9 6 9 6 9 6 85 2 — — S S ++ 8 CN 2 0 2 7 ———— — 2 E 2 Arijr nuf Arm Nehrin Aurch die trutlchen unnd frumaliſchen Wiiiie Aheinſiimuuer nach Achen und OSpaa, ——E-E-b- VORn. X EXLER E chen, ciee Hlelbe, Ccis“ Ce,, 0 2 4 2 ull; 2 He, Aee. 2+ C, 6 4 ermlllu, Aaa, llaqe z-RKißpfernn, * ELankfurt α im Nerlage bey Iriedrich Eſslinger. 4 1899. 3 2ů( 22 2 Vorrede zült euſtteinn Auf kalgſe Die nachfolgenden Bemerkungen ſind das Reſultat meiner Reiſen und eines Aufent⸗ haltes von mehreren Monaten in den Laͤn— dern auf beiden Ufern des Rheins, uͤber deren wahren politiſchen und moraliſchen Zuſtand ſeit 9 Jahren ein Dunkel ſchwebte, das wäͤhrend dieſer Zeit noch von keinem Reiſebeſchreiber hinlaͤnglich aufgehellt wurde. Jetzt, da der Friedensſchluß von Luͤneville ihr Schickſal definitiv beſtimmt hat, wird es um ſo intereſſanter, zu wiſſen, wie es, beſonders jenſeits des Rheins, ausſehe, wie unſere ehemaligen Landsleute regiert werden, wie der Geiſt der oͤffentlichen Meinung be— ſchaffen, und ob ihr Loos gluͤcklicher oder ———————.——— zu vergelten, und Lokalverhaͤltniſſe oder Fehl— tritte, oder was die ſcandaloͤſe Chronik er— zaͤhlt, mit ſchmaͤhſuͤchtiger Feder an den Pranger der Publicität zu ſtellen. Es kann ſeyn, daß dies Buch hier und da Unrichtig— keiten enthaͤlt, aber ich habe wiſſentlich nie— mand kraͤnken oder beleidigen wollen. Um dieſer Reiſebeſchreibung noch ein ver— mehrtes Intereſſe der Neuheit zu geben, habe ich die waͤhrend des Abdrucks in den von mir bereiſeten Gegenden vorgefallenen Verände— rungen, beſonders die ſeit dem Friedensſchluß erfolgten Beſtimmungen uͤber die vier neuen Departements in einem Anhange nebſt eini— gen Anmerkungen und Berichtigungen hinzu— gefuͤgt. Auf dieſe Art erhaͤlt das Publikum eine ſo viel es der Zweck dieſes Werks und der Raum erlaubte, moͤglichſt genaue Anſicht des politiſchen Zuſtandes dieſer Laͤnder, den man kennen muß, um ſie mit Nutzen zu bereiſen, wenn gleich dieſe Materie etwas zu trocken iſt, um die Liebhaber einer blos unterhalten— den Lectuͤre ganz zu befriedigen. Geſchrieben den 12. April 1802. Der Verfaſſer. Drö Vorredee zur zweyten Auflage. Ich habe dieſer neuen Auflage eines vom Publikum mit ehrenvollem Beifall aufge— nommenen Werkes nichts Weſentliches hin⸗ zuzufuͤgen, als daß ich derſelben alle dieje⸗ nigen Verbeſſerungen zu geben bemuͤht war, welche die Unvollkommenheiten der erſtern, und die Veraͤnderungen der Zeit nothwen⸗ dig machten. Als ich zum erſtenmale dieſe Reiſe ſchrieb, ſtand Teutſchland der franzoͤſiſchen Republik noch feindlich gegenuͤber. Dieſer Zuſtand geſtattete die Freimuthigkeit der Aeußerun⸗ gen uͤber manche Gegenſtaͤnde der Verwal— tung, uͤber Sitten und Handlungsweiſe unſerer neuen Nachbarn. Jetzt herrſchet Friede! Wir ſind gewoͤhnt an die neuen Formen, als wenn wir immer darin gelebt haͤtten, und das freundſchaftliche Verhaͤlt— niß der Staaten Teutſchlands, zu der maͤch⸗ tigen Regierung, welche eine neue Ordnung der Dinge in unſerm Vaterlande zur Ent⸗ ſtehung brachte, und dieſen das feſte Land begluͤckenden Frieden gebot, ſoll auch der Schriftſteller, als guter Buͤrger, zu erhal— ten ſtreben. Darum habe ich bey die ſer zweyten Auflage alle jene nicht mehr paſſen— den Stellen unterdruͤckt, welche niederzu— ſchreiben der kriegeriſche Genius der damali— gen Zeit mich veranlaßte, der ſich auch der Feder des Schriftſtellers mittheilte. Nur das was in hiſtoriſcher Beziehung Werth hat, durfte ſtehen bleiben. Auch iſt ſeit jener Zeit durch den merkwuͤrdigen Mann, FEEEEEEEEr — 0 ERN 05 1 7 — 9— der jetzt Frankreich regiert, Vieles veräaͤn— dert und, ich freue mich es mit Ueberzeu— gung ſagen zu koͤnnen, der Zuſtand des von uns abgeriſſenen Landes verbeſſert wor⸗ den. Mißbraͤuche wuͤrden entfernt und Ord— nung und Recht kehrten nach dem Chaos der Revolution zuruͤck. So wie ich dieſes vor fuͤnf Jahren zuerſt von mir geſchriebene Werk jetzt gänzlich um— geſchaffen und erneuert habe, ſo gab ich auch den darin dargeſtellten Gegenſtaͤnden eine andere Ordnung und Folge. Die Be— ſchreibung der Reiſe auf dem Rhein, welche zur Unbequemlichkeit derer, die dieſes Buch bei ihrer Reiſe beuutzen wollten, in zwey Baͤnden getrennt war, erſcheint hier in einem Theile vollſtaͤndig, den einige Kupfer verzieren. Dagegen wird im zwey— ten Theile, der dieſem erſten bald nachfol— gen ſoll, die Beſchreibung der teutſchen und franzoͤſiſchen Rheinlaͤnder im Allgemeinen, 8—. 1————— — 10— und insbeſondere der Baͤder Wisbaden, Schlangenbad, Schwalbach, Ems, Aachen und Spaa enthalten ſeyn, von welchen letztern beiden Orten man in der 1 erſten Auflage keine Nachrichten fand. Dr. A. Klebe. Profeſſor der Statiſtik an der Churf. Pfalzbaier. F. M. Univerſität. W10 iſtter A hiſchee. Von Frankfurt nach Mainz. —— 17 333— 2 I* —— Frantfurt liegt hinter mir!— Hier, an der Gränze ſeines kleinen Gebiets laß ich den Wa— gen halten! Noch einmal ſehe ich mich nach der dampfenden Stadt um, über deren Häuſermaſſe der coloſſaliſche Domthurm gigantiſch hervonragt. Die aufgehende Sonne röthet den leichten Herbſt— nebel, der um ſeine Kuppel wallt; er ſenkt ſich hernieder, und ſein Sinken verſpricht mir einen heitern Reiſetag.— Ungern verläßt man den freundlichen Ort, der durch ſich ſelbſt und die ſchöne Natur, die ihn umgiebt, den Reiſenden anzieht. Nun eile ich dem Rheine zu.— Ich werde den ſchönen Fluß wieder ſehen, von dem ich acht Jahre entfernt war. Damals waren ſeine grü— nen Fluten noch nicht von blutigen Leichnamen gefärbt, damals wogte der prächtige Strom durch paradieſiſche Gefilde, von wohlbabenden und glück⸗ lichen Menſchen bewohnt; von ſeinen Rebenufern ſchallten die Geſänge der Dörferinnen, die Bacchus Geſchenke ſammelten. Seit langen Jahren hatte man hier den furchtbaren Ton des Krieggeſchützes nicht gehört. Nur in der fröhlichen Weinleſe brannte man unter Jubel und Geſang die kleinen Böller zur Verherrlichung des Feſtes los, und er— götzte ſich an dem vielfach ertönenden Wiederhall. Ich werde ſehen, wie es üſt, und ſagen, wie es damals war. Aber der Genius der Menſchheit ſteht neben mir, und zeigt mir traurend in der Ferne die zerſtörten Fluren, die Gräber der Er— ſchlagenen und die in Schutt und Aſche gelegten Wohnungen. Des Winzers Hochgeſang verſtummte längſt am Rheine, Wo ſchaudernd nun die Sonne ſteigt; ind von Erſchlag'nen rings die dorrenden Gebeine Auf allen Rebhöh'n bleicht. Matthißon. Hier bin ich am Geſtade der Nidda, dem Schauplatze ſo mancher blutigen Auftritte wäh— rend des verfloßenen Krieg Der kleine Fluß, durchfließt reiche Flu— ren, bis er ſich hier zwiſchen denß Dorfe Nidda 39 7 aus der Wetterau kommend, und dem Städtchen Höchſt in den Main ergießt. Er war oft und lange die Scheidelinie der teut— ſchen und franzöſiſchen Heere, die hier einander 2 gegenüber ſtanden. Aber er gab nur immer einen ſchwachen Schutz gegen die anrückenden Franzoſen. Die Linie, welche man zu vertheidigen hatte, war L 7 3 93 7 immer zu lang für das kleine Corps, das man hierher ſtellen konnte, und ſo empfanden die nn⸗ 55 Dew glücklichen vohner e 5 einie di Fluß, der aber manchmal heft anſchw Jen⸗ oſen und feuerten diesſeits vertheidigten. D zur Rechten und und von Fürtht 595 11 18 1 im Herbſt das links ſtehende Eckhaus getroffen, auf de weiſſen Anſtrich man tauſende von Kugeln ſieht. Während des Gefechts brannte es im Dorfe. Man E denke ſich das Entſetzen der Landleute, die ihre Wohnungen brennen fahen, und den Feind hundert Schritte von ihrem Dorfe erblickten. Man muß Augenzeuge geweſen ſeyn, um ſich einen Begriff von dieſen furchtbaren Scenen 8 006600 55 5 das Donnern des Geſchützes hallte fürchterlich das 7 ä — 16— Wirbeln der Trommeln, die feindliche Feldmuſik, das Aufmunterungsrufen der Offiziere, das Jam— mern der Verwundeten, Sterbenden und der Ein— wohner, während durch den dicken Pulverdampf die Flammen gen Himmel loderten. Die Brücke, die hier über die Nidda führt, iſt ſeit dem Kriege mehreremale abgetragen und berbrannt worden. Jetzt iſt ſie neu erbaut wor⸗ den, da ſie faſt unbrauchbar war. Einige hun— dert Schritte von hier liegt das Städtchen Höchſt am Ufer des Mains. Keine Stadt von dieſer Größe hat wohl wäh— rend dieſes Krieges ſo viele Einquartirungslaſten getragen, als Höchſt. Im Laufe desſelben waren Truppen von faſt allen kriegführenden teutſchen Mächten hier, wenn die Franzoſen nicht da waren. Die Einwohner haben hier Preuſſen, Heſſen, Sachſen, Oeſterreicher und mehrere Reichscontin— gente geſehen. Vor der letzten franzöſiſchen In— vaſion im Julius 1800. lagen darin Szeckler Hu— ſaren, kaiſerliche Infanterie, Mainzer und ein Theil des ehemaligen Landſturms, den man zuletzt als Landmiliz organiſirt hatte. Daß dieſe fort— dauernde Einquartirung den Bürger endlich er— ſchöpfen müſſe, iſt leicht zu ermeſſen. Das be— rühmte Bolongaroſche Palais, welches ein Millio— — 17— nair einſt erbaute, hat beſonders zur Aufnahme unzähliger Offiziere und Soldaten gedient. Im Junius und Jultus 1795 während der Belage— rung von Mainz, diente es den Preußen zum La—⸗ zareth. In dieſem Gebäude und in einigen andern in der Stadt, befanden ſich oft über 1400 Mann krante und bleſſirte Soldaten. Ohnerachtet der Große des Gebäudes hatte doch die Unreinlichkeit und der Geſtank hier den höchſten Grad erreicht. Obgleich die Lage deſſelben vor der Stadt ſehr frei und geſund iſt, ſo konnte man ſich ihm doch nicht nahen, ohne den höchſten Eckel zu empfinden. Die Todten wurden dem Pallaſt gegen über auf die Anhöhe begraben, ein Geſchäft, welches ein Mann aus Höchſt übernommen hatte. Er bekam 12 kr. für jeden Todten, die er denn zu zwanzig und dreißigen an der Zahl in eine flache Grube warf, wo ſie die Luft ſo ſehr vergifteten, daß bald darauf ein Faulfieber ausbrach, welches be ſonders viele junge Leute wegraffte. Jetzt iſt die Leichenfeld ein fruchtbarer Acker. Der jetzige Beſitzer des Bolongaroſchen Hauſes wohnt nicht in demſelben, ſondern in Frankfurt, wo er ſeine Hauptgeſchäfte hat. Hier iſt nur ein Theil ſeiner großen Tabacksfabrik. Die berſpro— chene Anbauung einer neuen Stadt, welche die FJ- —————⏑—˖’X/X— — 18— Emmerichsſtadt heißen ſollte, iſt unterblieben. Der Erbauer des Pallaſtes hatte nämlich dem Kur⸗ fürſten von Mainz Emmerich Joſeph, der ihm große Vortheile zugeſtand, als er hierher in ſein Land zog, verſprochen, eine neue Stadt an Höchſt anzubauen, und ſie nach dem Namen ſeines neuen Souberains zu nennen. Aber dieſe Emmerichsſtadt beſteht nur aus einigen Häuſern neben dem großen Pallaſte, die an Bürger vermiethet ſind. Dieſer iſt während des Krieges ſehr verfallen, da der Beſitzer aus ſehr vernünftigen Urſachen in dieſer Zeit nichts auf ſeine Erhaltung verwendet hat. Als eine Merkwürdigkeit von Höchſt ſieht man das im Jahre 1404 erbaute Schloß an, das im dreißigjährigen Kriege(1655) von den Schweden zerſtört wurde, ſo daß nur die Fagade gegen den Main zu, und zwei hohe Thürme davon ſtehen blieben, deren einen man in weiter Entfernung erblickt. Ein anderer Thurm ſtand noch dabei, deſſen Steine aber, ſo wie das alte Gemäuer des Schloſſes der Kurfürſt Emmerich Joſeph dem Fa— brikanten Bolongaro zur Erbauung ſeines großen Hauſes ſchenkte. Die Chauſſee, auf der man von hier aus fährt, iſt bei weitem nicht ſo gut im Stande, als die von Frankfurt bis an die Grenze deſſen Gebiets, — 19— weil man während des Krieges wenig oder nichts auf ihre Erhaltung gewandt hat. Sie war vor demſelben die ſchönſte und lebhafteſte Poſtſtraße in ganz Deutſchland, an der Seite mit Obſt/ und Wallnußbäumen beſetzt, die jetzt größtentheils von Soldaten und Bauern umgehauen ſind. Am Ende dieſer ſchattigten Alleen ſahe man die wohlgebau⸗ ten Dorfer in einer ſchönen Perſpective. Das iſt nicht mehr ſo. Die alten Bäume ſind gefallen, und der Wanderer findet keinen Schatten niehr. Die Chauſſee iſt ruinirt. Wer zählt die Kanonen, die Munitions- und Bagagewagen und die Heere, welche dieſen Weg giengen? Daß der Krieg hier war, ſieht man nicht an den vortreflich angebau— ten Fluren, aber wohl an den zerſtörten zum Cheil jetzt wieder hergeſtellten Gartenhäuſern von Höchſt, an den zerhackten und zerſchoſſenen Bäu— men und an den umgeworfenen und zerſtümmel⸗ ten Crucifixen, die am Wege liegen. Der alles berwüſtende Soldat würde auch die Erde, die ihn trägt und ernährt, vernichtet haben, wenn er könnte. Man begreift den Unſinn und die Zerſtörungsſucht dieſer Menſchen nicht. Ich ſah Soldaten das nämliche Gartenhaus, das ihnen zum Zufluchtsort gegen Wind und Wetter und ſelbſt zum Schutz gegen den Feind diente, zerſtö⸗ — 20— s Dach, die Fenſter und Thüren zertrüm⸗ 0 ren, da dann wieder mit Korngarben das Dach mern, und decken, und mit Bretter die Fenſter vernageln, mit deren Zerttümmerung ſie eben fertig waren. Eine Viertelſtunde von Höchſt, zur Rechten ſeitwärts, liegt das Dorf Liederbach, das beim Angriff der Franzoſen am Teutſchen und jenen, mehreremale mit ſtürmender Am Ende blieb es in der 5 Jul. 1800, von den Hand genommen wurde. Gewalt der Franzoſen, nachdem der Mainziſche Hauptmann von Wolfskehl noch einmal mit ſeinen ermüdeten Grenadieren dagegen vorgerückt war, und den Augriff mit ſeinem Leben bezahlt hatte. An den erſten Häuſern des Dorfs ſank er von mehreren Flintenſchüſſen getroffen nieder, und gab in Gegenwart der franzöſiſchen Soldaten ſeinen Geiſt auf. Mit Genehmigung der Franzoſen hol⸗ ten die Grenadiers ihren tapfern Anführer aus deim Dorfe, und trugen ihn auf einer Trage nach Höchſt, wo er begraben wurde. Der Strich Landes von Frankfurt bis Mainz und bom Gebirge gegen Norden bis an den Main, welchet ohngefähr 4 Meilen in die Länge und zwei in der Breite hat, iſt einer der fruchtbarſten und ergiebigſten von Teutſchland. Ungeheuere Getrai⸗ defelder dehnen ſich hier aus, die das ſchwerſte N FEERERER CCCCCC.C en ol⸗ us ach inz in, wei und rai⸗ erſte — 21— und beſte Korn am Rhein tragen. Die Dörfer ſind mit Wäldern von Obſtbäumen umgeben, de— ren Früchte man nicht alle friſch zu verzehren im Stande iſt, und daher zum Trocknen, zum Eſſig und Obſtwein verwendet. Nirgends findet man übrigens beſſeres Gemüſe als in dieſer Gegend. Sie iſt eine Goldgrube, die acht ſchwere Kriegs— jahre noch nicht erſchöpfen konnten. Große Armeen haben hier geſtanden, aber niemals fehlte es an Lebensmitteln. Ohnerachtet des Krieges lebte der Bürger und Bauer hier unendlich beſſer, als in Sachſen und Brandenburg. Die Poſtſtation zwiſchen Frankfurt und Mainz iſt Hattersheim, die man für die einträglichſte auf dem ganzen Lande in ganz Teutſchland hält— Als noch der Friede ſein Füllhorn über dieſe Ge— gend ausſchüttete, ſah man dieſe Straße ſtets mit Fuhrwerken aller Art bedeckt. Die Meſſen zu Frankfurt, die Bäder in dieſer Gegend und das prächtige Mainz zogen Fremde aus allen Weltge— genden hierher. Das iſt nicht mehr ganz ſo. Die Reiſenden vom Niederrhein, die nach Frank— furt wollen, nehmen ihren Weg jetzt auf dem rechten Ufer über dem Weſterwald und Limburg, um der Päſſe und Zollviſitationen auf dem linken Ufer überhoben zu ſeyn, und die Bäder zu Wis⸗ — 22— baden, Schwalbach und Eins, werden auch nicht ſo häufig, wie ehemals, beſucht. Während des Krieges kam niemand aus fremden Ländern, um eine Reiſe auf dem Rhein zu machen. Dieſe reichen Quellen des Gewinns waren für den Poſt⸗ meiſter in Hattersheim vertrocknet. Er verlor noch beträchtlich bei den mancher Schickſalen lei der Armeen in dieſer Gegend. Das Vorrücken und Retiriren der Franzoſen war gleich verderblich für ihn. Seine Pferde und Wagen fuhren auf Nequiſition mit in die weite Welt, und er ſah ſie oft nicht wieder. Bis hierher nach Hattersheim giengen vor dem 5 Jul. 1800 meiſtens die teutſchen und franzö— ſiſchen Patrouillen. Wenn ſie ſich dann trafen, ſo entſtanden oft blutige Gefechte, deren man faſt in jedem Dorfe auf dieſem Wege ſah. Noch kurz vor jenem Tage trafen ſie ſich in Hatters— heim auf der Straße. Ein beladener Güterwa— gen, der eben eingefahren war, diente den main— ziſchen Infanteriſten zum Bollwerk, hinter dem ſie ſtanden, und von da aus auf die Franzoſen feuerten. Von den Szeckler Huſaren, die dabei waren, wurde einer erſchoſſen. Er ſank vom Pferde. Dies Thier, das ihn während des gan— zen Krieges getragen hatte, blickte traurend auf Drrrrrrrrrrrrrrrr—.— 17 +2 a⸗ in⸗ em en bei om in⸗ auf 775 ſeinen getödteten Herrn, der ihm zu Füßen lag, bückte ſich zu ihm hinab, und ſchien ſeinen Ver⸗ luſt zu fühlen. Schon bei Wickert, 2 Stunden von Mainz, bemerkt man, daß man ſich dem Reiche des Trau— bengottes nähert. Der dliche und weſtliche Ab⸗ ſü auf dem es liegt, trägt einen hang des guten Wein. Auf dieſem Berge ſtanden im An⸗ fang des Januars 1795 die Preußen unter dem General Kalkreuth in einer feſten Stellung, die durch ſich ſelbſt vor jedem Angriff gedeckt war. Ihnen gegenüber auf den fruchtbaren Höhen von Hochheim die Franzoſen⸗ Hier ſteh ich auf Hochheims goldnem Hügel! Proſaiſten, Dichter und Zeichner haben ſich um die Wette bemüht, die Pracht des Anblicks zu mahlen, deſſen man von ihm herab genießt, aber jede Beſchreibung iſt weit unter der Wirklichkeit. Traurend ſehe ich jetzt hinab in dies zerſtörte Pa⸗ radies. Hier ſäete der Krieg ſeine Saat. Der Main ſchleicht langſam Koſtheim vorbei durch ver— ödete Fluren dem Rheine zu. Hier war ſonſt Po— monens Garten und Bacchus Altar von Reben be⸗ kränzt. Eine ſchöne Straße führte den reichen Hügel durch ununterbrochene Weingärten hinab, die mit Obſtbäumen eingefaßt waren. Am Fuße des Hügels wechſelten Wieſen, Felder und Obſt— gärten mit einander ab. Zur linken ſchimmerte Koſtheim aus dem Grün ſeiner Bäume hervor, der Wohnort glücklicher Menſchen und der Auf— enthaltsort der reichen Mainzer im Sommer und Herbſt; dann wand ſich der Weg durch die Felder und Gärten von Caſtel und durch dieſen ſchönen Flecken an das Ufer des Rheins. Jenſeits ruhte im Halbzirkel das ſtolze Mainz mit ſeinen prächti— gen Thürmen, ſeinem rothen Schloſſe, der Favo— rite üund Carthauſe in einem blühenden Garten. Die ſchlanken Pappeln der Rheinallee ſpiegelten ſich in den hellen Fluten des Nheins, deſſen Inſeln mit Luſthäuſern, Meiereien und Gartenanlagen bedeckt waren. 9 ie iſt das Alles jetzt anders! Die verbrann— ten Dörfer werden längſt wieder aufgebaut, die Thürme und Palläſte von Mainz vielleicht längſt wieder aus ihrem Schutt hervorgegangen ſeyn, wenn man es noch lange hart empfinden wird, daß man hier binnen wenigen Tagen viele tau— ſend Obſtbäume umhieb, die koſtbaren Reben aus— riß, und an ihre Stellen Kanonen und Haubitzen pflanzte. Der Boden, der fleißige Menſchen er⸗ nährte, wurde von Soldaten und ſeufzenden Bauern aufgewühlt, um Schanzen zu bauen, 775 nicht ein Baum, nicht ein Rebſtock blieb ſte⸗ hen. Die heiße Sonne brannte jetzt auf die ſchattenloſe Ebene und den feſtgetretenen Boden. Den Kranz der Grazien um Hochheims Won— nebecher Riß der Verwildrungs Strudel fort; Der Jungfrau'n Angſtruf ſchallt durch dunkle Blätterdächer, Der Tanzplan raucht von Mord. Aber der Gärtner und der fleißige Weinbauer haben ſchon wieder angefangen, Reben und Bäume zu ſetzen. Mühſam haben ſie den feſtgeſtampften Boden wieder aufgegraben, und Gemüſe gepflanzt. Sie hoffen, daß keine Belagerung ihre neue Schö— pfung wieder verwüſte. In Koſtheim ſieht man wieder Wohnhäuſer zwiſchen den Brandtſtädten.— Der Menſch liebt den Boden ſeiner Geburt, darum baut er ſich eben ſo gut unter dem Veſuy, wie unter den Batterien von Caſtel und Mainz än, deren Feuer ſeine Hütte zerſtörte. Hochheim iſt während des Krieges noch mehr durch die Gefechte berühmt worden, die in ſeiner Nähe vorfielen, als durch den Wein, der wäh—⸗ rend deſſelben nur ſparſam wuchs, weil der neu— gepflanzte Weinſtock einige Jahre braucht, ehe er trägt. Am 6 Jan. 1795 war hier das erſte blutige Gefecht zwiſchen den anrückenden Belage— rern und den Franzoſen. Während die Preußen ein Lager bei Wickert bezogen hatten, beſetzten die Franzoſen ſtets den Poſten bon Hochheim. Da dieſer aber für die Operationen der verbündeten Armeen im nächſten Feldzuge von großer Wichtig— keit war, ſo beſchloß man preußiſcher Seits ihn zu erobern. Am 6 Jan. rückten 5000 Preußen und die heſſiſchen Füſelierbataillons unter dem Oberſten Lenz gegen Hochheim an. Dieſe dran— gen zum Frankfurter Thor ein, während die Preußen den Franzoſen in den Rücken ſielen, und das Dorf von den übrigen Seiten attaquirten. Ob es gleich ſchien, daß dem General Houchaͤrd, der zu Koſtheim commandirte, und den Poſten von Hochheim Abends vor dem Angriff verſtärkt hatte, dieſer Angriff vorher bekannt war, ſo wurden doch die Franzoſen überfallen. Ihre Cavallerie konnte kaum die Pferde erreichen, als die Feinde ſchon im Dorfe waren. Die Franzoſen flohen mit einem Verluſte von 300 Mann und 12 Kanonen nach Caſtel. Der verſtorbene König von Preußen war bekanntlich ſelbſt bei dieſer Affaire und kam dabei in Lebensgefahr. Einige Franzoſen hatten ſich während des Eindringens der Preußen und Heſſen nuf das überbaute Thor,(nicht auf den Thurm, wie man fälſchlich erzählt) gerettet, und ſchoſſen nun von hier aus auf den König, der mit ſeiner Suite einritt. Die Preußen, voll Erbitterung, ſtürzten die Franzoſen von oben herab! Später am 1 Mai nach Mitternacht griffen die Franzoſen das preußiſche Lager bei Hochheim an, konnten es aber nicht erobern. Von dieſen Höhen ſahe man das große Schau— ſpiel des Bombardements von Mainz beſſer, als irgend wo. Br. Becker ſagt in ſeiner Reiſebe— ſchreibung mit Recht, daß dieſer Anblick herrlich war, ob er ihn gleich nur aus der Beſchreibung kennt, die er aber mit Wahrheit entwirft. Man reiſte in das Lager, um dieſe νο Anblicks zu ge⸗ nießen. Aus der ganzen Gegend, von Frankfurt, Offenbach, Hanau, Darmſtadt ꝛc. war hier alles voll von Zuſchauern. Während in Mainz die rothe Flamme durch den dicken Rauch der brennenden Thürme und Häuſer hoch aufloderte, während das Jammergeſchrei der unglücklichen Einwohner ertönte, herrſchte im Lager laute Freude, Muſik und Tanz. Ja, manchem brannte es noch nicht hell genug! So ſind die Menſchen! Ich ſetze hier ein paar Verſe her, die ein ſächſiſcher Offizier von hier aus an einen ſeiner Cameraden, den Hauptmann von 3. ſchrieb: 0 — 28— Auf den Höh'n, wo Hochheims Reben blühten, Fanden unſre Seelen ſich und glühten, Da der ſchöne Bund geſchloſſen war; Sahn um ſich des Todes Sichel hauſen, Und vernahmen ruhig ſeines Fittichs Sauſen Auf dem Dornenpfade der Gefahr, Sahn den Krieg in allen Schreckgeſtalten, Reiche Dörfer, die in Flammen wallten, Und auf den Ruinen Bettler ſtehn; Sahn auf Koſtheim's Aſch- und Leichenhügeln, Freie Franken ſterbend ihren Schwur beſiegeln, Und den Sieg um Sachſens Fahnen wehn. Sahn beſeelt von menſchlichen Gefühlen, Stolzes Mainz! den Glutſtrom dich umwühlen, Und des Bürgers Habe ward ſein Raub— Sahn die Flamme lecken an Palläſten Und der Prunk zerſank in Staub.) Das freundliche Koſtheim, ehemals ein blühen— der Ort, hat unter allen Gemeinden um Mainz herum mit am meiſten während der Belagerung gelitten. Rund um daſſelbe, in den ehemaligen Obſt, und Weingärten, ruhen Hunderte erſchlagener Preußen, Sachſen und Franzoſen. Es war in den erſten Tagen des Maies 1795 der immerwäh— rende Zankapfel zwiſchen den Streitenden. Durch ) S. Cyanen 2. B. S. 67. FEFEFERERERFRRRRRr DR ſeine Lage unter den Kanonen von Caſtel und durch andere wichtige Verſchanzungen gedeckt, konnte die darin liegende Garniſon den Belagerern ſehr ge— fährlich werden, indeſſen ſich dieſe niemals darin zu halten vermochten⸗ Am 1 Mai Nachmittags griffen die Franzoſen das preußiſche Lager bei Hochheim und den ktinken Flügel deſſelben an, und ſteckten Koſtheim in Brand, das von einem kleinen preußiſchen Detaſchement beſetzt war. Nun ent⸗ ſtand eine fürchterliche Kanonade von den preußi⸗ ſchen Batterien, unter welchen ein gegen Koſtheim angerücktes Corps die Franzoſen wieder daraus vertrieb. Aber bald verließen es die Preußen wieder, und es wurde aufs neue von den Franzo⸗ ſen beſetzt. Um es ganz unbrauchbar zum Auf; enthalt für ihre Feinde zu machen, ſteckten die Franzoſen am 2 Mat die noch übrig gebliebenen Häuſer an, und plünderten es aus. Aber wäh⸗ rend die Franzoſen in den Kellern den vorgefun⸗ denen Wein austranken, rückten die Preußen von neuem an, und hieben die meiſtens betrunkenen Gallier in den Kellern nieder, indeſſen eine ent⸗ ſetzliche Kanonade rings um die Stadt begann, die den ganzen Tag durch anhielt. Abends zo⸗ gen ſich die Preußen wieder aus Koſtheim zurück, und die Franzoſen beſetzten es⸗ Der König von — 30— Preußen gab nun Befehl, ſie wieder daraus zu vertreiben, und der folgende Tag, der 5 Mai ward zur Wegnahme angeſetzt. Die Preußen foch— ten tapfer, die Franzoſen nicht minder. Letztere behaupteten das Schlachtfeld, das mit 400 ge— fallenen Preußen bedeckt war. So dauerte das Gemetzel um und in dieſem Ort bis zum 8 Mai fort. Noch auf den rauchenden Schutthaufen er— würgte man ſich. Am blutigſten war das Ge— fecht an dieſem Tage(den 8.), wo die Franzo— ſen hier an 12000 Mann und einige Kanonen verloren. Schon längſt hatten die bedauernswür— digen Einwohner ihre Häuſer verlaſſen, und irrten arm und nackt in der Gegend herum. Nach manchem hartnäckigen Kampf wurden endlich dieſe Linien von den Preußen am 7 Jul. erobert und blieben nun im Beſiz der Verbündeten. Es war ein ängſtliches Gefühl für den, der an den Anblick des Krieges nicht gewöhnt iſt, zwiſchen den fürchterlichen Schanzen und Batte—⸗ rien, zwiſchen Kanonen, Mörſern und Haubitzen hindurch zu gehen, die man rund um ſich ſah, ehe manl das Thor von Caſtel erreichte. Man mußte langſam reiten oder fahren, weil man über Minen kam, die ſich rund um Caſtel erſtreckten. Wer dieſe Befeſtigungen ſah, mußte über den r 2 2 3* — 31— Aufwand von Kunſt erſtaunen, der dabei verſchwen⸗ det war. Hier würde die Kraft der tapferſten Heere geſcheitert ſeyn; ſelbſt Suwarow mit ſeinen ſtürmenden Grenadieren hätte hier vergeblich die Gräben, welche die Batterien umgaben, mit Leichnamen gefüllt. Die Erde würde ſich aufge⸗ than haben, die Kühnen zu verſchlingen, oder ihre Gebeine in die Luft zu ſchleudern, die ſich dieſen Schanzen nahten. Selbſt die Eroberung einer Batterie würde ihnen verderblich geworden ſeyn, weil jede die andere deckte, und jede als eine eigene Feſtung anzuſehen war. Während der ganzen Belagerung, war es den tapfern Preußen und Sachſen unmöglich, hier nur die geringſten Fortſchritte zu machen. Ueberall auf der ganzen Ebene war der Angreifende den feuerſpeienden Schlünden ausgeſetzt, nirgends gedeckt, überall traf ihn das donnernde Geſchütz. Schon zu den Zeiten der Römer war Caſtel ein Fort, von deſſen Befeſtigungen man aber keine Spuren mehr ſah, als Cüſtine Mainz eroberte. Die Gegend umher war ein fruchtbarer Wein⸗ Obſt, und Gemüsgarten. Als ſich im Anfange des Jahres 1795 die Alliirten Mainz näherten, und die Belagerung dieſer Stadt bevorſtand, ließ es ſich der franzöſiſche General ernſtlich ange⸗ ——— FEPPFC — 32— legen ſeyn, es nach Eikemeiers, Dubayet's, d'Oyre's und anderer geſchickten Ingenieure Plane zu befeſtigen, und durch Waſſerleitungen und Ver— haue zu einem feſten Punkt ſeines Corps auf dem— dem Main ein anderes Bett anweiſen, und ihn um daſſelbe herumleiten. Aber dies war unmög— lich. Bald fingen eine ungeheuere Menge Bauern und Soldaten zu ſchanzen an. Wälder wurden ausgehauen zu den Palliſaden, Minen, Gängen, Blockhäuſern, ſpaniſchen Reutern und Faſchinen; die Erde wurde aufgewühlt, rund umher alle Bäume niedergehauen, und beim Anfang der Belagerung war das ungeheuere Werk vollendet. Der ſtolze Mann lies dies Fort nach ſeinem Na— ⁰ 7 men Fort Cüſtine nennen, weil er Oberbefehle 8 haber war; eine Benennung, die aber nicht mehr gebraucht wird. Doch wird ſein Name dauern, und wie ein Schriftſteller ſagt, der Nachwelt, wenn ſie die Schickſale des Rheinſtroms unter dieſem Manne überlegt, eine warnende Lehre ſeyn, über ſich zu wachen, nicht dem Abentheurer zu trauen, ſondern durch männlichen Muth dem praleriſchen Drohen zu widerſtehen, um nicht durch, Feigheit das Glück einer Generation zu verrathen. ———————⏑⏑. rXnnnrr..... rechten Rheinufer zu machen. Er wollte ſogar— Dieſe ungeheuren Befeſtigungen des Forts Caſtel 050 übrigens nun nicht mehr. Im bten Ar— ikel des Friedens zu Lüneville vom 9 Feb. 1804 9 beſtimmt:„daß die franzöſiſche Republik förmlich allen und jeden Beſitzungen auf dem rech— ten Rheinufer entſage, und einwillige, die Plätze Düßeldorf, Ehrenbreitſtein, Philipsburg, das Fort Caſtel und die übrigen Fortificationen Mainz gegenüber, auf dem rechten Rheinufer, das Fort Kehl und Altbreiſach, denjenigen welchen ſie gehören, unter der ausdrücklichen B ebingung zurückzugeben, daß dieſe Plätze und Fort in dem Zuſtande bleiben, worin 50 9 biei der Räumung befinden.“ ſer Beſtimmung zufolge hat man nun dieſe 81 igungen ſämtlich geſchleift. Ich ſahe im März deſſelben Jahres mehrere tauſend Menſchen arbeiten, dasjenige wieder einzureißen, was ſie ſeit 9 Jahren mit unendlicher Mühe erbauet hatten. Caſtel, das durch dieſe Verſchanzungen bis an die Dächer der Häuſer dem Anblick entzogen war, liegt nun wieder frei in der Ebene und hat die offne Ausſicht auf den Rhein. Die Einwohner erhielten nun ihre ſeit 9 Jahren nicht mehr benutzten Felder und Gärten zurück, ſie haben ſie wieder angebauet, aber ihre Entſchädigung iſt im Frieden von Lüne— ——————————————......... — 34— ville und von der Reichsdeputation zu Regensburg nicht beſtimmt worden! Dieſer ehemals ſo wohlhabende Flecken wurde während des Krieges arm und öde. Er ſchien eine einzige große Caſerne zu ſeyn; überall ſahe man nichts, als Schmutz und Armſeligkeit. Er war der einzige Ort auf dem rechten Rheinufer der nach franzöſiſchen Geſetzen regiert wurde. Die Einwohner mußten die nämlichen Abgaben, wie in der Republik bezahlen, und wurden von den Tribunälen in Mainz gerichtet. Ein Freiheits— baum war hier gepflanzt und die dreifarbige Fahne wehte hoch über den Batterien. Die lange An— weſenheit der franzöſiſchen Soldaten hatte hier die Entſtehung einer Menge Caffeehäuſer veranlaßt, die große Schilder mit anlockenden franzöſiſchen In— ſchriften führten. Da war das Calé krangais, das Calé militaire, das Rendes Vous des Frangais, das Caké republicain ꝛc.— mei⸗— ſtens ſchmutzige Löcher für das Bedürfniß des franzöſiſchen Soldaten berechnet, der einen Ort haben muß, wo er ſeinen Sold vertrinkt und ſich mit ſeinen Cameraden unterhält. Mit dem Frie— den haben dieſe Cafetiers ihre Schilder eingezogen, der Freiheitsbaum iſt verſchwunden und die fran— zöſiſchen Soldaten haben den Mainziſchen und dieſe E 5 ſpäter den Naſſau-Uſingiſchen Truppen Platz ge— macht, von denen eine Anzahl hier in Garniſon liegt. Caſtel iſt bekanntlich durch den Reichsde— putationsſchluß dem Fürſten von Naſſau-Uſingen zugefallen. Im Genuſſe des Friedens und unter einer milden Regierung hat ſich dieſer Ort wieder etwas von ſeinem Ruin erholt. Mehrere neue Häuſer und Gaſthöfe ſind entſtanden. Vielen Kaufleuten dient er zur Niederlage ihrer Waaren, die von hier aus nach Mainz gehen, da die Ein— fuhr der fremden Waaren in die Republik nur gegen Zollgebühren und die der engliſchen bekannt— lich gar nicht erlaubt iſt. Auch ſind mehrere Spediteurs hier etablirt, welche die Verſendung der Kaufmannsgüter auf dem Rheine beſorgen. So wie man durch Caſtel an die Rheinbrücke gekommen iſt, genießt man den prächtigen Anblick des Rheins in der Nähe und der am jenſeitigen Ufer ſich amphitheatraliſch erhebenden Stadt Mainz. Eine franzöſiſche Schildwache ſteht am dies ſei— tigen Ende der Brücke, ein teutſcher Naſ— ſauer wenige Schritte davon auf dem Lande. Dieſe beiden Schildwachen dürfen nicht mit einander re— den. Der Franzos ſollte zufolge der Gränzbeſtim— — 36— mung zwiſchen Teutſchland und Frankreich, in der Mitte auf derſelben ſtehen, da, wo der Thalweg des Rheines iſt, aber die Macht hat ihn vorrücken laßen bis auf einen Schritt von dem Boden des ſchwach beſchützten Vaterlandes.— Die Rhein— brücke, die über 600 Schritt lang iſt und auf 49 Schiffen ruht, dient an ſchönen Tagen den Einwohnern von Caſtel und Mainz zum Spazier— gange. Carl der Große hatte hier eine auf ſtei— nernen Pfeilern ruhende hölzerne Brücke über den Rhein erbauet. Sie wurde nach zehnjähriger Ar— beit im Jahr 805 vollendet, aber bald darauf ein Raub der Flammen. Von den Pfeilern dieſer Brücke ſtehen noch 18 in der Richtung vom Zeug— hauſe in Mainz bei den Rheinmühlen nach Caſtel zu. Sie ſind im Quadrat auf der ſchmalſten Seite 56 Schuh breit und ſtehen 64 Schuh von einander ab. Da der Rhein zu jenen Zeiten nach allen Merkmalen 2500 Schuh breit und alſo 800 Schuh breiter war, als er jetzt iſt, ſo kam demnach auf jede 100 Fuß ein Pfeiler und die ganze Brücke ruhte auf 25 Pfeilern, von denen 5 unter dem Zeughauſe und die übrigen wahrſcheinlich auf der Seite von Caſtel noch unter der Erde, oder aus— gebrochen ſind.(. Lehne hiſt. Jahrbuch für das Jahr 9.) — 57— Immer neu und einzig iſt der Anblick des Rheins und der reitzenden Gegend umher von dieſer Brücke, welche hier Teutſchlands und Frankreichs Ufer mit einander verbindet. Gegenüber iſt die Rhede von 10 51 mit Schiffen bedeckt und über den Maſten ſelben ragen hoch die ſteinernen Zacken der aus— Thürme hervor, welche bei der Bela— gerung durch die feurigen Bomben angezündet wurden. Den Strom abwärts beſpült der breite Strom den großen Halbeirkel des Rheingaues, den Thron des teutſchen Bachus; aber die Inſeln, die er hier umfließt, ſind kahl und öde, und leer ſtehen die verwüſteten Meiereien und Luſthäuſer, die ſonſt der Aufenthalt reicher Mainzer im Som— mer waren. Zur linken ſieht man den gelben Main ſich mit den grünen Wellen des Rheins vermiſchen und weiter hinauf in der Ferne die Haine und Burgen der Bergſtraße, die Straße von Oppen— heim und das zerſchoſſene Weißenau. Die Anſicht dieſer Gegend iſt ſelbſt dem, der ſie oft genoß immer neu; das Land umher iſt ein ſchöner Garten voll großer Naturanlagen, aber dort rück— wärts um Mainz herum, hat des Krieges ſchwere Hand dieſes Paradies vernichtet, und die holde Freude iſt geflüchtet, von des Rheines Blumenrand. Das reiche Grün, welches ehemals dieſe Stadt 83 umgab, die Gebüſche, die Alleen und Gärten ſind verſchwunden und die neuen Anpflanzungen geben dem Mainzer noch keinen Schatten wieder!— Es iſt noch ein Aufenthalt nöthig, ehe man in das Innere der Stadt Mainz gelangen kann. Am Ende der Brücke iſt die Brückengeld—⸗ Einnahme, wo man für einen mit 2 Pferden beſpannten Wagen, einen halben Gulden Brücken— zoll bezahlen muß, eine Taxe, welche die ehemalige unter der Mainziſchen-Regierung faſt um J über— ſteigt. Nun paſſirt man in die Baribre und kommt an das Zollhaus, an dem mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtehet: Préposés à la police du Commerce extèrieur. Hier muß der Reiſende anhalten und ſich der Viſitation unterwerfen. Da über das Durchſuchen der Frauenzimmer durch dieſe Zolldiener oft Beſchwerden und heftige Auftritte entſtanden, ſo verrichtet jetzt eine Frau dies Ge— ſchäft an dem Körper der Frauenzimmer.— Ueber die Nothwendigkeit eines Paſſes beim Eintritt in Frankreich werde ich weiter unten etwas ſagen. Jeweeyt ei Abſchnite ———— Muunz bildet einen Halbzirkel am Ufer des Rheins, wovon der Fluß den Durchmeſſer macht, deſſen Länge von der äußern Spitze der Baſtion Nikolai zum Raimundiſchlage 600 Ruthen beträgt. Auf dieſer Linie hat die Stadt 8 Thore und noch einige beſondere Ausgänge. Der Umfang' des Halbzirkels hat ohngefähr 1500 Ruthen. Gegen die Landſeite ſind 5 Thore: Das Münſter-, Gau— und Neuethor. Das Innere von Mainß, deſſen bevölkerteſter Theil ſchon vor der Belagerung in ſeiner Bauart das Gepräge des Alterthums' trug, iſt jetzo noch weniger einnehmend. Die ohnedies etwas finſteren Häuſer in den engen Straßen haben zum Theil nicht mehr das ehemalige An ſehen von Wohlſtand und Sauberkeit und Sorgfalt für das Pflaſter; die Reinlichkeit der Straßen und ihre Erleuchtung mußte ſich mit der langen Dauer trauriger Zeiten und Verſtopfung der Hülfsquellen für deren Unter— 42 haltung bermindern. In dieſem ältern Theil der Stadt ſieht man die Ruinen der Domprobſtei und mehrerer Palläſte, die ehemals reichen adlichen Familien gehörten. Beſſer gebaut iſt bekanntlich der nördliche Theil der Stadt, wo das Schloß liegt. Von dieſem bis ans Münſterthor erſtrecken ſich die ſogenannten drei Bleichen, die mitunter ſchöne Gebäude haben. Die ſchönſte dieſer Straßen iſt indeſſen die ſogenannte große Bleiche(Ia rue grande), die breiter als die übrigen beiden iſt, und ſelbſt in Berlin, Amſterdam und Turin eine ſchöne Straße heißen würde. Hier, und in der Nähe wohnte ehemals faſt alles, was reich und vornehm war. Hier rollten die koſtbaren Equi— pagen des prachtliebenden Adels, hier war das Theater, deſſen Mauern nur noch ſtehen, hier war der Marſtall des Kurfürſten, voll ſchöner Pferde, und am Ende das Schloß. Alles verei⸗ nigte ſich hier, um dem Fremden einen hohen Begriff von dieſer Stadt beizubringen. Jetzt iſt es nicht mehr ſo. Das CTheater iſt verbrannt. Die Adlichen ſind ausgewandert, im Marſtall ſte— hen die Pferde der franzöſiſchen Reuterei. Dort in dem Pallaſte Stadion, wo die große dreifar— bige Fahne weht, iſt das peinliche Tribunal, aber alles ſieht wüſt darin aus.— Nach dem Thier— „„ 1 v 6 markt(la place verte) führt von der großen Bleiche aus eine ſchöne Straße vor dem Pallaſt Schönborn vorbei, der bisher ein Hoſpital für Bleſſirte war. Der Thiermarkt iſt ein angeneh— mer Platz mit Bäumen beſetzt, der zum Spa— ziergange dient, und wo die Wachtparade aufzieht. Hier ſtehen die Häuſer der Grafen Oſtein und Baſſenheim. Der Marktplatz iſt ein unregelmäßiger Platz, der durch den daraufſtehenden Dom ein großes An ſehen erhalten würde, wenn dieſes majeſtätiſche Gebäude nicht mit einer Menge kleiner Häuſer und Boutiken umgeben wäre, die den großen Eindruck ſchwächen, welchen es, iſolirt ſtehend, machen würde. Der hohe Thurm dieſer Kirche, und die zwei kleinen ihm zur Seite wurden am 28 Jun. 1795 durch das Feuer der Belagerer in Brand geſteckt. Jener war erſt ſeit 25 Jahren wieder neu erbaut worden, nachdem ein Blitzſtral ihn in die Aſche gelegt hatte. Es war Abends gegen 10 Uhr am gedachten Tage, als man die— ſes fürchterlich ſchöne Schauſpiel ſah, deſſen Pracht keine Feder beſchreibt. Feurige Kugeln fielen auf das Dach der Kirche und die Thürme, und zünde— ten augenblicklich. Der Rhein, in dem ſich die Flammen ſpiegelten, ſchien ein Feuermeer zu ſeyn— 44 Tauſende von Zuſchauern ſahen von Hochheims Hö— hen dieſes Schauſpiel mit Bewunderung, und ſelbſt der rohe kaltblütige Artilleriſt ſtand ſtaunend und zögernd neben dem verwüſtenden Geſchütz, und betrachtete ſein Werk.— Das Innere der Kirche dehnt ſich in einen großen hohen Raum aus, der während des Kriegs zum Magazin diente; die ehemalige Pracht derſelben war verſchwunden, und ihr unermeßlicher Schatz von Gold und Ju— welen geflüchtet. Man konnte kaum ohne Grauen in dieſen Tempel treten. Alles lag ſcheußlich ver— wüſtet unter einander. Die prachtbollen Monu— mente Verſtorbener wurden zum Theil verſtümmelt und umgeworfen; ſelbſt das kühn erdachte Denk— mal des Grafen Lamberg, der vor 100 Jahren die Franzoſen von Mainz zurückſchlug, entgieng der Zerſtörung kaum. Wenigſtens iſt dem Engel, der den Deckel des Sargs hielt, welchen Lam— berg aufhebt, der Arm abgehauen worden, was nicht ohne Anſtrengung und Mühe geſchehen konnte, da ſich dies Monument in der Höhe ſeitwärts am obern Chor befindet. Jetzt iſt durch freiwillige Beiträge dieſe Kirche wieder hergeſtellt worden, wie ſie als ein merk— würdiges Denkmal des Alterthums es verdiente. 1 — 45— Dieſe an den Markt angränzende Gegend der Stadt iſt es, welche am meiſten durch die Bela⸗ gerung gelitten hat. Die Liebenfrauenkirche wurde am 27 Jun. durch das Feuer der Bela— gernden angezündet. In ihrem Kreuzgange be— fand ſich ein kleines Montirungsmagazin, welches ebenfalls, ſo wie mehrere kleine Nebengebäude ein Raub der Flammen wurde. Am 29 und 50 Jun. bombardirten die Belagerer mit unbeſchreib— licher Heftigkeit. Abends brannte die Domprob— ſtei ab, ein Gebäude voll hoher Pracht und Schönheit, zugleich der von Leyiſche und Keſſel— ſtadter Hof, der Dalberger, Ilmſtädter und Fär— berhof, der Ingelheimer Pallaſt und die Franzis— kanerkirche, nebſt mehreren andern Kirchen und Privathäuſern. Die ganze Gegend um den Leich— hof, die Domkuſtorei ꝛc. ruft die Greuel der Be— lagerung lebhaft in die Seele des Fremden zurück, der noch jetzt zwiſchen den Schutthaufen wandelt. Man hat die Vermuthung nicht ohne Grund geäußert, daß mehrere dieſer Gebäude von den Feinden der ehemaligen Bewohner ſelbſt angezün— det wurden. Die Partheiwuth und Rache trugen die Flammen in dieſe Palläfte, welche Zierden der Stadt waren. Es iſt gewiß, daß ſchon am Morgen vor dem Brande, die im Ingelheimer — RRRPFrrre — 46— Hofe einquartirten Franzoſen mit der Verſicherung von da auszogen, daß es Abends darin brennen würde. Die Schlielligkeit, womit das Feuer um ſich griff, beſtärkte dieſen Verdacht, und würk— lich fand man an mehreren Orten Pechkränze, Pulber und Schwefel, die desfalls hingelegt zu ſeyn ſchienen, um das durch Schießen allenfalls entſtehende kleine Feuer ſchneller zu verbreiten. Selbſt die Municipalität zeigte dies der Admini— ſtration und den fränkiſchen Commiſſarien an, aber ehe dieſe noch Gegenanſtalten treffen konn— ten, ſahe man ſchon wieder neue Scenen wahr— ſcheinlicher Mordbrennerei; denn am 1 Julius ſtand Abends das Comödien- und Redoutenhaus in hellen Flammen, wohin nur einige Haubitzen gefallen waren. Ich bin nicht der Meinung des B. Beckers, der da meint, daß die Spuren der Belagerung dieſer Stadt bald verſchwunden ſeyn würden. Wer wird, wenn Mainz mit der Republik ver— einigt bleibt, dieſe Palläſte wieder aufbauen? Bei der jetzigen Höhe der Grundſteuer, die auf einem Gebäude haftet, das ſeit dem Aufhören der Brand— aſſekuranz und Einführung der Douane faſt zwei Drittheile ſeines Werths verloren hat, bei der um ein Drittheil verminderten B. ölkerung der— 2 3 — 47— ſelben, wird in den erſten zwanzig oder dreißig Jahren wenig an das Bauen gedacht werden, und wahrſcheinlich werden die Enkel in 50 und mehreren Jahren noch eben ſo zwiſchen dieſen Ruinen wandeln, wie wir zwiſchen denen von Oppenheim, Speyer, Worms und Heidelberg, die Ludwig des Großen Heere vor hundert Jahren bereiteten.— Aber möchten auch dieſe Ruinen hier liegen! Man kann der großen Palläſte ent— behren, aber dieſe zerſtörten Fluren, Gärten und Wälder!— Wann wird der Mainzer wieder in dem Schatten eines Baumes ſitzen können? Die Anzahl der Kirchen, welche ſich im taug⸗ lichen Zuſtande befinden, hat durch die Belage— rung und durch Verwendung zu anderm Gebrauche, um mehrere abgenommen. Die Franziskanerkirche brannte ganz ab. Man wundert ſich, ſie ſchon wieder aufgebaut zu finden, wiewohl ſie noch nicht im Innern eingerichtet iſt, und dem fran— zöſiſchen Militair bisher zur Feldſchmiede diente. Sie hat ihre neue Entſtehung einer frommen Frau zu danken, die 10000 fl. zur neuen Erbauung mit der expreſſen Bedingung vermachte, dieſelbe ſogleich anzufangen. Durch andere Beiträge kam noch mehr Geld dazu ein, und ſo baute man ſo weit das Geld reichte. Die beiden ſchönſten noch —————————————— 0 f— — 48— exiſtirenden Kirchen ſind die Auguſtiner und die Peterskirche. Jene iſt mit Zierrathen, Vergol— dungen und Schnitzwerk überladen. Dieſe iſt ein— facher und edler. Sie ſteht am Freiheits- oder ehemaligen Schloßplatze, und hat auch eine Zeitlang zum Dekadentempel gedient. Da jetzt die Deka— denfeier wieder abgeſchaft worden iſt, ſo iſt ſie ganz allein wieder dem heiligen Peter geweiht, deſſen Verehrung ſich indeſſen recht gut mit der, idesliſcher republikaniſcher Gottheiten, vertrug, indem der katholiſche Cultus nie darin aufhörte. Mainz gehörte vor 15 Jahren zu den ange— nehmſten Orten in Teutſchland. Seine Lage, der fruchtbare Boden umher, der Wohlſtand und Reichthum ſeiner Bewohner, die Anſtalten für Wiſſenſchaften und Künſte, eine milde Regierung und ein freundlicher Himmel, machten es jedem Fremden intereſſant, und verzögerten ſeinen Auf— enthalt daſelbſt. Die beiden letzten Fürſten wa— ren Freunde und Beſchützer der Wiſſenſchaften. Von jeher war der hieſige Hof in Religionsſa— chen toleranter und aufgeklärter, als irgend ein anderer geiſtlicher in Teutſchland. Freundlich und heiter wie der Himmel, der dieſe glücklichen Ge— filde deckte, war hier die Religion; entfernt von jenem finſtern mordenden Fanatismus der Prie⸗ ie l⸗ n⸗ er ſter, die ſie lehrten. Das Volk las die Bibel, deren Gebrauch hier nicht verboten war; der Aberglaube wurde verfolgt, und nach und nach würde man Wunderbilder und Wallfahrten ohne Murren haben abſchaffen können, wenn das un⸗ terrichtetere Volk ſelbſt das Thörichte derſelben einzuſehen im Stande geweſen ſeyn würde. Der Ganganelli von Mainz, der edle Emmerich Jo ſeph von Breitenbach, begann dies ſchöne Werk. Er gab aus ſeiner Privat-Caſſe zur Stiftung und Unterhaltung einer Schullehrer-Akademie jährlich 50,00 fl. her. Er hatte die gegründete Ueber— zeugung, daß nur Erziehung den Menſchen bilde, und ihn zum guten Bürger mache, und darum ſparte er nichts, dies ſchöne Ziel zu erreichen. Er liebte ſein Vaterland mehr, als ſein Fürſten⸗ thum, und um es glücklich zu machen, wollte er mit kühner Hand die Vorurtheile zerſtreuen, und durch Unterricht ſein Volk zu einem beſſern Zu⸗ ſtande leiten. Sein Canzler Benzel half ihm in der Aufrichtung des großen Uunternehmens; ſchon hoffte man die goldenen Früchte des Bürgerglücks reifen zu ſehen; der wüthende Fanatismus, der Aberglaube entfloh; ſchon begann der helle Tag nach einer dunklen Nacht, als der gute Fürſt ſtarb. Die Natur hatte ſein Ziel noch 4 iee 38 ····· 8— nicht geſteckt, ſagt man; denn er ſtarb wie Ganganelli! Nicht ohne Rührung hörte ich alte Männer, die Emmerich Joſeph kannten, von ihm ſprechen. Er war in jedem Sinne des Worts ein Freund ſeines Volks. Von keinen hohen Abgaben gedrückt, mild regiert, erzog der Vater ſeine Kinder, ſein fruchtbares Land zu bauen. Wohin er gieng, kam ihm der frohe Bürger und Landmann ent⸗ gegen, und floh den Anblick ſeines guten Fürſten nicht, wie man dies ſo oft ſieht. Er war ein freundlicher Mann, von ſtarkem Körperbau, der mit frohem Herzen den Wein genoß, welchen auf den Rebenhügeln ſeines ſchönen Landes die heißere Sonne kochte; aber er war kein Trunkenbold, wozu ihn einige ſeiner Feinde haben machen wollen. Warum ſollte man dem Manne, der ſo bielen Gutes that, dieſen Genuß nicht gönnen? Er kannte ſeine Schwachheit in dieſem Punkt, und unterſchrieb nach der Tafel nichts, was man ihm auch bringen mochte. Man erzählt noch manche ſchöne Züge von ihm.— Im Vertrauen auf ſeine Güte wurde am Hofe unendlich viel ver— ſchwendet und geſtohlen. Endlich verbot er, daß die Hofbedienten künftig nichts mehr von Eßwaaren, Wein, Wachslichtern u, ſ. w. nach Hauſe tragen —— 51— laſſen ſollten. Eines Tages ſah er am frühen Morgen in der Favorite, daß eine Magd einen ſchweren Korb aus derſelben in die Stadt trug. Er befahl ſeinem Laufer, ihr zu folgen, und zu ſehen, was ſie habe, aber er verbot ihm, zu fragen, bei wem ſie diene, was er nicht wiſſen wolle. Der Laufer fand in dem Korbe eine Menge Wachslichter, Wein, Eßwaaren ꝛc.— Der Fürſt ließ alle Hofbediente vor ſich fordern, ſagte ihnen, er habe heute wieder etwas vom Hofe wegtragen ſehen; er wolle nicht wiſſen, wer es gethan habe, aber er werde den erſten, der es wieder thue, vom Hofe jagen.— Ein andermal hörte er, daß ein öffentlicher Beamter, den er perſönlich kannte, mit ſeiner Caſſe in Unordnung ſei, und einen De— fekt bon 5 bis 4000 fl. habe. Das Geſetz be— ſtimmte Caſſation, wenn der Rechnungsführer das Geld nicht ſchaffte. Aber der Fürſt wollte ihn nicht unglücklich ſehen, und doch auch das Anſehen der Geſetze nicht ſchwächen. Durch einen ſeiner Vertrauten ließ er dem Amtskellet die fehlende Summe auszahlen, um ſeine Rechnung zu berich tigen. Dieſer erfuhr erſt nach dem Tode des Für⸗ ſten, daß Emmerich Joſeph ſein Retter war⸗ Sein Nachfolger Friedrich Carl, Freiherr von Erthal, der verſtorbene Kurfürſt, trat in die —e Fußtapfen ſeines Vorfahren. Er ſtrengte vorzüg⸗ lich ſeine Bemühungen zur Beförderung der höhern Erziehung, und zur Aufnahme der Künſte und Wiſſenſchaften an. Die Pfründen dreier aufge— hobener Klöſter der Carthaus, Altmünſter und der reichen Clara, die in mehr als 100,00 Gulden beſtanden, ſchenkte er der Uniberſität. Er machte Mainz zum Sitze der Gelehrſamkeit, der Künſte und des Geſchmacks. Hier lebten der Weltumſeg⸗ ler Forſter, der Arzt Hoffmann, der teutſche Tacitus Müller, Heinſe, der Verfaſſer des Ard⸗ hingello, der Anatom Sömmering und mehrere Gelehrte, von ihm und ganz Teutſchland gekannt und geſchätzt. Freigebig unterſtützte er Gelehrſam⸗ keit und Kunſt. Sein Schloß war ein Tempel des Geſchmacks, ſeine Kapelle von Righini diri⸗ girt, und das hieſige Theater eins der erſten in Teutſchland. Ein reicher Adel verzehrte hier ſeine großen Einkünfte, und beförderte Nahrung und Wohlſtand. Es gab hier Häuſer, die 60 bis 90,o00 fl. und beinahe zwanzig, die 15 bis 50, 0 fl. Einkünfte hatten. Die Rebenuen des Domkapitels betrugen an 40, 00 fl., und ein Domherr hatte jährlich 5500 fl. zu verzehren. Jetzt ſtehen die Palläſte der Stadion, Schönborn, Oſtein, Keſſelſtadt, Elz, Ingelheim, Walder⸗ FFEFERRRRRRRr — 53— dorf, Leyen, Dalberg, Metternich, Baſſenheim ꝛc. leer, oder ſind berwliſtet und verbrannt. Mehrere Individuen aus dieſen Familien zeichneten ſich durch Verdienſte, ſeltne Kenntniſſe und feine Bil— dung aus. Dieſe Periode des Glücks, des Reichthums, des Vergnügens und frohen Lebensgenuſſes dauerte bis 1792. Aber bon dieſer Zeit an beginnt die des Unglücks, der Verheerung und der Verfol— gungen. Die Partheiwuth verblendete und bene— belte alle Köpfe. Die Geſchichte von Mainz iſt ſeit dieſer Zeit ein ſcheusliches Gemälde des politi— ſchen Fanatismus. Andere haben ſchon vor mir genug davon geſchrieben. Ich ſchweige davon. Ich habe einen großen Spaziergang um die Stadt gemacht. Noch kann ich mich nicht an den Anblick der Verwüſtung dieſer Gegend gewöh— nen, aber ich wollte ſie ſehen. An der nördlichen Seite der Stadt kommt man durch das Raimundi— thor hinaus an den Rhein. Zur Rechten liegt das Schloß. Aber ſeine Fenſter ſind zerbrochen, und zum Theil mit Brettern vernagelt, auf den Trep⸗ penſtufen ſitzen Soldaten. Links ſchließen Palliſa— den einen Artilleriepark ein. Ich komme über 222 Gräben und Zugbrücken hinaus vor die Stadt. Hier empfiengen mich einſt die Schatten der präch— tigen Rheinallee, die ſich faſt eine halbe Stunde lang am Ufer des Fluſſes hinzog. Hier verſam— melte ſich ehemals an heitern Sommermorgen und Abenden die junge und ſchöne Welt von Mainz— Man trank hier den Brunnen, der junge Mann traf hier ſeine Geliebte, ſie ſchifften hinüber nach den Auen, oder fuhren unter Geſängen und Muſik auf dem Rheine, den die Abendſonne vergoldete, oder in deſſen grüner Flut der Mond ſein Bild ſah. Man durfte nicht fürchten, wie jetzt, den Thorſchluß zu verſäumen. Fröhlich konnte man den langen Sommerabend, und die Pracht der Natur genießen.— Aber jetzt lispelt hier kein Blatt mehr im Abendwinde, die ſchönen Bäume ſind unter der Axt der Soldaten gefallen; die klei— nen niedlichen Sommerhäuſer wurden demolirt. Statt ihrer ſieht man am Ufer höchſtens eine höl— zerne Hütte, worin ein Zollaufpaſſer lauert, und halbzertrümmerte Kanonierbarken bon Williams Flotte, welche von den Franzoſen erobert wurden, liegen faulend auf dem Sande.— Ich wende mich links. Hier waren in der ſchönſten Ebene die Gärten der Mainzer. Nach der Belagerung war der Boden feſtgetreten, als wenn er geſtampft wäre, die Gartenhäuſer der Erde gleich, die Bäu⸗ me ausgeriſſen. Traurend zeigte mir meine Be⸗ gleiterin noch ein paar da liegende zerbrochene Marmorſäulen ihres ehemaligen Sommerhauſes; wo es geſtanden hatte, ſahe man nicht mehr. Aber man hat wieder angefangen zu ſäen und zu pflanzen, und den Boden wieder nutzbar zu machen. Vor mir liegt der Hartenberg, an deſſen bei⸗ den Abhängen Tauſende verbluteten; er iſt mit Redouten und Schanzen bedeckt. Bis hierher gieng der Halbzirkel der ungeheuern Linien, die Mainz umſchloſſen, und deren Eroberung Claivrfait unternahm. Die Franzoſen waren zu ſchwach, um die langen Linien gehörig zu beſetzen; waren ſie an einer Stelle durchbrochen/ ſo mußten ſie gäuzlich verlaſſen werden. Dies geſchah, und der Erfolg iſt bekannt, aber ganz Mainz weiß auch, daß das ganze Unternehmen bei weitem nicht ſo halsbrechend und gefährlich war, als es die po⸗ ſaunende Fama machte. Clairfait iſt todt, und: de mortuis nil nisi bene! Bei den Werken des Hauptſteins und des Lin⸗ ſenbergs, zwei wichtigen Auſſenwerken der Stadt, vorbei, kommt man auf die Straße nach Zaͤhlbach, und zu jener berühmten Schanze, die oft dem — 56— ſtürmenden Muthe der Franzoſen Gränzen ſetzte. Bei jedem Schritte tritt man auf die Gräber der Freunde und Feinde, die ſich hier mit unbe— ſchreiblicher Erbitterung erwürgten. Neben dem Zahlbacher Grunde nach der Stadt zu, erhebt ſich über dem Dorfe Zahlbach eine ſteile Anhöhe. Auf dieſer wurden nach Werlins Plane die Zahlbacher Schanze oder das Fort Merlin angelegt, die man ſelbſt dem kühnſten Muthe unzugänglich halten ſollte. Während der Belagerung durch die combi— nirten teutſchen Armeen näherte ſich die Paralele des linken Flügels dem Zahlbacher Grunde bis auf einige hundert Schritte. Aber nun war es nicht möglich weiter vorzurücken, weil dieſe Schanze immer ein Hinderniß war.— Sie wegzunehmen, der Erde gleich zu machen, und am Fuße der An⸗ höhe eine andere Redoute gegen den Feind aufzu⸗ werfen, war der Plan der Belagerer, und dieſen auszuführen, wurde dem preußiſchen General von Mannſtein aufgetragen. Er rückte am 6 Jul. 1795 mit drei Bataillens dagegen vor, vertrieb den Feind auf einige Augenblicke daraus, aber er konnte doch ſeinen Zweck nicht erreichen.— Wäh⸗ rend des Angriffs von vorn, welchen man nur mit dem Bajonnette unternahm, traf ein Ba— taillon Preußen vom Regiment Schladen nicht allein — 57— zu ſpät ein, ſondern wurde auch aus Irrthum gegen die Philippiſchanze geführt. Trotz Graben und Sumpf erſtürmten die Preußen dieſe Schanze mit Sturmleitern, aber die Anzahl der Franzoſen nahm zu. Sie rückten gegen die verlornen Zahl— bacher und Philippiſchanzen weiter vor, und mit einem Haubitzenfeuer, als wenn die Hölle ihren Rachen aufgeſperrt hätte, wurden die Preußen aus ihren kaum errungenen vortheilhaften Poſten wieder vertrieben, und verloren viele Menſchen. Von jetzt an kämpfte man täglich um den Beſitz der ſelben. Ohne Vergleich heftiger und mörderiſcher war das Gemetzel um das unglückliche Zahlbach her, als die ſiegreiche franzöſiſche Rheinarmee die aliir⸗ ten Armeen im Herbſt 1794 das linke Rheinufer ganz verlaſſen ſah, und von allen Feſtungen auf demſelben nur Mainz noch in teutſchen Händen war. Deu Unternehmungsgeiſt der Franzoſen ſchien es damals leicht zu ſeyn, Mainz ſelbſt mitten im Winter zu erobern. Der 1 und 29 Dec. jenes Jahres werden in den Annalen dieſes Krieges ewig denkwürdig bleiben. Man ſahe damals Beiſpiele von Kraft, Tapferkeit und Ausdauern, wie man wohl wenige in der Geſchichte findet. Der Erobe⸗ rer von Maſtricht, Kleber, war bei der franzöſi⸗ I — 58— ſchen Armee angekommen, die Mainz auf dem lin⸗ ken Ufer blokirte, und am 1 Dec. begann der be⸗ rühmte Sturm der Franzoſen auf die Zahlbacher Schanze, die von den jetzigen Beſitzern, den Kai— ſerlichen, in einen noch furchtbarern Vertheidi— gungsſtand geſetzt worden war. Das Unternehmen war im Geiſte Karls des Zwölften und die Aus— ſicht der Franzoſen Tod und Verderben, aber nichts konnte ſie zurückhalten. Unter dem gräßlichſten Feuer riſſen ſie die Bruſtwehr ein, und warfen ſich hinter den Graben. Hier focht Mann gegen Mann.— Jetzt griffen Wolkenſtein und Alcaini die Franzoſen an, unter ihnen Hazfeld und Cha— ſteler. Die Schanze würde wieder erobert und wieder verloren. Das Blut floß in Strömen; Freund und Feind lagen todt und zerſtückt bei dem verheerten öden Zahlbach, ſonſt ein Beluſtigungsort der Mainzer; die Schanze war beſäet mit Unglück⸗; lichen, die um den Beſitz eines Poſtens, der ohne Paralellinie nutzlos war, das Leben wagten, weil ſie wähnten, dadurch Mainz zu gewinnen, und ſich mit dieſer Eroberung eine ehrenvolle Erwäh⸗ nung im Conbentsprotokoll zu verdienen hofften. Klugheit und Menſchlichkeit riethen dem Feinde den Rückzug an, aber der Feldherr wollte, es koſte, was es wolle, ſeinen Plan durchſetzen.— * — 5 Da erſchienen die Huſaren von Eben, und eine andere Colonne Preußen rückten gegen den Feind vor. Dieſe Erſcheinung und der Verluſt der Re— publikaner bewogen endlich den General ſein Vor— aben aufzugeben. Die Franzoſen ſahen ein, oſten würde, Mainz durch eine einſei— tige Blokade und mit Sturm gewinnen zu wollen. Sie zogen ſich hinter ihre Linien zurück). Nicht viel geringer war das Gemetzel bei die⸗ ſer Schanze am 29 December. Eine große Re— cognoszirung der Deutſchen gab den Franzoſen An— laß mit 50 Kanonen bis gegen Zahlbach anzu— rücken. Ein ſchreckliches Kartätſchenfeuer tödtete unzähliche Menſchen, bis ſich endlich die Franzoſen wieder zurückzogen. Bei dieſen Auftritten iſt Zahlbach größtencheils ein Schutthaufen geworden. Wenn dieſer Ort durch die hier vorgefallenen Begebenheiten merkwürdig iſt, ſo iſt er es nicht weniger durch die ehrwürdigen Denkmäler aus den Zeiten der Römer, welche ſich nahe dabei befinden. Man ſieht hier noch die Ruinen von 59 Pfeilern, die ſich durch das Thal von Zahl— bach nach dem Königsbrunnen jenſeits Finden zie— S. Der franöſiſche Freiheitskrieg am Oberrhein, der Saar und der Moſel in den Jabten 1792— 1794. ar Tb. Frankf. 1796. 8 —P. — 60—— hen, über welchen ſich die Waſſerleitung des rö— miſchen Feldherrn Druſus befand. An einigen der letztern dieſer Pfeiler, die in der Ferne wie kleine Thürme ausſehen, und ſehr feſt gebaut ſind, iſt die Baſis ausgegraben, und bildet ein Viereck, wovon jede Seite 15 Schuh, 4 Zoll, 9 Linien breit iſt; die Waſſerleitung ſelbſt, worin der Gonzbach floß, ſoll 128 geometriſche Schuhe, da, wo ſie am höchſten war, gemeſſen haben. Von der Quelle bis zu ihrem Erguß in den Dru— ſenſee, den man jetzt den Entenpfuhl nennt, lief ſie durch einen Raum von 5751 geometriſchen Schritten oder 28,655 Schuhen fort. Ueber Gräber, in denen Teusſche und Franzo— ſen in zahlloſer Menge in Frieden neben einander ruhen, ſetzte ich meinen Weg von Zahlbach zwi— ſchen den Batterieen des Gauthors und den äuſ⸗ ſern Werken, der Philippi- Eliſabeth und Club⸗ biſten ſchanze weiter fort. Die letztere iſt von den Franzoſen angelegt, und man nennt ſie ſo, weil an ihrer Erbauung die ſogenannken Clubbiſten fleißig mit arbeiteten. Von hier überſieht man das weite Schlachtfeld um Mainz her, das zer— ſtörte Heiligkreuz, die Gegend von Marienborn, Dahlheim, Brezenheim ꝛc. Man gelangt endlich zwiſchen der Carlsſchanze, einem großen Auſſen⸗ 1 66 werk, und zwiſchen der Citadelle auf den Abhang des Berges, der nach dem Neuenthor und auf die Chauſſee nach Weiſſenau führt. Hier an der ſüdlichen Seite der Stadt, lag die Favorite, in Rückſicht ſeiner Lage vielleicht das ſchönſte Landhaus eines Großen in Teutſch—⸗ land. Das Hauptgebäude ſtand auf der Anhöhe und an jeder Seite drei kleine, ſchief von einan— der abſtehende Pavillons, einer niedriger als der andere, auf ſanft ſich erhebenden Terraſſen. Wenn gleich dieſe Gebäude nicht im neuern Geſchmacke erbaut waren, und wegen ihrer Entfernung von einander keine große Bequemlichkeit gewährten, ſo waren ſie doch unendlich reizend, wegen der Ausſicht von hier, und wegen des Gartens und der engliſchen Anlagen, von denen ſie umgeben waren. Schöne ſchattige Alleen von alten Ka⸗ ſtanienbäumen wechſelten mit dunkelm Gebüſch ab⸗ Die Vaſen, Statuen und Ruhebänke waren nicht modern und prächtig, aber ſie gaben durch ihren weiſſen Anſtrich eine liebliche Miſchung in dem heitern Grün des Gebüſches. In der Mitte dieſer Alleen und des Buſchwerks ſtand ein Gebäude zum Concertſaal beſtimmt. Von da etwas weiter hinter erhob ſich der Garten, vom Ufer des Rheins allgemach in Terraſſen hinauf, und auf der ober⸗ Rr 62— ſten Anhöhe genoß man jener einzigen Ausſicht, um die der Kaiſer Joſeph den Fürſten beneidete. Dieſer hatte ſich noch ein kleines Sommerhaus in dem Garten erbauen laſſen, das er allein bewohnte. Das Ganze war mit einem eiſernen leicht durch— brochenen Gitter eingefaßt, aber offen für jeden Einwohner von Mainz und jeden Fremden. Mit Entzücken denke ich noch an jene ſchönen Abende, die ich vor zwölf Jahren in dieſem Ely— ſium zubrachte. Das Feuer der Jugend glühte in mir, und trieb mich in fröhlicher Eil dem Rheine zu, um die Natur zu ſehen, deren Pracht kein Pinſel mahlt. Ich fand noch mehr, als mir ineine lebhafte Fantaſie vorzauberte. Mein Auge ruhte wollüſtig auf den Fluten des Rheins und des Mains, die ſich hier gegenüber vermählen. Ihre verſchlungenen Wellen küßten den Blumenrand reizender Inſeln, beſpühlten reiche Ufer, und weit hinunter, ihnen nach, ſchweifte mein Blick in das goldene Amphitheater des Rheingaus.— Dann ſtrömte ich mit Tauſenden hinaus zu den Zauber— feſten, die der Fürſt dem Kaiſer und Könige gab. Welche göttliche Nächte, wo ich unter den ſanften Tönen himmliſcher Muſik in dieſen hellerleuchte— ten Feenſitz wandelte, die Wohlgerüche der Limo— nien- und Pommeranzenbäume athmend, die hier — 65— herumſtanden. Ich freute mich zu leben, und dieſe Pracht der Kunſt und der Natur genießen zu konnen. Es waren helle freundliche Sonnenblicke in das Dunkel des Lebens; ich ahndete nicht, daß ich dieſen Zauberort zum letztenmale ſähe. Kein Stein, kein Baum ſagt, daß hier ehe— mals ein Luſtſchloß und ein Garten war. Keine Spur iſt mehr von ihnen da! Traurend verließ ich die Einöde. Hier auf dieſem erhabenen Orte, auf dem Platze, wo einſt ein prächtiges Luſtſchloß ſtand, ſtarben am 21 November 1805 zwanzig Verbre⸗ cher den Tod durch die Guillotine. Es waren Johann Pückler, der Anführer einer Räuberbande und 1g9 ſeiner Gefährten, in Gegenwart einer un⸗ zählichen Menge von Menſchen, wie man ſie wohl ſelten beiſammen ſieht. Die Unglücklichen wurden auf 5 Wagen gefahren; ihre Geſichter entſtellte ſchon die Todesangſt. Halb ohne Leben mußten mehrere auf das Schafot geführt und getragen werden, wo das fatale Meſſer ihrer wartete. Jo— hann Pückler war der erſte, der ſtarb, und er zeigte auch mit die meiſte Faſſung. Er ſprach zu dem Volke:„Ich ſterbe mit Recht, aber zehen *b 64 3üů unter dieſen ſterben als Unſchuldige“ und beugte dann ſeinen Nacken unter das Beil. Geiſtlicht begleiteten ihn. So gieng einer nach dem andern den letzten Gang ſeines Lebens, einer ſah den an— dern den Tod leiden, der ihn in der folgenden Minute erwartete und litt ihn Tauſendfach vorher; ſah den Körper des Entſeelten hinab unter das Schafot werfen, aus deſſen Pulsadern hoch das rauchende Blut emporſprützte. Der letzte ſträubte ſich lange und verlangte noch den Präſidenten des Gerichtshofes zu ſprechen, als ſchon das Beil den Faden ſeines Lebens zerſchneidend, fiel. Etwas weiter hin an der Chauſſee ſtand die Karthauſe. Ihre Mauern ſind niedergeriſſen; offne, leere Keller zeigen ihre Stätte an. Ueber ihr auf der Anhöhe herrſcht eine Redoute über das Rheinthal. Ich betrete Weiſſenau, das unglückliche Weiſ⸗ ſenau! Vom 15 April 1795 an, dauerte der Kampf um dieſen Ort mehrere Tage und Wochen fort. Das ſchrecklichſte Schickſal, das einen Ort im Kriege betreffen kann, iſt der ſtete Wechſel des Beſitzes zwiſchen Freund und Feind. Bald waren hier Teutſche bald Franzoſen; bald in der FEFEFERFRRRRDPP — 65— einen Hälfte des Dorfes dieſe, und in der andern jene. Waren die Kaiſerlichen Herren dieſes in mi— litäriſcher Hinſicht wichtigen Poſtens, ſo wurde der Angriff von den Franzoſen darauf immer wie— derholt, und umgekehrt war es derſelbe Fall. Hier war ein ewiges Gemetzel. Um die Franzoſen daraus zu vertreiben, warfen die Kaiſerlichen Bomben und Haubitzen hinein, welche mehrere Häuſer anzündeten. Die Franzoſen rächten ſich, und thaten das nämliche. Der ganze obere Theil des Dorfes mit der Kirche wurde ein Raub der Flammen. Wehklagend verließen die unglücklichen Einwohner ihre Heimath. Die franzöſiſchen Offi— ciere hatten ſelbſt Mitleiden mit den jammernden Landleuten, und ſammelten unter ſich 460 Liv., die ſie unter ſie austheilen ließen.— Man kann ſtundenlang den Einwohnern zuhören, die ihre Leiden und Schrecken erzählen. Von Freund und Feind geplündert, gemishandelt und gequält er⸗— fuhren ſie alles, was der Krieg Entſetzliches hat. Noch mehr als die Franzoſen, verheerten ihnen die barbariſchen Rothmäntel und andere Freicorps. Es waren große, ſchreckliche Jammerſcenen. Ich ließ mich von Weiſſenau nach der Mün— dung des Mains, an die ſogenannte Mainſpitze überſetzen, und gieng ndch Koſtheim. Die Schanze 5 EE RRRR — 66— am linken Ufer des Mains iſt die große Rhein— ſchanze; auf dem rechten Ufer deſſelben an der Mündung liegt die Guſtavsburg, von Guſtab Adolph von Schweden ſo genannt, der ſie nach der Eroberung von Mainz am 15 Dec. 1651 anlegte. Hier ſahe ich am Ufer die berühmten Erdhütten der Franzoſen, mühſam aus lauter Erde gebaut, und mit Bequemlichkeiten im In— nern verſehen, die man nicht darin vermuthen ſollte. Sine Schiffbrücke führt hier über den Main. Ich ſah die Schutthaufen von Koſtheim. O wie iſt der freundliche Ort verwüſtet! Ich eile hinweg von dieſem grauſenden Gemälde, und kehre zurück an das Mainufer, wo ich einen armen Schiffer finde, der mich einladet, mich den Main herab wieder in den Rhein und nach Mainz fahren zu laſſen. Ich ſteige in den Na⸗ chen, und ſchwimme der Mündung des Fluſſes zu. Der Schiffer erzählt mir ſeine Geſchichte während des ſchrecklichen Brandes von Koſtheim. Er war Vater von ſieben kleinen Kindern. Das Dorf brennt, von Haubitzgranaden angezündet, in der Nacht. Alles ſchreit um Rettung. Nur an ſeine Kinder denkend, nimmt er zwei auf ſeine Arme, ſeine Frau zwei andere; die drei ältern laufen dem Vater und der Mutter nach, DPDrr˖rprprrrr˖˖˖˖˖˖·······ů·ů·ů·ůů — 67— und nackend kamen ſie in Hochheim an, während rund um ſie der Kanonendonner brüllte. Ihr rettetet nichts? fragte ich:— Meine Kinder! ſagte der Mann. Der Kurfürſt von Mainz hatte den unglückli⸗ chen Einwohnern von Koſtheim ihre Abgaben auf 10 Jahre erlaſſen.„‚Wir könnten ſie geben, ſagte mein Schiffer, wenn unſere Bäume nicht umgehauen wären. Dann ſtünde auch Koſtheim ſchon wieder!““ Man hieb hier um Koſtheim 2 Mil— lionen tragbarer Obſtbäume um. Voll Abſcheu und traurend über die Zerſtörungswuth meiner Zeitgenoſſen ſtieg ich in Mainz ans Land, und drückte dem braven Schiffer die Hand, unter deſſen Kittel ein dles Herz ſchlug!— Hat der Mann nicht eher eine Bürgerkrone verdient, als der Eroberer von Koſtheim? Mainz hat ſeit 2 Jahren manche Verſchöne— rungen in ſeinem Aeuſſern erhalten, welche dieſer Stadt wieder einen Theil des freundlichen Anſe— hens gegeben haben, das ihr der Krieg und das Bombardement geraubt hatten. Dieſe Verſchöne— rung bemerkt man beſonders bei den öffentlichen Gebäuden, welche dem Staate gehören. Auf der — RRPFR 3 63— großen Bleiche ſind die ehemaligen Kurfürſtl. Stal⸗ lungen, welche jetzt zu Cavallerie-Caſernen die⸗ nen, und mehrere andere Gebäude wieder ange— ſtrichen, ſo wie der ſchöne Brunnen daſelbſt wie⸗ der hergeſtellt worden iſt, an deſſen Obelisk ſich eine vortreffliche Bildhauerarbeit befindet. Die vormals daran ſtehende Inſchrift: K la nation frangaise et ses Armes liberatrices, le peuple de Mayence reconnoissant! iſt weggenommen worden, und deren Platz für eine andere zu Ehren des Kaiſers Napoleon beſtimmt. Der ehemalige Schloßplatz ward neu geebnet, mit Bäumen ein⸗ gefaßt und mit einem ſtarken Geländer umgeben. Er iſt ſo groß, daß vielleicht 6000 Mann Solda⸗ ten darauf in Parade ſtehen können. Das ehema— lige teutſche Haus erhielt ebenfalls ſeine Wieder— herſtellung im Laufe des vorigen Jahres, indem es zum Empfange des Kaiſers eingerichtet wurde. Es iſt von dem Dioiſions-General bewohnt, der in der 26 Militair-Diviſion commandirt, die drei der neuen Departements in ſich begreift.— Die Kirchhöfe ſind auf Befehl des Präfekten, Hrn. Jean Bon St. André, deſſen Bemühungen für das Wohl ſeines Departements man ſehr rühmt, außerhalb der Stadt nach Zahlbach zu verlegt zorden, und die Todten aller Confeſſionen werden 36 innerhalb eines Raums beerdigt. Nur die jü— diſchen Bürger, welche nach ihrem Tode, mit dem Geſicht gegen Abend liegen wollen, haben noch immer Einwendungen dagegen gemacht, welchen aber der Präfekt, der es verſteht, am rechten Orte Ernſt und Feſtigkeit zu zeigen, durch eine Verordnung zu begegnen gewußt hat, in der be— ſtimmt wurde, daß man Ihn auf keine Weiſe mehr mit Bittſchriften über dieſen Gegenſtand behelli— gen ſollte. An das ehemalige Kurfürſtliche Schloß iſt noch nicht die Hand des Wiederherſtellens gelegt wor— den. Es diente bisher zu verſchiedenem Gebrauch. In dem ehemaligen prächtigen Concertſaal des Kurfürſten wurden einſt die Sitzungen des Main— ziſchen Jakobiner-Clubs gehalten, dann war er der Verſammlungsort des Rheiniſch-Deutſchen Na— tional-Convents und im Jahre 1805 wurde hier von dem ſpeciellen Tribunal eine große Räuber— bande gerichtet. Welche Wandlung! Hier zwiſchen den Marmorwänden, wo noch vor 22 Jahren ein Kaiſer und ein König und die erſten Großen des teutſchen Reiches verſammelt waren, wo Mozarts Harmonieen ſich mit Flötenſtimmen miſchten und zauberiſche Melodieen durch die weite Wolbung tönten—— hier wan jetzt die Gerichtsſitzung —— eines fremden Volkes und Genieen, Horen, Grazien und Muſen am Plafond des Saales blickten auf wilde Räuber herab. In dem eiſernen Geländer der Gallerie für die Zuſchauer ſteht noch Carl Friedrichs Namenszug und erinnert an den Erbauer dieſes prächtigen Saales und an ſchönere Zeiten. Um eine genaue Kenntniß von dem Zuſtande und der Verfaſſung der vier neuen Departements des linken Rheinufers, wie dieſe nach und nach ihre jetzige Form erhielt, zu erlangen, muß man ſich mit den Verordnungen bekannt machen, die ſeit der Eintheilung derſelben in Departements von dem Directorium den Regierungscommiſſairs, den Centralberwaltungen und hernach von dem Conſulat, dem General-Regierungscommiſſair und Präfecten erlaſſen worden ſind. Alle dieſe Beſchlüſſe ſind in dem„Bülletin der Verordnungen und Beſchlüſſe, welche von dem Regie⸗; rungscommiſſair in den vier Depar⸗ tements des linken Rheinufers ver⸗ kündet worden ſind,“(Mainz bei Craß,) enthalten. Von dieſem Bülletin ſind jetzt ſchon biele Nummern erſchienen. Dieſelben — 7*1¹— Verordnungen findet man auch in der„Voll⸗— ſtändigen Sammlung der Verordnun— ſedes B. Regierungs⸗ Commiſſairs und der Centralverwal⸗ + gen und Beſchlüf tungen der vier neuen Departements auf dem linken Rheinufer,“ welche in der Druckerei des Rochushoſpitals bei Wirth er— ſchienen iſt. Dieſe Sammlungen ſind unentbehr— liche Hülfsmittel für den Geſchichtſchreiber dieſer Länder, ihrer Verwaltung und Schickſale von der Zeit ihrer Organiſation an, und auch ſelbſt für den unterhaltend genug, der blos Befriedi⸗ gung ſeiner Wißbegierde ſucht. Sie dienen ferner zu einem Maasſtabe des jedesmaligen Geiſtes der Regierung in Paris und der Stimmung des De— partements. Durch die nun geſchehene Aſſimilation dieſer Länder mit dem übrigen Frankreich haben nun die Verſchiedenheiten in der Verwaltung, welche vorher noch beſtanden, nach und nach ganz aufgehört, und alle Geſetze, welche für die übri— gen Departements des franzöſiſchen Reichs erlaſſen werden, bedürfen nun nicht durch eigene Verord—⸗ nungen des General-Regierungs-Commiſſairs be— ſonders anwendbar gemacht zu werden, deſſen Stelle nun ebenfalls ceſſirt, da Alles mit Frank— reich gleichförmig eingerichtet worden iſt. — 72— Ich halte es für zweckmäßig, hier einige der weſentlichſten Verordnungen anzuführen, wodurch dieſe Länder ihre jetzige politiſche Verfaſſung er— hielten. Nach erduldeten unzählichen Uebeln einer mili— tairiſchen und Revolutions- Regierung, wobei das eroberte Land bald von Generälen, bald von Com— miſſionen und Commiſſairen aller Art beherrſcht worden war, beſchloß endlich das Directorium im 6 Jahre(1798) nach der zweiten Uebergabe von Mainz die eroberten Länder zwiſchen Maas und Rhein und Rhein und Moſel gleich dem übrigen Frankreich in Departements einzutheilen, und die bisherigen Regierungen gänzlich aufhören zu laſſen— Dieſer Departements ſollten vier ſeyn: 1. das Departement der Roer, Hauptort: Aachen; . das—— der Saar, Hauptort: Trier; das—— des Rheins und der Moſel, Hauptort: Coblenz; 4. das—— des Donnersbergs, Hauptort: N 5 Mainz. Jedes dieſer Departements wurde in Cantons getheilt. (S. Beſchluß des Reg. Commiſſ. Rudler vom 4 Plub. 6 J.) — Von demſelben Tage datirt ſich die Verordnung über die Errichtung der Verwaltungsgewalten. Hierin wurden die Vorſchriften der Conſtitution des 5 Jahrs anwendbar gemacht. In jedem De— partement wurde eine Centralberwaltung und in jedem Canton wenigſtens eine Munici— palberwaltung angeſetzt. Jede Departements— verwaltung beſtand aus fünf Gliedern. Ihr Ge— ſchäftskreis war in folgende fünf Bureau's einge— theilt. 2. Verwaltung der öffentlichen Abgaben; 2. RNechnungsweſen; 5. Nationaldomainen; 4. Verwaltungspolizei, und 5. des öffentlichen Un— terrichts, der Unterſtützung und öffentlichen Ar— beiten. In Anſehung der Municipalberwaltungen wur— de folgendes feſtgeſetzt. 2. Jede Gemeinde von 5000 bis 100000 Seelen hat eine eigene Muni— cipalberwaltung. 2. In jeder Gemeinde, worin ſich weniger als 5000 Einwohner befinden, iſt ein Municipalagent und ein Adjunkt deſſelben. 8. Die Vereinigung der Municipalagenten einer jeden Gemeinde bildet die Cantonsmunicipalität. 4. Jede Municipalberwaltung ſoll einen Präſidenten haben, der aus dem ganzen Canton gewählt wird. Bei jeder Departemental- und Municipalber— waltung iſt ein Commiſſair der Regierung. Dieſer FREFEFrr‚FRRRR 74— wacht und dringt auf die Vollziehung der Ge— ſetze, wohnt allen Berathſchlagungen bei, und ohne ſeine Meinung vernommen zu haben, wird kein Beſchluß genommen. Dieſe Einrichtung hat in den vier neuen De— partements etwas über 2 Jahre gedauert.— Der Klagen über dieſe Verwaltungen waren unzähli— che, durch Misbräuche, Ungerechtigkeiten und Be— drückungen veranlaßt. Hierzu kam das Ungeheuer Bureaukratie, wie man es mit einem eignen neuen Ausdruck nennt, und die Unwiſſenheit und der böſe Wille vieler Municipalagenten, die ihre im Geſetz deutlich geſchriebenen Pflichten nicht kannten, und nicht kennen wollten. Die Abnei— gung des Volks gegen dieſe neue Einrichtung, die Aufwieglungen der Gegner derſelben, und manche andere Urſachen verhinderten ſelbſt die redlichen Glieder das Gute zu würken, das ſie beabſichtigten. Mit dem Umſturz der Conſtitution des öten Jahres hörten dieſe Verwaltungen auf. Am 6 Prairial des 8 Jahres erließ der Regierungs-Com— miſſaire B. Shée eine Proclamation, nach welcher das Geſetz und die Beſchlüſſe über die neue im übrigen Frankreich eingeführte Verwaltungs-Ord— nung(vom 28 Pluv. 8 J.)] auch in den 4 neuen — 75— Departements eingeführt werden ſollten. Es wur⸗ den demnach ſtatt der vorherigen Behörden, zur Departementalberwaltung in jedem Departement ein Präfekt, ein Präfektur-Rath und ein allgemeiner Departements-Rath ange— ordnet; ferner in jedem Gemeindebezirk ein unterpräfekt und ein Bezirksrath und in den Städten, Flecken und Dörfern, für welche vorher ein Municipalagent oder ein Adjunkt ſich befand, und deren Bevölkerung nicht über 2500 Seelen iſt, ein Maire, ein Adjunkt, und ein Municipalrath. In den größern Städ— ten, deren Bevölkerung über dieſe Summe ſteigt iſt die Zahl des Municipalitäts-Perſonals nach ver— ſchiedenen Modifikationen erhöhet. Durch folgende Beſchlüſſe und Verordnungen ſind die vier neuen Departements nach und nach auf gleichen Fuß mit den übrigen in Frankreich in Rückſicht der Abgaben, der Juſtizpflege ꝛc. gekommen. Eine Verordnung des Regierungs— Commiſſaire Rudler vom 11 Nivoſe 6 J. unterwirft alle Schrif⸗ ten und Akten der Einregiſtrirung, und beſtimmt den Tarif, welcher die Klaſſen dieſer Akten nach dem verſchiedenen Anſchlage der davon zu entrichtenden Gebühren enthält. Alle Akten, RRRrrrrrrrrrrrrr und außergerichtliche, Quittungen, gerichtliche Käufe, Ceſſionen, Contrakte, Vollmachten, Pro— tokolle, Teſtamente, Erbſchaften, gerichtliche Aus— fertigungen, Frachtbriefe, Abſchriften, Zeugniſſe, Abſchiede, Urtheile, Vormundſchaften, Appella— tionen, kurz alles, iſt dieſem Enregiſtrement un— terworfen und ohne daſſelbe vor Gericht ungültig. Die Gebühren von allen dieſen Handlungen ſind in einem weitläuftigen Tarif enthalten, und ſtei— gen von 10 Centimen,(2 Sols) bis 6 Franken von 100, und der feſtgeſetzten Gebühr von 25 Cen— timen(5 Sols) bis 24 Franken. Alle obige der Einregiſtrirung unter⸗ worfene Akten ſind auch durch eine ebenfalls am 11 Niv. 6 J. gegebene Verordnung mit dem Stempel(droit de timbre) belegt. Auſſer— dem ſind noch darunter begriffen, alle Anſchlags— zettel, Bekanntmachungen und Zeitungsblätter. Nichts von dieſer Art darf anders, als auf Stem— pelpapier gedruckt und geſchrieben ſeyn. Es iſt ſogar verordnet, wie viel Zeilen auf jede Seite geſchrieben ſeyn ſollen. Dieſes Stempelpapier wird von der Einregiſtrirungsberwaltung geliefert, und iſt in ſeinem Preiſe nach der Natur der darauf zuſchreibenden Akte verſchieden. Auf jedem dieſer Stempelbogen ſteht der Preis der Gebühr und die Unterſchrift: Republique Frangaise. Diejeni⸗ gen, welche anderes Papier, als das der Negie— rung brauchen wollen, können es ſtempeln laſſen, ehe ſie ſich deſſelben bedienen, z. B. Zeitungs⸗ drucker. Die Verordnung giebt ferner die Größe des Papiers an und beſtimmt, daß gerichtliche Ausfertigungen, ohne Abkürzung der Worte ge— ſchrieben werden, auch daß nicht der Stempel mit Schreiberei bedeckt werde. Indeſſen ſucht man doch auf alle Art dies theure Papier zu ſparen, und daher ſieht man zum großen Contraſt mit dem weitläuftigen Geſchreibe der teutſchen Gerichtshöfe hier alle Citationen und ſchriftliche Anſchläge ſo eng als möglich geſchrieben. Die Tagblätter, (Journale, Zeitungen) und Anſchlagzettel aller Art, außer die der conſtituirten Autoritäten, ſind einem beſtimmten Stempel unterworfen. Ein ge— wöbnliches Zeitungsblatt von einem halben Bogen wird mit dem Stempel von 5 Centimen(ohnge— fähr 1 Kreuzer) verſehen. Hiervon ſind die pe—⸗ riodiſchen Schriften ausgenommen, die nur ein⸗ mal monatlich erſcheinen, und wenigſtens 2 Bo— gen ſtark ſind. In den Gaſthöfen müſſen die Ver— zeichniſſe der Fremden ebenfalls in Bücher einge⸗ tragen werden, von denen jedes Blatt mit einem Stempel von 5 Centimen(1 Sols) verſehen iſt. EC 78* Der Fremde, der hier nach dem Geſetz ſeinen Namen, Stand und Wohnort einzuſchreiben hat, wird daher zuweilen vom Wirthe erſucht, nicht zu große Buchſtaben zu machen, eine Oekonomie, die bei dieſem kaſtbaren Papier wohl nöthig iſt. Diejenigen Bekanntmachungen, welche kleiner, als 60 ein Quartblatt ſind, ſind vom Stempel befreit, daher die Schauſpielankündigungen gewöhnlich in 0 Octav ausgegeben werden. Alle Anſchlagszettel an den öffentlichen Plätzen von Privatperſonen müſſen auf farbiges Papier gedruckt ſeyn. Nur die der conſtituirten Autoritäten ſind auf weiſſem Papier. Ein anderes Geſetz von eben dieſem Tage bes legt jeden Bürger, der die Erlaubniß haben will, irgend ein Gewerbe zu treiben, mit einer 0 jährlichen Abgabe, die unter dem Namen des Patentgeldes eingefodert wird. Jeder Bür— 0 ger und jede Bürgerin müſſen zufolge dieſes im Bureau die Einregiſtrirung ihrer Erklärung abge— ben, welches Geſchäft ſie treiben wollen, und da— von die Gebühr bezahlen, worauf nach erhaltener Quittung darüber die Municipalverwaltung das Patent ausfertigt, welches alles auf Stempelpa— pier geſchrieben ſeyn muß. Es kann jemand Ge— werbe von verſchiedener Art treiben, ohne gehal— 22 REFArrrrrrrrrr ten zu ſeyn, für jedes ein beſonderes Patent zu zahlen, aber er muß ſich mit demjenigen Patent verſehen, welches ſich auf den Theil ſeines Gewer— bes bezieht, worauf die ſtärkſte Patentgebühr haf— tet. Um zu verhindern, daß ſich jemand dieſem Geſetz entziehe, iſt verordnet, daß niemand wegen ſeines Handels und Gewerbes Klagen oder Ge— genklagen vor Gericht anbringen, oder einen auf das Gewerbe ſich beziehenden Akt aufſetzen kann, wenn er ſich nicht vorher wegen der Patentlö— ſung gerechtfertiget hat. Auſſerdem iſt derjenige, welcher unterläßt, ein Patent für ſein Gewerbe zu nehmen, in eine Geldbuße vom v0ten Theil der Gebühr für jede zehntägige nach Verlauf der durch das Geſetz feſtgeſetzte Friſt verurtheilt. Von dem Patentgelde ſind nur die Bauern und Acker— leute, die Taglöhner und jede Perſon, die für anderer Rechnung arbeitet, und die Kaper zur See, ausgenommen. Jeder, der an verſchiedenen Orten Gewerbe treibt, muß auch an einem jeden die Gebühr dafür bezahlen. Dieſe werden in fixe und proportionelle eingetheilt. Die fixe Gebühr wird nach der vorgeſchriebenen Taxe bezahlt. Die proportionelle beſteht im zehnten Theil der Miethe der Wohnhäuſer, Magazine, Hüttenwerke, Werk— ſtätten und Läden u. ſ. w. 8⁰ Der Tarif der Patentgebühren iſt übrigens auch zum Theil in Rückſicht der Bebölkerung der Gemeinden feſtgeſetzt, zum Theil auch ohne Rückſicht auf dieſelbe. Man geht dabei von dem. Grundſatze aus, daß das Gewerbe eines Bürgers deſto einträglicher ſey, je größer und volkreicher ſein Wohnort iſt. Indeſſen ändern ſich dieſe Ge⸗ bühren jährlich nach Verhältnis der Bedürfniſſe des Staats ab. Die dem Patent unterworfenen Bürger ſind in dem Tarif in acht Klaſſen getheilt, welche zufolge der Seelenzahl der Gemeinen, wel⸗ che ſie bewohnen, wieder in mehrere abgetheilt ſind. So zweckmäßig dieſes Geſetz iſt, indem es allen Zunftzwang aufhebt, und der Induſtrie freies Spiel läßt, jedes Gewerbe zu treiben, von wel⸗ chem ſich der Bürger Gewinn verſpricht, ſo hart iſt doch dieſe Abgabe für manche geringere Ernäh⸗ rungszweige, die offenbar zu hoch angeſetzt ſind. So bezahlt z. B. eine Höckin, die mit Obſt, Brod und andern Kleinigkeiten auf der Straße handelt, jährlich 25 bis 50 Liv., ein Lehnkut⸗ ſcher 100 bis 200 Lib. ꝛc.— Dieſe Freiheit, jedes Gewerbe zu treiben, hat beſonders in allen Städten auf dem linken Rheinufer eine unglaubliche Menge neuer Wirthshäuſer, Caffeehäuſer und Reſtaurateurs zur Entſtehung gebracht. In Mainz — 81— iſt dies beſonders der Fall. Um ſich unter der Menge auszuzeichnen, haben beſonders die, welche Franzoſen gehören, ungeheure Schilder und große Felder mit Inſchriften von ſehr einladendem Inhalt, mit grellen, auffallenden Farben gemahlt. Die Unmöglichkeit ihrer Subſiſtenz wird übrigens dieſe Menge wohl wieder auf die nöthige Anzahl ein— ſchränken.