——————— —— 2 — — ——— ———— .————i — —— Ausfreundin. Eine Feſtgabe für die Frauenwelt. Von Auguſta Bender. Zweiter Band. Verlag der Hausfreundin Ehberbach(Baden) und Teiptig. 1901. G0 —— — 2 D 2 — Alle Rechte, einſchließlich des Ueberſetzungsrechts, vorbehalten. 2 e2 7 r Arrrwrwr˖Drwrrreerre Druck von Carl Rembold& Co. in Heilbronn. Sorle die Lumpenfrau Holdchens Hund Nur ein Mädchen Was dem Oberpoſtrat Lauermann paſſiert iſt Ueber Amerikaniſches Erziehungsweſen Das deutſche Volkslied Zu Thal(Gedicht) Alte Volkstrachten Allerhand Praktiſches Der Badiſche Frauen-Verein Kochrezepte Eierpudding Milchpudding Rote Grütze Waſſerkuchen Auflauf mit Kompot Holunderbeerſuppe Kartoffelkuchen Bayriſche Klöße Schokoladepudding Plauderſtube der Hausfreundin Gemeinnützige Induſtrie.. . Inhaltsverzeichnis. ———— e NUE * FRRRNR ESUEE * e DIRN INl I RRERRRRRNN Sorle die Tumpenfrau. *2 5 An der Grenzſcheide beider Gemarkungen, eine Ackerlänge von der großen Straße entfernt, lag eine von Baum- und Buſchwerk dunkel eingeſchloſſene Mühle, die zu der ſprichwört— lichen Wohlhabenheit des Baulandes einen ſeltſamen Gegenſatz bildete. Der abſeits führende Feldweg war zwar von Wagen⸗ geleiſen gefurcht und zerſchnitten, doch mündeten ſie nicht in die mit Gras bewachſene Einfahrt, ſondern verliefen ſich rechts und links in das langgeſtreckte, vom Heimerbach durchzogene Wieſenthal, welches nach Süden durch eine Hügelkette, nach Oſten durch den ſchönen Heimerthaler Wald ſeinen Abſchluß fand. Halb um die Mühle, von Nordoſten kommend, ſchlängelte ſich ein breiter, von Erlengeſtrüpp bewachſener Graben, der mehr Schlamm als Waſſer und mehr Fröſche als Fiſche ent⸗ hielt. Südweſtlich, in dem von hohem Haag gegen die Felder abgegrenzten Grasgarten, befand ſich das Wehr, von welchem ein zerbrochener, moosbewachſener Kandel in die Schußrinne führte. Hinter derſelben erhob ſich eine undurchdringliche Wild nis von halbvermoderten Kammrädern, zerſprungenen Mahl ſteinen und allerlei mit Unkraut und Buſchwerk bewachſenem Schuttgeröll, unter welchem in tiefem, ſchmalem Bette der Mühlgraben ſeinen Abzug in den Heimerbach hatte. Auch das einſtöckige Anweſen war in tiefem Verfall be⸗ griffen. Von dem ſchiefen Giebel war der Bewurf abgebröckelt, und die zwiſchen dem Fach- und Sparrenwerk klaffenden Ritze em waren nur notdürftig mit Heu und Moos verſtopft. In der Bodenluke hing ein windſchiefer, verwaſchener Fenſterladen, und d eingeſunken war alles von den windſchief, verwaſchen ur Kellerräumen bis zu dem wetterzerzauſten, mit Moos und Mauerraute bewachſenen Strohdache. Es ſchien alles in Grau und Grün getaucht— allein es war nicht das Grün des Entſtehens, ſondern des Vergehens— Schimmel und Moder auf allem, was als ein Werk von Menſchenhänden dem nagen⸗ den Zahn der Zeit unterworfen war. Und ſo ſchief, verſchimmelt und eingeſunken war auch der Müller und ſeine Ehehälfte. Niemand wußte oder kümmerte ſich darum, woher die Leute gekommen waren; und wäre der Mathes nicht ein paarmal des Jahres in der Heimerthaler Kirche geſehen worden, ſo würde man ihn und ſeine Mühle gänzlich vergeſſen haben. Es war ein Wunder, daß er ſich überhaupt auf derſelben halten konnte, denn nur das Hochwaſſer vermochte ſeinem Mühlrade einen friſchen, fröhlichen Anſtoß zu geben, ſo daß es ſich in tanzender Bewegung auf dem Abſatz herumdrehte und im Uebermaße ſeines Glückes die Handwerksregel aus⸗ plauderte: „Stiehl tapfer! Stiehl tapfer! Drei Sechstel vom Achtel“. Doch ſolch ein wilder Freudentaumel konnte immer nur von kurzer Dauer ſein; aus dem Hüpfen wurde bald wieder ein ſchleppendes Schreiten, ähnlich der Taktart: „S'ſch en armer Ma' daus—— Gebt'm! Gebt'm!“ Und wenn der Gang des Mühlrades noch langſamer und keuchender wurde, dann pflegte auf dem Anweſen eine förm⸗ liche Verzauberung um ſich zu greifen. Der Rauch auf dem Dache wurde immer dünner und durchſichtiger; der alte magere Hofhund ließ die Ohren hängen und ſchnappte nur im Traum zuweilen nach einer vorbeiſummenden Fliege; die wenigen Hühner wurden ruppig und ſtruppig; die Gänſe vermochten ſich nur noch mühſam zum Heimerbach zu ſchleppen, wobei die vordere die Frage ſtellte „Wie lang iſt's denn noch bis zur Ern'?“ „Sieben Wochen,“ ſeufzte die zweite; und die dritte ächzte hinten drein: „O Brüder! Das erleben wir nimmer.“ Und ſo wie dem Geziefer, ging es ſchließlich auch dem Müller-Mathes. Die inneren Räder ſeiner ſchiefen, hageren Geſtalt wurden immer ſchleppender; und eines Tages legte er ſich hin und ſtarb, ohne daß man wußte, wie es gekommen war. Seine Witwe aber zog fort zu Verwandten oder Bekannten — es fragte niemand, wohin?— und die verwahrloſte Mühle wurde von den Gläubigern zum Verkauf ausgeſchrieben. Allein es wollte ſich keiner finden, der ein Angebot machte, am wenigſten ein ordentlicher Bauer oder Handwerks⸗ mann. Nicht, daß ſich Geiſter- oder Geſpenſtergeſchichten an das trübſelige Gebäude knüpften; denn das würden die auf⸗ geklärten Bewohner jener Gegend lachend in den Kauf ge⸗ nommen haben. Was aber die Eichheimer Mühle ſo unver⸗ käuflich machte, war der ihr anklebende Fluch der Lächerlich— keit— ein gewiſſer unbeſchreiblicher Arme-Leut-Geruch, wie ſich in der verſpotteten Gangart des Mühlrades, ſowie in anderen, das verlotterte Weſen bezeichnenden Redensarten und Witzen kundgab. Unter dieſen Umſtänden erregte es die größte Verwunde— rung, als ſich auf einmal— mitten im kalten Winter— das Gerücht verbreitete, daß der Eichheimer Nathan die Mühle gekauft oder gepachtet habe.— Das Unglück dieſes Mannes ſchien damit jetzt erſt in ſeinem vollen Anfens zu Tage ge⸗ treten und ſein Loos beſiegelt auf Lebenszeit. Denn bis dahin war es nie erhört worden, daß ſich einer aus eigener Kraft aus jenem Unglückshauſe wieder herausgearbeitet hatte. Alle gen ten die ich⸗ wie in ind de⸗ hle nes ge⸗ hin f geworfen, oder— wie der letzte Müller waren entweder hinaus hinausgetragen worden, ohne daß ſich jemand beſonders darum gekümmert hätte. Um den Nathan Ehrmann dagegen war allgemeines Klagen und Trauern; denn er war einer altangeſeſſenen, allgemein geachteten Familie angehörig und nicht durch eigenes Ver⸗ ſchulden in dieſe Not geſunken.— Von ſeinem Vater, den er bereits im frühen Jünglingsalter verloren hatte, war ihm ein ausgedehnter Viehhandel zugefallen, der weit ins württem⸗ bergiſche Ländchen bis ans Allgäu reichte. Ja, der unter⸗ nehmungsluſtige junge Mann dehnte ſeine Geſchäftsreiſen zu— weilen bis an den Bodenſee aus, wo ſeine Mutter herſtammte, und dort war es auch, wo er ſich eines Tages eine hübſche, junge Frau geholt hatte. „Sie iſt brav und gut,“ ſagte er zu ſeiner Mutter,„doch dürft ihr ſie nie nach ihrem Vermögen fragen, denn ſie hat nichts, als was ſie ſich während der drei Jahre erſparte, als ſie im Hauſe eures Bruders diente.“ Aber das hatte die alte Frau ſchon zuvor gewußt und ſich im ſtillen mit dieſer ungewöhnlichen Thatſache vertraut zu machen geſucht. Denn Nathan hätte um die reichſten Töchter des Landes freien dürfen und würde überall mit offenen Armen empfangen worden ſein. Und ſo war es der würdigen Frau Ehrmann freilich ein bißchen hart angekommen, daß eine ſo weit herkommende und doch ſo arme Schwieger⸗ tochter ſich in das ſtattliche Eckhaus am Brunnen, das ſie mit ihrem ſeligen Gatten ſo wohnlich eingerichtet hatte, nun zeit⸗ lebens ins warme Neſtchen ſetzen ſollte, ohne dazu ein Gräs⸗ chen oder Hälmchen beigeſteuert zu haben. Kaum aber hatte ſie dem ſo ſchüchtern und anmutig vor ihr ſtehenden jungen Mädchen in die klaren, blauen Augen geſchaut, als ſie ihr alles in Gedanken was ſie bis dahin in der heimlichſten Falte ihres Herzens gegen ſie ge⸗ argwöhnt hatte. Sie nahm ſie auf in ihre Mutterarme und gab ihr den Segen ohne Rückhalt und Einſchränkung. „Was hat ſie denn für Haare?“ wandte ſie ſich dann an ihren Sohn, als jene hinausgegangen war. „Braunrote,“ entgegnete Nathan etwas zögernd. „Krumme(krauſe)?“ forſchte ſie weiter. „Nicht, daß ich wüßte!“ „Nun, dann wird ſie doch vielleicht nicht jähen Sinnes ſein,“ tröſtete Frau Ehrmann; und ſie ſollte ſich nicht getäuſcht haben, denn eine beſſere Schwiegertochter als das ſchöne Sorle hätte ſie im ganzen Baulande nicht mehr finden können. Alles ſchien ihr unter den Händen zu wachſen und zu gedeihen. Sie wußte aus wenigem viel zu machen und allein das Haus in ſolch muſterhafter Ordnung zu halten, wie es früher keine zwei vermocht hatten. Und das wurde auch nicht anders, als ſpäter ein kleiner Bube in den Zimmern herum⸗ ſprang und das Unterſte zu oberſt zu kehren ſuchte. Ehe man wußte wie, war wieder Ordnung hergeſtellt, ohne daß ein lautes Wort gefallen wäre. Die Großmutter ſtarb bald nach der Geburt eines zweiten Enkelchens, und Sorle war jetzt unumſchränkte Gebieterin in dem geräumigen Anweſen. Betreffs der Geſchäfte ihres Mannes aber ſuchte ſie ſich ſtets der Einmiſchung zu enthalten; und auch wenn der Nathan oft eine Woche lang nicht nach Hauſe kam, pflegte ſie keine Frage zu ſtellen, ſondern ruhig abzu⸗ warten, was er ihr mitzuteilen beliebte. Doch dieſes änderte ſich im Laufe weniger Monate; denn wie hätte ſie es ruhig mit anſehen können, daß die klare, offene Stirn ihres Gatten ſich allmählich verdüſterte, ſein Blick ausweichend und ſorgenvoll, ſein ſonſt ſo elaſtiſcher Gang ſchleppend und langſam wurde, als ob er eine unſichtbare Bürde auf den Schultern trüge. Und ſie bat und flehte, er ſolle ihr ſeinen Kummer an⸗ vertrauen, da es der Frau gutes Recht ſei, dem Manne die RRRrrrr er, heiter Hälfte desſelben abzunehmen. Und dann verſuchte zu ſcheinen und Witze zu machen, die ihm aber noch ſchwerer als in früheren Zeiten gelingen wollten. Doch der Gattin klares Auge durchſchaute alle Verſtellungskünſte. Und dann ereignete ſich, was nicht mehr abzuwenden war, und was mit Ausnahme der jungen Frau die Klein-Eichheimer Gemeinde vorher geſehen hatte: Ueber Nathans Haus, Fahr⸗ niſſe, Liegenſchaften und ausſtehende Gelder wurde ein gericht⸗ liches Verzeichnis aufghenommen; denn„durch Bürgen kommt Würgen“, und ſein beſter Freund, der Mouſche Löb, war der Henker ſeines Wohlſtandes geworden, wie dies auch anderen Orts der Fall zu ſein pflegt. Sorle litt unſäglich, als ſie dieſe Entdeckung machte, und zwar mehr in der Seele ihres Mannes, als in ihrer eigenen; war ſie doch von Jugend auf mit Not und Armut handgemein geweſen und wußte, was ein friſcher Sinn und ein Paar kräftige Arme zu 1 hatten. Freilich waren damals noch keine Kinder vorhanden, doch auch dieſe hätten ihr Muttergut in ihren geſunden Gliedern und aufgeweckten Köpfen mit auf die Welt bekommen. Ihre Sorge galt alſo hauptſächlich dem heißgeliebten Ehe⸗ gatten, der als das Kind vermöglicher Eltern einem derartigen Schickſalswechſel am wenigſten gewachſen ſchien. Anfangs hatte ſie freilich noch gehofft, aus den Trümmern ihres Wohlſtandes wenigſtens das Haus retten zu können, in welchem Nathan nebſt ſeinen Kindern das Licht der Welt er⸗ blickt hatte. Doch auch dieſe Hoffnung war ein trügeriſches Irrlicht geweſen; denn die Frau des Mouſche Löb hatte ihr Vermögen an ſich gezogen, und damit war deſſen Ruin, und mit ihm der ſeines beſten Freundes, endgültig beſiegelt worden. Nathans Schickſal erregte allgemeine Teilnahme; der Löb aber, für den Nathan gebürgt hatte, mußte ſich allenthalben die härteſten Nachreden gefallen laſſen; denn es war nicht die Not eines Ertrinkenden geweſen, die ihn getrieben hatte, ſich an die Rockſchöße ſeines Retters anzuklammern und dieſen mit ſich in den Abgrund zu reißen; es war— ja, was war es denn? Hochmut, Eigenſinn, Gewinnſucht, Hartnäckigkeit, jeder hatte eine andere Deutung für Mouſche Löbs Beweggründe, und er that nichts, ſich gegen irgend eine zu verteidigen. So viel aber war außer Zweifel, daß er ſich mit ſeinem jüngeren Vetter, dem Kuſel(Karl) Wertheimer, im grimmigſten Wettbewerb befand. Er hatte von vornherein dagegen proteſtiert, daß jener ſich weiter unterhalb der Hauptſtraße gegen Heimer⸗ thal anſiedelte, woher des Mouſche beſte Kundſchaft zu kommen pflegte; denn in keiner der drei wohlhabenden Heimerthaler Ortſchaften befand ſich ein einziges Ellenwarengeſchäft und überhaupt kein jüdiſcher Handelsmann. Es wäre freilich für beide Kaufleute genug zu verdienen geweſen, allein der Mouſche Löb hatte Dorf und Umgegend bereits als ſeine rechtmäßige Domäne angeſehen und demzufolge ſeinen jüngeren Vetter als einen frechen Eindringling be⸗ handelt, deſſen aufblühendes Geſchäft zu vernichten er fortan zu ſeiner Lebensaufgabe machte. Als der Kuſel in ſeinem zu ebener Erde gelegenen Laden ein Schaufenſter einrichtete, ließ der Mouſche das untere Ge⸗ ſchoß ſeines Hauſes, in welchem ſich bis dahin die Keller— und Waarenräume befunden hatten, gleicherweiſe zu einem Laden mit ſogar zwei Schaufenſtern ausbauen. Es war dies völlig überflüſſig, indem das Haus etwas abſeits von der Heerſtraße ſtand und von niemand aufgeſucht wurde, der nicht zuvor ſchon davon gewußt hatte. Die Kundſchaft des Mouſche Löb war folglich durch den Umbau weit weniger gewachſen, als ſeine Schulden, ja viele meinten, daß ſie ſich dadurch verringert habe; denn es liegt in der Natur der Menſchen, ſich zurückzuziehen, wo man ſie merken läßt, daß ſie gar zu ſehnlichſt erwartet werden. Dazu kam, daß der Kuſel, der weit in der Welt herum—⸗ gekommen war, ungleich billigere Bezugsquellen als ſein wenig gewanderter Vetter hatte, und deshalb auch billiger verkaufen konnte. Dies verbitterte den Mouſche Löb dann immer heftiger, und er ſuchte die Preiſe ſeiner Waren in gleicher Weiſe herab⸗ zuſetzen; denn wenn er den anderen, wie er meinte, nur erſt einmal geſchäftlich tot gemacht hätte, ſo könnte er, wie vordem, die gleichen Gewinſte nehmen.— Doch ſollte er ſich ver⸗ wundern, was der Kuſel für ein zähes Leben hatte. So weit er auch ſein Geſchäft noch ausdehnen, ſo niedrig er ſeine Preiſe ſtellen mochte, es ſollte ihm nicht gelingen, die ſich verlierenden Kunden wieder anzulocken. Und das einzige Mittel, das ihm noch geblieben wäre, nämlich mit ſeinem Konkurrenten ein Verſtändnis betreffs der Preiſe oder gar ein Compagnie⸗ geſchäft einzugehen, konnte bei ſeinem eigenſinnigen, ver⸗ ſchloſſenen Weſen nicht in Frage kommen. So ging es, wie es immer geht, wenn einer dem anderen eine Grube graben will und ſein Handwerkszeug nicht geſchickt genug zu handhaben weiß.— Schade nur, daß der Mouſche auch ſeinen beſten Freund in ſeinen Fall verwickelte; denn dies verzieh ihm weder Jude noch Chriſt. Der Nathan allein hatte kein bitteres, tadelndes Wort für den Verfemten und ſuchte das Geſpräch abzubrechen, wenn jemand die traurige Geſchichte, die den ganzen Herbſt über in der Leute Mäuler umging, wieder aufzuwühlen ſuchte. So war er ſchließlich froh, als ihm die einſame Mühle zum vorläufigen Unterſchlupf angeboten wurde, um nur die Stichel- und Schimpfreden auf den Mouſche nicht länger mehr mit anhören zu müſſen. Denn viele waren der Meinung, daß jener nur einen Scheinbankerott gemacht und die über Bedarf eingekauften Waaren heimlich beiſeite geſchafft habe, um ſpäter, wenn erſt über die Sache einmal Gras gewachſen wäre, in irgend einer Großſtadt ein neues Geſchäft anzufangen. Der Nathan allein ſtimmte nicht in das allgemeine Ver⸗ dammungsurteil, und obgleich ihm des öfteren zu Gehör ge⸗ redet wurde, daß ſein ehemaliger Freund jetzt ſein erb Feind geworden wäre, ſo blieb er nichtsdeſtoweniger bei ſeiner Ausſage, daß der Mouſche Löb keiner abſichtlichen Schlechtig keit fähig ſein könne. Manch recht und redlich Geſinnter bewunderte dieſe milde ittertſter Denkungsart des ſchwer Geſchädigten, die iU5 auch dann noch nicht im Stiche ließ, als er ſeinem Elternhauſe den Rücken kehren mußte. II. Es war zu Anfang des neuen Jahres, als der Nathan in die verwahrloſte Mühle zog— bei einem ſo naßkalten Wetter, daß man, wie die Leute ſagten, keinen Hund auf die Gaſſe hätte hinausjagen mögen. Sorle war bereits am Vormittag mit Putzkübel und Scheuerlappen vorausgeeilt, um die ausgehöhlten Dielen einer nochmaligen Bearbeitung zu unterziehen. In dem zwiſchen Stube und Kammer eingemauerten Kachelofen rauchte während⸗ deſſen etwas grünes, naſſes Baumgezweig, das ſie im Gras garten unter zerſchmelzendem Schnee und Eis aufgeleſen hatte; kein Wunder, daß es nicht in Flammen kommen wollte Die Finger waren dem armen Sorle ſchon lange blau und ſteif gefroren, denn ein Windſtoß um den anderen fuhr durch die riſſigen Fenſter und Lehmwände, und dann wieder aufs Strohdach hinauf und durch den bar b Schornſtein herab, um die mattglimmenden Reiſigſtengel vollends aus sein⸗ anderzuwerfen und auszulöſchen. „Ach Gott, was iſt doch der Winter ſo hart für die armen Leut',“ ſeufzte Sorle und war froh, daß 4800 ihre beiden Knaben bei guten Nachbarsleuten geborgen waren Und jetzt kam auch der Nathan mit einem doppel rädrigen Farren, auf welchem ſich unter anderem auch ein Korb mit dürren Holzklötzen befand. Außer den Bettſtellen aber hatte der Nathan nicht viel mehr mitnehmen können, und nachdem man ſie in die Kammer gebracht und aufgeſchlagen hatte, machte er ſich abermals auf den Weg, um die kleine Küchen einrichtung und die wenigen Eßvorräte nachzuholen. So hatte Sorle Zeit gewonnen, ein ordentliches Feuer anzuzünden und einen Topf mit Kaffeewaſſer aufzuſtellen. Dann machte ſie ſich eilig daran, die halb erblindeten Fenſter⸗ chen mit weißen Mouſſelinvorhängen zu bekleiden. nahmen ſich die rußgeſchwärzten Wände dann freilich um ſo häßlicher und ſchmutziger aus, und Sorle zerbrach ſich lange den Kopf, was da zu machen wäre, da man doch bei ſolch naßkaltem Wetter nicht tünchen konnte. Doch hatte ſie es draußen unter dem Haage nicht wie Epheu oder Immergrün im Schnee ſchimmern ſehen? Und ohne der Waſſerlachen des riſſigen Bodens zu achten, eilte ſie in den Baumgarten, und bald waren die dunkelſten Stellen der kahlen Wand mit friſchem Grün bedeckt, und es war noch genug vorhanden, um draußen über der Stubenthüre einige zum Kränzchen geformte Ranken aufzu Durch die Fenſter fiel bereits der fahle Abendſchimmer, als Nathan mit ſeiner Ladung zurückkehrte, doch ohne die Knaben mitzubringen. Denn Männle(Emanuel), der jüngere, hatte ſo feſt geſchlafen, daß er nicht zu ermuntern war, und ſo hatte man auch den älteren dort laſſen müſſen. Sorle öffnete leiſe die Stubenthüre, um etwas Licht in den ſchon völlig dunklen Vorplatz zu laſſen. „Der Herr ſegne deinen Eingang, Nathan!“ grüßte ſie lächelnd, als jener mit Staunen auf der Schwelle des ſchon einigermaßen durchwärmten Raumes verweilte. Einen dank baren Blick auf ſeine Frau und dann nach oben gerichtet, murmelte er einige Gebetsworte, worauf er ſanft die Thüre ſchloß und ſeinen Stock in eine Ecke ſtellte. Sorle betrachtete ihn währenddeſſen mit unverkennbarer Beſorgnis. Die Bläſſe ſeines wohlgebildeten Geſichtes war noch auffallender als gewöhnlich, und als er jetzt ein Vor⸗ hängchen des Fenſters zurückſtrich, bemerkte ſie, daß ſich unter dem ſeidenweichen, kohlſchwarzen Haargelocke die erſten Silber⸗ fäden zeigten. Raſch verſchwand ſie in der Kammer, um die hervor— ſtürzenden Thränen zu verbergen, und als ſie dann wieder in die Stube kam, war die Dämmerung bereits hereingebrochen, und es war finſter genug für die beiden Eheleute, um ihre ſorgenvollen Blicke der gegenſeitigen Wahrnehmung zu entziehen. Sorle hatte unter dem Gerümpel noch einen morſchen Aſt gefunden, den ſie über dem Knie zerbrach, während das im Ofen kniſternde Feuer eine zuckende, zitternde Helle über ihre feine Geſtalt verbreitete. Als ſie dann, geräuſchlos hin und her gehend, noch einige Ordnung geſchafft hatte, ließ ſie ſich auf die Bank an der Schmalſeite des Tiſches nieder, wobei ſich ihren Lippen ein leichter Seufzer entrang. „Was iſt's?“ fragte Nathan teilnahmsvoll.„Ich fürchte, du haſt dich überangeſtrengt?“ „Nein, o nein! Ich habe nur eben darüber nachgedacht, wie viel beſſer du jetzt daran ſein würdeſt, wenn du eine ver⸗ mögliche Frau geheiratet hätteſt.“ „Wie kannſt du nur auf ſolche Gedanken kommen?“ ver⸗ ſetzte Nathan vorwurfsvoll.„Eine Frau wie du iſt nicht mit Gold aufzuwiegen. Wo andere heulen und lamentieren über Dinge, die nicht zu ändern ſind, da ſprichſt du einem Troſt und Hoffnung ein und nimmſt einen ſo großen Teil der Laſt auf deine Schultern, daß der Reſt kaum noch zu ſpüren iſt. Du verſtehſt es, die elendeſte Hütte zu einem Paradies zu machen, ſo reinlich und flink und accurat, wie du biſt. Und noch ehe ich dich mit den Augen meines Leibes geſehen hatte, wußte ich ſchon, daß keiner mit dir angeführt wäre.“ „Dies und das hat die Sorle gekocht, gebacken, gebraten und eingemacht. Der Boden ſo weiß wie ein Rabbinerctiſch, kein Stäubchen auf den Möbeln, kein Unthätle an dem Küchen⸗ geſchirr.“— Und als ich den Onkel und die Tante ſo ſprechen lber⸗ vor— rin chen, ihre ehen. ſchen das über inige der ein rchte, gacht, ver⸗ ver⸗ t mit über Troſt Laſt iſt. 8 zu Und hatte, raten tiſch, ichen⸗ rechen hörte, da vergaß ich all das herrliche Eſſen und ſchaute in einem fort nach der Thüre, ob du nicht endlich erſcheinen und zuguterletzt den Kaffee bringen würdeſt. Aber es kam Be noch etwas Beſſeres ein Apfelſchalet, wie ich zeitlebens noch nichts gekoſtet hatte.— Und ich ſah, wie ſtolz der Onkel und die Tante auf deine Kochkunſt waren.— Und als du dann endlich ſelber kamſt— ſo zierlich und ſo klein und ſauber anzuſehen, wie aus dem Ei geſchält, und immerfort auf den Boden blickend, ſo gerne ich dir auch in die Augen ge—⸗ ſchaut hätte da wußte ich, die iſt's und keine ſonſt, ſofern ſie mich mag und meine Mutter ihren Segen dazu giebt. „Sie iſt rechtſchaffener Leute Kind,“ ſagte der Onkel, als du wieder aus dem Zimmer gegangen warſt,„und ſie wird auch nicht wie eine Magd, ſondern wie das Kind vom Hauſe gehalten. Sollteſt mal hören, wie die kleine Perſon die Metzger— burſchen abfahren läßt, wenn einer ihr den Hof zu machen ſucht. Und ſie haben jetzt auch alle gewaltigen Reſpekt vor ihr, und es getraut ſich keiner mehr, ihr nachts vor die Fenſter oder Thüre zu kommen.“ „Und von alledem haſt du mich nicht das Geringſte merken laſſen?“ warf Sorle dazwiſchen. „Nein! Ich wollte zuerſt noch den Rabbiner und dann deine Eltern ſprechen, und bis dahin ſuchte ich Mund und Augen im Zaum zu halten. Der Rabbiner aber hat nichts als Gutes und Schönes von dir gewußt— und deine Eltern haben dich mir nicht nachgeworfen und du dich ſelbſt am wenigſten. Wie kannſt du dir alſo ſolch trübe Gedanken machen, als ob ich nur eine Stunde vergeſſen könnte, welch einen Schatz mir Gott in dir beſchieden hat! Ein Dach über dem Kopfe hat er uns allbereits gegeben; und ſo wird er es auch an einem Stücklein Brot nicht fehlen laſſen.“ Sorle ſtand auf und taſtete ſich der Stelle zu, wo der Sprecher auf einem Holzſtuhle Platz genommen hatte. „Hab' Dank, Nathan!“ ſagte ſie, ihm über die weichen Bender, Die Hausfreundin. 2 6 Haare ſtreichend.