist, daß Deutschlands Nolle nicht ausgespielt sein kann. Mögen wir geschlagen werden: So werden wir unsere Kräfte verdoppeln, um wieder emporzukommen. Das Unglück, die Wildheit der Sieger wird unsere Kräfte erst stählen. Wir wissen nicht, wie es morgen in der Welt aussehen wird, aber das wissen wir, daß wir uns nicht darum zur Aufrichtung unseres Volksstaates durchgerungen haben, um ihn fremdem Willen preiszugeben. Der Feind komnkU unserer Selbstachtung selber zu Hilfe. Wilsons Note vom 14. Oktober verlangt, daß wir unsere Staatsordnung ändern, weil sich erwiesen habe, daß sie „im geheimen und aus alleiniger Wahl den Frieden der Welt stören" könne. Damit wird Deutschland als der Schuldige des Weltendramas hingestellt. Wir wollen durchaus nicht die Fehler, die wir gemacht haben, ableugnen; aber wie steht es mit den Feinden? Sind dem amerikanischen Präsidenten russische, französische, englische, italienische Regierungsmethoden unbekannt? Wo ist seine Aufforderung an Frankreich, England, Italien, ihre Regierung zu beseitigen, weil sie „im geheimen und aus alleiniger Wahl den Frieden der Welt stören" kann? Und ist Wilsons eigenes Gewissen wirklich so rein? Wer hat denn jahrelang gegen Deutschland Krieg geführt — ohne Krieg? Und sollte er vielleicht an das glauben, was die Wir brauchen Kolonien.' 23 amerikanische Presse über Deutschland zu schreiben pflegt? Wir vermögen ihn nicht für so unbedeutend zu halten, daß wir seine einseitige Anklage gegen uns für ehrlich halten könnten. Sondern unter der Maske des Rechtsbringers versucht er die brutalste Vergewaltigung, die je geplant worden ist, seitdem einmal ein Volk eine Schlacht verloren hat. Deutschland soll durch eigene Maßnahmen, die man ihm auf dem Schlachtfelde diktiert, seine Schuld scheinbar zugestehen. Sind wir deswegen die Schuldigen, weil der Feind zahlreicher ist als wir und nach vier Kriegsjahren endlich auch einmal Glück auf dem Schlachtfelde hat? Und weil er eine stärkere Presse besitzt? Sollen wir zu Boden gelogen werden? llnser Unheil ist, daß wir um der alldeutschen Torheiten und der darauf bezüglichen Unterlassungssünden der Regierung willen den Ruf der politischen Zweideutigkeit heute nicht abschütteln können. Wir müssen uns nachsagen lassen, daß wir imstande gewesen seien, den Frieden der Welt zu Eroberungszwecken zu stören, denn wir haben es ja wiederholt erlebt, wie die alldeutschen Tendenzen bei uns haben Einfluß gewinnen können. Darum haben wir uns aufgerafft, das für die Zukunft unmöglich zu machen, und werden um unserer selbst willen ohne Schonung bessern, was zu bessern ist. Aber sind unsere Feinde denn weniger mit „Alldeutschen" gesegnet als wir? Sind die Gewaltpolitiker Clemenceau und Lloyd George nicht drüben heute noch am Ruder, während bei uns ein Prinz Max Reichskanzler ist und die Befürworter der Reichstagsresolution neben ihm stehen? Eine größere Willkür sah die Weltgeschichte nie als diese gewaltsame Lösung der historischen Schuldfrage vermöge der Mittel des Krieges und der Hetzpresse. Ueber diese Beleidigung unseres Rechtsgefühles werden wir nie hinwegkommen. Präsident Wilson und seine Bundesgenossen haben sich dadurch tief unter uns gestellt. Mag diese Gewalt ohne Gewissen noch weitere Vorteile gegen uns eningen, mag sie selbst über uns triumphieren — wir werden doch die Größeren sein, und die Fesseln, die sie uns anzulegen versuchen wird, können uns nicht lahmlegen. Ein Kulturvolk von 70 Millionen fesselt man nicht. Man kann es auch nicht dauernd mundtot machen- 24 Wir brauchen Kolonien Es gibt eine ernste Stimme der Wahrhaftigkeit, des beleidigten Ehrgefühls, die' von brutaler Willkür in unserem Zeitalter nicht mehr erstickt werden kann. Zu tief hat durch die Not des Krieges der