— Eine ſpätere Verordnung vom 24 Brumaire 7 enthält einige Modifikationen dieſes Geſetzes. Eine Verordnung vom 26 Ventoſe 6 J. be— fiehlt, daß alle Poſtwägen, Landkutſchen, Markt— ſchiffe und andere öffentliche Fahrzeuge, die den ehemaligen Oberherren der eroberten Länder ge— hören, den erſten Floreal deſſelben Jahres auf— hören ſollen zu fahren. Dagegen iſt nun jedem Bürger erlaubt, öffentliche Fuhrwerke zu Waſſer und zu Lande nach geſchehener Erklärung darüber beim Einregiſtrirungsbureau zu unternehmen, und ein Patent darüber zu löſen, daß nach Anzahl der Gattung des Fuhrwerks und der Preiſe der Plätze verſchieden iſt. Noch haftet darauf das droit de dixième, oder die Abgabe des zehnten Theils der Einnahme für die Plätze, oder jeder zehnte Platz. Dieſer zehnte Thbeil ſoll jede Decade nach Abzug des vierten Theils, den das Geſetz zur 6 8 — 82— Schadloshaltung für die etwa leerbleibenden Plätze beſtimmt, an den Einnehmer der Einregiſtrirungs— gebühr abgetragen werden. Ein Beſchluß vom 6 Germinal 6 verordnet die Abſchaffung aller lehensherrlichen Rechte in den 4 Departements. Ein anderer vom 10 Germ. 6 J. befiehlt, daß alle öffentliche Akten der Verwaltungen und Gerichte in franzöſiſcher Sprache abgefaßt ſeyn ſollen. Dies Geſetz giebt zu unendlich viel Weit— läuftigkeiten, Mißverſtändniſſen und Unordnungen Anlaß, da bei der mangelhaften Kenntniß dieſer Sprache dieſe Schriften nicht mit der Genauigkeit abgefaßt ſeyn können, die bei gerichtlichen Akten nothwendig iſt. Der Bauer, der von einem Tribunale ein Urtheil erhält, hört dies franzö— ſiſch vorleſen, und fragt nun: ob er gewonnen oder verſpielt habe? Will er ſich genau davon unterrichten, ſo muß er noch die Koſten der Ueber— ſetzung daran wenden. Dieſe Verordnung iſt übrigens ein Pendant zu der des ſonſt ſo braben Kaiſer Joſephs II., der auch allen ſeinen Unter⸗ thanen befahl, teutſch zu lernen, und alle ge⸗ richtliche Verhandlungen in teutſcher Sprache ab— gefaßt wiſſen wollte. Dies war bei ſeinen Croa⸗ ten, Panduren, Siebenbürgen, Wallachen und — 83— Illyrieen wohl ein faſt noch härteres Verlangen, als bei den rheiniſchen Bauern, die nun ſeit 10 Jahren eine ziemliche Anzahl ſehr theurer franzöſiſcher Sprachlehrer um ſich geſehen haben, welche in allen galliſchen Mundarten parliren. Durch einen Beſchluß vom 12 Germinal 6 Jahres wurden mehrere ausländiſche Zeitungen auf dem linken Rheinufer zu leſen und von den Poſt— ämtern auszutheilen verboten. Sie waren na— mentlich: das(franz.) Journal de Francfort, die Frankfurter Oberpoſtamts-Zeitung, das Staats— Riſtretto, die politiſchen Geſpräche im Reiche der Todten oder die Neuwieder Zeitung, der Hambur— ger Correſpondent und die Eudämonia. Die in dem Beſchluß angegebenen Gründe dieſes Verbotes ſind:„‚daß in ihnen der Geiſt der Zwietracht ſein Gift ausſpeie, daß man in ihnen durch Schrecken— bilder die Furchtſamen und ſchwachen Gemüther beunruhige, durch gallſüchtige Abhandlungen die— jenigen muthlos zu machen ſuche, welche ſich für die Sache der Freiheit erklärt haben und auf jeder Seite ſich Läſterungen gegen die Vernunft und die unverjährbaren Rechte des Menſchen erlaube ꝛc.“ Indeſſen ſchien man in der Folge auf dieſes Geſetz nicht mehr ſtreng zu wachen, und man fand — 84— bei Privatperſonen, in oͤffentlichen Häuſern und ſelbſt auf dem Mainzer Leſekabinet die obigen namentlich verbotenen und viele andere teutſche Zeitungen, als in den neueſten Zeiten(unterm 5 Aug. d. J. 1804) ein neuer Beſchluß des Prä— fekten in Betreff verſchiedener öffentlicher Blätter erlaſſen wurde, zufolge deſſen in dem ganzen Um⸗ fange des Departements vom Donnersberg die Hamburger und Leidner Zeitungen, ſo wie die teutſchen Frankfurter und Aſchaffen⸗ burger aufs neue verboten werden. Die Ex— emplare der beſagten Zeitungen, welche bei ihrer Einführung auf das Gebiet des franz. Reichs ge⸗ funden werden, ſollen hinweggenommen, und den reſp. Unterpräfekten zugeſtellt werden, welche ſie dem Präfekten mit dem Protokolle der Hinweg— nahme zuſchicken. Ebenfalls ſollen„alle andere aufrühreriſche Schriften“ die vom Aus⸗ 6 lande kommen, deren Titel und Gegenſtand die Abſicht anzeigen ſollten, ſich in die innern Ange— legenheiten von Frankreich zu miſchen, ſeine Re— 0 gierung zu verleumden, und die öffentliche Ruhe zu verletzen, hinweggenommen werden.— Die Bewohner dieſes Departements ſind alſo jetzt faſt nur auf die inländiſchen Zeitungen reducirt, welche durch das obige Verbot der fremden ein FEEEEEE — 83— indirectes Pribilegium erhalten, und dadurch auf alle Art in ihrem Abſatz begünſtigt werden. Unterm 8 Prairial 6 Jahres werden alle Arten kirchlicher Ceremonieen, Wallfahrten, Proceſſio— nen ꝛc. außerhalb des zu ihrer Ausübung erwähl— ten Gebäudes verboten. Unter dem Directorium wurde auf die Befolgung dieſes Geſetzes mit großer Strenge gehalten, und es wäre zu wünſchen ge— weſen, daß dies immer geſchehen ſeyn möchte. Aber bei der abnehmenden Aufmerkſamkeit der Po— lizei auf dieſen Gegenſtand kehrte bald Alles wieder in das alte Geleis zurück. Schaaren von einfäl— tigen Menſchen kommen aus den entfernteſten Ge— genden der neuen Departements um die ſogenann— ten Gnadenörter auf dem rechten Rheinufer zu beſuchen, und dieſe Rückkehr zur alten Ordnung, oder vielmehr Unordnung, kündigte ſich in manchen Gegenden mit Vorbedeutungen an, welche vielleicht noch unglücklicher, als die waren, mit denen die Ausartung der Revolution von den frühern Grund— ſätzen, die ſie hervorriefen und in den erſten Jah— ren leiteten, begann. Die Liebe zur Freiheit ar— tete damals in eine wilde, geſetzloſe Anarchie und die Aufklärung und religiöſe Duldung in Freigei— — 86— ſterei und Unglauben aus, die man abgeſchmackt genug war, zur Religion des Volkes machen zu wollen. An dieſem Extreme des einförmigen Krei— ſes angekommen, in welchem ſich die menſchlichen Angelegenheiten ewig fortzubewegen ſcheinen, iſt man nun, wie ſelbſt ein überrheiniſcher Beobach— ter ſagt,„zu dem entgegengeſetzten Extreme über— geſprungen, die Maximen des leidenden Gehor— ſams und der göttlichen Macht der Führer des Volkes ſind nun der Text der neueſten politiſchen Predigten geworden. Statt zur Religion zurück zu kehren, hat man die zarten Gränzen über⸗ ſchritten, welche die zur Liebe und Duldung mah— nende Lehre Jeſu von dem zerſtörenden, wüthen— den Fanatismus und Aberglauben trennen. In einem großen Theile der neuen Departements iſt die ganze Wuth des Aberglaubens an die Stelle des frommen Dienſtes der Gottheit und ſittlicher Religionsgebräuche getreten. Mit treuloſer Argliſt haben die Feinde des Friedens, der Ordnung und der Eintracht den Samen des Haſſes zwiſchen Catholiken und Proteſtanten auszuſtreuen geſucht, die im Begriffe waren, den Unterſchied zu ver— geſſen, der ſie durch einige willkührliche Gebräuche und frommes Meynen ſcheidet. Von jeher war der Menſch geneigt, die Religion, die Tochter — 87— des Himmels zur feilen Magd ſeiner Leidenſchaf— ten herabzuwürdigen.“ Die Vorfälle, auf welche hier gedeutet wird und welche ſich im Frühjahr 1804 ereigneten, wa— ren ernſthaft genug um die Aufmerkſamkeit der Regierung zu erregen. So traurig die Folgen des unglücklichen Mißverſtändnißes zwiſchen Proteſtan— ten und Catholiken waren, welches ſo vieles Auf— ſehen gemacht hat, ſo lächerlich war die erſte Ver— anlaſſung dazu. Zu Albig, einem vormals pfäl⸗ ziſchen Dorfe, eine Stunde von Alzey wohnte ein alter Catholik, der in ſeinen jüngern Jahren eine Art von Eremit war. Er zeichnet ſich durch einen hohen Grad von Bigotterie und dadurch aus, daß er 18 Kinder zeugte. Als im, Anfange jenes Jahres(1804) der allgemeine Ablaß, in Form eines Jubiläums, womit der heilige Vater in Rom Frankreich, wie bekannt, noch in unſern Tagen überraſchte, gepredigt ward, ſo bekam dieſer alte Fanatiker den Einfall, ob er jetzt gleich blos Land— mann iſt, und nicht den mindeſten Antheil an der Seelſorge hat, eine geſchriebene Anweiſung unter ſeinen katholiſchen Nachbarn circuliren zu laſſen, was man thun müße, um aller Gnaden des Ab⸗ laſſes theilhaftig zu werden. Dies monſtrös- from⸗ me Schreiben enthielt nun auch den Befehl, Gott — 88— recht ernſtlich um Ausrottung der Ketzerei und der Ketzer anzurufen, und ein jeder gute Catholik wurde aufgefordert mit ſeines Na— mens Unterſchrift ſich dazu zu verpflichten. Zufälliger weiſe kam dieſer Zwietracht ausſäende Hirtenbrief eines Layen in die Hände des prote— ſtantiſchen Pfarrers zu Albig und durch die Un— achtſamkeit dieſes alten Sonderlings der ganze In⸗ halt deſſelben zur Kenntniß der Landleute. Nun entſtanden allenthalben bange Beſorgniſſe eines Unglücks, das den Proteſtanten bereitet werden möchte. Dieſe Beſorgniſſe wurden noch durch den Umſtand vermehrt, daß kein katholiſcher Geiſtli⸗ cher ſein Mißfallen über den Eingriff eines Layen in die Seelſorge äußerte, daß mehrere katholiſche Maire's den Proteſtanten bei angedrohter Strafe verbieten ließen, von einer Sache zu reden, die doch für ſie ſo großes Intereſſe hatte, daß ſeit der Predigt des allgemeinen Ablaßes an mehreren Orten die Catholiken ſich heimlich verſammelten, daß es endlich noch nicht lange her war, da Ca— puciner und Bußprediger öffentlich von Kanzeln auf den Marktplätzen zu Alzey die Reformirten und Lutheraner als Ketzer verdammten. Hierzu kam noch das Gerücht vom Ober- und Niederrhein, wo katholiſche Prieſter würkſam waren„und die Nach— 360. richt: in den finſtern Wäldern des ehemaligen Trie— riſchen, Luxenburgiſchen ꝛc. verſammle ſich eine katholiſche Armee, um gegen die Proteſtanten zu Felde zu ziehen. Alles dieſes zuſammengenom— men, verſetzte die Proteſtanten in Furcht und Schrecken. Alle Bande zwiſchen Proteſtanten und Catholiken löſten ſich auf; der Lutheraner und Re— formirte ſchafte ſeine kotholiſchen Dienſtboten ab, und der katholiſche Barbier im Dorfe durfte keinen proteſtantiſchen Bart mehr ſcheeren. Die katholi— ſchen Geiſtlichen ſchwiegen und thaten nichts um Ruhe und Verſöhnung zu bewürken. Jetzt traten mehrere proteſtantiſche Prediger öffentlich auf und beruhigten die Gemüther, indem ſie ihnen durch eindringende Vorſtellungen ein gutes Zutrauen in die Weisheit und Gerechtigkeit der Regierung zur Pflicht machten, von der ſie bis jetzt Schutz bei ihrem Glauben genoßen hätten und gewiß auch für die Zukunft erwarten dürften; ſie ermahnten ihre Gemeinden ſich nicht durch harten Argwohn an ſo vielen braven katholiſchen Mitbürgern zu verſün— digen. Die Proteſtanten wurden um ſo mehr be— ruhigt, da der brave Präſident Pietſch ſogleich ein Umlaufſchreiben an alle lutheriſche Geiſtliche drucken ließ, das die ſchönſten Grundſätze bürgerlicher Duldung enthielt, und alle Beſorgniſſe verſchwan— τ 90— den völlig, als der Präfekt, Hr. Jean Bon St. André ſelbſt die ganze Gegend bereiſete, und durch ſein humanes, würdevolles Betragen, gegen alle Bürger, die er ſprach, Achtung, Zutrauen und Liebe einfloßte. Sein Benehmen würkte mehr als eine Armee es gekonnt hätte. Weiſe und ſchonend machte man die ganze Vexanlaſſung der Beunruhigung nur als die armſelige Ausgeburt eines fanatiſchen Dumkopfs bemerkbar. Man über— gieng ſehr verſtändig, um nicht noch größeres Auf— ſehen zu machen, den Umſtand der Sammlung der Unterſchriften und leiſe nur berührte der ſchonende und allen Verdacht der Chikane vermeidende Prä— fekt, das unerklärbare Stillſchweigen der katholi— ſchen Geiſtlichen bei dieſem Eingriff in ihre Ge— rechtſame, da ſie doch bei geringern nicht zu ſchwei— gen pflegen. In einem Schreiben an den Maire von Alzey vom 22 Germinal deutete er dann noch 6 auf den Einfluß, welchen die Feinde Frankreichs ben möchten.„Mögen die Feinde Frankreichs, ö „„„ auf die Anfachung dieſer Streitigkeiten gehabt ha— heißt es in demſelben, eiferſüchtig auf unſern Wohlſtand ſeyn und nicht zufrieden, die Regierung in der achtungswürdigen Perſon ihres Hauptes anzugreifen, auch die Treuloſigkeit zum Meuchel— morde geſellen, und ſich bemühen, uns zu Werk— SFSFSSrrrEE — 91— zeugen ihrer Wuth zu machen, indem ſie unſere Leidenſchaften aufregen um durch Zwietracht uns wechſelſeitig gegen einander zu bewaffnen; müßen wir uns dann freiwillig dem Betruge ihrer gottlo— ſen Machinationen hingeben?— Sie wagten es ſich zu ſchmeicheln, religiöſe Zwietracht unter uns erregen zu können! als wenn es ſo leicht wäre uns wieder in das 16 Jahrhundert zurück zu wer⸗ fen; als wären wir nicht durch das Beiſpiel un— ſerer Väter belehrt; als wüßten wir nicht, daß Verſchiedenheit der Meinungen das Wohlwollen, die Herzlichkeit und alle Gefühle, die der Menſch dem Menſchen ſchuldig iſt, und die allein in der Geſellſchaft eine glückliche Eintracht erhalten, ganz und gar nicht ausſchließt; als hätte die Regierung, indem ſie die Freiheit aller Religionen aufrecht er— hielt und befeſtigte, nicht zu uns allen geſagt: Ihr ſeid die Kinder einer und derſelben Familie und ihr müßt Euch wie Belider lieben!“ Die einſichtsbollen Maaßregeln des Präfekten verfehlten ihren Zweck nicht. Die Ruhe kehrte zurück und der Fanatismus beugte ſein Haupt. Der Präfekt erließ noch neuerlich ein wiederholtes Verbot gegen die öffentlichen Prozeſſionen und be⸗ ſonders gegen die Raſerei zu weiten Wallfahrten nach entfernten Gnadenörtern auf dem rechten Rheinufer, an deren Aufhebung die ſchlafende Polizei noch nicht gedacht hat. Ein Geſetz vom 25 Frimaire ſetzt die Einfüh⸗ rung einer Fenſter, und Thürentaxe feſt. Dieſe Steuer iſt nach Verhältniß der Bebölke— rung verſchieden: Die Hausthüren und Fenſter in der Gemein— de unter 5000 Seelen bezahlen für jedes der ſel⸗ ben 20 CEentimen.(4 Sols). In Gemeinden von 6 bis 20000 Seelen, 25 Centimen. —— 10— 25000—.— 300.L —— 25— 650000— 40— —— 50— 100000— 50— —— 1000oo und mehr— 60— Die Kutſchenthore, und die Thüren der Ma— gazine der Kaufleute ins Große, der Commiſſio— näre und Mäckler bezahlen doppelte Steuer. In den Gemeinden von mehr als 10000 Seelen ſollen die Fenſter des 5 4 und 5 Stocks und höher nur 25 Centimen bezahlen. Durch einen Beſchluß vom 20 Vend. des 7 J. werden die in Frankreich vom geſetzgebenden Corps erlaſſenen Geſetze im Betreff der unmittel— * RPEE baren Steuern auch auf die 4 neuen Departe— ments ausgedehnt, und ihre Anwendung beſtimmt. Dieſe Steuern ſind die Grund- Perſonal— Mobiliar- und Aufwandsſteuer. Die Grundſteuer wird jährlich in Frankreich von dem geſetzgebenden Corps und in den vier neuen De— partements der Betrag für dieſelben von der Re— gierung feſtgeſetzt, und von den Centralverwal— tungen(jetzt den Präfekten) auf die Cantons ver— theilt. Die übrigen gedachten Steuern werden in jedem Canton von einer dazu ernannten Bil— ligkeitsjury beſtimmt. Jeder Bürger muß ſich zu dem Ende in Gegenwart des Municipalagen— ten erklären: 1) über die Lage und den jährli— chen Werth ſeiner Wohnung; 2) über ſeinen Stand oder ſeine Profeſſion, den Belauf ſeines Gehalts, wenn er in öffentlichen Dienſten iſt, den Preis ſeiner Pachtung, wenn er ein Pachter iſt, und den Preis des Patents, das er bezahlt hat, wenn das Geſetz ihn dazu verpflichtet. 3) Ueber die Anzahl der Manns- und Frauensper— ſonen, die in ſeinem Dienſte ſtehen; J) über die Anzahl der Luruspferde, Mauleſel und Wä— gen, die er beſitzt; 5) endlich, ob er ehelos, verheiratet oder ein Wittwer iſt, und die Anzahl der Kinder, nebſt ihrem Alter, wenn er deren —— 94— hätte. Die Taxen eines jeden werden nun nach der abſoluten Mehrheit der Stimmen der Ge— ſchwornen beſtimmt, welche drei Gattungen von Steuerantheilen unterſcheiden ſollen. 1) Den Perſonalantheil; 2) den Mobiliarantheil und 5) die Lurusſteuer.— Der Perſonalantheil iſt allen Einwohnern gemein, außer den dürftigen, welche in die Klaſſe der Unſteuerbaren geſetzt ſind.— Er ſoll nicht weniger, als 50 Sols jährlich, und nicht mehr, als 120 Liv. betragen dürfen. Der Mobiliarantheil ſoll nur auf die öffentlichen und beſondern Salinen, auf die Erzeugniſſe des Kunſtfleißes, der Bodennutzung, des Handels und der Möbel, Fonds und überhaupt auf alle die Einkünfte, die der Grundſteuer nicht unterwor— fen ſind, gelegt werden. Dieſer Antheil ſoll alſo regulirt werden, daß er nicht weniger, als das Doppelte des Perſonalantheils beträgt, ſo daß ein Steuerbarer, der nach Verhältniß ſeines Ver— mögens einer perſönlichen Taxe von 10 Lib. un— terworfen iſt, nach dieſen nämlichen Vermögens— umſtänden zu nicht weniger als 20 Liv. Möbel— ſteuer angeſetzt werden darf.— Die Luxusſteuer ſoll ebenfalls allen Einwohnern gemein ſeyn, in Verhältniß der Anzahl ihrer Dienſtleute und der Pferde und Wagen, die zum Vergnügen dienen— nen — 98— Die Steuerbaren, welche Leute im Dienſte haben, ſollen als Zuſatz zu ihrem Perſonalantheil bezah— len: für eine Mannsperſon 5 Franken, für die zweite 12 Franken, und für jeden übrigen 24 Fran— ken; für eine einzige Weibsperſon einen Franken und 50 Centimen, für die zweite 5 Fr. und für jede andere 6 Franken. Die Taxe ſoll auf die Hälfte herunter geſetzt werden, in den Gemein— den von 5000 Seelen und darunter. Von obi— ger Taxe ſind ausgenommen die Lehr- und Hand— werkspurſche, die bezahlten Leute, die einzig und allein zum Anbau, zum Pflug oder zum Viehhü— ten gebraucht werden, und diejenigen, welche älter als 60 Jahre ſind. Ferner ſollen als Zuſatz zu ihrem Antheil in den Gemeinden über 50000 See— len, die Steuerbaren, welche Luxuspferde und Wagen halten, bezahlen: für jedes Pferd zum Reiten 6 Franken; für ein Pferd, das gewöhn— lich an der Kutſche oder am Cabriolet geht, 24 Fr.; für das zweite 48 Fr., und ſo ſtufenweiſe für die übrigen, indem man für jedes Pferd um 24 Fr. die Taxe erhöht. Für jedes Cabriolet mit 2 Rädern 50 Fr.; für jede Kutſche mit 4 Rädern 120 Fr. Die Taxen ſind in den Ge— meinden von 5000 Seelen und darunter bis auf 10000, nur halb ſo ſtark. In denen von 200000 Seelen und darunter ſoll nur das Quart bezogen werden. Um die Koſten der Verwaltung jedes Depar— tements zu beſtreiten, hat man nun noch auf jeden Frank der zu zahlenden Steuer ein Auf— geld eingeführt, unter dem Namen der Zuſa— centimen.(Centimes additionels.) Der Betrag derſelben wird von dem Regierungscom— miſſair beſtimmt. ſeehrere andere ehemals vom Directorium erlaſſene und mit großer Strenge ge— handhabte Verordnungen, werden jetzt auf dem linken Rheinufer nur wenig mehr beobachtet, an— dere ſchlafen unvermerkt ein. So war noch gegen Ende des Kriegs das Nichttragen der National— Cocarde am Hute ein Vergehen, das oft mit Ge— fängnißſtrafe belegt wurde, welche oft ſelbſt Frauen— zimmer erlitten, wenn ſie dies Zeichen der Freiheit nicht trugen, aber jetzt ſieht man gar nicht mehr darauf, Frauenzimmer tragen ſie gar nicht mehr und die Männer laßen ſie häufig auch weg. Nur beim Militaire exiſtirt ſie allgemein. Auch die Fremden waren ehemals gewiſſermaßen genöthigt die franzöſiſche Cocarde zu tragen, da ein allge— meines Geſetz es verordnete, obgleich es im Grunde ſeltſam iſt, zu verlangen, daß ein Ausländer das Zeichen einer ihm fremden Nation führe. Indeſſen that man es, um das Geſetz zu beobachten und den allenfalls möglichen Fragen der Polizeybedien— ten auszuweichen, die, wenn ſie auch mit weiter keinen übeln Folgen verbunden waren, doch immer unter die Unannehmlichkeiten gehörten. So wie alles bei den Franzoſen dem Wechſel unterworfen iſt, ſo auch dieſe Coearden. Man ſahe ſie von der höchſten möglichen Größe, die eine Cocarde erreichen kann, bis zu einem preußiſchen Groſchen verkleinert. Unter dem Directorium konnte die größere oder mindere Menge der weißen, oder ehe— maligen königlichen Farbe hier und da der Auf— merkſamkeit der eifrigen Republikaner nicht entge— hen, und einmal entließ ein General den Befehl, daß Weiße in der Mitte derſelben nicht zu groß zu tragen. Uebrigens haben viele Kaufleute durch den Handel mit dieſen Cocarden große Summen berdient. Wenn die Kaufleute fanden, daß es an Abſatz mangelte, oder die Mode ſie zu tragen ab— zunehmen ſchien, ſo wußten ſie es hier und da dahin zu bringen, daß das Tragen derſelben aufs Neue eingeſchärft wurde, und alle Welt lief neue Cocarden zu kaufen⸗ Wichtiger, als jede andere Verordnung iſt diejenige, welche eine neue Gerichtsordnung feſt, 70 7 2 — 90— ſetzt. Das Directorium beſchloß unterm 14 Bru— maire des 6 Jahres die Einführung der auf den Grundſätzen der Conſtitution des 5 Jahres in Frankreich beruhenden Juſtitzberfaßung auch in den 4 neuen Departements, welcher Beſchluß am 4 Plubv. deſſelben Jahres vom General- Commiſſaire bekannt gemacht und in Vollzug geſetzt wurde. Der 8 Titel der Conſtitution des 5 Jahres: Von der richterlichen Gewalt ſtellt zu⸗ vörderſt jene ehrwürdigen Grundſätze auf, die eines aufgeklärten Zeitalters, der Menſchlichkeit und Gerechtigkeit würdig ſind. Dieſe Grundſätze ſind mit dem Umſturz dieſer Conſtitution nicht ver⸗ nichtet worden. Sie leben noch in den Geſetzbü— chern, nach welchen die Tribunäle ſprechen, und in den Herzen der Freunde der Menſchheit und der Richter, die mit weniger Ausnahme in den vier Departements das Lob der Rechtſchaffenheit, der Gerechtigkeitsliebe und Menſchlichkeit haben. Das Richteramt, ſagt die Conſtitution, iſt von jenem der Verwaltung unterſchieden, und bleibt auf immer davon getrennt; die Richter kön— nen unter Strafe des Pflichtbruchs die Verwaltun⸗ gen in ihren Verrichtungen keinesweges hindern, noch die Mitglieder der Verwaltungen wegen ihrer Amtsverrichtungen vor ſich fordern laſſen. Die Sitzungen der Gerichte ſind öffentlich, die Richter berathſchlagen insgeheim; die Urtheile wer— den mit lauter Stimme verkündet, und müſſen die Bewegungsgründe nebſt den Worten des angewand— ten Geſetzes enthalten. Alle Bürger ſind vor dem Geſetze gleich,— jeder Vorzug eher, als ein anderer gerichtet zu werden, iſt eine Ungerechtigkeit; alle Privilegien in der Gerichtsbarkeit hören auf; alle Bürger „ohne Unterſchied, rechten in gleichen Fällen vor dem nämlichen Richter und in der nämlichen Form; jeder Bürger hat das Recht, ſeine Sache ſelbſt mündlich oder ſchriftlich zu vertheidigen. Das Recht der Bürger ihre Händel durch ſelbſt gewählte Schiedsrichter ſchlichten zu laſſen, darf nicht geſchmälert werden. Die Entſcheidung der Schieds— richter iſt weder der Appellation, noch der Caſſa— tion unterworfen, wenn es ſich die ſtreitenden Parthieen nicht ausdrücklich vorbehalten haben. Die Gerechtigkeit wird unentgeldlich verwaltet.“ Drey Inſtanzen ſcheinen den Erforderniſſen eines guten Verfahrens angemeſſen zu ſeyn.— Die beyden erſten unterſuchen und richten über die Ma— terie des Streits, die öte blos über die Beobach— — 100— tung der durch die Geſetze vorgeſchriebenen Form des Ganges der Procedur.— Nach dieſem Prineip die neue Geſetzgebung in Frankreich die In⸗ hat Die erſte wird durch die ſtanzen abgeſtuft.— Tribunäle der erſten Inſtanz gebildet— alle Rechtsſtreitigkeiten, deren Gegenſtand den Werth von 100 Franken überſteigt, werden bey ihnen anhängig gemacht.— Die ate beſteht aus den Appellations Gerichtshöfen,(Tribunaux d'appel) an ſie wird von den vorigen appellirt. — Die öte und höchſte Inſtanz, iſt das Caſſaz tions-Gericht.(Tribunal de Cassation) Es beſchäftiget ſich blos mit der Unterſuchung der Beobachtung der Formalitäten, und caſſirt die Ur⸗ theile, die ſich auf ein unregelmäßiges Verfahren ſtützen, oder in irgend einem offenbaren Wider⸗ ſpruch mit den Geſetzen ſtehen.— Die Vertheilung der Gerichts Sprengel dieſer Tribunäle iſt folgende — Jedes Departement iſt in eine gewiße Anzahl Bezirke, die im Anfange der Revolution Diſtrikte genannt wurden und jetzt Gemeindebezirke heißen, eingetheilt; Jeder dieſer Bezirke hat ſein Tribunal erſter Inſtanz und die Anzahl dieſer Be⸗ zirke für jedes Departement ſchwankt nach der Be⸗ völkerung deſſelben zwiſchen 2 und 6.— Zu dem Gerichts Sprengel der Appellations⸗Gerichte ge— C. 101—— hören 2 bis 5 Departementer.— Die Gewalt des Caſſations-Gerichts erſtreckt ſich über das ganze Reich.— Auf dieſe Weiſe iſt die Leichtigkeit der Rechtsverfolgung durch keine allzugroße Entfernun— gen von dem Wohnorte des Bürgers geſtö'rt.— Streitigkeiten von geringerem Werth werden von den Friedensrichtern, deren in jedem Gemein— debezirke mehrere ſind, entſchieden.— Dieſe bilden auch die Vermittelungs-Kammer(Cham⸗ bre de Conciliation), vor welche jeder Rechts— Streit zuerſt gebracht werden muß, um ihn ſogleich wenn es möglich iſt, durch den Vergleich auf dem Wege der Güte zu heben.— Für den Handels— Stand ſind in den meiſten Staͤdten von Bedeutung Handels-Gerichte(Tribunaus de Com- merce) mit einem ihnen angewieſenen Gerichts— Sprengel fetzgeſetzt.— Ihre Appellations-Inſtanz iſt bey dem Appellations-Gericht des Departements, worin ſie ſich befinden. Dies iſt im allgemeinen die Verfaſſung des Juſtiz- Weſens in Rückſicht der Civil, Gerichtshöfe.— Was die Criminal-Juſtiz betrift, ſo iſt in jedem Departement ein peinli— cher Gerichtshof, welcher größtentheils im Hauptort deſſelben ſeinen Sitz hat; die Friedens⸗ richter leiten in den meiſten Fällen die Procedur ein— von den Ausſprüchen dieſer Gerichtshöfe — 102— wird an das Caſſations-Tribunal appellirt und ein zum Tode Verurtheilter kann ſich über das noch an den Kaiſer wenden, denn dieſer hat nach einem neuen Geſetze das Begnadigungs-Recht.— Für Polizeyvergehen iſt in jedem Bezirk ein eigenes Gericht unter der Benennung: Zuchtgericht (Tribunal de Police correéctionelle) nieder⸗ geſetzt, welches von den Richtern des Tribunals erſter Inſtanz gebildet wird.— Was die Wirkungs- Befugniſſe dieſer verſchiedenen Tribunäle betrift, ſo iſt vor allen Dingen zu bemerken, daß alles was zur Admini— ſtration gehört, alſo das ganze Cameral- und Polizeyfach gerade wie im Preußiſchen, in Bayern ꝛc. gänzlich von dem Juſtizweſen getrennt iſt.— Fer⸗ ner haben die franzöſiſchen Richter faſt gar keine freywillige Gerichtsbarkeit.— Alle hierauf ſich beziehende Geſchäfte werden von den Notarien in Richtigkeit gebracht, welche deshalb in Frankreich in einem viel größern Anſehen ſtehen, als irgend— wo; denn von ihnen werden alle mögliche Ver— träge, Vergleiche, Rechnungsablegungen, teſta— mentariſche Verfügungen geſchloſſen; das Geſetz zeichnet ſie völlig als Männer des offentlichen Zu⸗ trauens aus, und weil ſie die Hauptſtützen des bürgerlichen Wohlſtandes und Glücks ſind, ſo 2 —— 105—— werden ſie für jede Abweichung von ihrer Beſtim⸗ mung deſto härter beſtraft; das Gebiet des Rich— ters erſtreckt ſich nur über ſtreitige Angelegenheiten. — In Pupillenſachen und ähnlichen Angelegenhei⸗— ten iſt die Dazwiſchenkunft des Friedensrichters von geſetzlicher Nothwendigkeit.— Dem Hypotheken— weſen ſtehen beſondere Beamte vor, welche Con- servateurs d'Hypotheques genannt werden— die Advokaten betreiben den Rechtsſtreit vor dem Tribunal und reden offentlich(plaidiren); ob⸗ gleich jeder Bürger befugt iſt, dies in Sachen, die ihn betreffen, ſelbſt zu tbun, ſo iſt doch das Recht, der Verhandlung Conclusionen und Pe— tita anzuhängen, dem Advokaten ausſchlieſſend von dem Geſetze ertheilt— die Gerichtsboten ſind angeſtellt, um die verſchiedenen Aktenſtücke den Parteyen officiell und authentiſch bekannt zu machen und die richterlichen Urtheile in Vollziehung zu ſetzen— Sie ſind beeidigt, und ihre Unter⸗ ſchrift hat öffentliche Beglaubigung— Sie Con⸗ cipiren viele gerichtliche Aufſätze, wie Wechſel— Proteſte, Oppoſitionsſchriften ꝛe. ſelbſt.— Eben deswegen müßen ſie, wie die Notarien und Advo— katen dem Staate Caution in Geld leiſten.— Die Richter werden vom Staate beſoldet und beziehen durchaus keine Sporteln. Den Advokaten und Ge⸗ — 4— 104 richtsboten werden ihre Arbeiten nach einer Preis; tabelle honorirt.— Die Oberaufſicht auf das geſammte Juſtizweſen wird durch den Groß,Richter(grand Juge) der auch zu— gleich Miniſter der Rechtspflege iſt, ausgeübt.— Sein Oberaufſichts-Recht erſtreckt ſich über alle Gerichtshöfe und über alle Perſonen, mit welchen ſie beſetzt ſind.— Er beforgt den Druck und die Ver ſendung der Geſetze und Regierungsbeſchlüſſe an alle Verwaltungs und Juſtizbehörden des Reichs. — Er correſpondirt mit den Tribunälen und legt dem Staats-Rath alle Fragen vor, welche ſich auf das Juſtizweſen beziehen und eine genauere Auslegung des Geſetzes erfordern.— Die Aufſicht über das Notarienweſen und die Ausfertigung von Zahlungsbefehlen für alle Ausgaben, welche die Rechtspftege veranlaßt, iſt ihm gleichfalls über— tragen.— Das Caſſations-Gericht hat das Recht der Cenſuren und der Controlle über alle Appel⸗ lations- und Criminal- Tribunäle.— Es kann, wenn bingreichende Veranlaſſungen vorhanden ſind, die Nahter von ihrem Amt ſuſpendiren und vor den Groß-Richter berufen, damit ſie ſich dort ver⸗ antworten.— Hat ein Gerichtshof die Gränzen ſeiner Befugniſſe überſchritten, ſo unterſucht eine Section des Caſſations-Gerichts, ob Grund zur — 109— Anklage gegen die fämmtlichen Richter vorhanden ſey, und im Bejahungsfall werden ſie von ihr vor das nächſte Criminal-Gericht geſchickt, um von dieſem gerichtet zu werden.— Die Appellations— Gerichte haben die Aufſicht über die ihnen unter— geordnete Tribunäle erſter Inſtanz— und dieſe über alle in ihrem Bezirk befindlichen Friedens, Gerichte.— Noch beſtehen in mehreren Departements des Reichs ſpezielle peinliche Gerichtshöfe, um beſonders Verbrecher gegen die Ruhe des Staats und die öffentliche Sicherheit zu richten.— Ich war Augenzeuge als vor dieſem Tribunal der große Prozeß der berüchtigten Räuber, Bande un⸗ ter Johann Bücklers(Schinderhannes) Anführung, im obenerwähnten großen Saale des Schloſſes öffentlich verhandelt wurde, der ſich mit dem To⸗ desurtheil von 20 der Angeklagten endigte, und deſſen Merkwürdigkeit wohl hier einer kleinen Er— wähnung verdient.— Unten an den Eingangs— thüren des Schloſſes ſtanden eine große Menge Soldaten, welche den Zugang beſetzt hielten.— Unten in einem Zimmer befanden ſich die Gefan— genen unter einer ſtarken Wache, wo ſie den An— fang der Sitzung des Gerichts erwarteten.— Eine Treppe höher in einem der Gemächer des — 106— erſten Stocks hatte ein Caffeeſchenk ſeine Wirth— ſchaft eingerichtet.— Es war voll gepfropft von Bauern, Soldaten und Weibern, welche Caffee tranken, Taback rauchten und frühſtückten. Ueber der Thüre ſtand:— Refraichissments! Die ſem Zimmer gegenüber war der Eingang in den Ge— richts Saal für die Richter, die Angeklagten und deren Vertheidiger. Eine Stiege höber gelangt man auf die Gallerie, wo man den ganzen Saal überſahe.— Nach einer kurzen Zeit erſchienen die Verbre— cher.— Eine Abtheilung Soldaten eröffneten ih⸗ ren Zug.— Es waren ihrer jedesmal etwa 29 an eine lange Kette geſchloſſen, deren Schlöſſer die Gensd'armes öffneten, welche ſie begleite⸗ ten.— Das Geſetz will, daß der Gefangene wäh— rend des Verhörs frey von Feſſeln ſeye. Sie traten mit der Tabackspfeife im Munde in den Saal, und lieſſen ſich auf den Bänken nieder.— Man brachte ihnen Caffee und andre Getränke; bald folgte ein zweiter, dann ein dritter Zug der Gefangenen, deren Anzahl überhaupt 65 war.— Zur linken ſaßen die größeren Verbrecher, zur rechten die minder Beſchuldigten.— Johann Bückler(genannt Schinderhannes) gieng an der Spitze eines dieſer Züge; ohne ihn zu kennen, — 107— würde man gleich gewußt haben, daß er die Haupt⸗ perſon unter ihnen geweſen ſeye.— Er trug eine grüne Jacke, lange grüne Beinkleider und einen großen dreyeckigten Hut in die Queere geſetzt.— Seine Haltung verkündigte mehr als einen gemei— nen Bauern: groß und wohlgewachſen, von einer ſanften Geſichtsbildung hatte er mehr Biegſamkeit und Anſtand als Leute ſeines Standes gewöhnlich zu haben pflegen.— Seine Art ſich auszudrü— cken war indeß nicht von der unterſchieden, die man gewöhnlich an Bauern hört.— Er ſetzte ſich an das Ende einer erhöhten Bank, ſtlützte ſein Geſicht auf die Hand und ſchien in Gedanken ver— ſunken zu ſeyn.— Seine Lebhaftigkeit verminderte ſich, je mehr das Verhör ſich dem Ende näherte und er dem Urtheile entgegen ſahe. Er fürchtete den ihn erwartenden Tod durch die Guillotine.— Mit großer Aufrichtigkeit geſtand er alles, was er und ſeine Gefährten thaten, in der Hoffnung ſein Schickſal dadurch gemildert zu ſehen. Er war minder grauſam als mehrere, die unter ihm ſtan— den, aber er konnte doch die Beſchuldigung: als ein feiger Räuber einem Weibe brennenden Zunder (Schwamm) unter die Arme gebunden zu haben, nicht ganz von ſich ablehnen. Er nannte die Zeu— gin, die dies ausſagte, ſeinen Todesbogel! Im — 108— Vorgefühl ſeines Schickſals, wollte er ſein Leben ändern, als er ſich unter einem fremden Namen bei den kaiſerl. Truppen in Limburg an der Lahn anwerben ließ. Aber er konnte ſeinem Schickſale nicht entgehen; er ward von Frankfurt aus an die franzöſiſche Juſtiz ausgeliefert. Nachdem die Gefangenen ſämmtlich angelangt und ihrer Ketten entledigt waren erſchienen die Richter. Als ſpecielles Tribunal beſteht es, außer den Richtern des gewöhnlichen peinlichen Gerichtshofes, aus drei Militairperſonen, zwei befonders ernannten Mitgliedern, einem Commiſ— ſair der Regierung und einem Gerichtsſchreiber (Greffier). Dieſes furchtbare Tribunal, von deſſen Ausſprüchen keine Appellation ſtatt findet, unter— ſcheidet ſich von dem gewohnlichen peinlichen Ge— richte dadurch, daß hier keine Geſchwornen über die Schuld oder Unſchuld des Angeklagten entſcheiden, ſondern die Richter ſelbſt, deren un— abänderliches Urtheil in den folgenden 24 Stunden vollzogen wird, wodurch es den Charakter eines Militairgerichts erhält. Nach einem ſehr geſchärf— ten peinlichen Geſetzbuche richtend, wird von die— ſem Tribunal jeder Einbruch und Straſſenraub, ſey der Gegenſtand, der geraubt ward, auch noch ſo klein, mit der Todes- oder langjähriger — 1209— Galeerenſtrafe belegt. Die Regierung ſetzte dieſe Tribunäle nach dem Frieden von Lüneville ein, um den überhandnehmenden Raub- und Mordſce— nen, die noch eine Folge des Krieges und der Revolution waren, ein Ziel zu ſetzen. Im ge— ſetzgebenden Körper und im Tribunat erhoben ſich zwar damals mehrere berühmte Redner und ach— tungswürdige Geſetzgeber gegen ihre Errichtung, aber die Mehrheit derſelben billigte den Vorſchlag der Regierung und es wurde beſtimmt, daß dieſe ſpeciellen Tribunäle bis 2 Jahre nach dem allge⸗ meinen Frieden dauern ſollten. Da dieſer allge⸗ meine Friede von kurzer Dauer war, ſo iſt ihre Wirkſamkeit von dem jetzigen Kaiſer aufs neue verlängert worden. Die Richter des peinlichen Gerichtshofes welche zugleich Mitglieder dieſes ſpeciellen Gerichts ſind, tragen ſcharlachrothe Mäntel über einem ſchwar— zen weiten Gewande, oder vielmehr beides in eins verbunden und eine runde ſchwarze Sammetmütze, die bei den Richtern mit zwei und bei dem Prä— fidenten mit vier darum laufenden goldnen Treſ— ſen beſetzt iſt. Sie ſitzen mit bedecktem Haupt, ſo wie die Militairperſonen, welche zu dieſem Gericht gezogen werden. In der Mitte des lan— gen Tiſches, der auf einer bretternen Erhöhung angebracht war, befand ſich der Stuhl des Prä— ſidenten, welche Würde der in Teutſchland be— kannte Schriftſteller Rebmann bekleidet. Auf einer der Stufen der Erhöhung ſtanden hinter einem kleinen Tiſche zwey Dollmetſcher, deren einer der Bürger Bleßmann aus Göttingen war. Sie überſetzten die in teutſcher Sprache geſche— henden Zeugenausſagen den franzöſiſchen Militair⸗ perſonen, welche Mitglieder dieſes Tribunals waren. Dem Tiſche der Richter gegenüber befan— den ſich die Vertheidiger der Angeklagten in ihrer Amtstracht. Dieſe beſteht aus einem wei⸗ ten ſchwarzen Rock, wie ihn in Teutſchland die lutheriſchen Geiſtlichen tragen, mit einer ſchwar— zen runden Mütze, von der Form derjenigen der Nichter, aber ohne Treſſen. Eine lange weiſſe Halsbinde hängt ihnen über die Bruſt herab. Hinter ihnen waren die Bänke für die Zeugen. Der Saalswar übrigens mit einer ſtarken Wache und einer Abtheilung von Gensd'armes beſetzt.— Als die Richter ſich auf ihren Sitzen niederge— laſſen hatten, geboten die Gerichtsboten(Huiſſiers) dem zahlreich anweſenden Publikum die Hüte ab— zunehmen, welches ſogleich geſchah. Es war eben am Zeugenverhör derer, welche für die Angeklagten ausſagten.(temoins à decharge). — 111— Der Zeuge wird von dem Gerichtsboten vor den Präſidenten gerufen, und ſchwört mit aufgehobe— nen zwey Fingern:„Ohne Haß und Furcht zu reden, die Wahrheit zu ſagen, die ganze Wahr— heit und nichts als die Wahrheit.“ Sonſt wer—⸗ den auch gewöhnlich den Zeugen, die zwey Ar— tikel aus dem peinlichen Geſetzbuche vorgeleſen, welche die Strafen gegen den falſchen Eid als Zeuge beſtimmen. Wer in einer Civilſache ein falſches Zeugniß ablegt, ſoll zu einer Zwangsſtrafe von 6 Jahren verurtheilt werden, wer aber über— wieſen wird, in einem Criminalprozeſſe ein ſol— ches abgelegt zu haben, ſoll mit einer zwanzig—⸗ jährigen Kettenſtrafe belegt und ſelbſt am Leben beſtraft werden, wenn der Beklagte, gegen wel— chen er als Zeuge aufgetreten iſt, zum Tode ver— urtheilt wurde.— Das öffentliche Verhör dieſer Verbrecher dauer— te beinahe 65 Wochen und ward endlich am 16 Nov. 2804 geſchloſſen und der Sonntag der 20 Nov. zum Ausſpruch des Urtheils beſtimmt. Schon am frühen Morgen verſammelte ſich eine große Anzahl Menſchen auf der Gallerie des Saales, ſo daß es den ſpäter Ankommenden ſchwer ward, Eintritts— Carten zur Gallerie zu erhalten, die von einigen Neugierigen mit Kronenthalern und Ducaten be— —= 112— zahlt wurden. Eine Menge Leute warteten vor dem Schloſſe auf die Eröffnung des Saales, um in demſelben einen Platz zu erhalten,(wozu kein Eingangsbillet nöthig war). Eine ſtarke Trup⸗ penabtheilung war in ſeinem Innern vertheilt und und endlich erſchienen die Angeklagten die, wie gewöhnlich, Erfriſchungen und Brot erhielten. Zohann Bückler betrug ſich mit einer anſtändigen Gelaſſenheit, während ſein Nachbar, der ſoge⸗ nannte Huſarenphilip, mit einer ſo großen Unbe⸗ fangenheit, als ob ihn Alles gar nichts angieng, ſein Frühſtück verzehrte. Das Gericht verſam— melte ſich nach 20 Uhr. Der Regierungs- Com— miſſair modificirte noch einige Punkte ſeines beim. Schluſſe der Vertheidigungsreden gethanen An⸗ trages zur Beſtrafung der Schuldigen, und ems pfahl beſonders Julie Bläſius, Bücklers Gelieb⸗ te, in Anſehung ihrer Jugend, ihres Tempera— ments und ihrer Liebe für den Vater ihres Kin— des zur mildern Strafe, da er bei ſeinem vorher— gegangenen Antrage auf ihren Tod geſtimmt hatte. Die Vertheidiger der Angeklagten wurden noch einmal gefragt, ob ſie noch etwas zu ſagen hät— ten, worauf einige der letztern äuſſerten, ſie über⸗ lieſſen ihr Schickſal der Gnade der Richter. Ein Rechtsfreund hielt noch eine kurze Rede, und das — 1153— Gericht entfernte ſich in ein anderes Zinmer, um den Urtheilsſpruch abzufaſſen, deſſen Hauptpunkte vermuthlich ſchon vorgearbeitet waren. Während mehrerer Stunden, die das Tribunal mit dieſem Geſchäft zubrachte, unterhielt ſich Bückler mit ſeiner Julie und liebkoſete das Kind, das er bald zum letztenmale das ſeinige nennen ſollte. Eben ſo zärtlich war Reinhard, der ſchwarze Ja cob genannt, gegen ſeine drei Kinder, die er in ſeinen Armen hielt. Andere ſaßen gedankenvoll auf der Bank, und erwarteten den Moment, der über ihre Exiſtenz entſcheiden ſollte. Ein paar junge Frauenzimmer aus der Verſammlung der Zuſchauer ſammelten von den Anweſenden Geld für die Witt— wen und Waiſen derer, welche zum Tode verur— theilt werden würden. Endlich, als es ſchon dunkel zu werden begann, erſchienen die Richter wieder. Eine zahlloſe Menge erfüllte den weiten Saal, und unwillkührlicher Schauder mußte jeden Menſchen von Gefühl in dieſem furchtbaren Augen⸗ blick ergreifen. Der Präſident, Hr. Rebmann, las das lange Urtheil über 65 Angeklagte in fran— zöſiſcher Sprache ab, und erklärte dann mit kur⸗ zen Worten den Verurtheilten ihr Schickſal. Zwan— zig Menſchen traf das Todesloos; 7 wurden zur Kettenſtrafe auf 24 Jahre, 5 zur Kettenſtrafe auf 8 —— —.— 114— 22 Jahre, unter denen Bücklers Vater war, 1 zur Kettenſtrafe auf 14 Jahre, 5 zu der ſelben auf 10, 1 auf 8 und 1 auf 6 Jahr zur Kettenſtrafe verurtheilt. Die Geliebte Bücklers ward nebſt 2 andern Weibern zu zweyjährigem Gefängniß verurtheilt; 19 wurden ganz in Freiheit geſetzt— Mehrere der zum Tode Verdammten hörten ihr Urtheil mit Gelaſſenheit an; Bückler und andere wollten noch reden, wurden aber abgeführt und einige der zur Galeerenſtrafe Verurtheilten fluchten und ſchimpften. Die zum Tode Verdammten wur— den an einer Kette in das Gefängniß zurückge⸗ bracht. Abends nach 7 Uhr war das Ende der Sitzung⸗ Dem wohlwollenden Freunde der Menſchheit konnte der Anblick dieſer großen Anzahl von Ver— brechern und das harte Schickſal eines großen Theiles derſelben nichts anders als Bedauern und Betrachtungen über das Mangelhafte unſerer ge— ſellſchaftlichen Verfaſſungen erwecken. Die meiſten derſelben waren junge Leute, die während der ſchrecklichen Scenen, welche der Krieg veranlaßte, ohne Unterricht und Erziehung aufwuchſen. Meh— rere hatte die bitterſte Armuth, die Zerſtörung jeder Nahrungsquelle durch den Krieg oder auch nur die Furcht vor den Anführern der Räuberbande EE 4 in eine mehr oder minder ſtrafbare Verbindung mit ihnen gebracht, wofür ſie hart büßen muß— ten. Die Anarchie, welche ſo lange in den Ge— genden herrſchte, die ſo lange der Schauplatz des Krieges waren, die Lähmung jeder obrigkeitlichen Gewalt begünſtigten dieſe Menſchen auf dem Pfade fortzuwandeln, den ſie einmal betreten hatten— Sie würden das Maaß ihrer Verbrechen nicht ſo haben anhäufen können, wenn Ordnung, Friede und Ruhe im Lande geherrſcht hätten. Dann würde man ihren Gewaltthaten bald ein Ziel zu ſetzen vermocht haben, und manche, wel— che jetzt auf dem Schafot verbluteten, hätten nach einer mildern Strafe ihrer Vergehungen wieder zu reuigen und rechtlichen Menſchen wer— den können. Der Menſch iſt das, was er iſt, durch Erziehung, Unterricht und Beiſpiel; erſtere fehlten ihnen ganz und die Thaten wüthender und verheerender Soldaten, waren ihnen kein edles Muſter. Uebrigens koſtete dieſer Prozeß der Republik eine ſehr große Summe, die man auf eine halbe Million Franken berechnete. Bei der Unterſu— chung wurden ohngefähr 200 Zeugen abgehört, deren jeder täglich 5 Franken, während ſeiner Anweſenheit in Mainz und 5 Sols Reiſekoſten für jede Stunde erhält. Die Vertheidiger der Angeklagten, welche die Regierung verordnet hatte, erhielten für jedes Verhör, nach der Taxe, 12 Fran⸗ ken und für jeden Bogen Akten, den ſie durchleſen mußten, 50 Sols. Dieſe Unterſuchungsakten, welche von der vorhergegangenen Special-Inqui⸗ ſition der Beſchuldigten herrührten, wobon das öffentliche Verhör jedesmal die Wiederhoh— lung iſt, waren in 5 Foliobänden, in teutſcher und franzöſiſcher Sprache gedruckt, da, ſie abzu⸗ ſchreiben, die Koſten noch bedeutend vermehrt ha⸗ ben würde. Zu einigem Erſatz derſelben dient das Vermögen derer, die verurtheilt werden, wel⸗ ches confiscirt wird. Die Gehalte der Richter bei den Tribunälen ſind zum Theil nicht ſo anſehnlich, als derer bei den meiſten teutſchen Gerichtshöfen. Sie werden nach der Größe der Städte bezahlt, worin die Tribunäle ihren Sitz häben deſſen Mitglieder ſie ſind. Er ſteigt bei den Richtern der Tribunäle erſter Inſtanz von 2000 Franken auf 1500 1800 und in den größten z. B. Bourdeaux, Mar⸗ ſeille, Lyon bis zu 2400 Franken. Die Präſi⸗ denten erhalten die Hälfte mehr, und die kaiſerli— — 117— chen Generalprocuratoren, ehemals Commiſſaire der Regierung genannt, ebenfalls die Hälfte mehr als die Richter. Die Hälfte des geſammten fixen Gehalts der Präſidenten, Vicepräſidenten und an— derer Richter ſoll, nach der Verordnung, in eine Maſſe gelegt, und in Beiwohnungsgebühr (droit d'assistance) vertheilt werden: der Suppleant, der einen Richter erſetzen wird, er— hält davon die Beiwohnungsgebühr⸗ Die Richter der Appellationsgerichte ſteigen nach der Größe der Sitzungsorte dieſer Tribunäle in ihren Beſoldungen von 1400 Fr. auf 2000, 5000, 5600, und auf 4200 Fr. in den Städten Bourdeaux und Lyon.— Die Rich⸗ ter der peinlichen Gerichtshöfe erhalten nach eben dieſem Verhältniſſe 2000 Fr. 2400, 53000, 5600 bis 4200 Fr. Der Präſident des Criminalgerichts erhält die Beſoldung eines Ap⸗ pellationsrichters, und als Zuſchuß die Hälfte der Beſoldung eines Richters des Crimi— nalgerichts. Ein öffentliches Blatt des Departements vom Donnersberg klagt über die Zunahme der Geſchäfte dieſer Gerichtshöfe und daß ſich die Verbrechen auf eine furchtbare Art häufen.„Man ſollte ſagen, daß ihre Menge mit der Menge der Geſetze wächſt, 118 welche ihnen zu begegnen beſtimmt ſind. Doch iſt dieſe Menge von Verbrechen nicht immer ein Be⸗ weis der wachſenden Immoralität eines Volkes. Es iſt eine Wahrheit, die beherzigt zu werden verdient, daß die Maſſe deſſelben mit einem großen Theile der Geſetze erſt in dem Augenblicke bekannt wird, wo ſie dieſelben übertritt und durch den Ausſpruch des Gerichts die geſetzliche Strafe empfängt. Dies iſt größtentheils der Fall mit den Geſetzen und Verordnungen, welche das Verbot der Aus und Einfuhr der Waaren betreffen— Eine Menge Menſchen ſitzen in den Gefängniſſen die der Verfälſchung angeklagt wurden. Zu die— ſem Vergehen, welches die Geſetze mit ſo vieler Strenge ſtrafen, gab die Conſeription Anlaß. Man veränderte das Datum eines Taufſcheins mit einem Leichtſinne„der ſich nicht anders, als durch die Unbekanntſchaft der Menſchen mit dem Geſetz erklären läßt, welches die Handlungen der Ver— fälſchung beſtimmt und die Strafe für dieſelbe feſtſetzt. Manche dieſer Vergehungen wurden ſogar aus einer guten Abſicht begangen, wenn anders der Uebertretung eines poſitiven Geſetzes, das oft nicht ſeinem ganzen Inhalte nach bekannt iſt, eine gute Abſicht zum Grunde liegen kann. So verfälſchten manche junge Leute, welche über das — 119— Alter der Conſcription hinaus waren, ihre Tauf— ſcheine, um, bei dem hohen Preiſe, den man für die bezahlte, welche einen Con ſcribirten erſetzten, fähig zu ſeyn, für einen andern einzutreten, den das Loos traf. Die Erklärung: daß die vier rheini⸗ ſchen Departements mit Frankreich vereinigt ſeyen, und einen integri⸗ renden Theil der Republik ausmachen ſollen, erfolgte am 27 Febr. 1801, An die⸗ ſem Tage hielt der geſetzgebende Körper der Re⸗ publik eine außerordentliche Sitzung, worin der Staatsrath Röderer den darauf Bezug haben⸗ den Geſetzesborſchlag der Regierung vorlegte. Dieſer Vorſchlag wurde dem Tribunat zugeſandt, das ihn adoptirte und am 9 März wurde derſelbe vom geſetzgebenden Körper discutirt und mit Aus⸗ nahme einer einzigen Stimme angenommen. In⸗ deſſen wurde denn doch beſtimmt, daß die ſämmtli⸗ chen Geſetze und Verordnungen der Republik in den Departements des linken Rheinufers erſt zu der Zeit eingeführt werden ſollten, wenn es die Regierung für gut finden würde und zufolge ihrer deshalb zu nehmenden Beſchlüſſe. Die Einführung re W — 120— der franzöſiſchen Conſtitution in ihrem ganzen Um— fange geſchah hierauf im folgenden Jahre 1802 und die Gültigkeit ſämmtlicher franzöſiſcher Geſetze begann mit dem 26 Sept. 1802.(1 Vendemiaire zoten Jahres) Der General-Commiſſaire der Regierung in den 4 neuen Departements legte, dem vorhergegangenen Beſchluſſe vom 50 Jun. zufolge, ſein Amt als ſolcher nieder und ſetzte ſeine Ver— richtungen blos als Präfekt des Donnersberger Departements fort. Gegenwärtig bekleidet dieſe Stelle, wie ſchon angeführt wurde, Hr. Jean Bon St. Andrs. Zur Erhaltung der allgemeinen Ordnung, der öffentlichen Sicherheit der Perſonen und des Eigen— thums, zur Verhütung der Verbrechen und zur Vollziehung der Beſchlüſſe der Verwaltungs- und richterlichen Gewalten dient die auf den Fuß, wie in den andern franzöſiſchen Departements organiſirte National-Gensd'armerie. Dieſes Corps wurde im Jahr 1802 durch den Brigadegeneral Virion organiſirt. Es beſteht aus 2 Eskadrons, welche die 49 und Soſte der geſammten National— Gensd'armerie ſind. Die erſte liegt in den De— partements der Roer und des Rheins und der 121— Moſel; die andere in denen der Saar und des Donnersberges. Man hat dieſem Corps durch ein ſchöones Aeußere das Imponirende zu geben geſucht, wel⸗— ches den Vollſtreckern der Geſetze ſo nöthig iſt. Es ſind zu dieſem Corps die ſchönſten Leute aus der franzöſiſchen Armee ausgeſucht worden. Sie tragen eine blaue Uniform mit rothen Rabatten und Aufſchlägen und gelbe tuchene Unterkleider, rothe Federbüſche und dreifärbige Achſelſchnüre. Dieſe Uniform und ihre Pferde müſſen ſie ſich ſelbſt anſchaffen. Ihre Gage beträgt cäglich 5 Livres, wofür ſie auch ihr Pferd ernähren müſſen. Außer dieſem Gehalt fließen ihnen noch andere kleine Hülfsquellen zu, z. B. Exekutions— koſten ꝛce. Auch wiſſen ſich manche auf weniger rechtmäßige Art kleine Einnahmen zu verſchaffen. Sie haben das Recht, auf Landſtraßen und in den Gaſthöfen den Reiſenden nach ihren Päſſen zu fragen, wogegen aber auch der Reiſende be— fugt iſt, von ihnen zu verlangen, ihre Autoriſa— tion(Commiſſion) ihm ſchriftlich zu beweiſen— Sie begleiten die Verbrecher aus den Cantons an die Sitzungsorte der Tribunäle, und aus dem Gefängniß vor das peinliche Gericht. Jede Eska— dron Gensd'armerie beſteht aus 2 Compagnieen, ſo daß auf jedes der vier Departemente eine Com⸗ pagnie kommt, welche von einem Capitain und vier Lieutenants commandirt wird. Sie iſt in 25 Brigaden getheilt, jede von 2 Mann und einem Unterofficier, wovon allemal zwei im Haupt— orte, die andern aber in den kleinern Gemeinden liegen. Das Hauptquartier des Brigadechefs iſt Coblenz. Der Eskadronschef der 49u Eskadron wohnt zu Kölln; der der 50n zu Mainz, Durch einen Beſchluß des Directoriums vom 9 Praireal des 6 Jahres wurde verordnet, daß die bisher an den alten Grenzen Frankreichs be— ſtehende Douane oder National, Mauth von da bis an den Rhein verlegt werden ſolle, welche Verlegung auch wirklich am 25 Meſſidor des 6 J. vor ſich gieng. Die Hauptdirection dieſer Douane ſitzt in Paris; in den vier neuen Departements wird ſie von zwei Directeurs verwaltet, die in Mainz und Kölln ihren Sitz haben. Seit dem nun die Zollſtätten bis an den Rhein vorgerückt ſind, hält dieſen Fluß von der Schweiz bis nach Holland eine Kette von Aufſehern beſetzt, die in einem ewigen Kriege mit den Eingebohrnen, Grenznachbarn und Reiſenden leben, welche ſich den neuen Mauthanordnungen zu entziehen oder ſie — 123— zu übertreten ſuchen. Mehr als irgend eine an— dere politiſche Einrichtung machte dieſe die Ein— wohner der vier neuen Departements ihrer neuen Regierung abgeneigt, da ſie die gewohnten Nah— rungsquellen verſtopfte und dem Commer; Ein⸗ ſchränkungen auferlegte, die man vorher nicht kannte. Mit dieſer Einführung der Mauth entſtand nun am Rhein ein neues ſtrafbares Gewerbe: die Einführung verbotener Waaren oder wie man es hier nennt: das Smuggeln. Auf dem rechten Rheinufer ſind faſt in allen Orten Kaufleute und andere Perſonen, die ſich gegen Zahlung von 8— 10 pro Cent,des Werths der Waaren, damit abgeben, ſie auf das linke Rheinufer hinüber zu ſchaffen, und gegen dieſe Abgabe auch für deren Verluſt haften, oder ſie aſſecuriren. Sie haben in ihrem Solde eine Menge Männer, Weiber und Kinder, die auf mannichfaltigen Wegen die ver⸗ botenen Waaren nach Frankreich zu ſchaffen be⸗ müht ſind. Kichts konnte mehr zur Corruption der gerin⸗ gern Volksclaſſe am Rheine beitragen, als dieſes mit Einführung der Douane entſtandene Gewerbe des Smuggelns. Beſtändig in Spannung und Aufmerkſamkeit, ſtets für ihre Exiſtenz und ihre E 124—— Waaren beſorgt, entwickelt ſich in dieſen Menſchen, ein Hang zum Betrug, zur Liſt und ſelbſt zur gewaltſamen Ausführung ihrer Plane, der zur Leidenſchaft bei ihnen wird. Von aller Moralität ſich nach und nach entfernend, iſt Eigennuz ihr höchſtes Ziel. Sie betrügen den Kaufmann um ſeine Waare, die er ihnen zum Smuggeln an— vertraut hat, wenn ſie mehr Gewinn beym Ver— rath ſehen, und gehen dann, wenn das Ver— trauen zu ihnen verlohren iſt, an mühſamere Be— ſchäftigungen nicht mehr gewöhnt, unter die Com⸗ mis, wo ſie nun gute Dienſte thun können, weil ſie die Wege kennen, auf welchen man verbotene Waaren einbringt. Das Ungeſetzmäſſige des De— fraudirens läßt tauſend Modifikationen des Be— trugs zu, gegen welchen keine Klage ſtatt findet, und dieſe Contrebandiers, den Geſetzen und der Strafe entzogen, thun nun Alles, was ihnen ihr Intereſſe eingiebt, wenn im bürgerlichen Leben die Furcht vor der Strafe ſie vor Unredlichkeit und Betrug zurückhält. Roch verderblicher iſt dies Geſchäft für die aufwachſende Generation. Die Aeltern, vom Ge— winn gelockt, leihen ihre Kinder zum Defraudiren her; ſchon früh werden ſie zur Liſt und zum Be⸗ trug gereitzt, ſo wie der in dieſen Gegenden ſo — 125— lange dauernde Krieg ſie an Härte, Grauſamkeit und Mangel an Mitleid gewöhnt hat. Ohne Un— terricht gehen ſie jetzt dem Smuggeln nach, ſo wie ſie vor einigen Jahren den Krigsauftritten nachliefen. Unter Soldaten, Canonendonner und Mordſcenen aufgewachſen, dann zu den Defrauda— tionsränken angeführt, kann dieſe Generation der niedern Volksclaſſe, nicht anders, als höchſt ver⸗ derbt werden, und wird Alles zu unternehmen fähig ſeyn, wozu Gewinnſucht und andere Leiden⸗ ſchaften ſie anreitzen werden. „Bedarf Frankreich der prohibitiben Handels⸗ Geſetze und folglich einer Mauth(ſagt die gut⸗— geſchriebene Mainzer Zeitung,) dann iſt der Ge— ſetzborſchlag, das Smugglen mit bewaffneter Hand betreffend, eine Wohlthat— halbe Masregeln verderben gewöhnlich mehr als ſchlechte.— Der offenbare Krieg einiger Bürger des Staats mit den Geſetzen deſſelben, iſt ein Scandal, das an Häßlichkeit nur von dem übertroffen wird, welches das glänzende Schauſpiel des Aufwandes einiger Menſchen giebt, deren Reichthum, und damit ver⸗ bundene Auszeichnung und Gemächlichkeiten des Lebens— die Frucht verletzter Geſetze, dem Elende derjenigen Hohn ſpricht, welche dieſe Ge⸗ ſetze achten.— — — 126— Die prohibitiben Handelsgeſetze und die Mauth, ſagt man gewöhnlich, ſeyen ein Krieg der einhei— miſchen Induſtrie mit der des Auslandes.— Ich weiß nicht, ob die Induſtrie ſich ſolcher Waffen bedienen ſoll, oder ob ſie ihr nützen; aber einen Krieg ſieht man, und zwar einen Krieg, von dem man noch mit größerem Rechte, als von dem Kriege zwiſchen Nationen behaupten kann, jeder Sieg ſey eine Niederlage; denn auf vaterländi— ſchem Boden nur wird er geführt, und der ge— ſchlagene iſt immer ein Bürger des Staates, weil der Abnehmer einer Waare dieſelbe doch am Ende mit allen Laſten, die auf ihr ruhen, bis ſie in ſeine Hände kömmt, bezahlen muß.— Er ſteht zwiſchen der durch das Verbot vertheuerten, und zwiſchen der durch das Monopol im hohen Preiſe erhaltenen Waare in der Mitte.—“ Der Krieg kann im Lager und auf dem Schlachtfeld Tugenden erziehen.— Dieſer ſoge— nannte Induſtrie Krieg kann es nicht.— Er kann auf der einen Seite nur alle abſcheuliche Hilfsmittel des Betrugs, und auf der andern die, den Be— trug zu entdecken, entwickeln und verbvielfältigen. — Er iſt ein Krieg mit den Sitten; und in dieſer Rückſicht verdient er die ernſtliche Beherzi— gung des Geſetzgebers; denn Wunden, die dem ——— 127— Wohlſtande eines Landes geſchlagen werden, heilen ſchneller, als die der Moralität.— So iſt ein Bürger-Krieg.— Siegt in ihm der Smuggler, dann iſt es der infame Triumpf des Verbrechens über die Geſetze; Siegen dieſe, dann iſt ein Bür— ger des Staates das Opfer.— Man wird ſagen, die Geſetze wollten dieſen Krieg nicht, ſondern der Bürger wolle ihn, der ſich gegen ſie auflehnt. — Dies iſt ohne Zweifel wahr.— Aber die Weisheit eines Geſetzgebers beſteht vorzüglich darinn, dem Volke mit einem Geſetze ſogleich die Ueberzeugung zu geben, daß nur ſein Interreſſe daſſelbe nothwendig mache.— Mit dem gewöhnli— chen Kriege hat dieſer ſogenannte Induſtrie Krieg das gemein, daß die Gränzen der Schauplatz ſei— ner Verheerungen ſind.— Wenn demnach auch die National- Induſtrie durch die Mauth gewönne, welches ſehr gründliche Staatswirthſchaftsgelehrte noch beſtreiten, dann ſind die Gränzen dem In— nern, ein Theil dem Ganzen, und immer die Ab— nehmer dem Fabrikanten aufgeopfert.— In der Sitzung des Tribunats vom Gten Floreal 12ten Jahrs ſprach Pietet gegen die Mauth.— Die öffentliche Blätter haben uns ſeine Meinung in ihrem Reſultate, aber nicht mit allen Gründen, die er zur Unterſtützung derſelben anführte, mit⸗ 8 getheilt.— Pictet, der als ein gründlicher Den— ker bekannt iſt, und die Vortheile und Nachtheile des beſtehenden Mauthſyſtems in der Gegend, wo er lebte(in Genf) gegen einander abzuwägen, Gelegenheit hatte, führte die allgemeine Bedrük— kungen an, welche die Gränzbewohner von einer militairiſch- eingerichteten Mauth zu erdulden ha— ben; er ſprach von der Sittenloſigkeit, welche das Geld der Kaufleute, die mit großen Gewinn⸗— ſten verbotene Waaren einführen, nährt und be— ſoldet, und endlich von dem beträchtlichen Nach— theil, den die Abnehmer dadurch leiden, daß ſie ihre Konſumtionsartikel von Fabrikanten aus dem Innern zu beziehen gezwungen ſind, die als Mo— nopoliſten einen willkührlichen Preis auf ihre Waaren ſetzen.— Man beſtritt Pictet mit den Waffen, mit welchen es ſeit einiger Zeit Sitte geworden iſt,— alles zu beſtreiten, was mit haltbaren Gründen nicht leicht beſtritten werden kann; Grundſätze, abſtrackte Wahrheiten, hieß es, vermögten gegen die Erfahrung nichts.— Jene lieſen in Büchern- und Schulen gut.— Dieſe aber entſchied in der wirklichen Welt.— Pictet wohnte an den Gränzen; Er hatte alſo, was in der wirklichen, handelnden Welt alles iſt, eine unmittelbare Anſicht der Dinge.— — 129—— Mögten dieſe alle diejenige haben, die über das Wohl und Wehe von Menſchen entſcheiden, und die Wirklichkeit dem Eigenſinne eines Syſtems; einer Theorie zu unterwerfen geneigt ſind! Es liegt wenig daran, ob der Methaphyſiker das Weſen der Dinge ergründet.— Die Dinge blei⸗ ben, ſeinen Hypotheſen ungeachtet, was ſie ſind⸗ — Aber es iſt nicht weniger als gleichgültig/ wie Menſchen über die Bedürfniſſe und Rechte des Menſchen denken, welche dieſelbe zu beſtimk men und zu leiten haben.— „Die Regierung will gewiß das Beſte des Volks.— Sie wird keine Masregeln billigen, welche nicht zu dieſem Zwecke führen ſollen.— Darum werde ich mich auch nie überreden können, daß die gewaltſamen Masvegeln unſers Mauth⸗ Syſtems etwas anders, als eine prekäre Anſtalt ſind, zu welcher man im Kampfe mit der engli⸗ ſchen Induſtrie und dem engliſchen Monopolien⸗ Geiſte ſeine Zuflucht nahm.— Man griff nach jedem Mittel, den Stolz des brittiſchen Volkes zu demüthigen, die Quelle ſeiner Reichthümer abzuleiten, und ſeinen Handel, der alle großen Märkte der Welt zu verſehen anfieng, zu be⸗ ſchränken.— Sb die fränkiſche Geſetzgebung ohl— that, ſich in dieſen Kampf einzulaſſen, darf unſet 9 180— gekränkter Eigennutz, unſre dadurch verſchlimmerte Lage nicht beurtheilen.— Die Pflicht des Man⸗ nes der ſein Vaterland liebt, iſt dem Geſetze, den Verordnungen der Regierung zu' gehorchen, 9 aber auch dieſe, wo er es vermag, über ſeine Lage und die Lage ſeines Vaterlandes aufzu— klären.— Dieſe Epoche der Rivalität wird vorüberge— MNN hen.— England weiß wohl, um was es zu thun iſt.— Nicht Maltha, oder Egypten und das Vorgebirg der guten Hofnung gilt es, ſon⸗ dern die Superiorität ſeiner Marine, ſeinen Al— leinhandel.,.— Daher ſein ſchwankendes Betra— gen, weil der Krieg, wie der Friede ihm die⸗ ſelbe ungünſtige Ausſichten darbietet.— Die prohibitiven Geſetze werden aufhören.— Der ge— WI genwärtige Zuſtand, welcher ein Zuſtand des Krieges iſt, kann nicht dauern, kann unmöglich Zweck ſeyn, ſondern ein Nothmittel, das die 55 des Augenblicks aufdrang.— „Ohne ein Urtheil über das beſtehende Mauth— 2 2 — Syſtem fällen zu wollen, ohne die Entſcheidung zu wagen, in wie weit es ſeinem Zwecke ent- rricht, wil ich mich darauf einſchränken, einige / 9 Thatſachen anzuführen, an deren Zuverläßigkeit kein Sachkundiger zweifelt.— J. Die Rhein⸗ — 131— ſchiffe meiden, ſo viel es ihnen möglich iſt, ſie mögen Güter oder Menſchen führen, das linke Ufer, und Reiſende und Waaren-Niederlagen ſuchen die rechte Seite.— II. Der Capital— Werth der Häuſer von Orten auf der rechten Rheinſeite, welche Städten auf der linken gegen— über liegen, in denen die Schiffahrt und der Frachthandel ihre Ruheplätze und Ausladungs— punkte hatten, ſteigt in dem Verhältniſſe, in welchem er in den letztern fällt; III. Der bey weitem zahlreichere Theil der Aufkäufer der engli— ſchen Waaren in der Frankfurter Meſſe ſind Fran— zoſen; IV. Kaufleute an den Gränzen beziehen engliſche Waaren aus dem Innern von Frankreich. V. Die Bewohner des linken Rheinufers nehmen die verbotene Waaren auf dem rechten in verän— derter Geſtalt.— So laſſen ſich viele ihre Klei— dungsſtücke jenſeits machen, von denen ſie den unverarbeiteten Stoff nicht diesſeits bringen dör— fen; und die diesſeitigen Fabrikanten verlieren nicht nur ihre Abnehmer, ſondern der Schneider auch ſeine Kundlente u. ſ. w. hitter Ahſchen it Statiſtiſche Nachrichten über das Departement des Donnersberges. I franzöſiſche Regierung hat die Gelehrten in den Departements aufgefordert, durch Sammlun⸗ gen von geographiſch⸗ ſtatiſtiſchen Nachrichten über das Departement, worin ſie wohnen, Beiträge zu einer einſtigen vollſtändigen Geographie und Statiſtik von Frankreich zu liefern. Dieſer Auf— forderung haben mehrere Genüge geleiſtet, und ſchon beſitzt man von den eigentlichen franzöſiſchen Departements ſowohl, als von den durch Erobe— rung hinzugekommenen, Nachrichten, die dem Sta— tiſtiker von hohem Werth ſind, wenn gleich bei den mangelhaften Vermeſſungen und bei der Ver⸗ ſchiedenheit der Maaße, deren man ſich bediente, um die Lagerbücher vorläufig zu verfertigen, bis einſt eine allgemeine Vermeſſung Frankreichs ſtatt finden wird, in der Beſtimmung der Morgenzahl der Aecker, Wieſen, Waldungen ze— wohl viele Unrichtigkeiten mit unterlaufen mögen. Indeſſen iſt der erſte Grundſtein zu einer vollkommenern Erdbeſchreibung von Frankreich gelegt, und es iſt mit S icherheit zu erwarten, daß die Nachrichten darüber von Jahr zu Jahr mehr Genauigkeit und Vollſtändigkeit erhalten werden, da man von Sei⸗ ten der franzöſiſchen Regierung über dieſe Gegen— ſtände nicht ſo geheimnißvoll iſt, als es in vielen Ländern Teutſchlands bisher der Fall war⸗ theile hier einige das Donnersberger Departement betreffende allgemeinere ſtatiſtiſche Nachrichten mit, welche ich mit möglichſter Genauigkeit geſammelt und ausgezogen habe. Das Departement des Donnersbergs Dep. du Mont- Tonnére) deſſen Hauptort Mainz iſt, erhält ſeinen Namen von dem Donnersberge, der in ſeiner Mitte, etwa 7 Stunden bom Rhein bei Worms, und 10 Stunden von Mainz liegt. Zufolge eines Beſchluſſes des Regierungs Commiſ— ſaires vom 4 Plub. des 6 Jahres ſind ſeine Gränzen, gegen Often: Der Rhein, von Ger— mersheim bis Bingen, mit Inbegriff dieſer letztern Stadt; gegen Süden: Das Niederrheiniſche— und Moſel-Departement; gegen Weſten: Das rechte Ufer des Glanfluſſes, und eine von der Quelle dieſes Fluſſes bis an die Blies in der Richtung von Homburg nach Cloſterhof auf dem rechten Ufer derſelben gezogenen Linie; gegen — 137 Norden: Der Rhein und ein Theil der Nahe, längs dieſes Fluſſes bis zum Einfluß der Glan. Die größte Länge des Departements von Vinningen im Canton Pirmaſenz, bis Mombach im Canton Oberingelheim, beträgt 24 Stunden, auf einen Grad des Aequators gerechnet,) 10 Myriameter und 5 Kilometer. Die größ— te Breite von Niedergöllbach im Canton Moͤdels— heim bis Altripp im Canton Mutterſtadt beträgt 25 Stunden oder 10 Myriameter. Seine Form iſt ein Dreieck, das ſich von Sü— den gegen Norden zuſpitzt. In dieſer nordöſtli— chen Spitze liegt der Hauptort Mainz. In An— ſehung ſeiner Fläche kann man es in zwey CTheile abſondern, wovon der eine gebirgigt, der andere eben iſt. Dieſe Ebene, von bebaueten Hügeln 8 Mas durchkreuzt, die ſich längs dem Arme des Was⸗ gauiſchen Gebirges von Landau aus an den Don⸗ nersberg und von hier nach dem Rheingrafenſtein zieht, iſt, obſchon ſie weniger Ausdehnung hat, als der gebirgigte Theil, doch bei weitem der be⸗ volkerteſte und fruchtbarſte. Durch den Beſchluß des Regierungs-Commiſ-⸗ 925 e's vom 4 Plub. 6 J. wurde das Departement 57. Cantons eingetheilt, welche durch Zuſam⸗ menſchmelzung des Cantons Contwig mit Zwey⸗ brücken(nach einem Beſchluſſe vom 6 Floreal J.) auf 36 eingeſchränkt wurde. Durch die zu ſeiner Zeit(4 Pluv. 6 J.) gleichfalls beſchloſſene Gee— richtsordnung wurde das Departement in 4 Bezirke für die Zucht-Polizey-Ge⸗ richtsbarkeit abgetheilt, welche auch zu Ge— meindebezirken für die Verwaltungsge— ſchäfte beſtimmt ſind. Sie ſind: 1.) Der Be— zirk von Mainz; 2.) Der Bezirk von Speyer; 3.) Der Bezirk von Kaiſers⸗ lautern; 4.) Der Bezirk von Zwey— brücken. Zufolge der verſchiedenen Tabellen, welche Hr. Lehne*) über die Anzahl der Gemeinden, welche das Departement ausmachen, über die Bevölke— rung, Grundſteuer, Perſonal-Mobiliar- und Lu⸗ rusſteuer mittheilt, enthält daſſelbe überhaupt 666 Gemeinden, 325 Höfe, Mühlen ꝛc., eine e„ Seelen und bezaͤhlte 3 Bevölkerung von 558,165 im Sten J. an obigel. Steuern die Summe von 5,969,940 Franken, 55 Centimen, welche Sum— me nach den Staatsbedürfniſſen ſich jährlich ver— mehrt oder vermindert.— Die Bevölkerung der R “) S. deſſen biſtoriſch⸗ ſtatiſſiſches Jahrbuch des Dey vom Donnersberg für das J. 9. 139 Gemeinde Mainz und Caſtel,(welches letztere da— mals noch mit Mainz berbunden war) betrug nach dieſer Dabelle 21,615 Seelen. Dieſe Anzahl iſt in den letztern Jahren viel vermindert worden. Im ganzen Departement befinden ſich 61,329 Gebäude, und an Ackerland, Wieſen, Weinbergen und ödem Land enthält daſſelbe 1,519,575 Mor— gen, oder 51,669,752 Aren), den Morgen zu 24 Aren, wobei das Nürnberger Ackermaaß zum Grunde gelegt iſt. Hiervon beträgt das Ackerland Ju 756,597 Morgen; die Wieſen 905286 Morgen die Weinberge 50,51 Morgen und die Waldun⸗ gen 425,759 Morgen, wovon 256,275 Morgen Nationalwaldungen ſind. Nebſt dieſen Waldungen ſind noch im Canton Anweiler, im Zweibrücker Bezirk, 506 Morgen Kaſtanienwälder, wobon 14 in der Gemarkung des Hauptortes liegen. Die Gärten ſind in eini— gen Cantonen zu den Waldungen gerechnet. Was Was von den letztern nicht mitbegriffen iſt, beträgt beiläufig 17000 Morgen für das ganze Departe⸗ ment. Die Anzahl des im Departement vorräthigen Viehes, der Wägen und Karren-war im Anfange ») Eine Are hält ohngefähr 2 Quadratruthen. 140— des 8 Jahres folgende: an Pferden 26,297 Stück, 1444 Stiere, 11½118 Ochſen, 65,619 Kühe, 22,102 junge Kühe; 56,556 Schaafe; 5754 Ziegen, 405 Eber, 64,257 Schweine; 6865 Wagen mit 4 Nädern und 15,556 Karren mit 2 Rädern. Der Ertrag der Pachtungen und Miethzinſe der Natignalgüter des Departements betrug im 5 Jahr 305,2 24 Frank. 72 Centimen; im 6. J. 1,055,549 Franken 92 Centim., und im 7. Jahr 1,267,859 Franken. Die Einnahme des Jahres 8. war ohn— gefähr der des 7. Jahres gleich. Wenn man hier⸗ zu den Betrag der Regierungs? Stempel- und Ta⸗ backsgebühr ꝛc. rechnet, ſo betrug die ganze Ein⸗ nahme der Nationalregie der Domainen und Regi⸗ ſtrirung im 7. Jahr 2,150, 00 Franken, und im 8. Jahr 2,215,00 Franken. Es wäre ſehr intereſſant, wenn man von den geſammten Ländern, welche dies Departement aus⸗ machen, eine eben ſo genaue Angabe der unter ih⸗ ren borigen Regierungen abgeworfenen Einkünfte hätte, um darnach eine Vergleichung anſtellen zu können, zwiſchen dem, was ſie jetzt ertragen und was ſie ehemals abwarfen. Man muß über die Fruchtbarkeit des Donners, berger Departements erſtaunen, wenn man in den —— 141— eiſten des Herrn Lehne ſieht, wie viel Ueberſchuß an Getraide in demſelben übrig bleibt, das die Einwohner nicht zu eonſumiren vermögen. Dieſer Ueberſchuß an Früchten beträgt, ein Jahr ins an— dere gerechnet, auf 218,866 Zentner 70 Pfund⸗ Die Ausfuhr deſſelben iſt nach einem neuern Ge— ſetze ſo lange erlaubt, Lis der Preis des Weitzens eine beſtimmte Höhe erreicht hat, wo ſie dann von dem Präfekten verboten wird— In Anſehung der Manufakturen, Bergwerke, Eiſenhütten und anderer Induſtrieanſtalten iſt das Departement des Donnersberges etwas zurückgekom— men, wovon der Krieg, deſſen Schauplatz es ſo lange war, und die Mauthgeſetze Urſachen ſind. Im Bezirk Mainz, Canton Alzey, giebt es einige Papiermühlen, im Canton Bechtheim 21 Oehl— mühlen, und im Canton Kirchheim- Boland 7 Queckſilbergruben, die ſeit dem Kriege und auch ſchon einige Zeit vorher nicht mehr bearbeitet wer⸗ den. Außerdem giebt es in dieſem Canton eine Papiermühle, eine Mühle zum Poliren der Agathe, einige Ziegelhütten ie.— Im Canton Wöllſtein liegt unter dem Namen der Karlshalle ein Theil der Kreuznacher Salinen, deſſen Ertrag beiläufig ein Siebentheil des Ganzen ausmacht. Die Karls— halle hat nur einen ſchwachen Grad von Salz, und zwei verfallene Gradirhäuſer. Die Compagnie Schmalz und Seligman hat die ganze Saline für 108,000 Franken in Pachtung. Im Bezirk von Speier, in der Nähe von Dürk—⸗ heim, liegen die Salinen der Philippshalle, die aus 6 Gradirhäufern beſtehen, welche ihr Waſ⸗ ſer aus drei Quellen erhalten, wobon der erſte, Engelsbrunn genannt, beinahe 13 Gr. Salzung, der zweite, Altbrunn, nur à Gr., und der letzte, Bleichbrunn, 1à Grad Salzung hat. Noch ein vierter, der Klammerbrunn, wird ſchon ſeit 15 Jahren, wegen Waſſermangel in der Iſenbach, nicht mehr gebraucht. Vor dem Kriege gewann man in dieſen Salzwerken jährlich 66% Malter Salz, im Jahre 1796. nur 4992 2 Malter; im Jahr 96. 5924, und im Jahr 97. 5716 Malter⸗ Seitdem hat man auf ihre Ausbeſſerung mehr ver— wandt, und zwar im Germinal des 8. Jahres 28,388 Franken und 250,0⁰ Wellen dazu ver⸗ braucht. Zu dieſer Zeit enthielt die Saline an vorräthigem Salz, Eiſenwerk und ſonſtigen Gegen— ſtänden, einen Fonds von 149,564 Franken. Sie iſt ein Rationalgut, und an die Compagnie Schmalz und Seligmann für 54,000 Franken jährlich ver— pachtet, wovon monatlich 5,400 bezahlt werden müſſen. Nebſt dieſer Saline ſind noch in dieſem 143— Canton, bei der Gemeine Hardenburg, ein Eiſen⸗ hammer, eine Waffenſchmiede und eine Papier⸗ mühle. Zu Frankenthal, im Canton deſſelben Namens, waren ehemals eine Strumpf-, Seiden-, und eine Gold- und Silberfaden-Fabrik. Die hieſige Por⸗ cellanfabrik iſt von dem jetzigen Beſitzer, dem B. Recum, nach Grünſtadt verlegt worden. In die— ſem letztern Canton beſinden ſich noch ein Eiſen— werk und einige Papiermühlen.— Im Canton Neuſtadt ſind eine Kupfermühle, mehrere Waffen— ſchmieden und Papiermühlen.— Im Bezirk von Kaiſerslautern findet man im Canton Göllheim, bei Eiſenberg, ein Eiſenwerk⸗z auch wird daſelbſt die bekannte Eiſenberger Erde gegraben, die in Glashütten gebraucht wird. Noch iſt in dieſer Mark eine Papiermühle und mehrere Ziegelhütten.— Der Canton Lauterecken iſt reich an Ste inkohlen. Die ergiebigſte Grube iſt die, welche man Hohlkreuz heißt. Sie lieſert jährlich 5* 50,000 Malter in die Oefen der Bergwerke von Stahlberg, Landsberg und der The Kreuznach. Sie gehört der Republik, be 45 Bergleuten, und giebt einen reinen Gewinn von 2856 Franken jährlich, das Maas zu 18 kr. ge— rechnet.— Im Canton Kaiſerslautern ſind einige — 4 Eiſenhämmer. Im Canton Obermoſchel liegt der MoſchelLandsberg, deſſen Bergwerke ſeit 200 Jahren bearbeitet werden. Man gewinnt jährlich 25,000 Pfund Queckſilber, welches an Gelde, nach Abzug von 40,000 Franken Ausgaben, einen rein nen Gewinn von 16,000 Franken abwirft; 108 Bergleute arbeiten darin. Nächſt dieſen ſind noch in dieſem Canton 7 weniger ergiebige und benutzte Queckſilbergruben, wovon die Zinnoberſtämme auf dem Limberg zu den älteſten des Landes gehören; ferner eine verlaſſene Silbergrube auf dem Seel—z berg, wovon die ſogenannten Seelberger Tha— ler geprägt ſind, 6 Steinkohlengruben, ein Stein⸗ bruch für Mühlſteine c.— Im Canton Rokken⸗ hauſen liegt der Stahlberg, den man ſchon im 15. Jahrhundert zu bauen anfieng. Man fand zuerſt Silberadern, da aber dieſe nicht ergiebig genug waren, fieng man an, nach Queckſilber zu forſchen, welches man bis zum Sojährigen Krieg mit Erfolg fortſezte. Durch dieſen wurden die Arbeiten un— terbrochen, und erſt im Jahre 1728 wieder ert neuert. Auf den Bergen wohnen 145 Bergleute, von denen ſich jeder eine Hütte gebaut har. Aus 6 Gruben gewinnt man jährlich etwa 20 0000 Pfund Queckſilber. Die viertelſährigen Ausgaben ſteigen auf 22,109 Franken: Die Stämme ſind auf 125 Toiſen tief unter der Oberfläche des Lan⸗ des, und 605 unter der Gallerie des Ablaufs. Sonſt ſind in dieſem Canton noch 6 meiſtens unbe— arbeitete Queckſilbergtuben, einige unbenutzte S Schich⸗ ten Bergharz, und einige unbedeutende Steinkoh— lengruben. Im Canton Winnweiler ſind mehrere Eiſen— werke, beſonders das des B. Guinant, das ſeine Materialien aus den Eiſengruben im Langenthale bei Imsbach zieht. In dieſem Thal findet man auch einige verlaſſene Silber-, Kupfer-und Kobalt— gruben ꝛc.— Im Canton Wolfſtein ſind 15 Queckſilbergruben, und eine noch größere Anzahl Probeminen, die ſeit dem Kriege meiſtens unbe— arbeitet liegen. Nur die Gruben des Potsberges ſind ſeit einigen Jahren wieder mit Erfol g bebaut worden. Die ergiebigſte und bequemſte iſt der Dreikönigszug. Man rechnet jaͤhrlich auf 20,000 Pfund Queckſilber, welches vor dem Kriege einen reinen Gewinn von 48,657 Franken abwarf. Es arbeiten in dieſer Grube 48 Bergleute.— Noch befinden ſichtzhier neun, meiſtens unbearbeitete, Steinkohlengruben, auch werden ſchöne Agathe da— ſelbſt geſchliffen. Im Bezirk Zweibrücken ſind einige Waffen— nd 2 ſchmieden, Papiermühlen, Gypsbrüche u 10 orf⸗ gruben. Im Canton Pirmaſens, bei Lemberg, iſt eine Glashütte, die 225 Gulden nebſt 1000 Spie— gelplatten als Abgabe liefert. Es wird meiſtens nur Fenſterglas darin gemacht.— Bei Zwei⸗ brücken ſind zwei Oel- und Gypsmühlen, eine Pul— vermühle und zwei Ziegelhütten. In der Gemeinde Zweibrücken ſelbſt findet man eine Mützenmanufak— tur und eine Wollſpinnerei, deren Arbeiten der Krieg unterbrochen hat. Bei Contwig liegt eine größtentheils ruinirte Stahlſchmiede. Die Handlung von Mainz war ſchon vor dem Kriege im Ganzen unbedeutend, und noch mehr iſt ſie es während deſſelben und ſeit der Zeit ge— worden, da die Zölle bis an den Rhein vor gerückt ſind. Mit dem Stapelrecht, das ſie beſitzt, mit dieſer günſtigen Lage an zwei ſchiffbaren Flüſſen, in der Mitte zwiſchen der Schweiz, Frankreich und Holland, hätte ſie eine Handelsſtadt vom erſten Range werden müſſen, wenn nicht die ungeheuren Rheinzölle bewürkt hätten, daß man Re Landfracht vorgezogen hätte. Auch gab es hier nicht jene kühnen Speculanten, wie in Frankfurt, und ſo hob ſich dieſes über Mainz empor, und wurde, was letzteres ſeiner Lage nach hätte ſeyn ſollen, die 4 — 147— Lagerſtätte der nordiſchen Waaren für den Süden Teutſchlands und das nahe Frankreich, und wäh—⸗ rend des Stilleſtandes der holländiſchen Handlung der Ort, woher das linke Rheinufer und ein großer Theil Frankreichs und der Schweiz ſeine Specerey— waaren zog. Nichts würde für den Flor Frank— furts gefährlicher geweſen ſeyn, und nichts fürch⸗ teten einſichtsbolle dortige Kaufleute mehr, als den franzöſiſchen Beſitz von Mainz, die Aufhebung der Zölle am Rhein und die projectirte freie Rhein⸗ ſchiffahrt. Aber durch die Wiederherſtellung der Rheinzölle und die Einführung der Mauth an der franzöſiſchen Gränze, haben ſich dieſe Beſorgniſſe ſehr gemindert. Bei dem Wettkampfe des inländiſchen Gewerb⸗ fleißes(ſchreibt man in einem Mainzer Blatt) mit den engliſchen Manufakturen und Fabriken, die man in beiden Ländern durch eine Mauth un— terſtützen zu müſſen glaubt, leiden die Gränzen unendlich. An dem Ufer eines Stromes, der Frankreich von Deutſchland ſcheidet, welches letztere jeden Vortheil raſch an ſich zu ziehen ſucht, und in der kleinen Entfernung leicht an ſich zieht, ſind die nachtheiligen Wirkungen eines ſolchen Syſtems am fühlbarſten. Der Speditionshandel flieht die Formalitäten und mannichfaltigen Gefahren, denen die verwickelten Mauthgeſetze ihn unterwerfen. Der Conſumtionshandel iſt vernichtet oder gelähmt, und der Verſender, wie der Kaufmann und Verzehrer, leiden durch eine Ordnung der Dinge, welche auf den Wohlſtand eines Reiches im Allgemeinen, un— ter gewiſſen Bedingungen, einen günſtigen Einfluß haben mag. Man kann die nachtheiligen Wirkun⸗ gen der auf dem linken Rheinufer eingeführten Mauchgeſetze auf die Geſchäfte und den Wohlſtand der Bewohner deſſelben nicht überſehen. Um die Spedition wenigſtens nicht gänzlich von dieſem Ufer zu verbannen, erhielt Mainz und Colln das Vor⸗ recht einer Niederlage von Waaren, deren Eingang nach Frankreich berboten iſt, und welche blos zum Ver ſenden beſtimmt waren. Der Ort, an welchem dieſe Waaren aus- und eingeladen wurden, und bis zum weitern Verſenden liegen bleiben, nannte man einen Frei hafen. Mainz genoß dieſer An— ſtalt ſchon einige Zeit, und der wohlthätige Ein— fluß der ſelben auf die Beſchäftigung eines großen Theils der Bewohner dieſer Stadt war ſo über⸗ raſchend, daß man anfieng die drückende Mauth⸗ geſetze auf Augenblicke zu vergeſſen, als ein Be⸗ ſchluß der Regierung vom 7 Thermidor 12 Jah-⸗ res, dieſe in Mainz und Cölln errichteten Freihäfen wieder aufhob. Zur Wegführung der darin auf— — 149— gehobenen Waaren wurde eine Zeitfriſt von 24 Ta⸗ gen bewilligt.(Später wurde er wieder geſtat— tet. ſ. unten.) In Anſehung der projectirten freien Rheinſchif— fahrt, und beſonders des Stapelrechtes bon Mainz und Cölln, iſt in den neueſten Zeiten vieles für und wider geſtritten worden. Vom linken Rhein⸗ fer aus, beſonders in Mainz und Cölln, wurde in Druckſchriften die Rechtmäßigkeit des Stapels behauptet, die man in andern dieſſeits zu wider— legen ſuchte. Der Rechtsgelehrte, Hr. Daniels in Cölln, gab zuletzt noch, auf Antrag der Han— delskammer daſelbſt, eine Schrift über dieſen Ge— genſtand heraus(Mémoire sur le droit de Reläàche appartenant aux villes de Mayence et de Cologne). Statt in das Dunkel der Entſtehungsgeſchichte dieſes Rechts, wie frühere Schriftſteller gethan haben, zurückzugehen, um aus dieſer die Zuläſſigkeit oder Redlichkeit derſel— ben zu erweiſen, nimmt der Verfaſſer ſeinen Standpunkt in der Epoche der neuern Negociatio— nen., welche durch den letzten Krieg über dieſen Gegenſtand veranlaßt worden ſind, und er bringt die Frage auf wenige Hauptmomente, welche ſich auf folgende Weiſe bezeichnen laſſen:—„Auf dem Congreß zu Raſtadt trugen die bewollmächtigten 150— franzöſiſchen Miniſter darauf an, daß ſämmtliche Rheinzölle abgeſchafft werden, und die Schifffahrt blos den allgemeinen Handlungsabgaben der reſpee— tiven Länder unterworfen ſeyn ſollte, ohne daß jedoch dieſe Abgaben auf einem Ufer die auf dem andern zu errichtenden überwiegen dürften.— In dem Laufe der langwierigen Unterhandlungen erhoben ſich von Seiten der Reichs Deputation un— zählige Schwierigkeiten gegen die Entſcheidung dieſer Frage, und die Rheinſchiffahrt blieb von einem Termin zum andern, was ſie war, und mit ihr der Stapel zu Cölln und Mainz, deſſen Auf— hebung von franzöſiſcher Seite, unter der von ihnen aufgeſtellten Grundbedingung, bewilliget worden war.— Der definitive Frieden ward endlich zu Lüneville geſchloſſen, der freien Rhein— Schifffahrt ward mit keinem Wort mehr gedacht, und auf beiden Seiten blieben die Sachen, wie ſie waren.— Später, bei der Discuſſion des In— demnitäts-Planes zu Regensburg,, wo die freie Rheinſchifffahrt wieder durch die vermittelnden Mächte zur Sprache gebracht ward, ſahe die Reichs— Deputation, nach ihrer ausdrücklichen Erklärung, das Stapelkecht der Städte Mainz und Coölln für nicht abgeſchafft an, und die Hebung der alten Zolle, oder ihre Erſetzung durch die neue Schiff— — 151— fahrtsoctroi, ward ausdrücklich beſchloſſen.— Da alſo auf der einen Seite die Sachen in ihr altes Geleis zurücktraten, ſo mußte es auf der an⸗ dern auch derſelbe Fall ſeyn.— Was die Gränz— beſtimmung durch den Thalweg betrifft, ſo hat dieſe gar keinen Zuſammenhang mit der Freiheit der Rheinſchifffahrt und mit dem Stapelrecht.— Dies beweiſt die Anerkennung des letzten durch die Reichs-Deputation zu Regensburg; außerdem aber liegt dies in der Natur der Sache, indem das von Cölln und Mainz geübte Recht nie als Souverai— nitäts-Recht geübt ward, ungeachtet es ſich auf beide Ufer erſtreckte, ſo wie auch noch bis jetzt die auf dem deutſchen ufer liegenden Zölle ihr Zollrecht an allen franzöſiſchen Schiffen, wenn dieſe auch nicht über den Thalweg hinausgehen, geltend ma⸗ chen.— Cölln und Mainz müſſen alſo im Beſitz eines Rechts bleiben, das bis jetzt eben ſo wenig aufgehoben iſt, als die gegenſeitigen Rechte.— Nach dieſer Beweisführung ſtellt ſich die zweite Hauptfrage ein: Iſt es der Wolittk Frankreichs angemeſſen, dieſe wichtigen Rechte großmüthig ab⸗ zuſchaffen? Die Natur des Flußbettes widerſetzt ſich dieſer Abſchaffung.— Durch Anwendung kleinerer Fahrzeuge würde die Fracht nach dem Verhältniß, in welchem dieſe kleiner ſind, ver— 192 88 mehrt werden, und die Koſten der Umladung und des Stapels zu Colln und Mainz bei weitem über— ſchreiten. Dieſelben Fahrzeuge aber auf dem gan— zen Rhein zu gebrauchen, iſt durchaus unmöglich, und würde den Handel der größten Gefahr aus— ſetzen.— Wenn aber auch die Nachen erſter Größe einige Stunden höher, als Colln, hinauf⸗ fahren könnten, ſo würden ſie doch in den Dör— fern, Städten oder Städtchen, wo ſie anlanden wollten, die Anordnungen, Einrichtungen, Hülfs— quellen, Bequemlichkeiten und Unterſtützungen aller Art nicht finden, die ſich zum Laden und Um— laden bei einer alten Handelsſtadt darbieten, und die nicht, wie die Projectmacher wäh⸗ nen, durch einen Federzug hervorgerufen werden können, ſo wenig ihr Machtwort die Dörfer und Städtchen gleich in Handelsſtädte umſchaffen kann. — Der Rheinhandel, durch die Aufhebung des Stapels unſicher gemacht, würde wahrſcheinlich das linke Rheinufer verlaſſen, um ſich nach dem rechten zu ziehen. Die Freiheit, deren er dort genießt, ſo wie die vielen Schwierigkeiten, gegen die er auf dem linken Rheinufer durch die endloſen For⸗ malitäten bei den Douanen, durch das hohe Brief— Porto und vielfache andere Abgaben zu kämpfen hat, würden dieſe Cataſtrophe beſchleunigen. Es ſey alſo das höchſte Intereſſe der franzbſiſchen Regie— rung, auf dieſes Recht, welches durch keinen Trak tat aufgehoben, und für das linke Rheinufer von dem größten Nutzen iſt, nicht zu verzichten.“— So weit Hr. Daniels. Ganz entgegengeſetzter Meinung iſt der Kur— pfalzbaieriſch-Bergiſche Landesdirections- Rath, Hr. Jakobi, in ſeiner Schrift: Ueber die Rhein— ſchifffahrt, welche im Namen des Bergiſchen Handelsſtandes der Reichsverſammlung zu Regens— burg übergeben wurde. Es ſey, ſagt Hr. Jakobi, ſchon oft und bündig genug erwieſen worden, daß das angebliche Vorrecht der Städte Mainz und Cölln urſprünglich, weit entfernt, den auswärti— gen Handelsleuten einen Zwang gufzulegen, viel— mehr eine denſelben ertheilte Befugniß war, ihre Waaren auf den daſigen Kayen aus zu— ſtapeln und zum Verkauf auszubieten) Das große Handelsgewicht beider Städte verwandelte dieſe Befugniß in einen Zwang, und alle Waaren, welche den Rhein herauf oder herunter giengen, —rrrr—— ) J. W. Windscheid, Commentatio de Stapula, quae praecipue DucatibussJuliae et Montium libertas navigandi et commerciandi in Rheno contra injus- tas Agrippinarum molitiones vindicatur. Düssel- dorfii 4775. 34 — 194— mußten daſelbſt umgeladen und durch daſige Handels— häuſer weiter verſandt werden. Die Stadt Cölln gieng dabei noch ſo viel weiter, daß kein Schiffer auf dem Wege nach Holland dahin einige Waaren ausladen durfte, ſondern die ganze unangebrochene Ladung bei nahmhafter Strafe nach Cölln in den Hafen bringen mußte. Dieſe Lage der Dinge er— hielt ſich, bis durch den Frieden von Lüneville der Thalweg des Rheins die Gränze zwiſchen Deutſch— land und Frankreich wurde; und nun zweifelte nie— mand mehr, auf dem linken wie auf dem rechten ufer, daß in dieſer Beſtimmung die Bedingung der gemeinſchaftlichen Benutzung des Stromes und der unbeſchränkten Freiheit der Schiffahrt auf dem— ſelben mitbegriffen wäre, weil man ſich nicht ein⸗ bilden konnte, daß die franzöſiſche Regierung ſich jenſeits ihrer Gränze ein Hoheitsrecht anmaßen würde, ohne welches gleichwohl die dieſſeitigen Uferbewohner an der freien Benutzung des Fluſſes nicht gehindert werden konnten. Dieſer Gegen— ſtand war beſonders für das Herzogthum Berg ſehr wichtig. Da dieſem Lande durch die Abtretung des Herzogthums Jülich und die unbedingte fran⸗ zöſiſche Fruchtſperre ſeine natürliche Vorrathskam— mer verſchloſſen war, ſo mußte man bedacht ſeyn, den Abgang aus den obern deutſchen Rheinlanden — 55— zu er ſetzen.