N 9 Rddilrh. a86 One nse?l MQainab Ddie Insel Mainau und der Vadiſche Lodensee. 7 1 6 R 8 M Beruck UIe II; Gehietathel Im Allerhöchſten Auftrage 8 Künig ch U Huheit Regenten Friedrich von Paden bearbeitet von Tucian Reich. Mit zehn Ansichten; uf Stein gezeichnet von J. N. Beinemann Carlsruhe. Perlag der Chr. Fr. Müller achen Bofhuchhandlung 1856. Uorwort. vorligende Arbeit, eine geſchichtliche und landſchaftliche Schilderung der Inſel Mainau und der übrigen badiſchen Bodenſeegeſtade, mit bildlichen Darſtellungen, verdankt ihr Entſtehen einem allerhöchſten huldvollen Auftrage Seiner Königlichen Hoheit, des durchlauchtigſten Prinzen und Regenten Friderich von Vaden. Durch fürſtliche Munificenz mit den nöthigen Mitteln ausgerüſtet, beſuchte der Verfaſſer in den Monaten April und Mai vorigen Jahres die Mainau und die geſammte vaterländiſche See uferſtrecke. Dieſem Ausfluge folgte ein zweiter zur ſchönen Herbſtzeit, vorzüglich nach der Mainau, welches liebliche Eiland durch ſeinen allerhöchſten durchlauchtigſten Beſitzer im Laufe des verfloſſe nen Sommers verſchiedene neue Einrichtungen und Verſchönerungen erhalten hatte PVohß iuoν N Ronu Unsd uKIHon Nebſt einer geſchichtlichen und landſchaftlichen Darſtellung ſchien es zur Vervollſtändigung des Bildes wünſchenswerth, der Sage und Ue lieferung, den Sitten u ucher Volksleben eine Stelle einzuräun Während d Stoff hierzu unmittelbar an Ort und St ſammelt werden mußte, erhielt ich durch gütig Vermittelung des Herrn Geheimen Sekretärs Kreidel, mit welchem in Bezug auf Herſtellu des Ganzen überhaupt ein mündlicher und ſchrift licher Verkehr ſtattfand, das erforderliche hiſtoriſche Material über die ehemalige Deutſchordens-Com mende Mainau aus dem großherzoglichen Gene Landesarchiv in Karlsruhe. Herr Archivrath Dr. Bader hatte die Güte, Auszüge und Zuſammer ſtellungen aus den betreffenden Akten zu machen und mir an die Hand zu geben. Ich fühle mich daher verpflichtet, für dieſe Förderung öffentlich D meinen Dank auszuſprechen, um ſo mehr, als auch bei den übrigen Theilen des Textes der freund VII ſchaftliche Rath und Beiſtand dieſes gründlichen Kenners vaterländiſcher Geſchichte mir weſentlich zu Statten kam. ellung des politiſchen und ſitten geſchichtlichen Theils der Stadt Konſtanz ſch handſchriftlichen Sammlungen und Aufzeichnungen von Schultheiß, Braunegger und Nikolaus Hug. Auszüge aus dieſen Schriften verdanke ich der Gefälligkeit des Herrn praktiſchen Arztes Mar— mor in Konſtanz, aus deſſen Feder wohl nächſtens eine ausführliche Geſchichte dieſer Stadt an's Licht treten wird. Nicht minder freundliches Entgegen kommen fand ich an den meiſten übrigen, zu gleichen Zwecken beſuchten Orten, wofür ich manchem ehren werthen Bewohner der Seegegend zu Danke ver pflichtet bin. Von den gezeichneten Darſtellun gen glaube ich ſagen zu dürfen, daß ſie durch ihre glückliche lithographiſche Behandlung eine ſchätzens werthe Beigabe des Werkes bilden. Das Urtheil über das Ganze einer wohlwol lenden Beurtheilung anheimſtellend, wünſche ich zu nächſt, mit dem Gegebenen einen Theil des allerhöchſten Beifalls meines huldreichſten gnädigſten Mäcens des erhabenen Beſchützers aller Beſtrebungen in Kunſt und Wiſſenſchaft, zu erringen. Gel mir ſolches, ſo wird dieſe Arbeit ſicherlich ihren weiteren Zweck erreichen, dem Einheimiſchen das Eigene, Gute und Erhaltungswerthe auf vat diſchem Boden unter paſſendem Rahmen und Ge ſichtspunkte vorzuführen, dem fremden Touriſ ber bei einem Beſuche der ſchönen, neueſter Zei höherer Bedeutung gelangten Inſel Mainau der übrigen Seegeſtade, ein unterhaltender willfähriger Begleiter zu ſeyn. Raſtatt, zu Oſtern 1856 Der Verfaſſer. Inhaltsverzeichniß. Ueberſicht Mainau. Mit zwei Anſichten Konſtanz. Mit einer Anſicht Mersburg. Mit einer Anſicht Kirchberg und Hagnau. Mit einer Anſicht von Kirchberg. Salem und Ueberlingen. Mit einem Bilde von Ueberlingen Goldbach, Sipplingen und Ludwigshafen. Mit einer Anſicht rr,,,, Bodman und CLüzelſtetten. Mit einer Anſicht von Frauenberg Wollmatingen und Reichenau. Mit einer Anſicht von Reichenau Radolfszell, die Höre, Stein. Mit einer Anſicht von Radolfszell Aeberſicht. Der Bodenſee, welcher, ſechs und zwanzig Meilen im Umfang, wie eine große Marke zwiſchen fünf Ländern germaniſcher Zunge ruht, hat in ſeiner größten Ausdehnung von Bregenz bis zur Mündung der Stockach eine Länge von ſechszehn Stunden, während ſeine größte Breite, von Rorſchach bis Friderichshafen(von Süd nach Nord) fünf Stunden beträgt. Er ligt zwiſchen 26“42 42“ und 470 24 56“ Länge, und zwiſchen 47“ 28“32“ und 47“ 48“ 45“ Breite, in einer Höhe von dreizehnhundert und vier und dreißig badiſchen Fuß über der Meeresfläche. Sein Flächeninhalt beläuft ſich auf neun eine halbe Quadratmeilen. Bei den Römern heißt er Brigantiniſcher See, von der rhätiſchen Stadt Brigantia; welche celtiſche Namen mit denen der Schwarzwälder Bäche Brig und Breg Ver— wandtſchaft haben. Erſt ſpäter, im neunten Jahrhundert, taucht ſein jetziger Name Bodenſee, lacus podamicus, in Urkunden auf.— Dies beweist aber noch nicht, daß 1 dieſer Name wirklich der jüngere ſeiz vielmehr dürfen wir, der Anſicht G. Schwab's folgend, annehmen, die Bucht um Bregenz, noch heute der Bregenzerſee, habe zu Römer zeiten Brigantiniſcherſee geheißen, während die untern Ge Be Be wäſſer bereits den Namen Bodenſee getragen; welche nennung, etwas Allgemeines bedeutend, ſpäter die herr ſchende werden mußte. Boden, altdeutſch Bodem, Bo dam, heißt nämlich Vertiefung. Je nach ihrer Lage tragen wiederum die verſchiedenen Theile des See's andere Namen: der Ober- und Unter See, jener oberhalb Konſtanz, dieſer von da abwärts bis Zell, nach dieſer Stadt auch Zellerſee genannt, beide verbunden durch das grüne Band des durchſtrömenden Rheins; die langgeſtreckte Bucht ſodann vom Horn bei Dingelsdorf bis Bodman heißt der Ueberlin gerſee, auch der Bodmerſee. Die Tiefe des Bodenſee's wurde früher in über triebenen Maaßen angegeben. Der Oberſee, elf Stunden in der Länge(von Konſtanz bis Lindau) ſoll, wie Schiffs leute behaupten, zwiſchen Lindau und B regenz 2208 Fuß tief ſeyn, alſo 900 Fuß tiefer als der Grund der Oſtſee. Wenn dies unglaublich erſcheint, ſo iſt doch gewiß, daß, könnte der See ausgetrocknet werden, ſein Becken das tiefſte Thal aller angränzenden Gauen bilden würde.— Neuere Meſſungen haben folgendes ergeben. Die größte Tiefe zwiſchen Friderichshafen und Arbon beträgt 1 964 Fuß; zwiſchen Langenargen und Rorſchach, wo der See eine Breite von 3¾ Stunden hat, 693 würtem bergiſche Fuß; die Tiefe zwiſchen Friderichshafen und Rorſchach, wo der See 5½ in die Breite mißt, beträgt 489 würtembergiſche Fuß; mithin iſt der See hier tiefer als der Grund von manchem Meere, und tiefer als der tiefſte Punkt des Königreichs Würtemberg.— Nach den Karten des badiſchen militäriſchen topographiſchen Büreau's hat der See, innerhalb der badiſchen Grenzen, zwiſchen Hagnau und Landſchlacht, eine Tiefe von 730 badiſchen Fuß,— zwiſchen dem Eichhorn(unweit Konſtanz) und Münſterlingen 150,— zwiſchen der Inſel Mainau und dem Ufer in der Richtung nach Daiſendorf 570 badiſche Fuß. Weiter hin gegen Ueberlingen und Bodman hat das Gewäſſer ähnliche Abgründe, während die Tiefe des Unterſee's im Durchſchnitt viel geringer iſt. Zwiſchen der Inſel Reichenau und Allens bach mißt die größte Tiefe 80 badiſche Fuß,— zwiſchen der Höri und der Mettnau(bei Radolfszell) 105— und zwiſchen Berlingen und Horn 148 badiſche Fuß. Sonſt finden wir faſt überall im Unterſee mit 60 Fuß Grund. In dieſen Tiefen-Verhältniſſen ligt ohne Zweifel die Urſache, warum der Ober- und Ueberlingerſee ſo ſelten, der Unterſee hingegen beinahe jedes Jahr zugefriert. Das Eis bildet ſich bekanntlich von unten herauf; eine tiefe Waſſermaſſe erkältet aber ſchwerer und es braucht 1* eine außerordentliche Temperatur, bis in ihr das Grund eis geht. Das Waſſer des Bodenſee's iſt grünlich, klar; es ſteigt im F rühling während der Schneeſchmelze in den Alpen oft bis auf 10 bis 12 Fuß über den gewöhnlichen Waſſerſtand. Nebſt dem Rhein hat das große Baſſin noch dreizehn Zuflüſſe durch kleinere Bäch e, nämlich die Dornbirner Aach, die Bregenzer Aach, die die Goldach, die Steinach, alle von Südoſt komme ndʒz vom Norden die Laiba ch, die Argen, die Schuſſen, die Urnauer- und Seefelder Aach; die Stockach und der Goldbach ergießen ſich in den Ueberlin ger bei Zell ſtrömt in den Unter-See. 8 2 „die Aack Selten erſcheint der ganze See in blanker fläche; faſt immer zeigen ſich farl Spiegel rbige Streifen, wie von leichten“ uuftz ugen oder innerer Strömu ing. Eine auffallende Erſcheinung ſind auch die regelmäßigen Winde na mentlich auf dem Oberſee; an heitern Sommertagen zieht gewöhnlich Vormittags in leichter Oſt, der gegen zehn Uhr in Nord oder Weſt umſchle igt, bis gegen Abend wiederum Oſtwind ſich einſtellt. Der gefährlichſte Wind auf dem See iſt die„Föh R⁴9 *)„Föhne winde den W wind⸗ 1 9 heißt der Schiffer den Südn ind Weſter Veſtwind,„Oſterluft« den Oſt⸗, und„Ort ord kordwind. ihr Kommen verkündet ein röthlicher Schein an den Alpen; auch kann der Nordweſt- oft der Oſtwind ſehr gefahr bringend ſeyn. Ein ſonderbares PShänomen, was man beobachtet haben will, iſt das plötzliche Aufſteigen des Waſſers gegen das Ufer ohne Vergrößerung der Waſſermaſſe 0 5 U 77 und de 2 s eben ſo ſchnelle Sinken ohne Sturm oder ſonſtige äußerliche Urſache; auf dem Bodenſee heißt dieſe Erſcheinung „Ruhß“ auf dem Genferſee, wo ſie auch vorkommen ſoll, Seiches Das ſog. Blühen des See's(an einzelnen Stellen) ſoll vom Blühtenſtaube nahe ſtehender Bäume und Wälder herrühren. Der Ueberlingerſee z. B. erſcheint oft weithin gelblich gefärbt. Das ganze See-Becken mit den Alpen und den nächſter ſchwäbiſchen Gebirgen iſt, wie die Geognoſten verſichern, das Ergebniß einer der ſpäteſten Kataſtrophen jener Zeit, in welcher die elementariſchen Großmächte in übergewaltigem Ringen das telluriſche Gleichgewicht herzuſtellen bemüht waren Im Verlaufe dieſes Kampfes ſcheinen ungeheuere Alpen trümmer, zermalmt und von der Fluth zu Thal geſchwemmt, ſich über die genannte Gegend ausgebreitet zu haben. Wir finden deßhalb unter der oberſten Dammerde überall Roll ſteine(Kies), dann Nagelflue und nach dieſer Sand, der an manchen Orten, wie bei Mersburg, Ueberlingen ꝛc. in haubaren Sandſtein übergeht, zuweilen auch mit Gold ſand untermengt iſt. Das Ganze ruht zuletzt auf einem 6 mächtigen Lager von Thon, der an vielen Stellen unmittel bar den Grund des See's bildet. Inbegriffen in dieſe Formation zeigt ſich auch das Hegau, mit Ausnahme ſeiner hohen Bergkegel, die, ein Werk Meiſter Vulkans, erſt ſpäter aus dem vertrockneten Bodenſatze der Fluth wie Blaſen in die Höhe ſtiegen.. Wichtige Gründe ſpre chen dafür, daß zu jener Zeit der Menſch noch nicht exiſtirt, ſondern erſt nach geſchloſſenem Frieden das Erdreich be treten habe. Ringsum an den Ufern hat der See faſt überall e breites Vorland, welches gegen die Tiefe gäh abfällt. Es heißt im landesüblichen Ausdruck die Haldez eine hellere Farbe des Waſſers zeigt deutlich ihre Ausdehnung. Von Alters her bildeten Schifffah rt und Fiſcherei die Haupterwerbszweige auf dem Bodenſee. Handelsverkehr, namentlich der Transport des Getreides von den geſegneten ſchwäbiſchen Ufern in die Schweiz, be lebte ſchon in früheſten Jahrhunderten dieſe Gewäſſer. Die Fahrzeuge waren Segelſchiffe von mittlerer Größe, Lädinen genannt, an deren Stelle ſpäter die kleinern Segner in Gebrauch kamen. Das erſte Dampfboot, ein würtem bergiſches, befuhr den See im Jahre 1824; heut zu Tag durchkreuzen ihn über zwanzig Dampfſchiffe; ſie ſind Eigen thum der Konſtanzer, Schaffhauſer, bergiſchen Aktiengeſellſchaften.— Kriegsläufe hin und wieder kleine Lindauer und Würtem Nebſtdem brachten auch Flotillen auf den Boden— ſee. Die erſte erſchien unter Tiberius, ſechszehn Jahre vor Chriſti Geburt. Der römiſche Feldherr fuhr mit Schiffen über den See, befeſtigte eine dortige Inſel(wahrſcheinlich Reichen au) und lieferte von da aus den Vindeliciern eine ſiegreiche Seeſchlacht.— Im dreißigjährigen Kriege waren es die Schweden, welche unter Wrangel größere Schiffe auf dem See erbauten; und in dem Kriegsjahr 1799 lief eine Flotille, unter dem engliſchen Obriſten Williams, von Bregenz aus, um die Operationen des Erzherzogs Karl zu unterſtützen. Die Fiſcherei iſt zwiſchen den Uferorten durch obrig— keitliche Verträge geregelt, die jedoch nicht allzu ſtrenge einge halten werden. Der bedeutendſte und eigenthümlichſte Bodenſee Fiſchfang iſt der Fölchenfang; nach ihm kommt der des Gangfiſchs. Außer dieſen beiden Fiſchgattungen wohnen noch vierundzwanzig andere in dem Gewäſſer, unter denen die des Braxmen die allgemeinſte iſt. Zahlreicher ſind die verſchiedenen Arten geflügelter Gäſte, welche theils beſtändig, theils als Strichvögel an und auf dem großen Weier ihr Fortkommen ſuchen. Ihre Zahl(Sumpf- und Schwimmvögel) wird auf etliche und neunzig geſchätzt; dazu kommen zur ſtrengen Winterszeit zuweilen noch landsfremde Beſuche aus hohem Norden. Das Klima um den See iſt im Allgemeinen mild, der Rebe und dem Nußbaum durchaus günſtig; doch hat das ſchwäbiſche Ufer ein milderes als das ſchweizeriſche. Die badiſche Uferſtrecke, von Immenſtad bis Oeningen, mißt, die Inſel n ausgenommen, beiläufig 101 deutſche Meilen; ſie bildet Theile der großherzoglich 2 hen Bezirks ämter Mersburg, Salem, Ueberlingen, Stockach, Konſtanz und Radolfszell. Mainau. Gegen das Ende der ſchmalen Landzunge, welche den Unterſee vom Ueberlingerſee trennt, am Eingange des letzteren, erhebt ſich das Land nochmals aus der Fluth und bildet ein terraſſenförmiges bis zu neun und achtzig Fuß über den gewöhnlichen Waſſerſtand des See's anſteigendes Ei— land, welches eine halbe Stunde im Umfange hat. Es iſt dies einer jener außerordentlichen Punkte, über welchen die Mutter Natur alle ihre Schönheit und Güte ausge goſſen zu haben ſcheint. Die Alten gaben ihm den Namen Maygenowe oder„Mayen-Aue, wie Vadian ſagt „von Luſtes wegen.“ Ohne Zweifel ſtammt die Benennung aus den Zeiten, wo das jugendliche Volk der Germanen das bis heute um den See nicht ganz erloſchene Maien feſt als religiöſen Kultus begieng. Und wahrlich, welchem Platze mochte der unverdorbene Sohn der Natur wohl paſ ſender den Namen ſeines Luſt- und Lieblingsmoments bei legen, als der feenhaft aus den Wellen des geheimnißvollen Bodan emporſteigenden ſonnigen Aue? Die geſchichtlichen Nachrichten über die liebliche Inſel beginnen jedoch erſt mit den chriſtlichen Anſiedelungen am 10 See; die Mainau wird ſeit früheſten Zeiten eine Zugehör der Abtei Reichen au genannt, von welcher ſie an den Deutſch-Orden kam.— Nach einer Volksſage waren die Herren von Bodman die urſprünglichen Beſitzer, und eine Erbin dieſes Hauſes vergabte die ſchöne Au an den deutſchen Orden. Meiſter Sepp von Eppishuſen CFrhr. von Laßberg) erzählt die Sage in ſeinem wenig ver breiteten Büchlein„vom Littower“ folgendermaßen: „Eine Fräulein von Bodman, welche von jrer Mutter große Güter am Bodenſee beſaß, nämlich die Maynau, mit Dörfern, Weilern und Höfen, war in züchtiger Minne einem jungen Ritter von Langenſtein hold, und er hinwieder auch jr. Da ſie als eine Waiſe frei und ſelbſtſtändig über jr Gut walten konnte; ſo war auch des Ritters Vater ganz geneigt, zu dieſer Verbindung ſeine Einwilligung zu ge ben, und ſchon nahete der Zeitpunkt heran, der die beiden Liebenden auf immer vereinen ſollte; als der alte Ritter von ſeinem Lehenherren, dem Abte zu Reichenau, plötzlich aufgerufen wurde jm auf einem Kreuzzuge nach Syrien zu folgen. Alter und Vehden hatten den Vater gebrechlich gemacht und der rüſtige Son muſſte an ſeiner Stelle das Kreuz nemen und die ſo nahe Vermälung vertagen. In den damaligen Zeiten war es wie jezt, zu einer reichen Erbin fanden ſich immer viele Bewerber: aber die treue Maid von Bodman hieng zu innig an jrem geliebten Ritter und gab den übrigen kein Gehör. 11 Langenſteins Zug war nicht glüklich: die Kreuzfarer erlitten im heiligen Lande merere Niederlagen, und bei einer derſelben fiel jm das traurige Los, verwundet und gefangen zu werden. Tief in das Land der Araber geſchleppt und zu ſchmähelicher Knechtſchaft gezwungen, blieb jm wenig Hoffnung, die ſchönen Augen der holden Frau ſeines Herzens und die rebenumkränzten Ufer des Bodenſees je wieder zu ſehen. Indeſſen war die Kunde von Langenſteins Ver— wundung und Gefangenſchaft auch nach Schwaben gelangt und die Bewerbungen um die Hand des ſchönen Fräuleins fiengen mit verdoppeltem Eifer wieder an; aber die treue Maid von Bodman, war zu keiner Sinnesänderung zu bewegen, und als jr die Bewerber zu überläſtig wurden, zog ſie ſich zu einer Verwandten in ein benachbartes Kloſter zurük, um da ungeſtört für die baldige Erlöſung jres geliebten Ritters zu beten. Jare auf Jare entflohen; in Syrien wurden hie und da gefangene Chriſten ausgewechſelt und losgekauft, aber in das ferne Arabien drang kein mitleidiger Prieſter, der den Heiden Gold für chriſtliche Sklaven geboten hätte. Standhaft hatte der Ritter von Langenſtein alles Anerbieten von Freiheit, Ere und Reichtum, wenn er den Glauben des Landes annemen wollte, abgewieſen; aber auch beinahe gänzlich die Hoffnung auf Erlöſung aufgegeben, als jm einsmals im Traume einfiel, die Geliebte ſeines Herzens und ſich ſelbſt Gott aufzuopfern, und hiedurch die himm— 12 liſchen Mächte zu Mitleid und Hilfe zu bewegen. Er ta alſo bei ſich das Gelübde: wenn er der Heimat wieder gegeben würde, in einen der drei geiſtlichen Ritterorden zu tretten. Schon am folgenden Abend fand er die Thüre ſeines Gefängniſſes offen und den Wink der Vorſehung benuzend, trat er mit wenigen Lebensmitteln verſehen, hinaus in die ſternerhellte Sandwüſte, welche ſeine Flucht begünſtigen ſollte. Seinen Weg nach dem Laufe der jm wolbekannten Sterne) richtend, erreichte er nach vielen Tagen und unſäglichen Müheſeligkeiten die Ufer des unendlichen Meeres, auch entdekte er in geringer Entfernung ein Schiff, das auf wiederholte Zeichen und Rufen, ein Boot abſandte in aufzunemen. Chriſtliche Männer, die Handel nach 6 gjypten trieben, waren vom Sturm an dieſe unwirtbare Küſte ver ſchlagen worden und warteten mit Senſucht auf günſtigen Wind, um jre Heimfart nach Italien anzuſtellen. Als er erſchien, richteten ſie jren Lauf nach dem heimatlichen Strande, und erreichten jn auch one beſondere Färlichkeiten auszuſtehen. Der Freiheit und dem Vaterland der Ritter von L als die e wiedergegeben, hatte angenſtein keine dringernde Angelegenheit, ſchnelle Erfüllung ſeines Gelübdes. Er ſtellte ſich vor dem Landkomture zu Altshauſen und bat demütig um —— ) Er ſchrieb ja, wie wir nachher vernehmen W eine aſtronomiſche und aſtrologiſche Abhandlung. erden Aufname in einen Orden, der jm neuen, unaufhörlichen Krieg gegen die Heiden zur erſten Pflicht machte. Der Ruf ſeiner Tapferkeit war jm vorausgegangen und vielleicht damal ſchon als Dichter bekannt, konnte er in jener Zeit nur als ein Mann von hoher Geiſtesbildung gelten; er muſſte alſo dem Orden ein willkommener Bruder ſein und ſeine Aufnahme fand keinen Anſtand. Auf ſein eigenes Verlangen, ward er alsbald mit mereren jüngern Brüdern nach dem damal noch heidniſchen Preuſſen geſandt, um in neuem immerwärendem Kampfe gegen ein tapferes Volk, das den vaterländiſchen Boden Schritt vor Schritt verteidigte, das noch ſtets für die holde Erbin von Bodman ſchlagende Herz zu beſchwichtigen. Die Nachricht von Langenſteins Heimkunft aus dem Morgenlande war kaum in ſeinem väterlichen Gaue er ſchollen, als die treue Maid von Bodman aus den Kloſter— Mauren wieder nach jrer Burg ſich aufmachte. Liebliche Gedanken von ſeligem Beiſammenſein und frölicher Zukunft umſchwebten ſie auf jrem Wege und begleiteten ſie bis unter das Burgtor. Ein vertrauter Jugendfreund jres Ritters*) erwartete ſie hier: er brachte jr den lezten Gruß des für ſie nun auf ewig verlorenen Geliebten, und die hochzeitlichen Fakeln erloſchen da, wo ſie kaum noch in Gedanken angezündet waren. *) Vielleicht der benachbarte und gleichzeitige Minneſänger Burkhard von Hohenfels. Nicht lange Zeit bedurfte die edle Schwaben Maid, bis ſie zu einem jres Herzens und jrer reinen Minne würdigen Entſchluſſe kam. Tief empfindend „Wie Liebe mit Leide „Ze jüngeſt lonen kane beſchloß ſie dem geliebten Manne ein Zeichen zu hinterlaſſen, das jn ewig an die Liebe und Treue ſeiner Herzensgeſpielin erinnern ſollte. Sie reiste zu dem frommen Landkomtur des teutſchen Ordens und eröffnete jm, wie ſie geſinnt ſeie, jr mütterliches Eigen, die ſchöne Inſel Mayna u, mit Dörfern und Höfen, ſeinem Orden als eine freie Vergabung zuzuſtellen, wenn derſelbe jr Gewär leiſten werde, daß Bruder Hug von Langenſtein erſter Hauskomtur auf Inſel werden ſolle. der Strenge waren die Regeln und Geſeze des Ordens. Durch merere Kriegszüge und nizliche Dienſte muſſte der Bruder ſeine Tüchtigkeit erprobt und den Dank ſeiner Obern verdient haben, ehe jm die Türen zu den Würden deſſelben geöffnet wurden. Nur ausgedienten, durch Wunden und Alter dem Kriege gegen die Ungläubigen entzogenen Brüdern wurden damal Komtureien verliehen und hievon konnte weder der Wille, noch die Macht eines Order sgebietigers abweichen. Der Landkomtur muſſte die treue Maid an den oberſten Meiſter des Ordens verweiſen. Was ſie da ausgerichtet, hat uns die Sage nicht aufbewaret; allein 15 ſoviel iſt gewiß, daß wir unter den auf der Inſel aufge⸗ hängten Wappen-Schilden der dortigen Komture, jenen des Ritters von Langenſtein als den ſechsten zälen. Wo nach dieſem die treue Maid von Bodman, mit jren zertrümmerten Hoffnungen und mit jrem zerriſſenen Herzen ſich hingewendet, in welches Kloſter ſie jren Schmerz begraben, wiſſen wir nicht anzugeben; es mag für ſie wol gleichgiltig geweſen ſein, wo ſie jre Tage verweinte. Der Gedanke: mein Geliebter lebt jezt in meinem Hauſe, in denſelben Gemächern, die einſt Zeugen unſerer unſchuldigen Minne waren; er iſſet von dem Brod meiner Aeker und trinkt von dem Wein meiner Reben; die hohen Nußbäume, unter denen wir ſo oft beiſammen ſaßen, beſchatten jn nun wieder und in der kleinen Kapelle, wo unſer kindliches Gebet ſo manchesmal ſich vereinigte, flehet er jezt den Himmel um Mut und Standhaftigkeit für uns beide an: dieſe Gedanken müſſen ſich oft in die ſtille Zelle der treuen Maid geſchlichen und ein bitterſüßes Gefül in dem liebenden Herzen erwekt haben, das gewiß nur unter dem kalten Grabſteine aufhörte für den geliebten Ritter zu ſchlagen. Dies iſt die Sage von der treuen Maid von Bodman und dem Sänger von Langenſtein, wie ich ſie vor mer dann dreiſſig Jaren, aus dem Munde des Volkes vernommen und aufbewart habe. Von dem Ende des Sängers Hug von Langenſtein iſt 16 mir keine Nachricht bekannt; warſcheinlich ſtarb er Lebens müde als Komtur auf ſeiner Inſel, und wenn einmal die Gruft in der kleinen Ordenskirche daſelbſt geöffnet werden ſollte, dürfte auch ſein Grab entdekt werden. Er ſelbſt ſchildert ſich uns am Schluſſe ſeines großen Gedichtes als einen Mann, deſſen Lebensſchiff, das Ruder der göttlichen Minne, aus den ſturmbewegten Fluten, in den Hafen geſchaltet hat; der aber auch da nie warer Ruhe genoß, noch einer ſanften Stille. Dieſer Gemütszuſtand deutet doch wol auf unglükliche Liebe. Die heimathliche Burg des Ritters Hugo ligt im Hegau, links der Landſtraße, welche nach Engen füh Sie ligt zwiſchen Felſen, ſelbſt auf einem Fels, von weit läufigen Eichen-und Buchwäldern umge größte und feſteſte Bauweſen aller Edelſitze des Gaues. Rings um einen ungeheuren Turm her f U aus dem Fels gehauen wänet, und deſſen Alter wenigſtens Alte in den Anfang des elften Jahrhunderts, wenn nicht viellei ſogar in den Karolingiſchen Zeitraum hinauf reicht, ſind die Wongebäude angereiht, und nemen mit den Wirt ſchaftsgebäuden einen großen Raum ein. Der mit Wapper 1 * 1 verzierte Eingang, die großen ſteinernen Stiegen und Wendel Ndel treppen, die hohen gewölbten Gänge, die von Säulen ge tragenen Hallen, die hohen geräumigen Säle und Gemächer, die vielen zum Teil in den Fels gehauenen unterirdiſchen 9 9 Gänge und Keller geben dem Ganzen ein großartiges, die 17 vielen ſonderbar geſtalteten Kalkfelſen ein wunderbares und romantiſches Ausſehen.“ Nach dem Abſterben der Ritter von Langenſtein kam die Burg in wechſelnden Beſitz; zuerſt als reichenauiſches Lehen an die Grafen von Nellenburg, im fünfzehnten Jahrhundert an die Edlen von Heudorf, ſpäter an die Freiherrn von Reiſchach, und nach dieſen an die von Reitenau, zulezt an die Grafen von Welſchberg, von denen es der höchſtſelige Großherzog Ludwig von Baden erkaufte zum bleibenden Wohnorte der jetzigen gräflichen Beſitzer. Ueber den Urſprung des Ritterhauſes zu Mainau gibt uns die Geſchichte von der Sage abweichende Aufſchlüſſe. Dr. Joſef Bader theilt darüber Folgendes mit: Die Ritterfamilie von Langenſtein war ein Dienſt mannsgeſchlecht(ministeriales) der Abtei Reichen au. Die hiſtoriſche Kunde von dieſem Geſchlecht geht bis zum Jahr 1197, allwo ein Hugo de Langenstein, ministerialis ecclesiae Augiensis, das Gut ſeines Knechtes Machtolf am Dornsberg für 9 Pfund Münze an das Stift Salem überläßt*). Weiter finden wir, daß die Salemer dieſem Hugo als Belohnung für ſeine Bemühungen bei einem Kaufgeſchäfte des Stiftes 40 Käſe übermachen; woraus *) Mone, oberrhein. Zeitſchrift I, 325. 18 erhellt wie patriarchaliſch die damaligen Zuſtände, und wie beſcheiden der Adel von Langenſtein in jener Zeit geweſen ſeyn müſſen. Nach dieſem Hugo werden noch achte des Geſchlechtes urkundlich erwähnt, ſo daß ſich folgende Stamm tafel ergibt: Hugo 1197 bis 1211. Hugo 1211 bis 1216. Arnold ſtirbt 1272. Arnold, Ritter, bis 1282. Hugo 1259 bis 1267. Arnold, Bertold, Friderich, Hugo ſtirbt 1319 als letzter Sproſſe des Hauſes. Die genannte Familie beſaß unter mehreren anderen reichenauiſchen Beneftzien(Dienſtmannslehen) auch die Inſel Mainau. Albrecht z Im Jahr 1272 zwiſchen 2 * 4 1 geſchal iſchen A u Reichenau und dem Landkomtur Rudolf v. Schafhus vom D eutſchorden über gewiſſe ſtreitige Güter Abt folgender Vertrag. Der überläßt mit Einſtimmun ſeines Kloſters dem Landkomtur für den Deutſchorden: die Höfe zu Almansdorf, Eck, Stad, Oberndorf und Dingelsdorf mit dem Kirchenſatze und Zehenten und allen reichenauiſchen Gütern daſelbſt; ferner das Dorf Lüzelſtetten mit allen Leuten und Gütern, n und Bann und all andern 9 1 t Zwing techten(die Mannlehen ausge nommen); ſodann das Schloß und Inſe die und alle übrigen Güter Arn olds von Langenſtein ſeelig, mit deſſen Maieramte, mit der Vogtei und allen Rechten, 19 welche derſelbe da gehabt. Dagegen überläßt der Deutſch orden dem Stifte Reichenau zu einem Erſatze: das Schloß Sandeck mit der Vorburg, die Höfe zu Wald, Herolts weil, Landertsweil, bei Ermatingen, Bernang und Steck born, nebſt verſchiedenen Rebgütern und Zehenten in dieſen Orten, zu Frutweiler ꝛce. Actum in Gotteliubon, anno MCCLXXII, Feria IV post vinculum S. Petri. Dies verhielt ſich aber folgendermaßen: Der Abt von Reichenau hatte den reichenauiſchen Dienſtmännern von Langenſtein, von Steckborn, von Feldbach und von Frutweiler erlaubt, die obbezeichneten Beſitzungen und Rechte zu Mainau, Almensdorf, Eck, Stad, Oberndorf und Dingelsdorf an den Deutſchorden zu vermachen(weil es reichenauiſche Lehen waren); da nun über dieſe Güter dennoch ein Streit entſtund, ſo mußte der Deutſchorden erſtens dieſelben als reichenauiſches Lehen anerkennen und jährlich mit 20 Pfunden Wachſes verzinſen; zweitens aber dagegen noch die kleine Herrſchaft Sandeck an das Kloſter abtreten, welche die Söhne des Eberhard von Steckborn (der zu Salem Mönch geworden) ihm vermacht hatten. Dieſes Sandeck war wohl auch ein reichenauiſches Lehen im Beſitze der Familie von Steckborn geweſen, und da der Abt das vortrefflich gelegene Schloß gern ſelber zu bewohnen wünſchte, ergriff er die Gelegenheit des obigen Streites, um es dem Deutſchorden wieder abzujagen. 9* 20 Das iſt nun der wahre Urſprung des Ritterhauſes zu Main au, und nicht erſt jene Schenkung von 1282, wie gewöhnlich angegeben wird. Im Jahr 1272 war der Schenker Arnold ſchon verſtorben daher die urkundlichen Ausdrücke:(Yonu], oder 5014 memoriæ Arnoldus de Langenstein) er hatte aber Brüder und Söhne. Mit der angeführten zweiten Schenkung vom Jahre Schönhut, wie es ſcheint, aus Urkunder thut, kann es ſich ſo verhalten haben: Arnold v. L. der ältere vermachte vor dem Jahr 1272 Schloß und Inſel dar Mainau als reichenauiſcher Lehenbeſitzer dem Deutſchorden; dieſer war alſo von dem an Inhaber dieſes reiche verlieh daſſelbe aber afterlehenweis wieder an die Fa milie von Langenſtein, welche es ſo beſaf Arnold der jüngere v. L. es dem Orden wieder aufgab, d. h. denſelben wieder in unmittelbaren Beſitz der Mainau ſetzte, damit ein Deutſchhaus daſelbſt errichtet werde. bereits bemerkt, hatte Arn old d. ä. vier Söhne. Von dieſen widmeten ſich drei dem Deutſck orden; den einen, Arnold, finden wir als Komtur zu Mainau, wo er 1319 als Letzter ſeines Geſchlechtes das Leben beſchließt. Sein Br Bruder Hugo verweilt um 1298 i ordens zu Freiburg i. B., nachdem er vorher, wie izunehmen iſt, im zu Mainau ſich aufgehalten. Dieſer Hugo von Langenſtein iſtd der berül von dem noch zwei Gedich m Hauſe des Deutſch— ſicher yzmte Sänger, jte und ein Proſawerklein vor⸗ 21 ˖ handen ſind. Von erſteren verherrlicht das eine die hl. Märtyrin Martina, das andere beſingt die wunderbarliche Bekehrung des heidniſchen Königs Littower. Das Proſa— werklein, genannt die„Mainauer Naturlehre“, handelt von der Aſtronomie, von der Geſtalt der Erde und den Be wegungen der Himmelskörper u. ſ. w.(Basler Pergament handſchriften B. VIII, 27.) Der Deutſchorden wurde gegründet 1190, von Herzog Friderich von Schwaben zur Zeit der Belagerung von Akkon, während eines Kreuzzuges. Der Zweck war urſprünglich ein ähnlicher, wie bei den Johannitern, Ver theidigung der chriſtlichen Religion gegen die Ungläubigen und Verpflegung chriſtlicher Wallfahrer im heiligen Lande. er Orden war der heiligen Jungfrau geweiht, weßhalb die Ritter ſich auch Brüder des deutſchen Hauſes unſerer lieben Frau zu Jeruſalem nannten. Das Haupt des geiſt— lichen Ordens war der Groß- oder Deutſchmeiſter; er hatte Anfangs ſeinen Sitz in Jeruſalem, ſpäter, als das heilige Land Schritt für Schritt an die Ungläubigen verloren gegangen war, zu Venedig und zu Marburg(1297); ſeit 1309 aber zu Marienburg in Preußen, und zuletzt(ſeit 1527) im Meiſterthurme zu Mergentheim auf dem dortigen Bergſchloſſe Neuhſaus. Die Ritter mußten Deutſche altadeliger Herkunft ſeyn und durften ſich nicht verehelichen. Die Ordenstracht beſtand in einem ſchwarzen Kleide und weißen Mantel, auf dem ein ſchwarzes Kreuz mit ſilbernem Rande prangte. Die Beſitzungen des Ordens waren in Balleien oder Provinzen, und dieſe wieder in C ommenden oder Komtureien abgetheilt, denen ein K omtur(Land komtur) vorſtand. Die oben erzählte Schenkung der Inſel Mainau an den Orden machte nun dieſes ſchöne Eiland zum Mittel punkte einer Commende, deren Erwerbungen und Beſtand theile außer der Inſel folgende waren. Zu Almans dorf: das Ritterhaus empfängt 1272 vom Stifte Reichenau halb ſchenkungs„halb kaufsweiſe den K elnhofz im 15. und 16. Jahrhundert erkauft der Orden daſelbſt mehrere Rebſtücke. Ueberhaupt beſitzt er zu Almansdorf(wie zu Eck, Cgelſee, Hard und Sirenmoos) etliche Lehenhöfe, Gilten und Zehenten.. Zu Hinderhau ſen, Hau ſen, Eichhorn, Sonnenbühl und Stad iſt das Ritterhaus im Beſitze verſchiedener Güter ſeit dem Jahr 1493. In D Dettingen wird der mindere Kelnhof erkauft von Heinrich Goldaſt Kirchherrn zu Wollmatingen 1349 9 j„die Veſte und Leibeigenen“ aber werden von der Familie von erkauft um 300 Pfund Heller 13623 der bisherige Weſterſtätten im Jahr Lehensherr, der Abt verzichtet völlig darauf, ſo eigenthümlich beſitzt. Weitern Zuwachs erhält daſelbſt im Jahr 1372, von Reichenau, daß das Ritterhaus die Veſte der Orden von einem Werner v. Dettingen, 23 der dem Ritterhaus ſeine Hälfte des Dorfes überläßt, und 1405 erkauft daſſelbe von dem Blarer zu Konſtanz den D Burgſtall„zu der alten Burg“ zu Dettingen mit Umge bung und etlichen Höfen ꝛc. für 743 Pfund Heller, ebenfalls mit Bewilligung des reichenauiſchen Abtes. Zu Wall hauſen erwirbt es 1488 den größern Kelnhof von Hans v. Liebenfels, und Mehreres bis zum Jahr 1629. In Dingelsdorf beginnen die Ankäufe mit 1327 und gehen bis 1629. In Lüzelſtetten ſeit 1286, wo Ulrich von Alga mit lehensherrlich reichenauiſcher Bewilligung ſeine Güter daſelbſt an das Ritterhaus verkauft. Weitere Er werbungen zu Lizelſtetten ſind, die Mülhalde, Neuhaus und Ronhauſen.— Zu Oberndorf ſeit 1568 bis 1628. Zu Wollmatingen endlich ſeit 1349 bis 1614. Auf ſolche Weiſe erhielt der Orden in allen dieſen Orten die Grundherrlichkeit, während die Gerichtsherrlichkeit vom Jahr 1431 kömmt, wo König Sigmund dem Ritter haus die drei Gerichte Almansdorf, Dettingen und Dingels dorf mit aller Jurisdiktion, auch Stock und Galgen verleiht. Die ganze Herrſchaft war in die obern und niedern Ge richte eingetheilt; unter jenen waren begriffen: Stad und Almansdorf, und unter dieſen Oberndorf, Dingels dorf, Lüzelſtetten und Dettingen. Ueberdies beſaß die Commende noch die Herrſchaft Blumenfeld Schloß und Städtlein) mit Weiterdingen, Leipferdingen, Weil, Beuren, nebſt(Schloß und Städtlein) Thengen, Uttenhofen, 2⁴ Nordhalden, Epfenhofen, Thalheim, Tegerhofen mit allen Rechten und Zubehörden. Im Jahre 1463 war beſagte Herrſchaft von der Familie von Klingenberg an die Herren von Bodman und Jungingen für 10,000 fl. rhein, verkauft worden; ſiebzehn Jahre ſpäter ab die Herrn Albrecht, Eberhard zu Hohentwiel das er brachten und Kaſpar v. Klingenberg Hanze wiederum an ſich, worauf ſie es dem Ritterhaus Mainau für die Summe von 12,000 fl. überließen. Zur ſelben Zeit war Wolfgang von Klingen berg Landkomtur des Was andere äHerren noch im Bl ſuchte der Orden nack Deutſchordens im Elſaß. umenfeldiſchen beſaßen, und nach ebenfalls an ſich zu bringen, während die Verhältniſſe der Herrſchaft zu und eigenen Unterthanen durch 2 recht und Wal den Nachbarn zerträge(Waidgang dungen betreffend) geordnet wurden.) „Jagd *) Das kleine Städtlein Blumenfeld ligt, ungefäh im Hegau. Aus einem engen Thale Hügel, auf dem das Schloß ruht umgeben Wohnhäuſern. neun Stunden von Mainau, erhebt ſich ein ſteiler orden'ſche von Nebengebäuden und Der Geſammtanblick erinnert ing— — an eine merianiſche Darſtelli an das vielgeſtaltete, enge, fehde— deſſen Ueberreſte ſtets reiche Mittelalter, Romantik erwecken. ſehr hübſche Vorpl ein Gefühl der Das Schloß enthält intereſſante Lokale; ätze mit Welſchkaminen aus der Renaiſſance, ebenſo einen ſchönen Erker. Es iſt gegenwärtig der großherzoglichen Bezirksamtes.— Der Himmel möge dem al Bau ſein ritterliches Ausſehen bewahren. Sitz eines ten 25 Auch zu Immenſtad erwarben ſich die Ritter Güter in dem Zeitraume von 1422 bis 1622.— In Jetten— hauſen aber vergabte Hermann von Raderach 1250 dem Orden den Kirchenſatz, und in Ueberlingen wurde dem— ſelben im Jahr 1312 ein Haus mit Reben ſchenkweis über— laſſen; auch. Ankäufe kommen daſelbſt vor in den Jahren 1324 und 1350. Bald nachher(1357) wurde die Pfarrei zu Aufkirch, wohin Ueberlingen gehörte, vom Papſte dem Ritterhaus Mainau einverleibt.— In Lippertsreute erwirbt der Orden von den Johannitern in Ueberlingen den Haupthof, zu welchem Zwing und Bann und Kirchenſatz gehörte.— Zu Mindersdorf kommt 1362 das reichen— auiſche Beſitztum gegen das mainauiſche zu Wollmatingen an die Ritter, und 1292 vergabt ihnen Heinrich von Det— tingen den Kirchenſatz zu Pfaffenh ofen.— In Herr⸗ nannsberg verwilligt 1360 der mainauiſche Komtur Ulrich von Königseck vier Klausnerinen, ſich auf der ordenſchen Hofſtatt niederlaſſen und anſiedeln zu dürfen; von dem an beſteht dort ein Klöſterlein bis in die neuere Zeit. War nun hiemit ein wohl begründeter und weit um faſſender Beſitzſtand hergeſtellt, ſo mußte, um ihn unge ſchmälert zu erhalten, noch für hinreichenden Schutz und Schirm von Oben geſorgt werden. Wer aber konnte ſolchen wohl nachdrücklicher gewähren als das mächtige Erzhaus Oeſterreich der Kaiſer ſelbſt? Der ſog. Schirmbrief, den das Haus Mainau von dorther ſich erwirkt hatte, ent 26 hielt die vertragsmäßige Zuſage, d bei ſeinen Rechten, Gütern wolle u. ſ. aß Oeſterreich das Haus und ſeinem Frieden ſchützen w.— Als daher die Mainauer (1473) mit Itelhans von Stoffeln, ih rem Nachbarn„in ein Veht und Findſchaft“ geriethen, weil derſelbe mit ſeinen Geſellen das Haus und deſſen arme Leute(Leibeigene, Unterthanen) muthwillig angriff und ſchädigte, nahm der mainauiſche Komtur Georg von Neu hauſen ſeine Zuflucht zu den öſterreichiſchen Herrn Räthen in Konſtanz, mit Berufung auf den Schirmbrief. Die Räthe verſprachen Hilfe, mit dem Beding, wenn man von Kriegsfall des Erzhauſes, Leuten ebenfalls B Mainau aus in etwaigem mit Häuſern, Schlöſſern eiſtand leiſten wolle. Der Deutſchordens Landkomtur aber meinte, und dies würde dem Orden ſchwer fallen bei den Kriegen Oeſterreichs mit den Eidgenoſſen; das meiſte Ordensgut lige dort o und es könnte leicht kommen, Die Räthe würd der in der Nachbarſc aft, daß es der Orden verlöhre. igten dieſen Grund und nahmen die Eid Dem Stoffler wurde hierauf vom Nellen burger löſterreichiſchen) Obervogte geſchrieben, er möge aſſen. genoſſen aus.— die Mainauer fortan unbehelligt l Eine Erneuerung dieſes im Jahre 1523. Erzherzog Ferdinand von O Namen ſeines Bruders Schutzverhältniſſes fand ſtatt eſterreich im des Kaiſers Carl, nimmt den Komtur Rudolf v. Fridingen, Gebieter der Deutſch ordens-Balley Elſaß, mit all ſeinen Freiheiten, Leuten und 5 O Gütern in den Schutz des Hauſes Oeſterreich. Dagegen ſoll das Haus Mainau in allen„offenen Vehten und Kriegen“ des Erzhauſes deſſen offenes Haus ſeyn— vor der Hand auf 35 Jahre.— Vom Jahr 1521 findet ſich weiter ein Schreiben des Statthalters der Regierung zu Innsbruck an den Hauskomtur Sebaſtian v. Stetten des Inhalts:„Er(der Statthalter) habe vernommen, wie das Haus Mainau mit Leuten und Nothdürften ſo wohl verſehen ſei, und welcher gute Wille ſich dort zeige, um daſſelbe Haus beim Reiche zu erhalten und bei der Schirm verwandtniß mit dem Erzhauſe. Das ſolle kaiſerlicher Majeſtät gemeldet werden.“ Mögen Streit und Fehden im Mittelalter auch häufig geweſen ſeyn, den Fortſchritt der Cultur, Wohlſtand und Behäbigkeit im Ganzen ſtörten ſie nicht. Anders verhält es ſich mit dem 30jährigen Krieg; ſein tiefeinſchneidendes Weh brachte Ruin und Verderbniß über alle Theile des Reichs, beſonders aber war es die Seegegend, welche alle Drang ſale jener langwierigen Kriegszeit auszuſtehen hatte. Im Jahr 1633 erſchien zum erſtenmal eine ſchwediſche Armee unter Feldmarſchall Guſtav Horn am See; ſie mußte jedoch nach fruchtloſer Belagerung der Stadt Konſtanz vor der herankommenden kaiſerlichen Uebermacht ſich zurückziehen. Im folgenden Jahr kam der Feind unter 28 Horn's Oberbefehl zum zweitenmal in die Gegend. Die Stadt Ueberlingen hatte den erſten Sturm auszuhalten, der jedoch von einer tapfern Garniſon und Bürgerſchaft muth voll abgeſchlagen wurde. Radolfszell und Buchhorn waren die einzigen Orte am See, die in die Gewalt der Schweden fielen. In Bregenz, Lindau, Ueberlingen und Konſtanz lagen Kaiſerliche. Die Schlacht bei Nördlingen brachte das ſchwediſch-weimariſche Heer abermals zum Abzug Nach großen wechſelvollen Kriegsläufen wurden die Seeufer bald wieder der Schauplatz furchtbarer Kämpfe und Verheerungen. Die ſchwediſche Armee, von Wrangel commandirt, eroberte(1646) die Bregenzer Klauſe und be lagerte Lindau, deſſen Beſatzung ſich mannhaft und ſiegreich vertheidigte. Die Mainau war bisher von feindſeligen Beſuchen verſchont geblieben.— Bereits im Jahr 1632, als der ** Schwede zum erſtenmal in die Seegegend kam, hatte der kaiſerliche Obriſt v. Oſſa die Garniſon von Ueberlingen nach dieſer Inſel geführt?), welche Letztere, wie auch die benachbarte Reichenau von den Kaiſerlichen gut befeſtiget wurde. Doch ſcheint man nach Abzug des Feindes wiederum ſehr läßig geworden zu ſeyn. Der Landkomtur zu Alts hauſen ſchrieb deshalb(1642) an den Komtur Johann *) Dr. Joſ. Bader's Fahrten und Heimathlande, S. 195. Wanderungen im 29 Werner Hundbiß v. Waldrams zu Mainau:„Das Geſchrei wegen bevorſtehender Gefahr werde immer größer, ſei auch kein Wunder, denn man könne nicht bemerken, daß irgend eine Anſtalt zur Ab- und Gegenwehr gemacht werde, was doch vermittelſt der Garniſonen zu Lindau, Konſtanz, zell und den Bregenziſchen Bauern unſchwer geſchehen könnte. Es verlaute, daß zu Hohentwiel viele Schiffe ausgerüſtet würden, woraus zu erſehen, daß es auf ein und andern Ort am See abgeſehen ſei.“ Von gleicher Beſorgniß geleitet ſchrieb auch(18. Oktober 1642) der Rath von Konſtanz an den komturiſchen Ammann zu Almansdorf:„Nachdem dem Commandanten Wider hold zu Twiel die geforderte Contribution von der Stadt und dem Biſchof abgeſchlagen worden, ſei derſelbe Vor habens, ſie mit Abbrennung der Weintrotten, Häuſer und anderen Gebäue, auch Verderbung des von Gott erhaltenen lieben Weinnutzens, feindlich zu verfolgen. Daher verſehe man ſich zu den komturiſchen Unterthanen nachbarlich, daß ſie dem Commandanten den Paß durch das orden'ſche Ge biet nit werden offen laſſen, ſondern zur mehreren Ver— ſicherung des geliebten Vaterlandes(da ja eine Nachbar ſchaft der andern in ſolchen Fällen mitbehülflich an die Hand gehen ſoll) durch Fällung der Bäume alle Wege, außer der Landſtraße, verlegen werden, damit man in Konſtanz nit einsmals übereilt, ſondern zeitlich zur nöthigen Defenſion gelangen möge.“ 30 Als das vorausgeſehene Kriegswetter wirklich über den See ausgebrochen und zuerſt über Lindau ſich entlud, ſchrieb (15. Jänner 1647) der dortige kaiſerliche Commandant, Graf v. Wolfeck, an den Komtur v. Hundbiß zu Mainau: „Er habe aus erheblichen Urſachen ſchon früher begehrt, ſeine darunten(zu Mainau) ligende Mannſchaft durch die von Koſtiſchen Knechte ablöſen und nach Lindau in die Feſtung folgen zu laſſen, indem von der beſſern Ver wahrung dieſes importirenden Poſtens das Heil der übrigen Seeplätze abhänge. Er erſuche daher wiederholt den Herrn Komtur, das Intereſſe des kaiſerlichen Kriegsdienſtes zu erwägen, und dieſer Ablöſung keine weitere Verhinderung zu machen.“ Dieſes Verlangen des Commandanten wurde (am 19. Jänner) wiederholt, mit dem Anfügen: daß auch die Munition, Stück und Schiffe von Mainau nach Lindau möchten ſalvirt werden, damit dortige Garniſon den Nutzen davon haben, der Feind aber, im Fall er Mainau bekomme, ſich ſolcher Vortheile nicht bedienen könne. Dem Komtur wollte aber dieſes nicht einleuchten; er antwortete deßhalb (unterm 20ten) dem Commandanten:„Auch die geringe Ver faſſung von Mainau zugegeben, finde er doch nicht, daß man dem Feind ſo geſchwind ſollte Thür und Thor öffnen. Durch Verlaſſung von Mainau würden dann Ueberlingen und Konſtanz auch gefährdet werden. Er hoffe, dem Feind zu widerſtehen und ihn bis zu einem Succurs wenigſtens aufzuhalten.“ 31— Unter ſolchen Verhandlungen war der 11. Februar heran— gekommen. Da ſah man von Mainau aus eine Flotille geraden Weges den See herabſegeln und auf die Inſel losſteuern. Es waren Schweden, welche von der noch immer belagerten Stadt Lindau herkommend, die Mainau anzu— greifen trachteten. Ihre Ausrüſtung beſtand aus eilf größern und zwei kleinern Fahrzeugen, die 1000 Musketiere und vier Stück an Bord hatten.— Die Inſel ſchützten ſüdöſtlich und weſtlich wohlangelegte Schanzen, ſowie eine doppelte Reihe föhrener Pfähle rings um die Ufer das Landen verhindern ſollte. Doppelte Mauern und Gräben umgaben von drei Seiten die Schloßgebäude, während gen Nord-Oſten die ſteile, übermauerte Burghalde Schutz genug gewähren mochte; vierzehn feſte Thürme vollendeten das ganze Ver— theidigungswerk. Gleich bei der Ankunft des feindlichen Geſchwaders verließen die Kaiſerlichen die weſtlichen Schanzen, und auch die Vertheidigung aus den übrigen vermochte nicht, die feindliche Landung zu verwehren. Des andern Tages ſchon wurde das Schloß theilweiſe genommen und am vierten kapitulirte der Komtur, Obriſtleutenant v. Hundbiß, mit Ueberlaſſung der Inſel an die Schweden. Der Beſatzung war freier Abzug zugeſagt, das Verſprechen aber nicht ge halten worden. Der Komtur wendete ſich daher(am 16. Februar) ſchriftlich an Feldmarſchall Wrangel:„Er werde ſich ſeiner 3 2 Zuſage erinnern, was maßen er ihm(dem Komtur) ſeiner Mannſchaft, bei der gezwungenen Abtretung des Poſtens Mainau ſchriftlich und mündlich freien Abzug zugeſichert. Nun aber ſeien ſeine Soldaten zurückbehalten worden; er bitte daher um ihre Auslieferung, damit ihm bei Sr. Majeſtät nicht Etwas zur Verantwortung gereiche. Ob dieſem Verlangen gewillfahrt worden, wird in den Akten nicht geſagt; wohl aber findet ſich in einem Schreiben des Landkomturs aus Hizkirch an den Erzherzog Hoch meiſter Einiges über die Einnahme der Inſel. Der Land komtur meldet dem Hochmeiſter:„Daß mit dem Ruin des ganzen Schwabenlandes auch ihm(dem Landkomtur) ſein Haus Altshauſen mit Zugehör, Dörfer und Unterthanen ſo verderbt worden, daß nichts mehr übrig, als der Brand, und er ſich kurz vor Ankunft des Feindes in die Mainau retirirt, und daſelbſt bis auf den unvorhergeſehenen Ueber gang von Bregenz aufgehalten; als nun der Feind viele Schiffe ausgerüſtet und damit angefangen, den Bodenſee unſicher zu machen, Lindau zu belagern, Ueberlingen zu blokiren ꝛc., habe er ſich wegen hohen Alters und Leibes beſchwerden in die Eidgenoſſenſchaft begeben, in Hoffnung, es ſollte der Poſten Mainau deſto beſſer mit Lebensmitteln verſehen und füglicher defendirt werden. Der liſtige Feind aber habe durch ein Strategem dieſem Poſten, welcher wegen Mangel an Mannſchaft nicht gehalten werden konnte, alle Succursmittel abgeſchnitten und durch Schie ßen, 2 Stein- und Granatenwerfen, auch Sprengung einer Mine, den Herrn Komtur gezwungen, den Platz per Den Sis waren große Schätze in die Hände ge fallen. Meßgewänder mit Edelſteinen beſetzt, herrliche Pokale, Gold- und Silbergeſchirr, auch fünf halbe Karthaunen, alles zuſammen fünf Millionen(Gulden 2) an Werth. Im März deſſelben Jahres mußte Wrangel die Be lagerung von Lindau wieder aufgeben und ſich nach Ravens burg zurückziehen. In Mainau, Langenargen und dem Schloſſe Neuen— burg bei Gozis lagen noch ſchwediſche Beſatzungen. Die Kaiſerlichen erſchienen wieder am Bodenſee. Eine Ab theilung(300 Mann) die von Villingen nach Conſtanz ge— kommen war, rüſtete 17 Schiffe aus, um, von den Lindauern unterſtützt, einen Angriff auf die Mainau zu wagen; aber die Schweden ſchlugen die Stürmenden tapfer zurück, und machten überhaupt mit ihrer Flottille bald den ganzen denſee unſicher.— So gieng es fort bis zum Frieden des 1648. Am 30. September verließ die ſchwediſche Beſatzung auf Mainau unter klingendem Spiel, laut eines Accords, die Inſel. Der See öffnete ſich wieder dem Handel und der Schifffahrt und Alles ſchien das alte harmloſe Anſehen gewonnen zu haben. Doch aber war ſolches nur eine 3 Täuſchung. Die Wunden, durch den langen Krieg geſe brauchten manch' Jahrzehnd, um nur oberflächlich zu heilen. Nicht der dritte Unterthan hatte ein Bett mehr. Vor dem Kloſter Weingarten z. B. lagen, wie Guſtav Schi berichtet, noch in der Winterkälte des Januars 1649, hundert verlaſſene, unſchuldige Kinder und flehten jämmer lich um Brod und Obdach. Auch die mainauiſchen Hausacten wiſſen von Schäder und Wehen zu erzählen.„Betreffend den Selbſtbau in der Inſul“, berichtet der mainauiſche H Landeskomtur im Jänner des Jahres 1638,„kann und ma derſelbe bei ſo ſtarker Haushaltung wenig wenn man wiederumben über Herbſt(davon) ſäät, die Haushaltung davon führet, Almoſen(welches bei ſo ſchweren und theuren Zeiten niemalen abgebrochen, ſondern jederzeit trewlich geraicht worden) ſtattet, kann Ew. Exellenz dero hochbegabtem Verſtand nack ſelbſten gnädig ermeſſen, daß wenig mehr übrig bleibt.“ „Vor dieſem hat man den Dienern in den Geſindt ſtuben jedem 5 kleine ſchwarze Brot täglichs man's aber bei ſo geringem Einkommen und ſchlechtem Fruchtwax nit mehr continuiren konnte, hat ſich jeder, w auch noch, mit 2 Brot täglichs contentiren müſſen.