Freytags Schulausgaben und Hilfsbücher für den deutſchen Unterricht. Dieſe Sammlung bietet Hilfsmittel für den Unterricht im Deutſchen an höheren Lehranſtalten dar und will in erſter Linie den Schüler bei ſeiner Arbeit unterſtützen. Die bei ihrer Herſtellung maßgebenden Grundſätze ſind folgende: 1. Die Ausgaben bieten einen auf den beſten Quellen beruhenden Text in der für die Schulen amtlich vorgeſchriebenen Orthographie. 2. Stellen, welche vom Standpunkte des erziehenden Unterrichtes aus betrachtet bedenklich erſcheinen, werden, wo es der Zuſammenhang er⸗ laubt, weggelaſſen oder, wo dies unthunlich iſt, in angemeſſener Weiſe abgeändert. 3. Wenn aus einem Litteraturwerk nur eine Auswahl gegeben wird, ſo wird die Verbindung zwiſchen den ausgewählten Stücken durch kurze Angabe des Inhaltes der weggelaſſenen Teile derart hergeſtellt, daß eine Überſicht über das ganze Werk möglich wird. Dieſe Inhalts⸗ angaben werden durch andern Druck gekennzeichnet. 4. Die dem Texte als Anhang beigegebenen Anmerkungen dienen dem Schüler zur Erleichterung des Verſtändniſſes, ſei es bei der häuslichen Vorbereitung auf den Unterricht, ſei es bei der Privatlektüre. Sie erklären dem Schüler in knappſter Form inhaltliche Schwierigkeiten und weiſen auf beſondere Eigenheiten der Form hin. 5. Zum Zwecke der Veranſchaulichung werden den Bändchen inſtruktive Abbildungen, Kärtchen, Pläne, Stammbäume u. ſ. w. beigegeben. 6. Dem Texte geht eine Einleitung voran. Dieſe enthält die im Unter⸗ richte zuläſſigen litterarhiſtoriſchen Angaben und ſolche Erläuterungen, die der richtigen Auffaffung des Stoffes und der Charakteriſierung der Kunſtform und der handelnden Perſonen dienen oder beſondere Eigentümlichkeiten des betreffenden Kunſtwerkes(z. B. die ſprachliche Form älterer Dichtungen) beleuchten. Sie legt den künſtleriſchen Aufbau und die Bedeutung der einzelnen Glieder für die einheit⸗ liche Geſtaltung des Geſammtwerkes dar. 7. Einleitung und Anmerkungen halten ſich durchaus vom Tone über⸗ legener Kritik fern und ſind in ihrer Form dem Bedürfnis der Alters⸗ ſtufe angepaßt, auf der das Litteraturwerk von den Schülern geleſen wird. Einleitung und Anmerkungen ſind nachUmfang und Inhalt ſo bemeſſen, daß ſie die Behandlung des Litteraturwerkes durch den Lehrer in der Schule nicht überflüſſig machen und der Mitarbeit der S chüler an der Auffindung der leitenden Grundgedanken der betreffenden Dichtung nicht vorgreifen. Indem ſie die wichtigſten Ergebniſſe des Unterrichtes zuſammenſtellen und den wichtigſten Memorierſtoff ent⸗ (Ausland.) 8 8 en el en * 1 1 Gudrun. hälten, wollen ſie den Schüler der Notwendigkeit, ſich ſchriftliche Auf⸗ zeichnungen zu machen und aus Manufkripten zu lernen, zum Teil überheben und zugleich durch Erſparung von Unterrichtszeit die Mög⸗ lichkeit bieten, eine größere Zahl von Litteraturwerken in der Schule zu behandeln. 9. Die Einleitungen ſind ſorgfältig gegliedert, ſo daß die in verſchiedenen Stadien des Unterrichtes durchzunehmenden Abſchnitte ſich auch äußerlich deutlich von einander abheben und auch eine Auswahl aus dieſen leicht getroffen werden kann. 10. Aufgenommen werden in dieſe Sammlung alle jene Litteraturwerke, die ſich zur Klaſſen⸗ oder Privatlektüre der höheren Schüler eignen und die Jugend für deutſches Volkstum und deutſche Geiſtesgröße zu erwärmen vermögen: Vor allem die hervorragendſten Dicht- und Proſawerke unſerer Klaſſiker, ferner jene deutſchen Litteraturſchätze der mittelalterlichen Blütezeit, des 16. und des 19. Jahrhunderts, deren Lektüre berufen iſt, das hiſtoriſche Verſtändnis für die zuſammen⸗ hängende Entwicklung der deutſchen Litteratur und der wichtigſten Kunſt⸗ formen, ſowie für die Eigenart bedeutender Kulturſtrömungen zu fördern. Aufgenommen werden ferner gute Überſetzungen ſolcher fremd⸗ ländiſcher Dichtungen, die an der Ausgeſtaltung der deutſchen Litteratur und Bildung einen hervorragenden Anteil genommen haben: in erſter Linie Shakeſpeare, Homer und die griechiſchen Tragiker. 11. An dieſe Ausgaben ſchließt ſich eine Erzänzungsreihe, von Hilfs⸗ büchern an, die in die Kenntnis der deutſchen Altertümer und Sagen einführen oder einzelne Gebiete aus der Litteratur-, Kunſt⸗, Kultur⸗ und Sprachgeſchichte, die im engeren Zuſammenhange mit dem deutſchen Unterrichte ſtehen, zuſammenfaſſend behandeln. Die äußere Ausſtattung der Bändchen, die gebunden ausgegeben werden, iſt geſchmackvoll, das Format handlich; Satz und Druck ent⸗ ſprechen allen Forderungen der Schulhygiene. Der Preis iſt äußerſt niedrig. Fertige oder in Vorbereitung befindliche Bändchen: Guripides, Iphigenie auf Tauris. Von F. Mertens. Goethe, Auffätze zur Kunſt. Von G. Boetticher. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Aus wahl. Von bhez, Bände, gebd 80 Pf. — Briefe(Auswahl). Von G. Boetticher. — Clavigo. Von G. Boetticher. gebbzz 50 Pf. . Gäitont, Von G. Bürghäuſer, gebd 60 Pf. auſt. Von A. Sauer und F. Ullsperger. —j— Gedichte.(Auswahl). Von Fr. Bachmann. gebvvvvv.. 80 Pf. 2 Götz von Berlichingen. Von A. Sauer. gebdvv 90 Pf. 3 Hermann und Dorothea. Von A. Hauffen. gebd 30 Pf. — Ihyhigenie auf Tauris. Von K. Jauker. gebbbv.. 60 Pf. Torquato Taſſo. Von L. Chevalier. gebbbo. Auswahl und überſetzung. Von W. Hübbe. gebd. ans Sachs, Schwänke und Dramen. Von A. Hauffen. auffen X., Das deutſche Volkslied. Herder, Der Cid. Von R. Reichel gebdz.. — Aufſätze äſthetiſch⸗litterariſchen Juhalts. Von E. Naumann. — Iden zu einer Geſchichte der Philofophie der Menſchheit. Von E. Naumann. Homers Ilias. Nach der Überſetzung von J. H. Voß. Von B. Stehle. gebd. 1 M. — Odyſſee. Nach der überſetzung v. J. H. Voß. Von B. Stehle. gebd. 80 Pf. Kleiſt, Die Hermannsſchlacht. Von F. Khütkl. gebz. 60 Pf. — Prinz von Homburg. Von A. Beuedict. gebbb. 50 Pf. Klopſtock, Auswahl von Oden. Von R. Windel. gebbtvv. 60 Pf. — Der Meſſias. Auswahl. Von Th. Forßmann. Körner, Zriny. Von K. Ludwig. geb..„„ 338 Tentſchan Ch. und P. Dagen; Mittelhochdeutſche Tyriker. Auswahl und überſetzungen. 2 Bände. 8 Leſſing, Abhandlungen über die Fabel. Von H. Lambel. gebbbo. 70 Pf. — Emilia Galotti. Von O. Langer. gebd....„½.„ 70 Pf. — Hamburgiſche Dramaturgie. Auswahl. Von M. Manlik. gebd... 90 Pf. — Kaokoon. Von M. Manlik. gebdz 60 Pf. — Minna von Barnhelm. Von E. Aelſchker. gebbb. 70 Pf. — Miſs Sara Sampfon. Von M. Manlik. geßbßßß 60 Pf. — Nathan der Weife. Von O. Netoliczka. 8ebdodod.. 8 — Wie die Alten den Tod gebildet. Von A. Rauſch. uther. Auswahl. 2 Bände. Von vr. Kromayer. Aöſer, Patriotiſche Phantaſien. Von F. Dieter. Ribelungen. Im Urtert. Auswahl. Von W. Schulze. Rückert, 118 Auswahl. Von H. Fietkau. I. Gedichte deutſcher Art. gebd. 80 Pk. — II. 70 Pf. lus dem Morgenlande. gebdd Schiller, Aeſthetiſch⸗philoſophiſche Auffütze. Von G. Boetticher. — Die Braut von Meſſina. Von K. Tumlirz. gebtttr 70 Pf. — Briefe. Auswahl). Von G. Boetticher. — Don Carlos. Von O. Stoklaska. gebboo. 90 Pf. — Fiesto. Von O. Langer. gebe::::: 80 Pf. — Gedichte. Auswahl. Von Fr. Bachmann. Hehde 80 Pf. —5 Geſchichte des Abfalls der vereinigten Niederlande. Von F. Hartmann. — Geſchichte des 30jähr. Krieges. Von F. Hartmann. — Die Jungfrau von Orleans. Von F. Ullsperger. gebbbooo. 60 Pf. — Kabale und Liebe. Von K. Hachez. gebbbdd. 80 Pi. — Maria Stuart. Von E. Aelſchker. gebbtdzvz. 80 Pf. dDdie Ränber. Von R. Scheich, gebzʒz..80 Pf. — Wilhelm Tell. Von P. Strzemcha. gebdz 60 Pf. — Wallenſtein. Von F. Ullsperger. Shakeſpeare, Julius Cäſar. Von Hruſchka. gebbv 5 Coriolan. Von W. S gehbdddd... 70 Pf. — Der Kaufmann von Venedig. Von J. Seifert. gebd.... 50 Pf. Heinrich IV. 1. und 2. Teif. Von F. Ulrich. 2 Bände. — Richard III. Von W. Hübbe. Sophokles, Aias. Von F. Mertens. — Autigone. Von F. Mertens. 9bbdvbvdvdbdb.. 60 Pf. — König OSdipus. Von F. Mertens. gebbddooo. 60 Pf. Uhland, Gedichte. Auswahl. Von Fr. Bachmann, gebbboo. 70 Pf. — Ernſt, Herzog von Schwaben. Von R. Eickhoff. gebbddd. 60 Pf. — Ludwig der Bayer. Von Böhme. oß, Luife. Der 79. Geburtstag. Von L. Zürn. gebdzdz. 60 Pf. alther von der Vogelweide. Von E. Samhaber. Wieland. Oberon. Von R. Bethge. ebddbdbdbd. 90 Pf. Windel R., Dichter der Freiheitskriege. Auswahl aus Arndt, Körner, Schenkendorf, Rückert. gebbb 4 60 Pf. — Göttinger Dichterbund. Gedichte von Hölty, Voß, den Brüdern Stolberg, Bürger, M. Claudius. gebdodb. 6⁰0 Sehme, A., Die Kulturverhältniſſe des deutſchen Mittelalters. Die Sammlung wird fortgeſetzt. Z, k.,. Creytags Schulausgaben und Hilfsbüche für den deutſchen Unterricht. Friedrich Rückerl. edichte (Auswahl.) Für den Schulgebrauch herausgegeben von Dr. Hermann Fietkau, Profeſſor am Kgl. Realgymnaſium auf der Burg zu Königsberg in Preußen. J. Band: Gedichte deutſcher Art. Preis gebunden 80 Pf. Leipzig. Bezlaßz von 6 Freytag. 1896. Druck von Gebrüder Stiepel in Reichenberg. Einleitung. I. Überblick über Rückerts Leben. Seine Eltern. Johann Adam Rückert, der Vater des Dichters, ſtammte aus dem(damaligen) Herzogtume Sachſen-Hildburghauſen, wo er 1763 in Schwarzbach das Licht der Welt erblickte. Seit 1785 bekleidete er die Stelle eines Hofadvokaten in Hildburghauſen und ſiedelte 1787 nach Schweinfurt über, um ſich daſelbſt im Juli desſelben Jahres mit der einzigen Tochter des Advokaten Schoppach zu vermählen. Seine amtliche Stellung brachte es mit ſich, daß er ſeinen Wohn⸗ ort öfters wechſeln mußte: 1792—1804 war er Amtmann an dem Juſtiz⸗ und Kameralamt zu Oberlauringen, einem proteſtantiſchen Dorfe an der Straße von Schweinfurt nach Königshofen; 1804 kehrte er nach Schweinfurt als Regierungs⸗ advokat zurück; 1806 finden wir ihn als Territorial⸗ Kommiſſarius in Rügheim(zwiſchen Haßfurt und der Betten⸗ burg), 1807 und 1808 in dem bayriſchen Landſtädtchen Seßlach bei Koburg, 1809—1825 als Rentbeamten in Ebern(zwiſchen Koburg und Bamberg). Im Jahre 1825 erhielt er dieſelbe Stelle in Schweinfurt, wo er 1831 ſtarb; ſeine Gattin folgte ihm 1835 ins Jenſeits. Die Jugendzeit. 1788—1808.— Am 16. Mai 1788 gebar des Advokaten Rückert Gattin in Schweinfurt ihren erſten Sohn, welcher den Vornamen Friedrich erhielt. Der Knabe verlebte einen großen Teil ſeiner Jugendzeit vom 4. bis zum 14. Lebensjahre in Oberlauringen. Den Elementarunterricht erhielt er in der dortigen Volksſchule; in den alten Sprachen unterrichtete ihn dann mit gutem Erfolge der Ortsgeiſtliche. Von Oſtern 1802 bis zum Herbſte 1805 beſuchte er das Gymnaſium in Schweinfurt zur höchſten Zufriedenheit ſeiner Eltern und Lehrer; als⸗ 1*⁴ Einleitung 1. dann bezog er die Univerſität Würzburg, um Jura zu ſtudieren. Aber bald gab er dieſes Studium auf und widmete ſich ausſchließlich der Philologie und Belletriſtik. In Ebern, Jena und Hanau. 1809—1812.— Oſtern 1809 hatte Rückert ſeine Studien beendet und hielt ſich bis zum Herbſt 1810 bei ſeinen Eltern in Ebern auf. Um Univerſitätslehrer zu werden, begab er ſich nun nach Jena, und Oſtern 1811 wurde ihm ſeitens der Univerſität die Befugnis zugeſprochen, Vorleſungen zu halten, obwohl ſeine Schrift, über welche disputiert worden war, überhaupt ſeine Anſichten bei einem Teile der Profeſſoren wenig An⸗ klang fanden. Er befand ſich deshalb als Privatdocent in keiner gerade angenehmen Lage und verließ Oſtern 1812 Jena, um wieder zu ſeinen Eltern heimzukehren. Auf Be⸗ treiben ſeines Vaters wurde ihm dann im Laufe des Jahres eine Stelle an dem reorganiſierten Gymnaſium in Hanau (an der Mündung der Kinzig in den Main) angeboten; er begab ſich auch im November 1812 nach Hanau und hielt ſich daſelbſt in ſtetem Verkehr mit dem dortigen Gymnaſial⸗ direktor Dr. J. Schulze faſt bis zum Schluſſe des Jahres auf. In einigen Tagen ſollte er in ſein Amt eingeführt werden, da war er eines Morgens verſchwunden; er war nach Würzburg abgereiſt. Man nimmt an, daß die Auf⸗ regung, in welche ihn die Flucht Napoleons verſetzt hatte, es ihm unmöglich machte, das Lehramt zu übernehmen. In Würzburg, Ebern und Stuttgart. 1813 bis 1816.— Vielmehr war er entſchloſſen, den Entſcheidungs⸗ 5 kampf gegen den fremden Eroberer mitzukämpfen. Davon 0 hielten ihn jedoch ſeine Eltern zurück, weil er kränklich war. 0 Um nun, wenn ſchon nicht mit dem Schwerte, wenigſtens 0 mit der Feder Zeugnis von ſeiner patriotiſchen Geſinnung abzulegen, dichtete er 1813 ſeine„Geharniſchten Sonette“ (3. B. in dieſer Auswahl IBe 1—14)5) und ließ ſie 1814 *) Im erſten Bande der Geſamtausgabe von 1882 ſtehen im ganzen 74 Geharniſchte Sonette. überblick über Rückerts Leben. mit anderen Zeitgedichten unter dem Titel„Deutſche Gedichte von Freimund Reimar“ erſcheinen.) Durch dieſe Gedichte wurde er in litterariſchen Kreiſen bekannt, und die Cottaſche Verlagsbuchhandlung berief ihn 1815 als Mitredacteur (der andere Redacteur war der Epigrammatiker Haug, 1761 bis 1829) des Morgenblattes nach Stuttgart. Hier trat er mit bedeutenden Künſtlern und Gelehrten in einen anregenden Verkehr, ſo mit dem Bildhauer Dannecker(1758—1841), und entwickelte in dieſer Zeit eine große dichteriſche Fruchtbarkeit. Iun Italien 18171818 Die Mißſtimmung, die in dieſen Jahren in Deutſchland allgemein darüber herrſchte, daß man das Verlangen des Volkes nach einer konſtitutionellen Regierung wenig oder garnicht berückſichtigte(Metternich), trieb viele hochgeſinnte Männer aus dem Vaterlande weg in die Ferne— nach Italien. Rückert(ſ. u. in dieſer Ausw. Bd. I Bb.) langte in Rom im Oktober 1817 an und war bald in den maßgebenden deutſchen Kreiſen(Niebuhr, Bunſen, Kronprinz Ludwig von Bayern, Cornelius, Overbeck, W. von Humboldt) bekannt und gern geſehen. Er ſtand in ſtetem Verkehr mit den Künſtlern, welche es ſich nicht nehmen ließen, mit ihm die alten Bauwerke, Kirchen, Galerien, Ateliers zu beſuchen und die nötigen Erklärungen zu geben; auch zogen ſie ihn zu ihren Feſten zu, ſo am 18. Oktober 1817(ſ. u. in dieſer Ausw. Bd. IBb 1), ferner am 29. April 1818(ſ. u. IBb 4). Auf dieſem letzteren Feſte, welches Kronprinz Ludwig von Bayern veranſtaltete, fand Rückert Gelegenheit, durch ein von ihm(in einem halben Tage) verfaßtes Feſtgedicht die allgemeine Feſtfreude noch zu er⸗ höhen. Trotz ſolcher Ablenkungen hatte er Zeit genug, die italieniſche Volkspoeſie und Metrik eingehend zu ſtudie⸗ ren.— Von Rom aus machte er natürlich auch Ausflüge, ſo in das Sabinerland(ſ. u. I B b 5), auch nach Neapel ) Auf dem Mauuſfkript hatte er ſich Freimund Reimer ge⸗ nannt; ſein Freund Abraham Voß, der das Manuſkript erhalten hatte, um einen Verleger zu beſorgen, änderte e in a. 8 325 RRRAG 2 SS˖.. 6 Einleitung 1. (ſ. u. I Bb 6, 7) und Puteoli. Auf ſeiner Heimreiſe von Rom, die er im Oktober 1818 antrat, wurde er in Wien von dem berühmten Orientaliſten Hammer⸗Purgſtall in das Studium der drientaliſchen Sprachen(Arabiſch, Perſiſch, Türkiſch) im allgemeinen eingeführt und widmete ſich fortan dieſem Studium mit dem regſten Eifer. Wieder in Ebern, dann in Koburg(Ver⸗ heiratung). 1819—1826.— Als er 1819 in Ebern wieder eingetroffen war, vertiefte er ſich zunächſt in die Werke der perſiſchen Dichter Hafis(ſ. Anmerkungen 168) und Dſchelaled⸗ din(ſ. Anm. 149). Die Dichtungen jenes gab er 1819 bis 1820 unter dem Titel„Sſtliche Roſen“(z. B. in dieſer Ausw. II B b 1—5) heraus, und 1821 erſchienen Dſche⸗ laleddins Ghaſele(II Ba 1—10), welchen dann 1826 die Makamen(kleine Erzählungen zur Belehrung) des Arabers Hariri(1054—1122) folgten.— Inzwiſchen war er(Ende 1820) nach Koburg übergeſiedelt, um die dortige Bibliothek beſſer benutzen zu können. Als Mieter hatte er bei einer Frau v. Gersdorf Aufnahme gefunden, welche in dem Hauſe des Archivrats Fiſcher wohnte. Mit Fiſchers Tochter Luiſe verlobte er ſich und dichtete ſeiner Braut zu Ehren den ſogenannten Liebesfrühling(3. B. in dieſer Ausw. 1 Be 5—16). Auch nach ſeiner Hochzeit, die am 26. Dezember 1821 ſtattfand, blieb er im Hauſe ſeines Schwiegervaters wohnen, und das junge Ehepaar mußte ſich wohl recht einſchränken, da ihm die Schriftſtellerei nicht viel einbrachte. Die Ausgaben aber mehrten ſich mit der Geburt eines Sohnes im Februar 1823, und als dieſem im April 1824 der zweite Sohn folgte, wurden die Sorgen und Ein⸗ ſchränkungen noch größer. Um derſelben enthoben zu ſein, wünſchte Rückert nichts ſehnlicher, als daß es ihm gelingen möchte, ſich eine feſte Anſtellung zu verſchaffen. Da wurde der Lehrſtuhl für orientaliſche Sprachen an der Univerſität zu Erlangen frei, und er bewarb ſich um denſelben(im Juni 1825); aber über ein Jahr währte es, bis die Ent⸗ ſcheidung kam. Denn die Univerſitätsbehörden(Fakultät Überblick über Rückerts Leben. und Senat) konnten nicht ſchlüſſig werden, und ſicher wollten viele Rückert nicht wohl. Als jedoch König Ludwig I.(ſ. Anmerkungen 31) für den Dichter eintrat, da wurde dieſem endlich im Herbſt 1826 die Stelle übertragen. Der König hatte ihn nämlich in Italien ſchätzen gelernt und ſchon damals zu verſtehen gegeben, wie ſehr ihm daran gelegen ſei, daß Rückert eine geeignete Stelle an einer bayriſchen Univerſität erhalte. In Erlangen. 1826—41.— Im November 1826 trat er die Profeſſur an und konnte ſich nun noch mehr und noch eingehender mit der orientaliſchen Litteratur beſchäftigen. Er veröffentlichte in jenen Jahren aus der⸗ ſelben eine Menge Überſetzungen oder Nachbildungen: Nal und Damajanti, eine indiſche Geſchichte 1828; Schi-King, chineſiſches Liederbuch(3. B. in dieſer Ausw. II. B b 14-16) 1833; morgenländiſche Sagen und Geſchichten(II. K. 1—-14) 1837; Roſtem und Suhrab, eine Nachbildung aus dem perſiſchen Königsbuche(Schahnameh) des Firduſi(940 bis 1020) 1838; brahmaniſche Erzählungen“) 1839. Auch fällt in dieſe Zeit(1836—39) ſein Hauptwerk„die Weis⸗ heit des Brahmanen“(z. B. in dieſer Ausw. II. C), ein deutſches Lehrgedicht in orientaliſchem Gewande. Von ſeinen eigenen Dichtungen ſind zunächſt„die Mailieder“ (LE d 14—18) zu nennen, welche 1838 erſchienen. Sein „Leben Jeſu“(1839), welches die Lebensgeſchichte des Heilandes nach den Evangelien in Alexandrinern erzählt, fand weniger Anklang. Als er ſeit 1834 ſeine Gedichte zu ſammeln begann und nun in ſeiner reichen Geſamtheit vor dem ganzen Volke auftrat, errang er unerwartete Er⸗ folge. Außer den Dichtungen ließ er eine ganze Reihe wichtiger Abhandlungen über die orientaliſche Litteratur in Zeitſchriften(Berliner Jahrbücher für wiſſenſchaftliche Kritik; Zeitſchrift für die Kunde des Morgenlandes) erſcheinen. ) Zu dieſen gehörte auch die Geſchichte der Sawitri, die erſt 1866 in einer Separatausgabe erſchien. 8 Einleitung 1. Alle dieſe Arbeiten nahmen ihn derartig in Anſpruch, daß ſeine Kollegien dabei faſt zu kurz kamen. Er las meiſt in ſeiner Wohnung, und zwar bisweilen mit ſolchem Eifer, daß er die feſtgeſetzte Zeit weit überſchritt und ſeine Zu⸗ hörer nicht eine, ſondern zwei Stunden bei ſich behielt. Mangelte es an Zuhörern, ſo daß er nicht zu leſen brauchte, war es ihm auch recht. Der Erziehung ſeiner Kinder widmete er ſich mit großem Intereſſe und peinlicher Gewiſſenhaftigkeit(vergl. in dieſer Ausw. IBC 20— 26). In ihrem Zimmer oder in dem vor dem Hauſe gelegenen Gärtchen verkehrte er viel mit ihnen, verfolgte ihre Entwickelung und beteiligte ſich an ihren Spielen und Arbeiten. Leider erkrankten um Weihnacht 1833 alle Kinder ſchwer am Scharlach, und zwei, die 3½jährige Luiſe und den 5jährigen Ernſt, raffte der Tod(am 31. Dezember 1833 und am 18. Januar 1834) dahin. Seinen beiden Kindern folgte im Juni 1835 ſeine Schweſter Maria, im Dezember 1835 ſeine Mutter. Dieſe Jahre waren für ihn und die Seinen eine ſchwere Zeit, und er hat ſeinem Schmerze in manchem Gedichte Ausdruck verliehen(z. B. in dieſer Ausw. LBe 28). Die Sommerzeit pflegte Rückert mit ſeiner Familie auf dem ſeinem Schwiegervater gehörigen Gute Neuſeß(in der Nähe von Koburg) zu verbringen, wo es ihm außer⸗ ordentlich gefiel. Als daher Fiſcher 1836 geſtorben war, entſchloß er ſich 1838 das Gut von den Erben zu kaufen. Dieſer Kauf brachte ihn in Geldverlegenheit, welcher er durch die Herſtellung einer Auswahl ſeiner Gedichte (Oſtern 1841) abzuhelfen ſuchte. Zu demſelben Zwecke wurde eine kürzere Ausgabe der Weisheit des Brahmanen vorbereitet; ehe dieſes Buch jedoch erſchien(1843), war ihm durch ſeine Berufung nach Berlin eine bedeutende Gehaltsaufbeſſerung zu teil geworden. In Berlin. 1841—48.— Als Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1840 den Thron ſeiner Väter beſtiegen hatte, ſuchte er bedeutende Gelehrte und Künſtler(Schelling, ——— 0 überblick über Rückerts Leben. 9 Rückert, Tieck, Cornelius) nach Berlin zu ziehen. Rückert erhielt 1841 die Berufung als Profeſſor der orientaliſchen Sprachen(mit dem Titel eines Geheimrats), und auf ſeine Bitte gewährte ihm König Ludwig ſeine Entlaſſung, ſo daß er im Herbſte 1841 in Berlin ſeine Vorleſungen beginnen konnte. Dieſen waren anfänglich zahlreich beſucht, aber bald trat ein bedenklicher Rückgang ein; es fehlte den Studenten wohl an den nötigen Vorkenntniſſen, oder über⸗ haupt an Intereſſe für die orientaliſchen Sprachen. Dieſe Teilnahmloſigkeit, gegen die er in dem kleinen Erlangen gleichgültig geweſen war, hatte er in dem großen Berlin nicht erwartet und war darüber mißgeſtimmt. Schließlich las er in ſeinem Studierzimmer und erſchien gar nicht mehr in der Univerſität. Außerdem behagte ihm wenig das förmliche Weſen der Berliner im geſellſchaftlichen Ver⸗ kehr; auch ſah er ſich in der Hoffnung getäuſcht, dem Könige recht nahe zu ſtehen. In ſeinem Mißmute war er am liebſten für ſich allein und widmete ſich der Poeſie. Im Jahre 1843 erſchien eine Überſetzung des arabiſchen Volksdichters Amrilkais(im 6. Jahrhundert n. Ch.), 1846 Hamaſa(= Tapferkeit), eine Sammlung altarabiſcher Heldenlieder. Sein Hauptaugenmerk aber richtete er auf das Drama(1842 König Arſak, 1843 Saul und David, 1844 Herodes der Große, Kaiſer Heinrich IV., 1845 Chriſtofero Colombo). Die Verpflichtung, Vorleſungen zu halten, hatte er glücklicherweiſe nur im Winterhalbjahr. Jeden Sommer konnte er in Neuſeß verbringen, wo ſeine Familie über⸗ haupt wohnte. Bei beſonderen Gelegenheiten erſchien er natürlich zeitweiſe auch im Winter in Neuſeß, ſo zur Feier ſeiner Silberhochzeit am 26. Dezember 1846(ſ. u. I Be 34 und 35). Als er im Frühjahr 1848 heimgekommen war, ſtand in ihm der Entſchluß feſt, nicht mehr nach Berlin zurückzukehren. Er richtete alsbald an den preußiſchen Kultusminiſter ein Abſchiedsgeſuch, welches jedoch abgelehnt wurde. Da wandte er ſich direkt an den König und wurde —— ör Einleitung 1. mit der Hälfte ſeines Gehaltes, welches 3000 Thaler betragen hatte, penſioniert. In Neuſeß. 1848—66.— Die Lage des Dorfes Neuſeß an der Lauter zwiſchen der Feſte Koburg, dem Frankenwalde und dem herzoglichen Sommerſchloſſe Callen⸗ berg läßt für einen Naturfreund kaum etwas zu wünſchen übrig. Es muß für Rückert ein beſeligendes Gefühl geweſen ſein, ſich jetzt auf ſeinem dortigen Landgute ganz nach ſeinem Belieben einrichten zu können; an den nötigen Mitteln wenigſtens fehlte es ihm nicht dazu. Das Intereſſe für Politik, Wiſſenſchaft und Kunſt verblieb ihm bis ins hohe Alter. 1859 ſchloß er ſich dem Nationalverein an, und 1863 ließ er Kampflieder für Schleswig-Holſtein erſcheinen. Für verſchiedene Zeitſchriften lieferte er gelehrte Abhandlungen, auch Gedichte. Erwähnenswert iſt die Überſetzung des berühmten Schauſpieles Sakuntala(1855) von Kalidaſa, einem indiſchen Kunſtdichter aus dem 6. Jahrhundert n. Ch.; ferner die Überſetzung von 20 Idyllen (1858) des Theokrit aus Syrakus(um 270 v. Ch.), des Begründers der Hirten-(bukoliſchen) Dichtung. An geiſtiger Beſchäftigung fehlte es ihm alſo nicht, er war aber auch auf die nötige Erholung und Erfriſchung bedacht. Ein ausgeſprochener Naturfreund, wie er war (vVergl. u. I. Bad), hielt er ſich bei einigermaßen günſtiger Witterung im Freien auf: er weilte in dem an ſeinem Wohnhauſe gelegenen Garten, oder er begab ſich hinaus in die Felder und Wälder; wenn nicht weiter, ſpazierte er wenigſtens nach dem 700 Schritte hinter ſeinem Hauſe befindlichen Goldberge, von wo er eine herrliche Ausſicht auf Koburg hatte. Oft fanden ſich Freunde oder Gäſte bei Rückert ein— auch ſein Landesherr, der Herzog Ernſt II. von Koburg, beſuchte ihn alljährlich—, für deren Bewirtung ſeine treffliche Gattin aufs beſte ſorgte. Nach dem Mahle wurden dann wohl die langen Pfeifen angeſteckt, und es entſpann ſich eine Unterhaltung über Kunſt, Wiſſenſchaft, oder auch über Politik u. a. m., wobei Rückert ſehr heftig Rückerts Dichtungen. werden konnte. So gern er Freunde bei ſich ſah, ebenſo ungern erwiderte er ihren Beſuch; ſo kam denn allmählich auch niemand mehr zu ihm. Das Gefühl von Einſamkeit und Verlaſſenheit, welches ihn infolgedeſſen beſchlich, machte ſich noch mehr geltend, nachdem ihm am 26. Juni 1857 ſeine Gattin durch den Tod entriſſen war. An die Spitze des Hausweſens trat nun ſeine Tochter Maria, welcher er vollſtändig freie Hand ließ, wenn er nur in ſeiner ſtreng geregelten Lebensweiſe nicht geſtört wurde. So lebte er ein Jahr wie das andere, bis er 1865 an einer Darmfiſtel ernſtlich erkrankte. Er unterzog ſich einer Operation, jedoch ohne den erwünſchten Erfolg. Während er geiſtig möglichſt friſch blieb, waren ſeine Körperkräfte trotz der ſorgfältigſten Pflege in wenigen Monaten erſchöpft, und am 31. Januar 1866 verſchied er ſanft und ſchmerzlos. 2. Rückerts Dichtungen. Nur wenige Dichter haben Sprache und Reim mit gleicher Leichtigkeit gehandhabt wie Rückert. Was er fühlte, was er dachte, was er erlebte, überhaupt die ganze Welt(ſ. u. I B a 1 u. 4)— alles war ihm ſingbar; er mußte immer dichten. Bis auf mehrere Abhandlungen für wiſſenſchaftliche Zeitſchriften hat er nur Gedichte hinterlaſſen, welche in der Frankfurter Geſamtausgabe von 1882 zwölf ziemlich ſtarke Bände füllen. Alle Dichtungsarten ſind vertreten: die epiſche, die lyriſche, auch das Drama, welches er beſonders während ſeines Aufenthaltes in Berlin pflegte. Da er jedoch für dasſelbe wenig oder gar nicht beanlagt war, ſo iſt es nicht zu verwundern, wenn ſeine Stücke als ſolche nicht den erwarteten Beifall fanden; es fehlt denſelben zu ſehr an Handlung und Einheitlichkeit. Sie kennen zu lernen, hat eigentlich nur der Litteratur⸗ hiſtoriker, nicht aber unſere Jugend ein Intereſſe. Darum wurden ſie hier unberückſichtigt gelaſſen. Epiſches.— Blieb Rückert alſo als Dramatiker hinter Goethe, den er ſeinen Leitſtern nennt(ſ. u. L Ba 12 Einleitung 2. 13), weit zurück, ſo iſt er andererſeits auf dem epiſchen und lyriſchen Gebiete dem Dichterfürſten nahe gekommen, oder hat ihn auch wohl erreicht. Von epiſchen Gedichten lagen ihm freilich Ballade und Romanze fern, da eine ſcharfe Begrenzung nicht ſeine Sache war. Dagegen gelangen ihm vorzüglich Märchen, Sage, auch die Idylle(ſ. u. in dieſer Ausw. J.), in welchen allen ſeine unerſchöpfliche Phantaſie mehr oder weniger freien Spielraum hatte. Lyriſches.— Seinem ganzen Weſen nach war er Lyriker. Unüberſehbar iſt die Menge ſowie die Mannigfaltigkeit ſeiner Gedanken; ans Wunderbare grenzt ſeine Gabe, immer neue Formen zu finden. Bei ſeiner übergroßen Fruchtbarkeit ſind ſeine Gedichte freilich von verſchiedenem Werte. Er befingt eben alles und jedes, auch macht ſich mitunter die Reflexion zu breit, aber wahr iſt er in jedem Verſe. Die lyriſchen Gedichte, welche ich dieſer Auswahl einverleibt habe, ſollen das Intereſſe für den Dichter wach erhalten und in dem Leſer den Vorſatz hervorrufen, von Rückerts Dichtungen immer mehr kennen zu lernen, um ſeine Be⸗ deutung als Menſch und als Dichter recht ermeſſen zu können. Deshalb habe ich unten in der erſten Gruppe LBa„Der Dichter und ſein Beruf“ ſolche zuſammengeſtellt, die darüber Aufſchluß geben, wie er ſelbſt ſeinen Beruf als Dichter auffaßte; die zweite Gruppe 1B b„In Italien“ entwirft ein anſchauliches Bild von ſeinem Aufenthalte in Rom und Neapel; die dritte IBe, Des Dichters Heim und Häuslichkeit“ ſchildert ſein Familienleben; die vierte LB d„Natur, Jahr, Jahreszeiten“ ſeinen regen Sinn für die Natur, für Wald und Feld, für den Wechſel, den die Jahreszeiten daſelbſt herbeiführen; ſchließlich die fünfte LBe„Patriotiſches“ legt Zeugnis ab von ſeiner tiefempfundenen Vaterlandsliebe. Dichtungen aus dem Morgenlande.— Es iſt ein beſonderes Verdienſt Rückerts, daß er den Deutſchen die Litteratur des Morgenlandes— Arabiens(3. B. dieſer Ausw. II X 1—15); Perſiens(II A 16- 21, B 0 f d de Rückerts Dichtungen. 