U N . Mn. J Cc * 8 8* e*— AZohann Ueuchlin. Eine kurze Darſtellung ſeines Lebens, 5 zur 8 5 vierten Fäkularfeier ſeiner Geburt 8 5 dem Programm des 8 Püädagogiums u. der höhern Bürgerſchule zu Pforzheim 5 beigegeben von 5 5 r. Lamey. ö 8 5 0 0 —* 5 0 ö 38H40 8 5— f N 0 ö n 8 9 0 2 0 3 0 8 Pforzheim, 0 5 Druck und Verlag von J. M. 7 D 1855. Und die Wahrheit wird euch frei machen. Bad/ sche Landesbibliothek Joh. 8, 32. Ich verſuche in dieſen Blättern die Schilderung eines Mannes, der aus kleinen bürgerlichen Verhältniſſen hervorge⸗ gangen auf dem Lehrſtuhl und in der Stille des Studierzim— mers eine ſo nachhaltige Wirkſamkeit auf ſeine Zeit ausgeübt hat, daß noch heute, nach vierhundert Jahren, die Anfänge und Grundlagen unſerer Bildung vielfach auf ihn zurückweiſen. Wird auch damit der Wunſch nicht erfüllt, mit welchem der Beurtheiler der letzten Lebensbeſchreibung Johann Reuchlins ſeine Anzeige ſchließt, daß derſelbe bald einen ſeiner würdigen Biographen finden möge; ſo ſcheint mir doch die Zufälligkeit meiner dienſtlichen Stellung die Aufgabe zuzuweiſen, die ich nicht ohne Bedenken und nur in der Erwägung übernehme, daß ſie nicht ſowohl darin beſteht, die Wiſſenſchaft mit neuen Reſultaten zu bereichern, als vielmehr ſie für weitere Kreiſe zu vermitteln und zugänglich zu machen. Denn es iſt das vierhundertſte Geburtsjahr Reuchlins, und es will ſich ziemen, daß von ſeiner Vaterſtadt aus irgend⸗ wie das Bildniß ihres großen Sohnes, von der hieſigen Schule das ihres berühmten Schülers erneuert werde zum ehrenden und dankbaren Gedächtniß ſeiner Verdienſte und zur erheben⸗ den Betrachtung für die Mitbürger, die da ſehen, was einer der ihrigen vor grauen Jahren ausgerichtet hat, indem er den ausdauernden Fleiß, den ſie mit ſo vielem Erfolg auf Gewerb und materielle Intereſſen verwenden, auf den Erwerb der höheren Güter, auf das Gebiet des geiſtigen Schaffens übertrug. Dabei werde ich das von den Biographen ermittelte hiſtoriſche Material nur mit wenigen Notizen bereichern können, und manches von dem bereits Feſtgeſtellten werde ich über— gehen dürfen, um die Möglichkeit zu gewinnen in den engeren Rahmen alles das zuſammenzudrängen, was nicht? nur dem Manne eigenthümlich war, ſondern auch einen erſichtlichen Einfluß auf ſeine Zeitgenoſſen und mittelbar auf uns Nach—⸗ geborene geübt hat. Darum wird, was er als Geſandter bei geiſtlichen und weltlichen Fürſten ausgerichtet, hier kaum mehr Beachtung verdienen, als der Gegenſtand der Prozeſſe, die er als Anwalt geführt hat: denn in beiden ſtand er im Dienſt eines fremden Willens, dem er nur den rechten Ausdruck zu geben hatte. Aber ſchöpferiſch und aus eigenem Geiſte han⸗ delnd trat er auf im Gebiete der Wiſſenſchaft, und ſo wird, während die Zufälligkeiten ſeiner dienſtlichen Verwendungen nur kurz regiſtrirt werden, alles, was ſeine wiſſenſchaftliche Thätigkeit betrifft, eingehender zu erzählen und das in vielen einzelnen Notizen zerſtreute Material paſſend zu gruppiren die Aufgabe dieſer Blätter und das Bemühen ihres Verfaſſers ſein. Sollten ſie dennoch an einzelnen Stellen mehr eine Moſaikarbeit als ein Gemälde und oft nur, wie das Titel⸗ bild, Umriſſe darſtellen, ſo wird die Sprödigkeit und die Größe des Stoffes von den Kundigen nicht überſehen werden. Auch iſt zu hoffen, daß bei gegenwärtigem Anlaſſe berufenere Stim⸗ men laut werden, daß beſonders Hiſtoriker von Fach Mangel⸗ haftes ergänzen, Falſches berichtigen mögen. Denn bei der heutigen Theilung der Arbeit wird ſchwerlich von Einer Hand der ganze Kreis geiſtiger Thätigkeit richtig umſchrieben wer⸗ den, welchen Reuchlins Univerſalität ausfüllte, da er, um von ſeinem ſpeziellen Fache, der Jurisprudenz, gar nicht zu reden, in der Theologie, Philoſophie und Philologie Bahn brecher und Führer für die gleichzeitigen Gelehrten war. Was aber allen Darſtellungen gemeinſam bleiben muß, das Welt— hiſtoriſche an Reuchlins Leben und die leitende Idee für ſeine Lebensbeſchreibung, das iſt der beginnende Kampf des freien Denkens gegen menſchliche Autorität, der Glaubens- freiheit gegen Glaubenszwang, ein Kampf, welcher ſeither in katholiſchen wie in proteſtantiſchen Ländern mit wechſelndem Glücke geführt wird. — 0— 9 22 Er 7. ccc . 1. Wann und wo Reuchlin geboren war.“) Johann Reuchlin wurde den 28. Dezember 1455 zu Pforzheim geboren. Eben druckte man, es war in den Kinderjahren der Buchdruckerkunſt, auf ausgeſchnittenen Holzplatten die erſten Abebücher: mit ihnen war die Möglichkeit der Volksſchule gegeben, aber ſie exiſtirte noch nicht. Und beim höheren Unterricht, welcher ganz in den Händen der Geiſtlichkeit lag, war dafür geſorgt, daß ſich niemand über den vorgeſchriebe⸗ nen Gedankenkreis hinaus wagte. Geſchah es dennoch, ſo war die Kirche noch mächtig genug die misliebigen Denker unſchädlich zu machen. Noch lebten Zeugen, die den Rauch von dem Scheiterhaufen hatten aufſteigen ſehen, auf welchem die zu Konſtanz verſammelte Geiſtlichkeit der abendländiſchen riſtenwelt den Profeſſor von Prag verbrannte, weil er an⸗ ders glaubte, als die Kirche befahl. Huß hatte laut gebetet, während die Flammen ſcon um ihn ſchlugen; der Kaiſer war erröthet vor Scham, daß er dem vertrauenden Manne den verſprochenen Schutz nicht gewährte; die Geiſtlichkeit hatte triumphirt, und die Welt hielt Huß für den Schuldigen, weil er der Beſtrafte wa NI venige wagten den neuen uner hörten Gedanken, daß der kirchlichen Autorität zum Trotz die Wahrheit bei ihm ſein könne; ſie pflanzten im Stillen und unter mancher Gefahr ſein Vermächtniß fort, bis die fortge⸗ ſetzten Verbrennungen in Waldshut, Straßburg, Bretten, Heidelberg dieſe Regungen in unſeren Gegenden erſtickten. Auch an den Fuß des Schwarzwaldes war die neue Geheim— lehre gedrungen, daß der Ablaß ein Mißbrauch, der Glau⸗ benszwang ein Unrecht ſei. Der Nachweis huſſitiſcher Kezerei in Pforzheim trifft gerade auf die Zeit, wo Johann Reuchlin daſelbſt geboren wurde.?) Aber ſchwerlich drang ſie in Reuch—⸗ lins elterliches Haus. Denn ſein Vater ſtand im Dienſte der Dominikanermönche und iſt wahrſcheinlich ihr Verwalter 2 geweſen.?) Sowohl dieſer Umſtand, als Reuchlins ſpäteres 6 Verhalten läßt vermuthen, daß er in vollem Gehorſam gegen jegliche Satzung aufwuchs. Die Stadt Pforzheim, welche ſeit 1227 badiſch und ſeit 1300 beinahe dreihundert Jahre lang Reſidenz der Markgra— fen war, hatte damals bei 4000 Einwohnern nicht weniger als acht Klöſter. Ein Schriftſteller aus einer Zeit, die dem Jahrhundert Reuchlins nahe liegt, gibt von unſerer Stadt folgende Beſchreibung:„Pfortzheim ligt gar im Grunde an ſchönen luſtigen Wiſen, dardurch laufft ein elares, geſundes Waſſer, daran man des Sommers gar gute Kurtzweile haben kan, zwuſchen überaus hohen Bergen, ſo mit Holtzungen, einer Wiltnuſſen nicht ungleich, bewachſen, ſo gut Wildbreth gibt. Das furſtliche Schloß ligt woll niderich, aber respectu oppidi zimblich hoch. Sonſt hat die Stadt viel gelerter, beſcheidener, freuntlicher, wollerzogener Leute, und Alles, was man zur Leibes Notturfft, auch Erhaltunge zeitliches Lebents in Ge— ſuntheit und Kranchheit von Nöten, an Gelerten, Ungelerten, Apothekern, Balbiern, Wirtsheuſern, allerlei Handtwerkern, nichts ausgenommen.“!) Und daß namentlich für Kunſt und Wiſſenſchaft hier ein guter Boden ſei, ſagt Reuchlin,s) das zeige die große Zahl von Gelehrten, die von Pforzheim ſtammten. 2. Lehrjahre. Dem ſei nun wie ihm wolle, die lateiniſche Schule zu Pforzheim war in gutem Stande, und Reuchlin fand hier Unterricht in Grammatik und Muſik. Daß er ſodann auch die damals blühende Schule in Schlettſtadt beſucht habe, wird behauptet und widerſprochen.“) Gewiß aber iſt, daß er im Alter von 15½ Jahren die Univerſität Freiburg bezogen hat, denn er wurde den 19. Mai 1470 daſelbſt unter die Zahl der akademiſchen Bürger eingeſchrieben.)) Seine Studien mögen ſich hier auf die lateiniſche Grammatik(Vorleſungen über Donatus oder Priscianus mit zugehörigen Uebungen), Rhetorik, Dialektik und Mathematik beſchränkt haben. Nach ſeiner Rückkehr von Freiburg ward er wegen ſeiner ſchönen Stimme unter die Hofſänger aufgenommen, und dieſer Umſtand „ re A wurde dadurch wichtig, daß Markgraf Karl J. den talentvollen Jüngling kennen lernte und ihn 1473 zum Begleiter ſeines dritten Sohnes, des Prinzen Friedrich, nachmaligen Biſchofs von Utrecht, auf die Hochſchule nach Paris erwählte. 8) Dies war entſcheidend für das Leben Reuchlins. Denn außer dem Gewinn, den er im Lateiniſchen, in der Beredtſamkeit, in der Theologie, in dem, was man damals Philoſophie nannte, aus dem Unterricht der berühmteſten Gelehrten jener Zeit ſchöpfte, lernte er hier zuerſt Griechiſch. Um die Bedeutung dieſes Umſtandes zu begreifen, iſt es nöthig, etwas weiter zurück— zugehen. Die Keime und zum Theil ſchon die Blüthen einer nationaldeutſchen Bildung waren, als aus dem Heidenthum ſtammend, ohne Pflege geblieben. Die römiſche Kirche, die Inhaberin und Beherrſcherin des geſammten geiſtigen Lebens im Abendland, hatte mit der römiſchen Sprache nur römi— ſchem Geiſte den Zutritt geſtattet. Und der römiſche Geiſt, wie viel man auch im einzelnen die Wohlthaten rühmt, die ihm die deutſche Geſittung verdankt, reducirt ſich im Ganzen und Großen auf den einen Begriff Herrſchaft; hatte das alte Rom die politiſche Herrſchaft über die Welt errungen, ſo war dem mittelalterlichen Rom das Größere gelungen, die Herrſchaft über die Geiſter; Herrſchaft aber iſt nur möglich durch Uniformität. Was eine ſchöne, menſchliche Entwickelung, eine freie Ausbildung der individuellen Kräfte ſei, konnte man nur von den Griechen lernen, und das Griechenthum war, ſeit die Chriſtenwelt in eine griechiſche und eine rö— miſche Kirche auseinander gefallen war, dem Abendlande ſo fremd geworden, daß ihm nicht einmal die langjährige Be— rührung durch die Kreuzzüge zu einer eingehenderen Bekannt— ſchaft hatte verhelfen können. Auch jetzt mußten Ereigniſſe, die keineswegs im Willen der geiſtigen Machthaber lagen, die Vermittler werden. Die Eroberung Konſtantinopels durch die Türken hatte ſeit zwanzig Jahren viele gelehrte Griechen aus ihrer Heimath vertrieben: ſie flüchteten zum Theil ins Abend— land und wurden, wie es das Loos der Flüchtlinge iſt, die Sprachlehrer derer, bei denen ſie Aufnahme fanden. Gregor von Tiferna in Italien, vermuthlich von griechiſchen Eltern geboren, war der erſte, der in Paris Griechiſch lehrte; aber nicht von ihm ſondern von Schülern deſſelben erlernte Reuch⸗ lin die Anfangsgründe des Griechiſchen. Er hat damit zuerſt für ſich und dann für ganz Deut ſchland eine ergiebige Quelle geiſtiger Bildung eröffnet, die wie alle Geiſtesquellen deſto reicher ſtrömte, je mehr man aus ihr ſchöpfte. Ob ſie auch für die Zukunft, nachdem durch Vermittelung unſerer Klaſ⸗ ſiker ihre weſentlichen Elemente in die deutſche Nationalbildung übergegangen ſind, noch dieſelbe Bedeutung behaupten werde, iſt eine Frage, die bereits mit vielem Eifer bejaht und verneint worden iſt. Reuchlin war neben Erasmus und Rudolf Agri⸗ kola der Begründer griechiſcher Studien in Deutſchland. Was dadurch gethan war für Befreiung aus der Geiſtestyrannei, kam bald hernach in der Reformation auf einem kleineren Ge⸗ biete, viel ſpäter erſt durch die deutſchen Klaſſiker in weiteren Kreiſen zu Tag und iſt mit beredten Worten von den Ge— ſchichtſchreibern unſerer Kultur und Literatur geſagt. Aber auch der Außenſtehende erfährt den Zuſammenhang unſerer Bildung mit der griechiſchen auf eine gleichſam handgreifliche Weiſe, wenn er bemerkt, wie viele und welche von unſeren Worten und Begriffen griechiſchen Urſprungs ſind. Er mag auf äſthetiſchem Gebiete von dramatiſcher, von plaſti— ſcher Kunſt, von Muſik oder Architektur reden, oder vom Evangelium, vom Streit der Theologen und Philo⸗ ſophen, von politiſchen Dingen, Monarchie, Ariſto⸗ kratie oder gar von Demokratie, von Theorie oder Praxis, er kommt nicht aus dem Banne griechiſcher Herr⸗ ſchaft heraus: überall Namen, oft auch Dinge, die nicht auf deutſchem Boden und urſprünglich auch nicht in Rom gewach⸗ ſen ſind, ſondern in Griechenland. Und dieſe Worte und Begriffe ſind nun einmal, man mag es loben oder tadeln, ſo mit unſerem Leben verwachſen, daß wir ſie mit Recht gar; nicht mehr als fremd, ſondern als eingebürgert und zu uns gehörig betrachten. Wir haben freilich deren vielleicht noch mehr aus dem Lateiniſchen, und es iſt bezeichnend, in was für Gebieten ſie herrſchen: Jurisprudenz, Kanzlei, Fabrik. r * Nicht zufällig iſt Poeſie ein griechiſches, Proſa ein lateini⸗ ſches Wort. Der Streit, welcher die Denker jener Zeit noch immer in zwei Parteien ſchied, drehte ſich um die Frage, ob die all— gemeinen Begriffe nur als Erzeugniſſe unſeres Denkens zu betrachten ſeien, oder ob ſie auch außerhalb deſſelben ein wirk— liches Daſein hätten. Daß der Menſch als Individuum ein wirkliches Daſein habe, war unbezweifelt; ob es aber auch dem Begriffe Menſchheit zukomme? verneinten die einen, indem ſie behaupteten, Menſchheit ſei nur vorhanden im Ge— danken deſſen, der ſich dieſen Begriff durch das Zuſammen— faſſen der einzelnen menſchlichen Individuen ſchaffe und dem— ſelben den Namen Menſchheit beilege. Sie heißen No mi⸗ naliſten. Die andern bejahten die Frage und lehrten ent— weder mit Plato vor, oder mit Ariſtoteles in den einzelnen Individuen habe die Gattung und der abſtrakte Begriff eine reale Exiſtenz; der Begriff ſei auch ein Weſen. Sie heißen Realiſten. Wem dieſer Streit als ein verjährter oder müßiger erſcheint, der möge bedenken, daß derſelbe unter verän derten Namen noch heute fortdauert, und daß er, angewandt auf den höchſten Begriff, den Begriff des Göttlichen und der Gottheit, von entſcheidender Bedeutung iſt, weil die einen be— haupten, ſie hätten mit dieſem Begriff zugleich ſein leibhaftes Weſen und ſeine lebendige Wirklichkeit, während die andern in dieſer Auffaſſung nur ein Geſchöpf des menſchlichen Den⸗ kens, einen weſenloſen Namen finden. Aber ſo hoch hatte ſich damals der Streit noch nicht erhoben, er betraf zunächſt nur die Gattungsbegriffe. Reuch lins lebendiger Geiſt, den alle Fragen der Religion und der Wiſſenſchaft mächtig ergriffen, konnte nicht lange unentſchieden bleiben. Er ſtellte ſich auf die Seite der Realiſten. Dazu mochte ihn zunächſt ſein klarer Sinn, ſeine ganze Denkweiſe ſtimmen, und in zweiter Linie der Einfluß ſeines Lehrers Johann de Lapide, 9) welcher aus einem Nominaliſten ein Realiſt geworden war; am wenigſten wohl das Edikt, welches gerade damals Ludwig XI. gegen die Nominaliſten erließ. Solche Kämpfe, ſo nothwendig ſie ſind als Uebergänge 10 in der Geſammtentwickelung, haben eine Gefahr für jugend⸗ liche Geiſter: die frühe Theilnahme daran kann die offene unbefangene Aufnahmsfähigkeit für alles übrige zerſtören; der ganze Geiſtesreichthum wird dann nur noch als eine Rüſt— kammer benutzt, daraus man Waffen holt zur Bekämpfung der Gegner. Aber Reuchlin ſtrebte von Natur ſchon höher, und dieſes Streben fand jetzt noch beſondere Förderung durch einen Mann, bei welchem es ſchwer iſt zu ſagen, ob man mehr die gründliche Gelehrſamkeit oder die tiefe Religioſität bewundern ſoll. Johann Weſſel aus Gröningen hatte in Zwoll bei ſeinem Lehrer Thomas von Kempen eine freiere und innigere Auf— faſſung der Religion, in Italien die griechiſche Philoſophie kennen gelernt, und wanderte nach Art vieler Gelehrten jener Zeit von Ort zu Ort: überall bekämpfte er die hergeb achte ungenügende Schulweisheit und ſtreute den Samen tieferer religiöſer Erkenntniß aus. Jetzt war er gerade in Paris und lernte Reuchlin kennen: er gewann den ſtrebſamen Jüngling lieb und lenkte ſein Studium auf die Bibel. 10) Die Bibel und die Klaſſiker ſind von nun an Reuchlins Leuchte; ſie aufzupflanzen in einer dunklen Zeit blieb die Auf— gabe ſeines Lebens. Aber kaum hatte er ſich nach dieſen zwei Richtungen in den wiſſenſchaftlichen Strebungen der Zeit einigermaßen zurechtgefunden, als das Schickſal, das ihn unter günſtigen Verhältniſſen nach Paris geführt hatte, ihn noch in demſelben Jahre wieder zurückrief. Die Quellen fehlen hier. Vermuth⸗ lich mußte er den Prinzen Friedrich in die Heimath begleiten. Aber wie ein durſtiger Trinker, wenn er beim erſten kräftigen Zug unterbrochen ward, den Pokal wieder ergreift, ſobald die Unterbrechung vorüber iſt: ſo kehrte Reuchlin unverweilt zu den höheren Studien zurück. Er begab ſich 1474 nach Ba⸗ ſel, wo ſeit fünfzehn Jahren eine Univerſität beſtand. Der Papſt Pius II.(Aneas Sylvius Piccolomini) hatte ſie kurz nach Beſteigung des h. Stuhles geſtiftet in der Erinnerung an die ſchönen Jahre, die er, damals noch ein freiſinniger Kämpfer für die freie Wiſſenſchaft gegen Geiſtesknechtſchaft, als apoſtoliſcher Notar bei der Kirchenverſammlung in dieſer — eee eee 14 Stadt zugebracht hatte. Und die neue Univerſität blühte in der deutſchen Reichsſtadt raſch auf. Schon hatte ſich auch hier ein griechiſcher Flüchtling, Andronikos Kontoblakas, für einige Zeit niedergelaſſen, und Reuchlin hörte ſeine Vorleſun⸗ gen. Auch Weſſel, welcher Paris hatte verlaſſen müſſen, weil ſeine Rechtgläubigkeit den Scholaſtikern verdächtig geworden war, traf hier wieder mit ihm zuſammen, förderte ſeine reli— giöſe Bildung und bewahrte ihn, wenn es ſeine gediegene Na— tur anders nöthig gehabt hätte, vor jener geckenhaften Schön geiſterei gleichzeitiger Philologen, mit welcher z. B. der Kardinal Petrus Bembus einen Freund abmahnte den Apoſtel Paulus zu leſen, weil es die Eleganz ſeines Stils gefährde. Dabei kam Reuchlin der Umſtand zu ſtatten, daß von den Zeiten der Kirchenverſammlung her noch einige griechiſche Manuſcripte in Baſel waren, welche der Kardinal Nikolaus von Raguſa, als er 1431 die Griechen zur Theilnahme am Baſeler Con— eilium einladen mußte, von Konſtantinopel mitgebracht und dem Dominikanerkloſter in Baſel geſchenkt hatte. Reuchlin hat namentlich ein koſtbares Pergamentmanuſcript des neuen Teſtamentes aus dem zehnten Jahrhundert viel benutzt; er hat es 1488 auf Verwendung des Grafen Eberhard von Würtemberg wieder erhalten und durfte es auf Lebenszeit be— halten. Dazu kam ein freundlicher und gegenſeitig anregen— der Verkehr mit dem Magiſter Johann von Amerbach und deſſen Bruder, die hier eine berühmte Druckerei beſaßen. So vergingen mit Lehren und Lernen drei fruchtbare Jahre. Denn Reuchlin hielt bereits Vorleſungen über lateiniſche Sprache, ſtellte Uebungen für Grammatik und Stil mit ſeinen Zu⸗ hörern an und erklärte die Klaſſiker. 11) Zugleich arbeitete er auf Amerbachs Aufforderung ein lateiniſches Wörterbuch aus, 12) das erſte Werk, welches von ihm erſchien: es war für ſeine Landsleute ein vielbegehrter Schlüſſel in die Vorhallen der damaligen Gelehrſamkeit und Bildung und erlebte von 1477 bis 1504 nicht weniger als 23 Auflagen. Die Wörterbücher, die vorher im Gebrauche waren, hatten weniger die klaſſiſche Sprache als die Kunſtausdrücke der Scholaſtik und das Kü⸗ chenlatein der Mönche im Auge gehabt. Aber Bedeutenderes' beginnt er nun. Nachdem er ſchon im Jahr 1474 Baccalaureus und 1477 Magiſter der Philo— ſophie geworden, eröffnete er Vorleſungen über die grie⸗ chiſche Sprache. Obgleich er auch hier vorerſt vorzugsweiſe Grammatik treiben mußte, war doch ſein Ziel nicht die formale Bildung, ſondern er lehrte die griechiſche Sprache, um ſeine Schüler in die griechiſche Literatur einzuführen und ihnen die reichen Bildungselemente derſelben zugänglich zu machen. Reuchlin hatte dabei nichts im Sinne, was dem Chriſtenthum im Geringſten feindſelig geweſen wäre: im Gegentheil die chriſtlichen Urkunden und die älteſten Kirchenväter waren ihm die werthvollſten unter den Schätzen, die er durch die Kennt— niß der griechiſchen Sprache zu heben gedachte. Aber die Mönche unter den Baſeler Lehrern waren ſeinen Beſtre⸗ bungen abhold. Dieſe griechiſchen Studien, ſagten ſie, führ⸗ ten ab von der römiſchen Frömmigkeit, denn die Griechen ſeien keine Glieder der rechtgläubigen römiſchen Kirche, und ihre Lehren ſeien verboten. 19) Mayerhoff in der Lebensbe⸗ ſchreibung Reuchlins erlaubt ſich die Andeutung, daß dieſe Feindſchaft aus dem Neid auf die zahlreichere Zuhörerſchaft Reuchlins erwachſen ſei, und die Schilderung der Mönche in den wenig ſpateren Briefen der Dunkelmänner könnten uns aller⸗ dings berechtigen in Vorausſetzung unedler Motive bei ihnen nicht gar ſpröde zu ſein: allein jene Briefe ſind von ihren Gegnern verfaßt, und wo nicht ſichere Beweiſe vom Gegentheil vorliegen, ziemt es das Beſſere zu denken. Die frommen Männer in Baſel hatten ganz Recht auf ihrem Standpunkt: ohne ſich genau Rechenſchaft darüber geben zu können— das ſieht man daraus, daß ſie an den Griechen nur tadeln, daß ſie nicht römiſch ſind— ſpürten ſie doch, daß an den Funda— menten des Beſtehenden gerüttelt, daß an die Wurzeln des Baumes geſchlagen wurde, der ihnen behaglichen Schatten gab. So ermächtigte ſie ſchon das natürliche Recht der Selbſterhaltung gegen die Neuerung aufzutreten. Aber ſie hatten auch noch höhere Gründe. Waren ſte nicht als Uni— verſitätsgeiſtliche verpflichtet über dem Heil der jungen Seelen zu wachen, die ihrer geiſtlichen Pflege anvertraut waren, und 13 mußten ſie nicht jede Gefahr nach Kräften abwehren? Oder war das keine Gefahr, wenn alles dem jungen Docenten zu⸗ lief, über deſſen neue Lehren die alten Seelſorger noch gar nicht im Reinen waren, und die Hörſäle alle Tage leerer wur— den, in welchen ſie ihre unſchädlichen und von allen Behörden gebilligten Lehren vertrugen? Gewiß, wir haben kein Recht dieſen Gegnern Reuchlins unedle Beweggründe unterzulegen, haben wir doch in unſeren Tagen zur Beſtätigung des hiſtoriſchen Rechtes jenes Stand punkts geſehen, wie man proteſtantiſcherſeits auf die Umkehr der Wiſſenſchaft und katholiſcherſeits auf das Begehren ge— kommen iſt, daß die Quellen, die Reuchlin erſchließen half, wieder zugeſtopft werden ſollten. In der Mitte des neun⸗ — 52 zehnten Jahrhunderts ward mit Bewußtſein ausgeſprochen, was die Mönche zu Baſel im fünfzehnten mehr gefühlt als gedacht haben mochten, damals mit größerem Rechte, weil es noch nicht zu ſpät war: noch hatte die Reformation die Macht des Papſtes t gebrochen, noch hatten Kepler und Koperni⸗ kus nicht die kühne Hand an den Himmel des alten Glaubens gelegt, und der Schaden, welchen die neue Kunſt Bücher zu drucken auf den Domänen der Kirchenherrſchaft anrichtete, war noch klein; noch war es nicht unvernünftig, wenn die Vor⸗ münder hofften die Mündigkeit ihrer Mündel, wenn nicht zu hindern, doch hinauszuſchieben. Darum hatten die Mönche Recht von ihrem Standpunkt aus; aber wenn an entſcheiden⸗ der Stelle ihre Klagen Gehör gefunden, wenn ihre Inſinuatio⸗ nen dahin geführt hätten, den Mann unſchädlich zu machen, ſo wäre es ein Unglück geweſen. Ein Unglück, nicht als wäre zu fürchten, daß dann der deutſche Geiſt mit dem griechiſchen die gottgeſegnete Ehe nicht eingegangen hätte, aus welcher nachmals die Leſſing, Göthe, Schiller geboren wurden; aber doch ein Unglück, weil vielleicht eine ſchöne Kraft zerſtört, oder was manchmal eben ſo viel iſt, ihrem kongenialen Wir⸗ kungskreis entriſſen worden wäre. Oder waren es vielleicht doch dieſe Anfeindungen, die den jungen Docenten beſtimmten bald darauf Baſel zu ver⸗ laſſen? Reuchlin ſchweigt darüber.) Er ging nach Paris.!)) Kamen ihm jetzt auch nicht mehr die markgräflichen Reiſegelder zu gut wie bei ſeinem erſten Aufenthalt, ſo wußte er ſich doch bereits durch Fleiß und Geſchick nicht nur ſeinen Unterhalt, ſondern auch die Mittel zum Ankauf von Büchern zu erwerben, die damals noch ſehr theuer waren. Hermonymos von Sparta, einer der griechi— ſchen Flüchtlinge, hatte ſich unterdeſſen als Tifernas' Nachfol— ger in Paris niedergelaſſen und unterrichtete in der griechi— ſchen Sprache. Dieſer lehrte ihn neben der Sprache auch die griechiſche Schönſchrift, und Reuchlin fand, indem er die Schriftſteller, die Hermonymos gerade auslegte, für die Zu— hörer deſſelben abſchrieb, eine Beſchäftigung, die ihm nicht blos einen materiellen Lohn brachte: durch das öftere Wie— derſchreiben drang er ſo in die Schriftſteller ein, daß ſich ganze Stellen in ſein Gedächtniß einprägten, und er ſie noch in ſpäten Jahren auswendig zu ſagen wußte. Es waren mehrere Geſänge Homers, Reden des Iſokrates und Abſchnitte aus der Dialektik des Ariſtoteles. Ariſtoteles hatte, nachdem die Philoſophie der Griechen durch ſeinen Lehrer Plato ihre höchſte Entwickelung und ge— wiſſermaßen ihren Abſchluß gefunden, das Denken wieder von vorn begonnen: er verließ, wie Hermann treffend ſagt, den Prachtbau der ererbten Syſteme und ſuchte in den Schach— ten der Natur die Steine zum neuen Bau. Dem Hiſtoriſchen ſtellte ſich das Rationelle gegenüber. Hiſtoriſch oder rationell— war das nicht das Problem des Jahrhunderts, iſt es nicht die brennende Frage jeder Zeit? Allerdings, nur