Gedanke in den Völkern Wurzel gefaßt, daß Wahrheit und Recht nicht unterdrückt werden dürfen. Der Plan eines Völkerbundes auf dem Boden ehrlicher Gerechtigkeit wird seine erste große Probe darin ablegen, daß er das Unrecht der Welt an Deutschland wieder gutmacht: Er wird sein Wesen erst erfüllen, indem er zur Anerkennung bringt, daß die Schuld am Kriege die geistige Erbschaft vergangener Menschheitsepochen ist, die keinem einzelnen Volke allein und am wenigsten den Deutschen zur Last gelegt werden kann. Dafür werden wir kämpfen; die Wahrheit ist unser bestes Abwehrmittel. Wir werden nicht ruhen, Genugtuung für die unermeßliche Verleumdung des deutschen Namens in der Welt zu fordern. Wir werden sie ihres Unrechtes überführen, diese Völker, aus deren eigener Mitte die Hetze gegen uns viele Jahre vor dem Kriege hindurch in zügellosester, unbesonnenster Weise betrieben worden ist, die im Kriege selbst ohne alle Scham gegen uns gerast haben. Dies Treiben werden wir anklagen und brandmarken mit aller Leidenschaft des mißhandelten Rechtsbewußtseins. Die Fülle der Drohungen und Herausforderungen, mit denen diese selbstgerechten Feinde uns überschüttet haben, sind bei uns unvergessen. Die Hetze vor dem Kriege gegen uns, die diplomatischen Intrigen, die Vernichtungsabsicht im Kriege, die ausschweifende Gier ihrer Kriegsziele — in einem unwiderleglichen Anklageregister werden wir sie der Welt entgegenhalten. Niemals hat die literarische Darstellung der historischen Wirklichkeit eine so große politische, vaterländische Aufgabe gehabt wie jetzt. Der böswilligen Anklage muß die wahrheitsgemäße Widerklage entgegengestellt ^werden. Unsere kolonialen Forderungen werden durch alle diese Dinge nur verstärkt. Wir müssen anders als bisher draußen Fuß fassen, damit man uns dort nicht wieder entwurzeln kann. Die erfolgreiche Hetze jenseits unserer Fronten gegen alles, was deutsch ist, bildet für uns einen neuen Rechtstitel für unsere Forderung einer genügenden greifbaren Sicherung unserer Position^außerhalb Europas. Gin mittel afrikanisches Reich. Wiederholt hat der Staatssekretär des NeichskolonialamtS, Di'. Solf, eine Umlegung des afrikanischen Besitzzustandes und eine Neuverteilung gefordert. In dem Vprtrag, den er am ‘21. Dezember 1917 in der Philharmonie gehalten hat, hat er gesagt: „Die gegenwärtige Verteilung Afrikas unter die europäischen Kolonisationsstaaten ist das Produkt einer relativ jungen Entwicklung, in der, neben antiquierten Herrschaftsansprüchen, mehr oder weniger zufällige Ereignisse die entscheidenden Faktoren gewesen sind. Wir erinnern uns, wie oft Kühnheit und politischer Instinkt einzelner unternehmungslustiger Männer durch den Abschluß geschickter Verträge mit eingebornen Machthabern ihren Heimatsstaaten einen Vorsprung im Wettlauf um den Besitz afrikanischer Gebiete verschafft haben. Von einem organischen Werden ist hier nie die Rede gewesen. Kein Wunder, daß diese Verteilung in weitem Umfange der inneren Berechtigung entbehrt! Wir sehen Staaten im Besitz von riesigen Ländermassen, die das Achtzigfache des Mutterlandes erreichen und von ihnen aus Mangel an Menschen und Mitteln gar nicht entwickelt werden können, wenigstens nicht so, wie die Kulturmenschheit es erwarten muß. Belgien, Frankreich und Portugal sind in einer solchen Lage. England, das in anderen Erdteilen schon ungeheure Gebiete seinem Weltreich angegliedert hatte, hat es verstanden, sich einen bedeutenden, dem französischen Afrika nahekommenden Anteil auch an Afrika zu sichern. Auf der andern Seite sehen wir Deutsche uns auf erheblich kleinere, verstreute Besitzungen beschränkt. Wer einen dauernden Frieden, wer einen Frieden der gerechten Zufriedenstellung anstrebt, kann die Aufrechterhaltung der