— 2 — — 8 2 — 2 D Edle Männer unſerer Heimat Schlichte Lebensbilder von Franz Dor 2 5 4 8 1020 Oruck und Verlag der A.⸗G. Badenia Karlsruhe 1 0 1 — 8 — 0 2 * D 2 88 — 2 S — — = Zum Geleit. uf dem Katholikentage zu Karlsruhe am ff 15 12. Oktober 1919 ſprach Redakteur Joos 5 8 — e 2 aus München⸗Gladbach in einer vielbe— l ſprochenen Rede folgende Worte:„Anſer Volk ſehnt ſich nach einem moraliſch qualifizierten Führertum im ſtaatlichen und geſellſchafflichen Leben, nach Menſchen, an deren reiner Geſinnung und lauterer Abſicht, an deren Selbſtloſigkeit und Hingabe man ſich wieder aufrichten und neues Vertrauen ſchöpfen könne.“ Halten wir eine Amſchau im öffentlichen Leben, ſo müſſen wir leider feſtſtellen, daß die Zahl wirklich idealer Männer nicht groß iſt. Es lohnt ſich darum, daß wir in die Vergangenheit blicken. Die folgenden ſchlichten Lebensbilder von Männern unſerer Heimat ſollen für ſtrebſame Jünglinge Leitſterne in die Zukunft ſein. Iſt es von Erfolg, eine Galerie charaktervoller Perſönlichkeiten dem heutigen Geſchlechte vor Augen zu ſtellen? Schon der Stolz, einem Geſchlechte anzugehören, das in ſeinen Vorfahren durch ſolche ehrenwerte Vor⸗ bilder ausgezeichnet iſt, muß den Antrieb wecken, dieſen Ahnen Ehre zu machen. So mögen denn dieſe Lebensbilder bei unſerer Jungmannſchaft in Stadt und Land Eingang finden! Dann würde ſich an den Heimgegangenen noch über ihr Grab hinaus des Heilands Mahnung erfüllen: „So leuchte denn euer Licht vor den Menſchen, ſo daß ſie euere guten Werke ſehen und den Vater preiſen, der im Himmel iſt.“(Matth. 8, 10.) Langenbrücken, Auguſt 1920. Der Verfaſſer. Fabse 8 a ehe l. 88 ann imme Wilen Die 88 Josef Diſfee nl Leopold Fiſ che 8 e lll Da ee Dufte Holde i gs. ei üb ttt Michger Eiwip Kirchgeßne 88 Olig Kras 92 Lüdcbig males Johann Neß Martinnnn 8 Jos fa ffn Als Ns. Igls Schwo rene Doniü Stteſcſ ee Dr Jou Zaptiſt bon We 8 Dr Hermann Zlegelme ger, 8 Dr. Karl Bader, Baurat und Schriffſteller. iner der bedeutendſten Männer, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Baden die katho⸗ liſche Sache mit Ausdauer und Geſchick ver⸗ teidigt haben, war Baurat Bader. Er galt als Publiziſt im echten und viel umfaſſenden Sinne des Wortes; denn er ſchrieb wie er redete, und er redete wie man ſpricht im Salon. Die Hiſtoriſch-politiſchen Blätter konnten ihm bei ſeinem Tode am 21. Juni 1874 das Zeugnis ausſtellen, er ſei der fruchtbarſte Mitarbeiter geweſen, den ſie ſeit Beſtehen der Zeitſchrift gehabt hätten. Karl Bader war ein Sohn der Stadt Freiburg. Am 9. Dezember 1796 wurde er geboren als Kind des tadtphyſikus Joſeph Bader und der Eliſabeth, geb. Vetter. In ſeiner Vaterſtadt, der Perle des Breis⸗ gaues, machte der begabte Knabe und Jüngling die Studien am Lyzeum durch, beſuchte die dortige Hoch⸗ ſchule, widmete ſich den mediziniſchen Studien mit ſolchem Eifer und Erfolge, daß er ſich darin den Doktor— grad erwarb und bei der Staatsprüfung, die er im Jahre 1818 ablegte, die erſte Note erhielt. Bei ſeinem reichen und vielſeitigen Talente be⸗ gnügte ſich der Muſenſohn nicht mit dem Fachſtudium, ſondern gab ſeinen wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen eine Dor, Edle Männer. 1 2 Dr. Karl Bader. breitere Grundlage auf dem Gebiete der neuen Sprachen, der Geſchichte, der Poeſie, den mathe⸗ matiſchen⸗ und Naturwiſſenſchaften. Wegen ſeiner fei⸗ nen, gewandten Lebensformen und ſeines reichen Wiſ— ſens genoß er die Verehrung ſeiner Studiengenoſſen und die Hochachtung ſeiner Lehrer in den verſchiedenen Fakultäten. Im Verlauf ſeiner Studien merkte er, daß die Ausübung der Medizin ihn nicht befriedigen würde, und er entſchloß ſich, das Ingenieurfach zu er⸗ greifen. Zu dieſem Zwecke bezog er die Uni⸗ verſität Göttingen, die damals in ihrem höchſten Glanze ſtand. Neben eifrigen mathematiſchen Studien nahm Bader, wie er ſelbſt in einer kurzen Lebensſkizze aufzeichnete,„als Beobachter und Rechner“ einen tätigen Anteil bei der hannoverſchen Grund- und Lan⸗ desvermeſſung. Auch bei den körperlichen übungen auf dem Fechtboden und in der Reitſchule war er ſtets unter den erſten Kommilitonen. Zur Vollendung des neuen Studiums ging er noch an die Ingenieurſchule zu Paris, die ſich hohen Anſehens in ganz Europa erfreute. Sein lebhafter Geiſt trieb ihn an, gleichzeitig Land und Leute in Frankreich, namentlich das Militär in den verſchiedenen Gattungen und Beziehungen zu einander, gründ⸗ lich zu ſtudieren, wozu ihn ſeine hervorragende Gewandtheit in der franzöſiſchen Sprache in ausge⸗ zeichneter Weiſe befähigte. Nach Abſchluß der Studien unternahm er mit Ge⸗ nehmigung des Großherzogs Ludwig von Baden mehrere Reiſen durch Frankreich, Belgien und Holland, um die großen Erfolge der polytechniſchen Wiſſenſchaf⸗ ten in dieſen Ländern aus eigener Anſchauung kennen zu lernen. Nach der Rückkehr in die Heimat beſtand Karl Bader 1830 die Staatsprüfung als Ingenieur mit Dr. Karl Bader. Auszeichnung. Schon vorher hatte er von Mini⸗ ſterialvorſtänden wichtige Aufträge über Kanalbauten erhalten und dieſe zur vollen Zufriedenheit ausgeführt. So ſteht in einem Beſcheide vom 22. Oktober 1829: „Sie haben unter Überwindung vieler Schwierigkeiten eine recht vollſtändige Arbeit geliefert und ſtatte ich Ihnen dafür meinen verbindlichſten Dank ab.“ Eine endgültige Anſtellung erhielt Bader am 25. September 1832, wo er zum Profeſſor der Waſſer⸗ und Straßenbaukunde an der Polytechniſchen Hoch⸗ ſchule in Karlsruhe ernannt wurde. Im Neben⸗ amte hielt er Vorleſungen über Feldmeßkunſt. Seine Kollegien fanden große Bewunderung bei ſeinen zahlreichen Schülern. Schon im Jahre 1833 ernannte ihn die vorgeſetzte Behörde zum Mit⸗ gliede der Kommiſſion für die Staatsprüfung der Ingenieure. Am 24. Januar 1836 erhielt Bader eine Beförde⸗ rung zum Mitglied des Komitees für Eiſenbahnen. In jenen Jahren trug man ſich nämlich bei uns mit dem Plane, den Bau von Eiſenbahnen in Angriff zu nehmen. Zur Beobachtung des Eiſenbahnweſens und zur Sammlung von Kenntniſſen auf dieſem neuen Felde des Verkehrsweſens durfte er im Auftrage der Regierung nach Belgien reiſen. Über die im Ausland geſchöpften Erfahrungen legte er genaue Rechenſchaft ab; die oberſte Behörde belohnte ihn am 31. Dezember 1837 mit einer Gehaltserhöhung von 350 Gulden. Bei dem ſogenannten Eiſenbahnlandtag 1838, auf dem die erſten Pläne und Entwürfe für den Bahnbau von Mannheim nach Baſel und von da bis Konſtanz beraten wurden, war Bader im Auftrage der Re⸗ gierung als Kommiſſär zugegen. Sein wiederholtes Eingreifen in die Debatten zeugten für ſeine Gewandt⸗ heit und Klarheit, mit denen der Fachmann den Volks⸗ 1* 4 Dr. Karl Bader. vertretern das Unternehmen des Eiſenbahnbaues dar— legte und erläuterte. In Anerkennung der bei dem Eiſenbahnprojekt ge⸗ leiſteten Dienſte wurde Bader am 19. April 1838 zum Baurat und Mitglied der Eiſenbahndirektion mit einem Amtsgehalt von 450 Gulden ernannt. Bevor das Werk zur Ausführung kam, wollte die großherzogliche Regierung noch weitere Erfahrungen ſammeln und ſandte Bader im Auguſt 1838 nach England, wo 1829 auf der Stockton-Darlingtonbahn vermittelſt der Lo⸗ komotive zuerſt der Verſuch gelungen war, die welt⸗ geſchichtliche Bedeutung der Eiſenbahnen vollſtändig vor Augen zu legen. Die erſte Verſuchsbahn wurde bei uns in Baden zwiſchen Heidelberg und Mannheim gelegt, im Jahre 1840 eröffnet und dem Verkehr übergeben. Bader hatte an der Schaffung dieſes Werkes einen hervor⸗ ragenden Anteil. Um dieſelbe Zeit erhielt er die Er⸗ nennung zum Mitglied der Oberdirektion des Waſſer— und Straßenbaues. Das ſelbe Jahr 1840 ſah ihn als Direktor der Poly⸗ techniſchen Hochſchule, eine Würde, zu der ihn ſeine Kollegen fünf Jahre nacheinander wählten. Seine erſprießliche Tätigkeit in dieſer hohen Stellung brachte der Schule Anſehen und Ruhm. Der Landesfürſt ehrte ſeine Bemühungen um das Blühen der Anſtalt durch Verleihung des Zähringer Löwenordens. In dieſe Jahre, da er die höchſte Würde der Hochſchule bekleidete, fällt ſeine Vermählung mit Auguſte Frän⸗ zinger aus Karlsruhe(1841). Sie war eine Tochter des Kriegrates Fränzinger. Aus dieſer Ehe ſtammten zwei Töchter, Karola und Maria; erſtere war das treue Ab⸗ bild der Mutter, letztere das des Vaters. Ein Schatten lag auf dem ſonſt ſo trauten Familienleben; Frau Bader gehörte nicht der katholiſchen Religion an, Dr. Karl Bader. 5 wie ihr Mann und ihre Kinder. Doch ſchon frühe hatte die vortreffliche Frau durch Lektüre aus der Ge⸗ ſchichte der katholiſchen Kirche großes Intereſſe für den Katholizismus gewonnen. Durch den innigen Verkehr mit ihrem Gemahl und deſſen tiefe Auffaſſung vom katholiſchen Glaubensleben wurde ihre Hinneigung zur Mutterkirche geſteigert. Bevor der Entſchluß zum Übertritt zur Reife kam, erhielt ſie eingehenden Unter— richt vom Geiſtl. Rat Gaß in Karlsruhe. Bei der Ge⸗ burt des zweiten Kindes, hauptſächlich begeiſtert von der ſinnigen Tauffeierlichkeit, legte die Mutter des Hauſes ihr kath. Glaubensbekenntnis ab. Das Fa⸗ milienleben hatte jetzt für Bader den Höhepunkt des häuslichen Glückes erreicht. Doch nur zu bald zeigte ſich auch hier das Trügeriſche menſchlicher Hoffnungen, zunächſt bezüglich der amtlichen Berufstätigkeit. Da Frankreich in jenen Jahren mit Krieg drohte, Baden aber beſonders gefährdet ſchien, mußte es ſich von hier aus über die militäriſchen Verhältniſſe und die Truppenſtellung des feindlichen Nachbarſtaates ſichere Kunde verſchaffen. Zum heikeln Amte eines Emiſſärs wurde Bader auserwählt. Dieſes mili⸗ täriſche Geſchäft brachte ihm viele Verdächtigungen im eigenen Lande, gegen die er ſich in ſpäteren Jahren noch verteidigen mußte. Ein Fehler war ſicherlich auch, daß Bader als Lehrer des Polytechnikums ſich in das politiſch-erregte Leben des Großherzogtums hin— einreißen ließ; denn die lebhafte, politiſche Tätigkeit mußte ihn ſeiner Lehrtätigkeit mehr und mehr ent⸗ fremden. Schlimmer noch waren ſeine Korreſponden— zen in einflußreichen auswärtigen Blättern, die in grellen Farben die Parteiſtreitigkeiten im Lande, das Treiben der Miniſter und ihrer Räte, ſchilderten. Verdienſtvoll dagegen waren Baders Bemühungen um die Organiſation der Feuerwehr in der badiſchen 6 Dr. Karl Bader. Reſidenz. Am 28. Februar 1847, dem zweiten Fa⸗ ſtenſonntag, abends von 5—9 wurde das Theater ein Raub der Flammen. Der ſchreckliche Brand zeigte die Löſchanſtalten der Hauptſtadt in einem kläglichen Zu⸗ ſtand. Da ſtellte ſich Bader an die Spitze einer Truppe mutvoller Männer, um nach den Vorgängen in ande⸗ ren Staaten eine tüchtige, leiſtungsfähige Feuerwehr zu organiſieren. Er ſelbſt entwarf die Satzungen, die nach einigen Abänderungen genehmigt wurden. Als Bader die Organiſation und Einübung des Korps leitete, ahnte er nicht, welch weitere ſegensreiche Tätig⸗ keit dieſe Feuerwehrleute leiſten könnten. Und doch trat der Fall bald ein. Als am 1. März 1849 von den Freiſchärlern ein Angriff auf das Schloß des Lan⸗ desfürſten gemacht wurde, wehrte Bader mit ſeinem 300 Mann zählenden Feuerwehrkorps ihn ab und leiſtete der Monarchie einen wertvollen Dienſt. Über⸗ haupt wahrte er in jenem Jahre des Aufruhres die Sicherheit der Reſidenz, denn es wurden ihm und ſeinem Korps ſogar Unteroffiziere und Dragoner zu⸗ geteilt. Der Großherzog gab dem mutigen Feuerwehr⸗ hauptmann in Gegenwart der Prinzen den Befehl, das bedrohte Ständehaus zu verteidigen. Dieſes energiſche Eintreten für Ordnung und für die Monarchie machten Bader bei den Männern des Fortſchrittes und den radikalen Liberalen außer⸗ ordentlich verhaßt. Er erhielt zahlreiche Drohbriefe in jenen Tagen. Als alle Mittel, ihn unmöglich zu machen, fehlſchlugen, hetzte man die Profeſſoren und Schüler gegen ihn. Es kamen Beſchwerdeſchriften an das Unterrichtsminiſterium, die alle dahin lauteten: „Er tut alles, nur nicht was er ſoll.“ Der ſchwache Miniſter Bekk wurde durch dieſe De⸗ monſtration in Angſt verſetzt und verfügte, daß Bader Dr. Karl Bader. 2 bis auf weiteres ſeiner amtlichen Tätigkeit enthoben werde. Doch das war nur das Vorſpiel, denn im Jahre 1850 erfolgte die Zuruheſetzung mit der Verheißung „bis zu demnächſtiger anderer Verwendung“. Letz⸗ tere Bemerkung war ſchwerlich ernſt gemeint, denn der Verſuch Großherzogs Leopold, Bader zum Kabinetts⸗ ſekretär zu machen, blieb ebenſo erfolglos wie die im Jahre 1857 von dem Miniſterpräſidenten Meyſenburg mündlich gemachte Aufforderung, er möge ſich wieder zum Staatsdienſte melden. Es ſchien, als ob man damals in Baden Talente in Hülle und Fülle gehabt hätte, um ſie wegwerfen zu können. Der noch in voller Kraft ſtehende Baurat ward nach kaum acht⸗ zehnjähriger Dienſtzeit entlaſſen. Bader war glücklicherweiſe religiös ſo ſtark, daß er die übereilte Zuruheſetzung mit Standhaftigkeit ertrug. Deutlich geht dieſe Stimmung aus einem Briefe her⸗ vor, den er einem Leidensgefährten, einem ſehr lieben Freunde, dem ähnliche Kränkung zu teil geworden, ſchrieb:„Ich laſſe es mir einmal nicht ausreden, die Verfolgung wird zu Ihrem Glück ausſchlagen auf die eine oder die andere Art. Die bitteren Empfindungen, welche Sie jetzt haben, ſind mir nicht fremd. Ich habe gegen dieſelben ſtill, aber ſchmerzlich gekämpft und jetzt danke ich Gott, daß es alſo gekommen iſt.“ Die unangenehmen Erfahrungen, die Bader in der Reſidenz gemacht, veranlaßten ihn, ſeinen Wohnſitz nach Freiburg, der Stadt ſeiner Kindheit, zu verlegen, wo er ſeine Jugendfreunde Schwörer und Buß wieder⸗ fand. Sein Schwiegervater, Geheimrat Fränzinger, hatte ſich ebenfalls in die Nähe von Freiburg, auf ein Landgut, zurückgezogen. Der an raſtloſe Tätigkeit gewohnte Mann ent⸗ warf nun vor allem einen Plan für den Bildungs⸗ 8 Dr. Karl Bader. und Erziehungsgang ſeiner beiden Töchter. Bader und ſeine geiſtreiche Gemahlin beſorgten ſelbſt den ganzen Unterricht. Es war rührend anzuſehen, wie in ſolcher Weiſe die einzelnen Zweige des Unterrichts nach einem feſten Stundenplan in ſtraffer Ordnung gegeben wur⸗ den. Der Erfolg war ein ſehr guter. Zugleich ſorgte er für die körperliche Ausbildung. Er war ſelbſt ein rüſtiger Spaziergänger und führte ſeine Kinder nicht nur tunlichſt oft in die reichen anmutigen Täler der Umgebung Freiburgs, ſondern er erklomm mit ihnen auch die ſteilſten Höhen, wobei er ihre Kräfte oft bis zur Ermüdung anſtrengte. Hier entwickelte Bader aber auch ſeine hervorragende Erzäh— lungs⸗ und Lehrgabe in der Beſchreibung der reichen Natur, und jeder mochte ſich glücklich fühlen, einmal Zeuge geweſen zu ſein, wie Karola und Maria jedem ſeiner Worte lauſchten und mit ſtrahlen⸗ den Augen dem lieben Vater Zuſtimmung und kind⸗ lichen Dank zollten. Mit berechtigtem Selbſtgefühl ſchrieb er darüber einem Freunde:„Es gewährt mir die höchſte Freude, meinen Kindern die große Natur zu zeigen und, ſoweit ich kann, zu erklären, zumal beide, beſonders Maria, ſoviel Verſtändnis dafür haben und ſo gerne mit dem Vater Spaziergänge machen.“ Eine weitere Befriedigung in der Zurückgezogenheit des Privatlebens fand Bader in der ſchriftſtelleriſchen Tätigkeit. Er begann damit zunächſt auf dem Gebiete, für das er ſchon früher Vorliebe gewonnen und in dem er auch umfaſſende Studien gemacht hatte, die er jetzt weiter ausführen und verwerten wollte. Wir meinen hier ſeine zahlreichen Arbeiten, die er in die„Deutſche Vierteljahrsſchrift“ des Herrn von Cotta einſandte und in denen er die mannigfaltigſten Fragen der Technik behandelte. Die Überſchriften der Aufſätze lauteten: Dr. Karl Bader 8 0 9 6. 8. 9 Das deutſche Kriegsweſen der kleinen Staaten it Deutſchland.(1851.) Grenze.(1852.) Die Befeſtigung des Schwarzwaldes. Der Oberrhein als Operationsbaſis der Fran⸗ Dr. Karl Bader. 9 1 „Die deutſchen Intereſſen an der oberrheiniſchen zoſen und als Verteidigungslinie der Deutſchen. (1854.) Die Schweizer Neutralität und die Neuenburger Frage. Die ſtehenden Brücken über den Oberrhein zur Verbindung der Eiſenbahnen auf beiden Ufern. (1858.) Die Eiſenbahn auf der öſtlichen Abdachung des Schwarzwaldes und ihre ſtrategiſche Notwendig⸗ keit.(1859.) Zur Ausbildung des ſüddeutſchen Verteidigungs⸗ ſyſtems. Das verſchanzte Lager auf dem Schwarzwald. Eine außerordentlich fruchtbare Tätigkeit entfaltete Bader jahrelang auf Gebiete. kirchlich⸗-politiſchem Alle Schriften, Broſchüren und Abhandlun⸗ gen auf dieſem vielverzweigten Felde zeigen, wie der Verfaſſer gleichſam auf hoher Warte ſtehend, die kirch⸗ lichen und politiſchen Vorgänge in den verſchiedenen Phaſen verfolgte. mete er folgende Veröffentlichungen: Dem badiſchen Kirchenſtreit wid— 1. Die katholiſche Kirche und die badiſche Regierung, eine tatſächliche Darſtellung des Kirchenſtreites. 2. Unterhandlungen zwiſchen der großherzoglich ba— diſchen Regierung und dem Erzbiſchof von Frei— burg zur Beilegung des Kirchenſtreites. 3. Der badiſche Kirchenſtreit über die Verwaltung des katholiſch-kirchlichen Stiftungsvermögens. Dr. Karl Bader. Dieſe drei Abhandlungen erſchienen zuerſt in der Stuttgarter„Deutſchen Vierteljahresſchrift“ und wur⸗ den dann im Jahre 1860 weſentlich erweitert in einem Buch herausgegeben unter dem Titel:„Die katholiſche Kirche im Großherzogtum Baden von Dr. Karl Bader“.(Freiburg, Herder.) Nach dem Falle des Konkordats(1860) ſchrieb Ba⸗ der elf Artikel in die„Hiſtoriſch-politiſchen Blätter“ über den Konkordatsſtreit in Württemberg und Baden, nachdem er ſchon vorher Abhandlungen„über das Eigentum der Kirche“ unter dem Schriftſtellernamen „Balderich Frank“ veröffentlicht hatte. Als die ſogenannte„großdeutſche Frage“ zu An⸗ fang der ſechziger Jahre alle Gemüter beſchäftigte, er⸗ ſchien von Bader ein Mahnruf:„Die Pflichten der Ka⸗ tholiken Deutſchlands in ihrer Stellung zur deutſchen Frage und zu der öſterreichiſchen Verfaſſung.“ Während des Schulſtreites in Baden 1862—69 er⸗ ſchienen aus ſeiner Feder verſchiedene Artikel in den „Hiſtoriſch⸗-politiſchen Blättern“. Hochintereſſant ſind heute noch zu leſen ſeine Aufſätze über„Die Aufhebung der Abtei Rheinau“. In allen dieſen Arbeiten merkt man das lebendige Intereſſe, das der Verfaſſer für die katholiſche Kirche, ihre erhabenen Einrichtungen und ihre Wirkſamkeit unter den Völkern durch ſeine gründ⸗ lichen Studien erworben hat. Manche Aufſätze er⸗ ſchienen auch unter dem Namen„Der alte Soldat“, andere zeichnete er mit„Balderich Frank“. Bei allen dieſen Darbietungen ließ ſich Bader nicht von engen kirchenpolitiſchen Anſchauungen leiten. Er ſchrieb darüber zur Kennzeichnung der Richtlinien, die er vor Augen hatte, folgendes:„Meinen Standpunkt habe ich in vollkommener Freiheit gewählt; er konnte nicht der kirchliche, aber er konnte noch weniger der bürokratiſche ſein— es iſt der Standpunkt einer poli⸗ Dr. Karl Bader. 11 tiſchen Auffaſſung, von welcher ich glaube, daß ſie ge— ſund und darum in unſerer ſchweren Zeit mehr als in jeder anderen geboten ſei.“ Demnach miſchte ſich Bader nicht in rein theologiſche Fragen, war aber, an den einfachen Katechismuswahrheiten mit unerſchütter⸗ lichem Glauben feſthaltend, ein überzeugter Katholik, bis zum letzten Atemzuge ein treuer Sohn der katho— liſchen Kirche. Das hinderte ihn aber nicht, manches in den neue⸗ ren religiöſen Erſcheinungen zu tadeln, namentlich das zu ſtarre Feſthalten an veralteten Formen. Gerne verwies er auf den Spruch von Montalembert:„Schafft neues Leben auf dem Boden der Gegenwart und nicht auf veralteten Ruinen.“ In dieſer Beziehung rügte er am 28. Juni 1860:„Wir haben uns offenbar ſchon viel zu viel von allem zurückgezogen, es wäre an der Zeit, daß wir überall eintreten, denn ſonſt verlieren wir jede Handhabe und verdammen uns zu vollkom⸗ mener Bedeutungsloſigkeit. Leider muß ich bekennen, dieſen Fehler früher ſelbſt begangen zu haben.“ Es erübrigt noch, auf eine dritte Gruppe von wiſ⸗ ſenſchaftlichen Arbeiten Baders hinzuweiſen. Dies ſind die rein politiſchen Abhandlungen. Wir nennen die vier Artikel„Das europäiſche Staatenſyſtem, der Schweizerbund und die Neuenburger Frage“ in Band 39 der Hiſtoriſch-politiſchen Blätter, ferner„Das fran— zöſiſche Kaiſertum und die europäiſchen Mächte oder der Allianzvertrag vom 20. November 1818“, ſodann drei Artikel über„Die Zentraliſation des öffentlichen Lebens und die Allmacht der Staatsgewalt als Grund— urſachen der Revolution“.(„Hiſtoriſch-politiſche Blät⸗ ter“, Band 43.) Dazu kommen die Artikel:„Frank⸗ reichs traditionelle Politik gegen Deutſchland und deren Streben zur Erweiterung der Rheingrenze.“ Dr. Karl Bader. Eine Anzahl Aufſätze in derſelben Zeitſchrift be⸗ handeln die ſchwebenden Fragen der Tagespolitik, z. B. „Die Wahlen in Frankreich“,„Die neue Periode des öſterreichiſchen Staatsweſens an ſich und im Verhält⸗ nis zu Deutſchland“,„Der heutige Liberalismus im ſüdweſtlichen Deutſchland“. Großen Anklang fanden „Die Briefe eines alten Soldaten an den alten Diplo⸗ maten außer Dienſt“, die bald von dieſer, bald von jener Stadt datiert waren. Hinter dieſen Briefen in den„Hiſtoriſch-politiſchen Blättern“ vermuteten die Leſer alle möglichen Verfaſſer und erſt nach dem Tode Baders offenbarte ein Nachruf den wahren Schreiber, nämlich Bader ſelbſt. Bei der überaus fruchtbaren ſchriftſtelleriſchen Tätig⸗ keit Baders könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen, er habe zu wenig Studien für dieſe und jene Arbeit gemacht; allein er veröffentlichte nichts, worüber er nicht gründlich nachgedacht und das er nicht allſeitig erwogen hatte. In Tagebüchern erklärt Bader zu wiederholten Malen:„Ich habe meine Gedanken über dieſe Materie noch nicht zur Klarheit gebracht, die Ar⸗ beit iſt wohl vollendet, gefällt mir aber nicht, ich lege ſie auf einige Zeit zurück, um ſie vielleicht ſpäter beſſer auszuführen.“ Seine große Beleſenheit, ſeine vielſeitigen Kennt⸗ niſſe auf allen Gebieten machten ihn auch zum ange⸗ nehmen Geſellſchafter. Es war Bader nicht ſchwer, im Kreiſe von Gelehrten wie unter den gewöhnlichen Leuten ſich Aufmerkſamkeit zu verſchaffen. Ein ſchmerzlicher Tag für ihn war der 19. Mai 1863, da er ſeine einzige Schweſter Sophie durch den Tod ver⸗ lor. Sie war nach dem Heimgang ihres Gemahls, des Regimentsarztes Dr. Haller, von Karlsruhe nach Frei— burg übergeſiedelt, wo ſie mit dem Bruder die ſchöne Jugend verlebt hatte. Er klagte bei ihrem Tode: Dr. Karl Bader. 13 „Sie war meine einzige Schweſter, ſie hat mich un⸗ endlich geliebt, ſie war mir eine ſo wohltuende Er⸗ ſcheinung in dem Kreiſe meiner eigenen Familie. Mit ihr war mein früheres Leben in das Grab geſenkt. Tief betrübt habe ich an ihrem Grabe geſtanden, aber mein Schmerz war ſanft, war ein freundlicher, wenn gleich ſehr ſchmerzlicher Abſchied.“ Doch ſchmerzlicher war für ihn, was er in dem⸗ ſelben Briefe weiter berichten muß:„Meine jüngere Tochter Maria liegt auf dem Sterbebette, es kann nur noch wenige Tage dauern.“ Am 30. Mai holte der Todesengel das geliebte Kind ab. Baders chriſtlicher Sinn bewährte ſich in dieſen Trauertagen aufs unzweideutigſte. Am 14. Juni 1863 ſchrieb er an einen Freund:„Der Schmerz und die Trauer um meine Tochter ſind noch dieſelben, aber ich habe mir die Faſſung errungen, welche dem Manne, dem Chriſten geziemt.“ Mit beſonderem Dankgefühl nahm Bader auch den innigen Anteil entgegen, den der greiſe Erzbiſchof Hermann von Vicari ihm und ſeiner Familie bei dieſem Trauerfalle in herzlicher Weiſe entgegenbrachte. Der Oberhirte hatte die Familie am 15. Juni 1863 in ſeine Hauskapelle eingeladen, wo er für die teure Verſtorbene eine ſtille Seelenmeſſe leſen werde. Unmittelbar darnach ſchrieb Bader:„Ich komme ſo— eben aus der Meſſe, welche der Hochw. Herr Erzbiſchof für die Ruhe meines Kindes geleſen hat. Ich mußte weinen, als ich ſah, wie lange und innig der greiſe Kirchenfürſt nach der Wandlung für ihre Seele gebetet hat. Gott lohn' es ihm.“ Zur Linderung ſeiner Trauer hielt es Bader und ſeine Freunde für heilſam, auf einige Zeit die Stätte des Schmerzes zu verlaſſen, und ſo machte er mit Frau und Tochter eine Reiſe nach der Schweiz und 14 Dr. Karl Bader. Oberitalien. Über dieſe Reiſeerlebniſſe hat er dann in Band 54 und 55 der„Hiſtoriſch-politiſchen Blätter“ mit meiſterhafter Schilderung Skizzen entworfen. Gerade dieſe Reiſe hat den Grund zu dem nach⸗ maligen Glücke der anderen Tochter gelegt. Am 4. Mai 1864 ſchrieb er einem Freunde:„Ich habe meine Tochter Karola verlobt, ihr Bräutigam iſt ein Engländer, Miſter Louis Blacker, früher britiſcher Konſul.“ Dieſe glückliche Verbindung ſchrieb Bader einer wunderbaren Fügung zu, die das Gebet der ver⸗ ſtorbenen Schweſter Maria erwirkt habe. Eine gleiche Meinung hatte er von ſeiner Rettung aus großer Gefahr, die ihm auf der Reiſe zuſtieß. Dieſe un⸗ erſchütterliche Überzeugung zog Bader auch ſo oft zu den Gräbern ſeiner Tochter und Schweſter. Schon am 7. Juni 1864 erfolgte die Vermählung Karolas in Stuttgart. Dasſelbe Jahr brachte dem unermüdlichen Streiter für die Rechte und Intereſſen der Kirche eine hohe Auszeichnung, er erhielt den Gregoriusorden von Papſt Pius IX. Mit frohem Mute ging Bader an neue Arbeiten, und bis zu ſeinem Tode ſandte er den„Hiſtoriſch-politiſchen Blättern“ nicht allein die zahlreichſten, ſondern auch die gereifteſten Aufſätze ein. Großen Schmerz ver⸗ urſachte ihm die Niederlage Oeſterreichs im Kriege von 1866. Doch am meiſten betrübten ihn die Zuſtände ſeines engeren Heimatlandes Baden, in welchem ſeit dem Sturze des Konkordates der Schulkampf tobte. In den Jahren 1872 bis zu ſeinem Tode 1874 war Bader von einer oft länger andauernden Krankheit heimgeſucht, die in verſchiedenen Formen zu Tage trat, meiſt in einem faſt erſtickenden, krampfartigen Huſten, von ſtarken Ohnmachten begleitet, dann in Zeichen von Herzerweiterung oder Waſſerſucht. Im Grunde aber waren es nur die Erſcheinungen der all⸗ Dr. Karl Bader. mählichen inneren Auflöſung des hereinbrechenden Alters von 78 Jahren. Am 26. Januar 1873 ver⸗ faßte er den„Kranz auf ein Grab“ für einen der beſten Männer, der ſeinem Herzen nahe geſtanden, den badiſchen Hofrat Dr. Karl Zell, der ein Katholik voll heiliger Überzeugung, ein wahrer Gelehrter ohne Hochmut und Dünkel, voll Freundlichkeit und Milde gegen jedermann geweſen war. Im Frühjahr 1874 verſchlimmerten ſich die Leiden bei Bader. Unter den vielen teilnehmenden Freunden, die zu ſeinem Krankenlager eilten, war auch der hoch— würdigſte Weihbiſchof und Erzbistumsverweſer Lothar von Kübel, der den um die Kirche wohlverdienten Streiter zum letzten Kampfe vorbereitete und nachher bei den Exequien eine ſtille Seelenmeſſe für ihn las. Durch die hl. Sakramente geſtärkt, entſchlief Karl Bader am 19. Juni 1874. Auf dem Friedhofe zu Freiburg iſt er zur letzten Ruhe beſtattet worden. Über ſeiner Ruhe⸗ ſtätte könnte man niederſchreiben:„Seinem Fürſten und Vaterlande treu ergeben, mit Wärme alles Gute fördernd, nach Wahrheit forſchend, dem Unrecht feind, ein zärtlicher Gatte und Vater, ein bewährter Freund und frommer Chriſt war er. Seine Tugenden und ſein Wirken wird die Nachwelt noch im geſegneten Andenken behalten.“ Quellen: Hiſtoriſch⸗-politiſche Blätter, Jahrgang 1876. I 2 e Karl Beyerle, Rechtsanwalt. ls in den erſten Tagen des Monats Dezember A 1915 Karl Beyerle von dieſer Erde Abſchied genommen hatte, ſchrieb der Hochw. Herr Erz⸗ biſchof Dr. Thomas Nörber an die Hinterbliebenen die ſchönen Worte:„Was ſeit Jahrzehnten in Kon⸗ ſtanz für Gott und die Kirche gerungen wurde, knüpft ſich an ſeinen Namen und darum trauern Tauſende, die ſeither in der Gefolgſchaft waren.“ Nicht minder ehrenvoll lauten die Zeilen, die der berühmte Menſchenkenner von Haslach, Dr. Hans⸗ jakob, ſchrieb:„Er war ein Studiengenoſſe von mir und einer der liebenswürdigſten und edelſten Menſchen, die ich in meinem Leben kennen lernte.“ In der kurzen Schilderung der Verdienſte, die ſich Karl Beyerle um Staat und Kirche erworben hat, folgen wir den Erinnerungen, die ſein Sohn, Profeſſor Beyerle, in den Schriften des Vereins für„Geſchichte des Bodenſees“ dem Heimgegangenen gewidmet hat. Karl Beyerle war ein Sohn der Stadt Konſtanz. Er war am 8. April 1839 daſelbſt geboren. Zum Knaben herangewachſen, beſuchte er zuerſt die Volks⸗ ſchule und dann von 1850—1859 das Lyzeum ſeiner Vaterſtadt. In der Schule war er kein Überflieger, aber ſtets von großem Fleiße beſeelt, deſſen Früchte nicht ausblieben. Die Gymnaſialjahre waren für den eifrigen Studenten mit vielen Entbehrungen erfüllt. Karl Beyerle. 17 Eine beſondere Vorliebe zeigte er für Muſik und öfters durfte er mit Jugendfreunden an den Schlußakten des Lyzeums Proben ſeiner Kunſt geben. Manche wertvolle Anregung erhielt Karl Beyerle während ſeiner Jünglingsjahre von dem Hofgerichts⸗ advokaten Ignatz Vanotti, dem bekannten demo⸗ kratiſchen Schriftſteller und Politiker, der viel in dem Hauſe ſeiner Eltern aus⸗ und einging. Er ererbte ſpäter deſſen buntgemiſchte Bücherei ſamt dem Schreib⸗ pult Vanottis, auf dem ſo mancher feurige Aufruf von 1848 entſtanden war. Nachdem der junge Mann das Reifezeugnis für den Übergang zur Hochſchule erhalten hatte, ſtudierte er zunächſt zwei Jahre Theologie an der Univerſität Freiburg. Nach dem vierten Semeſter wandte er ſich der Jurisprudenz zu. Schon als Theologe hörte er neben den vorgeſchriebenen Vorleſungen auch die Vorträge von Profeſſor Bock über„Geſchichte der chriſtlichen Kunſt“ und bei Gfrörer„Die Geſchichte des dreißigjährigen Krieges“. Die juriſtiſchen Studienſemeſter, die Beyerle in hartem Daſeinskampf durchleben mußte, geſtatteten ihm nicht, wie gerne er gewollt hätte, Liebhaber— kollegien zu hören. Um ſo fleißiger oblag er dem Fach⸗ ſtudium und hörte die juriſtiſchen Vorleſungen, über die er feingeſchriebene Hefte ausarbeitete und über deren erfolgreichen Beſuch er ſich in regelmäßigen Semeſtralprüfungen auswies. Nach den glänzenden Zeugniſſen zu ſchließen, ſtudierte er mit ſichtlicher Liebe bei von Woringen„Deutſche Rechtsgeſchichte“ und„Deutſches Privatrecht“, war aber dann raſch zu f Lieblingsſchüler von Behaghel und Buß ge⸗ worden. Erholung und Ausſpannung ſuchte und fand Beyerle im Freundeskreis des Korps Suevia. Die beiden Dor, Edle Männer. 2 18 Karl Beyerle. juriſtiſchen Prüfungen wurden rechtzeitig 1865 und 1867 abgelegt. Die dazwiſchen liegenden Jahre der praktiſchen Ausbildung führten den jungen Juriſten von der Anfangsſtation am Amtsgericht Konſtanz ins Murgtal nach Gernsbach zu Amtsrichter Mal le⸗ brein, dem Abkömmling einer alten Konſtanzer Familie; ferner ans Bezirksamt Lahr und endlich als Sekretariatspraktikanten ans Kreis und Hofgericht zu Freiburg. Die gute Aufnahme, die er nach ſeiner zweiten Prüfung als Referendär auf den Bezirks⸗ ämtern Lahr und Emmendingen bei ſeinen Vorge⸗ ſetzten fand, veranlaßten ihn, längere Zeit an den Eintritt in die Staatsverwaltungslaufbahn zu denken. Doch ſchreckten ihn die heraufziehenden Wolken des kirchenpolitiſchen Kampfes davor zurück. So trat er denn als Referendär bei Rechtsanwalt Schäfer, dem ſpäteren Konſtanzer Landgerichtspräſidenten, ein, der ihm in einem Zeugnis größte Gewiſſenhaftigkeit, unermüdlichen Fleiß und wiſſenſchaftliche Durch⸗ dringung der Rechtsfälle nachrühmt. Im Dezember 1869 verband ſich der erprobte Juriſt mit Rechts⸗ anwalt Mündel in Waldshut zur Ausübung der Anwaltspraxis. Die Waldshuter Jahre, die zugleich ſeine erſten glücklichen Ehejahre an der Seite einer Lebensgefährtin waren, die den Beruf der Frau in rührender Hingebung erfüllte, legten den Grund für die geiſtigen Intereſſengebiete, mit denen er fortan ſich die Erholungsſtunden und Ferienwochen des oft aufreibenden und aufregenden Anwaltsberufs ver⸗ ſchönte und verkürzte. Schon in dieſer erſten Periode ſeiner öffentlichen Wirkſamkeit wurde Beyerle der unerſchrockene Ver⸗ teidiger des katholiſchen Klerus in den kirchenpolitiſchen Prozeſſen, welche die Geſetzgebung Jollys zeitigte. Er folgte mit ſeinem mutvollen Auftreten den Bahnen Karl Beyerle. 19 ſeines Lehrers Buß. Das hatte ihm viele Freunde im katholiſchen Lager erworben. Daher kam es, daß ſchon im Jahre 1873 die Spitzen der kurz zuvor ge⸗ gründeten katholiſchen Volkspartei, Lender und Förderer, den jungen Rechtsanwalt aufforderten, ein Landtagsmandat anzunehmen. Doch konnte er ſich zu dieſem dornenvollen Amte nicht entſchließen. Im Jahre 1875 ſiedelte Beyerle nach Konſtanz über, wo ihm ein größerer Wirkungskreis am Hof⸗ gericht in Ausſicht ſtand. Ohne politiſchen Ehrgeiz kam er in ſeiner Vaterſtadt an. Er ging ganz ſtill und ruhig ſeinem Berufe als Rechtsanwalt nach, ohne ſich zunächſt am politiſchen Leben zu beteiligen. In der Offentlichkeit wurde er erſt durch ſeine Verteidigungen bekannt. Der kirchenfeindliche Geiſt, der damals jahrelang die Preſſe und öffentliche Meinung be⸗ herrſchte, drang ſelbſt in die Gerichtsſäle ein. Und da war es neben Herrn von Wänker in Freiburg be⸗ ſonders Beyerle, der ſich aus innerſter Anteilnahme der oft ſchlecht behandelten Anklagen annahm. Das trug auch ihm perſönlich manche Verunglimpfung ein. Es ſoll nur daran erinnert werden, wie ein ſchneidiger Staatsanwalt einmal, als der Verteidiger Beyerle bei Gericht gegen die ſchroffen perſönlichen Angriffe des Anklagevertreters auf ſeinen Klienten, Pfarrer Neu⸗ gart, proteſtierte, ihm zurief:„Wenn das, was ich hier ſagte, dem Herrn Verteidiger nicht paßt, dort iſt die Türe.“ Eine ſchwächliche Beruhigungsbemerkung des Vorſitzenden war die einzige Folge. Als Juriſten von guter Schulbildung zeichneten ihn, wie früher in Waldshut, auch im neuen Wirkungskreiſe Sorgfalt in Herausſtellung des Tatſächlichen und der Rechtsfrage aus. Die Umgeſtaltung der deutſchen Geſetzgebung ſeit den Reichsjuſtizgeſetzen erlebte er bewußt mit und war beſtrebt, den neuen Rechtsſtoff mit Eifer und 2* 20 Karl Beyerle. wiſſenſchaftlicher Gründlichkeit ſich anzueignen. Die Ferienwochen im Gebirge waren oft genug der Er⸗ weiterung ſeines juriſtiſchen Wiſſens mitgewidmet. Beyerle war ein Rechtsanwalt von tiefer Auf⸗ faſſung der oberſten Berufspflicht, Sachwalter der Gerechtigkeit zu ſein. Selbſtlos ſtand ſein Rat den Armen zur Verfügung; aber auch den Vermöglichen gegenüber ließ er nie ſeine vornehme Auffaſſung des Parteimandats außer Augen. Angehörige aller Par⸗ teien und Konfeſſionen vereinte er jahrzehntelang in ſei⸗ nem Klientenkreiſe. Er war nicht nur der Rechtsbeiſtand des katholiſchen Klerus, ſondern auch der ſtändige Ver⸗ treter des katholiſchen Oberſtiftungsrates in manchen ſchwierigen, kirchenrechtlichen Prozeſſen. Der Hegau⸗ adel zog ihn in ſeinen Rechtsangelegenheiten zu Rate. Im Landvolke hatte er vielen Anhang und erwarb er ſich reichen Dank. Bei ſeinen Berufsgenoſſen ſtand er im beſten Anſehen und war ſchließlich der Senior der Konſtanzer Rechtsanwälte. Nach dem Tode Beyerles ſchrieb ein feinempfindender israelitiſcher Kollege an die Angehörigen des Verblichenen:„Ich habe keinen Anwalt je getroffen, der in gleicher Weiſe äußerſtes Eintreten für die Partei mit der Nobleſſe des Standes vereinigte. Er war uns allen ein leuchtendes Beiſpiel.“ Nichts anderes beſagen die von Herzen kommenden Worte, welche ihm nach jahrzehntelanger Verufs⸗ bekanntſchaft Rechtsanwalt Winterer ins Grab nach⸗ rief:„Du warſt ein Gerechter, nicht nur mit Worten und Lippen, ſondern in Wahrheit und in der Tat, in nie verſagender Betätigung der Nächſtenliebe und in größter Selbſtloſigkeit.“ Große Verdienſte erwarb ſich Beyerle um das katholiſche Vereinsleben in Konſtanz. Seine guten juriſtiſchen Kenntniſſe, ſeine Anſpruchsloſigkeit, ſeine ſtete Bereitwilligkeit, für Gerechtigkeit, Freiheit und Karl Beyerle. 21 Schutz der religißſen Geſinnung einzutreten, brachten es im Laufe der 1880er Jahre dazu, daß Beyerle in der katholiſchen Partei im Seekreis wie im katholiſchen Vereinsleben zu Konſtanz nach und nach ungewollt eine führende Rolle einnahm. Dabei war ihm der ſcharfe politiſche Kampf innerlich nie gelegen. Er war ſeiner Natur nach ſtets zu Frieden und Ausgleich geneigt, ohne ſeinen Grundſätzen etwas zu vergeben. Wenn er nicht in ſo rückſichtsloſen Kampfzeiten gelebt hätte, wäre er vielleicht nie politiſch hervorgetreten. Von beſonderer Bedeutung wurde es für Beyerle, daß er im Konſtanzer Männerverein einen dank⸗ baren Zuhörerkreis fand, dem er die Früchte ſeiner Mußeſtunden in populärwiſſenſchaftlichen Vorträgen vorlegte. Er fand ſo neben der Politik des harten äußeren Abwehrkampfes einen Boden, der ihm un⸗ gleich mehr zuſagte und ihm zugleich die Anregung ge⸗— währte, deren ſeine zu ſchüchterner Beharrung nei⸗ gende Natur bedurfte. Den Anſtoß gab dazu das Konradijubiläum von 1876, während die Konſtanzer Katholikenverſammlung von 1880 erneuten Schwung in das Vereinsleben brachte. Als weiterhin der ſeit 1875 von Brugier und Schober ins Auge gefaßte Plan einer Reſtauration des Konſtanzer Munſters tatkräftig angefaßt und ein Münſterbauverein gegründet wurde, bot ſich Herrn Beyerle eine zweite Gelegenheit, ſein geſchichtliches Wiſſen in den Dienſt einer guten Sache zu ſtellen. Er wurde ſtändiger Mitarbeiter der Zeitſchrift:„Das alte Konſtanz“. Ebenſo wurde er Mitglied des Boden⸗ ſeegeſchichtvereins und blieb ein eifriger Förderer desſelben. Obwohl ſich der Unermüdliche nie zu einer ihm wiederholt angebotenen Kandidatur für das Par⸗ lament entſchließen konnte, war er doch in den 22 Karl Beyerle. 1880er und 1890er Jahren der rührige Vorſitzende und Organiſator der Zentrumspartei im badiſchen Oberlande. Er trat häufig in öffentlichen Wahlver⸗ ſammlungen auf, leitete Rückſprachen mit den Ver⸗ trauensmännern, bediente die Preſſe mit Berichten und Leitartikeln und ſtellte ſich ſeiner Partei bei den Wahlgeſchäften ſelbſt zur Verfügung. Es liegen Ent⸗ würfe für manche Wahlrede aus ſturmbewegter Zeit von der Septennatswahl 1887 bis zur Reichstags⸗ auflöſung 1906 vor. Alle ſind frei von Verun⸗ glimpfung des Gegners und getragen von hohem Ge⸗ dankenſchwung für ſeine kirchenpolitiſchen Ideale, die er im Einklang wußte mit echt deutſcher Liebe zu Vaterland und Volk. Ein vollgerütteltes Maß von Verdienſten erwarb ſich Beyerle um die Zentrumspreſſe in Konſtanz. Als am 1. Januar 1912 der Preßverein daſelbſt ſein ſilbernes Jubiläum feiern konnte, gab er, der als Mitbegründer und langjähriger Direktor alle Schwie⸗ rigkeiten miterlebt hatte, einen außerordentlich in⸗ tereſſanten Rückblick über das Entſtehen und den Werdegang des Preßvereins. Große Opfer an Zeit, Geld und Arbeit brachte er viele Jahre hindurch dieſem Vereine. Er leitete die allwöchentlichen Sitzungen des Vorſtandes, die jahrelang einen Kern des politi⸗ ſchen Lebens der Konſtanzer Katholiken bildeten. Er verteidigte in manchen aufregenden Prozeſſen die Schriftleiter der„Konſtanzer Nachrichten“ und be⸗ diente dieſes Hauptblatt der Zentrumspartei im See⸗ kreis mit Artikeln in wichtigen Angelegenheiten des allgemeinen politiſchen Lebens, wie in den inneren Fragen ſeiner Vaterſtadt Konſtanz. Gerne ſteuerte der eifrige Mitarbeiter liebevolle Nachrufe auf ver⸗ ſtorbene Freunde oder Geſinnungsgenoſſen bei, eben⸗ ſo kleinere und größere Beiträge geſchichtlichen Karl Beyerle. 23 Inhalts ſowie Berichte über Verſammlung des hiſtori— ſchen Vereins. Er unterhielt aber auch zu der benach⸗ barten Zentrumspreſſe die beſten Beziehungen, beſon⸗ ders zu der von ihm ſeit Beginn der 1870er Jahre mit warmem Intereſſe begleiteten„Freien Stimme“ ſeines Freundes Werber in Radolfzell. Frühzeitig wurde Rechtsanwalt Beyerle als Mitglied des Bürgerausſchuſſes in Konſtanz gewählt. In dieſem Stadtparlament trieb er zum Wohle der Bür⸗ gerſchaft Kulturpolitik im guten Sinne. Er war da⸗ neben für Sparſamkeit im Staatshaushalte, ein warmer Vertreter des Mittelſtandes und Handwerks, ein lebhafter Verfechter bedrohter katholiſcher Einrich⸗ tungen, wie der Förderung kirchlicher Neuſchöpfungen. Für die Aufrechthaltung und wohlwollende För— derung des Lehrinſtituts der Dominikanerinnen von Zofingen hat er manche Lanze gebrochen. Mit Schmerz verfolgte er es, daß im Lauf der raſch ſich vollziehenden Bevölkerungsbewegung unſerer Städte der katholiſche Charakter ſeiner Heimatſtadt Einbußen erlitt, und daß die offizielle Stadtvertretung immer mehr genötigt war, ſich auf einen ſtreng inter⸗ konfeſſionellen Standpunkt zu ſtellen und darüber alle katholiſchen Veranſtaltungen, auch ganz große, unbe— achtet zu laſſen. Trotz alledem verfiel er nicht in Verdroſſenheit. Er behielt bis zuletzt einen offenen Blick für alles, was dem Anſehen der Stadt nach innen und außen dien⸗ lich ſein, beſonders aber auch, was ihre reiche Ge— ſchichte im Leben der Gegenwart zur Geltung bringen konnte. Dieſe Hingabe und Tätigkeit im Dienſte der Stadtpolitik fand aufrichtige Anerkennung, als Beyerle zur letzten Ruhe gebettet wurde. Damals ſchrieb der frühere Oberbürgermeiſter Weber an die Witwe des Heimgegangenen:„Er durfte zurück⸗ 24 Karl Beyerle. blicken auf ein reines Leben voll reicher und erfolg⸗ reicher Arbeit, edlen Strebens und unermüdlichen Schaffens für den Beruf, die Gemeinde und die Kirche. Wie ſelten einer verſtand er es, den feſten Willen in eine verſöhnliche Form zu kleiden und beſonders in Gemeindeangelegenheiten war es ſeine entgegen⸗ kommende Art, die ſo oft auf den auch von mir ange⸗ ſtrebten mittleren Weg leitete.“ Noch ein Verdienſt müſſen wir rühmend an Beyerle hervorheben, es iſt ſeine Mitarbeit auf ſozialem und caritativem Felde. Faſt alle Vereine in Konſtanz, die auf verſchiedenen Gebieten ihre ſegensreiche Tätigkeit entfalten, zählten ihn zu ihren Förderern und Gönnern. Im Dienſtbotenverein St. Marienhaus war er der rechtskundige Berater. Bei der Ausgeſtaltung des Vinzentius-Schweſtern⸗ hauſes wurde er öfters zu Beratungen angerufen. Dem ehrwürdigen Frauenkloſter Zofingen, dem ein⸗ zigen der aus dem mittelalterlichen Kloſterleben auf uns gekommenen Konvente der Stadt Konſtanz, ſtand er in Zeiten der Bedrängnis bei. Seit Jahren hatten ſich bei dem ſchaffensfreudigen Manne Vorboten des Todes eingeſtellt, zuerſt bei einem Alpenſpaziergang in Davos, wo er bei der Schweſter eines lieben Konſtanzer Freundes gaſtlich aufgenommen und gepflegt wurde. Seine trotz harter Jugend und trotz zarter Veranlagung zähe Natur leiſtete Widerſtand. Bis in ſein letztes Lebensjahr blieb der ehrwürdige Greis geiſtig rege und körperlich friſch. Die hagere, asketiſche Geſtalt, das tiefgefurchte ernſte Antlitz, belebt von einem Augenpaar, milde und lebendig zugleich, umrahmt von kräftigen, ſchwarzen Haupthaaren, ſchien noch immer ungebrochen. Erſt im letzten Jahre verzehrte ſich ſeine Kraft und er— müdete ſein Herz. Manche liebe Gewohnheiten mußte Karl Beyerle Karl Beyerle. 25 er aufgeben, ſo den täglichen Beſuch der hl. Meſſe, den regelmäßigen Frühſpaziergang uſw. In dieſen Tagen, wo der Tod ſeine Schatten vorauswarf, machte Beyerle ſein Teſtament. Es iſt kurz und ſchlicht. Er ſpricht von der Sorge um die gute Mutter des Hauſes. Sein künftiges Grab ſoll ein einfaches, ſchmiedeiſernes Kreuz ſchmücken, aufgerichtet auf einem Steinblock, zu dem er, der Freund der Steine, ſelbſt die Geſteinsart wählte. Nicht leicht hat es dem guten Manne der Tod gemacht. Erſt nach mancherlei Mühſal und einer ſchweren Leidenswoche wurde er am Morgen des 2. Dezember 1915 den Seinigen genommen. Die Worte, die zwei Tage ſpäter, am 4. Dezember, an dem Grabe des im Herrn Entſchlafenen aus berufenem Munde geſprochen wurden, die Beileidsſchreiben, die ſeinen Hinterbliebenen aus nah und fern, von hoch und nieder zugingen, bezeugten das einſtimmige Ur⸗ teil, daß eine edle Perſönlichkeit von lauterſten Eigen⸗ ſchaften des Charakters dahingegangen war. Nur ein paar der ſchönen Zeugniſſe, die dem Unvergeßlichen ausgeſtellt wurden, ſeien angeführt. Ein Rechtsanwalt aus dem badiſchen Mittellande ſchilderte ihn als„einen äußerſt gewiſſenhaften, ſelbſtloſen und von Gottes⸗ und Menſchenliebe überfließenden Charakter“ und meint von ihm:„Ich hatte bei jedem Zuſammentreffen mit ihm das beſtimmte Gefühl gehabt, mit einem Manne von heiligmäßigem Wandel zuſammen zu ſein. Ich habe ihn wie einen Vater geſchätzt und geliebt.“ Ein anderer Herr ſchrieb die ſchönen Worte:„Niemand hat dieſen herrlichen, bedeutenden und ſo beſcheidenen und liebenswürdigen Mann gekannt, der jetzt nicht von echter Trauer um ihn erfüllt wäre. Was er für das katholiſche Leben in Konſtanz getan und erreicht hat, iſt unvergeßliches Werk. Wieviel Leben hat er nicht durch die Macht ſeines milden Vorbildes ge— 2 Karl Beyerle. ſchaffen und gehalten!“ Eine adelige Dame aus Kon⸗ ſtanz nannte ihn„den Bahnbrecher für den Katholizis⸗ mus in Konſtanz in fernen ſchweren Zeiten und bis zur Stunde“. Der Zuſammenklang all dieſer Stimmen ergibt, daß Beyerle durch den inneren Reichtum ſeines Weſens, durch ſeine aus tiefer Frömmigkeit geborene ſelbſt⸗ loſe Menſchenliebe vielen vieles geweſen iſt; den Seinigen war er alles, Gatte, Vater und unauslöſch⸗ liches Vorbild. 2 JN l e . G 8 8— —— Hermann Dimmler, Muſikdirektor. m 18. April 1903 ſtarb in Freiburg ein Mann, A der auf das geiſtige Leben einen ebenſo be— deutenden wie wohltätigen Einfluß ausgeübt, der auf muſikaliſchem Gebiete eine führende Stellung eingenommen hatte. Der Dahingeſchiedene, deſſen Tod in allen Kreiſen der Bevölkerung tief betrauert wurde, zeichnete ſich auch als Menſch und Chriſt aus. Der ſchlichte, talentvolle Mann hieß Hermann Dimmler. Geboren den 11. Auguſt 1843 als Sohn einer acht⸗ baren Kaufmannsfamilie zu Rottweil am Neckar, offenbarte der junge Dimmler ſchon früh muſikaliſche Talente. Im Jahre 1848, da Hermann kaum 5 Jahre alt war, kam mit anderen Soldaten auch ein Tromm⸗ ler ins Quartier zu ſeinen Eltern. Der Knabe zeigte Freude an dem Trommelſpiel, lernte es ſehr raſch und nach kurzer Zeit durfte er mit den Muſikern der Stadt ausrücken und dabei die Trommel rühren. Wer immer Zeuge ſein durfte von dieſem Jugendſpiel, war erfreut über den hoffnungsvollen Jünger der Kunſt. Der Tambour machte die Mutter auf das Talent, das in dem Sohne ſtecke, aufmerkſam und bat ſie, dafür zu ſorgen, daß Hermann eine Muſikſchule beſuchen dürfe. Kaum 8 Jahre alt, erhielt der Knabe Klavierſtunden und er fand eine ſolche Luſt und Freude an dieſem 28 Hermann Dimmler. Unterricht, daß es ihm unbegreiflich ſchien, wie ſich ſeine einzige Schweſter nicht entſchließen konnte, mit ihm denſelben Unterricht zu genießen. Leider ſtarb der Vater recht früh. Erſt 8 Jahre alt, war Hermann Halbwaiſe; ſein fünf Jahre älterer Bruder kam in die Lehre nach Kenzingen zu einem Kaufmann. Die Mutter meinte, als es ſich um die Berufswahl von Hermann handelte, es wäre wohl am beſten, wenn er ſich auch dem Kaufmannsſtande widme, damit beide Brüder ſpäter gemeinſchaftlich das Geſchäft des Vaters übernehmen könnten. Die gute Frau wollte durchaus nicht geſtatten, daß ihr Sohn den Beruf eines Muſikers ergreife, denn auf dem Lande hieß damals Muſiker werden ſoviel als ein Lump werden. Allein wie Dimmler in ſeinen Notizen uns erzählt, war die Muſik ſein Leben.„Ein guter Lehrer gab mir Unterricht. Einmal erinnere ich mich, daß, nachdem ich eine Stunde geſpielt hatte, ich zu den Ge⸗ ſpielen hinausſpringen wollte. Ich durfte nicht und übte weiter, aber nicht gern. Später ſpielte ich dann 5—6 Stunden im Tag, machte meine Schulaufgaben bei Nacht. Eine Tante, die ſchön ſang und muſikaliſch war, half mir die Mutter zu beſtimmen.“ Hermann kam nun an das Konſervatorium nach München, allerdings vorerſt nur zur Probe, denn für den Fall, daß er ſich anders entſchließen könnte, war ſchon eine Lehrſtelle in einem Kaufhaus zu Heidelberg vorgemerkt. Voll Freude und Glückſeligkeit, der Muſik ſich widmen zu können, nahm er auch Abſchied von ſeinem Seelſorger in Rottweil. Der Pfarrer meinte beim letzten Händedruck:„Hermann, werd' nur kein Muſikantenlump.“ Am 15. Februar fand Dimmler Aufnahme als Schüler am Konſervatorium zu München. Als Direktor Hermann Dimmler. 29 durfte er den berühmten Künſtler Franz Hauſer“) beſitzen, der von 1846 bis 1865 die Anſtalt leitete. Volle drei Jahre blieb Hermann Dimmler an der Hochſchule für Muſik in Bayerns Hauptſtadt; alle Zeugniſſe, die er jeweils bei den Prüfungen empfing, rühmen ebenſo ſein reiches Talent, ſeinen ausgezeich— neten Fleiß, wie ſeine glänzenden Fortſchritte. Auf Erkundigungen ſeitens der Mutter ſchrieb einer ſeiner Lehrer, Profeſſor Leonhard, am 4. Juli 1859 an einen Freund in Rottweil: „Ich freue mich, Ihnen vom jungen Dimmler, der als Zögling bereits ſeit einem Jahre in dieſer Eigen— ſchaft mein Schüler geweſen iſt, nur Gutes auf Ihre Anfrage berichten zu können. Sie wiſſen ſelbſt, wie ſchwer es iſt, über eigentlichen muſikaliſchen Beruf eines jungen Menſchen auch bei langjähriger Er⸗ fahrung zu urteilen; das darf ich Ihnen jedoch unter vier Augen geſtehen, daß ich, was ſeine Fähigkeiten anbelangt, unter der großen Anzahl Schüler, die mir ſeit beinahe 7 Jahren anvertraut waren, nur wenige gehabt habe, denen ein ähnlicher, ſogenannter muſika⸗ liſcher Inſtinkt und Natur nachzurühmen geweſen wäre. Natürlich kann ich hier bloß eben von ſeiner Befähigung für das Klavier ſprechen, wo ich ihm einen fortgeſetzten Unterricht erteilt habe. Ich habe aber auch häufig Gelegenheit genommen, mich ſeiner wei⸗ teren muſikaliſchen Anlagen vorkommenden Falls zu vergewiſſern und dabei immer gefunden, daß ich eine vorzugsweiſe muſikaliſche Natur vor mir habe. Er *) Franz Hauſer lebte in ſeinen letzten Jahren zu Frei⸗ burg und ſtarb als treuer Freund Hermann Dimmlers im Mutterhaus der Barmherzigen Schweſtern; er hinterließ eine reiche Sammlung von Muſikwerken und Liedern. Franz Hauſer war der Vater des Kammerſängers Joſef Hauſer in Karlsruhe. 30 Hermann Dimmler. faßt ſehr ſchnell, behält ziemlich ſicher und richtet nicht bloß auf das Äußerliche, die Form, ſondern nament⸗ lich auch auf das Tiefere, den Sinn und Geiſt, ſein Augenmerk. Was Fleiß und Ausdauer betrifft, ſo hat er ſich den beſten meiner Schüler zugeſellt und ich wüßte nicht, daß er ſeit der Zeit, daß ich mit ihm ver⸗ kehre, mir je Veranlaſſung gegeben hätte, irgend welchen Unfleiß oder auch nur Läſſigkeit zu rügen.“ ....„Teilen Sie daher der beſorgten Mutter gefälligſt alles mit, was ich Ihnen geſchrieben, und erklären Sie ihr, daß ich damit ihrer eigenen perſönlichen Ent⸗ ſcheidung nicht vorgreifen will.“ Die ungeteilte Hingebung an das Studium, der eiſerne Fleiß und die beharrliche Ausdauer nahmen die Kräfte des Jünglings ſo in Anſpruch, daß ſich eine ſchwere Krankheit einſtellte. Die Nerven waren zer⸗ rüttet. Der Arzt erklärte der bekümmerten Mutter, ihr Sohn würde höchſtens noch 14 Tage leben; denn der Kranke war faſt wie gelähmt, er konnte kaum mehr einen Ton auf dem Klavier anhören. In dieſer ſchmerz⸗ lichen Lage wünſchte Hermann Dimmler oft, er möchte den Bodenſee einmal ſchauen, denn er hoffte, in See⸗ bädern Heilung zu finden. Allein man riet der Mutter ab, dem kranken 18jährigen Sohne den Willen zu er⸗ füllen, weil Hermann unterwegs ſterben werde. Doch die Liebe zum Kinde überwand alle Hinderniſſe. Mutter und Sohn legten unter großen Opfern und Mühen in jener Zeit, da noch keine Eiſenbahn fuhr, täglich einige Stunden von dem weiten Weg zurück. Zuletzt kamen beide nach Altdorf in die Schweiz, wo der faſt hoffnungsloſe Kranke eine Kaltwaſſerkur durchmachte. Die ſanfte Ruhe, die würzige Luft, die kräftige Milch wirkten zuſammen, um nach und nach dem ſchwachen jungen Muſiker wieder neue Kräfte zu bringen. Hermann Dimmler. 31 Als nach einiger Zeit zur Freude der Mutter Her⸗ mann wieder hergeſtellt war, lagerten ſich die Um⸗ ſtände durch Gottes Vorſehung ſo günſtig, daß der Geneſene nach Freiburg überſiedelte, wo er ein reiches Arbeitsfeld für ſein ganzes Leben antreten ſollte. Im Herbſt 1863 war nämlich ſeine Schweſter in ein Penſionat nach Freiburg gekommen, wo ſie ein ſo furchtbares Heimweh ergriff, daß ſie ganz krank⸗ hafte Briefe nach Hauſe ſchrieb. Inſtändig flehte das Mädchen, Hermann möge ſie doch beſuchen. Der gute Bruder erfüllte den Wunſch und benutzte die Gelegen⸗ heit für eine Erholung in der Dreiſamſtadt zur völligen Herſtellung ſeiner Geſundheit. Die Aufnahme in Frei⸗ burg war eine recht herzliche, denn kaum acht Tage weilte Hermann Dimmler in der Perle des Breisgaues, da meldeten ſich ſchon einige Schüler, die von ihm Unterricht im Klavierſpiel wünſchten. Er erzählt 25 Jahre ſpäter über dieſen günſtigen Anfang folgendes:„Als ich zur Erholung von ſchwerer Krankheit aus meiner ſchwäbiſchen Heimat Rottweil über den Schwarzwald nach Freiburg wanderte, hatte ich keine Ahnung, daß in Freiburg ſo liebe Menſchen wohnten, die mich, den Fremden, wie einen der Familienangehörigen aufnahmen, mir den Weg zu einer muſikaliſchen Wirkſamkeit eröffneten und meine muſikaliſchen Beſtrebungen zu den ihrigen machten, ſo daß ich mich bald in voller Tätigkeit befand.“ Oft äußerte Dimmler im Verlauf der Jahre ſeiner Schweſter gegenüber:„Dir habe ich es zu verdanken, daß wir hier ſind; hätteſt du kein Heimweh gehabt, wäre ich nicht hierher gekommen.“ Zum erſten Mal trat Hermann Dimmler in Frei⸗ burg öffentlich als Klavierſpieler am 14. Januar 1864 in der akademiſchen Aula auf, wo von Hofmuſikus Eichhorn ein Konzert klaſſiſcher Kammermuſik ge— 32 Hermann Dimmler. geben wurde. Die„Freiburger Zeitung“ brachte in ihrem Berichte folgende Anmerkung:„In demſelben machten wir die Bekanntſchaft des Hermann Dimmler, eines jugendlichen Künſtlers, welcher eben ſeine Studien in München beendet hat und ſich hier als Klavierlehrer niederzulaſſen gedenkt. Wir glauben uns zu dieſer Vermehrung unſerer muſikaliſchen Kräfte Glück wünſchen zu dürfen, indem Herr Dimmler ſich nicht nur als vollſtändig tüchtiger Klavierſpieler, ſon⸗ dern auch als gründlicher Muſiker überhaupt einge⸗ führt hat.“ Am 24. November desſelben Jahres konnte das⸗ ſelbe Blatt verſichern:„Herr Pianiſt Dimmler ſpielte mit ſeltener Bravour eine der ſchwierigſten Klavier⸗ kompoſitionen— es war bei einem Konzert in der Aula— und rechtfertigte aufs neue ſeinen Ruf eines gediegenen Künſtlers, deſſen Talenten ſich vorausſicht⸗ lich noch eine glänzende Zukunft eröffnen wird.“ Dimmler war in der Tat ein vorzüglicher Klavier— ſpieler. Mit einer großen Technik verband er ein be⸗ wunderungswürdiges Geſchick, eine Kompoſition in ihrer innerſten Tiefe zu erfaſſen und ihren Inhalt ſeinen Zuhörern zu vermitteln. Es war ein ſeelen⸗ volles Spiel, das alles mit ſich fortriß. Kein Wunder, daß er ſtets einen großen Schülerkreis und zwar aus den vornehmſten Familien zu unterrichten hatte. Er erzielte durchgehends ſehr gute Erfolge und zog manche hervorragende Klavierkünſtler und Künſtlerinnen als Lehrer heran. Namentlich war er wegen ſeines freundlichen, hei⸗ teren Weſens und der dem Jugendcharakter ganz an— gepaßten Methode bei Kindern ſehr beliebt, ſo daß es bei dieſen ein großes Bedauern gab, wenn einmal eine Klavierſtunde ausfallen mußte. Eine Tugend, die ihn bei den Kindern ſo lieb machte, war ſeine wohl Hermann Dimmler. 33 in einer großen Herzensgüte begründete Beſcheiden⸗ heit. Dieſe zeigte er unter anderem, als er viele Jahre lang Schulunterricht im Geſang gab. Die Auswahl der Lieder ſowohl als die Art, ſie mit den Kindern einzuüben, bezeugten wirklich, daß er es verſtanden hatte, nach des Heilands Worten,„wie die Kleinen“ zu werden. Ein ehemaliger Schüler möge es uns näher beſtätigen. Derſelbe ſchreibt: „Da ich ſeit dem Jahre 1892 faſt ohne Unter⸗ brechung regelmäßig mit Herrn Dimmler zuſammen⸗ traf, nicht nur als langjähriger Schüler, ſondern auch als junger Freund ihn öfter aufſuchte und auch in Geſellſchaften, beſonders in meinem Elternhaus mit ihm zuſammentraf, ſo glaube ich in der Lage zu ſein, Ihnen einiges berichten zu können, was vielleicht Ihnen dienlich ſein dürfte. Als Künſtler und Muſiker war er wohl zweifellos der größte und geiſtreichſte ſeiner Zeit in Freiburg ſowohl, als auch weit über die Gren⸗ zen der Stadt hinaus. Seine muſikaliſche Auffaſſung, ſeine feine und tiefe Empfindung, beſonders für Beet— hoven, gehört wohl zum Beſten, was es je gegeben hat, und wohl nicht umſonſt war Liszt ein ſo großer Freund von ihm und hat Eduard Risler noch heute eine ſo eminente Wertſchätzung von ihm, da er dem jungen Pianiſten die feinſten und intereſſanteſten Anregungen gegeben hat, wie ich aus deſſen eigenem Munde erfuhr. Die Muſikabende mit Herrn Dimmler gehören zu meinen ſchönſten Erinnerungen. Es war ein unver⸗ gleichlicher Genuß, ihm zu lauſchen. Noch nie hörte ich eine ſolch zarte Empfindung, ein ſo göttliches Piano, wie von ihm, der ja auch in der Technik vollendet war. Er war wie geſagt durch und durch Künſtler, von Gott begabt, er wußte das Klavier zu einem hauchenden, in Harmonien der Luft ſchwebenden Inſtrumente zu ge⸗ ſtalten, wobei alles Rohe oder Unzarte fehlte. Beſon⸗ Dor, Edle Männer. 3 Hermann Dimmler. ders ſchön ſpielte er die Klaſſiker. Seine Kammermuſik war wunderbar und in den letzten Jahren, als ich von Klavier zu Cello übergegangen war, konnte es für mich nichts Schöneres geben, als ein Trio von Beethoven oder Brahms mit Herrn Dimmler und meinem Vater an der Violine; wir ſpielten ſo auch einmal öffentlich und ich beſitze noch die Kritik jenes Abends. Seine Klavierſtunden, die ich ſieben Jahre lang genoß, waren äußerſt anregend und geiſtreich. Wir, d. h. mein Bruder und ich, begannen unter ſeiner trefflichen Leitung im Alter von 6—7 Jahren. Zuerſt lehrte er uns die Noten, und zwar auf eine äußerſt originelle und anregende Weiſe: Wir mußten die einzelnen Noten zum Zählen mit den Händen klatſchen, erſt ganze Noten, dann halbe uſw., ſpäter auch Sechszehntel und Triolen, und ſchließlich ſchrieb er uns freundliche Klatſch⸗Duos auf, die uns Jungen viel Spaß bereiteten, und wir lernten dadurch ſehr leicht und ſicher den Rhythmus kennen, der mir noch heute in der Kammer⸗ muſik ſehr zu ſtatten kommt und mich ungeheuer ſicher gemacht hat. Im übrigen wäre jedoch zu bemerken, daß das, was bei großen Männern ſehr leicht eintritt, bei ihm auch der Fall war; als Lehrer für Anfänger war er nicht ſo gut wie für Fortgeſchrittene. Es fehlte ihm begreiflicherweiſe die Geduld, das Klavierſpiel, be⸗ ſonders die Technik, uns in ſyſtematiſcher Weiſe durch Etüden und Fingerübungen richtig beizubringen. Zu früh ließ er uns Beethoven und Mozart ſpielen und ſchließlich fehlte uns doch die gründliche Ausbildung. In der Auffaſſung hingegen war er unübertreflflich, und wenn er ſich dann einmal ans Klavier ſetzte und uns etwas vorſpielte, ſo war es ſtets ein herrlicher Ge⸗ nuß. Sein Unterricht war, wie bereits erwähnt, außerordentlich geiſtreich, voll von Scherzen und Witzen, ja man lernte noch mehr Wortſpiele und Witze Hermann Dimmler. 35 als Klavierſpielen; alles, was er ſagte, kleidete er in gewürzte Redensarten, und nie wurde er ſchroff und hart; immer ſagte er alles, ſelbſt einen Tadel, in höf⸗ licher und witziger Form. So z. B. ſagte er häufig, wenn es zu raſch war: „So ſchnell kann man ja gar nicht hören,“ oder:„Voila la main droite et voici la main maladroite.“ Wenn die linke Hand falſch war, pflegte er zu ſagen:„Die Linke ſoll nicht wiſſen, was die Rechte tut“, oder„Dort unten aber iſt's fürchterlich“, manchmal beim Daneben— greifen:„Ich kann nicht leugnen, ich habe nie getroffen“ (Freiſchütz). Ich könnte noch zahlreiche ſolcher Aus⸗ ſprüche anführen; beſonders geiſtreich waren auch die Anekdoten und luſtigen Geſchichtchen, mit denen er die Stunde ausfüllte. Wenn er ſich einmal ans Klavier ſetzte und über das betreffende vorliegende Stück zu phantaſieren begann, ſo hörte er nicht mehr auf vor Ende der Stunde; es war ſtets ganz herrlich, obwohl er ja als Komponiſt!“) faſt gar nicht tätig war.“ Im Verlauf der nächſten Jahre ſehen wir des öftern den geſuchten Künſtler als Dirigenten bei größeren und kleineren Konzerten im Saale des Muſeums; denn es genügte ſeinem Eifer nicht, die Lehrtätigkeit ausſchließ⸗ lich auf das Klavier zu beſchränken; ja ſeine Laufbahn war ein fortwährendes Streben nach Höherem. Über den engen Geſichtskreis ſo mancher Muſiker drängte ihn ſein tief veranlagter Geiſt hinaus, denn ihm erſchien ſtets nur das wahrhaft Große und Echte in der Kunſt begehrenswert. Dieſe vornehme Geiſtes⸗ richtung, verbunden mit einem unter Aufbietung aller Seelenkräfte erworbenen fachmänniſchen Wiſſen und Können, ſtempelte ihn zum wahren Künſtler. Dieſes ) Dimmler hat verſchiedene Lieder geiſtlicher und welt⸗ licher Art komponiert. Sie ſind bei Ruckmich(Freiburg) er⸗ ſchienen. 3* 36 Hermann Dimmler. unaufhaltſame Streben brachte ihn mit einem der größten Tonkünſtler des vorigen Jahrhunderts zu⸗ ſammen: mit Franz Liszt verband ihn eine freundliche Geſinnung. Im Jahre 1875 hatte Dimmler das Glück, zum erſtenmal mit Meiſter Liszt in der kunſtliebenden Stadt Weimar zuſammenzutreffen. Dort wurde das Band aufrichtiger Freundſchaft zwiſchen beiden edlen Männern geſchloſſen. Ein ziemlich häufiger Brief⸗ wechſel ſtärkte dieſen Bund der Treue und gegenſeitiger Liebe. Nicht weniger als viermal durfte Dimmler in der Villa d'Eſte zu Rom mit Liszt, dem Fürſten der Muſik, verkehren. Solche angenehme Stunden zählten bei unſerem ſtrebſamen Muſikfreunde für Jahre, wogen Jahre auf und wirkten noch auf Jahre. Um ſeinen Wirkungskreis zu erweitern, gründete Dimmler im Jahre 1877 den„Philharmoni⸗ ſchen Verein“, der im Gegenſatz zu ſeitheriger Ge⸗ pflogenheit geſellſchaftlicher und unterhaltender Art ausſchließlich muſikaliſche Ziele verfolgen ſollte. Mit dieſer Gründung gewann er einen maßgebenden Ein⸗ fluß auf das muſikaliſche Leben der Stadt Freiburg. Das war den führenden Liberalen jener unheilvollen Kulturkampfzeit ein Dorn im Auge. Darum erſchien in der„Badiſchen Landeszeitung“ im„Sprechſaal“ ein ungemein häßlicher Artikel, worin geklagt wurde,„daß ultramontane Elemente ganz harmlos ſich in den ver⸗ ſchiedenſten Kreiſen des gewerblichen und geſelligen Lebens einzuniſten ſuchten“. Dimmler ſelbſt wurde ganz abfällig beurteilt. Die Entrüſtung in der Stadt Freiburg über ſolche Angriffe war allgemein. Der Leiter des„Philharmoniſchen Vereins“ lebte ſo ſehr für die Kunſt und ihre Ideale, daß er es verſchmähte, ſich gegen ſo niedrige Anſchuldigungen zu verteidigen. Erſt nach Ablauf einer ſſegensreichen Wirkſamkeit des Hermann Dimmler. 37 Vereins gab Dimmler einen Bericht heraus, der zu— gleich die beſte Abwehr gegen engherzige Vorurteile kleinlicher Gegner bildete. Er ſchrieb im Jahre 1884: „Die Gründung des„Philharmoniſchen Vereins“ ent⸗ ſprang einem längſt gehegten und oft ausgeſprochenen Wunſche des hieſigen muſikaliſchen Publikums, auch hier in Freiburg ein Konzertinſtitut zu beſitzen, welches denen unſerer Nachbarſtädte, Baſel, Baden-Baden und Straßburg ähnlich, durch feſte Garantien fremde Künſt⸗ ler für regelmäßige Abonnements⸗Konzerte engagieren würde. Die Pflege des Chorgeſanges war mit ein Hauptzweck der Gründung; der Chorgeſang ſollte den aufzuſtellenden Programmen eine Grundlage geben und die den aktiven Mitgliedern des„Philharmoniſchen Vereins“ ſpeziell zufallenden Aufgaben repräſentieren; Orcheſter und Kammermuſikwerke ſollten gleichfalls in die Programme aufgenommen werden. Außerdem wurde bei der Gründung des„Philharmoniſchen Vereins“ beſtimmt, daß derſelbe ausſchließlich muſika⸗ liſchen Zwecken dient und ſomit alle anderen Be⸗ ſtrebungen ausgeſchloſſen bleiben.“ Dimmler ſcheute keine Opfer und keine Mühe, um den Verein nach innen und außen zu heben und zu fördern. Er ließ jeweils bei größeren Darbietungen erſtklaſſige Kräfte kommen. Am 22. November 1877 wurde der Verein gegründet und bereits am 5. De⸗ zember nachher trat er mit einem Konzert unter Mit⸗ wirkung des berühmten Pablo de Saraſate an die Sffentlichkeit. Die Zahl der aktiven Mitglieder be⸗ trug damals 34, im Jahre darauf ſtieg ſie auf 68, und im Jahre 1884 zählte der Verein 161 aktive Mitglieder 6 Sopran, 34 Alt, 21 Tenor und 50 Baßſtimmen). Mit der Gründung des„Philharmoniſchen Vereins“ errichtete Dimmler gleichzeitig eine Chorgeſangsſchule Hermann Dimmler. auf Grund der Wüllnerſchen Chorgeſangsübungen, wodurch dem Verein eine ſehr bedeutende Anzahl von Chorkräften gewonnen wurde. Abonnenten ſtellten ſich gleich im erſten Jahre reichlich ein; dieſe gaben dem Verein eine feſte Grundlage. Im Verlauf der kommenden Jahre trat nie eine Erſchlaffung oder Ermüdung im Vereine ein. Am 20. Mai 1884, alſo nach 6½ Jahren, konnte er ſchon die fünfzigſte Aufführung anzeigen. Alle Konzerte wur⸗ den von Dimmler gewiſſenhaft vorbereitet und geleitet; die Programme enthielten, wenige Ausnahmen ab⸗ gerechnet, für Freiburg lauter Neuheiten. Es wurden folgende Chorwerke aufgeführt: Im Jahre 1878: Hein⸗ rich Schütz, Paſſionsmuſik; Franz Liszt, Die hei⸗ lige Eliſabeth, und von demſelben: Chor der Engel aus Goethes Fauſt. Im Jahre 1879: J. S. Bach: Die Johannes⸗Paſſion; ferner Schubert:„Der häus⸗ liche Krieg“. Im Jahre 1880: Robert Schumann: Szenen aus Goethes Fauſt. Im Jahre 1884: G. Caniſſimi: Oratorium„Jephta“; ferner Heinrich Schütz: Pſalm für Doppelchor,„Singet dem Herrn ein neues Lied“, und endlich J. S. Bach: Motette für Doppelchor„Der Geiſt hilft“. Es traten im Ganzen 75 Soliſten 111 mal auf, Geſang war 42, Klavier 15, Violine 11, Cello 5, Klari⸗ nette und Orgel je 1 mal vertreten; außerdem wirkten mit das Florentiner Quartett und das erſte öſter⸗ reichiſche Damenquartett, letzteres zweimal. Die ſchönſten und bedeutungsvollſten Ereigniſſe, welche der„Philharmoniſche Verein“ in jenen erſten Jahren zu verzeichnen hatte, waren die beiden Be⸗ ſuch ee, mit denen der Großmeiſter der Kunſt Franz Liszt die Veranſtaltungen des Vereins am 1. und 2. Mai 1881 und am 3. Juli 1882 beehrte. Nachdem Hermann Dimmler. 39 Liszt am 25. April 1881 einer Aufführung ſeines „Chriſtus“ und am 27. einem Liszt⸗Konzert Bülows in Berlin beigewohnt hatte, traf er am 29. April in Freiburg ein, wo ſein Erſcheinen ein ſchon ſeit Jahren erſtrebtes und erhofftes Ereignis war. Gleich am erſten Abend ſeiner Ankunft begab er ſich in die Probe des„Philharmoniſchen Vereins“ und erteilte allerlei Winke in Bezug auf die Aufführung ſeines„Chriſtus“, die am 1. Mai die muſikaliſche Welt Freiburgs be— wundern durfte. Tags darauf vereinigten ſich alle Mitwirkenden zur Hauptprobe für dieſes Oratorium. Die einheimiſchen Geſangskräfte des Vereins wurden verſtärkt durch den Chorverein von Baden-Baden, welcher ſchon im Jahre zuvor den„Chriſtus“ aufge⸗ führt hatte; das Orcheſter war durch Zuzug von Baſel und Baden-Baden zu einer den hohen Anforderungen Lisztſcher Kompoſitionen durchaus entſprechenden Fülle angewachſen. Die Leitung des Ganzen ruhte in den Händen unſeres Hermann Dimmler. Der vier— ſtündigen Hauptprobe wohnte Liszt von Anfang bis zu Ende bei. Die Aufführung ſelbſt war für den Diri⸗ genten Dimmler und ſeine Sänger ein Triumph. Die„Neue Züricher Zeitung“ ſchrieb in Nr. 29 vom 10. Mai 1881:„Wenn irgendwo der Boden für die Aufnahme des Lisztſchen„Chriſtus“ günſtig iſt, ſo iſt dies Freiburg. Hier kommt der größte Teil des Publi⸗ kums den religiöſen Gefühlen entgegen, die ſich darin widerſpiegeln. Wenn man vormittags in dem herr— lichen Dom einer Meſſe beigewohnt und das Dämmer— licht der farbigen Fenſter und den Weihrauch auf ſich hat einwirken laſſen, ſo iſt das die beſte Vorbereitung zum Genuß des Kunſtwerkes. Es hat denn auch an Beifall nicht gefehlt, der ſich ſtetig ſteigerte und am Schluſſe des zweiten Teils nach dem Hoſianna zu einer Ovation für den anweſenden Meiſter anwuchs. Der 40 Hermann Oimmler. verdiente Dirigent führte ihn auf das Podium, wo ſich Liszt mit jenem freundlichen Lächeln verneigte, das jeden ſofort einnimmt. Es war ein rührendes Bild, deſſen wir uns auch für den trefflichen Dirigenten Herrn Dimmler freuten, den dieſer Moment für unendliche Mühe und Anſtrengung belohnt hat.“ Das„Freiburger Tageblatt“ ſchrieb am Schluſſe eines eingehenden Berichtes:„Die Lorbeeren, die der „Philharmoniſche Verein“ dabei geerntet, wollen wir gemeinſam auf das Haupt eines anderen ſtreuen, des trefflichen Dirigenten desſelben, Herrn Muſikdirektors Dimmler. Ihm iſt die Ehre der Anweſenheit Liszts zu danken. Sein raſtloſes Streben, ſein unermüdlicher Eifer, ſein tiefes muſikaliſches Eindringen, ſeine edle Begeiſterung haben dieſe großen künſtleriſchen Taten reifen laſſen. Möge ihm der großartige Erfolg, der Dank des Meiſters eine Entſchädigung für manche Bitterkeiten, die, wie jedem Künſtler, auch ihm nicht erſpart blieben, für ſeine namenloſe Mühe der ſchönſte Lohn ſein.“ Der 1. und 2. Mai 1881 waren wohl der Höhe— punkt im Leben des Künſtlers Dimmler. Die glänzenden Erfolge bildeten für ſein raſtloſes Vorwärtsſchreiten einen Anſporn zu weiteren Unternehmungen auf muſi⸗ kaliſchem Felde. Genau 11 Monate ſpäter beging der „Philharmoniſche Verein“ die Feier des 200jährigen Gedenktages von J. S. Bach durch Aufführung der Matthäus⸗Paſſion und Vortrag der hohen Meſſe in H-⸗Moll. Für die vier großen Solopartien des erſten Werkes waren auswärtige Kräfte hervorragenden Rufes gewonnen worden. Immer auf Hohes und Großes richtete ſich Dimmlers ganzes Sinnen und Trachten, unbekümmert um den Beifall der Menge. Zum erſten Male führte er mit ſeiner getreuen Sänger⸗ ſchar am 3. Juni 1883 in der Sängerhalle eines Hermann Dimmſer Hermann Dimmler. 4¹ der großartigſten Oratorien Händels:„Israel in Aegypten“ auf. Ende Oktober 1888 konnte Hermann Dimmler das ſilberne Jubiläum ſeiner Tätigkeit in der Stadt Freiburg begehen. Ein Vierteljahrhundert war dahin⸗ gegangen, ſeit er ſchlicht und beſcheiden ſein Wirken im Dienſte der„holden Kunſt“ in dieſer muſikliebenden Stadt begonnen hatte. Der Freiburger Män⸗ nergeſangverein benutzte dieſen Anlaß, um den Gefühlen der Hochachtung und der Liebe gegenüber dem Jubilar, der ſeit Jahren Ehrenmitglied des Vereins war, zum Ausdruck zu bringen. Zwei Tage nachher, am 23. Oktober, verſammelten ſich die Mitglieder und Freunde des„Philharmonischen Vereins“, ſowie eine Anzahl Ehrengäſte zu einem Bankett im Muſeums⸗ ſaale. In Proſa und Poeſie, in Wort und Lied wurde der Gefeierte von verſchiedenen geprieſen. Der ganze Mannesernſt, mit welchem Dimmler ſtets ſeinen edlen Beruf erfaßte, ſpiegelte ſich in ſeiner Dankesrede, worin er ſein künſtleriſches Glaubenshekenntnis ablegte. Er meinte:„Ein jeder Menſch, der befähigt iſt, das Gute und Schöne in Kunſt und Wiſſenſchaft zu pflegen und zu fördern, hat unbeſtreitbar auch die Pflicht, dies in ſeinem Wirkungskreiſe nach Möglichkeit zu tun. Wenn wir aber unſeren Blick auf die Muſik richten, ſo werden wir gewahr werden, daß wir und im hervorragendſten Maße ſpeziell wir Deutſche die Pflicht haben, dieſe Kunſt zu pflegen, ſo ſehr wir nur können. Ohne Über⸗ hebung können wir ſagen, daß wir Deutſche weitaus die größten Meiſter in dieſer Kunſt beſitzen. Die⸗ ſelben haben uns Kunſtwerke hinterlaſſen, die kein zivi⸗ liſiertes Volk, welcher Nation es auch angehören mag, entbehren kann 5 „Wir erblicken in dieſen Werken zu unſerem größ⸗ ten Entzücken unſer eigenes deutſches Weſen, welches 42 Hermann Dimmler. das einemal in Momenten erhabener Betätigung, in idealer ſchwungvoller Bewegung uns zu den Sternen hinauf führt oder uns die Natur verklärt, ein ander⸗ mal den Menſchen in ſeinen ſchönſten und ſeligſten Empfindungen oder auch in den herben Drangſalen des Lebens uns vor die Seele führt, oder endlich, wie das bei Bach und Beethoven öfters der Fall iſt, in einem urgeſunden Humor ſeinen Ausdruck findet....“ „Betrachten wir den rieſigen, koſtbaren Schatz, den unſere Meiſter uns geſchaffen haben, vergegenwärtigen wir uns, unter welchen inneren und äußeren Drang⸗ ſalen, oft unter Entbehrungen, unwürdigen Verfolgun⸗ gen und Quälereien aller Art die Meiſter dieſen Schatz aus dem reichen Schachte ihres inneren Lebens zu Tage gefördert und uns geſchenkt haben. Vergegen⸗ wärtigen wir uns ferner alle Arbeit und Mühſeligkeit, welche die Aufrechterhaltung und Fortführung der mu⸗ ſikaliſchen Tradition gekoſtet hat, ſo haben wir alle Ur⸗ ſache uns zu freuen, daß uns dieſer Beſitz geblieben iſt. In den ſchweren Zeiten, in welchen unſer liebes Vater⸗ land von den furchtbarſten Übeln heimgeſucht war, haben unſere Vorfahren an der Pflege der Muſik feſt⸗ gehalten. Und wenn in Deutſchland damals ringsum faſt alles zu Grunde ging, hing der Deutſche mit uner⸗ ſchütterlicher Zähigkeit an ſeiner Muſik. Ein Gottesge⸗ ſchenk, das mit ſo unſäglichen Anſtrengungen durch die Jahrhunderte uns überliefert worden iſt, für das unſere großen Meiſter ihr Herzblut hingaben, müſſen wir mit begeiſterter Dankbarkeit hochhalten, wir müſſen die hei⸗ lige Flamme, welche in ihnen loderte, ſo weit unſere Kräfte geſtatten, in uns entzünden und zu nähren ſuchen. Das iſt unſere Pflicht. Überdies werden wir einem edlen Zuge unſeres Herzens folgen, wenn wir dem Genius der Geiſtesrieſen, welche wie koloſſale Fackeln in die Menſchheit hereinleuchten, durch gewiſſenhafte Pflege Hermann Dimmler. 43 und Wiedergabe ihrer Schöpfungen Sühne leiſten für alle die tief ſchmerzlichen Erfahrungen, welche ſie oft von verſtändnisloſen Zeitgenoſſen zu erdulden hatten.“ Im Jahre 1890 leitete Dimmler noch die „Johannespaſſion“ von J. S. Bach. Das war ſein letztes großes Konzert, das er im„Philharmoniſchen Vereine“ gab. Mit Rückſicht auf ſeine angegriffene Geſundheit trat er dann wenig mehr öffentlich auf. Alle, die ſeine gediegene Kunſt kannten, bedauerten ſeinen Rücktritt in das Privatleben. Die Freude an der Muſik bewahrte er aber bis zu ſeinem Lebensabend, ja er lebte für ihre Ideale, aus ihr ſchöpfte er ſeine ſchönſten Freuden, in ihr hatte er die liebſten Erholungen. Um alle ſeine Kräfte dieſer holden Kunſt widmen zu kön⸗ nen, verzichtete er auf die Annehmlichkeiten des Fami⸗ lienlebens, er konnte ſich nicht entſchließen, einen eige⸗ nen Hausſtand zu gründen. Seine Schweſter beſorgte das ſtille Heim und teilte mit dem Bruder alle Sorgen ſeines Berufes. Dimmler war von früheſter Jugend auf eine edle, harmoniſch abgeklärte Natur, ein ausgereifter Charak⸗ ter. Er hatte ein Herz ſo weit, ſo voll Liebe, voll Treue und hilfreichen Mitgefühls, wie man es ſelten in der großen Menge findet. Wohltun war ſeine Wonne und er tat es gern in aller Stille. Eine beſondere Art von Wohltätigkeit übte er gegen Gymnaſiaſten. Während ſeiner 40jährigen Wirkſamkeit in Freiburg hatte er im⸗ mer 3 oder 4 junge Leute um ſich, die er an beſtimmten Abenden einlud, um ſie mit ſeinem herrlichen Spiel zu erfreuen, ihnen gute Mahnungen zu geben und neben⸗ her ſie mit Speiſe und Trank zu erquicken. Einer die⸗ ſer glücklichen Gymnaſiaſten war Dr. Fiſcher, heute Dompräbendar am Münſter. Er ſchreibt:„Ich wurde mit Dimmler im Jahre 1872 als Unterſekundaner am hieſigen Gymnaſium durch Vermittlung des damaligen 44 Hermann Dimmler. Kooperators in Konſtanz, Karl Marbe, bekannt. Der Umſtand, daß ich in Anbetracht meines damaligen Alters eine ziemliche Fertigkeit im Klavierſpiel und großes Intereſſe für Muſik beſaß, bewirkte, daß ich aufs innigſte mit ihm befreundet wurde. Wir ſpielten während meiner Gymnaſialzeit viel vierhändig mitein⸗ ander, namentlich Mozart, Beethoven und Schubert. Ein Hauptgenuß für mich war aber, ſeinem herrlichen abgeklärten Spiele lauſchen zu dürfen, bei dem er mich und ſpäter zwei meiner Brüder, die ebenfalls hier ſtu⸗ dierten, allmählich in das Verſtändnis der Richard Wagner'ſchen Werke einführte.“ Hermann Dimmler zeichnete ſich auch durch eine kernige, geſunde Frömmigkeit aus. Er liebte und übte das Gebet als den perſönlichen Umgang mit Gott; täg⸗ lich konnte man ihn ſehen, wie er mit großer Andacht der hl. Meſſe anwohnte. Alle Sonn- und Feiertage ging er zu den hl. Sakramenten. Dieſe Regel hielt er feſt, auch wenn die Umſtände und Berufsarbeiten den Weg zur Kommunionbank faſt unmöglich machten. Die Intereſſen unſerer hl. Kirche gingen ihm über alles, ihre Leiden ſchmerzten ihn, ihre Freuden teilte er mit ganzem Herzen. Er kannte kein größeres Vergnügen als ſich in freien Stunden mit Laien über religiöſe Fra⸗ gen zu unterhalten. Zu dem berühmten Profeſſor und Volksſchriftſteller Alban Stolz unterhielt er freundſchaftliche Beziehun⸗ gen. Letzterer ſchreibt von ihm in ſeinem Briefwechſel mit den Schweſtern Ringseis(Seite 235):„Herr Dimmler war heute bei mir und dankte mir für die fröhliche Stunde, die er bei Euch in Tutzing zugebracht hat. Er iſt der Seele nach ein wahres Goldſtück im beſten Sinne des Wortes.“ Hermann Dimmler war Mitglied des dritten Or⸗ dens, den der hl. Franz von Aſſiſi für Leute, die in der Hermann Dimmler. 45 Welt wohnen, gegründet hat. Die Satzungen zeigen den Laien den Weg, das Leben der Vollkommenheit in ihrem Berufe zu leben. Wie in früheren Jahrhunderten ein Cimabue, Giotto, Raffael, Michel Angelo, fand auch der Künſtler Dimmler in den Satzungen dieſes über die ganze Welt ausgebreiteten Ordens Leitſterne auf dem Wege zur Vollkommenheit. Auf den Pfaden eines hl. Fran⸗ ziskus gelangte Hermann Dimmler zu einer Anſpruchs⸗ loſigkeit und Einfachheit, die ihm alle Herzen gewann. Da er mit ſeiner Schweſter ſo geringe Anſprüche an das Leben ſtellte, war es ihm möglich, zahlreiche Wohl⸗ taten in aller Stille zu ſpenden. Drei arme Theologen hatte er jahrelang unterſtützt, bis ſie ihr erſehntes Ziel erreichten. Welch zarte Aufmerkſamkeit Dimmler beſonders für Kranke hatte, erzählte erſt nach deſſen Tod eine dank⸗ bare Frau, eine frühere Klavierlehrerin, deren Mann eines der eifrigſten Mitglieder des„Philharmoniſchen Vereins“ war. Als dieſe Witwe volle ſieben Jahre an Gicht krank lag und nie das Haus verlaſſen konnte, teilte Dimmler mit der Bedauernswerten jede Freude. Empfing er von jemanden Blumen oder Früchte, ſo ſchickte er jeweils einen Teil an die Unglückliche. Da ſie nichts mehr von Geſang und Muſik zu hören bekam, ſo erſchien Dimmler an Weihnachten im Krankenzimmer, ſpielte und ſang ihr den Cyklus der Kornelius-Weih⸗ nachtslieder vor. Ein andermal, es war nach ſeinem letzten Auftreten im Februar 1902, als er für den Eli⸗ ſabethenverein ein Wohltätigkeitskonzert gab, kam er wieder zu der ſchwer Geprüften und ſpielte ihr drei Stücke vor. Durch ſolche und ähnliche Liebeswerke brachte er manchen Sonnenſtrahl der Freude in be— trübte und kummergebeugte Herzen. Von Weihnachten 1902 an kränkelte Dimmler. Sein nervöſer Huſten, von dem er ſchon 20 Jahre furchtbar Hermann Dimmler. geplagt war, nahm heftig zu, doch konnte er von Ende Februar 1903 an wieder Unterricht zu Hauſe geben, was ihn ſehr glücklich ſtimmte; denn die Erfüllung der Pflichten ging ihm über alles. Im Frühjahr darauf, am 15. April, traf ihn ein Schlaganfall. Noch drei Tage mußte er ſchwer leiden, doch trug er die Krankheit als eine Läuterung ſeiner Seele mit großer Geduld und empfing mit erblaulicher Andacht die hl. Sakramente. Am 18. April erlöſte ihn der Tod. Sein Hinſcheiden wurde in der ganzen Stadt allgemein und ſchmerzlich betrauert. Als am 21. April 1903 die irdiſche Hülle des lieben Verſtorbenen zur letzten Ruhe beſtattet wurde, geſtaltete ſich das große Leichenbegängnis für den Verblichenen gleichſam zu einer Huldigung und Dankſagung für all das Schöne, Gute und Erhabene, das der gottbegnadigte Künſtler und edle Menſchenfreund während vier Jahr— zehnten in Freiburg geleiſtet hatte. Stadtrat Feh⸗ renbach hielt am offenen Grabe dem trefllichen Manne einen warmen Nachruf. Zum ehrenden Ge— dächtnis an den Verſtorbenen fand vier Wochen ſpäter, am 20. Mai, im Kornhausſaale ein Konzert ſtatt. Reich mit Palmen und Lorbeeren war das Podium ge⸗ ſchmückt. Zwiſchen immergrünen Gewächſen blickte das Bild Dimmlers, der kluge und ſympathiſche Kopf des echten Künſtlers, auf die zahlreiche Verſammlung her⸗ ab. Das Programm des Abends zeigte lauter Num⸗ mern, die für eine ſolche Feier beſtens geeignet waren. Als im Verlauf des Sommers jenes Trauerjahres die überlebende Schweſter mit zarter Sorgfalt den Nachlaß des Bruders ordnete, fand ſie eine Anzahl ſel⸗ tener Andenken bedeutender Komponiſten. Dimmler hatte als Schüler Liszts Gelegenheit gehabt, mit den hervorragendſten Muſikern des In- und Auslandes zu verkehren und ſo kam er auch durch Zufall in den Be⸗ Hermann Dimmler. 