R— Rhetorik fürr Gymnaſien. Von Karl Zuguſt Zulius Hoßſnann, Director des Johanneums zu Lüneburg. Erſte Abteilung. Die Lehre bom Stil. Clausthal. Verlag der Groſſeſchen Buchhandlung. 1859. Schrift und Druck von Fr. Culemann in Hannover. Voör wotkt Dem vor kurzem von mir herausgegebenen Abriſſe der Logik folgt jetzt die erſte Abteilung einer kurzen Rhetorik nach, deren zweite Abteilung im nächſten Jahre erſcheinen ſoll. Beide Ab— teilungen getrennt erſcheinen zu laſſen, dazu beſtimmt mich die Erwägung, daß manche Lehrer es vorziehen werden auf die ein ziemlich abgeſchloſſenes Ganzes bildende Lehre vom Stil unmittelbar die wichtigſten Abſchnitte der Logik folgen zu laſſen und aus den Lehrſätzen der reinen Logik auf mehr praktiſchem Wege, d. h. bloß an Beiſpielen, dasjenige zu entwickeln, was die Rhetorik in den Abſchnitten über die Erfindung und die Anordnung zuſammenſtellt. Dazu bietet die Logik überall An⸗ knüpfungspunkte und wer im Unterrichte der heuriſtiſchen Me—⸗ thode folgt, der wird gern und mit Nutzen dieſen Weg wählen. Anders iſt es mit der Lehre vom Stil; denn in dieſer kommt zu vieles in Betracht, was ſich nicht unmittelbar auf beſtimmte logiſche Lehren zurückführen läßt und weſentlich der Form der Darſtellung zufällt. Man begegnet in unſerer Zeit freilich häufig der Anſicht, es ſei grade ein Vorzug des jetzigen Unterrichts, daß man ganz von der Rhetorik abſehe; ja der Unterricht habe gegen früher in dieſer Beziehung einen weſentlichen Fortſchritt ge— macht. Ich muß aber offen geſtehen, daß ich dieſe Anſicht nach meiner Erfahrung keineswegs für richtig anſehen kann. Zwar 5 ö IV bin auch ich weit davon entfernt zu wünſchen, daß man in den Gymnaſien die Rhetorik vollſtändig und ſo zu ſagen curſus— mäßig behandle: ich wünſche im Gegenteil beim Unterrichte im Deutſchen je nach dem Stande und der Ausbildung der be— treffenden höheren Claſſe nur von Zeit zu Zeit einen Abſchnitt der Rhetorik in mehreren Stunden nach einander erörtert, dann aber auch in ſeinem Zuſammenhange zum Bewuſtſein des Schülers gebracht zu ſehen. Dies ſcheint mir ſchon an und für ſich um ſo notwendiger, je gewiſſer es eine Haupt— aufgabe der Gymnaſien iſt, die Fähigkeit zu kunſtgerechter ſprachlicher Darlegung auf allen Stufen zu üben. Aber ich halte auch überhaupt ſehr viel darauf, daß dem Schüler die Geſetze deſſen, was er ſtets praktiſch üben ſoll, irgend einmal im Laufe des Unterrichts an der paſſenden Stelle, nur nicht ſtets vor aller übung und ohne daß er ſchon eine gewiſſe Fertigkeit erlangt hätte, deutlich erläutert werden. So wie man nun viel zu weit gehen würde, wenn man verlangen wollte, es ſollten dann ſolche Geſetze feſt eingeprägt und wie grammatiſche Regeln gelernt werden; ſo wird ſich doch die Richtigkeit des eben ausgeſprochenen Grundſatzes ſchwerlich an— fechten laſſen. Iſt dem aber ſo, ſo ſehe ich in Wahrheit theoretiſch nicht ein, warum man die Rhetorik ganz von den Gymnaſien verdrängen will. Praktiſch iſt übrigens jene Anſicht wohl über— haupt niemals im Unterricht zur Geltung gekommen, ſondern man hat, ſo weit meine Erfahrung reicht, ſtets mehr oder weniger auf die Rhetorik zurückgreifen müſſen. Es kommt alſo hier, wie anderswo, mehr Grad und Maß in Frage, als der Gegenſtand ſelbſt; und wer die Rhetorik für unnütz hält und ſie deshalb ganz aus den Gymnaſien ver— weiſen will, der gibt ſich einer Täuſchung hin, deren Folgen ſich bei manchen ſehr gelobten Stiliſten der Gegenwart deutlich genug erkennen laſſen. Das vorige Jahrhundert gab viel auf Stiliſtik und Rhetorik und hat es zu einem ſorgfältigen Stil gebracht. Als dann aber Schriftſteller auftraten, welche über die zu eng gewordenen Regeln hinausgiengen, da wollte man freilich das bisherige Syſtem beſeitigen, gelangte aber, wie es in der Kunſt zu geſchehen pflegt ſobald ſie ſich von der Tradition RRR RRFR V ablöſt, mehr oder weniger zum Naturalismus. In einem ſolchen liegen indeſſen ſtets nur Keime zur Neugeſtalti tung, er ſelbſt iſt nie eine Vollendung. Denn wenn ſich auch das Genie ſtets ſeinen eigenen Weg bahnt, ſo beſteht doch ſeine überraſchende Wirkſamkeit zumeiſt darin, daß es entweder alte, aber in Ver— geſſenheit geratene, Grundſätze unter neuen Verhältniſſen wieder zur Geltung bringt, oder frühere en nach irgend einer Seite hin weſentlich erweit ert, nicht aber darin, daß es alles Alte gänzlich umſtößt. Der Sck 5ule fällt es dann zu, die auf dieſe Weiſe gereinigte Tradition neu feſtzuſtellen. Wenden wir das Geſagte auf die Rhetorik an, ſo möchte jetzt die Zeit ſein wieder einmal das noch 6 88888 zu ſum⸗ mieren und die zu eng gewordenen Lehrſätze auszuſcheiden: alſo, mit einem Worte, ein neues Facit zu ziehen. Da abei wird manches anders zu ordnen, manches neu zu begründen ſein; das aber iſt gar nicht zu Erwatten„daß dasjenige, was ſchon im Altertum für die großen Meiſter des Stils von Wichtig⸗ keit war, jetzt auf einmal alle Geltung verloren haben, ja nicht einmal mehr die Kraft haben ſollte Geſchmack und Tact der Darlegung zu begünſtigen und weſentlich zu fördern. Denn wenn auch im Fortgang der Zeiten manches ſich ändert, immer muß man von Zeit zu Zeit auf die alten iie zurück⸗ gehen und es wird ſich auch in Beziehung auf den in Rede ſtehenden Unterrichtszweig Göthes tiefſinniger Ausſpruch be— wahrheiten, daß die Bildung zwar immer fortſchreite, dieſer Fortſchritt aber ſich in Spirallinien vollziehe. Die folgenden Bogen verſuchen nun eine möglichſt ge⸗ drängte Zuſammenfaſſung des Wichtigſten zu geben, was vom Stile gilt. Die erſten vier Paragraphen gehen auf mehrere Punkte ein, welche beim Schreiben eine ausgedehnte Anwen— dung finden und leicht hätten vermehrt werden können: es kam aber bloß auf das Notwendigſte an. Daß dabei vor manchem gewarnt iſt, was in der Ausdruckst weiſe unſerer Zeit mangelhaft erſcheint, wird ſchwerlich gemisbilligt werden. Denn wenn auch einzelne dieſer Mängel nur temporäre ſind und vielleicht von ſelbſt verſchwinden werden, ſo zeigen ſie doch eine fehlerhafte Richtung an, welcher beſſer früh als zu ſpät ent— 3 E VI gegenzutreten iſt. Das Fehlerhafte iſt indes grundſätzlich nur kurz erwähnt und die eigentlichen Beiſpiele ſollten nur das Richtige vor das Auge des Schülers führen, nicht aber dem Häßlichen einen breiten Platz einräumen und es dadurch gleich— ſam begünſtigen. übrigens ſind dieſe Paragraphen mehr für den häuslichen Fleiß des Schülers, als für den Unterricht in der Schule beſtimmt, welchem nur die Hauptpunkte zugewieſen werden können.— Die Lehre von den Tropen und Figuren geht von den einfachſten Grundſätzen Quintilians aus, welcher in dieſer Hinſicht den griechiſchen Rhetoren weſentlich voran— ſteht. Hat er ſelbſt dieſe Grundſätze nicht ganz ſcharf im ein— zelnen durchgeführt, ſo iſt in meiner Darſtellung der Verſuch gemacht die ganze Lehre neu zu ordnen und einfacher zu ge— ſtaltenz und wenn dabei auch noch einiges zu tun bleibt, ſo ſcheint es mir doch, als ſeien in manchen Punkten feſtere Grundlagen gewonnen. Es haben ſich greifbarere Anhalts— punkte finden laſſen; namentlich aber muſte von der in neuerer Zeit beliebten Einteilung abgegangen werden, derzufolge man von den Affecten ausgeht, welche durch dieſe Mittel des Aus— drucks geweckt werden. Dieſe Einteilung führt zu einem Mecha⸗ nismus in dem, was grade niemals Mechanismus werden, ſondern nur Reſultat des im Ausdruck ſich zeigenden Gemüts ſein darf, und würdigt unzweifelhaft die rhetoriſchen Lehren zu niedrigen Mitteln herab. Das meiſte kommt übrigens bei dieſem Abſchnitte auf die Beiſpiele an, welche die Phantaſie bereichern und den Geſchmack bilden, aber nicht mit Berech—⸗ nung nachgeahmt werden, ſondern höchſtens eine freie Repro— duction möglich machen ſollen.— Die Lehre vom Satzbau iſt eine etwas genauere A kusfüißeieng der Grundzüge, welche in dem betreffenden Anhange zu meiner nhd. Elementargrammatik aufgeſtellt ſind, und es wird ſpäter in Frage kommen können, ob jener Anhang aus der Elementargrammatik ganz wegzu— laſſen ſei. Für jetzt war dies aus äußeren Gründen noch nicht — ülber den Stil im höheren Sinne findet ſich in den folgenden Bogen nur das Einfachſte und Allgemeinſte vor. Es ſoll dadurch nur die Aufmerkſamkeit bei der Lectüre der Schrift— ſteller geweckt und für dieſe nur eine Reihe von Geſichtspunkten VII dargeboten werden. Man kann in der Sch ule wohl hier und da eine weitere Ausführung an dieſe einf Le ehrſätze an⸗ knüpfen, allein viel weiter wird man ſchwerlich gehen dürfen. mir mein Amt die Zeit 8 ſo denke ich nach Voll— endung der Rhetorik noch eine kurze Poetik folgen zu laſſen, in welcher dann vorzugsweiſe die Grundzüge der Aſthetik, ſo weit ſie mir für den Gymnaſialunterricht ſich zu eignen ſcheinen, ihre Stelle finden werden. Lüneburg, 1. Auguſt 1859. 1 —7 A. J. HBoffmann. ˖˖Sr 6 N Inhalt. Seite Einleitung 1 Erſtes Buch: Vom Stil. Erſter Abſchnitt. Vom Ausdruck oder vom Stil im niederen Sinne. 1. Die notwendigen Erforderniſſe des ſp zrachlichen Ausdrucks. 3 A.—3 b. Klarheit.. 6 C. Angemeſſenheit. 9 Weaen des Ausdrucks burg Tropen 0 Vig en „ d. Die Kropen 3 ẽ ᷑ůꝛu— überſicht und Einteilung. Die engeren Tropen. Dhhh 8 2. Shnkdoe 6 R 17 CWWXEHAIIIiI 22 Die weiteren Tropen. jjj sdn FFET( C. 555 Redie e Begriff und Einteilung. Die formalen Figuren ine§. 17— 27 Die Gedankenſiguren oder comparativen Figuren 31 3. Vom Satzbau. 5 Allgemeines b. Die anfügende Schreibart. 356 C. Die periodiſche S 36536 Schliß 22 Zweiter Abſchnitt. Vom Stil im 1 90040 8 Sinne 43 Einleitung. 1. Die Rhetorik( önroοοννn sc. reuuν ars oratoria) iſt die Wiſſenſchaft von der Kunſt der ſprachlichen Dar⸗ legung, ſo weit die letztere dem Gebiete der Proſa angehört. Rhetorice est bene dicendi scientia: Quintil. II, 14, 5.— Die Poeſie hat bloß Darſtellung zum Zweck; ſie iſt ſich ſelbſt Zweck, wie alle Kunſt im engern Sinne. Die Darſtellung der eigentlichen Proſa dient dem äußeren Zwecke der Belehrung oder Überzeugung. Da aber bei beiden das Wort Mittel der Dar— ſtellung iſt, ſo berühren ſich beide Gebiete vielfach. Man zieht nun alles, was beiden gemeinſam iſt, zur Rhetorik; was der Poeſie allein angehört, z. B. Vers und Reim, fällt dagegen der Poetik zu. 2. Die Rhetorik umfaßt eine Reihe von Geſetzen, gegen die man nicht verſtoßen darf, wenn die ſprachliche Darſtellung der Proſa den Anforderungen der Klarheit und der Schönheit entſprechen ſoll. Dagegen wird durch die Beobachtung der rhetoriſchen Vor— 0 ſchriften die Darlegung noch nicht ohne weiteres ſchön und 36 kunſtvoll. 42 Die Grammatik handelt nur von der Richtigkeit des Aus— drucks in Rückſicht auf die Bildung, die Abbeugung, die Satz⸗ verbindung. Die Logik handelt nur von der Richtigkeit des „Denkens“ an ſich. Die Khetorik ſetzt eigentlich beides ſchon voraus, wenn ſie auch auf einzelne Teile beider Gebiete ein— gehen muß: dagegen fällt es ihr ſpeciell zu, die ſprachliche Dar— ſtellung der Proſa erſtens in Rückſicht auf den Zweck derſelben, zweitens in Rückſicht auf die Geſetze des Geſchmacks und der Schönheit zu behandeln. Sie iſt alſo auch auf äſthetiſche Grund— ſätze angewieſen. i 1 N L 3. Die Rhetorik zerfällt in die Lehren a. vom Stil, ſowohl vom niedern(elocutio) gls vom hö— heren(genus dicendi); 1 b. von der Erfindung änyentio= ronααhαν c. von der Anordnung(dispositio); und behandelt endlich d. die ſpecielle Anwendung dieſer allgemeinen Lehren auf die wichtigſten Kunſtformen der proſaiſchen Darlegung. Erſtes Buch. Vom Stil. Erſter Abſchnitt. Vom Ausdruck(elocutio) oder vom Stil im niedern Sinne. I. Die notwendigen Erforderniſſe des ſprachlichen Ausdrucks. Im allgemeinen ſtellt man an den Ausdruck der gewöhn⸗§. 1. lichen Proſa die Anforderungen, das er a) ſprachrichtig, b) klar, e) angemeſſen ſei. a. Sprachrichtigkeit(Correctheit). 1. Das erſte Erfordernis der Sprachrichtigkeit iſt das,§. 