Woerl's Keiſebibliothelt. 5⁰ Luſtige Geſchichten vom Rhein. Erzählt von Walter von Münich. — Würzburg, Verlag von Leo Woerl. Agentur in Wien. PCCCCb Druck von B. G. Teubner in Leipzig. vVorwort. Es iſt wahr, die Zeiten ſind ernſt, ſehr ernſt; allein ſind ſie vielleicht ernſter, als des Liebesjüngers Johannes Zeiten waren? Und doch pflegte dieſer mit ſeinem Rebhuhn zu ſpielen.— Daß auch in ernſter Zeit der Schalk nicht ſtirbt, das thut das gute Gewiſſen, welches auch für dieſen loſen Vogel ein ſanftes Ruhekiſſen iſt. Wenn Manchem heute der Hafer etwas höher hängt, ſo daß die Hälſe ſich ein wenig recken müſſen, ſo ſchadets doch wieder nichts, zu der„geſuchten“ Koſt ein geſundes Lachen zu verüben. Das läßt beſſer verdauen. Durch die kleinen Schwänke, wie ſie hier der Oeffentlichkeit übergeben werden, wird vielleicht hie und da ein melancholiſches Gemüth ein wenig gerührt und aufgeheitert, ein widerſtrebendes Zwerchfell ge⸗ linde erſchüttert, und über ein allzu ernſtes Antlitz möchte manchmal ein ſonnenhelles Lächeln ziehen: nun gut— das gerade habe ich gewollt, und nichts Anderes. Walter von Münich. Inhaltsverzeichnis. Seite Pür ſchlcint%½ tziiſt. mii it 1 2. Ueber den Löffel barbirt ‚R 85Schlag und Rückſchlagg ẽ 148 4. Zwei Orden auf einmal G0 5. Auf der erſten Inſpektionsreiſe. 97 6. Nur drei Beine 137 herte iie anz in Wikfn riß 8. Die Traubenkur. 4 Nur ſchlau! Ein Schwank. 1 „Nun, Gensdarm Schlauberger, gefällt Euch die Gegend?“ fragte der Amtmann Möller. „Ob ſie mich jefällt, Herr Amtmann,“ entgegnete der Gefragte,„prachtvolle, jottvolle Jögend am Rheine, dat is man zehn mal ſo ſchön als in Hinterpommern, mit Reſpekt zu vermelden.“ „Habt Ihr Euch denn auch ſchon etwas umgeſehen unter den Leuten?“ „Dat ſoll wol ſind, Herr Amtmann; is niſcht zu duhn für unſer Eenen; Leute ſind man jut, brave Leute⸗ „Im Allgemeinen richtig, lieber Schlauberger, aber einen Haken hats doch.“ „So? Dat wäre, Herr Amtmann?“ „Kennt Ihr den Erlenhof?“ „Noch jeſtern drin geweſen, Herr Amtmann!“ „Was denkt Ihr von dem Hofmann Erlenmeyer?“ „O, Herr Amtmann, dat is man en janz reſpek⸗ tierlicher Mann; er hat mir ſojleich zu'n janz ſüberben Luſtige Geſchichten vom Rhein. 1 ſprächig, janz prächtigen Menſch!“ „Schlauberger, Schlauberger, nehmt Euch vor dem in Acht! der hat ſeine Flauſen! Ich ſage Euch: der hat Euren Vorgängern das Leben ſauer gemacht. Ich ſehe, Ihr ſeid aber ſelbſt auf dem beſten Wege, Euch ins Bockshorn jagen zu laſſen.“ „Ja, Herr Amtmann, wat ſoll dat ſind?“ „Das ſoll heißen, daß er ein Erzwilddieb iſt und daß ihn bis jetzt noch Niemand abgefaßt hat.“ „Nanu, dat wäre!“ „Ja, lieber Schlauberger, das iſt! all Eure Vor⸗ gänger habens trotz aller Liſt nicht fertig gebracht. Seht Ihr zu, ob Ihr mehr Glück habt.“ „Wolln ſchon'ranholen, Herr Amtmann, wolln ſchon kriejen, laſſen Se mir machen. Vor wat wäre ick denn zwanzig Jahre Gensdarm in Hinterpommern jeweſt?“ „Nun, Glück auf den Weg! Eine gute Rekomman⸗ dation ſoll Euch hernach nicht fehlen.— Adien, Schlauberger.“ Des geſtrengen Herrn Amtmanns Geſicht zeigte bei den letzten Worten ein heimliches malitiöſes Lächeln, was indeſſen dem Gensdarmen entging. Schlauberger war erſt vor Kurzem aus Altpreußen an den Rhein verſetzt, und nun bot ſich ihm ein herr⸗ licher Anlaß, ſeinen neuen Dienſt mit einer glänzenden That zu eröffnen. Was keiner ſeiner Vorgänger fertig gebracht, ihm ſollte es gelingen! Obrigkeitliche Be⸗ Frühſtück injeladen— famoſe Haſenbraten— je⸗ fl W U0 1 E lobigung— Gratifikation— Beförderung— das Alles ſchwebte ihm ſchon im Geiſte vor als Folgen, rden welche ſeine That nach ſich ziehen würde. h: der Er ſchwelgte bereits in dieſen zukünftigen Ge⸗ t. Ih nüſſen, ohne jedoch die reelleren des Augenblicks zu „Euch vergeſſen; will heißen: er ging vom Amte weg in das nahe Wirthshaus, um ſich„Eenen hinter de Binde zu jießen“. iſt nd Dabei ließ er, wie ein guter Feldherr, ſeinen neueſten Kriegsplan keineswegs aus den Augen. Er erkundigte ſich unter der Hand bei den anweſenden e Vur⸗ Gäſten, natürlich in der unbefangenſten Weiſe— denn bracht er war ſchlau!— über den Erlenmeyer, ſeine Ge⸗ wohnheiten u. ſ. w., um für ſeine Operationen eine wolln gehörige Baſis zu gewinnen; ließ auch wohl hin und t würe wieder an einem ſchlauen Blinzeln der Augen durch⸗ mmern blicken, daß er wohl wiſſe, was es mit dieſem Manne für eine Bewandtniß habe, und daß er ihm hoffentlich mman⸗ auf die Spur kommen werde. Mien, Ja, er war ſehr ſchlau, der Schlauberger! Warum lachten aber die Gäſte, als er ziemlich Reite ſpät und einen allerliebſten Haarzopf wiegend das ächll Wirthshaus verließ? 83 Der Erlenhof lag ungefähr eine halbe Stunde vom Amtsſtädtchen entfernt, ringsum von Feld und Wieſen umgeben. Auf der einen Seite des ſtattlichen Wohnhauſes dehnte ſich ein großer ſchön angebauter 1* reußen hert⸗ zendel fertiz he B. Garten aus, geziert mit einem netten Gartenhäuschen. Nicht weit davon, kaum einen Büchſenſchuß entfernt, erhob ſich ein hügeliges Buſchwerk, und hinter einem der Büſche hockte heute ſchon volle drei Stunden— der neue Gensdarm Schlauberger. Es war bitter kalt. Er ſah viele Spuren von Haſen, die nach dem Garten gingen, wenige, welche zurückgingen. Ganz richtig ſchloß er hieraus, daß der Garten eine Art Löwenhöhle ſein müſſe, in welche viele Spuren hinein, wenige aber herausführten. Das war nun wenigſtens ein Anfang, und dieſen wollte er gehörig verfolgen und ausbeuten. Die Thatſache, daß der Erlenmeyer in ſeinem Garten die Haſen fing, ſtand bei ihm feſt. Jetzt galt es nur noch, ihn auf friſcher That zu ertappen, und das mußte ein Leichtes ſein; und darum hockte er nun ſchon drei Stunden lang hinter dem Buſch. Aber ſonderbar!— kein einziger Haſe zu ſehen! Noch geſtern mußten welche da geweſen ſein, denn die Spuren waren zu friſch, und heute will ſich keiner blicken laſſen! Hatte ſich denn das Teufelsvieh gegen den Mann des Geſetzes verſchworen? Schon mancher kräftige Fluch war ſeinen Zähnen entflohen; denn„bei die Kälte noch nich emal eenen Schluck“, das war zu arg— und zuletzt kroch er aus ſeinem Verſteck hervor, um für diesmal den Rückzug anzutreten. „Na,“ dachte er,„man nich verzagt! morjen is voch ff ünter noch en Dag, un Rom is in eenem Dag ooch nich ertfrn uffjebaut wor'n.“ er einen 3. nden— Als er in die Nähe des Hofes kam, an dem ſein Weg vorbeiführte, öffnete plötzlich Erlenmeyer das Fenſter— er hatte die ganze Zeit über hinter dem⸗ ſelben geſeſſen— und rief ihm zu: „Herr Schlauberger! wollen Sie nicht einen Augen⸗ blick einkehren?“ Etwas verblüfft, denn Erlenmeyer mußte ihn beobachtet haben, folgte er der Einladung. Kälte, Hunger und Durſt hatten ihm gar arg mitgeſpielt. 85 Der Hofmann empfing ihn freundlich und mit der unbefangenſten, unſchuldigſten Miene von der Welt. „Sie haben ſich gewiß erkältet im Freien,“ ſagte er,„und ein gehöriger Imbiß kann nicht ſchaden.“ Frau Erlenmeyer brachte kalten Braten und Wein. Schlauberger langte gehörig zu.„Dat war man doch en ander Genie, als da draußen in die Kälte; hol der Henker alle die Haſen!“ „Schlauberger, freut mich, daß Ihnen dieſer Kalbs⸗ braten ſo gut mundet,“ warf Erlenmeyer dem tapfer darauf los Kauenden ein. Dem aber blieb der Biſſen in der Kehle ſtecken, ſo überraſcht war er. „Kalbsbraten?!“ rief er aus,„ick will mir uffhenken laſſen, wenn dat nich Haſe is!“ „Das nehme ich Ihnen gar nicht übel,“ verſetzte der Hofmann lächelnd,„Sie ſind nicht der Erſte, der meiner Frau dieſes Compliment machen muß; ſie ver⸗ ſteht Ihnen das Kalbfleiſch ſo zuzubereiten, daß Sies vom Haſen nicht unterſcheiden könnten. Man möchte ſchwören, es ſei Haſenbraten.“ „Und ick möchte wahrhaftig druff ſchwören, dat is en Haſe,“ brummte ärgerlich der Gensdarm. „Kalb, nichts als Kalb, mein lieber Schlauberger,“ bekräftigte der allzeit liebenswürdige und unbefangene Wirth. Dabei verfehlte er nicht, dem halb Erfrorenen häufig das Glas zu füllen, während dieſer ebenſo un⸗ ermüdlich im Leeren desſelben war. So kam es, daß ſich Schlauberger zuletzt in einer ſehr gehobenen Stimmung befand, in welcher er es faſt bereute, gegen einen ſo lieben und gaſtfreien Bewirther Böſes im Schilde geführt zu haben. Als er ſich endlich erhob, um nach Hauſe zu gehen, drückte er dem Hofmann, ſeiner ſo kochkundigen Frau und dem Töchterlein Mariechen zufrieden und fidel die Hände. In der Thüre jedoch konnte er nicht unterlaſſen, an Erlenmeyer die vertrauliche Frage zu richten: „Aber ſagen Se mich mal, verehrteſter Herr, woher rühren denn die vielen Haſenſpuren, die aus dem Wäldchen in Ihren Jarten jehen?“ „Die kommen von den Haſen, lieber Herr,“ lautete die freundliche Antwort. „Jawohl, dat wiſſen wir, aber ick meene man bloß, warum die Haſen jrade in Ihren Jarten loofen fel eil l der til 60 thäten?“— Dabei blinzelte er liſtig und verſtändniß⸗ innig den Erlenmeyer von der Seite an. Der aber merkte gar nichts und gab zur Antwort: „Mit Beſtimmtheit kann ich Ihnen das nicht ſagen, weil ich ſie noch nicht darnach gefragt habe; allein ich n, dat vermuthe, daß es wegen meines Winterkohls geſchieht, der im Garten ſteht.“ „Nanu! dat mag ſind; alleene aberſcht ich kann mich dat nich erklären, warum die Haſenſpuren alle nach ihrem Jarten loofen, und keene mehr zurücke nich.“ „Ja, mein lieber Schlauberger, das iſt mir ſelbſt ein Räthſel; ich habe darüber auch ſchon nachgeſonnen — Sie können mir das glauben— und ich kann mir dieſen Umſtand nicht anders erklären, als daß die ſchlauen Beſtien, wenn ſie meinen Kohl gefreſſen haben, rückwärts laufen, damit ihnen nicht unverſehens von hinten Eins aufgebrannt werde. Das böſe Gewiſſen peinigt ſie.“ Schlauberger war geſchlagen. „Ja, dat böſe Gewiſſen,“ murmelte er, ermannte fen ſich jedoch noch zu einer letzten Frage. „Zu juter Letzt noch Eens, Verehrteſter, können Se mich in Vertrauen nich mittheilen, weßhalb heute keen eenziger von dat Haſevieh in den Jarten jeloofen is? Dat is mich jar nich zum Verſtehen.“ „Schlauberger, Schlauberger! Sie wollen mich foppen! Meinen Sie, die Haſen ſollten Ihnen über den Kopf ſpringen? Sie haben ihnen ja ſelbſt den Paß verlegt, wie konnten ſie alſo aus dem Wald kommen, zumal Ihnen bekannt ſein wird, daß dieſe Geſchöpfe ſich ſelten durch allzugroße Beherztheit hervorthun! Schlauberger, nur nicht mehr foppen! Adieu!“ Schlauberger kratzte ſich hinter den Ohren. „Hol mir dieſer und jener!“ brummte er vor ſich hin.„Total'rinjefallen! Nu aber, Schlauberger, et is deine Ehre, die uf dem Spiel jeſetzt is. Wat Wein, wat Braten, wat Allens! Er muß'ran!.... Ick weiß, wo ick mir jetzt hinplacire, um ihn zu kriejen! 4* Er muß'ran!... Vor wat wäre ick denn der Schlau⸗ berger?“ So redete der Edle mit ſich ſelbſt herum, wie⸗ derum das Zöpflein wiegend und auf dem Heimwege neue ſchwarze Pläne ſchmiedend. Schon am nächſten Tage gedachte er dieſelben zur Ausführung zu bringen, denn ſein Grundſatz war:„Man muß dat Eiſen ſchmieden, ſo lange et heiß is“. Er war um ſo eifriger, als er wohl fühlte, wie empfindlich er von Erlenmeyer verſpottet worden war, und er wollte ſich revanchiren, ehe ſeine heutige Nieder⸗ lage noch bekannt wurde. In der That— ſchlau war er— daher der Name! 4 Wiederum ſaß Gensdarm Schlauberger auf ſeinem Poſten, aber diesmal nicht im Walde, ſondern auf der gegenüberliegenden Seite. „Will'mal heute den Haſen den Paß nich ver⸗ 50 fun tl. h 15 die lejen,“ hatte er zufrieden zu ſich ſelbſt geſagt und dabei grimmig in ſich hineingelächelt. pen! Schon wartete er wiederum eine geraume Zeit vergebens. 3 Schon fing er an zu glauben, es werde ihm ein rſiß ähnliches Schickſal bevorſtehen wie geſtern, ſchon hatte er den Mund geöffnet zu einem biderben Fluch. 8 Halt! was iſt das?... Dort drüben das graue Ding! 8 Richtig, ein leibhaftiger Haſe iſts!... Alſo, der Hau⸗ Haſe wäre glücklich da; jetzt fehlt nur noch der Erlen⸗ meyer, der ihn fängt. b⸗ Potz tauſend! wie gerufen!... Da geht der leib⸗ mege haftige Erlenmeyer aus dem Hauſe in den Garten. 0fr famos!... und gerade auf das Gartenhäuschen zu. ge, drin iſt er! Gie Schlauberger, du biſt ein Glückskind!— Jetzt auf und ans Werk! nie Er erhob ſich und ſchritt auf den Hof zu. Dort un, traf er Mariechen und fragte nach dem Vater. ider„Im Garten,“ lautete die Antwort. „Was thut er da?“ anel„Fängt Haſen.“ „Da haben wirs! Na, nu kann er mich nich mehr entjehen!“ ilen Siegesgewiß ſteuert der Schlaue dem Garten zu. uff Was er dort ſieht, zaubert ein freudiges Lächeln auf ſein edles Antlitz.— Was keinem ſeiner Vor⸗ ber⸗ gänger gelungenl. Dort ſitzt der Erlenmeyer im Gartenhäuschen und hält eine Schnur in ſeinen Händen.... dieſe Schnur aber hängt an einer Haſenfalle, welche draußen ver⸗ borgen liegt.... an der Haſenfalle liegen friſche Kohlblätter.... und nicht weit von dieſen Kohl⸗ blättern— richtig! da ſteht ein Haſe... es iſt derſelbe, den er vorhin geſehen— er kennt ihn noch .... das Thier hat noch nicht angebiſſen.... es ſieht ſich furchtſam nach allen Seiten um—— „So, nu wäre es Zeit,“ ſagt Schlauberger zu ſich ſelbſt, ſchnallt den Säbelgurt feſter, dreht den Schnurrbart in eine drohende Poſitur, nimmt die reglementsmäßige Amtsmiene an und marſchirt auf dem Kieswege vor— Doch nun muß Erlenmeyer ſeinen Tritt gehört haben, denn er kehrt ſich plötzlich ein wenig gegen ihn um, hebt den Finger in die Höhe und läßt ein leiſes „Pſt“ hören. Der Wächter des Geſetzes ſteht ſtarr ob ſolcher Unverſchämtheit, aber er gehorcht und rührt ſich nicht von der Stelle, denn wen intereſſirt es nicht, einen Haſen fangen zu ſehen.. Da.... ein Ruckl... und„Hurrah!“ ſchreit Erlenmeyer,„den hätten wir! kommen Sie heran, Herr Schlauberger!“ Schlauberger kommt kopfſchüttelnd näher; er iſt ganz aus dem„Concept“, er weiß nicht, was er von dem Allem denken ſoll. Allein Erlenmeyer ſtand ſchon bei dem gefangenen ſort, mir! Hie ler nik. ſlur Rie Uir Rb W Haſen, eine ſchlanke Haſelgerte in der Hand. Er löſte den Verhafteten aus der Falle, ergriff mit der Linken den Frevler bei den Löffeln— und gerbte ihm mit der Haſelgerte derart das Fell, daß Freund Lampe vor Verzweiflung ſchier aus der Haut gefahren wäre. Drauf ließ er ihn los, und der Geſchlagene rannte mit raſender Eile dem Walde zu. „Gehe hin und erzähls deinen Brüdern!“ rief ihm Erlenmeyer pathetiſch als Scheidegruß nach, worauf er ſich umwandte mit den Worten: „So, den wären wir los, der kommt nicht wie⸗ der. Willkommen auch, Herr Schlauberger!“ Der aber war vollſtändig geſchlagen. „Sehen Sie,“ fuhr Erlenmeyer in aller Ruhe fort,„welch ein vortreffliches Mittel ich entdeckt habe, mir die Haſen von meinem Winterkohl fern zu halten; wie Sie eben geſehen, ſo mache ich es von nun an allen Haſen. Meinen die Beſtien vielleicht, ſie könnten mir ungeſtraft meinen Kohl freſſen?“ Schlauberger war ſtumm! „Sie ſelbſt, lieber Schlauberger, haben mich 8 geſtern auf dieſe Idee gebracht. Die vielen Haſen⸗ n ſpuren ließen mir die ganze Nacht keine Ruhe.“ e han Schlauberger blieb ſtumm. „Und lieber Herr, Eins gewinnen wir noch bei dieſem Spaß. Die Viecher laufen jetzt nicht mehr rück⸗ wärts, weil ſie ihre Ladung ſchon empfangen haben. Haben Sie nicht geſehen, wie dieſer Abgeſchmierte kunſtgerecht gelaufen iſt?“ Schlauberger war beſiegt! Er hatte eine vollſtändige Niederlage erlitten! Keine Hoffnung mehr!— Gegen dieſen Satan war nicht anzukommen. Völlig reſignirt, aber mit der Reſignation der Verzweiflung, folgte er auch diesmal der Einladung Erlenmeyers, um ſich wenigſtens an deſſen Wein und Haſenbraten zu rächen. „Entſchuldigen Sie, lieber Schlauberger, nicht Haſe, nur Kalb, nichts als Kalb!“ entgegnete 6 der ſtets freundliche Erlenmeyer. —— — Ueber den Löffel barbirt. Eine Polizeigeſchichte. 15 Er ging ſeinen Gang. Ein wunderſamer Buchenwald, wie ſie ſo vielfach an den Ufern des Rheines ſich dahinziehen, träumte unter den glühenden Strahlen der Juliſonne. Die alten ehrwürdigen Stämme ſchliefen vor Mattigkeit ihren Mittagsſchlaf und nickten träumend mit ihren hohen belaubten Wipfeln, und die Vöglein, die in dieſen Wipfeln träumten, nickten ebenfalls und hatten das Singen verlernt. Die Blumen und Gräſer und ſelbſt das dürre Laub ſchlief und träumte im ſchwülen Schatten. Die Heimchen zirpten nicht, ſie ſchliefen und träumten; der ſonſt ſo eilfertige Waldbach mur⸗ melte träumeriſch: das Mühlrad kann warten! und blinzelte nur mit halb offenen Augen, und ſelbſt der unermüdliche Zephyr lag ſchlafend mit ausgebreiteten Fittigen auf dem alten Walde und deckte alle die fau⸗ len Schläfer mit weicher, ſanfter Decke zu. Nur Er nicht. Er ſchlief nicht und träumte nicht, denn„das Auge des Geſetzes wacht“. EEEFEFEE „„ Langſam zwar und ſchläfrig ſchritt er fürbaß; große Schweißtropfen perlten unter ſeinem Helme her⸗ vor; oftmals nahm er dieſe ſpitzgekrönte kriegeriſche Zier herunter und fuhr mit dem bunten Tuche über das zu zwei Dritttheilen bereits entlaubte Haupt. Das drohende Mordinſtrument, welches ihm über den Rücken hing, drückte gewaltig und mußte häufig von einer auf die andere Schulter wandern. Wie herr⸗ lich hätte ſichs im ſchattigen Walde unter all den Schläfern geruht! Aber er darf nicht ruhen, nicht raſten, der arme Mann! Er muß ſeinen Umgang halten, und in ſeinem Innern kocht und tobt es immer⸗ dar. Durſt, unermeßlicher Durſt plagt ſeine Kehle, und dieſes ordinäre Waſſer war nicht werth, dieſen köſtlichen Durſt zu löſchen. Aber mehr noch, als der leibliche Durſt, peinigt ihn der unerſättliche Durſt nach Rache, nach„Revangſche“! Er kann es nicht vergeffen, daß er von dem„ſappermentſen“ Erlen⸗ meyer ſo ſchmählich„injelackt“ worden iſt. Die gering⸗ ſchätzige Miene des geſtrengen Amtmanns, der Spott aller Bewohner des Städtchens, ſogar der Straßen⸗ jungen, die immer„Has, Has, fang den Has“! riefen, wenn ſie an ihm vorübergingen— und er durfte ſie nicht einmal arretiren! Das unbeſchreiblich höhniſche Geſicht des ſtets freundlichen Erlenmeyer, der ihn noch immer zum„Kalbsbraten“ einlud— es war zum Auseinanderplatzen jedesmal— die verlorene Ehre und Reputation nach zwanzigjähriger Amtsführung. das Alles ſtürmte heute zum hundertſten Male wie⸗ „ der auf ihn ein, und die Rachegeiſter peitſchten ſein zerriſſenes Herz. Er mußte die Scharte auswetzen, ſonſt war er verloren. Wie jene Küſtenbewohner im fernen Norden allſonntäglich um eine„geſegnete Strandung“ beteten, ſo war es ſein heißeſter Wunſch, es möchte innerhalb ſeines Bezirkes irgend eine Mord⸗ that oder ein Diebſtahl oder ſonſt ein ſchweres Ver⸗ brechen verübt werden, wodurch ihm Gelegenheit ge⸗ geben würde, ſeinen polizeilichen Spür- und Scharf⸗ ſinn zu zeigen. Aber dieſe verfl.... Rheinmenſchen wollten auch gar nichts„machen“! Allerdings, eine Ausſicht war wohl vorhanden: die falſchen Einthaler⸗ ſcheine, die ſchon ein Vierteljahr courſirten— da ließe ſich was machen, aber....„die Nürnberger hängen Keinen, ſie hätten ihn zuvor“. Wer von den freundlichen Leſern hätte in dem mißvergnügten Helm⸗ und Gewehrträger nicht ſchon längſt unſeren Freund Schlauberger wiedererkannt? — Ja, er war es wirklich, der biedere Gensdarm, der im Winter auf den Wildfrevler Erlenmeyer gelauert hatte. Aber auf ſeinem Angeſicht lagerte jetzt ein Zug von Wehmuth, welcher hin und wieder einem ergrimmten Aufleuchten ſeiner kleinen Aeuglein weichen mußte. Er war in einem halben Jahr um zehn Jahre älter geworden, und man mußte ihn bedauern, wie er ſo dahinſchritt durch die Sommerhitze. Endlich lichtete ſich der Wald, und es wurde ein einſames Hans auf grünem Raſen ſichtbar. Das war eine Schenke, in der Fuhrleute, Handwerksburſche und 46 ähnliche Menſchenkinder, wie man ſagt, die Hacke unter⸗ zuſtellen pflegten. Ob auch Schlauberger dies thun wird?— Er hat zwar noch einen weiten Weg vor ſich und muß heute noch Rapport abſtatten—„alleene aberſcht.... man'rin“! Mit einer energiſchen Wen⸗ dung lenkte er ſeine Schritte der Schenke zu und war alsbald unter der Thüre verſchwunden. 2 Natürlich fand er in der Wirthsſtube Schickſals⸗ genoſſen— durſtige Brüder gibts ja immer und überall— und zwar heute nur zwei. Der Eine war ein kleines dünnes Männchen mit einem Geſichte, welches ſehr dumm ausſehen konnte, wenn es wollte, und beim Anblicke Schlaubergers wirklich entſetzlich dumm ausſah, ſo dumm faſt, daß man zu glauben verſucht war, dieſes unbeſchreiblich dumme Geſicht ſei nur das Vorlegeſchloß eines ſehr geſcheidten und pfiffigen Geiſtes. Und ſo war es in der That; denn als Schlauberger ſeine läſtige Waffenrüſtung ablegte und dabei dem dummen Geſichte den Rücken kehrte, war dieſes plötzlich vollſtändig verwandelt. Ein Blitz aus den kleinen Augen, ſo boshaft und ſchalkhaft zu⸗ gleich, traf den Mann der Ordnung, daß es unmög⸗ lich war, zu verkennen: der führt etwas im Schilde! Vollkommen das Gegentheil war der andere Gaſt. Eine große derbe Geſtalt mit langen Armen, Händen und Fingern, ein Geſicht mit breitem, ſehr breitem Munde und kleiner, winzig kleiner Naſe; die Stirne Keute war ſehr hoch, zu hoch für einen Denker, gerade hoch genug für einen— Waſſerkopf, und ganz oben ſtarr⸗ ten nach allen Richtungen— Haare?— nein: Borſten, Stacheln. „Heiße Dag, Sapperment!“ begann Schlauberger, als er ſich ſeiner verſchiedenen Bürden entledigt hatte. „Hm, hm, beſonders mit den Dings da,“ ent⸗ gegnete der Kleine, indem er mit der Pfeifenſpitze auf die kriegeriſche Ausrüſtung des Gensdarmen deutete. „Is nich annerſch; Frau Wirthin, eenen Spezial!“ Schlauberger hatte ſich dieſen rheiniſchen Ausdruck für„einen halben Schoppen“ bereits angeeignet und das Trinken der„Speziälchen“ hatte er ſehr gut be⸗ griffen, wie er deutlich an den Tag legte, als die be⸗ häbige Wirthin ihn bedient hatte. „Viel Arbeit?“ fragte nach einiger Zeit der Kleine, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen. „Niſcht, nur'rumloofen, und bei die Hitze, Sap⸗ perment!“ war die Antwort. „Ich dächte, es gäbe genug zu thun für Euch,“ be⸗ gann der Kleine nach einer Pauſe wieder und machte dazu ein ſehr dummes Geſicht. „Hm, meint die falſchen Scheine?“ entgegnete Schlauberger ſeufzend,„du meine Jüte, renne ſchon vierzehn Dage und noch nich ene Spur jefunden. Nee, Männeken, da is nich hinterzukommen, dat is'ne ſchlaue Bande, Sapperment!“ Die tiefſte Entmuthigung im Geſicht lehnte ſich Schlauberger müde gegen die Wand und blies ge—⸗ Luſtige Geſchichten vom Rhein. 2 dankenvoll den Rauch aus ſeinem Pfeifenſtummel in die Luft. Auf dieſe Weiſe entging es ihm, daß der Kleine dem Langen, welcher bis dahin kein Wort ge⸗ ſprochen, mit den Augen heimlich zuwinkte. Dieſer erhob ſich gehorſam und ſprach zur Wirthin gewendet lakoniſch:„Schuldig?“—„Fünf Silbergroſchen.“— Der Lange zog einen Papierthaler aus der Weſten⸗ taſche, und die Wirthin gab ihm 25 Groſchen heraus. Nun ergriff Erſterer ſeinen Hut und watſchelte, einen ſcheuen Blick auf den Gensdarmen werfend, unbeholfen und ohne Gruß hinaus. Der Kleine griff, als ob ihn dieſes Intermezzo gar nichts anginge, das vorige Geſpräch wieder auf und ſagte:„Schlaue Bande? Es gibt aber Leute, die noch ſchlauer ſind“. „Hören Se, mein Juteſter, ick meene man jewiß voch nich uf dem Kopp jefallen ze ſind und bin ſchonſt Manchem hinter de Schliche jekommen, alleene aberſcht dieſe Jeſellſchaft is zum Deibelholen. Es wäre der ſchönſte Dag in meinem Leben, wenn ick dieſe an de Latte bringen thäte. Sapperment! et wäre Manches wieder annerſcht.“ „Hm, hm, da könnte man vielleicht— behilflich ſein,“ ſprach der Kleine langſam und wie in Gedanken für ſich. Schlauberger fuhr, wie von einer Schlange ge⸗ biſſen, auf; doch er ſah in das jetzt übermenſchlich dumme Geſicht und er lachte hell auf. „Ha, ha! Sie behilflich ſein! Nee, Männeken, da jehört mehr zu, ha, ha!“ I1 hin + Gef Doch das„Männeken“ ließ ſich nicht irre machen, es rückte näher zu Schlauberger heran und ſprach leiſe:„Man ſoll auch das Geringſte nicht verachten, wenn man ans Ziel kommen will. Wie wäre es, wenn einmal ein Dummer mehr wüßte als die Schlauen?“ Jetzt wurde Schlauberger aufmerkſam und dachte bei ſich:„Sollte er wat wiſſen? Wäre nich unmöflich. Woll'n'mal vorſichtig ausholen.“ Laut aber erwiderte er:„Na, wie ſoll ick dat verſtehn?“ „Wie Ihr wollt. Wenn ich Euch aber dazu ver⸗ helfen könnte, die Bande zu entdecken....“ „Zu entdecken?“ „Und auf friſcher That zu ertappen....“ „Zu erdabben?“ „Was würdet Ihr denn....“ „Ick verſtehe man ſchonſt. Hören Sie, lieber Freund, wenn Se mich dazu verhelfen— et ſind hundert Dahler auf die Entdeckung jeſetzt— Se kriejen de Hälfte. Na?“ „Gut, ſchlagen Sie ein!“— Er reichte die Hand hin, der Andere ſchlug ein. „Aber nu erklären Se ſich man näher!“ drängte Schlauberger. Jener machte eine möglichſt dummes Geſicht und begann:„Sie kennen mich nicht?“ Nee dat heeßt „Ich bin der Hinkelsjorg— ſo nennt man mich in der ganzen Gegend— und ich handle mit Federvieh. Auf meinen Gängen werde ich ſo mit allerlei Dingen bekannt....“ „Ja, ja,“ unterbrach ihn Schlauberger,„Er ſoll wohl auch ſo allerhand jelejentlich mauſen.“ „Durchaus nicht, pure Verleumdung. Aber laſſen Sie mich jetzt ausreden. Eines Abends ging ich mit meinem Hühnerkorb auf dem Rücken durch den Wald und dachte an nichts.“ „Wie jewöhnlich.“ „Es war ſchon ganz finſter, als ich in die Nähe einer Schloßruine kam, in der es nicht ganz geheuer ſein ſoll. Nun bin ich ſchon mehr als hundertmal da vorbeigegangen, ohne daß mir jemals etwas paſſirt wäre, und ſo fürchtete ich mich auch an ſelbigem Abend durchaus nicht. Auf einmal aber— was iſt das?“ „Nanu?“ „Ich bleibe vor Schreck und Erſtaunen ſtehen, denn durch eine Spalte des alten Gemäuers ſehe ich Licht ſchimmern.— Habt Ihr ſchon von vergrabenen Schätzen gehört und von den Feuern, die darauf brennen?“ „War et ſo wat? Sapperment!“ „Nein, das war es nicht, aber ich glaubte es an⸗ fangs und leiſe ſchlich ich heran, bis ich durch die Spalte blicken konnte. Was meint Ihr wohl, was ich jetzt ſah?“ „Na,'raus mit!“ „Zwei Kerle ſah ich.“ „Wat? Kerle? Dat ſchlägt ja in meinem Fach!“ „Ei freilich! Merken Sie denn nicht, was jetzt inm en df 05 dan halt un liht Gej Uit kommt? Alſo zwei Kerle ſah ich in dem Keller des alten Schloſſes„und was machten die?“ „Se machten?“ „Langſam, langſam! Krieg ich auch ganz gewiß die fünfzig Thaler?“ „Uf Ehre!“ „Ein Schuldſchein wäre mir lieber.“ „Soll'n ihm haben, nur'raus damit jetzt.“ „Nun, ſie machten falſch Geld.“ „Aha!“ „Falſche Scheine lagen in Bündelchen fertig in einer Ecke; mitten in dem Gewölbe zeichnete Einer auf einen großen Stein und der Andere ſchnitt Papiere zurecht.“ „Herrlich! Und man kann ſe kriejen?“ „Eine Leichtigkeit; noch in dieſer Nacht, wenn Sie mir folgen wollen.“ „Ei freilich, Sapperment, ſagen Se mich man, wat ick duhn ſoll.“ „Da iſt nicht viel zu thun. Haben Sie außer dem grünen Tuch noch andere Kleider? Ja?— Nun, dann in Civil, ein Paar gute Handſchellen parat ge⸗ halten und ſo ein ganz kleines Schießding, womit man fünf⸗, ſechsmal knallen kann— mehr brauchts nicht.— Halt, noch Eins! Habt da viel Haare im Geſicht, die müſſen weg.“ „Wat? Mein Bart? Nee, dat jeht nich, Männeken.“ „Nun, dann iſt die ganze Geſchichte nichts; thut mir leid um meine fünfzig 93— aber man würde Euch ſofort erkennen und. Schlauberger hatte nämlich einen wundervollen Bart. Es war, als hätte eine Art Bergrutſch an ſeinem edlen Haupte ſtattgefunden, und ſein Haupt⸗ haar ſei von dem kahlen Gipfel in die Niederungen von Naſe und Wangen herabgerutſcht. Dieſer Bart war ſeine Zierde und ſein Stolz— und dieſen ſollte er preisgeben! Ein harter Entſchluß— doch was muß der Menſch nicht Alles ſeiner Pflicht zum Opfer bringen!— Nachdem er die Sache eine kurze Zeit erwogen, ſprach Schlauberger entſchloſſen:„Wenn et denn ſein muß— in Jottes Namen— ſo ſoll er herunter, Sapperment! Aber de Schnurre kann doch wohl ſtehen, denk ich?“ „Thut mir leid, wirklich leid, aber es geht nicht, macht zu militäriſch!“ „Na, denn janz!“ „So iſts recht,“ nickte der Kleine,„das Opfer wird reichlich belohnt, und hernach kann er ja wieder wachſen. Alſo das wäre abgemacht; heute Abend bin ich um zehn Uhr an dem Wegweiſer, welcher nach Zaſſelbach führt, und warte auf Sie.“ „Und ick werde nich uf mir warten laſſen.“ Der Kleine machte Miene aufzuſtehen. Es mußte ihm jedoch noch etwas eingefallen ſein, denn er wen⸗ dete ſich plötzlich noch einmal zu Schlauberger und fragte:„Apropos, haben Sie vielleicht ſchon Proben von den falſchen Scheinen geſehen?“ „J freilich,“ verſetzte Schlauberger,„ick habe hier ſon„corpus dilecti“.— Er zog aus ſeinem Dienſt⸗ Aihe m K 6 Nulhs isch 162 fine Uier Jbe hin — 238 buche einen Thalerſchein hervor und präſentirte ihn dem Kleinen. „Sehen Sie man, wie verdeibelt ähnlich dat Dings nachjemacht iß! Hier haben Se drei echte, miſchen Se ſe durch und Se werden genau ſehen müſſen, bis Se dem falſchen wieder herausfinden.“ Der Kleine nahm eine ſchmutzige Brieftaſche aus ſeinem Buſen, legte ebenfalls drei Scheine zu den vieren und miſchte ſie, indem er ſagte:„Ich wette, daß ich aus dieſen ſieben den falſchen ſogleich finde“. Er breitete ſie aus, betrachtete ſie nur einen Augen⸗ blick und ſprach:„Hier!“ „Janz richtig, denn ick habe mir ihm markirt,“ antwortete Schlauberger, worauf der Kleine drei von den übrigen Scheinen wieder einſteckte und dem Schlauberger die drei anderen überließ. Als Beide ihre Zeche bezahlen wollten, fragte die Wirthin, welche während dieſer letzten Verhandlung ins Zimmer getreten war, woran denn die falſchen Papiere zu erkennen ſeien. „Dat is ſchwer,“ gab Schlauberger zur Antwort, „kucken Se ſich die Schrift man jenau an; wo in die richtige ſteht„volljültig“, da heeßt et in die falſche „volljiltig“, und wo et in die richtige heeßt„Staats⸗ ſchulden“, da ſteht in die falſche„Staatsfchulden“; ſeh'n Se man hier.“ „So prüfen Sie dieſen einmal,“ bat die Wirthin. Schlauberger nahm den von der Wirthin gereichten Schein und nach kurzem Beſchauen entſchied er mit ** wichtiger Miene:„Der is falſch; wer hat ihn je⸗ jeben?“ „Ei du liebe Zeit!“ ſchrie die dicke Wirthsfrau, „ſo hat mich der lange Bengel angeführt“. „Wer?“ „Der lange Lümmel, der eben fortgegangen iſt. Darum hat er auch ſo ſcheu geguckt.“ „Ha! den ſollen wir wohl noch kriejen; wohinaus jing er?“ „Nach Munkelheim zu.“ „Irade recht! Adieun— und heute Abend auf Wiederſehen!“ flüſterte er dem Kleinen zu und ſtürmte hinaus. Hinkelsjörg aber rieb ſich unter boshaftem Auf⸗ leuchten ſeines jetzt merkwürdig pfiffigen Geſichts die Hände, bezahlte ſeine Zeche, hing ſeinen Hühnerkorb auf den Rücken und ging langſam von dannen. Schlauberger lief aus Leibeskräften. Reichlicher Schweiß trof in ſeinen zum Tode verurtheilten Bart, und er lief dem„langen Lümmel“ nach. Schon war er eine gute halbe Stunde ſehr gelaufen— da machte der Weg eine ſcharfe Biegung und— der Lange ſaß da ganz gemüthlich auf einem Steine.„Hurrah!“ ſchrie Schlauberger,„hat ihm!“ Allein der Lange blieb nicht ſitzen, ſondern ſprang in die Höhe und begann ebenfalls zu laufen. Ein herrliches Wett⸗ rennen! Der Lange lief nicht regelmäßig, ſondern t den ſht; fult m. Kints .0 Sol 0 Uat, 1 ilſ Im Huln In ben, hg linn faft l d ien I 59 09 in einzelnen unbeholfenen großen Sprüngen, wobei er die Arme gleich Windmühlenflügeln in der Luft ſchwang— und Schlauberger hinter ihm her in regel⸗ rechtem militäriſchen Dauerlauf. Mehrmals glaubte er den Flüchtling packen zu können— da machte dieſer jedesmal wieder einen gewaltigen Satz— und fort war er. Endlich erinnerte ſich der Gensdarm ſeines Gewehres und rief:„Halt oder ick ſchieße!“ Doch das machte keinen Eindruck auf den Flüchtling. Schlauberger ſchoß wirklich, aber in die Luft, und — o Wunder!— der Lange plumpſte, ſo lang er war, auf den Boden und rührte ſich nicht mehr. Schlauberger bekam große Angſt— ſollte er ihn wirklich getroffen haben? Aber das war doch rein unmöglich. Er ſchüttelte und rüttelte ihn:— kein Zucken und keine Bewegung. Kalter Schweiß ſtand dem armen Gensdarmen auf der Stirne, er iſt in hellſter Verzweiflung.„Himmliſcher Vater dort dro⸗ ben,“ ruft er aus,„wat fang ick an?“— In der höchſten Angſt— er weiß nicht, was er thut— nimmt er ſeinen Säbel aus der Scheide und— klatſch! klatſch!— haut mit der flachen Klinge zwei⸗, drei⸗ mal dem Langen auf denjenigen Körpertheil, der zum Sitzen dient. Aber da:— aufſpringen, ein fürchter⸗ liches Geheul ausſtoßen und davonlaufen— das war das Werk einer Sekunde. Allein Schlauberger hatte ſich gefaßt und faßte auch ihn. „Du ſappermentſer Kerl!“ ſchrie er ihn wüthend an,„nu habe ick Dir, dat ſollſt Du mich bezahlen.“ Und das Kettchen raſſelte und ſchlang ſich um die Handgelenke: der Lange war gefangen. „Wu, wu, wu!