bilb 5 München bei Georg Müller 9 8 35 4 J. 7 A 2* + 1— Laer. Paul Ernſt Chriemhild Chriemhild Trauerſpiel in drei Aufzuͤgen von Paul Ernſt Bei Georg Muͤller in Muünchen Nie IJuftbeunm ic n Km Das Auffuͤhrungsrecht iſt zu erwerb Or. Paul Ernſt, p. Adr. Verlag Georg 9 Müller Verlag Koͤnig Etzel Chriemhild, ſeine Gattin Koͤnig Gunthe Giſelher Hagen Volker Ruüdiger Gudrun, ſeine Tochter Iring Thüring 9 Ein Herr Ein Sklave Gefolge Bruͤder Chriemhilds aus Etzels Hofſtaat Hof von Etzels Koͤnigsſchloß. Links Eingang von außen. Mitte Eingang vom Koͤnigshaus mit Stufen davor. Rechts Eingang vom Gaͤſtehaus mit Stufen davor. Erſter Aufzug Burghof Koͤnig Etzels. Mitte Palaſt mit Treppe. Rechts Gaͤſtehaus. Links Mauer mit Eingang von außen Der Herr. Der Sklave Herr Als Juͤngling ritt ich von des Vaters Hof. Dem Koͤnigsſohne gaben das Geleit Glaͤnzend in Gold und Stahl des Vaters Herrn, Der Roſſe Eiſen klappten funkenſpritzend Auf Pflaſterſteinen, ſchoͤne Frauen winkten Aus tauſend Fenſtern, Buͤrgersleute liefen, Die Muͤtze ſchwingend, draͤngten ſich um uns, Treuherzig druͤckte einer mir die Hand, Die Traͤne wiſchend von berußter Backe, und uͤber ſchwerem Schurzfell baͤrtig lachend Ich hielt im Tor; der eng und hohen Gaſſe Frohes Gewimmel praͤgt' ich tief mir ein, Und winkte allen meinen Abſchiedsgruß, Und alle riefen Hoch! und Wiederſehn! Und heiter ritt ich in die weite Weit. Die gelben Ahren nickten uͤberm Weg, Denn damals zogen goldne Felder weit, Wie eines jungen Mannes Traͤume weit, 0 ind Schnitter rauſchten, richteten ſich auf, Und Schweiß abwiſchend, froͤhlich lachend, zeigend Mit Fingern, ſpaͤhten ſie den fremden Reiter. Der Koͤnig Etzel kam. Vor ſeinem Heer Lawinengleich ein Feuer waͤlzte ſich, Das brannte grau das Land. Im grauen Staub Auf ſeinem Wagen ſtand der Koͤnig Etzel, Den Koͤnige und Koͤnigsſoͤhne zogen. Denkmaͤler baut' er ſich aus Totenſchaͤdeln. Geſtorben ſind die Leute in den Staͤdten, Der Himmel ſcheint durch leere Fenſterhoͤhlen, Auf Markt und Gaſſe aͤſt das ſcheue Wild, Geſtorben ſind die Leute auf den Ackern, Um ihre Knochen beißen ſich die Woͤlfe, Und braun und endlos zieht ſich leere Steppe. Ich war ein Koͤnigsſohn. Mein Koͤnigreich Liegt ſtill und truͤb in Schilf und totem Moos. klave Schoͤn war die Welt, eh' Koͤnig Etzel kam, So meinſt du doch, denn Friede war und Ruhe, Gerechtigkeit und froher Arbeit Lohn, Und Koͤnig Etzel hat Gewalt gebracht, Gewalt, die brennt und mordet; Macht gebracht, Die unterdruͤckt. Auch ich bin Koͤnigsſohn, Und ehe deine Ahnen Mauern bauten, Gepfluͤgtem Boden hoffend Koͤrner warfen, Da weideten die Herden meiner Ahnen; Den Saͤugling an der Bruſt, das Kuͤbel Milch Auf ſtolzem Kopf zeltwaͤrts die Weiber ſchritten, Ziellos ins Weite jubelnd ritt der Mann, Der Burſch die Magd umfing in derber Luſt, 2 7 — en ſtill, wie Blaͤtter fallen, ern 090 keiner noch an morgen. jr m ins Land. Wir gingen euch entgegen, Zelt die Frauen brachten euch den Trank, r ſaßt mit uns, wir freuten uns der Gaͤſe, Und eh' wir wußten, was geſchehn mit uns War euch das Land, wir waren eure Knechte. Das mußte wohl ſo ſein. Wir dienten treu. Ich klage nicht. Ihr wart auch gute Herrn. Doch freie Maͤnner waren wir vorher. D2 S 2 8 2 2e2 — S ſt t eigen Leid macht fremdes Leid erkennen. u biſt mit mir im gleichen Alter, Knecht; ſah dich oft, doch dacht' ich nie an dich. Du fuͤhrteſt mir das Pferd im Hofe vor, Ich ſchwang mich auf, den Buͤgel hielteſt du, Noch einen Riemen zogſt du ſorgſam an; Ich rief:„Mach' ſchnell“, und ritt, du ſchauteſt nach. klave Wenn alles ſchlief, in ſternbeglaͤnzter Nacht, Ging ich ins ruhig atmende Gefild, Unhoͤrbar auf be— Pfade ſchreitend. Da ſtand ich ſtille. Leiſe traf mein Ohr Ein Klagelaut, ein ſanfter Klagelaut. Die Mutter klagte, die uns alle trug, Die fromme Erde:„Aufgeriſſen wird Mein Leib mit Eiſen. Gerne traͤgt er doch, Ich liebe meine Kinder. Baum und Frucht Und Menſch und Wild ſind alle meine Kinder, Weshalb muß Mord ſein?“ Herr Ich haͤtte fruͤher dich verachtet, Knecht, Und haͤtte knechtiſch dieſes Wort genannt. Nun bin ich ſelber Knecht. Dein Wort iſt wahr. (Beide ab nach verſchiedenen Richtungen. Chriemhild und Etzel treten auf) Etzel Hier ſtand ich ſtill. Zur Tenne Etzels Reiter Getreten haben das verſengte Land. Groß iſt das Land. Es naͤhrt die wenig Menſchen. Ich habe hier mein Koͤnigsſchloß gebaut. Dich fuͤhrt' ich heim als Weib. Wie ich gewollt, Ein Erbe waͤchſt nun meinem Reiche auf. Auch ſonſt haſt meinen Willen du erfuͤllt. Ich bin mit dir zufrieden. Sieben Jahre Biſt du bei mir. Du willſt die Bruͤder ſehn. Ich habe dieſen Wunſch— gern gewaͤhrt, Obwohl ich, Chriemhild, u an was du denkſt. Chriemhild Im fremden Land ſeit vielen Jahren leb' ich. Der Worte Klang und Sinn iſt fremd mir, fremd Geſichter, Mienen, Kleidung, Speiſ' und Trank, Die Erde ſelbſt, denn braun im harten Licht Die Steppe zieht ſich; fluͤchtig fern ein Reiter Erſcheint, verſchwinde tz Wieſe, Feld und Wald, Nicht ſind ſie hier. Der Fluß ſogar iſt fremd, Denn gelb in traͤgen Wogen zieht er hin. Etz el Gut, ſage, was du willſt. Ich konnte waͤhlen Aus tauſend—— unberuͤhrt, Ja ungeſehn von Maͤnnern aufgewachſen. Die Witwe waͤhlt' ich mir. Ich wollte wiſſen, In weſſen Schoß ich meinen Samen warf. Mein Erbe wird ein großer Koͤnig ſein, Und harten Herzens wollt' ich ſeine Mutter. Ich bin zufrieden, Chriemhild. Chriemhild Herr, ich danke. Etz el Nicht not. Ich bin kein Narr. Ich habe nichts, Das eines Weibes Herz erfreuen mag, Und Koͤnig Siegfried war der ſchoͤnſte Mann. Seit vielen Jahren biſt du nun mein Weib, Du denkſt an Siegfried ſtets und nicht an mich. Chriemhild Herr— Etz el Laß. Ich ſage dir: Ich bin zufrieden. Hatt' ich ein Weib im Bett, ſo fragt' ich nie, An was ſie denkt. Ich habe mir geſagt: Einmal muß ich bezahlen, wußte auch Den Preis. Ich wußt' ihn ſchon vor ſieben Jahren, Als ich die Boten ſchickte, dich zu frei'n. Ich hatt' es anders mir gedacht, ich muͤßte Auf meine alten Tage noch zu Feld Ziehn gegen deine Leute. Ungern haͤtt' ich's Getan. Doch wenn du mich gebeten, gut, Ich waͤre noch einmal zu Feld gezogen. Du haſt die Rache ſieben Jahre dir Geſpart. Jetzt willſt du ſie genießen. Gut. 2 Ernſt, Chriemhild 1I Chriemhild Herr, du verkennſt mich. Wohl, ich geb' es zu, Das Bildnis Siegfrieds iſt mir nicht erloͤſcht. Er war ein Menſch, nicht wie die andern Menſchen, Und wer nur einen Teil erkannt von ihm, Der ward ein andrer. Herr, wie waͤr' es moͤglich Je einen ſolchen Menſchen zu vergeſſen! Ich bin dein Weib, und bin dein rechtes Weib, Und habe jede Weibespflicht erfuͤllt, Mit freiem Herzen. Denn du biſt ein Mann, Den jedes Weib als Gatten ehren muß. Du haſt nicht mehr verlangt. Ein reifes Weib Kann anders nicht zu ihrem Gatten ſein. Du glaubſt, ich bruͤte Rache. Als... nun, als Damals geſchah, davon du ſprichſt, damals War ich noch jung. Die Herzen aͤndern ſich. Ich denke heut' an meine Kinderzeit. Dein Otnit kam——— Etzel Dein Otnit, ſagſt du immer, Mein Kind ſagt jede andre Mutter doch! Chriemhild Verzeih, ich war zerſtreut. Dein Otnit kam, Und klagte mir:„Ich moͤcht' ein Schweſterchen.