2. daß der Ausdruck den Geſetzen der Grammatik entſpricht. Nur durch Genauigkeit in der Anwendung der Flexionsformen kann einer allmählichen Abſchwächung und der daraus hervor⸗ gehenden Undeutlichkeit und Eintönigkeit der Formen vorgebeugt werden. „Der Sohn Heinrichs“ oder„Heinrichs Sohn“ iſt beſſer als „der Sohn von Heinrich“—„der ſchwärzeſte Undank“ beſſer als„ſchwärzſte“—„du ſchließeſt“ beſſer als„du ſchließt“— ſteckte, fragte beſſer als ſtak, frug— buk beſſer als backte ſchreibe: die Fenſter, Trüm merz;z nicht: die Fen⸗ ſtern, Trümmern u. a. Fehler gegen die Regeln der Syntax nennt man Solö— cismen. So vermeide man z. B. falſche Appoſitionen, ſchreibe alſo 13 r Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. „herausgegeben von N. N., erſtem Profeſſor“—„die Bedeu— tung Hannibals als Feldherrn“—„man konnte dieſem Manne als Menſchen vieles, als Beamtem wenig vorwerfen“—„ſeine Anſicht, als die eines Kenners, verdient Beachtung“(unrichtig: „ſeine Anſicht als Kenner). In gleicher Weiſe treten verkürzte Ausdrucksweiſen mit wie und als in die vorhergehende Conſtruction ein: 6 „in einem Hauſe wie dem ſeinigen“—„von einem helleren Kopfe, als dem meinigen“(unrichtig:„als der meinige“. Aber richtig:„als der meinige iſt“). Motionsfähige Subſtantive ſetzt man nicht gern als Prä⸗ dicate oder Appoſitionen zu neutralen Subſtantiven. Geſchieht es, ſo ſetzt man zu Städtenamen das Femininum; bei anderen Neutris iſt in der Regel das Masculinum zu verwenden: „Athen iſt die Lehrerin der Menſchheit, Paris die Königin der Moden geworden“—„England gieng als Sieger aus dieſem Kampfe hervor“—„das Unglück iſt ein mächtiger Erzieher des Menſchen“. 2. Zweitens muß der Ausdruck dem Sprachgebrauch (der lexicaliſchen Seite der Sprache) entſprechen. Dieſer kann nur durch Achtſamkeit gelernt werden. Bei einer lebenden Sprache ändert ſich derſelbe fortwährend, doch ſchließen ſich die Anderungen ſtets dem Allgemeinen folgerichtig an. Namentlich meide man eine Vermiſchung verſchiedener Conſtruction: „wir werfen die Frage auf“—„es drängt ſich uns die Frage auf“— unrichtig:„es wirft ſich uns die Frage auf“. Eben ſo entſteht aus„nimm einmal an“ und„denk' einmal“ un⸗ richtig„denk' einmal an“. Richtig iſt ferner:„das kann ich nicht anders ſagen“ und„das kann ich nicht leugnen“; aber unrichtig iſt:„das kann ich nicht anders leugnen“. und gebrauche dichteriſche Wendungen überhaupt, beſonders aber dichteriſche Eigenſchaftswörter, in der Proſa ſtets mit 2 Vorſicht. 3. Endlich muß der Ausdruck ſprachrein ſein. Fremdwörter(Barbarismen) ſind deshalb im allgemeinen zu vermeiden, ſobald die deutſche Sprache einen gleichbedeutenden und gebräuchlichen Ausdruck beſitzt. In ſtreng wiſſenſchaftlichen Schriften ſteht den Fremdwörtern ein größeres Recht zu.— Wer ſtatt gebräuchlicher Fremdwörter dunkle oder ſchlechtgebildete deutſche Wörter wählt, verfällt in den Fehler des„Purismus“. 1. Notwendige Erforderniſſe. 5 Vedrlu. Anmerkung. Die Zahl der Fremdwörter im Deutſchen iſt Am ſchon ſeit älteſter Zeit ſehr Kroß; die Sprache hat aber die meiſten ſſein ſo umgebildet, daß ſie als deutſche Wörter erſcheinen. Vielen 6 erſt in neuerer Zeit aufgenommenen wird es einſt nicht anders gehen. Veraltete Wörter(Archaismen) und Wortformen ſind gleichfalls in der Regel zu vermeiden a) doch 3 einzelne in beſtimmten Verbind dungen noch balene andere ſind aus dem Schatze unſerer älteren Sprache in einzelnen Fällen, be⸗ ſonders bei Darſtellung früherer Zuſtände, mit Recht wieder hervorgezogen o). a)„ſintemalen, alldieweilen, wasmaßen“.— b)„urfehde (Frieden, Sühne) ſchwören“;„Ehaften(genügenden Grund zum Ausbleiben) haben.“— c)„Ferge“(Fährmann),„Recken“, „Schwertmagen“ und„Spilmagen“(männliche und weibliche N Verwandte),„die Urſtende“(Auferſtehung). 8 1 1 Es gibt auch ſyntaktiſche Archaismen, z. B.„mir iſt angſt und fürchte mich“—„unſere Abſicht iſt bekannt und werden wir(ſtatt: wir werden) von ihr nicht abgehen“. Mundartliche oder nur in einzelnen Landesteilen ge⸗ bräuchliche Ausdrücke(Provinzialis men) ſollen in der Regel nur dann gebraucht werden, wenn die Schriftſprache eines kurzen Ausdrucks für denſelben Begriff entbehrt. beiern-⸗eine Glocke durch Anſchlagen(nicht durch Schwingen) tönen laſſen.— Eine Menge niederdeutſcher Ausdrücke iſt ſo in das Hochdeutſche aufgenommen: Ebbe, Flagge, Krabbe, Kladde, Egge u. a. im ib Neubild ungen(Neologismen) ſtehen beſonders der Poeſie ds doch ſind ſie auch in der Proſa überall berechtigt, wenn adurch ein neuer Begriff bezeichnet oder ein Fremdwort paſſend verdeutſcht wird. Eine gute Neubildung muß ſprachrichtig, kurz und verſtändlich ſein. ö So ſind Farkbeiks— Guillotine, ſtaatlich S politiſch —— gebildet.— Zuſammenſetzungen aus mehr als drei Wörtern, namentlich aus längeren(;3. B.„Rbeinzolltarifermäßi— gung“— die„Donauſchiffahrtsfrage“), ſo wie Ableitungen aus derartigen Zuſammenſetzungen ſind in der Regel zu verwerfen. Beſonders trete man der gegenwärtig herrſchenden Neigung zur unbehülflichen Subſtantivierung ganzer Infinitivcomplexe ent— gegen. So ſind z. B. ſchlecht gebildet: das Nichtzuſtande⸗ kommen, das Verreiſtgeweſenſein, die Inſcene⸗ RD˖Rrr˖rrrrrr Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. ſetzung u. a. Statt ſolcher Subſtantive gebrauche man lieber einen Satz, und wende den Gedanken anders. Statt die In— betrachtnahme reicht aus die Erwägung, Beachtung, Rückſicht auf u. ſ. w. Wem es ſchwer fällt, ſich in ſolchen Fällen zu helfen, der kann daraus abnehmen, daß er ſich weder die nötige Beweglichkeit des Denkens, noch eine genügende Kenntnis unſerer reichen Sprache erworben hat: aus dieſen Mängeln entſtehen die meiſten ſchlechten Neubildungen. b. Klarheit. Klar nennt man den Ausdruck dann, wenn er entweder für jeden Leſer, oder doch wenigſtens für den Leſerkreis leicht verſtändlich iſt, welchen der Schreibende im Auge hatte. Um dies zu erreichen, muß man ſeine Gedanken ſo ſcharf entwickeln, daß ſie durch die gewählten Worte genau bezeichnet werden. Gegenſtände, die an ſich ſchwer verſtändlich ſind, klar darzulegen iſt eine hohe Kunſt. Die Klarheit des Ausdrucks im einzelnen nennt man Be—⸗ ſtimmtheit. Sie beruht zum großen Teile 1. auf der Vermeidung zweideutiger oder vieldeu— tiger Ausdrücke. Dieſe können nur da angewandt werden, wo der Zuſammenhang augenblicklich den richtigen Sinn her— vortreten läßt: verſchiedene(mortuus und diversus) Freunde— eine zer— ſtreute Geſellſchaft— engliſch ſtatt: engelgleich. Eben ſo verlangt die Beſtimmtheit zuweilen die Wiederholung des Artikels oder des Pronomens:„er kam mit ſeinem Freunde und ſeinem Gehülfen“(zwei verſchiedene Perſonen)—„er kam mit ſeinem Freunde und Gehülfen“(eine und dieſelbe Perſon). 2. auf der Bündigkeit. Man brauche nicht mehr Wörter, als zum Ausdrucke des Gedankens nötig ſind, und vermeide deshalb a. den Pleonasmus, d. h. Zuſätze zu einem Begriffe, welche kein neues Merkmal angeben: „ein weißer Schimmel“—„Salzſole“(ſtatt Sole)—„naſſer Tau“—„mein Brief, den ich dir geſchrieben habe“(mein Brief an dich)—„er pflegt gewöhnlich früh aufzuſtehen“. b. die Tautologie, d. h. die Wiederholung desſelben Gedankens mit anderen Worten: ‚⏑⏑ff 1. Notwendige Erforderniſſe. 7 „die Sonne iſt bereits ſchon aufgegangen“—„das darf man weder verlangen noch begehren“. c. überhaupt die Breite, welche ſich heſonders in nichts⸗ ſagenden Nebenſätzen gefällt, und wähle dafür lieber Sub— ſtantiva und adjectiviſche Wörter: „wenn wir einen Blick auf die Karte von Italien werfen, ſo ſehen wir, daß dieſes Land größtentheils vom Meere umgeben iſt“(ein Blick auf die Karte von Italien zeigt uns, daß— oder: Italien iſt größtenteils v. M. u.)—„nachdem die Könige vertrieben waren, wurde Rom ein Freiſtaat“(nach der Vertrei— bung der Könige)—„die Abſicht, welche ich früher hatte, wurde vereitelt“(meine frühere Abſicht). 3. auf richtiger und ſcharfer Wortſtellung. Dieſe muß im ſchriftlichen Ausdruck auch das erſetzen, was in der münd⸗ lichen Rede durch die Betonung geleiſtet werden kann. Von mehreren Subſtantiven ſtelle man das, auf welches ſich ein Relativum beziehen ſoll, dem Relativum zunächſt, ſobald der Sinn eine Zweideutigkeit zuläßt.— In dem Satze „der Tod dieſes Mannes, den er ſtets gefürchtet hatte, kam ihm micht unerwartet“ iſt, da ein weiterer Zuſammenhang fehlt, den auf Mann zu beziehen. Sonſt wird man ſagen:„den Tod dieſes Mannes hatte er zwar ſtets gefürchtet, allein er kam ihm“ u. ſ. w., oder: „der von ihm ſtets gefürchtete Tod dieſes Mannes kam ihm dennoch“ u. ſ. w. Beſondere Achtſamkeit verlangt die Stellung der vernei— nenden, beſtätigenden, beſchränkenden und hervorhebenden Par— tikeln. Sie müſſen dem Worte zunächſt ſtehen, welches durch ſie beſtimmt werden ſoll: „dieſe Schlacht erſchütterte in nicht geringem Grade den Ruhm des Feldherrn— hauptſächlich(beſonders) aus dieſem Grunde beſchloß man das gefährliche Wagnis— an denſelben Schwierigkeiten, denen ſein Gegner unterlegen war, ſcheiterte jetzt auch er— wenn es nur wahrſcheinlich bleibt, daß Cäſar nicht in dem Sinne als Welteroberer bezeichnet werden darf, wie Alexander und Napoleon; ſo iſt das vollkommen gewiß, daß er ſeine neue Monarchie nicht zunächſt auf das Heer ſtützen wollte, und überhaupt nicht die militairiſche Gewalt über die bürgerliche zu ſetzen, ſondern ſie dem bürgerlichen Gemein⸗— weſen einzuordnen gedachte— nur die Kornſpenden ſchützten in Rom eine Menge armer Bürger vor dem Verhungern leinen andern Sinn gibt:„nur vor dem Verhungern ſchützten— die Kornſpenden“)“. ——· Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Laſſen ſich Subjeect und Object weder an der Flexions⸗ form, noch aus dem Zuſammenhange unterſcheiden, ſo ſtelle man, wenn man nicht ein anderes Mittel benutzen will(vergl. Nr. 4), wenigſtens das Subject voran: unſere Truppen haben die zahlreichen Feinde ohne Schwierig— keit beſiegt. Die Stellung an der Spitze des ganzen Satzes iſt überhaupt geeignet einen Begriff nachdrücklich hervorzuheben: lange ſchwankte die Schlacht— ruhmgekrönt ſchied er aus dem Leben— unterbleiben aber konnten dieſe Schritte nicht— von dem Worte der Schriftſteller hängt häufig der Ruhm eines Volkes und ſeiner Helden ab— meine Freunde vergeſſe ich nicht. doch kann auch die Stellung am Ende des ganzen Satzes oder zwiſchen mehreren unbetonten Wörtern, ſo wie die Nebeneinander—⸗ ſtellung zweier betonter Wörter zur Hervorhebung verwandt werden. 4. Endlich beruht die Beſtimmtheit des Ausdrucks weſent— lich auf der genauen Conſtruction. So kann man, wenn Subject und Object ſich durch Form und Zuſammenhang nicht leicht ſcheiden laſſen, durch Verwandlung des Activs in das Paſſiv das Verſtändnis be— fördern(vergl. oben Nr. 3): die zahlreichen Feinde wurden von unſern Truppen ohne Schwie— rigkeit beſiegt. Statt relativer Adverbia(woran, worin, woraus, wodurch, womit, weshalb u. a.), welche ſich auf den ganzen Satz beziehen laſſen, hat man gleichfalls häufig die Präpoſition mit dem relativen Pronomen zu ſetzen: wir ſchwiegen von der ganzen Angelegenheit, womit(mit der) jeder zufrieden war(womit geht auf das Schweigen). auf Perſonen beziehe man ſolche Adverbia überhaupt nicht. Das Pronomen er, ſie, es und die Poſſeſſiva ſein und ihr verwende man, wenn mehrere Subſtantiva im Satze ſind und Zweideutigkeit entſtehen kann, für das Subject; für die anderen Subſtantiva verwende man die Pronomina dieſer, jener, derſelbe und gebrauche für das Poſſeſſivum die Genitive deſſen und deren: Riijireeeeeeeeeeerere —————— ——— 1. Notwendige Erforderniſſe. 9 er ſchrieb ſeinem Freunde, er werde deſſen Tochter mitbringen — der Herr entließ den Diener, weil dieſer(derſelbe) undank— bar war. In folgenden Sätzen ſteht dagegen ſein richtig, weil keine Zweideutigkeit möglich iſt:„der Herr entließ den Diener, weil dieſer ſeine Aufträge nicht vollzogen hatte!.—„Der Herr entließ den Diener, weil dieſer ſeine Verſprechungen nicht ge— halten hatte“.— Jener bezieht ſich bei zwei Subſtantiven auf das erſte, dieſer auf das letzte. Dafür kann man auch ſetzen der erſtere, der letztere.— Iſt durch dieſe Mittel noch keine Beſtimmtheit zu erreichen, ſo wiederhole man lieber ein Subſtantivum oder ſetze ein gleichbedeutendes. Die Conſtruction nach dem Sinne(ad synesin) kann bei Collectiven a) und bei dem natürlichen Geſchlecht b) angewandt werden, iſt aber in anderen Fällen e) zu vermeiden: a) eine Menge von Menſchen ſind heute aus den Toren der Stadt gezogen— b) ich ſah das Mädchen, aber ich redete ſie nicht an— c) Rom war die Herrſcherin der Welt, aber nicht ohne ſchwere Kämpfe hatten die Römer(falſch iſt: ſie) dieſe Herrſchaft erworben. 