heutigen Besitzverteilung in Afrika nicht wollen, denn sie entspricht in keiner Weise weder dem kolonisatorischen Können noch dem Kräfteverhältnis der beteiligten Nationen." Diese Neuverteilung, auf die der Staatssekretär hinaus will, muß, so meinen wir, ein mittelafrikanisches Reich für uns 26 Ein mittelafrtkanischeS Reich- bringen; beschäftigen wir uns nun etwas näher mit der Bedeutung, die ein solches Reich für Deutschland haben wird- Das mittelafrikanische Reich wird in erster Linie zahlreichen Deutschen Ansiedlungsmöglichkeiten und damit eine freie und sichere Existenz schaffen. Weil die Auswanderungsziffern in den letzten Jahren zurückgegangen sind, und weil der Krieg einen großen Ausfall erwerbstüchtiger Männer gebracht hat, ist der Ansiedlungsgedanke bei der Erörterung kolonialer Probleme in der letzten Zeit zurückgetreten. Mit Unrecht! Deutschland wird aus dem Kriege hervorgehen als ein Land von Qualitätsmenschen, von denen jeder einzelne einen selbständigen und angesehenen Wirkungskreis zu beanspruchen das Recht hat. Unsere Männer haben in ihren besten Jahren Leben und Gesundheit für das Vaterland aufs Spiel gesetzt. Wer von ihnen übrig geblieben ist, wird sich nicht mit einer Handlangerexistenz begnügen wollen. Die Kolonien bedürfen vor allem der Leute aus dem mittleren und größeren Bürgertum, die über etwas Kapital verfügen und ihrer ganzen Bildung, Weltkenntnis und ihren Ansprüchen an die Lebenshaltung gemäß sich zu einem Pflanzerleben über See eignen. Unser Schulwesen verwöhnt: es erweckt in zahlreichen Schichten ein Selbstbewußtsein und einen Vorstellungskreis, denen nachher das Leben in Deutschland mit seinen schwierigen Existenzbedingungen nicht genügt. Und nun erst nach dem Kriege! Deshalb müssen wir diese müßigen, oft verbitterten Dreißigjährigen hinausschicken, damit sie draußen auf eigenem weiten, freien Grund ein freies deutsches Uebersee- volk bilden. Eine starke Pflanzerschicht gibt ja noch vielen anderen Berufszweigen Nahrung: Kaufleute, Lehrer, Aerzte, Ingenieure, Beamte sind notwendig, und Studierte und Nichtstudierte aller Art zimmern sich ein Leben voller Selbstbewußtsein und Kraft. Wir haben zudem auch noch für die Ausländsdeutschen zu sorgen- An 10 Millionen solcher Auslandsdeutscher sind in den zumeist angelsächsischen Kolonialländern, die sie bisher versorgten, entwurzelt. Viele werden sich der Macht der Umstände angleichen und ihr Deutschtum preisgeben. Viele aber werden auch zurückströmen und den Schutz des Ein mittelafrikanischer Reich. 27 Deutschen Reiches aufsuchen. Soll unser Vaterland diese seine Söhne wegstoßen, weil es keinen Platz und keine Arbeit für sie hat? Wenn es Deutschland nicht gelingt, ein großes Kolonialreich zu schaffen, so sind diese arbeitsfrohen und als Elemente der Fortbildung zum Weltvolk überaus wertvollen Neberseedeutschen für alle Zeiten verloren. Ein Sachverständiger Beurteiler wie Emil Zimmermann hat die Zahl der in einem deutschen mittelasrikanischen Reich sofort anzusiedelnden Weißen auf 50—60000 geschätzt, eine Zahl, die sich bald auf hunderttausend steigern wird. Und Rohrbach spricht für die nächstfolgende Generation von 2 Millionen Weißen. Der Laie wird einwersen: was bedeuten hunderttausend oder ein paar Mal hunderttausend Ansiedler bei einem Siebzig-Millionen Volk! Dagegen ist zu sagen: Diese paar Mal hunderttausend Weiße sind nicht gleichbedeutend mit der Bevölkerungszahl etwa einer großen deutschen Stadt, denn eine solche Stadt umschließt ja alle Klassen, und die untere arbeitende Schicht ist numerisch die bei weitem stärkste. Die paar Mal hunderttausend Weißen stellen aber nur eine Oberschicht dar, die durch die arbeitende Unterschicht der schwarzen Bevölkerung von 30—40 Millionen Menschen