— Der Friede war ſchon lange ge— ſchloſſen, als der General-Commiſſair in den 4 Nheindepartements, Jollivet, den Befehl ergehen ließ, alle Schiffe, die mit Getraide den Rhein hinabfahren würden, auf welcher Seite ſie ſich auch befinden möchten, ohne Umſchweife wegzuneh— men. Dieſer Befehl ward auf ſtrengſte vollzogen. Schiffe mit Getraide für das eigene Bedürfniß des Landes geladen, wurden ſelbſt aus den dieſſeitigen Binnenwaſſern weggeſchleppt, und als eine recht— mäßige Priſe auf das franzöſiſche Ufer hinüberge— führt. Die Bergiſchen Manufakturwaaren durf⸗ ten des Stapels wegen an der Stadt Cölln nicht vorbeigeführet werden, und brachte man ſie hin— über, um auf Cöllniſche Schiffe verladen zu wer— den, ſo fielen die franzöſiſchen Zollbeamten dar— über her und nahmen ſie als für engliſch geltende Waaren weg. Die Cammeral,-Fruch gorräthe in der Pfalz mußten, ſo dringend auch das Bedürf— niß war, auf dem Platz verkauft werden, weil man jenſeits nicht für gut fand zu geſtatten, daß ſie hinunter geführt würden, und in Mainz mußte man um die Erlaubniß erſuchen, eine Quantität Früchte von Mannheim nach Düſſeldorf führen zu dürfen. Auf Anrathen des Churfürſtl. Geſandten zu Paris machte man im Sommer 2802. den Ver⸗ ſuch, ein Fahrzeug unter Pfalzbaieriſcher Flagge mit einem Paß der Bergiſchen Regierung und ei— ner Bedeckung von einigen Landdragonern den Rhein hinauf zu ſenden. Kaum hatte indeß der Schiffer zu Deuz, Cölln gegenüber, angelegt, als man ihm von jener Seite zurief an den Stapel zu fah— ren, und da er, der von ſeiner Regierung empfan— genen Weiſung gemäß, dieſes Befehls nicht ach— tete, ſo kamen franzöſiſche Truppen herüber, welche die Dragoner nöthigten das Schiff zu verlaſſen, es vom Ufer ablöſeten, und hinüber nach Cölln brachten. Bei den über dieſen Vorfall geführten Be— ſchwerden berief man ſich zu Cölln auf den im Lü— neviller Friedensſchluß beſtätigten 15. Artikel des Traktats von Campo-Formio, vermöge deſſen die Handelsverhältniſſe und Verbindungen zwiſchen den ſchließenden Staaten auf den Fuß wieder hergeſtellt werden ſollten, wie ſie vor dem Kriege waren— Dieſſeits meinte man hingegen, daß wenn auch eine in dem Lüneviller Frieden zwar jbeſtätigte, aber nur mit und in Hinſicht auf Oeſterreich geſchloſſene Uebereinkunft bei dieſer Gelegenheit ſollte angezo— gen werden können, der erwähnte Artikel doch nur auf die allgemeinen Handelsverhältniſſe zwi— ſchen beiden Staaten bezogen werden könne, und 197 machte die Bemerkung, daß wenneäm Gegentheil auch die Local⸗ Handelsverhältniſſe zwiſchen beiden Rheinufern auf den ehemaligen Fuß wieder herge— ſtellt werden ſollten, die franzöſiſche Regierung vor allen Dingen ihre Mauth auf die alten Gränzen zurück verlegen müſſe, indem ſeine unbedingte Her⸗ ſtellung nur unter dieſer Vorausſetzung unbedingt möglich wäre. Indeſſen kann(fährt Hr. J. fort) der in dem Lünebiller Friedensſchluß beſtätigte Artikel des Trak⸗ tats von Campo-Formio, vermöge deſſen die Han⸗ delsberhältniſſe auf den Fuß wieder hergeſtellt werden ſollten, wie ſie vor dem Kriege waren, hier in vielfacher Rückſicht nicht in Betrachtung ge— zogen werden. Der Traktat von Campo,- Formio iſt zwiſchen Frankreich und Oeſterreich geſchloſſen, und verbindet daher das deutſche Reich nicht. Wollte man aber aus dem erwähnten Punkt des Lüneviller Friedens das Gegentheil behaupten, ſo kann doch eine ſolche Uebereinkunft, nach einer geſunden Hermeneutik nur auf die allgemeinen Handelsverhältniſſe, welche vor dem Kriege zwi— ſchen den ſchließenden Staaten beſtanden, bezogen. werden; wäre es auch nur, weil es keiner Regie⸗ rung beifallen kann, ſich das Recht, vermittelſt ſelbſtbeliebiger Verfügungen und Abänderungen des ehemaligen Zuſtandes der Dinge auf den Handel neuerworbener Provinzen nach allgemeinen Staats— zwecken zu wirken, durch eine vertragsmäßige Hei— ligung der bisherigen Local- Handelsberbindungen aus den Händen winden zu laſſen. Frankreich ſelbſt hat auch durch die That bewieſen, daß es die Sache in eben dem Licht betrachtet; indem es durch die Verlegung ſeiner Douanen an den Rhein alle bis jetzt beſtandene Local- Handelsberhältniſſe zwiſchen beiden Rheinufern, faſt ohne Ausnahme, aufgehoben hat, und ſich zu der Wiederherſtellung der ſelben wohl nicht geneigt zeigen dürfte. Aus dieſen Gründen beweiſet Hr. Jakobi, daß das, was wider uns gilt, auch für uns recht ſeyn müſſe. Die Städte Cölln und Mainz be⸗ haupten ihre Stapelrechte, vermöge ihrer Verbin— dung mit dem deutſchen Reiche und vorgeblicher kaiſerlicher Pribilegien. Natürlich verlieren mit der Aufhebung des Staatsverbandes auch die Pri— vilegien ihre Kraft, und ſoll einem unabhängigen Staate von einem andern eine ſo ſchwere Dienſt— barkeit aufgebürdet werden, ſo muß dieſes, wenn nicht Gewalt allein das Zepter führet, durch ausdrückliche Verträge geſchehen. Die Wichtigkeit dieſes Gegenſtandes und die häufigen Reclamationen der, am rechten Rheinufer ——— 159— poſſeſſionirten Stände für die Freiheit der Schif— fahrt ihrer Unterthanen auf dem Rhein, veranlaßte die Aufnahme eines Artikels im Reichsdeputations— ſchluß(§. 59.), nach welchem alle, ſowohl auf dem rechten als linken Ufer beſtandene Rheinzölle aufgehoben ſeyn ſollen, ohne unter irgend einer andern Benennung wieder hergeſtellt werden zu können, jedoch mit Vorbehalt der Eingangsgebüh— ren(droits de douane) und einer Schif⸗ fahrtsoctroi, welche vom deutſchen Reiche und Frankreich gemeinſchaftlich angeordnet und erhalten werden wird. Das Reich übertrug hierzu alle ſeine desfalſigen Rechte dem Churfürſten Erzkanzler, welcher die Vollmacht des deutſchen Reichs erhielt, mit der franzöſiſchen Regierung allgemeine und be— ſondere Anordnungen, in Beziehung auf die Rhein⸗ ſchiffahrtsoetroi, abzuſchließen, und eine Taxe aus— zumitteln, welche den Vatrag der aufgehobenen Zölle nicht überſteige. Die Erhebung derſelben ſollte einer einzigen Behörde anvertraut, und die Erhebungsart ſo eingerichtet werden, daß die Schif— fahrt ſo wenig als möglich dabei aufgehalten werde. Ein Generaldirector der Octroi ſoll gemeinſchaftlich von der franzöſiſchen Regierung und dem Churfür— ſten Erzkanzler ernannt werden, welche wechſel— ſeitig einen Controlleur bei jedem Erhehungsbureau halten. Der Ertrag dieſer Schiffahrtsoetroi im Ganzen hat vorderſamſt die Koſten der Erhebung, der Verwaltung und der Polizei zu beſtreiten. Der Ueberſchuß wird in zwei gleiche Theile ver— theilt, deren jeder vorzüglich zur Unterhaltung der Leinpfade und der zur Schiffahrt erforderlichen Arbeiten auf jedem Ufer beſtimmt iſt. Der veine Reſt, der zum rechten Rheinufer gehörigen Hälfte, hat nach den 99. 9, 14, 17, 19, 20, des Reichs— deputationshauptſchluſſes folgende Anweiſungen er— halten: 1. Für den Churfürſten Erzkanzler zur Ergän⸗ zung der ihm beſtimmten Dotation von 1 Mil⸗ lion Gulden 550,000 fl. Für Meklenburg⸗ Schwerin Für Löwenſtein-Wertheim Für das Haus Stolberg Für die Fürſtin von Iſenburg Für Leiningen-Heidesheim Für Leiningen- Guntersblum Für Leiningen-Weſterburg älterer Linie Für Leiningen⸗ Weſterburg jüngerer Linie Summa 440, ooo fl. — 161— Wenn dieſe Summe bezahlt iſt, und der rei⸗ ne Ueber ſchuß würde ſolche noch überſteigen, ſo ſollen nach Hh. 7. und 27. weiter davon er⸗ halten. 1. Heſſen-Rothenburg. 22000 fl. Wittgenſtein-Berlenburg. 125000⸗ Salm-RNeiferſcheid-Dyk. 28000 Stadion-Warthhaufſen. 5600 Stadion--Tannhauſen. 2400 3 Summa 71000 fl. Der weitere Ueberſchuß, wenn auch dieſe Summen abgetragen ſind, ſoll zur allmähligen Ab— löſung der Laſten dienen, mit welcher die Schif— fahrtsoctroi beſchwert iſt. Hieraus ſcheint zu er— hellen, daß die Schiffahrtsoetroi entweder alle auf den ehemaligen Rheinzöllen haftende Schulden über— nehme, oder gleich wiederznit Schulden anfinge, welches nicht unwahrſcheinlich iſt, da der Rhein ſeit der Vorrückung der franzöſiſchen Gränze ſo baufällig geworden iſt, daß die Herſtellung deſſel— ben zur bequemen Schiffahrt beträchtliche Sum— men erfordern wird, die natürlich auf ihn ſelbſt geborgt werden müſſen. Indeſſen iſt der Betrag der bis zum Ab⸗ ſchluß gedachter Schiffahrtsoetroi noch fortbeſtanz 11 — 162— denen Rheinzölle, nach der, der Reichsberſamm— lung am 5. Juni 1804 vorgelegten Berechnung bei weitem nicht hinreichend, um die darauf angewieſene Renten abzutragen, indem die geſammte Einnah⸗ me vom 1 Dec. 1802— 1805 nur überhaupt die Summe von 145,488 fl. 22 kr. betrug. Vom 1 Dec. 1805 bis zum 1 Juni 1804. gingen weiter nur 58,758 fl. 14 kr. ein. Im Laufe des erſten Jahres erhielt demnach der Churfürſt Erzkanzler nicht die Hälfte derjenigen 550,000 fl. die ihm nach h. 25 und 39 des Reichsſchluſſes auf die Schiffahrtsoctroi angewieſen worden ſind und durch die für dieſes erſte Jahr(bis Juni) nach—⸗ gekommenen 58,768 fl. wurden noch nicht zwei Drittel ſeiner Gebühren abgeführt. An Bezah⸗ lung der übrigen Renten und Ablöſung der auf der Schiffahrtsoctroi haftenden Eaſten war alſo gar nicht zu denken. Da nach der authentiſchen Angabe die ehema⸗ ligen 24 Zollſtädte am Rhein, an 2 Millionen Gulden eingebracht haben, ſo ſcheinen die Urſa⸗ chen dieſer ſo geringen Einnahme in dem gegen⸗ würtigen Kriege und dem dadurch ſtockenden Han⸗ del und verminderter Rbeinſchiffahrt, in Mangel an Aufſicht über ordentliche Verwaltung der Rhein— zölle, in Verwendung vieler Zollgelder auf Waſ—⸗ ſeruferbau und in mangelhafter Kennkniß der Zoll— rechnungen und Zollſchlüſſe zu legen. Allen Beſchwerden, welche bisher ſowohl von den Bewohnern der Rheinufer in Abſicht der Be— ſchränkung der Rheinſchiffahrt, als von den auf die Zölle angewieſenen Ständen erhoben wor— den ſind, ſoll nun durch die am 9 Auguſt zu Paris abgeſchloſſene Conbention, die Schiffahrt auf dem Rhein betreffend, abge— holfen werden. Dieſer Tractat wurde am ge⸗ dachten Tage von dem Churerzkanzleriſchen Ge— ſandten, Grafen von Beuſt, im Namen des Churerzkanzlers und von den Mitgliedern der von der franzöſiſchen Regierung niedergeſetzten Com— miſſion, dem Staatsrath- Cretet, dem Gene— raldirector des Mauthweſens Collin,, Herrn Pfeffel und Herrn Coquebert-Montbret unterzeichnet. Er iſt, indem ich dieſes ſchreibe, von der Reichsberſammlung zu Regensburg ge— nehmigt und das desfallſige Reichsgutachten vom Kaiſer ratificirt worden. Als Hauptort des Departements iſt übrigens eainz der Sitz des Präfekts, welche Würde Herr Jean Bon St. Andre bekleidet. Ihm ſind vier Präfekturräthe beigeſellt. Die Geſchäf— te der Präfektur und der Unterpräfektur des Be— —— 164— zirks von Mainz, werden in drei Büreau's, dem des öffentlichen Wohls, der Finanzen und der Do⸗ mainen beſorgt. Ferner iſt hier in Mainz der Sitz der Diree; tion der Nationaldomainen und des Enregiſtre— ments, der Forſtberwaltung der Ober-Inſpection Mainz, der Steuern und der Generaleinnahme der ſelben, des Straßen- und Brückenbaues, der Bergwerke, des Garantie- Büreau's zum Stem— peln der Gold- und Silberarbeiten, der Büreau's der Nationallotterie und des Hauptbureau's der Nationalmauth der Direction Mainz. Für die Rechtspflege des Departements und des Zuchtbe— zirks von Mainz halten hier ihre Sitzungen: das peinliche Gericht,(tribunal criminel) des De— partements vom Donnersberge, das Civilgericht, (tribunal civil) das Handelsgericht,(tribunal de commerce) und das Zuchtpolizeigericht(tri— punal correctionel) des Bezirks Mainz. Auſ— ſerdem richten noch zwei Friedensrichter in erſter Inſtanz, Die Univerſität zu Mainz, welche durch einen Beſchluß des Regierungscommiſſaire's vom 9 Flo— real des 6 Jahrs auf's neue beſtand und im Be— ſitz der beträchtlichſten Fonds geblieben war, die der Kurfürſt von Mainz ihr aus den Pfründen — — 165— derſchiedener reichen Klöſter angewieſen hatte, iſt neuerlich aufgehoben und ſtatt derſelben eine me— diceiniſche Specialſchule errichtet worden. Mehrere berühmte Männer befanden ſich an die— ſer Uniberſität, von welchen einige in's Ausland gegangen ſind, z. B. Herr Ackermann als Pro— feſſor der Anatomie nach Jena.(Neuerlich hat er einen Ruf nach Heidelberg erhalten.) Die Män— ner, welche bei dieſer medieiniſchen Schule ange— ſtellt ſind, die H. H. Köler, Molitor, Met— ternich, Megele, Weidmann, Wede— kind und Wenzel nehmen einen ausgezeichne— ten Platz in der gelehrten Welt ein. Eine ei— gene Commiſſion ſteht der Verwaltung des ehema— ligen Univerſitätsfonds vor. Rebſt dieſer mediciniſchen Schule beſteht zu Mainz ein Lyceum. Es wurde am 9 Oct. 1805 eröffnet. Die Einrichtung deſſelben iſt in der von dem Verwaltungsrathe darüber entworfe— nen Ankündigung, enthalten.„Es werden darin die alten Sprachen, die ſchönen Wiſſenſchaften, die Kunſt gut zu ſprechen, gut zu denken, gut zu handeln, nebſt den mathematiſchen und phyſiſchen Wiſſenſchaften gelehrt. Die Profeſſoren der Grammatik und Literatur geben zugleich in der Erdbeſchreibung, in der Chro⸗ — 166— nologie, in der alten und neuern Geſchichte ꝛe. Unterricht. Auch lehren ſie die Zöglinge Götterlehre und Glaubensmeinungen der Völker in den ver— ſchiedenen Weltaltern kennen. Ferner lehren die Profeſſoren der Mathematik nach Maasgabe des Alters dergöglinge und ihrer fort— ſchreitenden Ausbildung die Anfangsgründe der Na— turgeſchichte, und die nothwendigſten Theile der Sphä— renlehre; ſie erklären ihnen die Haupterſcheinun— gen der Phyſik, die Anfangsgründe der Chymie und ertheilen ihnen die erforderlichen Kennt— niſſe in Hinſicht der zu den Künſten und zum gewöhnlichen Gebrauche nützlich anwendbaren Mi— neralien. Ein Profeſſor der höhern Mathematik unter— richtet ſie in Anwendung der Differenzial- und In— tegralrechnung bei der Geometrie und bei krummen Linien, in Anwendung der Differenzialrechnung bei der Mechanik, und in der Theorie der Berech— nung flüſſiger Körper. Er zeigt ihnen ferner die Anwendung der Geometrie zur Aufnahme von Planen und geographiſchen Karten, und gibt ih— nen in den allgemeinen Grundſätzen der höhern Phyſik, beſonders in der Elektricität und Optik, Unterricht Die franzöſiſche und deutſche Sprache werden im Lyceum nach Grundſätzen gelehrt; auch ſind Schreibmeiſter, Zeichenmeiſter, Fechtmeiſter, Tanz⸗ meiſter, Muſikmeiſter und ſonſtige Lehrer der Kün— ſte des Vergnügens zu ihrer vortheilhafteren Aus⸗ bildung beſtimmt. Eine immer thätige Aufſicht wird über ſie im Zuſtande der Geſundheit und Krankheit wachen, und nichts wird in ihrer perſönlichen Reinlichkeit, in der Nahrhaftigkeit der Koſt, in der Sauberkeit der Lehr- und Schlafſäle vernachläßigt werden. Die katholiſchen und nichtkatholiſchen Zöglinge werden nach dem Wunſche ihrer Eltern in ihrer Religibn unterrichtet und nach dem Willen der Re— gierung zur Ausübung ihrer Glaubenspflichten mit Ordnung und Anſtand in die zu ihrer Got— tesberehrung beſtimmten Gebäude geführt werden. Die Mitglieder des Verwaltungsrathes wer⸗ den ſich es thätigſt angelegen ſeyn laſſen, die Wahl der Regierung, die Achtung der öffentlichen Beamten, und das Zutrauen der Eltern durch ihre Aufmerkſamkeit auf das moraliſche und phy⸗ ſiſche Wohl der ihnen anvertrauten Zöglinge zu rechtfertigen, für die ſie nicht weniger thun wer— den als ſie wünſchen könnten, daß man für ihre eignen Kinder thue. Jeder Zögling zahlt 800 Franken, und iſt ge⸗ halten, jedoch nur für das erſtemal ſich mit den von der Regierung vorgeſchriebenen Kleidungsſtük— ken und ſonſtigen dabei angeführten Nothwendig— keiten zu berſehen. Es werdeu auch Knaben, die nicht im Lyceum erzogen werden, gegen müßige Abgabe zu den Lehrſtunden zugelaſſen.“ Dies Lyceum hat ſeitdem an Zweckmäßigkeit der Unterrichtsanſtalten und der Anzahl der Zöglinge beträchtlich zugenommen. Auch der Kaiſer Na— poleon beſuchte während ſeines Auffenthalts zu Mainz dieſe Schule, und bezeugte ſeine Zufrie— denheit über deren, Einrichtung und die Fortſchritte der Zöglinge in den Wiſſenſchaften. Mainz beſitzt auch eine Bibliothek, deren Bibliothekar Herr Fiſcher iſt*), welcher an Blau's Stelle dazu ernannt wurde. Sie beſteht „) Herr Prof. Fiſcher iſt dem Rufe nach Moskau im Sommer 1804. gefolgt, wozu die Veranlaſſung ſein dem Kaiſer Alexander übermachtes Werk„Das Na- tionalmuseum der Naturgeschichté zu Paris Von seinem ersten Ursprunge bis zu seinem jezzigen Glanze geschildert““ war. Die Geſchäfte der Biblio⸗ thek übernahm nach ſeiner Abreiſe Herr Profeſſor Bod⸗ mann. — 169 nach der Vereinigung der ehemaligen Carthäu— ſer und Jeſuiten-Bibliotheken aus mehr als 60,,j,t Bänden, die mit Ausnahme der ju— riſtiſchen und theologiſchen Werke ſyſtematiſch ge— ordnet ſind. Die Kriegsumſtände haben die An— ſchaffung der neueſten Werke der Literatur ver hindert, aber im hiſtoriſchen Fache, beſonders in Anſehung der Kirchengeſchichte, iſt ſie ſehr gut verſehen, und in der Anatomie und Naturge— ſchichte beſitzt ſie vortrefliche Werke. Sie iſt für das Publikum und die Studierenden mehrere Tage in der Woche geöffnet. An dem gedachten Herrn Fiſcher beſitzt die Bibliothek einen Mann, der mit großem Eifer daran arbeitet, ſie zu ord— nen und zu vervollkomnen. Er hat in einem ſehr intereſſanten Werke unter dem Titel:„Beſchrei— bung einiger typographiſchen Seltenheiten nebſt Beiträgen zur Erfindungsgeſchichte der Buchdruk— kerkunſt, Mainz und Nürnberg 1800.“è mehrere Nachrichten über dieſelbe und einige ihrer Schätze geliefert. Er unternahm die herkuliſche Arbeit, die ganze große Büchermaſſe,, von welcher gar keine Verzeichniſſe ſich vorfanden, in Ordnung zu bringen, und legte zehn Monate nach ſeiner An— ſtellung der Verſammlung der Profeſſoren ſchon acht ſyſtematiſche Catalogen über verſchiedene wiſſen— — 170— ſchaftliche Fächer vor. Der folgende Inhalt der gedachten Schrift des Herrn Fiſcher iſt Erläute— rungen und Unterſuchungen über die Geſchichte der Erfindung der Buchdruckerkunſt gewidmet— Herr Fiſcher führt aus dem Univerſitätsarchib von Mainz, das unter der Aufſicht des Herrn Bod— mann ſteht, und mehrere tauſend unbekannte Ur— kunden enthält, einige an, welche zu beweiſen ſcheinen, daß Mainz ganz allein die Ehre der Er— findung der Buchdruckerkunſt gebührt, wenn gleich andere Gelehrte Strasburg, und einige auch Har— lem dafür gehalten haben. Durch eine Urkunde, die ſich im Univerſitätsarchiv befindet und hier mitgetheilt iſt, ergibt ſich, daß Guttenberg nach dem berühmten Prozeſſe mit Fuſt und Schöffer um das Jahr 1459. noch Bücher gedruckt, und auch noch Willens wars, deren mehr zu drucken, da— hingegen Zapf und andere Schriftſteller äuſſern, daß Guttenberg nach dem Prozeſſe mit Fuſt und Schöffern, welchem er wegen einer Schuld das Zeug abtreten mußte, nicht mehr im Stande ge— weſen ſey, noch etwas zu drucken. Herr Fiſcher erwähnt nun einiger im Univerſitätsarchiv befind— lichen alten Drucke von Guttenberg; typographi⸗ ſche Monumente von großem Werth, durch ihre Seltenheit und ungemeine Sorgfalt und Correect— heit des Drucks. Eins ſeiner erſten Werke war 171— ein Donat. Von dieſem Donat hat man Frag— mente entdeckt, und ſogar Tafeln aufbehalten— die durch die Länge der Zeit von Würmern zer— nagt ſind, und welche der Verfaſſer theils von Herrn Bodmann, theils durch ſeine eignen lite— rariſchen Unterſuchungen erhielt. Das erſte Frag— ment iſt in groß Quart auf Pergament und ent— hält 55 Zeilen auf einer Seite. Die Gleichheit der Zeilen läßt keinen Zweifel übrig, daß dieſer Donat in Holz geſchnitten ſey, wofür noch andere Vermuthungen ſprechen. Ein andres Fragment iſt ein Beweis eines Verſuchs mit beweglichen Buch— ſtaben zu drucken. Dieſe ſind geſchnitten, un— förmlich und gothiſch. Auch dieſes Fragment iſt auf Pergament in Quart gedruckt und hat 27 Zei⸗ len auf jeder Seite. Bei einem dritten Fragment des Guttenbergiſchen Donats hält es Herr Fiſcher für gewiß, daß es mit geſchnittenen metallenen Buchſtaben gedruckt ſey. Die Ausgabe dieſes Do— nats iſt um das Jahr 1449 oder 1450 zu ſuchen und Johann Guttenberg noch allein zuzuſchreiben. Von jedem dieſer gufgefundenen Fragmente, wel— che noch ganz unbekannt und ohne Zweifel frühere Verſuche von Guttenberg ſind, hat Herr Fiſcher einige Zeilen in Kupfer ſtechen laſſen. Einen we— ſentlichen Verluſt hat die Univerſitätsbibliothek durch ein vom General Cuſtine weggenommenes, — 172— höchſt⸗ſeltenes Exemplar des bon Fuſt und Schöf— fer gedruckten Pſalters von 2457, von welchem man nur noch 7 Exemplare in neuern Zeiten ent— deckt hat, gelitten. Dieſes wurde nebſt der 1462. gedruckten Bibel abgehohlt, ohne daß man weiß, wo beide hingekommen ſind; aber in die National— bibliothek zu Paris ſind ſie nach näheren Nachrich— ten nicht gelangt. Ein nützliches literariſches Inſtitut iſt die De— partementalgeſellſchaft der Wiſſen— ſchaften und Künſterzu Ma inz. Der all⸗ gemeine Gegenſtand der Arbeiten dieſer Geſellſchaft iſt alles, was Bezug auf die Künſte und Wiſſen— ſchaften hat, insbeſondere aber iſt ihr Zweck, die Bearbeitung der Geſchichte, Geographie und Statiſtik des Departements vom Donnersberge. Auch in Deutſchland hat dieſe Geſellſchaft Mitglie—⸗ der. Sie war es, welche den Entſchluß faßte, dem Erfinder der Buchdruckerkunſt ein Denkmal u errithten. Ich ſetze ihr desfallſiges Programm 3 0 9 9 9 hierher. „Unter den Erfindungen, die den menſchli— chen Geiſt in ſeinen Fortſchritten befördern, iſt keine, die mehr zur Erweiterung und Ausbreitung der Aufklärung beigetragen hätte, als die Buch— ſtabenſchrift und die Buchdruckerei. Der Erfinder 175⁵ der erſten wurde bon den Griechen unter die Halb— götter verſetzt; der Erfinder der Buchdruckerei aber, ein Sohn und Bürger dieſer 8 at ſelbſt von ſeinen Mitbürgern den Tribut des Danks noch nicht erhalten, den ihm das Weltall ſchuldig iſt.“ „Vergeblich hatte die Erfindung der Schreibe⸗ kunſt den Gedanken fixirt, und ihm Körper und 90 ‚ e gegeben. Maximen, durch die Weisheit miedenet ben, Lectionen, durch die Erfahrung dictirt, Meiſterwerke durch die Einbildungskraft geſchaffent, angenehme und nützliche Künſte, durch das Genie erfunden— waren die Beute weniger Jahrhunderte der Barbarei, der Unwiſſenheit und des Aberglaubens; aber es ſollte eine Zeit kom— men, in der der Gedanke unverändert auf die Nach— welt übergienge. Bei dem Sturze des morgenlän— diſchen Kaiſerthums würden die Trümmer des Al— terthums den zerſtörenden Händen der Mohamme— daner umſonſt entriſſen, und in wirthbare Länder verpflanzt, ſie würden bald gänzlich vernichtet, das fünfzehnte Jahrhundert würde nicht die Epoche der Wiederherſtellung der Künſte und Wiſſenſchaf— ten geworden ſeyn,— hätte nicht im Occident ein Guttenberg gelebt. Erzogen in der Schu— des Elends, verfolgte dieſer große Mann mit heroiſchem Muthe und mit unerſchütterlicher Be— — 474— harrlichkeit die erhabene Idee, die ſein Genie aufgefaßt hatte. Aber er theilte mit faſt allen Wohlthätern der Menſchheit gleiches Schickſal. Er fand bei ſeinen Zeitgenoſſen nichts als Unge— rechtigkeit, bei ſeinen Schülern nichts als Un— dank. Unter den letzteren beſaßen Johann Fuſt und beſonders Peter Schöffer große Talente. Er ward das Opfer ihres Geizes und ihrer Eiferſucht. Der Mann, deſſen bewundernswerthe Erfindung und deſſen mühſame Arbeiten das Glück ſo vieler ſeiner Zöglinge, und den Ruhm ſo vieler Schrift— ſteller gründete, ſtarb arm und verkannt. Ein Pribatmann lies eine Inſchrift auf ſein Grab ſetzen, und die Zeit hat ſie zerſtört. Die Zeit wollte ſich rächen an dem, der es unter allen Sterb— lichen am meiſten verſtanden hatte, ihrer Macht zu trotzen. Aber Guttenbergs Andenken iſt ſiegreich gerettet, durch die eifrigen Bemühungen eines Köhler) Bodmann“) Oberlin) und Fiſcher). 66 „) Joh. Dav. Köhlers Ehrenrettung Job. Guttenbergs. Leipt. 741. 4. *t) Ihm verdanken wir die intereſſanteſten Nachrichten von Guttenbergs Leben. vn) Essais d'Aunales de la vie de Jean Guttenberg par Oberlin à Strasbourg. an IX. 8. eec) Essais sur les monumens typographiques de Jean Guttenberg p. G. Fischer àa Mayence an X. — 175— „Dank ſey indeſſen Guttenbergen gebracht! Die Blüthen, welche der Geiſt hervortreibt, fal— len nicht mehr ab; die reifen Früchte des Talents werden erhalten; und die Meiſterwerke des Ge— nie's gelangen zur Unſterblichkeit. Guttenbergs Erfindung, das Organ der öffentlichen Meinung, hat die Misbräuche der Gewalt aufgedeckt; ſie hat den Despotism' und die Sclaverei verbannt; ſie ſetzt der wiederkehrenden Barbarei und dem Aber— glauben einen unerſteiglichen Damm entgegen; ſie hat die Großen der Erde gelehrt, daß ihnen die Macht nicht zu ihrem Vergnügen, ſondern zum Glücke der Völker gegeben iſt; ſie hat das Volk mit ſeinen Rechten bekannt gemacht, heutzutage unterweiſt ſie daſſelbe in ſeinen Pflichten; die Freiheit iſt ihr Werk und die ſo ſchweren Mittel, ſie zu erhalten, gehören unter ihre Wohlthaten, ja, wenn je der Traum eines jeden guten Men— ſchen, das Glück des menſchlichen Geſchlechts, 4to. und Beſchreibung einiger literariſchen Seltenbei⸗ ten nebſt Beiträgen zur Erfindungsgeſchichte der Buch⸗ druckerkunſt. Nürnb. 1800. 8. In dieſer Literatur hätten noch einige gleich ſchätzba⸗ re Werke genannt zu werden verdient, beſonders Schöpf⸗ Iin's vindiciae typographicae. 4. Argentor. 760. und Breitkopf über die Geſchichte der Erfindung der Buchdruckerkunſt. 4. Leipz. 774. — 176— wirklich wird, 0 5 hat die Nachwelt es Guttenber— gen zu verdanken.“ „Welche Zeit wäre ſchicklicher, dieſem 37170 Manne unſre Dankbarkeit zu bezeigen, als die jetzi ge, in der die von ihm erfundene Kunſt, lange blos handwerksmäßig behandelt, ſich durch die Ta— lente eines Ibarra, 800 1 166 Bo doni, Didot und Göſchen in die Reihe der ſchönen Künſte erhoben hat! Welcher Augenbl lick wäre gün⸗ ſtiger, ſeinen Ruhm zu verherrlichen, als der, in dem, durch ſeine bewunderungswürdige Erfindung, der Held auf einmal den Feuerfunken auswirft, der flinfmalhunderttauſend ſeiner Krieger belebt, während die höchſte obrigkeitliche Stelle Geſetze bekannt macht, die die 311 der Er— fahrung von Jahrhunderten und der Weisheit ſind, die in ihren Berathſchlagungen d— und den Unterricht unter allen ihren Bürgern berbreitet!“ „Sollte es irgendwo einen Menſchen geben, der Afen kann, und der nicht zugleich von Dank— barkeit für Guttenberg durchdrungen wäre? Ohne von der zahlreichen und achtungswürdigen Klaſſe derjenigen zu ſprechen, die ihn als den Schöpfer der Kunſt anſehen, welche ſie ausüben, wo iſt der Literator, wo der Dichter, wo der Gelehrte, wo der Staatsmann, der ſeinem Andenken keinen —ͤ 177— Tribut ſchuldig wäre? Ja, der geringſte Bürger der gelehrten Republik wird ſich verpflichtet fühlen, wenigſtens eine Blume auf ſein Grab zu werfen.““ Ueberzeugt von dieſen Wahrheiten, beſchließt die Geſellſchaft der Wiſſenſchaften und der Künſte im Departement des Donnersbergs zu Mainz fol⸗ gendes: 1) Eine goldene Denkmünze, 240 Franks an Werth, mit Guttenbergs Bild, nach dem in dem Saale der Geſellſchaft befindlichen Portrait Vſoll am 1 Meſſidor des 15 Jahrs der Republik dem⸗ jenigen zugetheilt werden, der die beſte Lobrede auf Johann Gänsfleiſch von Sorgenlach, genannt Guttenberg“ einſchicken wird. Die Lobrede muß franzöſiſch oder teutſch geſchrieben ſeyn, und muß bis zum 1 Prairial des Jahrs 15 eingeſandt werden. Der Name des Verfaſ⸗ ſers, ſeine Addreſſe und eine Deviſe, werden in einem verſiegelten Zettel der Lobrede beigefügt, auf die ebenfalls die in dem Zettel enthaltene Deviſe geſchrieben iſt. Dieſer wird nicht eröffnet, als nur in dem Falle, wenn die Schrift den Preis er⸗ hält. Die Aufſätze werden poſtfrei an den Präſi⸗ denten, oder Sekretaire der Geſellſchaft einge— ſandt. Der Caſſirer wird dem Verfaſſer der ge⸗ 18 + — 8* *⸗ 178— krönten Schrift, oder deſſen Beauftragten den Preis einhändigen. Fremde aus allen Ländern können mit den Franzoſen concurriren. Nur die in Mainz, oder in dem Departement wohnenden Mitglieder ſind davon ausgeſchloſſen. 2) Es ſoll zu Mainz ein Denkmal zu Gutten— bergs Gedächtnis errichtet werden. Um dieſem Denkmal ſo viel möglich einige Beziehung, beſon— ders auf die Nutzbarkeit der Erfindung dieſes be— rühmten Mainzers zu geben, wird es in einem öffentlichen Brunnen beſtehen. Der Entwurf des Guttenbergs-Brunnen wird ebenfalls dem Konkurs unterworfen, und den Künſtlern aller Län⸗ der vorgelegt werden. Zur Beſtreitung der Ko, ſten werden alle diejenigen Bewohner Frankreichs, welche leſen können und die Guttenbergen einige Verbindlichkeit zu haben glauben, aufgefordert, mitzuwirken. Zu dieſem Ende iſt eine Unterzeich— nung eröffnet. Die Geſellſchaft wird durch ihren Präſidenten, den Bürger Didot zu Paris und den Herrn Göſchen zu Leipzig, dieſe würdigen Nachfolger Guttenbergs, erſuchen, Sub⸗ ſeriptionen anzunehmen. Der Betrag derſelben wird zu Mainz bei dem Bürger Degenhard, Caſſirer der Geſellſchaft, niedergelegt. Gutten⸗ — 179— bergs Kunſt wird die Namen derjenigen, dit dazu beigetragen haben, ſein Andenken zu ehren, dem Publikum bekannt machen. Die Geſellſchaft fordert den Bürger Jean Bon St. André, Präfekt des Departements vom Don— nersberg, als ihren Präſidenten auf, dieſe ver— ſchiedenen Beſchlüſſe in Vollzug zu ſetzen, und gibt ihm zu dieſem Ende eine Kommiſſion von 6 Mit— gliedern bei.““ Auch in Deutſchland hat dieſes Unternehmen Beifall und Unterſtützung gefunden, und es iſt zu hoffen, daß es zu Stande kommen werde. Seit der Wiedereinführung der katholiſchen Religion in Frankreich, und deren Erhebung zur Staatsreligion, iſt Mainz auch der Sitz eines franzöſiſchen Bisthums. Der Biſchof iſt Herr Joſeph Ludwig Colmar, Mitglied der Ehrenlegion, am 6 Juli 1802 ernannt und am 58 Oct. deſ— ſelben Jahrs inſtallirt. Unter ihm beſorgt ein Ca— pitul die kirchlichen Angelegenheiten ſeiner Diö— ces. Ferner befindet ſich in Mainz ein Pro te— ſtantiſches General-Conſiſtorium, deſ— ſen Wirkungskreis ſich über das Donnersberger und Saardepartement erſtreckt. Dieſer Sprengel — 180— iſt in 22 Conſiſtorialkirchen eingetheilt, wovon 14 im Donnersberger Departement ſind. Der Präſident dieſes(noch nicht völlig organiſirten) Conſiſtoriums iſt ein verdienter Mann, Herr Pietſch, Präfekturrath und Mitglied der Ehren⸗ legion. 4 Dritter Abſchniet. Fortgeſetzte Bemerkungen über Mainz⸗ Man ſieht es den Einwohnern bon Mainz auf den erſten Blick an, daß ſie von einer thätigen phyſiſchen und geiſtigen Natur ſind. Ihre Geſichts— bildungen ſind ſprechend und ausdrucksvoll, und an Witz und Lebhaftigkeit fehlt es ihnen nicht. Ei— nen ſchönen Landſtrich bewohnend, der mit Leich⸗ tigkeit alles gibt, was man zum angenehmen Le⸗ ben bedarf, hüpften ſie mit fröhlichem Leichtſinn durch das Leben, und pflückten überall die Blu— me des Genuſſes, die ſich ihnen am Wege darbot. Kaum konnten viele Jahre des ſchrecklichſten Krie⸗ ges einen Theil dieſer Jovialität unterdrücken, die, bei der leiſeſten Hoffnung des Beſſerwerdens und jedem kleinen Anlaß zur Freude hervorleuchtet. Sie haben alles erfahren, was der Krieg Entſetz— liches hat, und geduldig, oft lächelnd, aber mit einer Thräne im Auge trugen ſie ihr Geſchick und erzählen izt davon. Keine Einbildungskraft denkt, — 184— und keine Feder beſchreibt die Begebenheiten die— ſer Jahre. Jünglinge und junge Mädchen erleb— ten Dinge, die ſonſt Greiſe nicht erfuhren. Aber ohne Erbitterung ſprechen ſie dabon, wie grau— ſam man mit ihnen umgieng. Die politiſche In— toleranz, jene Furienſchweſter der religlöſen, hielt das Schwerdt der Verfolgung über ſie. Sie ſa— hen ihre Mitbürger und Mitbürgerinnen, Freun— de und Verwandte, die man Nichtpatrioten hieß,— ruhige, friedliebende Menſchen— tauſendweiſe aus der Stadt exportiren, weil ſie zum Theil je— nen thörichten Eid nicht ſchwören wollten, der un⸗ nütz war, ſo lange die daurende Herrſchaft der Franzoſen in dieſer Stadt unentſchieden blieb. Man ſchaudert, wenn man an jene Tage„ beſonders an den 24 Junius 1795 denkt. Fünfzehnhun— dert Menſchen, unter ihnen eine große Anzahl Weiber und Kinder, wurden an dieſem Tage über die Schiffbrücke und aus dem nach Wisbaden ge⸗ henden Thore von Kaſtel geführet. Hier ſtanden dieſe bedaurenswürdigen Schlachtopfer der Parthei— wuth und der Hungersnoth, auf freiem Felde und konnten weder vorwärts noch rückwärts. Die Ein⸗ wohner von Mainz baten bei den franzöſiſchen Ge— nerälen um die Erlaubnis, daß dieſe Erportirten zurückkehren dürften, und die emigrirten Mainzer — 185— bei dem Könige von Preußen um ihre Annahme, aber alles war vergebens. Der Briefwechſel dar— über hielt einige Tage an, während welcher Zeit dieſe Unglücklichen in der Näſſe und Kälte der Nächte auf dem Felde liegen bleiben mußten. Um ſie her wüthete der Krieg. Von allen Batterien von Hochheim feuerte man während der Nacht. Mehrere Kinder ſtarben bor Schrecken, eine Magd wurde erſchoſſen, und zwei Weiber kamen auf freiem Felde nieder. Wer ſah eine ſolche Jam— merſcene? Ungerührt blickten die gegenſeitigen Feld⸗ herren, und ſogar ein König, den man den Men— ſchenfreundlichen genannt hat, auf dieſes namen— loſe Elend.— Menſchlicher ſchlugen die Herzen der gemeinen franzöſiſchen Soldaten. Die Chaſ— ſeurs nahmen unter ihren Mänteln mehrere Kin— der wieder mit in die Stadt zurück, und gaben ſie ihren Familien wieder. Dieſe edeln Männer brachten ſelbſt Frauenzimmer auf ihren Pferden zurlück, und kein Opfer war ihnen zu groß, um das Schickſal dieſer Unglücklichen zu erllichtern. Ein franzöſiſcher Offizier gab ſeine goldene Uhr und ſeine ganze Baarſchaft von 15 Louisd'or her, um dieſe verlaſſenen Menſchen zu unterſtützen. Endlich gab der General dOyrs in dem über die— ſe Exportation entſtandenen Streite nach, und 186— ließ die unglücklichen wieder in die Stadt zurück⸗ kommen. Faſt alle Einwohner giengen ihnen ent— gegen, und geführt von den franzöſiſchen Solda— ten, kehrten die von Hunger und Ungemach Er⸗ matteten in ihre Heimath zurück. Das Gegenſtück zu dieſen ſchrecklichen Auftrit⸗ ten, waren die nach der Eroberung geſchehenden Berfolgungen der ſogenannten Clubbiſten und Pa⸗ trioten. Als ob der Feind noch nicht Elend ge— nug geſtiftet habe, trieb der Teutſche ſeine un⸗ glücklichen Landsleute in der Stadt und auf dem Lande,— die Patrioten— meiſtens Leute, wel⸗ che den Drohungen und der Gewalt unterlagen, itre geführt, wenige Verräther, wie eine Heerde Vieh nach den Gefängniſſen, und zerſtörte mit Hülfe der Privatrache und der Bosheit heuchleri⸗ ſcher, verrätheriſcher Menſchen, blühende Dörfer und glückliche Familien, weil ſie geſchworen hat⸗ ten. Man richtete willkührlich über vorausgeſetzte Meinungen, wollte ſich rächen und mishandelte Schwache und Unſchuldige. Mit bewundernswür⸗— diger Geduld und Ergebung trugen die Mainzer ihre Leiden; ſie ſahen ihre Häuſer brennen, die Ihrigen verbannen, ächten und ſtrafen, ihre Häu⸗ ſer Jahrelang voll roher Soldaten und ſie dul—⸗ deten. —183, Die mancherlei großen und ſchrecklichen Auf— tritte, wovon die Bewohner der Rheinufer ſo lan— ge und ſo oft Zeugen waren, haben ihrem Cha— rakter eine Art von Unerſchrockenheit aufgedrückt, und ſie gleichgültig bei bielen Dingen gemacht, wobor man anderwaͤrts zittern würde. Selbſt Frauenzimmer tragen dieſes Gepräge der Furcht⸗ loſigkeit. Die Männer, welche hingeriſſen vom Geiſte der Zeit, voll Ahndungen einer ſchönern Zukunft für ihr Vaterland, hier mit Entzücken die Fran⸗ zoſen ankommen ſahen, haben ihren Irrthum ein⸗ geſehen. Mehrere von ihnen ſind ſchon hinüber⸗ gegangen in eine beſſere Welt. Da ſtehe ich nicht ohne Rührung vor Forſter's Hauſe in der Uniber— ſitätsſtraße, wo ich bei ihm war, und er mir mit Gefühl und Feuer die ſchönen Früchte ſchilderte, welche die Revolution zur Reife bringen würde. Seine lebhafte Einbildungskraft enkwarf ihm ein freundliches Bild von dem glücklichen Zuſtande der Bewohner dieſer Gegenden, wie ſie nach Abſchaf— fung der Hierarchie, und durch Einführung einer guten Verfaſſung beſſere und vernünftige Menſchen werden würden. Sein Herz ahndete große Vor⸗ theile für die ganze Menſchheit. Nicht Eigennutz, nicht die Herrſchſucht trieb ihn in die ſtürmiſchen — 188— Gefilde der Politik. Er konnte einſehen, daß ſei⸗ ne bürgerlichen Umſtände nicht beſſer werden wür⸗ den, als unter einem freigebigen Fürſten, von dem er faſt 4000 fl. Gehalt erhielt. Es war rei⸗ nes Wohlwollen für die Menſchheit und ſeine Mit— bürger. Aber bald ſah er ein, daß die Menſchen, die hieher gekommen waren, die Freiheit zu pre⸗ digen und zu gründen, falſche Apoſtel waren. Als er einſt höchſt unwillig bon den Commiſſarien zurückkam, denen er im Namen der Admigniſtra⸗ tion vergebliche Vorſtellungen gegen den Verkauf der Kurfürſtlichen Möbeln gemacht hatte, die nach ſeiner Meinung dem Mainzer Volk hätten zukom⸗ men ſollen, ſagte er: Ich ſehe, daß mit allen die⸗ ſen tönenden Worten dieſe Bluthunde es nur auf Geldſchneidereien anlegen, und auf dieſe Art muß es mir weh thun, zum Verderben des Volks die Hand geboten zu haben, für deſſen Beſtes ich mich ſo gern aufgeopfert hätte. Von dieſer Zeit ſchien er Mainz berloren zu geben, und richtete, da er nirgends hin konnte, ſein Beſtreben nur darauf, nach Paris zu gehen.— Von hieraus ſchrieb er an einen ſeiner Freunde in Teutſchland zwei merk⸗ würdige Briefe, die zwar ſchon gedruckt ſind, aber vielleicht nicht bekannt genug wurden, um den Mann vollends zu rechtfertigen, deſſen men— — 189— ſchenfreundliches Herz die höchſte Achtung ver⸗ diente. Paris den 21 Juli 12795. „Meine Lage in Mainz war ſo beſonderer Art, daß ich ohne meinen Grundſätzen zuwider zu handeln, nicht umhin konnte, eine thätige Rolle bei den öffentlichen Angelegenheiten zu überneh— men, und endlich ſelbſt einer von den Hauptver⸗ breitern des franzöſiſchen Syſtems zu werden. Ich habe von der Mitte des Novembers mit äuſſerſter Anſtrengung für das Beſte meiner unglücklichen Mitbürger gearbeitet, wiewohl es ihnen wenig Nutzen geſchafft hat. Die ſchwankende Lage der Sache zeigt mir keine Ausſicht für die Zukunft. Als Anhänger Frankreichs bin ich in Teutſchland und wahrſcheinlich auch in England proſeribirk, und muß für jezt bleiben wo ich bin, wenn gleich die Gewaltthätigkeiten der ehrgeizigen und raub⸗ ſüchtigen Partheien für den Tugendhaften und un— eigennützigen Patrioten ein Anblick ſind,, der, weit entfernt ihn aufzumuntern, vielmehr alle ſeine Begeiſterung und Hoffnung zu Boden ſchla— gen muß.“ „Ich bin meiner Philoſophie gewiß genug, um mich bei dem Gedanken zu beruhigen, daß — 190— nichts in der Welt durch Zufall geſchiehet, und daß die Veränderungen, die ſich in unſern Ta— gen zugetragen haben, die unvermeidliche Folge von den Verbrechen der vorhergehenden Regierun— gen waren. Wenn aber auch gleich der Segen der Freiheit faſt niemals denjenigen zu Gute kommt, die es ſich am ſauerſten werden ließen, ſie zu grün— den: ſo kann man darum doch nicht annehmen, daß die Weisheit und Güte, welche über die Schickſale des Menſchengeſchlechts waltet, Europa ganz dem Drucke der Tyrannei Preis geben werde, die, wenn ſie freies Spiel behält, mit der Ver— nichtung unſerer moraliſchen und intellectuellen Kräfte und mit der Ertödtung jeder Tugend en— digen muß. Wohl weiß ich, daß vollkommene Glückſeligkeit, vollkommene Tugend und vollkom⸗ mene Freiheit nicht in dieſer Welt erwartet werden können, und daß ſie auſſerdem mehr das Reſultat unſers eignen Beſtrebens unſrer ſelbſt Meiſter zu werden, als Wirkungen dieſer oder jener Regie— rungsform ſind. Allein ich weiß ebenfalls, daß die größere Maſſe des Menſchengeſchlechts einer freien Regierungsform bedarf, um einen gewiſ—⸗ ſen Grad von Tugend zu erlangen, um eines gewiſſen Grades von Glückſeligkeit zu genießen.“ — 191— „Dieſe Grundſätze, und dieſe Art, die Dinge vor mir anzuſehen, halten mich aufrecht unter den widrigſten Unfällen, die ich je erfuhr, und wenn ich auch die Hoffnung aufgeben müßte, ächte Frei— heit in Frankreich gegründet zu ſehen, ſo kann ich dennoch nicht zweifeln, daß ſie die letzte Frucht unſers unſeligen Kampfes ſeyn wird.“ „Die Menſchen ſind zum handeln gemacht und daraus entſpringt Erfahrung, und ich darf wohl hinzuſetzen, daß Erfahrung, oder das Erwerben von Ideen und Gefühlen, die unſern Verſtand be— reichern, unſere Vernunft aufklären, und die Schnelligkeit unſerer Gefühle befördern, der ein— zige wahre Endzweck unſeres Erdenlebens zu ſeyn ſcheinet. Denn das animaliſche Leben iſt unſerer Wünſche unwerth, wofern es nicht mit dem mo⸗ raliſchen Leben verbunden iſt, und zu lezterm kann nur unſre theuer erkaufte Erfahrung uns leiten. Ich muß jezt den Ausgang abwarten.“— Paris den 12 Auguſt 2795. ——„Was mich ſelbſt betrift, ſo hoffe ich, daß mein Betragen bisher völlig conſequent war. Ich bin ſtets ein warmer und eifriger Freund der Freiheit geweſen, und habe mich ihr in die Arme geworfen, als ich glaubte, daß die Länder 192— am Rhein durch ſie beglückt werden würden. Die Art, wie man ſeit einiger Zeit die Sache angriff, ließ mich mit Zuverlüßigkeit vorausſehen, was wirklich geſchehen iſt. Hätte ich dieſes ſechs bis acht Monate früher vorausſehen können, ſo wür⸗ de ich anders gehandelt haben, als ich damals that. Doch werde ich auch, ſo wie es nun ein⸗ mal iſt, fortfahren, der Sache der Freiheit zu dienen, ſo lange man meine Bemühungen anneh⸗ men will. Stellt man mich bei Seite, findet man meine großen Aufopferungen, den Verluſt meines Glücks und meiner Hoffnungen, nicht der Mühe werth, mir Schadloshaltung und Beſchäf⸗ tigung zu geben, wie ſie meinen geringen Fähig— keiten angemeſſen iſt, ſo werde ich glauben, daß die Republik nicht länger Anſpruch auf einen Mann hat, der freiwillig ihr zu dienen erwählte, und es mit Gefahr und Beſchwerde that.“ „Ich habe aus der Erfahrung gefunden, daß mein Charakter, meine Grundſätze, meine Liebe zur Tugend und Vernunft mich nicht ſehr geſchickt für eine politiſche Laufbahn machen, wo es ſo vie⸗ ler Doppelzüngigkeit und Liſt bedarf, und wo man ſo oft gezwungen wird, bei Führung der politi— ſchen Angelegenheiten von ſeinen Grundſätzen ab⸗ zuweichen.“— ——„Wenn ich meine gegenwöärtige Läͤge verlaſſe, ſo iſt es mein feſter Vorſatz, nie mehr thätigen Antheil an politiſchen Reformen, Con⸗ ſtitutionen und Regierungen zu nehmen, ſondern es andern zu überlaſſen, ſich in Dinge zu miſchen, wobei ich nicht fand, was ich erwartete, und die meines Erachtens reine und friedliche Wirkung der Vernunft, ohne Einmiſchung von Gewalt— ſamkeit ſeyn ſollten.““ Forſter hatte nicht das Glück, dies Land frei und glücklich zu ſehen, wie er ſehr wünſchte. Durch Studieren und ſeine großen Seereiſen war ſein zarter Körper geſchwächt, und die Schrek— kensſcenen, die er um ſich ſah, drückten ſeinen Geiſt nieder. Ein ſcorbutiſches Fieber„wobon ihn ſein Freund Wedekind in Mainz ſchon einmal geheilt hatte, ergriff ihn von neuem und raffte ihn im 59 Jahre ſeines Lebens dahin. Sein fran— zöſiſcher Biograph ſagt von ihm: „Forſter, der den Menſchen auf allen Stufen der Cultur geſehen hatte, einfach und glücklich auf Otaheite, als Menſchenfreſſer in Neuſeeland, in England durch Geldgier verdorben, in Frankreich durch den Luxus, in Brabant durch den Aberglau— ben, in Teutſchland durch eine monſtröſe Staats— verfaſſung erſchlaft,— Forſter mußte natürlich 13 194 mit Enthuſiasmus eine Rebolution umfaſſen„ die dem Menſchen ſeine Rechte und ſein Glück wie⸗ der gibt!“ Auch der edle Luxv, Forſters Gefährte auf dem Pfade der Revolution iſt gefallen. Des Le⸗ bens müde, deſſen ſchönſte Hoffnungen getäuſcht wurden, warf er ſich ſelbſt unter das Meſſer der Guillotine. Wedekind hat ſeine beiden letzten Schriften: die Meinung den Pariſern geſagt von Adam Lux und Charlotte Corday von demſelben, deutſch unter dem Ti⸗ tel: RNepublikaniſcher Nachlaß von Adam Lux, Strasburg im 5 J. der Re⸗ publik, herausgegeben. Die Vorrede enthält eine leſenswerthe Charakteriſtik des Mannes, der ſein Schickſal zu ahnden ſchien, als er das Mot⸗ to aus dem Horaz über die zweite Schrift ſchrieb: Quo me rapis tui plenum! Quae nemora aut quos agor in specus velox mente nova? Dicam insigne, recens, adhuc indic- tum ore alio. Nil Parvum aut humili modo. Nil mortale Loquar; dulce periculum est- Horat. — 195— In jenen ſchrecklichen Zeiten konnte mau das Unternehmen die holde Mörderin eines Volksgötzen Marat zu vertheidigen, für Wahnſinn halten und ſeine Freunde bemühten ſich, es dafür zu erklären. Wedekind lies in ein geleſenes Pariſer Journal ei— nen Aufſatz einrücken, worin er ihn als einen ver— liebten hypochondriſchen Schwärmer vorſtellte, den er, als ſein Arzt, ſchon lange als ſolchen kenne, und der Kunſtgriff wäre gelungen, wenn Luxens Starrſinn oder die Meinung, daß ſein Dod das einzige Mittel wäre, um demjenigen, was er nach ſeiner Ueberzeugung als Wahrheit geſchrieben hatte, Eingang zu verſchaffen, nicht alle Mittel zur Rettung verworfen hätte. Die Blutrichter am Revolutionstribunal ſelbſt ſchienen ihn retten zu wollen. Auch bei der größten Grauſamkeit, die man begieng, hatte man doch noch Achtung für den reinen, uneigennützigen Freund der Frei— heit, wofür er bekannt war. Er hätte nur er⸗ klären dürfen, ſeine Schriften in einer melanchols ſchen Gemüthsſtimmung abgefaßt zu haben.— Aber er verwarf Alles; er wollte nicht als Mann leben, der ſeine Exiſtenz höher ſchätze, als die Wahrheit. Er wiſſe, ſagte er, daß ſeine Freun— de ſich die Mühe gegeben bätten, ihn als Schwär— mer und Enthuſiaſten vorzuſtellen, aber dies ſey er — 196— nicht, ſondern vollkommen geſund, und er wür⸗ de daſſelbe, was er geſchrieben habe, jezt noch ſchreiben, wenn es nicht ſchon geſchehen wäre. und man ſprach das Todesurtheil über ihn, das er als Märtyrer ſeiner Grundſätze ſtandhaft erlitt. Jean Paul hat im Braunſchweiger Almanach für das erſte Jahr des 19 Jahrhunderts ihm und der edlen Bürgerinn Corday ein neues ſchönes Denk— mal errichtet. Auch den Namen des ſanften Dulders, Blau, will ich hier nicht vergeſſen. Unter jeder Regie⸗ rungsform würden ſeine bürgerlichen Tugenden die Achtung verdient haben, die ihm bei ſeinem Tode die Centralverwaltung des Donnersberger Depar— tements zollte. Dieſer war die Folge langen Lei⸗ den in den Gefängniſſen bon Königſtein und Erfurt, und ſeiner häufigen literariſchen Arbeiten. Ich ſetze den Beſchluß der Centralverwaltung hierher: „Die Centralberwaltung, nach Anſicht eines Briefes des Bürgers Köhler, Agenten des Se⸗ minariums zu Mainz, worin er ihr das heute den 5 Nibos Morgens um 6 Uhr und drei Vier; tel erfolgte Abſterben des Bürgers Blau, Bi⸗ bliothekars der hieſigen Univerſität ankündigt;“ „In Erwägung, daß es den republikaniſchen Grundſätzen angemeſſen iſt, das Andenken derer — 197— zu ehren, welche durch ihre republikaniſchen und Bürgertugenden, durch die Sanftmuth ihres Cha⸗ rakters, durch ihre angenehmen Sitten, ihre ſtandhaften Bemühungen, ihrem Vaterlande zu dienen, und ihre Mitbürger zu unterrichten und beſſer zu machen, und endlich durch die Hinge— bung, mit der ſie zum Siege der Freiheit alle Ar— ten von Verfolgungen erduldeten, ihren Zeitge— noſſen und künftigen Generationen zum Muſter ge— dienet haben, und immer dienen werden;““ „In Erwägung, daß der. Bürger Blau alle dieſe Eigenſchaften in ſich vereinigte, daß er durch den der Jugend ertheilten Unterricht, durch ſeine literariſchen Arbeiten, durch ſeinen muthbollen Ei⸗ fer die 1. aller Art auszurotten, und Aufklärung zu befördern, durch Ausübung aller geſellſchaftlichen 110 Pribattugenden, durch ſeine raſtloſen Bemühungen das heilſame Werk unſerer Vereinigung mit der Republik zu Stande zu brin— gen, und endlich durch roiſ Reſignation, wel⸗ che er theils bei den grauſamen Mishandlungen, die er bon dem Augenblicke an, da er in die Hän— de der Republik fiel, bis auf jenen ſei— de der Fein ner Befreiung erdulden mußte, theils während ſei— ner langwierigen und harten Krankheit zeigte, welche eine Folge jener barbariſchen Mishandlun— — 198— gen war, den Dank ſeiner Mitbürger verdient, beſchließt, nach Anhörung des Commiſſairs des Vollziehungsdirectoriums;“ 1)„Der Name des heute den 5 Nib. 7 J. verſtorbenen B. Felix Blau, Bibliothekars an der Uniberſität zu Mainz, ſoll bei dem nächſtkommen— den Feſte der Erkenntlichkeit, als eines Bürgers proclamirt werden, der es werth iſt, den republi— kaniſchen Lehrern, den Philoſophen, den Freunden der Menſchheit, den Feinden des Aberglaubens und der Tirannei und allen wahren Freunden des Va— terlandes zum Muſter zu dienen;“ 2)„Gegenwärtiger Beſchluß ſoll in beiden Sprachen gedruckt, und an die Municipalberwal— tungen dieſes Departements zu ihrer Nachachtung, ſo wie auch an den Miniſter der Juſtizpflege und an die Uniberſität Mainz geſchickt werden.“ Die Verehrer ſeiner Tugenden, ſeine Schüler und viele gute Bürger folgten ſeiner Leiche.““ Ich lernte hier noch Eikemeyer, Hoff⸗ mann und Wedekind perſönlich kennen— be— kannte Namen in der Geſchichte der Revolution von Mainz, und alle merkwürdig durch ihre Schickſale, und achtungswerth wegen ihrer Ta— lente. — 199— Man braucht nur kurze Zeit in Mainz zu ſeyn, um die Abſonderung zu bemerken, welche die politiſchen Meinungen herborbringen. Die Geſelligkeit hat wegen der verſchiedenen politiſchen Geſinnungen und der daraus entſtande⸗ nen Verfolgungen ſehr abgenommen. Ihre Ver— ſchiedenheit zerſtörte Freundſchaften, die Jahre lang gedauert hatten. Erbitterung und Rache traten an die Stelle des Rechts und des Friedens. Die Verheerung der Gegend um die Stadt hat ſelbſt das Vergnügen vermindert, das man ſonſt auf den Spaziergängen fand. Weiſſenau und Zahl⸗ bach, ſonſt häufig beſucht, ſind jezt traurige Oer— ter geworden, deren Schutthaufen immer an das ausgeſtandene Elend erinnern. Wisbaden, das nur zwei Stunden entfernt iſt, die Jahrmärkte zu Hochheim, die Kirchweihfeſte in den nahen Dör⸗ fern, Biberichs reizender Garten und die Wein⸗ leſe im Rheingau ſind die Beluſtigungsorte der muntern Mainzer im Sommer und Herbſt. Im Winter gibt es Bälle in Schröders Caffeehauſe und im Theater⸗ Das ſchöne Geſchlecht, das man an dieſen Or⸗ ten ſieht, iſt wirklich ſehr reizend), und hat hier unter allen Städten am Rhein am meiſten jene franzöſiſche Haltung(tournure) angenommen, 200— die dem Teutſchen an den Franzöſinnen ſo wohl gefällt. Trotz einer Pariſerin weis die neue Fran⸗ zöſin das lange Schleppkleid ſeitwärts aufzuheben, und das wohlgeformte Füschen bom reinlichen ſei— denen Strumpfe glatt bedeckt, anlockend ganz zu zeigen. Daß ihr die Sprache ihres neuen Vater— lendes geläufig ſey, verſteht ſich von ſelbſt; man findet, d men, das Franzöſiſche weit beſſer ſprechen, als die Männer. Auch an Beleſenheit fehlt es ihnen nicht. Es exiſtiren hier einige Leſebibliotheken, von denen eine ſogar im Beſitz eines Juden iſt. Ohnerachtet die ſchönen Leſerinnen von ihremeteut⸗ ſchen Vaterlande abgeriſſen ſind, ſo ſchätzen ſie dennoch die Meiſterwerke deſſelben. Der unber— aß die Frauenzimmer im Ganzen genom— gleichliche Rinaldo Rinaldini des Herrn Vulpius, geiſtreichen Andenkens, deſſen großer Deufel, Glo— rioſo, Cramers unſterbliche Schriften, Eliſa, oder das Weib, wie es ſeyn ſollte,— aber, dem Him⸗ mel ſey Dank! nicht iſt— und viele andere Wer— ke:„wie ſie ſeyn ſollten!“«“ exiſtiren in die— ſen Bildungsanſtalten des menſchlichen Geiſtes drei und viermal und vergeblich fragt doch die Schöne nach ihnen. Unter die edleren Vergnügungen in Mainz würde man unſtreitig das Schauſpiel rechnen müſ— — 201 ſen, wenn daſſelbe nicht ſo unglaublich ſchlecht wä⸗ re. Während meines Aufenthalts zu Mainz (1809) waren hier zwei Schauſpielergeſellſchaf⸗ ten, eine deutſche und eine franzöſiſche. Wenn hier vor dem Kriege eine der vorzüglichſten Büh— nen Teutſchlands blühte, wo Koch, Chriſt, Porſch und mehrere Männer von Talent und Kunſtſinn das gebildetere Publikum unterhielten, wenn es hier eine Kapelle gab, die Rhigini dirigirte, ſo ieht jezt, zum Beweiſe des Wechſels aller Dinge, er Mainzer Einwohner herumziehende Banden, ihre Equipagen auf Hunden und Eſeln nach— führen, aus verlaufenen Friſeurs, Schneiderge— ſellen und Dirnen zuſammengeſetzt, die den edlen Beruf in ſich fühlten, ſtatt dem Trommelfell zu folgen, und der Cara Mama zu gehorchen, auf den Cothure zu treten, und von den Brettern her— ab das Publikum zu bilden, zu belehren und zu beſſern. Unter dieſe Cathegorie gehörten denn die hier anwefenden beiden Geſellſchaften. Beide, die teutſche und franzöſiſche, ſcheinen mit einander zu wetteifern, welche die ſchlechteſte ſey, doch aber ſcheint es, als wolle die vaterländiſche teutſche der galliſchen noch den Rang ablaufen, und ſie an Jämmerlichkeit übertreffen. Jene, aus Gliedern von den Ufern der Elbe, der Salza, der Donau, —— 202 Weſer und Spree, kurz aus allen Ecken Teutſch—⸗ lands von mancherlei Schickſalen zuſammengeführt, ſprechen ſo viele Dialekte, als die franzöſiſche, die deren von Süden und Norden des großen Reiches unter ſich ſiehet, und dem Sprachforſcher Gelegen⸗ heit geben kann, die Accente unſerer galliſchen Nachbarn in ihren verſchiedenen Provinzen kennen zu lernen. Wenn es der Kammerjungfer in Men— ſchenhaß und Reue, die aus Tyrol herzuſtammen ſcheint, ſchwer wird, mit ihrer gnädigen Frau von der Lahn her, hochteutſch zu ſprechen, ſo fin—⸗ det der Gascogner, der„bei der Quelle der Ga— ronne“ ſeine Liebe beſchwört,*) nicht minder Schwierigkeiten, bei der lispelnden Schöne von der Seine, die daser nicht ausſprechen zu können, affektirt, den Liebhaber zu machen. Wenn bei den franzöſiſchen Schauſpielern die Compoſition der Truppe im Ganzen genommen, gleichfalls ſehr elend iſt, ſo haben ſie doch den Vor⸗ theil eines beſſern Lokals und manches nationale Ue— bergewicht. Die den Franzoſen ſo eigne Fertig⸗ keit, ſich in jede Lage zu finden, macht es der entlaufnen Dirne, die hier ſpielt, ſehr leicht, die vornehme Dame zu machen, zärtlich oder naiv zu ) Source de la Garonne! ein gaskogniſcher Schwur. — 203— ſeyn, wie ihre Rolle es berlangt, wenn die Teut— ſche in ihren Manieren und in Allem ihre Ab— kunft verräth; das nemliche findet bei den Schau— ſpielern ſtatt, die aufmerkſam auf ſich ſelbſt und den Charakter ſind, den ſie darſtellen ſollen. Der elendeſte Schauſpieler hat Gefühl für eine Sentenz, h für eine ſchöne Stelle, die er herzuſagen hat; er weis, daß ſie auf ein ſo reizbares Pubkikum, als das franzöſiſche iſt, ihre Würkung nicht verfehlen kann; er ſagt ſie mit Gefühl und Anſtand her, und alles klatſcht bis auf den Soldaten, der dort an der Thüre Wache ſteht, und welchem das Wah— re oder Witzige derſelben eben ſo wenig entgangen iſt, als ſeinem General oben in der Loge. Das Schauſpiel iſt der Ort, wo man den Franzoſen kennen lernen kann. Man ſieht, wie er ſo leicht zu rühren und zu reizen, und welche Summe von vernünftigen Ideen und Faſſungskraft unter ihm verbreitet iſt, während bei den Teutſchen jede ſchö— ne. Stelle verloren geht, weil ſie der Schauſpieler nicht verſtand, und das Publikum keine Empfäng— lichkeit dafür hat. So groß die Leſeſucht unter den Mainzern iſt, ſo war es doch noch keiner teutſchen Buchhand— lung möglich, hier zu beſtehen. Die Andräiſche Buchhandlung aus Frankfurt, die zulezt eine Nie— —— 204—— derlage hatte, hat auch dieſe jezt wieder aufgege⸗ ben. Ungleich beſſer befand ſich von jeher der franzöſiſche Buchhändler Leroux, der blos mit fran⸗ zöſiſchen Werken, Landkarten und Kupferſtichen handelt. Der ehemalige Hof, die Reiſenden und jezt das Militair und die übrigen Liebhaber der Literatur gewährten ihm vielen Abſatz. Für die Befriedigung der politiſchen Neugies⸗ de iſt hier durch eine Leſegeſellſchaft geſorgt,, in welcher auch Freide Zutritt haben, wenn ſie bon einem Mitgliede eingeführt werden. Man findet hier die beſten teutſchen periodiſchen Schriften nnd die vorzüglichſten Pariſer Blätter. Dieſes Leſe— Uebrigens hat es ein ſchönes Lokal, und wird von den beſten Köpfen in Mainz beſucht. —2— Unter der Menge der in Mainz bei der all— gemeinen Gewerbefreiheit entſtandenen neuen Gaſt⸗ höfe haben dennoch die alten, der Mainzer Hof und zu den 5 Reichskronen den erſten Rang beibehalten. In beiden findet man gute Bewirthung. Unter den Caffeehäuſern iſt das Calé Datis das ſchönſte und frequenteſte, wel— ches vorzüglich von Franzoſen beſucht wird. Im Schröderiſchen Caffeehauſe iſt der große Tanzſaal, worin man an Balltagen die ſchöne und junge Welt von Mainz verſammlet ſieht. Es iſt ſelbſt für den, der im Tanz keinen Genuß findet„ ein Vergnügen, die ſchönen weiblichen Formen und die offenen und ausdrucksbollen Geſichter zu ſehen, die man hier in größerer Anzahl, als irgendwo, an— trift. Ich verlaſſe Mainz mit dem Wunſche, daß dieſe jungen Bürgerinnen alle glückliche Frauen und gute Mütter werden mögen, ſorgſam den ſüßen Beruf erfüllend, zu welchem die Natur ſie be— ſtimmte! Das in Mainz herrſchende ſtille Leben ward im Herbſte des vorigen Jahrs(1804) durch die Ankunft des Kaiſers und Seiner Gemahlin auf ei— nige Wochen unterbrochen, und von dieſer Anwe— ſenheit ſchreiben ſich mehrere Verbeſſerungen her, welche der Kaiſer verordnete. Es war am 20 Sept. 1804 als Beide in dieſer Stadt anlang— ten. Er kam ungeſehen von der Menge, beglei— tet von ſeiner Ehrengarde und 2 Regimentern Ca⸗ vallerie, durch ein Landthor in die Stadt, wäh— rend ſich die Einwohner am Rheine befanden, um Seine zu Schiffe ankommende Gemahlin zu ſe— hen. Dieſſeits und jenſeits des Rheins kündigte 206— das Geſchltz ihre Ankunft an. Sie ward von der Munizipalität am Ufer empfangen und Mäd— chen ſtreuten Ihr. Blumen. Abends war die Stadt erleuchtet, in der ſich eine große Menge Fremde befand. Die Kaiſerl. Schauſpielergeſellſchaft von Paris, welche dem Hofe gefolgt war, gab hier Vorſtellungen, und erhöhte das Intereſſe, in die— ſem Zeitraume hier zu ſeyn. Der Kaiſer gab allen conſtituirten Autoritäten Audienzen, und un— terhielt ſich mit ihnen über die wichtigſten Ge— genſtände der Verwaltung dieſes Landes. Er be— ſah die Stadt und die Feſtungswerke, und meh— rere Abende ſeines Hierſeyns waren Feſten im Zeug— hauſe gewidmet, denen Er jedoch nicht immer und nicht lange beiwohnte. Ein ſchönes Schau— ſpiel gewährten am 26 Sept. die Erleuchtung der Rheinbrücke und der Rheinſeite des Städtchens Caſtel. Der Kaiſerlichen Wohnung(in dem ehe— maligen teutſchen Hauſe) gegenüber, waren Triumphbogen errichtet, glühende Feuerſäulen lo— derten gegen die Wolken empor, und die flam— mende Fagade von Caſtel war in dem ruhigen Strome nachgebildet. Das Ganze that eine vor— trefliche Wirkung. Die Natur kam der Kunſt ge— fällig zu Hülfe, der Himmel war düſter und ru— hig die Atmoſphäre. Da die Blicke vieler tau— — 207— ſend Menſchen an dem ſchönen Schauſpiele ruh— teißh richtete ſich der Mond in ſeinem Glanze an dem öſtlichen Himmel auf, als wolle er die feſtli— che Beleuchtung erhöh'n. Ueber der weiten offe— nen Gegend herrſchte eine tiefe Stille. In der Ferne lagen die Gebirge von Königſtein, vom Mondlicht halb beleuchtet. Die Kunſt allein konnte ein ſolches Schauſpiel nicht ſchaffen. Die große ſtille Natur ſprach zu dem ſtaunenden Geiſte— Beſonders beſchäftigte den Kaiſer die Feſtung Mainz. Es war ſchon vor längerer Zeit die Re— de davon, ob es nicht vortheilhafter und Frank— reichs Intereſſe angemeſſener ſey, die Befeſtigun— gen um die Stadt zu ſchleifen, und ein Fort auf der Höhe hinter Mainz anzulegen? Der Kaiſer entſchied dieſe Frage verneinend. Die Feſtung ſoll bleiben, der Sumpf zwiſchen Mainz und Mom⸗ bach aber ausgetrocknet werden. Die ſogenann— ten neuen Univerſitätsgebäude und alle Häuſer, die von der großen Bleiche über den Thiermarkt rechts liegen, die Kirchen der lutheriſchen Ge— meinden, den Baſſenheimer und Oſteiner Hof mit eingeſchloſſen, beſtimmte er zu Caſernen. Da der Freihafen erweitert werden ſoll, ſo ſchenkte der Kaiſer der Kaufmannſchaft das ehemalige Chur— fürſtl. Schloß zur Waarenniederlage. Er ver— 208— ordnete ferner an die Stelle der durch das Bom— bardement eingeäſcherten Gebäude(in der Getznd der Domkuſtorei) einen Platz anzulegen, dem Er— finder der Buchdruckerkunſt Guttenberg hier ein Denkmal zu ſetzen, und den Platz nach deſſen Na⸗ men zu nennen; hierzu ſollte von dem Kaiſer ein Beitrag zu den Koſten von 40,00 Franks an— gewieſen werden. Der Kaiſer beſuchte auch das deutſche Rhein⸗ ufer, wo man ihm in der Nähe von Hochheim eine ungeheuer große Traube zum Geſchenk über⸗ reichte. Die Kaiſerin machte einen Beſuch bei der Fürſtin von Naſſau-Uſingen in Biberich, und nahm das Frühſtück bei Ihr ein.— Eine große Anzahl teutſcher Fürſten erhöhte durch ihre Ge— genwart den Glanz des Kaiſerlichen Hofes. Unter allen ward der Kurfürſt Erzkanzler des teutſchen Reichs ausgezeichnet. Bei Seinen Beſichtigungen der Gegend bon Mainz traf der Kaiſer auf dem Felde, da er gra— de allein war, ein hübſches Mädchen an, das er teutſch mit der Frage anredete: was wünſcheſt du dir, mein Kind?—— Das Mäcdchen ſah Ihn mit großen Augen an. Ich?— Je nun, daß mein Traum möchte wahr werden! Mir träumte ich hätte 5000 fl. gewonnen, und dafür hätte — 209— ich mir Kühe und ein Haus gekauft, und wäre nun berſorgt.— Dein Traum iſt etwas theuer, verſetzte der Kaiſer, allein er ſoll doch wahr wer— den; geh zum Commandanten in Mainz, der wird dir 5000 fl. geben. Seitdem träumen alle Franzöſinnen Nachts von Napoleon.— * DD — D — Vierter IJi den romantiſchen Gebirgen Helbetiens, wo ſich Eisberge in ungeheuren Maſſen erheben, und eine unberſiegliche Quelle großer Ströme werden, entſpringt der Rhein, welchen man mit Recht einen der ſchönſten, wo nicht den ſchönſten der europäiſchen Flüſſe nennen kann, und an deſſen Namen die Bilder der großen Thaten und wich— tigen Begebenheiten der edelſten und berühmteſten Völker geknüpft ſind. Er entſpringt in Grau— bündten aus drei Hauptquellen, welche die Na— men des vordern, hintern und mittlern Rheines führen. Der junge Haas in Baſel war der erſte Sterbliche, welcher Muth genug hatte, einen Weg aufzuſuchen, auf dem man die drei verſchiedenen Quellen des Rheines ſehen könnte. Er entwarf eine Charte von demjenigen Theile Graubündtens, der dieſe Quellen enthält— Ge— genden, welche nur dem kühnſten Muthe zugäng— — 214— lich, und nach ihm nur von wenigen Menſchen be⸗ ſucht worden ſind. Unter den höchſten Felſenwän⸗ den des Bergs Baduz, der mit dem Crispalt ei— nen Anhang des St. Gotthardsberges ausmacht, liegt nicht ferne von dem Wege, der aus Grau— bündten nach Urſeren führet, ein kleiner See von kaum 300 Klaftern im Umfang, der unaufhör— lich von dem ſchmelzenden Eiſe und Schnee jenes Berges gefüllt wird; von ſeinen ſchwarzen Fel— ſenmaſſen ſieht man bei Selba den Rhein als ein unbedeutendes Gletſcherwaſſer herabfallen, mit dem ſich noch ein kleiner Bach, der von der Alpe Nourchelas herkömmt, vereiniget— der Aus— fluß aus jenem kleinen See erhält von den Ein— wohnern den Namen des vordern Rheins, und wird mit Recht als die wahre und höchſte Quelle, und die Schneemaſſen und Gletſcher des Baduz, der noch höher als der Crispalt iſt, als die Ernähreringen des vordern Rheins angeſe— hen— Bald wächſt dieſer, der bei Selba ſo klein iſt, daß man ihn überſpringen kann, durch ++ den Zufluß mehrerer kleinen Gebirgswäſſer zu ei⸗— niger Größe heran, und fließt labyrinthiſch durch grauſenvolle Einöden und lachende Thäles Chia— muth vorbei auf Tavetſch, Diſentis, Rincken— berg, am Fuße der unermeßlichen Felſenwände 215— des hohen Camor's, durch die Graffchaft Sax, und ſtrömt ſchäumend, als ein mächtiger Glet— ſcherbach über große Felſenſtücke auf Ilanz, dann nach Tarvis, auf das ſchöne Dorf Bonaduz und Reichenan, wo ſich der vordere und hintere Rhein, zum eigentlichen Rhein vereinigen.— Ehe noch der vordere Rhein ſich mit dem hintern vereiniget, bildet er noch ſtarke Strudel.— Er ſteigt mit einem großen Theil ſeiner Gewäſſer ge— gen einen breiten hervortretenden Felſen und in e i⸗ nen Strom vereinigt, werfen beide Rheine ſchäu⸗ mende Wellen.— Reichenau liegt mahleriſch, von ſeinen beiden Armen umſchloſſen, auf einer kleinen Halbinſel. Der hintere Rhein ent⸗ fließt dem ungeheuren Rheinwald-Gletſcher, drei Stunden über dem Dorfe Hinterrheim, ſammelt ſich in dem Berge der Vogel(monte del uc- cello, avicula), fließt unter dem Moſchelhorn, in vielen Bächen aus ihm hervor, und ſtürzt ſich in einen tiefen Schlund hinab— In labyrin⸗ thiſchen Krümmungen windet er ſich brauſend, anfangs gegen Süden, hernach gegen Oſten durch den Rheinwald, ein Thal, welches ſich von ſei⸗ nem Urſprunge bis Splügen herabzieht und vert größert ſich durch mehrere Alpen⸗ und Gletſcherbä— che. In der Bergenge Rufeln fällt er über jähe — 216— Felſen, und bildet bei der hohen Brücke einen ma— jeſtätiſchen Waſſerfall; ſein fernerer Lauf durch das Schamſer Thal und die VWia mala iſt eine Folge von großen, unbeſchreiblichen Naturſtenen.— Leicht gebau'te Brücken führen von den Felſenzak⸗ ken eines Ufers zu den andern, unter denen in fürchterlicher Tiefe, der ſanft grüne, junge Rhein mit Schaum bedecktem Rücken hineilt. Felſen— dächer wölben ſich über ſeinem engen Pfade und furchtſam gleitet der Blick in die dunkle Nacht des Flußbettes, durch deſſen engen Pfad' er ſich müh⸗ ſam hindurch krümmt. Aber plötzlich iſt die Berg— kluft auseinander geriſſen, und der Blick fliegt in ein heiteres Thal, das Domletſcher Thal 5 wo der Rhein muthwillig in der Ebene ſpielt, umgeben mit ſanften Hügeln und Wieſen, Dör— fern, Schlöſſern und lieblichen Gebüſchen.— An dieſen reizenden Ufern, an welchen ſich Ruinen al, ter Schlöſſer emporthürmen, und unter dieſen das berühmte alte hohe Rhätien(alta Rhaetia) wächſt der erſte Rheinwein. Dann ſtrömt er Schlangenförmig gegen Oſten bis Reichenau, wo er ſich mit dem vordern Rheine vereinigt.— Ein kleiner Bach, der von einem hohen Lepon— tiniſchen Gebirgsrücken,(Cadelinum) unter dem Namen Froda, zu dem mit ewigem Schnee be— —. 217— deckten Luckmanier Berg und durch das Meldelſer Thal herfließt, wird der mittlere Rhein ge— nannt. Er vereinigt ſich bei Diſentis mit dem vordern, und beide ſtrömen ſo Reichenau zu, wo ſie den ſchönen Fluß bilden, der nun unter dem Namen des Rheins einen Theil der Schweiz durchſtrömt, und in ſeinem fernern Lauf, nach den Beſtimmungen des Lüneviller Friedens, Teutſch— land von Frankreich trennt.— Bei Chur wird der Rhein ſchiffbar; er durchſtrömt bei dieſer al— ten Hauptſtadt Graubündtens ein wildes von rau— hen Winden geſchütztes, der Sonne offenes Thal, das ſehr fruchtbar an Wein und vortreflichem Obſt iſt, verläßt dann bei Mayenfeld die Gränzen Graubündtens, fließt auf der linken Seite neben der Grafſchaft Werdenberg, neben Sax und Rhein— thal; auf der rechten neben den öſterreichiſchen Herrſchaften Pludenz, Hohenems, Feldkirchen ꝛc. vorüber— Orte, berühmt durch die Thaten des letzten Kriegs— und betritt das Rheinthal, welches ſich von der Grafſchaft Werdenberg bis zum Bodenſee herabzieht.— Bei dem kleinen Hauptort dieſes Landſtrichs,(Rheineck), ſtürzt ſich der junge Rhein in den Bodenſee, der zur linken die Schweiz, zur rechten Schwaben begränzt,— deſſen ganze 28ſtündige Länge er durchſtrömt. Ei— — 218— ne halbe Stunde weit vom Einfluſſe bemerkt man ſeinen Strom und ſein grünes Gewäſſer in den ſtäͤrkern Wellen, bis ſie endlich ganz mit den Flu— ten des Sees zuſammenſchmelzen. Seine Ufer ſind mit Landhäuſern, Schlöſſern und Klöſtern, mit glücklichen Städten, Flecken und Dörfern be— ſetzt. Zwiſchen Weinbergen, Fluren und Wie— ſen— bezaubernd durch Lage und Cultur, ru— hen die Inſeln Meinau und Reichenau in dem ruhigen, freundlichen See.— Der Rhein verläßt ihn bei Conſtanz, und ſtürzt ſich dann von neuem in einen Theil deſſelben, welchen man den Unter-oder Scheller-See nennt, aus wel— ſchem er bei Stein wieder herborgeht. Von hieraus fließt der Rhein gegen Weſten nach Dieſenhofen, vor dem Kloſter Paradies, dem Hauptquartier eines großen Feldherrn, des Erz— herzogs Karl,(im Feldzuge 1799) berühmt, nach Schafhauſen. Hier führte ehemals jene be— rühmte Brücke über den Rhein, welche bei einer Länge von 360 Fuß und einer Breite von 56 Schuhen nur zwei Schwibbogen und einen einzi— gen Pfeiler hatte. Sie wurde im letzten deutſch— franzöſiſchen Kriege ein Raub der Flammen, iſt aber jetzt ſchon wieder hergeſtellt. Eine halbe Stunde unter Schafhauſen bildet er jenes große, — 219— und in Europa faſt einzige Naturſchauſpiel den Rheinfall bei Laufen. Schon eine halbe Stunde vor demſelben, oberhalb des Standpunkts jener abgebrannten Brücke, wird das Bett des Rheins ſo abſchüſſig und der Fluß ſo reiſſend, daß man die Schiffe ausladen muß; nahe vor dem Sturze zerſpalten ſich ſeine Gewäſſer durch viele verborgene und hervorragende Klippen in Strudel und ſchäumende Wellen— bis endlich die ganze Waſſermaſſe über einen 60 bis 70 Schuh hohen Felſen hinabſtürzt.— Am Rande des Abgrunds, in welchen ſich ſeine Wogen hinabwälzen, ſtehen zwei Felſen empor, die ſeine Wuth brechen und die ganze Waſſerfluth in drei Theile abſondern. Der eine derſelben, welchen man vom Zürcher Ge— ſtade ſieht, iſt an ſeinem Fuße von der Gewalt der Wellen ſchon faſt verzehrt, ſo, daß es ſcheint, als wenn jede ihn von neuem angreifende Waſſer— ſäule umwerfen könnte. Das Waſſer drängt ſich mit einer unbeſchreiblichen Kraft durch die Lücken hindurch, und ſtürzt ſich, wie eine weiße Wolke herab, während ein anderer Theil ſich in einen Nebel von Regenbogenfarbe auflöſet, der ſich lei— ſe über die ganze große Naturſcene ausbreitet. Faſt 200 Schritte unter ſeinem Falle wird der Rhein wieder ruhig und ſchiffbar. Er ſtrömt in man— * 220— nichfaltigen Krümmungen fort, und bildet eine Stunde unter Lauffen, vielleicht aus den vom Waſſerfall losgerißnen Erdtheilchen, die romanti— ſche Inſel, auf welcher das Kloſter Rheinau ſteht. In ſeinem fernern Laufe nimmt er mehrere ſchwei— zeriſche Flüſſe, die Thur bei Elliton, dann bei Tösrieden die Tös, nachher die Reuß, Limmat und Aar auf.— Noch vor ſeiner Vereinigung mit dem größten der ſchweizeriſchen Ströme, der Aar, bildet er einen zweiten Waſſerfall unterhalb Zurzach, wo die Natur einen Felſendamm queer über den Strom legte, der nur eine Oeffnung hat, durch welche bei kleiner Waſſerhöhe der Fluß hin— einſtürzt, dann ſtrömt er den Waldſtädten Walds— hut und Laufenburg vorüber, bei welchem letztern Orte man den dritten großen Rheinfall, nach ſeiner Vereinigung der drei Rheinquellen zu ai— nem Fluſſe, findet. Ohngefähr 300 Schritte über der Brücke bei Laufenburg, erheben ſich Fel— ſen aus ſeinem Bette, über die er rauſchend hin— wegſtürmt— Dies wird durch hohe Klippen an beiden Seiten ſo verengt, daß ſein Fall über die Felſen nur um ſo rauſchender und ſtürmender wird. Dieſes Sturzes wegen iſt man genöthiget, die Schiffe oberhalb des Falles auszuladen— und ſie mit Seilen an den Felſen herabzulaſſen. Sie wer— 221— den alsdann bei dem Dorfe Scheftingen wieder be— laden, und von jezt an ſtrömt der Rhein unun— terbrochen ſchiffbar bis in die Bataviſche Republik. Der Strich des Landes,(das Frickthal) das er zur Linken von Zurzach bis Baſel berührt, auf der Nordſeite Helvetiens gelegen, welches ehemals dem Hauſe Oeſtreich gehörte, wurde durch den Reichsfriedensſchluß mit Frankreich zu Lüneville, an letzteres abgetreten, um von demſelben der hel— vetiſchen Republik überlaſſen zu werden.(7. Aug⸗ 1802.) Nur noch einmal wird im fernern Laufe des Rheins, oberhalb Mainz, die Fahrt auf demſel⸗ ben einigermaßen gefährlich. Es iſt bei Rhein— felden, der letzten der vier Waldſtädte, wo ſein felſigtes Bett eine unſichre Fahrt gewährt. In— deſſen öffnet ſich den Schiffen, die hier noch nicht von jener bedeutenden Größe ſind, als am Nie— derrhein, ein ſchmaler Pfad zwiſchen den Felſen, durch welche geſchickte Steuerleute ſie glücklich hin— durchzuführen wiſſen.— Rauſchend ſtürzt der Fluß unter der Rheinbrücke hinweg, welche man als die neunte über den Rhein zählt. Unter Rheinfelden, wo jezt einige Dörfer ſtehen, war ehemals die be⸗ rühmte und große Stadt Kauricum erbauet. Sie ward von ihren Bewohnern, den Raurachern, die 222— ſich in den römiſchen Provinzen mit den Helbetiern einen beſſern Wohnſitz ſuchen wollten, 57 Jahre vor Chriſti Geburt, ſo erzählt die Geſchichte, ſelbſt zerſtört, damit Niemand von ihnen die Hoffnung habe, wieder dahin zurückzukehren. Julius Cä— ſar ſchlug ſie bei Bibracte, und nöthigte ſie, ſich ihm unterwerfend, wieder in ihr Vaterland zu— rückzugehen. Vierzehen Jahr nach Chriſti Ge— burt, ward ſie unter Kaiſer Auguſt wieder neu erbaut und ihm zu Ehren Augusta Rauracorum genannt.— Mehrere Ruinen in dieſer Gegend zeugen noch von dem Umfange und der Schönheit, dieſer vermuthlich von Attila im fünften Jahrhun⸗ dert wieder zerſtörten Stadt.— Wenn der Rhein in allen Geſtalten interreſſant, und ſein Anblick jedem Reiſenden erfreulich ſeyn muß, ſo iſt doch ſeine Jugend lange nicht ſo ſchön, als ſein reiferes männliches Alter.— Sein Brei— tes, mit Kiesbäncken angefülltes Bett, ſeine öden ſumpfigten Ufer, mit Weiden bekränzt, zeigen überall, daß ſeine jugendliche Kraft mehr berhar— rend, als wohlthätig ſey. Erſt, nachdem er ſeine Wildheit im Bodenſee abgelegt, und in ruhiger Majeſtät die Ufer Germaniens begrüßt hat— hier unter Baſel, wo er Helbetiens Boden verläßt, und die Gränzſcheide des deutſchen Reichs und Frank— — 223— reichs bildet— erſt hier füngt er an ſeine Seg— nungen über Länder und Völker auszuſchütten.— Bei ſeinem Austritt aus Helbetien unterhalb Baſel, ändert er ſeine Richtung, fließt von We— ſten nach Norden und durchſtrömt mit ein— förmiger Pracht die Ebnen des Elſaſſes.— Von hier an zeigen ſich in ſeinen Gewäſſern zahl— reiche Inſeln— dieſen einförmigen Anblick behal— ten die Ufer faſt bis Speyer, indeſſen zeigen ſich doch ſchon prächtige, obgleich entfernte Gebirge, bald auf der einen, bald auf der andern Seite, je nachdem der Strom ſeinen Lauf bald öſtlich, bald weſtlich nimmt, und ſich bald dieſem, bald jenem Gebirge anſchmiegen zu wollen ſcheint.— Bis hierher iſt er durch mehr als fünfzig Flüſſe ver⸗ ſtärkt worden, unter denen, auſſer den ſchon er— wähnten, die Elz, die Kinzig, die Ill, die Mo⸗ ter, die Lauter, die Gurich, die Murg und der Neckar, der ſelbſt bis zu ſeinem Ausfluſſe in dem Rhein bei Mannheim, 35 Flüſſe aufgenommen hat, die Bedeutendſten ſind.— Da, wo ſich der Neckar in den Rhein ergießt, iſt das Land flach und ein— förmig— aber in der Nähe von Worms ſchon ent— wickelt ſich jene größere Mannichfaltigkeit ſeiner Ufer, die bei Mainz die Freude und Bewunderung aller Reiſenden iſt.— Er durchfließt langſam die fruchtbare Pfalz, an deren rechten Seite die be— rühmte Bergſtraße, zur Linken das romantiſche Hardt-Gebirge, ein neun Stunden breites Thal bilden. Weiter hinab verſchwinden die Berge und werden zu ſanften Hügeln.— Sie bilden um Mainz das große prächtige Amphiteater— ehe— mals mit den Gärten ſeines Fürſten, mit Land— häuſern und Weinpflanzungen bedeckt— jezt mit ſtarken Befeſtigungen verſehen.— Die mächtige Vormauer des neuen Frankreichs gegen Deutſch— land, einſt das alte Reich gegen jenes ſchützend.— Dieſen Höhen gegenüber iſt die Mündung des Mayns, der ſich da in den Rhein ergießt.— Hier iſt der Bach, den ein Knabe bei Selvaüber— ſpringt, zu einem majeſtätiſchen Strome, zu ei— ner Breite von 2400 Schuhen angewachſen, deſ— ſen Fluthen Schiffe von unermeßlichen Laſten tra— gend, ein ungeheures grünes Band bilden, das den St. Gotthard an den Ocean knüpft.— Nachrichten fuͤr Reiſende auf dem Rhein. Von Mainz aus, oder von Caſtel am rechten Ufer, treten gewöhnlich diejenigen, die eine Rei— ſe auf dem Rhein zum Vergnügen unternehmen, ihre Fahrt an.— Weiter hinauf zu Strasburg, 2253— oder Mannheim findet man weder die zu dieſer Waſſerreiſe bequemen Schiffe, noch, wie ſchon an— geführt iſt, jene ſchönen Ufer, welche dieſer Fluß— fahrt ſo viele Reize leihen.— Auch ſind die Schif— fer, welche oberhalb Mainz her ſind, unbekannt mit dem Wege im Fluß,, welchen der Leiter des Fahrzeugs genau wiſſen muß, um ſicher zu ſchif— fen.— Um dieſe Rheinfahrt angenehm, und im Fall man das franzöſiſche Ufer beſuchen will, unauf— gehalten zu unternehmen, muß man, wie bei jeder Reiſe in ein fremdes Land, vorzüglich mit einem gültigen Paß von der Obrigkeit ſeines Wohn— ortes verſehen ſeyn. In einigen teutſchen Probin— zen erhalten die nach Frankreich Reiſenden ihren Paß in franzöſiſcher Sprache abgefaßt und dieſes iſt deſto beſſer, da man nicht von allen Thorſchrei— bern und Polizeibedienten in Frankreich verlangen kann, daß ſie teutſch verſtehen ſollen, indem die franzöſiſche Sprache nun einmal die allgemeine iſt.— Es iſt ein unumgänglich nothwendiges Erforder— niß, daß dieſer Paß von demjenigen franzöſiſchen Miniſter unterzeichnet ſey, der bei der Regierung reſidirt, unter welcher der Reiſende ſteht. Im Fall ſich keiner da befindet, ſo kann der Paß auf der Durchreiſe von den resp. kaiſerl, franzbſiſchen Mi— 25 — 226— niſtern und Reſidenten zu Frankfurt, Darmſtadt, Carlsruhe, Stuttgardt ꝛc. unterzeichnet werden, welches bei der Richtigkeit deſſelben ohne Anſtand und ohne Koſten geſchieht. Die Reiſenden ſind gehalten, dieſen Paß an dem Orte des franz⸗ Reichs, durch welchen ſie in das Innere gehen, oder von wo aus ſie ſich einſchiffen, in Mainz, Coblenz, Cölln ꝛc. von dem Präfekten oder Mai⸗ re auf's neue viſiren zu laſſen.— Man kann dieſe Reiſe auf dem Rheine von Mainz nach Cölln und Düſſeldorf auf dreifache Art machen, 1. mit den täglich von Caſtel und Mainz abgehenden Waſſerpoſtſchiffen; 2. in einem Fahr⸗ zeuge, welches man eine Rheinjacht nennt; oder 5. in einem großen bedeckten Rheinnachen.— Die erſtern, die Waſſerpoſtſchiffe(Coches d' eau) ſind eine Erfindung der Franzoſen, und ſeit zwei Jah⸗ ven von den Deutſchen am rechten Rheinufer nach— geahmt.— Mit dieſen Waſſer poſtſchiffen, einer bedeckten Rheinjacht, fährt man ſehr wohlfeil, nemlich von Mainz bis Coblenz für 6 Livres(2 fl. 45 kr. oder 1 Rthlr. 122 Gr. Sächſ.) und von Coblenz bis Cölln für eben ſo biel.— Man läßt ſich auf den Büreaux zu Caſtel oder Mainz nach Gefallen bis Coblenz, oder bis Cölln(auf dem deutſchen Büreau bis zum Thal Ehrenbreitſtein oder Deuz) einſchreiben, und erhält darüber eine gedruckte Quittung.— Hat man vieles Gepäcke bei ſich, ſo muß noch etwas beſonders dafür bezahlt werden. Diejenigen, welche nicht willens ſind, das linke Rheinufer zu berühren, oder denen es die politiſchen Verhältniſſe ihrer Regierungen nicht erlauben, können mit dem von Caſtel abgehenden Waſſerpoſtſchiffe die Reiſe machen, welches Nachts auf dem rechten Rheinufer, zu Caub, im Thale Ehrenbreitſtein und zu Deuz, Cölln gegenüber, landet.— Hält ſie nur der Mangel eines Paſſes, oder die Abſicht, der Beſchwerde der Viſitation zu entgehen, vom linken Rheinufer zurück, ſo können ſie zu Fuß über die Brücke nach Mainz gehen, wo ſie nicht angehalten werden, und dann auch nach Caſtel zurückkehren, um von da aus ihre Reiſe auf dem Rhein anzutreten. Man logirt im letztern Orte ziemlich gut im Frankfurter Hofe, im ſchwarzen Bären, im Anker und Naſſauerhof ꝛc. aus deſſen Fenſtern man die Ausſicht auf Mainz, den Rhein und das Rheingau genießt.— In Mainz ſind die vorzüglichſten Gaſthöfe, der Mainzer Hof (ẽHotel de Mayence) und die drei Reichskro⸗ nen,(aux trois Couronnes).— Reiſende, welche nicht mit dem Waſſerpoſt⸗ ſchiffe fahren wollen, wo man ſich ſo wenig als — 228— auf dem Poſtwagen zu Lande die Geſellſchaft aus— wählen kann, miethen ſich eine Jacht, deren Preis, nach der Zeit, die man unterwegs zuzubringen gedenkt, und nach der Weite des Orts, wohin man reiſen will, verſchieden iſt.— Um nicht von den oft ungenügſamen Schiffern übertheuert zu wer— den, thun die Reiſenden wohl, wenn ſie ſich an einen rechtlichen Mann in Caſtel, oder Mainz ad— 0 0 dreſſiren laſſen, der ihnen die Miethe einer Jagd beſorgt.— Haben ſie mehrere Wagen bei ſich, welche ſie mitnehmen wollen, ſo werden dieſe auf eigene dazu beſtimmte platte Fahrzeuge gebracht, welche an der Jacht befeſtigt werden, wodurch aber natürlich der Preis der Fahrt erhöht wird. Dieſer beträgt für ein Jachtſchiff,(ohne das plat— te Fahrzeug) von Mainz bis Cölln 10 bis 12 Ca⸗ rolins, wenn man ſich nicht allzulang unterwegs aufhält; will man von dem Willen des Schiffers ganz unabhängig ſeyn, und an jedem beliebigen Orte an's Land gehn, ſo muß dies beſonders aus— bedungen werden.— Auch muß man, wenn man in keiner andern, als in der einmal gewählten Ge— ſellſchaft reiſen will, beſonders verlangen, daß Niemand von dem Schiffer an Bord genommen werde, welches um eines kleinen Nebengewinnſtes willen wohl zu geſchehen pflegt.— Die wegen ih— 229— rer Geſchicklichkeit und Kenntniß des Stroms be⸗ rühmteſten Schiffer am Rhein ſind die Rüdeshei— mer. Man hat faſt keine Beiſpiele, daß dieſen ein Unglück auf ihrer Fahrt zugeſtoßen wäre, wel— ches bei kleinem Waſſerſtande leichter, als bei ho— hem iſt, wo das Schiff ohne Gefahr über Felſen und Sandbänke weggleitet— dieſe geſchickten Männer kennen jedes kleine Plätzchen, jeden Stein und jede Bank im Rhein. Nach der Verſchieden— heit des Waſſerſtandes nehmen ſie mehrere Wege, und wiſſen immer genau zu ſagen, wie viel Waſ— ſer da iſt, wo ſie das Schiff führen. Ihnen iſt jeder Baum, jeder Berg, jede Ruine am Ufer ein Zeichen, wo ſie ſich befinden.— Bei niedri— gem Waſſer wiſſen ſie bis auf einen Zoll breit den rechten Weg zur ſichern Fahrt zu treffen. Ihre Erziehung bildet ſie von früher Jugend an zu die— ſem Geſchäft. Mehrere von ihnen ſind immer am Ufer zu Caſtel oder Mainz zu finden, wo ſie auf Reiſende warten, denen ſie ihre Dienſte anbieten, aber es iſt, wie geſagt, beſſer, ſich von einem dortigen Einwohner einen Schiffer auswählen zu laſſen.— Beſonders männlichen Reiſenden möch— te ich rathen, ſtatt einer Jacht einen bedeckten großen Rheinnachen zu miethen.— Man fährt ge⸗ ſchwinder damit, und ſitzt bedeckt und zugleich lüf— 230 tig, unter der doppelten Leinwand, die über Rei— fe geſpannt iſt.— Ein ſolcher Nachen,(Kahn) loſtet von Mainz nach Colln etwa 4 bis höchſtens 6 Carolinen. Er faßt bequem 10 bis 12 Per— ſonen, und man kann damit leicht und überall lan— den, wo man an's Ufer zu ſteigen wünſcht.— Die Waſſerpoſtſchiffe fahren bei gutem Wind und Wetter und in langen Sommertagen oft in einem Tage nach Coblenz,(18 bis 20 Stunden;) oder in's Thal Ehrenbreitſtein, und am folgenden Tage zuweilen bis Cölln, oder Deuz, gewöhnlich aber nur bis Bonn.— Mit einem eignen Fahr— zeuge kann der Reiſende ſo weit fahren, als er Luſt hat.— Ich empfehle demſelben am erſten Ta— ge von Mainz bis Rüdesheim zu fahren; obgleich dieſer Weg nur 6 Stunden beträgt, ſo iſt der Tag nicht zu lang, um die Gegend in Augenſchein zu nehmen.— Man landet in Biberich, um daß Schloß und den ſchönen Garten des Fürſten von Naſſau-Uſingen zu ſehen, und beſteigt weiter hin— ab bei Mittelheim oder Langen-Winckel den Jo— hannisberg, um von ſeiner Höhe die prächtige Aus— ſicht zu genießen.— Der Reiſende langt dann ge— gen Abend bei guter Zeit in Rüdesheim an, in den ſchönſten Stunden, wo eine der reizendſten Gegen— den Deutſchlands und der hier ſehr breite Strom — 231— von der Sonne beleuchtet wird; ich rathe nur noch den Niederwald der ſich zinter Rüdesheim erhebt, mit einem der Wege kundegen Boten zu beſteigen, und von der Roſſel hinüber nach dem romantiſchen Thale zu blicken aus welchem die Nahe, unter der Druſusbrücke hindurch, dem Rheine zuſtrömt. Den Rückweg macht man durch den ſchönen Wald am Tempel vorbei nach den majeſtätiſchen Metternich'⸗ ſchen Ruinen. Will der Reiſende länger auf die— ſem ſchönen Punkte verweilen, ſo bietet ihm der Spa— ziergang über Eybingen nach dem Kapuzinerkloſter Nothgottes und von da über Aalhauſen, Aß— manshauſen, am Binger-Loch vorbei nach Rüdesheim zurück, die ſchönſten Naturſzenen dar, In Rüdesheim findet man bei Ackermann in der Krone, und im Engel gute Wirthshäuſer.— Am folgenden Tage führt man ſehr bequem den zwölfſtündigen Weg bis Coblenz. Man kann in Caub, St. Goar oder Boppart landen— am er— ſten Orte die Pfalz am Rhein und am zweiten die Ruinen von Rheinfels ſehen;— will man bei der Ankunft auf deutſchem Boden bleiben, ſo landet man im Thal Ehrenbreitſtein, wo man im weiſ— ſen Roß logirt.— In Coblenz iſt das vorzüglichſte Wirthshaus der Trieriſche Hof Tbotel de Tréves). Die ſogenannte fliegende Brücke erhält — 232— eine beſtündige Verbindung des teutſchen und fran— zöſiſchen fers.— Vom Thal aus beſteigt man die Ruinen der Feſtung Ehrenbreitſtein— bei Co— blenz die zerſtörte Carthauſe, ſieht Marceau's Denkmal, jenſeits der Moſel, die Capelle im ehe— maligen Churfürſtl. Schloß und andre Merkwür— digkeiten dieſer Stadt, deren Angabe man in der unten folgenden Beſchreibung von Coblenz findet.— Die Reiſe von Coblenz bis Cölln iſt ohngefähr eben ſo weit, als die von Mainz nach Coblenz.— Es iſt aber ſchwer zu entſcheiden, ob jene oder die— ſe in Rückſicht der Naturſchönheiten der Gegend den Vorzug verdiene.— Beide haben unendlich biele Abwechſelungen, tragen aber einen unendlich verſchiedenen Character.