47 ſitz zweier koſtbarer Briefe. Der eine ſtammt von der Hand Mozarts vom 21. März 1785, der andere hat Frederic Chopin zum Verfaſſer; er iſt geſchrieben am 25 November 1839. Ferner zeigte der Nachlaß eine ganze Anzahl Liszt⸗Briefe auf, die der Lehrer an ſei⸗ nen Lieblingsſchüler Dimmler gerichtet hatte. Endlich kamen viele Briefe von berühmten Künſtlern zum Vorſchein. Auf ſein Grab könnte man die Worte ſchreiben: „Als Künſtler groß, im Schaffen wie im Wiſſen, Hat er genügt den Beſten ſeiner Zeit; Doch um den Menſchenfreund, der uns entriſſen, Weint mit der Kunſt auch noch die Dankbarkeit.“ Quelle: Hinterlaſſene Schriften und Briefe von Herm. Dimmler. Wilhelm Dilzer, Konditor, Privatier. er Dichterfürſt Goethe ſchrieb einmal an Rat 4 Schloſſer:„Die Charaktere, die man wahrhaft hochachten kann, ſind ſeltener geworden. Wahr⸗ haft hochachten aber kann man nur, was ſich nicht ſelbſt ſucht. Ich muß geſtehen, ſelbſtloſe Charaktere dieſer Art in meinem ganzen Leben nur da gefunden zu haben, wo ich ein feſt gegründetes religiöſes Leben fand, ein Glaubensbekenntnis, das einen unwandelbaren Grund hatte, gleichſam auf ſich ſelbſt ruhte, nicht abhing von der Zeit, ihrem Geiſt, ihrer Wiſſenſchaft.“ In unſeren Tagen, wo die Selbſtſucht ſo verheerend wirkt, dürfte es von Nutzen ſein, einen Mann als Vor⸗ bild für unſer Geſchlecht in ſeinem Wirken vor Augen zu ſtellen, der einer der ſelbſtloſen Charaktere in Goethe⸗ ſchem Sinne war. Wir meinen den am 17. Dezember 1907 heimgegangenen Privatier Wilhelm Dilzer von Baden— Baden. Wer ihn nicht gekannt hat, braucht nur die Berichte aufzuſchlagen, die bei ſeinem Tode in einhei⸗ miſchen und auswärtigen, in freundlich geſinnten wie in gegneriſchen Zeitungen erſchienen ſind, und er wird die Wahrheit dieſer Behauptung vollauf beſtätigt fin⸗ den. Wer ihn aber perſönlich zu kennen das Glück hatte, wer im täglichen Verkehr um ihn ſein konnte, der durfte reiche Anregung aus ſeinem abgeklärten Cha⸗ Wilhelm Oilzer. 49 rakter, wie aus ſeiner ganzen eindrucksvollen Perſön⸗ lichkeit ſchöpfen, und er wird es auch beſonders freudig begrüßen, wenn unter andern edlen Männern auch ihm ein Denkmal der Liebe und des treuen Gedenkens geſetzt werden ſoll. Wenn ſein Leben in der Haupt⸗ ſache äußerlich auch gleichmäßig dahinfloß, ſo ſind ihm doch auch Seelenkämpfe nicht erſpart geblieben, die ge⸗ rade in ſeinen jüngeren Jahren einſetzten, die aber ſein Inneres läuterten und ſeinem Charakter die Richtung wieſen, der er ſein ganzes Leben treu geblieben iſt.— Die folgenden Schilderungen verdanken wir der ge⸗ wandten Feder des um das katholiſche Vereinsweſen in der Fremdenſtadt Baden-Baden verdienten Oberpoſt⸗ ſekretärs F. Luttinger. Dilzer war geboren zu Baden-Baden am 12. Juli 1834. Sein Vater betrieb in der Langeſtraße eine Bäckerei. Es war eine achtbare, angeſehene Bürgers⸗ familie, der er entſtammte. Als köſtliches Erb— teil erhielt er im Elternhauſe eine ſtrenge, tief religibſe Erziehung. Aus der Volksſchule kam er in die Höhere Bürgerſchule, wo er ſich außer ge⸗ diegenen Grundkenntniſſen auch wertvolle Kenntniſſe der lateiniſchen und franzöſiſchen Sprache erwarb, die er ſpäter in einer Studienanſtalt zu Pfalzburg(Loth⸗ ringen) noch erheblich erweiterte; denn er wollte ſich dem Ordensſtande widmen. Es iſt indeſſen nicht dazu gekommen, weil ſich in dieſem Punkte ſeine Wünſche mit denen ſeiner Eltern nicht deckten. So erlernte er dann bei ſeinem Vater die Bäckerei und begab ſich nach beendigter Lehrzeit auf die Wanderſchaft. Der Drang, die Welt zu ſehen, ſich in ſeinem Fach weiter zu bilden und auch noch die Feinbäckerei hinzu zu erlernen, führte ihn nach verſchiedenen Städten. In München, Hamburg, Straßburg, Kolmar und verſchiedenen an⸗ deren Orten des In⸗ und Auslandes, namentlich Dor, Edle Männer. 4 50 Wilhem Dilzer. Frankreichs und der Schweiz, befand er ſich längere Zeit in Stellung. In München wurde er ſchwer krank und fand Auf⸗ nahme im Krankenhaus daſelbſt. Die aufopfernde Pflege der Schweſtern, vor allem aber der vortreffliche Zuſpruch ſeines Seelenführers, eines Ordensmannes, bewirkten einen völligen Umſchwung in ſeinem Innern. Nicht, als ob er in ſeinen religiöſen Anſchauungen wan⸗ kend geworden wäre; nein, aber die Vereitelung ſeines Kloſterplanes hatte doch eine gewiſſe Bitterkeit in ſei⸗ nem Herzen aufkommen laſſen, die nun ſein Seelen⸗ führer beſeitigte. Dilzer lernte ſich mit dem Gedanken abfinden, daß er auch außerhalb des Kloſters ſeine Pflichten erfüllen könne, ja, daß es wünſchenswert ſei, wenn gerade kirchlich geſinnte Laien ſich am öffentlichen Leben hervorragend beteiligten. Heiter und ſonnig, in erlaubten Freuden, floſſen ſeine Wanderjahre dahin. Noch in ſpäteren Jahren er⸗ zählte er gern von ſeinen Reiſeerlebniſſen und den Ein⸗ drücken, die er an den verſchiedenen Orten ſeiner Ge⸗ ſellenzeit empfangen hatte. Nicht, wie es bei jungen Leuten leider ſo vielfach als betrübende Erſcheinung zu verzeichnen iſt, hatte er in der Fremde Glaube und ſittlichen Halt verloren, ſondern rein und unverdorben und reich an Erfahrungen aller Art konnte er das Elternhaus wieder betreten. Heimgekehrt, übernahm er 1861 das Geſchäft ſei⸗ nes Vaters und verheiratete ſich mit Joſephine Schnei⸗ der, einer Tochter des damaligen Stadtmüllers Schnei⸗ der. Der Ehe entſproſſen 7 Kinder, 4 Söhne und 3 Töchter. Man kann nur ſagen, daß die Ehe glücklich war, ſoweit man vom menſchlichen Standpunkt aus überhaupt von Glück zu ſprechen vermag. Die Gatten verſtanden ſich ausgezeichnet und begegneten einander in zarter, rückſichtsvoller Liebe. Ihre Kinder erzogen Wilhelm Oilzer. 51 ſie in gottesfürchtiger Zucht und frommer Sitte. Für die Eitelkeiten der Welt waren beide nicht einge⸗ nommen. Dilzer wandte ſein Hauptaugenmerk ſeinem Ge— ſchäft zu, das er zunächſt als einfache Bäckerei, wie er ſie von ſeinem Vater übernommen hatte, weiter betrieb. Bald aber nahm er eine Anderung vor, indem er die Brotbäckerei aufgab und eine Konditorei oder Fein— bäckerei einrichtete. Wohl war ſchon eine Feinbäckerei am Platze; aber die zunehmende Vergrößerung der Stadt und die jährlich ſteigende Fremdenzahl machten ihm den Entſchluß zu einer Geſchäftsänderung nicht ſchwer, und er durfte ihn auch nicht bereuen. Die in der Fremde geſammelten Kenntniſſe, ſein ehrliches Ge— ſchäftsgebaren, verbunden mit einer großen, ungekün⸗ ſtelten Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit gegen jedermann, vor allem aber ſeine perſönliche Anteil⸗ nahme am Geſchäft bewirkten, daß er bald einen ganz unerwartet großen Zulauf aus der Stadt und von aus⸗ wärts erhielt. Es iſt ja ſtets das größte Glück für ein Geſchäft, wenn ſein Beſitzer ſelbſt lebendigen Anteil daran nimmt und nicht etwa fremden Leuten in der Hauptſache die Führung überläßt, während er zu ſehr außerhalb des Geſchäftes Erholung, Zerſtreuung und Befriedigung zu erlangen ſtrebt. Und da iſt es für die große Gewiſſenhaftigkeit und Pflichttreue Dilzers bezeichnend, daß er faſt ununterbrochen im Geſchäft anzutreffen war. Es iſt vorgekommen, daß er einmal acht Jahre lang nicht auf die Eiſenbahn, alſo auch nicht zur Stadt hinaus gekommen iſt, weil die vorliegenden Aufträge und der ganze Umfang ſeines Betriebes ihn fortgeſetzt in Anſpruch nahmen. Frühſchoppen und Überſitzen waren ihm unbekannte Dinge. Wenn auch nicht völlig enthaltſam, befleißigte er ſich doch in Speiſe und Trank einer mäßigen und anſpruchsloſen, faſt 4* Wilhelm Dilzer. asketiſchen Lebensführung. Nüchternheit, Fleiß und ſparſame Zurückhaltung bildeten denn auch die Grund⸗ lage für ſein wirtſchaftliches Gedeihen und Empor⸗ kommen, für einen ſoliden Wohlſtand, der ſich heute noch bei ſeinen Nachkommen bemerkbar macht. Und weil er für ſich ſelbſt wenig brauchte, hatte er auch immer für andere etwas übrig. Bei allem Eifer für ſein Geſchäft verlor er aber durchaus nicht die Fühlung mit den großen Fragen, die ja gerade zu jener Zeit die Gemüter im badiſchen Lande aufs mächtigſte erregten. Der Kirchenſtreit, die Zivilehe und das Stiftungsgeſetz, vor allem aber die Schulfrage, riefen die Katholiken allenthalben auf den Plan. Wohl ſtand das Zunftweſen, das die einzelnen Zunftgenoſſen zuſammenhielt, damals noch in leid⸗ licher Blüte, und in kirchlicher Hinſicht gab es eine Männerſodalität, die indeſſen mehr und mehr zu⸗ ſammenſchmolz, bis ſie in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts völlig einging; dagegen waren poli⸗ tiſche Vereinigungen oder Sammelpunkte nicht vor⸗ handen. Dilzer beſaß einen auserwählten Freundes- kreis, in dem er regelmäßig verkehrte. Darunter be— fanden ſich ſein liebſter Freund, der Kaufmann und ſpätere Land⸗ und Reichstagsabgeordnete Max Reichert, der Kaufmann Eduard Meßmer, der Hofſattler Karl Seefels, der Kaufmann Auguſt Seiler, der Kunſtmaler Friedrich Krämer, der Kaufmann Wilhelm Gerwig und der Kloſterpfarrer Michael Doos. Die Freunde trafen ſich meiſtens im Gaſthaus zum Löwen, der heute noch exiſtiert, abwechſelnd auch im Gaſthaus zum Engel, der inzwiſchen abgebrochen worden iſt, oder im Gaſthaus zur Stadt Nanzig, das ſpäter zum Hotel Auguſtabad umgewandelt wurde, unter welchem Namen es jetzt noch geführt wird. Die genannten Freunde beſprachen bei ihren Zuſammenkünften die Wilhelm Dilzer. 53 Tagesfragen und verfolgten aufmerkſam die großen Geſchehniſſe der Zeit. In Freiburg war inzwiſchen am 13. April 1868 Erzbiſchof Hermann von Vicari, der ſelbſt den Kelch des Leidens bis zur Hefe hatte trinken müſſen, geſtorben. Die politiſche Vertretung der Katholiken in der Zweiten badiſchen Kammer war überaus klein. Allmächtig ſchaltete und waltete der kirchenfeindliche Liberalis⸗ mus. Die katholiſche Preſſe war nur in wenigen Blät⸗ tern vertreten. Unter den vielen Schlagwörtern jener Zeit nahm das von der Schule einen hervorragenden Platz ein. Es hieß„Befreiung der Schule von Prieſter⸗ autorität und Förderung der konfeſſionsloſen Schule“. Die Wünſche kriſtalliſierten ſich ſchließlich auf die Simultan- oder die gemiſchte Schule. Aber nicht nur die Einführung der Simultanſchule anſtelle der vor⸗ handenen konfeſſionellen Schule, ſondern auch die Be— ſeitigung der Lehrfrauen des Kloſters zum hl. Grab, die in der Mädchenvolksſchule den geſamten Unterricht erteilten, wurde gefordert und ſollte erreicht werden. Dilzer und ſeine Freunde erkannten, daß nun etwas geſchehen müſſe, um das drohende Unheil von der Schule und den ehrwürdigen Lehrfrauen, an denen die ganze katholiſche Bevölkerung von Baden-Baden mit großer Liebe hing, abzuwenden. Run war in Heidelberg der Kaufmann Jakob Lindau aufgeſtanden, ein Volksmann im vollen Sinne des Wortes, der mit Feuer und hinreißender Bered— ſamkeit überall die Katholiken in den ſogenannten wandernden Kaſinos ſammelte und aufklärte. Ihn ließen ſie nunmehr auch kommen, und er ſprach im Oktober 1868 in einer Volksverſammlung über die Beſtrebungen der Schulneuerer. Hauptſächlich auf ſeine flammende Rede hin lehnten denn auch die Katholiken Baden⸗Badens in einer vom Bezirksamt angeordneten 54 Wilhelm Oilzer. Volksabſtimmung die Simultanſchule mit großer Mehrheit ab. Dieſes Ergebnis rief im gegneriſchen Lager eine nicht geringe überraſchung hervor. Wohl war nun die Schulfrage für Baden-Baden vorläufig gelöſt. Da aber aller Vorausſicht nach weitere Kämpfe bevorſtanden— und ſie blieben ja auch nicht aus—, ſo entſchloß man ſich, um gerüſtet zu ſein und eine lokale Organiſation zu haben, nach dem Vorbild anderer Städte des Landes auch in Baden-Baden einen katholiſchen Männerverein zu grün⸗ den. Die Gründung erfolgte am 8. Dezember 1868. Dilzer gehörte wohl zu den Gründern, ein Mandat in den Vorſtand nahm er aber zunächſt nicht an, weil er zu ſehr an ſein Geſchäft gefeſſelt war. An die Spitze des Vereins, der ſchon nach kurzer Zeit 300 Mitglieder zählte, wurde ſein Freund Max Reichert geſtellt. So war nun eine Kerntruppe von entſchloſſenen Männern vorhanden, die in den folgenden ſchweren Zeiten an der Löſung vieler und ſchwieriger Fragen regen Anteil nehmen ſollten. Aber auch den Führern, nicht zuletzt unſerem Dilzer, erwuchſen aus der Grün⸗ dung vielerlei bisher ungewohnte Arbeiten und eine große Verantwortung. Zunächſt galt es, die Männer zu ſchulen und für die zu erwartenden Kämpfe ſattel⸗ feſt zu machen. Anfangs wollte es allerdings nicht recht ſtimmen, weil ſich die Mitglieder nur ſchwer an die notwendige ſtraffe Disziplin gewöhnen konnten. Aber aus verſchiedenen Sitzungsberichten des Vereins in jenen Tagen geht unzweifelhaft hervor, daß es ge⸗ rade Dilzer war, der durch ſeine vermittelnde Liebens⸗ würdigkeit und Leutſeligkeit die Männer immer wieder bei der Stange zu halten vermochte. Zum Unglück brach im Juli 1870 der deutſch⸗franzöſiſche Krieg aus, während deſſen ganzen Verlaufes das Vereinsleben nahezu völlig ruhte. Aber die Männer blieben des⸗ Wilhelm Dilzer. 55 halb doch nicht untätig, ſondern beteiligten ſich an der Liebestätigkeit, die allenthalben einſetzte und ſich be⸗ ſonders im Sammeln und Beſchaffen von Liebesgaben für die im Felde ſtehenden Truppen äußerte. Auch Dilzer hatte einige Straßen der Stadt als Sammel⸗ gebiet übernommen, und der Schreiber dieſer Zeilen erinnert ſich noch heute lebhaft, wie Dilzer bei dieſer Gelegenheit auch ins Haus ſeiner Eltern kam und über⸗ aus freundlich und beſcheiden ſich ſeines Anliegens ent⸗ ledigte. Nach beendigtem Krieg wurde das Vereinsleben ſofort in vollem Umfange wieder aufgenommen. „Belebung und Förderung der Intereſſen der Katho— liken von Baden⸗Baden“ war ein Hauptpunkt der Ziele und Beſtrebungen des Vereins, und dieſen Punkt zu verwirklichen, boten ja die Kulturkampfjahre reichliche Gelegenheit. Die Examensfrage der Geiſtlichen, die Altkatholikenbewegung und die überall offen zutage tretende Zurückſetzung der Katholiken im öffentlichen Leben ſchufen damals Märtyrer der Überzeugung und Gewiſſenstreue in großer Zahl. Die Katholiken von Balg, das kaum eine Stunde von Baden-Baden ent⸗ fernt iſt, wiſſen davon viel zu erzählen. Dort war im Dezember 1875 ein ſogenannter„Staatspfarrer“ auf⸗ gezogen, der von der Kirche nicht anerkannt war. Der rechtmäßige Seelſorger, Pfarrverweſer Schäfer, durfte keinerlei gottesdienſtliche Handlungen vor⸗ nehmen. Für Übertretungen harrte ſeiner das Ge⸗ fängnis und den Gendarmen war ſeine ſorgfältige Überwachung zur Pflicht gemacht. Die Katholiken von Balg gaben aber ein bewunderungswürdiges Beiſpiel ihres Glaubens, indem ſie die Pfarrkirche mieden und den Gottesdienſt der Nachbargemeinden beſuchten. Der Gottesdienſt des„Staatspfarrers“ aber fand buchſtäb⸗ lich vor leeren Bänken ſtatt. Die Sterbenden ſchieden Wilhelm Oilzer. ohne prieſterlichen Beiſtand aus dem Leben und an ihrem Grabe ſprachen fromme Laien die üblichen Ge⸗ bete. Am Weißen Sonntag des Jahres 1876, den 23. April, empfingen 16 Erſtkommunikanten von Balg in der Stiftskirche zu Baden-Baden, wo ſie auch vor⸗ bereitet worden waren, ihre erſte hl. Kommunion. Der Männerverein ließ dieſe Kinder zu Wagen in Balg abholen und nach der Stiftskirche bringen. Er ſorgte auch dafür, daß die Kinder nach der kirchlichen Feier zunächſt ein Frühſtück und ſpäter ein Mittag⸗ mahl erhielten. In jene Zeit fällt noch ein Vorkommnis, das wegen ſeiner Eigenartigkeit gleichfalls angeführt zu werden verdient. Bei der weltlichen Feier des 30jährigen Papſtjubiläums Pius IX., die der Männerverein am 18. Juni 1876 veranſtaltete, hatte auch der ſeit Jahren in Baden-Baden lebende Baron von Stillfried, ein ruhig denkender öſterreichiſcher Edelmann, eine Anſprache gehalten, in der er die Lage des Hl. Vaters in Rom behandelte. Eine gewiſſe Sorte von Gegnern nahm ihm dies ſehr übel und zeigte ihn bei der badiſchen Regierung als gegen ſie agitierenden Fremden an. Die badiſche Geſandtſchaft in Wien erhob dann bei der öſterreichiſchen Regierung Vorſtellungen und das Wiener Kabinett ließ daraufhin den Baron von Still— fried erſuchen, ſich künftig im Lande Baden jeder politiſchen Teilnahme zu enthalten. So war es da— mals mit der Freiheit unter dem Regiment des Miniſters Jolly im Muſterſtaate Baden beſtellt. In Baden⸗Baden, wo die beiden Bürgermeiſter Altkatholiken waren, erſtrebten die Altkatholiken nichts mehr und nichts weniger, als die große Stiftskirche für ihren Gebrauch zugewieſen zu erhalten. Da ſie aber nur ein verſchwindend kleines Häuflein Bekenner zählten, mußten ſie ſich mit der Spitalkirche zufrieden Wilhelm Dilzer Wilhelm Dilzer. 57 geben, die am 1. März 1874 den Katholiken genommen wurde und ſich ſeither im Beſitze der Altkatholiken befindet. Dieſer Verluſt traf die Katholiken ſehr ſchwer, denn in der Spitalkirche war ſeit vielen Jahrhunderten das heilige Meßopfer und anderer katholiſcher Gottes- dienſt gefeiert worden. Der Klugheit und ſtandhaften Hirtenſorgfalt des damaligen katholiſchen Stadt- pfarrers, Dekans Joſeph Grafmüller, iſt es zuzu⸗ ſchreiben, daß die Bewegung in Baden-Baden keinen größeren Umfang annahm, ſondern daß der überwie⸗ gende Teil ſeiner Pfarrkinder dem römiſch⸗katholiſchen Bekenntniſſe treu blieb. Die Bewegung war aber auch die Urſache, daß Grafmüller, der ſich bisher dem Männerverein gegenüber eine gewiſſe Zurückhaltung auferlegt hatte, nunmehr häufiger in ſeinen Verſamm⸗ lungen erſchien, in denen er immer wieder die Männer zum unentwegten Feſthalten an ihrer Religion er⸗ mahnte. Bemerkenswert ſind ſeine herrlichen Mahn— worte, die er beim Übergange der Spitalkirche in den Beſitz der Altkatholiken an ſeine teueren Pfarrange⸗ hörigen richtete und die der Männerverein ſpäter, mit dem Bildnis des Dekans an der Spitze, drucken ließ. Auch ſeine Kapläne Liehl, Cletus Schmieder, Herold, Weingärtner, Brommer und andere erſchienen in der Folge fleißig in den Verſammlungen, um, ſoweit es die führenden Laien nicht vermochten, Zuverſicht und Begeiſterung in die treuen, ſchwer bedrückten Männerherzen zu tragen. Ein Freudentag für die Pfarrgemeinde in jener trüben Zeit war der 11. September 1876, an dem Dekan Grafmüller ſein 50jähriges Prieſterjubiläum feierte. Eine beſondere Auszeichnung des Tages lag darin, daß der Biſchof Joſeph von Hefele aus Rotten— burg die Feſtpredigt hielt. Der Biſchof kam nämlich ſeit mehreren Jahren ſtets im Auguſt und September 58 Wilhelm Oilzer. nach Baden-Baden, um wegen eines ſchmerzhaften Fußleidens das heilkräftige Waſſer der Stadt zu ge⸗ brauchen. Sein Abſteigequartier hatte er immer im Gaſthaus zum Engel, wo ſich, angezogen durch die her⸗ ablaſſende Leutſeligkeit des Biſchofs, allabendlich eine Anzahl Katholiken um den geiſtvollen Kirchenfürſten einfand. Die Verſammlungen des Männervereins konnte der Biſchof, dem bei ſeinem Leiden das Treppenſteigen ſehr beſchwerlich fiel, nicht beſuchen. Dagegen bekundete er dem Verein ſeine Huld und ſein Wohlwollen dadurch, daß er bei ſeinem jedesmaligen Aufenthalt in Baden-Baden ein- oder zweimal die Vor⸗ ſtandsmitglieder in Audienz empfing und ihnen ſamt ihren Familien den biſchöflichen Segen ſpendete. g Die Verſammlungen des Männervereins wurden vielfach auch von auswärts beſucht, namentlich wenn fremde Redner verſchrieben worden waren. Profeſſor Alban Stolz, Ritter von Buß, Pfarrer Hansjakob, Dekan Lender und andere haben früher öfters im Ver⸗ ein geſprochen. Inzwiſchen war Dilzer in den Vorſtand eingetreten und Rechner des Vereins geworden. Der Vorſitzende Reichert war mit eigenen und ehrenamtlichen Arbeiten mehr als überlaſtet und kaum noch in der Lage, den Verein zu leiten. 1883 trat nun Dilzer an die Spitze, um die Geſchäfte zu führen, während Reichert als Ehrenpräſident blieb. Schon 1884 lud ſich der Verein eine größere ſoziale Aufgabe durch die Einführung einer Pfennigſparkaſſe auf. Es wurden eine Zentral⸗ ſtelle und mehrere Sammelſtellen errichtet, die ihren Inhabern viele Arbeit verurſachten. Auch bei Dilzer war eine Sammelſtelle vorhanden, und es wird be⸗ richtet, daß hier die meiſten Sparmarken entnommen worden ſein ſollen, weil den Kindern jeweils als Be⸗ lohnung für ihren Sparſinn noch eine kleine Süßigkeit Wilhelm Dilzer. 59 verabfolgt wurde. Die Kinder hatten ja ohnehin den guten Dilzer mit beſonderer Zuneigung in ihre kleinen Herzen geſchloſſen, weil ſie das ſichere Gefühl leitete, daß er nicht nur Wohlwollen und Liebe, ſondern auch ſonſt immer noch etwas für ſie übrig hatte. Groß war die Freude Dilzers, als der Verein 1892 Fahnenweihe halten konnte, denn bisher war eine Fahne nicht vorhanden geweſen. Die Fahnenweihe ſelbſt geſtaltete ſich zu einem erhebenden, eindrucksvollen Feſt, an deſſen guten Gelingen Dilzer das Hauptverdienſt hatte. Der Ehrenpräſident Reichert weilte zu jener Zeit erholungshalber in Bern. Eine ſchwere Sorge bereitete den damaligen Führern das Fehlen einer eigenen Lokalpreſſe. Solange das liberale Badener Wochenblatt— das ſpätere„Badener Tagblatt“— ſich als duldſam und entgegenkommend erwies, hatte niemand zu klagen. Mit der Verſchärfung der politiſchen Kämpfe wurde indeſſen die Lage immer unhaltbarer, und der Wunſch nach einer eigenen in Baden-Baden erſcheinenden Zeitung immer lauter und dringender. Zunächſt wurde ein beſon⸗ derer Preſſeausſchuß eingeſetzt, der ſich mit der Löſung der Frage befaſſen ſollte. Dieſer Ausſchuß entſchied ſich dafür, daß das am Orte erſcheinende„Bürgerblatt“, deſſen Verleger dem Männerverein einen weitgehenden Einfluß auf die Schriftleitung einräumte, als Organ benutzt werden ſollte. Der Herausgeber hatte aber fortgeſetzt mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und der Männerverein ſeinerſeits war nicht in der Lage, die hohen Anſprüche des Verlegers in Bezug auf Geldunterſtützung befriedigen zu können. So ging das Bürgerblatt ſchon 1874 wieder ein. Einen Ausweg glaubte man dann dadurch gefunden zu haben, daß man den früher viel geleſenen, heute noch in Lahr 60 Wilhelm Oilzer. (Baden) erſcheinenden„Anzeiger für Stadt und Land“ in entſprechender Auflage eigens für Baden-Baden herſtellen ließ. Es zeigte ſich aber mehr und mehr, daß auch dies nur ein unzureichender Notbehelf war. Nach Überwindung unſäglicher Schwierigkeiten gelang es endlich, in der Perſon des H. Heckmann in Frei⸗ burg einen Drucker und Verleger zu finden, der am 1. April 1888 die erſte Nummer der neuen Zeitung „Echo von Baden-Baden“ herausgeben konnte. Im folgenden Jahre wurde das Geſchäft in eine Aktien⸗ geſellſchaft umgewandelt. Gerade dieſes Zeitungs— unternehmen beſchäftigte Dilzer in hervorragender Weiſe. Ihm widmete er einen großen Teil ſeiner Kraft und Zeit. Lange Jahre war er Vorſitzender des Aufſichtsrats der Geſellſchaft und unermüdlich um die Hebung des Unternehmens bemüht. Wer ihm eine beſondere Freude machen wollte, mußte die Zeitung unterſtützen, in welcher Form es auch immer ſein mochte. Zunächſt nur dreimal wöchentlich erſcheinend, wurde ſie von 1899 ab täglich und zwar auch in größerem Um⸗ fang als bisher herausgegeben. Später wurde die Aktiengeſellſchaft wieder aufgelöſt, und die Zeitung ging am 1. Juli 1904 in den Beſitz des damaligen Direktors Georg Pfeiffer über. Seit 1. Januar 1905 führt ſie den Titel„Badiſche Volkszeitung“ und hat an Umfang, Anſehen und Bedeutung von Jahr zu Jahr zugenommen. Sie iſt das Organ, in dem allein der Männerverein ſeine Veröffentlichungen, Kundgebungen und Berichte erſcheinen läßt. Der derzeitige Beſitzer Johannes Pfeiffer aber, ein Bruder des Georg Pfeiffer, hat aus Verehrung und Dankbarkeit für Dilzer ſein lebensgroßes, wohlgelungenes Bild in ſeinem Emp⸗ fangszimmer anbringen laſſen. Dort ſchauen ſeine treuen Augen jedem Beſucher freundlich entgegen, als wollten ſie auch heute noch für die Zeitung werben und Wilhelm Dilzer. 61 ihr immer wieder neue Freunde und Anhänger ge— winnen. Zwar nicht ſo wichtig wie die Preſſe, aber nicht weniger erſtrebenswert erſchien dem Männerverein auch die Erwerbung eines Vereinshauſes. Der Mangel geeigneter Räumlichkeiten zur Abhaltung von Verſammlungen war für alle Vereine ſehr miß⸗ lich und hatte eine Menge Unzuträglichkeiten im Ge⸗ folge, unter denen beſonders Dilzer ſchwer zu leiden hatte. Da der Verein nicht die Mittel beſaß, ſich ein eigenes Lokal dauernd mieten zu können und die Wirte auch ſelten die gebührende Rückſicht auf die Wünſche des Vereins nahmen, ſo entſtand ein fortgeſetztes Hin⸗ und Herziehen in den verſchiedenen Räumlichkeiten, die ohnehin nur ſpärlich vorhanden waren. Schon 1888 befaßte ſich daher der Verein mit dem Plan der Erwerbung eines Vereinshauſes und ſetzte zur Ge— winnung der erforderlichen Mittel einen Ausſchuß ein, in den auch Dilzer gewählt wurde. Infolge der rührigen Werbearbeit, die die Ausſchußmitglieder, an ihrer Spitze der damalige Stadtpfarrer Weingärtner, entfalteten, kam mit der Zeit eine ſtattliche Bauſumme zuſammen, die indeſſen bei den teueren Grund- und Bodenpreiſen noch lange nicht zum Ankauf einer Liegenſchaft ausreichte. Immerhin war aber jetzt doch die Möglichkeit zur Anmietung von Räumen geboten, die auch in dem weitbekannten Reſtaurant zum „Krokodil“ gefunden wurden, und Dilzer erlebte die Freude, daß am 1. April 1906 die neuen, ſchönen Vereinsräume durch den katholiſchen Männerverein mit einem gut gelungenen Familienabend eröffnet werden konnten. Infolge mancherlei Unzuträglich—⸗ keiten, die ſich inzwiſchen auch hier wieder ergeben hatten, hauptſächlich aber durch den Ausbruch des großen Weltkrieges, während deſſen ganzer Dauer ein 62 Wilhelm Dilzer. einigermaßen reges Vereinsleben nicht möglich war, mußten die Räume mit Ende März 1915 wieder auf⸗ gegeben werden. So ſind auch jetzt die katholiſchen Vereine wieder ohne ein zweckentſprechendes Heim. Aber die Bauſumme iſt noch vorhanden, und ſobald ſich die Gelegenheit bietet, wird die Frage wieder in Fluß gebracht werden, um auf die eine oder andere Art ihre Löſung zu finden. Wo und wann aber auch immer die Vereinshausfrage angeſchnitten werden mag, wird dabei auch ſtets Dilzer ehrend erwähnt werden müſſen. Eine Menge von Arbeit erwuchs dem Verein und ſeinen Führern durch die Vorbereitung und Ausführung der Wahlen. Wer ſonſt hätte die Geſchäfte auch beſorgen ſollen? Die 1869 ins Leben gerufene katholiſche Volkspartei des Landes ent⸗ wickelte ſich erſt etwa 20 Jahre ſpäter zur Zentrums⸗ partei, und dann ging man auch in Baden-Baden dazu über, dem Männerverein die Wahlgeſchäfte abzu⸗ nehmen und einem politiſchen Aktionsausſchuß zu übertragen, bis ſich mit der Einführung des Frauen⸗ ſtimmrechts im November 1918 die Notwendigkeit er⸗ gab, einen beſonderen Zentrumsverein zu gründen. Reichert und Dilzer hatten deshalb nicht nur die Kandidatenfrage zu löſen und die Verhandlungen, ſo⸗ weit ſolche möglich oder erforderlich waren, mit den gegneriſchen Parteien zu führen, ſondern auch die überaus wichtige Kleinarbeit zu organiſieren und zu leiten. Und es waren viele Wahlen in Reich, Staat und Gemeinde zu tätigen. Verhältnismäßig am wenigſten Arbeit und Kopf⸗ zerbrechen verurſachten die Reichstags wa hlen. Nach der Schaffung des Deutſchen Reiches gehörte Baden⸗Baden zum 8. badiſchen Reichstagswahlkreis. Vertreter dieſes Kreiſes war von 1871 bis zu ſeinem Wilhelm Dilzer. 63 Tode 1913 der verdiente Prälat und Geiſtliche Rat Dr. Lender in Sasbach und dann bis zum Zuſammen⸗ bruch des monarchiſchen Staates der Kommerzienrat Auguſt Neuhaus in Schwetzingen. Der Wahlkreis war alſo während der ganzen Dauer des Kaiſerreiches un⸗ unterbrochen im Beſitze des Zentrums. Trotzdem es ſich um einen durchaus ſicheren Bezirk gehandelt hat, betrieben die Führer die Wahlen doch ſtets mit dem größten Ernſte. Dies geht aus den glänzenden Wahl⸗ ziffern und auch aus einer noch bei den Akten befind⸗ lichen Aufzeichnung Dilzers hervor. Als nämlich Lender wieder einmal der zu ihm geſandten Abord— nung ſeine Bereitwilligkeit zur Übernahme der Kan⸗ didatur ausgeſprochen hatte, ſchrieb Dilzer in den Bericht für die Wählerverſammlung:„Nun gehen wir wieder mit Eifer und Begeiſterung an die Arbeit, um ein gutes Wahlergebnis für das Zentrum zu er— reichen!“ Die Revolution vom 9. November 1918 führte zur Ausrufung der Republik in Deutſchland. Der Kaiſer und die Bundesfürſten entſagten ihren Thronen. Die Wahlen zur geſetzgebenden deutſchen Nationalver⸗ ſammlung wurden auf den 19. Januar 1919 ausge⸗ ſchrieben. Ihr Ausfall war für das Zentrum erfreu⸗ lich, denn von 421 Abgeordneten erhielt es 88, das waren gegen die letzte Reichstagswahl von 1912 mit 91 nur 3 Abgeordnete weniger. Wenn die Sozial⸗ demokratie, wie früher, die ſtärkſte Partei geblieben iſt und 164 Sitze erlangt hatte, ſo folgte ihr unmittelbar das Zentrum als zweitſtärkſte Partei, und das will unter den ſchwierigen Verhältniſſen des allgemeinen Zuſammenbruches viel ſagen. Neueroberungen konnte das Zentrum allerdings nicht machen. Bedeutend ungünſtiger als im Reich lagen von je⸗ her für das Zentrum in Baden-Baden die Wahlver— Wilhelm Dilzer. hältniſſe und Wahlausſichten zum badiſchen Landtag. Alle Welt weiß, wie unbeliebt das in⸗ direkte Wahlrecht und wie ungerecht die alte Wahl⸗ kreiseinteilung geweſen iſt. Unter den gegebenen Ver⸗ hältniſſen befand ſich daher das Mandat der Stadt Baden-Baden zum badiſchen Landtag ſeit Jahrzehnten im Beſitze der nationalliberalen Partei. Mit der Ein⸗ führung der direkten Wahl zur Zweiten Kammer im Jahre 1905 hätte es für das Zentrum in Baden-Baden beſſer werden können, wenn bei den Stichwahlen nicht der ſogenannte Großblock der vereinigten Gegner zu— ſtande gekommen wäre. So konnte das Zentrum auch jetzt ſeinen Mann, übrigens eine neutrale Kandidatur, wieder nicht durchbringen, und der liberale Vertreter der Stadt, Oberbürgermeiſter Dr. Gönner, rückte aber⸗ mals, indeſſen nur mit Hilfe der Sozialdemokratie, in den Landtag ein. Trotz aller Klügeleien der Gegner aber hatte ſich das Zentrum dennoch an Zahl der errungenen Mandate zur ſtärkſten Partei des Landes aufgeſchwungen, denn es hatte jetzt 28 Sitze in der Kammer inne. Das bekannte Feſtungsviereck von 1869 hatte ſich ſomit verſiebenfacht. Und darin liegt das Ergebnis einer zielbewußten Arbeit der Führer, vor allem des Geiſtlichen Rats Th. Wacker, der ſich als Aufgabe geſetzt hatte, die Macht des Kultur⸗ kämpfertums zu brechen. Er hat die Aufgabe auch gelöſt, denn die nationalliberale Partei, die ehemals über eine gewiſſe politiſche Allmacht verfügte, iſt in⸗ zwiſchen ſo gut wie verſchwunden und in den Stürmen der Revolution vom November 1918 in der Demo⸗ kratie aufgegangen. Das Zentrum dagegen iſt aus der badiſchen Nationalwahl vom 5. Januar 1919 als die relativ ſtärkſte Partei in Stadt und Land Baden mit 41 Sitzen glänzend hervorgegangen. Beſonders ungünſtig lagen die Verhältniſſe für das Wilhelm Dilzer. 65 Zentrum bei den Gemeindewahlen. In der alten Einwohnergemeinde waren die Katholiken ver⸗ hältnismäßig gut im Gemeindekollegium vertreten. Nach der Einführung der Städteordnung in Baden⸗ Baden im Jahre 1875 änderte ſich aber das Bild und mit ihrer Vertretung in den ſtädtiſchen Kollegien war es recht ſchlecht beſtellt. Wohl wurden mehrfach An⸗ ſtrengungen gemacht, mit eigenen Wahlvorſchlägen durchzudringen, jedoch immer ohne Erfolg. 1878 war die Mitgliederzahl des Männervereins auf 121 ge⸗ ſunken. Infolge der kritiſchen Verhältniſſe waren die katholiſchen Männer ſo eingeſchüchtert und verzagt geworden, daß keiner mehr dem Verein beitreten wollte. Da entſchloß man ſich, die Werbearbeit auf breiterer Grundlage zu betreiben und ſchuf mit anderen freiheitlich geſinnten Männern ein ſogenanntes konſer⸗ vatives Wahlkomitee. Erheblich beſſer wurde es aber dadurch nicht, wennſchon es dann und wann glückte, die Kandidaten der niederſtbeſteuerten Klaſſe durch— zubringen. Bei verſchiedenen Wahlperioden ver— zichtete daher das Zentrum überhaupt auf die Auf⸗ ſtellung eigener Kandidaten zum Bürgerausſchuß. Einige Male wurden auch Kompromiſſe mit anderen Parteien eingegangen. Ein fühlbarer Umſchwung trat erſt ein, als ſich das Zentrum bei den Wahlen 1905 der neu gegründeten Bürgervereinigung anſchloß. Nach Abſchluß dieſer Wahl hatte es von 96 Mandaten 18 Mitglieder in den Bürgerausſchuß gebracht. Im Stadtrat wirkten zwei Vertreter, darunter Stadtrat Roman Schmid, der Schwiegerſohn Reicherts. Das Kompromiß mit der Bürgervereinigung dauerte bis zum Ende des Weltkrieges. Der Umſturz im November 1918 brachte die allgemeine gleiche Wahl und das Frauenſtimmrecht. Nun ging das Zentrum ſelb— ſtändig vor und nach den Gemeindewahlen vom Mai 5 Dor, Edle Männer. Wilhelm Oilzer. 1919 hatte es von 84 Mandaten 34 im Bürgeraus⸗ ſchuß inne, im Stadtrat aber ſaßen jetzt acht Vertreter. Wie oft hat unter den ſchlimmen Verhältniſſen der früheren Jahre Dilzer geſeufzt und geklagt, wenn ſich Anſtrengungen, beſſere Geſchäfte zu machen, immer wieder als unfruchtbar erwieſen. Er ſelbſt war in den 70er Jahren Gemeinderat, von 1881-1887 und von 1896 ab bis zu ſeinem Tode Stadtverordneter. Die Tätigkeit Dilzers erſchöpfte ſich aber nicht ſo ſehr auf politiſchem, als vielmehr auch auf ſozial⸗ caritativem Gebiete. Die politiſchen Kämpfe ſagten ihm nicht zu. Er war verſöhnlichen Geiſtes und der hervorſtechendſte Zug an ſeinem Charakter war ſtets, anderen zu helfen und Freude zu bereiten, wo er nur konnte. Der Männerverein ſelbſt, in dem ſich Dilzer trotz vieler Widerwärtigkeiten wohl und glücklich fühlte, dem er bis zu ſeinem Tode mit Leib und Seele ergeben blieb, war im Grunde und iſt auch heute nichts anderes, als ein Standesverein mit ſicht⸗ lich erkennbarem ſozialem Einſchlag. Unterſtützungen von bedürftigen Invaliden nach dem deutſch⸗franzöſi⸗ ſchen Kriege, Weihnachtsbeſcherungen von Kindern, Sammlung und Bereitſtellung von Gaben zur Waiſen⸗ verſorgung, Beiſteuern an Bewohner, die durch Un⸗ glücksfälle oder Naturereigniſſe zu Schaden gekommen waren, die Errichtung einer Sterbekaſſe für ſeine Mit⸗ glieder ſind, um nur einiges anzuführen, leuchtende Sterne am ſozial⸗caritativen Himmel des Vereins. Es ſollte aber noch ein eigener caritativer Verein un⸗ mittelbar aus ihm hervorgehen:„7er Männer⸗ St. Vinzentiusverein Baden⸗Baden“. Seine Gründung kam 1892 in einer Verſammlung des Männervereins zuſtande. Dilzer gehörte zu den Gründern des neuen Vereins, in dem er zuerſt Rechner und ſtellvertretender Vorſitzender war, bis er von Wilhelm Oilzer. 67 1900 ab als Vorſitzender an ſeine Spitze trat. Die Vinzentiusvereine erſtreben in erſter Linie die Hei⸗ ligung ihrer Mitglieder durch die Ausübung der Werke chriſtlicher Nächſtenliebe. Auch in dieſem Verein iſt Dilzer mit vorbildlichem Fleiß und hingebendem Eifer vorangegangen; war er doch mit ſeinem gefühlvollen, goldenen Herzen wie geſchaffen für die Sache des hl. Vinzentius. Unermüdlich war er im Beſuch der Sitzungen und der Armen, die er alle perſönlich kannte; und es waren ihrer nicht wenige. Großen Wert legte er darauf, im Verein den richtigen Geiſt zu pflegen und zu fördern, ſo daß die Armen nicht nur die not⸗ wendigen materiellen Gaben erhielten, ſondern auch die Überzeugung gewinnen mußten, daß wirklich mit⸗ fühlende Herzen an ihren Sorgen und Nöten hilf⸗ reichen Anteil nahmen. In den Sitzungen ſelbſt herrſchte ſtets der Geiſt der Bruderliebe, der Selbſtverleugnung und der Unterordnung. Sfter kam es vor, daß die Mittel zur Neige gingen; dann begab ſich Dilzer auf die Suche und brachte auch immer etwas mit, ſo daß die Not wieder behoben war. Was die einzelnen Mit⸗ glieder eines ſolchen Vereins zu ihrer Selbſtheiligung tun, was gerade Dilzer in dieſer Hinſicht getan hat, entzieht ſich im allgemeinen der Sffentlichkeit. Das weiß Gott allein. Mit der allmählichen Erſtarkung des Vereins wurde auch der Wunſch laut, im ſtädtiſchen Armenausſchuß vertreten zu ſein, um auch dort nach Möglichkeit für die Armen einſpringen zu können. Wer aber ſollte das Amt übernehmen? Die Mitglieder ſamt und ſon⸗ ders waren entweder durch ihre berufliche Stellung, daran verhindert oder fühlten ſich der Aufgabe nicht gewachſen. Da brachte wiederum Dilzer das Opfer und ließ ſich 1899, im Alter von 65 Jahren, in den Armenausſchuß wählen, wo er alsbald als Vor⸗ 5* Wilhelm Dilzer. ſteher an die Spitze eines größeren und ſtark bevöl⸗ kerten Bezirks geſtellt wurde. Dem Vinzentiushauſe, das ſeit 1881 be⸗ ſteht, war er allezeit ein treuer Helfer und Berater. Bei der Gründung der Aktiengeſellſchaft Vinzentius⸗ verein war er beteiligt und die denkwürdige Grün⸗ dungsurkunde vom 28. März 1881 trägt auch ſeine Unterſchrift. Nach dem Tode Reicherts im Jahre 1900 wurde Dilzer Vorſitzender des Aufſichtsrats dieſer Ge⸗ ſellſchaft. * Nachdem dilzer dreißig Jahre ſein Geſchäft geführt und es zu hoher Blüte gebracht hatte, trat er davon zurück und übergab es ſeinem älteſten Sohne. So ſehr war ihm die jahrelange raſtloſe Tätigkeit in Fleiſch und Blut übergegangen, daß er ſich erſt allmählich an den ruhigen Stand eines Privatmannes gewöhnen konnte. Müßig ging er aber trotzdem nicht, denn zuviele Amter und Ehrenſtellen lagen, wie aus den vorausgegangenen Ausführungen erſichtlich iſt, auf ſeinen Schultern. Wiederholt war er auch Schöffe und Geſchworener und Mitglied des Bezirksrats. In Anerkennung ſeiner vielen Verdienſte erhielt er dann auch vom Großherzog verſchiedene Auszeichnungen, von Papſt Pius X. aber das Ehrenkreuz pro ecelesia et pontifice. Täglich beſuchte er die hl. Meſſe, an den Sonn- und Feiertagen auch noch die Nachmittags⸗ und Abend⸗ gottesdienſte. In ſeiner ungekünſtelten Frömmigkeit lag etwas ſo Überzeugendes, daß jedermann ſofort da⸗ von eingenommen wurde. Dem katholiſchen Stiftungs⸗ rate gehörte er mehr als dreißig Jahre als Mitglied an. Schmuck und Zierde der altehrwürdigen Stiftskirche, in der er am liebſten betete, lagen ihm immer ſehr am Herzen. Auch die Kloſterkirche beſuchte er öfters. Kein Wilhelm Dilzer. Karfreitag ging vorüber, ohne daß er die an dieſem Tage übliche Verehrung des Kreuzes in der Stifts⸗ und auch in der Kloſterkirche vorgenommen hätte. Der Kloſterkonvent ſeinerſeits rechnete es ſich zur Ehre, den liebenswürdigen frommen Mann ſoviel als möglich an ſich zu ziehen und pflegte ihn deshalb zu allen Feſten der Kloſtergemeinde, ſowie zu den Schulfeiern und andern Veranſtaltungen des Hauſes einzuladen. Im perſönlichen Verkehr war er überaus beſchei⸗ den, kurz geſagt, ein vornehmer, nobler Charakter. Niemals drängte er ſich oder ſeine Meinung in den Vordergrund. Trotzdem feſſelte er durch eine ſelbſt⸗ verſtändliche Autorität, die nur der wahren Beſcheiden⸗ heit eigen iſt. Galt es aber, Grundſätze zu bekennen oder zu verteidigen, ſo konnte er auch ſehr energiſch und feſt werden. Seinem Wahlſpruch:„kortiter in re, suaviter in modo“ hat er allezeit entſprechend ge⸗ handelt. Deshalb hatte er wohl Gegner, aber keine Feinde. Seine Beſcheidenheit ging ſoweit, daß er ſich niemals malen oder photographieren ließ und ſeine Angehörigen beſaßen tatſächlich keine Aufnahme von ihm. Da wurde im Jahre 1906„Die Geſchichte des katholiſchen Männervereins“ herausgegeben und die Schrift ſollte mit ſeinem Bilde geſchmückt werden. Er wollte davon nichts wiſſen und ſträubte ſich lange da⸗ gegen. Erſt als der Verfaſſer erklärte, daß die Schrift unter keinen Umſtänden erſcheinen würde, wenn er ſich nicht zur Hergabe ſeines Bildes verſtände, gab er, wenn auch widerſtrebend nach, und tat den ihm un⸗ ſympathiſchen Gang zum Photographen. Als die Zeit herannahte, da er ſein 70. Lebensjahr vollendete, wurde der Wunſch rege, dieſen Tag durch eine beſondere Feier zu begehen. Man wußte aber, daß er nicht ohne weiteres dazu zu gewinnen war, denn er hatte ſeinen Angehörigen verboten, ſeinen 70. Ge⸗ 20 Wilhelm Dilzer. burtstag bekannt zu geben. Tatſächlich konnte der Tag auch erſt auf dem Umweg einer Rückfrage beim Pfarr- amt ermittelt werden. Und dann wurde Dilzer ein⸗ fach vor die vollendete Tatſache geſtellt und zu der Feier abgeholt, die die katholiſchen Vereine der Stadt ihm zu Ehren veranſtalteten. Einmal ins Privatleben zurückgetreten, konnte er auch etwas mehr an ſich denken, und ſo erlaubte er ſich wenigſtens faſt jedes Jahr eine kleine Reiſe, die er jeweils gegen Ende des Hochſommers mit ſeiner Frau unternahm. Seine größte Reiſe ging im Mai 1903 nach Italien. Es war eine beſchwerliche Pilgerreiſe nach Rom, wo damals der greiſe Jubelpapſt Leo XIII. regierte. Wie war der tiefreligiöſe Mann ergriffen von den hl. Stätten des ewigen Rom, von der Peters⸗ kirche, den Katakomben und den vielen andern Heilig⸗ tümern und Sehenswürdigkeiten der Stadt! Wie leuchteten ſeine Augen, als er den Nachfolger des hl. Petrus von Angeſicht zu Angeſicht ſehen und ſeine Hand küſſen durfte! Trotz ſeiner 69 Jahre hat Dilzer die Anſtrengungen dieſer Reiſe gut überſtanden. Sein Familienleben war das denkbar ſchönſte. Sein ganzes Leben war eigentlich Aufopferung für andere, wie viel mehr erſt für ſeine Angehörigen! Über ſein Familienleben kann man mit Fug und Recht den zutreffenden Spruch ſchreiben: „Streut Roſen der Liebe bei Lebenszeit, Bewahret einander vor Herzeleid!“ Unabläſſig ſtreute er Roſen der Liebe und ſeine Angehörigen hingen dafür mit ſchwärmeriſcher Ver⸗ ehrung an ihm. Einzelnen ſeiner Kinder, die härter mit dem Leben zu ringen hatten, half er mit beſon⸗ derer Liebe und Freigebigkeit. Seiner treuen Gefähr⸗ tin war er ein bis zum letzten Atemzug aufmerkſam Wilhelm Dilzer. 71 beſorgter Gatte. In den letzten Jahren ihres Beiſam⸗ menſeins machten ſich bei ihr die Beſchwerden des Alters in höherem Grade bemerkbar, denn rheumati⸗ ſche Gliederſchmerzen und Abnahme des Augenlichts traten auf. Trotzdem beſorgte ſie ohne fremde Hilfe die Haushaltung. Dilzer ſelbſt machte jeden Tag die nötigen Gänge und Einkäufe. Auch am Tage ſeines Todes, dem 17. Dezember 1907, ging er nach dem Gottes- dienſt noch in die verſchiedenen Läden. Als er ſeiner Frau die eingekauften Sachen übergeben hatte, legte er ſich zum Sterben hin und entſchlief ſanft infolge eines Herzſchlages. Seine letzte Handlung war alſo. ein ſeiner Frau erwieſener Liebesdienſt, mit der er 46 Jahre in glücklicher, ungetrübter Ehe verbunden geweſen. Ein raſch aufgetretenes Herzleiden hatte ſeinem Leben ein Ziel geſetzt. Die Sterbeſakramente konnte er nicht mehr empfangen, aber unvorbereitet war er nicht, denn wenige Tage vorher war er noch mit den Mitgliedern des Männer⸗Vinzentiusvereins zur Adventkommunion gegangen. Sein Tod kam überraſchend, weil Dilzer eigentlich nie krank geweſen war. Wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel wirkte denn auch ſein Ableben und die Kunde davon wurde überall mit den ſchmerzlichſten Gefühlen des Bedauerns und der aufrichtigſten Trauer aufgenommen. Alles ſprach davon; die Kinder eilten beflügelten Schrittes nach Hauſe und erzählten dort außer Atem die Trauerbotſchaft. Die katholiſchen Män⸗ ner drückten ſich ſchweigend und unter Tränen die Hände, weil ſie den Freund und Berater, den Vater und Führer verloren hatten. Die ganze Stadtgemeinde beklagte den Tod eines ihrer edelſten Bürger. Unter Ehren, wie ſie ſelten einem hochſtehenden Manne zu⸗ teil werden, wurde Dilzer am Donnerstag, 19. Dezem⸗ ber 1907, nachmittags 3 Uhr, zur letzten Ruhe beſtattet. In dem gewaltigen Leichenzuge, der ſich vom Sterbe— 72 Wilhelm Dilzer. hauſe in der Langeſtraße 40 nach dem Friedhofe be⸗ wegte, waren ſämtliche katholiſchen Vereine mit ihren Fahnen vertreten. Der katholiſche Stiftungsrat, die ſtaatlichen und ſtädtiſchen Behörden, die Zentrums⸗ fraktion des Badiſchen Landtags und viele Bekannte von nah und fern erwieſen dem Dahingeſchiedenen die letzte Ehre. Als erſter ſprach am Grab der Stadtpfar⸗ rer Martin von Baden-Baden, der die tief ergreifende Trauerrede hielt. Ihm folgte der Vorſitzende der Zentrumspartei, Geiſtl. Rat Th. Wacker, der ihm herzliche Worte treuen Gedenkens und innigen Dankes widmete. Den Nachruf des katholiſchen Männer— vereins hielt ſein 2. Vorſitzender, der Baron Felix von Röder⸗Diersburg. Von vielen Seiten gingen dem kath. Männerverein briefliche und telegraphiſche Beileids⸗ kundgebungen zu, u. a. auch vom Oberhirten, dem Erzbiſchof Dr. Thomas Nörber in Freiburg, der den Verſtorbenen perſönlich kannte. Dilzer iſt nicht mehr. In der Ewigkeit hat er ſicher Verzeihung erlangt für alle Schwächen und Mängel, die ja jeder menſchlichen Natur anhaften, hat er Ent⸗ ſchädigung erhalten für alle Bitterkeiten und Kümmer⸗ niſſe, die auch ihm nicht erſpart geblieben ſind, und hat endlich für das Gute, das er auf Erden gewirkt hat, unvergänglichen Lohn empfangen. Hienieden aber wird er fortleben mit ſeinen Verdienſten um die katholiſche Sache, um die Verteidigung der Rechte der Kirche und die Förderung des kirchlichen Lebens in ſeiner Vater⸗ ſtadt, um das Vereinsweſen und die katholiſche Preſſe und nicht zuletzt um das Wohl des engeren und weite— ren Gemeinweſens. * Wenn wir in den vorſtehenden Ausführungen an einzelnen Stellen etwas weiter gingen, als vielleicht Wilhelm Dilzer. 23 nötig geweſen wäre, ſo geſchah es, um ein möglichſt volles Bild der Verhältniſſe zu bringen, wie ſie gewor— den ſind, um alſo das„Einſt“ und„Später“ wenig⸗ ſtens kurz hervorzuheben und einander gegenüber zu ſtellen. Vielleicht hätte auch noch mehr angeführt wer⸗ den können, doch wird ſeine Weglaſſung als minder wichtig das Lebensbild Dilzers nicht beeinträchtigen. Jedenfalls glauben wir, auf dem zur Verfügung ſtehen⸗ den Raum den Beweis erbracht zu haben, daß Dilzer vollauf verdient, mit Recht genannt zu werden: einedler Mann! Joſef Diſtel, Bürgermeiſter. in heiteres, fröhliches Stück Land unſerer badi⸗ ſchen Heimat iſt der Hegau zwiſchen der Baar und dem Seekreis. Die Alpenwelt ſchaut zu ihm herab, der Bodenſee und Rhein beſpülen ihn und lachende, waldige Hügel und grüne Täler bilden ihn. Kein Wunder, daß der Dichter voll Entzücken ausruft: „Mein Hegau, ſchön biſt du.“ Zu den älteſten Gemeinden jenes Gaues zählt das Städtchens Engen. Ehemals vor dem dreißigjähri⸗ gen Kriege war es eine blühende, gewerbſame Stadt mit Mauern, Türmen und Toren geziert. Damals ſtanden gegen fünfzig wohlerhaltene Edelſitze auf den Bergen und Hügeln im weiten Umkreis. Heute bilden eine zielbewußte Landwirtſchaft und eine ſtarke Indu⸗ ſtrie die Erwerbsquelle der Einwohner. Im vorigen Jahrhundert hat die Amtsſtadt eine Reihe von Bür⸗ gern in ihren Mauern geſehen, die ſich durch reiches Talent, Fleiß und Ausdauer einen Namen von hohem Klang erworben haben. Unter dieſen nennen wir den ehemaligen Beſitzer der Brauerei zur Sonne, den ſpä⸗ teren Bürgermeiſter Joſef Diſtel. Über den Werdegang dieſes vortrefflichen Man⸗ nes beſitzen ſeine Nachkommen ein kleines Büchlein, in Joſef Diſtel. dem er ſeine Erlebniſſe im Krieg und Frieden, in guten und in ſchlimmen Tagen erzählt. Diſtel wurde am 29. November 1833 in Engen ge— boren und an demſelben Tage getauft als Sohn des Wirtes zur„Sonne“, Ludwig Diſtel und der Regina Honold. Über ſeine Kindheit erzählt er:„Unſere liebe Mutter, von welcher ich und meine Geſchwiſter keine Erinnerungen haben, ſtarb 1835. Die Fürſorge des lieben Gottes leitete unſeren Vater, daß er 1836 die Schweſter unſerer Mutter, Kreszentia, heiratete, welche uns die rechte Mutter nach jeder Richtung erſetzte. Unter Obhut unſerer lieben Eltern verlebten wir eine glückliche Kindheit. Als ich die Schuljahre hinter mir hatte, kam ich nach Karlsruhe, wo ich die Vorſchule des Polytechnikums beſuchte. Zwei Jahre ſollte ich dort zubringen, doch während ich Oſtern 1848 in den Ferien weilte, brach die Revolution aus. Ich mußte im Ge⸗ ſchäft bleiben, in der Brauerei und in der Wirtſchaft tüchtig mitarbeiten. Die Revolutionsideen fanden bei uns im Hegau einen guten Boden. Die kirchliche Be⸗ wegung Ronges hatte vorgearbeitet. Unſere Beziehun— gen mit der benachbarten Schweiz waren damals viel enger als jetzt. In meiner Jugendzeit war das kirch— liche Leben ein viel laueres und gleichgültigeres als jetzt. Die Joſefiniſche Zeit und die Weſſenbergiſchen Anſchauungen trugen die Hauptſchuld. Die Geiſt⸗ lichen waren vielfach lau und gleichgültig und nur dem Kulturkampf ſind beſſere Zuſtände zu verdanken.“ Nach Ablauf der Revolutionsjahre kam der junge Diſtel zu ſeiner weiteren Ausbildung als Wirt nach Hei— delberg; es gefiel ihm dort nicht, weil er in untergeord— neter Stellung zubringen ſollte. Deshalb ging er nach Karlsruhe ins Hotel zum„Roten Haus“, wo er viel lernen konnte. Um ſich auch in der franzöſiſchen Joſef Oiſtel. Sprache ausbilden zu können, brachte er geraume Zeit in der Schweiz zu. In Neuſchatel diente er als Kellner. In die Heimat zurückgekehrt, nahm er die erſte Stellung in der Brauerei ſeines Vaters ein. Das Jahr 1853 ſah den jungen Mann nach München wandern, wo er in der Brauerei Sterneck als Braupraktikant eintrat. Mit neuen Kenntniſſen ausgerüſtet übernahm der hoffnungsvolle Sohn nach der Rückkehr das ganze Ge— ſchäft ſeiner Eltern. Diſtel verheiratete ſich bald mit Fani Staries von Überlingen. In wenigen Jahren verlor er Vater und Mutter durch Tod. Letztere ſtarb 1859, ihr folgte 1863 der Gemahl.„Im Geſchäfte, ſo erzählte der junge Sonnenwirt und Brauereibeſitzer, erfreuten wir uns immer eines guten Erfolges. Ums Jahr 1863 wurde mit der Eiſenbahn über den Schwarz⸗ wald begonnen, was viel Leben und Verkehr brachte.“ Die Bürgerſchaft wählte den klugen Mann in den Gemeinderat. „Obgleich unſere Eltern ja gut katholiſch waren, konnte es in jener Zeit nicht anders ſein, als daß man in politiſcher und kirchlicher Beziehung einer freien Richtung angehörte. Mein Geſchäft und meine Stel⸗ lung brachten es mit ſich, daß ich mich am politiſchen Leben beteiligen mußte. Ich bekam auch Ehrenſtellen, wurde in die Kreisverſammlung gewählt und zum Vorſitzenden des Ortsſchulrates. Bald aber begann die liberale Partei das zu werden, was ſie im Verlauf der Jahre immer mehr geworden iſt, eine Regie⸗ rungspartei, die nach und nach ihre anfänglichen Grundſätze und Forderungen preisgab und immer mehr eine feindliche Stellung gegen die katholiſche Kirche einnahm.“ „Als Bezirksrat konnte ich Einblick gewinnen in die Gewalttätigkeit und Herrſchſucht der liberalen Partei. Joſef Oiſtel Joſef Oiſtel. 71 Dies führte mich naturgemäß in die Reihen ihrer Geg⸗ ner. In gleicher Weiſe kam ich auch mit der Gnade Gottes in kirchlicher Beziehung zu anderen Anſchau⸗ ungen und dankte dem lieben Gott dafür.“ Im September 1866 wurde die Eiſenbahn Singen— Engen eröffnet und im Juli 1869 die Strecke von Engen nach Donaueſchingen. Dieſes neue Verkehrs⸗ mittel, meint Diſtel, brachte trotz aller Befürch⸗ tungen vieler Geſchäftsleute einen Aufſtieg für die Wirte, aber die Dienſtboten wurden in ihren Anforde⸗ rungen immer begehrlicher und rückſichtsloſer. Es folgten die Ereigniſſe 1870/71.„Es freut mich, hier niederſchreiben zu können, daß bei uns von An⸗ fang an das größte Vertrauen in die preußiſche Führung herrſchte, ja, daß man mit größter Freude und Begeiſterung die Siege vernahm, daß in Zen⸗ trumskreiſen auch keine Spur von der ſpäter im Kultur⸗ kampfe uns oft vorgeworfenen Franzoſenfreundlichkeit vorhanden war. Wir freuten uns aufrichtig der Wiedererrichtung des deutſchen Reiches.“ Ein herber Schlag traf Diſtel, da ihm die treu⸗ beſorgte Gattin am 15. Mai 1871 durch den Tod ent⸗ riſſen wurde. Im September 1872 verheiratete er ſich mit einer Witwe Kleiner. Bereits im Jahre 1873 verkaufte er ſein ganzes Geſchäft um 73 000 Gulden und zog ſich ins Privat⸗ leben zurück. Doch die Muſezeit dauerte nicht lange. Geſinnungsgenoſſen der Zentrumspartei erſuchten den im Bezirk geſchätzten und verdienten Mann, eine Kandidatur für den zweiten Reichstagswahlkreis zu übernehmen. An einem durchſchlagenden Erfolg war in jener Epoche, wo der Liberalismus in faſt unum⸗ ſchränkter Macht alles beherrſchte, nicht zu denken. Während Diſtel rund 6000 Stimmen auf ſeinen Namen vereinigte, erhielt der Gegenkandidat Robert von 78 Joſef Oiſtel. Mohl 9000 Stimmen. Neun Jahre ſpäter, 1883, bereiſte unſer Politiker mit Herrn Wacker den Kreis und entwickelte das Programm der Zentrumspartei. Doch unterlag er auch dieſes Mal; es fehlten zum Siege noch etwa 1000 Stimmen. Oberbaudirektor Gerwig, der Erbauer der Schwarzwaldbahn, wurde der Vertreter des Kreiſes im Reichstage. Trotz aller bitteren Erfahrungen auf dem Felde der Politik ließ ſich der unentwegte Vorkämpfer und Führer der Zentrumspartei im Oberlande auch als Kandidat für den Landtag aufſtellen, unterlag aber jedes Mal.„Ich habe es ſpäter oft bereut und habe es nur getan, weil ich als überzeugungstreuer Katholik mich verpflichtet hielt, dem Drängen der Parteifreunde nachzugeben.“ Mehr Glück hatte Diſtel anfänglich in ſeiner Vater⸗ ſtadt Engen. Im Jahre 1887 wählten ihn ſeine Mit⸗ bürger zum Stadtoberhaupt. Mit der Übernahme dieſer Würde als Bürgermeiſter begann nun für den gewiſſenhaften Beamten ein neuer Lebensabſchnitt. „Mit der Hilfe Gottes gelang es mir bald, mich mit allen Anforderungen, welche das Amt an mich ſtellte, vertraut zu machen. Schwierigkeiten gab es natürlich mehr als genug, aber mit Geduld und gutem Willen ließ ſich alles überwinden.“ Im Jahre 1888 wurde der bewährte Mann auch als Vorſtand der allgemeinen Bezirkskrankenkaſſe gewählt. Doch auf die Tage der Ehre und Wertſchätzung folgte bald auch eine recht bittere Enttäuſchung. Im Frühjahr 1893 war die Amtszeit des Bürgermeiſters abgelaufen. Faſt niemand zweifelte daran, daß der tüchtige und allgemein geachtete Diſtel wieder gewählt werde. Doch die Liberalen bereiteten ſeine Niederlage im Stillen vor; dazu kam das neue Gemeindegeſetz, nach deſſen Beſtimmung in größeren Orten der Bürger⸗ meiſter nicht von der Bürgerſchaft, ſondern vom Aus⸗ Joſef Oiſtel. ſchuß gewählt werden mußte. Doch der Hauptgrund, warum Diſtel von ſeinem Poſten weichen mußte, erzählen ſeine Notizen:„Sie, die Liberalen, konnten mir beſonders nicht verzeihen, daß ich an Oſtern 1892 einer Einladung des Freiherrn von Buol, des ſpäteren Reichstagspräſidenten, folgte und mit Herrn Oberamtsrichter Gießler, Herrn Stadtpfarrer Hochweber einer Zentrumsverſammlung in Stockach anwohnte und ſogar zum Vorſitzenden jener Tagung gewählt wurde. Man hielt es für eine Ungeheuerlich— keit, daß ein Bürgermeiſter einer badiſchen Amtsſtadt eine Zentrumsverſammlung präſidiere. Die Liberalen ſelber mußten das Zugeſtändnis machen, daß ich meine Stellung nach jeder Richtung gut ausgefüllt hatte, aber es durfte eben kein Zentrumsmann Bürgermeiſter ſein. Bei der Wahl unterlag Diſtel tatſächlich, der Libera⸗ lismus triumphierte; doch der Neugewählte hatte wenig Glück, nach zwei Jahren dankte er ab. Der weitere Amtsnachfolger wurde krank und ſtarb. Es ruhte wie ein Fluch auf dieſer Stellung. In jener kritiſchen Lage drangen viele Bürger in den ſo ſchmählich zurückge⸗ drängten Privatmann Diſtel, er möge das Amt wieder übernehmen. Doch als charakterfeſter und aufrechter Mann wies er eine ſolche Zumutung ab. Große Freude bereitete dem braven Vater ſein Sohn Hermann, der ſich dem Studium der Rechts- wiſſenſchaft gewidmet hatte. Im Jahre 1905 iſt der letzte Eintrag in die Notizen. Der ehrwürdige Greis ſchrieb damals:„Das Leben ſchwindet ſo ſchnell dahin; im Alter kommt einem alles wie ein Traum vor. Man wird immer einſamer und verlaſſener.“ Die bisherigen Schilderungen geben dem Leſer be— reits ein ſchlichtes Bild von dem edlen Manne. Einige Zeugniſſe von Zeitgenoſſen mögen das Charakterbild noch ſchärfer hervortreten laſſen. Joſef Oiſtel. Joſef Diſtel war nach dem Urteile eines ſtillen Beobachters ein Charakter von ſeltener Schönheit. Dies verriet ſchon ſeine ganze ſtattliche Erſcheinung. Alles an ihm offenbarte die innere Vornehmheit. Sein Auftreten, ſeine Kleidung, ja ſeine Wohnung mit der geſamten Einrichtung verrieten den Bürger feiner Bildung. Diſtel war ein echter Patrizier, wie ſie uns die Geſchichte aus der Glanzzeit deutſcher Städte ſchildert. Wie der Mann, ſo war auch ſeine Rede. Jeder Satz loß von ſeinen Lippen in einem ebenſo ruhigen Tone, wie er durch den Inhalt ſeines Vortrages den glänzen— den Verſtand und den energiſchen Willen verriet. In ſeinem Amte als Bürgermeiſter zeigte er ſich allezeit als einen Beamten voll peinlicher Gerechtig⸗ keit. Gegen alle Bewohner des Hegauſtädtchens er⸗ wies er ſich hilfsbereit; insbeſondere gegen Arme und Bedrängte. Darum beſaß er auch in allen Kreiſen großes Anſehen und Vertrauen; ja die Bürger waren ſtolz auf ihn, weil er mit Takt und guten Umgangs⸗ formen zu repräſentieren verſtand. Ein hervorſtechen⸗ der Grundzug ſeines Weſens war ein ſeltener Zart— ſinn und eine durch und durch vornehme Denkungsart. Alles Rohe und Gemeine verabſcheute er wie einen Greuel. Nie hörte jemand aus ſeinem Munde ein Fluch⸗ oder Scheltwort. Deshalb war er eigentlich faſt zu gut für ſein ausgedehntes Geſchäft, das er in ſeinen jüngeren Mannesjahren mit ſo viel Geſchick führte. Es wäre ihm ein leichtes geweſen, durch neuzeitlichen Ausbau der Brauerei ſich ein bedeutendes Vermögen zu erwerben, doch dieſe finanziellen Ausſichten reizten ihn nicht. Die ſpätere Betätigung im Dienſte der Mit⸗ bürger und zum Wohle der Allgemeinheit gewährten ihm mehr Befriedigung als Schätze von Geld und Reichtum. Joſef Oiſtel. 81 Wiewohl Joſef Diſtel keine höheren Studien gemacht hatte, beſaß er doch eine ſo umfaſſende Bil⸗ dung, daß er keinem Akademiker nachſtand. Woher hatte er dieſe Kenntniſſe? Diſtel zeigte ſchon von Ju⸗ gend auf einen großen Wiſſenstrieb. Nach Aufgabe ſeines Geſchäftes ſtudierte er mit allem Fleiße. Er war ein Freund der Bücher und durch ſeine Beſchlagen— heit auf vielen Gebieten des menſchlichen Wiſſens wurde er ein gern geſuchter Geſellſchafter. Infolge dieſer Weiterbildung fand er ſich mit Leichtigkeit in Erfüllung ſeiner Pflichten als Bürgermeiſter, als Leiter der Be⸗ zirksſparkaſſe und Bezirksrat zurecht. Joſef Diſtel blieb ſein ganzes Leben hindurch ein begeiſterter Freund der Natur. Der tägliche Spazier⸗ gang durch Felder und Wieſen bildete für ihn nicht nur eine körperliche, ſondern auch eine geiſtige Erholung. Jedes Jahr machte er kleinere oder größere Reiſen mit Wanderungen in der Schweiz. In ſeiner Begleitung ſah man entweder die ehemaligen Stadtpfarrer Kärcher und Hochweber oder auch den fürſtlich fürſtenbergiſchen Rentmeiſter Oswald. Den ſchönſten Zug im Charakter des braven Mannes haben wir noch zu erwähnen, es war ſeine tiefe, echte Religioſität. Dieſelbe erſchöpfte ſich nicht in äußeren Handlungen, ſondern war eine tiefinnerliche, die ſein ganzes Tun und Handeln beeinflußte. Mit Vorliebe vertiefte er ſich jeden Abend in eine geiſtliche Leſung oder fromme Betrachtung. Es war für die Angehörigen der Familie immer erbauend, wenn der Vater die Heiligenlegende vorlas. Jeden Samstag Abend wurde gemeinſchaftlich der Roſenkranz gebetet. Gerade dieſe kernige, katholiſche Gebetsweiſe ſagte dem tiefen Gemüte des wackeren Katholiken zu, ſo daß er keinen Tag vorübergehen ließ, ohne ihn mit Bedacht zu beten. Schon in der Zeit, da er als Bürger⸗ Dor, Edle Manner. 6 Joſef Oiſtel. meiſter an der Spitze der Gemeinde ſtand und noch häufiger während der Jahre ſeines Privatlebens wohnte Diſtel öfters auch an Wochentagen der hl. Meſſe bei. Gerne machte er jedes Jahr eine Wallfahrt, ent— weder nach Einſiedeln oder nach Beuron. Aus dieſer tiefen religiöſen Veranlagung heraus wuchs wie eine köſtliche Blüte ſeine tätige Nächſten⸗ liebe. Der Unermüdliche war nicht bloß der ſorgende Vater für ſeine Familie, ſondern auch der Helfer und Beiſtand für die ganze Verwandtſchaft und die zahl⸗ reichen Freunde. Seinen zahlreichen Schuldnern gegen⸗ über zeigte er ſich oft als einen zu nachſichtigen und weichherzigen Gläubiger. Für das geiſtige und leibliche Wohl der Seinen brachte er Opfer, die an Heroismus grenzten. Dafür nur ein Beiſpiel. Von ſeiner erſten Frau hatte Diſtel einen Sohn von geiſtiger Schwachheit übernommen. Der Unglückliche ſtörte durch ſeine Launen und Auf⸗ regungszuſtände nicht ſelten die Stille und Gemütlich⸗ keit des Familienlebens. Der gute Vater konnte ſich bei allem Zureden von wohlwollenden Freunden nie dazu entſchließen, den Bedauernswerten einer Anſtalt zur Pflege zu übergeben. In jahrelanger Ausdauer übte er mit faſt himmliſcher Geduld und Sanftmut Werke der Barmherzigkeit an dieſem Familiengliede. Die echte Nächſtenliebe dehnte er auch auf ſeine Geg⸗ ner im politiſchen Leben aus. Allerdings empfand er den Undank der Bürgerſchaft ſehr bitter, da er nach Ablauf ſeiner Dienſtzeit als Bürgermeiſter mit Hilfe eines reaktionären Wahlſyſtems ſein Amt einem Manne abtreten mußte, der dieſer Stelle nicht gewach⸗ ſen war. Dieſe menſchliche Empfindlichkeit haben ihm einige als kleine Schwäche angerechnet. Doch wir fra⸗ gen: Wo iſt der Held zu finden, der über eine ſchnöde Zurückſetzung vollſtändig die Seelenruhe bewahren Joſef Oiſtel. 83 könnte? Diſtel ſelbſt hat dieſe ſchmerzliche Mißſtim⸗ mung ſpäter ſehr bedauert und bereut. Seine vor— nehme Geſinnung trug auch hier den Sieg davon. Als ſein Gegenkandidat und Nachfolger, Bürger⸗ meiſter M., am 30. November 1895 als Leiche auf⸗ gebahrt war, ging er in das Trauerhaus, ſprach der Witwe ſein Beileid aus und beſprengte den Toten mit Weihwaſſer. Elf Jahre ſpäter, am 21. Juli 1906, mußte Diſtel ſelbſt dem Allherrſcher Tod ſeinen Tribut leiſten. Es war in der Nacht des 20.—21. Juli jenes Jah⸗ res. Der ehrwürdige Greis fühlte ſich unwohl, er ließ ſich auf einen Seſſel nieder und verlangte den Roſen⸗ kranz. Während die Perlen durch ſeine zitternden Hände gleiteten, ſtarb er an einem Herzſchlage. Konnte er auch die hl. Sterbſakramente nicht mehr empfangen, ſo traf ihn doch der Tod nicht unvorbereitet, denn ſein wahrhaft frommes Leben war die beſte Vorberei— tung zum Scheiden von dieſer Welt. An ſeinem Grabe mußten alle, die den vortrefflichen Manne mit ſeinem untadelhaften Charakter kannten, ſeine unvergäng⸗ lichen Verdienſte um Familie und Heimat, um Kirche und Vaterland anerkennen. Medizinalrat Dr. Leopold Fiſcher, prakt. Arzt. W' das Glück hatte, die verſchiedenen Gemälde⸗ ſammlungen im In- und Auslande zu bewun⸗ — dern, der hat zwar die meiſten Bilder, wie ſie am Auge vorübergezogen, im Verlauf der Jahre ver⸗ geſſen. Nur ganz wenige Schöpfungen wahrer Künſt⸗ ler ſind in der Erinnerung geblieben. Ahnlich ergeht es auch auf der langen Wanderung durch das Leben. Tauſend Bilder von Menſchen aller Stände gehen an uns vorüber, faſt alle verſchwinden aus dem Gedächtnis, doch Männer von ausgeprägtem Seelenadel, Charaktere voll Edelſinn und Lauterkeit er⸗ freuen immer wieder, ſo oft deren Namen ehrend und dankbar genannt werden. Ein ſolch vortrefflicher Mann war Medizinalrat Dr. Leopold Fiſcher in Heidelberg. Mehrere Jahre durfte ich in manchen trauten Stunden ſein Seelen⸗ leben kennen lernen. Darum iſt es mir eine Freude, dieſes Bild eines Unvergeßlichen mit wenigen Strichen dem Leſer dieſer Skizze zu zeichnen, denn man könnte Dr. Fiſcher einen unblutigen Märtyrer ſeiner katho— liſchen Überzeugung nennen. Leopold Fiſcher war geboren am 24. Mai 1831 zu Karlsruhe. Dort lebten ſeine Eltern, Oberforſtmei⸗ ſter Ernſt Anton Fiſcher und Franziska Haagel. Die Familie Fiſcher ſtammte aus Giſſigheim bei Tauber⸗ Dr. Leopold Fiſcher. 85 biſchofsheim. Der Großvater führte den Titel„Reichs⸗ ritterlicher Amtmann, kaiſerl. Notarius, Forſtmann und Jäger“. Leopold Fiſcher, der noch zahlreiche Geſchwiſter hatte, erhielt, ſobald er zum ſchulpflichtigen Alter her— angewachſen war, Privatunterricht zwecks Eintritt in eine Mittelſchule. Eine Reihe von Jahren beſuchte er das Lyzeum ſeiner Vaterſtadt. Im Jahre 1849 erhielt er das Reifezeugnis für den Übertritt zur Univerſität. Er widmete ſich dem Studium der Medizin. Daß der junge Mann gerade dieſen Beruf wählte, verdankte er wohl dem öfteren Umgang mit ſeinem Schwager Medi⸗ zinalrat Dr. Weber. Wenn das Sprichwort:„Nur ein guter Menſch kann Arzt werden“ eine tiefe Weis⸗ heit enthält, dann darf man mit Fug und Recht ſagen: Leopold Fiſcher brachte ſchon von Haus aus alle not⸗ wendigen Fähigkeiten und Tugenden für einen Kan⸗ didaten der Heilkunſt mit. Die ſtahlblanke Makelloſigkeit ſeines Charakters, ſein feines Taktgefühl, die Opferwilligkeit für das Wohl der Mitmenſchen waren Eigenſchaften, die ſeine Be⸗ fähigung für dieſen ſchwierigen Beruf von vornherein im glänzenden Licht offenbarten. Das umfangreiche Studium der Medizin führte den Kandidaten an die Univerſitäten Freiburg, Heidelberg und Würzburg. Dieſe ſo wichtigen Jahre der theoretiſchen und prakti⸗ ſchen Vorbildung nützte der fleißige, unermüdliche Stu⸗ dioſus aufs gewiſſenhafteſte aus. Auch durch dieſe Jahre des akademiſchen Lebens blieb er, dank der vor⸗ trefflichen Erziehung, die er wie ein koſtbares Erbe vom Elternhauſe mitnahm, ein treuer Sohn der katho— liſchen Kirche. Bereits im 9. Semeſter beſtand der Jünger der Medizin in Karlsruhe ſeine Staatsprüfung. Am 30. Juni 1854 erhielt er die Erlaubnis zur Ausübung 86 Dr. Leopold Fiſcher. der geſamten Heilkunde. Faſt zu derſelben Zeit, am 5. Juli 1854, konnte der junge Arzt ſeinen glücklichen Eltern das Diplom der Doktorwürde, die er ſich in Freiburg erworben hatte, überreichen. Um ſich weiter auszubilden, begab ſich der ſtrebſame Mann in die Lehr⸗ ſäle berühmter mediziniſcher Autoritäten nach Prag und Wien. Zurückgekehrt in die Heimat, ließ ſich Leopold Fiſcher als praktiſcher Arzt in Neudenau, einem Städtchen an der Jagſt, nieder. Dieſe Stelle war von der Gemeinde ausgeſchrieben worden. Im Frühjahr 1856 eröffnete er ein Feld reicher Arbeit. Schon nach wenigen Monaten hatte ſich der pflichteifrige Herr das Vertrauen in weiten Kreiſen der ganzen Umgebung erworben. Um alle gewünſchten Beſuche machen zu können, mußte er manche Nacht für ſeine Patienten opfern. Seine zahlreichen Beſuche erledigte er teils zu Fuß, teils zu Pferd oder Wagen. Für den Viel⸗ beſchäftigten war es ein hohes Glück, daß er hier in Neudenau bald eine Familie gründen konnte. Am 17. Juli 1855 vermählte er ſich mit einer Tochter des Gaſtwirts und Gutsbeſitzers Theodor Merkle. Dieſes war eine hochangeſehene Familie des Städtchens. Der Bund, den die beiden Brautleute ſchloſſen, war in der Folgezeit mit des Himmels Segen beglückt. Das Ehe— paar hatte das Wort in der Hochzeitsmeſſe:„Selig alle, die den Herrn fürchten und ſeine Wege wandeln“, zum Grundſatze ſeines Lebens und Wirkens gemacht. Darum herrſchte Friede und Harmonie im ganzen Hauſe des Arztes. Gott ſchenkte den wackeren Eltern im Laufe der Jahre 11 Kinder, davon 4 in Neudenau. Als dieſe zu einem Alter herangewachſen waren, wo ſie eine ihrem künftigen Berufe entſprechende höhere Schulbildung ſich aneignen ſollten, trug ſich Dr. Fiſcher mit dem Plane, einen neuen Wirkungskreis in einer größeren Stadt Dr. Leopold Fiſcher. 87 zu erwerben. Anfangs der ſechziger Jahre war in Heidelberg eine Amtsaſſiſtentenſtelle frei geworden. Der Bewerber mußte ſich nach dem Ausſchreiben ver⸗ pflichten, an der Univerſität Pſychiatrie und Medizin zu leſen. Dr. Fiſcher erhielt am 6. Juli 1860 dieſe vielbegehrte Stelle. Er erfüllte alle Erwartungen in ſeinem Wirken als Lehrer der Studenten, ſo daß er bereits nach 3 Jahren (10. Mai 1863) von Großherzog Friedrich auf Vor⸗ ſchlag der Fakultät zum Aſſiſtenzarzt beim Amtsgericht und Oberamt Heidelberg befördert wurde. Neben ſeiner amtlichen Stellung übte der Schaffens⸗ freudige noch eine weitverzweigte Praxis aus, denn ſchon ſein feines Auftreten, ſeine ungekünſtelte Freund— lichkeit und vor allem ſeine Uneigennützigkeit gegen Arme und Hilfsbedürftige gewannen allen Schichten der Bevölkerung Achtung und Wertſchätzung ab. Sein Name erhielt unter den Katholiken der Stadt und der umliegenden Dörfer, ja ganz Badens immer helleren Klang, als er Mitbegründer des katholiſchen Kaſinos wurde. Bereits im Jahre 1862 hatte die Katholiken⸗ verſammlung zu Aachen einen Beſchluß gefaßt, der in eindringlichen Worten den Zuſammenſchluß aller treugeſinnten Katholiken, namentlich in Städten, empfahl. Jakob Lindau, der ſpäter vielgerühmte Parlamentarier, hatte jener Generalverſammlung in der Kaiſerſtadt Aachen angewohnt. Er begann nun die Worte der damaligen Führer für das katholiſche Deutſchland mit einigen Gleichgeſinnten in die Tat umzuſetzen. Einmal in der Woche kamen eine An⸗ zahl Herren im„Pariſer Hof“ zuſammen. Die Gleich⸗ artigkeit der Geſinnung bildete die Grundlage dieſer neuen Vereinigung von Katholiken. Die wichtigſten Zeitfragen und Aufgaben wurden hier eingehend be— ſprochen. Unter den regelmäßigen Beſuchern dieſer 88 Dr. Leopold Fiſcher. Zuſammenkünfte ſah man auch den jungen Aſſiſtenz— arzt Dr. L. Fiſcher. Sein gediegener Charakter, ſein reiches Wiſſen, ſein unerſchrockenes Auftreten machten Aufſehen. Dieſe regelmäßigen Beſprechungen und Beratungen ließen den Plan ausreifen, dem Kaſino eine feſte Form durch Satzungen zu geben. Als erſter Vorſtand wurde Jakob Lindau und als zweiter Dr. Leopold Fiſcher gewählt. Wir haben heute faſt kaum mehr eine Vorſtellung davon, welchen Mut und welche Opfer es koſtete, unter den damaligen Verhältniſſen ſich für die Rechte der katholiſchen Kirche in die vorderſten Reihen der führen— den Männer im Lande zu ſtellen. Das Konkordat war geſtürzt, der Schulkampf auf allen Seiten entbrannt, die Katholiken ſtanden ohne Preſſe und ohne Organiſation. Nun galt es, die un⸗ geſchulten Männer im ganzen Lande aufzuklären. Zahlreiche Verſammlungen fanden in allen Gauen ſtatt. Auch Dr. Fiſcher trat öfters als Redner auf. Sollte aber die Organiſation von dauerndem Erfolge ſein, ſo war eine katholiſche Preſſe von allergrößter Bedeutung. Aus dieſer Erwägung heraus wurde am 1. Auguſt 1865 in Heidelberg für das ganze Unterland und für den Taubergrund der„Pfälzer Bote“ ge— gründet. Das bedeutete damals eine Großtat für die Stellung der Katholiken im öffentlichen Leben. Eine Unmenge von Schwierigkeiten jeglicher Art mußte überwunden werden, um dem kleinen, aber mutigen „Boten“ Eingang zu verſchaffen. Opfer ohne Zahl mußten die Vorſtände im Kaſino dieſem Blatte in den erſten Jahren bringen. Im Heerlager der Gegner und im Schoße der Regierung hatte man die lebhafte Be⸗ teiligung von Dr. Fiſcher an den Beſtrebungen der Katholiken mit ſteigendem Mißfallen verfolgt. Es be⸗ Dr. Leopold Fiſcher Dr. Leopold Fiſcher. 89 gann eine lange Kette von Maßregelungen gegen den mißliebigen Beamten. Zuerſt wurde er amtlich zur Verantwortung gezogen. Mit Würde und Charakter⸗ ſtärke verteidigte er ſeine Mitwirkung für das Wohl ſeiner hl. Kirche. Eine Verletzung der Dienſtpflicht konnte ſelbſt der ſcharfſinnigſte Vorgeſetzte nicht heraus⸗ klügeln. Die Sache endete für dieſes Mal mit einer Verwarnung unter Androhung von Dienſtentlaſſung. Die folgenden Jahre wurden für den unentwegten Streiter und Kämpfer recht ſchwüle und arbeitsreiche. Im Jahre 1866 beteiligte ſich Aſſiſtenzarzt Dr. Fiſcher während des unglückſeligen Bruderkrieges an dem Samariterdienſt für Verwundete. Wochenlang wirkte er in dem Städtchen Walldürn im Vereine mit anderen Arzten, um der Choleraepidemie Einhalt zu gebieten. In ſeinem Herzen quälte ihn noch die Sorge um ſeine eigene Familie, um Frau und Kinder. Mit Gottes Gnade überſtand der Wagemutige alle Gefahren einer Anſteckung. Welche Freude herrſchte im Kreiſe ſeiner Lieben, als der ſehnlich erwartete Vater wieder heim⸗ kehren durfte! Im Jahre 1868 ſtarb der Vorgeſetzte Fiſchers un— erwartet. Jetzt lag die ganze große Laſt, die bis dahin von drei Sanitätsbeamten getragen worden war, auf ihm allein. Dazu kamen noch die verantwortungsvollen Geſchäfte für Verwaltung und Gerichte. Allgemein herrſchte die Anſicht, dieſe Überbürdung ſei ein Zeichen des großen Vertrauens der oberſten Behörde. Das Gegenteil ſollte den guten Glauben gründlich zerſtören. Am 2. Mai 1868 erhielt Dr. Fiſcher nicht etwa, wie harmloſe Gemüter meinten, eine Ernennung zum Be⸗ zirksarzte oder ſonſt eine Anerkennung für treue, dem Vaterland geleiſtete Dienſte, ſondern die ſchmerzliche Mitteilung, daß nach höchſter Entſcheidung ſeine Dienſt⸗ probezeit um ein Jahr verlängert ſei. Dr. Leopold Fiſcher. Als aufrechter Mann konnte der vor ſeinen Kollegen bloßgeſtellte Aſſiſtenzarzt eine ſolche Behand⸗ lung ſich nicht gefallen laſſen. Er beſchritt den regel⸗ rechten Weg zur Beſchwerde, erkundigte ſich bei ſeiner unmittelbar vorgeſetzten Behörde. Von dieſer erfuhr er, daß man mit ſeiner Dienſtleiſtung zufrieden ſei und dieſer Beſcheid ſei auch an das Miniſterium abge⸗ gangen. Auf Anraten von Freunden wandte ſich Dr. Fiſcher am 19. Mai 1868 unmittelbar an den Großherzog, um eine amtliche Unterſuchung über ſeine Tätigkeit, die er ſeither dem Staat geleiſtet hatte, zu veranlaſſen. Auch jetzt blieb alles beim alten. Nun griff er zum letzten Mittel, er bat um ſeine Entlaſſung aus dem Staatsdienſte. Dreimal mußte er dieſe Bitte an den Großh. Obermedizinalrat wiederholen, bis ſie endlich nach langer Zögerung gewährt wurde. Man hätte meinen ſollen, das Maß der Bitterkeit ſei voll, doch eine letzte Verunglimpfung mußte der edle Mann über ſich ergehen laſſen. Bei einer Kam⸗ merverhandlung der Landſtände behauptete Miniſter Jolly bezüglich der Sendung von Dr. Fiſcher nach Walldürn in den Tagen der Choleraepidemie:„Es wurden verſchiedene Gründe geltend gemacht, warum er nicht hingehen könne, bis ihm ſchließlich der Be— fehl gegeben wurde, er habe bei ſeiner Pflicht als Staatsdiener dahin zu gehen. Er ging hin, weil er gezwungen war, als man ihm ſagte, wer Staatsdiener iſt, hat die Pflichten ſeines Amtes zu erfüllen und am meiſten, wenn Gefahr iſt.“ Dieſe Darſtellung des Miniſters beruhte auf Un⸗ wahrheit. Der Hergang ſpielte ſich in folgender Weiſe ab: Als die Aufforderung an die Arzte Badens zur Hilfeleiſtung bei der Epidemie im Taubergrund kam, meldete ſich faſt niemand. Eine große Anzahl junger Dr. Leopold Fiſcher. 91 Arzte hatte den Militärdienſt verlaſſen; plötzlich ohne jede andere Mitteilung traf ein Telegramm an Dr. Fi⸗ ſcher ein, das ihm befahl, ſich ſofort nach Walldürn zu begeben. Dieſe Aufforderung erreichte ihn abends beim Eintritt der Dunkelheit. Fiſcher eilte zu ſeinem Vorgeſetzten, dem Medizinalrat Metzger. Dieſer lag krank in der Augenklinik, wo er ſich einer Operation unterzogen hatte. Auf deſſen Veranlaſſung reiſte Dr. Fiſcher noch in derſelben Nacht nach Karlsruhe, um am frühen Morgen der zuſtändigen Behörde die ſchwierige Lage in Heidelberg zu ſchildern, da er, Fiſcher, der ein— zige dienſttuende Sanitätsbeamte für den Bezirk Hei⸗ delberg ſei. In der Reſidenz ſah man die Schwierig⸗ keiten ein. Es wurde verſucht, einen Arzt in Schönau für die Tätigkeit im Hinterland zu gewinnen, jedoch ohne Erfolg. In dieſer kritiſchen Lage hatte Dr. Fiſcher Heidel⸗ berg in Eile verlaſſen, um den Kranken in Walldürn und Umgebung ein Retter und Helfer zu werden. Dieſen wahren und einzig richtigen Sachverhalt ſchilderte Dr. Fiſcher in einem längeren Schreiben, ſandte es dem damaligen Kammerpräſidenten zur Ver⸗ leſung vor der Verſammlung der 63 Abgeordneten. Dieſer Wunſch blieb unerfüllt. Nun wandte er ſich an die Petitionskommiſſion, man möge zur Steuer der Wahrheit ſeine Erklärung und Schilderung in die betr. Akten der Kammerverhandlung einfügen. Wie⸗ der blieb alles kalt wie Marmor. Der Nationallibera⸗ lismus fühlte ſich ja in ſeiner ganzen Macht und Bru⸗ talität, die für einen zu Unrecht behandelten„ultra— montanen“ Beamten keinen Finger rührte. Doch das letzte Wort erhielt Dr. Fiſcher. Im Vollbewußtſein ſeines Rechtes gab er in den Zeitungen eine öffentliche Erklärung ab, behauptete klipp und klar, der Miniſter habe in ſeiner Darſtellung über die Sendung nach 92 Dr. Leopold Fiſcher. Walldürn die Unwahrheit geſagt. Er ſtellte es ihm anheim, eine Unterſuchung einzuleiten, denn vor einem Gerichtshof werde er den Wahrheitsbeweis antreten. Ein eiſiges Schweigen zeigte jedem Ehrlichdenkenden, daß der Miniſter ein Unrecht begangen hatte. Nun war der verleumdete Arzt wenigſtens frei von den Staatsfeſſeln. Alle Fähigkeiten und Kenntniſſe konnte er fortan ſeiner weitverzweigten Praxis zuwen⸗ den. Außer Gott und ſeinem Gewiſſen war er nie⸗ manden mehr Rechenſchaft ſchuldig, ſo oft er ſeine freie Zeit dem katholiſchen Vereinsweſen widmete. Viele Jahre hindurch blieb er im Vorſtand des Kaſinos. Dieſes Amt betrachtete er nicht als eine Ehrenſtelle, ſon⸗ dern als ein Stück Arbeit. Erſt im Jahre 1889 mußte der hochverdiente Mann infolge Erkrankung ſich zurückziehen, doch er blieb bis zu ſeinem Tode Ehrenvorſtand des Kaſinos oder Zentrumsvereins, wie es ſich ſeit 1890 nannte. Seine politiſche Tätigkeit wurde im ganzen Lande geſchätzt. Als im Jahre 1871 im neuen Deutſchen Reiche die Zentrumspartei ihr Banner entfaltete und in allen Bezirken Vertreter dieſer Partei aufgeſtellt wurden, da trat Fiſcher ſehr oft in großen Verſammlungen auf, namentlich in Mannheim und Karlsruhe. Mehrere Male mußte er die ſchwere und undankbare Bürde auf ſich nehmen, als Kandidat des Zentrums im 12. Be⸗ zirk, Heidelberg Eberbach— Mosbach, an zahlreichen Orten ſich den Wählern vorzuſtellen und das Pro— gramm ſeiner Partei zu entwickeln. Da die Katho— liken in dieſem Bezirk weit in der Minderheit ſich befanden, war natürlich dieſes Wahlgeſchäft um ſo ſchwieriger. Auch auf dem Felde der Caritas erwarb ſich der Heimgegangene reiche Verdienſte. Wir nennen nur ein Beiſpiel. Während des deutſch-franzöſiſchen Krieges 1870/71 hatte das katholiſche Kaſino ſeine Dr. Leopold Fiſcher. weiten Räume zur Errichtung eines Lazarettes zur Verfügung geſtellt. Das waren für unſeren jungen Arzt Monate reichgeſegneter Arbeit an Verwundeten von Freund und Feind. Alle Mannſchaften verehrten den barmherzigen Samaritan wie einen Vater. Dieſe werktätige Liebe drängte den erfahrenen Herrn auch zur Mitwirkung bei Gründung des katholi⸗ ſchen Studentenvereins Palatia, der bis heute in Heidelberg für zahlreiche Muſenſöhne aus allen Gauen des deutſchen Vaterlandes eine Segensquelle geblieben iſt. Dr. Fiſcher verſtand es gar wohl zu würdigen, welche Wohltat eine ſolche Vereinigung katholiſcher Studenten für deren Eltern und vor allem für Wah⸗ rung und Erhaltung der chriſtlichen Weltanſchauung unter den Akademikern in ſich ſchließe. So oft ſeine Berufsgeſchäfte es geſtatteten, erſchien er mit ſeinen Freunden im Kreiſe dieſer fröhlichen Studenten, er— freute und ermunterte ſie durch ſeine ausgezeichneten Vorträge und Anſprachen. Noch ein Amt müſſen wir erwähnen, das der Ver⸗ blichene mit Ehren und Ruhm ausübte; im Jahre 1864 wählten ihn ſeine Mitbürger zum Mitglied des katholi⸗ ſchen Stiftungsrates. Die Mitarbeit in dieſem Kolle— gium brachte manche Dornen der Unannehmlichkeiten von außen und innen. Wir machen nur einige An⸗ deutungen. Am 1. September 1874 erhielt das katholiſche Pfarramt und das Bezirksamt die Mittei⸗ lung, daß die Altkatholiken das Mitbenutzungsrecht an der Heiliggeiſtkirche hätten. Die kirchlichen Gerätſchaf— ten in dieſem Heiligtume ſollten mit den Anhängern der neugebildeten Religionsgeſellſchaft geteilt werden. Dieſe häßlichen Kämpfe während der Kulturkampfjahre brachten eine Fülle von Bitterkeiten und Kränkungen für alle treugeſinnten Katholiken in der ganzen Stadt. Es kam ſoweit, daß ſie auch das St. Annakirchlein 94 Dr. Leopold Fiſcher. in der Plöckgaſſe den Altkatholiken abtreten und die Katholiken aus milden Beiträgen ein Notkirchlein bauen mußten. