Das LCundhaus am Bhein. Roman von Berthold Auerbach. Erſter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1869. Buchdruckerei der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung in Stuttgart. Erſtes Buch. Erſtes Capitel. „Nur noch Augenblicke Geduld! dort winkt ein Mann, der mitfahren will,“ ſagte der Ferge. Im Kahne ſaß ein Mann mit Frau und Tochter. Der Mann war von kleiner Geſtalt, mit grauen Haaren und röthlich funkelnder Geſichtsfarbe, blaue Augen ſchauten gutmüthig aber träumeriſch müde drein; in die Oberlippe ganz bedeckender ſtruppiger Schnurr⸗ bart ſchien ſich in dies harmloſe Geſicht verirrt zu haben; er trug ein graues Sommergewand von jenem neumodiſchen Stoff, der überall derart weiß beſprenkelt iſt, als hätte ſich der Träger in einem Federbett ge⸗ wälzt; eine zierliche, mit blauen und rothen Perlen geſtickte Bügeltaſche hing an einem Riemen über der rechten Schulter. Die Frau, groß und ſtattlich, mit unruhigen Augen und ſcharfen Zügen, die einſtmals wol einnehmend ge⸗ weſen waren, trug ein Kleid von mattgelber Seide; der weiße Schleier am grauen Hut war wie eine Binde am Turban um die Rundung gewunden. Sie warf den Kopf raſch zurück, ſah dann vor ſich nieder, als wollte Auerbach. Das Landhaus. I. 1 ſie ſich nicht um den Fremden kümmern, und bohrte die Zwinge ihres großen Sonnenſchirms in das Bord des Kahns. Neben dem Manne ſaß eine ſchlanke blonde Mädchen— geſtalt in blauem Sommergewand; den kleinen, mit einem Vogelflügel verzierten braunen Hut hielt ſie am Gummiband in der Hand. Der Kopf war groß und ſchwer, die mächtige Stirn durch reichüberquellendes, in Flechten gelegtes Haar noch gewaltiger, und zwei dicke Locken legten ſich rechts und links auf Schulter und Bruſt. Das Antlitz des Mädchens war heiter und un— befangen, klar wie der helle Tag, der über der Land— ſchaft leuchtete. Jetzt ſetzte ſie den Hut auf, und die Mutter rückte ihr denſelben noch etwas zurecht. Dann wechſelte ſie ſchnell die rauhledernen Stulpenhandſchuhe mit glanzi— gen, die ſie aus der Taſche nahm, und während ſie mit Behendigkeit das Leder über die Hand zog, ſchaute ſie nach dem Ankömmling. Ein großer und ſchöner junger Mann von marki— gem Körperbau, mit vollem, braunem Bart, einen Plaid über der Schulter und einen breitkrämpigen grauen Hut mit ſchwarzem Flor auf dem Haupte, kam rüſtigen Schrittes den Zickzackweg am ſteilen Ufer herab. Er ſtieg in den Kahn, grüßte ſtumm, indem er den Hut abzog; eine edle weiße Stirn, von tief braunem Haar beſchattet, zeigte ſich; Kühnheit und Entſchloſſen⸗ heit ſprach aus ſeinem Geſicht, das zugleich einen Ver⸗ trauen erweckenden Ausdruck hatte. Das Mädchen ſchaute vor ſich nieder, die Mutter knöpfte ihr das Hutband nochmals auf und zu und wußte dabei ſcheinbar unabſichtlich eine lange Locke auf die Bruſt, die andere auf die Schulter rückwärts zu legen. Der Fremde ſetzte ſich fern von den Anderen nieder und ſchaute in den Strom, während der Kahn raſch dahinfuhr. Der Kahn landete an der Inſel, auf welcher das weitläufige Kloſter, das nunmehr eine von Nonnen ge⸗ leitete Erziehungsanſtalt für Mädchen iſt. Man ſtieg aus. „O wie ſchön!“ rief das Mädchen und deutete auf eine am Ufer ſtehende hochſtämmige Gruppe von Bäu⸗ men, die in der Runde und ſo nahe an einander ſtan⸗ den, als ob die Sämme aus Einer Wurzel erwachſen wären; ringsum innerhalb der Baumgruppe waren niedrige Bänke angebracht. „Geh voran!“ ſagte die Frau mit einem verweiſen⸗ den Blicke und gab ſchnell ihrtem Manne den Arm. Das Mädchen ging voran, der Fremde hinterdrein. In den Büſchen ſangen die Nachtigallen, die Amſeln, Finken, Plattmönche, als wollten ſie laut verkünden: Hier iſt Paradieſesruhe und Niemand ſtört uns. Die dunklen Kiefern am Ufer mit ihrem breiten Schirmdach und die lange Reihe hellfarbiger Lärchenbäume landein⸗ wärts waren von keinem Lüftchen bewegt, und in den blühenden Kaſtanienbäumen ſummten die Bienen. Man kam an das Kloſter. Das Gebäude war verſchloſſen, nirgends ein menſch⸗ liches Weſen zu ſehen. Der alte Herr zog die Klingel, die Pförtnerin öffnete ein kleines Fenſter 110 0 nach dem Begehr. Es iot um Einlaß gebeten, aber die Pförtnerin erwiderte, das ſei heute nicht mehr möglich. „Gehen e meine Karte ab,“ ſagte der ältere Herr, „und ſagen Sie der würdigen Mutter, daß ich mit Frau und Tochter da ſei.“ „Erlauben Sie, daß auch ich meine Karte hinzu⸗ füge,“ ſagte der Fremde; die Drei ſchauten um beim Wohlklang dieſer Stimme. Der Fremde gab der Pfört⸗ nerin ſeine Karte, indem er hinzufügte:„Wollen Sie der würdigen Frau Oberin ſagen, daß ich Grüße von meiner Mutter bringe.“ Auf der Karte ſtand: Erich Dournay. Die Pförtnerin ſchloß das Schiebfenſter ſchnell. „Ich hatte Sie für einen Franzoſen gehalten,“ ſagte der alte Herr in freundlichem Ton zu dem jungen Manne. „Ich bin ein Deutſcher,“ erwiderte dieſer. „Sie haben wol eine Verwandte im Kloſter und kennen die würdige Mutter auch?“ „Ich kenne hier Niemand.“ Die Antworten Erichs waren rund und knapp, es gab keinerlei Anhalt zu Fortſetzung des Geſprächs alte Herr ging mit den Frauen nach einem ſchönen Blumenbeet und ſetzte ſich mit ihnen auf die dort an⸗ gebrachte Bank. Das Mädchen mochte aber keine Ruhe haben, es ging am Rande der Wieſe auf und ab und pflückte Veilchen. Der junge Mann war wie eingewurzelt ſtehen ge⸗ blieben und betrachtete die ſteinernen Stufen, die zur Kloſterthüre führten, als müßte er erkunden, welcherlei gegangen waren. Nach einer Weile winkte die Pförtnerin; die Kloſter⸗ thüre wurde geöffnet, die Fremden traten ein. Hinter der zweiten Gitterthüre ſtanden zwei Nonnen in langen ſchwarzen Kleidern, mit dem hänfenen Knotenſtrick um die Hüfte. Die Größere, eine ältere Dame mit auf⸗ fallend großer Naſe, ſagte: Die Frau Oberin bedaure, heute Niemand empfangen zu können; es ſei der Vor⸗ abend ihrer Namensheiligen und da bleibe ſie bis zu Sonnenuntergang immer allein. Ueberhaupt ſei heute kaum thunlich, Fremde zuzulaſſen, denn die Kinder— ſo wurden die Zöglinge genannt— hätten ein Feſt⸗ ſpiel angeordnet, mit welchem die Oberin nach Sonnen⸗ untergang begrüßt werden ſolle. Darum ſei heute Alles in Unordnung; im großen Speiſeſaal ſei ein Theater aufgeſchlagen; indeß habe die Oberin befohlen, daß man den Fremden die Einrichtung des Kloſters zeige. Man ging nun im Geleite der beiden Nonnen durch den großen Kreuzgang. Der Schritt der Nonnen war laut und hart, denn ſie trugen dicke hölzerne Sohlen, ſogenannte Trippen, die mit zwei über die Strümpfe gezogenen Riemen am Fuße befeſtigt waren. Die klei⸗ nere, zierliche Nonne, deren feines Antlitz wie gepreßt und gefangen in der enganliegenden Capuze war, hielt ſich ſcheu zurück und ließ der Andern das Wort. Jetzt ſprach ſie indeß mit dem Mädchen in franzöſiſcher Sprache. Die Mutter nickte dem Vater zu mit dem 6 vergnügten Ausdrucke: Da ſiehſt Du nun, wie gut es war, das Kind etwas Rechtes lernen zu laſſen. Der Vater ſagte der deutſchen Nonne, daß ſeine Tochter Lina erſt vor einem halben Jahre aus dem Kloſter zu Aachen zurückgekehrt ſei. Auch der junge Mann ſagte einige Worte in fran⸗ zöſiſcher Sprache zu der zierlichen Nonne. Aber jetzt, und ſo oft er ſie noch anſprach, zog ſie ſich immer wie verſcheucht zurück, auffällig lächelnd und in ſich zuſammenkauernd, als ob ſie fürchte, berührt zu werden. Der Frühſtückſaal, Lehrzimmer, Muſikzimmer, die großen Schlafſäle wurden den Fremden gezeigt und überall mußte man Sauberkeit und Ordnung bewun⸗ dern. In den Schlafgemächern der Kinder war es, als ob nicht wirkliche Menſchen und nun gar unruhige Kinder hier wohnten, ſondern als wäre Alles nur be— reit, um Märchengeſtalten zu erwarten. Nur in einem Bettchen war es unruhig. Lina zog den Vorhang zu⸗ rück und ein Kind mit großen braunen Augen ſchaute um. Auch der junge Mann war hinzugetreten. „Was fehlt dem Kinde?“ fragte Lina. „Weiter nichts, es hat nur Heimweh.“ „Wie heilen Sie das Heimweh?“ fragte die Frau. „Ein Kind, das über Heimweh klagt, wird krank erklärt und muß zu Bette bleiben; wenn es dann auf⸗ ſtehen darf, fühlt es ſich befreit und zu Hauſe.“ „Geht Alle fort! Alle fort! Manna ſoll kommen! Manna ſoll kommen!“ rief das Kind. „Sie kommt noch zu dir,“ beſchwichtigte die Nonne lau. rank allf⸗ on! N men. 7 und erklärte, daß das Kind eine Amerikanerin meine, von der allein es ſich beruhigen laſſe. „Das iſt unſere Manna,“ ſagte Lina zu ihrer Mutter. Die Dämmerung war eingebrochen, und über die Corridore, durch den goldenen Duft der Abendſonne huſchten in langen grünen, blauen und rothen Ge— wändern ſeltſame Geſtalten, die in den Zellen ver⸗ ſchwanden. Man kam in den Speiſeſaal, wo im Hintergrund eine Waldlandſchaft mit Einſiedlerhütte aufgeſtellt war, und da lag mit rothem Bande angebunden ein junges Reh, das die Fremden mit ſeinen glänzenden Augen wunderſam anblickte, jetzt ſich aufraffte, am Bande zerrte und davonrennen wollte. Die Franzöſin erklärte, daß die Kinder in Gemein⸗ ſchaft mit einer Schweſter, die ſehr viel Geſchick dazu habe, die Decorationen ſelbſt gemacht und große Chöre eingeübt hätten; eine Schülerin, ein vorzügliches Kind, habe das Stück verfaßt, das eine Scene aus dem Le⸗ ben der Tagesheiligen behandelt. Die deutſche Nonne mit der großen Naſe bedauerte, daß Niemand Fremdes zuſehen dürfe. Als man den Speiſeſaal verließ, ſagte Lina zu der zierlichen Franzöſin, wie leid es ihr thue, ihre Jugend⸗ freundin Hermanna Sonnenkamp nicht ſehen zu können, denn ſie müßte mit ihren Eltern ſchon heute Abend wieder zurückreiſen. Man ging wieder durch lange Corridore, und als man die Treppe hinabſtieg, kam dieſelbe herauf eine 8 ſchneeweiße Geſtalt mit Flügeln an den Schultern und einem ſchimmernden Diadem auf dem Haupte, von dem lange ſchwarze Locken auf Bruſt und Nacken her⸗ niederfloſſen. Ein dunkles, ſchwarzes Auge mit langen Wimpern und dichten Brauen glänzte aus dem blaſſen Antlitze heraus. „Manna!“ rief Lina laut, und„Manna!“ tönte Widerhall von der Wölbung. Die Angeredete faßte ihre Hand, führte ſie die Treppe hinauf, von den Anderen weg und ſagte: „Du, Lina? Ach, ich war nur bei dem armen Kinde, das ſich in Heimweh verzehrt. Ich dürfte ſonſt heut mit keiner Menſchenſeele ſprechen.“ „O, wie wunderbar ſiehſt Du aus, wie herrlich! Du mußt dem Kinde ja wie ein lebendiger Engel er⸗ ſchienen ſein! O und wie werden ſich daheim Alle freuen, wenn ich ihnen erzähle...“ „Sprich nicht davon. Entſchuldige mich bei Deinen Eltern, daß ich ſo an ihnen vorbeiflog, und wer... wer iſt der junge Mann da bei Euch?“ Erich ſchien zu fühlen, daß von ihm die Rede ſei; er ſchaute auf nach der wunderſamen Erſcheinung, konnte aber nichts von den Formen des Antlitzes er⸗ kennen; er ſah nur die märchenhafte Geſtalt und zwei hellleuchtende Augen. „Wir kennen ihn auch nicht,“ erwiderte Lina,„wir haben ihn erſt im Kahn geſehen. Aber ja,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„Du kannſt erfahren, wer er iſt, er hat einen Gruß von ſeiner Mutter an die Oberin; da frag' einmal. Nicht wahr, er iſt ſchön?“ de te 9 „O Lina, wie ſprichſt Du! Möge die heilige Geno⸗ vefa beim lieben Gott Dir Verzeihung erbitten, daß Du das geſagt, und mir...“ ſie bedeckte das Geſicht mit der Hand...„daß ich es gehört. Leb' wohl, Lina, grüße Alle draußen.“ Wie ſchwebend huſchte die geflügelte Erſcheinung den langen Corridor dahin, ſie verſchwand und hörte nicht mehr, daß Lina ihr nachrief, ſie werde morgen bei der Gräfin Wolfsgarten erzählen, wie ſie ſie ge⸗ ſehen. Man verließ das Kloſter. Vor dem Thore ſagte der ältere Herr zu dem jungen Manne: „Es iſt ein Glück für die Mädchen, von aller Welt entfernt auf einer Inſel im Kloſter erzogen zu werden.“ „Die Mädchen im Kloſter und die Jünglinge in der Kaſerne! Schöne Welt das!“ entgegnete Erich in ſcharfem Ton. Ohne ein Wort der Erwiderung wandte ſich der ältere Herr ab und ging mit den Frauen einige Schritte davon; er ſchien keine fernere Gemeinſchaft mit einem Fremden von ſolcher revolutionären Geſinnung haben zu wollen. Erich eilte zu dem Kahne und ließ ſich raſch über ſetzen. Der Strom war wie lauter glühendes Gold; Erich tauchte die Hand in den Strom und wuſch ſich Stirn und Auge. Er ſprang behend ans Land und ſchaute hinüber nach dem Inſelkloſter; da ſah er den Mann mit Frau und Tochter ebenfalls zum Kahn herabſteigen; er grüßte von ferne mit dem Hute und ging den jenſeitigen Berg hinan nach der Burgruine, von wo man das Kloſter überſchauen konnte. Lange ſaß er hier oben und ſtarrte hinüber nach dem Kloſter auf der Inſel. Er hörte Geſänge von Mädchenſtimmen, er ſah die lange Fenſter⸗ reihe hell erleuchtet. Die Nachtigall in den Büſchen ſang unabläſſig und Erich horchte hin nach dem Geſange des Vogels und dem Geſang der Kinder im Kloſter, die ſich ein Stück vom Ewigkeitstraume in die Wirklichkeit zauberten und eine Stunde zu ſingenden Engelchören wurden. Er ſtieg den Berg hinab, und als er eben an den Gaſthof kam, traf er den Mann mit den beiden Frauen, die 5 zur Abreiſe auf den Bahnhof begaben. Die Gaſtſtube war leer. Während er aß, nahm er unwillkürlich ein Zeitungsblatt, das auf dem Tiſche lag. Was ſind Klöſter? Was ſind Burgruinen? Da iſt die Welt, die bewegte, die heutige, die wirkliche. Du kommſt von einer Ausſchau auf der Berges⸗ höhe ermüdet in der Gaſtſtube an, unwillkürlich greifſt Du nach der Zeitung— warum das? Vielleicht weil das ermüdete Schauen und Denken, das auf die un⸗ bewegte Erſcheinung der Natur gerichtet war, nun ſich erfriſcht, indem es ſich auf die bewegte Erſcheinung der Zeitgeſchichte wendet; und Du biſt allein, Du be⸗ darfſt eines anrufenden Wortes— da iſt ein ſolches, das Jemand an Alle gerichtet hat; es erzählt Dir von der Welt, die ihren Gang fortſetzt, derweil Du träumteſt. und in weiter Ausſchau Dich verloren und Dich ge⸗ funden haſt. No Jor Our Kloſter Sdoey 11 Wir können uns kaum mehr denken, wie es zu anderen Zeiten war, da man ein Begegniß ſtill aus⸗ träumen konnte. Zu allen Stunden, ſei es in ſchwerer Bedrängniß, wo uns das eigene Leben zur Laſt und die Welt gleichgiltig geworden, ſei es in gehobener Empfindung, wo wir uns wie hinausverſetzt aus aller Wirklichkeit fühlen— da kommt die Zeitung und for⸗ dert unſere Aufmerkſamkeit und ruft uns an, als ſollten wir in Geſtaltung der Weltverhältniſſe überall mitwirken. Was iſt dem jungen Manne jetzt Amerika? Und doch las er aufmerkſam einen Bericht über die dortigen Zuſtände, worin der unausbleibliche, in Frieden vielleicht nicht zu ſchlichtende Kampf zwiſchen den ſüdſtaatlichen Sklavenhaltern, den ſogenannten Feuerfreſſern, und den nordſtaatlichen Abolitioniſten dargeſtellt war. Die Franzöſin hatte geſagt, daß eine Amerikanerin das an Heimweih leidende Kind tröſte und ſie agirt nun auch in dem heiligen Feſtſtück. Da ſpielt ein Kind mit der frommen Mythe, während es in ſeinem Heimatlande gährt! Wieder waren die Gedanken Erichs im Kloſter und bei der wunderſamen Erſcheinung. Als er eben das Blatt weglegen wollte, fiel ſein Auge auf eine Anzeige. Er las ſie wiederholt, dann bat er den Kellner, daß er das Blatt behalten dürfe, und begab ſich mit demſelben auf ſein Zimmer. Zweites Capitel. Name: Erich Dournay. Charakter: Doctor der Philoſophie, Hauptmann a. D.... Ort woher: Name einer kleinen Univerſitätsſtadt... Reiſe wohin: O... Zweck der Reiſe: o. So ſchrieb Erich früh am Morgen in das ordnungs⸗ mäßige Fremdenbuch des Gaſthofs und jetzt bemerkte et, daß vor ſeinem Namen eingeſchrieben ſtand: Land⸗ richter Vogt mit Frau, geb. Landen, und Tochter aus...., ein kleines Städtchen ſingenden Namens vom Oberrhein war genannt. Das war alſo der Geſprenkelte von geſtern mit den beiden Damen. Erich machte ſich mit ſeinem Reiſegepäck auf den Weg nach der Landungsbrücke, wo das Dampfſchiff anlegte. Der Morgen war friſch und klar, ringsum jauchzendes, ſingendes Leben, nur ein ſchmaler Wolken⸗ ſtreif hing noch wie ein Nebel in der halben Höhe der Gebirgskette. Mit feſtem Schritt, hoch aufgerichtet, frei aufathmend in der friſchen Morgenfrühe ging Erich dahin. Er ſtand am Geländer der Landungsbrücke und ſchaute hinein in die Wellen, wo jetzt ein Nebel⸗ ſtreif ſich hob und in der Luft zerfloß. Dann ſtarrte er lange nach der Inſel hin, wo nun die Frühglocke läutete und die Kinder aus dem Schlafe rief, die geſtern Abend vor ſich ſelber zum Märchen geworden waren. Er zog das Blatt aus der Taſche und las noch einmal die Anzeige, in der die Bewerbung um eine einträgliche Hofmeiſterſtelle ausgeſchrieben war. Das Dampfſchiff brauſte heran, die Bruſt den Wellen entgegendrängend. Erſt auf dem Schiffe bemerkte Erich, daß auch zwei Nonnen aus dem Kloſter— die Eine war die zierliche, ſcheue Franzöſin— mit eingeſtiegen waren. Er grüßte; er wurde ohne Erwiderung verwundert angeſehen. Die Nonnen nahmen ihr Brevier, ſetzten ſich auf dem Ver⸗ decke nieder und beteten. Auf dem zu Berg gehenden Schiffe waren noch wenig Reiſegefährten, und die Morgenfrühe läßt ungeſellig. Erich ſetzte ſich nicht weit von dem Steuermann, der fort und fort leiſe vor ſich hinpfiff. Nachdenklich ſchaute er in den aufgewühlten Strom und in die Landſchaft. Er preßte die feingeſchnittenen Lippen feſt zuſammen, es ſchien als ob er mit ſtummer Lippe den noch nie gehobenen Nibelungenſchatz der Schönheit die— ſes Stromes und dieſer Landſchaft erkennen wolle. Er ſchüttelte oftmals den Kopf, wenn er hörte, wie da und dort zwei Menſchen durch ſogenannte Unterhaltung ſich die Friſche des Morgens und die ſtille Erquickung des landſchaftlichen Anblicks verplauderten. Erich hatte das Glück des ſchönen wohlumhegten Familienlebens und der höchſten Bildung genoſſen. Von den Eltern ſorgfältig erzogen, war er in den Militär⸗ dienſt eingetreten, gab denſelben freiwillig auf und widmete ſich den Studien. Es ſind heut erſt wenige Tage, ſeitdem er den Doctorgrad erworben. Er hatte mit großer Anſtrengung dieſen Abſchluß beſchleunigt, denn erſt zwei Monate ſind es her, ſeitdem ſein Vater geſtorben war. 14 Es war am Abend, als Erich zum Doctor erne unt war, da die Mutter mit ihm ging und ihn ermahnte, ſich nun einige Tage freien Athemſchöpfens zu gönnen. Erſt wenn Erich von der Reiſe zurückgekehrt war, wollten ſie beſtimmen, was nun aus ihnen werde ſolle. Die Mutter empfand es dabei ſchmerzlich und konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß man aus dem ſtetigen, ordnungsmäßig ſich fortſetzenden Lebensgange heraustreten und ſtündlich einem fraglichen, erſt ſelbſt zu ſchaffenden Daſein gegenüberſtehe; ſie hatte das nie gekannt und nie geahnt. Und mit einem Kummer, den ſie zu unterdrücken ſuchte, aber nicht ganz ver⸗ bergen konnte, ſah ſie, ſich eines Wortes von Leſſing erinnernd, ihren Sohn am Markte ſtehen und nach Ar⸗ beit ausſchauen. Sie hoffte indeß, daß ſich das Wider⸗ ſtreben des Sohnes, ſich durch eine Gunſt eine Lebens⸗ ſtellung geben zu laſſen, legen würde; vor Allem aber ſollte er wieder ſeine Jugendfriſche erhalten. Hätte die Mutter ihn jetzt geſehen, ſie hätte geſtaunt, wie ſchnell ſich das bewerkſtelligte; es war ein Glanz in ſeinen Augen und eine Farbe in ſeinem Artlitz, die in den beſten und ruhigſten Tagen nicht leuchtender und blü⸗ hender geweſen. Nur um ihm ein Ziel zu geben, hatte ſie ihm einen Gruß an die Oberin des Kloſters aufgetragen. Jetzt war Erich bereits auf dem Rückwege. Eine einfache Anzeige in der Zeitung hatte ſeiner Reiſe eine unge⸗ ahnte Richtung gegeben. Er hatte indeß jugendliche Spannkraft genug, um wegen des Zieles die Freuden des Weges nicht zu ver⸗ 15 geſſen. Mit hellem Blick betrachtete er das Getriebe auf dem Schiffe, das Leben auf dem Strom und an den Ufern. Schon an der zweiten Station ſtiegen die beiden Nonnen aus und die zierliche Franzöſin nickte ihm rück⸗ wärts zu, als ſie die kleine Flügeltreppe hinabſtieg. Im Kahn faltete ſie die Hände und ſchaute vor ſich nieder; auch als ſie ans Ufer ſtieg, ſchaute ſie nicht mehr rückwärts. Von Ort zu Ort wechſelten die Reiſegefährten; an einem Dorfe kam eine Schaar Wallfahrer, meiſt Frauen ver⸗ mit weißen Tüchern auf dem Haupte. An dem Halte⸗ ſing platz, wo ſie ausſtiegen, kam ein Trupp Turner in Ar⸗ hellgrauen Gewändern auf das Schiff und ſtimmte auf der⸗ dem Verdeck ein Lied an, während die Wallfahrer am hens⸗ Ufer ſangen. In allen Städten und Dörfern, an denen ober man vorüberfuhr, tönten die Glocken, es war ein heller, 7 te Lie klingender, blühender Frühlingstag und Erich fühlte ſhnel jene Berauſchung, die das rheinländiſche Leben über das Gemüth bringt, eine Spannung und Erhöhung aller Lebensgeiſter, von der ſich nicht ſagen läßt, von d bli⸗ wannen ſie kommt, wie ſich nicht ſcheiden läßt, was dem Weine an den Bergen hier ſeine Würze, ſein Feuer gibt. Es iſt der Hauch des Stromes, der Duft der Berge, die Kraft des Bodens, es iſt das Sonnenlicht, das wie im Weine, auch im Menſchen glüht, einen beflügelten Frohmuth erzeugt, den Niemand abwehren und Niemand erklären kann. Oftmals wurde auch Erich angeſprochen, er hielt aber jede Genoſſenſchaft ab; er wollte in ſich allein ſein inmitten der Menſchenbewegung, inmitten der wonnigen Landſchaft. Es war hoher Mittag, als er bei dem Städtchen mit altersgrauem Thurme, das einen fröhlichen Namen in der ganzen Welt hat, ans Land ſtieg. Ein ſchlan⸗ ker blonder junger Mann ſtand hier am Ufer und ſah ihn ſcharf an, endlich rief er: „Dournay!“ „Herr von Prancken!“ erwiderte Erich. Die Beiden reichten ſich die Hände. Drittes Capitel. „Das iſt der Rhein! Kaum hat man ſich die Will⸗ kommhand gereicht, ſo heißt es: Laß uns trinken! Es muß der Strom vor Euren Augen ſein, der Euch be⸗ ſtändig die Luſt nach Flüſſigem erregt.“ So ſagte Erich zu dem jungen Mann gleichen Alters, der ihm gegenüber ſaß und ſeine Hand mit dem ſtramm zugeknöpften Handſchuh auf den Kopf eines braunen Hühnerhundes gelegt hatte. „Nun bitte; hier iſt die Weinkarte. Welchen Jahr⸗ gang und welches Gewächs? Trinken wir neuen, der noch luſtig iſt und ſich nicht zur Ruhe geſetzt hat?“ „Ja, jungen Wein, und von dem Berge hier, drauf der Sonnenſchein ſo wohlig ruht.“ Prancken befahl in knapper militäriſcher Betonung dem wartenden Kellner: 0 85 10 L b0 U 17 „Eine Flaſche Ausleſe!“ Der Wein kam, er floß golden in die blinkenden Gläſer; die beiden Männer ſtießen an und tranken. Sie ſaßen in der Rebenlaube am Ufer, dort wo die Landſchaft ſich weit ausdehnt und der Blick ſich erla⸗ bend dahinſtreift über grünende Inſeln im Strom, über hellblinkende Wohnorte, über Wald, Berge und Reben⸗ gelände und prächtige Landhäuſer. Die Triebwellen des Dampfſchiffes hatten ſich ge⸗ glättet; die Kähne am Ufer waren wieder ruhig, hüben und drüben dröhnten die Bahnzüge nur von ferne; auf dem glatten Strom, in dem ſich da und dort weiße Wolken vom Himmel abſpiegelten, blinkten die Strah⸗ len der Mittagsſonne, und im blühenden Fliederbuſch bei der Laube ſchlug die Nachtigall. Otto von Prancken hatte in der Ueberraſchung ſich vielleicht zutraulicher gegen Erich benommen als erfor⸗ derlich war; nun, da Erich ihn mit Sie anſprach, während ſie ſich früher Du genannt hatten, nickte er zufrieden. Prancken zog den Handſchuh raſch aus, reichte Erich nochmals die Hand und ſagte: „Sie ſind wol auf einer Vergnügungsreiſe?“ „Sie wiſſen vielleicht noch nicht, daß vor zwei Monaten mein Vater geſtorben?“ „Doch, doch... und ich bleibe unſerm guten Pro⸗ feſſor ewig dankbar; das Bischen, was ich in der Ca⸗ dettenſchule gelernt habe— es iſt freilich wenig genug — verdanke ich ihm ausſchließlich. Ach, welche Geduld und welchen unabläſſigen Eifer hatte Ihr guter Vater! Stoßen Sie mit an auf ſein Andenken!“ Auerbach. Das Landhaus. I. 2 Die Gläſer klangen. „Wenn ich einmal geſtorben bin,“ ſagte Erich be⸗ wegten Tones,„ſo wünſche ich, daß auch mein Sohn ſo mit einem Genoſſen beim Wein am hellen Mittag mein gedächte.“ „Ach, ſterben!“ entgegnete Prancken.„Sehen Sie, dort hat man gerade mitten in die Weinberge hinein den Friedhof verlegt. Man ſollte gar nicht ans Sterben denken und nun wird man immer daran erinnert.“ Erich erwiderte nichts, er ſtarrte nur hinüber und hörte, wie jetzt eben der Kukuk vom Kirchhof aus rief. „Sind Sie Landwirth?“ fragte er, wie ſich auf⸗ raffend. „Proviſoriſch. Ich habe auf unbeſtimmte Zeit den Lieutenantsrock ausgezogen und mir das Piedeſtal hoher Waſſerſtiefel erkoren.“ Während Prancken dies ſprach, nahm er eine Ta⸗ ſchenbürſte heraus und glättete ſein untadelhaft geſchei⸗ teltes, etwas dünnes Haar. Eine kurze Weile ſaßen die Beiden lautlos da und ſahen einander ſcharf muſternd an. Zwei linkiſche Men⸗ ſchen, die ſich unbehilflich gegenüber ſtehen, bringen ſich gegenſeitig in Verlegenheit; zwei Gewandte, die ihre Gewandtheit kennen, ſind wie zwei Fechter, von denen Jeder zuerſt Haltung und Waffenführung des Andern kennen und deßhalb keinen Ausfall und keinen Hieb machen will. Prancken beugte ſich über ſein Glas, roch die Blume des Weins und ſagte endlich halb lächelnd: „Sie werden nun auch von Ihren weiland com⸗ muniſtiſchen Anſichten bekehrt ſein.“ „Communiſtiſch? Das iſt eine bequeme Bannformel. Ich wünſchte, ich könnte Communiſt ſein; ich wünſchte, daß ich den Communismus für eine geſtaltungsfähige Form der Geſellſchaft halten könnte, was er doch nie und nimmer werden kann. Wir müſſen auf anderem Wege daran arbeiten, unſer Daſein von der Barbarei zu befreien, daß unſere Mitmenſchen, gleichberechtigt wie wir, an den gemeinſten Bedürfniſſen Noth leiden. Wir trinken hier in Ruhe den Wein des Berges, dar— auf jetzt dort arme gedrückte Menſchen ſich abmühen, die kaum je einen Tropfen dieſes Weines koſten.“ „Wir haben heute Feiertag und da arbeitet Nie⸗ mand,“ erwiderte Prancken und lachte laut auf. Erich ging gerne auf die ſcherzhafte Wendung ein, er war reif genug, um nicht einen Widerſpruch der Principien perſönlich beſiegen zu wollen. Das Geſpräch kam in freundliche Gebiete und floß ruhig hin in Er⸗ innerung an die Knabenzeit und an das Garniſons⸗ leben. Erich hatte mit den Gardeofficieren in kamerad⸗ ſchaftlicher Weiſe verkehrt; er ſtand in einer beſondern Ehrenhaltung, durch ſein zurückgezogenes, den Studien gewidmetes Leben; aber bei aller Charakterſtrenge war er harmlos im Verkehr und ſeine Freudigkeit am Leben ſchien, oberflächlich betrachtet, ſich nicht in Widerſpruch zu ſetzen mit dem wilden Treiben um ihn her. Die beiden Männer gingen in leichter Wechſelrede im Garten auf und ab. In der ſteifen Haltung des Halſes, in der Art, 20 wie ſie beim Gehen die Arme bewegten, erkannte man die beiden jungen Männer als Soldaten; aber das Stramme war bei Erich durch eine gewiſſe Geſchmeidig⸗ keit gemildert. Prancken war elegant, Erich edel und zart; Prancken hatte in jedem Ton und jeder Bewe⸗ gung etwas verbindlich Einnehmendes, Erziehung und Natur hatten ihm eine Weltgefälligkeit verliehen, ſein Benehmen hatte etwas Läßliches und dabei doch Ge⸗ meſſenes; Erich hatte nicht minder ſichere Formen, aber dabei Ungezwungenheit und Würde. Seine Stimme war ein ſchöner, kräftiger Bariton, während die Pranckens tenorartig war. Auch in der Art des Spre⸗ chens ließ ſich die Verſchiedenheit der beiden jungen Männer erkennen. Erich ſprach jedes Wort ganz voll, er gab jedem Buchſtaben ſein Tonrecht; Prancken da⸗ gegen ſprach als wären ihm Vocale und Conſonanten zu viel, als müßte er jede Anſtrengung der Sprach⸗ organe vermeiden; die Worte fielen ihm ſozuſagen von den Lippen und doch ſprach er gern und mit ſehr ge⸗ wählten Spitzen. Prancken hatte jene gewaltſame Ton⸗ art des kurzen Galopps, der der fürſtlichen Leibgarde eigen war; in jeder gewöhnlichen Aeußerung war etwas Raſſelndes, Lärmendes, als ob man mit dem Wehr⸗ gehänge hantire und beſtändig aus einer Geſellſchaft zur Vertilgung verſchiedener Flaſchen Sect käme oder ſich dorthin begebe. Erich hatte nun geraume Zeit in ernſtem Studium in einer geſchloſſenen, faſt klöſterlich ſtillen Häuslichkeit gelebt, ſo daß ihm dieſes ganze Behaben wieder neu und auffällig war. 21 „Herr Baron,“ unterbrach der hinzutretende Kellner, der eine Flaſche hieländiſchen mouſſirenden Weines brachte,„Ihr Kutſcher läßt fragen, ob er ausſpannen ſoll?“ „Nein!“ lautete die Antwort, und während er die Flaſche im Eiskübel umhertrieb, fuhr er zu Erich fort: „Ich will mir die kurze Freude dieſer Begegnung mit Ihnen nicht ſtören laſſen. Ach, Sie glauben nicht, wie entſetzlich langweilig die hochgeprieſene Poeſie der Landwirthſchaft iſt!“ Aus der entkorkten Flaſche einſchenkend, rief er lachend: „Compoſt, und noch einmal Compoſt iſt die Parole! Der Olymp iſt ein Compoſthaufen und der darüber thronende Gott heißt Jupiter Ammoniak!“ Prancken ſagte dies leichthin ſcherzend, dann trank er und drehte ſich vergnüglich mit beiden Händen die Spitzen ſeines Schnurrbartes. Erich lenkte zurück auf die Schönheit des rheini⸗ ſchen Lebens, aber auch hier fiel Prancken ein: „Wenn nur einmal Jemand käme und dem lügne⸗ riſchen Loreleiern von der Schönheit des rheiniſchen Lebens die Schminke wegätzte! Da ſprechen die Poeten allzeit vom thauduftigen Morgen, und wir hatten heute einen Höhenrauch, als ob den Engeln im Himmel die Milch von ihrem Kaffee ins Feuer gelaufen wäre.“ Erich lachte über den Einfall und am Glaſe nippend, ſagte er: „Aber die Luſt des Weines!“ 22 „Jawol,“ fiel Prancken ein,„das Trinken üben die hieländiſchen Schoppenſtecher, aber ohne alle Poeſie, wie ein Geſchäft. Da ſitzen ſie ſtundenlang beiſammen, es iſt immer dieſelbe Geſellſchaft; ſie haben daſſelbe halb Dutzend Anekdoten in Garniſon und tauſchen ein verjährtes Witzwort aus. Dann gehen ſie heim mit rothem Kopf und mit Taumel in den Füßen und brüllen ein Lied, und das nennt man rheiniſche Fröh⸗ lichkeit. Das einzige Luſtige dieſer gemachten Rhein⸗ lüge iſt noch die Straußwirthſchaft.“ „Was iſt denn das?“ „Da hat der ehrſame Pfahlbürger ein Fäßchen eigen Gewächs einliegen, das er nicht allein austrinken kann und mag. Nun ſteckt er einen grünen Strauß an ſeinem Hauſe aus, und die urdeutſche Familienſtube mit gemüthlich grünem Kachelofen und grauer Katze unter der Bank wird zur Wirthsſtube. Iſt man in der Schmiedgaſſe fertig, geht's in die Haſengaſſe, in die Kirchgaſſe, die Salzgaſſe und in die Capuzinergaſſe. Die Bürger trinken einander hilfreich ihren Wein ab; das iſt noch das einzig Schöne.“ „So wollen wir uns des Weines freuen,“ ent⸗ gegnete Erich.„Sehen Sie, wie die Sonne das edle Getränk, dem ſie ſo hold zugelächelt und das ſie ſo mühſam gezeitigt, noch einmal verklärt.“ Mit einer Haſt, die ſeinem ſonſt ſo ruhigen Weſen fremd ſchien, leerte er das Glas. „Ich habe es immer gedacht,“ entgegnete Prancken, „in Ihnen ſteckt ein Dichter. Ach, ich beneide Sie; ich möchte die Kraft haben, ein ſatyriſches Gedicht zu 23 ſchreiben, ſo gepfeffert, daß ſich die ganze Welt die Zunge dran verbrennte.“ Erich lächelte und erwiderte, daß er auch einmal geglaubt habe, er ſei zum Dichter berufen; er habe indeß erkannt, daß es ein Irrthum war, und ſei nun entſchloſſen, ſich in einem thätigen Lebensberufe zu verſuchen. „Ja,“ ſagte er und zog das Zeitungsblatt aus der Taſche,„Sie können mir vielleicht einen lebenentſchei⸗ denden Dienſt leiſten.“ „Mit Freuden, wenn es nicht gegen...“ „Beruhigen Sie ſich, es hat nichts mit principiellen oder gar politiſchen Dingen zu thun. Sie könnten vielleicht als Freiwerber für mich auftreten.“ „Alſo verliebt? Der ſchöne Erich Dournay, der Adonis der Garniſon, bedarf eines Freiwerbers?“ „Nichts von dem. Es handelt ſich nur um eine Hauslehrerſtelle. Sehen Sie die Zeitung, hier ſteht's: Ich ſuche für meinen fünfzehnjährigen Sohn einen Mann von wiſſenſchaftlicher Bildung und weltmänni⸗ ſchen Formen, der Unterricht und Leitung für eine höhere Stellung zu übernehmen geneigt iſt. Honorar nach Vereinbarung. Bei Abſchluß der Erziehung lebens⸗ längliche Jahresrente. Adreſſe und Zeugniſſe abzuge⸗ ben Bahnſtation** am Rhein.“ „Ich kenne dieſe Anzeige, habe ja ſelber daran mit⸗ gearbeitet. Ich geſtehe indeß, daß wir bei der Wahl des Ausdrucks„weltmänniſche Formen“ an etwas Be⸗ ſonderes dachten.“ „War damit vielleicht ein Adeliger gemeint?“ „Allerdings. Es handelt ſich darum, daß ein Er⸗ zieher in einem bürgerlichen Hauſe und beſonders einem eigenwilligen Zögling gegenüber eine unantaſtbare Ehren⸗ ſtellung bewahrt.“ „Gewiß, das iſt durchaus angemeſſen und vortheil— haft. Vielleicht habe ich indeſſen ſtatt des Barons einen Titel einzuſetzen, der ein Rechtstitel für den Erzieher iſt; ſeit wenigen Tagen heiße ich Doctor!“ Prancken nickte glückwünſchend, aber ſchnell ſetzte er hinzu: „Und daß Sie mit Hauptmannsrang den Dienſt guittirten, vergeſſen Sie ganz? Ich geſtehe, daß ich gerade die militäriſche Befähigung in dem Aufrufe aus⸗ drücklich betonen wollte. Aber nein, Sie taugen nicht zum Bärenführer. Der Junge iſt unbändig und tückiſch wie eine amerikaniſche Rothhaut und weiß für jeden Charakter die Skalp⸗Locke zu finden, an der er ihn faßt und ſkalpirt; er hat das ſchon bei einem Halb⸗ dutzend Pädagogen erprobt.“ „Vielleicht wäre dann der Verſuch um ſo anreizen⸗ der; vielleicht iſt der Knabe nur was man verzogen nennt, und ſolche Kinder ſind nicht ſo ſchwer zurecht zu führen.“ „Und wiſſen Sie, daß Maſſa Sonnenkamp Beſitzer von vielen Millionen iſt, und der Golderbe das weiß?“ „Das hindert nicht, reizt vielleicht nur noch mehr zum Verſuch.“ „Gut. Ich bringe Sie ſelbſt zu dem myſteriöſen Mann; ich habe das Glück, mich ſeiner beſonderen Gunſt zu erfreuen. Doch nein... beſſer, Sie fahren oll Jogto kll ſehte Dienſ aß ich e aus⸗ nicht dückich r jeden er ihn 25 mit mir auf das Gut meines Schwagers; Sie müſſen ſich ja noch meiner Schweſter Bella erinnern?“ „Wol, und ich nehme Ihre Gaſtfreundſchaft an. Nur bitte ich, Herrn Sonnenkamp— mir iſt, als hätte ich den Namen ſchon einmal gehört.. doch immerhin — von meiner Ankunft zu benachrichtigen und mich dann allein bei ihm eintreten zu laſſen.“ Prancken warf einen fragenden Blick auf Erich, und dieſer fuhr fort: „Ich weiß Ihre freundliche Bereitwilligkeit wohl zu ſchätzen, aber Sie wiſſen, daß ein Fremder, der als Dritter eingeführt iſt, ſich nicht ſo leicht und frei geben kann, wie ſich das in einem Zwiegeſpräche findet.“ Prancken zog ein Taſchenbuch heraus, und hielt den Silberſtift eine kurze Weile an die Lippen gedrückt. Er erwog, ob er recht thue, Erich zu empfehlen, ob es nicht beſſer wäre, ihn ſofort zu beſeitigen und einen Mann, der ſich ganz als ſeine Creatur erkannte, dafür zu ſetzen. Aber Erich wird dann ſelbſt einen Verſuch machen und vielleicht, ja höchſt wahrſcheinlich die Stelle gewinnen; da wäre es doch beſſer, ihn durch Dank gebunden zu haben. Und mitten in dieſe Erwägungen miſchte ſich auch eine Regung von Gutmüthigkeit. Er ſchrieb ſofort auf eine Karte an Herrn Sonnen⸗ kamp, dieſer möge kein Engagement eingehen, da ein gelehrter vormaliger Artillerie-Officier zur Erlangung der Stelle bei ihm erſcheinen würde. Behutſam ver⸗ mied er einſtweilen jede nähere freundſchaftliche Be— ziehung. Die Karte wurde ſofort abgeſchickt. Als Prancken das Gummiband an ſeinem Taſchenbuche wieder zu— ſchnellte, ließ er es noch mehrmals auf⸗ und nieder⸗ ſpielen, bis er das Taſchenbuch wieder einſteckte. Er war nachdenklich geworden. Viertes Capitel. Im offenen Wagen fuhren die beiden jungen Männer die Straße dahin, die bald bergan lenkte. Die Luft war voll thauiger Friſche und hoch über den Reben⸗ geländen im Laubwalde ſangen die Nachtigallen, es war wie eine endloſe Kette von Geſang. Die beiden Männer ſaßen ſchweigend. Jeder wußte, daß der Andere in ſeinen Lebenskreis eingetreten, und man konnte nicht ahnen, was daraus erfolgen würde. Als Erich jetzt den Hut abthat, und Prancken das jugendfriſche Antlitz und den Ausdruck ruhiger Sicher⸗ heit in demſelben betrachtete, war es ihm, als hätte er ihn noch gar nicht geſehen. Er erwog, in welches Verhältniß von unberechenbaren Folgen er ſich gebracht. Spott und gütiges Lächeln wechſelten in ſeinen Mie⸗ nen, er murmelte ſogar unverſtändliche Worte vor ſich hin und ſtieß ein kurzes unerklärbares Lachen aus. Er legte den Kopf zurück in die Wagenkiſſen und ſchaute in den Himmel hinein. Er wird ſchon dafür ſorgen, daß der Mann ihm nicht in die Quere kommt, und was er ſelber nicht vermag, wird Schweſter Bella fertig bringen. Prancken hatte, ſeitdem er Civilkleider trug, etwas Gewaltſames in ſeiner Haltung. Von Kindheit an in die Uniform geſteckt, hatte ihm dieſe nicht nur ein Ge⸗ fühl der Geſchloſſenheit, ſondern auch einen beſtimmten, jederzeit kenntlichen Charakter gegeben, der ihn von dem gewöhnlichen Troß ausſchied. In der Gemein⸗ ſchaft der Genoſſen, in Reih und Glied, war er ſtramm und friſchauf; er zeichnete ſich durch nichts Be⸗ ſonderes aus, aber er war ein guter Officier, der ſeine Pferde und ſeine Leute gut zu regieren und einzuüben wußte. Nun, da er die Uniform ausgezogen, war es ihm, als müſſe er in dem bürgerlichen Gewande aus—⸗ einanderfallen; er hielt ſich daher gewaltſam ſtolz auf⸗ recht und ſuchte in jeder Bewegung kundzugeben, daß er nicht zu den gewöhnlichen Menſchenkindern gehöre. Im Regimente hatte es ſtets feſte Ordre gegeben, jetzt war er in das Commando der Pflicht und der läſtigen Selbſtbeſtimmung eingetreten; auf ſich allein geſtellt, ward er ſchmerzlich inne, daß er ohne Kameradſchaft Nichts war. Das Leben erſchien ihm öde und ſchal, er hatte ſich daher in eine ironiſch bittere Stimmung hineingearbeitet; das gab ihm vor ſich ſelber eine ge— wiſſe Erhabenheit über dieſes trockene Getriebe ohne Parade, ohne Spiel, ohne Ballet. Mit einer Art Verwunderung ſah er auf Erich, der, von aller äußeren Stellung entblößt, ja in Ar⸗ muth verſetzt, ſo ruhig und zuverſichtlich dreinſchaute und ſich am Ausblick in die Landſchaft ergötzte, als wäre das ein Feſt. Erich war in der That beſſer geſtellt. Er war 28 auch in Reih und Glied ein Menſch für ſich geblieben, nie ganz in das kameradſchaftliche Leben aufgegangen, und nun, da er das Bürgerkleid trug, hatte ſich ſeine Erſcheinung neu und frei entfaltet. „Es iſt vielleicht ein Glück, wenn man ſich um des Erwerbes willen zu Etwas zu beſtimmen hat,“ ſagte Prancken, nachdem man lange lautlos dahin⸗ gefahren. „Das eben,“ erwiderte Erich,„wird die ſchwere Aufgabe bei dem jungen Millionär ſein. Die Idee und das materielle Erträgniß bewegen die Menſchen⸗ kraft. Die ſteile Bergwand würde nicht mit Wein be⸗ pflanzt, der Wald nicht gerodet, das Schiff nicht ge⸗ lenkt, der Pflug nicht geführt, wenn nicht die Noth riefe. Wo ein höherer Antrieb ſich damit vereinigt— und mir ſcheint das möglich in jeder Sphäre— da iſt das ſchön Menſchliche.“ Wieder waren die Beiden ſtill. Im Thale lagen bereits die Schatten, während oben auf den Bergen die Sonne noch hell glänzte. Man fuhr durch das Städtchen; aus den offenen Fenſtern klang Muſik, es war fröhliches Tummeln in den Straßen, die Mädchen wandelten Arm in Arm dahin, die jungen Männer vereinzelt oder in Gruppen, es gab heiteres Grüßen, Necken und Scherzen; die Alten ſaßen vor den Häuſern, der Marktbrunnen rauſchte, und weiter hinauf, die Landſtraße am Ufer entlang, war luſtiges Singen. „O, wie erquicklich iſt unſer deutſches Leben!“ rief Erich unwillkürlich.„Die gewerblich thätigen Menſchen I— fhef In M. 29 vergnügen ſich am Abend, der Kühlung und Schatten gibt in dem baumloſen Weinlande.“ Prancken ſchwieg und plötzlich zuckte er zurück, da ihm— er wußte nicht woher— wie ein Traum, wie ein Geſicht in der Ferne, die Vorſtellung kam, daß er dem Manne, der neben ihm ſaß, mit der Piſtole in der Hand im Duell gegenüberſtehe. Gewaltſam zwang er ſich zum Sprechen und er⸗ zählte, wie er auf Anrathen ſeines Schwagers, des Grafen Clodwig von Wolfsgarten, einen Beſuch bei einem hochangeſehenen Landwirth in der Umgegend ge⸗ macht, um, falls man ſich gegenſeitig gefiele, dort ſich zum Landwirth auszubilden. Der Gutsbeſitzer Weidmann galt in der ganzen Umgegend als Autorität in landwirthſchaftlichen wie in politiſchen Dingen. „Ich möchte wiſſen,“ ſagte Prancken,„wie Ihnen dieſer Mann erſcheinen würde. Er hat auch“— bei dieſem Worte ſtockte er und ſetzte ſchnell hinzu—„auch wie die großen Weltverbeſſerer beſtändig einen Train von guten Lehren, daß man ein ganzes Caputziner⸗ Kloſter damit verproviantiren könnte.“ Erich entgegnete ſcherzend, daß es vielleicht auch eine Gaſtfreundſchaft durch Lehren gäbe, und Prancken fuhr fort: „Ach, die Welt beſteht aus lauter Aberglauben! Die geprieſene Poeſie der Landwirthſchaft iſt nichts als Erwerbsſucht, die die Schminke des Abendroths und Morgenroths auflegt. Dieſer Herr Weidmann mit ſeinen Söhnen denkt an nichts als an Gelderwerb. Er hat ſechs Söhne, fünf davon kenne ich, ſie ſehen alle 30 impertinent geſund aus, mit prätentiös weißen, fehler— loſen Zähnen und ſind alle ungeſchornen Bartes. Die Berge, die von Reiſenden mit Entzücken bewundert werden, müſſen der Weidmanniſchen Sippe auf der Oberfläche Wein geben und aus ihrem Innern Schiefer und Braunſtein, Erz und Chemikalien. Sie haben fünf verſchiedene Fabriken, der Eine iſt Bergmann, der Andere Maſchinenbauer, der Dritte Chemiker, und ſo arbeiten ſie für einander und mit einander. Ich habe mir ſagen laſſen, daß ſie vierzig verſchiedene Stoffe aus dem Buchenholz ziehen, und dann ſenden ſie die ausgemergelte Kohle noch nach Paris in die Reſtau⸗ rants. Iſt das nicht eine ſchöne Naturſchwärmerei? Und nun gar Vater Weidmann. Nicht wahr, Sie freut der Geſang der Nachtigall? Vater Weidmann hat bei der Regierung ein Toleranzedict erwirkt, weil die Nachtigallen Ungeziefer freſſen und für Land— und Forſt⸗ cultur überaus nützlich ſind. Wenn heute ein Sänger nach Burg Mattenheim käme, er fände kein Gehör, wenn er nicht ein Lied ſänge von der edlen Minne, durch die ſich Stickſtoff und Waſſerſtoff zu Ammoniak verbindet. Mir iſt ganz wirbelig von lauter Super⸗ phosphat und Kali. Glauben Sie,“ fragte Prancken jetzt geradezu,„glauben Sie, daß das ein Loos iſt, des Strebens werth, den Nahrungsſtoff der Menſchheit um einige Säcke Kartoffeln zu vermehren?“ Che Erich antworten konnte, ſetzte aber Prancken hinzu: „Ach! Es gibt eigentlich gar nichts, was man ſein möchte. Soldat iſt doch das Einzige.“ 31 Als man jetzt einen ſteilen Berg hinanfuhr und den weiten Strom mit den Inſeln überſah, deutete Prancken ſtromaufwärts auf ein hellweißes Gebäude am Ufer und ſagte: „Sehen Sie, dort iſt Villa Sonnenkamp, auch Villa Eden genannt. Die große Glaskuppel, auf der die Abendſonne glänzt, iſt das Palmenhaus. Herr Sonnenkamp iſt paſſionirter Gärtner, ſeine Gewächs⸗ häuſer und Obſtpflanzungen übertreffen die des Fürſten.“ Erich ſtand im Wagen aufrecht und ſchaute rück⸗ wärts auf die Landſchaft und auf das Haus, in wel⸗ chem er vielleicht eine neue Lebenswendung zu erwar⸗ ten hatte. Fünftes Capitel. „Nach Wolfsgarten,“ ſtand auf dem Wegweiſer am Rande des gutbeſtandenen Hochwaldes, in den man jetzt einfuhr. Wir ſind hier auf Grund und Boden des Edel— manns. Jeder Fremde, der des Weges kam und ſich nach dem weithin blickenden einfachen Herrenhauſe mit dem geſtaffelten Giebel dort oben näher erkundigte, erhielt die Antwort, daß dort zwei glückliche Menſchen wohn⸗ ten, denen nichts fehlte als der Kinderſegen. Graf Clodwig von Wolfsgarten war ein Edelmann in der beſten Bedeutung des Wortes. Er gehörte zwar nicht zu den zuvorkommenden Menſchen, die Jeden mit freundlicher Anſprache gewinnen, er hatte eine vornehme Zurückhaltung und Stille; aber der unab⸗ hängige Gutsbeſitzer, der Fabrikant wie der Taglöhner, der Pfarrer wie der Handwerker, der Beamte und der Kaufmann in den Städten— Jeglicher glaubte, daß er ihn ganz beſonders zu ehren und zu lieben verſtehe. Man betrachtete ihn wie eine Zierde der Umgegend, wie einen mächtigen Baum auf der Bergeshöhe, unter dem man ſich des Schattens und des freien Ausblicks erfreut und dem man Sicherheit vor allem Unwetter wünſcht. Clodwig war lange im Auslande geweſen und erſt ſeit fünf Jahren, ſeitdem er ſich zum zweitenmal ver⸗ heirathet hatte, wohnte er auf dem Schloſſe. Seine Gemahlin Bella war ſchön, Manche ſagten, faſt zu ſchön für den alten Herrn. Sie war geſprächſamer als ihr Gatte, und wenn ſie in dem niederen kleinen Wagen, der mit zwei geſcheckten Ponies beſpannt war, über Land und durch die Dörfer fuhr, grüßte Alles ſtaunend, denn Bella führte die Zügel, während ihr Gatte neben ihr und der Bediente auf dem Rückſitz ſaß. Man hätte glauben mögen, daß ſie auch im Hauſe die Zügel führe; das war aber keineswegs der Fall. Sie war gegen ihren Gatten voll Demuth und Hingebung, ja es war dieſem oft mißfällig, daß ſie ihn, und ſogar manchmal in ſeinem Beiſein, über⸗ mäßig lobte, ſeine Güte, ſeine gleichmäßige Ruhe und ſeinen großen Blick in alle Weltverhältniſſe mit beredter Zunge rühmte. Erich erinnerte ſich nur dunkel des Aufſehens, das in der Reſidenz die Verheirathung Clodwigs mit Bella erregt hatte, denn das Creigniß fiel gerade in die Zeit, als er aus dem Militärdienſte trat. Er hatte Bella oft geſehen, aber den Grafen Wolfsgarten nie. Der Graf hatte viele Jahre den Geſandtſchaftspoſten des Fürſtenthums bei dem päpſtlichen Hofe in Rom beklei⸗ det, wo auch der Vater Crichs ihn kennen lernte. Clodwig war in der wiſſenſchaftlichen Welt durch eine kleine archäologiſche Schrift mit ſehr koſtſpieligen Zeichnungen bekannt, denn neben Muſik, die er leiden⸗ ſchaftlich liebte, betrieb er mit jener Sauberkeit und jenem Ernſte, die ſein ganzes Weſen bezeichneten, die Alterthumswiſſenſchaft. Man rühmte ihm überhaupt nach, daß es kaum eine Wiſſenſchaft und eine Kunſt gäbe, der er nicht eifrige Pflege angedeihen ließ. Kinderlos, in Rom verwittwet, kehrte er ins Vater⸗ land zurück, war ein angeſehenes, dem ſogenannten gemäßigten Fortſchritte huldigendes Mitglied des Hau⸗ ſes der Standesherren, und verkehrte während der Seſſion viel mit dem alten Herrn von Prancken, der ebenfalls Mitglied dieſes Hauſes war. Bald bildete ſich eine anmuthende Beziehung zu Bella von Prancken, die eine imponirende Erſcheinung war und namentlich durch ihr wunderbares Clavierſpiel glänzte. Bella war, wenn man es unhöflich ausdrücken wollte, überſtändig geworden; ſie war in ihrer Blüthezeit die ſchöne Dame des Hofes geweſen, jetzt ſah ſie bereits einen Nach⸗ wuchs in der Geſellſchaft glänzen, zu dem ſie keine Beziehung hatte. Bella hatte ein ſchönes Stück Welt geſhen. In Auerbach. Das Landhaus. 1. 34 Gemeinſchaft mit zwei Engländerinnen bereiſte ſie Ita⸗ lien, Griechenland und Egypten; ſie hatte einen ge⸗ wandten Courier gemiethet, der Alles für ſie beſorgte. Nun wieder an den Hof zurückgekehrt, wo der Vater Oberſtallmeiſter war, betheiligte ſie ſich an den Geſell⸗ ſchaften mit jener Reſignation, die einer höheren Natur ſolchen Alltäglichkeiten gegenüber zuſteht. Mit Clodwig von Wolfsgarten unterhielt ſie ſich ſehr viel, und er ging von der Vorausſetzung aus, daß die Nichtigkeiten der Geſellſchaft kaum ihre Beachtung fanden; ſie er⸗ klärte ſich geradezu als eine reifere Natur, die nur noch in höheren Intereſſen lebte. Mit großer Auf⸗ merkſamkeit und lebhafter Theilnahme ging ſie ſelbſt auf die archäologiſchen Liebhabereien Clodwigs ein. Sie hatte auf ihrem Nipptiſch keine Porcellanfiguren und dergleichen Schnörkeleien, ſondern nur ausgewählte Nachbildungen von Antiken, und ſie trug eine große Bernſteinkette, die man in dem Grabe einer vornehmen Römerin gefunden. Sie hatte ein großes photographi⸗ ſches Album, Anſichten von ihrer Reiſe, mitgebracht, und war glücklich, mit Clodwig Alles noch einmal zu betrachten und ſich von ihm belehren zu laſſen. Dafür ſpielte ſie ihm auch manchmal vor, während ſie ſich in Geſellſchaften nicht mehr zum Muſiciren bewegen ließ. Die ganze Hofgeſellſchaft that einmal etwas Neues; ſie trug zwiſchen Clodwig und Bella hin und her, was das Eine vom Andern Begeiſtertes geſprochen hatte, und ſelbſt die höchſten Herrſchaften betheiligten ſich an der Ermuthigung Bella's und Clodwigs; denn die Bei⸗ den waren zaghaft, als ſie inne wurden, daß ihr Ver⸗ 35 hältniß ein anderes werden ſollte. Sie entſchloſſen ſich indeß, und die Verlobung wurde im engſten Kreiſe der Hofgeſellſchaft gefeiert. Clodwig hatte einmal kurz vor der Hochzeit einen Schwindelanfall gehabt, und von jenem Tage an hatte es Bella eingerichtet, daß Clodwig, wohin er ging, und meiſt ohne daß er es wußte, von einem Diener begleitet war. Mit der größten Sorgfalt pflegte ſie den alten Herrn, und als ſie ſich nun auf das Erb⸗ gut zurückgezogen, gewann Clodwig neue Rüſtigkeit. In den Bädern, wohin ſie allſommerlich gingen, waren Clodwig und Bella hoch angeſehene Erſcheinun⸗ gen. Bella wurde nicht nur ihrer Schönheit wegen verehrt, ſondern auch wegen ihrer treuen Hingebung und bis zur Aengſtlichkeit geſteigerten Sorgfalt für ihren alten Gatten. Erich erinnerte ſich vieler dieſer Thatſachen, wäh⸗ rend er mit Prancken den Berg hinanfuhr. Sechstes Capitel. Hier auf der Bergeshöhe war noch heller Tag. Als man durch den Park die letzte Höhe hinanfuhr, ſtand Lina in blaugeblümtem Sommergewande am Weg zwi⸗ ſchen den grünen Bäumen. Als ſie des Wagens an⸗ ſichtig wurde, kehrte ſie ſchnell um. Zwei hellblaue Bänder, nach der Mode rückwärts geknüpft, ſpielten im Abendwinde. „Ah,“ rief Prancken,„wir treffen heute die Geſell⸗ ſchaft zur kalten Küche bei meiner Schweſter. Das holde Kind, das dort geht, iſt die Tochter des Land⸗ richters, friſch gebacken aus der Pfanne des Kloſters Sacré Coeur zu Aachen. Da werden Sie ein echtes rheiniſches Kind kennen lernen. Das freundliche Kind meldet uns der Geſellſchaft an. Die Familie iſt ſehr ehrenwerth, ſehr achtbar, die Kleine zu einem Interims⸗ Verhältniß eigentlich zu gut.“ Frohgemuth ſprang er aus dem Wagen, reichte Erich die Hand und ſagte: „Willkommen auf Wolfsgarten!