“ Da dacht' ich Gunthers, unſrer Jugendſpiele, Des kleinen Bruders dacht' ich, Giſelhers, Der auch nun laͤngſt zum Juͤngling hochgewachſen, Und Heimweh uͤberkam mich. Darum bat ich, Daß du die Bruͤder mir zu Gaſte luͤdeſt. Etzel Vielleicht im Augenblick wahr iſt dein Wort, Halbwahr vielleicht wer haͤtte je ergruͤndet, Was Weibern Wahrheit iſt? Ich will nicht rechten: So weit, wie eure Scham, geht eure Luͤge. Als Mann und Koͤnig ſag' ich eines dir, Und weiß, du haͤltſt es feſt. In meinem Volk Nach altem Rechte heilig iſt der Gaſt. An meiner Grenze ſtellt' ich Wachen auf. Nahn deine Bruͤder, neigen ſie den Speer Und gruͤßen ſie, geleiten ſie zu Zelten, Und bieten Speis und Trank, und ſtehn bewaffnet, Vor jedem Feinde ihren Schlaf zu ſchuͤtzen. Dann ſind die Bruͤder Chriemhilds Etzel heilig. Verſtehe, was ich ſage. Jedes Volk Hat ſein Geſetz. Der Koͤnig iſt ein Koͤnig, Vielleicht, weil das Geſetz in ihm lebendig, Vielleicht nur, weil er's unverbruͤchlich haͤlt. Viel hab' ich dir vertraut— zu viel vielleicht, Wuͤrde mein Vater ſagen, der mich einſt Die ſchwere Kunſt der Koͤnige gelehrt. Vergiß niemals: Erſt biſt du Etzels Weib. Ich weiß, du haſt dir alles ſchon bedacht, So, wie ein Weib bedenkt— ich will nicht wiſſen, Was du bedacht. Du weißt es ſelber nicht. Niemals, du weißt, darf mich ein Vorwurf treffen. (Ab) Chriemhild(ihm nachſehend, fuͤr ſich) Vergiß niemals: Erſt biſt du Etzels Weib.— Etzel verlangt, daß er vertrauen darf.— Siegfried durft' es verlangen. Etzel nicht. Er iſt zu klug. Vielleicht, er hatte recht, Ich log mir ſelber vor. Mit roher Fauſt Riß er den Fetzen von der Scham mir ab. Vielleicht, ich weiß es nicht. Wenn das ſo waͤre, Dann waͤre Etzel noch nicht klug genug. Auch er iſt nur ein Mann und will vertraun. (Iring und Thuͤring treten auf Iring Die Gaͤſte, Herrin, die du eingeladen——— Chriemhild Sie kommen? Jring Folgen auf dem Fuß uns nach. Chriemhild Auch Giſelher, mein Bruder? Jring Giſelher Iſt ungeduldig, dich zu ſehn. Chriemhild Er war, Als ich die Heimat ließ, ein Knabe noch. War er erwachſen damals, manches waͤre Wohl nicht geſchehn. Er liebte ſeine Schweſter. Noch ſeh' ich Giſelher mit Traͤnen kaͤmpfen, Als ich die Hand ihm gab zum Lebewohl, Verlegen lacht' er zuckenden Geſichts und ruͤckwaͤrts barg er ſeine beiden Haͤnde. IJring Der Juͤngling Giſelher, dem Zug voran Auf zierlich taͤnzelndem mutwill'gem Roß In bunten Kleidern reitet er, mit Federn 14 Geſchmuͤckt den Hut, mit lachendem Geſicht. Er jauchzte laut, als er die Burg erſchaut, Und anbefehlen mußte Gunther ernſt, Sonſt waͤr' er vorgeeilt. Chriemhild Der gute Bruder! Er hofft hier Tanz und Feſt und Luſtbarkeit. Er ſoll ſich auch hier freu'n. Die ſchoͤnſten Maͤdchen Hab' ich verſammelt Thüring Gunther ritt mit Hagen. Chriemhild Mit Hagen? Thüring Chriemhild Mit Hagen? Hagen wagt Zu mir zu kommen? Eingeladen hab' ich Die Nibelungen alle außer Hagen. Er wagt zu kommen? Wenn zur Leiche tritt Der Moͤrder, brechen alle Wunden auf Und Blut fließt. Laͤngſt vernarbt ſind meine Wunden, Sie brechen auf. Zu Chriemhild wagt ſich Hagen? Die Moͤrderhand, die Siegfried hinterruͤcks Den Speer geſchleudert, ſoll ich gaſtlich druͤcken? Ich habe wach gelegen manche Nacht, Den Schrei erſtickt, die Knoͤchel blutig beißend, An Siegfried denkend, Siegfrieds Sterbeſtunde; An Brunhilds Seite ſtarb er, nicht an meiner, Und hatte recht, daß er bei Brunhild ſtarb. Ich aber wollte meine Art veraͤndern, So wollt' ich werden, wenn zum zweitenmal Siegfried zu Menſchen niederſtieg, dann wollt' ich So ſein, daß Siegfried ſtuͤrbe neben mir. Ich bin's geworden, bin ein neuer Menſch, Und nun kommt Hagen, meinen neuen Menſchen, Der Moͤrder Hagen will auch ihn ermorden! Giſelher(ritt auf) Das iſt die Schweſter! Chriemhild! Chriemhild Lieber Bruder! Umar men ſich ſtuͤrmiſch) Giſelher Was iſt dir, Schweſter? Chriemhild Nichts Giſelher Du freuſt dich nicht? Chriemhild Mein Bruder Giſelher, ich freue mich. Komm, laß dich ſchaun. Du haſt ein klares Auge, Und rein iſt deine Stirn.— Wie biſt du groß! In fremdem Lande hab' ich leben muͤſſen. An meinen Bruder hab' ich viel gedacht. Du liebteſt mich. Mich haßten alle andern, Die Mutter, Gunther. Groß biſt du geworden. Ich habe mich ſo ſehr geſehnt nach dir, Denn irgend etwas muß ein Menſch doch lieben, Ein Menſch, der leben muß, wie ich. 16 Jring Die andern! zolker und andere Herren treten auf. Chriemhild geht nen entgegen) Chriemhild Willkommen, Bruder, in der Schweſter 3 Volker, willkommen. Viele Maͤnner ſeh' i Vertraut mir von Geſicht, bekannt mit Willkommen alle. Hagen Hagen gruͤßt du nicht? Chriemhild Willkommen, Hagen. Hagen Deine Hand iſt kalt, Nicht ſehr lebendig liegt ſie in der meinen. Vielleicht, daß noch ein Mißverſtaͤndnis waltet. Ich bin der Bruder deines Vaters, Chriemhild, Und kenne dich. So laß mich offen ſein. Ich warnte Gunther. Zwiſchen dir und uns Iſt gut ein weiter Raum. Er ſah mich an Und ſprach:„Die Zeit trennt auch. Sie trennt die Taten.“ Ich glaube nicht, daß Zeit die Taten trennt, Denn wie ein Kind mit Kugeln ſpielt, ſo rollen Die Taten abwaͤrts; hemmen mag ein Steinchen; Doch wenn das Kind das Steinchen fortgeſchoben, So rollt, was abwaͤrts rollt. Wohl dacht' auch ich: Endlich ein Ende haben alle Folgen. Dein Kind iſt Etzels Kind, kindlos iſt Gunther, Und iſt zum Grabe Gunther abgeſtiegen, Deckt mich der Raſen, waltet Giſelher Und bluͤhn die Kinder Giſelhers in Worms, Dann ruht im ſichern Grund die Unheilskugel. Was Koͤnig Gunther trieb, ich weiß es nicht, Vielleicht ihm ſelber dunkel draͤngt' es ihn, Vielleicht der kuͤnft'gen Taten Geiſter leben Und treiben an, weil ſie geſchehen wollen. Nun hoͤre mich. Ich kam uneingeladen, Ich kam, weil Gunther kam, ich bin ſein Mann. Sieht auf die Bruſt des Herrn der Diener fliegen Des Feindes Speer, ſo haͤlt den Schild er vor. Nicht dich zu kraͤnken kam ich. Nicht zu kraͤnken Hab' ich damals getan, was ich getan. Was Gunther mir geſagt, das ſag' ich dir. So viele Jahre floſſen, andre Menſchen Sind alle wir, nach Koͤrper und nach Geiſt. Du biſt die Gattin Koͤnig Etzels jetzt Und ſeines Erben Mutter. Chriemhild ſkeiſer) Ausgeſprochen? Etzel eſteigt die Treppe herab, hinter ihm Geſolge, darunter Ruͤdiger und Gudrun) Willkommen, Freunde. Das iſt Koͤnig Gunther, Der Schweſter Zuͤge ſchau' ich im Geſicht. Das Hagen; an der Seite haͤngt das Schwert— Hagen eſtolz Das er dem toten Siegfried abgenommen. Etzel Das ſagt' ich nicht. Hagen Und ich verſchwieg es nicht. 18 Zum Willkomm ſag' ich, Etzel, einen Spruch. Chriemhild verſteht ihn, und vielleicht auch du. Der Mann haͤlt vor des Koͤnigs Bruſt den Schild, Sieht er den Speer des Feindes in der Luft. Doch ſieht des Feindes Hand zum Speer er greifen, Miyft 9 opr Wirft er zuerſt E tz Das iſt ein kluges Wort. Ich bin ein alter Mann. Von einem Hagen Lern' ich noch immer.