daß ſie einmal zu hellen Flammen auflodert und dann wieder ſtill unter der Aſche glimmt. Reuchlin ehrte das Hiſtoriſche; wußte er doch, daß das Rationelle, ſobald es zur That wird und Körpergeſtalt annimmt, ſofort ſelbſt zum Hiſtoriſchen wird, und daß das Hiſtoriſche, als es geboren wurde, und ſo lang es noch jung war, auch das Rationelle geweſen ſein mußte, und er ehrte das Alter. Er war eine durchaus konſervative Natur und hätte es für einen Frevel gehal— ten an irgend eine der beſtehenden Inſtitutionen in der Ge ſellſchaft, in der Wiſſenſchaft, in Kirche und Staat gewaltſame 15 Hand anzulegen, wußte er doch, daß jedes Ding von ſelber ſtirbt, wenn ſeine Stunde kommt, daß man nicht wie die Wil— den, die ihre Alten todtſchlagen, der Natur vorgreifen ſoll. Nur ſollte über der Erhaltung des Alten, des Hiſtoriſchen, dem Neuen, dem Wüste der Weg nicht verſperrt werden. Verſperrt aber war der Weg, weil diejenige Wiſſenſchaft, die ſich ihrer Natur nach zum freien vorausſetzungsloſen Denken bekennt, die Philoſophie, zu ihrem Gegentheile entſtellt war. Gerade ſo, wie auf dem Gebiete der Religion das vierzehn— hundert Jahr alte Chriſtenthum durch Satzungen, Auslegun— gen und Zuthaten ſo verunſtaltet war, daß nur wenige tiefer— gehende Geiſter zu ſeinem urſprünglichen Gehalte dringen konnten, war auch die um drei Jahrhunderte ältere Philo- ſophie des Ariſtoteles bis zur Unkenntlichkeit entſtellt. Ihre Aufgabe war nicht mehr das freie vorausſetzungsloſe Forſchen nach einer Antwort auf die Fragen, die der menſchliche Geiſt, ſobald ihn das äußere Leben nicht mehr befriedigt, immer wieder aufwirft; denn die Kirche, ſich auf eine göttliche Offen⸗ barung berufend, deren Auslegung ſie nicht der freien Wiſſen⸗ * überließ, hatte auf jede Frage eine Antwort bereit, und die Philoſophie hatte nur als dienende Magd dieſe Antworten in ein Syſtem zu bringen, ſie zu ſtützen und wo möglich zu beweiſen. Durch ſo untergeordnete Arbeit war ſie von ihrer alten Höhe herabgekommen und beſtand in unfruchtbaren For— meln und leerem Wortkram. Man nennt ſie die Schulphilo⸗ ſophie des Mittelalters oder die Scholaſtik Sie war im Grunde die ungeheuerliche Vereinigung von zwei unverein⸗ baren Dingen, der Philoſophie und der poſitiven Theologie, und der unnatürliche Bund hätte nicht die langen Jahrhun derte Würben können, hätte nicht die Kirchengewalt durch alle Mittel von der liebevollen durch frommes Gebet unterſtützten Mahnung bis zum unumſtößlichen Scheiterhaufen jedes Tren⸗ nungsgelüſte zu vertreiben gewußt. Die Scholaſtik konnte Reuchlins friſchem Geiſte nicht ge— nügen. Ohne ſich der Kirche und dem ererbten Gedanken⸗ kreiſe feindlich gegenüberzuſtellen, ſah er doch, daß wenn die Philoſophie das Suchen der Wahrheit iſt, ihr nicht die fertigen 16 Reſultate von anderswoher zum voraus vorgeſchrieben ſein dürfen. Und nun vollends ſeit ihm durch Hermonymos der ungefälſchte Ariſtoteles erſchloſſen war, zerfiel ihm das ſcho— laſtiſche Lehrgebäude in Staub. Zerbrachen nicht damit auch die Stützen ſeines religiöſen Glaubens? Nun, was der Stützen der Scholaſtik bedarf, iſt ſchon des Erhaltens nicht werth. Denn nicht in den Kopf, wohl aber in das Herz hat Gott die Religionsbedürftigkeit gelegt, darum hat das wahre Weſen der Religion von der Wiſſen⸗ ſchaft nie etwas zu fürchten, und insbeſondere das, was am Chriſtenthume das Weſentliche iſt, konnte ſo wenig damals von der Erneuerung der heidniſchen Philoſophie ernſtlich ge— fährdet werden, als heute von den neuen ungeheuren Fort⸗ ſchritten des menſchlichen Wiſſens in den Gebieten der Natur. Schädlich iſt nur, wenn der ungeſchickte Eifer ſich bemüht die unhaltbaren Nebendinge, die Meinungen früherer Entwicke— lungsſtufen feſtzuhalten: denn die Gefahr liegt nahe, daß dann vom empörten Verſtand mit den unhaltbaren Nebendin⸗ gen auch das Weſentliche und Ewige wenigſtens auf eine Weile weggeworfen werde. 3. Wanderjahre. Für jeden, welcher der Bewegung und dem großen Schauſpiel ver menſch⸗ lichen Dinge nachforſcht, beſteht der Unterſchied zwiſchen Einem Jahr⸗ hundert und einem andern faſt nur im Schauplatz, in der äußeren Phyſiognomie und Tracht der handelnden Perſonen und in der Wahl der Partei, welcher die Vorſehung geſtattet den Sieg zu erlangen. Die Leidenſchaften und die Tugenden der Menſchen, der innere Hergang und das Spiel der Beweggründe iſt immer daſſelbe. Berryer, beim Eintritt in die fr. Akademie. Aber lange währte auch diesmal Reuchlins Aufenthalt in Paris nicht. Er begab ſich zu Anfang des Jahres 1478 nach Orleans, wo bereits die humaniſtiſchen Studien der Dia⸗ lektik alten Schlages den Rang abgelaufen hatten und beſon⸗ ders das römiſche Recht, damals in Deutſchland noch ohne Pflege, in Verbindung mit den klaſſiſchen Studien betrieben wurde, und ſetzte hier ſeine Vorleſungen über lateiniſche und griechiſche Sprache fort. Er erklärte unter anderen Cicero's 17 Briefe. Dieſe Vorleſungen verſchafften ihm bei ſeiner ein⸗ fachen Lebensweiſe ausreichenden Unterhalt und ließen ihm bei ſeiner ungewöhnlichen Arbeitskraft noch die Möglichkeit neue Studien zu beginnen. Sei es, daß ihm die Erfahrun⸗ gen von Baſel die akademiſche Lehrt hätigkeit verbittert hatten, oder daß er aus anderen Gründen ſich einen mehr praktiſchen Beruf wählen wollte, Reuchlin wurde Juriſt. Es iſt einer⸗ ſeits zu bedauern, daß dadurch eine große Summe pon Zeit und Kräften für ſeine idealeren Beſtrebun gen, für ſein For⸗ ſchen nach Wahrheit, nach Gotteserkenntniß, dem Ziel und Lohn alles Denkens, an die praktiſche Thätigkeit verloren ging, aber wir ſehen ihm andrerſeits mit Freuden dadurch den Weg zu Ehren und Aemtern gebahnt, die ihm in ſeinen ſpäteren Kämpfen zu gut kamen. Ohnehin waren die wiſſenſchaftlichen Berufsfächer damals an Ausdehnung und Maſſenhaftigkeit des Stoffes noch nicht ſo weit gediehen, daß nicht ein reger Geiſt ihrer mehrere hätte umfaſſen können. Nicht viel über ein Jahr bedurfte Reuchlin um ſich in Orleans das Bacca⸗ laureat in der Rechtswiſſenſchaft zu erwerben(1479), und dabei hatte er noch für ſeine Vorleſungen eine griechiſche Grammatik ausgearbeitet, 10) da es an allen Hilfsmitteln fehlte. Ihm ſelbſt hatte Hermonymos die griechiſche Grammatik des Theodor Gaza von Paris aus ſchicken müſſen. Und in demſelben Jahre verließ er auch Orleans und ging nach Poitiers, wo Hugo de Banza und Bernhard Du— randus ſeine Lehrer in der Jurisprudenz waren. Hier wurde er durch Diplom vom 14. Juni 1481 Licentiat des bürger⸗ lichen Rechtes, und damit beſchloß er ſeinen Aufenthalt auf franzöſiſchen Univerſitäten. 4. Heimkehr. Jetzt wohin? Die Lehr⸗ und Wanderjahre ſind zu Ende. Reuchlin ſteht in ſeinem ſechsundzwanzigſten Jahre. Seine Vaterſtadt, wo ihm die Eltern vermuthlich noch lebten, der markgräflich badiſche Hof, dem ex wenigſtens die Eröffnung ſeiner höheren wiſſenſchaftlichen Laufbahn perdankte, die ganze Heimath mit ihrer unvergänglichen Anziehungskraft ſtellte ſich Lamey, Johann Reuchlin. 5 18 gewiß vor ſein treues Gemüth. Aber die neun Jahre, die er hörend und lehrend auf Hochſchulen zugebracht, ſeine Erfolge als Lehrer, ſein Bedürfniß mit Gelehrten zu verkehren, alles beſtimmte ihn eine Univerſitätsſtadt zum Aufenthalt zu wählen. Und da war zunächſt ſeiner Heimath Tübingen, wo vor vier Jahren der Graf von Würtemberg, Eberhard im Bart, eine Univerſität geſtiftet hatte. Hier ließ ſich Reuchlin nieder. Er war zunächſt praktiſch als Advokat beſchäftigt, aber ſchon am 9. Dez. 1481 wurde er auch als Licentiat bei der Uni⸗ verſität immatrikulirt, las als Privatdocent über griechiſche Sprache und erwarb den Grad eines Doktors der Rechte (legum doctor), ein Titel, deſſen er ſich dann zeitlebens zu ſeiner Unterſchrift bediente. Nach Pforzheim kehrte er von nun an zwar von Zeit zu Zeit zum Beſuche zurück, und auch am markgräflichen Hofe muß er in gnädigem Andenken geblieben ſein, da noch im Jahr 1514 Markgraf Philipp ſich beim Papſte für ihn verwendet, aber zu dauerndem Aufenthalt kam er nie wieder, und ſo iſt die Bemerkung eines würtembergiſchen Ge— ſchichtſchreibers,)) daß Reuchlin ſeiner Geburt nach ein Badener geweſen ſei, daß ihn aber ſein übriges Leben zum Würtemberger gemacht habe, ganz richtig; doch muß die Ueberſiedelung nicht mit dem heutigen Maßſtab gemeſſen wer⸗ den, denn obwohl die deutſchen Fürſten ſchon ſeit mehr als zweihundert Jahren die Souveränität erlangt hatten und Landesherren geworden waren, ſo war doch, ſo lang es einen Kaiſer gab, ein andres deutſches Land nicht viel mehr als eine andere Provinz des deutſchen Reichs. Eine ergiebige Praxis ſtellte Reuchlins ökonomiſche Ver⸗ hältniſſe in Tübingen bald ſo gut, daß er daran denken konnte, einen eigenen Herd zu gründen. Reuchlin heirathete. Wir wiſſen aber von ſeiner Ehe nur, daß ſie von langer Dauer war und kinderlos blieb. In den Briefen von und an Reuch⸗ lin wird ſeiner Frau mit Lob und Ehren gedacht. Sie iſt wenige Jahre vor Reuchlin geſtorben.!“) Schade, daß kein hiſtoriſches Bild von ihr möglich iſt: die Frauen unſerer gu⸗ ten Stadt würden gewiß einen intereſſanten Stoff darin fin⸗ 19 den zu Vergleichungen mit den Tugenden, mit welchen ſie ſelber geſchmückt ſind. Mit dem gräflich würtembergiſchen Hofe in Tübingen wurde Reuchlin durch ſeine Fertigkeit im Lateinſprechen be kannt. 19) Denn die lateiniſche Sprache, ohnehin die Mutter des Italieniſchen, Franzöſiſchen, Spaniſchen, war damals, obwohl ſeit dem neunten Jahrhundert keine lebende mehr, doch die allgemeine Vermittlerin nicht nur des gelehrten, ſondern auch des internationalen Verkehrs, und die Philologen fanden da⸗ durch als Diplomaten häufig den Weg zu den höchſten Staats— ämtern: noch der Utrechter Frieden(1713) iſt in lateiniſcher Sprache abgefaßt, aber von da an wurde ſie von der franzö⸗ ſiſchen verdrängt. 5. Erſte Reiſe nach Rom. Kaum war Reuchlin dem Grafen im Bart bekannt geworden, als ihn dieſer zu ſeinem täglichen Geſellſchafter, zu ſeinem Geheimſchreiber und Geheimen Rath machte. Als Eberhard 1482 eine Reiſe nach Rom unternahm und den Kanzler der Univerſität Johann Fergen(Nauklerus) und den Theologen Biel,„Tübingens letzten Scholaſtiker,“ mit— nahm, baten dieſe, daß auch Reuchlin wegen ſeiner größe— ren Sprachgewandtheit und beſſern Ausſprache des Lateini— ſchen ihr Begleiter ſein möchte. Sie traten den 7. Februar die Reiſe an und kamen am 9. März, Samſtags vor Lätare, nach Rom. Schon den andern Tag hatte der Graf Zutritt bei Sixtus IV., der ihm die geweihte goldene Roſe überrei— chen ließ. Die Rede, die Reuchlin bei dieſer Gelegenheit vor Papſt und Kardinälen hielt, erregte allgemeine Bewunderung: man ſtaunte, wie ein Ultramontaner, der nicht in Italien ſtudirt hatte, ſo elegant zu reden verſtund. Dadurch ſtieg er noch höher in Eberhards Gunſt und erwarb ſich neue Freunde, namentlich in dem päpſtlichen Geheimſchreiber Aurelius von Queſtenberg, einem Landsmann aus Meiſſen, deſſen Dienſte ihm ſpäter nützlich wurden, und in dem Philologen Hermolaus Barbarus, welcher Reuchlins Namen nach der üblen Sitte 20 der Zeit ins Griechiſche überſetzte[Kapnionſ. Da aber Reuch⸗ lin nicht blos in gelehrtem Verkehr ſtand, wie Erasmus, deſſen ſchöner väterlicher Name Gerhard vor dem überſetzten ganz verſchwunden iſt, ſondern als Rechtsgelehrter fortwährend in einem weit ausgebreiteten praktiſchen, ſo iſt ſein deutſcher Name der vorherrſchende geblieben. Noch bedeutendere Bekanntſchaften wurden auf dem Heim⸗ weg in Florenz gemacht. Bei Lorenz von Medici, dem Hort der Künſte und Wiſſenſchaften, traf Reuchlin einen Kreis von Männern, die das nämliche für Italien erſtrebten, was er für Deutſchland. Marſilius Ficinus half durch Verbreitung des Platonismus die Scholaſtik verdrängen und bahnte dadurch einer freieren und geiſtigeren Auffaſſung des Chriſtenthums den Weg: ein kräftig ſtrebender Geiſt, der das ſeltene Beiſpiel gegeben hat, wie Vorurtheile im Gebiete des Uebernatürlichen auch noch in vorgerückteren Jahren durch Vernunftgründe überwunden wer⸗ den können, denn er wurde durch eine Schrift des Picus von Mirandola von dem Aberglauben der Aſtrologie bekehrt, mit wel⸗ chem noch Luther und viele ſeiner Zeitgenoſſen, ja Einzelne bis an die Schwelle der Gegenwart behaftet blieben; Schade nur, daß, was er für die Philoſophie Plato's nahm, eine Miſchung platoni⸗ ſcher Ideen mit ſpäterer Myſtik war: deſto mehr freilich ſprach ſie Reuchlin an, der von dieſer Zeit an den nüchternen Ariſtoteles und ſeinen blumenloſeren Forſcherpfad verließ und in Gefahr gerieth in den üppigen Hainen neuplatoniſcher Phantaſieen ſich zu ver⸗ irren. Politianus, der Erzieher der Söhne Lorenzos, deren einer der nachmalige Papſt Leo X. war, knüpfte mit Reuch⸗ lin einen Briefwechſel an, den er bis zu ſeinem Tode(1494) fortſetzte. Vor allen aber iſt Johannes Picus, Graf von Mirandola, zu nennen, ein hochbegabter Mann von„faſt göttlicher“ Geſtalt, wie Politian ſagt. Picus war eine Fener⸗ ſeele. Erſt nachdem der wildeſte Sinnengenuß erſchöpft war, ſuchte er tiefere Befriedigungen im Reich des Geiſtes. Sein Drang nach Wahrheit trieb ihn wie Liebesfeuer durch alle Gebiete des Wiſſens. Im zweiunddreißigſten Jahre war ſeine Lebenskraft aufgezehrt. Solche Naturen ergreifen im ſtürmi⸗ ſchen Drang, ehe ſie begreifen, und ſelbſt wo ſie zu begreifen „ FFF 21 glauben, iſt ihr Begreifen nur ein Anſchauen. Nur? Iſt denn die Anſchauung nicht das höchſte? Wohl, für den, welcher ſie hat. Aber für die andern hat ſie, von der Ein, bildungskraft wenigſtens mit erzeugt, im beſten Falle den Werth der Poeſie: ſie gehört nicht in die Wiſſenſchaft ſondern in das beſeligende Reich der Kunſt. Das intuitive Wiſſen iſt beglückend für das Subjekt, wie ein ſchöner Traum, das begriffliche fördert auf dem mühſamen Wege zur objektiven Wahrheit. In Reuchlius reichem Geiſte war die Anlage vor⸗ handen für beides, und er theilte mit Picus den übermächtigen Drang nach Wahrheit, wie er in einer Zeit erwachen mußte, in welcher der Zweifel am Hergebrachten mit deſto größerer Gewalt auftrat, je länger er mit Feuer und Schwert zurück⸗ gehalten worden war. In der erſten Unruhe ſucht dann der Menſch nach allen Richtungen, und wenn vom Teufel die Wahrheit zu erfahren wäre, ſo würde er zum Teufel gehen. Wir ſtehen in der Zeit, in welcher die Fauſtſage entſtand. So ſchlimm war es freilich mit Reuchlin und Picus nicht. Sie hatten noch einen Hort: die Bibel als Gottes Wort war ihnen der reiche Brunnen, aus welchem ſie Wahrheit ſchöpften. Und da hätten ſie doch wohl Befriedigung haben können? Allerdings, wenn nicht die bedenkliche Lehre von einer buch⸗ ſtäblichen Eingebung jeder freieren geiſtigen Auffaſſung in den Weg getreten wäre. So aber konnte ſo manche Stelle des Al⸗ ten Teſtamentes der Vorſtellung von göttlicher Vollkommenheit nicht genügen, und der unmittelbare Sinn ſchien nicht überall ein Gottesgedanke. Alſo muß noch ein anderer, ein tieferer Sinn darunter verborgen ſein— ſo lautete der Schluß, den nicht Picus zuerſt, ſondern viele tiefer ſtrebende Geiſter unter Juden und Chriſten lange vor ihm gezogen hatten. Und dieſen tieferen Sinn, ſo hatte ſich die hilfreiche Sage gebildet, dieſen tieferen Sinn hat Gott Mofes mitgetheilt, Moſes hat ihn Joſua anver⸗ traut, und ſo hat er ſich als geheime Ueberlieferung fortge⸗ pflanzt. Die Wiffenſchaft von dieſem tieferen Sinn des Alten Teſtaments hieß Kabbala und ſtand in den Augen der Ein⸗ geweihten viel höher als der Thalmud, welcher nur den na⸗ türlichen Sinn erklärt. Nach dem heutigen Stande der 22 Wiſſenſchaft aber kommt ihr kein höherer Werth zu, als etwa den IJutuitionen Swedenborgs. Picus von Mirandola war Kabbaliſt: er weckte auch in Reuchlin das Verlangen nach dieſer Geheimlehre, und er hat damit den Samen in Reuchlins Geiſt gelegt zu zwei großen Dingen: zu Reuchlins hebräiſchen Studien, deren Frucht, Grammatik und Wörterbuch, der Theologie höchlich zu ſtatten kam und von Luther mit lautem Lob geprieſen wurde; und zu dem Werk über die kabbaliſtiſche Wiſſenſchaft, durch welches eine große Verirrung des Mannes verewigt worden iſt. Doch für jetzt war nur der Samen geſtreut, die Frucht kann erſt reifen, wenn Reuchlin Gelegenheit findet, die hebräiſche Sprache zu erlernen. 6. Reuchlin in Stuttgart. In Tübingen fand er dieſe Gelegenheit nicht, und auch in Stuttgart nicht, wohin er ſich nach der Rückkehr von Rom mit dem Hofe begeben mußte. Nicht einmal ſo viel Hebräiſch, als die Juden in ihrem Verkehr im Gebrauche haben, war ihm zugänglich, weil in Würtemberg, wie in Spanien und Frankreich, kein Jude wohnen durfte. Auch hätten die jetzt vermehrten juriſtiſchen Geſchäfte kaum Zeit zu neuen Studien gelaſſen: Reuchlin wurde 1484 Aſſeſſor des Hofgerichts. Sein Gehalt betrug 90 fl., eine Summe, die zwar nach damaligem Geldwerthe nicht unbedeutend war, die aber doch nicht erklärt, wie er um dieſe Zeit Beſitzer eines Hauſes in Stuttgart werden, und wie er im folgenden Jahr ein zeitraubendes Ehrenamt annehmen konnte; er wurde 1485 zum Anwalt des Dominikanerordens für ganz Deutſchland erwählt, ein Amt, für deſſen neunundzwanzigjährige uneigennützige und treue Verwaltung ihm der Orden ſpäter wenig Dank gewußt hat. Ueber die Miſſion zur Wahl und Krönung Mapimi⸗ lians I. in Frankfurt, Köln und Aachen 1486, wo Reuchlin zuerſt dem Kaiſer Friedrich und ſeinem Sohne Maximilian bekannt wurde, ſo wie über die diplomatiſche Sendung ins Elſaß und an den Biſchof von Trier 1487 gehen wir hinweg; aber vom Jahre 1488, wo Reuchlin den Grafen Eberhard n 23 auf einer Reiſe begleitete, muß der Folgen wegen erzählt werden, daß auf ſein Betreiben in Mainz der Auguſtiner— mönch Holzinger verhaftet und ins Gefängniß nach Tübingen geſchickt wurde. Die Grafſchaft Würtemberg hatte, klüger als die benachbarte Markgrafſchaft Baden, der Theilung und Zerſplitterung des kleinen Landes an verſchiedene Linien durch den Münſinger Vertrag 1482 für alle Zukunft einen Damm geſetzt; die Untheil barkeit wurde ausgeſprochen, und die Sei— tenlinien verzichteten zu Gunſten der älteren Linie Eberhards im Bart. In Folge dieſes Vertrages, durch welchen Wür⸗ temberg⸗Stuttgart an Würtemberg⸗Tübingen fiel, war es auch geſchehen, daß Eberhard bei der Heimkunft von Rom nicht mehr nach Tübingen zurückkehrte, ſondern ſeine Reſidenz in Stuttgart nahm. Nun reute aber den Vertreter einer Sei⸗ tenlinie, Eberhard den Jüngern, ſein Verzicht, und der Au⸗ guſtinermönch Holzinger, ſein Kuppler bei den Nonnen, war der Rathgeber zu vielen ſchlimmen Händeln. Es lag im In⸗ tereſſe des Fürſten wie des Landes, daß der Unruheſtifter be⸗ ſeitigt würde, und Reuchlin erwirkte die Verhaftung deſſelben, die ſpäter auf ſein eigenes Leben eine Zeit lang bittere Nach⸗ wirkungen hatte. Der Münſinger Vertrag war eigentlich nur der Vollzug eines ſchon im Familienvertrag von Urach 1473 ausgeſproche⸗ nen Grundſatzes geweſen, und derſelbe wurde 1492 in Eßlin⸗ gen beſtätigt. Vermuthlich um die kaiſerliche Genehmigung zu erlangen reiſte Graf Eberhard noch im Jahr 1492 nach Linz, wo Friedrich gerade Hof hielt. Reuchlin begleitete ihn auch diesmal. Die Umgebung des Kaiſers ehrte den gelehrten Mann mit zuvorkommender Freundlichkeit, und auch auf den alten Friedrich mußte ſeine Perſönlichkeit einen beſonderen Eindruck gemacht haben, wenigſtens ſcheint die Erhebung in den Adelſtand für ihn und ſeinen Bruder und die Verleihung des Titels und der Rechte eines Pfalzgrafen(Comes Palatinus) das Maß der bei ſolchen Veranlaſſungen gewöhnlichen Gna— denerweiſungen zu überſteigen. Oder that es der alte Kaiſer ſeinem öſterreichiſchen Hofkanzler Bernhard Perger zu lieb, welcher ein großer Verehrer Reuchlins war? 24 Reuchlin hat von dieſen Auszeichnungen niemals Gebrauch gemacht. Nur das Wappen, ein goldener Altar mit rauchen⸗ den Kohlen, findet ſich in ſeinen Büchern. Wichtiger war, daß er bei dieſer Gelegenheit endlich fand, was er ſeit Jahren vergebens geſucht hatte: Unterricht in der hebräiſchen Sprache, ſeines Lebens Luſt und Leid. Jakob Jehiel Loans, ein Jude, welchen der Kaiſer zum Ritter geſchlagen und zu ſeinem Leibarzt gemacht hatte, war ein gelehrter Kenner der Alterthümer ſeines Volkes. Von ihm erhielt Reuchlin, ſo lange der Aufenthalt in Linz währte, und er währte bis ins Jahr 1493 hinein, in den Elementen des Hebräiſchen eine ſo gründliche Unterweiſung, daß es ihm bei ſeinem eiſernen Fleiße möglich wurde ſich von nun an zur Noth ſelber weiter zu bringen. Zur Noth, denn das Buch, das ihm helfen konnte, die Grammatik des David Kimchi(Sepher Michlol, das Buch der Vollkommenheit), war ja ſelbſt in hebräiſcher Sprache geſchrieben. Der Schlüſſel ſtak inwendig an der Thüre, die er öffnen wollte, und er hat bei Tag und Nacht eine unſägliche Mühe angewandt um die alte Weisheit des Morgenlandes zu erſchließen, gerade in den Tagen, da ein anderer gotterfüllter Mann, Chriſtoph Kolumbus, mit übermenſchlicher Anſtrengung über die Meere nach Weſten drang, um der Welt, die zu enge geworden war, neuen Raum zu gewinnen. 7. Vom wunderthätigen Wort. Daß nicht das ſprachliche Intereſſe des Philologen, auch nicht das religionswiſſenſchaftliche des Theologen das einzige Motiv zu dieſen Studien war, ſondern daß denſelben etwas von jenem dämoniſchen Triebe zu Grunde lag, der die Aſtro⸗ logen ganze Nächte wach erhielt und die Alchymiſten zu den größten Opfern zwang, jener übermächtige fauſtiſche Drang nach Wahrheit und Verkehr mit dem Urgeiſte, es koſte was es wolle, das zeigte ſich bald. Denn ſchon im Sommer 1494 wurde bei Amerbach in Baſel 20) das Werk„vom wunder⸗ thätigen Worte“ gedruckt, in welchem bereits die kabba⸗ 25 liſtiſche Richtung ſtark hervortritt. Dieſes Werk, von 1492 bis 1587 achtmal herausgegeben, hat freilich heute nur noch hi⸗ ſtoriſchen Werth. Aber wie es der Form nach holperiges Mönchslatein den ſchönſten Proben klaſſiſcher Eleganz friedlich beigeſellt, und dem Inhalte nach in der Mitte ſteht zwiſchen Mittelalter und neuer Zeit, noch ganz erfüllt vom alten Glauben und doch ſchon angeweht vom neuen Geiſte, iſt es die vollkommenſte Offenbarung von Reuchlins Leben und Stre⸗ ben und darf in einer Darſtellung deſſelben um ſo weniger übergangen werden, als es Reuchlins literariſchen Ruhm un⸗ ter ſeinen Zeitgenoſſen begründet hat. Es wird darum nöthig ſein einige leitende Gedanken daraus mitzutheilen. Sidonius, ein griechiſcher Philoſoph, keinem beſtimmten Syſteme zugethan, ſondern Eklektiker, kommt, vom Rufe zweier anderen Philoſophen, des Juden Baruch und des Chriſten Reuchlin angezogen, nach Pforzheim. Sie unterreden ſich drei Tage lang über die höchſten Dinge; an jedem Tag iſt ein anderer von ihnen Wortführer. Erſter Tag, Sidonius.2t) Die Sitten ſind nach Brauch und Landesart verſchieden. Das Recht beſteht einem guten Theile nach aus Willkür, es mag das Volk oder vom Volk ermächtigt der König das Geſetz gegeben haben: darum iſt das Wiſſen des Sittenlehrers wie das des Juriſten nicht höher anzuſchlagen, als etwa das des Apothekers, der alle ſeine Büchſen und Töpfe kennt, oder des Schuſters, der wie der Juriſt auf den einzelnen Fall paſſende Geſetze, den für den einzelnen Fuß paſſenden Schuh findet. All dies Wiſſen, um des Brodes und der täglichen Noth willen erworben und geübt, iſt untergeordneten Ranges. Die Philoſophie allein ſucht ohne andere Nöthigung und andern Zweck die Wahrheit um ihrer ſelbſt willen; ſie allein iſt Wiſſenſchaft im höheren Sinne, und die einzig ſichere Grundlage und der einzig richtige Ausgangs⸗ punkt für ſie iſt die Betrachtung der Natur. Denn aus dem Sinn und der ſinnlichen Wahrnehmung entſproßt das Ge⸗ daͤchtniß, wenn ich anders den abſtruſen Ariſtoteles verſtänd⸗ lich überſetze, aus dem Gedächtuiß die Erfahrung, und die Erfahrung iſt der Anfang und der Grund der Wiſſenſchaft. Denn 26 wahre Wiſſenſchaft iſt nur das Wiſſen, das überall und immer gilt und keinem Zweifel unterworfen iſt. Darum bleibt von ihr ausgeſchloſſen das ganze Gebiet der Vermuthungen über die übernatürlichen Dinge, von welchen ein Wiſſen für uns nicht möglich iſt. Darum bin ich von Land zu Land und bis zu euch nach Schwaben gezogen, daß ich die Wunder der Na— tur erforſchte, denn die Natur iſt die einzige Wunderthäterin, die wir mit Gewißheit kennen. Baruch erhebt ſich dagegen und ſucht aus dem Mangel der Uebereinſtimmung bei den verſchiedenen Naturphiloſophen das Mangelhafte ihrer Wiſſenſchaft nachzuweiſen; die rechte Weisheit komme von Gott. Den letzteren Gedanken läßt Si— donius gelten, nur mit der näheren Beſtimmung, daß es durch Vermittelung der Vernunft geſchehe. Kapnion aber weiſet ſchon jetzt auf ſeine Offenbarungstheorie und legt das größere Gewicht auf den geheimen Sinn der alten Ueberlieferungen, welcher dem Bakon 22) und ſeinen Genoſſen unbekannt ge⸗ blieben ſei. Zweiter Tag, Baruch. Mit Gebet und bebend vor dem hochheiligen Namen, den er auszuſprechen unternimmt, kommt Kapnion