„Du haſt mich heut' zum zweitenmal ge freit; und will's Gott, ſo wirſt du es auch künftig nicht zu bereuen haben. Weißt du noch, wie ſchwer es mir gefallen iſt, dich zum erſtenmal ‚du' zu nennen, ſo lang auch unſer Brautſtand dauerte? Jetzt aber faſſe und halte ich dich auf Lebenszeit; und wie du einſt meine eigene Armut um meiner Perſon willen gering geachtet haſt, ſo wollen wir's jetzt auch mit der deinigen halten und uns im Glauben und Gott ſ. D vertrauen nach unſerer eſtrecken, ſo kurz ſie auch iſt. Warme Füße werden wir doch bekommen, ſolange wir im Herzen die Liebe nicht erlöſchen laſſen.“ „Amen!“ beſtätigte Nathan;„und jetzt wollen wir zum erſtenmal die Lampe in unſerer neuen Heimat anzünden, zuvor aber beten, daß der Gott unſerer Väter auch dieſe Stätte heilige, wo noch nie ein Mann vom Stamme Israel ge— ſeſſen hat.“ „So ſei es,“ verſetzte Sorle. Und es ward ſtille in dem kleinen Gemach, und man hörte nur zuweilen, wie die beten— den Lippen ſich in leiſem Gemurmel bewegten. III. In der Wohnung des Mouſche Löb ſah es derzeit nicht halb ſo heimiſch, wie in der abgelegenen Mühle aus, obgleich ecke 8 dieſelbe ſich in dem ſogenannten Schloß— einem lang— geſtreckten Gebäude mit mehreren Eingängen, breiten Fluren und großen Fenſtern— befand. Auch die Möbel waren noch vollzählig und in guter Beſchaffenheit, und Kiſten und Kaſten wohlgefüllt von Weiß- und Silberzeug. Denn die Frau des Mouſche Löb hatte alle bewegliche Habe mit Beſchlag, belegt, ſo ſehr auch ihr Gatte dagegen proteſtieren mochte. Als dem Mouſche das Ellenmaß aus der Hand genommen wurde, hatte Frau Fanny zu Schere und Nadel gegriffen, um die Künſte ihrer Mädchenjahre zum Broterwerbe nutzbar zu machen, wie ſie es bis dahin für ihre aufwachſenden Kinder gethan hatte. Es waren ihrer vier— der älteſte, ein Sohn, war ſieben Jahre alt, das jüngſte, ein Mädchen, etwa zwei. Stütze konnte ihr ſomit noch keines ſein. Doch wurde ſie auch nicht viel in ihrer Arbeit von ihnen geſtört, beſonders ſolange der Vater zu Hauſe war. Sobald ſein Schritt auf dem langen Gange hörbar wurde, verſteckte ſich jedes in die hinterſte Ecke der geräumigen Wohnſtube oder ins Nebenzimmer. Auch Fanny pflegte dann ängſtlich ihren Anzug zu muſtern, das weiß Häubchen über dem ſchwarzen Scheitel feſter zu ſtecken und dann nochmals einen ſuchenden Blick auf Stühle und Fuß boden zu werfen, ob nicht irgendwo noch ein Kleiderfetzen zu entdecken wäre. Denn wie ſie es auch anſtellen mochte, der Mouſche hatte noch immer etwas zu ſchelten und zu tadeln gefunden. Sie konnte ihm nichts mehr zu Danke machen, beſonders ſeit es ruchbar geworden war, daß der Nathan in der verwahrloſten Mühle eine Zuflucht ſuchen mußte. Und heute, an deſſen Umzugstag, war er bereits in aller Frühe ohne Gruß davon— gegangen und ſeither nirgends mehr geſehen worden. Jeden— falls war er über Feld in einem der drei Heimerthale, wo er ſich eine Kundſchaft als Schmuſer zu gründen ſuchte— das heißt, allenthalben Nachfrage hielt, wo es ein Stück Vieh zu kaufen oder zu verkaufen gab und was damit zu⸗ ſammenhing. Es war ſchon dunkle Nacht, als er nach Hauſe kam, ohne guten Abend zu ſagen und mit noch unfreundlicheren Mienen und Augen, als man ſonſt an ihm zu ſehen pflegte.„Ein Glück,“ dachte Fanny,„daß die Kinder ſich bereits zu Bett begeben, haben.“ Sie erhob ſich raſch, um dem Gatten Hut und Stock ab⸗ zunehmen. Er aber ſah an ihr vorbei, als ob ſie Luft ge⸗ weſen wäre, und entledigte ſich ſchweigend ſeines Ueberziehers. Darauf ging Fanny an den Ofen, um das Eſſen herunter zu nehmen und auf den bereits gedeckten Tiſch zu ſtellen. Der Mouſche aber warf ſich auf einen Stuhl am Fenſter und ſah angelegentlich in den dunklen Hof hinab, indem er ſich den dichten ſchwarzen Vollbart mit ſeinen großen Händen ſtrich. Dann ſtand er wieder auf, ſchritt ein paarmal im Zimmer auf und ab, murmelte einige unverſtändlichen Laute und fuhr ſich dann über die buſchigen Augenbrauen, als ob ihn etwas am Sehen hinderte. Fanny wagte es nicht, eine Frage zu ſtellen. Sie ſetzte ſich wieder an ihre Arbeit nieder, und ihre kränkliche Geſichts—⸗ farbe ſchien noch gelber als gewöhnlich geworden. „Hör' auf!“ befahl der Mouſche endlich mit unwirſcher Stimme. Sie that es ohne Widerrede. „Weißt du auch, daß der Nathan heute in die Mühle gezogen iſt?“ „Ja!“ hauchte ſie mit zitternder Stimme. „Und du beharrſt noch immer auf deinem Eigenſinn?“ „Welchem Eigenſinn?“ „Thue nicht ſo unſchuldig!“ rief er vor ihr ſtehen bleibend und ſie mit zornfunkelnden Augen meſſend.„Die fünfhundert Gulden meine ich, die ihm dies Schlimmſte vielleicht noch er⸗ ſpart haben würden.“ Sie ließ die Hände vom Schoße ſinken und blickte den Entrüſteten mit hilflos flehendem Ausdruck an. „Wenn es ſich um niemand als uns beide allein gehandelt hätte,“ entgegnete ſie dann mit zuckenden Lippen,„ſo würde ich längſt geſagt haben: Hier, nimm was du brauchſt— nimm alles, was mein iſt— und ich will nicht fragen, was du damit zu thun gedenkſt. Aber ich habe ja Kinder; und wie dürfte ich die unſchuldigen Kleinen berauben, um eines fremden Mannes willen?“ „So! Hat der Nathan etwa keine Kinder? Er kann mit ihnen nun ſehen, wo er bleibt, nicht wahr, nachdem er ſein Alles für uns geopfert hat! Uns, ſage ich; denn du haſt nicht weniger Schuld an meinem Untergange als ich ſelbſt. Anſtatt mich zurückzuhalten, haſt du mich aufgeſtachelt; ————-— di U ri al N A ſa m 96 ge N 5¹ du wollteſt eben die einzige Kaufmannsfrau im Dorfe ſein. Und als es dann ſchief ging, haſt du dich zu allererſt von mir zu rückgezogen und auf Abſonderung deines Ve rmögens angetragen.“ „Um meiner Kinder willen!“ warf Fanny mit dem Mute der Verzweiflung ein. „Gewiß, um deiner Kinder willen! Und weil ich dir als ihr Vater nichts gegolten habe, ſo will ich auch dein Mann nicht länger ſein und ſo ſcheide ich mich von dir im Angeſichte Gottes, wenn wir vor den Menſchen auch noch zu— ſammenbleiben müſſen. Denn falſch falſch biſt du. mich geweſen von Anbeginn! Ich glaubte eine wohlgewachſer ſtattliche Perſon zu ehelichen und erhielt ſtatt deſſen ein aus⸗ geſtopftes Drahtgeſtell. Das Weißzeug, das ich für unſeren gemeinſamen Bedarf nach Hauſe ſchleppte, haſt du mit deinem Mädchennamen gezeichnet, um es als dein alleiniges Beſitztum in Anſpruch nehmen zu können. Deine Verwandten haſt du mir abſpenſtig gemacht, ſo daß ich mich an keinen um Rat und Hilfe wenden konnte. Meine Bitte um elende fünfhundert Gulden— wo dir Tauſende verblieben ſind— haſt du gleich nichts geachtet— und heute bat ich darum zum letztenmal! Fortan ſoll mein Mund dir verſtummen, drei volle Jahre —. N Denn da drinnen—“ lang, falls ich bis dahin das Leben erhalte und er ſchlug ſich auf die Bruſt, daß es dröhnte—„iſt nicht nehr alles in Richtigkeit, ſeit ich ſo ehrlos vor den Leuten und meinem beſten Freund geworden bin. Handelt es ſich um die Kinder, ſo kannſt du mir ſchreiben, und ich werde dir auf dem gleichen Wege Antwort geben. Wirſt du krank— was Gott verhüten möge!— ſo werde ich dich pflegen und dir an nichts mangeln laſſen. Nur darfſt du mir deine rwandten nicht auf den Hals hetzen, und geſchieht es den noch, ſo werde ich mein Hausrecht gebrauchen. Verſtehſt du mich? Und zur Bekräftigung deſſen, was ich gelobt habe, hebe ich dieſe drei Finger zum Himmel auf und rufe Gott Zeugen an Es 8 92 Ve zum Er hielt inne; denn Fanny war mit einem leiſen Auf do ſchrei vom Stuhle geſunken, und unter der Thüre des Neben f geſ zimmers ſtand leichenblaß das älteſte Söhnchen im Nacht un kittelchen, doch ſcheuchte ein drohender Blick des Vaters den me Zitternden in ſein Verſteck zurück. Ohne eine weitere Miene zu verziehen, nahm er die üb Bewußtloſe vom Boden auf und trug ſie aufs Sofa, als ob M ſie ein Kind geweſen wäre. Denn er war ein großer Mann daf von kräftigem Gliederbau, und dem entſprach ſein ſtark ge bauter Kopf mit dem mächtigen Haarwuchs und den großen, f 6 ſchwarzen Augen, die nur wenig Weißes ſehen ließen. Bi Er ſtrich die Ohnmächtige zunächſt mit Waſſer an und(A flößte ihr ſtärkende Tropfen ein, die er aus dem Wandſchrank ſpi genommen hatte. Und als ſie dann die Augen aufſchlug und ſich verwundert im Zimmer umblickte, eilte er mit großen Schritten auf den Gang hinaus und klopfte ans Zimmer einer Flurnachbarin. 3„Der Fanny iſt es ſchoufel geworden,“ rief er durch die Thürritze.„Komm' ein bißchen herüber, Riftele(Rebekka)! Kl 0„Ich will derweil nach deinen Kindern ſehen; und wenn du koß es für nötig hältſt, ſo will ich noch dieſe Nacht den Doktor holen.“ be 46 So benahm ſich der Mouſche als ein Muſter von einem die 8 90 Ehemann, unbeſchadet des Schwures, den er ſich und Fanny 4 5 geleiſtet hatte. Denn niemand hörte ihn von jenem Abend an 25 ein direktes Wort an ſeine Gattin richten, und niemand wußte * dafür einen anderen Grund zu finden, als daß er eben ein ern 79 verſtockter eigenſinniger Charakter wäre, in deſſen Nähe ſich nicht gut weilen ließe. we IV. we Es war am Vorabend vor Lichtmeß. Frau Sorle Ehr- Ur mann hatte den ganzen Tag geflickt und geſcheuert und für wo den folgenden Sabbath das Eſſen gerichtet. Sie konnte es nicht mehr erſchwingen, ſich eine„Schabbesgoje“ zu halten, na en ob In doch hatte es ihr bis jetzt noch nie an einer mitleidigen Seele en zu ihr kam, um Feuer zu machen gefehlt, die am Feſtmorge und das zu wärmende Eſſen aufzuſtellen, auch wenn ſie wenig mehr als ein„Vergelt's Gott!“ dafür bekam. Die Hände an der blauleinenen Küchenſchürze trocknend, überblickte ſie jetzt noch einmal ihr Tagewerk mit zufriedenen Mienen; denn es ſah alles ſo wohlgeordnet und ſauber aus, daß man gar nicht daran dachte, wie dürftig es war. Am weißgeſcheuerten Tiſch, über welchem bereits die Sabbathlampe aufgehängt war, ſaßen die zwei ſchwarzäugigen Buben und blätterten in einem alten Abebuch, wobei Frum (Abraham), der ältere, nach Kinderweiſe den Schulmeiſter ſpielte. Darauf ging es ans Rechnen. „Zähle, Männle,“ befahl der Geſtrenge. „Eins, drei,“ ſtammelte der dreijährige Schüler. „Eins, zwei,“ verbeſſerte der Lehrer. „Zwei, fünf,“ fiel der kleine Rechenkünſtler freudig ein. Frumchen zankte, die Mutter lachte und eilte auf den Kleinen zu, um ihm ein paarmal über den ſchwarzen Kraus⸗ kopf zu fahren. „Du wirſt zeitlebens kein Handelsmann, wenn du nicht beſſer rechnen lernſt,“ ſchalt ſie zärtlich, indem ſie ihn auf die Stirne küßte. „Ich auch nicht,“ verſetzte Frum, ſich in die Bruſt werfend. „Nicht? Und was denn ſonſt, wenn man fragen darf?“ „Müller,“ erklärte jener; und die Mutter war plötzlich ernſt geworden. „Wenn's Gottes Wille iſt, ſollt ihr beide etwas Rechtes werden,“ entgegnete ſie dann mit gefalteten Händen.„Doch wo der Vater nur ſo lange bleiben mag?“ ſetzte ſie leiſe hinzu. Und ſie warf einen unruhigen Blick nach der Richtung, von wo er kommen mußte. Dann trat ſie noch näher ans kleine Fenſter und ſpähte nach dem Wieſenthal, über welches ſich ſchon am Morgen ein grauer Nebelſchleier gebreitet hatte, der ſich jetzt zuſehends verdichtete, ſo daß er von der weißen Schneedecke kaum mehr zu unterſcheiden war. „Es giebt Tauwetter,“ ſeufste ſie,„und der Nathan hat keine waſſerdichten Schuhe mehr.“ Und ihr Auge bohrte ſich noch heißer durch die ſinkenden Abendſchatten. Sie zündete darauf die Feſtlampe an, die den Heimkehren— den als Vorbote des kommenden Ruhetages ſchon von der Ferne begrüßen ſollte, und nahm das Gebetbuch vom Wand brett herunter. Aber auch dies vermochte nicht den Geiſt der Beſorgnis zu bannen; denn nachdem ihr Gatte bereits drei volle Tage abweſend war, würde es ihn zum Anbruch des Sabbaths gewiß ſchon früher nach Hauſe getrieben haben, wofern ihm nichts begegnet wäre. Doch was ſollte ihm begegnet ſein? Er hatte keinen einzigen Feind auf der Welt, den Mouſche Löb natürlich aus⸗ genommen. Und gerade um deſſentwillen war er ja ſo weit ins Thal hinunter bis in den Jagſtgrund gegangen, damit ſie ſich in ihrer jetzt gemeinſamen Beſchäftigung nicht immer in die Quere kämen. Hier ſtockte ſie in ihrem Gedankengang, denn ſie glaubte auf der oberhalb vorbeiführenden Landſtraße einen ſchlürfenden Fußtritt durch die Abendſtille zu hören. Die Geſtalt aber ſchien größer als die ihres Gatten; und um beſſer ſehen zu können, öffnete ſie den Fenſterflügel. Nun meinte ſie in dem ſpäten Wanderer den Mouſche Löb zu er— kennen, und haſtig ſchlug ſie das Fenſter zu; denn was konnte ihr von einem ſo böſen Manne Gutes kommen? Trug nicht er die Schuld an all ihren Zweifeln und Beängſtigungen? Als Viehhändler, der auf eigene Rechnung kaufte, brauchte Nathan nie ſo ſpät am Freitagnachmittag nach Hauſe zu kommen; er konnte den Leuten ſeine Bedingungen vorſchreiben, während er als armer Makler ſich ängſtlich an die ihnen paſſenden Stunden halten mußte. Sie wünſchte dem Mouſche Löb den nich Kir der daß die im näc Na als vol unf unk kre unk ſta Au un kal geſ da⸗ Lel R E vo wo 25 Löb nichts Arges für ſeine Uebelthat, hoffte aber zu Gott dem Gerechten, daß er ihn auch nicht dafür belohnen werde— nicht in dieſem Leben und nicht in einem anderen. Und jetzt war ihre Beſorgnis unerträglich geworden.„Betet, Kinder!“ rief ſie, ein Tuch umwerfend und hinaus eilend in der Richtung nach Oberheimerthal. Allein Nebel und Abendſchatten waren ſo dicht geworden, daß die arme Frau nicht auf mehr als fünfzig Schritte in die Ferne ſehen konnte. Was ſollte ſie thun? Ihre Kinder im Stiche laſſen auf der winterlichen Heide— nach dem nächſten Wirtshaus— Welch ein Unſinn! Als ob der Nathan ſich je an einem ſolchen Ort verſpätet hätte! Nichts als ein Unglück konnte ihn ſo lange ferne halten. Wie Sorle gefürchtet, hatte ein Unfall ihres Mannes Rückkehr verzögert. Nach einer weiteren Viertelſtunde qual— vollen Wartens tauchte der lang Erſehnte mit haſtigen, aber unſicheren Schritten aus dem Nebel auf und ſtand jetzt wankend und keuchend unter der von innen geöffneten Thüre. Er war kreidebleich mit verwirrten Haupt- und Barthaaren und über und über von Waſſer triefend, das zum Teil in gefrorenen Zapfen an ſeinen Kleidern hing. Sorle ſchrie laut auf, als ſie den Gatten in dieſem Zu ſtande erblickte, doch dauerte ihre Faſſungsloſigkeit nur einen Augenblick. Dann riß ſie ihm den Zwerchſack von der Schulter und die Kleider vom Leibe; und darauf wurden aus der feucht⸗ kalten Kammer die Betten herbeigeſchafft und um den Froſt— geſchüttelten herumgewickelt. Denn was fragte ſie jetzt noch danach, ob der Sabbath angebrochen ſei? Es galt ja das Leben ihres Gatten zu retten, und das konnte ihr Gott der Herr doch ſicherlich nicht übel nehmen! In der weichen Umhüllung auf dem Strohſack ruhend und von innen durch heißen Kaffee erwärmt, berichtete dann Nathan 7 1. 7 was ihm begegnet war. Am Ausgange von Oberheimerthal wollte er, um deſto raſcher nach Hauſe zu gelangen, eine Krümmung abſchneiden und mußte in dem riſſigen, ſchmutzigen Schnee den Pfad ver⸗ fehlt haben. Denn ehe er wußte, wie es gekommen war, lag er in einer Waſſerlache— einer offen gelegten Kalkgrube, deren ſchmelzndes Eis ihn nicht mehr zu tragen vermochte. Nur mit großer Anſtrengung konnte er ſich herausarbeiten und ſo raſch es ſeine durchnäßten Kleider geſtatteten, die Fahr ſtraße gewinnen, indem er bei jedem Schritte ſeines Gottes und Helfers gedachte. Vielleicht, daß dieſer nun die Gnade haben und ihn mit dem bloßen Schrecken davonkommen laſſen werde. Denn ſelbſt Hiob wäre nicht über ſeine Kräfte geprüft worden, da nichts davon geſchrieben ſtehe, daß Weib und Kinder während ſeiner Krankheit gehungert haben. „Wenn's Gottes heiliger Wille iſt,“ ſprach Sorle mit einem Seufzer. Leiſer aber ſetzte ſie hinzu:„Möge ſein eigener Leib ihm verdorren, der die Grube geöffnet hat!“ Nathan ſchrie auf:„Wen meinſt du, Sorle! Wem f dieſe harten Worte gelten?“ „Ihm, der dir dieſen Fallſtrick gelegt hat und den ich nicht zu nennen brauche. Ich habe ſchon meine eigenen Ge— danken gehabt, als ich ihn ſo ſpät durch den Nebel ſchleichen ſah: Der Mouſche Löb, natürlich, von dem all unſer Unheil gekommen iſt.“ „Sorle, Sorle! Wie kannſt du auf ſolche Gedanken ge— raten? Eine Kalkgrube mit Abſicht öffnen, damit ein anderer hineinfallen möge! Nicht Chriſt, nicht Jude konnte wiſſen, daß ich bei dieſem ſchlechten Wetter einen Feldweg einſchlagen werde.“ „Chriſt nicht, aber Jude,“ verſetzte die junge Frau aufs beſtimmteſte;„denn nur einer der Unſeren konnte wiſſen, wie es einen Familienvater am Sabbathabend nach Hauſe treibt.“ „Sorle, der Schmerz redet aus dir und ſucht dir deinen klaren Sinn zu trüben. Weiſe ſie von dir, die böſen Ge— danken! Denn ſo finſterer Argwohn löſcht dem Menſchen das Licht der Sonne und der Sterne aus und erzeugt erſt das ollen Ueb ſuch ſich ſolc geg ſein kra So Wä na. get we mi gel Ar Un neiden Wver , lag zrube, iochte. beiten Fahr Hottes nade laſſen eprüft und mit ſein ˖ 1*4 ſollen n ich Ge eichen Inheil ge iderer „daß orde.“ aufs „ wie eibt.“ einen Ge⸗ das das Uebel, anſtatt es abzuwenden. Doch nun will ich zu ſchlafer ſuchen, um morgen deſto zeitiger wieder bei der Hand zu ſein. V. Der Morgen war da, doch Nathan machte keinen Verſuch, ſich von ſeinem niedrigen Lager zu erheben, wenigſtens nicht, ſolange er Sorle in der Nähe wußte., Sobald ſie aber hinaus gegangen war, ſo ſuchte er ſich abwechſelnd in den Gebrauch ſeiner Gliedmaßen zu ſetzen, doch nur um jedesmal mit einem ·n wieder davon abzulaſſen. Als etze krampfhaft verhaltenen Stöhne ob er bloß der Sorle aber wieder zurückkam, ſo that er, als Wärme und Bequemlichkeit wegen noch im Bette verbleibe. Am folgenden Tage aber machte Nathan keine weiteren Verſtellungsverſuche: er war krank, ſchwer krank, und fragte nun ſelbſt danach, ob der Feldſcher denn nicht bald kommen würde. Sorle ſeufzte nicht mehr und klagte nicht; ſie hatte einen Entſchluß gefaßt. Still ordnete ſie ihre Haushaltungsgeſchäfte und gab Frum dann heimlich ihre Anweiſungen, wie er den Vater und das Brüderchen bedienen müſſe, falls ſie längere Zeit nicht zurückrommen würde. Darauf fragte ſie Nathan nach den Häuſern, wo er noch etwas einzunehmen hätte, und machte ſich einige Bleiſtiftnotizen. „Was willſt du thun, Sorle? Es iſt faſt eine Stunde nach Unterheimerthal.“ „Thut nichts, die Kranken müſſen geſtärkt, die Betrübten getröſtet werden; und bei Waſſerſuppe und Kaffee kann man weder körperlich noch geiſtig wieder zu Kräften kommen. Halte mich daher nicht auf, denn ich müßte ſonſt ohne deinen Willen gehen auf dem Wege, den der Herr mich ſendet.“ Und ihre Augen leuchteten voll heldenhafter Entſchloſſenheit. „Nimm wenigſtens den wattirten Mantel der Mutter um,“ bat Nathan. Sorle ging ohne Widerrede in die Kammer, um das Kleidungsſtück— ſo lang und weit es auch war— aus der Kiſte zu nehmen. Und dann vervollſtändigte ſie ihren Anzug durch eine Wollhaube, deren Farbe von der ihres braunen Scheitels kaum zu unterſcheiden war. Es war ſchon ſpäter Nachmittag, als Sorle mit angſtvoll beflügelten Schritten wieder zu Hauſe anlangte. Ein Huhn hatte ſie mitgebracht und eine Düte mit Reis. Denn bis nach Unterheimerthal war ſie gekommen und hatte faſt überall, wo ſie von ihres Mannes Unfall erzählte, das rückſtändige Schmusgeld erhalten. Zugleich aber hatte ſie dabei ein anderes Geſchäft angebahnt, das freilich nicht ſofort in klingende Münze umgeſetzt werden, gewiß aber mit der Zeit einen lohnenden Verdienſt abwerfen konnte, nämlich das Lumpenſammeln. „Gott der Gerechte! Ein ſchwaches Weib mit einem ſchweren Lumpenſack!“ rief Nathan entſetzt; und dann machte er einen Verſuch, ſich im Bette aufzurichten, als ob von längerem Liegenbleiben nun keine Rede mehr ſein könnte. Erſchöpft aber ſank er ſofort in die Kiſſen zurück, um dann vor Schmerz über ſeine Kraftloſigkeit in ein leiſes Weinen auszubrechen. „Beruhige dich nur und ſei guten Mutes,“ tröſtete Sorle, „es iſt ja glücklicherweiſe keine Lungenentzündung, wie zu be— fürchten ſtand.“ Und in der That bekam Nathan keine heftig auftretende und raſch verlaufende Entzündungskrankheit; aber ſein Uebel war ein langſames, ſchleichendes, das ihm das Mark aus den Knochen und das Blut aus den Adern ſaugte. Und als er vom Arme ſeiner Frau und des Feldſchers unterſtützt zum erſtenmal ſich wieder auf die Füße ſtellen konnte, da war es, als ob ein böſer Zauberer ſeine Geſtalt verwandelt hätte. Schlank und biegſam zuvor, wenn auch nicht über Mittelgröße, war er jetzt wie ein altes Männlein zuſammengebuckelt; und die klugen, grauen Augen, die ſtets ſo offen und frei ins Weite blickten, hafteten am Boden. Er konnte ſie weder hierher noch dorthin wenden, ohne den gekrümmten Körper mitzubewegen, blä hat M. Wi 55 ſtil leif nid ſich Anzug Aunen gſtvoll Huhn n bis berall, indige nderes Nünze tenden n. einem nachte von önnte. dann zeinen Sorle, u be etende Uebel 5s den hätte. jröße, und Weite noch hegen, ſo ſteif war ſein blätter. Als Nathan ſie 1 29 ungelenkig Nacken, ſo ) von ſeinem erſten Sch hatte, da bat er, daß man ihn mit ſeinem Minuten allein laſſen ſollte. re Sorle befolgte ſeine cken chöpfer auf einige etwas ſchweigend ſeinen Willen und kam erſt wieder in die Stube, als ſie von dem Frum gerufen wurde, der ſich bis dahin mit dem Brüderchen ſtill in der Kammer verhalten hatte. Eine Zeit lang weinten die ſchwer betroffenen Eheleute Was hätten ſie ſich auch ſagen ſollen, das leiſe vor ſich hin. nicht jedes in der eigenen Seele ſchon erwogen hätte! Nathan war jedoch von allzu frommer Denkungsart, um ſich gegen das Unvermeidliche aufzulehnen. Er fand noch der Dankesurſache genug im freien Gebrauch ſeiner Gliedmaßen. Er konnte ſich fortbewegen, Laſten faſſen und auf dem Rücken tragen, ſich ſeiner Familie nützlich machen. Sein Geſicht blieb zwar blaß und ſchmal, die milden ſchönen Augen von bläu lichen Schatten umgeben; und die Bruſt gab einen pfeifenden Ton von ſich, wenn er ſich über die Maßen anzuſtrengen ſuchte. Allein die innere Kraft gewann bald den Sieg über die äußere Hinfälligkeit, ſie leuchtete aus dem geſammelten Ernſt ſeiner intelligenten Geſichtszüge, dem gütevollen Lächeln des feinen Mundes, dem wehmütig⸗freundlichen Mienenſpiel. Und als dann die warmen Frühlingslüfte über die Hügel kamen und mit ihnen die erſten Schwalben, die ihre alt— gewohnten Neſter unter dem weit vorſpringenden Strohdach aufſuchten, da erwachte auch in Nathan der Erwerbsſinn wieder, und es wurde beſchloſſen, daß er mit ſeiner Sorle den Lumpen⸗ handel gemeinſam betreiben ſollte. Und das Geſchäft breitete ſich aus und gedieh; und wer nichts von Nathans Gebrechen gehört hatte und ihn mit ſeinem großen Lumpenſack auf dem Rücken einherkeuchen ſah, der mochte meinen, daß die äußere Laſt allein es war, die ihn ſo tief zur Erde beugte. Die aber, welche es anders wußten, erzählten ihren Kindern, wie ſo ſchlank der Lumpenmann in früheren Zeiten geweſen und von welchen Unglücksfällen er be— troffen porden war. Auch fehlte es nicht an mancherlei An— ſpielungen, daß man dies nicht auf dem Gewiſſen haben möchte, gele alle nich nich Auf meh Wa die wie frag finſ näck Dag Wã wenn es wirklich wahr ſein ſollte, daß die Kalkgrube mit Ab⸗ ſicht geöffnet wurde, um ſich einen läſtigen Konkurrenten vom Halſe zu ſchaffen. VI. Dergleichen Gerede hat natürlich nicht verfehlen können, gelegentlich auch zu Ohren des Mouſche Löb zu kommen, und dann blickte er noch finſterer und grimmiger unter ſeinen buſchigen ſchwarzen Augenbrauen hervor, und die Kinder gingen ihm aus dem Wege, wo immer ſie ihn kommen ſahen. zu fieb pfle mel ſein ſein Här ſie Kin and Wä abl. auf naßen. Rücken t blieb bläu fenden ſuchte. äußere ſeiner feinen Hügel Ealf ohdach vieder, impen id wer ſeinem h, der ihn ſo hußten, inn in er be i An möchte, it Ab n vom önnen, n, und ſeinen gingen Auch ließen Frau Fannys gute Freundinnen ſich's an gelegen ſein, daß die üblen Nachreden auf den Mouſche 1 alle wurden, zumal er, wie ſie ſagten, ſeine eigenen Kinder nicht leiden könne, ſogar das kleine Engelchen, das Röcsle, nicht ausgenommen. Der Mouſche ha Aufmerkſamkeiten; es ſchien, als ob ſie ihn im Grunde nichts tte in der That für ſeine Kinder wenig mehr angingen, beſonders wenn ihre Mutter in der Nähe war. War ſie aber abweſend, ſo ſtreifte ſein Blick oft heimlich über die dunklen Köpfe hin, um ſich dann ſcheu hinwegzuwenden, wie ertappt auf einer Uebelthat, wenn die ernſten Kinderaugen fragend und vorwurfsvoll an ihm hinaufſtarrten. „Sie hat gewählt zwiſchen mir und ihnen,“ entgegnete er finſter, wenn eine beherzte Nachbarin ihn über ſeine Hart⸗ näckigkeit zur Rede ſtellte. —BVBar aber eines krank, ſo konnte er Nächte lang an deſſen Wager wachen, ihm die Arzneien verabfolgen und andere —Wärterdienſte erweiſen, doch ohne dabei ergriffen oder zärtlich zu ſcheinen. Auch als ſeine Frau im Monat Mai von einem Nerven— fieber befallen wurde, konnte es keinen unermüdlicheren Kranken⸗ pfleger als den Mouſche geben. Nächtelang kam er nicht mehr aus den Kleidern, und das Haar ſträubte ſich ihm auf ſeinem ſtruppigen Kopfe, wenn ſie in wilden Fieberphantaſien ſeinen Namen nannte, ihm Vorwürfe über ſeine Kälte und Härte machte und ihn bei ihrem Bruder zu verklagen drohte. Und als die finſteren Dämonen dann von ihr wichen, war ſie ſo ſchwach und hinfällig, daß Mouſche ſie oft wie ein Kind auf ſeine ſtarken Arme nehmen und von einem Bett zum anderen tragen mußte, wenn das Zimmer gelüftet und die Wäſche gewechſelt werden ſollte. Er that buchſtäblich alles, was er ihr nur am Geſichte ableſen konnte; aber ſo oft auch ihre großen braunen Augen auf ihm ruhten— ſo oft ſie auch die ſchmalen blaſſen Lippen bewegen mochte, um das rechte Wort zu finden, der Mouſche, Löb blieb ſeinem Schwure treu und ſprach all die ſchweren Wochen über kein einziges direktes Wort mit ihr. Waren die Kinder nicht zugegen, um als Vermittler zu dienen, ſo mußten es die Nachbarsfrauen thun. Als Fanny dann endlich geneſen war und das Haus wieder verlaſſen konnte, wurde der Mouſche vor den Vorſtand des Synagogenrates geladen und wegen ſeines Verhaltens gegen ſeine Frau zur Rede geſtellt. „Habe ich nicht aller- und jederzeit meine Pflicht an ihr gethan?