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vermehrte ſich die Zahl der Katholiken in Heidelberg, beſonders in der Weſtſtadt, ganz bedeutend. Der Neubau einer großen, geräumigen Kirche bildete eine Hauptſorge für die Kirchenbehörde. Mannigfaltige Stiftungen wurden von opferwilligen Katholiken gemacht, immer dringen⸗ der wurde der allgemeine Wunſch von mehreren tau— ſend Katholiken der Weſtſtadt laut, man möchte doch mit dem Neubau beginnen, da es vielen Hunderten von kleinen und mittleren Beamten und Geſchäftsleuten unmöglich war, nur ihre gewöhnliche Sonntagspflicht zu erfüllen. Immer und immer verſchob ſich die Sache. Der Stiftungsrat mußte viele bittere Klagen ſich gefallen laſſen, allein die Bauangelegenheit blieb jahrelang im Stadium der Erwägung, da der damalige Stadtpfarrer der Jeſuitenkirche in ſeiner Eigenſchaft als Vorſitzender des Stiftungsrates für die Wünſche vieler braver Katholiken der Weſtſtadt manchmal leider kein Verſtändnis und Entgegenkommen zeigte. Wie wehe tat das einem ſo empfindſamen Herzen eines liebevollen Mannes, wie Dr. Fiſcher war, der ſo gerne ſeinen Mitbürgern ihre Wünſche erfüllte, ſoweit es in ſeiner Macht lag. Darüber könnte ein großes Kapitel geſchrieben werden. Die hohe Kirchenbehörde in Freiburg und auch der Bonifatiusverein der Erzdiözeſe förderten dann im Verlauf der neunziger Jahre den Kirchenbau. Welche Freude war es jetzt für alle, die ſeit Jahren durch Wort und Tat das Werk unterſtützt hatten, als im September 1902 endlich das Heiligtum den erſten feierlichen Gottesdienſt ſah. Dr. Leopold Fiſcher. Faſt vier Jahrzehnte bekleidete Dr. Fiſcher die Würde und Bürde eines Stiftungsrates. Nach jeder abgelaufenen Periode zählte ſein Name immer die meiſten Stimmen der abgegebenen Wahlzettel. Über ſeinem Wirken vergaß der treue Mann keinen Tag ſeine ſchönen Pflichten und Aufgaben als Vater und Hirte ſeiner Familie. Dr. Fiſcher bildete für die Seinen ſozuſagen die ſichtbare Vorſehung. Durch raſtloſe Tätig⸗ keit, durch weiſe Sparſamkeit trug er beſtändig Sorge für das zeitliche Fortkommen eines jeden Gliedes im trauten Kreiſe. Frau und Kinder ſahen in dem lieben Vater einen leuchtenden Stern des Hauſes, der ihnen mit gutem Beiſpiel voranging. Die treubeſorgte Gat⸗ tin, die Prieſterin des häuslichen Heiligtums, hatte an ihrem Gemahl eine mächtige Stütze in dem hohen Amte der Erziehung. Darum erntete er auch den Segen, den der hl. Geiſt den guten Vätern mit den Worten verheißt:„Unterweiſe deinen Sohn, ſo wird er dich ergötzen und Wonne gewähren deiner Seele“. (Sp. 29, 17.) Da Heidelberg unter ſeinen vielen Unterrichtsanſtal⸗ ten kein Heim hatte, dem katholiſche Töchter ohne Sor— gen um das Kleinod des wahren Glaubens anvertraut werden konnten, ſo übergab die Familie Fiſcher ihre Töchter dem vielgerühmten Erziehungsinſtitut Rieden⸗ burg bei Bregenz. Dort leiteten Schweſtern vom hl. Herzen Jeſu die Tugenden, die Vater und Mutter in die Kinderherzen gepflanzt hatten, zur lieblichen Blüte und ſchönen Entfaltung. Welche Taborſtunden verlebte Dr. Fiſcher, ſo oft er einer kirchlichen Feier oder einem Schulfeſte in jenen geweihten Stätten anwohnte! Mit den Jahren wurde er ſozuſagen Hausfreund und ein immer willkommener Gaſt. Dieſe Beſuche benutzte er dann in der Regel zu ſeiner Erholung in den Bergen von Tyrol und Oberbayern. Die kernige Frömmig⸗ 96 Dr. Leopold Fiſcher. keit und der Biederſinn jener Volksſtämme rührte ſeine Seele wie goldener Sonnenſchein nach kalten, froſtigen Wintertagen. Über vierzig Jahre verlebte Medizinalrat Fiſcher ein glückliches Eheleben mit ſeiner Gattin. Im Jahre 1899 kehrte der Tod ein und holte die Mutter von dieſer Erde ab. Es bewahrheitete ſich in jenen Trauer⸗ tagen das Wort des Gelehrten Boſſuet:„Es gibt in der Menſchheit keine grauſameren Schmerzen als jene, welche die Trennung einer glücklichen Ehe bereiten.“ Zwei Jahre ſpäter folgte der Mutter die jüngſte Tochter in die Ewigkeit nach, eine andere Tochter hatte bei den Kloſterfrauen in Riedenburg das Ordenskleid gewählt, die übrigen waren faſt alle in glücklichen Ver⸗ hältniſſen verſorgt. Der einſame Witwer mußte nun auch noch die Be— ſchwerden des Greiſenalters ertragen, Jahre, von denen die hl. Schrift ſagt:„Sie gefallen mir nicht.“ Ein ſchweres körperliches Leiden verurſachte dem ehr⸗ würdigen Greiſe manche harte Stunde. Doch ſoweit die Kräfte ausreichten, blieb er in ſeinem Berufe tätig, erfüllte vor allem aufs gewiſſenhafteſte ſeine Pflichten als Chriſt und verfolgte mit Freuden die günſtigen Fortſchritte der Katholiken Badens auf religiöſem, politiſchem und ſozialem Felde. Erſt im Jahre 1901 am 21. Juni erhielt Dr. Fiſcher den Titel Medi⸗ zinalrat. Von Sr. Heiligkeit Papſt Leo XIII. wurde der Katholik nach dem Herzen der Kirche mit dem Rit⸗ terkreuz des hl. Gregor des Großen beehrt. In den Nachmittagsſtunden des 30. Juli 1903 ent⸗ ſchlief der müde Pilger ſanft im Herrn. Seine lieben, treuen, innigen Augen, aus denen ſtets ein ſo herzliches Wohlwollen voll Friede und Freude leuchtete, waren erloſchen. Ein Herzſchlag hatte dem reichen Leben ein Ende geſetzt. Dr. Leopold Fiſcher. 97 Die Trauernachricht rief nicht nur in Heidelberg, ſondern im ganzen Lande, wo dieſer Arzt und Men⸗ ſchenfreund bekannt war, innige Teilnahme hervor. Als am 1. Auguſt die irdiſche Hülle auf dem prächtigen, waldumſäumten Gottesacker zur Ruhe beſtattet wurde, merkte man aus der außergewöhnlichen Beteiligung, daß ein hochverdienter Mann geehrt wurde. Aus der Pfalz und dem Taubergrund wie aus dem Kraichgau und Mittellande hatten ſich zahlreiche Freunde und Verehrer des Verſtorbenen an ſeinem offenen Grabe eingefunden und den Schmerz um den lieben Toten mit den Anverwandten geteilt. Heben wir noch einige Tugenden hervor, die wie ein köſtliches Erbe uns von dem Verblichenen hinter⸗ laſſen wurden. Die erſte Tugend war ſeine echt katholiſche Fröm⸗ migkeit und ſein echt katholiſcher Geiſt. Er trug das Kreuz mutvoll auf ſeiner Stirne, aber auch im Herzen durch eine hl. Ehrfurcht zu Gott und ſeiner hl. Kirche. Ein Beweis ſeiner tiefen Religioſität war die Wert⸗ ſchätzung des hl. Meßopfers und die Liebe zum Roſen⸗ kranz. Faſt täglich, ſoweit es der Beruf zuließ, wohnte er dem hl. Opfer in dieſer oder jener Kirche bei. In den Abendſtunden ſah man ihn nicht ſelten in einer Bank der Kirche knien, wie er fromme Zwieſprache mit dem im Tabernakel weilenden Gott und Heiland hielt. Der Roſenkranz bildete ſeinen beſtändigen Beglei⸗ ter. Auf einſamen Pfaden oder auch im Gewühl der Menge, wenn er ſonſt keine Zeit fand, ließ er die Perlen durch ſeine Hand gleiten. Mit Überlegung und Abſicht hat dieſer ängſtliche Mann, wenigſtens in ſeinem gereiften Alter, nie auch nur eine läßliche Sünde begangen. Wer meint, dieſe Behauptung ſei zu kühn, dem hätte ich gewünſcht, daß Dor, Edle Männer. 2 Dr. Leopold Fiſcher. er einmal ungeſehen Zeuge geweſen wäre, ſo oft der heiligmäßige Mann am Vortag vor dem jeweiligen Empfang der hl. Sakramente mit ſeinem Seelenführer eine mehrſtündige Beſprechung über alle Zweifel ſeiner vermeintlichen Fehler in tiefem Ernſte unterhielt. Darum war ein Urteil über den Heimgang dieſes Mannes wohl zutreffend, das in einem Wagen der elektriſchen Straßenbahn am Todestage von Dr. Fiſcher gefällt wurde. Als die Trauerkunde von Mund zu Mund flog, äußerte ein Stadtrat ſeine Meinung mit den Worten:„Wenn ein Gerechter in Heidelberg lebte, dann war es dieſer Herr.“ Die zweite Tugend dieſes reichen Lebens war ſeine Selbſtloſigkeit, denn er ſuchte nicht Geld und Ehre vor der Welt. Schon die Schlichtheit, mit der er überall auftrat, zeigte, wie wenig Anforderungen er an die Güter dieſer Welt ſtellte. Was er als Arzt Hunderten von armen Kranken ſchenkte, weiß nur Gott im Himmel. Dr. Fiſcher zeigte ſich endlich in ſeinem gan⸗ zen Leben hindurch als treuer Freund jenen, die dieſes Bundes würdig waren. Das Buch der Bücher preiſt in herrlichen Worten den Wert der Freundſchaft. „Glücklicher, der du biſt, wann du einen guten Freund, einen wahrhaften Freund beſitzeſt. Ein treuer Freund iſt ein mächtiger Schutz. Wer den Herrn fürchtet, wird auch gute Freundſchaft haben, weil ihm gemäß ſein Freund ſein wird; gemeinſam werden ſie in der Gottes⸗ furcht fortſchreiten und dem Herzen geeint bleiben.“ Ein ſolcher Freund nach dem Sinn und Geiſt der hl. Schrift war allezeit der Verblichene, der Leid und Freud mit ſeinen Getreuen teilte. Keiner hat dieſes reichlicher erfahren als der hochgeprieſene Jakob Lindau. Als dieſer einſt ſo populäre Führer nach dem Abſchied aus dem öffentlichen Leben als gebrochener Mann in der Stille der Einſamkeit wie ein Toter Dr. Leopold Fiſcher. 99 mitten unter den Lebenden den Heimgang in die Ewig⸗ keit erwartete, erſchien oft wie ein tröſtender und ſtärkender Engel der unentwegte Freund und Leidens⸗ genoſſe Fiſcher in ſeiner Wohnung. Die Stunden gegenſeitiger Ausſprache wirkten wie Sonnenlicht auf das Gemüt. Nun ſind beide Freunde heimgegangen. Wäre es nicht undankbar, wenn ſolche vorbildliche Männer von dem heutigen Geſchlechte vergeſſen würden? Quellen: Hinterlaſſene Papiere und Zeitungsausſchnitte, mündliche Mitteilungen. Lorenz Helmle, Hofbauer. aum ein Beruf war vor dem Ausbruch des Welt⸗ krieges in der Achtung und Wertſchätzung tiefer geſunken als der Bauernſtand. Die Gründe dieſer traurigen Erſcheinung im Volksleben liegen auf mannig⸗ faltigen Gebieten. Die raſche Entwicklung der Induſtrie, die vielfache Abwanderung vom Lande nach der Stadt, die Verſchuldung der Kleinbauern, der ſelbſtſtolze Mili⸗ tarismus uſw. haben mitgewirkt, daß man in vielen Schichten nur mit einem mitleidigen Blick auf das ſchlichte Landvolk herabſah. Einen ungeahnten Um⸗ ſchwung brachten die großen Ereigniſſe der jüngſten Vergangenheit. Gerade der Krieg hat die Notwendig⸗ keit der bäuerlichen Bevölkerung klar gezeigt. Ein israelitiſcher Schriftſteller hat den Beweis erbracht, daß der Bauernſtand die zahlreichſten Soldaten dem Vater⸗ lande zur Abwehr der Feinde geſtellt hat. Für den Wiederaufbau des unglücklichen Deutſchland iſt ein tüchtiger, leiſtungsfähiger Bauernſtand von der aller⸗ größten Wichtigkeit. Will man Bauern kennen lernen, die treu ihrem Stande, treu ihren Vorfahren, treu ihrem Boden, treu der Sitte und Religioſität leben, ſo braucht man in Baden nur auf den Höhen des Schwarzwaldes zu ſuchen, wo ſie vielfach wie Fürſten unter ihren„Völ⸗ kern“ wohnen und ſich glücklich fühlen. Ein ſolcher Lorenz Helmle. Bauer von altem Schrot und Korn war der am 21. April 1914 verſtorbene Lorenz Helmle von Breit⸗ nau, genannt der„Baſchibur“. Lorenz Helmle wurde am 10. Auguſt 1847 auf einem Bauernhöfe im Zinken Steig, der zu Breitnau gehört, geboren. Seine Eltern hießen Johann Georg Helmle und Katharina Spiegelhalder. Schon faſt fünfhundert Jahre gehörte der Hof ein und demſelben Familienſtamme an. Lorenz war der einzige Sohn ſeiner Eltern. Er hatte noch vier Schweſtern. Zum Knaben herangewachſen, beſuchte er, der rei— ches Talent vom Vater ererbt hatte, die Volksſchule ſeiner Heimat. Er zählte etwa zwölf Jahre, als er auf Wunſch der Eltern Aufnahme in der Schule von Hinterzarten fand. Der damalige Hauptlehrer Hof⸗ ſtetter gab dem geweckten Knaben beſonderen Unter⸗ richt, namentlich in der franzöſiſchen Sprache. Nach Abſchluß der Volksſchule mußte der kräftige Sohn tüchtig auf dem Hofe in allen Zweigen der Land⸗ wirtſchaft mitarbeiten. In dieſer harten Schule der täglichen, mühevollen Arbeit lernte der künftige Erbe und Beſitzer des Hofes an ſeinem eigenen Leibe, was ein fleißiger und gewiſſenhafter Dienſtbote leiſten kann. Die vielen Knechte und Mägde achteten den Mit⸗ arbeiter von ganzer Seele. Einer der Knechte verſuchte ſpäter ſein Glück in Amerika und rühmte noch in einem Brief, der zu Anfang unſeres Jahrhunderts auf dem Schwarzwald ankam, die ſonnige Freundlichkeit und erbauende Beſcheidenheit des jungen Lorenz Helmle. Der Sohn des Hofbauern wuchs zur Freude aller, die ihn kannten, zum ſtillen, ſinnenden Jüngling heran. Er war achtzehn Jahre alt geworden. Jetzt griff er auf Wunſch des Vaters zum Wanderſtabe und pil⸗ gerte nach der Schweiz, wo er auf einem großen Pacht- hofe bei Murten Arbeit erhielt. Hier hatte er Ge⸗ Lorenz Helmle. legenheit, ſeine Kenntniſſe in der Landwirtſchaft zu er⸗ weitern und zu vertiefen. Geraume Zeit ſpäter fand er Beſchäftigung in einer großen Käſerei. Um hohes Entgelt erhielt der ſtrebſame Schwarzwälder ſogar das Schweizer Bürgerrecht. Dieſes behielt er ſein ganzes Leben hindurch und verpflanzte es auf ſeine Nach⸗ kommen. Der Vater unſeres Lorenz Helmle verfügte infolge langjähriger Privatſtudien über bedeutende Kenntniſſe in der Behandlung kranker Haustiere. Dieſe Fähig⸗ keiten erweiterte er nicht nur in ſeinem eigenen aus⸗ gedehnten Betriebe, er wurde auch Ratgeber und Hel⸗ fer in fremden Stallungen. Was der Vater aus Bü⸗ chern und aus langjähriger Praxis gelernt hatte, ſollte der Sohn durch Studium auf Tierarzneiſchulen ſich an⸗ eignen. Lorenz Helmle erhielt vom Vater eine hohe Summe für ſeine Studien als Jünger der Arznei⸗ kunde. Mehrere Jahre hindurch zählte er zu den fleißigſten Studenten in Zürich und Wien. Nach ſeiner Rückkehr ins Elternhaus beſchäftigte ſich der junge Mann mit tierärztlicher Praxis. Die freien Stunden füllte er mit landwirtſchaftlichen Arbeiten aus. Faſt jedes Jahr machte er eine größere Reiſe bald in Deutſchland, bald ins Ausland. Auf dieſen Wanderungen erwarb er ſich jene gediegene Klugheit und Menſchenkenntnis, die ihn ſein ganzes Leben hin⸗ durch auszeichnete. Im Jahr 1873 warb Lorenz Helmle um die Hand der Sophie Spiegelhalder, der Tochter eines reichen Bauern in der Gemeinde Steig. Nach kurzer Bedenk— zeit wurde die glückliche Ehe abgeſchloſſen. Der junge Bauer kam nun auf den Hof ſeiner Schwiegereltern, die ihr Gut der Tochter überlaſſen hatten. Hier ſchaltete und waltete er als ſchlichter, einfacher Bauer. Trotz ſeiner reichen Kenntniſſe und ſeiner weltmänniſchen Lorenz Helmle. 103 Bildung fügte er ſich in die Verhältniſſe auf dem Gute ein. Nach vier Jahren trat ein Wechſel für das fleißige Ehepaar ein. In ihrem vorgerückten Alter traten die Eltern unſeres Lorenz Helmle ihrem Sohne den Hof ab und ſo ſiedelte er mit ſeiner Familie auf den Stammſitz ſeiner Vorfahren. Jahraus, jahrein herrſchte auf dem großen Hof die ſchönſte Ordnung. Gottes rei⸗ cher Segen ruhte auf dieſem abgelegenen Heim. Eine Schar munterer Kinder belebte nach und nach Haus und Flur. Vierzehn Kinder durften die wahrhaft chriſtlichen Eltern im Lauf der Jahre erziehen. Eine heilige Zucht herrſchte überall. Fluch- und Scheltworte hörte man nie, weder zu Hauſe, noch auf dem Felde. Wenn Eltern ihre Söhne oder Töchter auf dieſem Hof als Dienſtboten verdingten, durften ſie ſicher ſein, daß dieſe in guter Hut wohnten; denn Ausgelaſſenheit und Nachtſchwärmerei duldete der Bauer und ſeine Frau nicht. Mit der Erfüllung der religiöſen Pflichten wurde es ſehr ernſt genommen. In ſeiner Jugend war Helmle vom kirchenfeindlichen Liberalismus etwas angekrän⸗ kelt geweſen, denn der Altkatholizismus im Bunde mit dem Nationalliberalismus hatte auf dem Schwarz⸗ wald ſeine Anſchauungen zu verbreiten geſucht. Doch in ſeinen Mannesjahren zeigte er ſich allzeit als treuer, zuverläſſiger Sohn der Kirche. Die Sonn- und Feier⸗ tage wurden von dem Hausherrn und allen Untertanen in ſchönſter Weiſe gehalten. Wer geſund war, mußte zur Kirche gehen; die einen im Hauſe zogen nach Breit⸗ nau in die Frühmeſſe oder zum Hauptgottesdienſte, die anderen wanderten nach Hinterzarten. Auf dieſe Weiſe war beſtens geſorgt, daß alle ihren Chriſten⸗ pflichten am Tag des Herrn nachkommen konnten. Mußte ein Glied der Familie über einen Sonn- oder 10⁴ Lorenz Helmle. Feſttag verreiſen, ſo wurde rechtzeitig der Reiſeplan ſo entworfen, daß unterwegs das Gebot der Kirche erfüllt werden konnte. Regelmäßig wurde auch die häusliche Familienandacht, zum Beiſpiel das Roſenkranzgebet, verrichtet. Konnte jemand infolge von Krankheit oder bei ganz ungünſtigem Wetter die Kirche nicht beſuchen, ſo wurde die Meßandacht zu Hauſe gebetet. Lorenz Helmle ging allen ſeinen Angehörigen mit gutem Bei⸗ ſpiel voran. Menſchenfurcht kannte er nicht. Als ſtar⸗ ker Charakter bekannte er ſeinen Glauben auch in jenen Jahren, wo das Bekenntnis ſolcher Geſinnung mit Nachteilen und Schikanen verbunden war. Der Hof des Lorenz Helmle war wie ein Bild des Friedens, der Gottesfurcht, der Arbeitſamkeit und Ge⸗ ſundheit. Wie der Hausvater ein Mann deutſcher Ein⸗ fachheit, Kernhaftigkeit, Echtheit und Mäßigkeit war, ſo ſchaltete und waltete er unter ſeinen Untergebenen. In der Frühe des Morgens war er der erſte bei der Arbeit, um den Dienſtboten die nötigen Weiſungen für die Haus⸗ und Feldarbeit zu geben. Mit Ruhe und Freundlichkeit behandelte er das ganze Geſinde. Von den Kindern der Familie durfte keines einem„Ehe⸗ halten“ gegenüber ſich Worte oder Handlungen erlau⸗ ben, die dieſen Anſtoß gegeben hätten. Malen wir uns das Bild aus! Es iſt ein herrlicher Sommertag. Wir fahren von Freiburg durch das wunderſchöne Höllental und ſteigen am Bahnhof Hinterzarten aus. Da erblickt unſer Auge dieſes einſame Dorf, es erſcheint wie ein Edelſtein auf grünem Grund in dunkler Faſſung. Der maſſige Zwiebelturm des Wallfahrtskirchleins, um das ſich die Wohnungen des Dorfes wie Schäflein um den Hirten ſammeln, grüßt von der Nähe. Bald taucht in der Ferne der Feldberg mit ſeinen Wahrzeichen auf, da oben glänzen ſelbſt zur Sommerszseit vereinzelte 4 L 0 r enz H el m 1 Lorenz Helmle. Schneeflächen. Weiter und weiter führt der Weg über Täler und Hügel, vorbei an gewaltigen Schluchten. Endlich liegt eine Landſchaft vor uns wie ein rieſiges Amphitheater, es iſt die„Breite Au“. Rings umher ſchauen wir zahlreiche Höfe. Jeder Hof bildet gleichſam ein kleines, für ſich abgegrenztes, in ſich geſchloſſenes Königreich. Rechterhand, etwas von der Straße zurück, liegt erhöht, breit und behäbig der Hof des Lorenz Helmle. Wir bleiben einige Augenblicke vor dem wohlgepflegten Gemüſe⸗ und Blumengärtlein ſtehen. Die emſige Hof⸗ bäuerin und ihre fleißigen Töchter haben kein Unkräut⸗ lein in dieſen lieblichen Beeten aufkommen laſſen. Vor dem Hauſe grüßt eine breite Galerie Blumentöpfe mit herabhängenden Bergnelken. Nebenan plätſchert der Brunnen ſein friſches Waſſer. Das Milchhaus in der Nähe beherbergt die farbigen Töpfe mit der köſtlichen Milch. Unter der Haustüre ſteht der wackere Bauer. Er gibt den Ehehalten und den Kindern Weiſung für die Arbeiten, die an dieſem Tage bewältigt werden müſſen. Es iſt früh morgens. Auf einmal tönt verſchiedener Glocken Klang an unſer Ohr. Die Ställe leeren ſich. Die Leitkuh, mit der größten Glocke am Halſe, voraus in langſamen, ernſten Schritten. Dann folgt das Jung⸗ vieh mit poſſierlichen, munteren Seitenſprüngen, die Roſſe und eine Schafherde ſchreiten hintendrein. Der Hirtenbub übernimmt die Hut unter ſcharfem Peitſchen⸗ knall und gellendem Zuruf. Es geht hinauf auf die Berge. Bald iſt die bunte Herde hinter Tannen und Ahornbäumen unſeren Blicken entſchwunden. Nun rückt, da es eben Heuernte iſt, ein Trupp von „Mannsvölkern“ zum Mähen aus. Trutzig ſind dieſe ſchweigſamen Männer mit ihren ſcharf gedengelten Lorenz Helmle. Senſen, gleich Landsknechten anzuſehen. Die„Weiber⸗ völker“ verrichten die Arbeiten zu Hauſe, namentlich in den Ställen. Auf dem Hofe herrſcht echt chriſtliche Gaſtfreund⸗ ſchaft. Die Fremden dürfen der Einladung zu Tiſch folgen. Die freundliche Bäuerin hat im„Stübli“ für den Hofbauer und den werten Beſuch den Tiſch mit kräftigen Speiſen beſetzt. Hier in dem verſchwiegenen Raume, wo Mann und Frau gerne die Tagesfragen erledigen und die Familienſorgen beſprechen, fühlt man ſich bald heimiſch; denn die gemütvollen Schwarz⸗ wälder freuen ſich, den lieben Beſuch bewirten zu dürfen. Ein Blick durchs Fenſter hinaus fällt aufs„Käp⸗ pele“, das gerade dem Hof gegenüber liegt. Dieſes Heiligtum ermahnt die Bewohner immer wieder, auf welchem Fundamente ihr ganzes Arbeiten ruhen ſoll. Gerne laſſen wir uns erzählen, wie die Eltern hier oben ihr Geſchäft betreiben, nach welchen Grundſätzen ſie ihre Söhne und Töchter erziehen. Alle Kinder er⸗ halten eine tüchtige Ausbildung in den verſchiedenen Zweigen des Hausweſens und der Landwirtſchaft. Welches Lob hätte der Pfarrer Hansjakob dieſen kernigen Schwarzwäldern gezollt, wenn er aus ihrem Munde gehört hätte, daß ſie gerne verzichten, ihren Nachkommen einen Abklatſch ſtädtiſcher Bildung zu ermöglichen! Helmle und ſeine Frau wollten nichts davon wiſſen, einen Sohn oder eine Tochter einer höheren Schule zuzuführen. Der kluge Vater kannte aus ſeiner Studentenzeit her die mannigfaltigen Ge⸗ fahren, die in Städten auf unverdorbene Jünglinge und Jungfrauen lauern. Noch in ſeiner letzten Krank⸗ heit äußerte der greiſe Helmle, wie er ſich freue, daß er gegen die vielen Verlockungen der Jugendzeit ſtark geblieben ſei. Lorenz Helmle. 107 Auf rein politiſchem Felde mußte ſich Lorenz Helmle eine gewiſſe Zurückhaltung auferlegen, da er im Beſitze des ſchweizeriſchen Bürgerrechts nicht zur Wahlurne ſeiner Heimat ſchreiten durfte. Als Apoſtel im Laiengewande benutzte er aber ſeinen ganzen Ein⸗ fluß bei den Bauern im weiten Umkreiſe, daß alle im Sinne der Zentrumspartei ihre Wahlzettel abgaben. Er war ein Gegner des allzuſcharfen Liberalismus. Außerordentliche Verdienſte erwarb ſich der un⸗ ermüdliche Hofbauer um ſeine Mitbürger durch Grün⸗ dung eines Viehverſicherungs-Vereins. Derſelbe trat im September 1884 ins Leben. Helmle wurde Vor⸗ ſtand und hat durch ſeine Umſicht und Klugheit in dieſem Amte Großes für die Landwirtſchaft auf dem Schwarzwald geleiſtet. Volle dreißig Jahre hindurch ſcheute er keine Mühe und Sorge, um durch dieſen Verein ſeinen Standesgenoſſen zu nützen, namentlich ſo oft Unglück, Krankheiten, Unfälle im Stalle dieſes oder jenes Bauern zu beklagen waren. Seine ge⸗ diegenen Kenntniſſe in der Tierarzneikunde verwandte der uneigennützige Mann nicht nur bei ſeinen eigenen Haustieren, ſondern auch wenn er von einem Bauer im Umkreiſe als Ratgeber erſucht wurde, ſo oft ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein von Krankheit befallen war. Durch ſolche Werke echter und aufrichtiger Nächſtenliebe erwarb ſich der ſchlichte Bauernfreund ein unbegrenztes Vertrauen. Von nah und fern kamen die Leute zu dem klugen, beleſenen, alles ſorgfältig in ſeinem praktiſchen Geiſte abwägenden Mann, um bei ihm Rat zu holen. Daß dieſer gerade, offene, ehrliche Hofbauer ſtets nach beſtem Wiſſen ſelbſtlos, ohne für ſich etwas zu ſuchen, mit den Ratſuchenden die Angelegenheiten erwog und nur deren Intereſſe im Auge hatte, ohne Falſch und Arg, war jedem ſonnenklar. Man muß ihn geſehen Lorenz Helmle. haben, verſicherte ein Verehrer des Heimgegangenen, wie bei ſolchen Anläſſen Wohlwollen und Klugheit aus ſeine Augen leuchteten, ſeine wohlabgewogenen Worte von ſeinen beredten Lippen fielen. Wie viele Prozeſſe wurden durch Vermittlung dieſes Hofbauern verhindert, wie viele Feindſchaften im Entſtehen durch ſeinen weiſen, beiden Teilen einleuchtenden Urteilsſpruch er⸗ ſtickt! a Frühzeitig ſorgte Lorenz Helmle auch für die Ver⸗ ſorgung ſeiner Söhne und Töchter. Mit aller Umſicht erweiterte er ſein Geſchäft. Er betrieb neben ausge⸗ dehnter Landwirtſchaft von etwa dreihundert Morgen noch einen umfangreichen Holz- und Weinhandel. Zwei Sägewerke dienten der Holzverarbeitung, für den Kauf und Verkauf von Wein wurde ein großer Bau mit prachtvollem Keller errichtet. Im Jahre 1902 folgte dieſen Bauten eine herrliche Kunſtmühle mit Bäckerei. Dieſe übergab er ſeinem älteſten Sohne. Faſt gleich⸗ zeitig entſtand die bekannte Gaſtwirtſchaft„Ravenna⸗ ſchlucht“, die der zweite Sohn erhielt. Beide Betriebe ſtehen bis heute in ſchönſter Blüte. Durch ſeine Rechtſchaffenheit, ſeine Ehrlichkeit und Ge⸗ fälligkeit erwarb ſich Helmle eine überaus zahlreiche Kundſchaft von nah und fern. In allen Betrieben wurden die Leute mit herzlicher Aufmerkſamkeit be⸗ dient. Beſonders zeigte er ſich gegen arme Familien überaus hochherzig und edel. Worin lag nun das Geheimnis, daß dieſer Hof⸗ bauer in allen ſeinen Unternehmungen eine glückliche Hand hatte? Er überlegte und prüfte alles vor Gott und ſeinem Gewiſſen. Dabei verſchmähte er nie den Rat von klugen Männern. Handelte es ſich um die Verheiratung eines Sohnes oder einer Tochter, ſollte ein neuer Plan ins Werk umgeſetzt werden, ſo lenkte der biedere Schwarzwälder gerne ſeine Schritte zum Lorenz Helmle. 109 jeweiligen Seelſorger von Breitnau. Namentlich war es Pfarrer Nagel, der das volle Vertrauen der ganzen Familie beſaß. Dieſer wurde wie ein liebevoller Freund und Wohltäter begrüßt, ſo oft der Familien⸗ rat auf dem Hof zur Löſung ſchwieriger Fragen zu⸗ ſammentrat. Eine für die Geſundheit Gefahr drohende Gewohn⸗ heit beſaß dieſer Mann. Er war ein ſtarker Raucher. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend huldigte er dieſem Genuß. Einmal äußerte Pfarrer Nagel dem Freund und Liebhaber des Tabaks ſein Bedenken über dieſes fortwährende Rauchen. Doch trocken meinte der Schwarzwälder:„Herr Pfarrer, das verſtehen Sie nicht, ich muß beſſer wiſſen, was mir gut tut.“ Wenige Jahre ſpäter, da Krankheit den kräftigen Mann aufs Krankenlager legte, meinte er zu dem lieben Beſuche: „Herr Pfarrer, Sie haben doch vielleicht Recht gehabt mit Ihrer damaligen Warnung.“ Schon bedenklich leidend, machte Lorenz Helmle im Spätjahr 1913 noch eine Reiſe in die Schweiz. Seine Verwandten in dieſem Lande erſchraken über das veränderte Ausſehen des ſonſt ſo kräftigen Mannes. Beim Abſchiede ahnten ſie alle, daß der Tod ihn ſchon berührt habe. Der Winter 1913 auf 1914 wurde für Lorenz Helmle eine ſchwere Leidenszeit. Von Mitte Februar 1914 ab mußte er ſtändig das Bett hüten. Zwar hoffte der Kranke immer noch auf Beſſerung, doch frühzeitig bereitete er ſich auf den Abſchied von dieſer Erde vor. Mit der größten Aufmerkſamkeit und der zarteſten Liebe pflegten ihn die Angehörigen. Faſt täglich erſchienen Verwandte und Freunde von nah und fern am Schmerzenslager des allgemein verehrten Bauern. Wohlvorbereitet durch die heiligen Sakramente ſtarb der wackere Mann am 21. April 1914. Wenn im 110 Lorenz Helmle. Schwarzwald eine hochragende, mächtige Tanne zur Erde niederſinkt, horchen alle großen und kleinen Bäume ringsum ſtaunend auf. Ahnlich vernahmen Tauſende im Bezirk Neuſtadt und Freiburg die Trauerkunde, da die Tagesblätter die Nachricht ver— breiteten, der„Baſchibur“ ſei nicht mehr unter den Lebenden. Das Leichenbegängnis zeigte, wie geſchätzt und geachtet, ja geliebt und verehrt der Heimgegangene bei hoch und nieder war.„Der hätte nicht ſterben ſollen,“ hieß es bei der Beerdigung.„Das iſt ein Schaden für weit und breit,“ meinten viele Leid⸗ tragende. Lorenz Helmle iſt auch zum Propheten für unſere heutigen ſchlimmen Zuſtände geworden. Lange vor dem Weltkriege zählte er zu den Friedensanhängern, er war ein ausgeſprochener Gegner jenes Militarismus, wie er von den Kaſernen durch manche Militärvereine auf die ſo ſtillen Dörfer verpflanzt wurde. Er meinte oft: „Dieſer preußiſche Soldatengeiſt macht uns in der ganzen Welt verhaßt und er wird unſer Verderben ſein.“ Was der kluge Hofbauer geahnt, ja gefürchtet, iſt eingetroffen. Geheimrat Dr. Karl Hergt, Direktor in der Heilanſtalt Illenau. tief unten am Fuß der höchſten Bergwand im T nördlichen Schwarzwald, der Hornisgrinde, die den melancholiſchen Mummelſee trägt, liegt eine Anſtalt für Geiſteskranke und Nervenleidende. Der Name derſelben, Illenau, iſt im ganzen Lande bekannt. Dieſes Krankenheim mit den vielen Nebengebäuden wurde von 1837—1842 erbaut. Das Ganze erhielt ſeinen Namen von der ſtillen Au, auf der die Anſtalt ruht, und von dem nahen Bächlein Iller. Seit bald hundert Jahren wurde Illenau eine Zuflucht für viele Unglückliche aus allen Ländern Europas. Hunderte von Jüngern und Jüngerinnen der Caritas haben in jenem Haus des Jammers und der Klage Samariter⸗ dienſte an den Armſten der Armen geübt. Aus der großen Zahl dieſer ſtillen Wohltäter wollen wir einen Führer ſchildern; es iſt der am 23. Dezember 1889 verſtorbene Direktor Karl Hergt. Dieſer hoch⸗ verdiente Arzt und Anſtaltsleiter zählte zu jenen idea⸗ len Naturen, die man heute ſo ſelten findet wie einen Edelſtein. Er gehörte zu jener Schule, die ihr Amt, ihren Beruf, ihre Kunſt und Wiſſenſchaft nicht in erſter Linie nach dem Geldwerte taxierte, ſondern ſie auffaßte als ein Mittel, den Einzelnen, dem Volke, dem Vaterlande, der Menſchheit nützlich zu ſein. Den 112 Dr. Karl Hergt. höchſten Frieden fand dieſer edle Mann in der raſt⸗ loſen, unermüdlichen Berufserfüllung. Karl Hergt war am 2. November 1807 in Tauber⸗ biſchofsheim als der dritte unter mehreren Brüdern, die alle ſich dem Studium der Medizin widmeten, ge⸗ boren. In der heiligen Taufe erhielt er den Namen des berühmten Heiligen Karl Borromäus, deſſen großer Verehrer er war und deſſen Beiſpiel er in ſeinem ſpäteren Berufe als Jünger der Caritas nachahmte. Seine echt chriſtlichen Eltern gaben ihren Kindern eine ſorgfältige, faſt ſtrenge, ganz auf die Religion ge⸗ gründete Erziehung. Das Hauptſtreben von Vater und Mutter ging dahin, die Kinder zur Gottesfurcht und Frömmigkeit, zur Eingezogenheit und Sittſamkeit, zur Selbſtbeherrſchung und Enthaltſamkeit anzuleiten. Karl Hergt beſuchte zuerſt die Volksſchule ſeiner Heimat, dann durchlief er in raſchem Lauf das Lyzeum, wandte ſich dem Berufe eines Apothekers zu, weilte einige Jahre als praktiſcher Gehilfe in demſel⸗ ben, gab ihn aber wieder auf. Wie ſeine Brüder, wollte auch er Arzt werden. Schon in dem Übertritt zum mediziniſchen Studium bekundete er jene eiſerne Ener⸗ gie des Willens, die man an dem ſpäteren Direktor ſo oft bewunderte. Der junge Student legte ſich monatelang ohne Wiſſen der beſorgten Mutter auf einen ebenen Holz⸗ tiſch ſchlafen, um durch dieſes unbequeme Lager in frü⸗ heſter Morgenſtunde geweckt zu werden. Mit eiſernem Fleiße oblag er den Studien und beſtand das Staats⸗ examen in Heidelberg mit glänzendem Erfolge. Aus ſeinem früheren Apothekerberuf brachte er tüchtige praktiſche, chemiſche Kenntniſſe mit, ſo daß er für viele Männer der Arzneikunde ein gern gehörter Berater und Freund wurde. Dr. Karl Hergt. 113 Der junge Arzt begnügte ſich aber mit den an der Hochſchule erworbenen theoretiſchen Kenntniſſen nicht; er wollte noch Erfahrungen für ſeinen Beruf ſammeln. Darum bereiſte er zu Fuß Deutſchland, beſuchte die wichtigſten Städte und erwarb ſich ein umfangreiches Wiſſen. In München machte er unter Führung und Leitung des genialen Philipp von Walther alle Opera⸗ tionskurſe durch. Von der Hauptſtadt Bayerns wan⸗ derte er weiter in der Richtung nach Wien. Hier verwandte er viele Monate auf den ſorgfältigen Beſuch der Hoſpitäler. Da Hergt ein leidenſchaftlicher Botaniker war, machte er von der Kaiſerſtadt aus wochenlange Aus⸗ flüge in die Umgebung, beſonders nach der Krain und in die an landſchaftlichen Gegenſätzen und Über— raſchungen ſo intereſſante Wunderwelt des Karſts. Von Wien aus unternahm der junge Mediziner eine Reiſe nach Paris, denn die dortige Hochſchule zählte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhun⸗ derts zu den erſten mediziniſchen Heimſtätten Europas. An zwei Jahre unabläſſigen Studiums verwandte Hergt dort zu ſeiner gründlichen Ausbildung. Von da pilgerte er nach dem Süden von Frank⸗ reich, und zwar nach Montpellier, wo er mehrere Mo— nate in engſtem Verkehr mit Lallemans blieb. Von Montpellier ging's nach Marſeille. Hier war die Cholergepidemie ausgebrochen. Die Arzte der Stadt waren entflohen, teils aus Furcht vor der ſchreck⸗ lichen Krankheit, teils weil das Volk ihnen die Schuld zumaß und ſie verfolgte. Karl Hergt wich jedoch der Gefahr nicht, er trug in den Spitälern ſeine Dienſte an, um zur Linderung des Elendes beizutragen. Er ſcheute keine Anſteckung und keine Arbeit. Dieſe aufopfernde Tätigkeit trug dem barmherzigen Samariter eine aus⸗ zeichnende Anerkennung ſeitens der Stadt ein. Dor, Edle Männer. 8 114 Dr. Karl Hergt. Sobald die Epidemie erloſchen war, zog's den ſtreb⸗ ſamen Forſcher weiter nach Italien. Zu Fuß wurde die Lombardei, darunter beſonders gründlich Mailand, mit ſeinem berühmten Spitale, ſodann Pavia, Bologna und Florenz beſucht, überall Medizin getrieben, da⸗ neben Land und Leute und die klaſſiſchen Kunſtſchätze eingehend ſtudiert. Wie flammte noch dem ehrwür⸗ digen Greis der Blick, wenn er die Wunderwerke der Brera, der Offizien und vor allem die heilige Cäcilie Raffaels in Bologna ſeinen Kollegen ſchilderte! Ge⸗ rade dieſes gefeierte und geprieſene Werk des unſterb⸗ lichen Meiſters blieb für Hergt das Lieblingsgemälde. In den mannigfaltigſten künſtleriſchen Wiedergaben hatte er ſich Abdrücke erworben und faſt jedes ſeiner Zimmer ſchmückte das eine oder andere. Den Abſchluß der italieniſchen Reiſe bildeten Rom und Neapel, wo Hergt noch mehrere Monate verblieb. Reich an unſchätzbarem, inneren Gewinne fürs Leben kehrte er im Jahre 1835 in die Heimat zurück. Es war eine inhaltsreiche Reiſe geweſen, ſie war und blieb ſeine einzige und letzte. Entſcheidend für die Zukunft des gereiften Mannes war der an ihn von ſeinem Freunde Roller ergangene Ruf zur gemeinſamen Wirkſamkeit an der Irrenanſtalt in Heidelberg. Beide Männer haben für die Wiſſen⸗ ſchaft der Pfychiatrie, für die Behandlung und Pflege der Geiſteskranken ganz Unſchätzbares geleiſtet und ſich großen, weit über Deutſchlands Grenzen gehenden Ruhm erworben. Als im Jahre 1842 die Irrenklinik von Heidelberg nach dem großen, herrlichen Neubau Illenau verlegt wurde, ſetzten Roller und Hergt ihre Wirkſamkeit an der neuen Pflegeanſtalt weiter. Jahrzehnte hindurch haben dieſe Unermüdlichen mit einer Kerntruppe von Gehilfen, Wärtern und Wärterinnen Hunderten, ja Dr. Karl Hergt. 115 Tauſenden von Pfleglingen unzählige Dienſte an Leib und Seele geleiſtet. Als im Jahre 1878 Roller, in deſſen Händen die Leitung der Anſtalt gelegen war, ſtarb, wurde Karl Hergt, bereits 71 Jahre alt, zu ſei— nem Nachfolger ernannt. Elf Jahre verwaltete er ſein Amt mit einer Treue, mit einer Unermüdlichkeit, Um⸗ ſicht und Fürſorge, die für ein ſo hohes Alter ſtaunen⸗ erregend waren. Ein Mitarbeiter in Illenau ſchildert deſſen Wirken alſo:„Die Seele, das Vorbild alles ärzt⸗ lichen Schaffens war Hergt. Es exiſtierte für ihn keine Zeit, keine Abhaltung und, da er unverheiratet blieb, auch keine Pflicht für die Familie; die Krankenabtei⸗ lung war ihm vielmehr alles, ihr lebte er vom frühen Morgen bis zur ſpäten Nacht. In der Frühe ſah man ihn im Sommer um 4 Uhr oder 5 Uhr, im Winter eine Stunde ſpäter ſeinen erſten Beſuch machen, der bis über das Frühſtück der Kranken ſich ausdehnte; dann ſchloß ſich von 8 Uhr an die Morgenviſite; nach den ärztlichen Referatſtunden war die Mittagszeit heran⸗ gerückt, bei welcher der unermüdliche Arzt alle Abtei⸗ lungen, namentlich die der Schwerkranken, beſuchte, um die Speiſen einzeln zu unterſuchen und deren Dar⸗ reichung an ſchwierige Kranke zu überwachen, even⸗ tuell mit ſeinem Beiſpiel vorzugehen. Wie oft kam er bei dieſer Dienſtleiſtung erſt um 2 Uhr oder noch ſpäter zu ſeiner frugalen Mahlzeit nach Hauſe! Dann folgte die Nachmittagsviſite, meiſtens mit Einzel⸗ unterſuchungen der verſchiedenen Kranken, darauf der Beſuch über das Abendeſſen und endlich der Abend⸗ beſuch ſelbſt bei den ſchweren Kranken, der in der Regel bis 9 Uhr oder 10 Uhr dauerte. Aber wie un⸗ endlich oft fügten ſich da erſt noch einzelne Nachtſtunden für einen oder den anderen ernſteren Fall, namentlich bei körperlich Kranken an, wobei der Nimmermüde ſich wecken ließ, um wenigſtens eine kurze Beobachtung, 8* 146 Dr. Karl Hergt. eine Unterſuchung oder eine Kontrolle des Warte⸗ perſonals vorzunehmen! In den ſechziger Jahren war eine melancholiſche Frau in zunehmender Verſchlim— merung, trotz aller angewandten Mittel, in der An⸗ ſtalt. Morphiumeinſpritzungen in ſteigender Gabe brachten aber nur vorübergehende Beruhigung. Da hatte Hergt, dem die in ihren Verzweiflungsanfällen ſich faſt erſchöpfende Kranke nicht mehr aus der Er⸗ ſchöpfung kam, bei einer Frühviſite um 4 Uhr zufällig beobachtet, daß die damals gerade erwachende Kranke etwa eine halbe Stunde ganz frei von Ausbrüchen des Jammerns und der Krampfanfälle blieb, worauf die letzteren wieder einſetzten und wie gewohnt weiter⸗ ſpielten. Sofort faßte er den Entſchluß, das Beruhi⸗ gungsmittel unmittelbar nach dem Erwachen anzuwen⸗ den, um dem Ausbruch des Anfalls zuvorzukommen, letzteren ſelbſt zu verhindern. Zu dieſem Zweck ließ er ſich eine Reihe von Wochen zwiſchen 3 und 4 Uhr morgens wecken und wartete vor dem Bett der Kran⸗ ken den Erwachungsmoment ab, worauf er ſie ein⸗ ſpritzte. Der Erfolg war, daß die zu einem Zerrbild der ſchrecklichen Krampfanfälle herabgekommene Kranke innerhalb 2—3 Monaten vollſtändig geheilt wurde. Dieſe Beiſpiele ließen ſich ins Ungezählte ver⸗ mehren. So gab er oft geplante Erholungen auf, weil er ſich von gewiſſen, ſeiner Hilfe beſonders bedürftigen Patienten nicht zu trennen vermochte. Endlich machte er nicht einmal den Verſuch eines Urlaubs mehr; in den letzten Jahren war er einmal drei Tage abweſend geweſen zum Zwecke des Beſuches zweier neuer An⸗ ſtalten, um dort einige neuzeitlichen Einrichtungen, die er hatte rühmen hören, anzuſehen. Jahrelang trug Hergt neben ſeinem ausgedehnten Abteilungsdienſt den Kranken höherer Stände ſein Lieblingsfach Botanik vor. Dr. Karl Hergt. Ausflüge in die herrliche Umgebung wurden abge⸗ halten, Muſik und Geſang geübt. Eine Reihe geſin⸗ nungsgleicher, tüchtiger Mitarbeiter und Mitarbeiterin⸗ nen ſchloſſen ſich zur Mithilfe an. Hergts hervorragen⸗ der Anteil an der Schöpfung dieſes reich gegliederten Innenlebens lag in ſeiner Befähigung gegründet, ſich in der Denk- und Sinnesweiſe eines jeden mit ſicherem Takte zurecht zu finden und namentlich in ſeinem kind⸗ lich⸗naiven Naturell, das ihm erlaubte, am Kleinſten ſich innig zu erfreuen, am Intereſſe eines jeden ſich mitzubegeiſtern. Es war rührend und bewunderns⸗ wert, wie er ſtundenlang und in täglich neuer Ab⸗ wechſelung den in der Geneſung erwachenden Geiſt der feingebildeten Damen, gleichwie den des einfachen ländlichen Mädchens anzuregen und in gemütvollſter Weiſe wieder nach und nach in die Wirklichkeit einzu⸗ führen verſtand. Man muß wiſſen und miterfahren haben, wie er dieſe Beziehungen zwiſchen ſich und den Geneſenden auch nach der Entlaſſung noch brieflich und durch ge— legentliches Wiederſehen zu befeſtigen und weiter zu führen beſtrebt war. Tauſenden iſt er ſo zum väter⸗ lichen Freund, zum geiſtigen Führer durchs Leben ge— worden und es geblieben. Auch körperliche Wohltaten hat er unzählige geſpendet. Bevor wir Hergts letzte Lebenstage ſchildern, müſ— ſen wir uns kurz mit dem in ſeltener Lauterkeit ſtrah⸗ lenden Charakter dieſes Mannes befaſſen. Die ge⸗ ſchichtlichen Daten ſind gleichſam nur die Ausflüſſe jener ſchönen Tugenden, die ſein Bild verklärten. Wenn die Bäche ſchon ſo lieblich und klar ſind, um wieviel ſchöner und heller werden die Quellen ſelbſt ſein! Alle, die dem Verblichenen näherſtanden, preiſen ihn als einen Katholiken nach dem Herzen Gottes. 118 Dr. Karl Hergt. Hergt, ſo ſchreibt der ehemalige Anſtaltsgeiſtliche der Illenau, Pfarrer Peter, war aus ganzer Seele ein gläubiger Chriſt, ein treuer, begeiſterter Sohn der katholiſchen Kirche. All ſeine großen Kenntniſſe, all die hohen Ehren, die ihm zuteil wurden, hinderten ihn nicht, daß er kindlich-religiös blieb bis an ſein Ende. Nie unterließ er ſeine täglichen Andachten und erbauen⸗ den Leſungen. Da er, wenn er allein war, die Gewohn⸗ heit hatte, manchmal laut mit ſich ſelbſt zu ſprechen, konnte man ihn in ſeinem Zimmer auch laut beten hören. Gerne und oft betete er die Lauretaniſche Li⸗ tanei und mit Worten, die ihm ſein gutes Herz und ſein lebendiger Glaube eingaben, trug er Gott ſeine Bitten vor. Da flehte er, daß der Allgütige ihm die Gnade ſchenke, ſeine Pflichten recht getreu zu erfüllen, allzeit Geduld zu bewahren. Manchmal beſtürmte er Gott, er möge ihn ſehen laſſen, woher Hilfe zu bringen ſei, damit er niemanden Unrecht tue, niemanden be⸗ trübe. Nur durch die dringendſten Geſchäfte ließ ſich der fromme Arzt abhalten, den Gottesdienſt zu beſuchen. Wenn er der hl. Meſſe nicht beiwohnen konnte, pflegte er ſich zu entſchuldigen und zu ſagen, er ſei mit Ge⸗ danken dabei geweſen. Seine Andacht im Heiligtum war eine tiefe; er ſchien ganz von der Außenwelt los⸗ getrennt zu ſein. Kam er zur Feier der hl. Geheim⸗ niſſe zu ſpät, ſo pflegte er die Kirchentüre nur ein wenig zu öffnen, um ja niemanden in der Andacht zu ſtören. Seine Lieblingsgebete bildeten die Pſalmen, ſein lieb⸗ ſtes Andachtsbuch war das coeleſte Palmetum. Allzeit hielt Direktor Hergt ſtrenge darauf, daß die häuslichen Morgen- und Abendandachten ſowie die Tiſchgebete in den Krankenabteilungen gewiſſenhaft und würdig verrichtet wurden. In der Regel wohnte er dieſen Andachten ſelbſt bei. Immer war es eine Dr. Karl Hergt. Hauptſorge ſeines Herzens, daß der Beſuch des Gottes⸗ dienſtes und die von dem Hausgeiſtlichen gehaltenen Leſe⸗ und Erbauungsſtunden vonſeiten der Kranken und des Wärterperſonals, ſoweit nur immer möglich, ein recht eifriger und zahlreicher war. Oftmals betete er ſelbſt mit den Kranken oder las ihnen ein Kapitel aus einem Erbauungsbuche vor. Be⸗ ſonders liebte er es, den Kranken an Sonn- und Feier⸗ tagen in dieſer oder jener Abteilung während des Frühſtücks einen Abſchnitt aus der„Nachfolge Chriſti“ vorzuleſen. Manchmal benutzte er für dieſen Zweck auch religiöſe Gedichte. Hergt ſtellte ſich nie über ſein Amt, ſondern immer unter dasſelbe und zwar mit Wiſſen und Willen. Seinen Beruf und ſeine Stellung nützte er nicht aus für ſeine eigene Perſon, wie es oft mittlere und hohe Staatsdiener zu tun belieben, ein ſolcher Gedanke lag ihm fern. Er achtete ſeine Würde als von Gott ihm über⸗ tragen, dem er dereinſt Verantwortung ablegen müſſe. Chriſtus, das erhabenſte Vorbild des Gehorſams, der Nächſtenliebe und Selbſtverleugnung, leuchtete ihm wie eine glanzvolle Sonne auf dem Lebenswege voran. Stets war er bemüht, die neueſten Fortſchritte und Errungenſchaften auf dem weiten Feld der medizi⸗ niſchen Wiſſenſchaften, beſonders der Pfychiatrie ſich zu eigen zu machen. Die wertvollen Werke berühmter Gelehrter ſtanden nicht bloß im Bücherſchrank, er ſtu⸗ dierte ſie auch fleißig, meiſtens in den ſtillen Stunden der Nacht. Für die Beamten der Anſtalt zeigte er den ganzen Reichtum ſeines tiefen Seelenlebens. Jeden Mit⸗ arbeiter ehrte er als ehrenwerten Kollegen. In der Pflichterfüllung ging er allen voran. Stets war er bereit, für jeden die Arbeit zu übernehmen, die er nur irgendwie leiſten konnte. Für das Wohlergehen der 120 Dr. Karl Hergt. vielen Hunderte von Pflegebefohlenen bot er alle Kräfte ſeines Körpers und Geiſtes auf. Er wartete nicht, bis ihm Anliegen und Wünſche vorgetragen wurden, er kam durch eingehende Erkundigungen zuvor. Es war Regel bei ihm, daß er öfters im Jahre die Bedienſteten und deren Familien in ihren Wohnungen beſuchte, um nachzuſehen, ob etwas fehle, ob er irgendwelche Verbeſſerungen anordnen könne. Allen ohne Unter⸗ ſchied blieb er bis zu ſeinem Tode ein bereitwilliger Ratgeber und Helfer. Von früheſter Jugend an offenbarte Karl Hergt ein höchſt wohlwollendes Gemüt, aus dem ſich durch ſeine wahre Religioſität und Selbſtbeherrſchung die vollendete Tugend der Nächſtenliebe ausbildete und damit ſein ganzes Weſen einnahm, daß er nur gut, freundlich, dienſtbereit gegen jedermann ſein konnte. Das zeigte ſich in der einfachen Begrüßung, in den freundlichen Fragen nach dem Befinden, wie in der ernſteſten Verhandlung. Immer und überall, auch wenn ſchwere Sorgen ſein Denken in Anſpruch nahmen, war er bereit, jedermann Rede zu ſtehen, jedem Ant⸗ wort zu erteilen, jedem Dienſte zu erweiſen. Er be⸗ ſaß eine eigene, von Gott ihm verliehene Gabe, zu tröſten, aufzurichten und zu ermuntern, und viele haben, wenn ſie in ſchweren Sorgen und Kümmer⸗ niſſen ihr Leid geklagt, nachher voll Freude gerühmt, wie ſeine liebevollen Worte die Seele glücklich gemacht haben. Niemals hat man erfahren, daß er einem Menſchen unfreundlich begegnet wäre, daß er die Hilfe oder Wohltat, die er leiſten konnte, verſagt, nie, daß er über einen Menſchen ein hartes Urteil gefällt, ja daß er, auch wenn ihm ſchroff entgegengetreten wurde, anders als mit Milde und Nachſicht geſprochen und gehandelt hätte. Wohl hielt er ſtrenge auf Ausführung Dr. Karl Hergt Dr. Karl Hergt. 121 ſeiner Anordnungen, aber die Art und Weiſe, wie er ſeine Befehle gab, bewirkte, daß niemand dadurch eine Belaſtung fühlte und jeder ihm gerne folgte. Selbſt wo er gegen Ungehorſame und Fehlende über⸗ haupt ſtrenge ſein mußte, wo er tadelte und ſtrafen mußte, ſuchte er alle entſchuldigenden Gründe auf, um nicht hart ſein zu müſſen. Hergt hatte ſich nie entſchließen können, in den Eheſtand einzutreten. Wurde er darüber dann und wann gefragt, ſo pflegte er ſcherzweiſe zu antworten: „Ich habe nie Zeit zum Heiraten gefunden.“ Die Gründe ſeiner Eheloſigkeit waren höhere und edlere. Leitſatz war ihm das Wort des Apoſtels:„Wer kein Weib hat, ſorgt nur für das, was des Herrn iſt, wie er Gott gefalle.“ Durch das Freiſein von den Banden des Familienlebens konnte er als echter Jünger Chriſti auf den Höhen der Caritas wandeln. Dazu kam ein weiterer Beweggrund. Er wollte durch Familienſorgen einerſeits nicht gehemmt ſein, anderer⸗ ſeits ſeiner Mutter und Schweſter ein trautes Heim bereiten. Wollte man aufzählen, wie viel Gutes der unver⸗ geßliche Wohltäter in Werken der leiblichen und geiſtigen Barmherzigkeit geleiſtet hat, ſo müßte man viele Blätter ſchreiben. Staunenswerte Liebestaten des Edlen ſind größtenteils erſt nach deſſen Tode be— kannt geworden. Bei wie vielen Schwerkranken wachte er, bis der Tod ſie erlöſte! So oft eine Leiche zur letzten Ruhe beſtattet wurde, erſchien der gute Mann bei der Einſegnung und gab jedem Verſtorbenen, ſelbſt dem Armſten, die letzte Ehre bis ans offene Grab. Dieſe Liebesdienſte leiſtete er trotz vielſeitiger Bitten, ſich zu ſchonen, bis in ſein hohes Greiſenalter. Als am 18. Oktober 1889 Hergt ſein 50jähriges Dienſtjubiläum feiern konnte, wurde ein herrliches 122² Dr. Karl Hergt. Feſt in der Illenau veranſtaltet. Der Jubilar, der nie nach Ehre geſtrebt, erhielt ungezählte ehrende Kund⸗ gebungen aus Deutſchland und aus dem Auslande. Seine Königliche Hoheit Großherzog Friedrich nahm in eigener Perſon an dem Feſte teil. In einer längeren Anſprache würdigte der Landesfürſt die Verdienſte des Jubilars und überreichte ihm das Kommandeurkreuz und den Stern des Ordens vom Zähringer Löwen in Brillanten mit den Worten:„Als Anerkennung Ihres verdienſtvollen Wirkens übergebe ich Ihnen den Orden, den Sie ſchon beſitzen, in neuerer Faſſung. Ich habe denſelben in Steine faſſen laſſen, die edel ſind wie das Herz, das ihn trägt.“ Nach einem überaus angeſtrengten Sommer wurde Hergt Mitte November 1889 von einem Katarrh be— fallen, den er nur wenig beachtete. Erſt als das Leiden ſich auf die Bruſt zog, ſchenkte er der Mahnung, ſich zu ſchonen, Gehör. Nachdem er noch am 25. November Nachts bis 11 Uhr im Direktionsbüro gearbeitet hatte, wurde er in der Nacht ſo krank, daß er von da an die Wohnung nicht mehr verlaſſen konnte. Zwar raffte er ſich noch auf und arbeitete die erſten Tage im Bett und im Krankenzimmer, doch eine ſtarke Lungen⸗ entzündung machte auch dieſer Beſchäftigung ein Ende. Wie im Leben, ſo war Direktor Hergt auch im Leiden groß und edel. Da zeigte ſich erſt recht, wie tief und feſt ſeine Frömmigkeit im Herzen ſaß. In furchtbarer Atemnot, ſelbſt bei ſtechenden Schmerzen kam kein Laut der Klage über die Lippen des Dulders. Alles Notwendige, Nahrung, Erleichterung und Hilfe mußte ihm erſt angeboten, manchmal aufgedrängt werden. Wie herzlich dankte er für jeden, auch den kleinſten Dienſt, für jedes Zeichen der Teilnahme an ſeinem Leiden! Im ganzen Verlauf der Krankheit dachte er nicht an ſich, ſondern nur an andere. Als Dr. Karl Hergt. 12³ die Leiden ſchon den höchſten Grad erreicht hatten und die Gefahr dringend war, ließ er ſich noch Bericht erſtatten und gab Anordnungen. Die hl. Sterbeſakra⸗ mente empfing der hart Geprüfte mit ergreifender Andacht. Seine Ergebung in den Willen Gottes war vollkommen.„Gerne,“ ſagte er,„möchte ich noch länger für meine Mitmenſchen arbeiten; aber, wie Gott will.“ Viel betete er in der Krankheit, und als er auch das nicht mehr konnte, ließ er ſich vorbeten. Oft und lange blieb ſein Blick im Stillſchweigen auf das Kruzifix geheftet, das in der Nähe ſeines Bettes hing. Nach hartem Kampfe, in welchem er nur kurze Zeit das Bewußtſein verlor, entſchlief er am 23. Dezember 1889 zum größten Schmerze aller, die ihm nahegeſtanden. Im Saal der Direktorwohnung war, umgeben von grünen Zierpflanzen, die teure Leiche aufgebahrt. Ein wunderbar lieblicher, verklärter Zug lag auf dem bleichen, friedlichen Angeſicht. Die Beerdigung fand am 26. Dezember nachmittags unter zahlreicher Beteiligung von nah und fern ſtatt. Das Großherzogspaar hatte Exzellenz von Ungern⸗ Sternbreg als Vertreter zur Teilnahme an der Beerdigung entſandt. Dieſer legte im Namen des Großherzogs einen prachtvollen Kranz mit Schleifen in den badiſchen Farben am Sarge des Ent⸗ ſchlafenen nieder. Ferner waren erſchienen als Ver⸗ treter der Staatsbehörden Geheimrat Frey, der Präſident des Verwaltungshofs, Geheimrat von Seyfried, Geheimer Regierungsrat Schmidt und die Herren Obermedizinalräte Arnsperger und Battlehner, im Namen des erzbiſchöflichen Ordinariats der frühere Hausgeiſtliche Domkapitular Behrle, die bei⸗ den Direktoren der Schweſteranſtalten Emmen⸗ dingen und Pforzheim, Geheimer Hofrat Walther und 12⁴ Dr. Karl Hergt. Dr. Fiſcher, endlich eine große Anzahl früherer Mit⸗ arbeiter, Kollegen und Freunde des Entſchlafenen, ſo Profeſſor Kirn aus Freiburg, Stabsarzt Schuler aus Straßburg, Dr. Lehmann aus Oberkirch, Medizinalrat Schenk aus Raſtatt, die Bezirksärzte Moſer aus Bühl und Oeffinger aus Baden, Apo⸗ theker Seufert aus Freiburg, Dr. Stark aus Gengenbach, Reviſor Weigel und Revident Acker⸗ mann aus Karlsruhe u. a. Von vielen, die an perſön⸗ licher Teilnahme an der Beerdigung verhindert waren, waren telegraphiſche Beileidsbezeugungen eingelaufen, ſo von Sr. Exzellenz dem Präſidenten des Evange⸗ liſchen Oberkirchenrats, von Stöſſer, Prälat D. Doll, Stadtpfarrer Kayſer in Frankfurt a. M., Dekan Ströbel in Wertheim u. a. Weiter waren ver— treten die Staats⸗, ſowie die Gemeindebehörden von Achern, deſſen Ehrenbürger der Entſchlafene geweſen war. Auch die Acherner Feuerwehr hatte ſich einge⸗ funden, dem Entſchlafenen die letzte Ehre zu erweiſen, endlich eine große Zahl von Freunden der Anſtalt, von Angehörigen der Kranken, von Bewohnern der näheren und ferneren Umgebung. In dem mit Grün geſchmückten großen Saal ſtand in der Mitte der Sarg, über und über mit Kränzen und Palmen bekleidet. Nicht alle Leidtragende waren im Stande, an der Einſegnung Teil zu nehmen. Der Raum hätte dazu nicht ausgereicht. Viele mußten in den Säulengängen und im Anſtaltshof zurückbleiben. — Zu Anfang der Feier im Saal ertönte, vom Anſtalts⸗ Sängerchor geſungen, das Lied:„Herr, gib Frieden dieſer Seele.“ Dann wurde die Einſegnung der irdi⸗ ſchen Hülle des Entſchlafenen in feierlicher Weiſe voll⸗ zogen vom katholiſchen Hausgeiſtlichen, Pfarrer Peter, dem die beiden Geiſtlichen Räte Pfeiffer von Achern und Lender von Sasbach aſſiſtierten. Nach Dr. Karl Hergt. dem Geſang noch eines Liedes:„Mag auch die Liebe weinen“, ſetzte ſich der Leichenzug in Bewegung. Voran die Kinder des Hauſes, das Sänger- und Muſik⸗ chor, die funktionierende Geiſtlichkeit, dann der von Wärtern getragene Sarg, nach demſelben, von einem Kollegen getragen, die Orden des Entſchlafenen, die tieftrauernden Angehörigen, der Vertreter des Groß⸗ herzogs in Begleitung des Geheimen Hofrates Schüle, dann das übrige, unabſehbare Trauergefolge. Lang⸗ ſam bewegte ſich der Zug unter den Klängen erſt der Harmoniemuſik, dann der Feuerwehrkapelle dem Friedhof zu, denſelben Weg, den der Entſchlafene unzählige Mal hinter dem Sarg ſo manches Mitarbei⸗ ters und Pflegebefohlenen gegangen. Als der Trauer⸗ zug in den Friedhof einbog, ertönten aus dem Fried⸗ hofwäldchen die feierlichen Klänge des Liedes:„So gib denn, fromme Chriſtenſchar, der Erde, was der Erde war.“ Bei den Gebeten am offenen Grab wurde der Hausgeiſtliche abermals von den beiden genann⸗ ten geiſtlichen Herren unterſtützt. Dann folgte die be⸗ wegte und tief ergreifende Trauerrede des Hausgeiſt⸗ lichen, Pfarrers Peter, die wir folgen laſſen. Wir haben einen ſterblichen Leib der Erde über⸗ geben, auf daß er ruhe bis zum Tage der Auferſtehung. Er hat der Ruhe bedurft, dieſer Leib, denn der Geiſt, der in ihm wohnte und wirkte, hat ihm keine Ruhe gewährt. Er hat ihn zur Tätigkeit angehalten viele, viele Jahre lang,— in der Jugend, in ernſtlichem Studium, eiſernem Fleiße, ſtrenger Abhärtung,— im Jünglingsalter in mühevoller Wanderung durch die weite Welt, um reichliche Kenntniſſe und Erfahrungen für ſeinen Lebensberuf zu ſammeln,— im Mannes⸗ alter zum anſtrengenden, unermüdlichen Dienſte leiden⸗ der Mitmenſchen,— und endlich, im ſilbergrauen 126 Dr. Karl Hergt. Haare, zur Verwaltung eines arbeitsreichen, ſorgen⸗ ſchweren, verantwortungsvollen Amtes. Dieſen Leib ließ der Geiſt nicht ruhen, als ſchon die Laſt der Jahre ihn niederbeugte, als er ſchon müde war, als ſchon die Krankheit an ſeinen Kräften zehrte. Nun ruht er, durch Gottes Fügung, nachdem er, in ſchwerem Kampfe mit der Krankheit, unterlegen iſt. Wir gönnen ihm die Ruhe, die lange entbehrte. Gott wolle ihn dereinſt auferwecken zu neuem herrlichem Leben.— Dieſer Leib war die Wohnung und das Werkzeug einer großen edlen Seele. Es wäre eine erhebende, herzgewinnende Aufgabe, dieſe Seele zu ſchildern aus ihrer ganzen Lebensäuße⸗ rung in mehr denn 82 Jahren. Was der teure Entſchlafene geweſen iſt ſeinen längſt verblichenen Eltern, ſeinen Geſchwiſtern und Verwandten, ſeinen Lehrern und Freunden, ſeinen Vorgeſetzten und Mitarbeitern, ſeinen Untergebenen und Pflegebefohlenen,— wie er auffaßte und erfüllte ſeinen Lebensberuf, ſeine Stellung als Beamter und Untertan,— wie er der Wiſſenſchaft ergeben und in ihrer Pflege tätig war und die Errungenſchaften der⸗ ſelben zur Vervollkommnung des ihm anvertrauten Werkes zu verwerten ſtrebte,— wie er war als Menſch zum Menſchen, als Arzt zum Kranken, als Führer und Ratgeber zum Untergebenen, als Ermahner zum Feh⸗ lenden, als Wohltäter zum Armen,— wie er war als Chriſt, als gläubiger Verehrer und Diener Gottes,— wie er war in ſeinem Weſen, in ſeiner ganzen Lebens⸗ weiſe,— das alles zu ſchildern wäre eine große Auf⸗ gabe. Welch ein reiches Bild müßte ſich unſern Augen darſtellen? Aber wenn wir es verſuchen wollten, das Weſens⸗ und Lebensbild des Heimgegangenen hier, an ſeinem Grabe, darzulegen, ſo könnte er uns zurufen, Dr. Karl Hergt. 127 wie er geſprochen auf dem Krankenbette, als er hoch⸗ ehrende Erweiſe der Teilnahme empfing:„Ich armer Menſch, bin ich denn ſo hoher Ehre wert?“ Eine voll⸗ kommene Selbſtloſigkeit, mehr noch, eine auf Religio⸗ ſität gründende Demut ließ ihn nie zum Bewußtſein hoher Eigenſchaften, großer Verdienſte kommen. Nie fand der Gedanke in ihm Raum, daß er Etwas ge— leiſtet habe. Darum wollte er immer tätig ſein, um etwas zu leiſten. Es iſt als ob ihm von Kindheit an das Wort un⸗ ſeres Heilandes an ſeine Jünger vorgeſchwebt hätte: „Wenn ihr alles getan habt.., ſo ſprechet: Unnütze Knechte ſind wir.“ Luc. 17. 10. Die Mahnung, die er ſeinen Untergebenen, vor allem dem Wartperſonal, ſo eindringlich ans Herz legte:„Wir dürfen niemals ſagen: Ich bin fertig mit meiner Arbeit, ich habe genug getan; immer müſſen wir uns fragen: Was kann ich noch mehr tun?“— Dieſe Mahnung iſt ihm ſelbſt Geſetz geweſen für ſeine ganze Lebens- und Berufstätigkeit. Wie er dieſes Ge⸗ ſetz erfüllte— wer weiß es nicht? Was er von ſeinen Mitarbeitern und Untergebenen erwartete, darin war er ſelbſt das leuchtende Vorbild. Wie es aber gegen die Geſinnungen des Heimge⸗ gangenen wäre, wenn wir hier an ſeinem Grabe, das reiche Bild ſeines Lebens und Wirkens ſchildern woll⸗ ten, ſo erſcheint dies auch nicht als notwendig. Die Zeichen der Anerkennung, der Verehrung, des Dankes und der Liebe, die ihm zu Teil geworden in ſeinem langen Leben, von allen Seiten, aus allen Krei⸗ ſen, von den höchſten Stufen, bis zu ſeinem Ende, die er alle nicht als verdient, ſondern als Ausdruck der Gunſt und Gnade aufnahm, ſie ſind laut ſprechendes Zeugnis für ihn. Dr. Karl Hergt. Viele, die mit ihm gearbeitet, unzählige, die ſich ſeiner väterlichen Liebe erfreut, unzählige, deren Herz ſeine Hilfeleiſtung, ſein liebevolles Wort gewonnen, ſie bewahren ſein Bild unvertilgbar in ſich.— Hunderte, die ihm vorangegangen, denen er Helfer war und Trö⸗ ſter in Leibes⸗ und Seelennot, an deren Schmerzens⸗ lager er ſo gerne geweilt, Hunderte, an deren Sterbe— bette er die Nächte durchwacht, um ihnen die letzten Stunden und Augenblicke zu erleichtern, ſie haben ſein Bild, das Bild der Herzensgüte, Menſchenfreundlich⸗ keit und Aufopferung hinübergenommen in die Ewig⸗ keit, um es vor den Thron Gottes zu ſtellen! Fragen wir aber endlich, welches die große Macht war, die dieſe Seele belebte und ihr Antrieb war zu ſo reicher Tätigkeit, ſo iſt es ein Wort, das alles in ſich enthält und dies eine Wort heißt: Die Treue,— die unwandelbare Treue gegen Gott den Herrn, von dem er ſeine Lebensaufgabe übernommen und dem er ſich in ſeinem ganzen Denken, Streben und Tun verant- wortlich wußte,— Treue gegen den Landesherrn, dem er mit der vollen Hingabe ſeines Weſens diente,— Treue der Obrigkeit, der er aufrichtige Ehrerbietung und Gehorſam entgegenbrachte,— Treue ſeinen Mit⸗ arbeitern, denen er wahre Kollegialität bewahrte, deren Arbeit er ſtets zu erleichtern ſuchte, und wenn nötig, gerne zu der ſeinigen häufte,— Treue den Pflegebe⸗ fohlenen, denen ſein ganzes Herz gehörte,— Treue den Armen und Leidenden, in Chriſtenliebe und unbe⸗ grenzter Opferwilligkeit. Darum wünſchen und bitten wir, Gott wolle an ihm erfüllen das Wort der Verheißung:„Sei getreu bis in den Tod, ſo will ich dir die Krone des Lebens geben.“— Möge dieſe Treue unvergeſſen bleiben! Möge ſie beſonders uns, die wir an ſeinem Werke mitgearbei⸗ Dr. Karl Hergt. 129 tet, und die er nun verlaſſen, voranleuchten, auf daß wir fortan treu ſeien in all unſerem Wirken! Dadurch werden wir am beſten ſein Andenken ehren! Wenn aber unſer Schmerz groß iſt, weil er von uns genommen, ſo ſoll uns Troſt ſein das Wort der Schrift, an das wir ſo huldreich erinnert worden ſind: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt.“ Amen. Quellen: Illenauer Wochenblatt Nr. 52, Jahrgang 1889 Karlsruher Zeitung Nr. 28, Jahrgang 1890; Raphael 1890, Seite 147 und Seite 155. Dor, Edle Männer. Dr. Alfred Holder, Oberbibliothekar der Landesbibliothek in Karlsruhe. in bekanntes und meiſtens nur zu wahres Sprich⸗ E wort ſagt, daß es keinen großen Mann, keinen Helden gebe für ſeine nächſten Hausgenoſſen, weil gewöhnlich die menſchlichen Schwächen und Ge— brechen, die dem Blicke der Außenwelt ſich entziehen und von dem Glanze des Ruhmes überſtrahlt werden, hier durch häusliches Sichgehenlaſſen in ihrer Nacktheit hervortreten, und dann der große Held wohl als ein recht kleiner Menſch erſcheint. Es gibt aber auch Ausnahmen von dieſer Regel, und eine ſolche ſeltene Ausnahme war der am 12. Januar 1916 verſtorbene Oberbibliothekar Dr. Holder in Karlsruhe. An ihm verlor die deutſche Gelehrten— welt und die Wiſſenſchaft einen bedeutenden Vertreter von ſeltener Eigenart. Wer immer als Beſucher unſerer Landesbibliothek dieſem Manne von tiefer und ſtaunenswerter Gelehr— ſamkeit näher trat, der war ganz ergriffen von der väterlichen Geſinnung, von der nichts Böſes argwöh⸗— nenden Herzensgüte, von der köſtlichen Demut des lie— benswürdigen alten Herrn. Immer ſchied man von ihm mit dem Eindruck, den der berühmte Boſſuet in die Worte kleidete:„Nichts iſt ſchöner als große Ge⸗ lehrſamkeit verbunden mit Demut.“ Dr. Alfred Holder. 134 Der„moderne“ Menſch pocht ſtolz auf ſein„Ich“. Er iſt ſein eigener Herr und will ſich nach ſeiner eigenen Individualität ausleben. Seinen ſchärfſten Ausdruck erhält dieſer Hochmutsgeiſt bei vielen Gelehrten unſerer Tage. Darum dürfte es angebracht ſein, einen Mann der Wiſſenſchaft zu ſchildern wie Holder, deſſen ſelbſt⸗ vergeſſene Beſcheidenheit alle anzog. Von Dr. Alfred Holders Lebenslauf iſt nicht viel zu ſchreiben, er war ſo einfach wie der Mann ſelbſt. In Wien am 4. April 1840 geboren, kam er ſchon als Kind nach Raſtatt, wo er 1849—1858 mit vielver⸗ ſprechendem Erfolge das Lyzeum beſuchte. Von ſeinen Mitſchülern blieb er namentlich mit zweien zeitlebens befreundet, mit Dr. Fried. Juſtus Knecht, Weihbiſchof unſerer Erzdiözeſe Freiburg, und mit dem bekannten Schriftſteller Dr. Heinrich Hansjakob. Von 1858 bis 1862 beſuchte er die Univerſitäten Heidelberg und Bonn und ſtudierte klaſſiſche, orientaliſche, germaniſche und romaniſche Philologie. Ein darauf folgender längerer Studienaufenthalt in Paris erlaubte dem jungen Manne, die auf den Hochſchulen erworbenen Kenntniſſe an den Schätzen der kaiſerlichen Bibliothek zu feſtigen und zu mehren. Nach ſeiner glänzend beſtandenen Prüfung fand er Aufnahme unter die Zahl der Lehr⸗ amtspraktikanten. Er wirkte als ſolcher zuerſt einige Jahre am Lyzeum in Raſtatt. Im Jahre 1866 kam er als Lehrer an das Privat⸗ gymnaſium Schoonoord zu Ryswigk(Holland). Nach der Rückkehr in die Heimat wurde er durch Erlaß vom 1. Oktober 1867 Vertreter des in den Landtag ge— wählten Abgeordneten Profeſſors Karl Schnezer an der höheren Bürgerſchule in Ladenburg. Doch nur kurze Zeit weilte er an dieſer Schule. Bereits im Herbſt 1867 trat er als Volontär bei der Hof- und Lan⸗ desbibliothek in Karlsruhe ein. Im Dienſte dieſes In⸗ 9* 132 Dr. Alfred Holder. ſtituts wirkte er dann als Praktikant, von 1870 an als Hofbibliothekar und ſtieg 1904 zum Oberbibliothekar und Leiter der Handſchriftenabteilung. Endlich 1911 erhielt er die höchſte Würde, da er zum Bibliothek⸗ Direktor ernannt wurde. Volle 48 Jahre hindurch ſchenkte Holder ſeine ganze Kraft und Liebe den Büchern und der Wiſſenſchaft. In ſeinem Walten für die Bibliothek und in der Tätig⸗ keit für die Wiſſenſchaft entfaltete er gleich hohe Gaben; er erwies ſich als Philologe im großen und vollen Sinne des Ausdrucks, als ein verſtändiger Freund des geſchriebenen und gedruckten Wortes und ſeiner Über⸗ lieferung von Geſchlecht zu Geſchlecht, aber auch als ein Freund des Gedankens und der Idee, deren Ausdruck das Wort iſt. Die Grundlage ſeiner Forſchungen bildete die liebe— volle Beſchäftigung mit den Sprachſchätzen des klaſſiſchen Altertums. Gemeinſam mit Otto Keller veranſtaltete er in den Jahren 1864/70 eine bahn⸗ brechende Ausgabe des römiſchen Dichters Horaz. Durch viele Unterſuchungen und Studien gelang es ihm auch, neue Ausgaben von den Büchern Cäſars: „Der galliſche Krieg“ und„Der Bürgerkrieg“ zu be⸗ ſorgen. Mit Vorliebe aber widmete der Gelehrte jede freie Stunde der Erforſchung germaniſcher Rechts⸗ geſchichte. Zu dieſem Zwecke mußte er zahlreiche deutſche, franzöſiſche und niederländiſche Bibliotheken aufſuchen und wochenlang in denſelben arbeiten. So reich und vielfältig aber auch die Arbeiten Hol⸗ ders auf dem Gebiete der altklaſſiſchen und germaniſti⸗ ſchen Studien waren, ſo galt doch ſeine Hauptbeſchäf⸗ tigung dem wenig bekannten Felde der altkelti ſchen Sprachforſchung. Auf Grund ſechzehnjähriger, un⸗ ermüdlicher Vorarbeiten begann er 1891 die Veröffent⸗ Dr. Alfred Holder. 133 lichung eines großen Werkes„Alt⸗keltiſcher Sprach⸗ ſchatz“ betitelt, deſſen erſter Band 1896, deſſen zweiter 1904 erſchien. Als Quellen zu dieſem Rieſenwerk dienten die Inſchriften auf Münzen und anderen Denk⸗ nälern. Leider kam das Werk nicht zum Abſchluß, da der Todesengel ihm mitten in der Arbeit Feier⸗ abend bot. Noch ein Gebiet müſſen wir nennen, auf dem ſich der gelehrte Bibliothekar hohes Anſehen erwarb. Eine Lieblingsarbeit für ihn war die Erforſchung und Be⸗ ſchreibung der handſchriftlichen Schätze der Karlsruher Landesbibliothek. Wir nennen nur einige Titel von den Werken, die er als reife Frucht ſeiner Studien herausgab.„Die Karlsruher Handſchriften“,„Die Durlacher und Raſtatter Handſchriften“,„Die Reiche⸗ nauer Pergamenthandſchriften“ und„Die Reichenauer Papierhandſchriften“. Gerade die beiden letzteren ſtattlichen Bände ſind ein unübertroffenes Meiſter⸗ werk ſorgfältiger Beſchreibung und ſachkundiger Er⸗ läuterung, wie ſie nur nach gründlichſter, liebe⸗ vollſter Beſchäftigung gegeben werden konnten. Will man Holders Leiſtung bei der Bearbeitung der Hand⸗ ſchriften auch nur einigermaßen verſtehen und wür⸗ digen, ſo muß man ſich gegenwärtig halten, welche umfaſſenden Kenntniſſe nicht nur auf dem Gebiete der mittelalterlichen Philologie und Geſchichte, ſondern auch der Theologie und ihrer einzelnen Zweige er⸗ forderlich waren. Wir haben abſichtlich darauf verzichtet, die zahl⸗ reichen Werke, die aus der Feder des ruhmvollen Forſchers ſtammen, mit Titeln anzugeben, viele haben wir nicht erwähnt. Die ſpärlichen Andeutungen mögen aber jeden Leſer ahnen laſſen, welch ein berühmter Mann Oberbibliothekar Holder in der Gelehrtenwelt war. Dr. Alfred Holder. Ebenſo glänzend wie der Verblichene als Ge— lehrter vor uns ſteht, ſtrahlt der Adel ſeines makelloſen Charakters und ſeiner durch das ganze Leben betätigten edlen Geſinnung entgegen. Schon ein flüchtiger Blick auf das, was Holder zum Ruhme der deutſchen Wiſſenſchaft geleiſtet hat, läßt jeden Kenner ermeſſen, daß er im vorzüglichen Sinne ein Mann der unab⸗ läſſigen Arbeit war. Der alte Satz: Kein Tag, keine Stunde ohne eine Zeile, war ihm Leitſtern ſeiner un⸗ ermüdlichen Forſcherarbeit. Alle, die Zeugen ſeines Bienenfleißes waren, wiſſen, daß geradezu ein Helden—⸗ tum wiſſenſchaftlicher Arbeit ſeiner Leiſtung zu Grunde lag. Denn gerade die umfangreichen Hauptwerke, Ge⸗ bieten angehörend, die an die Augen hohe Anforderungen ſtellen, ſind von Holder zum großen Teile in Jahren geſchaffen worden, in denen ihn ein überaus ſchmerz—⸗ liches Augenleiden, das zeitweiſe nahe an Blindheit zu grenzen ſchien, in allem Leſen und Schreiben aufs äußerſte hemmte und ſtörte. Lieber wohl hätte er ſich der Gefahr völliger Erblindung ausgeſetzt, als daß er dem Rate der Arzte gefolgt und die Arbeit, der er ſich geweiht hatte und die ihm das Leben erſt ſinnvoll und wert machte, zur Seite gelegt hätte. Darum iſt Holder ge— rade heute für Lehrende und Lernende ein ſo leuchtendes Vorbild, daß alle von ihm lernen können, die koſtbare Zeit auszunützen. Sein ganzes Leben war eine un— unterbrochene Arbeitswoche. Selbſt die Erholung ſuchte der Nimmermüde in der Regel nur in verän— derten Formen der Tätigkeit. Auch die Ferien, die ihm der Bibliothekdienſt gönnte, waren regelmäßig mit Studienreiſen ausgefüllt, die ihn nach Sſterreich, England, häufig nach Italien und beſonders oft nach Frankreich, namentlich nach Paris, führten. Anfang Auguſt 1914, beim Ausbruch des Weltkrieges, wollte der greiſe Gelehrte, wie er dem Schreiber dieſer Zeilen Dr. Alfred Holder. 135 verſicherte, zum 29. Male ſeine Sommerferien in den Bibliotheken der Weltſtadt an der Seine zubringen. Denn gerade dort ſammelte er ſo gerne für ſich wie auch für die ihm befreundeten Forſcher wertvolle Er⸗ kenntniſſe. Der Eifer, mit dem Holder jedes Zeit⸗ teilchen für ſeine Studien verwertete, wuchs ſich aber nicht, wie es manchmal der Fall iſt, zu jener ſelbſtſüch⸗ tigen Abgeſchloſſenheit aus, die nur noch für die eigene Arbeit Zeit und Teilnahme hat, vielmehr war Holder durch ſeine außerordentliche Liebenswürdigkeit gekenn⸗ zeichnet, wo immer es ſich in dienſtlichem oder privatem Verkehre darum handelte, die Schätze der Bibliothek oder auch das eigene Wiſſen und Können in den Dienſt anderer Forſcher zu ſtellen. Wie trug er voll Dienſt⸗ eifer mit eigenen Händen alles herbei, was einem gereiſten Gelehrten an Handſchriften oder Hilfsmitteln des Studiums irgendwie dienlich ſein konnte, und wie oft widmete er ganze koſtbare Tage der Erledigung von Bitten, die von auswärts in wiſſenſchaftlichen Dingen an ihn gerichtet worden waren! Manch einer wäre mit einem kurzen Fingerzeig vollauf zufrieden geweſen, und wenn er dann die Antwort Holders erhielt, fand er zu ſeinem dankbaren Staunen nicht eine karge An⸗ deutung für die eigene Arbeit, ſondern die ſorgfältige, eingehende Behandlung der geſtellten Frage in Form einer inhaltreichen Studie. Ein fleißiger Beſucher der Landesbibliothek möge uns dieſe Zuvorkommenheit ſchildern. In ſeinem Beileidsſchreiben beim Tode des Oberbibliothekars erzählt Pater Anſelm Manſer aus Beuern.„Es ſind nun etwa vier Jahre her, daß ich zum erſtenmal zu den Reichenauer Handſchriften in Karlsruhe wanderte, um auf des Augenſcheins Unter⸗ ſuchungen für die Herausgabe eines Palimpſeſtes(Per⸗ gamenthandſchrift) von St. Gallen anzuſtellen. Pater Notker Langenſtein reiſte als Leiter und Photograph 136 Dr. Alfred Holder. unſerer kleinen Palimpſeſt⸗-Anſtalt mit. Wir hofften bei dieſer Gelegenheit, den koſtbaren Rat des kenntnis⸗ reichen und vielerfahrenen Hofrats Holder für das Unternehmen unſerer Erzabtei zu gewinnen. Holders Arbeiten über Reichenau hatten mir allein ſchon Stau⸗ nen und volles Vertrauen in die Seele eingeprägt; zu⸗ dem war mir die tief anerkennende Haltung des leider ſo früh verſtorbenen großen Ludwig Traube dieſem Manne gegenüber wohlbekannt und wirkte als ſtarke Anregung. Mein Gang— der Gang eines ältlichen Anfängers— zu dem berühmten Gelehrten und Bibliothekar in der badiſchen Landeshauptſtadt war etwas gebannt durch den Gedanken an ſeine Hofrats⸗ würde, die einen kleinen Sohn der Appenzellerberge eben leicht etwas bange macht. Ich kam und ſah: Be⸗ hemmendes, Beklemmendes nichts, ſondern nur Ein⸗ ladendes, eine hagere Natur, ſo klein wie die meine, ein bleiches, gefurchtes Antlitz, umrahmt von ſilber⸗ weißen Locken, ein paar gütige, graue, durch Leiden verſchleierte Augen; einen in ſchlichteſtes Schwarz ge— kleideten wiſſenſchaftlichen Arbeiter, einen klug und freundlich blickenden ehrwürdigen Neſtor. Wie der Blick, ſo auch das Willkommenwort, dem lebhafte, herzliche Erkundigung nach dem Vorhaben auf dem Fuße folgte. Ehe ich mich's verſah, war es geworden, als ob man ſich ſchon lange, nicht bloß durch dürre Zeilen, ſondern von Angeſicht zu Angeſicht be⸗ kannt wäre. Ich kann jene Augenblicke, jene zünden⸗ den Minuten wohl nie vergeſſen, ſie bedeuten mir eine nachhaltige Wohltat. Es kam aber mehr. Unverweilt gings an die Arbeit. Zunächſt wies mir Holder in ſeinem Arbeits⸗ zimmer die Standorte der Handſchriftenverzeichniſſe, bot mir Lupen, Maßwerkzeug uſw. an, was eben ein Beobachter alter Bücher nötig hat. Dann erhielt ich Alfred Holder Dr. Alfred Holder. 137 ein bequemes, helles Plätzchen, wo ich traulich mit ge⸗ wünſchten Handſchriften und im Geiſte mit ihren Schreibern, den Mitbrüdern von der Reichenau, zu⸗ ſammen leben und verkehren konnte. Zwiſchen hinein nicht eine Störung, aber eine kurze Unterbrechung. Etwa ſo: Holder kommt ſtill und unverſehens aus einem Zimmer in meinen Studienwinkel.„Haben Sie noch Papier genug? Ich habe gleich mit⸗ gebracht.“ Nach einiger Zeit kam er wieder herge⸗ trippelt.„Sind Sie mit allem verſehen? Brauchen Sie einen Kodex zum Vergleich, oder ein Facſimile, oder irgend ein Buch? Kommen Sie zu mir hinüber, wenn Sie die Tafelwerke von Brauſt uſw. brauchen. Kommen Sie immer frei nach Belieben zu mir herüber.“ Ich fühlte, wie aufrichtig und ernſt das Holder meinte, doch wollte ich dem berühmten Gelehrten keine Minute ſeiner koſtbaren Zeit rauben. Aber bald veran⸗ laßten mich altdeutſche Gloſſen in einer Handſchrift, von denen ich kaum etwas verſtand und verſtehe, Holder um kurzen Aufſchluß zu bitten, da wurde ich nun nicht bloß flugs mit dem klaſſiſchen Werk von Steinmeyer bedient, und zwar gleich mit der treffendſten Stelle darin, ſondern noch mehr, mit den eigenen Kenntniſſen Holders, der in den Gloſſen eines ſeiner Sondergebiete gefunden hatte.“ Kein Wunder, daß Holder, den außerdem ſelbſt⸗ vergeſſene Beſcheidenheit doppelt liebenswert machte, unter den Gelehrten des In- und Auslandes zahlreiche Freunde hatte, mit denen ihn zarte Bande des Ver⸗ ſtändniſſes und Wohlwollens ebenſo ſehr wie freudiger Hilfeleiſtung dauernd verknüpften. Die häufigen Auf⸗ enthalte an den bedeutendſten Bibliotheken Europas boten ja zudem reiche Gelegenheit, mit hervorragenden Forſchern bekannt und von ihnen in ſeiner Bedeutung 138 Dr. Alfred Holder. als Menſch und Gelehrter erkannt zu werden. Kam dann einer der ſo gewonnenen Freunde in die badiſche Landeshauptſtadt, ſo war es der Stolz und die Freude des lieben Mannes, ihn gaſtfreundlich in ſein ſchlichtes Heim zu führen. Den Freunden, die in der Ferne weilten, widmete er ein rührend treues Gedenken, das in regem Briefwechſel edlen Ausdruck fand. Für Holder ſelbſt waren dieſe Beziehungen ein Herzensbedürfnis, ſie brachten ihm nächſt dem Leben im Kreiſe ſeiner Familie jene Erfriſchung von Geiſt und Gemüt, ohne die er ſeine bis ins Alter ungemein ſtrenge Arbeit auf die Dauer nicht hätte leiſten können. Je mehr er aber ſeinen Freunden innerlich zugetan war, umſo ſchmerzlicher mußte er es empfinden, daß gleich die erſten Jahre des Weltkrieges ſo viele lang ge— wohnte Verbindungen jäh durchſchnitten. Mit Wehmut hörte er von der namenloſen Verfeindung der Gemüter, die er ſelbſt im Heiligtume der Wiſſenſchaften kaum fand. Bei aller begeiſterten Treue für deutſche Weſensart vermochte der friedliebende Greis ſeine durchgeiſtigten Empfindungen für die ausländiſchen Freunde auch jetzt nicht zu opfern, mit Schmerz gedachte er ihrer fort und fort. Einigen Erſatz in dieſen ſchweren Stunden boten dem ſtillen Gelehrten immer wieder die Werke der Vergangenheit. Wer Alfred Holder bei ſeinen treueſten Freunden belauſchen wollte, der mußte ihm dorthin folgen, wohin er ſelbſt ſo oft und gerne ging; zu den Handſchriften der Reichenau im Unterſee bei Konſtanz, jener Perle unter den einſt blühenden Klöſtern des heiligen Benediktus. Können wir ahnen, was die koſtbaren, oft ſo prächtigen Handſchriften dem emſigen Forſcher in jahrzehntelanger Arbeit erzählt haben, wenn er ſtill und andächtig bei ihnen ſaß und Dr. Alfred Holder. 139 von der Mühſal anſtrengender Arbeit ein wenig abließ? Was muß durch ſeine Seele gegangen ſein, als er beim beharrlichen Studium ſeiner mittelalterlichen Buchſchätze immer wieder von dem Geiſte berührt ward, der aus den Texten der Heiligen Schrift, der Kirchenväter, der aszetiſchen und myſtiſchen Schrift— ſteller leiſe, doch machtvoll zu ihm ſprach? Wir ahnen es nicht nur, wir wiſſen es, daß Holder hierin das Leben fand, das ihm über alles andere Leben ging. Ja, ſein tiefchriſtliches, frommes Gemüt ſog aus dem Gehalte jener altehrwürdigen Bücher ſeine beſte geiſtige Nahrung. Holder wußte in der Kloſterſchule und Bibliothek der Reichenau zu lernen. Dort ent⸗ wickelte ſich die Gottesfurcht und Religioſität, die in ſeinem Herzen, wie in einem Heiligtume lebte und die ſchlicht war wie der ganze Mann, edel, milde und maß⸗ voll wie ſein Charakter, ernſt und klar wie ſeine Wiſſen⸗ ſchaft. Wie ſehr hat es, um nur ein Beiſpiel anzu⸗ führen, immer die Katholiken von Karlsruhe erbaut, ſo oft ſie den berühmten Gelehrten mitten unter ein⸗ fachen Leuten ſahen, wie er beſcheiden und demütig ſich in der Nähe eines Beichtſtuhles zum Empfang des Bußſakramentes vorbereitete oder mit größter Andacht zum Tiſch des Herrn ging! So wurde der gelehrte Mann ein treffliches Vor— bild für die harmoniſche Verbindung von gründlichſter Gelehrſamkeit und treuer Kirchlichkeit. Am 7. Januar 1916 erkrankte Holder an Bronchial⸗ katarrh und hartnäckiger Influenza. Nach nur vier⸗ tägigem Leiden ſchied er am Mittwoch, den 12. Januar 1916, vormittags 10 Uhr, im Alter von 76 Jahren aus dieſer Zeitlichkeit. Die Trauerkunde von ſeinem unerwarteten Tode wirkte auf alle, die ihn gekannt und verehrt hatten, geradezu erſchütternd. Sein Bild 140 Dr. Alfred Holber. wird nicht leicht aus dem Gedächtnis verſchwinden, denn ſchon ſeine äußere Erſcheinung war der Typ des deutſchen Gelehrten in früheren Jahrhunderten. Der mächtige, ausdrucksvolle Kopf mit dem langen, weißen Haar drückte eine ſcharf geprägte Eigenart aus, die der Hauch einer gewiſſen Weltfremdheit rührend und doch achtunggebietend umgab. Möge ſein Beiſpiel recht viele Laien aufmuntern, mit der Tugend wahrer Re⸗ ligioſität die Zierde echter Wiſſenſchaft zu einen! Quellen: Hiſtoriſch⸗-politiſche Blätter, 7. Heft, Jahrg. 