13 à 1—10, B b 1 ff.); Chinas(II B b 14—16); Indiens (IC)— durch Überſetzungen oder Nachbildungen erſchloſſen hat. Proben daraus konnten hier nur in beſchränktem Maße geboten werden: eine Reihe von Fabeln, Sagen, Erzählungen oder Parabeln(II A); die Lyrik iſt vertreten durch mehrere Ghaſele(II B a), eine perſiſche Form, die Rückert in Deutſchland eingeführt hat, und durch einzelne Lieder und Sprüche(II Bb). Für Rückert, der als einer der Erſten in Deutſchland die orientaliſchen Sprachen meiſterlich be—⸗ herrſchte, waren die ſchwierigen und fremdartigen Formen ſehr anziehend; es reizte ihn der Verſuch, ihre Fülle und Geſchmeidigkeit in der ſpröden deutſchen Sprache nachzu⸗ bilden. Zugleich feſſelte ihn der Inhalt der morgenlän⸗ diſchen Dichtungen; er hatte ſich ganz in deren Anſchauung und Ausdrucksweiſe eingelebt und ſich lange Jahre nur mit dieſer Art von Poeſie beſchäftigt. Die Weisheit des Brahmanen kann auch unter die morgenländiſchen Dichtungen eingereiht werden, weil dieſes Lehrgedicht in Form und Inhalt von der Litteratur des Orients ſtark beeinflußt iſt. Als ſich Rückert zu dieſem Werke entſchloß, war er vom Studium des Sanskrit voll⸗ ſtändig in Anſpruch genommen und, zu der Maske des Brahmanen greifend, verwertete er die Litteratur des Orients (Indiens, Perſiens, Arabiens, Paläſtinas) als Quelle für ſeine Weisheit; ja das Sanskrit nahm er ſich ſtellenweiſe auch ſprachlich zum Muſter, wodurch natürlich die Reinheit der Sprache in der Dichtung ſtark beeinträchtigt wurde. Zieht man nun in Betracht, daß auch die Litteratur des Weſtens— natürlich auch die deutſche— für das Lehr⸗ gedicht nicht unbenutzt blieb, daß es alſo ſeinen litterariſchen Quellen nach den Kulturvölkern Aſiens und Europas— der beiden wichtigſten Teile der alten Welt— gemeinſam angehört: ſo kann man ſich dem Gedanken kaum verſchließen, daß Rückert damit ſeine Idee von einer Weltpoeſie zu ver⸗ wirklichen ſuchte. Und zieht man ſchließlich in Betracht, daß die Hauptquelle des Dichters ſeine eigene reiche Lebens⸗ 14 Einleitung 2. erfahrung war, daß ſein Werk Zeugnis ablegt von deutſcher Gelehrſamkeit und Gründlichkeit: dann wird man nicht umhin können, dasſelbe als ein echt deutſches Lehrgedicht anzuerkennen. Die Lehren, welche dasſelbe enthält, umfaſſen faſt alle Gebiete oder Verhältniſſe des menſchlichen Lebens und kommen von einem gottesfürchtigen Manne, welchem das Wohl ſeiner Mitmenſchen am Herzen liegt. In Glaubens⸗ ſachen(ſ. u. II C 32—38) nimmt er einen Standpunkt ein, der ſich von dem Leſſings im Nathan kaum unter⸗ ſcheiden dürfte. Die Weisheit des Brahmanen enthält eine Unzahl“) von Gedichten in Alexandrinern, welche Rückert im allgemeinen Sprüche nennt, obwohl ihr Umfang ſehr ungleich iſt: die Zahl der Reimpaare ſteigt von 1, 2, 3, 4, 5 u. ſ. w. bis auf 48(Frankf. Geſamtausg. von 1882 Bd. VIII, S. 401 bis 404). Die Beſchäftigung mit dieſem umfangreichen, ge⸗ wiſſermaßen aus Bruchſtücken beſtehenden Werke iſt, wie ſchon oben angedeutet, nicht leicht. Zunächſt iſt dasſelbe kaum zu überſehen, und in keiner der 3 vorhandenen Aus⸗ gaben(ſ. die Anmk. auf S. 15) iſt etwas geſchehen, um dieſem Übelſtande abzuhelfen. Dazu kommt, daß die Sprüche teilweiſe nicht ſo ohne weiteres verſtändlich ſind, oder einander widerſprechen.“k) Schließlich haften der Sprache recht be⸗ denkliche Härten und Sonderbarkeiten an, an denen zum Teil, wie geſagt, Rückerts damalige Vorliebe für das Sanskrit ) In der urſprünglichen 6bändigen Ausgabe von 1836 bis 1839 ſtehen 2788 Sprüche; in der um 1076 Sprüche gekürzten ein⸗ bändigen von 1843(13. Auflage 1891) 1712; in dem 8. Bande der Frankfurter Geſamtausgabe von 1882 ſtehen 2717 Sprüche. Vgl. Fietkau„Die 3 Ausgaben von Rückerts Weisheit des Brah⸗ manen“, in der Feſtſchrift zu Schades 70 jährigem Geburtstage (Königsberg 1896. Hartung). S. 36 ff. *5) z. B. Nr. 204 und 205 in dieſer Auswahl; ſ. Anmerkung 225. Rückert ſpricht ſich darüber im 6. und 7. Spruche aus. Bgl. Koch, der deutſche Brahmane, S. 29. ch 106 Wi W 0 1 0 Rückerts Dichtungen. 3 ſchuld iſt. Es liegt alſo wohl auf der Hand, daß es Mühe koſtet, wenn man mit dieſer Dichtung bekannt werden will. Aber es lohnt der Mühe.„Kein Volk beſitzt in ſeiner weltlichen Litteratur einen ſolchen Schatz der Lebensweisheit, wie wir ihn an der Weisheit des Brahmanen haben. Ein Buch, in welches man mit den Jahren hineinwächſt. Die Weisheit eines tiefſinnigen Mannes, der, in die Geheimniſſe Gottes und der Natur ſich verſenkend, das Leben und Treiben der Menſchen liebevoll betrachtet; eines deutſchen Mannes, dem das lichthelle Gewand des Brahmanen wohl anſteht, das Sinnbild innerer Läuterung und Lauterkeit.“ (Suphan. Friedrich Rückert. S. 29/30.) Die Sprüche(207 an der Zahl), welche dieſe Aus⸗ wahl unter II Cals Proben aus der Weiheit des Brahmanen bietet, ſollen dem Leſer ein recht anſchauliches Bild von dem Original verſchaffen. Daher habe ich dieſelben möglichſt überſichtlich zu gruppieren geſucht. Diejenigen, welche über den Dichter und ſein Werk Aufſchluß zu geben geeignet ſind, ſtehen am Anfange unter der Überſchrift: a) Einführung. Die anderen ſind nach folgenden Geſichtspunkten geordnet: b) Gott(Religion, Glaube); e) die Welt; d) die Natur; e) der Menſch; t) Pädagogiſches; g) Lebensregeln; h) Ethiſches; i) Aſthetiſches; Y) Metaphyſiſches.“) Vom Original abweichend habe ich ferner die einzelnen Sprüche mit Über⸗ ſchriften(kurzen Inhaltsangaben) verſehen, um das erſtmalige Leſen und das Nachſchlagen zu erleichtern. *) In den beiden Ausgaben von 1836—1839 und von 1843 ſtehen die Sprüche in 20 namenloſen Gruppen oder Büchern. In dem 8. Bande der Geſamtausgabe von 1882 ſind ſie nach folgenden 12 Stufen geordnet: 1. Einkehr; 2. Stimmung; 3. Kampf; 4. Schule; 5. Leben; 6. Prüfung; 7. Erkenntnis; 8. Weltſeele; 9. Dämmer⸗ klarheit; 10. Vom Totenhügel; 11. Im Anſchauen Gottes; 12. Frieden.— In keiner der 3 Ausgaben iſt bei der Gruppierung die überſichtlichkeit genügend berückſichtigt worden. Vgl. Fietkau am angeführten Orte S. 40 ff. I. Gedichte deutſcher Art. A Epiſches. 1—5. Fünf Märlein zum Ginſchlüfern für mein Schweſterlein. I. Vom Büblein, das überall mitgenommen hat ſein wollen. Denk an! Das Büblein iſt einmal Spazieren gangen im Wieſenthal; Da wurd's müd gar ſehr Und ſagt: Ich kann nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Da iſt das Bächlein gefloſſen kommen Und hat's Büblein mitgenommen; Das Büblein hat ſich aufs Bächlein geſetzt Und hat geſagt: So gefällt mir's jetzt. Aber was meinſt du? Das Bächlein war kalt, Das hat das Büblein geſpürt gar bald; Es hat's gefroren gar ſehr, Es ſagt: Ich kann nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Da iſt das Schifflein geſchwommen kommen Und hat's Büblein mitgenommen; Das Büblein hat ſich aufs Schifflein geſetzt Und hat geſagt: Da gefällt mir's jetzt, Aber ſiehſt du? Das Schifflein war ſchmal, Das Büblein denkt: Da fall' ich einmal; Da fürcht' es ſich gar ſehr Und ſagt: Ich mag nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) 18 I. A Epiſches 1, 2. Da iſt die Schnecke gekrochen gekommen Und hat's Büblein mitgenommen; Das Büblein hat ſich ins Schneckenhäuslein geſetzt Und hat geſagt: Da gefällt mir's jetzt. Aber denk! Die Schnecke war kein Gaul, Sie war im Kriechen gar zu faul; Dem Büblein ging's langſam zu ſehr: Es ſagt: Ich mag nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Da iſt der Reiter geritten gekommen, Der hat's Büblein mitgenommen; Das Büblein hat ſich hinten aufs Pferd geſetzt Und hat geſagt: So gefällt mir's jetzt. Aber gieb acht! Das ging wie der Wind, Es ging dem Büblein gar zu geſchwind; Es hopſt drauf hin und her Und ſchreit: Ich kann nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Da iſt ein Baum ihm ins Haar gekommen Und hat das Büblein mitgenommen; Er hat's gehängt an einen Aſt gar hoch, Dort hängt das Büblein und zappelt noch. Das Kind fragt: Iſt denn das Büblein geſtorben? Antwort: Nein! Es zappelt ja noch! Morgen gehn wir'naus und thun's runter. 2. Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Es iſt ein Bäumlein geſtanden im Wald, In gutem und ſchlechtem Wetter; Das hat von unten bis oben I. A Epiſches 2. Nur Nadeln gehabt ſtatt Blätter: Die Nadeln, die haben geſtochen, Das Bäumlein, das hat geſprochen: Alle meine Kameraden Haben ſchöne Blätter an, Und ich habe nur Nadeln, Niemand rührt mich an; Dürft' ich wünſchen, wie ich wollt', Wünſcht' ich mir Blätter von lauter Gold. Wie's Nacht iſt, ſchläft das Bäumlein ein, Und früh iſt's aufgewacht; Da hat es ſdei Blätter fein, Das war eine Pracht! Das Bäumlein ſpricht: Nun bin ich ſtolz; Goldene Blätter hat kein Baum im Holz. Aber wie es Abend ward, Ging der Jude durch den Wald, Mit großem Sack und großem Bart, Der ſieht die gold'nen Blätter bald; Er ſteckt ſie ein, geht eilends fort Und läßt das leere Bäumlein dort. Das Bäumlein ſpricht mit Grämen: Die goldnen Blättlein dauern mich; Ich muß vor den andern mich ſchämen, Sie tragen ſo ſchönes Laub an ſich; Dürft' ich mir wünſchen noch etwas, So wünſcht' ich mir Blätter von hellem Glas. Da ſchlief das Bäumlein wieder ein, Und früh iſt's wieder aufgewacht: Da hat es glaſene Blätter fein, Das war eine Pracht! Das Bäumlein ſpricht: Nun bin ich froh; Kein Baum im Walde glitzert ſo. Da kam ein großer Wirbelwind Mit einem argen Wetter, I. A Epiſches 2. Der fährt durch alle Bäume geſchwind Und kommt an die glaſenen Blätter; Da lagen die Blätter von Glaſe Zerbrochen in dem Graſe. Das Bäumlein ſpricht mit Trauern: Mein Glas liegt in dem Staub, Die andern Bäume dauern Mit ihrem grünen Laub; Wenn ich mir noch was wünſchen ſoll, Wünſch' ich mir grüne Blätter wohl. Da ſchlief das Bäumlein wieder ein, Und wieder früh iſt's aufgewacht; Da hatt' es grüne Blätter fein, Das Bäumlein lacht Und ſpricht: Nun hab' ich doch Blätter auch, Daß ich mich nicht zu ſchämen brauch'. Da kommt mit vollem Euter Die alte Geiß geſprungen; Sie ſucht ſich Gras und Kräuter Für ihre Jungen; Sie ſieht das Laub und fragt nicht viel, Sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel. Da war das Bäumlein wieder leer, Es ſprach nun zu ſich ſelber: Ich begehre nun keine Blätter mehr, Weder grüner noch roter noch gelber. Hätt' ich nur meine Nadeln, Ich wollte ſie nicht tadeln. Und traurig ſchlief das Bäumlein ein, Und traurig iſt es aufgewacht; Da beſieht es ſich im Sonnenſchein Und lacht und lacht! Alle Bäume lachen's aus; Das Bäumlein macht ſich aber nichts draus. I. A Epiſches 2, 3. 24 Warum hat's Bäumlein denn gelacht Und warum denn ſeine Kameraden? Es hat bekommen in einer Nacht Wieder alle ſeine Nadeln, Daß jedermann es ſehen kann. Geh''naus, ſieh's ſelbſt, doch rühr's nicht an. Warum denn nicht? Weil's ſticht. 3. Vom Bäumlein, das ſpazieren ging. Das Bäumlein ſtand im Wald In gutem Aufenthalt; Da ſtanden Buſch und Strauch Und andre Bäumlein auch; Die ſtanden dicht und enge, Es war ein recht's Gedränge; Das Bäumlein mußt ſich bücken Und ſich zuſammen drücken; Da hat das Bäumlein gedacht Und mit ſich ausgemacht: Hier mag ich nicht mehr ſtehn, Ich will wo anders gehn Und mir ein Ortlein ſuchen, Wo weder Birk' noch Buchen, Wo weder Tann' noch Eichen Und gar nichts desgleichen; Da will ich allein mich pflanzen Und tanzen. Das Bäumlein, das geht nun fort Und kommt an einen Ort, In ein Wieſenland, Wo nie ein Bäumlein ſtand; Da hat ſich's hingepflanzt Und hat getanzt. A. ———.....————— Epiſches 3. Dem Bäumlein hat's vor allen An dem Crrtlein gefallen. Ein gar ſchöner Bronnen Kam zum Bäumlein geronnen; War's dem Bäumlein zu heiß, Kühlt' Brünnlein ſeinen Schweiß. Schönes Sonnenlicht War ihm auch zugericht'; War's dem Bäumlein zu kalt, Wärmt die Sonn' es bald. Auch ein guter Wind War ihm hold geſinnt, Der half mit ſeinem Blaſen Ihm tanzen auf dem Raſen. Das Bäumlein tanzt' und ſprang Den ganzen Sommer lang; Bis es vor lauter Tanz Hat verloren den Kranz. Der Kranz mit den Blättlein allen Iſt ihm vom Kopf gefallen; ie Blättlein lagen umher, Bäumlein hat keines mehr; einen lagen im Bronnen, andern in der Sonnen, andern Blättlein geſchwind Flogen umher im Wind. Wie's Herbſt nun war und kalt, Da fror's das Bäumlein bald; Es rief zum Brunnen nieder: Gieb meine Blättlein mir wieder, Damit ich doch ein Kleid Habe zur Winterszeit. Das Brfndlein ſprach: Ich kann eben Die Blättlein dir nicht geben; Ich habe ſie alle getrunken, Sie ſind in mich verſunken. ο D 5 D 2 2 3 I. A Epiſches 3. a kehrte von dem Bronnen Das Bäumlein ſich zur Sonnen: Gieb mir die Blättlein wieder, Es friert mich an die Glieder. Die Sonne ſprach: Nun eben Kann ich ſie dir nicht geben; Die Blättlein ſind längſt verbrannt In meiner heißen Hand. a ſprach das Bäumlein geſchwind Zum Wind: Gieb mir die Blättlein wieder, Sonſt fall' ich tot darnieder. Der Wind ſprach: Ich eben Kann dir die Blättlein nicht geben; Ich hab' ſie über die Hügel Geweht mit meinem Flügel. Da ſprach das Bäumlein ganz ſtill: Nun weiß ich, was ich will; Da haußen iſt mir's zu kalt, Ich geh' in meinen Wald, Da will ich unter die Hecken Und Bäume mich verſtecken. Da macht ſich's Bäumlein auf Und kommt im vollen Lauf Zum Wald zurück gelaufen Und will ſich ſtell'n in den Haufen. 's fragt gleich beim erſten Baum: Haſt du keinen Raum? Der ſagt: Ich habe keinen! Da fragt das Bäumlein noch einen, Der hat wieder keinen. Da fragt das Bäumlein noch einen; Es fragt von Baum zu Baum, Aber kein einz'ger hat Raum. Sie ſtanden ſchon im Sommer I. A Epiſches 3. Eng in ihrer Kammer; Jetzt im kalten Winter Stehn ſie noch enger dahinter. Dem Bäumchen kann nichts frommen, Es kann nicht unterkommen. Da geht es traurig weiter Und friert, denn es hat keine Kleider; Da kommt mittlerweile Ein Mann mit einem Beile, Der reibt die Hände ſehr, Thut auch, als ob's ihn frör'. Da denkt das Bäumlein wacker: Das iſt ein Holzhacker; Der kann den beſten Troſt Mir geben für meinen Froſt. Das Bäumlein ſpricht ſchnell Zum Holzhacker: Geſell, Dich friert's ſo ſehr wie mich Und mich ſo ſehr wie dich. Vielleicht kannſt du mir Helfen und ich dir. Komm, hau' mich um Und trag' mich in deine Stub'n, Schür' ein Feuer an Und leg' mich dran; So wärmſt du mich Und ich dich. Das deucht dem Holzhacker nicht ſchlecht, Er nimmt ſein Beil zurecht, Haut's Bäumlein in die Wurzel, Umfällt's mit Gepurzel; Nun hackt er's klein und kraus Und trägt das Holz nach Haus Und legt von Zeit zu Zeit In den Ofen ein Scheit. I. A Epiſches 3, 4. Das größte Scheit von allen Iſt uns fürs Haus gefallen; Das ſoll die Magd uns holen, So legen wir's auf die Kohlen; Das ſoll die ganze Wochen Uns unſre Suppen kochen. Oder willſt du lieber Brei? Das iſt mir einerlei. 4J. Der Spielmann. Der Spielmann ſtimmt ſeine Geigen Und ſpricht zu ihr: Du ſollſt dein Kunſtſtück zeigen, Komm, geh' mit mir! Der Spielmann geht mit ihr vor ein Schloß; 5 iſt Nacht, der Spielmann fiedelt drauf los. 32 Der Spielmann ſagt:'s iſt nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. Vor dem Schloß iſt ein Garten Mit Bäum' und Pflanzen; Die können die Zeit nicht erwarten Zu tanzen. Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß, Die Bäume tanzen alle drauf los. Der Spielmann ſpricht:'s iſt nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. Im Garten iſt ein Weiher, Darin ſind Fiſch'; Die hören auch das Geleier Und tanzen friſch; Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß, Die Bäum' und die Fiſche tanzen drauf los. Der Spielmann ſpricht:'s iſt noch nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. R I. A Epiſches 4. Im Schloſſe drin ſind Mäuſe, Der Spielmann ſpielt auf; Die Mäuſe hören leiſe, Sie wachen auf. Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß; Bäume, Fiſche und Mäuſe tanzen drauf los. Der Spielmann ſpricht:'s iſt noch nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. Im Schloß ſind Tiſch' und Bänke, Die werden wach, Sie kommen aus dem Gelenke Und tanzen nach. Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß; Bäume, Fiſche, Mäuſe, Bänke tanzen drauf los. Der Spielmann ſpricht:'s iſt noch nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. Sind denn keine Menſchen vorhanden? Der Spielmann ſpricht: Ich ſpiele mich ſchier zu Schanden, Sie hören nicht. Bäume, Fiſche, Mäuſe, Bänke tanzen drauf los. Wollen die Menſchen nicht aus dem Schloß? Der Spielmann ſpricht:'s iſt noch nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. Da wird das Schloß auf einmal ganz Lebendig, Es ſtellt ſich auf die Spitz' und tanzt Unbändig. Der Spielmann ſpielt, es tanzt das Schloß, Die Menſchen ſchlafen noch immer drauf los. Der Spielmann ſpricht:'s iſt noch nicht genug, Ich muß fiedeln noch einen Zug. Da tanzt das Schloß, bis in Stücken es geht Mit Krachen; Nun hören es endlich die Menſchen im Bett 0 K I. A Epiſches 4, 5. Und erwachen; Sie hören den Spielmann ſpielen vorm Schloß Und tanzen nun auch mit dem andern Troß. Der Spielmann ſpricht: Nun iſt es genug; Doch will ich fiedeln noch einen Zug. Warum denn noch einen? Wegen das Männleins in der Gans. Muß das auch an den Tanz? Wird gleich erſcheinen. 5. Das Männlein in der Gans. Das Männlein ging ſpazieren einmal Auf dem Dach, ei ſeht doch! Das Männlein iſt hurtig, das Dach iſt ſchmal; Gieb acht, es fällt noch. Eh' ſich's verſieht, fällt's vom Dach herunter Und bricht den Hals nicht, das iſt ein Wunder. Unter dem Dach ſteht ein Waſſerzuber,? Hineinfällt's nicht ſchlecht; Da wird es naß über und über, Ei, das geſchieht ihm recht. Da kommt die Gans gelaufen, Die wird's Männlein ſaufen. Die Gans hat's Männlein'nuntergeſchluckt, Sie hat einen guten Magen; Aber das Männlein hat ſie doch gedruckt, Das wollt' ich ſagen. Da ſchreit die Gans ganz jämmerlich; Das iſt der Köchin ärgerlich. Die Köchin wetzt das Meſſer, Sonſt ſchneid't's ja nicht: Die Gans ſchreit ſo; es iſt nicht beſſer, Als daß man ſie ſticht; Wir wollen ſie nehmen und ſchlachten Zum Braten auf Weihnachten. I. A Epiſches 5, 6. Sie rupft die Gans und nimmt ſie aus Und brät ſie, Aber das Männlein darf nicht'raus, Verſteht ſich. Die Gans wird eben gebraten; Was kann's dem Männlein ſchaden? Weihnachten kommt die Gans auf den Tiſch Im Pfännlein; Der Vater thut ſie'raus und zerſchneid't ſie friſch. Und das Männlein? Wie die Gans iſt zerſchnitten, Kriecht's Männlein aus der Mitten. Da ſpringt der Vater vom Tiſch auf, Da wird der Stuhl leer; Da ſetzt das Männlein ſich drauf Und macht ſich über die Gans her. Es ſagt: Du haſt mich gefreſſen, Jetzt will ich dafür dich eſſen. Da ißt das Männlein gewaltig drauf los, Als wären's ſeiner ſieben; Da eſſen wir alle dem Männlein zum Trotz. Da iſt nichts über geblieben Von der ganzen Gans als ein Tätzlein, Das kriegen dort hinten die Kätzlein. Nichts kriegt die Maus; Das Märlein iſt aus. Was iſt denn das? Ein Weihnachts⸗Spaß. Aufs Neujahr lernſt Du, was? Den Ernſt. 6. Die Niren.“ Die Nixen han im Fluß viel Fiſch', Doch wollen ſ' Fleiſch für ihren Tiſch. I. A Epiſches 6. Ein Nixlein hätt' auch Fleiſch gewollt, Doch fand's in ſeinem Fluß kein Gold. Da nahm's vom Karpfen Schuppen blank, Trug ſie ins Dorf zu Metzgers Bank. Er ſtrich für bare Münz' es ein Und fand die Schuppen hinterdrein. Und als es ihm dreimal war geſchehn, Da mußt' er's ſeiner Frau geſtehn. Da ſprach das Weib zum Metzger ſchlau: Das thut gewiß die Waſſerfrau. Drauf als das Nixlein wieder kam, Der Metzger ſcharf ins Aug' es nahm. Da war ſie rings am ganzen Leib Gethan als wie ein andres Weib; Nur hinten ihres Rockes Saum War wie getaucht in Waſſerſchaum. „Nun, fremdes Weiblein, tritt heran, Daß ich dein Fleiſch dir hauen kann.“ Sie wirft die Schuppen auf den Tiſch Und greift nach ihrem Fleiſche friſch. Doch eh' ſie recht es angepackt, Iſt ihr der Finger abgehackt. Ihr Blut beſpritzt die Metzgerei, Und ſie erhebt ihr Wehgeſchrei. Und aus der Flur und aus dem Wald Erklingt es wieder tauſendfalt. Die Nixen kommen all' herbei Und fragen, was geſchehen ſei. Und als ſie's ihnen kund gethan, Da heben ſie ihr Weſen an. Da wird dem Metzger ſchlimm zu Mut Vor dem vergoßnen Nixenblut. Sie ziehn einher aus Fluß und Bach Mit ihren Wogen tauſendfach. Sie wollen all' mit ihrer Flut Aufwaſchen ihrer Schweſter Blut. „ I. X Epiſches 6, Da waſchen ſie ſolang' ums Haus, Bis es zerfällt in Schutt und Graus. Sie waſchen ums ganze Dorf ſolang', Bis das Waſſer es gar verſchlang. 7. Die Rieſen und die Zwerge.“ Es ging die Rieſentochter, zu haben einen Spaß, Herab vom hohen Schloſſe, wo Vater Rieſe ſaß. Da fand ſie in dem Thale die Ochſen und den Pflug, Dahinter auch den Bauern, der ſchien ihr klein genug. Die Rieſen und die Zwerge! Pflug, Ochſen und den Bauern, es war ihr nicht zu groß, Sie faßt's in ihre Schürze und trug's aufs Rieſenſchloß. Da fragte Vater Rieſe: Was haſt du, Kind, gemacht? Sie ſprach: Ein ſchönes Spielzeug hab' ich mir hergebracht. Die Rieſen und die Zwerge! Der Vater ſah's und ſagte: Das iſt nicht gut, mein Kind! Thu' es zuſammen wieder an ſeinen Ort geſchwind! Wenn nicht das Volk der Zwerge ſchafft mit dem Pflug im Thal, So darben auf dem Berge die Rieſen bei dem Mahl. Die Rieſen und die Zwerge! 8. Der Alpenjäger.“ An der Felſenſtirn, der ſchroffen, Klimmt empor des Jägers Mut, Durſtbegierig, ſchweißumtroffen, Nach des Klippenvolkes Blut: Über ihm durch Sturz und Steile Flieht der Gemſen ſcheue Eile. Wie die Blick' ihm höhwärts fliegen Und die Tiefen keiner mißt, Hat er bald ſich hin verſtiegen, —2 I. A Epiſches 8. Wo herab kein Rückweg iſt; Grauſend rings an glatten Wänden Sieht er Pfad und Hoffnung enden. Da, wie Schwindel ihn umgrauſet, Ruft in der Verzweiflung Wahn Er den, der im Felsſchloß hauſet, Er den Geiſt des Berges an; Eh' er fühlt, was er begonnen, Iſt ſein Sinn in Angſt zerronnen. Doch den Ruf vernehmend, nahet, Leiſe wandelnd wie ein Wind, Sich der Berggeiſt und umfahet Das verzagte Menſchenkind; Aus den Höh'n auf leichten Han Trägt er ihn zu ebnen Landen. Drunten an der Quellen Borne Wacht er ſtaunend auf und ſchaut Über ſich die Daß er kaum dem Auge traut.— Sei mit deinem Glück zufrieden, Dank' dem Geiſt und bleibe nieden! Doch er hebt die Waff' in Händen, Die vor ihm am Boden ruht: Sollſt du heut' nach Haus dich wenden, Ungeletzt von Gemſenblut? Plötzlich, weh! von Pfeil und Bogen Wird er wieder fortgezogen. Und auf ſchon erklommnen Pfaden Klimmt er noch einmal empor Und verlieret dort den Faden, Wo er erſt ihn auch verlor; Wieder vor den Felſenpforten Weg⸗ und ratlos ſteht er dorten. Doch zum Geiſte voll Vertrauen Kehrt er ſich in ſeiner Not; I. A Epiſches 8, 9. Kann er vor dem Helfer grauen, Der ſchon einmal Hilfe bot? Der mich trugſt zu ſanftem Bette, 1 1 Komm auch itzt, o Geiſt, und rette Da mit furchtbar lautem Krachen Thut ſich auf das Felſenthor; Und zu dem verwegnen Schwachen Tritt der Geiſt, den er beſchwor; Er halb hoffend, halb erſchreckend, Steht, nach ihm die Händ' ausſtreckend. Aber wie der Geiſt im Grimme Seines Mundes Odem hebt, Eh' der Odem wird zur Stimme, Faßt er jenen ſchon, der bebt, Und zum Abgrund zwiſchen Zacken Stürzt ſein Hauch des Frevlers Nacken. Nicht für des Getäubten Ohren, Für den offnen Felſenſchlund Tönt des Geiſtes Stimme: Thoren! Mit den Geiſtern iſt kein Bund. Geiſter retten, wo ſie wollen; Stürzen, wo ſie retten ſollen. 9. Lohn der Freigebigkeit. Unterm Baume ſtand der Knabe, Reichte nicht bis an den Aſt, Bettelte um eine Gabe Von der Zweige reicher Laſt. Und der Baum begann zu regen Seinen Wipfel leiſ' im Wind, Schüttelt einen Apfelregen Nieder dem erſtaunten Kind. Was es eſſen konnte, aß es, Alles eſſen konnt' es nicht. J. AX Epiſches 9, 10. Aber ſchon ſo viel beſaß es, Daß ihm noch viel mehr gebricht. Einen Apfel wirft zum Spiele Es dem Geber ins Geſicht; Freut ſich, daß er dort vom Stiele Einen reifen Bruder bricht. Und ſo viel als niederfallen, Schleudert er hinauf und treibt Es ſo lange, bis von allen Früchten keine droben bleibt. Was der kahle Baum nun denket? Zürnend wieget er das Haupt: Weil ich dir zu viel geſchenket, Haſt du alles mir geraubt. 10. Herr Malegis.“ Zu Montalbanoss Felſenneſte Zog König Karl im Grimm heran, Und hart umlagert er die Fefte Von hier und dort mit Roß und Mann. Doch unerſtiegen, unbeſieget, Trotzt ſie des Königs argem Mut, Und hoch im ſichern Horte lieget Der Haimonskinders ſtolzes Blut. Die hohen Zinnen zu erklettern, Stürmt fort und fort die kecke Schar, Doch ſchwere Felſentrümmer ſchmettern Sie in die Tiefe immerdar. Allein ſo leichten Kampf zu führen, Iſt nicht der ſtolzen Brüder Art; Es ſprach der jüngſte von den vieren,“ Gelehnet auf ſein Roß Bajart:s Soll ich im Hinterhalte lauern, Mich ducken als ein feiger Mann? Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) I. A Epiſches 10. Ich will hinaus aus dieſen Mauern, Wo ich mein Streitroß tummeln kann. Den Karl, den ich nach Herzenslüſten Schon dreimal ſchlug im offnen Feld, Der ſoll ſich nicht des Ruhmes brüſten, Daß er mich hier gefangen hält! Er ſprach's, und wie des Herren Stimme Bajart, das ſtolze Roß, gehört, Laut wiehert es und ſtampft im Grimme, Weil es, wie er, der Schlacht begehrt. Und ſchon ſtürmt Reinold nach den Pforten Und ſpornt ſein Roß in ſchnellem Lauf, Da hält mit wohlbedachten Worten Herr Malegis“ den Ritter auf. Herr Malegis, der mit dem Stabe Der Geiſter weites Reich bewegt, Die Toten auf aus ihrem Grabe Und Stern' aus ihren Angeln regt. „Dich hat dein kühner Mut bethöret, Viel tauſend Speere drohen dir; Die Freiheit, die dein Herz begehret, O Ritter, nimmſt du nur von mir. Bald ſollſt du dich zu Roſſe ſchwingen Und wieder kämpfen in der Schlacht; Heut' wird dir nicht der Sieg gelingen, Den mir die Sterne zugedacht.“ Er ſpricht's, und ſtaunend an der Stelle Läßt er ihn angewurzelt ſtehn; Die Sonne taucht ins Meer, und helle Die Stern' herauf am Himmel gehn. Da hebt die alten Zauberkünſte Herr Malegis zu üben an; Zwei Geiſter nahn zu ſeinem Dienſte, Mit blaſſem Mondſchein angethan, I. A Epiſches 10. Den blanken Wunderſtab erhebend, Ruft er Befehl den Geiſtern zu; Sie beugen ſich dem Stabe bebend Und eilen willig fort im Nu. Und fliegen durch des Feindes Hütten Und ſtreuen tiefen Schlummer aus Und kommen mit behenden Schritten Getreten in des Königs Haus. Und nahn im ſchmucken Dienerkleide Mit leiſen Tritten ins Gemach, Wo auf dem Bett von weicher Seide Herr Karl in ſüßem Schlummer lag. Und tief zur Erde ſich verneigend, Sie ſich des Königs Bette nahn; Der eine ſteht und neigt ſich ſchweigend, Der andre hebt die Botſchaft an: „Der edle Reinold läßt Euch grüßen— Er trägt mit Würden Euer Lehn; Herr König, laßt's Euch nicht verdrießen, Mit uns zu ſeinem Mahl zu gehn. Er hat die Braut ſich heimgeführet, Die Gäſte warten ſchon im Saal: Kommt, daß Ihr ſelbſt den Brautgang zieret Und ſitzet obenan beim Mahl!“ „Wer aber wird den Weg mir zeigen?“ Ruft Karl im Wahn des Traumes aus; Und jener ſpricht mit tiefem Neigen: „Wir bringen ſicher Euch zum Schmaus.“ Sie hüllen ihn in Gold und Seide Und ſetzen ihm aufs Haupt die Kron'; Und ſo in fürſtlichem Geſchmeide Sie tragen ihn im Flug davon. Sie tragen durch die Luft ihn eilig, Wie es der Meiſter anbefahl, I. A Epiſches 10. Und ſetzen auf der Burg getreulich Ihn nieder in dem Ritterſaal. „Willkommen, Herr, zu unſerm Feſte,“ Ruft Malegis dem König zu; „Bald kommt die Schar der Hochzeitsgäſte, Pflegt Ihr indeſſen hier der Ruh'!“ Und von dem Stabe leiß' berühret, Sinkt er noch tiefer in den Traum: Der Wundermann zum Bett ihn führet Und ſtreckt ihn ruhig auf den Flaum. Doch wie der erſte Strahl der Sonnen Zum matten Aug' des Königs dringt, Schnell iſt der ſchwere Traum zerronnen, Der König auf vom Lager ſpringt. Er ſtarret an die fremden Wände, Er ſtarrt die eignen Kleider an Und ahnet faſt die Zauberhände, Die ſolchen Schimpf ihm angethan. Und eh' ſein Staunen noch ſich endet, Hört er die Flügelthüre gehn, Und wie er nach ihr hin ſich wendet, Sieht er die Haimonskinder ſtehn. Sie treten durch die Flügelthüre Herein ins Zimmer, Mann für Mann, Und nahn dem König, alle viere, Der ſtolze Reinold geht voran. Ehrfürchtig nahen ſich die Brüder, Eh'r Bittenden als Feinden gleich; Sie beugen ihre ſtolzen Glieder Und knie'n vorm König allzugleich. Und mit emporgehobnen Händen, Bezähmend ſeinen ſtolzen Mut, Will Reinold ſich zum König wenden Mit ſolchen Worten ſanft und gut: I. A Epiſches 10. „O Herr und König, dir zu Füßen Siehſt du uns allzumal bereit, Den ſtolzen Übermut zu büßen, Der uns ſo hart mit dir entzweit. O laß dich unſer nun erbarmen Und hemme deiner Rache Lauf; Nimm uns, o Herr, zu deinen Armen Als treue Diener wieder auf!“ Er ſpricht's, doch eh' er noch geendet, Hat mit entrüſtetem Geſicht Herr Karl von ihm ſich abgewendet Und würdigt ihn der Rede nicht. Und Reinold fleht und bittet wieder, Bezähmend ſeinen ſtolzen Mut, Und mit ihm bitten alle Brüder Und flehn mit Worten ſanft und gut. Nichts aber kann den König beugen, Er ſchaut die Ritter finſter an Und ſchweigt, und dann nach langem Schweigen Er ſo das ſtolze Wort begann: „Wo habt ihr ſolchen Mut genommen? Weil durch des Zaubrers argen Streich Ich hier in eure Macht gekommen, Verwegne, das verſichert euch? Doch nimmermehr ſoll's euch gelingen, Durch arge Liſt und Hochverrat Von König Karlen zu erzwingen, Was er euch frei geweigert hat.“ Da ſprangen auf die ſtolzen Brüder, Wie ſie des Königs Starrſinn ſahn; Sie ſchauten auf und ſchauten nieder Und ſchauten wild einander an. Doch wie ſie ſtanden finſtern Mutes, Da trat Herr Malegis herzu; 7 I. A Epiſches 10. Er kann das Wogen ihres Blutes Mit Worten ſänftigen im Nu: Schlecht wird die Müh' mir wohl vergolten, Die mir des Königs Fahrt gemacht; Doch nicht, daß wir ihn zwingen ſollten, Hab' ich den König hergebracht. Drum trauet meinem Wort, ihr Brüder, Das niemals noch als Trug erſchien; So wie er kam, ſo ſchickt ihn wieder Und laßt ihn frei von dannen ziehn. Und beugt gehorſam, unterthänig Euch eurem Herren, wie ihr ſollt; Es trag' ein Roß hinab den König, Ein edles Roß, geſchmückt mit Gold. Er wird es ſchnell zurück euch ſenden Aus Scheu vor meiner Zaubermacht, Und alles wird für euch ſich wenden Zum beſten, wie ich's ausgedacht.“ Sie folgen zögernd ſeinem Worte Und rüſten ihm ein edles Roß; Dem König öffnet ſich die Pforte, Schnell eilt er von der Feinde Schloß— Und eilet zu den Seinen nieder. Kaum aber iſt der König dort, So ſendet er zur Feſte wieder Herrn Roland mit dem Roſſe fort. Und zu des Grafen Seite wallet Auch ein Drommeter mit hinan; Wie hell der Friedenston erſchallet, Sind ſchnell die Pforten aufgethan. Doch Roland ſteigt vom Roſſe nieder Und giebt die Zügel aus der Hand, 0 Umfängt mit ſeinem Arm die Brüder Und ſpricht von dem, der ihn geſandt: 3.— I. X Epiſches 10, 11. „Der König läßt viel Heil euch melden, Sein Groll hat endlich ſich verzehrt; Mit Frieden will er's euch vergelten, Daß ihr als König ihn geehrt. Was ihr im ſtolzen Mut vordeſſen Unziemliches an ihm gethan, Es ſei verziehen und vergeſſen, Und Fried' und Eintracht ſei fortan. Wohlan, ſo laßt es euch gefallen, Zieht mit hinunter allſogleich, Daß er vor ſeinen Rittern allen Empfah' als Ohm und König euch.“ 1I. Rodach.