“ entgegnete Mouſche mit feſter Stimme und Haltung. „Habe ich's ihr und den Kindern an etwas fehlen laſſen, das zu erſchwingen in meiner Macht gelegen hätte? Das übrige aber iſt meine Sache, und ich verbitte mir betreffs derſelben alle ferneren Einmiſchungen.“ Und damit war er ſicheren Schrittes und Blickes hinaus⸗ gegangen. Doch die Aelteſten— ſei es auf Anſtiften Fannys oder ihrer Mutter, die im Juni zu Beſuch kam— wollten es bei dieſem Beſcheide nicht bewenden laſſen. Sie berichteten an den Rabbiner in der Amtsſtadt, der dann und wann zu einer Trauung oder einem Begräbnis kam;— und bei einer dieſer Gelegenheiten ließ er ſich auch den Mouſche Löb vorſtellen. Der Mouſche verhielt ſich dem kirchlichen Würdenträger gegenüber achtungsvoll, wie ſich's gebührte. Als dieſer aber auf ſein eigenſinniges Verhalten gegen ſeine Frau zu ſprechen kam, da ſagte der Mouſche nur, daß er das Sprechen auf drei Jahre verſchworen habe, und über die Gründe glaube er niemand als ſeinem Gott und Schöpfer Rede ſtehen zu müſſen. Und was immer der geiſtliche Herr ihm über ſeine Ver— ſtocktheit auch noch vorſtellen mochte, der Mouſche blieb kalt und unerſchütterlich und gab ſchließlich die Erklärung ab, daß er ſeiner Frau durchaus nichts in den Weg legen würde, falls We pf ab eit Mouſche ſchweren tren die mußten Haus zorſtand haltens an ihr haltung. en, das übrige erſelben hinaus⸗ s oder es bei ten an u einer dieſer Alen. nträger r aber prechen en auf uube er müſſen. e Ver⸗ eb kalt b, daß e„ falls v ſie ſich auch öffentlich von ihm trennen wollte, wie ſie es bereits im geheimen wären. Frau Fanny ſchien in der That keinen anderen Ausweg zu finden, um dieſem unerträglichen Zuſtande ein Ende zu machen. Denn anſtatt mit der Zeit im Betragen ihres Mannes eine Annäherung zu bemerken, wurde ihr derſelbe nur immer entfremdeter, ohne jedoch anderer Orten eine Zerſtreuung zu ſuchen. Er wich um keines Haares Breite von der ſeinem Stamme eigenen Nüchternheit; und obgleich noch in ſeinen beſten Mannesjahren, blickte er ſich nie nach anderen Frauen um— am wenigſten nach Sorle Ehrmann, der er ſtets— wer weiß wie weit— aus dem Wege ging, ſofern ſich dieſes bewerkſtelligen ließ. „Da ſieht man, was für ein ſchlechtes Gewiſſen er hat,“ pflegte Sorle dann zu ihrem Manne zu ſagen; den Nagel aber hatte ſie damit, trotz ihrer ſonſtigen Geſchicklichkeit, nicht auf den Kopf getroffen, ſo wenig wie alle anderen, die ſich einbildeten, in der Seele dieſes merkwürdigen Mannes wie in einem aufgeſchlagenen Buche leſen zu können. Und als es dann wieder Frühjahr war, hieß es auf ein— mal, die Fanny ſei im Begriffe, mit ihren beiden älteſten Kindern nach Amerika auszuwandern, und der Mouſche habe keinen Einwand erhoben. Die beiden jüngſten wolle ſie vor— läufig in Mannheim bei ihrer Mutter unterbringen und ſie ſpäter dann nachholen oder nachkommen laſſen, falls der Mouſche ſeinen ſtarren Sinn nicht ändern würde. Der Mouſche aber that, als ob die ganze Sache ihn von allen Menſchen am wenigſten berühre. Er ging Tag für Tag ſeiner Beſchäftigung nach und ſchien es nicht zu beachten, daß daheim die Koffer und Kiſten gepackt wurden und die Kinder alle neue Kleider und Hüte bekamen. Das Geld zu dieſer Ausrüſtung war teils vom Oheim in New-PYork, teils von der Großmutter geſchickt worden, wie das kleine Rösle arglos er— zählte, ohne daß der Mouſche darauf angeſpielt hatte. Die * N 9 Bender, Die Hausfreundin. 3 beiden älteſten dagegen gingen dem Vater ſtumm und ſcheu aus dem Wege, wenn er nach Hauſe kam; und die Fanny ſah ihn zuweilen mit ängſtlich fragenden Blicken an, als ob ſie es 5 noch immer nicht zu faſſen vermöchte, daß er die unſchuldigen Kleinen ſo gefühllos in die Fremde ziehen laſſe. 16 Und als ob ſie bis zuletzt auf eine Sinnesänderung ge— ˖ hofft hätte, war ſie am Vorabend ihrer Abreiſe an Geſicht und Haltung kaum mehr wieder zu erkennen. Wie ein Schatten wankte ſie einher in ihrer ſchlotternden Gewandung; und als f ſie von Freunden und Bekannten Abſchied genommen hatte, mußte ſie ſich ſofort zu Bette legen, ſo ſchwach und hinfällig war ſie geworden. Als aber am anderen Morgen der Mouſche ſich wie ge— wöhnlich auf den Weg nach Oberheimerthal machte, da rief Fanny ihm oben durchs Fenſter nach, ſie wollten doch ordent— lichen Abſchied nehmen und er ſolle den armen Kindern noch ſeinen Segen geben. 40 Er aber that, als hörte er es nicht, und eilte mit noch längeren Schritten als gewöhnlich zum Hofthor hinaus, un⸗ 1595 bekümmert um das Schluchzen ſeiner Frau und das Geſchrei der hinter ihm her eilenden Kinder. 8 Doch Fanny wollte ſich nicht abſchrecken laſſen. Haſtig griff ſie nach Hut und Mantel und folgte mit ihren vier Kindern dem Flüchtigen nach Oberheimerthal. Mitleidige Menſchen verrieten ihr auch den Ort ſeines Aufenthalts; aber wenn ſie durch die Vorderthüre des bezeichneten Hauſes hinein⸗ ging, entwich der Mouſche durch die Hinterthüre. Es war eine Hetzjagd, welche die Unvernünftigen zum Lachen, die Ver— nünftigen aber zu Thränen bewegte. ö Nur den Segen für ihre Kinder wollte das unglückliche f Weib noch haben: denn in Hinſicht ihrer Selbſt war ſie nun an jedem gütlichen Ausgang verzweifelt. Der Mouſche aber, als er ſich im oberen Heimerthal nicht länger vor ihr halten konnte, ging ins mittlere; und ſie mußte ſcheu y ſah ie es digen ge eſicht atten als hatte, fällig 08 rief dent noch noch un ſchrei daſtig vier idige aber nein⸗ eine Ver⸗ lliche nun nicht iußte endlich davon abſtehen, ihm des weiteren den Weg zu ver legen, um nicht den Zug zu verfehlen, der ſie mit ihren Kindern zu der Großmutter nach Mannheim bringen ſollte. „Und zweifelſt du noch länger daran, daß ſo ein ſchlimmer Mann nicht auch zu Mord und Totſchlag fähig iſt?“ wandte ſich Sorle an ihren Gatten, als ſie ihm von der abſonderlichen Hetzjagd zwiſchen den beiden Eheleuten erzählt hatte, die ſich von Gottes und Rechts wegen doch die Nächſten auf der Welt ſein ſollten. Sie ſtand in dem kleinen Gärtchen neben der Hausthüre, das nur erſt einigermaßen wieder dieſen Namen verdiente, ſo feſtgetreten und ſo öde war es unter den vorigen Bewohnern der Mühle geweſen; und nur der Hollunderſtrauch vor dem Stubenfenſterchen hatte an ſeine urſprüngliche Beſtimmung er innert. Jetzt war der Boden ſorgfältig umgegraben und mit dem Schlamm des Mühlgrabens erhöht und gedüngt worden. In dem kleinen Rondell wuchſen zwar erſt einige Früh lingsblumen, Salat und Bohnen aber waren üppig ins Kraut geſchoſſen, und Sorle hatte deren eine ganze Schürze voll, als ſie dem heimkehrenden Nathan ihre Frage vorlegte. Der Nathan ließ den ſchweren Lumpenſack auf die breite Steinfließe vor der Thürſchwelle gleiten und hielt ſich Ver— ſchnaufens wegen einen Augenblick am Gartenzaune feſt. „Wirf du nicht auch noch einen Stein auf ihn,“ ermahnte er dann ernſt;„denn wer ſo verhärtet ſcheint, muß ſchwer gelitten haben.“ „Aber Nathan,“ verſetzte Sorle vorwurfsvoll,„daß du den böſen Mann immer noch in Schutz nehmen kannſt! Und wenn er auch nichts auf dem Gewiſſen hätte, als daß er dich zum Bettler machte 25 „Sorle! Sorle! Es iſt noch ſelten einer bankerott ge— worden, der ſich von der Zukunft nicht goldene Berge ver— ſprochen hätte.“ „Doch wenn er ſeinen beſten Freund mit ſich ins Unglück 36 geriſſen hat, muß er dann auch noch aus lauter Bosheit einen Angriff auf ſeine Geſundheit machen?“ Nathans Augen funkelten zornig auf, und ein hartes Wort ſuchte ſich auf ſeine bebenden Lippen zu drängen. Doch gleich hatte er wieder die ihm eigene Selbſtbeherrſchung ge— wonnen, und mit einem tiefen ſchmerzlichen Seufzer raffte er ſeinen Sack vom Boden auf und ſchritt Sorle voran in den Hausgang. Aus der offenſtehenden Küchenthüre ſchallten ihm die fröh— lichen Stimmen ſeiner Knaben entgegen. Jubelnd nahmen ſie ihm die ſchwere Bürde ab und zogen ihn liebkoſend in die Stube, wo es jetzt ſo nett und freundlich wie in einem Puppen⸗ heim ausſah. Frau Sorle hatte das Menſchenmögliche gethan, um die Wände zu verkleben und weiß zu tünchen, den Back— ſteinen des Kachelofens einen roten Anſtrich zu geben und die Ritzen der ausgetretenen Fußdielen mit weißem Sande zu verdecken. Und dies alles in die roſigen Strahlen der unter—⸗ gehenden Juniſonne getaucht, daß von Schimmel und Moder keine Spur mehr zu entdecken war. „Wenn du keine ſo vortreffliche Hausfrau und Mutter wärſt, Sorle!“ verſetzte Nathan, ſich auf einen Stuhl nieder⸗ laſſend,„ſo hätte mich dein böſer Argwohn in Betreff jenes Mannes ſchon lange an dir irre werden laſſen. Und du biſt doch ſonſt keine ſchlechte Menſchenkennerin und ſollteſt wiſſen, daß ein finſteres Geſicht nicht immer das Aushängeſchild eines finſteren Herzens iſt, und daß die größten Schurken nicht ſelten die lieblichſten Mienen aufſetzen und die ſüßeſten Worte machen können. Und wie vermag ein gefallener Menſch ſich wieder aufzurichten, wenn jedes, anſtatt ihm tragen zu helfen, einen Stein auf ihn wirft, ſeine eigene Frau vielleicht nicht ausgenommen; denn es iſt nicht jeder ſo glücklich, eine Sorle zu haben.“ Jetzt lächelte die ſo Zurechtgewieſene, und während ſie das weiße Tiſchtuch zum Nachtmahle ausbreitete, ſagte ſie nach nen tter der⸗ nes biſt ſen, nes icht rte ſich fen, icht rle das einem Seufzer:„Aber bedenke doch nur— den armen Kindern nicht einmal ſeinen Segen zu geben! Und wer weiß, ob er ſie je im Leben wieder ſehen wird; denn das Waſſer hat keine Balken, wie du weißt.“ „Sorle!“ rief Nathan faſt aufſchreiend. Und dann um⸗ ſchlang er krampfhaft das Haupt des ſich an ſeine Schulter lehnenden Aelteſten, als gälte es, ihn vor einem drohenden Unheil zu ſchützen. VII. Es iſt nur zu wahr, daß das Waſſer keine Balken hat, ſo leicht man auch geneigt ſein mag, auf ſtatiſtiſche Nachweiſe geſtützt, dieſe Gefahr gering zu achten. Wenn aber wieder einmal die Nachricht von einem Schiffs⸗ unglück durch die Zeitungen läuft, dann vernimmt jedes ſie mit Entſetzen und Grauſen und wundert ſich, wie ſo viele Tauſende, oft ganz ohne Not, ſich dem tückiſchen Elemente auf gebrechlichen Fahrzeugen anvertrauen mögen. Dies war auch beim Untergang der„Luſatia“ der Ham⸗ burger Linie der Fall, die während eines dichten Nebels an den gefürchteten Klippen der Scilly-Inſeln aufgefahren und geſtrandet war. Nur wenige waren gerettet worden, und Frau Fanny Löb nebſt Kindern aus Klein-Eichheim in Baden war nicht unter dieſen wenigen. Dem Mouſche war dieſe Kunde um ſo unvermittelter und ſchonungsloſer mitgeteilt worden, als man allgemein von der Anſicht ausging, daß es eines ſtarken Hammers bedürfe, um aus dem harten Kieſel ſeines Herzens einen Funken Gefühl zu ſchlagen. Man hatte ihn zu dieſem Zwecke in den„Engel“ ge— rufen, als er gleichgültig einherſchlendernd ſeinem Tagewerk nachging. Der Mouſche Löb aber ſtarrte den Sprecher und das ihm unter die Naſe gehaltene Zeitungsblatt einen Augenblick an, als ob er das Gehörte nicht zu faſſen vermöchte. Dann ver⸗ 88 zerrten ſich ſeine Züge, er begann zu wanken und griff mit beiden Händen in die Luft wie ein Verſinkender. Wirtsleute und Gäſte wichen erſchrocken zur Seite, wie von einem, welchen der Zorn des Himmels getroffen hat. Aber noch ehe ſie ſich bewußt werden konnten, daß dies nicht die Anzeichen eines verhärteten Gemütes und ſtumpfen Ge wiſſens ſeien, hatte der Mouſche Löb ſich aufgerafft und war, ohne einen Laut von ſich zu geben, ſeiner Wohnung zugeſtürzt. Niemand wagte es, ihm zu folgen und ihm Troſt anzu bieten.„Die arme Frau mit den Kindern thut uns leid,“ hieß es;„aber ihm iſt recht geſchehen; er hat's nicht beſſer haben wollen.“ Und ſo warf ihm jedes einen Prügel nach. Der Mouſche Löb aber iſt von Stund' an von keinem mehr geſehen worden. Seine Flurnachbarn wollten in der Nacht ein wiederholtes Aechzen und ruheloſes Hin- und Her⸗ wandern auf ſeiner Stube gehört haben; des anderen Morgens aber blieb dieſelbe verſchloſſen, ohne daß von innen der Schlüſſel ſteckte. Und als die Thüre auf Befehl des Bürgermeiſteramts dann gewaltſam erbrochen wurde, da war nirgends eine Leiche zu finden, wie man vermutet hatte, und auch ſonſt keine Un⸗ regelmäßigkeit und Unordnung wahrzunehmen. Die Nachricht von dem rätſelhaften Verſchwinden des Mouſche Löb hatte ſich noch am gleichen Tage über die Nach— bardörfer verbreitet, und man erfuhr dann, daß der Unglück⸗ liche auf der Station Oberheimerthal in der Richtung nach Heidelberg mit dem Frühzuge abgefahren war. Da der Mouſche in ſeinem Heimatsdorfe keine nahen Ver⸗ wandten zurückließ, wurden dann auch keine weiteren Nach⸗ forſchungen angeſtellt.„Er wird ſchon wieder kommen,“ ſagten die Leute achſelzuckend und in einem Tone, dem man es an— hörte, daß ſich kein Menſch über das Nichteintreffen dieſer Prophezeiung gegrämt haben würde. Nur einer gab Anzeichen einer tieferen Teilnahme in be— d ——— inem der Her⸗ gens üſſel umts eiche Un des kach lück nach gten an ieſer be⸗ treff des Verſchwundenen, und dieſer eine war Nathan Ehr mann, der Lumpenſammler. Nicht daß die Leute die Sprache ſeines ausdrucksvollen Mienen und Gebärdenſpieles verſtanden hätten es mußte nur allmählich auffallen, wie gefliſſentlich er jedem Geſpräch über den Mouſche aus dem Weg zu gehen ſuchte, wie peinlich er ſich von dem allgemeinen Verdammungs⸗ urteil betreffs desſelben berührt fühlte. Anders das Sorle! Die Frau konnte während ihrer Ge⸗ ſchäftsggänge des langen und breiten mit den Bauernfrauen über den Mouſche Löb verhandeln und die Gerechtigkeit Gottes rühmen, der ſich ſeiner nicht ſpotten laſſe und den Menſchen immer das zu ernten gäbe, was ſie geſäet haben. In dieſen Ergüſſen war ſie um ſo unerſchöpflicher, als ſie ſich zu Hauſe über dieſes Thema nicht mehr ausſprechen durfte, um ihren ſonſt ſo gelaſſenen Gatten nicht aufzuregen und zum Zorn zu reizen. „Ja, ſo biſt du halt!“ eiferte ſie eines Abends, als er ſie wieder einmal zurechtgewieſen hatte;„ich glaube, du würdeſt ihm dein Vermögen noch einmal zur Verfügung ſtellen, falls wir überhaupt noch über etwas zu verfügen hätten.“ „Und du magſt wahr geredet haben,“ entgegnete Nathan ruhig,„denn der Mouſche iſt ſicherlich am meiſten zu beklagen. Wie viel muß über einen ſonſt guten Menſchen gekommen ſein, bis ſeine Natur ſich ſo verkehrt hat, daß er ihre Sprache nicht mehr zu verſtehen vermochte.“ Und er ſtrich mit leiſe bebenden Händen über den Scheitel des kleinen Männle, der während des Abendeſſens auf den Knieen ſeiner Mutter eingeſchlafen war. Draußen im Gras⸗ garten aber jagte der Frum eine verſpätete Henne, die erſt vor einigen Tagen eingethan worden war und deshalb den Weg zu ihrem Ställchen noch nicht finden konnte. Ueber den Feldern und Wieſen lag eine traumhafte Stille, die nur zuweilen vom Geſang der heimkehrenden Schnitter unterbrochen wurde. 8140 Sorle ſtand geräuſchlos vom Tiſche auf, um den ſchlum⸗ mernden Knaben in ſein Bettchen zu tragen. Dann räumte ſie ſtille hin und her gehend die Ueberreſte des beſcheidenen Mahles vom Tiſch, und jetzt kam auch der Frum zurück, der die widerſpenſtige Henne endlich in die Enge getrieben und dann an den Flügeln erfaßt und in ihr Ställchen getragen hatte. Er war in tiefe Gedanken über das Problem ver⸗ ſunken, wie viele Eier eine ſolche Henne wohl auf einmal aus⸗ brüten könne und wie lange ſie auf denſelben ſitzen müſſe. Und als er darüber die Mutter fragen wollte, ſtieß ihn dieſe mit dem Ellbogen an und deutete auf den in der Tiſchecke eingeſchlummerten Vater, worauf Frum ſich auf den Zehen in die Kammer ſchlich, um ſich ſo leiſe als möglich auszukleiden. Dann war es ſo ſtille in der Stube, daß man in dem morſchen Gebälk den Holzwurm pochen hörte, während der Nachtwind den Geruch des friſchgemähten Ohmtgraſes vom Wieſenthale herübertrug. „Warum nur der Nathan ſo erſchöpft ſein mag?“ dachte Sorle in bekümmertem Herzen.„Gewiß hat er wieder mehr als gewöhnlich an Rückenweh gelitten, ſo wenig er ſich's auch merken laſſen wollte. Möge er auf Nattern und Skorpionen 1 der ihm dies angethan hat!“ Den Namen aber wagte ſie ſelbſt in Gedanken nicht mehr hinzuzufügen, aus Angſt, daß er ſich ungerufen auf ihre Lippen drängen und dem Nathan erneutes Aergernis bereiten würde. Nach einer Weile hörte man von der Ferne das Pfeifen und Schnauben einer Lokomotive und dann ein Geräuſch, wie von einem abrollenden Zuge. „Es giebt ſicherlich Regen,“ dachte Sorle, denn nur der nd ließ dergleichen Klänge hörbar werden. Dann ging ſie in die Kammer, um nachzuſehen, ob der Frum nicht etwa ſein Abendgebet vergeſſen habe; allein die tiefen, regelmäßigen Atemzüge des Knaben zeugten, daß er bereits in feſtem Schlafe lag. ſie Sie Fen kleid im der trag Gai befe nod mel wac auf ma züg um hlum äumte denen k, der mund ragen ver aus nüſſe. dieſe ſch ecke en in eiden. dem der vom dachte mehr auch ionen mehr ippen ürde. feifen wie der der die ß er In die Stube zurückgekehrt, ging ſie mit ſich zu Rate, ob ſie den Gatten aufwecken oder ruhig ſchlummern laſſen ſolle Sie konnte zu keinem Entſchluß gelangen, trat jedoch ans Fenſter, um es vorſorglich zu ſchließen, damit der leicht Ge— kleidete ſich nicht erkälte. „Auch noch ein ſpäter Wanderer,“ murmelte ſie, als ſie im Dämmerlichte eine dunkle Geſtalt auf der Landſtraße in der Richtung von Oberheimerthal erblickte.„Und leicht zu tragen hat der auch nicht; man ſieht's an ſeinem wankenden Gang. Er wird wohl mit dem Zug gekommen ſein.“ Als ſie dann über eine Weile desſelben Weges blickte, befand ſich der Wanderer noch an der nämlichen Stelle, nur noch unanſehnlicher— zu Boden gedrückter. „Ein ſolch altes gebrechliches Männchen ſollte man nicht mehr allein über Feld gehen laſſen,“ ſeufzte ſie mit raſch er wachtem Mitgefühl. Dann ſah ſie, wie der Wanderer ſich aufraffte und ſo ſchwerfällig und langſam einhertaumelte, daß man ſich einbilden konnte, ſeine pfeifenden, keuchenden Atem— züge zu hören. Oberhalb des Mühlweges machte er Halt, um jetzt— o Wunder! rechts nach ihrer Wohnung abzubiegen. Sorle erſchrak faſt ob dieſer Wahrnehmung und trat vor die Thüre; denn ſie vermeinte nicht anders, als daß der Wanderer ſich eines Auftrages entledigen, oder nach dem Wege fragen wolle. Und als die gebeugte Geſtalt ganz in ihrer Nähe war und ſie den Mund bereits zu einer Frage öffnen wollte, da prallte ſie auf einmal an die Wand zurück, als hätte ſie mit einer unſichtbaren Axt einen Schlag vor den Kopf bekommen. Die wankende Geſtalt ſtreckte wie beſchwörend die Hände nach ihr aus, Sorle aber wich noch tiefer in den dunklen Flur zurück, um ſich im nächſten Augenblick wieder aufzuraffen und nach der Hausthüre zu ſtürzen. Doch war es zu ſpät, dieſelbe ins Schloß zu werfen: der Wanderer war hart vor Sorles Füßen auf der Schwelle zuſammengebrochen. „Fort, fort!“ rief ſie aus Leibeskräften mit wildlodernden ſtütze Augen.„Deine Nähe iſt Verderben, dein Atem iſt Tod! Nathan, Nathan!“ Und ſie eilte mit in die Höhe geworfenen Armen der Stube zu, wo der Schlummernde verwundert die Augen aufſchlug und ihr ſchlaftrunken entgegentaumelte. einer Bru wur! „Was giebt's? Was iſt geſchehen? So ſprich doch, Sorle!“ woll „Der Verräter— der von Gott Verfluchte auf der dich Schwelle unſeres unſchuldigen Hauſes! Hilf, hilf!“ rief ſie Und mit überſtürzten Worten und angſtvollen Gebärden. gelo 14 Doch ſie raſch beiſeite ſchiebend, eilte Nathan dem Vor⸗ 3 platze zu: 0„Mouſche, Mouſche! Biſt du krank, oder verfolgt und 150 flüchtig?“ Und er beugte ſich über den Geſunkenen, um ihn Str aufzurichten. will Hinweg von ihm!“ ſchrie Sorle, ihn an der Schulter 7 7 U zerrend.„Berühre nicht die Hand, die dich in Armut und lebenslängliches Siechtum geſtürzt hat!“ 96 Da ſtöhnte der ſo ſchwer Verklagte auf, als hätte er einen Doc Stich ins Herz bekommen:„Sie lügt, ſie lügt! Alle lügen gefa ſie, die mich je einer üblen Abſicht gegen dich bezichten konnten.“ zu 9— Und ein qualvoller Huſtenanfall folgte der fiebernden Rede. „Ich wußte es immer,“ verſetzte Nathan erbarmungsvoll; n „und zum Zeichen deſſen, daß ich niemals einen Groll gegen e⸗ dich gehegt habe, faſſe ich hiermit deine Hand und heiße dich neſe willkommen, was auch immer dich hierher geführt habe.