“ „Zu Allmansdorf und Dinzelſtorff liegen beide Kelnhöff, wie auch andere güether, ſodann zu Oberndorff und Lüzelſtetten etliche Höff ganz wüſt; davon ſeyndt 35 jeden orts etlich tauſend ackers vom Hauß aus angeblümt worden, weil aber dieſelbe durch die vorigen Innhaber wegen beſchwerlichen lang gewehrten kriegsläufen(und weil ihnen ihr Vich und Roß vil underſchidliche mahl, ſowohl von Freundt als Feindt genommen) nit der gebür nach gebawen werden mögen, 1 man die mitel auch noch nit hat, ge— v. Tung zu verſehen, mag der nutzen twa auch wenig thun. Zudem ſo ſeyndt die wegen der großen Hiz noch gar dahinden t mancher den Saamen nit mehr bekommen. ein gueter theil felder von hanen anblümt worden, es gehört aber der Zehnden daſelbſten dem groß und kleinen Spitel und dem Gotteshauß Reichenau.“ „Zue Egg ſeyndt unter wehrender Konſtanziſcher Belä ndt die Mühle daſelbſten neben dreyen Heußern und einer Scheuer abgebrannt worden.“ ſtetten ſeyndt die Underthanen under erſt gemelter Belägerung auch günzlich ruinirt und ſpolirt, und als man die Stadt Ratoffzell von Lindau aus plogiren wollen, aber unverrichter ſachen wiederumb abziehen müeßen, KNat§Sor hat der Feir t dem kayſ. volckh nachgeſezt, ſelbiges bey und umb Lizelſtetten erdapt, theils beſchedigt, theils gar nieder gemacht, und 11 Häußer in brandt geſteckt.“ „Zue Dingelſtorff hat es der Underthanen halben 92 9 ⏑ιι 36 eine gleiche bewandtnuß wie oben, und ſtehen daſelbſten auch underſchidliche Heußer ganz öd und wüſt.“ „Zue Tetingen und Walhaußen ſeind vor dieſem uff die 60 bis 70 Underthanen geweſt, unizo befinden ſich noch 20 daſelbſt; und ſeindt dieſelbe der feindts gefahr, als die weit entſeßenen, am aller mehriſten underworfen ge weſen. Zue vorgemeltem Tetingen ſtehen uff die 27 Heußer ganz öd, ſo von niemanden bewohnt werden.“ „Zue Walhaußen ſeind bey wehrender feindlicher Belägerung der Stadt Konſtanz, uſſerhalb dreyer Heußer, alle übrigen ſambt dem Torckhel-(Kelter) verbrennt worden.“ „Der Hof zu Mülhalden ligt gleicher geſtalt ganz öd und wüſt und von niemanden bewohnt.“ „Zue alten Burg und Neuhauß hat es vor dieſem aigne Haußhaltungen, Knecht und Mägt, Roß und vich und ſtattliche Aeckher, Gebäu, ja ſogar bei gemelter Burg eine aigne Sennerey gegeben, deren roß und v h, wie auch uff die 200 wägen mit heu alles in feindts handt kommen. Die Güeter ligen nun von etlichen Jahren her öd und wüſt und können dieſelbe wegen Mangel der Vorlagen(Aus lagen), item wegen Mangel an Leuten und roſſen nit gehörig gebawen werden, ſondern müſſen beede mit einem paar Ehevolkh(Dienſtboten) beſtellt werden.“ „Durch das langgewehrte Kriegsweſen ſeind vil Under thanen verjagt, hungers geſtorben und verdorben, und was noch übrig gebliben, hat der liebe Gott hernach durch die n 21 laidige contagion(Peſt) hinweg genommen. Welches ver urſacht, daß bey ſo wenigen Leuten die Reben nit mehr alle gebawen werden mögen, und ligen ſonderlich zu Dingelſtoff, Tetingen und Walhaußen ein gueter theil reben von etlichen jahren her ganz öd und wüſt, und es ſihet ihme gleich, es werde noch kein aufhören ſeyn; denn ein armer Rebmann, der aigne reben hat und wolt dieſelbe gern bawen, hat dabey nichts zu eſſen. Wann er nun Weib und Kinder mit ehren vortbringen und erhalten will, wirdt er getrungen, andere reben anzunehmen und die ſeinen wüſt ligen zu laſſen. Baut aber der gemeine mann ſeine aigne reben und gibt den Wein uff rechnung, ſo wirdt beſagte rechnung bey gueten Jahren alſo ſpottwolfeil gemacht, daß er das ganze Jahr ſein müeh und arbeit ſchier vergeblich anwendt und nichts damit ausrichten kann.“ „In guten Jahren hat man allezeit bey dem newen Hauß einen aignen Ziegler gehabt; weil aber die mitel anjezt hiezue mangeln, hat man damit, wie auch noch, innhalten müeßen. Interime aber gehen die Dächer, ſowohl bey dem hauß Maynau, Burg, Newenhauß, Rohhaußen und andern Orten übel zue grundt; und wären auch unter ſchidlicher orten allerhand baufelligkeiten bei beſagtem hauß Mainau zu repariren, welches man alles wegen mangel der Vorlagen einſtellen und allein dahin ſehen muß, wie das Haußweſen und der Rebbau vortgebracht werden möge. Sintemalen man alles, was man zur menſchlichen notdurft loſung hat, als den Wein, mehr vorhanden.“ „Vor dießem hat es zue Al Lizelſtetten 8, zu Dingelsdorf 13 Züg gehabt, anizt kann man vonnöthen, tewer erkaufen m in welchem gar lmo. menſtor in in den Obern Gerichten nit deren 13 zuſammenl nbringen; und Roß alſo beſchaffen, daß wann ſie einen te gehen oder andere arbeiten verrichten, de tag wiederumben raſten müeßen.“ „Bey dem Hauß allhier befi ſich 1 ſtuckh Vich, jungs und alts, 91842 3 0 allein mit rowem und ſaurem heu bel keinen haber haben.“ „Die Zehenden zue Jetenhauſen, Ober raderach und Lewenthal haben etlich jahr h ertragen; ligt alles ohngebaut. Lewenthal und verbrannt, die andern in Grund ruinirt, die und verdorben, und die wenigen übrig gebliebe laidige Peſt dezimirt.“ „Im übrigen werden die Underthanen faſt von den fremden mit geiſtlichen und weltlicher ſtarkh tribulirt; es will eben nie geduld tragen. Das verurſacht, luſt, und wann nit bald remed tribulationen inngehalten wird, mand mehr mit irt und mit de der mehrertheil daß ſie zu hau Hauß und Hoff verlaſſen und darvon ziehen müeßen. Man will die langgewehrte Kriegspreſſuren und den ruin, da man doch die unmöglichkeit vor augen ſihet, gar nit in obacht nehmen und conſideriren.“ „Im Wein iſt faſt gar kein vertrib, und wird von den ten aller orten ein ſolcher Spott darauf Kauf- und Handelsle gelegt, ſonderlich wo ſie wiſſen, daß man gedrängt, daß zu beſorgen, der liebe Gott werde uns noch alle ſtraffen, daß 7 alſo verachtet. Die vermöglichſten Unterthanen, ſonderlich in obern Gerichten, haben faſt alle etwas wenigs Wein in kellern, und wo einer in die Stadt Konſtanz etwas ſchuldig iſt und erbietet ſich, daran Wein zu geben, ſo hat gemelte Stadt ein Statutum gemacht, daß kein Burger fürderhin Wein mehr hinein führen darf. Wie 7000 fueder wein in die Stadt kommen und ſonſten noch ein ſchöner Vorraht an altem Wein vorhanden ſein. Die weil aber die Unterthanen kein ander mitel als den Wein haben, derſelbe aber für dißmal nit angenommen, noch anderen orten verkauft werden kann, ſo werden ſie obenge ſener maßen umb die baare Bezahlung tribulirt.“ „Dieweil man den Unterthanen von dem hauß Maynau im ſuccuriren die mitel nit hat, werden ſie nothgedrängter weif verurſacht, die Hülf anderer orten zu ſuchen, welches aber mit ihrer der Unterthanen großer beſchwerd geſchieht; dann wenn man weißt, daß man gedrängt, wird keinem nichts vorgeliehen, wenn der Verleiher nit doppelten oder profit dabey hat, und wann einer mit Weib und Kind nit hun ger und mangel haben und leiden will, mueß 8 NVor weniag Macken Iundem Sor jol dieſen weggeben. Vor wenig Wochen hat zudem l Gott in den obern und unterr Gerichten eine Krankheit unter das Vich verhängt, daß daßelbe gällig word„ und ein gueter theil entweder mit ſch aden, oder noch etwas wenigem nutz weggeſchafft werden mueßte.“ „Demnach wird E. Ex. auß obengezogenen Punckten dero hocherleuchtem Verſtand nach ſelbſt gnädig erm ſſen können, weil bey aller orten mangelnden Zinß un nRalngk gefällen, abgang der Reben und Vel nd Velder, mangel der Leute Roß, Vich und anderer Nothwendigkeiten, die Schuldigkeit wie zuvor nit mehr erſtattet werden kann verlich man 11 kerlich man bis dato gehauſet und noch hauſet; außer deß geringen Selbſtbawes in der Inſul und nd etlich außerhalb an gebliembten Jaucherten ackhers, ſonſten einig nit vorhanden, ſondern alles durch verkauffung deß Weins, bey dem ganz und gar kein vertrib, zuwegen gebracht werden mueß. Anno 1636, weil die Früchten aller orten ſo ibel gefehlt, hat man für die Haushaltung beynah ein halb jahr alles bis zur erndt erkaufen und in hohem geld be zahlen müeßen. Mit Früchten ſeind wir dem ungefähren Ueberſchlag nach noch bis in Monat Aprilen verſehen, her nach wird man uff mitel bedacht ſein, woher man die fernere Vorlag nehmen wolle.“ 11 „Aus dem Ambt Blumenfeld iſt ſeit Anno 1631 an Geld und Früchten nichts, als ferndt und dieß jahr etlich wenig Malter hieher geliefert, wie es nun bey ſelbigem Ambt und den Unterthanen beſchaffen, werden E. Ex. uß Herrn Obervogts daſelbſten hie beigelegtem Bericht gnädig vernehmen.“ „Uß dem Ambt Ueberlingen iſt gar nichts hieher ge— liefert, ſondern iſt an Geld und Früchten von etlichen jahren her ſovil nit eingangen, daß die Prieſter umb ihre corpora, und den Herrn Kapucinern ihr wochentlich Almueßen allezeit gereicht werden mögen; wie nun das Einkommen jetziger zeit beſchaffen, das belieben E. Ex. uß Herrn Obervogts zue Hochenfels überſandtem ungefährem Ueberſchlag gnädig abzuleſen.“ „Sonſten kann ich wohl mit Wahrheit ſchreiben“, ſchließt der Bericht,„daß wann einer vor etlich Jahren in dieſem Revier geweſen, und anizt widerumben dahin kommen ſollte, er ſich ſelbſten nit mehr erkennen würde, ſo iſt alles ver wildert und verwachſen.“ Und doch war dies nur der Anfang der Wirren, wie mag es wohl nach dem Jahre 1648 ausgeſehen haben! Einen beiläufigen Maßſtab, wie durch den Eintritt des Kriegs plötzlich alles in's Stocken gerathen, gibt eine Ueberſicht der Mainauiſchen Zinsrodel. Anno 1632 z. B. betrug das Einkommen aus dem komturiſchen Amte Ueberlingen: Held Ririt 53 Pfd. „ Zehend-Veſen. 177 Mltr. „ Zehend-Roggen 104 Mltr. „ Zehend-Haber. 103 Mltr. „ Landgarb-Veſen 13 Mltr „ Landgarb-Roggen 32 Mltr. „ Landgarb-Haber 12 Mltr „ Eiern Drei Jahre ſpäter giengen I noch 25 Malter Getreide ein und baarem Gelde gar nichts. Auch finden wir, daß de Gütererwerb des Ritterhauſes von dem dreißi Kriege an faſt gänzlich aufhört Der Orden im Allgemeinen hatte um jene reits viel von ſeiner politiſchen Wichtigkeit eingebüßt. Nach dem er im Lauf der Zeit zu großen Reichthümern gelanat war und zu Anfang des fünfzehnten Höhepunkt erreicht hatte, gieng es allmählig mit der alter Kraft und Cinmüthigkeit abwärts. Um das Jahr 1229 erbaten ſich die Polen die Hülfe des Ordens gegen die Preußen, welche nach dreiundfünfzig jährigem Kampfe die Oberhoheit der deutſchen Ritter aner kennen und dem Chriſtenthum huldigen mußten. Ein großes Verdienſt haben die tapfern Ritterbrüder um die Germaniſirung der ſlaviſchen Länder am baltiſchen Meere. Als im Laufe des ſechszehnten Jahrhunderts Polen, und das Heldenſchwert dieſe Ländereien eine Beute ders der chriſtlichen Verbrüderungen allmählig ſtumpf und ſchartig geworden, nahm, wie oben erwähnt, der Hochmeiſter ſeinen Sitz in Mergentheim, indem er zugleich die Würde eines geiſtlichen Reichsfürſten bekleidete. Er herrſchte über ein in verſchiedenen Ländern zerſtreut ligendes Gebiet von etwa vierzig Quadratmeilen, abgetheilt in elf Commenden. zeit zu Zeit liehen die Ritter ihre Waffen noch 92 den Kämpfen gegen den gefürchteten, weiter vorrückenden Halbmond. In der zweiten Hälfte des ſiebenzehnten Jahr e Inſel Kandia angriffen, waren die Päpſte eifrig bemüht, die Hülfe der chriſtlichen Potentaten und Herren zu gewinnen.— Papſt Clemens IX wendete ſich im Jahr 1668 den 3. März des D ſchriftlich an den Hochmeiſter des Deutſchordens, Graf von Stadion, mit der dringenden Bitte um baldige Hülfe. Die Art und Weiſe wie dieſem Geſuch entſprochen worden, gibt ein nicht unintereſſantes Bild von der da maligen Wehrverfaſſung des Ordens. Der Hochmeiſter ſchrieb auf das päpſtliche Anſinnen dem Komtur von Elſaß und Burgund, Hartmann von Roggenbach zu Altshauſen:„Obwohl man gegenwärtig im deutſchen Vaterlande ſelbſt ſehr bedrängt ſei und löſchen ſolle, wo das Feuer am nächſten brennt, ſo wäre er doch der Meinung, daß dem Begehren des Papſtes entſprochen ++⏑⏑⏑L 4 0 44 werden ſolle, und zwar mittelſt Sendung einer Kompagnie 2 zu Fuß; eine ſolche aufzurichten komme auf etwa 6000 fl., und zu unterhalten nicht viel über 1000 fl. monatlich. Doch gebe er zu bedenken ob nicht auch dem Wunſche des Papſtes mit einer Geldſendung entſprochen werden könne, da das Anwerben einer Mannſchaft jetzt, wo allenthalben(für d den Kaiſer nach Spanien) geworben werde, ziemlich ſchwierig ſey und viel Zeit erfordere, die Hülfe aber verlangtermaßen ſchnell geleiſtet werden müſſe.“ Der Komtur entſchied für Anwerbung einer Kompagnie von circa 130 Mann,„welches dem Orden am reputierlichſten und auch nützlicher als Geldſendung ſeyn möchte, die, wenn ſie nicht ſehr groß, wenig beachtet und bald vergeſſen ſeyn werde.“— Nach längerm Hin- und Herſchreiben kam endlich die Majora überein, daß der geforderte Beiſtand in einer Volkshilfe beſtehen, und der Offizier, dem die Führung anvertraut werden ſolle, ein mit dem Kriegshandwerk ver trauter Ritter aus dem Orden ſeyn müſſe, ebenſo auch der Fähndrich.— Der ausgeſchlagene Geldbeitrag für Mainau und einige andre Ritterhäuſer betrug 1000 fl. u zwölf Häuſern war Altshauſen nter den das höchſtbetreffende mit 300 fl., das geringſte Kaiſersberg mit 4 fl. 6 kr. Die Kompagnie zu 150 Mann ſammt dem Generalſtab wird im monatlichen Sold zu 733 fl. berechnet, jährlich zu 8796 fl. Anwerbungskoſten per Kopf 18 fl. Am 24. September benachrichtigt der Komtur zu Mainau, der das Werbgeſchäft zu beſorgen hatte, die Komture zu Freiburg, Ludach und Rixen:„daß die von ſämmtlichen Komturen des Ordens bewilligte Kompagnie vollzählig ſey und nächſtens ausmarſchiren werde; er bitte daher um die ausgeſchlagenen, von ihm einsweilen ausgelegten, Geldbei träge, und hoffe, man werde ihn nicht ſtecken laſſen, da ja allerwärts ein guter Herbſt zu hoffen.“ Im November kam die Mannſchaft auf Kandia an. Die Gelder zu ihrer fernern Verpflegung wurden nicht ohne vieles Hin- und Herſchreiben von den betreffenden Com menden ausbezahlt. Unterm 20. März 1689 berichtet der Kompagnie-Chef, Leutenant v. Metzenhauſen, dem Deutſchmeiſter das Zuſammenſchmelzen der Kompagnie auf 154 Köpfe und fragt an, ob man die Mannſchaft nach Ablauf des Jahres zurückziehen oder wegen dringender Gefahr noch ein Jahr belaſſen ſolle e. Von der Commende Mainau ergieng die Antwort:„Die Kompagnie habe zu bleiben und die nöthige Unterſtützung werde fernerhin aus bezahlt werden.“ Als im November deſſelben Jahres die Veſte Kandia durch Kapitulation an die Türken übergegangen, wurde die Kompagnie entlaſſen und nach Corfu eingeſchifft, dem Orden aber von der Republik Venedig für bereitwillig ge leiſtete Hilfe gedankt. Das Korps, nur noch aus 80 Köpfen beſtehend, hatte auf dem Heimzug viel Ungemach und Unglück zu beſtehen. Nachdem es auf dem Meere Schiffbruch ge 3————— 46 handelt worden war, zählte es nur noch 49 Mann ihren Marſch nach Mergentheim nahmen; aber auch dieſe geringe Zahl verringerte ſich bis dahin(wahrſcheinlich durch Ausreißerei) auf einunddreißig Köpfe. Es w beſchloſſen, die Mannſchaft, bedenklicher Zeitläufe wegen, noch ferner auf den Beinen zu behalten und nach Mainau zu ſchicken. Als der martialiſche Zug gegen Ende des Jahres 1670 ſich ſeinem Beſtimmungsorte näherte, fühlte der Oeſter reichiſche Kommandant zu Konſtanz einige Beunruhigung, und ließ auf Mainau anfragen, was es mit dem heran ziehenden Fähnlein von 30 Mann auf ſick habe, damit er ſolches Kaiſerl. Majeſtät berichte. Der Komtur ſetzte den Deutſchmeiſter von der Anfrage in Kenntniß, und machte nebenbei den Vorſchlag, allg mein bedenklicher Zeitumſtände wegen die Inſel wiederum zu befeſtigen und mit Munition zu verſehen. Der Deutſch meiſter erwiderte, die Oeſterreichiſchen Bedenken ſeien be ſeitigt, die Befeſtigung der Inſel aber werde gut geheißen. Die wackern kandiſchen Veteranen zogen alſo in Mainau ein; doch ſcheint ihnen der Friedensdienſt auf dem ſtillen Eilande nur wenig behagt zu haben. Denn ſchon nach einigen Wochen war man genöthigt, die Namen von etlichen Ausreißern in Altshauſen und Mergentheim kein dergleichen hohes O „da in Mainau brigkeits Signum vorhanden“) an den Galgen ſchlagen zu laſſen und andere Mannſchaft dafür zu werben. Trotz der guten Verpflegung und den neuen Uniformen von grauem Tuch glaubten die Unteroffiziere doch Urſache zu haben, ſich beklagen zu dürfen über den Wachdienſt, den ſie in Ermanglung der Gemeinen thun mußten, deren eine Hälfte man nach Mergentheim geſchickt hatte. Und als der„Kompagnie-Feldherr“ wegen gröblicher Inſubordination und weil er ſich ſo weit vergeſſen, den Bedienten des Kom— urs zu prügeln, ſeines Dienſtes entlaſſen und mit Frau und Kindern über den See geſchafft wurde, ſchien man der Soldadeska auf Mainau alsgemach herzlich überdrüſſig. Der Rath zu Mergentheim ſchickte zwar um ſtrengere Zucht einzuführen, die Kriegs-Artikel ad normam, überſchrieben: „Der Kaiſerlichen Majeſtät und heiligen römiſchen Reichs 8 eutſcher Knechten Artikuln, Speyer 1570,“ aber der Kom U U — tur glaubte, daß es beſſer ſeyn möchte, ſich der koſtſpieligen Laſt ganz zu entledigen; in welchem Sinne er ſich wieder— holt an den Deutſchmeiſter wendete. Zu gleicher Zeit(1673) beſchäftigte ſich der Komtur angelegentlichſt mit dem Entwurfe einer Allianz mit Oeſter— reich im Falle eines Bruches mit Frankreich, gegen welches Kaiſer Leopold J1 zu Gunſten Hollands in die Schranken trat. Dem Entwurfe zu Folge ſollte keine andere als kaiſerliche Beſatzung auf Mainau zugelaſſen werden, auf welch letzterer der Kaiſer blos das jus praesidii ohne alle jurisdiction und nicht länger als bis die Gefahr vorüber, 48 haben ſolle.„Müſſe die Inſel befeſtiget werden, ſo habe der Orden nichts daran zu tragen, und nach dem Frieden müſſe alles in statu quo im Zeughauſe hergeſtellt und die Befeſtigungen nicht demolirt, ſondern dem Orden über laſſen werden. Ebenſo ſoll den Rittern die Retirade nach Mainau beſtändig offen behalten werden. Dagegen verpflichte ſich das Haus Mainau, entweder einen Ausſchuß von Unter thanen oder, was am verſtändigſten ſeyn werde, ſein zum ſchwäbiſchen Kreis erforderliches Kontingent einzuwerfen ꝛc.“ In wiefern dieſer Entwurf zur Ausführung gekommen, iſt aus den Akten nicht mehr zu entnehmen. Gewiß iſt aber, daß die Zeitläufe unſerm Eilande keine hervorragenden politiſchen Ereigniſſe weiter zuführten. Die Waffen raſteten und roſteten in den Rüſtkammern, und die Nach folger ſtets kampfbereiter Ritter verlebten auf ihren länd lichen Beſitzungen ruhige Tage in patriarchaliſchem Wohl befinden, was bei der geringen Zahl von Unterthanen und einfachen Verwaltung niemals durch große Regierungsge ſchäfte unterbrochen wurde. Im Ganzen kann das deutſchordendſſche Regiment ein mildes genannt werden. Die Unterthanen waren„eigen“ und zu beſtimmten Frohnden verpflichtet. Sie hatten aber ſonſt wenig Abgaben und immer reichliches Almoſen und Unterſtützung an Geld vom Ritterhauſe zu erwarten. Bis zur Aufhebung der Commende wurde alle Samſtage das „wöchentliche Almoſen“ auf der Inſel ausgetheilt; und weil die großen Einkünfte in ſpätern Friedenszeiten ſtets viel baares Geld übrig ließen, ſo erhielt der Bauer auf einen guten Leumund hin Vorſchüſſe und Kapitalien geliehen, die ihm, wenn er richtig zinste, nicht ſelten theilweiſe geſchenkt wurden. Beſonders wird in dieſer Hinſicht einer der letztern Komture gerühmt, der„Graf Fidele“ von Wurzach. Der Wahlſpruch dieſes guten Herrn war„leben und leben laſſen.“ Als er einſt in den großen Landkomturkeller kam, und der Kellermeiſter in unterthänigſter Ehrfurcht fragte:„was Ihro Gnaden für einen Wein zu trinken wünſchten?“ antwortete der gnädige Herr ironiſch:„Aus deinem Fäßle!“ Die Revenüen aus Gefällen und Zehenten ꝛc.(den Ertrag des Selbſtbaues ungerechnet) ſollen jährlich 30,000 fl. abgeworfen haben. Die Komture ſaßen allein mit ihrer zahlreichen Dienerſchaft und den Beamten auf der Inſel. Im Schloſſe herrſchte große Gaſtfreund— ſchaft, und Gäſte von Konſtanz und den umligenden Edel⸗ ſitzen waren jederzeit willkommen und trefflich bewirthet. Und daß es dabei nicht an gutem Humor gebreche, dafür ſorgte unter Graf Fidele der Narr„Baron Quacker“. Dieſer launige Kautz, ſo erzählt man, hatte eine große Vorliebe für Katzen, deren, zur Sicherung der reichen Frucht— ſpeicher und Vorräthe, ein ganzes ſtehendes Heer auf der Inſel unterhalten wurde. Er wußte dieſe Thiere durch natürliche Sympathie ſo an ſich zu locken, daß ſie ihm 50 dutzendweiſe bis vor das Thor das Geleite gaben, wenn er ausgieng, um für die Herrſchaft Botengänge zu machen. Die Verwaltung der kleinen Landſchaft war eine ſehr ein fache, familiäre. Der Ammann hatte keine Ortsdiener; wenn gefrohndet werden ſollte, begab er ſich bei Tagesan bruch vor die Häuſer der Pflichtigen, wo er mit einem Pfiff und Namensruf den Unterthan zur Frohn in die [Mainan beorderte. Die verſchiedenen ordenſchen Hofgüter wurden durch ſog. Bauleute auf Rechnung der Herrſchaft umgetrieben. Die Handwerker und Dienſtboten auf der Inſel erhielten an Geld wenig Lohn, wurden aber dafür mit allem nöthigen Lebensbedarf auf das Beſte verſehen. So große Verdienſte die frühern Deutſch-Ritter um Ausbreitung chriſtlich-germaniſcher Kultur und Sitte ſich erwarben, ſo wenig geſchah unter den ſpätern behaglichen Herren für höhere Intereſſen der Nation; obwohl es ihnen weder an Muße noch Mitteln gefehlt hätte, für Kunſt und Wiſſenſchaft und Anderes thätig zu ſeyn. Doch, in 3 einer Zeit, wo der Nationalhorizont in allen Theilen ſo wäſſerig U 8 und trübe geworden, wie im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert der deutſche, wird man billigerweiſe nicht verlangen wollen, daß es an einzelnen Punkten ausnehmend hell und ſonnig ſeyn ſolle.— Nachdem der Orden alle ſeine politiſche Bedeutung verloren hatte, waren die Commenden lediglich nur noch große Gutsverwaltungen mit gewiſſen Hoheitsrechten gegenüber der zugehörigen B evölkerung. Di Die folgereichen Weltereigniſſe zu Anfang unſeres Jahr— D hunderts nöthigten auch den Deutſchorden, mit vielen iel Andern abzutreten vom vielgeſtalteten Nationaltheater. Der Preßburger Friede brachte ihn um ſeine Selbſtſtändigkeit. Die Mainau ſammt dem zugewendeten Ordensgebiet kam an das Haus Baden. Der letzte Komtur zu Mainau war Konrad Joſeph Sigmund Reich von Reichenſtein-Brombach. Er ſtarb im zweiundſiebenzigſten Altersjahr, am 30. Auguſt 1817, und ligt nicht, wie ſeine Vorgänger, in der Mainauer Gruftkapelle begraben, ſondern, gemäß ſeines letzten Willens, auf dem Kirchhofe zu Almansdorf. Ein einfacher Stein außen an der Kirchenmauer bezeichnet ſein Grab. In einem Zeitraum von fünfhundert und dreiund— dreißig Jahren(1272 bis 1805) reſidierten auf der Inſel ſechsundſechszig Komture, in nachfolgender Ordnung. I. Frater Rudolf v. Schafhus, Komt. und Landkomt. v. J. 1264— 1272(zu Mainau). II. Frater Ulrich v. Jeſtetten, Komt. v. J. 1291 bis 1295. III. Frater Joh. v. Klingenberg, Komt.— 1301. IV. Frater Eberhard v. Steckborn, Komt.— 1307. V. Frater Wolfram v. Nellenburg, Komt.— 1316. VI. Arnold v. Langenſtein, Komt.— 1319. Heinrich v. Dettingen, Komt.— 1327. 52 VIII. Ulrich v. Königsegg, Komt.— 1350. IX. Rudolf v. Homburg, Komt.— 1357. X. Gottfried v. Homburg, Hauskomt.— 1357. XI. Eberhard v. Königsegg, Komt.— 1365. XII. Joh. v. Rothenſtein, Komt. 1873. XIII. Wilh. v. Seckendorf, Hauskomt.— 1387. XIV. Rudolf v. Randegg, Komt.— 1394. XV. Heinrich v. Schletten, Land- und Komt.— 1401. XVI. Stephan Strowin, Hauskomt.— 1402. XVII. Jakob v. Blumberg, Hauskomt.— 1424. XVIII. Kaspar v. Möckingen, Hauskomt.— 1428. XIXX. Marquard v. Königsegg, Landkomt. und Komt. — 1429. XX. Rudolph v. Rechberg, Conventualis 1432. XXI. Otto v. Hörnlingen, Hauskomt.— 1433. XXII. Joh. v. Mülhauſen, Hauskomt.— 1436. XXIII. Wilh. v. Helfingen, Komt.— 1450. XXV. Hans v. Iſchall, Hauskomt.— 1450. XVV. Herm. v. Luternau, Hauskomt. 1452. XXV.I. Burkard v. Schellenberg, Land- und Hauskomt. — 1453. XXVII. Georg v. Neuhauſen, Komt.— 1471. XXVIII. Georg ev. Homberg, Hauskomt.— 1482. XXX. Wolfgang v. Klingenberg, Land- und Hauskomt. — 1484. XXX. Bernhard v. Helmsdorf, Hauskomt.— 1494. XXXI. XXXII. XXXCIII. XXXVi. XXVNVV. XXVXVVI. XXXVII. XXVXVVIII. XXXX. XL. XII. XLII. XLIII. XLIV XLV. XLVI. XLVII. XLVIII. XIIX. 1518. Hans Heinr. Vogt v. Summerau, Komt.— 1537. Sebaſtian v. Stetten, Komt. Sigmund v. Hornſtein, Komt.— 1545. Franz v. Fridingen, Komt.— 1553. Ludwig Walter v. Pleideck, Hofmeiſter— 1558. Wolfgang v. Hohenegg, Komt.— 1562. Sigmund v. Reinach, Hofm.— 1567. 157 Werner Schenck v. Staufenberg, Komt.— 1579. 1584. 1589. 1592. Jakob Gremblich v. Jungingen, Komt.— 1615. 1619. Kaſpar v. Stadion, Land- und Komt.— 1626. Philipp Albrecht v. Berndorf, Komt. zu Mül hauſen und Statthalter zu Mainau— 1628. Joh. Jak. Rauch v. Winada, Hofm. Joachim v. Bubenhofen, Hofm. Georg v. Gemmingen, Komt.— Chriſtoph Thumb v. Neuburg, Komth.“ Hans Chriſtoph v. Ramſtein, Hofm.“ A Joh. Werner Hundbiß v. 1647. Philipp Albrecht v. Komt. 1660. Waldrams, Komt. Berndorf, Land- und Georg Chriſtoph Rinck v. Baldenſtein, Haus— 1673 Roggenbach, Land— komt., nachher Komt.— 1688. Joh. Hartmann v. 1674. und Komt.— Melchior Heinr. v. Grandmont, Komt.— 1689. LII. Joh. Adam Speth, Freih. v. Silzburg, Haus komt.— 1710. LIII. Joh. Karl Freih. v. Schönau, Statthalter zu Mainau 1712. LIV. Georg Balthaſar, Freih. v. Weitersheim, Komt.— 1717—1720. LV. Joh. Karl, Freih. v. Schönau, Statth.— 1720. LVI. Franz Anton, Freih. v. Reinach, Komt. 1721—173 LVII. Reinhard, Freih. v. Schönau, Komt.— 1736. LVIII. Servat Ignaz, Freih. v. Roll zu Bernau, Komt. 1787. LIX. Friderich, Freih. v. Baden, Komt. 1745 bis 1751. LX. Jak. Joſeph Ignaz, Freih. v. und zu Hagen bach— 1756. LXI. Beat. Konr. Philipp Friderich, Freih. Reuttner v. Weil, Landkomt.— 1785. LXII. Franz. Nik. Fridolin, Freih. v. Schönau— 1792. LXIII. Freih. v. Ramſchwag 1792. LXIV. Franz Peter, Freih. v. Lerchenfeld— 1795. LXV. Franz Fidel, Erbtruchſeß, Reichsgraf v. Wald burg zu Zeil-Wurzach— 1802. LXVI. Konrad Joſ. Sigmund Reich v. Reichenſtein Brombach, Komt.— 1805. „. Im Jahr 1827 kam die Inſel durch Kauf an den Fürſten Eſterhazy, und nach deſſen Ableben(1830) in den Beſitz ſeines Sohnes, Freiherrn Nikolaus v. Main au; und als auch dieſer(1839) das Zeitliche geſegnet, wurde(aut Ver trag vom 18. Auguſt deſſ. J.) die Frau Gräfin Katharina v. Langenſtein Beſitzerin, welche(8. Juni 1850) das ſchöne Gut ſammt aller Zugehörde ihrer Tochter, der Frau Gräfin Luiſe v. Douglas käuflich überließ.— Nach dieſem ſchnellen Wechſel des Beſitzes fiel dem reizenden Eilande das Loos auf das Lieblichſte: es wurde, nach Uebereinkommen vom 12. Oktober 1853, Eigenthum Seiner Königlichen Hoheit, des durchlauchtigſten Prinzen und Regenten Kriderich von Baden. Der Flächeninhalt des Inſellandes beträgt 110 badiſche Morgen, wovon gegenwärtig etwa achtzig Morgen ange blümt ſind. Das Ganze bildet eine eigene Gemarkung, zur Gemeinde Almansdorf, Bezirksamts Konſtanz, gehörig. Wenn der Wanderer am klaren Tage über den waldigen Rück, von Lüzelſtetten her kommt, ligt der wellenumſpülte Luſtgarten, ein grüner Smaragd auf ſilberglänzendem Schilde in geringer Entfernung vor ihm zu ſeinen Füßen. Den Vordergrund bilden die Felder und Obſt bäume der Lizelſtetter Gemarkung, links und rechts ziehen die vaterländiſchen Ufer hin, und im Hintergrunde ſchauen die ſchneeigen Alpen, Haupt an Haupt, rieſig groß über die weitgedehnte Waſſerfläche. 56 Ein hölzerner Steg, über fünfhundert Schritte lang, führt vom Ufer der Landzunge zur Inſel. Der See hat in dieſer Richtung eine Untiefe, ſo daß bei niedrigſtem Waſſerſtand der feſte Grund zum Vorſchein kömmt. Links vom Steg erblicken wir im See ein großes und zwei kleinere metallene Kreuze, an erſterem den Heiland, an den beiden andern die Schächer; laut einer Inſchrift im Jahr 1555 vom Komtur Schenck v. Staufenberg„Jeſu Chriſto geweiht“, nach einer Tradition wegen glücklich voll brachter Meeresfahrt. Dieſes Denkmal hat ſich der Staat allein beim Verkaufe zum bleibenden Eigenthum vorbe halten.— Nach einer Sage wollten die Schweden die drei veden die Kreuze mitnehmen; ſie brachten ſie aber mit ſechs Roſſen nicht weiter, als bis an den Lizelſtetter Berg. Später ſchafften ſie Bauern mit zwei gewöhnlichen Ackergäulen — leichter Mühe wieder an ihre alte Stelle. In de Stege war früher eine Fallbrücke angebracht. Steges, nahe am ſchilfigen Ufer, Am Ende des wohnt der Lauenführer(Fährmann), deſſen Geſ chäft es iſt, auf einem Lauen(Floß) ankommende Chaiſen und Pferde, beim Hochwaſſer wohl auch Fußgänger, über zu ſetzen. Zugleich iſt der Lauenführer ein gelernter Fiſcher, dem die ringsum zur Inſel gehörige Fiſchergerechtigkeit Gelegenheit zur Ausübung ſeines Handwerkes gibt. Neben der Fährmannswohnung, unter alten Bäumen, hält der Patron der Schiffsleute und Fiſcher, der hl. Johann von —..—————— 8— 5 Nepomuk, in Stein ausgehauen, Schildwache; ein ver⸗ wittertes Wappen am Fußgeſtell deutet auf Komtur Johann Hartmann v. Roggenbach(1647).— Von hier führt der Weg zwiſchen Obſtbäumen, zuerſt über ein flaches wohl angebautes Vorland, dann mittelſt Treppen aufwärts, wo ein einfaches Luſthäuslein, der Vogelherd(noch aus der zeit des Ordens), von der Höhe ſchaut. Hier, auf der Bank unter ſchattigen Kaſtanien, mag der Wanderer eine kurze Raſt ſich gönnen zur erſten Ueberſchau. Das nahe Horn bei Lüzelſtetten zur Linken, öffnet ſich gen Nordweſten die Bucht des ſchönen Ueberlingerſee's, deſſen Einfahrt die Mainau majeſtätiſch überwacht. Von Punkt zu Punkt, von einem zierlichen Bilde zum andern, ſchweift der Blick, bald mit dem weißglänzenden 2 el des Schiffleins über die ruhig ausgebreitete Fläche, Ses bald mit dem einſamen Fluge des Reihers in hoher Luft über Berg und Wald, zu den grauen Felſen um Sipp⸗ lingen und Goldbach, über die gelben Kornfelder bei Ueberlingen und Seefelden, zu den ſtillen Waldhöhen des Linzgaus, dem luftigen Gipfel des Heiligenbergs und zu dem Thurm von Hochbodman, oder wo tief am ſonnigen Geſtade Maurach ruht mit ſeinen friedlichen Nachbardörfern; dann zurück zur nächſten Umgebung: zu Füßen, das geräumige Vorland der Inſel, ſeine blumigen Wieſen, Gehölze und geſegneten Waizenfelder; über den Steg nach dem lang gedehnten grünen Buchwald von St. Katharina und wo auf vorſpringendem Horn das friedliche Lüzelſtetten ſich darſtellt. Doch, ſo gerne wir lange betrachtend hier verweilen möchten— es zieht uns weiter, wo aus dem Grün der Büſche und Bäume alte Mauern und Thürme hervorſchauen zu dem„veſten Haus“, dem„hläſierlichen Schloß“. Ueber den Rücken der Anhöhe führt der Weg dahin. Vor dem Thore, welches in den ringsabgeſchloſſenen Hof führt, zur Linken ligt die Pächterswohnung mit ihren Nebengebäuden und einem Brunnen. Das jetzige Wohn haus hieß zu Ordenszeiten der Einſatz, und diente zur Ueberwinterung der Topfpflanzen.— Eine feſte Brücke führt ſodann über den maleriſch bewachſenen We llgraben, /wo als Thorwächter ein maſſiver Rundthurm ſich erhebt, aus deſſen zwölf Fuß dicken Mauern und weit klaffenden Schießſcharten dereinſt dem Feinde ein unhöflicher Gruß entgegen donnern mochte. Das geräumige Thor gebäude beherbergte früher das orden'ſche Oberamt und die Beamten. In dem ſüdlichen Theile wohnte der Hofrath. Unter dem Thorbogen links wurde vom Thorwart eine Wirthſchaft betrieben. Er erhielt von der Herrſchaft, für welche er in der holzgetäfelten Wirthsſtube Wein aus ſchenkte, den ſog Maaßpfennig. Abends wurden die Thore geſchloſſen. Innerhalb des Hofes, etwa fünfzehn Schritte vom Thorgebäude, ſtand ein zweiter Thurm ebenfall ſchließbar mittelſt eines Thors.— Gegenwärtig dient das 8 ver 4 4. 59 ganze Gebäude zum Gaſthaus zur„Inſel Mainau“, in dem der Ankömmling alle wünſchenswerthe Bequemlichkeit und die beſte Bedienung findet. Der älteſte Theil des Hauſes gehört dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an; das Ganze ſcheint im Jahr 1626, unter Komtur Caspar v. Stadion, repariert und durch Anbauten erweitert worden zu ſeyn. Eingetreten in den Schloßhof, überraſchen uns die lieblichſten, größtentheils unter dem jetzigen durchlauchtigſten Beſitzer angelegten Gartenanlagen. Hier, wo früher weit— läufige Gebäulichkeiten, zwei Bauernhäuſer, Stallungen, Weintrotten ꝛc.(unter Fürſt Eſterhazy 1828 abgetragen) alle Ausſicht hemmten, ſehen wir einen kleinen Feengarten mit den anmuthigſten Fernſichten. Wir wandeln in einer Gallerie der zierlichſten Landſchaftsbilder und Seeſtücke, lche durch die Lichtung der Geſträuche, und eingefaßt von Be⸗ we ihrem grünen Rahmen, im Zauber einer wechſelnden leuchtung uns entgegen ſchimmern. In der Mitte, von Blumenbeeten und Roſenbüſchen umgeben, plätſchert ein Springquell und füllt ein ſteinernes Baſſin. Sein Urſprung ligt außerhalb der Inſel, im benachbarten Walde von St. Katharina Nachdem wir hier eine Weile auf das Angenehmſte verträumt, wendet ſich unſere Aufmerkſamkeit dem ſtolzen Schloſſe zu, welches in großen Dimenſionen die Stirne der Inſel bekrönt. Mit der Hauptfagade nach Oſten, ſchließt RRFRRRRRRRr 60 es mittelſt zwei weſtlich laufender Flügel einen weiten Hof von drei Seiten rechtwinklig ein. Es iſt aus rothem Sandſtein im Style des vorigen Jahrhunderts erbaut, nach dem Plane des komtur'ſchen Baudirectors Johann Caspar Bagnato zu Altshauſen. Nach der Jahreszahl im öſtlichen Giebel der Hauptfaçade wurde es vollendet im Jahre 1746. Das weſtliche Giebelfeld enthält die Wappen der Bauherrn. Das erſte links, dem Komtur Servat Ignaz von Roll zu Bernau gehörig, be deutet, daß unter dieſem Komtur der Bau angefangen worden; das zweite überraſcht uns durch ein bedeutungsvolles Zuſammentreffen. Es weist auf den Komtur, unter dem das Schloß ſeine Vollendung erhalten— Friderich von Baden— zugleich der Name des jetzigen durchlauch tigſten Herrn und Beſitzers. Ueber beiden Wappen ſchilden iſt ein drittes, den damaligen Deutſchmeiſter Auguſt Clemens, Prinzen von Baiern, repräſentirend. Wenn der mainauiſche Komtur Friderich von Baden auch keiner Blutsverwandſchaft mit den berühmten Ahnen unſeres erlauchten Fürſtenhauſes ſich rühmen konnte, ſo ſtanden ſeine Vorfahren doch in enger Beziehung zu ihnen. Er ſtammte nämlich aus dem breisgauiſchen Edelgeſchlechte von Baden, welches einen weiß und ſchwarz gewürfelten Schild im Wappen führte. Es verdankte ſeinen Urſprung einem Dienſtmanne der Herzoge von Zäringen, mit deſſen Beneficium der Wachedienſt auf der Burg Baden bei Weiler(daher„Badenweiler“) verbunden ſeyn mochte. Denn dieſe Burg gehörte zu den älteſten Beſitzungen des zäringiſchen Hauſes, und die Familie von Baden zu dem älteſten Dienſtadel deſſelben, wie die von Rockenbach. 1122 be 1450 er⸗ Urkundenzeugen die Schon unter Herzog Conrad(von ducis als Badin et ſchienen ex hominibus ministeriales Heinrnicus de Nernherus de Roggenbach, und 1260 nannte ſich Ulrich v. B. bereits miles(Ritter). Nach dem Erlöſchen der Zäringer war die b aden'ſche Familie mit der Herrſchaft Badenweiler an die Grafen von Freiburg geerbt und erwarb ſich nun im obern Breisgau verſchiedene Lehen, zu Liel aber ihren bleibenden Sitz. Unter dieſen Lehen befanden ſich namentlich auch hach bergiſche, und als die Herrſchaft Badenweiler mit dem hachbergiſchen Erbe an das markgräfliche Haus Baden fiel, erſchienen die Herrn von Baden ſofort als badiſche Dienſt— und Lehenmänner. Schon 1413 befand ſich Albert von Baden im Ge—⸗ folge der Markgrafen Bernhard auf dem Concile zu Kon— ſtanz, während ein anderer Albert v. B. 1439 als Statthalter des Markgrafen Wilhelm von Hachberg, und Rudolf v. B., welcher Johanniter-Komtur zu Heitersheim war, 1474 als Statthalter des Markgrafen Karl von Baden, den Intereſſen des b adiſchen Hauſes dienten. Im übrigen gehörte die Familie von Baden zum breisgauiſchen 32 Ritterſtande, deſſen Directorium wiederholt an ihre Glieder gelangte, wovon der letzte 1830 zu Freiburg verſtarb). Um nun in den Bau des Komturs Friderich zu ge langen, melden wir uns beim herrſchaftlichen Verw alter, der ſeine Wohnung im untern Geſchoſſe des nördlichen Flügels hat. Die Stiegenhäuſer befinden ſich in den beiden Seitengebäuden. Im Ganzen enthält das Schloß zwei Sääle ſiebenundfünfzig Zimmer mit elf ſonſtigen Räumlichkeiten an Küchen und Kammern u. ſ. w. Das zweite Stockwerk enthält die fürſtlichen Wohngemächer, deren eine Reihe in nördlichen Flügel für den zeitweiſen Aufenthalt Seiner Königlichen Hoheit des R egenten auf das Geſchmack vollſte neu eingerichtet iſt. Die Fenſter dieſer Zimmer haben die h auf den Ueberlingerſee und ſeine Ufer. Dort am fernſten Punkte gen Norden, Sipplingen und ſeine N errliche Ausſicht colaßwände, von welchen der weitſichtbare Haldenhof und die gebrochene Burg Hohenfels, niederſchaut die Heimath des Minneſängers Burckhard von Hohenfels; herwärts, hart am See, das weißſchimmernde Felshorn mit ſeinen räthſel haften Heidenlöcher n, die Mauern und Thürme der alten Reichsſtadtt Ueberlin gen, das Dörflein Nußdorf, ſtattliche g irnau— im Hintergrund der hohe Waldkopf Schloß Maurach und auf freiem Hügel die Kirche Neub Y Mittheilungen von Dr. Joſef B bei Pfaffenhofen mit den Trümmern der Burg Kapellinz, deren Stelle fernehin drei große Fohren bezeichnen, die bei Durchholzung des alten Forſtes auf Befehl Seiner Groß— herzoglichen Hoheit des Markgrafen Wilhelm ſtehen geblieben; rechts einſam in die Luft ragend der runde Thurm von Hochbodman, wa einſt ein Zweig des Ge— ſchlechts von Bodman hauste, und oberhalb Frickingen RRRRRrr zwiſchen Heiligenholz und Heiligenberg ein erhabener Wald gipfel, die Schanzen genannt, wohin, nach einer Tradi⸗ tion, ehemals bei Feindesgefahr die umligenden Bewohner durch Feuerſignale berufen wurdenz ſodann im Verlauf des Bergrückens, Altheiligenberg, die zerfallene Veſte, und ein weiß glänzender Punkt auf dunkelm Grunde, Heiligen— berg, das herrliche, an Erinnerungen reiche Fürſtenſchloß; endlich weiter öſtlich das Höchſte auf demſelben Höhenzuge, welchen Platz(mit prachtvoller Fernſicht) eine, vom höchſt ſeligen Fürſten Carl Egon von Fürſtenberg errichtete Pyramide krönt. Oberhalb erblicken wir noch den Hof r Lichteneck, den höchſten Punkt im Seekreis. Von den Zimmern, die wir durchſchreiten, enthält das eine(das Eckzimmer) noch Reſte ehmaliger Decorirung, es ſind in Oel gemalte Tapeten mit idyliſchen Darſtellungen im Geſchmacke der Zeiten Ludwigs XIV. Die meiſten Zimmer aber hatten Sammettapeten von verſchiedenen Localfarben, oft mit Gold und Silber durch— wirkt. Die Vorhänge waren ſchwere Seidenſtoffe, 8 b0 Möbel maſſiv von Mahagonie und Nußbaum. Etwas ſehr Schönes, was noch aus alten Tagen vorhanden, ſind einige gut erhaltene Oefen in den eigentlichen Wohngemächern Seiner Königlichen Hoheit des Regenten. Sie ſind wahrhafte Kunſtwerke und um ſo höher zu ſchätzen, 5 als ſie eine, in unſerer Zeit gänzlich vernachläſſigte künſt leriſche Technik im Fache der Töpferei repräſentiren. Auf weißglaſirten Kacheln ſehen wir in meiſterhaft gezeichneten blauen Umriſſen und Schraffirungen Scenen aus dem Kriegs- und Jagdleben, dazwiſchen Figuren aus der ältern und mittlern Geſchichte). Der Verfertiger iſt ein Hafner, der(wohl mit mehreren Gliedern einer Künſtlerfamilie) zu Ende des ſiebzehnten oder zu Anfang des folgenden hunderts in Steckborn lebte? Jahr Bei dieſen trefflichen Werken von der Hand eines Töpfers drängt ſich unwillkührlich ein Vergleich auf zwiſchen den kunſtfähigen Gewerken des Mittelalters, der Renai ſſance und denen der Neuzeit. Zu weſſen Gunſten wird wohl das Urtheil ausfallen? Sicherlich nicht zum Vortheil der Letzteren. Die gemeine [Routine, das fabrikmäßige Raffinement iſt allerdings *) Aehnliche Oefen fanden ſich vor kurzem noch in dem hauenſteiniſchen Schloſſe Gurtw eil, ſo wie an manch' andern Orten der oberen Gegend. *) Es wäre von Intereſſe, Näheres von dieſem Meiſter zu erfahren. 4 heut zu Tage ungleich mehr, faſt bis zum Aeußerſten, aus⸗ gebildet, aber im eigentlichen Kunſt- und Geſchmacks— elemente waren uns die wackern Altmeiſter durchaus überlegen. Doch kehren wir zurück zu unſerer Mainau. Eine ſteinerne Treppe führt uns in die dritte Etage der Hauptfagade, wo ein großer Saal, der ehmalige Ordensſaal, uns aufnimmt. Wände und Decken ſind in Roccoco leicht verziert, links und rechts an den Seiten— wänden befinden ſich zwei Altanen, welche dem hohen Raume etwas Feſtliches geben; wir denken ihn belebt durch die Anweſenheit edler Herrn und Gäſte, durch ein fröhliches Bankett, bei deſſen Trinkſprüchen luſtig von Oben die In⸗ ſtrumente ſchallen.— Durch eine große Flügelthüre treten wir hinaus auf den luftigen Balkon— welch' ein Gemälde entrollt ſich hier! In ſeiner ganzen Länge und Breite ligt der herrliche Oberſee, von den letzten badiſchen Uferorten Mersburg und Kirchberg und dem würtembergiſchen Fride richshafen, bis wo von Sonnenſchein und Duft umwoben die Fürſten des Hochlands am Horizonte ſtehen— über Lindau und dem Waldgebirge um Bregenz die ſchneeloſen Kalk⸗ felſen der Voralberger Alpen und der Vorgebirge Tyrols, der Grindlerkopf, das Rangiswangerhorn; weiter rechts der Hirſchberg und der Künzlesſpiz, höher ragend ſodann der Ho chlichtſpiz, der Löffelſpiz, die Kalkwände des Montafun, der Raucheberg, 0 66 der Scheyakopf und andere. Ueber dieſen meiſt doppelt übereinander gereihten Bergkoloſſen zeigen ſich bei reinem Himmel noch in ſcharfen Conturen die beeisten Zacken der höchſten Tyroler- und Bündtner Alpen, der Schapolt ſpiz, der Hundskopf und manche ungenannte, bis zum weißglänzenden Brandjoch, dem Zimpaſpiz und dem Seekopf. Ueber dem weichanſteigenden Schweizer Ufer bei Arbon und Roma nshorn bec App enzellerberge, deren höchſter, der hohe Säntis, wie ein gewaltiges Bollwerk die übrigen kühn beherrſcht, unter ihnen der Altmann und der Gyr enſpiz, zur Linken die niedrigeren Knochen des Föneren und des Kamor, des Hohenkaſten und Anderer; zur Rechten die Schwäg alp, und weiter die Berge des Toggenburgs und die kahlen Zinnen der ſieben Kurfü rſten, hinter ihnen der beſchneite Spizweiler, der Tſchingen und der Ofen bis wo die glänzenden Eisberge des Glarus Luft erheben. ſich in die Wie hier das Großartige überraſcht und feſſelt, ſo ziehen die nahen vaterländiſchen Ufer, vom ſüdlichen Flügel aus geſehen, durch ihre traute Heimlichkeit und Ruhe an. Das prächtige Grün der Buchenwälder, gehoben durch den Ernſt der eingemengten Tannen; von Bäumen halbverdeckt der Dörflein Eck mit ſeinem weiland komtur'ſchen Schlöß lein; Staad der Stappelort harmlos ab und zugehender Segelſchifflein und Fiſchernachen, weiter hin die ſonnigen RR— — Schweizerufer und über ihnen in ſtiller Größe wiedrum die Alpen.— Wahrlich Du empfindeſt, warum die Gegend um den Bodenſee die Heimath ſo vieler Minneſänger iſt, und warum die treuherzigen Alten das Blütheneiland, auf dem Du ſtehſt, die Mainau genannt haben— denn Mai und Freude und Luſt waren im ſinnigen Mittelalter gleichbedeutende Worte. Nach dieſem Schweifen in die Ferne haftet unſer Intereſſe gerne wieder an der nächſten Umgebung. Eine heraldiſche Stammtafel, im Stiegenhauſe des Mittelbaues aufgehängt, erinnert an das hohe Alter und die Geſchichte des Ritterhauſes. Sie enthält die„Schild' und Wappen deren hochwürdigen Herren Commandeurs und Statthalters, Hauscommandeurs und Hofmeiſters der Reichscommende Mainau“, von Frater Rudolf von Schafhus(1264) bis zu Komtur Georg Chriſtoph Rinck von Baldenſtein(1678); oben thront die hl. Jungfrau mit dem Kinde, als Be— ſchützein und Fürbitterin des Ordens, ihr zur Seite als Vorbilder der Ordenspflicht ſtehen, der hl. Georg, der Ritter und Verfechter des chriſtlichen Glaubens, und die hl. Margaretha, die Mildthätige und Pflegerin der Kranken und Preſthaften. Ein zweites, ſpäteres Tableau führt die Reihenfolge der Komture weiter bis zum Lezten, Karl Reich von Reichenſtein-Brombach. Um dieſe Erinnerungen einer in ſich abgeſchloſſenen 5* ι = ⏑⏑L⏑ 4 4 Vergangenheit ſchlingen ſich überall di e friſchen grünen [Ranken der Gegenwart. Mit einem reichen geſchmackvollen Hausrath ſehen wir bereits manch' werthvollen Schmuck der bildenden Kunſt durch den kunſtliebenden durchl 1 N B auchtigſten eſitzer hieher verpflanzt. Als von ſpeziell vaterländiſchem Intereſſe heben wir hervor: Die Cartons von Hofmalerin Fräulein Marie Ellenrieder, badiſcher ein Cyclus von Anſichten Städte und Gegenden von Landſchaftsmaler Mos brugger in Konſtanz, und von einem ältern Meiſter die Ahnenbilder Friderich M agnus Markgrafen von Baden und ſeine Gemahlin. Außerhalb des Schloſſes, aber noch in ſeinem Um fange, ligt die Ordens Kirche zu unſrer lieben Frauen. Sie iſt in gleichem Style, wie das Schloß. Ihr Thurm bekrönt ein zierliches Zwiebeldach, auf deſſen Spitze 8 das goldene Ordenskreuz blinkt. Das Innere des freund lichen Tempels ſchmücken drei den Ordensheiligen geweihte Altäre. Rechts in einem Seitenbau des Chors befindet ſich die Gruft der Ritter und im Langhauſe die Beamtengruft, in welcher auch der Baumeiſter des Kirche, Johann E aſpar einer fröhlichen Urſtände harrt. Früher beſtand hier NRu oſ 7 U— Bruderſchaft zu Ehren des Märtyrers und Ritters Sanct Sebaſtian errichtet mit päpſtlicher Geo Schloſſes und der Bagnato, geſtorben 1757, eine Beſtätigung von Komtur rg v. Ge mmingen anno 1587,„damit Gott durch die Verdienſte und Fürbitte des Heiligen abwende alle Peſti U lenz und anſteckende Krankheiten, nicht allein von dem Haus Mainau, ſondern von dem ganzen Land.“ Die einverleibten Brüder und Schweſtern waren vorzugsweiſe zur Ausübung der Werke der Barmherzigkeit verpflichtet. Am Sebaſtianstag (20. Jänner) wurde im Ritterhauſe ein allgemeines außer— gewöhnliches Almoſen geſpendet.— Gegenwärtig findet alle Samſtag ein Gottesdienſt darin ſtatt, den der Geiſtliche von Lüzelſtetten zu beſorgen hat. Es iſt dies eine Stiftung des Engländers Darby, welcher unter Eſterhazy längere Zeit zur Miethe im Schloſſe gewohnt; Orgel und Meßparamente verdanken ihr Daſeyn der Freigebigkeit dieſes Fürſten. Nahe der Kirche ſtand ehedem das Zeughaus. Die Franzoſen ſollen ſechs Kanonen und zwanzig gute Panzer daraus entführt haben. Das Haus ſelbſt wurde unter Langenſtein'ſcher Ver— waltung abgebrochen. In der nämlichen Richtung(gen Südoſten) ragte früher ein Thurm, der zum G efängniß diente und die Katze hieß. Gegenwärtig finden wir in dieſer Gegend das Treibhaus, eine Schöpfung des Grafen Douglas; ferner einen ſchönen Blumengarten über einem Theile der abgebrochenen Fortifikationen angelegt. Ein wohlerhaltenes Gebäude innerhalb des Burg friedens iſt der Reitſtall. Er ſoll ſpätern Urſprunges ſeyn als das Schloß, und ſeine Lage vor dem Schloßhof die Laune eines Komturs ſeyn, der leidend am Podagra, und ein Liebhaber von Pferden, von ſeinen Fenſtern aus 70 die Reitübungen überwachte und leitete. Hinter dieſem Gebäude ſtand früher eine Schmiedwerkſtätte und ein großes Waſchhaus, in welchem zugleich eine Obſtdörre angebracht war. Und mehr gegen die Kirche zu 8 fanden ſich die Bäckerei und eine Schreinerwerkſtatt Bei Muſterung der noch vorhandenen Befeſtigungs werke müſſen wir dem viereckigen Thurm an der Schloß halde das höchſte Alter zuerkennen. Sein Dach wurde unter dem vorigen Beſitzer abgetragen und zur Plattform hergerichtet. Es mochte der maſſive Bau, mit der einſt um zwanzig Fuß höheren Ringmauer, dem alten Schloſſe zur 0§K 7 Vertheidigung gedient haben. Th gung Von den übrigen Urmen haben ſich, außer dem bereits genannten Thorthurm, nur zwei vollſtändig erhalten, der Gärtnerthurm am Wall graben und ein runder Wartthurm im Rebberge gegen Süden. Ein dritter Rundthurm, der Jä gerthurm, ſtand im ſüdlichen Verlaufe des Grabens, etwa 50 Schritte vom Gärtnerthurm, während nordweſtlich ein ähnliches(noch als Fragment vorhandenes) Rondell gegen den See hin ſchaute. Unten am Ufer, Egg gegenüber, heißt jetzt noch ein Platz die Schwede nſchanze; ein etwas kleinerer, „das Schwedenſchänzle“, findet ſich hinter dem Hauſe Pächters im nordweſtlichen Theile der Inſel. Beide wurden, des wie oben gehört, beim Herannahen der Gefahr Schweden errichtet. Eine der wichtigſten Einrichtungen der Inſel iſt der gegen die 71 Hafen. Er leiſtet nicht nur den Inſelbewohnern gute Dienſte, auch für die Schifffahrt überhaupt iſt er von Be deutung, theils als gelegentlicher Ruhepunkt zwiſchen dem Ober- und Ueberlingerſee, theils als ſicherer Hort bei Stürmen, die hier beſonders verderblich werden können. Wenn nämlich die Föhn weht und große Waſſer maſſen in die Bucht des Ueberlingerſee's ſchwellet, der Gegen druck aber das Gleichgewicht mit dem obern Waſſerſtande herzuſtellen kämpft, wird der See vom Grund aus bewegt — der Schiffer nennt es das Grundgew elle, was beſonders in der Gegend der Mainau fürchterlich und höchſt gefahrvoll werden kann. Wie alte Schiffleute behaupten, wäre ſchon manches Unglück geſchehen, wenn der Mainauer Hafen nicht ein ſchirmendes Aſyl gewährt hätte. Die ganze Anlage iſt eine ſehr ſolide und es ſcheint ihre gegenwärtige Beſchaffenheit, wie ein erneuertes Wappen ſchließen läßt, aus der Zeit des Komturs von Stadion(1626) herzu rühren. Den Eingang bewacht das über der Mauer ange— brachte Bildniß der heiligen Jungfrau, während am Ufer ein kleines Wohnhaus wie zur Aufſicht hernieder ſchaut. Unter halb dieſem Häuslein war an der öſtlichen Hafenmauer eine leichte Bedachung angebracht für die herrſchaftlichen Schiffe, unter denen ſich ein großer Segner befand, in welchem der Komtur, begleitet von ſechs Matroſen, ſeine Spazierfahrten zu machen pflegte. Das Schiff beſchattete ein weißer Baldachin mit ſchwarzer Einfaſſung, Troddeln rr ˖9„ 72 und Glöcklein von ebendenſelben Farben, auch der Segel baum war alſo gefärbt, weil ſchwarz und weiß die Farben des Ordens im Frieden waren. Zwiſchen dem Hafen und dem viereckigen Tl letzteren angebaut, ſtand, in der Richtung gegen das Häus lein am Hafen, der große Lan urme, an dkomturskeller, deſſen oberer Theil zur Fruchtſchütte diente. Ein zweiter, der ſog. Seekeller, fand ſich etwas entfernt nördlich vom Thurme. Er war viel geräumiger als der Landkomturskeller und enthielt das größte Faß der Commende mit 60 alten See fudern(das Fuder zu 30 Eimer, der Eimer zu 32 Maaß). Außerdem hatte er noch Fäſſer von 40, 50, 60 Fudern und obenauf ebenfalls Getreideſpeicher. W eiter nördlich hart am Ufer und zum Theil über daſſelbe hinausgebaut, hatten die Kiefer ihre Werkſtatt, ſie hieß das Bindhaus. Und daß nichts fehlte, was zu einem wohlgeordneten Gemein haushalt gehört, war am ſüdlichen fl Rebberge, ein Platz und großer leute. D Das anmuthige Wäldchen am nordöſtlichen Ufer be achen Ufer, unten am Schopf für die Zimmer herbergte ehedem jenes„hohe Obrigkeits Signum“, v vorne Seite 46 geſagt wir on dem d, daß ein ſolches um's Jahr 1671 noch nicht auf der Inſel vorhanden geweſen. Der Platz hat noch heutzutage den artigen Namen„das Galgen töbelel. Wenn wir längs der Ufer-Mauer durch die Ahorn ————————— ——— und Nußbaum-Allee dem ſüdlichen Ende der Inſel zu— wandeln, kommen wir zum Badplatz, der noch aus alten Zeiten mit ſteinernen Treppen und Platten zum Baden im Freien hergerichtet iſt.