“ ſtöhnte dieſer und ſuchte das Kettchen abzuſchütteln. „Ja, ſchüttele man nur, et hilft Allens niſcht,“ tröſtete Schlauberger voller Schadenfreude;„Du biſt mein Arreſtant und nu vorwärts!“ Er raffte ſein Gewehr auf und drängte den Delinquenten nicht ge⸗ rade mit ſanfter Gewalt voran. „O, ö, ö!“ gurgelte der Lange ſchmerzlich hervor, aber Schlauberger hatte kein Erbarmen, ſondern meinte„dat würde ſich ſpäter Allens finden“. Mit ſicherer Würde geleitete nun der glückliche Gensdarm ſein Opfer ſchweigend bis zum Amtsſtädtchen Munkelheim; er würdigte dasſelbe keines Wortes mehr und verwendete kein Auge von dieſem gefähr⸗ lichen und verſchlagenen Subjekt. Nur konnte er es ſich nicht verſagen, als er ſeinen Einzug hielt, hier⸗ und dorthin triumphirende Blicke zu ſenden, welche zu fagen ſchienen:„Man nur jeutzt! Der Schlau⸗ berger bleibt doch der Schlauberger, und— na, wir werden wohl ſehen“. Klirrend fielen die Riegel der Gefängnißthüre, um ſich ſofort wieder hinter dem Gefangenen zu ſchließen. „Den hätten wir!“ Schlauberger ſchritt ſelbſtbewußt und kühn er⸗ hobenen Hauptes von dannen ins Amtshaus. In feſterer Haltung als je, die Rechte am Helm und den linken Zeigefinger auf der linken Hoſennaht, ſprach er:„Herr Amtmann! Ick melde jehorſamſt, dat ick ſoeben en Individibum injebracht und ſchonſt in Numero„ſicher“ habe“. „Wie heißt dasſelbe?“ „Kann darüber keene Auskunft nich jeben; wird ſich ausweiſen.“ „Was hat er gemacht?“ „Falſche Papierſcheine ausjejeben, ſelberſch je⸗ ſehen!“ „So, ſo? Endlich eine Spur! Das iſt ſchön, Schlauberger, ſehr ſchön— ein guter Anhaltspunkt.“ „Herr Amtmann, ick habe noch mehr Anhalts⸗ pünkte“— ſeine Augen leuchteten—„wir werden de janze Bande fangen, jloobe ich.“ „Wie? Was? Er meint?“ „Erlooben der jeſtrenge Herr Amtmann, dat ick mir vorläufig ſchweijend verhalten duhe; aber morjen früh werden wir mehr wiſſen.“ „Schlauberger, thu Er ſeine Schuldigkeit! Die Sache wird Aufſehen erregen, und Er kann durch einen glücklichen Coup Alles wieder gut machen. Braucht Er Jemand zur Hilfe?“ „Nee, Herr Amtmann; beſorjens alleene.“ „So gehe Er denn und mach Er ſeine Sache gut!“ Der Amtmann klopfte ihm lächelnd auf die Schulter, fihn e und Schlauberger war entlaſſen. 4 Schlauberger hatte zu Hauſe eine Frau: ſie war alt, älter als er. Etliche Verleumder ziſchelten: ſi habe ihn unter dem Pantoffel; allein das hat er noch nie, ſelbſt in den ſchwächſten Stunden nicht, zu⸗ gegeben. Soviel iſt indeſſen ſicher, daß er im Allge⸗ meinen zu Hauſe ungeheuer zahm war und ſich zu häuslichen Dienſtleiſtungen gebrauchen ließ, die eines unter den Waffen ergrauten Kriegers durchaus un⸗ würdig waren. Heute jedoch war er ein ganz Anderer. Er fühlte ſich: und er hatte ſich überdies Courage angetrunken. Seine Frau traute ihren Augen nicht, als er ſtramm und ſtreng ins Zimmer trat, kaum einen kurzen Gruß hinwarf und ſeine Waffen ablegte; ſie fürchtete förm⸗ lich, es ſei ihm etwas zugeſtoßen, oder es ſei nicht mehr ganz richtig mit ihm. Als er gar einen Papier⸗ thaler hervorzog und in barſchem Tone befahl:„Hier, Olle, is en Dahler, nu hole mich en Raſirmeſſer!“ — da ſtand es bei ihr feſt, daß der Arme überge⸗ ſchnappt ſei. „Du meine Jüte, Aujuſt,“ rief ſie händeringend, „wat haſte vor?“ „Wat Dir jar niſcht anjeht!“ lautete ſeine Ant⸗ wort,„nu drolle Dir!“ „Aber, Aujuſt—“ „Keen„Aber“ nich— wer hat hier zu befehlen?“ Dabei hob er ſeine Hand ſo bedenklich, daß die Frau — Gfit ete 1 0 hitb gle lle ſht in entt fig 0 M. U E Wh U515 Dof Hke Mhek n Galß 10 eintt —2 hüſer 1 liltr es für gerathen hielt, jeden ferneren Widerſpruch auf⸗ zugeben und„ihr zu drollen“. Bald kam ſie wieder und händigte ihm das Raſirmeſſer ein. Er nahm es und gebot im ehemaligen Unteroffizierstone:„Die Olle jeht jetzt in die Klappe— räſonnir ſie nich!“ Ein energiſcher Wink nach der Thüre, und die„Olle“ ging wirklich in die„Klappe“. Nun begann ein ernſtes und rührendes Geſchäft. Ein Schüſſelchen nebſt Waſſer und Seife wurde her⸗ vorgeholt, Schaum geſchlagen, das Meſſer über die Hand abgezogen. Armer Schlauberger! Dein Stolz und Deine Freude, ſie ſollen von Dir genommen werden, und durch Dich ſelbſt. Was ſollſt Du nun mit wichtiger Amts⸗ miene ſtreichen?— Womit ſollſt Du Dich künftig in Reſpekt ſetzen, womit deine Autorität wahren, da Du keinen Bart mehr haſt?— Grauſames Geſchick eines Gensdarmen! Nicht nur Mühe und Arbeit und Schweiß und Schnäpſe mußt Du daran ſetzen, ſondern ſogar einen Theil— und nicht den letzten— deines Selbſt! — Doch Muth! Es wird Dir eine neue Saat aus dieſer Ernte hervorſproſſen und aufblühen. Und er ſeifte ſich ein. Er fuhr mit dem Meſſer über ſein Geſicht, wie ine Al⸗ Einer mit der Sichel über ein Aehrenfeld fährt; reichliche Thränen— war es der Gram oder war es das Meſſer?— liefen ihm über die Wangen. Und endlich iſt er fertig: „Hier ſteh ich, ein entlaubter Stamm!“ SIIEEPEEEPEECCCCCC — 89 „Nanu, Schlauberger, man nich ſentimental! Die Uniform aus und in Civil, Sapperment! Er kann ja wieder wachſen.“ Er zog ſich vollſtändig„eivil“ an, ſteckte ſeinen Revolver und zwei klirrende Dinge zu ſich, Arm⸗ zierden für die Spitzbuben, und ergriff einen derben Knotenſtock. So ausgerüſtet hätten ihn ſeine beſten Freunde nicht wieder erkannt. Kahl auf dem Scheitel, kahl im Geſicht! Schlotternde Beinkleider und eine verſchoſſene alte Joppe, die ihm im Verlauf der Zeit und der vielen Schoppen viel zu eng geworden war; dazu noch eine tiefe Wehmuth in den Zügen ob des momentan unerſetzlichen Verluſtes ſeines Bartes; kurz er ſah aus wie eine vollkommene Vogelſcheuche. Mißmuthig ſchritt er von dannen, nachdem er leiſe die Hausthür verſchloſſen und den Schlüſſel zu ſich geſteckt hatte. Mißmuthig ging er durch die be⸗ reits leeren Straßen der Stadt, als ob er, des Ge⸗ ſetzes Säule, ſelbſt auf böſen Wegen wandele; miß⸗ muthig durchmaß er in der zauberiſchen Mondnacht die herrlichen Saatfelder, welche den grünen Rhein beſäumen; ſelbſt der Mond, der Feind ſeiner Feinde, alſo von jeher ſein Freund und Bundesgenoſſe, er ſelbſt ärgerte ihn und trieb ihm die ärgerlichen Worte aus:„Na, ſo ſcheine, du Sappermentſer, bis an dem jüngſten Jericht“. Am Wegweiſer wartete bereits Hinkelsjörg. Als aber Schlauberger näher kam, verkroch er ſich furcht⸗ ſam hinter den Stock, denn er wußte nicht, ob dieſe It m en 6 e e f0 f en; W 10 U ul 0 Luſt he Ale Uls Uikt den U Wlat huder Figur wirklich Schlauberger ſei oder nicht. Erſt als er deſſen Stimme vernahm, hörten ſeine Zweifel auf, und es ſchwand ſeine Furcht.„Ha, ha!“ lachte der kleine Schelm,„ſeid Ihr es wirklich? Ha, ha! hätte Euch hundertmal begegnen können, ohne Euch zu kennen; ha, ha! ansgezeichnet, meiſterhaft— ſo dürftet Ihr Euch bei Tag zeigen, und der Schlauberger würde Euch unfehlbar arretiren, wenn Ihr auch gar nichts gemacht hättet. Ha, ha, hal“ „Nu man die dummen Witze laſſen, Kleiner, ver⸗ ſtanden? Sagt lieber, wie wir et anfangen, in das Verſteck der Falſchmünzer zu kommen, dat is man jetzt die Hauptſache.“ „Ganz recht,“ kicherte noch immer der Kleine, „deshalb wollen wir aufbrechen, und ich will Euch unterwegs meinen Plan mittheilen. Ihr habt doch Alles bei Euch, was nöthig iſt? Ja? Gut. Wenn wir alſo angekommen ſind, ſo....“ Sie gingen von dannen und waren bald unter dem Laubdache des rauſchenden Buchenwaldes ver⸗ ſchwunden. 9. Tief in des Waldes Gründen liegt einſam und verborgen ein altes Schloß in Trümmern. Vor Jahr⸗ hunderten ging es hier luſtig und lebendig her; denn alljährlich zweimal kam der Churfürſt von Mainz mit großem Gefolge, um in den weiten Forſten dem edlen Waidwerke zu obliegen. Die Schweden aber brannten das Schlößchen nieder, ſo daß es nur noch als Ruine in tiefer Waldeinſamkeit dahintrauerte. Noch ſtand ein maſſiver Thurm, den die Gewalt des Feuers nicht zu erſchüttern vermocht hatte, als Wahrzeichen einſtiger Herrlichkeit, und in den Gewölben dieſes Thurmes trieben die Fabrikanten der falſchen Thaler ihr unſauberes Gewerbe. Die nächtliche Stille, welche über dem Waldes⸗ dunkel lag und die zertrümmerte Burg noch unheim⸗ licher machte, wurde an jenem Abend in auffallender Weiſe unterbrochen. Nicht weit vom Thurme ließ ſich ein leiſes Stöhnen vernehmen, welches allmählich in ein Wimmern und zuletzt in lautes Klagen und Jammern überging. „Halloh!“ rief nach einiger Zeit eine lautſchallende Stimme,„was gibts da?“ „Ach, helft, guter Freund, helft um Gottes willen!“ Es war Schlaubergers Stimme. „Wo ſeid Ihr, Mann?“ Neues Stöhnen, aber näher. „Was iſt Euch?— Die Böſchung heruntergefallen? Und Euch ſehr weh gethan?— Rippen gebrochen?— Ja, da iſt guter Rath theuer; ich allein kann Euch nicht forttragen, bin zu ſchwach, will'mal rufen, ob vielleicht ein Förſter oder ſo etwas in der Nähe iſt.“ Der kleine Mann(es war der Hinkelsjörg) legte ſeine beiden Hände wie einen Trichter um den Mund und ſchrie noch lauter als bisher:„Ho! ho! Nie⸗ mand da?“ le 01 tt K 0 hiß 0 * ft hele 0 0 „Holla!“ antwortete nach einiger Zeit eine Stimme vom alten Thurme her,„wer da?“ „Gut Freund,“ ſchrie der Kleine dagegen,„ein armer verunglückter Mann liegt hier; habt Erbarmen und helft ihn wegtragen!“ „Komme gleich, einen Augenblick Geduld.“ „Aber jetzt, Schlauberger,“ mahnte Hinkelsjörg, „laßt Eure Berliner Sprache daheim, ſonſt ſind wir beide verloren.“ „Laſſen Se mir nur machen!“ „Mich, Schlauberger, immer umgekehrt.“ Es nahten zwei Männer mit einer Laterne, und jetzt konnte man Schlauberger am Boden liegen ſehen — ein wirkliches Jammerbild— er ächzte und ſtöhnte zum Erbarmen. „Hier,“ ſprach der Eine zu Hinkelsjörg,„nehmt die Laterne, indeß wir den Mann da in den Thurm tragen.“ Der kleine Zug ſetzte ſich in Bewegung und ge⸗ langte an den Thurm. Dieſer hatte unten keine Thüre, ſondern in der Hälfte ſeiner Höhe; aber unten hatten ſich die Falſchmünzer ein Loch durch⸗ gebrochen. Durch dieſes krochen und ſchoben ſie den fortwährend ſeufzenden Schlauberger. Auf einer gut erhaltenen ſteinernen Wendeltreppe gelangten ſie hinab in ein ziemlich geräumiges rundes Gemach, welches mit einigen Möbeln ausgeſtattet war. Hier ſetzten ſie den armen Schlauberger behutſam auf einen Seſſel nieder und zündeten Lichter an. Luſtige Geſchichten vom Rhein. 3 Schlauberger traute ſeinen Augen nicht, als er nun ſeine beiden Träger betrachtete; der Eine, mit dem rothen Barte und den Pockennarben im Geſichte, war Pichler, der Schuſter, bei dem er ſeine Schuhe beſohlen ließ, und der Andere, mit dem fürchterlichen Schnurrbart—„nee is et möjlich?“— war ſein früherer College Spitzel, den ſie durch„Intriguen“ vom Dienſte gebracht, und mit dem er ſchon ſo man⸗ chen„Kümmel“ getheilt hatte. O, die Schlechtigkeit der Menſchen iſt doch groß!— Wie gut war es, daß er ſich vollſtändig unkenntlich gemacht hatte! Zu noch größerer Vorſicht zog er indeſſen ſeinen Mund ſchief auf die linke Seite und ſprach in der Fiſtel. „Vor Allem wird dem Manne eine Herzensſtär⸗ kung Noth thun,“ begann der Rothe, holte aus einer Ecke eine Flaſche nebſt vier Gläſern, goß goldgelben Wein in dieſelben und hielt dem Schlauberger ein Glas an die verzogenen Lippen. Dieſer zog anfangs nur leiſe, dann immer mehr und hörte nicht eher auf, bis er es geleert hatte. „So iſt's recht,“ lobte der freundliche Spender, „das labt und iſt der beſte Balſam auf die gebro⸗ chenen Rippen.“ Er ſetzte ſich zu den Anderen an den runden Tiſch und begann ebenfalls zu zechen. Einer Flaſche nach der anderen wurde der Hals gebrochen, und Schlau— berger wurde zuſehends kräftiger und kräftiger— er konnte ſchon bald ſein Glas ſelbſt ergreifen und aus⸗ trinken, und auf die Frage, wie es mit ſeinen Rippen U f f Iter fe U ſtehe, fiſtelte er in hohen Tönen:„Ich glaube, ſie ſind gar nicht gebrochen, ſie thun mich nur noch ein klein wenig weh.“ „Mir,“ flüſterte Hinkelsjörg mahnend. „Aber, Donnerwetter, was habt Ihr auch um Mitternacht im Walde zu ſchaffen?“ fragte der frü⸗ here College Spitzel. „Ich— bin— ein armer Mann; ich muß mir auf den Ortſchaften hier herum ernähren.“ „Mich,“ gebot Hinkelsjörg leiſe. „Bedenkt, Mann,“ ſprach der rothe Pichler ſalbungsvoll,„die Nacht iſt keines Menſchen Freund.“ Schlauberger trank, zog den Mund ein klein wenig gerader und antwortete mit dünner Zwirns⸗ fadenſtimme:„Ich dächte, Ihr wäret wohl auch in die Nacht hier.“ „Der Nacht,“ verbeſſerte der Kleine. „Ja,“ lachte der Rothe,„das iſt was Anderes, wir haben hier unſere Sommerreſidenz, ha, ha!“ Schlauberger trank immer mehr und zog den Mund immer gerader. „Sapperment,“ gluckſte er,„man en ſchöner Som⸗ meraufenthalt!“ „Nicht wahr?— Und wir, wir ſind Freiherren, wir wohnen im Schloß, ha, ha, ha!“ Alle lachten und tranken. „Könnt's mithaben, wenn Ihr wollt. Hier ſind wir frei wie der Vogel in der Luft; hier kommt kein 3* Amtmann und kein Gensdarm her, nicht einmal der Hund von einem Schlauberger, ha, ha!“ „Nanu!“ fuhr der Genannte auf— ſein Mund war wieder ganz gerade.—„Kennt ihr den Sapper⸗ mentſter auch?“ „Dieſer Lump ſoll uns hier niemals erwiſchen, das ſchwöre ich.“ „Nur nicht ſo zuverſichtlich, Leute, es könnte doch anders kommen.“ Schlauberger hatte jetzt nicht mehr in der Fiſtel geſprochen und langte mit der Hand in die Taſche. „Was?“ ſchrie der Schnurrbart,„dieſer Dumm⸗ kopf?— Der ſoll den Haſen nachlaufen und Kalbs⸗ braten eſſen!“ „Sapperment!“ brauſte Schlauberger auf,„ſagt dat noch einmal!“ „Das ſag' ich noch tauſendmal, wenn Ihr's haben wollt! Der Kerl iſt ſo ſchlau wie ein Eſel!“ „Na, dat is man doch zu arg!“ „Seid Ihr vielleicht ſein Freund, weil Ihr ſo wild werdet?“ „Nee, Männeken, dat jrade nich, alleene aberſcht, er is et ſelberſcht!“ Er erhob ſich und hatte ſeinen Revolver im Nu auf Spitzel gerichtet. „Achtung!“ kommandirte er,„im Namen des Jeſ.. Er ſprach das Wort nicht mehr aus— ein Ruckl — Schlauberger war nicht mehr. Der Boden, auf f f hüt: 0 0 Antk her ihn ijm Ar dem ſein Stuhl geſtanden, hatte ſich geöffnet, ein dumpfer Fall ertönte, Schlauberger war verſchwunden. Die Zurückgebliebenen lachten hell auf, als ob nur ein kleiner Spaß paſſirt wäre. „Es wird ihm doch nichts geſchadet haben?“ fragte Hinkelsjörg. „Gott bewahre!“ erwiderte der Rothe,„das Loch iſt ganz mit Stroh vollgeſtopft.“ Sie tranken und ſcherzten noch lange fort, ohne ſich um den Verſunkenen zu kümmern. 6 Es dämmerte bereits— da ſtand Hinkelsjörg an dem Gefängniſſe Schlaubergers und rief wieder⸗ holt hinab:„Schlauberger, lebt Ihr noch?“ bis dieſer endlich Antwort gab. Er hatte geſchlafen, nachdem er ſich auf den Tod vorbereitet, und als er jetzt erwachte, da glaubte er, er ſei vom Tode auf⸗ erweckt. Er hielt es für ein Wunder, daß er aus dieſer Grube wieder entrinnen ſollte, und es war ihm Alles wie ein wüſter Traum. Zudem ſchmerzte ihm auch ſein Kopf— er meinte, doch ſoviel nicht getrunken zu haben— und es thaten ihm alle Zähne weh— das kam von wegen dem Barte. Der Kleine rief abermals hinunter:„Ich laſſe jetzt eine Leiter hinab, und nun vorwärts!“ Nach einiger Zeit kam eine Glatze, dann ein Arm⸗ ſündergeſicht, dann eine enge Joppe und ſchließlich kamen die ſchlotternden Hoſen zum Vorſchein— er war den Lebendigen wiedergegeben. Taumelnd ſank er auf einen Stuhl, bedeckte das ſchmerzlich bewegte Antlitz mit beiden Händen und— ſagte nichts. „O dieſe Spitzbuben!“ begann Hinkelsjörg mit ſeinem dümmſten Geſicht,„wer hätte dies geahnt? Setzten Euch auf dieſe Mausfalle und ließen Euch dahinunterplumpſen in das abſcheuliche Loch. Und mir?— Wie haben ſie mir's gemacht?— Gebunden haben ſie mich, in eine Ecke geworfen, das Maul zu⸗ geſtopft haben ſie mir und Späße über mich gemacht — die ganze Nacht haben ſie gezecht und jubilirt und dann ſind ſie fortgegangen. Erſt haben ſie mich aber wieder losgebunden und haben geſagt: Du kleiner dummer Wicht— denkt'mal: dummer Wicht haben ſie geſagt— jetzt warteſt Du eine halbe Stunde und dann kannſt du nach dem Schlauberger ſehen; aber nur nicht eher als in einer halben Stund, ſonſt ſeid Ihr beide verloren, haben ſie geſagt. O, es iſt himmelſchreiend, himmelſchreiend!— Aber jetzt fort aus dieſer Wolfsſchlucht! Kommt, Schlauberger, faßt Euch, vielleicht kriegt Ihr die Schufte doch noch.“ Schlauberger ſtand auf und wehrte die Troſt⸗ ſprüche des Kleinen ab.„Man jut!“ ſagte er, ſonſt nichts, ging ſchweigend weg und kroch durch das Loch ins Freie. Hier trennte ſich Hinkelsjörg von ihm und ließ ihn ſeines Weges allein ziehen, indem er ihm hinterher eine Fratze ſchnitt und eine lange lange Naſe mit allen zehn Fingern machte. Frau Schlauberger hatte ſchon längſt ihren Mor⸗ genkaffee geſchluckt und ſich gerade nicht ſehr ge⸗ ängſtigt, daß der Alte die Nacht nicht zu Hauſe zu⸗ gebracht, denn das war in ſeiner Stellung keine Seltenheit. Sie wollte es ihm aber eintränken, daß er ihr diesmal nichts geſagt hatte!— Da ging die Thüre auf, und der maskirte Schlauberger trat ver⸗ ſtört und ohne Gruß herein. Die Frau blickte neu⸗ gierig auf den groben Fremden und wollte ihn zu Rede ſtellen, doch wie erſtaunte ſie, als derſelbe ſich ohne Umſtände in den großen Sorgenſtuhl warf. „Er unverſchämter Lümmel!“ brach ſie hervor,„je⸗ ſchwind aus dem Hauſe, oder!“ „Man ruhig, Olle,“ erwiderte dieſer mit hohler Stimme,„ick werde mir von ſo'ne Kanthippe doch nich aus meinem Hauſe ſchmeißen laſſen, noch lange nich!⸗ Die„Olle“ war ſprachlos vor Erſtaunen, mit offenem Munde ſtand ſie da, die Augen auf die Jam⸗ mergeſtalt geheftet. „Allmächtiger Jott!“ rief ſie endlich,„biſt Du et, Aujuſt, oder biſt et nich?“ „Dummes Jemäſche dat, wer ſoll ick denn ſonſt ſind?“ „Wo iſt dein Bart?“— Schlauberger griff me⸗ chaniſch an ſein glattes Kinn—„wo iſt deine Uni⸗ form?“ — 40— „Ob Du man ſchweigen willſt? Hole deine Kaffee⸗ ſuppe her.“ Schluchzend gehorchte die Ehefrau, und Schlau⸗ berger trank ſchweigend ſeinen Kaffee. Was wird der Geſtrenge denken?— Was werden die Leute ſagen, wenn Du kommſt ohne die Bande und noch dazu ohne Bart!— Das waren des Gens⸗ darmen quälende Gedanken während ſeines Frühſtücks. Drei ſchwere Schläge gegen die Thüre— und ohne ein„Herein“ abgewartet zu haben, erſchien der Gensdarm Fänglein in der Stube. Schlauberger fühlte ſich gar nicht aufgelegt, den Beſuch ſeines Colle⸗ gen zu empfangen, und blieb ruhig ſitzen. Doch der Fänglein kam im Dienſt. Er ſchritt auf Frau Schlau⸗ berger zu und ſprach in ernſtem Ton:„Frau Schlau⸗ berger, auf Befehl der Herrn Amtmanns verhafte ich Sie.“ „Wat fällt Sie ein? Wat habe ick man denn je⸗ macht?“ zeterte die Frau. „Ich weiß es nicht, das wird ſich finden. Wo iſt Ihr Mann? Auch er iſt Arreſtant.“ „Aujuſt, Aujuſt! is et möjlich?“ „Wo iſt Ihr Mann? frage ich nochmals.“ „Da iſt er ja, duht die Oogen uf!“ „Was? Das ſoll mein College Schlauberger ſein? — Macht keine ſchlechten Witze.“ „Leider Jottes, Colleje,“ erhob ſich jetzt Schlau⸗ berger,„ick bin et ſelberſcht.“ „Ei, du lieber Himmel, was iſt denn da vorge⸗ 2 S.................. Im W 800 0 l f n. Wü gangen? Jetzt begreife ich faſt, warum ich Euch ver— haften muß.“ „Na, voch dat noch!“ ſeufzte Schlauberger,„alleene aberſcht— wat is zu machen?— Dat Jeſetz ruft mir und ick folje man. Olle, macht Dir zurecht!“ 8 Vier Uhr Mittags. Amtmann Möller ſtand mißmuthig an ſeinem Arbeitstiſche. „Gensdarm Fänglein!“ rief er,„ſind die Deliquen⸗ ten da?“ „Zu Befehl, Herr Amtmann, draußen im Vor⸗ zimmer.“ „Führt dieſelben herein!“ „Zu Befehl!“ Schlauberger und ſeine Alte traten herein. „Was macht Er für Dummheiten?“ fuhr der Amt⸗ mann den Fänglein an;„die Frau iſt richtig, aber was für einen Vagabunden bringt Er mir da anſtatt des Gensdarmen Schlauberger?“ Fänglein wollte antworten, allein Schlauberger war ſchon vorgetreten, die Arme ſtramm angezogen, und rapportirte:„Herr Amtmann, wat Se vor eenem Vagabunden jehalten haben, dat bin ick ſelberſch!“ Möller wußte nicht, wie ihm war.„So ſo!“ ſprach er verwundert,„in dieſem Zuſtande ſeh' ich Ihn wieder: ohne Bart“— Schlauberger griff wieder an die Stelle, wo der Bart geſtanden—„und ohne Uni⸗ form! Nun, die Sache wird ſich ſehr bald aufklären. Frau Schlauberger, haben Sie geſtern Abend bei dem Ernſt Krätzer, Raſirer dahier, ein Raſirmeſſer ge⸗ kauft?⸗ „O Herr Amtmann, hat er Jemand damit den Hals abjeſchnitten? Ach, ich ahnte doch jleich niſcht Jutes.“ Sie brach in lautes Schluchzen aus. „Dummes Zeug!“ unterbrach ſie Möller,„ant⸗ worten Sie auf meine Frage: haben Sie geſtern ein Raſirmeſſer gekauft?“ „J freilich hab ick et jekooft, ick wußte ja nich vor wat. Ach Jott!“ „Was haben Sie für dasſelbe bezahlt?“ „Wiſſen Se boch dat? Ick will et nur jeſtehen, et koſtete nur 25 Silberjroſchen, und die 5 Iroſchen habe ick dem Ollen verjeſſen zu jeben.“ „Das gehört Alles nicht hieher; mit welchem Gelde Sie bezahlt haben, meine ich.“ „Nanu, mit eenem Dahler Courrant.“ „War es ein Silberthaler oder ein Papierſchein?“ „Et war Papier, Herr Amtmann.“ „Wer gab Ihnen dieſen Papierthaler?“ „Er ſelberſch, mein Mann.“ „Es iſt gut.— Schlauberger, ſeid Ihr geſtändig, den erwähnten Schein Eurer Frau gegeben zu haben?“ „Zu Befehl, Herr Amtmann.“ „Einfach: Ja oder Nein.“ „Ja.“ „Könnt Ihr Euch ausweiſen, woher Ihr den Thalerſchein hattet?“ 1 Schlauberger zögerte:„Ja— Herr Amtmann— dat heeßt— nee.“ „Alſo wie?“ Nee „Gut.— Gensdarm Fänglein, habt Ihr Haus⸗ ſuchung bei Schlaubergers gehalten?“ „Zu Befehl, Herr Amtmann.“ „Und hat Er was gefunden?“ „Hier, Herr Amtmann.“ Er überreichte drei Papierthaler, welche der Amt⸗ mann ſorgfältig prüfte und dann Einen vor ſich auf den Tiſch legte mit den Worten:„Dieſen habe ich ihm verabfolgt, er iſt markirt. Dieſe beiden hier aber ſind ebenſo gefälſcht und dasſelbe Machwerk wie der geſtern Abend ausgegebene.— Schlauberger,“ fuhr er in ernſtem Tone fort,„die Indizien haben ſich derart gehäuft, daß Ihr im dringendſten Ver⸗ dachte ſteht, falſche Scheine verausgabt zu haben und mit den Falſchmünzern in Verbindung zu ſtehen. Kann es für einen Beamten im Dienſt, der das Vertrauen ſeiner Behörde beſitzen muß, ein ſchwereres Verbrechen geben, als unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit gegen die Gerechtigkeit ſelbſt zu freveln? Bedenket dies und leget ein offenes Geſtändniß ab. Dies allein kann wenigſtens das Aergſte von Euch abwenden.“ Schlauberger fühlte an ſeine Stirne, als beſänne er ſich, ob er denn wirklich noch derſelbe Schlauberger ſei, der er geſtern und vorgeſtern geweſen, und namen⸗ loſe Verzweiflung packte ihn.„O Himmel!“ ſtöhnte er,„ick weiß von Allens niſcht, aber voch rein niſcht.“ „So? Er leugnet?“ entgegnete Möller,„das iſt ſchlimm!“ „Um Gottes Willen, jeſtrenger Herr Amtmann, wiſſen Se denn nich, dat ick der Bande uf die Spur war?“ „Ja wohl, aber wo hat Er ſie? Er kommt mit leeren Händen!“ „Leider Jottes, et is mich nich jelungen.“ „Und dieſer Aufzug, in dem Er hier erſcheint: raſirt, in Civil— zu verdächtig!“ „Herr Amtmann, hören Se mir an, ick will Sie Allens bekennen.“ Nun erzählte der geängſtigte Mann alle Einzel⸗ heiten ſeiner Schande, die ihm in der verfloſſenen Nacht angethan worden war. Als er geendigt hatte, ergriff der Geſtrenge, etwas milder geſtimmt, wieder das Wort:„Das wäre Alles gut, und unter anderen Umſtänden würde ich Ihm unbedingten Glauben ſchen⸗ ken. Aber der Umſtand mit den drei Thalern iſt nicht aufgehellt und zu gravirend, als daß ich in ſeiner ganzen Erzählung etwas Anderes erblicken könnte, als ein wohldurchdachtes Lügengewebe.“ „Aber, Herr Amtmann, verſetzte Schlauberger, ſich plötzlich beſinnend,„habe ick denn nich jeſtern Eenen von der Bande injeliefert?“ „Jawohl, aber das kann Ihm nicht helfen, das kann Seiner Sache nur ſchaden; denn der Eingebrachte U5 f ff 0 Cad lih w 0 DErrreeeeee Nr h iſt ja ein Schwachſinniger, allbekannt unter dem Namen „das Hannchen“; und Er will ſich rechtfertigen da⸗ durch, daß Er einen Simpel arretirt, den man nicht ſtrafen könnte, wenn er auch Häuſer anzündete und noch Schlimmeres thäte? Nein, Schlauberger, die Sache kann für Ihn unter ſothanen Umſtänden ſchwer⸗ lich einen günſtigen Verlauf nehmen. Hat Er ſonſt Et kun noch etwas zu erinnern?“ Schlauberger ſchüttelte ſchmerzlich ſein kahles Haupt. „So iſt hiermit das erſte Verhör geſchloſſen und — abtreten!ꝰ Voller Verzweiflung erhoben ſich die Angeklagten, um in ihr Gefängniß zurückgeführt zu werden— da drängte ſich ein Knabe von ungefähr zwölf Jahren durch die Thüre herein, ging auf den Amtmann los und überreichte ihm einen Brief mit den unbeholfenen Worten:„Ihr ſollt ihn gleich leſen, hat er geſagt.“ Der Amtmann erbrach ihn haſtig, überflog ihn und rief dann launig aus:„Schlauberger, da bleiben!“ Er las den erſtaunten Gefangenen Folgendes vor: „Geſtrenger Herr Amtmann! ihr habt den ſchlau⸗ berger eingeſtochen von wegen denen falſche Thaler aber der ſchlauberger Iſt unſchuldig Ich habe ihm geſtern im Wirthshaus die falſchen Gegen drei gute in Das buch gedahn und er Hat Es nicht gemerkt Er iſt doch ſonſt So ſchlau Es waren die drei letzten die ich noch hate Und auch mit dem bahrt iſt Er unſchul⸗ dig weil Ich ihm Gerathen habe um Damit die bande EEEEEů Zu fangen Er wohlte uns fangen und Wahr auch bei Uns im Thorn aber Er wahr nit Schlau genung und Iſt in die alt Grub gefallen Ich habe ihn wieder herausgezogen Weil er ſo nach uns Geſucht hat und mir auch meine drei letzte falſche abgenohmen hat Wohlte ich ihm doch unſere Werkſtatt zeigen und auch unſere geſehlſchaft Und er hat auch ganz hübſch mit uns getrunken. Wir wohlten aber auch in der Nacht unſere Sache über die grehnze ſchaffe und Schlau⸗ berger ſollte Nicht auf Uns lauern darum mußte er in die Grub der ſchlauberger ſoll ſich nicht weiter mih' um uns Machen Wir ſind jetzt ſchon über die grehnze Wir haben unſer handwerk aufgeben weil wir die falſchen All ausgebracht haben und Leben jetzt als ehrliche leut von unſerm Geld. geſtrenger Herr Amt⸗ mann nicht war ſie duhn dem ſchlauberger doch nix er iſt ganz unſchuldig ich Habe ihn nur übers vor ge⸗ haut Und auch das Hannche werden ſie laufen laſſen Er weiß ja nit was er duht Er hat uns als für ein Schnäpsche die falſche Schein ausgeben Er iſt ja ein Waſerkopp. Nun adjes herr Amtmann adjes ſchlau⸗ berger Euer bahrt Wird bald wieder gewachſen Sein Es grüßt euch alle zum allerletzte mal der Hinkelsjörg.“ Alles lachte, ſelbſt der Geſtrenge lächelte, nur Schlauberger lachte nicht. Wie ſollte er auch? O Schmach und Schande! Abermals überliſtet— und zwar noch viel ärger als das erſte Mal! Dieſer Hinkelsjörg! Wer hätte das hinter ſeinem Schafs⸗ itt N0 j 0 lbe Ir eine n 90ů bat be I10 Nuf 00 „„ geſicht vermuthet!— Wenn er ihn hätte—— zer⸗ reißen würde er ihn, in Stücke reißen! Das waren die Gedanken, die auf ihn einſtürmten, und ſein Weib warf auf ihn Blicke der unſäglichſten Verachtung. „Ihr ſeid nun beide frei,“ ſchloß der Amtmann, „aber Schlauberger, Ihr habt Euch ſelbſt gerichtet. Ihr wolltet eine Scharte auswetzen und habt dafür eine viel größere empfangen. Beim Erlenmeyer habt Ihr angebiſſen, beim Hinkelsjörg ſeid Ihr herein⸗ gefallen und zudem habt Ihr Euch ſelbſt über den Löffel barbirt!“ Er machte ein Zeichen, und ſie gingen. Draußen aber wurden ſie von einer Menge Menſchen erwartet, und als ſie erſchienen, erſcholl plötzlich der einſtimmige Ruf:„Schlauberger vivat hoch! hoch! hoch!!“ Unter fortwährendem Hurrahrufen geleitete der Haufe das edle Paar nach Hauſe, wo ſie verſchwanden, und wo auch wir ſie ihrem ferneren Schickſale über⸗ laſſen wollen. Schlag und Rückſchlag. Ein Studentenſtücklein. 15 Im Herzen des geſegneten Ländchens Naſſau, in einem Seitenthale der Lahn, da, wo das Flüßchen ſich durch ſteile Felſen durchgewühlt hat und nun brauſend in die freundliche Landſchaft ſich ergießt, liegt das kleine anmuthige Städtchen H., einſt der Sitz eines naſſauiſchen Fürſtengeſchlechtes, nun aber ziemlich unbeachtet von der Außenwelt. Und das iſt auch gut; denn es befindet ſich dort ein Gymnaſtum. Die Muſen weilen nicht gerne im profanen Geräuſche; aber im Schatten der kühlen Pappeln, in den dunklen Laubgängen, an den ſanften Hügeln, gekrönt mit weißen, weit in das Land hinausſchauenden Kapellchen, wo überall heimliche Ruheplätzchen zur ſtillen Be⸗ ſchauung einladen— dort walten ſie mit Vorliebe. Zur Zeit, wo unſere Geſchichte ſpielt, waren die Muſen erſt kürzlich dorthin zurückgekehrt. Das Jahr 1848 war verfloſſen; man hatte ſie vertrieben und an ihrer Statt dem rauhen Gotte Mars gehuldigt. Die Muſenſöhne wollten ja auch ein bischen Revo⸗ Cur lutiönches ſpielen, und da auch H. eine„Bürgergarde“ hatte, ſo waren begreiflicher Weiſe die Studenten die Haupthelden. Ein ſtrammer Primaner war„Oberſt“, und der Direktor des Gymnaſiums— o himmliſche Götter!— war nicht weiter gelangt, als bis zum Corporal. Man kann ſich leicht denken, wie der „Oberſt“ mit ſeinen Corporälen und ſonſtigen Chargen umſprang! Allein nicht lange. Bald hatte der Schwindel ein Ende, und es kamen die traurigen Tage der Reaction. Welch jäher Wechſel! wie wurde da aufgeräumt!— Der„Oberſt“ und ſein„Adjutant“ mußten mit ihrem Dienſte auch das Gymnaſium quittiren; eiſern legte ſich die Hand er⸗ barmungsloſer Zucht auf die wieder gebeugten Nacken. Kein Bändchen, kein Schleifchen, kein Streifchen, keine vorwitzige Farbe durfte ſich mehr blicken laſſen; ſelbſt Hüte durften nicht mehr getragen werden— und die ganze Prima kam eines Tages barhäuptig aus der Klaſſe, weil der Director ſämmtliche Hüte wegen „rother“ Form in ſeine zärtliche Obhut genommen hatte. Zu ſelbiger Zeit hielt ſich Studirens halber allda ein gar edler Jüngling auf, welcher hieß Cornelius Horn. Seine Eltern, ehrſame Bauersleute, hatten ihn ſchon gleich bei ſeiner Geburt zum Advocaten⸗ ſtande beſtimmt, weil der Vater faſt immer Proceſſe zu führen hatte. Dazu ſchien auch die köſtliche Stimme, mit welcher er das roſige Licht begrüßte, ihn vorzüg⸗ lich zu qualificiren. Luſtige Geſchichten vom Rhein. 4 Als er getauft werden ſollte, wollte man ihm den Namen ſeines Geburtstags⸗Heiligen beilegen, wie das ſo Sitte war; ſein Vater nannte ihn ſchon mit Stolz „Abdon und Sennenchen“, allein ſeine Mutter, eine brave chriſtliche Frau, verſchmähte dieſen„Heiden⸗ namen“, von dem noch nie Jemand etwas gehört habe. Man einigte ſich endlich nach vieler Mühe auf den Namen Cornelius, den der Schulmeiſter vorſchlug. Das war aber ein Schalk; denn ſoviel Latein ver⸗ ſtand er, daß der Junge nun mit zwei Hörnern an⸗ ſtatt mit Einem Horn behaftet war.“) Als er nun anfing zu reden, und man ihn fragte:„Bubchen, wie heißeſt Du?“ konnte er den ganzen Namen nicht aus⸗ ſprechen und antwortete:„Nell“. Daher hieß er von da an ſtets„Nell“. Der Schulmeiſter ſprach mit ernſter Miene:„Junge, Junge! Ein Horn haſt Du abgeworfen, aber das andere wirſt Du behalten,“ worüber die Eltern ſehr erſtaunten und ihren Sohn als eine Art Wunderkind anſahen. Früh wurde auf ſeinen künftigen Beruf die ge⸗ bührende Rückſicht genommen. Er bekam ſogar Schuhe an die Füße, während die anderen Jungen barfuß laufen mußten. Er durfte nicht mit ins Feld und nicht die Kühe hüten; denn das ſchickte ſich für einen zukünftigen Advocaten durchaus nicht. Dafür ent⸗ ſich Nell indeſſen dadurch, daß er, die Schuhe ) Cornelius würde auf deutſch ungefähr„Hornmeier“ heißen. ſm b ſufi 1 f ing ght rull m dae üb 0 m Ee zuſammengebunden über der Achſel tragend, mit Nach⸗ bars Buben heimlich auf die Weide ging, und auch ſonſtige bäuerliche Verrichtungen thun half, an denen er ſehr großes Gefallen fand. Der erſte große Kummer lagerte ſich auf ſein junges Herz, als es hieß:„Nell, in vierzehn Tagen geht's nach H. ans Gymnaſium!“ Heiße Thränen rollten über ſeine Wangen, als der Abſchied kam, und ſie ließen erſt nach zu fließen, als der Vater ihm das feſte Verſprechen gab, daß er ihm alle vierzehn Tage einen großen Sack mit allerlei Eßwaaren ſelbſt überbringen werde. Und dann ſeien ja auch die Ferien, wo er zu Hauſe leben werde wie ein junger Herr. So ſchied nun Nell. Der Direktor war ein kleiner magerer Mann, der ſehr ernſt und wichtig dreinſah. Mit Zittern und Bangen traten Vater und Sohn bei ihm ein. Der Alte faßte ſich ein Herz und brachte ſein An⸗ liegen vor. „Auer Hoheit,“ begann er, indem er verlegen die Zipfelmütze in ſeinen Händen drehte,„hei breng aich uſ'n Affegoth.“(Hier bringe ich unſern Advocaten.) „Was? Advocat? Wo iſt denn der?“ „Hei ſtier'e; he ſchreibt ſich Horn wei aich.“(Hier ſteht er; er ſchreibt ſich Horn wie ich.) „Ah ſo! Der Kleine ſoll wohl Advocat werden?“ „Jo, Här, un dorüm ſall he en auer Schoul, wu mer die Geliehrte mächt.“(Ja, Herr, und darum ſoll er in Eure Schule, wo man die Gelehrten macht.) 