“ Ver Mouſche ergriff die dargebotene Rechte mit feſtem Drucke, ich um ſich langſam daran in die Höhe zu richten. dir „Dank,“ keuchte er,„Dank, Nathan! Doch daß ich dies heute erſt erfahren muß!—— Und wie vieles hätte anders Sot werden können!—— Jetzt aber iſt alles zu ſpät, zu ſpät!“ Sti — Und eine unausſprechliche Qual lag in den abgebrochenen jetzt 5 Worten. 55 „Ach Gott!“ rief Nathan, den Wankenden kräftig unter⸗ wir dernden ſt Tod! vorfenen dert die Sorle!“ luf der rief ſie m Vor⸗ gt und um ihn Schulter ut und r einen emlügen unten.“ n Rede. igsvoll; lögegen iße dich be.“ Drucke, ich dies anders ſpät!“ ochenen unter⸗ ſtützend,„ſie wollten mich ja alle glauben machen, daß du einen unverſöhnlichen Haß auf mich geworfen hätteſt.“ „Der Stolz, der Stolz!“ ſtieß Mouſche aus keuchender Bruſt hervor.„Wie oft, wenn ich deiner von ferne anſichtig wurde, hat ſich mir das klärende Wort auf die Lippen drängen wollen! Doch preßte ich es zurück und wich zur Seite, um dich nicht merken zu laſſen, wie nahe mir die Thränen waren. Und damals, als du in die Grube fielſt, da würde ich vielleicht gekommen ſein, wenn es nicht mein eigener Schwager geweſen wäre, der das Unheil angeſtiftet hatte. Gewiß wollte er mich in die Enge treiben; denn er war ein Schwächling und fürchtete ſich vor meiner Körperkraft. Es hat auch nur eines Streiches bedurft, um mich ſeiner zu entledigen; aber daß du mir ſo nahe auf dem Fuße folgen und abermals um meinet⸗ willen ins Unglück kommen mußteſt, meine rechte Hand würde ich darum gegeben haben, wenn ich es damit hätte ungeſchehen machen können.“ „Ja, ja, die Menſchen ſind meiſtens beſſer, als ſie ſcheinen! Doch jetzt komm in die Stube und laß dir eine Erfriſchung gefallen; denn du ſcheinſt tief erſchöpft, vielleicht gar krank zu ſein.“ „Lebensmüde, Nathan! Und ich werde es auch nicht mehr lange machen. Da drinnen iſt etwas auseinander gegangen— aber es iſt alles einerlei! Ich kann und will nicht mehr ge— neſen; denn mir graut vor dem Leben und ſeinen gräßlichen Verſchuldungen. Nur ſterben und zur Ruhe kommen, nachdem ich dir meinen letzten Willen bekannt gemacht habe. Denn dir vertraue ich, wie keinem anderen.“ Und er ließ ſich willig in die Stube führen, ohne daß Sorle ein Wort oder einen Ton von ſich zu geben wagte. Still ging ſie in die Küche, um die Lampe anzuzünden, und jetzt erſt erkannte man, was aus dem ſeltſamen Gaſt in den wenigen Wochen geworden war: ein alter Mann mit ver⸗ wirrten, grauen Haaren, eingeſunkenen Schläfen, hohlen Wangen und fieberglühenden Augen, deren heißen Rändern es anzuſeine ſehen war, daß ſie ſeit lange keinen Schlaf und keine Thränenind gekannt hatten. Nathan ſchaute mit ſtarren Augen auf die gebrochene Genicht ſtalt des einſtigen Freundes und warf dann einen flehendenvillet Blick zur Zimmerdecke. Allein noch ehe er wußte, was er für den Beklagenswerten zu thun vermochte, war dieſer vom Stuhlin 50 auf den er ſich mit Nathans Hilfe niedergelaſſen hatte, auden den Boden geſunken, und ſeine Hände griffen zitternd insvorlä Leere, um ſich dann wie im Krampf über der röchelnden Bruſtzu ft zu ballen. Kam Nathan verſuchte es, den Entkräfteten aufzurichten, undſich als er keinen Erfolg damit hatte, riß er ſeinen Rock vom Leibe und formte ihn zum Kiſſen, um es dem Aechzendendes unter den Kopf zu ſchieben. ſchlus Nach einer langen Stille begannen die gekrümmten Glieder.. des Betrübten ſich zu löſen, und ein ſanfter Schlummer ſenktem ſich auf ſeine zuckenden Augenlider. 2 8 8 4% ſich h Scheu und wortlos ſtand Sorle noch auf dem gleichen; 80 Fleck und ſtarrte auf ihren Gatten, der ſich um den krankenpergt Mann wie eine Mutter um ihr Kind bemühte. wollt „Wir müſſen ihm unſere Betten unterlegen, ſobald er ſich nicht ein bißchen erholt hat; denn auf der harten Diele können wir bin ihn ſo nicht liegen laſſen,“ flüſterte Nathan. auch „Warum nicht? Hat er dich und die Deinen etwa leichter es v gebettet? ſehr Da traf ſie ein Blick aus Nathans entrüſteten Augen, daß ſie erſchrocken davonſchlich, um das Gewünſchte vorzu⸗ Bruf bereiten. wiede Plötzlich kam es Nathan in den Sinn, daß der Mouſche. vielleicht durch Hunger und Entbehrung nicht weniger, als ihner durch die Mühſale der Reiſe ſo geſchwächt worden ſei, und Es e als Sorle wieder aus der Kammer kam, teilte er ihr raſch ſinn, s anzuſeine Gedanken mit und bat, daß ſie ſofort nach Eichheim eilen Thränemnd etwas Wein und Zwieback holen ſolle. Sorle machte ſich ohne Widerrede auf den Weg, doch chene Gekicht um des ihr verhaßten Mannes, ſondern um Nathans flehendenvillen. is er für Dieſer hatte ſeine Armut vielleicht noch nie ſo ſchwer als m Stuhlin dieſem Augenblick empfunden. Er ſann und ſann, wie er atte, auden Kranken wieder zu Kräften bringen könnte, und wußte ernd insvorläufig nichts, als die Kanne mit friſchem Brunnenwaſſer den Bruſtzu füllen und dann ein Bettſtück nach dem anderen aus der Kammer zu holen und es bereit zu halten, bis der Mouſche ten, undſich wieder rühren würde. ‚ Und als ob dieſer die angſtvoll auf ihn gehefteten Blicke des Freundes fühlte, that er einige ſtöhnenden Atemzüge und ſchlug dann die Augen auf. n Gliedel. Nathan ließ ſich auf die Knie nieder, um den Kranken 61 ſenktein ſeine Arme zu nehmen und aufzurichten. „Laß mich, Nathan!“ flüſterte dieſer abwehrend;„denn ich habe vielleicht nur noch mit Minuten zu rechnen. Es iſt gleichenig des Glücks genug für mich, daß mir noch ſo viel Kraft kranth vergönnt war, mich bis zu deinem Hauſe zu ſchleppen. Nathan, wollte ich ſagen, und nochmals deine Hand erfaſſen, glaub's d er ſichnicht, daß ich dich je mit Abſicht hätte ſchädigen können. Ich inen wirbin mehr unglücklich als ſchlecht geweſen; und das ſollſt du auch meinen Kindern ſagen, wenn ſie aufgewachſen ſind und mleichteres verſtehen können; denn dir würden ſie glauben müſſen, ſo ſehr ſie auch durch andere gegen mich eingenommen wären.“ Augen, Und ein dumpfes, qualvolles Stöhnen entrang ſich ſeiner vorzu-Bruſt, und mit erloſchener Stimme, die ſich nur allmählich wieder zu feſten begann, fuhr er fort: Mouſche„Sag' ihnen, Nathan, ſie ſollen mir verzeihen, daß ich ihnen die Mutter und Geſchwiſter in den Tod getrieben habe. tock vom echzenden jer, als ſei, und Es geſchah nicht aus Herzenshärtigkeit und grundloſem Eigen— yr raſch ſinn, wie die blinden Menſchen mir vorzuwerfen pflegten, ſondern— ach Gott, Nathan! Wie könnte ich es beſchreibenſnie was für ein Geiſt in mich gefahren iſt, als meine Frau durch nac Ziehung ihres Vermögens den Anſtoß zu meinem und deinen zu Ruin gegeben hat. Mein eigenes Unglück hätte ich ihr mif der Zeit vielleicht verzeihen können, nicht aber, daß ſie mir ſag die elenden fünfhundert Gulden weigern konnte, die ich faſt imi auf den Knieen für dich erfleht hatte, als man dich aus deinem den Hauſe trieb. Es war ja ſo wenig im Vergleich zu ihrem beſt Barvermögen, und du hätteſt damit Zeit und einen vorläufigen Halt gewinnen können, bis ich auswärts eine Anleihe gemacht hätte. Aber nichts, gar nichts hat ſie mir geben wollen, und fad das war es, was ſich mir in Mark und Bein gefreſſen und wie ein zweiſchneidiges Schwert zwiſchen unſere Seelen und Leiber gelegt hat. Ich konnte ein Weib nicht mehr mit Mannesaugen betrachten, welches mich um unſerer Kinder— willen aufgeopfert und in meinen kräftigſten Lebensjahren zu⸗ bro einer wirtſchaftlichen Null gemacht hat. Und je grimmiger ger ich dreinſchaute, deſto verzweifelter war ich über den Treu— bruch meiner Frau; denn ſo empfand ich es. Ob dies recht geweſen iſt, das zu richten iſt nicht Menſchenſache. Ich würde noch heute nicht anders handeln können, wenn ſie durch ein Wunder des Himmels wieder zum Leben käme. Nur daß ich meine unſchuldigen Kleinen nicht geſegnet habe, das iſt's, was mir das Herz gebrochen hat. Ich glaubte ihre Mutter zu treffen, und habe mich ſelbſt geſchlagen; denn die Kinder ſind nicht weniger mein, als ihr geweſen. Und deshalb wollte ich an den beiden jüngſten ſühnen, was noch zu ſühnen iſt. Du ſollſt ihnen ſagen, daß ich ſie wochenlang geſegnet habe— gri Tag und Nacht, zu Land und zu Waſſer— denn ich bin bis hel nach England gekommen, um das weite Grab mit Augen zu ſehen, das meine Lieblinge verſchlungen hat; es iſt keine der da Leichen ans Land geſchwemmt worden.“ Der Ausdruck ſeiner Augen wurde gläſern und ſtarr. Es Ge war die Hand des Todes, die ſich auf den Röchelnden her⸗ Füi wie 6 eſchreiben rau durch id deinen )Jihr miß ſie mir e ich faſt us deinem zu ihrem orläufigen gemacht ollen, und eſſen und »elen und nehr mit r Kinder jahren zu ſrimmiger en Treu⸗ dies recht Ich würde durch ein r daß ich iſt's, was zutter zu nder ſind vollte ich iſt. Du habe— bin bis lugen zu keine der arr. Es den her⸗ niederſenkte, und mit einem entſetzten Aufſchrei griff Nathan nach der Waſſerflaſche, um dem Sterbenden Lippen und Stirne zu netzen. An ſich ſelbſt und was wohl Sorle zu dem allem ſagen würde, dachte er keinen Augenblick. Er horchte nur immer geſpannt auf den Hof hinaus, ob ſie nicht endlich mit dem Weine komme. Er vergaß in ſeiner Angſt, daß es im beſten Falle einer halben Stunde bedurfte, um ins Dorf und wieder zurück zu kommen. Und als ob der Sterbende fühlte, wie raſch ſein Lebens—⸗ faden nun reißen würde, raffte er nochmals ſeine letzte Kraft zuſammen, um ſeinen Bericht zu Ende zu führen— doch waren die Worte nur noch unzuſammenhängend und kaum mehr vernehmbar:„Hamburg Hilfe der Glaubensgenoſſen gute Menſchen überall— ſtammelte er in ge brochenen Lauten, und dann mit einer ſchier übermenſchlichen Kraftanſtrengung:„Dank, Nathan, Dank und Gottes Segen über dich und deine Kinder, daß du mir das Sterben ſo er— leichtert haſt!——“ Dann noch ein röchelnder Laut— ein letztes Zucken der Hände— und über das fahle Totenantlitz zog ein ſo friedvolles Lächeln, wie man es im Leben an dem trotzigen Manne nie geſehen hatte: das Lächeln der Erlöſung aus unheilbarer Herzensqual. Leiſe ſtrich der Nachtwind über das niedrige Strohdach hin. VIII. „Jis gadal wWjiska dasch—— es werde geheiligt ſein 5 Name—“ las Nathan aus einem vor ihm liegenden hebräiſchen Buche, als Sorle leiſe die Hausthüre öffnete „Himmel!“ rief ſie,„das Kadiſchgebet!“ Und ſie wußte, daß ein Toter im Hauſe war. „Nur die Buben nichts merken laſſen!“ war ihr erſter Gedanke, als ſie ſich von ihrem Schrecken etwas erholt hatte. —+ Für den Verſchiedenen ſelbſt hatte ſie weder Worte noch Thränen; nur der tiefe Schmerz ihres Mannes erfüllte ſie mit innigſtem Mitgefühl. Anders die Bewohner der umliegenden Ortſchaften, unter denen der Verſtorbene ſeinen Handel und Wandel gehabt hatte. Wer nur konnte, ſuchte ihm noch einen Liebesdienſt zu er⸗ weiſen, und war es auch nur das letzte Geleite bei Ueber— führung der Leiche auf den Eichheimer Judenkirchhof.—— Auch Sorle lernte des Schwergeprüften allmählich mit einiger Milde gedenken, zumal es ihr ſo häufig Veranlaſſung gab, in ſolch rührender Weiſe ihres Gatten zu erwähnen. Sie wurde des Erzählens niemals müde, wie der Mouſche an jenem Sommerabend in ihr Haus gekommen— oder vielmehr ge— fallen war— was ſie und der Nathan geſprochen hatten, wie ihr zu Mute war, als ſie bei ihrer Rückkehr einen Toten fand und denſelben einige Tage im Hauſe behalten mußte. Daß er ein„böſer, böſer Mann“ geweſen ſei, wollte ſie ſich deſſenungeachtet niemals ausreden laſſen; und Nathan mußte es ſchweigend hinnehmen, wie ein Naturereignis, an dem ſich nichts ändern und verbeſſern läßt. Vielleicht ſei es gut, meinte er ſcherzend, daß Frau Sorle, wie alle Weiber, ihre Mängel hätte, damit ſie als voll⸗ kommener Engel ihm nicht eines Tages davon und in den Himmel fliegen würde. So verſuchte er es ſelten mehr, ſie in betreff ſeines Jugendfreundes umzuſtimmen. Nur auf deſſen hinterlaſſene Kinder wußte er, ſo oft es ging, das Geſpräch zu lenken; und Sorle hätte keine echte Mutter ſein müſſen, wenn nicht wenigſtens das Loos der armen Waiſen ihr zu Herzen ge— gangen wäre.—— Jetzt ſind mehr als zwanzig Jahre vergangen, ſeit das Grab ſich ſo früh über dem einſt ſo ſtarrköpfigen Mouſche Löb geſchloſſen hat; und wer jetzt auf der großen Straße zwiſchen Heimerthal und Eichheim in die Nähe des Grenzſteines kommt, der kann wieder den Gang eines Mühlrades vernehmen. Aber ſta be Er ſel da Ur le ei jü al ſt Ul de m he br ibt hatte. zu er⸗ »'Ueber⸗ ich mit nlaſſung en. Sie n jenem tehr ge⸗ hatten, n Toten tußte. ollte ſie Nathan nis, an 1 Sorle, S voll⸗ in den ſeines erlaſſene en; und n nicht zen ge⸗ ſeit das ſche Löb zwiſchen kommt, Aber 0 es iſt ein völlig gleichmäßiger, ununterbrochener ei es 4 9 7 Sommers⸗ oder Winterszeit, Dürre oder Regenwetter. Denn aus der niedrigen verfallenen Waſſermühle iſt eine ſtattliche Dampfmühle geworden, und wo vormals ein moos⸗ bewachſener Giebel und ein verwaſchenes Strohdach hinter Erlen- und Zwetſchgenbäumen hervorlugte, da ſieht man die⸗ ſelben jetzt weit überragt durch ein freundliches rotes Ziegel— dach. Das Haus iſt um ein volles Stockwerk erhöht worden, und ſchon ſpricht man von einer weiteren Vergrößerung. Den Nachkommen des Lumpenſammlers Nathan Ehrmann iſt eben alles zuzutrauen, ſo augenſcheinlich ruht die Gunſt des Himmels und der Menſchen auf ihren Unternehmungen— beſonders ſeit in der Mühle abermals ein junges Weib hantiert — ſchwarzgelockt, aber zierlich und klein, wie die immer noch jugendfriſche und leichtfüßige Sorle, die jedoch ſchon ſeit Jahren keine Lumpen mehr zu ſammeln braucht. Auch Nathan, der ſtille milde Dulder, hat keine Rücken⸗ ſchmerzen mehr; denn er iſt zu ſeinen Vätern verſammelt worden. Die Kraft ſeines gebrechlichen Körpers hatte mit ſeiner ſtarken Seele nicht gleichen Schritt halten können. Das Glück der jungen Müllersleute aber hat er noch er⸗ leben und begründen dürfen; denn es war vor allem ſein eigenes Werk geweſen, daß der Frum und das Rösle— das jüngſte Töchterchen des Mouſche Löb— ſich in Liebe zu ein⸗ ander neigten. Der Nathan hatte eben das kleine, feine Ding ſtets lieb gehabt, ſchon damals, als er ihr die letzten Grüße und Segenswünſche ihres ſterbenden Vaters übermittelte. Sie war dabei ſo über ihr Alter gerührt und verſtändig geweſen, daß Nathan ſie nicht mehr aus den Gedanken verlieren konnte. Auch Rösle hatte ihm eine Anhänglichkeit bewahrt, die mit den Jahren nur immer größer wurde, ſo daß ſie als heranwachſendes Mädchen öfters zu Beſuch nach ihrem Ge— burtsort kam, um das Grab des Vaters zu pflegen— und Bender, Die Hausfreundin. 4 auch, um den Ehrmannsleuten ihre Liebe und Dankbarkeit zu bezeigen. Dies war für Frum dann wieder ein beſonderes Freuden— feſt, zumal nachdem er ſeine Lehr- und Wanderjahre ruhmvoll beſtanden hatte. Sorle hatte dazu am Anfang kein beſonders freundliches Geſicht gemacht, weil dem Rösle nach Abzug ihrer Erziehungskoſten wenig oder kein Vermögen blieb, und die Großmutter ihr auch nichts hinterlaſſen konnte, ſo daß ſie als Magd bei fremden Leuten einen Unterſtand ſuchen mußte. „Gerade deshalb iſt ſie mir um ſo viel mehr willkommen,“ ſchlug Nathan lächelnd ihre Einwendungen nieder,„damit ſie unſeren Frum ſo glücklich mache, wie du ſeinen Vater gemacht haſt, Sorle, und wie es vielleicht auch ihre Eltern geblieben wären, wenn der unglückſelige Mammon ſich nicht zwiſchen ihre Seelen und Herzen gedrängt hätte.“ Seit aber Frum auf der Bäckereiausſtellung in Stuttgart für die vortreffliche Beſchaffenheit ſeiner Mazzos den erſten Preis davongetragen hat, iſt Sorle völlig mit ſeiner Heirat ausgeſöhnt; denn Rösle war es geweſen, welche das Gebäck hergeſtellt und ſeither zu ihrer beſonderen Specialität gemacht hat. Von weither pflegen alljährlich die Beſtellungen einzu— laufen, und die junge Frau muß ſich gehörig rühren, um die⸗ ſelben alle berückſichtigen zu können. Der Männle aber, der in einer größeren Stadt Badens als Unterlehrer angeſtellt iſt, ſpricht ſchon ſeit mehreren Ferien davon, daß eine Frau, die, wie einſt ſeine Mutter, ihr Ver⸗ mögen mehr im Kopf als im Beutel trägt, eigentlich noch beſſer für einen Angeſtellten, als für einen Handelsmann paſſe. Denn das Einteilen und Zuſammenhalten innerhalb des Hauſes ſei doch mehr der Natur einer Frau entſprechend, als ſich nach außen einen Erwerb zu ſuchen. Sorle ſchweigt auf all dieſe Anſpielungen, wie ſtets, wenn das Reden zwecklos wäre. Das Rösle aber weiß, worauf der ſchöne ſtattliche Schwager ankbarkeit Freuden⸗ ruhmvoll beſonders zug ihrer und die ß ſie als mußte. ommen,“ damit ſie gemacht geblieben zwiſchen Stuttgart n erſten r Heirat Gebäck gemacht n einzu⸗ um die⸗ Badens t Ferien hr Ver⸗ ch beſſer t paſſe. Hauſes als ſich 2 5 5‚„ wenn chwager es abgeſehen hat; doch da er noch in einem Alter iſt, wo man oft über Nacht ſeine Anſichten ändert, findet auch ſie es am ie ei a geratenſten, die Sache einſtweilen ſitzen zu laſſen, bis ſ „von ſelber krabbelt“. Dies wird freilich erſt eines äußeren Anſtoßes bedürfen, worauf der Männle auch ſchon ſeit Jahren gewartet hat, näm⸗ lich auf ſeine Anſtellung als Hauptlehrer, die bei ſeinem Fleiß und ſeinen Fähigkeiten indeſſen nicht mehr lange auf ſich warten laſſen wird. NLEE E NN A 2 A * +* 7 8 V 8 7* * 5 7* rr Boldchens Bund. Ss war an einem ſchönen Frühlingsabend. Von der Stadt jenſeits des Fluſſes klang das Geläute einer Kirchen⸗ glocke. Auf den Obſtbäumen, deren Blüten bereits zu Früchten anſetzten, zwitſcherten die Meiſen. Hoch oben auf der Krone eines Kirſchbaumes ließ ein Buchfink ſeinen ſchmetternden Lockruf vernehmen, doch wurde ihm keine Antwort von ſeiten ſeines Weibchens. Sie hatte in ihrem kugelrunden, zwiſchen dem dichten Laubwerk eines Apfel—⸗ baumes verſteckten Häuschen ungleich wichtigeres zu thun, als den Geſang ihres eitlen Gefährten zu bewundern.“ Denn in den blaugrünen, braun gefleckten Eiern hatte ſich's zu regen und zu heben angefangen, und ſchon lag nackt und blind, ein Junges im Neſte und ſperrte den Schnabel nach einem Würmchen auf, das der in ſeinen Geſang vertiefte Vater immer noch nicht bringen wollte. —5 —. E νν on der irchen— its zu oben ſeinen keine ihrem Apfel⸗ thun, ndern. hatte lag e den ſeinen vollte. So wenigſtens erzählte ein junges Mädchen dem kleinen Blondkopfe, während ſie, die letzten Häuſer des Villenviertels im Rücken laſſend, Hand in Hand auf der mit Obſtbäumen beſtandenen Landſtraße ent 15 ang wanderten. Dort, wo ein den Windungen des Fluſſes folgender Fußpfad abſeits über blumige Wieſen führte, blieb das Mädchen ſtehen, um den leiſe verhallenden Schlägen einer Turmuhr zu lauſchen.„Sieben,“ ſagte 115 1 braune Haar aus der Stirne ſtreichend;„wir müſſen umkehren, U Holdchen.“ Der kleine Burſche aber machte eine unluſtige Miene. Er hatte ja noch ſo viele ungelöſten Fragen in ſeinem Köpfchen, wo nämlich die Sonne hingehe, wenn ſie erſt ganz hinter den Bergen da drüben verſchwunden ſein — 554— werde, und warum nur er in der nächſter 1 Woche ſeinen Geburtstag habe, und nicht auch ſein füngers Brüderchen Auf die Antwort der jungen Kindergärtnerin aber, daß er an dieſem Tage auf die Welt gekommen wäre, hatte er gleich wieder eine neue Frage, nämlich die, wo er denn geweſen ſei, als er noch nicht auf die Welt gekommen war, und die Mutter noch bei ihren Eltern in Mannheim wohnte und der Vater noch nicht die große Fabrik gebaut hatte.— Er zeigte dabei nach dem jenſeitigen Ufer, wo einige 1 016 Schornſteine hinter einer Kaſtanien— allee und einem Gewirr hochragenden Strauchwerks her⸗ vorlugten. Während ſich das Mädchen dann verlegen hinter dem kleinen Ohr kraute, um ſich auf eine paſſende Antwort zu beſinnen, wurde Holdchens Aufmerkſamkeit von einem eigentümlichen Geräuſch gefeſſelt,— er wußte nicht, ob vom dies- oder jenſeitigen Ufer des Fluſſes, deſſen Waſſer— ſtand ein ſo niedriger war, daß die Böſchungen beſonders ſteil erſchienen. Das Geräuſch wurde deutlicher: Rohe Knabenſtimmen mit dem Wimmern und Weinen eines kleinen Kindes untermiſcht. Oder war es ein Hund, der in ſolch menſch— lichen Lauten ein ungeheures Weh in die goldig durch— leuchtete Landſchaft hinauswinſelte?— Ja, ein Hund, den die hartherzige Welt offenbar zum Tode verurteilt hatte, und der trotz allen Zerrens und Schlagens der ihn umlärmenden Knaben noch nicht ſterben wollte.— Er wußte ja nichts vom Steuereinnehmer, und daß es ſeine Hundepflicht war, mit Freude und Ergebenheit in den naſſen Tod zu gehen, um ſeinem Herrn, der ſtets ſeinen halben Wochenlohn am Sonntage zu vettrinken pflegte, ein paar lumpige Märklein zu erſparen. „Weißt was, Dietrich?“ ſagte einer der kleineren Knaben,„wir wollen ihm einen recht großen Stein in E den we⸗ gie biſ W̃ ab hä den Zi ſei K. m lo ei ſeinen rchen. aber, wäre, h die, Welt ern in große itigen anien⸗ Dher⸗ r dem itwort einem t, ob aſſer nders mmen indes enſch urch⸗ dund, irteilt rihn Er ſeine den einen legte, neren n in — 5 den Sack thun, und ihn dort unten am Weidenbuſch hinein⸗ werfen, wo das Waſſer nicht ſo flach und ſandig iſt.“ „Ja, aber ich muß den Sack wieder zurückbringen, ſonſt giebt's Prügel,“ entgegnete der größte im Rudel mit ver⸗ biſſener Miene.„Wir müſſen den oberen Zipfel über Waſſer halten, bis der Raker zu zappeln aufgehört hat; aber beſſer wär's, wir thäten ihn am Weidenbuſch auf⸗ hängen, bis er tot iſt, damit ich mich nicht auch noch mit dem naſſen Sack zu ſchleppen habe.“ Faſt konnte Holdchen nicht länger an ſich halten. Zitternd vor Entrüſtung und Aufregung entriß er ſich ſeiner Wärterin. Quer über die Wieſen laufend, um die Krümmung des Fußpfades abzuſchneiden, ſtürzte er ſich mit geballter Fauſt und blitzenden Augen auf die form⸗ loſe Maſſe, ſo daß die den Hund umdrängenden Jungen einen Augenblick betroffen zur Seite wichen. Es waren ihrer vier: drei etwa doppelt ſo alt, als Holdchen; der vierte, dem der Hund gehörte, ſchon halb⸗ wüchſig, aber am verwahrloſteſten ausſehend. Wie beſchämt, ſich von einem ſo kleinen Jungen im⸗ ponieren zu laſſen, wollten die Knaben ſich im nächſten Augenblick auf Holdchen werfen, wurden aber von Dietrich hinweggeriſſen, und der eine hierhin, der andere dort⸗ hin in den blühenden Wieſenklee geſchleudert. Er hatte nämlich in Holdchen den Sohn von ſeines Vaters Brotgeber erkannt, und üble Folgen für ſich gewittert, wenn er dem kleinen Herrenkinde eine Unbill geſchehen ließ. Mittlerweile war auch die Kindergärtnerin heran⸗ gekommen. Mit zorniger Stimme befahl ſie, die Katze freizulaſſen. „'s iſt keine Katze,'s iſt ein Hundevieh,“ entgeg⸗ nete der ältere Knabe mit trotziger Stimme. „Und du biſt ein Menſchenvieh, oder vielmehr ein 4 4 ö 14 F. * Augen.„Warum habt ihr das Tier ertränken wollen?“ „Weil der Vater die Hundetaxe nicht bezahlen kann, und die Mutter kein Futter für ihn hat.“ Jetzt hatte Holdchen das zappelnde Tierchen vollends aus dem Sacke befreit. Mit tollen Freudenſprüngen um⸗ kreiſte es ſeinen Retter, um dann winſelnd zu den Füßen ſeines verdroſſen dreinſchauenden Gebieters zu kriechen, als wollte es ihn um Verzeihung für ſeine allzu große Liebe zum Leben bitten. „Und das alles kannſt du ſehen, ohne vor Scham zu vergehen?“ fragte das Mädchen entrüſtet. „Was konnte ich machen? Zuerſt wollte der Vater ihn totſchießen laſſen, hat aber niemand dazu gefunden.