ergänzt wird. Wir haben also in den weiten Räumen Mittel-Afrikas eine soziale Gemeinschaft zu erwarten, die an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und Lebenskraft gleichbedeutend mit der Einwohnerschaft des Staates Preußen sein würde. Und das ist doch keine kleine Sache! Welch eine Lebensfülle, welch eine freie und starke Arbeitstätigkeit würde sich hier entwickeln können! Von ungeheurer Bedeutung für die Frage der Besiedlung Mittelafrikas sind auch die neuesten Ergebnisse ärztlicher Bemühungen auf dem Gebiete der Bekämpfung tropischer Krankheiten. Die verhängnisvollen Wirkungen der Tsetsefliege können mit Erfolg überwunden werden- Die Malaria, das Schwarzwasserfieber, die Schlafkrankheit bedeuten in absehbarer Zeit keine Gefahr mehr- Der Kameruner Bahnarzt Or. Schäfer hat sein Urteil, wie folgt, zusammengefaßt: „Was der erste Kameruner Regierungsarzt Friedrich Plehn vor etwa 20 Jahren wcitschauend vorhersagte: Kamerun wäre für Weiße eines der 28 Ein mittelafrikanischer Reich. gesündesten Tropenländer, wenn es gelänge, die Malaria erfolgreich zu bekämpfen, ist inzwischen eingetreten. Kein verständig hygienisch lebender Weißer braucht mehr an Malaria- Fieber zu erkranken, geschweige an ihrer früher so gefürchteten Komplikation, dem Schwarzwasserfieber, zu sterben". Wir können uns also der Ansicht Emil Zimmermanns anschließen, wonach es nichts als ein Vorurteil ist, daß der Weiße, der im allgemeinen den Neger an Widerstandskraft übertrifft, in Mittelafrika nicht leben könn'e. Eine Zukunftsperspektive von unendlicher Weite eröffnet sich: Afrika, in dem überwiegenden Teil auch seiner tropischen Mitte, für Weiße dauernd besiedelbar! Nicht mehr und nicht weniger als eine Umwälzung der gesamten Weltwirtschaft kann die Folge dieser Entwicklung sein. Wir leben in einer Epoche, zu deren bezeichnendsten Merkmalen die Tendenz zum Abschluß großer geschlossener Wirtschaftsgebiete gehört. Deutschland steht jetzt vor der Frage, ob es sich Rohstoffgebiete sichern kann oder nicht. Biele Jahre lang hat das Deutsche Reich die Politik der offenen Tür verfolgt; sie war unser Vorteil, sie war auch durchaus im Interesse der großen überseeischen Rohstoffgebiete, die sich noch nicht in der Hand von Weltgroßmüchten befinden — Ostasien, Zentral-Afrika und Süd-Amerika. Jetzt will man den Deutschen die offene Tür vor der Nase zuschlagen, man will versuchen, diese drei größten überseeischen Rohstoffgebiete dem angelsächsischen Weltkonzern anzugliedern. Danach bliebe für Deutschland nichts mehr übrig; denn das russische und orientalische Rohstoffgebiet, soweit sie überhaupt Ersatz bieten, können ebenfalls nicht zu unserer politischen Verfügung sein. Es muß uns aber alles darauf ankommen, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch die ostasiatische und die südamerikanische Rohstoffzone bieten keine Gelegenheit zu deutscher Kolonialgründung; so bleibt als die einzige die zentralafrikanische übrig. Was brauchen wir nun in erster Linie an Rohstoffen, und was vermag Mittel-Afrika zu liefern? Unsere Oelpflanzen- industrie ist ganz von der Kolonialwirtschaft abhängig geworden, nachdem die heimische Landwirtschaft die allzu empfindlichen Oelpflanzen in der Friedenszeit aufgegeben hatte. Die Herstellung von Speisefetten ist zu einer Großindustrie angewachsen, Ein mittelafrikanisches Reich. 