— Giſelher iſt das, Der Nibelungen freundlich juͤngſter Sproß? Ich lieb' Erroͤten eines jungen Manns. An meinem Hof viel ſchoͤne Maͤdchen ſind; Lach' einer zu, ſie wird dir gerne folgen. Und Volker, Hagens Freund, von dem es heißt, Er fuͤhrt den Fiedelbogen wie das Schwert, Und fuͤhrt das Schwert ſo, wie es Hagen fuͤhrt! Ich bitt' euch, Herrn, folgt mir zum Saal hinauf. Auch fuͤr die Maͤnner iſt ein Mahl bereit. Ich habe meine Diener angewieſen, Sie zu geleiten. Gunther, deinen Arm! Etzel, Chriemhild am einen, Gunther am andern Arm die Treppe hinauf. Ihm folgen die Herren, das Gefolge zum Saal rechts. Es bleiben zuruͤck Giſelher und Gudrun. Es wird allmaͤhlich Nacht.) Giſelher Du biſt Gudrun, die Tochter Ruͤdigers? Gudrun Ja, Giſelher. Giſelher Ich will mich dir vertraun, Denn unſre Seelen, nah befreundet muͤſſen Sie ſein. Gudrun Ja, Giſelher. Giſelher Du wirſt nicht zuͤrnen, Ich ſpreche ſo, als kennten wir uns lange; Die Zeit iſt und Gelegenheit beſchaffen, Daß ich ſo ſprechen muß. Du weißt es auch, Denn dieſe Nacht ſchon kann ein Unheil kommen. Gudrun Ja, Giſelher. Giſelher Nicht wahr, du ſpuͤrſt es ſelbſt? Ich weiß nicht, was es iſt. Etzel iſt freundlich, Chriemhild iſt meine Schweſter. Gudrun Liebſt du Hagen? Giſelher Ich darf nicht ſagen, daß ich Hagen liebe. Er iſt zu klug. Ich war ein Knabe noch, Da ſtrich er mit der Hand mir uͤbers Haar, Und faßte mit dem Finger unters Kinn, Und ſah mich an. Ich aͤngſtigte mich wohl, Doch war ich ſtolz, daß Hagen mich beachtet. Du ſeufzeſt? Gudrun Ja. Um Hagen droht Gefahr. Giſelher Was weißt du? 5* 20 Gudrun Nichts. Vielleicht, ich irre mich. Es ſchien mir ſo. Giſelher Was aͤngſtigen wir uns! Gudrun Mein Vater iſt ein guter Mann. Ich ſage Das nicht, weil ich ſein Kind bin. Daͤcht' ich nicht An meinen Vater, fuͤrchtet' ich mich oft, Ich lebe doch an Koͤnig Etzels Hof. Nun denk' ich: Du ſollſt meinen Vater ſprechen; Ich ſpreche auch mit ihm. Wir ſind allein, Wir drei. Giſelher Gubelnd Ach, ſagſt du das? Wir drei allein? Faßt ihre Hand) Gudrun Ich meint' es anders, Giſelher, ich habe... Ich bin verwirrt... Ich ſorge mich um dich! Giſelher Laß ruhig deine Hand in meiner liegen. Wir wiſſen ja, daß wir verbunden ſind, Wir wußten's, als vor wenig Augenblicken Zuerſt wir uns ins Angeſicht geſehn. Du, Gudrun, biſt nun mein; ich Giſelher Bin dein. Was moͤgen andre Menſchen ſagen! Nicht anders waͤr' es, wenn wir jahrelang Schon Hand in Hand zugleich gegangen waͤren, Denn alles weiß ich, was in deinem Herzen, Du, Gudrun, was in meinem Geiſte lebt. Ich fuͤhl' es jetzt: ich bin allein geweſen, Ich fuͤhl' es jetzt: wir beide ſind allein, Denn alle andern Menſchen ſind uns fremd. Gudrun Flieh, Giſelher, ſolang es Zeit noch iſt! Im Stall die Knechte kennen mich. Ein Pferd Verſchaff' ich dir. Warum, ich weiß es nicht. Flieh, Giſelher! Ihr alle ſeid verraten! Giſelher Wie——— Gudrun Sorge nicht um mich. Ich bin geſichert Wenn du gerettet, alles meinem Vater Erzaͤhl' ich. Wenn du willſt, mein Vater bringt Mich dir nach Worms. Nur fliehe du zuerſt! Giſelher Du ſagſt nichts, was ich ſelber nicht gefuͤhlt. Doch fliehen kann ich nicht. Wenn Unheil kommt, So trifft es alle Nibelungen gleich. Gudrun O falſcher Stolz der Maͤnner! Giſelher Nein, nicht Stolz. Ich habe Angſt und fuͤrchte mich. Dir ſag' ich's, Und keinem andern Menſchen ſag' ich's ſonſt. Ich fuͤrchte mich. Ich lebte auch noch gern. Ich lebte gern mit dir. Das waͤre ſchoͤn. Doch Hagen darf ich in der Not nicht laſſen. Ich muͤßte mich ja ſchaͤmen, taͤt' ich das. 8 Gudrun Du haſt wohl recht, und Unrecht tat ich dir, Daß ich dich anders wuͤnſchte. Die Tuͤr des Saales oͤffnet ſich) Giſelher Lebe wohl, Wir ſehn uns morgen. Gudrun ab, Giſelher zu den Heraustretenden. Es treten heraus Hagen, zunther. Volker Gunther, Volker.) Hagen(zu Gunther) Nun? Gunther Du hatteſt recht. Volker Durch Nebelſchleier glaͤnzt der truͤbe Mond, Vom aͤngſtlich leiſen Gehn der Maͤnner Etzels Still ruht der Hof, es atmet ſtumm die Nacht. Hell wird ein Fenſter, ſinkt zuruͤck in Dunkel. Mit Etzel ſchweigend marmornen Geſichts Zum koͤniglichen Lager Chriemhild ſchreitet. Nun beugt ſich uͤber alle ſanft der Schlaf. Die Glieder loͤſt der Schlaf, befreit die Seelen. Die Seelen fliegen, aͤtherwaͤrts die einen, Und ſpielen froh im blau und goldnen Himmel, Im reinen Mondenlicht auf Schwingen wiegend, Und trinken klare Luft mit tiefen Zuͤgen, Und Himmelsabglanz ſcheint von Angeſicht Und Augen der Erwachenden zuruͤck. Unhoͤrbar, aͤngſtlich, Fledermaͤuſen gleich Die andern flattern niedrig, erdgebunden, 23 H V G 24 Um Haus, Gehoͤft, und uͤber Sumpf und Schutt, Und ſchweißgebadet, grauenhaft erſchreckt, Mit wildem Schrei fruͤh ſtoͤrt empor der Leib. agen(zu Gunther Du biſt der Koͤnig, Giſelher der Erbe. Wenn leer die Koͤnigshalle ſteht in Worms Und ausgeloͤſcht die Kraft, die alles hielt In einer Hand mit unſichtbaren Faͤden, Irrt durcheinander ohne Ziel das Volk Und wird verwirrt. Ihr muͤßt am Leben bleiben. Der Koͤnig ruht. Vom Rauſch bezwungen ſchlafen Am Hof die Diener. Nehmt ein Pferd ein jeder Und reitet, reitet weſtwaͤrts, was ihr koͤnnt, Entflieht der kalten Argliſt Koͤnig Etzels Und Chriemhilds Rache. olker Ich und Hagen bleiben. unther VBielleicht iſt klug, was du geſprochen, Hagen, Und wenn ich falle, wird verwirrt das Volk; Vielleicht. und Koͤnigspflicht iſt Dienſt am Volk. Doch kann's auch anders ſein. Wenn wir euch laſſen, Euch und die Maͤnner, die uns nachgefolgt, Wird jeder ſagen, daß wir untreu ſind. Wohl gehn zum Koͤnig unſichtbare Faͤden, Die jeden Mann an ſeiner Stelle halten; Doch nur zum Koͤnig, der ein Koͤnig iſt. Handl' ich unkoͤniglich, zerreiß ich ſie. Mir folgt der Mann in Treue, weil er glaubt, Daß ich ihn fuͤhr' in Treue. Hagen Koͤnig Gunther Hat anders ſonſt gefuͤhlt. Gunther Du haſt wohl recht. ders, als ich ſpreche. b' ich nur gelernt. Auch Chriemhild, dacht' ich, haͤtt' in ſieben Jahren Neues gelernt. Sonſt waͤr' ich nicht gekommen. Was mir im Herzen liegt, weiß ich allein, Und keines andern Recht iſt, das zu wiſſen. Ich handle treu. Du zogſt aus Treue mit, Ich bleib' aus Treue. Auch heute fuͤhl' ich an Was ich geſagt, das ha Giſelher Und ſo bleib' auch ich. Unſterblich iſt kein Menſch. Wenn mir beſchieden, Daß ſchon am Vormittag mein Leben endet: Iſt es in Ehren nur, ſo mag es ſein. Hagen So kommt und ruht. Ihr werdet Kraͤfte brauchen. Bereitet fuͤr uns alle iſt das Lager. Volker und ich, wir wollen Wache halten, Es waͤre moͤglich, allzu tief der Schlaf Wuͤrde uns vier. (Gunther und Giſelher gehen ab in das Gaͤſtehaus. Hagen und Volker ſetzen ſich vor der Tuͤr zur Wache) Volker FGeigend) Schlummert, muͤde Geiſter; ſchlaft, Gedanken, Seelen, fliegt, wie eure Wahl euch trieb Himmliſches und Irdiſches vernichtet Gott, in Gottes Liebe aufgeloͤſt. Schlummert, muͤde Geiſter, ſchlaft, Gedanken, Ruht vom Wollen, ruht vom Glauben aus, Himmliſches und Irdiſches erſchaffen Wacher Sinn hat, ſchlummernder umfangen. Ruhet, muͤde Geiſter, ſchlaft, Gedanken, Morgen toͤnend ſteigt die Sonne auf, Himmliſches und Irdiſches aus euch Glaubend, wollend muͤßt von neuem ſchaffen. Ruhet, muͤde Geiſter, ſchlaft, Gedanken, Schlummert tief und ſchlummert ohne Traum, Seid mit Himmliſchem und Irdiſchem Selber Traum, den Gott ſich ſelber ſchafft. Gott am Weltenmeer mit Kinderfingern Spielend Waſſer ſchoͤpft mit Muſchelſchalen, Schoͤpft aus Himmliſchem in Irdiſches, MWeer in kinderhandgegrabnen Teich. 