am zweiten Tage zur Sache. Baruch gibt aus ſeiner genauern Kenntniß der morgenländiſchen Weisheit die Ausführungen. Gott allein thut Wunder. Aber er kann ſich mit dem menſchlichen Geiſte verbinden und freut ſich, wenn der Menſch nach Maßgabe ſeiner Faſſungskraft in die Gottheit übergeht (transformatus fuerit). Nun iſt zwar die Gottheit in allen Dingen wirkſam und gegenwärtig, aber da das Wort gleich- ſam der Leib der zugehörigen Idee, der Fluß iſt, deſſen Quelle der Geiſt, ſo iſt im Namen Gottes ganz beſonders die Kraft deſſelben, und wir vermögen durch ihn, wenn wir ihn richtig und mit dem rechten Sinne ausſprechen, Wunder zu thun. Der Namen ſind viele. Zwar in ſeiner Imma⸗ nenz, d. h. hier noch, ſofern er in ſich ſelber bleibt, hat er keinen Namen. Aber in der erſten Offenbarung an Moſes nennt er ſich„der ſein wird,“ was Plato, im Morgenlande davon unterrichtet, als„das Seiende“ wiedergibt. Die — 27 Attribute, welche das Alte Teſtament zum Theil nach menſch licher Vorſtellung der Gottheit beilegt, werden durch allegoriſche Deutung ſublimirt und ſo dem Abſoluten kongruent gemacht. Zehn Emanationen werden aufgezählt: ſie ſind zuſammengefaßt in dem Pluralnamen Elohim. Aber bedeutungsvoller iſt jener dem Moſes geoffenbarte Name, den die Chaldäer aus Ehr⸗ furcht nicht ſchreiben, ſondern nur durch Punkte bezeichnen, und den die Juden nicht ausſprechen, der Name Jehovah, das Tetragramm genannt, weil er aus vier Buchſtaben beſteht, da die Hebräer die Vokale nicht zählen. Nicht einmal den Erzvätern war dies wunderthätige Wort in ſeiner ganzen Kraft bekannt: ſie wurde demſelben erſt bei der Ausführung aus Aegypten verliehen, da vorher alle Wunder durch Gott ſelber verrichtet wurden. Der Bund Gottes mit dem Volke Iſrael iſt ſofort in ſeinem tieferen kabbaliſtiſchen Sinn die Verbindung, in welche„kontemplative“ Menſchen durch ſein Zuthun mit Gott treten. Die allegoriſche Schriftauslegung, dieſe bibliſche Freimaurerei, das Element der Kabbaliſtik, führt Reuchlin ſo weit, daß er die Sproſſen an der Leiter, die Jakob im Traume ſah, zählen und deuten kann. Dritter Tag, Kapnion. Mit dem Worte(Logos), welches ſchon nach Zeno aller Dinge Schöpfer iſt, wurde die Lehre von drei Perſonen in der Gottheit, wie ſie ſich in der jüdiſch⸗ alexandriniſchen Philoſophie durch eine Verbindung platoniſcher Ideen mit jüdiſchen Anſchauungen gebildet hatte, zum Ab— ſchluß gebracht. Reuchlin ergeht ſich hier in den abſtruſeſten Spekulationen, und dann fällt ihm doch auch wieder bei, daß daſſelbe Wort, welches er der Kirche folgend hier überall mit„Wort“ überſetzt im griechiſchen Urtexte ebenſowohl auch „Vernunft“ bedeutet, und daß dann die Vernunft als das er⸗ ſcheint, vermittelſt deſſen Gott alles ſchafft und wirkt im Him⸗ mel und auf Erden; ein Gedanke, der ganz nah an eine viel ſpätere Erkenntniß ſtreift, daß die Geſetze der Vernunft auch die Geſetze der Natur ſind. Aber er verfolgt dieſen Gedanken nicht, ſondern kehrt zurück zum dreieinigen Gotte, dem Meer der Güte, Quell des Lebens, Glanz alles Lichtes, der Sonne der geiſtigen Welt. Sein Bund mit Iſrael erliſcht. Als Gott Fleiſch wurde, da wurde das unausſprechliche Tetragramm ausſprechlich: der Name IHS VII iſt das neue Wunderwort, das Pentagramm; es iſt nichts anderes als das Tetragramm, dem in der Mitte noch das die Menſchheit bezeichnende 8 hinzugefügt iſt. Da ihm alle Gewalt gegeben iſt im Himmel und auf Erden, ſo geſchehen von nun an auch alle Wunder durch ihn, ihm wei⸗ chen alle andern Geheimkräfte, die Sterne des Himmels, die Gottheiten der Unterwelt, die Elemente, das Schweigen der Nacht, die Zauberſprüche der Chaldäer, die Weisheit des Zo— roaſter. Moſes ſiegt, weil er durch die ausgeſtreckten Arme das Kreuz vorgebildet. Joſuah konnte, weil ſein Name dem hochheiligen Pentagramm ähnlich iſt, der Sonne und dem Mond gebieten, und Gott ſelbſt hat ihm gehorcht. Aehnlich die Apoſtel. Und daß der Name ſelbſt in unſeren Zeiten der Verderbniß ſeine Kraft nicht verloren hat, ſagt Gregor von Nazianz, beweiſt der Umſtand daß die böſen Geiſter fliehen, wenn man ihn nennt. Nun iſt ein Ueberblick mög⸗ lich über die heiligen Namen. Das Trigramma 8D(Scha⸗ dai) war für den Naturzuſtand, das Tetragramma ADN (Adonai, denn IVI war nicht auszuſprechen) für die Zeit des Geſetzes, das Pentagramma III SVH für die Zeit der Gnade. Noch bleibt ihm ein letztes allerheiligſtes Wort übrig, das Wort vom heiligen Kreuze, das Reuchlin, um es nicht zu profaniren, der Luft nicht anvertraut; er ſagt es den Freunden ins Ohr, und wer Intereſſe hat es zu erfahren, kann es vielleicht bei Dionyſtus Areopagita finden, welcher nach Reuchlins Angabe im Werke de hierarehia ecelesiastica davon Erwähnung thut. Schwerlich hat Reuchlin andere Wunder im Auge, als die geiſtigen des Chriſtenthums, die in der Hülle ſinnlicher Bilder verſchloſſen ſind, und die erleuchteteren unter den Zeit⸗ genoſſen haben das Werk wohl nur ſo aufgefaßt. Was ihnen das Wohlthuendſte daran ſein mußte, iſt die Verſöhnung und Verſchmelzung der höchſten Gedanken der heidniſchen Bildung mit den bibliſchen Ideen; denn eine ſolche Beleſenheit in den klaſſiſchen Philoſophen, Rednern und Dichtern hatte man noch 1 E— 272720 TTT nie mit einem ſo großen Reichthum an Bibelkenn tniß verbun⸗ den geſehen. 8. Reuchlin in Heidelberg. Es war ein ſchwerer Schlag auch für Reuchlin, als Eber⸗ hard im Barte,„Wuͤrtembergs geliebter Herr,“ am 24. Feb⸗ ruar 1496 ſtarb. Der treffliche Fürſt hatte den Reichstag in Worms, wo er vom Kaiſer Maximilian zum Herzog erho⸗ ben und von den Fürſten des Reichs“ wegen ſeiner treuen Unterthanen glücklich geprieſen worden war, nur um dreizehn Wochen überlebt. Da ihm Eberhard der Jüngere folgte, derſelbe, deſſen Rathgeber Holzinger auf Reuchlins Betreiben zu Tübingen im Kerker lag, ſo hatte der letztere alles zu fürchten. Und er fürchtete alles. Man ſieht aus den Briefen der Freunde, daß er ganz entmuthigt und rathlos war. Der eine räth, auf Verſammlung des Landtags zu dringen, um durch deſſen Mitwirkung einem zu ſchroffen Ueberſpringen zu einer neuen Regierungsweiſe und neuen Perſönlichkeiten zu wehren;„es iſt jetzt nicht Zeit zu weinen,“ ſchreibt ein an⸗ derer,„du mußt, Reuchlin, wenn du ein rechter Stoiker biſt, ſogar noch andere tröſten. Sei ſtark im Unglück und vertrau auf Gott, dann werden dich auch die Freunde, welche du durch Tugend erworben haſt, nicht im Stiche laſſen. Bewahr im Unglück, tob' es auch noch ſo wild, Ein ruhig Herz dir.“ Die Lage Reuchlins war freilich ſchlimm genug: die alten Räthe des verſtorbenen Eberhard wurden nicht mehr gehört, unter den Günſtlingen Eberhard des Jüngeren hatte er keine Freunde und in Holzinger, der jetzt aus dem Kerker befreit und an die Stelle Nauklerus' Kanzler wurde, 28) den erbittert⸗ ſten Feind. Derſelbe ging darauf aus beim neuen Herzog die ſtrengſten Maßregeln gegen Reuchlin zu erwirken: Tod oder Gefängniß ſollte die ſchlimme Alternative ſein. Es liegt wohl nahe, wenn der kleine nächſte Horizont ſich verſinſtert, einen anderen zu ſuchen und leichterdings all dem Ungemach zu entgehen. Aber nur einen jungen Baum verſetzt man ohne Schaden. Und im Alterthum, wo freilich die religiöſen, politiſchen und ſocialen Bedingungen der Exiſtenz 30 an die Oertlichkeit gebunden waren, galt die Verbannung der Todesſtrafe gleich. Denn wo jeder Ort ſeinem beſonderen Gott gehörte, war außerhalb kein Heil zu hoffen. Darüber war nun freilich Reuchlin und ſeine Zeit hinaus: man war einen Schritt weiter gekommen und ließ das Heil von der Kirche abhängen. Aber doch blieben die anderen Bande, die an die Heimath feſſeln, und es koſtete Reuchlin einen ſchweren Kampf, bis er den Rath der Freunde Würtemberg zu verlaſſen zu ſeinem Entſchluſſe machte. Reuchlin ward Flüchtling. Sein Weib ließ er, wie es ſcheint, in Stuttgart zurück und wandte ſich nach der Pfalz. Denn nach Heidelberg hatte man ihn längſt eingeladen. Johann von Dalberg, 20) Biſchof von Worms und Kanzler der Univerſität Heidelberg, als Gelehrter und Freund der Gelehrten berühmt und einflußreich, hatte wiederholt an Reuchlin geſchrieben, daß er ihn zu den ſeinigen zähle; er bitte und ermahne ihn bei ihrer gegenſeitigen Liebe, bei der heiligen Wiſſenſchaft, zu ihm zu kommen, ſie hätten zum Frommen des Staates und der Wiſſenſchaft viel mit einander zu reden. a Reuchlin war vorerſt der Gaſt des Kanzlers und der Rector ſeiner Bibliothek. Aber ſobald er mit dem Kurfürſten Philipp bekannt geworden war, wurde er deſſen Bibliothekar und täglicher Geſellſchafter und erhielt am 31. Dezember 1497 die Beſtallung als kurfürſtlicher Rath und oberſter Zuchtmeiſter der kurfürſtlichen Söhne gegen hundert Gulden Gehalt, ein Hofkleid und Entſchädigung für zwei Pferde.?) Es war ein reges, heiteres Leben in Kurpfalz, Luſtfahrten auf Neckar und Rhein unterbrachen die ernſteren Geſchäfte, und Reuchlin ge⸗ denkt ſpäter der ſchönen Nächte, die er an Wackers(Vigilius' und Wimphelings Seite in Heidelberg zugebracht hatte. 2“) Oft ging's nach Ladenburg(ein castra latina“) hinüber, wo Dalberg, mit den Wormſern in Streit, ſeine biſchöfliche Re⸗ ſidenz hatte. Denn hier war auch ſeine Bibliothek, die Reuch⸗ lin einen einzigen Schatz von Deutſchland nennt, und die er ſchon früher von Stuttgart aus vielfach benützt haben muß. 27) Dieſe ſonnigen Tage öffneten Reuchlins poetiſche Ader wieder. Die Epigramme und Elegieen ſeiner Jugend, obgleich E AA 31 im Druck herausgegeben, 28) ſind nicht mehr vorhanden. Aber dramatiſche Erzeugniſſe ſind auf uns gekommen, die aus Hei⸗ delberg ſtammen. Die Komödie Sergius iſt das bedeutendſte: den Schädel des Sergius, jenes griechiſchen Mönchs, der aus ſeinem Kloſter entflohen dem Mahomed bei Abfaſſung des Koran behilflich geweſen ſein ſoll, bringt ein gleißneriſcher Prieſter als wunderthätige Reliquie auf die Bühne, und es wird mit hinreißender Beredtſamkeit entwickelt, was alles in einem ſolchen Schädel ſtecke: mit dem Schädel war Holzinger gemeint; da aber ein Franziskaner, der ſich gerade am Hofe aufhielt und beim Kurfürſten in Gunſt ſtand, von ſolchem Charakter war, daß zu fürchten ſtand, er möchte das un⸗ ſchmeichelhafte Porträt auf ſich beziehen, ſo widerrieth Dalberg, ein vornehmer Mann, wie Schloſſer ſagt, der ſich auch ſpäter des Freundes im Streite nicht mehr annahm, die Aufführung: Reuchlin ſchrieb daher in der Eile ein anderes Stück, Henno, eine Nachahmung des franzöſiſchen Patelin, worin er die Ad—⸗ vokaten geißelt. Die Studenten, die das Stück aufführten, ſind am Ende genannt. Sie wurden von Dalberg bewirthet und mit goldenen Ringen und Denkmünzen beſchenkt. Das Stück iſt in lateiniſchen Verſen geſchrieben und iſt bisweilen mit dem Sergius unter der Geſammtüberſchrift„Theatraliſche Vorübungen“ 29 mal gedruckt werden. Dieſe Stücke waren darauf berechnet von Schülern aufgeführt zu werden und ihnen Uebung im Lateinſprechen zu geben. Der Henno iſt auch ins Deutſche überſetzt worden, und auf dieſem Umſtand beruht es wohl, wenn Reuchlin von Schloſſer ein Begründer der deutſchen Bühne genannt wird. Außerdem ſchrieb Reuchlin in Heidelberg für die neu aufblühende Juriſtenfakultät ein Handbuch des Civilrechts und für den Kurfürſten auf deſſen Bitte eine kurzgefaßte Weltgeſchichte, 9) welche den Stoff der alten Geſchichte unter die vier Weltmonarchien vertheilt(aſſyriſche, perſiſche, ma⸗ kedoniſche und römiſche), eine Form, die bis an die Schwelle unſerer Zeit maßgebend geblieben iſt. Wenigſtens in der Pfalz, und noch der Verfaſſer dieſer Darſtellung hat ſeinen erſten hiſtoriſchen Unterricht aus den vier Monarchien ge— 32 ſchöpft, die er in deutſcher Bearbeitung unter den Büchern ſeines Vaters fand. Ein akademiſches Lehramt hat Reuchlin in Heidelberg nicht bekleidet. Er wollte zwar öffentliche Vorträge über das Hebräiſche halten, allein die gut konſervativen Lehrer der Uni⸗ verſität wehrten der Neuerung, und da half weder die hellere Einſicht des Kanzlers Dalberg noch die Fürſprache des Kur⸗ fürſten, denn die akademiſche Freiheit, d. h. das Privilegium der Selbſtregierung, oft ein Hort des freien Gedankens, bis⸗ weilen auch ein Hemmniß deſſelben, ſicherte wie das ganze Zunftweſen den alten Meiſtern das Recht einen neuen nicht zuzulaſſen, wenn ſeine Lehren misliebig waren. Misliebig aber war das Hebräiſche, ſchon weil es neu war, und Reuchlin ſchon, weil er die in Heidelberg erlaubte Philoſophie, die Scholaſtik, bekämpfte. Er durfte es nur privatim lehren. 0) Und mit dem Griechiſchen ging es kaum beſſer, wie das fol⸗ gende Kapitel zeigen wird. 9. Reuchilus Bruder Dionyſius. Reuchlin hatte einen jüngeren Bruder, Dionyſius. Er hatte mit zärtlicher Sorge über ſeiner Erziehung gewacht und ihm ſogar einen Aufenthalt in Italien verſchafft. Ein Dok⸗ tor Streler, ohne Zweifel als Hofmeiſter beige geben, ſpäter Reuchlins Kollege als ſchwäbiſcher Bundesrichter, ſchreibt 1492 aus Florenz an Johann Reuchlin: dein Bruder Diony⸗ ſtus iſt eifrig im Studieren, und du wirſt die auf ihn ver⸗ wandten Koſten nicht zu bereuen haben. An dieſen Bruder nun dachte Reuchlin, als es ihm gelungen war den Kurfürſten zur Gründung einer Profeſſur für griechiſche Sprache zu ge⸗ winnen. Denn Dionyſius war unterdeſſen, im Jahr 1494, zu Tübingen Magiſter geworden. Es war zwar früher ſchon Griechiſch in Heidelberg gelehrt worden von Rudolph Agri⸗ kola, aber nur privatim: der erſte Profeſſor für griechiſche Sprache in Heidelberg war Dionyſius Reuchlin: er ſteht im Matrikelbuche der Univerſität eingeſchrieben am 26. Juli 1498 als M. Dionysius Rüchlin de Pforzen. Obgleich er in den Acten der„Artiſtenfakultät“ der neue Ordinarius im Griechiſchen P 933——— 33 genannt wird, ſo ſcheint er doch einen Gehalt nicht bezogen zu haben. 31) Kurfürſt Philipp zeigt der philoſophiſchen Fa— kultät die Ernennung mit folgenden Worten an:„Wir haben verordnet unſer Univerſitet und iren Glidern und Studenten zu Ere, Nutz und Furderung Unſers Rats und lieben ge— truwen Doctorn Johans Reuchlins Bruder Maiſter Dionyſen in Krichiſchem Geſprech und Zungen hie zu leſen, allen den ſo in horn und dorin lernen wollen. Und ſolchs nit bequemer daß in euwer ober Schul on alle Verhinderung geſcheen mag, begern wir an Uch bittend, Ir wollet darin willigen und ihm die ſchul offnen.“. Aber die Mönche, welche in Heidelberg die philoſophiſche Fakultät repräſentirten, willigten nicht ein. Sie waren nicht beſſer und nicht ſchlimmer als weiland ihre Kollegen in Baſel: es iſt, wie wenn die Religion, ſobald ſie profeſſionsmäßig be⸗ trieben wird, zu ihrem Gegentheil umſchlüge und ihrer ſchönſten Blüthen verluſtig ginge, der Beſcheidenheit und des Reſpekts vor dem Geiſte. Die Mönche hatten freilich das hiſtoriſche Recht für ſich; die griechiſche Profeſſur war eine Neuerung. Aber wäre es nicht ein Zeichen echter Frömmigkeit geweſen, die Neuerung, die von anerkannt achtbaren und geiſtvollen Männern aus⸗ ging, nicht zu hindern, ſondern Gott zu verehren, der ſich in mancherlei Weiſe offenbart, und der Wahrheit zu vertrauen, die des Schutzes nicht bedarf? Es folgt ein zweites Schreiben des Kurfürſten:„Als wir Uch erſt haben thun ſchreiben und begert des Erſamen Maiſter Dionyſen in uwer obern Schul zum Tag ein Stund in graeca lingua zu leſen, das ir uch weigern wir Uns nit verſehen hetten, in Anſehen das on uweren Schaden er auch wol ein Stund im Tag haben mag, in des ir der Schul uch nit gebruchen, und ſowir genant Maiſter Dinoyſen gemeiner Univerſitet zu Gut alſo zu leſen verordnet haben, begeren wir abermals an uch mit Ernſt vch in ſolchen vns angezeigten Vrſachen nit zu weigern, ſondern gutwillig beweiſen, das kommt Uns zu gefallen, verlaſſen Uns des auch zu och. Datum Heidelberg uff Montag sixti anno 1498. 32) Lamey, Johann Reuchlin. 2 3 Es half alles nichts: die Mönche fühlten ſich in ihrem Gewiſſen gedrungen ſich der Neuerung aus allen Kräften zu widerſetzen, und es gelang ihnen die Bemühungen des Hofes zu vereiteln, indem ſie dem aufgedrungenen Kollegen keinen Hörſaal bewilligten. 3) Die Mönche hatten für diesmal durchgeſetzt in Heidelberg, und es erſcheint erſt 1523 in der Perſon des Simon Grynäus, ebenfalls eines Zöglings der Pforz— heimer Schule, ein anderer Lehrer des Griechiſchen an der Univerſität. Dionyſius Reuchlins Spur aber verliert ſich auf eine Weile, und wo er zuerſt wieder vorkommt, in einer la⸗ teiniſchen Grammatik des Dichters Braſſikanus(Kohlburger), welcher er 1506 in Pforzheim empfehlende Epigramme bei⸗ drucken läßt, nennt er ſich wieder Prieſter. Dann wird er 1516 noch einmal erwähnt, wo Johann Reuchlin und ſeine Geſchwiſter Eliſabeth und Dionyſius in die Brüderſchaft der Auguſtiner aufgenommen werden.“) Sonſt weiß man nur noch, daß er Geiſtlicher im Elſaß wurde, die Reformation bei ihrem Eintritt annahm und ſich ſofort verheirathete. In dieſem Lande und in dieſem Stande blieben meiſt ſeine Nach⸗ kommen, bis das Geſchlecht mit Friedrich Jakob Reuchlin, Profeſſor der Theologie und Prediger an der Thomaskirche zu Straßburg, erloſch. Derſelbe ſtarb im Jahr 1788 in ſeinem 93. Jahre. 10. Johaun Reuchlius zweite Reiſe nach Rom und ſeine Heimkehr nach Würtemberg.) Der Papſt Alexander VI. hatte auf die Klage der Mönche von Weiſſenburg, daß ihnen vom Kurfürſten Philipp von der Pfalz ein Theil ihrer Einkünfte vorenthalten werde, über denſelben die Exkommunikation ausgeſprochen. Um dieſe Angelegenheit zu ſchlichten wählte Philipp ſeinen Rath Reuch⸗ lin zum Geſandten. Mit beredten Worten ſtellte derſelbe am 7. Auguſt 1498 vor dem Papſte den Sachverhalt dar, zeigte das Uebereilte der Exkommunikation, die über Philipp aus⸗ geſprochen worden, ohne daß er gehört war, und ſtellte die Behauptung auf, daß die Sache als eine weltliche vor den — Kaiſer und nicht vor den Papſt gehöre. Und mit einem für die damalige Zeit ſeltenen Freimuth fügte er hinzu:„Du biſt eingeſetzt als ein Prieſter, der Chriſto ähnlich ſein ſoll, damit du die verwundeten Herzen heileſt, nicht daß du Eſſig ſondern linderndes Oel in die Wunden gießeſt. Du ſollſt dich als einen Vater zeigen, nicht als einen Sieger.“ Die Rede erregte Aufſehen, aber es verging ein Jahr bis die Sache nach Reuchlins Wunſch erledigt wurde. Es war für ihn kein verlorenes. Hebräiſche und griechiſche Studien be— ſchäftigten ihn. Es war bei dieſem Aufenthalt, daß der Grieche Argyropylos, deſſen Vorleſungen in einer Halle des Vatikan er beſuchte, ihn auf die Probe ſtellen wollte, um zu ſehen, was denn ein Deutſcher vom Griechiſchen verſtünde, und voll Verwunderung über die Gewandtheit, mit welcher Reuchlin den Thukydides las und erklärte, ausrief:„Unſer vertriebenes Griechenland iſt auch ſchon über die Alpen nach Deutſchland geflogen.“ Bereichert an Kenntniſſen und beladen mit Handſchriften und Druckwerken, die er für die Heidelberger, für Dalbergs und ſeine eigene Bibliothek erworben hatte, kehrte Reuchlin in die Pfalz zurück. Unterdeſſen hatten ſich die Dinge in Würtemberg geän— dert. Dem ſteigenden Unwillen des Volkes und dem dringen⸗ * den Verlangen der Räthe mußte Eberhard d. J. endlich nach— geben und einen Landtag berufen. Der Landtag kam zuſammen und entſetzte am 10. März 1498 den Herzog: ein Regiments⸗ rath ſollte bis zur Volljährigkeit des jetzt elfjährigen Ulrich die Regierung führen. Im April wurde mit dem gewaltthä— tigen Hans von Stetten auch wieder Holzinger in Haft ge⸗ nommen, Nauklerus trat wieder ins Amt, und der Kaiſer be— wog, um ſolche Streitigkeiten widerwärtigſter Art ſchicklich zu ſchlichten, am 2. Juni, indem er die ganze Veränderung be⸗ ſtätigte, den Herzog zur nachträglichen Entſagung, durch welche ſchließlich der Vertrag von Horb am 10. Juni 1498 möglich wurde.„Wenn die Ziegel verdoppelt werden, kommt Moſes,“ ſagte Reuchlin, der ſich der Veränderung herzlich freute, denn ſie gab ihm Haus und Heimath wieder. Ja, die Heimath, 36 denn Schwaben war ihm zur Heimath geworden; hier ſtand er auf eigenen Füßen, hier war ſeine Wirkſamkeit ungehemmt geblieben von Rückſichten und Einflüſſen, die ihm fremd waren. Es wird nicht bloß Zufall ſein, daß Widman, markgräflicher Leibarzt zu Baden, Hildebrand aus Schwetzingen, Melanch—⸗ thon aus Bretten, Simler aus Pforzheim, Profeſſoren in Tübingen und Anſelm aus Baden Univerſitätsbuchdrucker wurden. Und in Heidelberg hatte Reuchlin nicht einmal ſei— nen Bruder dem mönchiſchen Einfluß gegenüber eine nach⸗ haltig wirkſame Stellung verſchaffen können. Ungern, aber mit vielen Ehren entließ ihn Philipp aus Heidelberg. Er kam im Sommer 1499 nach Stuttgart, wo er von den alten Freunden herzlich empfangen wurde und von nun an aus— ſchließlich den Wiſſenſchaften zu leben gedachte. Aber auch jetzt blieb ſeine Muße nicht ungeſtört. Die Peſt, die 1501 in Pforzheim wüthete, kam auch nach Stutt— gart und vertrieb Reuchlin mit ſeiner Frau: doch verließ er die Stadt erſt gegen Ende des Sommers 1502 und lebte eine Zeit lang im Kloſter der Dominikaner zu Denkendorf un⸗ weit Stuttgart. Hier machte er ſich durch Vorträge nützlich, die er den Mönchen„über die Kunſt zu predigen“ hielt, ſo wie durch eine Schrift, welche er 1504 unter dieſem Titel zu Pforzheim herausgab. In der Vorrede ſchreibt er an den Probſt jenes Kloſters:„Ich habe dies Büchlein verfaßt um dazu beizutragen aus den jungen Leuten, die dich umgeben, evangeliſch-geſinnte Männer zu machen, die das Volk zu beſſern ſtreben.“ Er erklärte als den Zweck der Predigt die Men⸗ ſchen durch Bekanntmachung mit der heiligen Schrift zur Tu— gend und Gotteserkenntniß zu führen: die Aufgabe des Pre digers ſei daher auf die Ueberzeugung zu wirken, und ſeine höchſte Kunſt alle Kunſt zu verbergen. Im übrigen enthält die Schrift die wichtigſten Sätze der Redekunſt überhaupt, an⸗ gewandt auf die geiſtliche Beredtſamkeit, die Grundlagen der Disziplin, welche beſonders von proteſtantiſchen Theologen un— ter dem Namen Homiletik weiter ausgebildet worden iſt. Das Jahr 1502 brachte mit neuer Ehre neue Laſt. Der ſchwäbiſche Bund, ein anſehnliches Stück Deutſchland(1488 — N n 2— zur Aufrechthaltung. des Landfriedens neu gegründet und ſchon 1533 wegen ſteigender Macht wieder aufgehoben) wählte Reuchlin zum Bundesrichter der erſten Ordnung, in welcher der Kaiſer als Herzog von Oeſtreich, die Kurfürſten und Für⸗ ſten begriffen waren. Die Beſoldung betrug 200 fl., und der Titel war:„der Kaiſerl. Majeſtät als Erzherzog von Oeſtreich, auch Kurfürſten und Fürſten gemeiner Bundesrichter in Schwaben.“ Fanden auch die Sitzungen in Tübingen nur alle Quatember ſtatt, ſo waren die Geſchäfte, die ſich daran knüpften, doch nicht unbedeutend, und Reuchlin klagt:„Seit ich mich dem Studium der Rechte widmete, ſtürzte ich mich in eine knechtiſche Lage und überlud mich mit einer ſo großen Menge von Streitſachen, theils für Privatperſonen, theils für den Staat, daß mein ohnehin ſchwacher Körper darunter litt; denn die vielen Sorgen und Arbeiten entzogen dem Körper den Schlaf, dem Geiſte die Kraft. Doch ward mir auch ein beglückender Lohn nach jenen Mühen: die Liebe meiner Freunde und das Studium der Wiſſenſchaften. Darum ſage ich mit Dionyſius: mein Geiſt wurde beruhigt nicht allein durch die Kenntniß der Wahrheit, ſondern damit auch durch das Aufnehmen des Göttlichen.“ Elf Jahre hat Reuchlin dies Amt verſehen; vermuthlich gab er es auf, als der Sitz des Bundesgerichts von Tübingen nach Augsburg verlegt wurde, da es dem jetzt betagten Manne zu beſchwerlich werden mochte, alle Quatember die Reiſe zu unternehmen. Hatte er doch ſeit Jahren auf den Rath ſeines Arztes wenigſtens für die Sommermonate das Geräuſch der Stadt verlaſſen müſſen: er brachte die ſchöne Zeit mit ſeiner Frau auf einem kleinen Landgute zu, das er zu dieſem Zwecke gekauft hatte. 11. Warumb die Inden ſo lang in ellend ſind. Seine größeren wiſſenſchaftlichen Arbeiten unterbrach Reuchlin im Jahr 1505 um eine Gelegenheitsſchrift abzufaſſen. Ein Edelmann, der ſich, vermuthlich weil ſich viele Juden in ſein Gebiet gezogen hatten, lebhaft für die Lage dieſes Volkes intereſſirte, wünſchte die Anſicht eines angeſehenen ſchriftkun— 38 digen Mannes darüber zu vernehmen, und auf ſeine Bitten erſchien„Doctor johanns Reuchlins tütſch miſſive. warumb. die Juden ſo lang in ellend ſind. Datum in Wyhenacht feier— tagen zu einem guten ſeligen jar. Ad annum 1505. Ge— druckt zu Pfortzheim.