“ „Wie heißt dein Vater?“ „Dietrich.“ „O, den kenne ich!“ ſetzte hier Holdchen eifrig ein. „Er arbeitet in Vaters Fabrik und macht jeden Montag blauen, wie die Köchin ſagt.“ „Dann freilich begreife ich, warum er kein Geld zur Hundeſteuer aufbringen kann! Zwanzig Mark, nicht wahr?“ „Nein, ſechzehn.“ „Gieb ſie ihm doch, Hannah, und laß mir den Hund! Ich habe gewiß ſo viel und noch mehr in meiner Spar⸗ kaſſe! Er ſoll nur mitkommen!“ „Närrchen du! ein Hund, den man ins Waſſer werfen wollte, iſt umſonſt zu haben. Ob wir ihn aber nach Hauſe bringen dürfen, iſt eine andere Frage!— Nun, ſchlimmer, als hier kann's ihm in keinem Fall ergehen. Ihr wartet alſo, bis wir euch Beſcheid erteilen laſſen!“ Aber Holdchen wollte ſich nicht mehr von ſeinem Schützling trennen.„Nimm ihn mit, Hannah, nimm ihn Unmenſch,“ entgegnete das Mädchen mit flammenden glei etw da, eine „ni Fal näh EE ſo! zerk Han dre Hu ein leid zug und Ha ſich böf 3u me. in zuf tenden llen?“ kann, Uends n um Füßen iechen, große am zu Vater iden.“ g ein. ontag I[d zur nicht hund! Spar⸗ berfen Hauſe nmer, bartet »inem nihn gleich mit,“ rief er leidenſchaftlich.„Sie thun ihm ſonſt etwas an, wenn wir gegangen ſind.“ Einen Augenblick ſtand die Kindergärtnerin ratlos da, als hätte des Kindes Befürchtung auch in ihrem Herzen einen Wiederklang erweckt. „Nun gut,“ ſagte ſie dann zu Dietrich gewendet, „nimm das Tier an die Leine und bringe es nach der Fabrik da drüben. Wie heißt der Spitz?“ „Caro.“ „Reine Raſſe?“ „Ich weiß es nicht.“ „Aber Hannah!“ rief Holdchen ſich dem Tiere nähernd,„er kann mich ja nicht leiden! Sieh nur, wie er an dem garſtigen Jungen hinaufſpringt, der ihm doch ſo weh thun wollte.“ „Hundetreue,“ entgegnete das Mädchen, eine Thräne zerdrückend.„Nun komm! Es iſt die höchſte Zeit, nach Hauſe zu gehen.“ Was aber ſagte Holdchens Vater, als ihm zu ſeinen drei, zu rechtmäßigen Wächtern der Fabrik beſtellten Hunden noch ein vierter zugeführt wurde, und noch dazu ein Frauenhündchen? Er hatte indeſſen ein viel zu mit⸗ leidsvolles Herz, um das Tier ſeinen Peinigern zurück— zugeben. So mochte denn Holdchen ſeinen Willen haben und ſeinen Schützling ganz allein behalten. Mit dem Geldſtück, das der Fabrikherr ihm in die Hand gedrückt hatte, ſuchte Dietrich ſich lachenden Ge— ſichtes davonzumachen, ohne Caro auch nur eines Blickes zu würdigen. Kaum aber hatte dieſer die Abſicht ge— merkt, als er ſich Holdchens Liebkoſungen entriß, um jenem in großen Sätzen nachzueilen. Der Junge ſuchte ihn mit böſen Worten und zuletzt mit Steinwürfen von ſich fort⸗ zuſcheuchen, worauf Caro winſelnd zur Seite wich, doch nur, um ungeheißen ſeine allerſchönſten Kunſtſtückchen zu 58— machen, ſo daß ſelbſt dem in Not und Elend verhärteten Liſt Knaben ein leuchtete. „Laſſen Sie nur, Herr menſchliches Erbarmen aus den Augen an von rief er, ſich rückwärts daue 174 wendend;„ich bringe ihn zu Vater in die Fabrik, und Jur wur ihm teil die Wue An 16188 in geſu Beg deſſe glau ſchre L Gre. aber dem Son es 1 dort können Sie ihn leichter als hier im Freien an ſich ihm nehmen.“ von Das war leicht geſagt, aber ſchwer gethan. Die Treue hine eines echten Hundegemütes läßt ſich weder durch Hunger woll noch durch Schläge austreiben und hat kein Gedächtnis auf für Mißhandlungen. Caro würde nur durch die ſtärkſten war Bande zu halten geweſen ſein, wenn der alte Dietrich, der mehr ſchwachen als rohen Charakters war, ihn nicht ſein, tags über in der Nähe geduldet und durch mancherlei fing ärteten Augen ckwärts ik, und an ſich il Treue Hunger ächtnis tärkſten ietrich, n nicht ucherlei Liſten an neue Umgebung gewöhnt hätte, beſonders an einen Fox Terrier, der von gleichem Alter und faſt von gleicher Größe wie Caro war und Minnie hieß. Doch dauerte es geraume Weile, bis er dem guten, kleinen Jungen ſo anhänglich wie vordem dem unguten, großen wurde, trotz all der Leckerbiſſen und Liebkoſungen, die ihm als Holdchens Lieblingshund von allen Seiten zu teil zu werden pflegten. Dann aber iſt ein Tag gekommen, an welchem er die Dankesſchuld gegen ſeinen kleinen Lebensretter mit Wucherzinſen heimgezahlt hat; und das iſt ſo zugegangen: An einem heißen Nachmittage im Hoch 5 während in der Fabrik das Maſchinenwerk ſtillzuſtehen und auch in dem angrenzenden Wohnhauſe 11155 in Erſchlaffung geſunken ſchien, hatte das nimmer müde Holdchen in Caros Begleitung das Weite geſucht. Die Kindergärtnerin hatte deſſen nicht acht gehabt, da ſie einen— wie ſie glaubte— ſehr notwendigen Brief an ihren Verlobten ſchreiben mußte. Nun hatte Holdchen freilich verſprochen, innerhalb der Grenzen von Vaters Beſitztum bleiben zu wollen. Als er aber an deſſen Umfriedung ſtand und ſehnſüchtig nach dem Fluß ausſchaute, auf welchem der Wiederſchein der Sonne in tauſend verlockenden Lichtern blitzte, da kam es über ihn wie eine Bezauberung. Ehe er wußte, wie ihm geſchehen war, hatte er ſich die Schuhe und Strümpfe von den Füßen geſtreift und die Höschen übers Knie hinaufgezogen. Nur ein wenig,— ein ganz klein 1 1 18 wollte er ſich die Zehen netzen, was ja ſicherlich nich auf ſich hatte, da das Ufer flach und das Waſſer ſeicht war. Voll Verwunderung hatte der Hund dem Beginnen ſeines kleinen Gebieters zugeſehen, und als letzterer an— fing, ins Waſſer zu trippeln zuerſt ganz zaghaft, dann ſeil Fo 60 immer lebhafter und kühner, da konnte auch Caro nicht länger an ſich halten, ſo wenig er auch ein Freund von Kaltwaſſerkuren war. Vorſichtig ſetzte er zuerſt die eine und dann die andere Pfote hinein, und ſchon glaubte er Holdchen auf den Ferſen zu ſein, als dieſer plötzlich mit einem dumpfen Schrei in ein Loch verſank. Es warzwar nicht tief, doch raubte der Schreck und das vom Grunde an gluckſende Waſſer ihm alles Gleichgewicht.— Einen Augen blick griff er mit den Händchen haltlos in der Luft um her, im nächſten aber fiel er kopfüber ins Waſſer, und ſein ungeſtümes Zappeln führte ihn mehr und mehr gegen die Strömung hinaus. Aber ſchon hatte Caro ſich ihm nachgeſtürzt. Mit Rieſenanſtrengung begann er mit den anprallenden Wogen um ſeinen Liebling zu ringen, und es wäre ihm ein Leichtes geweſen, ihn ans Ufer zu zerren, wenn Holdchen einen Augenblick ſtill gehalten hätte. In der Todesangſt aber ſchlug er blindlings nach ſeinem Retter, und im Hin- und Herzerren trieben ſie mehr und mehr abſeits gegen eine trübe Lache voll Röhricht und Riedgras. Holdchen war kräftigen Körpers, und ſein Begleiter nur ein Spitz; doch wer vermöchte die Allgewalt der Liebe in einer Hundeſeele zu ermeſſen, ſowie die Grenzen des Hundeverſtandes! Caro hatte ſicherlich erkannt, daß er— wenn nicht den Körper, ſo doch den Kopf des Gefährdeten über Waſſer bekommen müſſe, und das gelang ihm auch. Jetzt lag er zur Hälfte zwiſchen verſandetem Geſtrüpp, zur Hälfte im Waſſer, aber ſo ſtill und ruhig, daß kein leiſeſter Laut mehr das große Schweigen des Sonnen— zaubers ſtörte. Wie der Sturmwind war Caro nämlich davon geſauſt. Im Hofe der Fabrik angekommen, verſuchte er zunächſt einen Eingang in den Seitenflügel zu finden, wo die Wohn— räume lagen. Als er aber die Thüren verſchloſſen fand, *RRR ————————————— eee — 2= —— lief er um die Ecke herum nach dem Hofe, um durch Winſeln und Heulen ſeine Unglücksbotſchaft kund zu thun Leider aber giebt es gar wenig Leute auf der Welt, welche die Sprache der Tiere verſtehen können. Man pflegt ſie Sonntagskinder und Dichter, oder auch Phantaſten und Narren zu nennen, je nach dem Begriffsvermögen der Beurteilenden. Jedenfalls aber war kein Sonntagskind inter den Fabrikarbeitern, welche durch Caros Jammer⸗ töne nach und nach herbeigelockt wurden, und nichts anders 0 9 als daß das Tier durch die Hundstagshitze plötzlich toll geworden wäre. Einer derſelben hatte ſich bereits Airl, eine Flinte oder Piſtole zu holen; und wer weiß, wie es dem guten Caro noch gegangen wäre, wenn nicht eine junge, blonde Frau ein oberes Fenſter des Seitenflügels geöffnet und nach der Urſache des Auf— laufs gefragt hätte!— Mit der ahnungsvollen Hell⸗ ſicht eines Mutterherzens war ihr auch ſofort die Ge— wißheit geworden, daß, wenn nicht dem Spitz, ſo doch ihrem Söhnchen etwas zugeſtoßen ſein mußte, anderswie die beiden Unzertrennlichen gewiß beiſammen geweſen wären. Und als jetzt auch die Kindergärtnerin vom Ober⸗ geſchoſſe herunterkam und auf die Frage der Hausfrau nach Holdchens Verbleib nichts als ein verlegenes Stam— meln hatte, da war die entgeiſterte Mutter auch ſchon unten im Hofe, während vom entgegengeſetzten Flügel des Ge— bäudes der Vater nahte. Jetzt that Caro einen gewaltigen Freudenſprung und ſtürzte gegen die Eingangsthür und dann wieder zurück, worauf er abermals ein bedeutungsvolles Bellen ertönen ließ.— Die Eltern hatten begriffen; ſie folgten ihrem Führer. Es war eine raſende Jagd über Hecken und Stauden und Gartenzäune. Und nur zuweilen hob das kluge Tier den t 5 Kopf, um ſich zu verſichern, daß der Abſtand zwiſchen ihnen nicht allzu groß geworden war. Dann ein halb freudiges, halb klägliches Bellen, und ein neuer Anlauf in der Richtung des Fluſſes, wo Holdchen immer noch regungslos auf Sand und Steingeröll lag— mit ver⸗ ſchlammten Haaren und bläulich angelaufenen Lippen. In⸗ deſſen zeugte das mattſchlagende Herz von noch nicht entſchwundenem Leben, und ſo unternahm der Vater gleich an Ort und Stelle die erſten Hilfeleiſtungen. Nachdem er feſtgeſtellt hatte, daß kein Waſſer ins Innere des Körpers gedrungen war, nahm er ſein Söhnchen auf die Arme, um es heimzutragen, während die Mutter ihm gehlings die naſſen Haare trocknete, und Caro voll närriſcher Freude die Gruppe umkreiſte. Dank der lauwarmen Luft des Hochſommertages war Holdchen mit einer bloßen Ohnmacht davongekommen. Doch wurde er zur Beruhigung der Mutter ins Bett geſteckt, ſo ſehr er auch dagegen proteſtieren mochte. Neben ihm ſaß Caro und ſchaute unverwandten Auges auf ſeinen Gebieter; und wenn dieſer ihm zulächelte oder„Schwarzer!“ rief, gleich war er auf der Bettdecke, um ſich ſtreicheln zu laſſen und ſich dann, von einer neuen Liebkoſung träumend, wieder auf ſeinen Poſten zu begeben. Armer, kleiner Caro! Das Glück eines Elternpaares über den wiedergeſchenkten Liebling läßt ſich einiger— maßen erraten: wer aber vermöchte zu ſchildern, wie es in einer Hundeſeele ausſieht, die keine Worte und keine Thränen hat, um ihre Liebe und Treue, ihren Jammer und ihre Trauer auszudrücken. Nichts wurde ihr als jener Klageblick der am höchſten organiſierten Tiere, die es gleichwohl nicht bis zum Menſchen gebracht haben und auch die übermächtigſten Gefühle aus der dumpfen Natur⸗ gebundenheit nicht loszulöſen vermögen. Wer aber auch nur einmal Gelegenheit hatte, in dieſen wortloſen Kampf und 63 Tierwelt hen, dieſe in dieſe unergründlichen Schmerzenstiefen der zu ſchauen, der wird ſich für immer gedrängt fühl Abgründe durch erhellen, und ſo gut und verſtändnisvoll gegen die nach Erlöſung ſeufzende Kreatur zu werden, als Holdchen und ſeine Eltern, dies aus ureigener, angeborener Herzens⸗ die Funken ſeines eigenen Geiſtes zu güte waren. —.—9.. NKLee Nur ein Mädchen. 2 J2 22 ornehmer Leute Kinder pflegen von ihren Ammen, ihren Wärterinnen, oder gar von ihren Bonnen zu ſprechen, ich— ein armes Bauernkind— hatte nur eine Kindsmagd. Dieſe aber war nicht einmal ein Mädchen, ſondern ein Bube— und ſogar ein ganz kleiner, der als reicher Leute Sprößling ſelbſt noch einer Wärterin bedurft hätte. So aber wurde er durch die härteſte aller Ammen— die eiſerne Notwendigkeit erzogen und war deshalb ſchon vor den Jahren ſo männlich zuverläſſig, daß man ihm meine Pflege anvertraute, während ich noch in der Wiege lag und mein überflüſſiges Daſein durch nichts als Schreien bemerkbar machen konnte.— Daß ich aber gar ſo viel und laut geſchrieen habe, beſonders nach⸗ dem meine Kindsmagd mir ſteifen kalten Mehlbrei, oder noch Unverdaulicheres in den Mund geſtopft hatte, iſt kaum ver⸗ wunderlich, und ebenſowenig, daß ich in der ganzen Nachbar⸗ b⸗ ſcha ft neigung wurde. durch mein häufiges Weinen ein Gegenſtand der A Wenn ich es aber gar zu arg ſo nahm meine Kindsmagd mich aus dem Wiegenbettchen, indem er mich mit beiden Aermchen um den Leib faßte und meinen wackeligen Kopf ſo lange gegen ſeine Schulter preßte, bis mir der Atem ausgegangen war, oder bis 16 aus einem anderen Grunde zu ſchreien aufgehört hatte.— Dann legte er mich hoch erfreut in meine Wiege zurück, ſchüttelte das Kopfkißchen und das mit Spreu gefüllte Unter⸗ bettchen auf, und da ich wohl fühlen mochte, daß ich jetzt dankbar ſein und ſtillſchweigen ſollte, ſo blinzelte ich mit den Augen und that aus Höflichkeit, als ob ich am Einſchlafen wäre. Und— wutſch! war meine Kindsmagd vor der Haus⸗ thüre, wo ſeine Kameraden ihre Ungeduld ſchon lange durch Pfeifen und Miauen 8 hatten. Und dann ging es eben wie es geht, wenn der Pflegling ein nur wenige Monate altes Mädchen und ſeine Wärterin ein kaum fünfjähriger Junge iſt, der trotz aller Männlichkeit den Lockungen der böſen Nachbarsbuben nicht immer widerſtehen konnte.— Und das war während der Erntezeit.— Als ich dann noch einen oder zwei Sommer älter war, wurde meine kleine Kindsmagd zu Feldgeſchäften angehalten, und ich, wo immer es gehen wollte, auch mit hinaus ge⸗ nommen— gewiſſermaßen als ein drittes in Ge⸗ ſellſchaft des Eßkorbs und der Waſſerſtüt nur mit dem Unterſchiede, daß jene beſtändig getragen 18 mußten, wäh⸗ rend ich ſchon ſtreckenweiſe gehen konnte. Draußen auf dem Acker aber wurden wir alle drei wieder unter einen ſchattigen Baum oder hinter eine Dornhecke verſammelt.— Und da ſaß ich dann den ganzen langen Sommernach— mittag, nur ab und zu durch einen freundlichen Zuruf der Mutter oder meiner Kindsmagd erheitert. Die älteren Ge— ſchwiſter hatten weder Wort noch Blick für das kleine, groß— Bender, Die Hausfreundin. 5 — 66 äugige Ding, für deſſen Daſein ſie durchaus keinen ſtichhaltigen Grund erdenken konnten.— Einmal aber kamen ſie dennoch auf mich zugeſtürmt, aber nur um zu ſehen, was ich im Schürzchen hatte und mit ſolch zärtlichen Lauten und Gebärden liebkoſte. Sie wußten ja, daß es keine Puppe ſein konnte, da ich einen derartigen Luxus artikel nie beſeſſen hatte. Nun ſollte ich das Schürzchen aufmachen, zog es aber nur um ſo feſter zuſammen. Und als man es mir mit Gewalt geöffnet und mir mein„Eigackelesvogele“ ſcheltend ent riſſen hatte, da brach ich in ein ſolch unbändiges Weinen aus, daß meine Kindsmagd ſich ins Mittel ſchlug und bat, daß man mir doch meinen Froſch laſſen ſollte. Nichts anderes nämlich als ein großer gelber Stoppelfroſch war es, den ich mit der ganzen Liebesfülle meines einſamen Kinderherzens überſchüttet und mit dem Koſenamen„Eigackelesvogele“ getauft hatte. Denn ſeine Farbe glich den mit Zwiebelſchale gefärbten Oſtereiern, deren ich mich als eines ſeltenen Leckerbiſſenszztoch vom Frühjahr her erinnerte. 2 Was aber glich meinem Schmerze, als ich dieſen meinen Wundervogel nun zuckend und blutend am Boden liegen ſah — wegen der Wunden vielleicht, die ich ihm zugefügt hatte im krampfhaften Beſtreben, ihn feſtzuhalten!— Es war ein Weh, dem kein anderes mehr gleichkommen konnte ein Weh ſo groß und tief, daß ſich der erſte Strahl meines geiſtigen Bewußtſeins an ihm entzündet hatte— wie ein Blitz im fahlen Dämmerſcheine, um dann ſofort wieder zu erlöſchen auf Monate— ja auf Jahre hinaus. Deutlich aber inmitten dieſes Erinnerungsblitzes ſteht meine kleine Kindsmagd, mein Lieblingsbruder, mit ſeinen treu⸗ herzigen blauen Augen und goldbraunen Haaren, wie er mich in meinem ungeheuren Jammer zu tröſten geſucht hat. Dann wieder Nacht und Dämmer und ungewiſſes Hin⸗ und Herflackern der Bewußtſeinsflamme, bis ſie endlich zu res ich ens zuft ten toch nen ſah atte ein Weh gen im chen eine reu⸗ nich din⸗ zu einer ſtetigen ſtillen Leuchte wurde, mehr nach innen als nach außen brennend, da ich ja keines Menſchen Pfad zu erhellen vermochte und ſelbſt meiner holden Kindsmagd durch meine übergroße Anhänglichkeit mehr eine Laſt als eine Freude war. Denn überall wollte ich bei ihm ſein— in Haus und Stall, in Feld und Wald. Und ſelbſt an den Bäumen, auf die er zu ſteigen pflegte, ſah ich ſehnſüchtig hinauf und ging mit mir zu Rate, ob ich nicht lernen Ahr es meinem Bruder auch im Klettern gleich zu thun Dann lachte er mich von oben herunter aus und ſagte, daß dies einem Mädchen für alle Zeiten unmöglich wäre.— Es dauerte aber nicht mehr lange, ſo probierte ich es deſſen⸗ ungeachtet, kletterte ſchnell von Aſt zu Aſt und ſaß auf ein⸗ mal oben, ehe ich recht wußte, wie es zugegangen war. Hatte mein Bruder 8 bis dahin geneckt, ſo that er jetzt ſo erſchrocken, daß ich ſchleunigſt wieder herabſteigen wollte. Da aber zeigte ſich's, daß ich nicht mehr konnte und oben ausharren mußte, bis man vom Dorfe eine Leiter gebracht und mich heruntergeholt hatte.— Und dann ſchämte ich mich, that aber ein andermal noch verzweifeltere Dinge; denn immer wollte ich von meinem Bruder bewundert, das heißt geliebt werden. Doch wer hat einen Knaben dergleichen jemals ausſprechen hören, auch wenn es ihm auf der Zunge ſchwebte! Manchmal freilich entlockte ich ihm das Geſtändnis, daß ich ſehr flink und behende und viel ſtärker als andere Mäd⸗ chen wäre. Gleich aber ſetzte er dieſem Lobe wieder einen Dämpfer auf, indem er ſagte:„Aber Steine werfen— von unten nach oben nämlich, nicht von oben nach unten—, das wirſt du ſicherlich niemals zuwege bringen, denn das lernt überhaupt kein Mädchen.“— Und er mag recht gehabt haben.— Ein andermal aber habe ich's ihm heimgegeben; doch war dies keine Geſchicklichkeit mehr, ſondern tollkühne Waghalſigkeit. Und noch ſehe ich meinen Bruder vor mir ſtehen— kreide⸗ 68 weiß vor Schrecken und Grauſen und an allen Gliedern zitternd.— Allein immer und allezeit hören zu müſſen, daß man „nur ein Mädchen“ iſt, hätte auch ein ſanfteres Weſen zur Verzweiflung treiben können! Es war beim Schleifen auf dem Eiſe— Buben und Mädchen geſondert auf hügeligen und flachen Wieſenſtücken, je nach dem Grade der Gefährlichkeit. Denn am unteren Ende floß„die“ Bach, die zur Winterszeit ziemlich tief und reißend war. Selbſt nur wenige Jungen getrauten ſich an der ſteilſten Stelle der ſpiegelglatten Erhöhung herabzuſchleifen, da dieſelbe ohne Uebergangspunkt gerade in das Waſſer führte. Unter dieſen wenigen aber war mein Bruder, und es mochte daher mehr Angſt als Ehrgeiz geweſen ſein, was mich veranlaßt hatte, mich an ſeine Ferſen zu heften. „Geh fort!“ mahnte er einigemal— zuerſt in gelaſſenem, dann aber in ſcheltendem Tone. Auch die anderen Buben miſchten ſich darein, aus all ihren Neck- und Stichelreden aber hörte ich immer nur das eine heraus, daß ich eben nichts als ein Mädchen ſei. Ich war anfangs ſtill wie die Luft vor einem brauſenden Gewitterſturm. Dann aber brach es mir wie ein Feuerſtrom aus der kochenden Bruſt heraus.„Nur ein Mädchen? Mir nach, wer von euch Großſprechern kein Haſenfuß iſt!“ Einen weiten Zulauf nehmend, glitt ich darauf über die ſteilſte Stelle des Hügels hinunter— geradeswegs dem brauſenden Waſſerſtrudel zu. Wenig hätte gefehlt, und ich wäre hineingeſauſt, doch wurde die Wucht meines Anpralls noch rechtzeitig durch einen Weidenſtumpf am Bachesrande ge— brochen. Und als ich mich auf dem Abſatz herumſchwenkte, machte ich die Wahrnehmung, daß keiner der Buben ſich ge— traut hatte, mir zu folgen. Allein wie damals, als ich auf den Baum geklettert war, ern Ind en, nde ind ſten den chts den om Mir die dem ich alls ge kte, ge⸗ har, mußte ich mein tollkühnes auch jetzt wieder mit einer um ſo größeren Niederlage büßen. Ich wußte mir nicht mehr von der Stelle zu ſen n; denn es gab nur zwei Wege dazu— vorwärts in das reißende Flüßchen, oder rückwärts den ſpiegelglatten Glasberg hinauf, was ſelbſt auf Händen und Füßen rutſchend unmöglich geweſen wäre. Da war guter Rat denn freilich teuer, und ich mußte zähneklappernd aushalten, bis man ein dickes, ſtarkes Brett vom Dorfe geholt und es mir von der anderen Seite des Baches zugeſchoben hatte. Und das war auch das letzte⸗ nal, daß ich gegen das Loos, nur ein Mädchen zu ſein, in offener Weiſe Sturm gelaufen war.— Ich mußte es mir nun gefallen laſſen, meiner Kinds⸗ magd mehr und mehr entfremdet zu werden. Denn mein Bruder hatte nun ſchon angefangen, in die„große“ Schule zu gehen und mit Kühen zu fahren; und an Sonn⸗ und Feiertagen hielt er ſich auch nur noch an ſeine Altersgenoſſen. Daß er mich einſt auf den Armen getragen oder vielmehr geſchleppt hatte, ſchien er lange ſchon vergeſſen zu haben, und ſich überhaupt zu gebaren, als ob ein kleines Mädchen völlig außerhalb des Schöpfungsplanes gelegen und ſich gewiſſer— maßen nur durch eine Hinterthüre in die Welt geſchmuggelt hätte und ſchon froh ſein müßte, nicht wieder hinausgeworfen zu werden. Wenigſtens habe ich ihn immer im Verdacht gehabt, daß dies ſeine und anderer Buben Gedanken geweſen ſeien; und ſoviel Lob ich auch von anderen ernten mochte, es war mir alles gleichgültig, ſolange ich meinem Bruder keinen Beifall abgewinnen konnte. Ich war nun ſchon ein großes und kräftiges Mädchen ge worden, als ich einmal zur Erntezeit nach Hauſe geſchickt wurde, um das Veſperbrot zu holen. Mein Bruder aber war bereits früher mit einer Fuhre Frucht heimgefahren, die wir dann in aller Geſchwindigkeit zuſammen abladen und baldigſt 3 8 wieder zurückkommen ſollten. Als ich mich unſerem etwas abſeits vom Dorfe gelegenen Hauſe näherte, war ich über⸗ raſcht, den Wagen mitſamt den Kühen noch unter dem offen ſtehenden Scheuerthore zu ſehen, ohne daß mein Bruder auf mein lautes Rufen Antwort gegeben hätte. Er wird ſich im Keller eine Sauermilch abrahmen, denke ich, denn die iſt für den Hunger und den Durſt zu gebrauchen.. Allein mein Bruder war nicht im Keller und nicht in den Wohnräumen des Obergeſchoſſes.— Mit einem Gefü von Herzbeklemmung eile ich wieder die Treppe hinunter, als ich hinter der in den Hausflur mündenden Stallthüre ein eigentümliches Ge räuſch vernehme— ein Raufen und Stampfen wie von los gewordenem Vieh und dazwiſchen ein Keuchen und Stöhnen wie aus einer Menſchenbruſt. Erſchrocken ſtieß ich die Stall— thüre auf, und was ich jetzt erblickte, nicht mehr aus dem Sinne bringen, und wenn ich achtzig Jahre alt werden ſollte: In der Ecke rechts der Raufe mein Bruder im Kampf mit unſerem jungen Zuchtſtiere, deſſen Hörner er krampfhaft umklammert hält, während ihm der Körper von der rechten Flanke des wutſchnaubenden Tieres an die Wand gepreßt wird. „Zurück, Luiſe, zurück!“ ruft er mit faſt verſagender Stimme,„lauf' ins Dorf und rufe Bürgerhilfe!“ Aber mit einem Blicke die Gefahr überſehend, in der mein geliebter Bruder ſchwebte, ſtürze ich mich auf den Stier und umſpanne ſeinen Nacken mit dem rechten Arme, während ich mit dem linken nach der Kette an ſeinem Halſe haſche. Das Tier aber hatte ſie mitſamt dem Kloben losgeriſſen, und ſo war guter Rat nun freilich teuer geworden. Doch ohne mich zu beſinnen, ſchlüpfe ich unter die Raufe, um auf den Knieen liegend die Vorderbeine des Tieres mit der Kette zu umwinden und zuſammenzubinden.