26 Zweiter Aufzug Der Herr. Der Sklave. Volker und Hagen vor ihrer Tuͤr ſitzend Morgen Sklave Es kriecht das Moos auf unfruchtbarem Felſen, Es hebt ſich Gras mit zierlichem Gewirr Und laͤßt im Winde kleine Gloͤckchen toͤnen, Behaͤbig breitet Strauch ſich, maͤchtig ſtreckt Die ſtarken Aſte Eiche uͤbers Feld; In Frieden geht das Wild, die Wolken ziehn, Und Wolkenſchatten fliegen uͤbers Land. Aufrecht mit Pfeil und Bogen ſchreitet wild Durch die Natur der Menſch und ſpaͤht nach Mord. Herr Ich traͤumte, Sklave, deinem Worte nach: Wes halb iſt Mord? Als Sklave dachteſt du, Ich gab dir recht, ich bin nun ſelber Sklav. Einſt war ich Herr. Dunkel aus alter Zeit Erinnern ſteigt: Einſt dacht' ich nicht, wie du. Die Wolke zieht und Wolkenſchatten fliegt, Es geht das Wild und breitet ſich der Baum, In Zeiten, dem Erinnern lang entſchwunden, War Menſch wie kriechend Moos und laͤutend Gras, Eruſt, Chriemhild —1 H 28 Denn wie ein ſanfter, unverſtandner Freund Mit ſtillem Gruße kam des Todes Gott. Verwundert fragend ſahn die Ahnungsloſen, Er druͤckte laͤchelnd muͤde Augen zu. Ein furchtbar Antlitz aber Freiheit iſt, Nie will noch Gluͤck, wer ihr ins Auge ſah; Stolz will er, einſam Gehn in kalter Sont Aus Wolken Bergeshaͤupter inſelgleich; Und was iſt Tod? Ein grinſendes Geſpenſt, Das knochenklappernd, leichentuchgehuͤllt Am Abgrund ſitzt. Wir wollen Fluͤgel haben, In Luft uns heben, hoͤher, wo nicht Luft, Im leeren All Lichtſtrahlen jubelnd ſauſen, Indeſſen grinſend Tod am Abgrund harrt. Nun denn, das ſtinkende Gebein umarmend Heb' ich zum Tanz den Fuß vom Grat, zerſchmetternd Zieht mich der raͤtſelhafte Abgrund an. klave Nie hab' ich ſolche Worte noch gedacht, Doch als zur Schlacht damals die Reiter zogen, Als Etzel kam, als unter jungem Schenkel Das Rofß ſich taͤnzelnd hob, Schaumflocken flogen Auf ſchwarzen Bug, auf Harniſch Sonne blitzte, Sich klappernd auf dem Ruͤcken hob der Schild, Da ward auch mir das Herz bewegt von Mut, Ich lief zum Stall zuruͤck, warf mich ins Stroh, Und ſchlug die Naͤgel wuͤtend in die Backen. err Wie lang iſt's her, daß ich die Worte dachte? Es war wohl Hunger, der uns ſchwach gemacht; Das weiß ich wohl, obwohl ich viel vergaß: Fuͤr ein Laib Brot ward eingetauſcht ein Roß, Die Ruͤſtung warfen und die Waffen fort Die Reiter. Pluͤndernd zogen, bettelnd Banden, Gehoͤfte flammten auf, die Bauern wehrten Mit Senſen, Gabeln. Viele kamen um. Das war des großen Sterbens damals Anfang. Seit langen Jahren Etzels Diener bin ich. Dienergedanken muß ein Diener haben. Mir ward vom Herrn geſagt, was meine Pflicht. Das tat ich treu. Welch Wehen in der Luft Weckt ploͤtzlich fuͤrchterliche Sehnſucht auf, Laͤßt ſchaudernd Freiheit denken, Stolz und Tod? Sklave Auch mich ergriffs, und unverſtanden Wollen Durch deine Worte iſt mir klar geworden. Der Deutſchen Kommen ſchuf dies Wehn der Luft, Das harte Lachen, unbarmherz'ge Blick, Das ruh'ge Schreiten und das ſichre Wort; Der Hof ſcheint anders, Etzel ſelber, Chriemhild— Und ich, ich weiß nicht, welch' ein Menſch ich bin. (Beide ab (Giſelher tritt aus der Tuͤr zwiſchen Volker und Hagen) Giſelher Das zwiſchen Schlaf und Wachen wirre Sein In Sonnenglanz, Taublitzen, Morgenkaͤlte Geht uͤber. Nuͤchtern werden lange Stunden Sich ziehn des Tags. Das Wunder aber kam In warmer Daͤmm'rung, nicht im kalten Licht. Hagen Du ſtehſt im Tor. In deinem Ruͤcken liegen Der Eltern Haus und ſpielgewohnte Raͤume, Der Jugend glaͤub'ge, zukunftsfrohe Freundſchaft, Der Diener Liebe, Sorge der Verwandten. Vor deinen Blicken zieht ſich frei der Weg. Schau nicht zuruͤck. Die Tore ziehe zu, Verſchloſſen laß die vaͤterliche Stadt, Geh deinen Weg. Hoͤrſt unbeſtimmtes Rufen Des Tores ſchwere Bohlen dumpf durchdringen, Schau nicht zuruͤck, ſchau vorwaͤrts deinen Weg. Auf deinem Wege wirſt du irgend finden In neuer Stadt ein freundlich neues Haus; Dort wohne, ziehe Kinder. Fragen einſt Die Kinder:„Vater, ſprich von deinem Vater, Von deiner Mutter,“ ſagen ſollſt du ihnen: Das Tor in meinem Ruͤcken zog ich zu Giſelher Schon wieder will aus deinen dunklen Worten Mich tuͤckiſch heimlich Sorge uͤberſchleichen. Doch anders als in Daͤmmerung und Schatten, Im hellen Sonnenſchein iſt unſer Herz. Vor Gunther, meinen Bruder, will ich treten, Der mir an Vaters Stelle ſteht, vor dich, Den aͤlteſten der Nibelungen, treten Vor meine Mutter, Gudrun an der Hand, Und Euren Segen bitten. Volker Kinder wachſen Im Haus. Gebaut vor langen Jahren hat's 30 Als kraͤft'ger Mann der Ahnz er hat gedacht An Freunde, ſchoͤn vereint im großen Saal, Dem Saͤnger lauſchend; leichte Kinderfuͤße In langen Gaͤngen laufend, froh erſchreckt Vor laͤchelnd ſtill erhobnem Mutterfinger. Er ließ ſein Gut dem Sohn; im Bilde ſchaut Freundlich herab das laͤngſt gebrochne Auge Auf Sohnes Freunde, Sohnes Kind und Weib; Der Enkel folgt, Urenkel; gleich gereiht Die Bilder ſchau'n auf immer neues Leben, Und immer neu ein Bild nach ſeiner Zeit Blickt von der Wand auf immer neues Sein. Hagen Du ſiehſt die Welt mit freundlich klarem Auge, Wie ruhiger See, Fruchtbaͤume uͤberhaͤngt, Wo ſtill im Kahn, die Ruder eingezogen Zwei Liebende verharren; ausgereckt Zu gelber Birne uͤberm Haupte hat Die Hand der Juͤngling; froh bezaubert blickt Im Spiegelbild die Jungfrau den Geliebten. Ich mußte tun, was immer meinen Blick Zu ſehn durch ſolche Taten zwingen muß, Wie die ſind, die ich tat: den hoͤchſten Mann, Der mir vertraute wie ein Kind, den ich Erſehnt, mußt' ich von hinten morden, Und wilder Sinn zieht wilde Taten an. In Giſelhers Geſicht das Juͤnglingsleuchten, Auch mir hat's an das Herz geruͤhrt, auch ich, Vergeſſend, was ich lebte, mich erinnernd An Jugendtraͤumen, jugendliches Hoffen, Will gern euch glauben, wenn ein Jugendgluͤck 32 Zu Giſelher das Jugendtraͤumen zieht. Ich will euch glauben, denn ich glaube nicht. Chriemhild verſchloß im Herzen, was ſie litt, Und warf den Schluͤſſel fort ins tiefe Meer. Zerriſſen zum Vergangnen iſt der Faden, Von neuem Flachs ein neues Schickſal ſpinnt Durch Giſelher ſich an. Ich will es glauben. (Chriemhild, Ruͤdiger und Gudrun treten auf aus dem Palaſt) uͤdiger Wie geſtern war's. Den jungen Vater rief, Der aͤngſtlich aufgeregt im Saale ging, Kichernd die Magd und ſprach„Ein Toͤchterchen“. Im Bett lag deine Mutter, ſelig laͤchelnd, In Muͤdigkeit die Augen halb geſchloſſen, Und hatte dich im Arm. Ich ſtand mit Zagen, Auf Zehenſpitzen naht' ich mich dem Bett Und kuͤßte deine Mutter auf die Stirn. Sie ſah mich an und wendete den Kopf Und ſah auf dich. Du warſt ein gutes Kind. Als deine Mutter ſtarb, kaum vierzehnjaͤhrig Warſt du, da ſtandeſt du vor mir, und hobſt Dich auf die Fuͤße, ſchlangſt um mich die Arme Und ſprachſt:„Nun bin ich Mutter“. Deine Augen, Wie deiner Mutter braͤutlich fromme Augen, Sahn mir ins Antlitz; wild umarmt' ich dich, Die Zarte, Traͤnen unaufhaltſam ſtuͤrzten Auf deinen Scheitel, deiner Mutter Geiſt, Sie ſelbſt in dir glaubt' ich im Arm zu halten... Fuͤr einen andern hab' ich dich erzogen, Das wußt' ich ja Chriemhild Du machſt es ihr zu ſchwer. Was kann auf dein Verſtummen ſie erwidern! Sieh ſie ergluͤhn! Ich fordre ſie von dir. Mein Bruder Giſelher, gib deine Hand! Schau ihn und freu dich ſeiner. Deine Tochter Verlierſt du nicht; ſie bringt dir einen Sohn. Giſelher Ich bitt' Euch, Vater. Ruüdiger An mein Herz, mein Kind! Umarmt Giſelher Giſelher Ich habe meinen Vater nie geſehn Und wuchs als Waiſe. Juͤngling bin ich nun, und fuͤhr' ich Gudrun heim, dann bin ich Mann; Als Juͤngling werd' ich und als Mann erfahren, Was Vaterliebe und was Sohnespflicht. Etzel mit Otnit aus dem Palaſt. Gunther aus dem Gaͤſtehaus treten au Etzel Als erſter, Ruͤdiger, bringt ſeinen Wunſch Dein Herr; als erſter, Giſelher, dein Bruder. Chriemhild, du ſinnſt? So wird es beſſer werden, Als du gedacht und ich. So iſt es doch? Wir wiſſen nicht die Zukunft; wiſſen nicht, Was morgen wird das eigne Herz beſchließen. Nun, Chriemhild, faͤngt ein neues Leben an. Gunther Auch meine Hand laß, Ruͤdiger, in deine Sich legen; freundlich, Gudrun, ſieh mich an; 33 Mein Bruder iſt mein Erbe; was ich ſchaffe, Ich denk' an ihn und dich und eure Kinder. uͤdiger Ich bin dein Diener, Etzel; was mir Chriemhild Befiehlt, muß ich erfuͤllen. Gerne ſtets Hab' ich gedient euch beiden. Gerne ſtets Will ich euch weiter dienen bis zum Tod. Doch ſeid ihr eins nun mit den Nibelungen: Wer euer Feind iſt ihr Feind, euer Freund Iſt auch der