— Weiter hin gelangen wir in denjenigen Theil des Eilandes, der ausſchließlich land— wirthlichen Zwecken gewidmet iſt. Terraſſenförmig ſteigen üppige Wieſen an, fruchtbares Ackerfeld und ſonnige Reb— halden. So klein die Gemarkung an Umfang iſt, ſo fruchtbar und reich iſt ſie an Produkten aller Art— Ge— treide, vorzüglichen Wein, feines Obſt, Gemüſe, gewürzige Futterkräuter, Hanf, Oel, Holz— kurz Alles, was ein vollkommener Landwirth ſich nur wünſchen mag.— Das nutzbare Feld der Inſel iſt, mit Ausnahme der Reben, theils an den Pächter, theils an den Gaſtwirth zu Mainau verpachtet.— Die hieſige Erndte fällt in die Zeit um Jakobi. Was nebſt einer üppigen abwechſelnden Vegetation das Landſchaftliche angenehm belebt, ſind die vielen gefiederten Gäſte, die von„Luſtes-wegen“ in dem grünen Eilande ihren Aus- und Einflug haben. Von dem bedächtigen Weih, der lauernd über den Feldern ſchwebt, bis zum zierlichſten kleinen Sänger ſind beinahe alle heimiſchen Gattungen ver treten. Auch die Nachtigall fehlt nicht; ihre ſüßlockende Weiſe ertönt während mehreren Frühlingswochen regelmäßig im Park an der Schloßhalde. Ein eigentliches Heimathsrecht aber ſcheint die Schwalbe auf dem Eilande zu beanſpruchen; 7⁴ die offene Vorhalle des Schloſſes dient ihr zu familiären An W ſiedlungen. Ebenſo häufig hält ſich auch die Wildente in der Nähe der Inſel auf; ihr Luſtrevier iſt das ſchilfreiche Ufer gegen den Lizelſtetter Berg.— Ein weniger gern geſehener Gaſt iſt ein Inſekt, die wilde Biene; ſie verklebt mit ihrem Gehäuſe von feinem Sand alle Thüren- und Fenſtergeſtelle des Schloſſes. Zur Zeit des humoriſtiſchen Wirthes Schnetz, der noch aus der Verlaſſenſchaft des Ordens bis vor Kurzem auf der Inſel lebte, waren die Gehölze und Anlagen mit einer zahlreichen Familie von Kanarienvögeln bevölkert, die, ſobald der Winter heranrückte, freiwillig ſich wiederum zu ihrem Herrn in Koſt und Logis zu begeben pflegte. Unter dem letzten Komtur ward ſtets auch ein kleiner Wild ſtand von Hirſchen und Rehen, unter Aufſicht des Jägers, im Wallgraben unterhalten; ebenſo ein Faſanenhaus. Zu jener Zeit erſtreckte ſich ein Zier- und Luſtgarten vom Gärtnerthurm bis gegen den Vogelherd. Alte komturiſche Unterthanen wiſſen noch viel von ſeiner„himmliſchen Schönheit“ zu erzählen. Iſt das liebliche Eiland auch von jeher einer reizendſten Punkte des ſüdlichen Deutſchlands der geweſen, ſo wird ihm doch jetzt erſt durch die Munificenz ſeines hohen Beſitzers die gebührende Rückſicht und Pflege. Sehr Vieles 783 iſt bereits im Laufe dieſes Sommers geſchehen. Das regſte Leben in allen Richtungen herrſchte auf dem freundlichen Inſellande. Gärtner, Bauleute, Dichter und Maler zogen herbei zur Verſchönerung und Verherrlichung des würdigen Fürſtenſitzes. Eine der größeren neueren Unternehmungen iſt die Anlage eines Reit- und Fahrweges längs den Ufern rund um die Inſel.(Der ſchönen Gartenanlagen im Schloßhofe haben wir bereits gedacht.) Wichtig iſt auch die erſt kürzlich getroffene Einrichtung des regelmäßigen hierortigen Landens der Dampfſchiffe auf ihrer Tour von Konſtanz nach Mers burg und Ueberlingen; ſo wie zuweilen noch extra Fahrten ſtattfinden, unternommen von größern Geſellſchaften, die unter Sang und Klang einziehen und fröhliche Gelage auf dem grünen Plane halten. Aber auch in höherer Beziehung iſt der Uebergang des Beſitzthums an den jetzigen durchlauchtigſten Herrn von Bedeutung. Der Bewohner des Seekreiſes glaubt nämlich, darin die Gewähr eines längſt gehegten Lieblingswunſches zu finden, ſeinen allverehrten, ritterlichen Landes fürſten— wohl bald an der Seite einer hohen minnig lichen Gemahlin, Höchſtderen Stammburg eine dem See benachbarte iſt— einen Theil der ſchönen Jahreszeit in den obern Gauen zubringen zu ſehen. Sicherlich aber wird die Auszeichnung, welche der Seegegend durch die Erwerbung der Mainau geworden, 76 nicht verfehlen, auf den Fremdenbeſuch überhaupt Einflu zu üben. Sind ja doch wechslung ſo reichen badiſch beſucht und gekannt. ſtreifenden 6 namentlich die ſchönen, an Ab )en Ufer noch Venn nicht nur gewähren ſie hohen G viel zu dem flüchtig enuß, auch 8 finden, was ihm den Aufenthalt machen kann. Ein paar Wochen kainau— welch wenig Durch der län zer Verweilende wird Alle lieb und werth 3. B. auf unſerm grünen Eila und ſinnerquicke M ein herz— nder Aufent thalt! Das geräumige Gaſthaus, Ranges, läßt billigem Verl übrig. Die wenn auch nicht ein Hotel erſten angen gewiß nichts Liberalität, durch welche mit ihren Einricht gewährt dem G wärts für zu wünſchen edle dem Fremden die ganze Inſel zur Verfüg iſt Anneh hmlichkeiten, nicht haben k von ſolcher Anmuth, Heiterkeit und Natur nicht an ſich ſchon ein Hoch ener Morge deinem, ungen jung geſtellt die er ſte ſchweres Geld umgeben ander Und iſt das ann. Wohnen, Güte der Wenn ein gold erwacht, über genuß? n glänzend über den Wellen en vom Thau befeuchteten Luſtbezirke frühe ſchon das hohe Lied der Lerche klingt und um die Berge M orgennebel ringen mit a der Geiſt Und in d — wie fühlt ſich d luſt erregt. em Strahl gehoben und z der ſtillen M ſich ein Stündlein b üſchen neben dem geſch in dem luftigen Saal der Sonne zu neuer Lebens (ittagsſtund eſſer, als unter wätzigen Sp verträumte b 4 den Aahe ringquell im Schloßhof, mit den grünen Fenſtern und ihren 1 ———— 00 lieblichen Fernſichten!— Zwiſchen den Häuptern dunkel— belaubter Nußbäume und alten Tannen, die wie verwundert über die Ringmauer hereinſchauen, der Blick der Sonne, die Silberwellen des See's— und die lichtblauen Gebirge des ſchwäbiſchen Ufers.— Ueber Dir tändelndes Gelispel der Silberpappel, der Athem ſüßer Maienlüfte und das luſtige Zwiſchenſpiel ſchnell hinſchießender Schwalben. Dazu das Gefühl, rings von Waſſer umſchloſſen, unnahbar Alles was Dich ſtören könnte— eine ſelige Einſamkeit.— Am langen Sommernachmittag ein Gang durch das Inſelfeld, wo im grünen Wieſenplan geſchäftige Gruppen um duftende Heuſchober ſich mühen, oder Schnitter und Schnitterin im gelben Weizenfelde, während dort ſchon wieder im früh— herbſtlichen Stoppelfelde der Pflug ſeine braunen Furchen zieht.— Oder Du ſteigſt hinab durch die kühlen Schatten der Ahorn- und Nußbäume— zum Hafen, um eine Luſt— fahrt zu machen auf weiter, ungemeſſener Wellenbahn— in zierlicher Gondel allein, umrudernd das ſtille Inſel— land, das hohe Schloß am Meere und ſeinen ſchattigen Park, wiedergeſpiegelt im feuchten, tiefen Grüne der kriſtallenen Fluth, wankend und webend in ungewiſſen Um— riſſen; hinaus in den offenen See, der von ſonnigen Dünſten um Meer erweitet ſcheint oder blau bis zu den Alpen, 5 deren Bild lieblich im Gewäſſer badet. Wieder zurück am Abend, wenn roſiger Schein die Welle ſäumt und Geläute deutlich, nah, von den Uferdörflein hallt; beim Sinken ——— des Tages, in der Dämmerſtunde, wenn Ruhe, ſanfte, ſüße Schwermuth ſich zum Herzen drängt wenn Dunkel heit den Mantel breitet, Nebel aus der Tiefe ſteigen und über dem Gebirge leiſe Gluth den auftauchenden Voll mond verkündet. Ja ſelbſt Sturm und Gewitter, der trüb umdüſterte Tag, die Schauer der Nacht haben, hier erlebt, ihr Be deutendes und Schönes. Wenn das bekannte Sturmſignal, der weißgraue Nebel Brähme nennt ihn der Schiffs mann— aufſteigt, und zuletzt zur finſtern Wolke geſtaltet heranzieht, ſo ſucht jeder Fährmann ſo raſch wie möglich Mit welcher Theil das tückiſche Element zu verlaſſen. nahme verfolgſt Du dann den Se gner, der mit Getreide von Ueberlingen oder mit Ziegelwaaren von Bodman kömmt— wie er auf- und niederſchwankt in dem mehr als klafterhohen Gewoge, wie er rudert und ringt, den Hafen der Mainau zu gewinnen, der hilfreick ſeine ſtarken Arme in den gefahrbringenden Wellenkampf hinausſtreckt.— Welch ein Anblick, wenn ein plötzlich hereingebrochener Gewitter ſturm mannshoch die Wogen aufregt, dann in raſendem Gewirbel die Spitzen der Wellen zum ſprühenden Nebel zerſtiebt, der im Nu weit umher den See verhüllt. Du ſtehſt am Ufer— ein gewaltiger Oſt oder Nord den herbſtlich fahlen Tag; in durchſtürmt Schlangenſprüngen, weit, unabſehbar, tobt die weißbeſchäumte Woge— und die Brandung am alten Gemäuer führt zur Muſik des Sturmes 79 ν einen wilden dämoniſchen Tanz auf, hochanſpritzend, ziſchend, lärmend, wie in toller verzweiflungsvoller Luſt.— In mitter— nächtiger Stunde, wenn es über den See, um die alten Mauern und Thürme toſt und ſchnaubt, als erklängen im Winde wallende Geiſterſtimmen aus den Tagen Wrangels und des Komturs von Hundbiß. Oder Du wandelſt in lauer Frühlingsnacht um dein träumeriſch ſtilles Blühteneiland; aus halbverſchleiertem Himmel blinken einzelne Sterne, am Horizont zuckt es wie Wetterleuchten; um die jungen Wißfel flüſtert der Nachtwind, am Bord leis andrängender Wellen Gemurmel verſtohlen wie Geplauder der Liebe, und dazwiſchen, in lang gehaltenen Pauſen, der ſüße Schlag der Nachtigall im verſchwiegenen Park des hehren Schloſſes— wie klagend um das verlorne Glück der treuen Maid von Bod man und des Ritters Hug von Langenſtein. * Ronſlanz. Ungern, wie von einem nach liebgewonnenen Freunde, ſcheiden wir lande, um der nahen Hauptſtadt des der alten Konſta nzia, einen Beſuch Wenn wir einen kleinen 1 wir die L andſtraße ein, über Eg g/ die St. Lorettokapelle. Das Mainau gegenüber. Es h at ein vormal lein, in welchem der Rentmeiſter wol auf einem Schifflein n dorf A lmansdorf iſt ſehr alt; lmweg nicht ſch erſtere Dörfl 8 orden'ſches ynte, ach der Inſel fuhr. kurzer Bekanntſchaft von dem ſchönen Ei badiſchen Seekrei ſes, abzuſtatten. heuen, ſchlagen Almansdorf und ein ligt der Schlöß der jeden Tag D as Pfarr es wurde im Jahr 724 von Karl Martell an das Stift Reichenau vergeben. Die Beſitzungen, welche der Deutſchorden daſelbſt beſeſſen, haben wir oben verzeichnet. die Höhe, wo man zunächſt der bauten) St. Lorettoka pelle ſicht hat. Der nähere, kaum eine den St. Katharinaw 3 Stunde weite ald in gerader Rich Von hier geht die us Anlaß der J eine überraſchende Straße über eſt kr⸗ Fern W'̃ eg führt durch ſtung nach der Stadt. ν 2 8 1 + E 87 Dieſe erſcheint dem Ankommenden von hier aus beinahe ganz verdeckt von Obſtbäumen und Gärten; die alten Wälle im Vordergrund, erheben ſich allein das ehemalige Kloſter Petershauſen und die Steinmaſſen des Münſters. Zurückblickend auf die Entſtehungsgeſchichte des Ortes begegnen wir zuerſt den Römern, welche, nach der Tradition, auf der Inſel(ſpäter Dominikanerinſel) ein Kaſtell er richteten, von den umwohnenden Deutſchen die Niederburg geheißen. Eine alte Sage, von Schultheiß erzählt, gibt vom Urſprunge der Stadt folgende Nachricht: „Kaiſer Severus ſchickte, 207 Jahre n. Chr., zwei Landpfleger in das eroberte Helvetien. Der eine, Kon ſtantius, herrſchte von der Lindmag(Limat) bis an den Vorder-Rhein. Er ſaß zu Pfyn und erbaute ſich auf der jetzigen Dominikanerinſel bei Konſtanz ein Jagdhaus, welches er befeſtigte, weil er zwei gefährliche Feinde in der Nachbarſchaft hatte: der eine, ein ungariſcher Edler, wohnte auf der Anhöhe des jetzigen Almansdorf, der andere, ein deutſcher Herzog, hatte ſeine Burg zu Ueberlingen, wo jetzt das Johanniterhaus ſteht. Zur größeren Sicherheit der neuerbauten Veſte gab Konſtantius dem Orte allerlei Freiheiten, damit ſich Leute daſelbſt anſiedeln ſollten, was auch in kurzer Zeit geſchah. Als Konſtantius einmal von ſeinem Jagdgefolge abgekommen, allein in den Wäldern gegen Frutweilen und Ermatingen jagte, erſchrack ſein Pferd 6 82 vor einem ungeheuern Wurme(Drachen), von welchen da mals das Land voll war. Es Konſtantius aber blieb im Stegreife hängen un weit fortgeſchleppt, bis bis auf das Geſchrei des Jägers die Knechte herbei eilten, das Pferd anhielten und den Land pfleger ſo ſchnell ſie konnten nach Konſtanz verbrachten, we er an der Stelle ſtarb, d ſteht. die Kirche St. Stephan Nach ſeinem Tode ſetzten die vorgenannten beiden Feinde der Burg und Stadt, Niederwaſſerburg ge heißen, ſo zu, daß faſt alle Einwohner dieſelbe verließen und der Ort wüſt und öde wurde. Hundert Jahre nachher ſchickte Kaiſer Diokletian ſeinen oberſten Feldl en Feldhauptmann Konſtantius nach Deutſchland und Helvet Herzog von Ellgen, den er mit fünf andern der Nähe von Konſtanz traf. Er überwand ſie alle und machte ſie den Römern unterthänig. Dieſes Sieges und der ſchönen, bequemen Lage wegen baute er die Stadt wieder auf und benannte ſie nach ſich Konſtantia.“ 3 4 3 3 5 de „Vas erſte Gotteshaus, welches gebaut wurde S 0 1 6 8 R IEio St. Johann geweſen ſeyn, ein geviertes Kirchlein ohne Abſeiten und Chor; gleichzeitig entſtand die jetzige bergaſſe, in welcher das Rathhaus zur„Tulle“ ſtand. Als die Stadt um dieſe Zeit bereits ſehr mächtig geworden und viel Volk hinzogen war, erhielten Heiſtliche, die man jetzt(im 16. Jahrh.) regulierte Chorherren nennt, vom Kaiſer die Erlaubniß, ſich darin niederlaſſen zu dürfen. s wurde ſcheu und gieng durch; id wurde Sie bauten, da wo jetzt das Münſter ſteht, eine Kirche in der Weite des Münſters. Wo jetzt die Sakriſtei iſt und auf dem Kreuzgange, hatten ſie ihre Schlafkammern, im Stauff, der am Kreuzgange iſt, den Speiſeſaal und die Wohnung ihres Abtes u. ſ. w.“ Zu große O e'r Bedeutung kam der Ort durch den biſchöf lichen Sitz, der im 6ten Jahrhundert von Windiſch, einem kleinen thurgauiſchen Flecken, nach Konſtanz verlegt wurde. Ein weiterer& zrund zum Gedeihen und ſtets erneuter Lebens bewegung gab die herrliche Lage, an dem Engpaß zwiſchen dem Ober- und Unterſee, ſo w ie nicht minder die große Handelsſtraße(die ehmalige Römerſtraße), welche über hier vom Norden nach der Levante hinzog. In Folge dieſer günſtigen Verhältniſſe mußte frühe ſchon zu Erweiterungen der Stadt geſchritten werden; um ſo mehr, als nach und nach viele benachbarte edle Geſchlechter ihre einſamen, oft bedrohten Burgen verließen und in der wohlbefeſtigten Stadt, unter dem Se hutze mächtiger Biſchöfe, ſich niederließen. Die trefflich gelegene Bodenſee- und Biſchofsſtadt er langte ſo gewaltiges Anſehen, daß ſie von beinahe allen gekrönten Häuptern alter rechten begabt wurde. Karl der Große, mit ſeiner Gemahlin Marienkirche beſucht Zeit beſucht und mit großen Vor So melden uns die Chroniſten, daß Hildegar als er zur 8 d/ Krönung nach Rom reiste, Konſtanz und die dortige habe. Ebenſo Karl der Dicke im 6* 84 Jahr 828 und König Arnolf 890. Einige Jahrzehnd ſpäter, zur Zeit als der berühmte Salomo III auf dem Biſchofsſtuhl ſaß, erſchien Kaiſer Konrad um Weih nachten z u feiern, und zu Ende des zehnten Jahrhunderts ſah man Kaiſer Otto III nach glücklich geführtem italieni ſchen Kriege ſieggekrönt in Gleiches die theils als geſchäfte nach Konſtanz einziehen. geſchah unter den nachfolgenden * 8 Gäſte, theils zu Verrichtung wichtiger Reichs Herrſchern, Konſtanz kamen. Kaiſer Konrad II daſelbſt die und acht und Im Jahr 1025 empfängt Huldigung der Lombarden, zwanzig Jahre nachher in Konſtanz einen Reichstag. Auch Heinrich N u rad III beehrten die berühmte Hohenſtar hält Heinrich III nd Kon Stadt mit ihren Beſuchen, ſowie der rbaroſſa, welcher 1183 ife, Friderich Ba hier den bekannten Frieden mit den Lombardiſchen Stadt wichtige Freil In ebenſo großer Gunſt ſtand der Ort unter den Habs burgern; wie denn Rudolf, nach dem Sieg über Ottokar von Böhmen, in Konſtanz ſich huldigen, und den ſchwäbi allgemeinen Landfrieden l Bei dieſem freudigen Aufbl Städten ſchloß und dabei der heiten ſchenkte. ſchen Adel den'eſchwören ließ. ühen nach außen und innen an mancherlei Mißbhelligkeiten törungen im ſtädtiſchen Haushalte. fehlte es jedoch nicht und vorübergehenden S Nebſt der Biſchofgewalt, die allmählig zur eigentlichen Landes hoheit anwuchs und die urſprüngliche Reichsfreiheit der Stadt zu vernichten drohte, waren es die adeligen Ge 80 ſchlechter, welche Grund zu Unzufriedenheit und Streit gaben, da ſie im Verlaufe der Zeit das ſtädtiſche Regiment völlig an ſich geriſſen hatten, während jetzt auch die Zünfte gleichen Antheil daran haben wollten. Der Hader deß— halb dauerte vom dreizehnten bis in's fünfzehnte Jahr— hundert; es kam zu bewaffneten Aufläufen, in Folge deren ein Theil des Adels die Stadt verließ. Der Biſchof, die Nachbarſtädte und ſelbſt der Kaiſer legten ſich wieder holt in's Mittel, bis man zuletzt ſich dahin verglich, daß die oberſte Gewalt zwiſchen Patriziern und Bürgerlichen abwechſeln ſolle. Doch dauerte die Rivalität beider Stände noch längere Zeit fort, und Beſchlüſſe wie der folgende halfen nur wenig. 1) Ein Jeder, hieß es in einer Gemeindeordnung vom Jahr 1420, ſolle in der Zunft verbleiben, in welcher ſein Vater geweſen, und nicht zu denen auf der„Katzen“ (dem Gelaghaus der adeligen Geſchlechter), noch zu andern Geſellſchaften gehen. Er darf jedoch auf andere Stuben gehen um ſeinen Pfennig oder zwei ꝛc.—) Da die Ge⸗ ſchlechter bisher ihre Tänze in der Rathsſtube gehalten und zu denſelben nur diejenigen aus der Gemeinde geladen haben, welche mit ihnen befreundet ſind, ſo ſollen die Geſchlechter fürderhin keine Tänze mehr daſelbſt halten dürfen, ausge— nommen wenn Fürſten und Herren kommen.— 3) Man ſolle 4 Tafeln mit dem jüngſten Gericht malen und ſolche in der Rathsſtube aufhängen laſſen, damit die Rathsherren ˖REEE 86 deſto mehr göttliche Furcht vor Augen haben. Aehnliche Beſtimmungen wiederholen ſich ſpäter. Wie ſehr bereits im vierzehnten Jahrhundert luxus in der Stadt überhand genommen, erhell Kleiderordnung vom Jahr 1390. Jeder Mann, heißt es darin, kann einen Rock oder Mantel machen laſſen ſo lang und weit er will, jedoch nicht länger, als daß er auf die Erde gehe. Auch ſoll er weder Lappen nock Schnizzle daran tragen, die länger ſeyen n Gelaich. Auch ſoll er keinen zu hohen Kappen ltr n. jung oder alt, ſoll Kränze oder große weder in der Kirche, noch auf der Gaſſe, zu 3 nzen Schimpf(Spiel) oder Ernſt. (einfachen) Schappel, di die man von alter Gewohnheit her trug.— Es ſollen auch keine Schuh auswendig haben, wie neulich vorkamen. Auch ſollen ſie keine Oertle haben, weder rothe noch weif ße, oder von andern Farben. Kein Mann, ſei er arm oder reich, ſoll mehr als ein zweifarbiges Gewand haben, und die Tricco in zwei oder vier Stücken. Ein jeglicher Mann ſoll an Gürteln, Ketten oder beſchlagenem Gewand nicht mehr tragen als 6 Mark Silbers an Werth; ebenſo ſoll Keiner im bloßen Wams zum Tanze oder auf die Gaſſe gehen, ſondern ſich mit einem längern Kleide ehrbar machen. Die„Ordnung fröwlicher Zucht“ beſtimmte: daß keine Frau, reich oder arm, ein Tuch trage, das, wenn es von Seide ſei, mehr habe 8 he als 20Fache, und wenn von Wolle, mehr als 16Fache; und ſind dieſelben Tücher ſo zu machen in der Breite, daß 5 ſie jeglichem Weibe den Nacken, ihr Haar und Haarbändel r bedecken, vornen unter dem Kinn aber zuſammen gehen, t gebunden mit einem Schnürlein. Es ſoll auch keine Frau 0 eine Haube tragen, die köſtlicher ſei an Perlen, Geſtein, 2 Ringen und Häftlein als 50 Gulden Werths. Dazu mag e ſie ihren Vermählungsring tragen an ihren Händen.— Es ſoll auch keine Frau weder ein beſchlagenes noch ſilbernes Gürtelein, noch Halsband tragen, bei 14 Mark Silbers Strafe.— Auch ſoll Keine einen Rock noch Mantel länger machen, als daß er auf die Erde ſtoße, und ihr nicht nach gehe. Und endlich ſoll keine Frau einen Kranz noch Schappel tragen.(Es ſtund dies nur Jungfrauen zu, wie noch theil⸗ weiſe im Schwarzwald und in der Baar bis auf den heutigen Tag Sitte iſt.) Seit dem Jahr 1384 beſaß der Rath zu Konſtanz das von Kaiſer Wenzislaus verliehene Recht, Uebelthäter zum Tode zu verurtheilen. Nach Beiſpielen, die Schult— heiß in ſeinen Schriften anführt, war die Prozedur eine ziemlich ſtrenge und kurze. Um 1418, erzählt er, war zu Konſtanz ein Schneider, Namens Hans Ritter, der hatte, wie die meiſten ſeiner Zunftgenoſſen, ein hitziges Geblüt und Anlage zum Helden war aber dabei ein großer Prahlhans, auf deſſen Rede niemand viel hielt. Dieſer Mann ſagte, er habe große Feindſchaft gegen Radolfszell und ſchon viele Ritter und Knechte aufgebracht, um die Stadt zu nehmen und hernach darin nach Gutdünken zu ſchalten und zu walten. D ie Zeller, denen das zu Ohren kam, geriethen in Angſt, obwohl nie daran gedacht hatte, verklagten den Prahler beim Rathe zu ihn der Bürgermeiſter Abends der Schneider das Geſagte auszuführen. Sie Konſtanz, worauf vor dem Rathhauſe erſcheinen und verhören ließ; er ward ſogleich verurtheilt und am andern Morgen in der Frühe ertränkt.— Als ſpäter einmal zwei Geſellen wegen falſchen Tode verurtheilt wurd verlangten ſie, daß man ihnen ſtatt anderer Todesſtrafe, den„Seemann“ gebe; worauf der Rathel Spiels zum en, 'eſchloß, künftig den Seemann zu jeben jedem Verurtheilten „ der ſeiner begehre. Aber nicht nur gegen Weltliche, auch gegen die Diener 1 der Kirche wendete ſich dieſe Strenge, wie ein Raths Geſetz vom Jahr 1380 darthut, wonach jeder Bürger in Fällen, wo es ſich um die Ehre ſeiner Frau oder Tochter handelte, Ermeſſen an dem Uebelthäter Gewande Rache nach eigenem im geiſtlichen nehmen durfte; als bald darauf Einer vom Klerus von einem Bürger auf der Gaſſe angefallen wurde, verordneten die Obern, daß kein Geiſtlicher Licht ausgehen dürfe. Nachts ohne — Zumdeilen kommt in dieſer und der ſpätern Zeit noch vor, daß in zweifelhaften Fällen im Gottesgerichte oder öffentlich Recht ge ſucht wurde.— So z. B. beſchuldigte, im Jahr 14 )en Zweikampfe das — 89 ein junger Geſelle Wilhelm v. Wengi, den andern, Hans 5 v. Lopheim, der Anſtiftung zum Morde. Da ſich der Fall u im Thurgau ereignet haben ſollte, über welche Landſchaft die Stadt Konſtanz die Gerichtsbarkeit beſaß, ſo wurde die K Sache vor dem Landgerichte in Konſtanz verhandelt. Die ſchweizeriſchen Heimathskantone nahmen ſich des Handels 5 eifrig an. Da ſchlug der Anſchuldiger einen öffentlichen Zweikampf vor, um zu zeigen, wie ein freier Mann einen Böſewicht behandle. Der Gegner wollte auf dieſes nicht eingehen, worauf das Gericht entſchied, daß er für ſchuldig erkannt werden ſolle, wenn er den Kampf nicht annehme. Es wurde ein Tag beſtimmt, ein Platz vor dem Thore abgeſteckt und gleiche Kleidung, Schwerter und Schilde bereit gehalten. Beide ſtellten ſich, und man zog in Be— gleitung von 40 Gewappneten aus jeder der Zünfte hinaus vor die Stadt. Inzwiſchen hatte ſich der Biſchof Heinrich von Höwen der vorher ſchon vergebliche Verſuche ge— macht hatte, den Kampf zu beſeitigen) mit ſeinem ſtolz und edeln Gezeuge und 40 Pferden auf der Pfalz verſammelt, und ritt zum Auguſtinerthor hinaus, um den Graben. Er erreichte den Zug vor dem Schnetzthor und erwiſchte zuerſt 2 den Lopheimer.„Wer hat dir erlaubt zu kämpfen in meinem Bisthum!“ rief der Biſchof.„Es iſt nicht erlaubt zu kämpfen und ſoll auch nicht ſehn. Du mußt mein Gefangener ſeyn und ich will Rath halten mit meinen Freunden, meinen Kapitelsherren, meinen Freunden in Konſtanz und andern 90 Reichsſtädten, daß ich deine Ehre beſorge.“ Hierauf ließ er ihn wegführen, ſo wie ſeinen Gegner Wengi. Niemand widerſetzte ſich dieſem Befehle, denn es geſchah mit Willen der Stadt und der Andern all. Man meinte e, es wäre Alles vorher angelegt worden. Von Alters her galt die biſchöfliche Pfalz als eine Freiſtätte für verfolgte Mörder. Als(1493) zwe 1 zeſolſon zwei Geſellen im Hauſe ein eins“ Nachts einen E nes„guten Weibl von Pfirt erſtochen, flüchteten Freiheit auf der Pfalz. delmann die Uebelthäter in die ſog. Der Rath ſchickte in der Frü zum Biſchof und ließ ihm f ſagen, ſie hofften er werde den Mördern keinen Schutz ſeine Räthe und ſandte nach gepflogener Hofmeiſter Balth haſar gewähren. Der Biſchof verſammelte Beſprechung ſe von Randeck zu den Mördern, der inen ihnen die Freiheit abkündigte. Die Knechte der Stadt griffen ſie und führten ſie wurden ſie vor d er in den Thurm. Am Tage darauf en Rath geſtellt, und ſo enthauptete man ſi am nämlichen Tage. da vielfältig für ſie e„aus Gnade“ gebeten wurde, noch Einen berühmten Akt bildet das groß man bei in der Geſchick ſte von Konſtanz e Concil vom Jahr 1414 bis 1418. Als einer Vorberathung zu lichen Ortes dieſer Verſammlung ſich be ſprach, lenkte der Graf von Nell keit des Papſtes und dies eine Stadt, Lodi wegen eines ſchick zur Abhaltung d enburg die Aufmerkſam des Kaiſers auf uf Konſtanz: als ſei „welche am Bodenſee gelegen, wohlerbaut ſey und viel Gemächer und ſchickte Abgeſandte dal Konſtanz ausgeſchrieben.— die abendländiſche Nationen der Chriſtenheit geſehen. A fand die erſte Sitzung in d übrigen Seſſionen gehalten wurden). dieſer, die Herſtellung des Kirchenfri ſammlung, waren bekanntlich die Abſetzung ie Wahl eines neuen Papſtes und die An⸗ (Gegenpäpſte), di klage und Verurtheilung des Johannes 91 Stallung habe“.— zin, und die Verſammlung Der? Japſt wurde nach Weder vorher noch nachher hatte he Welt ein ſolches Zuſammenſtrömen aller m 6. November(1414) er Domkirche ſtatt(wo auch alle 8 Die Hauptreſultate edens bezweckenden Ver⸗ dreier Päpſte Huß von Prag und ſeines Schülers Hieronymus. Von den Aeußerlichkeiten jener Tage intereſſante Einzelheiten aufbewahrt. das Concil ſchon ſeit Wochen Chroniſten manche Am 25. Dezember, nachdem hien Kaiſer Sigismund in Konſtanz. eröffnet Am Chriſtabend war e war, erſe hatte von dort dem in Konſtanz weil den kommenden Dienſtag melden laſſen, ſeine Ankunft auf de mit der hl. Meſſen etwas zuwarten, bis er, Sogleich wurden von Konſtanz Schiffe nach das Reichsoberhaupt mit den Seinen geſendet, auf welchen eine ſeinem Gefo eine geborne Gräfin von Cilly in Ste Bitte: der hl. Vater möge mit Leſung der Stunde nach Mitternacht in Konſtanz eintraf. N haben uns die er in Ueberlingen angekommen und enden Papſte Johann drei der Kaiſer, angekommen. Ueberlingen In lge befanden ſich: ſeine Gemahlin Barbara, hermark, die Königin ̃ 92 (Eliſabeth von B osnien, der Sachſen, die Gräfin von Wü rtemberg und Edle. Am Fiſchmarkt ſtieg in das Rathhaus. Churfürſt Lud ewig von viele andere man an's Land und begab ſich Die Nacht war kalt, und die Damen eilten in die warme Ratl sſtube zu hohen Gäſte mit köſtlichem Malvaſier und bührender Maßen b kommen, wo man die Konfituren ge ediente. Der Kaiſerin wurden durchwirkte Tücher verehrt, die zu Trag zwei große, herrlich mit Gold himmeln dienten, kaiſerliche Paar, ſchön erleuchteten unter welchen, zwei Stunden ſpäter, das begleitet vom ganzen Hofadel durch die Straßen nach der Domkirche wandelte. Der regierende Bürgermeiſter Heinrich Schilter, Altbürgermeiſter nebſt von Ulm, Heinrich dem Reichsvogt Hagen ger hatten die dem Haupte des Kaiſe Bürger und Rathsł Gemahlin des und Stadtamann Ehin Ehre, den goldenen Baldachin über s zu tragen, während der Stadt gleicher Ehre bei Kaiſers und der Kön erfreuten.— Der herrn der igin von Bosnien ſich Kaiſer wurde von 1 autem Zujauchzen des verſammelten Volkes b egrüßt. etwas ehrfurchtgebietende ſein ſchmales einnel Seine hohe Geſtalt hatte §. Ein langer Mannsbart zierte hmendes Geſicht, blonde Locken umwall Paares in der Domkirche, das Hochamt welches h era bfallen de ten. Nach der Ankunft des erl auchten Perſon angelium in der Kleidung eines Diakons, hielt der Papſt in eigener der erſten Meſſe. gekommen, beſtieg der Kaiſer begleitet von der Geiſtlichkeit Als dieſelbe zum Ev mit brennenden Kerzen, die Kanzel und las das Evangelium:„Es iſt vom Kaiſer Auguſt ein Gebot ausgegangen“ u. ſ. w. Während dieſer feier- lichen Handlung hielt der Churfürſt, Herzog Ludewig von Sachſen die Spitze des entblößten Schwertes, welches der Papſt dem Kaiſer als dem oberſten Schutzherrn der Kirche übergeben hatte, gerade über des Letzteren Haupt. Nachdem der Gottesdienſt zu Ende war, ertheilte der heilige Vater auf dem Pfarraltar dem Volke den Segen und begab ſich wieder in die biſchöfliche Pfalz; der Kaiſer aber mit ſeiner Gemahlin und die Königin von Bosnien bezogen das Rillenhaus zur Leiter. Damit es während der langwierigen ernſten Verhand⸗ lungen nicht an Abwechslung und geſelliger Kurzweil fehle, war man eifrig beſorgt, den anweſenden Herren und edeln Gäſten Feſte und Spiele mancherlei Art zu bereiten. So gab(am 2. März 1416) Herzog Ludewig von Baiern, Vikar des Concils, zu Ehren der anweſenden Ritter und adelichen Einwohner der Stadt Konſtanz, ein prachtvolles Turnier, bei welchem drei Herzoge, ſechs Grafen, viele Ritter und Knechte und bei fünfzig Helme in den Schranken erſchienen; die Damen und adelichen Fräulein aber zwei Tage hindurch mit Tanz und feſtlichen Banketten ſich erluſtigten.— Von der Großartigkeit ſolcher Kampf— ſpiele mögen uns die Zurüſtungen zu denſelben einigen Begriff geben. Als im Jahr 1434 dem Kaiſer Sigmund in Konſtanz ein Turney gegeben werden ſollte, mußten die benachbarten Klöſter und Gemeinden über dreitauſend Baum ſtämme zu Errichtung der Schranken liefern. lichen Jahre 1416 ſah Baptiſts die Im näm man am Tage des hl. Abgeſandten aus Feſt des Patrons ihrer halten. Unter Pfeifen Abend vorher in allen Gaf Johann Florenz in der Stadt das Vaterſtadt mit großer Pracht ab und wurde am aſſen ausgerufen:„Ihr Herrn! von Florenz wollen morgen in der Kirche zu St. Johann das Feſt des hl. Joh. Baptiſt feiern.“ In der Frühe verſammelten ſich ſodg den Franziskanern, alle meine Herrn un alle Florentiner bei und begaben ſich dem kaiſerlichen Fürſten und Grafen, von denen jeder eine nende Wachskerz ze nebſt dem Kaiſer Sigismund, Hofſtaate, viele en Herzogen, pfündige bren trug, mit hoher und in feierlicher Prozeſſion und niederer Geiſtlichkeit durch die mit Blumen beſtreuten mit grünen Bäumen geſo hmückten Gaſſen nach der Kirche St. Johann, allwo der erſte Kardinal und päpſtliche Kanzler das Hochamt hielt. Ein ähnliches Feſt feierten, am 29. Dezember, als dem Tage des hl. Thomas von Kanterbury, die veſenden Engländer. Konſtanz anß Das Prachtvollſte, was man von einem Einzu konnte, gab nach Verſiche graf Friderich ge ſehen erung der Chroniſten, der Mark von Meißen bei ſeiner Ankunft in Kon vornehmen, ihm ein; ſechszehn Gepäckw zwanzig Laſttl ziere, nebſt fünfhundert ſtanz zum Beſten. Mit dreizehn den Grafen zog er dienen bagen, acht und Berittenen bildeten das 8 95 Gefolge; Letztere ſammt und ſonders mit ganzen und präch⸗ tigen Harniſchen angethan, und geziert mit goldenen Ketten und Emblemen. Der Kaiſer ſelbſt und viele Großen ehrten den Gaſt durch ihre Begleitung. Einen beſonders wichtigen Akt bildete, wenige Tage lachher(den 15. April 1417) die feierliche Belehnung des Burggrafen von Nürnberg auf dem obern Markte). Nicht minder Außergewöhnliches bot das Fronleichnamsfeſt, 4*) Dieſer Akt bekommt für uns Badener durch die lobung einer durchlauchtigſten Urenkelin des Burggrafen Nachfolger Karl Friderichs ein beſonderes, Ver mit dem Enkel und erhöhtes Intereſſe. Denn durch jene Belohnung, welche die Pfandvertrags zwiſchen dem Kaiſer und dem Burggrafen war, gelangte der fränkiſche(oder burggräflich nürnbergiſche) Zweig des Hauſes von Zollern in den Beſitz der Markgrafſchaft Brandenburg mit der kurfürſtlichen Dieſe Erhebung aber verhalf ihm zu derjenigen Folge eines Würde. n deutſchen Reichsfürſten, welcher das zollern⸗ Stellung unter de echt die Erreichung ſeiner gegen— brandenburgiſche Fürſtengeſchl wärtigen Macht und Würde verdankt, worin es als Beſitzer des zweiten Großſtaates von Deutſchland ein ausſchlaggebendes Gewicht in die Wagſchaale des europäiſchen Gleichgewichtes Land Baden, nachdem es dasſelbe aus den legt, und für das B en der Revolution errettet, nun durch die be— der Prinzeſſin Luiſe von Preußen, ichen Hoheit Be—⸗ dem Prinz-Regenten Lriderich von unberechenbarer Be⸗ frevleriſchen Händ vorſtehende Verbindung 42 N 8 f 83 Königliche Hoheit, mit Seiner Königl deutung wird. 96 indem bei der öffentlichen Prozeſſion drei Patriarchen, fünf und zwanzig Kardinäle, zweihundert und fünf Erzbiſchöfe, Biſchöfe und Prälaten zugegen infulirte waren, mit einem Gefolge von fünfhundert päpſtlichen Auditoren, Schreibern, Hofbeamten und den 9 tepräſentanten der hohen Schulen und aller Gelehrſamkeit. Eb enſo zahlreich ſah man dabei die weltlichen Gewalten vertreten: Kaiſer Sigismund im Krönungsornate, zwei Churfürſten, drei und zwanzig Herzoge, fünf Fürſten, Landgrafen, fünfzig Reichsgrafen und Barone, und eine N tenge Ritter und Edle mit ihren Knechten; im Ganz en wohl viertauſend Perſonen, alle mit brennenden Kerzen in den Händen. Auch als ritterlicher Kämpe zeigte zeigte ſich einmal der Kaiſer, und zwar bei einem großen 2 urnier, welches zu Faſtnacht 1418 die Adeligen in Konſtanz auf dem Brühl veranſtalteten. Mit verbundenem Helme, ohne Wappen ſchild, ritt er in die Schranken, und zog, nachdem er einen Ritter und drei Knechte niedergerannt hatte, wieder ab, ohne das Viſier zu lüften. E Es läßt ſich denken, welch' ungeheure Menge Volkes während dieſer außerordentlichen Zeit nach Konſtanz gelockt worden ſehn mag. Um dem gemeinen Manne und den armen Prieſtern, Schülern und Andern, die des Concils wegen in die Stadt gekommen waren, Gelegenheit zum Verdienſte zu geben, ließ der Magiſtrat, ohne daß es durch Noth geboten geweſen wäre, die Mauern und Gräben der f 97 Stadt im Taglohn bauen und ausbeſſern; ebenſo arbeiteten viele Gelehrte und Prieſter den Weingärten an ſtädtiſchen Gebäuden oder wo es ſonſt etwas zu verdienen gab. der allgemeinen Kirchenver Als nach ſammlung der neugewählte Papſt Martin Vvon Konſtanz hinweg zog, ritt er, angethan mit einem goldenen Meß 599, gewande, auf einem ſcharlach bedeckten Pferde, zur Stadt hinaus. Den über ſeinem Haupte trugen zwei Ritter von Bodman, einer von Schellenberg und ein Herr von Klingenberg. Der Kaiſer führte das Pferd am Zaume und zur Rechten gieng der neue Chur— Brandenburg, links der Herzos Ludewig aus mit dem nachfolgenden Herzoge Fride rich Baiern, welche, von Oeſterreich die Decke des Pferdes gefaßt hielten. Nicht ſo glänzend war bekanntlich der Wegzug des Kaiſers. Seine Dienerſchaft hatte Schulden gemacht, und das Reichsoberhaupt ſah ſich genöthigt, zu ihrer Auslöſung eine Summe Geldes zu leihen und den Gläubigern Zu Konſtanz, Zell, Arbon und einigen von Augsburg) einen Theil ſeiner koſtbaren Tücher und Tapeten in Verſatz zu geben, mit dem Verſprechen, binnen Jahresfriſt die Pfänder zu löſen. Es waren fünfzehn ſeidene Tücher(Bett- und große Wandvorhänge, auch einige Haupttücher) von ſchwarzer und blauer Farbe, geziert mit grünen und rothen Roſen, güldenen Kreuzen und dem kaiſerlichen Adler, im Werthe 98 von 13,000 fl.; dazu 13 Stück Tapeten mit Gold durch wirkt, gewerthet zu 7000 fl. Alle dieſe Sachen wurden im Kaufhauſe niedergelegt. Als die beſtimmte Friſt ver ſtrichen und keine Löſung erfolgt war, blieben die Sachen, zum Schaden der Gläubiger, Jahre lang ligen. Ange knüpfte Unterhandlungen und Botſchaften führten zu keinem Ziele, weil der Kaiſer eine Gegenforderung machte, be treffend: der Stadt zu kaufen gegebene Steuern, den Kauf des Landgerichtes Thurgau, und Strafgelder in Sachen des Auflaufs gegen die Geſchlechter und gegen die Juden. Als Sigismund im Jahr 1430 zu Weihnachten wiederum nach Konſtanz kam, wurde auf's Neue unterhandelt. Der Kaiſer forderte 10,000 fl. Nachlaß oder daß man je den ſechsten Pfennig an der Schuld fallen laſſe, wogegen er den Gläubigern den Reſt an die Juden verweiſen wollte, die in Strafe verfällt waren, wegen eines zu Ravensburg (1429) an einem Chriſtenknäblein verübten Frevels. Man wurde aber nicht einig. Zuletzt kam es dazi daf Gläubiger die Pfänder unter ſich vertrieben, und als ſie ſolche verkauften, wurde kaum die Hälfte Geldes daraus erlöst; worüber viel zu ſchreiben wäre.“ Während das Concil in Baſel tagte(1737), wurden von dort aus Geſandte in alle Städte geſchickt, die Stöcke in den Kirchen aufrichteten, damit Jedermann unrecht er worbenes Gut hi einlege und Ablaß gewänne. Die ge opferten Güter wollte man zur Bekehrung der Griechen 99 verwenden. In Konſtanz ſcheint aber die Sache wenig An klang gefunden zu haben; denn die Tafel, welche mit Figuren und Inſchrift am Stocke(im Münſter) angebracht war, fand man eines Morgens zerbrochen, und als eine neue hinzu kam, fand man ſie gleich darauf mit ſchwarzer Farbe beſtrichen. Der unbekannte Thäter ward von der Kanzel in Bann gethan und mit dem Judasfluch belegt; wäre er entdeckt worden, ſo hätte er den Frevel im See gebüßt, da der Stadt übel nachgeredet wurde.— Al Stock etwa ein halbes Jahr da geſtanden, fand man beim Aufſchließen deſſelben 17 Schillinge, 3 Pfennige und drei Würfel. Der Raum war ſo mit Sand gefüllt, daß nichts mehr Platz hatte; in einem zweiten Stocke dagegen wurde viel Geld und Gut gefunden, ohne daß man wußte, woher es gekommen. Ein eigentlich ſtadtbürgerliches Vergnügen und Ueben war von jeher das Scheibenſchießen. Auch Konſtanz hatte ſeine wohleingerichtete Schießſtatt. Im Jahr 1456 (am Frauentag 15. Auguſt) gab der Rath und die Schützen geſellſchaft in Konſtanz ein großes Freiſchießen für Arm bruſtſchützen, wozu Fürſten, Herrn und Knechte und andere ehrbare Leute eingeladen wurden. Die Schußweite betrug 35 Schritte, anweſende Schützen waren es 285 und das Schießen dauerte 10 Tage. Unter den ausgeſetzten Preiſen waren ein„gedecktes Pferd“, gewerthet z anderes u„ferner Ochſen 10—8 und 7 fl.; mehrere ſilberne Pokale, ne Armbruſt (für 3 fl.) und etliche goldene Ring zugleich ſtanden Preiſe ausgeſetzt in en verſchiedenen Spielen, Laufer Springen, Steinſtoße und Ballſchlage Die Stadt ſchenkte dabei a 2 0 halbe V W̃᷑ Im Verlauf des Feſtes gerie Konſt 8 n einem Schweizer, Namens Plaphart, i 2 d Konſtanzer nannte ſeinen G E1 ·754 Phart, velche Schimpfwort die anweſenden Schweize Us der n Eidgenoſſenſchaft zur Schm et deutete und e großes Geſchrei darob anhub Es ka ˖ m Tumult, den der Bürgermeiſter Hans v. Cappel Mühe be ſchwichtigte und den Betheiligten da Verſpr Recht zu geben und zu nehmen. Als die Ei nöſſiſche aber heim kamen, klagten ſi„‚ wie ſie in Konſtanz b handelt habe, und ihre zer ſahen da olch Beleidigung der Nationalehre, daß mehrere Kantone ein Anzahl Bewaffneter, wohl an 1000 Mann, zuſammen zogen und gegen die Konſtanzer in's Feld rückten, ohne dieſen weder geſchrieben, noch ſie zur Rede geſetzt zu haben Am heiligen Kreuztag(14. September) zoge Thur in das Dorf Weinfelden; es war zur Z Weinleſe und die Scheuern waren voll Korr Haus zu Weinfelden(die Veſte) auf Gnade und U ergeben hatte, fiel der ngnade ſich d muthwillige Haufen in die 101 Reben, hieb einen Theil davon um und ſtiftete viel Unfug und Schaden. Die Konſtanzer erhielten aber zur Stunde erſt den Abſagebrief der Eidgenoſſen. Man bot an, Recht bei allen eidgenöſſiſchen Städten und Kantonen zu nehmen, ch Erfolg. Auf dieſes ſammelte man ſich in jedoch ohne Konſtanz um den großen Banner und ordnete als Hauptleute ſechs Mann von den Geſchlechtern und der Gemeinde dazu ab; auch den Geiſtlichen wurde befohlen, was ſie zu thun hatten. Die Ueberlinger ſchickten ihren Bundesgenoſſen in Konſtanz bei 500 wohlgerüſtete Männer, und die von ͤ ind Buchhorn ebenfalls viele Leute. Unterdeſſen hatte ſich der Feind faſt bis zu 6000 Mann verſtärkt, und weil man weiteren Schaden an den armen umligenden Dörfern, wo man die Weinleſe erwartete und die Scheuern voll Korn hatte, abwenden wollte ſchritt man zum Ver s Biſchofs Vikari und andere Herren zu Stande 24 chten. Die Stadt zahlte 3000 fl. Brandſchatzung und Berthold, der Reichsvogt, 2000 fl. Die Eidgenoſſen zogen ab, nahmen aber zum Andenken mit ſich, was ſie zu ragen vermochten. An der geforderten Brandſchatzung ſchenkten die Züricher den Konſtanzern ihren Antheil. Alſo endete der„Plaphartkrieg“, den ein einziges Wort entzündet hatte. Als einen Beitrag zur Sittengeſchichte des vielfarbigen fünfzehnten Jahrhunderts mögen noch einige in Konſtanz ſtattgehabte Empfangsfeierlichkeiten gelten; die eine im 47 102 46 zu Ehren der Gemahlin des ö Jahr 14 des He 3 mund von Oeſterreich. Die hohe Frau hielt in einem vergüldeten Wagen, mit einem Gefolge Pferden. Auf der Pfalz, fand eine Beglückwünſchung ſtatt wo Herberge für ſie beſtellt war ebenſo vielen bürgerlichen Frauen, wovon Junkers Markwart Brei ie Rede hielt, neigte ſie ſich, ſo neigten ſich die Uebr die Herzogin die Hand bot die Herzogin die von de Geſchenke an Wein, Fiſchen und Haber hu nehmen geruht hatte, begann bei Nacht ein„Geſtech mit ſcharfen Spießen“, wobei die Ritter mit magiſch flimmern den Kerzen auf den Schilden gegen Noch größere Ehre wurde 1592 dem Kaiſer Maxi einander ſprengten. milian bei einem Beſi ich in Konſtanz erwieſen. Man fuhr ihm auf zwei Schiffen bis Buchhorn entgegen. In einem der Fahrzeuge waren die Rathsherren, im viele ſtarke Knechte. Als der Kaiſer nahe der Stadt kam, erblickte er ein großes Schiff von etlichen Geſellen zuge richtet; ſie hatten eine Diele auf daſſelbe gemacht, und darüber gebauten Reishütte Canz. Die T tanzten unter einer einen hüb ſchen Mohriſchen Lanzer alle waren nackt und ſchwarz gefärbt. Sie hatten eine Scheibe oben am Segel baum angebracht, auf welcher drei ſitzen konnten; dieſe ſprangen herab in'ss Waſſer und kletterten behend an den 103 geſpannten Segelſeilen auf und nieder. Während dem ſchoß mit vielen Hackenl üchſen ſtrenge; 1 man vom Kaufhauſe aus und Alles gefiel dem Kaiſer wohl, ſon der Stadt. An der Konrad Brücke empfiengen ihn Biſchof Thomas und ſämmtliche Prieſterſchaft und Orden, die in ihren Habiten, auf das Köſtlichſte, mit allen 11 thümern. Der Biſchof hielt eine lange Rede, die der Kaiſer kurz beantwortete. Nach dieſen empfingen ihn die von Kon ſtanz, begleitet von 100 wohlgerüſteten Knechten in Har niſchen, welche vor dem Kaiſer hergiengen, das zahlreich vom Lande herbeigeſtrömte Volk abzuhalten. Vom Fiſch markte an wurde er unter einem goldenen Himmel, ge tragen von Bürgermeiſter Konrad Schatz, dem Reichsvogt Ludwig Appentager, dem Ritter Ludwig von Helmsdorf und dem Hofmeiſter des Biſchofs, Balthaſar von Randeck, in das Münſter begleitet, unter dem Geläute der Glocken aller Kirchen. Nach dem feierlichen Tedeum wurde er in die biſchöfliche Pfalz geführt, und die 100 Knechte kamen auf den obern Hof, ließen ſich ſehen und machten ein Rädle“, was dem Kaiſer ſehr wohl gefiel. Er blieb über vier Wochen in Konſtanz. Begünſtigt durch allgemeine wie beſondere Zuſtaͤnde Flor der und Ereigniſſe hatte bis daher der Wohlſtand und Fl IPNN Stadt auf's Erfreulichſte . jebreitet war der Handel, ſowohl mit eigenen niſſen. Die Konſtanzer einwand war weit berühmt*), ſow velche, eine Vergünſtigung des Kaiſers Sigismund, ſeit dem großen il in Konſtanz abgehalten wurden Verſchied bereinigten ſich jedoch im Ve laufe der folgenden hunderte, das rege Handels- und Verke rsleben der Boden ſeeſtadt allmählig zu lähmen. Die erf Urſache war das Eingehen des großen Landweges vom Norden der Levante; denn durch die Entdeckung des Vorgebirgs der guten Hoffnung und des neuen Welttheils An rika büßte Italien und mit die Nachbarlande den 4 indel Spezereien und andern Produkten des Orients ößtentheils ein. Nicht minder truge politiſche Ereigniſſe und Umgeſtaltungen zum Verfall der einſt ſo belebten Stadt bei. Zu Anfang des ſechszehnten Jahrhunderts verlor Konſtanz durch den unglücklick id ruhmlos zeführten Krieg mit den Eidgenoſſen u iter Kaiſer„die bisher beſeſſenen landesherrlichen Rechte üb thurgau Gebiet. Noch Schlimmeres brachten die blutigen Wirren der Reformationszeit. Die Bürgerſchaft, anfänglich der neuen Lehre zugethan, beigetreten. Der Biſchof und das Do war dem Schmalkaldiſchen Bunde ) Mone, Zeitſchr. für Geſchichte des O 105 Stadt, ebenſo alle geiſtlichen Ordensleute mit Ausnahme einer Nonne in St. Katharina und eines Dominikaners, welche erklärten, lieber ſterben als ihr Kloſter verlaſſen zu vollen. Erbittert über dieſe Vorfälle ſchickte Karl Wein ſpaniſches Heer, unter Alfonſo de Vives, gegen die Stadt, um den Ungel orſam ihrer Bürger zu ſtrafen.— Aber die Bedrohten ſetzten ſich muthig zur Wehr und ver— trieben den Feind; der Kaiſer verhängte hierauf die Reichs acht über die Widerſetzlichen. Sich ſelbſt überlaſſen und er kaiſerlichen Machtſpruch unterwarf ſich erlor jedoch ihre Reichsfreiheit ig Jahre ſpäter, als der verderbliche dreißigjährige Krieg bereits in ſchönſter Blüthe ſtund, kamen abermals ſchwere Tage. Guſtav Horn, der ſchwediſche 1633, mit großer Ueber Feldmarſchall, rückte, im Spätjahre Macht den Rhein herauf gegen die Veſte Konſtanz. raſcht ſahen die Bürger von ihren Thürmen den Feind im nahen Tegermoos ein Lager ſchlagen. Die öſterreichiſche Beſatzung in der Stadt war gering, aber vereinigt mit den wehrhaften Bürgern beſchloß man mit Gut und Blut ſich zu vertheidigen. Horn, dem dieſer Entſchluß, auf die Aufforderung ſich zu ergeben, kund gethan ward, ließ dem Stadtkommandanten Grafen Wolfegg erwiedern: je ſtärker man ſich wehre, um ſo lieber werd' es ihm ſeyn! Doch fand er herzhafteren Widerſtand, als ihm lieb ſeyn mochte. 106 Alle Stürme wurden blutig abgeſchlagen, und nach ſechswöchentlicher Belagerung mußte der Schwede unver D richteter Sache das Feld rä Die Konſtanzer aber aumen. feierten ihren Sieg, am 4. October, mit einem feierlichen Tedeum in der Domkirche. Bis auf die neueſte Zeit waren dort noch ſchwediſche, hereingeworfene Bomben als Votiva auf gehängt.(Im Jahr 1849 ließ der heſſiſche General Schäf chaſer bei der allgemeinen Entwaffnung dieſe ehrwürdigen Denk zeichen beſtandener Gefahr wegnehmen.) Die nachkommenden Succeſſions-Kriege giengen ohne beſondere Folgen für unſere Stadt vorüber. Mehr und mehr aber verſchwand die Regſamkeit und Behäbigkeit ihrer Bewohner. Die Kraft und Selbſtſtändigkeit des gemeinen Weſens waren längſt dahin, Handel und Gewerbthätigkeit Viele Häuſer ſtunden leer, und ſtarkbeſuchte Meſſen ſich bewegten, l lagen darnieder. wo früher lickte jetzt Merkurius mit ſeinem goldenen Stab von dem ſteinernen Brunnen der Marktſtätte traurig auf den Platz, auf dem die Damm kärner ihre Mittagsruhe hielten, während ihre Thiere behag lich in dem hohen Graſe ſchmaußten, welches dem alten Straßenpflaſter üppig entſproßte. In dieſem Zuſtande traf Kaiſer Joſeph I, auf ſeiner Rückreiſe von Paris, im öſterreichiſche Provinzialſtadt. Der wohlwollende Monarch ſah die Entvölkerung und Gew Jahr 1777, ſeine worder erbloſigkeit der Stadt und 107 faßte den Plan, ihr aufzuhelfen. Zur ſelbigen Zeit ſtanden in Genf mehrere vermögliche Fabrikherren, ausgebrochener Mißhelligkeiten wegen, im Begriffe, ihre Vaterſtadt zu ver laſſen. Dieſe Leute wandten ſich an den Kaiſer, und dieſer lud ſie ein, nach Konſtanz zu kommen und ſich da nieder— zulaſſen. Es wurden ihnen bedeutende Vorrechte und völlige Religionsfreiheit zugeſichert; überdies erhielt einer der ver— möglichſten Fabrikherren, J. M acaire, die ſchön gelegene Dominikaner-Inſel mit ihren Gebäuden unentgeldlich zur Errichtung einer Indienne- und Coton-Fabrik. Aehnliche Vergünſtigungen wurden den hereingekommenen Taſchen uhrenmachern und Goldarbeitern gewährt. Noch erzählt man ſich in Konſtanz verſchiedene Aeuße— rungen des Kaiſers, aus den Tagen ſeines Beſuches.