— Die Gegenden unter— halb Coblenz von Andernach an, bis etwas unter das Siebengebirge hinab, haben ein eigenes Ge— präge von heiterer Größe und Majeſtät,— das man an den Gebirgsufern von Bingen bis Coblenz nicht findet. Dieſe letztern ſind grauſenboller, ro— mantiſcher, öder; jene geben freundlichere, gröſ— ſere, heitere Anſichten.— Auf dieſer weitern Fahrt iſt Neuwied mit ſeinen Fabriken ſehenswerth, ſo wie das Monument des Generals Hoche, Neu— wied gegenüber bei Weiſſenthurm.— Wenn man die Merkwürdigkeiten von Neuwied genauer ken— nen lernen will, ſo wird wieder ein TDag, der dritte der Reiſe— dazu nöthig ſeyn.— Man lo— girt zu Neuwied gut im Braunſchweiger Hof bei Nillion. Am folgenden vierten Tage kann man Mittags in Bonn ſeyn, wo der Kaiſerliche Hof bei Hecker einer der vorzüglichſten Gaſthöfe am Rhein iſt.(Er ſoll jezt an einen andern Beſitzer über— gegangen ſeyn).— Bonn faſt gegenüber, am rechten Rheinufer, erhebt ſich das Siebengebirge, werth von dem Freunde der Natur beſucht zu wer— den.— Dieſe hohen Bergmaſſen mit den zerſtör— ten Feſten auf ihren Scheiteln gewähren einen An— blick, der in hohem Grade erhaben iſt, und et— was unbeſchreiblich Majeſtätiſches hat. Von Bonn ſind es nur noch fünf Stunden nach Cölln, wo man ebenfalls im Kaiſerlichen Hofe bei Sellner, und im heiligen Geiſte, welcher Gaſthof ſich durch ſeine Lage am Rhein empfiehlt, ſehr gut logirt.— Reiſende, welche nicht auf das linke Ufer gehen wollen, landen zu Deuz, Cölln gegenüber.— Beide Orte ſind durch eine fliegende Brücke mit einander verbunden.— Die große Stadt Cölln bietet eine Menge Gegenſtände dar, welche dem Reiſenden merkwürdig ſind, und ihn einige Tage hier angenehm beſchäftigen kön— nen. Von Cölln bis Düſſeldorf haben die Ufer des Rheins ihre vorige Schönheit verloren. Der Rhein ſtrömt von hier an durch die einförmige ebene Landſchaft in vielen Krümmungen fort, ſo, daß die meiſten Reiſenden die kürzere Land— reiſe von Cölln nach Düſſeldorf,(6 Stunden) auf dem rechten Rheinufer der längern Waſſer— reiſe vorziehen.— Auch gehen die gewöhnlichen Waſſerpoſtſchiffe nicht weiter als bis Cölln.— Reiſende, welche die Waſſerfahrt ſcheuen, wie— wohl ſie bei ſtillem Wetter ganz gefahrlos iſt, und doch die Ufer des Rheins ſehen wollen, kön⸗ nen jezt von Mainz aus auf dem linken Rhein— ufer, oder auf dem rechten von Caſtel bis Rü⸗ desheim die Reiſe im Wagen machen.— Von hier ſetzen ſie auf das linke Ufer nach Bingen über und gelangen auf der neuerbauten Kunſt⸗— ſtraße, die längſt des Rhein⸗Ufers hinführt, nach Coblenz.— Sie ward zum Theil mit großer Mühe dem hohen Felſenufer abgewonnen, und iſt ein großes und koſtbares Unternehmen der fran— zöſiſchen Regierung, welche vor drei Jahren dar— an zu arbeiten anfangen ließ.— Zur Rechten des Weges ſtrömt in der Tiefe der Rhein und zur Linken erheben ſich hohe Gebirgsrücken. Der Weg auf dem rechten Rheinufer von Rüdesheim — 255— bis Braubach an der Mündung der Lahn, iſt nicht fahrbar. Ein ſchmaler Pfad, der Lein— pfad genannt, iſt nur für Fußgänger und die Pferde zugänglich, welche die Schiffe den Rhein heraufziehn. Die Kunſtſtraße am Rhein von Co— blenz nach Cölln, welche noch von der vorigen Trieriſchen und Pfälziſchen Regierung angelegt wurde, iſt vortreflich unterhalten.— Sie führt von Coblenz bis faſt nach Bonn, faſt immer am Ufer des Rheins.— Die Güte des Wegs macht dieſe achtzehnſtündige Reiſe ſo wenig ermüdend, daß man ſie als eine Spazierfahrt betrachten kann.— Große erhabene Ausſichten auf die Ufer des Fluſſes erheben das Gemüth des Reiſenden, und laſſen ihn die körperliche Exrmüdung nicht em⸗ pfinden.— Mehrere wohlgebau'te, und in Rie— men hängende Poſtkutſchen gehen täglich von Coblenz bis Cölln ab und legen den Weg dabei von Morgens bis Abends 6 Uhr zurück, mit de— nen man auch die Reiſe von Cölln nach Coblenz herauf machen kann.— Am vechten Ufer führt ebenfalls eine Kunſtſtraße über Neuwied nach Deuz, deren baldige Vollendung ſehr wünſchenswerth iſt.— Es iſt jedem Reiſenden, der am linken Rhein— ufer ausſteigt, nöthig, die franzöſiſchen Zollge— ſetze zu kennen, wenn er nicht in unangenehme Verdrieslichkeiten kommen will. Die Geſetze ver— bieten die Einführung der meiſten ausländiſchen Waaren, beſonders der engliſchen.— Es iſt al— ſo nicht erlaubt, dergleichen bei ſich zu führen.— Wegen Ein- und Ausführung des Geldes in und aus dem franzöſiſchen Gebiet, iſt bei der Annä— herung des Bruchs mit England eine neue Ver— ordnung erſchienen, nach welcher ſich die Reiſen— den zu richten haben, wenn ſie ihr Geld nicht verlieren wollen.— Während des Krieges mit dem deutſchen Reich durfte gar kein Geld aus Frank— reich geführt werden, wenn man nicht beweiſen konnte, daß man es eingeführt hatte.— Dieſes Geſetz wurde im Sommer 1802 aufgehoben, und man konnte gegen eine Abgabe von ohngefähr 5 Sols für 100 Franken, baares Geld, ſo viel man wollte, ausführen. Dieſe Erlaubniß iſt nun ſeit dem Kriege mit England auf's Neue beſchränkt worden.— Die Reiſenden, welche franzöſi— ſches Silbergeld, oder franzöſiſche Gold— ſtücke bei ſich führen, und ſolche zum Theil wie— der aus Frankreich mit zurücknehmen wollen, müſ— ſen es bei'm Eintritt ins franzöſiſche Gebiet dem Mauthaufſeher anzeigen.— Ein Schreiber macht ihnen für die Gebühr von einigen Sols eine An— zeige(Declaration) an das Zollamt(Bureau 237—— de Douane) welche ſie dahin zu bringen haben.— Hier erhält man einen Schein, welchen man zum Durchſuchungsamt,(Bureau de Visite) trägt, wo das Geld gezäh 1 wird. Der Reiſende em— pfängt dann einen Zollſchein(Aegtit de Cau- on) gegen deſſen Vorzeigung bei'm Mauthamte an dem Orte, wo er das franzöſiſche Gebiet ver— läßt, das Geld ungehindert wieder ausgeführt wer— den kann.— Um weitern Beſchwerlichkeiten zu ent— gehen, haben ſich die Reiſenden mit ausländi— ſchen in Frankreich gültigen Geldſorten zu verſe— hen.— Teutſches Reichsgeld, Ducaten, Bra— banter Kronen, und überhaupt alle nicht fran— zöſiſche Münzſorten, können zufolge der obener— wähnten Verordnung ein- und ausgeführt wer— den.)— Es darf ſich aber unter dieſen fremden Münzſorten kein franzöſiſches Geld befinden, welches, im Falle man viſitirt würde, vielleicht den Verluſt der ganzen Summe nach ſich ziehen könnte.— Noch eine Vorſicht erfordern Pferde, die man mit nach Frankreich nimmt. Da deren Ausführung nicht erlaubt iſt, ſo muß der Reiſen— de ſich am Zollamte einen Schein geben laſſen, daß er ſie mitgebracht habe.— 7) Auch dieſe Perordnung iſt durch eine neuere wieder aufgehoben worden. ——ů— Fünfter Abſchnitt. Rheinfahrt von Mainz bis Rüdesheim⸗ An einem ſchönen Morgen beſtieg ich eine Rü— desheimer Jacht, die, auſſer mir noch von eini— gen Frauenzimmern, die in Mainz zum Beſuch bei ihren Verwandten geweſen waren, und ein paar Herren aus Mainz, ihren Begleitern, be— ſetzt wurde. Ihre Verwandten begleiteten ſie an das Ufer und nahmen hier von ihnen Abſchied. Die Jacht ſtieß vom Lande, und der Strom führ⸗ te uns ſchnell hinweg. Noch lange weh'ten die weiſſen Tücher vom Schiff' und vom Ufer, bis die ſchnellere Fluth uns ihren Anblick entzog. Ich ſtand auf dem Verdeck, und ſahe in Ge⸗ danken verloren, noch lange nach Mainz zurück. Ich verließ es traurend, wie man einen liebge⸗ wordnen Freund verläßt, und wlinſchte ſcheidend, dieſer guten Stadt die Ruhe und das Glück„de⸗ ren ſie nach ſo langen Leiden aller Art ſo ſehr be⸗ darf, und welches ſie berdient. Jetzt ſchwamm 16 5.— 242— ich vor der alten Martinsburg vorbei, aus deren zerſchlagenen Fenſtern hier und da ein Soldaten— kopf auf den Rhein hinausſah, dann vor dem ehe⸗ maligen Schloſſe des Churfürſten, mit deren Fen⸗ ſterrahmen ohne Scheiben der friſche Morgenwind muthwillig ſein Spiel trieb. Andere waren mit Brettern zugenagelt. O! der Wandlung dieſer ehemaligen Pracht und Herrlichkeit! Wer ahndete ſie? Als ich vor zwölf Jahren das Innere dieſes Schloſſes ſah, das zum Empfang des Kaiſers, der Kaiſerin und des Königs von Preußen mit der größten Pracht neu möblirt worden war, dachte niemand daran, daß wenige Wochen darauf Cuſti⸗ ne in dieſen goldenen Gemächern hauſen und das ſeidene Bette beſteigen würde, in dem kurz vor⸗ her die teutſche Kaiſerin ſchlief. Alle dieſe Pracht iſt ver ſchwunden zertrümmert und weggeführt. Wir ſchwammen ſchnell am linken Ufer des Rheins hinab, das mit Palliſaden und Gräben befeſtigt iſt. Die ſchönen Inſeln, einſt mit länd⸗ lichen Anlagen bedeckt,(die Peters- und die Ingelheimer Aue) wurden bei der Belage— rung mit Palliſaden umgeben, von Gräben durch— wühlt, und ſtatt der ehemaligen Landhäufer, mit Erdhütten und Blockbäuſern bedeckt. Da wächſt weder eine Blume, noch Gras, noch ein Baum— — 245— Alles iſt kahl und öde. Jenes Krieges ſchwere Hand hat ein Paradies vernichtet, und die hol⸗ de Freude iſt geflüchtet von des Rheines Blumen— rand. Längs des Hartenbergs, an deſſen Fuße Weingärten und ſchöne Landhäuſer ſich bis gegen Mombach zogen, ſieht man weder Strauch noch Baum, ſondern nur Schutt und Schanzen. Zwi⸗ ſchen dieſen und dem Rhein, an deſſen Ufer ehe⸗ mals die prächtige Rheinallee nach den engliſchen Anlagen und dem Carouſſel führte, haben die Kaiſerlichen einen wohlthätigen Sumpf angelegt der im Sommer die Gegend mit peſtilenzialiſchen Gerüchen erfüllt, aber dafür auch dieſe ſchwache Seite von Mainz gegen Angriffe deckt.) Die ſchöne Chauſſee, die in dieſe Anlage führte, iſt durch eine Redoute unterbrochen, und rund um dieſe iſt alles zur Wüſte gemacht. Der Wald von Mom bach gehört izt ebenfalls unter die nicht mehr exiſtirenden Dinge, da er als ein Schlupfwinkel für den Angreifenden angeſehen wurde. Dieſer ſchädlichen Eigenſchaften wegen ſind überhaupt al—⸗ le Gebüſche und Waldungen in einem Umkreiſe ) Dieſer Sumpf ſoll jezt auf Befehl des Kaiſers Napo⸗ leon ausgetrocknet werden. Auch iſt wieder eine neut Rheinallee angepftanzt worden⸗ — 244— von 2 Stunden um Mainz herum abgehauen worden. Auf dem rechten Ufer des Rheins, eine Stun— de unter Mainz liegt Biberich, die Reſidenz ei⸗ nes edlen teutſchen Fürſten, des Fürſten von Naſ⸗ ſau-Uſingen. Es iſt ein wohlthuendes Gefühl, ſich aus den Ruinen und Schanzen um Mainz her⸗ um, an einen Ort verſetzt zu ſehen, wo man kei⸗ ne Spuren der Zerſtörung erblickt, und wieder im Schatten eines Baums ſitzen kann. Dieſes in ei⸗ nem einfachen und edlen Styl erbau'te Schloß, deſſen Kuppel von acht großen joniſchen Säulen in einem richtigen und ſchönen Verhältnis getra— gen wird, und auf deren Plafond man den Olymp in Fresko dargeſtellt ſieht, iſt am ganzen Rhein das einzigen, dem das Glück, nicht ruinirt zu werden wiederfahren iſt, ein Glück, das der verſtorbene Fürſt ſeinem und ſeiner Räthe weiſen Benehmen zu danken hat. Einmal war es in großer Gefahr beſchädigt zu werden, da die Preuſ⸗ ſen während der Belagerung eine Batterie vor das Schloß ſtellten, womit ſie die gegenüber liegende Inſel, die ſogenannte Bi bericher Aue, be— ſchoſſen, aber glücklicherweiſe antworteten die Fran⸗ zoſen von der Inſel nur mit einigen Kugeln, die weiter nichts, als ein paar Quaderſtücke beſchä— —.— 245—.— digten, und die Batterieſtücke wurden wieder ab— geführt. Das Schloß ſelbſt iſt ein ſchönes, großes Gebäude, das ſich vortreflich ausnimmt, wenn man den Rhein hinunterfährt. Am meiſten wurden die Einwohner des dabei liegenden Ortes durch die mehrmaligen Einfälle der Franzoſen aus Mainz ge— ängſtiget, aber immer ging es noch ohne Brand und Plünderung ab. Nur Cuſtine wurde zum Räuber an des Fürſten perſönlichem Eigenthum. Er lies ſeine Pferde und ſein Silberzeug wegneh—⸗ men. Die Bedienten des Fürſten, die das letzte⸗ re ſelbſt mit einpacken mußten, wußten eine Kiſte voll glücklich zu verſtecken, und brachten ſie ihrem Herrn wieder. Aber der Fürſt wollte ſie nicht wieder annehmen; er ſchickte ſie mit einem Schrei— ben dem Räuber nach, der ſich auch nicht ſchämte, ſie zu behalten. Der Gasten zu Biberich iſt ein Gemiſch von franzöſiſchen und engliſchen Anlagen, das dem Au— ge gefällt, und die Seele heiter ſtimmt. Hier plätſchern einige Springbrunnen in ein weites Baſſin, das ein ſchöner Raſenplatz einfaßt, und dort laden dichte Alleen von Caſtanienbäumen in ihre Schatten ein. Man verweilet gern in dieſem Elyſium, wo Stille und Friede wohnt, und ein guter Menſch und Fürſt, unbewacht mitten unter —.— 246—5 ſeinen Unterthanen weilt. Er erhielt durch den Reichsdeputationsſchluß für den Verluſt ſeines Hau— ſes auf dem linken Rheinufer, den ſchönſten Land⸗ ſtrich in Deutſchland, das Rh eingau. Der Garten des Fürſten zieht an ſchönen Som— mertagen aus Mainz und Wisbaden eine Menge Menſchen hierher, die ſich hier auf dem Lande be— luſtigen. Der Gaſthof liegt am Ufer des Fluſſes, aus deſſen Fenſtern man eine köſtliche Ausſicht auf den Rhein und nach Mainz genießt. Vor einiger Zeit hat hier ein Kaufmann, Herr Ludwig Fürer zu Biberich, Verſuche zur Bereitung waſſerdichter Tücher gemacht. Im Neichsanzeiger ſprechen einige Zeugniſſe vortheilhaft für dieſe nütz⸗ liche Erfindung. Man kann dem Herrn Fürer wol— lene Tücher, weiſſe Leinwand, wollene Socken und dergleichen einſchicken, um ſie waſſerdicht zu ma⸗ chen. Schon gebrauchte alte und verlegene Tücher ſind zum Waſſerdichtmachen unbrauchbar.) Rahe unter Biberich liegt das Dorf Schier⸗ ſtein, mit einem Landhauſe und Garten, die der Familie von Holzhauſen zu Frankfurt gehb⸗ ren. Von hier überſieht man ſchon den größten Theil des im halben Zirkel ſich herumziehenden —— A—ꝑ—Äꝑy— 6) S. Reichsanz. Nro. 86. 1801. —— 247— Rheingaues, das bei Wallauf anfängt. Es erhe⸗ ben ſich allmählig die Ufer, und werden zu Re— bengebirgen. Der Rhein breitet ſein Bett aus, das hier viel ſeichter iſt, als irgendwo, und fließt, ohne Wellen und Ströme, wie ein Spiegel, zwi— ſchen Inſeln und an freundlichen Dörfern vorbei. Wallauf iſt ein ſehr reinlicher Ort, mit einem ſchönen Wirthshauſe. Eine halbe Stunde von hier liegt Elfeld oder Eltvill, der Haupt— ort des Rheingaues. Hier ragen unter den einfa— chen Häuſern ſchönere Gebäude, und unter ihnen das des Grafen Elz hervor. Am Ufer liegt der Gaſthof zur Roſe, wo man freundliche Wirthsleu— te und holländiſche Reinlichkeit bei guter Bewir—⸗ thung antrift. Wer von Geſchäften ruhen, und ſich ſelbſt, und dem dolce far niente einige Zeit weihen will, der gehe hierher, und er wird zu— frieden wieder heim kehren. Eltvill iſt jetzt der Aufenthaltsort zweier be— rühmten Aerzte und Schriftſteller, des alten Ge— heimenraths Hoffmann aus Mainz und des Dr— Crebe. Der Krieg, die neue Verfaſſung und Par— theiſucht haben ſie aus Mainz vertrieben. Jener iſt ein Greis, der jetzt in tiefer Einſamkeit lebt, und von allen Aerzten wegen ſeinen Schriften und von denen geſchätzt wird, denen er Geneſung gab— — 248— Dieſer durch ſeine Werke über das weibliche Bek— ken, über den Galvanismus und einige Abhand— lungen bekannt, für welche er den Preis verſchie— dener gelehrten Inſtitute erhieltt, hat ſeine Stelle als Profeſſor in Mainz niedergelegt, und lebt nun hier den Wiſſenſchaften und der Ausübung der Me— dizin. Ich hätte gern den Neſtor unter den Aerz— ten geſehen, und ſeine Bekanntſchaft gemacht, aber ich wollte des Greiſes einſame Stunden nicht un— terbrechen, und verſagte mir dieſen Wunſch. Aber Hrn. Crebe habe ich kennen lernen. Er iſt ein junger Mann von einem anſpruchsloſen Betragen, deſſen Forſchungsgeiſt der Naturkunde noch manche intereſſante Entdeckung verſpricht. Wenn das rechte Rheinufer von Mainz bis Rü— desheim die höchſten natürlichen Schönheiten dar— bietet, ſo iſt dagegen das entgegen geſetzte linke Ufer deſto öder. Die ganze Gegend von Mainz bis Bingen beſteht meiſtens aus einer langen Ebe— ne voll Sand und Heide, wo kein Wein wächſt. Die Dörfer liegen nur einzeln, und zeigen in ih— rem Aeuſſern auch nicht von hohem Wohlſtand ih— rer Bewohner. Auf Mombach folgt am rechten Ufer Budenheim. Die Ruinen von dem an der Selzbach liegend d d em Wohnſitze Carls en Niederingelheim, des Großen, ſind kaum noch — 249— zu bemerken. Fiſcherhütten, arm und klein, ſte— hen jetzt an dem Orte des von hundert Marmor— ſäulen getragenen Kaiſerpallaſtes. Hier ruhte der Mann, der über ſein Zeitalter hervorragte, von ſeinen Geſchäften und Siegen. Hier wurde ein Herzog von Baiern von ſeinen Unterthanen als Landesverräther zum Tode verurtheilt, aber von Carl aus Gnaden nur in ein Kloſter geſteckt; hier ſtarb Ludwig der Fromme aus Kummer, und Heinrich der Vierte ward hier von ſeinem ungerathenen Sohn der kaiſerlichen Krone be— raubt. Hier liebten ſich endlich Eginhard und Emma; da ſahen ſich die Liebenden im Schatten er Bäume, und in der ſtillen Mondnacht, und e Liebe ſchenkte endlich dem Schreiber Eginhard ie Hand der ſchönen Emma. 59) Von Elfeld bis Rüdesheim ſtößt Dorf an Dorf, jedes rings um mit Gärten und Weinpflanzungen d di d umgeben. Der Weg, der meiſtens dicht am Ufer des Rheins von einem zum andern führt, iſt ma— leriſch ſchön, und erquickt das Auge durch eine 6) Die Geſchichte von Eginhard und Emma iſt von dem bekannten Schauſpieldichter Franz Kratter mit vieler Kunſt dramatiſch bearbeitet worden. Dies leſenswür— dige Schauſpiel führt den Titel: Eginbard und Emma Schauſp. in 5 Aufz. v. F. Kratter. Mit Kupf. von Penzel. Frankf. 1802.x 250—— reizende Mannigfaltigkeit. Die Höfe Treiſe und Reichershauſen, und die Dörfer Er— bach und Hattenheim liegen von Elfeld kaum eine Stunde entfernt am Ufer, und jedes derſel— ben iſt durch die Güte des Weins berühmt, der in ihrer Nähe wächſt. Nicht weit hinter Erbach liegt im Dunkel des Waldes verſteckt die reiche Ciſterzienſer Mönchs-Abtei Eberbach oder Er⸗— bach, aber doch nicht ſo ſehr, daß ſie den Fran— zoſen hätte verborgen bleiben können. In dieſen gaſtfreien Aufenthalt geiſtlicher Herren konnte ehe— mals jeder Fremde kühn hineintreten, und fand freundliche Aufnahme, Speiſe und den edelſten Wein, aber jetzt iſt das anders. Die gaſtfreien Mönche ſind entflohen, und die vollen Keller ge— leert; wo ehemals geiſtliche Lieder geſungen wur— den, brüllten die Soldaten der Sambre- und Maasarmee taumelnd aus heiſern Kehlen die Car— magnole, und der Wein, der nicht getrunken wur— de, lief im Keller« Man hat keinen Begriff da— von, welthe unermeßliche Menge des koſtbarſten Weins auf die unſinnigſte Art in Mainz und im ganzen Rheingau ungenoſſen verſchleudert worden iſt. Dort wurde z. B. während der Belagerung manches Stückfaß Hochheimer, Nierenſteiner und Rüdesheimer aus den Kellern der Adlichen und — 251— Geiſtlichkeit in einen großen Braukeſſel geſchüttet, und die Soldaten kamen dann mit Gießkannen, Feldflaſchen und Gefäßen aller Art, tranken ſich davon voll, und füllten ſich dann ihre Gefäße noch damit an. Der Geruch dieſes gewürzhaften vor⸗ trefflichen Weins ließ ſich beim Vorbeitragen auf der Straße ſpüren, verſicherten mir mehrere Ein— wohner, und das, was bei ordentlicher Haus— haltung lange Zeit den Soldaten, und den Kran- ken und Verwundeten zur Erquickung hätte die⸗ nen können, wurde ſo auf eine liederliche Weiſe verſchwendet, und zum Theil verſchüttet. Die jetzige Theurung des Rheinweins, beſonders des Beſſern, rührt größtentheils mit dabon her, daß man jene großen Voträthe verſchwendet und ge— * raubt hat. Die Ausleerungs-Commiſſion der Pfalz, welche aus dieſem ſchönen Lande eine Wü— ſtenei zu machen die Abſicht hatte, hat unermeß⸗ liche Quantitäten Weins weggeführt, und vergeu— det. Ich kenne einen Bürger aus Nierſtein, der nicht weniger als für 60000 fl. Wein durch dieſe pribilegirte Räuberbande verlor.— Am rech— ten Ufer ſieht man das Dorf Hettesheim. In der Gegend von Hattenheim liegen romantiſch einige Inſeln, die Langwarther Aue, der alte Sand und die Rheinau, — 252— um die ſich der breite Fluß windet. Es iſt durch den Mantzbrunner Wein berühmt, der in ſei— ner Nähe wächſt. Dieſer Wein hat ſeinen Na— men von einer Quelle, die dieſe der Sonne auf allen Seiten ausgeſetzte Gegend durchrieſelt. Hier kocht die heiſſe Sonne das würzige Getränk.— Nun folgen am ſanften Abhange des Rebengebir— ges die Orte Oeſtrich, Mittelheim und Winkel. Zwiſchen erſtern beiden Dörfern bei Rheinweinheim ergießt ſich der Selzbach in den Rhein. Hier auf dem Verdeck des Schiffes zu ſtehen und auf dem ſpiegelhellen Fluſſe, der ſich hier in ein weites Bett bildet, ſanft dahin zu gleiten, iſt ein reicher Genuß für jedes fühlende Herz. Von Erbach an erhebt ſich der Küünz der Gebirge, der halbmondförmig das Rheingau einſchließt, aber langſamer ſchwellen die Hügel vom Ufer des Fluſ— ſes hinauf bis zu der fanften Wölbung des Ber— ges, der hier die Abtei Johannisberg trägt⸗ Stolzer und kühner werden die Höhen von Rü— desheim, der Halbzirkel des Gebirges berührt das Ufer, und engt das weite Bett des Fluſſes ein. Dort unten trotzte Hattos Thurm einſam und ſtark den Fluten und der Zeit. Wogend ſtürzte der unwillige Strom über die Felſen, die ſich ſei— nem Lauf zu widerſetzen ſcheinen, in den engen Schlund der Gebirge. Dunkle Schatten wirft der Niederwald, während der Rochusberg die Stralen der Sonne auf Bingen refleetirt, und die Nahe in ein Silberband verwandelt, das ſich um die grüne Welle des Rheins ſchlingt. Das Schloß Johannisberg liegt voll ho⸗ her Majeſtät auf dem ſich zurückziehenden Gebirgs— gipfel und überſchaut die an Schönheiten ſo reiche Gegend. Zu ſeinen Füßen liegen das Dorf Jo— hannisberg, die Klauſe und das Rittergut Vollraz, und ihm gegenüber im Rhein die Lo— renzaue. Man erblickt von dieſer bezaubernden Höhe den Lauf des Rheins von Biberich bis Bin— gen herab. In einem lieblichen Gemiſch liegen hier unter meinen Füßen Städte, Flecken und Dör⸗ fer, Wieſen, Weingärten und Felder voll üppiger Vegetation. Am genußyvollſten iſt dieſer Anblick Abends, wenn die Sonne untergeht, und ihre letz— ten Strahlen die Gegend in einem roſenfarbenen Schimmer zeigen, und die Fluten des Rheins röthen. Die Probſtei Johannisberg gehörte bekanntlich dem Fürſtbiſchof von Fulda, der ſie in alten Zei⸗ ten von dem Reichspfennigmeiſter Hubert von Blei⸗ mann, an den ſie vos dem Erzbiſchof Anſelm Ca⸗ 254— ſimir berpfändet war, erkaufte. In neuern Zei— ten iſt das Gebäude des Schloſſes und der Kirche modern wieder aufgebaut worden, nachdem es im dreißigjährigen Kriege von Albert von Branden— burg geſchleift und von den Schweden noch vollends ruinirt worden war. Das Schickſal verwüſtet zu werden, hat es denn auch in dieſem Kriege gehabt. Die Soldaten haben die reinlichen Zimmer in Wach— ſtuben verwandelt, und verunreinigt. Cüſtine leerte im Jahr 1792 zuerſt die fürſtlichen Keller, und ſeitdem haben die Franzoſen jährlich wenig— ſtens ein oder zweimal ihre Beſuche in demſelben abgeſtattet, den Wein getrunken und mitgenom— men, ſo daß der Fürſt während deſſelben nur den geringern Theil davon erhalten hat.(Jezt gehört der Johannisberg dem Fürſten von Naſſau-Ora⸗ nien-Fulda.) Der Wein, der hier an dem Abhange des Jo— hannisberges wächſt, iſt mir wegen ſeines Feuers der liebſte am Rhein, und weil ich weiß, daß er unvermiſcht jedem andern bleibt, wie ihn die Na— tur hervorbrachte. Auf einem Diſtrikt von unge— fähr 120 Morgen gewinnt man jäaͤhrlich ohngefähr 200 Fuder. Ein Stückfaß davon wird nach ei⸗ nigen Jahren mit 5 bis 4000 fl. bezahlt. Die Mühe und der Fleiß, mit welchem man hier den — 255— Weinſtock abwartet, iſt auſſerordentlich. Aber ei— ne Haupturſache ſeiner Güte liegt darin, daß man die Trauben im Herbſt wenigſtens 14 Tage ſpä— ter erndtet, als im übrigen Rheingau. Was man dadurch an Quantität verliert, gewinnt man an der Qualität, weil das längere Hängen und die Kälte der Herbſtnächte den Trauben viel von dem Wäſſerichen entziehen. Der beſte Wein wächſt über dem großen geräumigen Keller, der ſich weit in die Höhlung des Berges ausdehnt. Er iſt jezt(1800) größtentheils leer, weil man ſo— gleich nach der Erndte ihn nach Fulda zu führen pflegt, um keine ungebetenen Gäſte dazu zu finden. Geiſenheim, voller Sommerhäuſer der ehe— mahligen Großen in Maunze, zieht ſich lang am Ufer hin, und gewährt einen heitern Anblick. Am Ende des Ortes erhebt ſich der Pallaſt des Gra— fen Oſtein, neben welchem ein Garten mit eng⸗ liſchen Anlagen ſich befindet. Aus dieſem lies der Graf Alleen und Wege durch den ihm gehörigen Niederwald bis zu dem hohen Gebirge führen, zu deſſen Füßen Rüdesheim, Ehrenfels und As— mannshauſen liegen. Durch mannichfaltige krum⸗ me Wege, durch dunkle Alleen und Gebüſche ge— langt man auf die Spitze eines ſenkrecht hervor⸗ —256— ſtehenden Felſen, auf dem ein runder offener Säulentempel ſteht. Am Fuße der ſchwindelnder Höhe rauſcht der Rhein durch die Felſenufer, gegenüber lehnt ſich Bingen an den Rochusberg, und ihm zur linken kommt aus einem romanti⸗ ſchen Thal die Nahe, rauſcht unter dem küh⸗ nen Bogen der Druſusbrücke hindurch, und ver⸗ mählt ſich mit dem Rhein. Eine alte Burg am Naheufer erhöht das Pittoreske dieſer Anſicht. Geiſenheim und Rüdesheim gegenüber liegen Galesheim und Kempten auf dem linken Ufer. Etwas landeinwärts auf dem rechten Ufer Eubingen mit einem Nonnenkloſter. Rüdesheim iſt lang am Ufer hingeſtreckt/ ein ſchöner großer Flecken von 2500 Einwohnern, berühmt durch den Wein der hier wächſt, den Beſten nächſt dem Johannisberger und Hochhei⸗ mer. Wir ſtiegen hier aus, um ein kleines Mit⸗ tagsmahl zu halten, das wir in dem obern Zim⸗ mer des reinlichen Ackermänniſchen Wirthshauſes einnahmen. Die Ausſicht aus dieſem Zimmer iſt vortreflich- Gegenüber erhebt ſich der Rochu s⸗ berg mit ſeiner Capelle, etwas weicer unten liegt Bingen, und nun ſieht man deutlicher, wie der Rhein ſich durch die engen hohen Felſen⸗ ufer den Weg bahnt. Die Lage und Gegend bon Rüdesheim gehört nach meinem Gefühl mit zu den ſchönſten des Rheingaus. Dieſer Ort hat, ſo wie die meiſten am Rhein ebenfalls genug von den Schrecken des Krieges ausgeſtanden. Am 24 Merz 1795 gieng die preußiſche Armee hier über den Rhein, nachdem kurz vorher der bekannte Obriſt Szekuli die Fran— zoſen bei Bingen, Kreuznach und Stromberg ge— ſchlagen hatte. Am erſtern Orte wurde damals der General Neuwinger gefangen genommen. Als im Jahre 1794 und 1795 der Rhein die gegenſeitigen Armeen trennte, wurde oft von ei⸗ nem Ufer auf das andere unnützer Weiſe hin und hergeſchoſſen, und die armen Einwohner geäng⸗ ſtigt. Drüben am Fuße des Roͤchusberges bei Kempten ſtand eine franzöſiſche Batterie und dieſ⸗ ſeits eine kaiſerliche. Ueber der Stubenthüre des untern Gaſtzimmers im Wirthshauſe hat die Wir— thin eine der in ihr Haus gefallenen Kanonenku— geln in die Wand mauern laſſen, die noch lange an dieſe ſchrecklichen Zeiten erinnern wird. Eine die vund um dieſelbe herumgeſchrieben den Tag an, da ſie ins Haͤus fiel. Späterhin hatten die Franzoſen, um ihre hieſige Beſatzung vor Ueberfall zu ſichern, Rüdesheim ſogar zu einer Art von Feſtung gemacht. Der gan⸗ 2 ze Ort war ringsum mit Palliſaden umgeben, und neben den Eingängen lagen ſpaniſche Reuter, die im Nothfall jene verſchließen konnten. Der Aufenthalt im Rheingau, beſonders im Herbſt während der Weinleſe, war ehemals ſehr angenehm. Die Güterbeſitzer aus Mainz, Frank— furt und der ganzen Gegend zogen dann hierher, um dies Feſt zu feiern. Aus entfernten Gegenden kamen Kranke, um die Traubenkur zu brauchen. Ueberall herrſchte Frohſinn, Gaſtfreiheit und Wohl⸗ wollen. Die Stifter aus Mainz ſchickten ihre Ab⸗ geordneten hierher, um ihre Zehenden und andere Einnahmen von ihren Gütern zu erheben. Dieſe Autumnarii— wie man ſie heißt— erhielten dann wieder Beſuche von ihren Bekannten. Man war froh und glücklich. Aber ſeit dieſem unglück⸗ lichen Kriege iſt an die Stelle des geſelligen Um— ganges und der Gaſtfreiheit, Zurückgezogenheit und Mißmuth getreten. Die Soldaten aller kriegfüß— renden Mächte haben ſich ſchwer an dieſen friedli— chen Menſchen verſündigt, und ſie mißtrauiſch ge⸗— gen alle Fremde gemacht. Die Autumnarii aus Mainz ſind mehrere Jahre hintereinander vergeb⸗ lich hierher gekommen, und fanden alles von den Soldaten verzehrt. Ich habe mich gefreut, über⸗ alt am Rhein das Lob der braven ſächſiſchen Trup— 259 ben zu hören, die eine ſehr rühmliche Ausnah⸗ me von den andern machten. Sie waren tapfer, menſchlich und diseiplinirt. Wenn man etwa glaubt, den beſten Rhein— wein hier, wo er wächſt, wohlfeiler zu trinken, als z. B. in Sachſen und Preußen, ſo irrt man ſehr. Man bezahlt den guten Wein hier ſo theuer, als dort. Dies rührt zum Theil von der jetzigen Theurung des Weins überhaupt her, zum Theil auch dabon, daß man immer den beſ— ſern gleich verkauft, der in die Freimde geführt wird', weil guter Wein ſo viel Fracht koſtet, als der ſchlechte. In Rüdesheim findet man in dem gedachten Wirthshauſe bortreflichen Wein, wo man indeſſen die Flaſche mit 2, 38 und 4 Gul⸗ den bezahlen muß. Der hohe Berg, welcher den Rüdesheimer Wein trägt, iſt ein erfreuliches Beiſpiel menſch⸗ licher Betriebſamkeit und des Kampfes derſelben mit der Natur des Bodens, die der Weinbauer glücklich beſiegte. Lange Reihen von Weinpflan⸗ zungen laufen an den ſteilen und abſchüſſigen Hö— hen hin, durch eben ſo viele kleine Mauren ge⸗ ſchützt. Von der Luft zer ſetzt, zerfällt nach und nach der Felſen, und dient zur Ergänzung der Mauern und zur Vermehrung des Erdreichs. Mit ie unglaublicher Mühe erſteigt der Weinbauer dieſe Höhen, und trägt korbweiſe den Dunger hinauf. Aber ohnerachtet dieſer mühſamen Arbeiten erhält ſich doch unter dieſen fleißigen Menſchen eine Jo⸗ vialität, die ſeltſam gegen das Betragen des Land⸗ manns abſticht, der das Feld baut. Dieſer iſt rei— cher aber verſchloſſener, jener aͤrm und fröoͤhlich— Aber dieſe Armuth iſt bei weitem nicht ſo groß, als ſie einige Reiſebeſchreiber ſchildern. Selbſt der geringere Weinbauer lebt noch unendlich beſſer, als der reiche Bauer in Sachſen. Ihn erhält das fröhliche Bild der Weinleſe, das ſich ihm bei der Bearbeitung der Reben immer darbietet, ſtets hei— ter. Er hoft auf den Herbſt und ſeine Freuden, und vergißt die Mühe und Beſchwerden der Ge— genwart⸗ Man nimmt an, daß der erſte Anbau der Re— ben im Rheingau im ſechſten Jahrhunderte in den Zeiten der Merovinger geſchehen ſey. Zwei Jahr— hunderte ſpäter verbeſſerte man ihn, und ſelbſt Carl der Große hatte Verdienſte um dieſe Vered— lung des Weinbaues. Die Wälder am Rhein wurden zum Theil gelichtet und mit Reben be⸗ pflanzt, die auf ſeinen Befehl zum Theil aus. dem Innern von Gallien gebracht wurden. Da— durch ward er Stifter des edlen Weinbaus im 261— Rheingau. Alten Urkunden zufolge kannte man im dreizehnten Jahrhundert nur zwei Arten von Wein, den hunniſchen und den fränkiſchen. Die erſte Anpflanzung des großen Rüdesheimer Ber— ges, die nach zuverläßigen Nachrichten im Jahre 1074 ſtatt fand, geſchah mit dieſen fränkiſchen Reben. Die Hunniſchen Trauben wurden in der Folge ganz von den edlern fränkiſchen verdrängt—, An die Stelle, wo die edlere Rebe nicht gedeiht, ward, wie man vermuthet, die ſogenannte Klein⸗ berger geſetzt.— Mehrere Weinbauer des Rhein⸗ gaues haben auch Verſuche gemacht, Oeſterreichi— ſche Trauben da zu pflanzen, wo der Ries— ling— die gemeinſte Sorte von Reben im Rheingau— nicht immer reift; wahrſcheinlich ſind dies die alten hunniſchen Trauben, die von den Hunnen angepflanzt wurden, welche nach dem Zuge Attila's in dieſer Gegend, beſonders auf dem Hundsrück, blieben, und ſich dort an— ſiedelten. Sie ließen aus ihren letzten Wohn— plätzen, Pannonien und Heſterreich, Weinſtöcke hierher kommen, deren Anbau ſie mit gutem Er— trag belohnte.) „) S. Beiträge zur Mainz. Geſchichte und Ritters Denkwürdigkeiten von Wiesbaden S. 167., f. Außer dem kleinen und großen Ri esling, zwei Arten von Reben, werden im Rheingau noch folgende Sorten gebaut: Orleaner, der Klebroth oder rothe Burgunder und die ſogenannten Lambertreben; in den Hausgär— ten pflanzt man Kleinberger- und Muska— tellerreben.— Der große Rüdesheimer Berg iſt meiſtens mit großen Orleanerreben bepflanzt; der köſtliche Johannisberger aber iſt vom großen Riesling; dieſer kommt aber nur hier und in ei— nigen andern der Sonne ſehr ausgeſetzten Plätzen zur Reife. Hr. von Forſter ſchlägt daher vor die rothen Burgunderreben weiter im Rheingau ein— zuführen, weil die rothe Farbe dem ächten wei— ßen Wein nicht allein nicht ſchade, ſondern die Trauben davon auch 24 Tage früher reif wer— den, als der Riesling, und daher auch in ſchlech— ten Jahren gedeihen; weil ferner auch dieſer Wein im Herbſt ſogleich berkauft werden könne, wel— ches dem gemeinen Manne ſehr vortheilhaft ſey. Briefe aus dem Rheingau.“) Ja, recht herzlich froh bin ich, daß ich end⸗ lich nicht mehr verdammt bin, eure ewigen Kla— gen anzuhören. Gerechter Gott! wie ſehr hat ſich, während meiner Abweſenheit, Mainz, der herrſchende Fon in ihm, und die Menſchen und die Verhältniſſe und alles und alles verändert. Ihr ſeyd gute Leute, dafür bürgt mir eure Jo⸗ vialität, die nie aus eurem Herzen weicht, wenn auch Unmuth, der ſich manchmal in flüchtigem Gerede über eure Lippen ergießt, das Gegentheil zu beweiſen ſcheint. Darum ſeyd ihr wenigſtens immer noch die Alten. Hier wohne ich im Paradieſe. Berauſchende Wohlgerüche vielverſprechender Traubenblüten um— duften mich. Der Segen des Himmels ruht mit ſeiner ganzen Fülle über dem herrlichen Lande. «) Dieſe Briefe, die ein anziehendes Gemälde des ſchö⸗ nen Landes enthalten welches man bei der Abfahrt von Rüdesheim verläßt, ſtanden im Jahre 1805 in der Mainzer und in der damals von mir berausgege— benen Rheinländiſchen Zeitung. Sie ſind es, dünkt mich, werth, aufbehalten zu werden, und ich glaube, hoffen zu dürfen, manchem Reiſenden eine angenehme Unterhaltung zu verſchaffen, wenn ich ſie dieſem Wer⸗ ke einverleibe.(Der Verf.) 264— Ich ſchwärme frühe und ſpät durch die maleriſch ſchöne Gegend, der nichts als der imponirende Kredit der beredten Feder eines Reiſebeſchreibers fehlt, um ihr die Zelebrität oft beſungener ſchwei— zer und italieniſcher Ankund Ausſichten zu ge— ben. Welch ein Anblick von dem Dempel des Niederwaldes in das weite, offene, freundliche, lebendige Land gegen Oſten, das dir alle ſeine unendlichen Schätze zu Füßen legt, und auch den königlichen Rhein mit ſeinen manchfaltigen Bie— gungen und den fruchtbaren beſchatteten Inſelchen. In der Mitte des Rheingaues thront der Johan— nisberg wie ein Fürſt unter ſeinen ſtolzen Va— ſallen, und zwiſchen Bergen ruht dort Maxien— thal, ſtill, einſam und ungekannt, wie eine gute That, die ſich ſelbſt belohnt, genügt und verbirgt. Ich denke recht oft an euch, meine Theuren, und bin mit meinen ſtillen Wünſchen für euer Beſtes in eurer Mitte. Ihr habt viel verloh— ren! aber laßt mich ganz aufrichtig ſeyn; eure Klagen ſind doch nicht ſelten eurer und eures Zu— ſtandes unwürdig, und die guten und gerechten unter euch fühlen das wohl. Viele von euch blik⸗— ken auf die vergangenen Tage wie auf ein ver— lohrnes Paradies zurück, und ſehen den Grund dieſer Veränderung einzig in der veränderten Ver— — 265— faſſung; aber hätte nicht der Krieg auch ohne dieſe Folgen den ſchönſten Theil dieſes Paradieſes zerſtört? Dulden, wo menſchliche Anſtrengung gegen den eiſernen Willen des Schickſals nichts ver— mag, mit Manneskraft handeln und ſprechen, wo That und Wort Früchte tragen, das iſt männlich. Eitles Gerede ziemt Müßigen und Fei— gen. Euer Schickſal iſt unwiderruflich beſtimmt; ihr müßt es tragen, und nicht zu eurem Spotte den ungleichen Kampf mit Unmöglichem verſuchen. Niederträchtige ſind es, die den unwiſſenden Leichtgläubigen gegen die jetzt beſtehenden Ver— hältniſſe reizen; ſie ſtechen wie Schlangen, nur um zu vergiften; ſie öffnen die Wunde, um ſie nie bernarben zu laſſen. Es iſt euer Intereſſe und das der Regierung, euch nie an den Unter⸗ ſchied zwiſchen euch und den urſprünglichen Fran— zoſen zu erinnern. Die Beſten unter euch, den— ken wie ich. Sie fühlen, daß es Frankreichs Regierung mit den neuerworbenen Rheinlanden gut meint, und daß dem Willen der Regierung, euren Zuſtand zu berbeſſern, ihr mit dem Muthe und der Aufrichtigkeit entgegenkommen müßt, denſelben zu enthüllen. Nicht alle Departemente haben das Glück, welches euch zu Theil ward, aufgeklärte und mu— 266 thige Männer an der Spitze der Verwaltung zu ſehen, die eure Lage kennen, und ihre Verbeſſe— rung mit Ernſt und Kraft wollen. Ich weiß es wohl, euch kränkt das ſtolze Herabſehen einiger Franzoſen auf eure noch nicht abgelegte Deutſch— heit, das heißt, auf eure unbezweifelbare Infe— riorität! Aber iſt dieſe lächerliche Anmaßung Grundſatz der Regierung oder auch nur der auf— geklärten Franzoſen? Gewöhnt euch daran über das Lächerliche zu lachen, ihr befindet euch gewiß beſſer dabei. Beſonders haben euch einige Stel— len in der ſogenannten Reiſe des gelehrten Ca— mus, der ſeine beobachtenden Reiſen diesmal in einer galopirenden Poſtſchaiſe machte, ſehr erbit— tert. Wahr iſt es, man ſollte der Welt nichts gedruckt übergeben, was nicht eine ſtrenge ernſte Prüfung aushält. Aber wollte man auf dieſem Grundſatze beſtehen, wie mager würden dann die jetzt ſo dickleibigen Meßkatalogen ausfallen. Die Mainzer waren immer ein offenes, bie— deres und braves Volk, redſelig und leicht eines Wortes, aber ſchwer einer böſen That fähig. Vielleicht findet man in wenigen franzöſiſchen und deutſchen Städten eine ſo große, weitverbreitete Maſſe von Aufklärung, wie in Mainz, und ihr ſeyd es werth, daß ein Dalberg, Forſter, Mül— —.— 267— ler, Blau, Heinrich und Niklaus Vogt, Ho—⸗ rix, die beiden Franke und ſo viele trefliche Men— ſchen in eurer Mitte wohnten, und noch wohnen. Was mich anekelte, und allenthalben anekelnd berfolgte, ſo lang ich mich in Mainz aufhielt, war eine Truppe von erbärmlichen Menſchen, die ſich auf ihre armſelige Affektation des Alten und Ehemaligen recht auffallend was zu gute thaten; die allem, was der neuen Ordnung der Dinge verwandt iſt, Trotz bieten, und ihre fehlgeſchla— genen Hoffnungen, die oft nicht die reinſten wa— ren, dadurch zur Schau ausſtellen, daß ſie die gegenwärtige Regierung lächerlich zu machen glau⸗ ben— Sie ſind übrigens ſehr un ſchädlich, und predigen ihr politiſches Ebangelium nur beim ge⸗ ſelligen Frühſtücke oder am Weinglaſe. Recht herzlich hat mich die Geſellſchaft der Madame Böhm gefreut, die dem Freunde der Künſte eine angenehme Unterhaltung darbietet. Obgleich das Perſonale nicht ganz vollſtändig iſt, ſo muß man doch geſtehen, daß die meiſten der— ſelben ſehr brav ſpielen. Dieſe Geſellſchaft zählt einige Glieder, die wahre Künſtler ſind Ge⸗ ſchmack, natürliche Anlagen, und Ausbildung in einem hohen Grade miteinander verbinden. In dem letzten Stücke, das ich ſahe, dem Sieg⸗ — 268— fried bon Lindenberg, thaten ſie dem armſeligen Machwerke doch zu viele Ehre an. Ich werde auf dieſen Gegenſtand wieder zurückkommen, und wünſche borläufig, die Mainzer mochten jetzt Mit⸗ tel treffen, daß ſie ſich nicht mehr über den Mangel einer guten theatraliſchen Unterhaltung zu beklagen haben⸗ II. Der Bekannte, auf den ich bei meinem Ein⸗ tritte in Mainz zuerſt ſtieß, wan der alte P... Wir trafen auf dem Leichenhofe zuſammen, und nachdem wir die herkömmlichen Komplimente in gehöriger Form gegen einander ausgewechſelt, und uns beiderſeits des Wiederſehens gefreut hat⸗ ten, ohne darum eben recht froh zu ſeyn, er— kundigte ich mich um die gegenwärtige Lage der alten lieben Vaterſtadt: Elend, erwiederte N.. Elend über Elend! in dieſem ehemals ſo ſtolzen Gebäude, er deutete auf den Dom, ſehen Sie das wahre Bild unſeres ehemaligen Wohlſtandes. Die— ſe ehemals ſo ſchöne Kirche iſt ihrem gänzlichen Einſturze nahe. Immer ſchade für das herrliche Gebäude und die koſtbaren Monumente in ihm! Mit einigen hunderttauſend Franken hätte man der Gegenwart und Nachwelt Kirche und Denkmal er⸗ halten. Aber ſeit einiger Zeit wird hier an Kün—⸗ ſte und Nachwelt nicht mehr gedacht. Es iſt wahrhaft Schade darum! erwiederte ich. Wollte des Himmel, das wäre alles! rief P... in einem kläglichen Tone. Aber unerz träglich iſt die Laſt von Auflagen, unter denen das Land ſeufzet. Ich bin in meiner Seele über— zeugt, daß, wenn es noch drei Jahre dauert, wie es gegenwärti iſt, keine hundert baare Tha⸗ ler mehr in allen Privatkaſſen zuſammengenom— men zu finden ſind. Die Sache ſpringt in die Augen, fuhr er lebhaft fort. Von den öffentli— chen Abgaben die jährlich erhoben werden, und den kürzeſten Weg nach Paris nehmen, kömmt auch nicht der fünfte Theil wieder ins Land zu⸗ rück. Die Leere des ſich immer weiter eröffnen— den Abgrundes füllt kein neuer Verdienſt durch Ge— werbe oder Handel aus. Das Refultat iſt klar, wie der Tag. Ein Brunnen, ſagt das Sprich⸗ wort, ſchöpft ſich endlich aus. Und doch, fiel ich Herrn P.. ins Wort, doch geizen ſie mit einigen hunderttauſend Fran—⸗ ken nicht, um den Dom und die köſtlichen Mo— numente zu erhalten, hinter die Sie ſich gegen den Anfall künftiger barbariſcher Zeiten verſchan— 27⁰ zen zu können glauben! Das iſt doch wirklich ſon— derbar, und auf der einen Seite ſo verſchwen— deriſch reich, ais hungrig arm auf der andern. Y... ward ärgerlich, wie es die meiſten Men— ſchen werden, wenn man nicht“ akkompagnirend einfällt, wenn ſie ihre Lieblingsſtückchen ſingen. Glücklicherweiſe kam uns der grämliche A.. entgegen, und machte der Unterhaltung eine glück— liche Diberſion. Sie wiſſen doch, fragte er, nach einem heftigen Händedruck des Willkommens, daß der erſte Konſul nach einigen Wochen unſre Stadt beſuchen wird? Da mag ſich Unſerer der liebe Gott erbarmen! Das fehlte noch; den letz— ten Groſchen wird's aus unſerm Sacke pumpen. Wir werden einen Aufwand machen müſſen, der unſere wenigen Kräfte überſteigt. Eine Garde ſoll ſogar errichtet werden, die ohne Sold und Handgeld dient; mir haben ſie nichts an, das will ich ſchriftlich von mir geben— Beruhigen Sie ſich, mein lieber A.., fiel ich dem grämlichen ins Wort. Ich trage ein Brüſſeler Blatt in der Taſche, das ausdrücklich ſagt, Mainz werde der erſte Konſul nicht beſu— chen; und die Brüſſeler Blätter, das dürfen Sie mir glauben, wiſſen ſehr gut, was an der Sache iſt, nämlich gar nichts— — 271 Deſto ſchlimmer, rief A... noch ärgerlicher, deſto ſchlimmer für uns! Käme Bonaparte nach Mainz, dann würde er Geld und Leben, wenig⸗ ſtens auf Augenblicke, in unſere öde Stadt brin— gen. Mancher kreuzbravbe Mann, dem die Hände jetzt ruhig im Schooße liegen, hätte etwas ver— dient. Aber wer ſieht nicht deutlich daß man an uns nicht denkt? Stiefkinder von Frankreich ſind wir nur, daß war immer meine Sage, und, leider! habe ich Recht. Ungerechte Menſchen! rief ich entrüſtet. Euer Mißbergnügen ſaugt aus der Gift- und Honig—⸗ blume immer nur Gift. In dem ſauren Topfe eures Gemüthes gerinnt die ſüßeſte Milch. Die Inkonſequenz eures Herzens läßt auch die'des Ko— pfes nicht einmal ahnen! Glücklicherweiſe ſind Leu— te eurer Art hier ſelten. Geleite euch Gott!— Das war der erſte und letzte Sturm, den ich auszuhalten hatte. Ich gieng allen politiſchen ge, Klatſchereien aus dem Weg ſteckte vor der lau⸗ ten Welt die Flagge der Neutralität und des In— differentiſm's auf, mied die unglücklichen Suppli— kanten wie europäiſche Schiffe barbariſche Kaper, gab den alten Dienſtleuten, die, wie die Alten überhaupt, ihre glücklichen Zeiten kanoniſiren f Recht, und befand mich gut dabei. * 272— Im Allgemeinen halten ſich die Bewohner der vereinigten Departements nicht für glücklich; ein Schickſal, das ſie mit dem ganzen menſchlichen Geſchlechte theilen, welches den ewigen Frieden nur in der ewigen Ruhe, aber nicht dieſſeits fin— det. Doch bin ich überzeugt, daß die neuen Rhein— departements vielleicht Beſchwerden haben, die man im Innern nicht kennt. Ob die Mauth der einzige Gegenſtand ihres Mißvergnügens ſey, wie man mit unbverſöhnlicher Erbitterung gegen dieſe zuvor ungekannte Einrichtung verſicherte, will ich hier nicht unterſuchen, aber gewiß iſt es, daß man dieſelbe als die Büchſe Pandorens beinahe am ganzen Rheinſtrome betrachtet. Wollt ihr einem partheiloſen Reiſenden eine Stimme vergönnen, ſo will ich euch meine Meinung mit der Beſchei— denheit und Offenheit ſagen, die der nie verläug— net, welcher nur ein Freund der Wahrheit iſt. Amicus mihi Plato, plus autem amica ve-⸗ ritas. Ohne Zweifel iſt Frankreich gegenwärtig der mächtigſte, und am meiſten gefürchtete Staat in der Welt. Der Ruhm, das iſt eine bekannte Sa— che, kömmt Völkern nund Individuen gewöhnlich etwas hoch zu ſtehen. Er koſtet ſo große Auf— opferungen, die dem gemächlichen genußliebenden — 275— Menſchen wehe thun, daß nur die Wolluſt des befriedigten Ehrgeizes ihn für alle Anſtrengungen und Entbehrungen entſchädigen kann. Ein Bür— ger ohne Bürgerſinn, ohne Vaterlandsliebe, die den einzelnen Menſchen ganz mit dem Staate amalgamirt, iſt derſelbe in einer kriegeriſchen und ehrgeizigen Republik ein bedaurenswürdiges Ge— ſchöpf. Wer könnte, wer mögte Spartaner und Römer ſeyn, ohne ſpartaniſchen und römiſchen Sinn? Ich kenne deine Genüſſe, ſagte jener Laze⸗ dämonier zu dem weichlichen Perſer, aber du kennſt die Meinigen nicht— Große, in der Weltgeſchichte gefeierte Men⸗ ſchen und Völker, waken nicht immer die glück— lichſten. Ein mächtiger Staat ſieht in der Ge— ſchichte und Ferne wie eine impoſante egyptiſche Pyramide aus; ihr großer Anblick füllt unſre Seele mit Ehrfurcht und Staunen-; aber den Schweiß und die Thränen ſehen wir nicht, die je— der Stein die Sclaben koſtete, welche die Mate⸗ rialien zuſammentrugen. III. Welche namenloſe Kraft wohnt in dir, heili— ger Boden meines Vaterlandes! wenn in dem Kam⸗ 2 10 — 274— pfe mit dem Schickſale, mich dieſes, wie Herku— les den Sohn der Erde, Anteus, erdrückend faßt, dann giebſt du mir, wie dieſem ſeine Mutter, neue Stärke, neuen Muth, indem ich dich berüh— re. Stärke auch du mich zum letztenmale, wenn ich in dem letzten Kampfe mit dieſem Leben erlie— ge, damit ich nur falle, aber nicht beſiegt wer— de! Alle jene großen Hoffnungen, Wünſche und Verheißungen, die hehren Geſtalten, die mir der künſtlichbildende Pygmalion des Lebens, die Ju— gend, mit ungeſchwächter Kraft und ungeſchwäch— tem Herzen beſeelt, treten freundlich um mich. Ach! wie ſpielt mit dem Menſchen die menſch— liche Natur! verlies ich nicht vor 24 Jahren die— ſen Boden, da ich mich nach der 5 Stunden ent—⸗ fernten Hauptſtadt einſchiffte, als ſchiffte ich mich zu einer Weltumſeglung ein! Athmete ich nicht 20 Jahre ſpäter, da ich von einer längern Reiſe kommend, bei Baſel den vaterländiſchen Rhein wieder ſahe, ſchon vaterländiſche Luft? Iſt es nicht eben ſo gut mit unſerm Durſte nach Freuden, Ruhm, Einfluß und Geld 2 Mit dem größern Be⸗ ſitze wird unſer Maaßſtab größer, an dem wir die Gröte des Beſitzes meſſen. Hätten wir nie Pal⸗ läſte geſehen, unſer Haus wär uns immer noch ein Pallaſt und keine Hütte. So wird der .— 275— Menſch nur größer, um alles um ſich her nur kleiner zu ſehen. Erſt wenn ein rauhes Verhängniß unſre heiße⸗ ſten Wünſche, unſere gröſten Hoffnungen in dem en voll Sehnſucht erdrückt hat, ſtreift der ößre Menſch voll Stolz und Reſignation die Feſ⸗ eln von ſeinen wunden Gliedern, die ihn an die d Armſeligkeiten dieſes Lebens kette Anſtatt die wandelbare Gunſt oketten-Glücks geckiſch zu kann er, 16 cklich, wenn ſie ihn be⸗ ohne zu erröthen, umar— auch ihrer Liebkoſungen ohne Erniedri— entbehren. So macht das Schickſal oft den frei, wenn es ſeine ſchönſten Erwartun— gen tödtet; wie eine ganze leibeigene Familie eh⸗ rei ward, wenn der leibeigene Vater auf freiem Boden verſchied. Ich bin dieſe Tage über Bingen, Stromberg und Kreuznach gezogen. Die Gegend um dieſes letzte lebendige Städtchen iſt romantiſch. In Bin— gen beſuchte ich unſre alten redlichen Freunde S und K.. die mich auf den Rochusberg, von deſſen Höhe man eine ſeltene große Ausſicht hat, beglei— teten. Bingen liegt ſchon dem Rheine und der Nahe in den Armen, die hier zuſammenfließen. Der — 276— Berg bon Rüdesheim ſteht wie ein gewaffneter Rieſe mit ſeinem Gürtel von köſtlichen Weinreben und ſeinem ſtolzen Eichenkranze auf dem Haupte, dem Städtchen gegenüber jenſeits des Rheins, als bewache er die ſo wenig bewachte deutſche Grän⸗ ze. Der Blick ins Rheinthal hinab, wo die er— zürnten Wogen ſich mit Geräuſche über die trotzi⸗ gen Felſen des Bingerloches ſtürzen, und auf den einſamen Mäuſethurm, der trauernd in der Mit—⸗ te des Rheines ſteht, iſt ſchauerlich— Es war ein ſchöner freundlicher Morgen, da ich dieſe Gegend verließ. Die Blumen dufteten Wohlgerüche. Der Frühling ſtellte ſeinen ganzen glänzenden Schmuck und ſeinen Reichthum zur Schau aus, und die Nachtigallen buhlten in ei⸗— fernden Wettgeſängen um den Preis der Liebe, Gott, wie reich, wie groß iſt die Natur, und der Menſch in ihr oft ſo— arm, ſo klein! Mit un⸗ erſchöpflicher Fülle reicht ſie ihm ihren Ueberfluß; aber ſeine unbändigen Begierden ſind hungriger als ſeine Bedürfniſſe, und ſeine gefräßige Hab⸗ ſucht, ſein Neid, ſeine Eitelkeit, verwüſten das Paradies zu einer Einöde, machen das geſellige Dorf zu einem Schlachtfelde, die Stadt zum Siechhauſe, und das kurze Leben zu einem lan⸗ — 277— gen, ewigen Kriege. Wie glücklich könnte er ſeyn, wenn er es zu ſeyn verdiente! Der Mittag war ſchwül, und ich ruhte im nächſten Dorfe aus. Da ich gegen Abend endlich auf die Höhe von Ingelheim kam, breitete ſich das herrliche ſchöne Land gegen Weſten und Nor— den noch einmal in ſeiner ganzen Pracht vor mir aus. Dieſe Stelle ſollten Reiſende und Liebhaber der Natur nie übergehen! Ich war in dem An— blick voll ſeligen Genuſſes verloren, als das nahe Wirbeln bon Trommeln mich weckte. Eine Halb— brigade zog ſich frohlermend die Anhöhe herab nach Ingelheim. In der ganzen weiten Gegend ſind die Anſtal— ten des Krieges lebendig, und an den Ufern des Kanals und an denen des Rheins ſammelt ſich das Gewitter, das in ſchwarze Wolken gehüllt, gegen Hannover und England loszubrechen bereit iſt. Noch einmal ſchwingt der Würgengel des Todes die blu— tige Fahne. Der Genius der Menſchheit wolle, daß dies der letzte Kampf ſey, der dem gepeinigten Europa dann Frieden, einen glücklichen Frieden giebt! Vor meinen Blick trat der gewaltige Menſch, der die Wage der Vorſehung jetzt mit feſter Hand hält, und das Schickſal der Völker und das Schick— ſal von Europa wägt. Welche Stufe von Größe ν erſtiegſt du, kräftige, römiſche Seele! aufferor— dentlicher Mann, ſo oft der theure Gegenſtand meiner Bewunderung! Der Zufall beſtimmte dir keinen Thron; du erſchufſt dir einen, daran er— kennt man deinen hohen Geiſt. Die Sterblichen ſind gleich! Nicht die Geburt, Die Tugend nur, macht allen Unterſchied. Doch Geiſter giebt's, begünſtiget vom Himmel Die durch ſich ſelbſt ſind, alles ſind, und nichts Dem Ahnherrn ſchuldig, nichts der Welt, IV. Keine Klage wurde in den neuen Rheindepar— tements vielleicht häufiger und zuverſichtlicher wie— derholt, als die über drückende Abgaben, und kei— ne iſt vielleicht ungerechter. Nur eine ungleiche Vertheilung, weil es bis jetzt an einer ſichern Baſe, an einer zuverläßigen Abſchätzung des Ka⸗ pitalwerthes fehlte, machte ſie für manche Gegend läſtig. Die Grundſteuer, wenn der Landbauer, wie er doch muß, den aufgehobenen Zehenten in Anſchlag bringt, iſt gerine als ſie im Allge⸗ meinen bor dem Kriege war. Die Perſonglſteuer iſt unbedeutend, und beträgt für eine Familie, in den Departementen, wo ich dieſe Sache näher — 279— zu unterſuchen Gelegenheit hatte, das Jahr keine 6 Franken. Die Patenten-Gebühren ſind verhält— nißmäßig, doch zweifle ich nicht, daß man mit ihr einige billige Mödifikationen vornehmen könn⸗ te, ohne ihren Ertrag zu ſchmälern. Die Auf— wandſteuer iſt, ſo viel ich weiß, nie der Gegen— ſtand einer Klage geweſen. Ich wünſchte daſſelbe von den mittelbaren Abgaben, und namentlich von den Gebühren der Einregiſtrirung ſagen zu können. Doch ſprechen wir über dieſen Gegenſtand in ei— nem künftigen Briefe! Was die Abgaben bis jetzt in manchen Gegen— den, auch ihres mäßigen Betrags ungeachtet, drük— kend machte, iſt die gänzliche Er ſchöpfung, die einem verheerenden Kriege, ſeinen Räubereien und endloſen Requiſitionen, öfteren Viehſeuchen, der Vernachläßigung des Ackerbaues und dem Darnie⸗ derliegen des Handels folgte. In manchen Ge⸗ genden des linken Rheinufers und namentlich in den Städten, hat die Dürftigkeit einen hohen Grad erreicht. Die Quellen des ehemaligen Erwerbes ſind durch die veränderte Ordnung der Dinge, welche die Auswanderung der reichen konſumiren— den Klaſſen des Adels und der Geiſtlichkeit zur Fol— ge hatte, und durch den mit der Einführung der Mauthgeſetze unterbrochenen Gang des gewöhnten Verkehrs und Handels, der nur langſam eine an— dre Richtung nimmt, verſiegt. Die Abgaben ſind demnach hier in ſo weit drückend, als ſie mit dem geſchwächten Hülfsmittel in keinem Verhält— niſſe ſtehen; denn nicht auf das allein kommt es an, was der Bürger bezahlen muß, ſondern vor— züglich darauf, was er zu erwerben im Stande iſt. Dem, welcher wenig hat, und das wenige— geben ſoll, iſt das wenige Viel— Alles. In England ſind dieſelben Auflagen nur hoch, die den Schweizer in wenig Jahren zu Grunde rich— ten würden. 5 Es iſt übrigens eine von allen großen Staa— ten unzertrennliche Inkonvenienz, daß eine allge— meine Maaßregel nur äuſſerſt ſelten allgemein paſ— ſend iſt. Den ſo manchfaltigen Bedürfniſſen, die aus der Verſchiedenheit der Beſchaffenheit des Lan— des, der Beſchäftigung ſeiner Bewohner, ihren Begriffen und Vorurtheilen beſtehen, kann man nicht wohl auf eine und dieſelbe Art begegnen. Die Verhältniſſe, welche den geſelligen, bürger— lichen Menſchen umfangen, ſind ſo vielfach ver— ſchlungen, ſo klimatiſch und lokal, daß eine all— gemeine verbindliche Verfügung gewöhnlich ſo zweckmäßig ſeyn kann, als eine allgemeine Klei— derordnung. Denſelben Rock, der den Nordlän⸗ — 281— der kaum gegen die mäßigſte Kälte ſchützen wür⸗— de, findet der Südländer gewiß zu heiß. Hier mag der Grund liegen, warum alle große Staa— ten, wie die Politiker behaupten, gewöhnlich des— potiſch beherrſcht werden müſſen. In ihnen fin— det ihr keine Einheit des Willens und der Bedürf;⸗ niſſe, und die vielſeitigen auseinanderſpringenden Intereſſen können nur durch Gewalt zuſammen ge⸗ halten werden. Aber dieſe Inkonvenienz läßt ſich nur äuſſerſt ſchwer von unſerm Staatenſyſteme trennen. Einer Maaßregel, die darum im allge⸗ meinen nothwendig iſt, kann ſich kein Theil des Ganzen, wenn er auch unter ihr leidet, entzie— hen, und ſo im Staate einen Staat bilden wol— len. So denke ich ſogar über die Mauth, wenn ſie für Frankreichs Wohlſtand unentbehrlich iſt, obgleich auch ich oft im Falle bin, mich wie ein Präparat behandelt zu ſehen, als wolle man die Aechtheit von Loders anatomiſchen Tabellen an meinem lebendigen Leibe prüfen. Daß allgemeine Maaßregeln nicht gleich vor— theilhaft für ein großes in ſeinen Zwecken und Wünſchen zerſplittertes Ganze ſeyn können, liegt in der Natur der Sache. Und gegen ein noth— wendiges Uebel kämpfen zu wollen, iſt wohl ver— zeihlich, aber nicht vernünftig. Ich weiß wohl, — 282— daß man bei euch dies offene Glaubensbekennt⸗ nitz an manchen Orten übel nimmt, aber ich bin boshaft genug, daß ich mir ſogar oft eine kleine erzliche Freude daraus mache, dem un eſelligen 5 ‚ 9 Egoism vor die eiſerne Stirne zu ſtoßen. Es iſt ohne Zweifel ein ſehr weſentlicher Man⸗ gel unſerer Staatsberfaſſungen, daß ſie der Re⸗ gierung in dem Mittelpunkte ihres Reichs jedes entfernte Intereſſe, jedes Lokalbedürfniß zu beſor⸗ gen übergeben, die ſie nicht kennen kann, und mag, daß ſie ihr die Wahl, auch des unterſten Beamten, anbertrauen, der ſie eben ſo wenig be— rührt. Zu wünſchen wäre es, daß man in weit⸗ ſchichtigen Staaten mit einer kräftigen Zentral⸗ regierung, die das ganze Reich als ſolches um— faßt, eine vom Volke gewählte Lokaladminiſtra⸗ tion verbände, welche die blos lokalen Intereſſen zu beſorgen, und in allgemeine Angelegenheiten bei der Regierung eine berathende, in blos örtli— chen Angelegenheiten aber eine entſcheidende Stim⸗ me hätte. Bis jetzt war eine ſolche Anordnung in Frankreich nicht möglich, weil das in allen ſei⸗ nen Theilen zerrüttete und aufgelöſte Reich erſt wieder geſchaffen werden mußte. Eine große kräf⸗ tige Seele mußte zubor das Chaos zu einer organi— ſchen Schöpfung ordnen, und aus dieſem Grunde 485 wlinſchte ich immer Bonaparte, der allein das lecke Schiff der Republik aus dem ſtürmiſchen Meere der Revolutigm mit kühner Kraft in den ſichern Hafen zu blißzen„und Frankreich jene heroiſche Haltung zu geben vermochte, die ihm nakürlich iſt, Allgewalt und eine lebenslängliche Diktatur. 165 Das Rheingau iſt ohne Zweifel eine der be— bölkertſten Gegenden der Welt. Auf einer Qua, W zählt man über 22900 Menſchen, und 9+ doch reicht dieſe Anzahl zur Kultur des Bodens nicht hin, und das benachbarte Land ſendet ſeine müßigen Einwohner zu den dringendſten Arbeiten hieher; ſo viele Hände beſchäftiget der Weinbau. Der Reichthum dieſer kleinen Strecke Landes, von Asmannshauſen bis Wallauf, iſt unſchätzbar, und doch ſoll der Gewinnſt, den der Weinbauer aus ſeinem Geſchäfte zieht, nicht ſehr bedeutend ſeyn, weil der Preis der Weinberge und die Koſten ih— rer Unterhaltung ein ſtarkes Kapital erfordern, Man würde ſich ſehr täuſchen, wenn man die Bewohner dieſes Paradieſes für ſo glücklich hiel— te, als die Gegend es zu verbürgen ſcheint. Es iſt hier wie allenthalben. Die Sterblichen haben ſich ungleich in den Genuß und die Arbeit getheilt. Alle dieſe Menſchen, welche das ganze unabſeh— bare Land wenigſtens zweimal im Jahre umwüh— len, und noch überdies ſechs ganz ſchiedene Ar⸗ beiten in jedem Weinberge verrichten, haben den geringſten Antheil an dem Boden, den ſie mit ih⸗ rem Schweiß düngen. Ich glaube nicht, daß die Verſicherung übertrieben iſt, mehr als die Hälfte des Kapitalwerthes von Grund und Boden, ſey ein Eigenthum der Geiſtlichkeit, des Adels und der Fremden, welche ſich hier Güter angekauft ha— ben, ohne ſie im ganzen Jahre mehr als einmal, nämlich im fröhlichen Herbſte, zu ſehen. Es war nie anders! In dieſer Welt reißt je— der an ſich, was er zu ergreiffen und zu behaupten vermag. Die Erde mit allen ihren Genüſſen iſt die Beute des Stärkeren; und damit der zwei— felhafte Krieg nicht ewig währe zwiſchen dem der alles, und dem der nichts hat, zwiſchen dem der müßig geht und es ſich wohl ſeyn läßt, und dem der arbeitet und hungert, ſo haben die, welche im Beſitz und Genuſſe ſind, wohlweiſe den ſchützenden Zaun des heiligen Geſetzes um ih— re Habe gezogen, auf das die Wiſſenſchaft und der Himmel das Siegel der Unfehlbarkeit drückten. Aus der Geſchichte und der lebendigen täglichen Er⸗ — 285— fahrung ſpringt mir nichts mit ſo wildem Hyänen— grimme ans Herz als die ewig wiederkommende Bemerkung, daß tauſend hungern müſſen, damit Einer ſchwelge; und was thatet ihr Elenden, was habt ihr verbrochen, daß euch das Leben beim Eintritte in dieſe Welt mit Eiſenarmen umfängt, und euch wund gequetſcht auf die Bahre nieder— legt; daß ihr verdammt ſeyd, eure hungrigen, oöden, darbenden Tage ohne ein anderes Gefühl, als das des Schmerzes, gedankenlos und ſtumpf von der nackten Wiege bis zum nackten Grabe hin— zuſchleppen. Ein Bettler in einem Staate iſt ei— ne beiſſende Satyre auf alle menſchliche Geſell— ſchaft. Der Pabſt Alexander Mverſchenkte mit einem Federzuge die neue Welt, als wäre ſie menſchen⸗ leer. Ach! die alte war eben ſo, nur früher ver— ſchenkt. Doch wohl ihnen, die beſitzen!(beati possidentes.) Der Menſch hat es in der Henkerskunſt, ſein Elend zu vervielfältigen, ſehr weit gebracht. Er iſt beinahe ſo glücklich, als er es zu ſeyn ver— dient. Damit zehen vor Hunger ſterben können, nimmt es der eilfte großmüthig auf ſich, an Ueber⸗ ladung und Unverdaulichkeit zu ſterben. Wie! Und wir alle ſind Menſchen, auf dieſelbe Art ge— 286 zeugt, empfangen, und geboren! An der Art, wie das neugeborne Pflanzengeſchöpf, nackt und hülflos, zum erſtenmale die Schöpfung weinend begrüßt, werdet ihr den Inka vom Sklaven, den Braminen von dem Paria und den Seepterträger von dem, der die Hacke führt, nicht leicht unter— ſcheiden; und doch, durch welche bodenloſe Kluft hat ſie Gewalt, Vorurtheil, Convenienz, Staats— klugheit, und was weiß ich, geſchieden! Richts mehr davon! Alles das iſt in unſern Tagen eitles Gerede geworden. Ich kenne nur zwei Menſchen die bewieſen, daß ſie es werth ge⸗ weſen wären, der Welt Geſetze zu geben— Ly— kurg und Penn. Aber die Pauſe, welche ſie in die Disharmonien der Welthändel brachten, war kurz. Darum laſſen wir Asiris und Ty⸗ phon, den Gott des Lichts und der Finſterniß, den Satan und den guten Gott ſich um die Herr— ſchaft dieſer Welt ſtreiten! die Menſchen müßten es doch viel anders machen, wenn der Teufel nicht endlich Recht behalten ſollte. NRimm nur die Weltgeſchichte in die Hand, ich bitte dich, dieſes ſechs tauſend Jahre lange Sün— denregiſter der herr ſchſüchtigen, gefraͤßigen/ gold⸗ hungrigen, feigen und übermüthigen Sterblichen! Nur ihre Kriege verdienten Triumphe— auf alle — 287— die Wahnſinnigen, Mörder und Schlemmer, aut die Nerone, Kaliguluſſe, Klaudiuſſe, Sylla's, Ma⸗ homede, Kortez und Pizarro's, kurz, auf alle die zahlloſen Schwach- und Schwindelköpfe, die ſich je damit abgaben, ihres Gleichen zu regie— ren, zu belehren, und zu bekehren, wie viele Antonine, Heinriche Wund las Casas zähleſt du?— Doch, ich wollte ja davon nicht mehr re—⸗ den, und mir nicht die Gift- und Eßigtropfen in meinen Johannisberger gießen. Aber ich habe es öfters gefunden, daß uns der Anblick der ſchönen freundlichen Natur, des Kontraſtes wegen, zor⸗ nig auf die Menſchen macht— Du ſollteſt nur hier bei mik ſeyn! Es iſt ein gar liebes, heimliches Plätzchen auf der Anhöhs hinter dem Schloſſe Vollraz, das denen von Greif— fenklau gehört. Ein friſcher junger Eichenwald deckt dir den Rücken, und in der Tiefe ladet dich der Schatten dicht belaubter Kaſtanienbäume zur Ruhe. Lagerſt du dich, links am Wege, der zum Schloße hinabſteigt, auf den Raſen unter zwei jun— ge Eichen, die wie Seelenzwillingsbrüder in Sturm und Ruhe zuſammenhalten, dann haſt du ins Thal hinab, gegen den Rhein hin, eine Aus— ſicht, ſo ſchön, lieblich und romantiſch, wie ſie nur immer die Phantaſie eines Geßners aufs Pa— — 288— pier oder die Leinwand zaubern kann⸗ Wie man⸗ che ſelige Stunde habe ich an dieſem ſtillen Plätz— chen genoſſen, neben der keine Stadtparthie, kein Ball, kein Diner oder Souper aufkommen kann. Die ſchwüle Mittagshitze hatte ſich gemildert, und ich brach auf, um durch das freundliche Wie⸗ ſenthal gegen Winkel und von da nach Oeſtrich zu ſchlendern. Hier hat man eine mahleriſche Anſicht den Rhein auf und abwärts. Ich konn⸗ te dem Verlangen nicht widerſtehen, mich in einem leichten Kahne über den ſtillen Strome ſchaukeln zu laſſen. Die Sonne ſtand ſchon hoch über dem Niederwälde. Die helle, glänzende, ebene Waſſerfläche breitet ſich wie ein Schweizer— ſee bis tief an den Fuß des Rochusberges und die waldige Höhe vor Weiler aus. Die manchfalti— gen friedlichen Flecken ſtehen am Ufer, und beſe— hen ſich in dem Spiegel des Stromes, und die ſchattigen Auen winken dir freundlich zum Beſu— che. Es iſt in der That eine namenloſe Luſt in dieſer Jahreszeit, bei dieſer Beleuchtung der Ge— gend hier über die ſtille klare Fluth zu ſchwimmen. Ich bin jetzt auf dem Wege übet Biberich nach Wisbaden, und du ſiehſt bald nähere No— tizen über meinen Streifzug, oder mich ſelbſt. IV. Ich laſſe mein leichtes Lebensbdot auf den Wel⸗ len der Zeit dahin ſchaukeln ohne Plan und Zweck. Und vermag der Menſch mehr mit all ſeiner Vor— ſicht und Klugheit? In dieſem Daſeyn übergiebt ihn mit jeder flüchtigen Minute eine Woge der an⸗ dern, und ſie tragen ihn von dem blühenden Ufer, das freudig in den ewig fortziehenden Strom des Lebens ſieht, an das ſtille Ufer jenſeits, und er weiß nicht, ob ihm ein heiterer Himmel eine ſtille Fahrt verleiht, oder ob ihn Stürme verfolgen, noch wo er landet. Was iſt im menſchlichen Leben Plan und Zweck Der nächſte Tag ſtraft die Hoffnungen und Ver- heißungen von heute Lügen. Sehen wir nicht auf unſre eigene Vergangenheit wie auf einen Traum zurück? Können wir ſagen, das will ich, das bin ich, das thue ich morgen! Wie oft wachen wir wohl mit dem Gefühle und dem Vorſatze auf, mit denen wir uns zu Bette legten? Der Traum eines Traumes nur iſt das Leben! Ich war auf dem Wege nach Wisbaden, als ich dir den letzten Brief ſchrieb, keine drei Stun— den mehr von dieſem Städtchen, und nun, nach acht Tagen, bin ich wieder auf demſelben Wege 19 dahin; ſitze auf demſelben Stuhle, in demſelben Zimmer in Walluf. Ich habe dieſelbe Anſicht des Rheins und der umliegenden Gegend, wie da— mals; und doch ſcheint mir dieſe Zeit von acht Tagen wie ein unbeſteiglicher Gletſcher zwiſchen Jetzt und Damals zu liegen. Ich ſehe mich ſelber befremdet an, und rede mit mir, wie mit einem zweiten Menſchen. Frage mich nicht, warum ich meine Reiſe nicht fortſetzte! Könnte ich dir es ſagen? Haſt du noch nie den Tag erlebt, wo dein Genius, dir un⸗ ſichtbar, vor dich trat, und, dein Innerftes um⸗ geſtaltend, dich mit einer Zauberhand berührte? Es zog mich wie ein Heimweh, nach dem theu— ren vaterländiſchen Boden, dem Schauplatze der frühern Jahre meiner Jugend zurück. Alle große Hoffnungen, alle Verheißungen jener ſchönen Ta⸗ ge, für das Glück der Menſchheit, für Recht, Vaterland und Freiheit viel und kräftig zu wirken, traten ſtrafend vor mich und forderten mir den er⸗ füllten Schwur der Jugend ab— Ach! ich hatte nichts gethan! Der Umgang mit Menſchen hatte hoffnungslos meinen Muth gebeugt. Eine reifere Erfahrung hatte das Vertrauen, dem allein das Schwere gelingt, vernichtet. Ich ſahe auf der Erde nur das berſchmitzte Verbrechen ſiegen, die —— 291— plumpe Gewalt herrſchen, und das freche Laſter genießen. Vergniand, Roland, Condorcet und Adam Lux waren gefallen, und Robespierre und ſeine noch ſchlechteren Helfer, Carrier und Collot d'Herbois geboten über das Schickſal von Natio— nen.— So war es immer! Brutus, Caſſius und Cato mußten untergehen, wo ein Antonius ſiegte und ein feiger Auguſt ſeinen Thron über den be— kannten Theil der Erde befeſtigte. Ja, die Welt iſt für Tyrannen nur; die Beute des Stärkeren. Um den Raub mit ihnen zu theilen, mußt du als Geſelle in ihre Verbindung treten. Gewalt giebt Recht— Was du vermagſt, das giltſt du.— Setze dich über das Geſetz, und du biſt es ſel⸗ ber— ſey nie der Schwächere, und nie wird man dich zur Verantwortung ziehen— bleibt dir nur der Sieg getreu, dann wird dir es nie an Freun— den fehlen!— Der Erfolg iſt das höchſte Gericht, von dem ſelbſt die Nachwelt nicht zu appelliren wagt J Für große Menſchen iſt das ſchwache Volk Geboren. Glauben ſoll's, bewundern und ge⸗ horchen.) ) Mabomed. von Göthe⸗ Es giebt alſo keine moraliſche Vor ſehung? Die Dugend wäre nur ein Traum des Gutmüthi⸗ gen, mit welchem ſich ſeine Einfalt ſelbſt be⸗ zahlt! Gerechtigkeit wäre der Spodt der Stärke— ren, der ohnmächtige Götze der Schwäche, den ſie ſelbſt gerne verläugnet, ſobald ſie Stärke wird! Und wenn auch!— Meine Welt können ſie wenigſtens nicht verwüſten. In meiner Bruſt lebt das Gefühl von Necht, Freiheit und Tugend, und dieſen Idealen, fände ich ſie auch nirgends, als in mir ſelbſt, bleibe ich getreu; ich muß es, will ich mich nicht mit mit ſelbſt entzweien. Hät⸗ ten ſie den Muth, an Freiheit zu glauben, ſie würden ſie erringen. Aber feig verzweifeln ſie an ihrem Werthe, und an ihrer Kraft, und recht⸗ fertigen mit dem allgemeinen Verderben ihr ei⸗ genes— Ich habe dem Bilde meiner früheren Jugend noch einmal recht tief ins kräftige Auge voll Muth geſeben, und mich an ihm geſtärkt. O! der Jüng⸗ ling weiß es nicht, was er an dieſem goldenen Zeitalter des Lebens verliert, wo das unbetrogene Herz gränzenlos vertraut, die lebendige Schöpfung ſich glänzend in ſeinem ungetrübten Blicke ſpie— gelt, und ſein unbeſiegter Muth ſich jeder Gefahr — 29õ— gewchſen fühlt. Kein ſpäterer Genuß erſetzt ihm die Wohlluſt früherer, ſüßer namenloſer Ahnun— gen. Das ſchöne jugendliche Alter hängt allein mit tauſend blühenden, duftenden Zweigen von dem nackten Baume des Lebens herab, und des Jünglings Bruſt ohne Falſch ſehnt und drückt ſich warm und voll nach und gegen die verwandte. ſie giebt uns die weiſe Vorſicht wieder, was wir in dem raſchen Muthe verlieren. Nie erſetzt uns die Lebensklugheit, was uns an friſcher Ge— ſundheit entzogen wird. Ich habe in dieſen wenigen Tagen mein frühe— res Leben noch einmal genoſſen. Alle meine be— kannten Plätzchen habe ich beſucht, und die ver— gangenen Tage an mir vorüberziehen laſſen, und ſie haben mich im freudigen Wiedererkennen ge— grüßt. Wie oft ſchlenderte ich am ſtillen Abend den einſamen Pfad am Rheine zwiſchen Geiſen— heim und Rüdesheim auf und nieder, wo der kö— nigliche Strom, gegen Kempten und Gaulsheim hin, ſeine ganze Pracht vor deinem Blickk aus— breitet, und aus jeder hüpfenden Woge, aus je— der nickenden Weide ſprach mich eine frohe Erin— nerung, wie ein alter, wieder gefundener Freund an. Ich ſtieg die verfallenen Treppen der öden — 294— Brömſer'ſchen Burg hinauf)— Ich hätte mich hinunter ſtürzen mögen in die ſchwindelnde Tiefe vor inniger Luſt. Wie oft giengen hier am blauen heiteren Himmel die Sterne unbemerkt über dem Seligträumenden auf! Wie oft lächelte der Mond über dem ſtillen klaren Strome zu unſern jugendli⸗ chen Phantaſieen, wenn wir bis in die Mitter⸗ nacht unter dem Gewühle der lermenden Menge mit leiſem Geliſpel uns unſre Träume und Hoffs nungen vertrauten, und uns endlich ungerne von der kühl fächelnden Wisper trennten, wenn der Mond hinter die Berge von Weiler ſank! ——.A———— ) Sie ſteht am untern Ende von Rüdesheim und ge⸗ hört jezt dem Grafen von Metternich. Sechster Abſchnitt. Von Rüdesheim bis Coblenz⸗ Nach einem Aufenthalte von einigen Stunden zu Rüdesheim, geſtärkt und erquickt durch den edelſten Wein, eilten wir unſ'rer Jacht wieder zu, die am Ufer hielt. Luſtig wehte der lange dreifar⸗ bige Wimpel vom ſtärkeren Winde bewegt auf dem Maſtbaum. Das Schiff ſtieß vom Lande und in wenigen Minuten befanden wir uns mitten auf dem Strome, und gerade der Stadt Bingen gegenüber, und der berühmten Perſpeetive des Schlundes, aus dem ſich die Nahe in den Rhein ergießt. Die Schön— heit dieſes Anblicks und der alten ſteinernen Dru— ſusbrücke, welche beide Ufer dieſes Fluſſes mit ein⸗ ander verbindet, iſt ſchon ſo oft beſchrieben wor— den, daß ich nichts weiter darüber ſagen kann, aber mit Recht kann man die maleriſchen Par— thieen, welche die Nahe bildet, Zeichnern, und manche mineralogiſche Merkwürdigkeiten ihrer Ufer — 298— den Naturforſchern empfehlen. Sie durchläuft ein von kenntnisvollen Reiſenden wenig beſuchtes und beſchriebenes Land. Auf dem vogeſiſchen Gebirge, im ehemaligen Lothringen entſpringend, wächſt ſie durch vierzehn kleinere Flüſſe an, die ſich in ſie er— gießen, und fließt bald ſanft in breitem Strome durch ſchöne, weite Thäler, bald engt ſich ihr Bett zwiſchen Bergen zuſammen; endlich rauſcht ſie hier über Felſen und zwiſchen ſteilen Ufern dem Rheine zu. Die Geſtalt der Ufer dieſes Fluſſes iſt höchſt ungleich, aber maleriſch, und trägt hier und da einen eigenen Charakter des Pittoresken und Ro— mantiſchen. Die Stadt Bingen, 6 Stunden von Mainz, über der ſich hoch der Rothusberg emporhebt, ver— ſpricht von auſſen mehr, als ſie von innen ge⸗ währt. Sie hat zum Theil enge finſtere Straßen, in denen aber doch ehemals viel Lebhaftigkeit und Nahrung herrſchte, was aber jezt größtentheils aufgehört hat. Sie gehörte dem Mainziſchen Dom⸗ kapitel, das ſie durch einen Vicedom regieren lies, von denen der letzte vor dem Einzug der Franzo⸗ ſen, der Herr von Hohenfeld war. Der hieſige Rheinzoll, der ebenfalls eine Re⸗ venue des Domkapitels zu Mainz ausmachte, be— trug jährlich 50,0 Gulden. Es wurden end⸗ — 299— lich viele Misbräuche damit getrieben, und, wie man ſagt, war er eine reiche Fundgrube für die Zöllner und ihre Obern. Die Bebölkerung von Bingen, welche man ſonſt auf 5000 Menſchen angab, beſtand im 8 Jahr der Republik(1800) in 2629 Seelen, welche in 465 Häuſern wohnten. Wahrſcheinlich war aber jene erſtere Angabe zu hoch, da die Anzahl der Ausgewanderten unmöglich ſo groß geweſen ſeyn kann, um ſie bis zur Zahl von 2629 Seelen herabzubringen, indem die Zahl der hier ſeßhaft geweſenen Adlichen und Geiſtlichen, welche doch ei⸗ gentlich am meiſten auswanderten, unmöglich die Hälfte der jetzigen Einwohnerzahl betragen haben möchte. Uebrigens bezahlte die Stadt Bingen im 8 J. 26,515 Franken, 65 Centimen an Grund— ſteuer und 5929 Fr. 20 Cent, an Perſonal-Mobi— liar- und Somptuar-Steuer; zuſammen 32,442 Fr. 85 Centimen- Im Canton Bingen, dem bierten des Don⸗ nersberges Departements, befinden ſich 2,195 Ge⸗ bäude, 8,555 Worgen Ackerland,(wovon 274 Morgen auf den Hauptort Bingen kommen) 557 Morgen Wieſen, 2,618 Morgen Weinberge, wo— von 701 Morgen zum Hauptort gehöbren) und 300— 5000 Morgen Waldung, welche fämmtlich Ei⸗— genthum der Stadt ſind. An dem linken Ufer der Nahe erhebt ſich ein ſteiler Berg, auf dem die Ruinen des zerſtörten Nonnenkloſters Rupertsberg ſtehen. Dieſer Berg macht hier die Gränze des ſogenannten Hundsrücks, wie man den Strich Landes zwi— ſchen dem Rhein, der Moſel und Nahe nennt. Dies iſt ein rauhes gebirgigtes Land, das Ge— traide und Hafer und Cartoffeln in Menge her— vorbringt. Es war lange das Theater des Kriegs und der Tummelplatz jener berüchtigten Räuber— bande, unter Joh. Bücklers Anführung, die mit ſeinem und ſeiner Gefährten Tode vernichtet wurde. Wir paſſirten glücklich das Bingerloch, obgleich die Paſſage wegen des ſehr kleinen Waſ— ſers mehr Kunſt von Seiten unſers Steuermanns erforderte, als ſonſt nöthig iſt. Aber, wenn der Schiffer nur die am rechten Ufer des Rheins lie— gende große Oeffnung von 50 Fuß Breite gehö— rig trift, welche vor etwa hundert Jahren von den Holländern gemacht wurde, um dieſe ihrem Handel wichtige Fahrt, weniger ſchwierig zu ma— chen, ſo hat es auf keine Weiſe etwas zu bedeu— ten, und ſeit Menſchengedenken hat man kein Beiſpiel eines Unglücks gehört. Als wir uns 301 der Oeffnung nahten, durch die der Rhein raut ſchend zwiſchen Felſen hinſtrömt, nahmen unſre Schiffleute andächtig den Hut ab, und beteten ein ſtilles Ave Maria! Aufmerkſam ſtand ich auf dem Verdeck, und ſahe, wie wir mit ſchnellem Fluge durch die Oeffnung fuhren. Längs der gan⸗ zen Breite des Rheines bemerkt man, beſonders bei kleinem Waſſer, die Felſen, die ſich unter demſelben von einem Ufer zum andern ziehen, über welche jezt der Rhein, wie über ein Wehr hinwegrauſchte. Etwas ſchwieriger iſt die Fahrt von unten hinauf, wo der ſchnelle Strom den ziehenden Pferden größere Schwierigkeiten entge— genſetzt. Jezt ſah ich mich noch einmal nach dem la⸗ chenden Rheingau um, deſſen Anblick bald die große Krümme verhindert, die der Rhein hier zur Rechten macht. Der Mäuſethurn, Bingen und Rüdesheim bilden den Vordergrund des Ge⸗ mäldes, das mit unnennbarem Zauber vor mir hingegoſſen lag, und in der Ferne erheben ſich in ſanften Wölbungen die Rebenberge über dem breiten Spiegel des Fluſſes. Hier verengt er ſein Bett, und ſtrömt mit vermehrter Schnelle, nur halb ſo breit, als weiter oben, in das dun— kle Thal hin, das ſich ihm öffnet, und das er ganz einnimmt; kaum bleibt dem Fußgänger und den ſchiffziehenden Pferden am rechten Ufer ein ſchmaler Pfad übrig. Der Mäuſethurm, von dem die Fabel mancherlei erzählt, beſonders, daß hier der Erz— biſchof Hatto von Mainz im Jahr 970 von den Mäuſen gefreſſen worden ſey, ſcheint nichts als ein alter Wartthurm zu ſeyn, wie man ſie ſehr häufign am Rhein und im übrigen Teutſchlande antrift. Noch in ſpätern Zeiten wurde ſeine Fe— ſtigkeit im Kriege benutzt, um die Rheinfahrt zu ſperren, oder wegen anderer militairiſcher Zwecke. Im Jahre 1659 wurde bei der Eroberung des Rheingaus und der Einnahme der Stadt Bingen auch der Mäuſethurm bon den Weimarſchen Sol— daten und den Franzoſen weggenommen. Nach der Vertreibung derſelben aus dem Rheingau ward auch der Mäuſethurm wieder erobert. Vier und zwanzig Bayeriſche Dragoner mit einem Offizier fuhren nach dem Thurm herüber, legten eine Lei— ter an, warfen Handgranaten hinein, und die Weimarſchen Soldaten mußten ſich ergeben. Jetzt beſetzten ihn die Bayern. Von hier an ſind die ſich ſteil emporhebenden Ufer mit zerſtörten Ritterfeſten geſchmückt, die dem Ganzen jenes pitoreske und romantiſche An— ſehen geben, das ſo viele Reiſebeſchreiber bezau⸗ bert hat. Nirgends in Teutſchland findet man dieſe Feſten in ſolcher Menge, als hier am Rhein, zum Beweiſe, daß hier ein Ritter zu ſeyn, ein⸗ träglicher, als irgendwo war. Denn was trie— ben dieſe Rikter und Mannen anders, als Krieg und Fehde? Sie wären das Schrecken der Schif⸗ fenden auf dem Rhein, bis Teutſchlands guter Genius ihren Räubereien ein Ziel fetzte. Aus dieſen Feſten ſtammen die größten adlichen Fami⸗ lien Teutſchlands her. Man hat bergeſſen, was ihre Ahnen waren, ſo wie man in hundert Jah— ren nicht mehr daran denken wird“, daͤß mancher glückliche Feldherr unſerer Zeit aus dem Staube entſtand, deſſen Nachkommen dann im Beſitz der Reichthümer ſind, die er nicht auf die recht— mäßigſte Art erwarb. Die Zeit hat den Beſitz— ſtand der erſtern geheiligt; die Zeit wird das nämliche bei dieſen thun. An der Krümmung, die der Rhein hier un⸗ ter Bingen gründet, erhebt ſich rechts das alte Schloß Ehrenfels auf dem ſteilen Abhange des Berges. Auf dieſem Schloſſe haftet der Zoll zu Bingen. Der Wein, der auf dieſer Höhe wächſt, iſt der beſte in der ganzen Gegend von Rüdesheim. Seinen Scheitel ziert die Waldung, von der ein — 504— großer Theil neuerlich von den Franzoſen niederge⸗ hauen worden iſt. Nicht weit vom Schloſſe ſieht man den oben erwähnten Tempel, den der Be— ſitzer dieſes Waldes, der Graf von Oſtein, auf dieſer Höhe erbauen ließ, wo man der entzücken⸗ den Ausſicht auf das Rheingau und das enge Rheinthal unter Bingen genießt. Auf dem linken Ufer des Rheins erheben ſich auf dem Gebirge die Trümmer der Schlöſſer Bauzberg, Königſtein oder Rheinſtein und etwas weiter hinab, das alte Schloß Fal— kenburg. Nicht weit von dieſem letztern blicken die Ruinen der alten Clemenskirche aus Ge— büſchen und Bäumen hervor. Ihre Geſthichte iſt verloſchen, aber ſie ſind intereſſante Denkmä— ler alter, Zeiten.— Asmannshauſen, das erſte Dorf auf dem rechten Ufer, von Rüdesheim aus, iſt ein elendes Neſt, voll ſchmutziger Hütten und Menſchen, die hier im Schweiße ihres Angeſichts den berühm— ten rothen Wein bauen. Nicht ſie, ſondern die Reichen und Vornehmen, ſind hier, wie im Rhein— gau überhaupt, die Beſitzer dieſer einträglichen Berge; den Einwohnern gehört nur Spaten und Hacke, womit ſie mühſelig den Boden aufwühlen, von dem ſie keinen Gewinn ziehen. Der beſſere Wein, der hier gewonnen wird, iſt das Produkt der erſt im 122 Jahrhunderte im Rheingau angefangenen Pflanzung der fränkiſchen Reben, die man hier beibehielt, als man nach zwei Jahrhunderten ſie am ganzen übrigen Rhein wieder ausrottete. Nur hier zu Lorrich und Caub ſetzte man ihren Anbau mit glücklichem Erfol⸗ ge fort. Hinter dem Dorfe in dem engen Thale, das das zwei hohe Berge landeinwärts bilden, liegt da Nonnenkloſter Aalhauſen, und etwas weiter unter Gebüſchen und Bäumen das Kapuzinerklo— ſter: zur Noth Gottes! Sein Urſprung iſt merkwürdig. Ein Knecht des Ritter Bremſer Fe von Rüdesheim, Herrn der Feſte Ehrenfels(wel— cher auf einem Zuge in das gelobte Land, im Fall er glücklich wieder zu den Seinigen zurück kom— men würde, ein Kloſter zu erbauen gelobte) hörte bei ſeiner Arbeit einesklägliche Stimme die immer wiederholte Noth Gottes! Noth Gottes! und welche ſo vielen Einfluß auf ſeinen gutmü— thigen Stier, den er beim Pflügen führte, hatte, daß er nicht von der Stelle zu bringen war. Der Knecht ſtattete ſeinem Herrn treuen Bericht über das Geſchehene, der denn mit eigenen Sinnen ſich zu überzeugen den andern Dag dem Knechte folg— 20 — 306— te, und die nämliche Stimme hörte, ſo wie die⸗ ſelbe Widerſpenſtigkeit des Stiers ſah. Er erin⸗ nert ſich ſchnell ſeines Gelübdes, vermuthet daß irgendwo etwas verſteckt ſeyn müſſe und mit Hül⸗ fe des Scharrens des wiederſpenſtigen Stiers fin— det er den Baum an welchem ein hölzernes Eece homo Bild berborgen war. Hier beſchloß er das Kloſter zu erbauen und die Stelle wo der Baum ſtand ward zum Altar beſtimmt in welchem noch bis heute die hölzerne Puppe verwahrt und allen gläubigen Chriſten zum Küſſen hervorgeholt wird. Den Kopf des inſpirirten Stiers kann man noch in dem Erthaler Hofe in Rädesheim, in welchem ſich noch eine alte Kapelle nebſt den Wohnzimmern des Ritters Bremſer, ganz im damaligen Geſchmack mö— blirt, befinden, und welche jeder Reiſende nicht ohne Vergnügen beſuchen wird, ſehen. Das Bild hat nun ſeitdem unzählige Wunder gethan. Beſonders kräf⸗ tig ſoll es ſeyn bei unfruchsbaren Weibern. Dieſe ſind hier, wie man ſagt, ſchon oft fruchtbar ge— worden. Sonſt enthält die Kirche dieſes Kloſters eine Menge Krücken und menſchliche Gliedmaßen von Holz, die von den Geheilten in der Abbildung zum Dank für ihre Geneſung hier gelaſſen worden ſind.— Zur Ehre der geſunden Vernunft hatte man bor dem Kriege die Wallfahrten an dieſen Ort — 307— unterſagt, aber jetzt dürfen ſie wieder gehalten werden. Man rechnet' die Anzahl der Wallfahrer hierher in der Faſtenzeit auf 16000 Menſchen. Dieſe Wiedererlaubniß iſt ein Pendant zu den vie⸗ len wieder aufs neue eingeführten Mitteln, das Volk zu täuſchen, Mittel, die man nöthig zu ha⸗ ben glaubt, um es im Zaume zu erhalten.— Aber wie tief muß ein Volk geſunken ſeyn dem man ſolchen Unſinn für Wahrheit aufzuheften wa— gen darf, und das ſolche Begriffe von der Gott— heit hath! Der nächſte Ort auf dem linken Ufer iſt Drei— eckshauſen, ein kleines Dorf, das im Gebü⸗ ſche halb verſteckt liegt. Die Berge, die bisher ſehr wild waren, aber eine unendliche Mannich— faltigkeit an Formen darboten, werden hier ſanf— ter gewölbt, und nur hier und da unterbricht ein ſteiler Felſen die Kette ſchwellender Hügel. Bald nimmt der Strom eine neue Wendung. Die Burg Sonneck erhebt ſich in einer freundlichen Landſchaft, deren ſchöne Proſpection das Dorf Niederheimbach ſchließt. Lorrichſam rechten Ufer macht den Schluß— ſtein des Rheingaues. Die Traube, die Hitze der Mittagsſonne entbehrend, deren ſie die Krüm— mung des Fluſſes nach Norden beraubt, verliert — 308— hier ihr Feuer. Aber unendlich mannichfaltig und groß werden von hier an die Anſichten. Lor— rich hat eine äußerſt ſchöne Lage. Durch ein klei⸗ nes Thal rinnt der Wisperbach dem Rheine zu, und über ihm zeigen ſich die Spuren einer zer⸗ f trümmerten Burg; oberhalb des Ortes ſteigt kühn ein Felſen empor, den man den Kedrich oder die Teufelsleiter nennt, von dem die Tradition ſagt, daß ein verwegener Menſch mit einem muthigen Pferde hinaufgeritten ſey; ihm gegenüber küßt der Rhein die Ufer einer freund⸗ lichen Inſel. Die Sgagen aus der grauen Vorzeit, welche die Schiffer dem Reiſenden ſehr gern erzählen unterhalten ihn, ſo ſeltſam und abentheuererlich ſie auch manchmal ſind. Aber alles zeigt die Liebe dieſer Menſchen für ihren Fluß, deſſen Bett und Ufer ſie ſo genau kennen, daß man ſelten ver⸗ gebens fragt. Ich glaube, daß kein Bewohner Teutſchlands ſeine väterliche Gegend ſo ſehr liebt, als der des Rheinufers. Er entbehrt anderwärts den Anblick eines geliebten Fluſſes, und darum wandert er ſelten in ein anderes Land, oder kehrt wenigſtens dahin zurlck. Selbſt der Fremde in dieſen Gegenden gewinnt den Fluß lieb. Wäh— rend meiner Anweſenheit am Rhein gehörte es — 509— mit zu meinen ſchönſten Genüſſen, alle Tage an den Rhein zu gehen, und den Anblick deſſelben zu genießen. Auch die Einwohner der größern Städte am Rhein tberden deſſelben nicht über— drüßig. Ich kannte mehrere, die entfernt vom Ufer wohnend, alle Tage oder einen um den an— dern Tag hingiengen, bloß den Fluß zu ſehen. Unter Diebach, einem langen Dorfe am linken Ufer, ſteht das Schloß Fürſtenberg auf einem ungeheuren Berge, einſam in der ro— mantiſchen Landſchaft. Maleriſch liegt weiter hin— ab das verlaſſene Kloſter Wins bach. Am rech— ten Ufer ſieht man das kleine Dorf Lorichhau— ſen, und über ihm das zerfallene Bergſchlößchen Sareck. Lorichhauſen gegenüber liegt das alte Bacharach mit ſeinen ſchwarzen Mauern und Thürmen. Bacharach war bisher eine pfälziſche Ober— amtsſtadt, zu der 29 Ortſchaften am Rhein ge⸗ hörten, und iſt jetzt die Hauptſtadt des 25 Can⸗ tons im Rhein- und Moſeldepartement, in wel⸗ chem einige Gemeinden des pfälziſchen Oberamts Simmern, die trieriſche Stadt Ober-Weſel und einige von Kurmainz herrührende Ortſchaften be— griffen ſind. Das Alter dieſer Stadt zeigt ſich ſchon in ihrem Aeußern, und in ihrer Bavart. 