“ 36) Wenn Reuchlin hier die Verbannung der Juden von der Sünde herleitet, die ſie gegen Chriſtus begangen, ſo möchten wir chriſtlichen Schrift teller fragen, ob er vergeſſen, daß ſelbſt der ſtrenge Judengott die Sünden der Väter an den Kindern nun bis ins dritte und vierte Glied ſtraft? Doch nein, er hat es nicht vergeſſen: er erklärt die Fortdauer der Strafe, die nun ſchon in die 1400 Jahre ging, während ſie für die Abgötterei mit 79 Jahren babyloniſcher Gefangenſchaft davon gekommen waren, durch die Verſtocktheit, mit welcher ſich ihre Gottes— läſterungen täglich erneuern. Die Strafe würde aufhören, ſobald ſie Jeſum als den Meſſias anerkennen würden. Hätte wohl Reuchlin dem Druck, unter welchem die Chriſten ſeit mehr als fünfzig Jahren in der Türkei ſchmachteten, eine ähn⸗ liche Erklärung gegeben? Daß auf chriſtlichem Standpunkt die Thatſache der äuße⸗ ren Erniedrigung an und für ſich gar nicht das Entſcheidende iſt; daß im Reich Gottes alles auf die Geſinnung ankommt und das treue Feſthalten an ihr ſich gerade in Noth und Verfolgung bewähren muß; daß es vorzugsweiſe dies iſt, was die Apoſtel den Glauben nennen, den Grund der Seligkeit, ja daß dieſe Wahrheit unter allen Wahrheiten des Chriſten⸗ thums die am allgemeinſten anerkannte iſt, weil ſie für die Chriſten aller Bekenntniſſe in dem gemeinſchaftlichen Aus— gangspunkt ihrer Religion, dem Leben und Tod Jeſu, ver⸗ körpert iſt, und daß es darum mindeſtens eben ſo nahe lag den Grund des Elendes der Juden ganz wo anders zu fin⸗ den, nämlich in der Unchriſtlichkeit der Chriſten: das ſah er nicht. Aber er mochte ſo etwas fühlen, wenn er am Schluſſe der kleinen Schrift darauf dringt, daß man die Juden durch Liebe und Belehrung zum Chriſtenthum führen ſolle.„Wel⸗ cher vom Meſſiah und unſerem rechten Glauben,“ fügt er hinzu,„gern wölt underwieſen werden. des wölt ich mich 39 williglich anneemen: und helfen, das er kein ſorg bedörfft haben unb zytlich narung. Sonder möcht gott rüwiglichen dienen und aller ſorg fry ſyn.“ Wenn Raumer in ſeinem trefflichen Werke, Geſchichte der Pädagogik, die Anſichten dieſes Sendſchreibens klar und treffend findet, ſo zeigt er damit, daß er in dieſer Frage auf dem Standpunkte ſteht, welchen Reuchlin im Jahr 1505 ein— nahm, und auf welchem derſelbe, wie man aus Aeußerungen in ſpäteren Schriften erſieht, keineswegs ſtehen geblieben iſt. 12. Die Früchte der hebräiſchen Studien, Kabbaliſtik und Anfangsgründe des Hebräiſchen. Mit unſäglicher Mühe war Reuchlin in die hebräiſche Sprache eingedrungen, und ſein Hauptziel war dabei, wie ſich ſchon beim Werk vom wunderthätigen Wort gezeigt hat, die Erforſchung der kabbaliſtiſchen Geheimlehre. Iſt auch ſein Werk über die kabbaliſtiſche Kunſt erſt 1516 erſchienen, ſo muß es doch des Zuſammenhangs wegen ſchon hier be— ſprochen werden. Es iſt eine reifere, weniger glänzende, aber mehr ſyſtematiſche Ausführung der Ideen, die ſchon dem Werke vom wunderthätigen Worte zu Grunde liegen. Wie dieſes beſteht es aus drei Büchern und enthält die Unterredung dreier Männer, eines Mahometaners Marranus, eines pytha— goräiſchen Philoſophen Philolaus und eines jüdiſchen Gelehr— ten Simon zu Frankfurt. Zu Frankfurt treffen ſich die zwei Erſteren in der Herberge und beſuchen dann den Dritten, der ihnen die Geheimniſſe der Kabbala offenbart. Alle Erkennt— niß des Ueberſinnlichen, dies iſt der Grundgedanke, iſt nur durch göttliche Erleuchtung möglich: darum verlangte Pytha— goras von ſeinen Schülern zunächſt Schweigen, und dieſe konnten für jede Erkenntniß keinen entſcheidenderen Grund angeben als: Er hat's geſagt Darum haben die Kabbaliſten als beweiſende Formel den ähnlichen Ausdruck: Die Weiſen haben's geſagt. Darum heißt es bei den Chriſten: Glaube. Die aus der ſinnlichen Welt abſtrahirten Begriffe der Ma— thematik, die arithmetiſchen der Zahlengrößen, ſo wie die geo— 40 metriſchen von Punkt, Linie, Fläche, Würfel werden ſofort in pythagoräiſcher Weiſe ſymboliſch gefaßt und nicht nur als Bilder ſondern als Träger und Elemente der höchſten Idee dargeſtellt: beſonders die vier geometriſchen Formen werden zu Ausführungen benutzt, welche lebhaft an Schellings Jor⸗ dano Bruno erinnern; andrerſeits führen ſie wieder auf das Tetragramm zurück, deſſen Geheimniſſe nicht ſinnlich wahrge— nommen, nicht von der Vernunft erforſcht, ſondern nur vom Geiſte(mens) aufgenommen werden können, von dieſer dritten und höchſten Inſtanz des menſchlichen Erkenntnißvermögens, wo das höhere Licht die Erkenntniß überſtrahlt und den freien Willen des Glaubens in Bewegung ſetzt. Und hier läßt denn der Philoſoph, ich hätte beinahe geſagt der Dichter, ſeinen Intuitionen ganz den Zügel ſchießen, und da die Buchſtaben des Tetragramms zugleich Zahlzeichen ſind, ſo gelingt es ihm die Zahl der Engel zu berechnen und durch allegoriſche Deu— tungen der altteſtamentlichen Erzählungen in ungemeſſene Höhen emporzuſteigen, wo dem Erdgeborenen das Athmen ſchwer wird. Wenn Reuchlin hier das Beſtreben der Vernunft Gott zu erkennen dem Kampf der Titanen vergleicht, die ſich ver⸗ geblich bemühen, den Himmel zu erſtürmen, ſo erinnert ſein eigenes Beginnen, indem er die Traditionen des Pythagoras und der Kabbaliſten, die er für identiſch hält, gläubig für gottgegebene hinnimmt und zwar in einem andern Sinne für gottgegebene als andere Werke des Geiſtes, an das Beiſpiel des Ixion, welcher eine Wolke für Here umfaßte: unförmige Geſchöpfe, die Kentauren, waren die Frucht., Doch Ehre ſei jedem redlichen Streben. Auch der Irr⸗ weg hat ſeinen Lohn. Aus der Verirrung der Alchymiſten ging die Chemie hervor; der ſächſiſche Apotheker, welchen der Kurfürſt zur Strafe wegen der ſchwarzen Kunſt einſperren ließ, bis er Gold gemacht hätte, erfand das Porzellan; Berthold Schwarz kam auf ähnlichem Weg zur Bereitung des Schieß⸗ pulvers, und noch Kepler nennt die Aſtrologie die Buhlerin, von deren zweideutigem Erwerb ſich die keuſche Aſtronomie ernähren laſſen müſſe. Und Reuchlin hat dem kabbaliſtiſchen 41 Aberglauben zulieb das Gebiet der hebräiſchen Sprache und Literatur für die deutſche Wiſſenſchaft erobert. Nicht als wäre dies das einzige Motiv geweſen, denn in der Vorrede zum erſten Buch der hebräiſchen Anfangsgründe ſagt er:„Ich habe oft über den Verfall nachgedacht, in welchen das Stu— dium der heiligen Schrift gerathen iſt: denn wie vormals über der Menge philoſophiſcher Spitzfindigkeiten, ſo iſt ſie neuer⸗ dings über dem anmuthigen Studium der Beredtſamkeit und Dichtkunſt nicht bloß vernachläßigt, ſondern bei vielen wirklich verachtet worden. Ich dachte daher auf ein wirkſames Mittel, um zu verhüten, daß nicht die heilige Schrift endlich vielleicht ganz verloren gehen und unſre Seelen darüber bei dem reizen— den Geſange jener Sirenen, dem kaum ein Ulyſſes widerſtehen kann, ins Verderben gerathen möchten.“ Und er fand dieſe Gefahr um ſo dringender, weil die Juden aus Spanien und manchen Gegenden Deutſchlands vertrieben nach der Türkei flüchteten und ſo die Kenntniß des Hebräiſchen im Abendland ganz unmöglich zu werden drohte. Aber es war doch das Hauptmotiv, wie man aus den bedeutungsvollen Worten am Schluſſe des zweiten Buches ſieht, wo er Kraft erfleht für die Vollendung des dritten,„damit das Werk Männern von tiefer Anſchauung(contemplantissimis hominibus) zur Erforſchung der geheimen Dinge und zur Vereinigung des menſchlichen Geiſtes mit der Gottheit den Weg bahne.“ Die Vereinigung mit Gott (deificatio) iſt aber das Ziel der Kabbala. Und Aehnliches findet ſich am Schluſſe des dritten Buches, wo Picus' Worte angeführt werden, daß das Hebräiſche der Schlüſſel ſei zur Erforſchung aller Dinge(eujuscunque seibilis perſecte inve- niendi norma et regula). Das Streben dieſe geheime Offen barung ans Licht zu bringen hatte Reuchlin geſpornt: ſeit ſechszehn Jahren hatte er jeden Augenblick, den er ſeinen viel— fachen andern Geſchäften und zu oft dem Schlafe abbrach, darauf verwandt; noch in Rom 1498 hatte er dem Juden Obadias Jakobsſohn Sphorno die hebräiſche Stunde mit einer Goldkrone bezahlt und überhaupt den größten Theil ſeines Vermögens für Anſchaffung der koſtſpieligen hebräiſchen Ma— nuſcripte und der noch wenig zahlreichen Druckwerke verbraucht. 22 Jetzt erſchienen die Anfangsgründe des Hebräiſchen, Pforzheim 1506 bei Thomas Anshelm, ein Werk, in welchem Reuchlins wiſſenſchaftliche Verdienſte kulminiren, weil er damit „ein Erſter“ war. 37) Darum hat er auch, im Bewußtſein etwas Großes vollbracht zu haben, nachdem er in den zwei erſten Theilen das Wörterbuch, im dritten die Grammatik aufgeſtellt hat, an's Ende des Ganzen Horaz' ſtolze Worte geſetzt: Jetzt ſteht mein Monument, dauernder als das Erz. Und ſpäter, den Verdächtigungen ſeiner Feinde gegenüber,“) rühmt er, daß er das Werk nur mit eigener Anſtrengung ge— macht habe„zu nutz und uffgang der hailigen geſchrifft und unſern ſtudenten zu luſt und übung— und iſt vor mir nie kainer kummen, der ſich underſtanden hat, die gantze Hebräiſche ſprach inn ain Buch zu reguliren— und ſolt der neid ſein (Pfefferkorns) hertz zerbrechen, dannocht bin ich der erſt.“ So ſchreibt er an Amerbach:„Denn ſoll ich leben, ſo muß vie hebräiſche Sprache herfür mit Gottes Hilf. Sterb ich dann, ſo han ich doch einen Anfang gemacht, der nit leichtlich wird zergon.“ Dieſer Zuverſicht entſprach freilich der äußere Erfolg des Buches nicht ſogleich. Er hatte das Werk auf eigene Koſten drucken laſſen: 700 Exemplare waren bei Anshelm in Pforzheim auf dem Lager, dieſe übernahm Amer— bach in Baſel, drei Exemplare zu einem Gulden. Als nun Amerbach über Mangel an Abſatz klagte, wenn er auch das Buch um ein Drittel wohlfeiler gabe, ſo ſchrieb ihm Reuch⸗ lin: er ſolle warten, dann werde er noch viel Geld daraus löſen. 39) Es lag aber in der Natur der Sache, daß dieſes Werk mehr eine intenſive Wirkung hatte: es wurde wichtig nicht durch die Menge derer, in deren Hände es kam, ſondern durch die Bedeutung derer, die es ſtudierten. Es waren die chriſt⸗ lichen Theologen, und zunächſt die unter ihnen, welche durch tiefere Studien eine urſprünglichere Auffaſſung der chriſtlichen Religion erſtrebten und den Glaubensinhalt von einem Theil der im Lauf der Jahrhunderte angewachſenen Satzungen be— freiten. Denn da das Judenthum die Vorſtufe des Chriſten⸗ thums iſt, ſo ſind die Quellen der jüdiſchen Religionslehre, 2 43 die Bücher des Alten Teſtaments, zum Theil zugleich eine Quelle der chriſtlichen Religionslehre, und es mußte für die letztere von höchſter Bedeutung ſein, daß das Alte Teſtament in der Urſprache zugänglich wurde. Hier, und nur hier iſt der Punkt, wo Reuchlin zur Reformation in einem unmittel— baren Verhältniß ſteht, ja wo er ſelbſt ſchon ein kirchlicher Reformator im hiſtoriſch beſtimmten Sinne genannt werden könnte, wenn ſein Weſen mehr aggreſſiver Art und weniger beſchaulich geweſen wäre. Aber er war von Natur mehr mit Zucht und Zügel angethan als mit Speer und Sporn be⸗ waffnet, und ſelbſt die Nothwehr, die ihn ſpäter in unfreiwilli— gen Kampf trieb, konnte ſein Gemüth nicht zu dem Ent⸗ ſchluſſe ſtählen, ſich der unbedingten Unterwerfung unter die hergebrachten Kirchenlehren, weil ſie ihn nicht mehr befriedig— ten, zu weigern, und nun auch zur Aenderung derſelben die rechten Schritte zu thun. Und wenn auch Reuchlins geſammte wiſſenſchaftliche Thätigkeit, die Einführung des Griechiſchen in die deutſchen Schulen und die Verdrängung der bisherigen Schulphiloſophie der Reformation in hohem Grade förderlich ſein mußte, ſo waren dies doch nur Dinge, die er als Ge— lehrter zwar nicht ganz unangefochten von untergeordneten Re⸗ präſentanten der kirchlichen Autorität, aber doch immer noch unter dem Schutz der Kirche thun konnte, wie ſie in Italien, ohne daß eine Reformation dadurch herbeigeführt wurde, bei den einflußreichſten Perſönlichkeiten, ſelbſt bei einigen Päpſten Förderung und Pflege fanden. Philologie und Philoſophie ſind Wiſſenſchaften für ſich und können auf die Theologie, wie ſie zu aller Zeit gethan haben, nur mittelbar einen Einfluß üben. Mit dem Hebräiſchen aber und den altteſtamentlichen Studien rührte Reuchlin unmittelbar an die Theologie und! kam in einen Gegenſatz zur Kirche, deſſen er ſich ſelbſt nicht ſo klar bewußt war, als ihn bald nachher der Inſtinkt der Dominikaner zu Köln erkannte. Denn hatte nicht die Kirche mit dem Verſprechen allein ſelig zu machen die Sorge über— nommen für alles, was dazu nöthig war? Hatte nicht der Papſt Gelaſius die lateiniſche Ueberſetzung des Alten Teſta— ments vom heiligen Hieronymus für untadelig erklärt? Wer 2 durfte nun Fehler in der Vulgata finden? Was ſollte das Studium des Urtextes? Es ſetzte offenbar einen Zweifel in die Unfehlbarkeit des Kirchenhauptes, ein Verwerfen des über— zeugungsloſen Glaubens auf menſchliche Autorität voraus, und Reuchlin ſpricht dies auch in der Vorrede zum dritten Buche unumwunden aus:„Es werden viele über Verwegen— heit ſchreien, daß ich die Auslegungen der alten Väter an— greife, des heiligen Hieronymus und des ehrwürdigen Niko— laus von Lyra. Sie gelten bei allen gläubigen Chriſten als anerkannte Ausleger der heiligen Schrift, und nun kommt ſo 5 ein Räuchlein und will behaupten, daß jene großen Männer an vielen Stellen falſch überſetzt hätten.— Aber die Septua— ginta iſt von Hieronymus getadelt worden, den Hieronymus hat Lyra berichtigt, und an Lyra hat der Biſchof von Bour⸗ ges vieles auszuſetzen gehabt. Warum dürfte nicht auch ich meine Anſichten über wiſſenſchaftliche Auslegung mittheilen? Denn wenn ich auch den heiligen Hieronymus wie einen Engel verehre und den Lyra als einen großen Lehrer achte, ſo beuge ich mich doch vor der Wahrheit wie vor Gott.“ Das war ein neues unerhörtes Prinzip, daß die Wahrheit, wie ſie die Wiſſenſchaft findet, ein Recht habe gegenüber der kirchlichen Autorität, daß die Bibel und ihre freie wiſſen— ſchaftliche Auslegung die Quelle chriſtlich-religiböſer Erkenntniß ſei— da haben wir das Prinzip des Proteſtantismus, wie es gegenwärtig noch die maßgebende Urkunde in der Heimath Reuchlins aufſtellt: das einzige, in welchem ſich heute noch alle berechtigten Vertreter deſſelben zuſammenfinden; das ein⸗ zige, welches in der Zukunft der Kirche, die Strömungen des Augenblicks mögen gehen, wie ſie wollen, Raum haben kann. Dieſen Zuſammenhang mit der Reformation haben auch Reuchlins Zeitgenoſſen anerkannt, und er iſt in der„ſtummen Komödie,“ die urſprünglich lateiniſch oder franzöſiſch abgefaßt war und ſchon 1524, alſo zwei Jahre nach Reuchlins Tod, in drei deutſchen Ausgaben herauskam, anſchaulich dargeſtellt worden. 40) Ein verlarvter Doktor mit dem Namen Johann Kapnion auf dem Rücken trägt ein Bündel krummer und ge— rader Reiſer mitten auf die Bühne, wirft ſie hin und geht 45 hinaus. Erasmus in geiſtlicher Tracht, wie die übrigen mit dem Namen auf dem Rücken, tritt auf, bemüht ſich die Reiſer zu ordnen und die krummen gerade zu biegen. Bald ſieht er, daß ſeine Mühe vergeblich iſt, ſchüttelt unwillig den Kopf und verläßt die Arbeit und das Zimmer. Darauf erſcheint Martin Luther im Mönchsgewande: er bringt einen Feuer— brand herzu, zündet die krummen Stäbe an und entfernt ſich. Nun tritt jemand in kaiſerlicher Kleidung ein und ſucht das Feuer mit gezücktem Degen zu zerſtören. Zuletzt kommt der Papſt Leo X., ſchlägt vor Schrecken die Hände über dem Kopf zuſammen und ſucht Mittel den Brand zu löſchen. Er ſieht zwei Eimer, den einen voll Oel, den andern voll Waſſer: er ergreift den Eimer mit Oel und gießt ihn ins Feuer, wo⸗ rauf die Flammen heller auflodern und der Brand unlöſch— bar wird. 13. Renchlins Perſönlichkeit. Anfang des Streites. Und der Streit war den Sterblichen heilſam. Homer. Es gibt Naturen, deren Kraft ſich am reichſten entfaltet, wenn ſie mitten ins öffentliche Leben und ins Getriebe der Leidenſchaften geſtellt werden: ſie bedürfen einer aufgereg⸗ ten Zuhörerſchaft, die ſie begeiſtert und ihnen, ohne daß ſie es wiſſen, die Worte eingibt, mit welchen ſie dieſelbe hinreißen. Es gibt andere, die ihre ſchönſten Blüthen in der Stille und Einſamkeit treiben, weil urſprüngliche ſelbſtändige Kraft in Fülle vorhanden iſt. Von der letzteren Art war Reuchlin. Die konzentrirte Geiſteskraft, der zähe und ſtetige Fleiß des— ſelben bedurften der äußeren Anregungen wenig, und je ſtiller und einſamer er leben konnte, deſto reicher ſtrömten die Quellen ſeines regen Geiſtes, denn er liebte die ſtille Geiſtesarbeit und verſenkte ſich gern in einſame Betrachtung, ob er gleich in Ge⸗ ſellſchaft munter und aufgeweckt war. Seine Studien unter⸗ brach er zuweilen durch Zitherſpiel, mit welchem er auch wohl ein Lied begleitete. Seine Geſtalt war einnehmend und kräftig, ſeine Geſichtszüge hatten einen ſinnigen und gemüthlichen Ausdruck, ſie zeigten mehr Tiefe und Zuverläßigkeit als Be— 46 wegung und Aufſchwung. Seine ganze äußere Erſcheinung war von„ſenatoriſcher Würde.“ Er drückte ſich im Deutſchen viel beſſer aus als die gleichzeitigen Gelehrten, und es iſt zu bedauern, daß er nur wenige Gelegenheits- und Streitſchriften in ſeiner Mutterſprache geſchrieben hat; im Lateiniſchen war mehr das Treffende und Maleriſche ſeine Sache als Glätte und Eleganz. Griechiſche und hebräiſche Briefe ſind noch von ihm vorhanden. Des Franzöſiſchen hatte er ſich während ſeines langen Aufenthaltes in Frankreich bemächtigt. Daß er auch in Italien bei zweimaligem Verweilen ſich die Landes⸗ ſprache angeeignet habe, läßt ſich nicht nachweiſen, iſt aber bei ſeiner hohen Begabung und Strebſamkeit wahrſcheinlich. Seine Handſchrift war ſo ſchön, daß Manlius 46) ſagt:„Die, Herzoge Friedrich und Georg ſchrieben ſchöne Buchſtaben, ebenſo Erasmus, Luther, Buddäus, aber alle übertraf Kapnion.“ Seine Thätigkeit überſteigt das Glaubliche: es iſt erſtaunlich, was alles durch ſeine Feder ging, und man begreift kaum, wie er unter den mannigfaltigen Geſchäften ſeines äußeren Berufs, neben den vielerlei Reiſen und Geſandtſchaften, zu welchen er verwandt wurde, bei einer Korreſpondenz, die ſich auf die gelehrte Welt in Deutſchland, Frankreich und Italien ausdehnte, noch Zeit und Kräfte fand zur Herausgabe der Autoren, zur Fertigung der Ueberſetzungen und zur Ausarbei— tung der zahlreichen eigenen Schriften, die wir von ihm beſitzen. 2) Aber mit alle dem übte er doch nur eine Wirkſamkeit auf den engern Kreis der Gebildeten, oft nur der Gelehrten. Was er in ſtiller Beſchaulichkeit aus griechiſcher und römiſcher Literatur oder aus den noch ſchwerer zugänglichen Schachten orientaliſcher Philoſophie und Theoſophie zu Tag brachte, das drang nicht ins Volk. Aber ins Volk drang der Streit, in welchen er nun hineingeriſſen werden ſollte. Reuchlin war von friedfertigem Charakter. Eine gewiſſe Schüchternheit, die ihm von Haus aus eigen war, und die noch heute als ein Merkmal des Volkscharakters ſeiner Hei⸗ math erkennbar iſt, hinderte ihn von jeher, ſo entſchieden auf⸗ zutreten, daß er leicht in Streit hätte gerathen können. Dazu kam die Urbanität des gebildeten Mannes und ſelbſt etwas von jener Biegſamkeit, die man am Hofe lernt, und ohne welche er in Stuttgart und Heidelberg ſchwerlich ſo viel Gunſt genoſſen hätte. Dieſe Biegſamkeit ging zwar nicht ſo weit, daß er mit unſittlicher Schlaffheit ſeinen Glauben in Sachen der Religion und Wiſſenſchaft— nur für dieſe zwei Dinge gab es damals einen Glauben— untreu geworden wäre: aber ſie war groß genug, daß er nicht nur mit jedermann gut auskam, ſondern daß ihm auch in den weiteſten Kreiſen ein reicher Schatz von ergebenſter Anhänglichkeit und Freundesge⸗ ſinnung erſtand. Darum erſcheint es wie ein tragiſches Ver⸗ hängniß, nein wie eine providentielle Miſſion für ihn, daß er gerade in der Zeit, wo er ſich faſt ſchon ganz in ſeine Bib—⸗ liothek zurückgezogen hatte und ſeiner Natur und Neigung fol⸗ gend nur der Wiſſenſchaft lebte, ohne Wiſſen und Willen in einen Streit hineingeriſſen wurde, der ihm die letzten zwölf Jahre ſeines Lebens verbitterte. Es iſt unerfreulich, das Häßliche darzuſtellen: aber die Geſchichte bringt wie der Tag, den wir leben, beides zugleich, das Schöne und das Unſchöne, und ihre Quellen fließen für das letztere noch reichlicher als für das erſtere, wie die lebende Geſellſchaft das Anſtößige eifriger weiterſagt als das Gute. Reuchlin bekam im Herbſt 1509 zu Stuttgart Beſuch von einem gewiſſen Pfefferkorn. Johann Pfefferkorn war wegen mancherlei Betrügereien gegen ſeine Glaubensgenoſſen als Jude unmöglich geworden und ließ ſich taufen mit Weib und Kind. 43) Nun war er ein getaufter Jude. Eigentlich, ſeit er getauft war, ein Chriſt; wenigſtens ebenſo gut als ſeine Geſinnungsgenoſſen zu Köln, deren Werkzeug er wurde. Das Verlangen Rache zu nehmen an ſeinen ehemaligen Religions— verwandten trieb den heißblütigen Mann zu einer anerken⸗ nenswerthen Thätigkeit, und die reiche Begabung ſeines Volks⸗ ſtammes zeigte ſich in ihm in Geſtalt einer ungewöhnlichen Energie. Er ſchrieb den Judenſpiegel, der Juden Beichte, über die Oſterfeier der Juden, den Judenfeind: lauter Bücher, in welchen er die Fürſten und die Völker auffordert, die Ju⸗ den zu verfolgen und zur Bekehrung zu zwingen. Bei den 48 Dominikanermönchen in Köln erregte der Eiferer die Hoffnung, daß zur Ehre Gottes, oder wie andere meinen, um auf eine neue Weiſe Geld von den Juden zu erpreſſen, ein ſchöner Schlag geführt werden könne, und ſie unterſtützten durch ein Gutachten die Bitte um Unterſuchung gegen die Juden und ihre gottesläſteriſchen Bücher, welches Pfefferkorn vor den Kaiſer Maximilian brachte. Und der Kaiſer verfügte den 19. Auguſt 1506 im Lager zu Padua, daß diejenigen Bücher der Juden, welche eine Schmähung des Chriſtenthums ent⸗ hielten, von den Predigern und Obrigkeiten eines jeden Ortes zu unterſuchen und zu vernichten ſeien. Pfefferkorn war zum Vollzug ermächtigt. Sei es nun, daß ihn die Do⸗ minikaner an Reuchlin wieſen, der ja noch immer ihr Anwalt war, oder daß Pfefferkorn aus eigenem Antrieb das Werk durch Beiziehung eines gelehrten und angeſehenen Mannes fördern wollte: er kam zu Reuchlin und forderte denſelben auf, mit ihm an den Rhein zu reiten und ihn beim Vollzug des kaiſerlichen Auftrags zu unterſtützen. Reuchlin konnte„wegen dringender Geſchäfte“ dieſer Aufforderung nicht Folge geben, rieth überhaupt die Sache nicht voreilig und gewaltſam zu betreiben, und entließ den Getauften in aller Freundſchaft. Das Geſchäft nahm aber keinen rechten Fortgang: die Geiſtlichen und die Ortsobrigkeiten konnten oder wollten nicht einſchreiten, und das kaiſerliche Mandat kam ihnen dabei ſelbſt zu ſtatten, weil ſie ja nicht wiſſen konnten, welche Bücher der Juden Schmähungen gegen das Chriſtenthum enthielten. Deshalb bat Pfefferkorn um ein neues Mandat, kraft deſſen er das Recht haben ſollte, alle Bücher der Juden zu ver⸗ tilgen ausgenommen das Alte Teſtament. Der Kaiſer über⸗ trug durch Vollmacht vom 6. Juli 1510 dem gewöhnlichen Geſchäftsgange gemäß die Sache dem Erzkanzler des deut— ſchen Reiches, dem Erzbiſchof Uriel von Mainz, und ließ durch denſelben das Gutachten mehrerer Univerſitäten und einzelner Gelehrten, die des Hebräiſchen kundig wären, einholen. Unter den letzteren war Reuchlin bezeichnet, und er verfaßte ſofort ſeinen Rathſchlag ob man den Juden alle ire Bü⸗ cher nemmen, abthun und verbrennen ſoll? 49 Es ſei, ſagt er, hier zuerſt der Talmud zu nennen, die Auslegung der 613 Gebote und Verbote, die in den fünf Büchern Moſis enthalten ſind. Dies Buch, welches, in den erſten Jahrhunderten nach Chriſti Geburt von den berühmte⸗ ſten jüdiſchen Religionslehrern verfaßt, die Theologie, Juris— prudenz und Mediein der Juden umfaſſe, habe er noch nicht zum Leſen erhalten können.“!) In der Regel verſtünden es nicht einmal die Juden, weil es in verſchiedenen morgenlän⸗ diſchen Sprachen abgefaßt ſei. Darum könne es wenig ſcha⸗ den, wenn etwa manches darin gegen Chriſtum und ſeine Anhänger geſchrieben ſei. Zudem ſeien ja die Juden nicht die vom Chriſtenthum Abgefallenen, ſondern im Gegentheil das Chriſtenthum ſei aus dem Judenthum hervorgegangen, und die chriſtlichen Theologen könnten gewiß vieles aus dem Talmud lernen. Ueberhaupt ſei es an den Chriſten, aus den Büchern der Heiden und der Juden wie. die Biene aus allerlei Blumen nur Gutes zu ſaugen, und wenn ſich der Unverſtändige daran ärgere, ſo liege die Schuld an ſeinem Unverſtand, nicht an den Büchern. Zweitens, die Kabbala bedürfe keiner Rechtfertigung: Papſt Alexander VI. habe ſie auf die Vertheidigung durch den Grafen Picus von Mirandola 1493 als dem chriſtlichen Glau— ben nützlich anerkannt, Sixtus IV. habe ſie ſogar ins Latei— niſche überſetzen laſſen. Drittens, die Kommentare zum alten Teſtament ſeien die nützlichſten Vorarbeiten für die chriſtlichen Ausleger: Hilarius und ſelbſt Hieronymus hätten weniger oft gefehlt, wenn ſie dieſelben gekannt hätten. Die Predigten, Disputationen und Geſangbücher zu verbrennen liege nirgends ein Recht vor, denn die Juden hätten freie Religionsübung. Die Bücher über Kunſt und Philoſophie hätten ſo viel Recht zu exiſtiren, als die ähnlichen Schriften der Griechen und Römer. Auf keinen Fall ſei das der rechte Weg, wenn man die Bücher verbrenne: es ſei ein Bacchantenargument, wenn man ſtatt zu widerlegen mit Fäuſten dreinſchlage. Es ſei chriſtlich Andersdenkende neben ſich zu dulden, und ſelbſt angenommen, daß hin und wieder die Abſicht zu beleidigen Lamey, Johann Reuchlin. 