1916. Mündliche und ſchriftliche Mitteilungen von Freunden. Friedrich Hug, Finanzrat und Abgeordneter. De Hauptſtadt des Seekreiſes, Konſtanz, mit der weiteren Umgebung war im deutſchen Reichs—⸗ tage lange Zeit nur durch Abgeordnete der linksſtehenden Parteien vertreten. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beſaß der Nationalliberalismus im ganzen Oberlande faſt die unumſchränkte Herrſchaft. Zumal von Konſtanz konnte im Jahre 1869 Bürger⸗ meiſter Stromeyer in einem Schreiben an Stadt⸗ pfarrer Pfaff rühmen, ſie ſei eine Stadt, die ſtets zur Fahne des Fortſchritts und der freiheitlichen Ent⸗ wicklung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ſtehe, und man würde es für eine Schande halten, wenn die Generalverſammlung der deutſchen Katholiken da⸗ ſelbſt tagen würde. Ein Umſchwung im politiſchen Leben dieſer Stadt mußte in langwieriger, zäher Arbeit erkämpft werden. Unter den Männern, die auf dieſem dornenvollen Felde ſich unvergängliche Verdienſte er⸗ worben haben, glänzt in allererſter Reihe Finanzrat Friedrich Hug. Von 1885—1911 hat dieſer unent⸗ wegte Bannerträger durch die Lauterkeit ſeines Charakters, durch ſeine ganze Perſönlichkeit die Sache der Zentrumspartei im Seekreis machtvoll gefördert und ſich eine Wertſchätzung und Verehrung erworben, wie ſie nur wenigen zuteil geworden. Friedrich Hug war am 15. März 1839 in Aulfingen, Amt Engen, geboren. Sein Vater Karl Hug be⸗ kleidete daſelbſt das Amt eines Revierförſters des 142 Friedrich Hug. Fürſten von Fürſtenberg. Den erſten Unterricht er— hielt der kleine Hug in Engen, wohin ſeine Eltern über⸗ geſiedelt waren. Im Jahre 1851 fand er Aufnahme am Lyzeum zu Konſtanz, ſpäter kam er an das Lyzeum in Freiburg, kehrte aber wieder nach Konſtanz zurück und erhielt im Sommer 1857 das Reifezeugnis für den Übertritt zur Hochſchule. Als Hochſchüler widmete er ſich der Kameralwiſſenſchaft, ſtudierte acht Semeſter von 1857—1861, zuerſt in Freiburg, dann in Heidel⸗ berg. Seine erſte Anſtellung als Praktikant erhielt er in Lahr. Am 30. März 1863 wurde Friedrich Hug zum Revidenten beim katholiſchen Oberſtiftungsrat ernannt. Durch ſeine Tüchtigkeit und Zuverläſſigkeit erwarb er ſich ſo ſehr das Vertrauen ſeiner Vorgeſetzten, daß er im Jahre 1871 zum Mitglied dieſes Kollegiums beför— dert wurde. Im Jahre 1885 erhielt er einen ehrenvollen Ruf als Stiftungsverwalter in Konſtanz. Am 10. Juli jenes Jahres trat er ſeine neue Stelle an und verblieb in ihr bis am 1. April 1908, wo er ſich ins Privatleben zurückzog. In ſeinem privaten Leben mußte Friedrich Hug vielfach die Wermutstropfen irdiſchen Leides verkoſten. Im Jahre 1886 hatte er ſich mit Fräulein Hummel von Karlsruhe verheiratet; doch ſchon nach neun Monaten entriß ihm der Tod die edle Gattin. Einige Jahre ſpäter, im März 1889, trat er zum zweiten Male an den Traualtar. Er vermählte ſich mit einer Witwe Anna Dold von Villingen; 12 Jahre nachher ſank auch dieſe treue Lebensgefährtin ins Grab. Schon frühzeitig trat Friedrich Hug als Politiker auf. Am Ende der ſechziger Jahre des vorigen Jahr— hunderts organiſierte ſich die katholiſche Volkspartei in Baden. Da hielten die Führer und Bannerträger in allen Gauen des Landes große Verſammlungen ab, Friedrich Hug. 143 um die Bürger mit dem Parteiprogramm bekannt zu machen. Eine denkwürdige Verſammlung fand am 23. Mai 1869 zu Engen im Hegau ſtatt. Es ſprachen Freiherr von Andlaw, Hansjakob und Freiherr von Stotzingen. Von Konſtanz waren erſchienen Dr. Schach⸗ leiter, Gürtler Würth und Friedrich Hug, der in jener Zeit als Beamter dort tätig war. Genau 40 Jahre ſpäter erzählte er bei der Feier ſeines 70jährigen Ge⸗ burtstages, wie er als junger Stiftungsverwalter zum erſten Male als Redner aufgetreten ſei. Nicht die Freude an der Politik, ſondern ſein Glaube, ſeine Vaterlandsliebe und vor allem ſeine Treue zur katho⸗ liſchen Kirche hätten ihn mitten in die damaligen Kämpfe hineingeführt. Die Volkspartei ſchätzte den jungen Mitarbeiter ſehr hoch, und als im Jahre 1873 der Bezirk Bruchſal-Philippsburg freigeworden war, empfahl die Leitung der Partei den Wählern Friedrich Hug als Kandidaten. Er wurde dann auch mit außer⸗ ordentlich großer Mehrheit als Mitglied der Zweiten Kammer gewählt. Doch am Ende des Landtags 1874 ſchied er aus der Zahl der Abgeordneten wieder aus. Erſt im Jahre 1889 bei der Neuorganiſation der Zentrumspartei in Baden ließ er ſich wieder bewegen, ein Mandat zu übernehmen. Er wurde dann im Be⸗ zirk Ettenheim mit 90 Stimmen gewählt, ſein liberaler Gegner erhielt 36 Stimmen. Bei der folgenden Wahl 1893 vereinigte er alle Stimmen auf ſich, ein Gegen⸗ kandidat wurde nicht aufgeſtellt. Von 1897-1903 kandidierte Hug jeweils im Bezirk Überlingen, wo er immer glänzende Wahlſiege feiern durfte. Im Jahre 1903 trat er ſein Mandat an Oberamtsrichter Büchner ab. Viel ſchwieriger geſtalteten ſich für Hug die Wahl⸗ kämpfe für den deutſchen Reichstag. Als im Frühjahr 1890 Neuwahlen ausgeſchrieben waren, ſah man mit 14⁴ Friedrich Hug. größter Spannung auf den Ausgang im erſten Bezirk Konſtanz. Im Februar des genannten Jahres ver⸗ ſammelten ſich die Vertrauensmänner vom Seekreis in Radolfzell. In jener Verſammlung verlangte Freiherr von Stotzingen als Kandidaten einen Mann, der feſt und unentwegt für die Rechte und Freiheiten des Volkes eintrete. Dieſer Mann wurde in der Perſon von Stiftungsverwalter Hug gefunden. Sein Gegen⸗ kandidat, der von nationalliberaler Seite aufgeſtellt wurde, war Konſtantin Noppel, Bürgermeiſter von Radolfzell. Am 5. März, dem Tage der Stichwahl, ſiegte Hug mit einer Mehrheit von rund 2000 Stim⸗ men. Noch ruhmvoller geſtalteten ſich für den hochge⸗ ſchätzten Reichsboten die Wahlſiege in den Jahren 1893 und 1898. Am glänzendſten ſtand die Sache der Zentrumspartei im Seekreis in den Jahren 1903 und 1907, als Hug jeweils im erſten Wahlgang Sieger wurde. Hug hat allezeit im Landtag und im Reichstag mit Eifer, Energie und Sachkenntnis die Intereſſen des Volkes vertreten. Viele Jahre hindurch ſtand er als Präſident an der Spitze der Haushalt- und Finanz⸗ kommiſſion. Gerade in dieſem Amte genoß er die größte Achtung und Wertſchätzung bei allen Parteien. Eine ähnliche Stellung nahm er in Berlin als Mitglied der Rechnungsprüfungskommiſſion ein. Für Finanz⸗ wiſſenſchaft und mathematiſche Wiſſenſchaften bewahrte er bis in ſein hohes Alter eine beſondere Vorliebe. Als er in ſeinem Greiſenalter einmal von einem lang⸗ wierigen Leiden befallen wurde und ſich oft im ein⸗ ſamen Krankenzimmer die Zeit nicht zu vertreiben wußte, bat er den ihn beſuchenden Geiſtlichen, ihm das algebraiſche Lehrbuch von Bardey zu ſchicken, damit er, Textgleichungen löſend, ſich zerſtreue. Wenige ſeiner Kollegen im Lande haben darum auch den Ehrentitel Friedrich Hug. 145 „Finanzrat“ ſo verdient wie er. Seine umfaſſenden Kenntniſſe in Geldgeſchäften verſchafften ihm jene Ge⸗ wandtheit und Fertigkeit, die er bei Einführung der örtlichen Kirchenſteuer in Konſtanz zum Staunen aller Mitglieder der Kirchengemeindevertretung an den Tag legte. Gerade in ſolchen einſchneidenden Fragen über Soll und Haben war er allezeit der Mann des Ver⸗ trauens, auf deſſen gründliche Darſtellung alle bauten. Friedrich Hug blieb aber kein trockener Bürokrat; ſein edles Herz ſchlug für alle Intereſſen des einfachen Volkes. Kein Geringerer als der langjährige Führer der Zentrumspartei, Geiſtlicher Rat Theodor Wacker, hat dieſe Vielſeitigkeit Friedrich Hugs öffentlich an⸗ erkannt. Bei der Feier des 70. Geburtstages von Hug am 14. März 1909 verſicherte Wacker in ſeiner Feſtrede:„Wenn ich im Geiſte die Reihe der treuen Männer muſtere, die für jedermann bemerkbar ſich hervorgetan, ſo muß ich einem von ihnen beſondere Aufmerkſamkeit ſchenken. An opferwilliger Hingabe an die Sache der Partei, an die Sache des ganzen Volkes wie an die Sache des Bezirkes, an Eifer und peinlicher Gewiſſenhaftigkeit hat kein anderer ihn übertroffen und keiner ihn übertreffen können. Und wo immer ſich ihm Gelegenheit bot, Ehrlichkeit und Treue, Gerechtigkeit und Loyalität und andere politiſche Tugenden zu betätigen, da war es bei ihm ſelbſtver⸗ ſtändlich, daß er ſie benütze.“ Dieſes Lob aus berufenem Munde wurde noch am offenen Grab des Entſchlafenen gekrönt durch die Worte, die Wacker ihm als letzten Gruß widmete. Er führte u. a. aus:„Hugs Wirken war beſeelt und getragen von dem Geiſte, der ihn unter die Männer einreihte, welche auch über das Grab hinaus fortleben. Sein öffentliches Wirken war ein geſegnetes. Den Segen ſeiner Arbeit hat in erſter Linie das Zentrum geerntet, aber nicht Dor, Edle Männer. 10 nnn 8 146 Friedrich Hug. dieſes allein. Er war ein Mann des Volkes und ein Vertreter des Volkes im beſten und edelſten Sinne. Darum kam der Segen ſeines Wirkens auch dem Ganzen zuſtatten. Wieviel er auch für das Zentrum gearbeitet hat, ſo hat er doch niemals das andere über⸗ ſehen und vernachläſſigt: Seine Pflichttreue und ſein opferfreudiger Sinn haben ſich nach allen Richtungen hin betätigt. Er war ſo ein Mann von vollendetſter Tugendhaftigkeit. Er war ein Beiſpiel von Tugend⸗ haftigkeit als Menſch, als Mann des öffentlichen Lebens, als Bürger des Staates und als Sohn ſeiner Kirche. Er war ein verkörpertes Beiſpiel dafür, daß Treue und Liebe zu Staat und Vaterland nicht ent⸗ gegen ſind der Treue und Liebe zu Religion und Kirche, ſondern daß beide derſelben Quelle entſtammen und zuſammengehören wie Geſchwiſter. Das Arbeiten im öffentlichen Leben war für ihn eine Gewiſſensfrage und er verſäumte es nicht, bei ſeiner Arbeit auch zu beten. Der Verſtorbene war reich an Gaben des Geiſtes, er beſaß ein großes Wiſſen und eine reiche Erfahrung und verband damit eine große Schärfe des Verſtandes, ein ſeltenes Rednertalent. Er hat es verſtanden, ſein Wiſſen auch anderen klar und verſtändlich mitzuteilen. Etwas anderes als Tüchtiges war von ihm nie zu er⸗ warten, wenn er Hand an etwas legte. Nie hat er ſich vorgedrängt, ſeine Leiſtungen aber waren es, die ihm ſtets Beachtung und Geltung errangen und erringen mußten. Er war ein hervorragender Parlamentarier, auf ihn konnte ſeine Partei ſtolz ſein. Noch eines beſonderen Zuges an Hug müſſen wir gedenken. Keiner war ihm zu gering, keiner zu wenig, dem er nicht hilfreich die Hand geboten hätte. So war ihm auch das geringſte nicht zu wenig, womit er ſich nicht befaßt hätte. Trotzdem man ihm große Arbeiten Friedrich Hug. 147 übertragen konnte und übertragen hat, hat er ſich auch in Kleinarbeit betätigt, überall helfend eingegriffen. In der Vollkraft des Lebens als auch noch im Greiſen— alter hat er vorbildlich gewirkt.“ Dieſe Anerkennung des verdienten Politikers be⸗ ſtätigte ein Kollege des Heimgegangenen, ein Mitglied des deutſchen Reichstags. Er ſchrieb am 14. März 1909:„Hug darf mit Fug und Recht als ein Muſter⸗ parlamentarier bezeichnet werden: gewiſſenhaft, pünkt⸗ lich, treu, ſehr liebenswürdig und in der Sache feſt. Sein rieſiger Fleiß hat ihm im Reichstage eine ſehr geachtete Stellung erworben. In Rechnungsſachen darf er als eine Autorität bezeichnet werden, es gibt wenige Abgeordnete im Reichstage, die die Rechnungsablage ſo genau kennen wie unſer Hug, daher ſteht er auch bei allen Parteien in ſehr hoher Achtung. Wenn der tüchtige Abgeordnete mit ſeinem Patriarchenbarte das Wort ergreift, dann wiſſen alle, daß er Gediegenes ſpricht.“ Friedrich Hug hat durch ſeine politiſche Tätigkeit große Opfer an Geſundheit und Geld gebracht. Schon in jungen Jahren, da er die ſtillen Arbeiten des Büros mit den aufreibenden Debatten in der Zweiten Kammer vertauſchen mußte, koſtete es ihn große Überwindung, dem Rufe ſeiner Führer zu folgen. Er gehörte auch in jenen Zeiten zu den fleißigſten Abgeordneten im Reichstage, wo keine Tagesgelder für Mühe und Arbeit im Parlament entrichtet wurden. Er hat in jenen Jahren etwa 20 000 Mark an Auslagen für die Politik geopfert. Noch in anderer Weiſe hat ſich Friedrich Hug im Gegenſatz zu manchem Parlamentarier vorteilhaft aus⸗ gezeichnet. Er blieb allezeit mit ſeinen Wählern in enger Fühlung. In der Ruhezeit des Land- und Reichs⸗ tages verging faſt kein Sonntag, an dem er nicht bald 10* 148 Friedrich Hug. da, bald dort, ſei es in einer politiſchen Verſammlung, ſei es in einem Vereine, mit der ihm eigenen Lebendig⸗ keit und verblüffenden Sachkenntnis ſprach. Der ein⸗ fache Arbeiter, der ſchlichte Handwerker und der wetter⸗ feſte Bauer hatten Zutritt zu ſeinem Büro. Jeder wußte, daß Hug die Forderungen ſeines Standes zwar nicht mit Verſprechungen übertrumpfte, aber doch raſtlos und eifrig bemüht war, ſie verwirklichen zu helfen. Wollen wir Friedrich Hug richtig beurteilen, ſo müſſen wir vor allem ſeine tiefe Religioſität hervor⸗ heben. Er glaubte mit ganzer Seele an eine Ver⸗ antwortlichkeit vor Gott. Das Arbeiten im öffentlichen Leben war für ihn eine Gewiſſensfrage. Er dachte ſtets daran, daß an Gottes Segen alles gelegen iſt. Eine nahe Verwandte in Karlsruhe, in deren Haus Finanz⸗ rat Hug während des Landtages Wohnung nahm, ver⸗ ſichert uns:„Es war immer erhebend, wenn der Ver— ſtorbene am ſpäten Abend, wenn die anderen Familien⸗ glieder ſich ſchon zurückgezogen hatten, in dem langen Speiſezimmer auf⸗ und abgehend laut ſein Abendgebet verrichtete. Er ſchloß dieſe Privatandacht gewöhnlich mit einem Geſetz vom hl. Roſenkranz. Man muß die innige Betonung ſeines Gebetes gehört haben! Jeden Morgen, Sommer und Winter, auf Reiſen und in der Heimat beſuchte er die hl. Meſſe.“ Mit lautem Gebet bereitete ſich der fromme Herr immer in der Nacht vor, ſo oft er am folgenden Tage vor verſammeltem Landtage ſprechen mußte. Von dieſem Goldgrunde ſeiner kernigen Frömmigkeit aus ſind die verſchiedenen Tugenden ſeines privaten und öffentlichen Lebens nur Ausſtrahlungen ſeiner gott⸗ innigen Seele. Es war etwas überaus Aufrichtiges, Wohlwollendes, man möchte ſagen Väterliches in ſeinem Weſen, das anzog und Vertrauen erweckte, eine Friedrich Hug Friedrich Hug. 149 gewiſſe Milde, die auch ſein Außeres charakteriſierte. Seine Wohltätigkeit war groß; auf Reiſen gab er den dienenden Perſonen geradezu fürſtliche Trinkgelder. Wenn er vermeinte, jemanden verletzt oder einen Wunſch unerfüllt gelaſſen zu haben, ſo quälte er ſich mit faſt ſkrupulöſer Angſtlichkeit ab und ruhte nicht, bis er überzeugt war, daß kein Stachel geblieben ſei. Von Herablaſſung konnte man bei dem Entſchlafenen nie reden, denn er fühlte ſich niemals über andere erhaben trotz ſeines Ranges und ſeiner tatſächlichen geiſtigen Überlegenheit. Im Gegenteil: In ſeiner be⸗ ſcheidenen Art pflegte er die Leiſtungen anderer immer hoch einzuſchätzen, während er bei ſeinen eigenen Ar⸗ beiten ſtets bangte, ob ſie auch recht und gut ſeien. Waren die Wahlkämpfe überſtanden und glänzende Siege errungen, ſo triumphierte er nie über den unterlegenen Gegner, da er ſich frei von Gehäſſigkeit und perſönlicher Ehrſucht fühlte. Er war ſeines Er⸗ folges froh, weil es der Sieg der von ihm vertretenen gerechten Sache war. Im Familienkreiſe liebte er einen heiteren Ton und freute ſich an der Hausmuſik der älteren gemütvollen Richtung. Nach Tiſch hörte er gerne ein Stück von Schubert, Mendelsſohn, Haydn und Beethoven. Dann und wann beſuchte er auch das Theater, wenn ein gutes, klaſſiſches Stück zur Aufführung kam. Doch die reinſten und ſchönſten Freuden ſchöpfte Friedrich Hug aus dem Umgang mit der Natur. Faſt bis zu ſeinem Greiſenalter beſtieg er jeden Sommer einen der berühmten Berge in den Alpen. Dieſer Sport erhielt ſeinen Körper geſund und kräftig. Noch mit 63 Jahren beſtieg er nicht ohne Anſtrengung den Watzmann. Dieſe Freude an Gottes Natur reizte ihn auch zu größeren Reiſen in verſchiedene Länder. In der benachbarten Schweiz kannte er faſt alle prächtigen 150 Friedrich Hug. Gegenden. Den Gnadenort Maria Einſiedeln beſuchte er jedes Jahr. Sein tiefes religiöſes Gemüt hatte er von ſeiner Mutter ererbt. Solange er ſie bei ſich hatte, hielt er alles auf ihren Rat; ſobald ſie in kühler Erde ruhte, galt ihr Grab ihm wie ein Heiligtum. Im Frühjahr 1911 erkrankte Hug an einem Herz⸗ leiden. Die Krankheit verſchlimmerte ſich im Auguſt. Es kam noch eine Lungenentzündung hinzu, die das Vorzeichen des unaufhaltſamen Kräfteverfalles war. Fromm wie er gelebt, ſo trat er auch die Reiſe in die Ewigkeit an. Sein Sterben war erbaulich und troſt⸗ reich für alle, die Zeugen ſeines Hinſcheidens ſein durften. Mit größter Innigkeit empfing er die heiligen Sterbeſakramente. Kurz bevor der Sterbende ſeine Augen für dieſe Welt ſchloß, da ſchon das Bewußtſein nachließ, ſprach er noch von ſeiner Mutter und ſagte, daß er jetzt zu ihr gehe. Am 13. Auguſt, morgens halb vier Uhr, gab der Edle ſeine Seele dem Schöpfer zu⸗ rück. Ein arbeitsreiches Leben war abgeſchloſſen. Die kleinen Augen blitzten nicht mehr unter den großen Brillengläſern hervor. Die Hände, die er ſo oft zum Gebete gefaltet hatte, die auf dem Rednerpult charak⸗ teriſtiſch verſchränkten Arme waren müde herabge⸗ ſunken. Was er durch Wort und Beiſpiel ausgeſtreut, bringt Früchte über das Grab hinaus. Das impoſante Begräbnis am Feſte Mariä Himmelfahrt war ein glänzender Beweis dafür, welch großer Wertſchätzung, Achtung, Liebe und Verehrung ſich der Verſtorbene im Leben erfreuen durfte. Im Herzen von Tauſenden hat ſich Finanzrat Hug ein Denkmal unvergänglicher Dankbarkeit geſetzt. Quellen: Kath. Jahrbuch für die Stadt Konſtanz 1913. Schriftliche Mitteilungen von Zeitgenoſſen. — Baudirektor Heinrich Hübſch. nter den verſchiedenen ſchönen Künſten fordert keine von dem ausübenden Künſtler eine ſo zu⸗ ſammengeſetzte und vielumfaſſende Tätigkeit als die Architektur. Der Architekt hat nicht bloß Steine zu einem ſchönen und großen Ganzen zuſammenzufügen, er hat auch lebendige Kräfte zu einem gemeinſamen Ganzen harmoniſch zuſammenwirken zu laſſen; er muß es verſtehen, Menſchen zu kennen und zu leiten. Ein echter Architekt von einer größeren, längere Zeit hindurch fortgeſetzten Tätigkeit in ſeinem Fache muß daher überhaupt ein ganzer Mann, eine tüchtige und ſelbſt ausgezeichnete Perſönlichkeit ſein. Von ſolchen Charaktereigenſchaften war der Großh. badiſche Baudirektor Heinrich Hübſch, der im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts einen entſcheidenden Einfluß auf die Verbeſſerung der kirchlichen Bauweiſe ausübte. Die folgenden Blätter wollen zuerſt einen kurzen Abriß des Lebens und der Perſönlichkeit des hochverdienten Mannes geben; dann ſoll eine knapp⸗ gefaßte Darſtellung ſeiner künſtleriſchen und litera⸗ riſchen Werke ſich anreihen. Heinrich Hübſch war am 9. Februar 1795 zu Wein⸗ heim an der Bergſtraße geboren, wo ſein Vater Karl Hübſch fürſtlich Thurn und Taxisſcher Poſtverwalter war. Seit Errichtung des Reichspoſtmeiſteramtes zu Weinheim befand ſich die Familie Hübſch im Beſitz 152 Heinrich Hübſch. desſelben. Der Vater, Karl Hübſch, hatte auf der Univerſität Marburg ſtudiert und war ein durch Jovialität und Witz in ſeiner Umgebung bekannter und beliebter Herr. Die Mutter unſeres Heinrich Hübſch hieß Friederike Pagenſtecher. Sie war die Tochter eines gräflich Erbachſchen Kirchenrates und lutheriſchen Pfarrers im Odenwalde. Unter neun Ge⸗ ſchwiſtern, vier Söhnen und fünf Töchtern, war Hein⸗ rich der älteſte. Pietät gegen ſeine Eltern und Liebe zu ſeinen Geſchwiſtern waren ein Hauptzug ſeines Her⸗ zens. Beſonders war er ſeiner Mutter, die eine durch Geiſt und feine Herzensbildung ausgezeichnete Frau war, mit größter Liebe und Verehrung zugetan. Von ihr war auch ein tiefer Grund von Frömmigkeit in das Gemüt des Sohnes gelegt worden. In Weinheim, dem von Natur mit einem Zauber umgebenen Orte der Bergſtraße, brachte Heinrich Hübſch ſeine goldenen Tage der Kindheit zu; dort empfing er ſeinen erſten Unterricht. Dann bezog er das Gymnaſium zu Darmſtadt und ließ ſich 1813 an der Univerſität Heidelberg unter die Zahl der Studierenden auf⸗ nehmen. Während der erſten Semeſter hörte er haupt— ſächlich Vorleſungen über Philoſophie und Mathematik bei den Profeſſoren Schweins, Fries und Kreuzer. In dieſer Weiſe wiſſenſchaftlich vorgebildet, wandte er ſich 1815 ſeinem eigentlichen Berufe, der Baukunſt, zu und bezog die Bauſchule in Karlsruhe, die damals unter der Leitung Weinbrenners einen guten Ruf in Deutſch⸗ land hatte. Hübſch fand an den Vorleſungen Wein⸗ brenners, der hauptſächlich für den reinen und echten antiken Bauſtil ſchwärmte, wenig Geſchmack, denn auf ihn hatte die romantiſche Richtung der Zeit lebhaft eingewirkt und er fühlte ſich mehr zu dem gotiſchen Bauſtile hingezogen. Das Intereſſe für die deutſch⸗ mittelalterliche Kunſt und Poeſie war damals gerade Heinrich Hübſch. 153 durch die neu begonnenen literariſchen und geſchicht⸗ lichen Studien erwacht und hatte durch den deutſchen Befreiungskrieg einen neuen Aufſchwung genommen. Drei Jahre lang beſuchte Hübſch die Weinbrennerſche Schule in der badiſchen Reſidenz und übte ſich beſon⸗ ders im Zeichnen. Eine neue Wendung in ſeiner Aus⸗ bildung und in ſeinen Grundſätzen trat dann aber durch eine Reiſe nach Italien ein, die er im Jahre 1817 unternahm. Dort in jenem Lande der Kunſt verweilte er, und zwar vorzugsweiſe zu Rom, drei Jahre(1817 bis 1820). In der ewigen Stadt kam er mit den be⸗ rühmten Künſtlern Overbeck, Cornelius und Philipp Veit zuſammen. Schon damals und gerade durch den Umgang mit dieſen Künſtlern bildete ſich in Hübſchs Seele der Keim ſeines ſpäter mit vollem Bewußtſein und mit aller Energie auftretenden Strebens, durch ſelbſtändige Kraft einen eigenen neuen Geiſt in die Archi⸗ tektur zu bringen. Aber nicht bloß die Denkmäler und die Werke der Kunſt, nicht bloß das künſtleriſche Inter— eſſe gaben dem Aufenthalt in der ewigen Stadt für den jungen Architekten einen hohen Wert und Reiz, das italieniſche Leben überhaupt, der ganze Charakter, die Art des italieniſchen Volkes gefielen ihm ſehr. Dieſer Eindruck blieb dauernd und feſt bei Hübſch bis in ſeine ſpätere Lebenszeit. Er verfocht dieſe ſeine Vorliebe für Italien und die Italiener nicht ſelten in freundſchaftlichen Unter— haltungen mit Lebhaftigkeit in der größten Unbe⸗ fangenheit und erregte dadurch bei manchen eifrigen Anhängern eines ausſchließlichen Germanentums eine nicht geringe Verwunderung. Er erinnerte in Ge— ſprächen mit ſolchen übereifrigen Freunden, nament⸗ lich aus Norddeutſchland, gerne daran, daß unſere Vorfahren ja doch die Anfänge der höheren Kultur 154 Heinrich Hübſch. in Religion, Wiſſenſchaft und Kunſt aus Italien und von Rom aus erhalten hätten. Hübſch behielt von ſeinem erſten Aufenthalte zu Rom ſein ganzes Leben hindurch eine beſondere Anhänglichkeit für die Stadt und das römiſche Leben, ja eine Art von Heimweh dorthin. Er ſuchte daher, ſo oft es ihm möglich war, nach der Tiberſtadt zurückzukehren. Tatſächlich be⸗ ſuchte er im Lauf der Jahre noch ſechsmal das Land mit ſeinen Kunſtſtätten und blieb jedesmal einige Monate in Rom. Im Jahre 1819 ging er von Italien aus mit den Architekten Heger und Türmer nach Griechenland, wo er die Denkmäler von Athen ſtudierte. Es fehlte den Reiſenden nicht an Schwierig⸗ keiten, denn ein ſolcher Ausflug war damals ohne Dampfſchiffe und Eiſenbahnen ein ganz anderes Unter⸗ nehmen als heute. Von Athen begaben ſich die drei Freunde nach Konſtantinopel. In beiden Städten be⸗ „wunderten ſie die Denkmäler der Architektur, machten ( ppbatograpbiſche Aufnahmen und brachten eine An⸗ zahl Zeichnungen in die Heimat zurück. Hübſch legte die Frucht dieſer Reiſe in einem künſtleriſchen und in einem literariſchen Werke nieder. Das erſte trägt den Titel:„Maleriſche Anſichten von Athen.“ Darmſtadt 1823. Das andere heißt:„Die griechiſche Architektur.“ (Von H. Hübſch, Heidelberg. 1822.) In die Heimat zurückgekehrt, beſtand Hübſch ſeine Staatsprüfung als Architekt. Nachdem er unter die Zahl der Bau⸗ praktikanten aufgenommen war, reiſte er 1822 wieder nach Rom. Im Frühjahr 1824 folgte er einem Rufe als Lehrer der Baukunſt an das neugegründete Städelſche Kunſt⸗ inſtitut zu Frankfurt. In dieſem ſeinem erſten Wir⸗ kungskreis lebte er im Umgang mit Freunden und Bekannten, die für ihn eine reiche Quelle geiſtiger Anregung und Fortbildung wurden. Zu dieſen Aus⸗ Heinrich Hübſch. 155 erwählten gehörte vor allem ſein teurer Freund Böhmer, dann Clemens Brentano, J. D. Paſſavant, ferner der Kupferſtecher Karl Barth und Profeſſor Steingaß. Auch mit den beiden trefflichen Männern Bürgermeiſter Thomas und Rat Schloſſer war er innig befreundet, desgleichen mit Gottfried Mal, einem ge⸗ feierten humoriſtiſchen Schriftſteller. Im Jahre 1827 wurde Hübſch als Reſidenzbau⸗ meiſter und Mitglied der Baudirektion nach Karlsruhe berufen. Kurz vorher hatte er eine Einladung nach Dresden als Lehrer der Architektur an der dortigen Akademie erhalten. Doch lehnte er die Stelle ab. Der damalige Adjutant des Großherzogs Ludwig von Baden, Hermann Hofer, ſoll ſeinen Fürſten zuerſt auf den jungen Hübſch aufmerkſam gemacht haben. Finanz⸗ miniſter von Böckh, zu deſſen Dienſtbereich das Bau⸗ weſen gehörte, bewirkte die eigentliche Berufung in die Reſidenz. In kurzer Zeit rückte Hübſch in ſeinem neuen Wirkungskreiſe zum Baurat auf(1829), dann zum Oberbaurat(1831) und endlich zum Baudirektor (1842). Volle 36 Jahre war er in Karlsruhe auf ver⸗ ſchiedenen Gebieten tätig, zunächſt als Profeſſor am Polytechnikum, dann als Baudirektor des Landes und als Schriftſteller auf mannigfachen Gebieten der Architektur. Dazu kamen größere Geſchäfts⸗ und Kunſtreiſen und mehrere Aufträge und Geſchäfte, wo⸗ mit er auswärts betraut wurde. Als Baudirektor hatte er einen ausgedehnten und geſchäftereichen Wirkungskreis, den er durch raſtloſe, unermüdliche Arbeit ausfüllte. Nach Weinbrenners Tod(1. März 1826) war in Baden die Kunſttätigkeit in Staatsbauten ſehr geſunken, namentlich war der Kirchenbau weit zurückgeblieben. Hübſch brachte durch ſeine mannigfaltigen An⸗ regungen wieder neues Leben in das Bauweſen. 156 Heinrich Hübſch. Seine Autorität wurde im Lande und bei den zu⸗ ſtändigen Behörden ſehr bald anerkannt. Daher kam es, daß man die Pläne zu den verſchiedenen Bauten faſt regelmäßig ſeiner Kritik vorlegte, eine Arbeit, die er nicht nur mit voller Hingebung und Liebe für die Sache, ſondern auch mit Unparteilichkeit und Billigkeit und feinem Takte ausübte. Zur Hebung des Bau⸗ weſens trugen weſentlich ſeine von ihm ausgeführten Werke bei. Durch ſolche Neubauten wirkte er in einer doppelten Richtung, einmal für die äſthetiſche und künſtleriſche Seite der Architektur, ſodann für die Ver⸗ beſſerung der niederen Technik des Bauhandwerkes. Nichts war ihm in dieſer Beziehung unbedeutend, nichts entging ſeinem Scharfblick. Mit dem gleichen eindringenden Eifer beſtand er auf regelmäßige, ſolide Mauerung wie auf genaue Ausführung einer ſchwie⸗ rigen Holz⸗ oder Eiſenkonſtruktion. In ſeiner Tätigkeit als Lehrer der polytechniſchen Hochſchule nahm er lebhaften Anteil an deren Organi⸗ ſation, namentlich an der Einrichtung der zu ihr ge⸗ hörenden Bauſchule. An letzterer Unterrichtsanſtalt wurde er Lehrer und Direktor. Durch die Art ſeines Vortrages und durch ſeinen Namen überhaupt kam dieſes Inſtitut zu hohem Anſehen. Infolge ſeines Ein⸗ tritts in das Lehrerkollegium nahm die Zahl von aus⸗ wärtigen Schülern zu. Seine Zuhörer erkannten den Wert des Lehrers, und viele unter ihnen bewahrten ihm zeitlebens das Andenken der Liebe und Verehrung. Im Jahre 1854 trat er von dieſer Stelle zurück. Dazu beſtimmte ihn die wachſende Anhäufung ſeiner übrigen Berufsgeſchäfte, vielleicht auch ſagten ihm manche im Lauf der Zeit vorgegangene Verände— rungen im Geiſte der Anſtalt weniger zu. Ohne Zweifel hatte ſeine Rückkehr zur katholiſchen Kirche(1850) da und dort unangenehm berührt, ſo daß das damalige Heinrich Hübſch. 157 Miniſterium auf die Erhaltung eines Lehrers bei der Anſtalt von den Geſinnungen und von dem Rufe eines Hübſch nicht den Wert legte, wie man hätte erwarten ſollen. Die großen Reiſen, die unſer Baumeiſter im Inter⸗ eſſe ſeiner Kunſt während der langen Periode ſeines Schaffens von Karlsruhe aus unternahm, waren teils Geſchäftsreiſen bei Gelegenheit größerer Staatsbauten, die ihm aufgetragen waren, teils freie Kunſtreiſen. Hübſch legte auf die Anſchauung und auf das Studium der monumentalen Bauwerke, ſowohl der alten als der in neuerer Zeit ausgeführten, das größte Gewicht; er ſparte keine Opfer an Mühe und Geld für dieſen Zweck. Nicht ſelten hielt er ſich im Ernſt und im Scherz über ſo manche Kunſthiſtoriker auf, die ohne eigene Anſchauung und genaueres Studium der Denkmäler bloß nach literariſchen Hilfsmitteln über Kunſt und Kunſtwerke ſchreiben. Solche Geſchäftsreiſen machte Hübſch, ehe er an die Ausführung des Akademiegebäudes zu Karlsruhe ging, nach München und Italien. Vor dem Bau der Trinkhalle in Baden-Baden beſichtigte und ſtudierte er ähnliche Gebäude im Auslande. Als er den Auf⸗ trag bekam, in Bruchſal ein großes Zellengefängnis zu bauen, ſtudierte er den ganzen Auf- und Ausbau ähnlicher Anſtalten in England(1846). Vor dem Bau des Theaters in Karlsruhe und mit beſonderer Rück⸗ ſicht darauf unternahm er abermals eine Reiſe nach Italien. Die von ihm übernommene bauliche Reſtauration des Speyerer Domes veranlaßte ihn zu einem Aus⸗ fluge nach Wien, wo es ihm mit einem beſonders glück⸗ lichen Erfolg gelang, das Intereſſe und die Teilnahme des Kaiſers Franz Joſeph für das Reſtaurationswerk zu gewinnen(1856). Von den eigentlichen Kunſt⸗ 158 Heinrich Hübſch. reiſen, die Hübſch in der langen Reihe der Jahre unter⸗ nahm, nennen wir ſeine Beſuche in München, Paris, Dresden, Berlin uſw. Der Landesfürſt und deſſen Finanzminiſter gewährten ihm jeweils gerne den Ur⸗ laub, damit er auf ſolchen Studienreiſen ſeine theo⸗ retiſchen und praktiſchen Kenntniſſe auf dem Gebiete der Kunſt vertiefe und erweitere. Von Geſchäften und Aufträgen, mit welchen Hübſch von Körperſchaften außerhalb Badens betraut wurde, führen wir folgende an: Die Teilnahme an der in Mün⸗ chen eingeſetzten Kommiſſion zwecks Prüfung der Kon⸗ kurrenzpläne zur Errichtung eines Gebäudes für eine höhere Bildungsanſtalt(1854). Ferner die Berufung durch die Naſſauiſche Regierung als Mitglied der Unter⸗ ſuchungskommiſſion über einen in dem Miniſterial⸗ gebäude zu Wiesbaden ausgebrochenen Brand(1854). Endlich die Einladung vonſeiten der Akademie in Düſſeldorf zu dem Preisgericht über ein dem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen in Köln zu er⸗ richtendes Denkmal(1862). Aber weder künſtleriſche und amtliche Tätigkeit, noch auch die Studien auf dem Gebiete der Kunſt, weder Reiſen noch literariſche Arbeiten konnten den Geiſt des vielſeitigen Mannes vollſtändig befriedigen. Außer und über allen dieſen Geſchäften, Genüſſen und Zerſtreuungen ſtand für ihn als die wichtigſte Ange⸗ legenheit des Lebens die Religion im Vorder⸗ grund. Die größten und ſchönſten Erzeugniſſe der chriſtlichen Kunſt leiteten ſeinen Blick immer wieder auf die chriſtliche Religion. Das Studium des äußeren Kirchenbaues führte ihn zu dem Studium des Innern der Kirche. Obgleich im Proteſtantismus geboren und erzogen, fühlte er ſich zur katholiſchen Kirche hingezogen. Schon bei ſeinem erſten Aufenthalt in Rom äußerte er, es wäre ihm unmöglich, den Ehe⸗ Heinrich Hübſch. 159 bund mit einer Proteſtantin zu ſchließen. Die Katho⸗ liken ſeien viel heiterer und fröhlicher. Seine Braut wurde auch eine Katholikin, Luiſe Heller, geboren in Bruchſal, Tochter des damaligen erzbiſchöflichen Kanz⸗ leidirektors Heller in Freiburg. Dieſelbe hatte als Er⸗ zieherin eine Stiefmutter und hatte eine ſchwere Jugend durchkoſten müſſen. Sie war, wie eine noch lebende Augenzeugin verſichert, wunderbar ſchön von Geſtalt, ihre Geſichtszüge offenbarten eine ganz ſeltene regel⸗ mäßige Harmonie. Der Ehebund von Hübſch mit Luiſe Heller war ein recht glücklicher. Das einzige Kind, ein Töchterchen, ſtarb ſchon mit 6 Jahren; es war durch die Taufe in der katholiſchen Kirche der Religion der Mutter gefolgt. Lange, lange Jahre be⸗ trauerte das junge Ehepaar den herben Verluſt ihres einzigen Kindes. Gegen die Familie ſeiner Frau be⸗ wies ſich ſowohl Hübſch wie ſeine Gattin als liebe⸗ volle und treu ergebene Kinder. Schon ſehr früh, d. h. in den erſten Jahren nach ſeiner Ver⸗ mählung, trug ſich Hübſch mit dem Gedanken, ſich in die katholiſche Kirche aufnehmen zu laſſen, allein er wollte ſeine Mutter, die er ſehr liebte und verehrte, nicht kränken und beunruhigen, und ſo verſchob er denn ſein Vorhaben bis nach deren Tode. In dieſer Warte⸗ zeit konnte er neben den Studien über den älteſten chriſtlichen Kirchenbau gleichzeitig das altchriſtliche Leben, den Glauben und die Verfaſſung der Urkirche näher kennen lernen und ſich mit den Werken der großen Kirchenväter, der altchriſtlichen, klaſſiſchen Schriftſteller näher bekannt machen. Er überzeugte ſich durch dieſe Lektüre, daß viele Lehren und Einrichtungen, die man auch in ſeiner Um⸗ gebung vielfach für Erfindungen der mittelalterlichen Hierarchie ausgab, in die erſten Jahrhunderte des Chriſtentums zurückgehen. Auch zog er dann noch 160 Heinrich Hübſch. neuere Werke zur Verteidigung und Rechtfertigung des Katholizismus zu Rate. Mit beſonderer Vorliebe beſprach er religiöſe Fragen mit proteſtantiſchen Theo⸗ logen und Gelehrten, unter denen er viele Jugend— freunde beſaß, wie auch mit katholiſchen Theologen, die er gerne aufſuchte. In Karlsruhe hatte er außerdem eine Kerntruppe von katholiſchen Freunden, wie Zell, Mone, Bader, Kirchgeßner, die ihm manche Auf⸗ klärung und Anregung gaben, obwohl keiner derſelben ihn im entfernteſten durch indiskrete Bemühungen zum Proſelyten machen wollte, oder auch nur ſeinen Über— tritt zur katholiſchen Kirche vorausſah. Von keinem Freunde erhielt er wohl mehr Anregung und Beleh— rung auf religiöſem Gebiete als von dem preußiſchen Geſandten Herrn v. Radowitz, der ſeit 1842 in Karlsruhe wohnte. Dieſer geiſtvolle und kenntnis⸗ reiche Mann liebte es, mit Künſtlern und Gelehrten, ohne konfeſſionelle Scheidung zu verkehren und ſie um ſich in geſelligem Kreiſe zu vereinen. Unſerem Hübſch war er mit beſonderer Achtung und Liebe zugetan, und es iſt kein Zweifel, daß wenn Hübſch in vertrauten Geſprächen Fragen und Zweifel über Religion und Kirche vorbrachte, dieſer ſein Gönner und Freund ihn mit größter Liebenswürdigkeit aufnahm. Hübſch ſelbſt ſagte öfters von ſich, ſeine philo— ſophiſchen Studien-(er beſchäftigte ſich in jüngeren Jahren viel mit der Hegelſchen Philoſophie) hätten ihn zwar vom Glauben abirren laſſen, aber durch ſie ſei er auch wieder darauf zurückgeführt worden. Nicht das Wiſſen, äußerte er, ſei Schuld am Unglauben und an der Verkennung der katholiſchen Religion, ſondern die Unwiſſenheit; es fehle meiſtens am Willen, ſich wahrhaft unterrichten zu wollen und an der ernſten redlichen Prüfung. Während der Jahre 1848/49 ruhten die Künſte. Heinrich Hübſch. 161 Hübſch gewann ſo Zeit, ſich mehr philoſophiſchen und theologiſchen Werken zu widmen, beſonders vertiefte er ſich in die Lektüre der Kirchenväter. Am Schluß des Jahres 1849 pilgerte er nach Rom, ſchon empfand er das Vorgefühl, daß er dieſesmal als Katholik zurückkehren werde. Es war ihm aber noch vorher eine ſchwere Prüfung vorbehalten. Mitten in ſeinen künſtleriſchen und religiöſen Studien überfiel ihn ein Gichtleiden, das ihn drei Monate lang an das Krankenlager feſſelte. Sobald er geneſen war, ver— folgte er mit neuer Energie ſeine Studien. In Rom trat er dann 1850 in die Gemeinſchaft der katholiſchen Kirche ein. Eine noch lebende Hausfreundin ſchreibt darüber: „Seine Gemahlin hatte ihn auf dieſer Reiſe über den Gotthard begleitet; ich erinnere mich noch der Freude und Rührung, die wir empfanden, als der treue Freund uns als Glaubensgenoſſen bei ſeiner Rückkehr in die Reſidenz begrüßte.“ Nachdem Hübſch dieſen Schritt einmal getan hatte, war er ein ſehr konſequenter und korrekter Katholik. Es war bemerkenswert, wie er nicht bloß ſelbſt inner⸗ lich ſo war, ſondern ſeine religiöſe Überzeugung auch offen bekannte. Gerne verkehrte er mit Prieſtern, doch war in ſeinem Umgang mit ſeinen früheren Bekannten kein Unterſchied zu bemerken. Er machte kein Hehl aus ſeinen Anſichten und hatte eine feine, liebens⸗ würdige Art, andere, die in kirchlicher Beziehung nicht pflichtgemäß oder zu lau ſich zu verhalten ſchienen, in Ernſt und Scherz auf den richtigen Weg zu bringen. Dieſe Art und Weiſe hing mit dem ganzen übrigen Weſen des Mannes zuſammen. Hübſch war ein gediegener, edler Charakter, bieder, offen, wohlwollend, uneigennützig, wohltätig, heiter und angenehm in ſeinem Umgang mit hoch und nieder. Dor Edle Manner. 11 162 Heinrich Hübſch. Einem ſolchen Manne konnte es nicht an zahlreichen Freunden und Gönnern fehlen. Ein inniges Band der Freundſchaft verband ihn namentlich mit der Familie des Profeſſors und Ober⸗ ſtudienrates Karl Zell. Zahlreich waren die Auszeichnungen, die er von Fürſten und Gelehrten-⸗Anſtalten im Verlauf ſeines Lebens erhielt. Bereits im Jahre 1837 ehrte ihn Großherzog Leopold mit dem Ritterkreuz und ſpäter mit dem Kommandeurkreuz des badiſchen Ordens vom Zähringer Löwen. 1855 erhielt er den preußiſchen Adlerorden dritter Klaſſe und drei Jahre ſpäter das Ritterkreuz erſter Klaſſe des bayeriſchen St. Michael⸗ ordens. die philoſophiſche Fakultät der Univerſität Heidelberg erteilte ihm das Doktordiplom; außerdem wurde er zum Mitglied der Kunſtakademien zu München und zu Berlin ernannt, ſowie zum Ehren⸗ mitglied und Korreſpondenten des königlichen In⸗ ſtituts der britiſchen Architekten. Von der Zeit an, als Hübſchs Vorſchläge zur Wiederherſtellung des Speyerer Domes von König Ludwig genehmigt und zur Ausführung beſtimmt worden waren, würdigte der Fürſt den Künſtler wegen des edlen Eifers und der ausgezeichneten Tätigkeit, welche er bei dieſem Unter⸗ nehmen bewährte. Als dem König die Anzeige von dem Hinſcheiden unſeres Baudirektors gemacht wurde, ſprach er:„Hübſch war mir teuer als Menſch und als Künſtler.“ Sobald er bei Kaiſer Franz Joſeph von Oeſterreich und bei dem Herzog Alfred von Naſſau die Pläne zum Wiederaufbau der Vorhalle des Speyerer Domes vorlegte und befürwortete, da fand das Unternehmen durch das Zutrauen erweckende, perſönliche Auftreten des Baumeiſters die werktätige Unterſtützung der Fürſten. Mit zahlreichen Künſtlern des In⸗ und Aus⸗ Heinrich Hübſch. 163 landes unterhielt unſer Baudirektor einen regen Briefwechſel. Bei vielen Werken, die er ausführte, bat er ſeine Standesgenoſſen gerne um ihr unbe⸗ fangenes Urteil.„Loben kann ich meine Werke ſelbſt“, ſagte er ſcherzend. Das Urteil tüchtiger und gebildeter Maler war ihm von hohem Wert, namentlich ſuchte er dasſelbe zu erhalten und zu benützen in ſeinem freund⸗ ſchaftlichen Verkehr mit Julius von Schnorr. Im Winter 1861/62 befiel Heinrich Hübſch ein Leiden, das man als Grippe bezeichnete, eine Krankheit, von welcher er ſich nicht mehr erholte. Ein Jahr darauf kam noch ein Leberleiden hinzu, dem er am 3. April(Karfreitag) des Jahres 1863 erlag. Die Wirkſamkeit von Hübſch bezeichnet für das architektoniſche Leben in Baden, beſonders in der Re⸗ ſidenz Karlsruhe, eine beſſere Periode als die ſeines Lehrers Weinbrenner. Mit ſeiner Bautätigkeit offen⸗ barte Hübſch ein Ringen nach neuen Zielen; darum ſichern ihm ſeine Beſtrebungen eine hervorragende Stellung in der Geſchichte der Baukunſt im 19. Jahr⸗ hundert. Seine Wirkſamkeit bewegte ſich in zwei ver⸗ ſchiedenen Richtungen; auf der einen Seite war er Theoretiker, Forſcher, Kritiker und Schriftſteller, auf der anderen Seite ein ſchaffender Architekt. Von ſeinen Erſtlingswerken über griechiſche Archi⸗ tektur war ſchon oben die Rede. Faſt gleichzeitig er⸗ ſchien eine andere Schrift unter dem Titel:„In welchem Stile ſollen wir bauen?“(Karlsruhe 1828.) In dieſen Blättern gab er dem Rundbogenſtil den Vor⸗ zug vor dem Spitzenbogenſtil. Für den Kirchenbau hielt er in dieſer Schrift eine freie Nachahmung des alt⸗ chriſtlichen Stiles für den richtigen und beſten Weg. Am meiſten beſchäftigte ſich Hübſch mit der Heraus⸗ gabe ſeines großen Werkes über„Die altchriſtlichen Kirchen“, das in zwei ſtarken Bänden erſchien. Der 1 164 Heinrich Hübſch. Doppelband koſtete ehemals 66 Gulden, die letzten Bogen waren noch nicht gedruckt, als der Tod den Ver⸗ faſſer abrief. Die ganze Arbeit zerfällt in drei Haupt⸗ teile. Der erſte allgemeine Teil handelt von dem altchriſtlichen Kirchenbau(d. h. von Konſtantin bis Karl den Großen). Der beſondere Teil gibt die Be⸗ ſchreibung und Erklärung der einzelnen Bauwerke aus dieſer Periode in Italien, im Morgenlande, in Frank⸗ reich und Deutſchland. Der letzte Teil enthält als An⸗ hang Notizen über die Bauten, die der Verfaſſer des umfangreichen Werkes ſelbſt ausführte. Hübſch wollte mit dieſer gewaltigen Arbeit nicht bloß eine Geſchichte der altchriſtlichen Baukunſt ſchreiben, ſondern er ver⸗ ſuchte auch zu zeigen, wie in der Gegenwart jener alt⸗ chriſtliche Stil die Grundlage für eine Verbeſſerung des Kirchenbaues bilden könne. Dieſes bedeutungsvolle Werk hat dem Namen„Hübſch“ für alle Zeit eine ehrenvolle Stellung in der neuen Kunſtgeſchichte ge⸗ ſichert. Zu den früheſten Arbeiten, die Hübſch als Bau⸗ direktor ausführte, gehört das Finanzminiſterium in Karlsruhe, das in der Zeit von 1829—1833 gebaut wurde, ferner die polytechniſche Hochſchule in derſelben Stadt, die in den Jahren 1832—1836 erſtand, ſodann das Zollgebäude zu Mannheim(1836-1839), endlich das Landesgeſtüt zu Karlsruhe(1837-1838). Vielfach gab Hübſch ſich dem Beſtreben hin, für Landkirchen eine bei größter Einfachheit würdige und geeignete Form zu finden. Trefflich beleuchten ſeine edle Geſinnung in dieſer Richtung die Zeilen, die er in der Einleitung zu ſeiner Schrift„Bauwerke von Heinrich Hübſch“ niederſchrieb. „Dieſe Gebäude werden von vielen Architekten wahrhaft ſtiefmütterlich behandelt. Ich— meines Teils— ſehe aber den Kirchenbau ſo unbedingt für die 8 — — einri 9 Heinrich Hübſch. 165 höchſte Aufgabe des Architekten an, daß mir der Ent⸗ wurf zu der geringſten Dorfkirche mehr Freude macht, als derjenige zu dem noch ſo großen Hauſe eines luxuriöſen Privatmannes. Daher regt es mich ſehr ſchmerzlich an, daß unſer Kirchenbau namentlich auf dem Lande(wo ſich am Ende noch am meiſten Religion findet) in einen ſolchen Verfall geraten iſt.“ Zu den von Hübſch gebauten katholiſchen Kirchen gehören die von Bulach, Dürrheim, Rotweil, Stah⸗ ringen und Waitzen. Von proteſtantiſchen Kirchen, die Hübſch in den erſten Jahren ſeiner Tätigkeit ausführte, ſind zu nennen: die Landkirchen zu Zaiſenhauſen, Epfenbach, Bauſchlott und namentlich die erſte proteſtantiſche Kirche in Freiburg. Dieſer letztere Bau hat eine ganz eigenartige Geſchichte. Großherzog Ludwig hatte im Jahre 1827 durch ſeine perſönliche Geneigtheit und Einwirkung die endliche Errichtung des Erzbistums Freiburg zur Ausführung gebracht. Dafür wollte man dem Landesfürſten vonſeiten der Katholiken den Dank bezeugen und zugleich Beweiſe von Toleranz geben. Worin beſtand letztere? Etwa fünf Stunden von Freiburg erhob ſich ſeit dem 12. Jahrhundert eine alte Eiſterzienſerkirche in einſamer Waldgegend, neben dem Kloſter Tennebach. Nach der Säkulariſation verlaſſen und vernachläſſigt, wäre dieſer ſchöne Bau bald eine Ruine geworden. Die Kirche wurde nun abgebrochen und in Freiburg als proteſtantiſche Ludwigs⸗ kirche neu aufgebaut, das Innere wurde nach den Bedürfniſſen des proteſtantiſchen Kultus eingerichtet. Der Gedanke zu dieſer eigentümlichen Verſetzung und Umgeſtaltung der alten Kloſterkirche ging von einem katholiſchen geiſtlichen Würdenträger, dem Ge⸗ neralvikar und Weihbiſchof Burg, aus. Die Koſten wurden gedeckt durch eine Summe, welche von der 166 Heinrich Hübſch. katholiſchen Stadt Freiburg dem Großherzog für dieſen Kirchenbau gegeben wurde. Jemand, der heute noch lebt und der öfters mit Hübſch verkehrte, verſicherte dem Verfaſſer dieſer Lebensſkizze:„In ſpäteren Jahren war es Hübſch keine angenehme Erinnerung, daß er die alte würdige Kloſterkirche im Schwarzwald als proteſtantiſche Lud⸗ wigskirche aufgebaut hatte.“ Aus der Zeit der zweiten Periode unſeres Baudirektors ſind folgende Schöpfungen beſonders hervorzuheben: Das Hoftheater zu Karlsruhe, der Wintergarten daſelbſt, die Reſtau⸗ ration des Speyerer Domes und der Neubau der Vor⸗ halle desſelben; die Reſtauration des Konſtanzer Münſters und die katholiſche Kirche zu Ludwigshafen. Die Reſtauration des Speyerer Domes beſchäftigte Hübſch mehrere Jahre lang. In der Zeit von 1848 bis 1863 führte er noch eine Reihe anderer Bauten aus. Wir nennen hier nur die Kirchen von Ober⸗ ſäckingen, Rheinbiſchofsheim, Baden⸗ weiler, Kandern, Emmendingen, Bietig⸗ heim, Kronau, Altſchweier und die Fried⸗ hofkapellein Baden⸗Baden. Dazu kommen noch mehrere von Hübſch zurückgelaſſene Entwürfe zu Kirchenbauten, deren Ausführung ſchon beſchloſſen war, als ihn der Tod abrief; es ſind die Kirchen von. St. Georgen bei Freiburg, Oos, Unter⸗ grom bach. Zum Schluſſe erübrigt noch, die Auffaſſungen und Urteile zeitgenöſſiſcher Kunſthiſtoriker über den Charak⸗ ter der künſtleriſchen Begabung und die Wirkſamkeit des Architekten Hübſch hier mitzuteilen. Der Politiker und Kunſthiſtoriker Wilh. Füßli( 1845) nennt in ſeinem Werke(Zürich und die wichtigſten Städte am Rhein, Seite 513) unſern Hübſch einen„von Natur mit einem ſcharfen philoſophiſchen Verſtande und mit Heinrich Hübſch. 167 praktiſchem Blicke ausgerüſteten, durch ſeine Studien vielſeitig gebildeten Mann, der auch ſehr klar und bündig ſchreibt“. Er rühmt ihn ferner als einen Haupt⸗ reformer deutſcher Baukunſt, der im Süden ſo originell daſtehe, wie Schickel im Norden, ebenſo ſei Hübſch den berühmten Münchener Architekten Gärtner, Klenze, Ohlmüller und Ziebland ganz ebenbürtig. Der am 5. April 1893 zu Karlsruhe verſtorbene Kunſtſchrift⸗ ſteller Wilhelm Lübke ſpricht ſich in ſeinem Werke„Ge⸗ ſchichte der Architektur“(S. 554) über unſern Bau⸗ direktor alſo aus:„Hübſch betrachtet für den Kirchen— bau die altchriſtliche Baſilika und die antike Form⸗ bildung als Ausgangspunkt und hat in ebenſo ſcharf⸗ ſinniger als gründlicher Weiſe dieſe Anſicht verfochten. Er weiß mit bedeutendem Talent für das Konſtruktive die jedesmalige Aufgabe nach den gegebenen Verhält⸗ niſſen zu löſen und aus der Konſtruktion die Gliede⸗ rung und Formbildung ſich entwickeln zu laſſen.“ Sehr ſchön lautet das Lob, das unſerm Hübſch der zu München am 29. April 1885 verſtorbene Kunſt⸗ forſcher und Maler Ernſt Joachim Förſter ſpendet: „Der unverkennbare Ernſt, mit welchem er ſeine künſt⸗ leriſchen Aufgaben als Herzensangelegenheit behan⸗ delte und mit ihrer Löſung gleichſam ein Glaubens⸗ bekenntnis ausſpricht, macht ihn zum würdigen Ge⸗ noſſen von Cornelius, Overbeck und deren Freunde.“ Die Stadt Karlsruhe, in der Hübſch ſo viele Jahre an dem Wohl und Weh ſeiner Mitbürger innigen An⸗ teil genommen, hat ſein Andenken durch ein Denkmal im Großherzoglichen botaniſchen Garten geehrt und durch eine Straße in der Weſtſtadt, die ſeinen Namen der Nachwelt verkündet. Quellen: Hiſtoriſch-politiſche Blätter 1864. Bd. 58. Badiſche Biographien. —̃ D— Michael Erwin Kirchgeßner, Oberzolldirektor. ie katholiſche Gemeinde in der badiſchen Reſidenz 1 0 geht in ihren Anfängen zurück in das 18. Jahr⸗ hundert, doch erſt im Verlauf des vorigen Jahr⸗ hunderts entwickelte ſie ſich mit dem Aufſchwung der ganzen Stadt ſo ſtark, daß ſie heute rund 50 000 Katholiken zählt. Im zweiten Drittel des 19. Jahr⸗ hunderts kam das religiöſe Leben zur eigentlichen Blüte, da eine Kerntruppe von ausgezeichneten Fa⸗ milien eine führende Stellung einnahm. Hoch ange⸗ ſehen war bei allen Kreiſen in den vierziger und fünf⸗ ziger Jahren Michael Erwin Kirchgeßner. Dieſer edle Mann war von vielen geliebt, von allen, die ihn näher kannten, geehrt. Erwin Michael Kirchgeßner war zu Rauenberg, Amt Wiesloch, am 9. April 1801 geboren. Der Vater, Ignaz Kirchgeßner, war der fürſtlich⸗ſpeyeriſche Amts⸗ kommiſſär des damaligen Amtes Rauenberg. Er ſtarb 1808 als Amtskommiſſär in Odenheim. Die Mutter, Suſanne Weber, ſtammte aus Rheinheſſen. Seine humaniſtiſche Bildung erhielt er zu Bruchſal und Raſtatt. Im Jahre 1820 ließ er ſich an der Univerſität Heidelberg immatrikulieren und widmete ſich dem Studium der Kameralwiſſenſchaft. Michael Erwin Kirchgeßner. 169 Seine guten Anlagen und die Jugendeindrücke ſeiner Erziehung ſchützten ihn gegen die nachteiligen Einflüſſe, welche der Welt- und Zeitgeiſt überhaupt in religiöſer Beziehung auf die heranwachſende Jugend ausübt, namentlich aber auf den Teil derſelben, welcher die gelehrte Schulbildung und das Univerſitätsleben zu durchlaufen hat. Außer der wiſſenſchaftlichen Ausbildung für ſeinen künftigen Beruf, die der talentvolle junge Mann dort erlangte, fand er auch an dieſer Hochſchule eine lebhafte Anregung und reiche Gelegenheit zur Entwicklung ſeiner Anlage und ſeiner Vorliebe für die zeichnenden Künſte. In jener Zeit befand ſich nämlich zu Heidel⸗ berg die Gemäldeſammlung der Brüder Boiſſerse, die mit der größten Liberalität dem Beſuche offen ſtand, und die auch von den Studierenden aller Fakul⸗ täten ſehr fleißig beſucht wurde. Erſt durch dieſe Sammlung lernte man in Baden die Schätze der alt⸗ deutſchen Kunſt recht kennen und ſchätzen. Als Kirchgeßner nach vollendeten Univerſitäts⸗ ſtudien und gut beſtandenem Staatsexamen in das praktiſche Leben eintrat, bemerkten ſeine Vorgeſetzten alsbald deſſen vortreffliche Befähigung und die an⸗ genehmen Eigenſchaften des Charakters. Unter den beiden berühmten Finanzminiſtern von Böckh und Regenauer durchlief der junge Beamte eine ehrenvolle Laufbahn. Raſch folgten die einzelnen Beförderungen im Staatsdienſte. Er wurde 1825 Kameralpraktikant, 1834 Aſſeſſor bei der Hofdomänenkammer, 1836 Finanzminiſterialaſſeſſor, 1838 Finanzminiſterialrat, 1845 im Nebenamte Vorſtand des Verwaltungsrates für die Witwenkaſſe der Angeſtellten der Zivilſtaats⸗ verwaltung. Im Jahre 1846 erhielt er die Ernennung zum Kommiſſär bei dem landwirtſchaftlichen Vereine, 170 Michael Erwin Kirchgeßner. 1847 wurde er Geheimer Referendar, endlich im Jahre 1852 erreichte Kirchgeßner die höchſte Stufe in ſeiner Laufbahn: das Amt eines Zolldirektors wurde ihm übertragen; in dieſer Stellung verblieb er bis zu ſeinem Tode. So wirkte Kirchgeßner eine lange Reihe von Jahren hindurch in dieſen verſchiedenen Stellungen mit uner⸗ müdlicher Tätigkeit, unter allgemeiner Anerkennung und mit dem beſten Erfolge. In ſeiner ganzen Be⸗ rufstätigkeit, in allen Amtern, die er bekleidete, und in allen dienſtlichen Nebengeſchäften, die ihm von der Großherzoglichen Regierung übertragen wurden, zeigte er eine peinliche Gewiſſenhaftigkeit und goldene Treue. Überall, wo die Pflicht ihn rief, offenbarte er eine große Geſchäftstätigkeit und Gewandtheit. Für die Ordnung der Dinge in Deutſchland war ihm immer die wirt⸗ ſchaftliche Vereinigung der deutſchen Bundesſtaaten in erſter Reihe maßgebend, weil er auf dieſem Wege hoffen konnte, Deutſchland einig und ſtark machen zu können. Mit größtem Intereſſe verfolgte er die mannigfaltigen Beratungen, die während der dreißiger und vierziger Jahre in der Zweiten und Erſten Kam⸗ mer zwecks Abſchluß von Handelsverträgen gepflogen wurden. Am 1. Januar 1834 kam der Deutſche Zoll⸗ verein zuſtande. Ihm trat neben anderen Staaten auch unſer Großherzogtum Baden am 12. Mai 1835 nach heftigen Kammerverhandlungen bei. Doch das Werk war durch das Einſpruchsrecht der Einzelſtaaten nur unvollkommen grundgelegt. Gerade das Zugeſtändnis des freien Verkehrs und der Verzicht auf Sonderrechte der Zollgeſetzgebung hinderten die wirtſchaftliche Eini⸗ gung Deutſchlands ungemein. Manchen Vorurteilen mußte daher entgegengearbeitet werden, bis es endlich gelang, auch den Beitritt Badens zur großdeutſchen Zollgemeinſchaft zu ermöglichen. Nach langen, mühe⸗ Michael Erwin Kirchgeßner. 171 vollen Verhandlungen, den ſogenannten Spezial⸗ und Generalkonferenzen, denen Kirchgeßner als Vertreter der Regierung anwohnte, war das Ziel endlich am 16. Mai 1865 erreicht worden. Jetzt ſah Kirchgeßner ſeine Mühen gekrönt und ſein Sehnen geſtillt. Er konnte kurz vor ſeinem Tode ſagen:„Ich habe meinem Fürſten und dem Vaterlande durch die vorbereitenden Arbeiten für die Einigung der deutſchen Stämme fördernd gedient,“ denn der deutſche Zollvereinsvertrag des Jahres 1865 war der Grund- und Nährboden, auf dem das neue Deutſche Reich des Jahres 1871 zuſtande gekommen iſt. über den großen Fragen vergaß Kirchgeßner nicht die Angelegenheiten in der engeren Heimat. Als lang⸗ jähriges Mitglied der Erſten Kammer hatte er reichlich Gelegenheit, ſich um die kulturellen Bedürfniſſe des Volkes zu kümmern, zumal zahlreiche politiſche und kirchliche Kreiſe, Gemeinden, Stiftungen und Korpo⸗ rationen mit Wünſchen voll Vertrauen an ihn heran⸗ traten. Bei ſeinen Dienſtreiſen in die verſchiedenen Gaue des Vaterlandes pflegte er neben den Zollbüros regelmäßig auch die Kirchen der betreffenden Ge— meinden zu beſuchen. Böswillige Gegner des Chriſten⸗ tums glaubten dann und wann, darüber abfällige Be⸗ merkungen machen zu müſſen, allein Kirchgeßner ſagte ſich:„Man kann eine Gemeinde und deren Bewohner nicht beſſer kennen lernen, als wenn man ihrer reli⸗ giöſen überzeugung nachgeht und beobachtet, wie ſie ſich im Gotteshauſe verhalten.“ Außerdem wollte er als Freund der Kunſt überall das Erhabene und Schöne dort aufſuchen, wo es in der Regel an mittleren und kleineren Orten zu finden iſt, nämlich im Schatten des Heiligtums. Bei ſolchen Beſuchen konnte er die ſozialen, ſittlichen und religiöſen Bedürfniſſen einzelner Gemeinden kennen lernen. Dieſe Kenntniſſe waren für Michael Erwin Kirchgeßner. ihn von hohem Werte. Um vieles andere zu übergehen, erinnern wir nur an den Bau der Lichtentaler Pfarr⸗ kirche, deſſen Ausführung eine Verpflichtung des Groß⸗ herzoglichen Domänenärars war. Ohne die Vermitt⸗ lung unſeres Zolldirektors hätte die Gemeinde wohl noch jahrelang auf die Erfüllung ihres langgehegten Wunſches nach einem neuen Gotteshaus warten müſſen. Manchmal mag es ihn hart angekommen ſein, die Bitten einzelner Körperſchaften zu erfüllen, da er von Natur aus jeder Parteipolitik, die gerade in den vier⸗ ziger und fünfziger Jahren in Baden die größte Rolle ſpielte, abhold war. Kirchgeßner offenbarte immer eine durch und durch monarchiſch geſinnte Natur. Sein unbeugſamer Charakter, ſeine Treue gegen Fürſt und Vaterland wankten gerade in Stunden höchſter Gefahr keinen Augenblick. In den Revolutionsjahren 1848/49, wo zahlreiche Beamte ihren Dienſteid vergaßen und zu den„Volksbefreiern“ übergingen, ſetzte er mit vielen treugeſinnten Vaterlandsfreunden ſein Leben aufs Spiel. Als im Frühjahr 1849 die Wogen der Revo⸗ lution immer näher rückten, und die Freiſchärler gegen die Reſidenz marſchierten, machte Kirchgeßner als Referendär beim Finanzminiſterium dem damaligen Finanzminiſter Hoffmann den Vorſchlag, die Beamten und ihre Familien durch die Vorauszahlung eines drei⸗ monatlichen Gehalts vor Hunger und Not zu ſchützen. Furchtbare Schreckenstage kamen Mitte Mai 1849 über die Stadt Karlsruhe. Die Erſchütterungen in Lörrach, Freiburg und Raſtatt machten ſich ſchon im April in der ſonſt ſo ruhigen Reſidenz bemerklich. Der ſtädtiſchen Behörde entgingen die Vorzeichen nicht. Am 12. berief der Großherzog den 1. Bürgermeiſter Michael Erwin Kirchgeßner. 173 Malſch zu ſich, um von ihm über die Stimmung in der Bürgerſchaft Aufſchluß zu erhalten. Zur Ver⸗ ſtärkung der Garniſon erwartete man die 7. und 8. Kompagnie des Leibregiments, die in Bruchſal bübiſche Exzeſſe begangen hatten und am Abend des 13. Mai in Karlsruhe angelangten. Die ganze Rotte war betrunken, und vergebens bemühten ſich die Offiziere, Ordnung in den wilden Haufen zu bringen. Die Regierung war nur auf die Bürgerwehr beſchränkt. In ſchrecklicher Weiſe wurde von den meuternden Sol⸗ daten und von den Freiſchärlern geplündert, die In⸗ fanteriekaſerne zerſtört. Inzwiſchen erſchallte von der Kaſerne der Ruf:„Zum Zeughaus.“ So wälzte ſich der ganze Troß die Lange Straße hinab, an deren Ende das Zeughaus lag. Hier hatte die Bürgerwehr ſich aufgeſtellt, der Widerſtand, den ſie leiſtete, war lebhaft und anhaltend; etwa anderthalb Stunden er⸗ widerte ſie das Feuer der Freiſchärler und treuloſen Soldaten. Kirchgeßner nahm tätigen Anteil an dieſer machtvollen Verteidigung. Während viele Familien ſich zur Abreiſe ins Ausland rüſteten, war er einer der wenigen Beamten, die innerhalb Karlsruhes Mauern die Mühſalen und Bedrängniſſe jener unglück⸗ lichen Revolutionstage ertrugen. Frühzeitig hatte Kirchgeßner die Gefahr erkennend die Staatskaſſe ſelb⸗ ſtändig nach der Feſtung Germersheim in der baye— riſchen Pfalz gebracht. Wären dieſe Gelder nicht in Sicherheit gebracht worden, ſo hätte wohl manche darbende Beamtenfamilie in der Folgezeit noch länger auf ihr Brot warten müſſen. Durch ſeine Aufopferung und durch manche milde Gaben hat der mutvolle Mann in jenen traurigen Tagen die Herzen der dar⸗ benden Mitmenſchen, in erſter Linie der unteren und mittleren Beamten gewonnen. Seine Untergebenen gewannen ihn im Verlauf der Jahre ſo lieb, daß viele 124. Michael Erwin Kirchgeßner. ihre Söhne ihm zur Ehre den Namen„Erwin“ bei der Taufe geben ließen.“) Die Waſſer der Revolution hatten ſich verlaufen, die Ruhe im Lande war wieder hergeſtellt, die Wunden der Zeit mußten wieder geheilt werden. In zahl⸗ reichen Städten und Dörfern fanden durch Jeſuiten Miſſionen ſtatt, die alle dazu beitrugen, das religiöſe Leben zu erneuern, die kirchliche und ſtaatliche Autori⸗ tät zu ſtärken. Die Katholiken der badiſchen Reſidenz durften Ende Oktober des Jahres 1851 eine ſolche Gnadenzeit mitmachen. Jene Miſſion war für die Familie Kirchgeßner der Anlaß zu einem freudigen Familienfeſte, wie wir unten erzählen werden. Faſt um dieſelbe Zeit der Miſſion in Karlsruhe wurde auch der Frauenvinzentiusverein in der Reſidenz gegründet. Kaum hatte nämlich Ozanam ſeine Idee der Vinzen⸗ tiusvereine ins Praktiſche umgeſetzt, als auch in Karls⸗ ruhe der Gedanke rege wurde, einen Zweigverein ins Leben zu rufen. Das erſte Saatkorn für den Vin⸗ zentiusverein wurde von Amalie Baader in den Schoß der katholiſchen Gemeinde gelegt, denn im Hauſe dieſer edlen Frau nahmen die Werke der Nächſtenliebe die Hauptſtelle ein. Dieſe„ſtarke Frau“, wie das Evan⸗ gelium ſolche auserwählte Töchter Gottes nennt, war aber auch jahrelang gleichſam die Seele des ganzen Vereins. Ihre Worte und vor allem ihr mutvolles Beiſpiel erweckten andere Jünger und Jüngerinnen *) Ein Bruder unſeres Zolldirektors, mit Namen Theodor, war unter den tapferſten Bürgern, der als Bürgergardiſt das Zeughaus zu verteidigen ſuchte. Als nach ſchweren Verluſten der monarchiſch geſinnten Männer eine Rettung ausgeſchloſſen war, eilte er ſofort ins Großherzogliche Reſidenzſchloß, um den Landesfürſten von dem Anmarſch der Freiſchärler auf das Schloß noch rechtzeitig zu benachrichtigen. Er begleitete dann mit einigen anderen Getreuen den Großherzog Leopold ins Ausland. Michael Erwin Kirchgeßner. 175 der Caritas. An Zolldirektor Kirchgeßner fand ſie eine mächtige Stütze in ihren Bemühungen auf dem Felde der Nächſtenliebe. Er ſcheute keine Mühe, um die Arbeiten dieſer edlen Frau zu erleichtern. Schon im Jahre 1852 ſchrieb Kirchgeßner an Erz⸗ biſchof Hermann von Vicari, als er ſah, wie Kaplan Höll, der geiſtliche Leiter des Vinzentiusvereins, von der Laſt der Arbeit faſt zuſammenzubrechen drohte, der Oberhirte möge dem edlen, ſelbſtloſen Herrn eine Stütze gewähren durch Anſtellung eines dritten Kaplans an der Stephanskirche. Unſer Zolldirektor ging in eigener Perſon oft in die Hütten der Armen, um ihre Not zu lindern, den Dürftigen in ihrem harten Schickſal Aufmunterung, Fürſorge, Troſt und Frieden zu bringen. Seine leiblichen und geiſtigen Werke der Barmherzigkeit waren Ausfluß eines liebe⸗ vollen Herzens gegen jedermann. Dieſe ſeine Liebes⸗ taten waren von einer peinlichen Uneigennützigkeit be⸗ gleitet. Eine Frau von Durlach brachte ihm einmal für einen erteilten Rat einen Korb voll Birnen. Kirch⸗ geßner zeigte ſeine aufrichtige Freude an dieſer unge⸗ heuchelten Dankbarkeit, allein die Frau mußte das Obſt wieder mit nach Hauſe nehmen. Ein andermal erhielt er als Zeichen der Anerkennung für eine edle Tat Honig zugeſandt. Der Empfänger übermittelte dieſe Gabe ſofort dem Spital für Kranke. Dieſe beiden Bei⸗ ſpiele, die uns ein noch lebendes Fräulein erzählte, das ehemals in Stellung bei Kirchgeßner war, offen⸗ baren den Goldgrund im Herzen unſeres hochherzigen Direktors. Ein Unterbeamter, der Proteſtant war, verſicherte oft:„Mein Vorgeſetzter, Herr Kirchgeßner, iſt ein durchaus gerechter Mann, ſtrenge für Ordnung im Beruf, aber äußerſt liebevoll in Unterweiſung und Belehrung.“ Trug ihm jemand ein Anliegen vor, ſo war der Bittſteller anfangs von der majeſtätiſchen, 176 Michael Erwin Kirchgeßner. hoheitsvollen Würde überwältigt, doch wußte der An⸗ geredete den Bittſteller in einer Weiſe zu behandeln und ihm Vertrauen einzuflößen, daß der Untergebene nicht nur ſein Anliegen vorbrachte, ſondern ſeine Familienverhältniſſe offen darlegte. Die Unterredung endete faſt regelmäßig damit, daß der Bittende von Kirchgeßner den Eindruck eines edlen Menſchen⸗ freundes mitnahm. Ein dauerndes Verdienſt um Staat und Geſell⸗ ſchaft erwarb ſich Kirchgeßner als Mitbegründer der Allgemeinen Verſicherungsanſtalt im Großherzogtum Baden. Wie trat dieſes Inſtitut ins Leben? Napoleon war beſiegt, ganz Deutſchland atmete auf. Wenn wir heute geneigt ſind, die erſten Jahrzehnte nach dem Sturze des gewaltigen Korſen als eine arme Epoche unſerer politiſchen Geſchichte zu betrachten, ſo vergeſſen wir, daß die Niedergeſchlagenheit und die Dürftigkeit der Außerungen unſeres Volkslebens jener Zeit naturnotwendige Wirkungen der vorausgegangenen Überanſtrengung waren. Allüberall machte ſich die Forderung geltend, die erſchütterte wirtſchaftliche Exi⸗ ſtenz zu befeſtigen, dem Erwerb und der Sicherung des Erworbenen alle Kräfte zuzuwenden. Mit dem zurückgekehrten Frieden war in allen Zweigen der Wiſſenſchaft und Kunſt ein neues, friſches Leben er⸗ wacht, überall wetteiferten neue Beſtrebungen, mit⸗ zuhelfen an dem Fundamente des deutſchnationalen Staatsweſens. So traten denn im Jahre 1835 einige Herren aus dem Bürger- und Beamtenſtand in Karls⸗ ruhe zuſammen, um eine Verſicherungsanſtalt ins Leben zu rufen. Zum Vorbilde nahmen ſie die Satzungen von der Wiener Verſicherungsanſtalt, die ſeit 1825 ſegensreich wirkte. Unter den Männern, die den Plan ins Auge faßten und die wichtigen Vorarbeiten auf ſich nahmen, ſah man auch Hofdomänenkammeraſſeſſor Michael Erwin Kirchgeßner. 177 Erwin Kirchgeßner. Nach endgültiger Gründung ſchritt man zur Wahl der Vorſtandsmitglieder. Kirchgeßner hatte das Vertrauen aller gewonnen, er trat in den Verwaltungsrat ein und blieb ein unermüdliches Mit⸗ glied desſelben bis zum Abend ſeines arbeitsreichen Lebens. Kurz vor ſeinem Tode durfte er noch mit⸗ helfen bei der Gründung einer Lebensverſicherungs⸗ abteilung der Anſtalt. Gerade dieſer Zweig hat ſich in den letzten 50 Jahren zu einer der großartigſten Geſell⸗ ſchaften über die Grenzen Deutſchlands hinaus ent⸗ faltet. Wie ſchlicht und beſcheiden lauten doch die Worte, mit denen Kirchgeßner den erſten Rechenſchafts— bericht(1835) ſchloß und wie haben ſie ſich erfüllt! „Möge Gott ſeinen Segen geben und eine Anſtalt ſchützend erhalten, die mit redlicher Abſicht geſtiftet wurde und zum Troſte unſeres Alters und unſerer Nachkommen beſtimmt iſt.“— Ein aufrichtiger Berater und warmer Freund war Kirchgeßner für das Kloſter Lichtental. Dieſes Frauen⸗ kloſter, eine Gründung der Markgräfin Irmengard, der Gemahlin Hermanns des Fünften, konnte am 1. Mai 1845 ſein 600jähriges Jubiläum feiern. Wäh⸗ rend die meiſten Klöſter am Anfang des 19. Jahr⸗ hunderts aufgehoben und die Inſaſſen vertrieben wur⸗ den, durfte das Heim der Weißfrauen oder Ziſter⸗ zienſerinnen in Lichtental dank der beſonderen Gunſt des Kurfürſten Karl Friedrich fortbeſtehen. Im vierten Organiſationsedikt vom 14. Februar 1803 wurden die näheren Bedingungen des Fortbeſtandes der Kloſter— gemeinde feſtgeſetzt. Am 16. September 1811 er⸗ hielt Lichtental ein Regulativ, d. h. eine Summe von Verordnungen für die ganze klöſterliche Organiſation. Das Miniſterium des Innern ernennt in der Regel einen höheren Beamten zur Oberaufſicht des Kloſters. Ein ſolcher Vertreter der Regierung erſcheint nament— Dor, Edle Männer. 12 178 Michael Erwin Kirchgeßner. lich dann, wenn die Neuwahl einer Abtiſſin im Kloſter von den Ordensfrauen vorzunehmen iſt oder ſonſt wichtige Angelegenheiten, die Rechte des Staates und der Kirche berühren, zu ordnen ſind. Kirchgeßner übte ſein Amt als landesherrlicher Kommiſſär nicht als ſtrenger, kalt berechnender Büro⸗ krat aus, er zeigte ſich der frommen Genoſſenſchaft gegenüber auch als Freund und Förderer der geiſt⸗ lichen Aufgabe und des geiſtigen Lebens des Konvents, ohne im geringſten die Grenzen ſeiner Macht und ſeines Rechtes durch eine ungeeignete Einmiſchung auf dieſem Gebiete zu überſchreiten. Mit welch zarter Sorge er um das Wohl der Weißfrauen bemüht war, geht aus einem Brief vom 30. November 1857 her⸗ vor, den er an ſeine Tochter in Limburg beim Tode der Abtiſſin Amalie Trenkle( 15. November 1857) ſchrieb. Es heißt unter anderem:„Sie war eine ſehr eifrige Beterin, voll Liebe zu Gott und den Menſchen, verſtändig, klug und weitſehend und, wo es nötig war, ebenſo energiſch als wohlwollend; bei ihrem großen Gebetseifer keine Spur von dem, was man in der Welt mit nicht unbegründetem Widerwillen eine Bet⸗ ſchweſter nennt.... Im Dezember gedenke ich die neue Wahl vorzunehmen und von der Gnade des Groß⸗ herzogs hängt es ab, ob er der Gewählten die Ehre des Titels„Abtiſſin“ geben will. Bete auch für das Kloſter Lichtental, damit die verwaiſte, hochwichtige Stelle in einer Weiſe wieder beſetzt wird, welche ge⸗ eignet iſt, die Ehre Gottes und das Seelenheil der guten Frauen zu fördern.“ Kirchgeßner war nicht bloß ein gewiſſenhafter, pflichttreuer Beamter, er galt auch allen, die ihn kannten, als Muſter eines Familienvaters. Im Jahre 1830 hatte er ſich mit Luiſe Roth, der Tochter eines Staatsrates in Pforzheim, vermählt. Dieſe ſeine Ge⸗ Michael Erwin Kirchgeßner. 179 mahlin gehörte der proteſtantiſchen Religion an und zeichnete ſich durch ihren Fleiß, ihre ſtille Häuslichkeit aus. Ihrem Gemahl war ſie eine treue Gefährtin, ja das Vorbild einer tüchtigen Hausfrau. Aus der Ehe ſtammten 15 Kinder, davon ſtarben acht in früheſter Kindheit, die übrigen ſieben erhielten eine ſehr gute Erziehung. Kirchgeßner war in ſeinem Äußern eine ſehr imponierende, große, erhabene Geſtalt, nicht gerade ſtark, aber auch nicht mager, alles an ihm zeigte die volle Harmonie der Kräfte. Aus ſeinem Antlitz ſtrahlte eine gewinnende Freundlichkeit. Jeden Morgen ſtand er um halb 6 Uhr auf, verrichtete ſein Morgengebet und begab ſich mit ſeinen Kindern in die nahe Stephanskirche zur heiligen Meſſe. Nach derſelben nahm die Familie das Frühſtück ein. Die Kinder durften dann den Vater auf einem kurzen Ausgang zum Büro begleiten.— Wie eine noch lebende Hausfreundin erzählt, bot es immer einen lieblichen Anblick, wenn am Sonntag Kirchgeßner mit ſeinen Kindern dem Hochamte in der Stadtkirche anwohnte und dann einen kleinen Spazier— gang in den Tiergarten oder in den Hardtwald machte, bis die Zeit zum Mittagsmahl gekommen war. Er war ein großer Naturfreund und zeigte ſeinen Kindern gerne die verſchiedenen Blumen in Feld und Wald. Die Mutter des Hauſes war eine große Wohltäterin der Armen; ſie wurde nie müde im Gutestun, ſelbſt wenn es auf Koſten ihres Haushaltungsgeldes oder ihrer Geſundheit ging. Ja, ſogar die Ordnung in der Familie litt nicht ſelten unter dieſen und jenen Be— ſuchen bei Armen und Kranken. Ihr Gemahl ertrug dieſe Schwächen mit wunderbarer Sanftmut. Manch⸗ mal kam er vom Dienſte nach ſeiner Wohnung, die Frau war von ihren Samariterwegen noch nicht zurück⸗ gekehrt; endlich öffnete ſich die Türe des Wohn⸗ 45* 12 180 Michael Erwin Kirchgeßner. zimmers, jetzt erzählte die Heimgekehrte mit aller Weit⸗ ſchweifigkeit, wo ſie geweſen. Schließlich ſah Kirch⸗ geßner auf ſeine Taſchenuhr zum Zeichen, daß die Zeit des Eſſens ſchon längſt verſtrichen ſei, und ſprach dann mit feinem Humor:„Wie du warſt zu jeder Zeit, ſo bleibſt du in Ewigkeit“, ſetzte ſich hin und nahm in aller Ruhe ſeine Mahlzeit ein, belauſcht von ſeiner Um⸗ gebung, für die er immer intereſſant zu erzählen wußte. Es war für jedermann eine Ehre und hohe Freude, bei Zolldirektor Kirchgeßner zu Tiſch geladen zu werden. Von verſchiedenen, noch lebenden Be⸗ kannten wird verſichert, das Haus ſei der Sammel⸗ punkt hervorragender Perſönlichkeiten geweſen. Prieſter und Ordensleute, Gelehrte und Künſtler, Ein⸗ heimiſche und Ausländer trafen ſich dort bei Tiſch. Von den Geiſtlichen der Stadt Karlsruhe kehrten öfters in der Familie ein der damalige Stadtpfarrer Geiſtl. Rat Gaß, dann deſſen Mitarbeiter Kaplan Strehle, ſpäter Hofkaplan in Freiburg, am meiſten war Kaplan Höll, ſpäter Mitglied des Oberſtiftungs⸗ rates, Freund und Berater in wichtigen Angelegen⸗ heiten. Da die Mutter der Familie nicht der katholiſchen Religion angehörte, duldete der Vater niemals, daß eines ſeiner Kinder oder einer der Dienſtboten irgend welchen Verſuch machte, ſie zum etwaigen Übertritt zu bewegen. Von ſich aus ſollte die wackere, hoch⸗ talentierke Frau in ruhiger Beobachtung die Erhaben⸗ heit und Schönheit der katholiſchen Kirche kennen lernen, von ſich aus ſollte ſie mit der Gnade Gottes die Schätze eines katholiſchen Chriſten empfinden. Durch das herrliche Beiſpiel, das Kirchgeßner als tiefgläubiger Katholik ſeiner Gemahlin gab, und durch Leſung mancher Bücher lernte ſie den Katholizismus achten und ſchätzen. Eine neue Welt des Glaubens öffneten ihr die Miſſions⸗ Michael Erwin Kirchgeßner. 18⁴ predigten, die drei Jeſuiten im Herbſt 1851 in der Stephanskirche während einer Miſſion hielten. Jene eindrucksvollen Vorträge der Patres förderten mit der Gnade Gottes das religiöſe Innenleben. Einige Mo⸗ nate lang erhielt nachher Frau Kirchgeßner noch Unter⸗ richt bei Geiſtl. Rat Gaß. Am Feſte der ſieben Schmerzen Mariä, im Frühjahr 1852, hatte ſie das Glück, in die katholiſche Kirche aufgenommen zu wer⸗ den. Hofkaplan Strehle überſandte am 5. März im Auftrage des Erzbiſchofs ein herzliches Glückwunſch⸗ ſchreiben.„So gut ich es vermag,“ ſchrieb er,„will ich an Ihrem Freudentag meine Gebete für Sie auf den Altar niederlegen, auf daß Gott Sie nunmehr ausrüſte mit himmliſcher Glaubenskraft, mit nie verſiegender Liebe, mit Mut und Beharrlichkeit bis ans Ende. Sie werden nun ein lebendiges Mitglied an dem Leibe, deſſen Oberhaupt Jeſus Chriſtus, der dornengekrönte König iſt. Exzellenz der hochwürdigſte Herr Erzbiſchof ſenden Ihnen in väterlicher Liebe den oberhirtlichen Segen und freuen ſich darauf, Ihnen die heilige Firmung zu ſpenden.“ Durch dieſen Übertritt war die Einheit im Glauben in der Familie hergeſtellt. Die Erziehung und reli⸗ giöſe Unterweiſung geſtaltete ſich zur ſchönen Har⸗ monie. Die vier Töchter traten ſpäter aus eigenem Antrieb in die Kongregation des heiligen Vinzenz von Paul ein. Die erſte Tochter Amalie, geboren am 8. Sep⸗ tember 1830, ließ ſich 1851 zu Straßburg in die Kongre⸗ gation aufnehmen, erhielt den Namen Clemens, ward 1884 als Oberin für das Hoſpiz von Limburg erwählt. Nach 16jährigem ſegensreichen Wirken erkrankte ſie ſchwer und wurde zur Erholung ins Mutterhaus ge⸗ rufen. Im Kriege 1866 leiſtete ſie Samariterdienſte. Auf dem Schlachtfeld von Königgrätz wurde ſie wäh⸗ rend ihres Berufes mit Profeſſor Billroth von den 182 Michael Erwin Kirchgeßner. Preußen gefangen genommen. Im nachfolgenden deutſch⸗franzöſiſchen Kriege 1870/71 war ſie die erſte barmherzige Schweſter, die nach der Schlacht von Wörth das blutige Feld betrat, und rettete im Verlauf des Krieges durch ihr flehentliches Bitten ein Dorf, das zur Brandſchatzung verurteilt war. Sie pflegte mit unermüdlichem Eifer bis lange nach dem Friedens⸗ ſchluß die Verwundeten und Kranken in Weißenburg, Mannheim und Zabern. Oft erzählte ſie in ſpäteren Jahren, wie ſie manchmal tage- und nächtelang vor lauter Arbeit nicht an ihre eigene Geſundheit denken durfte, das Gewimmer der vielen Verwundeten ließ ſie weder zur Ruhe kommen, noch konnte ſie ihr ſpärliches Mahl einnehmen. Viele Militärärzte überreichten ihr beim Abſchied mit dankerfüllter Widmung ihre Photo⸗ graphie. Solche Bilder aus großen Tagen werden von den Verwandten in Karlsruhe heute noch als koſtbare Erinnerung bewahrt und gezeigt, z. B. das Bild von Dr. Czerny, Profeſſor Billroth und anderen. Nach einiger Erholung im Mutterhauſe ſtand ſie fünf Jahre der Okonomie im Seminar in Mainz vor und richtete im Herbſt 1877 im verlaſſenen Kollegium zu Sierk in Lothringen das Hoſpiz St. Barbara wie⸗ der her, welches beim Beginn des 15. Jahrhunderts die gottſelige Prinzeſſin Margaretha von Bayern, Herzogin von Lothringen, geſtiftet hatte. Schweſter Clemens ſtarb am 15. Juni 1897 in dieſem Spital. Die nächſtältere Schweſter, Michael mit Namen, geb. 3. Dezember 1832, trat am 23. April 1857 ins Poſtulat der Barmherzigen Schweſtern zu Straßburg, erhielt das Ordenskleid den 11. November 1857 und wurde am 25. September 1860 zur Profeß zugelaſſen. Während des Krieges 1870/71 diente ſie auf dem Felde der Ehre. Bei der Pflege von Kranken wurde Michael Erwin Kirchgeßner. 183 ſie zweimal verwundet. Nach dem Friedensſchluß ver⸗ blieb ſie in Straßburg, verwaltete die Stelle einer Sekretärin im Ordenshauſe, wo ſie ſich in der Organi⸗ ſation und Verwaltung der weitverzweigten Genoſſen⸗ ſchaft große Verdienſte erwarb. Mehreremal hatte das Vertrauen ihrer Mitſchweſtern ſie zur Generaloberin gewählt, doch lehnte ſie bei ihrer Demut und Beſchei— denheit die Würde ab. Nach ihrem erbaulichen Tode am 12. Juni 1907 ſchrieb die Generaloberin:„Möchten wir doch alle in einer ſolchen Verfaſſung ſterben! Die teuere Verſtorbene brachte volle ſchwere Garben mit in die Ewigkeit. Was hat ſie nicht alles geleiſtet! Ihr reiches, umfaſſendes Wiſſen, gehüllt in ſchlichte Ein⸗ fachheit und Beſcheidenheit, verwendete ſie ſelbſtlos, in gänzlicher Hingabe zum Nutzen der ihrem Herzen ſo teueren Kongregation. Schweſter Michael war die Seele unſerer Kongregation, das leuchtende Muſter und Vorbild aller Ordenstugenden.“ Die dritte, Prudentia mit Namen, geboren 8. Oktober 1831, folgte dem Beiſpiel ihrer erſten Schweſter, wirkte lange Jahre im Spital von Limburg, zog dann als barmherzige Samariterin mit den deut⸗ ſchen Truppen auf die Schlachtfelder des Krieges 1870/71, wo ſie bei Weißenburg und Wörth wie ein Engel der Barmherzigkeit durch die Reihen der Ver⸗ wundeten und Sterbenden ging, um überall zu tröſten und zu helfen. Nach dem Friedensſchluß ſehen wir ſie lange Jahre im Spital zu Hagenau als Kranken⸗ pflegerin, wo ſie hochbetagt am 20. November 1908 ſtarb. In demſelben Krankenhaus war auch, wie wir noch ſehen werden, die jüngſte Tochter unſeres Zoll⸗ direktors, Maria, als Vinzenzſchweſter tätig. Von den Söhnen traten zwei bei den Jeſuiten ein, nämlich Karl und Ernſt, erſterer geboren 19. Februar 1838, erhielt ſeine Aufnahme am 8. April 1859; er 184 Michael Erwin Kirchgeßner. ſtarb am 16. Januar 1878 in Arlon(Belgien). Der zweite, geboren 18. Februar 1834, hatte das Ordens⸗ kleid am 31. Oktober 1851 empfangen; er ſtarb am 8. November 1879 zu Dieſt. Durch die Aufnahme der beiden Söhne in die In⸗ ſtitute dieſes berühmten Ordens trat der Vater in nähere Bekanntſchaft mit zahlreichen hervorragenden Männern der Geſellſchaft Jeſu. Eine ganze Menge von Briefen zeigt heute noch, wie die Beziehungen zwiſchen Schule und Vaterhaus recht herzliche waren. Wie ängſtlich muß nach dieſem Briefwechſel der gute Kirchgeßner für das körperliche und geiſtige Wohl ſeiner Söhne beſorgt geweſen ſein! Mit rührender Offenheit erzählten die beiden Novizen ihre Freuden und Leiden, ihre Fortſchritte und Schwierigkeiten. Nur eine Stelle ſei hier angeführt. Am 23. September 1861 ſchrieb Karl anläßlich des Namenstages von Kirchgeßner die ſchönen Worte:„Lieber Vater, Du greifſt gewiß in dieſer Zeit mit beſonderer Freude nach Deinem alten Freund Thomas(Nachfolge Chriſti). Ich denke gerade daran, wie wir ſo manchen Abend Dir daraus vorlaſen und Du ſtets guten Troſt und Erfriſchung der Seele aus ſeinen kräftigen Worten ge⸗ ſchöpft haft. Wenn ich auf ſeine Kapitel von Kreuz und Widerwärtigkeiten komme, ſo ſcheinen ſie mir be⸗ ſonders auf unſere Tage zu paſſen.“ Von den Lehrern und Vorgeſetzten ſeiner Söhne empfing Erwin Kirchgeßner öfters Beſuch. Als zu Anfang der fünfziger Jahre viele Miſſionen in Süd⸗ deutſchland ſtattfanden, kehrten verſchiedene Jeſuiten⸗ patres auf der Durchreiſe im Hauſe des Zolldirektors zu Karlsruhe ein. Mit einzelnen Mitgliedern dieſes Ordens ſcheint Kirchgeßner in Freundſchaft gelebt zu haben. Von dem berühmten Pater Roh z. B. finden ſich im Nachlaß der Familie verſchiedene köſtliche Michael Erwin Kirchgeßner Michael Erwin Kirchgeßner. 185 Briefe, die zur Genüge bekunden, welch ein unverwüſt⸗ licher Humor dieſen machtvollen Prediger des vorigen Jahrhunderts ausgezeichnet haben muß. Die Anrede lautet in der Regel:„Heiliger Oberzöllner, lieber Freund.