4* „Iſt er denn auch brav, hat er einen klaren Kopf und Freude am Lernen?“ „Jo, Herr Obergeliehrter, he hot de Kobb owe un es ach brov, ower geliehrt hor'e noch wink“(Ja, Herr Obergelehrter, er hat den Kopf oben und iſt auch brav, aber gelernt hat er noch wenig.) „So, ſo! Nun wenn er guten Willen hat, ſo kann er es noch zu etwas bringen.“ „Ehrwärdige Majeſtät! aich benne mein'n Nell Auch off die Siel; ſai Moirer däht für Grom ſtärwe, wann em ebbes baſſiere däht.“(Ich binde meinen Nell Euch auf die Seele; ſeine Mutter würde vor Gram ſterben, wenn ihm etwas paſſirte.) So war Nell Student. Er war in Allem ein ſehr eigenthümlicher Burſche. Er hatte z. B. eine eigene Art, die Jahreszeiten ein⸗ zutheilen. Es gab für ihn kein Frühjahr, keinen Sommer, keinen Herbſt, keinen Winter— nein, ſon⸗ dern für ihn hieß es: jetzt kommen die Kirſchen, jetzt die Johannistrauben und die Birnen, jetzt die Aepfel, die Zwetſchen, und zuletzt die Trauben. Natürlich hielt er ſeine Ernten ſtets in anderer Leute Gärten. Der Winter. war die traurigſte Zeit, wie er meinte; denn da gab es nichts zu„mauſen“. Er rechnete auch nie nach Tagen, ſondern ſtets nach Nächten, und wenn ein Anderer z. B. ſagte:„Heiſa! in vierzehn Tagen geht's in die Ferien!“ ſo ſagte Nell:„Heiſa, jetzt ſchlafen wir noch vierzehn Mal, und dann geht's in die Ferien!“ f Dobei Heid b d Stldt das kuun Daf fol ale dit. J06 getg Fi 5 gt on fah lich Wutl lbet un 33 Die Studien machte Nell ſehr gründlich, gründ⸗ licher, als ſeinem Vater lieb war— er blieb faſt in jeder Klaſſe zwei Jahre— aus purer Wißbegierde. Dabei war Beſcheidenheit immer ſein ſchönſtes Ehren⸗ kleid— er begnügte ſich mit dem letzten Platze, ſo daß der Direktor ihn zur Unterſcheidung von anderen Studenten, welche ebenfalls Horn hießen, nur kurzweg das Horn nannte. Daher dauerte es denn eine ge⸗ raume Zeit, bis er in die oberſte Klaſſe gelangte. Dafür war er aber auch der Senior der ganzen An⸗ ſtalt, in gewaltigem Anſehen bei allen Studenten, bei allen Streichen ſtets voranleuchtend, weil er die Tra⸗ ditionen der Anſtalt am getreueſten kannte. Er beſaß zudem eine imponirend hohe, ſchlanke Geſtalt, ſo kerzen⸗ gerade, als hätte er einen eiſernen Ladſtock verſchluckt. Freilich war ſeine Figur auch außergewöhnlich mager und eckig; dafür war aber das Piedeſtal deſto kräftiger gerathen: ſeine Füße waren wirklich koloſſal, und man ſagte ihm nach, er mache dem Fährmann Con⸗ currenz, weil er in ſeinem Schuh ſtets über den Fluß fahre; allein er verhieß ſich jedesmal ſchwer, das ſei nicht wahr. Jedenfalls war ſein Schuh berühmt und wurde ſpäter noch berühmter. So kam Nell nach und nach in Prima, langſam aber ſicher. Als Nell Primaner geworden, begab ſich das traurige Ereigniß, daß der alte Pedell das Zeitliche ſegnete. Alle Welt war begierig auf den neuen Pe⸗ dellen; denn der Pedell iſt eine wichtige Perſon, er iſt das Auge und das Ohr, ja auch der Arm, wenigſtens der geſchwungene, des Direktors, und Wohl und Wehe der Studenten iſt innig mit ihm verwachſen. Wer beſchreibt nun das Entſetzen unſerer armen Pennäler, als ſich die Kunde verbreitete, ein ehe⸗ maliger Gensdarm ſei für dieſes hochnothpeinliche Amt auserſehen, und zwar ſei die Regierung dazu veran⸗ laßt worden, damit die noch etwas gelockerte Disciplin wieder recht ſtramm und ſtraff gehandhabt werde! Da kam Nell eines Tages mit freudeſtrahlendem Geſichte in die Klaſſe, warf ſeine Bücher im weiten Bogen auf ſeinen Platz, ſchwenkte ſeine blaue Mütze in der Luft und rief: „Hurrah! ihr Jungens, hat ihm!“ Alles lachte ob dieſer komiſchen Introduction. „Wer hat? was hat? wer hat was?“ ertönte es von allen Seiten, und im Nu ſtand Nell in einem dichten Knäuel von neugierigen lachenden Geſtalten. „Jungens, eine wichtige Neuigkeit!“ „Hört! hört!“ „Eine koſtbare Neuigkeit!“ „Heraus damit!“ „Unſer neuer Pedell—“ „Wer? wie heißt? wer iſt's?“ „Rathet einmal! Ha ha ha! köſtlich, famos, magniperbe!“ „Wird's bald, Nell?“ „**˙* „Es iſt— ha ha! lacht Jungens, lacht! ha ha ha!“ Allgemeines Gelächter ringsum. „Es iſt— räth's denn noch Keiner!— es iſt der Schlauberger!“ „Hurrah! hallo! Schlauberger hoch!“ 5 Es erhob ſich ein Jubel, der nicht enden wollte. Nell aber beſtig den Katheder mit wichtigem Pathos und begann zu reden: „Liebe Commilitonen und Kriegskameraden in Friedenszeiten! Ja, ich ſah ihn, den Biederen, und ich ſchätze mich glücklich, der Erſte geweſen zu ſein, der ihn ſah. Ich kenne ihn aus alten Schriften und Urkunden, und habe Proben ſeines Scharfſinnes und ſeiner Schlauheit geleſen. Genoſſen, Freunde! über⸗ laßt ihn mir, ich werde mich ſeiner annehmen, ich werde ihn, der ſein ruhmreiches, unbeflecktes Schwert mit dem Portierſtabe des Parnaſſes vertauſcht, ich werde ihn...“ „Ei, ei, das Horn auf dem heiligen Sitze der Wiſſenſchaft! Saul unter den Propheten!— Alſo hinc illæ lacrymæ, darum das homeriſche Gelächter, das bereits von ferne an meine Ohren erſcholl! Nell, das will ich mir merken.“ So ſprach mit Donnerſtimme der Direktor, der unbemerkt in die Klaſſe getreten war. Nell aber ſchlich wie ein begoſſener Pudel auf ſeinen Platz. Ja, es war wirklich wahr. Er war avancirt, aber rückwärts: er war zum Pedellen begnadigt worden, der edle Schlauberger, da ſeine letzte Affaire im Gensdarmeriedienſt ihn um das erſte Erforderniß eines guten Geſetzeswächters, um den Bart, gebracht hatte. Der war nun mittlerweile ſo ziemlich wieder ge⸗ wachſen; aber ach! Schlauberger, mit ihm wuchs auch Dein Ruf, und der Ruf Deiner Thaten ging Dir voraus ans Gymnaſium zu H. Wundere Dich darum nicht, wenn auch hier böſe Menſchen ſind.—— Es war Schluß der Klaſſe. Schlauberger that heute zum erſten Male Dienſt. Mit ernſter, ſtrenger Miene ſtand er am Aus⸗ gange des Corridors, um alle Studenten Revue paſſiren zu laſſen; denn er mußte auf Alles ein wachſames Auge haben— ſo ſagte die Inſtruction. Alle gingen hinaus, nicht ohne mit neugierigen Blicken den neuen „Cerberus“ zu muſtern, und ein banges Gefühl ſchlich ſich in manches junge Herz: er ſah gar ſo grimmig drein. Zuletzt kam Nell, eine äußerſt gutmüthige, dumme Figur ſpielend. Er grüßte freundlichſt und ſchien Luſt zu haben, mit Schlauberger ein Geſpräch anzuknüpfen. Dieſer war als Fremdling auch nicht abgeneigt, ſich etwas zu orientiren und den Dummen „man auszeholen“. „Ebenfalls verjnügten Nachmittag,“ ſprach er. Nul Uich i uül ſch 1ft „O Jerum, das Vergnügen iſt nicht weit her,“ gab Nell zur Antwort. „Na, man nich en bischen auskneifen, he?“ „J bewahre; kommt nicht vor— ſchlimme Zeiten!“ „Werden's Sie voch nich leichter machen.“ „Nu, nu! und Sie? Ihre Laſt werden Sie kriegen, dafür ſtehe ich— der Direktor....“ „Is er ſtrenge?“ „Jenachdem; wenn man ſich in ſeine Manieren zu ſchicken weiß, kann man ihn um einen Finger wickeln.“ „Un dat wäre zum Beiſpiel?“ „Nun zum Beiſpiel, er iſt fürchterlich ſtolz;“— Nell zog die Augenbrauen in die Höhe und erhob wichtig den Zeigefinger—„darum will er immer mit gebührender Ehrfurcht angeredet werden. Wollen Sie von vornherein ſeine Gunſt gewinnen, ſo müſſen Sie nie anders zu ihm ſagen, als: Erhabener Zeus, und ſich ſo verneigen!“ Nell ſtellte ſich kerzengerade auf, kreuzte die Arme über der Bruſt und verbeugte ſich ſehr tief.„Zeus“ aber war der Spitzname nunſeres kleinen Hochgebie⸗ tenden, und ſein Wohnſitz hieß demgemäß der„Olymp“. „Alſo erhabener Zeus! Dat will ick mich merken,“ ſagte Schlauberger mit Befriedigung. „Jawohl, und dann hat er ſo eigene Redensarten an ſich; auf die muß man ſtets die gehörigen Trümpfe ſetzen, dann wird er ganz gewiß gut gelaunt.“ „Wat ſind dat für welche?“ „O, eine Maſſe! Da könnte ich einen halben Tag erzählen.“ „Nanu, machen Se keen Stuß nich und theilen Sie mich zum wenigſten een Exempel mit.“ „Alſo zum Exempel, wenn er ſagt: Da möchte man ja aus der Haut fahren!— dann müſſen Sie den Trumpf draufſetzen: Wenn man glücklich wieder hineinkönnte, und ſo weiter.“ Dieſe und ähnliche ſcherzhaften Paralyſirungen ſeiner oft wirklich mörderiſchen Redensarten gebrauchte „Zeus“ nämlich, wenn er Spaß machen wollte; war es ihm aber Ernſt mit ſeinem Zorne, ſo blieben die „Trümpfe“ weg, und wurden nur von den Studenten leiſe hinzugefügt. „So ſo, alſo dat ſind man Trümpfe, ſprach Schlauberger vergnügt,„ob ick ſe jehörig ausſpielen will? Ha ha! Werden Se mir die annern voch noch lehren?“ „Gewiß, ſpäter. Aber, Herr Schlauberger, noch Eins!“ „Und?“ „Sie können Latein?“ „Wat? Ladein? ick?— ick und Ladein?— Hol' mir... na, nich fluchen, Schlauberger, de biſt nich mehr Soldat,— aberſcht Ladein? Nee, is nich.“ „O weh!“ lamentirte Nell mit aufrichtig betrübter Miene,„das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm!“ „Wo ſo? wat für'ne Schlimmigkeit ſoll dat ſind?“ „Weil der Direktor nichts mehr liebt, als wenn Lebl Wat mat fund diel bor Pof des, Mel. Mles 11. lict uh Utn Uult man in ſeine Rede hie und da ein Wörtchen Latein einfließen läßt. Er nennt das: die Rede würzen.“ „Na, von dat Jewürz bin ick keen Freund nich; alleene aberſcht wat machen?“ „Herr Schlauberger, haben Sie Vertrauen zu mir, ich verkaufe ihnen dieſes Gewürz.“ „Wie heißt verkoofen?“ „Ich lehre Sie Latein.“ „Sie wollten, mein Juteſter? O ick werde mir revangſchiren; Schlauberger is en Mann, der weeß wat ſich ſchicken duht.“ Dabei blinzelte er ſchlau und vertraut, und Nell machte es ebenſo. Zwei edle Seelen hatten ſich ge⸗ funden; noch an demſelben Abende bekam Schlauberger die erſte lateiniſche Stunde. O Schlauberger! ſind ſie ſchon wieder hinter Dir? 4. Schlauberger hatte ſeinen erſten dienſtlichen Rap⸗ port abzuſtatten, und ſich zu dieſem Zwecke in gehörige Poſitur geworfen. Als er die große breite Treppe des„Olymp“ hinaufſtieg, wollte ihn doch etwas wie Beklommenheit und Zagen anwandeln. Es war ihm Alles ſo neu, ſo ungewohnt, und der Direktor, ſo klein er war, hatte einen ſo böſen Blick, ſollte überhaupt nicht„ohne“ ſein. Allein„bange machen jilt nich“, ſprach bei ſich Schlauberger, und„vor en ollen Gens⸗ darm— ſchäme dir, Schlauberjer!“— So Aunte er Courage in ſein edles Gemüth. — 60— Er klopfte an das Heiligthum, und auf ein lautes „Herein!“ trat er dem Hochmögenden entgegen. In der Verlegenheit ließ er nach ſeiner früheren Gens⸗ darmengewohnheit die Mütze auf und ſalutirte mili⸗ täriſch. 855 wurde der Direktor, der ohnehin nicht in beſter Laune ſchien, unwillig und herrſchte den Ver⸗ dutzten an: „Kann Er Seine Mütze nicht abthun?“ Sie flog ſchnellſtens vom kahlen Haupte. „Was bringt Er?“ Schlauberger brachte ſeine Glieder in regelrechte Stellung, kreuzte die Hände über der Bruſt, verbeugte ſich tief und ſprach: „Erhabener Zeus!“ Der„erhabene Zeus“ wurde leichenblaß; ſprach⸗ los, mit geöffnetem Munde und weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte er einen Augenblick den Frevler an, als wollte er ihn vernichten in ſeinem Grimme; dann aber rief er: „Ei, da möchte man aber aus der Haut fahren!“ „Zu Befehl, Herr Direktor, wenn man glücklich wieder hineinkönnte!“ Alſo trumpfte Schlauberger;„Zeus“ aber war außer ſich. „Nein,“ ſchrie er,„das iſt, um zum Fenſter hin⸗ unterzuſpringen!“ „Janz wohl, Herr Direktor, wenn man nich Frau und Kinder hätte!“ trumpfte Schlauberger abermals⸗ in di ne mut 1 n til. 031 SEEErrrrrreeree — Jetzt aber riß dem Direktor die Geduld, und auf den Pedellen losfahrend, ſchnaubte er ihn an: „Iſt denn der Kerl verrückt?“ „Zu Befehl, Herr Direktor, wenn's man nich umjekehrt wäre!“ Das war der dritte Trumpf, und Schlauberger war innerlich nicht wenig erfreut, daß er die„Trümpfe“ ſo gut begriffen hatte. Der Direktor aber merkte an der unerſchütterlichen Harmloſigkeit desſelben, daß hier nicht Alles in Ordnung ſei; es fuhr ihm plötzlich die Erinnerung an ſeine ſpaßhaften Redensarten durch den Sinn, und er vermuthete, der neue Pedell müſſe einem Schalk in die Hände gerathen ſein. Darum war ſein Zorn ſofort dahin, und er begann laut zu lachen. Schlauberger wurde darob immer vergnügter, weil es ihm ja gelungen war, den ſtrengen Herrn ſo gut zu ſtimmen. „Laßts gut ſein, Schlauberger,“ lachte dieſer noch immer,„und nun melde Er!“ Schlauberger aber hatte nichts zu melden; denn die Studenten waren ja alle ſo artig und zuvorkom⸗ mend gegen ihn, und beſonders jener gute Nell. Da wurde der Direktor wieder ernſt. „Lieber Schlauberger,“ ſprach er,„Er iſt in eine neue Stellung eingetreten, und die wird Ihm noch 1funn manchmal recht ſauer werden. Die Studenten ſind ein gar loſes Volk, der Schalk ſitzt ihnen im Nacken. Gerade wenn ſie am freundlichſten thun, führen ſie gewöhnlich etwas im Schilde. Darum ſehe Er ſich vor, und traue Er nicht jedem. So will ich Ihm heute die Mittheilung machen, daß ich ſtarken Ver⸗ dacht habe, die Burſchen kneipen wieder. Sein Vor⸗ gänger war ein alter Mann, er ließ es beim Nächſten. Von Ihm erwarte ich etwas Beſſeres; Er wird ſich bald ein gutes Renommee verſchaffen und die leicht⸗ ſinnigen Studenten in gehörige Furcht ſetzen. Biete Er Alles auf, ſogleich einen Hauptſchlag zu führen. Mache Er ſobald wie möglich die geheime Kneipe ausfindig, und hebe Er mir die luſtigen Vögel aus. Dann hat Er gewonnen Spiel, und nach Oben kann's Ihm nicht ſchaden.“ „Sehr woll, Herr Direktor, mich is nich bange, und bis morjen wiſſen wir die Kneipe. Woll'n ſchonſt machen.“ „Und nun gehe Er in Gottes Namen.“ Schlauberger brachte abermals ſeine Glieder in regelrechte Stellung, kreuzte wieder die Arme wie ein Türke über der Bruſt, verneigte ſich tief zum Ab⸗ ſchiede und ſprach mit Würde: „Erhabener Zeus, Ihr unterthänigſter asinis⸗ simus!“ Der kleine„Erhabene“ ſchüttelte ſich vor Lachen, was Schlauberger gar nicht begriff. „Na, Schlauberger, weiß Er denn auch, was das iſt: asinissimus? Ha ha ha!“ „Jawoll! et is mein Titel auf Ladein und wird man uf Deutſch Pedell heißen, wie mich jeſagt wurde“ „Ha ha! Es iſt der Superlativ von asinus, ha ha!l“ Will 61 ½ an fei fuſte bohrt Rit e lchit lade FFE re „Janz richtig, und dat is man nich ſchlimm.“ „O Gott bewahre! Weiß Er denn auch, was asinus auf Deutſch heißt?“ „Nee, man nich, Herr Direktor!“ „Es heißt: Eſel! ha ha! und asinissimus, weiß Er nun, was das bedeutet?“ Schlauberger wurde verlegen. „Nee, ſoviel Ladein kann ick noch nich.“ „Nun, lieber Schlauberger,“ verſetzte„Zeus“— und dabei klopfte er dem armen Pedellen vertraulich Aun auf die Schulter—„dann will ich's Ihm ſagen: es heißt„Eſelſter“oderauch,Ober-Eſel“, Er hat die Wahl.“ Schlauberger knirſchte mit den Zähnen. Der Direktor fuhr fort: „Woher hat Er denn dieſen lateiniſchen Brocken? Ihn führt gewiß Einer am Narrenſeil, ha ha!“ Schlauberger antwortete nicht. Er empfahl ſich und ſchritt gebeugten Hauptes den„Olymp“ herab. Einen tiefen, heißen Grimm aber warf er zur Stunde auf Nell. — Y. Einen heißeren Tag hatte man lange nicht aus⸗ zuſtehen gehabt, als heute. Gleich glühenden Pfeilen 9.6%—bohrten ſich die Sonnenſtrahlen durch ſchützende Dächer und grünes Dickicht und brannten und ſengten ohne Erbarmen. Alles, was da athmete, das keuchte, lechzte nach labendem Trunke und erſehnte die küh⸗ lenden Schatten der Nacht. Die armen Studenten! In engen Mauern gefangen, ſtill an die Bänke ge⸗ feſſelt, ſaßen ſie und ſtarben faſt vor Langweile. Nicht einmal ſchlafen durfte Einer ungeſtraft: ein Donner⸗ wort vom hohen Katheder herab entriß ihn jählings dem Reiche der Träume. Die Augen mußten offen bleiben; aber ſie ſpähten vergebens nach Luft und Grün durchs Fenſter: beneficium caloris(einen freien Tag wegen der Hitze) gab es nicht. War es da zu verwundern, wenn die geplagten Muſenſöhne, nachdem ſie des Tages Hitze ſchwer empfunden, flinken Fußes und wonnigen Gefühles dem Gipfel des Par⸗ naß enteilten, um an der caſtaliſchen Quelle ſich zu laben, neues Leben zu trinken? Aber ach! dieſe Quelle ſprudelte in verbotenen Gründen, und es war gefährlich, ihren erfriſchenden Waſſern zu nahen! Lauſchig, heimelig, zwiſchen grünen Ranken tief verborgen, lag ein kleines Gartenhäuschen in Mitten der Stadt. Ein Canal, der vom Fluſſe ſich abzweigte, um mehrere Mühlräder in Bewegung zu ſetzen, floß dicht an dieſem ſchattigen, dunklen Aſyle durſtiger Brüder vorbei und verbreitete angenehme Kühle; dichte Weidenbüſche, welche ihre Zweige in den Flu⸗ then des Canals badeten, verdeckten unberufenen Blicken Alles, was hier vorging, und wenn von der Landſeite eine unvermuthete Ueberrumpelung geſchah, ſo konnte ſich Männiglich, was elaſtiſche Beine hatte — und die Jungen waren doch flinker, als die Alten! — durch einen kühnen Satz über den Canal in Sicher⸗ heit bringen. So ſaßen denn heute die Studenten der Prima in heiterer Sorgloſigkeit wieder in ihrem geliebten Kneipchen und labten die Kehlen am köſtlichen Naß. Es war ein herrlicher Abend auf die ermattete, aus⸗ gedörrte Erde herabgeſchwebt und hatte jede lechzende Creatur erquickt. Die Studenten— wer wollte es ihnen verargen?— waren in roſigſter Laune. War es ja ſchon bekannt geworden, wie Schlauberger ſein erſtes Debut beſtanden! Und vor einem ſolchen Pe⸗ dellen brauchten ſie keine große Angſt zu haben. Nell aber war mehr wie je der Held des Tages geworden. „Proſit, Nell!“ „Sollſt leben!“ „Nell, es kommt Dir was!“ „Es leuchte Dein Stern zu allen Zeiten!“ So erſchallte es rings aus frohen Kehlen, und Nell mußte immer und immer wieder Beſcheid thun, wodurch er allgemach in eine ſehr gehobene Stim⸗ mung gerieth. Schon hatte er zur großen Beluſtigung der Anweſenden erzählt, wie er Schlauberger„in⸗ ſtruirt“ und ihm die Anfangsgründe des Lateiniſchen nach einer ganz neuen, ſelbſterfundenen Grammatik beigebracht hatte. Er rühmte ſich beſonders, daß er die Sprache durch die Steigerung der Subſtantive bereichert habe, während bisher nur die Adjective dieſes Privilegium genoſſen hätten, und zuletzt vermaß er ſich ſogar, eine poetiſche Ader zu beſitzen. Begeiſte⸗ rung hatte ihn einmal erfaßt und riß ihn fort, er beſtieg einen Stuhl, ergriff ſein gefülltes Glas und begann: Luſtige Geſchichten vom Rhein. 5 „Freunde, Brüder, Genoſſen! Große Dinge gehen wieder vor. Niemals hätte ich geglaubt, daß Apollos Lyra an meiner Wiege geklungen. Nun aber iſt es offenbar geworden: auch ich bin in Arkadien geboren, ich bin ein Dichter. Wer hat es vermocht, den edlen Himmelsfunken in mir zu wecken? Es war einem Manne vorbehalten, der allerdings mehr als Brod, der ſogar Haſenbraten eſſen kann!“... Schallendes, anhaltendes Gelächter und„Bravo!“ Nell fuhr fort: „Dieſer Mann, Ihr kennt ihn alle, hat mich be⸗ geiſtert, ich mußte ihn beſingen. Stimmet alle ein, Freunde, in die Hymne, die meinen Lippen heute entfloſſen iſt, und nachdem ihr noch einen kräftigen Zug zur Stärkung gethan,— ich bringe Euch dies — ſinget nach der ſchönen Melodie„Jung Siegfried war ein ſtolzer Knab“ das neue Lied, das nun folgt.“ Nell ſtieg vom Stuhle, räuſperte ſich und ſtimmte an: „Schlauberger war ein großer Held, Er ſchlug die Haſen aus dem Feld.“ Die Andern fielen im Chorus ein und brüllten die Strophe nach. „Den Haſen aß er für ein Kalb, Doch ach! die Freude war nur halb. Die Waſſerköpfe fing er ein, Spitzbuben ließ er laufen fein. Wer Andern eine Grube gräbt, Fällt ſelbſt hinein— er hat's erlebt. Die Bande wollt' er heben aus, Ihn zog man aus dem Loch heraus. Auf Liſt ſann er und feine Art, Uuẽd ſchor ſich ſeinen eignen Bart. Nun heißt er asinissimus, Das mög' er bleiben bis——“ „Masken vor!“ erſcholl plötzlich eine Stimme, und im Nu verſtummte der Geſang; alle Geſichter waren mit ſchwarzen Masken bedeckt. Im ſelben Augenblicke wurde auch die Thüre ein⸗ geſtoßen, und herein trat mit Würde Pedell Schlau⸗ berger. „Man eene nette Jeſellſchaft,“ begann er,„Sapper⸗ ment! bin ick denn in der Hölle jerathen?“ Keine Antwort. „Dat is ja eene janze Verſammlung von jungen Deibeln.“ Alles ſchweigt. „Na, warum man ſo ſtumm, he?“ Abermals tiefe Stille. „Haben doch eben noch ſo'n jottvolles Lied je⸗ ſungen.“ „Der Horcher an der Wand hört ſeine eigne Schand.“ So tönte jetzt eine tiefe Stimme aus dem Hintergrunde. 68 „Jawohl,“ ſprach Schlauberger,„alleene aberſcht dafür wird man mal in dem Career ſpazieren.“ „Die Nürnberger hängen keinen, ſie hätten ihn denn zuvor,“ gab dieſelbe tiefe Stimme zur Antwort. „Aber wir haben ihm,“ triumphirte Schlau⸗ berger;„zum Exempel, wie heißen Sie?“ „Ich?“ ertönte es abermals tief wie aus dem Grabe zur Antwort;„ich heiße Haſe.“ „Man ſchön, alſo Haſe.“ Schlauberger notirte. „Und Sie?“ wandte er ſich an den Nächſten. „Ich heiße Kalb.“ Es war eine ſehr hohe Stimme, die das ſprach. „Und Sie?“ „Mein Name iſt Hinkel.“ „Und Sie?“ „Ich bin der Jörg.“ Schlauberger wurde wüthend. Alle Namen, die ſeine Schande verkündeten, waren hier vertreten. Er wandte ſich an Nell und fragte nach deſſen Namen. „Ich,“ ſprach dieſer mit Pathos und verſtellter Stimme,„ich heiße— merken Sie wohl auf!— Cornelius Cyprianus Afrikanus Naſika Minor Major.“ Schlauberger kratzte ſich hinterm Ohr. „Dat ſchreibe wer will; notiren Se mich dat ſelberſcht.“ Nell fing an zu ſchreiben—— „Sauve qui peut!“ rief es auf einmal laut da⸗ zwiſchen, und hui! ſtürzte Alles zur Thüre hinaus das 00 W0 Un fo der. —— 69— an dem verblüfften Pedellen vorbei; denn der hoch⸗ gebietende„Zeus“ war in hocheigner Perſon erſchie⸗ nen, um das luſtige Neſt auszuheben. Aber—— es war einmal ein Bübelein, das wußte ein Nachtigallenneſt mit fünf Eiern,— und weil die Nachtigallen gar ſo ſchön ſingen, wollte es die Alte fangen. Es ſchlich ſich leiſe, leiſe herzu, nahm leiſe, leiſe ſeine Mütze und huſch! hatte es die⸗ ſelbe über das Neſt geſtülpt. Mit ſtillem Jubel, darob ihm das Herzchen klopfte, trug es die ganze Beute nach Hauſe; mit Vorſicht lüftete es die Mütze und griff unter derſelben nach dem Vogel, der ſo ſo ſchön ſingt, aber ſiehe da!—— es griff in ein leeres Neſt. Die Geſchwiſter aber thäten ſehr lachen.— Wie eine Schaar von Fröſchen, vom Feinde auf⸗ geſcheucht, in jäher Eile dem ſchützenden Elemente zu: eilt und in kühnem Bogen ins Waſſer plumpſt, alſo ſprang auch die aufgeſcheuchte Studentenſchaar in weiten Sätzen über den Canal und enteilte ſo dem drohenden Verderben. Nur Einer hatte Pech: ach, der lange Nell, er verwickelte ſich mit einem Fuße in das Geäſte der Weiden, und als er den Sprung wagte, blieb ſein Schuh diesſeits, er ſelbſt aber verlor 1 dadurch an Elaſticität, und— padautz! lag er im 8˙ u Waſſer. Er arbeitete ſich indeſſen wieder heraus und folgte hinkend den Gefährten, die bald im Dunkel der Nacht verſchwanden. immilllr Da thäten ſie Alle ſehr lachen. lin Aergerlich ſchaute unterdeſſen der Direktor den 5 Le. CCCCCCCC Flüchtlingen nach, und ſchon wollte er Schlauberger mit harten Worten anlaſſen. Doch dieſer tröſtete ihn ſchmunzelnd: „Laſſen Se man die loofen, wir kriejen ſe doch; ick hab ſe ufjeſchrieben.“ „So? weiſen Sie her!“ Schlauberger gab ihm ſein Notizbuch, und der Direktor las beim Scheine der Kerze: „Haſe, Kalb, Hinkel, Jörg und.... Ei, ei,“ ſprach er kopfſchüttelnd,„ſo heißt kein einziger Schüler hier, und der letzte Name, der nicht ausgeſchrieben iſt, iſt erſt recht kein Name. Schlauberger, Schlau⸗ berger, ſie ſind Ihm wieder einmal an der Naſe vor⸗ beigegangen.“ „Zeus“ wäre gerne aus der Haut gefahren, wenn er glücklich wieder hineingekonnt; Schlauberger aber hätte ſich die Haare ausgeriſſen, wenn er noch welche auf dem Kopfe gehabt hätte. Eine ſo ſchöne Ge⸗ legenheit, und wieder„'rinjefallen!“ Er lief grimmig an das Ufer des Canals— nicht um ſich hinein⸗ zuſtürzen, ſondern unwillkürlich, um nach den Ent⸗ ſprungenen noch einmal zu ſpähen. Da ſtößt ſein Fuß an etwas Hartes: er bückt ſich, um es aufzu⸗ heben, er trägt es ins Häuschen— ein Freudenſchrei entflieht ſeinen Lippen—— es iſt ein gewaltiger Schuh, der Schuh Nells, den aber weder er, noch der Direktor kannten. Thut nichts, es war ein An⸗ haltspunkt, eine Spur; wenigſtens etwas, was Spur macht— der Eigenthümer mußte entdeckt werden! ilt let n „Und nun gute Nacht, Schlauberger.“ „Erhabener Zeus, gute Nacht!“ iefn 6. Dumpfe Schwüle lag am andern Morgen über dem alten, grauen Gymnaſialgebäude. Bange Ahnun⸗ gen durchzuckten die Gemüther der Studenten. Es war etwas von den Ereigniſſen des Abends verlautet; man flüſterte ſich geheimnißvoll ins Ohr, daß der „Zeus“ ungeheuer grimmig thue, daß drohende Wol⸗ ken ſein Haupt umlagerten, und daß ein unheilvolles Gewitter im Anzuge ſei. Während ſonſt vor dem Beginne des Unterrichts allerlei Späße verkauft und munter geplaudert wurde, war es heute auffallend ſtille, und Einer ſchaute dem Andern ängſtlich fragend ins Geſicht. Was man fürchtete, war nur zu wahr. Schlag acht Uhr erſchien der Pedell in der Prima und verkündete mit Heroldsſtimme, daß ſich ſämmt⸗ liche Schüler allſogleich in der Aula des Gymnaſiums zu verſammeln hätten. Ein Gleiches that er in allen übrigen Klaſſen. Erwartungsvoll ſtand die Schülerſchaar vor dem verſammelten Lehrercollegium, in deſſen Mitte der Direktor mit ernſter Miene ſaß. Er erhob ſich. „Sind Alle anweſend?“ fragte er ſtrenge. Tiefe Stille. Sein Auge überflog beſonders ſcharf die Primaner. S „Ich ſehe einige, die nicht da ſind.... wo iſt z. B. Cornelius Horn?“ Ein Student trat vor und meldete: „Cornelius Horn läßt ſich entſchuldigen, er iſt unwohl.“ „Was fehlt ihm?“ „Er hat ſich zwei Finger der linken Hand ver⸗ ſtaucht.“ „Was? verſtaucht? wie ging das zu?“ „Er bekam neue Stiefel, die ihm zu klein waren; beim Anziehen iſt ihm das paſſirt.“ „Lächerlich; aber mit den Fingern braucht er ja nicht zu gehen, er ſoll mit ſeinen Füßen kommen.“ Moſzaber e „Nun, was aber?“ „Er hat keine Schuhe.“ „Ich ſage: das Horn ſoll kommen, und wenns in Pantoffeln iſt! Das melde ihm.“ Der Geheißene ging. Es verhielt ſich in der That ſo. Nell hatte nur ein Paar Schuhe gehabt. Nach Verluſt des einen konnte er im Augenblick weder Schuhe noch Stiefel auftreiben, die groß genug waren. Mit den zwei Fingern war es aber ein wenig anders; die hatte er ſich beim geſtrigen Falle beſchädigt, der Arme! und jetzt ſollte ihn das Verhängniß ereilen. Er kam— Pantoffeln an den Füßen, die linke Hand verbunden. Nun, da die Verſammlung vollzählig war, konnte der große Akt beginnen. Der Direktor liebte die Ueber⸗ raſchungen, die Ueberrumpelungen— und diesmal hatte er wirklich Erfolg. Er klingelte. Da that ſich eine Nebenpforte auf, und herein mit gemeſſenem Schritt trat Schlauberger, einen ver⸗ deckten Gegenſtand geheimnißvoll vor ſich hertragend. Er ſetzte ihn, noch immer verhüllt, auf einen vor dem Gebieter ſtehenden Tiſche nieder, mit den Worten: „Hier iſt das morbus dilecti.“ Alles lachte ob dieſes komiſchen Lateins, ſogar der Direktor, welcher ſprach: „Weiß Er denn, was Er jetzt wieder für einen Unſinn vorgebracht hat? Morbus dilecti heißt: Krankheit des Geliebten, ha, ha!“ „J, wat Se nich ſagen! So'ne Art Krankheit hab ick früher ſchonſt viele jehabt, aber dat ick ſe je⸗ liebt hätte, dat kann ick nich jrade ſagen.“ „Eben darum ſchweige Er mit Seinem Latein, wenn Er ſich nicht noch öfter blamiren will.“ „Nach dieſem Intermezzo,“ fuhr Zeus zu den Schülern gewendet fort,„will ich Euren Augen ein ſonderbares Schauſpiel bereiten. Wenn auch nicht ge⸗ rade dem klaſſiſchen Alterthume entſtammend, iſt der hier ruhende Gegenſtand doch immerhin merkwürdig. Die Formen desſelben erinnern an die beſten Zeiten der griechiſchen Kunſt, und ſelbſt Hermes, der ge⸗ flügelte Götterbote, kann ſich eines ähnlichen nicht rühmen.“ Aller Blicke hingen voll Staunen und Erwartung an dem Wunderdinge. Nur unſer Nell ahnte etwas, und ſein Herz wäre ihm beinahe in die Schuhe ge⸗ fallen, wenn— Der Direktor winkte; der Pedell ſchickte ſich an, die geheimnißvollen Hüllen zu löſen— die letzte fällt— ſieh da! was iſts?— ein großer, mächtiger Schuh!— Anfangs ſchwieg Alles wie gebannt; bald erhob ſich aber unter der jüngeren Schaar ein Kichern und Flüſtern, erſt leiſe, dann immer lauter, und zuletzt ſchrie der ganze Chorus: „Nell, Nell! das Bootchen!“—— Nell war verrathen; ſein Schuh war berühmt und Allen wohlbekannt; die Uneingeweihten aber wußten nicht, was es gerade mit dieſem Schuhe für eine nähere Bewandtniß hatte, und ſo verriethen ſie ihn, ohne es zu wollen. Aermſter Nell! Aller Blicke richteten ſich auf ihn, auf ſeine edelgeformten Füße.„Zeus“ aber hub an zu inquiriren: „Vox populi vox Dei, die öffentliche Stimme ver⸗ räth Dich. Bekennſt Du Dich zu dieſem Schuh?“ Nell zuckte die Achſel und ſchwieg. „Qui tacet, consentire videtur; Du ſchweigſt, es iſt Dein Schuh.“ Nell ſchwieg wieder. „So biſt Du alſo wahrſcheinlich jener unvollen⸗ dete Name, der römiſchen Geſchichte entnommen?“ Nell fuhr fort zu ſchweigen. FEF˖˖ ee „Sag an, wer waren Deine Genoſſen? wer ſind die Haſe, Kalb, Hinkel und Jörg?“ Nell preßte die Lippen aufeinander. „Nun, der Carcer wird Dir den Mund öffnen. — Du haſt Dich an verbotenem Orte verſammelt!“ Nell blieb ſtumm. „Getrunken haſt Du des Bieres verbotenes bräun⸗ liches Naß!“ „Ich trank kein Bier, ich trinke überhaupt nie Bier.“ „Aha, er redet. So haſt Du am Weine gefrevelt.“ „Ich frevle nie.“ r beri„Ei, da möchte man aber zum Fenſter hinunter⸗ ſpringen!“ ſchrie der Direktor ob ſolcher Hart—⸗ näckigkeit. „Wenn man nicht Frau und Kinder hätte,“ beeilte ſich Schlauberger zu„trumpfen“. „Schweig Er ein für alle Mal mit Seinem ewigen Unſinn!“ Schlauberger drückte ſich beſchämt, während Alles rings in lautes Lachen ausbrach. „Nell, Nell!“ fuhr der Direktor fort,„die Neme⸗ ſis erreicht die Schuldigen immer, wenn auch oft ſpät. Schon lange kam mir Dein Treiben verdächtig vor, endlich habe ich den Beweis Deiner Schuld in der Hand, er entfiel Deinem Fuße zur rechten Stunde. Nun höre das Urtheil! Du marſchirſt zwei Tage in den Carcer, und wenn Du innerhalb dieſer Zeit Deine Mitſchuldigen nicht nennſt, ſo bleibſt Du auch den dritten drin, zum warnenden Exempel für die Andern— Punktum!“ „Alſo drei Tage Brummniß!“ murmelte Nell mit Zähneknirſchen,„eine ſchöne Gegend!“ Wer aber mit grimmigem Behagen den guten Nell zum Carcer allſogleich abführte und mit boshafter Freude die Thüre hinter ihm feſt verſchloß— das war Schlauberger. Schlauberger triumphirte, aber er triumphirte zu früh; denn die Geſchichte erhielt noch ein kleines Nachſpiel. 905 Die drei Tage waren um, Nell war frei. Sein Ruhm war geſtiegen wie nie zuvor. Er war zum Märtyrer geworden für ſeine Genoſſen, er hatte einen ganzen Tag gebrummt, weil er keinen verrathen wollte. Man pries ihn darum laut und ſang ſein Lob in be⸗ geiſterten Worten. Um ihn für die ausgeſtandenen Strapazen einigermaßen zu entſchädigen, hatten die Studenten ihm zu Ehren ein Fäßchen„bräunlichen Naſſes“ aufgelegt— weil er ja überhaupt nie Bier trank— und eine fröhliche Geſellſchaft hatte ſich in Nells Wohnung eingefunden. Zur Vorſicht aber fand die Kneiperei in einem Nebenzimmer ſtatt, ſo daß Nells„Bude“ ohne Gefahr viſitirt werden konnte. Schlauberger mußte den Braten gerochen haben. Gehoben durch ſeinen erſten Erfolg, ging er wieder auf Recognoscirung aus. Er hatte wieder Vertrauen uſe atbel af be lache Weid Wütr ege in Händ unm Iant mac uß U „Wen ach ihm 0 ih üum Wut „ auf ſich gewonnen, und dieſem verhaßten Nell— er hatte ihm ewige Rache geſchworen— wollte er nimmer Ruhe laſſen, Tag und Nacht ihm auf der Ferſe ſein. Dieſer aber gab ſich unterdeſſen ſorglos dem Ge⸗ nuſſe der wiedergewonnenen Freiheit und des lang entbehrten Gerſtenſaftes hin. Dicke Rauchwolken hüll⸗ ten bereits die frohen Kumpane ein, und man beſprach lachend und ſcherzend die letzte Affaire. Beſonders weidete man ſich auf Schlaubergers Koſten, und er würde aus der Haut gefahren ſein, wenn er— zu⸗ gegen geweſen wäre. „Dieſe Creatur!“ rief Nell mit geballten Fäuſten und in komiſchem Zorn,„wenn er mir wieder in die Hände fällt, ſo haue ich ſeine elenden Gliedmaßen zu⸗ ſammen, daß er ſie in ſeinem Schnupftuche heimtragen kann; mag ihm dann ſeine„Olle“ eine Sauce drüber machen!“ Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo klopfte es an die äußere Thüre. „Da iſt er ja, ich wußte es ja,“ eiferte Nell, „wenn man den Wolf nennt!— Aber laßt mich nur machen! Bleibt Ihr ganz ruhig ſitzen, ich werde mit ihm fertig.“ Er ging in ſein Zimmer und öffnete die Thüre. Schlauberger wars wirklich; er trat herein, ſah ſich um, roch den Tabaksdampf, der aus dem Neben⸗ zimmer hereingedrungen war, und freute ſich ſeines neuen Fanges. WCEECCCCECCCCCCCPCCCCCCEEECCCC0CC00CCGCCCCCGCCCCCCCC0b00 „Aha, man raucht hier!“ „Sag Er einmal gefälligſt, wo man raucht hier, und wer raucht hier!“ gab Nell gereizt zurück. „Na, man nur nich batzig, verſtanden?“ „Was meint Er mit„batzig“ und mit„verſtan⸗ den“, he?