310— Die zerfallenen und halb zerſtörten ſchwarzen Ge— bäude beweiſen, daß ſie von ihrem ehemaligen Glanze und Wohlſtande ſehr herabgekommen ſey— Die Gegend, worin ſie liegk, hieß ehemals das Trachgau, wozu noch die ſogenannten Thäler Steg, Diebach und Manebach gehören. Die ſichern Nachrichten über Bacharach reichen bis ins 1te Jahrhundert. Seinen Zuſtand vor dieſer Zeit kennt man nur bon der Burg Stah— leck, ber liegt, iſt in alten Chroniken die 15 Graf Hermann von Stahleck, der im Jahr 1145 zur Würde eines rheiniſchen Pfalzgrafen gelangte, hatte dieſe Burg, nebſt der Vogtei über Bacharach, vom Erzſtifte Coͤlln zur Lehn, von ihm kam dieſes Lehn mit der Pfalz— grafenwürde an den Bruder des Kaiſers Friede— rich Barbaroſſa, den Herzog Conrad von Hohen— ſtaufen, der es im Jahr 1289 ſchon als ein Erblehen für ſich und ſeine Gemahlin erhielt, dann auf Pfalzgraf Heinrich den Langen, und von dieſen auf das Wittelsbachiſche Haus. Seit— dem verblieb es bei dem Pfälziſchen Hauſe, ob es gleich manche Streitigkeiten über den Beſitz dieſes Landes gas, bis im Jahre 1422 Kurfürſt Ludwig III. der Sohn des Kurfürſten Ruprechts, es vermöge einer Erbvereinigung in ruhigen Beſitz nahm— — 311— Die Vergrößerung der Stadt Bacharach ſcheint zuerſt im 14 Jahrhundert angefangen zu haben; aber ſie hat unendlich viel im dreißigjährigen und in den franzöſiſchen Kriegen gelitten. Die Urſa— che der häufigern Unfälle derſelben war die nahe Burg Stahleck, die von 2620 bis 1640 achts mal erobert und im Jahre 2689 endlich ganz zerſtöhrt und verbrannt wurde. Die drei kleinen Dörfer Neurad, Medenſcheid und Henſchhauſen machen mit der Stadt Bacha— rach eine Gemeinde aus. Bacharach iſt bekannt wegen ſeines vortrefli— chen Weinwachſes. Der Wein welcher in dieſer Gegend auf Schieferbergen wächſt, hält die Ver— gleichung mit den berühmteſten Weinen aus, und wird unter allen teutſchen Weinarten vielleicht al⸗ lein, ſelbſt einem verwöhnten Gaumen, mit den Reben am Rheine ausſöhnen können.*0 Nicht umſonſt ließ ſich Aeneas Sylbius, der nachher unter dem Namen Pius II. Pabſt ward, jähr⸗ lich ein Faß Bacharacher Wein nach Rom kom⸗ men, und Kaiſer Wenzeslaus, der im Jahre —— ͤ ü—Ü—— „) Es iſt dies nicht Muskatellerwein, welcher bier wächſt, wie in der erſten Auftage angegeben worden, ſondern die edelſte Sorte von Riebßling- von welcher der Ba⸗ characher Wein berkommt⸗ — 312— 1400 bei Oberlahnſtein enthront wurde, entließ ſogar für vier Faß Bacharacher die Stadt Nürn— berg ihrer Pflichten gegen ihn, wofür ſie ihm 200o0 fl. geboten hatte. So koſtbar aber auch der Wein iſt, der hier wächſt, ſo arm ſind die Bewohner in den nahen Thälern Steg, Diebach und Manebach, die ihn bauen. Dieſe Weinorte haben einen großen Mangel an Korn, und kaum ſo viel Ackerland, um ihr Gemüs zu pflanzen. Ehemals war hier ein ſehr einträglicher Rhein— zoll, welcher der goldene Zoll genannt wurde.— Zwiſchen der ſogenannten Heileſen Inſel, welche die Familie von Heiles als pfälziſches Lehn beſaß, und dem reihten Rheinufer, Bacharach über, liegt der merkwürdige Stein, den die alte Regalienbeſchreibung Axam Bach i„den Aelterſtein, oder Altarſtein nennt. Bei ſehr niedrigem Waſſer kann er geſehen, aber die Buchſtaben, die darauf eingehauen ſeyn ſollen, können nicht geleſen werden. Man begreift kaum, wie es möglich war 5 daß die preußiſche Armee hier am 25 und 26 Merz 1795 über den Rhein gehen konnte. Steile Ufer ſchließen zu beiden Seiten den Fluß ein; nur ein ſchwacher Raum iſt da, um zwiſchen dem Ge— birge und dem Ufer des Rheins hindurchzukommen. 313— Von Bacharach hat man noch 9Stunden nach Coblenz, und eben ſo weit nach Mainz— Der Kurfürſt von der Pfalz, Carl Theodor, ließ im Jahre 1754 nicht weit von der Stadt einen neuen Weg über das Gebirge anlegen, der ſich zu Rheinböllen mit der Hauptſtraße vereinigt, die nach Kreuznach und Stromberg führt.(Jezt iſt unmittelbar am Ufer des Rheins die neue C hauſſee geführt.) Freundlicher als Bacharach iſt das Aeußere 5 kleinen jezt Uſingiſchen Städtchens Kaub am rechten Ufer, wo wir auf eine Viertelſtunde ans Land ſtiegen, um den Zoll zu entrichten. Die Lage dieſes Ortes und ſeine natürlichen Umge— bungen gehören zu den ſchönſten; die man am Rheine ſieht. Ich blieb am Ufer, und genoß mit frohem Hekzen die prachtvolle Ausſicht auf den Rhein“, der hier noch immer zwiſchen hohen Ge— birgen in mannichfaltigen Krümmungen daher rauſcht, fäh den Strom hinab im Hintergrund das Caſtell Schönberg und Oberweſel 7 vor mir die im Rhein auf einer kleinen Inſel, wie ein Schiff ſchwimmende Feſtüng, Pfalz oder Pfalzgrafenſtein), das Gegenſtück FEERE ) Die alten Chroniken- und Reiſebeſchreiber dieſer Ge⸗ gend geben an, die Pfalz habe den ehemaligen Pfalz⸗ 314— zu dem Mäuſethurm bei Bingen, in welche die Franzoſen während des Kriegs eine kleine Be— ſatzung gelegt hatten, und am jenſeitigen linken Ufer reiche Abwechſelungen von grünenden Raſen, Felſen, Gebüſch und Obſtbäumen. Hinter mir erhebt ſich ſchützend über Kaub die Feſtung Gu⸗ tenfels, die noch im Stande erhalten wird. Das nahe Oberweſel bat ein heitereres Anſehen, als die Stadt Bacharach. Aber ſie iſt ſehr von ihrem ehemaligen Glanze herabge⸗ ſunken. Im zwölften Jahrhundert war ſie noch eine Reichsſtadt, kam aber 1512 an Kur;Trier und wurde dem Trieriſchen Amte Boppard einber— leibt. Seitdem erfuhr ſie im Jahre 1689 das traurige Schickſal von den Franzoſen verbrannt zu werden. Ihre zahlreiche Bevölkerung und ihr einträglicher Handel verlor und vertheilte ſich un— ter andere rheiniſche Städte, ihr gothiſches großes Rathhaus zerfiel in Trümmern, und nur der Weinbau und ein Antheil an der Rheinſchiffahrt —— gräfinnen zum Auffenthaltsort wäbrend ihrer Schwan⸗ gerſchaft gedient, und ſie ſeyen hier entbunden wor⸗ den. Wahrſcheinlicher iſt dieſes noch ſehr gut erhalte⸗ ne Fort in der Abſicht erbau't, um im Kriege als ein feſtet Poſten im Rhein zu dienen, und im Frieden die Schiffer zu zwingen in Caub den Zoll abzu geben.— ernährt die Einwohner. Jezt gehört ſie zum Can—⸗ ton Bacharach. Noch dießeits Oberweſel am linken Ufer, und weiter hinab am rechten, findet man eine Menge Schiefer, der hier gebrochen, geladen und vom Rhein hinauf und herab geführt wird. Aus die— ſer Gegend rühren die meiſten Schiefer her, wo— mit am ganzen Rhein die Häuſer gedeckt ſind. Gegen der Stadt über auf dem rechten Rhein— ufer erhebt ſich der Roſtein, ein ſteiler Felſen, der von oben bis unten mit Reben bepflanzt iſt, die einen vortrefflichen Wein geben. Er gehört mit zu den beſſern Sorten, die am Rheine wachſen. Gleich unter Oberweſel macht der Rhein eine Krümmung zur Rechten. Die Gegend wird wil— der und einſamer, kühner ſteigen die Felſen em— por, und rauſchender ſtrömt der Fluß über ein— zelne Felſenſtücke, die ſich theils unter der Ober— fläche des Waſſers zeigen, theils über ſeinen Spie— gel erheben. Schon frühzeitig tritt hier das Dun— kel in das Thal, das der Fluß bewäſſert; nur ein ſchmaler Weg bleibt für den Fußgänger übrig. Die Weinberge haben hier ein Ende; Felſen, Ge— büſche und Bäume ſtehen in wilder Unordnung — 316— untereinander, die Natur vollendete hier ein Mei— ſterſtück des Romantiſchen und Schauerlichen. Am rechten Rheinufer ſiehet man bald eine Fel⸗ ſenmaſſe voll hoher Pracht hervor treten, die der Schiffer mit einem freudigen Ruf begrüßt. Sie giebt ſchnell und deutlich den Ruf zurück, der durch die dunkeln Gebirge wiederhallt. Die ge— ſchwätzige Echo wohnt dort in jener Felſenmaſſe, dem Lurleiberge, ſchon oft beſungen und von allen Reiſenden begrüßt. Auf der linken Seite des Rheins macht ſeine Krümmung einen Buſen, deſſen Ufer mit Fiſcher⸗ kähnen und Netzen bedeckt iſt. In dem Buſen ſcheint der Strom ſtill zu ſtehen, um ſeine leben— digen Schätze den armen Bewohnern dieſer Ufer zu bringen, die hier faſt allein vom Fiſchfang leben. Alles iſt ruhig und ſtill in dieſem Umkreiſe. Uns iſt die Sonne hier ſchon längſt untergegangen, während ſie meinen Freunden jenſeits der Gebirgs— ufer noch leuchtet. Aber voll unendlichen Zaubers iſt die Einſamkeit dieſer Gegend. Nur hier und da verſtecken ſich einige kleine Dönfer in enge Thä— ler, die ſich landeinwärts ziehen. Sonderbar krümmt ſich der Fluß durch dieſe Gebirge, die immer neue Anſichten und Abwech— ſelungen gewähren. Bertola findet dieſe man— — 317— nichfaltiger und ſchöner als in den Alpen. Nicht fern mehr von St. Goar, das einen unendlich ſchönen Anblick gewährt, hat man noch eine ge— fährliche Stelle zu paſſiren. Es iſt die ſogenann— te Bank von St. Goar, die bei kleinem Waſſer gefährlicher zu paſſiren iſt, als das Bin⸗ gerloch. Aber ſchnell und ohne Gefahr führte uns der Steuermann auf dem rauſchenden Stro— me über die Felſen unter dem Waſſer—. Nicht ſo glücklich waren wir etwas weiter oben bei einigen Felſen, die unter dem Waſſer ver⸗ ſteckt waren. Ruhig ſchwammen wir auf dem Fluſſe dahin, nahe am linken Ufer; niemand ahn— dete Gefahr. Ich ſtand im Hintertheile der Jacht und ſahe in die ſchöne Landſchaft, als auf ein— mal das Schiff mit großer Heftigkeit auf einen Stein unter dem Waſſer ſtieß; alles was darin war, Tiſche und Geräthe ſtürzte mit großem Ge— räuſch um, die Frauenzimmer fingen ein gewalti—⸗ ges Geſchrei an, ich fühlte das Schiff vom Stro— me ſeitwärts geworfen, und in der heftigſten Be— wegung; der Wind, der etwas heftiger geworden war, riß an dem Segel; doch nach einigen Mi— nuten hörte das Schwanken des Schiffes auf, und die Gefahr des Untergangs war vorüber. Die um— gefallenen Diſche und Gläſer wurden wieder auf— 518— gehoben, man ſetzte ſich wieder nieder, aber noch war alles voller Schrecken. Der Schiffer, der uns jetzt die überſtandene Gefahr ſo gering als möglich vorzuſtellen ſuchte, ſchob die Schuld dieſes Unfalls auf die Ungeſchick— lichkeit ſeines Gehülfen. Wahrſcheinlich hatte die geringe Waſſerhöhe ihn in Anſehung des Orts ge— täuſcht, wo wir uns befanden. Man nennt, wie ich hernach erfuhr, die unter dem Waſſer be⸗ findlichen Felſen, über die wir fuhren, die Jung— fern; dieſen Weg im Rhein zu nehmen, iſt nicht gewöhnlich. Wahrſcheinlich bewog ihn das nie—⸗ drige Waſſer dazu, und vielleicht bedurfte es nur eines kleinen Irrthums, der hier auf dem Waſſer ſo leicht möglich als verzeihlich iſt, um an die Fel⸗ ſen zu ſtoßen, obgleich die Schiffer auf dem Rhein, beſonders die Rüdesheimer, jeden Stein und die jedesmalige Waſſerhöhe darauf mit einer bewun— dernswürdigen Genauigkeit kennen. Voll unnennbaren Zaubers iſt die Gegend von St. Goar. Dieſe und die von Bingen ſind die ſchönſten am Rhein. Aber das Urtheil darüber hängt, wie Bertola mit vielem Recht ſagt, von dem Charakter und der Gemüthsſtimmung des Be— trachtenden ab. Die Gegend von Bingen hat ei— ne viel größere Mannichfaltigkeit als dieſe. Den 219—— Fluß hinauf ſieht man dort das lachende Rhein— gau, die ſchönen Flecken und Dörfer, das freund— liche Rüdesheim und den breiten langſam fließen— den Strom. Hinabwärts blickt man in das enge dunkle Thal, dem er ſchon zuſammengedrängter entgegeneilt, in die ſteilern Gebirgsmaſſen, in das dem Auge noch unbekannte Land! Hier bei St. Goar weht ſtille Ruhe und heiterer Friede. Der Strom fließt hier ſanft in einem breiten Bette; die Berge treten zurück, und bilden mit ihm ei⸗ nen Buſen, auf dem St. Goar erbaut iſt. Das Städtchen iſt freundlicher und heiterer als irgend eines der kleinern am Rhein. Dieſes kleine und nette Anſehen erhält es durch die neuerbauten Häuſer, da es mehreremal durch Feuersbrünſte heimgeſucht wurde. Aber auch die Einwohner un— terſcheiden ſich auf eine vortheilhafte Art von de— nen übrigen am Rhein durch Cultur und Induſtrie. Man ſieht es ihnen auf den erſten Blick an, daß ſie nicht von Pfaffen und Aberglauben niederge— druckt wurden. Vor dem Kriege trieben die Ein— wohner einen ſtarken Leinwand- und Viehhandel, der aber jetzt größtentheils darniederliegt. Eben ſo wichtig war der Handel mit hier gefangenen Fi⸗— ſchen, beſonders Salmen oder Lachſen, die ſehr weit verſchickt werden. Während des Krieges ruh⸗ 320— te dies alles größtentheils, aber man fand hier doch weniger Unzufriedenheit, der Einwohner mit ihrer jetzigen Verfaſſung, als in den andern Or— ten am linken Rheinufer. Jetzt iſt St. Goar der Hauptort des 22 Can⸗ tons im Rhein- und Moſeldepartement. Dieſer Canton beſteht größtentheils aus dem ehemaligen Heſſiſchen Amte Rheinfels, das einen Theil der auf der rechten Rheinſeite liegenden heſſiſchen Nie⸗ dergrafſchaft Catzenelnbogen ausmachte. Das Amt Rheinfels beſtand aus 5 Dörfern und 7 Höfen; dieſe und einige ehemals Trieriſche, Pfãlziſche und gräflich Metternichſche Gemeinden machen jetzt den Canton St. Goar aus. Hoch über der Stadt St. Goar ragen die Rui⸗ nen der Feſtung Rheinfels hervor. Dieſe Berg— feſtung, im Jahr 1245 von Diether, dem erſten Grafen von Catzenelnbogen erbaut, hielt im dreißig⸗ jährigen Kriege eine harte Belagerung aus, ohne daß der Feind ſeinen Zweck erreichen konnte. Sie widerſtand ferner im Jahr 1692 dem franzöſi— ſchen General Tallard, der ſie mit 240ο⁰ Mann 4 Wochen lang belagerte, da die Heſſen ſie ta⸗ pfer vertheidigten. Im Jahre 1758 ward ſie von den Franzoſen unter dem Commando des Mar⸗ ſchalls von Caſtries mit Capitulation eingenom, 32 1— men, nach dem Ryswicker Frieden aber 1765 wieder zurückgegeben. Anders war es im Jahre 1794. Als d mals die Franzoſen unter Jourdan Herren des a⸗ linken Rheinufers wurden, und Coblenz einge— nommen hatten, ſetzten ſie ſich unter dem Gene— ral Vincent in Marſch, um Rheinfels zu ero— bern. Ob ſie gleich in dieſem Augenblick gerade nicht hinlänglich mit Mannſchaft und Geſchütz verſehen war, um eine lange Belagerung auszu— halten, ſo konnte man doch erwarten, daß ſie ſich wenigſtens einige Zeit vertheidigen würde, zumal, da ihre Verbindung mit dem rechten Ufer des Rheins nicht abgeſchnitten werden, und ſie in zwei foreirten Märſchen auf Hülfe aus Heſſen rechnen konnte. Selbſt der General Jourdan er⸗ wartete längern und heftigern Widerſtand, und gab Befehl zur Belagerung. Die Vertheidigung der Feſtung war einem Manne anvertraut, der ſeinen Adel und ſeine Generalswürde allein ſeinen Verdienſten und ſeiner im vorigen Kriege oft be— wieſenen Tapferkeit verdankte, und da dieſer Ge— neral von Reſius noch Männer, wie Malsburg und Lenz, zu Kriegsgefährten hatte, die ſich in Nordamerika und im Feldzuge vor 1795 als gu⸗ te Soldaten bekannt gemacht hatten, da ferner 9 — 322— nach der feindlichen Angabe die Feſtung mit al⸗ lem Nothwendigen gut verſehen war, war man unbeſorgt wegen ihrer. Der Landgraf, der dem Commandanten befohlen hatte, ſich aufs hartnäk— kigſte zu vertheidigen, und ihm Hülfe an Sol⸗ daten und Geſchütz verſprach, ſetzte ſich mit ei— nem auserleſenen Corps in Marſch, und ſchon hat— te er Frankfurt paſſirt, als er die Nachricht er— hielt, daß die Feſtung im Beſitz der Franzoſen ſey. In einem Kriegsrath, den der Commandant hielt, ſtimmten ſämmtliche Staabsoffiziers auf eine un⸗ begreifliche Art für die Räumung der Feſtung. In der Nacht vom 1 und 2 November wurden ſämmtliche Truppen auf das rechte Rheinufer über⸗ geſetzt, ohne daß die Franzoſen noch irgend einen ernſtlichen Angriff gemacht hatten. Am auffallend⸗ ſten war es, daß der Commandant Geſchütz, Mu— nition, Feuergewehre und Montirungsſtücke, wel⸗ ches alles er hätte retten können, zurück ließ, und dadurch ſich und ſein Militär beſchimpfte, da der Feind mit einer ſolchen Eroberung, die der pani⸗ ſche Schrecken ſogar den tapfern Heſſen abgejagt hatte, ſich nicht wenig zu Gute that. General Reſius befand ſich nun mit ſeinen Truppen, die ſogar aus lauter Eile Torniſter und Bagage zurückgelaſſen hatten, auf dem rechten Rheinufer. Die Franzoſen recognoseirten;— ſie wagten ſich näher, es ſchien ihnen unbegreiflich, daß alle Batterieen ſchwiegen; einige Wagehälſe kamen näher, und erfuhren mit Erſtaunen von den Bürgern, daß die Feſtung leer ſey, worauf ſie ſolche dann in Beſitz nahmen. Der Landgraf beſtrafte die Feigheit und den Ungehorſam des Commandanten und der übrigen Offiziers. Ein Kriegsgericht verurtheilte den Ge— neral v. Reſius zum Tode durch das Schwerdt, und der Obriſt Lenz ſollte fuſillirt werden. Die übrigen Offiziers erhielten; verhältnißmäßige Stra— fen. Der Landgraf verwandelte beide Strafen in lebenslänglichen und 25jährigen Feſtungsarreſt. Kein Offizier von dem ganzen Truppencorps blieb verſchont; der Landgraf rächte, wie einſt Fried— rich I an dem Regiment Anhalt, Bernburg, den Schimpf, den ſein Heer durch dieſe Feigheit er— litt. Das Regiment Hanſtein verlor ſeinen Na⸗ men, wurde in der Liſte ausgeſtrichen, und Offi— ziers und Gemeine unter die Depotbataillons ver— ſetzt). ) S. den franz. Freiheitsktieg am Oberrhein, der Saar und Moſel in den Japren 1795 und 1794 Frankf— 1796 S. 501 u. ff. — 324— Jetzt iſt Rheinfels keine Feſtung mehr; die Franzoſen haben ſie geſchleift. Ihre ſtarken Mau— ern, Thürme und Baſtionen liegen zertrüm— mert da. Der Verluſt, den die Häufer Heſſen,-Caſſel und Rothenburg durch die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich erlitten haben, iſt un⸗ bedeutend im Verhältniß gegen den minder mächti— gen Fürſten. Der auf dem linken Ufer des Rheins liegende Antheil der niedern Grafſchaft Catzeneln— bogen beträgt in Allem nur eine Quadratmeile, auf der aber 6080 Menſchen lebten. Die Ein— künfte davon betrugen mit Einſchluß des beiden Häuſern gemeinſchaftlichen Rheinzolls bon St— Goar 75000 fl. Zu dieſem Verluſt kommt noch der der klei— nen Herrſchaft Waſſerburg im Elſaß. Dieſe ent— hielt keine 2 Quadratmeile mit 800 ESinwohnern und ohngefähr 8000 fl. Einkünften an den Land⸗ grafen von Heſſen-Caſſel. Er iſt durch den Neichsdeputationsreceß dafür, und für ſeine An— ſprüche auf Corvey, 5— 6 Fach entſchädigt wor— den, indem er die Mainziſchen Aemter Fritzlar, Naumburg, Neuſtadt und Amöneburg, die Reichs— ſtadt Gelnhauſen und das Reichsdorf Holzhauſen erhielt. Indeſſen zahlt Heſſen⸗Caſſel hiervon eine — 325— Rente von 22500 fl. an den Landgrafen von Heſ— ſen-Rheinfels- Rothenburge, welche jedoch in der Folge auf den Ertrag der Rheinſchiffahrtsoctroi übertragen werden ſoll. Es iſt ein reicher Genuß an einem ſchönen Sommerabend in St. Goar zu ſeyn. Der Rhein iſt hier ſo ſchön, überall weht ſtilles Leben der Natur und fanfter Friede. Ich habe ſchöne Aben— de hier genoſſen, und ich werde mich ihrer im⸗ mer gern erinnern, wie man verſchwundener fro— her Stunden denkt. Ich ging bis die Nacht kam am Ufer ſpazieren, aber ſie brachte mir neue Freude. Die Sonne ſank, der Mond ging über dem Gebirge auf. Wer die Natur liebt,— und gute Menſchen lieben ſie,— der weile hier einen Abend im Som⸗ mer am Ufer von St. Goar! Unverkünſtelt iſt die Natur ringsumher, nicht ſchreckensvoll und wild, aber voll ſanften Ernſtes. Wenn die Sonne un— tergeht, und der Mond ſteigt, byingen Licht und Schatten immer neuen Wechſel der Fermen her— vor, aber ſie ſind immer lieblich und freundlich. Die alte Feſtung Neu-Cazzenelnbogen, oder auch gewöhnlich nur die Katz genannt, welche noch erhalten wird, iſt St. Goar gegenüber kühn auf die Spitze eines ſteilen Felſens erbaut, — 326— und erhöht das Feierliche dieſer Gegend. Aber ich wünſchte ihr in dieſem romantiſchen Lande einen romantiſchen Namen*). An ihrem Fuße liegt das Dörfchen Goarshauſen. Auf dieſer Reiſe war es mir nicht bergönnt des Nachts in St. Goar zu bleiben, weil der Schiffmann und meine Reiſegefährten eilten nach Coblenz zu kommen. Aber ich habe bei meinen kleinen Streifereien in dieſen Gegenden den Auf— enthalt in St. Goar wiederholt, und immer neue Freuden daſelbſt gefunden. Jetzt war es 6 Uhr Abends, als wir von St. Goar abfuhren, um noch vor Nachts Boppard zu erreichen, und am andern Morgen früh in Coblenz zu ſeyn. Bop— pard iſt von St. Goar 2 Stunden entfernt. Unterhalb St. Goar werden die Dörfer wie— der häufiger, aber ihr Aeußeres verkündet nicht den Wohlſtand, den man oben im Rheingau be— merkt. Sie ſind klein, und die Häuſer alt und zerfallen. Mit geringem Ackerbauß, nur von dem ſparſamen Weinwachs und Fiſchfang ſich ernäh⸗ rend, leben die Einwohner in der höchſten Dürf— ) Dieſe Feſtung wurde im Jahre 1545 vom Grafen Johann von Catzenelnbogen erbaut, und zum Unter⸗ ſchied des Schloſſes Alt⸗Catzenelnbogen zwi⸗ ſchen Hohenſtein und Diez, das neue genannt. tigkeit, die der lange Krieg noch bermehrt häͤt. Dann und wann ſieht man mitten unter den Wohnungen der Armuth, ein ſtolzes Gebäude ei— nes geiſtlichen Hirten. Die Orte von St. Goar bis Boppard auf dem linken Ufer heißen: Hir⸗ zenach(mit einer Probſtei, die ſonſt zur Abtei Siegburg gehörte) Weiler, Salzig und das Franziskaner-Nonnenkloſter St. Martin. Zur rechten ſieht man Welmich, hinter welchem das alte Nitterſchloß Thurnberg, oder die Maus, in ſeinen Ruinen liegt, Ehrenthal, Keſtert, die alten Burgen Liebenſtein und Ster⸗ nenfels, oder die zween Brüder, das Kapueinerkloſter Bernhofen, Kamp, und ein Auguſtiner-Nonnenkloſter. Die Fahrt von St. Goar bis Boppard ge— währt viele Abwechſelungen in Anſehung der For⸗ men der Berge, und der größern oder mindern Breite des Fluſſes, der ſein Bett bald erweitert, bald verengert und in mancherlei Krümmungen fließft. In der Gegend von Ehrenthal ſind Blei— und Kupferminen, die aber alle aus Mangel an Induſtrie und wegen des Krieges unbenutzt blie— ben. Weiter hinab ſind die Ufer wieder reich an Schiefer, der hier häufig gebrochen wird,— Weiler, ein kleines Dörfchen, liegt verſteckt, — 328— aber romantiſch, und Salzig iſt mit einem Wald von Kirſchbäumen umgeben, von denen die Einwohner, wie man angiebt, jährlich für 7 bis 8000 fl. Früchte verkaufen. Eine hier befindli— che Salzquelle, wovon der Ort den Namen zu haben ſcheint, wird nicht benutzt. Bei Keſtert wendet ſich der Rhein ſchnell zur Linken; ihm gegenüber drohen ſchroffe Felſen, aber der Fleiß des Menſchen gewinnt ihnen den— noch Wein ab, und die Natur hat ihre Scheitel mit grünem Laubholz gekrönt. Weiter hin ſieht man die Trümmer jener alten Burgen aus ver— floſſenen Jahrhunderten, die Brüder Ster⸗ nenfels und Liebenſtein. Die Jünglinge aus grauen Zeiten ſind zu Greiſen geworden, die ihrer Vernichtung ſich nähern. Gleich unter ihnen windet ſich ein Thal zwiſchen die Gebirge hin, in dem der berühmte Wallfahrtsort Born— hofen liegt. Ein paar Capuziner daraus gingen vor dem Kloſter am Ufer ſpazieren. Unſere Schif, fer unterlaſſen nicht, vor jedem Kloſter am Ufer, das wir paſſiren, die Hüte abzuziehen.— Die ſchönen Zeiten der Mönche an den Ufern des Rheins ſind vorüber. Um das Gelübde der Armuth deſto beſſer zu beobachten, haben ihnen die Franzoſen ſo biel bon ihren irdiſchen Schätzen abgenommen, — 529— daß ihnen an vielen Orten wenig übrig geblieben iſt, ihr Leben zu friſten. Aber der Geiſt des Mönchthums weht noch überall.— Bornhofen iſt übrigens ein nicht viel minder berüchtigter Wall— fahrtsort, als die oben bei Aßmanshauſen erwähnte Noth Gottes. Hieher, wie dort, kommen un— zählige Menſchen Heerdenweiſe, um nach ihrer Mei Meinung Gott mit dummem Geplärr zu dienen, 2 ſich und ihren Kindern das Brod zu ſtehlen, und zur Liederlichkeit und zugleich Ablaß dafür zu finden. Aus den finſiern Gegenden des Rhein- und Moſeldepartements ſind die Beſucher beſonders zahlreich in dieſem Kloſter. Beſonders waren ſie es damals, als man ihnen dort die Freiheit genommen hatte, öffentliche Proceſſionen zu halten. Vom Kloſter Bornhofen zieht ſich eine Nuß— baumallee bis zum Dorfe Kamp. Wieſen, Wein— pflanzungen und Gebüſch wechſeln in lieblichen Miſchungen miteinander ab. Unterhalb des Dor— fes erweitern ſich die Ufer des Fluſſes; die Ber— ge treten zurück, und das Wilden, Felſige und Schroffe derſelben verwandelt ſich hier und da in ſanftere Wölbungen, die mit Bäumen und Wein— reben geſchmückt ſind. Der Rhein wendet ſich ein wenig zur Linken, und von düſteren brau— — 330— nen Mauern eingeſchloſſen, liegt das alte Bop— pard am linken Ufer des Stroms, der hier in ſeinem breiten Bette langſam dahin gleitet. Von dem hohen Alterthume dieſer Stadt zeugt ſchon ihr Aeußeres, ihre finſtern ſchwarzen Häu— ſer, die engen Straßen und das dunkle Thor„in dem man am hellen Tage den Hals brechen kann. Es war Abends, aber der Mond ſchien, als ich noch darin herumwandelte, doch ſahe ich keine menſchliche Seele. Einſam ſtand in der alten Stadt ein moderner Freiheitsbaum, ich glaubte in einem ausgeſtorbenen Orte zu ſeyn. Ihr Glanz, als ehemalige Reichsſtadt, iſt ſchon ſeit Jahrhun— derten gefallen; ſie wurde im 24ten Jahrhundert vom Kaiſer Heinrich dem Siebenten ſeinem Bru— der, dem Erzbiſchof Balduin von Trier zum Ge— ſchenk gemacht, aber die Bürger widerſetzten ſich mit Gewalt dem Verluſt ihrer Freiheit und Un— abhängigkeit. Nun wurde ſie belagert, zum Theil verbrannt, und dadurch, wie man zu ſagen pflegt, zum Gehorſam gebracht. Seitdem war ſie eine Trieriſche Oberamts— ſtadt, wozu 34 Ortſchaften gehörten; ſeit der franzöſiſchen Eroberung iſt ſie der Hauptort eines Cantons, des Cantons Boppard, geworden, der zum Rhein-und Moſeldepartement gehört. Die— — 331— ſer beſteht mit Ausnahme der ehemals Kurköllni— ſchen Gemeinde Rhenſe und den zwiſchen Cölln und Drier ehemals gemeinſchaftlichen Orten, Alken und Oberfell, blos aus ehemaligen Trieriſchen Gemein— den; ein großer Theil derſelben, liegen, ſo wie Boppard, am Rhein, die übrigen aber im Ge— birge. Die Cantone Coblenz, St. Goar und Treis umgeben ihn. Boppard war vormals reich an Klöſtern. In der Stadt allein befanden ſich 5 Klöſter und ein Dekanat, und nahe dabei, am obern Theile der Stadt, liegt die adliche Benedietiner Nonnen-Ab— tei Marienburg; ſie ſind jetzt ſämmtlich auf— gehoben. Die meiſten und beſten Reiſebeſchreiber, wel— che auf dem Rhein gereiſ't ſind, finden die Gegend von Boppard ſehr ſchön und romantiſch. Forſter, Becker, der Verfaſſer der Reiſe auf dem Rhein, und mehrere andere rühmen ſie ſehr, und ich bin ihrer Meinung; denn der breite Rhein bildet hier einen großen, ſchönen Spiegel, mit ſchöngewölb— ten Berggipfeln, voll Laubholz, eingefaßt. Aber der Abt Bertola muß dieſe Gegend in einer ſehr übeln Laune geſehen haben, denn er ſetzt ſie auf's äuſſerſte herab. Er ſagt:„die Gegenſtände in den Umgebungen von Boppard liegen auf eine höchſt unbeſtimmte Art zerſtreuet. Sie ſcheinen nicht von der Hand einer geiſtreichen, ſondern bielmehr einer blöden und dumpffinnigen Katur geordnet zu ſeyn. Dieſe Berge paſſen nicht für dieſen Fluß; dieſe Gebüſche harmoniren nicht mit dieſen Hügeln; dieſe Thäler und Klüf— te ſtehen in keinem Verhältniſſe mit dieſen Höhen, ihre wellenformigen Umriſſe ſind gezwungen und hart. Die bunten Flecken, mit denen ſie gleich⸗ ſam beſtreut ſind, ſtehen ohne Abſtufung zuſam— men, und ſchmelzen nicht in einander; ihre ſchnei— denden Contraſte geben dem ganzen Colorit eine unangenehme Härte. Die Winkel, die Terraſſen, die Abtheilungen der Berge laſſen dem Helldunkel keinen Raum. Mit einem Worte, es iſt hier kein Plätzchen, wo man wünſchen mögte, ſich ſelbſt zu leben, wo man träumen könnte, glücklich zu ſeyn(11) So reich ſich auch hier die Natur dem Auge zeigt, ſo hat doch das Herz Mühe, ſich zu bereden, daß es hier glückliche Menſchen gebe!““ Dieſes letztere könnte vielleicht aus andern Gründen wahr ſeyn, aber wie daran die Umge— bungen von Boppard ſchuld ſeyn ſpllen, oder der Mangel der Harmonie der Gebüſche mit dieſen Hügeln, das Unberhältnismäßige der Thäler und Klüfte und die andern Fehler, die er daran be— merkt, iſt ſehr ſchwer einzuſehen, und wahr— ſcheinlich hat keiner der hier wohnenden Menſchen noch je daran gedacht, ſein Unglück in dieſen an— geblichen Fehlern zu ſuchen. Und wie kann man die große Natur hier blöde und dumpfſinnig nen— nen?— Wenn man zu viel ſagen will, ſagt man oft nichts, und die Reiſenden, welche jeden Strauch und jeden Hügel in einer Gegend unter— ſuchen können, ſind gewiß nicht fähig, die Ein— drücke gehbrig zu empfinden, die das Ganze macht. Einem Franzoſen P. den ich kannte, iſt Bop— pard ein ewig merkwürdiger Ort. Als im Jahre 1794 und 2795 der Rhein die Kaiſerlichen und Franzoſen trennte, lag ein kleines franzbſiſches Corps in Boppard im Quartier, wobei er ſich als Commiſſair befand. In einer dunkeln Herbſt— nacht ſetzte ein Detaſchement Rothmäntel über den Rhein, um während derſelben die Franzoſen in den Häuſern zu überfallen und zu tödten. Dies geſchah, die Rothmäntel fielen über die Franzo⸗ ſen her, maſſacrirten viele und nahmen einige ge—⸗ fangen; die Bürger in Boppard beförderten wie man ſagt, dieſe Unternehmung, ſo viel als mög⸗ lich. P. lag, vergeſſen von den Rothmänteln im Bette. Sein Wirth, ein Bürger, wollte ihn auch in ihre Haͤnde bringen. Er ging einige 34— dieſer wilden Kerls zu holen, führte ſie in das Zimmer des Franzoſen, und trat an ſein Bett ihn aufzuwecken. P. eröffnete die Augen, und welch ein Anblick! vier fürchterliche Kerls zielten mit ihren angeſchlagenen Gewehren auf ihn, und ſchrieen ihm zu, ſich zu ergeben und ſein Geld zu zeigen. Wenn man aus dem ruhigen Schlafe ge⸗ weckt wird, und nahe daran iſt, die Bajonette in der Bruſt zu fühlen, ſo iſt es zu cheuer be⸗ zahlt, wenn man ſich noch mit Geld retten kann. P. beſaß 150 Carolin in Golde, die ſich in einem Schreibtiſch befanden. Er wies darauf hin, und die Sieger machten ſich über die Beute her. Sie wurden ſehr freundlich, als ſie dieſen Schatz er⸗ blickten, theilten ihn, und beſchloßen, ihm aus Dankbarkeit nicht den Kopf abzuſchneiden, wie ſie ſonſt wohl zu thun pflegten, ſondern ihn nur gefangen mit fortzuführen. Gut Franzos! riefen ſie— viel Geld! iſt gut! und baten ihne, ſich nicht zu fürchten. P. wollte ſich ankleiden, aber ſie erlaubten ihm nur ein Gillet und ein paar Un⸗ terhoſen anzuziehen, da der eine von ihnen ein paar Ueberhoſen, die er ſchon halb angelegt hat⸗ te, noch für eine gute Priſe erklärte, und die an— deren ſeine Kleider einpackten. So wurde er an den Rhein und in den Nachen gebracht, und nach — 355— Montabauer geführt. Hier erhielt er von dem kaiſerlichen General Vorſchuß und Kleidung, und wurde bald darauf wieder zu den Seinigen nach Coblenz geſchickt. Der Bürger, der die Roth— mäntel zur Expedition gegen P. anführte, lebt noch zu Boppard. Dieſer hat ihn mehreremale ſeit— dem wieder geſprochen, und beſucht ihn noch je— desmal, wenn er durch Boppard reiſt. Als er ihn fragte, warum er ihn verrathen habe, ſagte er, daß er es aus Haß gegen die Franzoſen über⸗ haupt gethan habe. P. hat ihm großmüthig ver— ziehen, und der Mann hat nicht die mindeſte Ver⸗ folgung erlitten.— Ich habe bei dieſer Geſchich— te an den Araber gedacht, der unwiſſend ſeinen Feind, den Mörder ſeines Sohns beherbergte, aber edel genug war, die Rechte der Gaſtfreund— ſchaft nicht zu verletzen, als er es erfuhr.— Aber am Rhein wohnen keine Araber! wenigſtens war dieſer Bürger keiner. Am folgenden Morgen ſchwammen wir lang⸗ ſam auf dem breiten Strome hinab, deſſen linkes Ufer die aufgegangene Sonne beleuchtete, wäh⸗ rend die Höhen zur Rechten noch mit dem aufſtei⸗ genden Thau der Nacht bedeckt waren; der Fluß lag noch im Schatten, aber die Sonne kam bald — 556— hinter dieſeu Höhen hervor, und überzog ihn mit einem ſilbernen Schleier. Er ſtrömt anfangs ei— ne Stunde lang gegen Weſten, wendet ſich dann aber ſchnell nach Oſten. Bei Braubach erhält er ſeine borige Richtung faſt wieder, lenkt ſich aber dann ſanft nach Oſten und Norden. An dieſen Krümmungen liegen zur Rechten die Dörfer Fil⸗ zen, Ober ſpai und auf der Anhöhe das Berg— ſchloß Liebeneck, dem Herrn von Schenk gehö— rig, am linken Ufer Niedersburg, Peters⸗ ſpai, Mittelſpai und Niederſpai)). Dieſem gegenüber quillt in einem buſchigten Thal ein Sauerbrunnen, neben dem eine Mühle ſteht. Er heißt Dünkholder. Ueber den Dörfern links erhebt ſich der Jakobsberg, ein Hof, der ehemals den Jeſuiten in Coblenz gehörte. In dieſer Gegend hört der Weinbau auf der rechten Seite des Rheins auf, und geht auf die linke über. Das rechte Ufer wird öder und wal— diger, einſam und ſtill iſt die Gegend. Die Dör— fer ſind klein und armſelig— Das Städtchen Braubach und die Feſtung Marksburg über ihr, liegen am äuſſerſten En— „) Bertola hat dieſe Dörfer fehlerhaft äals auf dem rech⸗ ten Ufer liegend, angegeben. ſ. deſſen Reiſe S. 156.x — 357— de der Grafſchaft Catzenelnbogen an der Mündung eines kleinen Fluſſes. Der Anblick dieſer Stadt verſpricht von der Ferne mehr, als er in der tähe gewährt. Sie iſt ſehr alt, und hat durch Krieg und Feuersbrünſte ſehr von ihrer ehemaligen Größe verloren. Jetzt gehört ſie dem Landgrafen von Heſſendarmſtadt, ſo wie die alte Feſte Marks⸗ burg. Dieſer gegenüber ſtand auf dem andern Felſen noch ein Schloß, der Rheinberg, das aber im Jahr 1275 von Werner, Erzbiſchof zu Mainz, als ein Raubneſt zerſtört wurde. Aber die Anſicht vonabeiden Bergen, iſt wohl werth ge⸗ noſſen zu werden. Die ganze Gegend um Braubach herum iſt dem Naturforſcher intereſſant, der hier ſeltene Conchylien finden, und Aufſchlüſſe über den Bau dieſer Gebirge erhalten kann. Ueberall findet man Beweiſe großer Naturrevolutionen in dieſer Ge⸗ gend, und Ueberreſte vulkaniſcher Ausbrüche.— Ueberall umher quellen Geſundbrunnen, an denen überhaupt die Grafſchaft Catzenelnbogen ſo reich iſt. Die Wäſſer des Ekelbrunnens oder Eckhards⸗ 7 brunnens, des Salzbrunnens im Sachſenhäuſer Grunde, des Johannisbrunnens, des Tonnbrun— nens ꝛc. dienen den Bewohnern dieſer Gegend zum gewöhnlichen Getränke. Ihre Menge und der 2 58— ueberfluß an Waſſer macht ſie minder geſchätzt, als ſie verdienen.— In Braubach wohnt der Brunnenarzt zu Ems Dr. Bruckmann. Verſteckt zwiſchen Obſtbäumen und Gebüſchen liegt der Feſtung gegenüber zur linken das kleine Dörfchen Brei, und etwas weiter hinab das Städtchen Rhenſe oder Rees, ehemals dem 0 0 Kurfürſten von Cölln gehörig. Etwas unter Rhenſe ſahe man den berühmten Königsſtuhl(thro- nus imperialis) auf einem Naſenplatze, mit alten hohen Bäumen eingefaßt. Es war ein acht⸗ eckigtes Gebäude, oben platt, ſiebenzehn Fuß hoch, und vier und zwanzig im Durchmeſſer. Eine Treppe führte hinauf.— Dieſes Monument aus alten Zeiten iſt ſpäterhin mehreremal reparirt und angeſtrichen worden, und hatte durch die Geſchmackloſigkeit und Ungeſchicklichkeit, womit es geſchehen war, viel von ſeinem alten ehrwürdigen Anſehen verloren. Es iſt jezt ganz zerſtört. An dieſem Orte verſammelten ſich in vorigen Jahrhunderten die Kurfürſten des teutſchen Reichs zur Berathſchlagung über die Angelegenheiten deſ— ſelben, und zur Wahl oder Abſetzung teutſcher Kaiſer. Die erſte Nachricht von dieſem Königs⸗ ſtuhl findet man in der Wahlgeſchichte König Hein— richs, Grafen von Lützelburg vom Jahr 1508. Eine zweite Verſammlung fand hier unter Lud— wig aus Baiern im Jahr 1558 ſtatt; eine drit— te Verſammlung betraf die Erwählung Carls des Vierten im Jahr 1546. Die wichtigſte war die, der Wahl des Kaiſers Wenzel im Jahr 1576, der hier auch im Jahr 1400 abgeſetzt wur⸗ de). In eben dieſem Jahre wurde Rupert, Pfalzgraf und Herzog von Baiern hier erwählt. wegen Im Jahre 1486 hatten hier die Kurfürſten eine Verſammlung mit Maximilian dem Erſten, Rö— miſchen Kaiſer. Nach geſchehener Wahl deſſelben zu Frankfurt und auf ſeiner Reiſe nach Aachen zur Krönung„Iwurde er im Vorbeifahren noch hierher geführt, und ſchwur hier dem Römiſchen Reiche. In ſpätern Zeiten hörten die Wahl, und an— dere Verſammlungen hier auf,— man rief kei⸗ ne Kaiſer mehr hier aus, wohl aber den Bürger⸗ meiſter von Coblenz. Die Stadt Rhenſe dankte dieſem Königsſtuhle verſchiedene Zollfreiheiten und Pribilegien. Sie erhislt auf dem Kurmainziſchen Rheinzolle zu Oberlahnſtein für ihren eigenen Weinwachs und ihre Conſumtibilien die Zollfrei⸗ Andere Geſchichtſchreiber ſagen, daß Wenzel dem Kö⸗ nigsſtuhle gegenüber auf freiem Felde zwiſchen Lahnſtein und Braubach apgeſetzt worden ſey— — 540— heit; auf dem Bopparder Rheinzolle genoß ſie die Erlaubnis, alle nach Rhenſe gehende B aumateria— lien frei abfahren zu dürfen, welches jährlich den 1 Mai mit zwei Gulden R heiniſch anerkannt wurde.— Auf dem Markte zu Coblenz hatte ſie das Recht, gleich den dortigen Bürgern zu kau— fen, und zu verkaufen. Dieſes Recht wurde jähr⸗ lich auf dem Königsſtuhle am Pfingſtmontage er— neuert, an welchem Tage eine Deputation vom Stadtmagiſtrat zu Coblenz dort eintraf, wo der Bürgermeiſter von Coblenz unter vielen nien ſeine Negierung niederlegte, und di ete⸗ henden nachbarlichen Freundſchaftsverträge auf die feierlichſte Art erneuerte. Zugleich wurde der neue Bürgermeiſter daſelbſt ausgerufen. Alle dieſe Dinge haben aufgehört. Der Kö— nigsſtuhl fiel in Trümmern zuſammen, und we— der Kaiſer noch Bürgermeiſter werden hier mehr erwählt. Wir näherten uns nun der Mündung der Lahn, und ſahen ſchon in der Ferne, welchen Reichthum die Natur über dieſe Gegend geſchüttet hat. Bald kommt man nach Oberlahnſtein, das in einer freundlichen Ebene liegt; aber hinter ihm erheben ſich Berge, zwiſchen denen die Lahn — 3411 in mannichfaltigen Krümmungen daherſchleicht, und hier ihre kleinen Wellen mit den Fluten des Rheins vermiſcht. Die Mündung dieſe Fluſſes iſt nicht minder ſchön, als die der Nahe bei Bingen. Zu beiden Seiten ihrer Ufer ſteigen Zeugen ihrer Vermählung, empor, von 9 denen der eine hinter Oberlahnſtein das alte Schloß Lahneck und der gegenüberſtehende eine Einſiede— lei trägt. Man nennt ihn den Allerheiligenberg. Unter ihm liegt an dem Winkel, den der Rhein und die Lahn bildet, das Dorf Niederlahn— ſtein in einer reichen Landſchaft. Am linken Ufer, Oberlahnſtein gegenüber, ſieht man einige Häuſer, die vom Volke Krippe, genannt werden, gleich darunter einen ehemals geiſtlichen Hoß, und dann das vom Felſen ans Ufer vorgerückte Dorf Capellen, hinter dem die alte Feſte, Stolzenfels, hervorragt. Eine alte einſam am Ufer ſtehende Kirche, unterhalb Niederlahnſtein, die Johanniskir— che genannt, iſt keine geringe Zierde dieſer Land⸗ ſchaft. Ihr Alter und ihre einſame Lage, ſticht ſchön gegen das heitere junge Leben ab, das über jene ausgegoſſen iſt. Der Rhein wendet ſich hier zur Rechten, und allmählig entfaltet ſich die Pracht 542— der Natur bei Coblenz. Zuerſt umfaßt der Fluß die Inſel Oberwerth, auf der ein adeliches Benediktiner-Nonnen-Cloſter war. Es iſt während der Belagerung von Ehrenbreitſtein zerſchoſſen und halb zerſtört worden, und die Nonnen ſind ge— flüchtet. Horchheim, am rechten Ufer, das bald folgt, wär ein wohlhabender Ort, ſo wie Pfaffendorf. Jenes baut einen rothen Wein, der in dieſer Gegend berühmt iſt, und dieſes ruht zwiſchen Obſtgärten und Weinbergen. Aber ihr Wohlſtand iſt zerſtört. Jener hohe Felſen, der weit über die freundliche Gegend herrſcht, das vormals ſtolze Ehrenbreitſtein, koſtet den Ein— wohnern Ruhe, Genuß des Lebens und des Ver— mögens. Zur linken treten die Höhen zurück;. auf der letzten Bergſpitze thronen noch die Ruinen der zerſtörten Carthauſe, über die der dunkle Wald des Kühkopfs, eines andern Berges, ſeine Schatten wirft. Sanft verlieren ſich nun, die Wölbungen der Gebirge. Das entzückte Auge genießt des lang entbehrten Anblicks einer rei— zenden Ebene. In einem Halbzirkel ſchöner Bäume ruht das Schloß des Kurfürſten am Ufer, aber die Entfernung läßt noch nicht ahn— — 545— den, daß es verwüſtet ſey; dann erſcheint lang am Ufer hingeſchmiegt die Stadt Cob lenz zwi— ſchen zwei Flüſſen. Der germaniſche Rhein um— faßt mit ſtarken Arm ſeine Braut, die gal⸗ liſche Nymphe der Moſel.— Wir landen und ſind in Coblenz! — * — 2 DD —— — S ch t e r A Coblen, gehört durch ſeine Lage auf der Erd⸗ zunge, die zwei hier zuſammenfließende Ströme der Rhein und die Moſel bilden, und durch ſeine Bauart zu den ſchönſten Städten an den ufern des Rheins; aber es bietet keinen ſo impo— ſanten Anblick dar, wie Mainz oder der große Halbzirkel von Cölln, wo ſich an dem halbmond⸗ förmigen Ufer die Häuſer in unüberſehbarer Län— ge dahin ziehen, über welche majeſtätiſch der hohe Dom, umgeben von zahlloſen niedrigen Thürmen herborragt. Die Coblenzer Thürme ſind klein und unanſehnlich; nicht ihre Größe, nicht der Umfang der Stadt, aber das Neue, Nette und Regelmäßi— ge der neuen Häuſeranlagen und die Reihe der am ufer ſtehenden Gebäude gefällt dem Auge in der grünenden Landſchaft. Dieſes modernerne Anſehen der Häuſer und die größere Regelmäßigkeit der meiſten Straßen — 5348 laſſen das hohe Alter dieſer Stadt nicht ahnden. Aber das Feuer und der Krieg haben zu ihrer Ver— ſchönerung beigetragen, wie das ſo oft der Fall iſt. Schon zu den Zeiten der Römer war hier ein Caſtel, dann hielten ſich die fränkiſchen Könige und einige römiſche Kaiſer hier auf, bis ſie im Jahr 2018 bon Kaiſer Heinrich dem Zweiten denn Erz⸗ biſchof Poppo bon Trier geſchenkt, und dadurch dieſem Erzbisthum einverleibt wurde. Sie war die Hauptſtadt des ſogenannten Unter-E rzfkifts Trier, und bis 1794 die Reſidenz der Kurfürſten von Trier. Ihre Lage unter den Kanonen der Feſtung Eh⸗ renbreitſtein hat ſie in allen Kriegen, die ſeit dem dreißigjährigen geführt wurden, immer den Unfäl— len deſſelben ausgeſetzt. Schweden, Spanier, d Kaiſerliche, Reichstruppen und Franzoſen beſaßen ſie während derſelben abwechſelnd. Im Jahre 1688 im October wurde die Stadt von den Franzoſen erſucht, ſo wie Mainz franzbſi ſche Garniſon einzunehmen. Der heſſiſche Gene— ral-Lieutenant und Commandant darinn„Graf Auguſt von der Lippe, ſchlug dieſe Foderung ab, und vertheidigte ſich darin, wie ein tapferer Mann. Er übergab die Stadt nicht, ohnerachtet ein Bom— benregen ſie zu einem bloßen Schutthaufen mach— te, und die Franzoſen mußten am 121 Nob. wie⸗ der abziehen.— Seit dieſer Zeit kann man Co⸗ blenz gewiſſermaßen als neugebaut anſehen— Weniger zerſtöhrend war die Einnahme von Coblenz durch die Franzoſen während dieſes Krie— ges am 25 Oct. 1794(den 3 Brumaire des 8 J.) Bei dem allgemeinen Rückzug der coaliſirten Heere aus Brabant, vom Hundsrücken und Elſaß, konnte der General Melas den ihm zur Vertheidi— gung anvertrauten Poſten von Coblenz auch nicht länger behaupten. „Am 25 Oet. rückte der Feind(unter Mar⸗ ceau)— ſo ſagt der kaiſerliche offizielle Bericht— in beträchtlichen Colonnen unter dem Schutze ſeiner Batterieen immer näher an die Stellung von Co⸗ blenz an, und jagte, heftigſten Feuers der Batterieen der Feſtung Ehrenbreitſtein und des rech— ten Moſelufers ungeachtet, mit ſeiner Cavallerie raſch zwiſchen die ſchwach beſetzten Verſchanzun— gen, bemächtigte ſich des heftigſten Widerſtandes ungeachtet derſelben, und nahm einige Wallachen gefangen. Die übrige k. k. Infanterie zog ſich eiligſt über die Moſel herüber, und eben ſo ſchleu— nig wurden die Pontonsbrücken über der Moſel ab— gebrochen. Der Feind errichtete ſich mehrere Bat⸗ terieen, und beſchoß die Stadt Coblenze, welches — 350 Feuer aus unſern Batterieen aufs heftigſte erwie⸗ dert wurde. Dieſe beiderſeitige Kanonade währte zwei Stunden, wobei zwei kaiſ. Kanonen demon— tirt, aber doch gerettet wurden. Dieſer ſo heftige Widerſtand bewog den Feind, die Stadt durch einen Trompeter aufzufodern. Um die Stadt und das Eigenthum der Einwohner nicht muthwillig auf⸗ zuopfern, da es doch bewieſen war, daß man ſie nicht behaupten könne, und da man voraus ſah, daß die Retraite über den Rhein einige Tage ſpä— ter wegen des Vorrückens des Feindes gegen die Carthauſe ſehr gefährlich werden könne, beſonders, da die Rheinbrücke des felſigten Grundes wegen, in welchen die Anker nicht eingreifen konnten, leicht zu verderben war, wurde die Stadt um 8 Uhr Abends geräumt, nachdem zuvor das Geſchütz und die übrigen Truppen ruhig über den Rhein geſetzt waren. Die Rheinbrücke wurde alsdann hinter die Niederwerther Inſel gebracht, und dem Feinde erklärt: daß, im Fall er das mindeſte an der Stadt oder an den nahe gelegenen Luſtſchlöſ— ſern verderben ſollte, man Coblenz von Ehrenbreit— ſtein aus zu einem Schutthaufen, und die Gar— niſon zu Grunde ſchießen werde. Auch verhielt ſich der Feind am 24 ganz ruhig. Unſer Verluſt beſteht in 4 Bleſſirten und 56 Vermißten.““ — 351— Ich habe von Augenzeugen die Einnahme von Coblenz erzählen hören. Auch B. Becker entwarf in ſeiner Reiſe ein treues Gemählde dieſes Ta— ges. Aber wer kann die Beſtürzung der Ein— wohner bei der Annäherung eines Feindes be— ſchreiben, den ſie erbitterter gegen ihre Stadt, als gegen jede andere in Teutſchland eroberte hal— ten mußten, weil hier ſo lange der Sitz ihrer wüthendſten Gegner, der Emigrirten, war?— doch ging alles beſſer ab, als man dachte. Nur in den erſten Tagen ihrer Ankunft überließen ſich die wilden Soldaten der Sambre- und Maasar— mee einigen Ausſchweifungen, beſonders im Trun— ke. Der General unterſagte daher den Gaſtwir— then bei 500 Libres Strafe, ſeinen Soldaten kei— nen Wein oder andere ſtarke Getränke zu verza⸗ pfen. Natürlicher Weiſe hilft ein ſolcher Befehl nicht viel, weil niemand da iſt, der den Wirth gegen die fordernden ungeſtümen Soldaten ſchützt.— Seitdem blieb Coblenz ununterbrochen im fran— zoͤſiſchen Beſitz.— Die Straßen von Coblenz ſind ziemlich regel— mäßig angelegt, hell und heiter. Die längſte darunter vom Rheinthor bis zur Moſel— brücke iſt auch zugleich die ſchönſte. Sie erhält — 352— verſchiedene Benennungen, die Firmungsgaſ— ſe, der Entenpfuhl und alte Graben.— An großen öffentlichen Plätzen iſt Mangel. In— deſſen iſt der mit Linden beſetzte viereckigte Pa— radeplatz ziemlich ſchön. Er würde wenigſtens bei ſchmutzigem Wetter zu einem Spaziergange die— nen können, wenn man nur irgend etwas äuf ſei— ne Erhaltung verwendete. Aber wo hätte man auch in dieſen traurigen Zeiten an Erhaltung oder Verbeſſerung irgend einer öffentlichen Anſtalt den— ken können? Dieſer heilloſe Krieg hat die Menſch— heit um 40 Jahre rückwärts gebracht.— Der Paradeplatz iſt ſehr ſchmutzig, und dient zu al— lem, wozu man ihn brauchen will. Die ihn um⸗ gebenden Häuſer gewähren auch eben keinen glän— 6 zenden Anblick. Ueberall ſieht man, daß.der Krieg den Wohlſtand der Einwohner zurückgehalten hat. Wenn ich ſchöne blanke Fenſterſcheiben, weiße Vorhänge und eine reinliche Thür, vor welcher S geſtreut iſt, ſehe, ſo bringt mir dies im— mer einen guten Begriff von dem Wohlſtande der Bewohner bei. Hier ſieht man größtentheils das Gegentheil. Die Fenſter ſind zerbrochen oder ſchil— lern grünlich und roth, wie ein Regenbogeng, 0 und Häuſer und Thüre ſind unreinlich. Den ſo— genannten Phan kann man keinen öffentlichen Platz, ſondern nur höchſtens einen unſaubern Winkel nennen— Die Kirchen von Coblenz zeichnen ſich durch ihre! Geſchmack zu St. Barbara beſitzen. 223 jahrstage wird' dieſe koßbare Reliquie tar geſtellt, und von den Coblenzer Frauenzim—⸗ mern andächtig in Augenſchein genommen. Von großen Palläſten und öffentlichen Gebäu⸗ den ſieht man wenige, die ſich durch einen edlern Styl in der Bauart auszeichneten. Ueberdies ſind die meiſten während des Krieges verwüſtet worden. Dies iſt der Fall mit den Häuſern der * N* 0 1 et Grafen von Metternich- Winneburg, von der Leyen, von Eltz, von Bürresheim ꝛc. Sie dienten den Generälen zu Quartieren oder zu Bureaus. Unter die größern Gebäude von Coblenz gehört noch 2 4 2 4. tet Eite den 8 0 8„ das ehemalige Jeſuiter-Collegium, das als ein Nationalgebäude eine Zeitlang von den Mitgliedern der Leſegeſellſchaft gemiethet war. In dem ſchön ausgezierten Saale hielt in den erſten Zeiten nach der Ankunft der Franzoſen die Volks— 2⁵ geſellſchaft ihre Sitzungen. Vor dem ein Platz, auf dem ehemals ein dürr baum ſtand. Ungleich ſchöner als di Plätze iſt die vor dem Schloſſe von dem Kurfürſten angelegte Pro— menade in der Clemens ſtadt ſoder Neuſtadt, wie man ſie nennt. Dieſer verdient wirklich mit unter die ſchönſten in Teutſch— land gezählt zu werden. Man wandelt hier unter hohen ſchattigen 589 f den die gend. Aber auch hier iſt alles ruinirt, nigſtens nichts darauf verwandt, um es zu erhal— ten. Die franzöſiſchen Reiter tummeln ihre Pfer— de darauf, und Stückknechte fahren mit Muni— tionswagen in den Alleen herum. Soldatenweiber trocknen hier ihre Wäſche, und 0 33 0 6 rinnen bleichen ihre Leinwand.(Dieſer Platz iſt ſpäterhin 90 ſtellt worden,, und 00 jezt gut unterhalten.) Auch der Anblick des Schloſſes, dieſes erſt kurz vor dem Kriege vollendeten fürſtli— chen Pallaſtes, iſt nichts weniger, als erfreulich. Statt des ehemaligen zierlichen eiſernen Gelän— ders, ſchließen jetzt plumpe Palliſaden von Holz den Schloßhof ein. Eir für den Wächter ſteht am Eingange. ie F ſind mit Bret— tern bernagelt, aus deren kleinen Löchern hier und da ein abgezehrtes Soldatengeſicht blickt; die präch— tigen Säulen und die weißen Wände ſind mit Kohlen von den Soldaten beſchmiert, die ihr An— denken hier in allerlei Mahlereien und verewigen wollten, und an d gar zur Vervollkommnung des hölzerne Abtritte reizend dieſer Spazierg ang allemal dieſes verwüſtete zareth iſt Hauſes, und E inn gewiß den Genuf Natur nicht Ich trete in den Pallaſt hinein. Acht joniſche Säulen ſtehen auf der Weſtſeite am Hauptein— gange, und tragen einen geräumigen Balcon, un— ter welchem man hineinfahren kann. Dieſe Fagça⸗ de hat ein ſchönes Anſehen, wenn gleich Kenner eine Menge Fehler an dem Gebäude überhaupt auffinden wollen. Die Rheinſeite hat am Eingang nur ſechs Säulen, über welchem ein Basrelief angebracht iſt. 56— Kun das Innere. Welch' ein ſeltſamer Con⸗ traſt zwiſchen der ehemaligen Pracht, den koſtba— ren Tapeten, den Statuen, den Gemälden, Spie⸗ geln, Möbeln, und dem jetzigen Greuel wüſtung! Hier in dieſer Niſche, wo einſt eine ſeltne Gruppe von Marmor ſtand, hatten Solda— ten eine Küche angelegt, um ihre Suppe ko⸗ chen, und der getäfelte Fußboden, in deſſen Mit— te man noch des Feuers Spuren ſieht, das dar⸗ auf brannte, diente an ſeinen Enden zugleich es zu erhalten⸗ Hier ſteht noch eine Statue ohne Arme, dort eine ohne Naſe; Namen ohne Zahl an den Wänden, nicht minder Inſchriften und der⸗ be Gemälde bilden ein Stammbuch, in das ſich die Verwüſter unaufgefordert einſchrieben. Man muß ſo etwas ſehen, um vom gerechten Abſcheu gegen dieſe Zerſtörung der ſchönſten Kunſtſachen durchdrungen zu werden. Das obere Stock iſt das Aſyl des menſchlichen Elends. Hier iſt, wie geſagt, das Lazareth. Wenn man das Auge gern von dieſer Verwü⸗ ſtung abwendet ſo iſt es um ſo erfreulicher, in dieſen Hallen noch etwas zu finden, das ihr ent⸗ gieng/ und einen Begriff von der ehemaligen Schönheit des Ganzen giebt, die überall hier ſonſt herrſchte. Es iſt die vormalige Hofeapelle des 337— Churfürſten. Sie iſt von hoher Einfachheit in der Bauart. Aber ihr Inhalt ward nun freilich während der Revolution weſentlich verändert. Sie diente zum Dekadentempel. Eine ſchöne Bildſäule der Ceres wurde auf den Hochaltar geſtellt. Doch hat ſie ſich zu einer Verwandlung ihrer göttlichen Natur verſtehen miiſſen. Man nahm ihr die Korn— ähren aus der rechten Hand und gab ihr ſtatt derſelben, um ſie zur Göttin der Freiheit zu ma⸗ chen, einen Stab in die linke, welcher eine weiſ⸗ ſe Freiheitsmütze trägt. Ihr gegenüber ſteht eine große hölzerne bünte Pyramide, an deren vier Seiten man folgende Inſchriften lieſet: 1) Dem Andenken des Generals Deſaix, der bei Marengo am 25 Praireal geblieben iſt. 2) Dem Seneral Müller, im Rhein und Moſeldepartement geboren. Er ſiel in der Schweiz. 5) Dem Andenken der Generäle Dugom mier, Hoche, Marceau und Joubert. 4) Dem Andenken Championet's, Du⸗ püy's, Latour d'Aubergne's und Dampierre's. An den Wänden des Tempels ſieht man Tafeln mit allerhand republikaniſchen In⸗ ſchriften. Die Erhaltung dieſes ſchönen Tempels dankt man allein einem alten Franzoſen in Coblenz, der bei Hofe Bedienter war. Er wußte durch Zure— den und allerhand andere Mittel, die ſich auf die Bekanntſchaft mit dem Nationalcharakter ſeiner Landsleute gründeten, die Soldaten immer von dieſen„heiligen Hallens⸗ zu entferneng, wenn ſie auch oft Luſt hatten, ihre Küche darin zu etabliren, oder ſie zu anderm häuslichen Ge— brauch zu verwenden. Dafür blieb er denn auch Aufſeher und Küſter dieſes Decgdentempels, wofür er eine Vergütung erhielt, die aber bei dem gä lichen Mangel aller Kirchenglter freilich nur ſehr klein, und nur von einigen wenigen Freunden und Liebhabern dieſer Republikaniſchen Unterhalt ung bezahlt wurde. Es iſt dieſe Decadenfeier bekannt— geſchaft. Clemens welche zugleich mit dem euen Schloſſe erbaut wurde, müßte jetzt nach Jahren ſchon um ein Beträchkliches angewach— n, wenn es der Krieg nicht verhindert hät— e gegenüber am Ende einer ſchö— der Anfang eines von gut 50 15 5 Gebäuden, durch e hindurch führen ſollte. Dieſe Anlagen ſind aber unbollendet geblieben. Coblenz würde dadurch unendlich an äußerer Schönheit gewonnen haben. Eins der geräumigſten und beſt⸗ gebauteſten Häuſer, die man hiergſieht, gehört dem Bürger Elz, der darin eine große Brauerei, Brantweinbrennerei und eine Mühle angelegt hat, welche blos von Ochſen getrieben wird. Ich ha⸗ be mit Vergnügen die ſinnreichen mechaniſchen An⸗ lagen dieſes Mannes geſehen, welche er noch im⸗ mer zu verbollkommnen ſucht. Gebäude, das den ſchönen Platz ziert, iſt das Comödien⸗ aus, das auch erſt kurz vor dem Kriege vollen⸗ U 5 9 det wurde. Es gehört dem Hofrath Schmitz. Man lieſet daran die Inſchrift: Musis, Moribus et publicae Lla e- tit ia e. Unmittelbar an dieſes Haus ſtößt der Tuie⸗ riſche Hof(Hotel de Teves) eins der be⸗ 2 1620397 4 8 5 860 dor ſten Gaſthäuſer in Coblenz. Zu den Zeiten der franzöſiſchen Wuth gegen alle hohe Häupter und alles, was darauf Bezug hatte, haben die Ei⸗ genthümer dieſes Hauſes das Wörtlein Kur bor — dem Worke Trieriſch ausgeſtrichen, indeſſen iſt es noch ganz ſichtbar. Die Zeiten haben ſich ſehr berändert. Damals ſetzte man Könige ab, jetzt macht die franzöſiſche Regierung neue. Eine ſchöne Verrierung des freien Platzes vor dieſen Häufern iſt der Brunnen„der hier ſteht. Der Kurfürſt, der von einem geſchickten Genie— Offizier, dem Hauptmann Kirn„eine koſtbare Waſſerleitung anlegen ließ, um ſein neues Schloß mit Waſſer zu verſehen, hat auch dieſen Brun— nen anlegen laſſen. An der hohen Pyramide dar— an lieſet man die humane Inſchrift: Clemens Wenceslaus Elector„Vici- nis suis). Zwar iſt ſie größtentheils berlöſcht, aber ich habe ſie gern entziffert. Dankbar ſoll man das Gute empfangen, und den Schöpfer einer nützli— — chen Anſtalt ehren. Ich wünſchte, daß die Ein— d 838 wohner von Coblenz dieſe Inſchrift wieder her⸗ ſtellten. Weiter hin nach dem Rheine zu iſt der Bau— hof. Er iſt zum Theil abgebrannt. Es befand ſich die franzöſiſche Militairbeckerei darin. An dieſen ſtößt der Dikaſterialbau„ein großes Gebäude, das erſt im Jahre 1725 vom Kurfür⸗— ) Ctemens Wenzeslauß Kürfürſt. Seinen Nachbarn. — 361 ſten Franz Ludwig aufgeführt, und zur Aufnah— me und Erziehung junger Cleriker und zu den Sitzungen des geiſtlichen Gerichts beſtimmt wur— de. Der Kurfürſt verlegte ſämmtliche Dikaſterien hinein, und wies den Geiſtlichen einen andern Platz an. Es wurde überdem, ſo wie das Schloß, mit einem Gewitterableiter verſehen, und die eben ſo unrichtige als geſchmackloſe Inſchrift: Dikaſte— rialbau, mit großen goldenen Buchſtaben in ſchwar— zem Felde darauf angebracht.— Dieſe Inſchrift ſowohl, als ſeine Beſtimmung zu den Sitzungen der Gerichte zu dienen, hat es auch nach der franzöſiſchen Beſitznahme fortbehalten. Der darin befindliche Saal, worin das peinliche Gericht ge— halten wird, iſt einer der ſchönſten Tempel der Juſtitz, die ich geſehen habe.— Das Dilaſte— rialgebäude macht das Eck von der ſchönen Häu— ſerreihe, die hier mit dem Rheine parallel fort— läuft. Dem Orte gegenüber, wo die fliegende Brücke, die von hier nach dem Thale Ehren— breitſtein den ganzen Tag über hinüber und her⸗ über fährt, anlandet, iſt das Bureau dery Douane, in einem wohlgebauten Hauſe. Auch 8 hier iſt nicht im mindeſten für die Bequemlichkeit oder Schadenverhütung des Publikums geſorgt, Die Fuhrleute und Ankommenden aller Art müſ— 362 ſen hier in Regen und Schnee ſich unter freiem Himmel viſitiren laſſen, da man noch an keinen Packhof, wie man es im Preußiſchen nennt, ge— dacht hat. Einige Schritte von dem Mauthhauſe iſt Gaſthof zu den drei Schweizern(aux trois suisses) genannt. Ehemals hieß dies Haus zu den drei Königen, welche Benen⸗ nung mit Ankunft der Franzoſen in dieſem Lande in jene umgewandelt wurde. Dieſer Gaſthof em⸗ pfiehlt ſich dem Meiſenden durch ſeine Lage am Ufer, und die ſchöne Ausſicht auf den Fluß und die Feſtung. Die an der Moſel W5 Seite von Co— blenz hat nicht das freundliche Anſehen, wie die am Rhein. Die Häuſer 5 lt, und viele wäh— rend dieſes Krieges beſchädigt, oder ſonſt ruinirt. Dies iſt beſonders der 11 mit einigen Häuſern ehemaliger Großen, z. B. dem Metternichſchen ꝛc., die hier am Moſelufer ſtehen. Ueber die Moſel führt eine ſchöne ſteinerne Brücke und einige hundert Schritte weiter hin— Rhein. der in den Voge— ſen entſpringtt, und nach mannichfaltigen Krüm⸗ mungen durch Lothringen und das Obererzſtift 363 Trier ſeinen Lauf hier endet, ſind, zum Theil wegen ihrer Unzugänglichkeit, von kenntnißvollen Reiſenden wenig beſucht worden. Nur Becker hat uns in den neuern Zeiten in ſeiner Reiſe ei“ nige Nachrichten aus dieſem ſeinem Vaterlande mit⸗ getheilt, die ſich aber über einen zu beſch Raum erſtrecken, und zu kurz ſind, als daß ſie nicht den Wunſch der Vervollſtändigung zulaſſen ſollten. lebrigens iſt dieſer Fluß weit hinauf ſchiffbar. Man fi Coblenz oft Schiffe, die mit Güter e ach Metz fahren, oder nicht zu langweilig iſt, 14 Tage auf dem Schiffe zuzubringen, kann dieſe Reiſe mitmachen, die ſich durch die Neuheit der Anſichten dieſer Ufer wohl belohnt. Die Her— abfahrt von Metz nach Coblenz geht natürlich ge— 15 K ſchwinder von ſtarten. Der unendliche Reichthum an Wein, der längs den Ufern der Moſel gebaut wird, macht den Mosler Wein zum gewöhnlichen Getränke in Co— blenz und dieſer Gegend. Indeſſen gefällt der ordinaire, den man in den Gaſthäuſern trinkt, Perſonen nicht, die an den Genuß feurigerer Wei— ne gewöhnt ſind. Leuten mit ſchwachen Mägen und die zur Säure geneigt ſind, bekommt er nicht gut; wohl aber ſtarken Menſchen, mit h Blut, und die zu Entzündungen geneigt ſind. Der Vers, den ich in meiner Jugend aus Raffs Geographie für Kinder auswendig lernte: Mosler 2 der Sorgenbrecher Schafft Trinkt aus dem bekränzten Becher Glück und frohen Muth! iſt wenigſtens, was die erſten beiden Zeilen be— trifft, gewiß wahr, und ich wünſche, daß es den Liebhabern dieſes Weins auch die letzten werden mögen.— Am berühmteſten ſind die Moslerwei— ne, welche zu 3 Zeltingen, Kraach, Duſemund und Pißport an der Obermoſel und zu Winningen an der Untermoſel(einige Stunden von Coblenz) wachſen. Die Gegend jenſeits der Moſel nach Ander— nach zu, iſt ſehr ſchön und fruchtbar. Die Chauſ— ſee dahin führt durch ein reizendes Kornfeld, das zur linken kleine Anhöhen bekränzen. Aber die Gärten hier am Fluſſe und am Abhange der Hö— he mit ihren Gartenhäuſern ſind ſämmtlich zer— ſtört und verwüſtet worden. Um ſich einen ge— fahrloſen Eingang nach Coblenz über die Brücke zu verſchaffen, welche von den Kanonen der Fe— ſtung beſtrichen werden konnte, die damals no man noch ſieht. bauen, werden dicke Baumſtä rammt', oben mit Erde in Schanzkö und an der gefährlichen Seite mit verſehen. Ein ſolcher Weg führte über aus den Verſchanzungen und 9 die Franzoſen auf angelegt haben, um hier einen feſten Punkt zu beſitzen, der ſie gegen feindlichen Ueberfall ſchütz, te. In dieſer kleinen Feſtung liegen die berühm⸗ ten franzöſiſchen Feldherren Marceau und Ho—⸗ che begraben, und von dem erſtern erhielt ſie den Namen Fort Marceau. Nach der franzöſiſchen Beſitznahme der Fe— ſtung Ehrenbreitſtein war dieſes Fort von keiner großen Wichtigkeit mehr für die Franzoſen, und es iſt daher unbeſetzt, und wird auch für ſeine Erhaltung nicht mehr geſorgt. Ich bin lange in dieſem Fort herumgegangen, und habe darin von neuem die den Franzoſen nicht abzuſprechende Ge— ſchicklichkeit in der Befeſtigungskunſt bewundert. Man muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren laſ— ſen, daß ſie in dieſem Stücke unendlich viel vor andern Nationen voraus haben. Den Beweis da— 566 von geben die Befeſtigungen von Kehl, von Ca— ſtel, der Brückenkopf von Neuwied und mehrere andere, die ſie während 25 1611 anlegten. Ich erinnere mich nicht, geleſen oder gehört zu haben, daß man von teutſcher Seite dergleichen in dieſem Kriege erbau 6 Die Franzoſen benutzten die langen Zeiträume während der W i05 erobertes Land durch decken. ſtigungen gegen Wiedereroberung zu teutſcher Seite 115 man nichts, um unſer eigenes durch ähnliche Anlagen gegen weitere Invaſionen zu ſchützen; ich kenne in dieſer Art nichts wei— ter, als die neue Feſtung Ulm, die ſchon nicht mehr exiſtirt. In dieſem Fort ſieht man ein Blockhaus, daß ſelbſt nach der Eroberung der äußern Fortifi⸗ kationen noch Vertheidigung deſſelben möglich macht. Ein ſolches Blockhaus beßeht ganz aus übereinan— dergelegten dicken Bohlen, zwiſchen denen in ei— ner Höhe von ohngefehr 5 Fuß ein ſchmaler of— 9 4 fener Zwiſchenraum auf allen 4 Seiten deſſelben herumläuft, aus welchen die Soldaten ſchießen. ebenfalls verſchanzt.— Ich habe der Peſthn aus erfen und Snenſeſe nicht verhindert hat, da man doch roßen Entfernung ſchließen dieſe wohl hätte verhindert werden können Der Leichnam des Generals Hoche— der am 11 Septbr. 1797 zu Wezlar ſtarb— wur— de hierher geführt, und hier begraben. Den Ort, wo er ruht, zeigt ein hölzerner Thurm an, den man über ſeinem Grabe erbaute. Das Monument, das ihm die Sambre, und Maasar— mee errichten ließ, ſteht weiter hinab, bei Weiſ⸗ ſenthurm, Neuwied gegenüber. Marceau's Denkmal befindet ſich auf einer Fort. Es beſteht aus einer vier⸗ Anhöhe in dem ſeitigen hohen Pyramide von Tuffſtein. Auf je⸗ der der vier Seiten der Pyramide lieſet man eine Inſchrift. In einer Niſche ſieht man die Urne, welche die Aſche des Feldherrn enthält. Marceau commandirte bei dem Vorrücken der Franzoſen nach Franken 1796 eine Diviſion. Seine Kenntniſſe, und ſeine Tapferkeit gründeten ſeinen kriegeriſchen Ruhm, ſo wie ſeine An— ſpruchloſigkeit und die Einfachheit ſeines Betra— gens ihm die Achtung und Liebe ſeiner Cameraden erwarben. Bei dem blutigen Rückzuge aus Fran— ken war er bei der Arrieregarde. Auf dem We— ſterwalde, in den Engpäſſen von Höchſtenbach, 5683— kam es am à2oten September zu einem Gefecht. obne Nachtheil für ihn, als ein lauernder Scharfſchütz in aus dem Gebüſch vom Pferde ſchoß. Er fiel in die Hände der Oeſter— reicher, die ihn nach Altenkirchen iftisen ffee„ wo er mit wurd Armen ſeiner war ein ſchöner junger Mann, einfach 3„— am gewöhnlichſten als cheva gekleidet. Jedermann ſpricht Gutes von 10 Marceau's Leichnam ward bon Altenkirchen nach Coblenz gebracht, und hier in dem nach ſei— nem Namen genannten Fort Marceau zur Erde beſtattet. Ein Jahr ſpäter bei Hoche's Begräb— 1 niß grub man ſeine Gebeine iedes auss, ver—⸗ r brannte ſie, und ſtellte die Urne, die man mit der Aſche anfüllte, in das ſeitdem errichtete Mau— ſoleum, deſſen Inſchriften eine Skize ſeines ruhm— vollen Lebens enthalten. 2 Rechts von der Chauſſee ab führte ehemals ei—⸗ ne in doppelten Reihen mit Pappeln beſetzte Allee nach Schönbornsluſt, dem Luſtſchloſſe des Kurfürſten, 2 Stunde von Coblenz. Von dieſer 369— prächtigen Anpflanzung eriſtirt keine Spur mehr⸗ Nicht ein Baum blieb ſtehen. Das Schloß wurde vor etwa 40 Jahren von dem Kurfürſten Fränz Georg von Schönborn er— baut. Es war in ſeinem Innern modern und prächtig eingerichtet, und diente bekanntlich zuletzt den franzoſiſchen ausgewanderten Prinzen, vom Julius 1791 an bis zur Eröffnung des Feldzugs in Cbampagne, zur Reſidenz. Hier war die E h⸗ re, wie man ſich ausdrückte, hier war das aus— wärtige Frankreich des großen Propheten von Altona. Ach! hätte man es nie hier geſe— hen! hätte man hier nie den Uebermuth, die In— ſolenz, den Tyrannengeiſt, die Immoralität die⸗ ſer Auswürflinge Frankreichs kennen lernen, ſo ſtünde dieſer Ort noch. Dieſe Gegend wäre nicht verwüſtet, und tauſend Thränen nicht geweint worden! Die Soldaten der Republik haben ihre Wuth an dieſen Mauern ausgelaſſen, die ihren ehemaligen Gebietern zum Wohnſitz dienten. Die Allee iſt nicht mehr, das Schloß iſt eine wüſte Brandſtätte; nur die Wände ſtehen noch, und der Garten iſt verheert. Kärlich, ein anderes fürſtliches Luſtſchloß, und der ehemalige gewöhnliche Sommeraufenthalt der jetzigen Kurfürſten, liegt zwei Stunden von 24 570— Coblenz in einer ſchönen Landſchaft hinter dem Bubenheimer Berge zur linken der Chauſſee, die nach Andernach führt. Schloß und Garten ſe⸗— hen eben ſo aus, als zu Schönbornsluſt. In dieſer Gegend liegt auch Rübenach, ein Dorf, bei welchem im Jahr 2792 das berühmte Preußiſche Lager war, ehe der Zug nach Cham⸗ pagne begann. Der Denkſtein, der damals zum Andenken dieſer Unternehmung errichtet wurde, die ſo unglücklich ablief, exiſtirt nicht mehr. Die Carthauſe, am Abhange des waldig⸗ ten Bergrückens gelegen, der ſich oberhalb der Stadt längs dem Rheine hinzieht, verdient noch immer die Beſuche der Fremden in dieſem Lande, wenn gleich alle Anlagen und Gebäude auf dieſer Höhe verheert, und die Carthäuſer verjagt ſind. Aber ſie waren es nicht, die man dort beſuchen wollte; es war die göttliche Ausſicht von dieſer er— habenen Stelle auf dies Landſchaftsgemälde, dem die Natur ein ſa reiches Colorit gab. Was hier die Natur ſchuf, konnten die Soldaten nicht ver⸗ nichten. Noch fließt majeſtätiſch der prächtige Strom daher; ich ſehe ihn zur rechten den dunkeln Gebirgen von Braubach und Rhenſe enteilen, und die heitere Landſchaft noch mehr beleben, die hier zu meinen Füßen liegt. Weit verfolgt ihn ——ε 57¹ 7 mein Auge, Ehrenbreitſtein vorbei bis zu dem dunkeln Andernach. Links ſchleicht im ſtillen Tha⸗ le langſam die Moſel dem Rheine zu, an kleinen Dörfern vorbei, und an der Anhöhe, welche Mar⸗ ceau's Aſchenkrug trägt. Aber noch bleibt dem Wanderer in dieſem Lan⸗ de ein anderer ſchöner Standpunkt zum Sehen!— Der hohe Felſen, der die Feſte Ehrenbreit, ſtein trug. Um hinüber in das Thal und auf die Feſtung zu gelangen, paſſirt man mit der fliegenden Brücke den Rhein. Der Mechanismus, durch welchen dieſe große Fähre täglich faſt alle Viertelſtunden über den Fluß geht, iſt wirklich ſehr ſinnreich, ſo einfach er auch iſt. In der Mitte des Rheins ſieht man in der Länge hintereinander neun ziemlich große Kähne, wobon der oberſte mit Ankern im Fluſſe befeſtigt iſt. Mit dieſem ſind die 8 übrigen durch eine ſtar— ke Ketteh, und nit einander ſelbſt berbunden. An dieſer Kette iſt ein ſtarkes Seil angebracht, an welcher nun noch die fliegende Brücke oder die Fäh⸗ re hängt. Dieſe beſteht aus 2 paralel neben ein— ander befindlichen Schiffen, welche durch Balken mit einander verbunden ſind, über welchen Bret⸗ ter liegen. Es iſt Platz darauf für 6 bis 8 Wä— gen, und mehr als hundert Menſchen. Dieſe — 372— fliegende Brücke würde nun ihrer Natur nach, ſo wie die Nachen, an welchen ſie befeſtigt iſt, mitten im Strom ſtill ſtehen. Aber das an je— dem Brückenſchiffe befindliche breite Steuerruder wird ſo gedreht, daß der Stroim auf die dadurch in eine ſchiefe Richtung gebrachte Brücke ſeine Wirkung äußern kann, und ſie in einem halben Zirkel von einem Ufer zum andern treibt). Der Weg auf den Berg, welcher die Feſtung trug, iſt ſehr mühſam, aber dieſe Mühe wird durch die unendlich große und mannigfaltige Aus— ſicht reichlich belohnt. Die zwei Flüſſe, der Rhein und die Moſel geben der Landſchaft einen unnenn⸗ baren Reiz, Friſche und Leben. Die Feſtung Ehrenbreitſtein(lat. Her- manni petra oder Ehrenberti sasum) in al— ten Zeiten auch Irmſtein genannt, ſoll ſchon zu den Zeiten des Kaiſers Julian ein Caſtell ge— weſen ſeyn, das aber im zwölften Jahrhunderte faſt gänzlich verfallen war. Um dieſe Zeit be— ſchloß Hermann Hillin, Erzbiſchof von Trier, es Wꝓiiieee „) Bugge erläutert in ſeiner Reiſe nach Paris (1. Th. S. 27.) die Wirkungsart einer ſolchen Brücke nach mathematiſchen Grundſätzen, die ich hier mittbei⸗ len würde, wenn ſie nicht obne die dort befindliche Zeichnung unverſtändlich wäre. — 375— wieder herzuſtellen, und baute ſieben Jahre dar— an(bon 1155 bis 1260). Zugleich mit dieſer Herſtellung des Caſtells legte er auch das Schloß Helfenſtein an, das aber in der Folge vom Kurfürſten Balduin wieder geſchleift wurde. Der Erzbiſchof Hermann hatte die neue Fe— ſtung wegen ihres geräumigen Umfangs anfäng— lich Shrenbreitſtein genannt, hernach aber gab er ihr den Namen Hermannſtein, der aber ungebraucht blieb. In der Folge ließ der Kurfürſt Johann der Zweite, aus dem Hauſe Baden(1484) mehre— re neue Werke und Befeſtigungen auf dem Felſen anlegen, ſo daß es faſt unangreifbar ward. Drei Jahre lang wurde an dem berühmten Brunnen ge— graben, der eine Tiefe von 280 Fuß hat, und ſein Waſſer aus dem Rheine ſchöpft. Es wurde ferner ein Gießhaus angelegt, worin ſeltſam und ſorglos genug zugleich das Pulbermagazin war, und außerdem noch mehrere Gebäude zur Wohnung des Commandanten und für die Bedürfniſſe der Garniſon erbaut. Durch Gewalt unbezwingbar, war Ehrenbreit— ſtein immer eine der ſtärkſten Vormauern Teutſch— lands gegen Frankreich. Ihm glich nur König⸗ ſtein in Sachſen und Hohentwiel. Nur dem Hun— ger, der Mauern bricht, und Thore öffnet, er lag ſie in den blutigen Jahren des dreißigjähri— gen Krieges, und in denen der franzbſiſchen Ve— volution. Schon mehr als einmal haben die Franzoſen Ehrenbreitſtein auf eine Zeit lang im Beſitz gehabt. Als im dreißigjährigen Kriege die Spanier den Kurfürſten Philipp Chriſtoph aus dem Hauſe Sö— tern gar zu ſehr bedrängten, ſo begab er ſich in franzöſiſchen Schutz, und räumte Frankreich zur Verſicherung ſeiner Treue am 27 Mai 1652 die Feſtung Ehrenbreitſtein ein. Zwar beſaßen um eben dieſe Zeit die Spanier die Staͤdt Coblenz, ſie wurden aber am 21 Junius von den Schwe— den daraus bertrieben, und dieſer Ort den Fran— zoſen gleichfalls übergeben. Dieſer Beſitz der Franzoſen von Ehrenbreit— ſtein dauerte bis zum Jahre 1657. Das Jahr vor— her(1656) ſchon fiengen die Oeſterreicher, Spa— nier und Baiern an, die Feſtung einzuſchließen, und belagerten ſie unter dem Commando des Ge— nerals Johannes von Werth, der ein Corps zum Entſatz herbeigeeilter Holländer und Heſſen im An— geſicht der Belagerten hinter Grenzhauſen ſchlug— Der Hunger nöthigte den franzöſiſchen Comman— danten Saludi am 27 Junius 1657 zur Ueber⸗ — 375— gabe. Man Überlieferte ſie dem Kurfürſten Fer⸗— dinand von Cölln, der ſie dereinſt ihrem recht⸗ mäßigen Herrn wieder übergeben ſollte. Indeß hielten nach der Zeit die Kaiſerlichen die Feſtung noch immer beſetzt, und behaupteten ſie bis nach dem Weſtphäliſchen Frieden, da ſie dann endlich 1650 dem Kurfürſten von Trier wieder einge⸗ räumt wurde. Als Coblenz im Jahre 1688 von dem franzö⸗ ſiſchen Marſchall von Boufflers belagert und be⸗ ſchoſſen ward, warf man auch einige Bomben auf Ehrenbreitſtein, die aber von gar keiner nachthei— ligen Wirkung waren. Der franzöſiſche Revolutionskrieg gab nach langer Ruhe in dieſen ſchönen Gegenden der Fe⸗ ſtung Ehrenbreitſtein neue Wichtigkeit und Ruf. Man hatte es in dieſem friedlichen Lande faſt ganz vbergeſſen, daß Ehrenbreitſtein noch etwas anders ſey, als der Standpunkt eine reizende Gegend zu überſchauen. Die jetzige Generation hatte kaum eine Kanone darin losſchießen hören, höchſtens wurden ein paar alte Doppelhaken bei einigen kirchlichen Feierlichkeiten abgebrannt. Außer der Abſicht des Genuſſes der Natur erſtieg mancher fromme Pilger den Berg noch, um den heiligen ungenähten Rock des Welterlöſers, Sickingens Waffen und die große Kanone, den Vogel Greif genannt, zu ſehen„ welche die drei haupt— ſächlichſten Merkwürdigkeiten der Feſtung aus— machten. Ich bin nicht ſo glücklich geweſen, ei— ne derſelben zu betrachten, und weiß auch nicht, wo erſtere Reliquie hingekommen iſt. Vermuth— lich wurde ſie, da ſie leicht transportabel war, gerettet, worüber ſtch die Franzoſen bei ihrer damaligen leichtfertigen Denkungsart über derlei heilige Sachen wohl wenig Kummer gemacht ha— ben werden. Ungleich intereſſanter für ſie war die große Kanone, der Greif. Dieſe ungeheure Schies— maſchine war ſiebenzehn Fuß und drei Zoll lang, wog dreihundert Centner, und ſoll eine Kugel von hundert und ſechzig Pfund mit einer Ladung von 80 Pfund Pulver bis nach Andernach (4 Stunden weit) haben ſchießen können. Der Kurfürſt Richard von Greifenklau ließ ſie zu Frank— furt gießen. Sie führte unter dem Zündloch die Inſchrift: Vogel Greif heiß ich Meinen gnädigen Herrn von trier dinn ich, Wo er mich heiſt gewalden Da will ich Dohrn und Mauren zerſpalten. Simon goß mich 1528. — 577— Man hatte bis zur Einnahme der Feſtung Eh⸗ renbreitſtein immer geglaubt, daß dieſes große Stück Metall ſchlechterdings nicht zu bewegen und fortzubringen ſey— wiewohl ſie doch auf die Fe— ſtung gebracht worden iſt— aber die Franzoſen haben bald gezeigt, daß dieſe Meinung nur ein Wahn ſey, und einen neuen Beweis gegeben, wie viele Geſchicklichkeit in Transportirung von Kunſt, und andern Sachen aus fremden Ländern in das ihrige ſie ſich während dieſes Krieges er—⸗ worben haben. Vogel Greif mußte ſchwimmen lernen, und wurde glücklich auf der Moſel nach Metz gebracht. Sickingens Waffen hiengen im Arſenal. Sein Fall macht ihn größer, als ein von ihm errunge— ner Sieg. Drei Fürſten, von Heſſen, Pfalz und Trier bekämpften den tapfern Mann, und beſieg— ten ihn durch ihre Uebermacht. Kurfürſt Richard nahm des Ritters Waffen mit, und hieng ſie hier auf.— Wo ſie hingekommen ſind, iſt mir un⸗ bekannt. Ehrenbreitſtein hat während des verfloſſenen Krieges mehrere Blokaden unüberwunden ausge— ſtanden, bis es endlich im Jahre 1799 dem Hun— ger erlag. — 378— Schon im Jahre 1792, als Cüſtine Mainz ein⸗ nahm, würde er im erſten Schrecken wahrſchein— lich auch Ehrenbreitſtein erhalten haben, worauf ſich damals nur eine kleine Garniſon befand, aber dieſer abentheuerliche General kannte ſeinen Vor— theil nicht. Die Einnahme dieſer Feſtung würde damals den verbündeten teutſchen Heeren außer— ordentlich nachtheilig geweſen ſeyn, als ſie aus Champagne wieder zurückkehrten, Im Jahre 1795 nach dem erſten großen Rhein⸗ übergange der Franzoſen bei Uerdingen am 5 Sep— tember, paſſirte auch am 16 September der rech— te Flügel der Sambre- und Maasarmee bei Neu— wied den Rhein, nahm das von den Oeſterreichern bei dieſer Stadt Tages vorher verlaſſene Lager ein, und blokirte Ehrenbreitſtein. Dieſe Blokade dauerte nur bis zum 28 Octo—⸗ ber deſſelben Jahres, wo dieſe Feſtung nach dem Siege Clairfaits über die Jourdanſche Armee(am 15 Oct.) an der Nidda und deſſen Entſatz von Mainz auf dem rechten Rheinufer durch den Vor— trab der kaiſerlichen Niederrhein-Armee unter Ge— neral Borros befreit wurde. Die Franzoſen kehr⸗ ten über die Brücke von Neuwied und bei Deuz auf das linke Ufer des Rheins zurück— — 579— In dem thatenvollen Feldzuge von 1796 wur⸗ de Ehrenbreitſtein zweimal blokirt, und zweimal entſetzt. Die franzbſiſche Armee unter Jourdan war ſchon am 50 Mai über die Wupper vorge⸗ rückt, und ſetzte am 1 Junius über die Acher. Sie rückte bis an die Lahn vor, und umſchloß mit ihrem rechten Flügel die Feſtung. Aber we—⸗ nige Tage nach dem Gefecht bei Wetzlar(am 15 Jun.) wo der Erzherzog Carl die Franzoſen ſchlug, wurde es ſchon wieder frei. Schon am 19 Ju-⸗ nius waren die Dibiſionen der Generale Champion⸗ net, Bernadotte und Grenier wieder jenſeits des Rheins, wiewohl ſie noch den Brückenkopf bei Neuwied und die Feſtung Düſſeldorf inne hatten. Indeſſen dauerte dieſe Befreiung nicht lange. Der Feldherr Wurmſer, der einen Theil ſeiner Truppen vom Oberrhein an die Lahn gegen die Sambrer, und Maasarmee hatte ſchicken müſſen, war nun zu ſehr geſchwächt, um den Angriffen der franzöſiſchen Armee unter Moreau zu wider—⸗ ſtehen. Er wurde am 14 Junius bis unter die Kanonen der Rheinſchanze von Mannheim zurück— gedrängt. Zugleich gieng Moreau's Armee bei Kehl über den Rhein.(24. Jun.) Dadurch erhielt die Sambre- und Maasarmee wieder Luft. Kaum war die Nachricht von jenem 380—— Uebergange in dem Hauptquartier Jourdans ange— kommen, als alle Diviſionen der Sambre- und Maasarmee ſich aufs neue in Bewegung ſetzten, um nach der Lahn vorzurücken. Am 28 Juni brach der linke Flügel derſelben unter General Kle— ber von Düſſeldorf auf, am folgenden Tage ſetzte die Diviſion des Generals Grenier bei Cölln über den Rhein, und vereinigte ſich mit jenem, und am 2 Juli erzwang Jourdan ſelbſt unter dem Schutze eines heftigen Kanonenfeueks im Angeſicht des Finkſchen Corps den Uebergang bei Neuwied. Die kaiſerliche Armee unter dem General Kray gieng über die Lahn zurück, und ihr folgte am 9 Juli die ganze franzöſiſche Armee. So war Ehrenbreitſtein zum zweitenmale in dieſem Feldzuge ſich ſelbſt überlaſſen. Ein Theil der Diviſion Marceau blokirte die Feſtung. Ge— neral Poncet commandirte dieſe Belagerung. Von allen im Rücken der franzöſiſchen Armee befindli— chen Feſtungen war Ehrenbreitſtein die einzige, deren Bezwingung die Franzoſen mit einer ver— hältnißmäßigen Macht und Thätigkeit betrieben. Am 29 Julius des Morgens um 1 Uhr begann das Bombardement auf eine furchtbare Art. Ei— ne Menge Kugeln flogen in die Feſtung, ohne je— doch zu zünden. Deſto mehr litt das Thal. An — 381— mehreren Orten brach Feuer aus, das nicht zu löſchen war. Die Einwohner erhoben ein ſchreck— liches Jammergeſchrei. Die Flamme war ſo hef— tig, daß man in Coblenz auf dem Markte, ſo wie bei hellem Tage, eine Schrift hätte leſen können. Die Beſatzung feuerte wieder. Erſt um 8 Uhr Morgens ward das beiderſeitige Kanoni— ren eingeſtellt. Man machte hernach aus, daß von Ehrenbreitſtein aus, nicht auf Coblenz ge⸗ ſchoſſen werden ſolle. Von jetzt an wurden faſt täglich Gefechte ge— liefert zwiſchen den ausfallenden Truppen von der Garniſon der Feſtung, und den Franzoſen, die ſie einſchloßen. Ain 50 Julius des Morgens um 4 Uhr eroberten dieſe die Anhöhe von Neuendorf, den Nettenkopf genannt, an der Nordſeite von Eh— renbreitſtein, durch welche die Feſtung dominirt wird. Sie erſtiegen ſie unter einem Regen von Kugeln mit dem Bajonet, und tödteten theils die Beſatzung darin, theils wurde ſie zu Gefangenen gemacht.— Dieſe Gefechte, wobei nichts ent⸗ ſchieden wurde, dauerten mit abwechſelndem Er— folg fort, bis die Folgen der Niederlage Jourdans in Franken ſich auch auf dieſe Gegend erſtreckten. Man verdoppelte jetzt die Thätigkeit bei der Be— lagerung, aber vergebens. Die kaiſerliche Ar⸗— — 382— mee näherte ſich der Feſtung wieder, und nach einem Gefechte an der Lahn, das ſich von Gießen bis an den Rhein erſtreckte(den 16 Sept.) ſahen ſich die Franzoſen zum zweitenmale in dieſem Feld— zuge genöthigt, die Belagerung aufzuheben. Am 17 Sept. des Morgens verließ die Sambre und Maasarmee ihre Stellung in der Gegend von Ha— chenburg und Dierdorf und zog ſich theils nach Neuwied, theils nach der Sieg zurück. um 9 Uhr des Morgens ſahe man die erſten teutſchen Truppen wieder bei Pfaffendorf. Noch Tages vorher machte die Beſatzung ein fürchterliches Feuer auf die franzöſiſchen Batterieen, die ſie dann nach dem Entſatz ganz zerſtörte. Die Vertheidigung von Ehrenbreitſtein wäh— rend mehrerer Wochen vom Julius bis zur Mitte des Septembers, macht ihrem Commandanten dem Oberſten von Sechtern und der Garniſon ſehr viel Ehre. Der Name dieſes tapfern Mannes wird in der Nachwelt leben, und unter den ed⸗ len Männern genannt werden, die treu in der Erfüllung ihrer Pflicht waren. Der Erzherzog dankte ihm ſelbſt in einem verbindlichen Schreiben für ſeine Vertheidigung. Er bewilligte dabei die Feier eines Te Deum darüber mit den folgen⸗ den Worten in ſeinem Schreiben:„Es ſey nur — 385— allzubillig, die öffentliche Feier ſolcher Thaten zu geſtatten, die dem teutſchen Vaterlande zum Mu⸗ ſter dienen können.“ Man hat berechnet, daß während dieſer zwei— ten Blokade über 40000 Kugeln aus der Feſtung geſchoſſen wurden. Die Franzoſen verloren dabei gegen 1000 Mann. Im folgenden Jahre 1797, nach dem Rhein— übergange der Franzoſen unter dem General Hoche (18 Aprih und Wernecks Rückzuge, begann eine neue Blokade unter dem franzöſiſchen General⸗ Goullus. Sie war von keinen auffallend wichti— gen Ereigniſſen begleitet, da der Abſchluß der Frie⸗ denspräliminarien zu Leoben den kriegeriſchen Un⸗ ternehmungen ein Ziel ſetzte. Aber die Einſchließung dieſer Feſtung begann wieder zu einer Zeit, da man es am wenigſten hätte erwarten ſollen— zur Zeit des Raſtadter Congreſſes während des Jahres 1798 und im An⸗ fang des folgenden. Die Blokade fieng ſchon im Februar an, und dauerte ununterbrochen mit meh⸗ rerer oder minderer Strenge fort. Es war der Kurtrieriſche Oberſt Faber, der ſie mit Trieriſchen und andern Reichstruppen ver⸗ theidigte. Vergeblich proteſtirte er gegen die Ein⸗ ſchließung: die Franzoſen ließen nichts hinein. So wurde ſchon am Ende des Februars(1798) ein Transport Strümpfe angehalten, der für die Be— ſatzung beſtimmt war. Der Commandant wandte ſich deshalb an den General Hatry. Dieſer ant— wortete aus Mainz unterm 2 Märze, daß zu der Zeit, als die Strümpfe weggenommen worden, der Befehl ſtatt gehabt habe, die Feſtung Ehren— breitſtein auf eine Art zu umgeben, daß nichts hinein kommen könne.„Da dieſe Dispoſitionen, fährt er in dem desfalſigen Schreiben fort, noch nicht abgeändert worden ſind, ſo kann ich nicht Befehl geben, daß die Effekten, welche Sie zu— rück verlangen, jetzt zu Ihrer Dispoſition zurück gegeben werden. Ich wünſche ſehr, Herr Com— mandant, die nähere Bekanntſchaft eines bra— ven und redlichen Mannes zu machen, wie Sie ſind, und daß die geringe Hoffnung, welche Sie haben, ſich in Ihrem Poſten zu erhalten, Sie zu dem Entſchluſſe bringe, dieſen Poſten zu räumen.““ Faber ertrug mit ſeiner Garniſon alle Leiden des Mangels auf die ſtandhafteſte Art während des ganzen Sommers und Winters des Jahres 1798. Mit ihm erduldeten die Einwohner des Thals gleiche Leiden. Aber ſie würden noch mehr gelit— ten haben, wenn die Franzöſiſchen Vrrpoſten nicht — 385— ſelbſt die Einbringung von Lebensmittel begünſtigt hätten. Es landeten Schiffe mit Viktualien un— ter dem Felſen von Ehrenbreitſtein, die weiter oben am Rhein beladen worden waren. Auch die franzöſiſchen Soldaten auf den Vorpoſten ſuchten von der Hungersnoth im Thal und auf der Fe⸗ ſtung zu profitiren. Sie verkauften den Einwoh—⸗ nern Butter, Caffee, Zucker u. ſ. w. Aber in ſpätern Zeiten ſtieg dennoch die Noth auf einen hohen Grad. Ein Huhn ward mit 4 fl., eine Gans mit 8 fl., ein Pfund Butter mit 4 fl. ein Pfund Caffee mit 22 fl., ein Pfund Zucker mit 12 fl., ein kleines Klafter Holz mit 40 fl. ꝛc. bezahlt.— Vom November(1798) an, war aber um noch mehreres Geld nichts mehr käuflich zu haben.— Vergeblich wandten ſich früher die Reichsdeputation und ſelbſt die Preuſſiſchen Mini— ſter im Namen ihres Königs noch am 6 Nob. an die franzöſiſchen Congreßgeſandten, und unterſtütz— ten mit den ſtärkſten Gründen die Forderung der Aufhebung der Blokade, und Geſtattung von de— ren Ravitaillirung. Es blieb wie es war.