2 e. Angemeſſenheit. 1. Die Angemeſſenheit des Ausdrucks wird beſtimmt:§. 4. a) durch den äußeren Zweck, welchen der Verfaſſer mit ſeiner Darſtellung erreichen will;— b) durch die Stellung, in welcher der Darſtellende zum Leſenden ſteht;— e) durch den Inhalt der darzuſtellenden Gedanken ſelbſt. Bei a) kommt es darauf an, ob man bloß ergötzen und unterhalten, oder belehren; eben ſo, ob man Mitleid, Furcht, Unwillen u. a. erregen will.— Bei b) kommt es darauf an, für wen oder an wen man ſchreibt, und man hat dabei nicht bloß die geſellſchaftliche Stellung, ſondern auch die Auffaſſungs⸗ kraft des Leſenden zu berückſichtigen. Dieſe beiden Arten der Angemeſſenheit fallen unter die Vorſchriften über den Stil im höheren Sinne und beziehen ſich auf ganze Gattungen der Darſtellung. ö 5 2. Unter allen Umſtänden aber ſoll der einzelne Ausdruck dem Inhalte des auszudrückenden Gedankens entſprechen. Dabei 48 gelten zwei Hauptregeln: dir erſtens ſchlichte und leichtverſtändliche Gedanken ver⸗ langen Einfachheit des Ausdrucks. Wer gegen dieſe Regel 10 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. verſtößt, erſchwert ohne Grund das Verſtändnis, oder ſchreibt geſucht. Gellerts Fabeln und die Schriften von Juſtus Möſer bieten eine Menge guter Beiſpiele.— Die Einfachheit in der Erzäh— lung bei Lyſtas, Cicero, in den Parabeln des N. T. zweitens große und wichtige Gedanken müſſen dargeſtellt 6 werden entweder a. durch zuſammengedrängte Kürze(Brachylogie), oder b. durch ſchwungvolle Fülle; bei der Kürze iſt aber die Dunkelheit, bei der Fülle iſt der Schwulſt(Bombaſt) zu vermeiden ch. a. Berühmte Brachylogien: veni, vidi, viei— nachgeahmt, von der unüberwindlichen Flotte: wit, venit, fuit— fuimus Troes— am Beinhaus zu Murten: Burgundionum exercitus hoc sui monumentum reliquit— am Steindamme zu Venedig: ausu Romano, aere Veneéto— Homers Ilias 18, 104.— Shakeſpeare:„jeder Zoll ein König!“—„ein Königreich für ein Pferd!“— Tacitus und Johannes von Müller charak— teriſteren ſich durch Brachylogie. b. Berühmte Beiſpiele: Ilias 1, 154—157. 234 ff. 14, 384—401. 21, 311 ff. 2, 488—490. Forat. od. III, 29, 33 ff.- Mahomets Geſang von Göthe= Caſſandra von Schiller.— Für die Proſa bietet Engels Lobrede anf Friedrich den großen viele Beiſpiele. c. An Dunkelheit leidet oft Jean Paul— an Schwulſt iſt die zweite ſchleſiſche Dichterſchule reich. 3. Zwei Fehler, welche jenen beiden Hauptregeln in an⸗ derer Art entgegenſtehen, ſind die Geziertheit a) und die Schmälerung(rnuslvοο⁰αi¹)b durch unedlen Ausdruck bh. a. Die Geziertheit legt Wert auf gekünſtelte Form, welche für einfache Gegenſtände zu künſtlich, für wichtige zu kleinlich iſt.— Martin Opitz' Schäferey von der Nymphe Hercynie. Manches in den Briefen des jüngeren Plinius, in Anderſens Märchen. 1 b. Anwendung niederer(unedler) Ausdrücke für Großes und 9 Wichtiges: Juppiter hibernas cana nive conspuit Alpes, vgl. 5 Horat. Sat. 2, 5, 39. Anaſtaſius Grün iſt von dieſem Fehler 0 nicht frei, Heine begeht ihn oft abſichtlich. 5 Bei ſchwungvoller Darſtellung vermeide man außerdem den Gebrauch von Fremdwörtern mehr als ſonſt. 4. Die meiſten Verſtöße gegen die Angemeſſenheit ent⸗ ſpringen aus Mangel an Tact und Geſchmack und laſſen des⸗ halb die Aufſtellung ſpecieller Regeln nicht zu. VBorzüglich ſei 1. Notwendige Erforderniſſe. 11 man übrigens achtſam bei der Anwendung ausſchmückender Epitheta. Man häufe ſie nicht a), und vermeide namentlich, nebſt den unbeſtimmten und nichtsſagenden b), auch die abgebrauchten o). a. Freiligraths Löwenritt enthält im ganzen zu viele malende Adjectiva und Adverbia, die im einzelnen auch hier und da zu f ſehr gehäuft ſind; dadurch bekommt das Gedicht etwas ein— töniges.— b. Solche ſind z. B. ſchön, lieblich, angenehm, häßlich.— 6. der ſchmutzige Geiz, der ſchele Neid, die blumige Au, der ſchattige Wald u. a. Anmerkung. Die Komik, der Humor, die Ironie ge— brauchen dagegen mit Recht oft Ausdrücke, welche bei der ge— wöhnlichen Darſtellung als nicht angemeſſen vermieden werden müſſen. 2. Von der Belebung des Ausdrucks durch Tropen und Figuren. a. Allgemeines. 1. Das Leben und die Eindringlichkeit des Ausdrucks§. 5. beruht hauptſächlich auf der Friſche und der Kraft des Ge— dankens ſelbſt. Drängt ſich in einer Darlegung Gedanke an Gedanken, ſind dieſe Gedanken noch dazu neu und überraſchend: ſo reicht ſelbſt der einfache(eigentliche) Ausdruck hin, um die geiſtige Tätigkeit des Leſenden oder Hörenden lebendig zu machen und rege zu erhalten. Glänzende Beiſpiele dafür ſind die Reden des Perikles bei Thucydides: 1, 140. 2, 35 und 60, und die ganze Darſtellungs⸗ art des Thueydides ſelbſt. 2. Iſt aber bei der Geſtaltung des Gedankens außer dem Verſtande(dem Vermögen der Begriffe) und der Vernunft(dem f Vermögen der Ideen) auch die Phantaſie tätig: ſo ſtrebt der Darſtellende zugleich danach, die gewöhnliche und eigentliche Bezeichnung eines der Hervorhebung würdigen Gedankenteils durch einen Ausdruck zu erſetzen, welcher neue, aber dem Ge— dankenkreiſe naheliegende Vorſtellungen weckt. Dies geſchieht durch die Tropen. So ſtatt Achilles:„der Pelide“ oder„der große Sohn der Thetis“; oder, wenn der Name ſchon genannt war, beim Fort— 5 fahren:„der Held“. ————P— ⁴ Buch 1, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. 3. Mit jeder Vorſtellung iſt eine Empfindung verbunden: inſofern regt auch der tropiſche Ausdruck das Gefühl von irgend einer Seite her neu an. Es geſchieht dies durch den Inhalt der gewählten Worte an und für ſich. Die eigentlichſte Bezeichnung des lebendig erregten Ge— fühls und der Leidenſchaft findet dagegen der Redende(ab— geſehen von der Betonung bei der mündlichen Rede) erſtens in der Stellung und Verbindung der Worte, alſo in der Form der Ausſage; ſo wählt man z. B. ſtatt des Behauptungsſatzes:„das kann ich nicht glauben“ die Form des Ausrufs(„das glaube ein anderer!“); die Form der Frage(„wer kann das glauben?), die oft mit der Anrede verbunden wird(„kannſt du das glau— ben? /); die des Zweifels(„ſoll ich das glauben?“); die Wieder— holung(„glauben, nein glauben kann ich das nicht“). zweitens darin, daß die Wichtigkeit eines Gedankens durch Vergleichung mit anderen daneben geſtellten Gedanken hervor— gehoben wird. Auf beide Arten geſtaltet ſich die Rede durch den Affect lebhafter und kunſtvoller. So entſtehen die ſogenannten Rede—⸗ figuren. Die Figuren der erſten Art nennt man formale Figuren oder Formfiguren, die der zweiten Art nennt man Ge— dankenfiguren oder auch comparative Figuren. Die Figuren bedürfen an ſich des tropiſchen Ausdrucks nicht, ſondern können mit dem eigentlichen Ausdruck gebildet werden. Sie werden aber durch den tropiſchen Ausdruck oft wirkſam unterſtützt: dadurch werden dann Gefühl und Phantaſie zugleich angeregt. b. Von den Tropen. 1. Der Tropus(1066nos, 1dο%= motus) iſt die(treffende) Anwendung eines uneigentlichen Ausdrucks ſtatt des eigent— lichen. Der Tropus iſt alſo ſtets eine Umſchreibung. Quintil. VIII, 6, init: Tropus est verbi vel ser- monis a propria significatione dum virtute mu- tatio.— Quidam tropi gratia significationis, qui- dam decoris assumuntur. 2. Wir teilen die Tropen in engere und weitere. 3. Die engeren Tropen ſind a. die Metapher, N N * r + 2. Tropen und Figuren. 13 b. die Synekdoche, C. die Metonymie, d. die Antonomaſie. Bei allen dieſen tritt an die Stelle des eigentlichen Ausdrucks regelmäßig ein ſolcher, deſſen grammatiſcher Hauptbegriff der⸗ ſelben Wörterklaſſe angehört: alſo an die Stelle des Subſtantivs ein Subſtantiv u. ſ. w. So iſt in dem Tropus„das leuchtende Geſtirn des Tages“(= Sonne) der grammatiſche Hauptbegriff das Wort Geſtirn, der freilich erſt durch den Zuſatz des Tages dem eigentlichen Ausdruck logiſch gleichbedeutend wird: das Adjectivum leuchtend gehört dagegen nicht mit zum Trobus, ſondern kann eben ſo gut dem eigentlichen Ausdruck zugefügt werden(„die leuchtende Sonne). Die engeren Tropen enthalten alſo eine grammatiſch— beſchränkte Umſchreibung. —— EER 4. Die weiteren Tropen ſind dagegen Umſchreibungen, deren Umfang nicht an eine grammatiſche Kategorie gebunden iſt. Es ſind die Allegorie, die Hyperbel, die Emphaſis, die Ironie, die Periphraſis. 5 2 σ Die engeren Tropen. 1. Die Metapher. 1. Die Metapher(uercchoo= translatio) iſt die Be⸗§. zeichnung eines Gedankens oder einer Vorſtellung durch ein Bild. Sie beruht auf einer Vergleichung, aber der metaphoriſche Uildliche) Ausdruck wird nicht mehr durch ein vergleichendes Wort eingeleitet, ſondern geradezu ſtatt des eigentlichen Aus— drucks geſetzt. 8 „Er hat gefochten wie ein Löwe“ iſt eine Vergleichung.— „Er war ein Löwe in der Schlacht“ iſt Metapher.— In Matthiſſons Worten:„eine Donnerwolke flog der Ritter dann wie Richard Löwenherz zur Schlacht“ ſind Metapher und Ver— gleichung zugleich angewandt. ö Die Metapher iſt alſo der Tropus des Bildes. 2. Die Metapher kann ſowohl im Verbum, als auch im Subſtantivum und im Adjectivum lund in den adjectiviſchen Adverbien) hervortreten: Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Die Störche ſchifften(S flogen, zogen) ſchon nach Süden — Perikles trug Blitz und Donner auf ſeiner Zunge— ſüßer Wohllaut. 3. Die Metapher wird in einzelnen Fällen durch die Sprache ſelbſt geboten und iſt uns dann ſo geläufig, daß wir kaum noch an das Bildliche des Ausdrucks denken: in eine Krankheit fallen— die Pflanze kränkelt und verkümmert— der Weinſtock hat viele Augen angeſetzt— die Stralen der Sonne leigentlich S Pfeile). in anderen Fällen dient ſie aber entweder zur genaueren leben— digen Bezeichnung: geſtachelt, entflammt von Begierde( angetrieben, bewogen)— blind vor Eifer(S unbedachtſam, rückſichtslos). oder zum Schmuck und zur Schönheit der Darſtellung: der Glanz ſeines Geſchlechtes wurde durch ſeine Nachkommen getrübt— vor Rom hatte einſt die Welt gezittert: als aber feiner Macht eine Stütze nach der andern entzogen war, da gab der ſtolze Bau nach und ſtürzte endlich vor den Barbaren in den Staub, die ſechshundert Jahre zuvor zum erſten Male an die Pforten der Alpen geklopft hatten— ſüßer Wohllaut ſchläft in der Saiten Gold. 4. Wie ſich nun der bildliche Ausdruck nicht immer genau von dem eigentlichen ſcheiden läßt(ogl. die erſten Beiſpiele unter Nr. 3): ſo iſt überhaupt das Gebiet der Metapher eben ſo unbegrenzt wie das Gebiet des Bildes. Denn bildlich kann geſetzt werden a. für Lebendes ein Lebloſes: das Kameel iſt das Schiff der Wüſte. b. für Lebloſes ein Lebendes oder ein nur dem Lebenden zukommender Ausdruck: die Krone wandelte in dieſem Herrſchergeſchlechte von Haupt zu Haupt— die Habſucht iſt die Mutter der Grauſamkeit. c. für das Vernunftbegabte das Vernunftloſe oder das dieſem Zukommende: er flog in ſeines Freundes Arme— Fahius war der Schild der Römer, Marcellus ihr Schwert. eeeiee —— 2. Tropen und Figuren. 1 d. für das Vernunftloſe das Vernunftbegabte ꝛc.: der Donner grollt in der Ferne— die Schwalben ſind die Boten des Frühlings. e. ein Vernunftbegabtes für ein anderes Vernunftbegabtes: jeder Meuſch iſt ein Sohn ſeiner Zeit, aber er darf nicht ein Sclave ihrer Vorurteile ſein. f. ein Vernunftloſes für ein anderes Vernunftloſes: das Rohr iſt ein Spielzeug der Winde. Vorzugsweiſe aber dient die Metapher dazu, das Abſtracte ſinnlich anſchaulich zu machen: die Flügel des Gedankens— die beflügelte Hoffnung— den Streit der Geiſter ſoll man nur mit dem Schwerte des Geiſtes ausfechten— blinder Zorn, Gehorſam; ſchnei— dender Hohn;z träge Ruhe; klarer Nordwind. doch kann auch das Abſtracte ſelbſt wieder zum metaphoriſchen Ausdruck dienen: Tage und Jahre ſind die Pulsſchläge der Zeit. 5. Im allgemeinen gelten hinſichtlich der Metapher noch folgende Sätze: a) Sie muß mehr ſagen, als es der eigent— liche Ausdruck tut.— b) Sie muß, wie der ſprachliche Aus—⸗ druck überhaupt, verſtändlich und dem Gegenſtande angemeſſen ſein.— e) Sie darf nicht zu ſehr gehäuft werden, weil ſie ſonſt das Verſtändnis erſchwert und Überdruß erweckt.— d) Ein raſcher Übergang von einer Metapher in eine andere“ iſt nicht leicht ſtatthaft und verlangt deshalb Vorſicht. 