“ Lege die zierlichen Finger, o du mir dienſtbare Muſe, Die zu ſingen du nicht, aber zu ſchreiben verſtehſt, Lege die zierlichen Finger der Hand an die ſpitzige Feder, Die den Fittichen iſt krächzender Raben entrupft! Ihr zwieſpaltiger Tritt, glattfeldige Blätter bewandlend, Werde, geführt von dir, ſelber ein leiſer Geſang. Tauch' in die Schwärze der Flut den durſtenden Schnabel bedächtig, Daß er nicht, ſaugend zu viel, einem Betrunkenen gleich, Taumelig überſprudle, den reinen Boden beſudelnd Dieſes geweihten Papiers; lehre den Kiel du vielmehr, So mit ſicherem Wurfe dahinſtreun leichter Gedanken Bildungen, daß kein Wort brauche den beſſernden Strich. Denn ein reinlichſtes Bild, mit treffendſten Zügen entworfen, Soll mir ein Haushalt hier werden der freundlichſten Art, Den kein Fleckchen entſtellt, verunziert nirgend ein falſches Strichelchen irgend wie klein; welcher im ruhigſten Gang Wiederkehrender Rhythmen dahin fließt ſtill harmoniſch: Alſo laſſe du hin fließen von ihm das Gedicht!— In der Mitte von zwei herzoglichen Hof-Reſidenzen,s Die von einander ſo weit oder ſo nahe vielmehr, I. 4 Epiſches 11. Daß, wenn hier von der einen, nach eingenommenem Frühſtück, Nicht zu langſamen Schritt hebet ein wandernder Mann, Er zum Thore der andern gelangt dort, wenn von dem Turme Ladet Hungernde mittägliches Glockengeläut; Liegt, gleich weit von beiden, ein Städtchen zwiſchen den Städten, Das Urſache nicht hat, neidiſch auf eine zu ſein. Denn, wenn irgend was Hohes, Bedeutendes nimmt von der einen Stadt zur andern den Weg, muß es das Städtchen hindurch. Und wenn irgend was Schönes und Feſtliches ſoll in der einen Oder der andern geſcheh'n, hört es das Städtchen denn auch Und kann gehn zu der Stadt. Doch eigentümlich im Städtchen Sind Vorzüge daheim, welche nicht gehn zu der Stadt. Preiſen will ich hier nicht die Behaglichkeit oder die Stille, Oder die freiere Luft oder den freieren Sinn; Sondern die Fluren umher, die fruchtbaren, die es umgeben, Sind der eigenſte Schatz, den es beſitzt und benutzt. Denn, wenn nahend vielleicht den fürſtlichen Sitzen, der Wandrer Schlöſſer ſiehet und Dach leuchten in hellerem Glanz; So hier ſieht er dagegen, den letzteren Hügel beſteigend, Der ihm das Städtchen entdeckt, glänzen ein dunkleres Grün, Das ſchon fern ihm verkündet die Üppigkeit, bis er, genaht nun, Mißt den Klee mit den Knie'n und mit dem Haupte das Korn. Ja ſo, ſcheint es, erwählte zum Lieblingskinde der Himmel Dieſen geſegneten Gau unter den Nachbarn umher, Daß, ſoweit umreichend des Weichbilds Grenz' in die Rundung Sich ausbreitet, ſo weit breitet die Fülle ſich auch, Und da, wo ſich ihm ſchließen die Markungen, ſcheinet die Erde Auch zu ſchließen zugleich ihren geſegneten Schoß; Und die fruchtbare Schwärze des Erdreichs läuft von der Mitte Spröd in bläulichen Kies gegen die Enden hinaus. Alſo reichliche Quellen des himmliſchen Überfluſſes Strömen auf dieſes Gebiet; aber der irdiſche Fluß, Der durchhin ſich ſchlängelt, ein winziger, nennet ſich Rodach, Der Taufpate der Stadt, welcher den Namen ihr lieh I. X Fyiſches 11. Solche Veranſtaltungen erfreulicher Lebensgenüge Hat ein gütiger Gott hier mit verſchwenderiſchen Händen gemacht und darein als fruchtbaren Baum in die Mitte Seines Gartens gepflanzt einen geſegneten Mann. Reich in ſich, in den reichen Umgebungen wohnet der Ober⸗ Geiſtliche? dieſes Bezirks, welchen die Muſe beſingt. Ihn zu vergleichen mit dir,!10 ehrwürdiger Pfarrer von Grünau,11 Dient zum Ruhme dir ſelbſt, ſowie zur Schande nicht ihm. Aber du biſt ein Gebilde poetiſcher Schattenbelebung, Er, ein lebender Mann iſt er und doch ein Gedicht. Nicht im ländlichen Hofe die Herd' allein und den Hirten, Auch die fürſtlichen Höf' hat er, die nahen, geſehn. Und noch oft, wo dahin ihn Zufall oder Beſtimmung Führt, mit Freundesempfang ehret ihn Fürſtin und Fürſt. Doch nicht ſuchet er das, im eigenen Kreiſe der Wirkung Bleibt er lieber daheim, ſelber ein geiſtlicher Fürſt. Ja, ob Hand ihm und Haupt nicht Biſchofsmütze noch Krummſtab Schmückt, in der Einfalt Schmuck iſt er nicht minder geehrt. Denn ihm wohnen umher Landgeiſtliche, die, als der Kirche Unterhirten beſtellt, folgen als Oberem ihm; Dreifach hoch ihn zu halten bedacht, wie's äußerer Würde, Wie es innerem Wert, wie es dem Alter gebührt. Oftmals ſchicken dieſelben die rollenden Kutſchen des Landes In das Städtchen herein, jeder am eig'nen Tag, Ihn zu tragen hinaus zu den altherkömmlichen Schmäuſen, Die auf den Pfarren veranlaſſet ſein feierlicher Kirch⸗ und Schulenbeſuch. Dann folgt auf Stunden des ſtrengen Ernſtes am Abendtiſch eine der heiteren Luſt; Die wohl darf von der Stirne des Sinnens Falten verwiſchen, Aber nimmer aus ihr rauben Beſinnung und Sinn.— Laßt uns preiſen den Mann, der nach Maßgabe des Standes, Den mit Gott er gewählt und nach des Herzens Beruf, I. A Epiſches 11. Solche Staffel erſtiegen hat ausgezeichneter Ehren, Wo ſtehn bleiben er darf, weiterem Streben entrückt! Wer dem Geſetze ſich weiht und dem Recht, ein Jünger der Themis, Werde Miniſter des Staats oder doch wirklicher Rat, Daß in die künſtlichen Fugen verwickelten Menſchenvereines Er eingreife geſchickt, fördernd mit ſicherer Hand. Wer den Degen ergreift, den gewaltſamen, bahne die tauſend Rangordnungen hindurch zum General ſich den Weg; Der, als oberſtes Haupt, die eiſernen Arme der Volkskraft, Die ſich entgegen dem Feind ſtrecken, zum Siege bewegt. Wer die dunkelen Felder betritt asklepiſcher Heilkunſt, Stelle ſich als Leibarzt nächſt an des Fürſten Perſon; Daß, ein Gefahrenbeſchwörer, er über das teuere Leben Wach', an welches geknüpft tauſend geringere ſind. Doch, wem Geiſter des Friedens das Herz zur Gottes⸗ gelahrtheit Neigten von Jugend auf, wandle die Wege des Heils, Vom Hofmeiſter beginnend, durch dörfliche Predigerämter, Bis Superintendent irgend ein Städtchen ihn grüßt. Denn in der Stadt am Hof will neuzeitgeiſtliche Bildung Lieber im Schauſpielhaus beten, wo Lüge ſich ſchmückt, Als in der Kirche, der ſchlichten; nur noch für ländliche Einfalt Iſt die Kanzel erhöht, Bühne des Höchſten zu ſein. Wie glückſelig der Mann, dem ſtädtiſche Sinnesverkehrtheit Nicht zum Steine des Anſtoßes auf jeglichem Schritt Wird in des heiligen Amts Ausübungen; welcher den Samen Seiner Lehren getroſt kann auf empfänglichen Grund Streun am ſiebenten Tage, wie ſein Zuhörer, der Sämann, An den ſechſen der Woch' ihm es zuvor hat gethan! Wohlehrwürdig wie keiner erſcheint er, wenn er mit Stimmen Heller Glocken zu ſich ſeine Gemeinde beruft; Wenn, des Geſchäftes entbunden, ſie nahn in reineren Kleidern, Um vor Gott zu empfahn Reinigung auch des Gemüts Wenn die Klänge der Orgel, die Töne des Menſchengeſanges Wie ein rauſchendes Meer wogen im Hauche des Herrn; 22 I. Drauf urplötzliche Stille vom Himmel fällt, und das Meer ſchweigt, Und im Tempel gehört nichts als das einzige Wort Wird des Dieners des Herrn, des Verkündigers ſeiner Gebote; Dem das Amt iſt verliehn unter des heiligenden Geiſts Einfluſſe, der Schriften geoffenbartes Geheimnis Auszulegen dem Volk und ihm zu deuten den Weg, Wie unſträflich es wandle die Pfade des Heils und des Friedens, Und am beſſeren Teil Schaden nicht nehm' auf der Fahrt. Der hat völlig erkannt die Würde des hohen Berufes, Wer Seelſorger zuerſt ſich vor der Welt hat genannt; Wenn für die himmliſchen Bürger auf irdiſcher Reiſe die Seelen, Höchſte Beſeligung ihn, ſelige Sorge beſeelt. Feierlich ſtehet er da, gleich am Eingange des Lebens; Meldet ein Pilger ſich an, nimmt er ihn ſanft in Empfang, Führet den Neuankömmling, mit heiliger Flut ihn beſprengend, Reinigend ein ins Haus, in die Gemeine des Lichts; Ladet den durſtenden drauf und hungernden Gaſt zu des Bundes Mahle, wo Gott zum Trank ſelbſt und zur Speiſe ſich giebt; Legt die Hand ihm vermählend in die von einem Genoſſen, Daß nun auch er den Kelch leere des ehlichen Glücks; Und wann endlich zu Schlaf ſich und Ruh der geſättigte Gaſt neigt, Steht er am Grab' und ſchließt Pforten des Himmels ihm auf. So hoch ſtehet der Mann, der mitten im Erdegetümmel Frieden aus himmliſchen Höhn ruft auf die Geiſter herab; Der bei jeglichem Schritte dem Wanderer tritt an die Seite, Ihm auf ſchwieriger Bahn bietet Belehrung und Rat, Ihn von der Wiege zu Grab', durch alle Geſtalten des Lebens, Leitet, in Weh und Luſt, milde, behutſam und ernſt. Aber gewichtiger hat auch den gottverliehenen Einfluß Nie ein anderer Mann auf die Gemeinde benutzt, Seinen gezeichneten Kreis mit gereifterem Wirken erfüllend Und mit gedeihenderem Eifer des Guten als du,!“ Trefflicher, welchen ich preiſe. Der Herr durch längere Dauer Hat dir des wirkſamen Amts Wirkungen erſt noch erhöht. I. 4 Epiſches 11 Ein ganz neues Geſchlecht, dir unter den Händen geboren, Haſt allmählich du dir ſelber gezogen heran, Und dir zu ſie gebildet, daß alle wie Kinder die Lehren Ihres Vaters verſtehn und ſie befolgen dazu. Dafür wohnt auch die Kraft der Beredſamkeit dir auf der Lippe, Und die Fülle der Bruſt ſtrömet in Worte ſich aus, Stark, einfältig und edel. Nicht zierliches Rednergeſchnitzel, Logiſches Brettergerüſt, gliedriges Chriengeripp,12 Wortegebälk, nach der Schul' Einteilungsgründen gezimmmert, Das nur die Ohren verbaut, ſperret zum Herzen den Weg; Sondern Gedanken des Lebens, im lebenden Leibe des Wortes, Veder nackt noch verſchmückt, ſtellſt du dem geiſtigen Blick Deiner Verſammlung dar, ſie mit doppelter Kraft anfaſſend, Daß ſich erbaut das Gemüt fühlt, und belehrt der Verſtand. Recht als ein Hirt in Wahrheit erſcheineſt du, welchen der 0 Herr hat Über die Herde geſetzt, welche dir willig gehorcht, Die du mit Freude geleiteſt zu Waſſerbächen des Glaubens Und zu Triften der Gottſeligkeit führeſt mit Luſt. Aber es hat zu den Hürden, darein du die Deinen ver⸗ ſammelſt, Gott ein eigenes Haus dir auch in Frieden beſtellt, Hirtlich fromm und darein das Glück dir gegeben als Hausrat, Und an die Wänd' als Schmuck jede verſchönernde Kunſt.— Einſt, als ein Neugeborner in erſter Wiege du lageſt, Und dein Genius ſtumm wiegend zu Haupte dir ſaß, Traten zu dir von dreien verſchiedenen Seiten heran drei Frauengeſtalten; es trat eine der Wiege zu Fuß, Und zur Rechten die andre, die andre trat zu der Linken, Und zum Genius hob eine nach anderer an: Ich bin die Malerei; gieb, Genius, gieb mir den Knaben, Daß ein Zögling er mir werd' und ein Meiſter dereinſt. Völlig will ich ſein Leben mit farbigen Bildern umweben, Bis als Schatten im Bild ſanft ihm erſcheine der Tod. Ich bin geheißen Muſik; gieb, Genius, gieb mir den Knaben; Meine Schätze für ihn hab' ich zum Erbe beſtimmt. —— —— I. A Epiſches 11. 45 Völlig will ich ſein Leben mit tönenden Klängen umweben, Bis er als letzten Accord höre der Engel Geſang. ichtkunſt bin ich genannt; gieb, Genius, gieb mir den Knabenz Dienerin will ich ihm heut, morgen Gebieterin ſein. Völlig will ich ſein Leben mit geiſtigen Träumen umweben, Bis er, zum letzten Schlaf gehend, von Träumen erwacht. Aber der Genius ſprach zu den Streitenden: Reizende Schweſtern! Welcher nun ſoll ich das Kind geben und welcher entziehn? Weil es jede verlangt, ſoll keine von euch es erhalten; Ich behalt' es für mich, aber vernehmt den Beſcheid! Ofter ſchon iſt es geſchehn bei reicheren Taufen, daß eine Wieg' umſtanden vereint viele Gevatterinnen, Jede mit einem Geſchenk; ſo bitt' ich denn euch zu Gevatter Samt und ſonders hiemit, denket aufs Wiegengebind; Gebt, ſoviel euch beliebt, ein mäßiges Teil von dem Euren! Kein Vernünftiger heiſcht Schätze zum Patengeſchenk. Selber hab' ich die Pfunde gerüſtet ſchon, welche dem Kinde Dienen zum Unterhalt künftigen Lebensbedarfs. Aber als Schmuck und fröhliches Spiel in müßigen Stunden Nehm' er dann euer Geſchenk, eins nach dem anderen vor; Wie ein verſtändiger Mann den güldenen Patenpfennig Wohl aus der Truh' einmal holt und ihn lächelnd be⸗ ſchaut.— Und ſo iſt es geſchehn, der Genius hat auf dem ernſten Pfade des Kirchenberufs dich zu dem Ziele geführt. Doch von ferne dir nach ſind ſtets drei Künſte geſchlichen, Die mit wechſelndem Glück oft um dein Lächeln gebuhlt. So, von Farben zu Tönen, von beiden zum Reimſpiel gleitend, Haſt du dich anſpruchlos leichten Erfolges gefreut, Mit dreifältiger Künſte Verſchlingungen reich und behaglich Schmückend eigenes Haus und den umgebenden Kreis. Wenn in ſolcher Verſchränkung die untergeordneten Künſte Weniger konnten hinausgreifen ins Weite der Welt; Iſt für die Welt wohl ein Künſtlertalent verloren gegangen, Doch gewonnen dadurch iſt dir ein doppeltes Glück. S D 46 I. 4 Epiſches 11. Denn die Kunſt iſt zu arm, ein ganzes geopfertes Leben Zu bezahlen durch Ruhm oder den Stolz des Gefühls. Als Beigabe des Lebens, als äußerer Zierat, erfreut ſie; Aber des Lebens Kern bleibet das Leben allein. Nur der Menſch doch allein iſt menſchlichſtes Menſchenerzeugnis, Nur auf ſinnlichem Weg' pflanzt ſich das Geiſtigſte fort. Maler und Dichter vermag nie ein ſo lebendes Abbild Darzuſtellen der Welt, wie es im Kinde geſchieht. Die Kunſtſchöpfungen hat dir die liebende Gattin geboren; Als ſie zum Himmel entwich, ließ ſie die Bilder dir da. Einige haſt du verſammelt um dich, wie in eigener Werkſtatt Auch der Künſtler ein Bild wahret, ſich ſelber zur Luſt. Einige haſt du geſchickt in die Welt, wie aus eigener Werkſtatt Schickt nach Ruhm und Verdienſt Künſtler die Bilder hinaus. Kräftig entſproſſene Söhne ſind Heldengedichte zu nennen; Doch wie ein Lehrgedicht kündet der eine ſich an. Auch zu Trauergedichten gemacht hat Tod dir die einen, Aber als Freudengeſang wandeln die anderen fort. Uber Berge dahin, ſelbſt über Meere gewandert Sind ſie, die Werke, wodurch auch in die Ferne du wirkſt. Doch als idylliſche Kränz' als lyriſche Blumen der Liebe, Blüh'n im Hauſe dir fort Töchter und Enkelinnen, So durch einander geflochten in dichteriſch holder Verwirrung, Daß man die Enkelin kaum unter den Töchtern erkennt; Die, um dich ſchlingend, mit Jugend dir kränzen die Scheitel, Da ſie in ſolchem Schmuck Kahlheit zu fürchten nicht hat.— O wie iſt es erfreulich, die tägliche Stube betreten, Wo Beſchäftigung wohnt, traulich der Stille geſellt; Wo der Pinſel des Vaters mit Bildern ſeiner Geliebten, Mit Landſchaften wohl auch rings hat die Wände geſchmückt; Wo am offnen Klavier ein Lied, vom Vater gedichtet, Und vom Bruder geſetzt, wird von der Tochter geſpielt; Wo in der Mitte der Tiſch, die Familie faſſend, noch einen Auszug birgt, daß Platz find' auch ein kommender Gaſt; Und dem Ofen zunächſt, altväteriſch, ſtehet ein Sorgſtuhl, Der nicht den Namen verdient, weil nie die Sorg' ihn beſaß. — I. A Epiſches 11. 47 O wie iſt es erfreulich, aus tönendem Munde des Greiſes Hell aufgehen zu ſehn Bilder vergangener Zeit, Zeichnungen eigenen Lebens, das einfach zwar und gemächlich Doch an Erfahrungen reich, einen Erinnerungsſchatz Auf hat geſpeichert zu Nahrung der Einſamkeit und der Geſellſchaft, Zu abwechſelnder Koſt, welche den Gaumen erfreut; Bald von Amtesberuf und Haushalt ſchlichte Gerichte, Drein geſtreuet als Salz ſcherzenden Witzes genug, Samt ſatiriſcher!? Würze belachenswerter Geſchichten. Oft im begeiſterten Strom fließet die Rede von Kunſt Feurig dahin, wie ein Becher des Rheinweins zwiſchen die Mahlzeit, Wiſſenſchaft und Kritik dämpfet als Waſſer die Glut. O wie iſt es erfreulich, die freundlichen Töchter zu ſehen, Wie mit liebendem Blick eine die andere ſucht, Eine der andern reichet die Hand, daß ſtill und geräuſchlos Ihnen gehe hindurch häusliches Wochengeſchäft; Wie aus Roſen die eine der andern heut' zum Geburtstag, Zum verheimlichten, auch bringt den verheimlichten Kranz; Oder die eine der andern am Abende draußen im Garten Flicht Glühwürmer im Spiel zum Diadem in das Haar; Wie die ein' auf den Armen die andere trägt zu der Kammer, Die auf dem Stuhle zu Nacht lieblicher Schlummer befiel; Wie die eine mit Jauchzen der andern ſinkt in die Arme, Oder dem Vater ans Herz, wenn ein erwarteter Brief Eintrifft, oder ein heut' unerwarteter, welcher das Wohlſein Eines Bruders erzählt oder ſein anderes Glück; Daß dann der Taumel der Freude die Schuld hat, wenn für den Abend Wird zu ſauer die Supp' oder zu ſüß der Salat. Oder auch wie ſie den Vater mit ſorgenden Blicken umwachen, Daß ihm jegliches ſei, wie es ihn freut und ihm frommt, Vom Anbruche des Tages, wo leiſer ſie hin durchs Zimmer Wandeln, daß ihm es den Schlaf ſtöre nicht im Kabinett, 7 R J. B. Lyriſches. Bis in die Tiefe der Nacht, ſich beſchleichenden Schlummers erwehrend, Wenn nach Gewohnheit der Greis munter noch iſt im Geſpräch.— Dreimal ſeliger Mann! Im verworrenen Lotto des Lebens, Wo der Nieten ſo viel, haſt du““ mit glücklicher Hand, Wenn nicht das große Los, doch gewiß ein großes gezogen; Welch' ein großes, das haſt ſelbſt du am ſchönſten bekannt, Als du freudiges Rühmens und dankbar ſpracheſt, daß weiter Nichts als Zweierlei dir fehle: ein Wunſch und ein Feind. Wie kann Feinde denn haben der Mann, des Freund iſt der Himmel? Und was wünſchen kann der, welchen beſeligt der Herr? Haus, vom Glücke bekränzt, auf deinen Giebeln in Eintracht Haben nur Tauben geruht, girrend von Frieden und Luſt. Heut' hat ſelber dir Glück ein Unglücksrabe geſungen: Vom trübſinnigen Gaſt,“ heiterer Wirt, ſei gegrüßt! Was ich heute verſchloſſen im oberen Stübchen gebrütet, Haſt du beim Abendtiſch lächelnd umſonſt mich befragt. Laß mich die einzige Nacht noch ruhn im gaſtlichen Dache, Morgen im leeren Neſt findeſt du dieſes Gedicht. 700670 B Lyriſches. a. Der Dichter und ſein Veruf. 1. Das Leben ein Geſang. aß mein Leben ein Geſang, Sag' ich's nur, geworden: Jeder Sturm und jeder Drang Dient ihm zu Accorden. Was mir nicht geſungen iſt, Iſt mir nicht gelebet;!“ Was noch nicht bezwungen iſt, Sei noch angeſtrebet! a. Der Dichter und ſein Beruf. 1⸗3 Von der Welt, die mich umringt, Wüßt' ich unbezwingbar Wen'ges nur; die Seele klingt, Und die Welt iſt ſingbar. 2. Großes aus Kleinem. Du ſageſt mir: O nicht zerſplittre In Lieder dich! Web' ein Gedicht! Ich aber ſage dir: Verbittre Mir die unſchuld'ge Freude nicht! Sieh hin, wie auf der Aue Der Sonne Licht ſich bricht In jedem Tropfen Taue! Wenn ich mich kann in Tropfen ſpiegeln, Was ſoll ich Teiche legen an, Und Meere ſtürmiſch aufzuwiegeln, Scheint vollends mir nicht wohlgethan. Mir gnügt's am leiſen Klange, Den ich gewann zum Bann Jedwedem Herzensdrange. Ein Teppich ſcheinet mir mein Leben, Und immer ſticket meine Hand; An welcher Stell' ich auch mag weben, Am obern oder untern Rand;— Zuletzt, wo ſo viel Kleinſtes Sich ſtill verband, entſtand Ein großes Allgemeinſtes. 3. Die ſchönen Künſte. Ich ſollte lernen malen auch Und lernen Saiten ſpielen! Mir glückte nie der Blätterſtrauch, Noch Blumen auf den Stielen, Und kaum gelang mir ein Accord; Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) I. B. Lyriſches. Nur ſchüchtern kroch am Uferbord Mein Schifflein fort, Sich in den Strom nicht wagend. Mir wollte nackt und ſcharfgezackt Ein Winterbaum nur glücken, Und beim Geſang allein den Takt Verſtand ich auszudrücken. Was von Muſik und Malerei, Wie wenig oder viel es ſei, Mir wohnet bei, Das ſteckt in meinen Liedern. 4. Meine Aufgabe. Der deutſchen Sprache Schatz zu mehren Von Jugend auf war mein Bemühn, Und dieſer Trieb ſoll nie verblühn, Solang des Lebens Tage währen. Ein neuer Reim, ein neuer Satz Dünkt mich ein Zuwachs jenem Schatz; Ein andrer wirk' in andern Sphären, Doch ich bin hier an meinem Platz. 5. Mußt du denn immer dichten? Sie ſagen bei jedem neuen Lied: Mußt du denn immer dichten? Ich ſage: Denkt an euer Gebiet! Müßt ihr nicht immer denken? Sie ſagen: Es iſt ein Unterſchied Zwiſchen Denken und Dichten. Ich ſage: Für mich mit nichten; Ich denke nie, ohne zu dichten, Und dichte nie, ohne zu denken. a. Der Dichter und ſein Beruf. 3—9. 6. Des Dichters Frende am Gedicht. Erſt hatteſt du deine Freude dran; Nun haben ſie andre Leute dran: Das iſt nun deine Freude dran. 7. Verbotener ölick. Blicke mir nicht in die Lieder! Meine Augen ſchlag' ich nieder, Wie ertappt auf böſer That; Selber darf ich nicht getrauen, Ihrem Wachſen zuzuſchauen; Deine Neugier iſt Verrat. Bienen, wenn ſie Zellen bauen, Laſſen auch nicht zu ſich ſchauen, Schauen ſelbſt ſich auch nicht zu. Wann die reifen Honigwaben Sie zu Tag gefördert haben, Dann vor allem naſche du! 8. Antwort auf eine Anfrage. Es wünſchen ſchöne Frauen, Um ſich an meinen Liedern zu erbauen, Sie wünſchen ein getreues Konterfei, Wie meiner Haare Farb' und meiner Augen ſei. Was ſoll ich ſagen? Schlaget nach, Was mein Brahman in ſeiner Weisheit ſprach: Ich bin der Leib nicht, der euch vor den Augen ſteht, Ich bin des Liedes Ton, der euch zu Herzen geht, Und wenn das Lied ergreift und heiligt euern Sinn, So danket Gott dafür, daß ich's geworden bin.““ 9. Hymne. Wo die glänzenden Zinnen ragen, Über denen die Sonnen tagen; I. B. Lyriſches. An die Pfoſten der Ewigkeit, wo Der Unendlichkeit Wogen ſchlagen; Und die Lieb' in der Welten Mitte Sitzt, vom ſchwebenden Thron getragen, Wo, getrieben von ihrem Hauche, Sphärenwirbel vorüberjagen; Und die Engel, vorüberſchwebend, Aufzublicken zum Thron nicht wagen: Dahin ward ich emporgeriſſen, Dahin ward ich emporgetragen; Dahin hat mich emporgehoben Der Begeiſterung Flammenwagen. Vor der ſtrahlenden Mittelpforte War der Hüter nicht zu erfragen. Doch ich ſelber, zum Eingang ſtrebend, Wagte pochend daran zu ſchlagen. Als die Pforten ſich mir eröffnet, Wollt' ich vor der Erhörung zagen. Um die irdiſchen Sinne fühlt' ich Glanz des Himmels zuſammenſchlagen; Und zu Boden zu Engeln ſank ich, Die anbetend verhüllt da lagen. Doch ich hörte:„Die Binde nehmet!“ Zu den Engeln die Liebe ſagen. Nehmt und ſchlingt ihm die Bind' ums Auge, Eh' die Glänz' es mit Blindheit ſchlagen. Durch die duftige Binde werd' ihm Lichtes Schärfe zum Wohlbehagen. Laßt verhüllet ihn ſchaun, was Augen Unverhüllete nicht ertragen! Ihm, dem Schauenden durch die Hüllen, Wird mein Lächeln ſich nicht verſagen. So im dämmernden Duft ſoll Freimund!“ Mir am Throne die Saiten ſchlagen. a. Der Dichter und ſein Beruf. 9—10. 10. Die Zwei und der Dritte. Phantaſie,“s das ungeheure Rieſenweib, Saß zu Berg, Hatte ſtehen neben ſich zum Zeitvertreib Witz, den Zwerg. Der Verſtand Seitwärts ſtand, Ein proportionierter Mann, Sah das tolle Spiel mit an. Phantaſie ſich halben Leibs zum Himmel hob Einen Stern Faßte ſie und ſchwang ihn, daß es Funken ſtob Nah und fern. Fiel der Witz Wie ein Blitz Drüber her und faßt den Schein In die kleinen Taſchen ein. Phantaſie zur Wolke, die vorüberflog, Streckt die Hand, Sich die Wolke purpurn um die Schulter zog Als Gewand. Witz verſteckt Drunter ſteckt; Wie ſich nur ein Fältchen ruckt, Witz heraus mit Lachen guckt. Phantaſie mit Donnerſturm thut auf den Mund, Witz verſtummt; Schweigt die Rieſin, thut ſogleich der Zwerg ſich kund, Pfeift und ſummt. Der Verſtand Hält nicht ſtand, Geht und ſpricht: Das mag ich nicht, Denn das ſieht wie ein Gedicht. 53 I. B. Lyriſches. II. Der Gehilfe. Dem Geiſte, den du deinen nenneſt, Hilft offenbar in ſeinen Geſchäften einer, den du kenneſt Noch weniger als deinen. Oft, wenn du meinſt, der deine ſchaffet, Hat dieſer ſich gerühret Und, während jener müßig gaffet, Die Arbeit ausgeführet. Er führt es oft zu beſſerm Ende, Als jener es erzielet, Doch oft auch hat ihm der behende Nur einen Streich geſpielet. Meiſt aber greifen unbegreiflich Die beiden ſo zuſammen; Das Kind iſt reif, betracht' es reiflich, So merkſt du beide Ammen. Den Kobold nennt's die Hausmagd Suſe, Und ſeinen Dämon einer Der Weiſenz1s Dichter nennen's Muſe, Und was es iſt, weiß keiner. 12. Verneinung. Selber mag ich mich verneinen Gegenüber dir, Natur! Denn vor dir was könnt' ich ſcheinen, Da du alles ſelbſt biſt nur! Deine Steine, Mooſe, Pflanzen, Vogel, Fiſch und Schmetterling Fühlen alle ſich im ganzen, Keines iſt ein eignes Ding. Darum iſt es mir behäglich, Still mit ihnen umzugehn, a. Der Dichter und ſein Beruf. 11.—12. Denn ſie weichen aus verträglich, Wo ſie mir im Wege ſtehn. Und die gröbern Tiergeſchlechter Fechten weiter mich nicht an; Denn der Jäger und der Schlächter Hat für mich ſie abgethan. Aber wo die Menſchlein wollen Mich verneinen, ſag' ich: Nein.20 Sei ich nur ein Stein, ſie ſollen Stoßen ihren Fuß am Stein! Sei ich nur ein Dorn, ſo ſtech' ich Ihnen in die freche Hand; Eine Weſpe nur, ſo räch' ich Am Beleid'ger meinen Stand. Stachel, Schnabel, Horn und Klauen Gab Natur mir nicht zum Hort; Doch erfüllt mit Selbſtvertrauen Das mich, das ſie gab, das Wort. 21 Was aus euch Bedürfnis ſtammelt, Tönt von meiner Lippe frei, Die zu Wohllaut hat verſammelt Eurer Leidenſchaften Schrei. Die ihr nur Erfolge richtet, Lächelt auf mein Feuer kühl, Weil nicht weit, was ich gedichtet, Drang durchs dumpfe Zeitgewühl. Doch in jedem Atemzuge Bleib' ich meiner ſelbſt bewußt, Fühle, daß vor meinem Fluge, Flattrer, du verzagen mußt. Einſt, wann Seel' und Leib ſich trennen, Sieht mein Auge noch und bricht, Daß mein Volk es wird erkennen, Wen es hatt', und wußt' es nicht. I. B. Lyriſches. 13. Anerkennung. Keinem Meiſter ahmt' ich nach, Ob es auch der größte wäre; Seinen Lauf hat jeder Bach, Jeder Strom hat ſeine Sphäre; Aber einen muß ich nennen, Ihn als Leitſtern anerkennen! Goethe! Wie auf eigner Bahn Ich durchs Meer mich umgetrieben, Immer iſt als Tramontan?? Er im Auge mir geblieben; Und wann er ſoll untergehn, Wird er mir im Herzen ſtehn. Daß nicht alt' und junge Neider (Himmel, dies Gezücht veredle!) Mich verſchrein als Hungerleider, Der um einen Brocken wedle, Lob' ich einen toten Mann, Der mir keinen geben kann. Stand ich je in ſeinem Schutz? Hat er mich gelobt, genannt? Mich gehoben, anerkannt? Lob' ich ihn aus Eigennutz? Dennoch ja zich weiß und ſehe, Daß ich mit ihm fall' und ſtehe. Wird je der Beruf des Schönen, Buße predigen ſtatt ſchildern, Und zerreißen ſtatt verſöhnen, Und verwildern, ſtatt zu mildern; Statt zu ſingen, dumpf zu winſeln; Statt zu malen, grell zu pinſeln; Siegt das Abenteuerliche Uber das Gebührliche a. Der Dichter und ſein Beruf. 13.—15. Und das Ungeheuerliche Über das Natürliche: Dann wird Goethe nicht mehr ſein, Und wir andern gehn mit drein. 14.—19. Goethe. 14. Bei dem Schein der Abendröte Ging ich ſtill den Wald entlang; Welcher Daphnis?s blies die Flöte? Welche Daphne?k war's, die ſang, Was die Seele mir erhöhte, Die der Erde ſich entſchwang, Gleich als ob ſie frei geböte UÜber Auf⸗ und Untergang, Nie des Lebens Luſt und Nöte Sie mehr könnten machen bang! In der Taſche trug ich Goethe, Dem das Zauberſpiel gelang, Der mit weicher Liebesflöte Durch das Herz der Schöpfung drang Und mit ſanfter Abendröte Sich um alle Wipfel ſchlang. 15. Bald läßt Natur die Sinn' abſterben, Den Leib hinſerben,? Um die Seele zu entfalten; Bald läßt ſie auch wie Blut in Scherben Den Geiſt verderben, Um den Körper zu erhalten. Ihr Liebling nur kann das gewinnen, Im Gleichgewicht von außen und innen Zu bleiben und zu gehn von hinnen, So friſch von Geiſt als ſtark von Sinnen; EN D D D IJ. B. Lyriſches. Nur Goethe konnte das erwerben, So muſterhaft zu alten, Der Nachwelt dieſes Beiſpiel zu vererben. 16. Der euch das Kreuz Mit Roſen umwunden, Hat er vor euch Nicht Gnade gefunden? Nein, ihr ſeid ſtolz, Am nackten zu hangen. Laßt mir das Kreuz, Von Roſen umhangen! 17 aß wir in den fünfzig Jahren Solche Rieſenſchritte thaten, So auf höh're Stufen traten, So gar himmelan gefahren, Wie wir uns zu rühmen pflegen, Eines, ſcheint mir, zeugt dagegen: Daß in Schriften unſres Goethe— Den mit ihrem Eulenblick Unſre neuſte Kunſtkritik Kaum läßt als die Morgenröte Gelten, her vorm Tag' geſendet, Deſſen Vollſchein itzt uns blendet— aß in dieſes Goethe Schriften In dem bunteſten Gemiſche, Blumen gleich auf Frühlingstriften, Alles noch hat ſolche Friſche, Was nun müßte ſein veraltet, Hätte Neues ſich entfaltet. a. Der Dichter und ſein Beruf. 15—20. 181565 Gleich wie ein Mann, der halb im Wachen träumet, Nicht rechte Kunde von der Tagszeit habend, Aufſchaut zum Himmel und, die Blicke labend An einem Rot, das dort die Wolken ſäumet, Nicht weiß, ob es iſt Phöbus, welcher zäumet Die Roſſe, aus zu neuer Tagfahrt trabend, Oder ob Phöbus, der die Roſſ' am Abend Entſchirret und der Nacht den Rennplatz räumet: So ſchau' ich ſelbſt empor, verwirrt im Dunkeln; Am Himmel unſrer Dichtkunſt ſeh' ich Goethe Und frage zweifelnd, was es ſoll bedeuten, Ob Abendrot, verſunknen Tags Nachfunkeln, Ob künftigen Tags Verkünderin Morgenröte? Mir iſt, als hör' ich Abendglocken läuten. 19. Um Frühlingsanfang iſt ein Baum gefallen, Der unſrer Väter Kindheit ſchon umblühte, Mit Goldfrucht unſrer Wieg' entgegenglühte Und uns ſolange ließ im Schatten wallen. Des immergrünen Laubes Nachtigallen Erſchloſſen klangvoll der Natur Gemüte, Und her vom Wipfel ſchaut' ein Aar und ſprühte Noch Weltverklärungsblitz' aus morſchen Krallen. Schämt euch, die ihr am alten Stamm, ihr Knaben, Das Moos gerupft, vor Männern, die in ſeiner Bewundrung ſich herangebildet haben! Wo Goethe ſtand, galt größer nichts noch kleiner; Er ging, nun zeigt wetteifernd eure Gaben! Doch derer, die ich kenn', erſetzt ihn keiner. 20. Leſſing. Jeder Deutſche, wenn er Leſſing nennen höret, fühle Stolz; Der, der Bildung Baum zu pflanzen, ausgereutet faules Holz. I. B. Lyriſches. Deutſchen Geiſtes ſprödes Erz mit männlicher Begeiſtrung ſchmolz, Und wohin er immer zielte, ſtets ins Schwarze ſchoß den Bolz. Ihm ein Denkmal zu errichten braucht es nicht. Er hat's gethan; Aber wie wir ihm verpflichtet uns erkennen, zeig' es an: Er hat eingeſchlagen, die wir wollen gehn,der Forſchung Bahn, Und zum Ziel der Wahrheit, das wir ſuchen, ging er uns voran. Er zuerſt hat unſer Weſen fremder Feſſel freigemacht, Und zu Ehren vor Europas Augen unſer Volk gebracht: Drum, ſolang in uns Gefühl der Ehre, Mut der Freiheit wacht, Als Befreiers, Ehrenwächters, ſei, o Leſſing, dein gedacht. 21. Der Dichter der Nibelungen. Berühmt iſt das Lied der Nibelungen; Wer es erdacht, Iſt ungenannt. Berühmt iſt Heinrich von Ofterdingen;?