— So befanden ſich unter Andern an verſchiedenen Plätzen der Stadt kleine hölzerne Wachthäuslein für die ſtädtiſchen Nachtwächter. Der Kaiſer, dem dieſelben auffielen, fragte nach ihrem Zwecke, und erhielt die naive Antwort:„Das ſind die Häuslein, in welchem die Nachtwächter ſchlafen.“ „So, ſchlafen bei Euch die Nachtwächter,“ ſoll der Kaiſer lachend erwiedert haben,„bei 1 Wort in den Mund Ins wachen ſie!“ Ferner wird dem Monarchen ein hartes gelegt über den Konſtanzer Klerus, dem er einen Theil der Schuld am Herabkommen der Stadt beimaß. Der gute Kaiſer, meint unſer Gewährsmann, der verſtorbene Zeichnungslehrer Nikolaus Hug von Kon 108 ſtanz*) konnte ſchon aus dem Thun u 8 und Laſſen der Jugend den vorwiegenden Einfluß der damaligen Kloſtergeiſtlichkeit abnehmen. Viele Aeltern, erzählt er, thaten „aufgemuntert durch geiſtliche Hausfreunde, das Gelübde, dies oder jenes Kind irgend einem Ordensheiligen zu weihen und bei ſeiner Voll jährigkeit in ein Kloſter zu bringen. Die Mütter trieben den frommen Eifer häufig ſo weit, daß die Kleinen bereits in zartem Alter Ordenshabite habitchen tragen mußten. Es war keine Seltenheit, ſechs- bis achtjährige Kupuziner oder Dominikaner auf der Gaſſe ſich herumbalgen zu ſehen Die Schilderung damaliger Zuſtände der Stadt Umgebung überhaupt, wie ſie uns Nikolaus Hug hi laſſen, iſt intereſſant genug, um Mehreres daraus hier U 1 mitzutheilen. Im Ganzen, erfahren wir, gab es um's Jahr 1780 dreiundvierzig Kapuzinerklöſter im Sprengel Konſtanz, wovon eines in der biſchöflichen Reſi denz ſelbſt ſich befand Wie in allen ihren Klöſtern gab es auch hier einen ſog. Malefizpater, deſſen Geſchäft es war, Hexen und böſe Leute zu bannen und den Teufel auszutreiben. Gewöhnlich wurden die unſaubern Geiſter in kleine Kiſten beſchworen und wohl verpackt, gegen Nachnahme, an entlegene Orte verſchickt. *) Ein Bruder des rühmlichſt bekannten Dr. Joh. Bernh Hug, weiland geh. Rath und Domdekan zu Freiburg. 109 Geſchah in einem Hauſe irgend etwas Ungewöhnliches, ſo nahm man ſeine Zuflucht zu den Vätern Kapuziner. Ja, ſogar die Evangeliſchen, aus den benachbarten Schweizer kantonen, kamen häufig in die Stadt, um bei den guten Patres in allerlei Angelegenheiten Hilfe zu ſuchen. In Häuſern, wo einige Behäbigkeit herrſchte, erſchienen an ſonſtigen Familientagen gewöhnlich ein zwei Kapuziner, dem Hausherrn gar freundlich zu ratuliren und ihn zu verſichern, daß man im Gebete ſeiner gedenken werde. Für dieſe Aufmerkſamkeit wurde ihnen gebührend mit einem guten Glas Wein und einem„Leib⸗ ſpeiſle“ aufgewartet, ſpäter aber erſt noch ein Eimer zein, die Hälfte eines Kalbes oder 30 bis 40 Pfund guten 2 Brodes in das Kloſter geſendet. Wer dies unterließ, ſah das Jahr keinen Kapuziner mehr in ſeinem Haus.“) bſt den Kapuzinern waren noch verſchiedene andere Ordensklöſter in der Stadt, die es an religiöſen, im Geiſte der damaligen Zeit ligenden Erhibitionen keineswegs fehlen *) Die Bettelmönche hatten darin einiges Gute, daß ſie manche unſerer heutigen Armen- und Suppen-Anſtalten ent⸗ zentlich wurde ein gewiſſes Quantum behrlich machten. Allwöc Brod für die Armen gebacken, ſowie reiſende Handwerksge— unentgeldliche Bewirthung fanden. Doch wo ſellen jederzeit ſie allerdings er Almoſenanſtalten waren, hatten viele ſolche nicht den beſten Einfluß auf Thätigkeit und Fleiß der abhängigen 1 Bevölkerung 110 ließen. Am Charfreitage z. B. hielten die Jeſuiten einer feierlichen Umgang durch die Straßen und mit ihnen die Studenten und ſämmtliche Profeſſoren. Hinter dieſen Cor porationen gieng ein Zug, welcher ſinnbildlich die Grab legung Chriſti vorſtellte, umgeben von Büßenden, die ſich geißelten, und Männern, welche ſchwere Kreuze und eiſerne Ketten ſchleppten. So bewegte ſich die Prozeſſion von einer Kirche der Stadt zur andern, um an den dort errichteten heiligen Gräbern das übliche Gebet zu verrichten. Zu einer andern Stunde am Charfreitage hielt die lateiniſche Congregation ihren Umzug. In dieſer Bruderſchaft befanden ſich Prieſter, Beamte und angeſehene Bürger. An ihren Feſttagen wurden in einer eigenen Kapelle im Münſterkreuzgange lateiniſche Predigten Ebenſo feierte dieſen Tag auch die gehalten. bürgerliche Congre gation. Dieſe hielt ihren Gottesdienſt und ihre Feſte in der Pfarrkirche St. Paul. Wenn wir weiter auf die weltlichen und Gebräuche blicken, wie ſi Zuſtände, Sitten e vor kaum ſechszig Jahren noch gang und gebe waren, ſo können wir uns nicht der Verwunderung enthalten, wie in kurzer Zeit ſo Vieles im geandert hat. Bekannt iſt die Art und Weiſe, wie damals rekrutirt wurde. Die Regimenter beſtanden ſozuſagen meiſt. Strafkompagnien, weil Landläufer, bürgerlichen Haushalte ſich aus Tagdiebe und Uebel thäter verſchiedener Art in die Soldatenjacke geſteckt wurden. erforderliche Mannſchaft durch ſolche Subjekte nicht immer zuſammengebracht werden konnte, ſo nahm In Konſtanz hielten ſich ſtets zwei kaiſerliche Werber auf. Als Kaiſer Joſeph im Jahr 1780 mit den Türken Krieg führte, wurden die Werbungen in Konſtanz auf folgende Art bewerkſtelligt: Ein Rathsdiener trug Geld in einer Platte von Gaſſe Hinter ihm gieng ein Stadttaglöhner mit einer vier- bis ſechsmäßigen Kanne guten Weins, ein Anderer trug die Gläſer dazu. So zog man durch die Straßen, müſſige Handwerksgeſellen und u verlocken. Jeder Rekrut erhielt 28Ufl. und einen Trunk: Vivat Maria Thereſia! Vivat gaffende Landleute Kaiſer Joſeph! u. ſ. w. und fort giengs unter Jubel und Geſchrei auf eine ſtädtiſche Zunft, wo die Leute wohl ge er ſüßen Bachusgabe traktirt Rathsdieners auf Wägen nach dem vorderöſterreichiſchen Platze Günzburg abgeführt. Nicht minder Eigenthümliches hatte der Handwerker Noch zu Anfang unſeres Jahrhunderts war es wandernden Geſellen, ſtatt eines polizeilichen nderbuches, eine ſogenannte Kundſchaft n ſeinem Handwerke ausgeſtellt, mitzu geben. Dieſe Kundſchaften beſtunden in einem großen Bogen Papier mit ſchöner Cinfaſſung und einer Anſicht derjenigen 142 Stadt, wo der Geſelle ſein Handwerk erlernt hatte. Dar unter ſtund mit ſchön verzierter Frakturſchrift: Wir Bürger meiſter und Rath der löbl. Stadt N. N. und die vorge ſetzten Meiſter des ehrſamen Handwerks de beurkunden hiemit u. ſ. w.“ Die Voll ſchaften auszuſtellen, hatte jeder Altmeiſter des Handwerks n 8. Die beigeſetzten Perſonalbeſchriebe fielen aber oft aus; denn die Hälfte der Handwerksmeiſter konnte nur kümmerlich leſen und ſchreiben. Daher die Sit ſozuſagen ſtereotyp waren. Gewöhnlich hatten die Schloſſ und Schmiedgeſellen ſchwarze Haare, ſchwar und waren fünf Schuh acht Zoll groß, während die Bäckergeſellen ſämmtlich blond und kurze fette lein waren. Oft kam es vor, daß Diebe oder faule Ge ſellen ſolche Kundſchaften ſtahlen, und unter dem Namen des urſprünglichen Beſitzers Diebſtähle oder gar Mordthaten begiengen, enthauptet oder gehenkt wurden. Kam nun die Kunde von einer ſolchen Exekution in die Heimath des erſten, rechtmäßigen Kundſch aftsbeſitzers, ſo gerieth Alles in Schrecken und Beſtürzung, bis nach durchgemachter Wanderzeit der vermeintlich Hingerichtete geſund und wohl behalten bei den Seinen eintraf, und thatſächlich jene Gerüchte widerlegte. Einzelne Gewerke, wie z. B. die Metzger und Gärtner, gaben den Ihrigen ſtatt den gewöhnlichen Kund ſchaften große Pergament-Bögen mit, auf welchen ſich der chen 113 wanderluſtige Geſelle, je nach ſeinem Vermögen, von einem er Schönſchreiber etwas Hübſches malen ließ. Die Maler ode i Gärtner z. B. wollten meiſtens den Garten ihres Lehr meiſters mit allen Gebäulichkeiten und Pflanzen darauf haben, während die Metzger ſchönes Vieh beſtellten, nebſt dem Lieblingshunde„Packan“ oder„Bläß“. Nikolaus Hug erzählt, daß im Jahr 1797 in einer größeren Stadt Mittelrheinkreiſes ein Maler eine ſolche Beſtellung von des einem Metzger bekommen, und mit vielem Fleiße alſo aus— geführt habe, daß er zwiſchen die zierlichen Buchſtaben und Worte:„Wir Bürgermeiſter und Rath“ Ochſen-, Kälber⸗ und Schafsköpfe ꝛc. gemalt habe, was der Metzgerzunft ungemein, dem Rath hingegen ſo ſehr mißfallen habe, daß der arme Künſtler zu einer Abbitte und Vernichtung des Lehrbriefes ſich habe bequemen müſſen. Ein recht luſtiges Leben führten auch die Studenten auf den Vakanzreiſen. Mit ihren Zeugniſſen und langen Degen an der Seite beſuchten ſie die Landprieſter und wohl habenden Bürger aller Orten. In jedem Kloſter ward ihnen Herberge gegeben auf ſechs bis acht Tage, Mancher arme Schlucker brachte und Eſſen und Trinken im Ueberfluß. von einer vierwöchentlichen Vakanzreiſe zwanzig bis dreißig Gulden baares Geld nach Hauſe. In der Stadt gab man armen Studenten bei Profeſſioniſten gerne Koſttäge, wo für ſie dem Hausherrn, der im Schreiben und Rechnen ent weder hücher halten mußter Eine 1 Menſchen bildeten die Waldbrüder oder Eremiten, auf Kirchhöf bei Kapellen, oder in W n ihre Klauſen hatter 2 zeigten ſich im Aeußern als ſehr nme Leute, welck den Kirchen die Prieſter bedienten, n Meßner bei Ve zierung der Altäre halfen und mit dem Volke zu ver ſchiedenen Zeiten in ihren Kirchlein Betſtunden ab no i Ende des vorigen nu Verſen geziert, z. B Wahre Thränen, wahre Bu U A1 ven Uli 1 Trotz ſolcher frommen Aeußerungen ſcheuten ibrigen manche dieſer wunderlichen Heiligen ein Bischer„Ruß“ nicht, wenn es darauf ankam, ſich ein Bene zu thr Zu gleicher Zeit gab es auch Schwärme vo Bettlern und abgedankten gardenden Soldaten mit Frauen, Kindern und kleinen Fuhrwerken. Sie zogen von einem Pfarrſprengel zum andern und beſuchten die Kirchweihen In Konſtanz hatten dieſe Be tler eine unter ſich aufgeſtellt: ſtarb ein alter? Weib, ſo rückte die jeweils alteſte Perſon um ein Platz näher an die Kirchenthüre, und durch die ganze Armee fand das gleiche Avancem cement ſtatt 115 an ſchönen Sonntagen ganze Bettler— Hier ſeufzte einer wegen Krank familien gelagert erblicken. anderer ſeiner brennenden Wunden heit, dort ſchrie ein andere 7 Ile eun E AA 8 Anſe vegen, alle ſo erbärmlich wie möoͤglich, um ein Almoſen den Vorübergehenden zu erhalten. Kam der Abend und dient cht, ſo hörten die Schmerzen auf; man zo verſchiedene S Herbergen und verzehrte 6 to 8„ Geld erheiterte 6 thes te Geld. Die an der Straße nach Loretto ge legenen(errichtet von Biſchof Hermann III, Breitenlandenberg) hatten das Recht, aus dem die Straßen der Stadt zu durchziehen. Sie ſangen geiſtliche Lieder und führten einen Wagen mit ynen rtſchaffung des reichlichen Almoſens, was ihne ſich, zur§ von mitleidigen Einwohnern geſpendet wurde. Ein anderer anmuthiger Brauch war das öffent den vom Weihnachtsabend bis zum Feſte der liche Singe 8 4 AR Meihna tega 18 ſonte c heiligen drei Könige. Am Weih nachtsabend ſetzten ſich Banden alter und junger oft ſeltſam verkleideter Leute in Bewegung, um vor denjenigen Häuſern der Stadt zu ſingen, aus welchem ſie bereitwillige Spenden erwarten — der Geburt und dem n ſang meiſt Lieder durften ohon Fe 41 7 Kincen Leben oft mit ſehr ſchönen klangreichen S Hin wieder hörte man aber auch K oder Liebeslied. War man den nächtlichen Sangern gewoge 2 116 ſo wickelte man die Geldſpende in ein langes Papier, zündete es an, und warf es zum Fenſter hinaus der Bande zu. Ließ aber der flammende Dank allzulange auf ſich war ten, ſo rief man in geduldigem Tone: »Wenn ihr üs ge wend, o gend ü's bald, O enn uf den Gaßen iſt es kalt.« Noch im Jahre 1792 war es in Augsburg Sitte, daß an jedem Samſtag arme Studenten, mit Mänteln ange than, vor jedem Hauſe, wo ſie Wohlthaten empfingen, ein deutſches Lied ſangen oder ein Vaterunſer beteten. Am heiligen drei Königstage fand das bekannte Herum gehen der drei Könige mit dem Sterne ſtatt. Unſer Be⸗ richterſtatter gibt in ſeinem Nachlaß eine Probe von Liede einem „welches an dieſem Tage in Konſtanz von den ver kleideten Weiſen gewöhnlich geſungen wurde. „Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern, G ie ſuchen den Herrn und ſähen ihn gern, U 8 Sie kommen vor's König's Herodeßen Haus, Herodes, der ſchauet zum Fenſter heraus. Herodes, der ſprach mit falſchem Bedacht: »Warum iſt nur der hintere ſo ſchwarz? Er iſt nicht ſchwarz, er iſt ganz weiß; Wir ſuchen Ihn mit ganzem Fleiß. Zu Nacht ſind wir den Berg gegangen, Dann iſt der Stern wohl aufgeſtanden. 117 er Sternen rückt fort, wir folgen ihm nach, 9 Bis wir zuſammen nach Bethlehem kamen; Nach Bethlehem in die heilige Stadt, Wo Jeſus Chriſtkindlein die Liegerſtatt hat. Wir fallen Ihm alle Drei zu Füßen, Zum Opfer Ihm ſchenken wir Gold, Weihrauch und Myrrhen. Dies war das liebſte Jeſulein.« Allgemein war auch in der Seegegend das Johannis— feuer. Vom Hafendamme aus konnte man am Abend des Johannistages weithin im Schwäbiſchen und benachbarten Schweizerlande die Feuer lodern ſehen; und noch heute iſt dieſer Brauch nicht ganz erloſchen. In Konſtanz aber hörte dieſe alte Sitte auf mit dem Jahr 1805, allwo ein junges Mädchen bei dem üblichen Sprung über das Feuer in die Flammen fiel und ſich ſtark beſchädigte. Die Stadtbehörde, welche das Feuermachen in den Gaſſen ohnehin ungerne ſehen mochte, verbot die Abhaltung des Brauchs. Zu jener Zeit hatte auch noch jeder Bürger das alt— hergekommene Recht, ſeinen ſelbſtgepflanzten Wein öffentlich auszuſchenken. Die Verkündigung ſolcher Schenkeröffnungen geſchah durch einen alten Mann in halb weißem und halb rothem Mantel.— Am Sonntagmorgen nach beendigtem Gottesdienſte geſchahen die Ausrufungen, mittelſt der Schelle. Es konnte geſchehen, daß zwölf bis vierzehn Schenkwirthe und Weinſorten auf einmal ausgerufen wurden, was dem Ausſcheller eben ſo viele Maß Wein und Kreuzer eintrug. nur zwiſchen ganz bedeutenden Orten, und da waren ſie mußten eingeſpannt werden. Ganz beſonders ſchwierig war das Fortkommen auf ſchweizeriſchem Boden. Bis zum 7 7 Jahre 1796 z. B. mußten die Reiſenden auf der ſtark begangenen Straße zwiſchen Pfyn und Frauenfeld nach Frankreich, auf Flößen oder den reißenden Thurfluß ſetzen. War dieſer von Gewitterregen oder geſchmolzenem Schnee hoch angeſchwollen, ſo mußten die Wanderer eben Geduld haben, bis das Element ſich etwas verlaufen hatte. daß auch das Poſt und Botenweſen dem Zuſtande der Wege entſprach. In gedachter Zeit befand ſich in Konſtanz die Poſt auf dem obern Markte, unter den Bögen des jetzigen Leo'ſchen Kaffeehauſes. Ein alter Herr Namens Nader gaſt beſorgte gemächlich und ohne Gehilfen das Geſchäft. Die Poſtkutſche fuhr etwa zweimal in der Woche nach Radolfszell; nach der Schweiz aber giengen bis zurn giel 1780 noch keine Fahrpoſten. Erſt von da an wurden Spoſt in Verbindung ſolche dort eingerichtet und mit der 4 Niagen hatte Vaum für* Noy. ebracht Die er Wagen hatten Raum für vier Per In Di Itten„»üüßhte ntoen au Kheynen 17 ſon 4 Kaſten ruhten hinten aufſ hoölzernen, eif Federn und hiengen in Ketten, während ſie ir auf der Achſe auflagen. Da mochte, vorne unm umal auf d olverigen Straßen, dem Fahrenden das einlullende Schläfchen wohl verſcheucht worden ſeyn Alle Poſtillone von der Reichsf kamen zu Pferde. Die Briefe hatten ſie in Beuteln rückwärts am Sattel feſtgeſchnallt; d aber von Ueberlingen, Mersburg u. tr lederne Brieffelleiſen Rücken. Mit noch weniger Umſtändlichkeit be Geſchäft. Von Luzern kam trieben die Eidg das wöchentlich einmal ein Bote zu Fuß mit einem Tragkorb, worin die Korre ſich befand; von Wiel aber brachte, patriarchiſcher Sitte gemäß, eine Frau mit einem Eſel das ihr Anvertraute nach Konſtanz u von da zurück Zwiſchen vielen ſchwäbiſchen und ſchweizer Orten und Konſtanz beſtand gar keine regelmäßige Verbindung; man konnte von dort nichts erhalten und folglich auch nichts Der Briefwechſel überhaupt mag damals ein ſehr geringer geweſen ſeyn. So genügte z. B. vor dahin verſenden. fünfzig Jahren noch eine einzige Perſon, in Konſtanz die Poſtſtücke auszutragen. Es war eine alte Jungfer Namens Sidonia, welche mit einem Körblein am Arme die 120 Briefe in der Stadt umher trug; als ſie alt und ſchwach geworden, überließ ſie das Geſchäft einer Baſe. Regelmäßige Botenfuhren für Frachtſtücke kamen erſt in Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Später verband man auch Fahrgelegenheiten für Reiſende damit, jedoch nur für ſolche Paſſagiere, welche keine allzugroße Eile hatten, indem die Reiſewagen einfach hinten an den Güter⸗ wagen angehängt wurden. Kutſchen gab es dazumal noch wenige. Um's Jahr 1787 zählte man in Konſtanz nicht mehr als zehn Kutſchen, wovon zwei der Stadtge meinde, eben ſo viele zweien vermöglichen Bürgern und die übrigen dem Biſchof und den Domherren gehörten. Muſtern wir Kleidung und Tracht unſerer Altvordern, ſo finden wir bei ihnen weniger Modenwechſel, aber dafür mehr Solidität in den Stoffen. Sonntags(im Winter) gieng der reichere Stadtbürger nie anders als im ſilber bortirten dunkelblauen Mantel; der Patrizier hatte ſolchen von Scharlach mit Goldborten auf dem Kragen, und als Auszeichnung den Degen, der übrigens auch dem Künſtler, Beamten und wohlhabenden Kaufmanne zuſtand. Ver mögliche Profeſſioniſten pflegten ihres Handwerkes goldenen Boden in maſſiven ſilbernen Rock und Weſtenknöpfen zur Schau zu tragen, während von nicht minder koſtbarem Metalle die Schuh- und Hoſenſchnallen, Uhrgehänge und Anderes ſeyn mußten. Statt unſern leichten Modezeugen ſah man an den Frauen fein tuchene, mit ächten Silber ¹ borten beſetzte Kleider, dazu die ſchmucke Goldhaube. Beim Kirchgang fehlte nicht das ſilberbeſchlagene Gebetbuch von kunſtreicher Arbeit und der Roſenkranz von Bernſtein oder Korallen mit Denk- und Schaumünzen behangen. Die Erben bekamen damals werthvolle Hinterlaſſen⸗ ſchaften, während ihnen heute meiſt werthloſer Modekram und verbrauchte Fetzen zu Theil werden. Manche, uns beinahe unentbehrliche Geräthſchaften dagegen, waren dazumal noch ſelten oder gar nicht im bürgerlichen Hausweſen anzutreffen. Regenſchirme z. B. ſah man nur bei Vermöglichen. Sie beſtanden aus dunkel⸗ farbiger, mit großen Blumen gezierter Wachsleinwand. Die gemeinen Bürger- und Bauernweiber aber behalfen ſich bei regneriſcher Witterung damit, daß ſie einen Theil ihrer Obergewänder über das bedrohte Haupt zogen, wie in unſern Tagen noch auf dem Lande zu ſehen. Vom Gebrauche der Spiegel wußten unſere Landleute ebenfalls noch wenig. Sie wendeten ſich einfach an das bekannte Element, in welchem ſchon im früheſten Alterthum Narciß ſein jugendliches Bild erſchaut. Samstag Abends nämlich ſtellten die ländlichen Schönen eine Gelte voll Waſſer in ihre Kammer, worin ſie, nach dem Ankleiden ehe ſie zur Kirche giengen, noch einmal ſich beſpiegelten, ob Alles in gehöriger Ordnung ſei. Alſo einfach waren die Sitten und Zuſtände der ſ. g. guten Zeit.— Aus ihren Trümmern 12 erwuchs in raſchem Wechſel das Neue, welches zu beſchreiben den Nachkömmlingen überlaſſen bleiben mag. Nebſt den mannigfachen Umgeſtaltungen der Joſephini ſchen Zeit überhaupt, war für unſer Konſtanz die Anſied lung der genannten Genfercolonie von om Einfluß So So wie alles kommende Neue Bewes das vorhandene Alte bringt, ſo wirkte auch di anregend auf die Zuſtände der altbürgerlichen Stadt. Folge der Ankunft ſo vieler thätigen und vermöglichen Fremden fieng man an, die modernden Kehrichtwinkel in den Gaſſen zu ſäubern, die vom Wurme zerfreſſenen In gebäude der Gur Hälfte leerſtehenden) Häuſer auszubeſſern und bequemere Wohnungen darin einzurichten. Alle Hand werksleute, die gute Arbeit zu liefern vermochten, bekamen zu thun. Taglöhner, welche früher von Almoſen und Kloſterſuppen ſich genährt, griffen ermuthigt zur Arbeit. Zwiſchen den neu hergekommenen und den urſprünglichen Bürgern beſtand das freundlichſte Verhältniß; die jüngern Einheimiſchen lernten bald Franzöſiſch und die Genfer, wenn auch etwas langſamer, Deutſch. Mit jedem Jahr hob ſich der Wohlſtand. Die Genferknaben, meiſt luſtiges Blut, beſuchten die Schule in Zofingen, ſo auch die Mädchen. In Religionsſachen huldigte man einer gewiſſen Toleranz. Die Mädchen der proteſtantiſchen Genfer familien nahmen am katholiſchen Religionsunterrichte Theil; es hieß, ſie könnten ja größer und urtheilsfähiger geworden, 123 ſelbſt ſich das Beſſere wählen.— Erſt nach mehreren Jahren kam ein Genfer proteſtantiſcher Geiſtlicher mit Fa— milie nach Konſtanz; und bereitwillig wurde ihm ein Lokal zur Abhaltung des Gottesdienſtes eingeräumt. Im Ganzen beſtand die Colonie aus etwa fünfhundert Köpfen. Dem Gewerb- und Fabriktreibenden ward vom Kaiſer zwanzigjährige Steuer- und Militärfreiheit bewilligt. Wie ſchon oben bemerkt, bekam die Familie Macaire, zur Errichtung einer Indienne- und Cotonfabrik, die Domini kaner-Inſel unentgeldlich. Bei dem Einzuge hatte Jakob Macaire, wie Hug erzählt, ein ſonderbares Mißgeſchick. Als der erſte ſchwerbeladene Güterwagen über die Brücke zum Kloſter fuhr, brach dieſelbe unter der Laſt zuſammen und Pferde und Wagen ſtürzten ſtark beſchädigt in den Waſſergraben. Die vertriebenen Kloſtermönche und ihre Anhänger aber frohlockten und wollten eine höhere Fügung darin erkennen, ſo natürlich es auch war, daß die, nur zu Brodfrüchten und Weinfuhren hergerichtete Brücke, unter der ungewöhnlichen übermäßigen Laſt einbrechen mußte.— Bis auf den heutigen Tag wird dies Fabrikgeſchäft mit gutem Erfolg betrieben. Andere, von den Eingewanderten angefangenen Induſtriezweige, wie z. B. die Sackuhren—⸗ und Goldwaaren-Fabrikation ſind jedoch wiederum in Ab gang gekommen. Um der Erſteren aufzuhelfen, ward die zollfreie Einfuhr von 20,000 Stück Sackuhren während acht Jahren in die öſterreichiſchen Staaten geſtattet. Da 124 aber die Fabrik weit mehr zu liefern im Stande war, ſo wurde der Ueberſchuß im Orient verſchloſſen. Am Schluß des genannten Jahrhunderts war Konſtanz zum andernmal Zeuge einer Einwanderung. Das große Ereigniß der franzöſiſchen Revolution ſcheuchte eine Menge Prieſter und Mönche bietenden Macht den Eid nicht l wie bekannt „welche der neuen ge— eiſten wollten, über den Rhein. Unſer Gewährsmann ſchildert ſie der Mehrzahl nach als ſehr unwiſſend.— Nebſt einer Menge der niedern Geiſtlichkeit waren auch ſehr viele höhere Würdenträger der Kirche nach Konſtanz gekommen. Die Frohleichnams Prozeſſion 1793 gewährte daher das ungewöhnliche Schau ſpiel, daß dreizehn franzöſiſche Biſck jöfe, darunter drei Erzbiſchöfe, und nebſt dieſen der Malteſerfürſt von Heiters heim, zu ſehen waren. Zu Betrachtungen entgegengeſetzter Art gaben über rheiniſche Emigranten im Jahre 1814 Veranlaſſung. Es waren ehemalige Nationaldeputirte, welche zum Tode König Ludwigs XVI geſtimmt hatten und nach Wiederherſtellung des Königsthrones aus Frankreich fliehen mußten. Der eine war der Erxdeputirte für Correze, Prival, welcher bei Erblickung des Blutgerüſtes für den König, in der Vorausſetzung, das Volk könne das Schauſpiel nicht bequem genug ſehen, ausgerufen haben ſoll: Es iſt zu nieder! Dieſer Mann wurde ſpäter in Konſtanz wahnſinnig, und wo er vor einem Hauſe eine Treppe erblickte, ſprang er 125 haſtig hinauf und herunter. Die Stufen zum Königlichen Blutgerüſte ſtanden immer noch vor ſeinen wirren Sinnen. Ein zweiter, Monnel mit Namen(aus dem Departement Marne), ſtellte kurz vor ſeinem Tode in Konſtanz eine öffentliche Urkunde aus, worin er ſeine Reue bezeugte, zum Tode des unglücklichen Königs geſtimmt zu haben.— Der dritte, Dübois Bellegarde, Deputirter für Charente, wird als roh und religionslos geſchildert; er rühmte ſich vieler Mordthaten, aß wie ein Schwein faules Fleiſch und Fiſche, ſpottete über Gott und den Teufel— und fürchtete ſich bei ſeinem Ende doch vor demſelben.— Ein vierter, für das Departement Cher, La Brunerie, zeigte ſich als ein braver Mann, der oft ſeinen Kummer aus⸗ ſprach, zum Tode ſeines Königs geſtimmt zu haben.— Alle dieſe Männer ſtarben während der zwanziger Jahre. Bei der Wanderung durch die Stadt lenken wir billig unſere Blicke zuerſt auf die altehrwürdige Domkirche.— Wie alte Berichte ſagen, rührt ihre urſprüngliche Anlage von Biſchof Rumoald(1052) her. Nach Andern jedoch wäre ſchon früher, im Jahre 950, zur Zeit Konrads des Heiligen der Grundſtein gelegt worden, und Rumoald habe nur die Einweihung des fertigen Baues vollzogen. Die ſechszehn maſſiven ſteinerne Säulen im Innern der Kirche ſollen, nach einer Sage, unter Konrad dem Heiligen 126 geſetzt worden ſeyn 3). Die urſprüngliche Form des Ganzen iſt die des Kreuzes, wozu ſpätere Jahrhunderte, bauend und verändernd, das Ihrige hiezu gethan haben. In frühern Zeiten hatte der Bau zwei Thürme. Im Jahr 1497 am 18. April wurde ein dritter, der„Mittel neue Münſterthurm“ zu bauen angefangen. Das Fundament dazu war drei Mann tief, weßhalb etliche Steine von den andern Thürmen abriſſen und beinahe fünf Knechte erſchlagen hätten. Biſchof Hugo(von Hohenlandenberg) legte den erſten Stein durch ſeinen Hof meiſter Walther von Hallweil Zu gleicher Zeit waren die großen Glocken gegoſſen worden. Aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze Zeit; eine Feuersbrunſt ruinirte im Jahre 1511 alle ſammt den Glocken. Zwei Dachdecker hatten am Kirchen hürme drei dache etwas auszubeſſern; dem Einen entfiel der glühende Löthkolben und entzündete einen Haufen Hobelſpäne. Der welche bald rießig hoch die Thürr Bachſtuhl gerieth in Flammen ne umloderten, ſo zwar, daß die bleigedeckten Helme derſelben mit den Glocken ſchmolzen, und das flüſſige Metall herabträufelte wie Regen. Drei T ein age ſchwebte dadurch die Stadt in Feuers gefahr; die beiden unſeligen Dachdecker aber hatten ihr Heil * N„ * ieſe * Säulen nebſt den übrigen Bauſteinen kamen aus einem Steinbruche beim Schloſſe Bodman 12 in der Flucht geſucht. Nach dieſem Ruin ließ das Domkapitel die Werkmeiſter der benachbarten Städte Frei⸗ burg i. B., Straßburg, Zürich, Ueberlingen, Neuhauſen und Salmansweiler nach Konſtanz berufen, um von ihnen zu hören, was Brande ganz ruinirte Mauerwerk der Thürme 3 das vom Bu ſei. Die Meiſter gaben den Rath, zu thun bis auf Weniges abzutragen und mit verzierten Kuppeln oder Helmen zu verſehen, in derſelben Geſtalt, wie das bis auf unſere Zeiten gekommen iſt.— Bauwerk noch bis Papſt Pius III hatte allen Denen, die einen Beitrag zum Bau leiſten würden, einen Ablaß verheißen. Nach Braunegger ſoll ein Amann von Rorſchach unentgeldlich die Steine geliefert, und Kaiſer Manimilian auf Bitte des Biſchofs, Metall zum Guſſe neuer Glocken, ſo wie zur Deckung der Thürme gegeben haben.— Nachdem der ganze aus grünlichem Sandſtein ausgeführte Bau im Laufe mehrerer Jahrhunderte ſehr in Zerfall gerathen, wurde im Jahr 1847 unter Großherzog Leopold's landesväterlicher Regierung, zu einem großartigen Ausbau und einer Re— paratur aller ſchadhaften Theile geſchritten. Nach einem Plane von Hr. Baudirektor Heinrich Hübſch(ausgeführt von Architekt Leonhard und Bildhauer Lucas Ahorn) ſehen wir jetzt die mittlere Pyramide fünfzig Fuß hoch den alten Dom überragen und bis in weiteſte Ferne den See und ſeine herrlichen Ufer beherrſchen. Von den drei tatuen, welche über das Hauptportal zu ſtehen kommen, — iſt die mittlere, die heilige Jun gfrau mit dem Kinde, als Kirchenheilige, gefertigt von Bildhauer Xaver R eich, bereits aufgeſtellt. Die beiden Nebenfiguren, der heilige Pelagius, Stadtpatron, und der heilige Konrad, des Sprengels Schirmherr, werden von dem Konſtanzer Bildhauer Baur ausgeführt. Beim Anblick der Vorhalle und des Innern der Kirche wird der Mangel alter Skulpturen auffällig; zumal wenn wir bedenken, daß die alten Bau meiſter im wohlverſtandenen Kunſtintereſſe nicht wohl ein öffentliches Gebäude herſtellten, ohne Mitwirkung der Maler und Bildhauer. Um dieſe Erſcheinung vorligenden Falles zu erklären, erinnern wir an die Zeiten der refor matoriſchen Umwälzungen, wo auch in Konſtanz alle Bild niſſe als anſtößig entfernt oder zertrümmert wurden. Unſer Gewährsmann erzählt, daß deßhalb(ſowie überhaupt wegen der Vorfälle zur Reformationszeit) Biſchof Balthaſar Mercklin ſich beſchwerend an den Kaiſer gewendet, und dieſer die Bürgerſchaft in eine Strafe von 100,000 fl. ver— fällt habe, wovon jedoch, nach längerem Unterhandeln, nur 20,000 fl. erlegt werden durften. Trotz dieſen Zerſtörungen iſt noch viel Herrliches von alter Kunſt im Dome übrig geblieben.— Gleich beim Eintritt erregen die in Eichenholz geſchnitzten Thüren des Portals unſere Aufmerkſamkeit. Sie enthalten in zwanzig Feldern Reliefs, welche Momente aus dem Leben Chriſti darſtellen. Eine Inſchrift nennt Simon Baider als den 129 Verfertiger(1470).— Von ungleich mehr künſtleriſchem Werthe ſind jedoch die mittelalterlichen Domherrnſtühle im Chor des Mittelſchiffs. Es war die Aufgabe des Künſtlers, drei übereinanderſtehende Reihen von hölzernen Sitzen(72 an der Zahl) würdig und ſinnreich zu ſchmücken. Wir ſehen deßhalb(ſehr unähnlich der meiſt bild- und phantaſie⸗ loſen Gothik unſrer Zeit) eine Menge Bildwerke der treff lichſten Erfindung mit dem architektoniſchen Theil organiſch Seele des Künſtlers von verbunden. Alles, was in der Gemüth, Phantaſie und originellem Humor lebte und erſcheint darin wieder gegeben: die Uranfänge des Erlöſungs⸗ webte, Menſchengeſchlechts, die Verheißungs- und geſchichte, Legenden, Allegorien und Geſtalten aus dem wirklichen Leben. Von ganz köſtlicher Erfindung ſind unter Anderm die Conſolchen auf der Kehrſeite der beweglichen Sitzbretter. Gewiß würde es lohnend ſeyn, dieſe zierlichen Kunſtwerke abzuformen und zu vervielfältigen. Bedauerlich iſt hiebei allerdingſs der Anſtrich von dicker Oelfarbe, welcher wahrſcheinlich im vorigen Jahrhundert dem Ganzen gegeben wurde. Der Name des Meiſters findet ſich nirgends verzeichnet. Allem nach aber fällt die treffliche Arbeit in das letzte Viertel des fünfzehnten oder in den Anfang des folgenden Jahrhunderts. Nicht minder ſchätzbare Sculpturen ſind die Biſchofs⸗ grabmäler in einigen Seitenkapellen. 130 Sämmtliche Monumente ſind, nach gewohnter Dar ſtellungsweiſe des Mittelalters, auf Särgen ligende Porträt geſtalten, im Coſtüm bis in's einzelne ein charakteriſtiſches Bild ihrer Zeit, aber groß in der Auffaſſung und durchaus edeln Styls— Eigenſchaften, welche dieſen Denkmälern fern von allem akademiſch römernden Pomp und Conven tionellidealen, nebſt großem Kunſtwerth wahrhaft hiſtoriſchen Gehalt geben.— Wenn da und dort noch ſchulweiſe Be denken entſtehen möchten, ob dem Plaſtiker erlaubt ſei, bei Porträtgeſtalten der Neuzeit das herrſchende Coſtüm anzuwenden, ſo lehren uns die vernünftigen Alten ganz einfach das Rechte. Eines der intereſſanteſten dieſer Monu mente iſt das Grabmal des Biſchofs Otto III eines badiſchen Markgrafen von Hachb erg und Röteln, in der mit alten Glasmalereien gezierten(von Otto erbauten) Margarethenkapelle. Ueber dem Grabmal erblicken wir in einer Niſche ein gleichzeitiges, leider aber ſtark beſchädigtes Freskobild, Chriſtus am Kreuz mit den knieenden Geſtalten des Biſchofs und eines Ritters, wahrſcheinlich eines Bruders des erſteren. Otto's III kirchliches Regiment fällt in die Zeit der großen Kirchenverſammlung; er war einer der gelehrteſten Männer ſeiner Zeit und äußerſt kunſtliebend, nach Schulthaiß beſaß er eine anſehnliche Bibliothek und wohl für 3000 fl. ſilberne Heiligenfiguren, welche letztere, nach ſeiner Abtretung des Bisthums an Heinrich von Zollern, das Domkapitel erkaufte und 131 zwei Tafeln daraus machen ließ. Nach ſeiner Abdankung zog er nach Schaffhauſen in das Kloſter, kehrte aber bald wieder nach Konſtanz zurück, wo er 1437 ſtarb. Aus dem Chor der linken Seite führen Stufen ab⸗ wärts in die Kapelle des heiligen Konrad. Neben dem Altar befindet ſich ein Sarg ohne Inſchrift und auf deſſen Deckel, wie angenommen wird, das Bild des Biſchofs.— Konrad der Heilige ſchlanken Wuchſes Dieſem nach wäre geweſen; das länglichte Geſicht iſt von einem ſchwachen Barte eingefaßt, ein Zug von Wohlwollen und Humanität ſchwebt um das wohlgebildete Antlitz.— Von dieſer Kapelle kommt man in die unterirdiſche Crypta, ohne Zweifel der älteſte Theil der Kirche. Aus ihr zurückkehrend beſchreiten wir den Kreuzgang an der nördlichen Seite des wo ſich in eigener Kapelle das Grabmal des im Domes, hofs Burckart von Höwen Jahr 1398 verſtorbenen Biſd befindet. Weiter gegen Oſten führt eine Pforte in die Kapelle des heiligen Grabes. Biſchof Konrad der Heilige ſoll Das ſteinerne Grabgebäu in Mitte der Abends ſie erbaut haben. düſtern Kapelle wurde ehedem in der Charwoche von vielen hundert Lampen feſtlich erleuchtet. Die Figuren s Grabhauſes ſind ſehr alt und geben uns im Innern de Spital⸗ wahrheitsgetreue Trachten der Johanniter oder brüder aus den Zeiten der erſten Kreuzzüge. Verzichtend jedoch auf eine Beſchreibung aller Sehens— 9* NN 132 würdigkeiten wollen wir noch einiger Arbeiten älterer Kon ſtanzer Meiſter erwähnen). Im Langhauſe rückwärts um das große Portal befindet ſich ein großes allegoriſches Oel gemälde, ein Denkmal für den Canonicus G eorg Müller. Es iſt das nicht unverdienſtliche Werk E hriſtoph Storer's, welcher in der zweiten Hälfte des ſiebenzehnten Jahr hunderts in Konſtanz lebte. Bei ſeinem Vater Lucas erlernte er die Anfangsgründe der Kunſt, und bildete ſich in der Werkſtätte des damals berühmten Malers Herkules Proccacini in Mailand weiter aus. Als praktiſcher Meiſter malte er mehrere Bilder für die Kirchen zu Mailand und die Karthauſe in Pavia. Der junge Mann liebte eine ſchöne Mailänderin, Angelica Pamphora, welche im Jahr 1652 ſeine Gattin wurde, nachdem 1 die Jungfrau ſeinem Wunſche gemäß in Konſtanz als Bürgerin aufge 2 nommen war. Kurze Zeit nachher ehrte ihn die Vater ſtadt durch die Ernennung zum Mitgliede des innern Rathes Sein Ende fällt in das Jahr 1671. Auf dem Schotten kirchhof in Konſtanz iſt ſein Grab. Konſtanzer, Ludwig Herrmann, ſehen wir auf der — Von einem andern *) Eine detailierte Beſchreibung des Domes gibt das Schriftchen»Führer durch die Münſterkirche in Konſtanz. Bei Stadler 1853. Ebenſo das fragmentariſche Werk von Joſua Eiſelein:„Geſchichte der Stadt Konſtanz und ihrer nächſten Umgebung. Konſtanz, bei W. Meck.« linken Seite in zwei Kapellen Altarbilder, jedoch von unter geordnetem Werth; das eine die Marter des Apoſtels 1 8 Bartholomä, das andere die Weiſen aus dem Morgen— lande(gemalt 17503). Einheimiſche Bildhauer, die für den Dom arbeiteten, werden außer dem erwähnten Simon Baider nur die Ge— brüder Schenk mit Gewißheit angegeben. Das zwölf Fuß hohe Cruzifix im linken Seitenchor ſoll von ihnen ſeyn. Die Beiden lebten zur Zeit des dreißigjährigen Krieges. Un⸗ gleich beſſer, als die genannte Arbeit, iſt ein ſteinernes Grabmal: die ſterbende Maria von den Apoſteln umgeben, im linken Seitenchor. Von beſonderer Zartheit erſcheint die Hauptfigur. Dieſes Werk ſoll, nach Braunecker, der Bildhauer Waldmann dem Andenken ſeiner geliebten, früh verſtorbenen Tochter Sabina zum Gedächtniß errichtet haben. Auf der ſüdlichen Seite des Domes und mit demſelben verbunden ſtand ehedem die biſchöfliſche Pfalz, erbaut von Biſchof Salomo III im Jahr 891. Biſchof Otto III ließ das Bauwerk,„das vorher ein altes, liebloſes Ding war“, erneuern und zum würdigen Empfang des Papſtes 8 *) Ein Sohn Herrmann's verzierte unter Anderm die Narrenſtube, worin die Konſtanzer Faſtnachtsgeſellſchaft ihre Verſammlungen hielt, mit Arabesken und Masken komiſchen Genres, welche Arbeit viel Beifall fand und des Kaiſers, kurz vor dem Concil herrlich reſtauriren und ausſchmücken. Der kunſtſinnige Herr gab den Wänden des großen Saales ein eichenholzenes Getäfel von künſtlichem Schnitzwerk mit den Wappen der damaligen Domherrn; an den Säulen, welche die Decke trugen, ſah man d die Wappen des Papſtes und des Kaiſers, ſowie das des Hochſtifts und des Hachbergiſchen Geſchlechtes; der obere Stock enthielt Wandgemälde von demſelben Meiſter, der den herrlichen alten Saal im alten Kloſter zu Stein am Rhein gemalt hat. Bis zur Reformation war die Pfalz von zwei und fünfzig Biſchöfen bewohnt. Hugo von Landenberg, um's Jahr 1527 Biſchof, verlegte die Reſidenz nach Mersburg wo nach ihm alle Biſchöfe reſidierten. Im neunzehnten Jahrhundert befanden ſich in der verlaſſenen Pfalz nur noch wenige bewohnbare Zimmer. Alle übrigen waren ohne Fenſter und Verſchluß; das Ganze gewährte den Anblick einer halbzerfallenen Ruine. Im Jahr 1830 wurde der B au niedergeriſſen und ein ſ. g. Muſeum an deſſen Stelle gebaut. Ein ſchönes wohlerhaltenes Baudenkmal des Mittel alters iſt die Pfarrkirche St. Stephan. Biſchof Salom o III, aus dem alten Grafengeſchlechte von Ramſchwag wird als ihr Erbauer genannt. Vor dem Jahre 900 befand ſich dieſe Kirche noch außerhalb der Stadtmauern und kam erſt bei der dritten Erweiterung, um 919 innerhalb derſelben zu ſtehen. Der mehrerwähnte Biſchof Otto III renovierte den alten Bau von Grund aus und zierte ſeine Fenſter mit herrlichen Glasgemälden, von welchen noch Reſte vor⸗ „ handen ſind. Zur Zeit der Reformation hatte die Kirche, wie alle übrigen, das traurige Loos, durch Beſchluß des übelberathenen Stadtrathes(1529) allb ihres Schmuckes an Bildſäulen, Grabmälern und Gemälden beraubt zu werden. Erſt nach hundert oder mehr Jahren konnte ſie durch milde Beiträge wieder verſchönert und zur Pfarr— kirche erhoben werden. Der Hochaltar enthält ein Gemälde, die Weiſen aus dem Morgenlande, von dem Konſtanzer Meiſter Philipp Memberger. Das Leben dieſes Künſtlers fiel in die Zeit der vorerwähnten Bilderſtürmerei. Als der gute Mann ſo viel Herrliches der Kunſt, welcher ſein ganzes Leben geweiht war, in Staub ſinken ſah, ergriff ihn Unwille und Schmerz, und er eiferte in heftigen Reden gegen den Stadtrath und die fanatiſchen Predikanten. Da ließen ihn die Stadtverordneten in's Gefängniß werfen, aus dem er erſt nach langer Zeit, als die Spanier im Jahr 1548 die Stadt beſetzten, wiederum befreit wurde. Nach dieſem Um ſchwung der Dinge malte der mißhandelte Künſtler das ob⸗ genannte Bild. Von einem andern einheimiſchen Künſtler des ſiebenzehnten Jahrhunderts, dem bekannten Bildhauer Hans Morink, ſehen wir in der Kirche einige Reliefs; 136 ebenſo Altarbilder von den Malern Chriſtoph Storer und Ludwig Herrmann. Eine dritte Pfarrkirche iſt die Spitalkirche in dem ehmaligen Auguſtinerkloſter; ihr Hauptſchmuck iſt ein ſchönes Altargemälde von der rühmlichſt bekannten Konſtanzer Malerin Maria Ellen rieder. Ein ſehr intereſſanter Bau iſt die alte Stadtkan zlei; ſie ſcheint von einem Italiener erbaut zu ſeyn; der Charakter ihrer Fagade und des äußerſt maleriſchen Hofes erinnern an venezianiſche Bauwerke. Bereitwillig werden dem Fremden die werthvollen Documente alter Zeit welche das ſtädtiſche Archiv enthält: 94 gezeigt, darunter die bildreiche Chronik von Ulrich von Richentl hal(aus der Zeit des Concils), die hand ſchriftlichen Sammlungen von Schult haiß(aus dem ſechszehnten Jahrhundert)„Zündele M angold und Braunecker. Auch einige Glasgemälde von localem Intereſſe ſind durch die Vorſorge der Herren Dr. Stanz und Stadtrechner Molito r) dem Verderben früherer geringſchätzender Zeiten entronnen. Die Kunſt der Glasmalerei war von Alters her in Konſtanz heimiſch. Beinahe alle öffentlichen Gebäude prangten in dieſem Namentlich reich ausgeſtattet war Schießſtatt, in welcher alle herrlichen Schmucke. die Gänge und Stuben mit den Wappen von vielen hundert der älteſten Schützen ge ziert waren. Erſt um die Mitte des ſechszehnten Jahr hunderts jedoch finden ſick )Namen der Künſtler angegeben. 137 Die Glieder der Famlilie Spengler übten dieſe Kunſt über zwei Jahrhunderte lang in Konſtanz. Das Alter⸗ thumskabinet des Herrn Nikolaus Vincent in dem großen Saale auf dem Münſter-Kreuzgang enthält viele Arbeiten von ihnen. Das Beſte aber was dem Freunde des Schönen in Konſtanz werden kann, iſt ein Beſuch der vorzüglichen Sammlung von Kunſtwerken im Hauſe des verehrten Freiherrn v. Weſſenberg. Sowohl bei den Oelge mälden als Kupferſtichen gibt ſich der feine gediegene Sinn und Geſchmack des edeln Beſitzers kund. Eine außer⸗ ordentlich bändereiche Bibliothek ſchließt ſich würdig dieſen ie mit Liberalität jedem Fremden bildlichen Schätzen an, d gezeigt werden. Unter den Gebäuden, welche noch unverändert aus dem Mittelalter in die Neuzeit hereinragen, zeichnet ſich vor Allem das Haus zur Katze aus, der ehemalige Ver ſammlungsort der adeligen Geſchlechter. Der wahrhaft ritterliche Bau enthält einen geräumigen wohlerhaltenen Saal.— Ein anderes öffentliches Gebäude aus dem fünf⸗ zehnten Jahrhundert dagegen mußte ſich eine Umwandlung iws kahle Moderne gefallen laſſen: das Rathhaus am Fiſchmarkt, im Beſitze eines Privatmanns. Die ſchöne alte Portalverzierung iſt ihm geblieben; ſie iſt eine Arbeit des Konſtanzer Meiſters Ulrich Greyfenberg,„welcher den Schildſtein anher verehrte“. Wir ſehen in ihm die Wappen R 138 des Reichs und der Stadt, gehalten von dem Papſte und dem Kaiſer, mit der Jahreszahl 1479. Beſonderes Intereſſe hat im Laufe der Zeit das Kaufhaus erlangt mit dem ſog. Conciliumsſaal(er baut 1388) obwohl hier nie eine Sitzung des Concils, wohl aber die Wahl des Papſtes Martin ſtattgefunden. Das koloſſale Haus mit ſeinem hölzernen Ueberbau und mächtigen Dache iſt ſo zu ſagen das Wahrzeichen der Stadt ein Denkmal der großen Kirchenverſammlung geworden. Kein Fremder wird Konſtanz verlaſſen, ohne dem Bau und ſeinen Sehenswürdigkeiten ein paar Augenblicke ge opfert zu haben. Aus der Zeit des Concils zeigt uns der alte Cuſtos den Thronſeſſel Kaiſer Sigismunds, den Altar auf dem der Papſt eine heilige Meſſe geleſen, ein Stück von Hußens Kerker, den Angeklagten und ſeine Widerſacher ſelbſt, naturwahr faſt bis zum Erſchrecken; ſodann einen ſtädtiſchen altväteriſchen Gallawagen, Schilde aus den Kreuzzügen, etwelche heidniſche Gözenbilder und diverſe Oelgemälde. Wahrlich, wir werden in dieſer Um gebung unwillkührlich in die Vorzeit zurück verſetzt, zumal wenn, wie bei meiner Anweſenheit, der Sturm um den rieſenhaften Dachſtuhl ſaußt und unheimlich mit den Wind fahnen muſtziert und ächzt, als lebten ſie wieder auf die ſtreitenden Geiſter der alten Tage. Ich wandelte eine Weile im Geſpräch mit dem C zwiſchen den maſſiven Eſchenhol uſtos zſäulen des weiten Saales 139 auf und ab. Der Mann verbreitete ſich gerne über die Zuſtände der früheren Zeit, deren Zeuge er noch geweſen. „Gab es“, fragte ich, als der polternde Sturm einige Augenblicke ſchwieg,„gab es zu jener Zeit auch viele Geiſter und Geſpenſter in der Stadt?“„Ja wohl!“ erwiderte der launige Altvater,„zumal in guten Weinjahren.— Bei der Stadtmauer, vom Paradieſerthor bis zum Pulver— thurm und Rheinthor, beim Kaufhaus u. ſ. w. ſah man bei Nacht Geiſter, feurige Geisböcke und Geſpenſter, die einem auf den Weg ſtanden, ſo daß man ſich kaum ge— traute, bei Nacht auszugehen. Nicht viel beſſer war's hinter dem Franziskanerkloſter und bei den Dominikanern, wo einer, der keine Ortskenntniß hatte, nicht leicht ohne Püffe oder eine ſonſtige derbe Lektion davon kam. Dann gab es auch noch, daß ich's nicht vergeſſe, das wohlbekannte Stadtthier— ein Geſpenſt, von dem alte Leute noch viel zu erzählen wiſſen.“ Hierauf kam er auf ſeine Jugend zu ſprechen: wie damals ſo viel Geſelligkeit und Harmonie unter den Bürgern geherrſcht habe. Der Hauptſpaziergang der alten Konſtanzer ſei geweſen zum„Schäpfle“ drüben in der Schweiz(wir hatten zufällig die Ausſicht durch die hohen Fenſteröffnungen dahin); weil der Schoppen groß und der Wein gut geweſen, ſo ſei auch er vom achtzehnten bis gegen ſein ſiebenzigſtes Jahr regelmäßig dahin ge— wandelt, und ſo mäßig er ſtets im Trinken geweſen, ſo hab ihm neulich doch Einer ausgerechnet, daß er im Ganzen 140 in ſelbigem Schäpfle vertilgt habe„wie viel meinen Sie?— 16 Fuder, 20 Eimer und ungerade Schoppen“ referierte er mit großer Befriedigung. Unter ſolchen Geſprächen war ſein Stündlein gekommen, wo er gewöhn lich den„Conciliumsſaal“ zu verlaſſen und ſich in ſeine Wohnung zurückzuziehen pflegte. Mir aber gab der Reſt des Tages noch Muße genug, am Hafen umherzuſchlendern und einen Gang zu machen um die alten Wälle, Stadt mauern und Thorthürme, welche erh altenswerthe ma— leriſche Denkmäler der Ortsgeſchichte ſind. Der See wälzte ſtürmiſch ſeine weißbekrönten Wellen gegen den ſteinernen Damm und die Ufer, und ließ in er höhtem Maaße die Wohlfahrt des ſchirmenden Hafens fühlen. Und wenn wir aus der Gegenwart in vergangene Zeiten zurückſchauen, gewahren wir auch hier die mannigfachen Segnungen einer friedlichen Zeit. Denn wo ehedem nur eine einfache Reihe von Pfählen nothdürftig den Landungs platz ſchützte, ſehen wir jetzt den ſtattlichen Hafenbau, zu welchem unter Großherzog Leopold's väterlicher Re gierung, im Jahr 1836, der Grund gelegt wurde. Mit vielen Freiheiten begabt, hob ſich 8 der Platz bald zu großer Bedeutung für das Verkehrsleben der herrlich gelegenen natürlichen Mittelpunkt der der jetzigen Dampfſchifffahrt bildet. Konſtanz, der Sitz der großherzog lichen Kreisregierung, eines Stadt, welche den Hofgerichts, eines Lyceums und ſeit neuerer Zeit einer Garniſon, zählt, letztere nicht 141 gerechnet, beiläufig 6500 Einwohner, von denen etwa 350 proteſtantiſch, die übrigen katholiſcher Confeſſion ſind. Die Stadt beſitzt mit ihren drei Vorſtädten, K reuzlingen, Paradies und P etershauſen einen Umfang von 4000 geometriſchen Ruthen. Sie iſt, bei ziemlich mannigfachen Annehmlichkeiten des geſelligen Lebens, umgeben von einer paradieſiſchen Landſchaft, und vereinigt alles, was dem Fremden einen längern Aufenthalt erfreulich machen kann. Und ſollte ihn je eine Sehnſucht anwandeln nach den fer nern blauen Seegeſtaden mit den rieſigen Maſſen der Alpen im Hintergrunde, ſo gibt die tägliche Einkehr bequemer Dampfboote Gelegenheit, dem Zuge des Herzens zu folgen. Aber auch die Nähe bietet unzählige erquickliche Luſt- und Erholungsorte: die Wirthſchaften zum Gütle, Fürſten— berg, Käntle, die Inſeln M ainau und Reichenau, ſowie die im obſt- und weinreichen Garten des Thurgau's ligenden Orte Kreuzlingen, Emmishofen, Gott lieben ꝛc. die genußreichſten Ausflüge und Ruheplätze gewähren. Liebt aber der Erholungſuchende fern von heitrer Luſt Gewühl, mit ſich und ſeinen Träumen allein zu ſeyn, ſo vertraue er der leicht beweglichen Gondel ſich an, daß ſie ihn hinaustrage in das weite herrliche Element, in der Kühle des duftigen Morgens, zur ſommerlich hellen Mit⸗ tagsſtunde, oder am Abend, wenn das Flammenauge des Tages hinabgezogen iſt hinter die fernen glutumfangenen 142 Bergſchlöſſer des Hegau's, und eine milde, ſterndurchwebte Nacht ihren Zauber ausbreitet über dem tiefen, geheimniß voll ruhenden Gewäſſer. Wir ſcheiden von Konſta nz mit reich gelabter Seele; aber auch mit einem ſchmerzlichen Blicke voll jener Erin nerungen, welche das Bild einer ehemaligen alten Reichs ſtadt immer in uns hervorruft. Es erinnert an ſo manche ſchöne Blüthe, die durch Ungunſt der Veränderungen im großen politiſchen Leben um ihre Entwicklung gekommen. Nichts kann uns über dieſen Verluſt beſſer 15 tröſten, als die Wohlthat guter Fürſten, welche mit edler Liebe zu Land und Volk überall das Gute und Schöne großherzig zu fördern beſtrebt ſind, und uns ſo, im Strome der allge waltigen Zeit, noch die Früchte eines befriedigenden Daſeins gewinnen laſſen. Mersburg. Wie in den vorigen Tagen, war auch bei meiner Abreiſe von Konſtanz der See noch immer in ſchäumender Bewegung. Aeolus blies ſein altes Lied, die Aufforderung zum Tanz, ſo kräftig gegen den Hafen, daß ſelbſt die hier ligenden Dampfboote und ſchweren Segelſchiffe in ſchaukelnde Bewegung geriethen.— Der„Friderich“, der ſchnellſte Fährmann des Bodenſee's, eröffnete trotz dem Aufruhr der Elemente den Reigen, um im Sturme die alte Mers burg zu gewinnen. Sprühende Regenſchauer verhüllten die fernen Geſtade, und wie hinter einem wehenden Schleier erſchien bald die ſeitwärts ligende, wellengeborene Königin des See's, die liebliche Mainau. Mit ungehinderter Kraft durchſchnitt das Boot die wallende Fluth, welcher bald groß und größer die Felswände Mersburgs und ſeine Biſchofsſchlöſſer ent⸗ ſtiegen.