“ Im Hofe ſtanden mehrere Wagen und im Garten traf man die Geſellſchaft der Frauen; ſie ſaßen mit Fächern und Sonnenſchirmen in der Hand auf zier⸗ lichen Stühlen um ein großes rundes Beet üppig wuchernden Vergißmeinnichts, in deſſen Mitte ſich blü⸗ hende rothe Rhododendren erhoben. „Wir ſind keine Ruheſtörer, laſſen Sie ſich nicht ſtören, meine gnädigen Damen,“ rief Prancken ſchon aus der Ferne in muthwilligem Ton. Bella grüßte ihren Bruder und ſodann Erich, den ſie ſofort wieder erkannte. Er wurde vorgeſtellt. Frau Landrichter, Fräulein Lina— dieſe Beiden waren ſo glücklich, eine Begegnung von geſtern erneuern zu können — dann wurde Frau Kreisphyſicus und Schweſter, Frau Oberförſterin und Schweſter, Frau Apothekerin, Frau Bürgermeiſterin, Frau Schuldirector, zwei Kaufmanns⸗ frauen und zwei Fabrikantinnen vorgeſtellt. Die ganze Hondratiorenſchaft des Städtchens ſchien vollzählig. 37 Die Herren, hieß es, ſeien nach einem nahen Aus⸗ ſichtspunkte gegangen und würden bald zurückkehren. Die Unterhaltung mochte nicht ſehr lebhaft geweſen ſein; die Erſcheinung Erichs erregte Intereſſe. Die Frau Directorin, eine große üppige Geſtalt— Frau Bella nannte ſie Frau Kleiderleib, denn ſie wußte ſich vortrefflich zu kleiden und Alles ſtand ihr gut— nahm ihre Lorgnette auf und ſchaute in die Landſchaft, be⸗ nutzte aber dieſen Ueberblick, um Erich näher in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Die Art, wie ſie dann die Lorg⸗ nette in der Hand wiegte, ſchien zu ſagen, daß ſie einen nicht unangenehmen Anblick gehabt habe. Nach den erſten Fragen, wie lange Erich den Rhein nicht geſehen, und nachdem er mitgetheilt, wie ihm Alles wieder ganz neu erſchien und faſt berauſchend auf ihn gewirkt habe, erinnerte Bella, daß ſie ihn zum letztenmal geſehen, als er ein Solo in einem Wohl⸗ thätigkeits⸗-Concerte ſang. Sie fragte dann nach ſeiner Mutter und ſcheinbar beiläufig, aber nicht ohne Be⸗ tonung erwähnte ſie, daß deren einziger Bruder, der Baron von Burgholz, ſo plötzlich auf Madeira geſtor⸗ ben ſei. Bella ſprach ſo leicht, das Sprechen ſchien ihr durch⸗ aus Nebenſache, ſie veränderte beim Sprechen kaum einen Geſichtszug, ja ſie bewegte kaum die Lippen; nur beim Lächeln zeigte ſie die volle Reihe kleiner weißer Zähne. Bella wußte, daß Crich ſie genau betrachtete, wäh⸗ rend er ſprach, und mit einer Ruhe, als ſtünde ſie nur einem Spiegel gegenüber, ſchaute ſie drein. Mit großer Freundlichkeit ſtellte ſie dann Erich der anmuthigen Oberförſterin, die eine vortreffliche Lieder⸗ ſängerin ſei, noch beſonders vor und fragte dabei, ob er auch noch fleißig ſinge; er erwiderte, daß er jede Möglichkeit benutzt, um in der Uebung zu bleiben. Der Abend war ungewöhnlich ſchwül, eine beklem⸗ mende Spannung lag auf dem Berge und über dem Thal. In der Ferne zog ein Gewitter herauf. Man überlegte, ob man das Gewitter auf Wolfsgarten ab⸗ warten oder ſofort zurückkehren ſolle. Die anmuthige Oberförſterin ſagte, ſie geſtehe offen, daß ſie ſich vor einem Gewitter fürchte. „Ah, da kommen die Herren!“ hieß es plötzlich. Zwei ſchöne Hühnerhunde ſprangen voraus in den Garten, ſie umkreiſten den Hund Pranckens, der in der Fremde geweſen war, und beſchnüffelten ihn, als wollten ſie auswittern, was er draußen erlebt habe. Hinter den Hunden drein folgten die Männer. Erich erkannte ſofort den Grafen Clodwig. Es war eine ſaubere, wohlgepflegte Erſcheinung; das glatt⸗ raſirte, ältliche Geſicht, das aber keinerlei Abſpannung und Schlaffheit bemerken ließ, zeigte ſtändige Freund⸗ lichkeit. Clodwig hatte zwei Eigenſchaften, die ſich ſel— ten vereinen: er war liebenswürdig und imponirend; obgleich er nie etwas von ariſtokratiſcher Ueberhebung zeigte und Jeden gleich freundlich und gütig behandelte, verſtand es ſich von ſelbſt, daß ſich ihm Alle unter⸗ ordneten. Als ihm Erich vorgeſtellt wurde, ſagte er: „Seien Sie mir willkommen als Sohn meines füm dele etnt o 39 römiſchen Freundes.“ Er drückte dann die feine gol⸗ dene Brille mit dem kleinen Finger der linken Hand etwas ſchärfer ans Auge. Als nun Crich erwiderte, ſagte er in bewegtem Tone: „Sie haben ganz die Stimme Ihres Vaters.“ Nur einen Augenblick ſchaute er vor ſich nieder und preßte die feinen Lippen zuſammen. Die Art, wie Clodwig ſprach, war maßvoll und anmuthend. „Hier ſtelle ich Sie einem guten Kameraden vor,“ ſagte er aufſchauend und lächelte auffällig, indem er auf einen alten Herrn mit dickem, rothem Kopfe und ſchneeweißen, kurzgehaltenen Haaren wies.„Das iſt unſer Major, Herr Major Graßler.“ Der Major nickte wohlwollend und reichte Erich eine Hand mit vier Fingern, der Zeigefinger fehlte; aber der Alte wußte doch die Hand des Fremden kräftig zu drücken. Er nickte nochmals, ſagte aber kein Wort. Die anderen Herren wurden ebenfalls genannt. Ein ſchöner junger Mann mit gebräuntem Geſicht und ſchönem Kinn- und Schnurrbart wurde als Architekt Erhardt vorgeſtellt. Er verabſchiedete ſich aber ſofort bei dem Grafen, da er noch in dem Kalkſteinbruche eine Beſtellung zu machen habe. Der Schuldirector ſagte Erich, daß auch er ein Schüler des Profeſſor Einſiedel ſei. Der Major wurde von den Frauen aus dem Männer⸗ kreiſe abgerufen. Man ſchalt, daß er, der ſonſt immer aufmerkſam gegen die Frauen und ihr treuer Beſchützer, ſie heute auch verlaſſen hatte und mit den Männern gegangen war. Jetzt ſollte er Alle entſchädigen. Die Mädchen hatten ſpielend einen Kranz gewunden. Kaum hatte der Major ſich geſetzt, als die Mädchen ihm den Kranz auf ſein weißes Haupt legten. Er nickte fröhlich und wünſchte, daß man einen Spiegel hole, damit er ſich auch ſehen könne. Gegen Lina hob er den Zeigefinger der linken Hand auf und fragte, ob ſie das im Kloſter gelernt habe. Es zeigte ſich bald, daß der Major die Zielſcheibe für die Witzbolzen war, denn es gibt nicht leicht eine Geſellſchaft, wo nicht Einer ſich dazu hergeben muß oder ſich freiwillig zu Gebote ſtellt. Der Major machte jedem Menſchen, der ihn kannte, mehr Freude, als er ſelber wußte, denn Jeder lächelte freundlich, wenn er an ihn dachte oder wenn von ihm geſprochen wurde. Ein Windſtoß flog über die Hochebene dahin, die Flagge auf dem Herrenhauſe wurde eingezogen, man trug die gepolſterten Stühle ſchnell unter den bedeckten Vorbau. Mit behaglichem Gefühl ſaß dann die Geſell⸗ ſchaft im erleuchteten Saale beiſammen, während es draußen ſtürmte. Eine Weile konnte noch kein anderes Geſpräch auf⸗ kommen, als vom Gewitter. Der Major erzählte von einem kleinen Scharmützel, das ſie einmal ausgeführt hätten, während es entſetzlich donnerte und blitzte; er brachte es ſehr ungeſchickt vor, aber man verſtand doch, daß er ſagen wollte: wie gräulich es war, daß man einander mordete, während der Himmel drein ſprach. Der Landrichter erzählte, daß ein Burſche, der einen falch Had Hand Uber Jige fofſn wöh 1 folt Alf eint Uil ein muß machte ls er n er falſchen Eid ſchwören wollte, plötzlich, als er eben die Hand aufhob und ein Donnerſchlag dreinſchallte, die Hand ſinken ließ und rief:„Ich hab's gethan.“ Der Oberförſter berichtete vergnüglich, daß das Gewitter dem Jäger beſonders willkommen ſei, denn nach demſelben komme gewiß das Wild ſchußgerecht heraus. Der Schuldirector gab eine Schilderung, wie die Kinder während eines Gewitters ſo ſchwer in der Schulſtube zu beſchäftigen ſeien; man könne im Unterricht nicht fortfahren, und wiſſe doch nicht, was man mit ihnen anfangen ſolle. Erich bemerkte in leichtem Ton: „Was uns hier als tobendes Gewitter die Seele einnimmt, iſt drunten am Niederrhein, droben im El⸗ ſaß ein fernes Wetterleuchten, das die bedrückende Hitze des Tages kühlt. Mit Behagen ſitzen die Menſchen dort in Gärten und auf Balconen und athmen die reine Luft ein.“ Er führte das in heiterer Weiſe aus und wußte das Gegenwärtige ganz vergeſſen zu machen. Die Ober⸗ förſterin, die in einer Nebenſtube im Dunkeln geſeſſen und ſich die Augen zugehalten hatte, kam bei den Worten Erichs, die ſie vernommen haben mußte, in den Saal und war ganz unbefangen. Erich fuhr fort zu berichten, wie ihn am vergangenen Abend die Zeitungsnachrichten aus Amerika berührt haben; jetzt erſcheine ihm die Luft⸗ ſpannung überm Ocean auch als ein Gewitter, das vielleicht die beklemmende Atmoſphäre der alten Welt reinige. Der Landrichter und der Schuldirector zuckten die 42 Achſeln. Die Energie, mit welcher Erich aus ge⸗ ſchloſſener Sammlung ſein Gedankenleben kundgab, hatte etwas Befremdendes, ja für einen Theil der Männer etwas Verletzendes. Sie fühlten, daß dieſe fremde Tonart und dieſes Herausheben des Beſten, das man in ſich wußte, die Frauen anzog und diejenigen in Schatten ſtellte, die nur gelegentlich und da noch ohne Sammlung und Abrundung etwas mittheilten. Der Landrichter ſah in das ſtrahlende Auge ſeiner Tochter und der Oberförſterin und ſagte leiſe zum Schuldirector: „Das iſt ein gefährlicher Menſch.“ Das Geſpräch zertheilte ſich in Gruppen. Erich ſtand mit Clodwig im Erkerfenſter; ſie ſchauten in die Nacht hinaus. Ueber den jenſeitigen Bergen zuckten die Blitze auf, bald eine glühende Höhe am Horizont zeigend, bald nur den Himmel zerreißend, wie wenn hinter ihm noch ein zweiter Himmel wäre, und der Donner rollte drein, daß die Decke zitterte und die herabhängenden Prismen an den Kronleuchtern klirrten. „Wie jetzt hier mit Ihnen, ſtand ich einſt mit Ihrem Vater in der Campagna bei Rom,“ begann Clodwig:„Ich bin nie dazu gekommen, ihm ganz zu ſagen, was ich ihm von damals an verdanke. Wir lebten damals in einer künſtlichen Welt, Ausbildung unſerer Individualität erſchien uns als einziges Ziel; jedes Einwirken auf das Leben Anderer erſchien uns ſtörend. Ich weiß nicht, wie es kam, wir ſprachen über jene Anſchauung, die die Dinge der Welt unter dem Geſichtspunkt der Unendlichkeit betrachtet. Da ſagte Ir Water en it en mir ſt ihen Wukers Kflät, k l, Wöe jilb, der ſn al Glodtr um ler W8 unt „Dum d fen Uubfct, Nff du „l Nn eiſ iht Rch AIfe llder, Audſch ingn llickte 6 43 Ihr Vater... ich meine, ich höre ſeine Stimme noch: Indem wir das Leben der Menſchheit als Ganzes faſſen, finden wir jene Ruhe, die die Gläubigen haben, da wir mit ihnen dann die Welt in der Einheit des Gottes⸗ gedankens halten. Wer den Gang der einzelnen Ameiſe verfolgt, begreift ihre Zickzackwege nicht und das Schick— ſal, wie ſie plötzlich in die Grube des Ameiſenlöwen fällt, der doch auch leben muß. Wer aber den Ameiſen⸗ haufen als Einheit ſieht...“ Clodwig hielt in ſeiner Rede inne. Aus dem Thal herauf hörte man den ſchrillen Pfiff der Locomotive und Crt das dumpfe Rollen des Bahnzuges. 555„Damals freilich,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, und ſein Antlitz wurde von einem raſchen Blitz er⸗ leuchtet,„damals ſtörte die ſtille Betrachtung noch kein Pfiff der Locomotive.“ „Und doch,“ entgegnete Erich,„iſt dieſer ſchrille Ton eigentlich keine Diſſonanz. Die Menſchen führen Rihr geſetztes Leben fort mitten im Aufruhr der Natur. In unſerer Zeit zieht ſich ein unabänderliches Syſtem von Bewegungen unaufhaltſam über unſere Erde. Man könnte ſagen, all unſer Schaffen und Wirken iſt ein Bereiten von Wegen, ein Offenhalten der Bahn, daß ſich die ewigen Naturkräfte frei bewegen. Bahndienſt hat der neue Menſch auf Erden.“ 5 Clodwig faßte die Hand Erichs. Ein lang anhal⸗ tender, ſich mehrfach fortſetzender Blitz zuckte über der Landſchaft und beleuchtete das ſtrahlende Antlitz des jungen Mannes und das klare des alten Herrn. Feſt drückte Clodwig die Hand Erichs. 4⁴ Mit bewegter Stimme, als offenbare er ein Ge⸗ lunfke heimniß, das ſich ihm ſchwer von der Lippe ringe, das. er aber doch kundgeben müſſe, ſagte Clodwig: f „In ſolchen Gewittern dachte ich mich ſchon oft in 5 jene Zeit zurück, da alles Land hier bis zum Oden⸗ f1 wald hin ein großer Landſee war, woraus einzelne Berge wie Inſeln hervorragten, bis der Strom ſich ſein n Bett durch die Felswand riß. Und haben Sie, junger in Freund, ſich ſchon einmal dem Gedanken hingegeben, Lela daß das Chaos wieder hereinbricht?“ Bhes „Ich habe es verſucht, aber wir können uns weder 9 in die vormenſchliche, noch in die nachmenſchliche Zeit'“ denken. Wir können nur die Arbeitsſtunde, die man 0 he W ſiebzig Jahr nennt, nach beſter Kraft ausfüllen.“ ‚ Der Major kam und bat die beiden Herren, in fe den inneren Saal einzutreten, wo ſich die Geſellſchaft Wl verſammelt habe. Ein heller Glanz lag auf dem Antlitz der Beiden, müut die in die Geſellſchaft zurückkehrten. ſin Siebentes Capitel. 4 Man hatte ſich in den inneren Muſikſaal zurück gezogen, deſſen Kuppelbau jetzt, da Alles beleuchtet Siln war, ſich faſt feierlich ausnahm. Vier Balcone waren 0 in der halben Höhe des Saales angebracht, in der] Llülh Mitte ſtand der große Flügel, ein Rundſitz war auf! dafn einer Erhöhung. Dort thronte jetzt Bella mit der Nr 45 Landrichterin zur Rechten und der Oberförſterin zur Linken. Die jungen Mädchen gingen Arm in Arm durch den Saal und Prancken geleitete ſie ſcherzend; er trug eine Roſe aus dem Kranz Lina's in der Hand. Als jetzt Clodwig und Erich ſich mit dem Major in den Kreis ſetzten, kamen auch die jungen Leute hinzu. Bella fragte den Major, ob der Bau der Burg, die Herr Sonnenkamp neu herrichten laſſe, fortſchreite. Der Major nickte; er nickte ſtets mehrmals, ehe er ſprach, als beſtätigte er im Voraus, was er ſagen wollte. Mit großer Zuverſicht erklärte er, daß man einen Brunnen im Burghof finden müſſe. Clodwig erſuchte ihn, ja recht behutſam jeden Fund aus dem Mittelalter oder aus der Römerzeit zu bewahren; er verſprach, bald ſelbſt einmal zu kommen und Nach⸗ grabungen anzuordnen. Der Oberförſter ſagte ſcherz⸗ haft: „Herr Sonnenkamp“— Jedes nannte ihn Herr, aber in anfremdender Betonung, als ob man ihm fern ſein wollte—„Herr Sonnenkamp wird ſich nun wol zu ſeinem Namen den der reſtaurirten Burg beilegen.“ Bei der Erwähnung des Herrn Sonnenkamp war es, als ob ein Damm durchgebrochen wäre; von allen Seiten ſtrömte die Unterhaltung wild einher. „Herr Sonnenkamp hat viel Verſtand,“ ſagte der Schuldirector,„aber Molière behauptet boshaft, der Verſtand der Reichen ſteckt in ihrer Börſe.“ Der Apotheker fügte hinzu: 46 „Herr Sonnenkamp liebt es, ſich als hartgeſottener Sünder zu zeigen, in der Hoffnung, daß man ihm das nicht glaube; aber man glaubt es ihm.“ Erich hörte die Namen Herr Sonnenkamp, Frau Ceres, Manna, Roland, Fräulein Perini, es war wie ein Zwitſchern im Walde, wo die Vögel durcheinander ſingen und ſich keine Melodie faſſen läßt. Nicht ohne boshaften Blick auf Prancken ſagte die Frau Land⸗ richterin: Männer könnten eher mit ſolchen räthſel⸗ haften, aus der Fremde angeſiedelten Menſchen Um—⸗ gang pflegen, Frauen müßten da zurückhaltender ſein. Sie gab dann noch zu verſtehen, daß alteingeſeſſene Familien ſtreng zuwarten, bevor ſie fremde Eindring⸗ linge aufnehmen. Mit etwas gewaltſamem Scherz ſpöttelte Bella über die langen Nägel der Frau Ceres; ihre Lippen ver⸗ zogen ſich, als Clodwig in ruhigem Tone, aber doch mit Schärfe ſagte: „Bei den Indiern vertreten lange Nägel die Stelle des Stammbaums, und ſind vielleicht ebenſo gut.“ Die Gäſte ſtaunten, da Clodwig ſo wegwerfend vom Adel ſprach. Er ſchien durch das Losziehen über das Haus Sonnenkamp gereizt. In ihm war nichts Unſauberes, alles Kleinliche und Gehäſſige war ihm zuwider, wie ein unangenehmer Geruch, wie ein greller Ton. Zu Erich gewendet ſagte er: „Der Herr Sonnenkamp, von dem die Rede, iſt Beſitzer von vielen Millionen. Einen ſolchen Reichthum zu erwerben iſt immerhin eine Kraft. Ich möchte ſagen: viel Geld erwerben iſt eine Art Tapferkeit, Geld be⸗ Uahtelt mögch Et ſahm, 0. „ hte he Tätttt ſhbete lir d 1 ſein , di ache Vel l den bi f 3 l il e Ui Wut Kl L Wnn fchttſ r kot wahren erfordert eine gewiſſe Weisheit, und Geld ſchön ausgeben iſt eine Kunſt.“ Er machte eine Pauſe, und da Niemand das Wort nahm, fuhr er fort: „Ich finde, daß Reichthum ein gewiſſes Recht auf Ehre hat. Selbſterworbener Reichthum iſt Zeugniß von Thatkraft, Umſicht. Eben ſo ſchwer, vielleicht noch ſchwerer als die Aufgabe, ein Fürſt zu ſein, erſcheint mir die, ein Mann von ſo übermäßigem Reichthum zu ſein. Da häuft ſich eine Macht in dem Menſchen an, die dem Charakter leicht etwas Gewaltthätiges gibt; ſolch ein Mann lebt in einem Dunſtkreis des Allmacht⸗ Bewußtſeins und hört faſt auf, eine einzelne Perſön⸗ lichkeit zu ſein; die ganze Welt erſcheint ihm unter dem Geſichtspunkte des Kaufpreiſes. Haben Sie ſchon je einen ſolchen Mann kennen gelernt?“ Bevor Erich antworten konnte, fiel Prancken ein: „Der Herr Hauptmann Dournay will Erzieher des jungen Sonnenkamp werden.“ Alle Augen richteten ſich auf Erich; die Geſellſchaft betrachtete ihn, als wäre er plötzlich verwandelt und in ein Bettlergewand gehüllt. Ein Mann, der in Privatdienſt tritt und in einen ſolchen, verliert alle Würde. Die Männer ſchauten einander an und zuck⸗ ten die Achſeln, die Frauen betrachteten Erich mit⸗ leidig. Erich blickte zur Erde. Er wußte nicht, was Prancken mit dieſer überraſchenden Kundgebung beab⸗ ſichtigte; er glaubte etwas erwidern zu müſſen, aber er konnte das rechte Wort nicht finden und ſchwieg. Eine peinliche Pauſe war eingetreten. Clodwig hatte die Hand an die Lippen gelegt, die erblaßt waren. „Eine ſolche Stellung,“ ſagte er endlich,„würde Ihnen zur Ehre und Herrn Sonnenkamp zu Ehre und Glück gereichen.“ Erich fühlte, wie eine breite Hand ſich auf ſeine Schulter legte, und als er umblickte, ſah er in das lächelnde Geſicht des Majors, der, mehrmals mit der linken Hand auf ſein Herz deutend, endlich die Worte hervorſtieß: „Der Herr Graf hat geſagt, was ich ſagen wollte; aber es iſt mir lieb, daß Er es geſagt hat, und er hat's auch beſſer und ſchöner geſagt, als ich. Führen Sie Ihren Vorſatz aus, Kamerad.“ Prancken bemerkte in ſehr leutſeligem Ton, daß er es geweſen, der Erich veranlaßt und empfohlen habe. Lina hatte ein Fenſter geöffnet und rief jetzt mit heller Stimme: „Das Gewitter iſt vorüber!“ Ein friſcher, würziger Luftſtrom drang in den Saal und löſte die Spannung der Gemüther; Alles athmete frei auf. Noch rieſelte ein leiſer Regen nieder, aber ſchon ſangen wieder die Nachtigallen im Buſch. Jetzt wurde auch in die Oberförſterin gedrungen, daß ſie ſinge. Sie ſträubte ſich, aber ſie konnte nicht wider⸗ ſtehen, da Bella, die man noch faſt nie hatte ſpielen hören, ſich erbot, ſie zu begleiten. Die Oberförſterin ſang einige Lieder mit friſcher und jugendlicher Stimme, ſo klar und einfach, daß es Hel ſt üt „F daß ſohten 49 allen Hörern das Herz erfreute. Auch Lina ſollte ſingen; ſie betheuerte, daß ſie heute nicht ſingen könne, aber die Mutter ſah ſie mit ſtrafendem Blick an. Lina trat an das Clavier, ſang einige Töne, konnte aber nicht weiter. Ganz unbefangen, als ob gar nichts geſchehen wäre, rief ſie: „Nun hab' ich's gezeigt, daß ich heute nicht ſingen kann.“ Die Landrichterin biß die Lippe und ſchnaubte vor innerem Aerger, daß ihre Naſenflügel zitterten, über das alberne Mädchen, das dabei noch ſo that, als ob es ſich paſſend benommen. Die Oberförſterin ſang noch ein Lied und jetzt ge⸗ ſellte ſich Lina zu ihr und ſagte, daß ſie nur nicht allein, aber ein zweiſtimmiges Lied wol ſingen könne. Und in der That ſang ſie einen friſchen Sopran, zwar noch etwas ängſtlich, aber gediegen. Mit einer Harmloſigkeit, als ob er ein alter Ka⸗ merad von ihr wäre, forderte ſie nun auch Erich auf, daß er ſinge. Die ganze Geſellſchaft vereinigte ſich mit ihren Bitten, aber Erich lehnte es entſchieden ab, und er ſchaute wieder betroffen auf, als Prancken ihm bei⸗ ſtimmte, mit dem Zuſatze: „Der Herr Hauptmann hat Recht, daß er nicht auf Einmal ſeine Talente kundgeben will.“ Es war im verbindlichſten Tone geſagt, aber die boshafte Spitze war doch unverkennbar. „Ich danke Ihnen für Ihren kameradſchaftlichen Beiſtand,“ erwiderte Erich. Der Himmel hatte ſich aufgeklärt, nur über dem Auerbach. Das Landhaus. I. 4 Taunusgebirge wetterleuchtete es noch. Die Geſellſchaft verabſchiedete ſich; man dankte ſehr redſelig für den herrlichen Tag und den genußvollen Abend. Selbſt Frau Kleiderleib ſprach jetzt und zeigte ſich in ihrer neumodiſchen Capuze, dem ſogenannten Baſchlik, die ſie ſehr geſchickt gelegt hatte. Als man ſich eben zum Aufbruch anſchickte, kam der Kreisphyſicus. Er hatte im Nachbardorfe einen Krankenbeſuch gemacht und war durch das Gewitter aufgehalten worden; er hatte kaum noch Zeit, den Grafen Clodwig und Bella zu begrüßen. Bella athmete tief auf, als die Geſellſchaft zur kalten Küche endlich davonfuhr. In den verſchiedenen Wagen wurde viel geſprochen, in einem aber wurde geweint, denn Lina mußte eine ſcharfe Strafpredigt hören, wie ſie ſo gar kein Be⸗ nehmen habe, ſie ſei doch nichts als die dumme Ein⸗ falt vom Lande; ſtatt neckiſch zu ſein und ſich geltend zu machen, benehme ſie ſich immer, als ob ſie vor einer Stunde die Gänſe gehütet hätte. Lina war an dieſe gewaltſamen Zurechtweiſungen gewöhnt, aber heute ſchienen ſie ihr beſonders zu Herzen zu gehen. Sie war ſo heiterer Seele geweſen, und jetzt ward ihr die Strafrede doppelt empfindlich. Sie weinte ſtill vor ſich hin. Der Landrichter miſchte ſich nicht in das Weiber⸗ gezänk. Erſt als er an der ausgerauchten Cigarre eine neue anſteckte, ſagte er: „Dieſer redefertige Herr Dournay ſcheint mir ein gefährlicher Menſch.“ „Ich finde ihn ſehr liebenswürdig.“ ſc leuc ot 0 O0 L „Frauenlogik! Als ob Liebenswürdigkeit die Ge⸗ fährlichkeit ausſchließe und nicht vielmehr einſchließe. Merkſt Du denn nicht die leicht zu durchſchauende In⸗ trigue?“ „Nein!“ „So reime Folgendes zuſammen: Wir treffen ihn im Kloſter, wo die Tochter des unermeßlich reichen Herrn Sonnenkamp ſich aufhält; er thut, als ob er Niemand kenne und von nichts wiſſe. Jetzt will er Erzieher des jungen Sonnenkamp werden. Ei, wie das blitzt!“ Ein langer Blitz leuchtete auf, ſo daß die Land⸗ ſchaft plötzlich aus dem Dunkel hervortrat. Vor allem leuchtete Villa Eden auf, ſo kenntlich in allen Formen des Gebäudes, als ob man nur wenige Schritte davon entfernt wäre. „Sieh nur,“ fuhr der Landrichter fort,„wie dieſer große Bau und der Park beleuchtet iſt, und Niemand weiß, was hier oben gebraut wird. Wunderliche Welt! Der Baron Prancken führt Herrn Dournay bei ſeinem Schwager und Schwiegervater ein wie einen Freund, und doch ſind die beiden Männer, wie mir ſcheint, Feinde.“ Die Frau Landrichter war ärgerlich über ihren Mann. Mit ihr allein und im Hauſe war er ſo be⸗ lebt und fein beobachtend, in Geſellſchaft aber benahm er ſich immer ſo einſilbig und trocken und ließ Andere glänzen. „Wer iſt der Schwiegervater?“ fragte ſie. „Natürlich Herr Sonnenkamp; er ſoll es wenigſtens ſein. Das unermeßliche Geld des Herrn Sonnenkamp iſt Guano für den Baron Prancken; er hat ihn nöthig; was hat er viel danach zu fragen, woher dieſer Guano kommt?“ Lina warf den Schleier über ihr Angeſicht und ſchloß die Augen. Der Landrichter ſetzte nun noch ausführlich auseinander, daß weder er noch ſeine Frau ſich in dieſe Sachen mengen dürften. „Dieſer Hauptmann⸗-Doctor iſt ein gefährlicher Menſch, gefährlich nach vielen Seiten hin.“ So ſchloß er und war nun wieder ſtill, bis man zu Hauſe ankam. Achtes Capitel. Otto von Prancken ging mit ſeiner Schweſter Bella im Garten auf und ab und erklärte, daß er Erich an Herrn Sonnenkamp empfohlen habe, dies aber bereits entſchieden bereue. Bella, die immer gereizt war, wenn ſie ſich für die bürgerliche Geſellſchaft geopfert hatte, wendete nun ihren Aerger gegen den Bruder, der ihr einen Mann als ebenbürtigen Gaſt zugeführt habe, der doch eigentlich ein Diener war oder werden wollte und nun gar bei Herrn Sonnenkamp. Mit ſchadenfroher Luſt ſetzte ſie dann hinzu, daß Otto ſich wol am kühnen Ueberſpringen der Hinderniſſe freuen müſſe, da er einen Mann von ſo bezaubernder Perſönlichkeit, wie dieſer Doctor— ſie ſagte das Wort wie eine Degradation gegen Haupt⸗ 53 mann— in das Haus empfehle. Es ſei einfache Me⸗ thode, daß ſich die Tochter des Hauſes in den Hof⸗ meiſter des Bruders verliebe. „Herr Dournay,“ ſchloß ſie,„iſt eine ſehr gewin⸗ nende Erſcheinung, nicht blos, weil er ein ungewöhnlich ſchöner Mann iſt, noch mehr zieht eine gewiſſe träu⸗ meriſche Offenherzigkeit und Biederkeit an. Mag das nun wahr oder gemacht ſein, wirkſam iſt es jedenfalls, und nun gar einem ſiebzehnjährigen Kloſterkind gegen⸗ über.“ Mit gutem Humor erwiderte Otto, daß er ſeiner Schweſter eine minder alltägliche Phantaſie zugetraut habe; überdies ſei Erich ein anerkannter Weiberfeind, der von Allem, was weiblich genannt wird, nichts liebe als die Idee. Dennoch ſprach Prancken ſeinen Vorſatz aus, am anderen Morgen, bevor Erich nach der Villa gehe, Herrn Sonnenkamp zu beſuchen und ihm ver⸗ traulich mitzutheilen, daß er widerwillig habe eine Em⸗ pfehlung geben müſſen. Er wolle Herrn Sonnenkamp rathen, den Bewerber in guter Manier abzuweiſen, denn man könne ja mit Fug und Recht ſagen, daß Erich den Knaben mit Freiheits-Ideen anſtecken würde; ja man könnte noch weiter gehen und Herrn Sonnen⸗ kamp mittheilen, daß die Aufnahme Erichs mißfällig bei Hofe angeſehen würde. Dieſer letzte Grund mußte Alles ſchlagen. Prancken hatte ja ſelbſt mit daran gearbeitet, daß eine Geltung in den Hofkreiſen für Herrn Sonnenkamp das Höchſte war, was er zu er⸗ ſtreben hatte. Bella verwarf dieſen Plan; ſie fand eine Luſt darin, 5⁴ den Bruder zu ſtacheln; gerade einem ſolchen Mit⸗ bewerber gegenüber Sieger zu ſein, werde ihn neu be⸗ leben. Ueberdies wäre es vielleicht gut, der Dame Perini gegenüber, deren clericales Ziel doch Niemand vollſtändig erforſche, einen Mann zu haben, der die Weltlichkeit vertritt und den man ſich durch Dank ver⸗ pflichtet hat. Ja noch mehr: würde ſich, wie unzweifel⸗ haft, ein ſtändiger, geheimer Krieg zwiſchen Signora Perini und dieſem höchſt zuverſichtlichen Dournay etabliren, ſo habe man in allen Fällen das Schieds⸗ richteramt und die Entſcheidung. Bella vergaß den Aerger über die kalte Küche, da ſich ihr ein durchſichtiges Gewebe von Intriguen auf⸗ that, die angenehm unterhielten und zum Ziele führten. Sie war die Vertraute des Fräulein Perini, Otto ſollte der Vertraute Erichs bleiben, und ſo hatte man das Haus Sonnenkamp in der Hand; denn es ſei kein Zweifel, daß Erich großen Einfluß gewinnen könne. Otto ſträubte ſich gegen die ihm zuertheilte Rolle, aber ſie wurde ihm nicht abgenommen. Eine Katze, die, ſtill und beharrlich den Athem anhaltend, vor einem Maueeloch ſitzt, läßt ſich nicht wegbringen; ſie weiß, die Maus kommt heraus, ſie knappert ſchon und dann gibt's einen guten Fang. Bella hatte ein Mittel, ihren Bruder zu dem zu be⸗ ſtimmen, was ſie wollte; ſie durfte ihm nur vorhalten, wie unwiderſtehlich er ſei und daß er das Selbſtver⸗ trauen, das ihm ehedem ſo ſchön ſtand, wieder gewinnen müſſe. Otto ſchien beruhigt; er war es noch nicht ganz, er redete ſich aber ein, daß er es noch werde. Ueber⸗ dit n fil 5⁵ dies war dieſer Dournay doch ein armer Mann, dem man helfen mußte, und er hatte heute die plötzliche Kundgebung ſeiner Lebensſtellung mit vielem Anſtand hingenommen und gutes Benehmen bewahrt. Nach geraumer Weile ſagte Bella: „Wenn Du mit Deiner Mittheilung über die Stellung des Doctor Dournay eine Abſicht hatteſt, und Du Hatteſt ſie „Allerdings.“ „Dann hätteſt Du nicht ſo brüsk dreinfahren dürfen. Du konnteſt vertraulich Dieſem und Jenem die Sache mittheilen, das wirkte ſicherer und ſtellte Dich nicht bloß.“ Prancken mußte bekennen, daß ſeine Schweſter Recht habe, und jetzt, da Bella Recht hatte, verfolgte ſie ihren Sieg über die Grenze des Berechtigten. Sie wollte nun ſofort in Allem Recht haben und fügte hinzu, daß Clodwig durch die zufahrende Weiſe Otto's eine Gelegen⸗ heit gegeben worden, ſeine Biſſigkeiten gegen den Adel vorzubringen, und Herr Dournay als ein Verfolgter werde nun ſein beſondrer Günſtling; denn Clodwig liebe die Menſchen, denen Unrecht geſchehen. An Allem dem ſei nun Otto ſchuld. Eine Weile herrſchte ſtumme Verdroſſenheit und Mißſtimmung zwiſchen den Beiden... Während Bruder und Schweſter draußen im Garten umhergingen, ſaß Erich beim Grafen Clodwig in deſſen Arbeitszimmer, das von einer zweiarmigen Lampe be⸗ leuchtet war. Sie ſaßen einander gegenüber in Lehn⸗ ſeſſeln an der Langſeite des Schreibtiſches. „Ich bedaure,“ begann Clodwig,„daß der Arzt ſo 56 ſpät gekommen; er iſt herb, aber eine Kernnatur. Ich glaube, Sie werden ſich mit ihm befreunden.“ Erich ſchwieg und Clodwig fuhr fort: „Ich weiß nicht, warum mein Schwager in ſeiner Weiſe Ihr Vorhaben ſo plötzlich der Geſellſchaft kund⸗ gegeben hat. Es wird nun viel beſprochen und ein gewiſſer naiver Duft Ihres ſchönen Vorhabens iſt da⸗ mit weggewiſcht.“ Erich entgegnete, daß wir darauf gefaßt ſein müſſen, ein ſtilles Vorhaben vorzeitig in die ſcharfe Luft der Außenwelt verſetzt zu ſehen. Clodwig betrachtete ihn mit wohlgefälligem Blick und nahm wieder auf: „Ich habe heute an Ihnen oder vielmehr durch Sie eine Erfahrung erneuert. Die Menſchen halten den Privatdienſt für eine Degradirung, ohne zu bedenken, daß es nicht darauf ankommt, wem man dient, ſon⸗ dern nur in welchem Geiſt man dient. Ich dien', iſt der Wappenſpruch meiner Ahnen.“ Der alte Herr hielt inne; Erich wußte nicht, ob er eine Pauſe mache oder eine Erwiderung erwarte; Clodwig fuhr aber bald fort: „Man findet es höchſt ehrenvoll, wenn ein höherer Officier oder Staatsbeamter die Erziehung eines Prinzen übernimmt; iſt es aber minder ehrenvoll, die Erziehung von dreißig Bauernknaben zu übernehmen oder auch, wie Sie, ſich der Leitung dieſes reichen Jünglings zu widmen?“ „Ich habe Dienen nie und nirgends für entwürdigend gehalten. Ich war freiwillig in Dienſt getreten bei der Direction des Zuchthauſes.“ Nl fch daß dß cet 0 0 He Clodwig ſah den Sprechenden mit großen Augen an, dann ſagte er:„Wollen Sie mir möglichſt genau er⸗ zählen, wie Sie zu dem geworden, was Sie ſind?“ „Von ganzer Seele; und ich will mir die Ehre, daß ich ſo zu Ihnen ſprechen darf, damit verdienen, daß ich nicht beſcheiden bin. Ich will zu Ihnen ſpre⸗ chen wie zu mir ſelbſt.“ Clodwig drückte auf eine Klingel, die auf dem Tiſche ſtand; ein Diener trat ein. „Robert, welche Zimmer hat der Herr Haupt⸗ mann?“ „Das braune, g'rad über dem Schlafzimmer des Herrn Grafen.“ „Geben Sie dem Herrn Hauptmann die Erker— zimmer oben.“ „Verzeihen, Herr Graf, es ſtehen noch Sachen vom Prinzen Leonhard darin.“ „Thut nichts. Und noch Eins; ich will nicht ge— ſtört ſein, bis ich wieder klingle.“ Der Diener entfernte ſich. Clodwig ſetzte ſich etwas tiefer in den Stuhl und legte ſich eine rothe Plüſch— decke über die Knie; dann ſagte er: „Wenn ich die Augen ſchließe, glauben Sie ja nicht, daß ich ſchlafe.“ Es war etwas zutraulich Herablaſſendes, aber fern von aller gönnerhaften Vornehmigkeit, vielmehr ſprach ſich eine herzliche Innigkeit darin aus, wie Clodwig nun Erich bat, unumwunden zu berichten. neuntes Capitel. Erich begann:„Ich bin 28 Jahre alt und wenn ich mein Leben überſchaue, ſo iſt es bisher nur ein Suchen geweſen. Ein einzelner Beruf läßt ſo viele Kräfte in uns unthätig, und doch muß eine Wahl ge⸗ troffen worden, da ſchließlich in jeder Berufsart der ganze Menſch beſtehen und wirken kann. Ich bin der Sohn einer glücklichen Ehe, in ein⸗ trächtigem Familienleben herangewachſen. Von meinem dritten Jahre an wurde ich in Gemeinſchaft mit Prinz Leonhard erzogen. Es war ſtändig eine Widerſacherei zwiſchen uns; die Urſache wurde mir erſt ſpäter klar, als ein offener Bruch ſtattfand. Eine gewiſſe Heuchelei, die gar nicht in den Charakter der Kameradſchaft taugte, hatte mich nach Außen gefügig und nach Innen un⸗ ruhig und empfindlich gemacht. Gewiß widerſpricht es auch dem Weſen der Kindheit, ſich ununterbrochen ehrerbietig, gefällig und fügſam zeigen zu müſſen. Ich kam in das Cadetten-Inſtitut und genoß dort eine beſondere Ehre, weil ich der Kamerad des Prinzen geweſen. Mein Vater war hier zugleich mein Lehrer, und da lebte ich auch zwei Jahre mit Ihrem Herrn Schwager. Ich war kein beſonders guter Schüler. Einer der glücklichſten Tage meines Lebens war der, als ich zum erſten Mal die Epauletten trug; wie ſehr der Beruf mich enttäuſcht, ſah ich daran, daß viel⸗ leicht der Tag, an welchem ich die Uniform ablegte, nicht minder glücklich war. Trotzdem empfinde ich noch einen Einfluß jener Zeit. Ich kann noch heut keine 59 Batterie vorbeimarſchiren ſehen, ohne daß mir das Herz bebt. Bald nachdem ich Lieutenant geworden, ſiedelten meine Eltern nach der Univerſitätsſtadt über; ich war nun allein. Ein ganzes Jahr war ich in mir begnügt und heiter, wie Alles um mich her. Ich weiß noch heute die Stunde, an einem ſchönen hellen Herbſtmit⸗ tag, ich ſehe noch den Baum, ich höre noch die Elſter drauf, wo ich plötzlich mein Pferd anhielt und in mir fragte: Was thuſt Du denn auf der Welt?.. Dich und die Rekruten abrichten zur geſchickteſten Tödtung deiner Mitmenſchen...“ „Iſt Ihnen die Soldatenſchule nie als Männer⸗ ſchule und Wirkungskreis Ihres Lehrberufs erſchienen?“ fiel Clodwig beſcheiden ein. Erich war betroffen und verneinte; dann ſich neu ſammelnd nahm er wieder auf: „Ich verſcheuchte die ſchweren Gedanken, aber ſie verließen mich nicht mehr. Ich war in mir und mit meinem Beruf zerfallen. Ich kann nicht ſagen, wie unnütz ich mir in der Welt erſchien; Alles welk, öde, leer. Es gab Tage, wo ich mich meines Kleides ſchämte, daß ich als geſunder, ſtarker Mann müßig ging, wohlgekleidet war, und daß mein Pferd vielleicht den Hafer des armen Mannes frißt.“ „Das iſt übertrieben,“ ſchaltete Clodwig ein. „Gewiß, ich erkenne es jetzt auch, aber damals im erſten Anſturm des Empfindens war es anders. Ich bat um Urlaub, um den wirklichen Krieg kennen zu lernen. Mein Commandeur, Prinz Leonhard, fragte mich bei den Schießübungen unverſehens, in welchem Heere ich den Krieg mitmachen wolle, und noch ehe ich antworten konnte, ſetzte er ſcharf hinzu:„Sie wür⸗ den wol lieber bei den Tſcherkeſſen als bei den Ruſſen ſtehen?“ Mir war die Zunge gelähmt. Von da ab war mein Verhältniß nach Außen ebenſo zerfallen, wie ich in mir war. Soll ich Ihnen die kleinen Plackereien aufzählen? Ich verdiente ſie, denn in mir war nichts als Widerſpruch, mein Thun erſchien mir als eine einzige große Lüge. Ich war ein ſchlechter Soldat. Ich wollte das Räthſel des Daſeins löſen und verſenkte mich in das Studium der Philoſophie. Eigentlich bin ich eine geſellige, mittheilſame Natur, und doch war mir das beſtändige Leben in der Kameradſchaft uner⸗ träglich. Zwei Jahre hielt ich es noch aus, dann forderte ich meinen Abſchied. Ich wurde aus beſonderer Rück⸗ ſicht für meine Eltern mit Hauptmannsrang entlaſſen. Jetzt war ich frei! Ich war dennoch erſchreckt, daß ich dies Leben zu verlaſſen hatte. Ich war weichlich ge— worden in der Abſonderung. Das ſollte ſich nun ändern. Ich war frei. Wunderlich, ſo in die weite Welt hinein zu fragen: Welt, was willſt du von mir? Welt, was ſoll ich dir? Da liegen die tauſend Thätigkeiten... welche ſoll ich erfaſſen? Ich war zu Allem bereit. Ich hatte eine ſchöne Singſtimme und Viele glaubten, ich würde ausübender Künſtler werden; ich erhielt ſogar Anerbietungen. Wie ganz anders aber war meine Ge⸗ müthsverfaſſung! In mir brannte eine tiefe Sehnſucht, 61 etwas Opfervolles für meine Mitmenſchen zu leiſten. Wäre ich ein Kirchengläubiger geweſen, ich glaube, ich väre Miſſionär geworden.“ Clodwig öffnete das Auge und ſah in das ſtrah— lende Auge Erichs. Eine kurze Pauſe entſtand. Clodwig legte die Arme wieder auf der Bruſt übereinander, lehnte den Kopf zurück und ſchloß die Augen. Erich fuhr fort: „Als ich zum erſten Mal in Bürgerkleidung über die Straße ging, war mir's, als ginge ich entblößt vor den Augen der Menſchen, wie man das oft ſo ängſtlich träumt. Der Erſte, der mir begegnete und mich ſtarr anſah mit dem Ausdruck der Ungewißheit, ob er mich erkenne, war mein alter Hauptmann, der, in Civildienſt übergetreten, Vorſteher des Männer⸗ Zuchthauſes war. Er erzählte mir, daß er hier ſei, um einen Gehilfen zu ſuchen. Mein Entſchluß war bald gefaßt. Ich wollte mich der Leitung und Hebung der gefallenen Mitmenſchen widmen. Erſt aus meinem neuen Beruf ſchrieb ich meinen Eltern. Mein Vater antwortete, daß er mein Streben wol anerkenne, aber mit Beſtimmtheit vorausſehe, daß ein gewiſſer Schön⸗ heitstrieb mir das Leben unter Verbrechern unmöglich machen würde. Er hatte Recht. Ich ſuchte die Nei⸗ gung nach dem höheren Luxus des Daſeins mit aller MWacht zu unterdrücken, es gelang mir nicht; mir fehlt die Doſis Humor oder auch jener freie Standpunkt, der die Lebenserſcheinungen wie naturwiſſenſchaftliche Phänomene anſieht und behandelt... In meiner Haupt⸗ manns⸗Uniform erlangte ich bei den Züchtlingen mehr 62 Reſpect als in meiner Bürgerkleidung. Das Leben unter den Züchtlingen, die meiſt verhärtete, gedanken⸗ ſtumpfe Menſchen oder abgefeimte Heuchler waren, wurde mir zur Hölle, und dieſe Hölle hatte noch eine Pein beſonderer Art. Ich hatte damals den ſchwergemuthen Grübelſinn, ich war in mich gekehrt und konnte doch die Welt nicht vergeſſen. Ja, es verfolgte mich immer, daß ich mir vorſtellen mußte, was wol die Menſchen über mein Thun und Laſſen denken und ſagen. Aus ihren Augen geſehen, erſchien ich mir nun ſo zu ſagen als idealiſti⸗ ſcher Vagabund. Das wollte ich nicht ſein, und vor Allem ſollten meine Feinde und Spötter den Triumph nicht haben, daß ich in Verwahrloſung und Unſtetigkeit verkomme. Ach, ich quälte mich unnöthig; denn wer hat Zeit, Luſt und Trieb, dem Daſein eines Entſchwundenen nachzugehen? Die Menſchen beſtatten Todte und gehen dann wieder ihrem Alltagsleben nach, und ſo auch be⸗ ſtatten ſie Lebendige. Ich mache ihnen heute keinen Vorwurf mehr darüber; es muß ſo ſein. Mir ward klar, daß ich zu dem jetzt gewählten Be⸗ rufe nicht geeignet war. Ich lebte noch zu ſehr in mir, ich ſetzte mir alles Gewordene noch beſtändig um und ſuchte Gründe und Entſtehung der Charaktere zu erforſchen. Ich wollte mich damals noch nicht drein finden, daß Weſen und Handlungen der Menſchen nicht ſo folgerecht ſich entwickeln, als ich mir dachte. Dabei war ich noch zu leidenſchaftlich und vor Allem von einer beſtändigen Sehnſucht nach dem Schönen beherrſcht. 010 fl b ſiſ 63 Ich dachte an Auswanderung in die neue Welt. Aber was war ich dort? Sollte ich mir ſo Mancherlei angeeignet haben, um ein Stück Urwald in ein Frucht⸗ feld zu verwandeln? Ich hatte allerdings noch einen beſonderen Grund, der mich nach Amerika zog. Dort— hin war der einzige Bruder meines Vaters gegangen und ganz verſchollen. Früher hatte er eine Bijouterie⸗ fabrik gehabt. Er liebte die Schweſter meiner Mutter, und als er mit einem Heiratsantrage etwas ſchroff ab— gewieſen wurde, verließ er Europa und ging in die neue Welt. Er lehnte jede Beziehung zu Heimat und Familie ab. Als ein Freund meines Vaters ſich in Neuyork bei ihm einführte und zuletzt behutſam von uns erzählte, wies ihn der Oheim mit den heftigſten Ausdrücken aus dem Hauſe. Er wollte nichts mehr von uns und von Europa überhaupt wiſſen. Ich bildete mir ein, daß ich den Oheim bekehren könnte, und Sie wiſſen ja, daß man in verzweifelter Lage gern vom Abenteuerlichſten eine Rettung erwartet. Mein guter Vater half mir. Was er immer als meinen Beruf erkannt und wogegen ich nur, vom blen⸗ denden Soldatenſtande angezogen, widerſtrebt hatte, das war mir nun deutlich. Der Durſt nach Einſamkeit er⸗ wachte in mir; mir war, als müßte ich einen Fleck Erde ſuchen, wo kein Ton in das Innenleben ſtörend einzudringen vermag. Dieſe Einſamkeit, die doch alles Leben in ſich ſchließt, brachte mir nun die Wiſſenſchaft. Mein Vater half mir, indem er mir deutlich machte, daß meine Vergangenheit nicht verloren ſei, ſondern mir eine Beſonderheit und neue Aufnahme gebe. Er kam und brachte mir ein Angebinde, das mir in die Wiege gelegt war; denn der Senat der Univerſität, an welcher mein Vater vor ſeiner Berufung als Erzieher des Prinzen docirt hatte, hatte mich bald nach meiner Geburt mit der Univerſitäts-Matrikel beſchenkt, wie man einem neugebornen Prinzen eine Militär⸗Charge verleiht.“ Clodwig ſah Erich lächelnd an und bat, daß er fortfahre. „Ich habe nur noch wenig zu erzählen. Ich wid⸗ mete mich dem Studium der Alterthums⸗-Wiſſenſchaft, und jener Trieb nach dem Schönen fand nun Befriedi⸗ gung in der Aufnahme der claſſiſchen Welt. Seines Fleißes darf ſich Jeder rühmen, ſagt der Dichter. Ich habe redlich gearbeitet und hatte nun im Elternhauſe das Glück eines Kindes und als Mann die Freude des geiſtigen Wachsthums. Mein Vater hatte die Hoffnung, daß ein erfolgreiches Gelingen deſſen, was er verfehlt hatte, mir beſchieden ſei; er gab mir das Erbe jener Ideen, die er weder in der Wiſſenſchaft niederlegen, noch auf dem Lehrſtuhl kundgeben konnte. Wenn es je ein glückliches, von ſtändiger Tempelweihe erfülltes Haus gab, ſo war es das meiner Eltern. Da ſtarb mein jüngerer Bruder. In wenigen Wochen wird es ein Jahr, ſeitdem wir ihn begraben; mein Vater, der überdies eine Kränkung in der Seele trug, konnte bei aller ſtoiſchen Kraft dieſen Schlag nicht überwinden. Zwei Monate ſind es her, daß auch er ſtarb. Ich habe den Schmerz des Verwaiſten nieder⸗ gekämpft und meine Studien abſolvirt. Vor einigen Tagen erhielt ich die Doctorwürde. Meine Mutter und ich, wir haben allerlei Pläne, noch iſt nichts beſtimmt. Ich habe nach meiner Mutter Rath dieſen Ausflug nach dem Rhein gemacht, denn ich hatte übermäßig gearbeitet, und wir wollten uns nach meiner Rückkehr feſt ent⸗ ſchließen. Da traf ich Ihren Herrn Schwager und ich halte es für meine Pflicht, die dargebotene Gelegenheit nicht von mir zu weiſen. Ich bin bereit, in den Privatdienſt zu treten. Ich weiß, was ich unternehme, und meine, dafür ausgerüſtet zu ſein. Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, nur in der Wirkung auf eine große Gemeinſamkeit Befriedigung finden zu können; jetzt würde ich mich begnügen, ein einziges Menſchenkind zu erziehen, und noch dazu ein ſolches mit dereinſtiger Herrſchaft über großes Beſitzthum zum edelwirkenden, für ſeine große Aufgabe entſprechend vorbereiteten Men⸗ ſchen bilden zu helfen. Ich bin zu Ende. Ich wünſche nicht, daß Jemand von mir beſſer denke, als ich verdiene, aber ich wünſche auch als das zu gelten, was ich zu ſein glaube. Ich kann in einer gefährlichen Unwiſſenheit ſtehen, da ich ja nicht weiß, wie mich Andere anſehen; ich habe mich auch nur gegeben, wie ich mich im ehrlichen Be— kenntniß vor mir ſelbſt anſehe. Ich glaube, ein Lehrer zu ſein. Was von künſtleriſcher Neigung und Befähi⸗ gung in mir ſein mag, will ich auf die Bildung eines Menſchen anwenden. Ich habe Ihnen nach beſtem Wiſſen mein ganzes Sein dargelegt; wo noch Lücken ſein ſollten, bitte ich mich zu fragen.“ Clodwig ſtand auf, trat raſch auf Erich zu und ſagte: Auerbach. Das Landhaus. I. 65 „Ich reiche Ihnen nochmals die Hand. So lange dieſe Hand vom Leben bewegt iſt, wird ſie ſich Ihnen nicht entziehen. Ich hatte Anderes mit Ihnen vor, ich kann es Ihnen jetzt nicht mehr ſagen, iſt auch nicht mehr nöthig. Doch genug. Gehen Sie ruhig und feſt Ihrem Ziele entgegen; was ich zur Erreichung thun kann, haben Sie ein Recht zu beanſpruchen. Hören Sie? Sie haben ein Recht auf mich in jeder Lebens⸗ lage, in jeder Weiſe. Gute Nacht, lieber junger Freund.“ Der Graf zog ſich raſch, wie einer Rührung ent⸗ fliehend, zurück. Der Diener kam und geleitete Erich mit großer Ehrerbietung auf ſein Zimmer. Zehntes Capitel. Drunten im Städtchen tönte hell eine mitternächt⸗ liche ſilberne Glocke vom Thurm, ſie war in alten Zeiten von einer edlen Frau geſtiftet und ſollte den Verirrten im Walde Kunde von der Menſchenheimat geben. Erich hörte das Läuten, und im Gedanken ſah er jetzt den Beichtſtuhl in der Kirche; dort beichten Gläubige und ſchreiten, mit dem Segensſpruch geſtärkt, wieder in das Leben hinaus. Er hatte einem Mann gebeichtet, in dem die Weihe des reinen Geiſtes lebte; erhoben und gekräftigt fühlte er ſich, im Selbſtbewußt⸗ ſein gerüſtet zu jedem ſchönen Menſchenbunde. Er öffnete das Fenſter und ſog den Athem der kühlen, würzigen Nachtluft ein. Im Thal wogten feine Nebel, die Glocken in den Dörfern ſchlugen Mitter⸗ nacht, zart und beſcheiden ſchlug auch die Glocke zu Wolfsgarten. Erich verſenkte ſich in das Wallen und Wogen der Natur, wo es auf⸗- und niederrieſelt in den Baumſtämmen, in den Zweigen ſich regt und jede Knospe getränkt iſt. Von fern dröhnte noch ein nächt⸗ licher Bahnzug, die Nachtigall im Walde ſang laut, und plötzlich, wie vom Schlaf überwältigt, brach ſie ab. Wie wolkige Schaaren drängte ſich alles Leben, eigenes und fremdes, zu Erich heran. O, wie groß und reich iſt die Welt, und Genoſſen beſter Art leben in ihr und harren nur des Anrufs und des grüßenden Augenſtrahls! Jetzt kam der Mond herauf über den jenſeitigen Bergen, ein flüſternder Schauer rieſelte durch den Wald, die Nachtigall ſang wieder laut, die Nebel im Thal hoben ſich und verſchwammen und ein breiter Strahl glitzerte auf einer Glaskugel in der Ferne. Dort iſt Villa Eden! Nur gewaltſam widerſtrebend gab Erich endlich der Müdigkeit nach und ſchloß das Fenſter. Er betrachtete lange eine Büſte der Meduſa: feſſelnd war das große, gewaltige und ſchöne Antlitz; auf dem wildlockigen Kopf liegen zwei aufſtrebende Vogelflügel, unter ſchwellend zuſammengezogenen Brauen ſtarrt das große Auge, als wollte es niederſchmettern; der Mund iſt trotzig ver⸗ zogen und auf den Lippen liegen höhnende ſchadenfrohe Worte; unter dem Kinn ſind wie ein Kopftuch zwei Schlangen zu einer Schlinge gebunden. Der Anblick dieſes Hauptes war abſtoßend und anziehend zugleich. Der Meduſa gegenüber ſtand eine Büſte der Victoria von Rauch, jenes wunderſame Frauenbild, an das Antlitz der Königin Louiſe erinnernd, das edle Haupt mit dem ſchweren Eichenkranz, nicht erhoben, ſondern in ſich gebeugt, wie ſinnend und anhaltend... Wunder⸗ liche Gegenüberſtellung ſolcher zwei Büſten! Der Schlaf übermannte Erich, aber ſchon nach wenigen Stunden, da kaum der Tag zu dämmern be⸗ gann, erwachte er wieder. Es gibt Stunden und Tage, wo im Gemüthe eine frohmuthige Zuverſicht iſt, als hätte man den Schlüſſel gefunden, der alle Herzen öffnet, als hielte man die Zauberruthe in der Hand, die alle Quellen erſchließt und uns jedem Mitathmenden nahebringt, als einem Genoſſen und Bruder. Die Welt iſt durchklärt, und die Seele tief erlabt vom Gefühle reinen Glückes, das nichts iſt als Daſein, Leben, Athmen, Lieben. Von ſolchem Gefühl umfangen ſtand Erich am Fenſter und ſchaute hinaus über den Strom nach den jenſeitigen Bergen, den Burgen, den Städten, den Dörfern am Ufer und auf der Höhe. Da überall biſt Du wenn auch nur flüchtig daheim, Du lebſt auf der ſchönen Welt! Schnell war Erich im Freien; er ging durch den Park und den Wald; er ging dahin als ſchritte er nicht ſelbſt, als trüge ihn eine unnennbare Macht. An den friſchen Frühlingsblättern der Waldbäume, auf Gras und Blume hingen noch die Tropfen des nächtlichen 69 Gewitterregens, kein Lüftchen regte ſich, und doch ſchüt— telten die Bäume oft plötzlich die auf ihnen ruhenden Tropfen praſſelnd ab. Das iſt der Sonnenſtrahl, der jetzt Zweig und Blatt trifft und eine dem Auge un⸗ erkennbare Bewegung hervorbringt. Im Buſche ſang die Schwarzamſel laut und hell und übertönte all das durcheinander wirrende Gejauchze der Waldgenoſſen. Bei einer offenen Halle auf dem Bergeskamme ſtand Erich ſtill und ſah lange nach einer Gabelweihe, die frei ſich ſchwingend über dem Berge ſchwebte, dann über den Strom hinweg im jenſeitigen Walde ſich niederließ. Was war's, daß ihm jetzt Herr Sonnenkamp einfiel? War's Neid und Furcht der kleinen Vögel, die einem Gewaltigen böſe Nachrede halten, und hat dieſer nicht das Recht zu leben nach ſeiner Kraft? Zu dem Knaben hin dachte ſich Erich, als müßte er ſich in ſeine Träume ſenken und ihm ſagen: Ich komme zu Dir. Erich forſchte lange umher, ob er die Glaskuppel ſehe, er fand ſie nicht. Er ſchritt auf der Hochebene landeinwärts dahin, wo ſich bald wieder Thalgründe, Höhen und Berge darſtellten. An einem großen Felde hielt er an und ſah zum erſten Mal in ſeinem Leben einen neuen Weinberg an⸗ legen. Die Männer hielten Werkzeuge wie große Bohrer in der Hand; ſie ſenkten ſie in die lockere Erde und fügten dann in geordneten Reihen die Setzlinge ein. Erich grüßte die Arbeitenden, und ſie dankten ihm wohl⸗ gemuth; ſie mochten am Ton ſeiner Stimme hören, daß er jeden Fremden grüßte, als wäre er ſein Bruder. Er ließ ſich berichten, wie lange es dauere, bis man zum erſten Male keltern könne, und als ein Alter ihm ausführlich Alles erklärt hatte, ging er dankend davon. Er begegnete Arbeitern, die zu einem Kalkſteinbruche gingen. Er geſellte ſich zu ihnen und vernahm, daß dieſes Vorwerk dem Grafen gehöre, daß er aber Alles verpachtet habe und auch ſein Gut nicht ſelbſt bewirth⸗ ſchafte. Der Aufſeher zeigte ihm die in der Nähe befindliche Cementfabrik; Erich ſah hier Ziegelſteine zu Flieſen von gutem Muſter aus der Zeit der Renaiſſance; Clodwig hatte die Fabrikation nach dieſem Muſter empfohlen und ſie fand guten Abſatz. Als Erich in das Schloß zurückkehrte, meldete ihm ein Diener, daß der Graf ihn erwarte. Dieſer war bereits vollkommen geſellſchaftsmäßig angekleidet und reichte ſeinem Gaſt die Hand, indem er ſagte, daß er heute ſchon viel an deſſen Vater gedacht. Er fragte, wie er geſtorben ſei. Erich ſchilderte, wie ſein Vater noch in der letzten Nacht vor ſeinem Tode den Sohn glücklich geprieſen habe, der in die neue Zeit eintrete, die ſich nicht mehr blos darin verbrauche, um das Widrige und die Ge⸗ waltſamkeiten abzuthun.