50 vorhanden geweſen wäre, ſo hätten die Chriſten doch nicht das Recht, die Bücher zu vertilgen, denn Chriſtus lehre nirgends, daß man ſich am Beleidiger rächen ſolle. Schlimm genug ſei es, daß die Kirche am Charfreitag die Juden von der Kanzel herab verdamme: jeder lebe dem nach, was er von Jugend auf gelernt, der Jude wie der Chriſt, darüber zu richten ſei nicht des Menſchen Sache, ſondern Gottes. Der Jude ſei ſo gut ſeines Herrn als der Chriſt. Und, fügt er zum Schluſſe bei, gewaltſame Maßregeln würden nur die eut⸗ gegengeſetzte Wirkung haben, wie man bei den Verfolgungen der erſten Chriſten geſehen habe. Viel rathſamer ſei es, alle deutſche Univerſitäten zu verpflichten, daß ſie zehn Jahre lang zwei Lehrer der hebräiſchen Sprache unterhielten, damit man dann gründlich mit den Juden über ihre Religion reden könne, um ſie auf dem Wege der Sanftmuth und der Ueber— zeugung zu Chriſtum zu bekehren. Man ſieht, die tiefe allſeitige Bildung Reuchlins hat ſchöne Früchte chriſtlicher Erkenntniß zur Reife gebracht: in dem Grundſatz, daß der Religion wegen niemand verfolgt werden dürfe und daß Ueberzeugung der einzige erlaubte Be— kehrungsweg ſei, tritt die Idee der Glaubens- und Gewiſſens⸗ freiheit hervor: es brechen die erſten Strahlen durch von jenem Lichte, deſſen milder Schein die Welt mit Frieden und Glück erfüllen konnte, das aber bald, weil das Licht auch Feinde hat, die heißeſten und blutigſten Kämpfe entzünden ſollte. Freilich waren vorerſt nur einzelne hervorragende Geiſter ſolcher Erkenntniß fähig, aber ſie ſteigt wie der Strahl der aufgehenden Sonne, die erſt nur die Gipfel der Berge be— leuchtet, endlich auch in die Thäler und in die dunkelſten Klüfte hinab. Sind wir nicht heute, nach vierthalb Jahr— hunderten, ſo weit, daß dieſe Ideen wenigſtens in der Theorie anerkannt ſind? Denn die Weltuhr geht langſam, aber ſie ſteht nicht ſtill; und die den Zeiger zurückrichten möchten, ändern ſo wenig die Zeit als die Ungeduldigen, die ihn vorrücken wollen. Auch Reuchlin hatte die Idee der religiöſen Freiheit noch keineswegs in ihrer ganzen Größe erfaßt, und wenn er ſich 51 zu dem Grundſatze erhebt, daß der Irrthum nur durch die Macht der Wahrheit zu widerlegen, nur durch Widerlegung zu überwinden ſei, ſo will er ihn doch nur geltend machen für das Religiöſe außerhalb des Chriſtenthums und erkennt aus— drücklich der Kirche das Recht zu mit den Büchern chriſtlicher Ketzer zu verfahren, wie ſie jeweils gethan. Oder ſollte dem wackeren Manne einen Augenblick der Rauch von Konſtanz vor die Augen getreten ſein, und hätte ihm weltmänniſche Klugheit bei dieſen Worten die Feder geführt? Schwerlich in einer Frage ſo hoher Art: die ganze Schrift trägt das Ge— präge der vollen Hingebung an die Sache; man ſpürt es den Worten an, daß der Sprecher ſich und ſein ganzes Weſen einſetzt; und zudem, wenn ihm etwas menſchliches begegnet wäre und ſeine natürliche Furchtſamkeit ihn in einer Princi— pienfrage hätte beſchleichen wollen, war ſein Gutachten nicht ein vertrautes Schreiben, das verſiegelt in die Hände derer kam, die es von ihm verlangt hatten? Nein, Reuchlin redet hier nicht aus Klugheit, er ſpricht ſeines Herzens Meinung aus. Es iſt noch Dämmerung. Wer ſagt, wie lang ſie dauert? 5 Reuchlin ſchickte dieſes Gutachten im Auguſt 1510 durch einen geſchwornen Boten an den Kurfürſten von Mainz. Der Kurfürſt von Mainz ſtellte, wie wenigſtens Pfefferkorn ſpäter im„Sturm“ berichtet, dieſem gegneriſchen Wortführer eine Abſchrift davon zu, und dieſer verfaßte ſofort unter dem Bei— ſtand der Dominikaner und beſonders des Profeſſors der Theologie und Dominikanerpriors zu Köln, Jakob von Hoog⸗ ſtraten, unter dem Titel„Handſpiegel“ eine Schmähſchrift gegen Reuchlin, die auf der Oſtermeſſe zu Frankfurt a. M., dem damaligen Hauptſitze des deutſchen Buchhandels, 1511 theils verkauft, theils zu raſcherer Verbreitung verſchenkt wurde. Reuchlin, hieß es darin, ſei von den Juden beſtochen; er verſtehe das Hebräiſche nicht; ſein Wörterbuch und ſeine Grammatik ſeien betrügeriſch und mit vielen Fälſchungen ab— gefaßt, und— dieſe Werke ſeien eigentlich gar nicht von ihm. 52 14. Der Augenſpiegel und deſſen Wirkung. Zum Haſſen oder Lieben Iſt alle Welt getrieben: Es bleibt ſonſt keine Wahl; Der Teufel iſt neutral. Brentano. Klugerweiſe hatte Reuchlin eine Abſchrift ſeines Gutach⸗ tens für ſich behalten, und ſo konnte er daſſelbe zur Oeffent⸗ lichkeit bringen, als er nun die Feder zur Selbſtvertheidigung ergriff und den„A ugenſpiegel“ ſchrieb, der am 18. Aug. 1511 bei Anshelm in Tübingen erſchien und auf der Herbſt⸗ meſſe ausgegeben wurde. Das Gutachten macht den beſten Theil der Schrift aus. Das übrige kann man nicht ohne jenes Bedauern leſen, das uns überall befällt, wo wir das Edle wenn auch zum Kampf auf einen Augenblick zu dem Unedlen auf gleichen Boden herabſteigen ſehen, und Erasmus hatte in dieſer Beziehung Recht, wenn er an Pirkheimer ſchrieb, im Streite mit einem aus lauter Laſtern zuſammen⸗ geſetzten Menſchen, wie Pfefferkorn, ſei, man ſiege oder falle, nur Schande zu gewinnen. Denn was konnte es helfen, wenn Reuchlin den Inhalt des Handſpiegels auf vierunddreißig Unwahrheiten zurückführte, wenn er gegen den Vorwurf der Unkenntniß des Hebräiſchen die Einrede vorbrachte, daß ja Pfefferkorn ſelbſt ihn dem Kaiſer und dem Kurfürſten von Mainz als einen des Hebräiſchen beſonders kundigen Mann empfohlen hatte, und wenn er ſich wegen der behaupteten Be⸗ ſtechung auf ſein reines Gewiſſen beruft? Was Wahrheit, was Gewiſſen! alaf die Lüge, wenn ſie zum Ziele führt. Doch laſſen wir das Geſchrei der Feinde und wenden uns einen Augenblick zu den Stimmen der Freunde. Sie waren in ihrem Urtheil keineswegs einig. Wilibald Pirkheimer, der gelehrte Senator von Nürn⸗ berg, der Freund Albrecht Dürers, als Staatsmann und Krieger berühmt, und was mehr iſt, ein weiſer von echt chriſt⸗ licher Frömmigkeit erfüllter Mann ſchreibt an Reuchlin:„Ich höre, daß du Anfechtungen haſt, aber du brauchſt als ein . ĩ]⅛]VOA. x—22 53 Mann, den Tugend und Wiſſenſchaft ſchmücken, nicht ſo leicht etwas zu fürchten. Deinen Ruf und dein Anſehen kann dir, glaube mir, niemand ſchwärzen. Ertrage alſo mit feſtem Sinne jene Beleidigungen deiner Feinde und verachte ihre Machinationen.“ Und in einem andern Briefe:„Es verboten einſt die Epheſer den Namen jenes Frevlers, welcher den Tempel der Diana angezündet hatte, in Schriften zu nennen, damit derſelbe ſeinen Zweck, in der Geſchichte genannt zu werden, nicht erreiche. Du aber machſt durch deine Schriften einen ſo unbedeutenden Menſchen, von welchem kein Gelehrter etwas weiß, der Welt bekannt. Ueberlege ja reiflich, was du hier zu thun haſt.“ Aehnliches ſchreiben die Freunde aus Wien, Cuspinianus und Vadianus. Der Letztere ſagt:„Wohl gereicht es dir zur Ehre, dich der Verfolgten anzunehmen, jenem aber zur Schande, der ſich, wenn ihm der Grund zur Verfolgung genommen iſt, gegen den wendet, welcher ihm denſelben genommen hat.“ Uebrigens riethen auch ſie, ſich mit dem unwürdigen Menſchen nicht weiter einzulaſſen. Mutianus(Muth), Domherr in Gotha, billigte nicht ein— mal das Gutachten: es gehe zu ſehr auf den eigenen Ruhm des Verfaſſers aus und entferne ſich zu weit von der Autori⸗ tät der Kirche. Er hat ſich erſt ſpäter zu einer freieren An⸗ ſicht erhoben. Erasmus' Aeußerung iſt ſchon erwähnt worden. Eras⸗ mus war einer der größten Gelehrten jener Zeit, der Sohn eines Mönchs, deſſen Haß gegen das Kloſterweſen ſich zum Theil aus der frühen Erfahrung herſchrieb, daß die Kloſter⸗ regel mit ihrem Zwang dem Glück ſeiner Eltern im Wege ſtand. Ein Mann von feinem Kopfe, nicht ſo hochaufſtrebend auf der einſamen Denkerbahn, daß ihn das Bewußtſein der Gottesnähe entſchädigen konnte, wenn ihm etwa die Welt verloren ging; und doch zu klar, als daß er ohne Anſtoß gegen die Meinungen der Zeit mit der Welt, wie ſie war, gehen konnte. Mit Reuchlin, den er an Gewandtheit des Geiſtes, an Feinheit der Sprache, beſonders durch fließende Latinität 54— ſogar übertraf, hatte er gleichen Ausgangspunkt, und ihre Be⸗ ſtrebungen waren, ſo lange es ſich um Erweckung der griechi— ſchen und lateiniſchen Studien handelte, ganz dieſelben: aber ſobald es nun zu einem ſich ſelber treuen Auftreten kommen ſollte, ging Erasmus nicht mehr mit und verharrte in jener vornehmen Neutralität, die lieber eine große That unausge— führt läßt als ſich in Gefahr begibt die Ruhe zu opfern oder die Hand zu beſchmutzen, eine Seelenverfaſſung, die in jenen Tagen viel ſeltener war als heute, die aber heute wie damals ihren Grund in der Selbſtſucht hat. 15. Die Theologen in Köln treten offener hervor. Intelligenz, ſagen ſie, iſt nicht für alle: der Eine hat der Geſellſchaft mit ſeinem Kopf zu dienen, der Andere mit den Händen. Ich lege gegen dieſe Lehren Verwahrung ein. Ich beſtreite einem Einzelnen oder einer Klaſſe dieſes Monopol des Denkens. Wer unter den Menſchen kann einen Auftrag von Gott aufweiſen ſtatt ſeiner Brüder zu denken, den Verſtand der Maſſen leidentlich zu beſtimmen und ihnen ſein Bild aufzudrücken, gleich als ob ſie Wachs wären? Ebenſo gut könnten ſie auf Licht und Luft, auf Sehen und Athmen ein Monopol in Anſpruch nehmen. Iſt der Verſtand nicht eine eben ſo allgemeine Gabe als die Organe des Sehens und Athmens? Iſt nicht Wahrheit eben ſo frei verbreitet wie die Atmoſphäre oder die Strahlen der Sonne? Allerdings ſind Einige mehr begabt als Andere: aber ihre Aufgabe iſt nicht das Denken Anderer durch ihr Denken zu erſetzen, ſondern jenen behilflich zu ſein, kräftiger und erfolgreicher denken zu lernen. William Ellery Channing. Denn ein anderes iſt die äſthetiſche Seite der Sache, ein anderes die praktiſche. Von der praktiſchen Seite war Reuchlins Augenſpiegel eine glückliche That. Nicht als hätte er die Abſicht gehabt, etwas bedeutendes damit auszurichten, denn er ſchrieb an Cuspinian:„Wohl muß ich mich hüten Beleidigung mit Beleidigung zu verſcheuchen, aber den Ver— dacht der Infamie auf mich kommen zu laſſen, dagegen muß ich mich erheben und meine Unſchuld ſchützen,“ aber ſeine vermeintliche Nothwehr brachte den wahren Sachverhalt erſt ans Tageslicht und machte den Streit unverhofft zu einem wichtigen hiſtoriſchen Ereigniß. Die ganze theologiſche Fakultät in Köln nahm jetzt öffentlich Partei gegen Reuchlin, und eine Kommiſſion aus ihrer Mitte niedergeſetzt zur Prüfung des Augenſpiegels fand bald das Reſultat, daß man entweder das Buch verbrennen oder den Verfaſſer zur Verantwortung ziehen müſſe. Wir begreifen heute nicht, wie ein Verein von Männern, denen die Pflege chriſtlicher Erkenntniß und Weisheit anver— traut war, gegen Anſichten, wie wir ſie in Reuchlins Gut⸗ achten finden, feindſelig auftreten konnte, und gewiß würden jene Anſichten jetzt vor allen Fakultäten Europa's Gnade fin den: aber das begründet ſo wenig Tadel für damals als Lob für jetzt; es beweist nur, daß der Fortſchritt in Erkennt⸗ niß der Wahrheit das Ergebniß der geſammten Denkerarbeit der intelligenten Welt, nicht das Prärogativ einer einzelnen Korporation iſt. Lieber Leſer, wenn du jetzt einen Brief von Reuchlin zu leſen bekommſt, wie du ihn nicht erwarteſt, ſo werde nicht irr an dem Maune, ſondern verſchiebe dein Urtheil. Sobald er Kunde erhielt von'der unerwarteten Wendung, die ſein Streit genommen hatte, ſchrieb er 1. Nov. 1511 an den Prä⸗ ſidenten der mit der Prüfung des Augenſpiegels beauftragten Kommiſſion, Arnold von Tongern, und überhäufte ihn, von dem er wußte, daß er an Geſinnung und Streben ſein Geg— ner war, zum Eingang mit übertriebenen Schmeicheleien. „Ich unterwerfe mich gänzlich der Autorität der Kirche,“ fährt er dann fort, und will alles widerrufen, was etwa in meinen Schriften nicht mit dieſer Säule und Grundfeſte überein— ſtimmt. Auch mein Gutachten ſtelle ich unter den Ausſpruch der Kirche und bitte, man wolle es mir nicht anrechnen, wenn ich als Laie von der Theologie wie ein Landpfarrer von der Mediein geſprochen habe. Befiehl, ſo ſtecke ich mein Schwert ein; der Hahn ſoll mir krähen, und ich werde weinen; nur donnere, ehe du den Blitz ſchleuderſt.“ Und in dem gleich— zeitigen Brief an ein anderes Mitglied der theologiſchen Fakultät, den Dominikaner Konrad Kollin von Ulm, ſchreibt er, man erzähle, der Dominikanerorden habe den ganzen Han— del mit den Judenbüchern angeregt; er könne es aber nicht glauben, denn er ſei ſelbſt lange Zeit Ordensbruder geweſen und in den Orden aufgenommen worden, weil er demſelben in ſo vielen Rechtsſtreitigkeiten ein treuer Patron geweſen, ohne irgend eine Belohnung oder Dienſtgeld anzunehmen. Und doch war es ſo. Auch Reuchlin mußte daran glau ben, als er bald darauf ein Schreiben der Fakultät erhielt, worin ihm zum Vorwurf gemacht wurde, daß er das durch den Kaiſer glücklich angefangene Geſchäft gegen die Bücher der Juden durch ſein Gutachten zu ſtören geſucht, daß er mit demſelben Aergerniß gegeben und ſich der Begünſtigung der Juden verdächtig gemacht habe, ſo daß ſein Glaube zweifel haft erſcheine. Er ſolle daher die Steine des Anſtoßes aus dem Weg räumen, und man wolle ihm ſogar, da er ſie nicht finden zu können vorgebe, die Hand reichen und überſchicke ihm anliegend ein Verzeichniß der anſtößigen Stellen: dieſe ſolle er näher erklären und nach dem Beiſpiel des h. Auguſtin widerrufen. Dieſem officiellen Schreiben war noch ein Brief des Profeſſors Kollin vom 4. Jan. 1512 beigeſchloſſen, der die drohenden Worte enthielt:„Alle Geiſtlichen und Laien erwarteten begierig den Ausſpruch der Fakultät und ſind be— reit ſich gegen dich zu erheben; im Fall du aber von uns freigeſprochen wirſt, ſo wird dich niemand zu verdammen wagen.“ Das wirkte. Aber anders als die Kölner gemeint hatten. Reuchlin ſah jetzt klar, daß der Krieg gegen die Judenbücher wirklich von den geiſtlichen Herren ausgegangen und der getaufte Jude nur ihr Werkzeug geweſen war. Dieſer Einblick in den wahren Sachverhalt machte einen tiefen Eindruck auf ihn: er beſann ſich auf das Recht der Wahrheit und auf die Pflicht gegen ſie; er erholte ſich von dem erſten Schrecken vor den Drohungen der Dominikaner und ſah in ihnen jetzt nicht mehr das hohe Tribunal der Wiſſenſchaft und der Kirche, ſondern die Konſorten Pfefferkorns. Freilich ihre äußere Ge— walt war dadurch nicht kleiner geworden, und wenn ſelbſt der Papſt Alexander VI.( 1503), der ſich ſonſt weder vor Gott noch vor Menſchen ſcheute, die Macht dieſes Ordens gefürchtet und die Aeußerung gethan hat,„daß er mit geringerer Ge— fahr einen der größten Könige beleidigen wolle, als einen aus der Herde jener Lügner, welche unter dem Vorwande 57 das Chriſtenthum zu üben und zu verbreiten die größte Ty⸗ rannei auf dem Erdkreis übten,“ ſo iſt es nicht zu wundern, wenn der ſchüchterne Gelehrte vor ihrem Zorn in Angſt ge rieth oder wenigſtens zuerſt den Weg der Güte verſuchen wollte. Aber er ermannte ſich jetzt allmählig, und Pirkheimer beſtärkte ihn mit kräftigem Freundesruf:„Hüte dich,“ ſchreibt er,„daß du dich nicht durch die ſchmutzige Gleißnerei jener Mönche bewegen läſſeſt von der Wahrheit abzugehen, ſondern zeige dich als einen bewährten Mann.“ Reuchlin dankte in ſeinem Antwortſchreiben der Fakultät für ihre gütige Nachſicht und fragte, wie er ſeine Erklärung einrichten ſolle,„denn er ſei ein treuer Anhänger der Kirche, außerhalb der Kirche ſei ja kein Heil zu hoffen, und er werde nicht um ein Haar breit von ihr weichen.“ Waren die Vor⸗ urtheile, die mau dem Kinde einprägte, auch bei dem ver— ſtändigen Manne ſo tief gewurzelt? Oder zwang die Furcht vor der geiſtigen Despotie auch den redlichen Mann zur Heuchelei? Reuchlins ganzes Weſen bürgt für das erſtere. Aber der Brief, welchen er an Kollin beilegte, beweist, daß er bereits mit ſeiner Nachgiebigkeit gegen die theologiſche Fakultät zu Köln zu Ende war.„Du wünſcheſt mir zwar Glück zum neuen Jahre,“ ſchreibt er,„aber ohne mir Frieden zu verkündigen.— Ich muß dir geſtehen, jene Worte der Fakultät: daß ich das durch den Kaiſer glücklich an⸗ gefangene Geſchäft gegen die Bücher der Juden durch mein Gutachten zu zerſtören geſucht, ſind mir ſehr aufgefallen. Es konnte bei Abfaſſung des Gutachtens meine Abſicht nicht ſein, jenes Geſchäft zu hintertreiben, da ich gar nicht wußte, wie es angefangen war, und für die Verbrennung wirklicher Schmähſchriften habe ich ja geſtimmt. Daß ich mit meinem Gutachten Aergerniß gegeben, iſt nicht richtig: was etwa unverſtändlich oder zweideutig darin war, habe ich durch die lateiniſche Erklärung im Augenſpiegel auf⸗ gehellt: habe ich damit noch nicht genug gethan, ſo weiß ich nicht, was ihnen genug iſt, denn beim Genugſein kommt es noch mehr auf den Sinn der Perſon an, welcher etwas genug iſt, als auf die Sache. Erſt wenn ihr mir zeigt, daß —— u l ee ich gegen die Wahrheit geſprochen, will ich jeden Stein hinwegnehmen, der irgend Anſtoß geben könnte, ſo daß uns allein der Stein und Fels zurückbleibt, den ſeine Zeitgenoſſen verwarfen, das iſt Chriſtus, in welchem wir den Frieden beſitzen, der alles eint und uns behütet zum künfti— gen Leben.“ Kollin theilte den Brief der Fakultät mit, und dieſe ſah daraus, daß ſie nicht zögern dürfe, wenn ſie ihre Abſicht erreichen wollte. Sie beſchloß die großen Mittel anzuwenden und die Sache durch ein Machtwort zu beendigen.„Wenn ihm daran liege ein katholiſcher Chriſt zu bleiben,“ ſchreibt ſie am 29. Februar 1512,„ſo müſſe er mehr thun als bis— her, um den Anſtoß wegzuſchaffen und das Schwert nicht in der Wunde ſtecken zu laſſen. Wofern er nicht dem Druck und Verkauf des Augenſpiegels Einhalt thue und den Inhalt deſſelben öffentlich widerrufe, müſſe man ihn vorladen, denn man ſei des Hin- und Herſchreibens müde. Sollte er das gottgefällige Opfer des Widerrufes unweiſe unterlaſſen, ſo werde es nach ſeinem Tode nicht an Menſchen fehlen, die dem todten Löwen den Bart rupfen und ihn ſammt ſeinen Schriften verdammen würden.“ Im Beiſchreiben erklärt Kollin, daß er jetzt, wenn Reuchlin nicht raſch gehorche, nichts mehr für ihn zu thun wiſſe. Reuchlins Antwort iſt vom 11. März 1512:„Schon lange habe ich umſonſt um ein Formular gebeten, nach wel⸗ chem ich meine Erklärung einrichten könnte um das angebliche Aergerniß wegzuſchaffen. Da es nicht gegeben wurde, ſo will ich, obgleich ich nicht im Stande bin jedem ſeine Träume und Einfälle auszulegen, ſelbſt wenn der Geiſt Daniels zwei— mal in mir wohnte, eine Erklärung auf der nächſten Meſſe herausgeben, um nicht das Schwert in der Wunde ſtecken zu laſſen. In dieſer werde ich das Alte auseinanderſetzen und Neues, wo es nöthig iſt, hinzufügen; das wird Einigen helfen zum Feſtſtehen, den Hinterliſtigen und Verleumdern aber zum Verleumden, ſo daß ſie dem todten Löwen den Bart rupfen können. Was den ferneren Verkauf des Augenſpiegels betrifft, ſo liegt er nicht mehr in meiner Hand, ſondern in der des 59 Freunde habe kaufen müſſen.“ Es iſt bezeichnend für die Zeit und den Mann, daß er Kollin im Begleitſchreiben ver— traut,„er ſtütze ſich auf den Rath der erfahrenſten Männer und auf die Hilfe vieler Mächtigen; die edelſten Krieger Deutſchlands würden nicht unbetheiligt bleiben, wenn ſie er⸗ führen, auf wie ſchändliche Weiſe er verrathen und unterdrückt würde. Denn ihrer viele ſeien ſeine Schüler, ſie würden ihn nicht im Stiche laſſen und das Andenken der Kölner Hoch— ſchule nicht in ehrender Weiſe auf die Nachwelt bringen.“ Wenige Tage nachher, am 22. März 1512, erſchien be— reits die verſprochene Schrift: ain klare verſtentnus in Tütſch uff Doctor Johannſen Reuchlins rathſchlag von den juden Büchern. Sie hatte den Zweck die dem Gutachten im Augen⸗ ſpiegel beigegebenen lateiniſchen Erklärungen jetzt in deutſcher Sprache unter das größere Publikum zu bringen, was den Kölnern ſehr ungelegen gekommen zu ſein ſcheint, denn ſie ſuchten auf der Oſtermeſſe den Verkanf der beſtellten tauſend Exemplare zu hindern. Peter Meyer, ein frankfurter Geiſt— licher, ließ durch Pfefferkorn den Buchhändlern verbieten das Buch auszugeben und berief ſich auf einen Auftrag vom Kur⸗ fürſten. Der Kurfürſt aber gab, ſobald er davon hörte, den Verkauf wieder frei. Und es half auch nichts, daß Peter Meyer gegen alle kirchliche Obſervanz den Pfefferkorn, einen Laien und noch dazu einen verheiratheten, an einem Marien⸗ tag auf ſeiner Kanzel gegen Reuchlin predigen ließ. 45) Denn ſchon damals konnten Schmähreden, auch wenn ſie von der Kanzel kamen, niemand gewinnen. Die frankfurter Bürger, ſonſt nicht vorſchnell im Kampf um Ideen, die Meßfremden, die zum Theil durch dieſe Umtriebe die erſte Kunde vom ganzen Streit erhielten, alles gewann Intereſſe an der Sache, und die raſchvergriffene Schrift ward durch die Heimreiſenden in kurzem weithin durch Deutſchland verbreitet. Auch in der Umgebung der Urheber des Streites wurden dieſe Schriften fleißig geleſen, und ein Senator von Köln trug den Augen⸗ ſpiegel immer bei ſich und wußte ganze Stellen deſſelben aus— wendig zu ſagen. Von allen Seiten kamen Glückwünſche an Buchhändlers, von welchem ich ſelbſt die Exemplare für meine 0 11 0— 60 Reuchlin und Freudenbezeigungen, daß er ſich der Wahrheit annehme und den Kampf wage gegen die gefürchteten Mönche. Denn es gewährte den Verzagteren eine Befriedigung durch Zuruf an den Kämpfenden ſich gewiſſermaßen zu betheiligen an einem Kampfe, welchen perſönlich zu beſtehen ſie mit Klug— heit vermieden. Zur Herbſtmeſſe erſchienen von Seiten der Kölner„die der Judenbegünſtigung allzuverdächtigen Sätze aus dem deut— ſchen Büchlein des Doktors der Rechte Johann Reuchlin.“ Arnold von Tongern faßte hier die„irrigen und ärgerlichen“ Punkte aus allen drei bisher von Reuchlin erſchienen Schriften (Gutachten, Augenſpiegel, klar verſtentnus) in dreiundvierzig Artikeln zuſammen und widmete das Ganze dem Kaiſer. Da— mit das Buch auch außerhalb Deutſchlands Verbreitung fin— den könnte, war es lateiniſch geſchrieben. Neu war darin nur das Spottgedicht auf Reuchlin, welches Ortwin Gratius(de Graes), der Lehrer der ſchönen Wiſſenſchaften zu Köln, bei— gefügt hatte: im übrigen wiederholten ſie die alten Vor⸗ würfe, daß Reuchlin zum Schaden der chriſtlichen Religion die Sache der Juden verfechte, daß er von heilig gehaltenen Lehren der Kirche mit unheiliger Zunge ſpreche, daß er Rechts— lehrer gegen die katholiſche Kirche und ſogar gegen Chriſtum anführe. Vergebens mahnte Pirkheimer:„Wenn du ſchweigſt, ſo redet die Wahrheit für dich;“ vergebens tadelte er, daß Reuchlin mehr der Leidenſchaft als der Vernunft folge. Die⸗ ſer entgegnete, das Verbrechen der Ketzerei ſei zu ſchändlich, als daß ſelbſt ein ſanftes Gemüth ſolche Beſchuldigung ertra— gen könnte, und es ſei leichter in Dingen fremder Menſchen als in ſeinem eigenen Schmerze gelaſſen zu bleiben. Und noch ein anderes Motiv macht er ſpäter im Brief an Jakob Faber geltend: er beruft ſich auf Sokrates' Beiſpiel, der ſich gegen die Feinde, die ihm nach dem Leben ſtanden, nicht ver— theidigt habe, wohl aber gegen die, welche ſeiner Ehre zu nahe traten. Denn ſterben müſſe man einmal, Infamie er- tragen nie. Und ſo folgte denn am 1. März 1513 Reuchlins „Vertheidigung gegen ſeine Verleumder zu Köln,“ ebenfalls „„„ A TAE 2 S R—— 61 dem Kaiſer gewidmet, ebenfalls in lateiniſcher Sprache abge— faßt, ebenfalls zu Schimpfnamen herabſteigend. Und wie wenn er in Betreff dieſes letzteren Punktes nicht genug gethan hätte, ſetzt er am Schluſſe hinzu:„Manche werden mich tadeln, daß ich zu ſanft mit jenen Leuten verfahren bin; dieſen verſpreche ich aber die Streiche, welche die Kölner jetzt nicht empfangen haben, für den zweiten Backen aufzuſparen, wenn ſie ferner gegen mich wüthen werden.“ Erasmus lobt in einem Brief an Reuchlin dieſe Vertheidigung, tadelt aber die langen Ab— ſchweifungen und allgemeinen Betrachtungen, die nicht zur Sache gehören, und noch mehr die Schimpfwörter und belei— digenden Redensarten, die ſchon jedem Menſchen unanſtändig wären, wie viel mehr einem gebildeten. 16. Der Prozeß in Mainz. Wenn du die Thaten aller Menſchen und die Geſchichte aller Völker er forſcheſt, ſo wirſt du finden, daß keine Klaſſe von Menſchen in üblerem Rufe ſteht, als diejenigen, welche Tugend und Weisheit zu ihrem Pri vateigenthum machen wollen. 