2g weil die kolonialen Oelfrüchte wie Sesam, Erdnüsse, Baum» wollsamen, Palmkerne, Kokosnüsse regelmäßig dazu geliefert werden konnten. Die Gummiwaren- und Radreifenindustrie beruht unmittelbar auf der Kolonialwirtschaft, und von ihr hängt die ganze Fahrrad- und Automobilindustrie, der Maschinenbau und die ganze Fülle der Elektrizitätsindustrien ab. Die Lederindustrie konnte vor dem Kriege nur noch ein Drittel der notwendigen Häute aus der Heimat bekommen; zwei Drittel mußten von Uebersee geliefert werden. Pflanzenfasern, Gerbstoffe, Metalle, Futtermittel kamen ebenfalls überwiegend aus den Kolonien. Von den in Mittel-Afrika vorhandenen Bodenschätzen sind in erster Linie Oelpalmen, Kautschuk, Holz wichtig. Betrachten wir die Oelproduktion einmal etwas genauer. Es ist erwiesen, daß der Wert der mitteleuropäischen landwirtschaftlichen Produkte in der Kriegszeit stark gesunken ist, seitdem die Fütterung des Viehs mit den Oelkuchen fortfällt. Die Buttererzeugung in der Schweiz hat z. B. um die Hälfte abgenommen Wir können uns überhaupt gar keine Fortentwicklung unserer heimischen Landwirtschaft ohne Zufuhr dieser kolonialen Produkte denken. England stand nun in unserer Einfuhrstatistik für Kopra, Palmkerne und Palmöl mit einem ganz überwiegenden Betrag an erster Stelle. Aus den englischen Gebieten Westafrikas bezogen wir allein mehr als eine Viertel Million Tonnen im Wert von 100 Millionen Mark. Sieben Achtel der westafrikanischen Ernte gingen nachDeutschland. England hat nun die Ausfuhr von Oel- produkten nach nichtenglischen Gebieten mit einem Zoll von zwei Pfund Sterling auf jedeTonne belegt. Damit wären alle deutschen Wirtschaftsmöglichkeiten grenzenlos erschwert, wenn es nicht gelänge, Abhilfe zu schaffen. Der Reichtum Mittelafrikas an Oelpalmen ist noch verschwindend wenig ausgebeutet worden. Kamerun, Französisch-Aequatorialafrika und der Belgische Kongo bedecken ein Gebiet von 4 l /a Millionen Quadratkilometern. Sie haben geschlossenen Urwald und gewaltige Bestände — und daraus wurden nur 23300 Tonnen Palmkerne geliefert! Das nur 208600 qkm große benachbarte englische Südnigeria brachte dagegen allein schon 175000 Tonnen Palinkerne! 30 Ein mittelasrikanischer Reich. Gelegentlich ist nun die Befürchtung geäußert worden, das Aufblühen der Kolonialwirtschaft müsse die heimische Landwirtschaft unrentabel machen und uns weiter aus dem Wege der Industrialisierung vorwärts treiben. So würde unsere Lage im Falle eines neuen Konfliktes nicht verbessert, sondern nur verschlechtert. Dagegen ist zu sagen: Kolonialwirtschaft und Landwirtschaft konkurrieren nicht mit ihren Produkten, vielmehr hilft die Kolonialwirtschaft der heimischen Landwirtschaft ihre Produkte hochwertig zu machen und steigert so ihre Rentabilität, so daß sie sich unter allen Umständen wird halten können. Aehnlich wie mit den Palmkernen in Mittel-Afrika steht es mit den Nutzhölzern des tropischen Urwaldes; besonders wichtig ist hier das französische Gabun, der zwischen dem Kamerungebiet und dem belgischen Kongo sich erstreckende Teil von Französisch-Aequatorialafrika. Der deutsche Verbrauch aus diesem Gebiet betrug allein von Okoumeholz 100000 Tonnen! Auch Mahagoni- und andere wertvolle Nutzhölzer können in den endlosen Waldgebieten Mittelafrikas in unermeßlichen Mengen geschlagen werden. In ähnlicher Weise ist nachgewiesen worden, daß die Viehzucht in Mittelafrika ganz bedeutender Steigerung fähig ist. Emil Zimmermann schätzt die voraussichtliche eigene Jahreseinnahme eines deutschen mittelafrikanischen Reichs auf 100 Millionen Mark. Wir kommen endlich auf den wichtigsten Reichtum Mittel- Afrikas, seine Menschen. Die Bevölkerung der in Betracht kommenden Gebiete wird auf über 30 Millionen geschätzt. Unser wichtigstes Interesse ist, diesen Bestand zu erhalten und zu erhöhen. Bisher war die Geschichte der mittelafrikanischen Negerstämme eine Kette von unaufhörlichen Verfolgungen und Leiden. Zuerst haben die Portugiesen von den Küsten aus, dann die Araber von Norden zu Lande her die Bevölkerung durch Sklavenjagden dezimiert. Die Belgier haben dann ihre Vorgänger an Grausamkeit noch übertroffen, als sie die unglücklichen Neger zur Kautschuklieferung preßten und die Widerstrebenden immer tiefer in den Urwald Hineintrieben, so daß ganze Familien und Dörfer zugrunde gingen. Ein mittelafrikanischer Reich. 