„Mein Sohn,“ ſagte er,„mir zittert das Herz vor Freude, wenn ich in die Jahr⸗ hunderte hineinſehe, wie da Schönheit, Freiheit, Für⸗ ſorge für die Mitlebenden ſich aufthut, die wir erſt im Keime ſehen. Sieh nur das Eine, mein Sohn. Die Alten wollten, daß der Staat die Kinder erziehe, und jetzt thut er's und in einer Weiſe, die kein Solon, kein .. Sokrates ahnen konnte. Du wirſt die Zeit erleben, wo man kaum mehr ahnt, daß es Sklaven, Leibeigene, Hörige gab und das ganze Gerümpel einer ſich ſelbſt belügenden Welt.“ Clodwig drückte halb murmelnd ſeine Freude aus, welch ein ſchönes Erbe es ſei, wenn der Sohn, die Ideen des Vaters erbend, dieſelben fortwirkend bethätige. Und in die Landſchaft hinausſchauend ſetzte er hinzu: „Da drunten ſind Manche, die nicht wollen können, daß die Kinder ihre Gedanken und Thaten fortſctzen. Doch bitte,“ wendete er ſich laut an Erich:„Nur noch eine Frage. Hat Ihr Vater Ihnen nie erklärt, was dem plötzlichen Zerfall mit dem Hofe voranging?“ „Gewiß.“ „Und dürfen Sie es einem Andern mittheilen?“ „Ihnen allerdings; er geſtattete mir ausdrücklich, es Denjenigen mitzutheilen, die ich aus voller Seele hochhalte.“ „Sprechen Sie etwas leiſe,“ bat Clodwig, und Erich fuhr fort: „Mein Vater ſollte in jener letzten Audienz, von der Niemand etwas erfuhr, aus der Hand des Fürſten das Adelsdiplom empfangen, um nunmehr zu einer Hofſtellung würdig zu ſein. Er ſagte zum Fürſten: „Hoheit, Sie vernichten den Segen meiner jahrelangen Lebensarbeit, in der ich meine beſte Kraft der Bildung meines jungen Fürſten widmete, wenn Sie glauben, daß ich das annehme, oder daß ich es überhaupt noch für Etwas halte, was unſerer Zeit zuſteht.“—„Ich ſcherze mit ſolchen Dingen nicht,“ erwiderte der Fürſt. —„uUnd ich auch nicht,“ entgegnete mein Vater.— Es waren Jahre verfloſſen, als der Vater mir dies erzählte, und doch zitterten ſeine Lippen, und er ſagte, daß er in jenem Augenblicke, da er und ſein Zögling lautlos einander gegenüber ſtanden, das Herbſte ſeines Lebens erfahren habe.“ „Wunderbar! Wunderlich! Und Sie reiſen heute zu dem Manne... Doch kommen Sie, es iſt Zeit zum Frühſtück.“ Man ging in den Saal des Erdgeſchoſſes, deſſen Thüren weit geöffnet waren. Bald erſchien auch Bella; ſie ahnte, daß Erich ſie ſcharf betrachtete, ſie wendete ſich raſch, um an einem Seitentiſch den Kaffee zu bereiten. „Meine Frau,“ ſagte Clodwig,„hat heute bereits einen Boten an Fräulein Perini geſchickt, und ich habe dabei Herrn Sonnenkamp ſagen laſſen, daß Sie erſt heute Abend oder noch beſſer morgen in der Frühe bei ihm vorſprechen werden.“ „Und ich ſoll meinen Bruder bei Ihnen entſchul⸗ digen, er iſt heute in aller Frühe mit einem jungen Manne, ſie nennen ihn hier den Weincavalier, zum Pferdemarkt nach Mannheim gereiſt. Belieben Sie Kaffee oder Thee?“ „Wenn ich bitten darf, Kaffee.“ „Das iſt recht, daß Sie ohne Umſtände ſagen, was Sie wollen,“ ſagte Bella hell.„Es iſt eine abſcheu⸗ liche Höflichkeit, wenn die Menſchen auf ſolch eine Frage antworten: Es iſt mir gleich! Wenn es Dir gleich iſt, liebe höfliche Seele, ſo ſag Eins oder das Andere und wälze nicht mir die Entſcheidung zu.“ 73 Ein heiterer Ton war damit angeſchlagen und man ſetzte ſich zu Tiſche. Bella wußte, daß ſie im Morgenanzuge noch wohl— gefälliger erſchien, als im Geſellſchaftskleide. Sie war eine ſtolze, wohlgebaute Erſcheinung; ihr reiches, dunkel⸗ blondes Haar, jetzt halb aufgelöſt, war von einem feinen Spitzentuche gehalten, das improviſirt und nach—⸗ läſſig übergeworfen ſchien und unter dem Kinn ge⸗ knüpft war. Ihre Geſichtsfarbe war friſch, als hätte ſie ſich eben erſt in Milch gebadet, und in der That wuſch ſie ſich täglich beim Schlafengehen und nach dem Erwachen in Milch. Ihr Geſichtsausdruck war ſcharf und fein, Alles war edel geformt, nur hatte ſie eine gekniffene Oberlippe, die ein boshafter Cavalier am Hofe einmal die Giftmiſcherlippe genannt hatte. Ihre Bewegungen waren voll Elaſticität und Grazie und das einzig Unharmoniſche ſchien ihre tiefe Sprechſtimme zu ſein; ſie hatte faſt eine Männerſtimme. Im leichten Geſpräche beim Frühſtück machte ſie ihren ganzen Liebreiz, verſtändnißvolles Eingehen und neckiſche Schelmerei zugleich geltend. Dazwiſchen be⸗ trachtete ſie Erich ſcharf, ſie war überraſcht von ſeiner Erſcheinung; geſtern hatte ſie ihn nur in der Abend⸗ dämmerung und dann bei Licht geſehen. Er war offenbar auch eine Tageserſcheinung, und in der That lag jetzt ein friſcher Glanz auf ſeinem Antlitz, denn die Erregung ſeines Innern zeigte ſich in ſeinen Mie⸗ nen. Er ſchaute Bella an, als wollte er ſagen: Ich bin faſt der Sohn deines Gatten geworden, laß auch zwiſchen uns den reinen Gleichklang ſich bilden! 7⁴ Bella war ausnehmend freundlich, vielleicht im Gefühle, daß ſie heute bereits eine Hinterliſt bereitet hatte. Ein italieniſch geſchriebenes Briefchen an Fräu⸗ lein Perini enthielt die ebenſo behutſam im Ausdruck als entſchieden in der Sache gegebene Anweiſung, daß der neue Ankömmling ſcharf zu prüfen ſei. Als Clodwig dem Boten ſagte, daß Erich erſt Abends oder am andern Tage kommen werde, fühlte ſie ſich indeß in ihrer vorausgegangenen Hinterliſt be⸗ rechtigt und beruhigt, denn noch nie hatte Clodwig mit ſolcher Eigenwilligkeit einen Gaſt zurückbehalten. Clodwig und Bella hatten einander verſprochen, nur ſich allein zu leben, und ſie hatten es bisher treulich gehalten.„Ich bin eine müde Seele,“ hatte Clodwig damals zu Bella geſagt, da er ihr ſeine Hand ange— boten, und ſie hatte erwidert, daß ſie den Müden er⸗ friſchen wolle. Bella hatte ſeitdem jede Beziehung mit der Außenwelt abgeſchnitten, denn ſie wußte, ſolche Freundſchaftsbeſuche kommen nur auf Stunden und Tage und machen dann die Einſamkeit nur um ſo bemerklicher. Bella war ſehr liebenswürdig gegen Jedermann und jederzeit, wenn Jedermann zu jeder Zeit ihr den Willen that und zu Gefallen lebte. Im Grunde aber liebte ſie die Menſchen nicht, ſie hatte kein Verlangen nach ihnen; ſie wollte nichts von Anderen, und man ſollte auch ſie in Ruhe laſſen. Die hundertfältigen Be⸗ ziehungen, die Clodwig ehedem mit Männern und Frauen gehabt, waren ihr zuwider, und Clodwig fügte ſich in ihren Wunſch, ſeine ausgebreitete Correſpondenz und ſeinen perſönlichen Verkehr auf das geringſte Maß 7⁵ zu beſchränken. Nur mit zwei Geſellſchaftskreiſen der nächſten Umgebung hielt man noch zeitweiſe Verbin⸗ dung. Die Einen, die ſogenannte bürgerliche Geſell⸗ ſchaft oder die Geſellſchaft zur kalten Küche, wie man ſie hier oben nannte, haben wir geſtern kennen gelernt; dagegen wurden die zerſtreut wohnenden Adeligen jähr— lich zweimal zu einem Kreiſe geladen. Sollte nun dieſer deſertirte Hauptmann das Alles ſtören? Im Triumphe, daß ſie ihn auswies, wurde Bella immer beredter. Erich konnte nicht umhin, jene Weinlaune, jene angeheiterte Stimmung zu preiſen, die die Rheinlande durchzieht und Jeden ergreift, der in den Kreis der Bewohner eintritt. Endlich lenkte er das Geſpräch wieder auf Sonnenkamp, da ihm die Art, wie des Mannes geſtern erwähnt wurde, räthſelhaft war. Mit lebhafter Zuvorkommenheit erklärte nun Bella, daß ſie, im Widerſpruch mit der feſtgeſeſſenen Philiſterei, den Mann ſehr anziehend finde; er habe nichts Tri— viales und ſei ein Eroberer, ein kühner Recke; in dieſer auf Aktien geſtellten Welt gebe es ja nichts weiter zu erobern als Geld. Das Abenteuerliche in Sonnenkamp ſchien eine Anziehung auf Bella zu üben. Bedachtſam fügte Clodwig hinzu: „Ich habe oft geſehen, ſo lange ein Mann im Wachsthum des Reichthums iſt, erſcheint den Menſchen ſein Glück wie eine Befriedigung des Weltverſtandes; es thut ihnen wohl, als wüchſen ſie mit ihm. Hat 76 er aber ſein Ziel erreicht, werden ihm die Menſchen abtrünnig und der Weltverſtand, der ſich vorher ſo befriedigt zeigte, mäkelt nun an ihm. Verſtehen Sie etwas von Gartencultur?“ „Nei „Herr Sonnenkamp iſt ein ſehr bedeutender Garten⸗ künſtler. Iſt es nicht ſeltſam! In Parkanlagen haben wir die franzöſiſche Gartenkunſt, die den Naturwuchs ſtyliſirt, überwunden; nun hat ſie ſich in die Obſt⸗ cultur geflüchtet und findet da einen hohen Schutz in dem Alles beherrſchenden Nutzen und erzielt faſt mär⸗ chenhafte Erzeugniſſe. Das werden Sie bei Herrn Sonnenkamp ſehen, der dieſe franzöſiſche Obſteultur betreibt. Ja,“ fügte er lächelnd hinzu,„Herr Sonnen— kamp iſt ein Baum⸗Erzieher, man könnte ſagen ein tyranniſcher Baum⸗Zerreißer. Ich kann mich heute Ihnen gegenüber näher ausſprechen. Mir war Herr Sonnenkamp immer fremd und wird es wol bleiben. Bei aller guten Manier, ja bei einer wachſamen Be⸗ fliſſenheit für gute Manier, ſieht aus ſeinem Weſen eine Brutalität heraus; ich meine Brutalität im ur⸗ ſprünglichen Sinne des wilden Naturmenſchen.“ „Sie würden da einen ſchweren Stand haben, und bei Roland beſonders,“ wendete Bella ein. „Heißt der Knabe Roland?“ fragte Erich. „Ja, dies iſt ſein Name. Der Knabe möchte gern viel wiſſen und nichts lernen.“ Bella ſchaute vergnüglich um, da ſie dieſe Worte geſagt hatte. Der Papagei, der im großen Käfig auf der Veranda ſtand, ſchrie laut, wie zankend. 77 „Sehen Sie,“ rief Bella, indem ſie aufſtand,„das iſt mein Schüler, der ſeine Lehrerin tyranniſirt.“ Sie nahm den Papagei heraus, ſetzte ihn auf ihre Schulter, hätſchelte und liebkoſte ihn, daß man faſt neidiſch werden konnte auf dieſe Verſchwendung; die Biegung des Halſes und Nackens, und alle ihre Be⸗ wegungen waren ſchön. Eilftes Capitel. Bella ging und Clodwig ſah auf Erich, als be— grüßte er ihn aufs Neue. Nur einem argloſen Blicke konnte die Veränderung entgehen, die im Benehmen Clodwigs lag; er hatte in Anweſenheit Bella's eine Befangenheit und Aengſtlich⸗ keit, als hätte er etwas zu hüten, das nicht verletzt werden dürfe. Bella kam indeß bald wieder, den Papagei auf der Hand tragend und ihn ſtreichelnd. Sie ging im Zimmer auf und ab und wendete ſich oft zurück, da Erich er— zählte, daß er heute landeinwärts gegangen ſei und ſchon viele Menſchen geſprochen habe. Clodwig verbreitete ſich über ſeine Lieblingsanſicht, daß ſich in Phyſiognomie und Charakter der Einwohner noch Spuren der römiſchen Anſiedler zeigen. Bella ſchien unwillig, dies wiederum hören zu müſſen; ſie warf mit übermüthiger Laune dazwiſchen: „Wenn man ſich vom Rhein abwendet, ſo hat man — wenigſtens habe Ich das Gefühl, daß Jemand, wahrſcheinlich Vater Rhein, mir nachſieht, ja, als riefe er: Sieh Dich doch um!“ „Wir Männer haben nicht immer das Gefühl, ge⸗ ſehen zu werden,“ entgegnete Clodwig in einem Tone, der ſcherzhaft klang, aber doch an den Ernſt ſtreifte. Er bat Erich, die Thonvaſe, ein Geſchenk, das der Landrichter geſtern überbracht hatte, nach ihrer Zeit zu beſtimmen. Erich, der friſch aus der Wiſſenſchaft kam, konnte das mit Leichtigkeit, und als man in das anſtoßende Gemach ging, das mit bunten, verſchieden⸗ artigen Ausgrabungen angefüllt war, zeigte er ſich be⸗ wandert in allen einſchlagenden Verhältniſſen. „Sie ſind ein guter Lehrer,“ ſagte Bella,„und es muß eine Luſt ſein, ſich von Ihnen unterrichten zu laſſen. Ja, viele Menſchen geben nur widerwillig Be⸗ lehrungen, Andere, um dabei glänzend zu erſcheinen; Sie aber belehren wie ein freundlicher Wohlthäter, der ſich freut, eine Gabe reichen zu können, noch mehr aber, daß ſie dem Empfänger wohlthut, und Sie geben Alles ſo, daß man nicht nur überzeugt iſt, Sie ver⸗ ſtehen die Sache, man glaubt auch, man verſtehe ſelbſt etwas davon.“ Clodwig ſah ſtaunend auf; ganz dasſelbe Wort hatte er noch geſtern Abend vom Vater Erichs gebraucht, indem er deſſen gedachte, daß ſeine einzige kleine Schrift unter der uneigennützigſten Beihilfe des Profeſſor Dour⸗ nay zu Stande gekommen war. Die beiden Männer gingen mit einander auf die Zimmer Erichs. Hier übergab Erich dem Grafen ein 79 Cremplar ſeiner Doctorabhandlung und jetzt erſt fiel ihm auf, wie ſeltſam ſich das fügte. Er hatte Unter⸗ ſuchungen angeſtellt über die apokryphe Schrift Plato's: „Ueber den Reichthum,“ und nun ſollte er gerade be— rufen ſein, die Erziehung im Reichthum zu leiten. Auf den Wunſch Clodwigs las Erich die lateiniſch geſchriebene Abhandlung deutſch vor. Clodwig knüpfte die Betrachtung daran, daß es wohlgethan wäre, geſchichtlich und pſychologiſch darzu— thun, wie der Reichthum auf die Frauen wirke; das ließe ſich freilich nur abſtract aber nicht bildlich dar⸗ ſtellen wie Zartſinn und Kraft. Er wies auf die Me⸗ duſa und Victoria hin, die er hier einander gegenüber geſtellt. Die Wiſſenſchaft werde allerdings ſeine Be⸗ trachtung nicht gelten laſſen. Die Meduſa ſei ihm die Erſcheinung der Alles verzehrenden Leidenſchaftlichkeit, die, wenn ſie der irrende Menſch ſehe, ihn vor ſeinem eigenen Selbſt erſtarren mache. Es ſei ſehr bedeutungs⸗ voll, daß die Alten das äußerſte ſeeliſche Chaos im Weibe dargeſtellt hätten, denn die zur Liebe geſchaffene ſchöne Erſcheinung, die zu Bosheit und Zerſtörungsluſt geworden, ſei gerade in der Geſtalt des Weibes um ſo kraſſer. Die Rauch'ſche Victoria dagegen erſcheine ihm als Verkörperung eines hochſittlichen modernen Seelenzuſtandes. Auf die Victoria deutend rief er: „Dieſes Antlitz gleicht wunderbar—“ er vollendete den Satz nicht, ſondern ging ſtotternd in einen ande⸗ ren über und fuhr fort:„Das iſt nicht jene Sieges—⸗ göttin, die ſtolz und erhaben den Kranz auf der 80 ſchimmernden Stirn trägt; das iſt die Darſtellung des Sieges, der innerlich darum trauert, daß er über einen Gegner ſiegen mußte. Ja, noch mehr, dieſe Victoria iſt mir die Göttin des Sieges über ſich ſelbſt, der immerdar der höchſte Sieg iſt.“ Als ob er fürchte, noch mehr zu ſagen und vielleicht an Jenes zu rühren, das nicht verletzt werden ſollte, entfernte ſich Clodwig faſt unvermittelt mit einer kurzen Entſchuldigung. Er ging zu Bella und ſagte ihr, wie er ſich freue, noch mit dem nachfolgenden Geſchlecht in verſtändnißvollen Zuſammenhang treten zu können. „Dieſe neue Jugend,“ ſagte er,„iſt anders als wir waren, ſie ſchwankt nicht mehr zwiſchen den beiden Polen Begeiſterung und Verzweiflung; es iſt vielmehr eine intellectuelle Begeiſterung in ihr, und ich glaube, ſie wird mehr durchführen als wir. Ich bin glücklich, daß ich nicht ſchon zu alt bin, um noch dieſe, ich möchte ſagen, zur Eiſenbahn geborne Jugend verſtehen zu können. Ich bewundere und liebe unſre Gegen⸗ wart. Noch zu keiner Zeit wußte Jeder in ſeinem Berufe ſo beſtimmt, was er will und ſoll, als die heutige Welt; ſo in aller Wiſſenſchaft und in allem Leben.“ Bella hörte ihren Gatten geduldig an. Als er jetzt inne hielt, fragte ſie: „Und was willſt Du nun damit?“ Sich ſammelnd erwiderte Clodwig, wie er wünſchen möchte, einen Mann ſo reiner Sinnesart wie Crich bei ſich zu behalten. „Ich bin in der Lage,“ ſagte er,„dieſem jungen Manne für Jahre ein freies Aſyl bei mir zu geben. Und warum ſoll ich es nicht?“ Bella antwortete nicht gerades Weges, ſie entgeg⸗ nete nur: „Auch ich finde, er hat etwas Gehobenes in ſeinem Weſen, er gibt viel und gern und hat etwas geiſtig Förderndes.“ „Und warum ſoll er nun nicht für Jahre bei uns bleiben?“ „Weil wir allein bleiben wollen. Clodwig, laß uns allein bleiben. Es iſt mein Wunſch, daß auch mein Bruder uns bald wieder verlaſſe.“ Sie hatte, während ſie ſprach, ihre Hand auf Clod⸗ wigs Arm gelegt; jetzt faßte ſie ſeine Hand und ſtreichelte ſie. Clodwig ging gebückten Hauptes davon. Zum Mittag erſchien Bella ſchön geſchmückt, mit einer einzigen Roſe im Haar. Sie wußte Erich in ſeinen heiligſten Gefühlen wohlthuend zu berühren, denn ſie erzählte, wie glücklich ſie ſich ſtets im Eltern⸗ hauſe Erichs gefühlt habe. Das war ein Haus, in dem nie ein unedles Wort laut wurde; die Mutter ſei wie eine Prieſterin, die immer ein ideales Flämmchen auf dem Hausaltar pflegte. Am Nachmittag fuhr man in die Landſchaft hin⸗ aus; Bella war ſchweigſam auf der Ausfahrt. Man beſuchte ein ehemaliges römiſches Lager. Bella ſaß auf einer untergebreiteten Decke unter einem Baum allein, während die Männer umherſtreiften. Als man am Abend bei der Lampe verſammelt Auerbach. Das Landhaus. 1 6 war, erſchien Bella wiederum als eine Andere; ſie hatte ſich heute zum dritten Mal anders gekleidet und war von überraſchender Belebtheit. Sie wollte dem neuen Günſtling ihres Mannes nicht in falſchem Licht oder gar als das nichtsſagende Anhängſel erſcheinen; Erich ſollte erkennen, wer ſie iſt. Sie iſt nicht nur die Gattin Clodwigs, ſondern auch und vor Allem Bella von Prancken. Kaum hatte Clodwig den Wunſch ausgeſprochen, daß ſie ſpielen möge, ſo war ſie ſofort bereit. Die haſtige Art, wie ſie die klimpernden und raſchelnden Armſpangen abſtreifte, die Erich ſofort ihr aus der Hand nahm und auf den Marmortiſch unter dem Spiegel legte; die Weiſe, wie ſie die beiden, gleich flatternden Schwingen erhobenen Hände in der Luft bewegte und dann in die Taſten des Claviers fuhr, wie ein Schwimmer, der in ſeinem Element iſt Alles das zeigte, daß ſie entſchloſſen war, nicht in zweiter Linie zu ſtehen. Noch nie, ſeit ſie die Frau Clodwigs war, hatte Bella im Beiſein eines Dritten ſo geſpielt; ſie hatte ſtets nur Clodwig allein ihr meiſterhaftes Clavierſpiel hören laſſen. Heute vollführte ſie das mit einer Luſt und Meiſterſchaft, daß ſelbſt Clodwig, der jede Einzelheit ihrer Spielweiſe kannte, neu erſtaunt und entzückt war. Nach hoher Beglückung im Umgange mit edlen Menſchen und weitem Ausblick in die freie Natur iſt der Seele nichts gegeben, als ein Ausklingen und Ver⸗ tönen der Empfindung im unbegrenzten, uferloſen Aether der Muſik. Da baut ſich ein Reich wachen 83 Träumens, unendlichen Empfindens auf, das über das Wort des Mundes und den Blick des Auges hinaus, aus einem räthſelhaft tiefen Urgrunde des Menſchen⸗ geiſtes ſich aufthut; das iſt die reine Phantaſie ohne beſtimmte Empfindung und ohne begrenzten Gedanken, nichts als rhythmiſches Wellenwogen der Töne. Zur Ueberraſchung der beiden Männer erhob ſich Bella plötzlich und ſagte gute Nacht. Sie gab zuerſt Clodwig, dann auch Erich die Hand, dann gab ſie nochmals Clodwig die Hand und verſchwand ſchnell. Nur noch kurze Zeit blieb Clodwig bei ſeinem Gaſt⸗ freunde, dann verabſchiedete auch er ſich. Wie taumelnd ging Erich auf ſein Zimmer. Wie reich iſt die Welt, welch ein Tag war dies, von der Morgenſtunde im thauigen Walde an bis jetzt. Und Menſchenglück iſt eine Wahrheit! Hier ſind zwei Men⸗ ſchen zu Ruhe und Glückſeligkeit gekommen, wie man ſolche in der wirklichen Welt kaum denkbar erachtet. Aus dem unbewußten Denken an das reiche Haus, in das er eintreten wollte, und aus dem bewußten Denken an das vollerfüllte Daſein der Menſchen hier, ſtellte ſich ihm die Frage: Iſt das ſchöne Leben, die Erfüllung der Seele im freien Ausblick in die Natur und dann wiederum die freie Sättigung an allem Schönen in Wiſſenſchaft und Kunſt nicht dem Reich— thum allein möglich, der Befreiung von aller Sorge und Noth, der Erlöſung von aller Arbeit um das ge— meine Bedürfniß? Als er mit dem Licht in der Hand in den Erker⸗ ſaal eintrat, ſtand er erſchreckt vor dem Bilde der 8⁴4 Meduſa, das ihn mit offenem Munde ſtarren Blickes ſo gewaltig und zermalmend anſchaute. Was iſt das? Woher hat dies Bild plötzlich dieſe Aehnlichkeit? Hat Clodwig eine Ahnung davon? Und es iſt doch ſo ſchreckend. Und jetzt, es iſt wie das Spiel eines Dämons.. auch der gerade Gegenſatz, auch die Victoria hat Aehn⸗ lichkeit mit Bella, wenn ſie ſtill und ruhig, ſanft und beſcheiden den Kopf neigt. Hat Clodwig eine Ahnung von dieſem wunderbaren Spiel des Gegenſatzes, und hat er doch nicht Alles ge— ſagt, da er heute am Morgen ſeine Ketzerei bekannte? Die Pulsadern in den Schläfen Erichs ſchlugen heftig. Er löſchte das Licht und ſah noch lange hinaus in die dunkle Nacht. Zwölftes Capitel. Erich zog am Morgen ſeine Hauptmanns-Uniform an, denn Clodwig hatte ihm dies angerathen; auch ein Pferd hatte er ihm zu Gebote geſtellt. Das Antlitz Clodwigs glättete ſich, als er den ſchönen ſtattlichen Mann, den die Uniform gut kleidete, in den Gartenſaal eintreten ſah. Bella hatte ſich entſchuldigen laſſen, daß ſie nicht zum Frühſtück komme; ſie ſage Erich Lebewohl bis auf Wiederſehen. 8⁵5 Clodwig überreichte Erich einen Brief, den er Herrn Sonnenkamp übergeben ſolle; er ſetzte aber dringend hinzu, daß er nicht abſchließen möge, bevor ſie ſich wiedergeſehen. Wie eine Mutter ihrem in die Fremde ziehenden Sohne, ſo ſuchte Clodwig ſeinem jungen Freunde noch allerlei Anweiſungen zu geben. Crich ſagte, wie es ihm ſo eigen zu Muthe; ohne zu wiſſen, ob er bei Herrn Sonnenkamp eintreten könne und dieſer ihn wünſche, denke er an den Knaben, als wäre er bereits ſein Zögling. „Ich kenne den Knaben wenig,“ ſagte Clodwig, „ich weiß nur, daß er ſehr ſchön iſt. Und Sie ſind gewiß auch der Anſicht, daß es durchaus verkehrt iſt, einer jungen Seele große Grundſätze zu geben, die die Lebensrichtung beſtimmen ſollen, bevor dieſe junge Seele das Material des Lebens hat und ſeine Strö⸗ mungen kennt.“ „Gewiß,“ entgegnete Erich.„Das iſt gerade ſo, wie wenn man in uncultivirten oder halb civiliſirten Ländern Eiſenbahnen baute, bevor Straßen gebaut ſind, die die Zufuhr der landwirthſchaftlichen und in⸗ uſtriellen Producte vermitteln. Der Krankheitsgrund der modernen Menſchheit liegt, wie mein Vater oft geſagt hat, darin, daß man dem Kinde dogmatiſch die Geſetze der Weltregierung einflößt; das iſt ein auf den Schein geſtellter Luxus, der unfruchtbar iſt, weil er eine Vorſtufe überſpringt.“ Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Clodwig ſagte, daß er Erich noch ein Stück Weges begleite. Erich nahm das Pferd am Zügel. Und wie ſie nun neben einander herſchritten, betrachtete der alte Herr ſeinen jungen Freund oft mit liebevoll ſor⸗ gendem Blicke. Er empſahl ihm nochmals, jede Zu⸗ trägerei über Herrn Sonnenkamp entſchieden abzu⸗ lehnen; Herr Sonnenkamp laſſe vielleicht manches Ge— rede beſtehen, weil er entweder zu tugendhaft ſei, um ſich darum zu kümmern, oder weil vielleicht Thatſachen ſein Leben bezeichnen, die er gern durch falſche Ge— rüchte verdeckt wiſſe. Auffällig ſei allerdings, daß Herr Sonnenkamp, obwol ein geborner Deutſcher, noch nie einen Verwandten bei ſich geſehen habe. Es ſei indeß wahrſcheinlich, daß er, von geringer Herkunft, ſeinen Verwandten unter der Bedingung Gutes thue, daß ſie jeden Verkehr mit ihm vermeiden. Der Major Graß⸗ ler habe einmal Aehnliches mitgetheilt. „Noch Eins,“ ſagte Clodwig und hielt ſtill.„Sagen Sie Herrn Sonnenkamp nichts davon, daß Sie eine kurze Zeit ſich der Leitung der Sträflinge gewidmet haben. Ich will damit keinerlei Makel auf Herrn Sonnenkamp werfen; aber viele Menſchen haben eine Scheu vor Männern ſolchen Berufs.“ Erich dankte; er ſah das innerſte Beſtreben dieſes Mannes, ihm ſeinen Lebensweg zu ebnen. Man ging ſtill weiter. „Hier will ich umkehren,“ ſagte endlich Clodwig; „erlauben Sie mir nur noch eine Warnung.“ „Eine Warnung?“ „Iſt vielleicht nicht das rechte Wort... Wer im Leben etwas Anderes ſucht als Nutzen, Vergnügen und Ehre, der wird Vielen, die von ſolcher Bevorzugt⸗ heit keine Ahnung haben, exaltirt erſcheinen; die Welt kann nicht gerecht ſein gegen ſolche Menſchen, ſie muß ſie verdammen, weil ſie ihr eigenes Beſtreben von ihnen verdammt ſieht. Sie werden Ihr Lebenlang, wenn Sie ſich treu bleiben, ein Martyrium zu tragen haben; tragen Sie es im Stolz Ihres Bewußtſeins und wiſſen Sie, daß ein neuer alter Freund Sie erkennt und mit Ihnen fortlebt.“ Raſch legte der alte Herr ſeine Hände auf beide Schultern Erichs, küßte ihn, und mit großer Haſt wendete er ſich und ging davon. Er ſchaute nicht mehr zurück. Erich ſtieg auf und ritt davon. Als er um die Waldecke bog, wendete er ſich noch einmal. Er ſah Clodwig ſtille ſtehen... Bella hatte vom Balcon aus, wo man den ganzen Weg überſchauen konnte, den Beiden nachgeſehen; jetzt ging ſie ihrem Gatten entgegen, und ſie war nicht wenig betroffen, als ſie in deſſen Antlitz ſah. Es war eine Bewegung darin, die ſie noch nicht geſehen hatte. Bella glaubte etwas ſagen zu müſſen und ſie pries das Glück des jungen Sonnenkamp, ſolch einen Führer zu bekommen. „Mich ſchmerzt es, daß er in dieſes Haus ſoll.“ „Und doch haſt Du ihn ebenfalls empfohlen?“ „Ja, das iſt's eben. Es rächt ſich früher oder ſpäter, was man mit halber Wahrheit oder mit Wider⸗ ſpruch in der Seele unternimmt. Ich habe mich nun 88 doch Herrn Sonnenkamp näher geſtellt und will es eigentlich nicht.“ Clodwig ſchien nicht aufhören zu können, von Erich zu ſprechen, und indem er jetzt Alles zurückrief, ſtaunte er, was er in ſo kurzer Zeit von ihm vernommen. Bella that, als ob ſie ihn hörte, ſie hörte ihn aber kaum; ſie lächelte in ſich hinein über den alten Diplo— maten, der noch immer etwas unbegreiflich Kindliches, ja faſt Kindiſches hatte. Sie warf einmal den Kopf ſtolz zurück, da ſie ihrer ſtandhaften Tugend inne wurde, die ſich mit Kraft ſelbſt gegen ihren Gatten wehrte, der ihr einen ſo reich ausgeſtatteten jungen Mann ſo nahe bringen wollte. Unterdeß war Erich im Walde dahingeritten voll friſcher Belebung. Bei einer Waldbiegung hielt er an und nahm den offenen Brief Clodwigs aus der Taſche. Er las: Ein Nachbargruß nach Villa Eden zu Herrn Sonnen⸗ kamp. Hätte mir das Glück einen Sohn beſchieden, ich würde ihm mit ruhiger Zuverſicht dieſen Mann als Erzieher geben. Schloß Wolfsgarten, den 4. Mai 186“3*. Clodwig Graf von Wolfsgarten. Erich gab ſeinem Pferde die Sporen und ritt luſtig durch den grünenden, ſingenden Wald. Als er durch das Städtchen kam, ſah er am Fen⸗ ſter des Gerichtsgebäudes hinter blühendem Goldlack einen roſigen blondhaarigen Mädchenkopf; das Mädchen zog ſich zurück, als Erich von ferne grüßte. 89 Weiter ritt Erich nun im Thale den Strom ent⸗ lang. Er war ſo voll heitern Muthes, daß ihm ſeit langer Zeit zum erſten Mal wiederum Lieder auf die Lippen kamen; er ließ ſie nicht laut werden, aber er ſang ſie ſich in der Seele. Plötzlich hielt er an. Wie wär's, wenn der ungezählte Millionär, zu dem ich reite, der Onkel Alphons wäre? Muthig griff das Pferd aus, ſeine dunkle Mähne flatterte; der Reiter nahm die Mütze ab und ließ den friſchen Luftſtrom ſeine heiße Stirne kühlen. Zweites Buch. Erſtes Capitel. Auf dem Strome ſchwimmen Schiffe auf und nieder, Bahnzüge rollen hüben und drüben und Menſchen aller Lande und Lebensverhältniſſe erquicken ſich des Ausblickes. Da, dort möchteſt Du wohnen, denkt wol Mancher, Deine Tage verleben im gleichmäßigen Genuſſe der Natur und in freigeſetzter Arbeit. Die Ufer des Rheins erſcheinen als wonnige Ruh⸗ ſtatt, und bieten doch Bewegtheit genug. Vor der Schwelle des Hauſes liegt die große Straße des Welt⸗ verkehrs; aus der Einſamkeit läßt ſich jede Stunde die Verbindung mit dem weltweiten Treiben gewinnen. Da ſind die hellen Städte und Dörfer am Ufer mit ihren Burgen und Weingeländen, und ſchön um⸗ hegte, wohlgepflegte Landſitze zeigen ſich aller Orten und bilden eine faſt ununterbrochene Kette. Von Stadt zu Stadt, von Haus zu Haus ließe ſich von Schickſalswendung mancher Bewohner erzählen, die mit frei entſchloſſener Kraft aus dem Strudel ſich gerettet oder mit letzter Anſtrengung noch das Ufer erreicht; nicht Wenige aber auch, die gewaltſam ans Ufer geworfen wurden. Wer aus der Fremde unbekannt und beziehungslos ſich hier anſiedelt, kann ſicher ſein, daß es ihm frei⸗ ſteht, entweder Nachbarlichkeit mit den Angeſeſſenen zu pflegen, oder für ſich zu bleiben; die Strömung des Fremdenverkehrs auf und nieder läßt dem Verbleiben— den die Möglichkeit des Alleinſeins. Weſſen iſt das ſchöne Landhaus mit dem Thurme dort, das aus der Ferne ſich anſchaut wie ein weißer Schwan, der ſich am Ufer im Grünen niederlegte? Dieſe Frage wird auf den zu Berg und zu Thal fahrenden Schiffen oft ausgeſprochen, und man hört bisweilen die Erwiderung: Die Villa heißt Eden und iſt auch ein wahres Eden, in das man freilich nur von Außen hineinſehen kann, denn Alles iſt verſchloſen und bewacht und längs der Gartenmauer ſind Selbſtſchüſſe und Fußangeln. Nur wenn der Beſitzer verreiſt iſt, haben die Diener die Erlaubniß, Haus und Park zu zeigen, und nehmen dann viel Geld ein. Man rühmt die Ställe mit den marmornen Krippen, die blüthenvollen Treibhäuſer, die fein ausgedachte Schönheit der Hauseinrichtung, die Obſtgärten und den Park. Der Beſitzer iſt ein reicher Amerikaner, er hat dieſes Haus gebaut, den ſchattigen Park angelegt und die Wieſe, die halb verſumpft, zer⸗ riſſen und ungeebnet ſich bis an den Strom dehnte, in einen Obſtgarten verwandelt, der die edelſten Früchte trägt, von einer Größe und Schönheit, wie man ſie hierzulande noch nicht gekannt. Dort oben die Burg⸗ ruine baut er wieder neu auf. Und der Name des Mannes? Sonnenkamp. Er hat faſt nur fremde Diener, be⸗ ſucht wenig Menſchen in der Umgegend und ſieht ſelten Jemand als Gaſt. Er hat die ſchönſten Pferde, aber er, ſeine Frau und ihre Geſellſchafterin fahren und reiten nur aus, um an einer beliebigen Stelle auf offener Straße wieder umzukehren.... An dieſem Morgen, als Erich nach der Villa ritt, wurde dort auf der Weſtſeite von mehreren Dienern in Morgenlivree ein großer dicker Teppich auf den breiten Kiesplatz gelegt. In die Nähe einer vielfarbig ſchimmernden und ſtark duftenden Blumenpyramide wurde ein runder Tiſch geſtellt, eine grün-damaſtene Decke darüber gebreitet, dann eine große geſchliffene Kryſtallvaſe mit künſtleriſch geordneten Gräſern und Blumen darauf geſetzt und vier Gedecke aufgelegt. Abſeits neben einem Gebüſch blühenden Goldregens und verſchiedenfarbigen Flieders wurde ein Tiſch an⸗ gebracht mit einer großen ſilbernen Theemaſchine, die angezündet wurde. Zwei große Wiegenſtühle wurden an ſchickliche Plätze geſtellt. Ein junger Mann, der nicht ſelbſt Hand anlegte, ſtand dabei und ſchaute in die Landſchaft hinaus, wo man über den Obſtgarten und den Springbrunnen mit dem Teich, drin zwei Paar Schwäne ſchwammen, über Wieſen und geſtutzte Kopfweiden den freien Ausblick ſtromabwärts genoß. Jetzt zog er den Blick aus der Ferne zurück, betrachtete die Anordnung, ſagte:„Iſt gut!“ und entfernte ſich mit den Dienern. Die Theemaſchine brodelte, die Stühle und Tiſche ſchienen auf die Geſellſchaft zu warten. 93 Ein kecker Fink ſetzte ſich auf die Lehne des einen Wiegenſtuhles und pfiff dem Weibchen auf dem Baume zu: das ſei eine prächtige Herrichtung, er wünſche nur, er könne das ſeinen Kindern auch einmal ſo bieten. Der übermüthig vorwitzige junge Vater wurde in⸗ deß bald verſcheucht; es nahten ſich Schritte, der Fink flog auf, er wollte unvorſichtigerweiſe gerade über die Maſchine wegfliegen, aber der Dampf ſchien ihn zu verbrühen, er machte eine Schnellvendung und flog ganz nahe, faſt den Hut ſtreifend, über den Kopf des Mannes hin, der jetzt daherkam. Der Mann hinkte ein wenig auf dem rechten Bein, er wußte dies aber in Haltung zu verwandeln, und dieſes Hinken gab ſeiner mächtig athletiſchen Geſtalt eine Sänftigung, die den Eindruck der Ueberkraft ab⸗ milderte. Er war ein großer, breitſchultriger Mann im wohl⸗ geordneten ſommerlichen Anzuge, weißer Halsbinde, und einem nach engliſcher Weiſe aufrecht ſtehenden Hemd⸗ kragen. Der Mann ſchien Alles zu thun, um ſeine herkuliſche Geſtalt zu mildern, zu verkleinern und zu ſänftigen; die feinſte Kleidung konnte zwar wenig, aber doch etwas helfen. Er trug einen radähnlichen breit⸗ krämpigen Strohhut auf dem Kopfe, ſo daß aus einiger Entfernung von ſeinem beſchatteten Antlitze nur wenig zu ſehen war; ihm folgte der Kammerdiener, der vor einer Weile die Anordnung gutgeheißen hatte, mit einer großen Mappe. Der Mann im Strohhut ſetzte ſich in einen der Wiegenſtühle, der Diener ſtand mit der Mappe wartend vor ihm. 9⁴ Der Sitzende that nun ſeinen Hut ab, den der Kammerdiener ſchnell empfing. Der Herr im Wiegen⸗ ſtuhl ſtreichelte ſich das glatt raſirte, ſtark ausgearbeitete Kinn mit einer breiten fleiſchigen Hand, an deren Daumen ſeltſamerweiſe ein Ring war, wie ein ein⸗ faches Kettenglied, ein goldener Reif, deſſen Mitte von Eiſen war. Der Mann iſt Herr Sonnenkamp. Er hatte ein röthlich durchſchoſſenes Antlitz, eine breite Stirn, auf der eine Schicht ergrauter Haare wohlgeordnet war. Bräunliche Augenbrauen ſtanden borſtig auf, zwiſchen denen eine ungewöhnlich breite Fläche war, die den Brauen etwas gewaltſam Auseinandergeriſſenes gab. Wer dies ſah, konnte das Antlitz nie mehr vergeſſen. Die tiefliegenden waſſerblauen Augen mochten auf Entſchloſſenheit und Verſchlagenheit deuten; die breiten Backenknochen ſtanden etwas hervor. Die Naſe war groß, aber nicht ohne edle Form; der Mund aber war herriſch, trotzig aufgeworfen. Das ganze Geſicht hatte etwas Welkes, dem indeß der Charakter gebieteriſcher Energie nicht verloren gegangen war. Der erſte Eindruck war wol, daß man ſich dieſen Mann nicht gerade zum Feinde wünſchte. „Gib her,“ ſagte er jetzt, und holte einen Ring mit überaus kleinen Schlüſſeln aus der Weſtentaſche. Der Kammerdiener hielt die Mappe ſehr geſchickt hin. Herr Sonnenkamp öffnete das Schloß, und Jo⸗ ſeph reichte die darin befindlichen Briefe. Sonnenkamp ordnete ſie ſchnell; die mit ausländiſchen Stempeln wurden beſonders gelegt, ein großer Haufe inländiſcher 95 Briefe daneben. Joſeph legte nun Hut und Mappe auf den zweiten Wiegenſtuhl und machte mit einer be⸗ reitgehaltenen Scheere zwei Winkelſchnitte in jeden Brief. Herr Sonnenkamp überflog die geöffneten ſchnell; von den inländiſchen betrachtete er nur einige nach Siegel und Adreſſe, dann that er alleſammt in die Mappe und verſchloß ſie wieder. Die beiden Flügelthüren zur Terraſſe wurden ge⸗ öffnet; Herr Sonnenkamp ſtand auf und nahm ſeinen breiten Strohhut vom Stuhl. Auf der Terraſſe zeigten ſich zwei Frauengeſtalten. Die eine, ſchlank, mit blaſſem, länglichem und leidensvollem Geſicht, trug eine Mor⸗ genhaube mit hochrothen Bändern und dazu einen brand⸗ rothen Shawl; die andere, eine zierlich kleine Geſtalt mit eckigem, blutloſem Geſichte, braunen, durchdringen⸗ den Augen und kohlſchwarzem, hart anliegendem Haupt⸗ haar— eines jener Geſichter, das offenbar nie jung geweſen, dem aber auch das vorſchreitende Alter wenig anhaben konnte— war in ſchwarze Seide gekleidet, und trug ein großes perlmutternes Kreuz, das ganz eng um den Hals gebunden ſchien und auf der Bruſt flimmerte und glitzte. Herr Sonnenkamp hatte die löbliche amerikaniſche Sitte, im eigenen Hauſe und gegen die Angehörigen voll ſorgfältiger Höflichkeit und Ehrerbietung zu ſein; er ging den beiden Damen bis an die Treppe entgegen, nickte der in Schwarz wohlwollend zu, reichte der Dame im rothen Shawl die Hand und fragte in engliſcher Sprache nach ihrem Befinden. Die Dame— es iſt Frau Ceres— ſchien nicht 96 für nöthig zu halten, etwas zu erwidern. Sie ging nach ihrem Platze am Frühſtückstiſch; eine Kammerfrau legte ihr ſchnell eine Decke über die Knie und ein Diener ſchob ihr einen gepolſterten Schemel unter die Füße. Die Dame in Schwarz— es iſt Signora Borromäa Perini— ging zum Theetiſch, ein Diener hielt die Theebüchſe in der Hand; ſie nahm das Nöthige heraus. „Wo iſt Roland?“ fragte Frau Ceres mit müder Stimme. „Er wird ſogleich kommen,“ erwiderte Sonnenkamp und winkte einem Diener, ihn zu holen. Fräulein Perini reichte die erſte Taſſe der Frau Sonnenkamp, und dieſer ſchien es zu viel, nur die Paar Tropfen Milch dazu zu gießen. Herr Sonnenkamp bat: „Genieße doch etwas, liebes Kind!“ Frau Ceres ſchlürfte einen Löffel voll, dann noch einen halben und ſah ſich gelangweilt um. Es ſchien ihr läſtig, daß ſie ſelbſt ſchlucken mußte. „Wo iſt Roland?“ fragte ſie wieder.„Es iſt un⸗ verzeihlich, daß er nicht Ordnung hält. Wie, Madame Perini, haben Sie nicht etwas geſagt?“ „Nein, gnädige Frau.“ In mildem, beſchwichtigendem Tone ſagte Herr Sonnenkamp, ſie möge nur noch Geduld haben, für Roland ſei nun endlich ein Hofmeiſter gefunden, der ihn an Ordnung gewöhnen werde. Er erzählte von der Karte, die ihm Otto von Prancken geſchickt. Fräu⸗ lein Perini ließ bei Nennung dieſes Namens den Zwie⸗ back in den Thee fallen und fiſchte ihn nun wieder heraus, während Herr Sonnenkamp fortfuhr, daß er keinen Brief eines Bewerbers mehr leſe, bis er den Empfohlenen des Herrn von Prancken kennen gelernt. „Iſt der Mann von Adel?“ fragte Frau Ceres. „Ich weiß nicht,“ erwiderte Sonnenkamp, er wußte es aber recht wohl,„er iſt Hauptmann.“ Frau Ceres ſah nichtsſagend drein; ſie wollte ab⸗ warten, ob der Bewerber adelig ſei. Fräulein Perini mußte wiſſen, was Frau Ceres ſagen wollte, ſie ſah ſie lächelnd an, und gleichſam ihr den Mund leihend, bemerkte ſie: „Einen ſo vollendeten Cavalier wie den Baron von Prancken findet man ſelten, wenigſtens in Deutſchland; er hat faſt noch mehr als Gräfin Bella...“ „Ich bitte,“ unterbrach Herr Sonnenkamp, und ſein Geſicht nahm einen Ausdruck an, wie wenn eine Bulldogge zärtlich ſein will,„ich bitte, Niemand anders auf Koſten der Gräfin zu loben; die Damen finden Herrn von Prancken bezaubernd, ich meinerſeits Gräfin Bella.“ Frau Ceres zuckte kaum merklich mit den Schultern und hielt den goldenen Löffel an die Lippen gepreßt. „Wo aber nur Roland bleibt?“ fuhr ſie plötzlich auf und ſtieß auf den Schemel, daß der Tiſch wankte und die Taſſen auf demſelben klirrten. Der Diener kam und ſagte, Roland wolle nichts genießen, ſondern bei der Mara bleiben, die fünf Junge geworfen habe. „So ſag' ihm,“ entgegnete Sonnenkamp, und ſein Geſicht wurde dunkelroth bis hinauf zu der dünnen Auerbach. Das Landhaus. I.* 98 Haarſchicht,„ſo ſag' ihm, wenn er nicht ſofort kommt, laſſe ich in dieſer Minute alle fünf Junge im Rhein ertränken!“ Der Diener eilte davon. Bald darauf erſchien ein Knabe in blauen Sammt gekleidet; er war ſchlank ge⸗ wachſen und die Formen ſeines Geſichts waren ſo auf⸗ fallend ſchön und rein, als ſeien ſie gemeißelt. Er nahm die Jockeymütze ab, und ein wohlgeordnetes, rings um die Stirn in dichte Locken gelegtes dunkel⸗ braunes Haar zeigte ſich. Sein Antlitz war blaß und die fein geſchnittenen Lippen zitterten. Er hatte offen⸗ bar einen ſchweren Kampf gekämpft. „Komm zu mir,“ rief ihm die Mutter zu,„küſſe mich, Roland. Du ſiehſt ſo blaß aus, fehlt Dir etwas? Der Knabe küßte die Mutter, ſchüttelte den Kopf verneinend und ſagte mit einer zwiſchen Fiſtel und Männerton ſchwebenden Stimme: „Ich bin ſo geſund wie meine jungen Hunde.“ Eine friſche Röthe trat ihm in die Wangen und ſeine Lippen wurden purpurroth. „Ich will Dich an dem Tage, an dem Du einen Hofmeiſter bekommen wirſt, nicht ſtrafen,“ ſagte Sonnen⸗ kamp, einem Blicke ſeiner Frau folgend. „Ich? Wieder einen Hofmeiſter? Ich nehme kei⸗ nen,“ erwiderte der Knabe,„und wenn Du mir einen gibſt, werde ich es ihm ſo machen, daß er bald wieder davongeht!“ Sonnenkamp lächelte. Dieſer kühne Trotz des Kna⸗ ben ſchien ihn eigentlich zu freuen. Als jetzt Roland, der aller Speiſe hatte entſagen wollen, tüchtig aß, folgte die Mutter ſeinem Beiſpiele; in der Freude, daß es ihrem Sohne ſo wohl ſchmeckte, regte ſich auch in ihr die Eſſensluſt und Fräulein Pe⸗ rini konnte ſich nicht enthalten, Roland zu bemerken: „Sehen Sie, Herr Roland, ſchon um Ihrer lieben Mutter willen ſollten Sie recht ordentlich zu den Mahl⸗ zeiten kommen; ſie kann nur etwas genießen, wenn auch Sie genießen.“ Der Knabe ſah Fräulein Perini ſeltſam an, er antwortete ihr nicht; es ſchien kein gutes Verhältniß zwiſchen dem Knaben und der Geſellſchafterin der Mutter obzuwalten. Fräulein Perini ſetzte indeß ihre Freundlichkeit gegen Roland fort und verſprach, nach dem Frühſtück mit ihm die jungen Hunde zu beſuchen. „Wiſſen Sie, warum die Hunde blind geboren wer⸗ den?“ fragte Roland. „Weil das Gott ſo angeordnet hat.“ „Warum aber hat Gott das ſo angeordnet?“ Fräulein Perini ſah verlegen drein, Herr Sonnen⸗ kamp half ihr, indem er ſagte, wer immer Warum frage, werde nie fertig; Roland habe ſich das Fragen angewöhnt, weil er nichts Rechtes lernen wolle. Der Knabe ſah zu Boden; eine Herbheit oder Stumpfheit, vielleicht auch beides zugleich, lag im Aus⸗ drucke ſeines Geſichtes. Frau Ceres verließ den Frühſtückstiſch, ſetzte ſich in einen Wiegenſtuhl und betrachtete ihre haſelnußförmig gebildeten, mit durchſichtigen langen Spitzen verſehe⸗ nen Nägel. 100 Herr Sonnenkamp berichtete ihr, welch eine Anzahl von Briefen in deutſcher, franzöſiſcher und engliſcher Sprache er auf die öffentliche Aufforderung erhalten habe; die meiſten Bewerber hätten auch ihre Photo⸗ graphien beigelegt und mit Recht; denn die perſönliche Erſcheinung ſei von Bedeutung. Frau Ceres hörte ihm zu wie Jemand, der ſchlafen will; ſie ſchloß auch mehrmals die Augen. Als Sonnen⸗ kamp nun hinzufügte, wie in der Welt beſtändig ein Warten auf Erfüllung eines Schickſals ſei, wobei Jeder glaube, daß ihm mit Geld geholfen würde, ſah ihn Frau Ceres verwundert an; ſie ſchien nicht zu be⸗ greifen, wie man leben und dabei nicht reich ſein könne. Fräulein Perini, die Geſellſchafterin, war eine gute Vermittlung. Da Frau Ceres ſcheinbar oder in der That theilnahmlos beim Geſpräche blieb, wußte ſie daſſelbe durch kurze Antworten und Aufmerkſamkeiten in Gang zu halten. Sie ſah dabei von der Stickerei, die ſie vorgenommen, nur manchmal auf und warf einen Blick... ſie hatte den Kloſterblick, von unten auf, ſcheu, aber gütigg. auf Herrn Sonnenkamp. So konnte Frau Ceres hören, ohne ſich eigentlich zu bethätigen. Herr Sonnenkamp und Fräulein Perini ſtanden in einem äußerſt höflichen Verhältniß und ſie ſchien Herrn Sonnenkamp zur Uebung in der Höflichkeit zu dienen. Eigentlich hätte er ſie ſchon lange gern weggeſchickt, aber ſie war ihm angeſchmiedet wie der Rheumatismus⸗ ring, den er am linken Daumen trug. Durch Fräulein Perini war Frau Ceres immer verſorgt. Sie war nie allein, hatte beſtändig eine Ge⸗ ſellſchafterin und Begleiterin. Wenn man ausfuhr, ließ Herr Sonnenkamp Fräulein Perini immer neben ſeiner Frau ſitzen und ſetzte ſich rückwärts; er konnte ſich ihrer nicht entledigen und es war daher am beſten, wenn man höflich und ſcheinbar achtungsvoll gegen ſie war. Ueberdies hatte ſie mehrere treffliche Eigenſchaften und ihre beſte war: ſie hatte gar keine Launen; ſie war ſtets gleichmäßig, drängte ſich nie vor, wurde ſie aber aufgefordert, ſo hatte ſie immer eine Anſicht, und in der Regel eine ſolche, die nicht ſtörte. Noch nie war ſie verletzt erſchienen; berückſichtigte man ſie nicht, ſo wußte ſie ſich ſo zu halten, als ob ſie es gar nicht bemerkte; zog man ſie ins Geſpräch, war ſie einneh—⸗ mend, ſogar witzig; ſie war beſtändig für Andere be⸗ reit und ſprach nie von ſich ſelbſt. Jeden Morgen Sommers und Winters ging Fräu⸗ lein Perini zur Kirche. Sie war allezeit aufgeräumt, wie jede Stunde zur Abreiſe bereit und wußte, wo 10 Alles im Hauſe war und lag. Sie ſtickte viel und es ulmtlt gab bald ſtundenweit im Umkreiſe keine Kirche mehr, 0 wo ſich nicht eine von ihr geſtickte Altardecke oder auch ein Theil des Paraments befand. Auf Reiſen war ſie ohne Beläſtigung. Mit großer Leichtigkeit ſprach ſie die Sprachen des Continents, nur das Deutſche, behauptete ſie, nie lernen zu können; Sonnenkamp war indeß überzeugt, daß ſie es voll⸗ kommen verſtand. Gegen Roland hatte Fräulein Perini ein eigenthüm⸗ lich kaltes Verhältniß; ſie behandelte ihn als den jungen 102 Herrn, nahm ſich aber ſeiner weiter nicht an, ja ſie hatte den Wunſch des Herrn Sonnenkamp, Roland Sprachunterricht zu geben, abgelehnt. Sie trat nie aus dem Kreiſe heraus, der ihr angewieſen ſchien; ſie war Erzieherin Manna's geweſen, ſie wurde Geſell⸗ ſchafterin der Frau Ceres, das war ſie nun ganz und ausſchließlich und das gab ihr eine ſichere Ehrenſtellung. Je mehr Herr Sonnenkamp von dem Empfohlenen des Herrn von Prancken ſprach, um ſo aufmerkſamer ſchien Fräulein Perini zu werden, aber ſie ſprach kein beſtimmtes Wort. Als Herr Sonnenkamp ſie fragte, wie es ihr denn zu Muthe geweſen, als ſie ſich in Nizza zum erſten Mal der Familie vorſtellen ließ, faägte ſie „Ich hatte ja das Glück, von meinem edlen Vor⸗ mund, dem Domprobſt, Ihnen vorgeſtellt zu werden.“ Roland war ungeduldig, er winkte Fräulein Perini, ſie ſolle nun mit ihm gehen, aber Herr Sonnenkamp erſuchte ſie, bei der Mutter zu bleiben; er glaubte ſei⸗ nem Sohne eine gewiſſe Theilnahme an ſeiner Freude bezeugen zu müſſen und begleitete ihn. Nur Roland allein durfte ſich der Hündin nähern. Als Herr Sonnenkamp es wagte, knurrte ſie und fletſchte die Zähne; er ging davon. Roland holte ſeine Armbruſt und ſchoß mit Pfeilen nach den Tauben und Sperlingen. Plötzlich hielt derͥ Knabe an. Ein Reiter ſprengte vor das Thor, den Pfeil in der linken Hand empor⸗ haltend. Zweites Capitel. Der Knabe ſtand regungslos, die Armbruſt noch erhoben, und ſchaute ſtaunend auf den Reiter, der kunſtgerecht ſein Pferd parirte. „Warſt Du es, der den Pfeil abgeſchoſſen?“ rief Erich dem Knaben zu. „Ja, ich.“ „Sehr unvorſichtig, ſo über die Straße wegzu⸗ ſchießen! Ich habe den Pfeil glücklich aufgefangen, Du hätteſt damit einen Menſchen treffen können.“ Erich ſtieg ab. Der Knabe ließ die Armbruſt ſinken und ging, beide Hände ausſtreckend, auf Erich zu; vor ihm ſtehend hielt er an, ſein Angeſicht glühte. „Es ſoll nie wieder geſchehen,“ ſagte er. „Ich glaube Dir.“ Weiter ſetzte Erich kein Wort hinzu. Der Knabe athmete auf. Erich hatte viel von der Schönheit Rolands gehört und doch war er jetzt überraſcht von dieſem Bilde an⸗ ziehenden Reizes. „Es iſt mir lieb, daß ich Dir zuerſt begegne. Du biſt doch der Sohn des Hauſes, Du heißeſt Roland?“ „Roland Franklin Sonnenkamp. Und Du?“ „Erich Dournay.“ Der Knabe ſtutzte, er glaubte den Namen jüngſt gehört zu haben, aber er wußte es nicht genau. „Sie ſind Artilleriehauptmann,“ ſagte er auf die Uniform deutend. „Ich war's. Du kennſt alſo die Uniformen?“ 10⁴ „Ja, und Herr von Prancken nennt mich Sie.“ „Ich denke, wir bleiben beim Du, wie wir be⸗ gonnen, und zwar gegenſeitig,“ erwiderte Erich und reichte dem Knaben die Hand. Die Hand des Knaben war kalt, alles Blut ſchien ſich ihm zum Herzen ge⸗ preßt zu haben. Jetzt fragte der Knabe: „Das iſt wie ein Reitpferd des Grafen Wolfs⸗ garten?“ „Es iſt das ſeine.“ „Iwan!“ rief der Knabe. Ein Stallknecht kam herbei und führte das Pferd in den Stall. Erich und Roland gingen nach. Aus einem Verſchlage in der Nähe hörte man winſeln. „Du haſt junge Bernhardinerhunde hier in der Nähe,“ ſagte Erich. „Ja; kennſt Du ſie am Winſeln?“ „Die Raſſe erkenne ich nicht, ich ſah ſolche Hunde vorn im Hofe; aber den Tönen nach ſind dieſe Hunde noch blind und noch nicht acht Tage alt.“ Der Knabe ſah Erich betroffen an, er öffnete den Verſchlag und bat, nicht näher zu treten, da die Hündin ſehr biſſig ſei, und jetzt eben ſaugten alle fünf Junge an ihr. Erich trat doch näher; die Hündin ſah ihn an und knurrte nicht. Und wieder betrachtete Roland den Fremden. „Du kannſt mir gewiß auch ſagen,“ begann er, „warum die Hunde blind geboren werden.“ Erich antwortete, daß man ſich allerlei Gründe 105 denken könne, da auch andere Thiere mit ſchärfſtem Sehorgan, wie Adler, Katzen, Geier blind geboren werden; wir müßten uns aber beſcheiden und bekennen: das wiſſen wir nicht. Ein Schauer ging durch die Geſtalt des Knaben; Weſen und Ton Crichs ſchien eine unmittelbar ergrei⸗ fende Wirkung zu üben. „Wenn Du willſt,“ begann der Knabe wieder, „kannſt Du auch einen meiner jungen Hunde haben. Zwei behalte ich, einen ziehe ich für meine Schweſter Manna auf, den vierten bekommt Baron von Prancken und der fünfte iſt für Dich.“ Freudeſtrahlenden Antlitzes betrachtete Erich den Knaben und ſagte: „Du kennſt wol die Sitte der homeriſchen Zeit, daß man dem Gaſte ein Ehrengeſchenk zu bleibendem Gedenken gibt?“ „Ich weiß nichts von Homer.“ „Hat Dir keiner Deiner Lehrer davon geſagt?“ „Alle. Sie haben viel Rühmens davon gemacht, aber es iſt langweilig.“ Erich lenkte zurück und fragte: „Wer hilft Dir die Hunde aufziehen?“ „Ein Meiſter, der Jäger Klaus, man heißt ihn auch den Kriſcher; der wird ſich freuen, wenn ich ihm ſage, daß Du am Winſeln erkannt haſt, wie alt die Hunde ſind.“ Erich erſuchte den Knaben, ihn zu ſeinem Vater zu führen. Als ſie den Stall verlaſſen wollten, bog ſich ein Pony mit langer Mähne ganz herum und wieherte. 106 „Das iſt mein Puck,“ ſagte der Knabe. Er war offenbar froh, dem Fremden ſeine Herr⸗ lichkeiten zu zeigen, faſt wie ein kleines Kind, das einem Vertrauten ſein Spielzeug zur Bewunderung auf⸗ weiſt. Erich konnte nicht anders als das ſchöne Thier loben, das ihn mit großen, gutmüthig blöden Augen anſchaute. Er führte den Knaben an der Hand und ſie gingen mit einander durch den großen Pflanzengarten. „Kennſt Du auch die Pflanzen?“ fragte er. „Nein, darin bin ich ganz unwiſſend.“ „Ich auch,“ ſagte der Knabe erfreut, daß Erich eine Unwiſſenheit eingeſtand, und daß dieſe e mit der ſeinen zuſammentraf, ſchien die Beiden noch näher zu verbinden. Sie kamen über einen Platz, wo Gartenerde ge⸗ ſäubert und hergerichtet wurde. Ein altes Männchen mit blöden und zugleich verſchmitzten Augen arbeitete hier; es zog die Mütze ab und grüßte. „Haſt Du meinen Vater geſehen?“ fragte Roland. „Er iſt dort!“ erwiderte das Männchen und wies nach den Treibhäuſern. Die langen, aus mattblauem Glaſe beſtehenden Treibhäuſer zeigten ſich. Eine Thür ſtand offen, man ſah einen Springbrunnen in einem Baſſin von grauem Marmor, darin Felsblöcke lagen, in allen Fugen von Waſſerpflanzen beſetzt. Die überwintern⸗ den Bäume ſtanden theilweiſe noch hier, im Vorder⸗ grunde einige kranke, vielfach umwunden an Stamm und Aeſten. 107 Man hörte eine Stimme. „Dort im Kalt-Hauſe iſt er,“ ſagte Roland. Erich bat den Knaben, nun zurückzukehren, da er mit dem Vater allein zu ſprechen habe. In der Art, wie Erich ihn gehen hieß, lag ſolch eine widerſpruchsloſe Beſtimmung, daß der Knabe nicht wußte, wie ihm geſchah. Als Erich weiter ging, ſtand der Knabe unbeweglich, dann aber wendete er ſich, ſchnalzte mit den Fingern und pfiff vor ſich hin. Erich hielt einen Augenblick inne, ſich ſammelnd. Wenn dieſer Knabe ſein Blutsverwandter war? Wenn er hier dem verſchollenen Oheim Alphons begegnete? Leiſen bedächtigen Schrittes ging er weiter und trat in die Thüre des Kalt-Hauſes. Drittes Capitel. „Wer iſt da? Was wollen Sie?