“ Was er gemacht, Iſt unbekannt. Drum iſt erklungen Mein kritiſcher Spruch, Um beides an⸗ Und unterzubringen, Das Lied an den Mann, Den Mann zum Buch: Es hat das Lied der Nibelungen Gemacht der Heinrich von Ofterdingen. Und wenn ich's nicht beweiſen kann, Könnt ihr's doch auch nicht widerlegen; Was habt ihr zu ſagen dagegen? b. In Italien. 1. O Zeiten, o Sitten! Bei der Ilias ruhte man nicht, Bis dem Homer ſie war abgeſtritten;?? Und unſer deutſches Heldengedicht Hat man nicht herrenlos gelitten. Wie man Kränze zerreißt und flicht! Wir müſſen uns beides verbitten. 22. Kritik. Dieſem ſiebenköpf'gen Drachen, Der Kritik, es recht zu machen, Dem verzweifelten Geſchäfte Unterliegen Zauberkräfte. Wirſt du hier ein Haupt beſiegen, Es in trunknen Taumel wiegen, Daß die Augen freundlich blinzen, Wird ein andres an dich grinzen. Doch euch es recht zu machen, ihr Herrn, Darauf verzichten wollt' ich gern, Hätt' ich es nur ſo weit gebracht, Daß ich mir ſelbſt es recht gemacht. b. In Italien. 1. Unter den deutſchen Künſtlern in Rom. (Bei der Feier des 18. Oktober 1817, des Gedenktages der Schlacht bei Leipzig.) Seit in den Oktobertagen Iſt auf Leipzigs Flammenherd Jenes Feuer ausgeſchlagen, Das der Knechtſchaft Schmach verzehrt: Hat man Feuer angeſchüret Jedes Jahr in einer Nacht, Dreimal hab' ich neugerühret Dieſe Feier mitgemacht. 1 I. B. Lyriſches. Und nun hat von Deutſchland heuer Mich getrennt freiwill'ger Bann, Daß ich ſeine Freudenfeuer Auf den Höhn nicht ſehen kann. Deutſcher Kaiſer hat vordeſſen Wohl gewaltet auch in Rom; Jetzt iſt dieſe Macht vergeſſen Längſt am gelben Tiberſtrom. Aber wie iſt mir geſchehen? Bin ich noch im Vaterland? Oder will hier neu erſtehen Deutſches Reich am Tiberſtrand? Solch ein Deutſchland vorgefunden Hab' ich hier zu dieſer Friſt, Daß mir jenes nicht entſchwunden, Sondern recht gewonnen iſt. Dieſes Blut aus deutſchen Landen, Das den weiten Weg gereiſt, Die ſich hier zuſammenfanden All' beſeelt von Einem Geiſt; Dieſe ſtrebenden Gemüter, In der Heimat ließen ſie Ihre Lieben, ihre Güter; Was zu ſuchen ſind ſie hie? Auf Erobrung ird'ſcher Schätze Iſt ihr Trachten nicht geſtellt; Aufgethan ſind andre Plätze Dazu in der neuen Welt. Wir wallfahren zu der alten, Zur Entſagung gern bereit, Uns hier ernſt an das zu halten, Was not thut der neuſten Zeit. Angezündet ſind die Flammen Tief in jeder einzlen Bruſt, Schlagend hier in Eins zuſammen, b. In Italien. 1. Werden ſie ſich's erſt bewußt: Das iſt ein Oktoberfeuer Auch fürs große Vaterland; Nicht in Deutſchland kann man treuer Schüren den Oktoberbrand. Wie ſich dieſe Flamme nennet? Dieſe Flamme nennt ſich Kunſt; Unter allem, was da brennet, Kenn' ich keine höh're Brunſt: Denn es iſt, wo aufgegangen Rechter Art iſt dieſer Brand, Alles drin mit inbefangen, Tugend, Gott und Vaterland. Stoßt die Becher heiß zuſammen, Daß es bis nach Deutſchland klingt, Und ein Zuck von unſern Flammen Übern Schnee der Alpen ſpringt! Iſt nicht deutſcher Wein beim Mahle? Welſchen?s mag ich heute nicht; Reicht mir eine röm'ſche Schale Voll des Rheins trinkbarem Licht! Habt ihr nicht aus einem Römer?s Rheinwein ſchon am Rhein gezecht? Jedes Glas iſt hier ein Römer Und zum Rheinwein drum gerecht; Aber auf den großen alten,?? Wo man Kaiſer ſonſt gekrönt, Wie man's künftig auch mag halten, Sei indes hier angetönt! Alle Deutſchen ſollen leben, Die zu Deutſchen dies gemacht, Daß dem Vaterland ihr Leben Sie zum Opfer dargebracht. Die das konnten nicht erwerben, Sollen leben doch zur Zeit, I. B. Lyriſches. Wenn fürs Vaterland zu ſterben Sie in Zukunft ſind bereit. Jeder iſt auf ſeine Weiſe Mit zum großen Kampf vereint; Aber hier in unſerm Kreiſe Iſt die Kunſt zuerſt gemeint, Die gekämpft hat allerwegen Und noch kämpft zu dieſer Friſt Und nur drum nicht iſt erlegen, Weil ſie ſelbſt unſterblich iſt. Engel, der mit ird'ſchen Stoffen, Himmliſch ſie zu läutern, kämpft, Siehe, hier dein Feld iſt offen, Und der Mut iſt ungedämpft Deiner Jünger, die dir ſchwören, Ungeteilt mit Herz und Hand Ganz nur dir anzugehören Und durch dich dem Vaterland. Weſſen Hand ein Werkzeug rühret, Das du ihm zum Eigentum Gabeſt, wie er's treulich führet, Führ' er's fort mit Glück und Ruhm! Heut' als Deutſche laßt uns zechen, Morgen malen, dichten, baun, Daß einmal die Welt ſoll ſprechen, Echtdeutſch ſei es anzuſchaun. 2. Die Pifferari. 0 u. 100 Madonnenbilder ſtehn an Straßenecken, Wo ſie die Andacht ſchmückt mit mancher Schleife, Mit goldnem Flitter, buntem Pfauenſchweife; Nachts pflegt davor man Lampen anzuſtecken. Doch morgens kommen aus den fernen Flecken Zur Stadt herein Landleute, weiß vom Reife, — ... = b. In Italien. 1—4. Mit ländlicher Muſik, Schalmei und Pfeife, Das Kindlein auf der Mutter Schoß zu wecken. Uns ſtädtiſche Schläfer weckt das frühe Klingen, Das jeden Morgen nun ſich hebt von neuen, Vier Wochen vom Advente bis Weihnachten. Daß ihren Gruß noch jetzt die Hirten bringen, Es muß gewiß die Mutter ſo noch freuen, Wie ſie in Bethlehem zuerſt ihn brachten. 3. Weihnachten. 10⸗ Man ſagt mir, daß die Nacht wir heute feiern, In der das Kind uns iſt geboren worden; Ich hört' auch längſt der Pifferari Orden Frühmorgens mir es in die Ohren leiern. Weihnachten iſt mit ſtillen weißen Schleiern, Gewebt aus Schnee, geſchmückt bei uns im Norden; Und hier, ſo grün iſt's an der Tiber Borden, Wie dort zum Feſte mit den bunten Eiern. Die Glocken klingen feſtlich wie zu Hauſe; Doch anders als ſie dort den Klang empfanden, Empfinden hier ihn die erſtaunten Ohren. Mir iſt, als ob mit hellbewegtem Brauſe Sie immer läuteten: Chriſt iſt erſtanden! Statt, wie es ſich gebührt: Ehriſt iſt geboren! 4. Deutſches Künſtlerfeſt in Rom. (Frühjahr 1818.) Freundin,s“ die du mehr als andre Liebeſt meine Poeſie, Weil du eben mehr als andre Mich, den Dichter, ſelber liebſt; Deinen liebevollen Augen Widm' ich heute dies Gedicht, Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) J. B. Lyriſches. Das mir lieb vor vielen andern, Weil im alten Rom ich's ſchrieb Zu des ſchönſten Tages Feier, Einem Feſt zum Schmucke, wie Die am Tiberufer blüh'nde Deutſche Künſtlerrepublik Nie ein gleiches hat gefeiert, Nie ein gleiches feiern wird. In der ew'gen Weltſtadt Mauern, Wo der Künſte Heimat iſt, War in dieſen ſchönen Tagen Ein gemeinſchaftliches Ziel Deutſcher Lieb' und Kunſtbeſtrebung, Mittelpunkt, um welchen ſich Eifer und Begeiſtrung drehten, Bayerns kronenwürd'ger Prinz.s! In der Fremd' als deutſcher Fürſten Stellvertreter ehrend ihn, Bot, ihn würdig auszuzeichnen, Deutſche Kunſt die Waffen, die Ihren Händen Gott gegeben, Diesmal auf zu Fürſtendienſt. Eine Villa war gewonnen Vor der Porta populi,s? Wo an eines weiten Saales Erſt noch nackten Wänden itzt Plötzlich war hervorgeſprungen, Wie durch einen Zauberblitz, Eine Welt von Farbengluten, Eine Himmelsphantaſie, Ein lebendig Meer des Glanzes, Ein gemaltes Paradies, Eine neue Frühlingsſchöpfung, Ein Heſperien der Magie.“? Doch durch Müh' und Fleiß errungen War, was hingezaubert ſchien. b. In Italien. 4. Denn es hatte häuslich gleichſam Eine Malerkolonie Draußen nieder ſich gelaſſen, Die das Werk ſo raſtlos trieb: Malen ſah die Sonn' am Tage Und die Nacht bei Kerzenlicht. Dem Cornelius,?“ dem Meiſter, Der erdacht des Ganzen Riß, Auch die Hauptfigur, wie billig, Seinem Pinſel vorbehielt, Während er in all' das andre Sich die andern teilen ließ; Dem Cornelius, dem Meiſter, Der dem, was gemeinſchaftlich Nur gefördert werden konnte, Der Erfindung Einheit lieh; Der an jener gliederreichen Deutſchen Malerrepublik, Weil ein Werk von vielen Händen Niemals ohn' ein Haupt gedieh, War als Haupt hervorgetreten; Dem Cornelius hatten ſich Dieſesmal die andern Meiſter, Sonſt wohl gleichgeordnet ihm, Alle ſchweigend unterordnet, Jeder unterm Haupt ein Glied. Jeder ſtand an ſeiner Stelle, Ohne daß er die beſtritt, Die ſein Nachbar eingenommen, Keinem ſchien ſein Amt gering; Weil dem Ganzen jeder diente, Ehrte jeden jeder Dienſt, Ob er Hauptfiguren malte, Oder ob er Farben rieb. Damals ſah ich, wie der Meiſter, Vor dem großen Mittelbild 67 01 I. B. Lyriſches. Auf dem Werkgerüſte ſchwebend, Eben noch der Poeſie, Die er herrlich dort in aller Künſte Mitten thronen ließ, Bunte Flügel an die Schulter Schuf mit kühnem Pinſelſtrich; Während in erſt halb begrünten Eichbaums Wipfel ober ihr, Um ihn völlig grün zu färben, Hoch ein Landſchaftsmaler hing, Der, phantaſtiſch grün gekleidet, Selbſt des Baumes Vogel ſchien. (Sei du mir genannt mit Wehmut, Fohr,ss du ſchönes Jugendbild, Das zu früh der Kunſt, zu früh uns In der Tiber unterging!) Aber unter das Gerüſte Hatte noch ein dritter ſich, In der Hand den Pinſel haltend, Ungeſehen hingeſchmiegt, Wo zu aller Künſte Füßen, Eine kaum bemerkte Zier, Er beſcheiden ſtille Blumen, Stille Kräuter ſproſſen ließ. So arbeitet' eine edle Malergilde, während ſich Eine Zunft von Architekten Schon geſchäftig auch bewies, Aus dem Frühlingsſchmuck der Gärten, Aus des Landes Blumenzier, Aus endloſem Überfluſſe Von Jasmin und Rosmarin, Von Granat' und Oleander, Lorbeer, welſcher?s Eich' und Myrt', Olblatt und Orangenzweigen, Ebenmäßig, kunſtgeſchickt, b. In Italien. 4. Grüne Säulen aufzubauen An des Saales Wänden rings, Die auf ihren Scheiteln trugen Fruchtgehäng und Laubgewind, Alle Künſte ſo beſchäftigt, Müßig nur der Dichter, ich! Denn beauftragt war ein andrer Mit des Tages Feſtgedicht. Des Mittags vor jenem Abend, Wo in ihrem hellſten Licht Kunſt der Farben glänzen ſollte, Saß ich in der Oſterie;s“ Und ein deutſcher Landsmann reichte Das Gedicht mir übern Tiſch, Wie's mit ſchlechten deutſchen Lettern Eben jetzt gedruckt erſchien. Wie mit jenem Glanz der Farben, Der vor meiner Phantaſie Unauslöſchlich glühend wogte, Ich hier dies Gedicht verglich, Mußt' es mir ein dunkler Schatten Scheinen gegen jedes Licht. Damals war es, daß ein zorn'ger Eifer mein Gemüt ergriff, Der mich von der Mittagstafel Auf, davon nach Hauſe trieb, Der dort meinen ungeſtümen Händen Feder und Papier Gab und in den Mittagsſtunden, Die ich römiſch ſonſt verſchlief, Mich als wie in wachem Traume Bannte an den Schreibetiſch; Wo ich haſtig unaufhaltſam, In dem Drang des Augenblicks, Während mit Gedankenſtrome Griffel um die Wette lief, 000 I. B. Lyriſches. Schrieb, noch etwas aufzuſtellen Vorm Verlauf der kurzen Friſt, Was nur ein'germaßen könnte Durch die Kraft des Wortes ſich Meſſen mit dem Glanz der Farben, Der mich laut zum Kampfe rief. Drauf am Abend vor dem Feſte, Wo ich noch zurecht erſchien, Als der Farben laute Sprache Mich zum Worte kommen ließ, Las ich in der Glanzverſammlung, Was hier meine Liebſte lieſt: Geſagt nicht ſein ſoll's, daß im alten Rom Deutſch malen könne deutſche Malerei, Und nicht auch reden deutſche Dichtkunſt deutſch. Ich wartete zum letzten Augenblick, Und drein zu reden hatt' ich keine Luſt. Wo andre reden, ſpar' ich meine Kunſt. Jetzt aber drängt's zu ſprechen meine Bruſt, Und deutſch zu ſprechen faßt mich eine Brunſt. So ſprich, o Herz; du willſt nicht, ſondern mußt. In dieſen plötzlichen Begeiſterungen Sprecht, deutſche Künſte, ſo in deutſchen Zungen: Muſika. Erhabne, unſre Mutter, Poeſie! Wie dank' ich deiner mütterlichen Gunſt, Die mir den nächſten Platz an dir verlieh, Daß fernerab ſelbſt ſitzt die Farbenkunſt, Du gabſt aus deinen Füllen mir den Ton, Den Gott im Herzen dir hat zugeſellet, Der, wie er deiner heil'gen Lipp' entflohn, Die Röhren meines ird'ſchen Werkzeugs ſchwellet. Als Gott der Sonnen und der Monde Lauf Geordnet hat in ſeinen Schöpfungstagen, b. In Italien. 4. Da ſtunden ſie und warteten darauf, Bis ſie des Menſchen Herzen hörten ſchlagen. Und als das Herz des neuen Menſchen ſchlug, Da fingen die dort oben an zu kreiſen Und tönten hin im Melodieenzug, Vorm Menſchenohre Gottes Macht zu preiſen. Auflauſchete das junge Menſchenohr, Die Erde auch begann mit ihm zu lauſchen, Der Menſchenmund ſtimmt ein in ihren Chor, Und drein begann der Erde Heer zu rauſchen. Des Wildes Brüllen war ein Lobgeſang, Der Vogel ſang und unter ihm die Zweige; Das Erz ertönte, und der Stein gab Klang, Daß himmelan ein volles Loblied ſteige. Die Waſſer auch, auf denen Gottes Geiſt, Bevor die Erde war geſchaffen, ſchwebte, Die Lüfte muſicierten, doch zumeiſt Muſik war ſelbſt der Menſch, des Seele lebte. Das war die erſte Muſika auf Erden; Und mir gegeben iſt das hohe Amt, Daß durch mich alles Klang und Ton muß werden, Zum Himmel ſteigend, was von Erden ſtammt. Malerei. Vom Himmel ſtammt, was Gott mir gab, das Licht; Ich neide nicht, was andre Künſt' erwarben. Ein Quell des Lichts iſt Gottes Angeſicht, Wie Wogen ſtrömen aus dem Ouell die Farben. Ich ſammle ſie zu tönenden Accorden; Und wie das farb'ge Saitenſpiel erklingt, Iſt es nicht minder Himmelseinklang worden, Als den Muſik aus Seelentiefen zwingt. Als Gott der Herr mit ſeiner Schöpferhand Das neugeſchaffne Menſchenauge rührte, Daß es dem Lichte ſich geöffnet fand, Und eine Welt um ſich ſein Nerve ſpürte: 0 I. B. Lyriſches. Da ſpielte auch vor ſeiner Sehekraft Das Gold der Sonnen und des Himmels Blau, Der Schaum der Waſſer und des Grünen Saft, Der Blumen Glut, der Edelſtein im Tau. Der Tanz der Farben wogt' ihm vor den Augen, Er ſah ein ſchönes Bild, das Gott ihm malte, Und er begann den Glanz in ſich zu ſaugen, Daß ihm die Luſt aus allen Blicken ſtrahlte. In Schlummer wiegt ihn drauf der Farbentanz, Indes vom Mann der Herr die Männin machte. Im Traum umgaukelt ihn ein Bild von Glanz, Sich ſelb verſchönt ſah er, als er erwachte. Der Menſch ſah liebend ſich im Menſchenbild; Und als die Scham des Weibes Wangen malte, Erblichen alle Farben im Gefild, Weil keine Farbe gleich der Farbe ſtrahlte. Mit Wohlgefallen ſah der Herr es an Und ſegnete die Kunſt für künft'ge Zeiten, Die durch ihn Menſchenbilder ſchaffen kann Und um ſie her der Farben Teppich breiten. Zum Zeichen deſſen trag' ich die Palette,s“ Mit winz'gen Farbenhäufchen aufgeſchmückt; Aus dieſen wächſt die große Farbenkette, Die Aug' und Herz bezaubert und entzückt. Die Bibel ruht in meiner rechten Hand; Denn was die Welt mir beut an bunten Stoffen, Es dient nur zu Verzierungen am Rand, Das Hauptbild wird in ihr nur angetroffen. Bildhauerei. Mir iſt ein ſtärker Werkzeug beigegeben, Der widerſpenſt'gen Stoffe Trotz zu brechen. Mein Meißel zwingt den Stein, daß er muß leben, Und mit Gebärde muß das Erz mir ſprechen. Nicht Fabel iſt es vom Pygmalion,ss „„ä„ ²˙*kiq ⁵Ä R. 32 S b. In Italien. 4. Daß ihm den Stein belebet Götterkunſt; Das iſt der allgemeine Sinn davon: Den Tod belebt die Liebesbrunſt der Kunſt. Es klebt ein Hang mir an zum Heidentum, Nach deſſen Bildern ich mich um hier ſah! Doch kann auch ich des wahren Gottes Ruhme Wohl dienen, auch ſein Bild nur bin ich ja. Als Gott der Herr die ſpröde Erde nahm, Und ſie ein Menſch ward unter ſeinen Händen, Aus Gottes Mund in ihn der Odem kam, Der Menſch begann ſein Angeſicht zu wenden Nach ſeinem Schöpfer, dankend für das Sein; Das war das erſte Bild, gemacht aus Erden. Aus bloßer Erden, wie aus edlerm Stein Kein gleiches künftig ward und keins wird werden. Da gab der große Bildner zum Gedächtnis Der von ihm ſelbſt geübten Bildnerei Dem Menſchengeiſt das rühmliche Vermächtnis, Daß unterthan ihm Stein und Erde ſei, Daraus zu machen Bilder, die ihm gleichen Nach der von Gott erſchaffnen Urgeſtalt; Doch weil der Menſchengeiſt dem Herrn muß weichen, So blieben ſolche Menſchenbilder kalt. Es hat der Menſch in ſeines Irrens Zeit, Was ſeine Kunſt aus ird'ſchem Stoff geknetet, Zu ſeines Wahnes Götzen ſich geweiht Und ſtatt des wahren Gottes angebetet. Die Götter ſind vom Poſtament geſtürzt Und werden nimmer wieder drauf geſtellt; Doch mein Beruf iſt nicht dadurch verkürzt, Mein Platz iſt auch in der bekehrten Welt. Man ſoll auch mich als Gottes Dien'rin ſchaun, Gleich Malerei, die mit den Farben blitzt; Doch dazu muß vorerſt ein Haus mir baun Architektur, die mir zur Rechten ſitzt. 45 I. B. Lyriſches. Architektur. Nicht dir allein, dem ganzen Schweſterchor, Der hier verſammelt um die Mutter weilt, Bau' ich ein Haus, wie es mir ſchwebet vor, Worin ihr Platz ſei jeder zugeteilt. Die Malerei ſoll am Altare blühn, Vom Chore ſchallen ſoll die Muſika, Um Säulenwerk ſollſt du dich flechten kühn, Und ich will euch einander halten nah. Das Haus ſoll ſtreben auf zum Himmel hoch, Die Pforten weit auf Erden aufgethan. Das große Vorbild ſeh' ich immer noch, Das einſt der Meiſter ſchuf nach ew'gem Plan. Der Himmel ſelber war des Hauſes Dach, Die Berge Pfeiler und die Erd' ihr Grund; Da war des Laubes Bildwerk mannigfach, Das aus der Tiefe nach der Höhe ſtund. Die Sterne oben an der Wölbung kreiſten Und tönten wieder in den Lobgeſang, Mit dem die unten in dem Hauſe preiſten Gott, deſſen Odem ging das Schiff entlang. Und groß war die verſammelte Gemeinde, An mit dem Menſchen betete das Tier, Bis durch des Menſchen Fall das Tier zum Feinde Des Menſchen ward und von ihm lernte Gier. Da ward des Tempels Grund befleckt von Blut Und trübe Dämpfe ſtiegen davon auf; Die Sterne droben löſchten ihre Glut Und wendeten erdabwärts ihren Lauf. Nicht war die Welt ein Tempel Gottes mehr; Doch wo nun auf den blutbefleckten Auen Noch eine Stätte war vom Blute leer, Da ließ der Herr ſich einzle Tempel bauen. Sie baute jedes Volk nach ſeinem Maß; Doch, was der Herr dabei zum Zweck geſteckt, Der Menſch im Irrwahn oft ſo ſehr vergaß, b. In Italien. 4. Daß ſelbſt die Tempel wurden blutbefleckt. Mir ward das Amt vom großen Architekten, In der durchs Blut vom Blut geſühnten Welt Den Tempel ihm, nicht gleich den blutbefleckten, Zu bauen, ſondern wie's ihm wohlgefällt. Dazu hat er das Richtmaß mir gegeben, Mit dem er ſelber ſeine Welten mißt, Und Sterne ließ er hier ins Kleid mir weben, Damit mein Sinn des Himmels nicht vergißt. Dort liegt, im Mauſoleenſchutts? begraben, Das Altertum, und neu erſteht's euch nie; Hier ragt der neue Tempelbau erhaben Zur Rechten unſrer Mutter Poeſie. Poeſie. Ich habe meine Töchter reden laſſen; Und was ſie ſprachen, ſprachen ſie durch mich, So kann ich ſelb mich nun ins kurze faſſen, Denn was ſie ſind zuſammen, das bin ich. Muſik hat ihres Tones Füllen nur Und Palerei nur ihren Bilderhort, Ihre Geſtalt Skulptur, Architektur Ihr Ebenmaß erhalten nur durchs Wort. Das Wort, das durch den Mund des Herren ging Und einſt hat ſichtbar dieſe Welt erbaut, Das Wort, ſo Fleiſch zum Heil der Welt empfing, Daß leiblich es gehört werd' und geſchaut: Ich bin des Worts demüt'ge Dienerin. Ihr alle, die ihr euch genannt die meinen! Zum Dienſt des Wortes, deſſen Magd ich bin, Fordr' ich euch auf, mit mir euch zu vereinen. Des Wortes Kraft durch Worte zu entfalten, Dies hohe Amt iſt vor der Welt das meine; Ihr aber ſollt auf eure Art geſtalten Dasſelbe, daß ſein Preis vielfältig ſcheine. I. B. Lyriſches. Heut' ſind wir hier nicht in ſo ernſtem Dienſt, In einem doch, der jenem nicht mißziemt: Ein heitres Feſt durch unſre Gegenwart Zu ſchmücken, das die Jünger, die wir lieben, Sich ſelb und Einem geben, der uns liebt. Die Malerei hat aus dem Schweſterchot Beſonders ſich hervorgedrängt, den andern Das neidenswerte Amt hinweggehaſcht, Die geiſt'ge Wirtin dieſes Mahls zu machen. Sie hat uns ſelbſt im Bilde hier verſammelt, Wo wir, zum Aug' in lichten Farben redend, Des Worts für diesmal kaum bedürftig ſind. Zur Seite hier, auf dieſem Nebenbild, Hat ſie die alten Meiſter vorgerufen, Die Künſtler jeder Art und aller Zeit, Aus allen Himmelsgegenden hierher Zu unſrer jüngſten Meiſter Feſt verſammelt. Genüber aber auf dem andern Feld, O ſeht, entgegen tritt dem Künſtlerchor Ein anderer von alten Kunſtbeſchützern. Denn Kunſt, die zwar ihr ſichres Erbteil droben Im Himmel hat, bedarf, ſolange ſie Auf Erden geht, des ird'ſchen Schutzes wohl. Wie ziehen ſich die beiden Chöre an Und ſtreben liebend vorwärts, geneinander! Gewiß, ſie werden in der rechten Mitte Sich finden, wo der Kunſt aus Fürſtenſchutz, Dem Fürſten aus den Künſten, die er ſchützte, Der gegenſeitige Gewinn erwächſt. Da hat nun, der bei jeder Kunſt gern ſpukt, Hier unten auch der Witz ſich hingehuckt, Geſchildert in gemalten Basreliefen“0 Geſchichten, die vortrefflich ſind und treffen: Hier wie die alten Mauern Jerichos4! Einſtürzen vor der Kunſttrompeten Stoß; Hier wie des Augias verſäumten Stall 8 GHeckg: b. In Italien. 4, 5. erakles reinigt vom verjährten Schwall;42 ier wie für ihr verrätriſches Geflüſter Simſon mit luſt'gem Kolben trifft Philiſter.“s Wir alle fühlen uns hier nicht getroffen, Drum darf der Witz von uns Verzeihung hoffen. Witz iſt unſchädlich, den ich halt' am Zügel; Ich nehm' ihn unter meine breiten Flügel Samt allem andern, wie's hier iſt gethan; Wer wagt es nun und ficht es weiter an? 5. An SBlanduſias“ Guelle. An Blanduſias dürft'ger Quelle, Hinten im Sabinerland, Saß ich, und im Sonnenbrand Dacht' ich kühler Heimat Schwelle. Im Horatius“s eine Stelle Las ich, wo viel ſchöner ſtand Alles, als ich hier es fand, Und im Geiſte ward mir's helle: Welches hohe Götterpfand Sei gelegt in Dichterhand, Das mein Herz mit Stolz empfand. Kunſtgenoſſe, hochbeglücket! Hier der ſchweigenden Natur Haſt du!“ überall die Spur Deines Daſeins aufgedrücket, Herrlich hat dein Lied geſchmücket Nicht die hohe Roma nur, Sondern auch die öde Flur, Die durch anders nicht entzüctet.— Heimat, höre meinen Schwur! Kehr' ich heim, mit Schnur um Schnur Schmück' ich dich aus Golde pur. 7⁴ ————— I. B. Lyriſches. Süße meiner Kindheit Auen, Die ich lange nicht geſehn; Wenn von euch die Lüfte wehn, Fühl' ich meine Augen tauen. Städt' und Länder mocht' ich ſchauen Blaß an mir vorübergehn, Aber eure Hügel ſtehn Im Gedächtnis ohn' Ergrauen. Könnt' ich es vom Glück erflehn, Nach der Jahre zweimal zehn Noch einmal euch blühn zu ſehn! Wo die Leinach?“ und die Lauer““ Suchen ſich im Wieſengras, Deren Bett mein Sprung ermaß Unterm dunkeln Erlenſchauer; Brüderbäche kurzer Dauer, Zwiſchen denen ich beſaß Doch des Glückes Eiland, das Faßt kein Ocean, kein blauer! Was ich Großes ſonſt vergaß, Nie vergeſſ' ich eines: was Ich an euch für Veilchen las. Seht mich euer hier gedenken, Wo durch dürrer Schluchten Riß Vom Gebirg Lucretilis““ Sich Blanduſias Fluten ſenken. Mit Begeiſtrung ſoll mich tränken Ihr horaziſch Waſſer, bis Über Alpen⸗-Hindernis Sich zu euch mein Schritt darf lenken; Dann beſing' ich euch gewiß, Wann ich allem mich entriß, Wes mein Lied ſich ſonſt befliß. b. In Italien. 5, 6. 6. Die Fahrt um den Poftlip.““ C. Ich fuhr von Neapel am frühen Morgen Und warf ins glänzende Meer die Sorgen. Ich ließ mich wiegen im ſchwanken Kahn Und ſchaute links zum Veſuv hinan, Der ſeinen Dampf zu einem holden Duft von der Sonne ließ vergolden. Den Rieſen ließ ich hinterm Rücken Und ſah vor mir die Stadt ſich ſchmücken, Ihr Scheitel gekrönt von Kaſtellen Und ihren Fuß beſpült von Wellen, Weit ſah ich lagern die Königin Und fuhr am Saume des Kleids ihr hin. Das Brauſen des Toledo““? verklang, Ich hörte nur meines Ruders Gang. Mein kleines Segel ſchwellte der Wind: Ich fuhr, wo die letzten Häuſer ſind, Die von den Straßen hinaus ſich dehnen Und ſtill an den Poſilip ſich lehnen. Vorüberfahrend, einen Gruß Gab ich dem Grab des Vergilius.““ O der du ſangeſt laut genug Die Waffen und den Mann, der ſie trug, Der du ſangeſt den Pflug und die Felder, Die Gärten, Wieſen und die Wälder, Den Gott der Hirten und die Herde, Das Meer, den Himmel und die Erde, Mit Recht, o Sänger, hat man dieſen Platz zum Grabe dir angewieſen, Der hoch vom luftigen Gebiet Meer, Erd' und Himmel überſieht. O ſteheſt du jetzt im Morgenglanz Auf deiner Gruft mit dem Lorbeerkranz Und ſieheſt heller, als ich es kann, I. B. Lyriſches. Die Welt mit Dichteraugen an? Hier liegt, hier um den Golf herum, Das du beſangſt, Elyſium;?! Und hinterm Poſilipo fern, Dem Blick' verdeckt, liegt der Avern,s? O Poſilipo, du Sorgen-Ende, Ja Pauſilipos, du Kummer⸗Wende! Des Dichters Kummer iſt gewendet, Dem du das ſchöne Grab geſpendet. Ich aber fahre ſorgenfrei, Als ob ich auf dir begraben ſei, Mit morgenhellem Jugendſinn An deinen blühenden Rändern hin. 2 8· Ich fuhr dahin am blühenden Rand, Den Poſilipo zur rechten Hand; Zur linken fernerhin ſchloß den Golf Die Inſel Capri,s wo der Wolf Tiberius,“ verſteckt im ſchroffen Geklipp, in ſcheußlichen Lüſten erſoffen. Ich aber wandte rechts den Blick, Wo um ein liebliches Verſtrick Von Blüten, das den Strand berankte, Mein Kahn auf glatten Wogen ſchwankte. Vorſprünge von Felſen vielgeſtaltig, Abhänge von Hügeln mannigfaltig, Mit Reben hier und dort mit Halmen, Mit Pinien hier und dort mit Palmen, Die Häuſer zwiſchen durchgeſtreut, Neu⸗altertümlich und alt⸗erneut. Dann Trümmer aus dem Meere ragend, Von untergegangener Prunkwelt ſagend, Als hier der Römer gebaut am Strand, ös Dem zu eng war das feſte Land, Und der zu belaſten das Meer gewußt Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) b. In Italien. 6. Mit den Gebäuden ſeiner Luſt. Ich fragte jetzt nicht viel nach denen, Mich zogen an die ſtillern Scenen, Die Gärten, die ins Meer herhingen, Wo eben die Gärtner, die Winzer gingen; Die Treppenſteige, die ſchmal ſich wanden Herab, wo die Kähne, die Fiſcher ſtanden. Ein Fiſcher atmend ſtieg hinauf, Er trug die Fiſche zum Verkauf, Oder er tauſchte vom Gärtner wohl Um den Fiſch die Frucht und den Kohl. Zwei Alte ſaßen im Geſchwätze Und beſſerten zerrißne Netze. Seitab am Strand das Fiſchermädchen Spann an der Spindel ein feineres Fädchen; Ihr dürfte, wenn ſie wollte angeln, Gewiß der beſte Fang nicht mangeln. Doch Knaben wateten im Waſſer, Sie ſuchten Auſtern für ſtädtiſche Praſſer, Oder Muſcheln für ſich zum Spiel, Bis ihnen mein Kahn ins Auge fiel. Den Fremdling mit den langen Haarenss Sahen ſie ſtumm vorüberfahren, Anſtaunend mit Augen ſtarr und fix, Als ſei es ein meerentſtiegner Nixs. Und als ich bog um die Felſenwand, Glaubten ſie, daß ich ins Meer verſchwand. Vom Land her wehte Sommerluft, Mit lauem Hauch und Blütenduft, Dazwiſchen gaſtliche Gerüche Von einer noch verſteckten Küche. Die Augen waren nun zu Gaſte, Nicht gut iſt, daß auch der Magen faſte; Ich legte meinen Nachen bei Und ging zu ſehn, wo die Küche ſei. I. B. Lyriſches. Ich ſtieg auf Spuren der Gerüche Hinauf zur wunderbarſten Küche. Dünn überſchattet einen Raum Ein weitgeaſteter Feigenbaum; Da war der Eingang mäßig groß Zu einem gehöhlten Felſenſchoß, Der vorn von Tageslicht dämmernd, tief Hinten ſich in die Nacht verlief. Das ſollte nicht die Küch' allein, Sondern alles in allem ſein. Vorn wo gedämpftes Sonnenlicht Matt mit den inneren Schatten ficht, War der gaſtliche Herd bereit, Bratſpieß und Pfann' in Thätigkeit; Und bei des Feuers Flackerhelle Floß aus der Felswand eine Ouelle. Das Klima war hier ſommerlich, Dann kam ein andrer Himmelsſtrich; Zehn Schritte tiefer in die Gruft Wehte des Herbſtes lieblicher Duft. Da lagen die Früchte kühl verwahrt, Die Hausvorräte jeder Art. Es hingen in der köſtlichen Friſche Die Schinken vom Gewölb' und die Fiſche. Eine goldgefleckte Muräne“? Wies mir Staunendem die Zähne. Ich ſchritt ins Dunkel weiter hinter, Da war nun ein vollkommener Winter, Wie nur am heißen italiſchen Tag Man ſich im Sommer wünſchen mag. An Flaſchen und Tonnen ward mir klar, Daß ich im Reiche des Kellers war. Mir ward hier gleich ein Trunk gebracht, Dann vorne die Anſtalt zum Mahl gemacht. Dem mußte die Muräne dienen, b. In Italien. 6, 7. Der Fiſch, dem koſtbare Piſcinenss Einſt hier herum Lukullss gebaut, Wovon ich im Meer die Trümmer geſchaut. Er galt für den edelſten Leckerbiſſen; Und wenn die Gelehrten recht es wiſſen, So hat man dem goldbefleckten Drachen Einſt, um ihn ſchmackhafter zu machen, Gegeben Menſchenfleiſch zum Fraß. Der aber, von welchem jetzt ich aß, Hatte meines Wiſſens keins gefreſſen, Ich konnt' ihn mit gutem Gewiſſen eſſen. Der Wirt verſorgte mit Wein den Tiſch, Damit fein ſchwimmen möchte der Fiſch. Und als der Hunger war gedämpft, Und nur der Durſt noch nicht bekämpft, Die Sonn' am Himmel höher rückte, Und ſchwüler herein der Mittag drückte; Verfügt' ich, um zu löſchen ſchneller, Mich ſelber ſtatt des Wirts in den Keller, Setzte zurecht mich am beſten Faß Und goß mir zu ohn' Unterlaß. Drauf hab' ich, an mein Faß gelehnt, Zu der Sieſtas? mich ausgedehnt. Und als ſich draußen gekühlt die Luft, Trat ich wie neubelebt aus der Gruft, Ließ meinen kleinen Kahn vom Stapel Und war am Abend in Neapel. 7. Lied am Veſuv. Der Veſuv, an dem wir hauſen, ö“ Der mit einem Ausbruch droht; Bis die Lavaſtröme brauſen, Schreckt uns weiter keine Not. Wer in hohen Häuſern wohnet, Hat vom Einſturz mehr Gefahr; 6˙* I. B. Lyriſches. Meines bleibt vielleicht verſchonet, Weil es immer niedrig war. Räumen ſollten wir die Hütten, Wo die Väter wohnten? Nein! Bis der Sturm ſie wird zerrütten, Reißen wir nicht ſelbſt ſie ein. Süße Vaterlandes⸗Erde, Zwar von Lava ſchwarz geſtreift, Wo noch weidet meine Herde, Wo noch meine Traube reift. Meine Herde will ich weiden, Meinen Moſt in Scherben thun; Was da kommt, ich will es leiden Und ſolang in Frieden ruhn. Als die Aſche kam zu regnen, Wurden Städte dort bedeckt.“! Dieſes kann uns auch begegnen, Doch es hat uns nicht geſchreckt. Fruchtbar wird der Boden werden, Wenn der Sturm vorbeigeflohn! Enkel weiden meine Herden, Trauben keltern wird mein Sohn. Knabe, ſieh, die Nacht will dunkeln, Treib' die Herde langſam ein! Nächtlich ſoll im Becher funkeln Unſer Chriſtithränenwein.“? 