“ Nell ſtemmte die Arme in die Seiten und trat dicht an Schlauberger heran. „Ick meene Ihm.“ „Ihm? wer iſt„Ihm“?“ „Er braucht noch zu fragen, Er!“ „So? Alſo mich nennt Er„Er“? Das probir' Er noch einmal, Er!“ Nell ſtreckte die Hand aus. „Er will noch muckſen und kommt direkt aus dem Carcer?“ „Wie? ich und muckſen? Ich haue Ihm eins, daß.“ Nell vollendete nicht, er ergriff Schlauberger bei der Binde und richtete den Verblüfften ganz jämmer⸗ lich zu; ſchließlich als er ſich weidlich erluſtiret, warf er ihn zur Thüre hinaus. Drinnen jubelten die Zechbrüder. Nell aber kehrte nicht zu ihnen zurück, ſondern ohne ein Wort zu ſagen, rannte er durch eine Hinterthür auf dem kürzeſten Wege zum„Olymp“ in des erhabenen Zeus hohe Hallen. Ungeſtüm klopfte er an, athemlos trat er ein. „Herr Direktor!“ keuchte er,„es iſt himmel⸗ ſchreiend!⸗ .. „Was iſt Dir? was nennſt Du himmelſchreiend?“ „Das brauche ich mir nicht gefallen zu laſſen!“ „Was brauchſt Du nicht? „Und das laſſe ich mir auch nicht gefallen!“ „Was iſt 12 Menſchen? So rede doch!“ „Dieſer Schlauberger....“ „Was iſts mit ihm?“ „nennt mich Erktk „Weiter nichts?“ „und ſagt, ich muckſe „Das iſt Alles?“ 3‚˖„er kommt auf mein Zimmer....“ „Nun, wirds bald?“ „und weil ich abſolut geraucht haben ſoll....“ „Aha, geraucht!“ „und ich doch nicht habe....“ „Lächerlich!“ „wird er mir grob....“ „Und?“ „und— o, es iſt himmelſchreiend— ich beſchwere mich bei der Regierung. „So ſprich doch endlich vernünftig!“ „er hat mich gehauen, ſchwarz und blau geſchlagen hat er mich!“ „So? das hat er gewagt?“ „Ja, er, der Pedell, der Gensdarm, hat mich, einen Primaner, gehauen; ſoeben komme ich davon!“ Und Nell ſtand in tiefer Betrübniß da. „Nell!“ ſprach der Direktor gütig,„das ſoll Dir 14 nicht wieder geſchehen; ich werde Dir Genugthuung verſchaffen. Geh getroſt nach Hauſe!“ Nell ging getroſt. Auf der Treppe ſchon begegnete ihm Schlauberger. Er maß Nell mit grimmigen Blicken; dieſer aber hatte ſo viel Hohn in ſeinem Geſichte, daß dem Pedellen nicht ganz geheuer wurde. Auch er betrat das Gemach des Direktors und wollte ſeine orientaliſche Verbeugung machen. Doch zornig fuhr ihn dieſer an: „Laß Er die Narrenpoſſen! Er macht mir ſchöne Sachen! Meint Er, Er ſei noch Gensdarm und könne mit meinen Studenten umgehen, wie mit Seinen Spitzbuben?— Die Studenten ſind gebildete junge Männer und Söhne ehrenwerther Eltern. Das merke Er ſich ein für alle Mal. Daß Er ſich aber nicht geſcheut hat, ſich an einem Primaner zu vergreifen und denſelben zu ſchlagen, das ſoll Ihm gut eingeſal⸗ zen werden. Soviel für heute! Hat mir da die Re⸗ gierung einen ſchönen Menſchen geſchickt! Wenn Er ſich wie ein Eſel beträgt, muß Er auch wie ein Eſel behandelt werden. Scheer Er ſich zum Kukuk!“ Er deutete gebieteriſch nach der Thüre, und Schlau⸗ berger gehorchte— ſchweigend, zerſchmettert. „Draußen fühlte er an ſeine Stirne, wie ihm doch ſei. Er hatte Schläge bekommen, er fühlte ſie ja noch, und nun auch das! Zum Lohne dafür eine Strafe in Ausſicht!—— Und doch war es noch gut, daß es ſo kam; denn „ 8 1 wenn es ausgekommen wäre, daß er, der Ordnung Handhaber, der frühere Gensdarm, die bewaffnete Juſtiz, Prügel bekommen und geduldig hingenommen hätte,— wie wäre das geworden? Darum—— ſtille ſein!— Schlauberger war und blieb der Geſchlagene; bei Nell aber wurde fröhlich weiter gezecht. Das war Schlag und Rückſchlag. Luſtige Geſchichten vom Rhein. 6 33. 17* Zwei Orden auf einmal. Eine bureaukratiſche Geſchichte. 1 So'n Rrhoinländer iſt doch en unnützigen Menſch! Schroibt an en jeweſenen Gönijlich preußiſchen Lieute⸗ nant„Wohljebohrren!“ Dieſes geflügelte Wort entfuhr zu B. im Mini⸗ ſterium der Finanzen den Lippen des Herrn Kuöller, Lieutenant a. D. und ſeit Kurzem damit beauftragt, in einem Theile des preußiſchen Staates darüber zu wachen, daß das„heidenmäßig viele Geld“ gut ver⸗ waltet, d. h. möglichſt wenig davon ausgegeben und ſoviel als möglich eingenommen werde, mit anderen Worten: er war zum Ober⸗Rechnungsreviſor ernannt worden und hatte als Tummelplatz ſeines Genies einen Regierungsbezirk am Rheine erhalten, deſſen ſämmtliche Rechnungen er„oberrevidiren“ mußte. Durchdrungen von der ganzen Wichtigkeit dieſes er⸗ habenen Poſtens, hielt er heute zum erſten Male einen Jascikel, welcher von C. eingelaufen war, zum Behufe der„Oberreviſion“ in ſeinen„hochwohlge⸗ „Obe feiter mit obet Vurg deri Stot ſchie veſer hh0 Rerg fät ute Wle M RPPerrrrrrrrrrrrr 8 bornen“ Händen. Dieſes Prädicat war er als Lieute⸗ nant a. D. zu führen berechtigt, und—„nun ſchroibt ſo ein Rhoinländer:„Wohlgeboren!“ „Müſſen ihm eine kleine Belehrung jeben,“ ſprach er bei ſich ſelbſt;„muß wiſſen, dieſer Rhoinländer, wen er vor ſich hat.— Sekretär Schulze!“ „Zu Befehl, Herr Oberreviſor!“ „Haben Sie man die Miniſterial⸗Verfüjung zur Hand von die Titulaturen?“ „Sehr wohl, Herr Oberreviſor.— Hier iſt ſie.“ „Danke.“ Mit der nicht zu beſchreibenden Würde eines „Ober“ im Miniſterium ſetzt ſich Herr Knöller an ſeinen Arbeitstiſch, löſt die Hüllen von dem Fascikel mit der reglementswidrigen Adreſſe und beginnt zu „oberrevidiren“. Dabei hatte er übrigens ſchon im Voraus ſo ſeine eignen Gedanken.— So ein Menſch, der in den Fundamentalgrundſätzen eines geordneten Staatslebens nicht Beſcheid wußte und falſche Titel ſchrieb, der konnte auch unmöglich im Rechnungs⸗ weſen etwas Hervorragendes leiſten, zumal da er ein „Rhoinländer“ war. Es grauſte ihm ſchon vor der Menge von Fehlern, die er mit rother Dinte anzu⸗ ſtreichen, und vor den„Notaten“, die er am Rande zu vermerken hatte „Richtig! habs ja voraus jedacht! hier iſt en Fehler und hier wieder!“ So ging es fort, bis er mit der Durchſicht aller Akten zu Ende war. Nun erhob er ſich, packte ſämmt⸗ 6* liche Papiere zuſammen, legte die erwähnte Miniſterial⸗ Verfügung bei und ſchrieb auf einen Bogen Folgendes: „Ew. Wohlgeboren ſende ich in der Anlage die zugegangenen Rechnungen mit dem Bemerken anbei retour, daß die darin vermerkten Notate unverzüglich zu erledigen ſind. Zu gleicher Zeit ſtelle ich Ihnen in Anlage IJein Exemplar der Miniſterial⸗Verfügung vom 11. März 183* betreffend die Titulaturen zur genauen künftigen Darnachachtung ergebenſt zu. B. den Der Oberreviſor: Knöller, Lieutenant a. D.“ Nun wird das Ganze verpackt, verſiegelt und mit der vorſchriftsmäßigen Adreſſe verſehen: „An den Königlichen Reviſor Herrn Zahlbach, Wohlgeboren zu C.“ 2. Der Pack gelangt wieder nach C. und wird im Regierungsgebäude, Zimmer Nr. 13, abgeliefert. Re⸗ viſor Zahlbach ſchüttelt bedenklich ſein graues Haußt, als er das verhängnißvolle Schreiben lieſt. „Ei, ei,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wo habe ich denn nur meine fünf Sinne gehabt, als ich die Rech⸗ nung durchſah? Fünfundzwanzig Jahre ſchon bin ich Reviſor, und noch nie iſt mir ſo etwas begegnet“. Er hatte Recht; er war ein guter und pünktlicher Beamter, ſeine Vorgeſetzten hatten ihn gern und ſt, ft Ruft 1 Aube Heni ſbet N5 lrit e Uin 100 f fte b ſchätzten ihn wegen ſeiner vorzüglichen Arbeitskraft und ſeiner echt rheiniſchen Jovialität. „Und erſt die vermaledeite Titulatur!“ fuhr er fort;„hm, hm! Mein lieber Schmunzler, da ſehen Sie ſich'mal den Wiſch— wollt' ſagen die Miniſterial⸗ Verfügung, die Titulaturen betreffend, an und ſagen Sie mir hernach, was der Mann damit will“.— Dabei übergab er einem jungen Sekretär das ſo wenig ehrerbietig bezeichnete Aktenſtück. Er ſelbſt aber ſetzte ſich ſofort hinter ſeine Rechnung, ſtützte das Kinn auf den linken Ellenbogen und brütete und brütete lang. „Ei, da hole der Kukuk alle Zahlen!“ fuhr er endlich auf.„Finde keinen Fehler und finde keinen. Bin ich denn verhext, oder hats dem Herrn Ober⸗ reviſor im Kopf gerappelt?— Wills nochmal durch⸗ gehen.— Alles richtig, Alles in beſter Ordnung! Na, da weiß ich nicht— wenn ſies in B. beſſer ver⸗ ſtehen, dann ſollen ſie auch die Fehler nachweiſen— abgemacht!“ Unwillig nimmt er bei dieſen Worten ſeine Brille ab, legt ſie zuſammen, ſchiebt ſie ins Futteral, legt ſie mit einiger Heftigkeit vor ſich hin und—„baſta!“ — klappt die ganze Geſchichte zuſammen. Nachdem er ſich zum Ueberfluſſe noch eine Weile beſonnen, warf er raſch einige Zeilen auf einen Bogen, des In⸗ haltes, daß es ihm unmöglich ſei, die in den Rech⸗ nungen notirten Fehler zu finden, daß er Alles in Ordnung glaube und den Herru Oberreviſor„ganz ergebenſt“ erſuche, ihm genau anzugeben, was eigent⸗ lich zu verbeſſern ſei u. ſ. w. Hierauf machte er aus dem kopfzerbrechenden Plunder einen feinen und ſäuberlichen Pack, verſiegelte ihn und ſetzte die Adreſſe darauf: An den Königlichen Oberreviſor Herrn Knöller, Wohlgeboren zu B. „Halt!“ rief er plötzlich aus,„Schmunzler, wie iſts mit der Titulatur?“ „Aufzuwarten, Herr Reviſor; Sie müſſen dem Herrn Oberreviſor das Prädikat„Hochwohlgeboren“ geben.“ „Iſt er denn von Adel?“ „Nein, aber er iſt Lieutenant a. D.“ „Was ſcheert mich ſein„a. D.“? Mag er aus Düſſeldorf, oder aus Dülmen, oder aus ſonſt einem „D“ ſein; darum wird er wohl nicht höher geboren ſein, als wir übrigen Menſchenkinder.“ „Ja, aber er iſt Lieutenant a. D. und jeder königlich preußiſche Lieutenant iſt hochwohlgeboren. So heißt es ausdrücklich in dieſer Verfügung des Miniſteriums.“ „Nun, es ſoll mir auf ein„Hoch“ mehr oder weniger durchaus nicht ankommen; ich muß alſo mein „Wohlgeboren“ verbeſſern und ſchreibe ihm gleich „Hochgeboren“, weil er doch einmal darauf ſo ver⸗ ſeſſen iſt. Eigentlich ſollte ich ihm„Hochgeſtochen“ ſchreiben, dieſem Hochnaſigen a. D.“ Der Sekretär entfernte ſich lachend. Der Reviſor ſtrich ſein„Wohlgeboren“ aus, um „Hochgeboren“ dafür zu ſchreiben, indem er vor ſich hin murmelte:„Hochgeſtochen, hochgeſtochen!“ Somit wird das theure Kleinod abermals der Poſt übergeben.—— Armer, unglücklicher Mann! Hätteſt du eine Ahnung von den Freveln, die du verübt haſt, wahr⸗ lich! du würdeſt nicht ſo leichten Herzens zu deiner „Alten“ nach Haus zurückkehren und behaglich in Schlafrock und Pantoffeln ſchlüpfen. Dein gemüth⸗ licher Sorgenſtuhl würde dir glühendes Eiſen ſein, und dein vergnügter Schoppen am„Stammtiſch“ würde verzehrendes Feuer in deine Eingeweide gießen, und du würdeſt laufen, trotz deiner 59 Jahre, Dauer⸗ lauf würdeſt du laufen zur Poſt, du würdeſt deinen „Stammcollegen“ Poſtdirektor Schnell kniefällig bitten, dir den Aktenfascikel an den„Hochgebornen“ zu noch⸗ maliger gründlicher Reviſion wieder auszuliefern! Aber— du biſt blind— es iſt geſchehen— und das Unglück ſchreitet— mit nächſter Poſt!— Einſtweilen jedoch ſchlürfe in aller Gemüthsruhe deinen Schoppen Moſeler; es fällt heute noch nicht, das Schwert, welches an einem Aktenfaden über deinem im Dienſte ergrauten Haupte hängt. Aber nicht manchen Abend mehr wirſt du, angeheitert wie heute, mit deiner „Alten“ ſchäkern, die ein klein wenig ſchmält und ſchmollt, weil du heute eine halbe Stunde länger als ſonſt geblieben biſt! Warum war er denn eine halbe Stunde ſpäter gekommen? Das hing ſchon, wenn auch räthſelhaft und ihm unbewußt, mit dem Berliner Aktenpacke zu⸗ ſammen. Die nächſte Urſache ſeines Ausbleibens war, daß er ſeine Brille vergeſſen hatte, weshalb er eine halbe Stunde länger an ſeiner Zeitung herumbuch⸗ ſtabiren mußte. Am anderen Morgen als er ſich auf ſein Bureau begeben wollte, fiel ihm ein, daß er geſtern Abend ſeine Brille nicht in der gewohnten Bruſttaſche ge⸗ habt hatte, und deshalb ſuchte er jetzt derſelben hab⸗ haft zu werden. Allein er mochte ſuchen und herum⸗ kramen, ſo viel er wollte, ſie fand ſich nirgends. Endlich nimmt er die Hilfe ſeiner Frau in Anſpruch. „Mutter, weißt Du nichts von meiner Brille?“ „Nein, Väterchen, Du wirſt ſie wohl im Bureau gelaſſen haben.“ „Glaube doch kaum; hilf mir nochmal ſuchen; ſie muß hier ſein.“ Beide ſuchen eifrig, finden aber nichts. „Wenn ſie ſich im Bureau nicht vorfindet, ſo iſt ſie verloren.“ „Nun, dann kannſt Du ja eine neue kaufen; was liegt auch viel an einer alten Brille?“ „Das verſtehſt Du nicht, Mutter; die Brille paßte mir ſo gut, wie nicht leicht eine andere, ich war an ſie gewöhnt. Es iſt mir doch recht ärgerlich.“ bt ſch ft feit ger ud lif der il N f — 89 „Aber was iſt zu machen?“ Von dieſem Troſtſpruche ſeiner Gattin begleitet, begibt ſich der gute Mann auf ſein Bureau, und als ſich auch da keine Brille entdecken ließ, blieb ihm nichts Anderes übrig, als zum Optikus zu gehen und ſich eine neue zu kaufen. Damit war nun freilich dieſem Uebelſtand abgeholfen; allein dem Gewohn⸗ heitsmenſchen war es nicht recht gemüthlich ums Herz; es fehlte ihm am ſelbigen ganzen Tage etwas, und wenn er jemals wirkliche Rechnungs⸗ und Re⸗ viſionsfehler beging, ſo war es an jenem Tage. In der That ſoll ſeine Arbeit mit der neuen Brille lange nicht mehr ſo gut geweſen ſein, aber man ſagte: Der Mann wird eben alt.“— Das war die nächſte Folge jenes von C. abermals nach B. geſandten Fascikels... Zwei Tage darauf gabs im Finanz⸗Miniſterium zu B. eine tragikomiſche Scene. Der Aktenfascikel war angekommen. Das Kanzleiperſonal ſteckte die Köpfe zuſammen — Einer zeigte es dem Andern— allgemeines Lachen und Kichern:„Ha! ha!“—„prachtvoll!“—„jott⸗ voll!“—„noch nie dajeweſen!“—„en Heidenſpaß!“ 716—„famos, uff Ehre!“— So ſchwirrte und ſchnurrte es leiſe durcheinander, und ein alter griesgrämiger Aktuar brummte ſchadenfroh:„Geſchieht ihm janz recht, dem Hochnaſigen“. Der Pedell, welcher den Aktenbündel dem Herrn Oberreviſor Knöller, Lieutenant a. D., in deſſen Amts⸗ ſtube zu überreichen hatte, machte fürchterliche An⸗ ſtrengungen, um das Heiligthum des Gebietenden nicht durch unehrerbietiges Lachen zu entweihen. Er ſagte nichts weiter als:„Aus C.!“ und entwich ſo ſchnell als möglich wieder durch die Thüre. „Aha, aus C.!“ ſpricht der Hochmögende zu ſich ſelbſt,„das iſt von dem Zahlbach; er wird Lehre an— jenommen haben. Laß man ſehen“. Doch kaum hat er einen Blick auf die Adreſſe ge⸗ worfen, ſo iſt er zuerſt ganz ſtarr wie vor Entſetzen, dann ſpringt er in die Höhe wie raſend, rennt im Zimmer auf und ab, er weiß ſich gar nicht zu faſſen — in der Verzweiflung will er ſich die Haare aus⸗ reißen, und Ruck!— hält er wirklich ſeine ganze Kopfzierde ſchmerzlos in den Händen, denn in der Hitze hat er ganz vergeſſen, daß dieſer Schmuck des Hauptes— ach!— ſchon lange nicht mehr ſein eigen, ſchon lange nicht mehr angewachſen iſt. Ueber dem Verſuche, die Perrücke wieder ſeinem Haupte anzu⸗ paſſen, wobei er ein wehmüthiges Gefühl nicht unter⸗ drücken konnte, wurde er nun etwas ruhiger und ge⸗ wann es über ſich, den Bündel zu öffnen. Er las das Begleitſchreiben des Reviſors un wurde von Neuem erbittert: „So, ſo! nicht finden! Ha! werden dir ſchon finden, mein Junge!“ murmelte er ingrimmig.„Doch halt!— Was iſt denn das?“— Wiederum fuhr er auf wie von einer Schlange gebiſſen. Es mußte ihm di 110 ſil nih nic noch etwas Beſonderes aufgeſtoßen ſein, während er die Blätter ſo umſchlug. Sein Angeſicht wurde grün und gelb vor Aerger, nach kurzer Zeit aber ſpielte ein ſehr boshaftes und hämiſches Lächeln über das⸗ ſelbe, und er biß knirſchend die Zähne aufeinander, während er durch dieſelben hervorſtieß:„Dat ſoll er mich bezahlen, dieſer impertinente Rhoinländer!“ Armer„Rrhoinländer“, was haſt du dir bereitet! 4 Drei Wochen waren ſeitdem verfloſſen. Der Re⸗ viſor Zahlbach ſaß beim Morgenkaffee und plauderte gemüthlich mit ſeiner Frau. Er hatte ſich ſo ziemlich an ſeine neue Brille gewöhnt und gedachte der ver⸗ lorenen faſt nicht mehr. Es war Sonntag; deshalb ging er heute nicht aufs Bureau.— Da klopfte es ziemlich kräftig an die Thüre und herein trat der Kanzleidiener, ihm die Einläufe von der Poſt zu überbringen. Unter vielen ſonſtigen Papieren und Akten fand ſich diesmal auch ein kleines Päckchen mit dem Poſtſtempel„B.“ vor. „Was ſoll denn das bedeuten?“ ſpricht er be⸗ fremdet,„ein Päckchen aus dem Miniſterium! Ich würde ſo etwas für unmöglich halten, wenn nicht das Siegel darauf wäre“. Durch dieſe Worte wurde auch ſeine Ehehälfte aufmerkſam und ſie beſchaute ſich das kleine zierliche Ding. Es wurde hin und her gerathen und ver⸗ muthet, was es wohl enthalten möchte. Ein Etui SS ließ ſich unſchwer erkennen. Endlich rief ſie— wie denn die Frauen allezeit ſcharfſinniger und fein⸗ fühlender ſind, als wir plumpen Männer— freu⸗ dig aus: „Ich habs! Daß mir das auch nicht ſogleich einfiel! Rathe, Männchen, was es iſt!“ „Nun, wie ſoll ichs wiſſen?“ „Findeſt Du es denn nicht? Endlich, endlich iſt er gekommen, den Du ſchon längſt hätteſt erhalten ſollen.“ „Ein Orden?“ „Ei freilich, der rothe Adlerorden!“ „Ja, ja, ſo wird es ſein, es iſt nicht anders.“ „Gewiß, gewiß,“ rief ſie jubelnd aus,„jetzt darf mich auch die Kreisgerichtsräthin nicht mehr über die Achſel anſehen, jetzt ſind wir auch decorirt. Ich wills ihr doch gleich erzählen. Die wird Augen machen!“ — Und ſie hüpfte zur Thüre hinaus, denn die Räthin wohnte in demſelben Stock. Während ſie nun hineilt, um der Nachbarin das glückliche Ereigniß mitzutheilen, damit dieſe es wieder der Frau Aſſeſſor und dieſe es der Frau Poſtdirektor u. ſ. w. erzähle— es iſt ja heute Sonntag, und man trifft ſich in der Kirche— ſitzt ihr„Alter“ vor ſeinem Päckchen und macht ſeine Betrachtungen. „Alſo auch ich konnte ihm nicht entgehen, dem Unvermeidlichen, dem Rothen Adlerorden IV. Klaſſe! — Nun, mir liegt eigentlich nicht ſoviel daran, es iſt nur wegen der Anerkennung; man hat gedient— r Ind Len man ſieht, daß der König Verdienſte zu ſchätzen weiß — und das iſt ſchön— allerdings, eine Gehalts⸗ zulage wäre mir lieber geweſen— na, aber man muß zufrieden ſein— man hat eine Frau!— Ich trage ihn übrigens ſobald nicht, ich genire mich wirklich.“ Da kehrte die Frau wieder zurück, und vor Freude ſtrahlend, unterbrach ſie ſeine ſtillen Gedanken: „Nun, haſt Du das Päckchen noch nicht geöffnet? Laß ihn doch endlich ſehen!“ „Na, fortfliegen wird er Dir wohl nicht, der Vogel,“ antwortete der Gemahl. „Und daß Du mir ihn nur heute Mittag an⸗ hängſt! Wir werden durch die Stadt promeniren.“ „Warum nicht gar? Wo denkſt Du hin?“ wagte der Eheherr einzuwenden; allein man hörte es an dem Tone ſeiner Worte, daß ihm damit nicht ſehr ernſt war. Erwartungsvoll waren vier Augen auf den Gegen⸗ ſtand gerichtet, der jetzt entſchleiert werden ſollte; die Augen der guten Frau glänzten vor freudiger Er⸗ regung, und die Hand des Mannes zitterte, während ſie die Bänder löſte. Jetzt fällt die Hülle, ein ledernes Etui wird ſichtbar aber— allmächtiger Himmel! das iſt kein Orden! „Mann, Mann!“ ruft ſie,„das iſt ja deine ver⸗ lorene Brillenſcheide!“ „Und auch meine verlorene alte Brille,“ erwidert er, indem er die Scheide auseinanderzieht. „Und das iſt der Orden, von dem wir geträumt „3. haben!“ jammerte die Unglückliche.„Was werden die Leute ſagen! Wie wird ſich die Kreisgerichtsräthin ſchadenfroh auslaſſen! O hätte ich doch ſtillge⸗ ſchwiegen!“ „Allerdings, Du haſt uns ſchwer blamirt,“ ent⸗ gegnete keuchend der getäuſchte Beamte;„allein es iſt geſchehen, man muß ſich ins Unvermeidliche fügen“. Während nun die Frau ſchluchzend in eine Sopha⸗ ecke ſank, ſetzte er ſeine alte, endlich wiedergefundene Brille auf die Naſe— ſo wars ihm eigentlich doch wieder wohl!— und erbrach das Begleitſchreiben, um doch wenigſtens zu erfahren, wie es ſich mit der ganzen Sache verhalte. Schon nach einigen Augen⸗ blicken jedoch entfährt ihm ein ſolcher Schrei des Entſetzens, daß ſeine Frau angſtvoll emporſchnellt. „Auch das noch, auch das noch!“ ſtöhnte er,„o was habe ich gethan?“ „Kann denn noch mehr Unglück geſchehen, als ſchon iſt?“ fragte ſie und eilte auf ihn zu „Da nimm und lies!“ war die ſtoiſche Antwort. Die Gattin nahm und las alſo: „Obgleich es ſich bei näherer Einſicht heraus⸗ geſtellt hat, daß die anher eingeſandten Rechnungen fehlerfrei, und Sie deshalb im Rechte waren, ſo müſſen wir doch Ihre Art und Weiſe, die Behörde auf ihren Irrthum aufmerkſam zu machen, nämlich durch Beilegung einer Brille, im höchſten Grade mißbilligen. Indem wir über Sie wegen dieſer groben Verletzung der gegen die vorgeſetzte Behörde zu hegen⸗ den Ehrerbietung vorläufig nur eine Geldſtrafe von 25 Thalern verhängen, müſſen wir dem Herrn Ober⸗ reviſor Knöller überlaſſen, eine Privatinjurienklage gegen Sie anhängig zu machen, weil Sie denſelben durch das Prädikat„Hochgeſtochen“ anſtatt„Hoch— wohlgeboren“ auf dem obenerwähnten Aktenfascikel beſchimpft haben. Die genannte Brille folgt anbei zurück. den Das Königliche Miniſterium der Finanzen“. Während die Frau Reviſor, ſprachlos vor Schrecken, die Hände ſinken läßt, wollen auch wir vor der nun folgenden, rein häuslichen Scene mitleidig den Vor⸗ hang ſinken laſſen. Nachſpiel. Trotzdem erſchien der alte Reviſor am nämlichen Abend am gewohnten„Stammtiſch“. Der allein erſt anweſende Poſtdirektor ſtreckte ihm die Hand entgegen und ſchrie: „Nun, Alter, kann man Dir gratuliren?“ „Wozu?“ „Ha, ha! brauchſt es einem alten Freund nicht zu verhehlen. Die ganze Stadt weiß es ſchon, und ich habe es auch heute Morgen auf der Poſt ſchon vermuthet.“ „Ich weiß nicht, was Du willſt.“ „Sieh mal Einer den durchtriebenen Schalk! Den Orden meine ich!“ „Ja ſo! den habe ich erhalten und ich werde in Kurzem noch einen bekommen.“ „Wie? Was?“ „Freund, Dir will ich es bekennen, aber ſchweige! Einen Injurienprozeß werde ich bekommen— das iſt der eine Orden, und den ich ſchon habe, das iſt — L eine Naſe nebſt Brille!“ Auf der erſten Inſpektionsreiſe. Heitere Bilder in luſtigen Rahmen. 1 Das Oberkameel. Welcher Menſch liebt das Reiſen nicht? Ich wenigſtens reiſe für mein Leben gerne. Es iſt mir immer ein unbezahlbarer Genuß geweſen, im ein⸗ ſamen Hochgebirge zu ſtreifen, oder neue, intereſſante Städte zu ſehen. Schon Wochen lang vorher kann ich mich in die Reiſepläne vertiefen, finde einen hohen Genuß darin, Alles genau feſtzuſtellen, bis auf die Eiſenbahnzüge ſogar,— um die Reiſe hernach na⸗ türlich ganz anders, ſo zu ſagen, nach eignen Heften oder„wild“ zu machen. Wie jubelt die freie Seele auf, wenn das Auge die gewohnten Schornſteine nicht mehr ſieht, und fremder Rauch zum Himmel empor⸗ ſtrebt! Wie ſchwellt ſich die Bruſt im ſeligen Ge⸗ fühle, daß nun wieder ein neues Stückchen Erde ent⸗ deckt, neue Schönheiten der weiten lieben Gotteswelt durchwandert, neue Menſchen, ungekannte Sitten und Luſtige Geſchichten vom Rhein. 7 Gewohnheiten kennen gelernt werden ſollen! Ja, wer da immer reiſen könnte! Aber— ich ſollte heute ja auch wieder reiſen, und das machte mir gar kein Vergnügen. Und doch konnte ich ſo recht reiſen, wie man in der guten alten Zeit reiſte; nicht mit Dampf— o, mit Dampf reiſen kommt mir gerade vor wie das Leſen in einem Buche, das nicht aufgeſchnitten iſt: man kann zwar hie und da etwas naſchen, ja auch den Zuſammenhang errathen und einen Geſammteindruck gewinnen; aber wenn man gerade an einer recht ſchönen Stelle iſt und be⸗ gierig das Blatt umwenden will— ſiehe da! es iſt zu, und der folgende Bogen handelt wieder von etwas ganz Anderem. So geht es mit dem Reiſen auf der Eiſenbahn; kaum geſehen— hui! wieder weiter. Nein, ich ſollte in dem lieben, alten Poſtwagen, dem Schooß⸗ kinde der Romantiker, fahren; aber, wie geſagt, es machte mir durchaus keinen Spaß.— Warum? Ich war im Dienſt. Mein Beruf beſteht nämlich darin, dem reiſenden Publikum behilflich zu ſein und dafür zu ſorgen, daß die Menſchheit auf die bequemſte Art ihr Fortkommen finde, das heißt: ich bin kaiſerlicher Poſtinſpektor. Kürzlich hat man mich in einen neuen Bezirk verſetzt, in mein Heimatland, das ich vor allen liebe, an den Rhein. Das Land kannte ich wohl, aber die Beamten des Bezirkes waren mir meiſt unbekannt. Darum trat ich auch dieſe erſte Inſpektionsreiſe noch unbehaglicher und verſtimmter an, als es ſonſt zu geſchehen pflegte. 651 ag f ei Hale innetu Kathal g0 I fall üt ne filei leic in Nil 11 1 Ates, fcher Alen lt det Uumet Wuetl N ſhfam Vumi Afl fke ſunn 9 Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen, als der Poſtwagen von den Ufern des Rheines in das innere Land einbog. Tiefverſchleiert lagen die eben wieder neu belebten Fluren, und noch war die erſte Morgen⸗ dämmerung nicht angebrochen. Dennoch regte ſich allenthalben ein geheimnißvolles Leben. Leuchtkäfer zogen goldene Linien durch die Luft, hie und da zirpte ein vorlautes Heimchen, welches die Frühlingsluſt nicht mehr ſchlafen ließ, ſcheu huſchte ein aufgeſchrecktes Häslein über den Weg, und das Laub raſchelte unter dem leichten Tritte des ſchlanken Rehs, welches tiefer im Walde ſeine Aeſung fortſetzte. Nun begann auch in den Bäumen des dunkeln Forſtes ein Flüſtern und Wispern, die übernächtige Nachtigall weckte mit ihrem klagenden Flöten die ſchlafenden Vöglein auf; hier erhob ſich ſchüchtern ein leiſes Zwitſchern, dort fiel ein anderes kühner ein, tiefer innen antwortete ein drittes, bis wie mit einem Zauberſchlage das ganze befiederte Volk in Näh' und Ferne ſich zu wunder⸗ vollem Chore vereinigte, deſſen Klänge, untermiſcht mit dem erſten keuſchen Dufte der friſch erſchloſſenen Blumenkelche, ſich wie ein liebliches Morgenopfer zu den erblaſſenden Sternen emporſchwangen. Ich ſah, hörte und fühlte dies Alles in meinem einſam dahinfahrenden Poſtwagen; mir wurde ſo wonnig, ſo frühlingsfeierlich ums Herz, und wie mein Poſtillon nun noch begann, in der duftigen Waldein⸗ ſamkeit die Klänge ſeines Hornes in die nun allmälig herunterſchwebende Morgendämmerung hinauszu⸗ 7²⁷ blaſen, als wüßte er, daß dies zum Ganzen gehöre, da— ich bin doch eigentlich poetiſcher, als mein Amt es anzudeuten ſcheint— ſenkten ſich mälig immer ſeligere Empfindungen in meine Bruſt, und es geſchah etwas Wunderbares. Mein Buſen erweiterte ſich, meine Seele ſchwebte mit der Lerche in immer höhere Räume; ich fuhr nicht mehr ſchwerfällig auf der Erde, ſondern ich wurde ſanft emporgetragen zu den lichten Sternen. Der alte Poſtwagen wurde zum glänzenden, ſtrahlenden Sonnenwagen, der Poſtillon zum hehren Sonnengott, und die dürren Poſtgäule zu den ge⸗ flügelten Roſſen des Apollo. Welch reizender Blickl.. Ich ſtieg aus des Oceans Gründen empor am Rande der Erde, ein Begleiter des Sonnengottes. Voran ſchwebte uns Eos im roſigen Gewande, es wichen die Schatten der Nacht, ſtrahlendes Licht ergoß ſich wie flüſſiges Gold über den Erdball, und alles Lebendige wendete ſeinen Blick dankbar zu uns herauf, zur neu erwachten Sonne. Immer höher ſtrebten Roſſe und Wagen, immer ſteiler wurde die Bahn, immer Neues und Herrlicheres ſchaute der trunkene Blick durch den blauen Aether auf der weit, weit unten liegenden Erde... Lange, lange weidete ſich mein Auge an der nie geſehenen Pracht, mit Gedankenſchnelligkeit durch⸗ eilte ich die Räume des Weltalls, flog die himmliſche Poſt an den Sternbildern vorbei. Hei! wie das ſauſte!— Scharfe Lichter durchzuckten den Raum —— wie das wogte— ſich hob— ſich ſenkte!—— Mir ſchwindelte und ſchwindelte.. 5 ˙** „Da ſchlag ein Donnerwetter drein! Haſt Du das Oberkameel wieder nicht mitgebracht, Hannes? Nun warte ich ſchon acht Tage vergebens!“—— Jäh fuhr ich auf.— Dieſe mit donnernder Stimme ausgeſtoßenen Worte weckten mich und verſetzten mich in die Wirklichkeit zurück, denn ich hatte geſchlafen und— geträumt. Derjenige aber, welcher mir ſo urplötzlich und proſaiſch in meine ſchönen Träume fuhr, war der Poſtexpedient von Alsberg, den ich vor dem Poſtwagen ſtehen ſah, und gemeint hatte er— mich. Ich ſprang auf und aus dem Wagen und er⸗ widerte:„Hier iſt das Oberkameel, aufzuwarten!“ Hätte ich auch nicht ſoviel Humor und Gutmüthig⸗ keit, als ich wirklich von Natur aus damit behaftet bin, ſo hätte ich mich doch unmöglich des Lachens er⸗ wehren können, als ich in das verdutzte, erſchrockene Geſicht des alten Mannes ſchaute. Es war urkomiſch, den plötzlichen Uebergang von Aerger zu der rath⸗ loſeſten Unbeholfenheit zu ſehen, der bei meinem An⸗ blick und dem Klange meiner Worte auf demſelben vorging. Den Mund geöffnet, die Augen weit vor⸗ ſtehend, den Oberkörper zurückgebogen, die Hände vor⸗ geſtreckt, ſtarrte er mich eine Weile ſprachlos an, bis er endlich tonlos die Worte hervorſtieß:„Hols der Kukuk!“—— „Was ſoll er holen?“ fragte ich. „Wen anders, als mich alten Eſel?“ „Wird ſchon geſchehen, wenns Zeit iſt“, ſagte ich und klopfte ihm auf die Schulter;„im Uebrigen wiſſen wir, wie das zu nehmen iſt. Aber jetzt kommen Sie mit herein, mich fröſtelt, und die Zeit iſt knapp zugemeſſen. Ich fahre mit dem Wagen ſogleich weiter.“ Wir gingen zuſammen in das Poſtgebäude; ich revidirte die Bücher und die Kaſſe— es war Alles in Ordnung. Erſt als ich dem alten Manne meine Befriedigung über ſeine muſterhafte Dienſtführung ausſprach und daran die Hoffnung einer Gehalts⸗ erhöhung knüpfte— man muß ſich doch rächen—, wagte er wieder aufzuathmen, ja er verſtieg ſich ſo⸗ gar zu der ſchüchternen Frage, ob ich etwas nehmen wolle, da mich doch fröſtele. Ich war gar nicht ab⸗ geneigt, ein Glas Wein zu nehmen, und ſagte:„Nun wohl, ein Gläschen könnte man ſich ſchon gönnen.“ „Wünſchen Sie weißen oder rothen?“ „Es iſt früh, ich ziehe ein Glas rothen vor.“ Er zog ſeine Börſe, langte einen Sechſer hervor, hielt mir denſelben in der flachen Hand hin und ſprach das geflügelte Wort:„Legen Sie auch einen Sechſer zu, dann gibts einen halben Schoppen.“ Etwas verblüfft that ich ſo. Er ging hinaus und kam nach kurzer Zeit wieder— eine Flaſche rothen Schnaps in der Hand. Ich trinke ſonſt nie Brannt⸗ wein; allein was wollte ich machen? Den ohnehin verblüfften Mann noch mehr einſchüchtern? So nippte ich zwei, drei Mal an dem gemeinſchaftlichen Gläschen und ließ meinem ländlichen Wirthe die größere Hälfte zurück, nicht ohne zu bemerken, wie ein Schimmer von Befriedigung dabei ſich über ſein breites Geſicht ſtahl. frm Ufit N fetzen Tien Draußen kam ich gerade noch zurecht, wie der Poſtillon mit erhobener Stimme ein Bäuerlein an⸗ herrſchte:„Und ich ſage Euch, daß ich nie blinde Paſſagiere mitnehme, verſtanden?“ „So— ſo— ſo!“ ſprach der Bauer gedehnt und entfernte ſich langſam, indem er einen ſcheuen Blick zu mir herüberwarf. Dieſe Scene beluſtigte mich ſehr und ich ſagte ſcherzend:„Ei, Hannes, Du biſt ja eine Pracht von einem Poſtillon!“ „Ja, Herr Poſtinſpektor,“ ſchmunzelte er,„ich kenne mein' Dienſt.“ „Und die Bauern den Hannes!“ Ich reichte meinem Expedienten die Hand zum Abſchiede aus dem Wagen und ſagte:„Nun Adien, lieber Alter, Sie werden das„Oberkameel“ öfter zu ſehen bekommen.“ Er ſtand in der ehrerbietigſten Haltung zur Seite und erwartete ſo die Abfahrt; als ich indeſſen nach wenigen Schritten noch einmal aus dem Fenſter ſah, ertappte ich ihn, wie er mit boshaftem Grinſen ein Kreuz in der Richtung des Wagens ſchlug. Aber das Erſchrecken wieder!— Du alter Duckmäuſer! Was wollte ich thun? Ich lachte aus vollem Halſe und zog den Kopf herein Seitdem hat er niemals etwas Aehnliches gewagt. Weiter gings, nach Humbach. Ein Walroß. Der lichte, holde Morgen war jetzt ganz ange⸗ brochen, und die jungfräuliche Sonne ſchüttete rothes Gold auf die Erde herab. Es war ein higeliges, ziemlich reizloſes Land, durch das wir fuhren. Vor uns ein ſchwarzer Gebirgskamm von wenig Schönheit — mir um ſo unwillkommner, weil ich wußte, daß ich ihn im Laufe des Vormittags noch überſteigen müſſe, um nach Humbach zu kommen. Von Zeit zu Zeit durchſchnitt das Gefährt ein liebliches Thal, von Wäldchen an den Abhängen beſäumt; ſonſt war Alles graues und grünes Feld. So ging es lange fort; wenn dann eine einſame Schenke am Wege erſchien, war es poſſierlich zu ſehen, wie die Pferde ablenkten und nur mit Mühe zum Weitergehen zu bringen waren. Der Poſtillon aber hieb wacker auf ſie ein und rief jedesmal mit lauter Entrüſtung:„Was, ihr vertrackten Gäul'! ihr wollt hier anhalten? Daraus wird nix, ich kenne mein' Dienſt. Jü!“ Endlich kam wieder der liebe, grüne, ſchattige Wald und baute ein ſchützendes Dach gegen die ſchon recht empfindlich brennenden Strahlen der Sonne. Steil gings eine Weile bergan, doch als der Gebirgs⸗ kamm einmal erreicht war, gings auch deſto raſcher hinunter, und gegen zehn Uhr langten wir endlich in Humbach an. Obwohl ich einigermaßen erſchöpft war, wollte ich doch ſofort mein Geſchäft abwickeln und trat in das Poſtbureau. Dieſer Expedient war das vollſtändige Gegentheil von jenem zu Alsberg. Klein, ſchmächtig, ſtand er vor mir und ſchien ſehr ſchüchtern und furchtſam zu ſein. Etwas mißtrauiſch gemacht durch dieſes Ver⸗ halten, begann ich die Reviſion. Kaum ſaßen wir, ſo klopfte es ziemlich ungeſtüm am Schalter: Bum, bum!— Ehe der Expedient auf⸗ ſtehen konnte, wiederholte ſich das Klopfen noch viel energiſcher und gröber: Bum, bum, bum!