“ fragte Sonnen⸗ kamp, der ſich von einer Schicht ſchwarzer Erde erhob. Ein graues grobleinenes, ſackartiges Gewand hüllte ihn vom Halſe bis zu den Füßen ein; es war wie ein Züchtlingsgewand. „Was wollen Sie? Wer ſind Sie? Zu wem wollen Sie?“ wiederholte er. „Ich wollte zu Herrn Sonnenkamp.“ „Was wünſchen Sie von ihm?“ „Ich möchte mich ihm empfehlen.“ „Ich bin's.— Wer ſind Sie?“ 108 „Herr von Prancken hatte die Güte, mich vorgeſtern bei Ihnenn „Ah! Sie ſind's?“ rief Sonnenkamp tief aufath⸗ mend. Er neſtelte das Sackgewand ab und ſagte ge⸗ zwungen lächelnd: „Sie überraſchten mich in meinem Arbeitsgewand.“ Er wickelte den Sack in eine Rolle zuſammen und warf ihn weit weg, dann fragte er: „War denn kein Diener in der Nähe? Tragen Sie beſtändig Uniform?“ Alſo die Uniform war's, die ihn erſchreckte? flog Erich durch den Sinn und wie er den Mann betrachtete, war er ſicher, daß dies nicht ſein Oheim ſein konnte. Das Bild des verſchollenen Oheims, das noch in der Studirſtube ſeines Vaters hing, ſtand deutlich vor ihm; der Oheim war eine ſchlanke, zierliche Geſtalt mit einer beſonders auffälligen Adlernaſe; es war keine Spur von Aehnlichkeit mit der athletiſchen Erſcheinung vor ſeinen Augen. „Ich bedaure, Sie geſtört zu haben,“ nahm Erich das Wort,„und muß um Entſchuldigung bitten. Herr Graf von Wolfsgarten, deſſen Gaſtfreund ich war und von dem ich hier einen Brief überbringe, hat fiB „Ein Brief vom Grafen Wolfsgarten? Sehr an⸗ genehm!“ unterbrach Sonnenkamp, den Brief in Em⸗ pfang nehmend. Er überflog raſch die Zeilen Clodwigs und murmelte dabei: „Freue mich ſehr— ſehr angenehm.“ 109 Vom Blatte aufblickend machte er eine Art Ver⸗ beugung gegen Erich, indem er ſagte: „Ein Edelmann— der Edelmann wie er ſein ſoll, der Herr Graf Wolfsgarten. Stehen Sie ebenſo in der Gunſt der Gräfin Bella?“ Es war ein ſpöttiſcher Anflug im Ton dieſer Schluß— wendung. Gemeſſen in Blick und Ton erwiderte Erich: „Ich erfreue mich der Güte beider Ehegatten in gleicher Weiſe.“ „Schön— ſehr ſchön,“ nahm Sonnenkamp auf. „Doch laſſen Sie uns ins Freie gehen. Sind Sie ein Pflanzenkundiger?“ Erich bedauerte, daß er jedes nähere Eingehen auf dieſes Gebiet verſäumt habe. Im Freien maß Herr Sonnenkamp nochmals den Ankömmling von Kopf bis Fuß. Erich merkte erſt jetzt, daß er, ſeines militäriſchen Anzuges ganz vergeſſend, die Mütze abgezogen hatte. Und wie er nun den muſternden Blick wahrnahm, fühlte er doch, was es heißt, in Privatdienſt, mit der ganzen Perſönlichkeit ſich in Botmäßigkeit eines Einzelnen zu geben. Er erkannte, daß er dieſem Manne gegenüber gemeſſene Haltung bewahren müſſe. Sonnenkamp rief ſofort einen Diener und befahl, daß man beim Springbrunnen ein Frühſtück bereiten ſolle. „Sie ſind zu Pferde angekommen?“ „Herr Graf Wolfsgarten war ſo freundlich, mir ein Pferd anzubieten.“ „Sie haben meinen Sohn bereits geſprochen?“ „Ja⸗“ „Es iſt mir lieb, daß Sie in Uniform gekommen,“ entgegnete Sonnenkamp. Als wäre Erich nur ein vornehmer, wohl empfoh⸗ lener Beſuch, zeigte ihm nun Sonnenkamp ſeine voll⸗ ſtändige Sammlung von Eriken, wie ſie ſelten in der Welt angetroffen wird. Er erklärte die feinen Ver⸗ ſchiedenheiten und ſetzte hinzu: „Ich war da, wo die meiſten dieſer Eriken her⸗ ſtammen, ich war auf dem Tafelberge am Cap der guten Hoffnung.“ Erich bemerkte: „Es muß ſchwer ſein, die Produkte verſchiedener Klima's ſo zuſammenzuhalten.“ „Allerdings. Zumal dieſe Eriken bedürfen einer mäßigen Temperatur und einer gleichbleibenden Feuch⸗ tigkeit. Sie werden ſchon oft geſehen haben, daß ein Erikenſtock mit ſeinen zarten Blüthen, den man einer Dame für ihren Blumentiſch ſchenkt, nach wenigen Tagen verdorrt iſt; dieſe Pflänzchen vertragen keine trockene Zimmerluft.“ Plötzlich hielt Sonnenkamp inne und lächelte vor ſich hin. Der Fremde ſchien einen alltäglichen Kunſt⸗ griff anzuwenden, um angenehm zu erſcheinen, indem er den reichen Beſitzer in ſeiner Liebhaberei redſelig machte. Mit ſolch grobem Köder fängt man mich nicht, dachte Sonnenkamp vor ſich hin. Einem ſo Wohlempfohlenen wollte er jede Ehre des Hauſes erweiſen. Er freute ſich ſchon im Voraus, den Mann nach allen Seiten hin zu prüfen, ihn im Bewußtſein ſicheren Erfolges ſich recht ausbreiten zu 111 laſſen und dann ohne Angabe eines Grundes ab⸗ zulehnen. Alles dies ging Sonnenkamp durch den Sinn, wäh⸗ rend er die Klinke an der Thüre des Gewächshauſes ins Schloß drückte. Die Sache war ſo feſt und ab⸗ geſchloſſen bei ihm, wie dieſe Thür. „Sie ſprechen doch Engliſch?“ fragte er, da er ſeine Frau noch im Wiegenſtuhle ſah; ſie hatte den rothen Shawl abgelegt und ſaß in goldglänzendem Atlasge⸗ wande da. „Herr Hauptmann, Doctor... bitte, wie iſt doch Ihr Name?“ fragte Sonnenkamp bei der Vorſtellung. „Dournay.“ Frau Ceres nickte kaum merklich. Als wäre Crich gar nicht da, ſagte ſie in ärgerlichem Ton zu ihrem Gatten, er habe kein Auge für ſie, denn er habe noch kein Wort über ihr neues Kleid geſagt. Sie hielt es vielleicht für vornehm, dem Fremden ſo ihre Gleich⸗ gültigkeit zu beweiſen. In der Ferne zeigte ſich Roland, die Mutter winkte ihn heran. Er deutete nach der Thurmſpitze. Die Mutter ſah hinauf und lächelte; auch der Vater ſchaute hin und ſah das blauweißrothe Sternenbanner der amerikaniſchen Union auf dem Thurme flattern. „Wer hat das gethan?“ fragte Sonnenkamp. „Ich,“ erwiderte Roland, glückſelig lächelnd. „Und warum?“ Der Knabe wies augenzwinkernd auf Erich. Sonnen⸗ kamp nahm die Unterlippe zwiſchen Daumen und Zeige⸗ finger, machte ein Halbrund daraus und nickte vor ſich hin. Erich fragte den Knaben: „Du biſt wohl ſtolz darauf, ein Amerikaner zu ſein?“ a Fräulein Perini kam, Erich wurde ihr vorgeſtellt. Sie nahm das Perlmutterkreuz in die linke Hand und hielt es feſt, während ſie ſich ſehr ceremoniell verbeugte. Frau Ceres bat ſie, mit ihr ins Haus zurückzugehen. Die Damen entfernten ſich. Viertes Capitel. „Gib mir die Hand, Roland,“ ſagte Erich. Der Knabe bot ſie ihm und ſah ihn treuherzig und fröhlich an. „Mein junger Freund,“ fuhr Erich fort,„ich bin Dir dankbar für Deine Ehrenbezeugung, nun aber laß uns allein, Dein Vater hat mit mir zu ſprechen.“ Vater und Sohn ſahen ſtaunend auf den Mann, der ſo ungezwungen und frei ſchaltete. Der Knabe nickte Erich zu und ging davon. Herr Sonnenkamp bot Erich eine große, krumme und dunkle Cigarre, er trug die Cigarren immer offen in der Taſche. Erich empfing das Angebotene, und als ihm Herr Sonnenkamp Feuer darreichte, nahm er ihm das angebrannte Hölzchen nicht aus der Hand, ſondern brachte raſch ſeine Cigarre in Brand und mit den erſten Zügen ſagte er: „Sie werden gewiß mit mir übereinſtimmen, daß es eine ungeſchickte Höflichkeit iſt, wenn Manche bitten, man möge ein brennendes Hölzchen ihnen in die Hand geben; mit ſolchem Hin und Her verbrennen ſich Beide in der Regel die Finger.“ So unbedeutend dieſe Bemerkung war, ſchien ſie doch zu weiterer Einleitung zu dienen; Herr Sonnen⸗ kamp legte ſich im Stuhle zurück, hielt den Rauch von der Cigarre lang im Munde, rundete die Lippen und ſtieß nacheinander wohlgeordnete Rauchringe, ſogenannte Nullen, in die Luft, die immer größer wurden, bis ſie ganz zerfloſſen. „Sie haben ſchon viel Gewalt über den Knaben,“ ſagte er endlich. „Ich glaube, daß beiderſeits ein Zuneigen nicht fehlt, und dies gibt mir die Hoffnung, daß ich hier Erzieher ſein könnte.“ „Gut. Aber Roland bedarf der Strenge.“ „Die Liebe ſchließt die Strenge nicht aus, ſie ſtellt die höchſten Forderungen.“ Sonnenkamp lächelte ſehr freundlich, aber es war etwas Grinſendes in ſeinen Mienen, und indem er ſich vorbeugend die beiden Arme auf die Kniee legte und zu Boden ſchaute, ſagte er: „Sprechen wir perſönlicher, für Derartiges kann ſich ja ſpäter Zeit finden. Sie ſind alſo.... 2“ „Ich bin von Fach Philologe.“ „Das weiß ich— das weiß ich,“ ſagte Sonnen⸗ kamp immer noch in den Boden hineinſprechend;„ich möchte um Perſönlicheres bitten.“ Auerbach. Das Landhaus. I. 8 114 Erich war es peinlich, daß er als Arbeitſuchender noch einmal ſich ſelber ſchildern ſollte. Er ſchaute auf das breite Hinterhaupt und den Nacken des Mannes, der ihm nicht einmal den Blick gönnte; aber ſchnell verflog die Empfindlichkeit, indem er ſagte: „Ich hatte gehofft, daß die Einführung des Herrn Grafen von Wolfsgarten—“ „Ich ſchätze Herrn Grafen von Wolfsgarten ſehr hoch, höher als irgend Jemand,“ verſetzte Sonnenkamp, „aber—“ „Sie haben Recht, ich werde Ihnen erzählen.“ „Gut,“ ſagte Sonnenkamp, indem er die rechte Hand mit gekrümmten Fingern auf den Tiſch legte und wieder zurückzog, als ob er einen Einſatz beim Spiele aufgelegt hätte. Kurz und bündig gab Erich nochmals einen Abriß ſeines Lebens und ſchloß: „Ich bitte, mich nicht für einen ſchwankenden, nir⸗ gends Ruhe findenden Menſchen zu halten, weil ich meinen Beruf geändert.“ „Im Gegentheil,“ fiel Sonnenkamp ein,„ich habe genug in der alten und neuen Welt gelebt, um zu wiſſen, daß gerade das die Tüchtigſten ſind, die nicht da verharren, wohin der Zufall ſie geſtellt, ſondern ſich ſelbſt ihre Beſtimmung geben. Wer ſeinen Beruf ändert, muß eine wirkliche andere Berufung oder eine äußere Nöthigung dazu haben.— Geſtatten Sie mir eine Frage: Halten Sie es für möglich, daß ein Mann, der weſentlich aus... ſagen wir aus Reſignation, 115 eine ſolche nicht eigentlich dienende aber doch abhängige Stelle übernimmt, zu derſelben geeignet iſt? Wird er ſich nicht gebunden, dienſtbar und oft unglücklich fühlen?“ „Ihr offener Einwurf ehrt mich,“ erwiderte Erich; „ich weiß wohl, der Erzieherberuf erheiſcht eine Bot⸗ mäßigkeit vom Erwachen bis zum Niederlegen. Nichts kann mir erwünſchter ſein, als die Wahrnehmung, daß Sie die Sache ſo ernſt nehmen.“ Wieder zuckte etwas durch das Antlitz Sonnenkamps. Erich ſchien es nicht zu bemerken, denn er fuhr mit bewegter Simme fort: „Es iſt nicht Reſignation, die mich zur Bewerbung um die Erzieherſtelle in Ihrem Hauſe bewegt. Ich ſtimme Ihnen bei, daß wer bloß aus Noth in eine ſolche Stellung träte, dieſe nur ſchwer erfüllen könnte, obgleich auch aus Noth Neigung, oder wie man ſagt, aus der Noth eine Tugend werden kann. So weit ich mich beurtheilen kann, darf ich ſagen, ich würde, auch in die beſten Verhältniſſe geſtellt, den Erzieherberuf übernommen haben.“ „Sehr ehrenwerth... ſehr ehrenwerth!“ rief Sonnen⸗ kamp. In einer triumphirenden Art fügte er hinzu: „Die Liebhaberei iſt gut, aber ich ziehe den Mann von Profeſſion vor.“ „Ich erkenne das vollkommen,“ erwiderte Crich. „Ich biete Ihnen meine freie Arbeit.“ Bei dieſen Worten hob Sonnenkamp raſch den Kopf, ohne ſeine Lage zu ändern, ſtierte den Sprechenden an und ſenkte ſchnell wieder den Blick. „Ich biete Ihnen, und Ihrem Sohne,“ fuhr Erich fort,„die Kraft alles Deſſen, was ich bin und bisher an Wiſſen und Erkennen mir anzueignen ſtrebte. Ich fühle mich dabei frei, denn was ich zu leiſten vermag, leiſtete ich zugleich mir ſelbſt, da ich bewähren möchte, was ich mir zumuthete.“ „Ich weiß, was freie Arbeit iſt,“ ſagte Sonnen⸗ kamp in den Boden hinein, dann richtete er ſich auf und lächelte ſo verbindlich, als hätte ihm Erich einen großen Gefallen erwieſen. „Im Intereſſe der Sache möchte ich einen Wunſch ausſprechen,“ fügte Erich hinzu. „Und der iſt?“ Sonnenkamp ſetzte wieder die Hand auf den Tiſch, als ob ein Einſatz zu machen wäre. „Ich wünſche, daß Sie es nicht ungenehm fänden, mich vorerſt einige Tage als Gaſt Ihres Hauſes zu betrachten.“ Erich hatte gehofft, daß Sonnenkamp ſofort bejahe, aber dieſer knackte eine Cigarre, die er eben angezündet und die nicht gut im Zuge ſchien, gewaltſam mitten durch und warf ſie ins Gebüſch. Wiederum röthete ſich ſein Antlitz und ein Grinſen ſpielte um ſeine Lippen, denn er dachte: ſehr zuverſichtlich! Der junge Mann glaubt, wenn er nur erſt einige Tage ſich eingeniſtet, dann hat er Alles ſo bezaubert, daß er nicht mehr zu entlaſſen iſt. Wollen ſehen. Da er beharrlich ſchwieg, ſagte Erich: „Es dürfte ſowohl für Sie als auch für mich er⸗ wünſcht ſein, daß wir vor einer feſten Vereinbarung uns näher kennen lernen, beſonders aber wünſche ich das um Rolands willen.“ „Welche Summe würden Sie fordern?“ fragte Sonnenkamp, ohne auf die Darlegung Crichs einzu— gehen. Erich erwiderte, daß nicht er, ſondern der Vater dies zu bemeſſen habe. Sonnenkamp brachte eine friſche Cigarre durch raſche Züge ins lebendige Feuer und erklärte dabei mit großer Salbung, wie er wohl wiſſe, daß eigentlich keine Summe groß genug ſei, um als Lohn für das mühſelige Amt der Erziehung und des Unterrichts zu gelten. Dann fragte er, ſich zurücklehnend und die Beine über einander ſchlagend, indem er das linke Bein mit der rechten Hand heraufzog und feſthielt. „Wollen Sie mir nicht in kurzen Worten angeben, wie Sie bei Erziehung meines Sohnes verfahren möchten?“ „Die Methode im Unterrichte zeichnet der Lehrgegen⸗ ſtand beſtimmt vor, das Verfahren bei meiner erzieheri⸗ ſchen Thätigkeit weiß ich ſelbſt noch nicht.“ „Wie? Sie wiſſen das ſelbſt noch nicht?“ „Ich werde mir von Roland hierin meine Methode geben laſſen, denn dieſe kann nur nach der Natur des Zöglings eingerichtet werden. Geſtatten Sie mir ein Bild aus Ihrer Umgebung. Wenn Sie bemerken, daß Ihre Dienerſchaft zwiſchen dem Hauſe und der Diener⸗ ſchaftswohnung gern den Weg über ein wohl abge⸗ zirkeltes Raſenbeet nimmt, ſo werden Sie, wenn nur irgend thunlich, dieſem Naturweg nachgeben und nicht eigenſinnig die Form des Beetes erhalten, ſo angemeſſen 118 ſie auch nach den Geſetzen der Gartenkunſt ſein möge. Sie werden den Naturweg in einen freiwillig angelegten verwandeln. Dies iſt die Methode, die durch die Ver⸗ hältniſſe gegeben iſt. Solche Wege ſind auch in einem Menſchen.“ Sonnenkamp lächelte; er hatte in der That nur mit ſchwerer Mühe und ſtrengem Verbot ein in der Mitte des erſten Hofes mit Geſträuchen bepflanztes Beet vor dem Betreten zu wahren geſucht und endlich doch einen Weg dort angelegt. „Einverſtanden,“ erwiderte Sonnenkamp.„Aber nach welchen Grundſätzen würden Sie Roland erziehen?“ „Da muß ich etwas weiter ausholen,“ nahm Crich auf.„Denn wenn auch die Methode der Erziehung ſich nach den Umſtänden richtet, ſo muß doch das Prineip derſelben klar erkannt und feſt verfolgt werden. Der große Kampf, der die Geſchichte der Menſchheit und das ganze menſchliche Leben durchzieht, zeigt ſich in der Erziehung des einen Menſchen durch einen Anderen am ſchärfſten; die beiden Mächte treten da als lebendige Perſonen einander gegenüber. Ich möchte ſie kurzweg Individualität und Autorität, oder Geſchichte und Natur nennen.“ „Ich verſtehe... ich verſtehe, fahren Sie fort,“ entgegnete Sonnenkamp, als Erich ein wenig anhielt in der Beſorgniß, daß er ſich zu ſehr ins Allgemeine verliere. „Der Erzieher muß die Autorität darſtellen, der Zögling iſt eine werdende Individualität,“ fuhr Erich fort.„Es iſt alſo fortwährend ein Ausgleich, ein 119 Friedensſchluß zwiſchen beiden kämpfenden Mächten her⸗ zuſtellen, der zur Harmonie werden ſoll. Blos indivi⸗ duell erziehen, hieße ein Menſchenkind außerhalb des Lebens ſtellen und um der Freiheit willen ihm die Ge⸗ meinſchaft des Daſeins verſagen und erſchweren; ihn blos gegebenen Geſetzen unterthan machen, hieße ihm ſeine angebornen Rechte rauben. Der Menſch bringt ſein Geſetz mit, aber er tritt auch in ein Geſetz ein.“ Sich ganz aufrichtend fiel hier Sonnenkamp ein: „So iſt's! So iſt's! Jeder Menſch hat Ahnen, auch der als gemeiner Bürgerlicher Geborene.“ Erich fuhr fort: „Das war der große Irrthum Jean Jacques Rouſſeau's und der franzöſiſchen Revolution, daß man aus Verdruß über die vernunftwidrigen Traditionen glaubte, ein Menſch und ein Zeitalter könne Alles aus ſich allein haben. Der Menſch iſt aber ein Natur⸗ produkt und ein Geſchichtsprodukt, iſt Erbe der ihm vorgearbeiteten, angeſammelten Kraft; Aufgabe der Er⸗ ziehung iſt es nun, die eingeborene und die ererbte Kraft gehörig verwenden zu lehren.“ „Wie bringen Sie,“ fragte Sonnenkamp,„die Er⸗ ziehung eines Amerikaners in Ihrem Syſtem unter?“ „Soll Ihr Sohn Amerikaner bleiben?“ Warum fragen Sie das?“ „Weil ein großes Erziehungsmittel fehlt, wenn ihm das Bewußtſein der Staatspflicht entzogen bleibt in einem fremden Lande. Soll alſo Roland ſich als Ameri⸗ kaner fühlen oder als Deutſcher?“ „Nehmen Sie an, als Deutſcher.“ Sonnenkamp war ermüdet von dieſer Erörterung, die er eigentlich zu ſeiner Unterhaltung veranlaßte; dabei hatte er das Mißgefühl, daß, während er dem Fremden zu imponiren geſucht, dieſer ihn zu Dar⸗ legungen verleitet hatte, die er nur widerwillig gab. „Verzeihung, gnädiger Herr,“ unterbrach ein Reit⸗ knecht, als eben Erich von Neuem weit ausholen wollte. Sonnenkamp ſtand raſch auf, ſagte, es ſei die Stunde ſeines Ausritts und nickte Erich vornehm herablaſſend zu, das Weitere auf ſpäter vorbehaltend. Roland kam des Weges und rief: „Nicht wahr, Vater, ich darf mit Herrn Dournay ausreiten?“ Sonnenkamp willigte ein und ging eiligen Schrittes davon. Er ſtieg zu Pferde und bald ſah man ihn auf einem muthigen Rappen am Ufer entlang die weiße Straße dahinreiten. Er ſah gewaltig aus, wie er zu Pferde ſaß; hinter ihm drein folgte der Reitknecht. Fünftes Capitel. Roland hatte bereits ſein Pony und das Pferd für Erich ſatteln laſſen. Die Beiden ſtiegen auf und ritten zuerſt im Schritt durch einen Theil des Dorfes; am Wege ſtand ein kleines Haus, es war rebenumrankt und die Fenſterladen waren geſchloſſen. Erich fragte, wem das Haus gehöre und warum es verſchloſſen ſei. Roland berichtete, daß es ſeinem Vater gehöre; hier 121 habe der franzöſiſche Baumeiſter gewohnt, der die Villa baute, und auch manchmal der Vater, wenn er wäh⸗ rend des Baues und der Herrichtung von Park und Garten aus der Schweiz und Italien hieherkam. „Nun ſcharfen Trab,“ ſagte Erich.„Nimm die Zügel beſſer in die Linke.“ Luſtig ſprengten die Beiden Flanke an Flanke da⸗ hin. Plötzlich aber ſcheute das Pferd Erichs und bäumte ſich. Roland ſchrie auf, doch Erich beruhigte ihn, rief nur noch:„Ich zwinge ihn!“ und tummelte das Pferd mit ſolcher Macht, daß es dampfte und ihm nun willig gehorchte. Er ritt wieder zu Roland zurück und ruhig ritten nun die Beiden neben einander dahin. „Denke Dir,“ ſagte Roland,„ich ſoll wieder einen Hofmeiſter bekommen.“ „Nun? Und du freuſt Dich darauf?“ „Ich will keinen.“ „Was willſt Du denn?“ „Fort will ich, aus dem Hauſe fort— in ein Cadettenhaus! Warum durfte Manna ins Kloſter? Sie ſagen immer, meine Mutter kann nicht eſſen, wenn ich nicht mehr da bin; ſie muß doch auch eſſen, wenn ich Officier bin.“ „Du willſt alſo Officier werden?“ „Ja, was denn ſonſt?“ Erich ſchwieg. „Biſt Du auch von Adel?“ fragte der Knabe nach einer Weile wieder. „Nein „Möchteſt Du es nicht auch werden.“ „Das kann man nicht werden.“ Der Knabe ſpielte mit der langen Mähne ſeines Pferdes; jetzt ſchaute er zurück und ſah, wie die Fahne vom Thurm herabgelaſſen wurde. Er zeigte das Erich und ſetzte ſtolz hinzu, er werde ſie doch wieder aufhiſſen. Die feinen, plaſtiſch ſchönen und farbloſen, oftmals auch wie übermüdeten Züge des Knaben gewannen Spannung und Farbe; es lag ein kecker Ausdruck auf ſeinem Geſichte. „Es iſt gut, daß Du ſtolz darauf biſt, ein geborener Amerikaner zu ſein,“ ſagte Erich. „Du biſt der Erſte in Deutſchland, der mir darin Recht gibt,“ rief der Knabe;„Herr von Prancken und Fräulein Perini ſpötteln immer über Amerika, Du allein— aber verzeih', es iſt doch nicht recht, daß ich Sie Du nenne.“ „Laß es immerhin dabei, wir wollen gute Freunde ſein“ Der Knabe ſtreckte ihm die Hand entgegen und Erich drückte ſie mit Wärme. „Sieh, auch unſere Pferde ſind gute Freunde,“ fuhr der Knabe fort.„Haſt Du zu Hauſe auch viele Pferde?“ „Ich habe gar keines, ich bin arm.“ „Möchteſt Du nicht auch reich ſein?“ „Reichthum iſt eine große Kraft.“ „Roland ſah ihn ſtaunend an. Das hatte mit denſelben Worten auch Kandidat Knopf immer geſagt. Nach geraumer Weile fragte er: „Dem Namen nach biſt Du ein Franzoſe?“ 123 „Nein, ich bin ein Deutſcher, meine Voreltern ſind nur aus Frankreich eingewandert.— Wie alt warſt Du, als Du nach Europa kamſt?“ „Vier Jahre.“ „Haſt Du Erinnerungen an Amerika?“ „Nein, aber Manna hat viele. Ich erinnere mich nur eines ſummenden Liedes von einem Neger, ich kann's aber nicht mehr zuſammenfinden, und Niemand kann mir's vorſingen.“ Die Beiden ritten die Bergſtraße hinan; das kleine Männchen, das Erich bei der Gartenerde hatte arbeiten ſehen, ging am Wege und grüßte ehrerbietig. Sie hielten an und Roland fragte den Nicolas, ſo hieß das Erdmännchen, warum er jetzt ſchon nach Hauſe gehe. Nicolas erwiderte, er gehe nur über Mittag nach Hauſe und dann in den Wald, um die neue Erde zu holen, die der Herr Sonnenkamp entdeckt habe; droben im Walde ſei eine Quelle, die Eiſen enthalte, und da habe Herr Sonnenkamp nachgraben laſſen und Eiſen⸗ erde gefunden; in dieſe Eiſenerde pflanze er nun Hor⸗ tenſien, die fleiſchfarbenen Pflanzen färben ſich dadurch himmelblau. Nicolas konnte nicht genug rühmen, was für ein Mann Herr Sonnenkamp ſei, der Alles kenne und Alles verwende; da ſei es natürlich, daß man ſo reich werde, denn die anderen dummen Menſchen gehen auf der Welt umher, wo überall Millionen liegen, und kennen ſie nicht. Beſonders rühmte Nicolas eine einfache Methode des Herrn Sonnenkamp, wenn er Obſtkörner ſäete. Er ließ nämlich in die Erde hinein Nadeln vom Wach⸗ 12⁴ 2 holderbaum miſchen; dadurch kamen keine Würmer und keine Mäuſe an den Samen. Im Weiterreiten ſprach Erich davon, wie einſichtige Nänner in unſerer ſcheinbar ſchon durchforſchten und ausgebeuteten Welt Neues zu entdecken wiſſen, und er ſchätze es hoch, daß Sonnenkamp die Gartenkunſt mit ſolcher Einſicht zu betreiben wiſſe. Roland richtete ſich in den Bügeln auf; noch nie hatte er ſeinen Vater ſo rühmen hören. „Haſt Du Niemand in der Gegend, den Du be— ſuchen möchteſt?“ fragte Erich. „Nein— oder doch— den Major, aber der iſt jetzt auf der Burg. Schau, dort oben im Dorfe wohnt der Flurſchütz Klaus, ſie heißen ihn auch den Kriſcher, der hat unſere Hunde— willſt du mit zu ihm? Ich muß ihm doch ſagen, wie ſich die Jungen der Mara befinden; eine Stunde, ehe Du kamſt, war er bei mir.“ Erich war gern bereit und in kurzem Trab ritten ſie die mäßige Steigung hinan, dann lenkten ſie abſeits, hielten bei einem kleinen Häuschen an und ſtiegen ab. Hunde verſchiedener Raſſe kamen heran und ſprangen an Roland empor. Auch Puck ſchien hier Freunde zu haben, er ſpielte mit einem braunen Dachshunde. Aus dem Hauſe kam ein Mann mittleren Alters, er legte die Hand militäriſch grüßend an die Mütze. Er trug die kurze hellgRraue baumwollene Jacke, die dem länd⸗ lichen Rheinbewohner etwas Freies und Bequemliches zugleich gibt; er rauchte aus einer Porcellanpfeife, auf der eine Himmelfahrt Napoleons in grellen Farben abgebildet war. Die Art und Weiſe, wie Roland ſeinen neuen Freund dem Kriſcher vorſtellte, zeigte, daß er mit unter⸗ geordneten Menſchen in gebieteriſcher Weiſe zu verkeh⸗ ren verſtand. „Denke Dir nur,“ ſagte er zu dem Flurſchützen, „der Herr Hauptmann hat, ohne ſie geſehen zu haben, am Winſeln gleich gewußt, wie alt die Jungen der Mara ſind.“ „Das kann man, und auch von welcher Raſſe ſie ſind,“ erwiderte der Kriſcher; er hatte eine ſehr laute Stimme.„Je nachdem ein Hund von einem geſcheidten oder dummen Geſchlecht iſt, hat er ein beſonderes Winſeln und Bellen; dumme Menſchen ſchreien und weinen auch ganz anders als geſcheidte.“ Er blickte ſchelmiſch auf Erich und hielt die Pfeife eine Weile in der Hand. Er führte nun die Beiden in die Stube, hier waren viele Vogelbauer und darin Gezwitſcher und Durch— einanderſingen, daß man kaum ſein eigen Wort bhörte. Der Kriſcher war ſtolz darauf, Erich erklären zu können, wie er es verſtehe, Käfer und Larven freſſende Vögel an Körnerfutter zu gewöhnen, wie er auch Maden und Mehlwürmer bereite; dann ſchalt er über Roland, der gar keine Freude an der Vogelwelt habe. „Nein, ich mag keine Vögel,“ beſtätigte der Knabe. „Und ich weiß warum,“ ſagte Crich. „Das weißt Du?“ „Du haſt wahrſcheinlich keine Freude an Thieren, die Du nicht beſitzen kannſt, wenn ſie in der Freiheit ſind, und gefangen magſt Du ſie auch nicht. Die Hunde 126 ſind Dir lieber, ſie ſind in der Freiheit und halten doch zu uns.“ Der Kriſcher nickte Erich zu, wie wenn er ſagen wollte: Du biſt nicht auf den Kopf gefallen. „Ja, ich habe euch lieber!“ rief Roland, der zwei junge Hühnerhunde auf dem Schooße hatte, während ihre Mutter daneben ſtand, den Kopf an ſeine Seite drückte und alle Hunde ſich an ihn herandrängten. „Neid und Eiferſucht,“ ſagte Erich,„iſt doch die erſte Eigenſchaft der Hunde. Sobald man den einen ſtreichelt, wollen die anderen auch etwas davon haben.“ „Dort iſt einer, der kümmert ſich nichts drum,“ lachte der Kriſcher. In der Ecke lag ein kleiner brauner Hund, der nur manchmal aufblinzelte. Erich ſagte, daß das dem Aus⸗ ſehen nach ein Fuchshund ſein müſſe. „Hat Recht, er verſteht die Hunde!“ rief der Kri⸗ ſcher zu Roland gewendet.„Hat Recht! Den Wald⸗ mann hab' ich aus einer Fuchshöhle, und er iſt und bleibt ein ungutmüthiges Thier, dem nicht zu trauen iſt; man mag ihm geben, was man will, er wird nie dankbar und anhänglich.“ Der in der Ecke liegende Hund blinzelte nur ein⸗ mal auf und ſchloß die Augen wieder, wie wenn er ſich um das Gerede der Menſchen gar nicht kümmere. Roland zeigte nun Erich ſeine Frettchen, er that ſie aus dem Käfig, und ſie ſchienen ihn zu kennen. Das eine goldgelbe bezeichnete er als einen durch⸗ triebenen zähen Racker; er hatte ihm den Namen Buchanan gegeben. Den Namen des andern wollte er 127 nicht nennen; es hieß eigentlich Knopf. Jetzt aber ſagte er nur, daß er es Magiſter nenne, denn es be⸗ ſinne ſich immer lange, bis es in die Höhle gehe, und ziehe die Lefzen, als ob es eine lange Predigt halten wolle. Man ging in den Garten und der Kriſcher zeigte Erich ſeinen Bienenſtand. Zu Roland gewendet, ſagte er: „Ja, Roland, Ihres Vaters Blumen thun meinen Bienen wohl; wenn die guten Thierchen nur nicht ſo weit fliegen müßten bis in Euren Garten hinunter. Was thut's? Ich laſſe mein Vieh ſich auf fremder Weide nähren, und ſo weit iſt es doch noch nicht in der Welt, daß die Reichen den Bienen des armen Mannes verbieten können, Honig aus den Blumen zu ſaugen.“ Es war ein ſcharfer Blick, der aus ſeinen Augen ſchoß, als er dies ſagte; der ganze Ingrimm des Armen gegen den Reichen zuckte darin auf. Der Kriſcher klagte, daß Sonnenkamp ſo viele Nachtigallen hege. Sie ſingen freilich ſchön, aber ſie freſſen den Bienen den Honig, das heißt die Bienen ſelbſt, ſammt dem Honig. Die Nachtigall, die alle Menſchen ſo gern haben, iſt ein grauſamer Bienen⸗ mörder. „Ja,“ entgegnete Erich,„die Nachtigall weiß nicht, daß die Bienen Honig geben, und ſie frißt die Thiere überhaupt nicht uns zuliebe, ſondern ſich zuliebe.“ Der Kriſcher ſah bald Erich, bald Roland an. Roland fragte, wie weit der Greif dreſſirt ſei. Er 128 erhielt die Antwort, er werde gut auf den Mann gehen, ſei aber noch zu wild, ſein Sprung noch nicht regel⸗ recht, doch packe er ſchon an. Roland wünſchte das zu ſehen; der Taglöhner jedoch, der die Probe an ſich machen ließ, war nicht zu Hauſe. Roland erzählte, daß Nicolas heimgegangen ſei, der würde ſich auch dazu bereit finden laſſen. Er ging ſelbſt und holte den Nicolas. Als Roland weggegangen war, faßte der Kriſcher ſchnell die Hand Erichs und ſagte: „Ich helfe Ihnen, Sie ſollen ihn kriegen; ich kann Ihnen den Burſchen geſchickt in die Hand geben.“ Erich ſah ſtaunend drein, und der Kriſcher fuhr fort, ihm zu erklären, daß er wohl wiſſe, warum Erich gekommen ſei, und wer es verſtünde, könne aus Ro⸗ land einen tüchtigen Mann machen. Er deutete mit verſchmitztem Blicke an, daß Erich ihm wol auch ein⸗ mal dankbar ſein würde, wenn er ihm zu der Stelle verhelfe. Noch ehe Erich etwas erwidern konnte, kam Roland mit Nicolas zurück, der ſich nun ein Polſter über den Nacken binden ließ und ſich am Gartenzaun aufſtellte, mit beiden Händen die Latten feſthaltend. Ein großer Neufundländer Hund wurde aus einer Hütte heraus⸗ geholt, er ſprang ungeſchickt hin und her, aber auf einen Pfiff des Kriſchers ſtellte er ſich hinter ihn. Nun rief der Kriſcher: „Greif... faß!... Auf den Mann!“ Im Sprunge jagte der Hund durch den Garten nach dem Männchen, das am Zaune ſtand, ſprang an 129 ihm empor, biß in das Polſter am Nacken und zerrte das Männchen, bis es niederfiel, dann ſtellte er ihm die rechte Vorderpfote auf die Bruſt und ſchaute zum Kriſcher zurück. „Bravo! Bravo! Sehen Sie, das iſt ein wahrer Satan!“ „Haſt Recht!“ rief Roland.„Satan! das iſt der rechte Name. So ſoll er heißen! Satan! Nun ſollen ſie in der ganzen Gegend mich fürchten.“ Erich ſtimmte dem Kriſcher bei, daß man einem Hunde, der ſchon alle Zähne habe, nicht den Namen ändern dürfe. „Gewiß,“ wiederholte der Kriſcher,„ein Hund, dem man den Namen ändert, verliert ſeinen Appell.“ „Uebrigens,“ fügte Erich noch hinzu,„iſt es ganz falſch, einen Hund ſo zu nennen. Ein Rufname für einen Hund ſollte wo möglich einfilbig ſein und ein E enthalten; ein E ruft ſich leicht laut.“ „Sie ſind ein großer Gelehrter; ſo einer iſt mir noch gar nicht vorgekommen, Sie wiſſen ja Alles,“ erging ſich der Kriſcher in Lobpreis und zwinkerte da⸗ bei halb verſtohlen. Satan— denn Roland beharrte dabei, daß der Hund nun ſo heiße— ließ ſich von dem am Boden liegenden Männchen nicht wegbringen, obgleich Roland und der Kriſcher wiederholt riefen. Das war nicht in der Ordnung. Erſt als ihm der Kriſcher die Peitſche zeigte, ließ er ab. Roland ſchenkte dem Nicolas ein Stück Geld, er bedankte ſich ſehr unterwürfig und wünſchte nur, daß Auerbach. Das Landhaus. I. 9 130 er täglich dreimal ſich ſo vom Hunde niederwerfen laſſen könnte. Erich ſchaute nachdenklich zu. Die Welt, die ſich einem reichen Knaben ſo zur Verfügung ſtellt, wie ſoll er ſie lieben, für ſie arbeiten und wirken lernen? Als die Beiden die Hütte verließen, gab ihnen der Kriſcher mit einem ganzen Rudel Hunde ein Stück Weges das Geleit. Sie führten die Pferde am Zügel, und der Kriſcher hielt ſich ausſchließlich zu Erich; er kramte ſeine ganze Weisheit aus, wie er die Hunde zu erziehen verſtehe. Er ſchien in ſchelmiſcher Weiſe auch Erich unter⸗ richten zu wollen, indem er ſagte: erſt, wenn ein Hund ſich richtig tragen kann und nicht mehr über ſeine eigenen Glieder ſtolpert, könne man etwas mit ihm anfangen. Eine Hauptſache ſei aber, man dürfe mit einem Hunde nicht viel ſprechen, lauter kurze Worte müſſe man haben, geh! komm! hier!— nur keine langen Reden. Man dürfe ihn nicht gewöhnen, daß er meine, er ſei was, ganze Tage müſſe man ihn gehen laſſen; wenn er freundlich ſein wolle, es nicht annehmen; denn ſowie man ſich zu viel mit dem Hunde abgebe, werde er beſchwerlich. Wenn ein Hund vor Einem Reſpect haben ſolle, dürfe man auf der Jagd nicht fehlen, beſonders wenn man ihn zum erſten Male mitnimmt; hat man was geſchoſſen, das der Hund holen kann, ſo wird er anhänglich und treu; ſchießt man vorbei, ſo hat er keinen Reſpect und kriegt ihn nie. „Kennen Sie den Herrn Knopf?“ fragte der Kri⸗ ſcher. Erich verneinte. „Ja, der Herr Knopf,“ rief der Kriſcher,„er hat mir hundertmal geſagt, die Schulmeiſter ſollten alle bei mir in die Lehre gehen. Die Hunde und die Menſchen ſind ganz gleich. Die Hunde ſind nur ehrlichere Hunde und laſſen ſich dreſſiren und beißen nur da, wo der Herr es ihnen befiehlt.“ Erich ſah den Mann ſtaunend an, in welchem eine räthſelhafte Bitterniß war. Und gerade dieſer Mann war der Freund des Knaben! Der Kriſcher ſchmunzelte, da Erich ſagte, daß die Thiere etwas vom Verſtande der Menſchen annehmen, mit denen ſie umgehen. Als man, auf der Ebene angelangt, Abſchied nahm, führte der Kriſcher Roland beiſeite und ſagte: „Sie Sauſewind, alle Ihre bockſteifen Pfarrer und Schulmeiſter ſind nichts geweſen. Das wäre ein Mann! Solch einen Mann ſollte Ihr Vater kaufen, dann könnte etwas aus Ihnen werden. Aber freilich, der iſt für all Euer Geld nicht zu haben!“ Der Kriſcher ſagte dies ſcheinbar nur zu Ro⸗ land, aber Erich mußte es auch hören, denn er ſollte ja wiſſen, daß er dem Kriſcher dankbar zu ſein habe. Als man eben aufſtieg, ſagte der Kriſcher noch: „Wiſſen Sie denn auch, daß Ihr Vater jetzt den ganzen Berg da kauft? Arrondiren heißen ſie das! Verfluchtes Arrondiren! Ihr Vater fragt noch: was koſtet der Rheingau? Und kauft ihn.“ Knirſchend fügte er hinzu: „In hundert Jahren gehört von all den Wein⸗ bergen keine Handbreit mehr Denen, die da harken und graben. Muß das ſein? Darf das ſein?“ Erich antwortete nicht und ließ auch Roland zu keiner Antwort kommen. Im friſchen Trabe ging es nun nach der Villa zu⸗ rück. Erich war entſchieden. Sechstes Capitel. Als Erich und Roland von ihrem Ritt zurückkehr⸗ ten, hörten ſie, daß Herr von Prancken angekommen ſei. Auch der Koffer Erichs war bereits auf deſſen Zimmer gebracht. Der Kammerdiener Joſeph ſtellte ſich Erich als Sohn des Anatomie-Dieners auf der Univerſität vor, er erzählte, daß der Vater Erichs ihm eine franzöſiſche Grammatik geſchenkt habe, aus welcher er in den Pauſen als Billardjunge des akademiſchen Caſino auswendig lernte. Joſeph half Erich bei ſeiner Einrichtung und gab ihm dabei Nachricht von der Ordnung des Hauſes, wozu nun zunächſt gehörte, daß man ſich vor der Mittagstafel, die als ein Höhepunkt des Tages ange⸗ ſehen wurde, feſtlich gekleidet im Sommer im Pleaſur⸗ ground und im Frühling in Nizza einfand. So wurde nämlich ein gewölbter an der Terraſſe gelegener Gang genannt, wo die Sonne am kräftigſten wirkte. Erich legte die Uniform ab, und als er in den gewölbten Gang kam, traf er Prancken im Auf⸗ und Niedergehen mit Fräulein Perini. Prancken näherte ſich ihm mit einem verbindlichen Lächeln, das ebenſo ſchnell in ſeinem Geſichte erſchien als es ſchnell ver⸗ ſchwand. Im Bewußtſein ſeines Ranges und ſeiner geſellſchaftlichen Stellung konnte er eine Höflichkeit an den Tag legen, in der man ſogar einen gewiſſen Ge⸗ müthston wahrnehmen mochte. Bei einer Biegung ge⸗ ſellte er ſich wieder zu Fräulein Perini und ſetzte Spazier⸗ gang und Geſpräch mit ihr fort. Jetzt kam Roland daher, der ſich ebenfalls umge⸗ kleidet hatte; es war dem Knaben auffallend, nun Erich in bürgerlicher Kleidung zu ſehen. „Heißt Deine Schweſter Manna?“ fragte Erich. „Ja, eigentlich Hermanna, aber ſie wird immer Manna genannt. Haſt Du etwas von, ihr gehört?“ Erich konnte nicht erwidern, daß von Prancken und Fräulein Perini der Name oft genannt war, denn eben kam Herr Sonnenkamp in ſchwarzem Geſellſchaftsan⸗ zuge, weißer Halsbinde und tadelloſen gelben Hand⸗ ſchuhen. Er grüßte ermunternd nach allen Seiten. Nie war Herr Sonnenkamp heiterer, nie elaſtiſcher als in der Viertelſtunde vor der Mittagstafel. Man ging nach dem Speiſeſaale, einem kühlen, viereckigen, gewölbten Gemache, das von Oberlicht be⸗ leuchtet war. Die geſchnitzten eichenen Möbel waren hier äußerſt kräftig. Ein großes mit ſchönen alten Becken und venezianiſchen Gläſern geziertes Büffet zeigte reichen Silbervorrath. In der ganzen Gegend war aber die Fabel verbreitet, daß Herr Sonnenkamp nur von goldenen Tellern ſpeiſe. Nach einer Weile wurden die Flügelthüren geöffnet, zwei Diener in der kaffeebraunen Livree des Hauſes ſtanden wie Wachen hüben und drüben an den Pfoſten und Frau Ceres ſchritt herein wie eine Fürſtin. Auf der Schwelle verbeugte ſie ſich, allerdings etwas ſteif. Prancken ging ihr entgegen und führte ſie zu Tiſche. Für jeden Gaſt ſtand ein Diener bereit, der den Stuhl hinrückte, während man ſich zum Setzen nieder⸗ ließ. Fräulein Perini ſtand hinter ihrem Stuhl, ſtemmte die Arme auf die Lehne, hielt das Perlmutterkreuz mit gefalteten Händen, betete, machte das Zeichen des Kreuzes und ſetzte ſich. Der Kammerdiener Joſeph, der abſeits bei dem mit Flaſchen beſetzten Tiſche ſtand, hatte nur das Amt eines Mundſchenks und er hatte ein ſcharfes Auge für leere Gläſer, die er alsbald füllte. Frau Ceres behielt während des Eſſens ihre butter⸗ gelben Handſchuhe an. Sie wartete bei jedem Gericht, bis Herr Sonnenkamp ſagte: „So genieße doch etwas, liebes Kind— ich bitte.“ In der Art, wie er ſie aufforderte, war ein doppel⸗ ter, ſchwer zu beſtimmender Ton; es klang manchmal wie Zuruf und Augenwink eines Thierbändigers, der einem gezähmten Wild geſtattet, die vor ihm liegende Speiſe zu verzehren; es klang aber auch, wie wenn man ein trotziges Kind bittet. Frau Ceres aß nur etwas Geflügel und Süßigkeiten. Prancken benahm ſich bei Tiſche als der anerkannte Ehrengaſt, der die Verpflichtung hat, ſich dem Wirthe. gefällig und mittheilſam zu erweiſen. Er erzählte vom Mannheimer Pferdemarkte, von welchem er heute früh mit dem Genoſſen zurückgekehrt war; er hatte zum herbſtlichen Wettrennen eine Schimmelſtute gekauft, die er mit freundlichem Erbieten Herrn Sonnenkamp über⸗ laſſen wollte. Er wußte aber auch Frau Ceres zu unterhalten. Sie hatte eine beſondere Abneigung gegen die Familie des Weincavaliers, die ſich ſehr zurück— haltend gegen das Haus Sonnenkamp benahm. Nun erzählte er einige lächerliche Großthuereien des Wein⸗ cavaliers, dem er ſich doch angeſchloſſen hatte. Da⸗ neben verſtand er auch die Redeweiſe verſchiedener Menſchen nachzuahmen und Zierlichkeiten vorzubringen, die in das müde Antlitz der Frau Ceres eine Spannung, ja oft ein Lächeln brachten. Die Unterhaltung wurde in italieniſcher Sprache geführt, die Prancken ziemlich gut zu ſprechen verſtand, die aber Erich nicht geläufig war. Frau Ceres mochte es für ihre Pflicht halten, den Fremden nicht ganz unbeachtet zu laſſen; ſie fragte ihn in engliſcher Sprache, ob er noch Eltern habe. Mit erſichtlicher Gönnerſchaft übernahm es Prancken, den Vater Erichs und die Mutter zu ſchildern; er that dies mit beſonderer Freundlichkeit und verweilte mit Nachdruck dabei, daß Erichs Mutter eine Dame von altem Adel ſei. „Dem Namen nach ſind Sie eigentlich ein Franzoſe?“ fragte Fräulein Perini. Erich wiederholte, daß ſeine Vorfahren vor zwei Jahrhunderten in Deutſchland eingewandert ſeien; er fühle ſich vollkommen als Deutſcher und freue ſich, von den Hugenotten abzuſtammen. 136. „Was iſt denn Hugenotten?— Ach ja, das wird ja geſungen!“ rief Frau Ceres, ſich kindiſch freuend, daß ſie das wußte. Die Tiſchgenoſſen mußten an ſich halten, um nicht laut zu lachen. „Warum heißt man ſie eigentlich Hugenotten? fragte Roland, und Crich erwiderte: „Einige meinen, die Bezeichnung ſtamme daher, weil ſie im Geheimbunde ihre religiöſen Zuſammen⸗ künfte bei Tours nur um Mitternacht halten durften, wo der Geiſt König Hugo's umgehen ſollte; Andere ſind der Anſicht, daß es ein deutſches Wort iſt, Eid⸗ genoſſe heißt, und nur von den Franzoſen in Huge⸗ notte verwandelt wurde.“ „Sie ſcheinen ſtolz darauf zu ſein, von den Huge⸗ notten abzuſtammen?“ fragte Sonnenkamp. „Ich möchte ſtolz nicht als das eigentliche Wort wählen,“ entgegnete Erich.„Ein tyranniſcher König vertrieb die Hugenotten aus Frankreich und ſie wurden wie die Juden zu lebendigen Beſtandtheilen verſchie⸗ dener Völkerſchaften...“ „Es iſt ſehr beſcheiden von Ihnen,“ unterbrach Prancken,„daß Sie die Hugenotten, die meiſt vor⸗ nehme Geſchlechter waren, mit den Juden in Parallele ſetzen.“ „Ob meine Vorfahren vornehm waren, betrachte ich als gleichgültig,“ entgegnete Erich,„ſie widmeten ſich bürgerlichen Gewerben, und meine Ahnen zunächſt ſind Goldſchmiede geweſen. Die Vergleichung mit den Juden aber muß ich doch aufrecht halten. Jede um 137 ihres Glaubens willen in die Fremde vertriebene und zerſtreute Genoſſenſchaft iſt darauf hingewieſen, über aller Nationalität immer die Einheit der Menſchheit im Auge zu halten und mit aller Kraft gegen jeden Fanatis⸗ mus und jede Ausſchließlichkeit zu wirken. Es gibt keine allein ſelig machende Religion und keine allein menſchlich ſchön machende Nationalität.“ Prancken und Fräulein Perini ſahen einander ver⸗ wundert an, Frau Ceres wußte nicht, was das Alles zu bedeuten habe, und Sonnenkamp ſchüttelte den Kopf über den Gaſt, der mit Gewaltſamkeit in das leichte Tiſchgeſpräch hinein ſeine weltgeſchichtlichen Ideen mengte. „Sie müſſen mir das einmal näher auseinander⸗ ſetzen,“ ſuchte er abzulenken. Roland fragte: „Ludwig der Vierzehnte, der Deine Ahnen vertrie—⸗ ben hat, iſt das derſelbe, der auch die Burgen hier am Rhein zerſtörte?“ „Allerdings.“ Das Tiſchgeſpräch ſchien von einem Punkte, der es ſchwerfällig machte, nicht wegzukommen, aber es wurde plötzlich abgelenkt, denn eine ſcharfgewürzte Speiſe wurde aufgetragen. Roland wollte davon eſſen, der Vater wehrte es ihm. Die Mutter dagegen rief plötzlich mit heftigem Tone: „So laß ihn doch genießen, was er mag!“ Ein Blick aus Erichs Augen traf Roland, und der Knabe legte den Biſſen, den er eben zum Munde führen wollte, nieder und ſagte: „Ich will es doch lieber laſſen.“ 138 Die Tafel wurde aufgehoben. Fräulein Perini betete wieder leiſe. Alles ſtand ſtill, die Diener rück⸗ ten ſchnell die Stühle hinter den Aufgeſtandenen weg und man ging nach der Veranda, um den Kaffee ein⸗ zunehmen. Frau Ceres gab einem ſchneeweißen Papagei ein Biscuit und der Papagei rief:„God bless you, massa!“ Dann ließ ſie ſich in einen Lehnſeſſel nieder, Prancken ſetzte ſich auf ein niederes Tabouret, er ſaß ihr faſt zu Füßen. Fräulein Perini wählte einen Platz, der nahe ge⸗ nug war, um, wenn es gewünſcht wurde, an dem Ge⸗ ſpräche theilzunehmen, und doch wieder entfernt genug, um Frau Ceres mit Prancken allein reden zu laſſen. Sonnenkamp winkte Erich, mit in den Garten zu gehen. Roland ſchloß ſich ungeheißen an. Ein Diener kam und meldete, daß der Feldhüter Klaus bei den neugebornen Hunden ſei, der junge Herr werde gebeten, auch dahin zu kommen. „Ich erlaube Dir, daß Du hingehſt,“ ſagte der Vater. „Ich möchte aber lieber bei Euch bleiben,“ erwiderte Roland. Es lag etwas kindlich Anſchmiegendes in Ton und Geberde und er faßte dabei die Hand Erichs. „Wenn Dein Vater ſagt, Du darfſt gehen, ſo ſollſt Du gehen,“ ſagte Erich. Roland ging mit zögernden Schritten. 139 Siebentes Capitel. Sonnenkamp und Erich gingen nach dem Park. Zwei Menſchen wandelten hier im Gleichſchritt beim Landhaus am Rhein und ſie waren doch ſo getrennt und verſchieden. Sonnenkamp hatte ſich mit kühnem Muthe und rückſichtsloſer Willenskraft vom Weltbeſitze angeeignet, was er habhaft werden konnte; er wollte nun in Ruhe genießen und Alles ſeinem Egoismus unterthan halten. Erich dagegen hatte nur geſtrebt und gearbeitet, die Welt in der Erkenntniß zu durch⸗ dringen und für die Mitlebenden zu wirken. Auf jeden Anruf gab er ſein volles Denken preis. Er glaubte noch, die Menſchen wollten im Geſpräche etwas ge— winnen, wollten klarer werden und nicht blos die Zeit vertreiben, und ſo gab er in der Erregung des Augen⸗ blicks ſich ſtets ganz und frei in der vollen Naivetät der Hingebung, Verkennung und Vorwurf der Eitelkeit nicht achtend. So erging er ſich nun auch in der Ausführung, welch ein Glück es ſein müſſe, hier im ruhigen Hauſe am bewegten Strome, in ſich gehalten in die weite Welt zu wirken. Sonnenkamp hörte geduldig zu, aber innerlich trium⸗ phirte er über den Schwärmer. Da ſitzen die Gelehrten im kleinen Univerſitätsſtädtchen, und weil ſie keine Welt vor ſich ſehen, leben ſie im Phantaſiegebilde der Menſch⸗ heit und erſcheinen ſich ſelber als höchſt wichtige Welt⸗ regierer. Leiſe pfiff Sonnenkamp vor ſich hin, ſo leiſe, daß 140 Niemand außer ihm dies Pfeifen hörte; ja, er wußte ſeine Lippen ſo zu ſtellen, daß man ihm nicht anſah, daß er pfeife. An einer Erhöhung ſetzte er ſich und wies auch Erich einen Stuhl an. „Sie müſſen bemerkt haben,“ ſagte er,„daß Fräu⸗ lein Perini ſtreng katholiſch iſt, und unſer ganzes Haus gehört zur Kirche. Ihre Confeſſion iſt für mich indeß kein Hinderniß. Nun aber“— er beugte ſich vor, legte beide Hände auf die Kniee und ſah Erich ſcharf an—„nun aber— kurz die Hauptfrage: Wie glauben Sie, daß ein Knabe, der bereits weiß, daß er ſich für keinerlei Erwerb zu bethätigen hat, ja, daß er einſt⸗ mals eine— oder ſagen wir, mehrere Millionen be⸗ ſitzen wird— wie glauben Sie, daß ſolch ein Knabe erzogen werden kann?“ „Darauf könnte es nur eine beſtimmte Antwort geben.“ So⸗ „Die Antwort wäre einfach: Er kann gar nicht er⸗ zogen werden.“ „Wie? Gar nicht?“ „Ja. Das große Unbekannte, das Schickſal allein kann ihn erziehen. Was wir thun können, iſt weiter nichts, als ihn gewöhnen, die ihm gewordene Kraft gehörig zu regieren und zu verwenden.“ „Regieren und verwenden,“ murmelte Sonnenkamp vor ſich hin;„das hört ſich gut. Sie beſtätigen mir eine Wahrnehmung. Nur ein Soldat, nur ein Mann, der natürlichen Muth ſich erzogen und gebildet hat, kann in unſerer Zeit noch Bedeutſames leiſten; mit Predigten und Büchern bewirkt man nichts, bezwingt man nicht die alte und ſchafft nicht eine neue Welt.“ Mit einem veränderten, faſt unterwürfigen Tone fuhr Sonnenkamp fort: „Ich ſehe ſchon, ich ſelbſt werde vielleicht noch mehr bei Ihnen lernen, als Roland. Alſo bitte, wie würden Sie— denken Sie ſich als Vater in mein Verhältniß — wie würden Sie Ihren Sohn erziehen?“ „Ich glaube,“ erwiderte Erich,„daß die Phantaſie ſich Vieles ausdenken kann, aber eine geheime Natur⸗ beziehung kann nur erfahren, nicht ausphantaſirt wer⸗ den. Laſſen Sie mich alſo von meinem Standpunkte als Fremder antworten.“ „Gut.“ „Mein Vater war Prinzenerzieher und ich glaube, ſeine Aufgabe war leichter.“ „Leichter? Und warum?“ „In einem Prinzen wird ſchon früh das Bewußt⸗ ſein der Pflicht erweckt; jede Minute wird ihm der Stolz, aber auch die Verpflichtung gegeben, daß er ſich als Prinz zu benehmen habe. Die Repräſentation, in der die Fürſtlichkeiten ſo Erſtaunliches leiſten, erſcheint von früh an als Pflicht und wird zur Lebensgewohnheit.“ Sonnenkamp lehnte ſich wieder zurück und ließ ſich die Darlegungen Crichs munden wie einen ſeltenen Leckerbiſſen. Der Mann ſoll nur ſich in Phantaſien er⸗ gehen, derweil er nicht den Stuhl, auf dem er ſitzt, nicht den Fußbreit Erde, auf dem er ſteht, ſein eigen nennt. „Fahren Sie fort,“ ſagte er. 142 „Es mag lächerlich erſcheinen,“ nahm Erich wieder auf,„es iſt aber von Bedeutung, daß ein Prinz ſchon in der Wiege einen militäriſchen Rang erhält. Zur Vernunft erwacht, ſieht er dann den Vater immer unter dem Gebote der Pflicht. Ich will damit keines⸗ wegs beſtreiten, daß dieſe Pflicht oft ſehr leicht ge⸗ nommen, ja ganz vernachläſſigt wird; aber ein ge⸗ wiſſer Schein der Pflicht muß immer gewahrt werden. Bei einem reichen Manne hingegen ſieht das Kind die Pflicht, die der Reichthum auferlegt, nicht ſo gebietend vor Augen; es ſieht Wohlthätigkeit, Gemeinnützigkeit, Kunſtpflege, Gaſtlichkeit, das Alles erſcheint aber als freies perſönliches Belieben.“ „Sie kommen alſo auch auf die hiſtoriſche Ver⸗ pflichtung?“ verſetzte Sonnenkamp, ohne weiter zu er⸗ klären, was er damit meinte, vielmehr wußte er Erich zu immer weiteren Darlegungen zu ermuntern. Er hatte ſich vorgeſetzt, Erich nur auszuforſchen, nur eine neue Art des Genuſſes zu haben, einen ge⸗ lehrten Idealiſten ſich ausreden zu laſſen; er hatte ſeine beſondere Luſt daran, daß Erich dies Alles nur zu ſeinem Vergnügen thun ſollte; er empfand eine ge⸗ wiſſe Freude, ſich auch einmal im Land der Ideale umzuſchauen— es ſah recht ſauber darin aus, aber nur für eine Stunde, für einen halben Tag. Unver⸗ ſehens jedoch ſah er ſich in lebhaftes Intereſſe verſetzt; er fühlte, daß mit Erich ein gegenſätzliches, ja ein feindliches Element in ſein Haus eintreten würde. Aber war es nicht vielleicht angemeſſen, den Sohn dieſe ge⸗ lehrte Idealwelt kennen und überwinden zu laſſen? „Wiſſen Sie,“ fragte Sonnenkamp nachdenklich, „was man am meiſten wünſcht und was man nicht kaufen kann?“ Crich ſchüttelte den Kopf und Sonnenkamp fuhr fort: „Gottvertrauen! Da hat man vorgeſtern einen armen Winzer begraben; mein halbes Vermögen gäbe ich darum, wenn ich ihm ſein Gottvertrauen für meine letzten Lebens⸗ jahre hätte abkaufen können. Ich wollte es dem Doctor nicht glauben, aber es iſt wahr, der Winzer war ein Lazareth von Krankheiten und bei allen Schmerzen ſagte er beſtändig: mein Heiland hat noch ſchwerer leiden müſſen und Gott wird ſchon wiſſen, warum er mir das anthut.— Ich wünſchte, daß Sie im Stande wären, meinem Sohne ein Aehnliches zu geben, ohne ihn zum Frömmler oder Pfaffenknecht zu machen.“ „Ich glaube wir können das Gleiche gewinnen in dem Bewußtſein, uns nach Maßgabe unſerer Kraft und in Uebereinſtimmung mit dem Wohle unſerer Mit⸗ menſchen zu bethätigen.“ Man ſah in einem Seitengange Prancken und Fräu⸗ lein Perini auf- und abwandern und Sonnenkamp ſagte, auf dieſelben deutend: „Ihr Freund Prancken verſteht es ſehr gut, mit Fräulein Perini zu verkehren.