— Welche Fortſchritte, dachte ich, mögen nicht im Bereiche der Schifffahrt gemacht worden ſeyn, ſeit den Tagen, wo unter König Dagobert der alte Thurm dort oben zum Leuchtthurm gedient, und ſpäter auf der grauen Mersburg 144 die Gaugrafen von Rordorf ſaßen, um im Namen des Kaiſers die Ueberfahrt über den See zu ſchirmen. Jene Zeiten mit ihren Sitten- und Kulturzuſtänden ſind längſt vorüber, aber ihr Bau, von einem guten Geiſte beſchützt und erhalten, grüßt noch heute wie vor tauſend Jahren den Ankömmling. Ein Geharniſchter mit geſchloſſenem Viſier, ſchaut er herab auf das alte Städtlein, und hin über zu ſeinem jüngern Nachbar, der Biſchofsreſidenz im Gewande des Roccoco. Ein Blick auf die Lage Mers U burgs gibt einigen Aufſchluß über ſeine Entſtehung. Offenbar entſtand die untere Stadt unter dem Schutze der Burg, als Stapelplatz von Schiffern und Fiſchern, während der obere jüngere Theil den Dienſtmannen und Beamten der hier wohnenden Konſtanziſchen Biſchöfe ſein Emporkommen verdankt.— Wann aber die Letztern in den Beſitz der alten Burg gekommen, davon geben uns die Chroniſten keine ganz ſichere Nachricht. Jedenfalls diente frühe ſchon die Veſte den geiſtlichen Herren zum Zufluchtsort, in jenen kampfer füllten Zeiten, wo die Kirchenobern ſtets in ähnlichem Falle ſich befanden, wie jener italieniſche Meiſter, der von Neben buhlern bedroht, immer das gezogene Schwert neben ſich an der Staffelei ligen hatte. Ein ſolcher Schutz mußte die Burg im Jahr 1354 ihrem Beſitzer, dem Biſchof von Konſtanz, leiſten.— Nach Biſchof Rudolfs III Tode waren die Wahlſtimmen zwie ſpältig, die einen auf Albrecht von Hoh enberg, die —— 4 Sadi. CTandl'esbibliotkeł. andern auf Nicolaus von Kenzingen gefallen. Der Letztere erhielt des Papſtes Beſtätigung; Albrecht's Vater jedoch, der mächtige Graf v. Hohenberg, zog das Schwert, um für ſeinen Sohn das Bisthum zu gewinnen. Sein Bundesgenoſſe war Kaiſer Ludewig ſelbſt, welcher aus Haß gegen den Papſt ein zahlreiches Volk benachbarter Städte gegen Mersburg führte, wo Biſchof Nicolaus mit den Seinen das alte Schloß beſetzt hielt. Als der Be drohte das Kriegswetter kommen geſehen, hatte er mehrere hundert Bergleute berufen, welche den Fels um das Schloß abſchroten und durch eine tiefeͥKluft von dem übrigen Lande — 1 trennen mußten. Die Biſchöflichen hatten kriegserfahrene Hauptleute, einen Grafen von Toggenburg, Kanonikus von Konſtanz und den gedienten Feldoberſten, Ja ſſo. Während Erſterer in blutigen Ausfällen die Feinde ſchlug, führte Jaſſo einen kühnen Seekrieg, nahm des Feindes Frachtſchiffe weg, und machte mit ſeinen Pfeilſchützen wilde Jagden auf die Nachen der Belagerer; die er, wie der Chroniſt ſagt, mit Netzen fieng wie Fiſche, und als er grimmter Leu unter ihrer Bemannung wüthete. Dieſer Widerſtand brachte den Feind zum Nachgeben, ohne daß der Graf v. Hohenberg ſeinen Schwur erfüllt geſehen hätte: „nicht eher abzulaſſen, bis er der hl. Jungfrau Maria (Schutzpatronin des Hochſtiftes) das Hemd vom Leib ge— zogen habe“. Noch bewahrt das ſtädtiſche Archiv eiſerne 10 Bolzen aus dieſer Fehde, die beim in eichenem Gebälke gefunden R 8 1 4 on Piſg 7 Weniger glücklich war einer der nachfolgenden Biſchöfe Heinrich von Höwen. Die Bürger Mersburgs en pörten ſich wider ihn(1436), belagerten das Schloß und zwangen ihn zur Flucht. In die Reichsacht erklärt, mußten ſie aber(1457) Stadt und Schloß ihrem Landesherrn wiedrum zurückgeben. Große Drangſale brachte auch der Nach ſtädtiſchen Schri rnahmen von der Mainau her e Frd Schloß, wobei der Dachſtuhl in Fl 10 rei Jahre ſpäter der Schaden ausgebeſſert de Biſchof ſeine getreuen Stadtbürger um Ehrenfuhren bei dem Bar weſen; ſie wurden bereitwillig, aber geleiſtet, daß dieſer Dienſt hinfüro ausgedehnt werden möge Auch Widerhold, der und am See, ſuchte die Stadt von ſeiner Veſte Hohent 1 u u Eire 3 wie! aus mit Erpreſſungen he m, wobei er mit„Schwert und Brand“ drohte. Wie verarmt das ſtädtiſche Weſen in jenen unſeligen Kriegsläufen geworden, kann der Umſtand darthun, daß im Jahr 1650, als die Stadt„wegen Armuth und Mittel loſigkeit“ ein Anlehen machte, der ſämmtliche Kirchen ſchatz einem Sohn Abraham's in Verſatz gegeben wurde. Zu dieſer Lebensnoth kam bald noch eine Leibesplage, die Peſt, welche ſo verheerend wirkte, daß kein einheimiſcher Prieſter mehr in der Stadt am Leben blieb. In dieſen die Franziskaner von Sulgau, ſchrecklichen Tagen waren es welche täglich auf die Stätte des Todes kamen, um auf offener Straße Beichte zu hören und den Sterbenden den roſt der Religion zu bringen ein Dienſt, den die Stadt dadurch zu vergelten ſuchte, daß den frommen Vätern hinfüro alljährlich im Herbſt in Mersburg erlaubt wurde, ihr Almoſen zu ſammeln.— Von dem zerſtörenden Weſen jener dreißigjährigen Kriegszeit überhaupt finden wir aller Orten noch ſchriftliche und mündliche Ueberlieferungen in Menge. In den Mersburger Rathsprotokollen iſt unter Anderm erwähnt, wie anno 1653 im benachbarten Schwaben die Wölfe furchtbar überhand genommen und bereits vier undzwanzig Kinder zerriſſen hätten; weßhalb auf Befehl des Erzherzogs Karl von Oeſterreich zu Konſtanz die Mersburger Büchſenſchützen aufgeboten wurden zu allge⸗ meiner Jagd auf die Beſtien. Alle dieſe Trübſale und Einbußen mochten jedoch bald verſchmerzt ſeyn, in einer Gemeine wie Mersburg, die durch den fürſtlichen Hofhalt der Biſchöfe, durch ergiebigen Grundbeſitz und lebhaften Getreidehandel über den See ſo Auch giengen die nachfol vielfache Erwerbsquellen hatte. Im Zeiten ohne ſonderliche Unfälle vorüber. genden 10* R R N˖ N 148 Kriegsjahr 1796 jedoch wäre der Ort durch eines jener, in neuerer Zeit berüchtigt gewordenen Mißverſtändniſſe bei nahe dem Brande und der Plünderung anheim gefallen. Die Urſache hievon war ein franzöſiſcher emigrierter Mönch, der ſich einige Zeit als geiſtlicher Abentheurer in Mers burg und Umgegend herumtrieb. Dieſer Mann kam eines Tages zum fürſtlichen Präſidenten(der Hof war in Ulm auf der Flucht) und vertraute dieſem, er habe erfahren, daß ein Trupp franzöſiſcher Marodeurs vom Tareau'ſchen Corps die Stadt zu überfallen trachte. Der erſchreckte Beamte ſchickte nach dem Bürgermeiſter und Rath, und man kömmt überein, die Thore zu ſchließen und, bis anderwärtige Hilfe käme, den eigenen Herd mit Gut und Blut zu ver theidigen. Die wehrhaften Bürger ſchließen und beſetze tzen alſo die Thore; und wirklich dauert es nicht lange, ſo er ſcheint eine ſtarke Reiterſchaar, die verwundert die Eingänge verrammelt und die Bürgerſchaft in Waffen ſieht. Erbittert über ſolche Feindſeligkeit in bereits erobertem Lande, ſchickt man ſich an, den Eingang mit Gewalt zu erzwingen. Indeſſen waren einige Bürger eiligſt in's Schloß gelaufen, dem Präſidenten zu melden, daß keine Marodeurs, ſondern reguläre franzöſiſche Huſaren vor den Thoren hielten. Der gute Mann war jedoch längſt über den See geflüchtet; die Bürger aber beeilten ſich, zu öffnen. Der Feind drohte mit Plünderung und Brand, und als man ſich entſchuldigte, der biſchöfliche Präſident habe die Thore zu ſchließen be 149 fohlen, ſtürmten die erbitterten Soldaten in's Schloß und ergriffen den biſchöflichen Kanzler, welcher zufällig während des Handels von Ulm her in die Stadt gekommen war. Nur mit Mühe konnte der unſchuldige Mann von einer Copulation mit des Seilers Tochter befreit werden. Ebenſo ſchenkten die Republikaner, als das ganze Mißverſtändniß aufgeklärt war, der Stadt Verzeihung, indem ſie groß müthig mit einer Summe Geldes ſich begnügten. 8 8 Die größte Einbuße erlitt Mersburg nachmals freilich durch die Verlegung der biſchöflichen Reſidenz. Wer die hinterlaſſenen großartigen Bauten und Anlagen derſelben betrachtet, mag einen Schluß ziehen auf den prachtvollen Hofhalt, der hier geführt worden. Noch leben alte biſchöf— liche Diener in Mersburg, welche ſich jener Tage mit Vor liebe erinnern. Ihr Gedenken geht bis zu Biſchof und Kardinal Fr. Konrad Roth, dem drittletzten der hier regierenden ohn des öſterreichiſchen Feld— C Fürſtbiſchöfe. Er war der zeugmeiſters Baron Joh. v. Roth und kam im Jahr 1750 auf den biſchöflichen Stuhl. Sechs Jahre ſpäter wurde er in Gegenwart des Kaiſers Franz von Papſt Benedikt IV in Wien zum Kardinalprieſter erhoben. hatte er nicht wenig Als ein Mann von großer Energie und Willenskraft Einfluß auf die Wahl des Papſtes Ganganelli, welchem Akte er als kaiſerlicher Kronkardinal beiwohnte. RR — 150 In ſeinem biſchöflichen Haushalte liebte Roth Pracht und zahlreiche Dienerſchaft, doch verſtand er auch zu ſparen, was ſeine hinterlaſſenen Baarvorräthe beweiſen. Die bil dende Kunſt hatte an ihm einen Freund; auch ſoll Eu, worauf man dazumal vieles hielt, ein guter Lateiner ge weſen ſeyn. Zudem war er ein gewaltiger Nimrod und trefflicher Schütze, der ſtets einen großen Wildſtand unter hielt und gegen Wilddiebe unerbitterliche St trenge hand habte. Alljährlich im Herbſt wurden große Hauptjagden in der Höre, um den Schienerberg abgehalten, wo Edel und Schwarzwild in Menge hauste. Dieſer robuſter B ſchäftigung entſprechend war der Körperbau des Kardinals. Kaiſer Joſeph ſoll von ihm geſagt haben, daß er bei ſeiner ganzen Garde keinen ſo koloſſalen ſtarken Mann habe, wie der Kardinal Biſchof Roth. Noch erzäh Begegnung der Beiden, im Jahre 1777 als der K ˖ 439 er Kaiſer bei ſeiner Rückkehr von Paris, wo er ſeine Schweſter Maria Antonette beſucht hatte, Mersburg berührte. Der Kardinal war dem kaiſerlichen Reformator, dem er als Geiſtlicher nicht ſonderlich gewogen ſeyn mochte, ein Stück Wegs entgegen gegangen, um ihn einzuladen, in dem biſchöflichen Schloſſe ſein Abſteigquartier zu nehmen. Der Kaiſer bedauerte, ſeine Einkehr im Gaſthaus zum Löwen bereits anmelden laſſen zu haben; worauf Roth beleidigt erwiderte:„Nun ſo behüte Gott Eure Majeſtät“ und indem er mit der Hand gegen das Gaſthaus wies 151 „dahinauf führt der Weg zum goldenen Löwen“— ſich 7 und ſchweigend ſeiner Reſidenz zuſchritt. umwendete und Der Kardinal, welcher in ſeinem Leben ſo viele hohe llen begleitet hatte(er war zugleich Protektor des Ordens zu Malta und Abt zu Sixard nete, daß bei ſeiner Beerdigung kein Wort in der Leichenrede zu ſeinem Lobe, ſondern nur über die Nichtigkeit des irdiſchen Lebens überhaupt geſprochen werden ſolle Auf Franz Konrad Roth folgte deſſen Bruder Maxi milian Chriſtoph, zum Biſchof erwählt im Jahr 1775. lebhaft und heftig, zeichnete den Mann Milde und Güte gegen das Volk und die Armen aus. Unzähligen jungen Leuten ſeines Sprengels gab er das Lehrgeld zu irgend einem Handwerke; auch weßhalb ſtrebende Muſen liebte er die ſchönen Künſte, ſöhne ſtets erwünſchte Unterſtützung iſchaftlicher Muſikfreund ſah bei ihm fanden. Als leider der Biſchof darauf, daß eine Anzahl ſeiner geübte Tonkünſtler ſtändiges Quartett bildeten. Bei Dioner Maleick Diener zugleich ſeyn mußten, welche ein größeren Aufführungen kamen die Domherren von Konſtanz noch hinzu. Allen wandernden Spielleuten, Bergknappen, Harfnern und Sängern von Nah und Fern war der Zutritt ins biſchöfliche Schloß geſtattet. Auch die Wiſſenſchaften fanden an dieſem Hof ihre Pflege. Mersburg angelegt wurde, Das Naturalienkabinet, welches unter Maximilian in 152 war ſeiner Zeit eines der bedeutendſten in Deutſchland; daß dieſe Sammlung noch heute ſtandtheil des Großl ſo einen weſentlichen Be herzoglichen Naturalienkabinets in Karls ruhe ausmacht. Noch hatte ſich damals manches von althergekommenen Volksfeſten und öffentlichen Spielen erhalten, den gegebenen Verhältniſſen und Zuſtänden entſproſſen. Wie überhaupt an den früheren geiſtlichen Höfen in vielen Dingen löbliche Toleranz herrſchte, ſo ward auch der Faſtnacht, welche von jeher im Oberlande heimiſch, in der biſchöflichen Hofburg gerne Raum geſtattet. Von vier bis fünf Stunden Weges ſtrömten die Umwohner herbei, um die Aufführungen ſehen, welche vährend jener zu Tage in dem, mit friſchem Sand überſtreuten, Schloßhofe ſtattfanden. Da ſah man den uralten Schw erdtertanz, von der blanken Waffe in der Hand ausgeführt; das Reif— jungen Burſchen mit ſpring en, das Ringelrennen eine Uebung zu Pferd, Schriften um's Jahr wähnung thun, und An von welcher ſtädtiſche 1597 ſchon Er deres mehr. Nachmittags belebte dann allgemeines Narrenlaufen die Gaſſen des Städtleins, wobei der ganzen hochanſehnlichen Rarrenzunft der Zutritt in's fürſtliche Tafelzimmer geſtattet war. Herrſchte während dieſer Luſttage auch Freiheit und buntes Leben, ſo war nich daß gewiſſe Schranken nice durften. So z. B. war 8. V. yts deſtoweniger dafür geſorgt, ht ungeſtraft überſchritten werden es nur Erwachſenen erlaubt, ſich 183 zu maskieren. Ließ ſich ein naſeweiſer Bube verleiten, es den Alten gleichthun zu wollen, ſo ward er ergriffen und, zur Abkühlung des allzu hitzigen Geblüts, in den Brunnen getaucht. Eine Gelegenheit für das Landvolk, ſich her— vor zu thun, gab das Pfingſtfeſt, wo die Bauernburſche den üblichen Pfingſt-Ritt in der Stadt abhielten ein Ueberreſt der altdeutſchen Maienfeier. In wohlge ordnetem Zug, voran die Maienführer mit grünen Tannen bäumlein in der Hand, ritten ſie ein, wo nach den her kömmlichen Sprüchen der in Rinde gehüllte„Pfingſtputz“ (urſprünglich den Winter vorſtellend) in ein fließendes Waſſer geworfen wurde; die ganze Bande aber, vom fürſtlichen Hofe und den Bürgern reichlich mit Gaben bedacht, den Tag im Wirthshauſe beim Schmaus und Tanze beſchloß. Das mögen dann freilich für die kleine Stadt Mers⸗ burg angenehme, der Erinnerung werthe Zeiten geweſen 9 0 8 ſeyn, um ſo mehr, da ſie dem Orte nicht wenig Wohlſtand brachten, indem die Anweſenheit des Hofes ſtets zahlreichen Beſuch von Hoch und Nieder in die Stadt zog. Maximilian Chriſtoph ſchied aus dieſer Zeitlichkeit in drei und achtzigjährigem Alter(1800), nachdem er längere Zeit kränklich geweſen war. Er war der Letzte des freiherrlichen Geſchlechtes von Roth. Sein ſämmt liches Mobiliar fiel dem Verkauf anheim. Und alſo reichlich war die Hinterlaſſenſchaft, daß die Verſteigerung im Ganzen .··RR 154 über ein Vierteljahr dauerte und ſo viele Kinder Iſraels herbeigelockt hatte, daß ein eigener Schächter in Mersburg genug zu thun hatte, dem auserwählten Volke den Fleiſch bedarf zu liefern. Biſchof Max war von großer Geſtalt aber! ber hager, von einnehmender, Wohlwollen ausſprechender Geſichtsbildung. Sein Bildniß iſt noch in mancher ube des ehmaligen Sprengels anzutreffen; ſo wie ich mich auch eines Feſt kalenders von rieſenhaftem Formate erinnere, welcher ſein Bildniß trägt. Kalender und P orträt, kaum handgroß, ſind umgeben von allegoriſchen Darſtellungen, und es mißt der aus mehreren Platten beſtehende Kupferſtich im Ganzen nicht weniger als 5 Fuß in der Höhe und 2½ Fuß in der Breite. Mit dem Tode dieſes Fürſtbiſchofes ſchließt die alte Zeit, indem ſein Nachfolger, der edle Karl Theodor von Dalberg, an Bildung und Geiſtesrichtung ſchon ganz dem neugeſtaltenden neunzehnten Jahrhundert angehört. Seit dem Jahr 1788 Coadjutor am Bisthum Konſtanz, kam er nach Roth's Hintritt auf den biſchöflichen Stuhl, von wo ihn, wie bekannt, das Schickſal nach zwei Jahren abberief, um ihm den erledigten Sitz eines Kurfürſten von Mainz und Erzkanzlers des Reiches einzuräumen. Sein kaum zwei— jähriges biſchöfliches Regiment bezeichnen viele vortreffliche Einrichtungen und Stiftungen; ſein ſpäteres Leben und Wirken, die Erhebung zum Fürſtprimas von Deutſchland 655 und Frankfurt u. ſ. w., hat jedoch mehr weltgeſchichtliches als ſpecielles Intereſſe, und darf daher bei unſrer Schilde⸗ rung nur noch erwähnt werden, daß Dalberg, der neunzigſte Biſchof, den würdigen Schluß einer mehr als zwölfhundert jährigen Reihenfolge von Inhabern des biſchöflichen Stuhles zu Konſtanz machte. Ein Boden, ein Bauwerk, woran bedeutende hiſtoriſche Erinnerungen haften, übt auf Gegenwärtige ſtets eine an⸗ ziehende Macht aus. Ein der Trauer verwandtes Gefühl möchte uns beſchleichen beim Hinblick auf die ſchattenhafte Flüchtigkeit alles Irdiſchen, deſſen ſichtbare Spuren wir dann mit deſto größerem Intereſſe betrachten. In ſolcher Stimmung betrat auch ich den Hof und die Anlagen der herrlichen, aber verlaſſenen Biſchofswohnung, dem alten Schloſſe gegenüber.— Ich ſtand auf der ſteinernen Terraſſe; tief unter mir der See, über dem ein heftiger Südweſt daber brauste und langſam majeſtätiſch die Wellen, gleich lonnen, gegen den Hafen und das Geſtade wälzte. ie Störung, flatterten vom Sturmko 8 Wie unwillig ſchreiend über d Winde aufgeſcheucht die Dohlen um die Dächer der alten Mersburg, welche im gebrochenen Lichte des trüben Tages finſter zu meiner Rechten lag.— Die Dämmerung war hereingebrochen, und an einzelnen Fenſtern jener allmählig und her. mittelalterlichen Burg bewegten ſich Lichter hin Das neuere Schloß dagegen, Nähe, ſtand ohne Zeichen innewohnenden Lebens; in meiner unmittelbaren ſeit dem RN 156 Wegzuge Karls von Dalberg ward es nicht mehr bewohnt. — Mit welchem Intereſſe, kam mir in den Sinn, mag nicht Biſchof Anton von Sickingen, aus dem alten Schloſſe wegziehend, dieſen Bau für ewige Zeiten geſchaffen und herrlich für ſich und ſeine Nachfolger eingerichtet haben. Und jetzt, nach kaum hundert Jahren, ſteht er leer, un gewiß, ob je einmal wieder ein Beſitzer ſich darin häuslich niederlaſſen wird. Ein glücklicheres Loos dagegen war ſeinem Nachbar, dem alte n Schloſſe beſchieden. Nachdem es unter den Biſchöfen nach Anton von Sickingen zu Kanzlei und Beamtenwohnung gedient, ſpäter aber, nach dem Anfalle an das Haus Baden und dem Wegzuge des Biſchofſitzes nach Freiburg, dem Hofgerichte ſeine Räume geliehen, erkaufte es nach längerer Verwaiſung der edle Freiherr von Laßberg, um den alten Bau zum gaſtlichen Familienſitze und zum Horte herrlicher Samm lungen zu machen. Doch auch dieſer treffliche Mann iſt ſeitdem heimge gangen.— Kurze Zeit vor meinem Hierſein ward er zur Erde beſtattet auf dem Kirchhofe der Stadt, neben der Ruheſtätte ſeiner Schwägerin, der zartſinnigen Dichterin Annette Droſte von Hülshof. Der Abend, rauh und unfreundlich, war unter meinen Betrachtungen weit vorgerückt, und ließ mich auf den Rück zug und ein Nachtquartier bed acht ſeyn, welch letzteres ich in dem Wirthshauſe fand, wo acht Jahrzehnde zuvor Kaiſer 157 Joſeph, zum großen Verdruſſe des Kardinals Roth, eben— falls ſeine Einkehr genommen. Im Wetter war eine erwünſchte Aenderung eingetreten. Der Sturm hatte über Nacht das Gewölke vertrieben und den Himmel aufgeklärt. Ein ſonniger Morgen folgte dem düſtern Ungeſtüme des vorigen Tages— und mit den Wolken war auch meine geſtrige zur Beſchaulichkeit geneigte Stimmung verſchwunden. Die warme frohe Gegenwart machte unbedingt ihr ſouveränes Recht geltend, und ich eilte, im Lichte des goldenen Morgens, die Gemächer des neuen Schloſſes mit ihrer herrlichen Fernſicht in Augenſchein zu nehmen. Die Lage dieſes Baues auf einer anſteigenden Terraſſe iſt wahrhaft impoſant. Früher ſtanden hier bürgerliche Ge bäulichkeiten, die in den vierziger Jahren des vorigen Jahr— hunderts abbrannten, worauf Biſchof Anton das jetzige Schloß(1750) im opulenten Style aufführen ließ, durch den komturiſchen Baudirector Bagnato, welcher nebſt dem Schloſſe Mainau auch das Kornhaus in Rorſchach erbaute. Die innere Decorierung trägt vollkommen das Gepräge ihrer Entſtehungszeit— Griechenthum und Claſſicität in Puder und Reifrock.— In Statuen und Gemälden, an der Treppe und den Plafonds ſehen wir den ganzen Olymp ver⸗ ſammelt, um dem geiſtlichen Hausherrn galante Huldigungen Die Zimmerreihe im zweiten Geſchoße iſt darzubringen. das Getäfel wahrhaft fürſtlich und äußerſt geſchmackvoll: RPR 158 von Eichenholz mit Gold, und an den Wänden große, aus dem alten Schloſſe ſtammende Gobbelins mit Jagden und idylliſchen Vorſtellungen im Sty le der Schule des Julius Romano.— Und die Ausſicht aus den Fenſtern in zauberiſcher Klarheit und Ruhe lag die noch vor kurzem unendlich aufgeregte Fläche vor meinem Blick ein Ge mälde, hingehaucht mit den zarteſten Luft und Waſſer farben: vom weſtlichen Endpunkte, wo hochgethürmte Kathedrale von noch deutlich die Konſtanz ragt, bis zu den dunkeln Tannenwäldern um Bregenz; dazwiſchen in ſanft anſteigenden Linien die Vorlande der Schweiz und ihre ſchneeigen Berghäupter, vom mächtigen Säntis und den Kurfürſten bis zu den blauen Hochwarten Tyrols Dieſelbe prachtvolle Ausſicht haben das ehemalige biſchöfliche Seminarum ad St. Carolum Boromaeum(in neuerer Zeit der Sitz eines kath o liſchen Schullehrer ſeminars), die Wohnungen der großherzoglichen Beamten und andere Theile der vielgebäudigen Hofburg. Die großartigen Treibhäuſer, welche zu Biſchofszeiten den Hofgarten zierten, haben zu einem artigen Sprüch worte Veranlaſſung gegeben. Beim Sonnenſchein nämlich ſtrahlten die ſchrägligenden Fenſterflächen der in ſo gewaltigem Glanze, daß ihr Leuchten bis weit in's Appenzellerland hinein R reibhäuſer wahrgenommen wurde, daher dort das Sprüchwort aufkam„es glänzt— wie Mersburg.“ Einen vortheilhaften Begriff von behäbigem ſtädtiſchem 159 Weſen gibt das alte Rathhaus mit ſeinem hellen geräu migen Saal. Obwohl Mersburg nie eine eigentliche freie Reichsſtadt geweſen, ſo gewährte ſeine alte Verfaſſung doch große Rechte und Selbſtſtändigkeit. Die ſtädtiſche Gerichts barkeit reichte eine halbe Wegſtunde außerhalb der Stadt, wo dann das heiligenbergiſche Gebiet ſeinen Anfang nahm. Dem Stadtrathe ſtand das Blut- und MWalefizgericht zu, regierende Bürgermeiſter als Reichsvogt oder zu Handen das entblößte Schwert. 4 Ge Außerdem beſtand in Mersburg die„ehrbare ſellſchaft der Hundertundeinſer.“ Dieſe unabhängige Korporation, welche ihre Stiftung und reichliche materielle Begabung einem Caspar Müller, in der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts, verdankt, hatte den Zweck, in ſchwierigen Fällen, bei Noth und Theurung, Krieg oder andern ſtädtiſchen Angelegenheiten, bei gegen— ſeitigen Streitigkeiten und Zerwürfniſſen ꝛc. berathend und vermittelnd einzuſchreiten, ſo wie das brüderliche Zuſammen halten der ganzen Bürgerſchaft überhaupt zu hegen und zu pflegen. Die Geſellſchaft war im Beſitz eines eigenen Berathungs- und Gelaghauſes(das jetzige Gaſthaus zum Bären). Ihre oberſte Leitung lag in der Hand eines Ober pflegers, dem ein Unterpfleger zur Seite ſtund, welcher das Geſellſchaftsvermögen verwaltete, während ein Ober und ein Unterordner die Geſellſchaftsbeſtimmungen und die Ordnung bei Feſten und Gelagen handhabten. Die ganze 2 ie — 160 Verbrüderung zerfiel, hundert und ein Mitglied zählend wiederum unter ſich in Meiſter und Geſellen Von dem* erſprießlichen Wirken dieſer Verbindung nur ein Beiſpiel. Von Alters her hatten die benachbarten Thurgauer (in commerzieller Beziehung ſtets verbunden mit der ſchwä biſchen? Bevölkerung) das Recht, in der Mers sburger„Gred“ oder dem Kaufhauſe ihren Bedarf an Früchten vor Einheimiſchen einzukaufen. den Als nun in den letztverfloſſenen ſiebenziger Jahren, in Folge mehrerer Mißjahre, große Theurung, ja beinahe Hungersnoth eingetreten, machten die Schweizer alſo aus gedehnten Gebrauch von ihrem Vorrechte, daß die zurück geſetzten Bürger Einſprache erhoben, welche bald in großen Tumult übergieng und damit endete, daß die zudringlichen Nachbarn mit Gewalt aus dem Kaufhaus v Fürſtbiſchof Kardinal Rot h, erjagt wurden. ſehr aufgebracht über dieſen Vorfall, und ohnehin nicht ließ die ſ der Mann vieler Umſch weife, ſchuldigen Bürger ergreifen und ohne weiteres in's Gefängniß werfen.— Die Stadtverordneten hatten nicht den Muth, dem Landesherrn entgegenzutreten; da ließ der Oberpfleger die Hundertundeinſer Geſellſchaft zuſammen rufen, und es ward beſchloſſen, in der Angelegenheit ein freimüthiges Wort zu ſprechen.— Die Abgeordneten begaben ̃ ſich in das Schloß, wo der Biſchof ſie fragte, in weſſen Namen und in großer Aufregung Im Namen und Rechte der Auftrag ſie kämen?„ ehrbaren Geſellſchaft der Hundert⸗ 161 undeinſer“ lautete die Antwort. Der Biſchof mäßigte ſich; die Sache wurde unterſucht, und auf Grund der ein— ſichtsvollen Auseinanderſetzung der Geſellſchaftsvorſtände das Geſetz, welches die Schweizer beim Einkauf bevorrechtigte, für immer aufgehoben. In neuerer Zeit beſteht die Geſellſchaft eigentlich nur noch dem Namen nach. Wenigſtens wurden keine Beiſpiele ihrer Thätigkeit zu meiner Kenntniß gebracht, ausgenom— men ein feſtliches Bankett, welches die Mitglieder jährlich in der alten Gelagsſtube zum Bären abzuhalten pflegen. Von den Thoren, die Mersburg hatte, hieß eines das Zwingthorz; der Biſchof allein ſoll das Recht gehabt haben, durch daſſelbe aus- und einzugehen. Seit Jahr⸗ hunderten aber war es zugemauert. Folgendes Begebniß ſoll die Schließung veranlaßt haben. Ein fremder Cavalier, ſo berichtet die Sage, kam eines Tages gen Mersburg und wollte durch das Zwingthor einreiten. Ein Bürger vertrat ihm den Weg mit dem Bedeuten, hier dürfe nur der Biſchof durchpaſſiren. Der Fremde, beleidigt durch die Zurechtweiſung, zieht das Schwert, der Bürger greift ebenfalls zur Wehr, und es entſpinnt ſich ein Kampf, in dem der Bürger getödtet wird. Hierauf erhob ſich ein Tumult in der Stadt; die herbeigelaufenen Bürger wollten ihren Genoſſen rächen, griffen zu den Waffen und ver— folgten den Frevler. Dieſer aber flüchtete in's alte Schloß, 1 — wo er ſich unter den Schutz des Biſchofs ſtellte. Vergeblich forderten die Bürger ſeine Auslieferung; der Biſchof wollte das heilig gehaltene Gaſtrecht nicht verletzen. Es kam zu einer förmlichen Berennung des Schloſſes und der Biſchof mußte flüchten.— Die Bürger aber mauerten das Zwing thor für ewige Zeiten zu. Dieſe Sage ſcheint ihren Grund zu haben in den Streitigkeiten zwiſchen den Biſchöfen und der Stadt(in der erſten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts), wo Mißver ſtändniſſe und Tumulte wegen Schließung der Thore, Ver wahrung der Schlüſſel, Ein- und Auslaß biſchöflicher Diener vorkamen, und die herrſck ſüchtigen Vögte der Biſchöfe wiederholt zu Klagen und bewaffneten Widerſetzlichkeiten von Seiten der Bürger Veranlaſſung gaben worüber die Stadt einmal in die Acht gerieth. Mit einem Theil der Mauern und Thore fiel auch die alte Pfarrkirche und eine daneben ſtehende Kapelle dem Abbruch anheim. In letzterer befanden ſich altdeutſche Ge mälde, die in jenen Zeiten, wo man das Gute nicht zu ſchätzen wußte, abhanden gekommen, und, wie verſichert wird, nach Berlin in eine dortige Sammlung gewandert ſind.— Ein ſchöner altdeutſcher Altar befindet ſich i der Nikolaus-Kapelle(alte Hofkapelle) der untern Stadt, wo die Fiſcherzunft alljährlich einen Gottesdienſt, zu Ehren ihres Schutzpatrons, des heiligen Johannes von Nepomuk, abzuhalten pflegt. vorhandenen Zeugen der Vergangenheit zur Genüge betrachtet und in den Berggaſſen ſich müde gelaufen hat, ſo mag er, der genußreicheren Gegenwart ſich zuwendend, ſeine Schritte nach dem Gaſthaus zum Schiffe lenken, wo das Zimmer über die weit— ihn aber am heißen Tage etwa die Luſt anwandeln, in der verlockenden Fluth ſelbſt erquickliche Kühlung zu ſuchen, ſo iſt auch dieſem Bedürfniſſe Rechnung getragen, in einer erſt neuerer Zeit Entſtehen zunächſt der Amtmanns Speer in anregenden Thätigkeit des Mersburg verdankt. Mir war vor meiner Abreiſe noch gegönnt, einen Theil der Laßberg'ſchen Sammlungen zu ſehen, welche, wahrſcheinlich nur noch kurze Zeit, in den Gemächern der alten Dagobertsburg aufbewahrt ſind. Durch die edle Gaſt freundlichkeit der verwittweten Freifrau ſelbſt wurden mir die Zimmer geöffnet, deren Wände eine Sammlung von Gemälden älterer Meiſter ſchmückt. Es war mir dieß um ſo intereſſanter, da ich wußte, daß dieſe Kunſtwerke in Bälde in meine Heimath wandern, d. h. in den Beſitz Seiner Durchlaucht des Fürſten von Fürſtenberg übergehen und einen ergänzenden Beſtandtheil der Samm— lungen im Schloſſe zu Hüfingen bilden würden. 4 164 Freiherr Joſef v. Laßberg wurde geboren in Donau— eſchingen 1770. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo an dem kleinen fürſtenbergiſchen Hofe alles Schöne und Ver edelnde Pflege und Gunſt fand. Die Anregungen, welche ſeine Kindheit von daher empfangen, mögen den Jüngling und Mann wohl durch's ganze Leben begleitet und ſeiner Neigung zu Literatur und bildender Kunſt den Grund gelegt haben. Das Gymnaſium zu Donaueſchiugen gab Ge legenheit zu erſten Studien, die in Straßburg und Freiburg fortgeſetzt und vervollſtändigt wurden. Forſtwiſſenſchaft war das Fach, welchem, nach dem Beiſpiele des Vaters, der eines der erſten Hof-Forſtämter in Donaueſchingen be gleitete, der Jüngling ſich widmete. Bereits zu Anfang der neunziger Jahre erhielt der junge Mann eine ſelbſt ſtändige Stellung in dem Amte eines fürſtlichen Oberforſt meiſters zu Heiligenberg, und im Jahr 1804 wurde er zum Landesoberforſtmeiſter des Fürſtenthums ernannt.— Es waren die Zeiten, deren Stürmen das deutſche Reich erlag und mit deſſen Auflöſung Vieles im politiſchen Haus halte der Nation ſich änderte. Die reichsfürſtliche fürſten bergiſche Linie war mit Karl Joachim zu Grabe gegangen und das nunmehr ſtandesherrliche Fürſtenthum dem er lauchten Sprößling böhmiſcher Linie Carl Egon zuge— fallen, während deſſen Minderjährigkeit die Fürſtin-Mutter, Eliſabeth, die vormundſchaftliche Regierung führte. Laß berg ward zum geheimen Rath, nach dem Tode ſeines 165 Vaters zum Oberjägermeiſter ernannt. Mit dem Aufhören der vormundſchaftlichen Regierung ſuchte er jedoch Ent— laſſung aus den Dienſtgeſchäften, und widmete ſich, in der Umgebung der hohen, durch die ſeltenſten Herzens- und Geiſtesgaben ausgezeichneten Fürſtin Eliſabeth, ganz den Muſen. Sein Mannesalter war in die Epoche gefallen, wo gleichzeitig mit dem Aufſchwunge der neuern Literatur auch den Schätzen der früheren Zeit geſchärfte Aufmerk— ſamkeit zugewendet wurde. Dieß konnte jedoch nicht hindern, daß bei den in bewegten Zeiten vor ſich gehenden Kloſter— aufhebungen manches Werthvolle der Kunſt und Wiſſen— ſchaft verſchleudert, verloren oder ganz vernichtet wurde. Freiherr v. Laßberg, im Beſitze gründlicher Kenntniſſe und auch der nöthigen materiellen Mittel, hatte ſich's ſchon früher zur eigentlichſten Lebensaufgabe gemacht, Zerſtreutes zu ſammeln, Verlorenes aufzuſuchen, und was ſich in pro— fanen Händen befand, an ſich zu bringen. So entſtand nach und nach eine herrliche Sammlung von ſeltenen Hand— ſchriften, Incunabeln und alten Malereien, wie nicht leicht ein Privatmann eine ähnliche aufzuweiſen haben mochte. Der Beſitzer aber war keiner jener grillenhaften Liebhaber oder pedantiſchen Gelehrten, welche ihre Schätze mißtrauiſch verſchließen und möglichſt unzugänglich machen; das Er— worbene ſollte wieder dem Leben, der Kunſt und Wiſſen— ſchaft zurückfließen, weßhalb der um altdeutſche Literatur und Geſchichte ſo hochverdiente Herausgeber des„Lieder— ſchaftsverhältniſſen mit vielen Gleichgeſinnten und ſtrebenden ſah der gaſtfr beſtändig werthe Beſ che von Ne FR o 8 6 8 vie körperlich Geſu t ließ den trefflichen Man alle dieſe ebensverhältniſſe 1 8 chſte Alter ungeſchmälert Lebensjahr, wer gange ſeines hochherzi von Fürſtenberg. zahlreichen Fr ſchöne Erinnerung geblieben an einen genußreichen geiſtigen Verkehr und manche heitere Stunden im edlen Familien N f kreiſe auf der alten Mersburg.„Da ſinder ſchrieb v. Laßberg, nach dem Tode ſeines Sohnes, ſeinem vertrauten Freunde geiſtlichen Rath und Profeſſor Fr. Carl Grieshaber in Raſtatt,„da e mich mit liebem Weib und Kindern, mit weißem, ſchneeweißem Haupte zwar, aber mit immer„warmem und fröhlichem Herzen, der von ſich ſagen uUνν αάαναuνοανονιν ν Huũẽed Aινά εναιν⁰οννfάε. Ach ja, kuimus Troes! Und jetzt ſtehe ich da, wie ein alter Baum, dem der Blitz die Krone abgeſchlagen hat; denn meine Krone *) Ich verſteh' es, dem ierde zu ſeyhn und dem Speer, Netzen und fliegendem Rohr 167 und mein Stolz war dieſer Sohn, den mir der Himmel dieſen Sommer entführt hat“). In eine beſſere Welt, ſo pflegt man zu ſagen; aber auch dieſe wäre ihm vielleicht für viele Jahre noch gut genug geweſen, denn ſie konnte ihn wohl brauchen.“ Ehe wir von Mersburg ſcheiden, ſei eines andern verdienten Mannes gedacht. Es iſt der vaterländiſche Ge— ſchichtsforſcher und Schriftſteller Joh. Bapt. Kolb, ge— boren in Mersburg 1774, wo ſein Vater die Stelle eines fürſtbiſchöflichen Archivars begleitete. Das Wenige, was ſich von den Lebensumſtänden dieſes Mannes noch erhalten, gibt Dr. Joſef Bader in ſeinem neueſten Werke:„Meine Fahrten und Wanderungen im Heimathlande“. Das Lexicon über das Großherzogthum Baden von Kolb iſt ein rühmliches Zeugniß unermüdlichen Fleißes und uneigennütziger Liebe zum Heimiſchen, die ihren beſcheidenen Lohn meiſt allein nur in dem Bewußtſeyn findet, der All— gemeinheit einen Dienſt geleiſtet zu haben. Indem ich noch des Grabmals gedenke, welches die naturforſchende Geſellſchaft in Berlin dem in Mersburg verſtorbenen Magnetiſeur Dr. Mesmer, in Geſtalt einer abgeſtumpften Pyramide auf dem Gottesacker errichten ließ, kommt mir der Vorſchlag von Göthe in den Sinn, Bild *) Friderich v. Laßberg, Sohn erſter Ehe, war fürſtlich ſigmaringiſcher Regierungspräſident; er ſtarb im Jahr 1838. 168 niſſe verdienter Mitbürger, ausgezeichneter Künſtler und Gelehrter, ſo wie von Großen, welche den Ort durch Wohl thaten oder perſönliche Gegenwart ausgezeichnet ꝛc. malen oder modellieren zu laſſen und nebſt den Portraite der Landesherren in den Rathsſäälen für bleibend aufzuſtellen. Demnach würde Mersburg das Bild v. Laßberg's, Kolb's, nebſt dem bereits vorhandenen Portrait des Biſchofs Max v. Roth in ſeiner Rathsſtube der Mit- und Nachwelt aufzu— bewahren haben. Möchte doch in allen Städten des Landes in dieſem Sinne etwas geſchehen; der Nutzen(wenn ein ſolcher auch nicht in der Gemeinderechnung mit Zahlen ausgedrückt werden kann) wäre kein geringer. Denn das Andenken merk würdiger Männer regt von Zeit zu Zeit den Geiſt zu Be trachtungen auf, ſtärkt das nationale Gefühl und ermuthigt auf vorgewieſener Bahn Aehnliches zu erſtreben. * * Rirchberg und Hagnau. Es war ein warmer Sonntagvormittag, den ich zu einem Ausfluge nach dem benachbarten großherzoglichen Schloß und Pachtgut Kirchberg benützte.— Der Früh ling, jung und hold, hatte bereits die Wieſengelände und ihre Einhagungen mit zartem Grün geſchmückt; aber die Obſtbäume und Reben warteten noch auf ihren Oſtertag.— Der Weg, die Straße nach Ludwigshafen und Lindau, führt durch Ha gnau, welches Dorf nach wechſelndem weltlichem und geiſtlichem Beſitze durch den Preßburger Frieden an das Haus Baden gekommen. Eine kleine halbe Stunde von dieſem Orte, unmittelbar an der Straße auf mäßig erhöhtem Terrain ligt Kirchberg— einer der zierlichſten Edelſitze am See. Alte Obſtbaum⸗Alleen führen rechts von der Straße ab, zum Thor und Hofraum, in deſſen Mitte ein plätſchernder, von Kaſtanien beſchatteter Brunnen erfriſchende Labe ſpendet. Südlich, gegen den See, erhebt ſich der Hauptbau des Schloſſes mit einem öſtlich ge wendeten, ſpäter erbauten Seitenflügel und Thor, während e 170 dem Commenden zur Linken die mittelalterliche Pächters wohnung und das Wirthshaus den Hof geg en die Straße hin abſchließen. Die Ausſicht aus den Fenſtern des Schloſſes, oder von deſſen Altane, gibt uns jedoch erſt den wahren Begriff von der herrlichen Lage dieſes behaglichen Sitzes. In unmittelbarer Nähe ein lieblicher Park und Blumengarten; an der Abdachung gegen die grünen Seeufer ſonnige Wein gelände, und links ein ſchattiges Luſtrevier junger Büſche und ſchlanker Buchen mit einem in den See hinaus ge bauten Sommerhauſe. Bei Betrachtung dieſes reizenden Landſchaftbildes will es uns bedünken, als ſei dieſer Ort von Mutter Natur eigens zu einem jener Mußeplätze ge ſchaffen, wo der Geiſt, von ermüdender Beſchäftigung und vom Weltgetriebe ausruhend, neue Luſt und Kräfte ge winnen ſoll.— So trugen Tag und Stunde meines Dort ſeyns ganz den Charakter, ſolch ein Gefühl zu erwecken Ein heißer Mittag lag in brütender, allein vom Geſchrei ſchweifender Möven und dem fernen Rauſchen eines nicht ſichtbaren Dampfbootes unterbrochene Stille über Land und See, in welch' letzterm ſich ſtrahlenden Glanzes die hochge thürmten Alpen beſpiegelten. Dieſer Ruhe rings umher entſprachen die ſtillen Hausräume der nächſten Umgebung. Die ältern Bewohner Kirchberes waren mit Ausnahme einiger Dienſtboten nach Immenſtad in die Kirche gegangen, während die Kinder in den nahen Wieſen nach Primeln 171 Veilchen ſuchten, welche die warmen Apriltage hin und 2 ·m blaßgrünen Teppiche eingewoben hatten. nerin erſchloß mir die Zimmer, in welchen Seine Königliche Hoheit der Prinz und Regent erbſt des Jahres 1853 einen längeren Aufenthalt zu Es war mir bekannt, daß das eine dieſer Speiſeſaal, vorzügliche altdeutſche lichen Gemächer, der S lde bewahre noch aus den Zeiten, wo Kirchberg ein Beſitzthum des Reichsſtiftes Salem war. Dieſe vortrefflichen Kunſtwerke, viere an der Za l, 's, und haben die 8 U der Hand Martin Sch affner's, des hl. Antonius zum Gegenſtande?). Sie und Kreidegrund gemalt, in gleicher Größe, etwa zwei Fuß breit und vierthalbe hoch. Auf der erſten Tafel erblicken wir in einſiedleriſcher Landſchaft den heiligen Altvater, vertieft im Leſen eines ie halbfertige Arbeit eines Korbes von E. ches; neben ihm Binſengeflecht, und im Mittelgrunde ſeine Klauſe, die er, über einem verlaſſenen Grabe errichtet Die frommen Betrachtungen des Klauſners abzulenken, reizende Jungfrau in reichem Schmuck hat ſich ihm eine dem Heiligen ein und prächtigem Gewande genähert, welche Gefäße von koſtbarer Arbeit, wahrſcheinlich eine zweite 4) Bereits im Jahrgang 1822 des Kunſtblattes(S. Auguſt) von Brouillot erwähnt. 172 Pandorabüchſe darbietet, die der angefochtene Mann jedoch mißtrauiſch verwundert anzublicken ſcheint.— Eine zweite Verſuchung verſinnlicht die Scene im Mittelgrunde, wo der Böſe, in Geſtalt eines rothgekleideten Jägers mit Hunden und einem geflügelten Schweine dem Klaufner ein netz artiges Jagdgeräthe vorweiſet, während aus dem nahen Walde mitleidflehende trügeriſche Geſtalten Preſthafter und Bedürftiger auf die Beiden zukommen. Im obern Raum Chriſtus in Wolken, vor deſſen Erſcheinung die Dämonen die Flucht ergreifen. Die Hauptgruppe des zweiten Gemäldes zeigt den Heiligen betend, bedrängt jedoch und verwirrt von den üppigen Geſtalten dreier Mädchen, deren lange rothe Ge— wänder und zierlich Haargeflechte nur unvollkommen Bocks fuß und ſproſſende Hörnlein verdecken. Die eine der Schönen faßt zudringlich des frommen Vaters Kapuze, während ihre Schweſtern, neben einem reich verzierten Ruhebett ſtehend, mit argliſtigem Lächeln die Verwirrung der Heiligen be trachten. Einen Theil des Mittelgrundes rechts füllt ein prächtiges Gebäude, an deſſen Treppe A ntonius, umgeben von Preſthaften und den drei rothgekleideten verführeriſchen Weibern. Links, mehr in die Ferne gerückt, ſchließt das Bild mit einer Scene von anmuthigſter Erfindung und Ausführung. An ſommerlichem Tage ſehen wir den Alten in ſinnender Beſchaulichkeit längs eines Waldrandes dahin wandeln.— Siehe, da tritt ihm der rothgekleidete Ver — 173* ſucher wieder in den Weg, und zeigt gegen ein klares ruhig fließendes Waldwaſſer, wo drei nixenartig geſtaltete Jung— frauen den ſchönen Leib im Bade kühlen. Das dritte Bild ſtellt, im Gegenſatze zu den Anfech— tungen ſinnlicher Begier, den Heiligen dar unter den Händen wilder Dämonen, die im Begriffe ſtehen, ihrem Opfer äußerliche Körperbeſchädigungen beizubringen. Die eine dieſer diaboliſchen Geſtalten packt das Gewand des Alten, der in abwendender Gegenwehr nach oben blickt, wo die Lichtgeſtalt des Heilandes im Wolkenſchimmer ſchwebt. Den Schluß macht der Tod des Vielgeprüften.— Auf einer Binſenmatte ausgeſtreckt findet ihn ſein Mit— bruder, ein benachbarter Einſiedel, während zwei Löwen, bisherige Gefährten ſeiner Einſamkeit, emſig bemüht ſind, mit ihren Klauen ein Grab in die Erde zu ſcharren. Im Mittelgrunde deutet der Künſtler ſinnreich noch den letzten Lebensmoment des Dahingeſchiedenen an.— Antonius kniet im Gebete, vor einem in tiefer Waldeinſamkeit ſtehenden Cruzifixe. In der Ferne wandelt ſein Freund, der Wald— bruder, auf ſteinigem Felspfade, um dem Heiligen ſeinen Beſuch abzuſtatten, der ihn jedoch, wie wir geſehen haben, nicht mehr unter den Lebenden trifft.— Sämmtliche Ge— mälde tragen das Monogramm des Künſtlers und die Jahreszahl 1517. Martin Schaffner's Werke wurden vielfach irrthüm— licher Weiſe mit denen des Martin Schön, oder wie er zu— 17⁴ weilen auch genannt wird, Martin Schongauer, verwechſelt, obwohl Letzterer früher als Schaffner lebte und bereits in den achtziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts ſein rühmliches Daſeyn in Colmar beſchloß. Die Wirkſamkeit Schaffner's dagegen fällt in den Anfang des ſechszehnten Jahrhunderts, zu welcher Zeit der Meiſter in Ulm als Bürger und Mitglied der dortigen Malergilde lebte. Dieſer Künſtler hatte das ſonderbare Schickſal, bis auf die neuere Zeit faſt gänzlich im Dunkel geblieben zu ſeyn, wo ihn dann erſt ſorgfältige Forſchungen in das verdiente Licht ge ſtellt haben. Obwohl Martin Schaffner, wie erwieſen, nie Italien geſehen, ſo tragen ſeine Werke doch den Stempel jener kurzen Blüthezeit deutſcher Kunſt, in welcher die Be kanntſchaft mit der italieniſchen Muſe der ſtrengen rakteriſtik und der zwar innerlichen, aber in ihrem Aeußern allzu dürftigen Gemüthlichkeit der Deutſchen mehr künſtleriſche Freiheit und Schönheit einhauchte ein Einfluß, der in ſeinem Verlaufe mißverſtanden, ſpäter allerdings dem reinen Kunſtelemente verderblich wurde, nichts deſto weniger aber in ſeiner anfänglichen Reinheit das Vortrefflichſte deutſch mittelalterlicher Kunſt hervorbringen half. Ueber die Geſchichte des Schloſſes Kirch berg(oder wie die frühere Schreibart„Killiberg“) berichtet Kolb, daß im Jahr 1288 das Beſitzthum von dem ehemals fürſtlichen Stifte Kempten durch Kauf an das Gotteshaus Salem ge kommen; wie denn auch der letzte Vorſteher dieſes Kloſters, der Reichsprälat Kaspar Oechsle, hier ſein Leben be— ſchloß. Das vorhandene Schloß iſt theilweiſe aus ſpäterer Zeit, zweiſtöckig und ganz im Sinne eines behaglichen Wohnſitzes angelegt und ausgeführt. Die Wirthſchaftsge— bäude dagegen tragen noch mittelalterlichen Charakter. Nachdem dieſer herrliche Sitz längere Zeit unbewohnt geſtanden, würdigte ihn der höchſtſelige Großherzog Leopold, zu Anfang der vierziger Jahre auf kurze Zeit ſeines Beſuches. Einen zweiten Lichtpunkt in der Geſchichte des Schloſſes bildet der ſchon erwähnte Aufenthalt Seiner Königlichen Hoheit des allverehrteſten Regenten im Herbſt des Jahres 1853. Der Aufenthalt dauerte über fünf Wochen und die meiſten angehörigen Bodenſeeorte hatten das Glück, von ihrem durchlauchtigſten Herrn und Regenten beſucht zu werden. An ſchönen Sonntagen iſt die Wirthſchaft zu Kirchberg ein beſuchter Ausflugsort der Umgegend. Und wahrlich, es gibt wohl kaum ein einladenderes Plätzlein, die Muße eines ſchönen Sommernachmittags angenehm zu verbringen, als Kirchberg mit ſeinen Weinlauben, blumigen Wieſen und ſchattigen Gehölzen, angeſpült von den ſtillen Gewäſſern 9 9 p mächtigen Bodan. Der Volksglaube läßt in dieſer Gegend zuweilen de Wanderer nächtlicher Weile irre gehen; auch ſollen nicht ſelten Pferde, welche an Fuhrwerken die Straße paſſieren, ſcheu werden. In nämlichem Sinne fährt auch mit ſechsſpän— nigem Zuge der Geiſt des Prälaten Anſelm von Salem (geſt. 1778) von ſeinem Kloſter nach Kirchberg. Dieſer— Abt lebte mit Kardinal Biſchof Roth in beſtändigen Terri torial- und Rangſtreitigkeiten, in Folge deſſen der Kardinal dem Abte, als er einſtens ſechsſpännig von Salem über Mersburg nach Kirchberg fahren wollte, zwei Pferde an dem Wagen ausſpannen ließ. In geringer Entfernung öſtlich von Kirchberg ſchaut das Schloß Herſchberg ſtattlich von einem rebenbepflanzten Hügel über den See. Es iſt der Sitz der fürſtlichen Familie von Salm-Krautheim und ligt auf würtembergiſchem, vom badiſchen Gebiete umſchloſſenen Grund und Boden. Ein letzter badiſcher Uferort in genannter Richtung bildet 8 das große Pfarrdorf Immenſtad, ehemals unter fürſten bergiſcher Landeshoheit, jetzt ein Beſtandtheil des groß herzoglichen Bezirksamtes Mersburg. Während ich auf dem Wieſenpfade längs den See ufern von Kirchberg zurückkehrte, zog von Weſten her ein Gewitter, welches bald heftige Regengüſſe über Land und See ſchickte, und den Wanderer am Bodenſee kaum noch ungenäßt den Ort Hagnau und das Wirthshaus zum Adler erreichen ließ. In der Nähe dieſes Gaſthauſes befindet ſich ein mäch— tiger Steinbock, ein Denkmal des gefrorenen Bodenſee's 38 J A im Februar des Jahres 1830. Als die Eisdecke Nachts unter furchtbarem Krachen ſich hob und borſt, wurde dieſer Stein(wahrſcheinlich eingefroren), mit vielen mannshohen felftöyrm ſelſormie gen Eisſchichten, aus dem See an das Ufer bei 1 a r von den Einwohnern mittelſt chleift, um vor dem Adler zum 0 1 Gedäck auf lüt zu werden. Aehnliche Erin n 8 en warf der wunderliche Alte im Jahr 1573 zwiſchen Lindau und 2 an and, ſo wie 1659 bei Arbon unweit der Stadtmauern einen Stein, der nicht weniger als hundert as gänzliche Gefrieren des See's iſt übrigens etwas daß der gemeine Mann am See, vor dem ſo Seltenes, Jahr dreißig, durchaus die Möglichkeit deſſelben bezweifelte und alle Berichte aus frühern Jahrhunderten in dieſem Betreffe für eitel Lug und Fabel hieltk).— Von jeher wurde aber das Phänomen, wenn es eintraf, mit allerlei Feſtlichkeiten und Unternehmungen von den Umwohnern Auch von außerordentlich gelinden Wintern berichten die Chroniſten. Anno 1287 war ein ſehr warmer Winter, in welchem zu Konſtanz die Bäume und Roſenſtöcke geblühet ings- und Sommerblumen ge— auch Veielin flücket worden; da denn am Weihnachtsfeſt die jungen Mägdlin mit Blumenkränzen geſchmückt zur Kirchen giengen, und die Knaben im Bodenſee badeten.“ 178 gefeiert.— Als im Jahr 1573 am 22. Januar der See hart gefror und es mehrere Wochen lang blieb, trans portierte man ſchwere Laſten über das Eis, und ſogar ein ſechsſpänniger Güterzug fuhr von Fußach nach Lindau. Bei Rorſach wurden Faſtnachtsſpiele und andere Luſtbar keiten auf dem Eis gehalten, und zwiſchen Lindau und Mehreran hielten 200 Bürger zu Fuß und zu Pferd die übliche Aſchermittwochsſchlacht.(Die Sage von dem Reiter, der die beſchneite Eisdecke für eine Wieſe gehalten und darüber geritten, iſt bekannt.)— Ebenſo luſtig gieng es auf der Eisdecke im Februar 1830 zu. Güter wurden hin und her geſchafft, und zahlloſe Spaziergänge von einem 1 Uferorte zum andern gemacht. Die Küferzunft von Konſtanz verfertigte ein großes Weinfaß auf dem Eis, und die Im menſtader benützten die Bahn, um den ſ. g. Hennenzins auf einem Schlitten von ihrem Dorfe nach Mersburg zu verbringen. Meiſter Sepp von Eppishuſen aber hatte Laune genug, eine Schlittenparthie von ſeinem Schloſſe(er wohnte damals in Eppishauſen) über den See nach Immen ſtad zu machen.— Manche Wanderer, die ſich zu weit in das neblige Schneegefilde wagten, irrten lange umher und durften froh ſeyn, mit heiler Haut das Land wieder zu erreichen. Doch ſind keine eigentlichen Unglücksfälle be kannt geworden, mit Ausnahme eines badiſchen Soldaten von der Garniſon zu Konſtanz, welcher in eine Eisſpalte fiel und nicht mehr zum Vorſchein kam. 179 Ein ganz beſonderer Brauch jedoch findet bei dem 8 jedesmaligen Gefrieren des See's zwiſchen den Bewohnern von Hagnau und dem ſchweizeriſchen Orte Münſterlingen ſtatt. In feierlicher Prozeſſion wird nämlich ein Heiligen bild von einer Pfarrei in die andere gebracht, wo es ſo lange verbleibt, bis der See wiedrum Gelegenheit zu ähn licher Transferierung darbietet. Dieſes Bildniß befindet ſich gegenwärtig in Hagnau, wohin es im Winter 1830 mit Kreuz und Fahnen in Begleitung der Schuljugend von Münſterlingen verbracht worden iſt. Mein kurzer Aufenthalt in Hagnau gab mir Gelegen heit, aus dem Munde eines alten Mannes noch von einem andern ehemaligen Brauche des Dorfes Kenntniß zu erhalten. Es beſtand nämlich hier die Geſellſchaft der„Kästräger“— eine Verbrüderung von vierundzwanzig ledigen Burſchen, mit eigenen Sittengeſetzen. Von Alters her war es üblich, daß dieſe Geſellſchaft nach verfloſſenen ſieben Jahren jedes mal am Neujahrtage ein beſonderes Feſt begieng. Mit Unter- und Obergewehr bewaffnet, unter der Führung eines Obern, den eine Hellebarde auszeichnete, rückte man früh Morgens vor den Pfarrhof und die Wohnungen des Amann und der Gemeinderäthe, um hier die übliche Gratulation abzuſtatten. Nach dem Gottesdienſte begab ſich die Mann ſchaft nochmals zum Herrn Pfarrer, um einen Käſelaib dort in Empfang zu nehmen, welcher auf einer Stange, 127 180 die oben ein rundes Brett hatte, im D Haus getragen wurde orfe herum vor jedes „wo man, nach Glückwunſch und Geſang, um eine Gabe bat. Wurde die Spende gereicht, ſo drückte der Geber oder die Geberin die hiezu beſtimmte inze in einen Apfel, ſteckte dieſen an eine Spindel und dieſe wiederum in den am Fenſter empor gehaltenen Käs laib. Später ließ man wohl auch noch Gaben anFleiſch, Mehl, Brod und Butter folgen, was alles zuſammen bei einem großen Gaſtmahle, woran alle Ledigen des Ortes Theil nahmen, unter Geſang und Tanz verzehrt wurde. 