“ Infolge des Jeſuitengeſetzes vom Jahre 1872 mußten die beiden Söhne, wie ihre deutſchen Mit⸗ brüder, die Heimat verlaſſen und das Brot der Ver⸗ bannung eſſen. Fern vom Vaterland fanden ſie ihre letzte Ruheſtätte. Die Geſichtszüge des Brüderpaares wurden genau wie die ihres Vaters von einem Künſtler im Bilde feſt⸗ gehalten. Im Hauſe unſeres Zolldirektors verkehrten neben vielen Perſönlichkeiten auch manche Jünger der Kunſt. Wir nennen nur Moriz Schwind, den liebens⸗ würdigen Romantiker Deutſchlands. Voll Verehrung für Erwin Kirchgeßner und deſſen Familie verewigte er auf dem Koloſſalgemälde in der Kunſthalle zu Karls⸗ ruhe unſeren ehrwürdigen Beamten in der Perſon des Biſchofs Gebhart von Konſtanz. Die Geſichter der bei⸗ den aſſiſtierenden Prieſter ſind treue Nachbilder von den beiden geiſtlichen Söhnen Karl und Ernſt. Ahn⸗ lich hat der Hiſtorienmaler Joh. Schraudolf in ſeinem Hauptwerk der Ausmalung des Speyerer Domes bei der Figur des Propheten Elias den Geſichtsausdruck ſeinem Freunde Kirchgeßner entlehnt. Im Frühjahr 1865 erkrankte Zolldirektor Kirch⸗ geßner an Bruſtwaſſerſucht. Ungeachtet ſchwerer Lei⸗ den beſuchte er doch regelmäßig ſein Büro und be⸗ ſchäftigte ſich hauptſächlich mit einem neuen Handels⸗ vertrag. Die vom Arzte verſchriebenen Mittel zur Her⸗ ſtellung der Geſundheit nahm er mit auf die Kanzlei. Als das Übel ſich nicht heben wollte, erklärte der Kranke,„nun gehe er nach ſeinem lieben Lichtental“. Dort, in der würzigen Schwarzwaldluft, erhoffte er baldige Beſſerung. Wirklich fühlte der Patient auch 186 Michael Erwin Kirchgeßner. bald einige Erleichterung, namentlich wenn er auf ſchattigen Waldespfaden ſich erging. Am Freitag, den 4. Auguſt, machte er noch einen Ausgang. Samstags zeigten ſich aber ſchon bedenkliche Anzeichen. Die Lunge war nach dem Urteil des Arztes angegriffen, ja in raſcher Auflöſung begriffen. Der Kranke erkannte die Gefahr und machte ſich als gläu⸗ biger, gottergebener Chriſt mit dem Gedanken ver⸗ traut, daß ſein Leben am Ziel ſeiner irdiſchen Lauf⸗ bahn angekommen ſei. Darum verlangte er am Sonn⸗ tag, den 6. Auguſt, nachmittags, ſeine Beicht ablegen zu dürfen. Mit welcher Gewiſſenhaftigkeit bereitete er ſich auf dieſe heilige Handlung vor! Er wünſchte ſogar Bleiſtift und Papier, um ſein Bekenntnis zuerſt ſchreiben zu können.„Ich komme,“ ſprach er,„vor den ewigen Richter, der iſt kein Politiker, kein nur auf das Außere ſehender Statiſtiker, der durchforſcht Herz und Nieren.“ Nach der Beicht beſchäftigte er ſich faſt ausſchließlich mit Gott und mit der Vorbereitung auf den ernſten Schritt in die Ewigkeit. Montags in der Frühe empfing er mit rührender Andacht die heilige Kommunion und die letzte lung. Mit Freude und ſichtlichem Troſte hörte er durch einen Freund die frohe Botſchaft, daß der Erzbiſchof ihm den oberhirt⸗ lichen Segen ſende. Als er noch vernahm, daß der greiſe Oberhirte wieder auf ſeiner Reiſe begriffen ſei, rief er tiefbewegt aus:„Der macht alle ſeine Feinde zuſchanden.“ Ein Teil der Familie hatte ſich bereits um das Krankenbett Kirchgeßners geſammelt. Nun wurden aber auch die ferne weilenden Kinder telegraphiſch gerufen. Schweſter Michael kam aus Straßburg, die Schweſtern Clemens und Prudentia aus Limburg. Am Mittwoch, den 9. Auguſt, erhielt der Schwer⸗ kranke, umgeben von ſeiner Gattin, ſeinen vier Töch⸗ Michael Erwin Kirchgeßner. 187 tern und dem Sohne Hermann, die letzte Wegzehrung und betete dabei die Gebete mit dem Prieſter. Nach⸗ mittags kamen die ſehnlichſt erwarteten Söhne, Pater Ernſt und Pater Karl, erſterer bereits Prieſter, letzterer Scholaſtikus der Geſellſchaft Jeſu. So waren denn alle Kinder um den ſterbenden Vater verſammelt. Am Donnerstag, den 10. Auguſt, früh 6 Uhr, las Pater Ernſt für den Vater die heilige Meſſe, während derſelben gingen die Mutter und alle übrigen Kinder zum Tiſche des Herrn. Nach der Feier bewegte ſich eine kleine Prozeſſion mit dem Allerheiligſten aus der Kloſterkirche zum Sterbebett Erwin Kirchgeßners. Voran ging der Jeſuitenpater Ernſt, die letzte Weg⸗ zehrung tragend, ihm folgte die tiefbetrübte Mutter und die lieben Geſchwiſter mit der braven Dienerin Anna Vetter. Es war eine kleine, aber wunderliebliche Prozeſſion, die alle, die ſie ſahen, zu Tränen rührte. Unbeſchreiblichen Troſt gewährte es dem Kranken, daß er aus der Hand ſeines älteſten Sohnes den göttlichen Heiland als Begleiter durch die Pforte des Todes er⸗ halten durfte. Im Verlauf des Vormittags ließ der Vater jedes einzelne ſeiner Angehörigen an ſein Bett kommen, für jedes Kind hatte er einen Wunſch und er— teilte ihm dann den Segen. Als Marie Luiſe, die jüngſte der Töchter, an die Reihe kam, ſagte er:„Marie, du willſt ins Kloſter, allein es iſt beſſer, wenn du dich deines jüngſten Bruders Hermann annimmſt.“ Dieſer Benjamin der Familie war damals 21 Jahre alt und ſtudierte das Forſtfach an der polytechniſchen Hochſchule zu Karls— ruhe. Der ſterbende Vater ſtellte dieſen ſeinen Lieb⸗ ling unter den Schutz des heiligen Benediktus. Zum Schluſſe rief er noch die Dienerin des Hauſes, Anna Vetter, und ſprach:„Komm her, ich will dich auch ſeg⸗ nen, du gehörſt auch zu meinen Kindern.“ Nach dieſen 188 Michael Erwin Kirchgeßner. ergreifenden Abſchiedsſzenen traten verſchiedene Er⸗ ſcheinungen bei dem Kranken ein, die ein nahes Ende ankündigten. Doch bemerkte man, daß das Bewußt⸗ ſein noch klar war und ſeine Seele innigen Anteil an den Gebeten der Umſtehenden nahm. Nach einem ihm vorgeſprochenen„Ave Maria“ antwortete er ganz deutlich: Amen. Dies war ſein letztes Wort, denn bald trat der Todeskampf ein; der todmüde Pilger griff nach dem Sterbekreuz, bald öffnete er nochmals ſeine Augen, aus denen ein himmliſcher Glanz ſtrahlte, und ausgekämpft hatte der treue Diener Gottes. Der Gattin, den Kindern und Freunden, die das Sterbebett umknieten, wurde klar, wie koſtbar in den Augen Gottes der Tod der Gerechten iſt. Und gerade dieſer Gedanke milderte und verklärte den Schmerz über das Hinſcheiden eines ſo vortrefflichen Mannes, auf deſſen totem Angeſicht eingeprägt blieben die Züge des welt⸗ überwindenden Glaubens, des unerſchütterlichen Ver⸗ trauens, der demütigen Ergebung in den göttlichen Willen, des reinſten Wohlwollens und der Menſchen— freundlichkeit. Auf dem herrlich gelegenen Friedhof von Lichtental ruht, wie er es vor ſeinem Tode noch wünſchte, die irdiſche Hülle unſeres Zolldirektors. Kirchgeßner war ein biederer und lauterer Charakter, im geſelligen Um⸗ gange menſchenfreundlich und heiter. Er war ſehr an— ſpruchslos, einfach und ein Feind einer jeden Rede, einer jeden Handlungsweiſe, die nur entfernt als eine Prahlerei oder ein Zug von Eitelkeit ausgelegt wer⸗ den konnte. Der Dahingeſchiedene war ein religiöſer Mann, ein treues und lebendiges Mitglied der katho⸗ liſchen Kirche. Der Schwäbiſche Merkur ſchrieb am 17. Auguſt 1865:„An dem unlängſt verſtorbenen Zoll⸗ direktor Kirchgeßner hat der Staat einen treuen und gewiſſenhaften Diener verloren, der von ſeinem Michael Erwin Kirchgeßner. 189 frommen, kirchlichen Sinn niemals in der Erfüllung ſeiner ſtaatlichen Pflichten beirrt war.“ Die Werke der lateiniſchen Kirchenväter bildeten ſein Lieblings⸗ ſtudium. An den Bedrängniſſen und Kämpfen der katholiſchen Kirche nahm er den innigſten Anteil. Dem Oberhirten der Diözeſe war er mit Verehrung und Liebe zugetan, ſowie dieſer aber auch alles Vertrauen ihm ſchenkte. Einige Wochen nach dem Hinſcheiden Kirchgeßners wurden deſſen häusliche Angelegenheiten geordnet. Die trauernde Witwe zog mit ihrer Tochter Maria nach Limburg zu den beiden Schweſtern Clemens und Prudentia. Für den Forſtpraktikanten Hermann mie⸗ tete man im Hauſe der Familie Ehrismann in Karls⸗ ruhe zwei Zimmer mit einer reichen Ausſteuer. Wäh⸗ rend der Ferien machte der junge Forſtmann eine Reiſe über den Schwarzwald ins Hohenzollernſche. Auf einer Wanderung ſah er ſich in der Nähe von Beuron von einem ſtarken Gewitter überraſcht. Da nirgends eine Wirtſchaft war, dachte er, vielleicht könnte er im Kloſter Obdach ſuchen, bis das Gewitter vorüber wäre. Die Nacht brach an, und Hermann fand liebevolle Auf⸗ nahme bei den Söhnen des heiligen Benediktus. Am andern Morgen zeigte ihm ein Pater das Kloſter mit ſeiner Einrichtung. Plötzlich ſtieg in der Seele des jungen Herrn der Gedanke auf, hier im ſtillen Frieden des Kloſters einige Tage Privatexerzitien zu halten. Am Schluß der Gnadentage ſchrieb der Glückliche nach Karlsruhe:„Ich komme nicht mehr zurück, mit Gottes Hilfe werde ich Benediktiner.“ Das Gebet des Vaters auf ſeinem Sterbebett, in welchem er ſeinen Sohn dem beſonderen Schutz des großen Ordensſtifters empfohlen hatte, war ſomit in wunderbare Erfüllung gegangen. Dem Entſchluß folgte die Tat. Im Orden erhielt er den Namen Pater Hermann. In den Jahren des Michael Erwin Kirchgeßner. Kulturkampfes mußte auch er am 3. Dezember 1875 mit ſeinen Ordensgenoſſen das traute Heim verlaſſen. Die ſchwarzen Mönche fanden Aufnahme in Belgien in Maredſous. Dort ſtarb er am 27. Mai 1905. Seine Mitbrüder pflegten ihn nur den„guten Pater“ zu nennen. Die kürzeſte Charakteriſierung des heilig⸗ mäßigen Paters dürfte wohl in den Worten gegeben ſein, die St. Gregor vom heiligen Benediktus ſpricht: „Er war eifrig bedacht, daß er nicht das Gleichmaß ſeiner Seelenruhe verliere, und daß nicht das Auge ſeines Geiſtes vom Lichte der Beſchauung abgelenkt werde.“ Der Abt von Maredſous ſchrieb am 28. Mai an Schweſter Prudentia:„Er hatte unſchuldig wie ein Kind gelebt, ohne auch nur etwas vom Verderbnis dieſer Welt zu wiſſen, und mit dieſer unverſehrten Un⸗ ſchuld kehrte er ohne Bangen, wie wenn Sterben etwas Selbſtverſtändliches wäre, heim ins Vaterhaus.“ Durch den Eintritt des Bruders in den Orden des heiligen Benediktus war nun die jüngſte Tochter Maria ihres Verſprechens vor Gott und dem Gewiſſen befreit. Auch ſie bat nun um Aufnahme bei den barm⸗ herzigen Schweſtern in Straßburg. Am 23. Oktober 1868 trat ſie in das Poſtulat ein, erhielt am 26. Mai 1869 das heilige Kleid und wurde am 22. November 1871 zur Profeß zugelaſſen. Sie war in verſchiedenen Häuſern der Kongregation tätig. Von 1900 ab wirkte ſie als vielbeſorgte Mutter unter den armen Ge— fangenen zu Hagenau im Elſaß. In ihrer Nähe weilte ihre Schweſter Prudentia als Krankenpflegerin. Im Jahre 1904 feierte letztere ihr 50jähriges Profeßjubiläum. Zu dieſer Feier erſchien der oben⸗ genannte Pater Hermann aus Belgien. Die Ge⸗ ſchwiſter ſahen ſich nach 31 Jahren zum erſtenmal wieder. Die Jubilarin ſtarb am 20. November 1908 und ihre Schweſter am 18. Juni 1913. Michael Erwin Kirchgeßner. 191 Die Mutter, die Witwe Kirchgeßner, brachte den Reſt ihrer Tage in ſtiller Zurückgezogenheit mit frommem Gebet und der Ausübung guter Werke im Kloſter der barmherzigen Schweſtern in Limburg zu, woſelbſt ſie nach nur dreitägigem Krankenlager am 19. Februar 1874 eines erbaulichen Todes ſtarb. Sie war betrauert von allen, die ihr gutes Herz, ihren kind⸗ lich gläubigen Sinn und ihre tiefe Frömmigkeit kannten. Namentlich ſchätzte ſie der Biſchof von Limburg, Chriſtian Roos, ſehr hoch, und noch als Biſchof von Freiburg ſprach er gerne und oft von der Familie Kirchgeßner. Noch im Jahre 1905 erinnerte eine hochbetagte ehemalige Dienerin im Hauſe des Oberzolldirektors, Namens Sophie Chriſtmann, in einem Brief an die ſchönen Worte, die einſtens Hofkaplan Strehle zu ihr geſprochen habe:„Nehmen Sie an, welchen Wunſch Frau Direktor Kirchgeßner immer hegt, ſie, die den beſten Mann von der Welt hat, wünſcht nichts anderes, als daß ihre ſieben Kinder ſich dem Kloſterberuf weihen.“ Dieſer Wunſch ging, wie wir geſehen, in Erfüllung. So ruhen alle Angehörigen von dem hochgeachteten Staatsbeamten Kirchgeßner außerhalb unſerer Heimat in fremder Erde. Mit Abſicht haben wir die wunderbaren Wege ge⸗ zeigt, auf denen Gottes Vorſehung die einzelnen Glie⸗ der der Familie unſeres Zolldirektors geführt hat. Hier verſteht man das ſchöne Wort der heiligen Schrift: „Des Vaters Segen baut den Kindern Häuſer.“ Otto Kraus, Parteiſekretär. eine Schicht der Bevölkerung hat ſich in unſerem Vaterlande während der letzten 50 Jahre ſo ge— waltig entwickelt wie der Arbeiterſtand. Unſere Zeit ſteht ja, wie jemand geiſtvoll geſagt hat, nicht mehr im Zeichen der feierlichen Dome, ſondern der raſtloſen Fabriken. Das Ewige Licht iſt der Eiſerne Keſſel mit ſeiner roten Glut geworden, und die Mini⸗ ſtranten ſind die rußgeſchwärzten Heizer, Gießer und Schmiede. Der raſtloſen Induſtriearbeit zur Seite geht unermüdliche Geiſtesarbeit. Gerade aus den Reihen der Arbeiter ſind zahlreiche Männer hervorgegangen, die mächtig in Wort und Schrift politiſche und wirt⸗ ſchaftliche Fragen mit Erfolg behandelten. Man be⸗ ſuche einmal die verſchiedenen Parlamente oder auch die Räume, in denen die meiſten Volksblätter her⸗ geſtellt werden, und man wird auf mancher Tribüne Redner und an manchem Redaktionstiſche Schriftleiter finden, die außer der Volksſchule nie eine andere Un⸗ terrichtsſtätte betreten haben und doch mit Geſchick ihre Gedanken und Anſchauungen zum Vortrage oder zu Papier bringen. Dieſe führenden Männer der Ar⸗ beiter haben ſich ſelbſt geſchult und gebildet und zeigen mit aller Klarheit, was Energie und Willensſtärke ver⸗ mag, wenn ein Menſch ſich ein feſtes Ziel geſetzt hat. Otto Kraus. 193 Ein ſolcher Mann der Tat war der allzufrüh ver⸗ ſtorbene Parteiſekretär Otto Kraus, der am 11. März 1918 zu Freiburg aus dieſer Zeitlichkeit ſchied. Man hat den Heimgegangenen einen Liebling der Arbeiter genannt, einen der Beſten unſerer katholiſchen Männerwelt im Lande Baden. Darum verdient er es, daß wir ſein Andenken in der Erinnerung feſthalten. Otto Kraus erblickte als Kind ſchlichter Eltern am 11. Mai 1870 in dem heiteren, ſonnigen Speyer das Licht der Welt. Von Vater und Mutter ererbte er eine koſtbare Gabe für ſein ſpäteres Leben, nämlich ein Stück Pfälzerhumor, der ihm in Freud und Leid ein treuer Begleiter blieb. Gerne hätte der junge Otto nach Abſchluß des Volksſchulunterrichtes ſich auf einer Mittelſchule fortgebildet, allein bei der Armut ſeiner Eltern konnte dieſer Wunſch nicht erfüllt werden. Er trat nun als Setzerlehrling in der Dr. Haasſchen Druckerei in Mannheim ein. Durch ſeinen Fleiß und ſeine Ausdauer brachte er es infolge ſeiner guten Be⸗ gabung in ſeinem Fache zu vorzüglichen Leiſtungen. Nach wohlbeſtandener Lehrzeit erhielt der junge Mann in demſelben Geſchäfte eine feſte Anſtellung als Setzer. Dieſe Tätigkeit machte den wiſſensdurſtigen, ſtreb⸗ ſamen Arbeiter mit einer Menge von Tagesblättern, Zeitſchriften und auch Büchern bekannt. Nicht ge⸗ dankenlos übte er die„ſchwarze Kunſt“, wie man die Buchdruckerei genannt hat, aus, er vertiefte ſich in die Gedanken und Anſchauungen der verſchiedenen Ver⸗ faſſer. Die freien Stunden benutzte er zur Lektüre von nützlichen Büchern. Die regelmäßige Beſchäftigung mit der Tagespreſſe weckte in ihm frühzeitig das Inter⸗ eſſe für die Politik und lenkte ſeine Auſmerkſamkeit auf die Zeitfragen. Namentlich reizten ihn die Pro⸗ bleme der Arbeiterfrage, die gerade in Mannheim in allen Lagern erörtert wurden. Für die Beurteilung Dor, Edle Manner. 13 194 Otto Kraus. dieſer Zeitfragen und Zeitaufgaben brachte er von Haus aus den untrüglichſten Prüfſtein der eigenen praktiſchen Erfahrung im Innern ſeiner Seele. Mit ſtolzem Bewußtſein fühlte er ſich zeitlebens als Ar⸗ beiter. In dieſem Streben nach Weiterbildung fand Otto Kraus heilſame Anregung und Vertiefung durch einen— Unterrichtskurs, den Stadtpfarrer Knebel eingeführt hatte. Die großen Gebiete der Politik und der Ar⸗ beiterfrage wurden in dieſer Männerſchule eingehend behandelt. Die tiefgründigen Belehrungen des Präſes ließen in der wiſſensdurſtigen Seele des jungen Kraus eine neue Welt erſtehen. In anregender Ausſprache wurden Einwände und Einwürfe hinlänglich beleuchtet. Einzelne beſonders befähigte Mitglieder dieſer Ver⸗ einigung bekamen Aufträge, dieſe und jene Schrift zu leſen und darüber einen Vortrag zu halten. Durch dieſe und ähnliche redneriſche Übungen erlangten ſie eine gewiſſe Sicherheit im öffentlichen Auftreten. Otto Kraus zählte zu den fähigſten und fleißigſten Mit⸗ gliedern jenes Unterrichtskurſes. Im Verlauf der Jahre lernte er die ganze Arbeitergeſetzgebung des deutſchen Reiches und der größeren Bundesſtaaten kennen und beherrſchte ziemlich ſicher die einſchlägige Literatur. Noch eine weitere Fortbildungsſchule beſuchte Otto Kraus mit gutem Erfolge, er wurde Mitglied der an der Herz-Jeſukirche zu Mannheim gegründeten Marianiſchen Männerſodalität. In dieſer Kongregation wurde ſein Glaubensleben vertieft, der Charakter ge⸗ ſtählt, der Mut geſtärkt. Welch ein Segen ging von dieſer Kerntruppe für die einzelnen, für die Familien, für das katholiſche Leben der großen Gemeinde aus! Alle Mitglieder, die ſich um die Fahne Mariens als Otto Kraus. 195 Katholiken der Tat geſchart hatten, zeigten ſich all⸗ überall als Apoſtel im Laiengewande. In jenen Jahren fanden zu München⸗Gladbach Kurſe für ſozial⸗politiſche Schulung ſtatt. Otto Kraus nahm ſich einige Male Urlaub und beſuchte auch jene ſo nützliche Unterrichtsſtätte. Wie von einer Hochwarte aus überſchaute er in den zahlreichen Vorträgen, die gehalten wurden, das weite Gebiet der Politik, der Caritas, der verſchiedenen Organiſationen, auf denen ſich die Katholiken betätigen ſollten. Eine Fülle von Kenntniſſen und noch mehr von Anregung erhielt er von den ruhmvollen Führern, die an der Spitze des Volksvereins für das katholiſche Deutſchland ſtehen. Alle dieſe erworbenen Kenntniſſe wurden für den ſtrebſamen Mann zu einem reichen Kapital, das viele Zinſen eintrug. In Volksverſammlungen trat er zu⸗ nächſt als Diskuſſionsredner auf und bewährte ſich bald als gewandter und ſchlagfertiger Redner. Auch in gegneriſchen Verſammlungen vertrat er furchtlos und unerſchrocken mit gutem Erfolge die Grundſätze der Zentrumspartei. Noch während ſeiner praktiſchen Tätigkeit als Schriftſetzer übernahm Kraus bereits die Bericht⸗ erſtattung über Verſammlungen, Vorträge, Feſtver⸗ anſtaltungen für Zentrumsblätter, namentlich für das Mannheimer Neue Volksblatt. Nach und nach wagte er auch größere Artikel; er ſchrieb Abhandlungen über brennende Tagesfragen oder widerlegte mit Geſchick ungerechtfertigte Angriffe von feindlichen Zeitungen. Dieſe außergewöhnlichen Eigenſchaften und Leiſtungen brachten unſerem Otto Kraus eine willkommene Be— förderung. Er durfte vom einfachen Setzer zum Re— dakteur aufrücken. Als im Jahre 1905 Johann Gremm, der Verleger des Neuen Mannheimer Volksblattes, 132 196 Otto Kraus. mit Rückſicht auf die Vergrößerung dieſer Tages⸗ zeitung, eine tüchtige Persönlichkeit als zweiten Schrift⸗ leiter ſuchte, machte Stadtpfarrer Knebel auf Otto Kraus aufmerkſam. Volle ſieben Jahre wirkte er nun in dieſem neuen Berufe. Leider erkrankte er gleich nach Eintritt in das Geſchäft und lag fünf Monate lang auf dem Schmerzenslager. Wiederhergeſtellt, er⸗ füllte er in reichſtem Maße die auf ihn geſetzten Hoff⸗ nungen und Erwartungen.„Er war, ſo verſichert ſein Herr, ein prächtiger, ſtets gefälliger und arbeits⸗ freudiger Menſch, ein trefflicher Charakter, mit einem Worte ein ganzer Mann.“ Die Hauptgebiete, die Otto Kraus in den Spalten ſeines Blattes behandelte, waren badiſche Politik, Sozial⸗ und Gemeindepolitik. Seine Artikel waren immer belehrend und überzeugend geſchrieben. Be⸗ ſonders warm konnte er werden, wenn es ſich darum handelte, katholiſche Grundſätze zu verteidigen. Was er beſonders haßte, das waren die Schlagwörter. Von Grund aus behandelte er jegliche Angelegenheit, und dieſe Tiefe und Allſeitigkeit führten ihn gewöhnlich zum Siege. Geraume Zeit hindurch, da die Stelle des erſten Schriftleiters am Volksblatte erledigt war, leitete Otto Kraus die Zeitung ganz allein zur vollen Zufriedenheit der zahlreichen Leſer. Ein voll⸗ gerütteltes Maß von harter Kritik, Vorwürfen und Beſchwerden mußte der unermüdliche Redakteur von jenen Nörglern und Unzufriedenen entgegennehmen, die ſelten oder nie ein Wort der Anerkennung für die Leiſtungen einer Zeitung finden. Doch der Groß⸗ mütige verzieh gerne ſolche Ungerechtigkeiten, die jeder erlebt, der als Apoſtel an der Tagespreſſe mitwirken will. Das Bewußtſein, daß er täglich von der Welt⸗ kanzel herab, wie man die Zeitung genannt hat, zu Tauſenden ſprechen, ſie belehren und aufklären durfte, Otto Kraus. 197 gab ihm Kraft genug, alle Unannehmlichkeiten und kleinlichen Nadelſtiche von kurzſichtigen Kritikern zu vergeſſen. Soweit Berufsgeſchäfte es geſtatteten, widmete Otto Kraus ſeine freie Zeit gerne der Mitarbeit in den ver⸗ ſchiedenen katholiſchen Vereinen, an denen Mannheim ſo reich iſt. Wir nennen hier nur ſeine erſprießliche Tätigkeit im Volksverein. Ende der 90er Jahre und in den erſten Jahren unſeres Jahrhunderts wußte man von dieſem Verein in Mannheim nicht viel. Er zählte wohl etliche Mitglieder, aber von einer planmäßigen, geordneten Volksvereinsarbeit war keine Rede. Erſt ſeit 1908 ging man daran, dem Verein eine ſtraffe Or⸗ ganiſation zu geben. Es wurde für die ganze Stadt mit ihren Vororten ein Bezirksverein gegründet, und die Oberleitung einem Hauptgeſchäftsführer über⸗ tragen. Als gewandter und weitblickender Vorſtand wurde Otto Kraus gewählt. Der Erkorene ſah ſeine ehrenvolle Berufung zum Bezirksleiter als ein Stück Arbeit an. Durch Wort und Schrift wußte er das Intereſſe der Bevölkerung für die Beſtrebungen des Vereins zu wecken. Er bildete für die weitverzweigte Bevölkerung im ganzen zwölf Sektionen. Faſt jeden Monat fand in allen dieſen Abteilungen eine Ver— ſammlung ſtatt. Zweimal jährlich lud Otto Kraus die Geſchäftsführer zu einer Beratung ein, in der alle Erfahrungen in der Vereinstätigkeit ausgetauſcht wur⸗ den. Dieſe Konferenzen gaben jeweils Richtlinien an, wie der Volksverein weiter ausgebaut werden konnte. Neben den Monatsverſammlungen der einzelnen Sek⸗ tionen veranſtaltete der Hauptleiter von Zeit zu Zeit eine größere Heerſchau aller Mitglieder, zu der be⸗ deutende Redner eingeladen wurden. Von Laien iſt wohl in jenen Jahren von 1908—1912 kein Redner öfters vor die zahlreichen Verſammlungen getreten als 198 Otto Kraus. wie Otto Kraus. War in dieſer oder jener Abteilung der Hauptgeſchäftsführer als Sprecher angekündigt, ſo konnte man auf guten Beſuch ſeitens der Mitglieder hoffen. Es lag etwas ganz Eigenartiges in ſeinem Auftreten, was ihn zum Liebling der Arbeiter machte. Er verſtand es ausgezeichnet, ſein reiches Wiſſen in Worte zu kleiden, die auch dem ungebildetſten Zuhörer zu Herzen gingen. In einfachen, kurzen Sätzen be⸗ handelte er ſein Thema. Den äußern, prunkvollen Schmuck einer Rede verſchmähte er gefliſſentlich. Seine Ausführungen waren auf den einwandfreien Denk⸗ geſetzen aufgebaut. Dabei verſtand er es einzigartig, ſeine Beweisführungen zahlenmäßig zu erhärten. Nie wurde er, auch nicht in den aufgeregteſten politiſchen Kampftagen, gegen Andersdenkende verletzend. Frei von Leidenſchaft und Gereiztheit ſuchte er deren irrige Anſchauungen zu widerlegen. Durch dieſe verſöhnende Art des öffentlichen Auftretens hat ſich der gute Mann auch im feindlichen Lager Achtung und Wertſchätzung erworben. In unermüdlicher Werbearbeit hatte er es erzielt, daß der Volksverein im Bezirk Mannheim im Jahre 1912 rund 3000 Mitglieder zählte. Kein Wunder, daß der Name Otto Kraus in den weiteſten Kreiſen einen guten Klang hatte. Aus dieſem Grunde wagte es ſogar die Parteileitung des 11. Reichstags⸗ wahlkreiſes Mannheim ⸗Schwetzingen⸗ Weinheim, bei den Wahlen im Jahre 1912 den bewährten Volksredner und Schriftleiter als Kandidaten aufzuſtellen. Der Wahlkreis hat eine ſehr gemiſchte Bevölkerung. Die Mehrheit der Wähler ſtand nie zur Fahne der Zen⸗ trumspartei. Das Vertrauen, das man in die Kandi⸗ datur Kraus geſetzt hatte, rechtfertigte der Unermüd⸗ liche durch ſeine rührige Tätigkeit und ſeine gewinnende Perſönlichkeit. Wochenlang erſchien er faſt in allen Gemeinden als Vertreter der Zentrumspartei und ent⸗ Otto Kraus. 199 wickelte das Programm derſelben. Der erhoffte Erfolg blieb nicht aus. Am 1. Januar 1912 wurden im ganzen Bezirk 8842 Stimmzettel mit dem Namen Otto Kraus abgegeben. Eine ſolch hohe Wahlziffer war vorher von der Zentrumspartei in dieſem Kreis nie erreicht worden. Im Spätherbſt desſelben Jahres erhielt der ge— ſchätzte Schriftleiter eine ehrenvolle Berufung. Er wurde zum Landesſekretär der badiſchen Zentrums⸗ partei ernannt. Schon ſeit Jahren war die Leitung der badiſchen Zentrumspartei darauf bedacht, einen Parteiſekretär in Dienſt zu ſtellen. Hatten doch ſeit Gründung des badiſchen Zentrums im Jahre 1881 die beiden Vor⸗ ſitzenden des Landeskomitees, die Herren Wilhelm Fiſcher in Freiburg und Geiſtl. Rat Wacker, die ganze Laſt der Arbeit— Organiſation, Briefwechſel, Leitung der Wahlen, Preſſetätigkeit, Verkehr mit anderen Par⸗ teien, mit Regierung und Behörden uſw.— allein ohne eine ſtändige Hilfskraft beſorgt. Alle andern Parteien Badens waren, trotzdem ihre Mitgliederzahl weit hinter der des Zentrums zurückſtand, längſt zur Anſtellung von einem oder mehreren Parteiſekretären geſchritten. Wenn das Zentrum bislang noch nicht dazu gekommen war, ſo lag's neben dem Mangel an Mitteln hauptſächlich an dem Umſtand, daß ſich der geeignete Mann für den ſchwierigen und verant⸗ wortungsſchweren Poſten noch nicht gefunden hatte. In Redakteur Otto Kraus erkannten die Parteiführer des Zentrums jedoch die richtige Perſönlichkeit, und der Parteichef, Geiſtlicher Rat Wacker, berief ihn zur Übernahme des Landesſekretariats nach Freiburg. Die ehrenvolle Aufgabe lockte ihn; allein Mannheim und ſeine bisherige Tätigkeit, der geſamte Wirkungskreis Pp 200 Otto Kraus. war unſerem Kraus ſo ans Herz gewachſen, daß er ſich nur ſchwer zu einer Zuſage entſcheiden konnte. Erſt auf wiederholtes Drängen des von ihm hochverehrten Parteichefs nahm er das neue Amt an. Die Partei hatte die Wahl gewiß nicht zu bereuen! Seine Arbeitsluſt und ⸗kraft ſchien, wenn möglich, mit dem neuen Arbeitsfelde noch gewachſen zu ſein. Es war aber auch eine Rieſenarbeit zu leiſten, bis der ge⸗ ſamte Betrieb und Verkehr innerhalb der Partei und nach außen auf die Höhe gebracht war, wie es dem Wunſche der Leitung und dem Ideal entſprach, das Kraus ſich für ſeine Geſchäftsführung vorgezeichnet hatte. Da es bisher rein unmöglich war, daß die Ein⸗ zelperſon des Parteichefs, auf der die ganze Arbeits⸗ laſt allein ruhte, die politiſche Kleinarbeit landauf, landab bis in die einzelnen Faſern erledigen konnte, ſo erwuchs für Kraus die nächſte Aufgabe, unfrei⸗ willig Verſäumtes einzuholen; es galt insbeſondere, die Organiſation in den einzelnen Bezirken zu über⸗ prüfen und, wo es nötig war, wieder in Ordnung zu bringen, dem Verkehr mit den Vertrauensmännern ein regeres Tempo zu geben, den Briefwechſel mit ein⸗ zelnen Parteiangehörigen aufzunehmen und zu pflegen, Verſammlungen anzuregen und die Vereinstätigkeit ſtärker zu beleben. Kraus war der erſte Parteiſekretär des Zentrums im Lande Baden; daher mußte er das Sekretariat erſt von Grund aus neu ſchaffen und einrichten, vom Briefumſchlag und der Schreibmaſchine bis zum Akten⸗ ſchrank und Fernſprech- Apparat; er mußte Faszikel und Regiſtraturen anlegen, wiewohl er in ſeiner bis⸗ herigen Tätigkeit ſich mit ſolchen rein büromäßigen Sachen weniger vertraut machen konnte. Dabei waren die ihm zunächſt überwieſenen Dienſt⸗- und Wohnräume Otto Kraus Otto Kraus. recht beſchränkt und unzulänglich, um nicht zu ſagen unwürdig; erſt die Verlegung ins Vorderhaus ſchuf nach fünf Jahren beſſere Zuſtände. Kraus erkannte bald, daß für die Entwicklung und den Aufſchwung der Partei der Aufklärung der Mit⸗ glieder und der Schulung der Jungmannſchaft weit gründlicher, als früher geſchehen, Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt werden müſſe. Zur Aufklärung der Parteianhänger durch die Preſſe gründete Kraus unter Mitwirkung der Partei— leitung eine politiſche und volkswirtſchaftliche Korreſpon⸗ denz, in der Kraus ſelbſt und eine Anzahl erſtklaſſiger Mitarbeiter die Tagesfragen, die Vorgänge in Reich, Staat, Kreis und Gemeinden, in den Parlamenten uſw. in flott und volkstümlich geſchriebenen Artikeln behandelten und ihnen durch die Lokalpreſſe dann all— gemeine Verbreitung verſchafften. Dieſe je nach Bedarf regelmäßig einſetzende Belehrung hat der Partei in den wenigen Jahren ihrer Wirkſamkeit ungemein wertvolle Dienſte geleiſtet. Neben das gedruckte Wort ſtellte Kraus die ſtaats⸗ bürgerliche Schulung in mündlichem Vortrag; er rich tete in einer größeren Anzahl von geſchloſſenen Ge— meinden, zunächſt in Freiburgs näherer Umgebung, Kurſe ein, in denen er unter Beihilfe fachkundiger Männer in den Abendſtunden der Wintertage den Ge— meindebürgern über Verfaſſungsweſen, Verwaltungs⸗ ſachen, Steuerfragen, Gemeindeangelegenheiten uſw. kurze Vorträge hielt und in anſchließender Diskuſſion die Einzelheiten nach Wunſch und Bedarf näher er— örterte. Er hatte ſich ja damit eine ſchwere perſönliche Belaſtung und aufreibende Arbeit über ſeinen Büro⸗ dienſt hinaus aufgeladen. Aber die guten Erfolge 202 Otto Kraus. und die Dankbarkeit ſeiner„Schüler“ waren ihm „Lohn, der reichlich lohnet.“ Auf die Schulung der Jungmannſchaft des Zen⸗ trums legte er allergrößten Wert; daher waren ihm die Windthorſtbunde ſehr ans Herz gewachſen; nicht min⸗ der die Gewerkſchaften, Berufsorganiſationen, Stan⸗ desvereinigungen uſw., die ihm Gelegenheit gaben, unmittelbar mit der heranwachſenden Jugend und mit jungen Männern zu verkehren, um ihnen politiſche, volkswirtſchaftliche und ſtaatsbürgerliche Schulung beizubringen. Und er beſaß eine vorzügliche Kunſt, andere zu belehren und aufzuklären, weil er aus ſeiner praktiſchen Erfahrung zu Männern des praktiſchen Lebens ſprach und ſein Tatſachenſinn ihn davor be⸗ wahrte, ſich auf theoretiſche Erörterungen und Tüfte⸗ leien einzulaſſen, die für das reale Leben keinen nutz⸗ bringenden Wert haben. Daß die Amtsverkündigerfrage in Baden eine für die Parteien und Zeitungsverleger befriedigende Löſung gefunden hat, darf dem Parteiſekretär Kraus als Hauptverdienſt angerechnet werden; wenigſtens war er die treibende Kraft, die nach endloſen, unfrucht⸗ baren Verhandlungen ſchließlich einen Vertrag mit dem Staatsminiſter Frhrn. v. Bodman zum Abſchluß brachte. Während früher nur eine beſchränkte Anzahl nationalliberaler Zeitungen das ſehr profitable Vor⸗ recht genoſſen, die Amtsverkündigungen der Regie⸗ rungen, Bezirks-, Kreis- und Schulbehörden abdrucken zu dürfen, gehen dieſe nach der neuen Regelung allen Zeitungen, die eine gewiſſe Bezieherzahl nachweiſen, gegen Entgelt zur Veröffentlichung zu. Die Beſeitigung des Amtsverkündiger-Privilegs war für die nichtnationalliberale Bevölkerung und Preſſe Badens eine Befreiung von unerträglichem Druck, die dem Miniſter v. Bodman förmlich abge⸗ Otto Kraus. 203 rungen werden mußte. Unter dem alten Syſtem waren Tauſende badiſcher Bürger genötigt, ein Blatt, das ihnen nach ſeinem politiſchen Inhalt zuwider war, um der Amtsverkündigungen willen zu halten, alſo direkt mit Geld zu unterſtützen. Anderſeits wanderten badiſche Staatsmittel in enormer Höhe in die Taſchen von Lokalblättchen, die redaktionell faſt gar nichts an⸗ deres leiſteten, als daß ſie nationalliberale Politik trieben und die jeweilige Regierung durch dick und dünn verteidigten. Nach glücklicher Löſung der Ange⸗ legenheit ſprachen die führenden Verleger der badiſchen Zentrumspreſſe dem Parteiſekretär Kraus für ſeine erfolgreichen, mit ſtandhafter Zähigkeit durchgeführten Verhandlungen in höchſt anerkennenden Worten ihren wärmſten Dank aus. Das Jahr 1913 brachte Landtagswahlen. Da die Leitung und praktiſche Durchführung der Wahlvor⸗ bereitungen zu den Hauptaufgaben des Parteiſekre⸗ tariats gehört, ſo gilt der Verlauf dieſer Arbeiten und das Wahlergebnis der Partei als der beſte Prüfſtein für die Leiſtungsfähigkeit des Parteiſekretärs. Wie die ganze Partei und ihre Führer ſo konnte auch Parteiſekretär Kraus vom Ausfall befriedigt ſein; hatte doch das Zentrum ſeinen Mandatsſitz um vier— von 26 auf 30 Mandate— erhöht und damit zum erſten⸗ male ſeit ſeinem Beſtehen dieſe hohe Ziffer erreicht. Daß dieſer Erfolg der geleiſteten Arbeit zu verdanken war, beſtätigte die Breisgauer Zeitung, indem ſie am Tage nach der Wahl(22. Oktober 1913) ſchrieb:„Der Hauptgrund dieſes Wahlausfalles liegt zweifellos in der hingebenden, zähen Arbeit, mit der das Zentrum dieſe Wahl ſeit zwei Jahren vorbereitet hat.“— Der Parteichef des badiſchen Zentrums konnte am 24. Ok⸗ tober in einer Dankſagung an die Parteifreunde mit dem Zentralkomitee erklären: Otto Kraus. „Der 21. Oktober 1913 iſt einer der denkwür⸗ digſten Tage in der Geſchichte unſerer Partei! Landauf, landab herrſcht begeiſterter Jubel und freudige Genugtuung. Zu dem einen wie zu dem andern haben wir ſehr vielen Grund. Wir haben glänzende Erfolge errungen, die Frucht vieler opferwilliger Arbeit. Wer immer daran teilge⸗ nommen hat, iſt zu beglückwünſchen und hat An⸗ ſpruch auf unauslöſchlichen Dank.“ Unſer junges Parteiſekretariat in Freiburg durfte einen weſentlichen Teil dieſer ehrenvollen Aner⸗ kennung auf ſein eigenes Arbeitskonto buchen. Auch an den Freiburger Gemeindewahlen im Juni 1914 war das Parteiſekretariat ſtark beteiligt. Eine Reihe aufklärender Artikel(„Was wir wollen bei den Bürgerausſchußwahlen“) aus der Feder von Kraus ſchuf klare Bahn. Der Erfolg eifrigſter Werbearbeit blieb auch diesmal nicht aus. In der 1. und 2. Wähler⸗ klaſſe wurde vom Zentrum je ein Stadtverordneten— mandat neu erobert. Kaum waren dieſe Gemeindewahlen abgeſchloſſen, da kam der Weltkrieg und warf manches Stück poli⸗ tiſcher Friedensarbeit über den Haufen. Die waffen⸗ fähigen Männer, die bisherigen Hauptträger der inneren Politik, ſtanden an der Front und waren dem politiſchen Leben entrückt. Der Parteipreſſe war durch die Zenſur und den Belagerungszuſtand der Knebel angelegt. Mit der Verkündigung des„Burgfriedens“ war jede ſchärfere Herausſtellung der Parteigrundſätze unterſagt, jede Polemik gegen die andersgeſinnte Preſſe ſtreng verboten; politiſche Verſammlungen waren nicht geſtattet; ebenſowenig tadelnde Bemerkungen über Anordnungen der Militär- und Zivilbehörden, der Kommunalverbände und Lebensmittelverſorgung. Der Otto Kraus. 205 Säbel regierte, der freie Wille des Bürgers war mundtot gemacht. Dem Parteiſekretär erwuchs ein vollſtändig neuer Aufgabenkreis. Eine Unmenge von Verfügungen, Er⸗ laſſen, Verordnungen, militäriſchen Befehlen erſchienen täglich, ergänzten einander oder hoben ſich gegenſeitig ganz oder teilweiſe auf. Dazu entſtanden fortwährend neue Körperſchaften mit Verfügungsgewalt. Das Parteiſekretariat wurde Zuflucht und Auskunftsſtelle für Kriegerfrauen, die ihre Männer zu Hauſe behalten oder reklamieren wollten, für Urlaubsgeſuche, für Bitt⸗ ſchriften um Rentenbewilligungen, um Unterſtützung uſw. Erſte Vorausſetzung für Abfaſſung ſolcher Ge⸗ ſuche war genaue Kenntnis der einſchlägigen Geſetze und Verordnungen. Dieſe hatte Kraus ſich mit er⸗ ſtaunlicher Raſchheit verſchafft. Vielen Hunderten Hilfsbedürftiger hat er während des Krieges in ſelbſt⸗ loſeſter Weiſe Rat und Auskunft erteilt; oft genug ſaß er bis tief in die Nacht am Schreibtiſch, um einer hilf⸗ loſen Mutter oder einer ſchmerzgebeugten Krieger⸗ witwe durch Abfaſſung von Eingaben und Geſuchen zu helfen, und zwar meiſtens mit gutem Erfolg. Bald nach Ausbruch des Krieges ſtellte Herr Land⸗ tagsabgeordneter Dr. Schofer ſich für die Feldſeelſorge zur Verfügung und wurde als Diviſionspfarrer einem Truppenteil im Oberelſaß zugeteilt. Gleichzeitig gab Herr Dr. Schofer für die Kriegsdauer die Leitung des Katholiſchen Volksvereins für Baden ab. In ſeiner Vertretung wurde die Geſchäftsführung des Volks⸗ vereins dem Parteiſekretär Kraus übertragen, der auch dieſe neue Arbeitslaſt willig übernahm. Der Wirrwarr der Verfügungen, der Rückgang in der Lebensmittelverſorgung, die zunehmende Teue⸗ rung, die lange Kriegsdauer verurſachten überall Miß⸗ ſtimmung; es entſtand eine ſcharfe Spannung zwiſchen 206 Otto Kraus. Stadt und Land. Und doch mußte überall wieder „gute“ Stimmung gemacht werden, damit Kriegs⸗ anleihen in ſtets wachſender Milliardenhöhe gezeichnet wurden. Da wurden mit einem Male die Redner der Zentrumspartei geſuchte Männer, die aufs Land und in die Induſtrieorte hinausgeſchickt wurden, um zu be⸗ ruhigen und Aufklärung ins Volk zu tragen. Dem Parteiſekretär Kraus, als gewandtem Volksredner und bewährtem Organiſator, fiel dabei der Hauptanteil der Aufklärungsarbeit zu, die er auch mit größter Opfer⸗ willigkeit landauf, landab erfolgreich in den beiden letz⸗ ten Kriegsjahren geleiſtet hat. Die Vertreter der Regierung und Oberamtmänner hatten ſich damals ſoweit mit dem„Burgfrieden“ ab⸗ gefunden, daß ſie die Aufklärungsredner des Zen⸗ trums, der demokratiſchen oder gar ſozialdemokratiſchen Partei zu ſich in das Amtsauto oder in die Dienſt⸗ chaiſe nahmen, um mit ihnen gemeinſchaftlich Volks⸗ verſammlungen zu beſuchen. Dieſe Tätigkeit im Dienſte des Vaterlandes ent— ſprach ſo recht der echtpatriotiſchen Geſinnung des Parteiſekretärs Kraus; wenn er auf die Helden⸗ leiſtungen unſerer Soldaten, ihre Opfer, Strapazen und Leiden zu ſprechen kam, wurde ſein Ton ſo herzlich und ergreifend, wie er ſonſt ſeiner ſachlich-einfachen Sprechweiſe weniger eigen war. Und mit nie ver⸗ ſagender Zuverſicht glaubte und hoffte er bis zur Kunde vom Zuſammenbruch auf den endgültigen Sieg Deutſchlands und dadurch hob er als Redner die ge⸗ drückte Stimmung ſeiner Zuhörer und erfüllte ſie mit neuer Hoffnung. Die Tatſache des Zuſammenbruchs traf ihn ſchwer; dieſe Erſchütterung iſt nicht mehr von ihm gewichen; der Waffenſtillſtand, der wirtſchaftliche Niedergang, der Otto Kraus. 20 Bürgerkrieg und die einbrechende Anarchie bedrückten fortan ſein Gemüt. Der Umſturz und die Auflöſung der Parlamente ſchufen für das Sekretariat neue Arbeit, denn es gab mit kurzen Friſtbeſtimmungen neue Wahlen für die Reichs⸗ und badiſche Nationalverſammlung. Beide wurden unter der Oberleitung des geſchäftlichen Teils durch Kraus glänzend durchgeführt; das badiſche Zen⸗ trum ging aus beiden Wahlkämpfen mit günſtiger Mandatsziffer hervor. Die proviſoriſchen Verfaſſungen verliehen den Frauen das Wahlrecht für Reich, Gliedſtaaten, Kreis und Gemeinde und ſchufen damit für die Parteien und das Parteiſekretariat ein neues Arbeitsfeld: die Frauen in kürzeſter Friſt über ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklären und ſie für den neuen Wirkungskreis, zur übernahme der Ehrenämter zu ſchulen. Neben den be⸗ reits beſtehenden Frauenorganiſationen mußten neue ins Leben gerufen, Kurſe veranſtaltet, Verſammlungen einberufen, Redner und Rednerinnen ausgebildet wer⸗ den. Auch bei dieſer Arbeit bewährte ſich unſer Partei⸗ ſekretär aufs beſte. Wie ſehr ihm dafür Aner⸗ kennung der Frauen zuteil wurde, erhellt aus einem Nachruf, den eine Zentrumsfrau dem Dahingeſchie⸗ denen in der Freiburger Tagespreſſe widmete: „Einer unſerer beſten iſt nicht mehr. Ein Mann, der nicht nur in Wort und Tat, ein Mann, der mit ganzem Herzen unſere gute Sache gefördert und ver⸗ teidigt, iſt mit unſerem Parteiſekretär dahingegangen. Ich ſage unſer Parteiſekretär. Denn, nachdem die neue Zeit uns Frauen das Wahlrecht gebracht, haben wir katholiſche Frauen uns der Zentrumspartei ange⸗ ſchloſſen. Nicht weil wir uns von dort haben beein⸗ fluſſen laſſen, ſondern weil wir fühlten, daß dieſe Partei die einzige iſt, an welche die katholiſche Frau, 208 Otto Kraus. die nach ihrem Glauben lebt, ſich anſchließen kann. Weil die Zentrumspartei auf dem Boden unſerer Welt— anſchauung ſteht und uns die Garantie bietet, daß ihre erwählten Vertreter im Reichstag und Landtag nicht nur das Wohl des Einzelnen, ſondern das Wohl der Geſamtheit und ſomit das Wohl des Vaterlandes för⸗ dert, ſchützt und verteidigt. Aber dies können unſere Vertreter nur dann erreichen, wenn hinter ihnen neben einer Schar von Wählern und Wählerinnen be⸗ geiſterte Mitarbeiter als treue Helfer und Helferinnen ſtehen. Obwohl Otto Kraus gewiß zuerſt unſeren wackeren Männern ein Vorbild ſein wird, ſo möchte ich ihn dennoch ſeiner lauteren Geſinnung, ſeiner ruhigen, ſtillen, beſcheidenen Art wegen auch ein Vorbild für uns Frauen nennen. Warum wohl hat er ſo unermüdlich, ſo raſtlos gearbeitet für unſere Partei und ſomit für uns alle? Um geehrt, berühmt oder reich zu werden? Gewiß nicht! Sondern, weil er tief durchdrungen war von dem furchtbaren Ernſt unſerer Tage und weil ein ſtark ausgeprägtes Pflicht⸗ gefühl ihn auszeichnete. Möchten doch auch wir Frauen alle uns dieſes Ernſtes voll bewußt werden und dieſes Pflichtgefühl uns alle drängen, zu helfen, wo es not tut. Unſere Arbeit iſt mit den Wahlen des Januar nicht beendet. Sie kommt wieder; vielleicht ſchon bald! Es wird manches Opfer von uns gefordert werden. Aber ſchließen wir uns nicht aus, wenn es heißt:„Wieder alle Helferinnen auf zur Arbeit!!“ Das ſei unſer Dank an Otto Kraus.“ Am 5. und 19. Januar hatten die Wahlen zur badiſchen und deutſchen Nationalverſammlung ſtattge⸗ funden, die eine Unſumme aufreibender Arbeit vom Parteiſekretariat erfordert hatten. Aber die Politik kennt, wie die Zeit, keinen Stillſtand, keine Ruhe. Schon am 2. Februar fand in Offenburg eine große —— Otto Kraus. 209 Landesverſammlung der badiſchen Zentrumspartei ſtatt, in welcher neue Organiſations-Satzungen der Landespartei und andere ſehr wichtige Tagesfragen zur Verhandlung ſtanden. Neue und ſchwierige Ar— beiten für den Parteiſekretär! Die Verhandlungen nahmen unter der geſchickten Leitung des Parteiführers Geiſtl. Rat Dr. Schofer einen ruhigen, ſachlichen Ver— lauf und führten zu einem ebenſo erfreulichen wie ge— deihlichen Abſchluß. Die Spuren der Überanſtrengungen ſcheinen ſich beim Parteiſekretär Kraus damals ſchon erkennbar ge— macht zu haben; denn Geiſtlicher Rat Dr. Schofer ſagte in Offenburg noch zu Kraus, er möge end— lich auch einmal an ſeine Geſundheit denken und Ur⸗ laub nehmen, den er etwa in Hegne zubringen könne. Etwa 14 Tage ſpäter folgte Kraus dieſem wohl— wollenden Rat und nahm in dem am prächtigen Boden⸗ ſee gelegenen Provinzhauſe Hegne Kuraufenthalt. Er fühlte ſich friſch und geſtärkt, als er in den erſten Tagen des März wieder nach Freiburg zurückkehrte. Leider machte ſich aber kurz nach der Heimkehr ein älteres Leiden in akuter Form geltend, das zur Operation drängte. Dieſe wurde in der chirurgiſchen Klinik vor⸗ genommen und verlief recht günſtig. Schon beſchäf⸗ tigte ſich Kraus wieder mit Plänen über ſeine Tätig⸗ keit bei den bevorſtehenden Gemeindewahlen, als ein Herzſchlag ſeinem ſegensreichen Leben ein unerwartet raſches Ende bereitete. Daß Kraus, trotz ſeiner ausgeſprochenen Stellung in einer politiſchen Partei, in weiteſten Kreiſen des ganzen Landes allgemeine perſönliche Hochachtung ge— noß, zeigte ſich deutlich bei ſeinem Hinſcheiden und bei der Beerdigung; auch aus Kreiſen anderer politiſcher Richtungen kamen an ſeine Hinterbliebenen zahlreiche Dor, Edle Männer. 14 240 Otto Kraus. und aufrichtige Trauerbezeigungen, wie auch die an⸗ dersgeſinnte Preſſe mit ehrlicher Anerkennung der Tätigkeit des Verewigten nicht zurückhielt. Am offenen Grabe wurde insbeſondere namens der Partei⸗ leitung durch Geiſtlichen Rat Dr. Schofer ſeiner un⸗ ermüdlichen, opferwilligen Arbeit für die Partei, für Kirche und Vaterland die gebührende Anerkennung ge⸗ zollt. Es möge daraus der eine Satz hervorgehoben werden, daß der Redner betonte, Parteiſekretär Kraus habe ſich bei einfacher Volksſchulbildung aus eigenem Fleiß und mit vorzüglicher Begabung einen Wiſſens⸗ ſchatz angeeignet, der kühnlich den Wettbewerb mit dem Wiſſen akademiſch gebildeter Männer aufnehmen konnte. Ein hohes und bedeutſames, aber gerechtes und wohlverdientes Lob aus ſachkundigſtem Munde! Kraus iſt mitten in der Arbeit auf das Sterbebett geſunken, wohlvorbereitet durch die Gnadenmittel der Kirche. Der Beruf eines Parteiſekretärs gehört neben dem eines politiſchen Redakteurs zu den aufreibendſten und verantwortungsvollſten; und Kraus vereinigte beide Berufe in einer Perſon. Beſonders hervorſtechende Eigenſchaften ſeines bie⸗ dern, echtdeutſchen Charakters waren ſchlichte Einfach⸗ heit, Offenherzigkeit, Treue, Pflichteifer, Opfergeiſt, wahre Beſcheidenheit; er war eine aufrichtige, faden⸗ gerade Natur ohne Falſch und Hinterhalt. Wie er ſtolz darauf war, aus dem Arbeiterſtande hervorge— gangen zu ſein, ſo war ihm die Arbeit, das Schaffen für ſeine Partei und für andere das höchſte Ziel. Die Arbeitsleiſtung und der Wille zur Arbeit war meiſtens ſein Maßſtab zur Beurteilung anderer. Deshalb ver⸗ abſcheute er an ſeinen Bekannten leichtfertige Pflicht⸗ verſäumnis, Müßiggang, leere Sprüchmacherei, die über innere Leiſtungsunfähigkeit wegzutäuſchen ſucht; mit den drei Worten:„Er leiſtet nichts“ oder„er kann * Otto Kraus. nichts“ war ſein Urteil über ſolche Leute ein für alle⸗ mal gefällt. Im allgemeinen urteilte Kraus ſehr vorſichtig und zurückhaltend über ſeine Mitmenſchen. Das entſprach ſeinem auf Wohlwollen geſtimmten Naturell und war nicht bloß eine Rückſichtnahme auf ſeine gehobene Parteiſtellung, die ihm weiſes Maßhalten zur Pflicht machte. Wenn daher einmal ein ſcharfes Wort über jemand aus ſeinem Munde kam, ſo hatte er vollzählige Beweiſe für ſein abfälliges Urteil in der Hand. Ohne es zu wiſſen und beſonders zu wollen, han— delte Kraus in ſeiner ſelbſtloſen Denkart nach dem Spruch Schillers:„Der brave Mann denkt an ſich ſelbſt zu⸗ letzt.“ Er ſuchte für ſeine Arbeit keine perſönliche Anerkennung, Dank oder materiellen Vorteil, trotzdem er, wie jeder ehrliche Arbeiter, für Dank und Aner⸗ kennung nicht unempfindlich war; er drängte ſich nie zu einem Ehrenämtle oder zu einer Rede, wiewohl er oft genug in der Lage kam, ſolche zu vergeben. Man hat ihm bei den Wahlen zur badiſchen Nationalver— ſammlung mehrfach und mit Nachdruck nahegelegt, eine Landtagskandidatur zu übernehmen, weil ſeine Zuge⸗ hörigkeit zur Partei des Landesparlaments für ſein Parteiamt und für die ganze Partei nutzbringend ſchien. Hätte er ſeinen Namen der Vorſchlagsliſte auf einem ſicheren Platz einverleibt, ſo hätte er die freudige Zuſtimmung aller beteiligten und maßgebenden Parteifreunde geerntet und er wäre Abgeordneter ge⸗ worden; er gab dem Drängen nur ſoweit nach, daß er ſeinen Namen an die letzte Stelle der Liſte ſchrieb und damit die Gewähr erzielte, nicht gewählt zu werden. Wie es ihm fern lag, für ſich einen perſönlichen Vorteil aus ſeiner amtlichen Tätigkeit herauszu⸗ ſchlagen, ſo dachte er auch ſehr gering über Strebertum und Amtlehaſcherei bei Parteianhängern. Stets 14⁷ 212 Otto Kraus. ſchwebte ihm dabei der Leitſatz unſeres Parteiführers Wacker vor, der oft genug ausſprach, daß ſolche Mit⸗ läufer der Partei, die es auf die Erlangung eines Man⸗ dats oder eines Ehrenamts anlegen, mit aller erdenk⸗ lichen Vorſicht oder gar direkt mit Mißtrauen zu be⸗ handeln ſeien. Die Erfahrung beſtätigt gewöhnlich, daß ſolche Elemente den erſtrebten Poſten nicht ver⸗ dienen. Erſtaunlich war die Schnelligkeit, mit welcher Kraus politiſche Leitartikel, Wahlbroſchüren, Aufrufe, Flugblätter zu verfaſſen vermochte. In Wahlzeiten floſſen ihm öfters zwei oder drei Wahlaufrufe an einem Tage aus der Feder. Es iſt auch mehr als ein⸗ mal vorgekommen, daß befreundete Parteigruppen ſich zur Abfaſſung von Flugblättern der Mithilfe von Kraus bedienten, um dem Inhalt eine leichtfaßliche, volkstümliche, packende Form zu geben. Bei der Nie⸗ derſchrift von Leitartikeln hüpfte der Stift in raſender Eile übers Papier— zumal wenn ein Streit aus⸗ zukämpfen war— und doch hatte der Inhalt ſofort druckreife Faſſung. Zu mancher Wahlbroſchüre an⸗ ſehnlichen Umfangs brauchte Kraus nur drei bis vier Tage. Dieſe Leichtigkeit des Schaffens war größtenteils dem Umſtande zu verdanken, daß ſeine Kenntniſſe von einem ſehr zuverläſſigen Gedächtniſſe unterſtützt wurden. Als Politiker hielt Kraus bei allem angeborenen Idealismus die klaren praktiſchen Ziele feſt im Auge; war der direkte Weg zum Ziel gehemmt oder geſperrt, ſcheute er die Mühen des Umwegs nicht. Kleine Miß⸗ erfolge ſchreckten ihn nicht ab; Schwierigkeiten ſtählten ſeine Energie. Sein aufs Weite gerichteter Blick ließ ſich durch nahe winkenden Gegenwartserfolg nicht be⸗ tören oder ablenken. Dem aufrichtigen, ehrlichen Sinn widerſtrebte jedes unlautere oder unfeine Mittel; Otto Kraus. 213 das blieb ihm ſtets Richtſchnur, auch im Kampfe gegen den politiſchen Gegner. Im Kampf gegen Anders⸗ geſinnte entnahm er gern die Waffen dem feindlichen Partei⸗Arſenal, d. h. er berief ſich auf die Programme der anderen Parteien, auf ihre Wahlaufrufe, Flug⸗ blätter oder Parteiſchriften und Ausſprüche ihrer führenden Männer, wobei ihm ſeine vorzügliche, wohl— geordnete Regiſtratur ſtets hilfsbereite Dienſte leiſtete. Unſere Parteiführer legten großes Gewicht auf die Anſichten und Meinungen des Parteiſekretärs; ſie er⸗ blickten in ihm nicht nur das Organ zur Ausführung ihrer Beſchlüſſe, ſie achteten vielmehr im Träger des Parteiſekretariats den umſichtigen Strategen und klugen Taktiker und ließen ihn daher an allen wich— tigen Beratungen und Entſcheidungen teilnehmen. Ein beſonders herzliches Vertrauensverhältnis ent⸗ wickelte ſich aus dem längeren, engeren, perſönlichen Verkehr zwiſchen dem Parteichef Geiſtl. Rat Wacker und Sekretär Kraus. Kindliches Gottvertrauen und Gottesfurcht trugen bei dem Verſtorbenen die echte Frömmigkeit, die des Mannes Lebenskraft iſt. So war er auch tief durch— drungen von der Verantwortlichkeit vor Gott für alles Tun und Laſſen und beſeelt von tiefer Religioſität. Wie er gelebt, ſo iſt er geſtorben, eines tief erbauenden echt chriſtlichen Todes. „Ach, ſie haben 5 Einen guten Mann begraben, Und mir war er mehr.“ Die Zentrumspreſſe des ganzen Landes anerkannte bei ſeinem Scheiden mit ſeltener Einſtimmigkeit die hervorragende politiſche und ſoziale Bedeutung des Verewigten und den ſchweren Verluſt für die Partei und das ganze Vaterland. Das Neue Mannh. Volks⸗ blatt ſchrieb:„Seine Begeiſterung für die Partei, 21⁴ Otto Kraus. ſeine ideale Auffaſſung der Politik, ſein ſcharfer Ver⸗ ſtand und nicht minder ſeine populäre, allem ge⸗ ſchraubten und gekünſtelten abholde, einfachſchlichte Art des Vortrages gewannen ihm die Herzen im Sturm. Kraus war eben ein Mann aus dem Volke, der mit dem Volke dachte und fühlte und Zeit ſeines Lebens für das Volk arbeitete, litt und ſtritt. Keiner von den ganz Großen, zu denen man in Ehrfurcht emporblickt, auch kein Blender, die mit Phraſen die Leſer und Hörer beſtricken und damit alles getan zu haben vermeinen. Er war im Gegenteil ein ruhiger, ſtill⸗beſcheidener Menſch, aber ein Arbeiter durch und durch. In jedem Sinne des Wortes. Und darum liebte ihn das Volk, darum brachte es ihm Verehrung entgegen und hing an ihm. Er geizte nicht nach Lob und Anerkennung, aber er freute ſich doch über die An⸗ hänglichkeit ſeiner Parteifreunde und zog aus ihr neue Kraft und Begeiſterung für ſeine Arbeit.“ Der Badiſche Beobachter würdigte beim Tode Kraus' in einem längeren Artikel die Verdienſte und die Eigenſchaften des Verſtorbenen und ſchrieb u. a.; „Im Jahre 1912 wurde in Freiburg das Landes⸗ ſekretariat der badiſchen Zentrumspartei eröffnet, wo⸗ bei die Wahl für deſſen Leiter auf Redakteur Kraus fiel, der ſich durch ſeine geſamte Tätigkeit nicht nur das Vertrauen ſeiner direkten Vorgeſetzten, ſondern auch das der führenden Parteimänner erworben hatte. Faſt ſieben Jahre bis zu ſeinem Tode war er in dieſer Stelle unermüdlich tätig. Er betrachtete ſie nicht als Verſorgung, ſondern als Verpflichtung. Er hatte jenes, gerade in der gegenwärtigen Zeit ſo ſelten ge⸗ wordene ſelbſtloſe Pflichtbewußtſein, das zuerſt nach der Pflicht und dann erſt nach dem eigenen Selbſt fragt. Solche Männer ſind umſo wertvoller, je ſel— tener ſie ſind. Sie werden aber auch geſchätzt von Otto Kraus. 215 allen, denen ſie bekannt werden. Das gilt auch von Kraus, der ſich durch ſeine rein ſachliche Arbeit über die eigenen Parteireihen hinaus Achtung und Wert— ſchätzung erwarb und während des Krieges öfters als Vertrauensmann der Freiburger Preſſe fungierte, wie er auch von den Behörden als ſolcher gerufen wurde. Unaufhörlich ſtand er in der Arbeit, beſonders in Wahlzeiten kannte er keine Müdigkeit. In allem konnte man ſich auf ihn verlaſſen; jede Arbeit von ihm erwarten in der ſicheren Erwartung, daß ſie pünktlich und, wenn immer möglich, erfolgreich beſorgt würde. So war es mit der Zentrumskorreſpondenz, die er leitete, ſo mit der Organiſations- und Agitationsarbeit, ſo mit der Tätigkeit, die er als Vertrauter des Zen⸗ trumsführers Geiſtl. Rat Wacker ausübte. Sachkennt⸗ nis, unbedingte Zuverläſſigkeit, Pflichterfüllung und Pflichtbewußtſein bis zum äußerſten, verbunden mit Beſcheidenheit, und dies alles hervorgehend aus einer unerſchütterlichen religiöſen Überzeugung, einer wert⸗ vollen Errungenſchaft ſeiner chriſtlichen Erziehung und ſpäteren Selbſtzucht,— das iſt das Bild des Verſtor⸗ benen, wie es vor allen ſteht, die das Glück hatten, ihn näher kennen zu lernen.“ Im Freiburger Bote wurde geſagt:„Seine uner⸗ müdliche Arbeitsfreude und ſchier unerſchöpfliche Leiſtungsfähigkeit in Schrift, Wort und Tat, ſeine per⸗ ſönliche Liebenswürdigkeit und Beſcheidenheit im Ver⸗ kehr mit jedermann, ſeine ſtete Hilfsbereitſchaft für be— drängte Parteifreunde und Gewandtheit im Entwurf von Eingaben, Aufrufen, Artikeln, Korreſpondenzen eigneten ihn ganz vorzüglich für den verantwortungs⸗ ſchweren Poſten. Es iſt unmöglich, ſeine Dienſte für das Gemeinwohl auch nur annähernd abzuſchätzen und nach Gebühr zu würdigen.“ Redakteur Schlierf ſchrieb im Raſtatter Zentrums⸗ 216 Otto Kraus. organ:„Die Zentrumspartei erleidet durch das Ab⸗ leben ihres Parteiſekretärs einen ſchweren Verluſt. Kraus war eine jener Perſönlichkeiten, die ſich durch eigene Tüchtigkeit freie Bahn ſchaffen. Mit eiſernem Fleiß und ſtarkem Willen verband ſich bei ihm große Sachkenntnis, die ihn befähigten, in politiſchen, ſozial⸗ politiſchen und wirtſchaftlichen Fragen tonangebend zu wirken. Ein klarer, flüſſiger Stil zeichnete ſeine ſchrift⸗ ſtelleriſchen und redaktionellen Arbeiten aus, die, auf ſein umfaſſendes Wiſſen und Können begründet, über⸗ all Aufmerkſamkeit und Beachtung fanden; in der Par⸗ tei waren ſie ebenſo, wie ſein geſprochenes Wort, rich⸗ tunggebend. Als Redner wirkte Kraus durch ſeine ruhige Sachlichkeit und freundliche Art, auch Streit⸗ punkte aufzufaſſen. Perſönlich war Kraus das, was man einen„lieben Menſchen“ nennt. Ein abgeklärtes Innenleben ſtrömte Freundſchaft aus für jeden, der ihm nähertrat. Der Verluſt triff deshalb ganz beſon⸗ ders auch die Kollegen von der Zentrumspreſſe ſchwer, denen er ſich nicht nur äußerlich zugehörig fühlte, für die er auch wirtſchaftlich mitkämpfte und für ſie erfolg⸗ reich wirkte, insbeſondere im Auguſtinusverein und an ſeiner einflußreichen Stelle in der Partei. Die Lücke, die der Tod geriſſen, iſt alſo groß und ſchmerzlich, das Andenken an den lieben Verblichenen wird aber ein dauerndes und dankbares ſein von allen, die ſeine ſchätzenswerten Eigenſchaften kannten.“ Im Villinger Volksblatt hieß es: Noch vor vier⸗ zehn Tagen war Kraus bei uns, um uns einen Beſuch zu machen. Er kam von Hegne, wo er ſich für einige Zeit von ſeiner anſtrengenden Tätigkeit zurückgezogen hatte. Friſch, neu gekräftigt, ſah Kraus aus. Eine Fülle Arbeit erwartete ihn bei ſeiner Rückkehr in Frei⸗ burg. Nun iſt dieſer überaus rührige Mann einem Herzſchlag erlegen. Das bedeutet einen ſchweren Otto Kraus. 217 Schlag für die badiſche Zentrumspartei, an deren Auf⸗ ſchwung und Erfolgen er hervorragenden Anteil hatte. Kraus genoß volles Vertrauen in unſeren Parteikrei⸗ ſen, war die rechte Hand des Parteichefs, ein aus klei⸗ nen Verhältniſſen durch eigene Arbeit emporgeſtiegener Mann mit entſchiedenem Charakter, ein„Arbeitspferd“ das in den Sielen ſtarb. Mit der Geſchichte der badi⸗ ſchen Zentrumspartei iſt Kraus' Name für immer ver⸗ bunden. Ein ehrendes Andenken iſt dieſem braven Mann in der Partei geſichert.“ Im Linzgaubote urteilte Redakteur J. Iſele:„Was Kraus für die Partei geweſen, welch hervorragende Arbeit er ihr geleiſtet und mit welch großen Aufgaben er ſich ihrem Dienſte zu deren weiteren Befeſtigung noch beſchäftigen wollte, das wiſſen nur Eingeweihte. Er hinterläßt ein gutes Erbe. Das Fundament zu legen für die Organiſation war des Verſtorbenen dankens⸗ werteſte Arbeit; es iſt gut geraten und es dürfte leich⸗ ter ſein, auf ihm weiter zu bauen, als dies bisher für ihn ſelbſt der Fall war. Als praktiſchen Fachmann be⸗ ſchäftigten ihn auch verſchiedene Probleme für die Zu⸗ kunft unſerer Preſſe, die, wie wir hoffen, mit ſeinem Heimgang nicht der Vergeſſenheit anheimfallen und unerledigt bleiben werden. Dem Freund war er ein aufrichtiger Freund, dem Kollegen ein ebenſolcher Be⸗ rater, als ſolchen lernten wir ihn ſchätzen. Als lau⸗ terer, biederer Charakter bleibt er daher bei uns in Ehren und ſtetem guten Andenken.“ Daß der Verewigte auch bei politiſch Andersden⸗ kenden in hoher Achtung und beſtem Anſehen ſtand, kam in den anerkennenden Nachrufen deutlich zum Ausdruck. Die Freiburger Zeitung ſagte:„Ein ar⸗ beitsfreudiger, ſchriftgewandter, tüchtiger Berufsge⸗ noſſe, deſſen volkstümliche Schreibweiſe während der Kriegszeit vaterländiſchen Aufgaben manche Freunde 218 Otto Kraus. warb, ein ſchlichter, hilfsbereiter und liebenswürdiger Menſch iſt mit ihm dahingegangen. Auch wer politiſch andere Wege geht, wird dem Verſtorbenen ein ehren⸗ des Andenken bewahren.“ Der(lib.) Mannheimer Generalanzeiger ſchrieb u. a.:„In ſeiner Eigenſchaft(als Lokalredakteur des Mannh. Volksbl.) hat er ſich nicht nur die Hochachtung und Wertſchätzung aller Parteiangehörigen, ſondern darüber weit hinaus auch aller derjenigen erworben, welche unermüdlichen Fleiß und treueſte berufliche Hingabe in vollem Maße zu würdigen wiſſen. Otto Kraus war nicht nur ein vorzüglicher Tagesſchriftſtel⸗ ler, der, aus dem Buchdruckerſtande hervorgegangen, ſich durch Selbſtſtudium ein reiches Wiſſen, namentlich auf ſozialem Gebiete, angeeignet hatte, ſondern der auch in ungezählten Verſammlungen, vor allem in Wahlzeiten, überzeugend und ſachkundig redneriſch für ſeine Partei gewirkt hat. Man ſah ihn deshalb höchſt ungern von hier ſcheiden, als er ſich im Jahre 1912 ent⸗ ſchloß, den Poſten des Sekretärs der Zentrumspartei Oberbadens mit dem Sitze in Freiburg i. B. anzuneh⸗ men. Otto Kraus war in der neuen Stellung, die ihn, wie er uns perſönlich verſicherte, ſehr befriedigte, bald heimiſch und hat im ganzen Oberlande agitatoriſch und ſchriftſtelleriſch eine äußerſt fruchtbringende Tätigkeit entfaltet. Während des Krieges verſah er noch die Ge— ſchäftsleitung des Volksvereinsſekretariats in der ihm eigenen gewiſſenhaften Weiſe. Vor acht Tagen mußte ſich der ſchlichte, liebenswürdige Mann, der durch ſein echt volkstümliches Weſen auch in Kollegenkreiſen ſo überaus ſympathiſch wirkte, ins Krankenhaus wegen einer notwendig gewordenen Bruchoperation begeben, die durchaus glücklich verlaufen iſt. Der Herzſchlag, der geſtern dem arbeitsreichen Leben ein viel zu frühes Ziel ſetzte, kam ganz unerwartet.“ Otto Kraus. 219 Otto Kraus hinterließ eine Witwe mit drei Kin⸗ dern. Im Jahre 1895, 19. Januar, hatte er mit Eli⸗ ſabeth Pohr den Bund der Ehe geſchloſſen. Gott ſchenkte den glücklichen Eltern drei Kinder, die eine vorzügliche Schulbildung an Mittelſchulen erhielten. Otto Kraus war ein beſonderer Verehrer des Her— zens Jeſu. Regelmäßig erſchien er, wie in Mannheim, ſo ſpäter in Freiburg am erſten Sonntag jeden Monats an der Kommunionbank. Noch von ſeinem letzten Ferienaufenthalt, wenige Wochen vor ſeinem Tode, ſandte er ſeinen Angehörigen eine wundervolle Herz— Jeſuſtatue. Es war gleichſam ſein letztes Vermächtnis. Möge das Herz Jeſu, das wir preiſen als unſeren Frieden und unſere Verſöhnung, dem lieben Verſtorbe— nen den himmliſchen Frieden ſchenken. Quellen: Bericht der Chronik Nr. 13 und 14. Jahrgang 1919. Schriftliche und mündliche Mitteilungen von Zeitge⸗ noſſen. Ludwig Marbe, Rechtsanwalt. an ſchrieb das Jahr 1863. An einem Frühlings⸗ tage ſaß in der Landeshauptſtadt Karlsruhe ein junger Rechtspraktikant auf ſeinem ein⸗ ſamen Zimmer hinter den Büchern. In der Seele des grübelnden Herrn tobte und wogte ein Kampf über die großen Fragen Woher? Wohin? Das Lyzeum hatte er durchlaufen; mit Fleiß und Eifer waren auch die Prüfungen in der Rechtswiſſen⸗ ſchaft beſtanden. Nun ſollte er ein praktiſches Jahr bei erprobten Juriſten durchmachen. Die Welt, wie ſie ſich in einer Reſidenzſtadt Tag für Tag im großen und kleinen dem Einzelnen darbietet, beobachtete er ſcharf und genau. Welche Mannigfaltigkeit von Anſchau⸗ ungen in religiöſen Fragen konnte er da hören! Hin⸗ eingeſtellt in den Wirrwarr der Menſchen, mußte er ſelbſt die Wege ſuchen, auf denen er in Zukunft ent⸗ weder als gläubiger Katholik oder als ein glaubens⸗ loſer, oder doch gleichgültiger Beamter wandeln ſollte. Denn das ſtand für ihn feſt, daß eben zwei Heerlager in der Welt aufgeſtellt ſind: die Scharen jener, die treu ihrem Glauben und ihrer Kirche leben, und die Mengen jener, denen Religion Nebenſache iſt. Dieſe Frage brannte wie eine Wunde auf der Seele des Zweiflers. Sein Name war Ludwig Marbe. Er entſtammte einer geachteten Bürgerfamilie in Freiburg im Breisgau. Dort hatte er noch ſieben Brüder. Einer von ihnen, Karl, hatte ſich für den Ludwig Marbe. Prieſterſtand entſchieden und ſtarb als heiligmäßiger Diener Gottes im Jahre 1881. Ludwig trug den Namen ſeines Vaters, der in ſeinem Berufe Metzger war. Die Mutter des Hauſes hieß Anna Kupferer. Beide Eltern waren tüchtige und fleißige Geſchäftsleute. Für die religiöſe Ausbildung der Kinder wurde ein wahrhaft chriſtliches Dienſt— mädchen ein unberechenbarer Segen. Noch im hohen Greiſenalter erzählte einmal Ludwig Marbe dem Hoch⸗ würdigſten Weihbiſchof Dr. Knecht, ſein Vater ſei ganz und gar in ſeinem Handwerk tätig geweſen, auch die Mutter habe alle Kräfte dem Geſchäfte widmen müſſen; wenn er und ſeine Geſchwiſter im ſpäteren Leben eine ſo tief religiöſe Entwicklung genommen, ſo verdanken ſie es einer ſchlichten, braven Magd des Hauſes. Dieſe gott⸗ begnadigte Seele, deren Namen leider nicht überliefert wurde, pflanzte wahre Gottesfurcht, innige Gottes⸗ und Nächſtenliebe in die Herzen der ihrer Pflege anver⸗ trauten Kinder. Wie ein Kleinod bewahrte Marbe die Lehren und Mahnungen, die er von dieſem ſicht⸗ baren Schutzengel auch während ſeiner Lyzealjahre empfangen. Dieſer Glaube der Jugendzeit ſiegte auch in ſeiner Sturm- und Drangperiode, die er in Karls⸗ ruhe durchlebte. Unter dem 24. März 1863 ſchrieb er: „Mein Geiſt iſt ſeit einiger Zeit ſo umwölkt, ich fühle meine beſte Kraft lahmgelegt, all meine Tätigkeit iſt rein mechaniſch; ich warte die Arbeitszeit ab und gehe, weil es Zeit iſt. Jeder meiner Schritte iſt vorher ſchon zehnmal überdacht und meine Berechnung macht mir den Eintritt der Wirklichkeit langweilig, weil ich alles ſchon einmal durchlebt. Meine Berufstätigkeit ſtumpft mich ab, ich ſuche mir das nötige formelle Wiſſen anzueignen, aber in Fleiſch und Blut geht es nicht über, ich bin von anderem Zeug, es widerſteht mir. Alles iſt mir ungenügend in meinem Berufe. Ludwig Marbe. Ich frage ſtets, warum die Notwendigkeit eintrat, die Menſchen durch Gewalt zum Rechttun zu zwingen? Aber gehorchen ſie auch dieſer äußeren Gewalt? Wo Zwang iſt, herrſcht keine Freiheit, nur wo der innere Zwang der Sittlichkeit beſteht, da wohnt die wahre Freiheit. Und dazu nützt das Rechtsgebot, das Staats⸗ geſetz nichts, wenigſtens nicht genügend. Ich kenne dieſen Mangel und ſoll mein Leben lang deshalb daran darben und darnach ſchmachten. Was fühle ich jetzt ſchon für eine Qual! Wie lange ſind mir ſchon die zwei Jahre der praktiſchen Laufbahn! Welch' peinlicher Zwieſpalt hemmt ſchon lange all die in mir ſchlum⸗ mernde, gebundene Kraft! Ich kam zu dem Studium des Rechts, ich weiß nicht wie. Überhaupt trägt mein träumeriſches und vergeudetes Jugendleben nicht wenig zur ganzen jetzigen Seelenſtimmung bei. Etwas fühle ich: Ich habe mein beſſeres Teil gerettet, mein Gemüt, es iſt ſtark geworden unter Leiden, es hat ſich erhoben, wenn es niedergedrückt wurde, es reinigte ſich von den Schlacken und unter mannigfachem Kampf bildete ſich mein Charakter. Iſt das nicht eine Er— rungenſchaft, die die höchſte Geiſtesblüte aufwiegt? Iſt nicht oftmals eine kleine, unedle Handlung imſtande, den größten Geiſtesheros ſeines glänzenden Nimbus zu berauben? Darum, wenn ich mich auch jetzt einſam und ver— laſſen, weil unverſtanden, fühle, ich will nicht verzagen, ich will an meinem Kleinode feſthalten, es wird mich gewiß noch beglücken. Was wird mir aber die Zukunft bieten? Ich beſitze einen Schatz, auf den die Welt recht lüſtern iſt.“— Am 30. März 1869 ſchrieb Ludwig Marbe weiter: „Welcher Lebensweg iſt mir beſtimmt? Wo finde ich für dieſes irdiſche Leben meine Aufgabe und die Mittel zur Erfüllung? Auf welchem Wege gehe ich meiner Ludwig Marbe. ewigen Beſtimmung entgegen? Wie kann ich am meiſten zu Gottes Ehre, zum Wohle meiner Neben⸗ menſchen und zu meinem eigenen Seelenheile bei— tragen? Ich habe die Jurisprudenz erwählt,— ein ſchönes Fach! Sie gewährt dem ſchönſten Verſtande ſtets neuen Stoff, ſich zu üben. Die Mannigfaltigkeit des Lebens bringt es mit ſich, daß die alten Geſetze in neuem Wechſel der Dinge eine neue Anwendung finden. Der Ausfluß der menſchlichen Vernunft,— das Recht, — die geſchriebene Vernunft, das Geſetz, ſie ſind mittel⸗ bare göttliche Offenbarungen und die Beſchäftigung mit Recht und Geſetz iſt eine hohe, menſchenwürdige Aufgabe. Warum fühle ich mich jedoch in dieſem Berufe nicht glücklich? Warum ſtrebe ich weiter? Iſt dieſes nur ein ungewiſſes, träumeriſches Verlangen, nur ein drängendes Gefühl? Das Recht, die Vernunft ſoll unter den Menſchen herrſchen; ſie„ſoll“, und wenn dies nicht freiwillig geſchieht, ſo tritt Zwang ein; allein hierdurch wird nicht die Vernunft, ſondern das Recht wieder hergeſtellt, denn dieſes iſt gebrochen.“—— Einige Tage ſpäter fand der Zweifelnde Rat und Hilfe. Er erzählt:„In meiner größten Not, beinahe am Rande der Verzweiflung, nach langen furchtbaren Stunden, griff ich geſtern abend(2. April) nach dem goldenen Büchlein der Philothea des hl. Franz von Sales. Ich will ja auch ein gottſeliges Leben führen, und gerade dieſes Streben, dieſer Herzenswunſch bringt mich unter den Eindrücken des täglichen Lebens, den Erfahrungen in meinem Berufe, der eingefreſſenen Korruption meiner Umgebung in die furchtbarſte Seelenangſt, in die troſtloſeſte Stimmung, daß ich ent⸗ weder nur in der Flucht aus meinen ganzen bisherigen Verhältniſſen oder in einer ganz einfachen, körperlichen Beſchäftigung mein Heil zu finden hoffe. Der Zwie— ſpalt in meinem Innern wird in meinem bisherigen 224 Ludwig Marbe. Berufe immer ſtärker, denn es widert mich ſowohl die Ungenügendheit desſelben an, als auch der Gedanke, daß ich vielleicht in Zukunft nur um den Preis meiner heiligſten Überzeugung, jedenfalls um die Unter⸗ drückung und die Verſchweigung derſelben imſtande bin, eine entſprechende Lebensſtellung zu erwerben und zu bewahren. Ich befand mich geſtern nachmittag, wie ſchon bemerkt, durch derartige Betrachtungen ver⸗ anlaßt, in einer ſchrecklichen Lage. Ich nahm das glückliche Büchlein zur Hand, und ſchon auf den erſten Seiten entzückte mich der Gedanke, der Wunſch des Verfaſſers, für diejenigen Seelen eine Anleitung zum gottſeligen Leben zu ſchreiben, die mitten in der Welt, in den verſchiedenſten Stellungen und Verhältniſſen nach dem Willen Gottes leben wollen. Das iſt auch meine Aufgabe, mein ſehnlichſter Wunſch, und nur der Mangel an Anleitung, die Schwierigkeiten der Vollfüh⸗ rung ſind es, die ſo viele ſchwere Stunden bereiteten. Ich las mit Aufmerkſamkeit und nach Anflehung des göttlichen Beiſtandes den erſten Teil und ſchöpfte aus den herrlichen Betrachtungen ſchon manchen Troſt. Ich fand, daß nur unſere ſündige Unvollkommenheit die Urſache unſeres Leidens und der Grund der Entfer— nung vom lieben Gott iſt. Und was war natürlicher, als daß ich von dieſer Lektüre angetrieben auf meinen eigenen Seelenzuſtand hinblickte und meine Sünden offen vor mir ausge— breitet ſah? Mein Mangel an Vertrauen zu Gott, meine Trägheit, meine Liebloſigkeit, die Unbezähmtheit meiner ſinnlichen Gelüſte ſind ebenſo ſchwere als be— gründete Anklagen meines eigenen Gewiſſens. Ich ſank nieder auf die Knie, flehte um den rechten Buß⸗ geiſt, durchforſchte mein Inneres und fand ſo viele Schlacken. Ich entſchloß mich, dorthin zu eilen, wo die Kirche in ihrer Weisheit und Güte den Thron errichtet Ludwig Marbe. 225 hat, wo der Heiland ſelbſt in der Perſon ſeines Dieners auf unſer reumütiges Bekenntnis hin uns losſpricht von unſerer Sündenſchuld. Ich trat in der Dämmerung in die Hallen der Kirche (St. Stephan in Karlsruhe); bald umgab mich voll⸗ ſtändiges Dunkel und nur die ewige Lampe und ein kleines Licht wieſen mir den Weg zum Beichtſtuhle. Ich kniete nochmals zerknirſcht nieder und trug meinem lieben Gott mein ganzes Anliegen vor. Ich flehte ihn an um rechte Reue und klare Einſicht in meinen ganzen Seelenzuſtand. Ich bat ihn um ſeine Gnade und all— mählich trat eine ungekünſtelte Ruhe in meinem Herzen ein, in welcher Stimmung ich mich ſodann zum Beicht⸗ ſtuhle begab.— Welche Wonne! Ich bin losgeſprochen; der Grund der Unnahbarkeit meines Gottes und Heilandes iſt ent⸗ fernt; ich bin nun zubereitet, ihn würdig und freudig zu empfangen. Er gewährt mir nun ſeine Hilfe, gewährt mir Mut und Stärke und führt mich auf den Lebens⸗ weg, der mir beſtimmt iſt und auf dem ich meinem Gott zu Ehren, meinen Nebenmenſchen zum Heil und mir ſelbſt zum Wohle für dieſes und das ewige Leben dienen und wirken kann. Getröſtet kehrte ich aus dem Gottes⸗ hauſe heim und verharrte den Abend in glücklicher Ruhe und andächtiger Stimmung. Ich gedachte meiner Lieben in der Heimat und in der Ferne, betete für ihr leibliches und geiſtiges Wohlergehen, bat ſie um Ver⸗ zeihung wegen meines Argwohnes und meiner Lieb⸗ loſigkeit, empfahl meine Seele Gott und ein ſeliger Schlaf umfing bald meine äußeren Sinne. Das Morgengrauen ſah mich auf dem Wege zur Kirche, es war ein wonniglicher Gang, das andächtige Volk war bereits um ſeinen ehrwürdigen Prieſter— Dekan Gaß— verſammelt. Ich kniete nieder; der Introitus und das Staffelgebet riefen mir ins Ge— Dor, Edle Männer. 15 226 Ludwig Marbe. dächtnis, daß es 12 Jahre heute ſind, als mich der Heiland das erſte Mal mit dem Genuſſe ſeines hl. Leibes beglückte. Ich dankte Gott für die Gnaden meines Lebens, für alles Gute, was er mir ſeitdem getan; für alle Sorgen und Bitterkeiten, die ich er⸗ fahren. Ich dankte ihm für meine Sünden, denn ſie waren der Grund ſeiner Erbarmung, und bat ihn flehentlich um Verzeihung. Mein ſtändiger Begleiter, die Nachfolge Chriſti, er⸗ quickte durch die herrlichen Worte ſeines vierten Buches meine lechzende Seele. Die Worte des Prieſters über die Offenbarung erhielten mich nebſt dem innerlichen Gebete in jener ſeligen Stimmung, in der die himm⸗ liſchen Geiſter ſich befinden müſſen, die den Sohn Gottes von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen. Der glückliche Moment kam heran und mit ihm die Erfüllung meiner Wünſche. Meine Seele war erfüllt mit Dank gegen Gott und mit der Bitte um ſeine Hilfe. Ich rief ja in meiner höchſten Not und er verſprach denen, die zu ihm rufen, Erhörung. Wohl ſah ich meine Torheiten ein, daß ich kein unmittelbares Eingreifen Gottes in meinen Lebensweg erwarten darf, es ſoll ja alles unter dem wirkſamen Beiſtand Gottes mein Werk ſein, aber ich flehe um Mut und Stärke, um Erleuchtung und Segen. Und ſiehe!— Ich erſtarkte in meinem Entſchluſſe, in meinem Berufe auszuharren. Es iſt ſchwer, in der heutigen böſen Welt zu leben, aber was ſoll aus ihr werden, wenn diejenigen, welche das irdiſche Leben mit den von Gotttes Gnade erleuchteten Augen anſehen und die Mittel kennen, womit allein in allem Irrſal und Jammer geholfen werden kann, wenn dieſe ſelbſt ihr den Rücken kehren? Es iſt feige, der Gefahr, in die wir uns nicht mutwillig begeben, auszuweichen. Da zeige deinen Mut, da erfülle deine Pflicht. Du kannſt Gott dienen in jedem Berufe, und gerade wenn Ludwig Marbe. 227 du in treuer Erfüllung deiner weltlichen Aufgaben aus⸗ harrſt und trotz Verſpottung und Verfolgung deiner Geſinnung deine dir obliegende Pflicht erfuͤllſt, tuſt du ebenſo den Willen Gottes als echter Diener und Erbe des Reiches Gottes. Darum folge ſeiner Einladung, benutze weiſe deine Zeit und all dir zu Gebote ſtehenden Mittel, du wirſt ein gutes Ziel erreichen, mit Gott und für Gott. Soll ich daran gehen, um den Preis meiner ber— zeugung mein Leben der Welt zu widmen? Der Geiſt kann ſich ihr dienſtbar machen, nimmermehr aber das Herz. Die Liebe muß frei ſein. Was nun beginnen? Ich will arbeiten an meiner eigenen Beſſerung und zur Veredelung und Befreiung meiner Mitmenſchen meine ganze Kraft aufwenden. An ſich ſelbſt muß jeder Hand anlegen, in ſeinem Kreiſe wirken, wenn es mit der Menſchheit im ganzen und auch nur langſam beſſer werden will. Zu dieſer meiner Einſicht in das Ungenügen meiner Berufstätigkeit, der Unzulänglichkeit aller mir zu Ge⸗ bote ſtehenden Mittel kommt noch die ſyſtematiſche Be⸗ förderung der Charakterloſigkeit in unſerer Zeit. Ich müßte zum Heuchler werden und mich mein Leben lang ſchämen, wenn ich, um meiner äußeren Lebensſtellung willen, meine Geſinnung, meine religiöſen und politi⸗ ſchen Anſichten niederhalten würde. Nein! Meine Überzeugung ſoll mir über alles teuer ſein, mit ihr hoffe ich eine Lebensſtellung zu erringen. Darum her⸗ aus mit der inneren Überzeugung auf den Markt des Lebens.— Das eine Ziel ſoll mitten in allen Drangſalen und Mühen mir vorſchweben— es iſt Gott und ſeine Offenbarung. Darin erblicke ich die Aufgabe meines Lebens. Mit Gott und für Gott!“ In dieſen Tagen bangen Zweifels wandte ſich der mißſtimmte junge Mann an Hofrat Karl Zell, einem 13 228 Ludwig Marbe. damals im ganzen Lande verehrten Vorkämpfer und Führer der Katholiken. Er ſchilderte in dem Schreiben ſeine Qualen. Hören wir einige Stellen:„Die Er⸗ ziehung meiner Jugend war in die Hand treuer, liebe— voller mütterlicher Herzen gelegt. Alle rauhen Ein⸗ drücke des Lebens hielten ſie von uns ab. Die Eltern wachten über die Regungen meines Herzens und um⸗ fingen mich mit einer ängſtlichen, kurzſichtigen Liebe. Die junge Pflanze gedieh in dieſem milden Garten, allein es fegte bald der rauhe Wind darüber hin und ungewohnt, ſich dagegen zu ſchützen, bog ſie ſich zu⸗ ſammen und ſenkte ihren Kopf. Da draußen im Leben zeigte ſich mir ſo manches, von dem ich zu Hauſe nichts oder das Gegenteil gehört hatte. Ich ſah ſoviel, was man mir als Unrecht verboten. Wenn ich arglos je⸗ manden gefunden glaubte, der mit mir das gleiche Streben im Buſen trage, mußte ich nach kurzer Weile mich mit dem bitteren Gefühle der Täuſchung entfernen. Nicht einige Male ſollte ich dieſe Erfahrungen machen, ſondern es geſchah unzählige Male. Immer raffte ich mich wieder auf, bot wieder meine Hand und mein Herz dar, um wieder das gleiche Los zu erfahren.“ Auch darüber erhalten wir Aufſchluß, warum ſich der Ratſuchende gerade an Hofrat Zell wandte. Er verſicherte dem erprobten Kämpfer:„Ich hege eine unbegrenzte Hochachtung für Sie, da ich weiß, daß Sie ein reiches, tätiges Leben hinter ſich haben, daß Sie mit Mut und Kraft, mit Ruhe und Gottvertrauen kämpfen für Gott und ſeine Wahrheit. Ich weiß, daß Sie unbeirrt daſtehen in dieſer charakterloſen, ſchwächlichen Welt.“ Es war ein Glück, daß der erfahrene Schulmann Zell einem Zweifler liebevolle Antwort ſandte, denn ſeine Worte bildeten für Marbe Leitſtern in eine dunkle Zukunft. Der neugeſtärkte Rechtspraktikant hatte bald Ludwig Marbe. 22 nachher eine feſte Stellung in dem Städtchen Stockach erhalten. Zell gab ſeiner Freude darüber in einem Briefe kund:„Ich höre,“ ſo ſchrieb er,„mit Befriedi⸗ gung von der neuen Geſchäftstätigkeit, in welche Sie eingetreten ſind. Ich ſehe darin einen Beweis von der günſtigen Meinung, welche die darüber entſchei— denden Perſonen von Ihrer Befähigung haben. Zu⸗ gleich halte ich es, wie ich Ihnen ſchon bei unſerer erſten Unterhaltung ſagte, für ſehr gut und faſt für not⸗ wendig, daß ein junger Mann ſobald als möglich zu einer beſtimmten geregelten, äußeren Geſchäftstätigkeit in ſeinem Berufe gelange. Gewiß wird bei vielen und nicht ſelten bei den achtbarſten Charakteren eine ſolche äußere Geſchäftstätigkeit den Geiſt nicht ausfüllen, nicht befriedigen. Sie werden öfters das Bedürfnis fühlen, ſich in Ihrem Denken und Wollen über das Getriebe äußerer Geſchäftstätigkeit und überhaupt des äußeren Lebens zu erheben oder ſich davon zu befreien; denn manches, was Sie hier wahrnehmen und wovon Sie berührt werden, wird Ihnen wertlos, oft auch wider⸗ wärtig vorkommen. Sie werden es vielmehr vorziehen, getrennt von der Außenwelt ſich mit Ihren eigenen Gedanken, Anſchauungen und Gefühlen zu beſchäftigen. Wenn aber bei dieſem Zurückziehen von der Außen— welt auf uns ſelbſt auch edle Motive zu Grunde liegen, ſo iſt doch zugleich oft, ohne daß wir ſelbſt uns deſſen klar bewußt ſind, eine gewiſſe Schwäche, eine gewiſſe zu geſteigerte Empfindlichkeit und Reizbarkeit dabei im Spiele. Ein gewiſſes Gleichgewicht zwiſchen unſerem Leben nach außen und zwiſchen unſerem eigenen inneren Leben iſt zur Erhaltung der Geſundheit unſerer Seele notwendig, gehört zur Diätik der Seele. Wie wir aber die Pflicht haben, für die Geſundheit unſeres Leibes zu ſorgen, ſo gilt dasſelbe von der Geſundheit der Seele. Sie, geehrter Herr, ſcheinen mir nach unſerer 230 Ludwig Marbe. erſten, und bis jetzt einzigen Unterredung zu ſchließen, zu denjenigen Charakteren zu gehören, welche etwas zu ſehr geneigt ſind, ſich von der äußeren Welt abzu⸗ ſchließen, ſich auf Ihr Inneres zurückzuziehen, weil Sie manches in der Außewelt vielleicht verletzt und ent⸗ mutigt. Wenn ich Ihnen, geehrter Herr, einen Rat geben darf, ſo wäre es der: widmen Sie ſich mit Eifer und gutem Mut Ihrer Geſchäftstätigkeit; benützen Sie dieſe Zeit und Gelegenheit auf das beſte, um ſich in Ihrem juriſtiſchen Berufsfach weiter auszubilden und um bei dem nächſten Termin das zweite praktiſche Staatsexamen zu machen. Sie haben auf die Vor⸗ bereitung zu dieſem Ihrem Berufe, der Ihnen Gelegen⸗ heit gibt, auf eine erſprießliche Weiſe für das Gute dereinſt zu wirken, ſo viele Zeit und Mühe verwendet, daß Sie nun zunächſt und vor allem daran denken müſſen, hierin zu einem Abſchluß zu gelangen.“ „Sie können mit gutem Mute zu dieſem Ziele hinarbeiten und überhaupt Ihrer Zukunft im Leben entgegenſehen. Gott hat Sie mit den nötigen Gaben und mit den äußeren Mitteln ausgeſtattet, um eine gute Erziehung und die Bildung für Ihren Beruf zu ge⸗ winnen; er hat Ihnen eine würdige, Sie liebende Mut⸗ ter und liebende Geſchwiſter gegeben, er hat Sie in religiöſer und kirchlicher Beziehung den Weg finden und einhalten laſſen, welchen wir für den allein heil⸗ ſamen und wahren halten. Haben Sie hierin nicht alle Urſache, ſich vor vielen anderen glücklich zu ſchätzen und mit Zuverſicht und heiterem Mute der Zukunft entgegenzuſehen? Mit Gottes Beiſtand wird Ihnen dieſe Zukunft, welche Ihnen eine erſprießliche Tätigkeit zum allgemeinen Beſten und Zufriedenheit bringt, ge⸗ wiß nicht fehlen. Dies iſt es, was Ihnen von Herzen wünſcht Fbg., 4. Okt. 1865.