0 Pirkheimer. Der Streit mußte großes Aufſehen erregt haben, denn der Kaiſer Maximilian erließ noch 1513 ein Edikt, welches beiden Parteien Schweigen gebot. Das wäre nun für Reuch— lin günſtig geweſen, denn er hatte das letzte Wort geſprochen, und der einſichtigere Theil der Nation ſtand auf ſeiner Seite; allein die Dominikaner waren nicht die Leute, die ſich vom Kaiſer Maximilian wirklich etwas verbieten ließen; ſie ließen ſich den kaiſerlichen Befehl nur inſofern zu gut kommen, daß ſtie den Streit vom literariſchen Boden, wo ſie ohnedem Reuchlins überlegene Feder zur Genüge kennen gelernt hatten, auf ein anderes Gebiet hinüberſpielten. Denn war ihnen nicht das Ketzergericht übertragen? war nicht Hoogſtraten, der Prior ihres Konvents zu Köln, Ingquiſitor für die Diöceſen Köln, Trier und Mainz? Hoogſtraten war aber in Sinn und Weſen das Urbild ſeines Ordens, herrſchſüchtig, gewalt⸗ thätig, nicht heikel in der Wahl ſeiner Mittel. Er lud zu⸗ nächſt, um ihm den Inquiſitionsprozeß zu machen, Reuchlin 62 nach Mainz: ſechs Tage nach Sicht der Vorladung ſollte er dort erſcheinen. Reuchlin gehörte ſeinem Geburtsorte nach in die Diöceſe Speier und ſeinem Wohnorte nach in die Diböeeſe Koſtnitz. Aber ſei es, daß Mainz als Erzbisthum eine Jurisdiktion übler jene beiden Bisthümer hatte, oder daß ihn die Angſt vor der Inquiſition trieb für ſeine Sicherheit lieber zu viel als zu wenig zu thun: er ſchickte den Anwalt Peter Staffel von Nürtingen als ſeinen Bevollmächtigten, welcher wegen einer Menge Formfehler, beſonders aber, weil Hoogſtraten der oberdeutſchen Mundart, in welcher Reuchlin geſchrieben, nicht kundig, und weil er notoriſch Reuchlins Gegner ſei, gegen ihn als Richter proteſtirte und auf ein Schiedsgericht antrug. Der Antrag wird verworfen, und ſofort zeigt Reuchlins An walt an, daß er an den römiſchen Stuhl appellire. Jetzt wechſelt Hoogſtraten die Rolle: er legt ſein Richteramt nieder, erwirkt beim Erzbiſchof die Errichtung eines Gerichtshofs aus mainziſchen Räthen und wird Ankläger. Schon war Reuch— lins Anwalt abgereist, als am 27. September 1513 durch Anſchlag an der Hauptkirche jedermann auf Nachmittags 3 Uhr eingeladen wurde Zeuge des Verfahrens gegen den Augen— ſpiegel zu ſein. Hier übergibt nun Hoogſtraten ſeine Anklage— ſchrift gegen den Augenſpiegel, die Appellation an den römi⸗ ſchen Stuhl wird verworfen, die Vorlage des Augenſpiegels verfügt, als Zeugen werden nur Kölner Dominikaner verhört ſo war der Prozeß im ſchönſten Gang und die Entſchei⸗ dung nicht zweifelhaft. Aber ein Gefühl der Entrüſtung über das gewaltſame Verfahren erfüllte die Stadt und die Uni⸗ verſität. Das Domkapitel, namentlich der Dechant deſſelben, Lorenz von Truchſes, nahm ſich der Sache an und erwirkte durch ſeine Verwendung einen Aufſchub von 15 Tagen, damit Reuchlin zur Ausſöhnung nach Mainz kommen könnte; auch wenn er dann nicht käme, ſollte am 12. Oktober jedenfalls der Spruch fallen. Aber das Domkapitel fertigte ſogleich (27. September) einen Eilboten an Reuchlin ab, welcher am 3. Oktober in Stuttgart ankam, und Reuchlin traf am 9. in Mainz ein, begleitet von zwei Männern, die ihm der junge e r, e 63 Herzog Ulrich mitgegeben hatte, Jakob Lem pus, Profeſſor der Theologie und Jurisprudenz in Tübingen, und Heinrich von Schilhing, Amtmann von Vaihingen. Die Vorſchläge zum Vergleich, welche das Domkapitel machte, wies Hoogſtraten zurück und ließ von allen Kanzeln die Konfiskation des Au— genſpiegels ankündigen. Reuchlin erklärte vor Notar und Zeugen, daß er von ſo ungerechten Richtern an den römiſchen Stuhl appellire, und das Domkapitel ſchickte insgeheim einen Eilboten an den Erzbiſchof nach Aſchaffenburg, um von ihm einen Aufſchub von einem Monat zu erbitten. Noch war der Bote nicht zurück, die Friſt war abgelau— fen, und der 12. Oktober verſprach ein Tag des Sieges für Hoogſtraten zu werden. Morgens 8 Uhr begab er ſich mit Gepräng und in Begleitung ſeiner Kölner und vieler Dok— toren der Univerſitäten Löwen und Erfurt nach dem Gerichts— ſaal. Dazu drängten ſich über tauſend frommer Leute, denn die Dominikaner hatten jedem, der dem Vollzug des Urtheils beiwohnen würde, Ablaß auf 300 Tage verſprochen. Schon war es ſtill geworden, und die Gerichtshandlung ſollte begin— nen, als plötzlich der Bote vom Erzbiſchof mit dem Befehl eintrat, daß die Aburtheilung um einen Monat hinausgeſcho— ben werden ſollte, da ein Vergleich der Parteien noch zu hoffen ſei. Würden aber die Dominikaner den Aufſchub nicht an— nehmen, ſo rufe er hiermit ſeine Räthe ab und erkläre alles, was ſie gethan und noch thun würden für ungiltig. Das war eine unangenehme Ueberraſchung. Aber Hoog⸗ ſtraten läßt ſich nicht bange machen. Voll Zornes ſpringt er auf und proteſtirt gegen die Dazwiſchenkunft des Kur— fürſten: es ſei ein Rechtsbruch, und er appellire an den römiſchen Stuhl. Aber die Richter verſchwanden allmählig unter dem Gelächter des Volks durch eine Seitenthüre, und zuletzt mußte der alleingelaſſene Hoogſtraten ihnen folgen unter vielen Schmähreden der Anweſenden. Er ſetzte wirk— lich eine Appellationsſchrift auf, worin er den Exzbiſchof von Mainz beim Papſt beſchuldigte, dem Ausſpruch der Kirche Hinderniſſe in den Weg gelegt zu haben; er zog jedoch bei näherer Ueberlegung die Appellation wieder zurück, nahm W — 5 6⁴ aber auch die Disputation nicht an, die ihm Lempus vorſchlug. 17. Zweite Inſtanz zu Speier. Univerſitätsgutachten. So kehrte Reuchlin unerledigter Sache nach Stuttgart zurück. Auf ſeine Appellation übertrug der neue Papſt Leo X. durch ein Breve vom 21. November 1513 die Sache dem Biſchof von Speier und dem von Worms, daß ſie gemein⸗ ſchaftlich oder einer von ihnen dieſelbe entſcheiden ſollten. 46) Den 20. Dezember beſtellte der Biſchof-von Speier ein Ge richt aus den Domſcholaſten Thomas Truchſes, Georg Schwal⸗ bach, Philipp von Flersheim, Johann Vigilius, Jodokus Gallus und Wolfgang Capito. Die Parteien werden auf den 30. Tag vorgeladen. Reuchlin erſcheint mit ſeinem Anwalt, dies⸗ mal dem Magiſter Johann Greiff; Hoogſtraten dagegen ſchickte einen Vertreter, den Dominikaner Johann Horſt von Romberg, dem er nicht einmal eine rechtsgiltige Vollmacht mitgegeben hatte. Deshalb ward eine zweite Vorladung erlaſſen auf den 20. Februar 1514. Reuchlin erſchien auch diesmal; von Sei⸗ ten Hoogſtratens war Horſt wieder da, jetzt mit einer Voll macht der Kölner Geiſtlichkeit verſehen. Dieſelbe hatte ſchon am 10. Februar den Augenſpiegel in Folge eines ſelbſtgemach— ten Verdammungsdekrets in Köln öffentlich verbrannt, und Pfefferkorn hatte den Muth, jenes Urtheil nach Speier zu bringen und es, während hier der Prozeß erſt eingeleitet wurde, am biſchöflichen Gerichtshof anzuſchlagen, wofür ihm freilich vom Speierer Gericht Verweis und Androhung der Exkommunikation zu Theil wurde. Am 13. März hatte Reuch— lins Anwalt ſeine Schrift eingereicht, und am 24. April 1514 erfolgte das Urtheil. Der Augenſpiegel, lautet es, ſei frei von Ketzerei und der Kirche unſchädlich, das Gutachten un⸗ parteiiſch, die Ausdrücke über die Kirche ehrerbietig und wahr und daher das Leſen jener Bücher erlaubt. Jakob Hoogſtraten hingegen und ſeine Partei habe für immer zu ſchweigen, und da er die Vorladungen verſäumt, müſſe er die Prozeßkoſten mit 111 rheiniſchen Goldgulden bezahlen und zwar innerhalb 65 dreißig Tagen nach Empfang des Erkenntniſſes. Im Wei⸗ gerungsfalle wurde mit dem Banne gedroht. 5 Aber die Dominikaner thut keiner ſo bald in Bann. Der Biſchof in Speier, ſagten ſie, ſei ja noch ein Kind, der verſtehe eher einen Haſen zu jagen als ein Urtheil abzufaſſen. Das Urtheil, das am 18. Mai Hoogſtraten eingehändigt und in Köln angeſchlagen wurde, zerfetzten ſie mit dem Degen und auf die Frage ob er ſich denn vor der apoſtoliſchen Cen⸗ ſur nicht fürchte, rief Pfefferkorn, um die Cenſur eines Papſtes laſſe er ſich nicht ein graues Haar wachſen. Sie ließen es keineswegs dabei, ſondern wandten ſich jetzt, wie wenn die Sache noch unerledigt wäre, an verſchiedene Univerſitäten um deren Gutachten für ſich zu gewinnen. Unter dieſen Umſtän⸗ den hielt es Reuchlin für rathſam, ſein Heil gleich bei der angeſehenſten der damaligen Univerſitäten zu verſuchen. Er wandte ſich nach Paris und legte den 31. Auguſt 1513 ſei— nem einflußreichen Freunde Jakob Faber Stapulenſis,(Le Fevre d'Estaples) ſeine Angelegenheiten ans Herz.„Es war, ſagte er, von Jugend an mein Streben, allen Menſchen hilf reich zu ſein und niemanden zu kränken, und ich habe mich bis ins Alter herein insbeſondere gegen alle Gelehrten ſo ver— halten, daß ich jedem die gebührende Ehre gönnte und weder in Proſa noch in Verſen jemandes Lob verkleinerte. Dennoch bin ich ſeit zwei Jahren von einer neuen Peſt befallen, gegen welche weder der tüchtige Sinn noch die Waffe des Wortes hilft. Tief innen wüthet, wie Ovid ſagt, das zerſtörende Feuer. Die Anſteckung ging von Koln aus, wo eine Klaſſe von unmenſchlichen Menſchen lebt. Sie heißen Theologen. Niemand, meinen ſie, ſei gelehrt als ſie ſelbſt, und halten ſich für die Säulen der Kirche. Sie haben ſchon viele ſchlecht gemacht in alten und neuen Zeiten. Zuletzt ſind ſie an mich gekommen, einen ganz unſchädlichen Menſchen, um meinem Namen eines anzuhängen und meinen Ruf zu beſchmutzen.“ Herzog Ulrich von Würtemberg empfahl der Univerſität ſeinen Unterthan als einen Mann, der allezeit ein treuer An— hänger des apoſtoliſchen Stuhles geweſen ſei. Dazu kam, daß Wilhelm Copus, der Leibarzt Ludwigs XII., welcher vor Lamey, Johann Reuchlin. 5 ——————— ̃ äl..̃»P[—Cc:l C . 3—— ———— 3 8— 1 66 vierzig Jahren zu Baſel mit Reuchlin ſtudirt hatte, zu ſeinen Gunſten wirkte. Aber bald nach ſeinem Schreiben kamen auch die Abgeordneten der Kölner in Paris an und eilten zum König, deſſen Beichtvater ſie für ſich hatten. Der Kampf der Einflüſſe zwiſchen Beichtvater und Leibarzt, zwiſchen König und Univerſität, zwiſchen Vertretern der Kirche und Vertretern der Wiſſenſchaft hatte das Ergebniß, daß nach ſiebenundvierzig Sitzungen der Augenſpiegel zum Feuer verdammt und wirk— lich verbrannt wurde. Ebendaſſelbe geſchah zu Löwen, Mainz und Erfurt, und die Kölner hatten die Genugthuung noch im Jahr 1514„die Entſcheidungen von vier Univerſitäten über den Augenſpiegel“ drucken laſſen zu können. Der Ver⸗ luſt des Prozeſſes in Speier hatte ihren Eifer für die gute Sache und ihren Zorn gegen„die Poeten und ihren An— führer Reuchlin“ nicht ausgelöſcht, ſondern neu angefacht und ſie ſchmähten mündlich und ſchriftlich nur deſto erbitterter. Einer dieſer Ergüſſe aus dem Jahre 1514 führt den Titel „Sturmglocke“ nicht mit Unrecht, denn ſie ruft das ganze Vaterland zum Kampfe gegen Reuchlin und ſeine Freunde auf. 18. Letzte Juſtanz in Rom. Wunderlicher Gang des Prozeſſes! Reuchlin hatte den— ſelben in Speier vollſtändig gewonnen, und doch iſt er es, welcher ihn aufs neue aufnimmt; nur von einer unmittelbaren Entſcheidung aus Rom erwartete er Ruhe; denn, nachdem Hoogſtraten hatte verlauten laſſen, daß er nach Rom appelliren wolle, mußte Reuchlin fürchten, der nie raſtende Eifer der Dominikaner könne ihn vielleicht noch nach ſeinem Tode mit der Schmach der Ketzerei belaſten, und es gab nichts, was er mehr verabſcheute. Er wollte, daß noch bei ſeinen Lebzeiten ein endgiltiger Spruch die Sache zum Abſchluß bringe und ſo ſchickte er die Originalakten mit dem Regiſter der erſten und zweiten Inſtanz und allen Beilagen an den römiſchen Stuhl ein mit der Bitte um baldige Entſcheidung. Dieſe Bitte unterſtützten Kaiſer Maximilian, Kardinal-Erzbiſchof von Gurk, Kurfürſt Friedrich von Sachſen, Herzog Ludwig von Baiern, Markgraf Friedrich von Baden, fünf deutſche Biſchöfe, dreizehn Aebte und dreiundfünfzig Adreſſen aus ſchwäbiſchen und andern Städten. Papſt Leo beauftragte ſogleich den ge— lehrten Dominikus Grimani mit der Sache und gab ihm ſpäter noch den Kardinal Anconitani de Sancta Cruce bei. Am 8. Juni 1514 werden Hoogſtraten und Reuchlin vorge⸗ laden; der erſtere ſollte am dreißigſten Tage nach Empfang der Vorladung in Rom erſcheinen, der letztere dürfe in Anbe— tracht ſeines hohen Alters einen Stellvertreter beauftragen. Einen Stellvertreter in Rom zu finden war aber nicht ſo leicht, wenn es galt gegen Hoogſtraten und die Dominikaner anzukämpfen. Endlich gewann jedoch Queſtenberg(S. J) einen Mann, welcher die Sache Reuchlins mit Muth und Fleiß be— trieb, Johann von der Wick, nachmals Syndikus in Bremen. Er hatte keine geringe Arbeit, denn in Köln ſprach man laut davon, daß wenn der Papſt nicht für die Dominikaner ent⸗ ſchiede, ſie von 1110 a en und an eine allgemeine Kirchen⸗ verſammlung appellir bürden— damit wollten ſie ſchrecken; und Hoogſtraten 0 ielt reiche Wechſel von Köln geſchickt— damit wollten ſie gewinnen. Wenigſtens deutet ein Wort Her— mans vom Buſche 7) darauf, welcher, als wieder ein Wechſel von 1500 Goldkronen nach Rom abging, die Aeußerung that: das möge wohl für den Unterhalt eines Bettelmönchs ge— nügen, und man könne auch mildthätig ſein und manchem an— deren davon mittheilen. Vor allem mußte wieder der Augenſpiegel einer Prüfung unterworfen werden. Dazu war eine lateiniſche Ueberſetzung deſſelben nöthig, und Hoogſtraten war ſogleich erbötig damit auszuhelfen, das Gericht ging aber nicht darauf ein und ließ durch Geſchworne eine Ueberſetzung anfertigen, deren Prüfung für Reuchlin günſtig ausfiel. Da ſtrengte ſich Hoogſtraten aufs neue an und erreichte durch wiederholtes Andringen wenigſtens ſo viel vom Papſte, daß ein zahlreicheres Gericht beſtellt und achtzehn Richter ernannt wurden. Aber auch von der Mehrheit dieſes Gerichtes ward der Augenſpiegel nicht nur für unanſtößig, ſondern ſogar für erbaulich erklärt. Ehe aber die einzelnen Punkte feſtgeſtellt und das Urtheil publicirt ———̃—V-—: 2 re 1 4 5 5 r * 68 werden konnte, trat wieder eine neue Wendung ein. Sei es, daß Hoogſtratens Geld jetzt den rechten Fleck gefunden, oder was wahrſcheinlicher iſt, daß der Papſt den Dominikaneror⸗ den, eine mächtige Stütze der Kirchengewalt, nicht zu ſehr demüthigen und im Angeſicht der ſteigenden Gährung in Deutſchland die freiere Partei nicht zu hoch erheben wollte, genug, es erſchien ein päpſtlicher Befehl, die Sache jetzt be— ruhen zu laſſen. Hoogſtratens Ankündigung, die er auch jetzt noch an mehreren Orten in Rom anſchlagen ließ, daß er ſeine Artikel gegen den Augenſpiegel vor einer Kirchenverſammlung vertheidigen wolle, wurde auf Befehl der Richter abgeriſſen und in den Koth getreten. Er hatte ſich dadurch in Rom nur verhaßter gemacht. Nichtsdeſtoweniger blieben Reuchlins Freunde nach dieſem Beſchluß in Sorge.„Mit Recht beſchuldigſt du mich,“ ſchreibt Pirkheimer an Hutten,„der Furchtſamkeit, wenngleich es Furcht für das Wohl des beſten Mannes iſt. Denn aus einer lan⸗ gen Erfahrung habe ich gelernt, daß wenn das Geld redet, alles andere ſchweigt. Drum wollen wir uns feſt verbinden, den beſten Mann nicht zu verlaſſen, ſondern mit Rath und That ihm zu helfen, wenn wir gleich wiſſen, daß manche ſelbſt unter dem Schilde der Unſchuld zu Grunde gegangen ſind.“ Auch Reuchlin ſelbſt war keineswegs beruhigt. Jeden Tag konnte der Prozeß wieder fortgeſetzt werden, und waren ſeine Gegner nicht geſchickte Leute, den günſtigen Augenblick zu erhaſchen, ja ihn durch ihre unermüdliche Thätigkeit herbeizu⸗ führen? Von Kaiſer Maximilian hatte er ohnehin ſo wenig Schutz als weiland Huß von Sigismund: er ſpricht deshalb beim Tode Maximilians die Hoffnung aus, daß der nächſte Kaiſer kräftiger und thätiger ſein werde.“s) Es kamen ihm aber andere ſchmerzliche Ereigniſſe zu Hilfe und das letzte Wort in dieſem Streite hat Franz von Sickingen geſprochen. Reuchlin hatte demſelben vor langen Jahren, etwa um 1495, im Hauſe ſeines Vaters Schweikart von Sickingen zu Stutt⸗ gart Anleitung in ſeinen Studien gegeben und im Jahr 1519 bei der Einnahme von Stuttgart, wie wir unten ſehen wer⸗ den, erneuert ſich die Freundſchaft mit dem Ritter, der nun 69 bereitwillig den Gelehrten in ſeinen Schutz nimmt. Er ſchrieb am 26. Juli 1519 an den Provinzial, Prior und Konvent der Dominikaner zu Köln: wenn ſie den Doktor Reuchlin nicht in Ruhe ließen, die Appellation gegen das für ihn gün— ſtige Urtheil nicht aufgäben, die taxirten Koſten mit 111 fl. nicht bezahlten, ſo werde er ſammt ſeinen Freunden wider ihre ganze Provinz ſo handeln,„daß der frumme und hochgelehr— tigſte Mann in ſeinem Alter bei Ruhe bleibe.“ Aber noch im Februar 1520 kamen zwei Mönche zu Reuchlin nach Ingol⸗ ſtadt, der Regens des Dominikanerkloſters zu Heidelberg und der Prior von Eßlingen, um neue Unterhandlungen anzu⸗ knüpfen. Reuchlin wies ſie an Franz von Sickingen, dem er ſeine Sache übertragen hätte. Jetzt erſt bekam Reuchlin die Prozeßkoſten eingehändigt, und er konnte damit einen Vor⸗ ſchuß heimzahlen, welchen ihm in ſeiner damaligen Verlegen— heit Pirkheimer nach Ingolſtadt hatte ſchicken müſſen. Auch mußten ſich die Dominikaner verbindlich machen, auf eigene Koſten vom Papſt die definitive Niederſchlagung des Prozeſſes zu erwirken, was ſie nach einem Briefe des Cochläus vom 13. Juni 1520 unter ehrenvoller Erwähnung Reuchlins auch wirk— lich gethan haben. So hat, bezeichnend genug, was Kaiſer und Papſt nicht zu Ende brachten, ein Ritter erledigt. 19. Wirkungen des Streites. Denn der Menſch verkümmert im Frieden; Müßige Ruh' iſt das Grab des Muths.— Aber der Krieg läßt die Kraft erſcheinen, Alles erhebt er zum Ungemeinen, Selber dem Feigen erzeugt er den Muth. Schiller. Auf Reuchlin ſelber hat dieſer Streit zunächſt die Wirkung gehabt, daß er ein größeres Selbſtgefühl gewann. So bewußt ſeiner Größe hatte er ſich vor dem Streite nie ausgeſprochen, wie er es in der Widmung der Kabbaliſtik(1517) an Papſt Leo thut:„Marſilius hat für Italien den Plato herauszuge— ben; Jakob Faber hat für Frankreich den Ariſtoteles wieder⸗ hergeſtellt; ich will die Zahl voll machen, und ich Reuchlin 70 will für die Deutſchen den Pythagoras wieder erwecken und vor Augen ſtellen.“ Denn er war der Meinung, Pythagoras habe ſeine Weisheit aus den Geheimlehren der Juden ge— ſchöpft. Er ſtellt ſich hier unbedenklich den berühmteſten Ge— lehrten ſeiner Zeit an die Seite. Und wenn er ſich auch in dieſer nämlichen Widmung im Hinblick auf die gefürchtete Macht ſeiner Gegner noch immer auf die Zuſtimmung vieler Fürſten und Biſchöfe beruft, unter welch' letzteren namentlich der von Konſtanz als Hirte ihn für ſein Schaf anerkannt hätte, ſo verſäumt er doch nicht am Schluſſe als Grund bei— zufügen:„denn ſie wiſſen, daß ich zuerſt von allen das Grie chiſche nach Deutſchland gebracht und daß ich zuerſt von allen die Wiſſenſchaft und das Studium der hebräiſchen Sprache der ganzen Kirche geſchenkt und übergeben habe. Darum darf ich hoffen, die Nachwelt werde gegen meine Verdienſte um die Kirche nicht undankbar ſein, und ſchon jetzt werdeſt du, heiligſter Vater Leo, mehr die Thaten als die Worte in Anſchlag bringen und mir für ſo viele und ſchwere Mühen, die ich zu Gunſten des rechten Glaubens auf mich nahm, Frieden und Seelenruhe gewähren. Iſt es aber dein Wille, daß ich in dieſem Leben voll Qual immer der Verfolgung preisgegeben ſei, ſo will ich mich höchlich freuen, daß ich für würdig erachtet bin, ſo große Unbill für unſeren Herrn und Heiland zu erleiden.“ Dieſen Gedanken wiederholt er ſpäter in einem Briefe in anderer Form, wo er ſich einen„Märtyrer der Literatur“ nennt. 9) Und nach außen hat dieſer Streit mächtig und in viel weiteren Kreiſen gewirkt, als Reuchlins ganze übrige wiſſen ſchaftliche und ſchriftſtelleriſche Thätigkeit. Der enge Rahmen dieſes Bildes geſtattet nicht, die großen Motive zu beſchreiben, die ſchon länger her die abendländiſche Welt bewegten: die Unbefriedigtheit, welche von den Kreuzzügen her in den Ge müthern zurückgeblieben war, weil man den menſchgewordenen Gott geſucht und nur ein leeres Grab gefunden hatte; die daraus erzeugte Sehnſucht nach einer geiſtigeren Auffaſſung, die ſich als Verlangen nach Wahrheit in den verſchiedenſten Gebieten thätig zeigte; die Buchdruckerkunſt, welche dem „„ r r„ n e e 71 Suchen und Finden derſelben in überraſchender Weiſe Nah⸗ rung und Förderung brachte; zuletzt noch die Entdeckung der neuen Welt, die den Blick allgemach aus dem engen Bann der feſtgewachſenen alten Welt hinaus auf größere Gebiete und Anſchauungen führte— alles machte jene Zeit zu einer erregten mächtig ſtrebenden. Und da war der Streit Reuch⸗ lins für Deutſchland, wenigſtens für das gelehrte Deutſchland, der Anlaß, durch welchen das Streben und Suchen der Geiſter zuerſt ein greifbares Objekt fand. Die allgemeine Theilnahme für und wider erzeugte zuerſt auf den Höhen der Geſellſchaft die Scheidung der Parteien, und der Name „Reuchliniſt,“ je nach dem Standpunkt Lob oder Tadel be⸗ deutend, war eine Zeitlang unter den Gelehrten ſo geläufig als ſpäter im Volk die weitergreifenden Bezeichnungen Lutheraner und Calviniſt. Die Reuchliniſten bildeten eine Elite, einen Kern, der als bereits organiſirte Partei der Reformation zu gut kam. Freilich ſchieden ſich, je weiter die Bewegung ging, innerhalb der Partei immer neue Fraktionen ab: die Ge⸗ mäßigten mißbilligten das Vorſchreiten der Entſchiedeneren; ſie theilten mit ihnen die Ueberzeugung, es könne nicht beim alten bleiben, nur über das Wie und Wann ſtimmten ſie ihnen nicht bei, und namentlich ſollte die Kircheneinheit ge— wahrt werden. Am weiteſten nach dieſer Seite hin ſtand Erasmus, der Mann des Friedens um jeden Preis. Pirk⸗ heimer wollte ihn mit Gewalt hereinziehen ins eigentliche „Heer der Reuchliniſten“ und ſchrieb ihm:„Ich ermahne und beſchwöre dich bei unſerer Freundſchaft, daß du keinen jener Schelme einer Antwort würdigſt, oder wenn dir eine Antwort nöthig ſcheint, daß ſte ihnen nicht durch dich, ſondern durch irgend einen Koch oder Stallknecht zutheil werde.“ Aber es half nichts, Erasmus ſuchte überall zu vermitteln und blieb in brieflichem Verkehr mit beiden Parteien. Er verhielt ſich gegen Reuchlin, wie Reuchlin gegen Luther: aber von ihrem beiderſeitigen Verhalten gegen den letzteren ſind die Motive nicht gleich; denn Erasmus, deſſen Ruhm ebenfalls das ganze Abendland erfüllte, war von Charakter ſchwach genug, um ſeine perſönliche Eitelkeit in den welthiſtoriſchen Principienkampf ———— 2* 72 hineinzutragen und ſich nicht unter die Fahne eines anderen ſtellen zu wollen. Auch iſt er vom Vorwurf der Doppelzüngig⸗ keit nicht freizuſprechen, zwei Flecken, von welchen Reuchlins Name rein iſt. Was aber beiden zu gut kommt und von den Geſchichtſchreibern nicht immer genug hervorgehoben worden iſt, das iſt der Umſtand, daß ſie durch gründliches Bibelſtudium und durch ihre übrige Bildung auf einen Stand— punkt gekommen waren, auf welchem ſie einſahen, daß man ein Jünger Jeſu ſein könne, wenn man auch nicht das Sün⸗ derbewußtſein des nachmals heiligen Auguſtin zum Ausgangs- punkt nehme. Wohl war es natürlich, daß die Reformation, welche ja nicht eine von den geſetzgebenden Faktoren genehmigte Reform ſondern ein gewaltſames Losreißen war, aus polemiſchen Gründen dem Punkte gegenüber, von welchem der Streit ausging, nämlich dem Ablaßhandel, gerade die Rechtfertigungslehre in einer der bisherigen Kirchenlehre möglichſt entgegengeſetzten Weiſe ausbildete, wobei ihr die Anſchauungen des Apoſtels Paulus zu ſtatten kamen: aber Erasmus und Reuchlin hatten auf einem unbefangeneren und univerſelleren Standpunkte mehr die Lehre Jeſu als die des Apoſtels Paulus vor Augen. Am weiteſten nach der anderen Seite hin ſtand Ulrich von Hutten, der Heißſporn unter den Reuchliniſten, der Ver⸗ faſſer vom„Triumph Reuchlins.“ Er erkennt es in einem Brief an Pirkheimer für etwas Unedles, die Wahrheit zu ver⸗ ſchweigen, wenn Drangſale mit der Verkündigung verbunden ſind— eine Erkenntniß, welcher er ſofort die That folgen ließ. Er ſtarb, vertrieben aus allen Orten, ein verlaſſener Mann, auf einer Inſel im Züricher See. Umſichtiger, aber kaum weniger entſchieden trat Pirkheimer auf.„Sie nennen mich einen Reuchliniſten, ſchreibt er in der Widmung von Lucians Fiſcher an den Kanonikus Laurentius Beheym in Bamberg, aber weit gefehlt daß ich dieſen Namen ungern hörte, im Gegentheil, ich freue mich herzlich darüber; ja unter allen Gaben, womit mich die göttliche Güte beſchenkt hat, freut mich nichts mehr als die Freundſchaft mit Reuchlin und Erasmus, und dieſe hat kein Zufall, ſondern ein gleiches wiſſenſchaftliches und religiöſes Streben geſchloſſen und erhalten. 73 Männer, die nicht allein wegen ihrer Rechtſchaffenheit im Denken und Handeln, ſondern auch durch ihren Geiſt vor allen hervorragen, welche mit allen möglichen Kenntniſſen, den verſchiedenſten Sprachen, der glücklichſten Beredtſamkeit, der hellſten Klugheit und Beſonnenheit begabt und deshalb wie Heroen geehrt ſind, deren Kraft und Tüchtigkeit die ge— wöhnlichen menſchlichen Grenzen faſt überſchritten hat; und der Freundſchaft ſolcher Männer ſollte man ſich nicht freuen? ſich den Namen eines Reuchliniſten nicht zur Ehre rechnen?“ Und in der Widmung einer anderen Schrift Lucians an Hie⸗ ronymus Emſer in Dresden ſchreibt er:„Wie du mich einſt im Kriegsgetümmel als Feldherrn geſehen, ſo ſollſt du mich jetzt im Lager der Reuchliniſten die Schaaren führend erblicken; ich kann und will nicht nachſtehen, mit dir will ich, der du ſelbſt im Reuchliniſchen Heer ein Vorkämpfer biſt, dem Kampfe ſtehen; wir wollen die Biſſe der Sykophanten nicht allein mild ertragen, nein, wir wollen ſie verachten und ihrer lachen.