M 5 43 Zzur GEDACHTNISS-FEIER des am 10. April 1563 in Carlsruhe verstorbenen Ferdinand Nedtenbacher, grossherzoglich Badischen Hofrathes und Professors des Maschinenbaues an der polytech- nischen Schule zu Carlsruhe, Doctors der Philosophie, Commandeurs des Ordens vom Zähringer Löwen, Ritters des St. Olass- und des St. Stanislausordens II. Classe, ete. gehalten iin Festsaale des k. k. polytechnischen Institutes am 12. Mai 1863 Hoßrat Professon Add. Ritten von Burg U VII til loe rode S00 Tach Wir c 1 Ilochverchrte Versammlung! — 1385 den Abendstunden des 17. Aprils dieses Jahres bewegte sich durch die Strassen von Carlsruhe ein Trauer— zug, welcher einem Manne die letzte Ehre erwies, der an unserer Lehranstalt seine erste technische Bildung erhielt und sich später durch sein ausgezeichnetes Wirken an der Carlsruher polytechnischen Schule als Professor des Ma— schinenbaues einen europäischen Ruf erwarb. Die heutige Gedächtnissfeier an unserem polytechnischen Institute gilt eben auch diesem für die exacten Wissenschaf— ten leider zu früh heimgegangenen Carlsrulier Professor Ferdinand Redtenbacher, welchen wir, wenn auch nur für kurze Zeit, mit Recht einen der unserigen nennen konnten, der aber später eben so allen Staaten angehörte, in welchen die angewandt matliematischen Wissenschaften gelehrt und gepflegt werden. Ich erwähne die Thatsache, dass diese Gedächtnissfeier zunächst von den Studirenden unserer Leliranstalt angeregt wurde, als ein erfreuliches Zeichen von dem richtigen Ver— stũnduisse derselben und der Reife unserer jungen Teelimniker. Wenn mir dabei die Ehre zu Theil wird, in dieser hochanschnlichen VMersammlung die hierauf bezügliche Fest- rede zu halten, so trifft nich die Reihe dazu von Amtswegen, sowohl als Senior des Professoren-Collegiums als aueh als Fachverwandter des Gofeierten. Es beschleichtt uns stets cin wehmütliiges Gefülll, wenn wir bei dem Andenken eines dahingeschiedenen vortreff— lichen Mannes verweilen, der eine lauge irdische Laufbalin * — 4 zurückgelegt liat, und in dieser alle scine Kräfte entwickeh, anwenden und zum Wolile seiner Mitbürger so zu sagen erschöpfen kounte. Selmierzlicher jedoch fühlen wir don Verlust, wenn uns ein reichbegabter Lehrer, noch im besten Mannesalter und zu einer Zeit entrissen wird, wo er nach menschlicher Be— reclmung und Ansicht noch Grosses leisten, und sein begon— nenes Werk hätte vollenden können, wie dicss leider bei unserem Redtenbacher der Fall jist, durch dessen früh- zeitigen Tod so manche Hoffnung auf Erweiterung der von ihm mit Vorliebe gepflegten Wissenschaften vernichtet und mit zu Grabe getragen wird. Ferdinand Redtenbacher wurde am 25. Juli 1809 in Oberösterreich in der Stadt Steyer, diesem alten Haupt- sitze der oberösterreichischen Eisen- und Stahlfabrikation, dem sogenannten österreichischen Birmingham, geboren, wo sein Vater Eisenhändler war. Dort verlebte Redtenbacher im elterlichen Hause angesichts der nahen Alpen, welche auf sein Gemüth für's ganze Leben einen unvergänglichen Eindruck hervorbrachten, seine erste Jugendzeit. Redten- pbacher's Elementarbildung war leider eine sehr unvollkom- mone, indem er nur bis zu seinem II. Jahre die dortige Normalschule, in welcher er übrigens schon frülizeitig eine besondere Vorliebe für's Zeichnen verrietli, besuchen konnte und aus dieser auf KXnordnung seines Vaters, der ilm zum Kaufmann bestimmte, unmittelbar bei einem Verwandten in Steyer, in einer gemischten Waarenhandlung in die Lehre eintreten musste. Allein dem weiterstrebenden Knaben gefiel diese Beschäftigung so wenig, dass er diesen Platz schon nach zwei Jahren verliess und sich in seinem 13. Jalwe wieder der Schule, und zwar diessmal der Normalschule in Linz, zuwendete. Es ist nur zu bekannt, wie unvollständig die Ausbildung war, welche die damaligen Realscluilen überhaupt geben konnten und wir schen daher unsern Redtenbacher diese Schule schon nach einem dreéijiihrigen Aufenthalt ver— lassen, um im Jahre 1825 in die Linzer k. k. Baudireetion Uud noe lug de 0 Lais ötitute Lebre Juugel Ver mati 80 Cu fihrl Auver 5 als Auslilfe im Zeichnen von Bauplänen und praktischen