Nibelungen Freund. Unbruͤchlich Durch Eid, Verſchwaͤgerung, Freundſchaft iſt der Bund. Drum bitt' ich: laß mich ziehn zu meinem Kind, Laß mich bei Giſelher und Gudrun ſein: Ich diene euch, wenn ich den Kindern diene. Chriemhild Laß mich erwidern, Gatte. Unbekannt, So ſprachſt du ſelber, iſt die Zukunft uns. Wir wollen wohl. Doch ſelbſt das eigne Wollen, Mit fremden Augen ſchaut's uns morgen an. Ich weiß nicht, was mich ruͤhrt, ſchau ich der beiden Klar helles Angeſicht und Zukunftsglauben— (Hagen und Volker ſind zu der Gruppe hinabgeſtiegen Ich weiß nicht, was mich warnt... Hagen 4 83 Du ſprichſt nicht weiter. Ich weiß es, was dich warnt; du weißt es auch. Chriemhild Mußt immer wieder dein verhaßtes Antlitz, Die widerwaͤrt'ge Stimme vor die Seele, Die arme Seele unverſchaͤmt mir draͤngen! 34 Ich ſah dich nicht und wollte dich nicht ſehn. Ich hatte dich vergeſſen! Hagen Magſt du glauben. Ich glaub' es nicht. Von Etzels Dienern iſt Der einz'ge Ruͤdiger, der unſresgleichen. Du weißt, uns ſchuͤtzt das Gaſirecht Koͤnig Etzels. Ich will nicht ſchlau auf beiden Schultern tragen. Iſt Ruͤdiger der unſre, keine Macht Kann uns verderben. Nun, ich will ihn nicht. Etzel Du weißt wohl, Ruͤdiger, von allen Dienern Stehſt deines Koͤnigs Herzen du am naͤchſten. Ich weiß: dir iſt das weniger als mir. Sprich nicht. Das iſt kein Vorwurf. Deine Pflicht Haſt du getan; mehr kann ich nicht verlangen, und mehr biſt du nicht ſchuldig. Was ich tat, Um dich zu halten, tat ich meinetwegen. Du willſt bei deinem Kinde bleiben. Gut. Nach der Vermaͤhlung, wenn in ihrem Land Die Nibelungen ſicher wieder wohnen, Entlaß ich dich. Dann magſt du ihnen dienen, So lange dienſt du mir noch. Ruͤdiger Danke, Herr. Jring, beſchmutzt, blutig, tritt auf durch den Außeneingang Etzel Was iſt? Ein Streit? Jring Die Deutſchen mit den Hunnen, Beim Fruͤhmahl, ohne Grund. Ich habe ſelbſt Geordnet alles, war beſtaͤndig dort; Ausdruͤcklich hatte Chriemhild mir befohlen, Fuͤr das Gefolge ſollt' ich Sorge tragen, Und hatte mich gewarnt: argwoͤhniſch ſind, Stolz, hitzig ſind die Maͤnner. Etzel Meine Leute Sind ſchuld? Hagen(nimmt Otnit auf den Arm) Du ſaͤheſt gern den Helm? Chriemhild Was iſt mit Euch? Was nimmſt du auf den Arm das fremde Kind? Etzel Des Koͤnigs Gaſtrecht ſchuͤtzt die Deutſchen, gleich Wer angefangen haben mag den Streit. Die Hunnen ziehen ſich ſofort zuruͤck. Ich werde mir die Strafe uͤberlegen. Du ſprichſt in meinem Namen zu den Deutſchen, Entſchuldigſt mich. Jring Ja, Herr. Etzel Du zoͤgerſt noch? Jring Der Streit war ſchlimmer, Koͤnig, als du denkſt. Chriemhild(u Hagen) Du meinſt das Kind als Geiſel zu behalten, Wenn eurem Übermut die Strafe droht? 36 Langmuͤtig bin ich, oh, langmuͤtig bin ich, Vergeſſen hab' ich alles, das ihr tatet, Ich habe euch die Schweſterhand gereicht, Dir ſelber hab' ich freundlich zugelaͤchelt, Gut konnte alles werden wie vorher. Du willſt es nicht. Dir ins Geſicht geſchrieben Stand, was du willſt. Du trateſt mir entgegen An dieſer Stelle hier. Ein offen Buch War mir dein Angeſicht. Ich konnte leſen, Was tuͤckiſch alles du im Herzen bargſt. Gut konnte alles werden, wie vorher; Du willſt es nicht. Doch wenn das Schickſal rollt, Wenn der Beſuch, der Segen bringen ſollte, Mehr als Verzeihn, Vergeſſen— ja, Vergeſſen, Wie haͤtt' ich ſonſt euch ſchweſterlich geladen? Wenn der Beſuch zu Fluch wird und Verderben, Hagen hat Schuld, der Moͤrder Siegfrieds, Hagen. Gudrun Die Mutter aͤngſtigt ſich; zu mir komm, Otnit, Wir gehn zum Stall und ſehn die Pferde an. Otnit Ich will bei Hagen bleiben, ich bin Mann, Von Hagen lern' ich. Ich will Koͤnig ſein. Etzel Was war es, Iring, das du ſagen wollteſt? Iring Ich weiß nicht, Herr, von wem der Streit begonnen. Die Deutſchen ſaßen geſtern, luſtig lachend, Und tranken, unſre Leute zwiſchen ihnen. Ich bin doch ſelber Deutſcher, Herr, ich warnte; — Die Deutſchen kenn' ich und die Hunnen. Geſtern Hat wohl ein Hunne einen Scherz gemacht, Der Kaͤmmerer der Koͤnigin, ſo ſcheint's, Den einer als Beleid'gung faſſen konnte. Der Deutſche ſagte nichts. Die ganze Nacht, Nachdem die Hunnen ſie verlaſſen hatten, So denk' ich mir, ich weiß es nicht, die Deutſchen Sind wach geweſen, haben uͤberlegt, Und wie nun heute fruͤh die Hunnen kommen, Harmlos und ohne Arg, da ſtehn die Deutſchen, Es waren zwanzig Mann, mit ernſtem Blick, Einer tritt vor und gruͤßt gemeſſen, foͤrmlich Und ſagt, daß er beleidigt von dem Hunnen, Und ſagt, der Hunne ſoll Verzeihung bitten. Nun, Herr, du weißt, die Hunnen denken anders; Sie lachen, wie der Mann ſo ernſthaft ſpricht. Der Deutſche zieht das Schwert. Ein alter Hunne Springt vor und will beguͤt'gen. Hunderte Von Hunnen ſtehn. Der alte Mann erklaͤrt: „Wenn du den Mann angreifſt, ſo ſtuͤrzen alle Sich auf dich los.“ Der Deutſche zuckt die Achſeln. Die andern Deutſchen ziehn jetzt auch das Schwert. Der alte Hunne ſchreit:„So zaͤhlt doch, Maͤnner! Braucht doch Vernunft! Ihr kommt doch alle um!“ Der Deutſche ſagt:„Hier handelt ſich's um Ehre,“ Er ſchiebt den Alten fort. Da ſteht ſein Feind, Und ſieht ihn dumm verwundert an. Der Deutſche Mit flacher Klinge gibt ihm einen Hieb; Da bruͤllt der eine los und zieht, die Hunnen Ziehn alle. Als ich ging, die Deutſchen lagen Schon tot. Hagen Schon alle tot? Jring Nicht einer lebt. Hagen Die zwanzig Deutſchen waren gute Maͤnner. Otnit l(auf Hagens Arm) Sie hatten vor den Hunnen keine Furcht! Gunther Nun ſind wir vier allein im Hunnenland. Etz el Laß einen großen Scheiterhaufen bau'n Aus beſtem Holz und lege drauf die Deutſchen. Zehn Opferpferde laß fuͤr jeden ſchlachten. Die Aſche laß in ſchoͤnen Kruͤgen ſammeln, Laß baun ein großes Grab fuͤr alle zwanzig, Dort ſtelle ein die Kruͤge; ſeine Waffen Gib jedem bei und laß das Grab verſchließen. Inzwiſchen frage bei den Hunnen nach Wie alles kam und merke dir die Zeugen. Ich will, daß alles klar iſt. Liegt die Schuld Bei meinen Leuten, werd' ich ſie beſtrafen. (Iring ab) Ihr ſeht mich tief bekuͤmmert, Anverwandte. Ich hatte zum Bewirten eurer Leute Die Zuverlaͤſſigſten beſtimmt der Meinen. Es werden mehr gefallen ſein, als Deutſche. Hagen Der Streit begann durch Chriemhilds Kaͤmmerer. 30 Chriemhild So willſt du ſprechen: Chriemhild traͤgt die Schuld? Ich nahm den Kaͤmmerer und ſprach: Vorſichtig Sein muͤßt ihr; glaubt der Deutſche ſich gekraͤnkt, Verſchwiegne Rache nicht auf guͤnſt'ge Zeit Aufſchiebt er; ſinnlos ſchlaͤgt er zu; fuͤr ehrlos Haͤlt er die Klugheit. Trauen, ſagt' ich, darf ihm keiner; Kein Wort und keine Tat ſind ſo gerichtet, Daß ihre Wirkung uͤberlegt auf andre; Das haͤlt er fuͤr veraͤchtlich; wie ein Tier, Dumm ſtuͤrzt er, nur den eignen Antrieb fuͤhlend, Blind gegen die Gefahr, auf ſeinen Feind. Das ſagt' ich ihm und warnt' ihn. Sagte weiter, Was mir geſchehn in meinem Vaterland Von meinem Bruder, Oheim, von denſelben, Die heute voll Vertraun auf fremde Erde, Auf der ſie machtlos und ich Koͤnigin, Beſuchend kommen. Das iſt deutſcher Geiſt, So ſagt' ich ihm. Vorſichtig ſei. Bedenke, Daß ſie die Gaͤſte Koͤnig Etzels ſind. Etzel Gib, Hagen, meinen Sohnz; er ſoll zu mir. Otnit Laß mich, mein Vater, bitte. Hagen Koͤnig Etzel Iſt auch beſorgt, ich halte ihn als Geiſel? Etzel Ich wuͤnſche, Hagen, dem Befehl gehorcht. 