“ Ihr Zell. Ludwig Marbe. 231 Wer wünſchte nicht, daß dieſe abgeklärte Weisheit eines in der Wiſſenſchaft und Erfahrung des Lebens erprobten Gelehrten allen unſeren Gebildeten der letzten fünf Jahrzehnte wäre ins Herz gelegt worden? Wahrlich, wir hätten es weniger oft beklagen müſſen, wenn aus vornehmen Kreiſen die Prieſter der Kirche für die Aufgaben im öffentlichen Leben ſo wenig Hilfe und Förderung fanden. Dieſes Sichzurückziehen auf den Beruf, das Fernbleiben in den großen Kämpfen der abgelaufenen Epoche hat den höheren Schichten ſelbſt am meiſten geſchadet; denn als die Umwälzung nach dem Kriege kam, riſſen die Männer aus den unteren Klaſſen die Herrſchaft an ſich, die Gebildeten wurden zum größten Teil übergangen. Von Stockach erhielt Marbe eine Berufung nach Offenburg. Er kam zu Anwalt Eckhard, der damals ſein Landtagsmandat ausübte. Eine Fülle von Arbeit erwartete hier den jungen Juriſten, doch er genügte mehr als ſeiner bloßen Pflicht. Darum konnte ſein Vorgeſetzter am 6. Mai 1867 ihm das ehrenvolle Zeug⸗ nis ausſtellen:„Mit dem perſönlichen Verhalten des Herrn Marbe im Dienſte und außer demſelben kann ich nur meine vollſtändige Zufriedenheit ausſprechen. Was den Fleiß des Herrn Marbe betrifft, ſo leiſtet der⸗ ſelbe weit mehr, als ich nach unſerem Vertrage und nach allgemeinem Herkommen von ihm fordern durfte. Die größten Prozeſſe meiner Praxis erfordern nicht allein gründliches Aktenſtudium, ſondern auch ſtetes Umſehen in den Wiſſenſchaften, und ich habe bis jetzt gefunden, daß Herr Marbe nach beiden Richtungen hin ſeine Pflicht getan hat.“ Im Sommer 1867 machte Marbe ſtudienhalber eine größere Reiſe nach Berlin und Paris. Vor ſeinem Ab⸗ ſchied in Offenburg ſchrieb er unterm 30. April 1867: „Mit dem heutigen Tage beſchließe ich meine Tätigkeit 0 232 Ludwig Marbe. dahier. Wenn ich zurückblicke auf meine Arbeiten wäh⸗ rend 20 Monaten, darf ich mir mit Freuden ſagen, daß ſie eine für Geiſt und Herz erſprießliche war und daß ſie vielfache Anerkennung gefunden. Zumeiſt aber und vor allem muß ich dem lieben Gott Dank ſagen, daß er mir ſeine Gnade und Hilfe zuteil werden ließ. Die Vergangenheit berechtigt mich zu dem frohen Hoffen, daß meine Zukunft, mag es mir ergehen, wie es will, für mich und meine Mitmenſchen eine glückliche ſein wird. So ſcheide ich von hier mit denſelben Wor⸗ ten, mit denen ich begonnen:„Mit und für Gott!“ Von der Reiſe zurückgekehrt, erhielt Marbe eine Anſtellung als Referendar in Boxberg. Amtsrichter Bauer ging in Urlaub. Am 17. September ſiedelte er nach Baden-Baden über, wo er beim Kreisgericht tätig war. Nur wenige Monate weilte er in-der berühmten Bäderſtadt. Aus ſeiner religiöſen Überzeugung hatte Marbe bisher kein Hehl gemacht, auf politiſchem Ge⸗ biete aber beachtete er eine mehr zuſchauende Zurück⸗ haltung. Jetzt trat er nun plötzlich in die Reihen der führenden Männer. In jenem Jahre 1868 ſtand näm⸗ lich die Schulfrage in allen Verſammlungen auf der Tagesordnung. Es handelte ſich um Abſchaffung der ſeitherigen konfeſſionellen Schule und Einführung der gemiſchten oder Simultanſchule. In Baden-Baden ſollten die Lehrfrauen vom hl. Grabe aus der Mädchenſchule, wo ſie bisher den geſamten Unterricht erteilt haben, ent⸗ fernt und durch weltliche Lehrerinnen erſetzt werden. An der Kloſterſchule mit ihrem damaligen katholiſchen Charakter und an den Chorfrauen hing jedoch die Be⸗ völkerung mit großer Liebe. Der Kampf um die Schule wogte ohne Entſcheidung hin und her. Um ein klares Reſultat zu erzielen, ordnete das Großh. Bezirksamt auf den 23. Oktober 1868 eine Abſtimmung an, wo⸗ durch die Familienväter ſelbſt ihren Willen zu der An⸗ —— Ludwig Marbe. 233 gelegenheit äußern ſollten. In jenen heißen Kampfes⸗ tagen lernte Marbe den Volksredner Jakob Lindau zum erſten Male kennen, der durch ſeine feurigen, zündenden Worte faſt alle Bürger in der Fremdenſtadt zu begeiſtern wußte. Jetzt war für unſeren Juriſten die Stunde gekommen, aus der Zurückhaltung heraus⸗ zutreten und ſich mutig den Führern der damaligen katholiſchen Volkspartei anzuſchließen. Die Abſtimmung ſtärkte noch ſeinen Mut, denn von allen Bürgern in Baden⸗Baden ſtimmten 560 für Beibehaltung der ſeit⸗ herigen Schule und nur 56 für die Simultanſchule. Einige Wochen ſpäter ſtand Marbe bereits an der Spitze einer größeren Verſammlung katholiſcher Männer, und unter ſeiner Leitung und Weiſung wurde am 8. Dezember 1868 ein katholiſcher Männerverein gegründet. Bereits am 1. Dezember desſelben Jahres hatte er ſein Geſuch um Aufnahme in den Anwaltsſtand ein⸗ gereicht. Mitte Januar 1869 kehrte er in ſeine Vater⸗ ſtadt Freiburg zurück. Mit den führenden Männern in Baden⸗Baden blieb er zeitlebens in freundſchaft⸗ lichem Verkehr. Beim 30. Stiftungsfeſte am 6. Januar 1898 hielt er daſelbſt die Feſtrede und bei der Fahnen⸗ weihe 1892 hatte er das Diplom als Ehrenmitglied er⸗ halten. Am 26. Januar 1869 ſchrieb Marbe in einer Auf⸗ zeichnung:„Heute, am 32. Jahrestage der Ver⸗ heiratung meiner lieben Eltern, habe ich in feierlicher G51 meinen Anwaltseid geleiſtet:„Mit Gott für 5 In Freiburg trat der junge Herr in einen Kreis der bedeutendſten Männer jener Zeit, an deren Vorbild er ſeine eigene Glaubenstreue und Schaffensfreudigkeit bildete und ſtählte. Wir nennen nur einige Namen wie Ritter von Buß, Freiherr von Andlaw, Hofrat 234 Ludwig Marbe. Zell; die Profeſſoren Alban Stolz, Alzog, dann die Domherren Weikum, Behrle und Schmitt. An Anwalt Otto von Wänker ſah er ein herrliches Vorbild eines ausgezeichneten Juriſten. Marbe zeigte in ſeinem ganzen Weſen den Mann vornehmer Geſinnung und Bildung. Ein langjähriger Freund von ihm, Superior Mayer, ſchreibt darüber: „Sein Auftreten in öffentlichen Verſammlungen, deren er unzählige abgehalten, wie insbeſondere bei den Ver⸗ teidigungsreden im Gerichtsſaal war würdevoll und abgeklärt, wiewohl in den erſten Jahren eine gewiſſe Maniriertheit an ihm beobachtet wurde. Mit der Zeit ſchälte ſich dieſelbe los und Marbes Perſönlichkeit zwang Freund und Feind Achtung ab.“ Mit Vorliebe nahm ſich der edelgeſinnte Mann der Unterdrückten, der zu Unrecht Verfolgten und Be⸗ drängten an. Zahlreiche Schützlinge fanden an ihm einen Retter und Fürſprecher. Die weite Offentlichkeit erfuhr ſelten etwas von ſolchen ſtillen Werken der werk— tätigen Nächſtenliebe des Heimgegangenen. Doch drei Großtaten müſſen wir kurz ſchildern. Durch ſie erhielt Marbes Name nicht nur einen hellen Klang im ganzen Lande und darüber hinaus, ſondern ſie waren auch ge⸗ eignet, daß Hiſtoriker ſie in ihre Schilderung der Kul⸗ turkampfsjahre einreihten. Ein hohes Verdienſt er⸗ warb ſich Marbe in den erſten Jahren ſeiner Freiburger Tätigkeit um die Schweſtern auf dem Lindenberg bei St. Peter. Es iſt ein düſteres Bild, das wir hier dem Leſer vorführen müſſen. Wer von Kirchzarten auf die Höhen von St. Peter hinaufpilgert, ſieht zur Rechten den Lindenberg mit einem alten Wallfahrtskirchlein. Viele Jahrzehnte kam faſt niemand mehr zu dieſem einſamen Heiligtum; denn die Zeiten waren durch die Kämpfe zwiſchen Staat und Kirche ungünſtige. Erſt Subregens Theodor Lender, Ludwig Marbe. 235 der um die Mitte des 19. Jahrhunderts als Lehrer im benachbarten Prieſterſeminar ſegensreich wirkte, er⸗ weckte wieder neues religiöſes Leben an dieſer Gnaden— ſtätte. Er gründete eine Vereinigung ehrſamer Jung⸗ frauen, die nach der Regel des hl. Franziskus durch Gebet und Arbeit Gott dienen wollten. Am 9. März 1852 kaufte Katharina Ruf, ein Mitglied dieſer Ver⸗ einigung, ein Wohnhaus mit einigen Gütern für 8000 Gulden. Zu dieſer Summe ſteuerten auch andere Jung⸗ frauen nach ihren Vermögensverhältniſſen bei. Einige Jahre lebten ſie hier gemeinſam, trugen weltliche Klei⸗ dung und beobachteten in ihrem ganzen Tun und Laſſen die Satzungen, wie ſie der hl. Franziskus für den ſogenannten dritten Orden aufgeſtellt hat. Dieſe Tertiarierinnen bildeten keine kirchliche Genoſſenſchaft, legten auch keine feierlichen Gelübde ab. Um noch beſſer die religiöſen Vorſchriften erfüllen zu können, kauften ſie am 5. Juni 1855 die Wohnung hinter dem Heiligtum auf dem Lindenberg. Dieſes Haus wurde entſprechend umgebaut, ein Betſaal eingerichtet und auch ein beſcheidenes Heim für einen künftigen Wall⸗ fahrtsprieſter vorgeſehen. Mit jedem Jahre meldeten ſich mehr Jungfrauen aus der Nähe von St. Peter und deſſen weiteren Umgebung Das Vermögen der ein— zelnen wurde verwendet, die Bauſchulden zu tilgen und Fahrniſſe anzuſchaffen, um eine kleine Landwirtſchaft zu betreiben. Dafür durften die Mitglieder auf lebens⸗ längliche Verpflegung in geſunden und kranken Tagen Anſpruch erheben. Etwa im Jahre 1858 führten ſie in dem Kirchlein die ewige Anbetung ein, d. h. immer knieten abwechslungsweiſe einige Jungfrauen vor dem Allerheiligſten zum Lob und Preis des im Tabernakel verborgenen Heilandes; die übrigen Jungfrauen be— ſorgten Marthadienſte, d. h. ſie regten fleißig ihre Hände zur Arbeit, im Hauſe und auf den Feldern. 236 Ludwig Marbe. Das gute Beiſpiel dieſer ſchlichten und einfachen Per⸗ ſonen wirkte für weite Kreiſe erbauend. Der Gemeinde- rat von Unteribental, zu dem der Lindenberg gehört, ſpendete ihnen durch ein Schriftſtück vom 28. Dezember 1868 folgendes Lob:„Dieſelben bebauen ihr Grund⸗ eigentum mit ſolchem Fleiß, ſolcher Umſicht und ſolchem Vorteil in jeder Hinſicht, daß jedermann ihnen das Zeugnis als tüchtige Okonomiſten und Beförderer der Landwirtſchaft im vollſten Maße geben muß. Gegen ihre Umgebung und Mitbürger ſind ſämtliche Be⸗ wohner des Lindenbergs friedſam und zuvorkommend, uneigennützig, dienſtfertig und beſcheiden, pünktlich und gehorſam in ihren Pflichten gegen die Gemeindever— waltung und die obrigkeitlichen Befehle.“ Am 18. Dezember 1868 fand nun unerwartet im Auftrage des Miniſters Jolly, der hinter der Vereini⸗ gung einen eigentlichen Orden vermutete, eine Unter⸗ ſuchung ſtatt. Man ſchützte vor, es fehle dieſer Nieder⸗ laſſung die Staatsgenehmigung, da nach dem Geſetz vom 21. November 1867 religiöſe Vereinigungen auf⸗ gelöſt oder verboten ſeien. Gegen dieſe Eingriffe verfaßte Anwalt Otto von Wänker eine Denkſchrift, reichte ſie dem Miniſterium ein und zeigte mit klaren Beweiſen, daß auf dem Lindenberg keine Ordensniederlaſſung ſtattgefunden, denn die Regel, wie ſie von den Jungfrauen beobachtet werde, ſei für Laien in der Welt. Doch allen Einſprachen zum Trutz wurde dieſe ge⸗ lübdeloſe Kongregation am 11. Februar ausgewieſen. Es kamen drei Leiterwagen, um die 41 Schweſtern fortzuſchaffen. Ein Teil von ihnen fand gaſtfreundliche Aufnahme bei den Bauern von St. Peter, ein anderer Teil klopfte bei den Benediktinerinnen in Othmarsheim (Elſaß) an. Ein Schrei der Entrüſtung ging durch die Reihen der wahrhaft treuen Katholiken Badens, zahl— Ludwig Marbe. 237 reiche Kundgebungen, beſonders aus Freiburg, zeigten dieſen Opfern einer brutalen Unterdrückung die Teil⸗ nahme aller Edelgeſinnten. Vier Schweſtern konnten wegen Krankheit dieſe Einſiedelei nicht verlaſſen, zwei andere, die Eigen⸗ tümerinnen des Beſitztums waren, durften verbleiben, doch dieſe waren außerſtande, alle Güter ringsum zu bebauen. Einige Verbannte wollten nun als einfache Mägde verbleiben, doch ſie erhielten vom Bezirksamt nur die Freiheit, bei Feldarbeiten mitzuhelfen, ohne aber Koſt und Wohnung im Hauſe zu nehmen. Rechtsanwalt Marbe hatte in dieſer ſchweren Zeit den treuen Hüterinnen des Heiligtums vom Lindenberg in jeder Weiſe ſeinen Beiſtand gewährt. Nach dem Tode der beiden Hauseigentümerinnen übernahm der hochherzige Mann das ganze Anweſen, um die Wall⸗ fahrt zu retten. Das war ein ſchweres Opfer, denn das Anweſen ſamt Fahrniſſen koſtete ihn gewaltige Summen. Aus den Geldern mußten die vertriebenen Schweſtern verſorgt werden. Die jährliche Verpflegungsſumme wurde für jede einzelne auf 300 Mk. angeſetzt, was für ge Schweſtern ein Kapital von 73 520 Mk. voraus⸗ etzte. Es kamen wieder neue Schwierigkeiten. Veronika Benitz, die Eigentümerin des Anweſens, hatte kurz vor ihrem Tode im Jahre 1878 durch ein Teſtament unſeren Rechtsanwalt Marbe ohne deſſen Vorwiſſen und Zu⸗ ſtimmung zum Univerſalerben ihres hinterlaſſenen Ver⸗ mögens eingeſetzt. Mit dem Schreiben ſollte der obige Kaufvertrag ungültig ſein und Marbe mußte mit dem Erbe alle Laſten übernehmen. Die Hauptverpflichtung beſtand darin, für die noch lebenden Schweſtern zu ſorgen. Sobald Veronika Benitz aus dieſer Zeitlichkeit ge⸗ ſchieden war, erſchienen deren Verwandte aus Breitnau 238 Ludwig Marbe. und erhoben Anſpruch auf das Vermögen der Ver⸗ blichenen. Es kam zu langwierigen Prozeſſen, zuerſt vor dem Landgericht in Freiburg, dann vor dem Ober⸗ landesgericht in Karlsruhe und ſchließlich vor dem Reichsgericht in Leipzig. Endlich fand unter den ſtrei⸗ tenden Parteien im Jahre 1883 ein Vergleich ſtatt; der Prozeß hatte über 10 000 Mk. Koſten verurſacht. Marbe ſorgte dann für alle Schweſtern bis zu ihrem Ableben. Endlich im Jahre 1906, da alle ehemaligen Mitglieder der Vereinigung bis auf zwei in die Ewig⸗ keit eingegangen waren, verkaufte er das Anweſen an die Gemeinde Unteribental. Den Erlös ſchenkte er dem Kapellenfond auf dem Lindenberg, um einen Wallfahrtsgeiſtlichen zu unterhalten. Eine zweite Ruhmestat wahrer Nächſtenliebe unſeres Anwaltes erzählt die Geſchichte aus den ſieb— ziger Jahren, da die Neuprieſter bei uns in Baden gezwungen waren, eine Fahrkarte ins Ausland zu nehmen. Das Geſetz vom 19. Februar 1874, das Jolly mit aller Rückſichtsloſigkeit durchführen ließ, hatte die Be⸗ ſtimmung, daß nicht bloß zur Zulaſſung zu einem Kirchenamte, ſondern auch zur Vornahme öffentlicher Funktionen ein beſtimmtes umgrenztes Examen vor einer lediglich vom Staate geſetzten Prüfungskommiſ— ſion von den Prieſteramtskandidaten abgelegt werden müſſe. Der Biſchof verbot aber den Geweihten, dieſe Forderungen zu erfüllen. Jetzt traten landauf und landab die vorgeſehenen Strafbeſtimmungen in Kraft, ſo oft ein Prieſter, der nach dem Jahre 1873 geweiht war, irgendwelche Mitarbeit in der Seelſorge leiſtete oder kirchliche Funktionen vornahm. Nicht wenige die⸗ ſer Unglücklichen mußten Monate hindurch in Gefäng⸗ niſſen niedrige Sträflingsarbeiten verrichten. Ludwig Marbe trat vor zahlreichen Gerichten im Ober- und Ludwig Marbe. Interland als Verteidiger dieſer Schutzloſen auf. Kein Laie in der ganzen Erzdiözeſe hat damals ſo helden— mütig ſich um dieſe Opfer des Kulturkampfes ange⸗ nommen. Eine dritte Tat hochherziger Geſinnung ſei noch er⸗ wähnt. Nicht nur gegen junge Geiſtliche, auch gegen den unvergeßlichen Erzbistumsverweſer Lothar von Kübel ging in jenen Jahren des Kirchenſtreites die Staatsregierung vor. Dr. Schofer berichtet in ſeiner Lebensbeſchreibung„Lothar von Kübel“(S. 194 f.): „Der Biſchof war vom Gerichte wegen Anſtellung von Neuprieſtern verurteilt worden. Das Urteil lautete auf 500 Mk. oder im Falle der Unbeibringlichkeit auf 10 Wochen Gefängnis. Wie mit dem badiſchen Sperr⸗ geſetz, ſo kam Lothar auch wegen des hohenzolleriſchen Teiles ſeiner Diözeſe mit den preußiſchen Maigeſetzen in Konflikt. Es erfolgten zur Begleichung der Straf⸗ ſummen mehrere Pfändungen. Die Möbel des Biſchofs wanderten in das Pfandlokal, wo ſie am 17. April 1875 unter großem Andrang des Volkes verſteigert wurden. Allein ſo viel Leute auch da waren, es er⸗ folgte kein Angebot. Anwalt Marbe blieb der einzige Steigerer. 580 Mk. mußten erlöſt werden. Er bot dieſe Summe, wiewohl die Möbel den Preis nicht wert waren. Dann ließ er eine notarielle Urkunde aus⸗ ſtellen, daß die erſteigerten Gegenſtände dem Bistunis⸗ verweſer zum Gebrauch überlaſſen werden. Am 27. Mai fanden aber nochmals Pfändungen beim Biſchof ſtatt, ebenſo, wie man ſich erzählt, am 17. Juni. Am 25. Juni wurde die zweite Verſteigerung ab⸗ gehalten. Sie verlief wie die erſte. Auch dieſes Mal ſteigerte Marbe die Möbel. Ahnlich erging es am 14. September. Bei den von Marbe in jenen Jahren geführten Prozeſſen handelte der hochherzige Jünger der Caritas 240 Ludwig Marbe. in wahrhaft chriſtlichem Sinne, indem er ſeinen vielen geiſtlichen Klienten die Koſten ganz oder teilweiſe er⸗ ließ. Mit Recht durfte darum beim Tode des ſelbſt⸗ loſen Mannes der Vorſtand der badiſchen Anwalts⸗ kammer in ſeinem Beileidsſchreiben verſichern:„Der Verſtorbene hat durch ſeine hervorragende Tüchtigkeit und unwandelbare Lauterkeit bei Ausübung ſeines Berufes unſerem Stande immer Ehre gemacht.“ Das mutvolle Auftreten Marbes bewog die Führer im politiſchen Leben, ihn auch den Wählern als Abgeordneten in Vorſchlag zu bringen. Schon im Jahre 1871 wurde er für den Bezirk Freiburg⸗Land von der damaligen katholiſchen Volkspartei als Kandi⸗ dat aufgeſtellt. Die Wahl verlief günſtig. Der Ge⸗ wählte gehörte dann bis 1879, alſo auf vier Land⸗ tagen, zu den Mitgliedern der zweiten badiſchen Kam⸗ mer. In ſchweren Zeiten, als die Zentrumspartei in unſerem Heimatlande faſt zuſammengebrochen war, ließ er ſich trotz ſchwerer Bedenken wieder wählen und verblieb bis 1895. Dem Reichstage gehörte Marbe als Vertreter des 5. badiſchen Wahlbezirkes Freiburg— Emmendingen in der Zeit von 1884—1887 an. Bei den ſogenannten Septennatswahlen 1887 unterlag er gegen den natio⸗ nalliberalen Oberbürgermeiſter Schuſter. Von 1890—1906 blieb er in dem heiß umſtrittenen Bezirke immer Sieger. Es wäre verlockend, hier eine gedrängte Darſtellung der politiſchen Geſchichte zu geben, wie ſie ſich teils im Landtage, teils im Reichs⸗ tage von 18711906 abgeſpielt hat, allein wir müßten nur wiederholen, was in größeren Biographien darüber geſchrieben wurde.“) In beiden parlamentariſchen *) Vergleiche F. Dor. Prälat F. X. Lender, ein Lebens⸗ bild. Ludwig Marbe. 241 Körperſchaften erfreute ſich Marbe allzeit eines hohen Anſehens. Welche Opfer er an Mühe, Geld und Ent⸗ täuſchungen auf dem politiſchen Kampfplatz erlebt hat, können nur jene wenigen Männer erfaſſen, die ganze Zeiträume hindurch ſich dieſer oft ſo undankbaren Arbeit gewidmet haben. Da Marbe zeitlebens ehelos blieb, konnte er ſeine volle Kraft dem Wohle ſeiner Mitmenſchen widmen. In Freiburg gab es im letzten Drittel des 19. Jahr⸗ hunderts faſt kein katholiſches Unternehmen, an deſſen Ausführung der Unermüdliche nicht ſeinen Anteil hatte. Dutzende von Vereinen zählten ihn zu ihrem Mitgliede oder wenigſtens Ehrenmitgliede, Gönner und Freunde. Ganze Bücher könnte man verfaſſen, wollte man ſeine zahlreichen Vorträge und Anſprachen, die er während faſt 40 Jahren bald in großen Verſammlungen, bald bei kleinen Beratungen und Tagungen hielt. Seine Erholungen ſuchte Ludwig Marbe am liebſten in Gottes ſchöner Natur. In einer Zeitung ſchildert er einmal die Art und Weiſe, wie er Herz und Gemüt im Umgang mit der Natur erquickte. Er ſchreibt:„Wenn man in einer Sommerfriſche ſich an Seele und Leib erholen will, muß man Gottesplätzchen aufſuchen und daran feſthalten. Nicht in der Abwechs⸗ lung und Veränderung liegt der Grund des Aufatmens, der Erholung, der Geſundung, ſondern in dem immer tieferen Eindringen in das Kleine, Einzelne der ſchönen Gottesnatur und des eigenen Lebens. Die Menſchen nehmen ſich überall mit und meinen oftmals, daß, wenn ſie durch allerlei Intereſſe für fremde Dinge ſich ein paar Wochen vergeſſen lernten, ſie auch anders ge— worden ſeien. Sie kehren nach Hauſe zurück und fin⸗ den ſich an allen Flecken wieder. O die Törichten! Nicht im Vergeſſen des eigenen Zuſtandes an Leib und Seele, ſondern im Erkennen und Verbeſſern von ſich Dor, Edle Manner. 16 242 Ludwig Marbe. ſelbſt, an Geiſt und Körper liegt das Geheimnis der Geſundheit. Es muß deshalb der religiöſe Hauch über den Orten wohnen, wo wir armen Menſchen Erholung und Stärkung ſuchen. Dann ſchließen ſich die unge— trübten Freuden, die traulichen Stunden wie von ſelbſt uns auf. Ein ruhiges Herz pulſiert gut, ein reines Ge⸗ wiſſen ſchläft gut, beide verſchaffen Freude.“(Kathol. Volksblatt Nr. 37, Jahr 1885.) Solche Tage der Wonne verlebte er einmal zu Mutters in Tirol. Damals faßte er an einem Sonn⸗ tag Morgen ſeine Stimmung in folgende gebundene Redeweiſe: Von allen Triften klingt's hernieder, Aus allen Grüften dringt's hervor! Allüberall ſingt's frohe Lieder Zu dir, o Gott, dem Herrn empor! So wandl' ich über ſtille Wieſen Im frühen Morgenſonnenſtrahl, Um dich, o Vater, zu begrüßen, Mit tauſend Freuden allzumal. Drum nimm denn hin mein lautes Danken Für deine Führung gütig, mild! O laß mich treu und ohne Wanken Stets ſein der Wahrheit feſter Schild! Du biſt der Seele reinſtes Leben, Du biſt des Glückes Unterpfand! O ſchütze meines Geiſtes Streben Mit deiner weiſen Vaterhand! Es gibt noch etwas Feineres, Höheres und Not⸗ wendigeres als ein tüchtiger Anwalt, gewandter Poli⸗ tiker und heiterer Naturfreund zu ſein, nämlich als gläubiger Chriſt zu leben und zu ſterben. Ludwig Marbe war das Muſter eines wahrhaft chriſtlichen Mannes. Wer heute an ſeiner Ruheſtätte auf dem Ludwig Marbe. 243 Freiburger Gottesacker ſteht, der bewundert auf der— ſelben eine ſinnreiche Prachtfigur. Ein Kreuzfahrer im Panzer mit Schild und Helm ſteht wie ein ſiegreicher Held da. Die Statue hält ein ausgebreitetes Spruch⸗ band in den Händen, auf dem in goldenen Buchſtaben das inhaltstiefe Wort ſteht:„Creédo“,„Ich glaube“. Der im Schatten dieſes Denkmals Ruhende hat ſich dieſe Grabesinſchrift ſchon zu Lebzeiten anfertigen laſſen und damit den Überlebenden in ſtummer und doch beredter Sprache verkünden wollen:„Alles habe ich vom Geſichtspunkte des Glaubens aus betrachtet, alles habe ich im Hinblick auf Gott getan. Mein ganzes Leben war nichts anderes als die Verwirklichung des Apoſtelwortes:„Der Gerechte lebt aus dem Glauben“. Der rechte, wahre, katholiſche Glaube bei dem ſeltenen Manne war durch und durch kernhaft. Der Glaube ſtählte und härtete ihn gegen Verſuchung, welche der Tugend nachſtellt. Der Glaube endlich erſetzte ihm alles, ſelbſt die härteſten Opfer, welche die leidige Pflicht der Politik im Staate und in der Vaterſtadt von ihm verlangte. Noch mehr: das Fehlſchlagen ſo mancher Pläne, das fortwährende Hingehaltenſein und Wache— ſtehen an den Toren der Vorſehung und der Unbe⸗ rechenbarkeit der menſchlichen Entſchließungen hat ſeinen Glaubensmut nie gebeugt und den feſten Auf⸗ blick zur Ewigkeit nie getrübt. Es iſt nun gewiß von Intereſſe zu ſehen, wie dieſe echte katholiſche Ge— ſinnung ſich in ihm ausbildete und zu dem machte, was er war. Die trefflichen Naturanlagen, die ihm Gott in die Wiege gegeben, wurden von ſeiner Um— gebung entwickelt und ausgebildet. Zum Jünglinge und Manne herangewachſen, hat Marbe auf dieſer Grundlage weitergebaut und ſo die einzelnen Tugenden zur herrlichen Entfaltung gebracht. Wir nennen in erſter Linie ſeine kernige Frömmigkeit. Daß er nicht 16* 24⁴4 Ludwig Marbe. nur an Sonn- und Feſttagen den Gottesdienſt beſuchte, ſondern auch täglich der hl. Meſſe anwohnte, mochte er in der Heimat weilen oder auf Reiſen ſein, galt ihm als ſelbſtverſtändlich. Sein Gebetbuch bildete in der Regel Gusrangers Kirchenjahr, an deſſen Erklärung der hl. Liturgie er ſich immer mehr erbaute, je länger er durch Studium und Betrachtung ſich in die einzelnen Abſchnitte verſenkte. Nebenbei hatte ſeine Frömmigkeit noch Vorrat und Überfluß für alle Andachten, die dem katholiſchen Herzen lieb ſind. Den Roſenkranz betete er jeden Tag. Bei den Flur⸗ und Bittgängen in der Kreuzwoche ge⸗ ſellte er ſich mitten unter die frommen Waller des Landvolkes. Mit Vorliebe ſuchte der fromme Herr Wallfahrtsorte auf. So fand er ſich, um nur ein Bei⸗ ſpiel zu nennen, jedes Jahr am Feſte des hl. Erzengels Michael auf dem Berge bei Riegel. Dort neben dem Kirchlein liegt im Pilgerhaus ein von ihm geſtiftetes Fremdenbuch auf. Einmal, es war am 19. Oktober 1905, ſuchte er nach Erfüllung ſeiner Wahlpflicht dieſe Gebetsſtätte auch auf, um ſich aus dem Lärm und Ge⸗ zänk eines Wahltages zu flüchten. Er ſchrieb damals die bezeichnenden Verſe in das Buch nieder: Am Tag der Wahl, Fern von der Qual In St. Michels Schutz, Den Böſen zum Trutz; Im Nebel lag der Berg, das Land, Nach hellem Tag Im Heimatland! Um das Glaubensleben, aus dem er ſo viel Kraft und Mut ſchöpfte, immer neu zu ſtärken, hatte er haupt⸗ ſächlich drei übungen. Einige Male pilgerte er nach Rom zu den Gräbern der Apoſtelfürſten, von wo er mit Ludwig Marbe. friſcher Begeiſterung zu ſeinem Berufe zurückkehrte. Sodann empfing er faſt jeden Monat das Brot der Helden in der hl. Kommunion. Endlich ſtudierte er mit Eifer manche theologiſchen Werke, die ihm über die wich⸗ tigen religiöſen Fragen und Aufgaben nicht nur Auf— ſchluß gaben, ſondern ſein ganzes Tugendleben ver— tieften und förderten. Ein ſo frommes Herz mußte auch ein gutes Herz ſein. Schon aus ſeiner früheſten Jugend ſind die rührendſten Züge edler, ſelbſtloſer Güte und Wohl⸗ tätigkeit bekannt. Die katholiſche Caritas zählt den unermüdlichen Wohltäter der Armen und Hilfsbedürf— tigen zu ihren eifrigſten Jüngern. Das Münſter in Freiburg und manches Heiligtum im Lande nennt fromme Stiftungen von ihm. Viele Gaben hat er im Stillen und Verborgenen geſpendet. Wir könnten hier herrliche Beiſpiele anführen. Bei einigen Geiſtlichen, die in ihrem Wirkungskreiſe mehr Werke der Barm⸗ herzigkeit übten, als ihr Einkommen und Vermögen erlaubte, übernahm er das leidige Erbe, um mißliche Schwierigkeiten rechtzeitig zu verhindern. Unzählige Gaben ſpendete er an verſchiedene Ver⸗ eine, Studentenkorporationen uſw., beſonders für den Bonifatiusverein und Miſſionsverein. Fanden öffent⸗ liche Verſammlungen im Krieg oder Frieden, bei Heim— ſuchungen aller Art ſtatt, ſo war er immer unter den erſten Männern, die eine Organiſation zur Linderung der Not durchführten. Auch die Caritas bedarf einer fortwährenden Schulung, ſoll ſie nicht erlahmen oder ganz abſterben. Marbe ging für dieſen Zweck in die Hochſchule unſerer zahlreichen Vorbilder der katho— liſchen Vergangenheit. Zur hl. Eliſabeth, der Schutz— patronin der Armen, hegte er eine zarte Verehrung. Vom hl. Vinzen von Paul, den man einen der größten Wohltäter der Menſchheit und mit Vorzug einen 24 Ludwig Marbe. modernen Heiligen genannt hat, trug Marbe ein kleines Büchlein ſtets bei ſich. Dieſes Vademecum, das Kern— ſprüche enthielt, ſchätzte er ſehr. Die tiefſinnigen Lehren dieſer Goldkörner leuchteten dem Jünger dieſes Heiligen wie liebliche Sterne auf die verſchiedenen Pfade der Barmherzigkeit. Dieſe Gottes- und Nächſten⸗ liebe, die der Glaube in ihm erzeugt, hatte den be⸗ währten Katholiken zu einem jener Freiwilligen der Kirche gemacht, die den Ruf verwirklichen:„Der Caritas eine Gaſſe!“ Die königliche Tugend der Liebe, die ſein Leben verklärte, geſtaltete ihn zu einem ſchwachen Nachbilde Chriſti. Der Mann, deſſen politiſches Leben ſtets der Beurteilung von Freund und Feind ausgeſetzt war, mußte eine harte Schule des Kreuzes durchmachen. Die zahlreichen Enttäuſchungen, die kleinlichen Nörgeleien von Angehörigen der Partei, die vielen Nadelſtiche einer feindlich geſinnten Preſſe erzeugten in ſeiner empfindſamen Seele eine oft ſchwer⸗ mütige Stimmung, die den Verkehr ſchwierig machten. Auch die beſten Freunde litten oft ſchwer unter dieſer Schwarzſeherei des Verblichenen. Doch heute müſſen wir bereits milder urteilen, als da er noch unter uns weilte. Der Gang der Dinge hat ihm vielfach recht gegeben und mancher, der ihn früher verlachte, wird heute geſtehen müſſen, Marbe hat richtig in die Zukunft geſchaut; vieles iſt noch ſchlimmer geworden, als er vermutet hat. Gar mancher Optimiſt hätte bitteres Leid nicht erfahren, wenn er den Rat des welt⸗ erfahrenen, weitblickenden Kämpen befolgt hätte. Doch die Leiden und Prüfungen läuterten und ſtählten ſein Herz immer mehr. Als treuer Sohn der katholiſchen Kirche hat der Verewigte gelebt und ge— ſtritten, als ſolcher hat er ſich bewährt im letzten ent⸗ ſcheidenden Waffengange, im Todeskampfe. Wahr und treu iſt er am 7. November 1907 geſtorben. Ludwig Marbe. 247 Auf ſein Grab könnte man die Worte ſchreiben: „Hier ruht mein Leib und der iſt tot, doch meine Werke leben und loben Gott.“ Er konnte wenige Monate vor ſeinem Tode in einer Verſammlung zu Freiburg ſich das Zeugnis ausſtellen:„Seit meinem öffentlichen Auftreten im Anfange der 70er Jahre habe ich eine un— abhängige Geſinnung nach allen Seiten bekundet. Mit Gottesfurcht im Herzen habe ich mich vor keinem Menſchen gefürchtet. Mit offenen Augen habe ich ins Leben des Volkes, am liebſten des kleinen Volkes hin⸗ eingeſchaut, ſeine Bedürfniſſe und Nöten, ſeine guten und ſchlimmen Seiten kennen gelernt.“ Quellen: Hinterlaſſene Papiere, außerdem K. Mayer, Superior: Ein Ehrenkranz, niedergelegt auf ſein Grab. Caritasverband. Johann Nep. Martin, Hauptlehrer. auf ihren Wegen ins Gebirge gerne die ſchöne Antoniuskapelle auf ſanfter Anhöhe öſtlich von Oberachern. Unmittelbar hinter dem lieblichen Heilig⸗ tum liegt ein prachtvoller Gottesacker, ringsum um⸗ rauſcht von mächtigen Fichten und Tannen. In der Mitte dieſes Friedhofes bleibt der Beſucher unwillkür⸗ lich auf einige Augenblicke vor einem Grabdenkmal ſtehen, das jedermann Bewunderung einflößt. Ein ge⸗ ſchickter Bildhauer hat in Sandſtein einen Pilger dar⸗ geſtellt, der„dem Aufgang aus der Höhe“ entgegen⸗ ſchreitet. Am Fuß des Denkmals lieſt man die Worte: Johannes Nep. Martin, Hauptlehrer 1829-1912. Katharina Martin, geb. Wanner, 1827-1908. Fragt man in der Pfarrei Oberachern, zu der dieſes Leichen⸗ feld gehört: Wer war Martin? Dann ſprechen die Leute mit hoher Ehrfurcht von ihrem ehemaligen Lehrer. Die Stimmen des Lobes und Dankes klingen harmoniſch zuſammen in die wenigen, tiefen Worte: Er war ein gottbegnadigter Lehrer und Erzieher, ein Freund der ganzen Bürgerſchaft, ein Katholik, echt und lauter wie Gold, ein treuer Hirte und Vater für ſeine Familie. Darum ſoll auch ſein Bild in das Buch ver⸗ dienter Männer aufgenommen werden. Joh. Nep. Wb und Wallfahrer Mittelbadens beſuchen Joh. Nep. Martin. 249 Martin war ein Sohn der Baar. In Neudingen, Amt Donaueſchingen, wurde er am 8. Mai 1829 als Halbwaiſe geboren, denn bevor er das Licht der Welt erblicken durfte, hatte der grauſame Tod den Vater ins kühle Grab gebettet. Rauh und hart ſchlichen dem Kinde die Jahre dahin. Zum Knaben herangewachſen, beſuchte der kleine Sprößling die Volksſchule der Heimat. Als die ſchwierige Berufsfrage an Mutter und Sohn herantraten, erſchien ein rettender Helfer, der geiſtliche Vetter Pfarrer Martin. Dieſer bot ſich an, ſeinen Neffen dem Studium zuzuführen. Der ge⸗ weckte Schüler offenbarte reiches Talent und eine be⸗ ſondere Neigung für den Lehrerberuf. Im Frühjahr 1845 kam der Zögling in das Seminar zu Meersburg. Kurz und ſchwierig geſtaltete ſich in jener Zeit das ganze Studium an dieſer Bildungsanſtalt. Innerhalb zwei Jahre mußten die Seminariſten alle vorgeſchrie— benen Lehrfächer durchnehmen. Man nannte den ganzen Betrieb mit einem verächtlichen Worte die „Schnellbleiche“. Martin erzählte noch in ſeinem Greiſenalter von jenen übermäßigen Anforderungen, welche die Leiter und Lehrer des Seminars an die künftigen Jugendbildner ſtellten. Um die mannig⸗ faltigen Aufgaben und Arbeiten einigermaßen be⸗ wältigen zu können, ſahen ſich viele Zöglinge ge⸗ zwungen, Kerzen zu kaufen und die ſtillen Nachtſtunden zum Studium auszunützen. Johann Martin über⸗ nahm bei dieſen Vorbereitungen für den folgenden Tag in der Regel die Löſung der mathematiſchen Auf⸗ gaben, denn für dieſes ſchwierige Fach hatte er ein aus⸗ geſprochenes Talent. Es blieb ſeine Lieblingsbeſchäf— tigung bis ins Greiſenalter. Mit Auszeichnung beſtand der Kandidat ſeine erſte Prüfung. Seinen Lehrern bewahrte er immerfort ein ehrendes, dankbares Andenken. Einer ſeiner Vor⸗ 250 Joh. Nep. Martin. geſetzten in Meersburg fand ſpäter ſeine letzte Ruhe⸗ ſtätte auf dem Illenauer Friedhof. Da Martin den letzten Teil ſeines Lebens im ganz nahen Oberachern verbringen durfte, benutzte er gerne ſeine Abend⸗ ſpaziergänge zum Beſuch des Grabes ſeines Wohl— täters. Im Jahr 1847 erhielt der Schulkandidat Johann Martin ſeine erſte Anſtellung in dem Städtchen Zell im Wieſental. Der ganze Schulbetrieb verlief noch im Rahmen der Einfachheit. Da der junge Lehrer über manche freie Stunde verfügen konnte, ſuchte er noch eine Nebenbeſchäftigung. Er erhielt auf dem Büro eines Kaufmanns Arbeit. Dieſe Mitwirkung in Füh⸗ rung der Geſchäftsbücher verſchaffte ihm einiges Geld zu ſeinem kärglichen Einkommen. Es brachte ihm auch geiſtigen Gewinn, denn er lernte hier mit Leichtig⸗ keit den ganzen Betrieb eines geordneten Geſchäftes, Buchführung u. a. kennen, Dinge, die er ſpäter zumal in der Fortbildungsſchule ſehr wohl verwenden konnte. Die erſten Jahre in der Schule fielen für den jungen Mann in eine ſtürmiſch bewegte Zeit. Überall wetterleuchtete die Revolution 1848/49. Mit ſeinen Kollegen ſchwärmte auch er für die Ideale der Freiheit. Doch bald trat eine kühle Ernüchterung ein, als die Be— ſtrebungen von den preußiſchen Truppen unterdrückt wurden. In jener gärenden Zeit wurde Unterlehrer Martin nach dem Marktflecken Heitershei im Breisgau verſetzt. Hier ergänzte er den Mangel des Ge— halts durch Privatſtunden; er erhielt für dieſe Be⸗ mühung jeweils 6 Kreuzer und einen Schoppen Wein! In Heitersheim lernte er auch ſeine künftige Lebensgefährtin Katharina Wanner kennen. Mit ihr ſchloß er im Jahre 1854 vor dem Altare den Bund der Treue und Liebe. Er war glücklich in ſeiner Wahl ge⸗ weſen, denn beide Eheleute lebten bis ins höchſte Alter Joh. Nep. Martin. 251 in Frieden miteinander und teilten opferwillig und hilfreich Freud und Leid. Nach der Vermählung zog das junge Ehepaar nach Bubenbach bei Neuſtadt auf dem Schwarzwald. Hier durfte Herr Martin ſeine erſte Hauptlehrerſtelle über— nehmen. Wir haben heute kaum eine Vorſtellung davon, wie ſchlicht und beſcheiden die Verhältniſſe eines Dorf— ſchullehrers um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren. An Gehalt als Lehrer, Organiſt, Mesner und Glöckner bezog der Hauptlehrer von Bubenbach jährlich ganze 334 Gulden. Herr Martin hat viele Jahrzehnte ſpäter einmal vor Kollegen im Juli 1903 einen Vortrag über Einſt und Jetzt gehalten. Aus der Niederſchrift ſeien folgende Sätze angeführt:„Der Brautwagen enthielt in der Zeit unſerer Jugend nur die allernotwendigſten Möbel, einfach in der Form, aber dauerhaft zum Ge— brauch. Dazu kam noch ſelbſtgeſponnenes Linnen, aus⸗ reichend fürs ganze Leben. Heute führt derſelbe nicht nur alle nötigen und unnötigen Gebrauchsartikel in zierlicher Form und blendendem Äußeren, ſondern auch ſo viele Luxusgegenſtände und Prachtſtücke, daß be⸗ deutendes Vermögen nicht immer zur Anſchaffung zu⸗ reichend iſt. In der Schule war zur Zeit unſeres Dienſtantritts an kahler Wand ein Kruzifix und eine hölzerne Schultafel, nicht einmal allerorts eine Land⸗ karte von Baden.“ Der Redner zeigte nun in geiſtvollen Ausführungen, wie die einzelnen Lehrgegenſtände früher behandelt wurden und welche Stellung ſie im heutigen Schul⸗ betrieb einnehmen. Die Ausſtattung der Schule und des Schülers iſt in den letzten Jahrzehnten gewaltig vermehrt worden. Er ſtellte nun an die Zuhörer die Frage: Entſprechen die Leiſtungen der Schule den ver⸗ mehrten Aufwendungen? Der Redner meinte, in den Hauptfächern ſtehe die alte Schule nicht gar ſo uner— 252 Joh. Nep. Martin. meßlich und unvergleichlich hinter der Neuſchule zurück. Die Alten übten Tag für Tag die Leſefertigkeit, die Neuen kommen vor Erklären, Zerpflücken, Zer⸗ teilen und Verdeutlichen der Leſeſtücke nicht mehr zum Leſen. Das Schönſchreiben war der Stolz der alten Schule, und weil es als ein Malen geübt wurde, gab es weit mehr ſchöne Schriften als in der Neuzeit. Verblüffend iſt der Schluß des Vortrages. Er lautet:„Die Beaufſichtigung iſt inzwiſchen eine ganz andere geworden. Der Pfarrer war Schulinſpektor, hierüber wurden herzzerbrechende Klagen laut, die ich aber praktiſch nicht erfahren habe. Darum halte ich die frühere Aufſicht für beſſer als die heutige durch den Bürgermeiſter. Bezirksaufſicht führten die Dekane, und wenn ich Welte in Steinbach, Zimmermann in Bühl, Städele in Offenburg, Beck in Triberg, Schuler in Bonndorf und Müller in Randegg nenne, werden die heutigen Kreisſchulräte kaum aufkommen können, und ſogar im Oberſchulrat wird der berühmte Dr. von Sallwürk den früheren Laubis nicht weit über⸗ treffen.“„Durch die Beſeitigung der Geiſtlichen iſt nicht der erwartete, ungeheure Aufſchwung der Schule erfolgt. — Zugeben kann ich, daß jetzt das Endergebnis, das Ziel des Unterrichts, bei einem größeren Prozentſatz der Schüler erſtrebt und nicht erreicht wird, als früher. Verleugnen läßt ſich aber auch nicht, daß wir mit größerer Begeiſterung in die Schule eingetreten ſind und Peſtalozzis Geiſt lebhafter empfunden haben als die jetzigen jungen Lehrer: Was der Lehrer, das iſt auch die Schule.“ Dieſe mannhaften Worte eines im Schuldienſte ergrauten Lehrers ehren ſeine Offenheit und Gerechtigkeit. Doch kehren wir wieder zurück ins Jahr 1854, da Johann Martin in Bubenbach ſeines Amtes waltete. Es waren Jahre voll harter Entbehrungen, denn 1854/55 Joh. Nep. Martin. 253 herrſchte eine allgemeine Hungersnot in unſerm Lande. Die graue Sorge ums tägliche Brot ſchlich auch durch das einſame Schulhaus von Bubenbach. Monatelang bildeten Kaffee und Kartoffel die Hauptmahlzeiten für den Lehrer und ſeine kleine Familie. Auf alle An⸗ nehmlichkeiten des geſelligen Lebens mußte der wackere Mann verzichten. Doch Johann Martin dachte und handelte ſchon von Jugend auf nach dem Rat des Dichters: „Der mag ſich manchen Wunſch gewähren, Der kalt ſich ſelbſt und ſeinem Willen lebt; Allein wer andere wohl zu leiten ſtrebt, Muß fähig ſein, viel zu entbehren.“ Sowohl in ſeiner Eigenſchaft als Hirte und Lehrer ſeiner Kinderſchar, wie als Organiſt und Leiter des Kirchenchors, ſuchte der eifrige Herr allen alles zu wer⸗ den. Andere glücklich zu machen, bereitete ihm die edelſten Freuden. Die ſtillen, braven Schwarzwald⸗ kinder mit ihren Talenten, ihrem Eifer und Fleiß bildeten die Wonne und Krone für den Lehrer. Wie ein Kleinod bewahrte er darum auch die lieben Er⸗ innerungen an Bubenbach ſein ganzes Leben hindurch. Oft beteuerte er noch im Greiſenalter, daß er nirgends eine beſſere Schule gefunden als in jenem einſamen Dörfchen. Die Bewohner der Gemeinde betrieben in jener Periode noch die Glasfabrikation. Manches Er⸗ zeugnis aus jenen Werkſtätten bildet bis zur Stunde bei den Nachkommen des nunmehr Verblichenen ein wertvolles Andenken an längſtvergangene Tage von Vater und Mutter. Das Jahr 1858 brachte für Herrn Martin eine Anderung. Er übernahm für einige Zeit die Schule in Ippingen bei Donaueſchingen. Von dort aus machte er ſeine zweite Dienſtprüfung für „Stadtſchulen“ mit„gutem“ Erfolg. Dort 254 Joh. Nep. Martin. arbeitete er mit einigen Nachbarkollegen in regel— mäßigen Konferenzen energiſch an ſeiner wiſſenſchaft⸗ lichen Weiterbildung. Gerne wäre er dort länger in ſeinem Amte verblieben, doch erhielt er im Jahre 1863 eine Bitte ſeines väterlichen Freundes und Wohltäters des Pfarrers Martin, der von 1861—1874 als Seel⸗ ſorger in Kreenheinſtetten wirkte. Dieſer äußerte ſei⸗ nem Neffen den dringenden Wunſch, er möge ſich um die erledigte Hauptlehrerſtelle ſeiner Pfarrei bewerben. Der Dankbare willfahrte dieſem Erſuchen und zog nun mit ſeiner Familie hinauf auf den Heuberg. Kreenheinſtetten iſt durch ſeinen berühmteſten Sohn, den es der Kirche geſchenkt hat, in der Geſchichte und Literatur bekannt geworden. Hier wurde 1644 Ulrich Megerle, der ſpäter gefeierte Auguſtinerpater Abraham a Sancta Clara geboren. Im übrigen liegt das Dorf fernab vom Verkehr mit der weiten Welt. Vor 50 Jahren, da die beiden Verwandten, Pfarrer und Lehrer Martin, zur Ehre Gottes und zum Wohl der Gemeinde dort zuſammen arbeiteten, betrieb weder ein Metzger, noch ein Bäcker, nicht einmal ein bedeutenderer Krämer ſein Gewerbe. In dieſer ſchwierigen Lage ſah ſich der neue Lehrer wie ſeine Vorgänger gezwungen,„Selbſtverſorger“ zu werden. Es war für ihn ein Glück, daß er ſchon als Knabe in der Landwirtſchaft kräftig mithelfen durfte, denn jetzt mußte er eine ziemlich ausgedehnte Landwirtſchaft in den freien Stunden betreiben. Johann Martin hatte Jahre lang durchſchnittlich 120—130 Kinder täglich zu unterrichten. Um mit den Bauern in der Beſtellung der Felder gleichen Schritt zu halten, ſah man den pflichtgetreuen Mann oft im Sommer ſchon von 3—7 Uhr in der Frühe bei dieſer oder jener ſchweren Arbeit auf Acker oder Wieſe. Nach der angeſtrengten Unterrichtszeit mußte er ſeine Er⸗ Joh. Nep. Martin. holung nicht ſelten wieder in hartem Feldgeſchäfte ſuchen. Dazu geſellten ſich noch manche Bitterkeiten in den örtlichen Verhältniſſen; die Schulkämpfe und die politiſchen Streitigkeiten der 60er und 70er Jahre ſchlugen ihre Wellen auch nach dem abgelegenen Heu— berg⸗Dörfchen. Für manchen hochliberalen Bürger und namentlich für den Kreisſchulrat S. in Konſtanz bildete das traute Verhältnis zwiſchen Pfarrhaus und Schulhaus einen Gegenſtand des Mißfallens. Oftere Kränkungen mußte der Edle verkoſten. In den hinter⸗ aſſenen Papieren findet ſich auch ein Aufſatz, in dem Herr Joh. Martin die Aufgabe eines Lehrers mit dem Beruf eines Rebmannes vergleicht. Darin ſtehen folgende Erfahrungen, die er wohl ſelbſt ehemals er⸗ lebt:„Es gibt keine Klage in der Welt, welche nicht der Schule, alſo dem Lehrer, aufgebürdet wird. Daß die Landwirtſchaft nicht mehr rentiert, iſt der Lehrer ſchuld; würden die Schüler beſſer unterrichtet, ſo könnten ſie als Bauern die Landwirtſchaft rationell betreiben, dann wäre ſie auch lohnend und der Na⸗ ionalwohlſtand würde wachſen. Und doch ſucht der Bauer ſeine Kinder möglichſt vom Lernen und vom Schulbeſuch abzuhalten.„Wenn du nur ſchaffen kannſt, vom Lernen haſt du nicht gegeſſen“, heißt es. Die meiſten hätten nichts einzuwenden, wenn ſtatt der Ferien von Weihnachten bis Neujahr ſolche von Neu— jahr bis Weihnachten eingeführt würden. Wenn das Handwerk ſeinen goldenen Boden nicht mehr findet, ſo fehlt es nur an der Schule; hätte der Lehrer dem Hand⸗ werker einen beſſeren Schulſack verſchafft, ſo könnte dieſer das Handwerk mit Nutzen betreiben. Und doch ſoll der Junge, der ſchon im zweiten Jahr bis 100 zählen kann, ſtudieren; ein ſolches Talent iſt doch zu gut für ein Handwerk; ein ſolches Genie darf nicht bei einem Handwerk verkümmern. 256 Joh. Nep. Martin. Wenn über Unſittlichkeit, Unmäßigkeit und Ver⸗ ſchwendung geklagt wird, ſo wird dem Lehrer die Schuld beigemeſſen; würde er die Schüler zu ſittlichen, mäßigen und ſparſamen Menſchen heranbilden, dann würde die Jugend ſich ſo betragen, daß Friede, Freude und Wohlſtand herrſchte. Und doch nehmen Eltern ihre kleinſten Kinder im Tragkiſſen ins Wirtshaus und flößen denſelben geiſtige Getränke ein. Überall müſſen Kinder dabei ſein, wo eine Luſtbarkeit ſtattfindet, wo Dinge zu ſehen ſind und zu hören, die in dieſem Alter am verderblichſten wirken.“ Dieſe und ähnliche Vorwürfe mußte Lehrer Martin wohl auch in Kreenheinſtetten entgegennehmen. Es dauerte lange Zeit, bis er allſeitige Anerkennung ſeiner ſelbſtloſen Arbeit im Dienſte der Jugend fand. Erſt die Ereigniſſe des Krieges 1870/71 verſcheuchten ſo manche Vorurteile gegen den echt kirchlichen Lehrer. Die Siege der deutſchen Truppen wurden wie überall, ſo auch auf dem Heuberg, durch vaterländiſche Feſtlich— keiten gefeiert. Bei dieſen Gedenktagen im Kreiſe der Bürgerſchaft von Kreenheinſtetten trat der ſchlichte Dorfſchullehrer oftmals als Redner auf. Durch ſeine inhaltsreichen und wohlgeſetzten Vorträge eroberte er die Herzen der Zuhörer. Alle mußten das Wort der Schrift auf ihn anwenden:„Die Rede gibt kund, was an dem Manne iſt.“ Volle 13 Jahre hielt der treue Lehrer auf dieſem ſeinem Poſten aus. Endlich im Jahre 1876 bewarb er ſich um die erledigte Hauptlehrerſtelle in Oberachern und erhielt dieſelbe unter 64 Bewerbern. Faſt drei Jahrzehnte war Herr Johann Martin als Sämann unter Kindern an verſchiedenen Schulen geſtanden. Als gottbegnadigter Lehrer hatte er durch fortgeſetztes Studium, durch praktiſche Erfahrungen eine Fülle von Kenntniſſen erworben. Nun durfte er noch ein Viertel⸗ Joh. Nep. Martin. 257 jahrhundert der ſchönen Gemeinde Oberachern die Voll— kraft des Mannesalters widmen und dort auch ſeinen friedlichen Lebensabend zubringen. Hält man heute eine Umfrage bei Kollegen von Achern und Umgegend, ſo preiſen ihn alle als einen Erzieher, der dem Ideale eines Jugendbildners nahe kam. Wer das Amt eines Lehrers zum Segen des Volkes und ſich ſelbſt zur Freude verwalten will, muß körperlich und geiſtig ein Mann edler Art ſein. Beides vereinigte der Ver⸗ blichene in ſeiner ganzen Perſönlichkeit. Kraftvoll, wie die ſtarken Tannen des Schwarzwaldes, die auf rauhen Höhen wachſen, war die kerngeſunde Geſtalt unſeres Hauptlehrers. In harten Verhältniſſen geboren und erzogen, an Entſagungen und Arbeiten gewöhnt, ſtählte er ſeinen Körper noch durch Mäßigkeit, Ordnung und Pünktlichkeit. In der Bruſt dieſes Mannes ſchlug ein edles Herz, wohnte ein ſtarker Geiſt. Nie prunkte er mit ſeinem Wiſſen, doch zwei glänzende Talente be⸗ wunderten alle Lehrer aus dem Umkreis von Achern und Bühl an ihrem Mitarbeiter. Mit Leichtigkeit löſte er jedes Jahr die in der Schulzeitung veröffent⸗ lichten mathematiſchen Aufgaben, die jeweils den Kandidaten der Dienſtprüfung geſtellt wurden. Dieſe Lieblingsbeſchäftigung war eine ſtille Freude für den freundlichen Greis, bis ſein Auge im Tode brach. Außerdem bildeten ſeine Vorträge und Anſprachen bei Konferenzen, bei Feſten immer einen Magnet, der die Zuhörer anzog, denn auf dem Gebiete der Beredſam— keit war er ein Meiſter. Wie der Sonnenſtrahl alles durchleuchtet, ſo belebte ein goldener Humor ſeine Darbietungen. Ebenſo ver⸗ ſtand er es, Briefe zu ſchreiben, deren Lektüre durch ihre Originalität, elegante Sprache und ſprühenden Humor jetzt noch einen Hochgenuß bietet. In der Bürgerſchaft ehrten und achteten alle Kreiſe der Be— Dor, Edle Männer. 17 258 Joh. Nep. Martin. völkerung den ſtillen und fleißigen Schulmann wegen ſeiner Charakterfeſtigkeit. Johann Martin war in der Tat wahrhaft ein ſchöner und vollendeter Charakter, der allzeit nach beſtimmten, wahren und guten Grund⸗ ſätzen handelte und ſprach. Mit ganzer Seele lebte der Lehrer und Erzieher für ſeinen Beruf. Er trug die Hingebung eines Vaters und einer Mutter für die Kinder im Herzen. Alle ſeine Kräfte ſtellte er in den Dienſt der Jugend, um dieſe für Zeit und Ewigkeit glücklich zu machen. Wollte man im Bilde ſein Opfer⸗ leben für die Kinderwelt darſtellen, ſo dürfte wohl keines beſſer geeignet ſein, als jene Denkmünze, die ehemals zum Lobe eines hochgefeierten Pädagogen geprägt wurde. Als Viktorin von Felden geſtorben war, ließen die Zeitgenoſſen eine Münze herſtellen. Auf der einen Seite durfte man das Bild des großen Wohltäters bewundern, auf der andern Seite ſah man das Bild eines Pelikans, welcher der Sage nach ſeine Jungen mit ſeinem Herzblute nährt. Die Nachwelt ſollte durch dieſe ſinnreiche Erinnerung erfahren, daß das Leben und Wirken des Unvergeßlichen die Ver⸗ körperung ſeines Grundſatzes geweſen ſei:„In der Liebe allein liegt die Würde, die Freude und das Gött⸗ liche der Lehrerwirkſamkeit, und ohne Liebe gibt es keine gedeihliche Erziehung.“ Von dieſer Liebe ließ ſich auch unſer Landsmann während ſeiner 53jährigen Mitarbeit an der Jugend leiten. Worin beſteht dieſe Liebe? In herrlichen Worten ſchildert ſie uns der Weltapoſtel, der hl. Paulus, im erſten Korintherbrief 13, 14. Die Liebe iſt langmütig, iſt mild; die Liebe beneidet nicht, ſie iſt nicht unbeſchei⸗ den, ſie blähet nicht auf, ſie verletzt den Wohlanſtand nicht; ſie iſt nicht eigenſüchtig; ſie läßt ſich nicht er⸗ bitten, ſie denkt nicht Arges, ſie hat nicht Freude am Joh. Nep. Martin. 259 Unrecht, aber Freude an der Wahrheit, ſie trägt alles, ſie glaubt alles, ſie hofft alles, ſie duldet alles.“ Die Liebe, die in jedem Kinde eine Welt für ſich ſieht, muß der Lehrer ſozuſagen jeden Tag in ſeinem Herzen erneuern. Mit dieſer Liebe im Herzen trat Joh. Martin unter die Kinder. Er lebte nur für ſeine Schule, nie kam er in Gefahr, durch allerlei Neben⸗ beſchäftigungen ſeine Kräfte zu zerſplittern. Das Wort des Dichters leuchtete ihm voran: „Wer etwas Tüchtiges leiſten will, der ſammle ſtill und un⸗ erſchlafft, Im kleinſten Punkt die höchſte Kraft.“ Durch fortgeſetztes Studium arbeitete der Gewiſſen— hafte zuerſt an ſeiner eigenen Vervollkommnung, um ja das Beſte in der geeigneten Methode den Schülern darbieten zu können. Er wußte aus langjähriger Er⸗ fahrung, daß die herrlichſten Anlagen und die reichſten Kenntniſſe einem Lehrer wenig nützen, wenn er es unterläßt, durch Fleiß und Klugheit das geiſtige Kapital in kleine, kindliche Münzen umzuprägen. Da⸗ bei ließ er ſich von der tiefen Überzeugung leiten, daß es nicht genüge, den aufhorchenden Kindern nichts Niedriges und Gemeines vorzulegen, er erkannte im Lichte des Glaubens, daß man ſich auch verſündige, wenn man den hungernden Seelen aufs Geratewohl etwas Unverſtandenes, Unvorbereitetes darbiete. Mit Rückſicht auf die ſchwere Verantwortung vor Gott durchging er am Abend nach jedem Schultage nochmals in Erinnerung die gehaltenen Lehrſtunden und frug ſich:„Wie waren die Schüler und Schülerinnen wäh⸗ rend derſelben? Wie hätte der Stoff anders und beſſer geordnet ſein ſollen? Dieſes ruhige Nachdenken brachte ihm Einſicht, Sicherheit und Fortſchritt. Durch dieſe Nachprüfung hat er den Rat eines großen Päda⸗— 12 260 Joh. Nep. Martin. gogen in die Tat umgeſetzt, der meinte, ein tüchtiger Lehrer müſſe den Schwerpunkt ſeiner Tätigkeit in die gewiſſenhafte Vorbereitung verlegen. Lehrer und Schüler atmen freudig auf, wenn das Wort„Ferien“ die Schule auf einige Zeit ſchließt. Herr Johann Martin gönnte ſich und ſeinen anver⸗ trauten Kindern von Herzen die Tage der geiſtigen Abſpannung und Erholung. Doch auch dieſe freien Tage wußte er gut zu ver⸗ werten. Nicht ſelten ſaß er in den Mußeſtunden an ſeinem Schreibtiſche und arbeitete einen neuen Plan für das künftige Semeſter aus. Es mag manchem Jugendbildner, der ſeine Arbeit in der Schule als eine widrige Laſt und Bürde anſieht, wie ein Märchen er— klingen, wenn er hört, daß Hauptlehrer Martin mit Sehnſucht den Wiederbeginn des Unterrichts erwartete. Worin lag bei ihm das Geheimnis zu dieſer Freude? Er beſaß ein Kleinod in ſeinem Schulplan, darob ihn Tauſende ſeiner Kollegen bewundern dürften. Der erſte Schultag wurde zu einem Feſttage ganz eigener Art. Lehrer Martin gab beim Abſchied in die Ferien ſeinen ſtrebſamen Schülern die Anregung, ſoweit ſie über freie Zeit verfügten, eine hübſche Zeichnung an⸗ zufertigen, einen Aufſatz zu ſchreiben, eine ſchwierige Rechnung zu löſen uſw. Sobald nun die Schule den Unterricht wieder aufnahm, konnten die Fleißigen ihre ſelbſtgewählten Ferienarbeiten dem lieben Lehrer vor⸗ zeigen. Freude und Wonne durchſtrömten die Her— zen aller, die für beſondere Leiſtungen ein Lob oder Anerkennung entgegennehmen durften. Die Stunden dieſes lieblichen„Schulfeſtes“ bildeten die ſchönſten Freuden für Lehrer und Schüler. Doch, wo viel Licht, da iſt auch Schatten. Ent⸗ täuſchungen und Kränkungen blieben dem edlen Manne auch nicht erſpart. Mit zunehmendem Alter Joh. Nep. Martin. 261 nahm ſein Gehörſinn etwas ab. Dieſe Schwäche be⸗ nutzten die boshaften Knaben und ärgerten den ehr⸗ würdigen Greis. Über dieſe und ähnliche Ungezogen⸗ heiten konnte der ſonſt ſo ruhige Lehrer empört wer⸗ den. Man fühlte es unwillkürlich, wie in ſeiner Seele der Zorn kämpfte. Doch auch bei Strafen vergaß er nie die Würde ſeines Standes. Lag ein ſchlimmes Ver⸗ gehen eines Schülers vor, ſo betete er mit allen Kin⸗ dern ein Vaterunſer für die Bekehrung des jungen Sünders. Dieſes Mittel hatte meiſtens einen eigenen Erfolg. Die heilige Ruhe in der Klaſſe wirkte wie der Flügelſchlag der Ewigkeit. Abneigung oder gar Haß gegen ein unwürdiges Kind ließ Martin nie in ſeinem Herzen aufkommen. Jahrelang arbeiteten Lehrer und Schüler zuſammen, um mit Gottes Gnade das Ziel zu erreichen, das Staat und Kirche der einfachen Volks⸗ ſchule geſetzt haben. Ein hochbedeutſamer Tag war immer die Schlußfeier, wo eine Anzahl Knaben und Mädchen ins öffentliche Leben eintraten. Wer Zeuge dieſer Abſchiedsfeier ſein durfte, ging tief ergriffen nach Hauſe. Wie ein Vater zu ſeinen Kindern, ſprach Martin voll herzlicher Liebe zu den Scheidenden. Mit innigen Worten wies er auf die hohen Pflichten gegen Gott, gegen die Eltern, gegen die Nebenmenſchen hin. Aus der ganzen Anſprache fühlte man heraus, wie wahr der alte Satz iſt:„Die Seele iſt's, aus welcher die Beredſamkeit kommt.“ Das Angeſicht des weiſen Ratgebers erſchien wie von einer inneren Glut durch⸗ leuchtet. Eine heilige Weihe lag über der Verſamm⸗ lung. Selbſt trotzige Knaben konnten die Tränen nicht unterdrücken und die gemütstiefen Mädchen reichten dem geliebten Vater und Wohltäter ſtumm die Hand zum Abſchied. Ein Stachel der Abneigung gegen den verdienten Lehrer haftete in keinem Herzen der Unter⸗ gebenen. Alle wußten, daß er zwar gediegene Arbeit 262 Joh. Nep. Martin. verlangte, aber ſeine Heiterkeit, ſein feiner Humor ver— ſüßte auch das Bittere und erleichterte das Harte und Schwere. Lange Jahre verwaltete Martin auch das Amt des Organiſten und Chorleiters. Er war kein hervor— ragender Muſiker, aber voll Eifer für die Verherr— lichung des Gottesdienſtes und die Erbauung der Ge— meinde; darum arbeitete er unermüdlich an der Heran— bildung eines guten Chores. Um dem Kinchenfonde Ausgaben zu erſparen, ſchrieb er ganze Meſſen und die einzelnen Singſtimmen ab; er hielt die Proben in ſeiner Wohnung, um dabei ſein eigenes Klavier be— nützen zu können, und bewährte auch hier größte Un⸗ eigennützigkeit und Opferwilligkeit. Auch auf das Verhalten der Kinder außerhalb der Schule hatte der wachſame Hirte ein ſcharfes Auge. Eine ehemalige Schülerin erzählte dem Verfaſſer dieſer Skizze:„Wir Mädchen ſtanden vor der Kirchentüre herum, als es noch nicht zuſammengeläutet hatte, und unterhielten uns. Aus der Ferne erblickten wir unſeren Lehrer. Als er näher zu uns kam, blieb er ſtehen, ſchaute uns mit ernſtem Blick an, bis wir kleinlaut in die Kirche zogen. Nachher belehrte er uns, daß im Tabernakel Gott im Sakramente allezeit wohne, nicht erſt bei der Feier der hl. Geheimniſſe.“ Über den Arbeiten für die Schule und Kirche ver— gaß Herr Lehrer Martin keinen Tag ſeine Pflichten als Gatte und Vater. Gerade im Kreiſe der Familie fand er die ſo nötige Ruhe nach den Stunden ſchwerer An— ſtrengung. Seiner Gattin war er allezeit ein Mann nach dem Herzen der Kirche. Beide führten ein über— aus glückliches Familienleben. Gott ſchenkte ihnen im Verlauf der Jahre ſechs Kinder, zwei davon ſtarben bald nach der Geburt; ein Töchterlein wurde im Alter von 11 Jahren von der Joh. Nep. Martin. 263 kalten Hand des Todes wie eine köſtliche Blume ge⸗ brochen. In der Erziehung der Kinder handelten die beiden Eltern nach der Weiſung des hl. Apoſtels Petrus:„Weidet die Herde Gottes, die bei euch iſt, die Aufſicht führend, nicht gezwungen, ſondern willig, Gottes wegen, nicht um ſchnöden Gewinn, ſondern von Herzen, nicht gebieteriſch über das Erbteil, ſondern ein Vorbild der Herde ſeiend, von Herzen.“(J. Pt. 5, 2, 3.) Der Vater galt allen ſeinen Kindern als ſtrenge, denn er handelte nach dem Grundſatze: Man darf den Kin⸗ dern nicht zeigen, wie gerne man ſie hat, ſonſt verlieren ſie die Achtung und Ehrfurcht. Erſt in ſpäteren Jahren konnten ſie deſſen ganze Liebe und opferwillige Güte recht verſtehen und würdigen. Darum lohnten ſie ſeine Hirtenſorge und Hirtenliebe mit aufrichtigſter Dank— barkeit. Gott ließ die braven Eltern den Segen ihrer Arbeit ſchon teilweiſe auf dieſer Welt ſchauen. Eine Tochter durfte nach einer unentweihten Jugend an den Traualtar treten und einem Lehrer ſich vermählen. Ihre Schweſter wählte nach reiflicher Überlegung, er⸗ füllt von Gottes⸗ und Nächſtenliebe, das Kleid der Armut. Sie wurde in der Kongregation vom heil. Vinzenz von Paul Krankenſchweſter und wirkt heute im ſchönen Städtchen Elzach. Die Krone aller Freuden für Eltern und Geſchwiſter bildete der Ehrentag am 5. Auguſt 1885, wo der einzige Sohn und Bruder Hermann als Neuprieſter ſein Erſtlingsopfer(in Hei⸗ delberg) darbringen durfte. Derſelbe wirkt ſeit 1903 als Stadtpfarrer in Baden-Baden. Im Jahre 1897 konnte Herr Hauptlehrer Martin ſein goldenes Jubiläum als Führer und Erzieher der Jugend feiern. Die dankbare Gemeinde Oberachern, in deren Mitte er über zwei Jahrzehnte gewirkt hatte, verlieh dem Jubilar das Ehrenbürgerrecht. Die Lehrer⸗ ſchaft von Achern und Umgegend beging dieſen Freu⸗ 264 Joh. Nep. Martin. dentag ihres Kollegen und langjährigen Konferenz⸗ leiters mit beſonderer Feierlichkeit. In dankbarer An⸗ erkennung ſeiner großen Verdienſte um die Schule und den Lehrerſtand überreichte ihm eine Feſtverſammlung eine von Künſtlerhand ausgeführte Darſtellung ſeines Lehrerlebens mit der kennzeichnenden poetiſchen Wid— mung: Wir gratulieren dir, verehrter Jubilar, Der uns ein lieber Freund und ſchönes Vorbild war. Von hoher Lieb' erfüllt wie weiland St. Johann, Fingſt deine Laufbahn du als Jugendbildner an. Der Pflicht allein getreu, nie weichend äußer'm Druck, Standſt furchtlos aufrecht du, ein zweiter Nepomuk. Mit Wort und Tat haſt du gewirkt, ein echter Chriſt, Ein Martin hilfbereit du oft geweſen biſt! Nun liegt ein weites Feld aufblühend hinter dir, Genieße lang' die Frucht! Sei glücklich für und für! Die Kirchenbehörde überſandte ein ſchönes Geſchenk und ein überaus ehrendes Schreiben, in welchem es u. a. heißt:„... daß ſie bereits 21 Jahre in der uns ſo werten Gemeinde Oberachern mit ausgezeichnetem Erfolge als muſterhafter katholiſcher Lehrer von tadel— loſem Wandel zu wirken vermochten, und die Ihnen anvertraute Jugend nicht allein unterrichtet, ſondern durch Wort und Beiſpiel zu allem Guten und Gottge⸗ fälligen herangezogen haben. Mit beſonderer Freude erfüllt es uns, daß Sie durch Ihren vortrefflichen Religionsunterricht Ihre Schüler in hohem Maße erbaut und im Guten geſtärkt, daß Sie durch gewiſſenhafte Führung des Organiſten— dienſtes zur Hebung des Gottesdienſtes beigetragen, durch Ihr chriſtliches, frommes Familienleben und Ihren Wohltätigkeitsſinn in der Gemeinde ſtets als Vorbild vorangeleuchtet haben, und daß die gute Er— Johann Nep. Martin Joh. Nep. Martin. 265 ziehung Ihrer Kinder von Gott dadurch belohnt wurde, daß eines derſelben als Prieſter in wichtiger Stellung mit Eifer und Erfolg tätig iſt und ein anderes als barmherzige Schweſter Gott dem Herrn im Dienſte der Kranken ſich widmen konnte.“ Schon 1885 ließ der Großh. Oberſchulrat dem Jubilar amtlich durch Kreisſchulrat Alletag ſeine Zu⸗ friedenheit ausſprechen; im Jahre 1896 wurde ihm das goldene Verdienſtkreuz verliehen und durch Kreisſchul⸗ rat Schenk bei einem erhebenden Feſtakte überreicht. Ein zweites Jubiläum durfte der Greis im Silber⸗ haar im Jahre 1904 feiern. Er beging in aller Stille, umgeben von ſeinen lieben Kindern, mit ſeiner Gattin das Feſt der goldenen Hochzeit. Schon einige Jahre vor dieſer Feier, im Jahre 1900, ſah ſich Hauptlehrer Martin mit Rückſicht auf ſeine abnehmende Hörkraft gezwungen, in den Ruhe- ſtand zu treten. Doch auch die letzte Zeit ſeines Lebens nützte er ſorgſam aus, um ſich für den Abſchied von dieſer Erde möglichſt gut vorzubereiten. In den ver⸗ gilbten Blättern ſeines Nachlaſſes findet ſich eine Ab⸗ handlung mit der überſchrift:„Beſchäftigung eines Lehrers im Ruheſtand.“ Die Ratſchläge, die er hier erteilt, hat er zuerſt ſelbſt erprobt und anderen vor⸗ gelebt. Er ſchreibt:„Der Lehrer, der 50 und mehr Jahre mit Liebe und Seele, mit Eifer und Fleiß in ſeinem Berufe gewirkt hat, hängt auch im Ruheſtande noch zäh an dieſem Berufe; er kümmert ſich um alles, was Schule und Lehrer betrifft. Doch iſt zu raten, daß er ſich Zurückhaltung auferlegt, wenn es ſich um die Schule des Wohnorts handelt. Doppelt geboten iſt dieſe Zurückhaltung, wenn er in ſeinem früheren An— ſtellungsort wohnt.“ Er empfiehlt nun für dieſe Tage der Zurückgezogenheit vor allem das Leſen von Tages⸗ blättern und Büchern, dann die Beſchäftigung mit der 266 Joh. Nep. Martin. Muſik. Eines aber ſoll der Penſionär mit Ausdauer verſuchen.„Der Lehrer, der durch ſoviele Jahre ſeine Lunge mit Schulſtaub beläſtigte, der ſo viel verdorbene Luft einatmen mußte, ſoll jetzt die friſche, reine Luft aufſuchen.“ Herr Martin lebte nach ſeinem Abſchied von der Schule als ein Mann peinlicher Ordnung. Jeden Morgen wohnte er der Feier der hl. Meſſe an; im Verlauf des Tages hielt er regelmäßig vor dem Aller⸗ heiligſten eine Anbetungsſtunde und machte einen Be⸗ ſuch beim hl. Antonius in der Wallfahrtskapelle. Eine beſondere Freude und Erbauung bot es immer den Bewohnern von Oberachern, ſo oft der ehrwürdige Greis an Sonntagen nach dem Nachmittagsgottesdienſt den Roſenkranz mitbetete und dann die Litanei vorlas. Seine Worte erklangen ſo von Andacht, durchglüht, daß alle Anweſenden ergriffen wurden. Dieſes kernige Gebetsleben ſetzte er auch in den Tagen der Krankheit fort, denn er meinte, man kann nicht zu viel verdienen für den Himmel.“ Mit inniger Freude wanderte er über Berg und Tal, brachte ganze Stunden im nahen Walde zu. War die Witterung weniger günſtig, ſo unterhielt er ſich gern mit ſeiner Frau durch ein Kartenſpiel; er rauchte gern eine Zigarre, doch ſelten mehr als eine oder zwei im Tage. Gegen ſeine ehemaligen Schüler und Schülerinnen, ja gegen ſämtliche Gemeindeangehörige zeigte ſich Martin ſtets wie ein liebevoller Vater. Durch ſeinen feinen Takt wußte er ſich von allen örtlichen Zwiſtig⸗ keiten fernzuhalten. Immer lag eine beſonnene Zurück⸗ haltung über ſeinem Weſen. Er konnte ſich z. B. nie entſchließen, Perſonen, die ehemals ſeine Schülerinnen waren, ſobald ſie zu Ehren und Würden gelangt waren, mit dem zutraulichen„Du“ Joh. Nep. Martin. 261 anzureden. Dem Frauengeſchlecht gegenüber beob⸗ achtete er die alte, feine ritterliche Art der Dienſtbarkeit. Wie er ſein ganzes Leben hindurch ein Mann der Ordnung und der Pünktlichkeit war, ſo blieb er ge⸗ wiſſenhaft in allen Pflichten. Rechnungen oder Haus⸗ miete wurden immer auf den Tag erledigt. Die Ge⸗ wiſſenhaftigkeit drängte ihn auch zur Wahlurne. Für viele Säumige und Gleichgültige bildete es eine ſtumme Mahnung, als der greiſe Zentrumsmann noch bei der Reichstagswahl 1912 ſich von zwei Begleitern die ſteile Rathausſtiege hinaufführen ließ, um ſeine Stimme ab⸗ zugeben, wiewohl er infolge von Leiden und Krankheit von dieſer Mühe enthoben geweſen wäre. Wie er in ſeinem langen Leben gerne die ſtillen Pfade der werktätigen Nächſtenliebe wanderte, ſo blieb er auch als Greis ein treuer Jünger der Caritas. Oft half er armen Familien durch kleine Darlehen aus, förderte die Miſſionen und unterſtützte Arme aller Art. Seinem guten Herzen widerſtrebte es, jemanden eine Bitte abzuſchlagen oder Geliehenes zurückzufordern oder Zinſen zu verlangen. Für kirchliche Sammlungen war er einer der eifrigſten Spender. Erſt nach dem Tode wurde die Uneigennützigkeit und Barmherzigkeit des Heimgegangenen offenbar. Darum konnte ein ehe— maliger Schüler, der heute als Sozialdemokrat in führender Stellung lebt, ihm das ſchönſte Lob ſpenden, wenn er vor kurzem verſicherte:„Die Frömmigkeit von Lehrer Martin war echt.“ Kein Freund war der Verblichene von Ehrungen, Feſtlichkeiten, Ovationen uſw., ſoweit ſie ſeiner Perſon galten. An ſeinem 80. Geburtstage wollte ihm der Kirchenchor, deſſen langjähriger Dirigent er geweſen war, eine Beglückwünſchung zu dieſem Feſttage dar⸗ bieten. Der beſcheidene und demütige Greis lehnte eine ſolche Ehrung ab. Nun erſann man eine Liſt. 28 Joh. Nep. Martin. Es war im Wonnemonat. Die Andacht vor dem lieb⸗ lichen Maialtar ging zu Ende. Da ſammelte ſich vor dem Gotteshauſe faſt die ganze Gemeinde; der Kirchen⸗ chor trug einige Lieder vor. Herr Martin, der eben ſein Gebet im Heiligtum verrichtet hatte, ſah ſich plötz⸗ lich beim Ausgang von der Kirche vor einer Ovation, der er nicht mehr ausweichen konnte. Die ganze Feier hat ein Gelegenheitsdichter in den folgenden Strophen geſchildert: Der Wonnemonat zog ins Land ſo mild, Des Himmels Abglanz ſtrahlt' aus tauſend Blüten; Im Kirchlein vor der Maienkönigin In tiefer Andacht alle Herzen glühten. Und in der Menge kniet ein frommer Greis, Der Gottesmutter inniger Verehrer, An dem ein jedes Herz in Ehrfurcht hing, Des Dorfes vielgeliebter, alter Lehrer. Als Tugendvorbild hat er ſtets erbaut Durch frommen Sinn und Wandel die Gemeinde; Doch ſo verklärt hat man ihn nie erſchaut, So oft man ſich mit ihm im Herrn vereinte. Entlediget von aller Erdenſchwere Schien ſich ſein reiner Geiſt emporzuheben. Um, weltentrückt, der Quelle alles Lichts, Den ſeligen Gefilden zuzuſchweben. „Maria, hohe Himmelskönigin, O leite, führe mich zu deinem Sohne; In Demut laß ein reines Opfer mich Darbieten heut an ſeinem hohen Throne. Ihm, der mich ſtets ſo liebevoll geführt, Dem ich gehöre bis zu meiner Bahre, Ihm laß mich weih'n, was ich beendet heut: Den vollen Silberkranz der achtzig Jahre.“ Joh. Nep. Martin. Die Orgel ſchweigt, und Licht um Licht erliſcht, Verklungen ſind die ſüßen Maienlieder, Aus ſeinem Himmelstraum erwacht der Greis; Die Wirklichkeit,„die Erde hat ihn wieder“. Er wankt hinaus, vom Prieſter ſacht geſtützt. Da plötzlich hemmt man ihn am Weiterſchreiten: Das Volk, das ſonſt ſich immer raſch zerſtreut, * Es will dem Jubelgreis ein Feſt bereiten. Die Sängerſchar, dereinſt von ihm geführt, Singt ſeinen Ruhm in rauſchenden Akkorden; Aus Prieſtermund ertönt ſein hohes Lob In herzentſtrömten, warmen Segensworten. Und jung und alt drängt ſich nun froh herbei, Um in ſein liebes Vateraug' zu blicken Und, heiße Glück⸗ und Segensworte ſtammelnd, Dem Jubelgreis die edle Hand zu drücken. Er ſteht verwirrt, er zittert und erbleicht, Ein Tränenſtrom ſtürzt über ſeine Wangen; Er weiß nicht, ob auf Erden; ob im Himmel er, Ob Menſchenkinder oder Engel ſangen. Die laut geehrte Demut ſteht beſchämt, Daß ihr Geheimnis ſo des Lichtes Beute. „O, zürne nicht, allzubeſcheid'ner Greis, Und gönne deinen Kindern dieſe Freude. Zum Licht, zur Tugend haſt du uns geführt Seit unſeres Lebens erſten Jugendtagen, Verſchmähe drum nicht unſ'res Dankes Zoll, Laß, Vater, dich auf unſern Händen tragen! In ſeinem Geiſte haſt du uns gelehrt, Der einſtens ließ die Kindlein zu ſich kommen, Empfange denn der Kindesliebe Lohn, Bis dich im Himmel krönt der Lohn der Frommen.“ 270 Joh Nep. Martin. So gut die Ehrung gemeint war, ſo regte ſie den alten Herrn doch ſo auf, daß er faſt krank wurde. Aller⸗ lei Leiden bildeten auch für den müden Erdenpilger die ſtändigen Begleiter. Doch, wie ſeine nächſte Um⸗ gebung uns verſicherte, hörte man nie ein Wort der Klage oder Ungeduld aus dem Munde des ſtillen Dulders, ſelbſt nicht, da deſſen treue Gattin ſchwer krank darniederlag und der Todesengel ſie im Jahre 1908 von dieſer Erde abholte. Vier Jahre ſpäter durfte der Einſame nun auch die Hände zum Nachtgebet ſeines Lebens falten. Es war eine glückliche Fügung der göttlichen Vor⸗ ſehung, daß der treue Diener gerade am Feſt Chriſti Himmelfahrt, zugleich ſeinem Namenstage, am Feſte des hl. Johannes von Nepomuk, von dieſer Welt Ab⸗ ſchied nehmen durfte. Sein Tod erbaute alle Anweſen⸗ den, denn fromm wie er gelebt, gab er auch ſeine Seele dem Schöpfer zurück. Als die irdiſche Hülle des vorbildlichen Lehrers und Erziehers ins kühle Grab geſenkt wurde, bildete das ge⸗ waltige Leichenbegängnis eine aufrichtige Huldigung für den Heimgegangenen. Auf ſein Grab könnte man ſchreiben: Deines Lebens edle Taten, Deine ſchönen reichen Saaten, Werden nimmer untergehen. Dieſe reifen hier im Segen Großem Erntetag entgegen, Um den Ew'gen zu erhöh'n. Hofbauer Joſ. Pfaff, Gründer des Badiſchen Bauern-Vereins. andert man zur lieblichen Herbſtzeit über Berg und Tal, dann bleibt unſer Blick nicht ſelten unwillkürlich an einem mit Obſt reich geſeg— neten Baume haften. Wir ſtaunen über den Baum und deſſen reiche Zweige. Eine Menge Früchte darf der Eigentümer einheimſen. Frägt der Wanderer, wer dieſen Baum gepflanzt hat, ſo kennen in der Regel nur wenige Bürger dieſen Namen. Ahnliche Beobach⸗ tungen erleben wir bei großen Organiſationen und Verbänden. Die Mitglieder genießen davon wirt— ſchaftliche Vorteile, ohne den Gründer der Vereinigung je gekannt oder nur ein Bild von ihm geſehen zu haben. Eine der größten und weitverzweigteſten Genoſſen⸗ ſchaften iſt heute der Badiſche Bauernverein. Wiewohl er erſt rund 30 Jahre beſteht, zählt er doch gegen 100 000 Mitglieder. Landauf und landab genießen Groß- und Kleinbauern ſeine Wohlfahrtseinrichtungen, doch nur gering iſt die Zahl jener, die den Gründer diefer Vereinigung, den ehemals gefeierten Joſ. Pfaff in Seelbach, noch gekannt haben. Ein kleines Bild dieſes um den Bauernſtand verdienten Mannes dürfte willkommen ſein. Die Wiege dieſes wackeren Hof— bauers ſtand im Litſchental, einem ſchönen Seiten⸗ 272 Joſ. Pfaff. tälchen des Schuttertales, das zur Gemeinde Seelbach gehört. Joſ. Pfaff war am 16. April 1838 dort als Sohn des Mathäus Pfaff und der Juliana Göhringer geboren. Er hatte noch neun Geſchwiſter. In der Landwirtſchaft ſeiner Eltern mußte Joſef von Jugend auf tüchtig mitarbeiten. Zum Mann herangewachſen, verheiratete er ſich mit Maria Anna, geb. Chriſt. Gott ſchenkte den Eheleuten zwei Töchter, die eine vortreff⸗ liche Erziehung erhielten. In jener Zeit herrſchte im Schuttertale noch vielfach die üble Gewohnheit, daß Nachkommen von Großbauern in naher Verwandt⸗ ſchaft Ehen abſchloſſen. Joſef Pfaff wollte mit dieſer Unſitte brechen und verheiratete ſeine beiden Töchter Maria Anna und Eliſabeth an auswärtige Bauern. Leider ſtarben dieſe Tochtermänner frühzeitig an Zehrung. Der Bauer Joſef Pfaff in Litſchental zählte zu den ſtrebſamſten und zielbewußteſten Landwirten des ganzen Amtsbezirkes Lahr. Wer immer auf ſeinen Hof kam, mußte über die gute Ordnung ſtaunen, die dort in Haus und Feld herrſchte. Um recht viele Er⸗ zeugniſſe aus Äckern und Wieſen zu erzielen, ließ dieſer weitblickende Mann verſchiedene Maſchinen kommen, um dadurch Arbeit zu ſparen und die Errungenſchaften der Neuzeit für die Hebung der Landwirtſchaft auszu⸗ nützen. Pfaff zählte zu jenen klugen und verſtändigen Bauern, die nach des Tages Mühe und der Wochen ſauerer Arbeit ſich gerne hinter Bücher ſetzen, um die erworbenen Kenntniſſe zu erweitern und zu vertiefen. In der Hausbibliothek auf dem Litſchentaler Hof ſah man mannigfaltige landwirtſchaftliche Bücher und Zeit⸗ ſchriften, die fleißig geleſen und ſtudiert wurden. Durch ſolche Studien lernte Hofbauer Pfaff den erſten und älteſten Bauernverein in Deutſchland kennen. Es iſt dies Joſ. Pfaff. 273 der Weſtphäliſche Bauernverein, der im Jahre 1862 von Burghard von Schorlemer-Alſt gegründet wurde. Die Wohlfahrtseinrichtungen jenes Vereines erweckten in unſerem Landsmann den Gedanken, auch in Baden eine ähnliche Organiſation ins Leben zu rufen. Doch wie ſollte dieſer Gedanke in die Tat umgeſetzt werden? Der Großbauer ging an einem Sonntag zum Pfarrer ſeines Kirchſpiels, Herrn Hennig, der damals in Seel⸗ bach ſeines Amtes waltete. Dieſer billigte den Plan und das Vorhaben des Bauern aus dem Litſchentale. Zu einer Vorbeſprechung wurden nun zunächſt die Landwirte von Seelbach ein⸗ geladen. Eingehend behandelten verſchiedene Redner die damalige ſchlimme Lage der Landwirtſchaft und die Mittel und Wege zur Hebung des Bauernſtandes. Zahlreich waren die Männer aus den verſchiedenen Tälern und Zinken erſchienen. Mit Intereſſe folgten ſie den Darbietungen; der Gedanke war auf gutes Erd⸗ reich gefallen, wenn auch noch kein praktiſcher Erfolg zu verzeichnen war. Manche altkluge Bauern rieten von einer Gründung und Organiſation ab, doch Joſef Pfaff gab ſeinen Plan nicht auf. Es war im September des Jahres 1884, als der ſeitherige Schriftleiter des„Badiſchen Beobachters Joh. Philipp Gerber zum Pfarrer von Frieſenheim bei Lahr inveſtiert wurde. Dieſer hatte ſich im ganzen Lande durch ſein energiſches Auftreten in Wort und Schrift einen wohlbekannten Namen erworben. Hof⸗ bauer Pfaff faßte nun Vertrauen und Mut zu dieſem energiſchen Geiſtlichen, trug ihm ſeine Abſicht vor, einen Bauernverein zu organiſieren. Pfarrer Gerber befürwortete dieſes Vorhaben, doch er konnte ſich nicht entſchließen, auch Verſammlungen abzuhalten und das ganze Werk in die rechte Bahn zu lenken. Als er aber auf ſeinem neuen Arbeitsfelde der Paſtoration ſah, Dor Edle Männer. 18 224 Joſ. Pfaff. welch unglaubliche Ungerechtigkeiten die Tabakbauern von den Händlern erdulden mußten, entſchloß er ſich doch, den wagemutigen Hofbauer aus dem Litſchental zu unterſtützen. Auf den erſten Sonntag des Monats März 1885 wurde eine Verſammlung von Landwirten nach Ettenheim einberufen. Dieſesmal winkte ein ſchöner Erfolg, denn es ließen ſich 191 Landwirte als Mitglieder des zu gründenden Bauernvereins ein⸗ tragen. Das war ein günſtiger, ein erfreulicher und ermutigender Anfang. Von nun ab verging faſt kein Sonntag, an dem nicht Herr Pfaff da und dort Ver⸗ ſammlungen abhielt. Ofters hatte er die Freude, daß Pfarrer Gerber zu dieſen Verſammlungen erſchien und ſeine Belehnungen und Aufklärungen über den neuen Verein unterſtützte. Faſt in allen Gemeinden der Be⸗ zirke Lahr, Offenburg und Ettenheim traten Standes⸗ genoſſen der neuen Gründung bei. Nach fünf Monaten zählte der Verein bereits 700 Mitglieder. Hofbauer Pfaff leibte und lebte für dieſe Organi⸗ ſation, in allen ſeinen Unterhaltungen bildete das Wort „Bauernverein“ die Hauptſache. Es war nun an der Zeit, die eigentliche Gründung zu bewerkſtelligen. Am 12. Juni 1885 fand die erſte Hauptverſamm⸗ lung in Offenburg ſtatt. Nach den Satzungen des weſt⸗ phäliſchen Bauernvereins ſtellte man ähnliche Satzungen für den Zweigverein in Baden auf. Als man zur Wahl eines Bezirksvorſtandes ſchritt, galt es als etwas Selbſtverſtändliches, daß Hofbauer Pfaff dieſes Amt übernehme. Da es unmöglich ſchien, daß die Organiſation auch auf den Seekreis und den Taubergrund ausgedehnt werden könne, gab man dem neuen Verein den Namen„Mittelbadiſcher Bauern— verein“. Worin lag die Hauptzugkraft für die raſche Ausdehnung dieſer Standesorganiſation? Eine der Joſ. Pfaff. 275 wichtigſten Beſtimmungen der beſchloſſenen Satzungen, welche auch den meiſten Eindruck machte und zahlreiche neue Mitglieder herbeiführte, war die Einführung des Rechtsſchutzes der Mitglieder und die Aufſtellung eines Vereinsanwaltes, welcher auf Koſten der Vereinskaſſe die Vertretung vor Gericht übernehmen ſollte. Dieſe Wohlfahrtseinrichtung trug ſo ſehr den Stempel der Fürſorge und Klugheit an ſich, daß ſogar ähnliche Ver⸗ einigungen dieſe Beſtimmungen nachahmten. Bereits in den erſten zehn Jahren ſeines Beſtehens hat der Bauernverein ſeinen Mitgliedern gewaltige Summen, die an eine Million Mark heranreichte, durch den Rechts⸗ ſchutz geſichert. Wie alles Gute in der Welt mußte auch dieſer Verein Vorurteile, Verdächtigungen erleben. Die zu überwindenden Schwierigkeiten waren oft ſehr groß. Es klingt wie ein Schauermärchen und doch iſt es wahr, daß in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts die verſchiedenen Verſammlungen auf Weiſung der Regierung durch Gendarmen überwacht wurden. Manche Miniſter witterten hinter dieſer Standesvereinigung eine Gefolgſchaft der Zentrums⸗ partei. Doch Schwierigkeiten muß man nicht bloß beklagen, ſondern überwinden. Nach dieſem Grundſatze han⸗ delten alle Freunde und Gönner des Vereins. In allen Gauen vom Bodenſee bis an den Main bildeten ſich Zweigvereine. Darum mußte er ſeinen Haupt⸗ namen ändern und hieß fortan:„Badiſcher Bauern⸗ verein“. Mit zunehmendem Alter ſah ſich der Präſi⸗ dent gezwungen, ſich von der Leitung zurückzuziehen. Zum Dank für ſeine Bemühungen wurde er zum Ehrenpräſidenten ernannt. Am 8. Mai 1902 in der Frühe des Tages ſchloß der wackere Mann ſeine nimmermüden Hände zum ewigen Frieden. Als die irdiſche Hülle des Verblichenen 18* 276 Joſ. Pfaff. zu Grabe getragen wurde, erkannten alle ſeine Standes genoſſen, daß mit Joſef Pfaff ein charakterfeſter Bürger, ein uneigennütziger Wohltäter ſeiner Mit⸗ menſchen in die Ewigkeit eingegangen ſei. Die katho⸗ liſche Kirche verlor an ihm einen Chriſten, der es mit der Religion ernſt genommen und der ſeiner Überzeu— gung allzeit Ausdruck verliehen hatte. Der„Badiſche Bauernverein ehrte und ſchätzte das Andenken ſeines Gründers in der edelſten Weiſe. Einen ſchönen Beweis dafür lieferte der Geſamtvorſtand im Sommer 1910, wo der Verein ſein ſilbernes Jubiläum feierlich beging. Das Vereinsorgan, Vereinsblatt des Badiſchen Bauern⸗ vereins Nr. 14 vom 15. Juli 1919, berichtet darüber: „Das 25jährige Beſtehen des Vereins wurde eröffnet am Peter- und Paulstage(29. Juni) mit einer Gedenkfeier auf den Gräbern der Stifter in Seelbach und Frieſen— heim. In Seelbach begann die Feier mittags um halb 2 Uhr, Hunderte von Angehörigen des Bauern— ſtandes waren herbeigeeilt, um dem Gründer des Ver⸗ eins, dem Hofbauer Pfaff, ihrem hier ſchlummernden Freunde und Wohltäter, über das Grab hinaus Dank⸗ barkeit und Ehrerbietung zu bezeugen für das große ſegensreiche Inſtitut, das er ihnen im Badiſchen Bauernverein geſchaffen hat. Von der Leitung des Bauernvereins hatten ſich eingefunden die Herren Ehrenpräſident Morgenthaler, Freiherr v. Stotzingen, Mitglieder der Erſten Kammer, ſowie Rechtsanwalt Bechler aus Offenburg. Dieſen ſchloß ſich eine große Zahl Ortsvereinsvorſtände aus ganz Mittelbaden an, unter ihnen auch Herr Ehrenbezirksvorſtand Nufer aus Ettenheim, ein Veteran des Vereins und treuer Freund und Mitarbeiter von Hofbauer Pfaff. Am Kriegerdenkmal in der Mitte des Ortes for⸗ mierte ſich gegen halb 2 Uhr ein geſchloſſener Zug zum Friedhof. Voraus ſchritt eine Muſikkapelle, der ſich Joſ. Pfaff. 