“ Erich erklärte, daß er nicht das Recht habe, ſich einen Freund Pranckens zu nennen; ſie ſeien in der Cadettenſchule und in der Garniſon mit einander be⸗ kannt geworden, hätten aber nie in ihren Geſinnungen übereingeſtimmt und ſein Streben ſei ein ganz anderes, als das eines Majoratsherrn; er erkenne die Güte, mit der Prancken ihm den Eintritt in das Haus Sonnen⸗ kamp erleichtert, aber die Wahrhaftigkeit gehe über Alles. Sonnenkam pfiff wiederum unhörbar; er war offen⸗ bar erſtaunt über dieſe Freimüthigkeit; es kam ihm der Gedanke, daß Crich ein verſchlagener Diplomat ſei, denn er betrachtete es als eine Haupteigenſchaft der Diplomatie, keinerlei Gebundenheit durch Dankverpflich⸗ tung zu erkennen. Dieſer Mann iſt entweder der edelſte Schwärmer oder der abgefeimteſte Weltling, dachte er. Als man jetzt Prancken und Fräulein Perini be⸗ gegnete, begrüßte Sonnenkamp den Baron mit großer Herzlichkeit und faßte ihn unter den Arm. Erich ging mit Fräulein Perini. Dieſe hatte ſtets eine kleine feine Handarbeit. Mit kaum ſichtbaren In⸗ ſtrumenten und feinem Zwirn brachte ſie mit über⸗ raſchender Schnelligkeit eine Spitzenguirlande zuwege. Erich gab ſeine beſondere Freude an der zierlichen Ar⸗ beit kund, die ſie Oechi nannte. Uebrigens ſtand ſo⸗ fort, als wär's ein geſchriebener Vertrag, zwiſchen den Beiden feſt: wir werden uns möglichſt vermeiden, und wenn wir doch in denſelben Kreis geſtellt ſind, uns verhalten, als ob wir nicht mit einander auf der Welt wären. Achtes Capitel. Während Erich mit dem Vater im Garten war, ſaß Roland mit dem Kriſcher bei den jungen Hunden. Der Kriſcher fragte, ob es bereits feſt ſei mit dem 145 Hauptmann. Roland verſtand nicht, was er wollte; der Kriſcher lachte in ſich hinein, er kann ſich noch einen doppelten Vortheil verſchaffen. „Was krieg' ich von Ihnen,“ fragte er mit ver⸗ ſchmitzt lauerndem Blick,„wenn ich mache, daß der Hauptmann bei Ihnen bleibt als Kamerad und Lehrer? — Hu!“ unterbrach er ſich,„Sie machen ja ein Ge⸗ ſicht wie die Hunde, wenn ihnen zum erſten Mal die Augen aufgehen.— Nun reden Sie— was krieg' ich?“ Roland antwortete nicht. Jetzt kam auch Joſeph in den Stall. Er ſchilderte die Eltern Erichs als wahre Heilige und zuletzt ſchloß er: „Sie können ſtolz ſein, Herr Roland, der Vater Erichs hat den Prinzen erzogen und der Sohn erzieht nun Sie.“ Noch immer konnte Roland nicht antworten. Er ging davon und ſah den Vater und Erich beiſammen ſitzen, er zürnte auf Erich. Warum hat er denn nicht gleich geſagt, wer er iſt? Aber ſchnell überwand er das wieder. Zutraulich ſchmiegte er ſich an Erich und ſein Blick ſagte: Ich weiß, wer Du biſt. Erich verſtand dieſen Blick nicht. „Jetzt haben Dich die Andern genug gehabt, jetzt geh' mit mir,“ bat Roland. Er geleitete Erich auf ſein Zimmer, er ſchien nur zu warten, daß Erich ſprechen würde, dieſer aber hätte den Knaben gern gebeten, ihn allein zu laſſen. Wie eine ſchwere Laſt legte es ſich ihm auf die Seele, daß, wer ſich in Dienſtbarkeit begibt, vor Allem aber, wer den Anſchluß einer jungen Seele aufgenommen, die er Auerbach. Das Landhaus. 1. 10 146 bilden, halten und führen ſoll, kein Leben für ſich hat, nicht müde ſein, nicht ſagen darf: jetzt laß mich mir. Er muß immer bereit, immer gewärtig, immer für einen Andern da ſein. Roland war traurig, da er das müde Antlitz Erichs ſah. Ein Diener kam und meldete, daß die Wagen zur Ausfahrt angeſpannt wären. Erich erſchrak. Was iſt denn das für ein Leben? Im Garten luſtwandeln, ausreiten, ausfahren, eſſen, dann wieder ausfahren, ſich vergnügen— wie ſoll man da ein inneres Leben wahren und zuſammen⸗ halten? Wie ſoll es da möglich ſein, eine junge Seele in einer beſtimmten Richtung, einer ſtetig ſich fortent⸗ wickelnden Stimmung zu erhalten? Er ging mit Roland in den Hof und bat, ihn von der Ausfahrt zu befreien, er habe das Verlangen, einige Stunden allein zu ſein. Herr Sonnenkamp ſagte, daß er ſeinen Gäſten keinerlei Zwang auferlege; Prancken und Fräulein Perini wechſelten ſchnelle Blicke, in denen eine Schaden⸗ freude zu liegen ſchien, daß Erich durch Eigenwilligkeit ſich eine Blöße gab. Roland ſagte, er wolle zu Hauſe bei Erich bleiben, aber Prancken entgegnete mit triumphirendem Ton: „Herr Dournay will allein ſein, und wenn Sie bei ihm bleiben, lieber Roland, iſt der Herr ja nicht allein.“ Er ſagte das Wort„der Herr“ mit einem eigen⸗ thümlich ſchnarrenden Tone. Man ließ nun den zweiten Wagen zurück. Fräu⸗ lein Perini, Prancken und Roland ſtiegen ein. Sonnen⸗ kamp ſetzte ſich auf den Bock; er lenkte gern ſelbſt vier Pferde vom Bock. Frau Ceres war ebenfalls zurückgeblieben. Erich ſah die Geſellſchaft davonfahren, dann kehrte er in ſein Zimmer zurück. Ein Gefühl vor Allem kräftigte ihm die Seele und machte ihm das Herz frei: er war der Wahrhaftigkeit treu geblieben— und ſo ſoll es immerdar ſein. Die Wahrhaftigkeit iſt jene Mutter Erde, auf der feſt⸗ ſtehend der ringende Geiſt nicht zu beſiegen und nieder⸗ zuwerfen iſt. Ein Diener trat ein und meldete: Frau Ceres wünſche ihn zu ſprechen. Die Sonne war untergegangen, ein glühender Duft lag weit hinaus auf Thal und Strom und über den Bergen, als Erich mit dem Diener ging und vom Hausflur hinausſchaute ins Weite. Er wurde durch mehrere Gemächer geführt. Im letzten, in dem eine brennende Ampel von mattem Glaſe hing, hörte er eine Stimme, die rief: „Ich danke Ihnen.— Setzen Sie ſich.“ Er ſah Frau Ceres auf einem Divan liegen, vor ihr ſtand ein großer Lehnſtuhl. „Ich bin Ihnen zulieb zu Hauſe geblieben,“ be⸗ gann Frau Ceres; ſie hatte eine zarte ängſtliche Stimme. Erich wußte nicht, was er antworten ſollte. Plötz⸗ lich richtete ſie ſich auf und fragte: „Sie kennen meine Tochter?“ Nein.“ „Nicht. ich bin die Veranlaſſung, daß ſie Nonne wird— nein, nicht ich— glauben Sie das ja nicht!“ Und ſich wieder in die Kiſſen zurücklegend, fuhr Frau Ceres fort: „Bleiben Sie nicht bei uns, Herr Hauptmann— ich warne Sie. Ich habe gar nichts gelernt— er hat mich nichts lernen laſſen— aber bleiben Sie nicht bei uns, wenn Sie ſonſt in der Welt unterzukommen wiſſen. Warum wollen Sie denn in dies Haus ein⸗ treten?“ „Weil ich glaubte, Ihrem Sohne ein guter Führer werden zu können.“ „Ich bin nicht gelehrt— ich verſtehe Sie nicht,“ erwiderte Frau Ceres.„Aber Sie haben eine Stimme und Worte ich möchte Sie immer hören, wenn ich auch nicht verſtehe, was Sie ſagen. Sie laſſen ihn doch nichts wiſſen, daß ich Sie habe rufen laſſen?“ „Ihn? Wen?“ wollte Erich fragen, Frau Ceres aber richtete ſich wieder haſtig auf und ſagte: „Bleiben Sie nicht. Er kann entſetzlich ſein. Nie⸗ mand weiß es, Niemand kann es denken. Er iſt ein gefährlicher Mann! Haben Sie mich auch lieb?“ Erich zitterte. Was ſoll das ſein? „Ach, ich weiß nicht, was ich ſage,“ fuhr Frau Ceres wieder fort.„Er hat Recht— ich habe nur halben Verſtand. Warum habe ich Sie doch rufen laſſen? Ja, jetzt weiß ich's. Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter. Iſt ſie in der That eine ſo gelehrte und vornehme Dame? Sie ſind gewiß ein guter Sohn.. Roland iſt unordentlich im Eſſen, die Amme hat ihn verdorben. Aber er iſt gut... Alle ſind gut.“ Frau Ceres ſagte die Worte bald haſtig, bald ſchläfrig. Erich kam nicht dazu, ſie über das Wider— ſprechende und Räthſelhafte zu fragen. Er ſagte nur, wie er alle Zuverſicht habe, daß Roland ein tüchtiger Mann werde, an dem die Mutter Freude erlebe, und er ſchilderte ihr eine Zukunft in warmen Worten. Frau Ceres ſchluchzte, dann ſagte ſie: „Ich danke Ihnen— ich danke Ihnen!“ Sie ſtreckte Erich die feine weiße Hand entgegen und rief dabei: „Ich danke Ihnen! Das hat er mit all ſeinem Geld nicht machen können, daß ich wieder weinen kann. O, wie wohl das thut! Bleiben Sie bei uns. Er kann nicht weinen— Sie ſagen ihm nichts. Ich möchte auch eine Mutter haben. Bleiben Sie bei uns. Ich danke Ihnen— Jetzt gehen Sie— gehen Sie— ehe er zurückrſommt. Gehen Sie. Gute Nacht!“ Erich war auf ſein Zimmer zurückgekehrt. Was er erlebt hatte, erſchien ihm wie ein Traum; das geheim⸗ nißvolle Weſen, mit dem auf Wolfsgarten vom Hauſe Sonnenkamp geſprochen worden, beſtätigte ſich immer mehr. Hier waren Räthſel der ſeltſamſten Art. Zu der Liebe Erichs für Roland kam nun noch Mitleid. Hier waltete ein ſchweres häusliches Verhält⸗ niß, unter dem der Knabe viel gelitten haben mußte. Erich wollte der jungen Seele nach Kräften beiſtehen. Er ſollte indeß nicht lange allein ſein, denn der Kammerdiener Joſeph kam zu ihm und erzählte über 150 Alles im Hauſe, während Erich einzig an Roland den⸗ kend ihm kaum zuhörte. Joſeph war auf der Univerſität als Heinrich XXXII. Billardjunge geweſen, denn alle Billardjungen mußten Heinrich heißen. Er war dann Kellner im Bernerhofe zu Bern, wo Sonnenkamp, der faſt zwei Sommer lang dort gewohnt und den ganzen erſten Stock— die beſten Zimmer der Welt, wie ſie Joſeph nannte— innehatte, ihn kennen lernte und in Dienſt nahm. Die Dienerſchaft im Hauſe war eine Menagerie aus aller Herren Ländern. Der Ober-Kutſcher war ein Deutſcher, der erſte Reitknecht ein Engländer, der Koch ein Franzoſe, das erſte Kammermädchen eine durch⸗ triebene Böhmin, Fräulein Perini eine italieniſche Fran⸗ zöſin aus Nizza. Herr Sonnenkamp war ſehr ſtreng, die Gärtner durften im Parke nicht rauchen und kein Reitknecht durfte im Stalle pfeifen, denn alle Pferde waren an den Pfiff des Herrn gewöhnt und durften nicht geſtört werden. Uebrigens hatte Herr Sonnen⸗ kamp es beſonders gern, wenn ſeine Diener nicht wie Diener ausſahen; erſt ſeit Kurzem hatte er der Frau nachgegeben, daß man für Einige Livree anſchaffte. Die Diener durften nur wenig ſprechen, es ſind ganz beſtimmte Worte, die Herr Sonnenkamp Jedem ſagt, und Jeder zu erwidern hat, dabei aber ſind Alle gut gehalten. Bis vor Kurzem habe Herr Sonnenkamp auch einen Verwalter gehabt, der die Bücher und Corre⸗ ſpondenzen führte. Gegen Frau Ceres ſei Herr Sonnen⸗ kamp beſonders nachgiebig und geduldig und Niemand wiſſe eigentlich recht, ſei die Frau bei Verſtand oder nicht. 151 Zum Schluß erzählte Joſeph nicht ohne Selbſtbe⸗ friedigung, daß er den Ruhm von Erichs Eltern be⸗ reits in der Geſindeſtube verbreitet habe, denn es ſei gut, wenn die Leute wüßten, woher man ſei, da hät⸗ ten ſie weit mehr Reſpect. Die eigentliche Herrſchaft im Hauſe ſei und bleibe indeß Madame Perini; ſie ſei zwar ein Fräulein, die gnädige Frau nenne ſie aber ſtets Madame. „Der Kriſcher hat Recht,“ ſetzte Joſeph hinzu, „Fräulein Perini iſt eine Frau von ſieben Katzenkraft und da kann man noch einen Marder dreingeben. Ach unſer Fräulein! wenn die nur wieder da wäre. Und ſie wird Frau von Prancken! Ach, die iſt ſchön!— Eigentlich nicht ſchön, aber gar lieb und anmuthig; früher war ſie ſo luſtig, kein Pferd ihr zu wild, kein Sturm auf dem Rhein zu heftig, und gejagt hat ſie wie ein Wilddieb. Aber jetzt iſt ſie nur traurig.. immer traurig... arg traurig.“ Wie zerriſſene Klänge, die ſich allmälig zu einer Weiſe zuſammenfügen, dachte Erich an Alles, was er nun von der Tochter des Hauſes gehört. Und war das nicht das Mädchen, das ihm vorgeſtern im Kloſter begegnete? Unwillkürlich ſetzte ſich ihm ein ganzes Le⸗ bensbild zuſammen. Da iſt ein Kind ins Kloſter ge⸗ ſchickt, fern von aller Welt, von allem Menſchenver⸗ kehr. Es wird aus dem Kloſter geholt und man ſagt ihm: Du biſt die Baronin Prancken! und ſie iſt glück⸗ lich mit dem ſchönen und heitern Mann und alle Herr⸗ lichkeiten der Welt ſind ihr durch ihn geſchenkt, als wenn er das Alles gemacht hätte, und es kann wol 152 ſein, daß ſie nicht weiß, was ſie an ihrem Manne hat, ja— es wird ein Glück ſein, wenn ſie es nicht weiß. Joſeph ging. Erich ſaß allein in ſeiner Stube; kein Laut regte ſich; er war ſo müde, denn das war ein Tag von einer Anſpannung und einem Kraftaufwande zur Be⸗ wältigung ganz neuer Verhältniſſe, daß man meinen mußte, es ließe ſich nicht in die kurze Spanne Zeit drängen. Was hatte er nicht heute Alles erlebt! Daß er droben bei Clodwig geweſen und Römerfunde betrachtet, ſchien wie ein Ereigniß, das Jahre zurückliegt; er hatte heute alle Gründe des Denkens aufgewühlt, er hatte heute zum erſten Mal das Brod der Dienſtbarkeit ge— noſſen und das Geſühl der halben Freundſchaft, des halben Undanks, das Räthſelhafte in Sonnenkamp, in Roland, in Fräulein Perini und Frau Ceres, daß Frau Ceres ihn hatte rufen laſſen und er nun das wirre Geheimniß bewahren ſollte... das Bild der Tochter des Hauſes— Erich warf alle Nebengedanken von ſich und dachte an Roland allein. Er richtete ſich gewaltſam auf. Die ſoldatiſche Uebung half ihm. Da heißt es: auf dem Poſten ſtehen, umſichtig Alles ins Auge faſſen und nicht müde werden! In der Ferne auf dem Bahnhofe hörte er jetzt eine zur Ruhe geſtellte Locomotive ziſchen. Das kollerte und polterte und ſchnaubte wie ein Ungeheuer der Fabel⸗ welt. Dieſe Maſchine hat heut auf und ab Wagen⸗ reihen gezogen, drinnen hundertfältiges Menſchenleben 153 ſich auf eine Weile niedergelaſſen, und jetzt wird ſie zur Ruhe geſtellt, darf vom Dampf ſich auskühlen. Erich lächelte vor ſich hin, da er dachte, daß er ſelber faſt eine ſolche Locomotive ſei, die jetzt zum Erkalten gebracht würde, um am andern Morgen wieder friſch geheizt zu werden. Noch als Erich ſich zur Ruhe begeben wollte, kam Roland und erzählte, daß Prancken zu Manna ins Kloſter reiſe; dann fragte er Erich, ob er ihm nichts mitzutheilen habe. Erich verneinte und der Knabe ſah traurig aus, als er gute Nacht ſagte. Ueuntes Capitel. Auf Gras und Blumen ſchimmerte der Morgen⸗ thau; die Vögel ſangen luſtig, als Erich durch den Park wanderte. Ueberall zeigte ſich ein wohlordnender und ſorgfältiger Geiſt. Zwei Frauen trugen Gartenerde aus einem im Rhein liegenden Kahn ans Land; Erich hörte, wie ſie mit einander plauderten. „Gott ſei Dank, der uns den Mann geſchickt;“ ſagte die Eine,„da braucht Niemand in der Gegend mehr Noth zu leiden, wer arbeiten mag.“ „Ja,“ rief die Andere,„und da ſind die Menſchen noch ſo ſchlecht und ſagen dem Manne nach, ich weiß nicht was.“ „Was denn?“ „Er ſei ein Schneider geweſen.“ Erich mußte an ſich halten, um nicht laut aufzu⸗ lachen. Eine dritte Frau mit etwas kropfiger Stimme ſagte: „Ei was, Schneider— ein Seeräuber iſt er ge⸗ weſen und hat dem Sultan in Afrika ein goldenes Schiff geſtohlen.“ „Und wenn's auch wäre,“ ſagte die Andere,„die Menſchenfreſſer haben Gold genug und ſind noch Heiden dazu, und der Herr Sonnenkamp thut Gutes mit dem Golde.“ Erich ging weiter. Von einer Anhöhe ſah er, wie das Haus und die Nebengebäude mit Park und Garten ſchön in Einklang geſetzt waren; in der Nähe des Hauptgebäudes waren nur Bäume von dunklem Laub, Linden, Ulmen und Rüſtern, welche die helle Archi⸗ tektur des in gutem Renaiſſance⸗Styl gebauten Hauſes um ſo glänzender hervortreten ließen. Die Lauben⸗ gänge führten allmälig wie überleitend zum feſtgefügten Wohnhauſe, und dieſes ſelbſt ſchien nicht in die Natur⸗ umgebung hineingebaut, ſondern aus ihr herausgebildet; die ſteinernen Säulengänge, die Raſen, die Bäume, die Erhöhungen leiteten auf das Haus hin; Alles ſtimmte zuſammen. Das Ganze war ein Meiſterwerk der länd⸗ lichen Baukunſt, ein Stück Naturpoeſie nach dem reinen Geſetze der Kunſt; alles Menſchenwerk ſah ſo friſch aus, als ob es eben erſt aus der Hand des Arbeiters hervorgegangen, und man ſah jedem Gitterſtabe an, welche Sorgfalt auf Jegliches verwendet wurde. 155 Als Erich aus dem Dickicht der Bäume an den Teich kam, trat ihm Herr Sonnenkamp entgegen. Er ſah fremd aus in der grauen, mit Schnüren beſetzten kurzen Plüſchjacke; er freute ſich, Erich ſchon wach zu finden, und erbot ſich, ihm die ganze Anlage zu zeigen. Zunächſt machte er auf einen großen Buſch Pampas⸗ graſes aus den Prairien aufmerkſam, und indem er eine eigene Wurfbewegung machte, erzählte er, wie er manchen Büffel mit dem Laſſo eingefangen. Dann führte er Erich auf eine mit ſchönen Pla⸗ tanen beſetzte Anhöhe, die er als die Achſe des Ganzen bezeichnete. Er rühmte ſich dieſer ſchönen, wohlge⸗ deihenden Bäume, indem er hinzufügte, daß man im ſchattenloſen Weinlande beſonders auf tiefſchattige Plätze für heiße Sommertage bedacht ſein müſſe. Sehen Sie,“ erklärte er,„ich habe die Schönheit meiner Anlagen auf fremden Boden gerückt; dort drü⸗ ben auf der Höhe iſt eine Baumgruppe, die habe ich erhalten und geordnet, Wege hergerichtet, neue An⸗ pflanzungen gemacht, um ruhige Ausſicht zu gewinnen. Ich habe mein Haus nicht zur Anſicht für Andere, ich habe es zur Ausſicht für mich gebaut. Das Bauern⸗ haus da drüben iſt nach meinem Plan gemacht, ich habe natürlich dazu beiſteuern müſſen. Die Deckpflan⸗ zung dort iſt zur Maskirung des grellen Steinbruchs; den zierlichen Kirchthurm oben im Bergdorfe, den habe ich gebaut. Man hat mir dafür ſehr viel Rühmliches nachgeſagt, ja ſogar mir frommen Weihrauchduft ge⸗ macht— Ihnen kann ich's geſtehen, es war mir nur darum zu thun, einen ſchönen Ausblick zu gewinnen. 156 Ich muß die ganze Gegend in neue Stimmung bringen; das iſt mühſam. Sehen Sie, jetzt baut mir ein Korb⸗ macher drüben ein Haus mit dem entſetzlichen rothen Ziegeldach, das verletzt mir das Auge. Ich konnte dem Burſchen nicht beikommen. Er will mir das Haus zu hohem Preiſe verkaufen... aber was ſoll ich damit? er mag es ja nur behalten und ſich meinen Anord⸗ nungen fügen.“ Es lag eine Siegesluſt in der Art, wie Sonnen⸗ kamp ſprach, und Erich mußte an ein Wort von Bella denken, daß der Mann ein Eroberer ſei; ein ſolcher will unterwerfen, die Welt nach ſeinem perſönlichen Geſchmack und nach ſeiner perſönlichen Luſt ordnen und zurechtrücken. Die Dörfer, die Kirchen, die Berge, die Wälder ſind ihm nur Ausſichtspunkte, zu denen er ſich in einen beliebten Geſichtswinkel ſtellt. Nun führte Herr Sonnenkamp ſeinen Gaſt durch den Park und erklärte ihm, wie er durch Anlegung von Höhen und Tiefen das Terrain in Bewegung ge⸗ ſetzt, wie er aber auch manches Gegebene nur hervor⸗ zuheben und in rechte Wirkung zu bringen hatte; er zeigte die ſorgfältige Vertheilung von Licht und Schatten; hier und dort hatte er eine Gruppe, ein kleines Wäld⸗ chen von der gleichen Baumart gepflanzt, die er dann nicht jäh und in ſcharfem Contraſte, ſondern allmälig, wie es die Natur von ſelbſt thut, in gemiſchte Zu⸗ ſammenſtellung übergehen ließ. Erich hatte das richtige Verſtändniß. Ein Park müſſe als gebildete Natur erſcheinen, und je mehr man es verſtehe, die bildende Menſchenhand und den ord⸗ nenden Menſchengeiſt zu verbergen und alles wie eine Naivetät erſcheinen zu laſſen, um ſo reiner erſcheine dann auch hier die Kunſt. Sonnenkamp zeigte ſich auch in der Geſchichte der Gartenkunſt wohl bewandert, er beſprach mit Erich, wie ſich im Laufe der Zeiten das Gartenideal vielfach ver⸗ ändert habe und daß Lucullus der erſte römiſche Gar⸗ tenkünſtler geweſen, denn nur der Reichthum kann eine große Bodenfläche zu einem ſogenannten unproduktiven Park machen. Ein kleiner Bach, der vom Berge herabkam und in den Strom mündete, war mit großer Geſchicklichkeit ſo verwendet, daß er manchmal verſchwand, manchmal wie überraſchend wieder erſchien. In der Anordnung der Ruheplätze zeigte ſich eine beſondere Sinnigkeit. Da war unter einer einzeln ſtehenden Hänge-Eſche, die ein ganz rundes Schatten⸗ dach bildete, ein zierlicher Sitz ſür einen einzelnen Menſchen angebracht. Der Stuhl aber war umgeſtürzt und an den Baum gelehnt. „Dies iſt der Lieblingsplatz meiner Tochter,“ ſagte Sonnenkamp. „Und Sie haben den Stuhl wol umgelehnt, damit Nie⸗ mand ſich hier niederlaſſe, bis Ihr Kind wiederkommt?“ „Nein,“ erwiderte Sonnenkamp,„das iſt zufällig.“ Die Beiden gingen weiter; Erich ſah kaum die vielen, ſchönen, bequemen Bänke und hörte kaum, wie Sonnenkamp ihm erklärte, daß er ſolche nicht immer an den nackten Weg, ſondern hinter Strauchwerk ſtelle, ſo daß hier wohlbereitete Waldeinſamkeit geboten werde. Unter einer ſchönen Rüſter war ein Tiſch mit zwei einander gegenüberſtehenden Sitzen. Sonnenkamp er⸗ klärte, daß dieſer Platz„die Schule“ genannt wird, denn hier erhielt Roland bisweilen Unterricht. Erich bemerkte, daß er es kaum für angemeſſen halte, im Freien ſitzend zu unterrichten; was man im Gehen lehre, ſei natürlich, aber der eigentliche feſte Unterricht, der die geſchloſſene Sammlung des Geiſtes verlange, fordere auch einen geſchloſſenen Raum, in dem ſich die Stimme nicht verflüchtige. Sonnenkamp ſchwieg. Er gab noch keine Entſchei⸗ dung, ob er Erich die Stelle übertrage. Lange ſtanden ſie vor einer Gruppe von Laub⸗ und Nadelbäumen. Der Morgenwind ſpielte im Laubwerk der Balſampappel und die weißen Blätter erſchienen wie ein in freier Luft ſchwebender klarer See mit leiſen Kräuſelwellen. Sonnenkamp erzählte, daß der Teich mit Spring⸗ brunnen und daneben auf einer kleinen Anhöhe die Roſenlaube nach einem Traum der Frau Ceres ge⸗ ordnet ſei, und er fügte hinzu: „Das war noch zur Zeit, als ich in unſrer Anſied⸗ lung hier ſehr glücklich war und Alles eine gleichmäßige, geſunde Stimmung hatte.“ Erich hielt an. Sollte er Herrn Sonnenkamp von der geſtrigen Unterredung mit Frau Ceres erzählen? Auch Sonnenkamp ſtand ſtill und ſagte mit einem eigenthümlichen Blaſen, wie wenn er leiſe und behut⸗ ſam in ein Feuer blieſe: „Meine Frau hat oft wunderliche Launen; wenn man ihr nicht widerſpricht, vergißt ſie wieder, was ſie gewollt hat. Mit einer ungewöhnlichen Haſt fuhr er fort: „Jetzt kommen Sie, nun will ich Ihnen meine ganze Eitelkeit zeigen. Aber noch eine Frage. Sie ſind Phi⸗ loſoph... iſt es nicht grauſam, daß wir Alles dies verlaſſen müſſen, daß wir wiſſen, wir müſſen ſterben, und dies Alles grünt und blüht weiter, und der es gepflanzt und der die Mittel dazu erobert, iſt nicht mehr da und verweſ't?“ „Wozu ſolchen Gedanken nachhängen?“ „Sie haben Recht, daß Sie mir dieſe Antwort geben. Man muß das nicht fragen, denn Niemand weiß eine Antwort. Aber das Andere. Ich wünſche, daß Ro⸗ land das rechte Verſtändniß für dieſe Schöpfung habe und ſie weiter bilde, denn ein ſolcher Garten iſt nicht wie eine Skulptur und überhaupt wie das Gebilde eines Künſtlers; jene ſtehen feſt und fertig, dieſes aber wächſt und muß immer neu gebildet werden. Und N warum ſoll uns nicht gegeben ſein, das, was wir errungen, geſchaffen und gebildet, mit Sicherheit auf unſere Nachkommen zu vererben, ohne Furcht, daß fremde Menſchen einmal Alles ihr Eigen nennen und verwüſten?“ „Wenn Sie glauben,“ erwiderte Erich,„daß ich auf Ihre erſte Frage keine Antwort weiß, ſo muß ich ſagen, daß ich die zweite Frage nicht verſtehe.“ „Gut, gut, wir ſprechen noch darüber oder ſprechen auch gar nicht mehr,“ brach Sonnenkamp ab. 160 Zehntes Capitel. Aus dem ſchattigen, dicht beſtandenen Park, deſſen Rand noch mit ſchönen ſtämmigen Weißtannen bepflanzt war, trat man in ein Gewirre von Obſtpflanzungen, die auf einer Fläche von mehreren Morgen Feldes ſich wahrhaft zauberiſch darſtellten. Die Beete waren mit kleinen, faſt wie Taxusgebüſche zwerghaft gehaltenen Birnen⸗ und Apfelbäumen eingefaßt. Der Stamm war kaum zwei Schuh hoch gehalten, während die Aus⸗ zweigungen an Drähten ſo ausgelegt waren, daß hüben und drüben oft dreißig Schuh lange Aeſte feſtgebunden waren. Das blühte jetzt an allen Enden und ſtand dabei ſo geregelt, daß der gewaltig bindende und bil⸗ dende Menſchenwille ſich zeigte, der die Natur zum freien Kunſtwerk oder auch zu einer zwerghaften Ver⸗ künſtelung gebracht hatte. Wohl geordnet ſtanden dann Bäume von mannich⸗ faltigſten geometriſchen Formen. Da waren Bäume in Kreisformen und Vierecken, andere, die von unten bis zur Spitze nur vier Zweige hatten, die in ge⸗ meſſenen Zwiſchenräumen nach den vier Himmelsgegen⸗ den gerichtet waren. An die Mauer angelehnt waren Bäume, die Stamm und Zweige in Sternform oder ſchief legen mußten, wie ein Baſaltlager. Alles war im beſten Gedeihen. Sonnenkamp berichtete, daß man die Zweige knicke, um den Saft nicht zu Holzbildung in Stamm und Aſt ſich verbreiten zu laſſen; Alles müſſe der Frucht dienen. 161 „Sie haben wol auch Mitleid mit dieſen geknickten Zweigen?“ fragte er ironiſch lächelnd. „Die natürliche Form der uns bekannten Obſt⸗ bäume—“ „Ja wohl,“ fiel Sonnenkamp ein,„die Menſchen ſind Gefangene des Vorurtheils! Findet Jemand Un⸗ ſchönes, Gewaltſames darin, daß man den Weinſtock allſommerlich dreimal kappt?— Niemand will ſchöne Form vom Weinſtock, ſondern nur reiche Frucht; ſo ſoll es auch beim Obſtbaum ſein. Sobald man zu oculiren begonnen, war der Weg vorgezeichnet; wir ſind nur conſequent. Der Zierbaum ſoll Zierbaum, der Fruchtbaum Fruchtbaum ſein, Alles gradaus. Dieſer Apfelbaum ſoll ſolche Aeſte und nur ſo viel Aeſte haben, daß er Früchte tragen kann und zwar ſo große als möglich; vom Obſtbaum will ich kein Holz, ſondern Frucht.“ „Aber die Natur—“ „Natur!... Natur!“ ſpottete Sonnenkamp.„Neun Zehntel deſſen, was man Natur nennt, iſt nichts als Dreſſur und ſelbſtgemachte Phantaſterei. Naturgeiſt und Volksgeiſt ſind die beiden Götzen, die Ihr Philo⸗ ſophen Euch gemacht. Es gibt keine Natur, es gibt kein Volk, und wenn es beide gibt, ſo haben beide gewiß keinen Geiſt.“ Erich war betroffen von dieſer herausfordernden Sprachweiſe, Sonnenkamp lenkte jetzt über und ſagte: „Der rechte Mann der Erziehung wäre der, der auch die Menſchen ſo erziehen könnte, wie ich dieſe Bäume: zum nächſten Zweck, nichts Ueberflüſſiges, keine Auerbach. Landhaus am Rhein. I. 11 162 Umwege. Das, was man Natur nennt, iſt eine Fabel; es gibt keine Natur, wenigſtens unkenntlich wenig. Bei uns Menſchen aber iſt Alles Gewohnheit, Erziehung, Ueberlieferung.“ „Die Herren von der Tradition,“ konnte Erich endlich zu Worte kommen,„nennen uns Männer der Wiſſenſchaft Gottesleugner: einen Naturleugner habe ich bis jetzt weder gekannt, noch je nennen hören. Vielleicht könnte man ſagen, daß Diejenigen, welche die Geſetze unſeres Lebens aus der Offenbarung herleiten, die Natur leugnen, oder vielmehr verwerfen.“ „Ich bin kein Gelehrter und vor Allem kein Theo⸗ loge,“ brach Sonnenkamp raſch ab.„Alles iſt Schick⸗ ſal. Wir haben Raupenfraß im Walde; da ſteht neben einem kahl benagten Eichbaum ein anderer ganz friſch — warum? Das wiſſen wir nicht. Und ſehen Sie hier dieſe Bäume. Ich habe einen Einblick in die Oekonomie deſſen gethan, was man Natur nennt; da müſſen tauſend Lebenskeime verkommen, damit Einer ſich entfalte, und das iſt im Menſchenleben nicht anders.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Erich.„Alles Lebende hat etwas Ariſtokratiſches im Gegenſatz zum Verkommenden; die zur vollen Frucht ſich entwickelnde Blüthe iſt reich, die kümmerliche arm. Meinen Sie es ſo?“ „Zum Theil,“ erwiderte Sonnenkamp etwas müde. „Ich wollte nur ſagen, daß ich den Mann nicht mehr ſuche, weil ich nicht glaube, ihn zu finden, den Mann, der meinen Sohn ſo erziehen könnte, daß er gradaus zu dem käme, was ihm beſchieden iſt.“ Still wandelten die Beiden geraume Zeit wieder durch den blühenden Garten. Auf einer Tafel, die über der Mauer des Obſt⸗ gartens hervorragte, ſtand geſchrieben: „Warnung. In dieſem Garten iſt Selbſtſchuß und Fußangel.“ Erich ſchaute nach Sonnenkamp um und dieſer ſagte lächelnd: „Ihr Blick fragt mich, ob die Tafel dort Wahr⸗ heit verkündet? So iſt's. Die Menſchen glauben nicht mehr, daß man den Muth hat, das zu thun. Halten Sie ſich ſtets auf dem Wege neben mir.“ Sonnenkamp vergnügte ſich an der Betroffenheit Erichs. Und doch war es Lüge, es lag weder Fuß⸗ angel nach Selbſtſchuß im Garten. Man war im ſogenannten Nizza angekommen, bei dem im pompejaniſchen Stile angelegten Säulengange, der ſich tief in die zweite Terraſſe des Nutzgartens einlegte. „Nun will ich Ihnen mein Haus zeigen,“ ſagte Sonnenkamp, drückte an eine kleine Thür, die durch einen unterirdiſchen Gang führte, und geleitete ſeinen Gaſt nach dem Wohnhauſe. Elftes Capitel. Diener und Mägde in den unterirdiſchen Räumen er⸗ ſchraken, als Sonnenkamp und Erich eintraten. Sonnen⸗ kamp ſah nicht nach ihnen um, in engliſcher Sprache ſagte er zu Erich: „Die beiden Hauptdinge, auf die ein Mann wie ich, der ſich zur Ruhe geſetzt, Sorgfalt verwendet, ſind Küche und Pferdeſtall.“ Er zeigte ihm die Küche. Da waren Dutzende von Feuerſtellen zu verſchiedenen Gerichten, und jede Speiſe hatte beſondere Kännchen und Pfännchen, Feuer von der Seite und offenes Feuer. Die ganze Phyſiologie der Säftebereitung war hier in die Kochkunſt überſetzt. Sie gingen weiter. Jede Feuerſtelle im Hauſe hatte ihr beſonderes Kamin; Sonnenkamp hob das als wichtig hervor, denn er habe ſich dadurch von den ver⸗ ſchiedenen Windrichtungen unabhängig gemacht. Der Baumeiſter habe ſich dagegen geſtemmt und es habe auch viele Mühe und Kunſt gekoſtet, die Durchzüge ge⸗ ſchickt anzulegen. Durch das Haus gingen überall elektriſche Klingelzüge. Auf den Treppen waren koſtbare Decken, reiche Candelaber überall. Alles war mit Pracht und Geſchmack hergerichtet und zwar in einer gediegenen Pracht und mit durch⸗ dachtem Geſchmacke; Gold, Marmor und Seide wirkten, ohne zu prunken, künſtleriſch ſchön, nichts war über⸗ laden. Die Möbel ſtanden nicht herum wie Dinge, die ihren Platz ſuchen, ſie waren dem Bau angepaßt und ſchienen feſt und heimiſch; dennoch hatte die Ein⸗ richtung noch etwas Unbewohntes. Es ſah aus, als ob die Einrichtung erſt auf Menſchen wartete, die da wirklich wohnen, nicht blos auf- und abgehen und ſich umſehen ſollten. Schwere, große, ſeidene Vorhänge waren je mit den Tapeten übereingeſtimmt; die Stand⸗Uhren in allen Sälen waren aufgezogen, kleine Kunſtwerke auf Ka⸗ minen und Geſtellen wohl geordnet. Dennoch zeigte die Einrichtung keine beſondere Phyſiognomie des Be⸗ ſitzers; es war nur jener Geſchmack, der beim Tapezier beſtellt werden kann, und nirgends ein Erbſtück, ein Gegenſtand, der Erinnerungen erwecken konnte. Und wie mochte das Alles auf die Seele Rolands wirken? Erich wurde den Eindruck nicht los, daß man hier im eigenen Hauſe wie zur Miethe wohnt. An der Nordſeite des Hauſes bei dem großen, mit rothen damaſtenen Tapeten bekleideten Saale war ein Erker, in deſſen Mitte ein ſchöner Malachittiſch ſtand, ringsum waren feſte Sitze angebracht. Vier große Fen⸗ ſter oder eigentlich vier mannshohe Scheiben boten freie Ausblicke. In die zwiſchen den Fenſtern befind⸗ lichen Wände waren in halber Höhe derſelben die in Marmor gearbeiteten vier Tageszeiten von Rietſchel eingelaſſen. Die Decke war mit feiner Stuckarbeit be⸗ kleidet, aus der ein ſchwebender Amor nicht herabzu⸗ hängen, ſondern zu fliegen ſchien; die fein gearbeitete bronzene Figur hielt eine Fackel in der Hand, die als Gasflamme anzuzünden war. „Hier allein,“ ſagte Sonnenkamp,„habe ich Kunſt⸗ werke. Ich lüge mir und Andern nichts vor— ich habe eigentlich keinen Sinn für die bildende Kunſt.“ „Auch das Künſtlerthum iſt eiferſüchtig,“ entgegnete Erich;„die ausgeſprochene Begabung für landſchaftliche Gartenkunſt mag den Ausdruck des Geiſtes in anderen Künſten verdrängen.“ Sonnenkamp lächelte. Er führte ſeinen Gaſt in den Muſikſaal. Dieſer war ganz ohne Gold und Sammt, einfach mit Stuck an der Decke und einer meergrünen Tapete an den Wänden; ſeine Helligkeit hatte etwas Leuchtendes, als hänge Sonne an den Wänden; das Auge wurde nicht zum Schauen eines Beſtimmten herausgefordert, ſo daß man um ſo aufmerkſamer hören konnte, es trat keine Concurrenz der Sinne ein. Erich fragte:„Wer iſt in Ihrem Hauſe ſe muſikaliſch? „Dieſer Saal iſt für meine Tochter eingerichtet,“ entgegnete Sonnenkamp,„von hier geht 8 in ihre Woh⸗ nung; ich ſehe eben, ſie ſteht offen.“ Er ging in das Htilttter, Erich blieb ſcheu an der Thüre ſtehen. Die Jalouſien waren herabgelaſſen. Sonnenkamp zog ſie ſchnell in die Höhe. Der Ausblick ging über den großen Laubgang von Reben nach dem Oberrhein. Das Zimmer hatte eine weiße Tapete mit kleinen gol⸗ denen Sternen. Eine Anzahl von Photographien, durch ein blaues Band zu einem Kranze verbunden, in deſſen Mitte ein großes Bild des Papſtes, zierte die Lang⸗ ſeite. Ueber dem weißen Bett mit weißen Vorhängen, die jetzt zurückgeſchlagen waren, hing ein fein geſchnitztes elfenbeinernes Crucifix, darunter ein wohleingerahmtes Farbendruckbild, ein Diplom für Hermanna, genannt Manna Sonnenkamp, die in den Bund der reinen Kindheit aufgenommen war. Ein Schreibtiſch, ein kleines Büchergeſtell, zierliche Stühle, Alles ließ erkennen, daß hier die Wohnung eines Mädchens war, das ſtill in ſich lebt, wol zu— nächſt von religiöſen Gedanken bewegt. In dieſem Raume war's, als ſchwebte darin ein die Seele er⸗ greifender Gebethauch. Der Blick Erichs haftete auf einem ſchönen Kamin von grünem Marmor, deſſen Halbkreis mit lebendigem Epheu umzogen war und in deſſen Vertiefung Blumen und Blattpflanzen ſtanden. „Meine Tochter hat in ihrem Zimmer während des Sommers den Kamin immer mit Blumen ausgefüllt,“ ſagte Sonnenkamp heraustretend.„Nun kommen Sie in mein Arbeitszimmer.“ Sie traten in daſſelbe. Es war mit ausnehmen⸗ der Bequemlichkeit eingerichtet. Für jede Stimmung und jede Jahreszeit, für Einſamkeit und Gemeinſam⸗ keit waren hier bequem geſtellte Stühle und Sopha's und Tiſche, ſo daß das eine Zimmer deren mehrere in ſich zu ſchließen ſchien; man war in einem großen Raum und doch dabei in anheimelnder Abgeſchloſſenheit. Dieſe Seite des Gebäudes war mit beſonderm Geſchick in die Landſchaft eingefügt. Draußen ſah man gleich⸗ ſtämmige Buchen und Platanen, die den Ausblick auf die oft kahl erſcheinenden Rebenberge verdeckten, ſo daß der Blick auf den obern Theil der bewaldeten Höhe ſich aufſetzte. In der Mitte, gerade vor dem Balcon⸗ fenſter, war die Burgruine zu ſchauen, die, wie CErich bereits gehört hatte, im Auftrage des Herrn Sonnen⸗ kamp ausgebaut wurde. Nur ein einziges Bild hing hier: ein lebensgroßes Porträt Rolands aus ſeinem ſiebenten Jahre. Der 168 Knabe ſitzt auf einer umgeſtürzten antiken Säule, die Hand auf den Kopf eines ſchönen Neufundländer Hun⸗ des gelegt und ſtarrt hinaus ins Weite. Ein großer Waffenſchrank mit Waffen aller Art ſtand in einer Niſche. Während Erich umblickte, ſchob Sonnenkamp zwei Thüren zurück, die ſich in die Wände einließen, und führte ihn in ſeine Bibliothek, wie er es nannte. Man ſah aber keine Bücher, ſondern große Schachteln, Thon⸗ und Porcellangefäße, wie in einer wohlgeord⸗ neten Apotheke. Es waren Sämereien aus allen Län⸗ dern der Erde. Aus dieſen Sämereigemächern führte eine beſondere Treppe in den Garten. Sie war ganz von den Ranken der chineſiſchen Glyeine überwachſen, die eben jetzt in traubenartigen Büſcheln ihre blauen Schmetterlingsblumen trug. Sonnenkamp geleitete ſeinen Gaſt wieder in das große Arbeitszimmer zurück und hier ſprach er davon, daß es ehedem ſein Wunſch ge⸗ weſen, Roland ſolle in den Handel eintreten. Er ſprach vom Weltverkehr; für ihn gab es keine vereinzelte Thätigkeit, keine vereinzelte Produktion, ein Welttheil exiſtirte nur durch den andern, die ganze Erde war der große Marktplatz, Eiſen, Wolle, Tabake, Getreide betrachtete er in Schweden, Schottland, Oſtindien und in der Havanna zu gleicher Zeit und ließ ſie gegen einander aufſtauen. Sonnenkamp ſchien es heut entgelten zu wollen, daß Erich ihm ſo viel mitgetheilt. Erich war voll Staunens über die weitſchauende Kraft des Mannes. Dabei bewahrte Sonnenkamp wohlgemeſſene Formen und ruhige Sicherheit. Er hatte die weite Welt ge⸗ ſehen mit jener Scharfſichtigkeit der Engländer und Amerikaner, die im Brillenverbrauch die geringſte Num⸗ mer unter den Völkern haben. Er faßte die weſent⸗ lichen Merkmale unbelaſtet von Nebenſächlichem und von Reflexion; es war eine feſte Gegenſtändlichkeit in der Bezeichnung deſſen, was er in fremden Landen geſehen. Sonnenkamp hatte ſein Anweſen gezeigt, Erich ſollte wiſſen, daß er nichts ändern laſſen wird. Ein Diener kam und meldete, Herr von Prancken wünſche ſich bei Herrn Sonnenkamp zu verabſchieden. Zwölftes Capitel. Prancken ging mit der Reitgerte fuchtelnd im Hofe⸗ auf und ab, ſein Reitpferd ſtand geſattelt. Mit an⸗ muthiger Behendigkeit eilte er auf Sonnenkamp zu und ſagte, daß er ſich verabſchieden müſſe. Es war ein höflich neckiſcher Ton zwiſchen den Beiden. Als Sonnen⸗ kamp ſagte, Prancken überraſche ihn mit ſeiner Ab⸗ reiſe, erwiderte dieſer, er ſei überzeugt, dadurch in Conſonanz mit ſeinem Freunde Sonnenkamp zu ſtehen; denn nichts ſei widerwärtiger und mache das Leben ſo welk, als das beſtändige Bereden und Durchſprechen; er ſchieße den Haſen und überlaſſe die Herrichtung den gelehrten Kochkünſtlern. Prancken brachte das mit dem gewohnten raſſelnden Tone vor und drehte dabei die Spitzen ſeines blonden Schnurrbarts. Von Erich nahm er ſehr kühl Abſchied und ſagte, er hoffe ihn bei der Rückkehr von einer kleinen Reiſe noch hier zu treffen. „Sollten Sie indeß bereits abgereiſt ſein, ſo haben Sie die Gewogenheit, mich der gnädigen“— er machte eine Pauſe und ſagte dann—„der Frau Profeſſorin, Ihrer Mutter, zu empfehlen.“ Er hatte den einen Handſchuh ausgezogen, als er Sonnenkamp Lebewohl ſagte, jetzt zog er ihn wieder an und reichte auch Erich die Hand. Erich war es nicht unlieb, daß ſich Prancken in ein kühleres Ver⸗ hältniß zu ihm ſtellte; vielleicht konnten ſie hiebei fried⸗ licher und unabhängiger neben einander gehen. Prancken rief Sonnenkamp nochmals bei Seite und ſagte, er habe ihm allerdings den jungen Gelehrten empfohlen— er betonte das Wort Gelehrten“ mit eigenthümlich vornehmer Käl bitte indeß, nicht darauf hin abzuſchließen, ſondern ſebſt genau zu prüfen. „Herr Baron,“ erwiderte Sonnenkamp,„ich bin Kaufmann“— er machte eine lauernde Pauſe, ehe er fortfuhr—„ich weiß alſo, was Referenzen ſind... Ich erkläre Ihnen, Sie ſind von aller Verantwortung frei, und was die Prüfung anbetrifft... Herr Baron, ich bin Kaufmann“— wieder die lauernde Pauſe— „der junge Mann iſt der Verkäufer und ein Verkäufer muß ſich immer mehr kennen laſſen als der Käufer und nun gar hier, wo der Verkäufer zugleich die Waare iſt.“ Prancken lächelte und nannte das die feinſte Diplo⸗ matie. Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und ſagte, es wäre am beſten, Crich ohne Wei⸗ teres wieder fort zu ſchicken; er ging nach ſeinem Pferde, ſprang behend in den Sattel. Sonnenkamp rief ihm noch zu, er möge nachſehen, ob die Magnolia im Kloſterhofe gut gediehen ſei. Sofort zum Galopp an⸗ ſprengend, ritt Prancken davon. Sonnenkamp fragte Erich, ob er nicht glaube, daß nur ein Mann, der von Jugend an ſich der Adels⸗ bevorzugung bewußt ſei, dieſes ſouveräne freie Spiel mit dem Leben gewinnen könne. Erich erwiderte, daß dem bürgerlichen Manne keine wirkliche Schönheit des Lebens verſchloſſen ſei. Auch Sonnenkamp ward ſein Reitpferd vorgeführt; alsbald ſtieg er auf und ritt davon. Erich ſuchte Roland auf und fand ihn bei ſeinen Hunden. Der Knabe wollte, Crich ſolle ſich ſofort einen der jungen Hunde auswählen. „Und denke Dir,“ ſetzte er hinzu,„eine Tag⸗ löhnerin berichtet mir eben, daß das Erdmännchen vom Satan einen Schaden davongetragen habe. Geſchieht dem einfältigen Menſchen ganz recht; warum übernimmt er etwas, wenn er zu ungeſchickt dazu iſt?“ Erich ſagte, wie grauſam es ſei, einen Menſchen als Puppe zu betrachten und ſich nicht um ihn zu kümmern, wenn man damit geſpielt hat. Roland warf den Kopf unwillig zurück. Schweigend ſtand er neben Erich und bat endlich, auch mit ihm auszureiten. Sie ritten nach dem Dorfe, Roland aber ließ ſich nicht bewegen, zu dem Erd⸗ männchen zu gehen; Erich ging allein, er fand das Männchen ächzend auf dem Bette liegen. Als er in das Haus des Kriſchers zurück kam, traf er Roland nicht; er war mit Satan in den Wald auf die Höhe gegangen. Der Kriſcher grüßte Erich mit weniger Unterwürfig⸗ keit; er rückte wol die Mütze, aber nur um ſie etwas ſchief aufzuſetzen, und näherte ſich ihm in jener ober⸗ rheiniſch vertraulichen Weiſe, wobei es immer iſt, als ob man mit einem Glaſe anklinge und ſich gütlich thue. „Herr Hauptmann, haben Sie abgemacht?“ fragte er. „Nein.“ „Darf ich Ihnen noch was ſagen?“ „Warum nicht?“ „Es kommt drauf an, wie man's anſieht. Der dort drunten“— er wies mit dem Daumen nach der Villa zurück—„der kauft noch die ganzen Rheinlande. Aber ſehen Sie da den Fuchshund—“ „Halt!“ fiel Erich ins Wort und erklärte mit Ent⸗ ſchiedenheit, daß der Kriſcher kein Recht habe, ſo zu ihm und von einem Andern zu ſprechen. Der Kriſcher rauchte haſtiger aus ſeiner Napoleons⸗ pfeife, dann ſagte er: „Ja, ja, Sie ſind der, der den da drunten an der Gurgel packen kann, und ich ſehe, ich bin nicht geſcheidt genug für Sie. Sie wollen mir keinen Dank ſchulden; ich will keinen und auch keinen Lohn!“ Er murmelte vor ſich hin, daß Alles, was den Reichen nahekomme, ſich verderben laſſe. 173 Roland kam aus dem Walde zurück. Erich erwar— tete, er werde nach dem Erdmännchen fragen. Der Knabe ſchwieg und ſchweigſam ritten die Beiden wie⸗ der zurück. Erich ließ ſich bei Herrn Sonnenkamp melden und erklärte, daß er nun in ein feſtes Verhältniß zu Ro⸗ land eintreten müſſe. „Sie finden alſo auch, daß Roland ein vortreff⸗ licher Junge iſt?“ „Er hat viel Beſtimmtheit und— ich weiß wohl, daß ein Vater das nur ſchwer anhören mag, aber nach Ihren eingehenden Fragen von geſtern darf ich erwarten, daß Sie Freiheit genug beſitzen—“ „Gewiß, gewiß; ſprechen Sie nur offen.“ „Ich finde eine gewiſſe Hartherzigkeit und eine bei ſolcher Jugend überraſchende Theilnahmloſigkeit für das rein Menſchliche,“ fuhr Erich fort und erzählte, wie Roland ſich gegen das Erdmännchen benommen hatte. Ein Lächeln zuckte durch die Mienen Sonnenkamps, der nun fragte: „Und Sie ſind der Zuverſicht, ein verdorbenes Ge⸗ müth zu veredeln?“ „Bitte, ich habe nicht von einem verdorbenen Ge⸗ müth geſprochen; ich möchte vielmehr ſagen, Roland befindet ſich jetzt auch im Mutiren der Geiſtesſtimme und da läßt ſich die bleibende Tonlage nicht ermeſſen, aber Behutſamkeit in der Einwirkung iſt um ſo nöthiger.“ „Und was halten Sie von den Talenten Rolands?“ „So weit ich bis jetzt ſehen kann, bemerke ich nichts, was über das gewöhnliche Maß hinausgeht; er hat 17⁴ natürlichen Verſtand, leichte Faſſungsgabe, aber Feſt⸗ halten— das iſt ſehr fraglich. Ich bin über dieſe Conſtitution des Geiſtes noch nicht klar; iſt ſie nicht zu verbeſſern, ſo fürchte ich, wird Roland nicht glück— lich, weil er an nichts anhaltende Freude gewinnt und Luſt und Pflicht der Fortſetzung empfindet. Doch das ſind vielleicht Grübeleien.“ „Nein, nein, Sie haben Recht, ich habe kein Ver⸗ trauen zum Charakter meines Sohnes; er lebt ſtets auf kurze Sicht. Eine Sache, für die er etwas thun ſoll und deren Erfolg erſt ſpäter erſcheint, iſt ihm langweilig und überdrüſſig.“ „Das iſt Kinderart.“ „Aber ſolche Kinder werden nie ſtrenge Männer. Darum wollte ich, daß Roland die Pflanzen liebte; da müßte er lernen, daß es etwas gibt, das zu keiner Zeit vernachläſſigt und vergeſſen werden darf.“ „Es freut mich,“ entgegnete Erich,„daß Sie mich hier auf die tiefſten Punkte bringen. Zunächſt alſo, daß ein Reicher und der Sohn eines Reichen ganz ähnlich wie der Fürſt und ein fürſtliches Kind immer nur dienende Freunde hat. Ich bin wider meinen Willen der Vergnügungskamerad Rolands geworden, da wird nun der nachfolgende Ernſt abſtoßend wirken.“ „Ließen ſich denn Vergnügen und Ernſt nicht ver⸗ einigen?“ „Ich hoffe das. Man muß aber auch den Ernſt bekennen.“ Erich ſchwieg und Sonnenkamp fragte: „Sie haben noch ein Zweites?“ „Allerdings. Das Andere liegt darin, deſſen ich auch bereits erwähnt. Roland muß einen feſten Punkt gewinnen, eine ſtetige, heimiſche Verbindung mit den Dingen der Außenwelt. Wer keine Jugenderinnerungen, keine tiefe Anhänglichkeit an ein Beſtehendes hat, dem iſt die Quelle der Gemüthsinnigkeit abgeſperrt. Was die Seele im Tiefſten ſpeiſt und tränkt, was man viel⸗ leicht die Muttermilch des Geiſtes nennen dürfte, das ſind tiefe, anhängliche Jugenderinnerungen.“ Sonnenkamp zuckte bei dieſen Worten, und Erich ſetzte hinzu: „Die Heimatloſigkeit ſchädigt die Seele Ihres Sohnes.“ „Heimatloſigkeit? Verſtand ich recht? Heimatloſig⸗ keit?“ „Ja. Das innere Leben des Kindes bedarf; der Angewöhnung. Ein einziges Feſtes in der Seele macht auch die Seele feſt. Wenn ich ſagte, daß der Menſch ein Ziel haben müſſe, ſo muß er auch einen feſten Ausgangspunkt haben, und das iſt die Heimat. Sie ſagten mir, daß Roland an nichts rechte Freude habe. Kommt das nicht davon, weil der Knabe heimatlos, ein Kind der Gaſthöfe, nirgends eine Einwurzelung, noch mehr, keine feſten Anſchauungen, keine Bilder hat, in die er ſich eingelebt, wohin ſeine Phantaſie immer wieder zurückkehrt? Er hat, wie er mir erzählte, im Coloſſeum zu Rom, im Louvre zu Paris, im Hydepark zu London und am Genferſee geſpielt und nun über⸗ haupt, in Europa lebend, doch immer im ſtolzen Be⸗ wußtſein ſeines Amerikanerthums, gibt das nicht eine Unruhe in die Seele, die kein Gedeihen aufkommen läßt.“ „Ich ſehe,“ entgegnete Sonnenkamp und lehnte den Kopf zurück,„Sie gehören doch auch zu den einge⸗ heimſten Deukſchen, die durch die ganze Welt in Wirk⸗ lichkeit und in Gedanken rennen und ſich dabei immer höchſt ſelbſtgefällig ſtreicheln: Ach, ich bin ſo gemüth— lich, das habt Ihr Alle nicht.— Pah! ich ſage Ihnen, wenn ich meinem Kinde etwas Gutes gebe, ſo glaube ich, iſt es beſonders das, daß es die Sentimentalität der ſogenannten heimatlichen Eingeſeſſenheit nicht hat.“ „Eben darum,“ fiel Erich ein,„mußte ich Sie auch fragen, ob Roland ſich als Deutſcher oder Amerikaner fühlen ſoll.“ Sonnenkamp hörte kaum darauf, er fuhr fort: „Der Pfiff der Locomotive verſcheucht all das frü— here ſo gehätſchelte Heimweh. Wir ſind in der That Weltbürger und gerade das iſt das Große, noch nie Dageweſene des Amerikanismus, daß keine nationale Beſchränkung oder gar ein Pfahlbürgerthum die Seele beengt. Das Heimatsgefühl iſt ein altes Uebel und ein Vorurtheil. Roland ſoll ein freier Menſch werden!“ Erich war ſtill. Erſt nach geraumer Weile ſagte er: „Es iſt vielleicht nicht gut, daß wir uns ins All— gemeine begeben. Ich wollte nur ſagen, ſo wenig eine Reiſe ein inneres Vergnügen ſchafft, wenn man kein Ziel hat, das man erreichen, keinen Zweck, den man unterwegs pflegen will, ſo wenig kann ein Leben, das auf kein beſtimmtes Thun und Erkennen hinzielt, die Ruhe des Daſeins geben.“ „Ich ehre und ſchätze Ihren großen Ernſt,“ ver⸗ ſetzte Sonnenkamp und entſchuldigte ſich, daß er jetzt dieſe Erörterung abbrechen müſſe. Crich verließ die Arbeitsſtube Sonnenkamps und ging zu Roland. Er fand den Knaben damit beſchäf⸗ tigt, ein Stück halb rohen Fleiſches zu kauen und das Gekaute dem neu abgerichteten Hunde Satan zum Freſſen zu geben; das ſollte nach der Angabe des Kri⸗ ſchers den Hund unzertrennlich von ihm machen. Eine Weile ſah Erich zu, dann erſuchte er Roland, den Hund fortzuſchicken, denn er habe ihm etwas zu erzählen. „Kann denn der Hund nicht dabei ſein?“ Erich antwortete nicht, er ſah, daß er zuerſt die Concurrenz mit den Hunden zu beſeitigen habe. Als er nun nochmals einen auffordernden Blick auf Roland wendete, ſagte dieſer:„Komm, Satan, wart' hier vor der Thür!“ und ſich zurückwendend, ſprach er: „So, nun erzähle.“ Erich erfaßte die Hand Rolands und legte ihm dar, daß er gekommen ſei, um ſein Erzieher zu werden. Roland ſtemmte ſein ſchönes Haupt auf die leicht ge⸗ ballte linke Hand und ſtarrte den Redenden mit ſeinen großen unſtet brennenden Augen an. „Das wußte ich,“ ſagte er endlich. „Und wer hat Dir's geſagt?“ Der Kriſcher und Joſeph.“ „Und warum haſt Du mir nichts davon kundge⸗ geben?“ Roland ließ ſich zu keiner Antwort herbei, er wen⸗ dete nur einmal den Blick, da Crich hinzuſetzte, daß Auerbach. Landhaus am Rhein. I. 12 178 er dem Vater nicht habe vorgreifen wollen und daß er ſelber zuerſt habe prüfen müſſen, ob er ſich für dieſes Haus eigne. Noch immer ſchwieg Roland. Der Hund kratzte an der Thür, Roland ſchaute nach derſelben, aber er wagte nicht, ſie zu öffnen. Erich that's. Der Hund ſprang herein und ſchmiegte ſich an Roland, dann ging er auch zu Erich und leckte ihm die Hände; es war, als ſei er ein geheimer Bote, ein ſtiller und vielſagender zwiſchen den Beiden. „Er hat Dich auch gern!“ rief Roland in kindi— ſcher Luſt, ſprang auf und warf ſich an die Bruſt des Mannes, und dieſer hielt ihn feſt umſchlungen; der Hund bellte, wie wenn er ſprechen müßte. „Wir wollen treu zuſammenhalten,“ rief Erich, den Knaben von ſich loslaſſend;„ich hatte einen Bruder in Deinem Alter, Du ſollſt mein junger Bruder ſein.“ Roland hielt ſtumm die rechte Hand Erichs in ſei⸗ nen beiden Händen. „Nun laß uns gleich friſch und munter unſer Leben anfangen.“ „Ja,“ entgegnete Roland,„wir wollen Satan aus dem Waſſer apportiren laſſen, er kann's prächtig.“ „Nein, Roland, wir wollen arbeiten. Laß einmal ſehen, was haſt Du denn eigentlich gelernt?“ Erich hatte wohl bemerkt, daß Roland, der in An⸗ derem mangelhaften Wiſſens war, in der Geographie ziemlich gute Kenntniſſe hatte. Er prüfte ihn daher und Roland war glücklich, genaue Antworten geben zu können. Allmälig gingen ſie in andere Wiſſensgegen⸗ ſtände über und da ſah es wüſt aus, das Latein vor Allem haßte Roland mit einer perſönlichen Feind⸗ ſchaft. „Wir wollen mit Ruhe das Nöthige lernen,“ tröſtete ihn Erich,„dann aber wollen wir reiten, fahren, ſchießen, fiſchen und im Kahne rudern.“ Dieſe Ausſicht erheiterte den Knaben ſehr, und als jetzt die Glocke vom Thurme ſchlug, ſagte er plötzlich: „In einer Stunde iſt Herr von Prancken bei Mʒanna. Ich will auch ſo gut reiten, fechten und ſchießen ler⸗ nen, wie Herr von Prancken. Ich habe Herrn von Prancken einen Brief an Manna mitgegeben.“ „In welcher Sprache ſchreibſt Du?“ „Engliſch“... Dreizehntes Capitel. Man war im Garten; Sonnenkamp ſagte leichthin zu Erich, daß ſich ein neuer Bewerber eingeſtellt habe, der vom letzten Lehrer Rolands, dem Kandidaten Knopf, warm empfohlen wäre; er befahl Joſeph, den Fremden einzuführen. Ein ſchlanker, ſonnenverbrannter Mann trat ein. Er wurde der Geſellſchaft vorgeſtellt; Erich wurde nur Hauptmann genannt, der Doctor war einſtweilen zur Ruhe geſetzt. Der Fremde— er hieß Profeſſor Cru⸗ tius— war ein Studiengenoſſe des Kandidaten Knopf, war viel in der Welt umhergeworfen worden und zu⸗ letzt mehrere Jahre Lehrer an der Kadettenſchule zu 180 Weſt⸗Point in der Nähe von Newyork geweſen. Er berichtete das mit großer Leichtigkeit, aber in etwas herber Betonung. Sonnenkamp wollte die beiden Gelehrten ein Tur⸗ nier ausführen laſſen, dem er in Behagen zuſchaute; aber es wurde vereitelt, da Erich dem Fremden nicht nur die Gelegenheit bot, ſich in vortheilhafter Weiſe kund zu geben, ſondern auch beſcheiden von der reichen Welterfahrung des Mannes ſich belehren ließ. Der Fremde ſchien ſchnell zu ahnen, daß Fräulein Perini im Mittelpunkte dieſes Hauſes ſtand, und er fand mit ihr gute Anknüpfungspunkte. Crutius hatte eine amerikaniſche Familie nach Italien begleitet und war von Nizza aus in die neue Welt gekommen. Mit Unbefangenheit und Sachkenntniß ſchilderte er die Eigen⸗ thümlichkeiten eines amerikaniſchen Knaben aus der obern Schicht und wie man einen ſolchen behandeln müſſe. Dieſe Darlegung war offenbar für Roland ge⸗ geben, der den Fremden ſtaunend anſah. Er ging zu ſeinem Vater und ſagte leiſe aber be⸗ ſtimmt: „Schick ihn fort— ich will ihn nicht.