6) Endlich mag noch bemerkt werden, daß zwar meta⸗ phoriſche Verba und Adjectiva leicht verſtändlich ſind und überall angewandt werden können, daß dagegen metaphoriſche Sub— ſtantive nur als Prädicate, oder als Appoſitionen auf allge— meine Verſtändlichkeit rechnen können. ) Er iſt von den Neueren mit Unrecht Rν,ννubs(abusio) genannt. Vgl. Quint. VIII, 6, 34—36.— Cic. Orat. 27, 93.— Ad Herennium, IV, 33 am Ende.— Trypho bei Walz: rhetores Gr. VIII, S. 731.— Eine Katachreſis iſt Platens Ausdruck:„im bunten Glas(Becher) von Agath“, ſo wie„Kiel“ für eine Stahl—⸗ feder, U, f w. FF Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Man kann alſo ſehr wohl ſagen:„die Schwalben ſind die Boten des Frühlings“ und:„die Schwalben, die Boten des Frühlings, ſind gekommen“. Sagt man dagegen:„die Boten des Frühlings ſind gekommen“, oder ſelbſt:„die geflügelten Boten des Frühlings ſind gekommen“; ſo iſt der Umfang der Metapher zu weit, als daß unter ihr ſpeciell nur die Schwalben und nichts anderes verſtanden werden könnten. Einige metaphoriſche mit beſtimmenden Adjectiven verbundene Subſtantiva haben ſich dagegen durch häufige Anwendung die Verſtändlichkeit errungen:„der mäoniſche Schwan“(Homer), „der dircäiſche Schwan“(Pindar). Eben ſo ſind die Metaphern „die Blüte, der Frühling, der Herbſt des Lebens“ leicht ver— ſtändlich. 2. Die Synekdoche. 8. 1. Die Synekdoche(ouyendoy]= cComprehensio) beruht im weſentlichen auf der Teilung(Vereinzelung) und der Zu— ſammenfaſſung(Vereinigung), iſt alſo gewiſſermaßen der Tropus der Diviſion und Comprehenſion. 2. Sie beſteht darin, daß das Einzelne für das Geſammte, oder das Geſammte für das zu ihm gehörige Einzelne geſetzt wird. So a. die Einzahl für die Mehrzahl: 22 hülfreich ſei der Menſch, edel und gut— Gott hebt mit dem Halme die Ahr' empor, Reifet den goldnen Apfel, die Purpurtraube. b. die Mehrzahl für die Einzahl: es kommen, es kommen die Waſſer all'. Häufig finden ſich im Deutſchen die Plurale der Abſtracte, und oft ohne merklichen Unterſchied in der Bedeutung, ſtatt der Singulare: in Treuen jemandes gedenken— in Gnaden jemanden ent⸗ laſſen— in Freuden leben— die Lüſte, die Gefühle u. a. Anmerkung. Hieher gehört auch das wir der Fürſten und Schriftſteller ſtatt ich Pluralis majestaticus) und das Sie der Anrede ſtatt du. 1 ————Z;2—ů—k— „der Teil, namentlich ein beſonders bezeichnender, ſtatt des Ganzen: eine Flotte von dreißig Segeln— der goldne Reif drückte ihn ſchwer(S die Krone)— ſein gutes Brot haben(S. Nah— 1 2. Tropen und Figuren. 17 rung, Auskommen)— Gold und Silber lockten ihn nicht ( Reichtum). d. das Ganze ſtatt des Teils: Nelſon vernichtete bei Abukir die franzöſiſche Flotte(S wden größten Teil derſelben). e. das Einzelne(die Species) ſtatt der Gattung(des Genus): Napoleons Macht ſtützte ſich auf die Bajonnette(S Waffen). und ſo auch wohl das Individuum ſtatt der Gattung: einen Homer, einen Demoſthenes haben nur wenige Völker aufzuweiſen. f. die Gattung ſtatt des Einzelnen: Mit der Waffe in der Hand ſtürzte er auf ſeinen Gegner zu (ſtatt der Nennung einer beſtimmten Waffenart). Auch die Setzung einer beſtimmten Zabl ꝛc.(3. B. hundert, tauſend) ſtatt des unbeſtimmten Begriffs der Menge(viele, ſehr viele) fällt der Synekdoche zu: hundert Pfund Sorgen bezahlen kein Lot Schulden. Endlich kann auch aus einer Reihe von Handlungen oder Erſcheinungen, welche zuſammen eine Einheit bilden, eine ein⸗ zelne ſtatt der geſammten geſetzt werden: der Auszug der Ungarn rettete 1742 den öſterreichiſchen Staat — der Zug nach Rußland vernichtete Napoleons Macht(d. h. der Zug und ſeine Folgen). 3. Die Shnekdoche beſchränkt ſich alſo auf die Begriffe, bei denen ein Gattungs- und Zahlverhältnis möglich iſt. Im Verhältnis zu allgemeineren Adjectiven kann man deshalb auch einige ſpeciellere wohl ſynekdochiſche nennen(z. B. todver—⸗ achtende Jugend ſtatt mutige) und eben ſo kann man von ſynekdochiſchen Verben ſprechen(z. B. wenn man nehmen oder ſich aneignen für ſtehlen ſetzt): allein die eigentliche Natur dieſes Tropus tritt doch nur bei Subſtantiven klar hervor. 3. Die Metonymie. 1. Die Metonymie(ur⁰iͤ, oder d0ονν Ꝙτν de- nominatio) ſetzt an die Stelle des eigentlichen Subſtantivs 2 2 —— 18 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. ein anderes, welches einen mit dem eigentlichen Ausdrucke von ſelbſt in unmittelbarer Verbindung ſtehenden Begriff enthält. Das Verhältnis der mit einander vertauſchten Begriffe iſt der Art, daß, wenn beide zugleich geſetzt würden, das metonymiſche Subſtantiv in den Genitiv treten, oder durch ein Adjectiv wiedergegeben, oder als Beſtimmungswort mit dem eigentlichen Subſtantiv componiert werden müſte. Die Metonymie iſt alſo der Tropus des Attributs. Quint. VIII, 6, 23: nominis pro nomine positio.— Ad Herenn. IV, 32, 43.— Mit Unrecht haben die Neueren das Verbum zur Metonymie gezogen. 2. Metonymiſch können nun beſonders folgende Begriffe für einander gebraucht werden: a. das Hervorbringende oder Bewirkende ſtatt des Hervor— gebrachten oder Bewirkten: wir leſen den Homer— ihn nährt die Arbeit ſeiner Hände (S das durch die Arbeit Erworbene)— er fürchtet das Ge— richt(S die gerichtliche Verurteilung, Strafe). b. das Hervorgebrachte ſtatt des Hervorbringenden: unter Trähnen ſein Brot eſſen(SE in Kummer)— ſie ſandten den Tod in die Reihen der Angreifenden(= die tötenden Geſchoſſe)— ſie luden die Kanonen mit doppeltem Krach(S doppelter Ladung): Shakeſpeare. C. der Stoff ſtatt des daraus Verfertigten: das Eiſen lockt die Männer an(S die Waffen)— das Blei ins Herz des Feindes ſenden— die Ahre ſchmückt das Haupt des Schnitters(S der Erntekranz). das aus dem Stoffe Gebildete ſtatt des Stoffes: Kränze pflücken(dichteriſch Blumen)— nährendes Brot trägt der Acker. e. das Enthaltende ſtatt des darin Enthaltenen: d den Becher(aus)trinken— Rom verwarf jeden Friedens— antrag eines ſiegenden Feindes— das Altertum(S die im Altertum lebenden Völker) wuſte nichts von allgemeinen Men— ſchenrechten, erſt die Neuzeit hat dieſe anerkannt— dies Haus hat mir viel Gaſtfreundſchaft erwieſen— eine gebildete, kunſtliebende Stadt oder Zeit. —ͤ—ũùw. ᷣ Ur:T d——————— 2. Tropen und Figuren. 19 f. das Enthaltene ſtatt des Enthaltenden: er hat den Wein umgeſtoßen(das weingefüllte Gefäß). g. das Herrſchende und Beſitzende ſtatt des Untergebenen und Beſeſſenen: Cäſar überbrückte den Rhein— jam proximus ardet Uca- legon(Æ domus Ucalegontis). Virg. Aen. II, 311. h. das Eigentum und das Werkzeug ſtatt des Beſitzenden und der Perſon: dies Landgut zahlt hohe Steuer— nur langſam konnten 5 die Sariſſen(die macedoniſche Phalanr— Philipp und Alexander) Griechenland unterwerfen— in den Kreuzzüge 0 f zzügen kämpfte das Ritterſchwert gegen den Krummſäbel, die Armbruſt gegen den Bogen i. und ſo überhaupt das ſinnliche Zeichen ſtatt des Gegen⸗ ſtandes und Weſens, der Würde, des Zuſtandes: der Halbmond herrſcht an beiden Ufern des Bosporus— unter dem Krummſtab war gut wohnen— einem Herrſcher die Krone, das Scepter, den Thron rauben— ſich Lor— beeren erringen(SS Sieg, Ruhm)— Cicero war groß in der Toga(im Frieden). k. das Abſtractum ſtatt der Gegenſtände, denen es eigen— ſchaftlich beigelegt werden kann liſt faſt ſchon Perſoni⸗ fication):“ das Laſter ſteht, wenn die Tugend fällt— die Misgunſt jauchzt, ſobald den Nächſten Unglück trifft— das entkräftete Alter kann die Waffen nicht mehr führen. 3. Das metonhmiſche Subſtantiv kann ſelbſt wieder ein metaphoriſches ſein, doch bekommt dann der Ausdruck leicht etwas geſuchtes: Krot wen entzückt nicht der dircäiſche Schwan(= die pindariſche Poeſie)? Anmerkungen. 1. Die attributive Natur der Metonymie iſt von ſelbſt klar in den Fällen, in welchen das Deutſche ein von dem metonymiſchen ) Das umgekehrte Verhältnis kommt ſelten vor. So z. B. in dem Sprichwort„es gehen viele Wege nach Darbſtadt und Mangelburg“, welches aber ſchon eine Allegorie iſt. 2* §. 10. Buch J, Abſchu. 1: Vom Ausdruck. Subſtantiv abgeleitetes Adjectiv gebildet hat: Hkomer= homeriſche Gedichte(ogl. a).— Wo ein ſolches im Deutſchen fehlt, findet es ſich wohl in anderen Sprachen gebildet: Ahre(e)= spicea corona; Halbmond()= Turei lunati; Toga(i) pax togata; oder das Deutſche bietet auch componierte Adjective: Trähnen(b)= trähnenvoller Kummer u. ſ. w. 2. Die unter d und k angeführten Fälle grenzen dicht an die Synekdoche. 3. Metonymiſche Verba oder Adjectiva erkennen wir nicht an. Wo ſie vorzukommen ſcheinen, da ſind ſie entweder ſynekdochiſch, oder metaphoriſch, oder das mit ihnen verbundene Subſtantivum ſelbſt iſt metonymiſch(ogl. K). 4. Die Antonomaſie. 1. Die Antonomaſie(&ͥσmbovοlαuοçαͤbääg) ſetzt ſtatt eines ſub— ſtantiviſchen Begriffs(beſonders ſtatt eines Eigennamens oder auch ſtatt eines fubſtantiviſchen Pronomens) einen andern ſub—⸗ ſtantiviſchen Begriff, welcher dem eigentlichen Subſtantivum als Appoſition, oder vermittelſt des Verbums ſein als Prädicat beigelegt werden kann. Die Antonomaſie iſt alſo der Tropus des ſubſtan— tiviſchen Prädicats oder der Appoſition. 2. Abgeſehen von der durch eine ſolche Vertauſchung be— wirkten Erweiterung des Gedankenkreiſes, dient die Antonomaſie auch dazu die Eintönigkeit der Wiederholung desſelben Aus— drucks und die Unanſchaulichkeit des Pronomens zu vermeiden. 3. Für ein Nomen proprium können natürlich nur Be⸗ zeichnungen gewählt werden, deren Beziehung und Bedeutung hiſtoriſch bekannt iſt oder ſich aus dem Zuſammenhange von ſelbſt ergibt. Iſt der Name aber ſchon vorher genannt, ſo kann auch eine weniger ſpecielle Antonomaſie angewandt werden: die Bekämpfung Guſtav Adolfs wurde Tilly übertragen. Der greiſe Feldherr verhehlte ſich aber die Schwierigkeit dieſer Aufgabe nicht. So kann„der kühne Genueſer“ ſowohl von Columbus, als von Spinola oder Doria geſagt ſein; aber„der kühne Genueſer, welcher Amerika entdeckte“ kann nicht misverſtanden werden. 4. Ahnliches gilt auch von den appellativen Subſtantiven und den Pronominibus. Die Deutlichkeit der Antonomaſie be— ruht bei ihnen darauf, daß die vertauſchten Ausdrücke ſich möglichſt decken, oder, wenn dieſes nicht der Fall iſt, auf dem Zuſammenhange. So wird in folgendem Beiſpiele eine an ſich undeutliche Antonomaſie leicht verſtändlich: Se SC RRRR 2. Tropen und Figuren. 21 verraten hatte er ſein eigenes Vaterland und doch wagte der Frevler(S er) ſich öffentlich zu zeigen. 5. Die Antonomaſie kann ſelbſt wieder eine metaphoriſche ſein, wird dann aber leicht undeutlich: am Ende ſeines tatenreichen Lebens ſtürmte alles Unglück auf Gregor den ſiebenten ein, aber der Fels der Kirche(Srer) wankte nicht 6. Beiſpiele der gewöhnlichen Antonomaſie.— Für Achilles: der Pelide(vom Vater genommen); der Sohn der Thetis(von der Mutter); der Vater des Neoptolemus(vom Sohne); der Held von Phthia(von der Heimat) u. a.— Seipio: der Zerſtörer Carthagos(von der wichtigſten Tat) — die Sonnet das(leuchtende) Geſtirn des Tages(von der Zeit)— Neſtor: der Greis von Pylos(Lebensalter und Heimat) u. a. Die weiteren Tropen. 1. Die Allegorie. 1. Die Allegorie(&νοοο · σ˖ inversio; ſo genannt, weil man à dyogebe, d% vost) iſt die Darſtellung eines ganzen Satzes, oder überhaupt einer Wahrheit, unter einem Bilde. Sie iſt alſo eine in einzelne Beſtimmungen ausgeführte Metapher. „Süßer Wohllaut ſchläft in der Saiten Gold“ enthält drei Metaphern, ſüß für angenehm, ſchläft für iſt verborgen, Gold für gelb; iſt aber keine Allegorie, weil Wohllaut und Saiten eigentliche Ausdrücke ſind, wenn auch der letztere eine Art Synekdoche bildet. Dagegen iſt der zweite Teil des Spruches: „Freut euch des Lebens, weil(S ſo lange) noch das Lämpchen glüht“ volle Allegorie; er würde dies auch noch ſein, wenn man fagte„weil noch das Lämpchen des Lebens glüht!. 2. Wie weit die Ausführung der Allegorie gehen dürfe, hängt von dem größeren oder geringeren Umfange des durch ſie verſinnlichten Gedankens, ſo wie davon ab, ob das ge⸗ wählte Bild in mehr als einer Beziehung ſchlagende Ahnlich- keiten bietet. In der Regel ſind nur die Hauptzüge der Ahnlich— keit auszuführen. 