40 Hagen Du hoͤrteſt Chriemhilds Schilderung von uns; Das Gegenteil der treuen Schweſter Sorge Bewirkte bei dem Kaͤmmerer. Bei dir Wird ſie gewiß bewirken, was ſie ſoll. Gunther Die zwanzig Edelſten von meinen Herrn Hatt' ich gewaͤhlt, nach hier uns zu begleiten. Sie liegen tot. Die Rache Chriemhilds ſchreitet. g Maͤnner galt es Chriemhild, Nicht um die zwanzig Es galt um uns. Chriemhild Weshalb denn, waͤr' das wahr, Bat ich fuͤr Giſelher um Gudruns Hand? Vergeſſen wollt' ich, was ihr mir getan; Ich kann vergeſſen, die ich Unrecht litt. Nur ihr, die Unrecht tatet, koͤnnt es nicht. Mißtrauen muͤßt ihr mir. Gunther Weshalb denn dann Sind wir gekommen? Chriemhild Was du, Bruder, denkſt, Mir iſt es klarer, als es Hagen ſelbſt. Du fuͤrchteteſt; doch ſchlimmer als die Furcht Vor Chriemhild war die Furcht vor deiner Furcht. Du kamſt, dir deine Unſchuld vorzuluͤgen. Du luͤgſt mit Taten, Bruder. Hagen Wie du ſelbſt, Als Gudrun du mit Giſelher verlobt. Chriemhild Bin ich im Irrenhaus? Was tat ich dir, Sprich, Giſelher, das nicht die Schweſter tat! Ich habe keinen Menſchen, den ich liebe; Du, lieber Bruder, warſt mir wie mein Kind, Was koͤnnt' ich haben, haͤtt' ich dich nicht mehr! Nicht wahr, du ſtehſt zu mir, zu deiner Schweſter! Giſelher Ich muß dir danken, Schweſter. Chriemhild Stockſt du, Bruder? Mehr nicht, als danken? Giſelher Ja, auch mehr... Chriemhild Nicht mehr. Giſelher Du mußt mich recht verſtehn... Chriemhild Oh, ich verſtehe, Du denkſt, die Nibelungen ſind in Not, Du mußt zu ihnen halten? Keine Furcht, Der Hunnen Gaſtrecht ſchuͤtzt die Nibelungen, Das haben ſie gewußt, auch Hagen wußt' es, Als ſie zu Etzel kamen. Narren waren Die zwanzig Ritter. Hatten ſie Verſtand, Sie koͤnnten heute noch im Hofe raſſeln. Gunther Nun, wenn es denn ſo iſt, vergeſſen wollen Wir, Chriemhild, unſre Worte. 42 icht wahr ſyr ild jemh El 2 Dritter Aufzug Auf der Treppe zum Gaͤſtehaus uͤbereinander gehaͤuft Leicher von Hunnen. Sonſtige Spuren des Kampfes Herr. Sklave Sklave Ich habe Hand und Arm und Fuß wie du; VBielleicht, daß kraͤft'ger ſich mein Muskel ſpannt Und feſter ihm die Sehne iſt gefuͤgt. Ich atme Luft wie du, und eſſ' und trinke Wie du. Die Bilder meiner Augen ſtehn, Die Toͤne meines Ohrs in meinem Geiſt, Wie ſie in deinem ſtehn. Mein Geiſt zieht Schluͤſſe, Wie deiner zieht; bewegt zweckvoll die Glieder; Ich bin ein Menſch wie du. Ich bin dein Diener, Du biſt mein Herr. Wo ſteht das Recht geſchrieben Daß Herren ſind, und Herren Diener haben? Herr Welch neuer Ton, welch' ungewohntes Denken? Du machſt mich irr. Als Herr bin ich geboren—— Sklave Die Wolken jagen, heulend irrt der Sturm, Die Tuͤren ſchlagen, Ziegel in den Hof Vom Dach geriſſen ſtuͤrzen, Sturm, Gewitter 44 rlebt' ich oft, dumpf weitet ſich die Bruſt, Geruch der Luft iſt anders, macht mich wirr; Ich weiß nicht, was ich bin, ich bin ein andrer, Auch ich will Schwert und Speer, auch ich will ſtreiten, 2 Blut ſehn und riechen, mork ch bi inn! Ar 819 8 4 NI K 40 4 45 + W̃ aſt du getan! Ich will dich wuͤrgen! R Ich will auf deine Leiche treten, Menſch! Zuruͤck, wahnſinnig biſt du! Sklave Wahnſinn iſt, Wahnſinn iſt das! Ich bin ein Menſch wie du, Zu deinem Hunde haſt du mich gemacht, Du haſt gedacht, ich weiß das nicht? Ich habe Allnaͤchtlich wach Lee feſt verbiſſen Wuͤtend in meine Decke, den Geruch Des Hengſtes fiebernd ſchluͤrfend ins Gehirn, Dem ſie gedient, als ſie noch neu, die Decke, Als ſie noch nicht nur deinen Diener waͤrmte. Ich ſtriegelte das Pferd, du ſaßeſt auf, Du kamſt zuruͤck, ich wiſchte ihm den Schweiß, Du kuͤßteſt Weiber, weiß, hochmuͤtig, rauſchend In Seide. Deine Weiber will ich kuͤſſen. Ich bin noch nicht zu alt. Ich habe noch Genuß vom Weibe⸗ Herr Tier, mein Weib und Kind—— Totſchlagen muß man dich! Sklave Totſchlagen, gut! Vom Blutgeruch erfuͤllt die ſtumpfe Luft. R 45 Die Hunnen ſtuͤrmten an; mit langen Schwertern Zwe ihaͤnd ig angefaßt, die Deutſchen ſchlugen Wie Dreſcher Schar. jebaut er Toten Haufen, Blut in Rinnſeln fließt m Hof die rot und weißen Flieſen lang. Deutſchen leben noch in ihrem Haus. ine Pauſe trat im Morden ein. Hunnen laſſen ſich nicht treiben mehr. Die Finger im beſchaͤumten Munde freſſend, Ohnmaͤcht'ger Wut mit beiden Fuͤßen ſtampfend, Steht Chriemhild treibt mit heiſerm Wort; Die Hunnen R ſich arög und ſchweigen. hriem hild(in Pala i chend, nach in mſonſt hat, Hunnen, E gemaͤſtet, Volk ohne El U S D 1 U Volk, das dem Fluͤcht in die Wader Das Bein am Eckſtein— und dem, pruͤgelt, Den Schwanz einkneifend winſelnd leckt die Hand Vier Maͤnner ſind's, die au— i Stufen ſtehn e Maͤnner nur. Und Hunderte von euch N N5o 1 Vermochten nicht,d aß ſie die vier bezwangen. 1 ſo. Auf ſeine Art kaͤmpft jedes Volk Pechkraͤnze her und ſol udert ſie aufs Dach Verbrennt das H in dem ſie ſich verbaut, Und wenn kein Pfeil und Speer durchdringen kann eurer ſchlappen Hand der Deutſchen Harniſch, m Panzer laßt ſi ſie n wie den Krebs. Fol des Gaſthauſes das Feuer in dieſem) Geraͤuſch hinter der Szene, waͤhrend des enden ſieht man durch die Tuͤr 4 7 5E901 M* Jofif 2 Il, 4 d ſich nücht 1 b ogon U. tand ſicd U U gen, kann d J de 1 Alick lrann ve 1 1 HRrien 1 Chriemhild Verhaßter Klang von tief verhaßten Worten! I 4 1 1 5 7 5 1 in D N c; Im andern Land ward ich ein andrer Menſch. nchts k ˖ I ewalt und Macht: Ich will das Recht, ich glaube an das Recht; Das Recht, das Gaͤſte ſchirmt, das Kinderunſchuld Doch er wird aus allen 110 W. re Und es iſt nicht. Menſchen aber ſind. 4 4 44 48 114. 1 Ich bin, der ich bin, der will ich ſein; Sehnen will ich mich aus Ur olkommnem, Gunther ön der Tuͤr des Gaſthauſes) Das Feuer laͤuft die Sparren in die Hoͤhe Geſchmolzen tropft das Blei vom Dach hernieder Die Glut benimmt mir Atem und Verſtank Luft, Luft! E Chriemhild Mein Bruder! Gunther Chriemhild, riefſt du mich? Ich kann nicht ſehn. Chriemhild Komt m in der n Hof hinab Laß Hagen meiner Rache, rette dich. Gunther So ſtehn wir uns zum Tode gegenuͤber. Das iſt der Schluß, er kann— anders ſein. Nun hoͤre Chriemhlld Seit ich denken kann, Wir beide wa hlecht. Ich will nicht feig Dir Schuld Doch ich bin ein Mann, Nie Ich 1 Im Angeſicht des Todes pruͤf' ich nun. Ich bin den Weg, auf den ein Gott mich ſtellte, Als ich geboren, bis zum Schluß gegangen Viel andre Wege gab's, die hoͤher fuͤhrten; Ich ging durch Sumpf. Doch ging ich meinen Weg. Du meinſt, in Schande rett' ich nun mein Leben? Was ich auch tat, ſo ſchaͤndlich war es nicht, Daß Recht du haͤtteſt, das mir anzuraten. Selbſt Chriemhild wuͤrde Hagen nicht verlaſſen. Chriemhild So gib mir Giſelher heraus! Gunther kehrt in das Gaͤſtehaus zuruͤck. Gudrun, hinter ihr Ruͤdiger, Etzel kommen) 48 Noch lebt Dein Bruder Giſelher. Was tat er dir Du gabſt ihn mir. Ich traute deinem Wort. Ich ahnte wohl, und doch hab' ich vertraut. Du ſpielteſt, wie die Katze mit dem Fang. Du magſt ja ſpielen. Ich bin Giſelhers. Zu Ruͤdiger, der ſie zuruͤckhalten will) eine Tochter bin ich nicht, 2 Laß, Vate 5 Zu Giſelher gehoͤr' ich! SGunther, Giſel Giſelher, zu mir! Giſelher Die gamte Zeit hab' ich an dich gedacht. Ich glaube faſt, ich war dem Tode nah, Ich ſagte deinen Namen vor mich hin. Gudrun Laß Blut und Brand zuruͤck, und Liſt und Rache, Verzweiflung, Luͤge, Untergang und Stolz; Hier handeln nicht mehr Menſchen, welche wollen, Es reißt ein Strom, es ſtuͤrzt ein Berg zu Tal. Wir wollen ziehn, und weite Ebne ſoll, Unuͤberſteigliches Gebirge liegen, Schweigſamer Wald und freundlich ſtille Fluren; Dann wollen eine Huͤtte wir erbaun, Wo fromme Ackersleute Furchen ziehn, 49 Wo vor beladnem Wager iſchwe er der Stier 4 A 6 Vom Knecht getrieben widerwillig wandelt, Und wollen in gedank Ven zerhr Icht Den Tag verbringen, l kachte ſoll Traumloſer Schlaf die Glieder uns entfeſſeln, f Denn jetzt ſind wir gekrampft in Haß und Wahn Giſelher Wie kindermorgendlichem Schlummer bilden Sich aͤngſtlich wuͤſte Formen druͤckend ſchwer, Und iſt: Wenn Aufſchrei moͤglich waͤre, Dann waͤr' Erwachen; Wiſſen iſt: die Sonn Blitzt rauben tropfenſaugend tauſendfach, Und lieber Mutterſtimme Klang aus Ferne, a f Hſus mörch inhbeſtim r* Aus maͤrchenunbeſtimmter Ferne toͤnt, 41 Macht ſuͤß das Grauen; Wiſſen iſt: Abſchuͤtteln Kann ich den Traum, u Beugt uͤbers Bett die Mutter d Beſicht 7 Ich kann nicht, Gudrun. Reißen muß der Strom Kein Strohhalm bin ich, der ans Ufer ſpuͤlt. Schickt neue Moͤrder Chriemhild, neben Hagen Steh' ich und fall' ich. Gudrun 6u Ruͤdiger) Seine Hand in meine Haſt du gelegt, er iſt dein Sohn geworden Hilf, Vater, deinem Sohn! Chriemhild(z Ruͤdiger Ich ſchickte aus, Was Etzel hat im Hunnenheer von Helden Die en wehrten ſich, die Hunnen fiel Dann wollt' ich ſie verraͤuchern. Wie du ſiohſt, 2 N2 + K7 Kos Waänt Sie 1 U kcann . 