“ Den Grafen von Nuenar, Domprobſt in Köln, nennt Reuchlin ſeinen tapfern Athleten, der gegen die Lüge für die Wahrheit kämpfe, während er ſelbſt als Veteran auf die triumphirenden Jünglinge blicke: er lobe ſie, aber trium⸗ phire nicht. Eobanus Heſſus, damals Rektor in Erfurt, ſpäter Lehrer am Gymnaſium in Nürnberg, ſchreibt 1515 an Reuchlin: „Vielen Dank bin auch ich dir ſchuldig für deinen tapfern und muthigen Kampf gegen die ſchrecklichſten Feinde der Wahrheit und der Wiſſenſchaft. Deiner Sache wird nach Jahrhunderten gedacht werden, wie deiner ſelbſt, der du allein gegen ſo viele nicht ein mal, ſondern ſchon öfter ſiegreich aus dem Kampfe hervorgingſt. Ich habe deinen Brief einigen braven Männern gezeigt, die deines Lobes voll und deine Freunde ſind, und unter dieſen findeſt du, worüber du dich wundern wirſt, einige Theologen. Die meiſten ſind zwar deine heftigen Gegner. Dennoch ſollſt du ſiegen, der Senat des lateiniſchen Staates hat deinen Triumph beſchloſſen.“ Auch Mutiguus aus Gotha ſpricht ſich jetzt ſchon ent— ſchiedener aus, und Crotus Rubianus, Profeſſor in Erfurt, 7 welcher durch vielgeleſene Epigramme und Satyren die Licht— feinde geißelte, war empört, daß„die Theologiſten Reuchlin, den Vorkämpfer der Wahrheit und den edelſten der Theologen aus der Kirche hinausſtoßen wollten.“ Dieſer Crotus war aber ſtärker an Witz als an Charakter, und er hat in einem Briefe an ſeinen Freund Urbanus 50) ein Denkmal jener weibiſchen Schwachheit hinterlaſſen, deren Urtheil über moraliſche Fragen vom äußeren Erfolg abhängt. Als nämlich Reuchlins Sache in Rom anhängig war, verbreiteten die Dominikaner die Lüge, der Kaiſer Maximilian habe Reuchlin verurtheilt und ſeine Schriften verboten. Sogleich ſchreibt Crotus: „Reuchlin hätte beſcheidener verfahren, die Ohren der Mönche ſchonen, die frommen Ohren der Schwachen nicht beleidigen und die allgemeine Meinung höher als die eigene Ehre achten ſollen. Unter keiner Bedingung darf man die öffentliche Mei nung ſchwächen, ohne welche weder der Kaiſer das Reich, noch der Papſt die Kirche, noch wir unſre Würden lang be⸗ halten.“ Später hat er auch, vom Biſchof von Mainz bezahlt, gegen ſeine früheren Ueberzeugungen geſchrieben. Schon 1513 hatte Luther an Georg Spalatin, den Hof prediger des Kurfürſten Friedrich von Sachſen, geſchrieben: „Du begehrſt ein Urtheil von mir über den Prozeß des unſchuldigen und ſo gelehrten Reuchlin gegen ſeine kölniſchen Neider und fragſt, ob hier etwa eine Ketzerei oder dem Glauben eine Gefahr bevorſtehe; aber du weißt, lieber Spa— latin, wie innig und hoch auch ich dieſen Mann achte und wie leicht mein Urtheil beſtochen ſein könnte, weil ich nicht mehr frei und neutral heiße. Aber du verlangſt es, und ich theile dir mit, was ich denke. Mir ſcheint in Reuchlins Augenſpiegel durchaus nichts gefährlich, und ich halte ihn für reinen unverdächtigen Glaubens. Weil aber ſolche Proteſta⸗ tionen und Meinungen nicht gefahrlos ſind, ſo müſſen wir fürchten, daß zuletzt jene Inquiſitoren Kamele verſchlucken, Mücken ſeigen und Glaubenstreue, obgleich alles ſie bezeugt, doch für Ketzerei ausſchreien. Vertraue auf Gott, der da trotz tauſendmal tauſend geifernden Kölnern wahrhaftig. Später, 1518, beklagt er ſich über das Volk der Finſterniß, das auf Schleichwegen Verdächtigungen ausſtreue, jetzt im Ablaßſtreit den Kurfürſten verunglimpfe und der Aufforderung zu einer offenen Disputation ausweiche;„den Johann Reuch⸗ lin haben ſie über drei Provinzen herausgefunden und ihn Ne wider Willen fortgezogen; mich, der ich ſie vor der Thure einlade und herausfordere, laſſen ſie unbeachtet und ſchwatzen in den Winkeln, weil ſie ſehen, daß ſie ſich nicht vertheidigen können.“ Alle dieſe Männer und viele andere t) ſetzten den Streit mit den Mönchen auf verſchiedene Weiſe, in Ernſt und Scherz, durch zahlreiche Schriften fort. Die bedeutendſte führt den Titel„Briefe der Dunkelmänner,“ worin das ſchlechte Latein der Mönche ſo geſchickt nachgeahmt und ihre Denkweiſe ſo treffend dargeſtellt war, daß ſie, wie wenigſtens Erasmus erzählt, bei ihrem erſten Erſcheinen 1516 in England und den Niederlanden von vielen Mönchen ganz ehrlich aufgenom— men und zur Lektüre empfohlen wurden, bis das Gelächter, das von einem Ende Deutſchlands zum andern ſchallte, die verblüfften aufſchreckte. Die Kölner ſuchten mit ſchwerem Geld ein Verdammungsbreve zu erwirken, und der Papſt Leo verbot den 15. März 1517 bei Strafe des Bannes das Leſen und den Verkauf dieſer Briefe, nachdem im Jahr 1516 drei Auflagen erſchienen waren. Noch einſchneidender, weil von tieferem ſittlichen Geiſte getragen, war der zweite Theil, der 1547 erſchien und ebenfalls mehrmals aufgelegt werden mußte. Ein dritter Theil kam erſt ſpäter hinzu und hat, da er den Scherz übertreibt, weder äſthetiſchen noch hiſtoriſchen Werth. Daß Reuchlin ihr Verfaſſer ſei, wie damals viele meinten, iſt ſchon darum nicht zu glauben, weil Reuchlin nicht ſo viel Rühmens von ſich gemacht hätte, als in dieſen Briefen von ihm gemacht wird. Am erſten Theile ſcheint beſonders Crotus Rubianus in Erfurt, am zweiten auch Hutten von Italien aus, Pirkheimer in Nürnberg und wie Münch in der Lebensbe— ſchreibung deſſelben wahrſcheinlich zu machen geſucht hat, Franz von Sickingen auf der Ebernburg gearbeitet zu haben, wenn nur nicht die Zuſammenkünfte auf der Ebernburg erſt einer 76 drei bis vier Jahre ſpäteren Epoche und der von Luther her— vorgerufenen Bewegung angehörten. So viele in Einem Geiſte zuſammenwirkende Kräfte halfen mächtig die Reformation vorbereiten und es iſt kein Zweifel, daß ohne die breite Grundlage, welche durch ihre Thätigkeit geſchaffen wurde, Luther mit ſeinem entſchiedenen Auftreten vereinzelt und ohne Wirkung geblieben wäre und daſſelbe Schickſal gehabt hätte, das vor ihm und nach ihm ſo manchen Kämpfer für Licht und Freiheit getroffen hat. Reuchlin freute ſich bei der Nachricht vom erſten offenen Auftreten Luthers: „Gott Lob!“ ſagte er mit klarem Urtheil über die Bedeutung dieſes Auftretens,„nun haben ſie einen Mann gefunden, der ihnen ſo blutſaure Arbeit machen wird, daß ſie mich alten Mann wohl in Frieden werden hinfahren laſſen.“ 20. Reuchlins Verhältniß zu Melanchthon. Wie Reuchlin durch ſeine Lehrthätigkeit, ſeine Schriften und beſonders durch ſeinen Streit die Reformation vorbereiten half, ſo übte er auf ihren Fortgang keinen geringeren Ein- fluß, indem er, freilich auch wieder ohne ſolche Abſicht, ſeinen Großneffen 52) Melanchthon mitten unter ihre Kämpfer und zwar ins vorderſte Treffen ſtellte. Derſelbe hatte die Stadt— ſchule zu Bretten beſucht, bis der dortige Schulmeiſter an einem durch Schweizer Söldner von Neapel eingeſchleppten Uebel erkrankte. Da man Anſteckung befürchtete, nahm Georg Schwarzerd wie viele andere Eltern ſeine Kinder aus der Schule und ſtellte einen von Reuchlin empfohlenen Hauslehrer an. Dies war Johann Hungerer(auch Ungerer und Unger, von Melanchthon gewöhnlich Hungarus genannt) aus Pforz⸗ heim, 53) welcher ſpäter(1511— 1524) Rektor und weitere dreißig Jahre Prediger am St. Michaelsſtift in ſeiner Vater⸗ ſtadt geweſen iſt und unter Markgraf Philipps Regierung die Reformation daſelbſt gefördert hat. Als Georg Schwarzerd, Philipps Vater, den 27. Oktober 150754) und ſein Groß⸗ vater Johann Reuter elf Tage vorher geſtorben war, ſo zog des letzteren Wittwe, die Schweſter Reuchlins, mit dreien ihrer Enkel nach ihrer Vaterſtadt Pforzheim. Der erſte der— 77 ſelben war Philipp, deſſen Zunamen Reuchlin ſchon hier ins Griechiſche überſetzte(Melanchthon). Reuchlin ſah mit Freu— den die reiche Begabung des Knaben, und da er ſelbſt keine Kinder hatte, neigte ſich ihm ſein Herz deſto ungetheilter zu. Häufiger beſuchte er ſeine Schweſter und vermuthlich hielt er bei ſolchem zeitweiſen Aufenthalt in Pforzheim die Vorträge, von welchen der ſogenannte Reuchliniſche Hörſaal in der Stifts— kirche ein Denkmal iſt, das einzige, was die Stadt noch heute von ihm aufzuweiſen hat. Da jetzt unter Simler, einem Schüler Reuchlins, in Pforzheim auch Griechiſch gelehrt wurde, ſo ſchenkte Reuchlin dem Großneffen, deſſen Fort⸗ ſchritten er aufmerkſam folgte, zur Aufmunterung ſeine griechiſche Grammatik ſammt Wörterbuch, ſpäter auch eine lateiniſche Bibel. 55) Beim nächſten Beſuche konnte Melanchthon bereits einige ſelbſtgemachte Verſe überreichen; ſie gefielen Reuchlin ſo wohl, daß er ihm im Scherze ſeinen Doktorhut ſchenkte. Darauf lernte Melanchthon mit andern Pforzheimer Schülern eines von Reuchlins lateiniſchen Schauſpielen, mit deſſen Aufführung ſie den Autor überraſchten. Schon am 13. Oktober 1509 wurde Melanchthon in Heidelberg als Philippus Schwarz— erd immatrikulirt, und 1512 ging er, auf„Vater Reuchlins“ Wunſch, welcher wegen der Gerichtsſitzungen zeitweiſe daſelbſt lebte, nach Tübingen. Er wurde am 17. September immatri— kulirt, erhielt in ſeinem achtzehnten Jahre die Doktorwürde, die man ihm in Heidelberg ſeiner Jugend halber nicht hatte geben wollen, und begann, während er ſelbſt noch— ganz in Reuchlins univerſalem Sinn— theologiſche, philoſophiſche, juriſtiſche und mediciniſche Kollegien hörte, ſeine humaniſtiſchen Vorleſungen. Oft beſuchte er von hier aus allein oder in Begleitung von Studenten den gaſtfreien„Vater“ in Stutt⸗ gart oder auf ſeinem Landgute: die jungen Leute beſahen Reuchlins koſtbare Bibliothek, dann liefen ſie hinab in den Garten zu munteren Spielen. Der vermögende Mann hatte des Mittags gewöhnlich nicht mehr als zwei Schüſſeln, des Abends nur eine. Er ſelbſt aber trank Leuer(Obſtwein), die Tübinger Gäſte bekamen Wein. Der Ruf Melanchthons war in wenigen Jahren ſo groß geworden, daß ſchon 1518 Anträge von Ingolſtadt und von Leipzig an ihn ergingen. Gleichzeitig aber, den 25. April 1518, ſchrieb auch der Kurfürſt Friedrich von Sachſen an Reuchlin. Er war dieſem edlen Fürſten durch zwei Dinge näher bekannt geworden: bei der Errichtung der Univerſität Wittenberg war er ihm durch gute Rathſchläge behilflich geweſen, und dann hatte er ihm vor mehreren Jahren eine Schrift gewidmet über Konſtantin den Großen, worin er beſonders das Edikt von Mailand hervorhebt und die Gleichberechtigung, welche der erſte chriſtliche Kaiſer im Jahr 313 allen Religionen im römiſchen Reiche zugeſteht, eine Höhe echt chriſtlicher Religionsfreiheit, von welcher die Kirche, ſobald ſie die Macht dazu erlangte, die chriſtlichen Regierungen und die Meinungen, durch welche der Gang der Regierungen beſtimmt wird, ſo weit hinabgedrückt hat, daß wir bis auf den heutigen Tag ſie noch nicht wieder haben erreichen können. Jetzt richtete der Kurfürſt an Reuchlin die Bitte, die Lehrſtühle für Griechiſch und Hebräiſch an der Univerſität Wittenberg einzunehmen, oder, wenn er ſich nicht dazu entſchließen könnte, tüchtige Männer dafür vorzuſchlagen. Reuchlin entſchuldigte ſich in einem Schreiben vom 7. Mai 1518 mit Alter und Kränklichkeit, wußte fürs Hebräiſche niemand zu empfehlen und ſchlug für's Griechiſche ſeinen Großneffen Melanchthon vor— ein Nepotismus, für welchen ihm wenigſtens der Theil von Deutſchland, der ſeit drei Jahrhunderten im Proteſt gegen menſchliche Satzung in Glau— bensſachen mehr oder weniger beharrt, den größten Dank ſchuldig iſt. Nicht mit jedem wäre Luther ſo gut ausge— kommen, aber Melanchthon wurde ſein fein organiſirtes Werk zeug, und zudem brachte er zu Luthers ſtürmender Kraft die beſonnene Milde, die bei ihm vielleicht noch mehr eine Frucht der klaſſiſchen Studien als der natürlichen Gemüthsanlagen war. Er brachte den Humanismus in die Reformation; für die proteſtantiſche Kirche und für die proteſtantiſche Schule ſind von ihm in zahlreichen Schriften die wiſſenſchaftlichen Fundamente gelegt worden; von ihm iſt auch jene Augsburger Konfeſſion verfaßt, in welcher der proteſtantiſche Glaubensin⸗ halt auf ſeiner damaligen Entwicklungsſtufe einen ſo vollkommenen „ rr/ r r 79 Ausdruck gefunden hat, daß ungeſchickte Epigonen, nicht zu⸗ frieden damit, ſich ungeſtört derſelben zu erfreuen, ihr im Widerſpruch mit dem Geiſte echten Chriſtenthums bindende Kraft auch für die, welche nicht mehr auf jenem Standpunkte ſtehen, und unwandelbare Geltung für alle Zeiten verſchaffen möchten. Wie wenn mit den Blüthen des vorigen Jahres die Kraft der Natur erſchöpft und die Entwickelung abge— ſchloſſen wäre. Es iſt kein Zweifel, Reuchlin hat ſich ein namhaftes Ver⸗ dienſt um die Reformation erworben, da er dieſen Mann mitten auf ihren Kampfplatz ſtellte. Er redete dem unſchlüſſigen Melanch— thon zu:„Verlaſſe dein Vaterland, deine Freundſchaft und deines Vaters Haus; ſei muthig, nicht ein Weib, ſondern ein Mann und wiſſe, daß kein Prophet in ſeinem Vaterlande etwas gilt.“ Zu Anfang Auguſt ſchickte ihm Reuchlin den kurfürſtlichen Berufungsbrief, mit der Aufforderung, auch in Bretten bei ſeiner Mutter und in Pforzheim bei ſeiner Großmutter Ab⸗ ſchied zu nehmen, und am 25. Auguſt traf Melanchthon in Wittenberg ein. Aber ſo wenig ſich Reuchlin abſichtlich oder auch nur mit dem Bewußtſein etwas Großes damit zu wirken in den Kölner Streit eingelaſſen hatte, in welchen er ja nur wider Willen gezogen ward, ſo wenig wollte er, daß ſein Großneffe ein Reformator werde. Zwar all die Zeit ſeines Lebens hatte er geſchrieben und geſtritten für freieres Denken und Wiſſen, aber er war jetzt des kirchlichen Streites müde: auch gingen die jungen Leute dem alten Manne zu weit; die neuen Ideen drohten ja die Grundlagen des Beſtehenden zu erſchüttern und es war nicht abzuſehen, in welche Verwirrung aller Dinge ſie noch führen würden. War er auch gleich— giltig gegen die kirchlichen Formen und Aeußerlichkeiten, 56) ſo hatte er doch, wie ſchon gelegentlich bei Erasmus bemerkt iſt, für den weſentlichen Gehalt des Chriſtenthums, den er vermittelſt ſymboliſcher Deutung in der Kirche, wie ſie war, immer noch finden konnte, ein warmes Gefühl bewahrt. Luther hat dieſes ganze Verhältniß mit bewunderungswürdiger Klarheit erkannt, wie man aus dem Briefe erſieht, welchen er am 14. Dezember 1518 an Reuchlin ſchrieb:„Der Herr 80 ſei mit dir, kühner Mann. Ich bin der Barmherzigkeit Gottes, die ſich an dir offenbart, Dank ſchuldig, weil du es durch ſie vermocht haſt, den Mund der Läſterer zu ſtopfen. Du biſt das Werkzeug des göttlichen Rathſchluſſes geweſen, wenn gleich dir unbewußt, doch allen Freunden einer reineren Theologie höchſt erwünſcht. Anderes ſcheinſt du und die deinen betrie— ben zu haben, anderes aber hat Gott daraus werden laſſen. Ich habe immer gewünſcht, mich als einen der deinigen er— weiſen zu können, aber es hat ſich mir keine Gelegenheit dar— geboten, doch war ich mit meinem Gebet und meinen Wün⸗ ſchen ſtets bei dir. Was mir damals als deinem Bundesge noſſen verſagt war, wird mir jetzt als deinem Nachfolger reichlich zutheil, denn die Zähne jenes Behemoth fallen auch mich jetzt an, ob ſie vielleicht den Schimpf verwiſchen könnten, welchen ſie aus dem Streite mit dir davongetragen haben. Auch ich gehe ihnen entgegen, wenn gleich mit weit geringeren Geiſteskräften, als du ihnen entgegengeſetzt und womit du ſie zu Boden geſtreckt haſt, aber nicht mit geringerem Vertrauen. Sie weigern ſich mit mir zu kämpfen und wollen mir nicht antworten, aber mit Macht und Gewaltthat dringen ſie ein; doch Chriſtus lebt ja noch, und ich kann nichts verlieren, da ich nichts beſitze.— An deiner Kraft ſind ſchon die Hörner dieſer Thiere nicht wenig gebrochen; durch dich hat der Herr gewirkt, daß der Tyrann der Sophiſten ſich doch endlich vor— ſichtiger und milder den wahren Freunden der Theologie widerſetzen lernte, und daß Deutſchland wieder zu athmen begann, nachdem es durch die Schultheologie ſo viele Jahr- hunderte hindurch nicht allein gedrückt, nein faſt vernichtet war. Der Anfang der beſſeren Erkenntniß konnte nur durch einen Mann von nicht geringen Gaben gemacht werden, denn ſo wie Gott den größten aller Berge, unſern Herrn Chriſtus, zu Staub zertrat(wenn es erlaubt iſt dieſen Vergleich zu machen) und aus dieſem Staube hernach ſo viele Berge er— weckte, ſo würdeſt auch du wenig Früchte hervorgebracht haben, wenn du nicht gleichſam getödtet und in den Staub getreten wäreſt, woraus ſich jetzt ſo viele Vertheidiger der h. Schrift erheben.— So iſt denn das Gebet der ſeufzenden Kirche — 6————— 81 erhört:„errette mich Herr, weil der Heilige gefallen iſt, die Gläubigen unter den Menſchenkindern ſich verringert und die Schlechten ſich zur Höhe Gottes erhoben haben.“— Aber bin ich auch nicht unbeſcheiden, daß ich ohne Ehrenvorrede ſo ver— traulich mit dir ſpreche? Doch es thut dies ja mein dir ver— pflichteter Geiſt, der ſowohl durch das Andenken an dich als auch durch das Studium deiner Schriften mit dir vertraut iſt. Dazu kommt dann noch das, was mich endlich an dich zu ſchreiben bewogen hat, daß unſer Philipp Melanchthon, dieſer bewunderungswürdige Mann, welcher faſt nichts hat, was nicht über den gewöhnlichen Menſchen hinausgeht, und der mir ſo vertraut und werth iſt, mich zu dieſem Briefe an dich aufgefordert hat, indem er mir die Zuverſicht einflößte, daß du gewißlich nicht unwillig ſein, ſondern es ſogar gern ſehen werdeſt, wenn ich dir etwas vorſchwatze. Dieſem mögeſt du es auch zurechnen, wenn du irgend etwas anderes zurech— nen willſt, als daß ich dir durch dieſen Brief meine aufrichtige Geſinnung bezeugen wollte. Lebe wohl und freue dich in dem Herrn, du mein innig verehrter Lehrer.“ Wie ſehr Reuchlins Geſinnung gegen Melanchthon durch den Fortgang der Reformation verändert wurde, ſteht man aus der Thatſache, daß er über ſeine werthvolle Bibliothek, die er für Melanchthon beſtimmt hatte, am 30. Juni 1521, gerade ein Jahr vor ſeinem Tode, wieder anders verfügte. Melanchthon ſelbſt äußerte 1523 die Anſicht, daß ihn ſeine Neigung für Luther um dieſe Erbſchaft gebracht habe; man kann ſich eines milden Lächelns nicht erwehren, wenn er im erſten Verdruſſe hinzuſetzt, ſie ſel„von geringem Werthe“ ge— weſen, da er ſpäter in ſeiner Gedächtnißrede auf Reuchlin 1552 ſich ganz anders über den Werth derſelben ausſpricht.s“) Reuchlin vermachte nämlich ſeine Biblivthek dem St. Michagels⸗ ſtift in Pforzheim mit der Beſtimmung, daß ſie in der Stifts⸗ kirche zu freiem Gebrauche aufgeſtellt werden ſollte. Im dreißig— jährigen Kriege wurde ſie nach Weil der Stadt geflüchtet, und nach mancherlei Verſchleppungen kam der Reſt derſelben in die Großh. Hofbibliothek zu Karlsruhe; darunter findet ſich namentlich noch die auf Pergament geſchriebene hebräiſche Lamey, Johann Reuchlin. D 82 Prachtbibel, die ihm zu Linz der Kaiſer Friedrich geſchenkt hatte(bei Kennikot als Manuſeript Nro. 155 bezeichnet); zwei Werke von David Kimchi, ein Kommentar über Ezechiel und die zwölf kleinen Propheten, und die Grammatik; ein chaldäiſches Werk und der Talmud. 21. Reuchlius letzte Lebensjahre. Neue Unruhe brachte der Krieg. Gegen den Herzog Ulrich ſtanden die beiden Herzoge von Baiern ſammt dem ganzen ſchwäbiſchen Bund im Felde, weil er in ſeinem Muth⸗ willen die Reichsſtadt Reutlingen weggenommen hatte. Das Bundesheer nahm zu Anfang April 1519 Stuttgart ein, und die Stadt hatte alles Ungemach eines eroberten Platzes zu leiden. Aber Franz von Sickingen, der mit Georg von Frunds— berg unter den Anführern des Bundesheeres war, ließ theils aus eigener Verehrung für den berühmten Mann, theils weil ihn Hutten noch beſonders dazu aufgefordert hatte, gleich nach dem Einzuge bekannt machen, daß niemand es wagen ſollte, ſich an Reuchlin zu vergreifen, denn er ſtehe unter beſon⸗ derem Schutze der Bundeshäupter. Er ſelbſt ſuchte ſeinen ehemaligen Lehrer freundlich auf, umarmte ihn und hieß ihn gutes Muthes ſein. Aber was half es? Am 14. Auguſt zog Ulrich wieder in Stuttgart ein. Wenn Reuchlin ſchon wegen ſeiner Freund⸗ ſchaft mit Ulrich von Hutten, welcher ſeit der Ermordung ſeines Vetters Hans der erbittertſte Feind des Herzogs war, bei Hof nicht in Gnade ſtand, obgleich Hutten in dieſer Zeit ſo diskret war, nicht an Reuchlin zu ſchreiben und ihn bloß durch andre Freunde grüßen zu laſſen; ſo war jetzt noch die Begünſtigung durch die Bundestruppen ein neuer Grund des Haſſes geworden, und obgleich Reuchlin ſeit einigen Jahren nicht mehr im würtembergiſchen Staatsdienſt ſtand, ſondern als Privatgelehrter in Stuttgart lebte, ſo ſchwebte er doch wegen Haus und Habe in Angſt: nicht zum Bleiben, nicht zum Flüchten hatte er Muth; er verabredete mit mehreren Freunden nach Eßlingen zu flüchten, blieb aber dann doch in 83 Stuttgart, weil er hoffte, dadurch ſeine Habe zu retten. Ver⸗ gebens. Der Zurückgebliebene wurde ſo ſchwer bedrückt wie die Flüchtigen, und Reuchlin hatte nichts davon, als daß ihm Erasmus in ſeiner Schrift gegen Hutten die Schwäche vorwerfen konnte, die er bei dieſer Gelegenheit gezeigt hatte. Wo möglich noch ſchlimmer wurde ſeine Lage, als bald darauf das ſiegreiche Bundesheer zurückkehrte und Stadt und Land auf eine Weile an Kaiſer Karl V. kam; denn jetzt kehrten auch die auf Reuchlins Zureden entflohenen Bürger zurück, voll Erbitterung, daß er ſie treulos im Stiche gelaſſen, und der Greis verdankte es der Gunſt der einrückenden Bundes⸗ häupter, daß er noch glimpflich davon kam. Der Herzog Wilhelm von Baiern hatte ſich bei der Plünderung Reuchlins Haus als Antheil genommen und ſchützte ihn auf dieſe Weiſe. Doch konnte ſeines Bleibens in Stuttgart nicht länger ſein, und er begab ſich auf den Rath des Herzogs von Baiern im November 1519 nach Ingolſtadt.„Bei uns herrſcht,“ ſchrieb er um dieſe Zeit an Pirkheimer,„die ſtrafende Rache, der Neid, die Unterdrückung der Rechtſchaffenen, der Hunger und das Schwert iſt dazugekommen; deshalb gehe ich nach In golſtadt um mit den dortigen Gelehrten zu leben und den Winter dort zu verweilen, bis ſich die Lage der Dinge geän— dert hat.“ Zu Ingolſtadt wohnte Reuchlin im Hauſe des Domherrn und Vicekanzlers der Univerſität Pr. Eck. Mit Briefſchreiben und Zitherſpiel ſuchte er ſich die trüben Stunden zu erheitern, denn die Liebe ſeines Lebens, ſeine Bibliothek, hatte er in Stuttgart zurück gelaſſen, und das Geld ging ihm aus. Zwar hatte er noch dreißig alte Goldgulden, die er bisher wegen ihrer Seltenheit aufbewahrt hatte; er ſchickte einige davon an Pirkheimer zum Auswechſeln; dieſer aber machte ihm einen Vorſchuß und wagte in ſeinem Brief einen Scherz darüber, daß ihm die alten Goldſtücke ſo ſehr ans Herz ge— wachſen wären. Reuchlin antwortete darauf, er möchte ihm das nicht als einen Fehler anrechnen.„Nur ein unſchuldiges Vergnügen, nicht Geiz iſt die Urſache; und dann iſt dies das einzige, was ich aus den Händen der Räuber und Tyrannen 8⁴ gerettet habe. Wenn ich geizig wäre, ſo würde ich mehr be⸗ ſitzen und mehr begehren. Und ich wäre wohl werth etwas zu haben, wenn du mir dieſe Ruhmredigkeit nicht übel nimmſt. Aber Reichthum liegt mir nicht am Herzen.“ Pirkheimers Vorſchuß konnte er bald darauf decken, da eben jetzt die end— liche Auszahlung der Kölner Prozeßkoſten erfolgte; auch war ſein heimiſcher Beſitz nicht völlig konfiscirt, denn er ſchreibt an Pirkheimer, er hoffe aufs Frühjahr hundert Gulden aus Wein zu löſen; und eine weitere Beſſerung ſeiner Lage ergab ſich durch den Auftrag des Herzogs gegen einen Gehalt von 200 Goldkronen an der Univerſität Vorleſungen über hebräiſche und griechiſche Sprache zu halten. Er las morgens hebräiſche Grammatik nach Kimchi, Nachmittags den Plutus des Ariſto⸗ phanes vor mehr als 300 Zuhörern. Aber es zeigte ſich bald, daß die Gemeinſamkeit mit Eck ſich nur auf das Wiſſen, nicht auch auf das Wollen erſtreckte: Eck wollte, obgleich er ſich als Gelehrter einen Reuchliniſten nannte, Luthers Schriften in Ingolſtadt verbrennen. Reuchlin, obwohl noch immer ein guter Katholik, aber Feind aller rohen und unnützen Gewalt⸗ ſamkeiten im Geiſteskampfe, ſetzte ſich mit Erfolg dagegen, und das freundſchaftliche Verhältniß war zu Ende. Dazu kam noch die Peſt. Wie ſie ihn früher aus Stuttgart vertrieben hatte, ſo vertrieb ſie ihn jetzt aus Ingolſtadt. Er verließ es im April 1521, kehrte nach Stuttgart zurück und wollte daſelbſt ſein Hausweſen wieder einrichten. Aber die Univerſttät Tü⸗ bingen ließ ihn durch zwei Abgeordnete einladen, ſeine Vor⸗ leſungen in Tübingen fortzuſetzen. Es wurden hebräiſche Bi⸗ beln aus Venedig verſchrieben, zu Hagenau mußte Anshelm die Gegenreden des Aeſchines und Demoſthenes drucken, und ſchon kamen auf die Kunde, daß der berühmte Mann wieder in Tübingen leſe, viele Studenten aus Heidelberg, wo noch immer die alte Scholaſtik blühte und erſt ein Jahr ſpäter das neue Licht ſo weit drang, daß eine griechiſche Profeſſur wirk⸗ lich ins Leben trat. Aber die Kräfte reichten nicht mehr; dauernde Kränklichkeit ſchlug in Gelbfieber aus: das Bad Liebenzell, in welches ſich Reuchlin im Frühjahr 1522 begab, 8⁵ vermochte nichts mehr, und man brachte den Kranken nach Stuttgart zurück. Den 30. Juni 1522, in ſeinem ſiebenundſechszigſten Jahre, kam Reuchlin zur Ruhe. Ruhe, müder Mann. Die Frucht deines Fleißes und deiner Kämpfe erfreut nach Jahrhunderten dankbare Nach kommen, und das Licht, das du angezündet haſt, leuchtet ihnen auf dem Wege zur Wahrheit, durch die Wahrheit zur Freiheit. e So-— ————— 2 Anmerkungen. 