— ſo daß man meinen ſollte, die Scheiben klirrten entzwei. Schnell ſprang nun der furchtſame Expedient hinzu, und ich ſchaute ihm nach durch das Schalterfenſter. Da ſtand ein Menſch in Mittelgröße, mit markigem, knochigem Geſichte; ſein ſchwarzes dichtes Haar ſtreckte ſich kerzengrade von der Stirne empor; aus den Naſenlöchern wuchſen zwei Bündel Borſten heraus, welche als eine Art Schnurrbart gelten ſollten, in der That aber ihrem Eigenthümer in dieſem Augenblicke das Ausſehen eines wüthenden Walroſſes verliehen. Roth vor Zorn ſchnaubte er den Aengſtlichen an: „Das Beſchwerdebuch!“ Der Expedient ſchielte ängſtlich nach mir hin und ſtammelte:„Wie? was? Beſchwerdebuch!“ „Wo iſt das Beſchwerdebuch? frage ich,“ ſchrie das Walroß noch lauter. „Du lieber Gott! was haben Sie denn? was iſt paſſirt?“ „Das Beſchwerdebuch! Bekomme ich es, oder be⸗ komme ichs nicht??“ Dieſe Worte wurden in ſo drohendem Tone aus⸗ geſtoßen, daß der Zaghafte ſeufzend, aber ohne fernere Erwiderung das Verlangte hinreichte. „So!“ ſprach jetzt der Beſchwerdegierige etwas ruhiger,„nun geben Sie mir ein Billet nach Oſter⸗ burg!“ „Damit müſſen Sie warten, bis der Poſtwagen von Frielingen eingetroffen iſt.“ „Da hawe mer'ſch ja!“(Da haben wirs jal) ſtieß das Walroß zwiſchen ſeinen zwei Stoßzähnen triumphirend, aber zornig wie ein Puthahn, hervor; „da hawe mer'ſch ja!“ „Dieſe Anordnung ſtammt nicht von mir, ſondern von der Behörde,“ wagte der Expedient ſchüchtern einzuwenden; allein der Wüthende achtete nicht darauf. „Meinen Sie, ich hätte mir ohne Urfache das Beſchwerdebuch geben laſſen?“ rief er grimmig;„o, ich wußte es, ich wußte es ja!“— Damit entfernte er ſich in die Paſſagierſtube. „Kennen Sie den Menſchen?“ fragte ich. „Ob ich ihn kenne,“ erwiderte mein Aengſtlicher; „es iſt der Markſcheider Schwalbert von Oſterburg, der gröbſte Flegel und Maulheld in der ganzen Um⸗ gegend, der Schrecken aller Poſtbeamten. Er allein macht mir mehr zu ſchaffen, als alle anderen Reiſenden zuſammen. Heute nun iſt er vollends aus Rand und Band, und das hat ſeine eigene Bewandtniß. In fG lihfihrt Al g Rhu u0 f ulich infle lere — 1 Oſterburg lebt er nämlich in beſtändigem Krakehl mit dem Bürgermeiſter. Neulich kam er Nachts um ein Uhr aus dem Wirthshaus und rannte im Finſtern wider eine Wagendeichſel. Darüber ſchlug er auf offener Straße einen hölliſchen Lärm, ſchimpfte über Polizei, Bürgermeiſter und Nachtwächter, ſo daß die Leute erſchrocken aus dem Schlafe auffuhren und an die Fenſter eilten. Ein Nachtwächter nahm ihn feſt, und der Bürgermeiſter ſtrafte ihn überdies mit einigen Thalern. Dagegen hat er natürlich appellirt und zu ſeinen Gunſten nicht weniger als zweiunddreißig Zeugen angeführt. Geſtern wurde ſeine Sache am Amts⸗ gerichte zu Waldorf verhandelt, und trotz der zwei⸗ unddreißig Zeugen, die alle nach Waldorf mußten, bliebs beim Alten. Sie begreifen, daß die enormen Koſten den Raſenden nicht milder ſtimmten, und ich dachte mir ſchon heute Morgen, als er von Waldorf zurückkam, er werde wieder irgend ein Unglück an⸗ ſtellen. Jetzt haben wirs wirklich.“ Der Aengſtliche ſeufzte tief, und ich wußte nicht, ſollte ich mich mehr beluſtigen über ſeine Furcht, oder über des Raſenden Wuth. So gleichgiltig die ganze Geſchichte war, ſo war ich doch außerordentlich neu⸗ gierig auf die„Beſchwerde“. Nur mit halber Auf⸗ merkſamkeit nahm ich die Reviſion vor, die indeſſen auch ſehr einfach war; denn entgegen meinem an⸗ fünglichen Verdachte fand ich meinen Beamten ebenſo ängſtlich beſorgt in ſeiner Verwaltung wie in ſeinem äußeren Verhalten. Ich ſchloß das letzte Buch und ſagte lachend: „Gut, Herr Expedient; wollen wir uns jetzt einmal das Beſchwerdebuch anſehen?“ Mit ſchwerem Herzen ging er und kehrte bald wieder mit dem Gegenſtande ſeiner Angſt zurück, während noch durch die geöffnete Thüre das boshafte Lachen des Walroſſes an mein Ohr klang. „Laſſen Sie ſehen!—— ha ha!—— das iſt köſtlich!—— allerliebſt!—— ein heiterer Kerl dies, ein liebenswürdiger Knabe!— ha ha!— Hören Sie, Herr Expedient!“—— fSchon dieſes Be⸗ ſchwerdebuch an und für ſich liefert hinreichenden Stoff zur Beſchwerde“!——„verſtehen Sie, Beſter? und warum?“——„Denn ich und mein Freund Müller haben auf der Außenſeite desſelben nicht weniger als 73, ſage dreiundſiebenzig Verunreinigungen von Mücken gezählt! Ob ſich das wohl mit einer anſtün⸗ digen Behandlung des reiſenden und NB. zahlenden!! Publikums verträgt??“„Ueberhaupt ſcheint in der Poſtverwaltung nicht immer Alles ſauber herzugehen; wie z. B. daß man erſt ein Billet bekommt, wenns der Poſt gefällig iſt, und nicht, wenn mans verlangt und NB. doch zahlt!! Ueberhaupt ſcheint auch in der Poſtverwaltung wie in anderen Verwaltungen Vieles faul zu ſein. Ueberhaupt iſt keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt— NgB.! obwohl man doch zahltl! Hoffentlich geſchieht hier Abhilfel Ein NB. zahlender!! Reiſender.“—„Iſt das nicht nett, Herr Expedient? — Allerdings eine ſaubere Wirthſchaft, die Sie hier ilt l Alkd ulffre Ret. Afhäfte mi HL Aüpwan kel. 65 Ad0 Ritte U5 0 haben, ha ha!—— Nun, laſſen Sie ſich darum nicht noch mehr graue Haare wachſen, als Sie ſchon haben. Sagen Sie mir lieber, wie weit Ried von hier entfernt iſt.“ „Ried?— Kaum zehn Minuten. Gehen Sie der Hauptſtraße nach bis zum nächſten Wegweiſer; dort ſehen Sies ſchon liegen.“ „Danke ſchönſtens; gehaben Sie ſich wohl bis um drei Uhr, alsdann werde ich wieder hier ſein, um mit dem Wagen nach Herburg zu fahren. Adieu!“ 3. Erinnerungen. Der Gang, welchen ich jetzt unternahm, galt keinem Geſchäfte, er gehörte der Freundſchaft. Ich wußte, daß mein Jugendfreund, der alte Born, in Ried die Landwirthſchaft betrieb, und es waren gerade fünf⸗ undzwanzig Jahre, daß wir uns nicht mehr geſehen hatten. Ich wollte ihn überraſchen. Ach, der gute alte Born, was habe ich ihm nicht zu verdanken!— Er nahm ſich meiner an, als ich, noch ein ganz unerfahrenes Bürſchchen, ans Gymna⸗ ſium kam, und unterwies mich in den freien Künſten. „Junge, Du mußt das Leben kennen lernen,“ ſagte er, nahm mich mit ſich in ein abſeits gelegenes Wäld⸗ chen und ſtopfte mir die erſte Pfeife. Das Ziehen, meinte er, müſſe ich nun ſelber beſorgen, und auch, was nachher folge. Ich that es— that beides, und * als mir recht herzlich weh wurde dabei, tröſtete er mich damit, daß es beim zweiten Male beſſer gehen werde Kaum hatte ich die erſten Schwierigkeiten des edlen Rauchwerkes überwunden, da ſollte ich in andre Künſte eingeweiht werden. An einem wunderſchönen freien Sommernachmittage commandirte Born:„Junge, heut gehts zum Thor hinaus, mit Moos!“— Wir wanderten wohl zwei Stunden und ergingen uns einen köſtlichen Durſt. Dafür wußte Born guten Rath; alle Schenken im Umkreis waren ihm wohlbekannt. Der braune Gerſtenſaft glitt labend unſere Kehlen hinab. Mein erſtes Glas war leer, und ich wollte es als wohlerzogener Sohn dabei bewenden laſſen. Born aber machte dazu ein bitterböſes Geſicht und meinte, er hätte ſich an mir verſehen, er ſehe wohl, daß Mama für mich noch den Schlutzer bereit halte, wenn ich nach Hauſe käme. Es ſei gut; er könne ſich ferner nicht mehr um mich kümmern. Es thue ihm eigentlich leid, ich ſei ſonſt ſo ein netter Junge, und dergleichen.— Was wollte ich thun? Wollte ich Borns Freundſchaft nicht verſcherzen, ſo mußte ich wohl weiter trinken, ein Glas zum Vergnügen, eins aus Freund⸗ ſchaft, eins zum Abſchied—— und ſo lernte ich kneipen. Der Heimweg wurde indeſſen nicht ſo raſch zurückgelegt wie der Hinweg, und Born hatte ſeine Noth mit mir. Vom andern Morgen will ich ganz und gar ſchweigen. Damit waren meine Lehrjahre noch nicht beendigt. J0 f nt ln. WI. ft. A unglld fhſe Acllet 1 vů fle nit WWnic fler Uun h. then Uhten „‚II Eine luſtige Geſellſchaft war auf des alten Born Zimmer verſammelt. Born brachte das„Buch der vier Könige“, wie er ſich ſcherzhaft ausdrückte, und ſchlug ein Spielchen vor. Ich wollte nicht mitthun, ich kannte keine Karten und wollte überhaupt nie ſpielen. Sie meinten zwar, ich würde das bald lernen, wie auch andere Dinge, allein diesmal war ich ſtand—⸗ haft. Alles Spötteln und Anſpielen auf Mamas Gängelband und Papas Stock half nichts.— Born ließ ſie machen und ſchwieg. Als ich aber gegen alle Sticheleien unempfindlich blieb, ſah er mich mit einem Male ſo halb mitleidig und halb verächtlich von der Seite an, daß ich über und über mit Roth begoſſen wurde. Er ſagte nur:„Laßt den grünen Jungen gehen, er taugt noch nicht zu uns“.— Vierzehn Tage lang würdigte er mich keines Blickes, ging vorüber, ohne mich anzureden, er kannte mich nicht mehr.— Wie mich das wurmte!— Ich kam mir vor, als ſei ich einer allgemeinen Vehme verfallen. Vom alten Born verachtet zu werden, das konnte kein Student ertragen, und— weiß ich, wie es zuging?— ehe die vierzehn Tage noch ganz um waren, da war ich kein grüner Junge mehr, da war ich wieder ſein Freund, ja ſein Schützling, ſein Schooßkind: ich ſpielte Karten und ſpiele heute noch manchmal recht gerne. So wie es aber mir erging, ſo erging es gar manchem Studentlein dazumal. Wen der alte Born als bildungsfähig erſpähte, deſſen nahm er ſich mit rührender Hingebung an und weihte ihn in mannig⸗ fache Künſte und Fertigkeiten ein. Ihre Zahl war nicht klein.— Wißt ihr es noch, Kameraden, wie er euch lehrte, Menſchen zu ſein, und wie er ſtets als ſeine Deviſe das große Wort im Munde führte: „Kinder, es iſt ſchwierig, Menſch ſein?“— Denkt ihr noch daran, wie man ihn ob ſeines Strebens, auch dem Studenten ein menſchenwürdiges Daſein zu ver⸗ ſchaffen, für einen Verführer der Jugend und Ver⸗ derber der Zucht erklärte und ihm darum den Lauf⸗ zettel gab?— Gedenket ihr noch, mit welchem Schmerze wir ihn aus der Muſenſtadt geleiteten, und wie ihm beim Abſchiede die hellen Thränen über die Wangen liefen, als er ſagte:„Jungens, haltet euch wacker! werdet Männer und keine Knechte!l“—— Ja, ja es war ein prächtiger Burſche, feſt, kernig, grob— eine echt deutſche Natur.— Was mag wohl aus ihm geworden ſein? Dieſes und noch viel Anderes zog an den Augen meines Geiſtes vorüber, als ich auf dem einſamen Wege nach Ried wanderte, um meinen alten Freund aufzuſuchen. Ich kam in das gar anmuthige Thälchen, welches von dem Wielbache durchſchlängelt wird. Zwei kleine Dörfer liegen da ungefähr zehn Minuten entfernt, links und rechts an den Ufern des Baches hingeſtreckt — Ober⸗ und Nieder-Ried; beide bilden zuſammen eine Gemeinde. Zwiſchen dieſen zwei Orten, da wo der Bach eine Krümmung macht, hat ſich ein ziemlich ſteiler Felſenvorſprung in das Thal herausgedrängt, N fubeee fihhe In0 „„ welcher die Ausſicht nach zwei Seiten beherrſcht. Auf dieſem hervorſpringenden Hügel, gleichſam auf neu⸗ tralem Gebiete, erhebt ſich ein einſames Gehöfte, welches aus einem ſtattlichen Wohnhauſe ſammt den dazu gehörigen Oekonomiegebäuden beſteht. Das Ganze gewährt den Anblick einer kleinen befeſtigten Burg. Das Wohnhaus, ein uraltes gothiſches Gebäude mit hohen anſtrebenden Giebeln, ſchaut weit hinaus ins Thal. Ueppiger Epheu rankt ſich an ſeinen Seiten empor und kleidet die grauen Wände mit maleriſchem Grün. Das Alles liegt ſo einſam, ſo friedlich, ſo ſtille da, daß mir vielgeplagtem und gejagtem Poſtmenſchen eine eigenthümliche Sehnſucht durch die Bruſt zitterte. Ich begann bereits meinen Freund um dieſes ſtille Plätzchen zu beneiden. Wenn die Bewohner dem Hauſe entſprechen, dachte ich, ſo iſt mein alter Born glücklich geworden— trotz ſeiner einſtigen Träume von Ehre und Ruhmmnm Ja, wie verſchieden führt uns Gott durchs Leben hindurch: den Einen hierhin, den Andern dorthin, aber faſt Alle dahin, wohin ſie nicht wollten. 4. Ein Idyll. Ich ſchritt durch das alterthümliche Thor in einen ſauberen Hofraum, den ſich zahlreiches und ſtattliches Hühnervolk zum Tummelplatz erkoren hatte. Rechts vom Eingange lag ein Hund an der Kette, und ein Luſtige Geſchichten vom Rhein. 8 hübſcher Knabe von zwölf Jahren liebkoſte das präch⸗ tige Thier. „Du biſt der kleine Born,“ ſagte ich zuverſichtlich. „Ja,“ gab er faſt trotzig zur Antwort,„ich heiße Fritz Born.“ „Ich wußte es; ſo ſah Dein Vater aus auf's Haar, als er noch ein Junge war wie Du.“ Der Knabe ſah mich mit großen Augen, faſt un⸗ willig an. Es mußte ihm ungewohnt vorkommen, fremde Leute zu ſehen, und gar in ſo wenig ehr⸗ erbietiger Weiſe von ſeinem Vater ſprechen zu hören. Daß derſelbe auch einmal ein Junge geweſen ſein ſollte, das mochte ihm wohl unglaublich erſcheinen. „Iſt Dein Papa zu Hauſe?“ fuhr ich fort. „Nein,“ ſagte er kurz angebunden,„Papa iſt auf dem Felde.“ „Zeig mir den Weg, kleiner Fritz!“ „Hier hinaus, ganz gleich dort oben!“ Er deutete dabei mit der Hand nach einem nahe gelegenen Acker, auf dem ich mehrere Perſonen beſchäftigt ſah, rührte ſich aber nicht von der Stelle. Lachend über ſeinen kindiſchen Trotz— ich wußte, von wem er ſtammte— ging ich langſam auf das gezeigte Ziel los; den alten Born erkannte ich trotz ſeines leichten grünen Arbeitsrockes wieder. Alſo das biſt Du nun!— Er arbeitete, daß ihm der Schweiß gleich Perlen auf der Stirne ſtand, und nahm von mir keine Notiz. Gleichgiltig hielt ich inne, als ich in ſeine Nähe gelangt war, und fragte in etwas barſchem Tone: „Wohin führt dieſer Weg?“ Born wandte ſich ein klein wenig zu mir, ſtreifte mich mit einem etwas verächtlichen Blicke und er⸗ widerte grob:„Nach Eſchenbach!“ 1„Nun,“ gab ich zurück,„Sie könnten mir das . auch etwas höflicher ſagen; Sie ſind wahrſcheinlich fů der durch ſeine Grobheit berühmte Born.“ Jetzt ſtand er aber kerzengerade vor mir, auf ſeinem Geſichte arbeitete jede Muskel, die Zornes⸗ adern ſeiner Stirne ſchwollen voll an, ſeine Lippen bebten, die Fäuſte ballten ſich, und ich fürchtete, er werde wie ein gereiztes Thier auf mich losſpringen und mich ſeinen Grimm in wuchtiger Weiſe fühlen laſſen. Doch er bezwang ſich und ſtieß nur mit un⸗ ſäglicher Wegwerfung die Worte ziſchend hervor:„O Du Ladediener!“ Ich trug nämlich helle Kleider und einen weißen Filzhut, und mochte darin einem Handlungsreiſenden nicht unähnlich erſcheinen. Daher der Ehrentitel, in dem er ſeiner Geringſchätzung Ausdruck verlieh; aber es lag eine ſolche Fülle von Verachtung mit Zorn ver⸗ miſcht in dem einen Wort, daß es, an die richtige Adreſſe gerichtet, tief kränken mußte. Ich fuhr fort:„Sie beſtätigen da ganz voll⸗ kommen, was mir ein Jugendfreund von Ihnen be⸗ richtet hat, der Joſeph Werner.“—(éSo heiße ich nämlich ſelbſt.)— Kaum hatte ich dieſen Namen genannt, da ſah er 8* 1i mir ſcharf ins Geſicht— wie Sonnenſchein nach einem Gewitter leuchtete es über ſeine Züge hin, es war wie ein Gemiſch aus Lachen und Weinen. Auf mich zuſtürzen, mich mit kräftigen Armen umfaſſen und ſchwebend in die Höhe heben,— das war das Werk eines Augenblickes. „O Joſephchen!“ rief er jubelnd und wehmüthig zu⸗ gleich,„wo ſind denn Deine ſchönen blonden Haar'!— Mir wurden die Augen feucht, und auch ihm ſchimmerte eine Thräne hinter den Wimpern.— Nach fünfundzwanzig Jahren!—— „Alter Born,“ hub ich an,„Du biſt alſo wirklich ein Bauer geworden?“ „Jawohl,“ erwiderte er,„aber, Gott Lob, nicht verbauert.“ „Weißt Du noch, wie Du um die Welt reiſen wollteſt?“ „Richtig! und Du hoffteſt Dichter zu werden.“ „Und reiſe jetzt auf der Welt herum, während Du wahrſcheinlich der Poet geworden biſt.“ „Möglich.— Aber nun nach Hauſe!“ Er ergriff meinen Arm, indem er ſeine erſtaunten Leute ſich und ihrer Arbeit überließ, und wir wander⸗ ten, von vergangenen ſeligen Zeiten plaudernd, lang⸗ ſam dem alten Hofe zu. Es war ein trautes, wohnliches Heim, in welches wir jetzt traten. Drinnen waltete züchtig die ehrbare Frau Eliſabeth, treu unterſtützt von zwei bereits er⸗ wachſenen blühenden Töchtern, Emma und Klara. Nunmit Aump fuindle Aböhn Agem 0 ich flbe hen tieft ſit, di 3 Wenn ich vermuthet hatte, hier Alles etwas bäueriſch plump angehaucht zu finden, ſo ſah ich mich jetzt gründlich getäuſcht. Selbſt mein etwas großſtädtiſch verwöhntes Auge mußte ſich zufrieden geben. Die ungezwungenen, freundlichen Manieren der Dame des Hauſes, das beſcheidene, keineswegs eckige Benehmen der Töchter, die einfache, aber durchaus elegante Kleidung derſelben, die beinahe reiche Ausſtattung des alten, hohen Wohngemaches, die Blumen und Gewächſe in den tiefen Fenſterniſchen, einige vortreffliche Bilder an den Wänden,— das Alles zuſammen war geeignet, mit einem eigenthümlichen, wohlthuenden Zauber auf mich zu wirken, zumal in dieſer ländlichen Ab⸗ geſchloſſenheit. Natürlich mußte ich das gemeinſchaftliche Mahl Wl theilen. Im Verlaufe desſelben bot ſich mir Gelegen⸗ heit, die gediegene Bildung der Töchter kennen zu lernen, und als ich ſo im Geſpräche gegen Born den Ausſpruch des Dichters Horaz hinwarf: Nil sine magno Vita labore dedit mortalibus....) äußerte Klara:„Ja, das iſt wahr; Papa hat dies oft genug erfahren müſſen“ „Wie?“ rief ich er ſtaunt,„Sie verſtanden, mein Fräulein, 1 was ich ſoeben ſagte?“ 1) Das Leben gab den Sterblichen Nichts ohne großes Leid. Sie erröthete verlegen; Born aber ſprach lächelnd: „Nicht wahr, Du biſt unter die Blauſtrümpfe gerathen! Ha, ha! Aber ſtaune noch nicht, mein Freund, denn ſie können noch mehr, meine Mädels, ſie verſtehen auch Griechiſch und leſen den Homer faſt noch flotter, wie wir als fröhliche Studentchen es konnten.“ „Und Du haſt ihnen dies Alles beigebracht?“ fragte ich voll Verwunderung. „Natürlich!“ gab er zur Antwort,„weshalb hätte ich denn all das Zeug gelernt? Die Dinger hatten Freude daran, und mir wars eine Luſt.“ „Und jetzt, was treibſt Du den lieben langen Winter? Du kannſt doch nicht immer Kartoffeln ſetzen und Hafer binden.“ Born lachte.„Da iſt noch ſo ein Junge,“ ſagte er— ich verſtand—„und dann,— ſiehſt Du dieſen Schrank, dieſes Sopha, dieſe Stühle und Seſſel, dieſe Tiſche?— ah! komm doch einen Augenblick mit heraufl — Mama, Du entſchuldigſt uns wohl zwei Minuten.“ Er erhob ſich, und ich folgte ihm eine Treppe hoch in einen kleinen Saal, welcher mit den herr⸗ lichſten, kunſtvollſten Möbeln im Rococoſtile aus⸗ geſtattet war. Namentlich ein Schreibpult und ein großer Schrank feſſelten durch die reichen und voll⸗ endeten Formen meine Aufmerkſamkeit.— Ich ſtaunte, aber begriff nicht, was Born wollte. „Siehſt Du nun?“ begann er triumphirend, und an meiner Verwunderung ſich weidend,„ſiehſt Du nun, was ich treibe?“ 00 UU ler di Jſt G0 zund, I wul f Neft Uat Runde⸗ ſk ge Hei um, Woheſt kam R Dut Hichein Autn ſt in Wlic Wehl Atlen, Immen i Led filnce Makri ſcind 0 Uikenz 0 90 „„„ Ich ſah ihn groß an. „Du begreifſt nicht? Na, Joſephchen, das Alles haben dieſe Hände hier hervorgebracht.“ „Iſts möglich, Born? Du wäreſt der Künſtler?“ „Sag lieber: der Kunſtſchreiner! Ja, mein Freund, und außerdem habe ich auch meinen Töchtern eine vollſtändige Ausſtattung fertig geſtellt; ſie können ihr Neſtchen bauen, wann ſie wollen!“ War ich nun von der vielſeitigen Thätigkeit meines Freundes vollkommen überzeugt, ſo hätte ich doch noch gerne gewußt, ob ihm auch die ernſteren Arbeiten des Geiſtes nicht völlig fremd geworden ſeien. Ich lenkte darum, als wir wieder im Kreiſe der Familie ſaßen, das Geſpräch auf die heutige Richtung der Philoſophie und kam auf den Materialismus im Allgemeinen und die Darwin'ſchen Theorien insbeſondere zu reden. Anſcheinend redete ich dieſen Ideen das Wort; aber Born ſah mich einen Augenblick mit tiefer Trauer im Blicke an, dann ſprach er wehmüthig:„O Joſeph, Joſeph! Die verwünſchte Poſtcarriere! Nichts als Zahlen, nichts als Materielles!— Hierher mußt Du kommen, zu mir, in die freie Natur, wo die Lerche ihr Lied zum Himmel hinanjubelt, und jedes Gras⸗ hälmchen ſeinen Schöpfer preiſt! Hier zerrinnt Dein Materialismus, wie der Morgennebel vor der Sonne ſchwindet.“ Und alsdann begann er mit ſolchem Eifer der Ueberzeugung, mit ſo ſchlagenden Gründen und mit ſo großem Feuer der Beredtſamkeit den Materialis⸗ RRRrrrrr 2 „ mus anzufechten und zu erſchüttern, daß ich ihm ge⸗ rührt die Hand hinhielt mit den Worten:„Alter Born, ich danke Dir; Du haſt mich überzeugt, aber nicht von der Falſchheit dieſer giftigen Philoſophie; denn deſſen bedurfte es nicht. Ich bin ein treuer Sohn unſerer Kirche geblieben, wie ich es auch zu meiner innigen Freude von Dir erkenne.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte er mit einem Seufzer der Erleichterung, und eine tiefe Bewegung zitterte durch ſeine Stimme.„Wie wechſelvoll immer mein Leben ſich geſtaltet hat— das eine Gut des Glaubens habe ich mir wie ein köſtliches Kleinod bewahrt, und es iſt mein Glück für Zeit und Ewigkeit.“ Das Mahl war beendigt, ich mußte mich verab⸗ ſchieden. Mit welcher Herzlichkeit drückte mich der liebe alte Born an ſeine männliche Bruſt! Ich mußte ver⸗ ſprechen, ſo oft ich in die Gegend käme, hier vor⸗ zuſprechen, und ich that es mit Freuden.— Lebet wohl, ihr lieben, guten Menſchen, und Dank euch für die Stunde ungetrübten Glückes, die ich in eurer Mitte verlebt habe! Born, Du biſt ein Mann geworden! 9 Zwei gebrochene und reparirte Herzen. Wieder ſaß ich im Wagen, diesmal aber nicht allein, ſondern in Geſellſchaft von zwei Reiſebegleitern. 0 luch ei 3**3 Anfangs noch etwas meinen Gedanken nachhängend — die alten, lieben Träume der Jugend waren ſämmtlich wieder wach geworden und gaukelten in reizenden Geſtalten vor meinem Geiſte—, mußte ich jedoch meine Aufmerkſamkeit bald der Wirklichkeit zuwenden. Es waren zwei Männer aus den beſſeren Ständen, die da mit mir fuhren; „Der Ein' in blonden Locken, Der Andre grau von Haar,“ doch noch nicht allzu grau, ſondern ein klein wenig geſprenkelt und offenbar noch nicht in dem Alter, in welchem man grau zu werden pflegt. Auch ſonſt war ein Unterſchied zwiſchen beiden ſofort in die Augen ſpringend. Der Jüngere war ein ſchmächtiges, ſchlank aufgeſtrebtes Menſchenkind mit ſehr blauen Augen und ſehr ſchmachtenden, bleichen Zügen, und hätte nicht eine ſehr weiße Halsbinde ſeinen Kopf vom Rumpfe getrennt, ſo hätte ich ihn für einen Dichter, ſogar für einen Weltſchmerzdichter, gehalten. Der Andere hingegen war etwas beleibt, und ſein gerö⸗ thetes, gutmüthiges Geſicht wie ſeine ganze Haltung zeigte, daß er das Leben mehr von der praktiſchen, reellen Seite aufzufaſſen geneigt war.— Etwas aber hatten beide gemeinſam: ſie waren beide tief traurig. Ich wußte nicht, wen ich mehr bemitleiden ſollte, den Blonden, dem der Gram ſo ſtumm und troſtlos aus den traurigen Augen blickte, als wäre ihm eine Welt untergegangen, oder den Grauen, dem offenbar auch ein Leid tief im Herzen ſaß, das ſich nicht ſo leicht wegſcherzen laſſen wollte, wie es ſonſt augen⸗ ſcheinlich geſchah. Beide waren ſich ohne Zweifel fremd, und ſo fiel denn auch geraume Zeit hindurch kein Wort zwiſchen ihnen. Während der Blaſſe me⸗ lancholiſch in der Ecke lag, rückte der Andere unruhig hin und her, bis er zuletzt aus ſeiner Reiſetaſche eine Flaſche hervorzog. Aha! dachte ich, er ſucht Troſt. Und ſo war es. Er goß ſich ein Glas voll, beaugen⸗ ſcheinigte es mit Kennermiene, indem er es dem voll hereinſtrömenden Lichte entgegenhielt, und leerte es dann mit einem Zug. Sie ſtillten ihren Gram mit Eſſen Und tranken tief betrübt dazu. Alſo brummte er vor ſich hin, während er mit Behagen über jene Gegend ſtrich, wo ſich der Inhalt des Glaſes jetzt ohne Zweifel befand. Mehrmals wiederholte er dieſes herzſtärkende Manöver und wurde ſichtlich getröſtet. Zuletzt bot er ſogar, gerührt durch den gramvollen Blick des Blonden, dieſem den Zaubertrank an.„Herr.... Candidat?“ fragte er. Dieſer nickte.„Iſts gefällig, Herr Candidat?“ — Dieſer ſchüttelte ſtumm ſein Haupt.—„Nicht?— Ka, dann nicht!“ Er beförderte auch dieſes Glas in ſein Inneres. Indeſſen das Eis war gebrochen— er ſchwieg nicht mehr.„Herr Candidat, warum ſo traurig?“ hub er an, und etwas wie Schelmerei begann um ſeine Lippen zu ſpielen. ſhibte — 123 „Hab' Urſache dazu,“ gab dieſer abweiſend zur Antwort. Doch jener ließ ſich nicht beirren.„Ich auch,“ fuhr er fort, während der muntere Humor immer mehr Herrſchaft auf ſeinem Angeſichte gewann;„darum ſind wir Leidensgefährten. Oeffnen Sie Ihr Herz und ſchütten Sie Ihren Kummer in meinen Buſen!“ Der Candidat ſeufzte tief auf— und ſchwieg. „Haben Sie einen Proceß verloren?“ fuhr der Unerbittliche fort.„Reden Sie, ich bin Juriſt, ich werde Ihnen rathen.“ Der Schelm lächelte malitiös, ſeine Traurigkeit war ſpurlos verſchwunden. „Danke verbindlichſt,“ gab jetzt der Candidat zur Antwort.„Ach! kein Juriſt in der Welt vermag mir wiederzugeben, was ich verler.“ „So haben Sie eine Braut verloren?“ „Ja!“ hauchte der Candidat ſchmerzvoll und lehnte ſich wieder mit geſchloſſenen Augen zurück. Doch Jener ließ ſein Opfer nicht mehr aus dem Garn.„Ich auch! Ich auch!“ rief er. „Seltſam, in der That!“ lispelte der Blonde, in⸗ dem er die Augen aufſchlug,„und Sie kommen viel⸗ I. leicht auch ſoeben von dem Grabe Ihrer Hoffnung?“ „Ja wohl, ja wohl!— Stimmt! ſtimmt auf⸗ fallend! Aber jetzt erzählen Sie!“ Er reichte ſeinem Schickſalsgenoſſen abermals das gefüllte Glas, das dieſer nicht mehr ſpröde ver⸗ ſchmähte. „Der Wein erfreut des Menſchen Herz,“ begann FFFEEC˖C˖C˖CrCCr 2 70 er ſalbungsvoll;„ja, ja, das iſt wahr. Hören Sie nun meine kurze, aber leidvolle Geſchichte. Ich bin Candidat des Predigtamtes, wie Sie richtig heraus⸗ gefunden...“ „Und wozu man nicht gerade Criminalrichter zu ſein braucht,“ ergänzte der Boshafte. „Die Zeit iſt nicht mehr ferne, in der ich in eine Pfarrſtelle eintreten ſoll, und da ich dachte, wie öde es in einem einſamen Pfarrhauſe ſein müſſe.,.“ „Natürlich!“ warf der Graue ein,„es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei,“ und er faltete die Hände mit einer ſehr frommen Geberde... ſo ſah ich mich nach einer Gefährtin um.“ „Schön geſagt!“ „Ein Freund führte mich eines Tages zu einer ihm bekannten Familie. Es war ein reizendes, ein⸗ ſam gelegenes Thal, mit Wäldern auf den Höhen, mit Wieſen im Grunde, von einem munteren Bache durchzogen, der die brauſenden Mühlenräder trieb.“ „Aha: Die ſchöne Müllerin Merkte meinen treuen Sinn!“ Der Candidat ſeufzte tief.„Ja, ſie war das einzige Kind— jung, züchtig, ſchön wie Milch und Blut. Sie hatte im Augenblicke mein Herz gewonnen. Ihre Eltern waren gottesfürchtig, brav—“ „Und chriſtlich,“ ſchaltete der Juriſt mit ſchalk⸗ haftem Lächeln ein, indem er mit Daumen und Zeige⸗ finger die Bewegung des Geldzählens nachahmte. gach! 4 „Auch das,“ fuhr der Candidat fort.„Ich weiß nicht, wie es kam, aber mich trieb es immer und immer wieder zu der Mühle hin. Käthchen erwiderte meine Neigung, und ehe ein Monat verging, war ich Bräutigam.— Sie können ſich denken, wie glücklich ich war! Allenthalben beneidete man mich, und ein derber Schulzenſohn, der viel um das Mädchen herum⸗ gegangen war, drohte ſogar, mir die Beine entzwei zu ſchlagen.“ „Haha, prächtige Ausſichten das!“ „Doch jäh ſtürzte mein Glück zuſammen.—— Geſtern Abend ſaß ich mit meiner Braut in der Laube ihres Gartens— wir ſprachen von der nahe bevor— ſtehenden Hochzeit. Sie wiſſen, es war ein herrlicher Frühlingsabend. Die Luft wehte ſo weich und linde durchs Thal, der Mond ſtreute ſein ſanftes Licht über die Wieſen, und die Sternlein guckten mit ihren lieben Aeuglein neugierig durch das Laubwerk——“ „Ei, ei!“ lachte der Andere,„Hieronymus Jobs in zweiter Auflage! Sie tranken des Mondes Silberſchein Und das Flimmern der lieben Sternelein.“ „Ach, ſpotten Sie nur, Sie werden mich bald bemitleiden.— Nun alſo, wo war ich doch ſtehen geblieben?“ „Sie ſaßen ja, und zwar in der Laube, bei Ihrer Liebſten; wie können Sie das vergeſſen?“ „Ja, richtig; ich vergeſſe es auch nie. Alſo: ich bin ein leidenſchaftlicher Verehrer der Natur; und 0 8 eeeee eee — 126— was kann es auch Herrlicheres geben, als ein Abend ung im wunderſchönen Monat Mai?— An der Seite bat meiner Braut ſitzend, zogen ſo ſelige Empfindungen mir durch die Bruſt, es durchwehte mein Inneres ein ſo ſüßes Sehnen, daß ich lange Zeit ſtumm meinen Gefühlen mich überließ und dem Fluge meiner Gedanken lautlos folgte. Käthchen, die überhaupt etwas geſprächiger Natur iſt, fragte mich, warum ich ſo ſchweigſam ſei, ob mir etwas fehle. Fehle?— „Fühlſt Du nicht, o Kind, ſprach ich innig, das geheime Wehen der neu erwachten Natur? Hörſt Du nicht, wie wehmüthig und ſehnſuchtsvoll die Nach⸗ tigallen in den Büſchen klagen?'— Und, mein Herr, was gab ſie mir zur Antwort?—— Achl hier be⸗ fir her grub ich mein Glück.—„Die Nachtigallen?“ ſagte 10661 ſie——„dieſe miſerabelen Beeſter— krei⸗ Akrt ſchen die ganze Nacht, daß man kein Auge zu⸗ Wſcſe thun kann!!“ uitt J 4„Herrliches Mädel!“ jubelte der Juriſt,„präch⸗ Bie tiges Weſen! haha!“ I nn „Wie? was ſagen Sie?—— Ich fuhr auf, wie Getz von einer giftigen Schlange gebiſſen. Mein Traum, füeie mein ſchöner Traum war hin. Mein weiches, füh⸗ fleil lendes Herz ſollte ich an ein ſo gefühlloſes Weſen J5 ketten, das kein Verſtändniß für die Natur hat, das 06 allen poetiſchen Sinnes baar iſt?— Nimmermehr! Wülthn Wie Schuppen fiel es von meinen Augen, aller Reiz, fi g der mich bisher gefangen gehalten, war mit einem fef Male geſchwunden. Sie hatte nicht einmal eine figen! Ahnung davon, wie tief, wie ſchmerzlich ſie mich ver⸗ letzt hatte.“ „Sie ſprach: es kommt ein Regen, Ade! ich geh nach Haus.“ „Nein, ſo ſprach ich. Ich zog meinen Brautring vom Finger und gab ihn ihr zurück. Dann eilte ich ſtumm und ohne Gruß von dannen— den Tod im Herzen. Verſtehen Sie nun meinen Schmerz?“ Er lehnte ſich wieder ſtöhnend in die Polſter des Wagens zurück und ſchloß melancholiſch ſeine blauen Augen. Der Juriſt aber lachte hell auf und rief heiter:„Ich ſagte es ja, es ſtimmt, es ſtimmt Alles, nur umgekehrt, und das iſt der Unterſchied. Liebſter, beſter Herr Candidat, ſterben Sie noch nicht, jetzt noch nicht, es wäre Schade um Ihre Talente und um die Dichtkunſt. Ihnen ſoll geholfen werden, ſo wahr ich der Aſſeſſor X. bin. Ja, wenden Sie ſich nur immer an die Juriſten, ha ha!“ „Wie?“ verſetzte der Eandidat,„mir geholfen?— Mir kann Niemand helfen.“ „Verzweifeln Sie nur nicht vor der Zeit und hören Sie erſt auch meine Geſchichte; ſie iſt die Ihrige, aber freilich umgekehrt, ha, ha!“ „Ich bin begierig.“ „Noch geſtern war ich, wie Sie, ein glücklicher Bräutigam. Clotilde iſt die Blumen der Frauen, ſchön, gebildet und überdies reich. Nur einen Fehler 10 hat ſie, ſie iſt etwas ſchwärmeriſch, poetiſch, mit Ihrer mdl: gütigen Erlaubniß, macht ſogar Verſe, und was für —PPPPC ˖ ˖˖ welche!— Auch ich ſollte mit Nächſtem in den Hafen des Eheſtandes einlaufen: da gab es geſtern Abend in unſerem Städtchen ein Feſt, einen Ball, und ich mußte mit meiner Braut pflichtſchuldigſt dabei er⸗ ſcheinen. Ich tanze zwar nicht gerne, ſondern ſitze viel lieber mit den alten Herren beim Glaſe Wein; aber was thut man nicht einer Braut zu Liebe? Ich amüſirte ſie, ſo gut es ging, und war froh, daß ſie etwas früh nach Hauſe zu gehen verlangte. So dachte ich doch noch ein Spielchen machen und einige Flaſchen leeren zu können; denn zum Kukuk! ich war mörderiſch durſtig!— Proſit Mahlzeit!— Kaum im Freien angelangt, äußerte Clotilde den Wunſch, noch einen kleinen Spaziergang zu machen; der Abend ſei ſo ſchön, und wir wären die längſte Zeit Brautleute geweſen. —„Gewiß, ſagte ich, ‚ſehr gerne, meine Liebe!“— Wir gingen in die Anlagen, welche ſich rings um das Städtchen ziehen, und in denen ebenfalls von jenen Vögeln, welche Ihre Braut nicht ſchlafen ließen, eine Maſſe warz; ſie ſchrieen ſich die Hälſe heiſer. Im Uebrigen muß ich geſtehen: die Nacht war wirklich hübſch, ſo recht wie für die Poeten gemacht. Lange ſchritten wir ſchweigend fürbaß: Clotilde fühlte wahr⸗ ſcheinlich, und ich war in Gedanken bei meinen alten Herren am Spieltiſche. Ich wurde immer ärgerlicher, je länger wir marſchirten, und meine Stimmung war um ſo gereizter, da ich mir ſchon einige Gläſer Wein zu Gemüthe geführt hatte. Endlich hub Clotilde ſchmachtend an:„Ach Otto, mein Lieber, fühlſt Du — Aen& Mun e hlete PREERRRRRRERERRRRRRRcRcccccccrcrrrrrrrrrr nicht Dein Herz höher ſchlagen in dieſer wunderbaren Einſamkeit der Nacht? Rührt Dich nicht der Nachti⸗ gallen Klageſang? die ſtille Pracht des Sternenhim⸗ mels nicht?“——„Ja, es iſt um die Schwere— noth zu kriegen!' platzte ich da heraus, ohne daß ich wußte, was ich that.— Aber da wars aus. Sie riß ihren Arm aus dem meinigen, und mit zornigem Beben ſagte ſie:„Mein Herr! Wollen Sie die Güte haben, mich auf dem kürzeſten Wege nach Hauſe zu geleiten!