31 Bekanntlich ist nun jede Art von Berührung mit den Europäern zunächst für die Neger verhängnisvoll. Die körperlich und geistig Minderwertigen sind den Arbeiten und Vergnügungen nicht gewachsen, die ihnen ganz unvermeidlich durch den weißen Mann nahegebracht werden, und auf die gerade sie sich zuerst einlassen. Ein Zerreibungsprozeß macht sich also anfangs immer bemerkbar. Ueber dieses Anfangsstadium sind wir in Afrika noch nicht hinaus, und die Sinnlosigkeit der Entente bei der Niederkämpfung aller deutschen kolonialen Schöpfungen, die ja der europäischen Sache überhaupt unab- meßbar geschadet hat, zwingt uns, fast überall wieder von vorn anzufangen. Eine ganz neue Richtung in der Einge- borenenpolitik Afrikas hat nun Dr. Solf in dem erwähnten Vortrage gewiesen. Zunächst hat er da den Gedanken abgelehnt, das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf die afrikanischen Eingeborenen zu übertragen. ^ Die Voraussetzungen dazu sind nun einmal in den Rasseeigenschaften der in Betracht kommenden Stämme nicht gegeben. Die europäischen Nationen haben die Kolonisation begonnen: sie könnten nicht schlimmer gegen das Interesse der Eingeborenen handeln, als wenn sie ihnen ihr Schicksal in die Hand gäben. Ein sinnloses und wüstes Chaos von blutiger Grausamkeit würde die Folge sein. Eine vollständige Jnter- nationalisierung der Tropengebiete mit gemeinschaftlicher Verwaltung der Schutzstaaten wird in England von philantropischer Seite gefordert. Damit ist praktisch wohl gar nichts anzufangen: Die Geschichte des Kongostaates genügt als warnendes Beispiel. Auch hier begann man mit einer internationalen Gesellschaft und philantropischem Idealismus, und das Ende war eine Staatskarikatur im Dienste eines Kapitalismus von überspanntester Selbstsucht. Aber freilich — ein europäisches Solidaritätsinteresse und demgemäß Solidaritätsbewußtsein ist gegenüber den Eingeborenen vorhanden, und die große Aufgabe besteht darin, hierfür eine angemessene Form zu schaffen. Or. Solf hat sehr glücklich anstelle des „Selbstbestimmungsrechtes" ein „Selbstzweckrecht" der Eingeborenen gesetzt. Sie haben den Anspruch darauf, von den höheren Nassen nicht bloß als Mittel, sondern auch als Zweck betrachtet zu werden. 32 Ein mittelafrikanisches Reich. Die besten deutschen Ileberlieferungen, unsere ethisch begründete Weltanschauung, unsere ganze Geistcsart verbietet es uns, Raubbau an der afrikanischen Menschenkraft zu treiben „Kolonisieren heißt Missionieren", so hat es Dr. Solf schon jor Jahren im Reichstag formuliert, lind unsere darauf begründete Eingeborcncnpolitik hat die große Probe des Krieges durchaus bestanden. Denn unsere Eingeborenen haben sich treu auf unserer Seite behauptet — wie hätte sich Deutschoslafrika sonst solange Hallen können? Nur in Kamerun sind unter- britischer Einwirkung Verrätereicn vorgckommen. Der Tag wird kommen, an dem England einsicht, daß es gegen sich selbst und die weißeRasseüberhaupt gefrevelt hat, als es sich zurAufgabe machte, die deutsche koloniale Arbeit zu ruinieren. Und dieser Tag wird hier und drüben zugleich die Ueberzeugung befestigen, daß nur durch gemeinsame Arbeit auf kolonialem Gebiete die Neuverteilung Afrikas gedeihlich wirken kann. Zahlreiche Ausgaben warten auf diese europäische Solidarität: Bekämpfung der Seuchen und des Sklavenhandels, Schiffahrtsfreiheit auf dem Kongo und auf dem Niger, Schaffung großer gemeinschaftlicher Verkchrsstraßen durch die Besitzungen mehrerer Mächte, kolonialer Freihandel. Deutschland hat schon bisher