4 FNick 1 5 7 dich At ſollſt der oin! Du, Vater, ſollſt der ein! U J FNiaset die N R 51 + 1 2 AA We Doch biſt du Etzels Mann; und willſt du feig Der Pflicht, die du beſchworen, dich entziehn? Schweiß perlt auf der Stirn dir. Laß mich, Vater, Schweiß dir von der Stirne wiſchen. Ruͤdige Was ich muß ich halten, Weib. bitte, Weib. Treib's nicht zum Außerſten. Chriemhild Du ſagſt, was du beſchworen, mußt du halten. Fuͤdiger(u ſich) Ich— mich in Dienſt gefuͤgt« J) 7 ekeinen andern ha b habe einen M Herrn, 1 D2 17 Rt Arot )as war die S—.5— ich nicht mehr hoͤren, We ch ſein Gewiſſen mir verkuͤndet, n muß ic tun mas Hir der Herr befiehlt 1 Iadds l ver l konnte leben arm und frei. mir nun mein Geld? Betru Teufels Für dürres e 118 gab ich die Seele hin. Du willſt, mein Vater Ruͤdiger(ſtoͤßt ſie zuruͤce Macht euch fertig! H agen Wie lange iſt das her— ein Kind, ge Zum Mann 5 der Zeit und zeugt nun ſelber— Da waren jung wir, Ruͤdiger. Die Zeit War ſchoͤn der Jugend, ſchoͤn die Manneszeit. Nun geht es in den Tod. Von allen Maͤnnern Kann Ruͤdiger allein den Tod uns bringen. Von Mord und B nd wir ermuͤdet, Mann Mir dreht ein F d ſich im G n Der Kampf iſt ungleich. Laß uns Waſſer bringen. Chriemhild Als Siegfried durſtig ſich zur Quelle neigte, Warfſt, Hagen, in den Ruͤcken ihm den Speer. Du haſt den letzten Trunk ihm nicht gegoͤnnt. Geh, Ruͤdiger Ruͤdiger Befiehl erſt, Koͤnig Etzel, Daß vor dem Tode man den Trunk ihm bringt. Etzel Geh, Ruͤdiger. Hagen Ich danke dir, mein Freund. E Nur eine kurze Zeit verharre noch. Wenn wir einander gegenuͤberſtehn, Soll gleich der Kampf ſein, daß nicht ſpaͤter einer Unehrlich deinen Sieg nennt uͤber Hagen. Beugt ſich uͤber einen toten Hunnen, oͤffnet ihm eine Ader, und trinkt ſſ B it Wenig hat getaugt Der Hunne, als er lebte. Nun, im Tod Kann doch ſein Blut zu etwas nuͤtze ſein. Trinkt gleichfalls r(trinkt gleichfalls) Kraft gibt des Feindes Blut. rink, Bruder, trink! Wich ſchaudert. Ruͤdiger, Ich habe Siegfrieds Schwert. Erſchlaͤgſt du mich, So iſt es dein. Ich goͤnne dir es gern. Nun in das Haus zuruͤck! (Die Nibelungen zuruͤck in das Gaͤſtehaus. Ruͤdiger ſteigt die Stufen hinauf, ihnen nach) Gudrun Ich traͤumte oft: koͤnnt' ich den Hof verlaſſen, In ſauberm kleinen Haus im Dorfe leben, Wo Nachbarn morgens ndlich ſich begruͤßen Und herzlich ſich in Freud' und Arbeit einen! 9 Ire Wontchon Wo andre M nſchen da iſt auch Haß: Haßpz R e. 17 14 1 In Bauernſtube und in Koͤnigſchl Gleich ſind die 2 Chriemhild Noch iſt die Zeit nicht, da du jubeln kannſt. Schweig ſtill, mein Herz. Etz el Schweige ſtill, mein Herz R Wird Ruͤdi Der letzte iſt er meiner Maͤnner. Chriemhild Schweige, Schweig ſtill, mein Herz, es iſt noch nicht die Zeit. Etz el Tot ſind die Diener alle meines Reichs. Tot iſt mein Kind. Nur Chriemhild lebt und ich. Chriemhild Schweig ſtille, Herz, es iſt noch nicht die Zeit. Etz el Ich bin ein alter Mann. Wozu war alles? Gudrun Kannſt du zuruͤck nicht meinen Vater rufen? Vielleicht noch leben ſie, lebt Giſelher! Chriemhild Schweig ſtill, mein Herz, es iſt noch nicht die Zeit. Ruͤdiger(kommt zi Der Kampf war leicht! Sind Gunther, Volker— 54 udrun om Schw Giſelher! Gefangen Ruͤdiger gibt) deiner beiner dacht' ich's mir. Hand — Anders Anders erte Ruͤdigers dacht' ich zu fallen. Nun, alles gleich... Noch eines koͤnnt' ich ſagen J· 7+ àgen 1 ich ſpi Vem nd di Ind Uu Was wollt' Die Nibelur zn wenig Augenblicken ſterb' auch ich, 8.. Ich wollte ſagen. Menſchen fi Wor Nun ſind tot außer mir und di igen nun, alles ich ſagen? Alle Menſchen ſuchen, was im Leben halten kann. R gof 10) 0 1 Was ich gefund das mich hielt, war 9 Du haſt geſprochen, icht, Von Sklavenwort; da wahr geſprochen. Ich glaubte, l ü übte, Treuer ic f je h ich Goͤttlich ich wollte nur die ſehn, 0 log * 1018 NI 68 9 Von meinem Blick des Gottes Antlitz fort. Aufruͤhrer mußt' ich ſein. Jetzt toͤte mich. Fall' ich von Weiberhand, es iſt verdient. Chriemhild Der Moͤrder Siegfrieds! (Erſticht ihn Etzel Nun ſind wir allein, Ich und das Weib, das meinen Sohn gemordet. Chriemhild Ich tat, was ich gewollt. Ich bin ber Etz el(erſticht ſie) Ins Nichts zuruͤck kann ich die Zeit nicht rufen. Vor ſieben Jahren zeugt' ich einen Sohn Und zog ihn auf. Ich bin ein alter Mann. Dir will ich, Ruͤdiger, mein Reich verlaſſen. Ruͤdiger Ich ſchwur, als ich die Stufen ſtieg hinan, Wenn ich getan, was meine Pflicht gebot, Zu gehn. Etzel Du haſt ein Kind. Gudrun Ich geh mit ihm. Etz el Du biſt ein Weib, beſchloſſen iſt dein Leben In einem Mann. Er wird der Koͤnig ſein Des Hunnenreichs, das ich geſchaffen. Gudrun Ja, Das waͤre gut, wenn Giſelher noch lebte. Ruͤdiger Du warſt mein Herr. Ich geh' aus deinem Dienſt. Leb' wohl. Geht mit Gudrun Etzel Sie haben recht. Ich aber bleibe. 57 Nachwort Ein Nachwort einer Dichtung, welches erklaͤrt, was mit der Dichtung gemeint iſt, muß wohl immer etwas Laͤcherliches ſein; denn entweder iſt eine Dichtung eine wirkliche Dichtung, in braucht ſie nicht erklaͤrt zu der ſie iſt ein irgendwelches fragwuͤrdiges Erzeugnis, dann iſt ſie ebenſo uͤberfluͤſſig wie das Nachwort. Aber dieſer unzweifelhaft richtige Satz kann nur gelten in Zeiten, wo e Leute uͤberhaupt imſtande ſind, Dichtung zu verſtehen. Wir leben heute o fern iſt von aller Natur und Vernunft, daß die es von Dichtungen außerordentlich ſelten unter den 31 In den wenigen Faͤllen, wo meine Schauſpiele aufgefuͤhrt wurden, haben ſie immer ihre angemeſſene Wirkung auf die Zuſchauer gehabt. Aber die Menſchen glauben heute nicht mehr ihrem Gefuͤhl, ſondern nur ihrem Ver ſtand, der denn durch irgendwelches Tagesgeſchwaͤtz beeinflußt iſt; und die Tagesſchwaͤtzer koͤnnen ihrem Weſen nach Dichtung nicht verſtehen. So will ich denn den Verſuch machen, mit einigen Worten die Bedeutung des Ge dichts zu erklaͤ en. Es iſt entſtanden durch die tiefe Erſchuͤtterung, welche der Zuſammen bruch des deutſchen Reiches in dem Dichter erzeugte. Der Zuſammenbruch war ſeit langen Jahren geahnt durch die Einſicht in den innerſten Fehler des deutſchen Weſens, und ſo bildete ſich im Gemuͤt das Trauerſpiel, in welchem der Schluß des vor elf Jahren gedichteten Trauerſpiels Brunhild gezogen wird. In dieſem, das ſonſt ganz geſchloſſen iſt, befindet ſich eine offene Stelle. Ein Freund, ſelbſt Dichter, ſchrieb nach dem Anhoͤren einer Vorle ſung: „Wenn ich eine kleine motiviſche Schwaͤche beruͤhren darf, die ich uͤbrigens erſt bei der Vorleſung, nicht beim Leſen g Handlung und C puͤrt habe, ſo waͤre es Schickſal, eine Treue me, Treue zu den einer wah 5 Ernſt, Chrie ö 59 in der Liebe zu Siegfried und Brunhild gerecht zeigt, nicht mei gruͤndet. Er muͤßte viel mehr recht eigentlich ſeiner Erkenntn Einſicht treu ſein, nicht ſeiner Familie, es ſei 2.