“— ‚Aber Clotilde, was iſt Dir?' ſtam⸗ melte ich erſchrocken; allein ſie gebot mir mit flam⸗ mendem Blicke:„Schweigen Sie!“— Ich ſchwieg. — An ihrem Hauſe gab ſie mir ihren Ring— ich war Bräutigam geweſen.— Stimmt es nun nicht, Herr Candidat?“ „Jawohl, aber umgekehrt.“ „Ganz richtig, wie ich ſagte.— Nun kommt die Hilfe, mein liebſter, beſter Herr College und Ex⸗Bräu⸗ tigam!— Wir beide ſind Bräutigame a. D., nicht wahr? Wir haben auch zwei Bräute a. D., nicht wahr?—— Nun wohlan, tauſchen wir!“ „Wie? was? tauſchen?— Ich verſtehe nicht.“ „Will Ihnen ſogleich ein Licht anzünden. Ant⸗ worten Sie! Sie ſind ein leidenſchaftlicher Verehrer der Natur, nicht?“ „Allerdings.“ „Meine Braut auch.— Sie lieben das Flimmern der lieben Sternlein?“ „Ueber Alles.“ Luſtige Geſchichten vom Rhein. 9 iee ee — 13 „Meine Braut nicht minder.— Sie ſchwärmen für den Mond?“ „Mein Liebling!“ „Meiner Braut ebenfalls.— Sie ſchmachten mit den Nachtigallen?“ „Ach, es iſt ſo ſüß!“ „Ganz wie meine Braut.— Und Sie machen auch Verſe wie meine Braut?“ „Ich bin Dichter mit Leib und Seele.“ „Ganz wie für einander geſchaffen. Ihr müßt ein Paar werden, ſo wahr ich der Aſſeſſor X. bin“ „Sie ſcherzen!“ „Scherzen? Durchaus nicht. Und damit Sie ſehen, wie ernſt ich es meine, ſo erkläre ich Ihnen hiermit, daß ich mich mit Ihrer Ex-Braut verloben werde. Solch ein Prachtmädchen darf mir nicht ent⸗ gehen. Wir beide ſtimmen überein; ich laſſe mir auch nicht gerne von kreiſchenden Beeſtern den Schlaf ver⸗ derben, ha ha!— Verſtehen Sie mich nun, mein Beſter?“ „Vollkommen: aber ich ſehe immer noch nicht ein, wie i „Nicht?— Na, was iſt denn da noch einzuſehen? Warten Sie nur, in ſechs Wochen ſind wir beide wie⸗ der im Dienſt, ich meine als Bräutigame.— Und das hat der Poſtwagen gethan. Hätten Sie nun ge⸗ ſchwiegen, wie dann? Aber ſchöne Seelen finden ſich, zu Waſſer und zu Land, ja ſogar im kaiſerlich deutſchen Reichspoſtwagen. Hurrah! Candidatchen, Quaſi⸗ 001 libig Cf Aflgen; — 131— Wan Schwagerchen! ſeien Sie luſtig— noch ein Schluck auf baldigen fröhlichen Brautſtand!“ Sie tranken— und er begann mit luſtiger Stimme zu ſingen: In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad; EMuchnt Mein' Liebſte iſt verſchwunden, Die da gewohnet hat. Mein' Liebſte iſt verſchwu— u— unden, Die——— 6. 0 Keutz Und ein gebrochenes Rad. „Donnerwetter, was iſt das?“—„Schwager!“ —— Ein Ruck!— Pardauz! der Wagen lag im Graben, auf der Seite. Welch ein Durcheinander! Der Aſſeſſor lag zu unterſt, auf ihm der Candidat und oben ich. Es war ein reines Chaos, eine Collection von herrenloſen Beinen, Armen, Reiſetaſchen, Hüten— kurz ein gräu⸗ voch lit licher Wirrwarr. Um das Maß des Schreckens voll zu machen, ſprang auch noch ein viertes lebendes Weſen in all dem Miſchmaſch herum, von dem ich bisher keine Ahnung hatte.„Hau, hau, hau!“ kläffte es widerwärtig dazwiſchen und biß mich in die Waden. Es war ein kleiner Schooßhund, den der Candidat bis dahin verborgen gehalten hatte, um die Poſt zu defraudiren. „Hilf! Hilf!“ ſtöhnte der Juriſt wie aus einem 9* E 22 Abgrunde,„drückt mich nicht todt— ich liege in den Glasſcherben.... Herr meiner Tage, auch noch dieſe Malefiz⸗Beſtie! Candidat, ſind Sie verrückt? Er beißt mich— au!— ich bin verloren!“ Der Candidat war in Verzweiflung. Er ſeufzte und jammerte zum Erbarmen.„Kora, ſtill!“ ächzte er,„kuſch!— hierher! Kora!“— und„hau, hau, hau!“ antwortete unermüdlich der Miniaturhund. Der Einzige, der die Beſinnung nicht verlor, war ich; denn ich hatte ſchon ähnliche Fahrten mitgemacht. Ich rief dem Poſtillon, der unterdeſſen die Pferde ab⸗ geſpannt hatte, er ſolle den Wagenſchlag, der jetzt nach oben ging, öffnen. Hierauf arbeitete ich mich mühſam aus dem Kaſten und half auch dem ver⸗ zweifelten Candidaten heraus. Der Aſſeſſor, welcher noch immer fluchte und wetterte, war nicht leicht flott zu bringen, wegen ſeiner Leibesfülle. Lange ſtand er in dem umgeſtürzten Wagen aufrecht und ſteckte ſein Vollmondsgeſicht durch die geöffnete Thüre.„Ach, aus dieſes Thales Gründen!“ perorirte er komiſch; „wer da noch turnen könnte! Candidatchen, Collega, leihen Sie mir doch auf einen Augenblick Ihre Wespen⸗ taille nebſt Spinnenbeinen!— Muth, Otto!— Eins, zwei, drei—— ſo, Gott ſei Dank, wieder auf deutſchem Boden!“— Er war glücklich herausgelangt. Aber jetzt gings dem unglücklichen Poſtillon an den Kragen.— Der arme Schwager, er ſtand da wie ein begoſſener Pudel, ohne Worte. Daß ihm das auch gerade jetzt paſſiren mußte, juſt, wo er einen ubt ö, kt Rit egor Hen. R Wnt imet iefe fer, Oberpoſtinſpektor zu fahren hatte! Es war nicht an⸗ ders, er mußte geſchlafen haben. Ich beruhigte ihn und beſchwichtigte die Reiſenden, ſo gut ich konnte, und ſchlug vor, die kurze Strecke, welche uns noch vom Ziele unſerer Reiſe trennte, zu Fuß zurückzulegen. Mein Vorſchlag fand Beifall. Während der Poſtillon ſchleunigſt fortritt, um ſich Leute zur Aufrichtung des Wagens zu holen, gingen wir langſam hinterdrein. Es war ſchon dunkel, und die Landſchaft, ſoviel man ſehen konnte, ein ziemlich unfruchtbares Haide⸗ land. Der Aſſeſſor hatte ſeinen vollen Humor wieder⸗ gewonnen und ſpottete über unſer Mißgeſchick. Nicht ſo der Candidat. Er quälte ſich noch immer mit dem Gedanken, was Alles hätte geſchehen können, bis der Juriſt endlich in komiſchem Pathos zu ihm ſagte:„Beruhigen Sie ſich; ich hätte für ein anſtän⸗ diges Begräbniß geſorgt und auch Ihre Kora an Hundes ſtatt angenommen. Ihrer zukünftigen Braut hätte ich von Ihnen gar nichts erzählt, ſo würde ſie ſich auch nicht gegrämt haben. Sind Sie nun zu⸗ frieden?“—— Endlich Lichter, das Städtchen lag vor uns. Der Aſſeſſor war, wie er ſagte, hier wie zu Hauſe. Wir kehrten im erſten Gaſthofe, dem„Naſſauerhof“, ein. Dort war die ganze Beamtenſchaft der keinen Stadt verſammelt, wie dies in ſo abgelegenen Orten faſt immer zu ſein pflegt; die Leute, auf ſich ſelbſt an⸗ gewieſen, ſchaffen ſich ihr gemüthliches Daſein oft viel beſſer, als es in den großen Städten der Fall iſt. Wir traten in die Gaſtſtube, der Aſſeſſor voran. „Blättchen wend' dich!“ ſchrie er in die Geſellſchaft hinein. Ich wußte nicht, was dieſer Ruf bedeute, aber Alles ſtreckte die Köpfe nach uns und lachte, während ein gewaltiger Baß Antwort gab:„Soweit iſts noch nicht, bin erſt am achten.“ Aufs freundlichſte wurden wir bewillkommt und zugleich allgemein bedauert, als man von unſerem Un⸗ falle erfuhr. Eingeladen, uns in dem fröhlichen Kreiſe niederzulaſſen, leiſteten der Aſſeſſor und ich ſogleich Folge, dahingegen der Candidat ablehnen wollte, weil er noch nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe müſſe, woſelbſt ſein Oheim Pfarrer ſei. Doch ließ er ſich zum Bleiben überreden, als er erfuhr, daß der Herr Oberförſter ebenfalls noch heute Abend dorthin gehe, wie alle Abende. So war denn wieder Alles im rechten Geleiſe, und das Zechen ging von Neuem los. Der Aſſeſſor war überſprudelnder Laune und ließ den Candidaten unabläſſig an der Angel zappeln. Unter ſchallendem Gelächter ſtellte er ſich und ihn der Geſellſchaft vor als„Bräutigame a. D. und wie⸗ der in spe“, trank ihm tapfer zu und brachte ihn ſchließlich wirklich aus ſeiner verdrießlichen Stimmung heraus. „Blättchen wend' dich!“ ertönte da plötzlich in den Lärm der Unterhaltung die mir ſchon bekannte tiefe Baßſtimme. Alles lachte; der Kellner brachte dem gewaltigen Rufer ein friſches Seidel. Und jetzt erfuhr ich auch die Bedeutung dieſes Rufes. Der 6eU Huhſt afin. Millc Iö nan Uin. cht et lüfte Kalif lue, t fei Rfſe. eu 16—— Aaten: Ril Hible 0 Aur Fne Aem Wtnu. i ar 1 Utze Uude um er Iindet Herr Oberförſter— er war es— trank nämlich aus Grundſatz nie mehr, als zehn Seidel, das war ſein Penſum. Hatte er dieſes aber gelöſt, ſo hatte er ge⸗ wöhnlich noch Durſt, und darum fing er von vorn an. Das nannte er:„Blättchen wend' dich!“ Ein ſo erhabenes Beiſpiel imponirte ſelbſt dem ſchmachtenden Candidaten. War es Kummer, war es ausgeſtandene Angſt oder friſche Hoffnung?— Kurz, er kaufte ſich einen hübſchen kleinen Zopf, der ihm allerliebſt ſtand. Er lachte, ſprach viel, hielt ſogar Toaſte, Reden, ja er ſchmollirte aus eigenem Antrieb mit ſeinem neuen Freund und„Quaſi⸗Schwager“ Aſſeſſor. Als er aber auch ſchließlich ein Gedicht auf die Freundſchaft vortragen wollte— ein ſelbſtverfaß⸗ tes—, verhinderte letzterer dies energiſch mit den Worten:„Bruder, ſchone meine Nerven; ich würde vor Rührung ſterben, und es wäre Schade um die Mühle. Darum ſchweige!“— Und er ſchwieg.— Zwölf Uhr. Der Oberförſter hatte ſein Penſum zweimal ab⸗ getrunken und erhob ſich.„Herr Candidat,“ ſchrie er, „wenn Sie ſich nun meiner bewährten Führung an⸗ vertrauen wollen, ſo geben Sie mir Ihren Arm, und ich ſpare heute den Hausknecht.“ Allgemeines Gelächter.— Eine Laterne war be⸗ reit; er hing ſie vor die Bruſt. Auch der Candidat wurde auf dieſelbe Weiſe äußerlich illuminirt, nach⸗ dem er es innen ſchon längſt war. Beide Edelen ſtanden nicht mehr ganz ſicher auf ihren Füßen, und tete er auf ſeine Laterne— ſei ja von jeher ein wankel⸗ müthiger Geſelle geweſen.— Alle übrigen Gäſte reih⸗ ten ſich nun paarweiſe hinter die beiden Lucifer und gaben ihnen ſo auf eine Strecke das Ehrengeleite, in⸗ dem ſie ſangen: Guter Mond, du gehſt ſo ſtille u. ſ. w. Ich aber verabſchiedete mich von dem Aſſeſſor und begab mich auf mein Zimmer. Ich öffnete das Fenſter und ſchaute hinaus in die dunkle Nacht. Ein⸗ zelne Klänge von der luſtigen Geſellſchaft drangen zu mir herüber. Dann war Alles ruhig.— Lange ſaß ich da und ließ die Erlebniſſe des Tages an meinem Geiſte vorüberziehen; lange wollten die Ein⸗ drücke, die ich heute in ſo bunt wechſelnden Geſtalten empfangen, mich nicht zur Ruhe kommen laſſen, und erſt ſpät, als ſchon im fernen Oſten die Morgen⸗ dämmerung grau dem Horizonte entſtieg, ſuchte ich mein Lager. der Oberförſter meinte, der Mond— und dabei deu⸗ ſit ge n J ſirhen en Nur drei Veine. Ein Schwänklein aus Iſrael. „Menſch, Du machſt mich noch ganz roh, wenn das ſo fortgeht!“ rief ich aus, und that einen tüchtigen Zug aus dem—— Schnapsglaſe. „Hoho, feiner Herr! ſo delikat ſind wir doch früher nicht geweſen! Aber freilich, die Stadtluft macht keine feſten Männer. Den ganzen Tag am Schreibgeſtell, hängen ſie zwiſchen Himmel und Akten in der Luft, ſtecken ſie die Cigarre hinters Ohr und den Federſtiel in den Mund—“ „Das iſt mir allerdings einmal paſſirt, aber auch nur einmal.“ „—— ſetzen den Aktendeckel auf, den Kopf und nehmen den Hut untern Arm—— Verlaub, das habe ich nie gethan.“ — führen am Abende die Frau Gemahlin fein. Aub erlich und ehrbarlich fünfzig Schritte hinter die Stadtmauer und nennen das Spazierengehen⸗—— „Ich bitte ſehr um Entſchuldigung. „—— Willſt Du ſchweigen?— Und wenn er jetzt nach einem rechtſchaffenen kleinen Lauf ein Tröpf⸗ 2 CCCCCC.... 2 chen Schnaps trinkt, ſo meint er ſchon, weil ihm das ſchmeckt, er würde roh. Haha!“—— Er zog einen großmächtigen Schluck, daß mir da⸗ vor faſt ſchwindelig wurde; dann fing er wieder fürchter⸗ lich zu lachen an und wollte gar nicht damit enden. „Nix ze handele??“ ſchrie da plötzlich eine ſcharfe, hohe Fiſtelſtimme zum offenen Fenſter herein, gerade an meinem linken Ohr vorbei, ſo daß ich erſchrocken aufſprang. Ein echtes Judengeſicht mit ſpitzigem Kinn, ſpitzigem Zwickelbart und ſpitziger, aber gewaltiger, kühn gebogener Naſe hatte ſich in die Rahmen des Fenſters geſchoben, und der wilde Wein, der ſich an den Wänden hinzog und die Fenſter überwuchernd umrankte, umgab dieſes leibhaftige Antlitz eines Faun wie mit einem Kranze, aus welchem die rothen Aeuglein verſchlagen herausglitzerten und der breite Mund von Ohr zu Ohr lächelte. Das war Mauſche Löbche Rumpelche. Ich erkannte ihn ſogleich wieder; denn er hatte uns Studenten oftmals ſogenannte Pferde geliehen, wenn wir einen fröhlichen Ritt machen wollten. Da⸗ mals aber war er noch ein blutjunges Jüdchen. „Löbche Rumpelche Mauſchelche macht mit mir kein Geſchäft!“ donnerte mit einer ſchrecklichen Stimme und furchtbaren Mienen mein Freund, indem er eine gebieteriſch fortweiſende Handbewegung machte. „Gott ſoll mich behiete,“ fiſtelte der Jude,„wie er mich wieder nennt! So hat ja gehaißen mein Vater ſeliger; ich haiße Mauſche Löbche Rumpelche.“ „Einerlei! Vater und Sohn aus einem Holz! Mach', daß Du ſchleunigſt weiterkommſt, oder——“ Der Fenſterrahmen war wieder leer, das liebliche Bildlein verſchwunden. Mein Freund, der alte Born, lächelte. Er war es nämlich, welcher den Juden ſo arg grob bedroht hatte. Ich befand mich ſeit einigen Tagen auf Beſuch bei ihm, um etwas Landluft zu genießen. Aber wahr⸗ lich, er machte mir dieſelbe ſauer. In aller Herrgotts⸗ frühe, es war kaum vier Uhr, hatte er vor der Thüre meines Schlafzimmers mit ſeiner gewaltigen Stimme gerufen:„Allons, Joſephchen, raſch von der Stange, heute gilts einen Generalausflug!“— Ja, das war wirklich ein Generalausflug, wie ich ſchon lange keinen mehr gemacht hatte: durch Dick und Dünn, über Feld und Wieſen, durch Gehölz und Geſtrüpp, Berg auf, Berg ab, ohne zu raſten und zu verſchnaufen, bis er endlich an einem ganz von Wald umſchloſſenen Haber⸗ felde, dem eigentlichen Ziele ſeines Ausfluges, Halt machte, mich ſpöttlich von der Seite betrachtete und ſprach:„Mich dauern nur Deine feinen Stiefel, die werden jetzt gewiß aus Rand und Band ſein. Haſt Du Hunger?“ Ob ich Hunger hatte! „He, Junge, dann wollen wir umkehren; denn hier iſt keine Reſtauration, wie Du ſiehſt.“ Wir kehrten um in einem weiten Bogen, aber⸗ mals über Stock und Stein. Born war ganz entzückt. Die Thäler dampften im Morgenlicht; in Millionen .... ······ — 140— lichter Thautröpfchen, die ſchwer an den Spitzen der Gräſer hingen, ſpiegelten ſich funkelnd die Sonnen⸗ ſtrahlen; die Blumen leuchteten ſo klar und morgen⸗ friſch; die frommen Lerchen wurden nicht müde, immer tiefer und tiefer in die Bläue des Firmaments hinein⸗ zutauchen; ein ganzer Jubelchor muſicirte in den Büſchen und auf der Flur— und es wäre eine rechte Luſt geweſen, alle dieſe liebe Herrgottspracht zu er⸗ lauſchen und zu ſchauen. Aber er ruhte ja nicht, der Wütherich! Immer und immer vorwärts, unaufhalt⸗ ſam, wie mit Siebenmeilenſtiefeln! Und dann der ſchreckliche Hunger! Born lachte nur von Zeit zu Zeit in ſich hinein und warf dabei einen Streifblick auf meine Stiefel, oder er deutete hier auf lachende Blüthen⸗ pracht, dort nach einem Buſche, aus dem eine beſonders klangreiche Vogelmelodie durch das allgemeine Lieder⸗ gewirr heraustönte.... Endlich waren wir wieder zu Hauſe, und da geſchah es, daß ich beim Einhauen in ein ſolides Frühſtück, nach fünfſtündigem Marſche, ſogar einen kräftigen Schnaps nicht von mir wies.—— „Nix ze handele??“ „Ei daß Dich!“ Wieder dieſelbe kreiſchende Stimme, aber diesmal nicht durchs Fenſter, ſondern durch die halbgeöffnete Thüre. Mauſche Löbche Rumpelche ſteckte den Kopf ein ganz klein wenig ins Zimmer; aber Born ſprang ſogleich mit ſchaudervollen Geberden auf, als würde er jetzt den Juden unfehlbar erwürgen, und rief:„Hab ich Dir nicht geſagt, daß ich mit Dir kein Geſchäft mehr mache?“ Uftge W 1 1 der h der öt 15 0 + 1 War Tuſ „** „Und warum nicht, wenns erlaubt iſt zu fragen?“ „Warum nicht! Soll ich Dirs erſt noch ausführ⸗ lich expliciren?“ „Nu, vielleicht weil ich hab gekauft vom Knecht ein Metzchen Haber?“ „Aha! da haben wir den Spitzbub!“ „Spitzbub! Wie haißt? Hab ich ihn geſtohlen, den Haber? Nein, ich hab' ihn ehrlich bezahlt.“ „Jawohl, die geſtohlene Waare!“ „Wußt ichs vielleicht, daß ſie war geſtohlen? Und warum ſollt ich ſie ihm nicht abnehmen? Hat er ſich doch dafür gekauft ein Geſangbuch, um draus zu ſingen in der Kerch.“ „Was, Du Schelm? Nnn geh mir aber geſchwind aus den Augen! Meinſt Du, ein Chriſt ſei ehrlich nach dem Talmud? Hinaus, oder Du biſt des Todes!“ Er ſtreckte ſo gebieteriſch und ingrimmig den Arm aus, daß der Jude ſchleunigſt das Haſenpanier ergriff. „Aber was machſt Du doch ſo viel Weſens mit dem Juden?“ fragte ich einigermaßen verwundert. „Warum?“ gab dieſer zur Antwort;„weil ich mit Mauſche Löbche Rumpelche ein Geſchäft machen will.“ „Ein Geſchäft?!“— Ich riß erſtaunt die Augen auf.„Ich muß geſtehen, das iſt eine ganz neue Art, Geſchäfte zu machen, wenn man die Leute zur Thüre hinauswirft!“ „Nicht wahr, das geht über Deinen Büreaukraten⸗ verſtand hinaus? Doch was kennt ein ſo kindlicher Menſch vom Leben? was verſtehſt Du von Juden?“ EAEAEEEEECCCC˖······ · ů·ů··· · — 142— „Ich weiß nur ſo viel, daß, wenn Du mich zur Thüre hinaus——“ „Hoho, grüner Junge, dann würdeſt Du in Ewig⸗ keit nicht wieder hereinkommen. Eifreilich, ganz richtig. Aber Du und Mauſche Löbche Rumpelche ſind zwei, und Mauſche Löbche Rumpelche will zweimal hinaus⸗ geworfen werden, bis ich beim dritten Male vernünftig mit ihm unterhandeln kann. Beim dritten Verſuch hat er die feſte Ueberzeugung, daß er mich ſicherlich übers Ohr hauen wird. Verſtehſt Du nun?“ „Im Gegentheil, kein Wort verſtehe ich.“ „Nicht? Na, Joſephchen, laß Dir ſagen, daß Du etwas ſchwerfällig von Begriff von jeher geweſen biſt. Aber glaube mir, gerade weil der Jude jetzt ſicher iſt, daß er mich herumkriegt, werde ich ihm Eins ſpielen; Du wirſt es bald gewahr werden.“ Natürlich war ich jetzt ebenſo klug, als zuvor. Born zündete ſich in aller Gemüthsruhe eine neue Pfeife an und blies einen koloſſalen Dampf um ſich herum, ſo daß ſein zürnendes Haupt gänzlich von Wolken umhüllt war. Ich aber wartete mit Spannung der Dinge, die da kommen ſollten. Es dauerte gar nicht lange, da ging die Thüre auf, und Mauſche Löbche Rumpelche trat ruhig herein, als ob gar nichts vorgefallen wäre, ſetzte ſich bedächtig, aber mit einer gewiſſen Energie auf einem Stuhle in der Nähe der Thüre zurecht und begann:„Guten Morgen, Herr Born, guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Ich war geweſen in Ihrem Pferdeſtall, Herr — 14 Am Born, und hab mir angeſchaut die Thiercher. E wahre Pracht, ſag ich, e wahre Pracht!“ Born war ſtolz auf ſeine Pferde, ſie waren ſein Steckenpferd. Er ſchmunzelte, und der Jude beutete ſofort dieſe gute Laune aus. „Aber, hab ich geſprochen bei mir, was thut der Herr Born mit das Füchsche? Es paßt ja wie eine Sau in das Judenhaus, hab' ich geſprochen bei mir.“ „Haſt Du denn wirklich Dein Leben ſatt, Schmaie Löb?“ „Wai geſchrieen! Mauſche Löbche Rumpelche haiß ich, wie der gnädige Herr doch ſchon längſt ſollten wiſſen; und ſatt? wer ſagt: ſatt? Bei mein langes Leben, ich habs nicht ſatt, wahrhaftig nicht!“ „Dann nenne mir auch mein Prachtfüchslein nicht mehr Sau, ſonſt haſt Du Deine letzten Matzen ſchon gegeſſen.“ „Nu, wer hats genannt e Sau? E charmantes Thierche iſts, das hab ich geſagt; ſagen Se, Herr Geheimſter Rath, hab ich nicht ſo geſagt?“ Ich lachte hell auf. „Nur, hab ich geſagt, das Kapitalfüchsche paßt nicht zu die anderen Roſſe, die Rappen, die Braunen und die Schimmel.“ „Was ſcheerts Dich,“ warf Born mürriſch ein, „ob das Füchschen zu den andern paßt, oder nicht? Wenn es mir nur paßt!“ „Was michs ſcheert? Wie er nur ſpricht! Warum . ſollt michs nicht ſcheeren— aus alter Freundſchaft ſchon?“ „Für das Füchschen?“ „Hören Se doch, Herr Obergeheimer Rath, Freund⸗ ſchaft fürs Füchsche, ſagt er; und er weiß doch ganz gut, was ich hab gehabt für e große Freundſchaft immer für den Herrn Born—— freilich für's Füchsche auch.— Warum ſollt ich ihm nicht gut ſein, dem charmante Thierche, was es iſt!“ Born wandte ſich an mich:„Es ſcheint faſt, das Rumpelche Mauſchelche Löbche hätte es auf meinen Fuchs abgeſehen.“ „Wen meinen Se?“ fuhr dieſer auf;„meinen Se mich? Ich haiße Mauſche Löbche Rumpelche, ſo haiß ich. Und abgeſehen ſoll ich's haben? Ich hab' nix abgeſehen; gar nix hab ich abgeſehen, das ich habe; worauf ſoll ichs auch haben abgeſehen?“ „Ich denke, auf meinen Fuchs.“ „Und wenn ichs hätt!“ verſetzte der Jude lauernd; „was wär das für e Unglück?“ „Es wäre allerdings ein Unglück, nämlich für Dich; denn ich verkaufe ihn nicht.“ „Sie verkaufen ihn nicht? Und warum nicht?“ „Weil er mir nicht feil iſt.“ „Was iſt nicht feil? Alles iſt feil, wenn mans kann bezahlen; nicht wahr, Herr Obergeheimſter Rath?“ „Das iſt es eben,“ ſprach Born mit Würde und Beſtimmtheit;„Du kannſt mir meinen Fuchs nicht bezahlen.“ Etwas wie Verachtung zuckte über des Juden Geſicht, und es ſchien einen Augenblick, als wollte er zornig auffahren; doch alsbald beſann er ſich eines Beſſeren, ſchnitt eine ſehr betrübte Grimaſſe, ſtand auf und ging in demüthiger Haltung ſchweigend zur Thüre hinaus. „Nun iſt Dein Geſchäft verpfuſcht,“ lachte ich, ein wenig ſchadenfroh, weil der alte Born immer Alles beſſer verſtehen wollte, als andere Leute. „Im Gegentheil, mein Junge; nun gehts erſt recht an, es iſt im rechten Zug. Bis jetzt haben wir nur über die Präliminarien verhandelt.“ Und er ſtrich ſich vergnügt und heimlich lächelnd ſeinen großen Bart. Aber auch ich lächelte— achſelzuckend; denn wie ſollte bei ſeiner Grobheit ein vernünftiger Handel zu Stande kommen?—— „Fünfzig Louisd'orches!“ ſchrie aber bereits Mauſche Löbche Rumpelche durch die leiſe geöffnete Thüre;„ich ruinire mich zwar dabei, aber was thut man nicht aus alter Freundſchaft?“ „Lächerlich!“ antwortete Born, drehte ſich um und ergriff eine Reitpeitſche. „Nicht für fünfzig? Hören Se an, Herr Oberſt⸗ geheimſter Rath, nicht für fünfzig blanke Louisd'orches will er mir hergeben das Füchsche; lächerlich, ſagt er!“ „Hinaus!“ rief Born, die Reitpeitſche erhebend, und der Jude verſchwand. Nach wenigen Augenblicken öffnete ſich die Thüre Luſtige Geſchichten vom Rhein. 10 „ R abermals:„Sagen Se fünfundfünfzig! e ſchönes Gebot, nicht wahr, Herr Gehorſamſter Rath?“ Born blickte nur verächtlich und ſpielte mit der Reitgerte. „Auch nicht für fünfundfünfzig?— Nu, vernehmen Se mein allerletztes Wort, Herr Born; wir wollen bleiben gute Freunde, und darum ſagen Se ſechzig! Ich bin zwar kapores, rein kapores, aber es iſt nur wegen das Geſchäft, ich will auch ſonſt noch was ver⸗ dienen beim gnädigen Herrn.“ Born ſchwieg diesmal; er war offenbar unſchlüſſig. „Schlagen Se ein!“ ſprach der Jude, ſeinen Vor⸗ theil wahrnehmend, und hielt ihm die Hand hin. Aber dieſer zögerte noch immer und ſchien zu überlegen. „Herr Gehorſamſter Oberrath, reden Se ihm zu, daß er nicht läßt pleite gehen das ſchöne Gebot! Wahr⸗ haftig, ich mache mich aus dem Staub und komme mein langes Leben nicht mehr in ſeinen Stall!“ Und er machte Miene, zu gehen. Da wandte ſich endlich der hartnäckige Born und ſprach:„Weil Du's biſt, Mauſche Löbche Rumpelche, ſollſt Du das Thier haben; nur mache ich eine Be⸗ dingung.“ Ein düſterer Schatten flog über Mauſche Löbche Rumpelches liebliches Geſicht, denn nichts haßte er mehr, als Bedingungenz freilich nichts liebte er auch mehr, als Bedingungen— aber er mußte ſie ſelbſt machen. —14— „Nu, was brauche m'r noch lang Bedingungen? 4 Ich bekomme das große Füchsche, und der gnädige mn Herr ſtreicht ein die ſechzig kleine Füchſercher, und wir ſind quitt.“ „Nicht ſo raſch; denn ich bekomme Deine ſechzig Füchſe, 5 Du bekommſt meinen Fuchs nicht ganz. Haſt Du verſtanden?“ Grenzenloſes Staunen und Mundaufſperren. „Hab ich verſtanden? Nicht ganz ſoll ich haben das Füchsche? Wie haißt: nicht ganz?“ „Das haißt, ich verkaufe Dir von meinem Fuchs nur drei Beine, und das vierte bleibt mir.“ Immer grenzenloſeres Erſtaunen auf der ganzen Linie; denn auch ich theilte dasſelbe. „Herr Unterthänigſter Rath, was hat er vor? Will er dem Pferd laſſen amputiren?“ „Nichts von Amputiren,“ meinte Born in aller Ruhe;„das vierte Bein, mein Bein, bleibt auch am Roß, und es kann das Bein, mein Bein, hintragen, wohin es will, aber es bleibt mein Eigenthum, und damit baſta!“ Mauſche Löbche Rumpelche war rathlos und ſchaute kopfſchüttelnd bald auf ihn, bald auf mich; alsdann entfernte er ſich geſenkten Hauptes aus dem Zimmer. Mein Freund lachte hellauf und ſagte luſtig: „Jetzt gib acht, nun werden wir ſogleich den Juden reiten ſehen.“ Und ſo war es: Mauſche Löbche Rumpelche ſprengte ſchon auf der Straße vor dem Hauſe auf und nieder, 10³ EEECCECCC.CCCC.·· — 148— bald Galopp, bald Trab, bald Schritt, und immer richteten ſich ſeine mißtrauiſchen Augen auf des Füchs⸗ chens Beine. Als er genugſam geritten hatte, ſtieg er ab, nahm das Pferd beim Halfter und ließ es abermals Schritt, Trab und Galopp gehen, wobei er ſelbſt ſeine ältlichen Gliedmaßen nicht verſchonte und keinen Blick von den Beinen des Thieres verwandte. Zuletzt da er ganz erhitzt war, rief er zum Ueberfluß noch einen Knecht herbei, hieß auch dieſen reiten in Trab, Galopp und Schritt und ſtand fortwährend be⸗ obachtend und den Lauf des Roſſes verfolgend. Als auch dieſe Prüfung beſtanden war, hob er noch jeden Fuß desſelben einzeln auf und unterwarf ſie alle der Reihe nach einer ſorgſamen und gründlichen Unter⸗ ſuchung. Er ſchien zufrieden: Alles war tadellos, ſeine Beſorgniß geſchwunden. Born aber lächelte in ſeinen Bart, ſchlug mir auf die Schulter und ſagte:„So, jetzt iſt das Geſchäft ja gemacht; er hat angebiſſen und zappelt an der Schnur“. Mauſche Löbche Rumpelche kam ſtrahlenden An⸗ geſichts, hielt ſeine Hand hin mit den Worten: „Schlagen Sie ein, Herr Born! Ich weiß, daß der gnädige Herr ſind manchmal ſpaßig gelaunt und lieben zu machen einen Scherz; ich bin zufrieden mit die drei Beine“. „Nichts da von Scherz!“ entgegnete ſtreng der unerbittliche Born;„es iſt bitterer Ernſt“. Der Jude blinzelte verſchmitzt mit den lauernden Nale lg felken Bi Ll i0 ſltſti betfe 0 mcer Muſch tlof fer de l tf d Taufl Mtde, U Ki der Uutde; Luß. üht! — 149— Aeuglein und hielt immer noch ſeine Hand hin. Da ſchlug Born ein, der Handel war geſchloſſen. Es fehlte nur noch das Protokoll, zu deſſen Ausfertigung der Bürgermeiſter herbeigerufen wurde. Dieſer ſetzte ſich nieder, und Born diktirte ihm in die Feder:„Zwiſchen dem Gutsbeſitzer Anton Born einerſeits und dem Rumpelche Mauſchelche Löbche anderſeits——“ „Halte Se ein, Herr Burgemeiſter, er will ja mache ein Geſchäft mit meim Ette ſelig; ich haiße Mauſche Löbche Rumpelche.“ „—— Alſo: iſt heute folgender Kaufvertrag ab⸗ geſchloſſen worden. Für ſechzig Louisd'or erhält letz⸗ terer vom erſteren ein Pferd, geſundes Thier——“ „Vollkommen geſundes!“ ſchaltete der Käufer ein. „—— fünf Jahre alt, fuchsbraun——“ „Und ohne Fehler, ſchreibe Se!“ „—— mit nur drei Beinen——“ „Was?“ ſchrie das hochweiſe Gemeindehaupt und warf die Feder weg, daß es ſpritzte;„iſt denn der Teufel los? Wer reitet denn auf einem dreibeinigen Pferde, wenn nicht der Gottſeibeiuns!“ „Ich habs ja auch geſagt,“ fiel der Jude ein, dem bei der Bedingung im Protokoll wieder unbehaglich wurde;„gleich hab ichs geſagt, daß es iſt e rechter Stuß. Verzeihen Se, Herr Born, aber wahr iſt wahr, nicht wahr, Herr Unterthänigſter Geheimer Rath?“ „Gut,“ gab Born gelaſſen zur Antwort,„ſo be⸗ halte ich meinen Fuchs“. 1 EEE — 1650— Es entſtand eine Pauſe, in der man ſich gegen⸗ ſeitig rathlos anſchaute, bis endlich Mauſche Löbche Rumpelche die Stille unterbrach:„Herr Burge⸗ meiſter, thun Se ihm den Willen, es iſt ja nur e Scherz——“ „Keiu Scherz, ſondern Ernſt!“ beharrte Born. „Nu, dann kein Scherz, ſondern Ernſt, meinet⸗ wegen, wir wiſſen ſchon. Schreibe Se, Herr Burge⸗ meiſter: mit drei Beine; das vierte bleibt Eigenthum des Herr Born.“ „Und welches iſt dieſes vierte?“ „Mein Bein iſt das linke Vorderbein,“ ſprach Born mit großem Ernſte. „Alſo: das linke Vorderbein bleibt Eigenthum des Verkäufers; folgt aber ſeinen Kameraden?“ „Natürlich!“ So wurde das Protokoll abgeſchloſſen, unter⸗ ſchrieben und geſiegelt, das Geld bezahlt und quittirt, und Mauſche Löbche Rumpelche ſetzte ſich ſtrahlend und triumphirend aufs Füchschen. Vom Füchschen herunter grüßte er noch einmal:„Adjes, Herr Born, ich bedanke mich ſchönſtens für das linke Vorderbein, was Se mir haben geliehen“. „Gar keine Urſache!“ rief Born mit eigenthüm⸗ licher Betonung. Der Jude lachte, grüßte dann auch mich:„Adjes, Herr Unterthänigſter Geheimſter Rath, bleibe Se geſund!“ und ſchon ſprengte er im Galopp von dannen. „Born, wie iſts mit dem linken Vorderbein? Sprich!“ „Ehe der Jude noch zu Hauſe, wird er es ſchon wiſſen.“ „Schön, aber ich nicht; wie iſts damit?“ „Wies damit iſt? Ganz einfach: es hinkt damit, wenns eine Viertelſtunde gelaufen iſt. Sonſt iſt es ein charmantes Thier; ſchade für es!“ Ich ſah Born bedenklich an. „Nun, was ſchauſt Du, liebe Unſchuld? Du meinſt, das ſei nicht ehrlich gehandelt? Nichts ehrlicher als das; und ich habe heute noch lange nicht ſo viel gewonnen, als was mir der Jude ſchon abgeprellt hat. Er weiß es.“ Born fing wieder an zu rauchen und fürchterliche Wolken um ſich zu blaſen. 7** * Nach ungefähr einem Vierteljahr traf ich zufällig auf dem Bahnhofe zu C. den Mauſche Löbche Rumpelche. Er wollte mir ausweichen; aber ich ging auf ihn zu, grüßte ihn und fragte nach dem Füchschen. „Das Füchsche?“ ſchrie er auf und beſann ſich eine Weile;„das Füchsche frißt ſehr viel Haber.“ „Es war aber auch ein charmantes Pferdchen; was macht das linke Vorderbein?“ „Herr Geheimſter Rath, ich wills Ihnen ſagen: noch niemals ſo ehrlich gehandelt, als damals!“ „Das wußte ich; denn mein Freund Born iſt ein Ehrenmann.“ „Ein Ehrenmann, ja wohl, wahrhaftig, das iſt er, ein Ehrenmann!“— Er ging. Nach einer kleinen Weile kam er wieder zu mir und flüſterte mir ins Ohr:„Wollen Se wirklich wiſſen, wie es war geweſen mit dem Füchsche, Herr Geheimſter Rath?—— verrathen Se mich nicht, aber: noch niemals ſo ſchändlich betrogen, als damals!“ Ich wurde zornig und wollte ihn derb zu Rede ſtellen, aber er war ſchon wieder entſchlüpft. Eben läutete es zum Einſteigen in den Zug, als der Jude mir zum dritten Male nahte und ſprach: „Sagen wir anders; ſagen wir: noch niemals ſo ehrlich betrogen, als damals! und das ſag ich, Mauſche Löbche Rumpelche!“ Vent Auges Whitt . Wjurge Uden gr. fhen ſhrt fi tuffen Lelk. Ueber en N. ts E Uge un be Der Ni etu M FFPPEFEPEPERECEPECCCC..C.C.CC.C.......ö.....˖ Eine Harzreiſe im Winter. Im Taunus mitgemacht. Wenn ihm ſein ſechzehnjähriges Schweſterchen des Morgens den Kaffee brachte, ſo pflegte er jedesmal die Thüre zu öffnen und einen Scherz zu machen. So war es Brauch ſeit manchem Jahre. Aber heute kam das junge, ſonſt allzeit muntere Mädchen mit Thränen in den großen Augen in das Zimmer der Mutter, die ſoeben vom täglich gewohnten Kirchgange zurück⸗ gekehrt ſich häuslich einzurichten begann. „Ei, ei, was ſehe ich? was iſt paſſirt?“ fragte ſie, betroffen durch des gemeinſamen Lieblings traurige Miene. Ueber das roſige, runde Kindergeſicht zuckte es bei dieſen Worten wie ein verhaltener Schmerz, und ein lautes Schluchzen und ein reichlicher Thränenſtrom folgte unmittelbar darauf. „Aber Kind,— Mädchen, was ſoll das heißen?“— „Der Bruder——“ und ſie ſtockte ſchluchzend. „Wie? der Bruder, der Dich ſo lieb hat, er ſollte Dir etwas angethan haben?“ „Nein, nichts— nichts angethan, aber—“ . ² A..ů „Nun wird mirs aber zu bunt; heraus mit der Sprache! was haſt Du?“ Stoßweiſe und nur allmälig brachte ſie die Worte hervor:„Vorgeſtern hat er die Thüre auf⸗ gemacht und nichts geſagt; geſtern mußte ich ſelbſt die Thüre aufmachen— und heute— heute lief er im Zimmer auf und nieder und rief:„Damen ſind Damen! und Frauen ſind Frauen!! und Weiber ſind Weiber!!!“—— Dabei wurde er immer böſer und ſah mich an wie wild—“ Es war urkomiſch, zu ſehen, wie das große Kind dabei den aufgeregten Bruder getreu copirte in Blick, Haltung und Geberden, ſo daß die Mutter unwill⸗ kürlich lachen mußte. „Ich weiß ſchon,“ ſprach ſie,„das iſt die Frau Doktorin, die er meint; ihre zwei böſen Buben ſollen behandelt werden, wie die Kräutchen„Rühr mich nicht an“, dieſe Unkräuter! Aber ich merke ſchon, wo es fehlt. Er muß wieder einmal aus dem Hauſe. Das ewige Stubenhocken macht ihn melancholiſch und ganz ungenießbar. Allein wie fangen wir das an?“ Dieſer ungenießbare„Er“ war ich, wohlbeſtallter Schulmonarch und Erzieher von„Unkräutern“. Kurz nach der ſoeben beſchriebenen Scene trat ich ſelbſt als Dritter in den Bund mit einem offenen Briefe in der Hand, den ich meiner verbannungsſüchtigen Mutter reichte mit den Worten:„Nimm, er iſt von Deinem Herzblatt!“ Haſtig langte ſie nach dem Schreiben. M 0 biner en— Juß Kloſen, Auden ſo f Res 60 k erswo Iu warn dkeit. 0 Wen ſt H. In i Alr. fin he fiſender We ſber. FRERERRRRRRrCRErPccPCrrcrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr — 155— „Ah!— ein Feſt, eine Primiz im Winter!— und Einer von Deinen Schülern—— und Du willſt gehen?— jetzt, in dieſer Kälte?