9 eiträge fielen meiſt ſo reichlich aus, daß auch der Armen 0 und ſämmtlicher Schuljugend auf's Freigiebigſte gedacht werden konnte. Drei bis vier Zentner Fleiſch und ein Duzend ſaftige Schinken, war keine Seltenheit geſpendet zu ſehen. Ein zweiter„Zechtag“ mit Tanz und allerlei Spielen fand an Faſtnacht, ein dritter am erſten Mai u. ſ.w ſtatt. Jedesmal durfte ſämmtliche ledige Welt theilnehmen, mußte ſich jedoch den beſtehenden Geſetzen der Vierund zwanzig unterwerfen. Es war z. B. Sitte, daß beim Ende der Tanzbeluſtigung der Obere ſeine Sackuhr auf den Tiſch legte und die Minute beſtimmte, wo die Burſchen, welche Tänzerinnen nach Hauſe zu begleiten hatten, wieder im Saale erſcheinen mußten. Verſäumte Einer die gegebene Zeit, ſo wurde er zur Buße von den nächſten Zechtagen ausgeſchloſſen. Traf es ſich, daß ein Genoſſe heirathete, ſo„ſtand die ganze Mannſchaft in's Gewehr“, um unter 181 Trommel- und Pfeifenſchall dem Ausſcheidenden gebührende Ehren zu erweiſen. Wie das Brautpaar aus der Kirche kam, traten zwei Kameraden vor mit einem farbigen Bande, deſſen Enden die Beiden, an ihre gezogenen Degen geknüpft, aus einander hielten, während der übliche Glückwunſch ge ſprochen, und von der Mannſchaft eine feierliche Gewehr ſalve gegeben wurde.„Im Jahr 1798“, ſchloß mein Berichterſtatter, das letzte lebende Mitglied der ehemaligen Kästrägergeſellſchaft,„wurde das Neujahrsfeſt zum letzten Male von uns gehalten. Es waren vergnügte Zeiten, lieber Herr; unter dem jetzigen Geſchlecht iſt nicht halb ſo viel Harmonie und Luſtbarkeit.“ So erzählte der Alte, und es wollte mir ſcheinen, als lige in ſeiner Schlußbemerkung etwas Wahres.— Lebt die jetzige Generation, fragte ich bei mir ſelbſt, lebt ſie mit all' ihren Raffinements und weltbeglückenden Ideen glücklicher als die Vorältern?— Wir ſollen uns in einer Uebergangs- und Entwicklungsperiode befinden, hört man vielfach behaupten.— Iſt aber nicht jede Zeit eine ſolche?— Gewiß. Keine bringt jedoch, halte ich dafür, ſo Wunders viel Neues, daß es ſich der Mühe lohnte, entbehrend lange darauf zu warten. Willſt du immer weiter ſchweifen? Sieh, das Gute ligt ſo nah. Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück iſt immer da.« 182 W Allerdings iſt viel Poeſie, oder was daſſelbe iſt, Ge müth, aus dem Volksleben geſchwunden, vorzugsweiſe ſeit der Zeit, wo in Alles cosmopolitiſche Zwecke, ſociale Ideen und Zukunft gelegt werden wollte; worüber nothwendig die Freude am Herkömmlichen, das Behagen an der Gegen wart, verloren gehen mußte. Mit ſolchen Raiſonnements beſchäftigt, wanderte ich Mersburg zu. Das Gewitter war vorüber und die Luft herrlich erfriſcht und klar. In erneuter Pracht lag die noch eben von Regenſchauer verhüllte Gegend vor mir die uralten Häupter der Alpen ſch ſchauten in unwandelbarer Ruhe, verklärt durch Apollos ſcheidendes Flammengeſpann, in's glühende Abendroth In Mersburgs Hallen aber herrſchte Freude.— Ein heil der in Konſtanz gaſtierenden Schauſpielerbande war mit dem Dampfſchiffe herüber gekommen, um auf dem Theater, welches noch aus Biſchofszeiten im obern Saale 1 des Rathhauſes vorhanden iſt, Vorſtellungen zu geben. Auch ich ließ mich verlocken. Das Stück war ein wenig erbauliches modernes Luſtſpiel, deſſen Name ich vergeſſen habe; doch iſt mir noch ſo viel erinnerlich, daß es mich von Neuem in dem Verdachte beſtärkte, als ſchwinde alle ächte Poeſie aus dem Leben und der Kunſt. 1 Salem und Veberlingen. D Von Mersburg führt ein Uferweg nach dem Dorfe Unteruhldingen. Dieſer Ort, ehemals fürſtenbergiſch, ligt unmittelbar am See, der Mainau gegenüber, und erinnert mit ſeinen flachen Ufern und verpfählten Landungs plätzen an Bilder der Niederländiſchen Schule.— Als wohlgelegene Marktſtätte hatte Uhldingen ein großes Korn haus, welches jetzt, da der Fruchtmarkt ſehr nachgelaſſen, einer Geſellſchaft von acht bevorrechteten Schiffern zum Magazine dient. Noch zeigt man an einer nahen wald bewachſenen Anhöhe die„Knabenlöcher“, verlaſſene in den Fels getriebene Gänge, in welchen nach einer Sage einſt Gold gegraben und auf dem Heiligenberg, in den„Gold häuslein“ bei der Heinrichsquelle, geſchmolzen wurde. Der Mittag war heiß, und ich ſuchte nächſt einem Bauernhauſe Schatten, wo ein Alter auf grünem Wieſen platze beſchäftigt war, junge nachgeſetzte Stämme von Raupenneſtern zu ſäubern. Der Mann hatte bereits nahe an die achtzig Frühlinge geſehen und trug, eine Seltenheit am See, noch die alte Tracht.— Er ſchaute den Fremden rr, N irdiſchen Gängen fragte, Es mochte ihm ſcheinen, als habe er einen äber, oder einen goldhungernde vor ſich der in Uhldingen Er wieß gleichgiltig mit der Hand nach der Berahöhe„und als ich der Sage weiter nachfragte, m„von gegrabenem Gold ſpüre in der emeinde nimmer viel werde auch wohl nur Erdichtun Fabel werk ſeyn.“ Sein großes ehrliches Geſicht verr einer Anflug von Beleidigung, daß man ihn fü ſo einfältig halte, an dergleichen zu glauben. H Ich gab ihm Recht, und er erzählte mir einigen Jahren ein paar Hirtenbuben, die im Innern Höhle aus Wur erwitz ein Feuer angezündet hätten, vom Qualm beinahe erſtickt, h gezogen worden ſeien. Er berichtete mir mancherlei aus der Zeit, da Uhldingen noch zur Grafſchaft Heiligenberg gehörte. Der Fruchtmarkt ſei dazumal ein bedeutender geweſe en, und von Sulgau, Alts hauſen und der Umgegend befahren u Alle Mittwoch ſeien bei 400 Malter Korn von hier Waſſer nach Konſtanz und in die Schweiz verführt worden Der Ver kehr habe ſeitdem aber durch die würtembergiſche Eiſen bahn ſehr gelitten. Ihre Gemarkung von geringem Umfang ſei erträglich, auch werde etwas Wein gebaut; die Gemeinde habe früher 185 eigene Reben gehabt, und von einem Theil des Weins hätten die Burger mit ihren Weibern alle Jahr an Faſt nacht einen fröhlichen Trunk auf der Gemeindsſtube ge halten u. ſ. w. Die gemüthliche Berichterſtattung wurde unterbrochen durch ein Kind, welches kam, den Großvater zum Mittageſſen zu rufen. Mein Weg aber gieng nach Salem, ein Ausflug landeinwärts von ein paar Stunden. Der Reiſende, be— günſtigt von einer Reihe ſchöner Tage mit immer gleicher Ausſicht auf die weite Waſſerfläche und ihre fernen Grenzen, kann leicht von einem Gefühle, wo nicht des Ueberdruſſes, doch gleichgültiger Gewöhnung beſchlichen werden, wodurch eine landſchaftliche Abwechslung zum Bedürfniß wird. von Unteruhldingen nach Salem führt über Oberuhldingen und Mühlfeld, beides Dörfer an dem Flüßchen Aach. Oberhalb von Oberuhldingen bei Gebhardsberg ligt auf dem weit ſichtbaren„Schloßberg“, ganz von dichtem Wald umwachſen, eine gebrochene Burg mit einem Walle. Vor vielen Jahrhunderten ſoll hier ein Ritter von Ober-Riedern gehaust haben, deſſen Beſitzungen ſpäter an Salem kamen. Unter den ältern Fiſchern und Schiffern herrſcht noch jetzt der Glaube, dieſer Ritter gehe um; und bei jeder Schiffmannsnoth auf ſtürmiſchem See wird der Geiſt um Hilfe gebeten, und, wie verſichert wird, niemals umſonſt. Weiterhin nach dem Kloſter begegnen wir dem eigen thümlich gelegenen Killiberg, einem ehemals ſalemiſchen Gute mit Jägerhaus und Kapelle, auf einem Bühel mitten in dem großen waldumgebenen Killi- oder Edelburger Weier.— Kurz vor meiner Ankunft ward die Leiche eines jungen lang vermißten Burſchen in dem Waſſer gefunden; bei welcher Gelegenheit mehrere ähnliche Fälle wiederum in Erinnerung gebracht wurden, mit der herrſchenden Sage, daß dem tiefen Weier eine verderbliche, opferheiſchende Macht inne wohne. So, hörte ich unter Anderem, geſchah es einem geachteten Bürger und Metzger von Ueberlingen, der bei dunkler Nacht an dem Killiweier vorüber wollte, daß eine Geſtalt ihn gegen das Gewäſſer ſtieß und zuletzt er faßte, um ihn hinein zu ſchleudern. Als der Morgen graute, erwachte der Mann aus tiefer Betäubung am jen— ſeitigen Rande des Weiers. Zwiſchen Waldung und fruchtbarem Ackergeländ führt der Weg durch Wimmenhauſen in den grünen Linzgau, wo in herrlicher wohlbebauter Ebene das ehemalige Reichs ſtift Salem ligt und von luftiger Höhe die weißen Giebel des fürſtenbergiſchen Schloſſes Heiligenber g zu Thal ſchauen.— Der Bodenſee und die Alpen ſind dem Blicke verſchwunden und alle Umgebung deutet auf Verhältniſſe wohl betriebener Landwirthſchaft, die ihren gegenwärtigen Flor hauptſächlich dem Herrn Mark grafen Wilhelm Großherzoglicher Hoheit verdankt. Die Bewirth— ſchaftung der markgräflichen Domaine wird nämlich höchſt 187 uneigennützig im Sinne einer Muſterwirthſchaft für die Umgebung behandelt; Reben-, Acker- und Wieſenbau des ganzen Gaues haben ſich unter dieſem Einfluß weſentlich gehoben, und die wohlthätigen Folgen werden bis in ſpäteſte Zeiten das ſchönſte Denkmal ſo ächten hochherzigen Fürſten— ſinnes bilden. Zu den umfangreichen Gebäulichkeiten des ehemaligen Reichſtiftes führen drei Thore. Der Bauſtyl des Ganzen iſt der des ſiebzehnten Jahrhunderts, mit Ausnahme des Münſters und der Vorrathshäuſer, welche ältern Urſprungs ſind. Ein Theil der Räumlichkeiten dient zum Sitz des groß herzoglichen Bezirksamtes, des markgräflichen Rentamtes und zur Elementarſchule u. ſ. w. Der Kloſterbau, unter Abt Stephan 1700 aufgeführt, nunmehr ein markgräflich badiſches Schloß, iſt zum Sommeraufenthalte JJ. HH. der Herren Markgrafen wohnlich und geſchmackvoll ein gerichtet. Den großen Kaiſerſaal in impoſantem Roccoco geſchmacke, zieren lebensgroße Statuen in Stuckarbeit von ſämmtlichen deutſchen Kaiſern. Die Kloſterkirche(das Münſter) ſtammt aus dem vierzehnten Jahrhundert und repräſentirt würdig den reinen gothiſchen Styl. Ihr Inneres wurde jedoch unter Abt Robert, zu Ende der vorigen ſiebenziger Jahre, durch Zuthaten(Altäre, Statuen, Reliefs ꝛc.) im Sinne dieſer geſchmacksverirrten Zeit, dem urſprünglichen Charakter theilweiſe entfremdet. Wenn dieſes dem Eindrucke, den R 188 der herrliche Tempel macht, natürlich nicht wenig Eintrag thut, ſo verſöhnt einigermaßen die Solidität und Koſtbarkeit des Materials der neueren Ausſtattung. Der Hauptaltar, die zahlreichen Seitenaltäre, mit Reliefßs, Statuen und Kandelabern, ſind von weißem Alabaſter, wie ſolcher an den abſchüſſigen Ufern der Wutach bei Aſelfingen und Ack dorf vorkömmt. Nachdem die ſalemiſchen Beſitzungen an das Haus Baden gefallen, überließ Großherzog Ludwig den ſchönen Tempel der Gemeinde Salem unentgeldlich zur Pfarrkirche. Es war gerade Morgengottesdienſt, als ich die Kirche betrat; der ehrwürdige ſechsundachtzigjährige Pfarrer Honoratus Hapt, der letzte der ehemaligen ſalemiſchen Kloſtergeiſtlichen, las eine ſtille Meſſe; nur wenige Andächtige waren zugegen. Der Prieſter ſchien ein abgeſchiedener Geiſt aus früheren Tagen, von deren Pracht und Reich— thum die hohen Säulen und Marmorbilder noch ſtumme Zeugenſchaft gaben. Als der Greis mit zitternder Hand die Gemeine geſegnet hatte und vom Altar zurückgetreten war, ſah ich ihn nach einer Weile, umgeben von einer Gruppe Schulkinder, die ihn wie zum Schutze begleiteten, über den Platz ſeiner nahen Wohnung zuſchreiten. Bei einem Beſuche, den ich ihm machte, erzählte er viel von den Zeiten des Kloſters; ich erfuhr, daß die alabaſternen Altäre der Kirche in der Werkſtätte der ſalemiſchen Laien brüder verfertigt wurden. Bei Aufhebung des Stiftes 189 habe die Zahl der Konventualen achtundſiebenzig betragen, eine verhältnißmäßig geringe Zahl, da wegen Kriegs- und andern Umſtänden längere Zeit keine Novitzen mehr auf genommen werden konnten.— Unter Anderem zeigte mir der alte Herr auch ein kleines Bildlein, welches von einem Freund entworfen, ihn ſelbſt darſtellt, wie er betend und ſich geißelnd in der Zelle kniet, eine dampfende Tabaks pfeife im Mund. Er hatte ſich, erläuterte er mit liebens würdigem Humor, in früheſter Morgenſtunde einſt verleiten laſſen, ein Pfeifchen zum Fenſter hinaus zu rauchen, als es an der Thüre klopfte und der Erſchrockene raſch in die Kniee ſank und ſich wie im Gebet begriffen ſtellte. Die Schauöffnung an der Thüre hatte ihn aber verrathen und er mußte Buße thun. Als ein natürliches Document der alten Zeit betrachtete ich die rieſenhafte Linde in dem Kloſterhofe. Es iſt anzu nehmen, daß der Baum irgend einem hiſtoriſchen Moment ſein Daſeyn verdankt. Zur Zeit aber, wo das Stift noch eigene Gerichtsbarkeit hatte, gab es ein Sprüchwort unter dem Volke:„er iſt auch ſchon unter der Linde gelegen“ was jedoch dem, auf welchen es angewendet wurde, nicht zu ſonderlichem Ruhm gereiche. Denn unter dem kühlen Schatten der altehrwürdigen Linde wurden der Göttin Themis von Amtswegen jene Opfer gebracht, bei welchen der Stock eine Hauptrolle ſpielte.— Dem Baume hatte aber der Zufall oder das Geſchick noch eine Bedeutung höheren 190 Sinnes zugedacht.— Als ich ſchon ſeit Wochen von meiner Bodenſeereiſe wieder zurückgekehrt war, erhielt ich ein Schreiben von achtbarer Hand*) des Inhalts:„Die große Linde gehörte zu den allerälteſten Bäumen in der Umgegend und erſcheint in den früheſten gezeichneten Planen und Anſichten des Kloſters Salem. Sie iſt älter als das vor handene Kloſtergebäu; eine ſonderbare Fügung des Zufalls oder wie man es nennen will, wollte, daß der Baum am 25. April d. J. plötzlich und unerwartet, ohne daß ein Sturm oder anderes äußeres Ereigniß beigetragen hätte, bei ruhiger Witterung in ſich zuſammenbrach. Wenige Tage nachher, am 1. Mai ſtarb altersſchwach der ſechs undachtzigjährige Pfarrer von Salem, Honoratus Hapt, der letzte Geiſtliche des ehemaligen Stiftes. Als er auf ſeinem Lager, wo ihn eine Schwäche gefeſſelt hielt, von dem ſo unerwarteten Zuſammenbrechen der Linde hörte, ergriff ihn ein wehmüthiges Gefühl, und er ſprach gegen die Anweſenden ſeine Ahnung aus, daß er nun bald ſterben und zuſammenſinken werde wie die Linde.“ Das Kloſter Salem oder Salmannsweiler wurde geſtiftet im Jahre 1134. Es war früher ein Weiler, im Beſitze eines Ritters Guntram v. Adelsreuthe, der ohne männliche Nachkommen war und das Gut mit verſchiedenen anderen Beſitzungen dem Ziſterzienſer-Orden vermachte. *) Von A. Ellenſohn, Gaſtwirth auf der Mainau. 191 D Die Schenkung geſchah mit Bewilligung des Königs Conrad, des Herzogs Friderich von Schwaben und des Markgrafen Hermann von Baden. Das Stift war ein reichsunmittel bares und genoß alle Vorrechte, die einem Reichsſtande zukamen. In kirchlicher und ſtaatlicher Beziehung war das Stift lange Zeit in Streitigkeiten verwickelt, eines Theils mit dem biſchöflichen Ordinariat Konſtanz, andererſeits mit Fürſtenberg wegen der Grafſchaft Heiligenberg. So gieng z. B. die Grenzlinie der Jagdgerechtigkeit mitten durch die Münſterkirche zu Salem. Und es ſoll ein Graf von Heiligenberg, um ſein Recht zu wahren, einſt mit dem ganzen Jagdgefolge durch die Kirche gezogen ſeyn. Vierzig Aebte bilden die Reihenfolge der Kloſtervor ſteher, von dem erſten, Frowin, der ein Gefährte und Dollmetſcher des hl. Bernhards war, als dieſer Deutſchland durchzog, bis zu Caſpar Oechsle von Schönberg. Von dieſem Letzten ſagt Kolb viel Rühmliches. Gaſtfreund ſchaft, Liebe für Kunſt und Wiſſenſchaft, Eifer für Er ziehung der Jugend u. ſ. w. haben unter ſeiner Regierung und Fürſorge einen hohen Grad erreicht. Wenn der Pilgrim von Salem aus ſeine Fahrt weiter landeinwärts fortſetzt und dem kaum eine Stunde entfernten Heiligenberg einen Beſuch machen will, ſo wird er den ſicherſten Führer durch die Hallen jenes prächtigen Fürſtenſchloſſes finden in dem vor einiger Zeit erſchienenen Schriftchen von dem vaterländiſchen Forſcher und Geſchicht 37 192 ſchreiber J. B. A. Fickler:„Heiligenberg in Schwaben. Mit einer Geſchichte ſeiner alten Grafen und des von ihnen beherrſchten Linzgaues. Bei Macklot, 1853.“ 83 7 7 8 Meine Zwecke führten mich wiederum dem Bodenſee entgegen, auf dem Wege über Tüfingen nach Ueber lingen.— Zwiſchen Salem und Tüfingen, im Walde, durch den die Straße führt, hängt an einem Tannenſtamme eine von Wind und Wetter gebleichte Malerei, mit einer Inſchrift des Inhalts: Als zur Schwedenzeit(1643) der Feind die Kirche Altbirnau's ruinirt habe, ſei das dortige Gnadenbild, eine Mutter Gottes, allein unverſehrt geblieben; der Knecht eines benachbarten Hofes habe das Bild nach Salem flüchten wollen, ſei aber unterwegs von franzöſiſchen Soldaten der überlingiſchen Beſatzung(unter Corval), welche mit Kornſäcken beladen von Heiligenberg hergekommen, angehalten und gezwungen worden, ſeinen Schatz abzulegen und mit einem Fruchtſack beladen nach Ueberlingen umzu kehren. Als er ſpäter wieder an die Stelle kam, fand er das Bildniß unverſehrt unter der Tanne, wo er es nieder gelegt hatte, und brachte es nach Salem. ließ er eine Votivtafel an der Tanne befeſtigen, die im vorigen Jahrhundert reſtaurirt, und weil die Tanne alters halber umgefallen, in der Nähe, an einem jüngern Stamme angebracht wurde. Ungefähr eine Viertelſtunde von Ueberlingen ligt das Schlößlein Burgberg, von einem ſchilfigen Waſſergraben —— K N Rairn 193 i NMöoels86 5 vi 1 umgeben. Dieſer ehemalige Adelsſitz iſt gegenwärtig ein Wirthshaus, zu dem an ſchönen Tagen die rren und Damen aus der Amtsſtadt wallfahrten. Ueber die Höhe wandernd, erblicken wir bald die Stadt und den See, der nach ihr den Namen trägt. Thürmen, el Ueberlingen ſelbſt hat, zumal in ſeinen öffentlichen Gebäuden und ſtattlichen Patrizierhäuſern noch mittelalterliches Gepräge; doch würde es, käme der Schwed' zum zweitenmal, dem Feinde nicht mehr die trotzige Stirne 5 von ehemals zu bieten vermögen. Die alten Stadt mauern und Wälle, da und dort durchbrochen und geebnet, erleiden mit jedem Jahrzehend neue Einbußen. Hoffentlich werden aber nicht alle Erinnerungen einer rühmlichen Vor— zeit dem kahlmachenden Neugeiſte zum Opfer fallen. Vom Urſprung der Stadt berichtet uns die Ahnfrau der Geſchichte, die Sage, nichts. In frühen Jahrhunderten ſollen mehrere alemanniſche Herzoge in Iburinga ihren Sitz gehabt haben. Von des einen Tochter, Frideberge, vird erzählt, daß ſie in übeln Gemüthszuſtänden von dem heiligen Gallus geheilt, ihrem beſtimmten Bräutigam entſagend, ſich der Kirche vermählt und auf dem Galler— berge ein Kloſter geſtiftet habe. Im Jahre 1241, nack Abgang der ſchwäbiſchen Herzoge, finden wir Ueberlingen als Glied des damaligen Städtebundes; ur wurde die Stadt reichsunmittelbar. 194 manche rühmliche Momente aufzuweiſen und zeugt von kräftiger bürgerlicher Geſinnung. Als die aufſtändiſchen Bauern weithin im Schwäbiſchen und am See mit Feuer und Schwert hausten, ſtanden die Ueberlinger unter dem Patrizier Reichlin-Meldegg auf Seite der Bündiſchen, welche den übel berathenen Bauern bei Ravensburg einen tödtlichen Schlag beibrachten. Als der Aufruhr in der Seegegend von Neuem begann, rückten die Ueberlinger, geführt von ihrem Bürgermeiſter Keßerin g, abermals in's Feld, umringten die Rebellen und ſtellten ihre Anführer gsgericht. Hundert und fünfzig der Unglück lichen wurden auf dem Gredplatze öffentlich enthauptet Noch ſieht man an der Thüre auf dem Vorplatze des ſtädtiſchen Rathhauſes ein Gemälde, welches dieſen blutigen Akt zum Gegenſtande hat. Karl Wſtiftete der Ent ſchiedenheit der Reichsſtadt dadurch ein Andenken, daß er dem aufrecht ſtehenden Löwen, welcher die Helmzierde ihres Wappens bildet, ein bloßes Sch wert zuerkannte. Der dreißigjährige Krieg brachte Ueberlingen gleiche Bedrängniß wie den Nachbarſtädten Konſtanz, Radolfszell und Villingen. Die Bürgerſchaft hatte das Glück, einen ausgezeichneten, ächt patriotiſchen Mann an ihrer Spitze zu haben, in der Perſon des Bürgermeiſters Freiherrn Heinrich von Pflummern.— Zweimal wurde die Stadt angegriffen, doch jedesmal ohne Erfolg. Der letztere Angriff geſchah unter Guſtav Horn im Jahre 1634. 195 Vierundzwanzig Tage dauerte die Belagerung, aber die Bürger mit den ringsum aufgebotenen Bauern in der Stadt wehrten ſich als Männer, die um ihr Theuerſtes fechten. Der Feind mußte nach großen Verluſten unver— richteter Dinge abziehen. Die Stadt mochte für die da malige Zeit als ſehr wohlbefeſtigt gelten. Ein tiefer in den Molaßfelſen gehauener Graben trennte ſie völlig von dem übrigen Land, während die Mauern auf allen Punkten durch das Geſchütz der Thürme beſtrichen wurden. Faſt noch Schlimmeres, als die heißen Kampftage ſelbſt, brachten die nachfolgenden Zeiten. Aber auch da war es der wackere Bürgermeiſter von Pflummern, der mit Bewußtſeyn und Kraft das ſtädtiſche Regiment zu führen wußte. Der lange Krieg hatte die Soldaten ſo ſehr ver wildert, daß zwiſchen Freund und Feind wenig Unterſchied mehr war. Die Ueberlinger mußten den befreundeten, in der Stadt lagernden ſpaniſch⸗öſterreichiſchen Kriegs truppen ungeheuere Summen bezahlen, während Widerhold von Hohentwiel aus die Umgegend verheerte und endlich (den 30. Juli 1643) die Stadt überfiel und beſetzte.„Viele der Bürger verloren das Leben, der Feind raubte, plünderte was er fand. Viele Bürger verließen aus Elend die Stadt, alles, auch Hunde waren aufgezehrt.“— Als nach Abzug des Feindes baieriſche Truppen hereinkamen, fanden die guten Ueberlinger, daß die Arznei bitterer ſei, als die 1 196 Krankheit geweſen; denn der Freund hauste noch übler als es der Feind gethan.— Auch das ſiebenjährige Kriegswetter verhängte großes Ungemach über den Ort, ſo wie die nach folgenden größern Stürme der franzöſiſchen Invaſion. Im Aeußern der alten Stadt zeigt ſich die Wohl habenheit der mittelalterlichen, zugleich aber der Stillſtand, wo nicht Zerfall der ſpäteren Reichszeiten. Von erſteren zeugen viele ſtattlichen Baudenkmale, unter denen das bedeutendſte die Münſterpfarrkirche iſt. Sie wurde zu bauen angefangen im Jahre 1360, nach dem Plane des Eberhard Raben. Das Innere des Langhauſes hat fünf hohe Gewölbe, getragen von achtundzwanzig Säulen und einundachtzig Pfeilern, zwiſchen denen zu beiden Seiten zwölf Kapellen angebracht ſind. Die Altäre ſind ſämmtlich aus dem ſiebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert, ſie enthalten außer einem Gemälde in einer Kapelle der rechten Abſeite, Frauen und Engel um den Leichnam Jeſu be ſchäftigt, nichts Gutes. Der reich verzierte Hauptaltar ward aus Anlaß der Peſt, im Jahre 1618, vom Magi ſtrate errichtet. Ein Seitenaltar, der v. Schultheißeſche, enthält Bildhauerarbeiten von Hans Morink, die mit Talent und großem Fleiße ausgeführt, aber, wie alle Arbeiten dieſes Meiſters, nicht mehr der guten Zeit ange hören. Der rieſige Geiſt Michel Angelo's, der kühn bis zu den äußerſten Grenzen der Plaſtik vorſchreiten durfte, übte bereits auf die Werke des nachahmenden Deutſchen 197 beirrenden Einfluß.— Von den beiden Thürmen iſt nur der eine vollendet; er iſt über 200 Schuh hoch und hat eine herrliche Ausſicht. Im andern hängt die große, 177 Centner ſchwere Oſannaglocke, gegoſſen im Jahr 1646. Vor der Kirche ſteht ein Oelberg, mit architektoniſchem Gehäuſe. Dies Werk befand ſich vor der Reformation im Münſterkreuzgange zu Konſtanz. Bemerkenswerth erſcheinen die Reſte von Freskobildern an den Außenwänden der Kirche, in den unter den Fenſtern hinlaufenden Feldern. Sie ſind bibliſchen Inhalts und ſcheinen aus den erſten Zeiten des Baues herzurühren. Die Umgebung der Kirche war früher ohne Zweifel Begräbniß— ort, und die Bilder mochten darauf Bezug haben. Jetzt gewährt der Platz mit ſeinem Lindengrün und der mittel alterlichen Fagade des altſtädtiſchen Kanzleigebäudes einen überaus maleriſchen Anblick. Auf dem Brunnen, welcher den Platz ziert, ſteht aus der Renaiſſancezeit die Statue eines Knaben mit einem Fiſch und Fiſchergeräth; ob die anmuthige Figur auf irgend etwas Oertliches hinweist, konnte ich nicht erfahren. Ein herrlich Denkmal mittelalterlicher Kunſt bewahrt der„zierliche Rathhausſaal“ in ſeiner holzgeſchnitzten Dekoration. Die Decke iſt flach gewölbt, von braunem Holz und reich verziert mit Vergoldung. Die Wand— verkleidungen enthalten vierzig Felder, über welchen auf Conſolen mit Wappen vortrefflich geſchnitzte Coſtümfiguren 198 D zu ſehen ſind. Der dem Ganzen zu Grunde liegende Ge danke iſt: die organiſche Gliederung der Reichsverfaſſung deutſcher Nation bildlich zu verſinnlichen. Ueber dem Ein gange prangen das Wappen des Reichs und das der Stadt Ueberlingen; auf der einen Seite die Figur der Gerechtigkeit, auf der andern der heilige Nikolaus als Stadtpatron; dann folgen ringsumlaufend die ver ſchiedenen Reichsſtände in beiläufig 12 Zoll hohen Statuetten mit etwas kleinern Wappen. Dieſe Gliederung, wie ſie in alten Chroniken her kömmlich dargeſtellt iſt, bildet eine Kette von 12 Standes gruppen, deren jegliche 4 Glieder zählt, nämlich: 1) der Kaiſer(durch das Reichswappen dargeſtellt) und die drei geiſtlichen Kurfürſten des Reichs: von Mainz, Trier und Köln; 2) die vier weltlichen Kurfürſten: von der Pfalz, von Böhmen, Sachſen und Brandenburg; 3) die vier Herzoge des Reichs: von Braunſchweig, Baiern, Lothringen und Schwaben; 4) die vier Markgrafen des Reichs: von Meiſen, Brandenburg, Mähren und Baden; 5) die vier Landgrafen des Reichs: von Thüringen, Heſſen, Elſaß und Leuchtenberg; 6) die vier Burggrafen des Reichs: von Nürnberg, Magdeburg, Rheineck und Strom berg; 7) die vier Grafen des Reichs: von Kleve, Schwarzburg, Zili und Savoyen; 8) die vier Freiherren des Reichs: von Limburg, Thuſis, Weſterburg und Alten walden; 9) die vier Ritter des Reichs: von Andlau, 199 von Strondeck, Meldingen und Frauenberg; 10) die vier Städte des Reichs: Augsburg, Achen, Metz und Lübeck; 10 die vier Dörfer des Reichs: Bamberg, Schlettſtadt Ulm und Hagenau; endlich 12) die vier Bauern des Reichs: Köln, Regensburg, Konſtanz und Salzburg. An der einen Wand erſcheint Chriſtus, an der andern Maria und Johannes, letztere betend um Erleuchtung und Gedeihen des Reichstages. Der Name des Meiſters dieſer ſchönen Arbeiten findet ſich nirgends angegeben. Manche wollen in ihm den Ulmer Holzſchnitzer Hans Syrlin ſehen. Als ſpätere Zugabe ſehen wir in Feldern der rechten Seite eine Reihenfolge von gemalten Kaiſerportraits, von Rudolph II bis zu Maria Thereſia. Auffallend iſt der Umſtand, daß wie im Römer zu Frankfurt, noch drei leere Felder übrig ſind für die nachfolgenden deutſchen Kaiſer. Die plaſtiſchen Figuren, die Repräſentanten des Reichstages, ſind mit altdeutſcher Treue und Wahrheit gegeben— charakteriſtiſche Bilder ihrer Zeit bis in's Einzelne der Tracht. Wenn es nicht ſo großen Schwierigkeiten unterläge, über Holz zu formen, ſo müßte man wünſchen, einen Theil dieſer Statuetten zu Nutz und Frommen der Kunſt durch Abgüſſe vervielfältigt zu ſehen. Der architektoniſche Kunſttheil wird von jüngern Baukünſtlern an Ort und Stelle häufig zu Studien be nützt. So belehrend ſolche phantaſie- und gedankenreiche Vorbilder auch ſeyn mögen, ſo werden nicht ſelten in Was mich nicht weniger anzog, als die ebenbeſchriebene 1 7 WMüit N 2 4 N4 ekoriri je Moöbel im Rathszimmer Das * Sos 1 Kühos Foſto 1 17 eine ein i, deſſen hohes Geſtell von dunkelm Ho oy ich verziert iſt mit Mays en und einer Arah Oolz, herrlich verziert iſt mi Wappen und einer Arabe Simſon mit dem Löwen. Das Andere ein ebenſo ſchön verzierter Aktenkaſten. Beides Arbeiten aus der Renaiſſance ind darum in ihren freien Formen unſerem Gefühle näher, als die in ſich mehr abgeſchloſſene Gothik, die übrigens bei Möbell Gittern, Schmuckſachen c. auch freierer Mo tive ſich bediente u e(wie im Neueren geſchieht) den ſtreng architektoniſchen monumen Charakter derartigen Gegenſtänden geben wollte. Bei Betrachtung der Rathsſtube zu Ueberlingen, können wir nicht umhin, einem E emeinweſen, dem ſo Schönes und 7 „unſere Bewunderung und Achtung zu zollen. Dieſer löbliche Sinn, alles Oeffentliche, dem I Gemeinweſen Dienende, durch künſtleriſchen Schmuck und Charakter auszuzeichnen, ſcheint hier einigermaßen bis ſpätere Zeit ſich fortgeerbt zu haben; das zeigen wenig ſtens die Dekorationen der Th d ren auf den Gängen und den Vorplätzen. Sie ſind von einem Ueberlinger Maler, Chriſtoph Lienhardt, im Jahr 1712 gefertigt und be 201 ſtehen in grau gemalten allegoriſchen Figuren und Emble— men, die auf das bürgerliche Regiment Bezug haben. Derſelbe Meiſter verzierte auch die Gänge und Thüren des Kloſters Salem. Auf den Vorplätzen des Rathhauſes finden ſich noch einige naturhiſtoriſche Merkwürdigkeiten. Auf einer Tafel das gemalte Conterfey eines rieſenhaften Seeräubers, der wohl über ein Jahrhundert hindurch die Gewäſſer des Bodenſee's beunruhigt haben mag. Es iſt ein Hecht, der laut beigegebenen Maaßes, nicht weniger als zwölf Fuß in der Länge gemeſſen und anno 1570, Donnerſtag den 26. November von den Fiſchern und Bürgern Franz und Chriſten Ueberlin„in dem See, hinder der Stadt, bei der alten Badſtuben an der Halde, gefangen wurde.“ 9 Das Andere iſt ein Trappe, im Hornung des Jahrs 1730 von einem fünfzehnjährigen Knaben bei St. Leo— hardskapelle geſchoſſen. Intereſſante öffentliche Gebäude, außer den genannten, ſind: der maſſiv erbaute Pfennigthurm neben dem Rath— haus, wo das ſtädtiſche Archiv aufbewahrt wird.— Die alte Stadtkanzlei mit ihrer ſteinernen wappengeſchmück— ten Facade.— Das Gredhaus(Kaufhaus) an der Schiffslande. Das große Spital zum hl. Geiſt, mit einer gut erhaltenen hübſchen gothiſchen Kapelle, die aber leider, weil das baufällige Haus niedergeriſſen werden ſoll, dem Abbruch geweiht iſt. Sollte ſie aber nicht geſchont ——.. und erhalten werden können). Das Spital iſt ſehr reich und ſeine Stiftungen gehen bis in früheſte Jahrhunderte zurück; es beſaß in der Umgegend Dörfer und Höfe im Werth von anderthalb Millionen. Das ſ. g. Stein haus mit einer Hauskapelle, früher die Herberge der hier durchreiſenden Kaiſer. Sigismund ſtieg daſelbſt ab auf ſeiner Reiſe zum Konſtanzer Concil, und ſpäter im Jahr 1430; ebenſo Ferdinand 1 Anno 1563 ꝛc. Das Haus gehörte dem Kloſter Salem und hieß deßhalb Salmans weilerhof, erbaut von Abt Konrad Schäfer 1530. Jetzt dient es Privatzwecken. Das ehmalige Franziskaner kloſter mit einer Schülerkirche und dem ſtädtiſchen Theater. Die Leopold- und Sophien-Bibliothek im alten Zeughaus; ſie wurde geſtiftet von Dekan und Stadtpfarrer Wocheler, der einer der letzten Benediktiner von Villingen, ein thätiger Freund der Wiſſenſchaften und Wohlthäter der Armen war. Das Reichlin-Meldegg'ſche H aus, ein ſtattlicher Patrizierbau mit Zinnengiebeln und weiter Ausſicht; er rührt aus dem Jahr 1462.— Die ehmalige Rittercommende St. Johann, auf einem hochge—⸗ legenen Punkte über der Stadt und ihrem tiefen Graben mit dem mächtigen Rondellthurm, jetzt Eigenthum des *) Auch einem Theil der in den See gehenden Stadt mauer mit einem alten Thurme iſt, wie ich hörte, gleiches Schickſal zugedacht. Warum? 203 Freiherrn von Ulm. Der Gallerthurm, ein alt— ehrwürdiger Veteran, deſſen Namen an die früheſte Orts— geſchichte erinnert; ſeine prächtige Ausſicht belohnt reichlich die Mühe des Beſteigens.— Das Pflummer'ſche Haus, von ſtattlichem Aeußern mit dem Wappen der urſprüng— lichen Beſitzer. Eingemauerte Kugeln an der Wand gegen die Heldgaſſe ſind Denkzeichen der ſchwediſchen Belagerung, deren Hauptſturm auf die Gaſſe gerichtet war. Der letzte Sprößling der um die Stadt hochverdienten Freiherren von Pflummern ſtarb im Jahre 1829 zu Ueberlingen; eine Seitenlinie hat noch ihren Sitz in Ueberlingen.— Die ehmalige adelige Zunft, jetzt ein Wirthſchaftslocal dem Freiherrn von Bodman gehörig. Die Gaſtſtube wurde neuerlich im Sinne der früheren Zeit mit den Wappen der in Ueberlingen exiſtirenden adeligen Geſchlechter dekorirt. Das Bad Ueberlingen iſt ſeit Anfange des ſechs— zehnten Jahrhunderts urkundlich bekannt. Es war ſtädtiſches Eigenthum bis zum Jahre 1802, wo es käuflich in den Beſitz verſchiedener Privaten kam, um neuerer Zeit wieder von der Stadt erworben zu werden. Gegenwärtig iſt es in Pacht gegeben, und bildet die Anſtalt eine Hauptzierde, nicht nur der Stadt, ſondern des ganzen See's. Sie ligt in der Vorſtadt zu den Fiſcherhäuſern, mit einem großen Garten am Seegeſtade. Alles was Geſunden und Kranken zur Erholung und Erheiterung dienen kann, findet ſich hier im wünſchenswertheſten Maaße: ſolide Wirthſchafts—⸗ — 204 einrichtung, gute Bedienung, geſchloſſene Seebäder, Ge legenheit zu Luſtparthien zu Land und zu Waſſer, Muſik und Bälle; auch iſt den Gäſten die ſtädtiſche Bibliothek zugänglich. Und da das Bad zugleich allgemeines Gaſt haus und ein beliebter Ausflugsort der Nachbarſchaft iſt, ſo ſehen wir an ſchönen Sonntagen ſeine Räume heiter belebt von Beſuchen aus der Nähe und Ferne. Die Mineralquelle befindet ſich etwa 70 Schritte vom Badhaus nahe der Stadtmauer, in einem ſiebenzehn Fuß tiefen Sammler; ſie enthält hauptſächlich Eiſen, wo von die Oberfläche des Waſſers und ſeine ſteinerne Faſſung gelbröthlich gefärbt erſcheint, außerdem Alkali, gebundene Schwefelſäure, Kalkerde und Schwefelſäure. Die Heilkräfte des Waſſers ſind erprobt bei allen Krankheiten, denen Schwäche, Stockungen in den feinern Geweben, Störungen normaler Funktionen ꝛc. zu Grunde ligen. Es iſt friſch von der Quelle getrunken etwas herben, aber nicht unan genehmen Geſchmackes. Der Gaſt findet die ganze Saiſon über ſtets zahlreiche Geſellſchaft; doch verdienten die Vor— züge des Orts einen viel ſtärkern Beſuch, denn nicht leicht wird ein Aufenthalt geeigneter ſeyn, wohlthätig⸗beruhigend auf Körper und Gemüth zu wirken, als der hieſige, an der ſommerlich gelegenen Bucht des ſchönen Ueberlingerſee's, umkränzt von Gärten und Weinbergen— mit einem Klima, welches die Nachbarſchaft Italiens ahnen läßt. Unter den wenigen neugeſchaffenen Bauwerken der 205 Stadt bemerken wir einen Brunnen in der Vorſtadt; er iſt von Architekt Schwab entworfen und hat als Säulen— zierde einen auf das ſtädtiſche Wappen bezüglichen Adler von Eiſenguß aus der fürſtenbergiſchen Gießerei Zizen— hauſen, nach einem Modelle von Raver Reich?).— Ein alter Brunnen auf der Marktſtätte wurde in einen modern⸗gothiſchen umgewandelt; ein zweiter, mit dem Bild— niſſe Karls V, vor dem Rathhauſe, leider ganz beſeitigt, um einem neuen arteſiſchen Quell Raum zu machen. Wenn der Fremde nach Beſichtigung aller dieſer Merk— würdigkeiten noch Zeit genug übrig behält, eine Flaſche feurigen Mersburger oder Hagnauer zu ſich zu nehmen, ſo wird er gut thun, dieſes löbliche Geſchäft auf der Altane des Gaſthauſes zum Löwen vorzunehmen. Es giebt wohl nichts angenehmeres, als hier unmittelbar über dem plätſchernden Gewoge, von ſchmeichleriſchen Lüften umwoben ein Sommerſtündlein zuzubringen; ſei es, daß wir gerade unter uns dem wohligen Spiele der Fiſchbrut zuſchauen, die in dem durchſichtigen Kriſtallgrün zu Tauſenden die alten Hafenpfähle umſchwärmt; oder daß uns das Brauſen des Dampfſchiffs in die Ferne zieht, wenn es von dem fernblauen Eilande der Mainau her direkt auf uns zu— 1*) Das urſprüngliche Modell diente zum Grabmale des i. J. 1849 zu Donaueſchingen beerdigten, königl. preußiſchen Generals von Hannecken. 206 ſteuert, um in der Nähe, am Hafenplatze, das bunte Gewimmel der Paſſagiere an's Land zu ſetzen. Der Hafen iſt neuerer Zeit ſehr belebt, namentlich durch den wöchentlichen Fruchtmarkt, dem jährlich im Durchſchnitt gegen 70,000 badiſche Malter Getreide zuge führt werden, die meiſt über den See nach der Schweiz kommen; ebenſo bedeutend iſt der Handel mit Obſt, welches meiſt aus den Orten Nußbach und Sipplingen kommt und von den Bauern vom Heuberg und aus dem Hohenzollern ſchen als Rückfracht mitgenommen wird. Es war Abends, als ich einen Spaziergang um die Stadt machte.— Der Weg führte mich zufällig zum Gottesacker, in die Kapelle, wo noch einige Denkmale aus früherer Zeit vorhanden ſind. Das eine berichtet von einer grauſamen Peſt in den Jahren 1610 und 1611, wo ſo Viele ſtarben, daß man nicht genug begraben konnte. Anno 1612 aber ſeien dagegen zahlreiche Ehebündniſſe ge feiert worden; unter Andern am 5. Februar ſei es geſchehen: W „Daß im Pfarrmünſter von jung und alten Leuten Gehalten wurden einundzwanzig Hochzeiten. Das Jahr nachher wurden geboren ſo viel Kind, War nichts dann lauf, tauf geſchwind.« Während ich einige andere Inſchriften las, kam der Meßner herbei, ein alter Mann, den ich in dem abend U lichen Halbdunkel jetzt erſt bemerkte. Er ſagte, er habe gte, E die Obliegenheit, für das ſorgen, und jeden Abend 207 ewige Licht in dem Kirchlein zu den Kirchhof zu ſchließen. Mit großem Eifer erläuterte er die Bedeutung der Gedenktafeln und kam dabei auf das Ehmals und ſeine eigene ferne Jugend zu ſprechen. Am meiſten intereſſirte mich ſein Erzählen vom alten Maifeſt, wie es zu ſeiner Zeit noch in Ueberlingen, aber nur in wohnten Vorſtadt, die das„ Am Vorabend ward der Maien gehauen und geſteckt. er d D meiſt von Rebleuten be— orf“ heißt, gehalten wurde. In früher Morgenſtunde verſammelte ſich dann die ledige Welt, Bu 8 Baum, wobei ein Lied der Freuden, wollt ich daß der Maien wär u. ſ. w. irſche und Mädchen, zum Tanze um den geſchmückten 0. 0 geſungen wurde: Eia, Eia, voll Ge— ſang und Tanz wiederholten ſich am Abend, und ſo gieng es fort, vierzehn Tage lang.. haupt beim Landvolk ehedem ein Feſttag, an welchem Tanz und Spiele gehalten wurden.— Der erſte Mai war über Ein allgemeiner Brauch fand auch ſtatt am erſten März, die ſ. g. Märzen 8/. 8 oder auf Berghöhn beim Beginn der Faſtnachtsfunken. An dieſem Tage flackerten Nacht große Feuer von Reißhaufen. Am See war dieſe Sitte allgemein. Im ſüd— öſtlichen Schwarzwald, auf den und die Wutach, kann man in jetzt weit hin die Feuer leuchten ſehen. nacht wurde in Ueberlingen in ähnlicher Die acht beſtehenden Mersburg gefeiert. Waldhöhen um Bonndorf der erſten Märznacht noch Auch die Faſt⸗ Weiſe wie in Zünfte hatten — 208 jede ihr eigenes Gelaghaus mit Schenkrecht?), durch welche Abgrenzung in närriſchen wie in ernſten Dingen ein löblicher Wetteifer entſtand.— Zu den herkömmlichen Bräuchen um dieſe Zeit gehörte unter Andern auch, daß die Ueberlinger Rathsherrn im freundnachbarlichen Ritterhauſe zu Mainau perſönlich das„Faſtnachtküchlein“ abholten, wozu begreif licherweiſe der große Landkomturs-Keller ſein Edelſtes zu ſpenden pflegte. Als einheimiſche Faſtnachtsmaske findet ſich der „Hänſele“; er iſt eine Abart von ſeinem Namensbruder in der Baar, ein Stück mittelalterlichen Pickelhäring mit buntfarbigem„Hääß“, einer Kapuze, die ſtatt der Larve ausgeſchnittene Augenlöcher, einen herabhängenden Rüſſel und hinten einen Fuchsſchwanz hat. Wie ſorgſam das Feld der edeln Narrheit bei unſern Altvordern gebaut worden, mag eine ehemals hier beſtehende Stiftung dar thun. Es war früher zu Faſtnacht ein eulenſpiegelartiger Brauch, der den„Narren“ erlaubte, in Bäckers- und Metzgersläden, zuweilen auch in Privathäuſern, Brod, Schinken, Würſte ꝛc. liſtigerweiſe wegzukapern und ein Mahl daraus zu bereiten, zu dem auch der unfreiwillige Spender eingeladen wurde. Da nun der etwas plumpe Scherz, der oft in förmlichen Unfug ausartete, zu keiner Zeit ver )Noch jetzt ſagt der Ueberlinger ſtatt von Wirthshaus zu Wirthshaus«, uvon einer Zunft in die andere ziehenn. *3 209 boten werden mochte, fand ſich ein vermöglicher„Narr“ bewogen, ein Geſtift zu machen, aus deſſen Zinſen den Geplünderten der Schaden jedesmal zu vergüten ſei. Die alte Reichsſtadt iſt überhaupt ſehr wohl bedacht mit Stiftungen aller Art. Wohl nirgends ſind z. B. die Armen reicher als hier; das Spital, welches, wie oben erwähnt, Millionär iſt, beſitzt ſogar eigens geſtiftete Reben, von deren Blute alltäglich das Krüglein des ſorgenfreien Spitälers ſich füllt. Nebſt dieſer Anſtalt beſteht noch ſ. g. Spendpflege, die reichliches, wöchentliches die g. Almoſen an Hausarme ſpendet.— Ebenſo gut iſt für arme Studierende geſorgt, denen zahlreiche Stipendien zur Unter ſtützung 708 Eine hübſche altväteriſche Einrichtung beſteht noch heut zu Tag in den ſ. g. Nachbarſchaften. Jede Gaſſe oder kleinere Stadtgegend bildet nämlich eine für ſich beſtehende Nachbarſchaft, die ihr eigenes Gemeinvermögen beſitzt, aus deſſen Zinſen jährlich an Johanni in einem Wirths- oder Privathauſe innerhalb der eigenen Nachbarſchaft ein Mahl beſtritten wird, dem alle Zugehörigen anwohnen. Der Zweck dieſer Stiftungen iſt(ähnlich dem der Hundertund— einſer-Geſellſchaft zu Mersburg) Eintracht und gute Nach⸗ barſchaft zu hegen und zu pflegen, und entſtandene Feind⸗ ligkeiten bei einem fröhlichen Becher Wein gütlich bei⸗ zulegen. Neu hereinkommende Bürger, oder ſolche, die 14 210 von einem Stadttheil in den andern ziehen, kaufen ſich mit einer kleinen Summe in die neue Nachbarſchaft ein. An Wein fehlt es überhaupt dem Stadtbürger nicht. Seine Gemarkung hat vorzügliche Weinlagen, die jedoch durchſchnittlich mehr der Quantität als der Qualität nach ausgebeutet werden. Auch wird ſehr viel Moſt erzeugt; die Obſtbaumzucht dient beinahe ausſchließlich dieſem Bei dem Ueberfluſſe, den eine gütige Zwecke. Natur hier ſpendet, iſt es ein patriarchaliſcher Brauch, daß zur Zeit des Herb ſtens der ärmere Beſitzloſe in jedem Torkel ſich ein Müſter lein holt. Gleiches thun zu Neujahr die Thurm- und Nacht wächter, Stadtdiener und dergleichen; mit einer Bütte auf dem Rücken ſtatten ſie ihren Mitbürgern die Neujahrsgra f tulation ab, wofür ihnen ein Krüglein oder zwei in das mitgebrachte Gefäß fließen. Zum Schluſſe ſei noch eines alten Brauchs erwähnt der geübt wird, ſo oft der durchlauchtigſte Fürſt von Fürſtenb erg auf Beſuch nach Ueberlingen kömmt. Als Willkomm wird dem hohen Gaſte von den Gemeindevor ſtehern feierlich ein Becher mit Wein kredenzt. Der Urſprung dieſer Sitte iſt folgender.— Im Jahre 1657 kam die Herrſchaft Wa ldsberg durch Kauf an die Grafen Franz Chriſtoph und Froben Maria von Fürſtenberg Meßkirch. In dieſer Herrſchaft hat die hieſige Spend pflege den zweiten Theil des Groß- und Kleinzehnten zu Salabach(im Amte Pfullendorf) zu Lehen. Es ließen 211 ſich die neuen Lehensherrn, wie ihre Vorgänger in früheſter 1 Lehenträger den herkömmlichen Revers aus Zeit, von den ſtellen:„daß zue dem allem, ſo Sye oder Ihre nach— khommen in die Stadt zue Ueberlingen kommen, als dann gedachte Burgermeiſter und Rath daſelbſt als Obherrn und Pfleger gemelts Almoſens(Spendpflege) Ihnen Jedes— mahls, ſo oft das geſchieht, einen Kopff(Gefäß) mit Wein, wie von Altershero, verehren ſollen.“ Am 27. Juli 1853 beehrte der nunmehr in Gott ruhende durchlauchtigſte Fürſt Carl Egon von Fürſten berg, in Begleitung Ihrer Groß herzoglichen Hoheit der Fürſtin Amalie und Höchſtdero hoher Familie, von der Sommerreſidenz Heiligenberg kommend, das hieſige Bad mit einem Beſuche. Von Seite der Stadt wurde dieſe Gelegenheit benützt, die alt hergekommene Sitte auszuüben. Es wurde dem durchlauchtigſten Herrn ein Becher Wein aus hieſiger Spitalkellerei auf geziemende Weiſe kredenzt, welcher huldreichſt angenommen und auf das Wohl der Stadt Ueberlingen geleert wurde. Gegenwärtig beläuft ſich die Einwohnerzahl auf 3400, meiſtentheils Katholiken. Die Stadt iſt der Sitz eines großherzoglichen Bezirksamtes, einer Obereinnehmerei, Poſt verwaltung und eines Oberzollamts. Ehe wir weiter pilgern iſt zu bemerken, daß durch den Ausflug nach Salem die Uferorte Seefelden, Maurach 14* n 7 212 und Nußdorf umgangen worden ſind. Erſteres, eine Anſiedelung von wenigen Häuſern, gehört in's Amt Salem. Maurach, unmittelbar am Seeufer, iſt ein markgräflich badiſches Schloß mit einem Meierhof und war früher ein Nonnenkloſter. Das wohlhabende, auf fruchtreicher Ge markung gelegene Dörflein Nu ßdorf mit ſeiner alten Pfarrkirche gehört zur Gemeinde Unteruhldingen. Von intereſſanten Punkten der Umgebung Ueber lingens führen wir noch an: Altbirnau, die ehemalige ſehr alte Wallfahrt, zu Salen gehörig; ſie ligt ſeit langer Zeit in Trümmern; St. Leonh ard, eine halbe Stunde von Ueberlingen, eine mittelalterliche Kapelle mit daneben ſtel einer henden gut eingerichteten Wirthſchaft und herr licher Ausſicht; ſodann S pechtshard mit einer großartigen Fernſicht; Luegen und Aufkirch. Dieſer letztere Ort ligt eine Viertelſtunde nordweſtlich von Ueberlingen. Bis zum Jahre 1357 war die Stadt hierher eingepfarrt; jetzt bildet Aufkirch ein Filial von ihr. Das Dörflein iſt klein und ſeine Bürger gehören zur Stadtgemeinde. Die Kirche hat ſehr alte Ueberreſte. Einige Gemälde auf Goldgrund und ein Seitenaltar ſtammen jedenfalls noch aus den Zeiten, da die Ueber linger hierher pfarrhörig waren. goldete T Sehr ſchön iſt der ver abernakel auf dem Hauptaltar; es iſt eine zierliche Arbeit aus der Renaiſſance. Aber alles Vorhandene mit der Kirche iſt in äußerſter Verwahrloſung; die Fenſter ſind zerbrochen und die Decke verfault und am Einſtürzen. als wäre ſeit mehreren Menſchenaltern nicht Es ſcheint, ein Heller von der Gemeinde, oder wem ſonſt die Bau pflicht obligt, zur Erhaltung des Kirchleins und ſeiner Einrichtung verwendet worden. Beim Anblicke ſolcher Halbruinen drängt ſich unwill kürlich das Gefühl auf, wie nothwendig die Wiedererweckung und Befeſtigung conſervativen Sinnes im Volksleben ſei, wozu die Erhaltung und Reſtauration unſerer Alterthümer nicht wenig beitragen dürfte. Freilich ſollte Letztere, nämlich die Reſtauration, ſtets auch in conſervativem Sinne, d. h. mit möglichſter Pietät gegen das Alte, Vorhandene geſchehen, und mit Hinweglaſſung moderner Schminke und Schönheitspfläſterchen. goldbach, Sipplingen und Cudwigshafen. Von Aufkirch ſchlug ich den Fußweg nach Goldbach ein. Dieſes Dörflein ligt am Ausfluſſe des Baches gleichen Namens in einer maleriſchen Schlucht. Die Einwohner ſind der Gemeinde Ueberlingen zugetheilt. Das Kirchlein ſoll eines der älteſten der Gegend ſeyn; es hat den Papſt Silveſter zum Heiligen. Die Straße hieher und weiter iſt in Felſen gehauen, die überall ſchroff empor ſteigen und an ihren Abſätzen kaum der genügſamen Föhre eini iges Wachsthum gönnen. Das längs den hohen Felswänden tiefligende Terrain eignet ſich vorzüglich zum Weinbau; die Hitze erreicht hier im Sommer und Herbſt einen außergewöhnlichen Grad, während die ſtets aus dem Geſtein ſickernde Feuchtigkeit eine allzugroße Trockenheit des Bodens verhindert. Die Vegetation um Goldbach iſt die früheſte am ganzen See. Einige tauſend Schritte vom Dorfe tritt der Fels hart an das Seegeſtade heran. Aus der Felsmaſſe blicken wunder liche Fenſteröffnungen und Eingänge; es haften Heidenlöcher. Nur ſind die räthſel wenige Reſte ſind noch davon zu ſehen, weil der neuen Straße nothwendig ein Theil des Felsvorſprungs weichen mußte. Doch iſt genug übrig geblieben, um den Charakter des Ganzen darin zu er kennen. Eine Stiege, in den weichen Molaß gehauen, führt zu den verlaſſenen Gemachen, deren es urſprünglich viele waren Stuben, Kammern, Küche und Keller, alles in Felſen gehauen. Die Sage eignet den Bau den Heiden, auch verfolgten Chriſten zu, während Neuere römiſche Arbeit daran erkennen wollen Bis jedoch die Gelehrten einig ſind, mag es jedem Einzelnen anheim geſtellt bleiben, das einſame Felſenneſt auf die eine oder andere Weiſe entſtehen zu laſſen. Seine unzugängliche Lage ſcheint jedenfalls für einen Zufluchtsort zu ſprechen; die Weichheit des Geſteins mochte zunächſt auf einen ſolchen Gedanken geleitet haben, wie denn in der Nachbarſchaft noch häufig ähnlich beſchaffene Keller, Feldhütten u. ſ. w. anzutreffen ſind. In ſpäterer Zeit dienten die Kammern allerlei Ge ſindel und Landfahrern zum Aufenthalt.— Die letzte hiſtoriſch erwieſene Perſon, die darin hauste, iſt ein— Spitzbube, vulgo„der kleine Fidele“. Dieſer Menſch war in den vorigen achtziger Jahren durch ſeine Einbrüche und frechen Diebſtähle lange Zeit der Schrecken der Umgegend, ohne daß man ſeiner habhaft werden oder ſeinen Aufenthalt ausfindig machen konnte. Da ſahen eines Morgens Fiſcher, welche den wellen— FFF 216 beſpülten Felsvorſprung umruderten, Rauch aus einem der Löcher dringen und zugleich den Kopf eines Menſchen eilig der kleine Fidele der Morgendämmerung, während ſich zurückziehen.