— daß dieſ⸗ einer der ſoͤnlichet Schoͤpfung, mit eit re; wie etwa Bismarck nicht als Lei eu war.“ motiviert waͤ dem deutſchen? Nur ein anderer Dichter kann eine ſolche Bemerkung machen; vielleicht erklaͤrt meine Erzaͤhlung nun auch andern, wie es ſich mit dieſem Umſtand verhaͤlt Wenn einmal im Kreis einer Geſittung eine große Menge alter Fabell vorliegt, dann knuͤpft das erſchuͤtterte Gemuͤt der Dichter an dieſe an, in dem es nach Wahl eine neu erlebt und dabei neu dichtet, oft genug um dichtet. Dieſe Fabeln koͤnnen nun g allgemein menſchlich ſein, wie etwa die von Triſtan und Iſolde; oder eren Kreis der Geſittung paſſend ſein, wie etwa die von Kaſſandra und Ariadne fuͤr den Kreis, der noch Indien einſchließt, aber China nicht mehr umfaßt; oder fuͤr einen engeren, wie etwa die von Koͤnig Oedipus und Oedipus auf 3 welche in den Mittelmeervoͤlkern leben kann; oder fuͤr einen ganz engen voͤlkiſchen Eine ſolche Fabel letzter Art iſt die von den Nibelungen. 1 N In der Fabel von den Nibelungen iſt deutſches Weſen zu ſeinem Aus uͤber dem voͤlkiſchen m Weiteren und allge⸗ ing iſt. Man muß ſich klar machen: die Fabel von den Nibelungen kann nur ein Deutſcher neu erleben aber das iſt kein Vorzug vor der Fabel von Kaſſandra oder Triſtan und Iſolde, ſondern das geſchieht durch den Um ſtand ſondere Schwaͤche hat, welche eben in dief abel g Nu& Fatut WIA 0 8* FE* druck gekommen. Man muß ſich aber klar 8 Geſchwaͤtz und Groͤßenwahn, daß⸗ Vol mein menſchlich Weiteſten gege r Beſchraͤl ich mein Trauerſpiel Brunhild erlebte, da erlebte ich als Deutſcher. Mir war d des shalb habe ich die offene das nicht verſtandesmaͤßig bewußt, ie Stelle, auf welche mein Freund hin Wiec nicht bemerkt. Aber im Dichter iſt der Menſch ſtaͤrker als der Voll ſe; ich habe immer gefuͤhlt, daß noch ein Trauerſpiel ungeloͤſt und t in der Fabel ſchlummerte, aber ich habe es nicht geſehen. Im Unbewußten hat es ſich die Jahre hindurch ge bildet, denn etwa zehn Jahre kann man auf die Bildung eines ſolchen Ge— dichtes rechnen; und als es nun ſo reif war, daß es ſich vom Stamm konnte, da war im Geſchick des deutſchen iti bruch geſchehen, den die alte Fabel ſteht durch ſein ewig gleiches Weſen, nach a wirken muß, ſo haben es auch geſchah, das ſich in unſerer Geſchichte e ſchen oft ereignet, das hat ſich auch von ſelber dargeſtellt in unſerer fruͤheren Dichtung, das muß ſich von ſelber immer wieder darſtellen, wenn ein deut ſcher Dichter dichtet; ſo kam es, daß das Trauerſpiel„Chriemhild“ mir er nen konnte als Ergebnis der Erſchuͤtterung durch den deutſchen Zu ſammenbruch. das un n S Der Held iſt Freund auseinander Eder S Fei iſt Es 5 n ichen Beduͤrf niſſen innerhalb des Rahmens des ge In fruͤheren Zeiten war dieſe Maſſe als Kaſte oder Stand von den leitenden Menſchen getrennt, heute iſt ſie mit 1 untermiſcht. Der Unterſchied iſt nicht ſo wichtig. Dieſe ſinnliche Maſſe nennt man heute Bourgeoiſie und Proletariat. An—⸗ lich hat bis zur Revolution die Bourgeoiſie geherrſcht, und angeblich herrſcht ſeitdem das Proletariat. In Wirklichkeit lag die Herr ſchaft in anderen Haͤnden. Herr von Bethmann war kein Bourgeois, ſondern ein Beamter, und Herr Ebert iſt kein Proletarier, ſondern ein Kleinbuͤrger. Beide Maͤnner ſind Idealiſten, das heißt, ſie vertreten nicht die Beduͤrfniſſe der ſinnlichen Maſſe, ſondern eine hoͤhere Idee. Sie ſind natuͤrlich nur als Beiſpiele genannt, neben ihnen ſtehen in allen 3 en und Klaſſe en andere Maͤnner, di s ſind, was das Evangelium das Erde Bourge ie und Proletariat als K ſſen ſind gierige Maſſe, und es iſt ihre Klaſſen s ſind. Voͤlkiſche Unterſchiede d bei ihnen vorhanden. Überall auf Erden wird bei der Bourgeoiſie die Abſicht ſein, andere Menſch chen als bloße Mittel zu betrachten und beim Proletariat die Abſicht, fuͤr wenig Arbeit viel dohn zu bekommen. Nicht an ihnen kann ein Volk* ſondern es bricht zuſammen, wenn die Menſchen, welche das Salz ſind, dumm werden. Dadurch, daß wir einen Narren zum Kaiſer hatten, und daß dieſer Mant n mit einer unerhoͤrten Machtbefugnis ausgeſtattet war, geſchah es, daß wir keinen Staatsmann beſaßen. Das fuͤhrerloſe Schiff wurde von den Leuten gelenkt, welche nach ihrer Stellung die naͤchſten dazu waren, von den Militaͤrs. Es waͤre merkwuͤrdig, wenn ein General ſtaatsmaͤnniſche Be gabung haͤtte; keiner von den maͤchtigen Generalen hatte ſie, und ſo gerieten wir ins Ungluͤck. 5 61 Die Maͤnne as Vo tlich wa a ter N Ka ſie muf ſchaͤdlich mach d og mok ktiſierung erm 4 c naͤm lich das Heraufkomn dea liſten lcher, die a elehrtem S zu 3 4 S ern haͤtten isar beiten muͤ Heute ich ſchreibe im Jahre 1919 er leben wir v er neuen Re gierung und von den geiſtigen Leitern des Volkes dasſ⸗ den alten Zu haben. Die neue nat türlich, was man ja W bezweifeln darf, daß ſie ken uͤber die Neuordnung unſeres Volkes gehabt ha hielt der demokra tiſchen Phraſe die Treue und wagte nicht, auf Grund eigener ſittlicher Ent ſcheidung zu handeln, wie es die U l gehen wie ſie wollten und beſch f, zu erklaͤren, daß Ruhe die erſte Buͤrgerpflicht ſei; und die geiſtigen Leiter des Volkes ſchweigen, wie ſie unter Kaiſer Wilhelm geſchwiegen haben und aͤußern im guͤnſtigſten Fall, daß ſie „Sozialiſten“ ſind, wie ſie fruͤher geaͤußert haben, daß ſie,deutſchnational“ ſind. Weder Herr v. Bethmann noch Herr Ebert ſind Hagennaturen; aber Hagen verkoͤrpert die Idee des deut ſich ja denn den Zeit umſtaͤnden entſpreck Das deutſche Volk hat ſich gewundert, daß ſeine Feinde es barbariſch nannten. Ob die Feinde gerade das Recht zu dem Vorwurf hatten, mag zweifelhaft ar, aber der Vorwurf iſt richtig. Bar bar iſch iſt jedes 3 falſche Gefuͤhle hat. Die Griechen, die Inder, die Chineſen ſind jedes Volk in ſeiner Art klaſſiſche Voͤlker, ſie haben jedes ihre richtigen Gefuͤhle. In „Chriemhild“ wird durch die Groͤße Hagens allen uͤbrigen das fa fuͤhl aufgepraͤgt. Giſelher iſt ein reiner junger Menſch, ſein Gefuͤhl iſt richtig fliehen, wo er doch nichts halten kann. Aber er ſcheut vor Hagen, der durch ſeine Treue erſt das Verhaͤngt alle heraufbeſchwoͤrt, denn wenn er nicht mitgezogen waͤre, dann wuͤrde das Unheil nicht geſchehen. Freilich wußte Chriemhild genau, daß er mitziehen wuͤrde. Bei Giſelher mag man an die paar reinen jungen Maͤnner denken, welche in Berlin von einem Kirchturm herab mit einem Maſchinengewehr fuͤr den feig geflohenen Kaiſer noch gekaͤmpft haben. Der Dichter will nicht belehren und nicht beſſern, er will er ſchuͤltern und erheben. Wie man auch das Weſen des deut ſchen Volkes auffaſſen mag, es iſt ein maͤnnliches Weſen; und wie man auch ſeine Tragik beurteilen mag, 62 ind wahre 2n nd waͤhr: z n, v Hagen, v or ber ſie ſie iſt Tragik. Und wenn wir auf unſere Feinde ſehen, welche heute das Recht zu haben glauben, uns zu verſpotten: vielleicht ſind wir unterlegen, weil wir immer noch beſſer waren als ſie. Wenn in meinem Werk etwas v em Stolz des Deutſchen ausgedruͤckt waͤre, den er heute in ſeiner tiefen Erniedrigung haben darf, dann wuͤrde ich gluͤcklich ſein, denn dann haͤtte ich meine dichteriſche Aufgabe gelooͤſt. Druck von Maͤnicke und Jahn in Rudolſtadt 4. 40 5— 2