1) Die älteren Bearbeitungen ſind angegeben in Schnurrers biographiſchen und literariſchen Nachrichten von ehemaligen Lehrern der hebräiſchen Literatur in Tübingen(Ulm 1792) S. 6. Schnur⸗ rers Arbeit blieb lange Zeit, auch nach dem Erſcheinen von Mei ners' Lebensbeſchreibungen aus der Zeit ꝛc.(Zürich 1796) und auch neben Mayerhoffs„Reuchlin und ſeine Zeit“(Berlin 1830) das Beſte, was über Reuchlin geſchrieben war. Aber eine eingehendere Darſtellung hat Erhard in der Geſchichte des Wiederaufblühens wiſſenſchaftlicher Bildung(Magdeburg 1830) II. Band S. 147— 460 gegeben, auf welche Schloſſer verweist. Ihr Vorzug iſt die geiſtige Durchdringung und Beherrſchung des großen Materials: durch Genauigkeit im Thatſächlichen empfiehlt ſich die kurze Schil— derung in Raumers Geſchichte der Pädagogik, Stuttgart 1846. J. Theil. S. 1158123. 2) Den Beleg aus Straßburger Gerichtsprotokollen, S. bei Vierordt, Geſchichte der Reformation in Baden, S. 60. 3) Bei Melanchthon(oratio de Johanne Capnione, de- clamat. tom. III.) werden Reuchlins Eltern als honesti parentes bezeichnet. May(Vita Reuchlini, Durlach 1687) und Schnurrer ſagen nichts über den Stand des Vaters. Gehres(Pforzheims kleine Chronik, S. 153) will„in einer alten Chronik“ gefunden haben, Reuchlins Vater ſei ein gemeiner Bote geweſen, und dieſer Angabe folgt noch Mayerhoff(Johann Reuchlin und ſeine Zeit, Berlin 1830). Förſtemann(Jahrb. für wiſſenſch. Kritik 1832, S. 928) tadelt ihn, daß er dafür den Ausdruck„ein gewöhnlicher Bote“ ſubſtituirt, weil gemein hier ſo viel als dem Gemeinweſen angehörig bedeuten müſſe, alſo gemeiner Bote etwa ſo viel als Ge— richtsdiener ſei. Allein die Angabe Reuchlins ſelbſt(Epp. ad R. ed. Hag. 1519 Bl. 9 a.) mihi conscius sum parentes meos Fratrum ordinis(S. Dominici) bona fide ministeriales fuisse, apud quos et in Christo requiescunt beweist, daß Reuchlins Vater im Dienſte der Dominikanermönche ſtand; die Thatſache aber, daß zwei Söhne ſtudirt haben und hauptſächlich der Umſtand, 87 daß Reuchlins Schweſter Eliſabeth mit Johann Reuter, einem an⸗ geſehenen Kaufmann in Bretten,„einem feinen verſtändigen Mann, der ſelbſt geſtudiret hatte,“ verheirathet war, was nicht etwa der Berühmtheit des Bruders zu verdanken war, da die Ehe wenigſtens ſchon 1470 geſchloſſen worden ſein muß— macht es in hohem Grade wahrſcheinlich, daß dieſer Dienſt kein geringer, ſondern faſt nur der eines Verwalters der Kloſtergüter geweſen ſein könne. Vergl. Vierordt, Geſchichte der Reformation S. 83, und Programm des Karlsruher Lyceums 1844, p. 6. 4) Saſtrow, ein Pommer, der im Jahr 1544 zu Pforzheim verweilte. Siehe deſſen Selbſtbiographie, herausgegeben von Moh⸗ nicke, Greifswalde 1823. 5) De verbo mirifico ed. Tub. 1514, p. 3. Gewiß hat der beſcheidene und wahrhaftige Mann die Angabe von den vielen Pforzheimer Gelehrten ernſtlich gemeint. Bekannt iſt keiner davon, denn die Schwebel, Weſtheimer, Gerbel, Frey, Chriſtoph und Matthias Wertwein, Burkhard, May und andere ſind alle ſpaͤter; aber das beweist nichts, als daß zumal aus der Zeit vor Erfindung des Druckes mancher Name in Vergeſſenheit begraben iſt Full many à flower is born to blush unséen. 6)„Daß Reuchlin die Schlettſtadter Schule mit Dringenberg beſucht habe, wie May erzaͤhlt, iſt möglich aber nicht wahrſchein⸗ lich, weil Wimpheling gewiß nicht ermangelt haben würde, dieſen hochgefeierten Mann zum Ruhme ſeines alten Lehrers Dringenberg unter den Mitſchülern deſſelben zu nennen.“ Röhrich in Illgens Zeitſchr. 1834. IV, 2. 208. 7) Albrecht, de Academiae Albertinae in alias meritis. Friburgi 1808, p. 13. 8) Der Markgraf Friedrich war den 8. Juli 1458 geboren, alſo nicht ganz drei Jahre jünger als Reuchlin. Eiſenlohr(Bad. Geſch. als Manuſcript in den Händen des Hrn. Hofrath Vierordt in Karlsruhe) ſagt p. 112: Reuchlin ſei als Informator, Sachs (Einleitung in die badiſche Geſchichte, II, 627) er ſei als Gefährte mitgereist. Melanchthon: er ſei ihm wegen ſeiner großen Fort⸗ ſchritte in der Grammatik beigegeben(adjunctus), Reuchlin ſelbſt (im Brief an Faber), er ſei e familia dieſes Prinzen ſein gut- g oποιπνπœãb geweſen. Derſelbe erhielt ſchon 1474 die Weihe und wurde 1496 Biſchof von Utrecht. 9) Johannes Lapidanus war ein Deutſcher, Johann Heinlin von Stein, vermuthlich aus Baſel, damals Profeſſor zu Paris, Doktor der Sorbonne, 1469 Rektor der Univerſität, ſpäter in Baſel und Tübingen. Reuchlin hörte bei ihm Vorleſungen über Laurentius Valla's elegantias latini sermonis. 10) Mayerhoff beruft ſich S. 10 auf eine Stelle in der Rede 88 Melanchthons, wornach Reuchlin von Weſſel auch ſchon in die he— bräiſchen Studien eingeführt worden ſei, und Schloſſer(X. 444) wiederholt dieſe Angabe. Sie wird aber widerlegt von Ullmann, Reformatoren vor der Reformation II, 369. Die Frage iſt darum von Belang, weil es zum Theil von ihrer Beantwortung abhängt, ob Reuchlin nachmals die Anregung zu den Kabbaliſtiſchen Studien dem Pieus von Mirandola gegeben oder ſie von ihm erhalten habe. Erhard II, 339 vermuthet das letztere, die anderen das erſtere, wahrſcheinlich mit mehr Recht, da Reuchlin erſt 1492 von Jehiel Loans ins Hebräiſche eingeführt wurde und Picus ſchon unter den 900 Theſen, die er 1486 in Rom vertheidigen wollte, viele Sätze hat, welche beweiſen, daß er bereits in die orientaliſche Phi⸗ loſophie eingedrungen war. 11) Daß Reuchlin 1474 Rektor der Univerſität geweſen, wie Ochs, Geſch. von Baſel, V, 154 angibt, iſt wohl zu viel Ehre: der Rektor wäre ja gar zu jung geweſen. 42) Vocabularius Latinus Breviloquus dictus, Basileae 1478. Schon vorher, etwa 1476 und 1477, waren zwei Aus⸗ gaben ohne Ortsnamen und Jahreszahl erſchienen. 15) Reuchlin klagt es dem Kardinal Hadrian in der Vorrede zu ſeinem Werke de accentibus. 14) Die wichtigſte Quelle für dieſe Zeit im Leben Reuchlins iſt die Stelle in der Vorrede zu den Rudimentis Hebraicis an ſeinen Bruder Dionyſius: Basileae sub Andronico Contoblaca natione graeco linguam graecam didici, quam elapsis inde quatuor annis inter Gallos primo apud Genabum quas nunc Aurelianas vocant, seminavi; ubi tempore protracto et juri civili dedi operam et fui a doctoribus honore Papinianistarum decoratus anno domini MCCCCLXXIX. vide mi frater quanta circumspectione vitam duxi. Nam universam stipem quam discendo impendi, docendo acquisivi. Simul enim et didici latinorum jura et docui graecorum praecepta. 100 Die zweite Reiſe nach Paris wird von Schnurrer ganz verworfen, von den übrigen Biographen vor den Aufenthalt in Baſel geſetzt. Aber Erhard, II, 158 beweist aus Reuchlins Worten in der Vorrede zum dritten Buch der Rudimenta hebraica: Basileae primum ab Andronico Contoblaca, dein de Parisi a Georgio Hermonymo Spartiate. graecorum linguam accepi, daß die zweite Pariſer Reiſe nach dem Aufenthalt in Baſel zu ſetzen ſei. Daraus folgt aber auch, daß das Zuſammen treffen mit Weſſel in Paris ſchon bei der erſten Reiſe ſtattgefunden haben muß, da Weſſel zu der Zeit, wo Reuchlin in Baſel war, Paris ſchon hatte verlaſſen müſſen. 16) Dieſe Grammatik, die er u eite(kurzer Unterricht) 89 nannte, enthielt ohne Zweifel nur die Formenlehre. Sie ſcheint in Abſchriften von ſeinen Schülern benutzt worden zu ſein, wenigſtens iſt kein Abdruck bekannt. Sein eigenes Exemplar ſchenkte er 1508 Melanchthon. Jedenfalls war die Grammatik des Theodor Gaza und die etwas ſpätere von Melanchthon(1518, 1542 ꝛc., auch nur Formenlehre) von größerem Einfluß. Jetzt wird Reuchlins Name in den Grammatiken nur noch bei der Ausſprache erwähnt, welche nach ihm benannt iſt, und welche nur durch einen Scherz des Erasmus verdrängt, nicht allein die der Griechen noch heute iſt, ſondern vermuthlich auch die der Alten war. Siehe Telfy, Stu⸗ dien über die Alt- und Neugriechen und über die Lautgeſchichte der griechiſchen Sprache. Leipzig, Reclam sen. 1853. Nur in (Kyrie) eleison iſt noch eine Spur des Itaeismus geblieben, aber entſtellt, indem es, wie Reuchlin dem Theologen Bebel auf deſſen briefliche Anfrage erklären mußte, vierſilbig iſt(8707). 17) Heyd, Herzog Ulrich I, 203. 18) Im Brief an die theologiſche Fakultät in Köln d. d. Stuttgart 27. Januar 1512 nennt ſich Reuchlin einen Digamus. Aber für eine zweimalige Verheirathung liegt nirgends ein Nach⸗ weis vor, und doch gebraucht Reuchlin ſonſt für„verheirathet“ conjugatus. 19) Zu Eberhard im Bart waren päpſtliche Geſandte gekom⸗ men. Mit ſeines Kanzlers, eines Hechingers, Rede, die mit pro⸗ vinzieller Ausſprache gehalten wurde(Ceilsissimus et eillustrissimus naoster prainceips eintellexit etc.), wollten ſich die Italiener nicht zufrieden geben, ſei es, daß ſie ihn wirklich nicht verſtanden, oder daß ſie ihn nicht verſtehen wollten. Da erinnerten die Umſtehenden an Reuchlin, welcher recht gut lateiniſch reden könne. Er ward gerufen und entledigte ſich ſeines Auftrags zu allſeitiger Zufrieden⸗ heit. Siehe Schnurrer S. 10. In einem Manuſcriptenfascikel der königl. öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart iſt zwar Nach⸗ weiſung gegeben, daß ſich kein Hechinger unter den Kanzlern jener Zeit finde, aber mit dem Hechinger Latein hat es doch ſeine Rich— tigkeit; es war oft der Gegenſtand der Scherze Melanchthons und ſeiner Freunde. Vergl. die hübſche Anekdote bei Raumer, Geſchichte d. Päd. 1846, I, 116. 20) Förſtemann in den Jahrbüchern für wiſſenſchaftliche Kritik 1832. S. 941. 21) Nach einem verbindlichen Eingang über die Vorzüge der Schwaben, wie ſie unverwöhnt von der heimiſchen Natur viel in die Fremde zögen und mannigfaltige Bildung heimbrächten— „denn auch du, Kapnion, haſt deine Weisheit nicht aus dem Schwarzwalde, ſondern aus Paris und Italien geholt“— fühlt er ſich beſonders in Pforzheim auf klaſſiſchem Boden, das 90 vom alten Troer Phorkys gegründet worden wäre. Denn Phorkys ſei auf ſeiner Flucht über Italien nach Schwaben gekommen. An einem klaren Fluſſe machte er Halt, und als er den Namen(Enz) erfuhr, rief er erſtaunt: „Biſt du jener Aeneas, welchen dem Troer Anchiſ's Venus die ſchöne gebar an des Simois phrygiſchem Strome?“ Dieſe Verſe hat nachmals, von ihrem Alter erbaut, Virgil in ſeine Aeneide aufgenommen. Phorkys aber legte eine Stadt an, die er Phorka nannte, wie denn auch von hier aus, um den Namen von Alba longa zu verewigen, das benachbarte L Langenalb gegründet wurde.— Ganz im Geſchmacke der mittelalterlichen Chroniſten; es iſt recht gut moglich, daß Reuchlin dergleichen ſelber geglaubt hat, und um ſo wahrſcheinl icher, als er ſpäter von Melanchthon darüber verlacht wird. 22) Roger Bakon, der ſchon im dreizehnten Jahrhundert auf das Studium der Natur verwieſen hatte und ein Märtyrer ſeiner Ueberzeugung geworden war. Ausſchließlicher freilich, umfaſſender und mit mehr Erfolg hat es Francis Bakon(von Verulam) zu Anfang des ſiebenzehnten Jahrhunderts gethan. 23) Memmingers Würtemberg 1844, p. 80. 24) Ullmann, Programm der Univerſität Heidelberg, 1840. Recolitur memoria Joannis Dalburgii, Camerarii Wormatiensis. 25) Wir philips ꝛc. Bekennen ꝛc. das wir den Erſamen un— ſern lieben getreuen Johann Reuchlin Doctor zu unſerm Rate diener u. hoffgeſind und jnſunder zu eynem oberſten zuchtmeiſter unſer lieben ſone vffgenommen haben, eyn jar neſtfolgend das uff dato diß briefs angeen, alſo das er uns widder meniglich getruw— lich dienen u. gewarten, reden und Raten— und jn ſunder den andern zweyen unſer ſone leeremeiſtern zuſehen und anweyſung ge— ben was unſern ſonen zu irem ſtate zu lernen und jn zucht eynikeit und jren wirden ſich zu halten allerzimlichſt und fruchtbarſt ſei, und als er zwey pfert haben ſoll, wollen wir Ime für redlichen pfertſchaden ſteen ob Ime der eyns oder mee abgingen ander als tuglich geben.— Und wir wollen Ime das Jar zu Rat und dinſt— gelt und unſern ſonen wie obſtet zu gewarten geben 100 guter Ryniſcher gulden und eyn hoffeleit fur jne als wir ander doctores unſers hoffgeſindes pflegen zu eleiden.— Und heruff ſo hat er uns mit truven globt und zu den Heiligen geſworn getruw holt gehorſam und gewertig zu ſein ꝛc. Des zu urkunt ꝛc. der geben iſt uff ſant Silueſterstag anno domini Millesimo quadringen- tesimo nonagesimo septimo. Aus dem pfälziſchen Kopialbuch Nro. 16, fol. 342. 26) In einem Brie— an Wacker d. d. 26. September 1500. Epp. elar. vir, ed. 1558, p. 43. 27) Unicus Germaniae nostrae thesaurus, quo sum uti solitus semper pro animi mei sententia. De verbo mirifico p. 1. 28) Trithem. de scriptoribus Germaniae 1495 gibt s. n. Reuchlin neben anderen nicht mehr gekannten Schriften deſſelben an: epigrammatòn et elegiarum lib. I. Dieſelben mußten vor 1494 erſchienen ſein, denn in dieſem Jahre hat der Abt ſein Werk geſchloſſen. 29) Epitome historiarum secundum seriem IV. monarchia- rum. Das Werk wird von einigen dem Agrikola zugeſchrieben, an— dere laſſen es von Agrikola und Reuchlin gemeinſchaftlich ausarbeiten: das Wahrſcheinlichſte iſt, daß Reuchlin mit einigen Freunden es verfaßte, aber nicht mit Agrikola, welcher ſchon 1485 geſtorben war. Der Kurfürſt hatte ſo viel Freude daran, daß er täglich dar in las. 30) Manlius loc. comm. coll. p. 572. Er hatte es aus dem Munde Melanchthons. Dazu Hartmann, Leben des Brenz I, 24. 31) Akten der Heidelberger Artiſtenfakultät, T. II, fol. 163 S. Hautz, Geſchichte der Univerſität Heidelberg, aus welcher vor ihrem Erſcheinen dieſe und andere Quellen gütig mitgetheilt worden find. Dazu die Stelle aus dem ſpäteren Briefe Wackers an Reuchlin:„Auch für deinen Bruder wäre es gut, wenn du wieder hierher kämeſt und dem Kanzler hälfeſt, den Kurfürſten zu bewegen ut fratri tuo denuo stipendium promittat pro con- tinuanda lectione in lingua graeca. Epp. clar. vir. p. 41. 32) Ullmann, Heidelberger Programm 1840, p. 35 und 36, aus den Akten der Atiſtenfakultät Tom. II. fol. 136 b. und 164 a. 33) Häuſſer, Geſchichte der Pfalz I, 445, und Hautz, Geſchichte der Univerſität Heidelberg. 34) Bei May p. 143 werden erwaͤhnt litterae Aegidii Vi- terbensis(eines gelehrten Kenners der hebräiſchen Sprache) ordinis Eremitarum S. Augustini Prioris Generalis Romae 1516, 20. Oct, datae, quibus huie ordini inscribitur Johannes Reuchlin doctor, Dionysius presbyter, frater ejus atque Elizabeth soxor. Natürlich nicht in den Orden ſelbſt, ſondern in eine demſelben affiliirte Brüderſchaft. 35) Bei Mayerhoff iſt dies die dritte Reiſe: da aber Förſte— mann nachweist, daß die Reiſe von 1490 nur auf den ſchwachen Füßen eines Briefdatums ſtehe, iſt ſie hier nicht erwähnt worden. Uebrigens ſcheint die Frage nach der Zahl der römiſchen Reiſen noch keineswegs erledigt: May(vita p. 536) erzählt von einem Codex, den Reuchlin im Auguſt 1484 in Rom gekauft hätte. Oder vielleicht hätte kaufen laſſen? 36) Die ſeltene Schrift findet ſich auf der Stuttgarter Bibliothek. — u———— . —— 50 1 1 1 ö 1 37) Nur Konrad Kirsner(Pellikanus) aus Ruffach, ein Fran ciskaner, ſpäter eifriger Förderer der Reformation, hatte in Baſel 1503 ein Werk de modo legendi et intelligendi hebraea heraus gegeben. Aber Pellikanus hatte die Unterweiſung und Hilfe Reuch⸗ lins genoſſen und iſt eher ein Schüler als ein Lehrer deſſelben. Vergl. Erhard, Geſchichte des Wiederaufblühens ꝛc. II, 216. 38) Augenſpiegel, Blatt XXI. 39) K. v. Raumer, Geſchichte der Pädagogik, I. Theil, p. 118. 10) Förſtemann in den Jahrbüchern für wiſſ. Kritik S. 929. 41) Loc. comm. coll. S. 543. 49) Ein erſchöpfender bibliographiſcher Abſchnitt ſollte freilich in einer Biographie Reuchlins nicht fehlen. Aber dem Verfaſſer gehen die dazu nöthigen literariſchen Hilfsmittel ab, und er muß, da Mayerhoffs Anhang S. 250—273 an vielen Ungenauigkeiten leidet, ſich darauf beſchränken, in dieſer Beziehung auf ältere Ar— beiten zu verweiſen: 1) Schnurrers literariſche und biographiſche Nachrichten von den ehemaligen Lehrern der hebräiſchen Literatur in Tübingen. Tübingen 1778. 2) Panzers Annales typographici, Nürnberg 1793— 1803. 11 BB. Hier ſeien nur erwähnt die Ausgabe der ſieben Bußpſalmen mit lateiniſcher Ueberſetzung. Tübingen 1512. Kenophons Apo— logie des Sokrates, Hagenau 1520. Die Gegenreden des De— moſthenes und Aeſchines, Hagenau 1522, und die Ueberſetzungen: Kenophons Apologie des Sokrates; einige von Lukianos' Todtenge⸗ ſprächen; Stücke aus Homer, namentlich der Kampf des Paris und Menelaos, metriſch ins Deutſche; die Reden des Demoſthenes gegen Philippos; aus der chriſtlichen Literatur: Athanaſius, und die Ketzereien des Neſtorius. 43) Nach Mayerhoff 1503, aber nach Foͤrſtemanns Berichti⸗ gung 1506, Jahrbücher 935. Noch 1521 war Pfefferkorn Spi⸗ talmeiſter zu Köln. 44) Später hat er den Talmud ſelbſt beſeſſen. Auf der Gr. Hofbibliothek zu Karlsruhe ſteht in einer Handſchrift des Talmud von Reuchlins ſchöner und kräftiger Hand Thalmud hierosolymi- tanum Reuchlin acquisivit 1512. Ebendaſelbſt iſt die Gram⸗ matik von Kimchi aufbewahrt, die er Rome multis ducatis In mense Quintili anno MCCCCLXXXVIII gekauft, und ein ge⸗ druckter Pentateuch, den er von Dalberg III. id. febr. anno MCCCCXOIN in cCagtris latinis(Germanice Latinburg) gegen einen geſchriebenen umgetauſcht hatte. 45) Oder vielleicht nur außerhalb der Kirche, denn Reuchlin ſagt: ante templum ascendit. — ꝶꝶꝶmnLön8nß.n8nß]⁰³ãꝛA. ͤ— 22— ˙—vÜẽ⸗. 93 46) Friedländer, Beiträge zur Reformationsgeſchichte 1837, p. 16. 47) Hermann vom Buſch, ein Freund Reuchlins, war einer der erſten vom deutſchen Adel, welcher die Zeit begriff und einſah, daß, nachdem für ritterliche Thaten kein Raum mehr war, nur Wiſſenſchaft, Kunſt und Gewerb noch einen würdigen Beruf bieten. So ſetzte er ſich über die Verachtung weg, mit welcher ihn ſeine Standesgenoſſen anſahen, als er ſich den Wiſſenſchaften widmete und es nicht verſchmähte Lehrer an Hoch- und Mittelſchulen zu werden. Damals lebte er noch in Köln. Erſt ſpäter mußte er vor dem Haß der Dominikaner flüchten. 48) Divus Maxaemilianus Imperator nuper mortem obiit; is si rebus in omnibus fuit lentus et cunctabundus, eligetur fortasse qui futurus est acrior et agilior. Aus einem Briefe Reuchlins an Queſtenberg vom 15. Februar 1519. Siehe Fried⸗ länders Beitrage zur Reformationsgeſchichte p. 86. 49) Friedländer, Beitrage, p. 75, aus einem Brief an den Kardinal Achilles de Crassis d. d. Stuttgart 1. November 1518. Ego tanquam reipublicae litterariae protomartyr pro libris et omnibus librorum amatoribus delibor, quique culpa vaco, falsa inculpatione proseindor. 50) Epp. CCLXVII. in Supplem. Hist. Goth. I, p. 139. 51) Das älteſte Verzeichniß der Reuchliniſten findet ſich vor der 2. Ausg. der Epp. ad Reuchlinum 1519 unter dem Namen Exercitus Reuchlinistarum. 52) Vergl. Förſtemann in den Jahrbüchern p. 934 und Vierordt, Karlsruher Programm 1844 p. 5. Reuchlin ſelbſt nennt Melanch⸗ thon ſeinen geſippten Freund und lieben Vetter. Johann von Eck ſchreibt den 24. Juli 1519 an Hoogſtraten, daß auch ein „nepos Reuchlin, multum arrogans,“ von Wittenberg zur Leip—⸗ ziger Disputation gekommen ſei. Dies iſt kein anderer als Me⸗ lanchthon. Noch beſtimmter ſagt David Chyträus, ein Sohn des Pfarrers in Menzingen bei Bretten, mit einem jüngeren Bruder Melanchthons befreundet, ſpäter Profeſſor in Roſtock, in der oratio in scholae Provincialium Duc. Stiriae introductione(Graeciae 1573) Blatt C. 4 Melanchthon, Johannis Reuchlini audi- tor et ex sorore nepos. Hiernach muß Reuchlins Schweſter Eli⸗ ſabeth verheirathet und Melanchthons Großmutter geweſen ſein, und zwar Großmutter von mütterlicher Seite, denn ihr Mann war Johann Reuter, Kaufmann und pfälziſcher Schultheiß in Bretten. Gehres, Geſchichte von Bretten, p. 89, iſt darnach zu berichtigen. Melanchthons Mutter, Barbara, geb. Reuter in Bretten, und die Großmutter Eliſabeth lebten noch 1518, denn Reuchlin ſchreibt an Melanchthon:„Vor deiner Abreiſe nach Wittenberg beſuche noch meine Schweſter in Pforzheim und deine Mutter in Bretten.“ 9⁴ Von der Darſtellung, welche Vierordt in der angeführten Stelle von dieſer Verwandtſchaft gibt, möge hier das Nöthigſte folgen: Georg Neuchlin in Pforzheim —ů—ů—srʒæäß33—— Nikolaus Schwarzerd Johann Reuter Fier N 2 5 a 1. 11 0 Nia in Heidelberg in Bretten Eliſabeth Johann. Dionyſius. 55 Nor Sch 5 Georg, Schwgrzerd Barbara Reuter Rüſtmeiſter in Bretten * Philipp Melanchthon. Die genealogiſche Tabelle für die Nachkommen des Dionyſius, welche Mayerhoff aus Mai aufgenommen hat, iſt von Förſtemann in den Jahrbüchern S. 931 und in Röhrichs Mittheilungen 1855, II, 292 berichtigt und ergänzt. Die Linie iſt 1788 ausgeſtorben. Vielleicht von einer Seitenlinie ſtammend, findet ſich im Pforzheimer Taufbuche 1614 ein Jörg Rüchlein oder Rüchle(auch ſchon Dio— nyſius war in Heidelberg als Rüchlin eingeſchrieben worden), wo— raus ſpäter Rühle, Rühl werden konnte. 53) In dem„kurzen Bericht,“ welcher 1560 zu Wittenberg als Melanchthons Nekrolog erſchien, heißt es:„Da hielt ihnen Hans Reuter, ein feiner verſtändiger Mann, der ſelbſt geſtudiret hatte, einen beſondern Pädagogum, Johann Hungerer von Pfahl heim genannt, der lehret die Knaben in des Großvaters Haus mit allem Fleiß.“ Da aber Pfahlheim ſonſt nirgends wieder genannt iſt, ſo vermuthet Vierordt(I. I. p. 9); daß es Pforzheim heißen ſolle, und Melanchthon ſelbſt nennt ſeinen Lehrer einen Pforzheimer und lobt denſelben darum, daß er ihn mehr zum Reden und Ant worten getrieben habe, als ihm damals lieb geweſen; jetzt erkenne er es dankbar, daß Ungerer gar nicht aufhörte zu fragen.„Für jeden Fehler bekam ich Schläge, doch mit Mäßigung. So machte er mich zum Grammatiker. Er war ein trefflicher Mann und liebte mich wie ſeinen Sohn, ich ihn wie meinen Vater.“ 54) Vitus Oertel in der Rede bei der Leiche Melanchthons 1560(Bretſchneiders Corp. Rell. X, 189) und der kurze Bericht (ib. 258) geben ein anderes Datum. Es war aber der 27. Okt. 1507, wie aus Bretſchn. VIII. 367 und I. p. CXLV, hervorgeht. 55) Winsheim erzählt auch von einem griechiſchen neuen Teſtament, aber das iſt ja erſt 1516 von Erasmus herausgegeben worden. Heyd, Tübinger Zeitſchr. 1839, I, 75. 56) Der Jeſuit Jakob Gretſer tadelt in der Praefatio zu der Schrift Suppetiae Luthero Academico missae, Ingolſtadt 1512, an Reuchlin, daß er ziemlich kaltſinnig von den Gebräuchen der Kirche geredet habe. Weislinger, Huttenus delarvatus p. 52. 57) Die erſte Stelle findet ſich bei Bretſchneider, Corp. Reff. I, 645. Die zweite ib. XI, 1009. 7 95 Reuchlins Grabſtein findet ſich nicht mehr, wohl aber ein Kenotaph. Es iſt der erſte Stein im weſtlichen Kreuzgang der Spitalkirche zu Stuttgart: dies war ein Dominikanerkloſter, und Reuchlin wollte, wie ſeine Eltern in Pforzheim, bei den Domini⸗ kanern begraben ſein. Er ſetzte ſich ſchon bei Lebzeiten einen Grab ſtein dahin, deſſen Inſchrift lateiniſch iſt und von den hebräiſchen und 5 griechiſchen Symbolen„Ewigkeit“ und„Auferſtehung“ eingeſchloſſen 1 wird: Im Jahr Chriſti 1501 Sich und der Nachwelt ö Kapnion. I. A. E.(is antem est? oder ein kabbaliſtiſches 6 Zeichen?) Johann Reuchlin von Pforzheim. Der nach— malige Streit mit den Dominikanern aber ward Urſache, daß er den Entſchluß änderte und ſich auf dem Lazarethkirchhofe begraben g ließ, wo ſeine Gattin bereits ihre Stätte gefunden hatte. Braſſi— 1 kanus ſchrieb ihm eine Grabſchrift im Dichterton ſeiner Zeit. Schöner und kürzer iſt eine andere, ebenfalls lateiniſche, die Mayer— hoff ohne die Quelle zu nennen mittheilt: „Als Reuchlin zu den Ewigen ging, vom Tode gerufen, 8 Deutſches herrliches Land, ward dir ein Auge geraubt.“ Die Umrißzeichnung ſiſt von Hrn. Rahn in Gießen nach dem Oelporträt gemacht, welches aus der Verlaſſenſchaft des Profeſſors 45 Mai, eines Pforzheimers, des erſten ausführlichen Biographen Reuch lins(T 1719) in der dortigen Univerſitätsbibliothek aufbewahrt wird und bereits Thorwaldſen für die Walhallabüſte gedient hat. Das Fakſimile hat Hr. Wehrle dahier, welcher den Steindruck be— ſorgte, aus einem der hebräiſchen Codices in der Großh. Hofbibliothek zu Karlsruhe entnommen.— Der Alte ſcheint über den hebräiſchen Studien eingeſchlafen. Oder iſt er in ſelige Betrachtung verſunken und hat nach Art der Myſtiker die Augen geſchloſſen? tre ——— F— K 1 ö 1 a 1 1 90 Zu verbeſſern: 4 S. 16. Z. 22 die Ueberſchrift mit dem Motto gehört auf S. 10 3. 22. U S. 32. Z. 18 ſtatt Reuchilns l. Neuchlins. U S. 38. Z. 8 ſtatt chriſtlichen l. den chriſtlichen. 9 S. 38. Z. 9 ſtatt nun l. nur. 3 S. 54. Z. 17 ſtatt leidentlich l. leidendlich. 1 S. 67. Z. 21 ſtatt Hermans l. Hermanns 0 S. 69. Z. 35 ſtatt herauszugeben l. herausgegeben. 1 1 e J e l 4 0 N 1— 2 n d 1 d „ ir. ͤ——— . BLB Karlsruhe 7 css 8 7 8 „ ee * 03184 0031 h * —. 1 ————