8. Nachklang. Hier an deutſcher Zitterpappel, Die im leiſen Weſthauch ſchwankt, Denk' ich, wie mich einſt, o Napel, Dort dein Zauber hielt umrankt; Wo die Strahlen mich umflirrten, Die dein Tag zur Erd' ergießt b. In Italien 7, 8. Wo die Blumen mich umwirrten, Die dein Lenz zum Himmel ſprießt. Dort, wo ſchreiend Farben toſen, Die hier ſchweigend lächeln mir, Mit Geruch betäuben Roſen, Die beſcheiden duften hier. Napolis, von zweien Meeren Stets betäubt dich Wogenbrand, Eins in dir von Menſchenheeren, Draußen eins an deinem Strand. Und die Wog' an deinem Strande Brandet ſo gewaltſam nicht, Wie die Menſchenflut am Lande, Die ſich im Toledos“ bricht. Aber hier in dieſe Stille Tönſt du ſanftgedämpft mir nach, Wo beim Sommerlied der Grille Murmelnd träumt der Wieſenbach. Wo die Sonne mit Gelindheit Ihren Glanz durch Zweige taut, Die dort Augen ſchlägt mit Blindheit, Wann ſie aus dem Löwen ſchaut. Und wie die gedämpfte Sonne Ohne Blendung mich erquickt, Alſo hat mit leiſer Wonne Mich die Lieb' hier angeblickt. Nicht an Mittelmeeres Borden Hat der Lenz allein ſein Feſt; Nachtigall im ſtillen Norden Baut ſich gern ihr Frühlingsneſt. Und die Strahlen all', die lauen, Eingeſogen am Veſuv, Im Geſang hier auszutauen, Nachtigall, iſt dein Beruf. I. B. Lyriſches. Kommet, ohn' euch zu ermüden, Höret alle, was ſie ſingt! Wandern braucht ihr nicht zum Süden, Weil ihn ihr Geſang euch bringt. Unter Pinien, unter Palmen, Unter Myrten wohnt die Luſt; Aber unterm Dach von Halmen Wohnt die Lieb' in treuer Bruſt. Nicht der Frühling kann dir's geben, Geben mußt dem Frühling du Seinen Glanz, ſein Blütenleben, Seinen Frieden, ſeine Ruh'. C. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 1. Wilder Sommer. An dem Himmel Wolkenwogen, Windesbrauſen in dem Wald, Dabei bin ich auferzogen, Dieſes iſt mein Aufenthalt; Solchen Sommer liebt mein Sinn, Weil ich ſelbſt ein ſolcher bin. Wenn die Sonne aus dem Blauen Ungedämpft hernieder blickt, Kann ich frei nicht aufwärts ſchauen, Weil der Glanz mich niederdrückt. Fragend ſieht das Licht mich an, Warum ich nur trauern kann? Aber wenn in Waldesblättern Sturmes Ahnung flüſternd wacht, Sich der Himmel regt zu Wettern, Und der Donner furchtbar lacht: Richt' ich meines Auges Blitz Kühn nach dem aus Wolkenritz. 0. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 1, 2. 87 Tag für Tag ein Regenbogen Über meine Flur geſpannt; Komm' ich drunter hergezogen, Träufelt's auf die heiße Hand; Und mein Auge labt das Licht, Das aus Himmelsthränen bricht. Nicht auf regungsloſen Feldern Schäfer, der die Flöte ſpielt,— In den lauten Eichenwäldern, Wo der Schütz nach Blute zielt, Wo der Falk noch kreiſchen kann, Flieg' ich meine Falkenbahn. Darum bin ich dir gewogen, Dir vor allen, Heimatland; Kühl im Wald mich auferzogen Haſt du, nicht im Sonnenbrand; Was mich wiegen kann in Ruh', Sturm und Wolken ſchenkeſt du. Und in deinen deutſchen Eichen Lehrſt du deine Sprache mich; Wie ſie rauſchen, ſo desgleichen Rauſchet ſie gewaltiglich. Nur in deutſcher Sprache Braus Stürmt das Herz von Grund heraus. 2. Aus der IJngendzeit. Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt ſo weit, o wie liegt ſo weit, Was mein einſt war! Was die Schwalbe ſang, was die Schwalbe ſang, Die den Herbſt und Frühling bringt; Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlang Das jetzt noch klingt? I. B. Lyriſches. „Als ich Abſchied nahm, als ich Abſchied nahm, Waren Kiſten und Kaſten ſchwer; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer.“ O du Kindermund, o du Kindermund, Unbewußter Weisheit froh, Vogelſprachekund, vogelſprachekund, Wie Salomo! O du Heimatflur, o du Heimatflur, Laß zu deinem heil'gen Raum Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur Entfliehn im Traum! Als ich Abſchied nahm, als ich Abſchied nahm, War die Welt mir voll ſo ſehr; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer. Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt, Und der leere Kaſten ſchwoll; Iſt das Herz geleert, iſt das Herz geleert, Wird's nie mehr voll. Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt Dir zurück, wonach du weinſt; Doch die Schwalbe ſingt, doch die Schwalbe ſingt Im Dorf wie einſt: „Als ich Abſchied nahm, als ich Abſchied nahm, Waren Kiſten und Kaſten ſchwer; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer.“ 3. Die vier Wünſche. Möcht' ich doch der Felſen ſein, Tief im Grunde das Urgeſtein, Hoch im Himmel das Angeſicht, Ewig ſtehen und wanken nicht. c. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 2—5. Möcht' ich doch das Brünnlein ſein, Sprudelnd aus kühlem Grunde rein, Gehend durch grünes Ufergeſchicht, Ewig rinnen und raſten nicht. Möcht' ich doch das Bäumlein ſein, Die Wurzel geſtreckt ins Ufer hinein, Die Zweige wiegend im Himmelslicht, Ewig blühen und welken nicht. Möcht' ich doch das Vöglein ſein Auf den Zweigen im Sonnenſchein, Das Stimmlein tönend zum Himmel gericht', Ewig tönen und ſchweigen nicht. 4. Der unerfüllte Wunſch. Gut iſt's, einen Wunſch zu hegen In der Bruſt geheimſtem Schrein, Mit dem Wahn, an ihm gelegen Sei dein volles Glück allein. Gut iſt's, daß der Himmel immer Dir verſchiebt die Wunſchgewähr; Denn beglückt, du wärſt es nimmer, Und du hoffteſt es nicht mehr. 5 16. Verlobt.““ 5. Immer dacht' ich, Liebſte, daß Deines Dichters Lieben Völlig von des Liedes Maß Sollte ſein umſchrieben; Daß du nichts ſo tief, und nichts Ich ſo hoch empfände, Was in Schranken des Gedichts Seinen Platz nicht fände. J. B. Syriſches. Liebſte, heut' erkenn' ich doch, Daß ein Lied nicht reichet An die Liebe, die ihm hoch Himmelein entweichet. Was ich heut', der Welt geheim, Dir vor Gott geſchworen, Schwören könnt' ich's nicht im Reim, Noch vor Menſchenohren. Darum fürchte nun auch nicht Zaubertrug und Welle! Treten kann nicht ein Gedicht An der Liebe Stelle. Nicht, die Liebe ſelb zu ſein, Mag dem Liede glücken, Sondern ſein Beruf allein Bleibt, ihr Kleid zu ſchmücken. 6. Herr, der du alles wohl gemacht! Ich will nichts, was nicht du willſt ſchenken. Du machſt es nicht, wie wir's gedacht; Du machſt es beſſer, als wir's denken. Mich geb' ich hier in deine Hand, Daß du mich meiner Liebſten gebeſt. Du haſt geſchlungen dieſes Band, O daß du's immer feſter webeſt. Jziehe nicht die Hand zurück, Die du zum Heil mir ausgeſtrecket! Du leiteſt mich zu meinem Glück; Gieb, daß dazu kein Weg mich ſchrecket. Soll ich mit ihr auf Roſen gehn? Den Dornenpfad? Ich geh' in Frieden. Und ſollen wir getrennt hier ſtehn, Laß uns im Himmel ungeſchieden. 0. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 5—9. —+ Aus nicht kann ich hier dich lieben In der Erdenſpanne Zeit, Übrig iſt das Beſte blieben, Übrig für die Ewigkeit. Wie ein Brautſtand nur auf Erden Soll um dich mein Werben ſein, Bis, auf ewig Eins zu werden, Gott uns führt im Himmel ein. 83 O wie macht's dem Lehrer Freude, Sieht er ſeines Schülers Fleiß, Wie er in ſein Lehrgebäude Sich geſchickt zu finden weiß. Welche Freud' an meinem Kinde, Die ſich fleißet ernſt und ſtill, Weil ſie ganz, wie ich empfinde, Mich auswendig lernen will. 9 Es iſt kein Stand auf Erden, Er reizt des Dichters Neid: Der Schäfer bei den Herden Iſt eine Herrlichkeit. Der Jäger in den Wäldern Iſt vollends eine Luſt; Den Landmann in den Feldern Trag' ich in meiner Bruſt. Der Schnitter, der die Halmen Vom Feld nach Hauſe bringt; Der Prieſter, der die Pſalmen Für die Gemeinde ſingt. Der Bergmann mit der Zither Bewegt das Gold im Schacht; J. B. Lyriſches. Zu Roß der kühne Ritter Bewegt ſich in der Schlacht. Der Schiffer in dem Nachen Schwebt auf der klaren Flut; Der Wächter hat zu wachen Vom Turm, wann alles ruht. Im Walde der Einſiedler Iſt ſich genug allein; Beim Erntefeſt der Fiedler Erregt den bunten Reihn. Ich möchte meinen Garben Die Scheuer ſelber baun, Mein Haus mit eignen Farben Möcht' ich bemalet ſchaun. Ich möchte meine Reben Als Winzer ziehn für mich, Auf eignem Webſtuhl weben Das Kleid für mich und dich. O Liebſte, ſo gefallen Mir alle Stände wohl, Daß ich nicht weiß, von allen Was ich erwählen ſoll. Sie ſprach:„Erwählet haſt du Den beſten Stand bereits. Laß anderen die Laſt du, Und nimm für dich den Reiz! Du kannſt dich zum Ergötzen, Und mich an deiner Hand, Im Augenblick verſetzen In den und jenen Stand; Als Schäferin mich kleiden Und dich als Jäger grün; Mich läſſeſt Lämmer weiden Und töteſt Hirſche kühn. C. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 9—11. 93 Du pflanzeſt einen Garten, Wo Lenz zu jeder Friſt, Die Blumen aller Arten, Und nirgend Unkraut iſt. Wir wohnen heut' auf Almen Im luft'gen Schweizerland Und morgen unter Palmen An Gangasé“ heil'gem Strand. Du taucheſt in die Schachten Und bringſt den Edelſtein, Und deine Lieder brachten Mir tauſend Perlen ein. Du rühreſt ja die Saiten Und drehſt die Stern' im Tanz, Und deine Farben breiten Ums Herz mir Himmelsglanz. Aus Strahlen und aus Tönen Haſt du erbaut dein Haus; Komm, ruh' mir nun im ſchönen Gemach des Buſens aus!“ 10. Komm, und in die Welt tritt ohne Zagen, Denn ich bin mit dir im Bund. Heben will ich dich, ich will dich tragen, Und nicht wanken ſoll der Grund. Freund, Geliebter, Bruder, Bräut'gam, Gatte, Stolz Gefühl! Was bin ich dir! Was dein Herz in Traumeshimmeln hatte, Haſt du wachend nun in mir. 1 Ich ſegne dieſe Tropfen, Die an das Fenſter klopfen Und ſprechen: Wer zu Haus, Der geh' itzt nicht hinaus. I. B. Lyriſches. Vom Himmel ſtrömt im Regen Den Fluren duft'ger Segen, Daß neue Blumen blühn Aus dem erfriſchten Grün. Mir aber ſtrömen nieder Im Regen Lieb' und Lieder In meiner Liebſten Haus, Wo ich nicht kann heraus. Ich hätt' im Strahl der Sonnen Verlaſſen meine Wonnen, Ich hätt' im Sternenſchein Fort müſſen ziehn allein. Der Regen heißt mich bleiben, Sie kann mich nicht vertreiben; Und wie ihr Auge ſpricht, Vertreibt ſie auch mich nicht. 2 Liebſte, welche ſüße Laſt Meine Bruſt empfunden, Seit du dich auf ewig haſt Meinem Sein verbunden! Auch nicht einen Augenblick Kann ich mir's entſchlagen, Daß ich dich und dein Geſchick Muß im Arme tragen. O der reizenden Begier, Wie nach mir du ſehneſt! 0 Immer iſt, als ob du mir Auf der Schulter lehneſt. 13. Ich und meine Liebſte ſind im Streite, Ob mein Kind ſie ſei, ob ich das ihre? Jedes will zu ſeinem Kind das andre 0 Darum machen, um es ſo zu pflegen. o. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 11—15. Dann hinwieder will das Kind des andern Jedes ſein, ſich pflegen ſo zu laſſen. Und die Mutter, die den Streit mit anſah, Sprach: Das End' iſt, daß ihr alle beide, Sonſt vernünft'ge Leute, nun zu Kindern Wieder ſeid geworden. Nun ſo wartet! Eure Mutter wird zur Rute greifen, Wenn ihr nicht mit Küſſen euch verſöhnet. 14. Liebe! Jenes Briefchen, das du ſchriebeſt Meiner Mutter,“s die als deine liebeſt; Schön und einfach, ſtille Liebestiefe, Ja es war dein ganzes Bild im Briefe; Und ſie ſieht nun, ohne noch geſehen Dich zu haben, dich vor Augen ſtehen. Soll ich ſagen, wie du ſie gerühret? Ja, das Plätzchen, das dir nun gebühret, Haſt an ihrem Herzen eingenommen, Nah, ſo nah, nicht näher konnt' ich kommen. Höre, was zu mir ſie ſprach: Dein Schätzchen, Sprach ſie, iſt ein rechtes Schmeichelkätzchen. Hat ſie doch bei mir ſich eingeſchmieget, Daß mir iſt, als hätt' ich ſie gewieget. Hüte dich; ſie wird gewiß mit Streicheln Aus dem Buſen einſt das Herz dir ſchmeicheln. 18455 Jüngſt in der Liebſten Vaterhauſe, Bewegt von lautem Freudenbrauſe, Begegnete ein ſchlimmes Zeichen, Das jede Wange macht' erbleichen: Ein Bienenſchwarm, den ſie gezogen, War über Nacht davon geflogen. Heut' da zu meiner Mutter Hauſe Die Liebſte kommt zu Feſt und Schmauſe, 11 I. B. Lyriſches. Begegnet hier ein gutes Zeichen, Um jenes ſchlimme auszugleichen: Ein Bienenſchwarm iſt angeflogen Und hat ein neues Haus bezogen. Geliebte, ja; im Vaterhauſe Bald räumeſt du die Mädchenklauſe Und wirſt in meinen Arm entweichen; Das deutete das Doppelzeichen: Der Bienenſchwarm iſt ausgeflogen Und hat ein neues Haus bezogen. 16.88 Nun komme, was liebet, nun komm' es zu zweier Verliebten, Verlobten vermählender Feier!s? Die Schöpfung, die ſonſt ſich um Liebe gedrehet, Sie dreh' ſich in Lieb' um die Braut und den Freier; Das Zimmer, ſich wandl' es in Gärten des Himmels! Der Winter, verzaubert zum Frühlinge ſei er! Der Odem der Liebe, ſtatt Oſtwindes dien' er, Den ſtockenden Lüften die Regung verleih' er! Der Blick der Geliebten erſetze die Sonne, Aus drängenden Knoſpen die Roſen befrei' er! Komm', Nachtigall, ſing' uns ein Lied hier, wie jenes, Wodurch dir im Neſt ſich beleben die Eier! Ihr Tauben in Lauben, o girret und ſchwirret! Lahm ſei, euch zu ſchrecken, der Flügel dem Geier. Schwing', Falke der Luft, dich, und hol' mir aus Lüften Die Beute des Glückes, den glänzenden Reiher! Zieh magiſche Kreiſe auf feuchten Kryſtallen, O Schwan, mit Geſängen berudre den Weiher! O Dichtergenoſſe, prophetiſcher Vogel, Sei heute dem Dichter ein Heilprophezeier! Wir pflanzen im Garten zum Baum der Erkenntnis Den Baum des Genuſſes; ſtill wurzelnd gedeih' er! Sanft ſchwelle der Apfel und winke vom Zweige, Und ſeinen Genießer der Sünde nicht zeih' er! 0. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 15—18. Die Unſchuld iſt wieder durch Liebe gewonnen; Der Geiſt fühlt im Bande der Sünde ſich freier. Profane, wir wollen die Weihe beginnen; Hinweg, Ungeweihte, den Blick, den Entweiher! Nacht, heilige Göttin, Allmutter des Lebens, Zieh um uns den Himmel, den bräutlichen Schleier! Wir ruhen im Dufte des Schleiers der Liebe; Hell tönet vom Himmel die myſtiſche Leier. 17. Memnon“ und Mammon. Einen göttlichen Memnonsklang aus Oſten Nannt' in ſeltſam geformtem Briefe jüngſt mich Ein begeiſterter Freund. Desſelben Freundin War zugegen und las den Brief. Wie las ſie? Einen göttlichen Mammonsklang aus Oſten; Und erregte ſich ſelbſt und mir ein Lachen. Einen göttlichen Mammonsklang! Wie kann man Nennen paſſender einen armen Dichter? O du göttlicher Memnon, wie beſcheiden Vor dem göttlichen Mammon du zurücktrittſt! Iſt memnoniſcher Klang in meiner Harfe? Doch mammoniſcher wär' im Haus' mir lieber,““? Ob aus Oſten er oder Weſten käme. 18. Das Auskommen. Hab' ich doch am Tiſch geſeſſen Niemals, ohne ſatt zu eſſen; Ohn' ein Geldſtück zu erhaſchen, Nie gelangt auch in die Taſchen; Niemals müſſen auch hantieren, Wann ich wollte gehn ſpazieren, Und ſpazieren nie gegangen, Ohn' ein Liedchen einzufangen. Lieder, Muße, Geld und Speiſen, Sollt' ich Gott dafür nicht preiſen? Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) 61 I. B. Lyriſches. 19. Hausban. Wie manche Kunſt, man ſagt's nicht aus, Muß helfen, um zu baun ein Haus! Die Kunde hab' ich erſt gewonnen, Nachdem ich eins zu baun begonnen. Zuſammen wirkt da jede Zunft, Als ſtänd' am Weltbau Weltvernunft; Und wie ſie durcheinander rennen, Scheint jeder ſeinen Platz zu kennen. Wie dieſer dies und jener das, Und jeder thut, ich weiß nicht was, Muß ich ſie nur gewähren laſſen Und auf die Koſtenzettel paſſen. Wär' alles dies nicht längſt erdacht, Ich hätt' es nicht hervorgebracht Und hätte müſſen mich begnügen Ein Hüttendach aus Rohr zu fügen. 20. Kletterunterricht. Daß ihr klettert, liebe Buben, Will ich euch erlauben, Warum ſolltet ihr in Stuben Hängen als Schlafhauben? Mögt ihr aus dem Wipfel heben Ein paar Vogeleier, Wird es eben mehr hier geben Ein paar Vogelgeier. Oder wollt ihr um die Früchte Einen Baum brandſchatzen, Mehrt ihr eben das Gezüchte Räuberiſcher Spatzen. Wenn ihr, was ihr könnt, erklettert, Will ich's euch nicht wehren; Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 19, 20. Nur daß ihr euch nicht zerſchmettert, Höret meine Lehren! Dieſes merket euch, daß ihr keinen Aſt je fahren laſſet, Ehbevor ihr habet einen Anderen erfaſſet. Einem dürren Aſte nimmer Müßt ihr euch vertrauen; Sicher iſt es ſelbſt nicht immer Auf die grünen bauen. Beſſer als am beſten Zweige Haltet euch am Stamme, Ob auch jener Glätte zeige, Dieſer rauhe Schramme. Denn die Zweige ſelber müſſen Nur am Stamm ſich halten, Der allein auf eignen Füßen Steht, ſie zu entfalten. Vorſicht iſt die beſte Schanze: Nie auf einem Aſte Fußet ſo, daß drauf die ganze Wucht des Körpers laſte. Stützt euch hier, und dort beſchicket Eine Widerlage, Daß, wenn etwa hier es knicket, Es euch dort noch trage. Immer ſollt ihr auf die Stärken Euch hauptſächlich ſtützen, Doch daneben, wohl zu merken, Schwächen auch benützen. Manche Zweiglein ſind unſtreitig Für ſich ſelbſt nur ſchwächlich, Sich verſtärkend wechſelſeitig Sind ſie unzerbrechlich. I. B. Lyriſches. Klettert nur mit rechtem Ernſte, Machet keine Künſte! So erreichet ihr das fernſte, Und euch trägt das dünnſte. Doch indem ihr Fuß und Hände Drängt zur Höhe munter, Denket auch, wie ihr am Ende Wieder kommt herunter. 21. An die Jungen. Jeden kleinen, großen Stein in dieſer Flut, Dran ich mich geſtoßen Selber bis aufs Blut, Möcht' ich aus dem Wege dir, junge Brut, Räumen, eh' du ſelbſt gebrauchſt die Floſſen. Jeden Gang der Irrung, Dem ich ſpät entging, Jeden Hang der Kirrung, Wo ich lange hing, Jedes Netz, in das ich oft mich fing, Möcht' ich ganz dir bringen zur Entwirrung. Was je von Gefahren Drohte meinem Schiff, Möcht' ich eurem ſparen, Kinder, im Begriff Auszulaufen zwiſchen Klipp und Riff; +. Könnt' ich beſſer euch als mich bewahren!— Sei nur unbeklommen, Trau' auf Gottes Hauch! Du biſt durchgekommen, Mögen ſie es auch! Keinem giebt man mehr die Wind' im Schlauch, Seit Ulyß“! ihn nicht in acht genommen. e. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 20—23. 22. Drei Paare und Einer. Du haſt zwei Ohren und einen Mund; Willſt du's beklagen? Gar vieles ſollſt du hören, und Wenig drauf ſagen. Du haſt zwei Augen und einen Mund; Mach' dir's zu eigen! Gar manches ſollſt du ſehen, und Manches verſchweigen. Du haſt zwei Hände und einen Mund; Lern' es ermeſſen! Zwei ſind da zur Arbeit, und Einer zum Eſſen. 23. Die Schulknaben. Wie beklag' ich meine Knaben, Die an ſolchen ſchönen Morgen In den Zwangſtall ihrer Sorgen Mit dem Schulſack müſſen traben. Statt in Gottes aufgeſchlagnem Buch zu leſen ew'ge Wunder, Nagen ſie an übertragnem Griechiſch und latein'ſchem Plunder. Beſſer in des Taues Friſchen Wär's, in unverdorbner Luft Blumen brechen oder wiſchen Von den Pflaumen reifen Duft. Doch beruhige dich nur! Wohl hat ihre Mutter, Und noch beſſer die Natur Sie verſehn mit Futter. Unterm trocknen Lernen naſchen Sie behaglich Frucht und Blüte, Apfel in den Taſchen, Frühling im Gemüte. 102 I. B. Lyriſches. 24. Der vater giebt ſeine Uhr dem Sohne. Deine Tag' und Stunden floſſen Nicht gemeſſen, nur genoſſen, Nicht gezählt nach Schlag und Uhr, Wie ein Bach durch Blumenflur. Aber ernſter wird das Leben, Und ich will die Uhr dir geben; Trage ſie, wie ich ſie trug, Unzerbrochen lang genug! 3 Daß ſie dir mit keinem Schlage Von verlornen Stunden ſage! Unerſetzlich iſt Verluſt Des Geſchäfts und auch der Luſt. Sohn, der Tag hat Stunden viele So zur Arbeit wie zum Spiele; Gieb das Seine jedem nur, Und du freueſt dich der Uhr. Selber hab' ich mit den Stunden Mich ſoweit nun abgefunden, Daß ich ohne Glockenſchlag Sie nach Notdurft ordnen mag. Zähle du für mich die Stunden! Und auch jene, die geſchwunden, Kehren ſchöner mir zurück, Wie du ſie dir zählſt zum Glück. 11 2 55. Der vater in ſeine Cochter verliebt. J Darf verliebt der eigne Vater In die eigne Tochter ſein? Heute bin ich es in ſpater Abendzeit bei Kerzenſchein Geweſen in mein eignes kleines Töchterlein. S 6„„„ o. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 24, 25. Aus verkühlter Arbeitſtuben In das Kinderzimmer warm Flüchtet' ich, und von den Buben Hauſt' im Freien noch der Schwarm, Und ungeſtört mein Kindchen nahm ich auf den Arm. Wie ich ſo mit ſtätem Gange Auf und ab das Zimmer ſchritt, Legt' ich mein' an ihre Wange, Die es ganz geduldig litt; Sie ſchien zu fühlen, etwas ſei gemeint damit. Und wir machten auf und nieder Immer ſchweigend unſern Gang; Da erwachten alte Lieder, Die in mir geſchlummert lang, Die Liebeslieder, die ich ihrer Mutter ſang.“? Niemals hab' ich die geleſen, Seit ſie aufgeſchrieben ruhn, Weil es nie mein Brauch geweſen Abgethanes neu zu thun; Und auch die Mutter hat nicht Zeit zu leſen nun. „Darum alſo“— unterm Gehen Sprach ich dieſes ohne Wort; Und ſie ſchien es zu verſtehen, Denn ſie lauſchte heimlich fort— „Sei dir geweiht der elterliche Liebeshort! Deine Mutter wird nicht ſchelten, Weil ſie gern ſieht, was mich freut, Daß, die galten ihr, dir gelten, Die in dir ſich ſelbſt erneut; So nimm ſie, die du zwar noch nicht kannſt leſen heut'! Soviel kann ich mich entſinnen, Ob ich nie zur Hand ſie nahm: Nichts geſchrieben ſteht darinnen, Was nicht aus dem Herzen kam, Und du als Jungfrau leſen einſt kannſt ohne Scham. I. B. Lyriſches. Wann du in des Brautbekröners“? Reigen eintrittſt ſäuberlich, Sing' ein Bräut'gam dir ein ſchöneres Lied, als deiner Mutter ich! Und neiden werd' ich ihm ſo wenig das als dich.“ 26. Vakerſchmerzen. Da du ſelber Vater biſt, So begreifeſt du geſchwinder, Wie zu Sinn dem Vater iſt, Wenn er ſtrafet ſeine Kinder. Seinem Herzen thut es wehe Einmal, daß ſie ſtrafbar ſind Und gedoppelt, daß er ſehe Leiden Schmerz durch ihn ſein Kind. U 27. Vaterſorge. Jeder Tag, der nichts dir nimmt, Hat dir wirklich was gegeben. Wie ein Docht im Wind verglimmt, Konnt' er löſchen dir ein Leben. Für ſo viele“s mußt du beben Und in Furcht und Sorge ſchweben; Fühleſt du dich nicht geſtimmt, Jedem Tag zu ſagen Dank, Wo von allen keins ward krank? Keiner ging mir noch verloren Derer, die mein Weib geboren (Außer einem halbvergeßnen, Frühverlornen, kaum beſeßnen); Daß ich immer zagen muß Vor dem Monatsrechnungsſchluß, Ob der Tod nach Schickſalsordern Nicht wird ſeinen Blutzehnt fordern. 23 — 2 — 2 — C. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 25—28. Dieſe Furcht, in der ich habe Jeden ſchon gelegt zu Grabe, Rechne mir der Herr der Welten An als wirklichen Verluſt, Wenn für Kindesopfer gelten Kann ein Herz in Vaterbruſt. 28. Trauer und Croſt. In des Brautbekröners“e Reigen Sollt' ich dich nicht eingehn ſehn. Wird mein Geiſt zum Himmel ſteigen, Wirſt du ihm entgegen wehn; Denn dorthin mußt' ich ſehn mein Kind voran mir gehn. In des Brautbekröners“? Reigen Lieder, die kein Bräutigam Dir wird ſingen, weil das Schweigen Dich der Nacht hinunternahm, Die ſinge droben dir ein Engel ohne Gram! Aber droben anvermählet Wird dir doch kein Engel ſein; Einen haſt du ſelbſt erwählet, Mitgenommen ſchön und fein, Mit dir genommen haſt du uns dein Brüderlein. Daß der Bund, den ich geſungen, Heilig ſei, iſt offenbar, Da aus ihm uns iſt entſprungen Solch ein lichtes Engelpaar; Und daß es aufflog, macht den Bund noch heil'ger gar. Mit der Harf und mit der Flöte, Die beleben jedes Wort, Ruhn am Saum der Abendröte Meine beiden Engel dort Und ſingen ihres Vaters Lieder fort und fort. J. B. Lyriſches. Laßt den Ton herniederklingen, Der nicht ſei der Welt bewußt, Meinem Herzen Mut zu bringen, Einen Troſt der Mutterbruſt Und euern nachgelaßnen Brüdern Jugendluſt! 29. Mit vierzig Jahren. Mit vierzig Jahren iſt der Berg erſtiegen, Wir ſtehen ſtill und ſchaun zurück, Dort ſehen wir der Kindheit ſtilles liegen Und dort der Jugend lautes Glück. Noch einmal ſchau', und dann gekräftigt weiter Erhebe deinen Wanderſtab! Hindehnt ein Bergesrücken ſich ein breiter Und hier nicht, drüben geht's hinab. Nicht atmend aufwärts brauchſt du mehr zu ſteigen, Die Ebne zieht von ſelbſt dich fort; Dann wird ſie ſich mit dir unmerklich neigen, Und eh' du's denkſt, biſt du im Port. 30. Mit fünfundvierzig Jahren. Dreißig Jahr' iſt mittler's Leben, Dreißig Jahr' im Durchſchnitt lebt Ein Geborner, bis man neben Seinen Vätern ihn begräbt. Und die Hälfte drüber ſchon Hat der Vater dir gegeben; Biſt du nicht gerührt davon? Klagteſt, wenn der Tod heut' eben Klopfte an mit leiſem Ton, Was der Schlag der Totenuhr In der Wand bedeuten mag? Du durchlebteſt, merk' es nur, Volle fünfundvierzig Jahr', Und von deiner Brüder Schar Mancher lebt nicht vollen Tag. 31. Das Schwabenalter. Als ich ins Schwabenalter Eintrat mit vierzig Jahren, Wo der Verſtand den Schwaben Soll kommen nach dem Sprichwort: Hofft' ich, er ſollte kommen Mir auch; wer aber nicht kam, War der Verſtand. Ich fragte: Warum zur anberaumten Friſt biſt du nicht gekommen? Er ſprach: Ei, Unverſtänd'ger, Darfſt du aufs Schwabenvorrecht Anſpruch als Franke machen? So mußt' ich mich gedulden, Zehn Jahr noch mich begnügend Mit meinem Unverſtande, Bis an der Fünfziger Grenze. Nun hoff' ich, der Verſtand wird Verſtändig g'nug ſein endlich, Um auch zu mir zu kommen. Ich denk' es ihm verſtändlich Zu machen, daß es ſchändlich Und unrecht wär' unendlich, Sollt' ich als Franke längern Vorſprung den Schwaben laſſen. 32. Der Abſchied von Ueuſeß.“ꝰ Eh' ich diesmal von dir ſchiede, Mahnet meine Liebe mich, Ob ich endlich nicht im Liede Nennen woll', o Neuſeß, dich, I. B. Lyriſches. Das wohl mancher, der dich kennet, Leicht in manchem Lied erkannt, Doch das ich— undankbar nennet Es die Liebe— nie genannt. Neuer Sitz am alten Koburg, Mir im Herbſt ein neuer Lenz, Meine kleine Freudenfrohburg, Ehrenburg und Reſidenz! Deſſen Schatten ein Vertrauter Meiner Einſamkeiten ſprießt, Wo die Lauter“s hell und lauter Meinem Zaun vorüberfließt. Wo ich, was ich ſtrebt', erſtrebte, Wo ich, was ich rang, errang, Meinen Liebesfrühling lebte, Meinen Liebesfrühling ſang.“s Könnt' ich auch in dir verleben Meinen Lebensherbſt! In dir Ihn verfſingen? Das nicht eben; Gieb nur das Verleben mir! Ein Verleben und Erleben, Ein Ausleben rein und gar, O Natur, wie du gegeben Allen Pflanzen dieſes Jahr, Wo du noch mit Sonnenglanze Krönſt den Baum, den du entfärbſt; So in meiner Kinder Kranze Laß mich leben meinen Herbſt! Doch warum nicht auch ihn ſingen? Iſt nicht hier Poetenluft? Und ſogar, vor allen Dingen, Iſt nicht hier Poetengruft? Ja, dem Reiſevater Thümmel,““ Der noch manchen heiter rührt, Steht, entfernt vom Stadtgetümmel Dort ſein Denkmal aufgeführt, „ o. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 32. Wohlgewählt auf angenehmer Mittlerer Erhöhung dort, Wo ſich darſtellt zu bequemer Überſchauung Thal und Ort; Wählte nicht der reiſematte Sich die letzte Ausſicht ſchön, Der ſtets ſeinen Standpunkt hatte Auf des Lebens mittlern Höhn? Gegenüber aus dem Fenſter Meiner Wohnung ſah ich ſchon Oft zur Stunde der Geſpenſter Auf dem Grab den Götterſohn Stehn und auf der Wipfel Wallen Niederſchaun im Mondenſchein, Lauſchend auf die Nachtigallen, Die ſein Herzog's hegt im Hain. Schön iſt es zum Freunde haben Einen Fürſten, der den Mann Lebend ehren und begraben Auch in Ehren laſſen kann; Schön ſolch einen, der vor allem Die Natur und Kunſt ſo liebt, Daß er ſelbſt den Nachtigallen Freie Statt im Freien giebt. Mir ein Denkmal aufzuführen, Will ich Fürſten nicht bemühn; Wie ſich meine Saiten rühren, Steigt es in die Wolken kühn, Höher, glänzender und größer, Um mit Stolz herabzuſchaun Auf die beiden höchſten Schlöſſer, Die ſich dort entgegen baun: Dorther ob der Stadt die Feſte,““ Hinter der die Sonne ſteigt, Dort die ſchön erneuten Reſtes“ 109 J. B. Lyriſches. Callenbergs, wo ſie ſich neigt. Nordwärts neigt ſie ſich den Zinnen In des Sommers höchſtem Stand; Wenn ſie's ſüdwärts thut, von hinnen Treibt uns dann der Herbſt vom Land. Wenn noch auf den Burgen Rieſen Wohnten wie in alter Zeit, Könnten brüderlich von dieſen Beiden auch, wiewohl ſo breit Drunten mit dem Blütenprangen Sich dazwiſchen legt das Thal, Zwei darüber hin ſich langen Morgentrunk und Schlafpokal. Aber nun, vor Rieſenſchatten Überm Haupte wenig bang, Zeichn' ich durch betaute Matten Zu dir meinen Morgengang, Callenberg, vorbei dem Weiher, Der empor den Frühdampf ſchickt, Den mein Auge droben freier Mit der Sonne niederblickt. O wie oft in ſolchen Stunden, Wo dein Luſtſchloß, unbeſucht, Gleichſam ſchläft, hab' ich gefunden Meine Luſt hier ungeſucht! Jeden Gang hab' ich betreten Und beſeſſen jede Bank, Die man, von mir ungebeten, Doch gemacht zu meinem Dank. Keine mehr zu meinem Danke Als genüber die dem Schloß, Das von da wie ein Gedanke Alter Zeiten ſtill und groß Sich vor Aug' und Seele ſtellet, Altergrau und jung zugleich, 0. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 32. 111 Schmuck und Wohnlichkeit geſellet, Wie ein künft'ges deutſches Reich. Aber nun in dunklen Forſten Laßt mich meinen Heimweg ſpähn, Wo die freien Vögel horſten, Und gefangne Tiere gehn; Staunend hab' ich hier gehöret Und verwundert auch geſehn, Wie der Hirſch im Dickicht röhret, Und wie ihm die Zacken ſtehn. Tretend aus des Wildes Zaune, Schließ die Gatter hinter dir, Dankbar, daß dir Fürſtenlaune Zeiget manches ſeltne Tier, Selbſt den Steinbock, der getreulich Herkam mit der Schweizerei, Aber klagt, daß es abſcheulich Flach auf dieſen Alpen ſei. Herbſtwind, der du dieſe Felder Zum Heerlager nun gewählt, Lichte zögernd dieſe Wälder! Denn die Blätter ſind gezählt Von dem Herrn; wie ſeine Krone Hat er Laubeskronen lieb, Brechen kann er ſehn nicht ohne Mitleid einen grünen Trieb. Gleichwie einſt am Helleſponte Kerxes, als er zog einher,s! Ungerührt nicht ſehen konnte Einen Platan, welchem er Eine Ehrenſchutzwach ſtellte, Daß ihm ſei gekränkt kein Laub; Den das Perſerheer nicht fällte, Nahm der Winter doch zum Raub. 4 I. B. Lyriſches. Und ſo ſei nur ungeſchmeidig, Wirf die Blätter auf den Rain! Hier vertreibeſt du mich leidig, Doch ich ziehe jetzt zum Main; Morgen zieh' ich hin zum Maine, Wo du jetzt die Blätter ſtreifſt Von dem Berg, wie hier vom Haine, Doch darunter Trauben reifſt. Daß an ihm ich bin geboren,s? Macht den Main ſo lieb mir nicht, Als daß er im Tanz der Horen Dieſen Kranz, den letzten, flicht; Ja, mich zieht aus deinem Frieden, Neu erkorner Heimatsport, Keine Frucht der Heſperiden,s? Sondern nur die Traube fort. Und ich werd' in dir, o Neuſeß, Ganz vor Heimweh ſein umſchanzt, Wann ich ſtatt des Waldgeſträußes Reben erſt hab' angepflanzt. Hab' in jedem Stand der Sonne Schon darauf dich angeſchaut, Da und dort mit Herzenswonne In der Zukunft Wein gebaut. Wo der Goldbergs“ ſeine Halde Sanft zum Mittagſtrahle kehrt, Und die Stirn mit Eichenwalde Gegen Nord und Oſt bewehrt; Dort, wo ſpärlich goldne Ahren Wachſen, wächſt ein goldner Wein, Den als Sonnenkind gebären Wunderähnlich Sand und Stein. Dort im ſelbſtgepflanzten Garten, Wenn zur Wahrheit wird ein Traum, Will ich meiner Reben warten Rückerts Gedichte. T.