“ Nach kurzer Verhandlung wurde wirklich be— ſchloſſen, daß ich recht gut und warm eingepackt werden ſolle und die Weihnachtsferien im rauhen Ge⸗ birge des Taunus zuzubringen habe. So kam es, daß ich im grimmigſten Winter anderswo mein Vergnügen ſuchen mußte, als hinter dem warmen Ofen, wie es doch ſeit Menſchengedenken Sitte iſt. Ich wanderte einſam im Gebirge. Kein lebendes Weſen ſchaute mein Auge, kein Laut traf an mein Ohr. In der ganzen Runde herrſchte feierliche Stille und die ſtarre Ruhe des Winters. Von allen Seiten umgab mich der Wald; zur Linken ſtrebten die Tannen kräftig und ſchlank in die Höhe, zur Rechten dehnte ſich ein dichter Buchenſchlag mit alten und jungen Stämmen die ſanft aufſteigenden Hügel hinan, während der äußerſte Saum derſelben von undurchdringlichem Gebüſche begrenzt war, um dann einen ſpärlichenRaum für die Matten übrig zu laſſen. So iſt der Wald ein Tyrann, und nur mit Mühe kann der Menſch ſeine Herrſchſucht bändigen und ſeinen Alles um⸗ faſſenden Armen ein Stückchen Freiheit entwinden. Aber der Winter iſt ein noch mächtigerer Gewalt⸗ haber. Er kommt mit ſeinem eiſigen Hauche daher⸗ RRrrrrr 60 01 holen gefahren, und mit einem Schlage hört Leben und ilern Weben auf. 5 Ueberall lag Schnee und nichts als Schnee. Er 4 deckte Matten und Wege, er lag im Walde und auf 8 dem Walde; er hing in den Zweigen und drückte das 167 grüne Tannenreis gar ſchwer, ſo daß es ſich beugte 11 U0 und ächzte unter der glänzenden Laſt. Auch ſo manches junge Buchenſtämmchen, das ſeinen grünen Laub⸗ ſchmuck nicht von ſich hatte laſſen wollen, mußte jetzt die Hoffart büßen; denn tief bis zur Erde geneigt war das übermüthige Haupt, welches die Fülle der eiſigen Flocken nicht mehr tragen konnte. Selbſt die liebe Sonne vermochte es nicht zu erlöſen. Und doch ſtrahlte ſie ſo hell und klar aus dem wolkenloſen U fißt, de Aether hernieder. Doch ſie weckte kein Leben auf und 35 kein Empfinden. Ihr Licht war glänzend, aber kalt; 7 es leuchtete wohl, aber es wärmte nicht. Der Schnee 00 knarrte bei jedem meiner Tritte unter den Sohlen, 38 und unbeſchreiblich war das Glitzern und Flimmern milſ der Sonnenſtrahlen auf der glänzendreinen Kruſte, 5 die über Bäume und Flur gebreitet lag. Gleich un⸗ Ahe W. zähligen leuchtenden Kryſtallen und Diamanten blitzte 0 es auf, und ſoweit der Blick ſchweifen konnte, traf Fuen nichts Anderes das überſättigte Auge, als dies ewige 1 Funkeln und Gleißen. Wenn ich mich umwandte, ſo Hn? konnte ich weit, weit hinaus in das Land ſchauen. 1fn Eine unermeßliche Ebene dehnte ſich dort hinten aus, W55 und auch ſie war jetzt ein großes Schneefeld, in dem 10. die Städte und Dörfer als dunkle Punkte ſich grell mind abhoben, während die großen Flüſſe, die ſonſt gleich ſchillernden Rieſenſchlangen ſich durch die grüne Flur wanden, jetzt ebenfalls unter der ſtarren, Alles gleich machenden Eisdecke verſchwunden waren und ihren Winterſchlaf hielten. So wanderte ich fürbaß. Die Kälte that mir wohl, das glänzende Geflimmer ſtimmte mich fröhlich, und ich hätte etwas darum gegeben, wenn mir jetzt in dieſer winterlichen Waldeinſamkeit irgend ein Aben⸗ teuer begegnet wäre. Merkwürdiger Weiſe ſetzte ſich dieſer Gedanke in meinem Geiſte beharrlich feſt, und als ich an einen Punkt kam, wo mein Weg im rechten Winkel von der Hauptſtraße tiefer ins Gebirg einbog, an die Stelle, welche im Volksmunde die Eſelshecke heißt, da war ich feſt überzeugt, daß ich, um die Ecke biegend, etwas Neues und Spaßhaftes ſehen werde. Und richtig! meine Ahnung hatte mich nicht be⸗ trogen— dort ſah ich etwas, und was ich ſah, war wirklich etwas Spaßiges. Ich ſah, wie ein Menſch auf einem Eſel ſaß, und wie dieſes edle Thier ſich beſtändig im Kreiſe drehte, ohne weder vorwärts noch rückwärts ſich zu be⸗ quemen. Der Menſch aber, der ſich nothgedrungen mit ihm drehte, ſtreckte bald den rechten, bald den linken Arm aus, bald beide zugleich, und bald hob er ſie wie flehend zum Himmel empor. Das war das Spaßige, was ich mir gewünſcht und geahnt hatte, und es war ſo urkomiſch, dieſen tanzenden Eſel und ſeinen verzweifelten Reiter in EFFEEEEECCCCUCCC 2 Gottes weiter Einſamkeit zu ſehen, daß ich ſtehen blieb und mich zuerſt recht weidlich und herzlich aus⸗ lachte. Wenn dieſer Strich noch nicht die Eſelshecke hieße, ſo müßte er von nun an ſo genannt werden. Endlich eilte ich weiter, um dieſe große Begeben⸗ heit in der Nähe zu beſchauen. Schon von Weitem hörte ich flehentliche Rufe wie:„O Zeus! und ihr Himmliſchen alle!— und auch ihr Unterirdiſchen! —— Apollo, du Roſſelenker, hemme des Thieres Kreislauf!“— Es war ein hagerer, noch junger Mann mit bleichem, magerem Geſicht und lang herabwallen⸗ den Haaren, der dieſe antiken Hilferufe ausſtieß, wobei jeder Zug ſeines Angeſichts das Gepräge der tiefſten Verzweiflung trug. Als er mich bei einer Umdrehung des Eſels zum erſten Male erblickte, breitete er ſeine Arme gegen mich aus und rief dann, ſchon wieder abgewandt: „Den Göttern Dank! O Wanderer, falle in die Zügel dieſem wahnſinnigen Roſſe und bändige ſeine grauſe Wuth!“ „Roß?“ gab ich verwundert zur Antwort;„ſind Sie verrückt? Ich dächte, dies Roß ſei ein Eſel!“ „Es iſt ein Roß,“ ſprach er traurig, aber beſtimmt; „doch das verſtehen Sie nicht.“ „Gut, wenn dieſer Eſel ein Roß iſt, ſo bändigen Sie auch das Roß gefälligſt ſelber, oder tanzen Sie meinetwegen ſo fort bis an das Ende der Zeiten!“ Ich machte Anſtalten, weiter zu gehen. „Erbarmung!“ flehte er mir nach;„ich will ja multhe Ari Kei U51 ſither 0 Ll5 de Hunt ſlaß ſe Nun kintn fugtt it Rem Atlie Uhhtten E Fſtt ſe ⁰ RRRRRRRRRRCCcCrPrccrcrrrrrrrrrrrr zugeſtehen, daß es ein Maulthier iſt, aber ein edles, homeriſches Maulthier!“ „Keine Gnade!“ rief ich zurück;„nicht eher helfe ich, als bis es ein wirklicher Eſel iſt.“ Er beſann ſich eine Weile, während ich ſchon in einiger Entfernung ging. Dann rief er entſchloſſen: „Seis denn, ein Eſel!“ „So iſts recht,“ ſprach ich und ging zurück; ich ergriff den widerſpänſtigen Tänzer beim Zügel und hieb ihm zugleich mit meinem derben Wanderſtabe urkräftig über den Schenkel, worauf er plötzlich zur Vernunft zurückkehrte, ſich ſchüttelte und dann munter fürbaß ſchritt. Nun war ich aber doch begierig, zu erfahren, ob ich einen Narren oder was ſonſt vor mir hatte, und ich fragte deshalb:„Aber wie zum Teufel kommen Sie denn hierher, und zudem auf dieſem abgelagerten Grauthier?“ „Auf dieſem Pferde— wollen Sie ſagen— denn ein ſolches iſt es immerhin nach meiner Idee. Ich will Ihnen das Geheimniß mit einem Worte enthüllen; es heißt: Harzreiſe im Winter.“ „Harzreiſe im Winter?— Jetzt bin ich gerade ſo klug wie vorher.“ „Sie haben doch gewiß ſchon von Goethes be—⸗ rühmtem Gedicht gehört, das dieſe Ueberſchrift trägt?“ „Sicherlich; ich müßte ja ſonſt kein ehrſamer Pro⸗ feſſor ſein.“ „So? Alſo von der Zunft?— Nun, dann be⸗ ... ———....——PEEEEEEEEEEEE — 160— greife ich nicht, wie Sie meinem Thiere den profanen Namen Eſel beilegen konnten. Aber freilich, Sie ſind ultramontan, man ſiehts an Ihrer Gewandung.“ „Ultramontan oder liberal, Pferd oder Eſel— wie verhält es ſich mit Ihrer Harzreiſe im Winter?“ „Nun eben, die mache ich jetzt.“ „Aber, um Gottes willen, wir ſind ja hier im Taunus!“ „Dies iſt nicht Taunus nach meiner Idee; das iſt nach meiner Idee der Harz, gerade ſo wie dieſes Reitthier ein Roß iſt nach meiner Idee. Verſtehen Sie nun?“ Ich wurde ärgerlich und rief:„Herr! was Sie ſind nach meiner Idee, das will ich gar nicht ſagen. Aber wenn ich mich länger des Vergnügens Ihrer Geſellſchaft erfreuen ſoll, ſo erklären Sie ſich endlich!“ „Verſtehen Sie wohl!“— Dabei legte er ſeinen Zeigefinger an die Naſe.—„Sie wiſſen, daß ein Philologe vor allen Dingen ſich einen Namen machen muß, ſonſt iſt er nichts. Nun wohlan, ich habe es ſchon auf alle mögliche Weiſe verſucht, ohne ans Ziel zu kommen. Ich habe zwei Foliobände geſchrieben über die Partikeln 26e und an; ferner zwei über die ungemein reiche Wurzel P. Sie verſtehen? ꝙunl, Pceoαοο, fari, fatum u. ſ. w. Vielleich iſt Ihnen als Mann von Fach dies letztere bedeutende Werk bekannt geworden?“ „Ich bedauere,“ gab ich zur Antwort;„ich bin in meiner Jugend mit dieſen und ähnlichen Wurzeln — 161— ſo arg geplagt worden, daß ich ſie aus Grund und Wurzel verabſcheue.“ Er ſeufzte tief.„Das iſt das Fatum, das ſich an mir erfüllen muß. Jedesmal, wann ich frage, be⸗ komme ich dieſelbe Antwort. Darum beſchloß ich bei mir, einen anderen Gegenſtand zu behandeln, der zeitge⸗ mäßer iſt und in unſeren Tagen nicht unbeachtet bleiben darf. Ich warf mich auf die patriotiſche Literatur.“ „Allerdings ein dankbareres Feld, als das Wur⸗ zelfeld.“ *. VN„Dankbarer?— Sicherlich! Intereſſanter?— Nein! Kurz und gut, ich ſchrieb eine umfangreiche Abhandlung über Goethes Harzreiſe im Winter, und um mich zu überzeugen durch den Augenſchein, d. h. durch Antopſie, ob nach meiner Idee Goethe das Richtige getroffen habe, wollte ich auch die Harzreiſe im Winter machen.“ „Haben ſich aber in den Taunus verirrt.“ „Nicht verirrt! Sondern der Harz iſt mir zu weit und die Reiſe zu koſtſpielig. Darum wählte ich mir den näheren Taunus als den Harz meiner Idee. Und da Goethe ſeine Reiſe bekanntlich zu Pferde ge⸗ macht hat——“ „So mietheten Sie ſich dieſen billigeren Eſel als das Roß Ihrer Idee!“ „Vollkommen richtig; und nun ſehen Sie hoffentlich klar in die Situation.“ „Allerdings! Und Sie verſprechen ſich von Ihrem Werke einen Erfolg?“ Luſtige Geſchichten vom Rhein. 11 „Einen großen. Ich widme es einer ſehr hohen Perſönlichkeit; ich werde bekannt; ich bin natürlich liberal, Patriot durch und durch, und wer weiß, was noch werden wird!“ „Vielleicht Regierungsrath?“ Er lächelte.„Höher! Ein Philologe, wenn er es verſteht, trägt das Portefeuille in den Falten ſeines Mantels.“ „Beſſer: in ſeinem Schulranzen.— Aber da Sie ein Liberaler ſind, ſo müſſen Sie doch auch ſeiner Zeit in den Jubel eingeſtimmt haben, daß ein Juriſt zum Unterrichtsminiſter ernannt wurde. Wie nun?“ „Das war damals; aber wenn man einmal zu jenem Alter gelangt, in welchem— Sie verſtehen— ſo— nun, ſo hat man gelernt.“ „Ich verſtehe. Wenn aber bis dahin Ihre Partei in der Minderheit ſein wird, wie dann?“ Er lächelte wieder.„Das iſt ganz und gar un⸗ möglich.“ „Wenn aber das Unnögliche dennoch geſchieht?“ Er richtete ſich auf und legte die Hand auf die Bruſt:„Ich bin liberal; aber beim Zeus! ich bin zuerſt Philologe, und ein Philologe iſt niemals bei der Minderheit!— Haben Sie mich verſtanden?“ Wohl hatte ich dieſen Kraftſpruch vollkommen be⸗ griffen. Mittlerweile hatten wir eine gute Strecke Wegs zurückgelegt, der künftige Miniſter hoch zu„Roß“ 4 6 luch fe Ret cher Arir mö il FFRFDEEEEPEEEPEPECEPCP. 2 116 nach ſeiner Idee, und ich beſcheidentlich zu Fuß. Bei einer Biegung der Straße erblickten wir in einiger Entfernung eine alte Schloßruine, die ihr graues Ge⸗ mäuer aus den ſchneeigen Baumwipfeln hervorſtreckte. Auf einem vorſpringenden Eckthurme aber ſtand ein menſchliches Weſen, das einen langgezogenen Juchzer hören ließ und dabei den Hut hoch in der Luft ſchwenkte. Ich wußte, wer es war. So oft ich ins —1 Gebirge kam, wartete hier mein treuer, alterMatthes“ 11 auf mich, um mir das Ränzchen abzunehmen und mich ins trauliche Heim zu geleiten. So war es auch diesmal. Freudig gab ich auf ſeinen Zuruf Antwort, und flink, trotz ſeiner Jahre, ſtieg er von ſeiner hohen Warte, um mir entgegen zu eilen. Ein herz⸗ licher Gruß glänzte mir aus dem ehrlichen Geſichte des kleinen Alten ſchon von Weitem entgegen. Er war ein Original, und Alle, die ihn kannten, wußten irgend ein ſchnurriges Stückchen von ihm zu erzählen. Er führte uns zunächſt in die Ruine, wo er einen Haufen Reiſig geſammelt und angezündet hatte, da⸗ mit wir uns erwärmen und ausruhen könnten. Zu⸗ gleich zog er eine Flaſche Rothwein hervor, die ihm der Pfarrer zu meiner einſtweiligen Erquickung mit⸗ gegeben hatte, und bot uns zu trinken. Aus Höflich⸗ keit reichte ich dem Philologen das erſte Glas, welches dieſer auch in kräftigen Zügen leerte. Sofort übte er aber auch ſeinen kritiſchen Scharfſinn an dem edlen Getränk und wollte den Wein durchaus klaſſificiren, was ihm aber nicht gelang: es waren ihm nur die 11³ — 164— klaſſiſchen Weine näher bekannt, und Alles, was er von Chier⸗, Cyper⸗ und Falernerwein u. ſ. w. wußte, das wollte mit dieſem nicht ſtimmen. Als nun auch der alte Matthes an die Reihe kam zu trinken, da beäugelte er ebenfalls ſein Glas, betrachtete es von allen Seiten, beroch es auch und that dann mit pfiffigem Blinzeln den Spruch:„Ich weiß auch nicht, wo ich ihn hinthun ſoll, außer—— hierhin,“... und dabei ließ er ihn in ſeiner Gurgel verſchwinden. Während ich unbändig lachte, zuckte der Philologe nur ärgerlich die Achſel und murmelte etwas von„ge⸗ meinem Volke“ oder ähnlich. Das empfahl ihn aber nicht in den Augen des Matthes, der ihn und ſeinen Eſel ſchon von Anfang an mit mißtrauiſchen Blicken beobachtet hatte. Offen⸗ bar war ihm der Fremde unbehaglich, zumal da er nicht wußte,„wo er ihn hinthun ſollte“. Und er liebte Klarheit, der Matthes, und er war überdies ein wenig neugierig. Endlich nach langem Beſinnen fragte er etwas verlegen:„Nichts für ungut! Darf man wiſſen, wer der Herr iſt?“ „Ich bin Philologe,“ gab dieſer hochmüthig zur Antwort. Matthes ſchüttelte den Kopf. Er verſtand das uicht; er dachte nach und ſchien zuletzt doch mit ſich einig zu werden und ſagte:„Das iſt, was wir ſagen: Muſikant?“ Er dachte ſich das Wort ungefähr wie: Fiedelbogen. Verächtlich wandte ſich der Philologe ab. — 165— „Fehlgeſchoſſen, Matthes!“ ſprach ich lachend; aber ich ließ ihn zappeln. Nach einer Weile begann er wieder zu fragen: „Und was thut der Herr hier im Gebirg?“ „Er macht eine Harzreiſe.“ Wieder ſtand er verblüfft und kratzte ſich am Kopfe. Plötzlich kam ihm die Erleuchtung.„Aha!“ rief er;„jetzt verſteh ich: der Herr iſt alſo ein Schuſter, weil er in Harz reiſt!“ Mitleidig und überlegen lächelte der„Harz⸗ reiſende“. „Auch nicht?“ fragte der enttäuſchte Matthes; „nun dann weiß ichs nicht. Es iſt mir auch einerlei, was der Herr für ein Geſchäft hat. Aber ich bin der Küſter von Reifenberg. Nicht wahr, Herr Walter?“ — er nannte mich immer beim Vornamen. Ich nickte Beſtätigung. „Ich wars aber nicht immer,“ fuhr er geſprächig fort.„Von Geburt bin ich eigentlich ein Nagelſchmied.“ „Wie? von Geburt?“ platzte jetzt endlich die ſpröde Philologie heraus;„hat man denn jemals einen ſolchen Unſinn vernommen?“ „Nun ja,“ antwortete Matthes gekränkt und warf ein friſches Bündel Reiſer in das Feuer;„mein Vater war ein Nagelſchmied, und darum mußte ich auch ein Nagelſchmied werden. Aber das Geſchäft wurde mir zu ſchwer, darum gab ichs auf und fing die Drahtarbeit an. Auch damit wollts nicht recht gehen; ich konnt das viele Sitzen nicht vertragen. Als nun der alte Barthel ſtarb— Gott tröſt ihn in der Ewigkeit und verzeih ihm ſeine vielen Schnäpſe!— da dacht ich: was der geweſen iſt, das kannſt du auch werden, dacht ich, und richtig bin ich avancirt zum Ortsdiener und Nachtwächter. Das ging eine Zeit lang gut, aber hernach gings nicht mehr, und jetzt bin ich Küſter.“ „Warum gings nicht mehr, alter Matthes?“ fragte ich, obwohl ich die Geſchichte wußte, die er aber nicht gerne erzählte. „Ei nun,“ ſprach er,„es ging eigentlich durchs Blaſen an. Mit dem Schultes iſt nicht zu ſpaßen, und ich hatte doch einmal mit ihm geſpaßt. Da wohnte in einem ganz engen Gäßchen ein Schuſter, der große Stangen im Kopf hatte; denn er war draußen geweſen— ich glaube gar in Berlin. Weil ich nun in dem ganz engen Gäßchen Nachts nicht blies, that mich der hochmüthige Schuſter beim Schultes verklagen. Der Schultes ließ mich rufen und macht ein gar finſter Geſicht.„Der Schuſter hat geklagt, daß Du in ſeiner Gaſſ' nicht blaſen thätſt,“ ſagt er;„iſt das wahr?“ ſagt er.—„Ja,“ ſagt ich.—„Warum haſt Du nicht geblaſen?“ ſagt er.—„Ei, weils nicht heiß war,“ ſagt ich.— „So, dann mach ich Dir aber heiß!“ ſagt er.— „Ei, dann blas ich auch!“ ſagt ich.—„Ei, das will ich meinen!“ ſagt er.— Da konnt ich gehen. In derſelbigen Nacht aber um zwölf Uhr, als ich alle Gaſſen durchgeblaſen hatte, da ging ich zu dem Schuſter Keken liit. ihmg ff i guug 49 — 67— ſeinem Häuschen— ein gar armſelig Ding!— ſtieß mit mei'm Horn einen Fenſterflügel auf und blies ihm gerade einundfünfzig Mal in die Stube. Dann rief ich hinein:„So, Meiſter Pech, haſt Du nun genug?“ „Noch nicht zu Ende, Matthes!“ warf ich ein. „Nun freilich nicht. Der Schuſter, nicht faul, war aufgeſtanden, und gerade, als ich fertig war, packte er mich von hinten, wirft mich auf die Erde und haut mich jämmerlich durch, ſo daß ich vierzehn Tag im Bett liegen mußte. Das Ende war, daß er für einen Monat ins Weinland(Gefängniß im Rhein⸗ gau) ſpazierte, weil er mich im Dienſt geſchlagen hatte, und ich kam vom Dienſt, weil ich Mißbrauch getrieben hätte, ſagten ſie. Meine Alte trägt mirs heute noch nach.“ Der gelehrte Mann hatte nur widerwillig dieſe Erzählung angehört, und doch mußte er nothgedrungen ein Lächeln dulden, welches er nicht unterdrücken konnte. Ja, er ließ ſich ſogar herab, den komiſchen Alten zu fragen, ob er nichts Geſchichtliches von dieſer Burgruine zu erzählen wiſſe, in der wir uns befanden. „Nein,“ gab dieſer zur Antwort,„in dieſem alten Gemäuer iſt all meiner Lebtag nichts paſſirt. Aber im Dorf, da haben wir ein ganz anderes Schloß, mit tiefen Gräben und zwei rechtſchaffenen hohen Thürmen, wo der Herr Walter, als er noch ein wilder Bub war, gar manchmal auf ein Haar den Hals gebrochen hätte. Da paſſiren Geſchichten alle Tage.— Soll ich die von der Katze zum Beſten geben?“ Ich nickte. „Da hatt ich eine Katz, die war mir ſehr lieb, und meiner Alten noch lieber. Aber ſie taugte am Ende nichts mehr, fing keine Maus und wollt auch nicht mehr recht freſſen. Was ſollt ich thun? Todt⸗ ſchlagen konnt ich ſie nicht, das hätt ich nicht übers Herz gebracht. Wart! dacht ich, ich weiß ſchon, was ich mit dir anfange. Ich nahm ſie und ſtieg mit ihr auf den hohen Thurm,— wiſſen Sie, Herr Walter, wo ich Sie einmal herunterholen mußte, als Sie da oben in freier Luft auf dem ſchmalen Stein ſtanden — dort wendete ich mich um und ließ ſie hinterrücks hinunterfallen. Zuſehen hätte ich für mein Leben nicht gekonnt, wie das arme Vieh ſich kaput fiel. Ganz traurig ging ich heim. Wie ich aber an mein Haus komme—— wer ſitzt da auf der Treppe und leckt ſich die Pfoten? Das war meiner Seel die alte Katz!— Und ganz ſpöttiſch hat ſie mich angeblinzelt, — Sie können mirs wirklich glauben— weil ſie noch eher wieder daheim war, wie ich. Dafür hat ſie aber auch das Gnadenbrod bekommen, und ich habe ſie nie mehr auf den Thurm getragen.“ Das war das„Geſchichtliche“, wonach das gelehrte Herz des Philologen Verlangen getragen. Er gab alle ferneren Verſuche vollſtändig auf. Mühſelig hatte der„Harzreiſende“ das Roß ſeiner — 169— Idee wieder beſtiegen, welches auch der Matthes als Unparteiiſcher als Eſel erkannte, und die kleine Kara⸗ wane, um ein Glied verſtärkt, ſchritt in der winter⸗ lichen Landſchaft weiter, um endlich ans erſehnte Ziel zu kommen. Als der Wald ſich lichtete, und wir an den Rand eines weiten Gebirgsthales gelangten, wel⸗ ches die Quellen eines Flüßchens und an demſelben die Reſte römiſcher Befeſtigungen umſchließt, da lag plötzlich der Große Feldberg in ſeiner ganzen Er⸗ habenheit vor uns. Groß, gewaltig, einſam, erhob er ſich wie ein Rieſe über die anderen Berggipfel, ſein Haupt unter einer enormen Schneedecke bergend. Richtete man aber den Blick das Thal entlang, ſo ſah man dort eine großartige Ruine mit zwei hoch⸗ ragenden Thürmen, und um dieſelbe am ſteilen Ber⸗ gesabhange angelehnt gruppirten ſich die Häuſer eines großen Dorfes maleriſch in die Runde. Es war ein Anblick, den ich hundertmal ſchon genoſſen, und der mir doch immer von Neuem einen Freudenruf entlockte. Während ich auch jetzt eben wieder im Anſchauen verſunken war, wurde ich durch den Philologen aus aller Gefühlsſchwärmerei jählings herausgeriſſen. Er hatte verſucht, ſich im Sattel aufzurichten, was ihm aber nur inſoweit gelang, daß er ausſah wie ein Froſch, der zu hüpfen beginnt; er hatte die Arme nach dem Feldberg ausgebreitet und darüber die Zügel ſeines Eſels vergeſſen. Sein langes Haar flatterte im Winde, und er hub an ſeinen Sang:„O — 14— du erhabener Berg! du König der Berge! gekröntes Haupt des Gebirges!— du urdeutſcher Berg! du Hort des Patriotismus, königlicher Brockenl“ „Haha!“ lachte Matthes,„den König möcht ich ſehen, der dieſen Brocken ſchlingt!“ „——Küöniglicher Brocken, genannt Blocksberg!“ „Blocksberg?— Wenn der Herr dahin will, ſo wünſch ich ihm glückliche Reiſe. Das hier aber iſt unſer Feldberg, wiſſen Sie, und den laſſen wir uns nicht ſchimpfen. Zornig drehte ſich der Philologe um und ſprach: „Nun, Er ſcheint auch das Pulver nicht erfunden zu haben, Er!“ „So?“ gab Matthes treuherzig zur Antwort;„hat der Herr denn Pulver verloren?— Warum ſagten Sie das nicht gleich? Jetzt iſt es gewiß in dem Schnee verdorben“. Der Philologe fand keine Zeit mehr, ſeiner tiefſten Verachtung durch ein mitleidiges Lächeln Ausdruck zu verleihen. Der Eſel, auf dem er ſo begeiſtert declamirt hatte, wurde nämlich von ſeines Herrn Begeiſterung angeſteckt, und er fing an, ſich wiederum im Kreiſe zu drehen. Matthes ſtand verblüfft, mit offenen Munde. Als ich endlich vor Lachen ein Wort hervorbringen konnte, rief ich ihm zu:„Aber Matthes, ſo halte doch den Eſel feſt!“ Gehorſam ſprang er hinzu und ergriff—— den Philologen! 6 6 uch 0 Hile! 01 0 mn — 4 „Den nicht!“ wehrte ich vor Lachen berſtend; „den anderen!“ Nun griff er dem Grauthier in den Zügel. Doch dieſes nahm diesmal die Sache krumm. Kaum ſtand es feſt, ſo bäumte es ſich auf, machte mit den Hinter⸗ beinen einen wüthenden Satz, und—— weit hinaus flog der edle Ritter in einen ſchwarzen Sumpf, den bis dahin eine trügeriſche Schneedecke verbarg, und hoch⸗ auf ſpritzte die ſchmutzige Fluth über dem Unglücklichen. „O du verruchter Eſel!“— Das war ſein letztes Wort. „Endlich!“ rief ich. „Endlich!“ rief auch Matthes. „Endlich kommt der Eſel zu Ehren!“ „Endlich hat der Herr ſein Pech; drum braucht er auch nach Harz nicht mehr zu ſuchen. Aber wenns dem Eſel zu wohl iſt, geht er aufs Eis tanzen, hat meine Großmutter immer geſagt.“ Großes Tableau mit großartigem Hintergrund.. und mit der Aufſchrift: Hic jacet in drecko qui modo reiter erat. Eben noch Reiter ſo ſtolz, liegt er jetzt hier in dem Dreck. *** . Wir waren am Ziele. Wir hatten den Philologen mit Mühe aus der Pechfluth des Styx gezogen, und aus chriſtlicher Nächſtenliebe wurde er im Pfarrhauſe nf aufgenommen und gepflegt. 5 Seine Kleidung war vollſtändig verdorben, und Weeeeeee er mußte es ſich gefallen laſſen, einen für Civiliſten etwas zu langen Rock anzuziehen, weil kein anderer gerade aufzutreiben war. Wie elegiſch er ſich in dieſem ungewohnten und verachteten Kleide betrachtete, das iſt gar nicht zu beſchreiben. Seine„Harzreiſe“ wurde ihm herzlich ſauer gemacht. So ſtand er jetzt trübſelig am Fenſter und ſchaute auf die Gruppe vor dem Hauſe. Eine Primiz im Winter!— Wohl ein eigen⸗ thümlicheres Feſt habe ich noch nicht geſehen. Draußen ſtand eine ganze Prozeſſion, den jugendlichen Prieſter erwartend, um ihn in die Kirche zu geleiten. Da war eine Schaar weißgekleideter Mädchen mit Epheu⸗ kränzen im Haar und Lilien in den Händen; dann andere, welche einen mächtigen Kranz von Tannen⸗ reis trugen, der den Primizianten umgeben ſollte. In ſtrammer Aufſtellung harrten zu beiden Seiten die Burſchen des Dorfes mit Gewehren bewaffnet— ſie bildeten die Ehrengarde, die von dem Hauptmann mit wehendem Federbuſche und entblößtem Degen commandirt wurde. Sie Alle warteten auf den Ge⸗ feierten. Unterdeſſen fiel reichlicher Schnee auf die Gruppe nieder, und die weißen Flocken niſteten ſich in Haar und grüne Zweige ein und bedeckten Alles mit ihrem zarten Flaum. Es war, als wollten ſie dem lebendigen Grün der Reiſer den fehlenden Schmuck der Blüthen des Mai hinzufügen. iſ letz lindern, n Rüdc hanne⸗ Jur Htom nd 01 wn fge. ſi üt Whel SPrPRrrrrrrrrr „Schön, eigenthümlich ſchön!“ ſo ſprach ſelbſt der „Harzreiſende“ in ſeinem langen, ſchwarzen Gewande. „Aber was bedeutet dies Thier?“ Ich ſchaute hin und ſah zu meinem eigenen Staunen ein reizendes, blüthenweißes Schäfchen, mit bunten Bändern verziert, ein kleines hölzernes Kreuz auf dem Rücken tragend, und einen kleinen Knaben, als Johannes verkleidet, welcher dasſelbe führte.— Wie ſinnig und tiefinnig!— Dies Schäflein war ja ein Sinnbild des jungen Prieſters, der ſein Erſtlings⸗ opfer darbringen ſollte und dadurch der Stellvertreter des Lammes Gottes wurde, das hinwegnimmt die Sünden der ganzen Welt. „Sagten Sie nicht, daß heute eine Primiz ge⸗ feiert werde?“ fuhr der Philologe fort;„das iſt wohl ein Erſtlingsopfer, und dies Schaf iſt ohne Zweifel das Opferthier.“ „Sie ſind nicht katholiſch?“ fragte ich dagegen. „Nein, ich gehöre dem proteſtantiſchen Bekennt⸗ niſſe an, habe aber als denkender Menſch meine eigene Religion.“ „Nun, dann verſtehe ich auch Ihr Opferthier vollkommen“. „Und wie ſtellt ſich dasſelbe gegen die Staatsgeſetze?“ Ich konnte keine Antwort mehr geben; denn eben jetzt war der Primiziant bereit, der Prozeſſion zu folgen. Eine hohe, ſchlanke Geſtalt mit blaſſem Ge⸗ ſicht, ſchritt er beſcheiden, mit niedergeſchlagenen Augenlidern einher. Die ſchmächtigen Lenden mit „I dem ſeidenen Gürtel umgeben und in dem ſchwarzen Haare den grünen Myrtenkranz, bot er einen ſo rührenden, jungfräulichen Anblick, daß ich viele Augen mit Thränen gefüllt ſah. Er hatte in ſchwieriger Zeit ſeinen heiligen Beruf unverrückt feſtgehalten und ſchritt nun freudig und begeiſtert zum Altare, der ihm doch jetzt nichts Anderes bot, als ein Leben voll KRummer und Leiden! Dieſe Gedanken durchwehten die Worte, welche ich als ſein einſtiger Lehrer während der heiligen Handlung an das Volk richtete; und war es nicht natürlich, daß Alle von der Bedeutung dieſes prie⸗ ſterlichen Opferberufes ergriffen wurden? Nur Einer war es nicht,— der Philologe. Er machte ſich beſtändig Notizen in ſein Taſchenbuch, und er ſpähte während des ganzen Gottesdienſtes un⸗ aufhörlich in der Kirche umher, als ſuchte er etwas. Aber da er einen langen Oberrock trug, hielt ihn das Volk für einen Geiſtlichen und fand nichts Auf⸗ fallendes in ſeinem Benehmen. Ein beſcheidenes, aber frohes Mahl vereinigte uns am Mittage im Pfarrhauſe. Unſer Gaſt, der„Harz⸗ reiſende“, fehlte. Obgleich er aufs freundlichſte ein⸗ geladen war, ſo glaubte ich doch, daß er es vorge⸗ zogen habe, im Gaſthauſe zu eſſen, weil ihm die geiſtliche Geſellſchaft unbequem war. Wir ſtörten uns alſo nicht weiter an ſeinem Ausbleiben. 1 Weman ſlilich 11höf N, fat iſt er R en lt tl Lan it, J Jite ſſ .Du Alle waren in der fröhlichſten Stimmung, und Niemand gedachte mehr des ſonderbaren Kauzes, als plötzlich die Thüre aufgeriſſen wurde, und Matthes in höchſter Aufregung hereinſtürzte. „Was für eine Schande!“ rief er athemlos;„der Herr iſt gewiß kein Harzreiſender!“ „Was iſt geſchehen?“ „Er iſt ein Dieb, ein Räuber!“ „Räuber? Wie ſo?“ „Ich hab es gleich gedacht, daß er kein ehrlicher Menſch iſt; und nun hat er noch vom Herrn Pfarrer den Rock an!“ „Aber ſo red einmal vernünftig!“ „Ja wohl, vernünftig! Das ganze Dorf iſt in Allarm. Alle Leute ſagen, ein geiſtlicher Herr wäre in einen Schafſtall eingebrochen, und es iſt doch nur ein Pechreiſender. Aber Niemand will das glauben.“ „Alſo der Herr—“ „Ja, der Herr iſt in den Schafſtall eingebrochen, wo das Lämmchen wieder eingeſperrt worden iſt, das bei der Prozeſſion war, und er wollt es ſtehlen. Aber der Barthelmä, dem das Schaf gehört, hat ihn erwiſcht und ihn beim Rock gefaßt und einen ganzen Flügel heruntergeriſſen. Er hat ihm auch einen tüchtigen Denkzettel gegeben und dabei geſagt: „Wenn Du ſchon von unſerem Pfarrer den Rock an⸗ haſt, ſo biſt Du doch kein Geiſtlicher; denn der gute Hirte ſteigt nicht ein wie ein Dieb in den Schafſtall, wie Du; wer ein ordentlicher Hirt iſt, der geht durch SEWCC...c. — 1e V die Thür hinein, ſo daß Jeder ihn ſehen kann!“ Und jetzt ſind ſie beim Schultes“. Ich durchſchaute ſogleich die ganze Sachlage. Eilends machte ich mich auf, um den Gefangenen zu erlöſen und einem ärgerlichen Auftritte ein Ende zu machen. Vor dem Schultes ſtand der Delinquent mit nur einem Rockflügel, und ich hörte noch gerade, wie er ſagte:„Und ich ſage Ihnen als Patriot, daß es Ihre Pflicht iſt, das Opferthier mit Beſchlag zu belegen, das ich Ihnen mit Gefahr meines Lebens ausgeliefert habe!“ „Und ich ſage Ihnen,“ entgegnete ihm der Schultes, „daß ich als Polizei Dich mit Beſchlag belege, weil Du in anderer Leute Eigenthum eingebrochen biſt. Das ſag ich!“ „Kennen Sie die Geſetze?“ erwiderte der Philo⸗ loge;„wiſſen Sie, was unbefugte Amtshandlungen ſind?“ „Ich kenne die Geſetze; unbefugte Amtshandlungen ſind, wenn man mit ſeiner Hand dahin langt, wo man kein Amt hat, wie in dem Barthelmä ſeinen Schafſtall— Polizeidiener, ſteck ihn ins Spritzenhaus!“ „Halt!“ rief ich;„das iſt ein Irrthum!“ Nur mit vieler Mühe gelang es mir, dem Schultes klar zu machen, wen er vor ſich habe, und daß es ſich nicht um einen Diebſtahl, ſondern um etwas ganz Anderes handele. Ich führte den Befreiten in einem wahren Triumph⸗ ſge Hahlee Muße A flhſt, felte Wenet abttd fähſte M en lſt; G05 Mein ag lten Nuuem nm findih iler Hiine 0 di in N Anel 8 ͤ0 fͥ Ln RSRRRrrrrrrrrrrrrrrrrrrr zuge ins Pfarrhaus, aber es war ein Triumph des Hohnes, der dem einflügeligen Pechvogel in reichlichem Maße zu Theil wurde. Tiefe Melancholie bemächtigte ſich ſeiner, und ſelbſt, als er wieder in ſeiner eigenen Gewandung ſteckte und ſich nach Genüge an der Tafel und den Weinen unſeres Wirthes das liebe Herz gelabt hatte, ſelbſt da fuhr er fort, zu ſchweigen, oder er vollbrachte höchſtens noch ein überlegenes, mitleidiges Lächeln. Am andern Morgen ſetzten wir ihn auf das, was er ſelbſt jetzt Eſel nannte, und er ritt von hinnen. Nun ſollte eigentlich die Geſchichte ein Ende haben. Allein leider fehlt noch der Schluß. Nach zehn in behaglicher Ruhe und trauteſtem Freundesverkehr ver⸗ lebten Tagen verließ auch ich das Gebirge, um von Neuem meine Berufsthätigkeit zu beginnen. Die „Harzreiſe“ mit allen ihren Erlebniſſen war voll⸗ ſtändig vergeſſen. Froh eilte ich vom Bahnhof nach meiner Wohnung, um in dem Kreiſe der Meinigen meine erkälteten Glieder zu erwärmen. Ungeſtüm zog ich die Glocke der Hausthüre und freute mich ſchon im Voraus auf die Ueberraſchung, die mein unan⸗ gemeldetes Kommen verurſachen würde. Schöne Ueberraſchung das! Es wird geöffnet— ich ſehe in ein verweintes Geſicht. Ich ſteige die Treppe hinauf— verweinte Geſichter überall. „Ei, ei, was ſoll das heißen?“ Luſtige Geſchichten vom Rhein. 12 178 „Ach!“ ſeufzt endlich meine Mutter;„Du Un⸗ glücklicher, was haſt Du gethan?“ „Was ich gethan habe?— Nun, ich dächte, eine kleine Reiſe ins Gebirg gemacht und dabei Nieman⸗ den todtgetreten.“ „Ja und eine Predigt gehalten und bei einer ver⸗ botenen Amtshandlung mitgewirkt! Hier iſt die La⸗ dung. Ein Herr aus Frankfurt hat die Anzeige ge⸗ macht, Du ſeieſt bei einem Opfer betheiligt geweſen; er ſelbſt habe das Opferthier aufgeſtöbert mit Gefahr ſeines Lebens, allein man habe es verleugnen wollen.“ Ich lachte aus vollem Halſe.„Die Treue iſt doch kein leerer Wahn“, dachte ich mit unſerem großen Dichter. „Ich begreife das wirklich nicht,“ fuhr meine be⸗ trübte Mutter fort;„welcher katholiſche Chriſt hat jemals von einem Opferthier gehört?“ „Sei ruhig!“ ſprach ich;„ein katholiſcher Chriſt hat freilich niemals davon gehört; aber es gibt auch noch andere Menſchen, ſehr gelehrte, die ſo dumm ſind, daß der Verſtand eines ehrlichen Chriſtenmen⸗ ſchen nicht ſo weit reicht, als ihre Dummheit!“ Das Ende vom Lied war, daß ich— nicht wegen des Opferthieres— um fünfzehn Mark geſtraft wurde wegen unbefugter Vornahme einer Amtshandlung. Das gleiche Loos traf den Primizianten ſowie den gaſtfreundlichen Pfarrer, letzteren wegen Zulaſſung genannter Vergehen. Und das Alles war die Folge— hätte Goethe das gewußt!— einer Harzreiſe im Winter! Die Traubenkur. Eine phantaſtiſche Geſchichte. 