277 der Cäcilienverein angliederte. Sodann folgte die obengenannte Deputation der Vereinsleitung, welche einen mächtigen Kranz trug, die Bauernvereinsvor⸗ ſtände von nah und fern, der Vertreter des erkrankten Bürgermeiſters mit dem geſamten Gemeinderat, der Vertreter der Pfarrgeiſtlichkeit, Herr Vikar Fellhauer, ſowie eine ungezählte Schar von Bürgern Seelbachs. und der umliegenden Gemeinden. Auf dem Friedhofe ſpielte zunächſt die Muſik einen Choral, worauf der Cäcilienverein ein ergreifendes Grablied vortrug, ſo⸗ dann nahm das Wort zur Gedächtnisrede Herr Ehren— präſident Abgeordneter Morgenthaler: „Als Ehrenpräöſident des Badiſchen Bauernvereins iſt mir der ehrenvolle Auftrag geworden, aus Anlaß unſeres 25jährigen Beſtehens unſerem unvergeßlichen, hochherzigen Gründer, dem leider zu früh verſtorbenen Hofbauer Joſ. Pfaff als Zeichen der Verehrung, der Pankbarkeit und Liebe an ſeinem Grabe dieſen Kranz niederzulegen. Schon 8 Jahre ſind verfloſſen, ſeit dieſer hochver⸗ diente Mann das Zeitliche geſegnet hat. Der Ver⸗ ewigte war ein liebevoller, treubeſorgter Gatte und Vater, ein umſichtiger Familienvorſtand, mit einem edlen, aufrichtigen Herzen, das ſeinen Schöpfer ehrte und liebte, und ein ebenſo treuer Sohn ſeiner Kirche, wie ein von Pflichtgefühl erfüllter treuer patriotiſcher Bürger ſeinem angeſtammten Fürſtenhauſe. Ganz beſonders ging ihm aber die ſo bedrängte Lage, die Not ſeiner Standesgenoſſen, der Bauern, ſehr zu Herzen. Er ſelbſt war zwar mit Glücksgütern ge⸗ ſegnet und hatte nicht mit der Not des Lebens zu kämpfen, jedoch als Bauer von echtem Schrot und Korn ſann er auf Abhilfe für die Sorge ſeiner Standes⸗ brüder. Er hörte von den in Norddeutſchland ent⸗ ſtehenden Bauernvereinen und verſchaffte ſich Kennt⸗ 278 Joſ. Pfaff. niſſe über deren Ziele und Beſtrebungen. Da ward in ihm der Gedanke reif, auch in Baden einen Bauern⸗ verein zu gründen. Er ſagte ſich ganz richtig, daß nur auf dem Wege der Vereinigung, durch die Selbſthilfe, Beſſerung zu erreichen ſei. Deshalb ſuchte er Fühlung mit gelehrten Männern zwecks Beihilfe zur Ausführung dieſes großen Unternehmens, das er ſich in ſeiner Be— ſcheidenheit allein nicht auszuführen getraute. In der Perſon des ebenſo edeldenkenden, für den Bauernſtand mit großem Wohlwollen ausgerüſteten Mannes, des hochw. Herrn Pfarrers Gerber von Frieſenheim, fand er tatkräftige Unterſtützung. Mit dieſem vereint, ging er hinaus in die Dörfer und Landwirtſchaft treibenden Städte zur Gründung von Ortsvereinen mit einer Entſchloſſenheit, einem Mute und Eifer, der zu bewundern war. Nichts ſchreckte ihn zurück, weder Widerſtand durch Verſtänd— nisloſigkeit, noch Anfeindung, welche von verſchiedenen Seiten ausgingen. Mit wahrem Gottvertrauen unter Entbehrung und Entſagung wurde unverdroſſen weiter gearbeitet. Gottes Segen ruhte auch ſichtbar auf dieſem in ſelbſtloſeſter Weiſe begonnenen Werke. Sieben volle Jahre ruhte die Leitung des Vereins als Präſident in ſeinen Händen, bis ihn körperliches Leiden nötigte, dieſe Stelle aufzugeben. Es war aber für ihn eine große Genugtuung, noch bei Lebzeiten den ungeahnten Erfolg zu ſehen in der Entwicklung des Vereins, der damals ſchon etwa 50 000 Mitglieder zählte. Nun ruht der unvergeßliche Gründer hier an der Seite ſeiner lieben Gattin, welche ihm im Tode nach⸗ gefolgt, die auch manche Opfer um dieſe Gründung bringen mußte. Ihrer ſei heute auch ehrend gedacht. Dieſer Mann hat nicht umſonſt gelebt; er hat ſeine Zeit verſtanden, ein Werk gegründet, welches nicht nur Joſ. Pfaff. 2279 ſeinen Standesgenoſſen, ſondern auch dem engeren und weiteren Vaterlande zum Segen gereicht, den die Nach⸗ welt noch bewundern und ehren wird; deſſen Namen in den Annalen des Vereins unauslöſchlich bleiben wird. In ſeiner ſchweren, langwierigen Krankheit hat ſich Hofbauer Pfaff auch als chriſtlicher Mann bewährt, der ſeine Leiden mit Geduld und Gottvertrauen er⸗ tragen hat, aus dem ſein lebendiger Glaube hervor⸗ leuchtete. Er ſuchte in ſeinem Leben ſeine Pflicht zu erfüllen. Niemand zu beleidigen und Gutes zu tun, war ſeine größte Freude. Wir leben daher auch der ſicheren Hoffnung, daß ihn der Herr über Leben und Tod, der nichts unbelohnt läßt, zu ſich in ſein Reich aufgenommen hat, eingedenkt der hl. Schrift:„Selig ſind die Toten, die im Herrn ſterben, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“ Und nun, mein lieber Freund, die wir ſo oft in An⸗ gelegenheiten des Bauernvereins in Verſammlungen und Sitzungen mit einander tagten, wenn auch dein edles Herz hienieden zu ſchlagen aufgehört hat, dein Geiſt lebt noch unter uns fort. Nimm nun hin dieſe zwar kleine Ehrung und Dankbezeugung gegenüber deinem großen, mit vielen Opfern gegründeten Werke. Dein verſöhnender und ausgleichend wirkender Geiſt möge ſtets bei unſerem Verein bleiben, bis auch wir unſer Tagewerk vollendet haben und wir uns dann wiederſehen dort, wo alle Sorgen und Mühen auf⸗ hören, im Vaterhaus, im Himmel. Das walte Gott!“ Die dem Freundesherz entquollenen Worte des Herrn Redners machten auf alle an der Feier Teilnehmenden einen tiefen Eindruck. Auf manch wetterhartem Mannesantlitz ſuchte ſich eine verſtohlene Träne Bahn. Nachdem noch der Cäcilienverein ein zweites Lied dem gefeierten Toten gewidmet hatte, war die Ehrung des Gründers Pfaff am Grabe zu Ende. Jos. Pfaff. Anſchließend an die Feier fand im Saale der Brauerei Löffler eine große Bauernvereinsverſamm⸗ lung ſtatt, in welcher die Herren Freiherr v. Stotzingen, Vereinsanwalt Bechler, Herr Ehrenpräſident Morgen⸗ thaler, Herr Vorſtand Nufer ſowie Herr Vikar Fell⸗ hauer ſprachen. Die Verſammlung eröffnete ein Neffe des gefeierten Gründers und Vorſtand des Ortsvereins Seelbach, Herr Georg Pfaff, mit herzlichen Be— grüßungsworten an die Erſchienenen und dem Ausdruck des Dankes an die Deputation des Vereinsvorſtandes. Auf das Grabdenkmal dieſes einfachen Mannes dürfte man die Worte des Dichters ſchreiben: „Wer ſeinen Brüdern nützt, bleibt unvergeſſen!“ Quellen: Mündliche und ſchriftliche Mitteilungen von Zeitgenoſſen. Verlagsbuchhändler Alois Rees.(18491914. Vom Lehrling zum Mitleiter eines Welthauſes.“) En der Reihe braver Männer unſerer Heimat, wert 3 anderen als Vorbild zu dienen, mag auch ein Kauf⸗ mann genannt werden, ein Mann, der durch mehr als fünfzig Jahre ſeinem Geſchäftsherrn in hingebender Treue gedient, durch ſeine Tüchtigkeit ſich raſch zu Ver⸗ trauensſtellungen und ſpäter zum Mitleiter eines Welt⸗ hauſes emporgearbeitet hat. In aller Stille verlief dieſes Leben, und trotzdem mag es ſein, daß ſein Wir⸗ ken wertvollere Früchte brachte als das Leben eines Mannes, den täglich die Zeitungen nennen. Als älteſter einer kinderreichen Lehrersfamilie war Alois Rees am 2. April 1849 geboren. Erſt in Unterkirchberg in Oberſchwaben, dann in Nieder⸗ wangen im Allgäu verbrachte er ſeine Kinder⸗ und Schuljahre, gute, einfache Sitte im Hauſe der Eltern des Lehrers Joh. Ambros Rees(1815—1870) und der Karoline Rees geb. Wahl(1827-1887) in ſich aufneh⸗ mend. Als Alois 14jährig in die Fremde mußte, gab ihm das Elternhaus keinen großen Reiſeſack mit. Aber eine kernhafte Frömmigkeit, Sinn fürs Echte, rührige ) Dieſe Lebensſkizze verdankt der Verfaſſer dieſes Buches der gütigen Mitarbeit von Herrn Prokuriſt M. Welte. 282 Alois Rees. Arbeitſamkeit hat er mitbekommen und als ſein Beſtes ſein langes Leben hindurch bewahrt und gemehrt. Tiefe und Weite des Blickes mag die oberſchwäbiſche Heimat mit ihren traulichen Nahbildern und dem Fernblick auf die himmelragende Alpenkette in ihn eingeſenkt haben. Knaben ſolcher Eigenſchaften ſuchte der Freiburger Buchhändler Benjamin Herder für ſein Geſchäft als Lehrlinge zu gewinnen. Beſonders glücklich in der Wahl war er, als er durch einen Geſchäftsfreund im Allgäuſtädtchen Wangen auf den Schüler der dortigen Lateinſchule Alois Rees aufmerkſam gemacht wurde, der ſeinerſeits ſofort mit heller Freude dem Vorſchlag ſeines Vaters zuſtimmte. Aber ſchmerzlich für Eltern und Kind war doch der Tag des Abſchieds aus dem lieben Elternhauſe. Mitte April 1863 machten ſich Vater und Sohn auf den weiten Weg. Die Poſtkutſche beförderte ſie über Spaichingen nach der Breisgauſtadt Freiburg, wo ſie am 18. April ankamen. Freundlich wird der ſichtlich an Geiſt und Körper geſunde, be⸗ ſcheidene, aber nicht zaghafte Knabe mit ſeinem blühen⸗ den Geſicht und ſeinem treuen Auge aufgenommen im Herderſchen Hauſe vom väterlich ernſten Benjamin Herder, der ſich bald darauf mit der güteſtrahlenden Emilie geb. Streber“) verheiratete. Und raſch findet ſich Alois zurecht. Schon im erſten Brief an die Eltern kann er ſchreiben, daß er ſich gut eingelebt habe. Ein Brief aus jener längſt verklungenen Zeit möge hier Platz finden, den Aloiſens Vater, nachdem er von Frei⸗ burg in die Heimat zurückgekehrt war, an den jüngſten Zögling der Herderſchen Verlagshandlung richtete: „Lieber Alois! Ich bin etwas ſchwer von Freiburg abgereiſt, obgleich die freundliche Aufnahme, die wir gefunden, hinreichende Beruhigung für mich war. Aus *) Vergl. Dor, Edle Frauen unſerer Heimat, S. 119. Alois Rees. 283 gewohnten und liebgewordenen Verhältniſſen trennt man ſich immer ungern, warum ſollte dies nicht der Fall ſein, wenn eine Trennung zwiſchen Eltern und Kindern ſtattfindet! Nun aber freut uns Deine ſchnelle Angewöhnung, Deine Zufriedenheit mit der Ver⸗ pflegung. Es iſt alſo an Dir, durch Pünktlichkeit, Ge⸗ horſam, Aufrichtigkeit, überhaupt durch ein wahrhaft kindliches Betragen dankbar zu ſein.— Jede Arbeit, die Dir aufgetragen wird, muß Dir gleich lieb ſein, wenn Du überhaupt ein günſtiges Ziel erreichen willſt. Wer im Kleinen treu iſt, nur dem kann ſpäter viel an⸗ vertraut werden.— Und doch iſt aller Fleiß und alle Tätigkeit von geringem Wert und nicht ſelten ohne Dauer, wenn nicht höhere Motive uns leiten. Wir müſſen unſerem Gewiſſen Genüge leiſten und Rechen⸗ ſchaft vor Gott ablegen über all unſer Tun, alſo ein chriſtliches Leben führen. Hiezu führt uns das Gebet. Wenn du aufſtehſt und zur Ruhe gehſt, vor und nach dem Eſſen, beim Beginn der Arbeit und dergl. — bete! Im Gebet finden wir Stärke und Kraft, alles zu überwinden. Wie nun Deine Eltern und Geſchwiſter Dich in ihr tägliches Gebet einſchließen, ſo tue Du ein Gleiches, dann ſind wir geiſtig täglich beiſammen, und unſere Trennung iſt nur eine ſcheinbare. Bete recht oft für Deinen Herrn, daß Gott ihm dauernde Ge⸗ ſundheit und Geduld und Stärke in ſeinen ſchönen Unternehmungen verleihen wolle. Bete für Deine Mitzöglinge, daß euch alle das Band der chriſtlichen Liebe umſchlinge. Gehe auch in die Kirche, ſo oft es Dir geſtattet wird, und empfange von Zeit zu Zeit die hl. Kommunion! Ich will enden, hoffend, es werden derartige Erinnerungen nie als eine Mahnung wiederholt werden müſſen, vielmehr das Vertrauen, das bis jetzt in Dein Benehmen geſetzt wurde, durch Dich für jede Zukunft gerechtfertigt werde.“ 284 Alois Rees. Ein ehrfurchtheiſchendes Gefühl erfüllt einen immer, wenn man in alten, vergilbten Familienbriefen lieſt. So wirkt auch dieſer von einem wohlmeinenden Vater⸗ herzen diktierte, mit ſorgfältiger Hand geſchriebene Brief. Der Sohn hat ihn zeitlebens als treues Erb⸗ ſtück aufbewahrt und ſeine ganze Lebensführung zeigt, daß die Lehren dieſes Briefes von ihm erfaßt und durchgeſetzt wurden. Unter gleichgeſinnten Mitzög⸗ lingen wie Auguſt Bareiß, Adolf Streber, Guſtav Gall fühlte ſich Alois wohl. Die ernſteſte Arbeit, zu der Benjamin Herder und deſſen Mitarbeiter und ſeit 1868 Teilhaber, Joſef Hutter, die Zöglinge anhielten, die ſtrenge Hausordnung, die einzuhalten war, hinder⸗ ten nicht, daß die jungen Leute in Fröhlichkeit und Jugendluſt die freie Zeit verbrachten. Im Zöglingsinſtitut Benjamin Herders wurden be⸗ gabte, wohlerzogene Knaben im Buchhandlungsbetrieb herangebildet, durch Lehrkräfte in und außer dem Hauſe in den Wiſſenſchaften, namentlich auch in den alten und neuen Sprachen unterrichtet, in ſtrenger Zucht und Ordnung zu Gewiſſenhaftigkeit erzogen und in den Geiſt des Hauſes eingeführt. Aus dieſem Inſti⸗ tut gingen eine Reihe tüchtiger Männer hervor, die den Inhabern der Herderſchen Verlagshandlung zur Durchführung ihrer buchhändleriſchen Aufgaben treu und verſtändnisvoll zur Seite ſtanden. In die erſten Reihen dieſer Stützen des Hauſes trat Alois Rees. Die hohe Auffaſſung des buchhändleriſchen Berufs, die Benjamin Herder leitete, erfaßte mit Eifer und Ernſt der junge Zögling; auch er betrachtete ſeinen Beruf als eine heilige Aufgabe: durch Verbreitung guter Bücher eine Kulturaufgabe zu erfüllen, der Verbreitung, Feſti⸗ gung, Verteidigung des katholiſchen Glaubens zu dienen, ſchöne und nützliche Kenntniſſe durch das Buch in weite Kreiſe zu tragen. Alois Rees. 285 Zu dieſer hohen Auffaſſung geſellte ſich in Alois Rees eine ungewöhnliche praktiſche Begabung. Es iſt eine Gefahr für den jungen Buchhändler, daß er ſich allzu ſtark in die ideale Seite ſeines Berufes verliert, vor Intereſſe für den Inhalt der Bücher ſeine Haupt⸗ aufgabe vernachläſſigt, als Verlagsbuchhändler dem Geiſteserzeugnis des Gelehrten oder Dichters die ge— eignete äußere Geſtalt und Form zu ſchaffen, es in die Welt hinaus zu leiten, oder als Sortimentbuchhändler das rechte Buch an den rechten Mann zu bringen. Rees verſtand es glücklich, beide Erforderniſſe des buchhänd⸗ leriſchen Berufs: Verſtändnis für Wiſſenſchaft und Kunſt und praktiſchen kaufmänniſchen Sinn in ſich zu vereinigen. Raſch gewann er ſich durch ſeine Tüchtig⸗ keit das beſondere Vertrauen ſeiner Vorgeſetzten. Im April 1869 hatte er ſeine Lehrzeit vollendet, im Früh⸗ jahr 1870 wurde er zu dem 1867 in Straßburg„zur Anbahnung lebhafterer Beziehungen mit Frankreich“ gegründeten Zweiggeſchäft entſandt. Dort mußte er auch die Schrecken der Belagerung mitmachen, die ein⸗ tretende Hungersnot miterleben. Der Geſchäftsführer Bachmann war bei Kriegsausbruch in Paris und konnte noch knapp nach Mainz herauskommen. Dem umſichtigen Alois Rees aber gelang es, in der durch den Krieg geſchaffenen neuen Lage ſich zurechtzufinden und für das Geſchäft alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Ihm ſelbſt entging dadurch die Möglich— keit, ſich noch vor Schluß der Feſtungstore zu retten. Faſt wäre er ein Opfer mißgünſtiger Angeber gewor⸗ den, die ihn deutſcher Spionage verdächtigten. Nur dem Eintreten eines elſäſſiſchen Prieſters verdankte Rees ſeine Befreiung und wohl ſein Leben. Nach der Kapitulation der Feſtung ſtellte ſich Rees zum deutſchen Heeresdienſt, wurde aber als älteſter Sohn einer kinderreichen Witwe— der Vater war kurz zuvor ge— 286 Alois Rees. ſtorben— nicht eingezogen. Ins Herderſche Stamm⸗ haus zurückgekehrt, arbeitete ſich der heranreifende Buchhandlungsgehilfe immer tiefer in den Verlags⸗ betrieb ein, in dem er durch Fleiß, Umſicht, Strebſam⸗ keit bald eine unentbehrliche Stütze wurde. Seine Leiſtungen wurden 1880 durch Verleihung der Prokura anerkannt, wodurch ihm namentlich die Ausgeſtaltung und Leitung der Vertriebsabteilungen zufiel. Immer größere Aufgaben unternahm der geniale Verleger Benjamin Herder, immer mehr dehnten ſich alle Abteilungen des Geſchäftes aus, neue Zweig⸗ niederlaſſungen wurden gegründet, 1873 ſolche in St. Louis im nordamerikaniſchen Staate Miſſouri und in München, 1880 in Karlsruhe, 1866 in Wien, 1906 in Berlin, 1910 in London und zuletzt noch 1912 in Köln. Dieſe Zweiggeſchäfte waren der be— ſonderen Obſorge von A. Rees anvertraut, und er ver⸗ ſtand es, mit Feſtigkeit, aber ſtets mit verſtändnis⸗ vollem Eingehen auf die in den einzelnen, weitzer⸗ ſtreuten Orten verſchieden gelagerten Verhältniſſe den engen Zuſammenhang mit dem Stammhaus zu wahren. Verſchiedene Reiſen— 1896 auch eine ſolche nach Amerika, wo er ſeinen Freund Joſ. Gummersbach und drei ſeiner Brüder antraf, gaben Gelegenheit zur ſtets erſprießlichen Ausſprache an Ort und Stelle. So verwachſen mit der ganzen Entwicklung des Herderſchen Geſchäfts und ſo mittätig an ſeiner Aus⸗ geſtaltung war Alois Rees in ſeiner 50jährigen An⸗ gehörigkeit, daß es wohl gerechtfertigt erſcheint, an die⸗ ſer Stelle einen kurzen Überblick über die Geſchichte des Verlags einzufügen. Auch weitere Kreiſe werden ſich wohl dafür intereſſieren, weil ja die Tätigkeit einer Verlagsbuchhandlung wie der Herderſchen mit den Millionen ihren Namen tragenden Büchern von all— Alois Rees. 287 gemeinerer Bedeutung iſt als diejenige anderer Ge— ſchäftshäuſer. 1801 hatte der in Rottweil am Neckar gebürtige St. Blaſianer Schüler Bartholomäus Herder in Meers— burg eine Buchhandlung gegründet, um als gelehrter Buchhändler der Bildung und Wiſſenſchaft zu dienen. Schon 1808 verlegte er ſein Geſchäft in die Univerſi⸗ tätsſtadt Freiburg, zog 1815 als k. k. Feldbuchdrucker mit den Heerführern bis nach Paris, verlegte außer einer Reihe wertvoller Bücher große Kartenwerke und Bilderdrucke. Sein Sohn Benjamin Herder, der ſeit 1839 das Geſchäft führte, wandte ſich aus⸗ ſchließlich dem Buchverlag zu und gab ihm die aus⸗ geſprochene katholiſche Richtung. Hochſinnig, die Be⸗ dürfniſſe der Zeit erkennend, wagemutig und aus⸗ dauernd ſeine Ziele verfolgend, verſtand Benjamin Herder ſein Geſchäft auszubauen, und als Alois Rees ins Geſchäft eintrat, traf er den rührigen Mann in⸗ mitten bedeutſamer Unternehmungen: In jenen Jahren knüpften ſich die Beziehungen an zu dem Geſchichts⸗ ſchreiber des deutſchen Volkes Johannes Janſſen, zum jungen Politiker Hertling, zu Franz Hettinger, den Würzburger Apologeten, zu den über die ganze Welt berühmt gewordenen badiſchen Katecheten Fr. J. Knecht und Jakob Schmitt. Alban Stolz brachte alljährlich ſeine Kalender für Zeit und Ewigkeit, die deutſchen Jeſuiten begründeten die Stimmen aus Maria⸗-Laach; zum badiſchen Stiftungs- und Schulſtreit brachte der Herderſche Verlag manche ſcharf geſchliffene literariſche Waffe bei. Desgleichen alsdann im harten deutſchen Kulturkampf der 1870er Jahre, den auch Alois Rees als ſtiller Mitkämpfer, aber doch mit dem ganzen Feuer jugendlicher Begeiſterung miterlebte. Des geiſtſprühen⸗ den Dominikanerpaters Weiß große Glaubensvertei⸗ digung beginnt zu erſcheinen, 1873 fangen die„Katho— 288 Alois Rees. liſchen Miſſionen“ ihr Werk an(als deren dem Preß⸗ geſetz gegenüber verantwortlicher Herausgeber Alois Rees ſpäter, von 1905-1913, an Stelle der verbann⸗ ten Jeſuiten zeichnete); als neue heute noch bekannte Schriftſteller reihen ſich den Autoren des Herderſchen Verlags an: Nik. Gihr von St. Peter, Franz Kaulen, der Jugendſchriftſteller Pater von Doß, der Literar⸗ hiſtoriker Alexander Baumgartner, Pater Meſchler und Pater Hattler. Schon in den 1870er Jahren wird der ausländiſche Verlag, zunächſt taſtend in Geſtalt franzö⸗ ſiſcher, holländiſcher und engliſcher religiöſer Schul⸗ bücher, begonnen, um in den folgenden Jahrzehnten, unter beſonderer Fürſorge von Alois Rees, zu ganz be⸗ trächtlicher Ausdehnung heranzuwachſen. Im Jahre 1888 ſtarb Benjamin Herder, tief be⸗ trauert weit über den Kreis der Familien- und Ge⸗ ſchäftsangehörigen hinaus. Sein Sohn Hermann Herder(geb. 1864) führt mit Jugendfriſche, geſtützt auf die treuen Helfer Franz Joſef Hutter, Alois Rees, Auguſt Bareiß, Philipp Dorneich und manche andere das Geſchäft im alten Geiſte weiter und zu immer größeren Aufgaben. Die zweite Auflage des Kirchen⸗ lexikons wird(unter ganz beſonders eifriger Mitwir⸗ kung von Alois Rees hinſichtlich der geſchäftlichen För⸗ derung) zu Ende geführt, das Staatslexikon der Görresgeſellſchaft beginnt ſeinen erſten Gang in die Welt. Nun wird die Zahl der Unternehmungen zu groß, als daß ſie im Rahmen dieſes Aufſatzes auf⸗ geführt werden könnten. Nur das Herderſche Konver⸗ ſations⸗Lexikon ſei noch erwähnt, ein Werk, das Hun⸗ derte von Kräften des Hauſes jahrelang in Anſpruch nahm und ſchon mit ſeinem außerordentlich großen finanziellen Riſiko die größte Aufmerkſamkeit des in⸗ zwiſchen in die oberſte Geſchäftsleitung eingerückten Alois Rees erheiſchte. Alois Rees. 289 Zu dem an Perſonal und räumlicher Ausdehnung kleinen Geſchäft in der Kaiſerſtraße war nach und nach ſeit den 1870er Jahren ein Anbau an den andern an⸗ gefügt worden, die Kontore bevölkerten ſich immer zahlreicher, bis ſich im Jahre 1910 Herder ent⸗ ſchloß, auf einem größeren Grundſtück außerhalb der Altſtadt ein einheitliches, geſunde Arbeitsſtätten bietendes Geſchäftshaus für den Verlagsbetrieb zu bauen. An dieſer ganzen Entwicklung nahm Alois Rees als treuer Helfer ſeiner Geſchäftsherren tätigen Anteil. Und es bedurfte einer nicht gewöhnlichen geiſtigen Spannkraft, dieſe Entwicklung in führenden Stellungen mitzumachen, mit Verſtändnis die Verlagsaufgaben durchführen zu helfen. Unzählige Schwierigkeiten innerer und äußerer Art müſſen, das weiß jeder ernſt⸗ hafte Arbeiter, täglich überwunden werden, ſoll ein Werk gut, ohne endloſe Verzögerungen, durchgeführt werden. Umſomehr Organiſationsaufgabe, Umſicht, zielklares Arbeiten gehört dazu, wenn die Aufgaben ſo groß werden, daß man ſie nicht mehr mit wenigen, ganz Vertrauten durchführen kann, ſondern Dutzende, ja Hunderte von Mitarbeitern in Anſpruch nehmen muß. Alois Rees hatte dieſe ſeltenen Eigenſchaften. Durch viele Jahre war ihm die beſonders ſchwierige und verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, die Perſonalangelegenheiten des Hauſes zu bearbeiten. Dafür hatte er beſondere Fähigkeiten: eine gute, ſelten fehlgreifende Menſchenkenntnis, um Vorzüge und Schwäche des einzelnen zu erkennen und jeden an den Platz zu ſtellen, wo er ſein Beſtes leiſten konnte; die Gabe, andere zu leiten und zu fördern; eine herzliche, wohlwollende Art, die er auch dann beibehielt, wenn er tadeln und zurechtweiſen mußte. Er konnte auch das mit der Sicherheit und Energie des Mannes, der Dor, Edle Männer 19 290 Alois Rees. an ſich ſelbſt hohe Anforderungen ſtellte und ſelbſt Überragendes leiſtete. Wie konnte er doch ſo klar und treffend falſche Auffaſſungen richtigſtellen, leere Phraſen oder eitle Poſen charakteriſieren, wie nachdrücklich vor⸗ kommende Nachläſſigkeiten rügen— aber immer hörte man den feinen Unterton wahrer Herzensgüte heraus! Beſonderer Fürſorge erfreuten ſich die Zöglinge des Kontors und die Lehrlinge der Druckerei und Buch⸗ binderei, für deren Ausbildung und geiſtige Entwick⸗ lung Rees bis ins kleinſte hinein ſich intereſſierte. Auch den älteren Gehilfen und Mitarbeittern war Rees ein wohlwollender Vorgeſetzter, gern zu jedem möglichen Entgegenkommen bereit, von ſeltener, herzlicher Höflich— keit, wenn ſich Gelegenheit bot, einem Geſchäftsange⸗ hörigen oder ſeiner Familie eine Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Manchen Sonntag Nachmittag widmete er jungen Leuten, indem er ſie zu einem gemeinſamen Spaziergang aufforderte, dabei in der freundlichſten Weiſe ſich mit ihnen unterhielt, von ſeinen reichen Lebenserfahrungen erzählte, manche irrige oder ver⸗ ſtiegene Auffaſſung berichtigte, kerngeſunde Ratſchläge erteilte. Er ſelbſt erhielt ſich durch ſolch regen Verkehr mit der Jugend friſch und lernte den einzelnen in ſeinen Vorzügen und Schwächen kennen. Auch Neu⸗ eintretenden widmete ſich Rees gerne und ſuchte ihnen durch beſondere Aufmerkſamkeit das Einleben in die neuen Verhältniſſe zu erleichtern. Außer bei dem Geſchäftsinhaber und den Geſchäfts— angehörigen genoß Rees auch großes Vertrauen bei Schriftſtellern, mit denen er perſönlich bekannt zu wer⸗ den Gelegenheit bekam. Der Herausgeber des Kirchen— lexikons Franz Kaulen und andere namhafte Gelehrte und Schriftſteller wie Gihr, Knecht, P. A. M. Weiß, Hansjakob, Färber in Amerika und viele andere ſtan⸗ den mit ihm in regem Verkehr. Sein praktiſcher Sinn, Alois Rees. 291 ſein klarer Blick für den jeweils richtigen Weg, tiefes Durchdringen ſchwieriger Aufgaben, ſeine Geradheit und Zuverläſſigkeit, ſeine Gewandtheit und ſein feines Taktgefühl, ſeine zähe Energie und ſein raſtloſer Fleiß nötigten überall Achtung ab. Wenn ein geiſtlicher Ge⸗ ſchäftsfreund in einem Brief an Alois Rees ſchreiben konnte:„Die Reinheit und Schönheit Ihrer Seele ſprach ſich in den Mitteilungen in bewundernswerter Weiſe aus“, ſo dürfte ein ſolches Wort die Art der Geſchäftsführung und das Verhältnis von Rees zu den Geſchäftsfreunden voll beleuchten. Dieſe Eigenſchaften haben ihn zu einem der Tüch⸗ tigſten ſeines Berufs gemacht, ſie haben, gepaart mit hingebender, ſelbſtvergeſſender Treue, ihn an die höchſte Stelle, die der Chef eines nach und nach zum Welthaus herangewachſenen Geſchäfts anzubieten hatte, geführt: am 1. April 1905 nahm ihn der Inhaber des Hauſes, Hermann Herder, als Nachfolger von Franz Joſef Hutter(1840—1895) und Adolf Streber(1850— 1905) als Teilhaber in die Firma auf. Die Eigen⸗ chaften eines Betriebsleiters, die Alois Rees von ſeinem Geſchäftsherrn übernommen, in ſich weiterentwickelt und auf ſeinen Nachfolger vererbt hat, ſind es auch, die man ſich überall da, wo ein Zu⸗ ſammenarbeiten vieler erforderlich iſt, wünſchen möchte, in Geſchäften, Vereinen, Gemeinden, in Beamten⸗ körperſchaften, in den Parlamenten und in der Staats⸗ regierung: auf feſtem religiöſem Grund ruhende Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, überragende Geſchäftskenntnis, ſcharfen Blick für Echtes und für Ungeſundes, praktiſchen Sinn, ſelbſtloſe Hingabe an die Sache, aus wahrer Menſchen⸗ liebe herausquellende Hilfsbereitſchaft, dazu eine gute Doſis Humor.— Hätte unſer Volk viele ſolche Männer an führenden Stellen, dann brauchte uns nicht bange zu ſein um ſeine Zukunft. 19˙ 292 Alois Rees. Da Alois Rees ſeine ganze Kraft und alle ſeine Fähigkeiten dem Geſchäft gewidmet hat, ſo geziemte es ſich wohl, daß in dieſem Lebensüberblick beſonders ein⸗ gehend das geſchäftliche Wirken geſchildert wurde. Aber es lohnt ſich, ihn auch in ſeinem Privatleben zu beob⸗ achten. Hervorzuheben iſt zunächſt, daß er mit ſeltener, rührender Hingabe an ſeiner Familie hing. Nach dem frühen Tod des Vaters(1870) übernahm der Ein⸗ undzwanzigjährige als älteſter Sohn die Obſorge für Mutter und 7 Geſchwiſter. Vier Brüdern wurde er väterlicher Berater und Helfer, bis ſie ſelbſt ſich ihre Lebensſtellung erkämpft hatten— drei davon in Amerika—, den drei Schweſtern war er zeitlebens ein liebevoller, treubeſorgter, ſtets hilfsbereiter Bruder. So war auch ſeine am 3. Mai 1881 geſchloſſene Ehe mit Fräulein Frida Bollin eine harmoniſche, glückliche; der Gatte war ein willensſtarker und zugleich mit den beſten Herzenseigenſchaften ausgeſtatteter Mann, die Gattin wußte in dem trauten, immer einfach- beſchei⸗ denen Heim die heilige, wärmende Flamme der Liebe ſtets wach zu halten; ihr gelang es, die aus dem Ge⸗ ſchäft gebrachten Sorgen und Laſten des Mannes leiſe abzubürden, ſie war die ſanfte Pflegerin, als viele Jahre hindurch heftige neuralgiſche und rheumatiſche Schmerzen den Gatten peinigten, und beſonders, als die letzten Wochen ſchwerer Krankheit überwunden werden mußten. Schon früh beteiligte ſich Alois Rees am katholiſchen Vereinsleben. 1866 wurde die Marian. Kon⸗ gregation junger Kaufleute gegründet, 1868 der Katho⸗ liſche Kaufmänniſche Verein Lätitia; beiden trat Alois Rees ſofort bei, und ihnen bewahrte er zeitlebens Mit⸗ gliedſchaft und treue Mitarbeit in verſchiedenen Vor⸗ ſtandsämtern. Später ſah man den Herrn im Silber⸗ haar regelmäßig am Dienstag Abend bei der Männer⸗ Alois Rees. 293 kongregation unter den in St. Martin mit tiefem Ernſt betenden Männern aller Stände. Beſondere Ver⸗ dienſte hat ſich Rees um den Kirchenchor von Sankt Martin erworben. Selbſt mit ſehr klangvoller Stimme begabt und von feinem Gehör und Verſtänd⸗ nis für gute Muſik, war er bei jedem Gottesdienſt an ſeinem Poſten. Als naher Freund des Chordirigenten Joh. Diebold leitete Rees Jahrzehnte mit ebenſoviel Genauigkeit als Takt, Umſicht und Klugheit die Ver⸗ einsgeſchäfte des Cäcilienvereins. Dieſelben guten Dienſte leiſtete er dem St. Michaelsverein der Erz⸗ diözeſe Freiburg, deſſen Rechnung er mit muſterhafter Genauigkeit führte. Noch vielen anderen Vereinen, namentlich ſolchen mit wohltätigen Zwecken(Vinzenz⸗ verein u. a.) gehörte Rees an; wo er nicht perſönliche Mitarbeit leiſten konnte, da wußte er durch ſonſtige Förderung jeder Art(Geldmittel, Aufmunterung jüngerer Leute zur Betätigung) ſeine Teilnahme zu be⸗ zeigen. Seine vollen organiſatoriſchen Fähigkeiten ent⸗ faltete Rees in den Jahren 1888, 1890 und 1907, als er unter der Ägide des Fürſten Karl zu Löwenſtein die Durchführung der großen deutſchen Pilgerzüge nach Rom leitete; alle ſeine guten Eigenſchaften, Geſchäfts⸗ gewandtheit, raſche Entſchlußfähigkeit, ſeine Sprach⸗ kenntniſſe, zumal auch ſein ſicheres, vornehmes und liebenswürdiges Auftreten kamen dabei zur Geltung. Von frühen Jugendjahren an war Alois Rees be⸗ müht, überall, wo er in Not Geratenen helfen konnte, einzuſpringen, tatkräftig, klug und taktvoll. In jungen Jahren leitete er die Stellenvermittlung des Kathol. kaufmänniſchen Vereins und wußte in dieſer Eigen⸗ ſchaft manchem jungen Manne als wertvollſte Hilfe die Unterbringung in guter Stellung zu ver⸗ ſchaffen. Mit Einſatz ſeines Lebens hatte Rees einſt ein dem 294 Alois Rees. Ertrinken nahes Mädchen aus den Fluten des Vier⸗ waldſtätterſees gerettet; aber auch ſpäter ſpendete er fort und fort Wohltaten edelſter Art. Frl. M. Otto, Mitglied des Badiſchen Landtags, ſchildert zwei Fälle, die für die Art und Weiſe, wie Rees praktiſche ſoziale Fürſorge leiſtete, charakteriſtiſch ſind. Sie ſchreibt: „Meine verſtorbene Freundin wurde eines Tages von einem hieſigen Prieſter gebeten, ſich eines Mädchens anzunehmen, das einige Zeit zuvor fremd hierher ge— kommen war und einen ſchlimmen Lebenswandel hinter ſich hatte. Es war aber der gute Wille in ihr erwacht, der jedoch immer wieder durch ihre Schwäche lahmgelegt wurde. Der betreffende Prieſter ging nun von dem Gedanken aus, daß ihr freundſchaftliche Frauenhilfe wohltun könnte. Wir verſuchten, ihr näher zu treten und vor allem ihr Arbeit zu verſchaffen. Wir legten beſonderen Wert darauf, ein Haus zu fin— den, in dem ſie neu anfangen könnte, ſich geachtet fühlte, kurzum, unter die guten Menſchen aufge⸗ nommen wäre. Zu dieſem Zweck wandten wir uns an Herrn Rees und er zeigte ſofort für den charitativen Gedanken, der unſerer Bitte zu Grunde lag, ein gerade— zu bewundernswertes Verſtändnis, dem auch ſeine rührende Bereitwilligkeit, zu helfen, entſprach. Er er⸗ möglichte die Anſtellung und ſorgte dafür, daß ihr ein eigenes kleines Zimmerchen als Arbeitsſtätte gegeben wurde. Von nun an ging es aufwärts mit ihr. Mit einer außerordentlichen Dankbarkeit empfand das Mädchen nicht nur den Segen der Arbeit, ſondern vor allem die feine Behandlung, die ihr zuteil wurde. Immer wieder verſicherte ſie, welch tiefen Eindruck es auf ſie mache, mit einer ſolchen Hochſchätzung, wie ſie ſie nie genoſſen hatte, behandelt zu werden und eben das Gefühl zu haben, als ein vollwertiger Menſch ge— nommen zu ſein. Heute weiß ich von dem Mädchen Alois Rees. leider nichts mehr, aber ich hatte Jahre lang Gelegen⸗ heit, ihren Lebenswandel zu beobachten und mich da⸗ von zu überzeugen, daß ſie zu den Geretteten zu zählen war. Dies iſt ganz ſicher der praktiſchen Charitas des Herrn Rees zu verdanken, und es iſt ein geradezu glänzendes Beiſpiel von Laienſeelſorge. Was könnten wir leiſten an armen und gefallenen Menſchen, wenn ſolcher Geiſt der Caritas bei unſeren Arbeitgebern weit⸗ gehenderes Verſtändnis fände. Gerade Arbeit und eine vollwertige Behandlung ſind ja ſo ſtarke Hilfen bei der Rettungsarbeit am gefallenen Menſchen. „Ich bin überzeugt, daß in vorliegendem Falle keine unſerer vorhandenen Anſtalten hätte Rettung bringen können und daß ſie in vielen ähnlichen Fällen nicht helfen können, wo aber in einem Zuſammen⸗ wirken zwiſchen Charitas und Arbeitgebern die Rettung liegen könnte. „Im zweiten Falle handelt es ſich um eine kinder⸗ reiche Familie, die aus dem Elſaß hierhergekommen war. Der Mann war ſeines Berufes Kaufmann, hatte aber die Zubereitung einer Art von deutſchem Gervais⸗ Käſe erfunden und beſtand krampfhaft auf dem Ge⸗ danken, mit dieſer ſeiner patentierten Erfindung ſein Glück zu machen. Infolgedeſſen war er nicht zu be⸗ wegen, ſich irgend einer Arbeit zuzuwenden, was doch zum Unterhalt ſeiner Familie unbedingt notwendig ge⸗ weſen wäre, da damals eine kaufmänniſche Stellung nicht zu finden war. Die Famliie mußte infolgedeſſen buchſtäblich hungern, während doch Mann und Frau mit allen Kräften an der Zubereitung von Käſe ar⸗ beiteten. Auf alle Verſuche, den Mann zur Arbeit zu bewegen, antwortete er, daß er nicht herabſteigen wolle. Außerdem war er ſo verbittert über die Be⸗ handlung, die ihm als Arbeitsloſen und als„Erfin⸗ der“ zuteil wurde, wenn er ſich in ſeiner ſchäbigen Klei⸗ 296 Alois Rees. dung und ſeinem nicht gerade Vertrauen erweckenden Außeren irgendwo vorſtellte. Ich erinnerte mich da⸗ mals des Verſtändniſſes, das ich im erſten Fall bei Herrn Rees gefunden und wandte mich abermals an ihn— zu meiner größten Freude mit dem gleichen Er⸗ folg. Herr Rees bedeutete mir zwar, daß der Mann nicht gelernter Buchhändler ſei, ſondern Kaufmann und im Herderſchen Geſchäft nur Buchhändler angeſtellt werden, aber er erreichte es trotzdem, daß dem N. eine Stelle geſchaffen wurde, wo er arbeiten und ſich nützlich machen konnte. Wieder ſorgte Herr Rees in ſeiner verſtändnisvollen Art dafür, daß die ganze Stellung, ſowie die Behandlung von den Vorgeſetzten eine ſo rückſichts⸗ und achtungsvolle war, daß bei N. ſchon nach kurzer Zeit das erwachende Ehrgefühl zu bemerken war. Er kam zum Bewußtſein, daß er in erſter Linie ſeiner Familie und nicht ſeinem Patent zu leben hatte, und daß er vor allem das Vertrauen„verdienen“ müſſe, das ihm von Herrn Rees geſchenkt worden war. Er blieb auf ſeinem Poſten und arbeitete ſich mit großer Energie durch, bis er ſpäter infolge veränderter Ver⸗ hältniſſe von Freiburg wegzog.“ Gerne ſpendete Rees in aller Stille Wohltaten, ohne ſich durch Undank beirren zu laſſen. A. Rees habe, er⸗ zählt ein alter Freund, einen Bekannten, durch den er zu nicht geringem pekuniärem Schaden gekommen war, von dieſer Zeit an mit beſonderer Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit behandelt!— Sein Rat war vielfach be⸗ gehrt, weil Rees mit ſeinen ausgedehnten Kenntniſſen, ſeinem klaren Blick wirklich raten konnte, und weil ſein herzliches Wohlwollen für jeden Hilfsbedürftigen ihn auch bei ſtarker geſchäftlicher Inanſpruchnahme leicht zugänglich hielt. Zum Helfen mit Rat und Tat, heute einem jungen Lehrling, morgen einem Geſchäfts⸗ freund in Überſee, der eine Druckmaſchine aus der Rees Aloi Alois Rees. 297 Heimat kommen laſſen wollte, ein andermal einer Witwe in Geldangelegenheiten und tauſend anderen Dingen, war Rees immer bereit. Und er tat es mit Sorgfalt, auch auf kleinſte Einzelheiten eingehend. Seinen Freunden bewahrte Rees in unverbrüch⸗ licher Treue die Freundſchaft. Es ſeien hier einige Worte eines alten Freundes angeführt:„Alois Rees war eine gottbegnadete, harmoniſche Natur, in der treffliche Seelenkräfte und Eigenſchaften ſich maßvoll einigten und äußerten, eine Frohnatur, die nicht bloß zu Zeiten aufflackerte oder in Übermut überſchlug, die ſich aber auch durch kein Schickſal beugen und verdüſtern ließ oder launiſcherweiſe einmal von einer Stimmung ins Gegenteil umſchlug. Rees war kein Philoſoph, aber ein merkwürdiger Menſchenkenner und praktiſcher Denker von ſchneller Auffaſſung, immer vorſichtig in Beurteilung anderer, immer das Vorteilhafte hervor— hebend oder ſchweigend. Nie ſpöttelte er, obwohl er am rechten Ort einen feinen Zug von Ironie verriet, verhaßt war ihm nur der Hochmut.— Ein wahrhaft religiöſer, ſtrammer Katholik, trug er Frömmigkeit nie zur Schau, und wußte auch einer andern Geſinnung und Geiſtesrichtung gegenüber ſich ſtets taktvoll und tolerant zu verhalten. Rohe Zornesausbrüche anderer konnte er erſtaunlich gelaſſen mit freundlich mitleidigem Lächeln über ſich ergehen laſſen. Wo er Anſichten an⸗ derer entgegenzutreten hatte, geſchah es in edlem, zurückhaltendem Ton. Auch ſein Humor war unver⸗ gleichlich erquickend.“ Als am 1. Mai 1913 aus Anlaß des fünfzigjährigen Berufsjubiläums des allmählich zum Senior des Hauſes gewordenen Herrn Rees der Chef die Geſchäfts⸗ angehörigen und ihre Familien zu einer großen Feier in die ſtädtiſche Kunſt⸗ und Feſthalle einlud, da zeigte ſich in offenkundiger Weiſe, welche Hochſchätzung und 298 Alois Rees. Verehrung der ſo zurückgezogen lebende Mann ſich er⸗ rungen hatte. Er war eben, wie einſt ſein Vater ihm angeraten hatte,„im kleinen treu geweſen, und es konnte ihm ſpäter viel anvertraut werden“.— Die gleiche Verehrung, jetzt begleitet von herbem Schmerz, tat ſich aber auch kund, als wenige Monate ſpäter, am 20. Januar 1914, der Todesengel den wackeren Mann von ſeinem Arbeitsfelde zur ewigen Ruhe abholte. Allen aber, die Alois Rees als ſtattlichen Mann mit ſeinem vollen ſilberweißen(früher tiefſchwarzen) Haupthaar, ſeinem blühendfriſchen Geſicht, ſeinen dunkeln, glänzenden, milden Augen gekannt hatten, bleibt dieſe Geſtalt ebenſo unvergeßlich wie ſein vor⸗ bildlicher Charakter. „Ich habe in meinem langen Leben keinen Mann kennen gelernt, der mir mehr Achtung abgewonnen hat, als Herr Rees“, ſo ſprach ſich der ſcharfe Beobachter und aller Schminke abholde Hansjakob aus. Dieſes Wort möge es rechtfertigen, daß wir ein Lebens⸗ bild des tüchtigen, allzeit beſcheidenen Kaufmanns, des werktätigen Menſchenfreundes, des praktiſchen Katho⸗ liken Alois Rees in dieſes Buch eingereiht haben. Hofrat Ignaz Schwörer, Profeſſor in Freiburg. ſchrieb der bekannte Alban Stolz, der gewiß nicht zu verſchwenderiſch im Erteilen von Lob war, in ſeinen Erinnerungen an die Univerſitätsjahre: „Ein eigentlicher Freund im vollendetſten Sinne des Wortes war und blieb mir Hofrat Schwörer, einer der edelſten Männer, die ich je gekannt habe, und deſſen L den vortrefflichen Mann Ignaz Schwörer Tod mir ſchwerer fiel als der Tod meiner Eltern oder ſonſt irgend eines Menſchen.“ Dieſer kurze, vielſagende Nachruf eines Freundes zwingt dazu, das Andenken Schwörers wieder aufzu⸗ friſchen. Ignaz Schwörer war am 31. Juli 1800 zu Frei⸗ burg geboren. Sein Vater war Eigentümer des Kaffee⸗ hauſes zum„Kopf“. Die Eltern verſäumten nichts, was die Belehrung und Durchbildung des mit geiſtigen Fähigkeiten reichlich begabten Knaben fördern konnte. Dieſer zeichnete ſich ebenſo ſehr durch Talent und Fleiß, als auch durch eine Heiterkeit des Geiſtes aus, welche nicht ſelten zu luſtigen und abenteuerlichen Streichen führte. Seine blühende Geſundheit, ſein kräftiger Körper drängte bei der Friſche des Geiſtes gerne zu Beſchäftigungen, wie ſie dem deutſchen Jünglinge ziemen. Als Knabe hatte Schwörer die größte Vor⸗ liebe zu allem, was Kraft, Mut und Ausdauer erfor⸗ 300 Ignaz Schwörer. derte, ja ſelbſt mit Gefahr verbunden war: In Frei⸗ burg beſuchte der junge Schwörer das Gymnaſium, an dem damals meiſtens Ordensgeiſtliche als Lehrer tätig waren. Nach vollendeten Gymnaſialſtudien be⸗ zog er die Hochſchule und ſtudierte Philoſophie und Heilkunde mit ebenſo großem Fleiß als Erfolg. Dabei genoß er die akademiſchen Freiheiten in reichlichſtem Maße. Er war einer der fröhlichſten Studenten und ein gewandter Fechter. Seine Studienzeit fiel in jene gewaltige Epoche, welche für die Geſchicke Deutſchlands entſcheidend war. Der Blitz der Freiheitskriege hatte begeiſternd noch die nächſtfolgenden Jahre beſchienen. Der Muſenſohn Schwörer teilte mit ganzem Herzen die aus den Frei⸗ heitskriegen vererbte Begeiſterung für Deutſchlands Ehre und Einheit. Die Univerſität Freiburg zählte damals unter den Studenten viele Söhne aus der Schweiz, denn die Hochſchulen zu Bern und Zürich beſtanden noch nicht. In der Hauptſtadt des Breis⸗ gaues fühlte ſich der Student wohl, weil ungezwungen und doch behütet in Leben und Haltung. Jede Blaſiert⸗ heit war fremd, es wurde viel ſtudiert, weil nach alter Sitte noch am Schluſſe jedes Semeſters eine Prüfung abgelegt wurde. Ignaz Schwörer legte im Oktober 1821 die Staats⸗ prüfung für innere Heilkunde ab und erhielt im No⸗ vember desſelben Jahren das unbeſchränkte Recht zur Ausübung der inneren Heilkunde. Bald darnach ſchrieb er ſeine Doktorarbeit, die er mit Erlaubnis der medi⸗ ziniſchen Fakultät herausgab. Am 22. Januar 1822 erhielt er die Doktorwürde. Für ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung machte er hierauf zwei Jahre hindurch Reiſen nach Wien, Berlin, Lund und Kopenhagen. Als rüſtiger junger Mann unternahm er dieſe Aus⸗ flüge in die weite Welt ſtets zu Fuß. Heimgekehrt, Ignaz Schwörer. 301 fiel er in eine jener Unterſuchungen wegen politiſcher Umtriebe, mit welchen man die in der ſtudierenden Jugend fortlebende Proteſtation für die Anſprüche der Nation zu treffen glaubte. Schwörer war Mitglied der deutſchen Burſchenſchaft und mußte ſich nun„wegen demagogiſcher Umtriebe“ verantworten. Monatelang ſaß er in Unterſuchungshaft und büßte ſeine ideale Politik im Gefängnis zu Kißlau bei Mingolsheim ab. Hier in der Einſamkeit konnte er ungeſtört ſeinen Studien obliegen und das reiche, theoretiſche und prak⸗ tiſche Material, das er auf Reiſen geſammelt hatte, zu einem ſchönen harmoniſchen Ganzen verarbeiten. Sein heiterer Sinn und beneidenswerter Humor hatten ihn auch auf dieſer Feſtung nicht verlaſſen und machten ihn zum Liebling ſeiner Leidensgenoſſen. Im Jahre 1827 legte Schwörer die Staatsprüfungen über Chirurgie und Geburtshilfe ab und erhielt in bei⸗ den Zweigen das unbeſchränkte Recht zur Ausübung der Praxis. Am 19. Februar 1827 ernannte ihn„die Geſellſchaft zur Beförderung der Naturwiſſenſchaft“ zu Freiburg zum Ehrenmitgliede. Nun begann der junge Gelehrte in ſeiner Vaterſtadt als Arzt ſeine Wirkſadkeit, die er über drei Jahrzehnte ausübte. In kurzer Zeit hatte er das Vertrauen weiter Kreiſe gewonnen. Was ihm die Liebe der Kranken und deren Angehörigen in ſo reichem Maße erwarb, war ſeine Leutſeligkeit im Vereine mit ruhiger Entſchloſſenheit. Sein Auftreten hatte immer etwas Soldatenmäßiges. Darum wählten auch ſeine Mitbürger ihn zum Oberſt der Artillerieabteilung des damaligen Bürgerkorps. Dieſes Amt bekleidete er viele Jahre hindurch. Am 7. November 1827 reichte er ein Geſuch an den Senat der Univerſität ein, um als Privatdozent zugelaſſen zu werden. Die Bitte klingt ſehr beſcheiden.„Die hoch⸗ verehrten Väter dieſer Hochſchule“, ſo heißt es in dem 302 Ignaz Schwörer. Anſuchen,„mögen es nicht als eitlen Dünkel anſehen, wenn ich, ihr dankbarer Schüler, wage, hochdieſelben um Genehmigung der Bitte zu erſuchen, mich als Lektor habilitieren zu dürfen. Ich hege die innigſte Über⸗ zeugung, daß jemehr einer den Umfang ſeiner Wiſſen⸗ ſchaft kennen gelernt hat, derſelbe umſomehr ſich von gelehrter Anmaßung entfernen müſſe. Ich trete daher nur ſchüchtern mit einer Bitte zu den Hallen der Weis⸗ heit, in welchen ich ſelbſt den größten Teil meines Un⸗ terrichts erhielt, lediglich in der Abſicht, meine geringen Kräfte im Lehramte üben, und mich einer literariſchen Tätigkeit neben der praktiſchen hingeben zu dürfen, durch die ich einſt einigen Nutzen zu ſchaffen wünſchte.“ Im Januar 1828 habilitierte ſich Schwörer als Privatdozent der mediziniſchen Fakultät und wurde bald darauf proviſoriſch Aſſiſtent des chirurgiſchen und geburtshilflichen Lehrfaches. Schon am 12. Januar 1829 ward er als ſolcher wirklich angeſtellt. Im Sep⸗ tember desſelben Jahres erhielt er infolge des Ab⸗ lebens des Profeſſors der Geburtshilfe, des Hofrats Dr. Ecker, ebenfalls proviſoriſch die Verwaltung dieſes Lehr⸗ ſtuhles. Im Jahre 1832 erfolgte ſeine Ernennung zum außerordentlichen Profeſſor der Geburtshilfe und zum Vorſtand der neu errichteten Entbindungsanſtalt, 1833 wurde er ordentlicher Profeſſor der Geburtshilfe und ſpäter der gerichtlichen Medizin. 1838 erhielt er den Titel Kreisoberhebearzt. Während dieſer Zeit, ja von Jugend auf, war er mit ſeinem Stiefbruder, dem Profeſſor der chirurgiſchen Klinik, dem Hofrat Dr. Beck, innigſt verbunden und dieſes Verhältnis konnte nicht verfehlen, anregend und befruchtend auf ſeine wiſſenſchaftliche Tätigkeit einzu⸗ wirken. Laſſen wir ihn ſelbſt dieſes Verhältnis ſchil⸗ dern:„Was ich— ſo ſchrieb Schwörer nach deſſen Ignaz Schwörer. 303 Tod 1838— empfand, kann ich mit wenigen Worten ſagen. Nachdem wir die Knabenjahre zurückgelegt hatten, war ich 10 Jahre ſein Schüler und 10 Jahre ſein Kollege an der gleichen Anſtalt. Ich war ſeit mehr als 20 Jahren gewöhnt, ihn ärztlich handeln zu ſehen, er gewohnt, mich bei ſeinen Operationen zum Aſſiſten⸗ ten zu haben. Die Bande des Blutes, wenn ſie mit jenen des gleichen Berufes verſchlungen ſind, ſind ſtark, wenn ſie das Schickſal zerreißt, iſt die Wunde tief.“ Neben ſeinem Lehramte war Schwörer ein viel be⸗ ſchäftigter, glücklicher Arzt. Die Natur hatte ihn mit dem ſicheren ärztlichen Blick begabt und was bei ihm im Anfang mehr nur glückliche natürliche Ahnung war, das hat ſeine Erfahrung ſpäter zur techniſchen Sicher⸗ heit verklärt. Niemand hatte in Freiburg mehr Ge— ſchick, die Krankheitsfälle zu individualiſieren und den Kranken in der Geſamtheit ſeines Weſens aufzufaſſen. Sein Grundſatz war:„Die Heilkraft der Natur mög— lichſt walten zu laſſen, aber auch kühn einzugreifen, wenn ſie ihre Selbſtmächtigkeit verloren.“ Schwörer war ein entſchloſſener Operateur, aber ebenſo ſorgſam und glücklich in der Nachbehandlung. Als Profeſſor und Direktor der Entbindungsanſtalt mußte er die Vorleſungen über Geburtshilfe, Frauen⸗ und Kinderkrankheiten abhalten und die geburtshilf⸗ liche Klinik leiten. Seine Vorträge waren klar, präzis, frei von theoretiſchem Wortſchwall und gelehr— tem Nimbus. Er gehörte nicht zu jenen, welche in der paragraphenweiſen Erläuterung eines Lehrbuches ihre Aufgabe zu erledigen glauben. In dieſer Hinſicht blieb er bisweilen hinter den Erwartungen vieler Zuhörer zurück. Keiner ſeiner Schüler konnte aber leugnen, daß er viel bei Schwörer gelernt. Beſonders belehrend waren die kliniſchen Vorleſungen und praktiſchen Übungen in der Entbindungsanſtalt. In ſeinen Vor⸗ 30⁴ Ignaz Schwörer. trägen und Übungen über gerichtliche Medizin hatten die Zuhörer Gelegenheit, dieſe Arbeiten zu bewundern. Die ausgezeichneten Leiſtungen in dieſen verſchiede⸗ nen Stellungen wurden von ſeinem Fürſten, dem Großherzog Leopold, durch Ernennung zum Medizinal⸗ rate, dann zum Hofrate öffentlich anerkannt und im Jahre 1843 wurde ihm das Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens verliehen. Die mediziniſche Fakultät wählte ihn wiederholt zu ihrem Dekane, zum Mitglied des Senats und der Bi⸗ bliothekkommiſſion und des Verwaltungsrates des klini⸗ ſchen Hoſpitals. Im Jahre 1845 bekleidete er die höchſte akademiſche Würde als Prorektor. In allen Stellun⸗ gen und Lagen bekundete er eine große Geſchäftsge⸗ wandtheit, ein beneidenswertes praktiſches Talent und die größte Pietät und Anhänglichkeit an die Univerſität. Großes hätte Schwörer auch als Schriftſteller leiſten können, wenn ihn die ausgedehnte Praxis nicht gehin⸗ dert hätte, den Reichtum ſeines Wiſſens und ſeiner Er⸗ fahrung in Schriften niederzulegen. Die wenigen wiſ⸗ ſenſchaftlichen Arbeiten, die er herausgegeben, zeigen ſein reiches Talent. Bereits im Jahre 1831 veröffent⸗ lichte er ein Werk mit dem Titel:„Grundſätze der Geburtskunde im ganzen Umfang.“ Eine weitere Schrift erſchien 1836:„Beiträge zur Lehre von dem Tatbeſtand des Kindermords überhaupt und den un⸗ gewiſſen Todesarten neugeborener Kinder“, eine Ab⸗ handlung, worin er mit größtem Nachdruck neben dem bisher meiſt einſeitig hervorgehobenen objektiven Tat⸗ beſtand auf die ebenbürtige Würdigung des ſubjektiven Tatbeſtandes, d. h. der krankhaft alterierten Stimmung der gebärenden Mutter gedrungen. Ein ſchönes Denkmal hat Schwörer ſeinem im Jahre 1838 verſtorbenen Stiefbruder Beck in der Schrift ge⸗ ſetzt:„Bericht über die Einrichtung und die Ergebniſſe 2 2 — 2 2 D — — D 82 Ignaz Schwörer. 305 in der chirurgiſchen⸗ophthalmologiſchen Klinik zu Frei⸗ burg während der letztverfloſſenen neun Jahre unter 915 Leitung des verſtorbenen Geheimen Hofrates Dr. eck.“ Die ſegensreiche Wirkſamkeit, die Schwörer als Oberhebearzt des oberrheiniſchen Kreiſes entfaltete, be⸗ kundet die von ihm 1846 herausgegebene„Statiſtiſche Ueberſicht der in den Amtsbezirken des großherzoglichen Oberrheinkreiſes während der Jahre 1843 und 1844 vorgekommenen Geburtsfälle, der ſtattgehabten ge⸗ burtshilflichen Operationen und ihres Erfolges.“ Jährlich mußte er außerdem die etwa ſechs Wochen in Anſpruch nehmenden Hebammenprüfungen in 18 Amtsbezirken vornehmen und dann am Schluſſe an die zuſtändigen Behörden über die ganze Tätigkeit ſchriftlich Bericht erſtatten. Einige Zeit bekleidete Schwörer auch die Stelle eines Medizinalreferenten bei dem Hofgerichte des Oberrheinkreiſes und erſtattete Gutachten in nicht ge⸗ ringer Zahl über die verſchiedenartigſten, oft ſchwierig⸗ ſten gerichtlich-mediziniſchen Fälle. Dieſe ſollen ſich ebenſo durch wiſſenſchaftliche Gründlichkeit, geſtützt auf eine reiche eigene Erfahrung als durch klare, logiſch ge⸗ ordnete Abfaſſung und Einfachheit ausgezeichnet haben. Leider hatte Schwörer faſt ein zu großes Arbeits⸗ gebiet übernommen, ſo daß um die Mitte der vierziger Jahre verſchiedene Beſchwerden wegen Vernachläſſi⸗ gung bald dieſes bald jenes Geſchäftszweiges beim Mi⸗ niſterium einliefen. Zu ſeiner Entſchuldigung muß geſagt werden, daß er mit Amtsarbeiten überhäuft war, die ein Einzelner kaum zu bewältigen imſtande war. Schwörer beſaß als Arzt in der Stadt Freiburg ein unbegrenztes Vertrauen. Er war nicht nur Arzt, er war ein aufrichtiger Freund und zuverläſſiger Berater Dor, Edle Männer. 20 306 Ignaz Schwörer. und wo es notwendig war, der unerſchöpfliche Wohl⸗ täter der Kranken. Immer zeigte er ſich freundlich, teilnehmend, wohlwollend, gefällig, beſcheiden, uneigen⸗ nützig, leutſelig und von ſeltener Herzensgüte. Er hatte ſich zum Grundſatze gemacht, die Kunſt weder des Dan⸗ kes, noch des Geldes halber zu üben. Er überlief nie einen Kranken, was man ihm oft falſch als Bequem⸗ lichkeit deutete; war aber die Krankheit ſchwer, ſo er⸗ ſchien er zwei⸗ und dreimal am Tage bei dem Patien⸗ ten. Keine Stunde der Nacht war ihm zu viel, wenn Gefahr drohte. Schwörer traf der zwar berechtigte, aber gewiß edle Vorwurf, daß ſeine Freigebigkeit und ſein Wohltätig⸗ keitsſinn das gebührende Maß überſchritt. Seine Güte wurde vielfältig und maßlos mißbraucht und alle Mah⸗ nungen und Ratſchläge ſeiner Freunde fanden in dieſer Richtung bei ſeinem trefflichen Gemüte kein Gehör. Des⸗ halb kann es auch nicht befremden, daß er trotz ſeiner ſchönen Stellung im Staate und der angeſtrengteſten praktiſchen Tätigkeit während einer Reihe von Jahren doch keine Schätze von Gold und Silber hinterlaſſen hat. Als Bürger der Stadt Freiburg nahm er lebhaften Anteil an allen ſtädtiſchen Angelegenheiten. Mit großer Begeiſterung war er der Univerſität zugetan, denn ihr verdankte er ſeine Ausbildung und ſeine ehrenvolle Stellung. Er begriff dieſe altehrwürdige Hochſchule, wie ſie war nach ihrer geſchichtlichen Geſtalt, nicht bloß als allgemeine Lehranſtalt. Man hatte es ihm als Un⸗ duldſamkeit gedeutet, daß er den katholiſchen Charakter derſelben ſtets verteidigte; wer aber den edlen Mann kannte, fand bei ihm keinen Anflug von Unduldſam⸗ keit. Allerdings machte er keinen Hehl aus ſeiner katholiſchen Überzeugung und zeigte dieſes mit aller Offenheit. Dafür nur ein Beiſpiel. In der Mitte der vierziger Jahre war Schreiber, Theologieprofeſſor an Ignaz Schwörer. 307 der Univerſität, zum Rongetum abgefallen und ver⸗ tauſchte ſeine ſeitherigen Vorleſungen mit philoſophi⸗ ſchen. Das Rongetum war im Staate als Religions⸗ bekenntnis nicht anerkannt. Schwörer war in dieſer kritiſchen Zeit Prorektor und ließ den Anſchlag der Vorleſungen des abgefallenen Prieſters vom ſchwarzen Brette abnehmen. Er erregte dadurch die Mißſtim⸗ mung der meiſten Profeſſoren, allein er war nicht der Mann, der ſo leicht wich, denn das badiſche Organiſa⸗ tionsedikt und die Verfaſſungsurkunde ſprachen ſowohl für ihn, wie für die Univerſität als katholiſche Lehran⸗ ſtalt. Der Angegriffene hatte den Mut, gegenüber pro⸗ teſtantiſchen und katholiſchliberalen Profeſſoren und deren Behauptung„die Univerſität Freiburg als ſolche ſei nicht katholiſch, ſondern eine Univerſität, die eine katholiſch⸗theologiſche Fakultät habe“ offen zu erklä⸗ ren, dieſe Meinung möge Anſicht der Profeſſoren ſein, er müſſe aber als Prorektor der Univerſität ſich gegen dieſelbe durchaus verwahren, indem die Eigenſchaft der Univerſität als einer katholiſchen Stiftung als einer der vorzüglichſten Rechtsgründe ihres Beſtehens öffent— lich anerkannt ſei.“ Der Hauptſache nach ſiegte Schwörer mit ſeinem Vorgehen, aber er hatte es von nun ab mit der Mehr⸗ heit des Lehrkörpers verdorben. Gleichwohl kam er allen ohne Unterſchied mit Gefälligkeit entgegen. Zu allen Zeiten war er treu ergeben und opferbereit ſei⸗ nem Fürſten. Während im Jahre 1849 in ſeiner Nähe manche Profeſſoren ihre Stellung und Pflicht ver⸗ gaßen, blieb er ſeinem Fürſten und der Monarchie treu und genoß dafür die„Ehre“, von bewaffneten Frei⸗ ſchärlern bewacht zu werden. In der Politik war er ein rüſtiger Vorkämpfer kon⸗ ſervativer Anſchauungen; liberalen Neuerungen gegen⸗ über blieb er ſtets abhold, dagegen war er von dem 20*⁵ 308 Ignaz Schwörer. ſchon im Jünglingsalter glühenden Wunſche erfüllt, Deutſchland einig und groß, ſtark im Innern und achtunggebietend nach Außen und zwar unter Oeſter⸗ reichs Führung zu ſehen. Nicht minder als an ſeinen Bürgerpflichten betei⸗ ligte ſich Schwörer an den kirchlichen Kämpfen und trat als echter Katholik und frommer Chriſt mannhaft für ſeine religiöſe Anſchauung und Überzeugung ein. Seine Entſchiedenheit hatte er bereits von Hauſe als wertvolle Frucht einer trefflichen Erziehung mitge⸗ bracht. Schon als Knabe brachte er ſeine Ferien gerne bei ſeinem Oheim, dem Reichsprälaten Schwörer in Gengenbach, zu. Dort im Kinzigtale bei den Benedik⸗ tinern, hatte er Begeiſterung für den Katholizismus geſchöpft. Am häuslichen Herde, im engeren Familien⸗ kreiſe herrſchte die ſchönſte Harmonie und größte Ein⸗ fachheit. Solange ſeine Mutter lebte, war ſie verehrt, geliebt von dem dankbaren Sohne und es iſt Tatſache, daß Schwörer ſeines Bruders Haus käuflich an ſich gebracht, um ſeiner hochbetagten Mutter den Schmerz zu erſparen, das Heim, in welchem ſie ſo glückliche und zufriedene Tage verlebt hatte, verlaſſen zu müſſen. Den Vater hatte Schwörer ſchon als Knabe von vierzehn Jahren durch frühen Tod verloren. Seine Gattin geb. Scherr, welche unſern Schwörer von frühen Jahren an gekannt und verehrt hatte, war gleich ausgezeichnet durch Herzensgüte, Hang zur Häus⸗ lichkeit und Einfachheit der Sitten. Leider war die Ehe kinderlos, was umſo aufrichtiger zu beklagen war, als der treffliche Kinderfreund ungeheuchelte Liebe für die Jugend bei jeder ſich bietenden Gelegenheit an den Tag legte. In Schwörers Haus fehlte das Kruzifix, über⸗ haupt alles, was ein katholiſches Haus kennzeichnet, nicht. Nach altbürgerlicher Sitte wurde laut das Morgen⸗ und Abendgebet verrichtet, ebenſo das Gebet vor und Ignaz Schwörer. 309 nach Tiſch. Die Frömmigkeit wuchs in dem Maße bei dem lauteren Katholiken, als er die Unfrömmigkeit in ihren Verwüſtungen da und dort beobachten mußte. Er war in ſeinem Haus, wie in der Kirche und im öffentlichen Leben ein frommer Katholik. Konfeſſio⸗ nelle Streitigkeiten haßte er, warfen ſie ſich ihm aber in den Weg, ſo ſtellte er ſeinen Mann. Das Bitterſte hievon wurde ihm für das Jahr ſeines Todes aufbe⸗ wahrt. Er hatte nicht ohne patriotiſchen Schmerz auf die vielen Unerquicklichkeiten des Kirchenſtreites der fünfziger Jahre geblickt. Sechs lange Jahre hatten die Verhandlungen zwiſchen der Regierung und dem römi⸗ ſchen Stuhle gedauert. Ihre Frucht war das Konkor⸗ dat. Mit jedem Vaterlandsfreunde begrüßte er die Konvention als Austrag langer ſchmerzlicher Streitig⸗ keiten. Bald kam der Anſturm gegen das Friedens⸗ werk; das Konkordat fiel. Als Chriſt und Patriot fühlte ſich Schwörer gleich ſchwer verletzt. Auch bei ſeinen Glaubensgenoſſen hatte er zu viel tatloſe Zuver⸗ ſicht, zu wenig praktiſche Abwehr geſehen. Er wollte von jetzt an nichts mehr von der Sache hören. Er war ſtill und leidend. Ausſchließlich wandte er ſich der dar⸗ benden und leidenden Menſchheit zu. Was Schwörer an Enttäuſchungen im öffentlichen Leben durchkoſten mußte, erſetzte ihm einigermaßen ſein trautes, liebes Heim. Er wohnte Nußmannſtraße 6—8, in dem zum„Kopf“ gehörigen Hinterhauſe, jetzt Konditorei Leimenſtoll„zum Kopf“. Kam man in ſein Haus, ſo fand man in dem geräumigen epheube⸗ kleideten Hausflur ſchon eine Menge von Leuten, die auf die Sprechſtunde warteten. Für ſie war hier wegen des langen Wartens durch Stühle, Bänke, Garten⸗ kanapeen geſorgt. Sie konnten ſich aber auch geiſtig die Zeit kürzen, denn es waren Gemälde, ausgeſtopfte Vögel, Wildtiere der Umgegend in großer Zahl auf⸗ 310 Ignaz Schwörer. geſtellt. Im angrenzenden Garten ſah man hochragende Weiden, von Schwörer ſelbſt gepflanzt, zwiſchen Ahorn und Cypreſſe mit dem traulichen Epheu umrankt. Da⸗ neben girrten Tauben. In einem Winkel ſah man einen Bau mit Haſen; auf dem Raſen trieben ſich Hühner aller Sorten herum. Sein Studierzimmer glich mehr einem kleinen Mu⸗ ſeum mit allerlei Altertümern, als dem ſtillen Raum eines Gelehrten. Da ſah man an einem Geſtell Stücke der Rüſtung eines Ritters, eines Landsknechts, da⸗ neben Wehrzeug der ſpäteren Zeit, Kugeln von der Belagerung von Freiburg, ſeltene Geſteine; dazwiſchen grüßten die Beſchauer Bildniſſe lieber Verwandten und Freunde. Seitwärts ſtand ein Geſtell älterer medi⸗ ziniſcher Bücher, kleine Kunſtwerke. Alle Fenſter dieſes eigenartigen Zimmers waren verſtellt mit Käfigen für alle Arten Singvögel des Breisgaues. Vor dem Tiſch, auf welchem hunderte von Briefen in wirrem Durch⸗ einander lagen, ſtand ein uralter Stuhl; auf dieſem ſaß der Herr des Hauſes während der Sprechſtunden. Nicht weniger intereſſant war das Speiſezimmer. Gegenüber der Türe ſah man das wohlgetroffene Bild des ſtattlichen Reichsprälaten Schwörer, im weiteren Raume Bildniſſe von Freunden, das Gemälde der alten Tennenbacher Kloſterkirche, Landſchaftsbilder aus dem Schwarzwald. Die Stille und Ruhe des Hauſes wurde immer durch Hilfeſuchende in großer Zahl unterbrochen, denn er gehörte allen, vorzugsweiſe aber den Armen an. Wochen- und monatelang hatte Schwörer nicht ſelten kranke Familien ganz unterhalten, oft ließ er am Mor⸗ gen einen Zehnguldenſchein wechſeln und brachte abends keinen Kreuzer heim, alles hatte er unterwegs Bedürftigen geſchenkt. Für Freunde hatte er Bürgſchaften übernommen, —. Ignaz Schwörer. 311 die nicht ſelten an ihm hängen blieben. Ein Freund ſchrieb nach dem Tode von ihm:„Ich befürchte keinen Widerſpruch, wenn ich ſage, Schwörer war der wohl— tätigſte Menſch in Freiburg.“ Nie war der unermüdlich eifrige Mann dahin zu bringen, ſich eine mehrwöchentliche Erholung zu gönnen, ſo ſehr er auch zur Einſicht gekommen war, daß ſeine angegriffene Geſundheit es im hohen Maße forderte. Für ihn gab es keine Ferien, denn in dieſen pflegte er die Hebammenprüfung vorzunehmen, und ſo konnte man bei ſeinem Hinſcheiden die Tatſache feſtſtellen, daß er während 30 Jahre nur einmal einen dreiwöchent⸗ lichen Urlaub nachgeſucht und erhalten hatte. Durch den anſtrengenden Beruf mußte aber auch der kräftigſte Körper allmählich erſchüttert werden. Schon ſeit Jahren litt Schwörer zeitweiſe an gich— tiſchen Anfällen, insbeſondere aber an Entzündung der Mandeln. Am 23. Dezember 1860 abends nach 4 Uhr operierte Schwörer an einem Studenten noch ein Ge— ſchwür am Hals, dann machte er noch einige andere Krankenbeſuche in der Nachbarſchaft; vom Fieberfroſt geſchüttelt, legte er ſich nach 6 Uhr zu Bett. Ein reich⸗ licher Schweiß ſtellte ſich ein, die Umgebung glaubte durch deſſen Eintritt den Anfall gehoben, er aber nannte ihn ſeinen Todesſchweiß. Der Anfall wieder⸗ holte ſich, der ſtarke Mann litt ſchrecklich:„Es iſt mir,“ rief er,„als ſchnitten hundert Meſſer mir ins Herz.“ Er wollte ſich aufraffen vom Bett, um ſich zu helfen, aber die Hand des Todes warf ihn aufs Lager zurück. Um halb 11 Uhr war er eine Leiche. An Weihnachten 1860 gegen Abend bewegte ſich ein unabſehbarer Leichenzug durch Schnee und Eis nach dem Friedhof. Hinter einem Sarg, der ſo viel Kraft und Verdienſt, Troſt und Vertrauen umſchloß, gingen 342 Ignaz Schwörer. Hunderte aus der Bevölkerung der Stadt. Freiburg war in Trauer zum ſchmerzlichen Zeugnis, wie tief der Mann und ſein Werk durch alle Schichten der Be— völkerung hin gewurzelt war. (Quellen: Kathol. Kirchenblatt 1861; Badiſche Biographien; Gedächtnisrede von Dr. Karl Hecker, Freiburg 1862.) Dominik Streicher, Reallehrer. uf der Katholikenverſammlung zu Mainz im Jahre A 1911 hat Erzbiſchof Faulhaber über das Laien⸗ apoſtolat die ſchönen Worte geſprochen:„Die nichtgeweihten Chriſten ſollen mehr ſein als gedanken⸗ loſe und tatenloſe Bauſteine in der Hand der Prieſter; ſie ſollen in helfender Mitarbeit als Bauleute ſelber Hand anlegen und Prieſter und Apoſtel im weiteren Sinne des Wortes werden. Das Wort„Laien⸗ apoſtolat“ umſchließt eine der tröſtlichſten Tatſachen in der Kirchengeſchichte Deutſchlands in den letzten Jahrzehnten.“ Ein ſolcher Apoſtel im Laiengewande war für unſer Heimatland Baden der am 19. Dezember 1910 ver⸗ ſtorbene Reallehrer Dominik Streicher, der namentlich in Hornberg auf dem Schwarzwald und in Tauberbiſchofsheim bis zur Stunde in dankbarer Er⸗ innerung fortlebt. Dominik Streicher wurde am 27. Juli 1844 in Ringsheim(Amt Ettenheim) als Sohn des dortigen Hauptlehrers Dominik Streicher und deſſen Ehefrau Joſepha Boſch geboren. Schon frühe verlor er ſeine beiden Eltern durch den Tod, ſo daß er als Waiſe unter die Obhut und Leitung ſeines älteren Bruders Leopold kam. Dieſer ſtammte aus erſter Ehe und war bereits unter den Kandidaten der Theologie, da er die Fürſorge zu Gunſten ſeiner jüngeren Ge— 34⁴ Dominik Streicher. ſchwiſter übernahm. Zum Knaben herangewachſen, beſuchte Dominik Streicher zuerſt die Volksſchule ſeiner Heimat, dann kam er mit 10 Jahren an die Bürger⸗ ſchule nach Ettenheim. Während dieſer Studienjahre wirkte der ältere Bruder bereits in der Seelſorge. Mit Rückſicht auf den großen Prieſtermangel ernannte ihn die Kirchenbehörde frühzeitig zum Pfarrverweſer von Mühlenbach. Wiewohl ſein Einkommen gering war, fühlte er ſich doch vor Gott und ſeinem Gewiſſen ver⸗ pflichtet, ſeinen beiden jüngeren Brüdern zu einer tüch⸗ tigen Ausbildung zu verhelfen. Den einen ließ er das Buchbinderhandwerk erlernen, den anderen, es war unſer Dominikus, bereitete er durch beſonderen Unter⸗ richt für den Eintritt ins Lehrerſeminar zu Meersburg vor. Mit allem Fleiß und ganzer Hingebung widmete ſich der künftige Jugendbildner dem Studium. Nach gut beſtandenen Prüfungen erhielt Dominik Streicher ſeine erſte Anſtellung als Unterlehrer in Oberprech— tal bei Waldkirch. Zu Anfang der 1860er Jahre waren die Gehaltsverhältniſſe der Lehrer geradezu ärmlich; darum mußte Streicher manchmal bitteren Hunger leiden. Noch im ſpäteren Mannesalter erzählte er oft ſeinen Angehörigen, wie er in Oberprechtal ſich meiſtens nur einmal im Tage ſättigen durfte. Um den knurrenden Magen einigermaßen zu be⸗ friedigen, pflückte er zur heißen Sommerzeit Beeren im Walde. Die Ferien verbrachte er in der Regel bei ſeinem geiſtlichen Bruder, der in jenen Jahren zu⸗ erſt als Kaplaneiverweſer, dann als Pfarrverweſer im ſchönen Überlingen am See wirkte. Die Reiſe dahin und zurück machte der wanderfrohe junge Herr ge— wöhnlich zu Fuß. Am 30. Januar 1866 erhielt Dominik Streicher eine ehrenvolle Beförderung als Lehrer an die Taubſtummenanſtalt nach Meersburg. Durch dieſe Berufung beſſerten ſich ſeine finanziellen Verhältniſſe Dominik Streicher. 315 und damit auch ſeine Schaffensfreudigkeit. Über zwanzig Jahre durfte er unter den unglücklichen und bedauernswerten Kindern zuerſt als Hilfslehrer, dann von 1871 an als Hauptlehrer und vom Jahr 1878 bis 1886 als Reallehrer tätig ſein. Welche Fülle von er⸗ barmender Liebe und Opfer konnte er in dieſer langen Zeit an Hunderten von armen Kindern ausüben! Von der Direktion dieſer Anſtalt wird dem Jünger der Caritas das folgende Zeugnis ausgeſtellt:„Streicher zählte zu den tüchtigſten Lehrkräften. Treue Pflicht⸗ erfüllung, hervorragende Lehrgabe und gediegene Fachkenntniſſe ſicherten ihm allzeit die beſten Lehr⸗ erfolge.“ Stramme Zucht, die des väterlichen Wohlwollens gegen die Schüler nicht entbehrte, herrſchte in ſeiner Klaſſe. Seinen Berufsgenoſſen war er in treuer Freundſchaft zugetan. In geſelligen Kreiſen war Streicher wegen ſeines goldenen Humors, ſeiner ſel⸗ tenen Unterhaltungsgabe und ſeiner nicht gewöhnlichen Darbietungen im Geſang und Klavierſpiele allgemein beliebt. In Meersburg gründete Dominik Streicher einen eigenen Hausſtand, indem er ſich mit Ottilie Freyheit, der Tochter eines Gaſtwirts in Hagnau, vermählte. Gott ſchenkte dem glücklichen Ehepaar zwei Kinder namens Ottilie und Fritz. Als Gärtner Gottes nahmen die beiden Eltern ihre Pflichten und Aufgaben ſehr gewiſſenhaft. Die goldene Saat, die ſie in die Herzen ihrer Lieblinge durch Wort und Beiſpiel ausſtreuten, zeitigte unter dem Beiſtande des heiligen Geiſtes die herrlichſten Früchte. Die Regeln und Grund⸗ ſätze in der Erziehung ſeiner Kinder entlehnte Streicher der geſtrengen Methode ſeines geiſtlichen Bruders; denn dieſer war in allen Familienangelegenheiten und wichtigen Entſcheidungen ſozuſagen das Orakel und 316 Oominik Streicher. das zweite Gewiſſen ſeiner Brüder. Die Enkel und Nichten ſchätzten und ehrten den geſtrengen Onkel als hohe Autorität. Welche Achtung hatten dieſe Kinder immer vor dem hochwürdigen Herrn, ſo oft ſie ihre Ferien im Pfarrhauſe auf dem Lande zubringen durf— ten. Mehr als einmal mußten ſie hören, ſie ſeien un⸗ gezogene, flatterhafte Stadtkinder, die für die Zukunft nicht viel verſprächen. Nicht ſelten mußten ſie in dem Studierzimmer des Pfarrherrn Proben ihres Wiſſens ablegen, Fritz im Lateiniſchen und Ottilie im Franzö⸗ ſiſchen. Dieſe ſtrenge Erziehungsweiſe des älteren Bruders wurde auch von Dominik Streicher auf ſeine Kinder im Elternhauſe übertragen. Oft in ſpäteren Jahren offenbarte er die Gründe ſeiner etwas harten Pädagogik. Er meinte:„In der Wiege ſchon begann ich mit eurer Erziehung; man kann nicht früh genug damit anfangen, den Kindern den Eigenſinn aus⸗ zutreiben.“ Nie wurde dem Sohn oder der Tochter ein Befehl zweimal gegeben; aufs Wort mußten ſie gehorchen, ohne ihre widerſtrebenden Gefühle äußern zu dürfen oder auch nur eine Miene ziehen. Auf peinliche Einhaltung der Hausordnung war der Hausherr ſtets bedacht. Wurde doch einmal da⸗ gegen gefehlt, ſei es, daß die Kinder auf dem Heim⸗ wege von der Schule noch verlockenden Spielen ſich ergaben oder erlaubte Ausgänge über die vorge⸗ ſchriebene Zeit hinaus verlängerten, die Strafe dafür blieb nicht aus. Oft klagten die ſpiel⸗ und ſportluſtigen Kinder der Mutter:„Warum dürfen andere Kinder nach der Schule die Freiheit genießen, während wir erſt die Aufgaben machen müſſen?“ Die immer wie⸗ derkehrende Antwort lautete:„Erſt die Pflicht, her⸗ nach das Vergnügen.“ Solange Fritz und Ottilie die Schule beſuchten, wurden ſie immer als Kinder behan⸗ delt. Unterhaltungen und Vergnügen, die nur für Er⸗ Dominik Streicher. 317 wachſene Bedeutung hatten, durften ſie trotz Ein⸗ ladungen nie mitmachen, noch auch im Zimmer an⸗ weſend bleiben, ſo oft Beſuch erſchien. Als die Tochter einmal in ſpäteren Jahren den Vater fragte, warum er ſo ſtrenge bei ſeinen Kindern handelte, gab er zur Antwort:„Ich wollte nicht, daß durch meine Schuld etwas Ungeziemendes eure Augen oder Ohren be— leidige.“ Wenn die Kinder mit Schulgenoſſen einmal in Hän⸗ del oder Streit verwickelt waren, oder in der Schule eine ungerechte Behandlung erfuhren, oder wenigſtens meinten, falſch behandelt worden zu ſein, ſo nahmen die Eltern nie Partei für ſie, im Gegenteil, es erhielten immer die andern Recht. Das bildete eine heilſame Vorſchule der Demut für beide Sprößlinge. Hatten ſich die Kinder in der Schule eine Strafe zugezogen, ſo folgte in der Regel als zweite Auflage eine häusliche Buße nach.— Im Jahr 18866 erhielt Streicher eine Beförderung an die Bürgerſchule nach Hornberg im Schwarzwald. Das reizende Induſtrieſtädtchen, das im Talkeſſel der Gutach und des in ſie mündenden Reichenbachs ſich hin⸗ zieht, war in jenen Jahren meiſtens von Proteſtanten bewohnt. Die wenigen Katholiken, ſoweit ſie ihr Chriſtentum zum praktiſchen Ausdruck brachten, mußten an Sonn- und Feiertagen nach dem 34 Stunde entfernten Pfarrdorfe Niederwaſſer pilgern. Es bot für den Fremden einen köſtlichen Anblick, ſo oft, namentlich zur Sommerszeit, die Bewohner der vielen Zinken und Höfe nach dem Kirchlein auf anmutigem Hügel im ſtillen Tale zogen. Die Kirchgänger trugen noch die ſchöne kleidſame Tracht, wie wir ſie heute meiſtens nur noch auf Kunſtbildern ſehen. Die Familie Streicher zählte zu den wenigen eifrigen Katholiken von Hornberg. Mit einem gewiſſen 348 Dominik Streicher. Staunen und einer aufrichtigen Bewunderung nahmen die proteſtantiſchen Einwohner des Städtchens es hin, wenn ſie den katholiſchen Hauptlehrer und ſeine Ge⸗ mahlin, begleitet von den beiden Kindern, an jedem Sonn- und Feiertage nach Niederwaſſer zur Feier des Gottesdienſtes wallen ſahen. Eine ſolche rühmliche Ausnahme waren ſie nicht gewohnt, denn bei den 150 Katholiken, die meiſtens in Miſchehen lebten, war die religiöſe Gleichgültigkeit groß. Es gehörte für den einzigen katholiſchen Lehrer an der faſt ganz prote— ſtantiſchen Bürgerſchule, ein großer Mut und viel Glaubenskraft dazu, offen und rückhaltlos als Katholik zu leben. Denn gerade in jenen Jahren wurde bei uns in Baden meiſtens nach dem Grundſatze regiert: „Was nützt dem Proteſtantismus, und was ſchadet dem Katholizismus?“ Streicher wurde mit ſeiner Familie in Hornberg zu einem Apoſtel der Diaſpora, denn ſein vorbildliches Beiſpiel erleuchtete alle und be⸗ leidigte niemanden. Zur Ehre der Proteſtanten des Städtchens muß erwähnt werden, daß der gewiſſen⸗ hafte und überzeugungstreue Katholik ſo wenig wie die Seinen irgendwie Geringſchätzung oder gar Miß⸗ achtung erlebt hätten. Viele religiös abgeſtandene Chriſten konnten dem wackeren Manne die Achtung nicht verſagen. Dominik Streicher zerſtreute durch die Lauterkeit ſeines Charakters, durch ſein gewandtes Auftreten und vor allem durch ſeine vollwertigen Leiſtungen in der Schule manche Vorteile von Andersgläubigen. Es dauerte nicht lange, und der muſikaliſche, tüchtige Hauptlehrer wurde, trotz mehrfacher Ablehnung von ſeiner Seite, mit der Leitung und Schulung des Ge⸗ ſangvereins„Frohſinn“ betraut. Nach wenigen Mo— naten herrſchte unter den Sangesbrüdern ein neues reges Leben, das wie wärmende Sonnenſtrahlen das Oominik Streicher. 319 ganze geſellſchaftliche Leben der Bürgerſchaft hob und förderte. Der gewandte Dirigent verſtand es, die beſten Kräfte zu wecken und zu ſammeln. Auch die paſſiven Mitglieder und Freunde des Geſanges ſchloſſen ſich der tüchtigen Sängerſchar an. Sowohl die ſanges⸗ kundige Gemahlin des Herrn Streicher wie die kleine Tochter, die ſchon früh im Klavierſpiel vom Vater Unterricht erhalten hatte, mußten ihre Kräfte für Dar⸗ bietungen bei Familienabenden des Vereins einſtellen. Während der fünf Jahre, die der Hauptlehrer in Horn— berg zubringen durfte, zählte er mit den Seinen zu den geſchätzteſten Familien. Bis zur Stunde nennt der „Frohſinn“ von Hornberg Dominik Streicher unter ſeinen befähigtſten Dirigenten, deſſen Andenken in Dankbarkeit fortlebt. Die Tätigkeit des edlen Mannes beſchränkte ſich aber nicht bloß auf den Unterricht und die Hebung des geſellſchaftlichen Lebens, der vortreffliche Katholik wurde auch Führer und Bahnbrecher auf religiöſem Gebiete. Mit Wehmut und Schmerz ſah er, wie ſchwer es den etwa 150 Katholiken war, namentlich bei Regen und Schneeſchauern den weiten Weg nach Niederwaſſer zu machen. Manchmal kam der Brave mit ſeinen An⸗ gehörigen ganz durchnäßt oder mit Eiszapfen behangen in dem kalten Kirchlein an. Nach ſolchen Diaſpora⸗ gängen konnte er dann nicht ſelten aufſeufzen:„Das Wort Gottes iſt teuer.“ Oder:„Mich erbarmt des Volkes.“ Mit letzterer Klage meinte er die Verſchlafen⸗ heit und Gleichgültigkeit ſo mancher Katholiken, deren Glaubenslicht am Erlöſchen war. Um jede Miß⸗ ſtimmung bei den Kindern zu verſcheuchen, kaufte der treubeſorgte Vater ihnen für den Heimweg einige Brezeln oder bei ganz ungünſtiger Witterung kehrte die Familie nach erfüllter Sonntagspflicht in einer benachbarten Schenke ein, wo das Orcheſter mit ſeinen 320 Dominik Streicher. Weiſen manches Unangenehme aus den Kinderherzen verbannte. Alle die Beſchwerniſſe und Entbehrungen auf hen Kirchgängen, die Streicher mit manchen Glau⸗ ſolch bensgenoſſen jahraus, jahrein ertragen mußten, ließen in ſeiner Seele den Entſchluß ausreifen, Mittel und Wege zu ſuchen, daß die Katholiken in Hornberg ein eigenes Heiligtum erhalten könnten. Dieſer ſchöne Gedanke wurde oft erwogen und mit gutgeſinnten Freunden beſprochen. Dominik Streicher wandte ſich zunächſt an die Kirchenbehörde in Freiburg, ſprach öfters perſönlich beim Vorſtand des Bonifatiusvereins vor, denn gerade dieſer Verein ſollte der Hauptförderer des Unternehmens werden. Beim hochwürdigen Herrn Domkapitular Dr. Knecht, der ſpäter Weihbiſchof wurde, fand der Bittſteller tiefes Verſtändnis und bereit⸗ williges Entgegenkommen. Nach Überwindung zahl⸗ reicher Schwierigkeiten und nach Klärung mancher Mißverſtändniſſe konnte am 16. Juni 1889 bereits der Grundſtein für das künftige Kirchlein gelegt werden. Die Zahl der Katholiken im Städtchen betrug um die Zeit 388. Die Seele des ganzen Unternehmens und der um⸗ ſichtige Leiter des Baues verblieb Hauptlehrer Streicher. Das Werk bildete ſein Sorgenkind. Darum war nach der Schulſtunde immer ſein erſter Gang zu den Bau⸗ leuten. Es waren zum Teil Italiener, denen er ge⸗ legentlich zur Anſpornung des Eifers einen Trunk ver⸗ ſchaffte. Faſt alle Handwerker, die Arbeiten an dem Bau auszuführen übernommen hatten, nannten un⸗ ſeren Dominik Streicher nur den Herrn„Baumeiſter“. Der erſte feierliche Gottesdienſt in dem einfachen, noch ſchmuckloſen Heiligtum fand an Allerheiligen 1890 ſtatt. Damit waren die Mühen nicht zu Ende; neue Reiſen und Bittgänge zu Paramentenvereinen, zu Dominik Streicher Dominik Streicher. 32¹ Freunden und Gönnern des Bonifatiusvereins mußten in großer Zahl gemacht werden. Dominik Streicher offenbarte eine geradezu ſtaunenswerte Allſeitigkeit, denn ſo oft Gottesdienſt durch einen auswärtigen Geiſt⸗ lichen gefeiert wurde, ſtellte er ſeine ganze Perſönlich⸗ keit ein; er war nicht ſelten Mesner, Glöckner, Sänger, Organiſt und Dirigent bei ſolchen Feſtlichkeiten. Einen Teil des Küſterdienſtes übernahm die Frau Lehrer mit ihrer Tochter. Beide reinigten regelmäßig die Kirche und beſorgten die Paramenten und Kirchenwäſche. Der kleine, noch nicht ganz neunjährige Fritz diente am Altar. Er war kaum fähig, das ſchwere Meßbuch von der einen Seite zu der anderen zu tragen. Dann und wann mißglückte das Hin- und Hertragen. Doch nur kurze Zeit durfte ſich Streicher und ſeine Familie an dem neuen Kirchlein freuen, denn im Sep⸗ tember 1891 erhielt er eine Anweiſung als Reallehrer an das Gymnaſium zu Tauberbiſchofsheim. Groß war der Schmerz der Katholiken in Hornberg, da der hoch⸗ verdiente Lehrer Abſchied nehmen mußte, denn er war in den wenigen Jahren ein wahrer Mehrer des Reiches Gottes und ein Führer und Ratgeber des Volkes ge— worden. Kein Welt⸗ und kein Ordensprieſter hätte in dieſer kurzen Zeit mehr leiſten können für die Katho⸗ liken in der Diaſpora. Doch auch in ſeinem neuen und letzten Wirkungskreiſe wurde er ein Lehrer nach dem Herzen Gottes, den ſeine Kollegen wie ſeine Schüler ſchätzten und liebten. Einige Zuſchriften wer⸗ den es uns zeigen. Ein Freund und Kollege zeichnet in folgenden Zei⸗ len deſſen Tätigkeit in der Schule:„Zwei Charakter⸗ züge, die unſeren Freund auch ſonſt auszeichneten, traten bei ihm in der beruflichen Tätigkeit und in Freundeskreiſen beſonders zutage, ſeine gemütvolle Art, ſeine Herzensgüte und ſeine Klarheit. Dieſer war Dor, Edle Männer. 21 322² Dominik Streicher. es zu verdanken, daß er im Rechnen, dem einen der Fächer, die er am Gymnaſium erteilte, in dem er deſſen Art entſprechend den Unterricht ganz aufs Prak⸗ tiſche einſtellte, die Schüler überaus förderte und fürs Leben allemal auf Methoden hinwies, die auf dieſem Gebiete auf kürzeſtem Wege zum Ziele führen. Der Schreiber dieſer Zeilen weiß dies aus eigener Er⸗ fahrung zu beurteilen, da er oft im Geſpräche mit dem Freunde gar manche Vorteile der Art gewinnen und trotz akademiſcher Bildung hinzulernen konnte. In der Muſik zeigte Streicher die gemütvolle Seite ſeines Weſens. Dieſer gemäß neigte er dem Lyriſchen zu. Kein Wunder alſo, daß Schubert bei ihm unter den Komponiſten eine bevorzugte Stelle einnahm. Bei Schulfeiern und Feſtlichkeiten konnte man ſehen, wie er im Unterricht bedeutende Werke nicht nur techniſch zu meiſtern, ſondern auch mit hervorragender Auf— faſſung zu Gehör zu bringen verſtand. Den Schülern war er ein väterlicher Freund, wußte aber auch den Ernſt zu zeigen, ſo daß er Liebe und Achtung zugleich bei ihnen erntete. Er vertrat den Typus der alten badiſchen Beamten im beſten Sinne des Wortes. Er war gewiſſenhaft im Dienſte, aber ohne dafür von oben eine beſondere Belohnung zu erwarten. Jede Liebedienerei war ihm in tiefſter Seele verhaßt. Richtunggebend waren ihm bei allem ſtets nur ſeine religiöſen Grundſätze und ſein Gewiſſen. Daher ge— noß er bei uns allerſeits hohe Achtung auch bei Herren, die in Welt⸗ und Lebensauffaſſung andere Wege gingen als er.“ Hören wir nun auch einige Urteile über den Heim⸗ gegangenen von ehemaligen Schülern. „Streicher war,“ ſo erzählt einer, der heute in Amt und Würde ſteht,„ein bei ſeinen Schülern geachteter Lehrer, der ſich durch ſein mannhaftes Auftreten Wert— Dominik Streicher. ſchätzung zu erwerben wußte. In Studentenkreiſen galt er als ein ſtrenger Herr, bei dem man„beſchlagen“ ſein mußte. Bei all ſeiner Strenge hatte er doch wie⸗ der ein gutes Herz für ſeine Schüler. Gerne ſchenkte er dem einen ein freundliches Wort, dem anderen er— teilte er einen weiſen Rat. In der Beurteilung der Leiſtungen offenbarte er allezeit ein ausgeprägtes Ge⸗ rechtigkeitsgefühl. Eine Bevorzugung von Schülern höherer Kreiſe war bei ihm ganz undenkbar. Wenn von Profeſſoren anderer Konfeſſionen zuweilen Auße⸗ rungen während des Unterrichts fielen, die geeignet waren, die religiöſen Gefühle der Katholiken zu ver⸗ letzen, ſo fanden die Gekränkten an ihm einen Anwalt, der an zuſtändiger Stelle Abhilfe ſchaffte. Reallehrer Streicher erteilte Unterricht in Geographie, Natur⸗ kunde, Rechnen und Geſang. Seine Schulſtunden hatten etwas Anziehendes, denn ſeine ganze Methode war lebendig und intereſſant. Er wußte die ganze Klaſſe zu beſchäftigen, kein Schüler hatte Zeit zum Träumen. Wie er ſelbſt ein offener, gerader Charakter war, ſo verabſcheute er bei ſeinen Untergebenen jeg⸗ liche Unaufrichtigkeit und Unehrlichkeit. Wollte einer Weisheit beim Nachbar erfragen, ſo bemerkte es Streicher ſofort. Er ging auf den Unredlichen zu und ſagte:„Ich hab's dir am Munde abgeleſen, bin 21 Jahre an der Taubſtummen-⸗Anſtalt geweſen.