— Faſt wäre mir dieſes auch gelungen, denn der Stier ſchien einen Augenblick über den unerwarteten Angriff verblüfft zu ſein. Dann aber machte er werde ich zeitlebens ſche. und hne den 3U 'eſes über E8 einen wütenden Seitenſprung, indem er mich mit ſich fort⸗ zerrte, da ich die Kette nicht losgeben wollte. rufe ich meinem Bruder zu;„dort der 74 „Laß gehen! zweite Kloben! Ich ziehe, und du ſchiebſt—“! Alllein, es ſollte anders kommen. Denn kaum hatte mein Bruder die Hörner gehen laſſen, als er mit einem markerſchütternden Schrei längs der Mauer auf den Boden fiel.— In die Höhe ſpringen, meinen Bruder umſchlingen und ihn zwiſchen der Mauer und den ſtampfenden Hinterbeinen des Stieres hinweg auf den Flur hinaus tragen— es war das Werk eines Augenblicks. Dort ließ ich meine Bürde auf die Stein⸗ fließen hinabgleiten, riß hinter mir die Stallthüre zu und öff⸗ nete die Hausthüre, um zu ſehen, ob ich einen noch Lebenden oder einen Toten gerettet hatte. Und ſchlimm genug war mein Bruder freilich zu⸗ gerichtet, die rechte Schulter von Blut überſtrömt, das Ge⸗ ſicht ſo weiß wie Schlehenblüte, die Augenlider halb ge— ſchloſſen—— Allein er lebte, er atmete noch— und ſo galt es vor allem, keine Zeit zu verlieren.— Nachdem ich dem Verletzten ein Grastuch unter den Kopf geſchoben hatte, begann ich, den rechten Hemdärmel am Handgelenke aufzuknöpfen, als mein Bruder mich am Arme faßte und ſich daran aufzurichten ſuchte. Gleich aber ſank er mit einem Schmerzensröcheln wieder zurück.„Es iſt links— das Knie oder die Hüfte,“ ächzte er,„etwas aus⸗ gerenkt oder zerbrochen, wo der Kerl mich angepreßt hat. Schnell den Setzler holen. Der Schulterſchmiß iſt Neben⸗ ſache.“ „Erſt mußt du auf deinem Bette liegen, bevor ich dich allein laſſen kann.“ Und ehe mein Bruder es zu wehren vermochte, hatte ich ihn abermals unter den Armen ge⸗ faßt und vom Boden aufgehoben, daß er ſich übel oder wohl an meinem Nacken halten mußte, um mir die Laſt nicht noch ſchwerer zu machen. So trug ich ihn die Treppe hinauf in die Neben ſtube, wo er zu ſchlafen pflegte und eilte dann ſpornſtreichs das Dorf hinunter dem Hauſe des Chirurgen zu. Ein Glück, daß er ſeine Güter in Pacht gegeben hatte, anderswie er jetzt ſchwerlich zu Hauſe geweſen wäre. Als das alte Männchen bald darauf mit ſeiner In ſtrumentenſchachtel kam, hatte ich die immer noch blutende Schulter meines Bruders notdürftig verbunden und ihm Stirne und Hände mit Waſſer genetzt. Als der Setzler ihn unter ſucht hatte, ließ er ſich das längſte Handtuch geben, das ich in der Truhe hatte und befahl mir aufzumerken.„Das Ding da wird kreuzweis ums linke Fußgelenk geſchlungen — ſo!— Jetzt beide Enden gepackt und feſtgehalten— ſo! — du biſt ein ſtarkes und beherztes Mädchen, aber halt doch nur ein Mädchen; und es gehört mehr Kraft und Mut dazu, jemand, den wir gern haben, weh zu thun, als ihn vor einem wütenden Stier zu retten. Aber du wirſt bedenken, daß jede Minute Verzögerung und jede unge ſchickte Bewegung deinerſeits ihn auf Lebenszeit zum Krüppel machen könnte, und daß zu dieſer Stunde im ganzen Dorf vielleicht kein einziger Mann zu finden wäre. Sobald ich ihn unter den Armen gefaßt und auf drei gezählt habe, mußt du aus Leibeskräften das Hand tuch anziehen, ohne dich an etwas anderes als mein Kommando wort zu kehren. Du verſprichſt mir das?— Alſo abgemacht! — Eins— zwei und— drei!“—— Und jetzt ein leiſes Stöhnen, dann ein fürchterliches Knacken— und mir wird's ſchwarz vor den Augen.„Loslaſſen!“ ſchreit das Männchen. In einer traumhaften Schwäche laſſe ich die Zipfel des Hand tuchs aus den Händen gleiten, um dann mit einer ſeit⸗ lichen Körperneigung lautlos zu Boden zu fallen. Ich war ohnmächtig. Doch als ob ich den Schreckensruf meines Bruders ge⸗ hört und ſeinen angſtvoll auf mich gerichteten Blick gefühlt den auf nd do ar hätte, begann ich mich gleich darauf wieder zu ermannen und am Bettpfoſten in die Höhe zu richten. „Halt doch nur ein Mädchen,“ ſagte mein Bruder u Thränen lächelnd,„aber was für eines!“ „Ja,“ beſtätigte der Chirurg,„ich hätte mir zeitlebens keinen beſſeren Gehilfen wünſchen können. Aber nun ſchleu— nigſt Waſſer und Verbandzeug geholt; was jetzt noch kommt, iſt eigentlich ein Kinderſpiel, doch pflegt mancher Mann da⸗ vonzulaufen, wenn er Blut fließen ſieht.“ Das habe ich nun freilich nicht gethan, ſondern die Zähne übereinander gebiſſen und wacker zugegriffen, wo immer der Setzler es befohlen hatte. Die Wunden meines Bruders ſind freilich wegen der noch kurzen und ſtumpfen Hörner des Tieres nicht tief, der Blutverluſt aber größer geweſen, als ſich am Anfang überſehen ließ, wie der am folgenden Tage aus der Amtsſtadt herbeigeholte Arzt konſtatierte. Es war da her meine Hauptaufgabe, den Geſchwächten wieder zu Kräften zu bringen, und ſeine Pflege wurde mir um ſo williger überlaſſen, als die Ernte nahezu unter Dach gebracht war, und das Ohmdmachen noch nicht begonnen hatte. Ich mußte nun meinen Bruder heben und legen und ihm wie einem Kinde das Eſſen eingeben, da er ſeinen rechten Arm nicht gebrauchen konnte und ſeiner linken Hüfte wegen ſich nicht bewegen durfte. Oft mußte ich ihm erzählen, wie der Stier, nachdem er ſich müde und wund geraſt hatte, von den Nachbars⸗ leuten gebändigt worden war, und wie ich es zu verhindern wußte, daß er keine Schläge bekommen hatte. Ich und mein Bruder aber ſind von der Zeit an wieder unzertrennliche Gefährten geworden. Denn ich war ja nun auch ſeine Kindsmagd geweſen, hatte ihn auf den Armen getragen und ihm zu eſſen gegeben; und ein Bund, der ſo wie dieſer auf Gegenſeitigkeit beruht, pflegt bis zum Grab und noch länger zu dauern. „ A Ae. A it d.. AEA, te ie, lte., ÆÆιÆπ οNν NfNRNRNRIRI lð NNNIIRNI Was dem Oberpoſtrat Lauermann palſtert iſt. 5 Sem Herrn Poſtrat Lauermann in K. iſt vor nicht langer Zeit ein Stücklein paſſiert, das für ſeine Familie ſowohl als für ſeine Untergebenen ſoviel als vierzehn Tage Regenwetter bedeutete. Niemand wußte anfangs einen Grund dafür zu finden, warum der umwölkte Haus- und Bureau⸗ himmel ſich gar nicht mehr erhellen wollte. Die nämlich, welche ſchuld an dieſent Regemndvetter waren, haben wohlweis⸗ lich ſtill geſchwiegen, bis„ſie ſich gekriegt hatten“; denn daß ſie ſich haben wollten, war ja gerade die Urſache des Unwetters geweſen.— Und wer, der ein fühlendes Herz im Buſen hat, vermöchte dem Herrn Poſtrat dieſes übel zu nehmen— einem Vater von drei unverſorgten überheiratsfähigen Töchtern, die er ſchon ſo manchen kalten Winter von Ball zu Ball und von Geſellſchaft zu Geſellſchaft geſchleppt hatte! ticht tilie age und eau⸗ lich, eis⸗ daß ters hat, nem die und In Erinnerung an all die gehabten Auslagen und ver⸗ unglückten Heiratsprojekte ließ er ſich eines Montagmorgens auf ſeinem Bureauſtuhle nieder, ſtrich ſich das ſchon ſtark er ſe graute Haar der Stirn und ſtarrte geiſtesabweſend vor ſich nieder. Oſtern war vor der Thüre— eines der und bis er erſt alle Rech⸗ früheſten ſeit nungen für ahrstoiletten ſeiner Töchter wieder be— zahlt hatte werden ſollte, zu umgehen war es eben in keinem Falle.— Und alles vergeblich! Alles vergeblich!— Er hatte im Kreiſe ſeiner Kollegen und an den Stammtiſchen der Gaſthäuſer es darüber auch Herbſt und Winter ſo lange über alte Jungfern gewitzelt und geſpöttelt, beſonders über ſeine Telegraphiſtinnen, daß er jetzt in der unbefangenſten Nachfrage nach ſeinen Töchtern bereits allerlei ſchadenfrohe Hintergedanken herauszuwittern glaubte. Er ſeufzte über die wachſende Heiratsunluſt ſeiner höheren Beamten und ertappte ſich auf dem Gedanken, daß das Räderwerk des Lebens doch ungleich verwickelter ſei, als er ſich dasſelbe bis dahin vorgeſtellt hatte. In dieſem erkenntnisvollen Augenblicke wurde der Tele⸗ graphenſekretär Brenner angemeldet. „Gleich hereinkommen!“ rief der Poſtrat wie elektriſiert und verſuchte, ſich eine möglichſt heitere und unbefangene Miene zu geben. Er wußte längſt, daß ſeine zweite Tochter Roſamunde gar nicht abgeneigt war, ſich von dem vielumworbenen Jung⸗ geſellen in ſeine große geräumige Wohnung hineinführen zu laſſen und ihm zur Ausfüllung derſelben ein halbes Dutzend Buben zu ſchenken. Ja, es würde ihr auf ein ganzes Dutzend nicht angekommen ſein, wenn ſie der„ſchrecklichen“ Ge⸗ fahr, eine alte Jungfer zu werden, dadurch entgehen konnte. Der Herr Sekretär führte ſich denn auch in einer ſolch verlegenen Haltung ein, daß dem Herrn Poſtrat vor Wonne das Herz zu zittern begann. Er erhob ſich von ſeinem 76 Stuhle und blickte immer ermunternder und verheißungs— voller. Denn ſo zaghaft wie jetzt hatte die hohe kräftige Geſtalt ſeines Untergebenen noch niemals vor ihm geſtanden. Und eine Dienſtangelegenheit konnte davon nicht die Ur⸗ ſache ſein; Sekretär Brenner hatte noch nie etwas zu klagen oder zu erbitten gehabt. Freilich iſt es auch keine Kleinigkeit, von einem Vor⸗ geſetzten ſeine Tochter zu begehren, ſelbſt wenn man bei fünf⸗ tauſend Mark Gehalt ſolch ſtrahlende Augen und einen ſolch ſtattlichen Vollbart hat. „Der Herr Poſtrat werden entſchuldigen——“ „Gar keine Entſchuldigung nötig, mein lieber Herr Sekretär——“ „Daß ich in meinem vorgeſchrittenen Lebensalter——“ „Ei warum nicht gar! Ein Vierziger iſt noch in ſeinen beſten Mannesjahren——“ „Eine ſolche Veränderung——“ „Immer noch frühe genug, Herr Sekretär! Doch wollen Sie ſich nicht niederlaſſen?“ „Nein, ich danke, Herr Poſtrat! Ich wollte nur noch ſagen, daß ſich auch in Ihren Verhältniſſen eine große Um⸗ wandlung——“ „Nichts natürlicher, als das! Denn was ſind einem Mädchen Vater und Mutter, wenn ſie den Gatten ihrer Wahl gefunden hat?“ „O, was das betrifft, Herr Poſtrat, ſo hat dies keine Schwierigkeit; ſie hat längſt ſchon keine Eltern mehr. Um aber ſchon jetzt in den Ruheſtand verſetzt zu werden, iſt ſie noch nicht alt genug. Die Direktion müßte da ſchon ein Einſehen haben, weil ſie an die zwanzig Jahre aufs gewiſſenhafteſte ihren Dienſt verſehen hat, faſt niemals krank geweſen iſt, wenig Ur⸗ laub und Freikarten verlangt hat und— und——“ Weiter vermochte er nicht zu kommen. Der Poſtrat hatte mehr und mehr eine bedrohliche Haltung angenommen und ſich lch en och jetzt buchſtäblich auf dem Abſatz herum gedreht, wobei ihm die Feder vom Ohr herabgefallen war und die Augengläſer eine bedenkliche Verſchiebung erlitten hatten. „Was! an eine alte Jungfer, an eine Telegraphengehilfin wollen Sie ſich wegwerfen? Ein Mann von Ihrer Lebens⸗ ſtellung!“ rief er ſchneidend. „Sie hat ein Einſehen gehabt und mich nicht lange liegen laſſen, ſondern mich gutherzig zu ſich heraufgezogen. Und jetzt bin ich der Glücklichſte der Sterblichen.“ „Menſch, Sie ſind verliebt „O ſehr!“ verſetzte der Sekretär mit lächelndem Gleichmut. „Ein Mann in Ihren Jahren— und ſo einen dummen Streich begehen!“ „Meine beſten Mannesjahre, Herr Poſtrat, wie Sie ja vorhin ſelbſt geſagt haben!“ „Nun ja! Aber eine Frau von mindeſtens vierzig——“ „Gewiß, ein Unterſchied von vier vollen Jahren! Allein da ſie ſich nichts aus meinen fünfundvierzig macht——“ „Wollen Sie mich noch obendrein vexieren Sie, Sie—! Nichts daraus macht— Aber Sie könnten ja an jedem Finger eine Zwanzigjährige haben, ſobald Sie nur die Hand ausſtreckten!“ „Der Himmel bewahre mich! Ich tauge nicht zum Pflegevater. Ich will nur eine Frau, die mich gern hat und nicht auf den Männerfang dreſſiert worden iſt.“ „Aber wenn wir noch keine Luſt haben, ihr jetzt ſchon eine Penſion zu geben?“ „O, was das betrifft, Herr Poſtrat! Mein Gehalt iſt für beide genug; denn ſo ein Mädchen weiß trefflich einzuteilen.“ „Aber iſt Ihnen denn ſonſt gar keine Partie zur Verfügung geſtanden?“ fragte jetzt der Poſtrat in gemildertem Tone, während er ſich die Brillengläſer wieder zurecht rückte und ſeine Mienen zu glätten ſuchte.„Es giebt ja doch genug der Familien, mit denen Sie ſich Mädchen aus höher ſtehenden konnektieren konnten.“ O, Herr Poſtrat! Gerade jene höheren Mädchen haben mir bisher das Heiraten ſo verleidet gehabt; denn man iſt doch ſozuſagen auch ein Menſch und keine Verſorgungsanſtalt für abgetanzte Modepuppen.“ „Unverſchämter! Und das wagen Sie mir ins Geſicht zu ſagen?“ Und es fehlte nicht viel, daß der wütende Poſtrat ihn am Kragen gepackt und geſchüttelt hätte. „Ihnen? Ja warum denn nicht?“ ſtotterte der arme Sekretär, der keine Ahnung von dem beſtimmten Falle hatte, auf den ſeine ganz allgemein gehaltene Bemerkung be zogen werden konnte.„Ich habe wahrhaftig nicht gewußt—“ „Was nicht gewußt! Sie werden ſich doch nicht ein bilden, daß ich oder meine—— In dieſem hochverfänglichen Augenblick wurde ungemein lebhaft an die Thüre geklopft und dem Herrn Poſtrat ſo—⸗ mit eine der größten Blamagen ſeines Lebens erſpart. Sekretär Brenner aber war froh, jetzt ſeinen Rückzug nehmen zu können; denn der ungeſtüme Klopfer hatte gleich darauf die Thüre geöffnet und war ohne weiteres eingetreten. Unter dem Thore des Direktionsgebäudes blieb der Heirats— kandidat ſtehen, um nach ſo ſchweren Strapazen etwas Atem zu ſchöpfen. Draußen in der Straße aber lag goldiger Früh— lingsſonnenſchein, und einer ſeiner hellſten Strahlen kam ihm in der Geſtalt eines weiblichen Weſens entgegen, das offen bar auf ihn gewartet hatte. „Ah, endlich!“ rief ſie, ihn lebhaft am Arme ergreifend und mit ſich fortziehend.„Ich habe mir's gedacht, wie ſauer es dir gemacht werden würde——“ „O, wenn du wüßteſt, liebe Anna!“ rief der Bräutigam mit einem verklärten Blick auf die noch jugendliche Er— ſcheinung, die aus grauſchwarzen, von langen Wimpern zauberhaft beſchatteten Augen zärtlich zu ihm aujblickte. 77 ltem rüh ihm ffen fend auer igam Er⸗ pern te. weiß ich!“ flüſterte ſie lächelnd;„und es thut „Alles mir leid, dich nicht zuvor gewarnt zu haben; denn nach deinem Ausſehen zu ſchließen muß der Herr Poſtrat un gewöhnlich gereizt geweſen ſein.“ „Aber ohne mein Verſchulden, ich verſichere dir, liebe Anna! Denn ein Telegraphenbureau mit weiblichen An⸗ geſtellten iſt doch kein Serail und kein Nonnenkloſter, und eine Entführung daraus deshalb nicht wie ein Verbrechen zu ſtrafen.“ „Das nicht, aber eine Poſtratstochter ſitzen zu laſſen 4 Da erſt ſind dem armen Sekretär die Augen aufgegangen, und er mußte ſich einige Sekunden auf den Arm ſeiner Braut ſtützen, um ſich einen Halt zu geben. „O Himmel! Und ich ſprach von Männerjägerinnen und abgetanzten Modepuppen 2 „Siehſt du es nun? Und in Ahnung dieſer Dinge bin ich mittlerweile bei unſerem oberſten Vorſtand geweſen, und er hat mich ſeines beſonderen Wohlwollens verſichert, und daß ich in vier bis ſechs Wochen meine Entlaſſung mit Penſion erhalten würde. Und wenn der Herr Poſtrat dir etwas in den Weg legen will, ſo kommſt du um deine Verſetzung ein; denn ich und du— nicht wahr!— wir können an jedem Orte glücklich ſein!“ „Ja, das können wir, Geliebteſte!“ rief er ſtrahlenden Auges.— Sie waren mittlerweile vor dem Telegraphenbureau angekommen und trennten ſich jetzt mit zärtlichen Verab— redungen, um ihren beſonderen Berufspflichten nachzugehen. Der Herr Poſtrat Lauermann aber hat es am klügſten gefunden, zum böſen Spiele gute Miene zu machen, wenigſtens ſobald das vierzehntägige Regenwetter vorüber war und er durch ſeine Ernennung zum Oberpoſtrat eine bedeutende Gehaltszulage und damit neue Hoffnungen behufs Unter⸗ bringung ſeiner Töchter bekommen hatte. Ueber Amerikaniſches Erziehungswelen. 3 darf als eine allgemein bekannte Thatſache voraus⸗ geſetzt werden, daß das amerikaniſche Erziehungsweſen mit ungleich größeren Schwierigkeiten als das europäiſche verbunden iſt. Der Menſch iſt ſeinem innerſten Weſen nach zwar überall derſelbe, doch regelt ſich ſein äußeres Ver— halten nach den ihn umgebenden Lebensumſtänden. Dieſe pflegen in den wenigſten Fällen ſein eigenes Werk zu ſein; er muß ſie als ein Gegebenes hinnehmen, wie ſeine Cha— rakter- und Geiſtesanlagen. Die Kinder der Armen erziehen ſich ſelbſt. Sie regeln ihr Verhalten nach den Anforderungen des Augenblicks und ihre Wünſche und Bedürfniſſe nach dem Geldbeutel der Eltern. Wo die eiſerne Notwendigkeit als Lehrmeiſterin auftritt, bedarf es keiner Moralpredigten. Wer nicht das —— 322———— 7— 81— 8 8 tägliche Schwarzbort im Hauſe hat, läuft keine Gefahr, 8 ſeine Kinder mit Zuckerbrot zu verwöhnen. Ein Kind, das ſich durch die Armut ſeiner Eltern jede Möglichkeit 8 abgeſchnitten ſieht, ſich in den Beſitz eines Ponys, einer Gliederpuppe ꝛc. zu verſetzen, wird ſich nie einfallen laſſen, dergleichen zu begehren, ſondern ſich mit wertloſeren, inner— halb ſeines Bereiches liegenden Spielſachen begnügen. Ebenſo verhält ſich's mit ſeinem Arbeitstriebe. Wo täglich und ſtündlich der Hungerwolf von der Thüre abgewehrt werden muß, ſetzt das gutgeartete Kind ganz ungefragt ſeine körperlichen und geiſtigen Kräfte ein, auch wenn dieſelben noch ſo gering und unentwickelt ſind. Für Kinder dieſer Geſellſchaftsklaſſe bedarf es auch in Amerika keiner künſtlich ausgearbeiteten Erziehungs⸗ . ſyſteme; dagegen ließe ſich für die Kinder der reichen Leute ſehr viel gewinnen, wenn man ſie nach einer ähn⸗ lichen Methode erziehen— das heißt die Erziehung des Lebens mit der Erziehung der Schule verbinden könnte. Das Mißverhältnis zwiſchen den beiden Erziehungs⸗ eſen arten pflegt ſich indeſſen um ſo greller herauszuſtellen, ſche je mehr die Eltern mit materiellen Gütern geſegnet ſind, nach bis der Uebermut des Kindes bis zu jenem Grade an⸗ Rer⸗ ſchwillt, wo es ſich als ein völlig unverantwortliches Weſen ieſe empfindet, das lauter Rechte und Privilegien, aber gar ein; keine Verpflichtungen hat. 8 1 3 Dies iſt bei dem allgemeinen Volkswohlſtande that⸗ ſächlich in Amerika der Fall. Der Geldadel hat den Ge— geln burtsadel der Alten Welt noch nicht bis zu jenem Grade licks erſetzt, daß er das bekannte„noblesse oblige“ zur Richt⸗ 550 ſchnur ſeines Betragens und Verhaltens gewählt hätte. 3 0 Wo der Beſitz von den Eltern ſelbſt als ein Freibrief für das willkürliches und ungezügeltes Handeln aufgefaßt wird, kann man auch von den Kindern nichts anderes als Wider— Bender, Die Hausfreundin. 6 ſetzlichkeit, Launenhaftigkeit und Trägheit erwarten. Aber auch wenn die Eltern von Haus aus zu den Gebildeten gehören, die den redlichen Willen haben, ihre Kinder nicht mit Wiſſen und Abſicht zu verziehen, ſo können künſtlich geſchaffene Verhältniſſe doch nie und nimmer die natür lichen erſetzen. In einem Hauſe, wo ſelbſt der Hund mit Leckerbiſſen gefüttert wird, läßt ein Kind ſich gar ſchwer an Enthaltſamkeit gewöhnen. Wo es ſich aber in der Familie als Tyrann gebärden und immerwährend nehmen darf, ohne jemals das Geringſte leiſten zu müſſen, iſt es in der Schule ein vergebliches Mühen, die ſocialen In ſtinkte des Kindes wachrufen zu wollen. Es weiß ja nur zu gut, daß Erziehungsreſultate noch nicht vor das Forum der Geſamtheit gezogen werden, und daß im gewöhn lichen Lauf der Dinge auch der ſchlechteſte Zögling durch den Reichtum ſeiner Verwandten vor den natürlichen Folgen ſeiner ſittlichen und geiſtigen Minderwertigkeit ge— ſchützt wird. In Anbetracht alles deſſen iſt es gar kein Wunder, aß die amerikaniſchen Kinder ſich ſo ſchlecht, aber ein großes, daß ſie ſich trotz alledem und alledem 100 hſo gut betragen! Wenn die unter europäiſchen Syſtemen erzogenen Kinder an Unterwürfigkeit, Höflichkeit, Selbſtbeherrſchung, Fleiß, Ausdauer u. ſ. w. den amerikaniſchen bei weitem überlegen ſind, ſo beſitzen die letzteren dagegen einen ungleich größeren Gerechtigkeitsſinn gegen ihre Mitſchüler und ein dementſprechend geringeres Quantum von Neid, Eiferſucht — und deren poſitive Aeußerungen: Bosheit und Grau—⸗ + 2 ſamkeit. Das europäiſche Kind beträgt ſich beſſer gegen die Erwachſenen, d. h. Stärkeren,— das amerikaniſche beträgt ſich beſſer gegen ſeinesgleichen und wohl auch gegen den Schwächeren. In dieſer wie in anderer Beziehung iſt das Kind ein Abbild des Erwachſenen. Der Amerikaner kann, urch chen ge der, ßes, gen! nder leiß, egen leich ein ſucht rau⸗ die rägt den das ann, ſinnbildlich und buchſtäblich geſprochen, im Affekte der Leidenſchaft den Gegner zu Boden ſchlagen, doch wird er kein wehrloſes Geſchöpf mit hundert kleinen Nadelſtichen zu Tode quälen. Und ebenſo findet man auch bei Kindern nicht ſo häufig die niedrigſten Formen der Rachſucht und Bosheit, und bei jung und alt überhaupt keine ſo große Gehäſſigkeit im Alltagsverkehr, wie in der Alten Welt. Die Unterſchiede des Vermögens und Standes er— bittern den Menſchen eben weit weniger, wo auch der Ge— ringſte des Volkes der Möglichkeit,— wenn auch ſelten der Wirklichkeit nach zu den größten Reichtümern und den höchſten Ehrenſtellen gelangen kann. Die Fehler ſowohl als die Tugenden der Erwachſenen und folglich der Kinder— werden durch die Regie— rungsform eines Landes bedeutend modificiert. Das ameri— kaniſche Kind widerſetzt ſich offen und gewaltthätig jeder Autorität, die ſich nicht moraliſch als ſolche zu behaupten vermag, das deutſche fügt ſich dem Befehle mit ſchein⸗ barer Unterwürfigkeit, um ihn im geheimen dann auf alle Weiſe zu umgehen. Je größer der Zwang auf der einen, deſto größer die Heuchelei auf der anderen Seite. Das amerikaniſche Kind, das ſich keinerlei Unbill gefallen läßt, braucht ſich für keine zu rächen, und es charakteriſiert ſich überhaupt durch das, was man in der engliſchen Sprache mit„fair dealing“ bezeichnet,— ſo— weit dies innerhalb ſeiner Faſſungsgabe liegt. Man wird in einer deutſchländiſchen Schule ſelten die Beobachtung machen, daß Kinder auf einen beſonders begabten Mit⸗ ſchüler ſtolz zu ſein pflegen, wie dies in Amerika that⸗ ſächlich der Fall iſt. Im Gegenteil verfolgen ſie ihn mit dem grimmigſten Haß, auch wo er ihnen ſeine Ueber— legenheit nicht fühlbar zu machen ſucht. Auch in anderen Stücken muß man dem amerikaniſchen Kinde Gerechtigkeit widerfahren laſſen, obgleich ſeine — beſten Eigenſchaften in der Regel nur den Altersgenoſſen zu gute kommen, während Erzieher und Lehrer am meiſten von ſeinen Fehlern zu leiden haben— und das Kind ſelbſt in der Folgezeit nicht weniger. Denn alles, was man ſonſt als Verhalten des Menſchen gegen ſich ſelbſt bezeichnet — als da ſind: Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Fleiß, Mäßigkeit und anderes mehr— wird in Amerika in der erſten Erziehung ſo vernachläſſigt, daß auch die beſte Schule es ſelten wieder völlig nachholen kann. Die Zukunft mit ihren ſchrecklichen Wucherzinſen an der Vergangenheit vermag ſelbſt auf die reife Jugend nur wenig oder keinen Eindruck zu machen. Das ganze amerikaniſche Volk iſt eben Optimiſt par excellence; es ſteht noch im Jugendalter und muß für ſeine Er— fahrungen erſt Lehrgeld zahlen, während auf der anderen Seite ein ungeheurer Reichtum ihm eine Macht verleiht, mit deren beiſpiellos raſchem Anſteigen die durchſchnitt⸗ liche Volksbildung unmöglich gleichen Schritt halten konnte. Wo die Kinder in ihrer Anmaßlichkeit, Frechheit und Uebermütigkeit den Eindruck aufgeblaſener, geldprotziger Emporkömmlinge machen, haben ſie meiſtens an den Eltern ſelbſt keine beſſeren Beiſpiele vor Augen gehabt. Aber auch vernünftige und gebildete amerikaniſche Eltern, welche die beſten Erziehungsabſichten in Betreff ihrer Kinder haben, pflegen es darin zu verfehlen, daß ſie dieſelben wie reife Menſchen behandeln. Sie ſind gänz—⸗ lich außer ſtande, ihre Gebote und Verbote in Form von Geſetzen zu geben. Wo ſie zu vernünftig ſind, um das ver— ächtliche Beſtechungsſyſtem in Anwendung zu bringen, ſind ſie gleichwohl ſo unvernünftig, vorauszuſetzen, daß das widerſpenſtige Kind die Triebfedern eines Ge- und Verbotes begreifen wird, ſobald dieſelben eines langen und breiten erklärt worden ſind. Als ob ein Kind von wenigen Jahren abſtrakte Zukunftsfolgen in den Bereich ſeines unent⸗ wickelten Vorſtellungsvermögens aufnehmen könnte, zumal ſten unter dem Drange einer höchſt anſchaulichen Verſuchung lbſt in der Gegenwart! onſt Solcher Eltern giebt es freilich auch in der Alten Welt net mehr als genug, nur mit dem Unterſchiede, daß das eiß, in Europa als Schwäche erkannt und empfunden wird, der während der Amerikaner thatſächlich von dem Grund— zꝗule ſatze ausgeht, daß man auch dem jüngſten Menſchen nicht nit Gewaltmaßregeln zuſetzen dürfe, ſo lange das Leben an eines anderen Menſchen von ihm nicht gefährdet wird. end Es iſt dies die Emancipation bis auf das Baby aus⸗ das gedehnt,— ſchade nur, daß das Kind, wie der geiſtig ceñ unentwickelte Menſch jeder Altersſtufe, von dem Rechte Er der freien Selbſtbeſtimmung keinen beſſeren Gebrauch zu ren machen verſteht. iht, itt nte. und ger ern ſche 1 daß 5 bon 'er⸗ ind das tes ten ren nt⸗ E N RR 22— F N IN E ee 8 — + — 1 . —* 7 A7 — ˙ 4 * Das deutſche DPolkslied. E 8 Nie im erſten Jahrgang der Hausfreundin ein— gereihten, verklungenen Volkslieder aus meiner Dorf— heimat ſind erfreulicherweiſe die Veranlaſſung geworden, daß meine bereits im Jahre 1893 fertiggeſtellte Haupt— ſammlungt nun ihrer baldigen Drucklegung entgegengeht. Ich danke dies dem Deutſchen Volksgeſangverein in Wien 1 Die Liederſammlung, welche Auguſta Bender angelegt und dem Deutſchen Volksgeſang-Verein zur Herausgabe überlaſſen hat, iſt reichhaltig und wertvoll. Sie enthält 175 Volkslieder, welche alle aus dem Heimatsdorfe Auguſta Benders(Oberſchefflenz in Baden) ſtammen. Ein einziges Dorf ſteuert zum deutſchen Volksliederſchatze faſt 200 Lieder bei, welch ſeltene Erſcheinung, aber auch welch erfreulicher Ausblick Hätten wir in jedem deutſchen Dorfe eine Auguſta Bender, eine Perſon von ſolch ſtaunenswerter Treue des Gedächtniſſes, von ſolchem Ver— ſtändnis für den hohen Wert des Volksliedes, von ſolcher rührenden Liebe zu den Weiſen ihrer Heimat und ihrer Jugend, der Volkslieder⸗ ſchatz wüchſe ins Unbegrenzte. 