3. Zu den kürzeren Allegorien iſt ſchon die Anführung bildlicher Sprichwörter oder ſprichwörtlicher Redensarten zu rechnen, ſobald ſie ſtatt des eigentlichen Ausdrucks eintreten: 7 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. „er hatte lange danach geſtrebt; als er aber ſeinen Wunſch nicht erreichen konnte, da waren die Trauben ſauer“( da machte er es wie der Fuchs in der Fabel, welcher ſagte u. ſ. w.) —„Es hängt an einem Haar“. 4. Weiter ausgeführt und mit dem eigentlichen Ausdruck gemiſcht ſind z. B. folgende Allegorien: „der Same, den geniale Naturen ſtreuen, geht langſam auf“. — Wallenſteins Tod, III, 13:„den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen: da ſteh ich, ein entlaubter Stamm; doch innen im Marke lebt die ſchaffende Gewalt, die ſproſſend eine Welt aus ſich geboren“.— Hesiod. opp. et d. 287 ff. Cen. Mem. 205 5 Allegorien von bedeutendem Umfange ſind folgende: Kenoph. Memorab. II, I, 21(Herkules am Scheidewege).— Platon. Phaedr. p. 246 ff.(die Roſſe der Seele).— Horat. 125 od. I, 14(das Schiff des Staates).— Göthe: Mahomets Geſang(der hiſtoriſch große Mann).— Schiller: Sehnſucht (das Reich der Wirklichkeit und das des Ideals). Zu den Tropen ſind aber Allegorien von ſolchem Umfange nicht mehr zu rechnen, weil ſie mehr Arten der ganzen Darſtellung als des Ausdrucks ſind. 2. Die Hyperbel. . Die Hyperbel(öusBOͥ= superlatio) iſt der Tropus der Ubertreibung. Quintil. VIII, 6, 67: decens veri superjectio. Da die Hyperbel einen höheren Grad ſtatt des geringeren ſetzt, ſo iſt ſie mit der Synekdoche verwandt. 2. Sie wird gebraucht, wenn der Gegenſtand etwas außer⸗ ordentliches hat, welches das natürliche Maß überſchreitet, und kann dann von großer Wirkſamkeit ſein. „An die Sterne reichte ſein Ruhm“.—„Nicht dem Feuer, nicht den Winden, nicht dem Meere: dem Blitze glich ſein An— griff“.—„Der Glanz ihrer Waffen verdunkelte die Sonne“.— Shakeſpeare:„jeder Zoll ein König“. Doch iſt die Hyperbel im allgemeinen mehr dichteriſch als proſaiſch. Vgl. das ſchöne Beiſpiel Hom. Iliad. XX., 226 ff. und J. 249. X, 437. 3. Auch zur Darſtellung des Lächerlichen und Unbedeu— tenden kann die Hyperbel treffend verwandt werden. ieeeeeeeeeee ————— 2. Tropen und Figuren. 23 „Ein Landgut nennt das Varro. Aber man kann es aus einer Schleuder werfen, wenn es nicht etwa vorher durch das Loch(der Schleuder) berausgefallen iſt.“— Nach Cicero, der dabei noch das Wortſpiel zwiſchen fundus und funda anwendet; 72 rr 3. Die Emphaſis. 1. Die Emphaſis(8 gnanz. Sie ſagt wörtlich weniger als der eigentliche Aus⸗ druck ſagen würde, läßt aber mehr verſtehen, als geſagt iſt. Denn ſie gibt nur den Begriff an, den der Leſer in ſeine ein⸗ zelnen Merkmale zerlegt. „Laßt uns unſer Unglück als Männer ertragen“(S als apfere, mutige, feſte Leute).—„Sei kein Weib“.— Streng war der Befehl, aber er wurde nicht ausgeführt. Denn der ihn ausführen ſollte, war mehr als nur ein Soldat: er war ein Menſch“. 2. Zur Emphaſis iſt auch die Litotes(Aurörng= Schlicht⸗ heit) zu rechnen. Man vermeidet ſtark lobende oder ſtark tadelnde Ausdrücke und wendet dafür beſcheidenere an: „ein nicht zu verachtendes(— ſehr bedeutendes) Geſchenk“— non sine montium clamore: Horat. od. III, 29, 38.— Cäſars aliquid minus velle oder posse. Namentlich dient dazu das verneinte Gegenteil(Grichegois. Vgl. Walz, rhet. VIII 3395 Vgl. Walz, rhet. b 155)/ „denn wo das Unglück wählt, wählts nicht den ſchlechtſten Mann“. Rückert. 4. Die Itonie 1. Die Fronie(s19ef%˖e= simulatio, illusio) iſt der§. 14. Tropus des Gegenteils. Der Redende gebraucht ſtatt des eigentlichen Ausdrucks den entgegengeſetzten, deſſen wahre Be⸗ deutung aber durch den Zuſammenhang(bei der mündlichen Rede auch durch die Betonung) klar wird. 2. Die Ironie kann in Scherz und Ernſt angewandt werden: das Lob wird zum Tadel, der Tadel zum Lobe; das Heitere dient zur Bezeichnung des Traurigen, das Traurige zur Bezeichnung des Heiteren. Die Kraft der Ironie liegt in dem Contraſt, welcher zwiſchen der Sache und den Worten ſtattfindet und durch ugdois) iſt der Tropus der Prä- 8§. 13. i 4 4 §. 15. 24 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Vermiſchung des eigentlichen und des ironiſchen Ausdrucks noch geſteigert werden kann. „Tue das ja nicht! Denn es könnte dir zur Ehre gereichen“. —„Das iſt ein großer Feldherr, ein tapferes Heer! Ein einziges Weib führen ſie als Gefangene mit ſich fort“. Tacit. Ann. I, 59.— Vgl. Cic. pro Murena, cap. 29 ff.—„Mit der Axt hab ich ihm's Bad geſegnet“. Schiller im Tell J, 1. Anmerkung. Die Alten rechneten auch den Witz und das Wortſpiel zur Ironie, eben ſo den bittern Spott(Sarkas— mus). Quint. VI, 3, 85. VIII, 6, 54. Tropus iſt aber dies alles nur dann, wenn ſtgtt des eigentlichen Ausdrucks das Gegenteil geſetzt wird.— Über das Lächerliche handelt Cic. de oratore II, 58 ff. 5. Die Periphraſis. 1. Die bisher behandelten Arten des Tropus umfaſſen nicht den ganzen Umfang des tropiſchen Ausdrucks, ſondern nur einzelne durch beſtimmt erkennbare Merkmale ſich unter— ſcheidende Seiten desſelben. Weniger deutlich treten beſtimmte Merkmale hervor, ſo— bald die Umſchreibung durch ein Verbum oder durch einen ganzen Satz gegeben wird. Eine derartige Umſchreibung bezeichnen wir mit dem an ſich unbeſtimmten Worte Periphraſis. meciboοsε̃= eircumlocutio heißt überhaupt nur Umſchrei— bung und faßt alſo jede Art des tropiſchen Ausdrucks in ſich.— Quintilian verſteht übrigens darunter jede im Verhältnis zum eigentlichen Ausdruck längere Umſchreibung: quiequid signi— ficari brevius potest et eum ornatu latius ostenditur, σενινοννοse Est. VIII, 6, 61. 2. Zur Periphraſis gehört zuerſt die Anwendung eines uneigentlichen Verbums ſtatt des eigentlichen: So(ſtatt mortui sunt)„vixerunt“—„er iſt heimgegangen, hat geendet“ u. a. auch einer ganzen Redensart ſtatt desſelben: „er wurde zu ſeinen Vätern verſammelt“—„er gieng in die Ewigkeit“—„er bezahlte der Sterblichkeit ſeinen Zoll“—„er ſchied aus dem Leben“. Dieſe Umſchreibung des Verbums kann eine bildliche(meta— phoriſche), oder eine unbildliche ſein. Zur Allegorie wird aber N 2 O un ————— ERRRWE...CC.CCCCEC.C.CV......**** 2. Tropen und Figuren. 25 die metaphoriſche Umſchreibung erſt dann, wenn außer dem Verbum auch das Subject bildlich dargeſtellt iſt(er ſtarb= „das Licht ſeines Lebens erloſch“). In der unbildlichen Umſchreibung des Verbs finden ſich Verhältniſſe wieder, welche einigermaßen der Synekdoche(ogl. §. 8, 3) und der Metonymie(„er trägt das Scepter“= er herrſcht,§. 9, 2, i) entſprechen: doch ſtellen ſie ſich nirgends mit derſelben Schärfe und ſo concentrirt dar, wie bei den Subſtantiven. Grund und Folge z. B. können ſchon durch das Tempus verſchiedener Verba bezeichnet werden(er iſt tot= iſt geſtorben, hat gelebt). Ferner muß oft eine ganze Redensart zur Umſchrei— bung des einfachen Verbs genommen werden ler herrſcht trägt die Krone). Endlich tritt das Attributive in der Meto— nymie der Subſtantiva bei Verben gar nicht hervor. Die vielſeitige Natur und Wandelbarkeit des Verbs und ſeiner Bedeutung läßt alſo andere Klaſſen der Umſchreibung, als die bildliche und unbildliche, nicht genau unterſcheiden; denn„er trägt das Scepter“ und„er trägt die Krone“ kann man ſowohl ſynekdochiſche, als metonymiſche Umſchreibung für herrſchen nennen. 3. Zur Periphraſis hat man ferner von jeher(vgl. Trypho bei Walz, rhetor. VIII, S. 742) diejenige Umſchreibung der Subſtantiva gerechnet, in welcher eine Eigenſchaft des Gegen— ſtandes zum Subſtantiv erhoben und dieſem das Subſtantiv des Gegenſtandes als beſtimmender(poſſeſſiver) Genitiv beigefügt iſt: Homer: ksco fοĩ ôAανναOοõ, ·- Iarονο οοννν ανν] e 5„zu Aachen— ſaß König Rudolfs heilige Macht“—„da ver— ſtummte Ciceros Beredſamkeit“(— der beredte Cicero)—„im Felde glüht der Schnitter Fleiß“(S die fleißigen Schnitter). Der Hauptbegriff kann ſich aber auch adjectiviſch dem Sub⸗ ſtantiv der Eigenſchaft(oder des Teils) anſchließen: 4 8in Hec,%¹f“- vis Herculea perrupit Acherontem(S der ſtarke Herkules)—(des Harzes)„wohltätiger Schooß, ſelten mit goldnem Fluche ſchwanger, verleiht nützendes Eiſen uns“. Stollberg. 4. Zur Periphraſis gehört endlich jede Umſchreibung durch einen ganzen Satz. Auf dieſe Weiſe können umſchrieben werden a. ganze Sätze:„die Sonne gieng auf“ es wurde Tag. b. Subſtantiva:„ſie taten was ſie muſten“= ihre Pflicht, das Notwendige—„als der Hahn krähte“ S am Morgen —„hſobald die erſten Lerchen ſchwirrten“ S im Anfang des Lenzes. ˖RrrrSSR CCC Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. C. Adjectiva:„an einen Ort, wo weder Mond noch Sonne dich beſcheint“ für finſter—„er hat die Finger, welche d er h ger, finden, ehe man verliert“— diebiſche. d. Adverbia:„ſo lang die Berge ſtehn auf ihrem Grunde“ für immer. e. Verba:„wer findet, ehe verloren wird; der ſtirbt, ehe er krank wird“ für ſtehlen und gehängt werden. Schluß. Die Periphraſis iſt ſchon kein beſtimmter Tropus mehr, wenn ſie auch nicht Figur iſt. Sie gehört nur überhaupt zur phantaſievollen Darſtellung und erſcheint in den verſchiedenſten Formen. Eben ſo wenig iſt das Gleichnis(Comparatio), das Beiſpiel, die Fabel, die Parabel zum Tropus oder zu den Figuren zu rechnen. Beiden gehört auch die ausgeführte Alle— gorie(§. 11, 5) nicht mehr zu. Denn Tropen und Figuren ſind nur Arten des Ausdrucks, aber nicht Gattungen der Darſtellung. e. Von den Redefiguren. §. 16. 1. Unter Figuren verſteht man beſtimmte Arten der kunſtvolleren äußeren Geſtaltung der Rede, welche dazu dienen, einen Gedanken als einen wichtigen oder das Gemüt er— regenden hinzuſtellen. Figura, CVH¹ανο σ arte aliquà novata forma dicendi. Quintil. IX, 1, 14.— Die Figur hebt hervor; bewirkt alſo dasſelbe, was in geringerem Grade die Inverſion bei einzelnen Satzteilen tut. Vom Tropus unterſcheidet ſie ſich dadurch, daß ſie den Gedanken oder einzelne Teile desſelben nicht von einer neuen Seite aus darſtellt; von der Periode dadurch, daß in der Figur nicht eine kunſtvolle Gliederung der Gedanken unter einander die Haupt⸗ ſache iſt. Doch können Wortſtellung, tropiſcher Ausdruck und periodiſcher Satzbau eine Figur oft bedeutend verſtärken. 8 2. Wir teilen die Figuren in a) formale oder Form⸗ figuren,— b) Gedankenfiguren oder comparative. Die Alten teilten ſie in igurae elocutionis( urαe rißg J&SS0g, d. h. Figuren des Ausdrucks) und in ſigu senten- tiarum(S oανννο uijs dichοede,s, d. h. Gedankenfiguren).— Die von uns gegebene Einteilung iſt im Grunde dieſelbe, läßt aber die Gründe der Einteilung ſchärfer hervortreten, trennt damit die Kreiſe genauer ab und macht eine Verwechſelung weniger möglich. Ae — —ͤ——t— 734ö̃ ñ ꝛ˙Üũ—— 2. Tropen und Figuren. 27 zteil an und für ſich, uid 9. öhue 150 0 mit 5 icht 55 chen, als einen wichtigen hervor. eht entweder durch die Art der Ausſagef ſelbſt, ß der R edende andere Perſonen in die und ſie dadurch an de ealben beteiligt. Danach kann man die formalen Figuren wieder teilen in (monologiſche), und in communicierende(oder dia⸗ Logiſc che). Der Ausruf iſt z. B. eine abſolute, die Frage iſt dagegen eine communicierende Figur. 4. Die Gedankenfiguren oder tomparativen guren heben dagegen d die Wichtigkeit eines Gedankens dadurch hervor, daß ſie ihn mit anderen Gedanken zuſammenſtellen und ſeinen Wert an dieſen abwägen. es z. B. durch die Figuren des Gegenſatze (Antitheſis der Steigerung(Klim„den Schwächlin kann man bedaukrz den Boshaften wird man haſſen; eine boshaften Schwächling aber muß man verabſcheuen!. e8 10 n 5. Die formalen Figuren können nun wieder zur Ver—⸗ ſtärkung des Ausdrucks bei den comparativen Figuren in An⸗ wendung kommen. Sie ſind alſo allg emeinerer Natur. ſatz des vorigen Beiſpiels in eine Man verwandle den S Frage oder einen Ausruf. Die formalen Liguren. Die wichtigſten und am häufigſten vorkommenden forma-F. 17. len Figuren ſind folgende: 3 1. Das Aſh ndeton(dhοοαqοονο=, ˖ dissolutio) d. h. die Auslaſſung der Verb hindungspartikeln zwiſchen Satzteilen und ganzen Sätzen. Es dient zur energiſchen Aufzählung. Sueton. Jul. Caes. 37: veni, vidi, vici.— Cic. II, Catil. 1 excessit, evasit, erupit.— Die Roſſe wieherten, es ſchmetterten Trompeten die Fahnen flatterten, die“ angetreten.