— Es war„ welcher in ſein Frühſtück am Feuer ſchmorte, zur Felsburg herauslugte über das Bereich der Gewäſſer und Dörfer, die ihm tributpflichtig waren. Es wurde Lärm gemacht und Mannſchaft herbeigeholt, d die an Stricken von oben herabgelaſſen, „ in die Höhlen eindrang und den Burgherrn nach verzweifelter Gegenwehr gefangen nahm. An welchem luftigen Rabenſtein er ſein thaten reiches Leben beſchloß, meldet die Geſchichte nicht. Der Abend war bereits herangekommen, als ich dieſe Gegend durchzog. Geiſterhaft, finſter ſchauten die halbzer fallenen Taglöcher aus der gelblichgrünen Maſſe, und bildete dieſer Vorgrund einen auffallen iden Contraſt zu dem glühenden Abendhimmel, in welchem wie auf Goldgrund das alte Bodmerſchloß ragte und die Kirchthurmſpitze von Sipplingen. Weiterhin gegen Brünnensbach war ehedem eine Einſiedelei mit Küche und Schlafſtelle, ebenfalls ein Die Phantaſie mag ſich's poetiſch ausmalen, hoch über dem Wellengebrauſe, Felſenwerk. unangefochten vom Welt lärm, im einſamen Felskämmerlein der Beſchaulichkeit zu leben. Aber ein gewiſſer Heroismus oder, wenn man will, iger gehört jedenfalls dazu. denke ſich wochenlange, tödtlich ein wunderlicher Heil Man einförmige Regentage, die 217 Schauer der Nacht, wenn kalte Winterſtürme dem ver ſchwundenen Frühling und Sommer das Requiem ſingen, wenn der Schlaf das Lager flieht, in Stunden, wo die trübſinnige Seele nach menſchlicher Theilnahme ſich ſehnt. Ein ſolches Einſiedelgemüth gleicht es nicht der Pholade, die in Felſen eingebohrt, mitten im Gebrauſe des Welt meers, einſam, ſich ſelbſt leuchtend, ein wunderliches Still— leben führt? In der Nähe dieſer Felsklauſe ſtand die uralte St. Katharinakapelle, die ebenfalls dem Straßenbau geopfert werden mußte. Sie enthielt unter Anderem eine Votiv— tafel, die folgendem Vorfalle ihr Daſeyn verdankte. Ein Bauer pflügte mit einem Ochſengeſpann auf den Feldern unmittelbar über der Kapelle. Sein fünfzehnjähriges Töchterlein leitete das Zugvieh. Durch einen Zufall werden die Thiere ſcheu, das Kind wird in die Stränge verwickelt und mitgeriſſen über die Felswand hinunter in den See. Erſtarrt und händeringend ſteht der Vater aber ſiehe, welch ein Wunder!— Unverſehrt ſchwimmen die beiden kräftigen Thiere dem jenſeitigen Ufer zu, und die Jung⸗ frau hält ſich krampfhaft feſt am Riemenzeug— und ſo theitt der wunderbare Zug, beſchützt von himmliſchen Mächten, die Wogen und landet glücklich am jenſeitigen Ufer des tiefen, wohl eine halbe Stunde breiten See's. Aus Dankbarkeit gegen die heilige Katharina, deren Schutz der bedrängte Vater in dem qualvollen Momente angerufen, 218 ließ dieſer nachher das Gemälde verfertigen und in der Kapelle aufhängen. Als dieſe vor einigen Jahren weg— geräumt wurde, nahm der Pächter vom gegenüber Kargeckerhof die Tafel zu ſich, wo ſie bis auf den heutigen T Tag noch zu ſehen iſt. Wem aber ligenden dieſes Ereigniß in Bezug auf die Ausdauer der Thiere unglaublich ſcheinen möchte, der kann ſich hin und wieder am See Aehnliches aus neuerer Zeit berichten laſſen. So z. B. verwilderte vor einigen Jahren dem Pächter auf der Mainau ein Stier, der ſich in den See warf und an das jenſeitige, wohl drei Viertelſtunden entfernte Ufer ſchwamm, wo er noch einige Zeit verwüſtend in den Feldern hauste. Ebenſo erzählte ein Metzger, der zufällig mit mir von Allensbach nach der Reichenau überfuhr, wie er kürzlich auf der Inſel eine Kalbin gekauft und zu Schiff nach Allensbach habe verbringen wollen. Scheu geworden durch die Ruderſchläge, ſprang das Thier zum großen Schrecken des Eigenthümers in's Waſſer, ſchwamm aber, gezähmt durch das ungewohnte Element, folgſam, dicht neben dem Kahne bis zum gegen— über ligenden Landungsplatze. Jenſeits der Heidenlöcher, gegen Sipplingen zu, heißt das Gelände an den Felſengründen der Roſenb erg und iſt eine der vorzüglichſten Weinlagen am ganzen Seeufer. In Sipplingen nahm ich mein Nachtquartier. Das Wirthshaus zum Adler, in dem ich logirte, war ehemals ein Nonnenkloſter. Die Schweſtern hatten vor Zeiten ihren 3 219 Sitz oberhalb des Pfarrdorfes auf der ſ. g. Nonnen ebene; als die Gebäulichkeiten zu Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts durch Brand zerſtört wurden, ſiedelten ſich die Nonnen im Dorfe an.— Nach der Tradition wurde Sipplingen durch die Schweden abgebrannt; nur ein ein⸗ ziges Haus blieb verſchont und zwar durch folgenden freundlichen Zwiſchenfall. Als die Schweden und ihre Verbündeten das Dorf in Flammen aufgehen ließen und an dieſem Häuslein auch die Brandfackel anlegen wollten, ſprang ein Soldat hervor, und bat um Schonung; vor mehreren Jahren, ſagte er ſeinen Kameraden, ſei er als armer wandernder Hand-⸗ werksburſche, den man nirgends beherbergen wollen, hier in dieſem Hauſe gaſtlich aufgenommen und unentgeldlich mit einem Trunke Rothwein bewirthet worden.— Die wilden Kriegsknechte fanden die Einſprache beachtenswerth und die Hütte blieb ſtehen. Noch heute ſieht man an ſeiner Außenwand eine Weinkanne und einen Becher ange— malt. Das Hausthürgeſtell trägt die Jahreszahl 1599. Die Einwohner Sipplingen's gehören zu den thätigſten am See, weßhalb ſie von ihren Nachbarn vorzugsweiſe zu Arbeitern begehrt werden. Ihr Feldumtrieb iſt ein eigen thümlicher; noch vor wenigen Jahren gieng hier kein Pflug, kein Pferd- oder Ochſengeſpann in's Feld, Alles wurde und wird größten Theils noch durch Menſchenhand ver— richtet. Es hat etwas Schönes, die Leute mit ihren 220 ſilberglänzenden Spaten in's Feld gehen zu ſehen. Dieſen, allerdings mühevollen Feldbauverhältniſſen iſt es zuzu ſchreiben, daß kein Auswärtiger ſich ſo leicht nach Sipp lingen verheirathet oder einkauft, weßhalb der Ortsſtamm noch ein ganz unvermiſchter und eigenthümlicher iſt. Der Weinbau hat ſich in neuerer Zeit ſehr gehoben und das Sprichwort vom ſauren Sipplinger durchaus zur Unwahrheit gemacht. Der üble Ruf, in dem dieſer Wein früher ſtand, hatte ſein Entſtehen vorhandenen Grundver hältniſſen zu verdanken. Das meiſte Geländ war fremdes Eigenthum, und wurde gegen die Ertragshälfte gebaut; die Bauern aber behielten die beſſere zurück und gaben das Schlechtere, thaten auch überhaupt wenig zur Veredlung der Sorten. Wenn nun der Zinswein in den fremden Kellern zum JVerkauf kam, verzog es den Kaufluſtigen ſchon unwillkürlich den Mund beim bloßen Ausrufen des Namens„Sipplinger“, der höchſtens als Trunk für die Dienſtboten gekauft werden mochte. In neuerer Zeit iſt aber wie geſagt der Sipplinger bedeutend beſſer als ſein Ruf, ja er iſt den beſten Weinen der ganzen Seegegend beizuzählen. Ein Grund der Verbeſſerung iſt die Ab löſung der Grundzinſe und das ſtücke. Eigenmachen der Grund Zu dem kam noch ein anderer wohlthätiger Ein fluß:„Der Herr Markgraf Wilhelm“, ſagen die Bauern,„hat uns die erſten Setzlinge edlerer Rebſorten geſchickt, Ihm verdanken wir ſehr viel“. Nicht wenig zur Hebung der Culturverhältniſſe hat von Ueberlingen über hier nach auch die neue Straße lag Ludwigshafen beigetragen. Bevor ſie gebaut war, Sipplingen, zu Lande wenigſtens, abgeſchloſſen in ſeiner berg- und felsumgebenen Kluft. Die Einwohner ſehen deßhalb den Straßenbau mit Recht als eine große Wohl that an, und vielfach hörte ich die Aeußerung: der Weg ſollte zu dankbarſter Erinnerung an ihren durchlauchtigſten Begründer die Leopoldsſtraße heißen. Nahe beim Dorfe ligt am Abſatz der mächtigen Fels Hohenfels, ein koloſſaler zerriſſener von zertrümmerten Wohngebäuden wand die Ruine Burgthurm, umgeben und einer Ringmauer. Es iſt die Heimath Burgharts von Hohenfels, des lieberfüllten Sängers und kühnen dem zu Muthe iſt„wie dem wilden Fiſch im Waidmanns, er viel Bären(Behren, Garn); deſſen Freiheit ſich neigt d die ſo gewaltig ſitzet ſeines Herzens — Noch hat ſich Lieben zu;— Thurm, der veſte iſt von allen Siten.“ im Volke das Andenken einer„guten Frau Hildegard vom alten Schloß“ erhalten, welche, die letzte ihres bedeutende Vergabungen an die Kirchen der Stammes, Umgegend und an das Spital zu Ueberlingen gemacht noch heute das haben ſoll. Ein Platz bei Hohenfels heißt Hildegardens-Gärtle. Die Sage dichtet der Guten einen Schweinskopf an und läßt ſilbernen Schüſſel zu ſich nehmen. ſie ihre Nahrung aus einer 222 Unterhalb der Burg ſteht der Hohenfelſerhof und in der Nachb barſchaft finden ſich die Trümmer der Bergſchlöſſer Clausberg und Heldenburg, die mit mehreren Dörfern im Ueberlinger Amte die Althohenfels ausmachten, im hohenfels Herrſchaft Gegenſatze zu Neu das von dem deutſchen Orden an die Fürſten von Zollern kam. Eine der herrlichſten Ausſichten am währt ein aus dem Walde vortretender Felszacken beim ganzen See ge Haldenh of, oberhalb der Burg Althohenfels In glänzender Pracht entſteigen die herrlichen Alpen und die Hegauer Berge majeſtätiſch dem Geſichts skreis, während die dunkeln Forſte des Rück, der Unterſee mit Reichenau, Ober- und Bodmerſee von Ludwigshafen bis 2 ausgebreitet zu unſern Füßen ligen. N J 1 regenz, Nach etwa einſtündiger Pilgerfahrt kommen wir nach dem alten Sernatingen, welches ſeit ſeiner Erhebung zum Hafenplatze den Namen Ludwigshafen führt. Sernatingen gehörte früher mit Sippl ingen zur Graf ſchaft Nellen burg, deren H auptort Stockach war. Beide Orte verbindet eine alte Straße. Der verewigte Groß dem trefflich gelegenen Verkehrsplatze einen Hafen zu geben. Die neue Schöpfung herzog L zudewig faßte den Plan, erhielt raſch große Handelsbedeutung, verlor aber durch die würtembergiſche Eiſenbahn und ihre Endſtation Friderichs * f ο ee W rke , 0 H 7ꝗ 1 5 * ,. 222 hafen einen großen Theil ihrer Frequenz; doch iſt der Transſithandel mit Salz, Holz u. ſ. w. noch immer ſehr lebhaft. Nach dem Volksglauben wäre Sernatingen eine der erſten Stätten des Chriſtenthums und die Kirche auf den Grundmauern eines Heidentempels errichtet. Der vor— handene Bau iſt jedoch einfach mittelalterlich. An einer Außenwand ſind noch Ueberbleibſel eines Freskobildes ſicht⸗ bar, ein heiliger Chriſtoph und zwei Wappenſchilde, deren Embleme nicht mehr zu erkennen ſind. Vielleicht beziehen ſie ſich auf das ehemals hier anſäßige Adelsgeſchlecht. Einige hundert Schritte vom Dorfe ſteht eine Gottes⸗ N ackerkapelle, die aus Dank für das Verſchwinden einer großen Viehſeuche im ſiebenzehnten Jahrhundert errichtet wurde. Es kam bei dieſem Bau die beſondere Beſtimmung vor, daß eine Kuh von der Gemeindsheerde geopfert, d. h. der Erlös von ihr zur Ausſchmückung der Kapelle ver— wendet werden ſollte. Der Zufall mußte entſcheiden, von welchem Eigenthümer der Beitrag erhoben werden durfte. Man legte nächſt dem Neubau eine Stange quer über den Weg, und beſtimmte, daß die Kuh, welche beim Heim— gang der Heerde das Ziel zuerſt überſchreiten werde, das verlangte Opfer ſeyn ſolle. Und ſiehe, das ſchönſte Stück der ganzen Heerde ſchritt zuerſt über die Stange. Wie im Nachbarorte Sipplingen wird auch hier die gute Hildegard als Wohlthäterin verehrt. Nach der Tradition wäre ſie die Beſitzerin eines noch vorhandenen 651 224 An Schlößleins geweſen, welches jetzt Privateigenthum, früher mit Mauern und Graben umgeben, eine Freiſtatt für verfolgte Verbrecher war. Im Wirthshaus zum Adler nahe dem Hafen nahm ich Quartier. Nach einer Weile trat ein alter wandernder Muſikant herein und beſtellte für ſich und ſein Töchterlein einen Teller voll Suppe. Er erzählte den Anweſenden daß er in einem nahen würtembergiſchen Grenzorte zu Jahrmarkt komme, wo er und ſein Kind muſiziert hätten; d Hauſe ſei und vom Stockacher as Ergebniß ſei aber ein ſchlechtes geweſen und habe nur wenig über die Erlaubniß taxe betragen. Während dem Reden hatte er ſein In ſtrument hervorgezogen und gab, begleitet von der Tochter, ein Stück ſeiner Kunſt zum Beſten. Er ſpielte die(alt griechiſche) Doppel- oder, wie er ſie nannte, Douseflöte; ſein Töchterlein, ein ärmlich aber rein gekleidetes Mädchen von dreizehn Jahren, blies das Waldhorn dazu. Die Muſik bei offenen Fenſtern mochte weit in den ſtillen blauen Frühlingstag hinaustönen, denn alsbald erſchien der Ortspolizeidiener, um mit geſtrenger Miene zu fragen, ob das Paar Erlaubniß habe öffentlich zu ſpielen.— Der Alte nahm ſeine beiden Pfeifen vom Munde und ſagte, mit ironiſchem Humor auf das Süpplein deutend das unterdeſſen aufgetragen worden:„Ich mache für mich Tafelmuſik“. Der Dienſtmann ſtand verblüfft, und entfernte ſich ohne weitere Einſprache. Die Zuhörer aber freuten ſich des guten Einfalls und ließen für den launigen Alten und ſeine Mignon den Teller herumgehen. Der jetzt erloſchene Namen Sernatingen ſpielt übrigens in der Geſchichte des bodenſeeiſchen Bauernkriegs eine kleine Rolle. Es lagen in dem Dorfe einmal die Mannſchaften des ſchwäbiſchen Bundes und der Städte, während des kritiſchen Momentes einer Unterhandlung mit dem ſ. g. Seehaufen. Da ergaben ſich 600 Bauern, welche Sernatingen hatten erobern ſollen, an die Bündiſchen und dieſes entſchied den Vortheil der letztern.— Noch findet ſich ein Schreiben vor, worin für einen gefangenen Sernatinger, welcher ſich„im verſchinen Paurenkrieg un- abgefallen und erlich bey der Oberkeit gehalten“, Fürſprache eingelegt wird. Podman und Cizelſtetten. Das Wetter war kalt, unfreundlich geworden; ein De W V 0 3 Gewitter, das im Lauf des geſtrigen Nachmittags auf gezogen, hatte die Atmosphäre gekühlt und verdüſtert. Ein rauher Oſt haderte ſo gewaltig mit den Wellen, daß ich zwei Ruderer brauchte, um nach Bodman überzuſetzen. Zwiſchen dieſem Dorfe und Ludwigshafen, wo der See gegen das Thal von Espaſingen an flachen Ufern endet, mündet die Stockach. Bodman ſelbſt ligt maleriſch am Fuße waldiger Berge, die anſteigen, daß den Einwohnern Winters um zwei Uhr ſchon die Sonne entſchwindet. Trotzdem iſt die Ve hier früher, als in der ſüdlie ohne Zweifel deßhalb, weil Bodman den Vortheil der Morgenſonne hat. as wenige Land um das außerordentlich fruchtbar, die Häuſer ſtehen in einem förm lichen Wald von Obſtbäumen. Das Schloß des Frei herrn von Bodman umgeben zierliche Gärten und Anlagen; es iſt von mäßigem Umfang und ſcheint der Bauart nach dem vorigen Jahrhundert anzugehören.— Das Geſchlecht ee e e dieſes Hauſes, gehört zu Werk„Fahrte eſſante Aufſchlüſſe geknüpft. Auf einem welcher allge Königspfalz im Jahr 881 Urkunden der Fromme hunderten ſtreitenden welche über alemanniſchen Herzogthums das Leben wurde auf und verfolgt, prüftes D Gegenwärtig ſteht ein Schlößlein aus an der Stelle. über dem See, verſetzt uns in Naturlebens. öffnet uns die Hausräume und die Kape ehmaliger reichenauiſcher Dienſtadel, Dorfe erheben, Sitz des Geſchlechtes Kammerboten Frauenberg der hl. gehalten, der von einigen umwohnenden Gaugrafen gehaßt r Inſel Stein(759) ſein vielge— aſeyn beſchloß. Ein Gang zu Ein bodman'ſcher See. An ihr Wappen mit Alättern hat Dr. Bader in ſeinem neueſten den drei Lindenbl n und Wanderungen im Heimathlande“ inter— Randen“, die ſich hinter dem ligt in Ruinen Altbodman, der frühere und gegenüber der Frauenberg, Ort gilt, wo die alte fränkiſche odama geſtanden, auf der K aiſer Karl ausfertigte, wie vorher Ludewig April 839. In folgenden Jahr mit dem Biſchofe Salomo Erchanger und Berthold, um Wiederherſtellung des alt— verloren. Auch Othmar gefangen mittleren Zeiten ſeinem hohen Waldgipfel das ſtille Reich einſamſten Dienſtmann, der hier wohnt, lle, in der ehmals 18 228 ein ſalemiſcher Prieſter den Wallfahrtsdienſt beſorgte. An der Rückwand hängt ein großes Oelgemälde mit Coſtüm figuren; es bezieht ſich auf die wunderbare Errettung des einzigen Sprößlings bodman'ſchen Stammes. Als im Jahr 1307, während eines Familienfeſtes,„das Bodmerſchloß durch Gottes Gewalt und Donnerſtrahl“ entzündet ward, und alle Sippen des Geſchlechts von Bodman in den Flammen ihren Tod fanden, rettete Adelhaid, des jüngſten Kindes Säugamme, ihrem Schutzbefohlenen dadurch das Leben, daß ſie den Knaben in einen kupfernen Keſſel ſetzte und ſelbigen im Namen der hl. Dreifaltigkeit den Abhang hinunter rollen ließ. In Mitte des Berges, an der Stelle, wo jetzt ein Bildſtöcklein ſteht, blieb der Keſſel mit der theuren Laſt im Geſtrüppe hängen. Der Kleine wurde von Dorfbewohnern gefunden und zu Verwandten auf die Burg Kargeck gebracht, wo er eine ſorgfältige Erziehung erhielt. Eine im Munde des Volkes lebende Sage bringt dieſes Ereigniß mit einer ältern wunderlichen Mähre in Verbindung. Ein Ritter von Bodman, heißt es, wollte die Welt ausreiten. Er nahm von ſeiner Gemahlin Ab ſchied mit dem Bedeuten, daß wenn er binnen ſieben Jahren nicht zurückkehren werde, ſie ihn für todt halten und, wenn es ihr beliebe, ſich wiederum verheirathen dürfe. Von ein Paar Knappen begleitet, machte ſich der Ritter auf den Weg; er zog über's Meer in unbekannte ferne Länder. α 229 Nachdem er ſchon viele Jahre gereist war, kam er in eine wilde Einöde, wo er Abends auf einem hohen Berge ein Licht ſchimmern ſah. Er ſchickte einen Knappen hinauf, um zu erfahren, ob Menſchen da wohnten, bei denen man eine Herberge finden könnte. Der Diener gieng, kam aber nicht wieder; ebenſo der Zweite und der Dritte. Endlich nach langem Harren machte ſich der Herr ſelbſt auf den Weg. Oben angekommen, findet er in einem kleinen Haus ein Weiblein, das ihn mit bedächtiger Miene begrüßt und ihm ſagt, ihr Mann ſei das Nebelmännlein und ein grau— ſamer Feind der Menſchenkinder; wolle er das Schickſal ſeiner Diener nicht theilen, ſo müſſe er ſich ſchleunig von hinnen machen.— Während ſie aber noch ſprach, hörte man Jemand kommen, und das Weib ſagte, ich will Euch verbergen, ſchlupft da hinunter in den Keller.— Der Ritter folgte dem Wink. Das Nebelmännlein aber ließ ſich nicht täuſchen. Ich wittre einen Menſchen! ſchnaubte es ſogleich beim Eintritt— ein Menſch muß da verborgen ſeyn! und näherte ſich dem Kellerloch. Der Ritter, der ſich entdeckt ſah, trat heraus. Aber wie erſtaunte er, als ihn der Alte Woher wißt 0 Ich nicht unfreundlich mit Namen begrüßte.— Ihr, wie ich heiße? fragte verwundert der Ritter. weiß noch mehr, ſagte der Nebelmann, morgen früh wird Eure Gemahlin getraut in der Schloßkapelle zu Bodman; die ſieben Jahr, die Ihr bedungen habt, ſind längſt ver— floſſen. Den Ritter traf dieß Wort wie ein Wetterſtrahl; 30 das Nebelmännlein aber fuhr fort: Ich will einen Vertrag mit Euch abſchließen wißt, ich bin der Nebelmann vom Bodenſee, und die Nebelglocke, die jeden Abend in Bodman geläutet wird, ſchägt mich jedesmal bummelnd um den Kopf wenn Ihr mir verſprecht, das leidige Ding für ewige Zeiten in den Bodenſee zu verſenken, ſo will ich Euch noch vor Tagesanbruch in die Heimath ſchaffen.— Der Ritter willigte ein, worauf das Nebel männlein einen ſeiner dienſtbaren Geiſter berief und ihn fragte: wie ſchnell biſt du? Wie der Pfeil vom Bogen! lautete die Antwort. Du biſt zu lan zſam, verſetzte der Nebelmann und eitirte einen zweiten: wie ſchnell biſt du? So ſchnell wie der Wind erhielt er zur Antwort: zu langſam hieß es und ein dritter wurde gerufen, der auf die Frage, wie ſchnell er ſei, zur Antwort gab: So ſchnell wie des Menſchen Gedanken! Gut, verſetzte das Nebelmännlein, Du liſt der Rechte auf mit ihm und davon. Der Ritter wußte nicht, wie ihm geſchah. 2 erwachte, lag er auf dem„Gänsriederſteg“ bei Bodman Lieblich von der Morgenſonne beſchienen, glänzte der See und die hohe, heimathliche Burg; die Glocken riefen zur Kirche. Bei dem Feſtmahle, das der Trauung folgte, wird dem fremden im Schloßhof ſtehenden Pilgrim herein gerufen und ihm ein Chrenplatz angewieſen; die Braut ſelbſt kredenzt ihm den üblichen Trunk. Der Ritter läßt 8 ſeinen Ehring in den Wein fallen, und die gute Frau, als ſie Beſcheid thun will, ſieht das Zeichen auf des Bechers Grunde ligen— ſie wird aufmerkſam— und erkennt in dem Gaſte den todt geglaubten Gemahl— und Alles endet in Freude, der Ritter aber löst getreulich ſein Verſprechen wegen des Nebelglöckleins.— Gewöhnlich wird der Geſchichte im Volksmunde durch Verknüpfung der ſpätern Sage ein tragiſches Ende gegeben.“ Die Frau will den, durch lange Jahre und Mühſeligkeiten gealterten Gemahl nimmer erkennen, worauf dieſer des Himmels Strafe und Verderben über die Ungetreue und ihr ganzes leich erfüllt ſich die Verwünſchung. Haus herabbeſchwört. Sog Ein Wetter zieht am Himmel auf, und der Strahl ent⸗ zündet die Burg, in welcher Alle in den Flammen den Tod finden, mit Ausnahme des jüngſten Sprößlings eines anweſenden Ritters v. Bodman, der durch die Geiſtes⸗ gegenwart der Amme gerettet wird.“ Bis auf den heutigen Tag wird im freiherrlichen Schloſſe der Keſſel, in dem as Kind gelegen, als Familienreliquie aufbewahrt. Und das gaſtliche Haus beſucht, übt gerne E jeder Fremde, der den alten Brauch, ſtehend auf dem Grunde des ehernen Gefäßes einen Becher Weins auf das Wohl des Geſchlechtes von Bodman zu leeren. Noch ſoll zuweilen bei niederem Waſſerſtand die ver— ſenkte Nebelglocke geſehen werden. Das Nebelmännlein aber hat ſeinen Sitz im„Löchle“, einer angeblich uner⸗ 232 gründlichen Tiefe des See's bei Bodman, welcher Fleck bei größter Kälte niemals zugefriert. In ſtillen Nächten ſteigt* der ſilberbärtige Alte auf, beirrend die beſchädigend mit kaltem Reife die Reben. Schiffleute und Die Keller unter dem Schlößlein Frauenberg ſollen den hl. Othmar beherbergt haben. Ein Platz am See heißt noch heute das Othma rſenſtücklein; von hier ſoll der fromme Mönch, aus ſeinem Kerker entlaſſen, trockenen Fußes über den See, an das jenſeitige Ufer gewandelt Auch von der ehmaligen Stadt Bodu ngo lebt noch eine Tradition im Volk. Ein weſtlich vom Dorf„auf N ſeyn.— großes Stück Feld kauern“ geheißen, ſoll ihre alten Fundamente bergen. 3 Unter den hieſigen alten Volksſitten findet ſich auch der anderwärts herrſchende, jetzt aber abgekommene Brauch, Gegenſtände der Landwirthſchaft, die von ſaumſeligen Bauern über Winter draußen im Felde gelaſſen worden, vogelfrei zu erklären und zur Faſtnachtszeit luſtig zu verſchmauſen. — Noch in den dreißiger Jahren holten in Bodman junge Burſche einen Sägklotz vom Felde und ſchickten ſich an, die gute Priſe im Wirthshaus zur„Linde“ zu vertrinken— — aber man erklärte ihnen, die alten Privilegien hätten aufgehört und das Faſtnachtsrecht ſei außer Kraft*) 7 *) In einer handſchriftlichen Chronik fand ich ähnlichen Zug aus Hintſchingen in der Baar. Bauern⸗ einen Von Bodman bis Wallhauſen, die ganze Uferſtrecke entlang, führt kein eigentlicher Weg. Ein ſchmaler Raum zwiſchen Wald und See dient bei niederm Waſſerſtande dem Fußgänger zum nothdürftigen Pfad. Von Bodman hatte ich einen Führer und Packträger mitgenommen. Die Luft war immer noch ſtürmiſch, aber wolkenlos und klar ein Sonntagnachmittag, ganz geeignet, einen ſo wildeinſamen Landſtrich zu durchwandern. Das brauſende, tief erregte Gewelle in ſeinem dunkeln Blau bildete einen wunderſamen Gegenſatz zum jenſeitigen grauen Felsgeſtade und ſeinen ſonnenhellen Höhen im zartgrünen Frühlingsgewande. Glänzend ſtand die verlaſſene Kirche Neubirnau's als er— habener Mittelpunkt in der ſchönen Landſchaft. Während wir längs des Kranzes von verwelkten Blättern, den im vorigen Herbſt der Wald dem wellen— reichen Bodan um die Stirne gelegt, dahin wandelten, erzählte mein Begleiter mancherlei auf die Gegend bezüg— liches.— Entlang dem düſtern Bodenwalde, der ſich weithin über den Rück ausbreitet, gelangt der Wanderer zu einer Schlucht, über welcher in koloſſalen Trümmern auf Felſen die Burg Kargeck, vergeſſen von der Welt, ſeit Jahrhunderten die Einſamkeit hütet. Sie iſt Eigen— weiber, darunter die Frau Vögtin ſelbſt, holten am Aſcher— mittwoch einen im Felde ſtehen gebliebenen Pflug und hielten auf Koſten des Eigenthümers einen Schmaus im Wirthshaus. thum der Herren von Bodman und ſoll im Bauernkrieg gebrochen worden ſeyn. Das Gemäuer überblickt weithin den See, und die Beſitzer konnten denen von Hohenfels am jenſeitigen Ufer in die Fenſter ſchauen. Nach einer Volksſage lebte in dem alten Schloſſe eine ſchöne Fräulein, Fortunata, die von einem Ritter von Hohenfels geliebt wurde. Aber nur in dunkeln ſternloſen Nächten durfte der Erwählte es wagen, ſein, von einem tyranniſchen Vater bewachtes, Mädchen zu beſuchen. Ein zweiter Leander, ſchwamm er über den breiten See nach dem Schloſſe, wo auf hohem Söller ein Licht brannte— das Zeichen der Sicherheit und zugleich dem nächtlichen Schwimmer ein Leitſtern. Während er einſt dies Wagniß unternahm, er hob ſich ein Unwetter, der raſende Sturm verlöſchte das Licht— und der weitverſchlagene Ritter fand in den Wogen ſeinen Tod. Die Liebende aber nahm ihre Treue mit in's Grab ſie ſoll die Letzte ihres Stammes geweſen ſeyn. Die Sage läßt wunderſeltene Schätze in der Burg verſchüttet ſeyn, unter Andern ein Kegelſpiel von purem Golde. Mehr waldeinwärts ligt der bodman'ſche Pacht hof Kargeck. Der See ſoll in dieſer Gegend von außer ordentlicher Tiefe ſeyn. Weiterhin, hart am Ufer, kommen wir zum ſ. g. Halbmond, einer alten fichtenbeſchatteten ſchroff an ſteigenden Felswand mit einer, wie von Menſchenhand gebildeten, Bogenſtellung. Ein harmloſes Schneiderlein aus einem benachbarten Dorfe ſuchte einſt im Wald nach Haſſelnüſſen. An der dichtbewachſenen Felswand macht er einen Fehltritt und ſtürzt hernieder. Aus der Betäubung unverletzt erwachend, gelobt er eine Wallfahrt nach Maria Einſiedeln, mit dem Verſprechen, dem dortigen Gnaden— bilde ſo viele Pfund Wachs zu opfern, als ſein eigenes körperliches Gewicht betrage. Am fernen Gnadenorte an— gekommen, läßt er ſich wägen— und ſiehe— ſein Gewicht beträgt kaum zehn Pfund. Miÿßtrauiſch beſteigt er die Waagſchale zum zweitenmale da zieht er blos noch fünf Pfund. Jetzt ahnt er übernatürlichen Einfluß und wie gut es ſeine Fürbitterin die Mutter Gottes mit ihm meine, opfert gläubig nach Maßgabe des reduzierten Ge— wichtes und ſcheidet neugeſtärkt im Glauben von hinnen. Ferner zeigte mir mein Cicerone die Stelle(pis-a-vis von Ueberlingen), wo unterm Waſſerſpiegel verborgen der ſ. g. Teufelstiſch ligt ein iſolirter Felsblock von etwa 40 Fuß im Durchſchnitte, der nur in ganz trockenen Jahrgängen bei außerordentlich niederm Waſſerſtand zum Vorſchein kommt. Wie der gefrorne See, ſo wird auch dieſes Vorkommniß mit einiger Umſtändlichkeit gefeiert. Im Jahr 1829, wo der Block zum Vorſchein kam, hielt eine joviale Geſellſchaft von Ueberlingen ein Gaſtmahl und Tanz auf dem alten Felszahn, dem ſie ihre Namen und die Jahreszahl einmeißeln ließen. Auch im vorigen Jahre(1854) kam der Tiſch über den Waſſerſpiegel. Einen 236 außergewöhnlich niederen Waſſerſtand beobachtete man auch im Jahr 1672 im März. Damals kam bei Konſtanz oberhalb der Rheinmühle nächſt der Dominikanerinſel ein großes„Horn“ zum Vorſchein, auf welchem ein Freiſchießen abgehalten, unter Zelten gewirthſchaftet und von der Kiefer zunft ein Faß gefertigt wurde. Den höchſten Stand des See's brachten die Monate Juni und Juli im Jahr 1817. Dazumal machten manche ſeiner kaltblütigen Bewohner Excurſionen in ganz fremde, vorher nie von Fiſchaugen erſchaute Gegenden. In den Straßen und Häuſern von Konſtanz z. B. wurden häufig Fiſche gefangen; in Unteruhldingen fand ein Bäcker, der nach ſeinem unter Waſſer geſetzten Backofen ſah, eine mäch tige Forelle in demſelben, und der Kiefermeiſter zu Mainau hatte ſogar das Glück, in der Schublade des ſchweren eichenen Tiſches der„Bindhausſtube“(am Hafen), allerlei Fiſche zu fangen. Unter ſolchen Discurſen gelangten wir, ermüdet von dem Gang auf Sand und Kies, nach Wallhauſen. Wir haben bereits vernommen, daß hier ſeit 1488 die Commende Mainau den Kelnhof beſaß, zugleich mit der Gerichtsbar keit über das Dorf. Der Ort ligt maleriſch hübſch mit den zierlichſten landſchaftlichen Einzelnheiten am Tobel bache, der ſilberhell durch üppige Wieſen, eingefaßt von Obſtbäumen, dem See zueilt. Weſtlich, in kaum viertel ſtündiger Entfernung ſteht einſam, hoch über dem Seé, badiſcher das Schlößlein Burg, jetzt ein herrſchaftlich — Pachthof. Es iſt in der Geſchichte von Mainau geſagt wor— den, wie die„alte Burg“ zu Dettingen 1405 vom Konſtanzer Patriziergeſchlechte Blarer mit reichenauiſcher Bewilligung an den Deutſchorden gekommen. Hier iſt ohne Zweifel die Heimath des Minneſängers Heinrich von Dettingen zu ſuchen. Wenig iſt vom Sange dieſes Meiſters der Nachwelt geblieben; aber das Wenige iſt Zeugniß eines tiefen, liebereichen Gemüthes. Er ſingt: „Lieb, liebes Lieb, liebe Fraue! Lieb, Troſt des Herzens und der Sinne! Lieb, liebes Lieb, liebe Schaue! r Lieb, daß mich raubet deine Minne! Hei, lieber Leib, Selig Weib! Lieb, liebes Lieb, ſehnendes Leid mir vertreib!« Von der alten Burg ſtehen nur wenige Mauer trümmer; aber nebenan erhebt ſich wohlerhalten, mit Zinnen und Giebeln, das ſpätere Herrenhaus von einem Graben umgeben. Das ganze Anweſen macht den Ein— druck einladender Heimeligkeit, weitentlegen von proſaiſchem Weltkram.— Von der einen Seite drängt ſich ein finſtrer Tannenforſt dicht heran, während gegen den See hin ur⸗ wüchſiges Gehölz von Buchen und Fichten den ſteilen Ab— Im obern Stockwerk des Pächterhauſes 2 hang beſchattet. finden wir einen kleinen Saal, der mit Ziegelſteinen ge— 238 pflaſtert iſt und einen Hausaltar hat und einen Erker, deſſen Fenſter die anmuthigſten Fernſichten geben von der jenſeitigen Sängerburg Hohenfels und den ſchwarz waldigen Höhen hinter Aufkirch bis zum weitſichtbaren Heiligenberg und dem fernen Mersburg, wo die Tyroler alpen noch hervortreten und tief unter uns ligt der See und der abſchüſſige, wildverſchlungene Wald, deren gemeinſames Brauſen feierlich im Winde verhallt. In der Nähe auf einſamer Wieſenau ruht das Dörf— lein Dettingen, wohin die Höfe B urg, Rohnhauſen und das Dorf Wallhauſen pfarrhörig ſind. Von hier kehren wir zurück nach Wallhauſen, um von da nach Dingelsdorf zu wandern. Dieſes ehmals mainauiſche Pfarrdorf hat eine eben ſo maleriſche Lage wie Wallhauſen. Noch tragen viele Häuſer die Farben und das heraldiſche uon 8 Foens Fiufzo örhandene MahngohZude Kreuz des rdens. Einige vorhandene Wohngebäude in WODIl 0 Renaiſſance rühren von einem komtur'ſchen Amann des ſiebenzehnten Jahrhunderts her; ſie wären werth, von einem Architekten gezeichnet zu werden, ehe die Zeit ihr eigen thümliches Gepräge vollends verwiſcht. Von Konſtanz, über Lüzelſtetten bis hieher und zur nahen Schiffslände St. Nikolaus Ueberlingen gegenüber) führt eine ehmals ſtark begangene Straße, die jetzt durch die Dampfſchifffahrt etwas verödet iſt. Ueber Lüzelſtetten, berichtet Freund Bader, beſitzt man noch eine wohlerhaltene Urkunde von 1285, worin iiee ein Ulrich von Alga„vom heiligen Geiſte geleitet“ dem Stifte Reichenau, zu ſeinem und ſeiner Vorältern ewigem Seelenheil, all' ſeine eigenthümlichen Güter„in Liuzelen⸗ ſtetten“ unter der Bedingniß vermacht, daß ihm dieſelben wieder zu einem„rechten Lehen“ verliehen werden. Dieſe Güter gelangten ſpäter an das Ritterhaus zu Main au und waren vielleicht der Anfang von deſſen Beſitzungen zu Lüzelſtetten. Aber auch das Domſtift von Konſtanz hatte Güter daſelbſt, deren Lehenbeſitzer öfters genöthigt waren, gegen die ſtrenge ritterliche Oberherrſchaft, welche in dem tonſierten Lehenherrn nur einen„Sackaufheber“ ſah, Klage zu erheben. Komtur und Biſchof ſtunden wohl nicht immer auf dem brüderlichſten Fuße mit einander. Indem wir Lizelſtetten noch beſuchen, nähern wir uns wieder unſerm Ausgangspunkte, der Inſel Mainau.— Dem holden Eilande mit ſeinem See letzte Grüße zuſendend, ſchlagen wir den Waldweg ein, nach dem einſamen Kloſter⸗ bau St. Katharina, und weiter zum Dorfe Wollmatingen, an die Ufer des jenſeitigen Unterſee's. eRN N * Wollmatingen und Reichenau. Der badiſche Bodenſee hat den unbeſtrittenen Vor zug großer landſchaftlicher Abweck slung. Wenn der breite Oberſee mit ſeiner Alpenkrone von verſchiedenen Stand orten aus geſehen, ſtets das gleiche Bild gewährt, ſo wechſeln an den ſchmälern Buchten des Ueberlin ger- und Unter 78 ſee's die Details auf das Mannigfaltigſte. Wie auf den Ueberlingerſee die Burgen Bodman, Hohenfels und Heiligenberg herniederſchauen, ſo bilden die abenteuerlichen Hegauer Berge für den ſtilleren Unterſee einen erhabenen Hintergrund; dort die ritterliche Main au als Herrſcherin über den Wellen hier Reichen au, die Trägerin uralter Cultur und Geſittung. Der erſte Ort, von Konſtanz abwärts, Wollma tingen, hat eine äußerſt anmuthige Lage, zwiſchen Wein bergen, Obſtgärten und Getreidefeldern. Ein haltiges Ried weites torf liefert den Einwohnern, ſowie auch den Nachbarn wohlfeilen Brennſtoff. Das Gemeinvermögen iſt eines der bedeutendſten am See. Von hier führt ein feſter Weg in die Reichenau. Che dieſer hergeſtellt war, mußte der 0 Hi * 2⁴1 Uebergang mittelſt einer Fähre bewerkſtelligt werden.— So ſehr mich die grüne Au im ſilbernen Gewäſſer auch ver⸗ locken mochte, ſo ließ ich ſie doch noch bei Seite ligen, um vorher Hegne und Allensbach zu beſuchen. Garten, an Schloß Hegne, mit einem ummauerten der Landſtraße, hat wie die meiſten geiſtlichen Sitze, eine außerordentlich behagliche Lage; es war früher die Sommer wohnung der Fürſtbiſchöfe von Konſtanz, und gehörte etzt iſt Reichlin von Meldegg- ehedem der Familie Die Schloßkapelle enthält Eigenthum eines Privaten. Moring. e8 zwei Hochreliefs von Hans Das umligende Dörflein, von Bauern und Schiffern bewohnt, zählt bei⸗ läufig 160 Seelen, die nach Wollmatingen eingepfarrt zeit des dreißigjä Aus der Ze hrigen Krieges und der eine Perſon mehr ver⸗ ſind Peſt erzählt man, ſei als der Ort überhaupt Abends in den gänzlich ver in Hegne ſtorben, Einwohner gehabt habe. Ein Handwerksburſche kam die Steinbank vor ſetzte ſich ermüdet auf d der„ſchwarze Tod“. Allensbach, ödeten Ort und Nacht beſchlich ihn Marktflecken) Zeiten eine Stadt dem Schloß, über Das große Pfarrdorf gne, ſoll vor Behauptung nur in ſo als der wohl⸗ eine halbe Stunde von He geweſen ſeyn. Doch wird dieſer ferne Glauben geſchenkt werden dürfen, gelegene, dem Kloſter Reichenau gehörige Ort am See, und mit möglichſt begünſtigt Vorrechten begabt von jenem 16 worden iſt. Allerdings mochten die Gräben und Thore, die Allensbach früher hatte, dem Ganzen den Charakter— einer Stadt gegeben haben. Im Schwedenkrieg wurde hier übel gehaust; der Feind brannte einen Theil des Fleckens nieder, und wer konnte, flüchtete ſich. Zudem kam ſpäter noch die Peſt, die den Ort ſchrecklich entvölkerte. Bei gänzlichem Mangel an Weltprieſtern kamen die Kapu ziner von Konſtanz und reichten den Sterbenden die hei ligen Sterbſakramente zu den offenen Fenſtern hinein. Als ein geflüchteter Bürger endlich wieder in ſeinen Vaterort zurückkehrte, fand er Alles verödet; im Felde ſtanden die überreifen Trauben an den Stöcken, Niemand kam, ſie ein zuheimſen. Der Mann gieng in die Pfarrkirche und zog f die Glocke, um zu ſehen, ob ſich noch etwas Lebendiges im Flecken rege da kamen drei Perſonen, die allein noch Uebriggebliebenen. Nur langſam erholte ſich der Gemeindehaushalt. Die großen hieſigen Fruchtmärkte waren während der Verödung nach Radolfszell verlegt worden und blieben für immer daſelbſt. Ja noch bis in neuere Zeiten jener Unheilsjahre verſpürt haben. Jahren ein bewaffnetes Bürgercorps will man die Folgen A (ſ. g. Herrgotts-Corporäle) zur Begehung der Frohnleich 8 vor etwa ſechszig namsprozeſſion errichtet werden ſollte, fanden ſich nicht achtzehn taugliche junge Leute und man mußte zu fremden, hier dienenden Knechten ſeine Zuflucht nehmen. Als hübſches Beiſpiel brüderlich werkthätiger Ge ſinnung, wie ſie vielfach in den Einrichtungen des Mittel— alters ſich offenbart, kann das hieſige kleine Bürgerſpital gelten, wo ehedem eine Stube war, in welcher durchreiſende Handwerksgeſellen unentgeldlich Herberge und im Winter einen warmen Ofen fanden. Früher ſoll auch ein Schloß hier geſtanden haben, noch wird der Platz gezeigt.— Ein ſchwarzer Pudel hütet dort vergrabene Schätze.— Zu Großvaterszeiten lebte im Dorfe ein außergewöhnlich zänkiſches Weib; als ſie einſt in ſpäter Nacht mit ihrem Eheliebſten Streit bekommen, ver— ließ ſie unter Verwünſchungen das Haus. Es war Mitter- nacht, als ſie am„Schloßbuck“ vorbeikam— da vertrat ihr der Borſtige mit glühenden Augen den Weg. In ſtillem Schrecken kehrt ſie um ihrer Wohnung zu; der Hund aber gibt ihr das Geleite. Sie klopft an der Haus thüre, der Mann öffnet, und als er die Esscorte ſieht, ſagt er lakoniſch:„Du haſt e'n Saubern bei dir!“— Die Kantippe aber ſoll von der Zeit an nie mehr vom Haus— weſen fortgelaufen ſeyn. Das Dorf hatte eine umfangreiche Gemarkung; früher wurde faſt durchgehends Wein gebaut, bloß zwei Bauern „ſchnitten Brod“.— Jetzt wird mehr auf Getreide gehalten, während nur in den tauglichſten Geländen Wein gepflanzt wird. Das Allensbacher Gewächs iſt übrigens ein ſehr preiswürdiges, wovon ich ſelbſt durch die 16* 2⁴⁴ altdeutſche Gaſtfreundſchaft des Herrn Bürgermeiſters mich genüglich überzeugt habe. Di D Die Ufer beim Dorfe ſind außerordentlich quellig Hart am See befindet ſich ein Sprudel, der durch Deichel ſo hoch ſteigt, daß ſämmtliche Brunnen des Orts von ihm ihr Waſſer erhalten. Nahe dabei iſt die„Fahr“, wo ein Schiffsmann immer bereit iſt, Paſſagiere nach der Inſel Reichenau und zurück zu befördern Wenn am Frohn leichnamstag Kirchen und Brunnen mit grünen Bäumen geſchmückt werden, ſo ſteckt nach altem Brauch auch der Fährmann ſeinen geweihten Maien— das„Halden eüi den See, an die Halde. Die Entfernung von hier nach Reichenau beträgt beiläufig eine halbe Stunde. Während meiner Ueber fahrt, Abends vor einem hohen Kirchenfeſte, verkündeten die Glocken rings umher die kommende Feier. Es war, als ſumme und erklinge der See in ſeiner Tiefe. Ueber dem alten St. Markusmünſter lagen bereits die Schatten der Dämmerung und in verdüſtertem Blau ſchauten die Hegauer Berge über die farbloſe Waſſerfläche. Es wehte kühl und der Pilgrim, nachdem er in Mittelzell ge landet, war froh, im Wirthshaus zur„Krone“ eine behaglich warme Stube zu finden.— Dieſes Gebäude gehörte früher zum Kloſter und diente zur Bibliothek. Der hübſche Hausgarten mit ſeiner grünen Laube gewährt einen 245 bequemen Standort, den tiefer ligenden Kloſterbau des einſt ſo berühmten Ortes zu betrachten. Die Bauart des breiten maſſiven Thurmes mit ſeinen chen Rundbogenbaien ſagt uns deutlich, wie manches Jahrhundert über die mönchiſche Anſiedlung möge dahin zegangen ſeyn. Und in der That müſſen wir bis in's achte Jahrhundert zurück gehen, um das Datum ihrer Be ung zu finden. Die Inſel war zu jener Zeit im eines Namens Sintlas, der auf der benachbarten Burg Sandeck wohnte; von ihm trug das Eiland den Namen Sintlas-Auz; es war aber öde und unbewohnt, ein Aufenthalt giftigen Gewürms und ſchädlichen Ungeziefers. Erſt durch das Chriſten thum kam Kultur dahin. Der Landvogt Sintlas geſtattete nämlich dem frommen Biſchof Pirmin und ſeinen Ge noſſen auf der Inſel ſich niederzulaſſen. Sie reuteten die Wildniß aus, bepflanzten das Land und bauten ſich ein kleines Kloſter, deſſen Stiftungsbrief von König Carl die Jahreszahl 724 trägt.— Martell aus, junge Pflanzung blühte freudig auf; Könige und Fürſten B wendeten ihr beſondere Gunſt zu und vermehrten den X eſitz ſtand durch fromme Schenkungen. Carl der Große gab ihr zehn Ortſchaften, darunter die Dörfer Ulm und Ra dolfszell. Gerold, Herzog in Schwaben, die Orte Tutt lingen, Wangen, Stetten am kalten Markt und 24 Dörfer; U U U Karlmann 4 kleine Städte am Comerſee; Herzog 246 1 Berthold aus Schwaben 35 Dörfer, worunter Geiſingen und Schafhauſen; Carl III den Ort Zurzach, Ludwig der Fromme 7 Ortſchaften,— Herzog Berthold in Schwaben 30 Dörfer, und Konrad, Herzog von Zä O ringen Oeningen im Breisgau. Dazu kamen noch eine Menge geringerer Stiftungen. Achtzig Jahre nach dem erſten Kloſterbau ließ Abt Hatto J die jetzt noch(der Hauptſache nach) ſtehende Münſterkirche aufführen. Das Kloſter erwuchs bald zum reichſten in ganz Alemannien. Der Hof des gefürſteter Abtes wurde von Kaiſern und Päpſten beſucht, während zahlreiche und mächtige Vaſallen als Lehenträger dem Stifte dienſtbar waren. Aber nicht nur in materieller Be ziehung errang ſich das Gotteshaus auf der reichen Au große Bedeutung; auch in geiſtiger Hinſicht war es ein Mittelpunkt, von dem bis weithin wohlthätiges Licht und Wärme ausſtrahlte. Nicht in ſtillem Zurückziehen von der Welt ſuchten die Mönche ihren Beruf; ihre Anſtalt war die Pflanzſchule des Chriſtenthums, das Gehege alles Schönen und Guten, der Künſte und Wiſſenſchaften, der deutſchen Sprache und Sitte, eine Erziehungs ſtätte des alemanniſchen Adels. Aber wie eben Ver welken und Hinfälligkeit der Heimathſchein alles Irdiſchen iſt, ſo erhielt ſich auch dieſe Einrichtung nicht lange auf ihrem Höhenpunkt. Schon vor den Hohenſtaufen gieng es abwärts; und in Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ſehen 247 wir das Stift geiſtig und materiell völlig verarmt und Schlechte Verwaltung der Güter, mehr und elaſſenheit der Mönche waren Ruin. Das Kloſter, von dem die Se wenn er nach Rom reiste, jede Nacht auf enem Grund und Boden habe übernachten können; oder wenn die Zehntfuhren an einander gereiht, die erſte Fuhre die Oe Cl auf der Inſel angekon die letzte in Ulm das Thor paſſiert habe; dieſes Kloſter hatte im Jahr 1385 nicht mehr ſo viel, ſeinen Vorſteher, den Abt Werner von Roſen eck, mit dem nöthigſten Leben edarf verſorgen zu können. 9 Der gute Mann mußte bei dem Pfarrer zu Niederzell all⸗ täglich Imbiß und Nachtmahl ſuchen. Drei Mark Silber waren allein die Geſammteinkünfte des Stiftes. Um dieſes erklärlich zu finden, mag ein einziger Zug von Ver weichlichung der Kloſterangehörigen hier ſtehen. Ein Lehens bauer hatte mit ſeinen Leuten die Verpflichtung, zur Nacht⸗ welche die zeit die im nahen Weier quackenden Fr frommen Mönche und ihre vornehmen Gäſte im Schlummer ſtören konnten, mit Stangen zur Ruhe zu verweiſen. ſo berühmte, hochver Kümmerlich ſchleppte diente Kloſter ſeine Exiſtenz bis zum Jahre 1538. Längſt ſchon hatten die mächtigen Biſchöfe von Konſtanz ein begehrliches Augenmerk auf daſſelbe gerichtet; aber erſt Biſchof Johannes von Weza, von Kaiſer Carl Wöbe— günſtigt und im Einverſtändniſſe mit bt Marx von 2⁴8 Knörringen, brachte 1538 die Einverleibung des Stiftes in's Bisthum Konſtanz zu Wege. Vergeblich war die ſpätere Proteſtation eines Mönches; die Biſchöfe waren und blieben Herren der Reichenau. Sie ließen als Aebte des Stifts durch zwölf Mönche den Gottesdienſt beſorgen, während ein biſchöflicher Obervogt die Kloſtergüter und Einkünfte verwaltete. Im Jahre 1757 wollten die beibehaltenen Mönche, unter ihrem Prior Meichelbeck, von neuem die Selbſt ſtändigkeit des Stiftes erringen. Auswärtige Klöſter und die Höfe von Frankreich und Preußen unterſtützten ſie ‚ N doch ohne Erfolg. Kardinal Roth ſchickte eine Com miſſion unter dem Schutze biſchöflicher Soldaten nach der Reichenau, welche, die guten Väter, als ſie eben an der Tafel ſaßen, aufhob und in verſchiedene Abteien Schwa bens verſetzte. Von da an beſorgten zwölf Miſſionäre aus verſchiedenen benachbarten Klöſtern den Kirchendienſt, bis in dem Kriegsjahre 1799 auch dieſe abgedankt und das Münſter als Pfarrkirche der Gemeinde Mittelzell mit drei Weltprieſtern beſetzt wurde. Fünfundfünfzig Aebte vom Jahr 727 bis 1538, bilden die Reihe ſeiner Aebte. Nach dieſer kurzen geſchichtlichen Betrachtung ſteigen wir hinunter in den alten Bau, um zu ſehen, was nach ſo vielen Jahrhunderten an Pracht und Reichthum noch übrig geblieben.— In der That verhältnißmäßig wenig. Es gieng eben auch hier wie anderwärts; während die 2⁴9 Gelehrten über den Ort und ſeine Geſchichte weitſchweifige Abhandlungen ſchrieben, verwahrlosten und zerfielen die Denkmale, die ehrwürdigen Zeugen des Beſtandenen, und manch' Anderes wurde verſchleppt und verloren. So finden wir denn heute in dem Münſter nur Weniges, was den bedeutenden hiſtoriſchen Erinnerungen einigermaßen entſpre— chend wäre. Die alte Grabſtätte des unglücklichen Kaiſers Carl des Dicken iſt nicht mehr zu finden. Ein werth loſes Gemälde aus der Zopfzeit, den Kaiſer darſtellend, hängt über der Sakriſteithüre und ſoll bedeuten, daß an dieſer Stelle die Gebeine Carl's ruhen, welche im Jahr 1728 aus ihrem urſprünglichen Grabe genommen und hierher gebracht wurden. Von dem Ruheort des Herzogs Gerold von Buſſen, der ein Schwager Carl's des Großen, 798 in der Hunnenſchlacht fiel, ſuchen wir ver— geblich eine Spur; ſo wie von dem Grabe des Grafen Mangold von Veringen, der im Kampf gegen Herzog Ernſt von Schwaben den Tod gefunden. Das Gleiche gilt von den Gräbern der Herzoge Burkard, Berthold und Hermann von Schwaben, welche in der Evanus⸗ kapelle beſtattet ſind. Alte, meiſt ſchlecht erhaltene Grab ſteine finden ſich von mehreren Aebten des vierzehnten, fünf zehnten und folgenden Jahrhunderts. Der Hauptaltar enthält die namhafteſte Reliquie der Kirche, das heilige Blut, verſchloſſen in einem goldenen Kreuze.— Ein Gemälde, links im Chor, 250 ſtellt eine Jubiläumsfeier deſſelben vor, aus dem Jahr 1738 am 26. Mai. Das Bild vergegenwärtigt in ſeinen des damaligen fürſt Einzelnheiten recht gut die P biſchöflichen Hofes; denn der Biſchof, als Landesherr und Abt von Reichenau, wohnte der Feier perſönlich bei. In der Mitte des Gemäldes ſchreitet der geiſtliche Fürſt, Biſchof Johann Schenck von Staufenberg?), gefolgt von ſämmtlichen Lehensrittern, Vaſallen und den Domherren von Konſtanz, nebſt einer Menge verſchiedener Ordensgeiſtlichen. Zur Seite paradiert das weiß uniformirte biſchöfliche Militär mit den von Mersburg hergebrachten Kanonen. Ein anderes, halb vermodertes Oelbild im Seitenchor bezieht ſich auf die Beſitznahme durch den heiligen Pirmin. Der fromme Mann landet auf der einen Seite, während auf der andern Schlangen, Kröten und Eidechſen das Eiland verlaſſen. Das Gemälde aus dem vorigen Jahrhundert iſt ohne Kunſtwerth; verdiente aber ſorgfältigere Bewahrung, weil es die ganze Localität des Kloſters mit der, in neuerer Zeit leider abge riſſenen alten Pfalz und der nicht mehr vorhandenen Johannis kirche getreulich darſtellt.— Ein älteres Heiligenbild auf *) Kam zur biſchöflichen Würde 1704 und ſtarb 1740 am Schlagfluß im Schloſſe zu Meßkirch, wo er die Ehe des Fürſten Froben von Fürſtenberg mit der Gräfin Thereſia von Sulz eingeſegnet hatte. Holz und Goldgrund hängt hinter dem Hauptaltar. Es diente früher als Altargemälde und ſoll nach der Tradition aus der Schweiz ſtammen, wo es bei der Reformation in's Waſſer geworfen und landend an der Inſel aufgefiſcht und in's Münſter gebracht wurde. Die Sakriſtei beſitzt noch mancherlei Reſte früheren Reichthums. Sechs bis ſieben Reliquienſärge von ſchöner Arbeit; von dieſen enthält der eine die Gebeine des heiligen Markus, des Patrons der Kirche; Biſchof Egino brachte ſie(830) aus Italien hierher. Eine Urne von weißem Marmor, ohne ſonderliches Kunſtgepräge, wird als ein Krug von der Hochzeit zu Kana vorgewieſen. Ein zierlicher Reif von Silber, mittelalterliche Arbeit, hält das ſchadhafte Gefäß in der Mitte zuſammen. Der griechiſche Fürſt Simon Bardo ſoll es um's Jahr 910 nach Reichenau geſtiftet haben.— Cin in Silber gefaßter Zahn Carl's des Dicken; ein ſ. g. Smaragd von 28 Pfund, der aber ein bloßer Glasfluß iſt. Carl der Dicke vergabte ihn hierher. Ein uraltes Evangelien buch mit zier lichem Einband und figurenreichem Beſchläg.(Ein Abtsſtab aus dem vierzehnten Jahrhundert iſt neuerer Zeit abhanden gekommen.)— Ein Ciborium von Elfenbein mit geſchnitzten Figuren. Eine Monſtranz aus dem ſieben zehnten Jahrhundert. Ein Zahn des heiligen Markus u. ſ. w.