(G. Freytag, Leipzig.) C. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 32, 33. Und mir preſſen Purpurſchaum, Ihn zu ſpenden meinen Lieben, Allen, die mein Herz erkor, Allen, die durch Gott mir blieben, Und die ich durch ihn verlor. 33. Die harfe. Aufgehangen war die Harfe, Unbelohnt für treue Pflicht, Im gelehrten Hausbedarfe Dacht' ich ihrer weiter nicht. Manchmal war's, als ob ein Klimpern Ihre Saiten überfuhr, Doch ich zuckte nicht die Wimpern, Tiefgeſenkt auf Bücher nur. Endlich, wie aus Träumen munter, Ward ich ihrer eingedenk, Und ſie ſtieg zu mir herunter, Meiner Jugend Weihgeſchenk. Aber werd' ich neu gewöhnen Das verlernte Kinderſpiel? Wird es mir wie damals tönen, Da es meiner Braut gefiel 263 Ach, den ſchönen Liebeseifer Hat das Leben abgekühlt, Und die Finger wurden ſteifer, Seit ſie nicht dich angefühlt. Goldnen Traumduft hat die ſcharfe Luft des Tages weggehaucht; Doch ich ſeh', dir blieb, o Harfe, Die Begeiſtrung unverraucht. Seelenvoller Klangbehälter, Ging die Zeit nicht dir auch hin? Biſt du nicht geworden älter, 11 3 0 I. B. Lyriſches. Wie ich alt geworden bin? Keine Sait' an ihr geſprungen, Keine Sait' an ihr verſtimmt! Und ein Ohr noch, das die Zungen Aller Völker klar vernimmt. Wie du nicht dich ſelbſt vergeſſen? Was die Stimmung dir erhielt? Hat vielleicht auf dir indeſſen Selbſt mein Genius geſpielt? Oder Aolus,8s der alte, Hat dich mit der ſtürm'ſchen Hand Angerührt durch eine Spalte, Wo du hingeſt an der Wand. 34-35. Zur Silberhochzeit. 34. 26. Dezember 1846. Dir ſchenk' ich, was du mir geſchenkt; Was ich dir ſchenkte, ſchenk' ich wieder: Mein Herz wird jung, ſo oft es denkt Der dir geſungnen Jugendlieder.“? Wir alterten, ſie blieben jung Und werden jung auf ewig bleiben: Erfreue dich der Huldigung, Daß ſie von dir, von dir ſich ſchreiben. Merk' auf ihr ſchmeichelndes Getön, Blick' in den Spiegel dieſer Lieder! Du ſiehſt dich ewig jung und ſchön Und ſchlägſt beſchämt die Augen nieder. 35. 27. Dezember 1846. Hätt' ich heut' vor fünf und zwanzig Jahren So viel Grau gehabt in meinen Haaren, Nicht genommen hätt'ſt du mich, ich wette; Und, wenn Roſen damals auf der Wange e. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 33—37. Du nicht hätteſt mehr gehabt, ich bange, Ob ich ſelber dich genommen hätte. Dennoch iſt es glücklich ſo gekommen, Und nicht reut mich's, daß ich dich genommen, Und am Ende darf dich's auch nicht reuen. Danken wir's den Lockungen der Roſen Und der Locken, ohn' uns zu erboſen, Daß ſie Winterreife jetzt beſtreuen. D Natur, Allmutter deiner Kinder, Weiſe lockeſt du durch ſolchen Flinders“ Zweie, die du für einander freieſt, Die, wenn fein ſie miteinander wallen, Merken, wenn die äußern Flitter fallen, Daß du ſie für Höh'res, Inn'res weiheſt. 36. Mein Leben. Ich blick' auf ſiebenzig Jahre zurück, In wechſelndem Schatten von Leid und Glück Seh' ich ſie hingefloſſen, Durchlitten, durchgenoſſen Und wünſche mir keines von allen zurück. 37. Kein Leichenſtein. Einer nach dem andern geht Alter Luſtgenoſſen, Und wie oft der Lenz erſteht, Keine neuen ſproſſen. Selber zieht es nun mich nach Den vorangegangnen, Wenn ich denk' ans Ruhgemach Der von Ruh' umfangnen. Soll ich wie der Leichenſtein Stehn auf ihrem Grabe? Legt zu ihnen mich hinein, Daß ich Ruh' auch habe. 116 I. B. Lyriſches. 33. Grabſchrift. An meinem Grabe ſollt ihr Roſen pflanzen, Und Reben ſollen ſich dazwiſchen ſchlingen; Und wann die Roſen brechen ihre Lanzen, Und wann die Reben ihre Trauben bringen, In jedem Herbſt und Frühling ſollen tanzen Knaben und Mädchen und ein Lied mir ſingen: Du ruheſt ſchön im Tode wie im Leben, Wie du's gewünſchet, unter Roſ' und Reben. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 1. Waldſtille. Tief im Walde ſaß ich, Und die Welt vergaß ich, Die nie mein gedacht; Mich in mich verſenkt' ich, Und mein Sinnen lenkt' ich In des Daſeins Schacht. Welt, ich dein vergeſſen? Erſt dich recht beſeſſen Hab' ich fern von dir. Wo du mir geſchwunden, Hab' ich dich gefunden Inniger in mir. Wie durch Bachkryſtallen 0 Dir mit Wohlgefallen Schau' ich auf den Grund. Du biſt nicht ſo böſe, Wie du mit Getöſe Selbſt es thueſt kund. Draußen im Gewirre Kann man werden irre, Welt, an ſich und dir; d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 1. Fern von deinem Rauſchen Kann ich dich belauſchen In mir ſelber hier. Leiſe hör' ich flüſtern Jedes Blatt der Rüſtern,s“ Jegliches Gefühl Sich im Buſen regen, Wie die Winde legen Sich im Laubgewühl. Einen leiſen Odem Hör' ich, der den Brodem Haucht hinweg vom Tag. Du biſt ohne Schleier, O Natur, und freier Geht mein Herzensſchlag. Durch des Waldes Stille Tönt die Sommergrilless Und die Unk's? im Sumpf Lauter oder leiſer; Keine Stimm' iſt heiſer, Keine Stimm' iſt dumpf. Wer den Ton gefunden, Der im Grund gebunden Hält den Weltgeſang, Hört im lauten Ganzen Keine Diſſonanzen, Lauter Übergang. O Natur, du große Mutter, die im Schoße Viele Kinder hält! Lächelſt recht von Herzen, Wenn ſie fröhlich ſcherzen, Wie dir's wohlgefällt. Wenn die Kinder ſtreiten, Schlichteſt du bei Zeiten, IJ. B. Lyriſches. Braucheſt deine Macht; Wenn ſie ſich verlaufen, Sammelſt du den Haufen Doch zu dir bei Nacht. Deine Sonne wecket Alles, was bedecket Goldner Schlummerduft. Wache Lebenstriebe Wiegſt du ein in Liebe: Wiege, Brautbett, Gruft! Deinen Arbeitsbienen, Kunſttrieb gabſt du ihnen Statt der Liebesluſt. Aber beide Flammen Goſſeſt du zuſammen In des Menſchen Bruſt. Wo die beiden ringen, Werden ſie bezwingen Leben und den Tod, Sich zum Himmel ſchwingen Und zur Erde bringen Ew'ges Morgenrot. Geiſteswaffenſchärfung, Stoffes Unterwerfung, Welterobrungskunſt; Hier den Forſt zerſchmettert, Was ihn dort beblättert, Sürm'ſche Liebesbrunſt. Auch der Haß iſt Liebe, Schöpfend mit dem Siebe Statt der Schal' im Born. Als ich haſſen wollte, Fühlt' ich nur, es ſchmollte Kind'ſcher Liebeszorn. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 1, 2. Du verzeihſt den Kindern, Aber weißt zu hindern Ihre Unart auch. Der iſt wohlerzogen, Deſſen Hochmutswogen Legt von dir ein Hauch. Laß mich auserkornen Meinen blindgebornen Bruder nicht verſchmähn! Was der Maulwurf wühlet, Hat der Menſch gefühlet Oder eingeſehn. Was der Vogel ſinget, Was die Quelle ſpringet, Was die Blume blüht, Was die Schöpfung rauſchet, Mutter, nur belauſchet Hab' ich dein Gemüt. Laß mich für die Erde Sinnen, daß ſie werde Durch und durch verſchönt! Laß mich ſie verklären, Daß im Chor der Sphären Sie mit Freude tönt! Die Welt kam ſchön aus Gottes Hand, Und, daß ſie ſchöner werde, Schuf Gott den Menſchen zu Verſtand Aus einer Handvoll Erde. Nicht nur der Garten Eden war Am ſchönſten dort zu ſchauen, Wo ſiedelte das erſte Paar Ein Blumenbeet zu bauen: 1 I. B. Lyriſches. Nicht minder ſchön iſt überall Die nun bebaute Erde, Bebaut von Menſchen, daß ſie all' Ein Garten Eden werde. Und Schönres iſt nicht auf der Welt, Als wohnliche Gefilde, Vom Fleiß der Menſchenhand beſtellt, Bewohnt vom Menſchenbilde. Die Ausſicht wäre minder ſchön, Wenn hier nicht Kähne glitten Im Strom, und dort an Rebenhöhn Sich lehnten braune Hütten. 3. Des Stromes Liebe. Ich ſtürze meinen Wogenſchwall Durch grauſe Felſenklüfte, Und meines Ganges Donnerhall Vernehmen alle Lüfte. Daß ich ein wilder Gießbach bin Und hege keinen ſanften Sinn, Das mag ein jeder wiſſen. In Feſſeln thu' ich nimmer gut Und dulde keine Banden; Und wer begegnet meinem Mut, Der wird vor ihm zu Schanden; Und wer ſich mir entgegenſtemmt, Mich in der ſtolzen Freiheit hemmt, Er muß den Frevel büßen. Den Felſen, der in meiner Bahn Sich keck entgegen türmet, Faſſ' ich mit ſtarken Armen an, Er wird hinabgeſtürmet; Das Blümlein aber, das gebückt Auf meine Strudel niederblickt, Darf ohne Scheu mich küſſen. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 2—4. Und dämpfen wollt' ich meinen Mut, Wenn ich ein Quellchen fände, Das willig ſeine klare Flut Mit meinem Strom verbände: Ich gäbe meinen wilden Sinn Geduldig ihr in Feſſeln hin Und lernte ſanft zu murmeln. Und wenn du denn das Quellchen biſt, Und wenn ich dir gefalle, So ſei mir froh als Braut gegrüßt, So zeuch in meine Halle; Mein Haus iſt hochgewölbt und kühl, Laß uns der Minne ſüßes Spiel In ſeinem Schatten ſpielen. Und wenn der wilde Schaum dich ſchreckt Auf meines Reiches Fläche, Sieh nur herein, der Schaum bedeckt Kryſtallne Waſſerbäche. Rein komm' ich aus der Mutter Schoß, Und keine trübe Lache floß Mit meinem Strom zuſammen. So komm und laß mein Brauſen dir, Wie ich dich liebe, ſagen. Komm, Braut, o komm, und laß von mir In meinem Arm dich tragen, Von meiner ſtolzen Manneskraft In hohem Lauf dahin gerafft Zum Bett des Ozeanes. 4. Die verſpütete Biene. Die erſten Sonnenſtrahlen ſchienen Aufs Bienenhaus, Da flogen die erwachten Bienen In Schwärmen aus. „Trompetet““ hell, und fahret, I. B. Lyriſches. Gerüſtet und geſcharet Zur Arbeit und zum Schmaus!“ Erſt ihre fleiß'gen Scharen zählte Die Königin Und merkte, daß ein Bienchen fehlte. „Wo iſt es hin? Und hat es ſich verſchlafen, So treffen es die Strafen, So wahr ich König bin.“ Doch als ſie fuhren auf den Wegen Mit lautem Ton, Kam ihnen, das gefehlt, entgegen, Beladen ſchon, Mit goldnem Wachs behoſet, Mit Goldſeim überroſet, Durchleuchtet ganz davon. „Wo haſt du das ſchon aufgetrieben, Wo hergebracht?“ „Und wißt ihr denn, wo ich geblieben Heut' über Nacht? Die Nacht mich überraſchte, Wo ich in Blumen naſchte; Da hab' ich denn gedacht: Ich will im Kelch hier übernachten, Nicht weit davon; Und wenn die andern dort erwachten, Arbeit' ich ſchon. Arbeitet nun, Geſellen! Ich eil' indes zu ſtellen Mich vor der Kön'gin Thron.“ 5. Im Sturm. d. Wann ſich der Himmel ſchwärzt mit Ungewittern, Und ſich die wilden Windeswirbel heben, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 4—6. Muß ich mit allen ſchlanken Ahren zittern, Muß ich mit allen ſchlanken Aſten beben, Es möchten jene knicken, dieſe ſplittern, Eh' jene Korn den Schnittern, Dieſe den Gärtnern reife Früchte geben. g. Ich weiß nicht, was es mich anficht, Wenn nicht des Himmels Segen Zur rechten Zeit giebt Sonnenlicht, Zur rechten Stunde Regen. Mir ſteht kein Halmenfeld im Gau, Das muß der Reife warten; Mir blühet, das verlangt nach Tau, Kein Roſenbeet im Garten. Doch freut es mich, wenn andern mag Nach ihrem Wünſch es glücken, Zu ſammeln ihren Erntertrag Und ihre Luſt zu pflücken. 6. Weltkrieg. Vier Elemente liegen Wie Raufer in dem Haar Einander und bekriegen Sich wechſelnd immerdar. Es blitzt das rote Feuer Aus Wolkenwall mit Macht Und donnert ungeheuer, Als wie zur rechten Schlacht. Es ſchüttelt ſich die Erde, Die tief im Herzen brennt, Und wirft mit Drohgebärde Geſtein ans Firmament. Das Meer daneben bäumet Als ein unbändig Roß I. B. Lyriſches. Zum Kampfe ſich und ſchäumet Auf Erd' und Himmel los. Der Sturmwind ſchnaubt dazwiſchen Mit allgemeinem Braus, Luft, Erd' und Meer zu miſchen In eines Chaos Graus. Der Menſch, das ſchwache Leben, Steht mitten drein gebannt Und fühlt mit dumpfem Beben Der rohen Kämpfer Hand. Da wird's ihm wild zu Sinnen; Am großen Weltgefecht Auch Anteil zu gewinnen, Erwürgt er ſein Geſchlecht. Und bald ſo ungeheuer Beginnt er, daß zum Schluß Ihm Luft, Meer, Erd' und Feuer Den Vorrang laſſen muß. 7. Sonne und Mond. Die Sonne ſprach: O Mond, ich wende Der lieben Erde nun mich ab Und laſſe dich zurück; o ſpende Ihr alles das, was ich nicht gab. Ich gab ihr die Erregung Des Lichtes und der Luſt; Verleih ihr nun die Hegung Des Glücks in ſtiller Bruſt. Wo ſengend trafen meine Strahle, Darauf geuß einen Tropfen Tau, Und was durch mich gewelkt im Thale, Das zu erfriſchen atme lau. Und was ich den Gedanken Nicht zeigen durft' im Raum, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 6—8. Das laß der Seele Ranken Umfahn in duft'gem Traum. Und wenn ich kehr' am Morgen wieder, Will ich mich deiner Hilfe freun: Gelabte Schläfer werden Lieder, Erwachte Blumen Weihrauch ſtreun. Jedwede Knoſp' am Baume Von dir gepflegt gedeiht, Und was du gabſt im Traume, Mach' ich zur Wirklichkeit. 8. An die Uacht. Nacht, Allmutter des Lebens, ich preiſe dich, herrliche Göttin; Königin, keine wie du kränzet mit Sternen ihr Haupt. Deinen umfangenden Armen entreißen ſich trotzige Sonnen, Lieblos löſchen ſie aus deinen beſcheidenen Glanz; Doch wehmütig empfängſt du am Abende jegliche wieder, Ihr hinſterbendes Haupt bergend im duftigen Schoß. Ungleich haben geteilet die wechſelnden Horen“ des Jahres Zwiſchen dem Tag und dir; kränket es, holde, dich nicht, Daß mit beginnendem Lenze die Bahn um ſoviel dir ſich enget, Als ſie erweitert iſt ihm, der dir an Schöne nicht gleicht? Oft dann hab' ich im Schlummer die längernden Tage gekürzet, Dich zu erwachen,“? o Nacht, die du mir brachteſt ein Glück, Liebliche Träume der Lieb' und liebliche Liebe dem Traum gleich, Blumen von Eden, wie nicht pflanzt auf den Fluren der Tag. Aber es hat nun am Himmel die herbſtliche Wage gerichtet, Und, o verkürzte, du nimmſt weit nun Beſitz von der Welt. Säh' ich am Pole dich jetzt im Triumph, auf dem Wagen des Nordſcheins, Sonnenverachtenden Glanz ſpiegeln im Schilde von Eis! Aber zu mir auch reichet herab ein Schatten von deinem Herrſchaftſtabe, womit Sterne du lenkeſt und Mond, 126 I. B. Lyriſches. Deine getreuen Begleiter, die freundlichen Blüten der Lüfte, Deren ſich tröſtet mein Herz, welches der Frühling verließ. Siehe, ſie wollen den Frühling ins Herz, ins Zimmer mir wieder Bringen, der Lampe dazu leihn ſie den zaubernden Strahl. Geh am verödeten Himmel hinab doch, o Sonne, du blickſt matt, Matt wie die Liebſte geblickt, als ſie nicht mehr mich geliebt. Aber, o Sonn'in der irdiſchen Nacht, geh' leuchtend im Geiſt auf, Untergegangener Lieb' einziger Troſt, Poeſie! 9. Die Glumenengel. Die Engelein, liebes Maidelein, Sind auch wohl ſo ſchön, wie du und ſo fein; Halt daß wir ſie nur nicht können ſehen, Wenn ſie vom Himmel zur Erde gehen. Wenn du's aber noch nicht weißt, Wo die Engelein wohnen zumeiſt, Wenn ſie vom Himmel zur Erde kummen, So will ich dir's ſagen: Das ſind die Blumen. Jegliche Blum' iſt ein Gezelt, Das ſich ein Engelein hat beſtellt, Wo's von ſeiner Wanderung hält Ruh', Bis's wieder fleugt dem Himmel zu. Und's Engelein iſt auf ſein Häuslein bedacht, Wie's jeder Menſch mit ſei'm eigenen macht, Es ziert's und ſchmückt's aus um und an, Daß es ihm drinnen gefallen kann. Es holt ſich goldigen Sonnenſchein Und legt ihn rings außen ums Dächelein, s holt ſich Farben mancherhand Und bemalt ſich von innen des Häusleins Wand. Es backt ſich von Blumenmehl Himmelsbrot, Daß es auf Erden nicht leidet Not; Es bräut ſich aus Tau ſein Tränklein friſch Und ſchickt ſich in allem ganz haushälteriſch. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 8—10. Und das Blümele hat recht ſeine Freud', Wie ſein Hausherr ſo drin ſchafft und bräut; Und wenn's Englein dann wieder gen Himmel wandert, So fällt das Häuslein vor Weh auseinander. Liebes Maidelein, wenn du dann Willſt allweil die Englein um dich han, So mußt du's nur mit den Blümlein halten, So werd'n auch die Englein um dich walten. Stell' eine Blume vor das Fenſter dein, So läßt ſie dir keinen böſen Gedanken herein; Stecke vor deine Bruſt einen Blumenſtrauß, So gehſt du allweg mit einem Engelein aus. Begieße frühmorgens ein Lilienreis, So bleibſt du den ganzen Tag lilienweiß; Stell' nachts an dein Bett eine Roſe zur Hut, So wiegt dich ein Engel auf Roſen gut. Kein arg Träumen kann dich ſchrecken, Denn ein Englein wird dich decken; Und welche Träum' es zu dir läßt ein, Das müſſen gute Träume ſein. Wenn du dann in ſolcher Hut Wirſt träumen von meiner Liebesglut, So denke, daß ſie iſt treu und rein, Sonſt ließ ſie das Englein nicht zu dir ein. 10. Der Himmel.““ Der Himmel iſt, in Gottes Hand gehalten, Ein großer Brief von azurblauem Grunde, Der ſeine Farbe hielt bis dieſe Stunde Und bis an der Welt Ende ſie wird halten. In dieſem großen Briefe iſt enthalten Geheimnisvolle Schrift aus Gottes Munde! Allein die Sonne iſt darauf das runde Glanzſiegel, das den Brief nicht läßt entfalten. I. B. Lyriſches. Wenn nun die Nacht das Siegel nimmt vom Briefe, Dann lieſt das Auge dort in tauſend Zügen Nichts als nur eine große Hieroglyphe: Gott iſt die Lieb', und Liebe kann nicht lügen! Nichts als dies Wort, doch das von ſolcher Tiefe, Daß kein Verſtand kann der Auslegung g'nügen. 11. An Mutter natur. Iſt des Herbſtes Abend nah? Still und freundlich ſtehſt du da, Und indem vom Haupte dir Sinkt des welken Kranzes Zier, Lächelſt du mit Weinen Mütterlich den Kleinen. Lächle mich noch einmal an, Mutter, und entſchlummre dann, Bette dich in ſüßer Ruh', Schleuß die müden Augen zu, Unter Schneees Hüllen Schlummre ſanft im ſtillen. Wenn du dann mit neuer Kraft Dich vom Schlummer aufgerafft, Wenn du aus der Winternacht Biſt zum jungen Tag erwacht, Grüßen meine Lieder Dich, Erſtandne, wieder. Oder wenn das neue Licht Dringt zu meinem Auge nicht— Sanfte Mutter, wie du willt, Du mir auch im Tode mild; Dir, du Wandelloſe, Ruh' ich ſtill im Schoße. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 10—12. 12. Das Jahr. &. Iſt das Jahr ein Bild des Lebens In dem eingepreßten Kreis Seines Auf- und Niederſchwebens Aus dem Eis zurück ins Eis, Durch ein Streifchen Glut dazwiſchen, Das, damit im Todeskuß Froſt und Froſt ſich nicht vermiſchen, So notdürftig wehren muß? In der Wiege, neugeboren, Wo das ſtumme Kindlein liegt, Die aus Eis iſt feſt gefroren Und von Stürmen umgewiegt, In der weihnachtlichen Wiege Hat das Kindlein bangen Traum Von des Lebens ew'gem Kriege Durch des Jahres kurzen Raum. Hat es aus den weißen Windeln Nun ſich ringend losgemacht, Freudig ihm beginnt zu ſchwindeln Vor erſchloßner Frühlingspracht—: Armes Kindlein, biſt nicht ſicher, Wenn ein ſchöner März dich weckt, Daß nicht ein veränderlicher Trug⸗April dahinterſteckt. Von geheimen Winterſchauern Kann der Lenz dich nicht befrein, Und die tück'ſchen Fröſte lauern Tief bis in den Mai hinein. Wann die Nachtigallen brüten, Friert im Ei der Vogel oft; Wenn man träumt vom Schnee der Blüten, Kommt noch andrer unverhofft. Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) I. B. Lyriſches. Endlich iſt die Furcht vergangen, Doch die Hoffnung auch vorbei, Und kein neues Frühlingsprangen Kommt nach abgeblühtem Mai. Wann die heiſere Cikadess Zu der heißen Arbeit mahnt, Heimſt der Sommer ſeine Schwade,“ Weil er ſchon den Winter ahnt. Geſchick des Jahrs, wie kläglich! Wenn man erſt den Froſt vergißt, Iſt die Glut gleich unerträglich, Daß man ſchon die Kühlung mißt. Wann die kühlen Früchte reifen, Die nicht hat die Glut verſengt, Hat der Herbſt mit kalten Reifen Auch die Blätter fahl geſprengt. Und da iſt der Winter wieder, Der ja kaum vorüber war, Und das Kindlein legt ſich nieder, Abgeſtorben ganz und gar, Abgelebt zum müden Greiſe Durch des Jahres Wechſelnot, Und des Lebens bange Kreiſe Schließt der ſtarre dumpfe Tod. In einem Lande möcht' ich wohnen, Wo der Natur geſetzter Zwang Hinwandeln läßt durch glüh'nde Zonen Des Jahres unverrückten Gang; Wo nach des Winters Regengüſſen Ein langer feſter Sommer kommt, Und auch die Menſchen fühlen müſſen, Daß nicht ein wirrer Wechſel frommt. Und wäre das mir nicht beſchieden, So möcht' ich wohnen an dem Pol, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 12, 13. Wo eines tiefen Winters Frieden Ich mir ließ' auch gefallen wohl; Da muß des Menſchen Geiſt verſenken Sich können in des Daſeins Schacht Und ſtill ſich nach den Sternen lenken In ewig heller Winternacht. Unſelig iſt der Mitte Schwanken, Dem hier wir unterworfen ſind, Wo Stunden wechſeln wie Gedanken Und die Gedanken wie der Wind; Wo keine ruhige Entfaltung Erlaubt des Jahrlaufs wilde Haſt, Und in verworrner Welthaushaltung Menſch und Natur hat nirgends Raſt. 13. Frühlingsfeier. In des Waldes grüner Nacht, Wo die Luſt vom Himmel tauet, Iſt auf bunter Wieſen Pracht Uns ein Tempel auferbauet. Schlanke Birkenſäulen ſtehn, Laſſen kühl um volle Becher Ihre Laubgewinde wehn, Und neugier'ge Vöglein ſehn Auf die frohen Zecher. Der du dich im Lichtgewand, Goldner Lenz, vom Himmel ſenkeſt, Und mit voller Segenshand Wie ein Kind die Erde tränkeſt; Dir im Becher ſchäumt die Flut, Wie durch unſrer Erde Glieder, Friſch vom Schlummer ausgeruht, Schäumt von dir entfachte Glut Jungen Lebens wieder. I. B. Lyriſches. Liebend nieder aufs Gefild Senkſt du deinen Blütenſegen, Und der Erde Buſen ſchwillt Bräutlich deinem Kuß entgegen. Haſt mit Liebeskuß du nicht, Nicht geſchwellt auch unſre Herzen? Haſt du unſern Buſen nicht Angehaucht mit reinem Licht Goldner Himmelskerzen? Brüder, wie die Sonne rein Durch die lichten Zweige ſchauet, Laßt die trunkne Seele ſein, Daß kein Wölkchen ſie umgrauet. Wie der Teppich Strahlen blickt, Ruhend auf betauten Wieſen, Soll ein Teppich froh geſchmückt, Reich mit bunter Luſt geſtickt, Herz und Sinn umfließen. Ungenannte Schöpferkraft, Die der Erde Mark durchwebet, In des Stromes Wirbeln ſchafft Und in Menſchenherzen bebet! Odem, der von Himmelshöhn In die Tiefe niederſendet Lebenshauch und Liebeswehn! Dir mit ſchmetterndem Getön Sei dies Glas geſpendet! Jedem Weſen, das zur Luſt Und zum Leben neu erreget, Gegen eine Schweſterbruſt Liebevoll die Bruſt beweget; Jeder Nachtigall im Hain, Die dem Strome ihrer Lieder Liebeswonnen, Liebespein, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 13. Lieb' und Leben hauchet ein, Dieſes Glas, o Brüder! Jedem Baum, der liebereich Auf ein ſtilles Blümchen ſchattet, Jedem Strauch, der ſeinen Zweig Mit dem Nachbarzweige gattet; Jedem Gräschen auf der Au, Das mit einem Schweſtergräschen Teilt ein Tröpfchen Silbertau, Jedem Gräschen auf der Au, Brüder, dieſes Gläschen! Jedem Blick voll ſtiller Glut, Der aus holdem Auge ſtrahlet, Jeder Regung, die mit Blut Sich auf zarter Wange malet; Vollſter Quell der Himmelsluſt, In der Bruſt der Schönen, Guten Sanft verſchleiert, unbewußt, Liebe in der Frauen Bruſt, Dir des Bechers Fluten! Kreiſe fort im Jubeltanz, Himmelsjüngling, Frühling, trauter! Lächle deinen Strahlenglanz Auf uns nieder licht und lauter! Trage deiner frohen Schar Jauchzen durch der Erde Fernen, Und auf goldnem Flügelpaar Trag' es auf zum Hochaltar Uber Wolk' und Sternen. Daß das große Vateraug' Liebe auf uns nieder ſchaue, Seines Segens ſchönſter Hauch In die reine Bruſt uns taue! Wie in ſeinem Sonnenſchein I. B. Lyriſches. Seine frohen Kinder wimmeln— Lieb' aus Himmeln mußt du ſein! Denn aus Erde-Wüſtenein Trägſt du auf zu Himmeln. 14—18. Mailieder.““ 14. Der Frühling lacht von grünen Höhn, Es ſteht vor ihm die Welt ſo ſchön, Als ſeien eines Dichters Träume Getreten ſichtbar in die Räume. Wenn ſchöpferiſch aus Morgenduft Der Sonne Strahl die Weſen ruft, Kehrt jedes Herz ſich, jede Blume Empor zum lichten Heiligtume. Wann Abendrot den Purpur webt, Darin die Sonne ſich begräbt, Schließt ſich befriedigt jede Blüte, Und Sehnſucht ſchlummert im Gemüte. Vom Morgen bis zur Nacht entlang Iſt all ein Kampf der Sonne Gang; Ein Kampf, die Schöpfung zu geſtalten, Durch Licht zur Schönheit zu entfalten. Die Sonn' iſt Gottes ew'ger Held, Mit goldner Wehr im blauen Feld, Und zu dem lichten Heldenwerke Erneut der Frühling ihr die Stärke. Die Sonn' am Tag, der Mond bei Nacht, Sie ringen all' mit Wechſelmacht, Die Sonne, Roſen rot zu ſtrahlen, Und Lilien weiß der Mond zu malen. Der Himmel ein ſaphirnes Dach Der Flur ſmaragdnem Brautgemach, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 13, 14. Wo ſich im Spiegel von Kryſtallen Schaut Roſe Braut im Wohlgefallen. Die Morgenröte wirkt ihr Kleid, Der Morgentau reicht ihr Geſchmeid, Der Morgenwind, ihr kecker Freier, Küßt ſie errötend unterm Schleier. Der Frühling giebt im Garten Tanz, Und alle Blumen nahn im Glanz, Wo Mädchen vorzuſtellen haben Die Roſen, und Jasmine Knaben. Das Veilchen birgt in Duft ſich ſtill, Weil aufgeſucht es werden will; Die Roſe glühend zeigt ſich offen, Wie könnte ſie Verbergung hoffen? Des Paradieſes Pforten ſind Nun aufgethan im Morgenwind, Und auf die Erde ſtrömt vom Oſten Der Duft, den ſonſt die Sel'gen koſten. Die Lauben Edens werden leer, Zur Erd' hernieder zog ihr Heer, Wo nun die Engel ſchöner wohnen In Roſenzelt und Lilienkronen. Nun lebt, berührt vom Liebeshauch, Das Leben neu und Totes auch; Der ſtarre Fels vor Sehnſucht bebet, Bis auch ein Epheu ihn umwebet. O Frühlingsodem, Liebesluſt, O Glück der felſentreuen Bruſt, Die ein Geliebtes an ſich drücket, Das dankbar ſie mit Kränzen ſchmücket. In dieſer Stille der Natur, Wo Liebe ſpricht und Friede nur, Sei fern den ſchweigenden Gedanken Des Menſchenlebens lautes Zanken: I. B. Lyriſches. Wie ſie die Sinne ſich verwirrt Und wie in Wüſten ſich verirrt, Wie ſie die Freude ſich verkümmert, Und wie das Daſein ſich zertrümmert, Und wie die Welt, ſo iſt ihr Lohn. Es reut mich jeder Liedeston, Der aufs verworrene Getriebe Der Zeit ſich wandt', und nicht auf Liebe. Die Liebe iſt der Dichtung Stern, Die Liebe iſt des Lebens Kern; Und wer die Lieb' hat ausgeſungen, Der hat die Ewigkeit errungen. Weg Thorentand und Flitterpracht! Im Himmel gilt nicht ird'ſche Macht. Erobrer, Helden, Weltvernichter, Geht, ſucht euch einen andern Dichter. Du Freimund,!7 laß den eitlen Schwall, Sing' Lieb' als wie die Nachtigall, O trachte ſtill in deinen Tönen Dein eignes Daſein zu verſöhnen. 45. Du Reiter, du toller, Wo'naus im Galopp? Dein Scheck hat den Koller,s Das heißt mir ein Hopp. 9s Wer biſt du?„Der Frühling!“ Und reit'ſt durch die Kühling? Zwar blau iſt der Himmel, Doch kalt iſt der Oſt; Gieb acht; auf dem Schimmel Da reitet ein Froſt; Der wird von dem Schecken Zu Boden dich ſtrecken. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 14—16. Ja, freilich da zappelt Am Boden er ſchon; Der Schimmel zertrappelt Den armen mit Hohn, Sein Füllhorn zu Scherben; Die Blüten verderben. Nun rafft ſich mit Reue Vom Boden das Kind; „Wo ſchaff' ich aufs neue Nur Blüten geſchwind? Selbſt im Paradieſe Giebt's keine wie dieſe.“ So reite nur wieder Gen Himmel dein Pferd, Um neue hernieder Zu bringen zur Erd'; Und ſei dann vernünftig, Reit langſamer künftig! 16. Wenn der Frühling ſeine Schöpfungsmelodien Durch die ſtillen Haine Läßt mit Brauſen ziehn; Laßt mich gehn, verloren In ſein ew'ges Lied, Das von meinen Ohren Ird'ſche Klänge ſchied. Keinen Freund und Trauten Such' ich, der mir ſpricht; Denn aus Menſchenlauten Tönt das Rätſel nicht. Selbſt das Unſchuldplappern Meiner Kinder ſtört; I. B. Lyriſches. Lieber Storches Klappern Hätt' ich noch gehört. Oder Laubgewühle In des Windes Wehn, Oder was ich fühle, Ohn' es zu verſtehn. Großes Allgemeines Spricht aus der Natur, Ein beſondres Kleines Aus den Menſchen nur. 7 Wenn es draußen heitert, Fühl' ich dich erweitert, Enges Zimmer, auch. Ohn' hinaus zu gehen, Ohn' hinaus zu ſehen, Ohne grünen Strauch Fühl' ich hier mich Frühlingsluft umwehen, Wie Gefangne Freiheitshauch. Denn im Herzensgrunde Sag' ich: Jede Stunde Kann ich gehn hinaus, Daß ich mich erquicke; Und von Blick zu Blicke Bleib' ich ſo im Haus. Freiheit legt ſich ſelbſt an goldne Stricke, Nur geſchloßner Kerker iſt ein Graus. 8 Alles ſtimmt der Mai zur Milde, Luft und Waſſer, Licht und Schall. Weichlich duftet's im Gefilde, Schmelzend lockt die Nachtigall. Selbſt der ſtrenge Bußeprediger Andert ſeinen Ton im Mai, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 16—19. Läßt uns fühlen, daß ein gnädiger Gott ob uns im Himmel ſei. 19. Kinderlied von den grünen Sommervögeln. Es kamen grüne Vögelein Geflogen her vom Himmel Und ſetzten ſich im Sonnenſchein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aſte Und ſaßen da ſo feſte, Als ob ſie angewachſen ſein. Sie ſchaukelten in Lüften lau Auf ihren ſchwanken Zweigen; Sie aßen Licht und tranken Tau Und wollten auch nicht ſchweigen, Sie ſangen leiſe, leiſe Auf ihre ſtille Weiſe Von Sonnenſchein und Himmelblau. Wenn Wetternacht auf Wolken ſaß, So ſchwirrten ſie erſchrocken; Sie wurden von dem Regen naß Und wurden wieder trocken; Die Tropfen rannen nieder Vom grünenden Gefieder, Und deſto grüner wurde das. Da kam am Tag der ſcharfe Strahl, Ihr grünes Kleid zu ſengen, Und nächtlich kam der Froſt einmal, Mit Reif es zu beſprengen. Die armen Vöglein froren, Ihr Frohſinn war verloren, Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl. Da trat ein ſtarker Mann zum Baum Und hub ihn an zu ſchütteln, Peeee I. B. Lyriſches. Vom obern bis zum untern Raum, Mit Schauer zu durchrütteln; Die bunten Vöglein girrten Und auseinander ſchwirrten; Wohin ſie flogen, weiß man kaum. 20. Das Eine Lied. Ich weiß der Lieder viele Und ſinge, was ihr liebt. Das iſt wohl gut zum Spiele, Weil Wechſel Freude giebt; Doch hätte Lieb' und Friede Genug an Einem Liede Und fragte nicht, wo's hundert giebt. Jüngſt ſah ich einen Hirten Im ſtillen Wieſenthal, Wo klare Bächlein irrten Am hellen Sonnenſtrahl. Er lag am ſchatt'gen Baume Und blies als wie im Traume Ein Lied auf einem Blättlein ſchmal. Das Lied, es mochte ſteigen Nur wenig Tön' hinauf, Dann mußt' es hin ſich neigen Und nahm denſelben Lauf. Es freut' ihn immer wieder; Gern hätt' ich meine Lieder Geboten all' dafür zum Kauf. Er blies ſein Lied und ließ es Und ſah ſich um im Hag, Hub wieder an und blies es, Ich ſchaute, wie er lag: Er ſah bei ſeinem Blaſen Die ſtillen Lämmlein graſen Und langſam fliehn den Sommertag. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 19—22. 21. Im Garten. Der Gärtner muß die Pflanze begießen, Wenn es nicht will regnen; Doch wird alles viel fröhlicher ſprießen, Wenn die Wolken ſelbſt es ſegnen. Und den Sonnenſchein kann er ni Den muß er immer vom Himmel cht machen im Garten, erwarten. 