“ Sehr beliebt war Streicher als Leiter des Geſanges. Es war eine Wonne, ſeiner Sängerſchar, den Hunderten von Gymnaſiaſten zuzuhören. Hatten ſich die Schüler bei der Einübung recht Mühe gegeben, ſo folgte als Belohnung eine Beigabe zum Kunſtgeſang in Form eines hübſchen Volksliedes. Einer aus dieſer Sänger— ſchar verſicherte:„Ich habe ſo manches von dem, was ich auf dem Gymnaſium einlernte, vergeſſen, aber die Lieder jener Tage entſchwinden mir nicht aus dem 25 324 Dominik Streicher. Sinne.“ Für die Erziehung und religiöſe Weiter⸗ bildung wirkte Streicher nicht weniger ſegensreich als in ſeinen Unterrichtsſtunden. Mehrere Zuſchriften von Schülern rühmen übereinſtimmend, wie gewiſſenhaft er ſeine Pflichten als Katholik erfüllte. Viele Jahre hindurch war Streicher faſt der einzige Lehrer des Kollegiums, welcher in der für die Profeſſoren vor⸗ behaltenen Bank Platz nahm. Niemals fehlte er, und war er einmal um die vorgeſchriebene Zeit des Gym⸗ naſiumsgottesdienſtes verhindert, ſo durfte man ver⸗ ſichert ſein, daß er in einer anderen Kirche ſeine Chriſtenpflicht erfüllt hatte. Schon die fromme, ehr⸗ furchtsvolle Haltung, mit der er der ganzen Feier folgte, machte Eindruck.„Herr Streicher,“ ſo urteilt ein Be⸗ kannter,„ahnte wohl kaum, wie ſein religiöſes Beiſpiel manchen jungen Gymnaſiaſten aufrichtete, denn die meiſten Schüler kamen vom Lande, wo der Unglaube noch eine Seltenheit war.“ An den Mittelſchulen ſahen ſie das Beiſpiel religiöſer Gleichgültigkeit von vielen Profeſſoren. Dieſes kalt⸗froſtige Verhalten wirkte wie Taureif auf Frühlingsblüten. Das ſonnige, warme, männliche, fromme Verhalten des Einen richtete wieder auf. Es war Sitte, daß die Abiturienten vor ihrem Ab⸗ gange vom Gymnaſium den Lehrern der letzten Klaſſe einen Abſchiedsbeſuch machten. Die meiſten von ihnen, namentlich die künftigen Theologen, unterließen es nie, auch den guten Reallehrer Streicher aufzuſuchen, wie⸗ wohl er keinen Unterricht bei ihnen erteilt hatte. Es war im Jahre 1900, ſo erzählte einer jener Abi⸗ turienten, da lernten wir den edlen Herrn erſt recht ſchätzen. Voll Begeiſterung ſprach er von der hohen Theologie und ſagte am Schluſſe:„Ich habe meine Tochter dem Herrgott geſchenkt und opfere ihm gerne auch meinen Sohn.“ Dominik Streicher. 325 Zu dieſen ſchönen Worten müſſen wir einige Auf⸗ klärung geben. In der Wahl des Berufes ließ der Vater ſeinen Kindern völlige Freiheit. Die Tochter entſchloß ſich für den Ordensſtand. Sie weilt heute als Schweſter Dominika unter den Chorfrauen des Kloſters Zoffingen in Konſtanz. Seinen Sohn Fritz ſuchte Streicher bisweilen indirekt für das Studium der Rechtswiſſenſchaft zu begeiſtern. Als dieſer ſich jedoch für Theologie entſchied, ſagte er nur:„Ein ſchöner Beruf, zu dem ich dir gratuliere; aber überlege reiflich, ob du berufen biſt.“ Still und groß war die Freude der Eltern, als ihr Sohn nach langjährigem Studium und ernſter Vor⸗ bereitung im Konſtanzer Münſter das erſte hl. Meß⸗ opfer darbringen durfte. Das Glück der Kinder im kirchlichen Berufe war auch die Wonne für Vater und Mutter. Wie freute ſich das Greiſenpaar, ſo oft der Sohn oder die Tochter durch einen Beſuch Sonnen⸗ ſchein ins Haus brachten! Fritz wirkte zunächſt drei Jahre als Kaplan in Mannheim, dann entſchloß er ſich zum Eintritt in den Jeſuitenorden. Als er dem Vater den Wunſch ausſprach, daß er dieſes Vorhaben aus⸗ führen möchte, ſchwieg dieſer zuerſt etwas verblüfft. Erſt am folgenden Tage erklärte er:„Von meiner Seite aus ſteht nichts im Wege, der Mutter aber wird es ſchwer fallen. Daß du gerade zu den Jeſuiten gehen willſt, freut mich deshalb, weil er ein verfolgter Orden iſt.“ Das ſtillgebrachte Opfer, der Eltern, daß ſie beide Kinder Gott dem Herrn geſchenkt, brachte reichen Segen. Doch noch ein Verdienſt dürfen wir nicht unerwähnt laſſen. Wir meinen ſeine Bemühungen um den Neu⸗ bau der katholiſchen Kirche in Tauberbiſchofsheim. Von zuſtändiger Seite wird uns darüber geſchrieben:„Als im Jahre 1895 auf Anregung von Stadtpfarrer Freid⸗ 32⁰ 5 Dominik Streicher. hof ein Kirchenbauverein gegründet wurde, meldete ſich Herr Streicher ſofort zu den erſten Mitgliedern. Jedes Jahr leiſtete er einen namhaften Beitrag. Im Jahre 1901 wurde in der Stadt die örtliche Kirchenſteuer ein⸗ geführt. Streicher wurde in die Kirchengemeindever⸗ tretung gewählt. Auf jegliche Weiſe förderte er den Kirchenbau, deſſen Vollendung er leider nicht mehr er⸗ leben ſollte. In der Geſchichte dieſes Gotteshauſes iſt aber ſein Name mit Ehre und Lob eingetragen.“ Nirgends aber, ſo ſchreibt ein Kollege des Ver⸗ blichenen, konnte man den lieben Dominik Streicher beſſer kennen lernen als im trauten Freundeskreiſe. Oft half er uns der Woche Laſt und Mühen nieder⸗ zwingen durch Geſang und ſein gewandtes, immer den der jeweiligen Stimmung entſprechenden Takt finden⸗ des Begleiten am Klavier. Ein gutes Glas Wein ſchätzte er dabei als Gottesgabe, die man nicht miß⸗ brauchen ſoll. Auch verbrachte er die freien Stunden ſeines Be⸗ rufes gerne bei einem Zego oder Saßſpiel. Den Gewinn dieſer Unterhaltung ließ er regelmäßig der Kaſſe des katholiſchen Lehrervereins in Baden zufließen. In richtiger Würdigung der Zeitlage hatte er ſich ohne Menſchenfurcht dieſer Organiſation angeſchloſſen. Je älter Dominik Streicher wurde, deſto innerlicher zeigte ſich ſein Seelenleben; das Gebet, das er nie ver⸗ nachläſſigte, wurde ihm in den letzten Lebensjahren zum Bedürfnis. Täglich ging er zur hl. Meſſe, denn er wollte mit den Seinen beim hl. Opfer vereinigt ſein. An den Herz Jeſu-Freitagen erſchien er mit ſeiner Gattin regelmäßig an der Kommunionbank. Seine raſche Gereiztheit, die ihm viele Kämpfe ver⸗ urſachte, und auch den Seinen oft peinlich war, mil⸗ derte ſich unter dem ſanften Einfluß der klugen, tief— religiöſen Gattin immer mehr. Dominik Streicher. Im Jahre 1909 trug ſich der Reallehrer mit dem Gedanken, ſich aus dem Staatsdienſte zurückzuziehen. Körperliche und geiſtige Müdigkeit beſtimmten ihn da⸗ zu. Er ahnte nicht, daß er bereits den Todeskeim in ſich trug. Kurz nach ſeinem Umzug nach Freiburg i. Br. mel⸗ deten ſich die Vorboten eines heimtückiſchen Leber⸗ leidens. Mehrere Monate mußte der Leidensmann auf dem Krankenlager zubringen. Echt chriſtlich, wie Dominik Streicher gelebt, ſo bereitete er ſich auch auf den Tod vor. Endlich, am 19. Dezember 1910, rief ihn ſein Herr und Schöpfer zur ewigen Ruhe. Mit Dominik Streicher iſt ein um Staat und Kirche hochverdienter Lehrer von dieſer Erde geſchieden. (Quellen: Mündliche Mitteilungen von Zeitgenoſſen und Angehörigen.) Hofrat Dr. Johann Baptiſt von Weiß, Profeſſor der Geſchichte in Freiburg und Graz. in hervorragender Gelehrter, deſſen Heimat in E Baden gelegen iſt, der auch hier ſeinen Bil⸗ dungsgang zurückgelegt, im Ausland aber faß ein halbes Jahrhundert ſeine Lebenskraft dem Dienſte der Wiſſenſchaft gewidmet hat, iſt der am 8. März 1899 in Graz(Steiermark) verſtorbene Hiſtoriker Hof— rat Dr. Johann Baptiſt von Weiß geweſen, in weiten Kreiſen bekannt durch ſeine 22 Bände umfaſſende Weltgeſchichte. Weiß iſt geboren am 7. Juli 1820 in Ettenheim. Die Wiege des kaiſerlichen Hofrates ſtand in einem ein⸗ fachen bürgerlichen Hauſe, in einer Familie, die wohl mit Kindern, nicht aber mit Glücksgütern geſegnet war. Sein Vater Ignaz Weiß war Wollſtricker und betrieb neben ſeinem Handwerke noch in mäßigem Umfange die Landwirtſchaft. Die Mutter Barbara, geb. Jäger, war eine ſehr begabte Frau, von regem Geiſte, großer Energie und tiefer Frömmigkeit. Johann Baptiſt war der älteſte unter ſeinen Geſchwiſtern. Als ſtarker Knabe mußte er frühzeitig bei allen Arbeiten der Landwirtſchaft kräftig mit Hand anlegen. Wohl mag es daher kommen, daß bei Weiß in ſeinem ganzen ſpä⸗ teren Leben ſoviel Verſtändnis und Herz für die Mühen des arbeitenden Landvolkes ſich findet. Die Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 329 Erziehung zu Hauſe war eine ernſte und religiöſe. Beten und arbeiten, Beſcheidenheit in den Lebens⸗ anſprüchen, Achtung vor der kirchlichen und weltlichen Autorität, Teilnahme und tätige Hilfe in der Not ärmerer Ortseinwohner war Familientradition. Charakteriſtiſch an dem heranwachſenden Baptiſ Weiß war ſeine große geiſtige Regſamkeit, die ſich in ſeiner Leſegier und einem Verſchlingen der verſchieden⸗ ſten Bücher, die dem Schulknaben in die Hände kamen, offenbarte. Ettenheim war zur Zeit der franzöſiſchen Revolution und der napoleoniſchen Kaiſerzeit ein geiſtig belebtes Städtchen: der Fürſtbiſchof von Straß⸗ burg, zu deſſen Diözeſe Ettenheim gehörte, Kardinal Rohan(1 1803), wählte das Landſtädtchen 1790 zu ſeiner Reſidenz. Viele Emigranten, beſonders viele franzöſiſche Prieſter, ſuchten in der Nähe des Kardinals Zuflucht vor den Schrecken der Revolution und fanden bei dem Biſchofe und bei der biederen Ettenheimer Be⸗ völkerung viele Jahre gaſtliche Aufnahme. Sogar ein franzöſiſches Prieſterſeminar war von 1794—1803 in einem dortigen Bürgerhauſe untergebracht. In Etten⸗ heim ſuchte auch der Erbe der Bourboniſchen Königs⸗ krone, Prinz Ludwig Anton Heinrich von Enghien, Sicherheit vor dem gewalttätigen Korſen, wurde aber dort in der Nacht zum 15. März 1804 von 300 fran⸗ zöſiſchen Dragonern aus ſeinem jetzt noch neben dem Pfarrhauſe ſtehenden Schloſſe zum Schrecken und Jammer der teilnahmsvollen Bürgerſchaft zur Ermor⸗ dung nach Vincennes weggeführt. Alle dieſe Ereigniſſe hielten die Gemüter in Ettenheim in Spannung und bildeten Jahrzehnte lang in den Winterabenden den Unterhaltungsſtoff in den Bürgerhäuſern. Wie auf⸗ merkſam lauſchte der junge Baptiſt auf die Erzählun⸗ gen dieſer Vorgänge! Im 20. Band ſeiner Welt⸗ geſchichte iſt das Geſchick des Prinzen von Enghien in 330 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. einer Weiſe geſchildert, daß der Leſer merkt, daß der Bericht nach den Ausſagen von Augen- und Ohren⸗ zeugen jener Gewalttat verfaßt iſt. Wie ſehr dieſe Er⸗ eigniſſe den Geiſt des jungen Johann Baptiſt beſchäftig⸗ ten, erhellt aus der Tatſache, daß er mit den erſten Kreuzern, die er als Miniſtrant durch ſeinen Dienſt am Altare ſich erwarb, eine nach Berichten von Augen⸗ zeugen verfaßte Darſtellung der franzöſiſchen Revo— lution kaufte und ſie geiſtig verſchlang. Er konnte weinen, wenn er unter Aufſicht der verſtändigen Mut⸗ ter ſeinen jüngeren Geſchwiſtern z. B. die Verurteilung und Hinrichtung des unglücklichen Königs Ludwig XVI. erzählte. Lichtpunkte in dieſer Zeit waren ihm die ſchönen Feiern an den Feſten des Kirchenjahres, von denen Hofrat von Weiß in ſeinen alten Tagen mitunter noch gerne erzählte. Die reiche Veranlagung des Kna⸗ ben erregte die Aufmerkſamkeit von Lehrern und Geiſt⸗ lichen, und es iſt dem Rat und der Hilfe des damaligen katholiſchen Stadtpfarrers zu verdanken, daß der Vater Ignaz Weiß bei ſeinen nur mäßigen Mitteln und ſeinem Ringen für das Fortkommen der Familie ſich entſchloß, den älteſten Sohn ſtudieren zu laſſen. So kam Baptiſt Weiß 1833 ͤ an das Gymnaſium nach Offenburg. Während er aber an der Volksſchule in ſeiner Heimat immer der erſte geweſen, war er anfäng⸗ lich in Offenburg einer der letzten. Das Heimweh, die Eindrücke ſeiner neuen Umgebung, die völlig veränder⸗ ten Lebensverhältniſſe hatten ihn das Studium der lateiniſchen Grammatik ganz vergeſſen laſſen. An Oſtern war das Zeugnis nicht gut. Auf dem Heimweg, den die Lyzeiſten zu Fuß zurücklegten, ſagte ihm ein älterer Mitſchüler aus Ettenheim, namens Machleid: „Weiß, wenn du nicht beſſer lernſt, dann mußt du im Spätjahr ſitzen bleiben.“ Dieſes Wort zündete bei dem Angeredeten wie ein Feuerfunken. Mit raſtloſem Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 331 Fleiß ging er nun an die Arbeit, und bald hatte er alle ſeine Kameraden überflügelt. Schon am Schluſſe des erſten Jahres brachte der junge Student den erſten Klaſſenpreis nach Hauſe. Während des zweiten Studienjahres in Offenburg ſtarb zu Hauſe plötzlich der Vater an einem Schlag⸗ anfall während des Gottesdienſtes in der Kirche. Jetzt ward dem Studium plötzlich ein Ende geſetzt. Der älteſte Sohn mußte nach den Ferien zu Hauſe bleiben und der bedrängten Mutter in der Arbeit beiſtehen. Baptiſt fügte ſich der Not, aber der Bruch mit dem Studium tat ihm wehe, und die Sehnſucht nach den Büchern quälte ihn bei der Arbeit und in der Ruhe. Bewogen durch die Bitten des betrübten Sohnes, willigte die opferwillige Mutter dann doch wieder in den Weiterbeſuch des Gymnaſiums. Jetzt aber war der Gymnaſiaſt Baptiſt Weiß auf ſich ſelbſt angewieſen. Mit Stundengeben mußte er zum großen Teil ſeinen Unterhalt verdienen. Schon damals aber erfüllte den ſpäteren Gelehrten große geiſtige Kraft und Energie. So kam es vor, daß der Profeſſor das erſte Kapitel eines Buches aus Cäſar aufgab. Am anderen Mor⸗ gen kam Baptiſt Weiß und hatte ſchon das ganze Buch präpariert und geleſen. Das Offenburger Gymnaſium wurde mit Auszeichnung abſolviert. 1839 bezog der Student das Lyzeum in Freiburg. Den zweijährigen Lyzealbeſuch beſchloß er preisgekrönt. Als Abiturient der Anſtalt hielt Baptiſt Weiß im feierlichen Schlußakt eine vorzügliche lateiniſche Rede über die in Platos Phädon enthaltenen Beweiſe für die Unſterblichkeit der Seele. Im Spätjahr 1841 begann das Univerſitäts⸗ ſtudium in Freiburg. Er hörte hier philoſophiſche und theologiſche Vorleſungen. Neben dem Philologen Baumſtark und den Orientaliſten Hug und Wetzer waren es hier vorzüglich der Moraltheologe Hirſcher 332 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. und der Dogmatiker Staudenmaier, die großen Ein⸗ fluß auf den ſtrebſamen Studenten ausübten. Die Perſönlichkeit Hirſchers machte auf den ernſt religiöſen Weiß tiefen Eindruck. Sein ganzes Leben ſprach er von Hirſcher mit Verehrung. Staudenmaier hingegen war dem Studenten ein ſicherer Führer durch die zeit⸗ genöſſiſche Philoſophie, durch die Werke von Hegel und Schelling. Das Verſtändnis der chriſtlichen Philoſophie bewahrte Weiß vor der Überſchätzung jener Denker, denen damals auf den Hochſchulen alles huldigte. Die innerſte Neigung trieb ihn zum Studium der Ge⸗ ſchichte. Ein Sapienzſtipendium ſetzte Weiß in den Stand, nach ſechs Semeſtern in Freiburg noch andere Bildungsſtätten aufzuſuchen. Spätjahr 1844 zog er nach Tübingen, wo er Kuhn und Häfele hörte, ver— weilte dann kürzere Zeit in Heidelberg, wo der Hiſtoriker Schloſſer ihn beſonders anzog, und wandte ſich dann zu längerem Aufenthalt München zu. Auf der Univerſität der bayeriſchen Hauptſtadt war gerade damals die Geſchichtswiſſenſchaft durch Namen von beſtem Klang vertreten. Dort lehrte Friedrich Wilhelm Thierſch, als Kenner des klaſſiſchen Altertums hervor⸗ ragend, Konſtantin von Höfler, als Forſcher auf dem Gebiete der mittelalterlichen Geſchichte bekannt, und der in jeder Beziehung geniale Joſeph von Görres. Auch Döllinger ſtand damals am Beginn ſeiner beſten Periode. Während Weiß noch im Studium begriffen war, wurde ihm eine Lehrſtelle für franzöſiſche und engliſche Sprache an der höheren Bürgerſchule in Frei⸗ burg angeboten. Er griff zu, um ſich endlich ein ge⸗ ſichertes Einkommen zu verſchaffen. Im Spätjahr 1845 unterzog er ſich dem Staatsexamen in Karlsruhe. Das Examen währte 21 Tage und bezog ſich auf das Ge— ſamtgebiet der klaſſiſchen Philologie, auf die franzö⸗ ſiſche, engliſche und hebräiſche Sprache und Geſchichte. Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 333 Zwölf Kandidaten hatten ſich zur Prüfung gemeldet, nur ſieben beſtanden, und unter dieſen war Weiß der erſte. Dieſer glänzende Erfolg bewog die Regierung, Weiß für die akademiſche Laufbahn zu gewinnen. Bei der Mitteilung des Prüfungsreſultats erklärte ihm Miniſterialrat Chriſt, es ſei der Wunſch der Regierung, daß ſich Weiß an der Univerſität Freiburg als Privat⸗ dozent für allgemeine Geſchichte habilitiere. Mit die⸗ ſem Vorſchlag war die Zuſicherung eines Dozenten⸗ Stipendiums von 600 Gulden verbunden. Weiß er⸗ warb ſich noch den Doktorgrad in Freiburg und er⸗ öffnete daſelbſt 1846 ſeine Vorleſungen über alte Ge⸗ ſchichte und im Anſchluſſe hieran über Mittelalter und Neuzeit. Tiefes und umfaſſendes Wiſſen, verbunden mit einem ſchönen, ſpannenden Vortrag machten das Kolleg des Dozenten ſchon in Freiburg zu einem ſtark beſuchten. In dieſer Zeit trat Weiß auch dem Hiſtoriker Gfrörer, Profeſſor an der Univerſität Freiburg, be⸗ ſonders bekannt durch ſeine mehrbändige, eingehende Geſchichte über Papſt Gregor VII., näher. Profeſſor Gfrörer, körperlich und geiſtig ein Rieſe, übte auf den jungen Gelehrten einen anregenden Einfluß aus. Beide Hiſtoriker blieben ſich von da an die ganze Lebenszeit in Freundſchaft verbunden. Nach dem Tode Gfrörers beſorgte Weiß auch die Herausgabe von deſſen lite⸗ rariſchem Nachlaſſe. Privatdozent Weiß war nicht „trockener Stubengelehrter“. Wie ihm das Studium ſelbſt Leben und Tat war, ſo nahm er auch neben ſeinen eingehenden Arbeiten im Quellenſtudium der Geſchichte lebendigen Anteil an den politiſchen Vor⸗ gängen jener bewegten Zeit. Es kamen die Jahre 1848 und 1849, für ganz Deutſchland und beſonders für Baden reich an Er⸗ eigniſſen. In Deutſchland ſchieden ſich die Geiſter in Großdeutſche und Kleindeutſche. Weiß konnte ſich 334 Dr. Johann Bapttſt von Weiß. Deutſchland nicht ſtark und groß denken ohne Sſterreich. Er vertrat darum mit Feuer und Energie den groß⸗ deutſchen Standpunkt. Als im Jahre 1849 in Frei⸗ burg eine Adreſſe an das Parlament in Frankfurt zu⸗ ſtande kam, die ſich für ein einiges Deutſchland unter Führung Preußens ausſprach, entwarf Privatdozent Weiß als Großdeutſcher eine Gegenadreſſe für ein deutſches Kaiſerreich des angeſtammten Hauſes Habs— burg. Dieſe ging mit noch mehr Unterſchriften als die erſtere nach Frankfurt ab. Keine der beiden Strö— mungen erlangte damals das entſcheidende Über— gewicht. Die Frage wurde ſpäter bekanntlich mit dem Schwerte entſchieden. Es war auch die Zeit der revolutionären Idee, und in Baden kam es 1848 und 1849 zur Revolution. Weiß war mit ſeinem klaren Blicke und in ſeinem Sinne für Recht von Anfang an Gegner der Revolution. Als im Jahre 1849 die Revolution auch in Freiburg prokla⸗ miert wurde, ſchloſſen ſich faſt alle Univerſitäts⸗ profeſſoren derſelben an und leiſteten den Eid für die neue Ordnung. Weiß verweigerte dieſen Eid. Im „Deutſchen Volksblatt“, das in Stuttgart von dem ihm von Tübingen her befreundeten Florian Rieß heraus⸗ gegeben wurde, erſchienen ſcharfe Artikel aus ſeiner Feder gegen das Treiben der Revolutionäre. Dieſer Schriftenwechſel nach Stuttgart wurde nun von den Republikanern unter Verletzung des Briefgeheimniſſes aufgegriffen, und im Revolutionskomitee kam der Be⸗ ſchluß zuſtande, Weiß feſtzunehmen und ihn nach Raſtatt zur Aburteilung zu bringen. Rechtzeitig ge⸗ warnt, entzog ſich der regierungstreue Privatdozent der Todesgefahr durch nächtliche Flucht nach Stuttgart. Als die preußiſche Armee in Baden wieder Ordnung geſchaffen hatte, kehrte Weiß auf ſeinen Lehrſtuhl in Freiburg zurück. Allgemein wurde er zu ſeinem mann⸗ Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 335 haften Auftreten beglückwünſcht und auch von höchſter Stelle ihm Anerkennung gezollt. Die Sonne der Gunſt leuchtete ihm aber nicht lange. Bald bekam Weiß Ge⸗ legenheit, eine zweite Probe ſeines Mannesmutes ab⸗ zulegen. Mit Rückſicht auf ſeine entſchieden konſervative Haltung wurde Weiß vom Freiburger Stadtrat erſucht, die Schriftleitung der„Freiburger Zeitung“, die damals ſtädtiſches Organ war, zu übernehmen. Er leitete dann auch das Blatt neben ſeinen ausgedehnten Fachſtudien ſeit 1851 mit Beſonnenheit im Geiſte der großdeutſchen Idee. Dieſe Redaktionstätigkeit fand aber ein jähes Ende infolge ſeiner Haltung im badiſchen Kirchenſtreite. Der Anlaß dieſes Konfliktes war die Verſchiedenheit in der Auffaſſung zwiſchen Regierung und Erzbiſchof Hermann von Vicari über den Trauergottesdienſt beim Tode von Großherzog Leopold 1852. Erzbiſchof Hermann, der ſeit 1842 den erzbiſchöflichen Stuhl in Freiburg innehatte, konnte aus Gewiſſensrückſichten die Trauerfeier mit Seelenamt, wie ſie von Seite der Großherzoglichen Regierung für die katholiſchen Geiſt⸗ lichen angeordnet wurde, nicht geſtatten und mußte dieſe unterſagen. Infolgedeſſen wurde vonſeite der Regierung gegen den Erzbiſchof vorgegangen, und es entbrannte jener langjährige Kampf um die kirchliche Selbſtändigkeit, der erſt im Konkordat von 1859 ſeinen friedlichen Abſchluß hätte finden ſollen. Derſelbe Weiß nun, der noch vor kurzem dem Anſturm der Revolution mit wahrem Heldenmut ſich entgegenſtellte und, geleitet von ſeinem Sinn für Recht, als Anwalt der legitimen Regierung durch Wort und Schrift auftrat, trat jetzt als überzeugter Katholik und in ſeinem Streben nach Gerechtigkeit derſelben Regierung entgegen. Mutvoll trat er in der„Freiburger Zeitung“ für die kirchliche Freiheit und deren Vorkämpfer, Erzbiſchof Hermann, ein. Infolge dieſer Haltung ſtellte der Miniſter an den 336 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. Freiburger Stadtrat das Anſinnen, Weiß der Redak⸗ tion zu entheben. Dieſer aber trat freiwillig zurück. Weiß bekam nun die Eröffnung, daß er in Baden auf eine Anſtellung nicht mehr rechnen dürfe; auch ſein Dozentengehalt wurde geſtrichen. Gereizt durch dieſe Maßnahmen ließ Weiß das Schreiben des Miniſters am Kopfe des Blattes erſcheinen und verteidigte ſcharf ſein Recht auf freie Meinungsäußerung. Ein ſcharfer Artikel eines konſervativen ſchweizeriſchen Advokaten über das Verhalten der badiſchen Beamten in der Re⸗ volution, der noch unter der Redaktion von Weiß in der„Freiburger Zeitung“ erſchien, brachte ihm noch einen Prozeß wegen Beamtenbeleidigung und in deſſen Verlauf die Verurteilung zu acht Tagen Arreſt und fünfzig Gulden Strafe. Eine Appellation an das Oberhofgericht war vergeblich. Der Redakteur mußte 853 ins Gefängnis wandern. Mittlerweile war nun aber Privatdozent Weiß in der Gelehrtenwelt auf dem Gebiete der Geſchichte in beſter Weiſe bekannt geworden durch ſein Erſtlings⸗ werk„Alfred der Große“(Schaffhauſen 1852) das von der Kritik ſehr gut aufgenommen wurde. Auch die politiſche Geſinnung des energiſchen Gelehrten, der mit ſolchem Nachdruck für das Haus Habsburg eintrat, blieb der öſterreichiſchen Regierung unter dem Grafen Leo Thun nicht unbekannt. So kam es, daß an Weiß die Berufung als Profeſſor der Geſchichte an die Uni⸗ verſität Graz eintraf, während er ſeine Gefängnisſtrafe in Freiburg abſaß. Dieſe Berufung nach Graz iſt die entſcheidende Wendung im Leben des Hiſtorikers Weiß. Graz, die Hauptſtadt Steiermarks, wurde ſeine zweite Heimat, der Ort ſeiner faſt 50jährigen, erfolgreichen wiſſenſchaftlichen Tätigkeit, die Geburtsſtätte ſeiner großen Weltgeſchichte, auch die Stätte ſeines Familien⸗ lebens. Der Baum hatte ſeinen Standort gefunden; Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 332 der groß angelegte Mann kam in die ihm entſprechen⸗ den Verhältniſſe. In Oſterreich wurde Weiß mit Freu⸗ den aufgenommen, und in Graz erfaßte man bald die Bedeutung des neuen Profeſſors. Bald ſtrömte jung und alt herbei, um ſeinen Vortrag zu hören. Seine Zuhörer zählten nach Hunderten. Oft kam es vor, daß der große Hörſaal im alten Jeſuitengebäude die Menge der Zuhörer nicht zu faſſen vermochte.„Der Vortrag,“ erzählt ein Schüler und ſpäterer Mitarbeiter von Weiß, „war aber auch einzig in ſeiner Art. Da gab es nichts Gekünſteltes, keine einſtudierten Phraſen; der Grund⸗ ſatz unſeres Weiß war der des alten Cato: rem tene, verba sequentur. In der Tat enthielten die Bogen, die er vor ſich aufs Katheder zu legen pflegte, in der Regel nichts, als einige kurze, in ſeiner Lapidarſchrift hingeworfene Notizen, Tagesdaten, oder wörtliche Zitate. Dennoch war ſeine Vorbereitung auf jede Vor⸗ tragsſtunde höchſt ſorgfältig, inſofern er eine oder auch ein paar Stunden vorher alles andere von ſich wies und ſein ganzes Denken auf den zu beſprechenden Stoff konzentrierte. Das, was er dann vortrug, das war in ihm ſelber lebendig. Ja während des Vortrages lebte er ſelbſt voll und ganz in den Verhältniſſen, von denen er ſprach, und ſein außerordentliches Gedächtnis bot ihm ſtets eine Überfülle des detaillierteſten Stoffes. Um das„Wie“ des Vortrages kümmerte er ſich von vornherein wenig, das mußte das Empfinden im Augenblicke ergeben. Sein Empfinden aber war ur⸗ wüchſig, kräftig, wie ſeine ganze äußere Erſcheinung. War er einmal im Vortrage, ſo gab es nichts für ihn auf dieſer Welt, außer dem Stoff, über den er ſprach. Dann aber ergoß ſich ſeiner Rede Strom ohne Stocken, ohne Schwanken über die lautlos ſtaunenden Hörer, und plaſtiſch traten die Geſtalten der Geſchichte auf die Bühne. Anders war ſeine Sprache, ſein ganzes Dor, Edſe Manner. 22 338 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. Weſen, wenn er erzählte von den Helden und Heldinnen der chriſtlich⸗ſittlichen Weltordnung des Mittelalters; da war er wie ein Prediger auf der Kanzel. Ganz anders wieder erſchien er, wenn er ſprach von den zart⸗ duftigen Geſtalten einer Jeanne d'Arc oder Prinzeſſin Lamballe u. a. Da war er ganz und gar menſchlich fühlender Menſch. Schneidend aber ſauſten ſeine Sätze durch den Saal bei der Schilderung revolutionärer Schreckensſzenen. Da erſchien er wie ein rächender Gott; für jede Regung des Empfindens hatte er einen eigenen Ausdruck in Stimme und Miene. Bald lagerte über ſeinem Antlitz der ruhige Ernſt, den der ſelbſt⸗ errungene Beſitz einer ſicheren Wahrheit verleiht; ge— legentlich wieder guckte der Schalk aus ſeinen lebhaften Augen, und ein andermal brach die Flamme der Ent⸗ rüſtung mit elementarer Gewalt hervor und erfaßte den ganzen Mann, ſo daß er aufſprang und nicht ſelten ſeinen mächtigen Stock ergriff, um gleichſam die Schurken und Heuchler niederzuſchmettern.“ So war Weiß auf der Lehrkanzel. Während er als Lehrer viel Begeiſterung erregte, jagte er indeſſen als Examinator manchem Angſt ein. Aber er tat keinem Kandidaten zu wehe, von dem er wußte, daß er gearbeitet hatte. Alles zu wiſſen und gegenwärtig zu haben, traute er trotz ſeines Rieſengedächtniſſes ſich ſelbſt nicht zu. Arbeit aber verlangte Profeſſor Weiß. Er war eben ſelbſt ſein ganzes Leben hindurch ein Mann an⸗ geſtrengteſter Arbeit. In ſeiner Dozentenzeit in Frei⸗ burg wohnte bei Weiß ſein um ſechs Jahre jüngerer Bruder, dem ſpäteren Geiſtlichen Rat Wilhelm Weiß in Ebersweier, der damals das Freiburger Lyzeum be— ſuchte. Da kam es manchmal vor, daß der Oberſextaner ſich bis über Mitternacht mit der Lektüre der griechi— ſchen und lateiniſchen Klaſſiker beſchäftigte, dann, be⸗ vor er zur Ruhe ging, gemäß Verabredung den älteren Dr. Inhann Baptiſt von Weiß. 339 Bruder Baptiſt weckte, der dann bis zur Zeit des Kollegs am nächſten Morgen ohne Unterbrechung für die Vorleſung ſich vorbereitete. Bis in ſein hohes Alter ſtand Profeſſor Weiß jeden Morgen im Sommer um drei Uhr, im Winter um vier Uhr auf und begab ſich an die Arbeit. Groß in der Arbeit iſt Weiß beim geſchichtlichen Quellenſtudium. Wie ein fleißiger Berg⸗ mann ſtieg er ſelbſt in den Schacht und holte das Gold und das Silber auf dem natürlichen Lager. Sein Fach, die Weltgeſchichte, verwies ihn auf die Denkmäler des geiſtigen Lebens aller Kulturvölker. Er ſelbſt war in zwölf Sprachen zuhauſe. Wie ſehr Profeſſor Weiß aus den Quellen heraus ſpricht, findet der kundige Leſer bald bei der Lektüre ſeiner Werke. Ohne dieſe raſtloſe Arbeit wären bei aller geiſtigen und körperlichen Kraft, über die Weiß verfügte, ſeine großen literariſchen Leiſtungen nicht zu erklären. An Erholung ſuchte und bedurfte der Hiſtoriker nicht viel. Ein Spaziergang, im Sommer erfriſchende Flußbäder— er war ein vor⸗ züglicher Schwimmer—, die Stunden in ſeiner Fa⸗ milie, mit der er in den letzten 20 Jahren in der wärmeren Jahreszeit auf ſeinem Landgut bei Graz, dem Roſenhof, wohnte, brachten die nötige Erfriſchung In die Ferien fielen mannigfache Reiſen, die aber ge⸗ wöhnlich auch ihren wiſſenſchaftlichen Zweck hatten. So geſchätzt und geſucht aber Profeſſor Weiß im Hörſaal war, ſo wurde ſein Ruf als Lehrer doch weit überragt von jenem, den er als Geſchichtſchreiber bei der Mitwelt erlangte. Im Jahre 1854 erſuchte ihn der Wiener Buchhändler Braumüller, eine Weltgeſchichte in drei Bänden zu ſchreiben. Weiß machte ſich an die Arbeit, aber aus den drei Bänden wurden im Laufe von 44 Jahren 22 Bände. Neben dieſem Hauptwerk erſchien von ihm 1860 ein„Abriß der Geſchichte Steier⸗ marks“ und 1863„Maria Thereſia und der öſterrei— 2²⁷ 340 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. chiſche Erbfolgekrieg“. Auch beſorgte er aus dem Nach⸗ laſſe ſeines Freundes und einſtigen Freiburger Kolle⸗ gen Gfrörer die Herausgabe der„Geſchichte des acht⸗ zehnten Jahrhunderts“. Vier Bände, Schaffhauſen 1862—1874, ferner„Zur Geſchichte der deutſchen Volksrechte im Mittelalter“, zwei Bände, Schaffhauſen 1866 und„Byzantiniſche Geſchichte“, drei Bände, Graz 1872—1877. Das eigentliche Lebenswerk aber von Weiß, in dem ſein Geiſt und ſein Wiſſen ſich verkörperte, in dem er zur Mitwelt geſprochen und zur Nachwelt noch lange ſprechen wird, iſt ſeine Weltgeſchichte. Im erſten Bande „Hellas und Rom“ der erſten Auflage war es dem Ver⸗ faſſer noch gelungen, ſein großes Wiſſen in einem Aus⸗ zuge zu geben; dann aber konnte er dies nicht mehr. Der Stoff wuchs unter ſeinen Händen. Vom Ver⸗ leger Braumüller erlangte er das Zugeſtändnis, nach Ermeſſen ausführlicher ſchreiben zu dürfen, und aus⸗ führlicher wurde nun das Werk mit jedem Bande, bis mit dem 14. Bande eine wahre Spezialgeſchichte der franzöſiſchen Revolution beginnt— ein Lieblingsthema des Hiſtorikers von Jugend an—. Das Mißverhält⸗ nis zwiſchen den erſten und letzten Bänden bewog den Verfaſſer, die erſten gänzlich umzuarbeiten und zu er⸗ weitern. Der Ablauf des ganzen Werkes erfolgte 1898 nicht mehr bei Braumüller, ſondern im Verlage der Univerſitätsbuchhandlung„Styria“ in Graz. Von mehreren Bänden iſt ſchon die vierte und fünfte, von einigen ſogar ſchon die ſechste Auflage erſchienen. Seit dem Tode des Verfaſſers bearbeitet Profeſſor Dr. Vockenhuber in Graz, ein Schüler und langjähriger Mitarbeiter von Weiß, die Neuauflage des Werkes im Geiſte des Verfaſſers in beſter Weiſe. Daß eine Welt⸗ geſchichte in 22 Bänden in verhältnismäßig kurzer Zeit ſo viele Auflagen erlebt, iſt ein ſeltenes Vorkommnis. Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 341 Wie iſt dieſer Erfolg zu erklären? Iſt es der philoſo⸗ phiſche und religiöſe Standpunkt des Verfaſſers, der das bewirkt hat? Im zweiten Bande der erſten Auf⸗ lage bei der Einführung des Chriſtentums in die Ge⸗ ſchichte ſpricht ſich Weiß hierüber aus, indem er ſagt: „Die Seele dieſer Zeit iſt die Religion. Jeder Ge⸗ ſchichtſchreiber muß hier eine beſtimmte Anſicht mit⸗ bringen über Religion, denn je nach dem Standpunkt der Betrachtung werden die größten Geſtalten unſerer Zeit zu Schwärmern, Heuchlern und Fanatikern, oder zu gottgeſegneten Kämpen für unſterbliche Wahrheiten. Manche helfen ſich hier mit geſchraubten Redensarten, ſo daß die entgegengeſetzten Parteien meinen können, der Schriftſteller ſei ihr Mann. Andere gehen ſchwei⸗ gend um die Schwierigkeit herum.... Mein Stand⸗ punkt iſt der poſitiv chriſtliche. Mancher, der dieſen für einen längſt überwundenen hält, wird ein Kreuz über das Buch machen und es vornehm bei Seite legen. Mag er es tun! Mein Standpunkt hat mich nicht ver⸗ hindert, unbefangen die Dinge anzuſehen und mich freimütig darüber auszuſprechen. Ich ſchäme mich nicht meiner Religion, die es lehrt, daß Gott ein Geiſt iſt und im Geiſte und in der Wahrheit angebetet wer⸗ den müſſe, einer Religion, die den Geiſt der Wiſſen⸗ ſchaft entbunden, das Menſchenrecht verwirklicht, bür⸗ gerliche Freiheit geſchaffen und die größten Charaktere gebildet, die ſo recht eigentlich eine Religion des Fort⸗ ſchrittes iſt.“ Chriſtus iſt dem Hiſtoriker Weiß der Mittelpunkt der Weltgeſchichte, zu dem die ganze Menſchheit hinſtrebt, der Verlauf der Geſchichte die Verwirklichung der großen, göttlichen Pläne. Charak⸗ teriſtiſch für dieſe Geſchichtsauffaſſung iſt ſeine Eintei⸗ lung der Geſchichte in nur zwei große Zeiträume, in eine vorchriſtliche und eine chriſtliche Zeit. Daher auch ſeine klaſſiſche Schilderung der Perſon und des Werkes 342 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. Chriſti, ſein Lob der Kirchenväter, die großartige Cha⸗ rakteriſtik der Ideenträger des glaubensſtarken Mittel⸗ alters, eines hl. Bernhard, Franziskus, Dominikus, ſein Verſtändnis für die Stellung des Papſttums in der Geſchichte, wie für die Aufgaben und Leiſtungen der katholiſchen Orden. In dieſer Auffaſſung des gro⸗ ßen Ganzen ſteht Weiß unerreicht da, und es läßt ſich darüber ſtreiten, was mehr zu bewundern ſei, ſeine tiefe Auffaſſung der Grundgedanken in der Weltge⸗ ſchichte, oder der Mut, mit dem er ſelbſtändig ſeine Wege geht. Bei aller Beſtimmtheit des Standpunktes wird Weiß indeſſen niemals verletzend gegen Anders⸗ denkende. Überall herrſcht ein vornehmer, edler Ton, und weht dem Leſer ein Hauch chriſtlicher Milde ent— gegen. Bei dieſer poſitiv chriſtlichen Auffaſſung fand das Weißſche Geſchichtswerk von Anfang an in gleich— geſinnten Kreiſen wohl freudige Aufnahme, aber viel größere Kreiſe waren dem Buche von vornherein ver— ſchloſſen, ſo daß das Werk in den zwei erſten Jahr⸗ zehnten ſchwer tat mit der Verbreitung. Wenn das Buch mit der Zeit dennoch zahlreiche und große Auf⸗ lagen erlebte, ſo ſind noch andere Momente zur Er⸗ klärung hierfür zu beachten: Die Reichhaltigkeit und Vortrefflichkeit des Inhalts nämlich und die eigenartige Schönheit der Darſtellung, welche im Weißſchen Ge⸗ ſchichtswerk zu finden ſind. Freund und Gegner ſtim⸗ men überein in der Bewunderung des rieſigen Stoffes, den Weiß in allen Teilen der Weltgeſchichte bewältigt hat, in dem Staunen über ſeine Beleſenheit, in der An⸗ erkennung des objektiven, klaren Urteils, das er, ge— leitet von ſeinem inſtinktiv hiſtoriſchen Sinne, in den verwickeltſten Gebieten der Geſchichte an den Tag legt Das Buch von Weiß iſt keine Weltgeſchichte im gewöhn— lichen, hergebrachten Sinne. Er gibt uns vielmehr nach dem Vorbilde Schloſſers eine Geſchichte, wie der Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 343 äußeren Geſchicke, ſo auch der geiſtigen Entwicklung, der ideellen Leiſtungen, des Kulturlebens aller bekann⸗ ten Völker. Das Werk iſt eine umfaſſende Völker⸗ und Staatengeſchichte, enthält aber ebenſo die Darſtel⸗ lung des geiſtigen Lebens, der Religion, der Philoſo⸗ phie, der geſamten Literatur der Völker. Weiß zeigt ſich als Meiſter in der Auffaſſung der verſchiedenen Zeitalter. Wie wenige hatte er die Fähigkeit, ſich hin⸗ ein zu denken in den Geiſt der verſchiedenen Zeiten, und wie kein anderer vermochte er es, die verſchiedenen Zeitalter mit den ihnen gerade eigentümlichen Farben zu ſchildern. Ein idealer Zug des Geiſtes geht durch das Leben des Hiſtorikers Weiß von ſeiner Jugend bis ins hohe Alter. Alles Große und Schöne in Literatur und Kunſt, alles Hohe und Edle im Leben der Helden und Heldinnen, alles Gewaltige im Drängen der Völ⸗ ker ſenkte ſich in ſeine Seele und fand in ſeinem Geiſte und Gemüte die Reſonanz. Mit dieſem Idealismus verbindet indeſſen unſer Hiſtoriker auch ſcharfes Ver⸗ ſtändnis und geſundes Urteil für die praktiſchen Seiten des Lebens. Bei all dieſem beſaß Weiß die Gabe der inneren Verarbeitung und einer poetiſchen Geſtaltungs⸗ kraft, die verbunden mit ſeiner plaſtiſch ſchönen, am Muſter der Alten gebildeten Sprache und mit der warmen, lebensvollen Kunſt der Erzählung, wie ſie dem alemanniſchen Volksſchlag von Haus aus eigen iſt, ihn zum Hiſtoriker vorzüglich befähigten. Eigen iſt bei Weiß auch die Art, wie er ſchrieb. Mancher Hiſtoriker bildet bei ſeiner Arbeit vor allem die Umriſſe, die Dis⸗ poſition ſeiner Darſtellung und ſetzt dann die einzeln gefundenen Reſultate gleich Moſaikſteinen an die ent⸗ ſprechende Stelle ein, ſo daß dem Ganzen der Charak⸗ ter kalter Verſtandesarbeit vielfach bleibt. Nicht ſo Weiß. Sein Arbeitsapparat war ſein rieſiges Gedächt⸗ nis. Zuerſt ſammelte er durch eingehendes Quellen⸗ 344 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. ſtudium und erſchöpfende Lektüre der einſchlägigen Literatur einen reichen Schatz von Einzelkenntniſſen und Urteilen über einen ganzen Abſchnitt und ver— arbeitete in ſeinem Geiſt das Gewonnene zu einem lebendigen Geſamtbilde. Plaſtiſch ſtanden die handeln⸗ den Perſonen vor ſeinem Geiſte, der in ſeinem ſcharfen, durch reiche Lebenserfahrung geübten Urteile die Ge⸗ ſchehniſſe und ihre geheimſten Motive kritiſch würdigte. Was in ihm ſo lebte und reifte, das ergoß ſich dann lebenswarm und farbenfriſch in einem zuſammen⸗ hängenden Redeſtrom, den gewöhnlich flinke Hände zu fixieren hatten. Seine Weltgeſchichte iſt ein treues Abbild ſeines glänzenden Vortrages und iſt zum großen Teil aus den Vorträgen des Kollegs entſtanden. Es iſt nicht Kopfarbeit allein, nicht nur kalte Darſtellung der gefundenen Reſultate. Das ganze menſchliche Weſen des Hiſtorikers ſpricht aus dem Weißſchen Geſchichts— werk, ſein reiches Gemütsleben, wie ſein klarer Ver⸗ ſtand. Das iſt es, was ſeine Weltgeſchichte ſo überaus anziehend macht und den Leſer wärmt und feſſelt. Die heutige Geſchichtswiſſenſchaft ergeht ſich mehr in kritiſchen Detailarbeiten und Monographien, beachtet weniger das Ganze. Profeſſor Weiß ſagte auch in ſeinen letzten Lebensjahren, er werde wohl der letzte ſein, der eine Univerſalgeſchichte geſchrieben hat. Es könnte ſo ſein, wir wiſſen es nicht. Aber ſicher iſt, daß die Weißſche Weltgeſchichte in ihrer Art einzig daſtehen und deshalb Beachtung finden wird. Beim Tode von Joh. Baptiſt Weiß ſchrieb die„Kölniſche Volkszeitung“ Nr. 239 vom 12. März 1899:„Weiß hat eine eigent⸗ liche Schule nicht hinterlaſſen. Die Aufgabe ſeiner Bearbeiter dürfte ſich darauf beſchränken, ſein Lebens⸗ werk auf der wiſſenſchaftlichen Höhe zu halten. Das Verdienſt aber, der modernen liberal⸗opportuniſtiſchen Geſchichtsſchreibung eine von höherem Standpunkt auf⸗ Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 345 gefaßte Weltgeſchichte gegenübergeſtellt zu haben, wird ſeinen Namen unvergänglich machen.“ Seine Bedeutung als Profeſſor an der Grazer Univerſität, ſowie die Verdienſte, die Weiß als Ge⸗ ſchichtsſchreiber erwarb, fanden im Laufe der Zeit auch die gebührende Würdigung. Im Studienjahr 1856/57 war er Dekan der philoſophiſchen Fakultät und im Jahre 1861/62 ſtand er als Rector magnificus an der Spitze der ganzen Univerſität Graz. Kaiſer Franz Joſef zeichnete ihn aus im Jahre 1878 mit dem Titel eines Regierungsrats, im Jahre 1885 mit dem Orden der eiſernen Krone und am 27. Oktober 1889 mit der Erhebung in den erblichen Adelsſtand. Nach öſter⸗ reichiſcher Vorſchrift trat von Weiß in ſeinem 72. Le⸗ bensjahre, am 1. Oktober 1891, in den Ruheſtand; hierauf wurde er vom Kaiſer 1892 als lebenslängliches Mitglied ins öſterreichiſche Herrenhaus berufen und im nächſten Jahre 1893 mit dem Titel eines Hofrats aus⸗ gezeichnet. Von Papſt Pius IX. wurde der Hiſtoriker Weiß ſchon früher mit dem Gregorius-Orden geziert Er beſaß auch den ottomaniſchen Medjidie⸗Orden und, wodurch er ſich am meiſten geehrt fühlte, das Ehren⸗ zeichen für Kunſt und Wiſſenſchaft. In ganz beſonders naher Beziehung ſtand Hofrat von Weiß zu dem hochſinnigen Erzherzog Karl Ludwig, dem Bruder des Kaiſers Franz Joſef. Er hatte dem Erzherzog einige Jahre Vorträge aus der Geſchichte zu halten und war ſein Begleiter auf mehreren Reiſen. Hofrat von Weiß war zweimal verheiratet: mit Joſefine Bader aus Freiburg von 1854 bis 1862 und mit Maria Gabriele Graf aus Wien von 1867 bis 1894. Von ſeinen Kindern leben zwei Söhne und drei Töchter; die Söhne haben wiſſenſchaftliche Berufe er⸗ griffen. Ein Sohn aus erſter Ehe war der im März 1901 verſtorbene Sanitätsrat Dr. Otto von Weiß in 34 Dr. Johann Baptiſt von Weiß. Serajewo. Zwei der Töchter haben ſich dem Ordens⸗ ſtande geweiht und eine Tochter iſt verheiratet. In der Familie des Hiſtorikers von Weiß herrſchte chriſt⸗ licher Sinn und der Geiſt religiöſer Pflichterfüllung. Niemals fehlte der Herr Hofrat, ſo lange er konnte, an Sonn⸗ und Feiertagen beim Gottesdienſte an ſeinem Platze in dem traulich einſamen Kirchlein in der Nähe ſeines Roſenhofes, im Kirchlein zu Maria⸗Grün, wo einſt auch Graf von St. Leu(Exkönig Ludwig von Holland, Bruder Napoleons J.) die Ruhe ſeines Her⸗ zens fand. Eine Zahl Bedürftiger fanden auch immer ihren Weg zu ihrem ſtillen Wohltäter, dem Herrn Hof⸗ rat. So ſehr auch Graz und Steiermark für Profeſſor von Weiß zur Heimat geworden war, ſo hing er doch bis ins hohe Alter an ſeinem geliebten Badnerlande. Jeder Landsmann, der ihm Nachricht und Grüße aus der Heimat brachte, war dem Profeſſor ein will⸗ kommener Gaſt. Alle paar Jahre führte ihn eine Ferienreiſe gelegentlich in die Heimat. Es war immer ein Feſt in den Familien, wenn Bruder und Onkel Baptiſt zu kurzem Beſuch da weilte. Das letzte Mal war es im Juli 1898, daß ihn die Heimat ſah. Der kräftig gebaute Mann litt aber ſchon unter der Bürde des Alters und zeigte Spuren von Gebrechlichkeit. Im März des nächſten Jahres, wo die junge Sonne ſonſt neues Leben weckt, ſtellte ſich hohe Schwäche ein, wäh⸗ rend Hofrat von Weiß mit der Neuauflage der Ge⸗ ſchichtsbände noch vollauf beſchäftigt war. Der Arzt verbot ihm alle Arbeit.„Ohne Arbeit kann ich nicht leben,“ war die Antwort des arbeitsfrohen Gelehrten, und er arbeitete noch, während er ſchon das nahe Ende fühlte.„Wiſſen Sie, was geſtern geſchehen iſt?“ ſagte er eines Morgens zu ſeinem treuen Mitarbeiter.„Nun, und was Neues?“—„Ich habe mich verſehen laſſen mit den heiligen Sakramenten; man weiß nicht, was Dr. Johann Baptiſt von Weiß. 34 kommt, und ich bin alt.“ So war er, der Hiſtoriker Weiß. Unbeugſamen Mutes hat er vor den Menſchen die Wahrheit vertreten, und ſo beugte er jetzt in De⸗ mut ſein Haupt vor dem Herrn der Wahrheit und des Weltenlaufes. Das Alter war ſeine Krankheit, die dieſe einſt ſo kraftſtrotzende Geſtalt erdrückte. Der 8. März 1899 ſetzte dieſem arbeitsreichen, edelſtreben⸗ den und verdienſtvollen Gelehrtenleben ſein Ziel. Drei Tage darauf, am 11. März, fand das Begräbnis ſtatt. Die ganze Bedeutung des Mannes zeigte ſich hier noch einmal im vollen Lichte. Der Fürſtbiſchof Dr. Schuſter und das Dompkapitel, die Profeſſoren der Univerſität, Rektor und Dekane an der Spitze, Abordnungen der übrigen gelehrten Schulen, die Vertreter der Behörde, Hunderte von ehemaligen Schülern, eine große Zahl hervorragender Bürger gaben mit den nächſten An⸗ verwandten dem teuren Toten das Geleite. Weiß ſaß tief in dem Herzen der Bewohner Steiermarks, er war Jahrzehnte lang der Stolz der Grazer Bürgerſchaft. Stolz ſein darf auch die Heimat Baden, wo der Ver⸗ ewigte bis zu ſeinem 33. Lebensjahre weilte, ſeine Lebensrichtung begründete und ſeinen Bildungsgang vollendete, auf ihren großen Sohn, den Hiſtoriker Weiß. Zum ehrenden Andenken an den Unvergeß⸗ lichen wurde am 18. Juli 1920 an deſſen Geburtshaus in Ettenheim eine Gedenktafel angebracht. Bei dieſer Feier hielt Profeſſor Dr. Göller von der Univerſität Freiburg die Feſtrede. (Quellen: Badiſche Biographien Bd. 5. Hiſtoriſch⸗politiſche Blätter. Jahrgang 1899 S. 538 ff. Dr. Hermann Ziegelmeyer, prakt. Arzt in Langenbrücken. ine der größten Wohltaten für eine Gemeinde, für einen ganzen Bezirk iſt ein tüchtiger, ge⸗ wiſſenhafter und vertrauenerweckender Arzt. Greife zur Geſchichte aller Zeiten, ſie wird dir den Beweis liefern, daß es von Anfang an bis auf den heutigen Tag Männer gegeben hat und gibt, in denen die Würde und das Anſehen des Arztes geradezu ver⸗ körpert erſcheint. Solche Männer der Medizin ziehen wie Glanzgeſtirne ihre Bahnen und hinterlaſſen ein Andenken, das auf Jahrzehnte hinaus geſegnet bleibt. Die tiefe Verehrung und allgemeine Wertſchätzung eines Arztes erſcheint im Vollglanz der Abendfonne, wenn ein ſolcher Wohltäter von der Erde Abſchied nimmt. Wie ſchwarzer Schatten legt ſich in ſolchen Stunden Trauer und Wehmut über den herben Verluſt auf die Herzen aller, die ihm voll Dankbarkeit entgegen⸗ ſchlugen. Ein ſolcher Arzt von Gottes Gnaden war der am 5. September 1917 verſtorbene Dr. Hermann Ziegel⸗ meyer. Mit ängſtlicher Spannung hatten weite Kreiſe im Bruhrain ſeit Monaten die Krankheit des Dr. Hermann Ziegelmeyer. a 349 Heimgegangenen verfolgt. Groß war die Freude bei der Kunde von der Beſſerung des Patienten; umſo ſchmerzlicher erklang aber auch die Klage, als es hieß, es ſei keine Hoffnung mehr für Erhaltung des wert⸗ vollen Lebens. Jetzt, da der Unvergeßliche zur ewigen Heimat ein⸗ gegangen und ſein tatenreiches Leben abgeſchloſſen iſt, bietet es für die überlebenden beſonderen Reiz, die einzelnen Züge des Verblichenen zu einem ſchlichten Bilde zu vereinigen. Dieſe wenigen Erinnerungen ſollen uns zu einem Spiegel dienen, worin wir zu unſerer Ermutigung ſchauen, was ein einziger Mann durch eigene Kraft und Ausdauer, unterſtützt von der göttlichen Gnade, vermag. Dr. Hermann Ziegelmeyer wurde am 23. Dezember 1853 in Langenbrücken geboren als der Sohn des Landwirts Johann Georg Ziegelmeyer und der Jo⸗ hanna geb. Frey. Er war der Erſtgeborene in der Familie und erhielt im Verlauf der Jahre noch ſechs Geſchwiſter. Die erſte Schule für den munteren Hermann bildete das Vaterhaus, wo er die ſorgenloſen Tage der Kind— heit zubrachte. Die Familie Ziegelmeyer barg in ſich eine angeborene Ehrſamkeit als Grundlage des häus⸗ lichen Glückes. Das einfache, traute Familienleben wurde durch keine oberflächliche Bildung und durch keinen eingeſchleppten Kulturlack verdorben. In der Erziehung ihrer Kinder handelten die beiden Eltern nach dem Vorbilde eines verſtändigen Gärtners. Dieſer biegt zwar in ſeiner Baumſchule die jungen kräftigen Triebe, beſchneidet ſie auch zur rechten Zeit; im übrigen aber läßt er ſie mit Geduld und Gebet ruhig aufwachſen, denn das rechte Wachstum und Ge⸗ deihen muß Gott geben. Dr. Hermann Ziegelmeyer. Der Biederſinn des Vaters, ſeine unermüdliche Schaffensfreudigkeit ſcheinen ganz auf den Sohn Her⸗ mann übergegangen zu ſein. Alles Predigen und Lehren, welches man den Kin⸗ dern angedeihen läßt, nützt nicht ſoviel als das Bei⸗ ſpiel. So meint ein großer Jugendbildner. Nach dieſer Richtung war Hermann Ziegelmeyer glücklich geſtellt. Faſt bis zu ſeinem eigenen Lebensabend hatte er das hellſtrahlende Beiſpiel ſeiner braven Eltern vor ſich. Vom ſechſten Jahre ſeiner Kindheit an beſuchte Her⸗ mann zunächſt die Volksſchule ſeiner Heimat. Da er Talent und Neigung zum Studium zeigte, empfing er in den oberen Klaſſen mit ſeinem Mitſchüler und Freunde Wilhelm Stang den erſten Lateinunterricht von dem damaligen Ortsſeelſorger. Es war dies der Pfarrer Götzinger, der von 186718883 ſegensreich in Langenbrücken wirkte. Auf ſeinen Rat hatten ſich beide Schüler zum Studium entſchloſſen. Nach genügender Vorbereitung erhielten die beiden Studentlein 1869 ihre Aufnahme in die Mittelſchule. In jahrelangen eifrigen Studien erwarben ſich die munteren und hei⸗ teren Freunde ihre humaniſtiſche Bildung an den Gymnaſien: Bruchſal, Einſiedeln, Tauberbiſchofsheim und Zweibrücken. Nachdem ſie ſich das Reifezeugnis für die Hochſchule erworben hatten, handelte es ſich um die ſo wichtige und ernſte Berufsfrage. Stang wählte zu ſeinem Studium die Theologie, wurde Prieſter und ſtarb am 2. Februar 1907, als Miſſionsbiſchof in Fall River(Amerika). Sein Freund Hermann Ziegel⸗ meyer fühlte mehr Neigung zur Medizin; er konnte den Herzenswunſch ſeiner Eltern, die ihn gerne als Prieſter am Altare geſehen hätten, nicht erfüllen. Es war gut ſo, denn die Vorſehung Gottes, die jedem ſeinen Beruf beſtimmt, führte den talentvollen jungen Mann auf ein ausgedehntes Feld der Nächſtenliebe, Dr. Hermann Ziegelmeyer. wo er Großes für die Ehre ſeines Schöpfers und das Wohl ſeiner Mitmenſchen vollbringen ſollte. Im Spätherbſt des Jahres 1875 bezog der junge Mann die Univerſität Baſel. Der Kandidat der Medi⸗ zin hörte zunächſt einige Semeſter hindurch Vor⸗ leſungen aus den verſchiedenen Gebieten der Natur⸗ wiſſenſchaft. Dann machte er in Freiburg i. B. die übungen in den Kliniken mit, bereitete ſich auf das Staatsexamen vor und diente zugleich ein Jahr beim Militär. An beiden Hochſchulen galt unſer Landsmann unter den Kommilitonen ſtets als einer der fleißigſten und flotteſten Studenten. Durch ſeinen Frohſinn und ſeinen urwüchſigen Humor gewann er ſich zahlreiche Freunde und Bundesbrüder. Angenehme Stunden der Belehrung, Anregung und Erholung fand der beliebte Mediziner in der katholiſchen Studentenverbindung „Hercynia“, der er ſich am 8. November 1876 anſchloß und deren Satzungen er auch als„alter Herr“ treu blieb. Die Fahrt durch das akademiſche Leben iſt für den Muſenſohn mehr oder weniger klippenreich. Wie leicht leidet in dieſen Jahren die Jugend Schiffbruch an Glaube und guter Sitte! Unſer Studioſus blieb auch in dieſer Epoche ſeines Lebens ein braver Sohn ſeiner Eltern. Der katholiſche Glaube mit ſeinen ernſten An⸗ forderungen bildete für den Akademiker den ſicheren Kompaß. Klar und deutlich zeigte ihm dieſer das irdiſche Ziel des Berufes und das ewige Ziel ſeiner unſterblichen Seele. Der wackere Hercyne erfüllte regelmäßig die Vor⸗ ſchriften ſeiner Kirche. Die Verpflichtungen, die er als Gymnaſiaſt bei der Aufnahme in die Marianiſche Kon⸗ gregation zu Einſiedeln auf ſich genommen hatte, ver⸗ gaß er keinen Tag. Darum konnte der Edle noch kurz 352 Dr. Hermann Ziegelmeyer. vor ſeinem Tode einem jungen Geiſtlichen verſichern: „Gläubig war ich zeitlebens, beſonders verehrte ich die Mutter Gottes.“ Im Sommer 1880 beſtand Hermann Ziegelmeyer als der erſte unter allen Prüfungskandidaten mit der beſten Note das mediziniſche Staatsexamen. Auf dem wetterfeſten Felſen erprobter, chriſtlicher Lebensgrund⸗ ſätze hatte er ſein ganzes, umfangreiches Studium für den künftigen Beruf aufgebaut. Daneben erwarb er ſich, namentlich während der Ferien, noch eine tiefe Allgemeinbildung. Kein Gebiet des menſchlichen Wiſſens blieb ihm ganz fremd. Wer immer in ſpäteren Jahren Verkehr mit dieſem geiſtvollen Manne pflegte, mußte über ſeine große Beleſenheit, ſeine Kenntniſſe auf dem Gebiete der Kunſt, der Länderkunde und der Politik ſtaunen. Er hatte in ſeinen Vorbereitungs⸗ jahren auf allen Wegen der Arbeit und Entſagung Ideen geſammelt und Ideale für ſeine Berufstätigkeit als Arzt gefaßt. Am 4. November des Jahres 1880 begann der junge Arzt Dr. Ziegelmeyer ſein öffentliches Wirken im Dienſte der Kranken in ſeinem Heimatorte. Die erſte Zeit wohnte er hier in Miete. Seine ausgeprägte Heimatliebe veranlaßte ihn indeſſen ſchon nach zwei Jahren, auf elterlichem Beſitz für ſich und ſeine künftige Familie ein hübſches Heim mit größerem Anweſen zu begründen. Für einen Arzt, der ſich erſt ſeine Kundſchaft ge— winnen muß, iſt es von außerordentlicher Bedeutung, wenn er außer den reichen Kenntniſſen einen ſcharfen Blick ans Krankenbett mitbringt. Dieſer Blick erkennt alsbald, wo die Krankheit ſitzt und den Punkt, von wo die Heilung ausgehen muß. Dieſen ſcharfen, glücklichen Blick hat unſer Dr. Ziegelmeyer an ſeinen Patienten bewährt. Im Verlauf der Jahre erwarb er ſich mit Dr. Hermann Ziegelmeyer. 353 ſeinem hellen Geiſte, ſeinem ſtaunenswerten Gedächt⸗ nis eine Fülle praktiſcher Erfahrungen. Seine Studien ſetzte er mit emſigem Fleiße fort. Noch im vorgerückten Mannesalter beſuchte er mit vielen Kollegen die regel⸗ mäßigen Vorleſungen von bewährten Autoritäten in den Kliniken zu Heidelberg. Viel Geld gab er für Fach⸗ zeitſchriften aus, die ihm auf dem Gebiete der Medizin die neueſten Forſchungen und Erfindungen brachten. In wenigen Jahren erfreute ſich Dr. Ziegelmeyer einer ausgedehnten Praxis. Dazu kam während der Sommermonate noch ſeine reiche Tätigkeit als Bade⸗ arzt im Schwefelbad Langenbrücken, das oft zahlreiche Kurgäſte aus allen Gauen unſeres Heimatlandes in ſeinen Räumen ſah. In faſt täglichem Verkehr mit den Leuten im ganzen Bruhrain lernte der eifrige Arzt und feine Beobachter faſt alle Familien in den dichtbevölkerten Gemeinden kennen. Es war ein köſtlicher Genuß, ſeine Urteile über ganze Ortſchaften mit ihren Vorzügen und Mängeln, wie ſeine Anſichten über ganze Geſchlechter und Einzelperſonen mit ihren Tugenden und Fehlern zu hören. Da wir Menſchen die guten und ſchlimmen Anlagen mehr oder weniger von unſeren Eltern und Vorfahren erwerben, ſo ſollte das Urteil über Gut und Bös bei Einzelnen mehr vom mediziniſchen Standpunkt aus ge⸗ fällt werden. Nach dieſer Richtung ſprach ſich Dr. Ziegelmeyer in der Regel mit großer Milde und Schonung über dieſe und jene Perſonen aus. Da ſich oft die Krankheiten in einzelnen Familien auf die Nachkommen fortpflanzen, war es dem erfah⸗ rungsreichen Arzte nicht ſchwer, ſeine Klienten in ihren Leiden und Gebrechen richtig zu beurteilen, weil er in jahrzehntelanger Praxis Eltern und Großeltern ſeiner Patienten genau gekannt hatte. Dor, Edle Männer. 23 Dr. Hermann Ziegelmeyer. Ein beſonderes Geſchick hatte Pr. Ziegelmeyer für die Heilung von inneren Krankheiten. Die Mittel, die er verwendete, waren in der Regel einfach und wohlfeil. Im Beſuch der Kranken erfüllte er ſeine Pflichten aufs genaueſte und pünktlichſte. War eine Krankheit gefährlich, ſo ſcheute er keine Mühe und keinen Gang ſelbſt in ſtürmiſcher Nacht. Wie oft ver⸗ zichtete er auf jegliche Erholung, ja ſelbſt auf Speiſe und Trank, wenn ihm ein Schwerkranker gemeldet wurde oder jemand ſeiner ärztlichen Hilfe bedurfte. Nicht ſelten erſchien er drei- und viermal an einem Tage oder in einer Nacht am Krankenbett in einem fernen Dorfe, wenn auch Dutzend andere Patienten, deren Leiden weniger gefährlich ſchienen, im Sprech⸗ zimmer oder in ihren Krankenſtuben ihn mit Sehn— ſucht erwarteten. War aber in dieſem oder jenem Falle die Medizin mit ihren Mitteln zu Ende, ſo überließ der Mann mit der vornehmen Geſinnung die Bedauerns⸗ werten der Vorſehung Gottes und der Pflege der An⸗ gehörigen oder der Schweſtern. Dieſes Fernbleiben hat man da und dort kurzſichtig beurteilt, nachträglich erkannten aber alle die Lauterkeit ſeines Charakters an. Das Vertrauen der Leute wurde noch vermehrt. Felſenfeſtes Vertrauen iſt die Grundlage für das Wirken eines Arztes. Fehlt dieſes Fundament, ſo bricht die Praxis zuſammen. Nach dieſer Richtung zählte unſer Arzt zu den Glücklichſten ſeiner Kollegen. Das Vertrauen zu ihm wuchs von Jahr zu Jahr und pflanzte ſich von den Eltern auf die Kinder fort. Worin lag bei ihm das Geheimnis, daß er ſo innig geliebt und verehrt wurde? Er faßte ſeinen Beruf im Lichte der n chriſtlichen Sittenlehre auf. Nie vergaß er ſeine Würde, immer ließ er ſich von jenem zarten, feinen Taktgefühl leiten, das gar manche Leiden der Kranken unter allen Umſtänden fordern. Der tiefſte Dr. Hermann Ziegelmeyer. 355 Grund ſeiner allgemeinen Wertſchätzung lag aber in ſeiner Uüneigennützigkeit. Dieſe Tugend gab ihm Freiheit und Sicherheit, Kraft und Nachdruck. Vor dieſer hochherzigen Geſinnung im Schenken und Geben beugte ſich alles: der ſchlichte Bauer, der ein⸗ fache Handwerker und der ſtrebſame Arbeiter. Dr. Zie⸗ gelmeyer kannte genau, mit welcher Not und Ent⸗ behrung viele Familien ſeines Bezirkes kämpfen mußten. Für viele Patienten iſt die Nachkur ſchlimmer als die Krankheit ſelbſt, denn bleiſchwer liegt auf man⸗ chem Schmerzensmann die Frage, wie er ſeinen Ver⸗ pflichtungen bei Geldſchwierigkeiten nachkommen ſoll. Wieviele Hunderte von Geneſenden waren freudig be⸗ wegt, wenn ihnen der hochherzige Samariter die ganze Schuld nachgelaſſen hatte! Nicht immer und überall wurde dieſe Freigebigkeit gerühmt. Das liegt in der ſündhaften Natur des Menſchengeſchlechtes. Umſo höher mag Gott der Herr jetzt ſeinen Diener entlohnen. Sagt doch die heilige Schrift ſo ſchön„Glückſelig der Mann, der unſträflich erfunden, der dem Golde nicht nachging und ſeine Hoffnung nicht auf Geld und Schätze ſetzte! Wer iſt ein ſolcher, daß wir ihn preiſen? Denn Wunderbares hat er in ſeinem Leben getan!“(Eccles. 31. 8.—9.) Dieſe echte und wahre Samariterliebe gab dem wohltätigen Arzte auch die Freiheit und Unerſchrocken⸗ heit im Auftreten. Dr. Ziegelmeyer konnte manchmal hart und kantig werden, doch niemand grollte ihm deshalb. Nicht bloß nach unten, ſondern auch nach oben zeigte er Mut und Offenheit, namentlich wenn jemand die Gerechtigkeit nach irgend einer Seite ver— letzte. Wurde er zu Patienten gerufen, die trotz ſeiner Warnungen und Mahnungen freventliches Spiel mit Leben und Geſundheit trieben, da hielt er mit ſeinem oft herben und ſcharfen Tadel nicht hinter den Bergen. 235 356 Dr. Hermann Ziegelmeyer. In den ſtillen Räumen der Krankenſtube konnte dann ſo manches Unglückskind über die ungeſchminkte Wahr⸗ heit nachdenken. Alle ertrugen gerne die Vorwürfe, denn ſie kannten das gute Herz ihres Wohltäters. Das Leben eines tüchtigen, vertrauenerweckenden Arztes iſt in der Regel reich an Mühen und Arbeiten, namentlich in einem Bezirk mit zahlreicher Induſtrie— bevölkerung. Wer könnte die Tauſende und Abertau⸗ ſende von Beſuchern nachzählen und ſchildern, die Dr. Ziegelmeyer in den 37 Jahren ſeiner Tätigkeit teils zu Fuß oder zu Pferd, teils mit Fuhrwerk, teils auf dem Zweirad oder mit der Eiſenbahn bei Tag und Nacht gemacht hat? Wie oft kam er todmüde nach Hauſe, wo bereits das Vorzimmer von Hilfeſuchenden vollſtändig beſetzt war! Der ſchaffensfreudige Jünger der Heil— kunſt hat an ſich ſelbſt erfahren, wie wahr und trefflich der Dichter den Beruf des Arztes ſchildert. „Mit Not und Tod ein unabläſſig Kämpfen, Um Schmerz zu lindern, Fieberglut zu dämpfen g Durch Gottes Huld mit Sinn und leiſer Hand; Schlafloſe Nächte, ruheloſe Tage: Dank, Undank auch; viel Harm und keine Klage.“ In ſo mancher ſtürmiſchen oder eiſigkalten Nacht mußte der müde Mann nicht ſelten drei und vier mal nach dieſem und jenem Dorfe fahren. Wieviel könnten von dieſen Strapazen die Angehörigen und die lang⸗ jährigen treuen Dienſtboten ihres Herrn erzählen! Nur ein eiſerner Wille, oder beſſer geſagt, ein heiliges Pflichtbewußtſein konnte ſolche Opfer bringen. Und doch, wie erhaben und ſchön war wieder ein ſolches Samariterleben im Dienſte der Kranken! Oder durfte der gottbegnadigte Arzt nicht ſich glücklich preiſen, wenn er der verzweifelten Gattin durch ſeine Kunſt den todkranken Gemahl gerettet hatte? Durfte Dr. Hermann Ziegelmeher. 357 er nicht frohlocken, wenn er der lächelnden Mutter ihr geliebtes Kind geſund übergeben konnte? Durfte er ſich nicht mitfreuen, wenn er dem gut Operierten nach langem Harren die Hand zum neuen Leben reichen konnte? Solche Freuden wiegen Hunderte von jenen faden Ergötzlichkeiten auf, die geiſtloſe Menſchen in be⸗ häbiger Ruhe ſuchen. Wohl wiſſen wir, daß auch Dr. Ziegelmeyer bei aller Hingebung an den Beruf Mißerfolge und Undank zu verzeichnen hatte. Doch welcher Menſch hat nur Erfolge? Mochte ihm übrigens ſein Tun und Laſſen Anerkennung oder Bemängelung eintragen, immer handelte der abgeklärte Charakter nach der Mahnung des Apoſtels:„Seid Nachahmer Gottes als geliebte Kinder und wandelt in Liebe, gleichwie auch Chriſtus uns geliebt und ſich für uns als Gabe und Opfer hin⸗ gegeben hat, Gott zum lieblichen Wohlgeruch.“ (Eph. 5, 1.) über den Berufspflichten vergaß Dr. Ziegelmeyer nie die Sorge für die Seinigen. Am 27. April 1882 hatte er den Ehebund mit Emma Hoßner aus Frei⸗ burg geſchloſſen. Gott ſchenkte den Eltern im Verlauf der Jahre ſechs Kinder. Eines, namens Olga, ſtarb im zarten Alter von 3½ Jahren, ein Sohn, Hermann, fiel im Weltkriege im Kampf für das Vaterland. Für die Erziehung ſeiner Kinder, für ihre Studien, für ihr ſicheres Auskommen und ihre ehrenvolle Stellung in der bürgerlichen Geſellſchaft ſcheute er kein Opfer, keine Mühe. Mit Tränen in den Augen erzählte der kranke Vater dem Verfaſſer dieſer Blätter, wie es ihn gefreut habe, noch einige Male vor dem Hinſcheiden alle ſeine Kinder um ſich verſammelt zu ſehen. Welch' ſchöne Lehren und Ermahnungen gab der treubeſorgte Mann noch ſeinen Söhnen einige Tage, bevor der Todesengel ihn abholte! Dr. Hermann Ziegelmeyer. Wo aber ſuchte der müde und abgehetzte Arzt ſeine Erholung? Entweder in Gottes ſchöner Natur oder in Geſellſchaft weniger Freunde oder im Spätherbſt auf einer kurzen Reiſe. Dr. Ziegelmeyer blieb allzeit ein Sohn der Scholle, d. h. er liebte den Umgang mit der Heimaterde, auf der er herangewachſen war. Welch ein reges Intereſſe zeigte dieſer aufrichtige Naturfreund an allen Vorgängen in Feld und Wald, in Gärten und Rebbergen! In ſchönſter Weiſe kam dieſe Sehnſucht nach den Wanderungen durch Gottes Garten während ſeines dreijährigen Aufenthaltes in der Garniſonsſtadt Raſtatt zum Ausdruck. Schon einige Tage bevor der freie Sonntag Nachmittag aus der Ferne winkte, ſchrieb er einem Freunde in der Heimat:„Wir wollen nach dem Gottesdienſte die Blütenpracht der Bäume, den Stand der Reben uſw. bewundern.“ Auf dieſen Pfaden der Erholung wurden die Mühen des täglichen Schaffens auf einige Zeit hindurch verklärt. Jedes Bienlein auf der Blume, jede ſeltene Pflanze am Wegesrande erregte das Intereſſe des ſtillen Wan— derers. Er konnte ſich freuen wie ein Kind. Ein Rätſel blieb ihm allezeit, wie Hunderte von Menſchen, die ſogar auf dem Lande geboren waren, jegliches In⸗ tereſſe an der Landwirtſchaft verloren hatten. Als die bittere Not des Kriegs die Leute zwang, ihr Feld ſelbſt zu bebauen, da jubelte ſein Herz auf, weil dieſe Be⸗ ſchäftigung wieder zur Geſundung der Verhältniſſe unſerer Geſellſchaft beiträgt. Als Freund einer geſelligen Unterhaltung hatte Dr. Ziegelmeyer glückliche Anlagen. Wo immer er erſchien, bildete der geiſtvolle Herr alsbald den Mittelpunkt der ganzen Tiſchgeſellſchaft. Sein heiterer Humor, ſeine reichen Kenntniſſe, ſeine oft treffenden Urteile über Menſchen und Zeiten machten ihn zum Liebling aller, die ſein Erſcheinen mit Sehnſucht erwarteten. Dr. Hermann Ziegelmeyer. 359 Auf ſeinen Reiſen ſammelte er ſich eine Fülle von Kenntniſſen und kehrte neugeſtärkt, aber auch von den Kranken mit heißer Sehnſucht erwartet, zur Ausübung ſeiner Kunſt zurück. Wir haben noch eine Betätigung dieſes reichen Lebens hervorzuheben, die ſchönſte von allen. Sie legt die Fundamente der übrigen Vorzüge, ſie befeſtigt die⸗ ſelben und eint ſie zum ſchönen und innigen Bunde. Wir meinen die tiefe Glaubens überzeugung und die kindliche Frömmigkeit Dr. Ziegel⸗ meyers. Tiefgläubig wie ſeine Erziehung war ganzes Leben. Die Religion war unſerem Arzte nicht eine leere, äußere Gewohnheit, die man mit Rückſicht auf die Umgebung mitmacht. Sie war ihm auch nicht ein Stück Paradekleid, das man an gewiſſen Feſttagen auf einige Stunden zur Schau trägt. Die Religion war ihm eine heilige Pflicht, die alle Verhältniſſe dieſer Erde auf Gott bezieht und mit dem Lichte der Ewigkeit verklärt. Die Frömmigkeit war ihm die Wurzel ſeiner ſittlichen Anſchauungen, die Wurzel ſeiner Berufstreue. Der Heimgegangene hat durch ſein ganzes religiöſes Leben das Wort des alten Hippokrates, des Vaters der Medizin, wahr gemacht:„Die Heilkunſt führt zur Frömmigkeit, zur Liebe gegen die Menſchen.“ Heilig war ihm auch der ſchöne Satz, den ein Gelehrter der Gegenwart, Dr. Albert Moll, in ſeinem umfang⸗ reichen Werke:„Arztliche Ethik“ niederſchrieb:„Eine Feindſchaft darf weder zwiſchen Religion und Medizin, noch zwiſchen Theologie und Medizin beſtehen.“ Der heilige katholiſche Glaube gab dem Manne der Wiſſenſchaft für ſeinen Beruf Troſt, Belehrung, Zuver⸗ ſicht und Ausdauer. In der Erfüllung der religiöſen Pflichten nahm es der vielbeſchäftigte Arzt ſehr ernſt. Nie verſäumte er die Sonntagspflicht, mochte die Arbeit bei Tag und 360 Dr. Hermann Ziegelmeyer. Nacht ſich häufen, immer gab er zuerſt in der Frühe der Sonn⸗ und Feiertage Gott die Ehre. Auch die heiligen Sakramente empfing er regelmäßig. Ein warmes Herz und eine offene Hand hatte er ſtets für die innere und äußere Miſſion der Kirche. Sein mutiges Eintreten für die kirchlichen Intereſſen war im ganzen Mittellande bekannt, darum wählten ihn auch die Bezirke Bruchſal und Eppingen wiederholt zum Mitglied des Krchenſteuerparlaments. Mit der Treue eines praktiſchen Katholiken ver— richtete er ſeine täglichen Gebete. Jedes Jahr erneuerte er ſeine Gelöbniſſe und Verehrung gegen die hehre Gottesmutter. Bis ins höchſte Mannesalter ſandte er an die Marianiſche Kongregation in Einſiedeln die vorgeſchriebenen Mitteilungen als treuer Sodale ein. Ein ganzes Menſchenalter hatte der Heimgegangene ſeine Talente verwertet und redlich gearbeitet. Gott hat ihn viele Erfolge ſchauen laſſen. Manche Freuden beleuchteten wie goldener Sonnenſchein ſeine ſorgen⸗ vollen Züge. Welch köſtliche Stunden verlebte der Greis im Silberhaar mit ſeinen lieben Enkelkindern! Welche Genugtuung brachte ihm die Beobachtung des vierten Gebotes, als er im Januar 1913 mit ſeinen Geſchwiſtern die diamantene Hochzeit von Vater und Mutter mitfeiern durfte! Nun kam der Ausbruch des Weltkrieges. Rieſen⸗ aufgaben ſtanden urplötzlich vor dem deutſchen Volke. Beſonders die Medizin erwartete ein weites Gebiet der Arbeit an den Verwundeten. Der wackere Mann wollte nicht zurückſtehen, denn ſchon in Friedenszeiten hatte er jedes Jahr die an ihn gerichtete Frage, ob er im Falle eines Krieges bereit ſei, ſich dem Heere zur Verfügung zu ſtellen, jeweils bejaht. In der jüngſten Vergangenheit fügte er zu dieſer Bereiterklärung den Wunſch, man möchte ihn mit Rückſicht auf das vor⸗ Dr. Hermann Ziegelmeyer Dr. Hermann Ziegelmeyer. 361 gerückte Alter nicht mehr ins Feld beordern, ſondern ihm eine Stelle als Lazarettarzt in einer Garniſon an— weiſen. Dieſem Verlangen wurde Rechnung getragen. Gleich nach der Mobilmachung zu Anfang Auguſt 1914 erhielt der allzeit getreue Freund des Vaterlandes Be⸗ fehl, in Raſtatt ein Reſervelazarett zu übernehmen. Trotzdem unſer Dr. Ziegelmeyer bereits an der Schwelle des Greiſenalters ſtand, folgte er ſofort dem Rufe ſeiner Behörde. In ſeinem ſeitherigen Wirkungs⸗ kreis wurde ſein Scheiden mit ſchmerzlicher Wehmut vernommen, ja kurzſichtige Kritiker legten ihm dieſe aufopferungsvolle Hingabe an Fürſt und Vaterland ſogar als„Ehrgeiz“ aus. Gegenüber ſolchen und ähn— lichen Vorwürfen bewahrte der abgeklärte Edelmann ein vornehmes Schweigen. Mitte Auguſt 1914 übernahm der ſchaffensfreudige Arzt die Aufſicht und Leitung des Reſervelazaretts, das im Gymnaſium in Raſtatt eingerichtet wurde. Auch ſeine einfache Wohnung fand er in dieſem Hauſe, denn um ſo leichter konnte er Tag und Nacht unter den ver⸗ wundeten Soldaten weilen. Mit rührender Sorgfalt nahm er ſich der Unglück— lichen an, die von den Schlachtfeldern in verſchiedenen Transporten ankamen. Der freundliche und leutſelige Stabsarzt war bald bei Kranken und Verwundeten eine beliebte Perſönlichkeit. Seine Selbſtloſigkeit und Un⸗ eigennützigkeit, ſeine Opferwilligkeit und große Rück⸗ ſichtsnahme galt als ein herrliches Spiegelbild für ſeine Umgebung. Keine Stunde der Nacht war ihm un⸗ gelegen, den Schlaf zu unterbrechen und den neu ein— gebrachten Verwundeten ſofort Hilfe zu bringen. Seine ſchwerſte und härteſte Arbeit war ihm ſtets die Ausmuſterung der Landſturmpflichtigen. Es tat ſeinem Herzen ſtets weh, wenn er über einen ſtellungs⸗ pflichtigen Familienvater das„Tauglich“ ſprechen mußte. 362 Dr. Hermann Ziegelmeyer. Nach wenigen Wochen des Weltkrieges wurde das Reſervelazarett, das im Konvikte eingerichtet war, auf⸗ gehoben, da das Gebäude für Schulzwecke verwendet wurde. Stabsarzt Dr. Ziegelmeyer erhielt für ſeine Tätig⸗ keit ein anderes Lazarett zugewieſen. Mit Rückſicht auf ſeine ſchon etwas erſchütterte Geſundheit durfte er aber ſeine Privatwohnung im Gymnaſialkonvikt weiter beziehen. Die Kirchenbehörde erfüllte mit dieſer Ge⸗ nehmigung einen Herzenswunſch des Heimgegangenen. Im Nebenamte verſah er noch unter den Zöglingen das Amt eines Hausarztes. Der liebenswürdige Militärarzt war bald in der ganzen Garniſonſtadt eine gern geſehene Perſönlichkeit. Viele Bewohner von Raſtatt brachten dem ſchlichten und leutſeligen Herrn großes Vertrauen entgegen. Auch die Heimat Langenbrücken und Umgegend ſehnte ſich ſtets nach ihrem„guten Doktor“. In ſeiner Men⸗ ſchenfreundlichkeit nahm der gutmütige Herr oft für den Sonntag Urlaub. Statt ſich von den Strapazen der Woche zu erholen, hielt er Sprechſtunden in ſeiner viel— beſuchten Wohnung. Freunde und Bekannte rieten ihm oft Schonung ſeiner Geſundheit, doch auf alle Vorſtellungen hatte er nur die Worte:„Wenn ich den leidenden Menſchen helfen kann, macht es mich glücklich.“ Bei dieſer un⸗ unterbrochenen Arbeit leiteten den hochherzigen Mann nur ideale Gründe, keine eigennützigen Motive. Die Behörden wußten die raſtloſe Arbeit unſeres Stabsarztes zu ſchätzen und zu würdigen. Nach Jahresfriſt erhielt er ſeine Beförderung zum Ober⸗ ſtabsarzt. Die badiſche Regierung verlieh ihm das Kriegsverdienſtkreuz. Mitten in der Arbeit traf den guten Vater wie ein Blitz vom heiteren Himmel die Schmerzensnachricht, Dr. Hermann Ziegelmeyer. 363 daß ſein jüngſter Sohn Hermann den Heldentod fürs Vaterland am 15. Mai 1915 geſtorben ſei. Faſt brach es dem tiefbetrübten Manne das Herz. In dieſen ſchweren Tagen der Heimſuchung meinte er oft: „Seelenleiden reiben die Geſundheit ebenſogut auf wie Körperleiden.“ Dieſe bittere Wahrheit hat er ſelbſt er⸗ fahren, denn ſeit dem Tode ſeines Sohnes ſah Ober⸗ ſtabsarzt Ziegelmeyer ſeine Kräfte ſchwinden. Im Frühjahr 1917 zeigte ſich bei dem gebeugten und raſch alternden Manne noch ein Leiden, das einen geheimnis⸗ vollen, unheilbaren Charakter anzunehmen ſchien. Der Schmerzensmann ſuchte Linderung im Sankt Joſephshaus zu Heidelberg unter den Weiſungen ärzt⸗ licher Autoritäten. Doch bei allen Hoffnungen, die ihm von Kollegen gemacht wurden, ſah er den Abend ſeines Lebens heraufziehen. Die Gedanken an Tod und Ewigkeit begleiteten ihn fortwährend. Am Sylveſter⸗ abend 1916 meinte er zu ſeiner Umgebung:„Das folgende Jahr 1917 wird mein Todesjahr werden.“ Tiefernſte Bücher, z. B. die Witterungen der Seele von Alban Stolz, bildeten ſeine Lieblingsleſung. Am 11. April 1917 ſchrieb der Kranke dem Verfaſſer dieſer Erinnerungen:„Schwere Leidenswochen liegen hinter mir. Ich habe trotz Kollegen jede Hoffnung aufgegeben und war nur mit dem Sterben beſchäftigt. Wohl fühle ich mich in der Einſamkeit des Krankenzimmers. Am Paſſionsſonntag legte ich bei einem Hochw. Pater eine Lebensbeichte ab und empfing am Montag die Kommunion. Ach! wie war mir's da ſo leicht, ſo wohl ums Herz!! Meine Seele ſchwang ſich auf Adlers⸗ flügeln in himmliſche Gefilde, als wollte ſie ſich ſchon jetzt von ihrem irdiſchen Heime freimachen. Ja, Hochw. Herr Pfarrer,„katholiſch iſt gut ſterben“.“ Doch bevor die Sterbeſtunde kam, mußte der wackere Mann und Chriſt, weil er Gott lieb war, noch 364 Dr. Hermann Ziegelmeyer. mehrere Monate hindurch eine bittere Leidensſchule durchmachen. Trotz der körperlichen Schwäche, die von Tag zu Tag zunahm, ja obgleich er oft ſchwerer leidend war als ſeine Patienten, ſchleppte ſich der Greis noch regel— mäßig ins Lazarett, um nach den kranken und verwun⸗ deten Söhnen des Vaterlandes zu ſchauen, auch ihnen zu helfen, ſoweit ärztliche Kunſt ausreichte. Doch endlich war die Kraft dieſes Mannes von Eichenmark gebrochen. Am 18. Auguſt meinte er ſei⸗ nem Aſſiſtenzarzt gegenüber:„Jetzt geht es nicht mehr.“ Am Montag, den 20. Auguſt, raffte er noch⸗ mals alle Kraft zuſammen, ging langſam zum Lazarett mit dem Entſchluß, dort Abſchied zu nehmen, und dann nach Langenbrücken in ſein ſtilles Heim zu gehen. Doch die Vorſehung Gottes wollte, daß der Edle auf dem Felde der Caritas, wo er drei Jahre hindurch den Höhepunkt treuer Pflichterfüllung erſtiegen hatte, auch Abſchied von dieſer Erde nehmen ſollte. Auf dem letzten Gang zum Lazarette brach der Tod⸗ müde zufammen. Schnell wurde ſein Hilfsperſonal herbeigerufen, man wollte den halb Bewußtloſen in ſeine Privatwohnung bringen, doch er ließ ſich nicht dazu beſtimmen. Unter allen Umſtänden wollte er nochmals zu ſeinen Kranken ins Lazarett. Nur ungern erfüllte man dieſen Wunſch. Im Lazarett bekam der Schwerkranke einen Ohnmachtsanfall und die Gefahr eines Herzſchlages war groß. Zum Glück erholte er ſich wieder. Auf einer Bahre brachte man ihn in das Konvikt. Dort zur Ruhe gebettet, erklärte der ganz ab⸗ geſchaffte Held der Arbeit mit tränenden Augen:„So, jetzt habe ich gearbeitet bis zu meinem Zuſammen⸗ bruch.“ Da der Zuſtand des Patienten gefährlich ſchien, ließ man die Angehörigen rufen; ſofort empfing der ge⸗ eee Dr. Hermann Ziegelmeyer. 365 wiſſenhafte Katholik die heiligen Sakramente. Seine tiefe, echte Frömmigkeit kam jetzt erſt recht zum herr⸗ lichen Ausdruck. Prieſter und Ordensſchweſtern ver⸗ ſichern, ſie hätten noch ſelten einen Mann geſehen, der mit ſo kindlicher Frömmigkeit und ſo lebendigem Glau⸗ ben die Tröſtungen unſerer heiligen Religion emp⸗ fangen habe, wie Oberſtabsarzt Dr. Ziegelmeyer. Unter einem Strom von Tränen legte er einem Ordensmanne ſeine letzte Beichte ab, empfing aus der Hand des Hochw. Herrn Rektors Gaſſner die heilige Kommunion als Wegzehrung und die letzte Slung. Der weihevollen Handlung wohnten ſeine Frau und die beiden Töchter an. Gerade in dieſen Leidenstagen fühlte der geduldige Kämpfer das ganze Glück und den Troſt der heiligen Religion. Ofters meinte er:„Ich möchte nur wiſſen, was die Menſchen machen, die keine Religion haben, wenn ſie ſo leiden müſſen wie ich, denn nur die Religion hält einem da noch aufrecht.“ Schwere Leidenstage hatte der Jünger des kreuz— tragenden Heilandes noch durchzumachen, bis er ſeine Augen für dieſe Welt ſchließen durfte. Gott der Herr prüfte ſeinen Diener noch im Feuer der Leiden. Der Getreue hat ſich auch in dieſen Olbergſtunden bewährt. Infolge ſeines Magenleidens konnte er kaum mehr Nahrung zu ſich nehmen, auch auf die himmliſche Speiſe, die heilige Kommunion, mußte er verzichten. Als Erſatz erweckte er öfters die geiſtige Kommunion oder, wie ſie von Keppler ſo ſchön nennt, die Kommu⸗ nion der Nacht. Die Ilbergſtunden des Mannes der Schmerzen ſteigerten ſich die folgenden Tage zu Golgathaſtunden. Ahnliche Peinen wie ſein erhabenes Vorbild am Kreuze ſollte auch er durchkoſten. Einer ſeiner hohen Vor⸗ geſetzten ſtellte dem Dulder das ehrenvolle Zeugnis 366 Dr. Hermann Ziegelmeyer. während ſeines Beſuches aus: Er rief ihm zu:„Mut, Mut! Kollege, wenn Sie bangen, was ſollen dann die andern tun? Sie haben ein gutes Konto dort oben!“ Am Dienstag, den 4. September, gegen Abend, ſchien die Stunde der Erlöſung geſchlagen zu haben. Lange Zeit hindurch waren einige Prieſter, Kranken⸗ ſchweſtern und die Angehörigen des Patienten um das Sterbebett in frommen Gebeten und Anmutungen ver⸗ ſammelt. Auf aller Antlitz ſah man das tiefſte und innigſte Mitleid mit dem Armen in ſeinen Schmerzen. Seit Wochen hatten die treue Gattin und die Kinder mit den barmherzigen Schweſtern die leiſeſten Wünſche des Schwergeprüften zu erfüllen geſucht. Nun durften ſie auch Zeugen der letzten Golgathaſtunden ſein. Doch faſt eine ganze Nacht hindurch mußte der große Dulder noch leiden, bis er beten durfte:„Es iſt vollbracht.“ In der Frühe des 5. September, es war ein Mitt⸗ woch, der Tag, der dem heiligen Joſeph, dem Schutz⸗ patron der Sterbenden, geweiht iſt, gab Oberſtabsarzt Dr. Ziegelmeyer ſeine lautere Seele dem Schöpfer zurück. Es war ½4 Uhr. Den letzten Blick richtete der Sterbende auf das Bild des gekreuzigten Heilandes, zu dem er ſo oft in den letzten Leidenswochen auf⸗ geſchaut hatte; die Lippen ſtammeln ein Schlußgebet. Der Todesengel hatte die Seele eines ſeltenen Mannes aus dem Volke abgeholt, ein raſtloſes Leben war zu Ende. Es wird ſtill im Zimmer, alle knien nieder und empfehlen die Seele des Heimgegangenen dem barm⸗ herzigen Gott. In den erſten Morgenſtunden treten die beiden hochwürdigen Geiſtlichen des Konvikts an den Altar und flehen: „Jeſu, milder Herrſcher, Du, Gib dem Toten ewige Ruh'!“ Dr. Hermann Ziegelmeher. Nach zwei Tagen brachte ein Auto die Leiche in die Heimat, wo ſie mit allen Ehren zur letzten Ruhe ge⸗ bettet wurde. Die verſchiedenen Tagesblätter brachten ehrenvolle Nachrufe. Ein Vorgeſetzter des Verblichenen ſchrieb in die Raſtatter Zetiung:„Seit einem Jahre faſt ſchwe⸗ rer leidend als ſeine Kranken, hat er im Dienſte aus⸗ gehalten, bis er zuſammenbrach. Ehre ſeinem An⸗ denken!“ Das Leichenbegängnis zeigte zur Genüge, welche Verehrung und Liebe der Entſchlafene in den weiteſten Kreiſen ſich in ſeiner langjährigen Praxis erworben hatte. Die zahlreichen Anſprachen und Nachrufe, die unter Niederlegung prachtvoller Kränze gehalten wur⸗ den, die vielen Tränen, die an ſeinem Grabe floſſen, bekundeten: Dr. Ziegelmeyer war ein Held der Arbeit, ein Hoheprieſter der Nächſtenliebe und ein Katholik der Tat. Nun ſtehen wir am Ende dieſer kurzen Männer⸗ bilder. Es iſt nur eine kleine Auswahl von hunderten und tauſenden braver Männer, die in unſerem Heimat⸗ lande gewirkt haben. Möge Gott ſeinen Segen ſprechen über den Leſer und den Schreiber dieſer Skizzen. Über den Leſer, daß ſtill in der Tiefe der Seele das geleſene Beiſpiel keime und Wurzel ſchlage und in ſchönen chriſtlichen Werken hervorblühe ans Leben und Frucht bringe in der Welt. Und über den Ver⸗ faſſer des Buches, daß er nicht leer bleibe, während er anderen erquickenden Trunk ſchöpft aus den Quellen herrlicher Vorbilder. S D Y Korrektur: Seite 103 ſind die Zeilen 19—23 zu ſtreichen. n Vom Verfaſſer dieſes Buches ſind früher erſchienen: Jakob Lindau ein badiſcher Politiker. 3. Aufl. M. 1.80, geb. M. 3.50. 1 Heinrich Bernh. von Andlaw ein badiſcher Politiker und Vorkämpfer des Katho⸗ lizismus in ſeinem Leben und Wirken geſchildert. 0 M. 3.80, geb. M. 6.— Franz Joſef Ritter von Buß in ſeinem Leben und Wirken geſchildert. M. 3.80, geb. 6.— Hofrat Karl Zell ein Lebensbild. M. 4.20, geb. M. 6.50. Prälat F. X. Lender mit 12 Bildern. Geb. M. 4.20. Edle Frauen unſerer Heimat 5.— 6. Tauſend. Vergriffen. Lebensbilder aus dem Seelſorgsklerus 2. Auflage. Vergriffen. Ludwig Börſig ö Stadtpfarrer in Mannheim. M. 1.—. f Geiſtl. Rat F. Hund N Jede Buchhandlung beſorgt dieſe Bücher. * — — * V „ 9 O * 0