50 Melodien von den 175 Liedern ſind bereits aufgezeichnet; die Schriftleitung plant ein Zuſammentreffen mit Auguſta Bender, um auch die übrigen Weiſen niederzuſchreiben und der Vergeſſenheit zu entreißen.(Aus„Das Deutſche Volkslied“.) ht. ien und iſt aus nen. eder lick rſon Ver⸗ uden der⸗ dern effen und mühungen in Sachen des echten, wahren Volksliedes und ſeiner Wiedererweckung nicht hoch genug zu rühmen ſind. In der vom Verein herausgegebenen und von Dr. Joſeph Pommer und Hans Frauengruber geleiteten Zeitſchrift „Das deutſche Volkslied“ ſind ſie unaufhörlich beſtrebt, auf dieſen echteſten und edelſten Schatz unſeres deutſchen Volks⸗ tums hinzuweiſen, und in der Luſt am Geſange, die ſelbſt in den grauenvollſten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges nicht ertötet werden konnte, aufs neue ein gemeinſames Band um alle deutſchen Stammesbrüder zu weben. Wie würde der Deutſche in fremden Landen es auch ohne ſeine Lieder aushalten können! Muß man ſich nicht halb zu Hauſe wähnen, wenn man in den morgenſtillen Straßen einer amerikaniſchen Großſtadt auf einmal einen Bäcker- oder Milchjungen ein deutſches Volkslied ſummen oder pfeifen hört: das Lied von den zwei Edelkönigs⸗ kindern, die wegen des allzutiefen Waſſers nicht zuſammen⸗ kommen konnten, vom Scheiden und Meiden, vom Wieder— ſehen und Nimmerwiederſehen, vom ſchwarzbraunen Maidelein und dem jungen, treuen Wanderknab, deſſen Trauern um den Tod ſeines Liebchens„kein Ende mehr“ nahm,— und wie ſie alle heißen mögen, unſere innigen, ſinnigen, deutſchen Volkslieder, von denen oft nichts mehr als die Melodie übrig geblieben iſt. Er weiß es ja nicht einmal, der deutſche Bäckerjunge im Auslande, wie viel urwüchſiges Deutſchtum er in ſeinem Liederſchatze übers Meer mitgenommen hat, und am Ende würde er ſich gar ſchämen, wenn jemand aus ſeinem Geſange den Schluß ziehen wollte, daß er ſeine Kindheit auf dem Lande ver⸗ lebt hat. Denn leider giebt es ja ſolch thörichter Leute auch heute noch mehr als genug, obgleich gerade die edelſten und vornehmſten Fremden ihre Freude an unſeren ſchönen, deutſchen Liedern haben.— mit ſeinem Vorſtande, Prof. Dr. J. Pommer, deſſen Be⸗ S1 88— Nein, nicht vergeſſen und verleugnen wollen wir unſer deutſches Volkslied, und mit ihm unſere ſchlichte, deutſche Eigenart, ſondern ſie wieder lieb gewinnen und hoch halten wie damals, als der geſamte deutſche Volksſtamm ſich in ſeinem Lieben und Haſſen, ſeinem Hoffen und Wünſchen noch eins gefühlt,— als ſich die Kluft zwiſchen hoch und niedrig, vornehm und gering noch nicht bis zum gänz— lichen Mißverſtand und Unverſtand erweitert hatte, und die Spinnſtube der Konzertſaal der Frauen aller Stände war. Das melodiſche Summen des Spinnrades iſt freilich im Getöſe der Maſchinen untergegangen, und dagegen an— kämpfen wollen, hieße gegen Naturgeſetze ſtreiten. Wie es aber im Volksliede heißt: Laub und Gras das muß verwelken, Aber treue Liebe nicht— ſo bleibt auch das Menſchenherz mit ſeiner Freude und ſeinem Leide, ſeinem Sehnen und Verlangen für immer dasſelbe. Und ſo lange es noch hangende und bangende, liebende und trauernde Menſchenherzen auf unſerer Erde giebt, kann auch die Poeſie nie untergehen, ſelbſt wenn ſie ſchließlich nichts mehr als die traumhaft ſchöne Jugend— erinnerung eines alt und kalt gewordenen Menſchen⸗ geſchlechts ſein würde.— Man hat mir von einer alten Bauernfrau erzählt, die meine Hausfreundin nur deshalb kaufte, weil ſie darin ein Lied aus ihren Jugendjahren gefunden hatte.— Gute, alte Bauernfrau, der die Neuzeit an poetiſchen Schätzen nicht nur nichts gegeben, ſondern alles genommen hatte, was dereinſt ihr ererbtes Eltern- und Stammgut ge— weſen war, und die ſich mit den neumodiſchen Klavier— liedern je länger, je weniger befreunden konnte!— Wie ſie ſich freuen würde, wenn ihre alten Lieder nicht allein gedruckt, ſondern auch wieder wie vormals geſungen 1d er 39 würden,— im Wald und auf der Heide, bei den winter— lichen Abendzuſammenkünften und an ſommerlichen Sonn⸗ tagabenden, wenn Burſchen und Mädchen zu Paaren im langen Zuge die Dorfſtraße entlang wandelten, und hinter—⸗ drein die jüngeren und Ai 5 der Polizei⸗ diener ſie mit drohend erhobener ock nach Hauſe ſcheuchte! Und wenn erſt die Beſtrebungen des Wiener Deutſchen Volksgeſangvereins nach Verdienſt gewürdigt werden, und in allen Gauen der deutſchen Reichslande zur Nach— eiferung anfeuern, ſo daß auch die Männerchöre ſich wieder der Pflege des einfachen Volksliedes widmen, anſtatt ſich mit den ſchwierigen Stücken Kunſtmuſik Wöei dann lernt vielleicht auch unſer Landvolk ſich mit Be⸗ wußtheit der Schätze freuen, die es ſo lange unbewußt in der Seele getragen hat, bis ſie ihm in kindiſcher Be— wunderung des ſtädtiſchen Weſens nahezu abhanden ge— kommen ſind.! Der deutſche Volksgeſangverein in Wien, der ſich um die Niederſchrift und Herausgabe echter deutſcher Volkslieder bereits große Verdienſte erworben hat— wir erinnern nur an die von ihm beſorgte zweibändige Ausgabe von Neckheims Sammlung 222 echte Kärntner⸗ lieder— ſandte ſeinen Vorſtand, Prof. Dr. J. Pommer, auf ſeine Koſten zu dem Zweck der Aufzeichnung der Weiſen der von Auguſta Bender geſammelten Lieder nach Radolfzell am Bodenſee, wo ihm die Sammlerin Auguſta Bender ihre Lieder eines nach dem anderen vor⸗ ſang, und er im Verlaufe von nur einer Woche ſämtliche dazu gehörigen Weiſen niederſchrieb. A. Benders Sammlung liegt nun nach Wort und Ton vollſtändig abgeſchloſſen druckfertig vor. Dieſelbe enthält 200 Volks⸗ und volkstümliche Lieder aus Oberſchefflenz in Baden. Hoffentlich erblickt dieſes intereſſante Werk bald das Licht der Oeffent— lichkeit, zumal S. K. H. der Großherzog ſein Intereſſe für das Zu⸗ ſtandekommen des Werkes bekundete und eine Subvention zur Koſten⸗ deckung in Ausſicht ſtellen ließ. Bad. Preſſe, 12. Juli 1900. NNNN& FFDF E E EE Zu Thal. Ba trägt das Schiff mich fort zu Deutſchlands Grenze, eEein wildes Weh begleitet mich zu Thal—— Du letzter Strahl aus meines Lebens Lenze Sei mir gegrüßt zum allerletztenmal! Um meine Jugend rinnen meine Thränen Und um das ſchnöd' verfehlte Herzensglück; Kein Trauern, ach! kein noch ſo heißes Sehnen Bringt die verlorne Zeit mir je zurück. Und meine ungebornen Freuden ſehen So trüb mich mit gebrochnen Augen an, Sie möchten als Erinnerung mit mir gehen Auf der Verbannung dornenvolle Bahn: Doch auch um dieſes Glück bin ich betrogen, Ich war als Kind ſchon aller Freuden bar, Und auf des Meeres wildempörten Wogen Bin ich allein— wie ich es immer war. Drum muß ich immer wieder ſie durchmeſſen, Zurück zu meiner teuren Heimatflur, Als hätte ich das Beſte dort vergeſſen Und einzufordern von der Allnatur. Heimat und Fremde haben mir gelogen Und treu geblieben iſt mir nur der Gram. O weh! daß je ich in die Welt gezogen— Und dreimal wehe! daß ich wieder kam! So irr' ich ſtets voll unnennbarer Qualen, Wie um vergrabnen Schatz ein armer Geiſt; So muß ich ſtets um hohen Preis bezahlen, Was ſich mir niemals als ein Glück erweiſt. Als Kind hab' Mut 51 ich gelitten Und in des Wiſſensdurſtes düſterm Bann Als Mädchen mit dem Schickſal mich geſtritten— Als Weib gerungen wie ein ſtarker Mann: Und alles, ach! umſonſt. Die Nächſten ſtarben, Nicht ahnend, was man Leides mir gethan, Daß alle Blüten mir im Keim verdarben, Und ganz verödet meine Lebensbahn Der letzte, tiefſte Schatten iſt gefallen, Und meine Seele ringt in Todesqual, Wie ein zerfleiſchtes Lamm in Geierskrallen. Auch du, mein Lebensſchiff, gehſt raſch zu Thal. U, f55n. Pbef 17 + 8 2 9 2 2 0 FF NIIIII 3 216 Alte Polkstrachten. Mas zäheſte aller ländlichen Trachtenſtücke ſcheint die Haube zu ſein. Sie wurde auch da noch beibehalten, wo die übrigen Kleidungsſtücke ſich allen Schwankungen der ſtädtiſchen Mode anbequemt ten, wenn auch in etwas der e Formen. Wenigſtens iſt dies in meiner en⸗ geren badiſchen Heimat, dem Schefflenzer Thale, der Fall geweſen. Die Haube hatte ſich bei den jüngeren Frauen bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und bei den älteren teilweiſe noch länger erhalten. Im angren— zenden Odenwalde dagegen iſt ſie bis heute noch nicht ganz ausgeſtorben. Freilich iſt die Odenwälder Haubenform, wenn auch von ähnlichem Schnitte, nach der Mitte nur etwa halb ſo hoch aufgeſteift und teilweiſe auch geſchnäbelt oder geſchweift geweſen. Oſtwärts vom Schefflenzer Thale ſcheinen andere Haubenformen exiſtiert zu haben; we⸗ nigſtens ſah ich bei den nur eine Wegſtunde entfernten Seckacher Frauen in meiner Kindheit eine Haubentracht, deren ſpannenbreite, weit über den Rücken hinabwallende Bänder und goldgeſtickte Bodeneinſätze einen prächtigen Kontraſt gegen die Ei infachhe it der Odenwälder Haube bildete. Der Grund dieſer Verſchiedenheit lag in der größeren Farbenfreudigkeit katho liſcher Gegenden und Ort— ſchaften, womit auch die ſchillerſeidenen Halstücher, ſowie die buntgemuſterten Schürzen übereinſtimmten. Einige Jahrzehnte weniger lang als die Haube hat ſich die Hemdkrar uſe, der„Striffel“ erhalten. Derſelbe iſt aus ungleich feinerem 0 als das von ihm gekrönte Gewandſtück geweſen, und 1 t ſich bald enger, bald weiter der Form des Nackens angeſch oſſen. Zur Zeit aber,„als der Großvater die Großmutter nahm,“ das heißt, als das Leibchen vorne kaum ſpannenhoch das Hemd be— deckte, wurde über letzteres das Halstuch gelegt und ſo weit ins Leibchen hineingeſchoben, daß die Enden unten hervor und über die Schürze quollen. Von einer eigentlichen Kleidertracht nach Abzug der Haube kann folglich kaum geſprochen werden. Ich weiß aus den Erzählungen meiner Mutter, daß zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, der Ausgangsperiode des fran— zöſiſchen Reifrocks, ſich die Frauen und Mädchen nie breit genug machen konnten, und zu den vielen übereinander getürmten Unterröcken auch noch„Bäuſchle“, Hüftenwülſte trugen.— Darauf aber ſei die Kleidermode ins direkte Gegenteil umgeſchlagen. Wenn vorher jede die„breitſte“ ſein wollte, ſo wollte jetzt jede die„dünnſte“ ſein, und deshalb ſelbſt im kälteſten Winter keinen Unterrock mehr anziehen. Zum Glück war die Beſchaffenheit des Ober— rockes aus Tuch oder ſelbſtgemachtem Zeug(Wollzeug) eine ſo derbe wie die Geſundheit jener Mädchen. Es ſcheint ihnen nichts verſchlagen zu haben, daß ſie ſelbſt bei Schnee und Eis„hemdärmelig“ zum er und zur Vorſetze(Spinnſtube) gingen. Des Abends freilich haben ſie den„Mutzen“(Mieder mit Aermeln) verſtohlen mitgenommen, denſelben aber ſchleunigſt ausgezogen und verſteckt, wenn ſie Burſchen kommen hörten.„Hemd ärmelig“ war folglich chic, ganz ſo, wie es jetzt verpönt iſt.— So wechſelt die Sitte, wenn auch nicht die Sitt⸗ ſamkeit. Zur Kirche freilich wurde ſtets der„Mutzen“ an— gezogen, aber noch um die Mitte des neunzehnten Jahr⸗ hunderts tanzten die Mädchen des Baulandes und Oden⸗ waldes in Hemdärmeln, weißen, mit Taſchen verzierten Schürzen, weißen Leibchen und darüber roſaſeidenen Rock⸗ trägern. Auch wurden von beſonders„ſtolzen“ Mädchen die Hemdärmel mit roſaſeidenen Bändern über die Ell⸗ bogen hinaufgebunden, was auf junge Gemüter einen ge— radezu bezaubernden Eindruck machte. An Stelle des Zeug- oder Tuchrockes aber war der⸗ zeit zur warmen Jahreszeit bereits der„eingewebte“ Rock getreten. Derſelbe beſtand aus hänfenem Zettel und blau— baumwollenem Einſchlage; aber noch ungleich eleganter war der Rock aus gewürfeltem Baumwollzeug, oder gar ein Kattunrock mit entſprechendem Sonntagsmutzen. Unabhängig von allen Modeſchwankungen iſt folglich nur die von alt und jung— wenigſtens vom Tage der Konfirmation an— gleichmäßig getragene Haube ge— blieben. Die Feſttagshaube war weiß, die gewöhnliche ſchwarz; jene beſtand aus Piqueſtoff, letztere aus Taffet über Leinwand geſteppt—, eine Rieſenarbeit, von der man ſich nur durch perſönliche Anſchauung einen Begriff machen kann. Auf beiden Arten von Haube waren meiſtens auch kleine Blümchen, ſchwarze auf weißem, und buntfarbige auf ſchwarzem Grunde; ſie ſahen wie gemalt aus, ſind aber jedenfalls gedruckt geweſen. Es ſei noch erwähnt, daß die Trachtenſtücke der Männer: Dreiſpitz und langſchoßiger Zwilch- oder Zeug— kittel, ſich nicht ſo lange als die der Frauen erhalten haben, wenigſtens im allgemeinen. Dies mag dadurch zu erklären ſein, daß die Form des Männerhutes ſeit Jahr— hunderten mit weltgeſchichtlichen Ereigniſſen in Zuſammen— hang ſteht, und ein Ausdruck der jeweiligen politiſchen Strömungen iſt, was von der weiblichen Kopfbedeckung ſchwerlich nachzuweiſen ſein dürfte. —————— A en 5 8 2 8 * * * NNI F NÆ YUiEYiενεενuNνν ν*νi . AI Allerhand Pranktiſches. 2 Giebt es zu viele Frauen auf der Welt! —=————— He fünfundzwanzig Jahren und mehr geht von Zeit zu Zeit 2 eine Bekanntmachung durch die Blätter, daß da oder dort ein fühl—⸗ barer Mangel an Krankenpflegerinnen herrſche und weitere Anmel— dungen zum Zwecke der Ausbildung dringend erwünſcht ſeien. Ueberall in Stadt und Land muß man beſonders bei neuem Zuzuge oft wochenlang Umfrage halten, bis man eine geſchickte Kleidermacherin findet, die im ſtande wäre, noch neue Kunden an⸗ zunehmen. Ferner iſt es in größeren Städten mit unverhältnismäßigen Koſten und Mühen verknüpft, ſich als alleinſtehende Frau außerhalb des Hauſes einen erträglichen Mittagstiſch zu verſchaffen.— In Reſtaurationen wird ſie ſcheel angeſehen, weil ſie gewöhnlich nicht trinkt und folglich keine Trinkgelder giebt. Und ſich das Eſſen holen zu laſſen, iſt meiſtens noch unthunlicher; denn abgeſehen davon, daß dies für den Koſtgeber der in Wegfall kommenden Speiſereſte wegen weniger profitabel iſt, ſo kann man auch ſehr ——————— 97 ſchwer jemand finden, der bereit wäre, zu einer beſtimmten Tages⸗ ſtunde einen beſtimmten Gang zu unternehmen. In Privatpenſionen dagegen iſt meiſtens nicht genug Platz und Bedienung für außerhalb Wohnende, und noch weniger Luſt vorhanden, ihnen das Eſſen in das von ihnen eingeſchickte Geſchirr zu verabreichen.— Mit einem Worte, es iſt dies ein Gebiet, wo man ſich für Geld und gute Worte oft nichts kaufen kann, oder doch nicht, was man haben ſollte. An dieſen Beiſpielen, die noch vermehrt werden könnten, erweiſt ſich die Einſeitigkeit der Titelfrage; auf dem einen Gebiete giebt es zu viele, auf dem anderen zu wenig Frauen, je nach dem Standpunkt des Beurteilers. Es ſind nicht die unteren, an körperliche Arbeit gewöhnten Stände, welche die Frauenfrage in die Welt geſetzt haben, ſondern die mitt⸗ leren und höheren, deren Töchter ſich bisher meiſtens dem über⸗ ſetzteſten aller Frauenfächer, dem Lehrfache zuwandten, abgeſehen da⸗ von, ob ſie dazu geeignet oder nicht geeignet waren. Warum aber thun ſich Frauen gebildeter Stände, die zum Bei⸗ ſpiel ein beſonderes Talent zum Kochen und nur geringe Exiſtenz⸗ mittel haben, nicht zuſammen, um feinere Kochgeſchäfte im großen zu betreiben? Wenn der Gewinn im einzelnen auch nur gering wäre, ſo müßte es, wie überall, die Maſſe bringen.— Und wenn jede der Teilnehmerinnen nur das übernähme, was ſie am beſten zu machen verſteht, ſo würde ſie es mit ſo viel Luſt und Liebe thun, daß höchſtens nur für die gröbſte Arbeit ein Mädchen gehalten zu werden brauchte. Es iſt wahrſcheinlich, daß an größeren Orten, in Badeſtädten ꝛc. nicht nur die meiſten alleinſtehenden Perſonen beiderlei Geſchlechter, ſondern auch viele überarbeiteten Hausfrauen ſich dieſer Anſtalten be⸗ dienen würden, die eine für feineres Gebäck, die andere für Ein⸗ gemachtes, die dritte für ein beſonderes Stück Braten, das man im kleinen beim Metzger nicht gut bekommen kann, ꝛc. Es giebt in New NYork manche gebildeten Frauen, die ſich mit der Herſtellung einer einzigen derartigen Specialität einen Verdienſt verſchaffen, weil ſie Verſtand genug gehabt haben, ſich nicht blindlings in die überall überfüllte Karriere der Muſik- oder Sprachlehrerinnen zu werfen. Dazu kämen dann noch beſondere Anſtalten zur Bereitung von vorher zu beſtellenden Krankenſpeiſen: ferner Thee- und Kaffeeſtuben Bender, Die Hausfreundin. 7 ————C—è̃—ͤr⁵grrUr——————rrrrrrrr — 98— mit etwas Gebäck, belegten Brötchen, Salat und Geflügel, denen eine Frau mit höchſtens einem Dienſtmädchen, oder auch allein vor— ſtehen könnte, da ſie nur zu ganz beſtimmten Stunden— entweder während der Frühſtückzeit oder des Nachmittags innerhalb der Thee— und Kaffeeſtunden, geöffnet zu ſein brauchten. Auch Blumengeſchäfte würden ſich vorzüglich zum Betrieb von Frauen eignen. Ich weiß von einer Dame, die unweit Boſton ein Veilchengeſchäft großen Stiles verwaltet, von welchem viele New Norker Millionäre, auch wenn ſie ihre eigenen Treibhäuſer haben, den ganzen Winter hindurch ihre Veilchen zu beziehen pflegen. Und die Dame— was ganz beſonders erwähnt zu werden verdient— hatte ohne alles Betriebskapital mit nur einem einzigen Beete angefangen. Eine andere Dame, Pfarrerswittwe auf dem Lande, die in Ame⸗ rika bekanntlich keine Penſion bekommt, hat an einem belebten Durch⸗ gang einer Eiſenbahnſtation belegte Brötchen zum Verkauf ausgebo⸗ ten und bald einen ſolchen Zulauf bekommen, daß ſie auch ihre Töchter ins Geſchäft einſtellen konnte. Von der Obſt⸗, Geflügel-, Bienen- und Seidenraupenzucht iſt inſofern abzuſehen, als dies bereits eine Kapitalanlage an Grund— ſtücken vorausſetzen würde. Allein die Erziehung zur Lehrerin— nicht allein in den dazu beſtimmten Anſtalten, ſondern auch mit Einſchluß der Extraſtunden in Muſik, Geſang, Malen, Zeichnen, Sprachen, feinen Handarbeiten und was heutzutage alles von einer Lehrerin gefordert wird, zumal im Auslande— iſt eine gewiß nicht geringere Kapitalanlage, die ſich in den meiſten Fällen ungleich ſchwerer und langſamer und in ſehr vielen auch gar nicht rentiert. Ferner giebt es in den Vereinigten Staaten noch einen Erwerbs⸗ zweig, der faſt ganz in den Händen der Frauen liegt, beſonders ſolcher, die beſſere Tage geſehen haben und durch Todesfälle oder Vermögensverluſte ſich plötzlich und ohne Vorbereitung vor die Not—⸗ wendigkeit geſtellt ſehen, ſich ihren eigenen Lebensunterhalt erwerben zu müſſen. Solchen Frauen, zumal wenn ſie ein vornehmes Aus⸗ ſehen haben und in Trauerkleidung gehen, wird nicht leicht der Zu⸗ gang zur Hausfrau oder dem Prinzipal eines Geſchäftslokales ver⸗ wehrt, auch wenn ſie dem Dienſtperſonale nicht bekannt ſind. Dieſes Umſtandes hat ſich denn auch die Geſchäftsſpekulation im weiteſten Umfange bemächtigt— nicht allein in Hinſicht von Patent⸗ e- medikamenten, Konſum⸗ und Luxusartikeln aller Art, ſondern haupt⸗ ö ſächlich auch zum Kolportieren von Büchern, Zeitſchriften, Lieferungs⸗ werken ꝛc., die von den ſich gegenſeitig überbietenden Verlegern in dieſer Weiſe annonciert zu werden pflegen— ja es giebt Bücher, die überhaupt nur auf dieſem Wege bezogen werden können. Wenn man bedenkt, mit wie viel Takt, Umſicht und Bered— ͤ ſamkeit eine gebildete Frau zur Verbreitung guter Schriften bei⸗ tragen könnte, iſt es ein Wunder, daß die Spekulation des deutſchen Buchhandels ſich dieſer Silbermine noch nicht bemächtigt hat, ab⸗ 0 geſehen von dem ideellen Nutzen für die Käufer ſelber. e Was uns deutſchen Frauen beſonders fehlt, iſt eben jener ge⸗ . ſchäftliche Spürſinn, vermöge deſſen die Ausländerinnen, zumal die . Franzöſinnen und Amerikanerinnen, ſich dem wirtſchaftlichen Erwerbs⸗ leben zuwenden, ohne ſich erſt ein langes und breites theoretiſch dar— 5 über auszulaſſen. e Immer und immer nur„höher“ erziehen und darauf die ent⸗ ſprechenden Lebensanſprüche gründen zu wollen, iſt nicht geeignet, t die Notlage der Frauen(und der Männer) aus der Welt zu ſchaffen, 5 ſondern nur noch zu vergrößern. Die praktiſchen Anforderungen, welche das Leben an den Menſchen ſtellt, ſind unzählige; nicht viele aber ſind von Natur berufen, gute Lehrer, Schriftſteller, Künſtler ꝛc. it 3 5 werden, ſo ſehr auch die moderne Erziehung von der Annahme 1 8 Gegenteiles auszugehen ſcheint. iß ch 2 s — 1 Der Badiſche Frauen Verein. 