22. Der Fußwanderer. Wenn auch mich ein Gott, Und ſei's auch nur Von den kleineren einer, Bis hieher Auf meiner Lebensreiſe Geleitet hat: So hör' er gnädig Jetzt mein Gebet, Des Fußreiſenden, Stillhinwandelnden Anſpruchloſeres, Frommes Gebet. Nicht mit Roſſen und Wagen, Dienſtbar gemachter Fremder Kraft, Durch die Menge zu raſſeln, Rechts und links Staub und Aufſehn Zu erregen, Iſt mir verliehn. Sondern mit eignem Rüſtigem Fuße Die gebahneten Pfade Nach meinem Ziel Hinzuwandeln; . B. Lyriſches. Aber wo Neugier Und kühner Mut Mich abſeits lockt, Selbſt mir im Notfall Einen zu bahnen; Feſt dabei mich zu ſtützen Auf meinen Freund, Den erkorenen Wanderſtab. Und ſo laſſe der Gott, Wenn es ihn freut, Wie ich's begonnen, Mich's zum glücklichen End' auch führen. In der Frühe des Tages Wecke die Sonne mich Oder der Morgenſtern, Daß ich eine ſchöne Strecke In der duftigen Friſche wandle, Eh' im Scheitel Die Sonne brennt; Dann die Gluten des Mittags Unter kühlenden Schatten ich Schlau vermeide, Sorglos ruhend, Sicher doch Mit vom Abend Beflügelten Schritten Des zu erreichenden Ziels vor Nacht. Den eitlen Prunk der Städte Mag ich gerne vermeiden, Der nicht dem Fuß⸗ Wanderer ziemt. Durch luſtwandelnder Gaffer d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 22. Glänzende Kleider, Schwebenden Gang Mit wundem Tritt Auf brennendem Fflaſter, Mit ſtaubigem Schuh Und fliegendem Haar, Auf dem Rücken das Bündel, Ein lächerlicher Aufzug iſt's. Wenn der Heerweg Gegangen ſein muß, Der langweilige, Unerquickliche In einförmiger Dehnung, Wo die laſtbaren Räder knarren, Der Fuhrmann flucht, Müßige Kutſcher, Vorüberfliegend, Staub aufwirbeln In des Wanderers Antlitz; Oder hoch⸗ Trabende Reiter, Vorbeigetrabt, Umſehn nach dem, Der Schritt mit ihnen nicht halten kann, Lehre der Gott Ruhige Faſſung Mich und Geduld, Daß vom ebenen Boden ich Nicht hinauf Zürne zu denen, Die gewiegt und geſchaukelt, Weiter kommen, Als ich mit meines Schreitenden Fußes Kraftanſtrengungen. I. B. Lyriſches. Durch die Dörfer im Grunde, Vorbei die friedlichen Mühlen, Über blühende Wieſen Zeig' er den ſchlängelnden Fußpfad mir; Und hinauf ins Gebirg, Waldſchluchten hindurch, Unwegſame dem Reiter, Mach' er die unbekannten Steige mir kund; Daß am Abend ich dennoch Auf kürzerem Weg Zurückgewonnen Den abgewonnenen Vorſprung habe. Herrlich labt's, Von des hohen Gebirgs Höchſtem errungenem Gipfel Stehend, atmend Niederzuſchaun Auf die unten liegende Welt, In die Unendlichkeit um ſich her Den Blick zu verlieren; Doch ich halte mich lieber An des abgeſchloſſenen Mich umfangenden Thales Schöne, ſichere Begrenzungen. Ruhend am Bach, Rücklings das Haupt Ins Gras gebückt, Staunend empor Zu den Bergen blick ich, Oder laſſe, Vorwärts geneigt, In der Flut ſich Neben mir Die überhangenden ſpiegeln. Rückerts Gedichte. I. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 22. Aus ihrer Nähe Gewaltigem Odem Wehet der unerforſchten Natur Schöpferiſches Grauſen mich an. Aber wo ihre Liebſten Geſchöpfe, Meine Brüder, Die Menſchen ſich In den Ebenen Und im Thale Still ihr Daſein Geordnet haben, Will ich's ſehn im Vorübergehn. Wo die Saaten wogen, Und Herden läuten, Ein Dorf verſteckt Aus rauchenden Hütten Den Kirchturm hebt, Rühre der fehlenden Oder entbehrten Heimat ſchmerzlich Süßes Gefühl Im Vorbeigehn Den Wanderer an. Wo die Bilder der Liebe In ſpielender Knaben Geſundheitsfülle, Auf vollblühenden Mädchenwangen Und im funkelnden Jünglingsblick, Oder auch Auf des ruhigen Mannes Ernſter Stirne (G. Freytag, Leipzig.) I. B. Lyriſches. Voll Vaterſorgen, Doch ohne Falten Mir begegnen, Will ich ſie im Vorbeigehn ſegnen. Und am Abende, Wenn ich müde Vom bewegten Gemälde des Tages, Nicht ermattet, Doch zur Ruhe Der Nacht mich ſehne: Zeige der Gott, Wenn er mich liebt, Daß ich das feile Wirtshausſchild Vorbeigehn kann, Wo man den Gaſt um Bezahlung ehrt;— Zeig' er eine Hütte mir Mit des Hofes offener Pforte, Wo, die Sitte der Zeit nicht kennend, Noch die alte Gaſtlichkeit wohnt, Die den grüßenden Zu ſich ladend, Ihn am geteilten Mahl erquickend, Um Gotteslohn Geb' Obdach bis zum Morgen. Und ein freundlicher Traum beſuche Mich mit dem Schlafe zu Nacht; Der des Tages Luſt und Leiden, Licht und Schatten Sanft ausgleichend, d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 22, 23. Was ihm noch fehlt, Alles gebe dem Herzen; Während ſein Bruder, Gliederlöſend, Stärkend im weichen Arm mich hält; Bis die Lüfte des Morgens Beide ſcheuchen, Und erwacht Mit friſcher Luſt Der weitern Reiſ' ich gedenke. 23. Im Regenwetter. Das du mich geboren haſt, Deutſchland mit dem Regenhimmel, Mit der Flur halbgrünem Schimmel,“s Halb verhaßt Biſt du mir und ganz zur Laſt! Könnt' ich ſchwingen mich als Gaſt Mit den Vögeln unterm Himmel, Sucht' ich andern Landes Raſt, Das zu meinem Sinne paßt, Wo im Blüt⸗ und Strahlgewimmel Nicht der Tag ſo trüb erblaßt. Wo die indian'ſchen Palmen Ragen mit den ſchlanken Hälmen, Welche Wolken nie umqualmen, Möcht' ich ſingen meine Pfalmen! Eins, o Deutſchland, hält mich nur, Nicht von dir mich fort zu ſchwingen: Daß auf malabar'ſcher Flur Man muß malabariſch ſingen, Und ich deutſch kann ſingen nur. IJ. B. Lyriſches. 24. Befriedung. Nimm, was die Jahrzeit bietet, Und fordre nichts von ihr; Haſt ihr ja nichts geliehen, Sie ſchenkt es alles dir. 25. Der Schmetterling im herbſte. Dem beſchwingten Brüdertruppe Fliegſt du nach um viele Wochen; Deiner goldbelegten Puppe Warum biſt du jetzt entkrochen? Duftbeſtaubter Pfauenſpiegel, Deſſen Flügeln aufgedrückt Iſt von jener Hand ein Siegel, Die des Menſchen Leib geſchmückt. Glaubteſt du den Lenz zu finden? Trog dich eine warme Luft? Wünſcheſt nun aus rauhen Winden Dich zurück in deine Gruft! Rolle die Korallenaugen Auf den Fluren weit umher! Wo du könnteſt Nektar ſaugen, Keine Blume blühet mehr. Meinſt du, bunte Brüder ſchweben Dort zu ſehn? Wie irreſt du! Rote, falbe Blätter beben Bäumen ab dem Moder zu. Wie bedaur' ich dich, o Sylphe, Daß du kamſt in unſern Herbſt, Wo am naſſen, welken Schilfe Du den zarten Schmelz entfärbſt. Paradieſesvogel, hebe Deine Flügel höher auf! d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 24—26. Streife nicht am Boden, ſchwebe Dorthinan den Siegeslauf, Wo im Blauen unbegrenzet Blüht der Sonne goldner Baum. Nur allein der Himmel lenzet, Winter iſt's im Erdenraum. 26. Das Kind der Traube. Seht das Himmelskind! Unter dem grünen Laube Hat es gewiegt der Wind In der Wiege der Traube. Von des Winzers Erz Hat es den Tod erlitten, Sein Blut verſpritzt mit Scherz Unter des Kelterers?? Tritten. Seht das Himmelskind! Sein Blut für uns iſt gefloſſen, Und alle Herzen ſind Geheilt, die es genoſſen. Als die Menſchen nur Korn Bauten und keine Reben, War für Thaten kein Sporn, Kein Himmelſchwung im Leben. Die Roſe war ungenützt, Stumm war die Nachtigall; Als Moſt ſie angeſpritzt, Da blühten, ſangen ſie all'! Als in des Menſchen Stirn Geſtiegen des Weines Dünſte, Hat er im gärenden Hirn Erſonnen alle Künſte. Um die Tonne ſich drehten Berauſchte Zecher im Tanz, I. B. Lyriſches. Wie des Himmels Planeten Um ihrer Sonne Glanz. An umgeſtürzter Tonnen Hat, als vom Tanz er ruhte, Der erſte Maler begonnen Zu malen mit Rebenblute. Ein Dichter ſtand entfernt; Hin nach den Keltertretern Lauſchend, hat er gelernt Des Liedes Takt und Metern. Da ſang er: Die Roſen vergehn Und alle Gaben des Lenzen. Der Moſt nur kann beſtehn, Sie alle zu ergänzen. Er macht das Herz, die Schenke, Zu einem Frühlingsgarten, Wo an des Taues Tränke Blühn Liebesblumen, die zarten. Er iſt ſchon jung ein Held, Der Helden hat bezwungen, Bleibt ewig jung wie die Welt, Die durch ihn muß erjungen. Es ſpricht der feurige Greis Begeiſtert mit ſeinen Vertrauten, Was rings im Erdenkreis Die hellen Augen ihm ſchauten. Er ſpricht von alten Zeiten, Da er ein Jüngling war, Und aus Vergangenheiten Iſt ihm die Zukunft klar. Er lichtet des Erdgewimmels Verworrenes Irrgeſchick; Geheimniſſe des Himmels Strahlen aus ſeinem Blick. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 26, 27. Zum Quell, nach dem wir dürſten, Iſt er der Wegeweiſer. Er iſt der Fürſt der Fürſten, Er iſt der Kaiſer der Kaiſer. Solang vom Himmel nieder Zur Erde ſteigt das Licht, Mit Liebeskraft die Glieder Der ſtarren Braut umflicht, Mit göttlicher Bemeiſtrung Den ſpröden Leib verzehrt Und Quellen der Begeiſtrung In deſſen Schoße nährt: Solange wollen wir trinken Und neu die Welt uns ſchaffen. Wer ſinken will, ſoll ſinken, Wer kann, ſoll auf ſich raffen. N. Die Früchte und die Tranbe. Wie vielfarbiges Edelgeſtein Auf ſmaragdener Schale Unterm Deckel von Saphirſchein, Glänzen die Frücht' im Thale. Sie alle ſind Halbedelgeſtein, Trüb' undurchſichtig im Grunde; Ganz klar im Aug' iſt die Traub' allein Und zerſchmelzend im Munde. Alle ſind, wie der Granatenkern Proſerpinas,“s erdteilhaftig, Und dem olympiſchen Tiſche fern, Nur die Traub' iſt nektarſaftig. Jede andere Erdenkoſt Dämpft Geiſtes Himmelsfunken; Nur die Traub' iſt gegeßner Moſt, Noch eh' ſie als Moſt wird getrunken. I. B. Lyriſches. Da das Trinken viel edler iſt, Und Eſſen im Wert muß ſinken; O wüchſen mir Trauben zu jeder Friſt Um auch mein Eſſen zu trinken! U 23. Der klare Herbſt. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er iſt die Zeit im Jahre, Die im Lebenskreiſe biſt, Alter, du, und ich gewahre, Daß an dir mein Jahr nun iſt. Mir gefällt der Herbſt' der klare, Weil er ſpät vom frühen Jahre Bringt den milden Wiederglanz; Wie ich flecht' in greiſe Haare Einen Jugendliederkranz. Mir gefällt der Herſt, der klare, Weil er feierlich die Bahre Der erblichnen Freuden ſchmückt, Und ich an mir ſelbſt erfahre, Daß die Wehmut mich beglückt. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er bringt zu Markt als Ware Frucht, die flücht'ge Blüte war; Wie ich meinem Winter ſpare, Was mein Sommer heiß gebar. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Der das beſte Korn vom Jahre Ausſtreut für die künft'ge Zeit; Wie ich Keim in mir bewahre, Reifend zur Unſterblichkeit. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 2730. 29—33. Winterleben. 29 Reine Schönheit, Wintertag, Wo nur Himmelsſtrahlen leben, Und kein Erdetrieb vermag, Froſtgebunden, aufzuſtreben. Dieſer Sonnenblicke Gruß Will die Seele mir beſchwingen, Nicht, ein buhleriſcher Kuß, In die Adern Aufruhr bringen. Dieſer keuſche Schnee der Au' Nährt nicht Schlangen der Bethörung. Dieſes ſtille Himmelblau Nicht gewitt'riſche Empörung. Daß ich, atmend Sommerglut, Von der Roſe Düften trunken, An der Erde je geruht, Iſt dem Geiſte wie verſunken. Höh're Wonnen weiß ich nicht, Als, vom Boden ungehalten, Himmelsſchön', in deinem Licht Stehn, dem reinen, glänzend kalten. 30. Hinten am Ofen iſt es warm, Vorn an dem Fenſter iſt es hell; Und ich rück' arbeitend mit Harm Von der einen zur andern Stell': Hinter dem Ofen ſeh' ich nicht, Und es friert mich am Fenſter licht; Ach, daß eines dem andern gebricht! Mag der leidige Winter vergehn, Der die belebenden Kräfte trennt, Und der Odem des Frühlings wehn, I. B. Lyriſches. Weltverſöhnendes Element! Nur wo Wärme mit Licht iſt eins, Wird nicht der Schein entbehren des Seins, Und das Sein nicht des holden Scheins. 3 Nicht um Troſt bei dir zu holen, Den du ſelber jetzt nicht haſt, Da Froſtrieſen?“ dir geſtohlen Deine weiche Blumenraſt, Will ich dich, Natur, beſuchen Hier im Tempel deiner Buchen, Wo dein Odem nun mit hohlen Stimmen ſeufzt an jedem Aſt. Sondern, daß ich nur verlerne Nicht zu dir den alten Gang, Grüß' ich flüchtig aus der Ferne, Fordre keinen Gaſtempfang; Denn ich trage deiner Blüte Mehr als du nun im Gemüte, Möchte mit dir teilen gerne, Doch das wehrt dir Zauberzwang. Wann dein ſtarres Band zerſchlagen Hat des Frühlings Liebesmacht, Sieht mein Bräutigamsbehagen Wieder dich als Braut erwacht. Dann, was ich in Wintertagen Von dir träumte, will ich ſagen, Und du ſollſt mir lieblich klagen, Was du littſt in Winternacht. Nur einen Blick aus Wolken thut Die Sonn' und ſpricht: Ich bin noch da! Verliere nicht den frohen Mut! Dein Leid betrübt mich ſelber ja. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 30—33. Ich ſchiene gern und kann es nicht, Es wehrt's des Winters Wolkenmacht. Am Himmel kämpft umſonſt das Licht, Auf Erden auch verliert's die Schlacht. Doch ob die ganze Welt ſei dumpf, Verzage nicht, mein Kampfgeſell! Wir beid' erleben den Triumph, Dann ſchein' ich, und du ſingeſt hell. Ich helfe dir mit jedem Strahl, Und du hilfſt mir mit jedem Klang, Zu wecken eine Blum' im Thal Und zu erfreun ein Herze bang. Und unterliegſt du hier im Kampf, So weck' ich dich auf ſchönern Au'n, Wo, ungetrennt von Wolkendampf, Wir Aug' in Aug' uns ewig ſchaun. Ein Stöckchen heg' ich Vor Sturm und Wind, Im Zimmer pfleg' ich Es warm und lind. Es ſchmückt zum Lohne Der Pfleg' und Müh' Die Blütenkrone Mir ſpät und früh. Die friſchen Blätter Sind mir ein Troſt Fürs rauhe Wetter, Das draußen toſt. Mit jedem Flöckchen Freut mich der Schnee, Denn meinem Stöckchen Thut er nicht weh. I. B. Lyriſches. Ja, wär' es heiter Und Sonnenſchein, Würd' es nicht weiter Bedürfen mein. Es würde wollen Im Freien blühn, Mir Dank nicht zollen Für mein Bemühn. Auch ſelbſt nicht lieben Würd' ich's allein, Wenn Blumen trieben An jedem Rain. Doch nun geſellt uns Ein gleich Gebot, Zuſammen hält uns So Lieb' als Not. e. Patriotiſches. 1-14. Geharniſchte Sonette. 100 18 Der Mann iſt wacker, der, ſein Pfund benutzend, Zum Dienſt des Vaterlands kehrt ſeine Kräfte: Nun denn, mein Geiſt, geh auch an dein Geſchäfte Den Arm mit den dir eignen Waffen putzend. Wie kühne Krieger jetzt, mit Glutblick trutzend, In Reihn ſich ſtellend, heben ihre Schäfte; So ſtell' auch Krieger, zwar nur nachgeäffte, Geharniſchter Sonette ein paar Dutzend. Auf denn, die ihr aus meines Buſens Ader Aufquellt, wie Rieſen aus des Stromes Bette, Stellt euch in eure rauſchenden Geſchwader! Schließt eure Glieder zu vereinter Kette Und ruft, mithadernd in den großen Hader, Erſt: Waffen! Waffen! und dann: Rette! Rette! L S2 S . SEE S S82 . Patriotiſches. 1—4. 157 2³ Was ſchmied'ſt du, Schmied?„Wir ſchmieden Ketten, Ketten!“ Ach, in die Ketten ſeid ihr ſelbſt geſchlagen. Was pflügſt du, Bau'r?„Das Feld ſoll Früchte tragen!“ Ja, für den Feind die Saat, für dich die Kletten. Was zielſt du, Schütze?„Tod dem Hirſch, dem fetten.“ Gleich Hirſch und Reh wird man euch ſelber jagen. Was ſtrickſt du, Fiſcher?„Netz dem Fiſch, dem zagen.“ Aus eurem Todesnetz wer kann euch retten? Was wiegeſt du, ſchlafloſe Mutter?„Knaben.“ Ja, daß ſie wachſen und dem Vaterlande, Im Dienſt des Feindes, Wunden ſchlagen ſollen? Was ſchreibeſt, Dichter, du?„In Glutbuchſtaben Einſchreib' ich mein und meines Volkes Schande, Das ſeine Freiheit nicht darf denken wollen.“ 3. Ihr Ritter, die ihr hauſt in euren Forſten, Iſt euch der Helmbuſch von dem Haupt gefallen? Verſteht ihr nicht den Panzer mehr zu ſchnallen? Iſt ganz die Rüſtung eures Muts zerborſten? Was ſitzet ihr daheim in euren Horſten, Ihr alten Adler, habt ihr keine Krallen? Hört ihr nicht dorther die Verwüſtung ſchallen? Seht ihr das Untier nicht mit ſeinen Borſten? Schwingt eure Keulen! Denn es iſt ein Keuler; Er wühlt, er droht; voll Gier nach ſchnödem Futter, Stürzt er den Stamm, nicht bloß des Stammes Blätter; Es iſt ein Wolf, ein nimmerſatter Heuler, Er frißt das Lamm, er frißt des Lammes Mutter. Helft, Ritter; wenn ihr Ritter ſeid, ſeid Retter! 4. Es ſteigt ein Geiſt, umhüllt von blankem Stahle, Des Friedrichs Geiſt, der in der Jahre ſieben SDSDrrSDrrrrrrr 158 Einſt that die Wunder, die er ſelbſt beſchrieben,“! Er ſteigt empor aus ſeines Grabes Male I. B. Lyriſches. Die Reiche wägt, und meins ward ſchnell zerrieben. Seit ich einſchlief, war niemand wach geblieben; Und Roßbachs Ruhm ging unter in der Saale. Wer weckt mich heut' und will mir Rach' erſtreiten? Ich ſehe Helden, daß mich's will gemahnen, Als ſäh' ich meine alten Ziethen!“? reiten. Auf, meine Preußen, unter ihre Fahnen! In Wetternacht will ich voran euch ſchreiten, Und ihr ſollt größer ſein als eure Ahnen.“ 5. Habt ihr gehört von jenem Pfahl der Schande, (Haſt, ihn zu ſtürzen, Himmel, keine Blitze?) Den euer Feind in ſeines Babels1es Sitze Hat aufgerichtet an der Seine Strande? Von jenem Obelisk,104 an deſſen Rande, Vom Fußgeſtell bis hoch an ſeine Spitze, In ſtein'ren Feldern alle Auſterlitze 155 Stehn, alle Schmachen r“s eurem Vaterlande? Auf, Deutſche, auf, aus allen euren Gauen! Was ſäumet ihr, mit wütendem Geheule Zu ſtürmen, mit verzweifeltem Vertrauen? Schwingt wie die alten Väter eure Keule Und ſchlagt, daß ſie kein Gott kann wieder bauen, In Stücken eure Schmach und ihre Säule! 6. Frau'n Preußens, nehmt für eure Opfergaben Das Opfer an des Lieds, das ich euch bringe, Ihr, die ihr gabt vom Finger eure Ringe, So wie ihr gabt vom Buſen eure Knaben Und ſpricht:„Es ſchwankt in dunkler Hand die Schale, 9 — e. Patriotiſches. 4—8. 159 Dem Vaterland! In Erzſchrift ſei gegraben Eu'r Preis, daß ihn kein Mund der Zeit bezwinge! Des Ruhms, den eurer Männer blut'ge Klinge Erfechten wird, ſollt ihr die Hälfte haben. Denn wenn ſie ſelbſt, im Sturm des Feindes, Wunden Erbeuteten, ſo habt ihr mit dem Kleide Von euren Schultern ihnen ſie verbunden; Und wenn der Freiheit Tempel aus dem Leide Neu ſteigt durch ſie, ſo ſoll's die Welt erkunden, Daß, ihn zu ſchmücken, ihr gabt eu'r Geſchmeide. 65 Hoch auf des Nordens ſchneebedeckten Wachten, Im altergrauen Reich der Moskowiter 107 Stand ein Phantom, der Ruhm, der ſeine Flitter Dir hielt entgegen, die dich lüſtern machten; Daß du, gewohnt, nicht Widerſtand zu achten, Aufbietend deines Heeres Ungewitter, Dorthin dich ſpornend, bracheſt durch die Gitter Der Feinde, die für jetzt zu weichen dachten; Aus Leichen bauend deine Siegesbrücke, Von Stadt zu Stadt fort und von Strom zu Strome, Nur vorwärts ſchauend immer, nie zurücke, Umnebelt immer von dem Trugphantome; Bis es ſchwand plötzlich, und des Schickſals Tücke Hell vor dir ſtand im Brand von Moskaus Dome. 8. Boruſſia! Gelegt in ſchwere Stricke Wardſt du, als dich der Herr im Zorn gerichtet; Jetzt hat er ſeinen Zorn mit dir geſchlichtet, Und deine Bande ſchlottern am Genicke. Boruſſia! In dieſem Augenblicke Iſt Deutſchlands ganzes Aug' auf dich gerichtet; 160 Denn nicht iſt zwiſchen dir und ihm vernichtet Das alte Blutband, deins iſt ſein Geſchicke. Boruſſia! Du haſt einſt deutſchen Ländern Ein Beiſpiel ſelbſt verſchuld'ten Unterliegens 1“8 Gegeben, preisgegeben dich den Schändern. Jetzt gieb ein Beiſpiel Fallens oder Siegens; Auf, und greif' nach des Kriegsglücks dunklen Pfändern Keck mit dem Wahlſpruch: Gottes Hände wiegen's! 93 Wer ſind die Jünglinge, die mit unwill'gen Glutblicken über ihren Feind, den Buben, Von ihren Sitzen plötzlich ſich erhuben, N Dem Vaterland ſich bietend zu Freiwill'gen? Sie kommen, o ein Tauſch jetzt hoch zu bill'gen, Sie kommen aus der Muſen ſtillen Stuben, Wo ſie in ernſter Weisheit Schachten gruben, Und wollen jetzt im Feld ſich pflücken Lil'gen. O würd'ges Schauſpiel, o erhabene Scenen, 42 O wahrhaft feierliche Kataſtrophe, 0 Wie nur ſie ſah das Land einſt der Hellenen! Mit in die Reihn geſtellt gehn Philoſophen, Und vor den Reihn, trunken von Hippokrenen, 109 Gehn auch die Dichter her und wirbeln Strophen. 10. Nun, Deutſchland, horch' mit hunderttauſend Ohren, Nun ſchau' mit hunderttauſendfachem Blicke Hierher, wo gegenwärtig dein Geſchicke Im Kampfe!!0 blut'ger Wehen wird geboren. Tritt hier hervor aus den verſchloßnen Thoren Ein Kind des Siegs, ſo ſchüttle dein Genicke; 5 Denn du biſt frei. Ja! Doch zur Knechtſchaft ſchicke 5 Auf ewig dich, geht die Geburt verloren. I. B. Lyriſches. 2 32 S2 — e. Patriotiſches. 8—12. Wirf nieder in den Staub all' deine Glieder, All' deine Kinder, Väter, Mütter, Bräute, Und zwing' Erhörung von dem Himmel nieder. Denn deines Lebens Loſe wirft man heute! Knie' und ſteh auf vom Staub nicht eher wieder, Als bis du tönen höreſt Siegsgeläute. 141 Laßt, Himmel, tönen eure Morgenſterne, Thu deinen Mund auf, Erd', und juble Lieder, Daß es erſchalle bis zum Abgrund nieder Und ihn erzittern mach' in ſeinem Kerne; Daß er des großen Siegs Bedeutung lerne, Wie Gottes Kraft der nachtentſtammten Hyder Durch dieſen Schlag zerſchmettert hat die Glieder, Und für ihr Haupt iſt auch der Schlag nicht ferne. Ihr Engel ſingt's, daß es der Himmel wiſſe! Wie Nacht und Tag im Anfang einſt gerungen, So rangen heute Licht und Finſterniſſe. Hör's Himmel, daß den Sieg das Licht errungen! Und daß die Erde nicht die Kunde miſſe, Sag's ein Tedeum!11 ihr in tauſend Zungen. 123 Weh, Leipzig, dir! Soweit die Blicke reichen, Die du von deinen öden Zinnen ſchickeſt, Iſt alles, was du in der Rund' erblickeſt, Ein großes Feld voll Trümmer und voll Leichen. Man kommt herein und bringt die Siegeszeichen, Daß du an ihrem Anblick dich erquickeſt; Du aber ſiehſt ſie ſeufzend an, erſchrickeſt; Todwund noch von den kaum empfangnen Streichen; Denn durch des großen Weltgeſchicks Verkettung Iſt unſer Glück für dein Weh eingetauſchet, Du biſt für uns zur Märtyrin geworden; Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) 162 I. B. Lyriſches. So daß, derweil im Freudenwein der Rettung Sich ringsum jubelnd eine Welt berauſchet, Du Blut dir ſchöpfſt von deiner Pleiße Borden. 13 Die Geiſter der gefallnen Freiheitshelden, Laut rufen ſie hernieder aus Walhalla: „Viel Sänger ſind auf Erden, die mit Schalle Von unſ'rem Preis den Nachgebliebnen melden. Auf, holt von ihnen zu des Himmels Felden Herauf uns einen, der uns ſei für alle, Daß er uns ſinge, was uns wohlgefalle, Beim Mahle zwiſchen Hermann und Thusnelden.“ Da ſank im Kampfgewühl ein Held vom Roſſe, Den hoben auf das ihre zwei Walküren Und führten ihn empor ſamt Schwert und Leier. 12 Nun ſitzt er droben im kryſtallnen Schloſſe, Wo ich ihn ſehe goldne Saiten rühren, Wenn Geiſter mir vom Auge ziehn den Schleier. 14. Viktoria, Schiedsrichterin der Kriege, Du auf Berlin einſt als Thorhüt'rin prangend z118 Haſt du, zur Fremdlingſtadt hierher gelangend, Treulos vergeſſen uns und deine Wiege? Viktoria, wenn du haſt Flügel, fliege! Horch! Waffenſchall! Es hört Paris erbangend, Du aber höre freudig, luſtverlangend, Denn was du hörſt, ſind deine eignen Siege. Viktoria, es naht ein Bund'sgenoſſe; Kennſt du die Stimmen nicht in deinem Ohre? Mit deinem Auge nicht die Fahnentücher? Laß nach dem Rheine wiehern deine Roſſe! Denn dorther kommt, zum Brandenburger Thore Dich heim zu holen, den du kennſt, dein Blücher. 0 23 2 e. Patriotiſches. 12—15. 15. Die Gräber zu Ottenſen.““ Erſtes Grab. Zu Ottenſen auf der Wieſe Iſt eine gemeinſame Gruft; So traurig iſt keine wie dieſe Wohl unter des Himmels Luft. Darinnen liegt begraben Ein ganzes Volksgeſchlecht, Väter, Mütter, Brüder, Töchter, Kinder, Knaben, Zuſammen Herr und Knecht.“!“ Die rufen weh zum Himmel Aus ihrer ſtummen Gruft Und werden's rufen zum Himmel, Wenn die Drommet' einſt ruft. Wir haben gewohnt in Frieden Zu Hamburg in der Stadt, Bis uns daraus vertrieben Ein fremder Wütrich hat.114 Er hat uns ausgeſtoßen Im Winter zur Stadt hinaus, Die hungernden, nackenden, bloßen Wo finden wir Dach und Haus? Wo finden wir Koſt und Kleider, Wir zwanzigtauſend an Zahl?— Die andern ſchleppten ſich weiter, Wir blieben hier zumal. Die andern nahmen die Briten Und andre die Dänen auf; Wir brachten mit müden Schritten Bis hierher unſren Lauf. Wir konnten nicht weiter keuchen, Erſchöpft war unſere Kraft; Froſt, Hunger, Elend und Seuchen, Sie haben uns hingerafft. I. B. Lyriſches. Ein ungeheuerer Knäuel, Zwölfhundert oder mehr; Es zieht ſich über den Greuel Ein dünner Raſen her. Der deckt nun unſre Blöße, Ein Obdach er uns gab; Man merkt des Jammers Größe Nicht an dem kleinen Grab. Zweites Grab. Zu Ottenſen an der Mauer Der Kirch' iſt noch ein Grab, Darin des Lebens Trauer Ein Held gelegt hat ab. Geſchrieben iſt der Namen Nicht auf den Leichenſtein; Doch er ſamt ſeinem Samen Wird nie vergeſſen ſein. Von Braunſchweig iſt's der Alte, 115 Karl Wilhelm Ferdinand, Der vor des Hirnes Spalte Hier Ruh' im Grabe fand. Der Lorbeerkranz entblättert, Den auf dem Haupt er trug, Die Stirn vom Schlag zerſchmettert Der ihn bei Jenar1s ſchlug; Nicht, wo er war geboren, Hat dürfen ſterben er: Von ſeines Braunſchweigs Thoren Kam irrend er hierher; Umirrend mit den Scherben Des Haupts von Land zu Land, Das, eh' es konnte ſterben, Erſt allen Schmerz empfand; e. Patriotiſches. 15. Das erſt noch mußte denken Der Zukunft lange Not, Eh' es ſich durfte ſenken Beſchwichtigt in den Tod. Jetzt hat ſich's hier geſenket, Doch hebt ſich's, wie man glaubt, Noch aus der Gruft und denket, Das alte Feldherrnhaupt. Da ſieht es die Befreiung Nun wohl auf deutſcher Flur, Doch auch von der Entweihung Die unvertilgte Spur. Da ſieht es der Zwölfhundert Grabſtätte ſich ſo nah Und ruft wohl aus verwundert: Ein Feldherr ward ich ja. O Feldherrnamt wie grauſend! Um mich den Feldherrn her Gelagert ſind die Tauſend, Ein großes Schmerzensheer. Euch hat auf andern Pfaden, Und doch aus gleichem Grund, Der Tod hierher geladen, Ihr ſeid mit mir im Bund. Daß ohne Totenhemde Ihr auf den Gräbern ſitzt, Das ſchmerzt mich, weil der Fremde Noch geht in Purpur itzt. Iſt keiner mehr am Leben, Den Purpur auszuziehn Dem Fremden und zu geben Euch nackten Toten ihn? Mit ſeinen dunklen Schützen Der Ols, tts mein wackrer Sohn, ee e J. B. Lyriſches. Der könnte wohl euch nützen; Doch fiel auch der nun ſchon. Jetzt kann ich keinen nennen, Da ihn der Tod geraubt; Und ſchmerzlich fühl' ich brennen Die Spalt' in meinem Haupt. Drittes Grab. Zu Ottenſen, von Linden Beſchattet auf dem Plan,117 Iſt noch ein Grab zu finden, Dem ſoll, wer trauert, nahn. Dort in der Linden Schauer Soll leſen er am Stein Die Inſchrift, daß die Trauer Ihm mag gelindert ſein. Mit ſeiner Gattin lieget11s Und ihrem Sohne dort Ein Sänger, der beſieget Den Tod hat durch ein Wort. Es iſt der fromme Sänger, Der ſang des Heilands Sieg, 116 Zu dem er, ein Empfänger Der Palm', im Tod entſtieg. Es iſt derſelbe Sänger, Der auch die Hermannsſchlacht120 Sang, eh' vom neuen Dränger Geknickt war Deutſchlands Macht. Ich hoffe, daß in Frieden Er ruht' indes in Gott, Nicht ſah bei uns hienieden Des Feind's Gewalt und Spott. Und ſo auch ruht' im Grabe Sein unverſtört' Gebein, e. Patriotiſches. 15. Als ob geſchirmt es habe Ein Engel vorm Entweihn. Es ſind der Jahre zehen Voll Druck und Tyrannei, Voll ungeſtümer Wehen Gegangen dran vorbei. Sie haben nicht die Linden Gebrochen, die noch wehn, Und nicht gemacht erblinden Die Schrift, die noch zu ſehn. Wohl hat, als dumpfer Brodem Der Knechtſchaft uns umgab, Ein leiſer Freiheitsodem Geweht von dieſem Grab. Wohl iſt, als hier den Flügel Die Freiheit wieder ſchwang, O Klopſtock, deinem Hügel Enttönt ein Freudenklang. Und wenn ein ſinn'ger Waller Umher die Gröüber jetzt Beſchaut, tret' er nach aller Beſchaun an dies zuletzt. Wenn dort ein trübes Stöhnen Den Buſen hat geſchwellt, So iſt als zum Verſöhnen Dies Grab hierher geſtellt. Die Thränen der Vertriebnen, Des Feldherrn dumpfe Gruft Verſchwinden vorm beſchriebnen Stein unterm Lindenduft; Wo wie in goldnen Streifen Das Wort des Sängers ſteht: Saat von Gott geſä't, Dem Tag der Garben zu reifen. J. B. Lyriſches. 16. Körners Geiſt. Bedeckt von Moos und Schorfe, Ein Eichbaum hoch und ſtark Steht bei Wöbblin, dem Dorfe, In Mecklenburger Mark. Darunter iſt von Steine Ein neues Grab gemacht, Draus ſteigt im Mondenſcheine Ein Geiſt um Mitternacht. 122 Er richtet auf die Rinden Des Baums den Blick und lieſt Den Namen, der zu finden Dort eingegraben iſt. Dann ſucht er mit den Händen Ein Schwert, das liegt am Ort, Und gürtet um die Lenden Sich dieſes Schwert ſofort. Langt dann nach einer Leier, Nimmt ſie vom Aſt herab Und ſetzt in ſtiller Feier Sich ſingend auf ſein Grab: Ich war im Jugendbrauſe Ein raſcher Reitersmann, 123 Bis hier im dunklen Hauſe Ich Ruh' und Raſt gewann. Ich war ein freier Jäger In Lützows wilder Schar Und auch ein Zitherſchläger, Mein Schwertlied 124 klang ſo klar. Nun reiten die Genoſſen Allein anf ihrer Fahrt, Da ich vom Roß geſchoſſen Und hier begraben ward —— e. Patriotiſches. 16, 17. Ihr mögt nur weiter traben, Bis daß ihr kommt ans Ziel, Ihr habet mich begraben, Wie es mir wohlgefiel. Es ſind die beiden Lieben, Die mir im Leben wert, Im Tode mir geblieben, Die Leier und das Schwert. 125 Ich ſeh' auch meinen Namen, Daß er unſterblich ſei, Geſchnitten in den Rahmen Der Eiche ſchön und frei. Es ſind die ſchönſten Kränze Gegeben meiner Gruft, Die ſich in jedem Lenze Erneun mit friſchem Duft. Die Eich' ob meinem Scheitel, Wie iſt der Kranz ſo groß; Mein Ringen war nicht eitel, Ich ruh' in ihrem Schoß. Man hat in Fürſtengrüften Beſtatten mich gewollt; Hier in den friſchen Düften Ihr ruhn mich laſſen ſollt. Hier ſei noch oft mit Kräuſeln Der Eiche Laub bewegt, Wenn in des Windes Säuſeln Mein Geiſt die Saiten ſchlägt. 17. Die drei Geſellen. Es waren drei Geſellen, Die ſtritten widern Feind Und thäten ſtets ſich ſtellen In jedem Kampf vereint. I. B. Lyriſches. Der ein' ein Bſterreicher, Der andr' ein Preuße hieß, Davon ſein Land mit gleicher Gewalt ein jeder pries. Woher war denn der dritte? Nicht her von Oſtreichs Flur, Auch nicht von Preußens Sitte, Von Deutſchland war er nur. Und als die drei einſt wieder Standen im Kampf vereint, Da warf in ihre Glieder Kartätſchenſaat der Feind. Da fielen alle dreie Auf einen Schlag zugleich; Der eine rief mit Schreie: Hoch lebe Oſterreich! Der andre, ſich entfärbend, Rief: Preußen lebe hoch! Der dritte, ruhig ſterbend, Was rief der dritte doch? Er rief: Deutſchland ſoll leben! Da hörten es die zwei, Wie rechts und links daneben Sie ſanken nah dabei; Da richteten im Sinken Sich beide nach ihm hin Zur Rechten und zur Linken Und lehnten ſich an ihn, Da rief der in der Mitten Noch einmal: Deutſchland hoch! Und beide mit dem dritten Riefen's, und lauter noch. Da ging ein Todesengel Im Kampfgewühl vorbei Mit einem Palmenſtengel e. Patriotiſches. 