in seinen Schutzgebieten keinerlei Absperrung gegenüber fremden Personen und Waren gekannt. Neben Hollond ist es der einzige Kolonialstaat, der den eigenen Handel nicht fiskalisch bevorzugt. Bismarck hat durch seine Tätigkeit auf der Kongokonferenz 1885 mit die Grundlagen für die afrikanische Gemeinschaftsarbeit gelegt, auf denen wir nach dem Kriege weitcrbauen müssen- Nur so werden wir den europäischen und afrikanischen Interessen gemeinsam dienen. Die bahnbrechenden Ideen Dr. Solss sind von sachverständiger englischer Seite wiederholt anerkannt und günstig besprochen worden. Ilm so unerfreulicher ist es, wenn ein führender cnglischer Kolvnialpolitiker wie Sir Harry Johnfton uns den Vorwurf gemacht hat, wir erstrebten die Militarisierung Afrikas. Genau das Gegenteil ist der Fall, und diese Tatsache kann durch unser bisheriges Verhalten ebenso wie durch die Aeußerungen unserer leitenden Männer klar belegt werden. Die Bestimmungen der Kongoakte gegen Waffeneinfuhr und Waffentragen Ein mitlelafrikanisches Reich- 32 der Eingeborenen hat Dcutschand streng befolgt und sogar versucht, sie zu verschärfen. Auf der Brüsseler Afrikakonferenz hat Deutschland in diesem Sinne die weitgehendsten Anträge gestellt — Frankreich hat in erster Linie die Verwirklichung hintertricben. Immer wieder haben wir auch dagegen protestiert, daß Frankreich die Lücken seiner Armee, die ja eine notwendige traurige Folge seiner Bevölkerungsstagnation sind, durch schwarze Truppen ausgesüllt hat. England ist ihm erst allmählich auf dieser Bahn gefolgt. Nichts konnte den Krieg bitterer und grausamer machen, nichts konnte die Wut unserer Landsturmleute mehr entfesseln, als die abscheuliche Tätigkeit dieser schwarzen Horden. Das Selbstzweckrccht der Eingeborenen, das wir verfolgen, verbietet eine solche Barbarei. Der afrikanische Eingeborene soll nicht auf europäischen Schlachtfeldern für europäische Rivalitätsinteresscn verbluten; bald würde Afrika dann völlig entvölkert und damit entwertet sein- Um Europas willen soll das nicht geschehen, aber auch um der,Eingeborenen selbst willen. Die internationalen Re- gelungen, an die wir denken, müßten auch eine Verwendung afrikanischer Eingeborener zu militärischen Zwecken außerhalb ihrer Heimat verbieten. Natürlich müßte der afrikanische Untertan des Deutschen Reichs zur Verteidigung seiner Heimat herangezogen werden. Wir hoffen und wünschen, daß es gelingen wird, die Eingeborenen Mittelafrikas zu seßhaften ordentlichen Hilfskräften deutscher Pflanzer zu machen, deren landwirtschaftliche Arbeit die Grundlage der Blüte und Volksvermehrung dieser Gebiete werden soll. Die Geschichte der deutschen Kolonialpolitik vor dem Weltkriege ist kein besonders erfreuliches Kapitel. Mißtrauen, Krittelei, Zurückhaltung und Abenteuerlichkeiten haben viel verdorben. In den letzten Jahren kam dann endlich ein frischer Unternehmungsgeist und ein erfreulicher Aufschwung. Soll die Zukunft der deutschen Kvlonialpolitik ebenso mühsam sein? Große Mächte haben ihre immanenten Lebens- und Daseinsnotwcndigkeiten. Auch auf sie paßt das vrphische Urwort Goethes: „So mußt du sein, dir kannst du nicht *«ll»auf!wru»g ». 3 34 Tin mittelafrikanisches Reich. entfliehen!" Deutschland kann sich nicht entfliehen, es soll sich vielmehr selbst finden- Das innere Gesetz unserer Entwicklung zum frei schaffenden Weltvolk kann nicht mehr aufgehoben werden, lieber dem Erfolg des Tages steht die Macht der politischen Idee- Napoleon I. hat höhnisch von den Ideologen gesprochen, und Ideologen siegten in der Schlacht von Leipzig. Napoleon I. hat eine Generalspolitik ohne Berücksichtigung der nationalen Notwendigkeiten getrieben, und deshalb ist er gescheitert. Und so wird der Volksgeist immer und überall