“ „Warum?“ „Weil ich Herrn Erich habe und weil dieſen da Herr Knopf geſchickt hat,“ entgegnete Roland und ging davon. Der Fremde taſtete im Geſpräche hin und her, um die Stimmung zu erkunden, mit der man hier im Hauſe an Amerika denkt. Als Sonnenkamp mit großer Heftig⸗ keit hinwarf, er wünſche Amerika einen Dictator, der die Zerfahrenheit und Unbotmäßigkeit zu Paaren treibe, 181 ſagte Crutius: es gäbe in der neuen Welt ſehr Viele — ſie wagten nur nicht es zu ſagen— die innerlich die Sehnſucht und die Ueberzeugung hegten, daß Amerika der Monarchie entgegengehe. Sonnenkamp nickte vor ſich hin und pfiff wiederum unhörbar. „Wo ſind Sie abgeſtiegen?“ fragte er plötzlich den Fremden. Crutius nannte einen Gaſthof des Städtchens. „Da ſind Sie ſehr gut einlogirt.“ In den Mienen des Fremden zuckte es; er hatte offenbar erwartet, daß man ſein Gepäck holen laſſe und ihn zunächſt als Gaſt im Hauſe behalte. Sonnen⸗ kamp dankte ſehr höflich für den Beſuch und bat den Fremden, genau ſeine Adreſſe anzugeben, damit man ihm ſchreiben könne. Die Hand des Fremden zitterte, da er ein ſehr verbrauchtes Taſchenbuch herausnahm und ſeine Karte abgab; er verabſchiedete ſich mit er⸗ zwungener Höflichkeit. Sonnenkamp erſuchte Erich, ſeinen Collegen ein Stück Weges zu begleiten, und händigte ihm mehrere Goldſtücke ein, die er dem bedürftig Erſcheinenden in paſſender Weiſe übergeben möge. Iſt dies Vertrauen oder Dienſt? fragte ſich Erich, als er dem Fremden nachging. Er holte denſelben noch an der Mauer des Parks ein. Als Crich ihm ſagte, daß er ebenfalls Lehrer ſei, veränderten ſich die Mienen des Profeſſors. „Ah,“ rief er aus,„alſo auch ein Lehrer und wol mein Concurrent?“ Erich bejahte. Crutius ſah ingrimmig drein, er war den freundlichen Ermunterungen des Hauptmanns, den er für einen Vertrauten des Hauſes hielt, willig gefolgt; nun war das alſo auch ein Lehrer! Etwas vom Aerger über dieſe Täuſchung knirſchte er durch die Zähne. Mit großer Zartheit brachte Erich das Anerbieten des Geldgeſchenkes vor. „Ha!“ lachte Crutius.„Er kennt mich, er will mich beſchenken, mich zu Dank verbinden und ſich los— kaufen!“ Erich ſagte, daß er dieſe Ausrufungen nicht begreife. „So?“ höhnte Crutius.„Alſo eine Unſchuld mit Hauptmannsrang? Und das läßt ſich auch kaufen? Die ganze Erde iſt eine Trödelbude. Was thut's? Die Höhle, wo der Tiger ſeine Beute verzehrt, iſt ſehr ſchön, ſehr geſchmackboll; Maurerpolier und Tapezier können viel zuſchmieren! Entſchuldigen Sie, ich habe am Mor⸗ gen Wein getrunken und bin das nicht gewöhnt. Gut, geben Sie her! Meinen allerunterthänigſten Gruß nach Villa Eden! Ein ſchöner Name!“ Ohne ein Wort der Erklärung faßte Crutius das Geld, griff an den Hut und entfernte ſich mit raſchen Schritten. Erich kehrte nachdenklich zu Sonnenkamp zurück. Mit großer Zutraulichkeit hieß Sonnenkamp ihn zu ſich ſetzen und fragte: „Er hat das Geld genommen und ſich natürlich kaum bedankt?“ Erich bejahte. Bei all ſeiner Abgeſchloſſenheit ſchien Sonnenkamp doch eine gewiſſe Mittheilungsluſt zu haben und dieſe gegen einen Mann wie Erich walten zu laſſen. Er erging ſich in luſtigen Betrachtungen, wie viele Eri⸗ ſtenzen auf eine Beute des Zufalls warten; man öffne nur einen Honigtopf, plötzlich ſeien Bienen und Wespen und Goldfliegen da, von denen man eine Minute vor⸗ her nichts geſehen. Dann fuhr er fort: „Ich kann Ihnen einen Beitrag zu Ihrer Men⸗ ſchenkenntniß geben.“ „Von Herrn Crutius?“ „Nein, von Ihrem ſehr bemitleideten Erdmännchen. Es iſt eine Freude, was für ein geriebener Schelm das iſt; ich wußte es längſt, da er mit Geſchick ſchwarze Walderde droben von der Höhe zu ſtehlen weiß; nun aber iſt der Schaden, den er von der Hundedreſſur davon getragen haben will, nichts als Lüge. Ich habe das Roland bereits mitgetheilt, und es freut mich, daß er ſchon früh die Schlechtigkeit und Lügenhaftigkeit der Menſchen kennen lernt.“ „Sie werden das Erdmännchen nun nicht mehr in Ihrem Dienſte behalten?“ fragte Erich. „Im Gegentheil! Mich freut's, daß das putzige Männchen ſo viel Schelmerei hat. Ich wünſchte, ich hätte ein halb Dutzend Gauner zur Hand, um Roland lehren zu können, wie man mit dem Gelichter verkehrt.“ „Das werde ich ihn nicht lehren können,“ ſagte Erich. „Das ſollen Sie auch nicht, Sie ſind zu Andrem da.“ Erich ſah die Menſchenverachtung Sonnenkamps, ſie erſchien ihm als Folge des bewegten amerikaniſchen Erwerbslebens und um ſo mehr hoffte er ein Gutes zu wirken, indem er die Leitung Rolands übernahm. Ein Diener meldete, daß Roland am Ufer auf Erich warte; er ging zu ihm und Roland löſte den ſchönen Kahn und ruderte mit Erich hinaus auf den Strom, der jetzt dunkelgrün war. Die dichtbelaubten Inſeln droben ſchienen wie aus der grünflüſſigen Fläche des Waſſers herauszuwachſen. Ein friſcher Wind trieb Kräuſelwellen; Roland ſpannte das Segel auf und zeigte ſich gewandt, das Element beherrſchend; jede ſeiner Bewegungen war ſo voll Anmuth, daß Erich ihn mit frohem Blicke be⸗ trachtete. Erich war auf dem Waſſer ganz fremd, er gönnte Roland gerne den Triumph, ihn zu unterrichten, wie man das Fahrzeug nach Luſt und Laune lenkt und wendet. Es war eine Fröhlichkeit in der Stimme Ro⸗ lands, die man bisher noch nicht gehört hatte. Mit aufgeblähtem Segel fuhren ſie dahin und die hoch aufſpritzenden Wellen ſchlugen klatſchend an das Fahrzeug. Roland erzählte, daß der Kandidat Knopf ihn erſt auf dem Waſſer heimiſch gemacht habe. Ru⸗ dern, Segeln und Steuern und den Kahn im Kreiſe treiben, das habe Knopf beſſer verſtanden als der ge⸗ übteſte Steuermann, ja beſſer als die Steuermännin, eine große, mächtige Frau, die eben jetzt Roland an⸗ rief, indem ſie einen am Schleppſchiff hängenden großen Kahn lenkte, während der Mann, eine nicht minder mächtige Geſtalt, am Maſtbaum lehnte. Roland ſteuerte auf das Schleppſchiff und hing ſeinen Kahn an das am Tau hängende Schiff, das die Steuermännin regierte. Sie plauderte mit ihm, ſah aber beſtändig zurück, denn ſie mußte Richtung inne halten. Als Roland weit genug hinauf gefahren war, löſte er den Kahn ab und fuhr mit der Strö⸗ mung zurück. Erich lenkte das Geſpräch auf den Kandidaten Knopf. Roland wollte nichts weiter von ihm erzählen und auch nicht von anderen früheren Lehrern; ſie waren ihm offenbar gleichgültig, wie Kellner im Gaſt⸗ hofe, die geſtern aufwarteten. Nur aus der Art, wie W Roland einige Worte geſprochen, ließ ſich erkennen, daß Kandidat Knopf ſeinen Zögling ſehr geliebt haben mußte. Die Rede kam auch auf das Erdmännchen; Roland nahm die Schelmenſtreiche deſſelben ſehr gleichgültig auf: er war der Anſicht, daß alle armen Leute Schelme ſeien. Der Knabe hatte ſchon früh eine gewiſſe Weltver⸗ achtung gewonnen und ſchien Niemand und nichts zu haben, woran er unzertrennlich hing und deſſen Ge⸗ denken ihn tiefer belebte. Nur mit ſeiner Schweſter ſchien er inniger zuſammenzuhängen, denn als er mit Erich nach der Villa ging, ſagte er: „Jetzt geht Manna mit Herrn von Prancken. Ich glaube, wenn ſie kommt, wirſt Du ſie auch lieb haben.“ Drittes Buch. Erſtes Capitel. Die zahlreiche Dienerſchaft im Erdgeſchoſſe der Villa führte ihr eigenes Leben. Herr Sonnenkamp hatte ein weiſes Geſetz, obgleich es Viele hartherzig fanden: ſeine ſämmtlichen Dienſtboten mußten unverheirathet ſein. Es war Mittag. Lange bevor oben die herrſchaft⸗ liche Tafel angerichtet wird, ſpeiſt man hier. Zwei Reitknechte und ein dritter Kutſcher, die die Stallwacht haben, ſpeiſen ſchweigend allein, denn ſie müſſen die Anderen ablöſen. Oberſter Herrſcher hier unten iſt der weißgekleidete Chef— ſo wird der Oberkoch genannt. Er iſt wohl⸗ beleibt, von ſtattlicher Geſtalt, bartloſen Antlitzes, mit großer Habichtsnaſe; er ſpielt hier den Marquis. Sein Deutſch iſt eine Art Kauderwelſch, aber er regiert die ihm untergeordneten Köchinnen und Küchenmägde mit großer Sicherheit. Die Wachhabenden haben abgeſpeiſt. An einer langen Tafel iſt für mehr als ein Dutzend Menſchen gedeckt, die allgemach herankommen. Zuerſt kommt— denn man läßt ihm den Vortritt 187 — der Oberkutſcher Bertram, eine gewaltige, rieſen⸗ hafte Erſcheinung. Er hat einen großen, in zwei dichte ſpitze Wellen getheilten röthlichen Bart, trägt eine lange, bis über die Hüften hinabreichende geſtickte Weſte und darüber eine weiß und blau geſtreifte Interimsjacke, nur durch eine kleine Auszeichnung von der der anderen Stallbedienſteten unterſchieden. Mit einem Gruß gegen das Küchenperſonal ſetzt ſich Bertram zu oberſt an den Tiſch, ihm zur Rechten nimmt Joſeph, zur Linken der Obergärtner ſeinen Platz. Nach dieſem ſetzt ſich ein kleines Männchen mit knolligem Geſicht und ſehr beweglichen Augen; es iſt Lutz, der Courier. Nun ſetzen ſich die Anderen, je nach ihrem Rang, ſo daß am unteren Ende die Stallburſchen und Gärtnerjungen ſitzen. Die erſte Köchin, ein beſonderer Günſtling der Fräu⸗ lein Perini, hielt ſtreng darauf, daß, bevor man ſpeiſte, gebetet wurde. Bertram, der rieſenhafte Kutſcher, ein entſchiedener Freigeiſt, machte ſich während des Gebets immer mit ſeiner großen geſtickten Weſte zu thun, die er ſtolz über die Hüften herabzog. Joſeph faltete die Hände, bewegte aber die Lippen nicht; die Uebrigen beteten leiſe mit. Kaum war die Suppe verſpeiſt und etwas vom Wein genippt— denn täglich bekamen die Diener ihren Wein— ſo begann Bertram: „Ich warte nur, ob mich der Herr Hauptmann Dournay erkennen wird; ich ſtand ja bei ſeiner Batterie.“ Damit waren die Zungen gelöſt und war das Thema gegeben. „So?“ fiel Joſeph ganz glückſelig ein.„Er war gewiß recht beliebt?“ Bertram fand nicht für nöthig, darauf geradezu eine Antwort zu geben. Er ſagte nur, er hätte nicht geglaubt, daß der Herr Dournay auch einmal Dienſtbote würde. „Dienſtbote?“ „Ja, Dienſtbote wird er wie wir, und weil er etwas in den Büchern gelernt hat, dafür wird er Hofmeiſter.“ Joſeph lächelte wehmüthig und gab ſich alle Mühe, der Tiſchgeſellſchaft die rechte Meinung beizubringen. Er pries zuerſt den hochberühmten Vater Crichs, der gewiß zwanzig Orden gehabt habe, und deſſen Frau, die von hohem Adel war. Die Namen aller Wiſſen⸗ ſchaften— und zwar die ſchwer verſtändlichſten: An⸗ thropologie, Zoologie, Oſteologie, Archäologie und Petro⸗ factologie— deren er nur habhaft werden konnte, warf er den Genoſſen an den Kopf und rühmte, daß der Hauptmann Dournay das Alles verſtehe; er allein ſei eine ganze Univerſität. Es gelang Joſeph aber nicht, die Dienerſchaft zu überzeugen, daß Erich etwas Anderes werde als ein Diener. In hochpreußiſchem Dialekt ſagte der Obergärtner: „Jedenfalls iſt er ein ſchöner Mann und ſitzt gut zu Pferde; von der Gärtnerei verſteht er aber nichts.“ Lutz, der Courier, rühmte, daß Erich recht gut Franzöſiſch und Engliſch ſpreche; Ruſſiſch, Türkiſch und Polniſch verſtünden natürlich die Herren Gelehrten nicht; denn Lutz, der als Schneidergeſelle alle Länder durch⸗ reiſt hatte, verſtand alle Sprachen. Er hatte ehedem Fräulein von Prancken, die jetzige Gräfin Wolfs⸗ 189 garten, und zwei Engländerinnen begleitet, nunmehr diente er Herrn Sonnenkamp als Courier auf Reiſen, die übrige Zeit war er müßig, wenn man nicht etwa Abholen und Abliefern des Briefbeutels auf der Bahn⸗ ſtation und daneben das Zitherſpiel, das er mit Pfeifen begleitete, eine Arbeit nennen will. Es ſchien ein ſtill⸗ ſchweigendes Uebereinkommen am Tiſche, daß man auf eine Rede des Lutz nicht erwidere; nur die zweite Köchin, mit welcher er in einem zarten Verhältniß ſtand, lächelte ihm zu. Ein Mann mit ſarmatiſchen Mienen, dem Ton ſeiner Ausſprache nach ein Pole, rühmte, daß es doch wieder Herr von Prancken ſei, der den Mann ins Haus gebracht habe. Bertram ſtieß Joſeph ein wenig an und lobte dann Herrn von Prancken übermäßig; Joſeph zwinkerte mit den Augen, wie wenn er ſagen wollte: Recht ſo, es iſt kein Zweifel, daß der Pole im geheimen Dienſt des Herrn von Prancken ſteht. Man ſprach nun davon, ob Herr von Prancken wol auch im Hauſe wohnen werde, wenn er Manna heirathe, denn daß dies geſchehen werde, war ausgemacht. Ein Gärtner, der etwas ſtammelte, berichtete, man habe im Dorfwirthshauſe geſagt, Herr Sonnenkamp ſei ein Schneider geweſen. Alle lachten und der ſtotternde Gärtner, der ohnedies der Gehänſelte des Kreiſes war, wurde nun zu allgemeiner Erluſtigung immer mehr zum Reden aufgereizt. Bertram nahm die Wellen ſeines langen Bartes in beide Hände und rief: „Wenn nur Mir einmal Einer ſo etwas ſagte, 190 ich wollte dem zeigen, wie ihm ſeine eigenen Zähne ſchmecken.“ „Laſſen Sie doch die Menſchen reden,“ beſchwichtigte der Obergärtner. Er lächelte im Voraus über ſeine Weisheit, indem er hinzufügte:„Sobald es einem Manne gut geht, muß er ſich böſe Nachrede gefallen laſſen.“ Ein Stallburſche berichtete von Raufhändeln, die man mit den Dienern des ſogenannten Weingrafen ge⸗ habt habe, da dieſe die Bedienſteten des Herrn Sonnen⸗ kamp verſpotteten, weil ſie einem Manne dienten, von dem man nicht wiſſe, wer und woher er ſei; Einer habe ſogar geſagt, Frau Sonnenkamp ſei eine gekaufte Sklavin. Die geheime Geſchichte und zwar die nicht ſehr er⸗ bauliche vieler Häuſer wurde erzählt, bis die dicke Köchin endlich rief: „Laßt doch das Gerede! Meine Mutter hat immer geſagt: Sei ein Haus groß oder klein, vor jeder Thüre liegt ein Stein. Der zweite Gärtner, das Eichhörnchen genannt, ein ſpindeldürrer Mann mit ſpitzem Geſichte, der ſich manch⸗ mal zu den Betſtunden der Frommen in der Gegend hielt, begann eine ſalbungsvolle Predigt über Nachreden. Er war früher Gärtner geweſen, dann Polizeidiener in einer norddeutſchen Hauptſtadt, wo ihn Sonnenkamp kennen lernte und wieder in ſeinen urſprünglichen Beruf zurück verſetzte; er bediente ſich ſeiner zugleich bei man⸗ chen Aufträgen, die eines Mannes von treuherzigem Benehmen bedurften. Eine alte Küchenmagd, die abſeits ſaß, den Teller auf dem Schooße haltend, rief plötzlich: „Wenn ich ſo ein junges reiches Fräulein wäre, wie das unſere, ich weiß, was ich thäte.“ „Und was thäteſt Du?“ „Den ſchönen Herrn, der angekommen iſt, den thät ich heirathen; der gefällt mir viel beſſer.“ Alles lachte. Plötzlich erſcholl eine Stimme von der Decke: „Bertram ſoll den Glaswagen anſpannen, Joſeph heraufkommen!“ Die Tiſchgeſellſchaft löſte ſich auf; die Stallknechte gingen in den Stall, wo ſie ihre Pfeifen ſchmauchten, die Gärtner in den Park und die Treibhäuſer. Joſeph ſagte noch eilig zweien Dienern, daß ſie den Tiſch decken ſollten, und ſtille war's unter der Erde. Nur die Keſſel brodelten und ziſchten, und der Chef ſchaute mit vor⸗ nehmer Miene nach den Fortſchritten ſeiner Arbeit. Eine Stunde ſpäter empfing Lutz die Briefe, die er zur Station zu befördern hatte, und ſcheinbar harm— los erzählte er, daß der neue Erzieher in Bertram, der ehemals in deſſen Batterie geſtanden, und in Joſeph, der ſich ihm von der Univerſität her verpflichtet fühle, einen Anhang im Hauſe habe. Es war nie geſagt, daß Lutz der Spion unter den Dienſtboten ſein ſollte; es verſtand ſich zwiſchen ihm und ſeinem Herrn von ſelbſt. Zueites Capitel. Es war am Sonntag in der Frühe, als Erich Herrn Sonnenkamp im Garten begegnete und gefragt wurde, ob er mit zur Kirche gehe. Erich erwiderte, er ſtehe außerhalb der Confeſſion und wolle keinen Act der Heuchelei begehen; als Zeichen der Achtung für eine fremde Confeſſion könne er wol zur Kirche gehen, aber man würde es ihm hier anders deuten. Sonnenkamp ſchaute ihn wie prüfend an; aber dieſe Gradheit ſchien doch Wirkung zu üben, denn er ſagte: „Gut; man weiß gleich, wie man mit Ihnen dran iſt.“ Der Ton war doppelartig, aber Erich deutete ihn in gutem Sinne. Als Alles zur Kirche gegangen war, ſaß Crich allein; er ſchrieb an ſeine Mutter. Die Glocken im Dorfe läuteten und Erich ſchrieb, wie er die hohe Berufung erfaſſe, ein Menſchenkind, das mit der viel wirkenden Macht des Reichthums aus⸗ gerüſtet ſei, den rechten Weg zu führen. Und unter dem Glockenton kam plötzlich die Erinnerung an jene Geſchichte aus dem Evangelium, wie der reiche Jüng⸗ ling zu Jeſus kommt. Er wußte Anrede und Antwort nicht mehr genau, er ſuchte in der Bibliothek Rolands nach einer Bibel, fand aber keine; und doch war's ihm, als könne er nicht weiter, bis er jenes Begebniß wieder genau wiſſe. Er ging hinab in den Garten; hier traf er den Gärtner, das ſogenannte Eichhörnchen, der ihm auf die Frage, ob er eine Bibel habe, eine bejahende Antwort gab. Unter ſalbungsvollen Worten, daß es ihm heute nicht möglich ſei, nach der Stadt in die proteſtantiſche Kirche zu gehen, holte er ſeine Bibel und Erich ging damit auf ſein Zimmer. Er ſchrieb nicht weiter, er las lange; dann ſaß er, den Kopf in die linke Hand geſtützt und ſtarrte drein, bis Roland aus der Kirche kam und das Gebetbuch aus der Hand legte. Als Erich jetzt die Hand faßte, die das Gebetbuch weggelegt hatte, zuckte ihm die Frage durch die Seele: Wirſt du dem Jüngling ein ähnliches Feſtes und Erhebendes als Erſatz geben können? Roland ſagte: „Du haſt Dir eine Bibel geholt?“ und daß ſich dies durch den Gärtner bereits im ganzen Hauſe ver⸗ breitet habe. „Kennſt Du das hier?“ fragte Erich und legte Ro⸗ land die Stelle vom reichen Jüngling vor. Roland las, und als Erich ihn fragte, was er dazu denke, ſah Roland ihn ſtarr an; er hatte offenbar die Schwere des Räthſels, das ſich hier darlegte, nicht er⸗ kannt. Erich vermied es, ihm ſchon jetzt die Bedeutung deſſelben zu erklären. Ein Samenkorn liegt in erſter Zeit regungslos in der Erde, bis es durch einwirkende Kräfte erweckt wird. Erich wußte, daß in dieſem Augen⸗ blicke ein ſolches Samenkorn in die Seele des Jüng⸗ lings gefallen war. Er wollte ruhig der Zeit harren, bis es keimt und aufgeht. Er willfahrte Roland, mit ihm dem Major entgegen⸗ zugehen, der allſonntäglich zu Tiſche kam. Unter den Nußbäumen an der Straße wandelten ſie eine Strecke Auerbach. Landhaus am Rhein. I. 13 194 dahin, dann ging es bergauf durch die Weinberge. Bei einem großen Stück Landes, wo lauter helle Pfähle ſtanden, ſahen ſie den Major, den wir bereits auf Wolfsgarten kennen gelernt; er war heute in voller Uniform mit ſeinen ſämmtlichen Orden. Während die angeſehenen Bewohner der Gegend ſich zum Hauſe Sonnenkamp mit großer Zurückhaltung benahmen, war der Major die Fahne der Vornehmheit für dieſes Haus; Frau Ceres war beſonders beglückt, daß ein Mann mit ſo vielen Orden ihr ſo freundlich huldigte. „Haben Sie ihn ſchon?“ rief der Major Erich zu. „Halten Sie ihn nur feſt im Zaum.“ Auf den Weinberg deutend, ſagte er: „Uebers Jahr bekommen wir— heißt das Herr Sonnenkamp— da den erſten Wein. Haben Sie ſchon einmal Jungfernwein getrunken?“ Erich verneinte und der Major erklärte, daß man das erſte Erträgniß eines Weinberges ſo bezeichne. Der Major ſchleppte nicht nur das linke Bein nach Art der Tamboure, ſein Gang war auch wie beſtändiges Stürzen und Sichaufrechterhalten, er blieb alle paar Schritte ſtehen und ſchaute lächelnd um. Er lächelte Jedem zu, der des Weges kam. Warum ſollten die Menſchen immer ein trübes Geſicht ſehen und das Unangenehme davon haben, daß er nur ſchwer gehen kann? Er fragte nun Roland, ob die Mutter bereits wieder aufgeſtanden ſei. Denn Frau Ceres brachte jeden Sonn⸗ tag das nicht geringe Opfer, ſchon um neun Uhr auf⸗ 195 zuſtehen, und was nicht minder viel heißen will, in einer einzigen Stunde ihre Toilette zu vollenden und dann mit der Familie zur Kirche zu gehen; dafür holte ſie jedesmal den verſäumten Schlaf nach, indem ſie ſich vor Tiſche noch einmal vollſtändig zu Bette begab und dann erſt die eigentliche Sonntags-Toilette machte. Als man wieder auf der ebenen Landſtraße anlangte, begegnete ihnen der Architekt, der ebenfalls zu Tiſche kam; er geſellte ſich zu Erich, während Roland mit dem Major ging. Die Männer mußten alle noch ein⸗ mal die Hunde Rolands in Augenſchein nehmen, bevor man ſich im Balconſaale verſammelte. Hier trafen ſie bereits den Doctor und den Pfarrer bei Herrn Sonnenkamp. Kaum war Erich kurz vorgeſtellt, als Frau Ceres im Prachtgewande erſchien. Der Major reichte ihr den Arm, die Diener ſchoben die Flügelthüren zurück, man ging durch mehrere Zimmer in den Speiſeſaal. Zur Linken der Frau Ceres erhielt der Major, zu ihrer Rechten der Pfarrer ſeinen Platz, neben dieſem Fräulein Perini, worauf der Arzt, Sonnenkamp, der Architekt, Roland und Erich ihre Plätze einnahmen. Heute ſprach der Pfarrer laut das Tiſchgebet. Das Geſpräch war anfangs für Erich vollkommen unverſtändlich, denn es war von Perſonen und Ver⸗ hältniſſen die Rede, die er nicht kannte. Das große Weinhandlungshaus, deſſen Sohn mit Prancken die ſchönen Pferde eingekauft, wurde viel beſprochen. Der Chef hatte in einem ſeiner ſtromaufwärts liegenden Keller eine Weinverſteigerung abhalten laſſen, bei welcher enorme Preiſe erzielt worden. Es hieß, er wolle das Geſchäft ganz aufgeben, um nach der Reſidenz zu ziehen, denn der gewandte alte Herr ſuche ſich mit großer Befliſſen⸗ heit dem Hofe bemerklich und beliebt zu machen. „Ich traue ihm den Wahnwitz zu, daß er nach dem Adel ſtrebt,“ rief der Doctor. Herr Sonnenkamp, der eben ein Stück fein zu⸗ bereiteten Fiſches nach dem Munde geführt hatte, huſtete heftig und wurde ſo roth im Geſichte, daß alle Tiſch⸗ genoſſen um ihn bangten; er beruhigte ſie indeß bald und erklärte, er habe nur unvorſichtigerweiſe eine Gräte verſchluckt. Der Major fand es unpaſſend, daß der große Wein⸗ händler ſich von der Regierung als Candidat für das Abgeordnetenhaus aufſtellen ließ, und zwar gegen einen Mann wie Herr Weidmann. Erich ward aufmerkſam, da dieſer Name jetzt wieder genannt wurde; es war immer wie ein unnennbares Ehrengefolge, wenn dieſer Name erſchien. Der Doctor fuhr fort: der Weingraf wolle offenbar nur ſeinen Ehrgeiz und ſein Beſtreben befriedigen, ſich der Regierung beliebt zu machen, und das gelänge ihm, obgleich er wiſſe, daß er unterliege, denn er erſcheine dadurch in der Oeffentlichkeit als eine Stütze der Regierung. „Nun, Herr Pfarrer,“ fragte er geradezu,„für welchen Candidaten wird die Geiſtlichkeit ſtimmen?“ Der Pfarrer, eine große ſchlanke Geſtalt mit weißen Haaren und wunderbar glänzenden Augen, die unter dichten Brauen ſcharf und ruhig umſchauten, vereinte Würde und Gewandtheit in ſeinem Benehmen. Er hätte gern geſchwiegen, nun aber ſagte er— die linke Hand bewegend, an der er Daumen und Zeigefinger zu⸗ ſammenlegte— daß gegen die bürgerliche Tüchtigkeit Weidmanns durchaus nichts einzuwenden ſei. Der Doctor ſchien ſich dieſe ablehnende Antwort gefallen zu laſſen. Der Major aber hob mit großer Beſtimmtheit den edlen Charakter Weidmanns hervor, der ſiegen müſſe. Der Major ſprach immer mühſam und wurde purpur⸗ roth bis zu den weißen Haaren hinauf, wenn er nicht blos zu ſeinem Nachbar, ſondern zur ganzen Tiſch⸗ genoſſenſchaft ſprechen mußte. „Sie reden als Bruder Freimaurer,“ neckte ihn der Arzt. Der Major ſah ihn grimmig an und ſchüttelte ver⸗ weiſend den Kopf: über ſolche Dinge ſcherzt man nicht — aber er ſchwieg. Sonnenkamp erklärte, daß er, obgleich ſteuerzahlender Bürger dieſes Landes, doch gar nicht wähle; er ſei an große Verhältniſſe gewöhnt und betrachte ſich und ſein Haus in Deutſchland überhaupt nur als Gaſt. Der Blick Erichs und des Doctors begegneten ſich, dann ſahen Beide auf Roland. Was wird aus einem Kinde, dem man ſagt, der Staat, in dem Du lebſt, geht Dich gar nichts an? Der Arzt hatte einmal angefangen, den Major zum Gegenſtande der Neckerei zu machen, und ließ nun nicht mehr davon ab. Der Arzt, als der Joviale bekannt und beliebt, war ſchon vom frühen Morgen an auf⸗ geheitert, gleich Einem, der eben von wohlbeſetzter Tafel aufſteht; ſein Ton war überaus belebt und nahm ſich ſeltſam aus gegen das ſchwerfällige Gebahren des Majors, der ſich die Scherze gern gefallen ließ. Es erſchien ihm als Menſchenpflicht, ſeinen Nebenmenſchen auch paſſiv zu dienen, und ſeine Mienen ſagten ſtets: Kinder, ſeid luſtig, meinetwegen auch über mich! Der Pfarrer ſtand dem unterdrückten Major bei, aber es war ſchwer zu erkennen, ob er es nicht blos that, um die Neckereien in Gang zu halten; denn der Major lächelte verlegener zu ſeinem Beiſtande, als gegen ſeinen Angreifer. Der Pfarrer ſprach im Beginne immer wie behaglich erzählend, dann aber im Fluſſe der Rede ſandte er treffende Pfeile nach allen Seiten, dabei be⸗ wahrte er unverändert feine und verbindliche Manieren und verlor keinen Augenblick die Würde des geiſtlichen Anſehens aus den Augen; beſonders hatte er gewiſſe begütigende Bewegungen mit ſeinen ſchönen feinen Hän⸗ den. Die Augen von Fräulein Perini ſchienen immer größer zu werden und ſich am Anblicke zu ſättigen, indem ſie den Geiſtlichen betrachtete und ihm gleichſam mit den Augen zuhörte. Nur konnte ſie ein Miß⸗ behagen nicht unterdrücken, wenn der Pfarrer nach Art der ſchnupfenden Cleriſei das blaue leinene Taſchentuch in einen Ball zuſammenlegte und im Fluſſe der Rede hin- und herbewegte. Sie athmete freier auf, wenn er das entſetzliche blaue Tuch in die Taſche ſteckte. Gegenüber dem ungeſchlachten und kurz angebun⸗ denen Weſen des Arztes bewahrte Fräulein Perini eine vornehme Duldung; er ſeinerſeits behandelte Fräulein Perini als eine Art Collegin, denn ſie war nicht ohne mediciniſche Kenntniſſe. Er hatte einen beſonderen Reſpect vor ihr, da ſie ihn noch nie über eine Kränk⸗ lichkeit zu Rathe gezogen hatte. Sie lebte äußerſt mäßig; bei den großen Gaſtereien und dem täglichen reichlichen Gaſtmale genoß ſie nur ſehr wenig, ſie ſchien keinerlei Bedürfniſſe zu haben, ſie ſchien ein Naturell, das nur zum Dienſt, zur Gefügigkeit für Andere da war. Doctor Richard, als vielbewährter und geſuchter Arzt, hatte das Recht, wenig Umſtände zu machen; er war der ebenſo liebenswürdige als verwöhnte Ty⸗ rann der ganzen Gegend und des Sonnenkamp'ſchen Hauſes insbeſondere. Bei Tiſche war er geſprächig, er aß wenig, trank aber deſto tüchtiger. Er lobte die Weine, er kannte ſie alle, ihren Entwicklungsgang und ihre Reife. Er fragte nach einem längſt gepflegten, Sonnenkamp ließ davon bringen; der Arzt fand ihn noch wild, unartig und ungezogen. Bei mancher Speiſe blickte Herr Sonnenkamp zweifelhaft auf den Doctor, dieſer rief ihm aber dann zuvorkommend zu: „Eſſen Sie nur, es ſchadet Ihnen nichts.“ „Nicht wahr? Trinken wäre eigentlich das Beſte auf der Welt?“ ſcherzte Sonnenkamp. „Schade,“ rief der Doctor,„daß Sie den„koſtbaren Borſch“ nicht gekannt haben, der hat einmal das große Wort geſagt: Das Dümmſte auf der Welt iſt, daß man das Eſſen nicht auch trinken kann.“ Zu Erich gewendet fuhr er fort: „Ihr Freund Prancken iſt auf unſere Rheinlande nicht gut zu ſprechen, aber dieſe Verſtimmung iſt ein Acclimatiſirungs-Katarrh, den Jeder bei uns durch⸗ machen muß. Ich hoffe, daß Sie ihn ſchneller ver⸗ winden. Sehen Sie, ſolch eine Flaſche Wein— Alles was Poeſie, Schauſpiel, bildende Kunſt uns vorzaubert, ſteckt da drin; der Trinkende empfindet, daß er nicht blos das gemeine Laſtthier iſt; nicht Jeder weiß von der Schönheit, die in ſolch einer Flaſche verkorkt iſt, braucht es auch nicht zu wiſſen, aber er ſpürt's; er wird in Wahrheit des Schönen voll.“ „Wenn nur die Spiritusfälſchung nicht wäre,“ ſchaltete der Architekt ein. „Ja wohl,“ rief der Doctor laut;„wir hatten früher in unſerer Gegend äußerſt ſelten Fälle von Säuferwahnſinn, die jetzt ſo häufig ſind; das kommt nicht vom Wein, ſondern vom Spiritus, der darin iſt. Verſtehen Sie etwas vom Wein?“ wendete er ſich wieder zu Erich, wie als natürlicher Präfident ihm das Wort ertheilend. „Noch nicht.“ „Und Sie haben doch wahrſcheinlich auch ſchon Trinklieder gedichtet. Da heißt es immer: ſchenket ein, laßt uns fröhlich ſein, wir wollen fröhlich ſein, wir waren fröhlich geweſen, und nach der erſten Flaſche können die Herren nicht mehr auf ihren gereimten Füßen ſtehen.“ Ein Blick auf Roland ſchien den Doctor zur Be— ſinnung zu bringen; es war nicht gut, Erich ſofort in die Neckerei zu ziehen. Er wendete daher das Geſpräch und veranlaßte Erich, indem er ihn mit beſonderer Freundlichkeit„Herr Collega“ nannte, Allerlei aus dem Univerſitäts- und Soldatenleben zu erzählen. Der Major athmete auf, er wurde nun in Ruhe gelaſſen und konnte ſeine Aufmerkſamkeit ungeſtört den Speiſen und Getränken widmen. Unter der Serviette, die er mit zwei Haften an den Schultern befeſtigt hatte, öffnete er ſeine Uniform. Es iſt gut, daß Fräulein Milch mir eine ſchöne weiße Weſte bereit gelegt hat, die darf ſich ſehen laſſen, dachte er. Er ſtand im beſten Einver⸗ ſtändniß mit den Dienern, es bedurfte kaum eines Augenwinkes gegen Joſeph, und dieſer wußte, wenn der Wein gewechſelt wurde, ihm auch immer gleich von ſeinem Leibburgunder einzuſchenken. Jetzt vergaß der Major das Trinken. Das Geſpräch hatte eine glückliche Wendung genommen, indem Erich von der Genfer Convention zum Schutze der im Kriege Verwundeten ſprach. Das war für den Pfarrer, für den Arzt und den Soldaten ein guter Sammelpunkt; eine Weile herrſchte nur zuſtimmendes und ergänzendes Geſpräch am Tiſche. Mit ſtarker Stimme rief der Major, daß Männer, die ſich nicht nennen wollen, die urſprünglichen Gründer dieſer wie aller humanen Einrichtungen ſeien. Leiſer als ſonſt ſeine Art war, ſagte der Arzt zu Erich, wie der Major alles Gute, was in der Welt geſchehe, den Freimaurern zuſchiebe; wer ſich wohl mit ihm verhalten wolle, dürfe nie darüber ſpotten. Mit einer Wärme und Begeiſterung, die allgemein anſprach, hob Erich hervor, daß wir ſtolz ſein dürfen, ſolch eine Einrichtung in unſerm Jahrhundert auf dem reinen Grunde der Humanität auferbaut zu ſehen, und ſelbſt der Pfarrer ſchien erfreut, als Erich hinzuſetzte, die chriſtliche Religion habe in aufopfernder Hingebung bei der Krankenpflege eine Hoheit bewährt, wie ſie keine Vorzeit und keine andere Weltbetrachtung je ſo rein und groß bewieſen. Rolands Augen waren andächtig auf Erich gerichtet, bis er geendet hatte; dann ſchaute er mit Stolz um und gewahrte die glänzenden Blicke der Tiſchgenoſſen; er ſammelte ſie gleichſam für ſeinen Lehrer ein. Man ſtand wohlgemuth vom Tiſche auf, es war eine Art Segnung über die Speiſen gekommen. Frau Ceres erhob ſich und ihr folgend die ganze Geſellſchaft. Der Pfarrer betete ſtill. Der Major kam auf Erich zu und drückte ihm die Hand. Mit gepreßter Stimme ſagte er: „Sie ſind es bereits, Sie müſſen noch die Zeichen lernen.“ „Sehen Sie,“ rief der Doctor übermüthig,„ſehen Sie, die Haare unſeres Majors ſind weißer geworden.“ Und in der That ſchien es ſo, denn das Angeſicht des Majors war beſtändig ſo geröthet, daß ſich die Farbe deſſelben nie zu erhöhen ſchien; jetzt ſtachen die weißen Haare noch ſchärfer von dem durch den Wein und die Reden belebten Antlitze ab. „Die Haare des Majors ſind weißer geworden,“ hieß es allgemein, und das verlegene Lächeln, das ſtets auf ſeinen Lippen war, ging ebenfalls in lautes Lachen über. Drittes Capitel. Alsbald nach Tiſche wurde dem Doctor gemeldet, daß viele Hülfeſuchende auf ihn warten, denn es war bekannt, daß er am Sonntag auf der Villa ſpeiſte. Raſch ließ er ſich von Sonnenkamp eine Cigarre geben und ſagte zu Erich, er ſolle ihn begleiten, denn er habe mit ihm zu ſprechen. Er ſagte dies in einer Weiſe, die des Gehorſams gewiß war. Als Erich mit ihm um die Ecke bog, reichte er ihm die Hand und ſagte herzlich: „Ich bin der Schüler Ihres Großvaters und kannte auch Ihren Vater auf der Univerſität.“ „Das freut mich; aber warum ſagen Sie mir das erſt hier?“ Der Doctor betrachtete ihn von oben bis unten, dann legte er ihm beide Hände auf die Schultern und ſagte kopfſchüttelnd in herzlichem Tone: „Ich habe mich in Ihnen geirrt. Ich glaubte, die Species der Idealiſten ſei ausgeſtorben. Sie ſind Doctor der Weltweisheit, aber nicht der Weltklugheit. Lieber Hauptmann Doctor, wozu brauchen denn die dort zu wiſſen, wie ich zu Ihnen ſtehe?— Alſo Sie wollen mit Herrn Sonnenkamp leben?“ „Warum nicht?“ „Der Mann könnte nicht weinen, wenn er wollte, und Sie „Und ich?“ „Bei Ihnen füllt ſich der Thränenbeutel bei jeder Gemüthsbewegung; wie Sie von Ihrem Vater ſprachen, 20⁴ von der großen Krankenpflege... Sie haben Talent zur Hypochondrie.“ Erich war betroffen. Noch ehe er erwidern konnte, wandte ſich der Doctor gegen die harrende Bauern⸗ gruppe, die beim Hauſe des Caſtellans ſtand. „Ich komme gleich!“ rief er, und zu Erich gewendet, ſagte er:„Warten Sie hier auf mich, ich komme bald wieder.“ Er ging auf die Gruppe zu, in welcher Alle ehrerbietig grüßten. Er ſprach mit dem Einen und dem Andern, zog ein Heft mit fliegenden Blättern heraus und ſchrieb auf dem Rücken eines breiten Mannes mehrere Recepte, Anderen gab er nur mündlichen Be⸗ ſcheid. Erich ſtand in Gedanken verſunken. Der Arzt kam zurück und ſagte mit heiterer Miene: „Nun bin ich frei. Graf Clodwig hat mir von Ihnen erzählt, aber er hat mir eine falſche Vorſtellung von Ihnen gegeben. Immerhin! Jeder ſieht, in ſeinem Horizonte ſtehend, nur ſeinen eigenen Regenbogen. Ich wollte nur noch ſagen, was man Ihnen thut, iſt kaum Zinſenzahlen, denn kein Menſch hat Anderen mehr Gutes gethan, als Ihr Großvater und Ihr Vater. Nun laſſen Sie ſich einmal ordentlich betrachten. Ich habe Sie vor Jahren geſehen, als Sie mit dem Prinzen zuſammengekoppelt waren.“ Der Doccor ſtellte ſich einen Schritt entfernter von Erich und fuhr fort: „Die Kreuzung iſt gut. Vater von hugenottiſchem Stamm... Mutter echt germaniſch, blond, fein... richtige Miſchung der Nationalitäten. Kommen Sie hier 20⁵5 mit in die Laube. Wollen Sie mir ſchnell und kurz eine Diagnoſe geſtatten?“ Erich lächelte; dieſe ganze Art, wie der Arzt ihn gemuſtert und über ihn verfügt, kam ihm höchtt ſelt⸗ ſam vor, und doch verſetzte es ihn in heitere Stim⸗ mung und er ſagte: „Stellen Sie Ihre Diagnoſe.“ Der Doctor fragte: „Können Sie mit Jemand tagtäglich umgehen, ohne ihn zu lieben oder mindeſtens zu achten?“ „Ich habe es bis jetzt nicht verſucht, aber ich glaube nicht, daß ich es kann, und ſolch ein Verkehr ſchädigt gewiß die Seele.“ „Dieſe Antwort habe ich erwartet. Ich meinerſeits bekenne mich zu dem Worte Leſſings: Es iſt beſſer, unter böſen Menſchen leben, als fern von Menſchen leben. Darf ich noch mehr fragen?“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, fuhr er fort: „Haben Sie ſchon Undank erfahren?“ „Ich glaube noch nichts gethan zu haben, wofür ich Dank verdiene. Es fragt ſich ja überhaupt, ob wir Dank anſprechen dürfen, denn Alles, was wir Andern erzeigen, vollführen wir doch zunächſt zu unſerm Selbſtgenügen.“ „Gut, gut... weiß ſchon. Nur noch Eins. Glauben Sie an die Gemeinheit, und wenn das, ſeit wann?“ „Wenn Sie unter Gemeinheit die bewußte Luſt ver⸗ ſtehen, Andere zu ſchädigen, ſo glaube ich nicht an dieſelbe; denn ich bin überzeugt, daß alle Uebelthat nur Grenzverſchiebung des an ſich berechtigten Selbſt⸗ erhaltungstriebes iſt, nur eine durch Sophiſtik oder Leidenſchaft bewirkte Grenzverſchiebung. Vielleicht iſt der Glaube an die Gemeinheit auch nichts als Leiden⸗ ſchaft.“ Der Doctor nickte mehrmals, dann ſagte er: „Nun nur noch Eine Frage. Sind Sie empfind⸗ lich? verletzlich?“ „Ich dürfte vielleicht Ihre freundliche Prüfung als Beweis geltend machen, daß ich es nicht bin.“ Der Doctor lachte und ſagte: „Entſchuldigen Sie, ich habe mich geirrt, meine letzte Frage hat noch eine allerletzte. Alſo zum Schluß: Ueberraſcht es Sie, wenn Sie ein Männlein oder Weiblein von modiſcher Kleidung und gebildeten Worten ganz einfach dumm finden? Geſtatten Sie ſich, ſolche Menſchen als dumm anzunehmen, und muthen Sie ihnen nicht Gründe ihrer Handlungsweiſe und Ver⸗ ſtändniß für die Gründe Anderer zu?“ Erich merkte wohl, daß der Doctor ihm Verhal⸗ tungsregeln geben und in ſeiner Weiſe ein Recept ver⸗ ſchreiben wollte. Halb ſcherzhaft ſagte er, er habe ſchon mehrere ſeltſame Examina hier durchgemacht, aber das jetzige ſei doch das überraſchendſte. „Sie werden ſich mein Examen vielleicht ſpäter er⸗ klären,“ ſagte der Arzt leiſe und drückte Erich ver⸗ ſtohlen die Hand, denn er ſah Fräulein Perini des Weges daherkommen und geſellte ſich zu ihr. Die Tiſchgeſellſchaft traf ſich wieder beim Spring⸗ brunnen, man plauderte noch eine Weile, dann trennte man ſich. Der Pfarrer und der Major luden Erich ein, daß er ſie beſuche; der Arzt fragte Sonnenkamp, ob Erich und Roland mit ihm auf Praxis fahren dürften. Sonnenkamp war überraſcht, daß Erich bereits als Er⸗ zieher Rolands betrachtet wurde; er ließ das aber nicht merken und bejahte. Erich ſtieg mit dem Doctor in den offenen Wagen, Roland nahm den Sitz beim Kutſcher ein, der ihm die Zügel gab. Der Tag war friſch und voll Blüthenduft, Glocken klangen und Lerchen ſangen. Man fuhr in ein landeinwärts gelegenes Dorf. Aus einem Garten, wo der Flieder blühte, tönte ſchöner vierſtimmiger Geſang; unter Linden an einem umhegten Platze turnten Jünglinge und Knaben. „O unſer herrliches Deutſchland!“ konnte ſich Erich nicht enthalten auszurufen.„Das iſt Leben! Das iſt unſer Leben! Die Seele im friſchen Geſange, den Körper in muthiger Bewegung geſtärkt, das gibt ein Volk von Kraft und Schönheit; ihm muß die Ehre und Freiheit werden! Wir beſitzen und erlangen alles Herr⸗ liche, das der klaſſiſchen Welt eigen war.“ Der Doctor legte ſtill die Hand auf das Knie Erichs und ſchaute ihn hellen Auges an, dann ſagte er: „Wenn Sie hier bleiben, dann laſſen Sie ſich von mir in das Intimere des rheiniſchen Lebens einführen. Und wenn Sie es vermögen, dem Knaben vor uns Freude zu geben nicht blos an dem, was er hat, ſon⸗ dern auch an dem, was er nicht zu eigen hat, am großen Leben des Volkes und der Geſammtheit, dann haben Sie eine brave Arbeit gethan.“ Erich erklärte, daß er jetzt noch nicht endgiltig 208 abſchließen wolle; er kehre vorher nochmals heim, er müſſe ſelbſt Zeit zur Ueberlegung haben und auch eine ſolche Herrn Sonnenkamp laſſen. Der Doctor ſtimmte bei, dann rief er: „Roland, halte hier an.“ Er ſtieg aus und trat in ein kleines, ſäuberlich ausſehendes Haus; Erich und Roland gingen nach dem Turnplatze und ſahen den Turnübungen zu. Der Doctor kam wieder, der Wagen fuhr hinter ihm drein, es läutete von der Kirche, alle Umſtehenden falteten die Hände, auch der Doctor that's und ſagte: „Ein Menſch iſt geſtorben; er hat ſeine zweiund⸗ ſiebzig Jahre gelebt. Noch auf ſeinem Sterbebett er⸗ quickte er ſich in der Erinnerung an eine kleine Wohl⸗ that. Im Hungerjahre 1817 wanderte er als Küfer⸗ geſelle über die Lüneburger Haide— er nannte ſie immer die Hamburger Haide— da war noch keine Straße, und erſt nach Stunden fand er eine elende Hütte; in dieſer waren Kinder, die weinten vor Hunger. Der Küfer hatte getrocknete Aale in einer Blechbüchſe bei ſich und auch Brod. Das gab er den Kindern Alles zu eſſen und die Kinder betrachteten ihn wie einen Engel, der vom Himmel gekommen wäre, ſie zu ſpeiſen. Sehen Sie, ſagte er mir noch geſtern, ſehen Sie, das thut mir wohl und freut mich noch jetzt, daß ich die Kinder damals ſatt machen konnte, und ſie haben's wol auch nicht vergeſſen, wie ihnen einmal ein fremder Mann den Hunger ſtillte.“ Der Doctor hielt inne, er bezwang offenbar eine Rührung, dann fuhr er fort: „Der Mann hat viel gelitten, der Tod iſt eine Erlöſung für ihn. Ja, junger Freund, das iſt die Welt! Da draußen blüht es und die Menſchen ſingen und turnen und ſcherzen und derweil ſtirbt ein Menſch Pah!“ rief er, ſich ermannend,„ich habe Euch nicht zur Trauer mitgenommen. Roland, fahre durch das ganze Dorf nach dem letzten Hauſe.— Wir fahren zur fröhlichen Armuth,“ wendete er ſich zu Erich,„Ihr ſollt nun auch Luſtiges ſehen. Der Mann iſt ein armer Winzer, hat ſieben Kinder, vier Söhne und drei Töchter. Sie ſind in ihrer Armuth die luſtigſten Menſchen, die man finden kann, der Luſtigſte von Allen aber iſt der Alte. Er heißt eigentlich Pfeifer, aber weil er, ſo oft er nur kann, mit ſeinen Kindern ſingt und ſie vor⸗ trefflich einübt, heißt er der Siebenpfeifer.“ Man fuhr nach dem Hauſe und ſchon von fern hörte man aus der Stube im Erdgeſchoß ſingen. Der Doctor, Erich und Roland ſtanden auf der Straße und ſchauten durch die offenen Fenſter, wo die Familie ungeſtört weiter ſang. Als das Lied geendet war, traten ſie ein und wurden fröhlich bewillkommt. Der Doctor fragte, wie es gehe. „Ach, Herr Doctor,“ erwiderte der Siebenpfeifer, „es iſt immer ſo, mein Jüngſtes hat immer die beſte Stimme.“ Es wurden neue Lieder angeſtimmt und Erich ſang mit. Der Alte nickte ihm zu und nach Beendigung des Liedes ſagte er: „Herr, Sie können ja meiſterlich ſingen.“ Der Doctor hatte in ſeinem Wagen ein Flaſchen⸗ Auerbach. Landhaus am Rhein. 1. 14 210 futter, das ſetzte er nun auf; man trank und der Siebenpfeifer rief:„Das Beſte auf der Welt iſt doch, wenn man geſund iſt und ſich ſelber Muſik macht.“ Der Arzt verabſchiedete ſich. Als es Abend wurde, verließen Roland und Crich mit frohem Herzen das Haus. Die zwei älteſten Söhne des Siebenpfeifers gingen mit ihnen nach dem Ufer, wo ſie den Kahn löſten und die Beiden nach der Villa fuhren. Der Strom war heute wunderſam ruhig und klar, das Abendroth durchglühte ihn. Crich ſaß ſtill, er hatte eine glückliche Stunde, wo man nichts denkt und doch Alles hat. Roland ruderte gleichmäßig mit den Söhnen des Siebenpfeifers, dann ließen ſie ohne Ruderſchlag den Kahn dahinſchwimmen, der geräuſchlos in der Strö— mung fortglitt. Die Sterne glitzerten am Himmel, als man bei der Villa anlangte. Viertes Capitel. Am Morgen kam der Architekt und holte Roland ab, da er unter ſeiner Leitung Zeichnungen von der Burgruine machen ſollte. Herr Sonnenkamp erinnerte Erich, daß er den Pfarrer beſuchen ſolle. Noch ehe Erich kundgeben konnte, daß er examinirt ſei, gab ihm Sonnenkamp zu verſtehen, daß man mit den Geiſtlichen ein Wohlvernehmen be⸗ wahren müſſe; man ſei aber doch nie ſicher, was ſie eigentlich denken und welche Ziele ſie haben. Es war ein vertraulich Schleichendes in Ton und Weſen Sonnen⸗ kamps und vielleicht wollte er, daß Erich den Pfarrer auskundſchaften ſolle. Arglos entgegnete Erich, daß er es für Pflicht halte, mit dem Pfarrer in gutem Ein⸗ vernehmen zu ſtehen. Bald nachdem Fräulein Perini aus der Meſſe ge⸗ kommen war, machte ſich Erich auf den Weg. Das Pfarrhaus lag hinter einem Vorgarten, im ſtillen Dorfe noch ſtill abſeits. Hätte nicht die Thür⸗ ſchelle ſo laut geklungen und zwei weiße Spitzhunde gebellt, man hätte glauben mögen, daß in dieſer ſaubern Ordnung, die ſich ſofort auf dem Hausflur erkennen ließ, kein Geräuſch laut werden könnte. Die Hunde waren zum Schweigen gebracht, die Haushälterin hieß Erich die Treppe hinaufgehen; er ſchien bereits erwartet zu ſein. Droben fand Erich den geiſtlichen Herrn in ſeiner ſonnigen, ſchmuckloſen Stube; er ſaß vor dem Tiſche, hielt ein Buch in der Linken und die Rechte lag auf einer Weltkugel, die auf einem kleinen Poſtamente vor ihm ſtand. „Sie treffen mich in der weiten Welt,“ ſagte der Geiſtliche und hieß Erich vertraulich willkommen. Er bat ihn, auf dem Sopha Platz zu nehmen, über welchem ein Farbendruckbild hing, das den heiligen Borromäus darſtellte. Eine anheimelnde Friedſamkeit war in dieſer Stube; eine Anſpruchsloſigkeit und Beſcheidenheit, die nichts wollte, als im ſtillen Denken die Tage und Stunden 212 zu beſchließen, ſchien aus Allem zu ſprechen. Zwei Canarienvögel in ihren Käfigen ſchienen wie drunten die Hunde hier über den Fremden ſich lebhaft auslaſſen zu wollen. Der geiſtliche Herr hieß ſie ruhig ſein, und wie durch einen Zauber verſtummten ſie und ſchauten nun Erich neugierig an. Der Pfarrer erzählte, daß er eben die Reiſe eines Miſſionärs auf der Weltkugel verfolgt habe; er drehte dabei den Globus mit ſeiner feinen rechten Hand im Kreiſe. „Sie ſind wol kein Freund des Miſſionsweſens?“ fragte er ſofort. „Ich will nicht auf den religiöſen Zweck eingehen,“ entgegnete Erich,„ich glaube nur, es gibt kein zweites Buch, das ſo zur Weltverbreitung geeignet iſt, wie die Bibel, und auch ſprachlich ergibt ſich da die erſte Stufe der Cultur.“ „Sprachlich?“ „Es iſt ein großes Culturmoment, daß die Miſ⸗ ſionäre durch das heilig verehrte Buch die Schriftſprache überall hin verbreiten. Die Nationalſprachen der un⸗ gebildeten Völker werden dadurch gewiſſermaßen aus dem Unorganiſchen zum Organiſchen erlöſt. Der Geiſtliche ſchloß das Buch, das vor ihm auf— geſchlagen war, dann ſagte er, indem er die Finger⸗ ſpitzen der beiden Hände an einander legte, er hege eine Vorliebe für Diejenigen, die aus innerem Ent⸗ ſchluß ihren Beruf geändert. Allerdings bewege oft Leichtſinn und Unbefriedigung dazu, die ſich in keiner bemeſſenen Thätigkeit wohl fühle; wo dies aber nicht der Fall, dürfe man einen tiefen Grundzug der Wahr⸗ haftigkeit vorausſetzen. Erich entgegnete: „Ich habe im Soldatenſtande nicht das Auszeich⸗ nende geſucht; ich ſuche nur das allgemein Menſchliche und dieſes iſt es doch, was jedem Beruf allein die Würde geben kann.“ „Allerdings,“ erwiderte der Geiſtliche,„meine Fa⸗ milie hatte mich ebenfalls zu einem andern Berufe be⸗ ſtimmt, ich aber wählte den geiſtlichen, weil er nicht Gewinn, nicht Genuß, nicht Ruhm, ſondern das allein bietet, was Sie das allgemein Menſchliche nennen, während es doch einfach das Göttliche genannt werden muß.“ Eine Scheu vor Widerſpruch kam über Erich, da er den Geiſtlichen reden hörte. Die ganze Umgebung verſetzte ihn in eine andächtige Stimmung; es war, als dürfe man die heilige Ruhe nicht ſtören, die hier herrſchte. Das Geſpräch ging in Perſönliches über, auch der Pfarrer hatte den Vater Erichs gekannt. „Und nun laſſen Sie mich geradezu fragen,“ wen⸗ dete der Geiſtliche plötzlich.„Was würden Sie Roland als Beſtes und vor Allem geben?“ Wieder nahm jene heilige Stille Beſitz von dem Raume, in dem zwei Menſchen athmeten, die Jeder in ſeiner Weiſe dem Höchſten dienen wollten. „Wenn ich es kurz zuſammenfaſſe,“ entgegnete Erich, „ſo möchte ich Roland Freude an der Welt geben. Hat er dieſe, wird er der Welt Freude bereiten, ich meine, Gutes und Schönes thun wollen; lehre ich ihn die Welt 214 verachten, das Leben geringſchätzen, ſo kommt er da⸗ hin, daß er die Welt und die ihm in derſelben ver⸗ liehene Kraft mißbraucht.“ „Sie ſind auf dem Wege zum Heil,“ ſagte der Pfarrer mild,„aber Sie lenken ab in einen Irrweg. Ich warne Sie, junger Mann. Ich glaube, Sie wiſſen nicht, wem Sie dienen wollen. Wiſſen Sie, wie der Herr heißt und wer er iſt?“ „Herr Sonnenkamp.“ „Nein, Reichthum heißt der Herr und Meiſter. Und wiſſen Sie, was Reichthum iſt?“ Da Erich ſchwieg, fuhr er fort: „Vielleicht ſehen wir, die wir das Gelübde der Armuth abgelegt, am unbefangenſten, was Reichthum iſt; er iſt die größte Verſuchung unſerer Zeit, und doch ſteht der Reichthum unter dem Thieriſchen, denn kein Thier hat mehr Kraft, als es mit ſich herumträgt. Der Menſch allein kann haben, was ſeine Kinder und Kindeskinder nicht verzehren können. Da liegt das Elend! Wer ſo viel von der Welt gewinnt, erleidet Schaden an ſeiner Seele. Glauben Sie, daß dieſer bewußt reiche Knabe und das ganze Haus in anderer Weiſe eine ſittliche Regulirung bekommen kann als durch die Religion? Auf der Tafel dieſer Reichen prangt täglich ein duftender, farbenprächtiger Blumenſtrauß— was hilft es? Auf dem ärmlichen Tiſch des dürftigſten Häuslers ſtellt ſich ein ſchönerer, duftreicherer Blumen— ſtrauß aus höherem Reiche durch die Worte des Gebets und es tritt eine Sättigung in die Seele, die erſt die Sättigung des Körpers zu einer gedeihlichen macht. 0 0 0 96 21⁵5 Doch das iſt nur Eins. Am Oberrhein nennen ſie die bewegliche Habe Fahrniß, und ſo iſt es! Der Reich— thum der heutigen Welt iſt nichts als Fahrniß, fahrende Habe, und ſie wird dahin fahren. Glauben Sie mir,“ rief der Geiſtliche und legte ſeine Hand auf die Hand Erichs...„glauben Sie mir, die Staatspapiere ſind das Unglück der heutigen Welt.“ „Die Staatspapiere? Ich verſtehe nicht.“ „Ja, es iſt auch nicht ſo leicht zu verſtehen. Wem kann man Millionen borgen? Niemand als dem Staat. Ehedem konnte ein Menſch nicht ſo viele Millionen haben, denn wo ſollte er ſie anlegen? Jetzt aber ſind die Staatspapiere da. In alten Zeiten hatte der reiche Mann große Liegenſchaften, viel Feld und Wald, da war er erſtlich von Gottes lieber Sonne abhängig, und wenn Alles zeitig und gereift dalag, ſpendete er der Kirche den Zehnten. Nun aber ſteckt der Reichthum in feuerfeſten, diebesſichern Kaſten, nicht von Sonne, nicht von Wind und Wetter abhängig, hat ſich nicht vor der Welt zu zeigen und keinen Zehnten vom Ertrag zu geben; die Ernte des Staatspapier⸗Mannes iſt Coupons⸗ ſchneiden. Wenn der Herr heut wieder kommt, findet er keinen Tempel mehr, aus dem er die Wechsler und Händler austreibe; ſie haben ſich ihre eigenen Tempel gebaut. Die heutige Burg Zion, in deren Schutz ſich die Reichen wie die Fürſten begeben, iſt die engliſche Bank! Haben Sie ſchon einmal darüber nachgedacht, was aus der Menſchheit, aus den Staaten werden ſoll, wenn dieſe Vermehrung der Staatsſchulden ſo fort⸗ geht?