“— Rückert. „Dann Zapfenſtreich, Suerpfeifen, Trommelſchlag; zuſammenflutend die Muſik darnach von zweiundzwanzig Bataillonen.“— Freiligrath. 2. Das Polyſyndeton(roisT10), d. h. die mehr⸗ malige Wiederholung derſelben Verbindungspartikel: f + Buch 1, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Horat. od. III, 4, 46.— Schiller, Glocke:„und drinnen waltet Jdie züchtige Hausfrau— und herrſchet weiſe— und lehret die Mädchen] und wehret den Knaben und reget ohn' Ende[die fleißigen Hände[und mehrt den Gewinn“ u. ſ. w. 1 3. Die Ellipſe(Meupis, omissio), d. h. die Auslaſſung eines ſich aus dem Zuſammenhange ergebenden Wortes. So die Auslaſſung der Hülfszeitwörter ſein und haben, und des eine Rede einleitenden ſagte, z. B.„der Vater drauf: Ich will dirs nicht verſchweigen“.— Sprichwörtlich:„jung gewohnt, alt getan“;„ein Wort ein Wort, ein Mann ein Mann“ u. a.— „Auf durch die Rotten jetzo: Tzako ab! Und nun kein Laut mehr! Stille wie im Grab.“— Freiligr. 4. Die Apoſiopeſis(&mοοαnαον, reticentia). Der Redende bricht ab, weil er nicht fortfahren will oder kann. Quos ego!— Sed motos praestat componere fluctus. Virg. Aen. I, 139.—„Es iſt nicht von gleicher Wichtigkeit, ob ich euer Wohlwollen verliere, oder mein Gegner mit ſeiner An⸗ klage abgewieſen wird; ſondern meine ganze Ehre— allein ich will im Anfange meiner Rede einen ſo traurigen Gedanken nicht ausſprechen“. Demosth. de coron.§. 3.— „Einſam auf des Berges Höhn ſtark und immergrün zu ſtehn— Tanne, könnt ich mit dir tauſchen!“ Freiligrath. 5. Der Aus ruf(exclamatio): Cic. Catilin. I, 1: o tempora, o mores! senatus haec intelligit, consul videt: hic tamen vivit!— Jean Paul:„o ſelig, ſelig iſt der, welchem Gott eine große Idee beſchert, für die allein er lebt und handelt; die er höher achtet als alle ſeine Freuden; die, immer jung und wachſend, ihm die abmattende Eintönigkeit des Lebens verbirgt!“— Hölty:„wunderſeliger Mann, welcher der Stadt entfloh!“ 6. Die Iteratio(uαQyic), d. h. die Wiederholung desſelben Wortes, oder desſelben Ausdrucks. Sie erſcheint in der verſchiedenſten Anwendung. Beginnen mehrere Sätze hinter einander mit demſelben Worte oder derſelben Wendung, ſo nennt man die Figur Anaphora. a) Schließen mehrere Sätze hinter einander auf ſolche Weiſe, ſo heißt ſie Epiphora. b) —————— druck 2. Tropen und Figuren. 29 Jede andere Wiederholung desſelben Wortes oder Aus— 8 wird am beſten mit der Benennung Epanalepſis be— zeichnet. c) A C )„Scipio zerſtörte Karthago, Scipio vernichtete Numantia, Scipio errang den Frieden, Scipio rettete den Staat.“— Dieſe Figur (&σα,eöαsde wird im Deutſchen ott ſo angewandt, daß man mehrere abhängige Sätze mit derſelben Partikel(3. B. daß, weil) ꝛc. auf einander folgen läßt: ſie wird aber leicht ein— tönig. Vgl. noch Hom. Iliad. XXIII, 313—-318. Hesiod. opp. et d., 5—8. enicood:„wer brach den Frieden? Die Karthager! Wer kriegte in Italien? Die Karthager! Wer verwüſtete unſer Land? Die Karthager! Wer fordert jetzt Verzeihung? Die Karthager!“— In dieſem Beiſpiel iſt die Epiphora mit der Anaphora ver— bunden(Symploke, ouunNo). Srrcννον’, Cic. Catil. I, 1: fuit, fuit ista quondam in hac republica virtus. 2. „Achelous, Achelous! Sag, was toben deine Wellen?“ W. Müller. „Erhabner Geiſt, du gabſt mir, gabſt mir alles!“ Göthe, Fauſt. „Ach, und Rom in ſeiner Schande, das vordem die Welt gewann, Flehte zum Olymp um einen, flehte nur um Einen Mann!“ Platen. „Auferſtehn, ja auferſtehn wirſt du, mein Geiſt, nach kurzer Ruh.“— Klopſtock. Vgl. noch Hom. Iliad. XX, 371 f.— XXII, 128. Anmerkung. Manche zu künſtliche Unterſcheidungen der Alten ſind hier übergangen. Vgl. Walz, rhetor. VIII, P. 444 ff., 552 ff., 598.— Ad Herenn. IV, 13.— Quintil. IX, 3, 28. Bei den bis jetzt behandelten Figuren tritt der Redende gleichſam nicht aus ſeiner Perſon heraus; ſie ſind deshalb monologiſcher Art. Eine ganze Reihe anderer dagegen wendet ſich an den Zuhörer oder läßt eine dritte Perſon ſich an der Rede beteiligen: dieſe Figuren ſind dialogiſcher Art.— An den Zuhörer wendet ſich der Redende 1. mit der Frage( nuοα, T& wuoονάεαννο= inter- rogatio), die dann aber der Redende entweder ſelbſt beant— wort von et, oder ganz unbeantwortet läßt. Unbeantwortet kann ſie bleiben, wenn ſich die Antwort ſelbſt ergibt. Dies iſt die im engeren Sinne ſ. g. rhetoriſche Frage (Eucoοjh:„wer kann das glauben?“—„kann es ein härteres —ͤͤ— ä—b———ęꝛꝛ•1ẽ— i——ꝗ— ———— ——— 30 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Geſchick geben, als wenn der Maler blind, oder der Muſiker taub wird“. Die Fragen, welche der Redende ſelbſt beantwortet, geben der Rede gleichſam die Form eines Dialogs und machen ſie raſcher und eindringlicher: „was hätten wir getan, wenn wir in dieſer Lage geweſen wären? Wir hätten“ u. ſ. w.— wo ſteht das? Das ſteht ſowohl in dem älteren Geſetze, als in dem neueren.“— Leſſings Schriften verdanken der richtigen Anwendung dieſer Figur einen großen Teil ihrer Eindringlichkeit. Die Dichter wenden ſie überhaupt häufig an, vgl. Hom. Iliad. I. 8 und den Anfang von Göthes Erlkönig. namentlich aber dienen ſie zu raſchen übergängen: „aber weshalb ſage ich das? Weil“ u. ſ. w. 2. Die Figur des Zweifels(anooid, dionοονα%ν d== du- bitatio) ſteht der Frage ſehr nahe und wird oft mit ihr ver⸗ bunden: „was ſoll der Staat(Athen) nun tun, wenn er ſieht, daß Philipp ſich eine Gewaltherrſchaft über Hellas anmaßt?“— „wie nun weiter? was meint ihr?“—„ich bin nicht in Ver⸗ legenheit, was ich über dich ſagen ſoll; aber ich weiß nicht, was ich zuerſt erwähnen muß“. Demoſthenes.—„Wo fange ich an, wo höre ich auf mein Auge zu weiden?“ Leſſing. 3. Hieher gehört auch die Figur der Anheimgabe Pper— missio): „beurteile du das ſelbſt!“—„das zu beurteilen will ich jedem rechtſchaffenen Manne überlaſſen“. 4. Vermittelſt der Apoſtrophe(unoareοhn) macht der Redner eine dritte Perſon gleichſam zum Zuhörer, doch iſt dieſe Figur mehr poetiſch. „Drauf antworteteſt du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau“. Voß, Luiſe.— Hom. Iliad. XVI, 692. 787.— Cic. pro Mil. 31: vos enim jam, Albani tumuli atque luci, vos, inquam, imploro atque testor. Vgl. 37 und in Cat. I, 13(tum tu, Jupiter ff.) 5. Endlich kann der Redner eine dritte Perſon redend einführen und nach ihrem Charakter ſprechen laſſen(I19onoriee = dsermocinatio). Dies geſchieht beſonders dann, wenn er * 5 1* 4 .— re. 82 2. Tropen und Figuren. 31 ſelbſt durch die auszuſprechenden Worte den Zuhörer verletzen würde. Demoſthenes wendet, wenn er die Athener tadeln will, häufig dieſe Figur an, z. B. de Chersones.§. 35.— Eicero führt den Appius Claudius redend ein, pro Coelio 14. Auch lebloſe Weſen und Abſtracta können redend eingeführt werden(10058 ord ◻ mpersonificatio). So bei Cicero, in Catil. I, 7, das Vaterland. dießet Anmerkung. Zu Uogl. Quintil. IX, 2, 6. Ad Herenn. Ser IV, 15. Walz, rhet. VIII, p. 541.— Zu 2 öogl. Quintil. IX, 5 2, 19. Ad Herenn. IV, 29. Walz VIII, p. 533.— Zu 3 ogl. Quintil. IX, 2, 20 und 25.— Zu 4 ogl. Quwintil. IX, 2, 38.— Zu 5 vgl. Quintil. IX, 2, 31 fl. Walz VIII. p. 540. 537. 565 (roꝙαον)α)ο. Die Gedankenfiguren oder comparativen Kiguren. 2 ber⸗ Die gebräuchlichſten comparativen Figuren ſind folgende:§. 19. 1. Die Antitheſe(Gurldsois, r0 àyvrigero/= oppositio, contentio) oder die Figur des Gegenſatzes. So Schiller im Wallenſtein: Piccolomini II, 7. Queſt.„Ganz Deutſchland ſeufzte unter Kriegeslaſt, doch Friede wars im Wallenſteinſchen Lager.“ Wall.„Manch blutig Treffen wird um nichts geſchlagen, weil einen Sieg der junge Feldherr braucht. Ein Vorteil des bewährten Feldherrn iſts, daß er nicht nötig hat zu ſchlagen, um der Welt zu zeigen, er verſteh' zu ſiegen. Mir konnt' es wenig nützen, meines Glücks mich über einen Arnheim zu bedienen; viel nützte Deutſchland meine Mäßigung.“ Schiller iſt überhaupt reich an Antitheſen.— Göthe:„es bildet ein Talent ſich in der Stille, ſich ein Charakter in dem Strom der Welt.“— Cic. pro Milone, cap. 4: est igitur haec non scripta, sed nata lex.— in Catil. II, 11, F. 24. Vgl. Quintil. IX, 2, 100.— Ad Herenn. IV, 45.— Walz, rhet. VIII, p. 602. ö 4 Seltener erſcheint die antithetiſche Umkehrung(Auriltera⸗ B0⁰, commutatio): esse oportet, ut vivas; non vivere, ut edas— si poema loquens pictura est, pictura tacitum pboema debet esse— „dieſe Schrift enthält viel neues und viel gutes; nur ſchade, daß das Neue nicht gut und das Gute nicht neu iſt.“ Leſſing. Vgl. Quintil. IX, 3, 85.— Ad Herenn. IV, 28. =D—— Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Das Orymoron(6Sünον) iſt die enge Verbindung entgegengeſetzter Begriffe zu einer Einheit: „es wird mir eng im weiten Land“. Schiller.—„ein jugend— licher Greis“—„ein greiſer Jüngling“—„ein wolluſtvolles 8 Grauſen“. Schiller.— Cic. in Catil. I, 8, 21: cum tacent, clamant.— Horat. epp. I, 12, 19: concordia discors, und Od. III, 16, 28: magnas inter opes inops.— Summum jus summa injuria. Das Paradoxon(u40ddogos, d. h. unerwartet) führt nach längerer Spannung den Hörer zu einem anderen Re⸗ ſultate als er erwartet hatte. „Erſtaunenswerte Dinge hoffte man auf dieſer Kriegesbühne zu erleben. uund wirklich geriet man nah genug hier an einander— doch, um als Freund, als Gaſt ſich zu bewirten.“ Schiller. Cic. pro Ligar. 9, 27: hinc prohibitus u. ſ. w. Vgl. Quintil. IX, 2, 23. Endlich erſcheint ein antithetiſches Element faſt in allen Wort⸗ ſpielen, welche auf der verſchiedenen Bedeutung gleich oder ähn⸗ lich klingender Wörter beruhen(Rοοοοννο annominatio); So das mittelalterliche Sprichwort Germanis vivere est bibere.— Vellej. Patercul. nennt den Marbod einen natione magis quam ratione barbarus.—„Luſt bringt Laſt und Liebe Leid.“ Vgl. Quintil. IX, 3, 66.— Ad Herenn. IV, 21.— Walz, VIII, p. 556. und ebenſo in der Anaklaſis, d. h. in der Anwendung des— ſelben Wortes in verſchiedener Bedeutung„(Gdαινανν): Suet. Neron. 39: Quis negat Aeneae magna de stirpe Neronem? 5 Sustulüt hie matrem, sustulit ille patrem. „Einen Mann kann ich dieſen Mann nicht nennen.“ Anmerkung. In der Anaklaſis und Paronomaſie beruht die Antitheſe auf dem Gegenſatz der ähnlichen Form und des verſchiedenen Inhalts, iſt alſo halb formaler Art. Das Paradoxon iſt die Antitheſe des Anfangs und des Ausgangs. Das Orymoron iſt eine antithetiſche Einheit. Die Antimetabole iſt eine anti— thetiſche Kreuzung: 2 60 ————— 4 edimus vivamus das Gute neu —— ut iſt nicht — (non) vivimus edamus das Neue gut. 2. Tropen und Figuren. 33 2. Die Antitheſe hebt einen Gedanken durch Aufſtellung ſeines Gegenſates hervor. Eine andere Art der Hervorhebung iſt die, daß man ſtatt eines Geſammtbegriffs die wichtigeren Teile des Begriffs einzeln aufführt. Hieher gehört das dy did dvory: „mit Feuer und Schwert verwüſten“(d. h. mit Krieg) „Sitte und Anſtand verletzen“—„Haus und Hof verlieren“— „mit Hand und Herz etwas verſprechen“.— Virgil wendet dieſe Figur auffallend häufig an, vgl. patera libamus et auro (S hpatera aurea). Weitere Ausführungen werden mit den Namen draigecis, uso1ouν˙νes distributio, oder oν οονοõç²ỹ‚ S cCongeries bezeichnet, je nachdem mehr die T eilung des Begriffs oder die Häufung der Ausdrücke berückſichtigt wird. Beiſpiele bieten ſich bei jedem phantaſievollen Schriftſteller von ſelbſt dar. So wird der Begriff alles von Schiller im Grafen von Habsburg ſpecialiſiert: „von dem ich Ehre und irdiſches Gut zu Lehen trage und Leib und Blut und Seele und Atem und Leben.“ Vgl. Cic. pro Sextio,§. 64— in Catil. III,§. 16— Hom. Liad. IX, 589. her gehört auch der ſcheinbare Pleonas— mus: vidi oculos ante ipse mieos vich ſah es mit meinen eigenen Augen“. Quintil. IX, 3, 46 ff.— Ad Herenn. IV, 35 und 40— Walz VIII, p. 560. 564. 607. 3. Eine bedeutende Hervorhebung wird auch durch die Steigerung 1518 birc d gradatio) bewirkt, bei welcher das zuerſt Geſetzte ſt durch das Folgende überboten wird. Dieſe Figur erſcheint leicht t als künſtlich: abiit, excessit; evasit, erupit. Cie. in Catil. II, 1i.—„um Erden wandeln Monde, Erden um Sonnen, aller Sonnen Heere wandeln um eine große Sonne.“ Klopſtock.—„Eine ſchöne Menſchenſeele finden, iſt Gewinn; ein ſchönerer Ge⸗ winn iſt, Jſie erhalten, und der ſchönſt' und ſchwerſte, ſie, die ſchon verloren war, zu retten.