— Ei— ne andere Note wurde am 22 Nob. von den ſelben Miniſtern der franzbſiſchen Geſandtſchaft überge— ben. Nachdem darin gezeigt worden iſt, daß die 25 Verproviantirung der Feſtung ausdrücklich ausbe— dungen worden, heißt es darin alſo: „Da die Umſtände ſo ſind, ſollten da bei al— len Parthieen, denen an der gegenwärtigen Er— haltung der Dinge gelegen iſt, nicht die beunru— higendſten Beſorgniſſe entſtehen, wenn man, unge— achtet aller auf unwiderſtehliche Gründe geſtützter Vorſtellungen, eine ungeſetzliche Maasregel fort⸗ dauern ſieht, welche offenbar dahin abzielt, eine der wichtigſten Feſtungen durch- Hunger fallen zu laſſen? Die von der Reichsdeputation verſprochene künftige Demolirung beraubte in der That das nörd⸗ liche Teutſchland einer für ſeine Vertheidigung wich⸗ tigen Feſtung. Doch der König verließ ſich auf die freundſchaftlichen Verſicherungen des Directo— riums. Se. Majeſtät hofften die Wirkungen da— von in der Folge zu erfahren. Die gegenwärtige Blokade dieſes Platzes ſelbſt, welche aber ſo ſehr der Gerechtigkeit, als der Großmuth der franzö— ſiſchen Nation zuwider ſeyn zu müſſen ſcheint, kann daher auf keine Weiſe dem Könige gleich— gültig ſeyn, und wenn der offenbare Zweck er— reicht wäre, ſo würde der Zuſtand der Angelegen— heiten des nördlichen Teutſchlands dadurch eine wich⸗ tige, in Rückſicht ſeiner Sicherheit ſehr ungün⸗ ſtige Veränderung erleiden⸗ Vorzüglich bei Ab⸗ wägung dieſer letztern Betrachtung wird es offen— bar, daß das directe Intereſſe Sr. Majeſtät be— ſonders dabei compromittirt iſt. Bei der Ueber— nahme der Garantie des nördlichen Teutſchlandes hat der König mit Vorwiſſen und Einſtimmung der franzöſiſchen Regierung alle zur Erhaltung dieſes friedlichen Syſtems dienliche Maasregeln genom— men. Die militairiſchen Einrichtungen ſind na— türlich nach den reſpectiben Poſitionen abgemeſſen worden. Es leuchtet in die Augen, daß der Zu— ſtand, worin bis jetzt Ehrenbreitſtein ſich befindet, vielen Einfluß darin hat. Schon die Blokade die— ſes Platzes bringt eine bedeutende Veränderung in die militairiſchen Poſitionen. Und wenn die durch dieſe Maasregel bis zum Hunger gebrachte Gar— niſon genöthiget wäre, ihren Poſten zu verlaſſen, in Gegenwart noch im Kriegsſtande, obgleich nicht in Feindſeligkeiten mit dem teutſchen Reiche be— findlicher Truppen, und welche gegen alles Recht, ſich in den Beſitz davon ſetzen könnten, alsdann würde die Geſtalt der Dinge auf eine Art, wel— che ſobiel als eine gewaltfäme wäre, gänzlich ver— ändert werden. Die die Neutralität des nördli— chen Teutſchlandes ſchützende Armee würde nicht mehr zu ihrem Zwecke hinreichend ſeyn. Die Vertheidigungsmaasregeln müßten vermehrt wer— — 588— den, um mit der offenſiben Stellung, welche die⸗ ſe Feſtung annehmen würden, ſich im Verhältniß zu finden; und dies alles würde die Folge eines Bruchs des beſtehenden Waffenſtillſtandes, eine Verletzung der Verträge einer foͤrmlichen Ueberein⸗ kunft ſeyn. Das franzöſiſche Directorium— heißt es am Ende— von den wahren Geſichtspunkten unterrichtet, welche die jetzige Lage von Ehren⸗ breitſtein mit ihren Folgen darbietet, wird ohne Zweifel geneigt ſeyn, dem Könige einen Beweis ſeiner Achtung für die gerechten Wünſche Seiner Majeſtät zu geben, damit die Blokade dieſer Fe⸗ ſtung ſogleich aufgehoben, und die Freiheit zu ſei⸗ ner Verproviantirung, den gegenſeitigen Verträgen gemäß, wieder hergeſtellt werde.“ Dieſe Vorſtellungen waren ſo fruchtlos als alle übrigen. Seltſam genug erklärte der General Jourdan, daß er jeden Ausfall der Garniſon aus der Feſtung, um ſich Lebensmittel zu ſchaffen, als einen Waffenſtillſtandsbruch anſehen würde, während er ſelbſt durch den General d'Allemagne Ehrenbreitſtein ſchon längſt hatte feindlich behan⸗ deln laſſen. Das franzöſiſche Blokade,-Corps litt dabei in dem harten Winter von 1798 und 99 nicht minder, als die Einwohner des Thals und die Garniſon. Viele Soldaten, denen es an al⸗ lem fehlte, kamen vor Hunger und Kälte um. Vergebens ließ ſich der Obriſt Faber in Unterhand— lungen mit dem franzöſiſchen General d'Allemagne ein; erſterer erklärte endlich„ daß er die Feſtung bis auf den letzten Mann vertheidigen würde, daß er aber den Einwohnern im Thal keine Lebensmit— tel mehr geben könne, und daß er ſie der Men— ſchenliebe des franzöſiſchen Generals empfehle. Um dieſe Zeit koſtete im Thal eine Katze 1 fl. 12 kr.; 1 Pfund Pferdefleiſch 25 kr.; ein Salm 24 kr.; ein Sperling 5 bis 8 kr. u. ſ. w. Späterhin und kurz vor der darauf erfolgten RNäumung der Feſtung wurde bvon dem Comman— danten noch, ſowohl durch mündliche Verhandlun— gen als durch ein nachdrückliches Schreiben an den franzöſiſchen General alles mögliche verſucht, um die durch Conventionen feſtgeſetzte Verproviantirung von Ehrenbreitſtein zu bewirken. Aber alle dieſe dringenden Vorſtellungen blieben fruchtlos. Bei dem aufs höchſte geſtiegenen Mangel aller Lebens⸗ mittel blieb daher dem Commandanten kein ande— rer Ausweg übrig, als die Feſtung zu verlaſſen. Indem er den franzöſiſchen General von dieſem Entſchluß benachrichtigte, überſchickte er demſel— ben zugleich eine förmliche Proteſtation gegen die Beſitznahme der Feſtung durch franzöſiſche Truppen — 390— der zwiſchen dem „als gegen eine Uebertretung teutſchen Reiche und Frankreich beſtehenden Ver— träge, namentlich des Präliminärtractats von Leo— ben, der Militair-Convention von Heidelberg, ins— beſondere der auf die Feſtung Ehrenbreitſtein ſelbſt Bezug habenden Verträge, und endlich als gegen eine offenbare Verletzung der einfachſten Grund— ſätze der öffentlichen Dreue und Redlichkeit, welche bisher von allen geſitteten Nationen für heilig und unverletzlich angeſehen worden ſind.“ Gedrungen durch die harte Nothwendigkeit traf am Ende der Oberſte Faber über den Abmarſch der Garniſon am 24 Januar 1799 eine Ueber— einkunft, die aus 15 Artikeln beſtand. Es wurde darin feſtgeſetzt, daß die Garniſon am 27 Jan. in 2 Colonnen mit klingendem Spiel, Waffen und Bagage, Feldſtücken ꝛc. aus der Feſtung ausmar— ſchire. Die Effecten der Offiziers, die nicht ſo— gleich fortgeführt werden könnten, ſollten im Thal bleiben ꝛc.— Noch verlangte der franzöſiſche Ge⸗ neral, daß das Silberzeug und andere Reichthü— mer, welche verſchiedenen Kurfürſten, Fürſten und Stiftern gehören, und in der Feſtung verwahrt ſeyn ſollfen, ihm übergeben würden; es wurde aber bemerkt, daß dies gar nicht der Fall waͤre; doch befehligte er einen Adſutanten, bei dem Aus⸗ —— 391— zuge aus der Feſtung zugegen zu ſeyn, um ſich zu verſichern, daß nichts dergleichen ausgeführt würde. Nach einer 1Amonatlichen Blokade verließ end⸗ lich die Garniſon von Ehrenbreitſtein dieſe Fe— ſtung am 27 Januar 1799, und nahm 9 Kano⸗ nen mit ſich, die nicht zur Feſtung gehörten. Sie war überhaupt ohngefähr 2000 Mann ſtark, und am meiſten aus dem Collniſchen Contingent und Trieriſchen Truppen zuſammengeſetzt. Noch be— fanden ſich darunter die Contingente von Neu— wied, Sachſen- Hildburghaufen und Münſter⸗ Sie kehrte über Frankfurt zu der Armee in Deutſch⸗ land zurück. Dieſen ſo lange Zeit von der übri⸗ gen Welt abgeſchnittenen Männern waren faſt al⸗ le wichtigen Ereigniſſe unbekannt geblieben, die ſeit 6 Monaten ſich zugetragen hatten. So fiel Ehrenbreitſtein, nicht durch Waffen⸗ gewalt, ſondern mitten im Frieden durch Hun— ger. Die Franzoſen boſetzten es darauf mit ih⸗ ren Truppen, und fiengen gleich darauf an, die Feſtungswerke zu erweitern und zu verbeſſern. Täglich wurde von einer großen Anzahl Bauern daran gearbeitet, und mehrere neue Schanzen und Redouten auf den zunächſt gelegenen Anhöhen auf— geführt. Dieſe neuen Anlagen wurden die Geißel — 392— der Länder auf dem rechten Rheinufer— Vierzig und mehrere Stunden weit mußten die Bauern hierher kommen, um daran zu arbeiten. Wälder wurden ausgehauen, um Palliſaden zu machen, und ungeheure Requiſitionen ausgeſchrieben, um die Bedürfniſſe der Garniſon zu befriedigen. Der Oberſt Faber hat, wie ſein Vorgänger Sechtern, den Ruhm der Standhaftigkeit und des kriegeriſchen Muths ſich erworben. Er und ſeine tapfere Garniſon verdienen die Achtung Teutſchlands, ſo wie ſie die der Franzoſen erwar— ben, welche ſelbſt Muth und Widerſtand mehr ehren, als feige Ergebung in ihren Willen. Der Friede von Lüneville hat endlich das Loos von Ehrenbreitſtein beſtimmt. Ich ſahe im April 2800 der Demolition dieſer Feſtung zu. Die franzöſiſchen Offiziere, die mit der Schleifung be— auftragt waren, bewieſen ſich gefällig gegen das zuſchauende Publikum, indem ſie die Werke, wel⸗ che an der Ordnung zu ſprengen waren„an dem Tage ihrer Vernichtung mit einer rothen Fahne bezeichneten. Vor der Erploſion wurde dann ein Zeichen durch einen Kanonenſchuß gegeben, da— mit ſich die in der Nähe wohnenden Leute vorſe⸗ hen, und die Liebhaber verſammeln konnten. Die Miene ſprang, und in einem Augenblicke lagen — 5395— Werke da, die Jahrhunderte lang der Witterung, der Barbarei und dem Heldenmuthe unbezwing— bar waren. Aber die Hoffnung wenigſtens eine ſchöne Ruine für die Gegend von Coblenz zu er— halten, iſt gänzlich getäuſcht worden. Kaum ſieht man noch eine Spur deſſen, was hier war. Der feſte Johannisthurm, der zuerſt einer ſtarken La— dung widerſtand, und nur beim zweiten Verſuche geſtürzt werden konnte, hat dieſen Trotz durch ſei— ne völlige Vernichtung gebüßt. Ein anderer Thurm, das ſogenannte Gieshaus, an der ſüdlichen Spitze, eine Antike von mehr dann 600 Jahren(1166 von Hillin erbaut) war in einem Augenblick in Staub und Trümmer verwandelt, daß kaum ein kleines Mauerſtück davon übrig blieb. Wer kann dieſe Trümmer ohne eine traurige Empfindung ſehen? Wer fühlt nicht die Demüthi— gung Teutſchlands? Keine Feſte ſchützt mehr unſer Vaterland, wenn es dem Sieger einfällt, in ſein Inneres zu dringen. Ehrenbreitſteins Fall ver— nichtet ſelbſt die Sicherheit des nördlichen Teutſch— lands, eine Wahrheit, die ſchon die Preußiſchen Miniſter in der oben angeführten Note an die fran— zöſiſchen erkannten. So haben wir dann nur un— ſere Arme zur Vertheidigung. Mögen wir ſie — 594— kräftig gebrauchen, und muthig die Herzen ſchla— gen in der Stunde der Schlacht! Auch die untern Werke und Gebäude im Thal ſind geſprengt worden. Das Ganze gewährt ei— nen ſcheuslichen Anblick der Zerſtörung! Statiſtiſche Nachrichten vom Rhein- und Moſel-Departement. Auch im Rhein- und Moſeldepartement iſt auf Veranlaſſung eines Briefes des Miniſters vom Innern(vom 20 Floreal des 7 Jahres) worin die Profeſſoren der Centralſchulen eingeladen werden, ſtatiſtiſche Nachrichten von ihren Departements zu ſammeln, ein ſtatiſtiſcher Allmanach über das Rhein— und Moſeldepartement erſchienen, der den Titel führt: Jahrzähler des Departements vom Rhein und Moſel, eins der vier neuen Departemente auf dem linken RNheinufer von A. Vanrecum, Central— verwalter. Jahr 8 der Republik. Coblenz in der neuen Buchhandlung und Buchdruckerei auf dem Paradeplatze Nro. 465.— Dieſer Allma— nach hat bei weitem nicht den Grad der Vollſtän— digkeit und Genauigkeit, welchen man von ſolchen Arbeiten verlangt, aber immer iſt es eine ver— dienſtliche Arbeit, die der B. Vanrecum unter⸗ nahm. Man kann es wirklich entſchuldigen, wenn Irthümer und Fehler darin ſind, da die Compoſi⸗— tion dieſes Departements aus ſo mancherlei klei— nern und größern Herrſchaften wenig Genauigkeit in den ſtatiſtiſchen Angaben zuließ. Von den mei— ſten dieſer Länder waren bisher weder Vermeſſun— gen noch Berechnungen vorhanden, die vorhande— nen aber wurden von den Beſitzern ſorgfältig zu— rückgehalten, weil ſie dadurch ſich ſelbſt, oder den vorigen Herren dieſer Diſtrikte Schaden zu thun glaubten. Nur die Publicität und Zeit können den Geographen und Statiſtikern richtige Kennt— niſſe von dieſen Ländern verſchaffen. Am unrichtigſten in dieſem kleinen Werke mö— gen die zwei Bogen Tabellen ſeyn, die ihm am Ende angehängt ſind. Sie enthalten in 15 Ru— briken die Namen der Gemeinden, ihren ehemali— gen Souverain, die Familien-und Seelenzahl, die Zahl der Pferde, des Rindbiehes, der Häu— ſer, Mühlen, und der Gebornen, des Ackerlan— des, der Wieſen und Waldungen zc. Im Bewoh— ner des Weſtrheins(Nr. 82), worin ſich eine Art von Recenſion dieſes Allmanachs befindet, wird geſagt, daß dieſe Tabellen ein wahres Meiſterſtück von Unrichtigkeit ſeyen, und daß die Liſten, die das Dorf Buch bei Berlin im Jahre 1498 ge— „ habt habe, leicht richtiger geweſen ſeyn mögen. Indeſſen enthalten nach derſelben Beurtheilung die Nachrichten vonzden einzelnen Cantons manche gu— te Notizen.— Die Hoffnung, dieſe Unrichtig— 1 keiten im Allmanach für das gte Jahr verbeſſert zu ſehen, iſt nicht erfüllt worden. Wegen Man— gel an Abſatz iſt der Kalender im folgenden Jahre nicht neu gedruckt worden, wie mir auf eine des— falſige Anfrage in Coblenz geantwortet wurde.— Ich ziehe aus dieſem Allmanach und andern mir mitgetheilten Nachrichten hier dasjenige aus, was mir für meine Leſer einiges Intereſſe zu haben ſcheint. Das Departement des Rheins und der Moſel hat ſeine Benennung von den beiden Flüſſen dieſes Namens erhalten. Der Rhein macht deſſen Grän— ze von Bingen bis Bonn, und zugleich die Gränze der franzöſiſchen Republik gegen Teutſchland. Die Moſel hingegen betritt bei Trarbach zuerſt das Rhein- und Moſeldepartement, und durchſtrömt ſo die Cantone Trarbach, Münſter-Mayenfeld, Luzerath, Zell, Kochem, Treiß und Rübenach, und ergießt ſich dann, wie ſchon angeführt iſt, bei Coblenz in den Rhein. Die Gränzen des Departements ſind gegen Rorden das Roerdepartement, gegen Oſten der Rhein, gegen Süden die Departements bom Don— nersberg und der Saar, und gegen Weſten das Departement der Saar.— Dieſe Gränzen ſind durch den Beſchluß des Regierungs-Commiſſairs vom 4 Pluvioſe des 6 Jahres und einige nachhe— rige Entſcheidungen des nämlichen Commiſſairs ge— nauer beſtimmt worden. Die Länge des Departements beträgt 152 My— riameter oder 27 Stunden, die Stunde zu 2566 Klaffter; ſeine Breite iſt ohngefähr 6 Myriame— ter oder 22 Stunden, und ſein Flächeninhalt hat ohngefähr 81 Myriameter oder 524 Stunden. Das Departement begreift einen Theil der ehe— maligen Pfalz am Rhein, der Kurfürſtenthümer Trier und Cölln und die Beſitzungen von mehre— ren Reichsfürſten, Grafen und Reichsrittern.— Alle dieſe Länder ſind im Allgemeinen bergigt und waldigt, daher das Erdreich kalt und minder fruchtbar iſt. Die verſchiedenen Theile ſind indeſ— ſen in Anſehung ihrer Fruchtbarkeit verſchieden, erzeugen aber doch im Ganzen genommen nicht nur alle Bedürfniſſe zum Leben, ſondern laſſen auch noch die Ausfuhr mancher Produkte zu. Ein Hauptprodukt iſt der Wein, der am Rhein, an der Moſel, an der Nahe und Aar wächſt Dieſer letztere wird unterhalb Coblenz allgemein getrunken, er hat aber wenig Feuer und einen erdigten Geſchmack; der beſte darunter iſt der ſogenannte rothe Bleichert. Alle dieſe Weinarten von der Aar und Moſel ſind aber mit den Jahren dem Verderben unterworfen. Sie ha⸗ ben eine dem Rheinwein ganz entgegengeſetzte Ei— genſchaft, der mit jedem Jahre beſſer wird. Man bauet wenig Waizen, aber viel Roggen, Gerſte, Spelz und Haber, viel Hanf und Flachs, allerhand andere Erdfrüchte, Gemüſe und vieles und gutes Obſt. Die Viehzucht, beſonders die Schaafzucht, iſt in einigen Cantons in gutem Stande, und wird durch vielen natürlichen und künſtlichen Futterbau befördert.— Im Departe— ment ſind ferner viele Stein- Schiefer; und Mar— morbrüche, Eiſenerze und Eiſenhütten, beträcht⸗ liche Gerbereien, Salinen und Mineralwäſſer. Außer den ſchiffbaren Flüſſen, dem Rhein und der Moſel, wird das Departement von der kahe, der Nette, der Aar und andern kleinen Flüſſen bewäſſert, die meiſtens fiſchreich ſind. Der B. Vanrecum ſagt in ſeinem Allmanach, daß un⸗ ter der vorigen Regierung und den damit verbun— denen Verhältniſſen die Betriebſamkeit gering ge⸗ weſen ſey, daß aber nach dem Frieden die Aus⸗ ſichten für die Verbeſſerung des Ackerbaues, der — 400⁰— Handlung und Induſtrie unter einer republikani— ſchen Verfaſſung bei weitem günſtiger ſeyen. Das Departement des Rheins und der Moſel iſt in 51 Cantone, und dieſe in Rückſicht der Ge— richtshöfe und Einnahme der Contributionen in drei Bezirke abgetheilt, die den Namen von den Haupt, orten: Coblenz, Bonn und Simmern führen. Coblenz iſt der Hauptort des Departements, und als Sitzort eines Zuchtpolizei-Gerichts(tri— bunal de police correctionelle) gehören dahin die Cantone: Coblenz, Andernach, Pollich, Treiß, Boppard, Münſter-Mayenfeld, Mayen, Rübe— nach, Kaiſerseſch, Luzerath, Zell und Kochem. Bonn, als Hauptgemeinde eines Zuchtpolizei— gerichts, begreift in ſich die Cantone, Bonn, Rheinbach, Adenau, Wehr, Remagen, Virne— burg, Ulmen, Altenahr. Simmern, als Hauptort des Zuchtpolizeige— richts, begreift in ſich die Cantone Simmern, Kirchberg, Trarbach, Kirn, Sobernheim, Kreuz— nach, Stromberg, Bacharach, St. Goar und Caſtellaun.— Mit der nächſtens einzuführenden Einrichtung der neuen Gerichtshöfe wird dieſe bisher noch beſtehende einige Veränderungen er— leiden. — 40¹— Noch bis jetzt halten ihre Sitzungen zu Coblenz das Civiltribunal und das peinliche Ge⸗ richt des Departements und das Zucht poli⸗ zeigericht des Bezirks von Coblenz. Zur Verwaltung des Departements wohnt hier der Präfekt. Der General-Secretär der Prä⸗ fektur iſt der auch in Deutſchland bekannte Schrift— ſteller Hr. Maſſon, Verfaſſer der geheimen Denk— würdigkeiten von Rußland. Er bearbeitet auch die Statiſtik dieſes Departements. Das Innere des Departements, beſonders der Hundsrücken und die an der Moſel gelegenen Di— ſtrikte enthalten manche phyſiſche und hiſtoriſche Merkwürdigkeiten. Der Hundsrücken war ohner⸗ achtet ſeiner Unfruchtbarkeit und der Schwierig— keit der Paſſage doch ſchon in den älteſten Zeiten der Schauplatz wilder Kriege und Verheerungen. So hat Caſtellaun— Castellum Hunnorum ſein Daſeyn wahrſcheinlich im Aten Jahrhundert unter der Regierung des Kaiſers Gratian erhal— ten. Bekanntlich ſchlug dieſer die Hunnen und andere mit ihnen verbundene Völker; um ſolche mehr zu trennen, und von ihren Beſitzungen zu entfernen, verſetzte er einen Theil davon in dieſe Gegenden, und zwar hinter die vorderſten römi⸗ ſchen Stationen(stationes romanae) als eine 26 — 402— Vormauer gegen die öftern Einfälle der Catten und anderer jenſeits rheiniſchen Völker.— Sol⸗ che stationes romanae waren, wie die Rudera und die Geſchichte beweiſen, zu Heuweiler, Hund⸗ heim, Caſtellaun und am ſtumpfen Thurm bei Morbach ꝛc. Die einmal daſelbſt angeſiedelten Hunnen verbreiteten ſich nach und nach auf dem ganzen hohen Strich Landes zwiſchen der Moſel und Nahe, und gaben nicht nur einzelnen Orten Hundheim, Caſtellaun ꝛc. ihren Namen, ſondern auch dem ganzen Strich Landes, den Namen Hunds⸗ rücken, Hundsreich(regio hunnorum). Bei Simmern iſt eine Quelle, die man noch den Hun— nenborn nennt. Der Hundsrücken, beſonders die Gegend von Kirchberg, Simmern ꝛc. hat bon jeher unendlich viel durch den Krieg gelitten, die Frankreich mit dem Kaiſer führte. Auch in dem letzten war dies der Fall. Die ganze Jourdan'ſche Armee ſtand im Jahre 1794 und 1795 im Canton Kirch⸗ berg. In dem kleinen Dorfe Höhnfeld, zwi ſchen Kirchberg und Kirn, wurde zwiſchen dem kaiſer— lichen General Kray und dem franzöſiſchen General Marceau ein Waffenſtillſtand geſchloſſen, der 6 Monate dauerte. —— 405— Im Canton Trarbach, auf dem rechten Mo— ſelufer, in der ehemaligen hintern Grafſchaft Spon— heim gelegen, findet man bei der Gemeine En— kirchen eine intereſſante Antiquität. Hier ſieht man noch die berühmte Steinſtraße, die von den Römern von Bingen nach Trier, durch waldigte und moraſtige Gegenden angelegt wurde, um die Trevirer und Gallier deſto leichter beſiegen zu kön— nen. In dieſer Gegend hat ſich die gedachte Straße beſonders gut und ſichtbar erhalten; noch erhält ein alter, wahrſcheinlich achtzehnhundertjähriger Thurm, der ſogenannte ſtumpfe Thurme, auf der Straße nach Trier, das Andenken dieſer Weltbezwinger. In ſeiner Nachbarſchaft befin— den ſich die Ruinen einer alten Stadt, die ſeit 60 Jahren bei dem zugenommenen Fleiß des Land— manns durch den Pflug entdeckt worden iſt. Wahr—⸗ ſcheinlich waren dies die tabernae moselanicae. Als das Land urbar gemacht wurde, fand man Steine und Inſchriften, Hausgeräthe und Werk— zeuge, nebſt vielen römiſchen Münzen, welche letztere meiſtens von Lieinius, Conſtantin und Va— lentinian herrühren. Dieſe Steinſtraße, wovon eine ſehr große Strecke zwiſchen Simmern und Kirchberg noch ganz ſichtbar iſt, berdient beſon— ders ihrer Haltbarkeit und dauerhaften Anlage we⸗ — 404— gen die Aufmerkſamkeit aller Straßenbauer 9).— In dieſer Rückſicht ſind die Römer unſerer Zeit, wie ſich die Franzoſen oft beſcheiden ſelbſt genannt haben, gar nicht denen der Vorzeit ähnlich. Die franzbſiſchen Heerſtraßen ſind jetzt ſchlechter, als in jedem andern Lande. Einen beſondern Reichthum hat das Depar⸗ tement des Rheins und der Moſel an minerali— ſchen Quellen, faſt eben ſo wie der gebirgigte Theil des rechten Rheinufers.— Bei der Ge— meinde Leiningen im Canton St. Goar, am Lam⸗ ſcheider Hof, ehemals dem Grafen von der Leyen gehörig, iſt eine Mineralquelle, deren Waſſer unter dem Namen Lamſcheider oder Leininger Waſ— ſer bekannt iſt. Das Waſſer hatte vor dem Krie— ge vielen Ruf, kam aber durch die üble Ver⸗— waltung beinahe in Vergeſſenheit. Es verdient indeſſen wegen ſeiner guten Eigenſchaft mehrere Aufmerkſamkeit. Der Brunnen ſowohl, als die dabei befindlichen Gebäude ſind in gutem Stan— de, und liegen an der Hauptſtraße von Coblenz nach Simmern in einem Thale. Ueber die me— diziniſchen Wirkungen dieſes Waſſers iſt eine eige— ne Abhandlung geſchrieben. „) S. Vanrecum a. a. O. S. 856. Ungleich wichtiger und beſuchter iſt das be— kannte warme Bad zu Bertrich im Canton Lu⸗ zerath, im ehemaligen trieriſchen Amte Kochem. Es iſt ohngefähr 122 Stunden von Coblenz ent— fernt, und liegt nicht weit von der Landſtraße, die von da nach DTrier führt. Die ganze Gegend hat viele Spuren von ehemaligen Vulkanen. Die Bäder zu Bertrich waren ſchon zu den Zeiten der Römer bekannt; ſie liegen in einem tiefen Thal ohngefähr eine Stunde(S Myriameter) vom lin⸗ ken Moſelufer entfernt. Das Waſſer kommt tief aus einem Felſenberge, fließt das ganze Jahr hin— durch, ohne Rückſicht auf Witterung und Jahrs— zeit und in großer Menge. Es hat einen dem menſchlichen Körper ſehr angemeſſenen Wärmegrad, und enthält zufolge der chemiſchen Unterſuchungen etwas Erde, verdünnte Kochſalzſäure, und am meiſten mineraliſches Laugenſalz. Die Quantität dieſer Beſtandtheile und die Beſchaffenheit der darin befindlichen Erde finde ich nirgends ange— geben. Schon zu den Zeiten der Römer war hier nach dem Zeugniſſe älterer Schriftſteller ein präch— tiges Badegebäude. Im 14& Jahrhunderte waren dieſe Bäder noch ſehr im Anſehen, zufolge der noch vorhandenen mediziniſchen Abhandlungen, be— 4 ſonders jener Günthers von Andernach, Profeſ— ſors zu Paris. In neuern Zeiten hat der kürz— lich verſtorbene B. Werling ſehr ſchöne Gebäude daſelbſt aufführen laſſen, und ſehr zweckmäßige Einrichtungen zur Aufnahme der Brunnengäſte ge— troffen. Dieſe Anſtalten haben ſeit einigen Jah— ren viele Fremde aus den Gegenden von Trier und Coblenz dahingezogen. In den lezten war die An— zahl der Badegäſte daſelbſt ziemlich beträchtlich. Von großem Reichthum und ſehr fruchtbar iſt die Gegend von Kreuznach, die einen Theil des Departements ausmacht. Hier wachſen alle Erd— früchte in großer Vollkommenheit, und ſelbſt der Weinſtock gedeihet hier am Ufer der Nahe vortref— lich. Der beſſere Nahewein wächſt in der Gemein— de Laubenheim und in dem jenſeits der Nahe, folglich ſchon im Donnersberger Departement, ge— legenen Orte Boſenheim. Auch der Wein, der bei Monzingen im Canton Sobernheim wächſt, iſt vortreflich, und hat gewöhnlich den Preis gu— ter Rheinweine. Bei der Stadt Kreuznach befin— det ſich auch die große Saline, in welcher bis an die àoοn Malter Salz geſotten werden. Die jährlichen Pachtgelder von dieſer Saline betragen überhaupt 221000 Libres. — 407— Des Beſuches der Naturforſcher werth iſt ein See, bei der Abtei Laach im Canton Wehr, ei— nige Stunden von Andernach. Dieſer See, in einem ſtillen einſamen Thal befindlich, hat ohnge— fähr eine Stunde im Umfange, und iſt an man⸗ chen Orten von außerordentlicher Tiefe. Er ſcheint ſein Daſeyn durch eine phyſiſche Revolution erhal— ten zu haben, wobon ſich überall in dieſen Ge— genden in der Lava und andern vulkaniſchen Pro— dukten Spuren finden. Der Boden dieſes Sees, ſo wie jener in der Nähe deſſelben, iſt ein ſchwar— zer glänzender Sand, welcher vom Magnet an— gezogen wird. Man fängt darin die vortrefflich— ſten Fiſche aller Art, nur der Karpfen pflanzt ſich darin nicht fort. Man ſieht mit Vergnügen, wie, nach Van— recums Verſicherung, die Cultur mancher unbe— baueten Gegenden ſelbſt während des Krieges zu⸗ genommen hat; der Kleebau vermehrte ſich ſeit 6 bis 8 Jahren beſonders, und eben ſo wurden in dem ehemaligen Oberamt Simmern allein an die 2000 Morgen öden Landes urbar gemacht, die jetzt in Kornfelder verwandelt ſind.— In derſel— ben Gegend befinden ſich viele Eiſenerze, die noch mehr Eiſenhütten beſchäftigen könnten, wenn zugleich die gehörigen Maasregeln genommen wür⸗ den, dem dadurch entſtehenden Holzmangel vor⸗ zubeugen, welcher bei dem ſtarken Verbrauch auf dieſen Hütten, beſonders aber bei den durch bei— ſpielloſe üble Forſtwirthſchaft verheerte Waldungen ſchon jetzt ſehr groß geworden iſt. Dieſe Wald⸗ verwüſtungen ſind in mehreren öffentlichen Blät— tern dieſer Gegend zur Sprache gebracht worden. Es iſt z. B. bekannt, daß man zum Ober⸗ forſtmeiſter eines ganzen Departements einen Pa⸗ ſtetenbecker ernannte, und in einem andern mach—⸗ te man einen ehemaligen Juwelierer dazu. Die Auſſenſeite ſolcher Leute iſt dann immer ſo, daß man denken ſollte, ſie wären lebenslang bei die— ſem Metier geweſen. Der Franzos ſchickt ſich in jede Form, und der Kutſcher kann ohne Uebel⸗ ſtand das Kleid deſſen tragen, den er vorher ſpa⸗ zieren fuhr. Auch hat der Franzos ſich in der Ge— ſchwindigkeit einige empiriſche Kenntniſſe von dem Geſchäft erworben, wozu man ihn anſtellt.(f. vertraute Briefe eines franz. Bürgers. S. 164.) Ich bin nicht im Stande geweſen, genaue Nachrichten von der Bebölkerung des Rhein- und Moſeldepartements zu erhalten. Auch über die von Coblenz bin ich ungewiß. Aber ſie mag jetzt höch⸗ ſtens 9 bis 20000 Seelen betragen, da man de— ren vor dem Kriege etwa 12000 annahm. *,— 409— Im 7 Jahr der Republik bezahlte das De— partement an Grund-Perſonal- und Mobiliar— ſteuer die Summe von 2/984,850 Franken. Im 9 Jahre wurde demſelben die Summe von 1,500% Fr. an Grundſteuer und 175,400 Fr. an Perſonal-Mobiliar- und Luxusſteuer auf⸗ gelegt. Die Hauptſumme der Grundſteuer für das zehnte Jahr(1801 bis Sept. 1802) betrug /297000 Franks und die PerſſonalMobiliar— und Luxusſteuer 165,400 Fr. Die Vertheilung die⸗ ſer Summen auf die Gemeinden liegt den Ge— meinde Bezirks-Räthen und dem Allgemeinen De⸗ partementsrath ob. Fortgeſetzte Bemerkungen uͤber Coblenz. So wie Coblenz in Anſehung ſeiner Lage am Rhein ohngefähr die Mitte zwiſchen Mainz und Cölln iſt, eben ſo könnte man auch ſagen, daß es in Anſehung des Zuſtandes der Sitten, der Cultur und der Körper- und Geiſtesbildung der großen Maſſe ſeiner Bewohner in der Mitte zwi⸗— ſchen beiden ſtehe. Von allgemeinem Intereſſe und ſelbſt dem Frem— den von Werth, der hier verweilt, iſt die litte— rariſche Geſellſchaft oder das Leſeinſtitut. Fremde können durch ein Mitglied eingeführt wer⸗ den. Man findet in dieſer Leſegeſellſchaft eine Menge teutſcher und franzöſiſcher periodiſcher Schrif— ten und Zeitungen. Da noch immer, ſelbſt unter den erklärteſten Freunden der neuen Verfaſſung, ei— ne gewiſſe Anhänglichkeit an Teutſchland und deſ— ſen Sprache herrſcht, die ſich in tauſend kleinen Dingen zeigt, ſo iſt die Zahl der teutſchen Zeit⸗— ſchriften hier weit größer, als die der Franzö— ſiſchen. — 411— Wenn es hier Köpfe giebt, die einer beſſern geiſtigen Nahrung bedürfen, und ſie ſich zu ver— ſchaffen ſuchen, ſo iſt auch für wäſſerigere Koſt zum Nutzen der ſchönen und eleganten Welt in Coblenz hinlänglich geſorgt. Hier, wie in Mainz, ˖ glich geſorg/ 5 bleibt dieſe den vaterländiſchen Schriftſtellern ge— treu, die jetzt dem Geſchmack eine ſo vortheilhaf— te Richtung gegeben haben. Der Buchbinder Höl— ſcher hat mit Kenntniß ſeines Publikums eine Leihbibliothek etablirt, worin diejenigen Bücher, welche etwas Schreckliches und Fürchterliches ent— halten, wie die Thurmuhr am Rauhen— ſtein, Brudermord aus Bundespflicht, Räuber und Mordgeſchichten ꝛc. mit ei— nem Wort Spieß, Cramer, Vulpius und ihre Cumpans am melſten geleſen ſind, wie ſich das auch ſo gehört und gebührt.— Es ſcheint überhaupt, als wenn der Geſchmack am Grauſi— gen und Schrecklichen in der Leſewelt mit dem Zeitalter gleichen Schritt gehe, worin ſo viele Barbareien und Abſcheulichkeiten aller Art began⸗ gen worden ſind. Man iſt durch die Scenen der franzöſiſchen Rebolution und durch den Krieg ſo an die Leſung und Anhörung jener gewöhnt wor— den, daß Gemälde aus dem häuslichen Leben und Schilderungen freundlicherer Scenen aus der Na⸗ — 412— tur und dem geſolligen Cirkel von dem großen Haufen als langweilig betrachtet werden.— Durch dergleichen Schriften, wie die angeführten, wird nun hier, wo man ehemals gar nichts las, jetzt der Geſchmack gebildet. Man kann ſich vorſtel— len, auf welchen Grad der Vortrefflichkeit er kom— men müſſe. Die vorzüglichſte Buchhandlung zu Coblenz iſt die Laſſaulryſche, in deren Verlag in den leztern Jahren mehrere gute Werke und Ueberſez— zungen erſchienen ſind. Der RNechtsgelehrte Herr Laſſaulx, hat in derſelben unter andern das franzöſiſche Civilgeſetzbuch mit Anmerkungen her— ausgegeben. Mit dieſer Buchhandlung iſt auch eine Druckerei verbunden.— Unter den Gelehrten in Coblenz ſind der eben angeführte Herr Laſſaulr, Herr Hilſcher, ehe— mals Profeſſor in Leipzig, jezt Präfekturrath, Herr Görres Lehrer an der bieſigen Secundär— ſchule ꝛc. auch in Deutſchland bekannt.— Der B. Becker, Verfaſſer mehrerer Schriften, unter an— dern einer Reiſe durch einige rheiniſche Departe— ments und vormaliger Redacteur der Coblenzer Zeitung, befindet ſich nicht mehr hier. Er iſt — 415—.— als Sicherheitsbeamter(Magistrat de Sureto) auf dem Hundsrück angeſtellt worden.— In Coblenz, wie in Mainz und Cölln ſuchten bisher abwechſelnd deutſche und franzöſiſche Schau— ſpielergeſellſchaften, welche hier ihr Glück verſu— chen wollten, ſich den Rang abzulaufen. Einmal ſpielten während des Krieges ſogar beide Geſell— ſchaften einige Wochen abwechſelnd. Indeſſen war es ſehr natürlich, daß in einer ſo kleinen Stadt die Subſiſtenz zweier Schauſpielergeſellſchaften un— möglich lange dauern konnte. Es war nur die Frage: welche abziehen ſolle, die franzöſiſche oder die teutſche(damals die Böhmiſche). Das teut— ſche Publikum, natürlich die größere Zahl, war für die teutſche; die franzöſiſchen Angeſtellten und das Militair für die franzöſiſche. Der Böhmi— ſchen wurde vom leztern zu ſpielen verboten, was der Präfekt erlaubt hatte. Das Militair drohte die Vorſtellung zu verhindern; der Präfekt ver— ſuchte ſie zu ſchützen. Darüber kam es zwiſchen beiden Autoritäten zu ſehr ernſthaften Streitigkei⸗ ten. Wie ſich damals in alles der Partheihaß miſchte ſo auch hierbei. Die ganze Stadt nahm Theil an dieſen Händeln und ſprach für und wi⸗ der. Der Bürger Becker, der in ſeiner Zeitung etwas ſehr Wahres über dieſe zwei Geſellſchaften ſagte, es ſo wie alle bernünftige Menſchen lächer— lich fand, daß beide Schauſpielergeſellſchaften hier wären, und auch den franzöſiſchen ihr nahes En⸗ de prophezeihte, erregte dadurch bei der Antiböh⸗ miſchen Parthei großes Mißfallen, ja einige woll⸗ ten darin, daß man hier der teutſchen vor der franzböſiſchen den Vorzug gebe, ſogar den Einfluß Oeſterreichs und Englands erkennen!(ſ. Bew. des Weſterh. Nro. 141). Endlich gieng Mad. Böhm von hier weg und die franzöſiſchen Schauſpieler bald nach ihr. — à Unter die lehrreichen Unterhaltungen, die man in Coblenz und in jeder größern franzöſiſchen Stadt findet; kann man auch die Sitzungen der Tribunäle rechnen, die zufolge des Geſetzes bei of— fenen Thüren gehalten werden. Das Publikum nimmt an den Verhören und Verurtheilungen, be— ſonders wenn im Züchtigungsgericht oder im pein— lichen Tribunal über wichtige Verbrechen verhan⸗ delt wird, gemeiniglich ſehr vielen Antheil. Min— der beſucht ſind die Sitzungen des Civiltribunals, wo blos über mein und dein geſtritten wird, und die daher etwas trocken für den Layen in der Jurisprudenz ſind. Der Saal, worin zu Coblenz — 415—— die Sitzungen des Criminalgerichts gehalten wer⸗ den, befindet ſich, wie ſchon oben geſagt wor— d en, im ſogenannten Dikaſterialbau. Er iſt ei— ner der ſchönſten Tempel der Juſtiz, die ich je geſehen habe, und ſticht auffallend gegen die fin, ſtern ſtaubigen Amtsſtuben in Teutſchland abe, wo bei verſchloſſenen Thüren, ungeſehen vom Pu— blikum, Verbrecher gerichtet werden. An der Fen— ſterwand des Saals hängt eine ſchwarze Tafel, worauf teutſch und franzöſiſch mit großen Buchſta— ben der achte bis vierzehnte Artikel der Erklärung der Rechte und der Pflichten des Menſchen und Bürgers, wie ſie die Conſtitution des Sten Jah⸗ res beſtimmt, geſchrieben ſtehen. Ueber denſel— ben ſtehet die Inſchrift: Gerechtigkeit und Menſchlichkeit(Justice et Humaniteh. An den Wänden hängen die römiſchen Fasces und das Beil, und einige republikaniſche Fahnen. Auf einer Eſtrade ſitzen an dem Tiſche die Richter in ihrem Coſtume, der Präſident in der Mitte; zur Rechten der öffentliche Ankläger; zur Linken der Vollziehungs Commiſſär. Der Greffier(Sekre⸗ tär) des Gerichts ſitzet zur Rechten neben dem öffentlichen Ankläger, und neben dieſem zur Sei— te die Geſchwornen(Jury's) zwölf an der Zahl und drei Zugegebene. An der linken Seitenwand * 416— fitzt auf einem erhöhten Stuhle der Angeklagte, mit 2 Gensd'armes zu beiden Seiten; und unter ihm ſein Vertheidiger. Die Zeugen ſitzen den Richtern gegenüber auf Bänken, und neben den— ſelben befindet ſich der Stuhl des Huitiers (Gerichtsboten). Alle dieſe Perſonen ſind durch Schranken von dem Publikum getrennt, das den übrigen Platz des Gerichtsſaals einnimmt. Es iſt niemand erlaubt, mit einem Stock in den Saal zu gehen, noch den Hut darin aufzubehalten. Das Ganze hat ein ſehr impoſantes und feyer— liches Anſehen. Ich habe mehreren Sitzungen dieſes Gerichts beigewohnt, und verſichere gern, daß mir die dabei borkommende Prozedur Vergnügen gemacht hat, weil ſie ſelbſt den Menſchen in dem Verbre— cher noch ehrt. Bekanntlich iſt die franzöſiſche Criminaljuſtiz der engliſchen nachgebildet, wobei ſie ſehr viele Verbeſſerunzen erhalten hat. Ich halte dieſe Art zu richten und gerichtet zu wer⸗— den, für die beſte, die es giebt, ob ſie gleich auch ihre Mängel hat, wie alle menſchliche Ein— richtungen. Der Angeklagte ſtehet hier nicht in Ketten und Banden ſtundenlang, oft zum Nie— derſinken erſchöpft, einem ſinſtern Richter gegen— über, der mit harten Worten, Drohungen und — 417— oft Schlägen ſein eigenes Geſtändniß von ihm zu erpreſſen ſucht, das bei uns zur Beſtrafung eines Verbrechers erfordert wird. Hier iſt es, wie in England. Die Anklage wird abgeleſen, der Prä— ſident des Gerichts fragt, und die Zeugen 2 charge und A decharge— für und wider den Angeklagten— thun ihre Ausſagen. Das Geſetz hat den gewöhnlichen Zeugeneid abgeſchaft. Der Zeuge wird vor den Präſidenten gerufen;„ und ſchwört:„ohne Haß und Furcht zu reden, die Wahrheit zu ſagen, die ganze Wahr heit und nichts als die Wahrheit“— Dabei werden ihm die zwei Artikel aus dem peinlichen Geſetzbuche vorgeleſen, welche die Strafen gegen den falſchen Eid beſtim— men. Wer in einer Civilſache ein falſches Zeug⸗ niß ablegt, ſoll zu einer Zwangsſtrafe von 6 Jah⸗ ren berurtheilt werden; wer aber überwieſen iſt, in einem Criminalprozeſſe ein ſolches abgelegt zu haben, ſoll mit einer 20jährigen Kettenſtrafe be⸗ legt, und ſogar am Leben geſtraft werden, wenn der Beklagte, gegen welchen er als Zeuge auf— getreten iſt, zum Tode verurtheilt wurde. Ich glaube, daß dieſe zeitliche Beſtrafung des fal— ſchen Zeugniſſes und falſchen Eides weit wirkſa⸗ 7 nter beide verhindert, als in Teutſchland die An drohung der Ewigkeit der Höllenſtrafen. Die Geſchwornen, Bürger des Departements, hören die Zeugniſſe zum Vortheil oder zum Nach⸗ theil des Angeklagten. Der Angeklagte wird ge⸗ fragt, ob er nichts wider einen derſelben einzu⸗ wenden habe? Dann hört man den Vertheidiger des Angeklagten. Der Regierungscommiſſair ſetzt ſeinen Antrag ſchriftlich auf, und übergiebt ihn dem Präſidenten. Die Richter entfernen ſich, um die den Geſchwornen vorzulegenden Fragen auf— zuſetzen. Sie kommen wieder in den Sitzungs⸗ ſaal, und leſen-die auf das Verbrechen des An⸗ geklagten Bezug habenden Fragen laut vor, die ſie den Geſchwornen übergeben⸗ Dieſe gehen nun zur Berathſchlagung in ein Nebenzimmer. Von ihren Antworten, die blos in Ja und Nein beſtehen, hängt die Freiſprechung oder Verurthei— lung des Angeklagten durch die Richter ab, wo—⸗ bei der Präſident im letztern Falle den Text des angewandten Geſetzes laut vorlieſet. Ich hörte in einigen der Sitzungen des pein⸗ lichen Gerichts den B. Becker als Vertheidiger des Angeklagten öffentlich reden— Er ſprach mit vielem Feuer und mit Wärme. Einmal war der Angeklagte des Mordes ſeines Oheims in einem Walde beſchuldigt. Es war richtig, daß der Mord geſchehen war, aber es war nicht erwieſen, daß es der Angeklagte gethan habe. Die Ge— ſchwornen, welche, wie gewöhnlich, ſchriftlich gefragt wurden, ob ſie im Grunde ihres Herzens über zeugt wären, daß der An— geklagte der Todtſchläger ſey? mußten dies na— türlich mit Nein! beantworten, und ſo gieng das Urtheil des Gerichts dahin: der Gefangene werde auf der Stelle in Freiheit ge⸗ jetzt(qu'il soit mit sur le champ en liber- té); wie die Worte des Geſetzes ſelbſt lauten.— Die Gensd'armes traten zurück. Der Angeklagte war frei. Man kann ſich die Empfindung des Menſchen denken, über dem ſchon das Beil ſchweb⸗ te. Wirklich war er ſchon vom Tribunal crimi— nel des Roerdepartements zum Tode verurtheilt worden, und an das hieſige war ſein Prozeß durch Appellation gekommen.— Aber er verlor ſeine Freiheit auch ſehr ſchnell wieder. Der öf— fentliche Ankläger las eine neue Anklage gegen ihn ab, den Leichnam ſeines ermordeten Oheims heimlich im Walde begraben zu haben. Da die⸗ ſes wider das Geſetz iſt, ſo befahl das Tribunal aufs neue ſeinen Arreſt. Indeſſen war nun we— nigſtens ſein Kopf gerettet, da er jetzt niemals — 420— wieder wegen der erſten Anklage des Mordes vor Gericht gezogen werden kann. So vortrefflich die neue franzböſiſche Criminal⸗ juſtitzberfaſſung iſt, ſo kleben ihr doch Mängel an, die der Verbeſſerung ſehr bedürfen. Dies gilt vorzüglich in Rückſicht der Geſchwornen. Sie werden in den Gemeinden von den Friedensrich— tern auf die Liſte geſetzt; und dann zu der Siz— zung des Gerichts, wenn ſie nöthig ſind, be— ſchieden. Jeder derſelben erhält täglich 5 Livres Diäten, welche aus der Departementskaſſe ſehr richtig bezahlt werden. Aus Gefälligkeit werden nun oft diejenigen von der Liſte ausgeſchloſſen, welche am fähigſten wären, dieſe Stellen zu be— kleiden, und dafür gemeine unwiſſende Menſchen darauf geſetzt, denen es nur um die 8 Liv. zu thun iſt. Da aber zu einem Geſchwornen eben ſo ſehr geſunder Menſchenverſtand und Urtheils⸗ kraft, als ein rechtlicher Charatter gehörts, die bei jenen Leuten oft gänzlich fehlen, ſo betrügt man den Staat und die allgemeine Sicherheit durch die Ernennung ſolcher Leuten, die oft nicht die mindeſte Idee von dem haben, wozu ſie eigentlich berufen ſind. Im Ganzen genommen ſind die Geſchwornen zu gelinde, weil die Gefetze zu ſtreng ſind. Sie wiſſen, das Geſetz beſtimmt, im Falle 421— ſie dieſe oder jene Frage mit ja beantworten, Tod oder lange Kettenſtrafe, und ſie haben ſelbſt bei der innerlichen Ueberzeugung der Schuld des Ver— brechers nicht den Muth ihr ja! zu ſagen. Zu⸗ weilen werden auch die Fragen von den Richtern ſo geſetzt, daß die Geſchwornen, ohne ihre All, wiſſenheit anzunehmen, ſie nicht beantworten kön— nen, und deshalb werden eine Menge Verbre— cher losgeſprochen, die man nach allen Umſtän⸗ den für ſchuldig halten muß. Da ſich denn hier auch in alles der Parthei⸗ geiſt miſcht, ſo glauben auch wohl die Gegner der Verfaſſung, welche Geſchworne ſind, das Tri— bunal zu ärgern, wenn durch ihre Entſcheidung ein Verbrecher in Freiheit geſetzt wird.— Auch Geiſtliche waren bisher oft Geſchworne. Da es aber wider die Grundſätze der Kirche iſt, daß ein Prieſter über peinliche Sachen entſcheide, ſo hat der Regierungs Commiſſair(unterm 8 Meſſidor 9 J0 beſchloſſen, daß künftighin kein Prieſter mehr auf die Liſte der Geſchwornen kommen ſolle⸗ Ein anderes Gebrechen der franzöſiſchen Cri— minaljuſtiz iſt die außerordentliche Langſamſeit, mit welcher man dem Geſetze zuwider zu Werke geht. Man läßt die Verbrecher Wochen und Mo— nate lang in den Gefängniſſen ſitzen, ehe man zum 422— Verhör ſchreitet. Dieſes Verfahren wird in der Coblenzer Zeitung Nro. 40. 29 Vent. 9 Jahr gerügt. Für diejenigen, welche ſich in der Verfaſſung der franzöſiſchen Criminaljuſtiz genauere Kennt— niſſe erwerben wolleß, dienet das Magazin der peinlichen Rechtsgelehrſamkeit für die vier neuen Departements auf dem linken Rheinufer. Geſammelt und herausgegeben von J. N. Becker. 1 Heft. Berlin bei Schöne. 1800. 8. Ich habe ſchon oben einiger Gaſthäuſer in Co— blenz ervähnt. Für eine Stadt von ſo kleinem Umfange und wohin während des Krieges ſo we— nig Reiſende kamen, ſind ſie ſehr gut beſtellt. Außer dem oben angeführten Trieriſchen Hof und den 5 Schweizern logirt man gut in der Poſt bei B. Maas, im Wilden Mann ꝛcſ— Die lange Anweſenheit des vielen franzöſi— ſchen Militärs zu Coblenz hat die Entſtehung ei— niger ſehr ſchönen Caffeehäuſer veranlaßt, die ſich auf dem Paradeplatze befinden. In einem der— ſelben, dem ſchönſten, wurde auch Biribi und Rouge et noir geſpielt, welches in den übri— gen Departements ſtreng verboten iſt. — 425— Unter die angenehmſten Orte in Coblenz ge⸗ hört ein öffentlicher Garten, der dicht am Rhei⸗ ne etwas oberhalb der Schiffbrücke liegt, und aus deſſen Laube und Gartenhauſe man eine auſ— ſerordentlich ſchöne Ausſicht hat. O es iſt ein liebliches Plätzchen! Geſellſchaft fand ich ſelten oder gar nicht darin; der Garten gehört, ſo ſag— te man mir, einem Patrioten(ich glaube dem B. Laßaulx) und war vormals deswegen als ja⸗ kobiniſch verſchrieen. Er iſt an den B. Kröll, Wirth in den 3 Schweizern verpachtet, welcher auf Verlangen allerlei Erfriſchungen giebt. Ich habe mich darüber weggeſetzt, ein paar Tage lang in den Verdacht des Jakobinismus zu kommen, und hier manches Stündchen gern am Ufer ge— ſeſſen. Seine ſchöne Lage verdient, daß ihn je— der Fremde beſuche, zu welcher Parthie er ſich auch bekennen möge! Durch die im Reichsdeputationsſchluß, ange⸗— ordneten Beſtimmungen iſt der Coblenz gegenüber⸗ liegende Ort, Thal Ehrenbreitſtein an den Fürſten von Naſſau-Weilburg gekommen, und jezt der Sitz mehrerer fürſtlichen Dicaſterien. Viele Familien vom linken Rheinufer zogen hierher, auch etablirten ſich hier mehrere Handelshäuſer, ſo daß dieſer Ort jezt ziemlich lebhaft iſt. —— — 2 *— 2 R Rheinfahrt von Coblenz nach Neuwied⸗ Neunter Es iſt, wie ich glaube ſchwer zu entſcheiden, ob die Rheinfahrt von Mainz nach Coblenz, oder die von Coblenz nach Cölln in Anſehung der na— türlichen Schönheit der Gegend den Vorzug ver— diene?— Beide haben unendlich viele Mannich— faltigkeit, aber beide tragen einen unendlich ver— ſchiedenen Charakter. Mich dünkt, daß die Ge— genden unterhalb Coblenz, beſonders von Ander— nach an, bis etwas unter das Siebengebirge hin— ab, ein eigenes Gepräge von heiterer Größe und Majeſtät haben das man an den Gebirgsufern von Bingen bis Coblenz, im Ganzen zenommen, nicht findet. Oberhalb Coblenz ſchränken die Ber— ge zu ſehr den Fluß ein, und hängen zum Theil drohend über ihn herab; hier ließen ſie ihm Raum ſich auszubreiten, treten zurück und erhe— ben ſich einzelner in coloſſaliſchen Felsmaſſen, de—⸗ — 428— nen man es anſieht, daß ſie Kinder großer phyſi— ſcher Revolutionen ſind. Man macht jezt mit den Poſtſchiffen, wie ſchon oben angeführt worden iſt, bei nicht ganz ungünſtigem Winde und wenigſtens mittelmäßigem Waſſerſtände, im Sommer die Reiſe von Co— blenz nach Cölln, ſo wie die von Mainz nach Coblenz in einem Tage, d. h. von Morgens früh um 5 Uhr bis Abends 8 Uhr. Indeſſen ſcheint mir dieſe zweite Tagereiſe, doch etwas ſtärker zu ſeyn, als die erſtere. Auch die Dili— gencen zu Lande, deren täglich alle Morgen meh— rere von Coblenz nach Colln gehen, fahren den 18ſtündigen Weg dahin in einem Tage, näm⸗ lich von. Morgens 5 Uhr bis Abends 5 bis 6 Uhr. Man ſpeiſet alsdann ſchon zu Mittag um 2 Uhr in Bonn. Von Cölln herauf nach Co— blenz koſtet der Platz 122 Livres; nämlich 10 Lib. für den Platz; 1 Liv. Droit de Disième und 1 Lib. Chaußeegeld. So iſt es auf dem Zettel an— gegeben, den man in Coölln bei Bezahlüng des Platzes erhält. Dieſe, Diligencen ſind ſehr bequem, hängen in Riemen, ſind mit Plüſch oder Tuch ausge— ſchlagen, und wie jede andere Chaiſe oder Kut— ſche gebauet. Sie ſind meiſtens für 6 Perſonen — 429— eingerichtet, häufig ſind es auch nur vierſitzige Halbwagen. Da dieſe Poſtkutſchen jezt Pribat— unternehmern gehören, ſo bemühen ſich dieſe auf alle Art, den Beifall der Reiſenden zu erhalten, weil ſie nur durch dieſen und das Zutrauen des Publikums beſtehen können. Ueberdles herrſcht auch in Anſehung des Einſchreibens der mitzu⸗ nehmenden Bagage oder der mitgeſchickten Sachen eine große Ordnung, die ſich viele teutſche Poſt— halter zum Muſter nehmen könnten. Daß man nicht ſage, es wäre in Teutſchland, bei oft ſo ſchlechten Wegen nicht möglich, mit einer, wöhl— gebauten in Riemen hängenden Diligenee zu fah— ren; die Wege in einem großen Theile von Frank— reich waren bisher ſo ſchlecht, als ſie es in den Theilen von Deutſchland kaum ſind, wo man kei— ne Chauſſeen hat. Aber demungeachtet kommt man ſchnell und bequem fort. So fährt man mit einer ſolchen Diligence, die 22 Stunden(Lieues) von Cölln nach Lüttich in einem Tage, und auf dem abſcheulichſten Wege den es geben konn— te, von Lüttich bis Brüſſel(21 Stunden) wie— der in einem Tage, wobei man freilich früh auf— ſtehen muß. Aber man hat doch ſeine Bequem— lichkeiten, man findet ſich ſchon im Poſthauſe, das auch gewöhnlich zugleich das Wirthshaus iſt, erwartet, und ein gutes Abendeſſen und Betten bereit, dagegen man, beſonders im Norden Teutſch— lands Tag und Nacht auf der plumpen Maſchine geradbrecht wird, ohne oft lange irgend eine Er— quickung zu finden. Dieſer Mangel an Sorgfält für die Reiſenden hat ſeinen Grund in falſch be— rechneten cameraliſtiſchen Rückſichten, und in dem Mangel an Achtung, den man überhaupt in Teutſchland gegen das Publikum zeigt. Hier wo die Fortſchaffung der Reiſenden Privatſache iſt, und zum Gewerbe des Bürgers wurde, tritt die Nothwendigkeit ein, durch zweckmäßige Einrich— tungen den Beifall der Reiſenden zu erlangen zu ſu— chen. Welcher Menſch will aber mit den unbe— deckten roth angeſtrichenen Leiterwagen, wie man ſie in Leipzig, Halle, Magdeburg u. ſ. w. vor den löblichen Poſtämtern ſtehen ſieht, eine Reiſe auch nur von wenigen Stunden machen? Wahr— lich, ich halte den für ſehr unglücklich, der dazu verdammt iſt! Rühmlich iſt daheh die Sorge der Generaldirection der Fürſtl. Taxiſchen Poſten die Beſchwerlichkeiten der Reiſenden durch gute Poſt— wägen zu vermindern. Auf allen großen Straßen die von Frankfurt ausgehen, nach Mainz, Ba⸗ ſel, Stuttgardt, Nürnberg de. ſind ſeit einigen Jahren Diligencen eingeführt, die ganz nach Art 461— der Franzöſiſchen gebauet ſind. Wann wird man es einmal im nördlichen Teutſchland dahin bringen? — In den letzten Tagen meines Aufenthaltes zu Coblenz hatte ſich eine Geſellſchaft von mehreren Perſonen zuſammen gefunden, die alle den Fluß hinab fahren wollten. So mannichfaltig ſie auch zuſammen geſetzt war, und ſo unbekannt wir uns vorher waren, ſo bereinigte uns doch bald der gleiche Zweck, und Fröhlichkeit herrſchte auf üun⸗ ſerm kleinen Fahrzeuge. Dieſe kurze Fahrt war ein Bild der Reiſe durch dieſes Leben im Klei⸗ nen. Hier, wie dort, ſoll einer das des an⸗ dern erheitern; man ſoll ſich dulden, und ertra⸗ gen. Das Schickſal führte uns zuſammen auf das Schiff, wie es uns im Leben mit Tauſenden auf die große Bühne der Welt ſtellt. Endlich kommt die Trennungsſtunde hier und dort, und führt uns von einander. Wir ſtießen vom Lande, und der Strom, der hier ziemlich reißend iſt, führte uns ſchnell fort. Ehrenbreitſtein war damals noch. Die (franzöſiſchen) Schildwachen giengen auf den Wäl⸗ len und Baſtionen ſpazieren, und ſahen auf dieſer Höhe wie Kinder aus. Auf einem Thurm wehte die große Fahne der Republik, welche an jedem Dekadentage ausgeſteckt ward, und ein ſolcher war heute. Die untern Werke der Feſtung und ein Theil der Häuſer lagen ſchon ſeit einiger Zeit ge— ſchleift als Schutthaufen da. Bald waren wir an der Mündung der Moſel. Sie bildet eine ſchone Perſpectibe, ohngefähr wie die der Nahe, aber hier iſt alles weiter, größer und auch dem Auge näher. Jenſeits der Brücke ragt auf der Anhöhe Marceau's Denkmal weit hervor. Zur Linken ſieht man zuerſt den Flecken Neu⸗ endorf, einen wohlgebauten Ort, und zur Rech— ten Orber, ein ärmliches Dörfchen. Die Inſel Niederwerch mit einem Dorfe trägt an ihrer Spitze eine Ciſterzienſer Nonnenabtei, die im J. 1242 von Wilhelm Freiherrn von Helfenſtein ge— ſtiftet wurde. Das Kloſter hat in dem Kriege viel gelitten. Etwas weiter hinab zur Linken ſieht man ein anderes Kloſter Wallersheim mit einem Dorfe, und zur rechten ein drittes das Klo— ſter Beßelich, an deſſen Fuße Maller, ein kleines Dörfchen, liegt. Schon in der Ferne zeichnet ſich unter den klei⸗ nern Ortſchaften, die man paſſirt, Vallendar aus, ein ſehr nahrhafter Flecken, voller Wollen⸗ manufakturen und Färbereien. Berühmt wegen ihrer ausgebreiteten Geſchäfte iſt hier die Deſteri— ſche Lederfabrik. Auf dem linken Ufer folgen hier auf einander die Dörfer Keßelheim, Sebaſtian-Engers, Kalten-Engers und Urmitz. Zur Rechten liegt entfernt vom Ufer Ben— dorf, ein ehmals Brandenburg-Anſpachiſcher Flecken am Ausfluſſe der Sayn in den Rhein, jezt dem Fürſten von Naſſau Uſingen gehörig. Der Name dieſes Ortes iſt während dieſes Krie— ges durch mehrere Rheinübergänge der Franzoſen in ſeiner Nähe berühmt geworden, aber es hatte der Beſitznahmte des Königs von Preußen nach dem Regierungsabtritt des Marggrafen von An ſpach⸗ Bayreuth die Befreiung von vielen Laſten des Krie⸗ ges zu danken. Unter Bendorf ſieht man das Dorf Mühlen— hofen, und hinter dieſem am Fuße des Weſter⸗ waldgebirges in einer ziemlichen Entfernung vom Ufer die Ruinen des alten Schloſſes Sayn, dem Wohnſitze der alten Grafen dieſes Namens, die ſchon im Anfang des ꝛö8ten Jahrhunderts für ihre Zeiten mächtige Ritter waren. Dabei liegt die von ihnen erbaute Prämonſtratenſer Abtei Sayn. Unter dieſer Ruine iſt ein ſchöner Landſitz des Gra⸗ fen von Boos zu Coblenz. 28 Dem obengedachten Dorfe Kalten-Engers ge— genüber auf dem rechten Ufer paſſirt man den Flek⸗ ken Zoll-Engers, oder Cuno-Sngers. Er iſt durch ein großes pallaſtähnliches Gebäude aus— gezeichnet, daß der Kurfürſt von Trier, Johann Philipp, Graf von Walderdorf, aus dem Hauſe Molsberg, erbauen ließ. Vorher ſtand hier ein altes Schloß mit einem feſten Thurme von Erzbi⸗ ſchof Kuno von Falkenſtein 1568 erbaut.) Das Städtchen oder der Flecken Zoll Engers iſt 1797 faſt völlig abgebrannt, aber ſeitdem ſchöner wieder aufgebauet worden⸗ Ehemals war hier ein Zoll, der aber nach Coblenz verlegt wurde.— Einen eigenen Nahrungszweig der hieſigen Einwohner machen eine Art leichter Sandſteine aus, die weich aus der Erde gegraben, in eine viereckigte Form gebracht, getrocknet und in der Gegend, ſelbſt ſchon in Frankfurt, beim Bauen zum Ausfüllen der Wandfächer gebraucht werden.— Nach dieſem Ort wird das umliegende Land das Engersgau genannt⸗ Von Engers bis Neuwied folgen aufeinander, doch zum Theil entfernt vom Ufer, die Prämon— ſtratenſer Abtei Rommersdorf, Heim⸗ —— „) Jezt gevört es dem Fürſten von Naſſau-Weilburg⸗ 488— bachweis, Langendorf, und in der Ferne ſieht man das Luſtſchloß des Fürſten von Neu— wied Monrepos auf de: Höhe. Dem weißen Thurme gegenüber, ob ehe 9 ie! waren ehemals zwei Höfe, Hofrheinau und G euch. Die Franzoſen haben den erſtern verbrannt, und den andern geſchleift. Von dieſem Orte wüßte ich nichts Intereſſan— tes zu ſagen, außer daß die Abtei Rommersdorf römiſchen Urſprungs ſeyn ſoll. Man hat hier rö—⸗ miſche Alterthümer und Münzen gefunden, und einige Schriftſteller haben daher vermuthet, daß in dieſer Gegend Julius Cäſar ühber den Rhein gegangen ſey, welches ſie aus dem 4 und 6 Bu— che ſeiner Nachrichten vom galliſchen Kriege be— weiſen. Einige auf einem Berge bei der Abtei ge— dene Säulen fremden Urſprungs, die jetzt noch im Capitelhauſe ſtehen,, ſollen dieſe Vermuthung beſtätigen. Nach Tacitus(18 Buch) ſollen da— mals hier die Juhoner und die Übier gewohnt ha⸗ ben.— Auch will man aus dem Namen Romers— dorf(Villa romana) ſeinen römiſchen Urſprung herleiten. Die Prämonſtratenſer wohnen ſeit dem Jahre 1155 in dieſer Abtei„welche vorher von Benedictinern beſeſſen wurde.— Die Gebäude der Abtei ſind modern. Man hat aus derſelben eine ſchöne Ausſicht auf den Rhein und die Bergkette, welche ſich in einem halben Cirkel etwas entfernt vom Ufer bis nach Andernach hinabzieht. Von Urmitz an liegen bis Weißenthurm, Neuwied gegenüber, auf dem linken Ufer der gute Mann und Kettich, zwei unbedeutende Ortſchaften.— Außer der Inſel Niederwerth ſind noch einige Inſeln auf dieſem Wege von Coblenz nach Neuwied(5 Stunden). Weißenthurm iſt ein ziemlich ſchönes Dorf mit einem großen viereckigten Thurm, das ehemals dem Kurfürſten von Trier gehörte. Es hat in dieſem Kriege eine ungewünſchte Celebri⸗ tät erhalten. Durch ſeine Lage, der Ebene von Neuwied und einer Rheininſel gegenüber, war das Ufer hier vorzüglich günſtig, einen Uebergang über den Fluß zu machen, und dies iſt hier meh⸗ reremale geſchehen. Noch jetzt ſieht man dis Schanzen und Batterieen, unter deren Schutze ſie unternommen wurden. Das ganze Feld ober- und unterhalb dieſes Dorfes iſt noch aufgewühlt.— Ich werde dieſer kriegeriſchen Ereigniſſe bei Neu— wied gedenken.— Wie viel die Einwohner litten, kann man ſich ohngefähr vorſtellen, wenn man überlegt, daß bei dieſem Orte oft 50, und mehre— re tauſend Mann in einer kleinen Entfernung cam— pirten, daß ihre Häuſer dem öſterreichiſchen Ka— nonenfeuer ausgeſetzt, wiewohl die Anhöhe ſie ei— nigermaßen ſchützte, und daß alle kriegeriſchen Er— eigniſſe ſo nahe waren, wie man ſie vielleicht nir⸗ gends näher ſehen konnte. Der Uebergang über den Rhein, beſonders unter dem General Hoche im Jahre 2797 war vielleicht das majeſtätiſche⸗ ſte Schauſpiel während des ganzen Krieges, die Seeſchlacht bei Abukir ausgenommen. Auf einer Anhöhe bei Weißenthurm links am Wege nach Andernach erhebt ſich das Denkmal des Generals Hoche. Es beſteht in einer vier— ſeitigen Pyramide, die auf einem Sarkophag ruht. Die Vorderſeite derſelben führt die Inſchrift: L'Armée de Sambre ét Meuse à son General en Chef Hoche. Dies Denkmal iſt, ob es gleich ſchon 4 Jahre ſteht, noch nicht vollendet. An dem Sarkophag fehlen noch die Platten mit den Inſchriften, wel— che auf den vier Seiten deſſelben eingelegt werden ſollen. Warum es noch nicht fertig iſt, kann ich nicht angeben. Zufolge der Nachricht des B. Van⸗ recum in ſeinem Almanach(S. 57) iſt es von dem B. Krahe in Coblenz verfertigt, aber nicht, wie man aus der Inſchrift ſchließen ſollte, auf Ko— ſten der Armee, ſondern der jungen Gattin des Ge— nerals, die er zurückließ. Hoche ſtarb am 12 September 1798 zu Wezlar. Weißenthurm gegenüber liegt Neuwied, die Hauptſtadt der Grafſchaft Wied, Neuwied, und die Reſidenz der Fürſten dieſes Namens. Die Grafſchaft Wied,Neuwied theilt ſich in zwei Theile, in die obere und niedere Grafſchaft. Erſtere iſt die Wied-Neuwiedſche, die andere die Wiedrunkeliſche, die ihren eigenen Herrn hat. Beide haben ſich in den neuern Zeiten in den Für— ſtenſtand erheben laſſen. Die erſtere gehört zum weſtphäliſchen Kreiſe; der Fürſt hat nichts von ſeinen Beſitzungen verloren, dagegen Wiedrunkel, die anſehnliche Grafſchaft Krichingen(Créange) auf dem linken Rheinufer, verloren hat.(Dieſe liegt mit den dazu gehörigen Herrſchaften im We— ſterrich, weſtlich von Saarwerden, in der Ge— gend von Metz und Saarbrücken, und begreift 10 Dörfer in ſich. Sie iſt nach Traiteur ohnge— fähr 2 Quadratmeilen groß, hat etwa 5800 Ein— wohner, und brachte nebſt den Revenuen von Ra— ville, und mehrern belehnten Herrſchaften, die zum Luxemburgiſchen Marſchallamt gehörten, ohn⸗ gefahr 56000 Gulden jährlich ein.) Der beſte Theil der Grafſchaft Neuwied liegt in dem Keſſel des ehemaligen Engersgaus, der größere aber hinter dem Bergrücken, der ſchon ei⸗ nen Theil des Weſterwaldes ausmacht. Indeſſen iſt er doch weit fruchtbarer, als dieſer. Die Trie— riſchen, Cöllniſchen, Dierdorfer und Wiedrunkel— ſchen Beſitzungen begränzen und durchſchneiden die⸗ ſes kleine Land, das ehedem größer war. Als aber nach dem Tode des Grafen Ernſt von Yſen⸗ burg im Jahre 1664 der Mannsſtamm der Gra— fen von Nieder-PYſenburg erloſche, erklärte Chur— Trier dieſes Land für Mannlehen, das dem Lehn⸗ hof wieder zufallen müſſe, und zog daſſelbe auch an ſich. Seit dieſer Zeit iſt bei dem Reichshof⸗ rathe ein Rechtsſtreit darüber anhängig. Aber der Churfürſt vermochte mehr, als ſein ſchwäche⸗ rer Nachbar, obgleich der letztverſtorbene Fürſt Friedrich Alexander bei ſeinem Auffenthalte in le ihm zu ſeinem Recht verhelfen wollten, wozu der franzöſiſche Geſandte M. de la Beaume da— — 44— mals einige Schritte that, die indeß vergeblich waren. Die günſtige Lage des Landes und der Stadt Neuwied am Fluſſe und die Bequemlichkeiten und Vortheile, welche ſie gewährt, nöthigt die Re— gierung deſſelben indeſſen auch ſehr viel auf Waſ— ſerbauten zu verwenden. Von Urmitz bis hier— her bildet der Rhein einen großen Halbzirkel. Er ſtrömt mit großer Heftigkeit beſonders auf das rechte Ufer in dieſer Gegend. Bei der durch den Krieg vernachläßigten Unterhaltung iſt ſehr viel Land verloren gegangen. An der Stadt hat der Rhein eine Breite von 1400 Schuhen, fließt ſehr ſchnell, und friert ſelten zu. Sie iſt ſehr leicht einer Ueberſchwemmung durch ihn ausgeſetzt.— Es ge— het hier eine Fähre oder ſogenannte Nähe über den Rhein, um Wagen überzuführen. 1742 ließ der Graf von Neuwied und der Kurfürſt von Cölln ei⸗ ne fliegende Brücke anlegen, welche der letztere in Schutz nahm, und über welche er die Gerichts— barkeit erhielt. Auf die Klage von Chur-Trier aber, beim Reichshofrath, mußte ſie wieder wegge⸗ bracht werden.— Eine Viertelsſtunde unterhalb der Stadt fällt die Wied, ein Bach, welcher der Grafſchaft den Namen gegeben hat, in den Rhein. Sie ent, 4⁴² ſpringt ohnweit des Wiediſchen Dorfes Dreifelden, 7 Stunden von der Stadt, läuft in vielen Krüm— mungen durch das Dierdorfiſche, Hachenburgiſche und Cöllniſche, treibt viele Hüttenwerke, Müh— len ꝛc., ſchwillt leicht an, da ſie immer zwiſchen Gebirgen läuft, und iſt weder fiſchreich noch ſchiff bar. Die untere Grafſchaft hat verſchiedenen Bo— den; die Gegend dieſſeits des Gebirges in dem Keſſel iſt meiſtens fruchtbar, und hat in der Nä— he des Rheins vielen Weinbau, worunter der bei dem Dorfe Fahr, gegen Andernach über, der beſte iſt. Die obern Kirchſpiele erndten drei Wochen ſpäter, haben aber gutes Korn, Hafer und Flachs. Holz iſt das Hauptprodukt des Landes. In dem— ſelben ſind Kupferwerke, Alaungruben, Baſalt— brüche und Salmiakfabriken; vorzüglich wichtig ſind die Thongruben in den obern Kirchſpielen, wor— aus eine große Menge ſteinerner Krüge für die mineraliſchen Quellen zu Selters, Fachingen, Schwalheim ꝛc. verfertiget werden. In dem Dor— fe Grenzhauſen und einigen benachbarten wird viel ſteinernes Geſchirre verfertigt, und in dem er— ſtern beſonders thönerne Pfeiffen, welche häufigen Abſatz finden, und nicht ſelten von Holland aus 44 unter dem Namen der holländiſchen Pfeiffen wieder in andere Länder verführt werden. Die letztverſtorbene Fürſtin war eine Burg— räfin von Kirchberg, und es entſtand über die 9 Erbfolge in der Grafſchaft Hachenburg ein Rechts— ſtreit zwiſchen Naſſau⸗ Weilburge, deſſen jetzige Fürſtin eine Gräfin von Hachenburg iſt. Nachdem er lange beim Reichshofrath anhängig geweſen war, wurde endlich ein Vergleich zu Stande gebracht, nach welchem vier Dorfer und ein halbes an Neu⸗ wied fallen, und Naſſau-Weilburg 200οο Nthlr. baar bezahlen ſoll, welches vor vier Jahren erfolgt iſt. Vor dieſer Erbſchaft beſtand die niedere Graf⸗ ſchaft aus der Stadt Neuwied und 50 Dörfern, welche in zwei Aemter und dreizehn Kirchſpiele ge⸗ theilt waren. In denſelben ſtehen 1550 Häuſer, und ber dem Kriege belief ſich bei der letztern Zählung die Zahl der Einwohner auf dem Lande auf 7860 Seelen, welche 14750 Morgen Acker⸗ land, 5002 Morgen Wieſen, 575 Morgen Wein⸗ berge(die Herrſchaft hat deren 92) und 872 Morgen Weide beſaßen. Die Waldungen, mit Inbegriff der herrſchaftlichen, beliefen ſich auf 25666 Morgen, ohne 4595 Morgen Ra ſenhek⸗ ken. Durch den Vergleich des Fürſten mit ſei⸗ zen Unterthanen haben dieſe ihre Waldungen ſehr — 445— vergrößert. Die Domainen des Fürſten ſind be— trächtlich. Sie beſtehen aus 24 Höfen, und im Lande überhaupt ſind 54 herrſchaftliche und Pri⸗ vatMahl, und Oelmühlen. Die Stadt Neuwied liegt in einer großen Ebene, die ſich von dem Saynbach bis an den Wiedbach und vom Rhein bis an die Berge bei Sayn und Rommersdorf erſtreckt. Ihre Lage iſt äußerſt freundlich nnd angenehm. Toleranz und Kunſtfleiß machten ſie in einem Jahrhunderte zum blühenden Ort. Sie war ehemals dadurch eben ſo bekannt, als ſie es durch die vielen Drangſa— le wurde, die ſie während des Krieges erfuhr.— Sie ward ſogleich nach erfölgtem weſtphäliſchen Friedensſchluß angelegt. Schon früher erhielten die damaligen Grafen von dem Kaiſer das Pri— ilegium zur Erbauung einer Stadt, über deren vil Platz ſie lange nicht einig werden konnten. Die Privilegien derſelben ſind äußerſt vortheilhaft, ſo daß wohl nicht leicht eine Stadt in Teutſchland unter einer reichsſtändiſchen Regierung ſich ſolcher Vorrechte zu erfreuen haben dürfte. Wo eine Dunkelheit über die Pribilegien entſtehe, heißt es darin, ſollen die der freien Reichsſtadt Fried— berg zum Entſcheidungsgrunde dieten. 444— Da die Stadt nach einem eigenen Plane an— gelegt wurde, deſſen Ausführung ſich keine Hin— derniſſe entgegenſetzten, ſo iſt ſie ſehr regelmäßig gebauet. Die Straßen durchſchneiden ſich recht— winklicht; fünf derſelben laufen von Weſten nach Oſten, und fünf von Süden nach Norden. Sie ſind 40 Fuß breit; im Verhältniſſe dieſer Breite aber ſind die Häuſer zu niedrig, meiſtens von zwei Stockwerken. Ihre Anzahl beträgt 514. Die in neuern Zeiten gebauten ſind meiſtens von Steinen aufgeführt, da ſich in der Nähe der Stadt gute Steinbrüche befinden. Das Pflaſter war vor dem Kriege ziemlich gut, während deſ— ſelben iſt es aber nicht unterhalten worden. Eine nächtliche Erleuchtung findet nicht ſtatt, und ſcheint auch, nach Aeußerungen dortiger Einwoh⸗ ner viele Schwierigkeiten zu haben. Im Ganzen genommen ſind die Häuſer ganz gleichförmig— Wenige zeichnen ſich von einander durch Größe oder beſſere Bauart aus. Ich werde dieſe her— nach nennen. Uebrigens hat die Stadt gar kei— ne Thore. Das Schloß am nördlichen Ende der Stadt iſt ein regelmäßiges Gebäude. Es iſt von ver— ſchiedenen Nebengebäuden umgeben, die zur Kü— che, zu Slallungen, Remiſen ꝛc. dienen. Der — 44— Schloßplatz iſt an der Stadtſeite von einem ei— ſernen Gitter eingefaßt. Da während des gan— zen Krieges an allen dieſen Gebäuden nichts aus— gebeſſert worden iſt, ſo haben ſie das Anſehen von Verfall. Der Schloßgarten, der äuſſerſt an— genehm ſich längs des Rheins hinzieht, wo er mit einer niedrigen Mauer umgeben iſt, welche die Ausſicht zuläßt, iſt ſehr ſchlecht unterhalten, und außerdem ſind noch die darin befindlichen Bos— quets von dem jetzigen Fürſten in Kleeſtücke um— geſchaffen worden. Die Lutheriſche Kirche wurde nach ei— nem Riß des bekannten Cancrini angelegt, der aber das Vermögen der Gemeinde bei ſeinem Plane nicht berechnet hatte. Sie iſt von einfa— cher Bauart, und obſchon nicht vollendet, doch de von den traurigen Verwüſtungen des Krieges, denen ſie beſonders ausgeſetzt war, wiederherge— ſtellt. Ein beſonderes Verdienſt um ihre Wie, dererbauung erwarb ſich der Prediger an derſel— ben, Hr. Schellenberg. Er unternahm, um die Koſten dazu zuſammenzubringen, eine weite Reiſe bis in die entfernteſten Gegenden des nördlichen Teutſchlands, und fand dort Freunde und Un— terſtützung. — 446— Die reformirte Kirche liegt mitten in der Stadt, iſt aber nach einem doppelten Plane aufgeführt.— Ueberhaupt befinden ſich ſieben Kir— chen hier; nämlich die beiden angeführten, dann eine Herrnhutiſche, eine Catholiſche, ein Mennoniſtenbethaus, eins der In ſpi⸗ rirten und eine jüdiſche Synagoge. Auſ⸗ ſer der reformirten Kirche, wozu ſich der Hof be⸗ kennet, dürfen die übrigen keine Glocken haben. Unter den übrigen Gebäuden der Stadt, wel— che ſich auszeichnen, gehört die große Blechfabrik der Herren Remy und Barensfeld, die durch das Bombardement eingeäſchert wurde, jetzt aber ſchon wieder aufgebauet iſt, dann Roentgens Haus, der durch ſeine Tiſchlerarbeiten ſich in ganz Eu— ropa bekannt gemacht hat, und die beiden von den Herrnhutern allein bewohnten Quadrate. Ein mit Linden beſetzter mitten in der Stadt gelegener Platz nimmt ſich gut aus, und gewährt einen angenehmen Spaziergang; aber ich fand ihn ſehr ſchlecht unterhalten, und mehrere Bäu— me ſind von den Kaiſerlichen umgehauen worden, um eine Batterie in der Stadt aufzuführen. Die Zahl der Einwohner von Neuwied iſt nicht mit Gewißheit anzugeben. Einige ſchätzen ſie auf 6000, andere wollen kaum 5500 See— len annehmen. Nach einer genauen Liſte belief ſich die Anzahl der Copulirten vom Jahre 1782 bis inel. 1794 auf 479 Paar; die der Gebor— nen, die Juden und unehelichen Kinder nicht mitbegriffen, auf 2091, nämlich 1079 Knaben und 1022 Mädchen, worunter 97 Todtgeborne und 51 Paar Zwillinge waren. Die Zahl der Geſtorbenen betrug 1802, nämlich 926 männli— chen und 876 weiblichen Geſchlechts, ſo daß al— 2 ſo, die beiden Jahre 178 und 1795, wo die 2 Ruhr graßirte, und die Zahl der Geſtorbenen die der Gebornen im erſtern um 66, im zweiten um 24 überſtieg, mit einbegriffen, überhaupt 299 mehr geboren wurden, als geſtorben ſind. Man kann jetzt immer gegen 5000 Sinwohner anneh— men, denn gegenwärtig ſind die Ausgewanderten alle zurückgekehrt, mehrere Fremden haben ſich hier wieder niedergelaſſen, und die Fabriken er— heben ſich wieden. Unter die ehenswürdigſten Dinge von Neu— wied gehört unſtreitig die große Blechfabrik von Remy und Barensfeld. In derſelben werden alle Arten von Koch- und Küchengeſchirr aus verzinntem Blech, unter dem Namen des Sa— nitätsgeſchirrs, verfertigt, das ſchon durch einen großen Theil von Europa bekannt iſt. Die Ver— — 448— unglimpfungen dieſer nützlichen Fabrikate in eini— gen öffentlichen Blättern ſind durch die Unterſu— chungen einiger geſchickten Chemiker und Aerzte ſchon widerlegt worden. Durch den Gebrauch der⸗ ſelben wird die Beſeitigung einer ſehr häufigen all— mähligen Vergiftung bezweckt, der jeder Menſch mehr oder weniger durch den Gebrauch der ge— wöhnlichen oft ſchlecht verzinnten Küchengefäße ausgeſetzt ſeyn kann. Ueberdies haben dieſe Fa— brikate den Vorzug einer ſehr zweckmäßigen und ſelbſt geſchmackvollen Form. Der Abſatz dieſer Fabrik erſtreckt ſich ſchon nach Rußland, Italien und ſelbſt nach Amerika. Eine Niederlage von dieſem Sanitätsgeſchirr befindet ſich auch zu Leip⸗ zig. Ihre Arbeiter werden von den Unternehmern gut bezahlt. Eben denſelben gehört eine Fabrik von Pferdegeſchirren und Schnallenherzen,(deren außer dieſer noch zwei hier ſind); auch laſſen ſie Schrot- und Bleitafeln verfertigen. Das Blei wird auf dem nahe bei der Stadt gelegenen Hüt— tenwerk Naßelſtein in einem Walzwerk gemacht, wozu niemand den Zutritt hat— Die große Fabrik von Tiſchlerarbeiten des Hru. Roentgens, welche unſtreitig eine der berühm— teſten in ihrer Art war, hat mit den Unruhen des Krieges aufgehört. Hr. Roentgen hatte ehe— mals mehr als 40 Arbeiter, welche unter ſeiner unmittelbaren Aufſicht die koſtbarſten Holzarbeiten verfertigten. In Paris, in Petersburg, Wien und Neapel ſtehen Schränke, Commoden und Ti— ſche von dieſem Manne. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm II. beſuchte im erſten Feldzuge (179) gegen Frankreich, Noentgen„und ſa— he ſeine Arbeiten. Er gab ihm den Titel eines Comerzienraths. Der Krieg vertrieb dieſen Mann, der ehemals der Herrnhutiſchen Sekte zugethan war, aus Neuwied. Er hielt ſich unter andern eine Zeitlang in Neudietendorf bei Gotha auf, vo auch eine Brüdergemeine iſt, zu der er aber nicht mehr gehört. Er hat mehrere ſeiner Leute in Berlin, Braunſchweig und Weimar etablirt.— Bei den Herruhutern ſind drei Manufakturen von Cotton, Siamoiſen und baumwollenen Zeugen. Die Bleibtreuiſche, welche ähnliche Waaren lie— ferte, iſt während des Krieges eingegangen. Auſ— ſer den angezeigten findet man hier noch mehrere andere Fabriken, als eine Stecknadelfabrik„eine Fabrik von fein lakirtem Blech, zwei beträchtliche Tabaksfabriken, eine, worin Papiertapeten, und zwei, worin Karten gemacht werden.— Von den hieſigen 9 Uhrmachern iſt Peter Kinzing ſchon längſt wegen ſeinen vortreflichen Spieluhren 29 — 450— berühmt. Dieſer Mann iſt ein mechaniſches Ge— nie, das ſich größtentheils ſelbſt bildete.— Häu⸗ fig betriebene Nahrungszweige zu Neuwied ſind noch das Branntweinbrennen, und Zeug- und Strumpfweberei. Der Neuwieder Doppelkümmel ſtehet bei den Liebhabern in gutem Ruf, und fin⸗ det häufigen Abſatz. Die Strumpfwebereien wür— den noch ſtaͤrker betrieben werden, wenn die Spin— nerei auf dem Lande beſſer in Gang gebracht wer—⸗ den könnte. Die ehemals hier häufig verfertigten Lebkuchen werden jetzt wenig mehr verlangt, und haben nur geringen Abſatz.— An guten Profeſ— ſioniſten iſt kein Mangel, beſonders an Tiſchlern— Unter den Herrnhuthern liefern mehrere ſehr gute Arbeiten. Der Krieg und die Sperrung des linken Rheinufers haben der Handlung von Neuwied großen Schaden gethan. Sie ſchränkt ſich jetzt ſaſt nur auf den Verkauf der hieſigen Fabrik- und Manufakturwaaren ein, die auf die Frankfurter Meſſe geführt werden, und auf die Verſorgung des Weſterwaldes mit einigen Spezereiwaaren. So bekannt die Stadt Neuwied durch die dar— in herrſchende Toleranz aller Religionsſekten ge— worden iſt, ſo intolerant iſt man auf dem Lan⸗ de. Alle Kinder müſſen nämlich, ohne Unter— ſchied der Religion der Aeltern, reformirt wer⸗ — Die Katholiken erhielten im J. 1698 und die, Lutheraner 1700 die Erlaubniß„ihren Gottesdienſt zu halten. Die Herrenhuter kamen von Herrenhaag(1751), die Mennoniſten aus der Pfalz; die Inſpirirten, Anhänger des Satt— lers Friedrich Rock, und Johann Adam Gru— ber— beide Würtemberger— wendeten ſich, aus der Pfalz vertrieben, hieher, nahmen aber bald an ihrer Zahl ab, wie dies immer der Fall iſt, wenn äußerer Zwang wegfällt.— Jede der drei Hauptgemeinden hat ihre eigene Schule, aber die Einrichtung derſelben kann keinesweges zum Muſter dienen. Man kann ſich denken von welchem Eifer die Lehrer beſeelt ſeyn müſſen, wenn man vernimmt, daß ſie von jedem Kinde jährlich nur 1 Rthlr. rhein. Schulgeld erhalten, wovon ſie faſt allein leben müſſen. Von oben herab ſorgt man wenig für ihre Verbeſſerung. Die Kinder der Mennoniſten und Inſpirirten ge⸗ hen in die proteſtantiſchen Schulen. Die latei— niſche Schule wird auch ganz ſich ſelbſt überlaſ— ſenn, und leiſtet das nicht, was ſie leiſten ſoll— te, obgleich ein junger fähiger Mann dabei angeſtellt iſt, der in Deſſau ſeine Bildung er⸗ hielt. Dieſer Mangel an zweckmäßigen Schuleinrich⸗ tungen hat wahrſcheinlich die Entſtehung mehre⸗ rer Pribat-Erziehungsanſtalten begünſtigt, wel⸗ che von den Kindern der Einwohner, und auch bon Fremden beſucht werden. Die größte derſel⸗ ben iſt bei den Herrnhuthern. Bei der Ausbrei⸗ tung dieſer Sektein allen Theilen der Erde kann es ihr nicht an Empfehlungen und Zöglingen mangeln. Eine zweite Unterrichts und Erziehungs⸗ anſtalt hat der ſchon gedachte lutheriſche Prediger Hr. Schellenberg hier angelegt. Schon daß ihr Stifter und Vorſteher die Anzahl der von ihm aufzunehmenden männlichen Zöglinge auf 22 bis 16 Kinder beſtimmt hat, ſpricht vortheilhaft für ſie, und läßt günſtige Schlüſſe für ihre Voll— kommenheit zu. Sie leben hier in einer Fami⸗ lie, und werden gleich den Kindern des Direc— tors ſelbſt erzogen, zum häuslichen Leben und zur Arbeit; ſie werden gebildet für das praktiſche Le⸗ ben auf dem großen Schauplatze der Welt. Sie finden hier den Vater und die Mutter wieder, die ſie verließen. Die Lage von Neuwied an den Ufern des Rheins, ein ſchönes Clima,, der Handel und die vielen Manufakturen und Fabriken daſelbſt, ge⸗ — 455— ben dieſer Erziehungsanſtalt Vorzüge, die man ſelten beiſammen findet. Die Kinder haben durch dieſelben häufig Gelegenheit, viele Arten von Na— tur- und Kunſtprodukten kennen zu lernen, wozu ſie angeführt werden. Ein anderer günſtiger Um⸗ ſtand iſt die freie Ausübung jedes Cultus; die Kinder können in den Grundſätzen ihrer verſchie— denen Religionen unterrichtet werden, und deren Gottesverehrungen beſuchen. In Gegellſchaften von geſitteten Perſonen lernen ſie, wie ſie ſich im geſelligen Leben zu benehmen haben, und durch körperliche Arbeiten, Gartenbau und Verfertigung kleiner mechaniſcher Arbeiten wird ihr Körper ge— ſtärkt und geſund erhalten. Die jährlichen Koſten in dieſer Erziehungs⸗ anſtalt betragen für jeden Knaben jährlich 52 Carolin, und 2 Carolin Antrittsgeld zur An— ſchaffung von Büchern, Charten und andern klei— nen Bedürfniſſen. Jeder Knabe bringt 6 Bett— tücher, ſechs Ueberzüge, 6 Handtücher und 6 Servietten mit, welche er beim Austritt aus dem Inſtitut wieder zurück erhält. Für die an— gezeigte Summe erhält der Zögling Wohnung, Holz, Licht, Bett, Wäſche, Koſt, Aufwartung, Aufſicht und Unterricht in alle dem, was zu ein ner vollkommenen Erziehung nöthig iſt, und deſ⸗ 45⁴ ſen er für ſein künftiges Leben bedarf, ausge— nommen im Tanzen, Zeichnen, in der Muſik und in der engliſchen und italieniſchen Sprache. Ich habe mich durch den Augenſchein von dem Wohlſeyn dieſer Kinder, von ihrem Frohſinn und der guten Behandlung derſelben überzeugt. Herr Schellenberg hat zu ordentlichen Gehülfen einen reformirten und katholiſchen Geiſtlichen, ohne die Pribatlehrer. Es 3 ſich jetzt 6 Kinder von auswärts und verſchiedene aus der Stadt, worunter zwei 155 waren, in dieſer Unter⸗ richts und Erziehungsanſtalt. Auch für das weibliche Geſchlecht iſt hier durch Unterrichtsanſtalten geſorgt. Ein verſtändiges Frauenzimmer aus Brabant hat ein Inſtitut, worin 12 Töchter ſind, angelegt, auch iſt ſeit einiger Zeit eine Frau, die lange mit gutem Ruf eine Penſionsanſtalt zu Duisburg hielt, hierher gezogen, und hat einige proteſtantiſche weibliche Eleven. Der Krieg, der ſo viel Unglück über Neu— wied gebracht hat, hat auch dem Emporkommen und Gedeihen mancher Anſtalten für Literatur und Kunſt geſchadet, die hier im Entſtehen waren. Die Gehraſche Buchhandlung iſt von ihrem Be⸗ ſitzer in das Thal Ehrenbreitſtein verlegt worden. Mebrere hieſige Gelehrte ſind als Schriftſtel— ler bekannt. Ich nenne zuerſt die Fürſtin un ter denſelben. Ihre Gedichte ſind mit Beifall aufgenommen worden. Dar reformirte Prediger, Herr Winz, hat einige Predigten drucken laſ— ſen, und nahm Theil an der Herausgabe des che philologiſche und theologiſche Schriften herausge— neuen Geſangbuchs. Der lutheriſche Prediger Herr Schellenberg hat einige hiſtoriſc geben, und war Redacteur einer während des Krieges bon ihm unternommenen Zeitung des un⸗ partheiiſchen Correſpondenten am Rhein, die in dem Kriegsgetümmel untergieng. Dies Blatt ge— t zu den beſſern in Teutſchland und hätte auf alle Weiſe die Unterſtützung des gebildeten Pu⸗ blikums berdient— der ehemalige Hofmeiſter der jungen Prinzen von Neuwied, Herr Schröder aus Göttingen, welcher den Auszug aus Anachar⸗ ſis Reiſen, die indianiſche Strohhütte ꝛc. her— ausgab, iſt gegenwärtig Prediger auf dem Lan— de. Die übrigen Landgeiſtlichen ſcheinen nicht viel von der Literatur zu halten. Von 15 der⸗ ſelben waren bei Gelegenheit, da eine theologiſche Leſegeſellſchaft errichtet werden ſollte, nur Aube⸗ reitwillig dazu beizutreten. Vor dem Kriege war unter der Direction des Herrn Metra, der kürzlich in Berlin geſtorben iſt, eine franzöſiſche Buchhandlung und Buchdruckerei hier, welche die Firma: la Socteté typogra- phique führte, aber auch dieſe hat ein Ende ge— nommen. Herr Metra ſchrieb auch ein franzöſi— ſches Bülletin, das aber nur als Manuſcript ver⸗ ſandt wurde. Die hieſige Landzeitung, die unter dem Titel: Neuwiediſche Beiträge ſchon lange beſtand, aber nur ein Abdruck anderer Zeitungs⸗ artikel iſt, kommt gar nicht über die Gränze. Vor 18 Jahren erſchien hier auch eine Freimau— rerzeitung, die ein Aſſeſſor Andre herausgab. Um dieſelbe Zeit ohngefähr etablirte ſich auch der bor— malige K. K. Hauptmann von Tonder hier. Er ſchrieb die am Rhein und im ganzen ſüdlichen Teutſchland ſehr bekannte Zeitung: Geſpräche im Reiche der Todten. Durch den Krieg wurde er aus Neuwied vertrieben und lebt nun in Frank— furt, wo er ſie bekanntlich noch fortſetzt. Sie wird daher nur uneigentlich noch: die Neuwie— der Zeitung genannt. Herr von Tonder hat ſein Haus in Neuwied durch das franzbſiſche Bombar— dement verloren. Die heitere lachende Gegend von Neuwied bie— tet mehrere Vergnügungsorte außer der Stadt dar, aber der Krieg hat ebenfalls ihre Annehmlichkeit bermindert. Die meiſten Bäume in dieſer Gegend wurden von den Kaiſerlichen umgehauen. Einen angenehmen Spaziergang unter ſchattigen Bäumen gewährt allein die ſchöne Irrlicher Allee, welche aus 120 Schuh hohen Pappeln beſteht. Sie führt aus dem Schloßgarten nach einem kleinen Häus— chen, das der Fürſt erbauen ließ; auch wurden von ihm auf der Landſpitze des Rheins und der Wiedbach artige Bosquets angelegt, welche in der Folge recht ſchön zu werden Hoffnung geben. Ein von den Einwohnern beſuchter Luſtort iſt Not h⸗ hauſen, eine ehemalige Faſanerie des Fürſten, 4 Stunden von der Stadt. Des Beſuches der Fremden werth iſt Monre— pos, ein fürſtliches Luſtſchloß, nordöſtlich auf der Höhe gelegen. Man hat von derſelben eine vor— treffliche Ausſicht auf das Rheinthal bis jenſeits Coblenz, und hinabwärts. Die Gehäude des Schloſſes ſind weiß angeſtrichen„und ſehen von fern ſehr bielberſprechend aus; aber bei näherer Betrachtung findet man ſie klein und unbequem, Bei dem Schloſſe iſt ein 519 Morgen großer mit Alleen und allerlei Anlagen durchſchnittener Wald, der einige ſchöne Parthieen hat. Nach hinten zu kommt man in ein einſames romanti— ſches Thal. Der berüchtigte Pränumerantenſamm— ler Gſellius hat durch erbärmliche Reime und ſchlechte Proſe ſich ſehr an dieſem ſchönen Orte verſündigt. Der Weg von Neuwied nach Monre— pos beträgt ohngefähr 13 Stunden. Die Stadt Neuwied würde durch die Indu— ſtrie ihrer Bewohner, durch die vernünftigen Grundſätze einer allgemeinen Toleranz und Gewer— befreiheit jetzt nach 20 Jahren eine der blühend— ſten Städte am Rhein ſeyn, hätte ſie der Krieg nicht um 50 Jahre zurückgebracht. Aber man kann wohl ſagen, daß ſie durch das abwechſelnde Kriegsglück und ihre Lage ſelbſt mehr ausgeſtan— den hat, als manche belagerte und eroberte Fe— ſtung an dieſem Fluſſe.— Ich gebe hier nur kurz die Hauptbegebenheiten an, die ſich ſeit dem An— beginn der franzöſiſchen Revolution und des dadurch veranlaßten Krieges hier ereigneten, da man ſonſt allein ein Buch über das ſchreiben könnte, was hier geſchah. Im Herbſt 179u, als die Emigration in Frankreich zur Mode wurde, ſiedelte ſich auch ei⸗ ne große Anzahl Ausgewanderter hier an, und brachte ihr Geld, aber auch ihre Sittenloſigkeit hierher. Nächſt Coblenz war hier ihre Haupt— niederlage; und die Emigranten-Corps Dillon und — Berwik hatten hier und in der Nähe ihre Ver— ſammlungsörter. Damals beſaß Neuwied wirk— lich große Reichthümer; davon zeugen die unge— heuren Summen, welche ſpäterhin die Soldaten der Republik aus dieſem Duodez-Ländchen gezogen haben. Im Sommer 1792 gieng ein Theil der preußiſchen Armee über die hier angelegte flie— gende Brücke nach Champagne, und brachte neue Reichthümer in Umlauf; auch kehrte ſie zum Theil durch dieſe Stadt zurück, und die von der Ruhr und dem Mangel abgezehrte Armee wurde hier zuerſt verpflegt. Das Jahr 17958 verſtrich ziemlich ruhig, ei— nige Durchmärſche kaiſerlicher Truppen abgerech— net, aber mit dem Herbſte 1794 begann das Elend von Neuwied. Die aus den Niederlanden ſich zu— rückziehende kaiſerliche Armee und auch das von Luxemburg und Trier zurückgedrängte Corps zog ſich über den Rhein zurück, und drüben wälzten ſich die Colonnen der Franzoſen her. Sie rück— ten am 22 Oetober in Coblenz ein. Die erſten Schüſſe fielen in dieſer Gegend am 21 Oct., als die Franzoſen bis Andernach und Weiſſenthurm vorgerückt waren, wo noch ein kleines Schar— mützel vorfiel,— — 460— Die Stadt erhielt jetzt ſtarke Einquartirungen, aber während des ganzen Winters(1794 1795) blieb ſelbſt beim zugefrornen Rhein alles ruhig; allein die Sperrung der Communikation mit dem linken Ufer, die geſperrte Flußſchifffahrt, die Stockung des Handels, der Stillſtand der Fabri— ken, die ſtarke Einquartirung und der ſteigende Preis aller Lebensbedürfniſſe verbreiteten Muth— loſigkeit und Elend. Mit dem Frühjahr(1795) fiengen die Franzoſen an, längs dem jenſeitigen Ufer Batterieen aufzuwerfen. Die Kaiſerlichen begnügten ſich anfangs zuzuſehen, hatten auch nur 2 Fleſchen gegen der Inſel über angelegt, doch ließen ſie endlich in der Stadt Traverſen aufwerfen, um des Feindes Aufmerkſamkeit auf dieſelbe zu richten. Im Julius bezogen die Kai— ſerlichen ein kleines Lager hinter der Stadt, das unter dem General Wartensleben ſtand, und all— mählig berſtärkt wurde. Weil man einen Ueber— gang bei der Inſel fürchtete, ſo wurde in einem den 12 Auguſt gehaltenen Kriegsrath beſchloſſen, endlich auch dieſſeits Batterieen anzulegen, wo— mit in der Nacht der Anfang gemacht wurde— Aber mit dem Anbruch des Morgens begann auch ſchon das Feuer der Franzoſen aus allen ihren Batterieen. Es wurden viele Kaiſerliche todtge— — 461— ſchoſſen. Jetzt dauerte die Kanongde von beiden Seiten, doch nur vom Felde aus fort, und die Kaiſerlichen errichteten mehrere Batterieen und Laufgräben, und verſchanzten ſich dicht an der Stadt. Das Lager wurde mit einigen tauſend Mann verſtärkt, aber nach dem Rheinübergange der Franzoſen bei Uerdingen am 5 Sept.