“ 2¹6 Erich verneinte und der Geiſtliche fuhr fort: Die ganze Erde wird eine einzige große Hypothek, und bei wem verpfändet? Bei dem, der lange borgt, aber doch einſtmals Zahlung einfordert. Ein Welt⸗ brand wird kommen, gegen den keine feuerfeſten Kaſten ſichern, und eine Sündfluth, die die Millionen und aber Millionen Staatsſchulden auslöſcht. Ich bin kein Mann der Schadenfreude, aber ich möchte wohl den Bankerott der engliſchen Bank erleben. Denken Sie ſich: die Nachricht kommt an, es iſt Alles verloren. Da werden Tauſende von Männlein und Weiblein ſehen, wie nichtig ſie ſind, wenn ſie ſo auf einmal all ihrer Herrlichkeiten beraubt auf die nackte Erde ſich verſetzt ſehen.“ Erich lächelte. Jeder einſam geſtellte Mann ohne entſprechenden gleichberechtigten Umgang kommt zu Ab⸗ ſonderlichkeiten; das ſchoß ihm ſchnell durch den Sinn, und er ſagte, daß allerdings die Erde mit höheren Schulden belaſtet, als ſie an ſich werth ſei, wenn man ſich einen Käufer dafür denken könne. Aber der eigent⸗ liche Beſitz der Menſchen ſei größer als der materielle Werth der Erde, denn der größte Beſitz ſei ein ideales Sein, die Arbeitskraft, und während früher alles Beſitz⸗ thum in der Scholle beſtand, ſei es eben die Aufgabe der neuen Welt, den idealen und den beweglichen Beſitz zur Geltung zu bringen. Erich wollte noch hinzuſetzen, daß auch bei den Römern, ſelbſt noch zu Zeiten der Republik, der Reich⸗ thum Einzelner ſo unverhältnißmäßig war; der Geiſt⸗ liche ſchien ihn aber in ſeiner gewaltſamen Erregung kaum noch zu hören, er ging nach ſeiner Bücherei, nahm eine große Bibel, ſchlug eine Stelle auf und reichte das Buch Erich hin. „Da leſen Sie, das iſt die einzige Art, wie Roland erzogen werden kann. Leſen Sie vor.“ Erich las: „Und da er hinausgegangen war auf den Weg, lief Einer vorne vor, kniete vor ihn und fragte ihn: Guter Meiſter, was ſoll ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe? Aber Jeſus ſprach zu ihm: Was heißeſt Du mich gut? Niemand iſt gut, denn der einige Gott. Du weißt ja die Gebote wohl: Du ſollſt nicht ehe— brechen. Du ſollſt nicht tödten. Du ſollſt nicht ſtehlen. Du ſollſt nicht falſch Zeugniß reden. Du ſollſt Nie⸗ mand täuſchen. Ehre deinen Vater und Mutter. Er antwortete aber und ſprach zu ihm: Meiſter, das habe ich Alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jeſus ſahe ihn an und liebte ihn und ſprach zu ihm: Eins fehlt Dir. Gehe hin, verkaufe Alles, was Du haſt, und gib es den Armen, ſo wirſt Du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf Dich. Er aber ward unmuths über der Rede und ging traurig davon, denn er hatte viele Güter. Und Jeſus ſahe um ſich und ſprach zu ſeinen Jüngern: Wie ſchwerlich werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entſetzten ſich über ſeine Rede. Aber Jeſus antwortete wiederum und ſprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie ſchwer iſt es, daß die, ſo ihr Vertrauen auf Reichthum ſetzen, ins Reich Gottes kommen. Es iſt leichter, daß ein Kameel durch 218 ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ „Und nun ſagen Sie mir,“ rief der Pfarrer,„ſagen Sie mir ehrlich, iſt das nicht das Einzige?“ „Aufrichtig geſtanden: nein! Ich liebe und verehre den, von dem dieſe Geſchichte erzählt, vielleicht mehr als mancher Kirchengläubige, und rührend iſt mir be⸗ ſonders und in dieſem Augenblicke wunderſam ergreifend der Satz, wo es hier heißt: Und Jeſus ſahe ihn an und liebte ihn. Ich ſehe den ſchönen reichen Jüngling vor dem erhabenen Meiſter, der Jüngling glüht und iſt voll wirklichen Eifers, und der Meiſter gewinnt ihn lieb, indem er in ſein Antlitz ſchaut. Es iſt kein Zug in Homer „Das iſt nebenſächlich— das iſt nebenſächlich,“ unterbrach der Geiſtliche.„Gehen Sie auf die Sache.“ „In der Sache muß ich bekennen,“ erwiderte Erich, „daß nach meiner Anſicht dieſe Lehre zu einer Zeit ent⸗ ſtand, in der man alle reale Macht, die Staatsmacht, den Reichthum und alle Lebensgüter verachten und ver⸗ werfen mußte als Dinge, die der ewigen Idee gegen⸗ über keine Bedeutung haben. Das mußte in einer Zeit der Unterdrückung durch Fremdherrſchaft die edlen Ge— müther allein aufrecht erhalten und in einer Seele auf⸗ leben, die alle Werthe der Welt verſchwinden ſieht und eine Neugeſtaltung auferbauen will, in der nur der reine Gedanke herrſcht. Und warum iſt denn dieſe Lehre, daß man nichts beſitzen ſoll, nicht zum allzeit und für Alle geltenden Kirchengebote geworden?“ „Sie treffen einen richtigen Punkt,“ entgegnete der Pfarrer.„Unſere Kirche hat Gebote, die nicht allgemein gelten, ſondern nur für den, der vollkommen ſein will, ſo: das Gebot der Keuſchheit und das Gebot der Ar⸗ muth. Nur wer vollkommen ſein will, muß ſich dem unterwerfen.“ „Wie aber kann die Kirche ſelbſt Reichthümer be— ſitzen?“ fragte Crich. „Die Kirche beſitzt nicht, ſie verwaltet nur,“ ant⸗ wortete der Pfarrer ſcharf. „Da wir nun nicht erwarten können,“ lenkte Erich ein,„daß Herr Sonnenkamp und ſein Sohn Roland all ihr Gut hergeben, ſo fragt es ſich, wie gewinnen wir die rechte Führung?“ Der Geiſtliche erhob ſich, ging mit ſtarken Schritten das Zimmer auf und ab und ſagte: „Nun ſind wir am Punkte. Hören Sie mich getreu an. Sehen Sie, es hat ſich etwas Neues gebildet in der Welt, ein in der höheren ſittlichen Ordnung noch heimatloſer Stand, und das iſt die haute finance. Sie ſehen mich ſtaunend an.“ „Zunächſt fragend.“ „Und ich kann antworten. Dieſe haute tinance ſteht zwiſchen Adel und Volk, und ich frage, was ſoll ſie? Muß ein reicher bürgerlicher Füngling, wie Ro⸗ land, in den Strudel des Lebens geworfen, nicht un— bedingt zu Grunde gehen?“ „Warum muß er es mehr,“ fragte Erich,„als die adelige Jugend in der Militär- oder Civil-Uniform? Glauben Sie denn, daß die Religion dieſe vom Unter⸗ gange rettet? 220 „Nein, aber ein Anderes, Poſitives; die hiſtoriſche Inſtitution des Adels rettet ſie. Der Adel hat das Glück, die Flegeljahre des Lebens mit dem geringſten Nachtheil durchzumachen. Der Adelige zieht ſich dann auf ſeine Güter zurück, wird ein braver Ehemann und füllt ſeine Stellung mit Anſtand aus; ſelbſt in der Stadt mitten im tollen Getriebe hält ihn die Stellung zur höheren Geſellſchaft und zum Hofe doch in gewiſſe Schranken. Was aber hat der reiche bürgerliche Jüng⸗ ling?“ „So wäre es alſo,“ fragte Erich,„vielleicht für Roland das größte Glück, wenn ſein Vater den Adel erwerben könnte?“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete der Pfarrer.„Ich wollte ſagen, der Adel hat die Ehre, die geſchichtliche, ſich forterbende Verpflichtung, der Adel hat den großen Grundſatz gefunden und hat ihn zu bewähren: noblesse oblige, Adel verpflichtet. Welchen großen Grundſatz hat der Reichthum gefunden? Den brutalſten aller Sätze, den rein Thieriſchen. Und wiſſen Sie, wie dieſer heißt?“ „Ich weiß nicht, wohin Sie zielen.“ „Der Satz, den dieſe Erwerbsſucht als ihr Höchſtes aufſtellt, lautet: Hilf Dir ſelbſt! Das thut das Thier, jedes hilft ſich ſelbſt. Alſo der papierne Reichthum iſt jener ſittlich heimatloſe, pflichtloſe Stand. Was wollen dieſe papiernen Herren der Welt? Geld... Was wollen ſie mit dem Gelde? Genuß... Wer ſichert ihnen dieſen? Der Staat... Was thun ſie für den Staat?... Da liegt's! So lange ſie in der Erwerbshetze ſind, haben ſie keine Zeit für etwas Anderes, und haben ſie aus⸗ geſpannt, wollen ſie nichts als Ruhe— Ruhe im Land— haus oder in einer großen Stadt.“ Die Lippen Erichs zitterten und er erwiderte: „Wenn der Adel ſich berechtigt und verpflichtet fühlt, ſagen wir zunächſt für die Führerſchaft im Heere, für den Krieg, ſo ſoll die Jugend des Reichthums ſich zu Officieren verpflichtet fühlen im Heere des Friedens; ſie ſoll eine unbeſoldete und in voller Hingebung ſich zu Gebote ſtellende Thatkraft bewähren für die Ge⸗ meinde, für den Kreis, für die Genoſſenſchaft, bis hinauf zur Vertretung des Staatsganzen und zum Opfer in allen Werken der Wohlthätigkeit.“ „Halt!“ fiel der Geiſtliche ein,„das Letzte iſt unſer. Ihr werdet das nie organiſiren können ohne die Reli⸗ gion. Eure Weltweisheit kann die Gleichmäßigkeit nicht erzeugen, die Gemüthsruhe, die opferbereite Verfaſſung, da unſer Leben nichts iſt als ein Opfer. Ihr werdet es nie dahin bringen, daß die Menſchen aus ihrer Wohlhäbigkeit, aus ihrem Luxus heraus ſich, wie Ihr es nennt, aus rein menſchlicher Bewegung in die Hütten der Armen, der Hilfloſen, der Kranken, der Verlaſſenen, zu Sterbenden begeben wie wir.“ Als hätte der Geiſtliche dieſe ſeine hohe Pflicht an⸗ geruſen, ſo erſchien jetzt der Küſter und ſagte, daß ein alter Weingärtner die letzte Oelung verlange. Der Geiſtliche war ſchnell bereit, er wendete ſich nochmals kurz und feierlich zu Erich und warnte ihn, in die Stelle einzutreten; er jage einem falſchen und darum unerreichbaren Ideal nach. Crich entfernte ſich. Als er auf die Straße kam, athmete er frei auf in der friſchen Luft. Kam er nicht aus der Atmoſphäre des Weihrauchs? Nein, hier war mehr, hier war eine ſtarke Kraft, die ſich Angeſicht gegen Angeſicht dem großen Räthſel des Daſeins ſtellt. In Sinnen ver⸗ ſunken wandelte Erich dahin; wol kam ihm nochmals der Gedanke, wie viel leichter es Diejenigen haben, welche feſt dogmatiſche Geſetze, die nicht aus ihnen kommen, die ſie vielmehr empfangen, weiter geben können, während er Alles aus ſich, aus ſeiner Er— kenntniß ſchöpfen mußte. Auf halber Höhe des Berges am Wege, der zum Major führt, blieb er ſtehen und ſchaute hinab nach der Villa, die den ſtolzen Namen Eden trug, und die Geſchichte aus der Bibel trat ihm in die Crinne⸗ rung: Im Garten Eden ſind zwei Bäume, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntniß von Gut und Böſe; das Eden hört auf für den, der vom Baume der Erkenntniß genießt. Iſt das nicht noch immer ſo? Da ſtand es plötzlich vor ihm wie eine Offenbarung; dreierlei iſt dem Menſchen auf Erden gegeben: Genuß, Entſagung und Erkenntniß. Dort Sonnenkamp; was will er für ſich und ſeinen Sohn? Genuß. Die Welt iſt eine gedeckte Tafel und man hat nur ſo viel zu lernen, um die rechten Wege, die rechten Maße des Genuſſes zu finden. Die Erde iſt ein Vergnügungsort und ſie läßt wachſen, damit wir uns deſſen ergötzen. Wir haben auf der Welt keinen andern Beruf als ſpazieren zu fahren, zu eſſen, 223 trinken und zu ſchlafen und wieder ſpazieren zu fahren. Und dafür ſoll die Sonne ſcheinen? Was will der Pfarrer? Entſagung. Dieſe Welt hat nichts zu bieten, ihre Genüſſe ſind nur verwirrender Schein, zerren Dich nur hin und her, drum wende Dich ab von ihnen. Und was willſt Du? Und was ſollen Die wollen, die Du Dir gleich wünſcheſt? Erkenntniß. Denn das Leben zerfällt nicht in Genuß und Entſagung, die Er⸗ kenntniß ſchließt vielmehr Beide in ſich, iſt die Einheit Beider, ſie iſt die Mutter der Pflicht und der ſchönen That. Wie in alten Zeiten die Kämpfer aus unerforſch⸗ licher Höhe einen Schild erhielten aus Götterhand, der ſie ſicherte, ſo geborgen und gedeckt gegen Alles fühlte ſich Erich, und er war ſo ſelig in ſich, daß er nach keinem Menſchen, nach nichts mehr verlangte, er war getragen von der Erkenntniß. Beruhigt und in ſich begnügt trat er beim Major im nächſten Dorfe ein. Hier, wußte er, hatte er kein Examen zu beſtehen. Fünftes Capitel. Der Major wohnte im ſchön gelegenen Weinbergs⸗ hauſe eines reichen Weinhändlers aus der Feſtung, oder, wie man eigentlich ſagen müßte, eines Bundes⸗ bruders, denn der Mittelpunkt vom Leben des Majors ruhte in der Freimaurerei. 2²⁴ Die eine Seite des Hauſes, in deſſen Nebengebäude der Major wohnte, ging nach der Landſtraße, die andere hatte den Ausblick über den Strom und die jenſeitigen Berge. Der Major hielt ſich ſtreng in ſein Häuschen und ſein beſonders abgegrenztes und mit einer Laube verſehenes Gärtchen. Er beaufſichtigte das größere Wohnhaus und den Garten wie ein Schloß⸗ aufſeher, ließ ſich aber auch die vielen Monate, wäh⸗ rend welcher das große Haus und der große Garten leer ſtanden, nicht einmal vorübergehend darin nieder. Erich traf den Major in dem kleinen Gärtchen an ſeinem Hauſe, er rauchte eine lange Pfeife und las in der Zeitung, vor ihm ſtand noch eine Taſſe mit kaltem Kaffee. Ihm gegenüber ſaß eine ſäuberliche alte Dame mit einer großen weißen Haube und ſtopfte Strümpfe; ſie erhob ſich ſofort, als Erich eintrat. Der Major nahm die Pfeife aus dem Mund und legte die Hand an die Soldatenmütze. „Fräulein Milch, dies iſt mein Kamerad, Herr Doctor Dournay, Hauptmann außer Dienſt.“ Fräulein Milch verbeugte ſich, nahm ihren Korb mit Strümpfen und ging nach dem Hauſe. „Sie iſt geſcheidt und gut, immer zufrieden und heiteren Sinnes, Sie werden ſie ſchon näher kennen lernen,“ ſagte der Major hinter ihr drein.„Und eine Menſchenkennerin iſt ſie, größer hat's noch keine gegeben, ſie ſieht die Menſchen durch und durch... Setzen Sie ſich, Kamerad, Sie kommen zu meiner beſten Stunde. Sehen Sie, ſo lebe ich... Ich habe doch eigentlich nichts zu thun... aber ich ſtehe früh 2²⁵ auf... das verlängert das Leben... und dann ge⸗ winne ich jeden Tag einen Sieg über einen trägen, weichlichen Geſellen, er muß ſich kalt abwaſchen und dann muß er einen Gang machen; er will oft nicht, aber er muß... Und, da komme ich heim und wenn ich ſo Morgens da ſitze... liegt mein weißes Tuch auf dem Tiſch, vor mir ſteht in feinem Geſchirr Kaffee, guter Rahm, Semmel... Butter eſſe ich nicht... ich ſchenke mir ein, trinke, tunke ein, das knarft ſo gut... ich kann noch gut beißen... dann ſteck ich zur zweiten Taſſe meine Pfeife an und rauche ſo in die Weltgeſchichte hinein, wie ſie mir die Zeitung täg⸗ lich bringt... ich habe noch gute Augen, ich leſe ohne Brille, treffe noch die Scheibe und höre auch noch Alles deutlich, mein Kreuz iſt noch gut, ich gehe noch aufrecht wie ein Rekrut... Und ſehen Sie, Kamerad Jich bin der reichſte Mann in der Welt... und dann habe ich jeden Mittag meine gute Suppe.. ſo gut kocht Niemand in der Welt Suppe wie ſie.. mein Stück ſchönen guten Braten, meinen Schoppen Wein, meinen Kaffee... mit vier Bohnen macht ſie den Kaffee beſſer als eine Andere mit einem Pfund ‚AUnd doch iſt mir's ſchon tauſendmal vorgekommen, daß ich dem Burſchen, der da ſitzt, den Marſch ge⸗ macht hab': Du biſt der undankbarſte Burſch von der Wölt, daß Du manchmal ärgerlich biſt und Dir das und das wünſcheſt, was Du nicht haſt. Sieh doch ein⸗ mal her, wie Alles ſo fein und nett, das gute Brod, der gute Stuhl, die gute Pfeife und ſo viel gute Ruhe; Du biſt der glücklichſte Menſch von der daß Auerbach. Landhaus am Rhein. I. Du das haſt... Ja, liebſter Kamerad! Sie... Sie ſollen ja grundgelehrt ſein... Sehen Sie... ich bin nicht ſtudirt, habe nichts gelernt, bin Tambour ge⸗ weſen... werd's Ihnen ſchon noch einmal erzählen ... Ja, Kamerad... was hab' ich ſagen wollen? So iſt's!... Sie wiſſen tauſendmal mehr als ich, aber Eins können Sie doch von mir lernen. Laſſen Sie ſich das Leben beſſer bekommen! Jetzt iſt die Stunde, jetzt ſeien Sie froh, jetzt laſſen Sie ſich's ſchmecken; dieſe Stunde kommt nicht wieder. Nur nicht immer auf morgen denken!... nehmen Sie einmal einen tiefen Athemzug, Kamerad... Nun, was iſt das für eine Luft? Gibt's eine beſſere?... Und dazu haben wir unſere guten, ſauberen Kleider an!... Ach, danken Sie doch dem da oben... Ja Kamerad, hätte ich Jemand gehabt, der mir das in Ihrem Alter geſagt hätte, wie ich Ihnen jetzt... Remdem!... Doch ich bin ein alter Plauderer... Brav, daß Sie mich be⸗ ſuchen!... Alſo wie geht's? Wollen Sie wirklich unſern Jungen im Feuer exerciren? Ich glaube, Sie ſind der Mann dazu, Sie werden ihn formiren... Sie wiſſen, Kamerad, was formiren iſt... Das kann nur ein Soldat. Der Soldat allein kann den Menſchen ſchulen. Nur ſtrenges Regiment!... Ich garantire, der wird gut... der wird gut... Fräu⸗ lein Milch hat's auch immer geſagt: der wird gut, wenn er nur in die rechten Hände kommt. Die Schul⸗ meiſter ſind alle nichts nutz; Herr Knopf war ganz brav, ſeelengut, aber er hatte die Zügel nicht feſt. Jetzt iſt's gewonnen!... Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen. Wenn ich Ihnen helfen kann, denken Sie daran, wir ſind Kameraden. Iſt beſon⸗ ders gut, daß Sie Soldat geweſen, habe immer einen gewünſcht... Fräulein Milch kann mir's bezeugen.. hab's hundertmal geſagt, nur ein Soldat!... Jetzt machen wir aus Roland einen Soldaten, einen Kern⸗ ſoldaten, er hat Courage, fehlt ihm nur der Appell!“ Ich möchte,“ entgegnete Erich,„wenn ich die Stelle antrete „Wenn? Iſt kein Zweifel mehr, das ſage Ich... Remdem... Gelte auch was. Aber entſchuldigen Sie, will nichts mehr reden... Sie wollten was ſagen, Kamerad.“ „Roland ſoll vor Allem ein gebildeter, umſichtiger und guter Menſch werden, was ſich dann als ſein Beruf herausſtellt...“ „Ganz recht, ganz recht... rechtſchaffen geſprochen .. ſo iſt's gut... hat mir viele Sorge gemacht, der Junge! Wie närriſch ſind doch die Menſchen, die ſich Millionen wünſchen, und wenn ſie ſie haben— mehr als ſich ſatt eſſen und acht Stunden ſchlafen kann Nie⸗ mand. Die Hauptſache iſt“— und der Major dämpfte ſeine Simme und hob die Hand in die Höhe—„die Hauptſache iſt: der Menſch muß zur Natur zurückkeh⸗ ren; das iſt das Ganze, was der Welt fehlt... ſie muß zur Natur zurückkehren.“ Erich fragte den Major nicht, was er unter die⸗ ſem Satze verſtehe. Der Major liebte dieſen Satz, er wendete ihn immer an und ließ dann Jeden ſelbſt ſuchen, was darunter zu verſtehen ſei. „Zur Natur zurückkehren, damit iſt Alles geſagt,“ wiederholte er. Nach einer Weile begann er wieder: „Ja, was wollt' ich noch fragen?... Sagen Sie mir, Sie hatten wol auch viel zu leiden im Soldaten⸗ ſtand, weil Sie ein Bürgerlicher... nicht von Adel waren?“ Erich wies auf die Artillerie hin und der Major ſagte ſtotternd: „Freilich, freilich... Sie, wiſſenſchaftlich gebildeter Mann, haben das weniger erlebt. Ich habe meinen Abſchied gefordert. Ich erzähl' Ihnen das ſchon noch.“ Erich erwähnte, daß er beim Pfarrer geweſen war, und der Major ſagte: „Iſt ein Ehrenmann, aber ich laſſe nichts bei den Geiſtlichen arbeiten. Wir ſprechen nicht davon, brauche aber kein Hehl daraus zu machen, ich bin Freimaurer.“ Erich nickte und der Major fuhr fort: „Was Gutes an mir iſt, hat da ſeine Heimat; wir werden noch mehr darüber ſprechen... ich will Sie einführen. O, wie wird ſich Herr Weidmann freuen, Sie kennen zu lernen!“ Und wieder war's beim Erwähnen von Weidmanns, als gedenke man einer ſchönen Ausſicht auf dem höch⸗ ſten Berge der Landſchaft. Der Major fuhr fort: „Nun aber die Geiſtlichen. Sehen Sie“— und er rückte ſeinen Stuhl etwas näher—„ſehen Sie, meine Trommel, da iſt Alles drin... Sehen Sie, ich war Tambour... ja, lächeln Sie nur... ſehen Sie, da ſagt die ganze Welt, ſolch eine Trommel 229 macht bloß Lärm, und ich ſage Ihnen, es liegt eine Muſik drin, ſo ſchön... ich will Niemand zu nahe treten... ſo ſchön wie Alles... Da ſag' ich nun .. geben Sie wohl Acht... ich ſage: ich ſtreite nicht mit Euch, daß Ihr bloß Lärm hört, ſtreitet Ihr aber auch nicht mit mir, daß ich etwas Anderes drin höre .. Ich hab' ſo darüber nachgedacht: man wird mit Maſchinen noch Alles machen, die Menſchen ſind gar klug, aber Trommel⸗ und Hornſignale wird doch keine Maſchine machen können, dazu braucht man menſchliche Hand und menſchlichen Mund... ich bin nämlich Tambour geweſen... werd' Ihnen das ſchon noch erzählen. Sehen Sie... am Ton merk' ich's, was Einer für ein Herz hat, wenn er die Trommel ſchlägt. Wo Du, mein Bruder, nichts als Lärm und Unſinn hörſt, da höre ich Muſik und tiefen Verſtand. Drum nur um Gotteswillen keinen Streit um die Religion, eine iſt ſo wenig oder ſo viel nütze wie die andere, ſie geben nur den Marſch an, die Hauptſache iſt, wie der Menſch für ſich marſchirt, wie er ſich exercirt hat und was für ein Herz er im Leib hat.“ Erich wurde aufgeheitert von der Abſonderlichkeit des Mannes, in dem doch ein tiefer Ernſt und eine ſittliche Freiheit eigener Art war. Seine Pfeife neben ſich ſtellend, fragte der Major: „Haben Sie einen Menſchen auf der Welt, den Sie haſſen, bei deſſen Anblick ſich Ihnen das Herz im Leibe umdreht?“ Erich verneinte und erzählte, daß ſein Vater ihm ſchon früh tief eingeprägt habe, nichts ſchädige die eigene Seele ſo ſehr als Haß, und ſchon um ſeiner ſelbſt willen dürfe man keine ſolche Empfindung in ſich einwurzeln laſſen. „Das iſt mein Mann! das iſt mein Mann!“ rief der Major.„Jetzt ſind wir fertig mit einander. Wer einen ſolchen Vater gehabt hat... Sie ſind auch mein Mann!“ Er erzählte nun, daß im Städtchen ein Menſch ſei, den er haſſe; es ſei der Steuercontroleur, der die St. Helena⸗Medaille trägt, die der neue Napoleon den Veteranen gegeben für die Heldenthaten, daß ſie zur Unterdrückung ihres Vaterlandes mitgekämpft. „Und denken Sie ſich,“ rief der Major,„hat ſich der Mann mit der Helena⸗Medaille abmalen laſſen; in ſeinem Staatszimmer hängt das Bild eingerahmt und drunter in einem beſonderen Rahmen das vom fran⸗ zöſiſchen Miniſter unterzeichnete Diplom. Ich grüße den Mann nicht, danke ſeinem Gruß nicht, ſetze mich nicht an einen Tiſch mit ihm; er hat eine andere Ehre als die meine. Und ſagen Sie mir, muß es nicht etwas geben, womit man ſchlechte Menſchen ſtraft? Ich kann's nur damit thun, daß ich ihm meine Ver⸗ achtung zeige... es wird mir eigentlich ſchwer, aber muß ich nicht?“ Groß ſchaute der alte Mann auf, als Erich ihm vorſtellte, man dürfe auch nachſichtig gegen den Mann ſein; Eitelkeit habe eine große Kraft der Ver⸗ führung, und überdies hätten ja manche Regierungen es gerne geſehen, wenn ihre Beamten ſich um die Helena-Medaille bewarben, und ſo ſei der Mann, der im Staatsdienſte ſtehe, nicht zu verurtheilen. 231 „Das iſt brav! das iſt brav!“ ſchrie der Major und nickte nach ſeiner Gewohnheit mehrmals mit dem Kopfe. „Sie ſind der rechte Erzieher! Ich bin alt, kenne viele Menſchen, und ſie mögen ſagen, was ſie wollen, ich habe noch keinen ſchlechten Menſchen kennen gelernt, keinen wirklich ſchlechten. In der Hitze, in Dummheit und Hochmuth thun ſie manchmal Unrechtes, aber lieber Gott! da hat man nur dem himmliſchen Vater zu danken, daß man nicht auch ſo iſt; wie vielmal hätt' ich ſo werden können. Ich dank' Ihnen ich dank' Ihnen... Sie haben mir den Feind vom Halſe... ja wohl vom Halſe... geſchafft, da hat er immer geſeſſen, ſchwer und... Sehen Sie, da kommt juſt der Mann!“ Der Controleur kam am Garten vorüber, der Major ging mehrmals nickend gegen den Zaun; er hoffte vielleicht, daß der Mann zuerſt grüßen ſollte. Als dies aber nicht geſchah, rief der Major plötzlich und mit einer Stimme, als ob ein Geſchoß losgegan⸗ gen wäre: „Guten Morgen, Herr Controleur!“ Der Mann dankte und ging vorüber. Der alte Major aber war ganz glücklich und ſtrich ſich mehr— mals mit der Hand übers Herz, als wäre da eine Laſt weggenommen. Fräulein Milch ſchaute zum Fenſter heraus und der Major bat ſie, doch herunterzukommen, er habe ihr etwas ſehr Gutes zu erzählen. Sie kam; ſie ſah noch ſäuberlicher aus als vorher, ſie hatte eine hohe weiße Schürze, an der die Knitter des Bügeleiſens Medaille angenommen. noch zu ſehen waren. 232 Der Major verkündete ihr nun, daß der Controleur nicht ſo ſchuldig ſei, er habe ja nur aus Gehorſam gegen die Regierung die Helena⸗ hat. Er zeigte Erich das Gärtchen und ſagte, daß Fräu⸗ lein Milch eine große Feindin der Schmetterlinge ſei. „Ja,“ ſagte er,„ſie meint mit den fremden Blu⸗ men drunten bei Herrn Sonnenkamp entſtehen fremde Schmetterlinge, die man ſonſt hier gar nicht geſehen Kann das ſein? Es hat mir noch kein Gelehrter darauf Antwort geben können, und wiſſen Sie warum? Ich habe noch keinen gefragt. Ja, lieber Kamerad, ſolch einem Gärtchen ſieht man nicht an, wie viel Arbeit es braucht; im Umſehen wächst Unkraut und iſt nicht mehr zu bewältigen.“ Sie gingen mit einander nach dem Hauſe und der „Bleibt gut.“ Major zeigte ſeinem Gaſte die Zimmer, in denen ſchmuck⸗ loſe Nettigkeit herrſchte; dann ſah er nach dem Baro—⸗ meter und ſagte: Als er den vor dem Fenſter angeſchraubten Ther⸗ mometer betrachtete, wiſchte er ſich die Stirn, als ob er jetzt erſt wiſſe, wie heiß es ſei. Ein Schuß tönte aus der Ferne. Der Major wies Erich nach der Richtung, woher der Schall kam, und ſagte: „Ich hör' hier die Schießübungen aus der Feſtung. Ich finde, daß die gezogenen Kanonen denſelben Ton haben wie die glatten. mich in der neuen Kriegskunſt unterrichten, ich ver⸗ Ach, Kamerad, Sie müſſen ſtehe nichts mehr davon, aber wenn ich da drunten ſchießen hör', da wird der Soldat in mir wach.“ Nun bat er Fräulein Milch, eine Flaſche Wein zu bringen und zwar vom beſten. Fräulein Milch ſchien das ſchon vorbereitet zu haben, ſie brachte Flaſche und Gläſer ſofort herbei, winkte aber dem Major mit den Augen; er verſtand und ſagte: Seien Sie ohne Sorge, ich weiß wohl, daß ich des Morgens nichts trinken darf. Bitte, Herr Hauptmann, geben Sie mir Ihren Korkzieher, ich halte Sie für einen rechten Mann und ein rechter Mann hat einen Kork⸗ zieher in der Taſche.“ Lächelnd reichte Erich ſein Meſſer hin, das mit einem Korkzieher verſehen war. Während der Major die Flaſche anbohrte, ſagte er: „Und ein Zweites kann ein rechter Mann auch: Pfeifen! Kamerad, ſeien ſie ſo gut und pfeifen Sie einmal.“ Erich konnte vor Lachen den Mund nicht ſpitzen. Die Flaſche war entkorkt und die Beiden ſtießen auf gute Kameradſchaft an. Dann ſagte der Major: „Uns iſt's vielleicht hier glücklicher zu Muthe als unſerm Freund Sonnenkamp in ſeiner großen Villa. Aber, Herr Hauptmann, ich ſage wieder, ein Elephant iſt glücklich und eine Fliege iſt auch glücklich; der Ele⸗ phant hat nur einen größern Rüſſel als die Fliege.“ Der Major lachte, daß er ſich ſchüttelte, und vom Lachen angeſteckt, lachte auch Erich, und ſo oft ſie ſich wieder anſahen, fingen ſie Beide von Neuem an zu lachen. 23⁴4 „Sie erklären mir das Sprüchwort,“ rief Erich, „daß man die Mücke für einen Elephanten anſehen kann, und in der That iſt's zutreffend: nicht die Größe, nicht das Maß, ſondern der Organismus iſt das Leben.“ „Recht ſo... recht ſo!“ rief der Major.„Fräu⸗ lein Milch, kommen Sie doch einmal herein.“ Fräulein Milch, die hinausgegangen war, trat ein und der Major fuhr fort: „Bitte, Herr Hauptmann, ſagen Sie das noch ein— mal von dem Organismus. Das iſt ſo eine Sache für Fräulein Milch, denn ſehen Sie, die ſtudirt viel mehr, als ſie ſich's merken läßt. Bitte, Kamerad, nochmals das vom Organismus! Ich kann's nicht ſo gut geben!“ Erich erklärte nochmals das Gleichniß. Fräulein Milch empfahl Erich den Schullehrer des Dorfes, der ein ausgezeichneter Schönſchreiber ſei, zur Beihilfe, und der Major rief lachend: „Ja, Kamerad, Fräulein Milch iſt die lebendige Rangliſte; fragen Sie bei ihr an, wenn Sie über Je⸗ mand Auskunft haben wollen. Und laſſen Sie ſich um Gotteswillen von der Gräfin Wolfsgarten keine Medicin geben, Fräulein Milch verſteht Alles viel beſſer... und Blutegel ſetzen kann kein Menſch ſo gut wie ſie.“ Erich ſah die Verlegenheit der guten Alten, er lobte ihren Garten und die ſchönen Blumen und Blatt⸗ pflanzen, die vor dem Fenſter ſtanden. Der Major behauptete, ſie verſtände die Gärtnerei vielleicht beſſer als Herr Sonnenkamp, und wenn man noch dazu ſchreiben könnte, mit wie wenig Mitteln ſie das ge⸗ pflanzt und erhalten, bekäme ſie den erſten Preis auf der Ausſtellung und nicht die Herren mit ihren großen Treibhäuſern. Ablenkend ſagte Fräulein Milch zu Erich, es ſei hart für Roland, daß er nicht das rechte Vergnügen habe. „Nicht das rechte Vergnügen?“ lachte der Major. „Da hört einmal an!“ „Ja,“ ſetzte Fräulein Milch hinzu, und die Bänder und Maſchen an ihrer Haube nickten beiſtimmend mit, „er hat lauter Vergnügen, die Geld koſten, aber das ſind nicht die rechten; und wer durch die Welt blos ſpazieren fährt, wer nichts darin zu thun hat, der ſucht das Vergnügen vergebens.“ In dieſem Augenblicke ward ein geheimer Ver⸗ trauensbund geſchloſſen, ein Verſtändniß zwiſchen Erich und Fräulein Milch. Von Beiden bis zur Hausthüre geleitet, verließ Erich das Haus. Als man die Thür öffnete, ſprang ein braun⸗ und weißgefleckter Hühnerhund an den Major herauf. „So?“ rief der Major ſcheltend und liebkoſend dem Hunde zu.„Ci! wo iſt ſie wieder geweſen, ſie Land⸗ läuferin? Wer weiß wo? und derweil haben wir einen Gaſt im Hauſe... Du lernſt, ſo alt du biſt, keinen Anſtand und keine Ordnung. Schäm' dich... ſchäm' dich!“ So ſprach der Major zu ſeinem Hunde, der in der ganzen Gegend wohlbekannten Laadi; er hielt ſich eine 236 Hündin, weil mit einer Hündin die Hunde in den Dörfern niemals raufen. Als der Major und Crich den Garten verließen, ſagte der Major: „Sehen Sie einmal dieſe zwei Wachpoſten, die kurz gehaltenen Eſchenbäume an. Seit mehreren Jahren habe ich's beobachtet, der da links ſteht, hat immer um zehn bis elf Tage früher Blätter bekommen, als der da rechts. Nun trat einmal unverſehens wieder Froſt ein und da welkten die Blätter ab und er kümmerte den ganzen Sommer nur ſo hin; ſeitdem iſt er ge⸗ ſcheidt, er läßt den andern zuerſt Blätter kriegen und kommt dann nach. Sollte man nicht glauben, daß ſo ein Baum auch Verſtand hat? Ja, lieber Kamerad, es iſt Alles viel weiſer eingerichtet in der Welt, als wir wiſſen, und, ſehen Sie, ich bin doch penſionirt und habe nichts zu thun, aber ich habe ſo viel im Auge zu halten, daß der Tag oft zu kurz iſt. Nun leben Sie wohl und denken Sie, daß Sie auch bei uns da⸗ heim ſind.“ Als Erich die Abſchiedshand reichte, ſagte der Major: „Ich danke Ihnen. Ich hab' jetzt einen Menſchen mehr, den ich lieb haben kann, und das iſt doch das Beſte; das nährt und erhält jung und geſund.“ Schon war Erich mehrere Schritte fortgegangen, als der Major ihm nachrief, er möge anhalten. Er kam und ſagte: R „Ja, wegen Herrn Sonnenkamp noch... Laſſen Sie ſich nicht irre machen, Kamerad. Die profanen 237 Menſchen machen aus einem Glücklichen einen Götzen oder zerren an ihm herum. Herr Sonnenkamp iſt ein etwas rauhrindiger Mann, aber im Kern gut; und was die Vergangenheit angeht, wer kann ſeine ganze Vergangenheit loben? welcher Menſch kann das? Ich wenigſtens nicht und ich weiß auch keinen Andern. Ich bin nie ſchlecht geweſen und habe doch nicht immer ſo gelebt, wie ich jetzt wünſchen möchte. Aber genug, Sie ſind ja geſcheidter als ich.“ „Ich verſtehe das vollkommen,“ erwiderte Erich; „das amerikaniſche Leben ſcheint mir bei allem Kirchen⸗ gehen ein in höherem Sinne ſonntagsloſes Daſein; da iſt beſtändiges Arbeiten und Trachten nach Geldver⸗ dienen, nach ſonſt nichts. Wenn das nun Menſchen Jahrzehnte lang getrieben, verlieren ſie die Fähigkeit, wieder das Höhere in ſich zu gewinnen; ſie reden ſich ein, wenn ſie nur genug hätten— ach, wer nach Geld ſtrebt, bekommt nie genug!— ſie reden ſich ein, dann wollten ſie ſich dem Edleren widnmen. Wenn das nur dann noch möglich wäre! Herr Sonnenkamp nun hat ſich doch noch ein Ruheleben geſchaffen...“ „Recht ſo... recht ſo,“ beſtätigte der Major,„er hat ſich als Goldſucher viel im Schlamm herumtreiben müſſen, bis er zu dem großen Beſitzthum gekommen iſt... Ja, ja, ich bin ruhig... Sie ſind geſcheidter als ich.“ Mit heiterem Sinn kehrte Erich auf den Weg nach der Villa zurück. Plötzlich hörte er einen Wagen da⸗ herraſſeln, Clodwig und Bella riefen ihn an. 238 Sechstes Capitel. Am Tage als Erich Schloß Wolfsgarten verlaſſen hatte, fand ſich ein Gaſt dort ein; es war der Sohn des vornehmen Weinhändlers, des ſogenannten Wein⸗ grafen. Er kam jede Woche einmal, um mit dem Grafen Schach zu ſpielen. Er war ein junger Mann verlebten Weſens, der nicht wußte, was er in der Welt anfangen ſollte; am Geſchäfte des Vaters hatte er keine Freude, Geld hatte er genug, auch hatte er mancherlei gelernt: er muſicirte, er zeichnete, er hatte verſchiedene Talente, aber keines beherrſchte ihn. Alles war ihm überdrüſſig, die Neige Lebensluſt, die man noch mit Anſtand zu genießen hatte, erſchien ihm welk und ſchal. Warum auch in einen beſtimmt abgegrenz⸗ ten Beruf ſich begeben? Er war im Verwaltungsrathe mehrerer Eiſenbahnen; eine Zeit lang hatte es ihn ver— gnügt, da anzuordnen und zu regieren, von den Unter⸗ beamten in ſtrammer Haltung angehört und ehrerbietig begrüßt zu werden; aber auch das ward ihm läſtig. Reiſen bot auch nichts mehr, man hatte beſtändig eine Ueberfracht von Langerweile mitzuſchleppen. Er ſah verdroſſen in die Welt hinein, ſie hat nichts für ihn und er hat nichts in ihr zu thun. Ein einziges Talent hatte er ausgebildet und das war das Schachſpiel. Da auch Clodwig große Freude daran hatte, ſo kam er jede Woche einmal nach Wolfsgarten und ſpielte mit Clodwig; es gab ihm das zugleich ein beſonderes Anſehen. Er hatte auch einen großen Ruf bei allen Menſchen 239 der Umgegend, die ſich gleich ihm rühmen konnten, Wüſtlinge zu ſein und vor der Welt als Schönthuer zu erſcheinen. Er beſaß eine geheime Sammlung von Bildern in allen Formen und von allem Material, und man mußte ihm ſehr nahe ſtehen, wenn man ſich rühmen konnte, ſie bis auf die letzten geſehen zu haben. Natürlich war der Weincavalier vor der Welt ein höchſt anſtändiger Mann; noch nie hatte ihn Jemand be⸗ trunken geſehen. In Geſellſchaft der Bürgerlichen be⸗ nahm er ſich als der Herablaſſende, der noch ſo edel iſt, mit dieſen kleinen Leuten in Verkehr zu bleiben; man iſt das der alten Kameradſchaft ſchuldig. Landrichters Lina war nicht ſo einfältig wie die Mutter immer ſagte, denn ſie behauptete, der Wein⸗ cavalier ſei jenes verwandelte Männlein aus dem Mär⸗ chen, das ausgeht, um das Gruſeln zu lernen. Jedes Jahr friſchte ſich natürlich der Weincavalier in Toilette und Anekdoten und in Allem, was innere und äußere Mode erheiſcht, wieder durch einen länge⸗ ren Aufenthalt in Paris auf. Er ſprach nicht wie ſein Vater von ſeinem Freunde dem Geſandten**, dem Miniſter“* und dem Fürſten**, aber er ließ er⸗ kennen, daß er mit den berühmteſten Mitgliedern des Jockeyclubs in unzertrennlicher Gemeinſchaft lebte. Der Weincavalier hatte ſonſt noch einen kleinen Reiz darin gefunden, ſich zu ſchönen Höflichkeiten gegen die tugendſame Frau Bella zuſammenzunehmen, heut aber ſah ſie ihn immer an, wie wenn er gar nicht da wäre, als ob ſie nicht entfernt hörte, was er ſagte. Auch der Graf war zerſtreut und abweſend, er verlor 2⁴0 heute überraſchend ſchnell alle Partien, denn er ſah den Partner oft verwundert an, da er auf demſelben Stuhle ſaß, den Erich inne gehabt. Dem Weincavalier erſchien eine neue Hülfe, aber auch dieſe war heute wirkungslos. Ein wohlbeleibter, mit höchſter Sorgfalt gekleideter Mann traf auf Wolfs⸗ garten ein; es war ein ehemals berühmter Baſſiſt, der eine reiche Wittwe aus der nahen Handelsſtadt gehei— ratet und ſich hier in der ſchönen Gegend angeſiedelt hatte. Sonſt war er Bella willkommen, denn er ſang mit dem Reſte ſeiner Stimme noch immer ſehr wohl⸗ gefällig. Als er bemerkte, daß er heute nicht wie ſonſt begrüßt wurde, ſagte er, daß er nur zufällig vorſpreche. Das ärgerte Bella um ſo mehr; ſie liebte es nicht, daß man Wolfsgarten als zufälligen Beſuchspunkt an⸗ ſah. Als der Weincavalier und der Baſſiſt endlich davon gegangen waren, athmeten Bella und Clodwig neu auf. Mit geſchloſſener Lippe und unruhigem Auge, das etwas zu ſuchen ſchien, ging Clodwig durch Haus und Park. Bella wußte ihn endlich zum Reden zu bringen und Clodwig geſtand, daß ſich ihm ein Ideal ſeines Lebens zeige, daß er aber nicht den Muth habe, es zu erfüllen. Er machte eine Pauſe, denn er hoffte, daß Bella ihm ſagen würde, was er wünſche, aber Bella ſchwieg. Mit einem großen Umwege erklärte er nun, daß er Erich nicht in die abhängige Stellung ein⸗ treten laſſen dürfe, er ſolle eine Zeitlang auf Wolfs⸗ garten wohnen und dann eine wiſſenſchaftliche Reiſe machen. 2⁴¹ Die Oberlippe Bella's pulſirte und ſie ſagte: „Der Hauptmann...“ ſie wollte ſagen: der Haupt⸗ mann in Goethe's Wahlverwandtſchaften, und über dieſen Gedanken hinwegſtolpernd fuhr ſie fort:„Der Hauptmann.. ich meine, der Doctor dürfte ſich gewiß glücklich ſchätzen. Aber— wir können ja offen ſpre⸗ chen. Ich habe das Glück eines unantaſtbaren Namens, und wir fragen nicht, was die Leute ſagen... Glaubſt Du aber nicht, daß dieſer junge Mann... uns manch⸗ mal... wie ſoll ich ſagen...“ „Geniren würde?“ fiel Clodwig ein und widerlegte das Bedenken mit dem Vorhalte, wie es eine Unter⸗ jochung der Guten wäre, wenn dieſe ein Schönes unter⸗ laſſen müßten, weil die Schlimmen unter trügeriſchem Scheine eben das Schlimme thun. Nun redete Bella ihrem Manne zu, daß er ſofort einen Boten an Erich ſchicke, damit er ſich nicht binde. Clodwig drückte ihr die Hand und mit einem ſelten bemerkten elaſtiſchen Schritte ging er in ſein Arbeits⸗ zimmer. Dort ſchrieb er, aber er kam bald zu Bella und ſagte: er könne nicht ſchreiben, das Einfachſte ſei, man laſſe anſpannen und fahre ſelbſt nach Villa Eden. Clodwig vermied ſonſt jede unmittelbare Beziehung zu Sonnenkamp und deſſen Haus, ſoweit es bei der nahen Freundſchaft ſeines Schwagers möglich war, heute aber war davon keine Rede. Frau Bella ließ während der Fahrt oftmals den Schleier über ihr Geſicht fallen und hob ihn wieder in die Höhe; ſie war ſehr unruhig, denn ſie bedachte Vielerlei. Auerbach. Landhaus am Rhein 1. 16 2⁴² Es iſt eine unbegreifliche Laune, ein Spiel... nicht der Leidenſchaft,... wie konnte Bella von ſich ſo etwas bekennen? Es iſt das Spiel eines Dämons! Dieſer junge Mann mußte eine verwirrende Zauber⸗ macht haben! Bella haßte ihn, denn er hatte ihren Mann aus ſeiner Ruhe gebracht und verſuchte es nun auch mit ihr; er ängſtigte ſie. Das ſollte er büßen! Sie richtete ſich ſtolz auf; ſie war entſchloſſen, gerade durch ihre Mitreiſe den kindiſchen, überſchwänglichen Plan ihres Gatten zu zerſtören, und wenn Crich ihren Widerſpruch nicht merkt, offen mit ihm ſprechen und ihn dadurch zur Ablehnung bewegen. In dieſen Gedanken ſchaute ſie wieder fröhlich drein und Clodwig, der dies bemerkte, ſprach davon, wie man die Zimmer für Erich einrichte, und gab die neue Hausordnung. Er werde auch die Mutter Erichs zum Beſuch einladen. Es war ein Glück, daß Bella ſie von früherher kannte und hoch verehrte. Clodwig er⸗ zählte, daß die Dournays eigentlich von Adel ſeien, ſie hießen Dournay de Saint Mort und hätten den Adel nur bei Vertreibung der Hugenotten aus Frank⸗ reich abgelegt; er würde, falls Erich eine ſtandesgemäße Heirat machen wolle, dafür ſorgen, daß ſein Adel wieder erneuert werde, ja, er könne vielleicht noch mehr für ihn thun. Es überraſchte Bella immer wieder, daß ihr Mann die Dinge ſo ernſt nahm. Sie hatte ihn nicht be— trogen, als ſie in jenem Winter vor der Verlobung ſich als reife, den tieferen Ernſt des Lebens erkennende Natur dargeſtellt hatte, als ſie eine Theilnahme zeigte an den Kunſtgebilden des claſſiſchen Alterthums, an Wiſſenſchaften und allen höheren Anliegen des Lebens; ſie hatte ihn nicht getäuſcht, denn ſie hatte nie anders gedacht, als daß alle Menſchen dieſe Dinge als Gegen⸗ ſtände der Converſation, als Nippſachen betrachteten. Und was die Aufmerkſamkeit für die Culturgeſchichte der Vergangenheit und Gegenwart betraf, auch das ſchien ihr nach ſtillſchweigendem Uebereinkommen nur ein feiner Zeitvertreib. Mit Schrecken gewahrte ſie immer wieder, daß für ihren Mann die großen Gedanken in der That ſein Leben ausmachten, daß er ſich betrübte und erfreute bei allen Vorkommniſſen des Weltlebens, als wären das Familienereigniſſe— ja, daß er ſogar religiös war. Er ſprach nicht wie ſie vom lieben Gott, aber er konnte anbetend und ergriffen vor jedem Zeichen der ewigen göttlichen Ordnung ſtehen, und wo ſich ein Widerſpruch, ein Räthſel kundgab, war er bis zu einer gewiſſen Krankhaftigkeit fieberiſch aufgeregt. Bella geſtand ſich kaum, daß ihr das Alles ent⸗ ſetzlich pedantiſch, predigerhaft und profeſſorenmäßig erſchien; ſie hatte nicht gewußt, daß ſie ſtatt eines Lebemannes einen pedantiſchen Profeſſor geheiratet. Aber, eingeſtanden oder nicht, dieſe ganze Pflege eines ſogenannten höheren Intereſſes war ihr langweilig. Alles ſpielt doch nur ſeine Rolle im Leben, wer wird Ernſt daraus machen? Das mögen die armen Teufel von Gelehrten und Weltbeglückern thun, aber nicht ein Mann von höherer Stellung. Jetzt zeigte ſich alſo wieder, daß Clodwig ein geordnetes, freilich langweilig, aber ſtill und ehrenhaft dahinfließendes Leben plötzlich durch Hereinziehen eines fremden Menſchen ſtören konnte. Es war ſchwarze Verleumdung, wenn man Bella nachſagte, daß ſie den Grafen geheiratet habe in der Hoffnung, bald eine reiche, anziehende Wittwe zu ſein. Der alte Oberſtſtallmeiſter hatte nur für eine gute Ver⸗ ſchreibung geſorgt und vom Erträgniß des großen Gutes legte man jährlich eine anſehnliche Summe zurück, die den Majoratserben von der Seitenlinie nicht zufiel. Es war, wie geſagt, ſchwarze Verleumdung, daß Bella mit Wittwenhoffnung vor den Altar getreten ſei, aber zu ihrem Schrecken— ſie vergrub es in ſich, ſo oft ſie deſſen inne wurde— ſah ſie ſich vor der Zeit altern an der Seite des Mannes, der den Jahren nach ihr Vater ſein konnte. Und wer weiß, wie viel Geld Clodwig auf dieſen abenteuerlichen Dournay verwenden wird, der in keinem Berufe aushält und dazu noch mißliebig am Hofe iſt. Das Schlimmſte aber iſt, daß dieſer junge Mann ihr den Gatten noch ganz entziehen wird. Sie werden mit einander ſtudiren, Ausgrabungen machen und derweil wirſt Du allein ſitzen, Du, das jugendlich friſche Herz, das ſo edel, ſo treu, ſo ſelbſtvergeſſen ſich der Pflege des alten Mannes gewidmet hat! Bella war tief ingrimmig auf Erich. Der Wagen rollte weiter. Erich hörte ſich anrufen und wurde von den Beiden herzlich begrüßt. Er mußte ſich in den Wagen ſetzen und ein Blick Clodwigs auf ſeine Frau ſagte ihr: Haſt Du je ein edleres Menſchen⸗ bild geſehen? 2⁴⁵5 Erich wurde gefragt, ob er bereits die Stelle feſt angenommen, und als er verneinte, reichte ihm Clod⸗ wig die Hand. Man konnte nicht weiter ſprechen, denn ſo eben kam Herr Sonnenkamp auf ſeinem Rappen daher ge⸗ trabt. Er war hoch erfreut, ſolche Gäſte zu begrüßen; nur war er verwundert, Erich ſo vertraulich hier zu ſehen. Er ritt neben dem Kutſchenſchlag her und mit großer Ehrerbietung hieß er die Gäſte auf der Villa willkommen. Kaum war man abgeſtiegen, als noch ein Wagen in den Hof fuhr; der Doctor ſtieg aus. Siebentes Capitel. Herr Sonnenkamp bot Bella den Arm, ſie drehte den Kopf langſam und willfahrte, Clodwig ſollte ſehen, welch ein Opfer ſie bringe; ihre Hand ruhte leicht im Arme Sonnenkamps; auf den erſten Treppenſtufen blieb ſie ſtehen, denn an einem im Freiland erzogenen Roſen⸗ ſtocke war bereits eine aufgeblühte Centifolie in voller Pracht. Herr Sonnenkamp eilte, dieſelbe für ſie abzubrechen, und indem er ſie darbot, ſagte er: „Dieſe Roſe iſt nicht Ihre Schweſter. Die Herren Dichter machen viel Roſenlügen.“ Bella ſah ihn fragend an und er erklärte, daß die Centifolie, wenn ſie geblüht habe, ſich ein Jahr aus⸗ ruhe, Bella aber— Sie ließ ihn nicht ausreden und dankte ſehr ver⸗ bindlich, ſie that, als ob ſie den dargebotenen Arm nicht mehr bemerkte. Man ging ſofort nach den Ge⸗ wächshäuſern. Joſeph, der immer wie gerufen zu rechter Zeit ſich ſehen ließ, erhielt von ſeinem Herrn den Auftrag, Fräulein Perini und Frau Ceres die An⸗ kunft des Beſuches zu melden. Bella ließ ſich von Sonnenkamp noch mehr von der Eigenſinnigkeit der Centifolie erzählen, die durch keine Kunſt im December zum Blühen gebracht werden könne, alle anderen Blumen ließen ſich verzögern und treiben, nur die Centifolie widerſtrebe der Menſchengewalt. Bella hörte die Mittheilungen Sonnenkamps mit großer Aufmerkſamkeit an. Der Doctor war zu Frau Ceres gerufen worden, aber als dieſe vernahm, welche Gäſte angekommen ſeien, erklärte ſie ſich ſofort wieder geſund; ſie war verſchlagen genug, dem Doctor zu betheuern, daß ſeine bloße An⸗ weſenheit ſie geſund mache. Doctor Richard verſtand. Unterdeß hatte Clodwig zu Erich geſagt: „Sie bleiben nicht hier. Ich laſſe Sie nicht.“ Er ſtieß die Worte kurz und haſtig heraus wie ein längſt Vorbereitetes, das man im Augenblick der Kund⸗ gebung bedrängt und tonlos vorbringt. Roland kam eben mit dem Feldſtuhl und Zeichen⸗ brett den Berg herab, Bella grüßte ihn ſchon von ferne überaus freundlich. „Wie ſchön er iſt!“ ſagte ſie zu den Umſtehenden. „Wer dies Bild feſthalten könnte, wie der Knabe daher kommt! Verwandelt man Feldſtuhl und Mappe in Speer 2⁴7 und Schild, ſo hat man ein Bild aus der griechiſchen Welt.“ Bella bemerkte den Blick Erichs und ſie ſagte zu ihm: „Ja, Herr Doctor, ich habe einem Künſtler in der Reſidenz einmal den Plan gegeben, eine Scene zu malen, wie ich Roland ſah: er war über den Weg geſprungen und hatte einem auf dem Steinhaufen ſitzen⸗ den Straßenbettler eine Gabe in den Hut geworfen, und wie er nun über die Straße zurückſprang, ſo ſchlank, ſo behend, jede Muskel geſpannt und das Ge⸗ ſicht von der Wohlthätigkeit her ſo glückſelig überſtrahlt — es war ein unvergeßlicher Anblick.“ Clodwig ſah zur Erde; Bella wußte wahrſcheinlich nicht mehr, daß nicht ſie, ſondern daß er Roland ſo geſehen und einem Künſtler den Vorſchlag gemacht hatte. Roland trat näher und Bella ſagte:„Wenn der Herr Hauptmann bei uns bleibt, müſſen Sie uns auch oft beſuchen, lieber Roland.“ Sonnenkamp wußte nicht, was das bedeuten ſollte, aber Roland ſchien ſofort die Gefahr aufzugehen, daß ihm Erich entzogen würde. Und jetzt wurde Erich klar, was man mit ihm vorhatte, jetzt erſt verſtand er, was durch die Ankunft Sonnenkamps beim Wagen unter⸗ brochen wurde. Man warf nur einen kurzen Blick in die Gewächs⸗ häuſer, denn Bella ſagte, wenn es draußen grüne und blühe, hätten die Pflanzengefängniſſe für ſie etwas Be⸗ klemmendes. Fräulein Perini erſchien bald mit der Nachricht, daß Frau Ceres die Gäſte empfangen wolle. Bella und Fräulein Perini hatten ſich von den Männern getrennt, ſie hatten viel mit einander zu ſprechen und natürlich war Erich der erſte Gegenſtand. „Wie urtheilen Sie über Herrn Dournay?“ fragte Bella. „Ich habe kein Urtheil über ihn.“ „Warum?“ „Ich bin nicht unbefangen, er gehört nicht zu unſerer Kirche.“ „Denken Sie ſich ihn von unſerer Kirche, wie würden Sie ihn dann betrachten?“ „Er iſt gar nicht ſo zu denken. So könnte kein Mann ſein, der ſich unter das göttliche Geſetz beugt. Herr Baron von Prancken ſagt: der Mann kutſchirt auf einem unſichtbaren Katheder in der Welt umher.“ Beide Frauen lachten. Bella wußte genug. Sehr behutſam ſuchte ſie Fräu⸗ lein Perini darin zu beſtärken, ihren Einfluß gegen die Aufnahme eines auf ſeine Glaubensloſigkeit ſtolzen Mannes geltend zu machen. Fräulein Perini hielt ihr Kreuz mit der linken Hand und ſchaute etwas ſchelmiſch nach Bella. Alſo die Gräfin will ihn nicht hier haben. Macht ſie vielleicht eine feine Intrigue gegen ihren Mann, ihn in ihr eigen Haus zu bringen? Nicht ohne Schadenfreude wies ſie darauf hin, daß Herr von Prancken, der Alles das veranlaßt habe, auch die ent⸗ ſprechende Löſung geben müſſe. Bella gab zu verſtehen, daß Erich vielleicht auch nach anderer Seite hin unbe⸗ quem ſei; und hier zum dritten Male wurde das Wort laut, daß Erich ein gefährlicher Menſch ſei. Fräulein 2⁴9 Perini hatte es ausgeſprochen, ſie hatte damit ſowohl Prancken als Bella im Auge, denn die beſondere Auf⸗ regung Bella's war ihrem ruhig ſcharfen Blicke nicht entgangen. Schnell, und um zu verbergen, daß ſie richtig ge⸗ zielt habe, ſetzte ſie indeß hinzu, daß ein Mann wie Otto von Pranken gewiß Niemand zu fürchten habe. Sie ſprach mit theilnahmvollem Eifer über die Reiſe Pranckens; dieſe ſei vielleicht eine Unvorſichtigkeit, aber man müſſe ſchließlich das ſtürmiſch jugendliche Herz walten laſſen und es brächte oft beſſer als jede Be⸗ dachtſamkeit und Beſonnenheit die nothwendige Ent⸗ ſcheidung. Nur ſehr andeutend ſprach Fräulein Perini und ebenſo andeutend erwiderte Bella, daß ſie ein gegen die Geſellſchaftsordnung anſtrebendes Begehren Pranckens zwar mißbillige, ſolches aber, wenn auch mit Aengſt⸗ lichkeit, doch gewähren laſſe. Nochmals kehrte das Geſpräch auf Erich zurück und Bella war jetzt überaus wohlwollend. Sie hatte Mit⸗ leid mit der alten Mutter Erichs und behauptete, er kehre einen Stolz heraus, um damit die dienende Ab⸗ hängigkeit zu verdecken. Ein Höherziehen der Augen⸗ lider ließ eine leiſe Verletzung Fräulein Perini's be⸗ merken und raſch ſetzte Bella hinzu, daß nur eigentlich fromme Naturen ſich von der Abhängigkeit nicht be⸗ drückt fühlen; denn ſie ſeien an ſich höher geſtellt, ja, durch die Frömmigkeit gleichgeſtellt einem Jeg⸗ lichen. Fräulein Perini lächelte; ſie verſtand, mit welcher Gunſt ſie von Bella behandelt wurde, und es hätte nicht eines freundſchaftlichen Händedrucks bedurft, um ihr ſolches zu Gemüthe zu führen. Ein Diener kam und meldete, daß Frau Ceres die gnädige Gräfin im Balconſaale erwarte, ſie dürfe nach Vorſchrift des Arztes noch nicht wagen, ins Freie zu gehen. Fräulein Perini geleitete Bella bis an die Frei⸗ treppe. Als ſie dort eine ſehr höfliche Verbeugung machte, faßte Bella ihre beiden Hände mit offenbarer Herzlichkeit und ſagte, ſolch eine Freundin wie Fräu⸗ lein Perini wünſche ſie ſich zum täglichen Umgange. Sie bat dringend, ihr recht bald die Ehre eines Be— ſuches zu geben. Nachdem Bella rauſchend davongegangen, krallte Fräulein Perini ihre kleinen Hände wie eine Katze, die ſtill gelauert und etwas erhaſcht hat; höhniſch er⸗ weiterte ſich ihr Auge, das ſonſt immer ſo verhüllt war. „Ihr ſeid Alle betrogen!