17, 18. Und liegen ſah die drei. Er ſah auf ihrem Munde Die Spur des Wortes noch, Wie ſie im Todesbunde Gerufen: Deutſchland hoch! Da ſchlug er ſeine Flügel Um alle drei zugleich Und trug zum höchſten Hügel Sie auf in Gottes Reich. 18. Barbaroſſa. Der alte Barbaroſſa, Der Kaiſer Friederich, Im unterird'ſchen Schloſſe Hält er verzaubert ſich. 26 Er iſt niemals geſtorben, Er lebt darin noch jetzt; Er hat im Schloß verborgen Zum Schlaf ſich hingeſetzt. Er hat hinabgenommen Des Reiches Herrlichkeit Und wird einſt wiederkommen Mit ihr, zu ſeiner Zeit. Der Stuhl iſt elfenbeinern, Darauf der Kaiſer ſitzt; Der Tiſch iſt marmelſteinern, Worauf ſein Haupt er ſtützt. Sein Bart iſt nicht von Flachſe, Er iſt von Feuersglut, Iſt durch den Tiſch gewachſen, Worauf ſein Kinn ausruht. Er nickt als wie im Traume, Sein Aug' halb offen zwinkt; I. B. Lyriſches. Und je nach langem Raume Er einem Knaben winkt. Er ſpricht im Schlaf zum Knaben: „Geh' hin vors Schloß, o Zwerg, Und ſieh, ob noch die Raben Herfliegen um den Berg. Und wenn die alten Raben Noch fliegen immerdar, So muß ich auch noch ſchlafen 7 1 Verzaubert hundert Jahr'. 19. Sleibet im Lande! Bleibet im Land und nähret euch redlich, Rücket zuſammen und füget euch fein! Machte nur keiner zu breit ſich und ſchädlich, Wäre das Land nicht für alle zu klein. Aber wo alle ſich drängen und reiben, Da iſt für Menſchen im Land nicht zu bleiben, Flöſſe das Land auch von Milch und von Wein. Iſt denn nicht Schwaben ein fruchtbarer Garten, Eine geſegnete Weide die Schweiz? Wollen die Gärtner der Reben nicht warten, Faſſet die Hirten der Wanderſchaft Reiz? Über den Meeren und nahe den Polen Will ſich da Schätze die Dürftigkeit holen, Wo ſie ſchon längſt nicht mehr findet der Geiz? Meinet ihr, draußen ſei's beſſer auf Erden? Überall iſt es auf Erden jetzt ſchlimm. Nicht an dem Land, daß es beſſer ſoll werden, Liegt es; am Menſchen, es liegt nur an ihm. Betet zu Gott, daß ſein Licht hier beſieget Dieſe Verkehrtheit, an welcher es lieget; Sein ſei die Lenkung, nicht euer der Grimm. e. Patriotiſches. 18, 19. Ziehet im Grimm nicht, im Unmut von dannen, Wendet der Heimat den Rücken nicht zu! Will ſich das Vaterland, ſoll ſich's ermannen, Wahrlich bedarf es der Männer dazu. Aus der Verworrenheit gärendem Streben Soll ſich die Klarheit, die Ordnung erheben; Bleibet und wartet und wirket in Ruh'! Sehet, der Himmel im Land euch ernähren Will er, er ſchenkt euch die Fülle des Korns. Teilet euch nur in die reichlichen Ahren, Trinkt nur verträglich begnügſam des Borns! Daß nicht an euch ſich das Beiſpiel erneue, Nicht als verworfenes Volk euch zerſtreue Rings in die Länder die Rute des Zorns. Bleibet im Lande und nähret euch redlich, Rücket zuſammen und füget euch fein! Mache nur keiner zu breit ſich und ſchädlich, So iſt das Land nicht für alle zu klein. Wollet nur ſelbſt euch nicht drängen und reiben, So iſt für Menſchen im Land noch zu bleiben, Und es wird fließen von Milch und von Wein. 173 Aumerkungen zu l. A. Epiſches. 1. Gemeint iſt ſeine Schweſter Maria, geboren im November 1810 zu Ebern(ſ. o. S. 3), geſtorben im Juni 1835 in Schweinfurt.— 2. Zuber iſt ein Böttchergefäß mit zwei Handhaben, durch die man erforderlichen Falles eine Stange ſteckt, um dasſelbe daran zu tragen.— 3. Nix (weiblich Nixe) iſt ein germaniſcher Name für Waſſergeiſter. — 4. Dieſelbe Sage behandelt Chamiſſo ausführlicher im Rieſenſpielzeug.— 5. In Schillers Alpenjäger ſchützt der Berggeiſt das verfolgte Tier und weiſt den verwegenen Jäger aus dieſen Regionen zurück; bei Rückert rettet ihn der Geiſt, dann tötet er den Jäger, als dieſer das Wagnis noch einmal unternimmt.— 6. Im Jahre 1535 erſchien nach einer franzöſiſchen Quelle(Kenaut de Montauban) ein deutſches Volksbuch von den Haimonskindern(Ritſart, Writſart, Adelhart und Reinald), den vier Söhnen des Grafen Haimon von Dordogne. Sie gehörten zu den Vaſallen Karls des Großen, die ſich gegen ihren Herrn empörten. Mit ihnen im Bunde ſtand ihr zauberkundiger Vetter Malegis. Reinald von Montalbano, der jüngſte der vier Brüder, ſtand an der Spitze ihrer Unternehmungen gegen den König. Er war der ſchönſte aller Ritter und beſaß ein Wunderroß Bayard, rabenſchwarz, ohne Mähne, ſtark wie zwölf gewöhnliche Pferde, ſo lang, daß alle vier Brüder zuſammen auf ſeinem Rücken Platz hatten. Dieſes Roß wollte ihm einer der Söhne Karls abkaufen; er ver⸗ kaufte es aber nicht, und ſo kam es zu Zdwiſtigkeiten, ſchließlich zu einem langewährenden Kampfe, aus dem der König endlich als Sieger hervorging.— 7. Rodach iſt ein Landſtädtchen in Sachſen⸗Koburg an der Rodach unweit Koburg.— Dieſe Idylle hat Rückert in Diſtichen(dakty⸗ liſchem Hexameter und Pentameter) verfaßt.— 8. Die 40 lunr Mut Wär gemm, U flhe 909 G69 0 6 Nl S0⁰ der 181 ſch Ehr däe liht lt g II W 9 n uff Aan Anmerkungen zu A, Ba. 175 beiden Reſidenzen ſind Koburg und Hildburghauſen; letzteres war 1683—1826 die Reſidenz der Herzöge von Sachſen⸗ Hildburghauſen.— 9. Gemeint iſt der Superintendent Hohnbaum(geboren 1747), mit dem Rückert, obwohl etwa 40 Jahre jünger, in ein Freundſchaftsverhältnis getreten war.— 10. Dieſe Redefigur heißt Apostrophe(allocutio). Abweſende Perſonen oder lebloſe Sachen werden als gegen⸗ wärtig oder lebend angeredet und gleichſam zu Zuhörern gemacht.— 11. Der Geiſtliche in Voß'„Luiſe“.— 12. Chrie in der Rhetorik eine Form für die Dispoſition nach folgendem Schema: 1) Einleitung; 2) Darlegung des Themas; 3) Begründung; 4—6) Erläuterung desſelben durch das Gegenteil, das Gleichnis und durch Beiſpiele; 7) Zeugniſſe; 8) Schluß.— 13. Die Satire wurde von den Römern (Lucilius, Horaz, Perſius, Juvenal) zuerſt gepflegt— ein Spott⸗, auch Strafgedicht auf die Thorheiten und Laſter der Zeitgenoſſen. Satiriſch bedeutet: ſpottend, geißelnd.— 14. Rückert machte dem befreundeten Geiſtlichen im Jahre 1814 einen Beſuch; am Tage vor ſeiner Abreiſe ſchloß er ſich in ſeinem Zimmer ein und dichtete zu Hohnbaums Ehren dieſe Idylle. In die Hände des Gefeierten gelangte dieſelbe erſt nach Rückerts Abreiſe.— B. Ayriſches. a. Der Dichter und ſein Beruf. 15. Goethe legt einmal das Bekenntnis ab:„Was ich nicht gelebt, habe ich auch nicht gedichtet“. Wenn er dichtet, folgt er einem Drange ſeines Lebens. Für Rückert iſt dagegen alles in der Welt ſingbar; das Singen iſt Be⸗ dingung ſeines Lebens.— 16. Dieſer Spruch ſteht in der Ausgabe der Weisheit des Brahmanen(ogl. II C.) von 1836—39 im erſten Bande S. 26.— 17. Seine deutſchen Gedichte gab Rückert im Jahre 1814 unter dem Namen„Freimund Reimar“(vergl. oben S. 5) heraus und behielt dieſen Namen auch ſpäter in ſeinen Dichtungen bei. 176 Anmerkungen zu Ba, b. — 18. Goethe(„Meine Göttin“) nennt die Phantaſie eine Tochter des Zeus, die dieſer dem Menſchen zu ſeinem Beſten vermählt habe. Die Weisheit wird als ihre Schwie⸗ germutter, die Hoffnung als ihre Schweſter bezeichnet. Bei Rückert erſcheint ſie als Naturkraft, welche mit dem Witze abwechſelnd wirkt. Der Verſtand, ohne den der Witz doch kaum möglich iſt, iſt beiden abhold.— 19. Sokrates aus Athen(470—399 v. Chr.), der Begründer der Philoſophie. — 20. Der Sinn dieſer Stelle iſt folgender: Wenn ſeine Mitmenſchen ihn nicht nach Verdienſt würdigen wollen, ſo tritt er ihnen entgegen.— 21. Dieſer Satz lautet grammatiſch: Doch erfüllt mich mit Selbſtvertrauen das Wort, das ſie mir gab.— 22. Tramontan iſt der Sprache der Schiffer entlehnt; es bezeichnet den Nord- oder Polar⸗ ſtern, inſofern er ihnen als Richtpunkt dient.— 23. Daphnis iſt der Heros der Hirten auf Sicilien, Sohn des Hermes und einer Nymphe, Erfinder der bukoliſchen(Hirten⸗) Dich⸗ tung.— 24. Daphne iſt die Tochter des Flußgottes Peneus, welche, von Apollo geliebt und verfolgt, in einen Lorbeer⸗ baum DDaphne) verwandelt wurde(Ovid. met. I. 452 ff.) Rückert verwechſelt ſie vielleicht mit Nomia(oder Kenia), der Geliebten des Daphnis.— 25. Serben— hinwelken, ſiechen.— 26. Heinrich von Ofterdingen ſpielt in dem lyriſch-dramatiſchen Gedichte„der Wartburgkrieg“(gegen 1300) die Hauptrolle; man hat ihm verſchiedene Dichtungen zugeſchrieben; gleichwohl iſt er nur eine ſagenhafte Perſön⸗ lichkeit.— 27. Die Streitfrage über den Verfaſſer und die Einheit der Ilias und der Odyſſee, welche ſeit dem Er⸗ ſcheinen der Prolegomena(Vorrede) zu Homer von Friedrich Auguſt Wolf(1795) vielfach lebhaft erörtert worden iſt, iſt bis auf den heutigen Tag nicht zum Abſchluß gebracht. b. In stalien. 28. Welſch= fremd, beſonders von den romaniſchen Nachbarn Deutſchlands; welſcher Wein bezeichnet hier itali⸗ eniſchen Wein.— Rheinwein wird aus einem bauchigen die Anmerkungen zu Bb. 8 grünen oder braungoldigen Glaſe getrunken, welches man (etwa ſeit 1589) Römer nennt.— Römer heißt auch das Rathaus mit dem Kaiſerſaal in Frankfurt a. M., wo die Krönung der Kaiſer ſtattfand.— 29. Die Pifferari ſind Hirten in den Abruzzen, welche um die Weihnachtszeit in Rom mit Dudelſack und Querpfeife vor den Madonnen⸗ bildern ſpielten.— 30. Die hier angeredete Freundin dürfte Friederike Heim ſein, die Tochter des Pfarrers Heim zu Effelder(einem Dörfchen auf der Grenze von Meiningen und Koburg), eines Bruders des berühmten Berliner Arztes(1747—1834). Rückert war etwa ſeit 1814 mit dieſer Dame verſprochen und hat von Rom aus Lieder voll Heimweh an ſie gedichtet.— Um jene Zeit löſte ſich freilich das Verhältnis. Vgl. Beyer. Fr. Rückert S. 67, 68.— 31. Dieſer Prinz iſt der ſpätere König Ludwig J., welcher ſeinem Vater Maximilian I. Joſeph 1825 in der Regierung folgte. Er war ein eifriger För⸗ derer von Kunſt und Wiſſenſchaft. 1848 legte er die Re⸗ gierung nieder und ſtarb im Februar 1868.— 32. Dieſes Thor iſt eins der beiden nördlichen Thore, deren Rom jetzt im ganzen 17 beſitzt.— 33. Durch die Ausſchmückung des Saales war gleichſam wie durch Zauberei ein ſchöneres Heſperien(Abendland⸗Italien) entſtanden.— 34. Peter von Cornelius, der 1783 in Düſſeldorf geboren war, wurde in ſeiner Vaterſtadt für ſeinen Beruf als Maler vor⸗ gebildet. Nachdem er 1811—19 in Rom der Kunſt ob⸗ gelegen hatte, wurde er 1820 Direktor der Düſſeldorfer, 1825 Direktor der Münchener Akademie. 1841 nach Berlin berufen, lebte er bald hier, bald in Italien. Er ſtarb im März 1867.— 35. Dieſes iſt der Name des Landſchaftsmalers, der nach den vorhergehenden Verſen an der Eiche beſchäftigt war; er ertrank in jungen Jahren in dem Tiberſtrome.— 36. Das italieniſche Oſteria bezeichnet Gaſthaus, Schenke.“— 37. Palette(franz.) iſt das Farbenbrett des Malers— die Malerſcheibe.— 38. Pygmalion war nach der Sage König von Kypros; er Rückerts Gedichte. I.(G. Freytag, Leipzig.) 12 178 meißelte eine Jungfrau aus Elfenbein und verliebte ſich in das Bildnis. Dieſem verlieh Aphrodite auf ſeinen Wunſch Leben, worauf er ſich mit der belebten Jungfrau vermählte.— 39. Mauſoleum iſt urſprünglich das Grab⸗ mal des Mauſolus, eines perſiſchen Statthalters von Karien(377—353 v. Chr.); ſeine Gemahlin Artemiſia ließ dasſelbe von den vorzüglichſten Künſtlern errichten, und es gehörte zu den 7 Wundern der Welt.— 40. Relief iſt ein auf einer Fläche erhaben hervortretendes Bildwerk; Basrelief mehr flach, Hautrelief mehr erhaben, bis zu halber Körperform.— 41. Vgl. Joſua Kap. 6.— 42. Dieſes iſt eine der 12 Arbeiten des Herakles.— Augias, König in Elis, hatte eine zahlreiche Rinderherde(3000 Stückh. Herakles ſollte die Stallungen an einem Tage reinigen.— 43. Vergl. Richter Kap. 13—16, wo die Geſchichte Sim⸗ ſons erzählt wird; in dieſer Erzählung iſt freilich von ver⸗ räteriſchem Geflüſter u. ſ. w. kaum die Rede.— 44. Die Quelle hieß bei den alten Römern Banduſia, nicht Blan⸗ duſia; ſie befand ſich in der Nähe von Venuſia in Apulien, dem Geburtsorte des Horaz; man nimmt an, daß Horaz einer Quelle auf ſeinem Sabinum leinem Landgute im Sa⸗ binerlande) denſelben Namen beilegte.— 45. In der dreizehnten Ode des dritten Buches beſingt Horaz dieſe Quelle, welcher er ein Böcklein zu opfern im Begriffe iſt: ſie ſpende Kühlung und Erfriſchung in der Sommerhitze; ſie werde durch ſeinen Geſang ebenſo berühmt werden wie andre Quellen(z. B. Dirke, Hippokrene, Arethuſa).— 46. Leinach und Lauer ſind zwei Bäche in der Nähe von Ober⸗ lauringen.(ſ. oben S. 3.)— 47. Lucretilis iſt ein Höhenzug im Sabinerlande, in deſſen Nähe das Landgut des Horaz lag.— 48. Der Poſilip iſt ein Berg unweit von Neapel mit einer Grotte, die ſich in einer Breite von Im und einer Höhe von 7—25 m faſt 700 m nach Puzzuoli zu hinzieht; am Eingange befindet ſich das ſoge⸗ nannte Grab des Vergil.— 49. Toledo(jetzt Via Roma) iſt die dortige Hauptverkehrsſtraße.— 50. Vergil wünſchte Anmerkungen zu Bb. EE 179 in Neapel beſtattet zu werden, und Auguſtus ließ ihm in der Nähe der Stadt ein Grabmal errichten, welches man am Eingange der in Anmk. 48 erwähnten Grotte glaubte gefunden zu haben.— 51. Das Elyſium iſt bei Homer ein Gefilde am Weſtrande der Erde, wo die bei den Göttern beliebten Menſchen mühelos ein ſeliges Leben führen.— Vergil bringt dasſelbe in Verbindung mit der Unterwelt. — 52. Der Avern iſt ein kleiner, aber tiefer See bei Cumä in Kampanien in ſchauerlicher Gegend(Vulkan⸗ krater); Vergil verlegt hierhin den Eingang in die Unter⸗ welt(Aneis III 442, VI 118 ff.).— 53. Capri iſt eine italieniſche Inſel vor dem Buſen von Neapel, faſt ſüdlich von dieſer Stadt.— 54. Tiberius(römiſcher Kaiſer 14—37 n. Chr.) überließ ſich, während ſeine Günſtlinge(beſonders Sejanus) in Rom wüteten, auf Capri allen erdenklichen Ausſchweifungen; im Jahre 37 wurde er daſelbſt ermordet. — 55. Der Meeresſtrand, ja das Meer ſelbſt war von Bajä(Badeort) bis Puteoli mit den prächtigſten Landhäuſern der reichen Römer bedeckt.— 56. Rückert trug bis auf die Schultern reichendes Haupthaar.— 57. Die Muräne iſt ein ſehr ſchmackhafter Fiſch des Mittelmeeres, welcher von den Römern mit Vorliebe gezüchtet wurde.— 58. Piſeinen ſind Fiſchbehälter, welche die reichen Römer im größten Maßſtabe anlegten und mit ungeheurem Auf⸗ wande unterhielten, wie z. B. der durch ſeinen Reichtum bekannte Lukullus(106—56 v. Chr.). Dieſer war jedoch nicht allein materiellen Genüſſen ergeben, ſondern er inter⸗ eſſierte ſich auch für Kunſt und Wiſſenſchaft; wenigſtens waren ſeine glänzenden Paläſte in Rom mit Kunſtwerken und Bücherſammlungen angefüllt.— 59. Das ſpaniſche Sieſta bedeutet„Mittagsruhe“.— 60. Der Veſuv liegt 10 km ſüdöſtl. von Neapel; am Fuße desſelben treibt man Obſt⸗ und Weinbau.— 61. Dieſe Städte waren Herku⸗ laneum, Pompeji und Stabiä(79 n. Chr.). Jetzt ſind alle drei mehr oder weniger ausgegraben(Herkulaneum wurde 1711 entdeckt; die Ausgrabung von Pompeji begann 1748). 12˙⁴ Anmerkungen zu Bb. 180 — 62. Chriſti⸗Thränenwein(lacrimae Christi) iſt ein koſt⸗ barer Liqueurwein, der am Veſuv aus der Wdimer in geringer Quantität gewonnen wird.— 0. Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 63. Rückerts Braut, mit welcher er ſich 1821 in Koburg verlobt hatte, war Luiſe Fiſcher, die Tochter eines Archivrates daſelbſt(Vergl. oben S. 6). An ſie richtete er eine Menge Lieder, welche er unter dem Titel„Liebes⸗ frühling“ herausgab. Die folgenden 12 Lieder(5—16) gehören dazu. An dieſelben erinnert er in dem Gedichte JBe 25, S. 103.— 64. Ganga iſt die Sanskritform für Ganges.— 65. Seine Eltern wohnten damals noch in Ebern(Vergl. oben S. 3).— 606. Das folgende Gedicht iſt ein Ghaſel, eine perſiſche Form, welche Rückert nach Deutſchland verpflanzt hat(ſ. II Ba).— 67. Die Hoch⸗ zeit fand den 26. Dezember 1821 ſtatt. 68. In der alten Sage iſt Memnon Fürſt der Athiopieh Sohn der Eos und des Tithonos; er kam Priamus zu Hilfe und fiel durch Achill. Damals dachte man ſic Athiopien nach Oſten gelegen; daher machte man Memnon zum Sohne der Cos. Nach Agypten kam die Sage von ihm durch die Griechen erſt ſpäter, etwa um 200 v. Chr.— Die ſogenannte Memnonsſäule bei Theben in Agypten war die eines ägyptiſchen Königs. Dieſe Säule wurde durch ein Erdbeben zertrümmert(etwa 25 v. Chr.); der obere Teil ſtürzte herab, während der untere Teil erhalten blieb und ſeitdem des Morgens infolge des plötzlichen Tem⸗ peraturwechſels ertönte, wenn bei Sonnenaufgang die Luft durch die Poren des Steines zog. Man ſagte dann wohl: Memnon grüßt ſeine Mutter Eos.— 69. Rückert befand ſich in einer 65 Notlage, als er ſich verheiratete, ohne ein ſicheres Einkommen zu haben(ſ. o. S. 9 1 5 er Neuſeß käuflich übernommen hatte(ſ. o. S. 8). Rückert, welcher ſich in Erlangen ein Hanz gekauft 0 ließ dasſelbe umbauen und wohnte dann darin von Herbſt Anmerkungen zu Bb, o. . Anmerkungen zu Bo. 181 1839 bis zu ſeiner Überſiedlung nach Berlin im Herbſt 1841. Auf dieſen Bau kann ſich wohl das Gedicht beziehen. — 71. Vergl. Odyſſee X 1—79.— 72. Die Obliegen⸗ heiten eines Brautbekröners ſind mir nicht bekannt; nach dieſer Stelle ſcheint er einen Reigen geleitet zu haben, in den die Braut eintrat, um vielleicht mit dem Kranze geſchmückt zu werden.— 73. Der Dichter hatte damals (1833) wenigſtens fünf Kinder.— 74. Vergl. oben S. 8. — 75. Vergl. oben S. 8 und 10.— 76. Sein Wohn⸗ haus lag dicht an der Lauter.— 77. Thümmel geb. 1738 in Schönefeld bei Leipzig, geſt. 1817 in Koburg; 1768—82 daſelbſt Miniſter. Sein Denkmal lein Obelisk in einer Gartenanlage) liegt an der Dorfſtraße von Neuſeß. Er war viel auf Reiſen, welche ihn weit in die Ferne führten. Dieſelben boten ihm teilweiſe den Stoff zu ſeinen Schriften, von denen eine den Titel führt„Reiſe in die mittägigen Provinzen von Frankreich“(1791—1805, 10 Bde.). Er war ein gewandter und witziger Schriftſteller, dem es jedoch ſtellenweiſe an dem nötigen ſittlichen Ernſte mangelt. — 78. Herzog Ernſt I. von Sachſen⸗Koburg⸗Gotha regierte 1806-1844.— 79. Die Feſte Koburg.— 80. Das herzogliche Sommerſchloß Callenberg war renoviert worden. — 81. Herodot erzählt hiervon im 31. Kapitel des 7. Buches:„Als Xerxes aus Phrygien nach Lydien hinüber⸗ rückte, teilte ſich der Weg; der eine führte links nach Karien, der andere rechts nach Sardes. Den letzteren ſchlug er ein und fand einen Tagesmarſch vor Sardes den ſchönen Platanenbaum⸗ nicht am Helleſpont, wie Rückert angiebt.— 82. In Schweinfurt am Main iſt Rückert geboren.— 83. Die Heſperiden(der Drache Ladon) bewachten die goldenen Apfel der Hera in einem Garten im fernſten Weſten am Okeanus. Herkules holte die Apfel.— 84. Der Goldberg liegt etwa 700 m hinter dem Wohnhauſe(Vergl. oben S. 10).— 85. olus iſt bei Homer der Gott der Winde, zu dem Odyſſeus r wurde. Vergl. oben Anmk. 71.— 86. Flinder bezeichnet etwas Glitzerndes, Flimmerndes.— Anmerkungen zu Bad, e. d. Natur, Jahr, Jahreszeiten. 87. Rüſter=Ulme.— 88. Die Grillen gehören zu den Heuſchrecken.— 89. Die Unke(Feuerkröte) gehört zu den Fröſchen; ſie ſchreit beſonders in der Nacht.— 90. Trompeten wird hier vom Summen der Bienen gebraucht, welches hell erklingen ſoll.— 91. Die Horen ſind hier als Göttinnen der Jahreszeiten aufgefaßt.— 92. Der Sinn dieſes höchſt ſonderbar konſtruierten Satzes kann wohl nur folgender ſein: Oft habe ich an den länger werdenden Tagen geſchlafen, um ſie zu verkürzen und dich, o Nacht, zu verlängern.— 93. Die Cikade iſt ein Inſekt, welches zu den Halbflüglern gehört; das Männchen ſingt eintönig, aber ziemlich laut.— Schwad(plur. Schwade) iſt eine Reihe gemähten Graſes oder Getreides.— 94. Die Mailieder erſchienen 1838 zum erſten Male in 6 Büchern(Vergl. oben S. 7). In der Geſamtausgabe von 1882 ſtehen ſie, 142 an der Zahl, im 2ten Bande S. 306— 385.— 95. Koller iſt eine Gehirnkrankheit der Pferde.— Hopp iſt eine raſcher Sprung.— 96. Schimmel bezeichnet hier die auf feuchten Subſtanzen (pflanzlichen, auch tieriſchen) ſich bildenden Pilzchen, welche wohl die Zerſetzung jener Subſtanzen herbeiführen.— 97. Der Kelterer preßt oder tritt die Trauben, um ihren Saft (Moſt) zu gewinnen.— 98. Ein Granatkern, den ſie ge⸗ noſſen, bannte Proſerpina in die Unterwelt, ſonſt hätte ſie auf den Olymp zurückkehren können.— 99. Nach der Edda ging aus dem urweltlichen Rieſen Mmir das Geſchlecht der Hrimthurſen(Reif⸗ oder Froſtrieſen) hervor. e. Patriotiſches. 100. Das Sonett iſt eine italieniſche Strophenform (Petrarka im XIV. Jahrhundert); in die deutſche Dichtung wurde dasſelbe in der erſten Hälfte des XVII. Jahrh. ein⸗ geführt(P. Flemming). Es beſteht aus 14 iambiſchen Quinaren(fünffüßigen Verſen), die als eine Liederſtrophe betrachtet werden können: 1—8 als die beiden Stollen des ........ Anmerkungen zu Be. 183 Aufgeſanges(a bba abba), 9—14 als Abgeſang(ede d ed, auch decde). Das Sonett eignet ſich gut zur Darſtellung eines kürzeren, aus mehreren Teilen be⸗ ſtehenden dichteriſchen Gedankens, welcher meiſt von einer gewiſſen Anmut und Zartheit iſt. In Rückerts Gehar⸗ niſchten Sonetten iſt letzteres nicht der Fall; vielmehr haben ſie gleichſam den Harniſch angelegt(daher„Geharniſchte Sonette“), um die fremde Gewaltherrſchaft möglichſt nach⸗ drücklich zu bekämpfen und ihr ein Ende zu bereiten.— Im erſten Bande der Geſamtausgabe von 1882 ſtehen S. 3—40 im ganzen 74 ſolcher Sonette.(Vergl. oben S. 4 u. 5).— 101. Friedrichs des Großen„Histoire de la guerre de sept ans“ erſchien 1763.— 102. Ziethen ſteht hier gewiſſermaßen als pars pro toto(Synekdoche) ſtatt der von ihm rühmlichſt geführten Reiter.— 103. Babel (S Babylon) bezeichnet ſprichwörtlich eine üppige, ſitten⸗ verderbte Stadt(hier Paris).— 104. Ein Obelisk iſt ein Bauwerk, wie es ſchon die alten Agypter herſtellten; es iſt eine vierſeitige, verjüngt aufſteigende Spitzſäule; dieſelben gehörten zu den ägyptiſchen Tempelbauten und trugen hiero⸗ glyphiſche Inſchriften, welche über die Erbauung Auskunft gaben.— 105. Auſterlitz ſteht hier zunächſt für den Sieg Napoleons bei Auſterlitz über die Oſterreicher und Ruſſen am 2. Dezember 1805, ſodann überhaupt für Siege Napoleons. — 106. Der Pluralis„Schmachen“ iſt kaum zuläſſig.— 107. Moskowiter-Ruſſen beſ. Großruſſen.— 108. Gemeint iſt die Niederlage Preußens bei Jena und Auerſtädt am 14. Oktober 1806.— 109. Hippokrene heißt im Alter⸗ tume die Quelle der dichteriſchen Begeiſterung am Helikon; ſie entſtand durch den Hufſchlag des Pegaſus.— 110. Gemeint iſt die Schlacht bei Leipzig 16.—19. Oktober 1813. T111. Te deum laudamus(dich, Gott, loben wir) iſt der Anfang des ſogenannten Ambroſianiſchen(Ambroſius 340— 397) Lobgeſanges.— 112. Gemeint iſt Theodor Körner, geb. 1791 in Dresden, gefallen in dem Treffen bei Gadebuſch(einem Städtchen in Mecklenburg⸗Schwerin) 184 Anmerkungen zu Be. am 26. Auguſt 1813.— 113. Den Firſt des Branden⸗ burger Thores in Berlin krönt ein in Kupfer getriebenes über 6 mn hohes Viergeſpann der Viktoria von Schadow (1764—1850). Napoleon ließ das Kunſtwerk 1807 nach Paris bringen; 1814 langte es in Berlin wieder an.— 114. Ottenſen an der Elbe iſt jetzt eine aufblühende Stadt, die öſtlich an Altona grenzt.— Im Mai 1813 beſetzte Marſchall Davouſt Hamburg, welches die Ruſſen verlaſſen hatten, nachdem es 10 Wochen in ihrem Beſitze geweſen war. Der franzöſiſche Feldherr wies alle aus der Stadt, welche ſich nicht auf 6 Monate verproviantieren konnten, und es ſollen gegen 20000 Menſchen ausgezogen ſein. Ein Teil fand in England Aufnahme, ein anderer in Däne⸗ mark; die meiſten blieben in dem benachbarten Ottenſen, wo über 1200 von dem Elend und von Seuchen hingerafft wurden und ihr Grab fanden.— 115. Karl Wilhelm Ferdinand, geb. 1735, ſeit 1780 Herzog von Braunſchweig, ſtand 1806 an der Spitze der preußiſchen Armee. Bei Auerſtädt wurde er ſchwer verwundet und mußte fliehen, da Napoleon Braunſchweig beſetzt hielt. Er ſtarb den 10. November 1806 in Ottenſen.— Nicht bei Jena, ſondern, wie eben geſagt, bei Auerſtädt wurde er verwundet. — 116. Friedrich Wilhelm, jüngſter(vierter) Sohn des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand, wird Ols genannt, in⸗ ſofern ihm das Herzogtum Ols in Niederſchleſi ien zugefallen war. Er folgte 1806 ſeinem Vater in der Herzogswürde von Braunſchweig, Napoleon erklärte ihn jedoch ſeines Landes für verluſtig; nun kämpfte er unermüdlich gegen den Gewaltherrſcher und fiel 1815 in der Schlacht bei Quatrebras, einem Dorfe in Südbrabant.— 117. Das Grab befand ſich in geringer Entfernung von der Kirche. — 118. Klopſtock verheiratete ſich 1754 in Hamburg mit Meta Moller, die 1758 bei der Geburt eines Knaben mit dieſem zuſammen ſtarb und in Ottenſen beerdigt wurde. Der Dichter vermählte ſich 1791 noch einmal mit der Witwe v. Winthem; als er am 14. März 1803 geſtorben 185 Anmerkungen zu Be. war, wurde er in Ottenſen neben ſeiner erſten Gattin beſtattet.— 119. Gemeint iſt der Meſſias von Klopſtock. — 120.„Die Hermannsſchlacht“ iſt der Titel eines ſeiner 3 Dramen(Hermanns Schlacht; Hermann und die Fürſten; Hermanns Tod), welche er Bardiete nannte.— 121. Auf beiden Grabſteinen ſtehen Inſchriften; die für ſeine Gattin hat Klopſtock verfaßt, die für ihn ſoll von Stolberg(1748— 1821) herrühren. Beide Grabſchriften beginnen gleich⸗ lautend mit den Worten der beiden letzten Verſe dieſes Gedichtes.— 122. Körner fiel am 26. Auguſt 1813 (ſ. Anm. 112) und wurde unter einer Eiche in der Nähe des mecklenburgiſchen Dorfes Wöbbelin beſtattet.— 123³3 Er war Offizier in dem Corps des Majors v. Lützow. — 124. Das Schwertlied verfaßte er am Morgen des Tages, an welchem er fiel.— 125. Seine patriotiſchen Gedichte erſchienen ſpäter, auch jetzt noch unter dem Titel „Leier und Schwert“.— 126. Friedrich Barbaroſſa ver⸗ unglückte auf ſeinem Zuge nach Jeruſalem 1189, als er mit ſeinem Roſſe den Saleph im ſüdlichen Kleinaſien durch⸗ ſchwimmen wollte. Das deutſche Volk mochte jedoch an ſeinen Tod nicht glauben; ſo bildete ſich die Sage, daß er in ſeiner Lieblingsburg Kyffhauſen(an der Grenze des nördlichſten Teiles von Schwarzburg⸗Rudolſtadt mit der preuß. Provinz Sachſen) verzaubert ſei und erſt erlöſt werden könne, wenn die ſchwarzen Raben(Geiſter der Zwie⸗ tracht) nicht mehr um den Berg fliegen würden.— Inhaltsverzeichnis. (Neben der laufenden Nummer der Gedichte ſteht in Klammer Band und Seitenanzahl, wo dieſelben in der Geſamtausgabe der Rückertſchen Werke von 1882 zu finden ſind.) Seite Eltid Gedichte dentſcher AÄrrtt..... 17—173 C 17—48 1.(III. 3.) Vom Büblein, das überall mitgenommen hat ſein wollen.—(2. III. 5.) Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt.— 3.(III. 7.) Vom Bäumlein, das ſpazieren ging.— 4.(III. 10.) Der Spielmann.— 5.(III. 12.) Das Männlein in der Gans.— 6.(III. 41.) Die Nixen.— 7.(III. 59.) Die Rieſen und die Zwerge.— 8.(III. 17.) Der Alpenjäger.— 9.(III. 71.) Lohn der Freigebigkeit. — 10.(XII. 307.) Herr Malegis.— 11.(XII. 343.) Rodach.— sssnsns 48—173 a. Der Dichter und ſein Berufßfßf. 48—61 1.(VII. 122.) Das Leben ein Geſang.— 2.(VII. 98.) Großes aus Kleinem.— 3.(I. 278.) Die ſchönen Künſte.— 4.(VII. 158.) Meine Aufgabe.— 5.(VII. 159.) Mußt du denn immer dichten?— 6.(VII. 132.) Des Dichters Freude am Gedicht.— 7.(II. 4.) ö Verbotener Blick.— 8.(VII. 124.) Antwort auf eine Anfrage.— 9.(V. 249.) Hymne.— 10.(III. 54.) Die Zwei und der Dritte.— 11.(VII. 108.) Der Gehilfe.— 12.(VII. 92.) Verneinung.— 13.(VII. Inhaltsverzeichnis. 103.) Anerkennung.— 14—19.(VII. 68.) Goethe. Q20.(VII. 67.) Leſſing.— 21.(VII. 58.) Der Dichter der Nibelungen.— 22.(VII. 17.) Kritik. i Jäaliffififi.. 1. V. 23.) Unter den deutſchen Künſtlern in Rom. — 2.(V. 18.) Die Pifferari.— 3.(V. 18.) Weih⸗ nachten.— 4.(V. 3.) Deutſches Künſtlerfeſt in Rom. — 5.(V. 28.) An Blanduſias Quelle.— 6.(310 Die Fahrt um den Poſilip.— 7.(V. 39.) Lied am Veſuv.— 8.(V. 46.) Nachklang.— Des Dichters Heim und Häuslichkeit. 1.(VII. 79.) Wilder Sommer.— 2.(V. 29.) Aus der Jugendzeit.— 3.(VII. 312.) Die vier Wünſche. — 4.(VI. 383.) Der unerfüllte Wunſch.— 5—16. (J. 592.) Verlobt.— 17.(VII. 124.) Memnon und Mammon.— 18.(VII. 449.) Das Auskommen.— 19.(II. 199.) Hausbau.— 20.(II. 21.) Kletter⸗ unterricht.— 21.(II. 28.) An die Jungen.— 22. (VII. 381.) Drei Paare und Einer.— 23.(I. 29.) Die Schulknaben.— 24.(II. 32.) Der Vater giebt ſeine Uhr dem Sohne.— 25.(I. 635.) Der Vater in ſeine Tochter verliebt.— 26.(II. 29.) Vaterſchmerzen. — 27.(II. 64.) Vaterſorge.— 28.(I. 637.) Trauer und Troſt.— 29.(II. 8.) Mit vierzig Jahren.— 30. (I. 34.) Mit fünfundvierzig Jahren.— 31.(II. 552.) Das Schwabenalter.— 32.(II. 529.) Abſchied von Neuſeß.— 33.(VII. 87.) Die Harfe.— 34—35.(J. 638.) Zur Silberhochzeit.— 36.(VII. 155.) Mein Leben.— 37.(VII. 362.) Kein Leichenſtein.— 38. (II. 550.) Grabſchrift.— 1.(I. 427.) Waldſtille.— 2.(VII. 351.) Die ſchöne Ausſicht.— 3.(VII. 304.) Des Stromes Liebe.— 4. (III. 78.) Die verſpätete Biene.— 5.(II. 415.) Im Sturm.— 6.(I. 509.) Weltkrieg.— 7.(II. 463.) 61—-86 86—116 116—156 Inhaltsverzeichnis. Sonne und Mond.— 8.(V. 72.) An die Nacht.— 9.(I. 94.) Die Blumenengel.— 10.(VII. 302.) Der Himmel.— 11.(VII. 312.) An Mutter Natur.— 12.(II. 276.) Das Jahr.— 13.(VII. 306.) Frühlings⸗ feier.— 14—18.(II. 306.) Mailieder.— 19.(II. 411.) Kinderlied von den grünen Sommervögeln.— 20.(II. 410.) Das Eine Lied.— 21.(II. 414.) Im Garten.— 22.(II. 397.) Der Fußwanderer.— 23. (II. 409.) Im Regenwetter.— 24.(II. 508.) Be⸗ friedung.— 25.(II. 511.) Der Schmetterling im Herbſt. — 26.(II. 512.) Das Kind der Traube.— 27.(II. 534.) Die Früchte und die Traube.— 28.(II. 565.) Der klare Herbſt.— 29—33.(II. 585.) Winterleben. öhöeiſhhs. 114.(J. 7.) Geharniſchte Sonette.— 15.(I. 72.) Die Gräber zu Ottenſen.— 16.(I. 77.) Körners Geiſt.— 17.(J. 123.) Die drei Geſellen.— 18.(I. 108.) Barbaroſſa.— 19.(I. 197.) Bleibet im Lande! eeee Seite 156—173 174—185 R 0⁰ * S· — —— —— 3 — 8