(1795) waren alle Vertheidigungsanſtalten vergebens. In der Nacht vom 28 auf den 29 Aug, beſetzten die Franzoſen von Weiſſenthurm aus die Inſel. So— bald der Tag grauete, ließ der k. General Mont— frault, der in der Stadt commandirte, nach der Inſel feuern, aber nun erfolgte von allen franzö⸗ ſiſchen jenſeitigen Batterieen ein lebhaftes Feuer auf die Stadt, welches ununterbrochen 28 Stun— den dauerte. Man flüchtete in die Keller, und als gegen Mittag das Feuern nachließ, ſuchte je— dermann ſeine beſten Effekten zu retten, und ſich und die Seinigen auf das Land in Sicherheit zu bringen. In der folgenden Nacht fieng das Feuer aufs Neue an, und die große Blechfabrik gerieth in Brand. Man feuerte auf die zum Löſchen her— beieilenden wenigen Bürger und das Militair; von 5 bis 10 Uhr flogen mehr als 500 Haubiz— granaten in die Stadt. Alles war geflüchtet und die Stadt leer. Dieſe Abweſenheit benutzten die 462 Soldaten, um in den Häuſern das Zurückgelaſ— ſene ſich zuzueignen, oder nach bſterreichiſchem Soldatenausdruck: ſie faßten in den Häuſern. Um die Franzoſen von der Inſel zu vertrei— ben, dauerte die öſterreichiſche Kanonade ununter— brochen fort. Am 1 Sept. beſchoſſen ſie dieſelbe mit Wachteln. Dieſer Anblick gab ein fürchter— lich ſchönes Schauſpiel. Bis zum 14 Sept. währte dies wechſelſeitige Feuer— Manchmal war es ruhig, manchmal wüthete es wieder mehrere Stunden mit großer Heftigkeit. Mehrere ſchöne Gebäude wurden durch daſſelbe ein Raub der Flam— men. Die ſchöne neue lutheriſche Kirche nebſt ih— rem Pfarr- und Schulhauſe, die reformirte Kir— che, die Remyſchen und Tonderſchen Häuſer brann— ten ganz ab. Das Ballhaus, der Braunſchweiger Hof, und viele andere in dieſer Gegend der Stadt wurden ſehr beſchädigt. Endlich erfolgte der Uebergang der Sambre— und Maasarmee bei Uerdingen am 5 Sept., wo— zu der General Lefevre das meiſte beitrug. In der Nacht vom 14 auf den 15ten Sept. zogen ſich die kaiſerlichen Truppen in Ordnung und Stille zurück, und den 16 Sept⸗ früh kamen die Fran—⸗ zoſen⸗ 1 Während die Armee vorrückte, und bis bor Frankfurt kam, wo ſie bald darauf von Clerfait an der Nidda geſchlagen wurde, fiengen die Fran— zoſen an, den großen Brückenkopf anzulegen. Er ſollte zur Vertheidigung der von der Inſel herüber geſchlagenen Schiffbrücke dienen. Eine Menge Holz, Schaufeln, Sägen, Spaten und andere Inſtrumente wurden dazu in Requiſition geſetzt, und tauſende von Bauern mußten daran arbeiten. Während dieſer Zeit war ein ſehr braver Com— mandant zu Neuwied. Er hieß Rouſfeau. Die Stadt hat ihm ſehr viel zu danken. Die Ruhe, die er erhielt, veranlaßte auch die Fürſtin, wel— che bei der Ankunft der Franzoſen nach Frankfurt gereiſt war, wieder hierher zurückzukehren. Endlich begann nach dem kaiſerlichen Siege an der Nidda den 12 Oct. die Retirade. Sie ge— ſchah in großer Unordnung; die Soldaten von ver— ſchiedenen Regimentern kamen zu 5 und 10 Mann, oft ohne Waffen hier an. Mit der Rückkehr der Truppen trieben auch die Franzoſen die rückſtändi— gen Contributionen und Requiſitionen ein, welche noch durch neue Forderungen vergrößert wurden. Indeſſen ſuchte man ſich„ſo gut man konnte, zu„arrangiren“ und am 17 Oet. Abends um 8 uhr wurde das letzte Geld bezahlt. Man erwar, — 464— tete nun mit Ungeduld den Augenblick, wo der letzte Franzoſe über die Brücke gehen würde, als ein unglücklicher Zufall dieſe Retirade noch faſt um einen ganzen Tag zurückhielt. Ein fran— zöſiſcher Commandant zu Vallendar glaubte ver— muthlich einen ſehr geſcheuten Streich zu machen, wenn er die dort befindlichen vielen Schiffe in Brand ſteckte. Als aber dieſe Schiffe eine Zeit⸗ lang in Feuer geſtanden hatten, fiengen auch die Taue an zu brennen, die Trümmer der Schiffe ſchwammen brennend den Rhein herab, und ſteck⸗— ten auch die Schiffbrücke von Neuwied an. Au— genzeugen ſagen, daß es ein prächtiges Schau—⸗ ſpiel war, dieſe Feuerinſeln auf dem Rheine ſchwimmen zu ſehen. Vergeblich verſuchten die Generäle Marceau, Kleber und d'Espagne alles, den Brand aufzuhalten. Mit Mühe brachte man am folgenden Tage eine neue Brücke zu Stande. Aber ſichtbar war die Verlegenheit der Soldaten und ihrer Anführer über dieſen unglücklichen Zu— fall. Hätten die Kaiſerlichen gleich kommen kön— nen, ſo würden ſie in einer ſehr üblen Lage ge— weſen ſeyn. Am 19 Oct. des Morgens rückte die kaiſ. Avantgarde an, aber die Franzoſen hielten die tete de pont noch beſetzt, kamen von da in die Stadt herein, und plünderten ſie. Soldaten, Fuhrknechte, Brückenknechte und Reuter mit Bei— len, Brecheiſen, Gewehren und Säbeln bewaff— net, rückten gegen die friedlichen Häuſer an, zerſchlugen Thüren und Fenſterladen, die Fäſſer in den Kellern und die Kiſten auf dem Boden, und mishandeiten die Einwohner. Ein ter Kaufmann wurde nackend ausgezogen und ver— wundet, und der geſchickte Schloſſer Deubner er— ſchoſſen. Mehrere Bürger entgiengen dem Tode nur durch ein glückliches Ungefähr.— Endlich vertrieb ein Detaſchement Rothmäntel und Scharf— ſchützen die Franzoſen aus der Stadt, aber nun kam ein neues Unglück über ſie. Die Franzo— ſen, welche keine kaiſerliche Beſatzung in derſel— ben leiden wollten, bombardirten ſie aufs Neue. Die Gefechte in der Stadt, das Plündern Feuer aus den jenſeitigen Batterieen bis zum 8. November. An dieſem Ta— ge gieng eine Deputation des Raths zu dem fran— zöſiſchen General, und bat um Schonung der Stadt. Der General verſprach dies, wenn die kaiſerliche Beſatzung aus Neuwied zöge, und nun war Ruhe. Aber der Verluſt war ungeheuer, den die kleine Stadt in dieſer Zeit erlitten hat— te. Man berechnete den Schaden an Häuſern ꝛe. 30 — 466— auf 30000 Rthlr. die Unkoſten des Flüchtens 15000 Rrthlr. die abgebrannte Fabrik mit den § Magazinen 350000 Rthlr. und die Plünderune Magaz 0 + 9 45000 Rthlr. ohne die Contributionen und Re— quiſitionen. Der Winter von 12795— 2796. vergieng ru— hig. Es war ein Waffenſtillſtand gegen 10 tä— gige Aufkündigung abgeſchloſſen worden. Aber obgleich der Krieg nicht wüthete, ſo empfanden doch die Einwohner drückend genug die Laſt der Einquartirung und die dadurch veranlaßte Theu— rung. Der Waffenſtillſtand wurde am 21. Mai (1796) aufgekündigt, und am 51, fiengen die Feindſeligkeiten an. Die Franzoſen rückten von der Wupper her vor, und drängten die Kaiſer— lichen an der Sieg zurück. Am 5 Juni kamen die Franzoſen an, ſchlugen bei der Inſel eine Brücke, giengen auf dieſes Ufer, und drängten die Kaiſerlichen bis hinter die Lahn zurück. Aber bald kehrte nach dem Siege des Prinzen Carl bei Wezlar am 26 Juni die ganze 50000 Mann ſtarke Armee über die Brücke bei Neuwied auf das linke Ufer zurück. Dieſer Rückzug gieng ziemlich ruhig ab. Am 18. Juni des Nachmit— tags kam die kaiſ. Avantgarde an, da die fran— —— 467—.— zöſiſche Arrieregarde noch nicht über die Brücke hinüber war. Es kam auf dem Felde zu einer Kanonade, und die Franzoſen warfen ſich in die Stadt. Die Kaiſerlichen verfolgten ſie dahin, es entſtand ein Gefecht in den Straßen, wäh— rend von jenſeits her alle franzöſiſche Batterieen auf die Stadt feuerten. Dies dauerte bis Abends um 8 Uhr, um welche Zeit die Franzoſen die Stadt verließen, und die Brücke abbrachen. Aber nun wurde von jener Seite auf jeden einzelnen Soldaten geſchoſſen, der ſich blicken ließ. Ein Mädchen wurde in der Stadt durch einen Schuß getödtet. Am àten Juli kamen die Franzoſen zum zwei⸗ tenmale in dieſem Jahre unter einer heftigen Ka— nonade in Nachen herüber; die wenigen Roth— mäntel flohen, die Heſſen Darmſtädtiſchen Trup— pen vertheidigten ſich tapfer, mußten ſich aber ge⸗ fangen ergeben. Auch bei Bendorf ſchlug man ſich an dieſem Tage mit vieler Hitze.— Abends war die Brücke fertig, und das übergegangene franzoſiſche Corps rückte zur Blokade von Ehren— breitſtein vor. Nun arbeiteten die Franzoſen mit großer Thä⸗ tigkeit an dem Brückenkopfe, wozu mehrere 1000 Menſchen requirirt wurden. Es wurden ganze 468 n umgehauen, und viele tauſend Pfund Eiſen mußten geſchmiedet werden⸗(Wie es dabei hergegangen iſt, zeigte der nachherige Verkauf— Beim Niederreißen deſſelben wurde s Holz für 1000 fl. verkauft, wobei die Käufer noch Ver⸗ luſt hatten, und außer zwei eiſernen Nägeln war kein Loth Eiſen zu finden.) Am 22. und 25. Auguſt wurden die Franzo— ſen bei Amberg und Sulzbach in Franken ge— ſchlagen. Sie retirirten wieder hieher, und am 18. September waren die Kaiſerlichen ſchon wie— der in der Gegend von Neuwied, und die Bela— gerung von Ehrenbreitſtein mußte aufgehoben wer— den.— Die Franzoſen hielten nur noch die Stadt und Heddesdorf beſetzt. Der 29. Sept. war ei⸗ ner der ſchrecklichſten Tage für Neuwied. Die Kaiſerlichen griffen die Franzoſen bei Heddesdorf an, und drängten ſie in die Stadt zurück. Dieſe bekamen Verſtärkung, und es begann ein bluti— ges Gefecht in der Stadt, welchem nur die Nacht ein Ende machte. Die eine Hälfte der Stadt war im Beſitz der Kaiſerlichen, die andere hatten die Franzoſen beſetzt. In der Nacht machten die Kai— ſerlichen Traverſen in der Stadt, und viele Sol⸗ daten drangen unter dem Vorwande Holz, Fäßer ꝛc— zu ſuchen, in die Häuſer, und nahmen vieles — 469 mit. Man ſahe der Erneuerung des Gefechts, und dem volligen Untergange der Stadt entgegen, als am 30. des Morgens die beiderſeitigen Gene⸗ räle Kray und Bernadotte in einer Zuſammenkunft zu Neuwied einen Vertrag ſchloßen, wodurch die Stadt für neutral erklärt wurde. Es wurde dar— in ausgemacht, daß weder die Kaiſerlichen noch die Franzoſen Beſatzung hineinlegen ſollten. Nun zogen die Kaiſerlichen ab, aber ſie ſperrten die Stadt von der Landſeite, und ließen niemand aus derſelben heraus, noch hinein gehen. Dieſe durch keine militairiſche Nothwendigkeit gebotene Maas— regel hatte einen drückenden Mangel, und'beinahe eine gänzliche Hungersnoth zur Folge. Vergebens waren alle Bitten der Einwohner; endlich nach 7 Wochen erhielten ſie die Erlaubnis bon 10 bis 12 Uhr Morgens frei aus- und eingehen zu dürfen. Noch einmal in dieſem Jahre wurde die Waf— fenruhe hier unterbrochen. In der Nacht vom 22. und 22. Oct. ein Viertel vor 12 Uhr griffen die Kaiſerlichen die Brückenſchanze an, und ſetzten über den Rhein. Dieſes Unternehmen würde gelungen ſeyn, wenn es mit mehr Bedacht, Uebereinſtim— mung und Nachdruck ausgeführt worden wäre.— Bei dieſer Gelegenheit feuerten die Franzoſen, welche glaubten, die Kaiſerlichen wären der Con— A1 bention zuwider in der Stadt, auf dieſelbe. Ein Haus brannte ab, und eine Frau wurde er ſchoſ⸗ ſen.— Den 12. December kam endlich wieder ei— ne Convention zu Stande, worin feſtgeſetzt wur— de, daß man gegen Stägige Aufkündigung die Winterquartiere ruhig beziehen wolle. Es blie— ben 30 Kaiſerliche in der Stadt, und eben ſo viele in der Brückenſchanze. So vergieng der Winter in Ruhe. Plotzlich kündigten die Franzoſen den 15. April 1797. den Waffenſtillſtand auf. Die unglückliche Stadt ſchickte Depuctirte an den Oberfehlshaber Hoche, und vermittelſt 15000 Liv. und einiger Geſchenke wurde die Neutralität für den Feldzug bewilliget, Am 18. April erfolgte der Uebergang unter dem General Hoche. In der Nacht hörten die kai— ſerlichen Vorpoſten die franzöſiſche Cavallerie über die Brücke reiten. Mit Tagesanbruch war die Armee aus drei Diviſionen Infanterie und 20 Re— gimentern Reuterei beſtehend, den Rhein paſſirt, und ſtand in Schlachtordnung aufmarſchirt. Man wollte den Feldzug frölich eröffnen; die ganze fran— zöſiſche Muſik ſpielte. So griff die Armee unter Hoche das kleine Häuflein Oeſterreicher, das auf der Ebene zerſtreut und ſehr übel poſtirt war, qus 471 5 Bataillonen und 6 Eskadronen, ohngefähr 5000 Mann beſtehend, an. Sie leiſteten muthigen Widerſtand, wurden aber größtentheils getödtet und gefangen, ſelbſt Kray rettete ſich mit ge— nauer Noth. Die Artillerie und Bagage wurde die Beute der Sieger, und in Heddesdorf brann— 4 Häuſer und eine Scheuer ab. Die franzöſiſche Armee rückte bekanntlich da— mals nur bis Frankfurt vor, wo der Friedens— courier ihre weitere Fortſchritte hinderte. Die vom General Hoche anerkannte Neutra— lität der Stadt dauerte nicht lange. Bis im Herbſt 1800 waren die Contributionen, Requi— ſitionen und Einquartirungen an der Tagesord— nung. Endlich kam im Oct. 1800 der förmli— che Friede des Fürſten von Neuwied einerſeits und der Republik Frankreich andern Seits wirklich zu Stande. Er wurde zu Offenbach im Haupt— quartier des Generals Augereau geſchloſſen. Seitdem iſt die Ruhe wieder in dies friedli— che Städtchen zurückgekehrt, aber noch lange wird das Land die Folgen jenes verheerendtn Krieges fühlen. Man berechnet den Kriegsſchaden deſſel— ben auf die Summe von 2,752,056 Rthlr. 2 Zehnter Abſchnitt. Rheinfahrt von Neuwied nach Cölln. Der Anblick der Ufer des Rheins von Neuwied aus nach Andernach hinab, hat ſehr viel Aehn— lichkeit mit derjenigen aus dem Rheingau nack Bingen zu. Hier, wie dort, verengt ſich wie— der das weite Thal des Rbeins. Hohe Felſen— berge, zur Rechten mit Wein und zur Linken mit Holz bewachſen, erheben ſich näher am Ufer, und beſchränken ſein Bette. Dieſe Ausſicht nach An— dernach, über welches ein dunkler Wald ſeinen Schatten wirft, hat etwas ſehr Großes und Mah— leriſches. Am Ende der Pappelallee, eine Viertelſtunde bon Neuwied, ergießt ſich die Wiedbach in den Rhein, und gleich darunter liegt ein Dorf Ir— lich oder Ehrlich. Dieſem gegenüber auf dem linten Ufer unterhalb Weiſſenthurm, fällt die Nerte in den Rhein, ein kleiner Fluß, der ehe— mals die Territorialgränze zwiſchen Churkoͤlln und 2 J Churtrier ausmachte. Bis hieher wurde nach dem Friedensſchluß von Campo Formido in Raſtadt anfänglich nur die Abtretung des linken Rhein— ufers bewilligt, aber ſchon damals auf die drin— gerndern Forderungen der franzböſiſchen Regierung das Ganze hernach abgetreten. Die Nette ent— ſpringt in der ehemaligen Grafſchaft Virneburg, die jezt einen Canton des Rhein- und Moſelde— partements ausmacht. Zur Rechten reihen ſich bier Dörfer am Ab⸗ hange des Gebirges aneinander: Feldkirchen, Wollendorf, G Lersdorf und Höh— lenberg.— Zwiſchen Irlich und dem Dorfe Fahr ſteht ein großes unbewohntes Gebäude, das den Na— men Friedrichsſtein führt. Es iſt ein Jagd— haus des Fürſten von Neuwied. Die Schiffer nennen es das Teufelsſchloß. Bei Fahr oder Amfahr iſt eine Ueberfahrt über den Rhein. Ein kleines Haus, nicht weit von demſelben, iſt das Stammhaus der jetzigen Fürſten von Neuwied. Noch oberhalb der Gebirge, die ſich hier ver⸗ engern, liegt zur Linken Andernach, ehemals eine churkollniſche Stadt, jetzt zum Rhein- und 477 Moſeldepartement gehörig.(4 St. don Coblenz 8 St. von Bonn.) Andernach iſt eine der älteſten Städte am Rhein, und wurde ſchon im aàten Jahrhunderte (1114) zur Stadt erhoben. Julius Cäſar gieng bei derſelben über den Rhein, und führte Krieg gegen die Schwaben. Der römiſche Feldherr Dru— ſus erbaute hier eins ſeiner 50 Caſtelle, wovon noch die Ruinen übrig ſind. Andere Denkmähler ihres Alters und der Anſiedlung der Römer da— ſelbſt ſind die großen und tiefen Gewölbe unter dem Rathhauſe, welche man das Judenbad heißt, die aber wahrſcheinlicher Ueberbleibſel von römi— ſchen Bädern ſind, und das Begräbnis eines Kai— ſers Valentinian in der Pfarrkirche, von dem man aber keine näheren Beſtimmungen hat.— Auch war daſelbſt ein Hof Könige von Auſtraſien. hore auf dem Wege nach Coblenz zur Rechten ſoll ihre Woh⸗ nung geweſen ſeyn.— Ihre reichsſtädtiſchen Pri— vilegien hat ſie im hre 149b verloren, wo ſie durch die Gewalt der Waffen bon Churkölln zur Munizipalſtadt wurde.— Am Ende des 17ten Jahrhunderts(1683) wurde ſie von den Franzoſen in dem bekannten Orleanſchen Kriege am 1. Mai des Nachts um 22 Uhr an ſechs Or, —— 48— ten zugleich angezündet, und bis auf etliche 70 Häuſer abgebrannt.— In dem letzteren Kriege hat ſie ebenfalls einen großen Theil ihres Wohl— ſtandes eingebüßt. Die Gegend von Andernach iſt reich an man— cherlei mineraliſchen Produkten, die von hier ver— führt werden, und womit ein beträchtlicher Han— del getrieben wird. Dahin gehören die Mühl— ſteine, die bei Mieſenheim und Mendig gebrochen und zugehauen, und die Tuffſteine, welche eben— falls aus deſſen Nachbarſchaft hier an den Rhein geführt, und von da nach Holland gebracht wer— den. Dieſer Tuffſtein iſt von aſchgrauer Farbe, leicht und porös. Er wird zermalmt, und heißt dann Traß. Man oermiſcht ihn mit Kalk, und braucht ihn zu Kellern und Waſſerbauten, da er ſo leicht kein Waſſer durchgehen läßt. Den Hol— ländern wird er zu ihren Gebäuden faſt unentbehr— lich. Man ſieht daher immer eine Menge dieſer Tuffſteine hier am Ufer, die in Schiffe geladen und nach Holland gebracht werden. Eben dahin führt man die Pfeiffenerde, welche hier häufig gegraben wird. Eine Stunde von Andernach landeinwärts ent— ſpringt bei dem Carmeliterkloſter St. Anton oder Antoniusſtein ein bekanntes Mineralwaſſer, das man hier das Tonisſteiner oder Dünnen— ſteiner nennt. Das Waſſer enthält außer einer Qnantität Salz auch Eiſentheilchen, die in Sauer— ſtoffgaß aufgelöst ſind. Man hat darüber mehre— re mediziniſche Abhandlungen, und noch neuerlich hat Herr Wollersheim, Arzt zu Andernach, ein kleines Werk darüber geſchrieben. Ich habe es gekoſtet, und dem Schwalbacher Weinbrunnen im Geſchmack ſehr ähnlich gefunden. Aehnliche Kräfte und Beſtandtheile hat der Heilbrun— nen, der nahe bei dem Tünnenſtein entſpringt. Uebrigens iſt Andernach weder regelmäßig ge— baut, noch gut gepflaſtert.— Es iſt hier eine Poſtſtation. In und bei Andernach ſind mehrere Klöſter, die aber ſämmtlich aufgehoben worden ſind. Von Andernach an geht die Chauſſee dicht am Ufer des Rheins. Zur Linken iſt eine ſteile Berg— wand, und zur Rechten der Rhein. Man hat mit Mühe den Raum für dieſelbe dem Felſen ab— gewonnen. Hier bei Andernach an erhalten die Ufer des Rheins das Große und Majeſtätiſche, deſſen ich ſchon gedacht habe. Auf der linken Seite giebt der dunkle Wald, womit der Bergrücken am Ufer be— deckt iſt, der Gegend ein ernſteres Anſehen, wenn —. 480⁰—.— auf dem rechten Ufer Obſtbäume und Weinpflan⸗ zungen ſie erheitern. In dieſer muntern Landſchaft liegt Leutesdorf, ein ſchöner vormals trieri— ſcher Flecken, lang am Ufer hin. Es iſt hier ein Rheinzoll. Unter dieſem Orte liegt die heilige Kreuzkapelle, berühmt wegen eines mirakulöſen Crucifixes. bon Meeſiſchen Aue, einer In— ſel, die zur Linken liegt, eröffnet ſich eine der ſchön⸗ ſten und weiteſten Perſpectiven auf dem Rhein. Er ſtrömt faſt in gerader Linie mehrere Stunden weit durch die freundliche Bergkette, deren Fuß mit Wein- und Obſtpflanzungen bedeckt iſt. Es iſt ein großer, herrlicher Anblick! In einem großen Ob man bald zur Linkend den von Ander 1 chem die großen Rheinfloße abgehen. 5 werden hier aus den kleinern zuſammengeſetzt, die aus dem Neckar, dem Mayn und der Moſel herab— kommen. Ihre Größe und Bauart machen ſie der Aufmerkſamkeit eines jeden würdig, und in mer— cantiliſcher Hinſicht gehören ſie zu den größten Handelsunternehmungen. Durch ſie werden die Schiffswerfte und Magazine in Holland größten— theils mit Holz verſehen. .— 481— Wenn man ein ſolches Floß(hier Flooz genannt) nicht ſelbſt geſehen hat, ſo wird man ſich ſchwer— lich einen Begriff von ihrer ungeheuren Größe ma— chen können. Man denke ſich(ſagt ein älterer Reiſebeſchreiber) eine ſchwimmende Holzinſel von ohngefähr 2000 Fuß in der Länge und 90 Fuß in der Breite, in deſſen Mitte 10 bis 15 geräu⸗ mige Hütten, von Brettern zuſammengefügt, an— gebracht ſind, worauf ein mittelmäßiges Dorf Platz haben könnte, und die von 4— 500 Ruderknech⸗ ten und Arbeitern bewohnt wird, ſo hat man ohn⸗ gefähr einen Begriff von einem ſolchen Floß, daß der Rhein hier auf ſeinem breitern Rücken und bei ſeiner größern Tiefe vor den Augen ſeiner Ufer⸗ bewohner vorbeiträgt. Ich habe mit vielem Vergnügen ein großes holländiſches Floß genau betrachtet, und es ſelbſt vom Lande abſtoßen ſehen. Dieſer Anblick iſt wohl faſt ſo intereſſant, als wenn ein Kriegsſchiff von 50 Kanonen vom Stapel läuft.— Es ſind außer der ungeheueren Menge Proviant, das für die bie— len Ruderer mitgenommen werden muß, eine Men—⸗ ge Vorbereitungen nöthig, um dieſe große Holz⸗ inſel in Bewegung zu ſetzen. Auch herrſcht hier, wie auf einem Schiffe, eine eigene Kunſtſprache, um alle die Taue, Anker und Geräthſchaften zu 31 — 482— benennen, deren man nöthig hat. Vor der Ab⸗ „ und der Steuermann übernimmt Commando. Gewöhnlich iſt es ein Nüdesheimer Schiffer, dem es übertragen wird; es erfordert eine äußerſt genaue Kenntniß des Fluſſes, und eine nicht gemeine Geſchicklich— keit und Aufmerkſamkeit. Er ſtehet auf einem erhabenen Gerüſte, das man den Steuerſtuhl nennt, von dem er das Ganze überſehen kann. Jetzt war alles zur Abfahrt bereit. Das Volk harrete an den Rudern, alles war ſtill! Der Steuermann entblößte ſein Haupt, und rief mit lauter Stimme: Betet überall! Fünfhundert Men— ſchen nahmen ihre Hüte ab, und beteten um ei— ne gute Reiſe. Ich habe niemals etwas Rühren— deres und Erhabeneres geſehen, als dieſe Got, tesberehrung in dieſem Tempel der freien Natur, zwiſchen den ausgebrannten Vulkanen, Felſenſäu⸗ len und lachenden Obſtpflanzungen auf dem ſtillen froͤhlichen Rhein! Dann wurden die Anker gelichtet, die andern Ruderer ſetzten ſich in Bewegung, allmählich lüf— tete ſich das große Gebäude, und endlich rief der Steuermann laut: Auf überall! Alles wird thätig, und in einer ſchönen Harmonie arbeiten — 485— alle nach einem Ruf. Ernſt ſteht der Lenker des Coloſſes auf ſeinem Stuhl, und leitet es zwiſchen Felſen und Sandbänken ſicher durch die Gefahr. Da ein Floß, weil es ſehr tief im Strome geht, mit größerer Geſchwindigkeit fährt, als je— des andere Schiff, ſo fahren immer einige Na— chen voran, um zu wahr ſchauen, d. h. alle auf dem Wege fahrende Schiffe, Mühlen und Brücken aufmerkſam auf die Ankunft deſſelben zu machen. Dem Floße folgen eine Menge Nachen mit Tauen und Ankern. Dieſer letztern ſind nah an 100, deren jeder über 200 Pfund wiegt. Die gewöhnlichen Kunſtworte der Steuerleu⸗ te auf den Flößen ſind holländiſchen Urſprungs, wie es faſt bei allen Nationen die Schifferſprache iſt, aber mehrere ſind auch teutſch. Will der Steuermann zur Rechten, ſo ruft er: Heſſen— land! ſoll aber zur Linken gearbeitet werden, ſo ruft er Frankreich! weil Heſſen rechts und Frankreich links an den Ufern des zu Thal fließen⸗ den Rheins liegen. Da der Steuermann nicht ſo ſtark rufen kann, daß man ihn überall verſtehe, ſo hat er einen Gehülfen, der mit einem Stabe die den entferntern Ruderern ſchon bekannten Zei⸗ chen gibt. ̃ Das Landen eines Floßes am Abend, denn Nachts wird nicht gefahren, erfordert viele Mühe und Vorſicht, Schon lange vorher müſſen die An⸗ ſtalten dazu getroffen werden. Noch weit zieht der Strom und die Kraft des Floßes die gefalle— nen Anker mit ſich fort. Schon vorher werden Nachen mit dicken Tauen oder Kabels vorausge— ſchickt, welche die Nuderer an ſtarke Bäume be⸗ feſtigen, und noch Anker auf dem Lande auswer— fen. Bei der Annäherung des Floßes kommen von demſelben ebenfalls 2 Nachen mit ähnlichen Tauen gefahren, denen die erſtern entgegen kom— men, um durch eine Schleife die beiden Enden zu verbinden. Man nennt dieſe Taue Grenzſeile. Dieſe ſind auf dem Floße um Stangen gewunden, und können nachgelaſſen werden. So hält man allmählig den ſtarken Schuß des Floßes auf, dann nähert man ſich dem Ankerplatz, alle Anker fal⸗ len, alles arbeitet, und endlich ſtehet krachend und knarrend die große Maſchine ſtill. Die gewöhnliche Fahrt der Floße gehet bis Dordrecht. Hier werden ſie auseinander genom— men und verkauft. Man rechnet den Werth eines Floßes von 500000 Cubikfuß in Holland auf 350000 fl. Ohnerachtet der hohen Rheinzölle, die vor dem Kriege für ein einziges Floß von Mainz nach Dordrecht 55000 fl. betrugen, und ohnerachtet der übrigen beträchtlichen Ausgaben iſt doch ein einziger ſolcher Transport hinreichend, das Glück ſeines Unternehmers zu gründen. Die Anzahl der Floße, welche ehemals jährlich den Rhein hinab fuhren, war acht bis zehn. Jetzt hat ſie abgenommen, auch ſollen ſie nicht mehr ſo groß als ehemals gemacht werden. Ich habe indeſſen deren einige geſehen, die von einer beträchtlichen Größe waren. Eine halbe Stunde unterhalb Leutesdorf liegt Oberhammerſtein, ein kleines Dorf, und über ihm erheben ſich auf dem Berge die Trüm— mer des alten Schloſſes Hammerſtein, das ſchon im naten und zaten Jahrhunderte ein be—⸗ deutender feſter Ort war. Kaiſer Heinrich II. nahm es(12020) nebſt dem jetzigen Dorfe, das damals eine Stadt war, ein, ſchleifte beide, und vertrieb daraus ihren Beſitzer, den Grafen Otto— Faſt ein Jahrhundert ſpäter 11206 wurde das Schloß nach ſeiner Wiederherſtellung das Aſyl des unglücklichen Kaiſers Heinrichs IV. und im Sojäh—⸗ rigen Kriege hatten es abwechſelnd die Spanier, dann die Schweden und hernach die Lothringer im Beſitz. Sie wurden von Carl Caſpar von der Leyen, Kurfürſten von Trier, daraus vertrieben, 4366 der es am 5. April 1654 mit Accord erhielt.— Endlich wurde es 1688 von den Franzoſen wieder erobert und geſchleift.— Etwa eine halbe Stun— de unter dem angezeigten Dorfe liegt Nieder— hammerſtein, und dann folgt Rheinbrohl. Die Gegend um dieſe Orte iſt ſehr ſchön. Bei Fornich am linken Ufer, einem kleinen Dorfe, ſieht man große Haufen Tuffſteine, die hier eingeladen werden. Eine noch größere Men— ge dieſes Produkts findet man bei Brohl. Die freundliche Lage dieſes Dorfes am Ufer in einer der ſchönſten Rheinlandſchaften, die Straße, welche von Coblenz vor demſelben vorbeiführt, und die naturhiſtoriſchen Merkwürdigkeiten in ſeiner Nähe machen ihn der Aufmerkſamkeit jedes Reiſenden würdig. Hier wird, wie in Andernach, ein be— trächtlicher Handel mit Tuffſteinen und Mühlſtei— nen getrieben, den indeſſen das Dorf Nippes theilt, welches nahe dabei liegt. Dieſer kleine Ort erhielt im Jahre 1712 ſeine Entſtehung, da ein Holländer ſich hier niederließ, und einen Han— del mit jenen Produkten anfing. Seitdem iſt es zu einem beträchtlichen Dorfe angewachſen. Hin— ter Brohl öffnet ſich eine Bergſpalte, aus der ein Bach, der Brohlbach hervorrauſcht. Er kommt aus einem romantiſchen Thale, in dem Tuffſtein— brüche, Traßmühlen, alte Ritter ſchlöſſer und klei— ne Bauernhütten mahleriſch genug mit einander abwechſeln. Setzt man ſeinen Weg ein Stück weiter fort, ſo gelangt man bei dem alten Rik⸗ terſchloſſe der Schweppenburg vorbei an das Dorf Burgbrohl, das rund von Bergen um⸗ geben iſt. Ein Schloß liegt dabei. Der enge ge— wundene Hohlweg führt dann auf einen Bergkegel, den Veitsberg, der eine weite Ausſicht auf das Rheinthal, die Eifel und den Laachſee gewährt, bei dem ſich ein Benediktinerkloſter befindet. Die— ſes Thal, in dem ſich auch der Tünnenſteiner und der Heilbrunnen befinden, und der Berg verdienen wohl von Reiſenden beſucht zu werden⸗ Auch liegen hier die in der Gebirgskunde berühm— ten Oerter Bell und Nie dermendig, wo die obengedachten Mühlſteine gegraben werden. Hamilton, Collini, de Lue, Noſe, Alexan⸗ der von Humboldt und Forſter haben dieſe Ge— gend beſucht, darüber geſchrieben und geſtritten, ob wirklich hier ehemals Vulkane brannten, und ob der Baſalt, den man hier ſo häufig findet, ein vulkaniſches Produkt ſey? Forſter iſt dieſer Meinung nicht, und ich habe darin keine Stim⸗ me.(Man leſe hierüber ſeine Anſichten vom Nie⸗ derrhein, Brabant ꝛc. ir Th. S. 26. u. ff.) — 488— Rheinbrohl faſt gegenüber ſteht auf einem er— habenen Standpunkte das Schloß Rheineck der ehemalige Sitz eines Burggrafen, das man weit hinauf und herunter am Rhein erblickt. um das Jahr 1548 ſtarb der letzte Burggraf,, und Kur— kölln zog es als ein erledigtes Lehen ein, mußte es aber nach dem Urtheilsſpruch des k. Reichskam— mergerichts 1567 an den Herrn von Warsberg als Weiberlehen herausgeben, weil deſſen Gemahlin aus dem Rheineckſchen Geſchlecht war. 1654 wur⸗ de es von einem Nachkommen jenes Herrn von Warsberg an den Grafen Rudolph von Sinzendorf für 7000 Dukaten berkauft. 1689 wurde es von den Franzoſen verheert und verbrannt, und 1785 brannte es wieder ab, wurde aber nachher wieder aufgebauet. Als unmittelbares Reichslehen gab es ſeinem Beſitzer Sitz und Stimme auf dem Reichs⸗ tage unter den ſchwäbiſchen Grafen. Er hat es durch den Frieden von Lüneville verloren. Das Burggrafthum Rheineck enthielt ohngefähr 2 Qua⸗ dratmeile, 1600 Einwohner, und brachte dem Grafen an allerlei Abgaben und Einkünften 11,500 fl. ein. Am Fuße des Schloſſes in dem Thale, durch das der Weg hinaufführt, liegt das dazu ge⸗ hörige Dörfchen mit ein paar Mühlen, die von dem Pfingſtbach getrieben werden.— Etwas wei— 489— ter hinab zwiſchen der Landſtraße und dem Rhei— ne ſieht man den Dempelhof, eine alte Kir— che mit einem Hofe, ehemals dem Maͤltheſeror— den gehörig.— Jenſeits liegt Hönningen auf dem rechten Ufer, wo ein guter Bleichert wächſt. Breyſig, ein großer Flecken, der zum Stift Eſſen gehörte, iſt ſo wie Hönningen, we— gen ſeines Bleicherts bekannt. Hier iſt ein Co— menthurei-Haus des Johanniterordens. Die dazu gehörige Herrſchaft iſt T Quadratmeile groß, und hat 1000 Einwohner, wovon ehemals das Stift 6500 fl. an Einkünften zog. Durch den Frie— densſchluß von Lüneville hat es dieſes alles ver— loren. Gleich unter Hönningen hängt mahleriſch auf einem abgeſchnittenen Bergkegel das Schloß Ar— genfels in einer unendlich pittoresken Landſchaft. Ehemals gehörte es den Grafen von Yſenburg, jetzt den Grafen von der Leyen. Hinter ihm ſteht drohend ein ungeheurer Felſenberg, mit dem ſich kleinere verbinden, an deren Fuße etwas weiter hin ein kleines Dörfchen Argendorf liegt. Dann folgt Leutzdorf in einem Bergeinſchnitte, über welchem ſich Dattenberg, ein zerfallenes Rit— terſchloß, zeigt, bei welchem Baſalt gebrochen wird. 496— Leutzdorf ohngefähr gegenüber auf dem linken Ufer, fließt die kleine Aar in den Rhein, ein Fluß, der gewöhnlich nur ſo tief iſt, daß man faſt zu Fuß durchgehen kann, der aber bei Ge— witterregen und im Frühling vom geſchmolzenen Schnee im Gebirge, welches er von ſeinem Ur— ſprunge, an der Gränze des ehemaligen trieri— ſchen Gebiets in der Eifel, durchrauſcht, ſo an— ſchwillt, daß er oft große Verwüſtungen anrich— tet, und Brücken und Mühlen mit fortreißt. Das Hauptprodukt dieſer Gegend iſt der Wein, der hier gewöhnlich getrunken wird. Er haͤlt ſich nur einige Jahre, ſo wie überhaupt die Aarwei— ne nicht über 6 Jahre alt werden dürfen, ohne an ihrer Güte und Stärke zu verlieren. Ge— wöhnlich ſind ſie im 2ten Jahre im höchſten Prei— ſe, und alsdann wird der rothe, z. B. der Ahr⸗ weiler, ſo theuer bezahlt, als Rheinweine. Außer dem Wein wird hier auch Getraide und ſehr vie— les Obſt gebauet. Noch dieſſeits der Mündung der Aar liegt Sinzig, ein kleines unbedeutendes ehemals Jü— lichſches Städtchen. Katſer Karl IV. verpfändete es im Jahre 1548 an Wilhelm den Achten, Gra— fen von Jülich. Auf einem Hügel, nicht fern dabon, ſteht das Helenenkloſter— hier die — 40— Lehn genannt— und weiter hin erheben ſich die alten Schlöſſer Landskron und Ollbrücken 5 dieſes in weiter Ferne an der Gränze der wilden Eiffel. Der Mündung der Aar gegenüber zeichnet ſich das größere Linz, ein ehemaliges Cöllniſches Städtchen mit einem Zoll, vor den kleinern Ort— ſchaften aus, an denen man vorüberſchifft.(Man kommt vorher noch Ober- und Unterkrippe auf dem linken Ufer und bei einem Wirthshauſe, zum Wallen, am rechten vorbei.)— Linz liegt auf einer allmählig ſich erhebenden Anhöhe, hin— ter ſich hohe Gebirge, vor ſich den Rhein, der ſich hier in einen weiten See verwandelt hat. Die Stadt ſelbſt hat gar keine Merkwürdigkeiten von Bedeutung. Ihr Inneres iſt ſchmutzig und altfränkiſch. Sie hat in den Kriegen des vori— gen Jahrhunderts und in dem jetzigen ſehr viel Un— gemach ausgeſtanden.— Es exiſtirt jetzt hier ei⸗ ne Buchhandlung, welche die Braun ſche heißt. Sie hat mit einem Verlagsartikel debutirt, der beſonders für dieſe Gegenden am Rhein berechnet zu ſeyn ſcheint, nämlich einer Anweiſung, wie man die Kriegsſchulden auf die mindeſt drückende Art bezahlen ſolle?— — 490— Gleich unter Linz hängen in einer Berg— ſchlucht Okkenfels, dann folgt Linzhauſen, dann die mit einigen Mühlen und Höfen beſetzte Kasbach und Erpel. Bei dieſem hebt ſich ein faſt 700 Fuß hoher Baſaltberg empor, die Er— peler Ley genannt. Auf ſeinem dunkeln, blauen Rücken trägt er Weinreben, deren vortreffliches Produkt die unglaubliche Mühe der Arbeit be— lohnt. Da der Boden ganz aus zerbrochenen Felſenſtücken beſteht, ſo wird der Weinſtock in einen mit Erde und Raſen angefüllten Korb ge— ſetzt, die Steine weggenommen, und dann un— ter die Erde gebracht. Die heiße Mittagsſonne kocht ihn dann an der Felſenwand— Am linken Ufer folgt Remagen, ein ehe— mals jülichſches Städtchen, jezt eine Gemeinde des Rhein- und Moſeldepartements. Es iſt ehe— mals, ſo wie Sinzig, von Kaiſer Karl IV. an Wilhelm VIII. verpfändet worden.— Sein Al— terthum und die Anweſenheit der Römer an die— ſem Orte beweiſen die hier noch in Säulenſtücken und Figuren beſtehenden römiſchen Denkmäler und mehrere römiſche Münzen, die man hier fand.— Unter andern entdeckte man hier im J. 1748 einen vömiſchen unter den Kaiſern Marcus, Aurelius und Lucius Verus um das Jahr Chriſti 165 ge— ſetzten Meilenſtein, welcher die Entfernung der Stadt Rigomagus von Cölln auf Mille passus XXN angibt.— Dies iſt wahrſcheinlich unrich— tig, denn Remagen iſt noch 10 Stunden von Cölln entfernt.— Ueberall an dieſem Orte und ſchon von Fornich herab, wird der Baſalt zum Pfla— ſtern, zu Fagaden, Mauern ꝛc. gebraucht. Gleich unter Remagen erhebt ſich ein hoher kegelförmiger Berg, der St. Appollinaris⸗ berg genannt. Seine Lage mitten in der Ebe— ne, in einer reichen grünenden Landſchaft, iſt in hohem Grade maleriſch, und eine große Zierde dieſer Gegend, die Bertola mit der von Neapel und Pauſilippo vergleicht. Die ganze Natur hier umher, die alten Trümmern der Veſten, die ein— geſtürzten Baſaltfelſen und der breite Strom ma— chen ein großes Ganze aus, das wohl ſeine Er— innerung an die ſchönſte Gegend Europens recht— fertigt. Der Appollinarisberg trägt eine Benediktiner— Mönchsprobſtei, die von Friedrich, Erzbiſchof zu Cölln um das Jahr ꝛogg geſtiftet wurde. Sie gehört zur Abtei Siegburg. Mehrere Reliquien ziehen noch jetzt biele Wallfahrer dahin, deren ich ſelbſt eine große Menge ſahe. Die Ausſicht von 4— 400 dem Gipfel des Berges iſt über meine Beſchrei— bung erhaben. Die Landſtraße von Coblenz nach Cölln iſt hier wieder, wie weiter oben, dem Ufer abgewonnen, aber ſehr gut unterhalten. Dieſer Weg gereicht den Wegaufſehern und der Departementsverwal— tung ſehr zur Ehre. Hier weiß man doch, wo— für man das in Frankreich hoch angeſetzte Chauſ— ſeegeld bezahlt. Die Einnahme des Chauſſeegel— des iſt verpachtet, und die Chauſſeegeldeinnehmer, oder Barriereempfänger, wie man ſie hier nennt, ſollen für die Unterhaltung derſelben ſorgen. Bei verminderter Aufſicht der Weg- und Brückeninſpek— toren hört aber in vielen Departements dieſe Un— terhaltung auf, was indeſſen hier keineswegs der Fall iſt. Man bezahlt jezt für die„Diſtance““ die noch nicht einmal eine Stunde beträgt, für jedes Pferd 5 Sols(ohngefähr 1 Ggr. ſächſ.); alſo koſtet eine Chaiſe mit 2 Pferden beſpannt von Coblenz nach Cölln über 1 Rthlr. 12 Ggr.— Der Unternehmer einer Diligence in Cölln ſagte mir, daß er der Republik für ſeinen täglich nach Coblenz abgehenden Wagen jährlich— 9ooo Franken an Chauſſeegeld bezahle. Bei einer et— was weiten Reiſe in der Republik iſt daher das Chauſſeegeld ein Gegenſtand von Bedeutung.— 22— Sueeee 2 f — 405— Den Weg hier am Ufer des Rheins haben zu⸗ folge einer alten Inſchrift an einer Säule die Rö— mer angelegt, der im J. 1768 auf Befehl des Kurfürſten von der Pfalz, Carl Theodor, von dem Grafen von Goldſtein wieder hergeſtellt wur— de. In dem Felſen iſt eine Tafel mit einer dar— auf Bezug habenden Inſchrift eingemauert; ſie lautet: Viam sub M. et L. Vero impp. Anno Ch. CLXII. Munitam Carolus Theodorus Elector Pal. Dux Bav. Jul. Cl. M. Refecit et Ampliavit An. MDCCLXVIII. Curante Jo. Lud. Comite de Goldstein. Pro Principe. en In dieſer Gegend iſt es auch, wo der franz. Erminiſter Calonne, zur Zeit des Emigrantenwe— ſens am Rhein, mit Wagen und Pferden in den Rhein ſtürzte. Er wurde glücklich gerettet. Da⸗ mals war das Geländer noch nicht fertig, welches jezt das hohe Ufer einſchließt. In einer halben Stunde erreicht man Unkel, ein freundliches Städtchen am rechten Ufer, um— geben von Bäumen und Feldern und hohen Ba⸗ ſaltbergen. Gegenüber dieſer Stadt, am ſogenann— ten Unkelſtein, war ehemals und noch vor kur— zem die Fahrt gefährlich, und oft hat man hier von Unglücksfällen der Schiffer gehört. Dieſer Unkelſtein war nichts anders, als ein Haufen blauer Baſaltſäulen, die zufolge ihrer 4— Seckig— ten Figur und einem Durchmeſſer von 10 bis 18 Zollen, ſich wie eine Reihe Orgelpfeifen aus dem Waſſer erheben. Sie ſind jezt nicht mehr ſicht— bar, da die Franzoſen dieſes Lager geſprengt ha— ben.— Noch ein Baſaltberg erhebt ſich in der Nähe von Unkel. Hier liegen eine unzählige Men— ge Baſaltſäulen von der Natur auf eine ſonderba— re Art aufgehäuft. Ihre Figur iſt ſo regelmäßig, daß man ſie für das Werk der mühſamſten Kunſt halten ſollte. Und dieſer Baſaltberg, zu dem ge— ſchlängelte Wege führen, iſt an ſeinem Fuße mit Weinbergen geſchmückt, und ſein Haupt mit Laub gekrönt. In dem lieblichen Grün nimmt ſich das dunkle Blau und Schwarz der Säulen ſehr ſchön aus. Hier bei Unkel eröffnet ſich nun eine der ſchön⸗ ſten Ausſichten längs des ganzen Rheins. Der Fluß bildet wieder ein breites großes Becken, zur Rechten mit drei Dörfern Heiſter, Scheuren und Rheinbreitbach beſetzt, zum Theil zwi⸗ ſchen Fruchtfeldern und Obſtbäumen am Fuße ſehr hoher Berge gelegen, und zur Linken ſchließen es Weinberge ein, an deren Fuße die Landſtraße hin⸗ läuft. Oberwinter ruht freundlich in der prächtigen Landſchaft, und in der Ferne thronen die Siebenberge in den Wolken. Unendlich reizend iſt dieſe Gegend von Ober— winter, ein freundlicher Flecken, der zum Jü⸗ lichſchen gehörte. Die Landſchaft in ſeiner Nähe vekeinigt die Schönheiten der Lage von Bingen, von St. Goar und Ehrenbreitſtein, in einer Man⸗ nichfaltigkeit ohne Gleichen. Es iſt hier ſo ernſt und ſo heiter, ſo erhaben und ſo lieblich; man ſieht alles zuſammen, was das Auge an einer Land⸗ ſchaft entzückt. Von dem heitern Grün der Saat⸗ felder und Aue wende ich meinen Blick auf die grauen Ruinen zerfallener Schlößer, und in die 6 dunkeln Klüfte, wo aus Spalten zerbrochener Säu— len Epheu entſprießt, und wilder Thymian duftet. Der Rhein erhält hier eine ſeltene Breite; in drei Arme getheilt, umfaßt er zwei Inſeln, das Nonnenwerth und das Grafenwerth ge— nannt. Auf erſteres blicken die. Trümmer von Rolandsecks, einem ehemaligen Bergſchloß, herab, das einſt der Ritter Roland, ein Neffe Carls des- Großen erbaut haben ſoll, um ſeiner Geliebten nahe zu ſeyn, die hier im Kloſter auf ewig von ihm geſchieden war. Dies Benedikti⸗ ner-Nonnenkloſter wurde vom Erzbiſchof Friedrich I. 1120 geſtiftet. Nach dem Brande von 1778 iſt es ſehr weitläuftig wieder aufgebaut worden. Man hat es ſonſt auch Rolandswerth ge⸗ nannt, zum Andenken des traurenden Nitters Ro⸗ land. Das Grafenwerth iſt mit Saatfeldern und Obſtbäumen bedeckt. Das Ganze hier herum iſt von einer unbeſchreiblichen Schönheit. Etwas weiter hinab wird der Lauf des Rheins ſchneller, und eilender die Fahrt des Schiffs. Hier laſſen die Schiffer die Ruder ruhen, und mit Gotteshülfe— ſo heißt dieſer Diſtrikt— treibt das Fahrzeug ohne die ihrige mit dem ſchnellern Strome hinab. — 409— Honnef und Röndorf liegen faſt ſchon im Schatten des Siebengebirges. Sie ſind wohl⸗ gebaut, umgeben von Saaten, Weinpflanzungen und Obſtgärten. Das Siebengebirge, das einen Theil des köll— niſchen Amts Löwenberg ausmacht„und ſich von den Schlöſſern Heimberg und St. Egidienberg bis Bonn gegenüber erſtreckt, hat nur uneigentlich den Namen der Siebenberge oder des Siebengebirges. Die Zahl der Berge iſt viel größer, aber ſieben darunter zeichnen ſich durch ihre Höhe vorzüglich aus. Der Anblick dieſer hohen Bergmaßen, mit den zerſtörten Veſten darauf, gewährt einen An⸗ blick, der in hohem Grade erhaben iſt, und et⸗ was unbeſchreiblich Majeſtätiſches hat. Der Löwenberg iſt der höchſte bon den Ber⸗ gen des Siebengebirges. Er trägt noch eine alte Veſte, die in Trümmern zerfällt. Seine Höhe beträgt 2896 rheiniſche Fuß. Der Drachen— felss, ein anderer Bergkegel, ſteigt ſteil vom Ufer des Fluſſes an in die Wolken. Zerſplitterte Ueberreſte der ehemaligen Burg darauf ſehen wie ungeheure Statuen aus, ſeltſam von Form und Zuſammenſetzung. Der Kurfürſt Arnold I. ſchenk— te im Jahre 1158 dieſes Schloß dem Probſte Gerhard von Bonn, von dem es hernach an die — 500— Burggrafen von Drachenfels kam. Nach dem Aus⸗ ſterben dieſer Familie im Jahre 1580 kam es durch eine Heurath mit der letzten Tochter, Appollonia von Drachenfels, an den Grafen Otto Waldbott von Baſſenheim, von denen ſich noch die Nach— kommen, Freiherren Waldbott von Baßenheim zu Gudenau, Erb- und Burggrafen, ſchreiben. Der Drachenfels verbindet ſich gegen Oſten mit der Wolkenburg— einem Bergkegel,, deſſen Höhe man auf 1482 rheiniſche Fuß angibt. Er war ſonſt noch höher, als er jezt iſt, und auf ſeinem Gipfel ſtand ein Schloß, aber man hat ihn ſo weit abgetragen, indem man einen be⸗ trächtlichen Steinbruch darauf anlegte, welcher die ſogenannten Königswinterer Steine liefert, die am ganzen Nhein hinab zu Treppen, Thüren und Fenſtereinfaſſungen, Säulen ꝛc. gebraucht, und zu Königswinter bearbeitet werden.— Der Erzbi⸗ ſchof von Kölln, Friedrich der Erſte, der die durch Kaiſer Heinrichs des Fünften Armee verwüſteten Klöſter Wolkenburg, Drachenfels und Rolandseck (auf dem linken Ufer) wieder herſtellte, ſtarb auf dieſer Wolkenburg. Sein Leichnam ruhet in der Abtei Siegburg. Zur Rechten des Drachenfelſen ſtehet der Stromberg, oder Petersberg, mit einer — 501— kleinen dem heiligen Peter geweihten Capelle. Ei⸗ nigemal baueten ſich Mönche„und zulezt Eiſter⸗ zienſer aus dem in der Eifel gelegenen Kloſter Himmerothe(1188) unter dem Erzbiſchof Philipp von Heinsberg daſelbſt an, aber ſie verließen die— ſe mühſam zu erſteigende Höhe nach einigen Jah⸗ ren wieder, und bezogen die hinter dem Berge in einem Thale gelegene Abtei Heiſterbach, welche noch exiſtirt.— Von geringerer Höhe und ent⸗ fernter vbom Rhein liegen noch als Theile des Siebengebirſs der Minder oder Nonnen⸗ Stromberg, der hohe Oelberg(1827 Fuß hoch) und mehrere andere„die dazu gehö⸗ ren.— Ich habe dieſe Berge einſt in einer mond⸗ hellen Sommernacht von Bonn aus geſehen. Ich ſtand am Ufer des Rheines, der ohne Geräuſch daher ſtrömte. Alles war ſo ſtill und freundlich l Es war ſo hell überall, und der Mond bewegte ſich nicht an dem dunkeln blauen Himmel“,, und blickte durch die Blätter des Baumes„unter den ich mich niedergeſetzt hatte. Aber drüben unterm Siebengebirge war dunkle Nacht. Ihr langer Schatten deckte weit umher das Land. Das Siebengebirge war von jeher beſucht, und bewundert von Naturforſchern und Reiſenden aus allen Ländern Europens. De Lue und Colt — 502— lini, Hamilton und Forſter ſind hier hinüber und herüber geſchifft, in den einfachen Hütten des Weinbauers und Fiſchers eingekehrt, und haben Güte und Offenherzigkeit und freundliche Aufnah— me gefunden. Der Krieg hatte ſie zehn Jahre lang verſcheucht, und jetzt iſt es ihnen erſchwert, ſo wie de Luc es that, bald hier bald dorthin zu fahren, und einzukehren, wo es ihnen einfiel. Damals brauchte man keine Päſſe, keine Paſſa— vants, und wurde nicht viſitirt. Der Genuß des Reiſens in dieſem ſchönen Lande wird unendlich durch alle dieſe Einrichtungen bermindert, die man ſonſt nicht kannte. Bei Königswinter, einem Städtchen an der Gränze des Herzogthums Berg, ziehen ſich die Berge zurück, und die Ufer erheben ſich nur nach und nach in ſanften Wölbungen zu den entfernten Gipfeen des Gebirges, der Rhein breitet ſich aus, und fließt durch ein ungeheures Amphitheater.— Die Dörfer Dollendorf und Ober Caßel zur Rechten, und dahinter die teutſche Ordens— Comenthurey Rammersdorf; zur Linken Me h⸗ lem, Rünsdorf, Plittersdorf und die prächtige Ruine Godesberg ſcheinen die Schluß— und Gränzſteine des ſchönen Landes zu machen, das man durchfuhr⸗ — 505— Der ſich ſteil von der Ebene erhebende Go— desberg iſt einer der ſchönſten am Rhein, und mit ſeinen Ruinen, die er trägt, eine Zierde der heitern Landſchaft.— Nach der Sage ſoll hier zu den Zeiten der Römer ein Tempel des Mercur geſtanden haben, den die bekehrten Ubier in eine dem Erzengel Michael geheiligte Kirche verwandelt hätten. Daher ſein Name Gottesberg oder Götzen⸗ berg.— Die Gebäude des Schloſſes ſollen im 15. Jahrhunderte von dem Erzbiſchof Theodorich von Cölln aufgeführt ſeyn. Im Sojährigen Kriege ward dies Schloß abwechſelnd von den Schweden, Kaiſerlichen und Franzoſen beſetzt, und verheert. Die Gegend von Godesberg iſt durch mehrere Anlagen und neue Gebände verſchönert. worden, welche der(jezt verſtorbene) Kurfürſt Maximilian von Oeſterreich in der Nähe des hier befindlich en Mineralbrunnens— welcher ur ſprünglich Drait ſch heißt,— aufführen ließ. Dieſe Quelle iſt vom Prof. Wurzer zu Bonn chemiſch unterſucht wor⸗ den, der auch eine Abhandlung darüber ſo wie über das Siebengebirge geſchrieben hat. Sie enthält ſire Luft, Eiſen, Kalk und Bitterſalzerde, und etwas Mineralalkali.— Die Erweiterung der An lagen und die Verſchönerung der Gegend um die⸗ ſen Brunnen gehörte mit zu den Lieblingsbeſchäf, N 504 tigungen des Fürſten, und wirklich würde der Zu⸗ fluß der Fremden, wenn ſie auch nicht das Waſ—⸗ ſer angezogen hätte, doch bald beträchtlich genug geworden ſeyn, da er alles für das Vergnügen derſelben that, und die reizende Gegend ihnen einen ſchönen Ruhepunkt nach der Reiſe auf dem Rhein darbot. Hier würden alle gern verweilt haben, da bei Bonn, das nur eine Stunde von hier entfernt iſt, alle Reize der Rheinfahrt mit der einförmigen Landſchaft aufhören, in die er tritt. Aber faſt noch in der Entſtehung ſind die— ſe ſchöne Anlagen vernichtet worden. Die Tanz— und Spielſäle ſtehen verlaſſen und verwüſtet, die Wohnungen für Badegäſte wurden zu Caſernen der Soldaten und die, engliſchen Anlagen nicht mehr unterhalten. Seit 1794 mit der Ankunft der Franzoſen hat alle Sorge dafür aufgehört, und Marimilian hat ſeinen Lieblingsort nicht wie— der geſehen. Der Weg nach Bonn und von da nach Cölln führt vor dieſen Brunnengebäuden in einer klei— nen Entfernung vorüber. Er iſt gut unterhalten, und war ehemals mit einer ſchönen Allee von Lindenbäumen(an der Zahl 5557) beſetzt, die aber während dieſes Krieges von den Franzoſen, und wie man ſagt, noch mehr von den Bauern umgehauen wurden, welche den Schatten, den ſie ein paar Stunden des Tages auf ihre daneben liegenden Aecker warfen, nicht leiden wollten, ob ihnen gleich der Kurfürſt den Acker ſo weit er beſchattet wurde, für baares Geld abgekauft und dann wieder geſchenkt hatte, damit ſie nur die Bäume ſtehen laſſen ſollten, die dieſen Weg ver, ſchönerten, und den Reiſenden und ſelbſt den Bauern ſehr willkommen ſeyn mußten, die dieſen Weg kamen.— Dieſe Undankbarkeit und niedrige Habſucht, dieſer gänzliche Mangel an Gefühl für das Schöne und nützliche Anſtalten, charakteriſirt hinlänglich die niedere Volksklaſſe, die faſt über— all ſich ähnlich iſt. Eine intereſſante Antiquität auf dieſem Wege von Godesdorf(das bei dem Brunnenorte liegt) nach Bonn, iſt das große ſteinerne Monument im gothiſchen Geſchmacke, welches man hier das Hoch⸗ kreuz nennt. Ohne beſtimmen zu wollen, wel— chen Urſprung es eigentlich habe, führe ich nur einige Sagen darüber an. Nach einigen war hier der Marktplatz des alten Bonns, und andere ge⸗ ben an, daß ein Herr von Hochkirchen, der einen Ritter im Duell hier getödtet habe, von dem Erz— biſchof Theodor von Heinsberg verurtheilt worden ſey, dies Kreuz aufzurichten, welches daher auch 1—— 506 ehemals das Hochkircher Kreuz geheißen habe. Die köllniſche Chronik ſagt, daß es um das Jahr 1555 von Kurfürſt Wallram von Jülich aufgerichtet wor— den ſey.— Es iſt wirklich von ſchöner Arbeit, und als eine Merkwürdigkeit dieſer Gegend meh— reremal in Kupfer geſtochen worden. Auch haben die vorbeimarſchirten Soldaten es nicht, wie ge— wöhnlich, beſchädigt. Eine andere Merkwürdigkeit der Gegend von Godesberg iſt das Kloſter Marienfonſt, das etwas weſtlich nach dem Gebirge zu liegt. Hierin befinden ſich Brigittenmönche und Nonnen unter einem Dache. An einer großen Krümmung des Fluſſes, in einer weiten Ebene, die gegen Weſten von Ge— birgen begränzt wird, liegt Bonn, jezt der Hauptort eines eigenen Bezirks im Rhein- und Mo⸗ ſeldepartement, der Sitz eines Unterpräfekts und ehemals die Reſidenzſtadt des Kurfürſten von Cölln. Bonn iſt, ſo wie die meiſten Städte am Rhein, ſehr alt, und hat mancherlei Schickſale erlitten. Sie war in grauen Zeiten von den Übiern be— wohnt, einem teutſchen Volke, woher ſie auch den Namen Ara Ubiorum erhielt. Dann legte Dru— ſus Germanicus hier ein Caſtell an, wie er an mehreren Orten am Rheine that, und bauete eine — 507— Brücke über dieſen Fluß. Die Stadt und alle übrige Anlagen wurden von den Normannen wie— der zerſtört. Auf Veranlaſſung und durch eine Stiftung der Mutter des Kaiſers Conſtantin, der h. Helena, wurde ſie wieder aufgebaut, und nachher Bona genannt; denn hier war nach Ta— citus*) die Ete römiſche Legion gelagert/ wo— von ſie Oastra Bona genannt wurde.— In jedem Jahrhunderte hat Bonn, als eine Feſtung, mehrere Unglücksfälle erlitten. Sie wurde in den Jahren 1689 und 12705 durch heftige Belagerun— gen und Bombardements ſehr beſchädigt. Als aber nach dem Badenſchen Frieden der Kurfürſt Jo— ſeph Clemens wieder in den Beſitz derſelben kam, ward die Stadt wieder hergeſtellt, und das große Schloß erbauet, das aber, wie die ſchon früher erbauten, im Jahr 2777 zum Theil ein Raub der Flammen wurde. Der Kurfürſt Maximilian Friedrich ſtellte es wieder her. Bonn gehörte, als es noch die Reſidenz des Kurfürſten war, zu den angenehmſten Städten am Rhein.— Der ſchöne Fluß, die Gegend und die Anlagen umher, die Vergnügungen der Reſi— denz und des Fürſten Popularität zogen Fremde ) Hist. lib, IV. Cap. 20. 26. Lib. V. Cap. 22. — 508— aus allen Gegenden Europens hieher. Sie weil⸗ ten gern am Hofe und in der Nähe eines liebens— würdigen Mannes, der einfach, wie ſein Bruder Joſeph, der Kaiſer war, und Pomp und Ge— pränge nicht liebte, aber Wiſſenſchaft und Cultur beförderte. Jezt iſt Bonn ein todter ſtiller Ort, der nichts mehr hat, was den Fremden noch anziehen könn— te, als die Ruinen ſeines ehemaligen Glanzes. Seine Bevölkerung hat ſich durch die Auswande— rung der meiſten Hof, und Regierungsbeamten und des Adels beträchtlich vermindert, und der Nah— rungsſtand abgenommen. Jene betrug ehemals über 22060 Einwohner, mag aber jezt wohl bis auf gooo vermindert ſeyn. Das große Schloß des Kurfürſten mit ſeinen vielen Merkwürdigkeiten ſieht aus wie das Mainzer und Coblenzer. Es waren hierin eine koſtbare Bibliothek, die Meiſterwerke der Literatur von allen Nationen enthaltend, ein phyſikaliſches Cabinet und eine Sammlung von Naturalien, die zu den erſten in Teutſchland ge— hörte. Die Säle und Zimmer, worin dies Alles aufgeſtellt war, ſtanden mit deſſen Werth in Ver— hältnis. Dann ſahe man noch in dieſem Schloſſe den TeutſchenOrdensſaal, den Akademieſaal und das Theater. Aber alles dieſes, alle Seltenheit — 509— ten und Kunſtwerke, die man hier verwahrte, ſind verſchleudert, geſtohlen und vernichtet. Noch vor kurzem wurde die kurfürſtliche Orangerie aus den Gärten bei dem Schloſſe an den Meiſtbie— tenden verkauft.— Der ſchönſte Theil deſſelben, oder vielmehr der weſtliche Flügel, hieß ehemals Buen Retiro. An mehreren ſchönen und großen Häuſern ſieht man noch, daß Bonn vor zwölf Jahren der Auf, enthaltsort des Hofes und ſeiner Dependenzen war. Unter die beſſern Gebäude gehören die der Gra— fen von Belderbuſch und von Metternich, der Freiherrn von Weichs, Gymnich ꝛc.— Das Rath⸗ haus iſt ein ziemlich ſchönes Gebäude. Es ſteht ſeit 2757— Der Marktplatz, auf dem es ſich befindet, iſt nicht regelmäßig, hat aber ein hei⸗ teres Anſehen. Man ſieht noch auf demſelben ei— ne Pyramide mit einem Brunnen, welche die Bürgerſchaft von Bonn(1777) dem vorlezten Kurfürſten Maximilian Friedrich zu Ehren errich— tete. Sie iſt mit vielen Schnörkeln, unnützer Vergoldung und geſchmackloſen Inſchriften über—⸗ laden.— Regelmäßiger, aber ſtiller iſt der Vierecksplatz, und zum Spazierengehen dient der mit Linden beſetzte Vorhof. — 510— An Kirchen und Klöſtern iſt kein Mangel in diefer Stadt. Sie waren voller Heiligthümer, Koſtbarkeiten und Reliquien, aber das Koſtbare iſt nicht mehr da, und die Wandelbarkeit ihres Zuſtandes würde nur eine unvollkommene Beſchrei— bung derſelben zulaſſen. Es befinden ſich hier 6 Klöſter und 4 Pfarrkirchen.— Auch die Juden haben hier eine eigene Gaſſe von 21 Häuſern, die ſie aber jezt nicht mehr ausſchließlich zu be⸗ wohnen genbthigt ſind. Aus dem Schloßgarten führt eine 1200 Schritt lange einfache Allee, weſtlich nach dem Schloſſe Poppels dorf oder Clemensruh.— Es verfiel ſchon unter dem lezten Kurfürſten, und iſt es noch mehr jezt nach der Entfernung deſſelben ſeit- 1794. Bei dieſem Schloſſe und dem dabei befindlichen Gebäude, das die Sternburg genannt wurde, liegt das Dorf Poppelsdorf. Dieſer Ort wurde von Clemens Auguſt vorzüglich begünſtigt. Er wollte hier Manufakturen und Fabriken zu Stande bringen, was ihm aber nicht ganz gelang. Unter andern legte er daſelbſt eine Meſſe an, und lud Kaufleute und Krämer dahin ein, aber ſie kam eben ſo wenig im Flor. Um die Kaufleute für die Reilekoſten zu entſchädigen, kaufte er ihnen ſelbſt die Waaren ab, und ver⸗ — 511— ſchenkte ſie wieder.— Fünf Viertelſtunden von hier liegt noch ein anderes von Clemens Auguſt erbautes Schloß Rödchen oder Herzogsfr eu⸗ de. Es iſt ganz verfallen.— Ohngefähr in der nämlichen Richtung iſt die ehemalige Teutſch-Or⸗ densCommenthurei M uffendorf. Bonn hatte vor dem Kriege eine Uniberſität, die von dem verſtorbenen Churfürſten geſtiftet wur⸗ de. Sie war die Rivalin der Köllniſchen und gab gute Hoffnungen von ſich. Würklich würde das neue Licht, das hier aufgieng, weit umher das dunkle Land erhellt haben, als es der Krieg wie⸗ der auslöſchte. Der Churfürſt ſelbſt hob ſie kurz vor der Ankunft der Franzoſen im Aug. 1794 wieder auf. Die Profeſſoren wurden mit einem vierteljährigen Gehalt entlaſſen. Das von ver⸗ ſchiedenen Häufern zur Beſtreitung der Uniberſi⸗ tätskoſten fundirte Geld ward zum Kriegsbeitrag genommen, ſo wie das, was die verſchiedenen Stifter und Klöſter dazu hergeben mußten.— Nach der franzöſiſchen Elhberung des linken Rhein⸗ ufers ward durch einen Beſchluß des Regierungs— Commiſſaire vom 11. Brlim. 7. Jahres eine Centralſchule hier errichtet, deren Organi⸗ ſation aber immer ſehr unbollkommen geblieben iſt. Es wurden 5 Profeſſoren ernannt, unter — 512— denen einige, Herr Wurzer als Phyſiker, Herr Odenkirchen als Philolog und Herr Rouge— mont als Arzt auch im Auslande ſehr rühmlich bekannt ſind. Aber dieſe neu angeſtellten Lehrer erhielten weder ihre Beſoldungen richtig ausge⸗ zahlt, noch hatten ſie in jenen Zeiten des Krie⸗ ges Schüler zu unterrichten. Die Centralſchule war im Beſitz einer Bibliothek, eines botani— ſchen Gartens und eines eingerichteten Anatomie— gebäudes, die noch ſämmtlich Stiftungen Maxi⸗ milians ſind.— Zufolge eines im Jahre 1804 erlaſſenen Beſchluſſes der Franz. Regierung ſoll⸗ ten aber am 22. Sept. 1804(1 Vendem. J. 15) die Centralſchulen des Rhein, und Moſel⸗ und des Roerdepartements aufhören und dagegen ſtatt der bisherigen Centralſchule in Bonn ein Lyce⸗ um errichtet werden. Dieſes jezt etwa ein Jahr beſtehende Lyceum bat die nämliche Einrichtung wie die übrigen Unterrichtsanſtalten dieſer Art in Frankreich. Die Muſik hatte ikmer und ſcheint noch jezt viele Freunde in Bonn zu haben. Dieſe Liebe wurde am Hofe des Churfürſten Maximilians ge— nährt, der eine vortrefliche Hofkapelle hielt. Noch jezt exiſtirt hier eine Muſikalienhandlung des Herrn Simrock, der mit ſeinem Verlag und andern — 515— neuen muſikaliſchen Werken die Frankfurter Meſſe bezieht. Auch iſt Bonn der Geburtsort des be— kannten Componiſten Bethoven, der jezt in Wien lebt. Der Charakter der Einwohner von Bonn hat bei weitem nicht das Schwerfällige, welches man ſonſt mehr am Niederrhein findet. Der Hof, die vielen Fremden, die Univerſität, der ſich ver— breitende Geſchmack an Lectüre, welcher durch ei— ne gut eingerichtete Leſegeſellſchaft Nahrung er— hielt, die Humanität des Fürſten, der die Wiſ— ſenſchaften und ſchönen Künſte liebte, haben das Rauhe ziemlich abgeſchliffen, was den Einwoh⸗ nern dieſes Landes überhaupt eigen zu ſeyn ſcheint. Man könnte ſie die Mainzer des Niederrheins nennen. Aber ſchwer lag auf ihnen der Druck des Krieges. Mit der Entfernung des Hofes vers loren die meiſten Familien der bei Pofe, bei der Univerſität und beim Civil angeſtellten Beamten ihren Unterhalt, und meines Wiſſens wurden ſie auch nicht, wie die mainziſchen Bedienſteten fort— dauernd vom Fürſten beſoldet. So ſind ſie denn in eine Armuth verſunken, die ſie danieder drückt. Man ſieht mit Bedauern manches abgehärmte Geſicht in dieſer Stadt, die noch keinen andern Nahrungszweig zum Erſatz für die verlornen er⸗ 35 —— 514—— hielt.— Man kann ſich denken, wie hier alle Nahrung ſtocken muß, wenn man hört, daß die Einwohner es für ein Glück anſehen, wenn ſie einige hundert Soldaten in Garniſon bekommen, die denn doch etwas Geld in Circulation bringen. Bonn war während des Kriegs lange der Sitz der Regierung der eroberten Länder zwiſchen Maas, Rhein und Moſel, die unter dem Na⸗ men der Intermediair-Commiſſion beſtand, und von Hoche und hernach von Shöe dirigirt wur— de. Eine pragmatiſche Geſchichte dieſer Regie⸗ rung und aller der geheimen Umſtände und Trieb⸗ federn, wornach ſie handelte, würde eine Lectü— re von hohem Intereſſe gewähren. Die Maas— regeln derſelben waren von der Art, daß ſie die Einwohner dieſer Länder in die größte Ungewiß— heit ſetzten, welches wohl künftig ihr Schickſal ſeyn möchte, sine Ungewißheit, die man gefühlt haben muß, um zu empfinden, wie peinlich ſie iſt. Dieſe Intermediair-Commiſſion, die am 2ten März 1797 zufolge eines Beſchluſſes vom General Hoche ihre Verrichtung antrat, machte ſich ſogleich dadurch ſehr beliebt, daß ſie die Au— torität aller franzöſiſchen Verwaltungen aufhob', und die alten Regierungen, Magiſtrate, Gerich— te ꝛc. wieder einſetzte. Die alten Auflagen wur— Si5616 den wieder erhoben, und alles gieng gut. Schon dachten die Leichtgläubigen an baldige Rückgabe dieſer Länder, als alles wieder aufhörte, und die franzöſiſche Verfaſſung wieder eingeführt wurde. Man hatte den Zweck erreicht, den man beab— ſichtigte. Die Regierung wollte nur Geld ha— ben, das ſchneller bezahlt wurde, und das die d Einwohner gern gaben, weil ſie nun die läſtigen franzöſiſchen Formen los waren, und wieder mit ihren Beamten auf teutſch fertig werden konnten. Es iſt beſonders dem Landmanne nichts ſchwerer und unbehaglicher, als ſich an etwas Neues zu gewöhnen, zumal an ſolche Neuerungen, die der Sieger einführt, und wobei eine fremde Spra— che gebraucht wird. Eine andere wichtige Periode für dieſe Ge— genden war die der Cisrhenaniſchen Confödera— tion, die nach dem Frieden von Campo Formido ſich bildete. Man hatte das Projekt entworfen, eine eigene cisrhenaniſche Republik zu gründen, und dieſes ſchien von der franzöſiſchen Regierung begünſtigt zu werden. Die Interme— diair-Commiſſion zu Bonn erklärte,„die fraän— zöſiſche Republik würde leicht Verzicht darauf thun, den Rhein zur Grenze zu haben, es würde aber vom Volke abhängen, ſich nach ſeinem eigenen — 516— Wohlgefallen eine Conſtitution zu wählen, in welchem Falle es ſich auf den Schutz der fran— zöſiſchen Republik verlaſſen könne.“— Alle die— jenigen Gemeinden, welche die republikaniſche Re— gierungsform annehmen würden, ſollten, ſo wur— de ferner beſtimmt, von Lehensabgaben und Ze— henten frei ſeyn ꝛc.— Dieſe Begünſtigungen be— förderten den Plan zur Errichtung eines eigenen Freiſtaats. Es war ſehr vernünftig und natür— lich zu wünſchen, daß wenn nun einmal das Land ſeine ehemaligen Oberherren verlieren ſollte, man ſich lieber von ſeinen Landsleuten regiert wiſſen wollte, als von Fremden. Eine Menge ſehr rechtlicher Leute waren für dieſe Idee, nur die Beamten der ehemaligen Regierung nicht, welche ſich auf die Integritätserklärung des teutſchen Reichs verließen; in mehreren Städten wurden cisrhenaniſche Freiheitsbäume gepflanzt, und blie— ben unbeſchädigt, was bei den von den Franzo— ſen gepflanzten ſelten der Fall war. Die neue Republik ward in Kölln, Aachen ꝛc. proclamirt, aber ſie ſtarb auch wieder, da ſie kaum zu exi— ſtiren angefangen hatte. Eine minder zahlreiche aber mächtige Parthei war für die Vereinigung mit Frankreich, und dieſe ſiegte.— Mit der Aufhebung der Mittel-Commiſſion zu Bonn, die 917 im Dec. 1797 erfolgte, ſtürzte das cisrhenani— 2 ſche Staatsgebäude zuſammen.— Zwar würde die Tochter immer von der Mutter-Republik ab— hängig geweſen, und niemals mündig geworden ſeyn, aber die Bemühungen der Männer, die ſie emporbringen wollten, und von einem wohl— wollenden Freunde dieſer Länder, dem B. Shée, darin unterſtützt wurden, verdienten nach meinem Ermeſſen den bittern Tadel und den Haß nicht, den ſie von ihren Landsleuten zum Theil auf ſich gezogen haben.— Die Einwohner von Bonn, welche größtentheils aus Hofbedienten beſtanden, waren beſonders gegen die Cisrhenaniſche Confö— deration, aus Gründen, die ich ſchon angeführt habe. Ihre Anhänglichkeit an die alte Verfaſ— ſung iſt nicht belohnt worden.— Ehe ich Bonn verlaſſe, muß ich noch des Gaſthofs erwähnen, worin ich logirte. Er heißt der kaiſerliche Hof. Keine Nebenabſicht ver⸗ leitet mich zu behaupten, daß dieſes Wirthshaus eins der erſten am Rhein und in einem großen Striche von Teutſchland iſt. Selten wird man dieſe Reinlichkeit und Eleganz, dieſe Ordnung bis auf die geringſte Kleinigkeit und eine ſolche Be— dienung in einem Wirthshauſe antreffen. Ich bin iedesmal, wenn ich durch Bonn reiſte, ungern aus dieſem freundlichen Hauſe weggegangen.— Küche und Keller ſind in demſelben vorzüglich gut beſtellt. Das erſte iſt beſonders an einem Orte in Anſchlag zu bringen, durch den jezt im Ver— hältnis gegen ſonſt, nur wenig Fremde paſſiren. Dieſe Abnahme der Reiſenden wird auch den Wirth, Hrn. Hecker, wie er mir ſagte, veran— laſſen, dies Haus aufzugeben, und ſich neu in Colln zu etabliren, wo ein gutes Wirthshaus noch recht wohl neben dem daſelbſt ſchon befind— lichen Hauſe des Herrn Sellners beſtehen kann— (Nach neuen Nachrichten iſt Herr Hecker willens geweſen ſein Haus zu verkaufen.) Die Gegend von Bonn bietet mehrere ſchöne Anſichten und Luſtorte dar, welche letztere ehe— mals ſehr beſucht waren. Man gieng nach der Baumſchule, zu welcher eine Allee von Poppels— dorf hinführt, nach dem Kreuzberge, von wel— chem man eine herrliche Ausſicht auf das Sie— bengebirge hat, wobei man zugleich in der daſi— gen Capelle ſeine Andacht verrichtete, und die ſo⸗ genannte heilige Stiege von italieniſchem Mür; mor auf- und abrutſchte, nach dem Luſtſchloſſe Auguſtusburg bei Bruel, das im Jahre 1725 von dem prachtliebenden Kurfürſten Clemens Au— guſt erbauet wurde, nach Falkenluſt u. ſ. w. — 519— Ich war jezt nicht an dieſen Orten, und kann al— ſo nichts davon ſagen, vermuthlich aber werden dieſe ehemals ſehr ſchönen Anlagen, da ſie nicht unterhalten wurden, im Aeußern und Innern verloren haben. Die Fahrt auf dem Rhein von Bonn bis Kölln(5 Stunden) hat keine von den Annehm— lichkeiten, welche die Anſicht der ſchönen Natur⸗ ſcenen weiter oben verſchaft. Die Ufer ſind eben; erſt in einiger Entfernung erheben ſich zur Rech⸗ ten die waldigten Gipfel des Herzogthums Berg, und zur Linken hat ſich die Bergkette ziemlich weit zurückgezogen, welche den Rhein am linken Ufer von Andernach an begleitete. Der RKhein fließt hier ſchnell, und bald entſchwinden dem Blick zur Rechten die Orte Peuel, Schwarzrhein⸗ dorf und Villich“) zwei freiadliche Damen— ä—————ð——— 40% Das ehemalige Benediktiner⸗Nonnenkloſter zu Schwarz⸗ rheindorf ward von dem Kurfürſten Arnold de Weda 1162 geſtiftet, und vom Kurfürſt Philiv 1175 vor⸗ züglich begünſtigt.— Das jetzige Stift zu Schwarz⸗ rheindorf war ebenfalls ehedem eine Benediktiner-Ron⸗ nenabtei, und wurde von Mengoz oder Megiegor, ei⸗ nem berühmten Grafen aus Geldern und deſſen Ge⸗ mahlin Gerberga, einer Tochter des Grafen Gottfried von Ardenne im J. 980 oder 990 geſtiftet. Ibre Toch⸗ ter Adelheid, die erſte Aebtiſſin dieſes Kloſters, beſaß die vorzügliche Eigenſchaft, durch die Ertbeilung einer — 5320— ſtifter, und das auf dem linken Ufer liegende Graurheindorf)z bei dieſem fließt die Roe 8, ein ziemlich ſtarker Bach, in den Rhein. Gleich unter Villich ſieht man die Mündung der Sieg. Zwei Stunden von derſelben liegt die weit umhergeſehene adliche Benediktiner-Mönchs— abtei Siegburg auf einem hohen runden Ber— ge, der größtentheils mit Reben beſezt iſt. Im Anfange des 11. Jahrhunderts war dieſer Berg befeſtigt. Dann ſchenkte der Pfalzgraf Heinrich, Beſitzer dieſer Feſtung„ſie 1060 dem Erzbiſchof Anno, Grafen von Sonnenberg aus Schwaben, der Kirche und Kloſter darauf erbaute, und ſie den Benediktinern üdergab. Die Gebäude der Abtei brannten 17/2 bis auf die Kirche ab, wur— den aber ſeitdem wieder erbauet. Am Fuße der —33ů— Ohrfeige den Nonnen im Chor ſogleich helle Stimmen verſchaffen zu können, wenn ſie ſchlecht ſangen. Es iſt Schade, daß dieſe Kraft nicht fortgeerbt hat, die bei mancher unſerer Sängerinnen nicht übel angewandt ſeyn würde. )Graurheindorf, ehemals ein adliches Nonnenklo— ſtert Ciſterzienſer Ordens, wurde unter Kurfürſt Ar— nold J. im Jahr 149 geſtiftet. Die Adlichen ſtarben darin aus, und nun beſtehen die Geiſtlichen darin aus Burgerlichen. Der obere Theil des Dorfs gehörte ehe— mals zu Bonn,, und ſeine Einwobner genoſſen daſelbſt das Bürgerrecht. — 521— Abtei liegt das Städtchen Siegburg, das ſo wie jene während dieſes Krieges wegen ſeiner Lage außerordentlich viel gelitten hat. Graurheindorf gegenüber wird die Inſel Graupenwerth vom Rhein umfloßen, auf welcher eine im dreißigjährigen Kriege bekannte Schanze, die Pfaffenmütze, ſtand, welche 1620 von den Holländern erbaut wurde. Sie ward 1622 von den Spaniern erobert, neu befeſtigt, und Iſabellenſchanze genannt. Nach dem Frie— densſchluſſe iſt ſie geſchleift worden, ſo daß man jetzo nichts mehr davon ſieht. In der Gegend von Berchem und Mon— dorf, bei welchem die Sieg ehemals in den Rhein 8 * floß, der man aber weiter oben ein anderes Bett anwies, ſtrömt der Rhein durch die ebene Gegend in gerader Linie canalähnlich dahin, an dem ſich zur Linken die Dörfer Herſel„Udorf, Ur— feld, Widdig und Orber reihen. Eine hal— be Stunde weiter hinab liegen zur Rechten Rhed, Nieder Caſſel und Lüdsdorf.— Bei den Dörfern Ober- und Unterweslin gen, noch mehr aber bei Godorf bildet der Fluß einen großen Winkel, wo von dem Ufer an das Land ſich ſanft erhebt, daß 5 Stunden davon mit dem pfäl— ziſchen Schloſſe Bensberg gekrönt iſt.— Wei— 522— ter hinab werden die Dörfer ſeltener. Man ſieht zur Linken jenſeits des großen Winkels Surt und Weis; zur Rechten Langeld, Ober- und Nieder-Zündorf; dann folgen auf der ſelben Seite Porz, Enz, Weſthoven und Poll.— Einige Inſeln bringen etwas Leben in dieſe ein⸗ förmige Landſchaft. Poll ohngefähr gegenüber bei Rodenkirchen (zur Linken) erblickt man halbmondförmig das große Cölln mit ſeinen unzähligen Thürmen, den Baierthurm im Vorgrunde, die Rheinmüh— len, und ihm gegenüber das pfälziſche Städtchen Deutz. Der Anblick iſt ſehr ſchön und mahleriſch, dem einer Seeſtadt ähnlich, eine Täuſchung, die durch die große Waſſermaſſe, die man erblickt, noch erhöht wird. Die Stadt Cölln gehört unter die größten Städte Deutſchlands. In einem großen langen Halbzirkel zieht ſich ihre Häuſermaſſe mit zahllo— ſen Thürmen und Kirchen am Ufer des Rheines hin, der hier ein ſehr breiter, prachtvoller Strom iſt. Die Geſchichte ſagt von Cölln: daß Marcus Vipſanius Agrippa, der ſich mit denen vom jenſei— tigen Rheinufer herüber gekommenen Ühiern hier niederließ, ihr Stifter war. Er nannte ſie die Stadt der Ubier— Oppidum Ubiorum.— Agrippina, Claudius Gemahlin, und Nero's Mut— ter ward hier während der Feldzüge ihres Vaters Germanikus gebohren; eine römiſche Colonie, die er dahinſchickte, änderte den Namen der UÜbier— ſtadt in den von Colonia Agrippina Cölln— um. Bis zum Jahre 462 war Cölln die Haupt—⸗ ſtadt des untern Galliens, als es um dieſe Zeit die Franken den Nömern abnahmen, und es ſich un— — 526— terwarfen. Im zehnten Jahrhunderte entriß ſie ihnen Kaiſer Otto der Große wieder, brachte ſie zum teutſchen Reiche, beſchenkte ſie mit vielen Frei⸗ heiten, und übergab ſie dem Schutze ſeines Bru⸗ ders des Erzbiſchoͤs Bruno. Im Jahre 1187 lies der Erzbiſchof Philipp von Heinsberg die al⸗ ten Mauern der Stadt einreiſſen, und neue auf—⸗ führen, weil zufolge der Cöllniſchen Chronik die Stadt an Volkszahl und Eigenthum zugenommen hatte.— Um dieſe Zeit und ſpäterhin im Mittel— alter blühten hier Künſte, Wiſſenſchaften und Han— del; ſie war eine Quartierſtadt des hanſeatiſchen Bundes; aber durch Fanatismus, Uebermuth, Liſt und Habſucht ihrer regierenden Senatoren giengen ihre Vorzüge allmählig verloren. So ver— jagte eins ſchlechte Politik und der Aberglaube im Jahre 2425 die Juden und im Jahr 1618 die Proteſtanten aus der Stadt, durch welche letztere Verweiſung auf einmal 2400 Häuſer leer wur— den. Dagegen erhoben ſich das benachbarte Mühl⸗ heim und Creveld, wo dieſe induſtribſen Bürger, Manufakturen und Fabriken anlegten. Mehrere bürgerliche Revolutionen im 15. 16. und 17. Jahr⸗ hunderte beförderten ihren Verfall immer mehr. Es fehlte den alten Collnern nie an Muth, ihre innern und äußern Feinde zu befehden; ſie ſchlu⸗ — 527— gen ſich oft mit den benachbarten Bif ten auch zuweilen die Pfaffen aus ihrer und einmal entriſſen ſie ſogar auf der großen de bei Fühlingen, zwiſchen Cölln und Neuß einem förmlichen Treffen dem Erzbiſchof die Stadt ſchlüſſel, aber getä äuſcht durch mönchiſche und an— dere Kunſtgriffe ſank die durch ihre Verfaſſung re— publikaniſche Stadt immer tiefer, und verblutete langſam unter der Geißel des Despotismus und dem Drucke des Mönchsthums). Ueber ihren Zu⸗ 13 bor dem Kriege haben Riesbeck und mehrere Reiſebeſchreiber genug geſagt, als daß ich etwas Neues hinzufügen könnte. Seit dem 6. Oct. 1794 iſt Cölln im Beſitz der Franzoſen. Durch die Schlacht von Aldenho— fen vom 2. Oct. wurde die coaliſirte Armee genö— thigt, ihre Stellung an der Roer zu verlaſſen, und über den Rhein zurückzugehen. Dieſer Rück— zug geſchah bei Mühlheim über zwei Schiffbrücken, und am gedachten Tage(6. Oet.) beſetzten die Sambre- und Maasarmee unter Jourdan die Stadt, wo ſie unter dem Geläute aller Glocken empfangen wurde.— Zwei Jahre darauf am 17. September —— ) S. Calender für das 9. Jahr der Rep. vom V' Waſſerfall. S. 22. — 6528— 1796 wurde hier der Freiheitsbaum gepflanzt, und die ſogenannte Gülichsſäule feierlich umge— ſtürzt, die ein despotiſcher Senat vor hundert Jah— ren zum Andenken des hingerichteten Niklas Gü— lich hatte errichten laſſen, der damals für die Rechte der Bürger gegen den Senat das Wort führte. Am 17. Nob. 1797. decretirte der Senat von Cölln„im Namen des öffentlichen Wohls und der heiligen Sache der Vernunft und Wahrheit“ die Wiedereinſetzung der Proceſtanten in die Ausübung der Bürgerrechte,„um“, wie es in dem Sin⸗ gange zu dem Beſchluſſe weiter heißt,„das Un— recht eines Jahrhunderts, welches Vorurtheile, falſche Verhältniſſe und Mißbegriffe über wahren Staatsvortheil erzeugten, wieder gut zu machen, der jetzigen Volksſtimme ſelbſt durch einen ehren⸗ vollen erwünſchten Akt zu begegnen, und Collns Ruhm in den Augen der denkenden Volker und vor dem Richterſtuhle der beleidigten, aber doch ſanftmüthigen Menſchheit zu retten.“— Ein Denkmal der Intoleranz in dieſer Stadt iſt noch jetzt das am Ufer des Rheins liegende ſchifffor⸗ mige Gebäude, in welchem die Schule für die Kinder der reformirten Collniſchen Einwohner ge— halten wurde. Der heilige Boden dieſer Stadt durfte durch den ketzeriſchen Unterricht nicht ent⸗ weiht werden, und darum baute“s man dieſes Schiff, daß mit Fenſtern verſehen iſt, und in⸗ wendig einen ziemlich geräumigen Saal enthält.— Jetzt wird dies Schiff nicht mehr zu dieſem Zweck gebraucht. Die Proteſtanten haben eine Kirche und Schulen zu Cölln erhalten. Man erſtaunt, wenn man von einem Thurm herab die ungeheure Ausdehnung von Cölln ſieht, aber man findet auch, daß über ein Viertheil des von den Mauern der Stadt eingeſchloſſenen Rau— mes aus Gärten und leeren Plätzen beſteht. Sie iſt nach alter Art mit Graben und Mauern be— feſtigt. Dieſe baben 85 Thürme„15 große Thore und 6182 Schritte, jeden zu 5 Fuß ge⸗ rechnet, im Umfange. Man hat 5 Stunden Zeit nöthig, um dieſen großen Halbzirkel zu umgehen. Die Zahl der Häuſer in Coölln beträgt 7404 In Anſehung der Bevölkerungsangaben findet man binnen wenigen Jahren auffallende Verſchie— denheiten. Nach einer Zählung im Jahre 18005 deren Anzeige in dem Cöllniſchen Beobachter ent— halten iſt, betrug ſie 58, 844 Seelen. Die Zählung in dieſem Jahre 1806 giebt 45000 und einige hundert Seelen an„ſo daß ſich dieſel⸗ 54 530—.— be alſo binnen 5 Jahren um einige 1000 ver— mehrt hat. —ůr*i— Mit den vielen engen, krummen und ſchmutzi— gen Straßen voller kleiner, armſeliger Hütten contraſtiren die zahlreichen Kirchen und Klöſter, deren einige von ſehr guter Bauart ſind. Indeſ— ſen hat ſich die Zahl der wirklichen offenen Kir⸗ chen ſeit der erfolgten Organiſation der Achner Diöces ſehr vermindert. Es befanden ſich ſonſt hier 12 Stifts⸗ und 19 Pfarrkirchen, 19 Manns⸗ und 59 Nonnenklöſter, nebſt 49 Kapellen. Nach der neuen Organiſation ſind jetzt in Cölln 4 Hauptpfarreien, nämlich zu St. Marien im Ca⸗ pitol, St. Peter, St. Columbe und die ehemali— ge Erzſtiftskirche zu St. Peter und den Heil. 5 Königen, ſodann 26 Beikirchen mit etlichen Bet— häuſern. Dann ſind noch 9 Kapellen.— Die An⸗ zahl der geiſtl. Perſonen beiderlei Gefchlechts die vor der Ankunft der Franzoſen, in alle geiſtliche Uniformen gekleidet, die Straßen bedeckten, ha— ben ſich ebenfalls ſehr vermindert. Man rechnete ihre Zahl auf mehr als 5000 die Blaffertarii 66 Blaffertarii, unverforgte Weltgeiſtliche welche für ei⸗ nige Blafferte, wie man hier die Preuß. Groſcheu oder 5 Stüberſtücke nennt, Meſſe laſen. — 551— und Quaesolae) mit einbegriffen. In den Kirchen waren eine Menge Wunderzeichen und Re— liquien anzutreffen, die aber, wenn ſie von metal— liſchem Werth waren, großtentheils emigrirt, oder von den Franzoſen genommen worden ſind. Das Domkapitel des Erzſtiftes enthielt 50 Präbenden, wovon der Pabſt und der Kaiſer ſelbſt jeder eine beſaßen, und deswegen ihre Vikarien hier hiel— ten; die übrigen 48 waren zur Hälfte unter den hier befindlichen Capitular- und Domherrn ver— theilt. Die Mönche und Nonnen„welche zum Theil ihre Einkünfte ganz verloren, oder doch we— nigſtens ſehr verringert ſahen, haben ſich theils durch Emigration, theils durch Todes fälle, und durch die von der Regierung verbotene Nichtergän⸗ zung ihres Abgangs ſo ſehr vermindert, daß ihre jetzige Anzahl vielleicht nicht die Hälfte der ehe⸗ maligen beträgt. Sie ſchleichen voll Trauer durch die Straßen, die Cocarde der Nation gezwungen am Hute tragend, welche ihrer Exiſtenz ein gänz— liches Ende zu machen drohte. Es iſt mitunter traurig und mitleiderregend, Greiſe daher wan— ken zu ſehen, die an keine andere Beſchäftigung E Quaesolae,; Krankenwärterinnen, devote Frauens zimmer ꝛc⸗ — 552 Æ gewöhnt, nun in ihrem Alter der Pflege und Be— quem ichkeit entbehren, deren ihre körperliche Schwä⸗ che bedarf, die, erzogen im Mönchsthum, keine andere, als die ihnen von Jugend auf eingepflanz; ten Begriffe annehmen können, welche zu ſehr mit ihrem ganzen Weſen verwebt ſind, als daß ſie ſolche abzulegen im Stande wären. Doch ſind mehrere von ihnen in das bürgerliche Leben zu⸗ rückgekehrt, und dies wird noch mehr geſchehen, wenn die Güter einſt verkauft, und ſie ſelbſt auf Penſion geſetzt ſeyn werden.— Manches noch nicht zu veraltete Nönnchen ergriff begierig die Gelegenheit, die ſich ihm zur Freiheit darbot, und hat den Schleyer mit dem Myrthenkranze ver—⸗ tauſcht, und manche genießt im Stillen die Reize des Lebens und der Liebe. Mehrere Kirchen und andere öffentliche Gebäu⸗ de in Cölln ſind wirklich ſehr ſehenswerth, und unter dieſen muß ich zuerſt den Dom nennen⸗ Unſtreitig iſt dieſe Kirche, obgleich ſie noch un⸗ vollendet iſt, eins der ſchönſten Werke gothiſcher Baukunſt, die man in Teutſchland beſitzt. Sie wurde im Jahr 1248 von dem Biſchof Conrad von Hochſteden zu bauen angefangen. Noch im Jahre 2499 arbeitete man daran, vollendete aber den Bau nicht. Von den beiden Thürmen, de— — 533— ren jeder zu einer Höhe von 500 Fuß beſtimmt wär, ſtehet der eine zur nördlichen Seite nicht 20 Fuß über der Erde, und der andere iſt kaum zur Hälfte fertig. Auf dieſem ſieht man noch den Krahnen, welcher zur Aufhebung der großen Steine diente.— Das Innere der dem heil. Peter gewidmeten Kirche iſt unendlich erhaben, und majeſtaͤtiſch. Voll hoher Einfalt wölbt ſich himmelan das hohe Chor, von ſchlanken Säulen getragen. Sie ſpalten ſich am Ende in eine Krone von Aeſten, und wölben ſich auf gothiſche Art ſpitzig zu.— Die Zahl der Säulen beträgt 100; ſie ſcheinen aus mehrern zu beſtehen, die zu einem Schaffte vereinigt ſind. Die mittlern haben faſt 40 Fuß im Umfange. Dieſe Kirche enthielt von der Ankunft der Franzoſen Schätze, die in religiöſer und metalli— ſcher Hinſicht unbezahlbar waren. Hinter dem hohen Altar ſtand in der Capelle der hei— ligen drei Könige oder der Weiſen aus Mor— genland, der Sarg, worin ihre Gebeine und die der heiligen Märtyrer Felinx, Nabors und Gre— gors von Spoleto ruhen. Er iſt 75 Schuh lang, und 54 Schuh hoch und eben ſo breit, mit ver— goldetem Silberblech überzogen, und von getrie- bener Arbeit mit Diamanten beſetzt. Auf der — 554— Oeffnung, wo man die Hirnſchädel der heil. 5 Konige ſah, ſtanden 8 goldene Kronen mit koſt— baren Steinen beſetzt 3).— Nicht viel weniger werth war die große Kiſte von Gold und Silber mit den Gebeinen des heiligen Engelberts. Die reichen geiſtlichen Paradeanzüge und Kirchen— geräthe wurden in der ſogenannten goldenen Kam— mer verwahrt, welche beſſer beſtellt war, als die Dombibliothek, zu welcher wie zu jener ei— ne Treppe hinauf führte. Alle dieſe Herrlichkeiten waren vor der An— kunft der Franzoſen geflüchtet worden. Sie ſind jetzt wieder zurückgekehrt, und ihre Rückkunft wurde durch ein prächtiges geiſtliches Feſt gefeiert. Der Anblick des Innern vom Dom war ſelbſt in ſeiner damaligen Verwüſtung noch groß und ehrwürdig. Das, was ihm wahre Größe gibt, dieſe kühne Architektur, hat man nicht zerſtören „) Die Seltenheiten und Koſtbarkeiten der heil. Kapelle, die Beſchaffenheit des Kloſters und Erklärung der 226 daran befindlichen Antiken ſind auf Befehl des Kur⸗ fürſten Max. Friedrich 1791 beſonders beſchrieben;, und im Kupfer geſtochen worden. Dieſe Beſchreibung führt den Titel: Collection des pierres antiques, dont la Caisse des S. 8. tröis Rois Mages est en- richie dans l'église metropolitaine à Cologne. Gra- vées après leurs empreintes avec un discours hi- storique analogue, par J. P. N. M. V. — 335— können. Mit Inſchriften beſchmiert und beſchmutzt waren die Wände, ſo weit die Arme reichen konnten; alles umher lag wüſt untereinander, wie im Dom zu Mainz, aber mein Blick wen⸗ det ſich unwillkührlich empor, wo die ſchlanken Säulenäſte ſich in ſpitzige Bogen vereinigen, und unaufhaltſam ins Unermeßliche verlängern zu wol— len ſcheinen. Wer kann in dieſen erhabenen Hal— len weilen, ohne zu ahnden, wohin des Künſt⸗ lers Phantaſie flog, der ſie wölbte?— Aus dem Auge des denkenden Weſens, das dieſe Säulen und dies hohe Chor erblickt, ſtrahlt die Größe des herrlichen Tempels zurück. Mit ganz andern Empfindungen betritt man die Kirche der heil. Urſula, welche zu dem freigdlichen Damenſtift St. Urſula gehört. Hier iſt das Begräbniß der heil. Urſula, und die Kno— chen von den 11000 Jungfrauen, oder vielmehr von einer ungeheuren Menge Menſchen und Thieren, die man dafür ausgibt, werden hier auf— behalten. Man ſieht dieſe Knochen durch verſchie— dene Gitter in den Wänden der Kirche, und in der goldenen Kammer gleich beim Eingange rech— ter Hand ihre Köpfe, Wären dieſe Schädel nicht auf die abſurdeſte Art mit Sammt und golde— nen Treſſen und Perlen beſetzt, ſo könnte man 556— ſich in einem oſteologiſchen Cabinet glauben; aber ſo nützt dieſe ganze Schädelſammlung zu nichts, als zum Beweiſe, wohin der Aberglaube die Men— ſchen führt. Beſonders hoch werden die Köpfe der heil. Urſula und ihres Bräutigams gehal— ten.— In der nämlichen Schädelkammer iſt auch ein Krug zu ſehen, aus welchem bei der Hochzeit zu Cana in Galliläa getrunken worden iſt. Mein Führer erzählte mir, daß bei der er— ſten Ankunft der Franzoſen er ihn einem General habe füllen müſſen, der ihn rein ausgetrunken ha— be. Dieſer Krug, dem Anſcheine nach von weiſ— ſem Marmor, den die Länge der Zeit ſehr gelb gemacht hat, kann obngefähr 5— 6 Bouteillen Wein enthalten.