“ ſprach ihr kleiner Mund fäſtt laut Frau Ceres klagte über beſtändiges Leiden und Bella tröſtete, daß ſie ja alles nur zu Wünſchende und noch dazu ſo herrliche Kinder habe. Sie wußte nicht, was ſie mehr rühmen ſollte, das bezaubernde Weſen Rolands oder das Manna's. Bella kam ſelten in das Haus Sonnenkamps, aber wenn ſie dahin kam, wurde ſie ſtets von einer Leiden⸗ ſchaft befallen, die vielleicht vorzugsweiſe eine Frauen⸗ leidenſchaft iſt. Sie lebte doch auf Wolfsgarten in einer Fülle, die nichts zu wünſchen übrig ließ, aber ſobald ſie durch das Gitter von Villa Eden einfuhr, kam ein Dämon über ſie, und der Dämon hieß: Neid — Neid über dieſe von Ueberfluß ſtrotzende, nicht mit morſchem Trödel ſich ſchleppende, ſondern ganz neu ge⸗ ſchaffene Exiſtenz. Wenn ſie an Frau Ceres dachte, flimmerte es ihr ſtets ſtechend vor den Augen, denn ſie ſah dabei den wunderbaren Brillantſchmuck der Frau Ceres, wie ſolchen ſelbſt die regierende Fürſtin nicht beſaß. Jetzt war ſie überaus holdſelig und herablaſſend gegen Frau Ceres, und ſie gefiel ſich in dieſer Herab⸗ laſſung. Alles können dieſe Menſchen kaufen, aber einen erhabenen, hiſtoriſch glänzenden Namen nicht. Gelingt auch das Vorhaben Otto's, es iſt doch nur ein Zudecken der Niedrigkeit mit einem neuen Firniß, der immer bittet: berühre mich nicht, ſonſt löſe ich mich ab. Auch hier war Erich vornehmlich Gegenſtand des Geſprächs und Bella drückte die Roſe an ihren Mund, um ihr Lachen zu verbergen, da Frau Ceres ſagte: „Ich möchte den Herrn Hauptmann für mich haben.“ „Für Sie?“ „Ja. Aber ich glaube, ich kann nichts mehr ler— nen, ich bin zu alt und zu dumm... Er hat mich gar nichts lernen laſſen.“ Bella beſtritt dieſe Beſcheidenheit ſehr eifrig. War Frau Ceres nicht ſchön und jung? Man könnte ſie ja für die Schweſter Rolands halten. War ſie nicht klug und von feiner Haltung? Frau Ceres lächelte, ſie ſchien zu glauben, daß dies Alles wahr ſei. Nun aber bat Bella, ſich beurlauben zu dürfen, da ſie die zarte Organiſation der Frau Sonnenkamp ſchonen wolle. 252 Frau Ceres ſah bei dieſen Worten zagend um, ſie wußte nicht, ob das ein Lob oder ein Tadel iſt. Bella verabſchiedete ſich und küßte Frau Ceres auf die Stirn. Herr Sonnenkamp hatte den Grafen und Erich ver⸗ laſſen; er hatte noch vieles im Hauſe anzuordnen, auch waren Briefe und Depeſchen eingetroffen, die ſofortige Beantwortung erheiſchten. Er ſchickte nach dem Major, daß er ebenfalls zu Tiſche käme, und gab den Auftrag, wenn er nicht zu Hauſe ſei, möge man ihn auf der Burg aufſuchen. Clodwig war mit Roland und Erich gegangen, und ohne daß ſie es wußten, waren die beiden Män⸗ ner bald in ein Geſpräch gerathen, wobei ſie Rolands ganz vergaßen. Dieſer ſaß ſtumm da und ſchaute bald den Einen, bald den Andern an; er verſtand nicht, was ſie ſprachen, aber er mochte fühlen, wie wohl es ihnen dabei war, und als endlich Clodwig ſich auf ſein Zimmer zurückzog, faßte Roland die Hand Erichs und rief: „Ich will auch lernen, ich will auch ſtudiren, Alles, was Du willſt; ich will auch ſo ſein wie Du und Graf Clodwig.“ Achtes Capitel. Der Major kam, er war ſehr erfreut, Clodwig und Bella hier zu treffen; jedes freundliche Benehmen der Menſchen war ihm ein Labſal, es beſtätigte ſeine Behauptung, daß alle Menſchen unendlich gut ſeien. Er war Clodwig und Bella dankbar, als ob ſie ihm etwas erzeigt hätten. Erich reichte er die Hand wie einem Sohne, und jetzt klagte er ihm mit einem Tone, wie ein Kind, das genaſcht hat, er habe ſich verfüh⸗ ren laſſen. Er habe einmal genau erforſchen wollen, ob die Arbeiter auf der Burg ſich auch gut nähren, er habe von ihren Speiſen verſucht und unverſehens habe es ihm ſo gut geſchmeckt, daß er ſich ganz ſatt gegeſſen. Erich tröſtete, daß die feinen Speiſen doch vielleicht noch Unterkommen fänden. Der Major nickte; er ſagte zu Joſeph nur das kurze Wort: „Allaſch!“ Joſeph verſtand. Auf einem Seitentiſche ſchenkte er aus einer von kleinen Gläschen umkreiſten Flaſche ein; der Major trank den Appetit reizenden Trank. „Das iſt ein Quartiermacher,“ nickte er dann zu Erich. Sein ganzes Geſicht lachte, als Erich er⸗ widerte: „Der Geiſt befiehlt der gemeinen Maſſe, Platz zu machen.“ Frau Ceres kam nicht zu Tiſche. Kaum hatte man ſich geſetzt, als der Arzt abgerufen wurde; er ſtand ſofort auf. Die Tafel ſchien geſtört, denn der Arzt, der ſicher und friſch die Unterhaltung geführt, hatte durch ſeine Entfernung eine Lücke gemacht. Wie man äußerlich zuſammenrücken mußte, um dieſe Lücke nicht ſichtbar 254 werden zu laſſen, ſo ſchien man auch innerlich erſt wieder neu zuſammenrücken zu müſſen. „Herr Sonnenkamp,“ begann der Major, und wurde wieder wie immer blutroth im Geſichte, da er vor vielen Menſchen zu ſprechen hatte...„Herr Sonnenkamp, in der Zeitung ſteht, daß Sie bald viel Beſuch bekommen.“ „Ich? In der Zeitung?“ „Ja. Es iſt gerade nicht ſo geſagt, aber ich meine ſo. Da heißt es, daß bei dem koſtſpieligen Leben in Amerika jetzt eine Auswanderung vor ſich gehe und viele Familien aus der neuen Welt nach Europa kommen, weil ſich's bei uns billiger und ſchöner lebt.“ Der Major trank nach dieſer Rede mit großem Be⸗ hagen ein Glas ſeines Lieblingsburgunders auf einen Zug. Leichthin entgegnete Sonnenkamp, daß ſich viel⸗ leicht dadurch ein ähnliches Vorurtheil gegen die Ame⸗ rikaner feſtſetze, wie ſolches gegen die reiſenden Eng⸗ länder beſteht. In das Antlitz Sonnenkamps trat indeß ein Freuden⸗ glanz, da Clodwig ſagte, wie er nur billigen könne, daß Herr Sonnenkamp ſich hier ſtaatlich heimiſch mache; denn Amerika bringe uns eine neue Art verderblicher Weltbürger: da wandern Deutſche nach Amerika aus, erwerben ſich Beſitzthümer und kommen nach Jahren mit Familie wieder nach Deutſchland zurück und ſagen ſich und ihren Kindern mit einem gewiſſen ſelbſtgefälligen Stolze: uns geht Gemeinde und Staat hier nichts an. Bella hatte die Art— und da ſie dieſelbe hatte, mußte es gute Lebensart ſein— ſobald ſie nicht das Geſpräch lenkte, führte ſie ſogar im kleinen Kreiſe, wo es doch ſtörend auffiel, ein Zwiegeſpräch mit ihrem Nachbar und ließ ihn nicht in den allgemeinen Strom der Unterhaltung entweichen. So hielt ſie ſich heute an Fräulein Perini im lebhaften italieniſchen Zwiegeſpräch. Sonnenkamp nahm die Darlegung Clodwigs ſehr freundlich auf. Er machte ſich luſtig über das Gerede, weßhalb er die Burg wieder aufbaue. Da ſage man, er wolle in Bädekers Reiſehandbuch ſtehen, damit die Leute an ſchönen Sommertagen, wenn ſie ſtromauf und ſtromab fahren, ſich das Schloß zeigen und gelangweilte Eng⸗ länder mit dem Finger auf der Zeile ihres Buches offenen Mundes eine Weile dreingaffen; ihn aber be⸗ ſtimme zunächſt ein äſthetiſches Intereſſe. Er wolle durch Aufbau der Burg für die Ausſicht aus ſeinem Arbeitszimmer einen harmoniſchen Abſchluß gewinnen, ſodann aber möchte er etwas zur Schönheit des deut⸗ ſchen Vaterlandes beitragen. Es hatte immer einen ſonderbaren Beigeſchmack, wenn Sonnenkamp die Worte„deutſches Vaterland“ ausſprach; man hätte etwas wie ingrimmigen Haß darin finden können, und doch klang es mehr mit— leidsvoll und barmherzig. Sonnenkamp wußte, daß Clodwig vor Allem ein Patriot war, und er ſchlug gern dieſe Saite an. Erich ſchaute auf Roland, ob dieſer wohl die Heuchelei erkenne, denn noch am Sonn⸗ tag hatte ja Sonnenkamp bei Gelegenheit des Geſprächs über die Wahlen ſo fremd und verächtlich geſprochen; aber die Mienen Rolands waren ruhig. Clodwig bat nochmals, daß man jede Spur rö⸗ miſcher Alterthümer ihm melden möge. Sonnenkamp verſprach's bereitwillig und verbreitete ſich weiter über eine Seltſamkeit, die man ihm andichte— und doch hatte ſie ihm Niemand angedichtet, vielmehr hatte er ſelbſt in Gemeinſchaft mit Prancken die Sage verbreitet — daß er den Namen des Schloſſes, deſſen Geſchlecht längſt ausgeſtorben, auf ſich übertragen laſſen wolle. Leichthin ſprach er davon, daß man das Wappen derer von Lichtenburg, das er gerne über der Pforte des neu erbauten Schloſſes wieder anbringen möchte, nicht genau kenne. Clodwig, der bei all ſeinem Freiſinn einen gewiſſen Stolz darein ſetzte, die Genealogie aller Fürſten⸗ und Adelsgeſchlechter und deren Wappen zu kennen, behauptete, das Wappen der Lichtenburg be⸗ ſtehe in einem Mohrenkopf auf blauem Grund im linken Felde und einer Wage im rechten. Das Geſchlecht habe in den Kreuzzügen ſich hervorgethan und dann ein höheres Richteramt im Reiche bekleidet. Sonnenkamp lächelte ſehr freundlich, faſt grinſend, und bat, daß der Herr Graf ihm ſobald als möglich eine Zeichnung zukommen laſſe. Reuntes Capitel. Wie zufällig fügte es ſich, daß Erich und Bella mit einander gingen. Sie machte einen leiſen Verſuch nach zwei Seiten hin, indem ſie ſagte, ſie bewundere Erich, wie er ihren guten Mann ſo intim verſtehe, denn es ſei nicht ſo leicht, als es den Anſchein habe, mit ihm zu leben. Sie ſprach ſehr überſchwänglich von Clodwig und wie glücklich ſie ſei, etwas zur Con⸗ ſervirung einer erhabenen Seele zu thun und dabei gar keinen Anſpruch für ſich zu erheben; es ſei ſo ſchön, ſich zu opfern, ſtill, unerkannt und ungenannt zu dienen. Sie bat Erich, ihr recht beizuſtehen, Clodwig ſeinen Lebensabend vollauf glücklich zu machen; ſie hatte dabei einen Herzton, der nicht zu verkennen war. Erich ſprach ſein Bedenken aus, ob es wohlgethan ſei, eine ſo friedſame Exiſtenz durch Einführung eines Dritten zu ſtören. Bella ſah ihn durchdringend an, ihr Fächer entfiel ihr, und als Erich ihn aufhob, reichte ſie ihm die Hand zum Dank. Mit vielem Geſchick, ja faſt mit Zierlichkeit und doch mit eigenthümlicher Bewegung, wobei ihre Bruſt ſich hob und ſenkte, pries ſie das Glück, ſich einem edlen Menſchen zu widmen und einen Freund zu haben, von dem man ganz verſtanden werde. Erich ſchwieg. Bella war bisher noch unentſchieden geweſen, ob ſie die Aufnahme Erichs in ihr Haus begünſtigen oder verhindern ſollte. Jetzt war ſie entſchieden. Dieſer Mann war in jeder Weiſe unbequem; hul⸗ digte er ihr, ſo war das peinlich und beunruhigend, blieb er zurückhaltend, ſo war er beſtändig ein Gegen⸗ ſtand der Reizung. Auerbach. Landhaus am Rhein. I. 17 Es war nicht ſo leicht zu beſtimmen, ob Bella ihren Gatten liebte, das aber war unbezweifelbar, ſie war eiferſüchtig auf Jeden, dem er eine Freundlichkeit zu⸗ wendete; er ſprach lieber und ausführlicher mit Anderen als mit ihr. Daß ſie ihn durch Widerſpruch, durch beſtändigen Gegenſatz in ſich zurück geſcheucht hatte, das fiel ihr nicht ein, oder ſie läugnete es ab. Alle Menſchen, ſogar Herr Sonnenkamp, waren entzückt von ihrer Friſche, ihrem Muthwillen und ihrem Geiſte. Warum war es Clodwig nicht oder doch nicht allzeit? Zur Strafe und damit er zur Beſinnung käme, ſollte er Niemand haben, dem er ſich anſchließen und ausſprechen konnte. „Da kommt er!“ rief Bella plötzlich.„Er hat die Eigenheit, keinen Stock zu nehmen, und doch bedürfte er deſſen; er hat noch vor Kurzem einen Anfall von Schwindel gehabt.“ Sie ging ihrem Manne entgegen. Unter einer ſchönen Ceder, wo zierliche Sitze angebracht waren, ließ Clodwig ſich nieder; Erich und Bella ſtanden vor ihm, Bella ſtützte die eine Hand an den Stuhl ihres Gatten. Und nun legte Clodwig den ganzen Plan dar. Mit bewegter Stimme ſprach Erich ſeinen Dank aus und wie es ihn freue, daß ihm etwas ſo Lockendes geboten ſei; wie er ſich aber da verpflichtet fühle, wo ſein Herz entſchieden habe. In der Erziehung Rolands ſei ihm eine große, ſchwere Aufgabe geſtellt, und daß ihm nun ein anderes ſo lockendes Leben geboten werde, befeſtige ihm die Zuverſicht, daß er das Rechte ge— wählt, das Pflichtmäßige. f Eine Weile ſenkte Clodwig den Blick, Bella nahm die Hand vom Stuhl und richtete ſich auf. Als Erich ſeine Freude an Roland ſchilderte, den geheimnißvoll beglückenden Zug zu demſelben, ja ſogar zu ſeinen Fehlern, da lächelte Clodwig in die Zweige hinein. „Dort geht der Doctor,“ rief er;„wollen Sie einen Dritten zur Entſcheidung nehmen?“ „Die Entſcheidung,“ entgegnete Erich,“„ſo ſchwer ſie mir auch wird, kann nur ich allein geben.“ Mühſam ſich erhebend, ſagte Clodwig: „Junger Freund, geben Sie mir Ihren Arm.“ Er ſtand auf und führte ſich an Erich, ſein Arm ruhte ſchwer und zitternd in dem Erichs. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„ich meine, ich wäre gar nicht der Mann, der ſchon ſo viel erlebt hat; ich mache heut eine bittere Erfahrung. Iſt es das Alter, das mir die Entſagung ſo ſchwer macht? Ich habe es doch gelernt. Ja, ja, man wird kindiſch... ein Kind kann nicht entſagen.“ Er lehnte ſich feſter an Erich, der im Innerſten zitterte, da er den edlen Mann ſo erſchüttert ſah. Haſtig die Hand aus Erichs Arm löſend, fuhr Clodwig fort: „Junger Freund, wenn ich ſterbe, dann...“ Kaum hatte er das Wort geſagt, als er umſank; Erich fing ihn noch mit den Armen auf. Ein Schrei von Bella, ein Herzueilen des Arztes, ein Niederbeugen Erichs, Clodwig aufnehmen und ihn in den Armen tragen wie ein Kind, das Alles war die That eines Augenblicks. Clodwig wurde in den Saal gebracht und dort auf ein Sopha niedergelegt. Bella jammerte laut, der Arzt beruhigte ſie. Er wendete belebende Mittel an, mit denen er den Kranken ſchnell wieder zur Beſinnung brachte; er bat Bella und Erich, das Zimmer zu ver—⸗ laſſen, nachdem Clodwig einige Worte geſprochen hatte. Bella klagte Erich, daß Doctor Richard ihren Mann nicht verſtehe; ſie hatte bittere Worte, und es ließ ſich nicht entſcheiden, haßte ſie nur den Doctor oder die ganze mediciniſche Wiſſenſchaft, die ſich ſo geheimniß⸗ voll hielt. Der Doctor kam bald wieder und erklärte, daß es nur ein höchſt unbedeutender Anfall geweſen; Clodwig bitte, daß Erich bei ihm eintrete. Erich ging in den Saal. Clodwig ſaß aufrecht, er reichte Erich die Hand und ſagte mit verklärtem Lächeln: „Ich muß doch meinen Satz vollenden. Ich wollte ſagen: wenn ich ſterbe, dann wünſche ich, daß Sie bei mir ſein möchten. Aber beruhigen Sie ſich, das hat noch gute Zeit. So, jetzt ſetzen Sie ſich zu mir. Wo iſt meine Frau?“ Erich ging, ſie hereinzurufen. Sie kam mit dem Arzte und Sonnenkamp. Der Arzt geſtattete nicht nur, ſondern wünſchte ausdrücklich, daß Bella und Clodwig ſofort nach Wolfs⸗ garten zurückkehren. Sonnenkamp ſprach den Wunſch aus, daß die edlen Gäſte bei ihm blieben. „Erlauben Sie, daß Herr Dournay uns begleite?“ fragte Clodwig. 261 Sonnenkamp ſtutzte, aber ſich ſchnell faſſend er⸗ widerte er: „Ich habe dem Herrn Hauptmann nichts zu erlauben, aber wenn Sie zur Abreiſe entſchloſſen ſind, möchte ich ihn bitten, Sie zu begleiten mit dem Verſprechen, daß er wieder zu uns zurückkehre.“ „Und Sie begleiten uns auch!“ bat Clodwig den Arzt. Auch dieſer willigte ein. So fuhren ſie nun durch die linde Frühlingsnacht dahin, es wurde wenig geſprochen. Erich und der Arzt übernachteten auf Wolfsgarten. Der Arzt ſchickte ſich ſchon am frühen Morgen zur Abreiſe an, er weckte Erich, der noch feſt ſchlief, und ſagte: „Herr Doctor, bleiben Sie heute noch hier, aber nicht länger.“ Erich ſah ihn mit großen Augen an. „Haben Sie mich verſtanden?“ „Da „Nun ſo leben Sie wohl.“ Wieder war Erich einen ganzen Tag auf Wolfs⸗ garten. Clodwig war ſo heiter und klar als je, Bella hatte ein ſcheues, faſt furchtſames Benehmen gegen Erich. Am Abend kam Sonnenkamp mit Roland angefahren. Erich kehrte mit ihnen nach Villa Eden zurück und alles Blut ſtieg ihm ins Antlitz, da Sonnenkamp, ihn ſcharf fixirend, ſagte: „Gräfin Bella wird eine ſchöne Wittwe.“ Am Abende des nächſten Tages fand ſich der Arzt wieder auf Villa Eden ein, er war nochmals auf Wolfs⸗ garten geweſen und brachte guten Bericht. Er nahm Erich beiſeite und ſagte: „Sie haben mir vertraut, daß Sie eine Entſchei⸗ dung bei Herrn Sonnenkamp jetzt perſönlich weder er⸗ warten, noch annehmen; ich billige das, Sie werden beiderſeits in der Entfernung klar. Und ſo rathe ich Ihnen, verlaſſen Sie das Haus; jede Stunde, die Sie länger bleiben, iſt ein Verderben für Sie. „Mein Verderben?“ Der Arzt lächelte und ſagte: „Ja, junger Freund, dieſe Darſtellung Ihres Weſens...“ Er machte eine Pauſe und fuhr dann fort:„Kein Menſch erſcheint eine Woche lang auf Parade, ohne Schädigung davonzutragen. Sie müſſen fort! Sie haben genug geprüft und ſind genug geprüft worden.— Kommen Sie mit mir, Sie übernachten bei mir, kehren morgen zu Ihrer Mutter zurück und warten dort ruhig das Weitere ab.“ „Aber Roland?“ fragte Erich.„Wie laſſe ich den Knaben zurück? Sein Herz hat ſich mir zugewendet wie das meine ihm.“ „Gut, ſehr gut. So ſoll er warten, ſich nach Ihnen ſehnen; er ſoll lernen, daß die Reichen nicht Alles gleich haben können. Er ſoll um Sie werben, wenn es doch ſein muß. Laſſen Sie in dieſer Stunde mich für Sie handeln.“ „Hier meine Hand, ich reiſe mit Ihnen!“ erwiderte Erich. Im Hauſe war Alles voll Staunen, da es plötzlich 263 hieß, Erich reiſe ab, und kaum war eine Stunde vor⸗ über, als er mit dem Arzte in den Wagen ſtieg. Erich war froh, daß der Abſchied von Roland ein übereilter war. Der Knabe konnte nicht begreifen, was vorging; er konnte vor Bewegung nicht ſprechen. Als Erich ſchon im Wagen des Doctors ſaß, kam Roland mit einem ſeiner jungen Hunde und legte ihn auf den Schoß Erichs; der Doctor aber gab den Hund zurück mit dem Bedeuten, er könne ihn jetzt nicht mitnehmen, der Hund ſei noch zu jung, man möge ihn bei der Mutter laſſen, er wolle ſpäter dafür ſorgen, daß Crich ihn bekäme. Roland ſchaute den Davonfahrenden lange nach. In der Seele des Knaben wirrte ſich Alles durch⸗ einander, was er in den wenigen Tagen ſeit Erichs Anweſenheit erlebt hatte; im elterlichen Hauſe verwaiſt, in der Fremde erſchien er ſich. Er faßte den jungen Hund an der Genickhaut und wollte ihn von ſich ſchleu— dern, aber der Hund winſelte ſo erbarmungswürdig, und plötzlich drückte er ihn an die Bruſt und ſagte: „Sei ruhig, es geſchieht dir nichts. Ich winfle nicht, jetzt winſle du auch nicht. Er hat uns Beide nicht gewollt.“ Roland brachte den Hund zurück und die Hündin ſchien ſehr erfreut, ihren Sprößling wiederzuſehen. „Ich gehe auch zu meiner Mutter,“ ſagte Roland. Er mußte ſich aber erſt anmelden laſſen. Sie ließ ihn vor ſich kommen, und als der Knabe ſeiner Mutter klagte, daß Erich ſo plötzlich davon⸗ gegangen, ſagte ſie: 26⁴ Das iſt recht; ich habe es ihm gerathen.“ Du?... Warum?“ „D „Mit Deinem dummen Warum? Man kann Dir nicht ewig auf Dein Warum antworten.“ Roland ward ſtill. Er wollte zum Vater, aber dieſer war mit dem Major nach der Burg gefahren. Verlaſſen und einſam ſtand er im Hofe; endlich ging er wieder in den Stall, ſaß bei ſeinen Hunden und ſah ihrem poſſierlichen Treiben zu; dann ging er zu ſeinem Pferde und ſtand an deſſen Hals gelehnt lange ſtill. Durch die Seele des Knaben zogen, im Wirbel ſich bewegend, wunderliche Gedanken: Das Pferd, die Hunde ſind Dein. Nur was man kauft, was man beſitzt, hat man zu eigen... Raſch wie ein Blitz dahinfährt, kaum geſehen auch ſchon verſchwunden, erwachte in der Seele des Knaben die Vorſtellung, daß es von Menſch zu Menſch keinen andern Beſitz gibt als die Liebe. Der Knabe ließ ſein Pferd ſatteln und ritt den⸗ ſelben Weg, den Erich und der Doctor gefahren waren. Zehntes Capitel. Still und gedankenvoll ſaß Erich neben dem Doctor. Wie von Wind und Wellen hin und her getragen, er⸗ ſchien er ſich. Er war eingetreten in das Lebensſchickſal ſo vieler Menſchen, das konnte in ſeinem und in ihrem Daſein nicht mehr getilgt werden. „Sie glauben alſo an Erziehung?“ fragte der Doctor endlich. „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich halte eigentlich nichts auf Erziehung; die Menſchen werden das, wozu ſie von Natur aus an⸗ gelegt ſind. Wie man den Menſchen in die Wiege legt, ſo legt man ihn in den Sarg. Kenntniſſe, Fertigkeiten zum Fortkommen gibt die Bildung, den Ausſchlag gibt die Naturanlage. Da Erich die Achſeln zuckte, fügte der Doctor hinzu: „Ich kann nicht wünſchen, daß alle Menſchen ſein mögen wie ich, denn ich habe es aufgegeben, auf Andere wirken zu wollen; Anderen helfen wollen, iſt eine Jugendkrank⸗ heit, es unterlaſſen, iſt freilich eine Altersſchwäche, aber ſie iſt bequem.“ Erich war nicht gewillt, auf dieſe Erörterungen ein⸗ zugehen, er war des ſtändigen Beſprechens müde. Der Doctor fuhr fort: „Eigentlich gönne ich Sie dieſen Leuten nicht; es ärgert mich, daß die Reichen ſich auch Duft und Frucht höherer Erkenntniß ſollen kaufen können; aber es bleibt wahr: es kommt kein Reicher ins Himmelreich. Die Reichen haben zu viel Ballaſt geladen; ſie haben kein verkünſteltes Leben fern von der Noth des Daſeins und entziehen ſich ſelbſt der Naturmacht der Jahreszeiten; ſie fliegen aus und ein in verſchiedene Klima's und haben überall wohnlich eingerichtete Schwalbenneſter. Es wäre eine Unbarmherzigkeit des Schickſals gegen uns, wenn die Reichen zum müheloſen Beſitze noch die höheren Freuden haben ſollten, die uns allein gehören.“ „Es gibt keinen Königsweg in der Geometrie, heißt der Spruch Euklids,“ ſchaltete Erich ein;„Wiſſen und Erkennen erlangt man nur durch Arbeit. Es iſt in Ein Wort zuſammenzufaſſen, was ich mit dieſem Knaben will: er ſoll Selbſtthätigkeit gewinnen.“ „Recht ſo,“ erwiderte der Arzt.„Ja ſo is Das, was wir, die dem Geiſte leben, vor dem Reichen voraus haben, beſteht darin, daß wir für uns allein ſind, der Reiche kennt die thaubildende Stille der Ein⸗ ſamkeit nicht; er hat immer ſo viel, aber nie ſich ſelbſt und nie ſich allein. Herr Sonnenkamp könnte hier in der That im Eden leben; aber die große Frage iſt immer, wie dieſe Ausſtattung mit allem nur Wünſch⸗ baren noch die Empfänglichkeit zuläßt. Es würde Ihre Hauptaufgabe ſein, dieſe in Roland zu wecken und aus⸗ zubilden. Er ſoll eigentlich doch erſt ſchulmäßig lernen. In dem, was er von der Welt weiß, iſt er ein Kind, und in dem, was er von der Welt verlangt, ein Mann, man könnte beinahe ſagen, ein Lebemann.“ Erich hatte Vieles zu erwidern, aber er lächelte in ſich hinein, denn er dachte, wie leicht es iſt, Lehren zu geben. Der Doctor hatte ihn mit Recht darüber angelaſſen, daß er ſich über ſo Vieles ausbreite, jetzt ſollte der Doctor auch merken, daß er ſchweigen könne. Er ſchwieg und der Doctor fuhr fort: „Uebrigens kann ich Ihnen gute Handreichung bieten, wenn Sie dennoch in die Stelle eintreten. Leider ſind Sie kein Mediciner, und nach meiner Anſicht ſollte nur ein Mediciner Erzieher ſein. Haben Sie bereits be⸗ merkt, daß der Junge einen Magen hat, der nicht gut 267 verdaut? Ein Junge in dieſen Jahren müßte Kieſel⸗ ſteine verdauen! Ich bringe es nicht dahin, daß ihm nur einfache Speiſen gegeben werden. Die Vornehmen und Reichen eſſen ohne Hunger und trinken ohne Durſt. Der Junge kann Alles bekommen, nur Eins nicht: rechte, grundmäßige Freude. Es iſt ein Kleines, nehmen Sie es nur als Beiſpiel: er freut ſich über kein neues Gewand. Streichen Sie aus Ihrer Kindheit, aus Ihrer Jugend dieſe Freude! Ich muß geſtehen, wochenlang kann ich mich mit einem gutſitzenden Gewand freuen.“ Der Doctor ſchilderte nun den athletiſchen Bau Sonnenkamps und wie er beſtändig mit ſeinem gewal⸗ tigen Naturell zu kämpfen habe. Seine Milde, der man das Erzwungene und Gefliſſentliche ſofort anſähe, neutraliſire ſtets eine gewiſſe unbändige Kraft in ihm. Er ſei ein verhaltener Fauſtkämpfer, und habe in der That, wie er ſich einmal rühmte, eine eiſerne Fauſt. Der Arzt erzählte lachend, als er Sonnenkamp zuerſt geſehen, habe er immer nach der Keule geforſcht, die dieſer Mann eigentlich in der Hand tragen müßte. Wenn er ſich freundlich geberdet, da ſei es immer, als wollte er ſagen: ſei unbeſorgt, ich thue Dir nichts. Dann ſchilderte der Doctor das Schlafleben der Frau Ceres, der die ſcharfzüngige, noch mehr aber neidiſche Gräfin Wolfsgarten den Beinamen Crocodilia gegeben habe, weil ſie etwas von dem Ungeheuer habe, das ſich am Ufer in der Sonne ausreckt. Für Frau Ceres ſei jede noch ſo kleine Bemühung eine An⸗ ſtrengung, ſie laſſe ſich des Tages dreimal ankleiden, ohne dabei nur eine Nadel feſtzuſtecken, gehe ſtunden⸗ lang in ihrem Zimmer umher, betrachte ſich von allen Seiten, füttere ihren Papagai, lege Patience und kul⸗ tivire ihre Nägel. Das arme Weſen ſolle immer von der ſchönen Natur leben, und das könnten doch viel bedeutendere Menſchen nicht. Sie habe eigentlich eine Gelenkſchwäche, ſei indeß nicht ohne Tücke und Launen. Erich gedachte der räthſelhaften Art, wie ihn Frau Ceres hatte rufen laſſen, er berichtete nicht davon, aber er forſchte weiter und der Doctor erzählte: „Es mag jetzt bald ein Jahr ſein, da iſt mir etwas vorgekommen, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich wurde nach der Villa gerufen; die Tochter des Hauſes war in einem Zuſtande des Starrkrampfes oder einer Art Ekſtaſe, die ich nicht begriff. Fräulein Perini erzählte mir, das Mädchen habe die Hände ſo heftig in einander gefaltet, daß dieſelben nur mit Hülfe zweier Diener auseinander zu bringen waren, obgleich ſich das Mädchen nicht wehrte. Noch als ich kam, waren alle Gelenke an der Hand wie geknickt. Ich konnte nie erforſchen, welche aufs Aeußerſte geſteigerte Seelen⸗ aufregung eine ſolche körperliche Folge hervorbringen konnte; ich erfuhr nur, daß Herr Sonnenkamp ſeiner Frau irgend etwas verweigert habe, was ſie heftig wünſchte. Sie ſtrafte ihn damit, daß ſie der Tochter, die ihren Vater bisher wie ein höheres Weſen verehrt hatte, etwas mittheilte, das das arme Kind ſo auf⸗ regte. Noch als ſie geheilt war, blieb ſie ſchwermüthig, bis man ſie ins Kloſter brachte, wo ſie nun neu auflebte.“ Erich lenkte die Frage nach dem Grunde, warum Sonnenkamp ſo vielen Gehäſſigkeiten und Verleum⸗ dungen ausgeſetzt ſei. Der Arzt ging leicht darüber hin und erklärte, daß der hungrige Hofadel als natür⸗ liche Gegenwehr jeden Makel ſuche gegen einen Mann von ſo unermeßlichem Reichthum, der ſie mit ſeinem Aufwande faſt perſönlich beleidige. Nur Herr von Prancken ſei ihm geneigt und nicht blos, weil er die Tochter mit der reichen Mitgift heiraten wolle, es ſei auch ein natürlicher Zuſammenhang zwiſchen ihnen, denn„Herr Sonnenkamp intereſſirt ſich ſehr für ſich ſelbſt und Herr von Prancken betrügt ſeinen Nächſten wie ſich ſelbſt.“ „Und nun, mein Freund,“ ſchloß der Arzt,„nun ſehen Sie, wie Sie in dieſem Hauſe zurecht kommen wollen, wenn Sie eintreten.“ „Ich habe eine Bitte,“ ſagte Erich.„Laſſen Sie mich hören, wie Sie zu einem Freunde über mich ſprechen würden, wenn ich abgereiſt wäre. Wollen Sie das?“ „Gewiß; dieſe Bitte liegt nach Ihrem Weſen ganz auf der Linie. Sie ſind ein Idealiſt. Ach, was haben die Menſchen für ſchwere Noth mit ihrem Ideal! Ihr Idealiſten, die Ihr ſtets für Andere denkt, arbeitet und empfindet, kommt mir vor wie die Wirthe auf hohen Ausſichtspunkten, die Alles vorbereiten und ſtets zu Gott beten müſſen: Laß gut Wetter werden und Gäſte kommen! Sie können das Wetter nicht zwingen und die Gäſte nicht. Darum iſt der einfache Rath: ſei kein Wirth zur Herberge der Idealität. Laß Dir's gut ſchmecken und denke nicht an Andere, ſie holen ſich ihre Portion ſelbſt oder bringen etwas in ihrem Schnapp⸗ ſack mit, wo nicht, mögen ſie hungern und dürſten. Ich 270 habe gefunden, es gibt nur zwei Wege, ſich im Leben abzufinden: entweder mit der Welt unzufrieden oder mit ſich ſelbſt unzufrieden. Die heutige Jugend, wie ich ſie kenne, hat noch einen dritten Weg, ſie iſt zu— gleich mit der Welt und mit ſich ſelbſt unzufrieden.“ „Es iſt leider zuweilen bei mir der Fall.“ „Und eben darum,“ fuhr der Doctor fort— er nahm ſeine großen Handſchuhe ab und legte die Hand auf die Schulter Erichs—„eben darum wünſchte ich, daß Sie ein anderes Loos hätten... ich weiß nicht was.. ich ſuche vergebens.“ Eine lange Reihe von Wagen mit geſchälten Buchen⸗ äſten kam die Straße daher. Der Arzt berichtete, daß man dieſen Aeſten bereits verſchiedene chemiſche Stoffe entzogen und ſie nun nach einer Pulverfabrik bringe. Erich erwähnte, daß er das kenne, er habe ſich auch längere Zeit nach der Pulverfabrik im Gebirge com⸗ mandiren laſſen und dort gearbeitet. Eine mit zwei Apfelſchimmeln beſpannte Kaleſche folgte den Wagen; ein junger ſchöner Mann, der ſelbſt kutſchirte, grüßte ſchon von ferne. Der Doctor ließ anhalten. „Willkommen!“ rief er dem jungen Manne zu. Sie reichten ſich von Wagen zu Wagen die Hand und der Doctor fragte:„Wie geht's Louiſen und den Kindern?“ „Alles wohlauf.“ „Waren Sie bei der Mutter?“ „Jal „Wie ſteht's bei Ihren Eltern?“ „Sind auch wohlauf.“ Der Doctor ſtellte den jungen Mann als Herrn Heinrich Weidmann, ſeinen Schwiegerſohn, vor. „Sind Sie der Sohn des Herrn Weidmann von Mattenheim?“ „Allerdings.“ „Wo iſt denn Ihr Vater?“ fragte der Doctor. „Da drüben im Dorfe; ſie verhandeln dort über die Anlegung einer Pulvermühle.“ Wie ein Blitz ging es vor dem Doctor auf; er wendete ſich zu Erich, ſagte aber kein Wort. Der junge Weidmann drückte auch Erich die Hand und ſprach die Hoffnung aus, daß ſie ſich nicht blos ſo kurz be⸗ gegnet und an einander vorüber gefahren ſeien; Erich werde auch bei ſeinem Vater willkommen ſein. Die beiden Wagen fuhren davon, jeder ſeinem Ziele zu. Der Doctor berichtete Erich, daß ſein Schwieger⸗ ſohn praktiſcher Chemiker ſei, und vor ſich hin mur⸗ melte er: „Trumpf gefordert, Trumpf bekannt.“ Erich verſtand ihn nicht; er gedachte lächelnd, wie Prancken von den Söhnen Weidmanns mit den imper⸗ tinent weißen Zähnen geſprochen habe. Als man dem nächſten Orte zufuhr, kam eben das Dampfſchiff vom Oberrhein daher; der Doctor befahl ſeinem Kutſcher, ſo raſch als möglich zu fahren, damit man das Dampfſchiff noch bei der Landungsbrücke er⸗ reiche. In raſendem Galopp fuhren ſie dahin. Der Doctor rief: „Nun hab' ich's! Nun hab' ich's!“ Er faßte dabei den Arm Erichs mit einer Heftig— keit, als ob er auf den Tiſch ſchlage, daß die Gläſer klirren.„Wir ſuchen Herrn Weidmann ſofort auf,“ ſetzte er hinzu. Der Wagen kam noch glücklich an, als eben das Brett ſchallend von der Landungsbrücke auf das Schiff gelegt wurde. Schnell ſtieg der Doctor aus und ſagte dem Kutſcher, er möge ſeiner Frau melden, daß er erſt zum Abend heimkäme; dann beſtieg er mit Crich das Schiff. Auf dem Schiffe wurde der Arzt von Bekannten begrüßt, und eine Geſellſchaft, die ſich eine Maibowle bereitet hatte, bot ihm und ſeinem Freunde alsbald ein Glas; der Doctor ſtieß an, trank aber nicht, denn er erklärte, daß er nie gekünſtelten Wein trinke. Die Geſellſchaft war heiter; ein Krüppel, der auf dem Schiffe war, ſpielte auf der Ziehharmonika und man ſang dazu. Auf dem Verdecke an einem kleinen Tiſchchen, darauf eine Champagnerflaſche im Eiskühler ſtand, ſaß der Weincavalier und ihm gegenüber eine ſchöne weibliche Geſtalt mit ſehr viel falſchem Haar und ſehr viel ein⸗ nehmender eigener Schönheit. Die Beiden rauchten kleine und plauderten lebhaft Franzöſiſch mit einander. Der Weincavalier vermied es, den Blicken des Arztes zu begegnen, und der Arzt nickte vor ſich hin, wie wenn er ſagen wollte: doch noch ein Reſt Schamgefühl. Als man des Dorfes anſichtig wurde, das der 273 Schwiegerſohn genannt, ſagte der Doctor zu Erich, Herr Weidmann ſei es, der ihm zu helfen verſtünde und deſſen Rath er ſich unbedingt fügen dürfe. Erich ſtieg mit dem Doctor in den Kahn, der ſie vom Dampfſchiff ans Land brachte; die auf dem Schiffe grüßten noch mit den Gläſern in der Hand; ſchnell war das Schiff verſchwunden. Der Ferge kannte den Doctor und grüßte ihn vertraulich, indem er ſagte: „Sie treffen Herrn Weidmann dort im Garten.“ Man landete an dem ſtillen Dorfe. Erich wurde Weidmann vorgeſtellt. Es war ein Mann mit hagerem, auf den erſten Anblick trocken erſcheinendem Weſen; aus ſeinen Zügen ſprach ruhiger Verſtand und Gleich— muth, aber im hellen Auge lag warme Begeiſterung. Weidmann ſaß mit mehreren Männern um einen Tiſch, auf welchem Papiere lagen, daneben ſtanden Flaſchen und Gläſer. Weidmann begrüßte Erich kurz, dann wendete er ſich wieder zu den Genoſſen, mit denen er geſprochen hatte. Der Doctor ward ſofort abgerufen, denn der Vater des Wirthes war krank und man betrachtete es als einen glücklichen Zufall, daß der Arzt gekommen ſei. Erich ging allein am Ufer auf und ab; wie in eine fremde Welt verſchlagen erſchien er ſich. Da fahren die Menſchen zu Berg und zu Thal und ſitzen in den Gärten und denken und berathen, wie man die Natur ausbeute. Der Ferge kam zu Crich und ſagte, Herr Weid⸗ mann ließe ihn bitten, in den Garten zu kommen. Weidmann ging ihm mit herzerquickender Freundlichkeit Auerbach. Landhaus am Rhein. 1. 18 27⁴4 entgegen und ſagte, daß er ihn jetzt erſt willkommen heiße; er ſei vorhin zu ſehr beſchäftigt geweſen. Auch der Doctor kam bald nach. Die Drei ſetzten ſich in eine Ecke des Gartens an den Tiſch, wo die weite Ausſicht ſich aufthat, und nachdem Erich erzählt, woher er komme, ſchilderte Weidmann mit ſchalkhaften Tone die Gewaltthätigkeit des Doctors, der immer ſage, daß er nicht auf andere Menſchen wirken wolle, und doch gern mit draſtiſchen Mitteln drein greife. Es bildete ſich ein geſchickter Einigungspunkt zwiſchen Erich und Weidmann, indem ſie in neckiſcher Weiſe, die doch Ehrerbietung in ſich ſchloß, ſich gegen den Doctor vereinigten. Erich vernahm, daß der Doctor ihn bereits zur Leitung der Pulverfabrik vorgeſchlagen habe. Weid⸗ mann berichtete, daß der Staat noch allerlei Hinder⸗ niſſe mache, obgleich man den Abſatz weſentlich in der neuen Welt ſuchen wolle; ſein Neffe, Doctor Fritz, habe hiezu einen der Männer, mit denen er eben ver⸗ handelt, aus Amerika herübergeſchickt. Auch wünſche ſein Neffe, daß man einen erfahrenen deutſchen Artil⸗ leriſten fände, der nach Amerika überſiedeln und dort einer Fabrik zur Bereitung von Pulver und Zündern vorſtehen möge; es ließe ſich dabei raſch und ſicher ein namhaftes Beſitzthum erwerben. Der Doctor ſah auf Erich, dieſer aber lächelte und ſchüttelte verneinend den Kopf. Weidmann berichtete ferner, daß ſich indeſſen etwas ganz Neues gezeigt habe; man habe ein Braunſtein⸗ lager entdeckt und es wolle ſich eine Geſellſchaft bilden, 275 die daſſelbe ausbeute; ein Mann, der Ordnung zu halten verſtände, würde ſich leicht in das Nöthige einarbeiten. Er ſah ebenfalls fragend auf Erich und ſtellte ihm dann geradezu das Anerbieten mit der Ausſicht eines bedeutenden Gehaltes und eines ſich ſteigernden Ge— winnantheils. So höflich als dankbar lehnte Erich ab, da es ihm durchaus nicht darum zu thun ſei, aus dem gelehrten Beruf herauszutreten; er achte die Freiheit, die der Beſitz gebe, ſehr hoch, aber er ſei nicht zum Erwerbs⸗ leben geſchaffen. Weidmann erzählte, daß er einen Brief von ſeinem Neffen, dem Doctor Fritz, aus Newyork erhalten habe, der in den nächſten Tagen ein Töchterchen ſchicke, das in Deutſchland erzogen werden ſolle; er habe deßhalb den früheren Lehrer Rolands, den Candidaten Knopf ins Haus genommen. Crich erkundigte ſich nach dieſem Lehrer und hörte viel Löbliches, Niemand aber wußte, warum er ſo plötzlich Villa Eden verlaſſen hatte. Das letzte Schiff kam ſtromaufwärts. Der Doctor und Erich nahmen Abſchied von Weidmann; dieſer drückte Erich herzlich die Hand.— Am Landungsplatze unter neu gepflanzten Linden gingen Männer und Frauen aus dem Städtchen auf und ab, denn es iſt immer ein wichtiges Ereigniß des Tages, wenn das Schiff ankommt, das hier übernachtet. Auch die Frau des Doctors war am Ufer und ging mit Erich und ihrem Manne heimwärts. Sie hieß Erich als Gaſt willkommen und ſagte, daß ſie ihn auf Wolfsgarten kennen gelernt; Erich erinnerte ſich deſſen 276 nicht mehr, denn er hatte die beſcheidene, ſchweigſame Frau damals kaum bemerkt. Im Hauſe warteten Viele auf den Arzt. Elrich wurde in ſein Zimmer und dann in die Bibliothek ge⸗ führt; er ſah zu ſeiner Freude, daß der Mann mit den neuen Forſchungen in ſeiner Wiſſenſchaft fortzu⸗ ſchreiten ſuchte, und er hoffte, durch ihn manche Lücke in ſeinem Wiſſen auszufüllen. Die Dämmerung war eingebrochen; Erich ſaß ſtill, da hörte er Pferdegetrappel vor dem Hauſe. Er ſtand unwillkürlich auf und ſchaute hinaus; er glaubte, daß der Reiter, der jetzt eben vorübergeritten, Roland ge⸗ weſen ſei— oder hatte ihn ſeine Vorſtellung und ſein beſtändiges Denken an den Knaben getäuſcht? Es war ein behagliches Sein im Hauſe des Arztes, wo Alles von gediegenem Wohlſtand zeugte; aber noch vom Abendtiſche weg mußte der Arzt in ein nahgelege⸗ nes Dorf. Erich ging mit der Frau des Doctors die ſchöne Landſtraße am Ufer des Stromes entlang, und ſie ſagte: ſie wünſche ſehr, daß ihr Mann einen geiſtig regſamen Freund zu ſtändigem Umgang haben könnte, er fühle ſich hier im Städtchen doch oft allein und müſſe ſich Alles ſelbſt ſchaffen. Elftes Capitel. Hier im Städtchen war noch nachbarliche Gemein—⸗ ſchaft von Haus zu Haus. Der Gaſt, den man be⸗ herbergt, gehört auch den Nachbarn an und wird ſchnell heimiſch und zugehörig. Man rief Befreundete an, die am Fenſter und auf dem Balcon ſtanden, oder auf den Straßen wandelten; man ſchloß ſich an, man plauderte und ſcherzte, und aus den Fenſtern tönte hier und dort Clavierklang und Liederſchall. Die Frau Landrichter und ihre Tochter Lina gingen mit Erich und der Frau ſeines Gaſtfreundes. Man wunderte ſich, daß er wieder abreiſe, denn es galt als entſchieden, daß er im Hauſe Sonnenkamps bleibe. Erich hörte von Lina, daß in der That Roland durch das Städtchen geritten war; er war mehrmals vor dem Hauſe des Arztes vorbeigeritten und hatte ſein Pferd ſteigen laſſen, ſo daß es ängſtlich anzuſchauen war. Lina hatte das Verlangen, Erich allein zu ſprechen; es gelang ihr, da ſich eben die Mutter und die Frau Doctor eine Weile bei dem begegnenden Schuldirector und deſſen Frau aufhielten und ſich erzählen ließen, wie es der jungen Wöchnerin, der Frau des Förſters, ergehe, die im ſelben Hauſe mit dem Schuldirector wohnte. Lina ging mit Erich voraus und ſagte raſch: „Wiſſen Sie auch, daß Ihr Schüler Roland eine Schweſter hat?“ „Gewiß; ich hörte davon.“ „Sie hörten davon? Sie haben ſie ja geſehen. Es war ja das Mädchen mit dem Stern und den Flügeln, die uns auf der Kloſtertreppe in der Dämmerung be⸗ gegnete.“ „So? Ja wol. „So? Ja wol?“ ſpottete Lina nach.„Ach, die Männer ſind ſchrecklich; ich habe geglaubt, daß Sie.. Sie hielt inne und Crich fragte: „Daß ich... Was ſoll ich?“ „Ach, die Mutter hat Recht, ich bin zu unerfahren, zu täppiſch, und ſage Alles heraus. Ihnen hätte ich nun geglaubt...“ „Das können Sie auch, unwahr zu ſein iſt eine Sünde und gegen Sie eine doppelte.“ „Nun gut,“ ſagte Lina und nahm ihren Hut ab und ſchüttelte ihre Locken in den Nacken,„nun gut; wenn Sie mir ehrlich bekennen, daß Manna damals auf Sie einen Eindruck gemacht hat, dann ſage ich Ihnen auch etwas; aber Sie müſſen gerade und ehr⸗ lich ſein.“ „Glauben Sie, ich würde Nein ſagen? Da ſchneiden Sie mir ja den Weg ab, ehrlich zu ſein.“ „Nun, ſo ſage ich Ihnen... aber bitte, nicht wahr, Sie behalten es für ſich?... Manna hat mich gefragt, wer Sie ſind, und das iſt ſehr viel von ihr. Aber nein, das wollte ich nicht ſagen... Machen Sie doch, daß Manna nicht Nonne wird.“ „Ich ſoll das hindern?“ „Haben Sie die Trippenſandalen der Nonnen ge⸗ ſehen? Entſetzlich! Solche Sandalen ſoll Manna am Fuße haben, und ſie hat den ſchönſten Fuß.“ „Aber warum ſoll ſie nicht Nonne werden, wenn ſie will?“ „Ach,“ klagte Lina,„da habe ich mir gedacht... nicht wahr, ich bin ein recht einfältiges Ding?.. In alten Zeiten trat ein Ritter als Knappe oder ſo was in ein Schloß... und da meinte ich...“ Sie konnte ihren Traum nicht vollenden, denn die Mutter trat herzu; ſie war beſorgt, da das Kind mit dem fremden Manne ging und gewiß eine von ihren entſetzlichen Naivetäten vorbrachte. „Darf man wiſſen, was Sie ſo eifrig beſprechen?“ fragte die Frau Landrichter. Lina athmete tief auf und nahm das Gummiband ihres Strohhuts in den Mund; die Mutter hatte ihr das oft verwehrt, aber jetzt that ſie es doch, da Erich mit großer Unbefangenheit ſagte: „Ihr Fräulein Tochter erinnerte mich an unſere Begegnung auf der Kloſterinſel. Ich muß noch heut um Entſchuldigung bitten, und wollen Sie auch Ihrem Herrn Gemal meine Entſchuldigung kund geben. Es gibt ſo viele unwirſche, ſich dadurch vornehm dünkende Menſchen, denen man auf der Reiſe begegnet, daß man oft ſelbſt unfreundlich wird.“ Lina hatte ſchnell der Mutter den Platz neben Erich überlaſſen, ſie ging auf der äußerſten Flanke neben der Frau Doctor. Man wandelte lange mit einander und die Doctorin hörte ſchon aus weiter Ferne das Geraſſel vom Wagen ihres Mannes, ſie erkannte es, während die Anderen noch nichts vernehmen konnten. Der Doctor kam. Er erzählte, daß im nächſten Dorfe ein Mann wohnte, deſſen Anblick ihm vordem immer einen Stich durchs Herz gegeben, denn der Mann habe ihm durch einen falſchen Eid eine Schuld von hundert Gulden abgeleugnet. Mit der Zeit ſei ihm das ſehr nützlich geworden, denn ſo oft er ihm begegnete, hätte er wieder an die Niederträchtigkeit der Menſchen 280 geglaubt, die man ſonſt gern vergeſſe. Jetzt habe der Mann noch vor ſeinem Tode ihm gebeichtet und das Geld zurückgegeben. Nun ſtehe er da, ſei um hundert Gulden reicher, aber...“ „Was thun Sie mit den hundert Gulden?“ unter⸗ brach Lina. „Was thäteſt Du damit?“ „Ich weiß es nicht.“ „Was würden Sie thun, Herr Hauptmann?“ wen⸗ dete ſich der Arzt zu Erich.„Was würden Sie thun, wenn Sie eine Million verſchenken könnten?“ „Ich?“ fragte Erich; er begriff nicht, woher plötz— lich dieſe Frage. „Ja, Sie⸗“ „Ich habe ſchon darüber gedacht, was ich in ſolcher Lage thun möchte. Ich glaube, ich würde zunächſt aus⸗ giebige Stipendien auf allen deutſchen Univerſitäten gründen. Der Reiche ſollte darauf ſinnen, wie er dem Manne der Wiſſenſchaft die Gedankenarbeit erleichtert.“ „Gut,“ antwortete der Doctor,„Jeder denkt zu⸗ nächſt an ſeinen eigenen Kreis. Sehen Sie hier meine kleine Freundin Lina, wenn dieſe eine Million zu ver⸗ ſchenken hätte, würde ſie lauter blauen Muſſelin dafür kaufen und die ganze weibliche Welt in blauen Muſſelin kleiden. Nicht wahr, Muſſelina?“ Lina ſchwieg und die Frau Landrichter ermuthigte: „Gib doch eine neckiſche Antwort, Lina, weißt Du denn keine?“ Lina ſchien keine zu wiſſen, aber es was ein anmuthi⸗ ger, heiterer Ton zwiſchen dem Doctor und dem Kinde. Als man ſich verabſchiedet hatte, ſagte der Doctor zu Erich: „Sie können hier eine neue Pädagogik ſehen. Die Frau Landrichter will mit aller Gewalt aus ihrer Tochter ein pikantes, weltläufiges Plappermäulchen machen, aber das Kind hat glücklicherweiſe eine einfache, gediegene, unverwüſtliche Natur, und wenn man allein mit ihr redet, iſt ſie voll ſprudelnden Lebens.“ Man ſaß behaglich im Hauſe und der Doctor ſagte: „Sie ſind der erſte Soldat, mit dem ich durchaus harmlos verkehre. Sonſt habe ich im Umgange mit Officieren ſtets... ich darf es nicht Furchtſamkeit nennen, aber eine gewiſſe Empfindung des Unbewaff⸗ neten neben dem Bewaffneten. Ihr habt immer was Gerüſtetes, auf die Attaque Gefaßtes. Ich nehme mein Wort zurück. Ein Soldat iſt vielleicht doch noch ein beſſerer Erzieher als ein Mediciner. Nun, gute Nacht!“ Als Erich allein war, dachte er ſich in die Seele des Knaben hinein, der ihm nachgeritten war, um ihn noch einmal zu ſehen. Er verſetzte ſich in ſeine Em⸗ pfindungsweiſe und doch konnte er es nicht ganz; denn Roland war voll Zorn auf Erich, der ihn verlaſſen hatte, ihn, der ſich ſo liebevoll und treu hingegeben. Der Knabe kam ſich wie geraubt vor, und ſo ritt er dahin und dachte, Erich müſſe ihm entgegenkommen oder am Fenſter lauſchen, bis er ihn ſehe. Vor Zorn weinend war der Knabe wiederum heimgekehrt. Zwölftes Capitel. Der Doctor ſtand Sommers und Winters um fünf Uhr auf, ſtudirte mehrere Stunden unausgeſetzt und ließ ſich nur in dringendſten Fällen Kranke anmelden. Durch dieſes Studium blieb er nicht nur in ſeiner Wiſſenſchaft, ſondern wie er ſich leiblich jeden Morgen in friſchem Waſſer badete, ſo war er auch geiſtig er— friſcht; mochte am Tage kommen, was wolle, er hatte ſein Stück wiſſenſchaftliches Leben eingeheimſt. Und das war's, warum er immer ſo friſchauf war, ſo geſpannt und munter. Gegen einen alten Kameraden bezeichnete er dieſe Morgenſtunden als ſeine Kameelſtunden, da trinke er ſich voll und hole ſich einen Trunk herauf, wenn es in der Wüſte dürr geworden. Uebrigens er⸗ ſchien ihm das Leben gar nicht als Wüſte, denn er hatte etwas, was überall gedeiht und Alles beſiegt, und das war eine unzerſtörbare Heiterkeit und ein Gleichmuth, den er allerdings auf ſeinen geſunden Magen zurückführte. Als er hörte, daß Erich, der über ſeinem Studir⸗ zimmer wohnte, aufgeſtanden war, ließ er ihm ſagen, er möge bald zum Frühſtück kommen. Die Frau, welche in der Wirthſchaft zu thun hatte oder eigentlich ſich zu thun machte, um ihren Mann nicht zu nöthigen, ihret⸗ wegen das Geſpräch auf minder gelehrte Dinge zu führen, hatte ſich bald entfernt und wirthſchaftete im Hausgarten, in welchem viele Ableger und Sämereien aus dem Garten Sonnenkamps gediehen. Der Doctor beſprach aber mit Erich gar keine gelehrten Dinge. 110 In dem Frühſtückszimmer hingen die Bildniſſe der Eltern und Großeltern des Arztes und dieſer nahm hievon Gelegenheit, aus ſeinem eigenen Leben zu er⸗ zählen. Der Großvater und der Vater waren Schiffer geweſen; der Doctor hatte die goldene Hochzeit Beider erlebt und ſprach ſeine Hoffnung aus, daß er auch ſeine eigene feiern werde. Und nachdem er nun ſein eigenes Ringen mit dem Leben geſchildert, ging er darauf über, Erich nach ſeinen ökonomiſchen Verhältniſſen zu fragen. Erich legte unverhohlen die ganze Lage dar; die Mutter habe auf hohe und reiche Freunde manche Hoff⸗ nung geſetzt; er aber glaube, und ehrlich geſtanden wünſche er auch nicht eine derartige Hülfe. Der Doctor ſagte, daß ihnen Niemand gründlich und ſchön helfen würde; er entwickelte dabei ganz ketzeriſche Anſichten über die Wohlthätigkeit, er ſchalt über die Stiftungs⸗ macherei und die verzettelten milden Gaben. Er be⸗ hauptete, daß es viel ſchöner und echter wäre, eines Menſchen oder einer Familie ganze Exiſtenz ſorglos zu ſtellen. Er berichtete, wie er oft verſucht habe, ſolches zu bewirken; bei Herrn Sonnenkamp wäre dies nicht möglich, denn der wolle nichts mit den Menſchen zu thun haben, denen er eine Gabe in den Bettelhut geworfen. Da ſich nun das Geſpräch wieder auf Sonnenkamp gewendet hatte, erbot ſich der Doctor— ja, er ver— pflichtete Erich, es ihm zu überlaſſen— alle äußeren ökonomiſchen Verhältniſſe mit Sonnenkamp zu ordnen. Erich ſprach ſeine Freude aus, daß hier in dem kleinen Städtchen ſo viele ſchöne Exiſtenzen ſeien, die 28⁴ eine reiche Fülle der Gemeinſchaft bilden könnten. Der Doctor beſtritt das, denn der Umſtand, daß man auf einander angewieſen, und nicht wie in der großen Stadt eine Auswahl habe, mache kleinlich, herb und klatſchhaft. „Im Ganzen,“ ſchloß er,„haben wir nicht mehr von einander, als eine ſichere Whiſtpartie.“ Es war Zeit, daß man an die Abreiſe dachte. Der Doctor fuhr mit Erich bis zur nächſten Bahnſtation; er wiederholte den Wunſch, daß ſie mit einander leben könnten. Ein Trupp fröhlicher jüngerer und älterer Männer grüßte den Doctor und ſtieg in den Wagen zu Erich. Der Doctor ſagte dieſem, daß es Weinprober ſeien, die zu einer Verſteigerung reiſten, welche heut im Keller des Weingrafen abgehalten würde. Er machte Erich noch beſonders auf einen Mann mit weinſeligem Geſichte aufmerkſam, es war dies der Aichmeiſter, die feinſte Weinzunge im Gau. Die Locomotive pfiff; der Doctor faßte nochmals die Hand Erichs und ſagte: „Wenn einmal Einer von uns aufhören ſollte, der Freund des Andern zu ſein, ſo verpflichtet er ſich hie⸗ mit, es ihm acht Tage vorher wiſſen zu laſſen. Und nun leben Sie wohl.“ Erich fuhr heimwärts. Er ſchaute vor ſich nieder, aber plötzlich hörte er im Wagen rufen: „Da reitet der junge Sonnenkamp!“ Er ſchaute hinaus, er erblickte Roland, der aber ſchnell hinter einer Böſchung verſchwand. 85 Erich hörte nichts von dem lebhaften, oft von lautem Lachen unterbrochenen Geſpräche der Weinprober; er hatte viel in ſich hineinzudenken und war froh, als auf der nächſten Station die Weingeſellſchaft ausſtieg und er allein blieb. Zu Roland dachte er hin. Der Knabe iſt ihm noch⸗ mals nachgeritten, und wie iſt nun ſeine Seele bewegt, da er allein heimkehrt? Es war wol weltklug, nicht ſofort auf einen Ab⸗ ſchluß zu dringen, aber gibt das dem Knaben nicht das bittere Gefühl, daß der ihn verlaſſen kann, dem er ſich ſo frei und ſchön angeſchloſſen? Als ſollte Erich immer und immer wieder an Roland erinnert werden, ſtiegen von Station zu Station Knaben mit Schulränzchen auf dem Rücken zu ihm in den Wagen. Er erfuhr auf ſeine Fragen, daß ſie, bei ihren Eltern auf Landhäuſern und in entfernteren Dörfern wohnend, tagtäglich nach der Feſtungsſtadt zur Schule fuhren und Abends wieder heimkehrten. Welch eine ganz andere Jugend wird das werden! Schon in der Morgenfrühe ins Eiſenbahngeräuſch ver⸗ ſetzt, dann zum Unterricht ſich ſammelnd und wieder auf der Eiſenbahn heimkehrend. Dieſe Jugend muß lernen, in Unruhe und Geräuſch der neuen Zeit ſich ihr Innenleben zu bewahren, das freilich ein anderes wird als das unſere war. Und ſchauen wir weiter hinaus in eine Zukunft, wo die erſchreckende Vergröße⸗ rung der Städte verſchwindet: die Menſchen ſiedeln ſich wiederum draußen an, wo das Grün des Feldes, das Blau des Himmels und der rauſchende Strom täglich vor Augen und ihnen doch gegeben iſt, alle Bildungs⸗ elemente ſich anzueignen und Alles, was das Zuſammen⸗ wohnen der Menſchen in großen Städten darbietet. Es dringt wieder Feldluft in die Seele. Um dieſelbe Zeit, als Erich mit dem Doctor ab— gereiſt war, ſaß die Frau Landrichter mit ihrem Mann und ihrer Tochter bei dem Morgenkaffee und erzählte vom Abendſpaziergange mit Erich. „Iſt gut... iſt gut!“ ſagte der Landrichter.„Der Mann iſt höflich und gewandt, aber es iſt doch gut, daß er fort iſt; er iſt ein gefährlicher Menſch.“ BLBS Karlsruhe sdert. 9 DPolßi egtss06% 8 17NrN 3 — 0025 23 170 5 5 8 5 8 1.