Aufnahmen an den Donauufern einzutreten. Aber auch hier schüttelte der sich immer mehr bewusst werdende Geist die Fesseln ab, welche seinen höhern Flug zu hemmen drohten, und noch Ende desselben Jahires ergriff der 16jährige Jüng- ling den Wanderstab, um durch das schöne Donauthal zur Kaiserstadt hinabzuzichen und sich am polytechnischen In- stitute die für seine Lebensaufgabe nöthigen Kenntnisse àu erwerben. Hier studirte nun Redtenbacher mit rastlosem Eifer bis Ende 1829 die technischen Fächer und hörte auch gleichzeitig an der Universität unter Ettingshausen und Littrow höhere Mathematik und Astronomie. Diese seine Lchrer, besonders aber Ettingshausen, vidmeten dem jungen Manne, dessen vorzügliche Begabung sie frühzeitig erkannten, eine besondere Theilnahme und wirkten bereit⸗ willigst mit, ihm die Wege zu jener Laufbahn, woftir ihn die Natur so reichhaltig ausgestattet hatte, mögliclist zu ebnen. Dafür crinnerte sich aber auch Redtenbacher an diese Männer, und insbesondere an seinen unermüdlichen Lehrer Ettingshausen bis an sein Lebensende mit dem wärmsten Dankgefühle. Fand Redtenbacher an unserem Institute die erste tcclmisch-wissenschaftliche Bildung, so bot ihm dieselbe Lehranstalt, da er unter seinem Lehrer Arzberger im November 1829 für das Lehrfach der Mechanik und Ma- schinenlechre zum Assistenten ernannt wurde, noch eine weitere willkommnene Gelegenlieit, sich in diesem seinem Lieblin War daher Redtenbach er dureh den freundschaftlichen gsfache auszubildon. Verkelir mit Ettingshausen und Littrow in den mathe— matischen Wissenschaften theoretisch entwiekelt worden, so erhielt er während seiner Assistentenzeit dureh den vier— jährigen Umgang mit Arzberger, meinem verchrten und unvergesslichen Vorgänger in der Nechanik und Maschineu— lelire, einem Manne von eben so umfassendem Wissen, prak— tischen Kenntnissen und reichen Ideen, als gewinnender 6 Ulerzensgüte, jene praktische Richtung, die ihn durch sein ganzes Leben auszeiclmete. Hlier nun in dieser glücklichen Periode seiner Assistenten- zoit konnten sich die Schwingen seines Geistes zum ersten Male frei entfalten, hier Konnte er den vielseitigen Anregun- gen, welche ihm die Kaiserstadt mit ihren reichen Kunst— und wissenschaftlichen Sammlungen, mit ihrem berühmten Nationalthcater, welches die Meisterwerke deutscher Dicht— Kunst vorführte, so wie der Verkehr in gebildeten und wissenschaftlichen Kreisen in so reichem Nasse bot, unge—⸗ hindert folgen. Hier suchte er auch nachzuholen, was in seiner Schulbildung versäumt worden, daher verschlang er, freilich ohne gehörige Auswahl, mit Heisshunger Werke über Poesie, Philosophie und Geschichte. In diese Zeit füllt auch seine Bekanntschaft mit dem grossen Mineralogen Mohs, dessen lebendige geistreiche Vorträge, gewürzt mit einer scharfen, logischen Beweisfüh- rung, jeden jungen Mann von geistiger Empffnglichkeit, der mit diesem seltenen Genius in Berühlrung kam, anzog und begeisterte. Man darf wohl geradezu behaupten, dass es diese eben geschilderte Periode vom Jahre 1829 bis 1833 war, welche dem Geiste Redtenbacher's jene Richtung gab, die für seine ganze Lebenszeit entscheidend geworden. Nach Ablauf dieser vierjährigen Assistentenzeit, welche damals nicht weiter verlüngert werden konnte, sah sich Rodteubacher im Inlande vergebens um eine seinen Konntnissen und Fähigkeiten angemessene Stelle um, was wohl leicht erklärlich ist und in den damaligen Verhältnissen lag. Ausser in Wien und Prag bestauden noch Keine öffent— lichen Lehranstalten für Mechanik und Maschinenlehre; die NMaschinen TZtablissements, in welelien Redtenbacher allen— falls eine Beschäftigung hätte finden können, waren noch in schr geringer Zahl vorhanden und bezüglich ihrer Ausdell nung und Grossäartigkeit, welche sie gegenwärtig besitzen, bedeutend und namentlich gegen jene des Kuslandes zurück. eben 3 7 Allerdings wurde ihm vom damaligen Professor der prak- tischen Geometrie dieses Institutes und Erbauer der ersten österreichischen, nämlich der Linz-Budweiser Eisenbahn, Ritter v. Gerstner, der Antrag gestellt, mit ihm nach Russland zu gehen und sich an dem Baue der Sarsko- Selo