— Ungleich intereſſanter waren mir die rund in der Kirche herum angebrachten Gemälde, welche die Geſchichte der heil. Urſula darſtellen, wie ſie aus England abfährt, und end⸗ lich mit ihrer großen Geſellſchaft auf einem großen Kriegsſchiffe bei Colln anlangt. Seltſam genug führt das Schiff der Urſula die jetzige dreifarbi— ge franzoſiſche Flagge, welches man, dünkt mich, als eine Weiſſagung benutzen könnte, um dem Cöllniſchen Volke zu beweiſen, daß die Herrſchaft der Franzoſen in ihrer Stadt ſchon längſt da— durch angedeutet worden ſey— Ich übergehe die Menge der übrigen Kirchen, die alle mehr oder weniger im Beſitz großer Reich⸗ thümer waren, und noch im Beſitz vieler Reli⸗ quien und Heiligthümer ſind„weil ſie ſich nicht durch eine vorzüglich ſchöne Bauart auszeichnen. Ich erwähne nur noch des Gereons ſtiftes, in deſſen Kirche der heil. Gereon mit ſeinen Soldaten begraben liegt, deren Köpfe in bunten Einfaſſun— gen aufgeſtellt ſind, und welche ſich durch eine große ſehr kühn aufgeführte Kuppel bemerklich macht. Dieſe Kirche gehört mit zu den ſchönſten in Kolln. In der Kirche der Minoriten iſt Duns Sco— tus(1508) begraben. Unter den öffentlichen Gebäuden in Cölln muß ich noch des Rathhauſes gedenken. Das mar— morne Portal deſſelben iſt wirklich ſehr ſchön. Es beſteht aus einer doppelten aufeinander geſetzten Reihe von Arkaden, wovon die unterſte von ko— rinthiſcher, die oberſte von römiſcher Bauart iſt, und rührt aus dem ſechszehnten Jahrhunderte her. Es befinden ſich mehrere Inſchriften daran„die auf den römiſchen Urſprung von Cölln Beziehung haben. Egid. Gelenius, ein Cöllner, hat ſie ab— drucken laſſen. Das Gebäude an ſich iſt wink— licht, und in ſchlechtem gothiſchen Geſchmack. Ich fand weiter nichts Merkwürdiges darin, als einen mit Hauteliße—Tapeten ausgeſchlagenen Saal, welche ſehr ſchön ſind. Man hat Vorhänge dar— über gezogen, um ſie vor der Luft und Sonne zu ſchützen. Ob ſich die alten Waffenrüſtungen noch darin befinden, ſo wie einige Gemälde, als das jüngſte Gericht von Söntgens 2695 gemahlt, ver— ſchiedene allegoriſche Gemälde von Mesquida ꝛc— weiß ich nicht, oder habe ſie wenigſtens nicht ge⸗ ſehen. Der Thurm des Rathhauſes verdient von denen erſtiegen zu werden, welche ſich einen Be⸗ griff bon der Lage von Cölln und ſeiner Größe ma— chen wollen. Dem Rathhauſe gegenüber an der Mauer des Gebäudes, das ebenfalls noch dazu ge— hört, hängt eine ſchwarze Tafel, die mit einem Drathgitter überzogen iſt, und unter dieſem die neuen Verordnungen, Ankündigungen ꝛe— Cölln hat drei große öffentliche Plätze, den Neumarkt, den Heumarkt und Alten— markt. Der erſtere iſt ſehr groß und regelmäßig, und mit Lindenbäumen bepflanzt. Man benutzt ihn indeſſen ſehr wenig zum Spaziergange, obgleich man glauben ſollte, daß der weite Weg vor die Thore, die einförmige Gegend um die Stadt, und das Umſtändliche über den Rhein nach Deutz zu gehen, das Publikum hierher ziehen müßte. Ich bin oft Stunden lang hier einſam herum ge— gangen. Nur das Militair macht ihn zuweilen lebhaft, das hier manchmal ſeine Waffenübungen hält. Neben dem von Linden eingeſißten Qua⸗ drat war ſonſt noch ein leerer Platz, den der B. Klöcker, ein Mitglied der Municipalität„mit Akazien und andern ſchnell wach ſenden Hölzern hat beſetzen laſſen, worin auch ein kleines Monument der zu Raſtadt ermordeten franzöſiſchen Geſand— ten mit einer Inſchrift ſtand. Die öffentliche Meinung und der Pöbel muß ſehr unzufrieden mit dieſem Denkmal ſeyn, denn ich fand die Ur⸗ ne immer wieder von dem Poſtument herunter— geſtürzt, wenn ſie auch wenige Tage vorher wie— der aufgeſtellt worden war. Uebrigens iſt dieſe kleine Anpflanzung recht artig und nützlich. Auf dieſem Platze ſtehet das Gaſthaus zur Stadt Prag, das ich nächſt dem kaiſer li⸗ chen Hofe in der breiten Straße, als eins der beſten in Cölln empfehlen kann. Die weißen höl, (zernen Pferde, welche ehedem zum Andenken ei— ner aus dem Grabe wieder auferſtandenen Frau zum Fenſter des Bodens hinaus ſahen, ſind jetzt nicht mehr da— Der Heumarkt und der Altemarkkt im untern Theile der Stadt, ſind durch eine kleine Straße mit einander verbunden. Ihr Anblick iſt —— 64⁰——, freundlicher und heiterer, als der des Neumarkts, und die ſie umgebenden Häuſer zeichnen ſich größ— tentheils dilch ihre beſſere Bauart und ein wohl⸗ habenderes Anſehen von denen übrigen in Cölln aus. Ich würde am liebſten auf einem dieſer Plätze in Cölln wohnen, die noch die Bequem⸗ lichkeit haben, daß man nicht weit an den Rhein hat. Indeſſen ſind die Gaſſen, die dahin führen, ſo ſehr enge, daß man z. B. in der Marktmanns⸗ gaſſe Gefahr läuft, von der Axe eines entgegen⸗ fahrenden Karrens zerquetſcht zu werden, wenn man ſich an die Seite ſtellt. Mehr oder minder von ähnlicher Beſchaffenheit ſind alle Straßen in der Gegend am Rhein. Man iſt herzlich froh, wenn man durch dieſe engen Löcher hindurch iſt, und ſich nun in der freien heitern Luft am Rhei— ne befindet. Unter allen rheiniſchen Städten iſt hier am ufer und am Hafen von Cölln das meiſte Leben und die größte Betriebſamkeit. Dieſes dem Beob⸗ achter ſo intereſſante Getümmel, das man nur in großen Handelsſtädten ſieht, iſt freilich nur noch ein Schatten des ehemaligen vor dem Kriege— Damals war der hieſige Speditionshandel wirklich bedeutend, wenn er gleich ſchon ſehr geſunken war, und dem Handel überhaupt nicht beikam, den Cölln im Mittelalter als ein Mitglied des hanſeatiſchen Bundes trieb. Aber ſeine Stapel— gerechtigkeit, zufolge welcher alle vom Oberrhein und eben ſo die vom Niederrhein und aus Hol— land kommenden Schiffe hier umladen mußten, brachte doch eine Thätigkeit hier zu wege, die man nirgends am Rheine ſo fand. Aber dieſer Krieg, der zernichtete Handel von Holland, die geſtörte Schiffahrt, der Waarenzug von Hamburg nach dem ſüdlichen Teutſchlande und der Schweiz, und die Mauth haben der Handlung von Cölln einen harten Stoß gegeben. Sie iſt nicht mehr zur Hälfte das, was ſie ehemals war, und kann bei der jetzigen Lage der Dinge wohl auch ſobald nicht beſſer werden. Indeſſen bin ich doch gern hier am Ufer, und ſehe der Geſchäftigkeit zu, die hier nur im ver⸗ minderten Grade herrſcht. Das Auf- und Abla— den, das Wegführen der Waaren und der ver⸗ ſchiedene Spekulationsgeiſt, der ſich auf ſo vielen Geſichtern mahlt, ſind ſehr unterhaltend. Hier ſtößt ein holländiſcher Schiffsknecht haſtig alle Flü— che ſeiner Sprache gegen einen köllniſchen Laſtträ⸗ ger aus, der ihm eben nicht im zierlichſten Teutſch autwortet, dort balgen ſich ein paar Schiffsjun⸗ gen, hier ſtreitet ſich der Spediteur mit dem gra⸗ — 542— vitätiſchen Schiffer, der mit der langen Pfeife auf dem Verdecke ſpazieren geht, dort nabet ſich de— vot ein Bettler, und ſpricht um Allmoſen an; hier ſuchen ein paar Kinder mit kleinen Salßzſäcken bei dem auf wichtigere Dinge lauſchenden Zollbe⸗ dienten vorbei in das Thor zu kommen, und dort rudern, vom Mauthbeamten verfolgt, eilends ein paar köllniſche Schiffer vom Ufer hinweg, wo ſie eben eine Ladung Contrebande auszuladen gedach⸗ ten. Die ankommende und abgehende fliegende Brücke, die eben ſo beſchaffen iſt, als die zu Co⸗ blenz, vermehren das Gedränge und das Lermen der Menge. Man kann dieſes Getümmel ſehr gut überſehen, wenn man ſich eine Stunde in den großen Rheinberg ans Fenſter ſetzt. Die⸗ ſes Gaſthaus liegt hier ſehr ſchön am Ufer. Man hat den Fluß und den Hafen vor ſich, und gegen— über Deuz, ein pfälziſches Städtchen. Etwas weiter oben am Ufer liegt noch ein anderes Gaſt— haus, der heilige Geiſt. Für den müßiggängeriſchen köllniſchen Pöbel, der ehedem vor den Klöſtern bettelte, die ihm jetzt nicht viel mehr geben können, und keine Luſt zu anhaltender Arbeit hat, konnte wirklich keine beſ— ſere Beſchäftigung erdacht werden, als daß man ihm Gelegenheit gab, Contrebande zu treiben, — 543— oder zu ſmuggeln, wie man es hier nennt. Dies Geſchäft treibt er denn nun auch mit aller An— ſtrengung ſeiner phyſiſchen und Geiſteskräfte. Man ſieht den ganzen Tag über kleine Kähne oder Na— chen von einem Ufer zum andern fahren, um Waaren auf der teutſchen Seite zu holen, und ſie hier einzuführen. Sie legen ſich ſo lange an die Schiffe an, bis ſie einen glücklichen Augenblick finden, ihre kleine kadung, aus Päckchen und Bal, len beſtehend, ans Land zu bringen, was ihnen denn auch meiſtens glückt. Mehrere Jungen und Mädchen fahren täglich 22 und mehreremal mit der fliegenden Brücke nach Deutz um einige Carot— ten zu Schnupftabak jedesmal herüber zu holen, die ſie auf mancherlei Art einzubringen ſuchen. Die Mädchen und Weiber haben ſie unter ihren Röcken an Hacken hängen, oder verbergen ſie auf andere Art. Die Dreiſtigkeit, mit welcher dieſe Leute ihre Geſchäfte treiben, iſt wirklich ſehr groß. So ſah ich am Tage einen Kerl wohl zwanzig große Carotten in das offen ſtehende Fenſter eines Hauſes am Rhein werfen, aus dem er ſie dann wieder abholte. Die umſtehenden Leute ſahen mit' vieler Theilnahme an dem glücklichen Erfolge die— ſem Geſchäfte zu, als ein, durch den Zulauf des Volks aufmerkſam gewordener Zollaufſeher es ge— — 5⁴44— wahr wurde, aber zu ſpät, um es zu berhindern. An einer ſolchen eingebrachten Carotte verdient ein Smuggler 4 bis 5 Stüber(ohngefähr 6 kr.)73 genug für dieſe Leute, um alles zu wagen. An— dere Jungen und Mädchen bringen Salz in klei— 0 9 5 nen Säcken ein, das ebenfalls unter die mit einer hohen Impoſt belegten Artikel gehört. Andere tra⸗ gen Weizen aus der Stadt, und führen ihn nach Deutz. Hier laſſen ſie ſich dann wieder den Leib mit Spitzen, Leinwand oder Cattun umwickeln, worüber ſie ihre Kleidunz anziehen, und ſo herein gehen. Kurz der Mittel und Wege ſind unzähli⸗ che, deren man ſich bedient, um verbotene Waa⸗ ren einzubringen. Nirgends am Rhein hat die Einführung der Mauth ſchauderhaftere Auftritte hervorgebracht, als hier am Niederrhein, wo der Pöbel und die rohen Schiffer weit weniger zur Unterwürfigkeit geneigt ſind, als weiter oben das gutmüthige Volk bei Mainz und im Rheingau. Es giebt wenige Tage in Cölln, wo man nicht von einer Raufe— rei zwiſchen den Aufpaſſern und Contrebandiers hört, und faſt in jeder Stunde des Tags hört man Schüſſe fallen, welche von den am Ufer lau⸗ renden Douanier's auf vorbei fahrende Fahrzeuge geſchehen, die nicht anlanden wollen, wenn ſie es — 645— verlangen. Die Tribunäle in Cölln haben eine ſtete Beſchäftigung mit dieſen Händeln. Sehr oft hörte ich hier die Zollbedienten verurtheilen, die gar zu geneigt ſind, ihre Vollmachten und Gewalt zu überſchreiten, und daher ganz nach der äußerſten Strenge der Geſetze behandelt zu werden verdienen. Es iſt bei alle dem wahr, daß dieſes ſo läſtige Mauthweſen, das ſo viel Menſchen zu Verbrechern macht, und eine ohne- hin ſehr unmoraliſche Menſchenklaſſe noch mehr corrumpirt, keinesweges den beabſichtigten Zweck erreicht. Sehr einſichtsvolle Kaufleute am linken Rheinufer, die wirklich der jetzigen Regierung zugethan ſind, behaupten geradezu, daß das fran— zöſiſche Zollweſen auf ganz falſchen cameraliſti⸗ ſchen Grundſätzen beruhe. Mehrere im Zolltarif außerordentlich hoch angeſetzte Waaren ſind ein unumgängliches Bedürfniß für Frankreich. Alſo müſſen ſie von Außen eingeführt werden; aber ſie heimlich durch Beſtechung einzubringen, iſt noch immer viel wohlfeiler, ſo viel es auch ko— ſtet, als auf dem geraden Wege durch Bezah⸗ lung des Einfuhrszolles. Würde man dieſen her⸗ abſetzen, ſo wäre es nicht weiter der Mühe werth, ſie durch Schleichhändel hinein zu bringen, und der Staat würde den Zoll einnehmen, den er 55 jetzt nicht erhält. Eine andere Folge dieſer Ein— richtung iſt die Zerſtörung des Handels auf Koſten einiger Fabriken. Aber iſt denn wohl eine Fa— brik, in welcher kümmerlich ein paar Dutzend Men⸗ ſchen ernährt werden, in Paralele zu ſetzen mit dem Flor von einem halben Hundert Handelshäu— ſern, die weit mehr Menſchen erhalten, und ha— ben dieſe nicht eben die Anſprüche auf die Begün⸗ ſtigung der Fortdauer ihres Wohlſtandes, als eine Fabrik, die noch im Werden iſt? Ueberhaupt glaube ich, daß alle Commerzial⸗ geſetze, die ein Staat giebt, wenig geeigenſchaf⸗ tet ſind, Handel und Kunſtfleiß herborzubringen. Dieſen bewürken Zeitumſtände, die Lage, und das Genie der Einwohner des Landes. Der Menſch denkt felbſt auf Induſtriezweige, die ihn ernähren und bereichern können, und Geſetze darüber legen feinem Nachdenken und dem Fluge ſeines Geiſtes nur Feſſeln an. Ein Beweis davon iſt das Her— zogthum Berg, das ohne alle Handelsgeſetze iſt; die Regierung that hier weder etwas dafür noch dawider, aber das Genie der Einwohner dieſes wahrhaft intereſſanten Landes ſchuf dort jene großen Manufakturen und Fabriken, die in Teutſchland wohl wenige ihres Gleichen haben.— Und dann hat jedes Land gewiſſe eigenthümliche Produkte und ( Fabrikate, die in dem andern ſchwerlich ſo nach⸗ geahmt werden können, als man es zur Abſicht hat. So wird Frankreich immer beſſere und wohl— feilere Seidenzeuge liefern, als England, möge man hier auch noch ſo ſtreng ihre Einfuhr ver— bieten, und die innländiſchen begünſtigen; in Eng⸗ land wird man beſſeres Leder, beſſere Stahlwaa⸗ ren u. dgl. machen, als in Frankreich. Wir wer— den immer Battiſt aus Flandern, Leinwand aus Schleſien und Holland, und Spielſachen aus Nürn⸗ berg wohlfeiler und beſſer kaufen, als die ſchlech— ten Nachahmungen dieſer Waaren aus andern Län— dern.— Es ſcheint mir mit den Waarenverboten in Frankreich ganz die nämliche Bewandnis zu ha⸗ ben, als mit denen in Oeſterreich.„Die Nation muß, ſagt Küttner*), eine Menge Artikel theu— rer bezahlen, als ſie ſolche aus dem Auslande ziehen könnte, und die Fabrikanten und gewiſſe Kaufleute werden dadurch zu Monopoliſten. Aber, ſagt man, dafür bleibt auch das Geld im Lan⸗ de! Freilich bleibt es im Lande; es wird aber auch auf der andern Seite keines hereingebracht. Wer alles machen will, macht alles nur mittel— ) S. Reiſe durch Teutſchland, Dänemark ꝛc. 5. Th⸗ S. 176 — 548— mäßig.—— Der Fabrikant weiß auf der einen Seite, daß er ſich in den meiſten Artikeln an keine ausländiſche Coucurrenz wagen darf, und daß ihm auf der andern ein gewiſſer Abſatz alle— mal geſichert iſt, weil ſeine Landsleute ſeine Waa— ren nehmen müſſen; und ſo geht er ſeinen al— ten Gang fort, denkt wenig an Verbeſſerung und Unternehmungen im Großen, und liefert ſeinen Landsleuten eine verhältnißmäßig zu theure Waa— re, ohne ſelbſt dabei eben reich zu werden.““ Die großen holländiſchen Schiffe, welche nur bis Cölln fahren, und hier am Ufer liegen, ver— dienen von denen genauer betrachtet zu werden, die noch keine größeren Fahrzeuge ſahen. Sie ſind außer ihrer Größe noch ganz verſchieden in ihrer Bauart von den oberländiſchen Rheinſchiffen, und zeichnen ſich beſonders durch die darauf herrſchen⸗ de Ordnung, Nettigkeit und hohe Reinlichkeit aus. Die Zimmer der Cajüte kann man ſelbſt elegant nennen. Ein ſolches Schiff kann 2000 bis 2500 Centner Ladung führen, an welches man noch ein kleineres Schiff von 1000 Centner hängt, welches der Anhang heißt. Jede Stadt hat ihre Sitten Gebräuche und Eigenheiten, aber Cölln unterſcheidet ſich vorzüg⸗ 37 lich durch auffallende Verſchiedenheiten in denſel— ben von denen in benachbarten und entfernten Ge— genden. Selbſt die Phyſiognomie des gemeinen Volkes zeichnet ſich aus. In ihr liegt der Aus— druck eines kräftigen Charakters, deſſen Anlagen aber roh und ungebildet blieben. Die Sprache des Volks iſt ein polterndes Rothwelſch, welches dem Fremden oft unverſtändlich iſt. Daß dieſes Volk roh und oft unbändig iſt, kann nur eine Folge ſeiner ehemaligen Verfaſſung ſeyn. Jahr— hunderte lang hatten ſich Patricier und Pfaffen verſchworen, es in Aberglauben und Unwiſſenheit zu erhalten, um, wie ſie wähnten, es deſto beſ— ſer zu zügeln. ESin Heer von Mönchen unter— drückte alle Geiſtesfreiheit, alle Lectüren, alles Studium, auſſer das dei Ascetik. Die Buch⸗ handlungen führten nur die unſinnigſten Gebet— bücher und der päbſtliche Nuntius wachte mit Strenge, daß ſich keine Schrift einſchlich, welche die moraliſche Finſterniß, welche über Cölln ſchwebte, hätte aufhellen können. Die Unwiſſen— heit der Pfaffen hielt immer gleichen Schritt mit ihrer. Arroganz. Sie wußten nichts anders auf die Kanzel zu bringen, als Legenden und heilige Mährchen der abgeſchmackteſten Art; ſie leiteten das Volk zu jener mechaniſchen Andacht, die we— — 550— der auf den Verſtand wirkt, noch das Herz beſ— ſert. Sie nährten den Haß gegen die neue Ver— faſſung im Stillen, mit der freilich das Volk anfangs keine große Urſache hatte zufrieden zu ſeyn, aber die Franzoſen hätten dies Land in ein Paradies umſchaffen können, und man würde ſie dennoch verwünſcht haben, weil man glaubte, daß der Umſturz eines hölzernen Krucifixes am Wege nichts anders als der Umſturz der Reli⸗ gion ſelbſt ſey. Das Bettelweſen, das bekanntlich ehemals an Größe ſeines Gleichen in Deutſchland nicht hatte, hat ſeit der Zeit der Anweſenheit der Franzoſen ſehr abgenommen, weil der Reich— thum der Klöſter vernichtet worden iſt, die nun keine Suppe mehr alistheilen können. Statt deſſen haben ſie ſich nun, wie ſchon geſagt, den Schleichhandel zum Geſchäft gemacht. Indeſſeu findet man noch täglich zu jeder Zeit und an je— der Kirchenthür, ſo wie an gewiſſen Plätzen auf der Straße, immer die nämlichen Bettler wieder, die ſie nicht verlaſſen. Einer derſelben, ein ganz rüſtiger Menſch, iſt mir immer gegenwärtig; er ſaß ſtets an der Ecke der Straße, wenn man vom Heumarkt an den Rhein gehet, und hat mich mehreremal mit vielem Anſtande verſichert, daß er meiner bei dem heiligen Maternus im Beſten gedacht habe, und noch denken werde, es verſteht ſich, wenn ich fortfahren würde, ihm ein Allmoſen zu geben. Der heil. Maternus ſcheint überhaupt die erſte Rolle unter den koͤllni ſchen Heiligen zu ſpielen, wie er denn auch wirklich in dieſer Gegend zuerſt das Chriſtenthum gepredigt haben ſoll. Die Univerſität in Cölln, die älteſte in Deutſch— land(ſie ward 1580 vom Magiſtrat geſtiftet) hat nach mancherlei Schickſalen ein Ende genom⸗ men. Im 7. Jahr der Republik wurde nach Aufhebung der hieſigen Gymnaſien an ihre Stel⸗ le eine Centralſchule errichtzt. Auch dieſe wurde nach einer Dauer von wenigen Jahren wieder aufgehoben, und Cölln erhielt eine Se⸗ cundarſchule. Die Zahl der Schüler in der⸗ ſelben betrug im September d. J. bei der drit⸗ ten Prüfung derſelben ſeit ihrer Exiſtenz, 155. Die Bibliothek der vormaligen Centralſchule, iſt der Aufmerkſamkeit des gelehrten Reiſenden werth. Sie befand ſich bisher in dem großen Jeſuitergebäude, im untern Theil des Hauſes. Die Bücherrepoſitorien ſind von einem ſchönen braunen Holz, zwar gothiſch, aber nicht übel verziert und rund herum führt eine Eſtrade, von 8 2— 83 8 8 ˖ ˖ ˖N NNDeDeeee 1— — 552— welcher man, ohne Leitern nöthig zu haben, al— le Bücher bequem herunter nehmen kann. Die Bibliothek an ſich ſelbſt iſt noch gar nicht geord⸗ net, enthält aber viele koſtbare Werke, die wäh— rend der Verwaltung der Profeſſoren angeſchafft worden waren, welches der ſeit 7 Monaten un— bezahlte Bibliothekar eben nicht billigen wollte. Aber jene dachten auf Anſchaffung der zum Un— terricht nöthigen wiſſenſchaftlichen Hülfsmittel, da ſie in dieſer Bücherſammlung gar nichts Brauchbares fanden. Sie ſtrozte bei der Errich— tung der Centralſchule von Werken und Commen— tarien über das kanoniſche Recht, Actis Sanc— torum und Beſchlüſſen der Concilien, aber es mangelte an allen Werken, die als Hülfsmittel zu den Wiſſenſchaften dienen konnten, welche ge— lehrt werden ſollten. Die vortrefliche Sammlung von Kupferſtichen, für welche die Kaiſerinn Ca— tharina II. einſt 20000 Rthlr. geboten hatte, war, ſo wie viele andere koſtbare Werke, ab⸗ handen gekommen.— Die gemachten Ankäufe an Büchern ſind wirklich beträchtlich. In einem andern Theile des Jeſuitengebäu— des befindet ſich der neue Saal für die phyſikali⸗ ſchen und mathematiſchen Inſtrumente. Das von Strasburg angetommene phyſikaliſche Cabinet iſt — 5535— das beſte, was die Uniberſität beſaß, ganz voll⸗ ſtändig, und mit allen Apparaten und Inſtru⸗ menten verſehen. Zu gleicher Zeit ſind die al⸗ ten mathematiſchen und phyſikaliſchen Inſtrumen— te(welche man hier fand, die aber ganz unbe— deutend waren) reparirt, und mehrere fehlende Stücke dazu gekauft worden. Nach des Herrn Prof. Kramps Angabe iſt dieſer Theil völlig com plett, und ganz dem Grade der Höhe, auf wel,⸗ chen dieſe Wiſſenſchaft geſtiegen iſt, entſprechend. Der mathematiſche und aſtronomiſche Theil der hier befindlichen Inſtrumente iſt weit gerin⸗ ger. Alles was man hier bei der Beſitznehmung des Gebäudes fand, war ein Quadrant von 5 Fuß(das beſte Stück), 4 Globen von vier Fuß im Durchmeſſer vom Pater Coronelli, einem Ve— netianer, verfertigt; ferner eine Meer-Bouſſole von 2 Fuß Durchmeſſer, außerdem einige Qua⸗ dranten, Aſtrolabien ꝛc. Indeſſen macht es der Mangel einer Uhr unmöglich„Beobachtungen an— zuſtellen, wozu überdies auch ein bequemes Lo⸗ cal fehlt. Der Saal, worin die Inſtrumente aufgeſtellt ſind, iſt hell, geräumig und geſchmackvoll deko— rirt. Man hat aus demſelben eine ſchöne Aus— ſicht auf den Rhein. Das dazu gehörige Au— ditorium iſt ebenfalls hell, groß und regel⸗ mäßig. Auch eine mineralogiſche Sammlung iſt in dieſem Hauſe. Ob ſie gleich nicht wiſſenſchaft⸗ lich geordnet, und ſehr mangelhaft iſt, ſo hiel⸗ ten es doch die Lehrer für das beſte, was ſie von ihren Vorfahren erbten. Der ehemalige Garten beim Jeſuitergebäude iſt in einen botaniſchen umgeſthaffen worden. Er iſt mit einer hohen Mauer umgeben, hat aber nicht den vierten Theil des Umfangs von dem zu Halle oder Göttingen. Es befanden ſich jetzt ei⸗ nige Anpflanzungen von ausländiſchen Gewächſen darin, aber mehrere Beete fand ich noch mit Gemüſe bepflanzt. Es iſt bei dieſem Garten jetzt ein eigener botaniſcher Gärtner angeſtellt, der unter der Aufſicht des Directors ſteht.— Der daran ſtoßende Dekadentempel, die ehemalige Kir⸗ che der Jeſuiten iſt ein prachtvolles Gebäude von großem Umfange. An Leſekabinette, gut eingerichtete Leihbiblio⸗ theken und geſellſchaftliche Verſammlungen, wo von etwas mehr als Politik geſprochen wird, war bisher hier nicht zu denken. Es ſind zwar eine oder zwei Leihbibliotheken hier, unter denen ich die Imhofſche, als die beſte kennen lern— — 555— te, aber ſie ſind denn doch im Ganzen in einem agoniſirenden Zuſtande, und können ſich nur kärg⸗ ich erhalten. Collegien, Clubbs und Roſourcen, oder wie man die gefelligen Zuſammenkünfte an andern Orten heißt, mangeln ebenfalls. Fami— liengeſellſchaften giebt es wenige; weil auch hier, wie überall, die Verſchiedenheit der politiſchen Geſinnungen Spannung und Trennung bewirken. Die Buchhandlungen in Cölln haben ſich ſeit der Anweſenheit der Franzoſen vermehrt und ver— beſſert. Die vorzüglichſten Buchhändler ſind die H. H. Keil, Oedenkoven und Thiriart und Kauf⸗ mann. Andere kleinere Buchhändler geben ſich mit dem Debit von Nachdrucken ab. Unter den zu Cölln erſcheinenden Zeitungen iſt der Beobachter die vorzüglichſte. Er ward von den Profeſſoren Faber und Reinhard ſeit 1800 gemeinſchaftlich herausgegeben, bis letzterer von 2 Jahren einem Rufe als Profeſſor nach Mose kau folgte. Ich weiß nicht ob Herr Faber jetzt noch einen Gehülfen bei der Redaction dieſes ſchätzbaren Blattes hat, aber wenigſtens hat es durch den Abgang des Herrn Reinhard nicht an Werth verloren.— die andere hier erſcheinende deutſche Zeitung führt den Titel Cöllner Zei⸗ — 556— tung. Ich weiß nicht, wer jetzt der Verfaſſer der⸗ ſelben iſt. Die franzöſiſche Zeitung: das Journal gé⸗ néral de Politique, de Commerce et de Lit- terature kommt täglich heraus. Dieſes iſt ein Abkömmling der zu Oberweßling, einem Dorfe zwiſchen Bonn und Cölln zuerſt erſchienenen, her⸗ nach zu Coölln fortgeſetzten Zeitung, die jetzt zu Frankfurt unter dem Titel: Journal de Franc- fort von Herrn Lemaire, geſchrieben wird. Der jetzige Verfaſſer des Journal général iſt Herr Fontaine. Die beliebteſte Zeitung in dieſer Stadt und Gegend war vormals der berühmte Welt⸗ und Staatsboth auf Löſchpapier mit ſtumpfen Let⸗ tern gedruckt. Der Abſatz dieſer Zeitung war ſehr ſtark, weil ſein Redacteur immer wieder gu— te Nachrichten für ſein Publikum hatte, wenn ſchon Alles verloren zu ſeyn ſchien. Er lies ſtets ungeheere Armeen von Ruſſen, Preußen, Oeſter— reichern und Türken marſchiren, die Engländer bald da, bald dort landen, und ſchlug die Fran⸗ zoſen, wo er ſie fand. Mochten ſeine Nachrich— ten noch ſo ungereimt und unwahrſcheinlich ſeyn; man glaubte dieſe erfreulichen Lügen doch gern, weil man ſie wünſchte. Uebrigens verſtand Herr Colignar, ihr Verfaſſer, weder teutſch noch fran— zöſiſch, und daher waren die meiſten Artikel del— phiſche Orakelſprüche, die man auslegen konnte, wie man wollte. Mit ihm war der ehemalige Poſtmeiſter Pauli verbunden, der wegen ſeiner antifranzöſiſchen Geſinnungen und Aeußerungen ei— nigemal während des Krieges arretirt war. Nach mehrmaligen Warnungen ward endlich dieſe Zei— tung als aufwiegleriſch unterdrückt. Es iſt zu wünſchen, daß die ſich immer ver— mehrende Anzahl guter Köpfe in Cölln und der zunehmende Geſchmack an Lektüre einen vortheil— haften Einfluß auf die Verbeſſerung der teutſchen Sprache haben möge, die man im Ganzen hier eben ſo ſchlecht ſchreibt, als ſpricht. Wie weit ſelbſt öffentliche Beamte hierin noch zurück ſind, beweiſen die öffentlichen Anſchläge an allen Stra— ßenecken. Sie ſind meiſtens ſo unrichtig und feh⸗ lerhaft aufgeſetzt, und oft in der Hauptſache ſo unverſtändlich, daß man genöthigt iſt, ſich aus dem gegenüberſtehenden Franzöſiſchen Raths zu er— hohlen. In einem eben ſo fehlerhaften Teutſch war ſogar die Ankündigung der Vorleſungen der Centralſchule für das 8te Jahr gedruckt.— Ein — 558— Lehrer der teutſchen Sprache würde gewiß ein nütz⸗ licher Mann ſeyn. Auch einige geſchickte Künſtler und Samm— ler von Seltenheiten verdienen die Aufmerkſamkeit des Fremden in dieſer Stadt. Ein Herr Har— di, Vikarius am Dom, iſt ein guter Maler, der auch ſehr viel Geſchicklichkeit im Wachsboßiren und in mechaniſchen Arbeiten hat. Seine Luſt zur Malerei entwickelte ſich ſchon in ſeiner Ju— gend, aber er mußte dem Willen ſeiner Aeltern folgen und den geiſtlichen Stand wählen. Er wurde hierdurch abgehalten, ſich ſeiner Lieblings— beſchäftigung zu widmen, bis er endlich Vika⸗ rius am Dom wurde, ein Amt, das ihm Muße genug ließ, ſich der Kunſt zu weihen. Außer der Malerei, mit der er ſich vorzüglich beſchäftigt, ſind ſeine Wachsfiguren mit der größten Wahr— heit verfertigt, die er weit und breit verſchickt. Von ſeiner Geſchicklichkeit in der Mechanik zeugt ein von ihm ſelbſt verfertigtes Deleſcop und ein Uhrwerk, das ein künſtliches Planetenſyſtem di— rigirt. Ein anderer Künſtler iſt der B. Schopho— fen, der ſehr ſchöne eiſerne und ſtählerne Oefen verfertigt, die mit Geſchmack gearbeitet und holz⸗ erſparend ſind. Das Stück koſtet 50 bis 200 — 559— Rthlr., indeſſen ſchickte er ſchon Oefen nach Wien, wofür er 700 Rthlr. erhielt. Die beiden B.B. Manskirch, Vater und Sohn, ſind vortrefliche Landſchaftsmaler und Benedikt Bekkenkamp iſt als Portraitmaler berühmt. Odendahl und Imhof, Bild— hauer. Unter den hieſigen Gelehrten iſt Herr Kramp ein ausgezeichneter Mann im Fache der Phyſik und Chemie. Er hält ohnerachtet die Central— ſchule aufgelöſet iſt, noch Vorleſungen über die— ſe Wiſſenſchaften.— Herr Prof. Wallnef iſt ebenfalls als Schriftſteller bekannt. Er beſitzt ei— ne ſchöne und zahlreiche Kupferſtichſammlung. Ein ſeltſamer Mann durch ſeine Schriften und wegen ſeines Innern und Aeußern war der Ba— ron von Hüpſch, der im vorigen Jahr verſtorben iſt. Durch ſeinen Tod hat Cölln eine große Merk— würdigkeit verloren, ſeine Kunſt- und Natura— lienſammlung, die er dem Landgrafen von Heſſen— Darmſtadt in ſeinem Teſtament vermacht hat, welcher ſie nach Darmſtadt abführen ließ. Dieſe zahlreiche Sammlung war ein wunderbares Quod— — 560— libet der heterogenſten Dinge, das ſchon bei der Hausthür ſeinen Anfang nahm und beim oberſten Dachloch ſich endigte. Aber alles lag durcheinan— der; auch ſogar die Küche war voller Antiquitä⸗ ten und Naturalien. Er beſaß alte ausgegrabene Denkmäler, Manuſcripte, unter denen ein he⸗ bräiſches und ein chineſiſches, romiſche Alterthü⸗ mer, worunter ein metallener Münzabdruck des Kaiſers Auguſt; römiſche falſche Münzen, ſeidene Stoffe aus dem Alterthum, Kleidungsſtücke der Bewohner Oſt- und Weſtindiens, die er zum Theil von der Akademie der Künſte und Wiſſenſchaften zu Batavia in Oſtindien zum Geſchenk erhielt; eine Sammlung von morgenländiſchen Gottheiten und Gotzen, worunter die berühmte ſymboliſche Gott— heit der Chineſen, die Göttin Fußa, ein Bur— chan, oder eine Gottheit der Calmucken ſich be⸗ fanden; eine Sammlung von Steinen aus allen Ländern; Gemmen und Siegelringe alter römi— ſcher Kaiſer; unter dieſen auch einen großen mor— genländiſchen Topas, der über dritthalb Zoll lang, und beinahe zwei Zoll breit war; er iſt ihm aber geſtohlen worden. Außer obigen Dingen fand man in dieſem Cabinet noch viele ausgeſtopfte Vögel, ſo wie aus? und innländiſche vierfüßige Thiere. Baron von Hüpſch hat eine gelehrte Beſchreibung — 562— ſeines Cabinets herausgegeben, auch iſt er Ver⸗ faſſer mehrerer anderer Abhandlungen, die aber das Gepräge eines Geiſtes von ſeltſamer Origi— nalität tragen. Ein viel verſprechender und hoffnungsvoller junger Künſtler zu Colln iſt Jo ſeph Hoffman⸗ Im erſten Stück des 5. Bandes der Propyläen von Göthe ward für das Jahr 2800 von dem zur Beförderung der bildenden Künſte zu Wei— mar errichteten Inſtitut, deſſen Director Göthe ſelbſt iſt, der Abſchied des Hektor und der Tod des Rheſus nach der Iliade als Preisaufgabe auf— geſtellt. Dieſe beiden Gegenſtände wurden von 28 Concurrenten bearbeitet, wobei ſich dieſer junge Künſtler vorzüglich auszeichnete. Er hatte die Ehre, dem geſchickten Nahl in Caſſel an die Seite geſetzt zu werden, dem 20 Dukaten für einen Abſchied Hektors zuerkannt wurden, wäh⸗ rend dem jungen Cöllner für ſeinen Tod des Rhe— ſus die übrigen 20 Dukaten der Preisſumme ge⸗ geben wurden. Er erhielt dieſe Aufmunterungs⸗ ſumme in einem Schreiben von Göthe ſelbſt, und der Beobachter machte dieſen Preisgewinn den Mit⸗ bürgern Hoffmanns bekannt. Noch muß ich einer Antiquität in Cölln geden⸗ ken, die in dieſer durch die Abführung ſo vieler 56 — 562— Schätze, Kunſtſachen und Seltenheiten ärmer ge— wordenen Stadt des Erwähnens werth iſt. Es befinden ſich nämlich in dem Archive des Gemein⸗ dehauſes drei Briefe, welche Türenne, der franzöſiſche Feldherr des 17ten Jahrhunderts, an die Bürgermeiſter und Rathsherrn dieſer Stadt ſchrieb. Der erſte iſt aus dem Lager von Borbeck vom 22. Sept.; der zweite aus dem Lager bei Mühlheim am Rhein vom 1. Oct., und der drit⸗ te aus dem Lager von Hockum vom 2. Oct. 1672. datirt. In allen dreien kündigt er dem Magiſtrat die freundſchaftlichen Geſinnungen ſeines Hofes ge— gen die Stadt an, und beruhigt ſie über die An⸗ näherung der franzöſiſchen Armee mit der Verſi⸗ cherung, daß ſie nichts von dieſer zu befürchten ha⸗ be. Der Beobachter, der die Nachricht von dem Daſeyn dieſer Briefe dem Publikum mittheilt, fügt ſehr wahr hinzu, daß man ſich beim An— blick des eigenhändigen Namenszuges des Helden mit Vergnügen jener Zeiten erinnere, wo ein ge⸗ gebenes Wort einen Schwur galt, und eine Un⸗ terſchrift heilig war. Obgleich Cölln die größte Stadt des Roerdes partements iſt, eins der größten des franzöſiſchen Reiches, ſo iſt doch der Sitz der Präfektur zu — 563— Achen. Dagegen iſt Cölln der Hauptort einer der 4 Unterpräfekturen des Departements. Zur nä⸗ hern Kenntnis des Zuſtandes deſſelben in geographi⸗ ſcher und ſtatiſtiſcher Hinſicht dient die: Statisti- que du Departement de la Roer par Mr. Dorsch, ein ſchätzbares ſtatiſtiſches Werk. —— Folgende Vergleichung zwiſchen den ehemaligen und den jetzigen Einkünften ber ſämmtlichen im Roerdepartement begriffenen Gebiete findet man in einer von Herrn Körfgen zu Achen der franzöſi⸗ ſchen Regierung übergebenen Denkſchrift: Die ehemaligen Einkünfte des Dheiles von dem Churfürſtenthum Cölln, welches im Roerdeparte— ment liegt, werden angeſchlagen auf 1500ο oo0fFr. Der preußiſchen Lande'des linken Rheinufers 2,70%“j,j= Des Jülich ſchen Landes, an Con— tributionen 5 1,500οο Daſſelbe Land aus den Do⸗ mainen 8 680/0οᷣ Der Stadt Aachen 1 270 Der Stadt Cölln. 3 500,00⁰ Summe 6,250,00 Gegenwärtig bezahlt das Roer— Departemene: An Grundſteuer 5,584,558 Fr. An Perſonal⸗„Mobiliar⸗ und Auf⸗ wandſteuer. 6 604,704 Fr. Thür und Fenſter-Taxre 551,850— Patenten 8 290,258— Zöllen 65/966 Douanen 8 1,602,0— Stempel und Einregiſtrirung u. ſ. w. 1,279/270— Domainen, Renten und In— tereſſen 5,250,000— Summe 41,158,406— Hievon abgezogen obige Summe der ehemaligen Einkünfte 6,250,00 Fr. ä—— Bleibt übrig 4,888,406, Fr. welche Summe alſo das Noer-⸗Departement gegen⸗ wärtig mehr bezahlt, als ſümmtliche Länder, die ſeinen Umfang ehemals ausmachten. Das hieſige Theater, welches 1785 gebauet wurde, iſt zwar klein, aber dennoch immer groß genug bei dem Mangel an Theilnahme, welche man dem Schauſpiel hier zeigt. Selten hat ſich eine Schauſpielergeſellſchaft hier länger als einige Monate halten können. Die Urſache liegt wohl in dieſen, nicht im Publikum. Franzöſiſche und teutſche herumziehende Banden von der letzten — 565— Claſſe, waren es in den letzten Jahren größten⸗ theils, welche hierher kamen, um die Einwohner von Cölln mit ihren Künſten zu unterhalten. Der Geiſt der Kunſt war fern von ihnen. Un⸗ ter die beßern gehört jedoch die abwechſelnd hier und in Düſſeldorf ſpielende Schauſpielergeſell⸗ ſchaft.— Neuerlich iſt das Schauſpielhaus von Cölln inwendig neu und geſchmackvoll decorirt worden. Bei Gelegenheit der Reiſe des Kaiſers Na— poleon in die Rheiniſchen Departements im Herbſt des Jahrs 1804 erließ er auch ein Dekret(bom 29 Fructidor) welches nähere Beſtimmungen über den Freihafen von Cölln enthält. In dieſem Hafen dürfen fremde Waaren und Früchte nieder⸗ gelegt werden, ſelbſt wenn ſie verboten ſind. In⸗ deſſen dürfen die Häuſer und Magazine(von der Marktmannsgaſſe an bis an die Baſtion der Müh⸗ lengaſſe) keine Oeffnungen in das Innere der Stadt haben. Dem zufolge wurden alle Keller, Cloaken ꝛc. auf dem zu dieſer Niederlage be— ſtimmten Quai berſchloſſen und. ausgefüllt. Zwei Chalouppen, mit Zollſoldaten beſetzt, ſind beſtimmt alle Verbindungen zwiſchen dem freien und den andern Theilen des Hafens zu verhindern. Meh⸗ ˖ r — 566— eere andere auf das Local Bezug habende Punkte dieſes Dekrets haben die Abſicht, die beimliche Ein⸗ bringung der niedergelegten verbotenen Waaren auf alle Weiſe zu verhindern. Die Umgebungen Cöllns von der Landſeite bieten wenig Abwechſelungen dar. Die Ebenen des ehemaligen Cöllniſchen und Jülicher Landes ziehen ſich in ungeheurer Ausdehnung am Rhein und an der zu Hügeln gewordenen Bergkette hin⸗ ab, die von Andernach an, den Fluß begleitet. Nur Kirchthürme und Klöſter heben ſich über die unabſehlichen Kornfelder empor, die dies Land zu einem der reichſten in der Welt gemacht haben würden, wenn nicht ehemals die meiſten Grund—⸗ ſtücke Adlichen, Kirchen und Klöſtern gehört hät— ten, und jezt die Ausfuhr des Getreides verboten wäre. Daher ſind hier die Wohnungen des Land⸗ manns und die Dörfer überhaupt keinesweges ſo ſchon, und von ſo wohlhabendem Anſehen, als man es in dieſem fruchtbaren Lande erwarten ſollte. Die gewöhnlichen Spazier und Vergnügungs— orte der Cöllner auſſerhalb der Stadt ſind die Münze, ein ſchönes Gebäude, das etwa eine Viertelſtunde unterhalb der Stadt am Rhein liegt, aus welchem man eine weite Ausſicht auf Mühl⸗ heim und das gegenüberliegende Bergiſche Land hat, und das der Stadt gegenüber liegende Naſ— ſauiſche Städtchen Deutz. Viele Menſchen in Cölln haben ſich gewiſſermaßen daran gewöhnt, täglich oder wenigſtens einigemal wöchentliche, über den Rhein hinüberzufahren, und ich ſelbſt fand einen Genuß darin, faſt alle Tage einmal nach Deutz zu gehen. Die ſogenannte fliegende Brücke, welche hier von einem Ufer zum andern fährt, iſt, der ſtarken Paſſage wegen, eine der größten am Rhein. Sie faßt viele Wagen und mehrere hundert Menſchen. Am beſuchteſten iſt Deutz im Herbſte während der Kirmes oder des Jahrmarktes daſelbſt. Da iſt vom Morgen bis zum Abend der große Raum auf der Brücke zu enge für die vielen Ueberfah— renden. Alle Gaſthäuſer ſind gedrängt voller Menſchen, und aus allen ſchallen Muſik und die lauten Töne der Freude. Ich habe an dieſen Tagen mit großem Vergnügen in Breits Gar⸗ ten am Rhein zu Deutz geſtanden, wo man die volle Brücke ankommen ſah, die ſich ſchnell leer⸗ te, um neue Gäſte aus der Republik herüber zu holen. Aber niemals bin ich Augenzeuge von ſolchen Auftritten geweſen, als Abends bei der — 568— Rückkehr der Cöllner in ihre Stadt. Die Brücke brachte jedesmal vier bis fünfhundert Menſchen hinüber nach Cölln. Dieſe ganze Menſchenmaſſe drängte ſich eilfertig nach dem einzigen offenen Thor, um herein zu kommen. Aber dieſes war zugemacht, und nur ein kleines Pförtchen ſtand offen, das von einem ganzen Heere Mauthbe— dienten, mit gezogenen Säbeln und brennenden Fackeln in den Händen, beſetzt war. Hinter ihnen ſtand die Wache. Nun ließen die Viſitatoren ei⸗— nen nach dem andern zu dem engen Pförtchen her— einpaſſiren, nachdem ſie jede Perſon und die Frauen— zimmer beſonders genau am Leibe befühlt hatten. Dies geſchah unter dem Schimpfen und Zanken des gemeinen Volks mit den Mauthdienern, un— ter dem Geſchrei ſchaamhafter Weiber, die un— verſchämt betaſtet wurden, und dem ſtillen Grimm der beſſern Klaſſe, die jetzt fühlte, daß ſie ihr Ver— gnügen zu theuer erkauft hatte, indem ſie ſich die— ſer Behandlung ausſetzte, während dort mit Kol— benſtößen und Säbelhieben ein ermer Teufel ar— retirt wurde, der ſich ein neues Halstuch oder ein paar wollene Strümpfe in Deutz gekauft hat— te, die er heimlich einbringen wollte. Ich kann wohl ſagen, daß ich mich ſelten in einem fürch— terlicher ausſehenden Tumult befunden habe, als — 569— hier an dieſer Pforte der Stadt Cölln. Die Nacht, der rauſchende Fluß, die Fackeln und Säbel und Bajonnette, das Toben und Geſchrei des Pöbels und das Handgemenge der Arretirten mit den Doua⸗ niers bildeten ein Ganzes, das man vielleicht nir⸗ gends ſo ſieht, als hier. Deutz ſoll ein alter Ort ſeyn, und wie dieje— nigen ſagen, welche aus der Aehnlichkeit der Na⸗ men den Urſprung der Städte herzuleiten pflegen, von Teuto oder Thuisko, dem erſten teutſchen Kö— nige, aufgebaut ſeyn. Vor mehr als 1000 Jah- ren hatten die Römer hier über den Rhein eine Brllcke, deren Pfeiler man bei dem hellen und ſehr niedrigen Waſſer im Sommer 1800 ziemlich deut⸗ lich ſehen konnte. Man entdeckte ihr Daſeyn in dem Jahre 1750, und 1767 wurden dieſe Ueber— bleibſel von dem Pater Auguſtin Altenbruck in Cölln genau unterſucht. Die Brücke ſoll nach einigen von Julius Cäſar, nach andern vom Kaiſer Con⸗ ſtantin erbaut worden ſeyn, der hier zu Anfang des Aten Jahrhunderts ein Caſtel hatte,(das in ältern Schriften Monumentum ditivense heißt) welches durch die Brücke mit einem auf der Cöll— niſchen Seite errichteten Caſtel in Verbindung ſtand. Dieſe Feſtung und Brücke wurden unter Kaiſer Otto dem Erſten von dem Erzbiſchof Bru— — 570⁰— no in der Hälfte des zehnten Jahrhunderts wie— der zerſtört, und die Steine von derſelben zur Erbauung der Pantaleonskirche in Cölln verwen— det. Späterhin wurde Deutz aufs Neue befe— ſtigt, und ein anderes feſtes Schloß darin ge— bauet, im Jahre 12250 aber von dem Erzbiſchof Heinrich, der es dem Grafen von Berg hinweg— nahm, wieder geſchleift. Im Jahre 1576 ward Deutz von den Coöllnern verheeret und in einem Schutthaufen verwandelt, vom Kurfürſten Ferdi— nand aber wieder hergeſtellt und befeſtigt. 1652 eroberten es die Schweden, welche die Feſtungs⸗ werke ſchleiften, und die St. Urbanskirche in die Luft ſprengten. Seitdem ſind die Feſtungswerke ganz eingegangen.— Die hier befindliche Be— nediktinerabtei wurde im eilften Jahrhundert(1001) von dem Erzbiſchof Heribert zu Cölln zufolge ei— nes Gelübdes Kaiſer Otto's des Dritten geſtiftet und fundirt. Mehrere nachfolgende Biſchöfe do— tirten ſie noch reichlicher. Die Gebäude der Ab— tei ſind regelmäßig und erſt in den neuern Zei— ten wieder gebaut. Der Abt führt den Titel: Herr zu Vehn, Lehrsling, Pilkum, Eſchweiler, Langzelt ꝛc.— Uebrigens hat die Abtei durch Kriegsſchäden und Contributionen, Einquartirun— gen u. dgl. ſehr viel gelitten. — 571—— Eine zahlreiche Claſſe der hieſigen Einwohner machen die Juden aus. Sie haben hier eine Synagoge. Seitdem Cölln in franzöſiſchem Beſitz iſt, wurde das kaiſ. Reichs-Oberpoſtamt daſelbſt hie— her verlegt. Auch geht ein von Elberfeld und Düſſeldorf kommender Poſtwagen hier durch über den Weſterwald nach Frankfurt. Viele Einwoh— ner von Cölln geben des wohlfeileren Poſtgeldes und der ſchnellern Beſorgung wegen ihre Briefe nach Teutſchland auf das hieſige Poſtame, welches indeſſen verboten iſt. Während des Krieges kam man einigemal mit gewaffneter Hand von Colln herüber auf das hieſige Poſtamt, um die aus Cölln kommenden oder nach Coölln addreſſirten Briefe zu öffnen und zu unterſuchen. Die Ebene, worin Deutz liegt, ſetzt dieſen Ort bei hohem Rheinſtande oft der Gefahr der Ueber— ſchwemmung aus.— Am Rheinthor zu Cölln ſieht man noch mehrere Ellen über demſelben das Zeichen, bis zu welchem im Jahre 1784 den 28. Feb. die Hö⸗ he des Rheins ſtieg. Wenn man jetzt(im Jul. 1801) die noch nicht vollen Ufer des Fluſſes ſieht, ſo muß man erſtaunen über die Waſſermaſſe, die damals dieſe Fluren bedeckte, und welche beſonders für das nahe Mühlheim ſo verderblich war— ———— Zwölfter Abſchnitt. Reiſe nach Düſſeldorf. Seiner Reize und ſchönern Umgebungen be— raubt, ſtrömt der Rhein von Cölln an durch die einförmige ebene Landſchaft in ſo vielen Krüms mungen fort, daß die meiſten Reiſenden die kür— zere Landreiſe von Cölln und Deutz nach Düſſeldorf (6 Stunden) und weiter hinab der Waſſerreiſe vorziehen. Auch gehen die ordinairen Poſtjachten auf dem Rhein nicht weiter als bis Cölln, und hier müſſen die Reiſenden wieder ein anderes Schiff miethen, wenn ſie nicht eine eigends ge— miethete Jacht zur Fahrt hatten, oder mit großen holländiſchen Schiffen die Reiſe machen wollen, welches aber ihrer Schwere und Größe wegen ziemlich langſam geht. Wenn man zu Lande nach Düſſeldorf fährt, ſo hat man die Wahl gleich bei Cölln überzuſetzen, um auf dem rechten Ufer zu reiſen, oder auf dem linken über Dormagen zu gehen, und bei Neuß überzufahren. Ich will — 576— keinem dieſer Wege den Vorzug geben; beide ſind ohngefähr gleich gut. Einige wollen behaupten, daß der Weg auf dem linken Ufer näher ſey; da⸗ für hat man auf dem rechten wenigſtens in der Nähe von Düſſeldorf eine gute Chauſſee. Auf je⸗ dem dieſer Wege hat man 2 Poſten nach Düſſel⸗ dorf, deren jede zu 2 Meilen gerechnet wird. Für diejenigen, welche der kürzern Landreiſe ungeachtet die Waſſerreiſe von Cölln nach Düſſel⸗ dorf und weiter vorziehen, oder ihre Jacht viel⸗ leicht bis Düſſeldorf ſchon gemiethet haben, liefe— re ich hier einige kurze Nacheichten von den an beiden Ufern gelegenen Ortſchaften. Mühlheim am Rhein, eine zum Herzog— thum Berg gehörige Stadt, eine Stunde von Cölln, iſt ſehr lebhaft durch Manufakturen, Fa— briken und Handlung, welche die aus Cölln ver— triebenen Proteſtanten hier anlegten. Beträcht⸗— lich ſind daſelbſt beſonders die Seiden⸗ und Wol⸗ lenmanufakturen, die Speditionsgeſchäfte und jetzo auch der Schleichhandel.— Das Alter dieſer Stadt wird bis in die entfernteſten Zeiten hinaufgeführt. Julius Cäſar ſoll bier im Jahre der Welt 3896 ſeine hölzerne Brücke über den Rhein geſchlagen, und ehemals hier die Hauptſtadt der Übier ge— ſtanden haben. 577— Mühlheim hat in den ältern und neuern Zei— ten mancherlei Unglücksfälle ausgeſtanden. Im Jahre 1615 wollten es die Fürſten von Pfalz⸗ Neuburg und Brandenburg, die es damals be⸗ ſaßen, zu einer Stadt machen, aber Cölln wider— ſetzte ſich, und brachte es in Wien ſo weit, daß dieſen Bau fortzuſetzen, foͤrmlich bom Kaiſer Ma— thias unterſagt wurde. Im Jahr 2614 nahm der General Spinola das neugebaute Städtcchen de ein, ſchleifte den Wall, und im folgenden riſſen die von Colln dahingeſchickten Baumeiſter und Ars beitsleute die neuen Gebäude nieder, und ſetzten alles wieder in den Stand„in welchem es vor— her war. Hundert Jahre ſpäter, als man in Colln fanatiſch unklug genug war, die Proteſtan— tiſchen Kaufleute aus der Stadt zu bertreiben, ließen ſich dieſe hier nieder und brachten Indu- ſtrie und Handlung mit hieher. Zur Beförde— rung derſelben wurde von der Pfälziſchen Regie— rung(im Jahr 12716) ein Kranen oder Gra⸗ nen“) daſelbſt errichtet, worüber, ſo wie über I )Kranen oder Granen nennt man am Rhein die⸗ jenigen Gebäude am Ufer, in welchen ein nach außen gehender ſtorchſchnabelförmiger, beweglicher, mit Ha⸗ ken und Ketten verfehener Hebel mit einem von Men— ſchen getretenen Rade in Verbindung geſetzt iſt, ver⸗ 37 PPE 4 8s den Verluſt mancher Handlungszweige, die ſich der Collniſchen Stapelgerechtigkeit zum Nachtheil ierher zogen, ein Rechtsſtreit entſtand der lan⸗ zogen, U ge unentſchieden fortdauerte, bis er endlich 1725 zum Vortheil Cöllns entſchieden wurde.— Unter die größten Unglücksfälle von Mühlheim aber ge— hört die große Waſſerfluth 1784., die dieſe Stadt ihrem gänzlichen Untergange nahe brachte. Man rechnet die Zahl der Einwohner in Mühlheim auf 5000. Eins der bekannteſten und größten Han— delshäuſer hieſelbſt iſt das Andreſche. Der Krieg hat hier, wie überall, den Flor Mühlheims zu⸗ rückgeſetzt. Nach dem Verluſt der Niederlande und der Schlacht an der Roer am 2. Oct. gieng die kaiſerliche Armee in der Nacht vom 5. auf den 6. Oet. 1794 hier über den Rhein zurück. Sie ſtand zum Theil noch hier bis nach dem franzöſiſchen Rheinübergange am 5. Sept. 1795 bei Uerdingen, wo ſie ſich zurückzog, und ſeit⸗ dem haben dieſe Gegenden bis nach dem Frie— densſchluſſe von Lüneville(9. Febr. 1801) keine teutſchen Truppen wieder geſehen. —— X—ͤ?Tä—Añ2A— mittelſt welches Laſten aus den Schiffen beraus an dat Ufer geboben, oder in dieſelben eingeladen werden. In Mühlheim iſt ein mwie man mii ſagte, zweckmäßig eingerichtetes Erziehungsinſtitut für junge Frauenzimmer; auch lebt hier der als Schriftſteller bekannte Prediger, Herr Reche. Er iſt außer mehreren andern Schriften der Her⸗ ausgeber einer geiſtvollen Ueberſetzung der philo⸗ ſophiſchen Betrachtungen Kaiſer Antonius über ſich ſelbſt, die er auch mit Noten begleitet hat. Man logirt in Mühlheim ziemlich gut im goldenen Wagen.— Die Einwohner dieſer Stadt haben ein weit heitereres und lebhafteres Anſehen, als ihre Nachbarn in Cölln. Sie ſchef— nen fröhlich und gutmüthig zu ſeyn; ich halte darum Mühlheim für eine der angenehmſten klet, nen Städte am Rhein. Vier Stunden von Mühlheim öſtlich liegt auf dem ſich allmählig erhebenden Gebirge das Kur⸗ pfälziſche Luſtſchloß Bensberg, das man weit erblickt. Der Kurfürſt Johann Wilhelm war ſein Erbauer. Es iſt, wie man mir ſagt, nicht un— terhalten, ob es gleich ein ſchönes Gebäude ſeyn ſoll; indeſſen habe ich es nicht geſehen. Die Ausſicht von dieſem Schloſſe ſoll ſehr umfaſſend ſeyn. Der bekannte Freiherr von Pöllnitz, ein Zeitgenoſſe Friedrichs II. ſagt von demſelben in ſeinen Nachrichten S. 221,7 es ſey ein ſchönes und — 35380— prächtiges Gebäude, woran man nichts als Feh— ler erblicke. uUnterhalb Cölln und Mühlheim folgen die teine Merkwürdigkeiten darbietenden Dörfer Neel, Merkenich, Caßelberg, Rhein-Caßel und Langfeld zur Linken; und zur Rechten Stammel, Flietdorf, Viesdorf, Wa⸗ muchen, Rheindorf, Hüttdorf und Bley. Unter Viesdorf fließen die kleinen Flüſſe die Lün und die Wupper in den Rhein. Drei Stunden von Cölln unterhalb der gedach— ten Dörfer liegt am linken Uufer Woringen, (lat. Vuringa) in der alten Geſchichte unter dem Namen Buruncum bekannt; Pabſt Innozenz der Vierte veranlaßte hier im Jahr 1247 eine Ver⸗ ſammlung weltlicher und geiſtlicher Fürſten in Betreff der Römiſchen Königswahl des Grafen Wilhelm von Holland, der nach andern auch an dieſem Orte zur Königswürde erhoben ſeyn ſoll.— Der Erzbiſchof Siegfried von Weſterburg befeſtig— te dies Schloß im Jahre 1284 ſehr ſtark; es wur⸗ de aber bei Gelegenheit der berühmten Schlacht, die zwiſchen den Collniſchen Bürgern und dem Erzbiſchoffe nahe bei Woringen auf der Füllinger Haide vorfiel, und worin über den Beſitz der Collniſchen Staͤdeſchlüſſel geſtritten wurde, ge⸗ 581— ſchleift. Die Cöllner unter dem Grafen Adolph von Berg ſiegten, nahmen den Erzbiſchoff ge— fangen, und Cölln gewann nebſt den Stadt, ſchlüſſeln ſeine Freiheit.— Oberhalb Woringen ergietzt ſich ein ziemlich ſtarker Bach in den Rhein.— Das Ufer des Rheins iſt hier durch Dämme ein— gefaßt, welche die nahen Dörfer Wiippe nberg (oder Wittenberg) und Rheinfeld zur Rechten, ſo wie die ganze große Fläche zur Lin— ken gegen Ueberſchwemmungen ſchützen ſollten, die aber durch den großen Eisgang 12784 äußerſt be⸗ ſchädigt, und ſeitdem auch nicht wieder hergeſtellt worden ſind. Der Rhein hat ſeit mehreren Jah— ren ſein Bett beträchtlich verändert, da er vor— her dicht bei Woringen, Dormagen und Zoons vorbeifioß. Dormagen iſt der Hauptort eines Cantons im Roerdepartement, und liegt auf der großen Landſtraße, die von Cölln nach Holland und ſeit— wärts nach Düſſeldorf führt. Auch iſt hier die Poſtſtation zwiſchen erſterer und letzterer Stadt. Ich habe hier ein ziemlich gutes Wirthshaus an— getroffen. 5 Monheim, ein pfälziſcher Flecken, liegt zur Rechten, und unterhalb deſſelben das Dorf Baum— berg. Erſtern gegenü ber ſieht man Zoons, RRErSS 582— (Sontinum)— auch vor Alters Friedſtrom genannt— ehemals eine köllniſch- domkapitulari— ſche Zollſtadt, welcher Zoll dem Domkapitel, das ihn von dem Erzſtifte anfangs pfandweiſe und her— nach ganz zum Eigenthum erhalten hatte, für 4985 Goldgulden angeſchlagen war.— Zoons iſt ein kleines unbedeutendes Städtchen, deſſen Ein— wohner ſich meiſtens vom Ackerbau nähren. Der Erzbiſchof Siegfried von Weſterburg ließ es 1291 befeſtigen, um ſich wider ſeine feindlichen Nach⸗ barn zu ſichern, die gemeinſchaftliche Sache mit den Bürgern von Colln machten.— 1620 brann⸗ te es bis auf einige Häuſer ab, und 1645 ward es vergeblich von den Franzoſen und Heſſen be⸗ lagert. Zoons gegenüber liegt Bürgel, ein Dorf den Grafen von Netelrode gehörig, und Orden— baſch, bei welchem ſich zwei Bäche, der Orden— bach und der Itterbach in den Rhein er⸗ gießen. Nun folgen zur Rechten Caßel an der großen Krümmung des Fluſſes, dann Mükkel, ein Neßelrodiſches Haus, bei welchem der Ro elbach in den Rhein fließt, und hierauf Himmel⸗ geiſt, ein wohlgebautes Bergiſches Dorf am Eßelbach. Eine halbe Stunde von hier liegt 585— Benrath, ein kurpfälziſches Schloß. Die An⸗ lagen um daſſelbe, ſo wie das Schloß ſelbſt, ſind wirklich ſehr artig, und ſcheinen mir durch den Krieg weniger gelitten zu haben, als die der an— dern Schlöſſer am Rhein. Man paſſirt vor die⸗ ſem Schloſſe vorbei, wenn man auf dem rechten Rheinufer von Colln über Opladen, und Langenfeld nach Düſſeldorf reiſet. Von Zoons an liegen zur Linken das kleine Dörfchen Sturzelberg, Ußem oder Undes⸗ heim, Grimmlingshauſen, wo eine Ue— berfahrt über den Rhein iſt, der Falkenwald oder Herderbuſch, und verſteckt in dieſem die beiden adlichen Cizerſtienſer-Nonnenklöſter Gna— denthal und Eppinghoven und das Dörf— chen Norf zwiſchen beiden.— Ob hier der hei— lige Coleſtinus noch wie ehemals befindlich iſt und verehrt wird, der, wunderbar genug! z wei linke Arme hatte, weiß ich nicht. Da er ſeinem Stifter 40000 Seudi gekoſtet haben ſoll, ſo iſt es wenigſtens nicht wahrſcheinlich. Neuß(Novesium bei Tacitus) ehemals ei— nes Cöllniſche Stadt, jetzt der Hauptort'eines Can— tons im Roerdepartement, ſoll ſeinen Urſprung von einem ehemaligen römiſchen Lager haben, wo zur Zeit des Claudius Civilis die dreizehnte und vierzehnte Legion ihre Winterquartiere hatten;, auch war, der Angabe nach, hier eins der 50 Caſtelle des Druſus Germanikus. Unter den Kai— ſern Julian und Valentinian, um das Jahr 558 nd ſpäter wurde dieſer Ort abwechſelnd zerſtört und wieder erbaue t. Die jenſeitigen Deutſchen und Franken, beſonders der Theil jener Nation, welcher den Namen der Attuarier führte, waren beſonders feindlich gegen diefe Stadt ge— ſinnt, und verwüſteten ſie oft, eben ſo die Normaͤn— ner im g9ten Jahrhunderte(88 1). Im J. 1205 nahm Kaiſer Philipp Neuß ein, und gab es dem kollniſchen Erzbiſchofe Adolph, ſeinem entſetzten Freunde, einſtweilen zur Schadloshaltung, welcher den Kirchenbann und den Verluſt des Erzſtiftes ſich darum zugezogen hatte, weil er gedachten Kaiſer Philipp gegen Otto zu Aachen krönte.— 1254 trat Neuß der Verbindung der Hanſaſtädte bei.— Im Jahr 1475 ward dieſe Stadt von Carl dem Kühnen, Herzog von Burgund, belagert; aber ſie widerſtand einer Armee von 8000o0 Mann neun Monate lang, bis Kaiſer Friedrich III. zum Ent⸗ ſatz kam, deſſen Bildniß in Erz die Bürgerſchaft über einem Brunnen zum Andenken und aus Dankbarkeit aufrichtete, da er ihr mehrere wich— tige Privilegien ertheilt hatte.— 2584 ward ſie — 585— von dem Grafen v. Nuenar für den abgeſetzten Erzbiſchok Gebhard Truchſes eingenommen, und von den Holländern geplündert; darauf 1586 vom ſpaniſchen General, Alexander von Farneſe, Herzog von Parma wieder erobert und in Brand geſteckt. 1642 nahmen ſie die verbündeten Fran⸗ zoſen und Heſſen ein, und befeſtigten ſie aufs neue, und 1687 eroberten ſie die Brandenburger von den erſtern. Nach dem Rückzuge der öſterreichiſchen Haupt— armee unter dem General Clairfait auf das rech— te Rheinufer(am 5. und 6. Oct. 1794) kam Keuß in franzöſiſchen Beſizz. Schon am 8. Oct. bombardirten ſie von hier aus etwas weiter hin— ab das nahe Düßeldorf.— Ein Jahr darauf am bten Sept. 1795 zu gleicher Zeit mit den fran— zoͤſiſchen Rheinühergängen bei Uerdingen und Ei— chelskamp(5 Meilen weiter hinab am Rhein) paßirte der General Championnet mit einem Corps hier bei Neuß, dem verſchanzten Dorfe Hamm gegenüber, den Rhein, Abends bei hellem Mond⸗ ſchein, während die Kaiſerlichen aus ihren Schan— zen ein fürchterliches Kartätſchen- und Kleinge— wehrfeuer machten. Noch an demſelben Tage öff— nete Düßeldorf den Franzoſen die Thore. — 586— Neuß iſt übrigens eine kleine ſchlechtgebaute Stadt, deren Einwohner meiſtens vom Acker— baue leben. Nach Waſſerfall) ſollen ſich daſelbſt einige anſehnliche Manufakturen in ſehr blühendem Zuſtande befinden. Der Erftfluß, welcher um dieſelbe herum in den Rhein fließt, ſoll auch den Handel mit Steinkohlen, Brettern und Früchten ſehr befordern.— Die freiaͤdliche weltliche Damenſtiftskirche zum heil. Quirin, wel— che im Jahr 825 von den Grafen Eberhard von Cleve und ſeiner Gemahlin Bertha aus der Fami— lie Carls des Großen geſtiftet wurde, iſt groß und in ziemlich gutem gothiſchen Geſchmack erbaut. Außer dieſem Stift und der Kirche ſind hier noch mehrere Klöſter und ein regulirtes Chorherrenſtift Auguſtiner Ordens. Das hieſige Gymnaſium wurde von den Jeſuiten verſehen. Von Neuß führt der Weg übehſeine große Wie— ſe an den Rhein, wo eine Ueberfahrt iſt.— Ge— genüber liegen einige Häuſer, die man Auf dem Stein nennt. Hier befand ſich im Zojährigen Kriege eine von den Heſſen erbaute Schanze, die aber von ihnen nach dem Friedensſchluſſe wieder geſchleift wurde. 6) S. deſſen Calender S. 56. Oberhalb des Steins liegen am rechten Ufer noch, von Himmelgeiſt an, die Dörfer Flie, Billich und Wallmersroth, die Loret⸗ tokapelle(von Marie Anna Luiſe von Medi— cis erbaut) und Hamm. Bei dieſem Dorfe mächt der Rhein wieder eine Krümmung zur Rech⸗ ten, und Düßeldorf mit ſeinem weißen zerſtörten Schloſſe zeigt ſich am Ufer. —— Düßeldorf, die Hauptſtadt des Herzog— thums Berg, und der Sitz der Regierung und ſämmtlicher Landes-Collegien liegt in einer ſchö— nen Ebene am Rhein, in welcher der an der ſüd— lichen Seite der Stadt fließende Düſſelbach ſich er⸗ ˖ gießt. Dieſe Stadt gehört unter die wohlgebau— 5 teſten am Rhein. Sie hat einige gerade und hel⸗ le Straßen, ſchöne öffentliche Plätze, mehrere anſehnliche Privatgebäude und Kirchen. Bis zum Friedensſchluſſe von Lüneville(2801) war Düßel⸗ dorf eine Feſtung; nach dem Abſchluß deſſelben wurden ſeine Werke geſchleift. Das franzöſiſche Bombardement, daß durch ei— nen unnützen Schuß eines öͤſterreichiſchen Solda— ten beranlaßt wurde, der durch, denſelben einen franzöſiſchen Offizier auf dem jenſeitigen Rhein— —— — 588— ufer tödtete, hat das Schloß und eine große An— zahl der ſchönſten Gebäude, unter andern auch den churfürſtl. Marſtall, der erſt 1765 neu erbaut worden war, in die Aſche gelegt. Die ſchreckli— che Nacht, worin es geſchah, wird den Einwoh— nern unvergeßlich bleiben.(Es war am 8. Oct— 1794.) Seit dem 6. Sept. 1795 iſt Düßeldorf im Beſitz der Franzoſen geweſen, und auch bis nach dem Friedensſchluſſe darin geblieben. General Championet, der am 5. auf den 6. Sept. mit ei— nem Corps bei Hamm über den Rhein gegangen war, während Lefebre bei Uerdingen den Ueber— gang machte, berennte an dieſem Tage noch die Stadt, und ließ den pfälziſchen Commandanten, General-Major von Dalwigk, zur Uebergabe auf— fordern. Dieſer bat um Bedenkzeit; man bewil— ligte ihm 10 Minuten. Einige während dieſer kurzen Zwiſchenzeit geworfene Kugeln und Hau⸗ bitzgranaten bewirkten ohne weiteres die Ueberga—⸗ be. Die Franzoſen fanden in der Feſtung 100 Flinten und Kriegsvorräthe aller Art. Die 2000 Mann ſtarke Beſatzung zog frei durch die 700 Be⸗ lagerer aus, unter der Bedingung, in Jahr und Tag nicht mehr die Waffen gegen die Republik zu tragen 3). Die dabei befindliche pfälziſche Ca— vallerie mußte ihre Pferde da laſſen, und mar— ſchirte in Stiefeln und Sporen zu Fuße aus. Obgleich am 20. Sept. 1795 unter den Ca— pitulationspunkten der Stadt Mannheim ſich ei— ner befand, worin man von franzöſiſcher Seite die ſämmtlichen pfälziſchen Länder und auch die Herzogthümer Jülich und Berg für neutral erklärte, und beſtimmt wurde, daß in denſelben forthin weder Contribukionen noch Lieferungen aus— geſchrieben werden ſollten, und obgleich in der Folge mit der pfälziſchen Regierung in Düßel— dorf, um der Forderungen der Franzoſen entle— digt zu ſeyn, die monatliche Zahlung einer Sum— me von 24000 Lib. ſtipulirt ward, außer wel— cher keine Foderungen weiter gemacht werden ſoll— ten, ſo iſt es doch nicht dabei geblieben. Die vorgegebene Ausbeſſerung und Erweiterung der Feſtungswerke gab immer neuen Vorwand zu fo— dern. Man hätte mit dem Gelde, was man hier zur Herſtellung der Feſtungswerke bezahlt hat, ein zweites Gibraltar erbauen können; aber auch nach allen neuen Befeſtigungen würde ſich Düßel⸗ S. Taſchenbuch für die neueſie Geſchichte. 1798 S. 191. dorf, nach dem Geſtändniß franzöſiſcher Offiziers ſelbſt, nicht 8 Tage gegen eine Belagerung ha— ben halten können. Der Marktplatz in Düßeldorf iſt ein ſchöner, ziemlich regelmäßiger Platz, auf dem das Rath—⸗ haus, das Gouvernementhaus und einige bürger— liche Häuſer ſich auszeichnen. Mitten auf die; ſem Platze ſieht man die Statue des Kurfürſten Johann Wilhelm von der Pfalz zu Pferde von gegoſſenem Metall auf einem Fußgeſtelle von grauem Marmor. Sie iſt von dem Ritter Crepello ge— goſſen, und wirklich eine Zierde dieſes Platzes. Dieſe Statue ſollte während des Krieges mehrere— mal weggenommen werden. Am meiſten Senſa— tion hat die Procedur des Brigadechefs Miquel⸗ feriet gemacht, welcher am 8. Mai 2797— als der Friede bon Leoben ſchon ge⸗ ſchloſſen war— eine Proelamation an die daſige Regierung erließ, worin er ſich ſehr be— ſchwerte, daß man ſo ſaumſelig in Bezahlung der Contributionen ſey ꝛc. Am Ende ſagt er darin: „Zahlt nun ohne einigen Verzug die rooooo Lib., wenn ihr nicht lieber die Verwü⸗ ſtung in Euren Familien und in Eu— rem Lande ſehen und vermeiden wollt, daß die auf hieſigem Marktplatz be— — —— 591—— findliche Statue zu Pferde herunter— geriſſen werde; das Volk wird alsdann ſa— gen, die Regierung hat lieber die Statue ſeines Fürſten herunterreiſſen ſehen, als ernſthafte Maas⸗ regeln zu nehmen, ſich ihrer Schuldigkeit zu ent⸗— ledigen“)— Der geheime Ausſchuß teutſcher Männer in Düßeldorf(deſſen Glieder mir unbe— kannt ſind) antwortete am folgenden Tage mit großer Energie und Feſtigkeit auf dieſe Procla⸗ mation des Brigadechefs Miquelferiets und ande— rer franzöſiſchen Offiziers; ſie ſagten darin: daß es ihnen immer ſehr wehe thun würde, die Statue ihres Fürſten heruntergeriſſen, oder viel— leicht gar zertrümmert zu ſehen; nur der einzi— ge Gedanke könne ſie dabei beruhigen, daß ihre Fürſten, die ſie liebten, in ihren treuen Herzen das ſchönſte Denkmal hätten, ſelbſt dem feindſe⸗ ligſten Menſchenarm unzerſtörbar.“— Dieſe feſte Antwort und der allgemeine Unwille der Bürger zwangen den Commandanten von ſeinen Drohun— gen abzuſtehen, und General Hoche erließ aus ſeinem Hauptquartier zu Friedberg am 124. Mai (1797) ein Schreiben an die Regierung zu Düßel⸗ dorf, worin er ſeine ganze Mißbilligung über je— ) S. Hamb. Correſo. Nro. 79 vom 19, Mai 1797. 8———.— — 592— ne Proclamation des Miquelferiets zeigte, und be— fahl,„da die gedachte Proclamation von eben ſo unwiſſenden als grauſamen Vandalen aufgeſetzt zu ſeyn ſchiene, und der Inhalt der— ſelben ganz den Grund ſätzen der Mäßigung zuwi⸗ der ſey, wovon die Franzoſen bei allen Gelegen— heiten Beiſpiele geben müßten““ gedachte Offiziers nach der Strenge der Militairgeſetze zu beſtrafen, u. ſ. w.*)— Auf ſolche Weiſe hat ſich denn dieſe Statue zu Pferde glücklich durch alle Stür— mie der Zeit unverſehrt erhalten. Die Carlsſtadt iſt unter der Regierung des verſtorbenen Kurfürſten von der Pfalz Carl Theodor angelegt worden; ſie iſt gegen Süden mit der alten Stadt verbunden. Der Carlsplatz iſt ein ſehr ſchöner regelmäßiger Platz, den gut— gebaute Häuſer umgeben. Die Bevölkerung von Düßeldorf ſoll vor dem Kriege mit Inbegriff der Garniſon ohngefähr 18000 Menſchen betragen haben. Neuere An— gaben darüber fehlen mir. Indeſſen hat mir Düßeldorf für ſeine Große wirklich ſehr bevölkert geſchienen. „) S. Hamb. Correſp. Nr. 81.(1797). Das Schloß zu Düßeldorf, deſſen Mauern ſeit dem Bombardement nur noch ſtehen, ent— hielt ehemals die berühmte Gemäldeſammlunge, für welche ihr Stifter, der Kurfürſt Johann Wilhelm(1710) eine eigene Gallerie erbauen ließ. Dieſe koſtbare Sammlung, von welcher man mehrere raiſonnirende Verzeichniſſe hat, und von welcher noch zuletzt Forſter in ſeinen Anſichten eine kühne Schilderung entwarf, wurde vor der Aukunft der Franzoſen glücklich gerettet, und nach Glückſtadt in Sicherheit gebracht, wo ſie ſich bis nach dem Friedensſchluß befand. Jetzt iſt ſie wie⸗ der aufgeſtellt worden. In dem von dem kunſt⸗ liebenden Publikuim mit Beifall aufgenommenen niederrheiniſchen Taſchenbuche von Mohn(Düſf— ſelderf bei Schreiner) ſind die ſchönſten Gemälde dieſer Gallerie beſchrieben, und in Kupfer geſto⸗ chen. Dieſes 1 wird jährlich fortge— ſetzt, und kann als die Düßeldorfer Bildergalle⸗ 6 rie im Kleinen angeſehen werden. Unter die ſehenswürdigſten Dinge zu Düßel⸗ orf gehören jetzt die ſogenannten mech an o⸗ graphiſchen Gemälde der Herren Bö— ninger und Langer.(Dieſer iſt Director der hier ſonſt beſtandenen Zeichen, und Mahler-Aka— demie.) Sie haben von dieſen eine Fabrik errich— 58 tet. In dieſer Anſtalt werden von den ſchönſten Gemählden Abdrücke in Oel auf Leinwand oder Papier zu einem ſehr billigen Preiſe geliefert. Sie dienen beſonders zu Zimmerverzierungen. Hr— Langer, der bekanntlich einer der beſten teutſchen Maler iſt, macht die Originale, die denn in die— ſer Fabrik auf eine unbekannte und geheim ge⸗ haltene Art vervielfältigt werden. Hr. Böninger iſt mit ſeinen Tapetengemälden in Leipzig und Berlin geweſen, und ſie haben die Bewunderung aller Kenner erhalten. Ich ſahe hier einen Amor, Penelope, die Büſte ihres Gemahls anblickend, in bronzirter Manier, den Orpheus, die Büſten des Königs und der Königin von Preuſſen, Medail— lons ꝛc. Man kann bei Hrn. Böninger, der ein reicher Mann und der Compagnon von dem großen Handelshauſe Sigriſt und Böninger in Amſter— dam iſt, eigentlich aber in Duisburg(üetzt in Paris) wohnt, Beſtellungen zur Verzierung ei⸗ nes oder mehrerer Zimmer machen, wie man ver⸗ langt, daß ſie ſeyn ſollen. Dieſe geſchmackvollen und ſchönen Arbeiten verdienen die Unterſtützung aller reichen und wohlhabenden Leute um ſo mehr, da ſie Schönheit mit Dauerhaftigkeit vereinen. Die Preiſe ſind zwar allerdings hoch, aber die Kunſt wird hier nicht zu theuer bezahlt, und ein ——— ziemlich großer Saal kann für 8— 400 Rthlr. mit den ſchönſten Gemälden verziert werden. Herr Böninger hat die Unterſtützung und den Abſatz in Berlin und Leipzig nicht gefunden, wie er hoffte, wohl aber in Paris. Man hat ſich dort begnügt, dieſe Tapeten ſchön zu finden, ohne ſie zu kaufen. Man ſagte, daß er ſeine Anſtalt nach Paris verlegen würde; ob dies ge— gründet iſt, weiß ich nicht. Ich kenne keine kleine Stadt von dieſem Um⸗ fange, wo ein Fremder ſich ſo angenehm unter— halten könnte, als hier. Zwar hat ihr Wohl⸗ ſtand durch den Krieg unendlich viel verloren. Reiche und Arme haben 7 Jahre lang unaufhör⸗ lich Soldaten ernährt, und Contributionen und Requiſitionen in unglaublichen Summen bezahlt, und alles gelitten, was man im Kriege leiden kann; aber dies aͤlles hat die Jovialität der Ein— wohner, die Luſt an Tanz und Spiel und Sang nicht unterdrücken können. Sie ergreifen jede Gelegenheit, die ſich zur Freude findet, und ver— geſſen gern die Armuth, die einen großen Theil drückt, auf Spaziergängen, auf Luſtparthieen und in den Tanzſälen. Man ſieht hier immer eine große Anzahl ſchöner weiblicher Figuren, die man nach ihrer Kleidung und Haltung galliſchen Ur⸗ — r— ſprungs halten müßte, wenn nicht das Teutſche, welches ſie freilich nicht im beſſern Dialekt re— den, mich überzeugte, daß ſie meine Landsmän— ninnen wären. Die in den übrigen Städten des Bergiſchen wohnenden Frauenzimmer haben ſich dieſen Pli noch nicht ganz zu eigen machen kön— nen, weshalb auch eine gewiſſe Kälte zwiſchen beiden Parthieen bemerkbar iſt. Düßeldorf iſt ſeit dem Frieden durch einen blühenden Handel ſehr in Flor gekommen, der durch die Anweſenheit eines Hofes noch vermehrt wird.— Am 25. Febr. 1804 hielt der Herzog Wilhelm von Baiern ſeinen feierlichen Einzug in dieſe Stadt. Die hierher verlegte Reſidenz die— ſes Fürſten geſchah zufolge eines am§0. Nob. 1805 zwiſchen Sr. Durchl. dem Churfürſten von Pfalzbaiern und dem Herzog Wilhelm von Pfalz— baiern geſchloſſenen Hauptappanagialreceſſes. In dieſem Vertrage ſind die der Primogenitur(dem Churhauſe) vorbehaltenen Rechte vom à— 6 Pa⸗ ragraphen und die der Secundogenitur(dem Her⸗ zoge) überlaſſenen Rechte im Sten und öten Hö. genau auseinandergeſetzt. Die dem Churfürſten und jedem regierenden Erſtgebohrnen zuſtehenden Kechte ſind: die Leitung und Beſtim mung — der äuſſern Verhältniſſe, als Unterhand⸗ lungen über Krieg und Frieden, Bündniſſen, Gränzverträge, Alienations-Tauſch-Commerz— Zoll, und Wegtraktaten, Ertheilung des Indige— nats, das auf dem Lande haftende Condirecto— rium des Weſtphäliſchen Kreiſes, ſo wie die da— von herrührende Stimme auf Reichs, und Kreis— tagen, Reichsdeputationen. In der innern Ver— waltung des Landes verbleiben dem Churfürſten der Empfang der allgemeinen Landeshuldigung, das öffentliche Kirchengebet, die höchſte geſetzge— bende Gewalt, ꝛc. das Reformationsrecht in Kir— chenſachen, die Ernennung eines etwa künftig nothwendigen Biſchoffs und des Perſonals der Domkirche, die oberſte Aufſicht in allen Landes— Polizeiſachen, über Heerſtraßen und ſchiffbare Flüſſe, über Anordnung von Zöllen, Straßen und Poſten, die Aufſicht über Ausübung des Münz— regals, die Ertheilung von Titeln und Standes— erhöhungen, die Beſtellung und Leitung des ober—⸗ ſten Juſtitztribunals, das Begnadigungs- und Mil— derungsrecht, die Ausfertigung aller öffentlichen Akten, die im Namen des Landesherrn zu geſche— hen pflegen, die Landtagsberufung, doch mit ei—⸗ niger Concurrenz der nachgebohrnen Linie, das Ausſchreiben der bewilligten Steuern und die — 419083 ſämmtliche Militairgewalt ꝛc. Dagegen verbleibt der nachgebohrnen Linie alles nicht Ausgenomme— ne, nach dem Maaßſtab der Rechte, welche die Pfalzgräfliche Birkenfelder Linie in den Elſaßiſchen Herrſchaften ausübte: nämlich, die geſammte ho— he, mittlere und niedere Gerichtsbarkeit und de— ren Ausübung im eigenen Namen, mit Ausnah— me der Appellation, die Anſtellung des dazu nö— thigen Perſonals, die Ausübung der Polizein, Vergebung aller geiſtlichen Beneficien, Ausübung der geiſtl. Gerichtsbarkeit und ſonſtigen biſchöfli— chen Rechte über die Proteſtanten nach den beſte— henden Geſetzen und Verträgen, Erhebung aller Einkünfte bis zu der Summe von 225000 fl. worüber künftig eine Durchſchnittsrechnung von 6 Jahren die Grundlage machen ſoll, welche Summe, als jährliche Appanagial-Vermehrung für den Herzog und ſeine Linie feſtgeſetzt worden iſt, endlich alle Rechte des Lehenhofes, und das Recht für die Polizei- und andere Hoheitsrechte eine eigene herzogliche Regierung niederzu— ſetzen. Dieſen Beſtimmungen zufolge beſteht nun in Düſſeldorf zur Verwahrung der Oberhoheitsrechte des Churfürſten ein eigenes Collegium unter dem Namen eines Ch. Geheimenrathes; ferner ein Ch. Ober ApellationsGericht, bei— de unter dem Präſidium des Freiherrn von Hom⸗ peſch. Zur Ausübung der der Secundogenitur übertragenen Verwaltung des Landes iſt eine her— zogliche Regierung niedergeſetzt worden. Die Umgebungen von Düßeldorf waren vor dem Kriege ſehr ſchön und beſonders war der ſogenannte Hofgarten, deſſen ſchöne angenehm Anlagen von dem damaligen Statchalter, Gra— fen von Goldſtein, herrühren. Aber dieſer Ort wurde während des letzten Krieges, beſonders an der Stadtſeite beim Ratinger Thor und nach dem Flinger Thor zu, verheert und verwüſtet, um die Befeſtigungen der Stadt zu erweitern. Unter an— dern wurde ein ſchönes Haus niedergeriſſen, wel⸗ ches dem Publikum zum Verſammlungsort diente. Indeſſen iſt vieles ſeit dem Frieden wiederherge⸗ ſtellt worden. Der noch exiſtirende Theil des Hofgartens mit ſeinen ſchattigten Alleen iſt noch immer ſehr artig, und dient dem Düßeldorfer Publikum bei ſchönem Wetter zum Verſammlungsort. Man ſieht hier an Sonntagen im Sommer eine große Menge Menſchen, und beſonders die ſchöne Welt — 600— in ihrem ganzen Glanze. Am Ende der Alleen ſteht ein Jagdhaus oder kleines Schloße, daß ſehr viel gelitten hat, weil, wie man mir ſagte, ein franzöſiſches Lazareth darin befindlich war.— Zur Rechten an der Chauſſee liegen einige wohl— eingerichtete Wirthshäuſer mit Tanzſälen, in wel— chen es niemals an Geſellſchaft mangelt. Die hieſige Kirchweih oder Kirmes, welche im Julius gehalten wird, iſt weit und breit berühmt, und mehrere Tage lang kommt dabei das hieſige lu— ſtige Publikum vor lauter Freude kaum zu ſich ſelbſt. Zur Linken bon dem Jagdoͤhauſe führt der Weg nach Pempelfort, und von'da zu dem eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Ci— ſterzienſer-Kloſter von der ſtrengen Regel de ha Trappe, das man auch das Speckermön— cherkloſter im Düßelthale nennt. Die hieſi— gen Mönche beſchäftigen ſich zum Theil mit der Verfertigung einer Art Schnupftabacksdoſen, die in der hieſigen Gegend ſehr beliebt und wirklich fleißig gearbeitet ſind. Beſonders gut gelingt ihnen die auf dem Deckel von Silber eingelegte Namens-Chiffre, die man nach Belieben beſtellen kann. Zwei Stunden von Düßeldorf liegt Crom— — 601— ford mit den ſehenswerthen Fabrikanlagen des Herrn Brögelmann. Es giebt in Düßeldorf einige Buchhandlun— gen und Gelehrte, die in den neuern Zeiten den Vorwurf von dieſer Gegend abgewälzt haben, als wenn in dieſem Lande die Literatur kein Ge— deihen fände. Die Dänzerſche Buchhand— lung und die Schreinerſche haben unter an— dern ſeit einigen Jahren jede einen Allmanach ge— liefert, die zu den beſten gebhören, die wir in Teutſchland beſitzen. Ich habe ſchon oben Mohns niederrheiniſchen Allmanach erwähnt, der bei Schreiner erſcheint; bei Dänzer iſt das Bergi— ſche Taſchenbuch verlegt, von Hrn. Aſcheen— berg, Prediger zu Cronenberg bei Elberfeld, herausgegeben, worin unter andern intereſſanten Aufſätzen und Gedichten vom Herausgeber ſelbſt, beſonders die Dayſtellung der Geſchichte und Sta— tiſtik des Bergiſchen Landes den Freunden dieſer Wiſſenſchaften ein angenehmes Geſchenk war.— Die Perollaſche Buchhandlung hält ein Sor— timent von franzöſiſchen Werken und eine Leſebi— bliothek. Daß die Kunſt hier einen ihrer ſchönſten Tempel hat, habe ich ſchon angeführt. Ich glau— be aber, daß die hier etablirte Zeichen- und 79 ‚ 4 — 602— Maler-Akademie unter dem Profeſſor Langer ſelbſt Einfluß auf die ſchönern Formen hatte, die man hier in allem antrift. Weit übler ſieht es mit der wiſſenſchaftlichen Bildung aus. Die Schu⸗ len ſind ſehr ſchlecht beſtellt, und beſonders man— gelhaft iſt der Unterricht in der teutſchen Spra— che, oder er exiſtirt vielmehr gar nicht. Unter den Gaſthöfen in Düßeldorf kann ich den goldenen Anker bei Clemens als ei— nen der beſten nennen. Er hat eine gute Lage am Schloſſe, nahe am Markte. uUum mit dem Perſonale der öffentlichen Be— amten in Düßeldorf und in dem Herzogthum Berg überhaupt, ſo wie mit den Landes-Collegien, öf⸗ fentlichen Anſtalten u. ſ. w. bekannt zu werden, dient das Düßeldorfer Addreßbuch von Herrn Lenzen. Das Herzogthum Berg?) gehört wegen der Betriebſamkeit ſeiner Einwohner zu den wohlha— bendſten und von einem Reiſenden beſuchenswer— theſten Ländern in Deutſchland. Bei einem im — ͤͤ—ĩ̃— ) Es enthält veinahe 54 Quadratmeilen, und 266,04 Menſchen. Hr. Wiebekings Karte in 4 großen Blättern in die beſte von dieſem Lande⸗ — — 605— Ganzen kalten und unergiebigen Boden, beſon— ders in den höhern Gegenden, wußten ſich die Einwohner Erwerbsquellen zu öffnen, die einen ſeltenen Wohlſtand unter ihnen erzeugen. Sine Reiſe durch dies Land, nach Elberfeld(6 Stun— den) und durch das Wupperthal nach Schwelm (5 Stunden) gehört zu den angenehmſten, die man machen kann. Von Düßeldorf führt eine Chauſſee dahin, die aber zum größten Theil ſehr ſchlecht unterhalten iſt. Man kömmt durch Medtmann, an der Düßel, ein kleines Städtchen voller Tuchmanu⸗ fakturen. Bei dieſem Orte liegt die Neanders Höhle, eine prächtige kühngewölbte Höhle in ei— nem Felſenthale. Den erſten Namen hat ſie vom verſtorbenen Rector Neander zu Düßeldorf, der hernach Prediger zu Bremen war. Er hat in die— ſer Höhle mehrere ſeiner geiſtlichen Lieder ge— dichtet“). Der Singang zu Elberfeld war ſonſt in ho— hem Grade beſchwerlich und ſelbſt gefährlich. Man mußte durch eine kleine Gaſſe und durch eine Art von Sumpf fahren, welchen das Austreten der Wupper und ein durch Elberfeld fließender Bach ) S. Bergiſches Taſchenbuch für 1800. S. 106. REP bildeten. Schon längſt hatte man einen dieſes ſchönen Ortes würdigern Eingang gewünſcht, den ein Garten verhinderte, welcher gerade da lag, wo man ihn anlegen konnte. Der Eigenthümer wollte ihn nicht weggeben, und gewaltſam konnte man das Eigenthumsrecht nicht kränken. Der franz. General Ney, dem die beſchwerliche Ein— fahrt eben ſo wenig gefiel, als andern Leuten, wußte baid Rath. Er ließ ein Bataillon Sap— peurs einrücken, die in einem Nachmittage ohne weitere Rückſicht auf die Zuſtimmung des Beſiz— zers die Mauern niederriſſen, und die Straße öffneten. Er hat es der Stadt überlaſſen, den Eigenthümer zu entſchädigen, und ſo erhielt El— berfeld eine bequeme Einfahrt. Elberfeld liegt in einem ſchönen Thale auf beiden Ufern der Wupper, die durch eine hölzerne Brücke in der Stadt mit einander ver⸗ bunden ſind. Dieſer jetzt ſo reiche Manufaktur—⸗ ort, das teutſche Mancheſter im Kleinen, war vor zwei Jahrhunderten noch ſo unbedeutend, daß man nur etwa 800 Einwohner darin zähl— te. Jetzt ſind deren über 18000 zur Stadt ein— gepfarrt, die übrigens weder Thürme noch Tho⸗ re hat, und ſehr unregelmäßig gebaut iſt, wenn es gleich hier ſehr ſchöne Gebäude giebt. Die —— — 605— Waaren, welche hier verfertigt werden, gehören faſt alle zum erſten Bedürfniß, und beſtehen in baumwollenen und ſeidenen Zeugen, Vis dern u⸗ ſ. w. Man begreift kaum, wie es möglich iſt, daß man mehrere Fabrikate ſo unglaublich wohl— feil liefern, und doch noch dabei gewinnen kann, wie doch der Wohlſtand der Fabrikanten beweiſt. So wird z. B. das leinene Band, das die Frauen— zimmer zu Schürzen u. dgl. brauchen, hier in un⸗ ermeßlicher Quantität verfertigt. Im Ganzen ko⸗ ſten hier an Ort und Stelle 10 Ellen nicht mehr als etwa 2 kr. oder 6 Pfennig. Die hieſigen Kaufleute und Fabrikanten ſo wie die zu Sohlingen, Remſcheid ꝛc. gehören mit zu den thätigſten und ſpeculatibeſten in der Welt. In allen Weltgegenden wußten ſie ſich Wege zu eröffnen, um ihren Fabrikaten Abſatz zu verſchaffen. Ihre Reiſen erſtrecken ſich über ganz Europa, und auch in entferntere Weltgegenden. So kannte ich ein Handelshaus in Remſcheid, das ein Schiff mit ſeinen Eiſenwaaren beladen, von Hamburg nach St. Thomas in Weſtindien ſchickte, wohin der Sohn vom Hauſe mitgieng. Reiſen nach Spanien, Italien, Frankreich und England waren vor dem Kriege ſehr häufig. Aber durch jenen hat der Abſatz der Waaren eine große — 606— Stockung gelitten, beſonders durch die geſtörte Schifffahrt Hollauds, aus welchem die hieſigen Fabrikarleiten in entfernte Länder geführt wur— den. Auch der Abſatz nach Frankreich iſt be— trächtlich vermindert worden; indeſſen haben die hieſigen Kaufleute von der franzöſiſchen Regierung die Erlaubnis erhalten, zufolge welcher die Fa— brikate des Bergiſchen Landes, wenn ſie mit ei⸗ nem ſogenannten Certiſicat d'origine ver ſehen ſind, gegen eine Abgabe von 20 Proc. in Frank— reich eingeführt werden dürfen. Aus Elberfeld gelangt man über eine zweite Brücke über die Wupper nach Barmen; ſo nennt man das wahrhaft reizende und prächtige Thal, welches die Wupper durchſtrömt. Hier machte der Fluß die preußiſche Demarkationslinie. Am linken Ufer ſtand eine preußiſche und auf dem rechten eine franzöſiſche Schildwache. Indeſſen wurde dieſe Linie, aller Proteſtationen des preuß. Militairs ungeachtet, bei dem Rückzuge der kai⸗ ſerlichen Truppen nach dem Rheinübergange der Franzoſen am 6. Sept. 1795 von erſtern keines⸗ weges reſpektirt. Die kaiſerl. Armee ſetzte ihren Rückzug durch das Wupperthal nach Schwelin und Hagen ohne Hinderniß fort. Wenn gleich die Unterhaltung der preußiſchen Truppen, die in⸗ E....— — 607— deß in geringer Anzahl hier ſtanden, den Ein— wohnern dieſer Gegend etwas koſtete„ſo iſt doch dies keinesweges mit den ungeheuren Summen zu vergleichen, welche der nicht in die Demarka— tionslinie eingeſchloſſene Theil des Bergiſchen Lan— des hat bezahlen müſſen. Indeſſen hat nach dem Frieden jener einen Theil der Koſten des Krieges mit tragen helfen. Barmen beſteht aus vier Orten: Gemar— ke, Wupperfeld, Rittershauſen und Hekinghauſen, die ſich in dieſem Wupper⸗ thale aneinander reihen, und gleichſam eine neu— erbaute ſchöne Stadt bilden, welche 9000 Ein— wohner enthält. Bei weitem der an ſehnlichſte dieſer Orte iſt Gemarke„ein Sitz des Fleißes und des höchſten Wohlſtandes. Die wohlgebau⸗ ten Häuſer zeugen von demſelben; manche derſel— ben gleichen Palläſten. Hinter dieſen liegen die ſchönen Wieſen am Fluſſe, welche zu Garnblei⸗ chen beſtimmt ſind. Der grüne Raſen iſt ſtun⸗ denlang mit weißem feinem Garn bedeckt, und mit kleinen Waſſergräben durchſchnitten, an denen ei— ne Menge Bleicher und Bleicherinnen beſtändig beſchäftigt ſind, Waſſer mit großen Schaufeln auf das Garn zu ſprengen, und es umzuwenden. Hier und da ſind große Räder, die durch einen — 608— einfachen Mechanismus in Rinnen Waſſer auf die entferntern Bleichen treiben.— In den Neben— gebäuden der W Wohnhäuſer ſind die Fabriken und Manufakturen. Man hat mit Glück mehrere engli⸗— ſche Spinnmaſchinen u. ſ. w. eingeführt. Gemarke wetteifert mit Elberfeld in Handlung und Reich— thum, und übertrifft es vielleicht noch in man— chen Anlagen.— Denſelben Wohlſtand nur von andern Erwerbszweigen herkommend, findet man zu Solingen und Remſcheid, wo die berühmten Eiſenwaaren gemacht werden. In Sitten und Gebräuchen der Einwohner bemerkt man eine auffallende Aehnlichkeit mit de⸗ nen der Holländer, mit welchen aber auch durch die Handlung faſt alle hieſige Häuſer in Verbin— dung ſtehen. Beſonders findet man dieſe Ueber⸗ einſtimmung in dem hohen Grade von Reinlich⸗ keit, der hier überall herrſcht. Man wird dieſe in Teutſchland vermuthlich nirgends ſo ſehen, als hier, und zuweilen übertreibt man ſie wirklich. Ich habe Leute hier gekannt, die ihre unbe⸗ wohnten Zimmer dennoch wöchentlich zweimal waſchen ließen. Die hieſige Landesſprache iſt eine Art von Plartteutſch, das aber von dem in dem eigentlichen Weſtphalen Geſprochenen noch verſchie— den iſt. Leute von Erziehung reden dabei noch eeee — E — 45— alle die Hochkkehkſche Sprache. Uebrigens unter⸗ ſcheiden ſich die geſigen Einwohner merklich i Denkart, Ton und Lebensweiſe von denen Düßeldorf, zwiſchen denen auch eine Art von Kälte zu herrſchen Waie⸗ die man bald bemerkt. Eine Urſache mag darin wohl mit in der Reli⸗ gion liegen. In Düßeldorf ſind die meiſten Ein⸗ wohner und die Regierung katholiſch, und hier Proteſtanten; jene haben die Regierung und die— ſe das Geld. Der proteſtantiſche Theil der Ein— wohner dieſes Landes iſt überhaupt bei weitem der fleißigere und induſtribſere. Bei Beſetzung aller Stellen werden die Catholiken borgezogen. Es wird kein Nachtwächter gemacht, er muß ka— tholiſch ſeyn. Die Erziehung, die bisher in dieſen Gegen⸗ den ſehr vernachläßigt war, wird jetzt verbeſſert. Die reichen Einwohner ſchicken ihre Kinder, be— ſonders auch die Töchter„in auswärtige Pen— ſionsanſtalten. Unter den jungen Perſonen männ— lichen Geſchlechts in Elberfeld und Barmen, be— merkt man jetzt Zunahme an Bildung und Kennt— niſſen; man hat Geſchmack an Lectüre gewonnen, un d eine ſeit einigen Jahren hier etablirte Buch⸗ handlung, das Comtoir für Literatur, hat viel dazu beigetragen„Aufklärung und Lite⸗ 39 610 D ratur zu verbreiten. Das Alter hängt noch ſehr an ehemaligen Meinungen, Formen und Begrif⸗ fen. Die Erlaubniß, Schauſpiele hier halten zu dürfen, iſt von demſelben noch immer mit Er⸗ folg beſtritten worden. Einige Geiſtliche haben ſogar dagegen gepredigt, als ſich einſt eine Schau— ſpielergeſellſchaft in Barmen anſiedelte. Zur Unterhaltung für Fremde in Elberfeld können noch die geſchloſſenen Geſellſchaften oder Clubbs dienen, in welche es leicht iſt, durch ein Mitglied eingeführt zu werden. Sie heißen(nicht etwa des Ranges ihrer Mitglieder wegen, ſon— dern nach der Zeit ihrer Entſtehung) die er ſt e, zweite und dritte Geſellſchaft. Die zweite, welche ich beſucht habe, hat ein ſehr ſchönes Lo— kal in einem eigends dazu erbauten neuen Hauſe. Wenn man den letzten Ort im Wuppertha— le, Hekinghauſen, paſſirt hat, ſo erhebt ſich die Straße, und man gelangt auf eine Höhe, von welcher man noch einmal auf die reizende Gegend und das Thal zurück blicken muß, das man ver— ließ. Man überſchaut es hier faſt ganz, und ſieht wie der kleine, Reichthum bringende, Fluß durch die ſchönen Wieſen hindurchrauſcht, die ein lebhafteres Grün haben, weil ſie immer feucht er— halten werden, und wie ſich an ſeinen Ufern — 611— prächtige Wohnungen und Anlagen da erheben, wo vor hundert Jahren nur ein paar kleine Hö— fe ſtanden. Schwelm, 3 Stunden von Elberfeld, eine preußiſche Stadt und Poſtſtation, iſt bei ihrem kleinen Umfange doch ſehr nahrhaft und volkreich. Hier wohnt der als Schriftſteller bekannte Pre— diger Müller, Mitglied der königl. Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin. Kürzlich hat er horizontale Sonnenuhren erfunden, welche nebſt ſeinen vor zehn Jahren herausgegebenen Tafeln der Sonnenhöhen zur bequemen Erforſchung der wahren Zeit und zur richtigen Stellung der Thurm: Haus⸗ und Taſchenuhren dienen. Eine ſolche Horizontaluhr iſt 16 Quadratzoll groß, und mit einer deutlichen Gebrauchsanleitung verſehen. Das Exemplar koſtet 1 Rthlr. preuß. Das neue weſtphäliſche Magazin enthält mehrere Aufſätze von dieſem Gelehrten. Wenn Hr. Müller als Gelehrter ſchätzbar iſt, ſo iſt er es nicht minder wegen ſeiner ächten Humanität, die ihm die Ach⸗ tung und Zuneigung aller derer bewirkt, die ihn kennen lernten. Eine Viertelſtunde von hier iſt der Schwel⸗ 2 mer Geſundbrunnen, an welchen man Sonntags im Sommer große Geſellſchaft aus der benach— 6142— barten Gegend antrift. Die Gebäude ſind ſehr ſchön, und die Danzſäle ſehr geräumig, aber die Bewirthung fand ich nicht ſo, wie ſie ſeyn ſoll— te, und die Bäder ſollen nicht die gehörige Rein— lichkeit haben. Ich hörte dieſelben Klagen von mehrern Perſonen äußern„ die ſich ihrer bedient haben. Hr. Dr. Caſtringius hat eine Abhand— lung über dieſes Waſſer geſchrieben, das unter die eiſenhaltigen gehört. —— Ich ſcheide nun von dem Rhein, deſſen ein⸗ förmigere Ufer der Fahrt auf demſelben keine Annehmlichkeit mehr geben. In dem zweiten Bande geleite ich meine Leſer durch das romanti— ſche Land am Rhein und durch die Bäder von Wisbaden, Schlangenbad, Schwalbach, Ems, Achen und Spa. Bis dahin ſage ich ihnen ein Lebewohl! Naſch ſꝛchrrift., In dem kurzen Zeitraum, der zwiſchen dem Anfang des neuen Abdrucks dieſes Werkes und deſſen Vollendung verfloß, hat ſich die Scene auf dem Boden Deutſchlands, der kaum den Frieden erhalten hatte, abermals geändert. Ein neuer — 615— Krieg iſt ausgebrochen, der dem aufblühenden Flor der kaum beruhigten Länder neue Zerſtö⸗ rung droht. Die erſte Folge ſeines Ausbruchs war die Wiederbefeſtigung von Caſtel, Mainz gegenüber, deren Schleifung Seite 35 angeführt wurde. + 2 — Q 2 2 8 3 — 2 S* 2 — ARnzei gee. Den Freunden und Bewohnern der paradieſi— ſchen Gegenden des Rheinſtroms, und allen de— nen die als Reiſende die hohen und reitzenden Ein— drücke genoſſen haben, welche die von allen Sei— ten dem entzückten Auge ſich darbietende Na—⸗ turſchönheiten gewähren, empfehle ich die vor— treflichen, nach der Natur von Schütz aufge— nommenen Nachbildungen, welche hier unter dem Titel: Anſichten des Rheins in drei Heften bei Friedr. Wilmans erſchienen und bei mir und in allen Buchhandlungen Deutſchlands zu ha— ben ſind. Das erſte Heft enthält, 1) die Anſicht von Mainz. 2) Des Schloſſes zu Biberich. 5) Von Elfeld und Erbach. 4) Von Winkel und Johan— nisberg.„5) Von Rüdesheim. 6) Der Ruine bei Rüdesheim von der Waſſerſeite. 7) Von Bin— gen. 8) Vom Mäüſethurm bei Bingen. 9) Von Asmannshauſen nebſt den Schlöſſern Bauzberg und Falkenburg 10) Der Stadt Bacharach. 12) Der Pfalz und Caub— Das zweite Heft enthält:„2) Den Salmen— oder Fiſchfang am Lurley Felſett 15) Anſicht von St. Goar und der Feſtung Rheinfels vor dem Krie— ge. 14) Der Feſtung Rheinfels nach der Zerſtö— rung 15) Von Welmich. 26) Von Bornhofen. 27) Von Boppart. 18) Von Braubach 19) Von Coblenz und der Feſtung Ehrenbreitſtein vor der Zerſtörung. 20) Von Coblenz und der Feſtung Ehrenbreitſtein nach der Zerſtörung. 22) Von En⸗ gers. 22) Von der Stadr Neuwied. Das dritte Heft enthält!: 25) Anſicht von An⸗ dernach. 24) Von Hammerſtein. 25) Von Hon⸗ ningen. 26) Von Linz. 27) Von Unckel 28) Die Bergkette der ſogenannten ſieben Berge von der Löwenburg bis Drachenfels. 29) Von Nonnen— werth. 50) Von Bonn. 51) Von Colln und Deutz. 32) Von Düſſeldorf. Alle drei Hefte auf geglätteten Velinpapier mit dem deurtſchen oder franzöſiſchen Tex⸗ te koſten 40 fl. 50 kr. oder 22 Rthlr. 12 gr. Dieſelben auf Schreibpap. 35 fl. o. 18 Rthlr. Die Kupfern allein auf größeres Papier abge— druckt, die unter Glas und Rahmen die ge— ſchmackvollſte Zimmerverziehrung abgeben kön— nen. 27 fl. oder 156 Rhlr. Friedrich Eßlinger. HhuIi, I,, U ö l 4 2 25 DPPDDPDPE e,⁰ 7— 7 . 22 e, ebe lu, 7νιr,„ 7 7.7//6,ν,, /. 7777-, ., 7 0 72 Fi 2 20Oο 17 N ........ f e⸗ CO.Ol —8—. 2 2.——.— 76CV—. 3 — —— — 8 — 83 227332 f(9058f 9 ¹ N Be