8 er Still wie ein Veilchen, das im Verborgenen blüht, hat der t⸗ Badiſche Frauen-Verein ſeine Wirkſamkeit entfaltet, bis er zu einem en Rieſenbaum mit einer himmelanſtrebenden Krone und weit hinaus⸗ 8• reichenden Aeſten angewachſen iſt, ohne iedoch aus ſeiner Verborgen⸗ u- heit hervorzutreten und die Werbetrommel zu rühren. So iſt es r⸗ ö nur den Eingeweihten bekannt, welch herrliches Werk ſich unter Füh⸗ rung der Großherzogin Luiſe, der hehren Tochter Kaiſer Wilhelms I., in m der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vollzogen hat. Ueberall an die bereits vorhandenen Anſtalten der Barmherzigkeit ——+—+—————⏑ſꝓᷓ — 100— und der Erziehung anknüpfend, dieſelben erweiternd und neue ins Leben rufend, hat die erhabene Landesmutter ſeit ihrem Einzuge in Karlsruhe im Jahre 1856 unabläſſig geſtrebt, ihr Volk zu beglücken, ſo weit dies überhaupt in menſchliche Macht gegeben iſt. Dem Kleinſten wie dem Größten wußte ſie in nimmer raſtender Thätig⸗ keit ihre Aufmerkſamkeit zu widmen; den beſcheidenſten Leiſtungen hat ſie ſtets ihre volle Anerkennung geſchenkt und es in hochherzigſter Weiſe verſtanden, durch all die nach und nach angegliederten Zweig⸗ vereine des Badiſchen Frauen⸗Vereins auch in den kleineren und kleinſten Orten des Landes ein perſönliches Herzensverhältnis zwiſchen Landes⸗ mutter und Landeskinder herzuſtellen. Den erſten Anſtoß zur Gründung des Badiſchen Frauen-Vereins in Karlsruhe hat der italieniſche Krieg im Sommer 1859 gegeben, und ſchon in wenigen Wochen waren 37 Unterabteilungen in vollſter Thätigkeit. Als dann durch den unerwartet raſchen Friedensſchluß das Rote Kreuz der Kräfte der jungen Vereine nicht weiter bedurfte, wandten ſich dieſelben der Krankenpflege im allgemeinen zu, ſowie der Jugenderziehung, der Armenpflege, der Dienſtbotenfrage, über— haupt den verſchiedenartigſten„Fürſorgen“auf allen ſocialen Lebens— gebieten. So giebt es am Anfang des zwanzigſten Jahrhunderts kein noch ſo abgelegenes Dörfchen in Baden, das der Segnungen des Frauen⸗Vereins nicht in der einen oder anderen 2 zeiſe teilhaftig geworden wäre, wenn auch nur durch wandernde Flick⸗ oder Kochkurſe. Doch nicht in Baden allein machen ſich die ſegensreichen Wirkungen des Frauen⸗Vereins geltend, ſein Stellenvermittelungs-Bureau unter Leitung ſeiner trefflichen Vorſteberin, Fräulein Julie Foßler, greift weit über die Landesgrenzen hinaus und bewältigt eine Arbeits⸗ menge, von der nur wenige Eingeweihten eine Ahnung haben. Die jährlich zu Tauſenden einlaufenden Briefe würden zu ihrer Sichtung und Beantwortung allein ſchon eine ſtarke Kraft erfordern, abge⸗ ſehen von all den perſönlichen Beſuchen der Arbeitnehmenden ſowohl als der Arbeitgebenden, ſowie vieler nicht genau zu klaſſifizierender Angelegenheiten individueller Natur, wie ſie nur der elementare Herzenstakt einer edlen Frau zu behandeln vermag. Die außerordentlichen Leiſtungen dieſer einen Abteilung des Badiſchen Frauen⸗Vereins ſollen auf Grundlage eines Jahresberichtes etwas näher erörtert werden, berühren ſie ſich doch mit der Frauen⸗ 2 e8 e8 N⸗ 101 frage im allgemeinen— nur mit dem Unterſchiede, daß hier nichts als Zahlen, das heißt Thaten verzeichnet werden und es den an⸗ deren überlaſſen bleibt, ſich dazu die Theorie zu bilden: Das Stellen-Vermittlungs⸗Bureau des Badiſchen Frauen⸗Vereins, Gartenſtraße 47 in Karsruhe, konnte im Zeitraum eines Jahres einer größeren Anzahl Töchter gebildeter Stände eine ihren Leiſtungen entſprechende Stelle vermitteln, jüngeren Töchtern bei einer Berufs⸗ wahl Rat erteilen, oder zu einer erſten Stelle behilflich ſein. Die 3600 eingelaufenen Briefe gewährten einen Einblick in die Bedürf⸗ niſſe der Zeit, und glücklicherweiſe können dieſelben mehr als früher befriedigt werden, da die Bewerberinnen faſt durchgehend Kenntniſſe und Leiſtungen nachzuweiſen vermögen. Stellungen fanden als Erzieherinnen und Lehrerinnen 20; als ſtellbertretende Hausfrauen 4; als Geſellſchafterinnen 2; Buch— halterinnen 2; Kinderfräulein und Kindergärtnerinnen 93; Haushäl⸗ terinnen 25; Kammerjungfern 43; Stützen 23; Weiß zeugbeſchlſ⸗ ßerinnen 2; Vorſteherin im Krankenhaus 1; im ganzen 215. Nach Frankreich wurden 26 Fräulein begehrt; nach England 4; nach Ungarn 1; nach Bukareſt 1; nach Italien 3; 155 Töchter erhielten in Baden Stellung, 25 im übrigen Deutſchland. Um jedoch die obigen Zahlen gehörig würdigen zu können, muß man in Anſchlag bringen, daß Baden ein kleines Land und Karlsruhe eine nur mittelgroße Stadt iſt, ſowie daß das ganze Unternehmen uneigennützige Zwecke verfolgt und der Mühewaltung entſprechende Gebühren nicht berechnet werden, demzufolge Geſchäfts— manipulationen irgend einer Art völlig ausgeſchloſſen waren und ein Bekanntwerden dieſes ſegensreichen Inſtituts nur von Fall zu Fall erfolgen konnte. Der mir vorliegende Vereinsbericht führt dann noch aus, daß es auf dem Gebiete der Krankenpflege, der Kinderpflege und der Hauswirtſchaft immer noch an tüchtigen Kräften fehlt, was um ſo mehr zu beklagen iſt, als der Badiſche Frauen-Verein durch ſeine Koch⸗, Näh⸗ und Haushaltungsſchulen auf jedem hauswirthſchaftlichen Gebiete reichliche Gelegenheit zur Ausbildung bietet. Dabei iſt der Verein unabläſſig beſtrebt, mit den Anforderungen der Zeit immer weiter zu ſchreiten und die Bildungsgelegenheiten dementſprechend zu erweitern. Seit einer Reihe von Jahren werden Buchhalterinnen — 102— ausgebildet, und um den vielen Nachfragen nach Kammerjungfern zu begegnen, hat die Abteilung I des Frauen⸗Vereins Baden ſechsmonatige Unterrichtskurſe abgehalten, und zwar für Mädchen, die im Nähen und Kleidermachen bereits einige Erfahrung hatten. Zur Ausbildung von Kinderpflegerinnen hat die genannte Abteilung ebenfalls ſchon mehrere Kurſe abgehalten. Der ſiebenmonatige Unterricht umfaßt die Ausbildung in der Kinderkrippe, ſowie theoretiſche und praktiſche Unter⸗ weiſung in der Pflege geſunder und kranker Kinder, nebſt Unter⸗ richt in allgemeinen Fächern und hauswirtſchaftlichen Verrichtungen. Wie man ſieht, befaßt ſich der Badiſche Frauen-Verein ſeiner ganzen Natur ſowie der ſeiner hohen Begründerin zufolge vorwiegend mit praktiſchen Lebensfragen. Mögen andere Berufene das Gebiet der Frauenarbeit nach der Höhe und Tiefe zu erweitern ſuchen, ein Schaden kann es für niemand ſein, in einem wenn auch noch ſo beſchränkten Bereich etwas Tüchtiges gelernt zu haben; kommt es doch bei aller Arbeit mehr auf das„Wie“ als auf das„Was“, mehr auf den Geiſt als auf den Namen an. Und wer einmal den Ernſt und die Gründlichkeit der Arbeit im allgemeinen erfaßt hat, wird nicht ſo leicht Gefahr laufen, ſeine Kraft nach Dilettantenart auf einem Gebiete der Kunſt oder Wiſſenſchaft zu vertrödeln. Wie es dem Künſtler oder Gelehrten nicht zu ſchaden pflegt, als Jüngling einen militäriſchen Kurſus durchgemacht zu haben, ſo würde auch der größten Künſtlerin oder Schriftſtellerin ein Kurſus in der Kranken⸗ pflege, im Kochen oder in Wartung der Kinder ꝛc. von lebensläng⸗ lichem Nutzen ſein. — Kochrezepte. 5 55 ˖ Eierpudding. 0 50 Als eine ſelbſt für Kranke leichtverdauliche Nachkoſt, die ohne t beſondere Umſtände auch in einfachen Häuſern hergeſtellt werden n kann, empfiehlt ſich eine in England und Amerika beliebte Eier⸗ n ſpeiſe— Cuſtard genannt. Dieſelbe läßt ſich in verſchiedenen Arten n herſtellen. r 1. Man kocht ½ Liter Milch, verſetzt dieſelbe mit etwas Citronen— i⸗ ſchale, Vanille, oder in deren Ermangelung auch mit ſtarkem Kaffee⸗ g⸗ extrakt und ſüßt nach Belieben, dann gießt man die Milch in einen erwärmten Topf und ſtellt dieſen in ein Gefäß mit kochendem Waſſer, bis die Milch abermals zu ſieden anfängt. Dann rührt man 3 ge— quirlte Eier hinein, ſetzt das Rühren etwa 5 Minuten lang fort, bis die Maſſe, ohne zu gerinnen, dick geworden iſt, und hierauf läßt man ſie in eine mit kaltem Waſſer ausgeſpülte Schüſſel laufen. Um das Gerinnen zu verhindern, thut man am beſten, das Eiweiß zu Schnee zu ſchlagen. 2. Cuſtard in der Schale. Zu 12—14 Taſſen nimmt man 1 Liter Milch, ½ Taſſe Zucker und 6 Eier. Man ſchlage die Eier, das Gelbe ſeparat, dann nochmals mit dem Zucker und dem ge⸗ ſchlagenen Eiweiß und thue es in die Milch nebſt beliebigem Ge⸗ würzextrakt. Dann werden die Taſſen mit der Maſſe gefüllt, etwas Zimt oder Muskatnuß wird oben darauf geſtreut, und die Speiſe ———— wird in tiefen, zur Hälfte mit Waſſer gefüllten Blechpfannen bei mäßiger Hitze gebacken. In 20 Minuten probiert man mit dem Löffel⸗ ſtiel, ob die Maſſe feſt iſt. Es erfordert die größte Aufmerkſamkeit, daß die Hitze nicht zu ſtark und die Zeit des Backens nicht zu lang wird, damit die Milch nicht gerinnt. Kalt wird das Gericht mit allerlei Obſt, oder ſüßem Rahm oder Milch gegeben, doch kann es nach Belieben auch warm gegeſſen werden. 2 Milchpudding. Eine andere Nachkoſt, die ich übrigens nur in amerikaniſchen Farmhäuſern gegeſſen habe, wird aus friſcher Milch und Lab berei— tet. Das Lab(die innere Haut des vierten Magens junger Kälber) bringt die Maſſe raſch zum Gerinnen, ſcheint aber in Deutſchland ſchwer erhältlich zu ſein. Die geronnene Maſſe wird mit Zucker geſüßt, und in einer Milch- oder Rahmſauce gegeben. Jedenfalls könnte auch Zimt oder ein anderes Gewürz dazu gethan werden. Rote Grütze nennt ſich ein in Süddeutſchland völlig unbekannter Pudding, deſſen Einfachheit und Schmackhaftigkeit allenthalben ſeine Einführung em— pfehlen: Beliebiger Obſtſaft von friſchen oder eingemachten Früchten wird mit Gries, Buchweizengrütze oder Sago gekocht, bis die Maſſe gar iſt, geſüßt nach Bedürfnis und in eine mit Waſſer ausgeſpülte Form gethan. Erkaltet giebt man die Speiſe mit Milch, Rahm⸗ oder Vanilleſauce. 7 Waſſerkuchen. 1 Pfund Mehl, 2 Eier,/ Pfund Butter, 1 große Taſſe Milch und für 10 Pfennig darin aufgelöſte Hefe wird zuſammen zum Teig in einer Serviette in kaltes Waſſer gethan. Nachdem der Teig ge— gangen iſt, wird er mit/ Pfund Zucker vermiſcht, zwei Finger dick ˖rr 966696 0 0 ausgewellt, oder zu Brot geformt, mit Butter beſtrichen, mit Man⸗ deln und Zucker beſtreut und ziemlich raſch— in ½ Stunde etwa — gebacken. Auflauf mit Kompot. Gekochtes oder eingemachtes Obſt thut man in eine Schale (Schüſſel), kocht einen Gries- oder Reismehlbrei in Milch, Zucker und etwas Gewürz, ſchüttet denſelben darüber, etwa einen Finger dick, übergießt ihn mit einem Guß von Zucker, Eiweiß und etwas Rote⸗ rübeneſſig und läßt das Gericht im Ofen etwas trocknen. In Ermangelung anderer Früchte habe ich das Rezept auch mit gewöhnlichen gedörrten Apfelſchnitzen probiert und etwas von der Brühe unter das geſchlagene Eiweiß gemiſcht. Auch ſo iſt das Gericht ſch mackhaft geworden, beſonders unter der Verwendung des Knorrſchen Reismehls Holunderbeerſuppe. Daß man aus Holunderbeeren nicht allein Gelee, ſondern auch eine ſchmackhafte Suppe bereiten kann, lernte ich vor noch nicht langer Zeit in Leipzig von meinen Logiswirten, die aus dem Erz⸗— gebirge ſtammten. Ich ließ mir das Rezept geben: 2 Eßlöffel voll Albrdeeberdeſ, 3—4 Zwiebäckchen, ein Theelöffel voll Rum wird tüchtig gekocht und dann mit einem gequirlten Eigelb abgezogen. Kartoffelkuchen. Noch beſſer aber ſchmeckte mir ein Kartoffelkuchen, den mir die gleichen Leute 15 morgens zum Kaffee ſchickten; das Rezept lautet: 1 Pfund Mehl, 1 Pfund geriebene Kartoffel, Zucker, große und kleine Roſinen, 011 und Eier werden mit Hefe und Milch zu flach geformten Kuchen verarbeitet. Bevor er in den Ofen kommt wird er mit Butter, Zucker und Zimt beſtrichen und dann noch ein— mal bei dem Herausnehmen. —106— Bapyriſche Klöße. Hat man übriges gekochtes Schweinefleiſch, welches nicht fett ſein darf, ſo wiegt man es mit etwas Speck fein, dämpft eine Zwie⸗ bel und Peterſilie in Butter, ſchneidet 4 Milchbrote in feine Scheiben und übergießt ſie mit etwas heißer Milch, und gibt 3 Eier und 3 große Kochlöffel voll Mehl dazu, verarbeitet die Maſſe tüchtig, formt ſie zu runden Klößen und kocht dieſe in Salzwaſſer, worauf man ſie mit in Butter geröſteter, feingeſchnittener Zwiebel übergießt. Die Klöße ſind in der Regel fertig, wenn ſie oben ſchwimmen, zur Vorſorge aber ſchneide man immer erſt einen auf, um zu ſehen, ob ſie gar ſind. Iſt dies der Fall, ſo müſſen ſie gleich herausge⸗ nommen und warm geſtellt werden. (Aus Emmy Brauns„Neues Kochbuch“, 8. Auflage. J. Schäffer Grünſtadt, ſ. Inſerat S. 113.) Schokoladepudding. Warm und kalt zu geben. , Liter Milch; 1 Packet Schokoladepudding-Pulver; 30 Gramm Butter; 80 Gramm Zucker; 3 Eier. Das Pudding⸗Pulver wird mit 4 Eßlöffeln der Milch angerührt, die übrige Milch mit der Butter zum Kochen gebracht, das Pudding⸗ Pulver hinzugegeben und unter beſtändigem Rühren zu einem ſteifen Brei gekocht und mit den nach und nach hinzugegebenen Eidottern und dem Zucker ſo lange geſchlagen, bis ein ebenmäßiger Teig ent⸗ ſtanden iſt. Nun wird das zu ſteifem Schnee geſchlagene Eiweiß behutſam durchgemiſcht, der Teig in eine Form gegeben und 1½ Stunde gekocht. Man giebt eine Vanille-Tunke dazu. (Aus Gebrüder Stollwerks„Kochbüchlein“. Siehe Inſerat auf der Deckelſeite.) Plauderſtube der Hausfreundin. Wer die„Hausfreundin von 1900“ kennt, hat ſich vielleicht ge⸗ wundert, warum das vorliegende Werkchen mit einer Nummer in die Welt geſchickt wurde. Es iſt freilich nicht gebräuchlich, ſeine 5 Leſer in litterariſchen Geſchäftsſachen ins Vertrauen zu nehmen, doch da man allwöchentlich eine ganze Mappe voll Konventionalitäten aus dem Journalzirkel erhalten kann, wird man mir dergleichen perſönliche Mitteilungen ſchon der Abwechslung wegen nicht übel nehmen. Und ſo will ich deun friſchweg bekennen, daß die Haus⸗ freundin für 1900 ein Fehlgriff geweſen iſt und zwar nicht wegen des Inhaltes, ſondern wegen einer gänzlichen Nebenſache. Ich ahnte nämlich nicht, daß das Kalendarium, das ich meinem Geiſteskinde ſozuſagen nur als Reiſepaß oder Einführungskarte angehängt hatte, zur Hauptſache gemacht wurde und dementſprechend zu einer falſchen Klaſſifikation geführt hat. Mochte ich auch dagegen proteſtieren und 11 auf die Eigenartigkeit des Inhalts verweiſen, als Ralender wurde es behandelt, und als ſolcher hat es das Kalenderpublikum nicht t befriedigen können. Es hatte ja keine Wetterregeln, keine Mondauf—⸗ 5 gänge, kein Marktverzeichnis, keine rotgedruckten Sonn- und Feier⸗ 5 tage. Und ſelbſt Freunde haben mir briefliche Vorſtellungen ge— 5 macht über das ungeheure Wagnis, zu der bereits vorhandenen Ueber— 5 zahl von Kalendern, die man zum großen Teile gratis bekommt, 1 noch einen neuen zu fügen.— Nein, gewiß, das hatte ich nicht ge⸗ wollt! Einen„Kalender an die Wand“, einen in die Hand, und 5 einen zum Verſandt: alle drei zuſammen von Jahrmarktsſchreiern zu 30 Pfennig und weniger ausgeboten— mit ſolch litterariſch wert— uf loſem Zeuge durfte meine Hausfreundin auch nicht einmal oberfläch⸗ lich verglichen und verwechſelt werden. So mußte das Kalendarium, das all dieſe Verwirrung angerichtet hatte, eben fallen gelaſſen und der Inhalt noch reichhaltiger und vielſeitiger geſtaltet werden. So hoffe ich nun, daß meine Büchlein ſich auch in der neuen Gewandung immer mehr Freunde und Leſer erwerben werden, wenn 8 auch nicht in meinem Heimatsdorfe. Denn dort hat mein Unternehmen überhaupt noch keinen Anklang gefunden— nicht etwa, weil dem Sprichwort zufolge kein Prophet etwas in ſeinem Vaterlande gilt, ſondern weil meine Jugendgenoſſen es nicht mit der Würde eines Propheten vereinbarlich halten, daß er nicht allein Bücher ſchreiben, ſondern ſie auch herausgeben und verlegen, das heißt verkaufen will wie—„der Schuhmacher ſeine Stiefel verkauft“. Ja, meine lieben Landsleute! muß denn der Schriftſteller nicht ebenſogut wie der Schuhmacher leben, und muß er, um leben zu können, nicht arbeiten und verdienen, d. h. wenn er nicht klug genug geweſen iſt, ſich einen Millionär zum Vater zu wählen. Doch nur zufrieden! es iſt ſchon dafür geſorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen. Ich muß zum mindeſten 3—4000 Stück verkaufen, um auf meine Barkoſten zu kommen. Bei 10000 Stück könnte ich einen kleinen Ueberſchuß erzielen, bei 20000 etwas für meine vorhergegangene Mühe und Arbeit erhalten, doch erſt bei einem Abſatz von 50 000 Stück würde man davon ſprechen können, daß die Sache ſich zu rentieren anfange. Ohne Luſt und Liebe zur Arbeit ſelber vermöchte man eine ſolche Mühe und Sorgenlaſt nicht zu be⸗ wältigen, ſo aber hoffe ich, daß jeder, dem dies Büchlein zu handen kommt, demſelben neue Leſer und Freunde erwerben werde. Ich brauche deren noch weit mehr, als im erſten Jahre, da die beſſere Ausſtattung natürlich auch mehr Geld gekoſtet hat. Jeder Leſer aber kann mehr thun als ich, um das Büchlein des weiteren bekannt zu machen. Denn wer es noch nicht geleſen hat, kann es auch nicht empfehlen, und Empfehlungen von Haus zu Haus ſind viel wirkſamer als Zeitungsnotizen. Ernſte Bücher aber wie ernſte Leute pflegen nicht auf den erſten Blick zu beſtechen; es bedarf der Zeit, um dieſelben ſchätzen und lieben zu lernen, da ſie ihr Beſtes nicht ins Schau⸗ fenſter legen. Ein Bilderbuch für große Kinder ſoll meine Haus⸗ freundin in keinem Falle werden; dafür ſorgen die Familienzeit⸗ ſchriften ſchon mehr als genug, ſo daß die Leute jetzt nahezu aufge⸗ hört haben, ſich mit dem nebenſächlichen Leſeſtoff zu befaſſen. Ein bißchen Bilderſchmuck iſt freilich nicht ausgeſchloſſen, doch ſoll er gewiſſermaßen nur einen Ruhepunkt für das Auge bilden, bis der Geiſt mit neuer Sammlung ſich wieder dem Inhalte zupendet. Was letzteren anbelangt, ſo möge er für ſich ſelber ſprechen. Ein Bild, etn. 109 unter welches man ſchreiben müßte:„Das iſt ein Pferd“, würde ſicherlich ſeinen Zweck verfehlt haben. Ich hoffe, daß der Leſer den meinigen auch ohne Fingerzeige erkennen und billigen wird. Allen freilich kann es niemand recht machen, und das will ich auch nicht, denn es würde zur Charakterloſigkeit führen, und dann erſt würde mein Werkchen ſeinen Zweck verfehlt haben. 0⁰ Gemeinnützige Induſtrie. Als vor einigen Jahren die Preſſe ihren Leſern von einem neuen Ge⸗ nußmittel, der Maggi'ſchen Suppen- und Speiſen-Würze berichtete, wer ahnte damals, daß ſich dieſe Maggiwürze ſo raſch die Sympathie unſerer Hausfrauenwelt erobern würde! Die Maggi-Geſellſchaft iſt aber bei dieſer Specialität nicht ſtehen geblieben. In dem Beſtreben, auf dem Gebiete der Volksernährung Beſonderes zu leiſten, bringt ſie nun unter ihrer Schutzmarke„Kreuzſtern“ drei weitere ebenſo billige wie wohlſchmeckende und geſunde Artikel in den Handel. Da ſind zunächſt Maggi's Bouillon⸗Kapſeln, die nur mit Waſſer zur ſofortigen Herſtellung einer kräftigen Bouillon oder Kraftbrühe dienen. Jede Kapſel ent⸗ hält zwei Portionen concentrierten Auszug von beſtem, mit Gemüſe gekochtem Fleiſch nebſt dem nötigen Kochſalz und koſtet für Fleiſch⸗ brühe 12 Pf. und 16 Pf. für Kraftbrühe. Die letztere iſt beſonders Kranken und Geneſenden zu empfehlen. Als zweite Neuheit finden wir Maggi's Gemüſe⸗ und Kraftſuppen in Würfeln: Jedermann kann ſich in wenigen Minuten für 10 Pfg. zwei Teller vorzüglicher Suppe einfach mit Waſſerkherſtellen. Durch 30 verſchiedene Sorten iſt auch dem Wunſche nach Abwechslung Rechnung getragen. Mit ihrer dritten Neuheit Maggi's Gluten-Kakao in Würfeln bietet die Maggi⸗ Geſellſchaft der Hausfrau wie dem Junggeſellen die Möglichkeit, zu dem billigen Preiſe von 5 Pfg. ein ausgezeichnetes, beſonders nahr⸗ haftes Kakao⸗Frühſtück zu bereiten. —— 110 7 Allein echte Apotheker A. Thierry's Lebens⸗ eſſenz. Dieſes vorzügliche Hausmittel, ſowie alle anderen Specialitäten der Schutzengel⸗Apotheke des A. Thierry in Pregrada haben ihren ausgezeichneten Ruf nach jeder Richtung hin gerechtfertigt und f daher jedermann beſtens zu empfehlen.(Siehe Inſerat) ind E Große Gefahren ſie Geſundheit and Leben! Durch alte, ſchon gebrauchte Bettfedern werden erwieſenermaßen in zahlreiche Familien die Anſteckungskeime vieler bösartiger Krankheiten hineingetragen. Solche Gefahr bringende Ware wird von unkundigen oder gewiſſenloſen Händlern leider maſſen⸗ haft in den Handel gebracht. Wir nehmen daher gern Veranlaſſung, den geehrten Hausfrauen die Firma Pecher& Co. in Herford Nr. 6814 in Weſtfalen zu empfehlen. Dieſe Firma genießt und verdient ſeit vielen Jahren das volle Vertrauen des Publikums. Unter Garantie der Neuheit werden in allerbeſter Reinigung Bettfedern und Daunen aller Qualitäten zu den denkbar billigſten Preiſen geliefert. Daneben als beſonders beachtenswerte Spezialitäten: fertige Betten, Leib⸗ und Bettwäſche, ſowie Hemdentuche und Halbleinen in gleich⸗ falls unübertroffener Güte und Preiswürdigkeit. Die Firma verſendet auf Wunſch gern koſtenfrei Proben ihrer Waren. Dadurch iſt jedem Gelegenheit geboten, ſich ſchon vor Erteilung eines Anftrages von der Reellität und Leiſtungsfähigkeit des Geſchäfts zu überzeugen. Alles Nähere beſagt die Annonce im Aunoncenteil der„Hausfreundin“. E Als ſorgſame und ſparſame Hausfrau möchte ich das Augenmerk meiner Mitſchweſtern auf ein neues Salat⸗ und Mayonnaiſen⸗Oel lenken, welches uns unſere Kolonien in tadelloſer Beſchaffenheit liefern. Unſere Frauen befinden ſich in einem großen Irrtum, wenn ſie glauben, daß das aus Frankreich ſtammende Provencgeröl reines Olivenöl iſt. Die Olivenzucht hatte durch ein kleines Inſekt, welches die Blätter abfraß und die Früchte hierdurch dem Verdorren ausſetzte, ſehr erheblich ge— litten. Es hätte alſo eine nicht unbedeutende Unterproduktion eintreten müſſen, wenn Frankreich nicht aus den Erdnüſſen ſeiner Kolonien ein dem Olivenöl gleichwertiges Produkt gewonnen hätte. Dieſes Erdnuß⸗ öl wird nun entweder als reines Olivenöl verkauft oder zum Ver nitt des letzteren verwendet, da es trotz ſeiner vorzüglichen Beſchaffenheit erheblich billiger iſt. Als nun Deutſchland in den Beſitz von Kolonien gelangte, in denen die Erdnuß gedeiht, lag nichts näher, als dieſen Anbau zu forcieren, um den deutſchen Markt unabhängig vom Aus⸗ 0 7 98 lande zu machen. Dem Deutſchen Kolonialhauſe Brund Antelmann, Berlin C., Jeruſalemerſtraße 28 gebührt das Verdienſt, hierzu die Hand geboten zu haben, denn es hat ſich bemüht, das deutſche Oel, das an Güte dem franzöſiſchen abſolut nicht nachſteht, dagegen erheblich billiger iſt, den weiteſten Kreiſen zugänglich zu machen. Gerade die Billigkeit, gepaart mit den anderen guten Eigenſchaften, ſollte die Hausfrauen veranlaſſen, einen Verſuch mit dieſem Oel zu machen. Zum Schaden ihrer Wirtſchaftskaſſe wird dieſer ſicher nicht ö ausfallen, und der national geſinnte Hausherr wird freundlich lächeln, wenn er hört, daß ſeine kluge Gefährtin das Geld nicht ins Ausland t trägt, ſondern darauf hält, daß es im Lande bleibt und den nationalen r Wohlſtand vermehren hilft. Eine deutſche Hausfrau. FSUC.rr Y———————Y——ο⏑‚—e————⏑.r DlE GUTE SPARSAME KUCHE. MAGSCOIT cluten Kaxao 5 in Würfeln zur sofort. Herstellung eines ausgezeichneten Kakao-Frühstücks für 8 Gemüse⸗ MAGGl u. Kraft- SUPPEN inWürfeln zur sofortigenHerstellung von 2 Port. vorzüglicher Suppe für 30 verschiedene Sorten.* MACGTs Bouilon- Kapseln 12 2 Portionen kräftiger dau otor. Flkisdüsnöte fan en 2 Portionen feinster 5 5970 0n Knk Tögühe ur is. zum Würzen der Suppen, EN. Saucen, Ragouts und ö Gemüse. Woenige Tropfen genügen. Pfg g. Ein Probe-Fläschchen für Zu haben In allen Delikatess- und Kolonlalwaren-Geschäften. 5 6 LandtssibHöoht öün0 27 508438 9 031 entsadef- 8 8 SSοuοe 8 8 9 2** 20¹ ——— —— ——— —— ———— —— —— — — — N