den napoleonischen Geist besiegen, wo auch immer er auftritt: der Freiheitsgedanke ist auf die Dauer mächtiger als der Herrschaftsgedanke. Deutschland steht vor einer der großen Erfüllungen seiner Geschichte. Es wird sich innerlich völlig freimachen und zugleich die Freiheit in der großen Welt gewinnen. Wir haben uns nach dem Süden gesehnt und wir haben den Osten besiedelt. Deutsche Kaufleute haben in Venezuela, deutsche Bauern in Australien, deutsche Fürsten in Texas kolonisiert. Es gibt keinen Kontinent und kein Weltmeer, das nicht die Spuren der Arbeit und der Forschung von Deutschen zeigte. Jetzt gilt es, die Summe aus all dem zu ziehen- Wir haben gezeigt, daß wir das Schwert zu führen wissen, wir wollen nun wieder den Kompaß zur Hand nehmen. „Hanse", d. h. Gemeinschaft — so nannte sich der kaufmännische Unternehmungsgeist alter Tage. Der neue hanseatische Geist darf nicht nur baltisch oder atlantisch sein — er muß ozeanisch werden. Das deutsche Weltschicksal scheint sich uns sinnvoll zu erfüllen, wenn an die Seite der europäischen Zentralmacht ein afrika- kanisches Reich tritt. BLB Karlsruhe 18 06974 9 031 18 06974 9 031 BLB Karlsruhe Verlag von Ha-is Robert Lngelmann, Berlin w. l5 Oie volksaukklärung Flugschristenfolge, herausgegeben von Vr. Närrin löobobm. 1. Llo. I)r Kart Hner, Pfarrer in Charlottenburg. fiammer oder Kreuz? Eine Hbwebr alldeutfcher Denkart im jSamen des deutschen Cbrirtentuma. 32®., 1917. M. 0,40 (10 Stück M- 2,50, 100 Stück M. 20,-). 2. Dang Delbrück, Professor der Geschichte an der Universität Berlin. Mider den Kleinglauben. Eine Auseinandersetzung mit der Deutscken Vaterlandspartei. 23 S, 1917. M- 0,40 (10 Stück M- 2,50, 100 Stück M- 20,—). 3. sVlartin Bobobm, Mir braucken Kolonien. 36 S-, 1918 M. 0,40 (10 Stück M. 2.?0, 100 Stück M. 20-). Den Bezug zu den angegebenen Preisen vermittelt jede Buchhandlung oder der Verlag. Der Herausgeber veranlaßt gegen Erstattung der Unkosten auch die Versendung an Adressen, die ihm mitgcteilt werden, oder wählt auf Wunsch solche Adressen aus tAdrcsse: Dr Martin Hobohm, Charlottenburg 1, Königin-Luise - Straße 11. Postscheckkonto: Berlin, Nr. 36570). Voranzeige. Khauvinismus und Weltkrieg Herausgegeben von Dr. Martin Hobohm. Erster B a u b: Die Brandstifter der Entente. Bon Paul Zlohrbach, Dr. Maltin Hobohm, Dr. Joachim Lühn 371 Seiten. Preis etwa 10 Mark. Zweiter Band: vte flHdeuticfien. Bon Dr. Martin Hobohm. Oerlag von Hans Robert Lngelmann, Berlin V. J5 Der Dag des Deutrehen Broschürenfolgc herausgegeben von Vr. k)obokmt 1. Otto Baumgarten, Professor der Theologie an der Universität Kiel. Das Gcbo der alldeutschen Bewegung in Hmeriha 38 Seiten, 1917. M. 0,80. (10 Stück M. 7,—). 2. Dr. (Joachim Kühn, f s ranzSnrdie Kulturträger im Dtenfte der VSlkernerbetzung. 68 S. 1917. M. 1,60. (10 Stück M. 13,60.). 3. Redakteur Martin QClench, Hltdeutfche Caktik. 34 Seiten. 1917 M- 0,80. (10 Stück M- 7,-). 4- Redakteur Jckicel Schmidt, Russische Meltverteilungspläne. 48 Seiten- 1917. M. 1,20. (10 Stück M. 10,60). 5. Dr. Ludwig Riep, Privatdozent der Geschichte an der Universität Berlin. Der Stutengang des deutsch-englischen Gegensatzes. 56 Seiten. 1917. M. 1,50. (10 Stück M. 13,60). 6/7. Doppelheft- Dr. Martin liobohm, Privatdozenl der Geschichte an der Universität Berlin. Vaterlandspolitik. Erste Auswahl aus der Deutschen Korrespondenz. 228 Seiten 1918. M- 3,50 (10 Stück M. 30,—). 8. Lothar perfius, Kapitän zur See a. D-, Grat Ernst zu Reventlow. 103 S-, 1918. M. 2,50 (10 Stück M. 22,50). 9. Dr. (Joachim Kühn. Die Kriegsziele der franzSItrchen Bourgeoisie in Mitteleuropa. 68 S., 4 Karten, 1918. M. 2,20 (10 Stück M. 20,-). 10. Dr. paul Robrbacb. Die alldeutsche Gefahr. 43 S., 1918. M. 1,50 (10 Stück M. 13,50).