12 Wie ihm der Puls gefühlt wird. Ob ich gleich nicht Arzt bin, ſo hatte ich dennoch eines Tages einen Patienten zu behandeln, und dieſer war ſogar ſelbſt ein Arzt, ja ſogar Militärarzt, der ſich im Kaukaſus die Tapferkeitsmedaille verdient hat; und doch machte er mir viel, recht viel zu ſchaffen. Er hieß, wie faſt alle Polen, zur Hälfte Inskiz; die andere Hälfte iſt gleichgiltig. Inski hatte das Wechſel⸗ fieber, darüber war ich vollſtändig im Reinen. Seit⸗ dem er ſein geliebtes Heimatland verlaſſen hatte, weil die Ruſſen ſchon damals eine kleine Luftveränderung für ihn als rathſam erachteten(wobei ſie allerdings an die angenehme Sommerfriſche in Sibirien dachten, wogegen er jedoch entſchieden anderer Anſicht war), ſeitdem hatte er beſtändig an dieſem fatalen Wechſel⸗ fieber laborirt. Er hatte nicht nur in Folge davon ſchon dreizehnmal ſeinen Wohnſitz und ſeinen Landes⸗ herrn, ſondern auch ebenſo oft ſeine politiſche Anſicht gewechſelt. Zuerſt glühender Patriot und Ruſſen⸗ 12² EE....·...· K 933 1 feind und für ein glorreiches polniſches Königreich ſchwärmend, war er allgemach und ſtufenweiſe republi⸗ kaniſch und alsdann ſogar demokratiſch geworden. Ja, ſchon ſtreifte er bedenklich an die Socialdemokratie, als ihm eines Tages ein Paar nagelneue, prachtvolle Stiefel geſtohlen wurden. Wer nun weiß, wie fabel⸗ haft theuer ein ſolcher Hausrath im Orient zu ſtehen kommt, der wird ſich nicht wundern, wenn mein Pa⸗ tient jetzt plötzlich umſchlug und für die abſolute Monarchie ſchwärmte. Von nun an blieb er ſich hierin ziemlich conſtant, indem er jedesmal dasjenige Regiment beſonders preiswürdig fand, in welchem der Menſch unter den Fittigen einer wohllöblichen Polizei für ſeine Stiefel nicht zu zittern braucht. Da fuhr der leidige Krieg wie eine Furie grimmig durch das Land und zugleich durch ſeine armen Ner⸗ ven. Sein Puls ſchlug heftiger und heftiger. Hätten alle Potentaten der Welt angefangen zu ſtreiten, es würde ihn kalt gelaſſen haben; aber die Ruſſen und Türken—— das war es eben. Auf welche Seite ſollte er ſich ſtellen? Wem ſollte er den Sieg wün⸗ ſchen? Den Ruſſen, den Feinden ſeines Volkes? Oder den Türken, den Heiden und Feinden des Chriſtenthums?(Denn mein Inski war ein gläubi⸗ ger Chriſt.)— Wem ſollte er die Niederlage wün⸗ ſchen? Den Türken, welche die katholiſche Religion beſchützten? Den Ruſſen, welche ſie verfolgten?— Und wenn die Ruſſen geſchlagen wurden: wurden dann ſeine Landsleute, die Polen, nicht mitgeſchlagen?— „1 Und wenn die Türken geſchlagen wurden: ſiegten dann nicht die Feinde ſeiner Freunde?—— „Wenn ich nur wüßte, was unſer Herrgott in dieſer verwickelten Sache denkt!“ ſeufzte er einmal; „Er muß gewiß auch in Verlegenheit ſein!“—— Es war fürchterlich, wie ihn das Wechſelfieber ſchüttelte. Als aber gar die erſten Kriegsoperationen bekannt wurden, da ſtieg das Fieber bis zum äußer⸗ ſten Grade der Heftigkeit. „Ein türkiſcher Monitor in die Luft geflogen!“ rief er und ſtürzte in mein Zimmer. Ein Schimmer von Freude flog momentan dabei über ſein Geſicht; aber gleich darauf verfinſterte ſich dasſelbe wieder. War er ja durchaus ungewiß, ob er ſich darüber freuen dürfe, oder trauern müſſe. Das Gleiche ge⸗ ſchah, als die Ruſſen die erſte Schlappe erliten. Ein Schatten lag auf ſeiner Stirne, als er mir davon Meldung machte; allein ſogleich kam ein Lächeln heraufgeſtoßen, welches ein merkwürdige Aehnlichkeit mit jenem Lächeln hatte, das einſt die Berliner Juden verübten als der alte Fritz ihnen Stockſchläge gab und ſchrie:„Ihr ſollt mich lieben, ihr verd—— Juden, ihr!“ Wenn die Ruſſen in einer Gefahr ſchwebten, und wir in den Zeitungen davon laſen, dann fragte er mich recht ängſtlich:„Aber die Ruſſen werden das doch auch wiſſen?“ „Ich denke, wenn ſie nicht ganz polizeiwidrig dumm ſind.“ + E ö FE....··· 3 — 182— „Und ſie werden denn doch auch die nöthigen Maßfregeln ergreifen?“ „Ich denke, wenn ſie nur noch ein klein wenig Wutki übrig gelaſſen haben.“ Und er lächelte beruhigt.——„Aber was gehn mich den eigentlich die Ruſſen an?“ rief er dann plötz⸗ lich;„mögen ſie ſehen, wie ſie fertig werden!“ Das Fieber hatte ihn ſchon wieder. Da nun ſchließlich die Ruſſen beharrlich fort⸗ fuhren, gehauen zu werden, ging mein Patient bald geſenkten, bald erhobenen Hauptes einher; bald lächelte er, bald grollte er. Zuletzt verſchwor er ſich hoch und heilig, daß er ſich nie mehr um Politik bekümmern werde, daß Türken wie Ruſſen machen könnten, was ſie wollten: es ſei ihm ganz einerlei; er thue weder den Einen etwas noch den Anderen, und er leſe über⸗ haupt gar keine Zeitung mehr. Das Reſultat war, daß er immer tiefſinniger, ſchweigſamer, melancholiſcher und endlich ganz men⸗ ſchenfeindlich wurde. Finſter ſchlich er ſeine Wege; alle Journale der Hauptſtadt guckten aus ſeinen Taſchen; alle Extrablätter in fünf und mehr Sprachen trug er mit ſich herum, ohne die ausländiſchen Zei⸗ tungen zu rechnen, auf die er abonnirt war. So hielt er ſeinen Schwur, keine Zeitung mehr zu leſen, der Schelm! An jedem Abende aber fiel ihm die Erinnerung an dieſen Schwur ſchwer auf die Seele, und er ſchlug ſich vor die Stirne, weil er ſoviel Geld für Eine Lüge in fünf und mehr Sprachen ausgegeben ſett 5 n fufß feff jcde lunt gd f0 ſiit „ hatte, und weil er ſich alsdann folgerichtig fünfmal und mehr ärgern mußte, da doch einmal ſchon gerade genug geweſen wäre.„Viel Geſchrei und wenig Wolle!“ ſeufzte er in ſolchen Momenten, gleichwie Eulenſpiegel ſenfzte, als er ein Schwein ſchor. Kurz und gut, er wurde geradezu unerträglich, am meiſten ſich ſelbſt. Dieſem Zuſtande mußte um jeden Preis ein Ende gemacht werden. Ich überlegte lange, und das Reſultat meiner Ueberlegung war fol⸗ gendes Zwiegeſpräch. „Lieber Inski, wie ſtehts auf dem Kriegsſchau⸗ platz?“ „Weißt Du nicht, daß ich keine Zeitung mehr leſe, ſeit jener Affaire von Plewna?“ „Was ſagen die telegraphiſchen Bulletins?“ „Da lies ſelber! Du machſt ja ſo gerne Sprach⸗ ſtudien und prahlſt mit Deinem Griechiſch.“ Er lächelte ganz malitiös, aber nur leiſe, wäh⸗ rend er in den Tiefen ſeiner Taſche wühlte und aus einer Fülle bedruckten Papieres ein Blatt hervorholte, welches die neueſten Telegramme rumäniſch, ruſſiſch, franzöſiſch, griechiſch und deutſch enthielt. Hier entſtand eine Pauſe. „Lieber Inski,“ hub ich von Neuem an,„wir haben heute prächtiges Wetter.“ „Jawohl, aber die Sonne ſcheint auch auf der türkiſchen Seite; das iſt fatal.“ „Sie ſcheint aber vor Allem für uns, und das iſt nicht fatal. Was ſagſt Du zu einem Ausflug, he?“ N 5 ......... 3.—— — 184— „Du weißt, daß ich nicht mehr vor die Thüre ge E4 Er kam ſoeben von der Beſichtigung eines ruſſi⸗ ſchen Garderegiments zurück. „Vielleicht nach P...“ „Nach P..., wo das ruſſiſche Hauptquartier war?“ Es wurde hell auf ſeinem Angeſichte—— und ſogleich wieder finſter.„Fällt mir nicht ein.“ „Es gilt, einen Gefangenen zu erlöſen.“ „Hm!“ Sein Herz war gut, ich mußte ihn daran packen. „Und zugleich einen Betrübten zu tröſten.“ „Wirklich? Nun topp, ich bin dabei! Aber nicht wegen der Ruſſen und auch nicht wegen der Türken, hörſt Du?“ „Gott bewahre! bloß aus chriſtlicher Nächſtenliebe. — Alſo abgemacht, morgen früh fahren wir!“ 2 Wie das Recept verſchrieben wird. Wir fuhren wirklich am andern Morgen ab und zwar mit Stroußbergs weltberühmter Eiſenbahn. Das Wetter war reizend und herzerfreuend, wie meiſtens im Herbſt in Rumänien,— ich muß nach⸗ holen, daß dieſe ganze Phantaſterei ſich wirklich im Walachenlande zugetragen hat,— die Sonne blitzte leuchtend durch die bethauten Gräſer und wob ihre langen, weißen Fäden durch die blaue Luft, was ſie 8 in2 Vich Ctir hin! baun iter et; ten wun Nor Vant berſch ern. Wuuſt c and m 6 l15 d˖ dhen ſchn 0 AN Im itger ſd! in Deutſchland Altweiberſommer nennen; das luſtige Vieh ſchlug auf der Weide ſeine Purzelbäume, die Störche zogen majeſtätiſchen Flugs über die Fluren hin und ließen ihre rothen Beine dabei träge herunter⸗ baumeln, oder ſie ſpazierten gravitätiſch und vornehm unter dem gemeinen Spatzenvolke auf der Wieſe ein⸗ her; faule Hirtenbuben und wandernde Zigeuner lager⸗ ten rechts und links und blickten nur träge und ver⸗ wundert auf, wie wir in dem friſchen, goldigen Morgen ſo dahinſauſten; kurz es war ſo ein rechter Wandertag. Nur Inskis Angeſicht blieb finſter und verſchloſſen. Ich ſtörte mich aber nicht daran, ſon⸗ dern ließ die Reiſeluſt wieder einmal frei in meine Bruſt hineinziehen und drinnen ſchalten und walten nach Belieben. Draußen vor der Thüre des Waggons ſtand ich und ließ mir den friſchen Morgenwind luſtig um Geſicht und Haare blaſen. Was war natürlicher, als daß ich da anfing zu ſingen? Des liebenswür⸗ digen Wanderburſchen Eichendorff Lied hatte mir ja ſchon lange im Kopfe geſummt: „O Thäler weit, o Höhen!“—— „Es wäre beſſer, Du hielteſt Deinen Schnabel, Du Narr!“ tönte da plötzlich eine verdrießliche Stimme zum Fenſter heraus. Es war Inski, der alſo ſprach. „Warum ſoll ich denn nicht ſingen?“ gab ich ihm ärgerlich zurück. „Weils dummes Zeug iſt und nicht wahr. Wo ſind denn hier Höhen?—„O Teller weit,“ ſo müßte FECC· — 186— es heißen und dann aufhören; alles Andere paßt ja nicht.“ Er hatte Recht; das ganze Land, ſoweit man ſehen konnte, war wie ein rieſiger, unbegrenzter platter Teller anzuſehen. Ich ſchwieg verſtimmt; die deutſche Poeſie wollte hier wirklich nicht paſſen. Noch nicht einmal eine Lerche hob ſich in die Lüfte. Endlich brauſte der Zug in den Bahnhof von P... Unbekümmert um alle die bärtigen Geſellen, die in ihren Schaffellen und ungeheuren Pelzmützen herum⸗ lungerten, ſtiegen wir aus und eilten nach der Stadt. „Ich bin doch begierig, was das für ein Gefange⸗ ner ſein wird, den er da erlöſen will,“ murrte Inski mit ſeiner ſauerſten Miene. Allein ich bekümmerte mich gar nicht weiter um ihn, ſondern ſtiefelte uur immer friſch voran. Durch enge, ſchmutzige Straßen, an ſchmalen Häuschen vor⸗ über, aus welchen neugierige, dunkle Augen auf die Fremdlinge herauslugten, über einen ſchön angelegten öffentlichen Gartenplatz, in welchem ſoeben ein rieſiges Schwein mit einer Heerde junger Ferkel promenirte, hatten wir uns nach und nach durchgeſchlagen, und Inski wurde immer mürriſcher und knurrte immer lauter über Narretheien und verrückte Eſelsſtreiche, die man ja an mir gewohnt ſei. Endlich gelangten wir an eine finſtere, unheimliche, ſchmutzige Baracke, und ich klopfte zum Grauſen Inskis ſo urkräftig an die morſche Thüre, daß das ganze Gelaß wackelte und aus den Fugen zu gehen drohete. 4 fch a Riben 8 flt l Hüirde ſcht,t Wüh lltzte Mhen ihet! ein N. ber er 0 Wer dan 0 lch 9 vont mip! J Aht Am W0 —* „Holla, alter Janku! Sitzt Dein rother Kopf noch auf dem wackeligen Geſtell, oder bleicht er bereits drüben unterm Raſen?“— Keine Antwort. Ich klopfte immer ſtärker, und Inski knurrte im⸗ mer lauter. Schließlich ſchob ſich vor eine kleine er⸗ blindete Fenſterſcheibe ein uraltes verknöchertes Ge⸗ ſicht, mit ſpärlichem röthlichweißen Barte und langen Löckchen vor den Ohren, und zwei ſtechende Augen blitzten boshaft und zornig hernieder. Im nächſten Augenblicke jedoch raſchelte es drinnen; es ſchlurfte über den Boden wie von zwei trägen Beinen, und ein Riegel wurde weggeſchoben. Er hatte mich offen⸗ bar erkannt. „Gott der Gerechte!“ ſchrie Janku;„was heilloſes Weſen macht der gnädige Herr! Wolle Se mer zün⸗ den an mein armes Bajes?“ „Wo iſt der Gefangene, Jude?“ ſchrie jetzt plötz⸗ lich Inski ihn an. „Der Gefangene? Was ſchmußt der gnädige Herr von Gefangenes? Hab ich doch in mein langes Leben nix gefangen!“ „Hurtig, alter Sünder;“ rief ich dazwiſchen;„das Licht geholt und mir nach! Diesmal biſt Du richtig einmal der Gerechtigkeit in die Hände gefallen.“ „Wai geſchrieen! Gerechtigkait!—— Hab ich doch immer gehalten den Herrn für nobel, und nu kommt er mir mit Gerechtigkait? Wie haißt Gerech⸗ tigkait?“ Zitternd zündete er, von meinen ſchrecklichen Blicken — 188— geängſtigt, ein Lichtſtümpchen an, und ich ging auf eine Fallthüre zu, hob dieſelbe auf, deutete ihm, voran⸗ zugehen, und wir ſtiegen hinab in einen niederen, dumpfigen Keller. Inskis Haare ſtiegen zu Berg.„Der Schuft, der rothhaarige Wütherich!“ ſchimpfte er in Einem fort; „in dieſes finſtere, ſchauderhafte Loch ein Menſchen⸗ kind zu bannen! Hoffentlich ſehe ich Dich heute noch baumeln, Du Seelenverkäufer!“ Janku zitterte an Armen und Beinen und flüſterte mir zu:„Gott meiner Väter, iſt der ſchöne Herr ge⸗ ſchnappt über?“ Ich aber hatte meine helle Freude an all dieſer Confuſion und tappte in den Keller. In einer Ecke begann ich zu wühlen und holte aus dem verbergen⸗ den Sande eine Flaſche hervor, dann noch eine und noch eine—— ungefähr ſechs. Der Jude ließ mich ruhig gewähren; aber Inski ſtand mit weitaufgeriſſe⸗ nem Mund und ditto Augen und wußte nicht, was das bedeutete. Ich ſteckte ihm eilends zwei Flaſchen in die Rocktaſchen, nahm ſelbſt die übrigen und ſtolperte wieder die verfallene Treppe hinauf ans Tageslicht. Dort warf ich dem Juden drei Dukaten hin, die er prüfend auf ſeinen ſpitzigen Krallen wog und von allen Seiten genau beäugelte. „Gott ſegne Euer Gnaden,“ ſchnurrte er mit einem verſchmitzten Schmunzeln;„ſie ſind vollwichtig, ohne Schnitt. War mir e große Fraid, zu ſehen und zu bedienen zu därfen den gnädigen Herrn. Kain Melſch 6 9 Jull nibihe Fluch ch ni Kine g. Du dal fach Uiſen“ Uühren ie h Dr Feimlie dem B te, h lhen porf hen m r ei müthü fhiny Meli 5· Menſch in der Walachei waiß zu ſchätzen mein koſt⸗ bars Jajin(Wein), wie Euer Gnaden. Der alte Janku wird ſteigen gern in die Grube, wenn der gnädige Herr wird haben heraufgeholt alle die Stiele (Flaſchen), was kain Walach thut kennen und mag.“ „Alte Nachteule,“ gab ich zur Antwort,„werde noch nicht verſammelt zu Deinen Vätern, ſie werden keine große Sehnſucht nach Dir haben; aber wenn Du doch durchaus ſo arges Heimweh haben ſollteſt nach Abrahams Schooß, dann laß michs vorher wiſſen.“ „Ob ichs thue? Gott ſolls wiſſen, daß ichs thue!“ Und er machte ſchreckliche Bücklinge und Grimaſſen, während wir aus dem modrigen Loch wieder ins Freie hervorkrochen. Wie die Mediein genommen wird. Draußen vor der Stadt wußte ich ein lauſchiges, heimliches Plätzchen. Ein Wieſenthal mit murmeln⸗ dem Bach und ſchattigen Büſchen; dazwiſchen einzelne alte, hohe Bäume mit laubigen Kronen, und auf der einen Seite— ein ſeltenes Ereigniß— ein ſteil emporſteigender Hügel. Dort ſtand einſam ein Häus⸗ chen mit deutſchen Bewohnern, und neben dem Häuschen war ein niedliches Gärtchen, und in dem Gärtchen eine prächtige Laube. Hierher hatte ich den immer noch ſchimpfenden, menſchenfeindlichen, tief unglücklichen Inski geſchleppt, ohne ein Wort auf alle ſeine ſchweren Vorwürfe zu erwidern. Nur als er die ſo gewaltſam ihm aufgebürdeten Flaſchen von ſich werfen wollte, weil ſie ihm mit ihren langen Hälſen vorwitzig aus den Rocktaſchen ſchauten und er ſich darob vor den Leuten ſchämte, nur da that ich zornig Einrede, ſo zornig, daß er ſich geduldig fügte. „So!“ ſprach ich, nachdem ſämmtliche Flaſchen der Reihe nach inſtallirt waren wie ein türkiſches Regi⸗ ment mit den rothen Turbanen,„jetzt iſt er befreit, unſer Gefangener; jetzt bleibt uns noch übrig, im zweiten Theile auch unſeren Betrübten zu tröſten.“ „Was faſelt der Fabelhans da von ſeinem Ge⸗ fangenen?“ grollte Inski(er redete, wenn er recht böſe war, immer in der dritten Perſon);„ich ſehe da nur eine Reihe von Flaſchen.“ „Das iſt es eben, o ſchwerfälliges Menſchenkind; ich präſentire Dir hier einen Landsmann, den ich ſoeben aus dem Kerker erlöſt habe; denn in dieſen Flaſchen— Achtung und Hut ab!— ſchlummert das edelſte Ge⸗ wächs auſ Gottes Erdboden—— echter Rheinwein!“ Inski machte ein ſehr einfältiges und ungläubiges Geſicht bei dieſer begeiſterten Anſprache und zuckte mit der Achſel. „Du zweifelſt, o Thomas?—— Höre die fol⸗ gende wahre Geſchichte! Einſt kam ein deutſcher Graf in dieſes Land gezogen, weil ihn der Heimat arg verdroß; er war ein Menſchenfeind geworden und wollte hier im fernen Walachenlande ungekannt leben und unbeweint ſterben. Er hatte ſein Schloß für Jett nann 1 Uoſic 15 lihen Mlin duch AI ſoviel Fäſſer edlen Rüdesheimer Weines hingegeben, als er noch glaubte, im Leben austrinken zu können. So trank er Tag für Tag bis an ſein Ende. Als er ſtarb, fand man noch ein ſchmächtig Fäßlein bei ihm, das er, gewiß zu ſeinem großen Leidweſen, nicht mehr hatte leeren können, und Janku, der Jude, hat es um einen Spottpreis erhandelt. Als ich eines Tages in dieſem Städtchen meinen Durſt an Drei⸗ männerwein ſtillend nach einem Labetrunk vom Rheine leiſe ſeufzte, klopfte mir Jemand von hinten auf die Schulter; ich wandte mich um und ſchaute in das gelbe Pergamentgeſicht eines rothhaarigen Alten, der mit funkelnden Augen zu mir ſprach:„Will der gnädige Herr trinken Wein vom Rhein?“ Ich nickte natürlich. „Ich thue zwar nicht mehr machen Geſchäftches, die macht der Laibel, mein Sohn, aber ich habe noch in mein Keller vergraben ſo einige Sticle, was werden machen Fraid meinem gnädigen Herrn.“ Und dann erzählte er mir die Geſchichte. „Was that ich? Ich kam, ſah und—— trank. Jetzt weißt Du, was es mit meinem gefangenen Lands⸗ manne auf ſich hat.“ Während deſſen hatte ich die erſte Flaſche ergriffen, vorſichtig entkorkt(Inski war etwas aufmerkſamer und neugieriger geworden) und goß nun den köſt⸗ lichen Inhalt ehrerbietig in die bereitſtehenden Gläſer. Mein Glas hob ich dann prüfend auf und ſchaute durch die goldige Welle. 2 — 192— „Siehſt Du,“ ſprach ich bewegt zu meinem trockenen Gegenüber,,wie tief golden das glänzt? Kein Schimmer von Grün, denn das wäre Moſelwein. Am grünen Schimmer erkennt man nämlich allſogleich die Moſel. Da fällt mir jener Spruch ein, den ein Weiſer der Vorzeit auf Rhein und Moſel gemacht; es ſind zwei ſchlechte aber ſchöne Verſe: Vinum Mosellanum est omni tempore sanum; Vinum Rhenense rex est et gloria mensae. Zu Deutſch etwa: Der Jungfrau Moſel Wein Iſt alleweil geſund; Doch der vom Vater Rhein 5 Iſt König Und Stolz der Tafelrund! Nun nimm Dein Glas zur Hand, mein theurer Freund, nimm zugleich all Deinen Verſtand zuſammen und ſtoße mit mir an! Das erſte Glas dem Strom, an deſſen Ufern er gewachſen iſt: es lebe der Vater Rhein!“ Ich leerte das ganze Glas bis auf die Nagelprobe auf einen Zug, und er durchſtrömte mich wonniglich, der lang entbehrte Nektar. Aber Inski nippte nur und murmelte trotz des feierlichen Momentes ver⸗ drießlich:„Was er nur immer mit ſeinem Rhein ſo groß zu thun hat? Als ob es anderwärts gar keinen Fluß mehr gäbe!“ „Nun, zum Beiſpiel?“ „Zum Beiſpiel in Polen.“ ſeite düict „Tei Werd nite Itoli ind edlet näm bedä dact fruft Uun! „Und das wäre?“ „Brauche ich ſie erſt zu nennen, unſere herrliche Wislica?“ „Wislica, hahaha! Das heißt man bei uns Weichſel, und daher kommen die Weichſelzöpfe, haha!“ Mein Freund fuhr entrüſtet auf; ſeine Zornesader ſchwoll mächtig an. Ich aber drückte ihn ſanft wieder auf ſeinen Sitz und ſprach begütigend:„Nur ruhig Blut, mein tapferer Patriot! Jedem Narren gefällt ſeine Kappe, und ich will Dir ſogar nächſtens ein Ge⸗ dicht auf Deine Weichſel machen, wenn ich nur außer „Teixel“ noch einige andere Reime aufgeſtöbert haben werde. Sagen wir für jetzt: Es lebe Polen!“ „Boze cos Polske! Gott ſchütze Polen!“ rief er mit Begeiſterung und ſtürzte das ganze Glas hinunter. „So lieb ich meine Polen!“ ſprach ich zufrieden; „jetzt aber hört das Maſſentrinken auf. Wir ſind keine Italiener, die einen Humpen auf einen Zug leeren und es dann bei dem Einen laſſen; nein, wir trinken edlen Rheinwein, und den muß man deutſch trinken, nämlich: kleine Züge, aber beharrliche Züge, langſam, bedächtig und ſinnig, kurzum mit Verſtand und An⸗ dacht! O, ſauge dieſen köſtlichen Duft durch Deine profane Naſe! Iſt er nicht wie ſüßer Wohlgeruch von Roſen und Veilchen und Jasmin?“ Er roch am Glaſe und ſprach trocken:„Nicht übel, man muß es ſagen.“ „Was? nicht übel?— O, Du Barbar! Nicht übel nennt er, was der ernſte Kenner nicht erhabener Luſtige Geſchichten vom Rhein. 13 auszudrücken vermag, als durch das bedeutungsvolle Wort: Blume! Ha, in der lauen Sommernacht, wo die Johanniswürmchen als ſtrahlende Lichtpunkte im Graſe liegen, und die Leuchtkäferchen feurige Linien durch das Dunkel ziehen, wo der Weinſtock Millionen feiner, niedlicher Blüthenkelchlein aufgeſchloſſen hat, und dann der Wanderer einſam auf thaufriſchen Pfaden durch die ſanften Rebengelände dahinſchreitet: dann wogt es um ihn lind wie Paradieſesduft, und er ahnt den edlen Saft, der ſchon in der Geburt ſo ver⸗ ſchwenderiſch von ſeinem Reichthum nutzlos vergeu⸗ den darf. Denn ſoviel er damals ausgeſtrömt, er hat noch immer des Duftes die Fülle; er bleibt ewig jung, hat immer ſeine Blume. Und das nennt er: nicht übel!“ Ich war wirklich recht empfindlich über ſeine ewige Unempfindlichkeit und ſchmollte. Das ging ihm doch zu Herzen, und er bat um ein friſches Glas. „Ei, ſo gieß Dir ſelber ein, wenn er nicht übel iſt!“ gab ich verdroſſen zur Antwort. Er nahm die Flaſche zur Hand, aber am Halſe, wie ungeſchickt!— Man ſah ihm an, daß er nicht vertraut war mit deutſcher Trinker Art. Die Flaſche wurde leer, und er ſtellte ſie gleichgiltig bei Seite. Da konnte ich mich nicht mehr länger halten. „Halt!“ rief ich;„Verwegener, was glaubſt Du denn vor Dir zu haben? Etwa Grüneberger Rambaß?“ Ich legte die leere Flaſche zärtlich der Länge nach auf den Tiſch.„So muß ſich Tropfen noch zu Tropfen liche nach ihm wurk daß dut und deun itte n ſche J5 14198 von den Wänden rings geſellen. So iſt es Brauch, wenn echte Trinker zechen.“ Er lachte—— heute zum erſten Male. „Ja, lache nur, Du Unwiſſender; aber wenn Du wüßteſt, wieviele Tropfen ſauren Schweißes auf einen Tropfen ſüßen Rebenblutes kommen, wahrlich, Du würdeſt nicht ſo freventlich lachen.“ „Du biſt ein Narr; das iſt ausgemacht, und es bleibt dabei.“ „Den Narren laß ich freudig auf mir ſitzen; denn ich weiß wohl beſſere Menſchen, die mich deshalb einen Weiſen nennen würden.“ Daß hier etwas pauſirt wurde, begreift ſich. Inski trank jetzt nach und nach immer beharr⸗ licher; anfangs, um mich zufrieden zu ſtellen, und nachher, um ſich zufrieden zu ſtellen, und ich that ihm ſelbſtverſtändlich gern Beſcheid. Aber geſprochen wurde lange nicht. Endlich begann er, und es war ein Ereigniß, daß er begann:„Weiß Gott, dieſer Stoff geht mir durch alle Glieder in das Herz; mir wird ſo wohlig und ſo warm in allen Ecken!— Aber was haſt Du denn immerfort in Dein Glas hineinzuſtieren?“ „Thu ich das?“ gab ich zur Antwort.„Dann iſt es die verwünſchte Poeſie, die in dem Trank iſt und mir um die Augen nebelt.— Schau her! Ich ſehe da einen Menſchen, und dieſer Menſch bin ich. Ich ſtehe auf einer luftigen Höhe und ſchaue weit hinaus in das Land, worüber die Nebel hinwegziehen. 13* ..C..C.C.C... — 196s Da rauſcht zu meinen Füßen der grünwogende Rhein; ferne ſchimmert das goldene Mainz mit ſeinen Thür⸗ men, unten ziehen die Schiffe mit bunten Wimpeln, die im Morgenwinde luſtig flattern— und jetzt be⸗ ginnen im Städtchen dort die tiefen Glocken zu läuten, darauf geben andere im Thal Antwort, und endlich läuten alle zumal, wohl an die hundert eherne Zun⸗ gen, die an mein lauſchend Ohr ſchlagen. Dazwiſchen jubiliren die Lerchen, ſich immer höher in die duftige Bläue emporſchwingend—— o ſelige, wonnige Zeit!— o Maienmond am Rhein!“ In Erinnerung verloren ſenkte ich das Haupt, und eine Thräne fiel in den Wein. Das ging meinem Inski zu Herzen.„Bruder,“ ſprach er und ſchlang einen Arm um meine Schultern, „ſei doch nicht ſo närriſch. Da, trink aus, es iſt ein köſtlicher Stoff. Trink! ich kann Dich nicht ſo ſehen.“ Ich trank, er trank— wir tranken immer 1050 Mein Inski wurde zuſehends fröhlicher, und ich? „Walter, verrückter Kauz, biſt Du denn heute ganz behext? Du ſchauſt ja wie verzückt, und Dein ganzes Geſicht leuchtet?“ „Wirklich?— Dann iſt es die Muſik, die der Wein macht. Hörſt Du denn nicht, wie es da drinnen ſo wunderſam und lieblich klingt? Ach ja, Du haſt ja nie dort geſtanden— dort, dort auf dem alten Ehrenfels im Rüdesheimer Berg, wo ſo ein köſtlicher Boden iſt, daß jede Scholle mit Silber aufgewogen Uirt cle iſtd die! frit kac ſing fetn M0. Lon Bn N gl Si ſih geh tine mi den ber 89 ‚ wird. Hei, wie ſie da luſtig ausziehen, um ſich die edle Gottesgabe heimzuholen im Herbſt! Jetzt eben iſt die Zeit, da wehen die Fahnen im bunten Zuge; die Winzer und ihre vollen Bütten ſind bekränzt mit grünen Reiſern, die Hörner ſchallen, die Böller krachen durch die Berge, und Burſchen und Mädchen ſingen ſo friſch und ſo frank aus der Kehle, daß es ferne über den Rhein dahin ſchmettert bis an den Rochusberg, auf dem die Kapelle ſteht und weit ins Land hineinſchimmert durch den ganzen Gau. Von Bingen her, gleich zierlichen Schwänen, kommen die Nachen gezogen, die weißen Segel vom Abendwinde gebläht, und die Schiffer geben Antwort auf das Singen am Ufer, ſo daß das Echo durch die Berge fährt und an alle Felſen ſtößt. Iſt es aber dunkel geworden, dann flammt es auf den Höhen; die Mar⸗ tinsfeuer lodern und funkeln von den alten Burgen ins weite Thal, und Alles jauchzt vor Luſt——“ „Schweig ſtill mit Deinem Rhein!“ unterbrach mich hier Inski,„Du machſt mich ganz melancholiſch mit dem Gefaſel. Aber ein herrliches Land muß es dennoch ſein, das dort; man merkt es an dieſem un⸗ vergleichlichen Tropfen.“ Er ſog mit ſichtbarer Wonne an ſeinem Glaſe. „Weißt Du noch, was jener alte ruſſiſche General neulich ſagte?“ gab ich zur Antwort. „Donnerwetter, laß mir die Ruſſen aus dem Spiel! Sie ſollen fechten, durſtig wie die Hand⸗ werksburſchen!“ — 198— „Aber er war ja eigentlich ein Pole.“ „Ach ſo! und was ſagte der?“ „La plus belle contrèée du monde“(das ſchönſte Land der Welt). „Topp, er hat Recht. Ein verteufelt prächtiger Trunk! Wahrhaftig, ich möchte das Zauberland ſehen, wo er gedieh.“ „Ja, wer ſie wieder einmal ſehen dürfte, die paradieſiſche Au, von dunklen Wäldern beſchattet! die jähe Felswand, in der ſtillen Fluth gebadet, und auf der Krone das graue Schloß und Hoch auf dem alten Thurme ſteht Des Helden edler Geiſt, Der, wie das Schiff vorübergeht, Es wohl zu fahren heißt“—— Inski ſprang begeiſtert auf.„Ein Hoch dem Land und ſeinem treuen Volke!“ ſo rief er, und die Gläſer gaben guten Klang. 4. Probatum est. Wir waren allgemach zur letzten Flaſche gekom⸗ men und hatten über unſerem Reden und Trinken nicht bemerkt, daß wir ſchon geraume Zeit hindurch der Gegenſtand neugieriger Beobachtung waren. Einige Müßiggänger hatten uns aufgeſtöbert und lugten verſtohlen durch die Laube herein. Sie muß⸗ ten wohl recht verwundert ſein über unſer närriſches auger, ˖˖————— 1909 Treiben; denn faſt erſchrocken fuhren ſie zuſammen, als Inski ſein„Hoch“ mit fürchterlicher Stimme ſtir: hinausſchrie. Ich winkte ihnen, nur näher zu kom⸗ men, und ſie gehorchten etwas zögernd. „Domnule,“ fragte Einer der dunkelhaarigen Wa⸗ lachen, indem er auf die Gräſer deutete;„oe este acésta?“(Herr, was iſt das?) „Este auru cu foc!“(Es iſt Gold mit Feuer 0 Sie ſahen ſich zweifelnd an. Aber Inski nickte beſtätigend und ließ ſie den edlen Wein koſten. „E adeverat(es iſt wahr)!“ ſprach der Vorige wieder nach langem Zögern; er hatte keine Ahnung von ſolchem Gewächs gehabt. „Wollt Ihr wiſſen,“ nahm ich das Wort,„wie das Gold dahineingekommen iſt?— Seht, weit, weit von hier fließt ein großer, ſtolzer Strom; an dem Strome ſteht ein uraltes Gemäuer, das war früher ein herrliches Schloß und hieß die Ingelheimer Pfalz. Dort wohnte vor tauſend Jahren der große Kaiſer Karl, der hat den Weinſtock an den Strom gepflanzt. Jetzt hauſt er noch dort, aber tief unter der Erde in einem Kellerſchloß, wo er bei Lebzeiten ſeinen Wein barg. Alljährlich in der erſten Maien⸗ nacht ſteigt er da herauf, und ſoweit nur Reben wachſen, zieht er den Strom aufwärts und nieder und ſegnet ſeine Reben und ſegnet ſeinen Rhein. Dann regt es ſich tief unter dem Fluſſe und in dem Schooß der Berge, und viele tauſend Bergmännlein ſteigen emſig empor und ſtreuen mit vollen Händen 2 das Gold an die Wurzeln der Rebſtöcke, das ſie da unten Jahr für Jahr graben. Wenn der Morgen graut, iſt Alles wieder verſchwunden. Aber alsdann kommt die liebe Sonne mit ihren brennenden Strah⸗ len und kocht das Gold in Fluß, ſo daß die Stöcke es in ſich hineinſaugen und in die Trauben ſickern laſſen. Daher kommt es, daß, wenn man den Wein trinkt, man Gold und Feuer trinkt, auru si foc.“ Die guten Walachen machten große Augen und ſchüttelten ungläubig die Köpfe. Offenbar zweifelten ſie an meinem klaren Verſtande, wie auch Inski früher ſo oft. Aber heute war es anders, und wenn ich das tollſte Zeug geredet hätte, er hätte es natürlich gefunden und zugeſtimmt. „Laß ſie, Bruder,“ ſprach er gerührt,„ſie haben keinen Funken von Poeſie im Leibe, die Wichte! Sie werden Dich nie verſtehen. Weißt Du denn gar kein luſtiges Lied auf dieſen Wein, daß wir doch etwas Vernünftiges beginnen?“ O Wunder über Wunder! Inski und Singen! Stets hatte er bei der erſten Note die Stirne in Falten gezogen und über brodloſe Künſte und dum⸗ mes Zeug geſchimpft— und jetzt will er ſingen! „Freilich, gab ich lächelnd zur Antwort,„Lieder die ſchwere Menge!“ Und wir ſangen, daß es luſtig durch die Baum⸗ wipfel hallte; alle ſchönen Lieder ſangen wir durch, bis daß es Zeit war, aufzubrechen. Da ſtellten wir uns in Poſitur, jeder ſein gefülltes, letztes Glas in det ſcho —— der Hand, und es war kurios, im Walachenlande er⸗ ſchollen folgende drei Strophen: Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher Und trinkt ihn fröhlich leer. In ganz Europia, ihr Herren Zecher, Iſt ſolch ein Wein nicht mehr. Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben, Geſegnet ſei der Rhein! Da wachſen ſie am Ufer hin und geben Uns dieſen Labewein. So trinkt ihn denn und laßt uns allerwege Uns freun und fröhlich ſein; Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein. Inski ſchlug ſich da plötzlich vor die Stirne. „Wo Jemand traurig läge,“ wiederholte er;„was wir doch vergeßliche Leute ſind! Wir wollten ja auch heute einen Betrübten tröſten.“ „Wahrhaftig,“ ſagte ich lachend,„aber ich kann ihm nicht mehr helfen, es iſt zu ſpät.“ Wir brachen auf und ſchlenderten Arm in Arm zum Bahnhof zurück; in angemeſſener Entfernung folgte unſere walachiſche Geſellſchaft, die uns höchſt mißtrauiſch beobachtete. Es war gerade Zeit; wir ſtiegen ein und dampften ab, und bald breitete die Nacht ihre dunklen Fittige über„den Teller weit“, den wir am Morgen ſo herrlich vom Glanze der Morgenſonne beſtrahlt durcheilt hatten. Inski war froh und heiter geworden wie ein unſchuldiges Kind. — 202— Er plauderte in Einem fort bald vom Rhein, bald 10 von ſeiner Wislica. Es war doch eine wunderſame 1 Medicin geweſen, dieſer edle Wein; er hatte ſein 1l Fieber raſch curirt und ſein gutes Herz wieder an i die Oberfläche getrieben. Von Ruſſen und Türken 15 war keine Rede mehr, er lachte ſie alle aus. Ich ließ ihn immerfort plaudern und drückte mich U ſtumm in eine Ecke. Die Funken der Locomotive ſtoben 1 durch das Dunkel; durch meine Seele aber zogen alle 1 Lieder der Reihe nach, die man am Rheine ſingt. 5 Ich ließ ſie ſtill in meiner Bruſt klingen, bis daß nel jenes an die Reihe kam, welches mir kürzlich ein 00 boshafter Freund unter Kreuzband zugeſchickt, und A0 welches, von Mendelsſohn in Muſik geſetzt, anhebt 000 mit den Worten: An den Rhein, an den Rhein, geh nicht an den Rhein, Me Mein Sohn, ich rathe Dir gut u. ſ. w. abet Da wars aus. Da rieſelten die Thränen in 111 meinen Bart herab, und ſeltſam! obwohl ich ſeit langen Jahren des göttlichen Homer Geſänge nicht mehr zur Hand genommen, dennoch tauchte in dieſem Augenblicke der unglückliche Odyſſeus vor mir auf, der ſich vor Heimweh verzehrte und ſich zum Sterben ſehnte, nur den Rauch aufſteigen zu ſehen aus den Hütten ſeiner heimatlichen Fluren. Endlich hielt der Zug, wir waren zu Hauſe. Raſch wie ein Jüngling entſtieg Inski dem Waggon und ſchaute nach ſeinem Diener aus. Doch dieſer war ein Tölpel und, wie gewöhnlich, in dem Ge⸗ — 203— dränge nicht zu finden. Schon fürchtete ich, daß jetzt meine ganze mühſame Cur wieder zu Schanden würde, denn mein Patient war gerade in dieſem Domeſtiken⸗ punkte außerordentlich empfindlich. Allein ich täuſchte mich diesmal. Im Nu hatte er einen Wagen herbei⸗ gewinkt, wir ſtiegen haſtig ein, und indem es ſo im Fluge fortging, wollte Inski nicht enden mit Lachen, weil er dem Diener ſo fein eine Naſe gedreht hatte. „Der dumme Wicht!“ rief er fröhlich aus;„nun wird er in einer Stunde getrottet kommen, um uns zu melden, daß wir nicht angekommen ſind und wahr⸗ ſcheinlich den Zug verfehlt haben müſſen; haha!“— Das war das ſicherſte Zeichen ſeiner vollſtändigen Geneſung. Und die Moral von der Geſchichte?— Der Rheinwein iſt eine edle Medicin auch in der Fremde; aber unfehlbar wirkend iſt er nicht; den Einen heilt er und den Andern macht er krank. —