— Unter den Meßgewändern findet ſich ein ſehr altes, mit einer Stickerei, den gekreuzigten Heiland dar— 252 ſtellend; ein anderes ſoll die Kaiſerin Maria Thereſia ſelbſt geſtickt und anher verehrt haben. Die Kirche an ſich, obwohl zweimal durch Brand beſchädigt, trägt noch ganz den einfachen ernſten Charakter der Karolingiſchen Zeit. Als urſprünglich dürfen der Thurm und das Mittelſchiff mit ſeinen maſſiven Pfeilern angeſehen werden. Die Umfaſſungsmauern und der Chor gehören einem ſpäteren Jahrhundert an. Das Kloſter, ein armer Ueberreſt des früheren, iſt gering an Aus dehnung und enthält nichts Bemerkenswerthes. Die Bibliothek war außerordentlich re Handſchriften. Mit dem Verfalle des Kloſters geriethen dieſe Schätze in Vergeſſenheit, bis im vorigen Jahrhundert der gründlichſte Forſcher ſeiner Zeit, der ſanktblaſiſche Abt Martin Gerberts), ſie wieder hervorzog und theilweis *) Dieſer feingebildete Prälat ſtammt aus dem alten Geſchlechte der Gerbert zu Hornau von Horb. Er wurde im Jahr 1764 Abt von St. Blaſien und ſtarb 1793. Unter ſeinem Regiment war das ſchwarzwäldiſche Kloſter der Hort der Künſte und Wiſſenſchaften; und der Ruhm, den ſich ſein Vorſteher ſelbſt durch Werke geſchichtlichen und theologiſchen Inhalts erwarb, reichte weit über die engen Marken ſeines Landes. Er durchreiste, mit Alterthumsforſchungen beſchäftigt, ne Menge Deutſchland, Italien und Frankreich, und entdeckte bisher unbeachtet gebliebener Kunſtſchätze. Nicht minder ruhm— 1 würdig war ſein ſtilleres, einheimiſches Wirken als Vorſtand 3 an's Licht ſtellte. Die meiſten der werthvollen Werke be— wahren die Bibliotheken zu Karlsruhe und Heidelberg. Doch verlaſſen wir die feuchten düſtern Räume und ihre Vergangenheit, und begeben uns hinaus in die lebendige Gegenwart. Wir ſchweifen über die Höhen des geſegneten Eilandes welch' liebliche Bilder zeigen uns ſeine drei Pfarrdörflein zwiſchen Weingärten, Wieſen und Fruchtfeldern umhergeſtreut! Hier das eben verlaſſene Mittelzell und ſein Kloſter, den See und die Wald— höhen bei Allensbach im Rücken.— Gegen Morgen, zwiſchen Baumgrün, Oberzell auf lichtſchimmerndem Grunde des See's, aus dem in zarten Silhuetten der Dom von Konſtanz und die Hochberge Tyrols emporſteigen. Dort— die ſchlanken Thürme von Niederzell und weiterhin, über der waſſerblauen Fläche, Radolfszell und die ritterlichen Vorpoſten des Schwarzwaldes, der gewaltige Hohentwiel und ſeine hochgeborenen Nachbarn.— Wenn ſeines Kloſters und Sprengels. Die hinterlaſſenen Stiftungen ſind zu wahrhaften Wohlthaten der betreffenden Gemeinden geworden. Erſt der neueſten Zeit war es vorbehalten, dieſen verdienſtvollen Mann durch ein öffentliches Monument ge— bührend zu ehren. Durch geiſtliche und weltliche Vorſtände der Amtsſtadt Bondorf angeregt, wird die Portraitſtatue des Abtes von Bildhauer aver Reich in Sandſtein ausgeführt und im Lauf des nächſten Jahres in genannter Stadt auf— geſtellt werden. 254 uns dieſer Blick mit Sehnſucht in die Ferne zieht, ſo erregt dagegen die Ausſicht ſüdwärts auf die Städtlein und Edelſitze des nahen Thurgau's behagliche Gefühle der Wohnlichkeit. Auf der Rheinſeite der ſchweizeriſche Kreisort Ermatingenz; über demſelben die Schlöſſer Hard und Wolfsberg. Unſerem Standort gegenüber, auf einer vorſpringenden, maleriſch bewachſenen Terraſſe, die nmapo leoniſche Villa Arenaberg; die Burg Salenſtein und das Dorf Mannenbach mit ſeinem Schloſſe Eugens berg.— Im Ganzen anzuſchauen wie ein grüner Gürtel mit koſtbarem Geſteine beſetzt. Zur Inſel gewendet, betrachten wir zuerſt die alte St. Georgenkirche in Oberzell. Abt Hatto III gründete ſie im Jahr 888. Sie enthält als Reliquie das Haupt des heiligen Georg und iſt vollſtändig erhalten, eines der merkwürdigſten Bauwerke der Gegend. Unter dem Chor befindet ſich eine Crypta. Unweit Oberzell ſehen wir unförmliche Reſte der Burg Schopfeln, die wie ein urweltlicher Zahn im äußerſten öſtlichen Theil der Inſel ſteckt. Ihren Erbauer kennt man nicht; in früheſten Zeiten ſollen daſelbſt Ritter gehaust haben, die in St. Görgen(Oberzell) zur Kirche giengen. Später diente die Veſte den reichenauiſchen Aebten zum gelegentlichen Aufenthalte. In einer Fehde der Konſtanzer mit dem Abte Mangold von Brandis(dem ſpätern 255 Biſchof von Konſtanz) und ſeinen Brüdern und Vettern auf der Reichenau, wurde ſie(1382) zerſtört. Die Streitig keiten hatten ſchon unter Biſchof Heinrich von Brandis, ihrem Oheim, viele Jahre vorher angefangen. Als im Jahre 1366 zwiſchen Weihnachten und Faſtnacht ſechszehn Konſtanzer Patrizier und Bürger mit zehen Geſellen (Adeligen) vom Lande auf ein Stechen nach Zürich reiten wollten, begegneten ihnen bei Baſſersdorf, zwiſchen Winter— thur und Zürich, ſechsundzwanzig Wäppner, deren von Brandis aus der Reichenau, welche auch zum Turniere zogen. Sobald die Reichenauer die verhaßten Städter erblickten, ſprengten ſie auf ſie ein und ſtachen ihrer fünfe von den Roſſen. Ihrerſeits aber bekam Junker Wölfle von Brandis(ein Bruder Mangold's) einen Stich in's Geſicht, daß er todt auf dem Acker ligen blieb. Die Konſtanzer behaupteten das Feld und machten vier Ge fangene. Die Gegner, unter Ritter Türing v. Brandis, ergriffen die Flucht, einen Konſtanzer als Gefangenen mit ſich ſchleppend. Nach längerem Verhandeln mußten ſpäter die Konſtanzer eine Strafſumme von 2000 Gulden geben; jedoch machte der Rath dabei die Bedingung, daß weder die Bürger, welche bei dem Strauße zugegen waren, noch ihre Nachkommen ſollten gehalten ſeyn, etwas an der Summe zu erlegen.— Als in der Folge Abt Mangold und ſeine Vettern einige Fiſcher von Konſtanz, welche auf ihrem Gebiete fiſchten, auf das Grauſamſte mißhandelten, 256 zogen die empörten Städter in die Reichenau und zerſtörten die Veſte Schopfeln und mehrere Mönchshöfe daſelbſt. Die Kirche zu Niederzell verdankte ihr Daſeyn dem Biſchof Egino von Verona, einem edeln Alemannen aus dem Geſchlechte der Zäringer, die in der Bertholds baar ihren urſpünglichen Sitz hatten. Eine Meſſingplatte mit Inſchrift in Mitte des Chors deckt ſeine Ruheſtätte; ſein Tod fällt in's Jahr 802. Der Bau hat zwei hübſche Thürme, die aber durch einen neuen, kreideweißen Verputz und Anſtrich um ihr altehrwürdiges Anſehen gekommen ſind.— Einige hundert Schritte von da ligt am See das Schlößlein Bürglin, ein ehmaliges Tusculanum der reichenauiſchen Mönche.— Zu bequemer Ueberſchau der See landſchaft hat ein Bewohner der Inſel, H. Hofrath Sey ſ. fried, auf dem höchſten Punkte, der Hochwart 9 (1469 Fuß über der Meeresfläche) ein Belvedere errichtet, wo ſich ein Frauenhofer'ſcher Tubus befindet. Die Inſel an ſich mißt fünf Viertelſtunden in die Länge und eine halbe Stunde in die Breite; ſie hat un gefähr 1400 Einwohner. Das Leben des Inſelvölkleins hat viel Eigenthümliches. Ein Theil ihrer Felder ligt außerhalb des Eilandes, in den Gemarkungen Allensbach, Hegne, Radolfszell und Markelfingen, und ihre Produkte müſſen auf Schiffen eingebracht werden. Nicht leicht wird ein Fremder auf der Inſel anſäßig. Seit Menſchengedenken, verſicherte man, ſei der Kronenwirth in der Mittelpfarrei U 8 der einzige, der ſich von auswärts hieher verheirathet habe. Der Wohlſtand der Bevölkerung hat ſeit Ablöſung der Grund— laſten außerordentlich zugenommen. Eine genügſame Lebens— weiſe, der ſeltene Verkehr mit den Nachbarorten, ſo wie ein löblich conſervativer Sinn im Familien- und Gemeinde— weſen haben dieſen Aufſchwung mit befördern helfen.— 39 I „Der Auer!, ſagte mir der greiſe Hirſchenwirth in Mittel— zell,„iſt bereits(etwas) gelinder als alle ſeine Nachbarn; er muß dienſtfertig gegen dieſe ſeyn, weil er ihre Hilfe, bei Vorfällen auf dem See, namentlich beim gefährlichen Weſterwind, oft in Anſpruch nehmen muß. Händel— ſüchtiges Weſen iſt ihm fremd, auch hat er blutwenig bei Amt zu ſchaffen, weßhalb der ſelige Geheimerath Ittner in Konſtanz zu ſagen pflegte: Die Auer ſeien ihm die Liebſten, ſie hätten am wenigſten mit ihm zu thun.“— Dann erzählte der Mann mit großer Naivität, wie es zu ſeiner Zeit noch viele Geſpenſter gegeben, die oft bis in die Au herübergekommen, ſeit dem Jubiläum des Papſts Pius VI aber gänzlich verſchwunden ſeien.— Auf dem „Ergat“(wo eine uralte Linde im Umfange von 36 Fuß ſteht) habe dazumal eine Hexe gewohnt, die Betrunkene u. ſ. w. verhext habe; und wenn der Höri-Geiſt am jenſeitigen Geſtade über dem Waſſer erſchienen ſei, habe es jedesmal Unwetter gegeben. Seine Großältern hätten oft erzählt, wie das Kloſter in arge Verderbniß gekommen, 17 258 und ein Mönch einmal Nachts in Niederzell ein Mädchen beſucht habe, von den jungen Burſchen erſchlagen und der Leichnam vor die Kloſterpforte gelegt worden ſei. Nach der Sage iſt die ganze Bevölkerung zu Zeiten der Peſt ausgeſtorbenz nur drei Männer ſind am Leben gebliebenz ſie retteten ſich dadurch, daß ſie in einem Faſſe ſich aufhielten, wo vorher neuer Wein geweſen Das Inſelland war in den erſten Zeiten als ein ge heiligtes angeſehen; weßhalb der fromme Wahn, ſolche Kinder, welche vor der Taufe geſtorben, oder todt geboren waren, außerhalb beim ſ. g. Kindlebild am Wege nach Konſtanz beſtatten ließ. Auch durften auf der Inſel keine Waffen getragen, und Todesſtrafen mußten auswärts voll zogen werden. itz des Ober G In der Reichenau war von jeher der fiſchermeiſters über den Unterſee. Zwei und zwanzig Ortſchaften, acht ſchweizeriſche und vierzehn badiſche, haben gemeinſchaftliches Fiſcherrecht. Die immer noch giltigen Satzungen dieſer Zunft ſind uralt und ſtammen von den Biſchöfen von Konſtanz. Alljährlich verſammeln ſich die Glieder auf der Reichenau, um unter dem Vorſitze des Oberfiſchermeiſters die Beſtimmungen für das laufende Jahr feſtzuſetzen. Unter den herkömmlichen Feſten iſt das Pirminsfeſt eines der ſinnigſten. Am Tage des Heiligen, zur Herbſtzeit, opfert nämlich 259 jeder Einwohner etwas von den Erzeugniſſen der Inſelfelder auf dem Pirminsaltar im Münſter: Trauben, Getreide, Obſt und Gartengewächſe aller Art, in dankbarem An⸗ denken der Verdienſte des Heiligen um die erſte Cultur der Inſel. Die dargebrachten Früchte bilden zugleich eine Competenz des Meßners. In ſehr feierlicher Weiſe wird auch das Feſt des hl. Bluts, im Monat Mai, begangen. Früher kamen an dieſem Tage von allen umligenden Orten die Pfarrgemeinden in Prozeſſionen nach der Inſel. Seitdem jedoch eine Pro— zeſſion, von Neubirnau kommend, auf der Fahrt über den See, vom Sturme überfallen, in Todesgefahr gekommen, finden die Zuzüge nicht mehr in dieſer Weiſe ſtatt. Eben ſo große Feſtlichkeiten bringt das M arkusfeſt, an welchem Tage der ſilberne Sarg mit den Gebeinen des Heiligen in feierlichem Umgange verehrend zur Schau getragen wird. In ſehr poetiſcher Weiſe, und bezeichnend für die Reichenau, wird am Pfingſtdienſttag die J uſelfahrt ab gehalten. An dieſem Kirchenfeſte macht die ganze Bevölke— rung auf etwa fünfzehn Schiffen eine Fahrt um die Au. — Voran die Geiſtlichkeit mit dem Allerheiligſten und Kreuz und Fahne. An vier verſchiedenen Plätzen, Mittel— zell, Nieder- und Oberzell und auf der Rheinſeite an der Städe“ werden die Evangelien geleſen.— Man denke 17* 5 260 ſich einen ſonnigen Frühlingstag; über Land und See der Blüthenhauch linder Maienlüſte— Sonntagsruhe rings* umher— nur Glockenklang und Chorgeſang der Jung frauen auf einer eigenen Jacht begleiteten im Weiterziehen den Rudertakt der Bootsleute. Näher jetzt und näher ſchallend Jubilate, Amen! Ferner jetzt und ferner hallend, Bis ſie ſanft dem Ohr verklingt Jubilate, Amen Jetzt, wie Mondſcheinwellen rollend An das Ufer ſtirbt ſie hin; Jetzt, wie zorn'ge Brandung, grollend Wächst die Fluth des kühn Jubilate, Amen! Wieder horch! wie Wellen rollend Jubilate, Amen.« — Radolfszell, die Höre, Stein. Während das Gefrieren des Ober- und Ueberlinger— ſee's zu den größten Seltenheiten gehört, legt der Winter beinahe jedes Jahr ſeine Eisdecke über den minder tiefen Unterſee. Auf der Reichenau herrſcht ein Sprichwort: Wenn der Rhein treit, Koſt' es Reben und Leut. Der See gegen die Schweiz hin, heißt nämlich im Volksmunde Rhein, und es ſoll, wenn er gefroren iſt, immer am kälteſten auf der Inſel ſeyn.— Nach der Tradition führte früher ein feſter Weg von Reichenau nach der Mettnau bei Radolfszell. An der langen Uferſtrecke zwiſchen Allensbach und Zell ligt Markelfingen, durchſtrömt von einem Wäſſer— lein, welches aus dem oberhalb ligenden Mindelſee rinnt. Das Dorf iſt eine der älteſten Anſiedlungen der Umgegend. Im Schwedenkrieg mußten die Einwohner manche Unbill erdulden. Noch zeigt man auf dem Kirch thurm in der ſchweren eichenen Thür, die den obern Boden abſchließt, eine Oeffnung.— Als die Schwediſchverbündeten den Ort überfielen, flüchtete der Pfarrer auf den Thurm 262 und verriegelte die Thür; der Feind verfolgte ihn, und hieb, als er die Thür verſchloſſen fand, ein Loch in dieſelbe, öffnete und reichte dem armen Manne den„Schweden trunk“(Miſtjauche) bis er unter ihren Händen ſtarb. Das Städtlein Radolfszell, am Schluſſe des Unter ſee's, hat mit Thoren und Mauern noch ganz die mittel alterliche Tracht. Was jedoch Vielen intereſſanter vorkommen mag, als dieſes, iſt ſein großer Verkehr vom Hegau her, die Frucht- und Viehmärkte und die ſoliden Gemeinde verhältniſſe, welche zu den beſten des Seekreiſes gehören. Der Fruchtmarkt hat ſeit Einführung des ſchweizeriſchen Zolls und des neuen Schweizergeldes ſehr gewonnen. Früher führte der Hegauer Bauer ſein Getreide nach Stein; jetzt bringt er es in die Amtsſtadt Radolfszell und überläßt es, wie billig, dem Schweizer Nachbar, ſeinen Bedarf da abzuholen. Die Ortsgeſchichte hebt vom hl. Ratoldus(Radolf) an. Dieſer vornehme Alemanne war der Nachfolger Biſchofs Egino von Verona, und kehrte gleich dieſem, von Sehn ſucht getrieben, in's Vaterland zurück. Mit Bewilligung des Abts Hatto in der Reichenau baute er am Unterſee eine klöſterliche Zelle; als Reliquie brachte er die Gebeine der Heiligen, Syneſius und Theopontus, wozu noch das Haupt des hl. Zeno kam, dahin. Sein Ableben fällt in's Jahr 874z; die von ihm gegründete Pfarrkirche in Radolfs zell bewahrt ſein Grab. U ELLLLLLL..UL... 263 Aus der Ratolduszelle erwuchs ſpäter ein Chorherren ſtift, dem der Reichenauer Abt Albrecht von Ramſtein im Jahr 1290 Regeln gab. Zugleich hatte ſich der Ort zur ummauerten Veſte als Schutz für die anſäßigen Gottes⸗ on zu Zeiten Rudolf's von C A hau hausleute herangebildet. Habsburg ſcheint Zell eine Stadt geweſen zu ſeyn, welche dieſer Kaiſer ſammt der Reichsvogtei an ſich brachte.— Das Vorſpiel des 30jährigen Krieges, der Bauernkrieg, brachte ihr große Bedrängniß. Im Frühling des Jahres 1525 durchzogen zwei ſtarke bewaffnete Haufen das Hegau. feige hegauiſche Ritterſchaft hatte ſich geflüchtet, und b den Städtern allein überlaſſen, mit den Aufrührern ſich abzufinden. Nachdem dieſe Engen und Ach durch Ueberrumpelung genommen, belagerten ſie Radolfszell zehn Wochen lang. Die Stadt hielt ſich, bis die krieggeübten Feldobriſten, der Truchſeß von Waldburg und Graf Wilhelm von Fürſtenberg mit den Bündiſchen herbeikamen und den Bauern in verſchiedenen Treffen totale Nieder⸗ lagen beibrachten. Im dreißigjährigen Krieg kam die Stadt ohne Kampf in die Hände der Würtemberger; ein Anſchlag, den Platz den Kaiſerlichen wieder zu gewinnen, ſchlug fehl(ſ. S. 35). Ein zweiter, offener Verſuch mißglückte ebenfalls; bis nach der Nördlinger Schlacht die Schweden das Schwäbiſche räumten und Zell wiederum öſterreichiſche Beſatzung bekam. Die ſpätere Zeit brachte wenig hervorragende Ereigniſſe. 264 Im bayeriſchen Erbfolgekriege litt die Stadt viel durch eine franzöſiſche Beſatzung von 7000 Mann. Nicht minder 11 fühlte ſie auch die langen Weltwirren des franzöſiſchen Revolutionskrieges. Ein ſchönes Baudenkmal iſt die gothiſche Pfarr kirche mit einer unterirdiſchen Kapelle Eine Inſchrift außerhalb am Chor ſagt, daß der„hochwirdig her Fridrich von Wartenberg, abt der richen owe 1436“ den erſten Stein zu dem Gotteshaus gelegt habe. Rechts im Lang haus findet ſich das ſteinerne Grabmal des hl. Ra Bei einer Ausbeſſerung im Jahr 1538 wurde der Deckel abgehoben und zwei Leichname in einem Sarge von Eichen holz gefunden, wovon der eine, laut beigegebener in Wachs aufbewahrter Urkunde, als der des hl. Ratold erkannt N * ward. Der zweite Todte unbekannter Abkunft, hatte keinen Ausweis bei ſich.— Einige altdeutſche Gemälde und die Grabmäler des Ritters Wolf von Hom burg und des Abts von Stein, Davids von Winkelheim, ſind beachtenswerth. Auf dem Brunnen, der mit ſeinem friſch quellenden Strahl eine weſentliche Zierde des Marktplatzes ausmacht, ſteht die Figur des Kirchengründers; einige ritterſchaftliche und Amts-Gebäude in der Nähe geben einen vortheilhaften Begriff vom ſtädtiſchen Weſen der mittelalterlichen Zeit.— Zugleich aber bilden ſie einen auffallenden Gegenſatz zu — — 265 dem neuen Kauf- und Rathhauſe, das in ſeinem ſteifen, ſchmuckloſen Aeußern zu den unerbaulichſten Be— rachtungen Veranlaſſung gibt.— Das Stadtarchiv ſoll, wie man mich verſicherte, wenig Geſchichtliches enthalten; die auf die Stadt bezüglichen Urkunden befänden ſich in ſchweizeriſchen Archiven und aus ſpäterer Zeit ſei wenig mehr vorhanden). Wäre es aber nicht ſehr wünſchenswerth, in jedem Städtlein oder größern Dorfe hiſtoriſche Aufzeichnungen, eine Chronik, zu führen? Die Mühe, auf jedem Rathhauſe ein derartiges Buch zu unterhalten, wäre in der That gering. Der Chroniſt, etwa ein Schulmann von altem Schrot und Korn, ein patriotiſcher Rathſchreiber oder Gemeinde rath, würde ſich wohl überall finden, der mit uneigennützigem conſervativem Sinne und hiſtoriſcher Treue, fern von per— ſönlicher Eitelkeit, das Geſchäft beſorgte.— Solche Arbeiten gäben den Nachkommen manch' willkommenen Aufſchluß im Gemeindehaushalt, und Belehrung in vorkommenden ähnlichen Fällen; zugleich würde das Andenken des Guten und Würdigen der Vorzeit erhalten, und Anhänglichkeit an den eigenen Grund und Boden, mit der Liebe zum Vaterlande geweckt werden. Von der Umgebung Zell's kann mit Recht geſagt *) Eine Geſchichte von Radolfszell verfaßte der verſtorbene Amtmann Walchner. 266 werden, daß ſie einem fruchtreichen Garten gleiche. Wer einen Mittwochsmarkt in der Stadt beſucht, wird alle Er zeugniſſe einer bis zur Ueberfülle begünſtigten Gegend bei ſammen finden. Um ſo mehr mag es auffallen, dieſe Bucht des See's weniger als die übrigen Gewäſſer befahren und von keinem Dampfſchiffe beſucht zu ſehen. Die kürzere 8 der ( chweiz, welcher Zell und direkte Landverbindung mit ſein Amtsbezirk commerziel verbunden ſind, ſcheint den Ver kehr zu Waſſer einigermaßen entbehrlich zu machen. In öſtlicher Richtung von der Stadt erſtreckt ſich ſchwertförmig eine Landzunge in den See. Sie heißt die Mettnau(Augiae Meta); in ihrem Anfange trägt ſie Wein, und endet in ein niedriges, oft überſchwemmtes Ried, wo eine ſtädtiſche Meierei ſteht. Ich machte einen Spaziergang durch ihre höher gelegenen Weinberge, wo man eine freie Rundſchau genießt.— Ueber dem dunkelblauen Abendſee funkelte bereits der freundliche Hesperus. Die Gegend rings umher war in Schweigen geſunken; nur eine Lerche, der lieblichen Mettnau entſtiegen, ſchmetterte noch die letzten Strophen ihrer Jubelhhmne.— Rückwärts ſtreifte der Blick ins grüne Hegau, wo in zarten Silhuetten die Schloßberge Hohentwiel, Krähen und Stoffeln ſtanden. Rechts der mächtige Schienerberg und die blinkenden Villen Thurgau's— links an der niedern waldbedeckten Hügelkette Markelfingen und Allensbach; und vor mir in blauer Fluth die Reichenau, und über dem dunkeln —— * —— 267 violetten Waſſerſtreifen Konſtanz, wie dicht am Fuße der Alpen. Das breite Vorland, überragt von dem Schienerberg, zwiſchen dem Zellerſee und dem Rhein, heißt die Höre * D (Biſchofshöre). Der Name ſoll„dem Biſchof gehörig“ be— deuten, weil der Landtheil ſeit uralten Zeiten den Biſchöfen von Konſtanz zinsbar und eigen war. Die Höre iſt außer— ordentlich fruchtbar„wenn der Buurlſe Körnle us em Sack verliert, ſo wachst es“. Sie gewährt dem Wanderer die angenehmſten Touren, obwohl ſie wenig beſucht wird von jenen Söhnen Albions, die mit ihrem Wegweiſer in der Hand fragen: was muß man hier ſehen?— oder von unſern modernen Germanen, denen allein nur Gambrinus den höchſten Genuß verſchaffen kann. Deſto beſſer aber wird es einem Solchen gefallen, der überall am rechten Platze iſt, wo eine ſchöne Natur und ein unverdorbener, kräftiger Menſchenſchlag ſich findet. Von Zell führt der Weg um die flache Seebucht nach dem Dorfe Moos. Ein weites ſchilfiges Ried oder Moor, umſchwärmt von zahlloſen Möven und andern Waſſer⸗ vögeln, bildet ein der Fiſcherei vorzüglich günſtiges Revier. Zudem mündet hier die Ach, welchem Fluſſe mit leben— digem, und im Frühlinge, wenn kaltes Alpenſchneewaſſer den See füllt, wärmerem Waſſer gerne die laichenden Fiſche zuziehen. Beinahe alle im Bodenſee vorkommenden 268 Fiſche werden hier gefangen: der Aal, die Treiſche, der Barſch, die Lachsforelle, der Aeſch, die Muräne, der Föl chen, die Barbe, der Karpfen, der Hecht, der Brachsmen u. ſ. w. Der Unterſee iſt überhaupt fiſchreicher als der Ober ſee. Ein alter Fiſcher, der am Ufer beſchäftigt war, Garne zum Trocknen aufzuhängen, erzählte mir mancherlei von ſeinem Handwerk. Die Laichzeit des Brachsmen daure in der Regel nicht länger als zwei Tage, und ſonderbarer Weiſe falle ſie faſt immer auf einen Feiertag oder Sonn tag. Um dieſe Zeit werde dann der Fiſch zu tauſenden gefangen. Zu Biſchofszeiten habe ſich einmal die Land geiſtlichkeit wegen Entheiligung des Sabbaths durch die Fiſcher beſchwerend an den biſchöflichen Obervogt v. Hundt biß auf der Reichenau gewendet. Der alte Herr habe den Spruch gethan: weil die Fiſche bei ihrem Laichen keinen Feiertag beobachteten, ſo könne man den armen Fiſchern, welche ſie fangen ſollten, ebenfalls nichts gegen ihr Sonn tagsgeſchäft haben. Es gebe aber, ſagte mir der Mann, von Alters her abſolute Seefeiertage, wie z. B. die doppel ten Apoſteltage. Ueber die Schweizer Fiſcher beklagte er ſich; ſie machten, behauptete er, auf ſehr zudringliche Weiſe von ihrem dieſſeitigen Fiſchrechte Gebrauch und ſchonten dabei die Setzgarne ihrer Genoſſen nur wenig, während der Badenſer Grund genug habe, auf der Schweizerſeite ſein Recht nicht geltend zu machen. 269 Bekanntlich treibt im Hegau der Poppele von Hohenkrähen noch immer ſeinen neckiſchen Spuck. Auch der Fiſcher von Moos weißt von ihm zu erzählen. In dunkeln Nächten hört er oft rufen:„Hol, hol!“ und eilt an ie Fahr, im Wahne, es wolle Jemand vom jenſeitigen Ufer üb ſiehe da— das Schifflein iſt los und die Ruder ſind in's Waſſer geworfen.— Wenn der Fiſcher bei Nachtzeit„ſetzt“, ſo patſcht und badet es, als wären ſie hundertweis im Garn; wenn er zur Stelle eilt— findet er die Garne zerriſſen und im Nachtwind ver hallt ein ſchelmiſches Gelächter. Gleiches paſſiert den Jägern, die„beim Hellmond, wenn's zunachtet“ in den Fallſchirmen der Waſſerjagd pflegen.— Jedesmal aber kommt auf ſolche Spuckerei ein Unwetter. Von dieſem wunderlichen Burggeiſt hörte ich überhaupt Allerlei erzählen. Der Wirth von Gayenhofen ritt früher einmal mit einem Kameraden nach Engen auf den Bohnen markt. Sie machten ſchlechte Geſchäfte und ſuchten ihren Verdruß in einigen Botellen Neuen zu ertränken. Als ſie im Heimritt am„Krayen“ vorbei kommen, ruft der Eine ſpottweiſe hinauf:„Poppele komm, komm!“ und gibt ſeiner Mähre lachend die Sporen;— aber ſiehe— es dauert nicht lang, ſo ligt er da im Graben— und der Kamerad, der abſteigt, ihm aufzuhelfen, verliert ebenfalls das Gleichgewicht und ſtolpert über ihn hin. Um ihre Ohren ſchallt es wie Gelächter, und wenn die Gäule nicht 270 ſo vernünftig geweſen und ſtehen geblieben wären, hätten ſie den Weg bis heim zu Fuß machen müſſen. Aehn liches ſoll ſich noch oft in dieſer Gegend zutragen „abſonderlich in guten Weinjahren“, würde der alte Cuſtode im Konſtanzer Conciliumsſaale ſagen. Das Geröhricht um Moos iſt, wie bereits erwähnt, auch für die Waſſerjagd ſehr günſtig. Es kommen alle Gattungen Wildenten, Strandläufer, auch Waſſerhühner vor und zuweilen verirrt ſich ein Fiſchadler oder ein wilder Schwan hierher. Der beſtändigſte Gaſt jedoch iſt die aſch graue Möve, die mit ihrem heißeren Geſchrei die Altwaſſer und Moore ſo gierig und dreiſt umſchwärmt, als wollte ſie den Fiſchern alle Augenblicke ihren Fang ſtreitig machen. Das hier wachſende Ried- oder Schilfgras wird zu ökonomiſchen Zwecken benützt; der halbe Morgen einer ſolchen„Streuwieſe“ koſtet nicht ſelten 300 fl. Ankauf. Iznang Die Gegend von Moos, Weiler und 9 heißt die Zwiebelhöre, weil in den Gemarkungen dieſer Dörfer vorzugsweiſe Zwiebeln gepflanzt werden. In dem lockern, ſorgfältig erhöhten Boden, ſieht man dies Gewächs zelgenweiſe gebaut; es wird nach Schafhauſen verführt, wo alljährlich ein beſonderer Zwiebelmarkt an St. Bartholomä abgehalten wird. Nahe bei Weiler lag früher ein Edelſitz der Herren von Grüneberg, aus dem ſpäter ein armes Nonnen 274 klöſterlein erwuchs, von welchem aber keine Spur mehr ſichtbar iſt. Der Abwechslung wegen zog ich, mit Umgehung der Uferdörflein Iznang und Gundolzen, von Moos über Weiler gen Gayenhofen. Der Weg führt durch ein wohlangebautes Thal und zuletzt über einen waldigen Ge— birgskamm. Einem Blicke rückwärts zeigen ſich in male— riſcher Verſchiebung zum letztenmal die Berge des Hegau's. Die weite Waſſerfläche verſchwindet, ſtatt ihrem brauſenden 8 Gewelle trifft Tannenrauſchen unſer Ohr, der Schlag der Finken und tief im grünen Forſt das Gerunke der wilden Taube. Doch, die wohlthuende Abwechslung dauert nicht lange, bald endet der Wald, die Höhe iſt erſtiegen und die Straße führt ſachte abwärts.— Die Reichenau taucht wieder aus den Wellen empor und vor uns, zwiſchen para dieſiſchen Ufern, zieht der mächtige Vater Rhein. Ueber dem Thurgau ſtanden dunſtige Wolken und Wetter, und tief im Horizont murmelte der Donner.— In Gayenhofen, wo ich einkehrte, ſagte man mir, daß Hagelwetter in dieſer Gemarkung keine Seltenheit ſeien; aber jedesmal bleibe Iznang verſchont. Der Wirth erzählte von einem furchtbaren Schloßenwetter, wobei die Rehe geſtreckten Laufes aus den obern Wäldern dem See zugeeilt ſeien, um ſich in dem Waſſer zu bergen. Gayenhofen hat ein altes noch bewohntes Schloß; dieſes gehörte ſeit dem zwölften Jahrhundert zu dem Hoch⸗ ſtift Konſtanz, von dem es die Herren von Klingenberg, von Reiſchach, von Heudorf und andere zu Lehen trugen. In ſpätern Zeiten beſaß es der Biſchof unmittelbar. Alle Monate wurde hier von dem biſchöflichen Amtmann von Bohlingen ein Amtstag gehalten, und weil die Keller voll des beſten Weines lagen, ſo ſoll der fleißige Mann jedes mal illuminiert von dannen gezogen ſeyn. Auch mein launiger alter Wirth wußte von den Kellern zu erzählen. Wenn der biſchöfliche Kellermeiſter in Geſchäften dahin kam, ſo ward Jedem, der bei ihm einſprach, ein gemeſſener + Trunk verabreicht. War aber der Kieferknecht allein in den Gewölben, ſo gieng es mit einem Trunk ſelten ab. Der Wirth wurde als Bub auch einmal von dem gaſt freundlichen Knecht traktiert. Bei ſeiner Heimkunft warf es ihn den langen Weg zu Boden und die ſchwere Zunge lallte unverſtändliche Worte. Die Mutter, zum Tod erſchrocken, rief dem Vater; dieſer aber, der ſogleich merkte, wo der Haas im Pfeffer lige, fragte:„Biſt im Schloß f Jo— Iſt de' Kieferknecht d'obe? He jo“ „Führ' ihn uffi und leg' ihn in's Bett“, habe der Vater die jammernde Mutter lächelnd getröſtet,„ſi Kranket iſt nit ſo gföhrli!“ Aufwärts am See, bei Hornſtad, ſteht halb zer— fallen ein kleineres Schloß. In ſeinen verwahrlosten holz getäfelten Stuben wohnt ein armer Bauer. Die Beſitzung gehörte früher den Herren von Kopenhagen, die durch üble 72 Wirthſchaft ſo herunter kamen, daß ſie in der theuren Zeit der vorigen ſiebenziger Jahre, einen Vierling des beſten Feldes um einen Laib Brod hergaben. Horn, eine kleine Viertelſtunde von da, bietet eine der freudigſten Ausſichten am ganzen See. Die hochgelegene Kirche überſchaut ein weites herrliches Panorama. Wie ein ſchwimmender Garten ligt die Reichenau vor uns; über der Landzunge ſchimmert der Ueberlinger See und ſeine Felſenufer, herwärts die grauen Mauern von Zell, öſtlich die Kathedrale von Konſtanz und der blaue Gürtel der Alpen, das grüne Schweizerland und ſeine im See ſich ſpiegelnden Städtlein und Dörfer, Ermatingen, Berlingen und Steckborn.— Es iſt Sonntag früh, die Glocken erklingen ringsum aus den fliehenden Morgennebeln und ſtimmen Deine Seele zum Gebet und zum Entzücken. Obwohl abwärts Gayenhofen die Ufer ſich verengen und das Waſſer bereits merklich rinnt, ſo iſt der Name See bis an die Brücke zu Stein noch immer der bezeichnende.— Oberhalb bei Ermatingen wird bedeu— tende Waſſerjagd und Fiſcherei getrieben; unter Andern kommt dort der den Biertrinkern bekannte Gangfiſch vor, der zur Laichzeit in ungeheuerer Anzahl gefangen wird. Abwärts Gayenhofen ligt zuerſt Hemmenhofen; es gehörte früher dem jenſeitigen ſchweizeriſchen Kloſter Feld— bach und mit dieſem zur Grafſchaft Nellenburg.— Eine 18 274 heiße Mittagsſonne begleitete mich auf dieſem Wege. Um ſo lieber folgte ich der Einladung des Müllers von Hemmenhofen, welcher vor ſeinem Hauſe ſtehend, dem Fremden, der ihn um den Weg fragte, zuredete, einzutreten in ſein Haus und eine kurze Mittagsruhe darin zu halten. Dem Zuſpruch folgend, ſaß ich denn längere Zeit gar behaglich in dem altväteriſchen Stüblein, neben dem klappernden Mühlwerk, und ließ mir den ſäuerlichen Se wein und das kräftige Hausbrod, mit welchem mich der Hausherr regalierte, vortrefflich ſchmecken. Eine ſolche altteſtamentariſche Gaſtfreundſchaft findet ſich eben nur noch auf dem Lande 18 Eine kleine Strecke vom Dorfe erſchauen wir das chloß Marbach. Es gehörte ſeit Jahrhunderten den C Herren von Ulm, von welchen es käuflich an einen fran zöſiſchen Maltheſer-Ritter v. Grimaldi kam. Frei auf einem felſigen Hügel an der Straße hatte es vor Kurzem noch Mauern und Umwallung; der neuere Beſitzer ließ Alles abtragen, ebnen und dem alten Ritterhauſe einen nagelneuen weißen Anſtrich geben. Dieſer vor Kurzem verſtorbene Mann hatte überhaupt große Bauluſt, aber zwecklos wie ein Kind, das heute einreißt, was es geſtern aufgebaut.„Es iſt gut genug auf ein Jahr“ lautete der Wahlſpruch des reichen Herrn, deſſen Liebhabereien übrigens den umwohnenden Handwerksleuten und Taglöhnern trefflich zu Statten kamen. In der Pfarrkirche des hübſchen, von alten Obſt⸗ bäumen beſchatteten Dorfes Wangen hatten die Herren von Ulm in einer eigenen Kapelle ihr Begräbniß. In der Kirche, mit der Jahreszahl 1411, ſieht man ein Grabmal aus Sandſtein gehauen: eine lebensgroße ligende Figur in voller Rüſtung, den Kopf auf die Hand geſtützt und den Roſenkranz in der Hand. Es gilt dem„edeln und geſtrengen Hans Caſpar von Ulm zu Marbach und Wangen, der in Gott alt, katholiſch gelebt und aus 1 dieſem Jammerthal abgeſchieden im Jahr 1610“LD.1 Als ich am ſchwülen Nachmittag von Wangen weiter pilgerte, kam mir ein mühſelig daher ſchreitender Alter entgegen, mit dem ich ein flüchtiges Geſpräch anknüpfte. Er ſei früher einer der wohlhabendſten Bauern der Gegend geweſen, erzählte er, habe aber den Unſchick gemacht, Alles ſeinen Kindern zu geben, denen er jetzt(ein Akt aus König Lear) unwerth und überläſtig ſei; hoffentlich werde es aber mit ihm bald„Feuerthalen“(dem Fegfeuer) Der Tod könne ihn heut oder morgen dahin zugehen. nähen.— Es waren in Curer Jugend wohl ſchönere Tage als jetzt?— warf ich hin.— Das will ich meinen, erwiderte er, das war ein anderes Leben— ein viel freieres. Jetzt darf, hol mich Gott— ja Keiner dem Andern mehr eine— Ohrfeige geben, ohne daß es vor Amt kommt. Zu meiner Zeit hat kein Hahn darnach 18* 276 gekräht— und Tanz und Muſik haben wir alle Sonn und Feiertag gehabt! ſagte er ganz ernſthaft und humpelte kopfſchüttelnd weiter, dem Dorfe zu. Bevor ich ſofort mein Tagesziel, Oeningen, erreichte, hatte ich Gelegenheit, noch einen romantiſchen Reſt alter Zeiten zu betrachten. Die alte abenteuerliche Burg Kattenhorn, die, wie ein verroſteter Harniſch aus der Rüſtkammer des Mittelalters, wenig beachtet am flachen Ufer des See's ligt. In ihren dunkeln, holzgetäfelten Gemachen wohnt ein fürſtenbergiſcher Dienſtmann, der das ſchöne fürſtliche Rebgut zu bauen und zu beaufſichtigen hat. Das Schloß(mit einigen Häuſern) wird ſchon im Jahr 1155 urkundlich genannt. Die Herren von Landenberg waren ſeine früheren Beſitzer. Eine kleine nebenanſtehende Kapelle hat die Jahreszahl 1583. Oberhalb am Berg erhebt ſich ein kleines neueres Schlößlein, welches ein Herr Schultheiß baute, kurze Zeit bevor es an Fürſten berg kam. Ein mehr in die Augen fallendes alterthümliches Bauwerk finden wir hart am See, zwiſchen Kattenhorn und Oeningen— das Schloß Oberſtad. Der wohl erhaltene Thurm mit zackigen Zinnen und gothiſchen Fenſtern ſchaut wie ein Gewappneter über den See, den er als Wächter einſt beherrſchte. Wie Vadian erzählt, wurde von hier aus den Schiffern manche Gewaltthat zugefügt, weßhalb die Schweizer im Jahr 1499 ihren Groll durch Zerſtörung des 2 Schloſſes ausließen. Vordem beſaßen es die Herren von Klingenberg, von welchen es in ſchnellem Wechſel von einer Hand in die andere kam. An den Mauern dieſes Baues haftet die Erinnerung eines ſchnöden Mordes. Der vorletzte Beſitzer war ein allgemein geachteter Herr v. Lenz. Früher Hauptmann in fürſtenbergiſchen Dienſten, verwaltete er von dem Schloß aus das benachbarte fürſtliche Rebgut in Nattenhorn. Er hatte eine einzige Tochter, Waldburga, die ihrer Güte und Leutſeligkeit wegen in der Umgegend allgemein beliebt war. Im Hauſe beſtand die alte Sitte, bei Tagesanbruch mit dem Thurmglöcklein die Hora oder„Betzeit“ zu läuten. Als eine Magd, der dies Ge— ſchäft oblag, einſt um Mitternacht, beirrt durch die Helle des Vollmonds, das Glöcklein zog, eilten die benachbarten Oeninger herbei, in der Meinung, es ſei dem Hauſe etwas Uebles zugeſtoßen und das Geläute ein Nothruf. Das Fräulein äußerte hiebei, wenn je ein ſolcher Fall eintreten ſollte, ſo werde ſie nicht ſäumen, den bereitwilligen Nachbarn ein Zeichen mit dem Glöcklein zu geben.— Das arme Kind wußte nicht, wie nahe ihr ein ſolcher Fall bevor ſtand.— Es war an einem Sonntag, den 16. December des Jahres 1829. Der Vater hatte ſich in den Spät⸗ gottesdienſt nach Oeningen begeben, die Tochter war allein in dem ringsum abgeſchloſſenen Hauſe zurückgeblieben.— Zwei Tiger in Menſchengeſtalt mußten aber vorher ſich in dem Bau eingeſchlichen haben, die jetzt hervorbrachen und 278 das Fräulein, ehe ſie noch den Thurm und den Glocken ſtrang erreichen konnte, überfielen. Es ſcheint, daß die Mörder ſie nöthigen wollten, ihnen Geld und Koſtbarkeiten zu entdecken, und als ſie nicht zu ihrem Zwecke gelangten, das Fräulein von ihnen tödtlich verletzt zu Boden geſchlagen wurde. Nach einer Weile aus tiefer Ohnmacht er wachend, ſchleppt ſie ſich taumelnd in die Wohnſtube, wo die Banditen eben im Begriff ſind, eine Kommode zu leeren und nun ihr Opfer vollends mit ſchweren Hammer ſchlägen tödten. Indem ſchellt es am verſchloſſenen Hof thor ſie eilen hinab und treffen einen Handwerksmann, der in Geſchäften zu dem Schloßherrn will. Es entſpi ſich ein verzweiflungsvoller Kampf, in welchem der Einzelne unterligt. Von der Schweizerſeite, von Mammern aus, ſah man zwei Männer querfeldein der waldigen Anhöhe zurennen. Dem Vater aber ward, als er aus der Kirche zurückkam, der ſchreckliche Anblick des erbrochenen Hauſes und zweier Leichen. Niemals wurden die Thäter entdeckt. Zwei übel berüchtigte Menſchen, auf welchen der Hauptverdacht laſtete, endeten, des langen Verhörs ent— laſſen, ſpäter unter auffallenden Umſtänden. Der tief gebeugte Vater aber wollte das Haus nicht mehr bewohnen, weßhalb er die ganze Beſitzung verkaufte. Jetzt iſt ſie Eigenthum eines ſchweizeriſchen Fabrikherrn. Doch wenden wir den Blick ab von einem unerfreu lichen Gegenſtande, der uns die Menſchennatur auf dem 279 ſchwärzeſten Grunde zeigt. Die Landſchaft umher ruht ſo mildverklärt im goldenen Abendlichte, als wohnte keine Leidenſchaft, nich ts als Eintracht und Friede in ihr. Der Kloſterbau erhebt ſich imponierend über den Dächern des großen Dorfes, und Du glaubſt eher eine Stadt als ein R Dorf vor Dir zu haben. In dem alten Auguſtinerſtift Oeningen berichtet uns die Geſchichte, daß es ein gleiches Schickſal hatte wie das Kloſter Reichenau; im Jahr 1534 wurde die Probſtei zu den Tafelgeldern des Biſchofs von Konſtanz gezogen, der ſich von da an„Statthalter von Oeningen“ nannte, und das Stift durch Priore, und ſpäter durch Dekane ver—⸗ walten ließ, während die Mönche vom Hochſtifte ihren Unterhalt bezogen. Die Kloſtergründung fällt in's Jahr 8 965. Cuno, ein Sprößling der Grafen von Oeningen, je hie die hier in dem Hauptorte der uralten Grafſchaft gleichen Namens gewohnt haben, vergabte ſeine Güter und ſein Schloß der Kirche, zur Errichtung einer Auguſtiner-Probſtei. Noch jetzt heißt ein mittelalterlicher Theil des Kloſters das „Stammhaus“. Die nebenſtehende Todtenkapelle mit der Mönchsgruft ſoll die erſte Kirche geweſen ſeyn; eine Brüder ſchaft,„die Todtenbrüder“, hält noch alljährlich darin Oe Die Grafen von Oeningen waren ihren Gottesdienſt. den berühmten Geſchlechtern Habsburg und Zäringen nahe Das Dorf wird bereits in der zweiten Hälfte verwandt.— des achten Jahrhunderts als reichbegüterter Meierhof ge— 280 8 1 nannt. Nahe dabei iſt der berühmte Oeninger Stein bruch(Stinkkalk), in welchem zahlreiche Verſteinerungen urweltlichen Gethiers zu finden ſind. In dem nahen Stiegen, dem letzten badiſchen Orte, hatte ich übernachtet und machte des andern Tages eine Tour nach Schienen. In Oeningen, durch welches der Weg führt, prangten die Brunnen im Schmucke grüner bebänderter Tännlein ein Werk der Schönen des Dorfes, die hiermit dem erſten Maitag ihre Huldigung dargebracht. Schienen ligt im Schooße des Berges gleichen Namens, 2006 badiſche Fuß über dem Meere. Die Abgeſchiedenheit des Ortes paßt trefflich zu der Sage, welche Schienen, in den erſten chriſtlichen Jahrhunderten, zu einer Zufluchtsſtätte für verfolgte Chriſten macht. Das uralte Michelskirchlein(in neueſter Zeit eine Privat wohnung), ſoll aus jenen Zeiten herrühren; es war vor Altem von einem großen„Todtengarten“ umgeben. Die Pfarr- und Wallfahrtskirche zu un ſrer lieben Frauen ſoll, zugleich mit einem Kloſter, unter Carl dem Großen von Atto, einem Grafen im Hegau und der Bertholdsbaar, gebaut und geſtiftet worden ſeyn. Das Stift, ein Benediktinerkloſter, kam in der Folge ſo herab, daß es in ein Chorherrnſtift verwandelt und endlich im Jahr 1452 der Abtei Reichenau, und mit dieſer dem Bis thum Konſtanz zufiel.— Der Pfarrhof iſt die ehemalige Chorherrnwohnung. Die Pfarrkirche trägt am Portal die 281 Jahreszahl 1559. In ihren Grundverhältniſſen hat ſie noch etwas von der Karolingerzeit, obwohl der Bau theil⸗ weiſe neuer iſt, als ſelbſt die ebengenannte Jahreszahl. Ein Gemälde mit einer Inſchrift erzählt eine Sage von ihrer Erbauung: Als die Kirch, heißt es, öd und alt zu Boden fallen wollt, und man eine neue baute, ließ ſich eine weiße Frau, liebreich mit Worten, ſehen und ermun— terte die Arbeiter zum Fleiße; es war Maria, wird geglaubt.— Von dem Wallfahrtsbild unſrer lieben Frauen wird geſagt: Weil die Kirche öd, wildverwüſtet und ver— derbt, ward das Bildniß(Marien's) von dannen auf St. Michelsberg getragen, und von keiner Menſchenhand, wie die Alten ſagen, angerührt, wieder allhie gefunden. Links am Chor bewahrt ein Grabſtein mit einem unbehülflich gemeiſelten Bildniß das Andenken des ehrbaren Hölzlin von Wa rtendorf C 1598),„der 17 Jahr bei Hans Chriſtoph von Schienen ehrlich gedient und dem— ſelben 3 Töchter aus der Taufe gehoben“. Nördlich von Schienen, auf einem Vorſprung des Berges, ligt die Schrotzburg, mit einem fürſtenbergiſchen Kameralhof. Die Sage ſchreibt die Erbauung der Veſte einem alemanniſchen Adelichen zu, während die antiken Fundſtücke?) auf ein Römerkaſtell deuten. Ihre Zerſtörung *) Beſtehend in mehreren römiſchen Silbermünzen, die in der fürſtlich fürſtenbergiſchen Alterthumsſammlung im Schloſſe zu Hüfingen aufbewahrt ſind. Og0 fällt in's Jahr 1441, in die Zeit, wo die aufblühenden Städte in ſteter Fehde lagen mit der Ritterſchaft, von welcher bereits mancher Sproſſe die Tugen ſaßen die Ritter von verloren hatte. Auf Schrotzburg Schienen. Einer aus dieſem Geſchlechte, Werner mit in Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Namen, der luftige Veſte bewohnte, trieb in der Gegend um den See unedle Wegelagerei. Einmal fieng er auf dem Staderberge bei Konſtanz einen Krämer von München, den herbei kommende Konſtanzer mit Mühe aus ſeinen Händen be freiten. Allein der Streifritter hatte ihn bereits; plün dert und ſeine Baarſchaft in fürſorglichen Beſitz genommen; die Münchner, denen man deßhalb ſchrieb, antworteten, daß weder ihre Herrſchaft noch ſie mit dem gedachten von Schienen jemals Ungunſt gehabt hätten. Gleichzeitig lagen ſich die verbündeten ſchwäbiſchen Städte und ein Theil des Adels im Hegau und am Rhein in den Haaren; und es gieng bei dieſen Feindſeligkeiten wie heut zu Tage zwiſchen den Ruſſen und Weſtmächten, man K nahm und verdarb ſich gegenſeitig zugehöriges Gut, wobei dann mancher Unſchuldige in Schaden kam. So machte unter andern der Adel bei Stiegen jeinen Fang an Genfergut, welches zu Schiff von Konſtanz nach Stein verbracht werden ſollte. Es waren dabei Heinrich von Lupfen, Hans von Rechberg und zwei von Landenberg; dieſe ließen die Beute, 20,000 fl. an Werth, auf Wägen nach der Burg 283 Höwen führen. Ein größerer Theil, auf 10,000 fl. ge— ſchätzt, blieb aber in Stein, unter Obhut des Ritters von Klingenberg, der einen„michel Theil“ davon den Kon— ſtanzern, die nicht in das Städtebündniß gehörten und ihr Eigenthum zurückforderten, auslieferte. Ebenſo wandte ſich der Rath von Konſtanz auch nach Höwen, und ließ den Rittern ſagen, daß unter dem genommenen Gut Vieles von Konſtanzer Bürgern ſich befinde. Die Adeligen antworteten, was die von Konſtanz bei ihrem Eide als eigen anſprechen könnten, ſolle ohne Schaden gütlich aus⸗ geliefert werden.— Die verbündeten Städte aber wollten einen Zug vor die Burg Höwen thun, kamen aber zu keinem Entſchluſſe. Unterdeſſen betrieb der von Schienen ſein Wegelagerergeſchäft ſo ſchwunghaft, daß Niemand getroſt und fröhlich von Konſtanz nach Stein und Schaf hauſen reiſen konnte, weil der Ritter und ſeine Geſellen zu Waſſer und zu Land viel Ungemach verübten und alle vorbeifahrenden Schiffe anriefen und zu Landen nöthigten. Eines Tages ritt Werner mit acht Pferden von ſeiner Schrotzburg aus über den Rhein in den Vonderbach unter Ueber den Trupp kamen etliche Geſellen von Freudenfels. Konſtanz und nahmen ihnen 3 Pferde und einen armen Knecht gefangen. Als aber die verbündeten Städte Ulm, Biberach, Memmingen, Kempten, Ravensburg, Buchhorn, Lindau, Ueberlingen, Rothweil ꝛc. endlich Ernſt machten, ſich rüſteten und von Konſtanz verlangten, daß die Stadt 284 dem Bündniſſe beitreten ſolle, lehnte der Rath das An ſinnen ab, unter dem Vorwande, daß es eine Schmach wäre, wenn Konſtanzer Bürger unter dem Hauptmann der Ueberlinger in's Feld ziehen würden; auch hätten die Städte Alles verabredet und feſtgeſetzt, ohne Vorwiſſen und Bei ziehung der Konſtanzer, ſie könnten deßhalb ehrenhalber nicht mitziehen; was man den Nachbarn aber ſonſt zu lieb thun könne, wolle man thun. Am Allerheiligenabend zogen die Städtiſchen von Ueberlingen aus nach dem Hegau. Bald darauf ſchwuren u ihnen die es früher mit f auch die von Radolfszell z der Ritterſchaft gehalten hatten. Man zog vor ein Haus, die Waſſerburg geheißen, und gewann auch denen von Rechberg eines ab. Hernach ging's vor die Schrotzburg, die Wohnung der Herren von Schienen. Die Burg war Die Be feſt und wohl verſehen mit Wein, Fleiſch u. a. Die lagerer fiengen an, das Holz um den Berg zu fällen, um damit alle Ausgänge ringsherum zu verlegen, daß Keiner entrinne. Als die Belagerten dieſes merkten, ſteckten ſie die Burg in Brand und flüchteten. Die Feinde aber löſchten das Feuer und machten große Beute. Nachher brannten ſie die Burg nieder und zerſtörten ſie von Grund aus. Ueberdieß verbrannten ſie das Dorf Schienen, einen Torkel und ein dem von Schienen gehöriges Haus, verdarben die Reben und nahmen alles weg, was ſie er wiſchen konnten. Nach dieſem verbrannten ſie Horn und 285 was denen von Rechberg gehörte, zogen gen Hilzingen, wovon auch ein Theil dieſem Ritter gehörte und zerbrachen daſelbſt den Thurm. Dann wandten ſie ſich gegen das Städtlein Stein, wo ſie an den Hans von Klingenberg wollten; die Steiner widerſetzten ſich aber, und der Junker Albrecht von Klingenberg ritt zu den Städtern und ſagte, Stein wäre ſein und die Sache der Adelichen gienge ihn nichts an. Auf dieſes ließ man ab und zog in's Hegau, verbrannte den Antheil des Hans von Rechberg an der Burg Stauffen und gewann die Waſſerburg, die dem Vitus von Aſt gehörte. Vor Engen wurde nichts unter— nommen, weil Graf Sigismund den Sturm zu beſchwich tigen wußte, dafür wurde aber das Eigenthum des Grafen von Lupfen verwüſtet.— Da es ſchon zu kalt war, um Höwen zu belagern, wandte ſich der Siegeszug(am 16. November) wiederum heimwärts.— Nachdem die Feind ſeligkeiten noch längere Zeit fortgedauert und manches arme Dörflein im Hegau mit Feuer und Schwert heimgeſucht worden, kam endlich, auf Befehl des Kaiſers Friderich, ein Friede zu Stande, der im Jahr 1445 zu Konſtanz beſiegelt wurde. Jeder Theil mußte den ihm zugegangenen Schaden erleiden, ohne Erſatzanſprüche. Dergleichen Putſche waren im Mittelalter an der Tagesordnung. der Schrotzburg iſt nur weniges Mauerwerk, umfangen vom Graben, übrig. Die Ausſicht, die man Von hier hat, iſt groß und herrlich; wie von einer Königsloge 286 aus betrachten wir ein weites Amphitheater links das ganze Hegau, rechts den Unterſee, Reichenau und Konſtanz, den glänzenden Oberſee und in blaulicher Ferne das Vorarlberg. Wie zum Finale drängt ſich die weite, von uns durchwanderte Landſchaft noch einmal auf die Bühne ruhendes Gewäſſer, freundliche Städtlein, Dörfer halbverſteckt im Grünen, auf den Zacken alter Felſen gebrochenes Gemäuer, aus grünem Wieſenplan der Blitz der Bäche, weitgedehnte Wälder, wogende Saatfelder und Gebirge, ruhend in Duft und Wolken. Die Sonne war bereits hinunter, als ich über die Landesgrenze dem Städtlein Stein zuwanderte. Noch einmal öffnete ſich auf luftiger Höhe die Ausſicht; über Land und See lagen ſchon die Schatten der Nacht, aber die ewigen Alpen, ſchweigend und groß, ſtanden noch glühend wie Abendroth am fernen Horizont. In dem alterthümlichen Schweizerſtädtlein Stein machte ich Raſttag. Es war mir vorzüglich darum zu thun, den ſchönen Amtsſaal im ehemaligen Kloſter zu ſehen. Da aber der Stadtſchreiber zufällig abweſend war, ſo wollte Niemand über die Schlüſſel gebieten, und ich mußte auf den Genuß verzichten. Nach dem Urtheile Ver ſtändiger ſind die Wandgemälde des Kloſterſaales dem Beſten mittelalterlicher Kunſt beizuzählen. Sie entſtanden unter Abt David von Winkelheim, der während der Reformation nach Radolfszell flüchtete, und wie bereits 287 erwähnt, in der dortigen Pfarrkirche begraben ligt.— 1 Als Erſatz für den vorenthaltenen Kunſtgenuß betrachtete ich das hübſche Städtlein, ſeine wohlerhaltenen mittelalter— lichen Häuſer, ihre Wandgemälde und zierlichen Erker, und hoch über Allem die ritterliche Burg Hohen— Ich hatte einen Platz auf dem Eilwagen genommen und war über die Rheinbrücke gegangen, an der Straße nach Schafhauſen den Wagen zu erwarten.— Eine Zigeunerfamilie lagerte nicht weit von meinem Wachpoſten im Grünen. Einige ihrer braunen Weiber kamen zu dem Reiſenden herüber, ein müßiges Geſpräch anzuknüpfen.— Sie fragten nach Heimath und Vaterland ich hatte keinen Grund, die Frage ausweichend zu beantworten. Sie ſpendeten dem Lande große Lobſprüche und rühmten ſeine Gaſtfreundſchaft gegenüber der Schweiz. Ich fragte, wohin ihre Reiſe gehe?— Wir wiſſen es ſelbſt nicht! lautete die Antwort, wir ſind überall am rechten Ort, wo ſich gute hilfreiche Menſchen finden. Indem rollte der Wagen heran und hielt, der Paſſa gier ſtieg ein, und fort gieng's in raſcher Fahrt den Ufern des grünen Rheins entlang nach Schafhauſen und weiter. Almansdorf Allensbach Altbirnauu Altbodman, ſ. Bodman Althohenfels Arenaberg Aufkirch. Bodenſee. Bodenwald Bodman. Brünnensbach. Burg. Burgberge. Clausburg ettingen ingelsdorf.. gse„ e Ermatingen.. Eugensberg Feldbach. Frauenberg. Gayenhofen.. Ortsregiſter. —— 22 Goldbach. Grüneberg Hagnau Halbmond Haldenhof Hard Hegne Heidenlöcher Heiligenberg Heldenburg Hemmenhoſen Herſchberg Hochbodman Hohenfels Hohenfelſerhof Höre, Biſchofshöre een! Hornſtad Immenſtad.. Iznang Kargeck Kattenhorn Killiberg Langenſtein gshafen Lüzelſtetten Mannenbach Mainau Markelfingen Maurach Mersburg Mettnau Mimmenhauſen Mindelſee Moos Mühlfeld Neuhohenfels Niederzell Nußdorf Oberſtad Oberuhldingen Oberzell Oeningen Oeninger Steinbruch fszell zalem Salenſtein GC U G GE&E Nikolaus Schienen Schienerberg Schopfeln Schrotzburg Seefelden Sernatingen, hafen. Sipplingen. Spechtshard Stad Stein Stiegen Teufelstiſch. Tüfingen Ueberlingen St. Katharina Katharinakapelle Leonharde. Lorettokapelle ſ. Ludwigs Unteruhldingen Wallhauſen Wangen Weiler Wolf 186 2⁵⁴» 239 217 212 S2 ο 22 — — 2 270 6 08