“ Herder, „Kamſt du, der mit Schwert und Liedern Aufruhr trug von Ort zu Ort und die Kinder aufgewiegelt gegen ihres Vaters Wort? Steht vor mir, der ſich gerühmet in vermeßner Prahlerei, daß ihm nie mehr als die Hälfte ſeines Geiſtes 21 ſei 2 Uhland. Bgl. Quintil. IX, 3, 56— Ad Herenn. V, 25 WMWalz, rhetor. VIII, p. 558. 603. 3 34 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. 4. Eine andere Art der Hervorhebung iſt die Uber— Vgehung(οαοον0i= Praeteritio), bei der der Redende gleichwohl das Geringere und Unwichtigere, welches an ſich bedeutend genug ſein kann, kurz aufführt: „ich will nicht davon ſprechen, daß auf dem Marktplatze von Syracus unſchuldiges Blut in Strömen gefloſſen iſt, daß See— räuber nach ihrem Belieben in den Hafen von Syracus ein— 8 liefen; ich übergehe die Gewalttätigkeiten, welche man an frei— gebornen Männern, an den Hausfrauen verübte; das alles, ſage ich, was Verres in drei Jahren verübte, will ich unerwähnt laſſen: jetzt aber vernehmt, auf welche Weiſe Verres mit den Heiligtümern der Götter verfuhr.“ Cic. in Verr. IV, F§. 116. — in Vatin. 5. Vgl. ad Herenn. IV, 27.— Walz, rhetor. VIII, p. 532. 5. Den Gegenſatz zur Hervorhebung bildet die Figur der Abſchwächung(raneyooig= deminutio): „einen Frevel nennſt du das, Tubero?s Warum? Noch hat es keiner ſo genannt. Der eine nennt es eine Verirrung, ein anderer Furchtſamkeit; wer es härter bezeichnen will, nennt es Hoffnung, Hitze, Haß, Hartnäckigkeit; wer den härteſten Aus— 84 21 7 8 druck gebraucht, Wagehalſigkeit; Frevel hat es bisher außer dir 5 Y.* 0 0 niemand genannt.“ Cic. pro Ligar. F. 17. 6. Sowohl zur Steigerung als zur Abſchwächung kann die Figur der Berichtigung(uercvond, Suid16090018 ſcCorrectio) dienen: „der Senat ahnt, der Conſul durchſchaut Catilinas Treiben: 8 trotz dem lebt er noch! Er lebt noch? Nein, er kommt ſogar in den Senat“ u. ſ. w. Cic. in Catil. I, 1, 2.—„Hätte er ſeine Freunde gebeten, ja hätte er ihnen nur einen Wink ge— geben; ſo konnte die Sache leicht zu Ende geführt werden.“— „Als die Perſer bei Thermopylä geſiegt hatten oder vielmehr 5 08 beſiegt waren— denn wie kann man das einen Sieg nennen?“ Vgl. Cic. pro Sext. 24.— Horat. sat. II, 3, 116.— Ad Herenn. IV, 26, 36.— Walz, rhet. VIII, p. 535. 8 7. Endlich kann der Redende ſeine Meinung gegen die vorauszuſehende Meinung des Zuhörers halten und ſie ent— weder im Voraus(dialektiſch) gegen Einwürfe ſicher ſtellen a), oder ſelbſt das Reſultat ziehen, welches der Zuhörer voraus— ſichtlich zichen wird b). Dies geſchieht durch die verſchiedenen 0 Arten der no6unοο= Ppraesumptio. 2 Hieher gehört die praemunitio, oecupatio und praedictio, z. B. „ich ſage das nicht um Lob zu ernten“ u. ſ. w.— Vgl. Geibel, Zeitſtimmen, 1: A — — 3. Vom Satzbau. 35 „und lächelt ihr, daß meine Bruſt ſo ſicheres Vertrauen hegt, bedenkt: es iſt das Dichterherz die Glocke, die die Stunde ſchlägt; in ihm verſammelt ſich der Hall, der murmelnd läuft von Haus zu Haus, und vollen Schwunges ſendets ihn melodiſch in die Welt hinaus.“ Mit einer ähnlichen Wendung beginnt Cicero ſeine Reden für den Roscius Amer. und für den Milo.— Vgl. ad Herenn. IV, 23.— Hom. Iliad. XIV, 111. Auch die confessio, uαοονοοοννν,e gehört hieher. Man räumt eine Sache ein, hebt aber durch gewichtige Gründe die Bedeu— tung des Zugeſtändniſſes wieder auf. Vgl. Quintil. IX, 2, 51. — Cic. pro Ligar. 1,§. 2.— Horat. sat. I, 10, 64. ExIοονi. Ein ſolches iſt bei Cic. in Verr. V,§. 119 nach längerer Ausführung des Einzelnen(dioröercois) in den Worten non vitam liberum, sed mortis celeritatem pretio redimere cogebantur parentes; und bei Virgil. Aeneid. I, 33 in dem Verſe tantae molis erat Romanam condere gentem enthalten. Ebenſo Virg. Aen. IX, 446 ff. Vgl. Hom. Odyss. V, 294: o0οl. d'oοον8eeον νunε, und Iliad. XVI, 111: Kαnονο de Að 0ααι ονL,j.— Walz, rhet. VIII, p. 624. b 3. Vom Satzbau. a. Allgemeines. Die Verbindung der Wörter zum Satze muß wohllautend§. 20. ſein und angenehm in das Ohr fallen. Doch folgt die Proſa in dieſer Hinſicht anderen Geſetzen als die gebundenere Poeſie. Denn ſie verlangt einen wechſelvollen Rhythmus und ſcheut jede Gleichförmigkeit. Namentlich iſt der Reim zu vermeiden. Ebenſo entſtellen Satzverbindungen, welche volle Verſe ausmachen, den Gang der Proſa. Beſondere Achtſamkeit iſt auf den Anfang und den Schluß der Sätze zu verwenden. In beiden vermeide man die Häufung einſilbiger Wörter). Im Anfange gebrauche man nicht mehrere iambiſche(0— 90— oder trochäiſche——) oder dacthliſche s) Wörter hinter einander 9. Am Schluſſe vermeide man beſonders den Anapäſt(, und im allgemeinen auch den Dacthlus Eσ)). 1) Falſch:„oft iſt es recht ſchwer das zu tun, was die Pflicht uns heißt“; wegen des anapäſtiſchen Ganges nicht beſſer iſt: „die Gebote der Pflicht zu erfüllen, iſt oft u. ſ. w.“ Beſſer etwa:„den Forderungen der Pflicht nachzukommen iſt oft eine ſchwere Aufgabe“.— 2) Jambiſcher Anfang:„von allen Dingen, B. F. 21. §. 22. 36 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. die wir ſehen“. Trochäiſcher Anfang:„nimmer darf man glauben, daß die Helden eines Volkes u. ſ. w.“— 3) Schlüſſe mit einem einzelnen iambiſchen(3. B. betrog) oder anapäſtiſchen 63. B. überſetzt) Worte fallen namentlich am Ende längerer Perioden unangenehm ins Ohr und gehören mehr der Frage an. Genauere Vorſchriften laſſen ſich übrigens nicht geben, weil es weſentlich darauf ankommt, welche Wortfüße dem Schluß— worte vorausgehen. Sinkende Spondeen(E—), Doppeltrochäen %Amphibrachen(6, auch Kretiker(., erſcheinen bei guten Stiliſten am häufigſten. Im allgemeinen aber iſt in dieſer Beziehung unſer Gehör weniger fein als das der Alten. Vgl. Quint. VIII, 3, 44 ff. IX, 4, 45 ff.— Cic. orat. 44. de orat. III, cap. 50. b. Die anfügende Schreibart. In der anfügenden Schreibart(eSis s100⁰²‘m) erſcheinen die einzelnen Teile eines größeren Zuſammenhanges in einer gewiſſen Selbſtändigkeit gegen einander und mehr einander beigeordnet, als einer dem anderen untergeordnet. Sie dient deshalb vorzugsweiſe zur einfachen Erzählung, Beſchreibung und Schilderung. Aristot. Rhetor. III, 9. Der Gegenſatz zur J8. sig. iſt die Asrοοανuανnν.— Die griechiſchen Logographen, auch Herodot, obgleich er ſchon mehr gliedert, gehören der 85. si9. zu; Thucy⸗ dides dagegen bezeichnet, beſonders durch Participien, das innere Verhältnis der Gedankenteile ſchon ſehr ſcharf. Unter den Deutſchen iſt beſonders Hebel Meiſter in dieſer Schreibart, der auch die Grimmſchen Märchen angehören. Die römiſchen Ge— ſchichtſchreiber, beſonders aber Livius, bedienen ſich dagegen mehr der periodiſchen Schreibart. Ariſtoteles: x5/0 de sidαναοαmοn, Jobdsv 8½/e1 redog Adοο d’i d fi cd ο ⁰α DνοαE,Üt re1elhο. Das Einfache, Kindliche, Naive findet in ihr ſeinen beſten Ausdruck.— In folgendem Beiſpiel:„Ein Handwerksburſche wanderte mitten im Winter auf Preßburg zu und war nur noch eine Stunde von der Stadt. Aber die Kälte war ſo grimmig, ſeine Kleider ſo dünn, ſeine Strümpfe zerriſſen: er konnte vor Froſt und Müdigkeit kaum mehr fortkommen“— zeigt der zweite Satz(in welchem man ein drittes ſo und nachher ein daß erwartet), mit welcher Selbſtändigkeit die anfügende Schreibart einzelne Gedankenteile hinſtellen kann. c. Die periodiſche Schreibart. 1. Das Weſen der periodiſchen Schreibart(I81s Re Srνuανn)) beſteht darin, daß eine Reihe von zuſammen⸗ gehörigen Gedanken in Hauptgedanken und Nebengedanken · — — 3. Vom Satzbau. 37 geſchieden, die letzteren dem Hauptgedanken untergeordnet und mit ihm zu einem Satze verbunden werden, deſſen Sinn in ſich abgeſchloſſen iſt. Die Nebengedanken brauchen dabei nicht immer in der Form von vollſtändigen Sätzen zu erſcheinen. Die periodiſche Schreibart dient beſonders zur überſicht— lichen Darlegung größerer zuſammengehöriger Gedankenmaſſen. 2. Periode(àsgiodos ⸗= Mambitus, comprehensio) heißt jeder auf kunſtvolle Weiſe gebaute und zu einem ſchönen Ganzen ausgebildete Satz. Notwendige Eigenſchaften der Periode ſind: a) Einheit des Hauptgedankens. b) Mannigfaltigkeit der zur Beſtimmung oder Vervollſtän— digung des Hauptgedankens dienenden Nebengedanken. c) gefällige und logiſch richtige Verbindung der Nebenge— danken mit dem Hauptgedanken. d) Überſichtlichkeit der ganzen auf dieſe Art verbundenen Gedankenmaſſe. Vgl. Aristotel. Rhetor. III, 9. Er definiert die Periode als dEον νονοο ι ααα Heνw cονi neh dοννν) E• ν νεαονον Sbοοανν,ο,..—(mintil. IX, 4, 124.— Die Hauptglieder der Periode heißen 16 membra, die Nebenglieder 26h¹ν, incisa. 3. Auch einfache Sätze(im grammatiſchen Sinne) müſſen Perioden genannt werden, wenn ſie jene Erforderniſſe enthalten. So z. B. folgende: Aus der Verbindung der kernigen und redlichen Tapferkeit des deutſchen Nordens mit einer aus dem Orient gekommenen ganz geiſtigen Religion, dem Chriſtentum, gieng der ritterliche Geiſt hervor: eine mehr als glänzende, eine wahrhaft ent— zückende und bisher in der Geſchichte beiſpielloſe Erſcheinung. A. W. v. Schlegel. Von gewaltigſter Schöpferkraft und doch zugleich von durch— dringendſtem Verſtande; nicht mehr Jüngling und noch nicht Greis; vom höchſten Wollen und vom höchſten Vollbringen; erfüllt von republicaniſchen Idealen und zugleich geboren zum König; ein Römer im tiefſten Kern ſeines Weſens und wieder berufen die römiſche und die helleniſche Entwicklung in ſich, wie nach außen hin, zu verſöhnen und zu vermählen— war Cäſar der ganze und vollſtändige Mann. Mommſen. Jeder dieſer beiden Sätze iſt eine veoodos uovανναõοe, welche aber mehrere 106fufroerc enthält. Dagegen können ſelbſt zuſammengeſetzte Sätze, welche aus Haupt⸗ und Nebenſätzen beſtehen, nicht Perioden genannt werden, wenn nicht dieſe Verbindung eine kunſtvolle iſt. In den Sätzen: 75 J 5 FFP Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. Heinrich der Löwe wurde in die Acht erklärt, weil er ſeinen Kaiſer verlaſſen hatte, als dieſer mit den lombardiſchen Städten kämpfte, welche ſich der kaiſerlichen Oberherrſchaft zu entziehen ſtrebten. Vor dem Schloſſe befand ſich eine gewölbte ſteinerne Brücke, die über einen ehemals breiten Graben führte, deſſen Wände aber mit der Zeit eingeſtürzt waren und nur noch ein ſchmales Bett voll ſumpfigen grünen Waſſers zeigten, in dem ſich die 6 überhangenden Zweige kaum abſpiegelten. fehlt z. B. jede Verflechtung und kunſtvolle Gliederung; die Satzteile ſind nur loſe an einander gereiht. 0 4. Zur engeren und kunſtvolleren Verflechtung der Sätze bieten ſich beſonders zwei Wege dar. Erſtens kann man einen übergeordneten Satz durch Einfügung eines untergeordneten, der dann zum Zwiſchenſatze wird, brechen. Häufig findet man auch eine doppelte Brechung des übergeordneten Satzes, dagegen nur ſelten eine dreifache. Eine mailändiſche Geſandtſchaft von ſechszehn adlichen Män— nern, an deren Spitze die Conſuln der Stadt ſtanden, begab ſich nach Lodi zu Friedrich Barbaroſſa. Luden. Diejenigen, welche ſich um ein Amt bewarben, kannte Philipp der zweite, auch ehe ſie ſich ihm vorſtellen ließen, gewöhnlich ſo gut wie von Perſon. L. Ranke. Zweitens kann man einen vorausgebenden Satz in ſolcher Art unvollſtändig laſſen, daß der Leſer noch einen nach— folgenden Satz als Ergänzung erwarten muß. Dies geſchieht z. B. an ſich ſchon durch viele Subſtantiva und Verba(vgl. Elem.-Gramm.§. 199, 4, a und qh, ſo wie durch Comparative(Elem.-Gramm.§. 204, J). Scipio konnte ſich bei Carthagos Fall der Ahnung nicht er⸗ wehren, Rom werde einſt in gleicher Weiſe in den Staub ſinken(daß Rom einſt— werde). Doch kann man auch in den vorausgehenden Satz ein Wort ſtellen, welches beſtimmt auf einen folgenden Satz hinweiſt und ihn vorbereitet. Dazu dienen beſonders die zweiteiligen Con— junctionen(. B. nicht nur, ſondern auch— weder, noch — bald, bald), demonſtrative Adverbia(ſo, ſo ſehr ꝛc.) und die determinativen Pronomina(der, derjenige ꝛt.). — So groß waren die Erwartungen, welche man von ihm— hegte, daß man ſelbſt dann, als er einen großen Teil der⸗ ſelben ſchon erfüllt hatte, ſich noch lange nicht befriedigt fühlte. 3. Vom Satzbau. 39 Einesteils war man überhaupt mannhaft genug, ſich dem übermächtigen Feinde nicht ohne hartnäckigen Kampf zu unterwerfen: andernteils konnte man noch hoffen, daß man das feindliche Heer wenn nicht beſiegen, doch wenigſtens auf ſeinem Zuge lange Zeit aufhalten könnte. 5. Dagegen dient die Einfügung von Parentheſen nicht eigentlich zur Beförderung einer engen Verbindung der Sätze. Denn Parentheſen nehmen an der Verbindung und Conſtruc— tion der Sätze keinen Anteil und ſtehen ganz unabhängig für ſich da. Sie dürfen deshalb nicht lang ſein; können aber, wenn ſie geſchickt angewandt werden, ſehr gut dazu dienen, einen Gedanken ſelbſtändig hervorzuheben. Das Gute, das der Menſch tut— es iſt immer nur wenig— iſt der einzige Schatz, den er ſich für das künftige Leben ſpart. Fr. Jacobs. 6. Sinkende Perioden nennt man diejenigen, in denen der Hauptſatz(mag er gebrochen oder nicht gebrochen ſein) den Nebenſätzen vorangeht.“) Da durch die bloße Stellung der Sätze in ſolchen Pe⸗ rioden keine Spannung hervorgebracht wird, ſo iſt der kunſt⸗ volle Bau ſinkender Perioden ſchwierig. Es kommt nämlich darauf an, daß der Sinn der regierenden Sätze nicht völlig in ſich abgeſchloſſen, ſondern in der Art unvollſtändig iſt, daß der Leſer noch eine Ergänzung erwartet. Vgl. oben Nr. 4 am Ende. Die Kluft zwiſchen Gott und den Menſchen iſt ſo groß, daß der Menſch verzweifeln müſte, je zu dem Anſchauen des Höchſten zu gelangen, wenn ihm Gott nicht ſelbſt entgegenkäme. Fr. Jacobs. Es war ein glänzender Beweis von Hannibals ſtrategiſchem Talent, daß er vier Jahre im bruttiſchen Lande das Feld be⸗ haupten und von dem weit überlegenen Gegner weder gezwungen werden konnte ſich in die Feſtungen einzuſchließen, noch ſich ein⸗ zuſchiffen. Th. Mommſen. Es iſt von allen, welche die Geſchichte der geiſtigen Bildung des helleniſchen Volkes mit Aufmerkſamkeit verfolgt haben, an— erkannt, daß ſie ſich vollkommen organiſch entwickelt und ihre höchſten Blüten nicht eher gezeigt habe, als bis ſich jeder andere Teil des wundervollen Gewächſes auf das vollkommenſte ent⸗ faltet hatte. Fr. Jacobs. — —— Zu den Nebenſätzen ſind hier ſtets auch die mit Inverſion gebildeten Sätze gezählt, welche ſtatt der Bedingungsſätze und Conceſſivſätze ein— treten. Vgl. Elem.⸗Gramm. F. 211, 4. i Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. 7. Steigende Perioden nennt man diejenigen, in denen die Nebenſätze dem Hauptſatze vorangehen. In dieſer Stellung an ſich liegt ſchon eine gewiſſe Span— nung auf den nachfolgenden Hauptgedanken, die noch dadurch geſteigert werden kann, daß den Nebenſätzen wieder andere 5 Nebenſätze untergeordnet oder in ſie eingeſtellt werden können, die man dann Nebenſätze zweiten Grades nennt. Einem auf dieſe Weiſe gebildeten umfangreichen Vorder— ſatze(no6rdsgltes) der Periode muß dann aber auch der Nachſatz (dnòdoois) ſowohl durch das Gewicht des Sinnes, als auch meiſtens durch einen größeren Umfang entſprechen. Dadurch erſcheint die Geſammtheit der in der Periode zu einer Einheit verbundenen Gedanken als ein aus zwei Haupt⸗ teilen beſtehendes Ganzes. Oft entſprechen dann den Haupt⸗ gliedern des Vorderſatzes eben ſo viele Glieder des Nachſatzes. Je mehr mit der Zeitfolge in Rom die Mauer durchbrochen ward, die im Anfange der Republik Patricier und Volk ſchied: deſto mehr ward auch das Kriegsglück und die Tapferkeit im Kriege für alle Stände der Weg zu Ehrenſtellen, Reichtümern und Macht im Staate.(Dreigliedrig, àsgiodos roάõ’t 2 l.) Herder. Gieng man zu den Urſachen zurück, welche den Schweden eine furchtbare Überlegenheit im Felde verſchafften: ſo fand man ſie größtenteils in der unumſchränkten Gewalt ihres An— führers, der alle Kräfte ſeiner Partei in einem einzigen Punkte vereinigte und, vollkommen Herr jedes günſtigen Augen— blicks, alle Mittel zu ſeinem Zwecke beherrſchte.(r. roroαννοe: 2 +E 2. Die geſperrt gedruckten Worte ſind ein z6ffld.) Schiller. Während Karl der fünfte, wenn ihn Reichsfürſten nach Hauſe begleiteten, umzukehren, einem jeden die Hand zu reichen und ihn mit freundlichem Bezeigen zu entlaſſen pflegte: bemerkte man mit Misfallen, daß ſein Sohn, wenn ſie ihm das näm— liche getan, ſich mit keinem Auge nach ihnen umſah, ſondern, den Blick gerade vor ſich hin, die Treppe zu ſeinen Gemächern hinanſtieg.(2 + 3. Im zweigliedrigen Vorderſatze iſt der Neben— ſatz erſten Grades gebrochen und außerdem in drei vopharg ge⸗ teilt, im Nachſatze der Nebenſatz ebenfalls gebrochen und außer— dem in drei z6fuherd geteilt). Ranke. So wie wir es überhaupt für einen großen Fortſchritt in der wiſſenſchaftlichen Betrachtung der neueſten Zeit zu achten haben, daß Religion, Wiſſenſchaft, Kunſt, Staat und Sprache nicht als etwas von Einzelnen willkürlich erzeugtes, ſondern als verſchie— dene und weſentliche Sphären des einen Menſchengeiſtes ange— ſehen werden, in welche die Tätigkeit des Einzelnen als freies Glied des lebendigen Ganzen eingreift: ſo möchte ich auch einen weſentlichen Gewinn, welchen die erwähnte Betrachtungsart mit ſich führt, darein ſetzen, daß ſie uns auffordert, jene Leiſtungen EDeie. 3. Vom Satzbau 41 der Kunſt, die vielleicht manchem von uns nur als zerſtreute Regungen des Geiſtes erſchienen ſind, nach ihrem innern Zu— ſammenhange mit dem ganzen Leben und Wirken unſeres Ge⸗ ſchlechts zu erkennen.(3 + 4.) A. Wendt. 8. Allen bis jetzt erwähnten Pe eriodenarten können en wlich wieder ganze Hauptſätze durch Coordination angefügt werden. Ja es können auf dieſe Weiſe ſogar Sätze zu einer periodiſchen Einheit verbunden werden, deren jeder für ſic ſchon eine Pe⸗ riode genannt werden muß. Derartige Perioden wird man am beſten Doppelperioden nennen können. Ein eingeſchrä Volk, das fern von der Seeküſte und 1 0 Nationen zwiſchen Bergen wohnt; ein ärung nur von Orte her erhielt ſe annahm, durch eherne Geſetze 1 her es 8 3— eine ſolche Ne ation mag viele Eigenheit b halten und ſi lange d darin bewaren; les fehlt aber biel daß dieſer beſchränkt e Idiotismus ihr jene nütz⸗ liche Vielſeitigkeit gebe, die nur ch tätige Concurrenz mit andern Nationen erlangt werden kan Herder. 9. Abgeſehen vo ähnten Fe hlern(dem eintönigen rhythmiſchen Gange u. ſ. w., logiſch oder gram— matiſch 0 Ver g der§ otgedanken mit den er zu nd nicht überſichtlich bl 5 n lusd Period man beim Bau von Perioder 89 olgendes a. Viele oder große ſichtlichkeit und den Fluß b. Mehrere Relativſätze hinter geben eine matte und kunſtloſe Verbindung. Vgl. das letzte Beiſpiel unter RNE C. Nach einem längeren Zwiſchenſatze darf der Schluß des durch den Zwiſchenſatz ebre Satzes nicht durch ein einzelnes Wort gebildet werden. d. Bei Einſchiebung von Zwiſchenſätzen iſt b eſonders darauf zu ſehen, daß nicht 17 aus wenigen Worten be⸗ ſtehende Satzausgänge unmittelbar zuſammentreffen. Fehlerhaft:„es war natürlich, daß kein Untergebener einen Herrn, der niemand geliebt hatte, lieben konnte“. Beſſer ſchon: „daß kein Untergebener einen Herrn lieben konnte, der ſelbſt niemand geliebt hatte“. Untadelhaft:„daß ein Herr, der ſelbſt niemand geliebt hatte, auch bei keinem Untergebenen Liebe fand!. 4 ο 8 Buch J, Abſchn. 1: Vom Ausdruck. 3. Vom Satzbau. d. Schluß. In jeder längeren Darſtellung muß auch im Satzbau Abwechslung herrſchen. Man hat deshalb die abgeriſſene (aphoriſtiſche), aus lauter einfachen Sätzen beſtehende, Schreib— art eben ſo gut zu vermeiden, wie eine fortgeſetzte Anwendung längerer Perioden. Je nach den Einzelheiten des Inhalts wird man alſo auch den Satzbau geſtalten müſſen. Für die einfache ruhige Erzählung und Beſchreibung iſt vorzugsweiſe die an⸗ fügende Schreibart geeignet; ein kurzer aber wichtiger Gedanke tritt gern in der Form des einfachen Satzes auf; die größere Periode eignet ſich beſonders für Schlußfolgerungen, für um⸗ fangreiche Erweiterungen(Amplificationen) eines in ſich ab⸗ geſchloſſenen Gedankens, ſo wie für diejenigen Teile einer Be⸗ ſchreibung oder Schilderung, in denen ein durch Zuſammen⸗ wirken von mehreren Einzelheiten herbeigeführtes wichtiges Re- ſultat oder eine auf dieſe Art veranlaßte glänzendere Erſchei— nung dargeſtellt werden ſoll. Ein Muſter für den richtigen Gebrauch der Periode in der Erzählung findet man bei Thucydid. II, 84, 2: Gs de 16 r8 WVsUUIA Acrſſel u. ſ. w.— Muſter für die Jsis sicohsun bieten die einfachen Erzählungen, welche Cicero in ſeine vorherrſchend periodiſche Schreibart einflicht, in großer Anzahl. ˙ ⁰ο⁰⁰ ⁰⁰⁰˙˙˙˙˙.˙˙——— Zweiter Abſchnitt. Vom Stil im höhern Sinne(genus dicendi). 1. Unter Stil verſteht man diejenige Form der Dar-§. 24. ſtellung(nicht des einzelnen Ausdrucks), welche auf gleiche Weiſe dem Inhalte des Dargeſtellten und dem Geiſte und Charakter 2 D des Darſtellenden entſpricht. Der Stil iſt alſo die zugleich ſachgemäße(objectiv) und charaktervolle(ſubjectiv) Darſtellung. Er trägt zugleich das Gepräge der Zeit, deren Kind der Darſtellende iſt. Büffons Wort: le style c'est Ihomme tout entier. Gewandtheit in der Darſtellung, ohne daß dabei der Cha— rakter des Redenden zum Vorſchein kommt, iſt eine bloße Fertigkeit, aber kein Stil. Eine Darſtellung, in welcher ſich bloß der Charakter des Re— denden geltend macht, ohne daß dabei der verſchiedene Inhalt des Dargeſtellten zu ſeinem Rechte kommt, kann eben ſo wenig Stil genannt werden. Gewöhnung an eine Form der Darſtellung bei dem ver— ſchiedenſten Inhalte heißt Manier. Jede Manier iſt einſeitig. 2. Man unterſcheidet drei Arten des Stils: a) den ſchlichten oder einfachen(genus dicendi tenue)— b) den mittleren(medium)— c) den erhabenen(sublime). Vgl. Cic. orator. F. 20 ff. und 97 fl., ſo wie die ſchöne Ausführung bei Quüintil. XII, 10, 58 ff. 3. Der ſchlichte oder einfache Stil(genus tenue, subtile, 10⁰) eignet ſich für die Belehrung und den Beweis. Der Redende vermeidet dabei jede unnötige Erregung des Affects, ſtrebt vorzugsweiſe nach Deutlichkeit, gebraucht Tropen und Siguren ſparſam und mit bewuſter Mäßigung. Zur Vollendung in dieſer Stilgattung gehören leichte und gefällige Übergänge und fließende geſchmackvolle Darſtellung. U 1 5 44 Buch 1, Abſchn. 2: Vom Stil im höheren Sinne. Unter den Alten ſind Xenophon, Lyſias und Julius Cäſar unübertroffene⸗ Muſter dieſer Stilart. 4. Der erhabene Stil(g. sublime, grande atque ro- bustum, aͤdo6n) wird charakteriſiert durch den Wechſel nach— drucksvoller Kürze mit ſchwungvoller Fülle des Ausdrucks. Er entſpringt aus der Begeiſterung des Redenden für einen großen und wichtigen Gegenſtand oder aus tiefem ſittlichem Unwillen und verſchmäht an paſſender Stelle weder die höchſte Einfach⸗ heit des Ausdrucks, noch die höchſte 5 des Schmucks„den Reichtum der Bilder, den Wechſel d ͤ bewegten Rhythmus. Längere Werke der redenden Kunſt(Poeſi wohl im ganzen, nicht aber in allen ei Charakter der Erhabenheit tragen. So z. B. die Geſck ſchreibung des Tacitus.— Kürzere Werke der Poeſie(die? von Pindar und viele von Klopſtock, die Hymnen von Göthe), ſo wie Werke der Muſik und Architectur, können ſelbſt im ein⸗ zelnen die Erhabenheit feſthalten. ie und können inzelnen Teilen, den den Zwiſchen beiden Stilgattungen ſteht der mittlere Stil (g. Wealſe, luEO0), welcher mehr erwärmt, als begeiſtert, mit der Deutlichkeit die angemeſſene 5 keit, mit der Klar⸗ heit der Begriffe die ſinnliche Anſchaulichkeit, mit dem Schmuck des Bildes die Beſonnenheit und Selbſtbe eherrſchun ig, mit der Einfachheit den Nachdruck verbindet und ſich als der kunſt⸗ gemäße Ausdruck höherer Bildung zugleich des Verſtandes und des Gemütes darſtellt. Dieſe mittlere Gattung des Stils iſt vorzugsweiſe das Gebiet der Rede, ſo wie derjenigen! Dak rſt elli ungen, welche nicht bloß belehren, ſondern den Leſenden zugleich für den Gegen— ſtand gewinnen wollen. 6. Ein Werk der Proſa braucht nicht notwendig einer dieſer drei Stilgattungen allein zuzugehören, ſondern kann in einzelnen Partien bald der einen, bald der anderen zufallen. der Gegenſtand ſelbſt und der Grad ſeiner Wichtigkeit iſt dafür Hüfchedend⸗ Auch bei den Dichtern findet ſich dies beſtätigt. Homer ver einigt die größte Einfachheit mit der größten Erhabenheit, über— trifft an erſterer den Virgil bei weitem und ſteht ihm doch an letzterer nicht im mindeſten nach. Bei Sophokles treten die Erzählungen der Boten in das(poetiſche) genus tenue über. RRDiDYDeNDHDHNNeer BLB Karlsruhe