Eisenbahn zu betheiligen; allein Redtenbacher ging auf dieses Anerbieten aus leicht begreifſichen Gründen nicht ein. Da, in dieser Verlegenheit kam ihm wie ein Deus ex maächina eines Abends ein Blatt der allgem. Augsburger Zeitung in die Hand, in welchem er die Ausschreibung der Lehrerstelle für Mathematik und geometrisches Zeichnen an der Züricher höhern Industrieschule fand. Schnell entschlossen finden wir unsern Redtenbacher schon fünf Tage später, verschen mit den besten Empfehlungsschreiben seiner Lehrer und Freunde Ettingshausen, Littrow und Arzberger, so wie des damaligen Directors unseres Institutes Regierungs- raths Prechtl an den dortigen Präsidenten des Erziehungs- rathes, den Astronomen Horner, auf dem Wege nach Zürich, und nach weiteren vierzehn Tagen war Redten- bacher bereits Lehrer, so wie zwei Jahre später Professor der praktischen Mathematik an dieser Schule, in welch letz- terer Stellung er bis zum Jahre 1841 verblieb. Das kräftige Schweizerleben, welches seiner Natur be— sonders zusagte, bereicherte seinen Gesichtskreis durch den Umgang mit erprobten und gesinnungstüchtigen Männern, zugleich auch über die socialen Verhältnisse. Redten- bacher bewalrte daher der Schweiz auch in der Folge eine warme Anhänglichkeit, die noch durch die Erinnerung an seine erste glückliche Häuslichkeit erhöht wurde, da er sich noch als Züricher Professor im Jahre 1837 mit seiner Cousine Marie Redtenbacher, seiner noch lebenden treuen Lebensgefährtin, verheirathete, die ihm eine Tochter und einen Sohn schenkte. In Zürich begann für Redtenbacher ein neuſes wissen schaftliches Leben. Der glückliche Umstand, dass sich dort die europäisch pberühmte Maschinen Fabrik von Escher— Wyss befindot, welche von dem damaligen Chef des Hauses UHans Kaspar Eschor, einem Manne von den gediegen- sten Kenntnissen, dem biedersten, ehrenhaftesten und liebens- würdigsten Charakter, geleitet wurde, gaben unserem Red- tenbacher mun volle Gelegenheit, in dieser nach allen gten Maschinenbau-Anstalt, in welcher Turbinen und Wasserräder jeden Systemes, Dampfmaschinen Seiten hin beschäfti aller Gattungen, Spinn- und deren Vorbereitungs Maschinen nach den neuesten und besten englischen Mustern, u. s. w. construirt und ausgeführt wurden, sofort Beobachtungen und Versuche jeder Art anzustellen und so jene für die Praxis so wichtigen Daten zu sannneln, welche er später in seinen veröffentlichten Werken so vortrefflich zu benützen und zu verwertlien wusste. Ieh möchte behaupten, dass Redtenbacher die Be- richtigung seiner theoretischen Ansichten im Gebicte des Maschinenbaues, so wie seine praktische Ausbildung hierin grossentheils diesem Escher'schen Maschinen- Etablissement zu verdanken hatte, zu welchem sich bekanntlich aus allen Tleilen der Welt junge talentirte Männer herandrängten, um in dasselbe als Eleven aufgenommen zu werden. Nach einem beinahe achtjährigen Aufenthalte in Zürich, welcher ihm zuletzt olmchin durch die entstandene Partei- spaltungen in ctwas verleidet wurde, berief ihm im J. 1841 dio grossherzoglich badische Regierung an die Carlsruher polytechnische Schule als Professor des NMaschinenbaues, an welcher er auch bis an sein Ende durch volle 21 Jahre mit der ganzen Kraft seines reichen Geistes wirkte und dadureh diese Schule zu einer curopäischen Berüluntheit emporhob. Man findet in allen Theilen der eivilisirten Welt Ma⸗ schinenbauer, Ingenicure, Architekten und Professoren, welche die Carlsruher Selnile besuclit haben und ihrem Lehrer und Meister ein chrendes und dankhares Andenken bewahren, Wie diess namentlich auch bei unserem gechrten Collegen, Professor Marin, der Fall ist. n Msg Wunke, UeKon WWey U0 Melt J0 N ue 9 Unmittelbar nach seiner Rückkunft von der allgemein deutschen Industrie-Ausstellung in München, wo ich mit Redtenbacher als Mitglied der Beurtheilungs-Commission in derselben Gruppe der Maschinen fungirte und dabei volle Gelegenheit hatte, sein überall scharfes und richtiges Urtheil schätzen zu lernen, wurde Redtenbacher am 4. Septem- 0 1 2 17 gierung, dienste, zum Hofrathe, so wie später, nämlich am 15. Mai 1857, ber 1854 von seiner Re in Anerkennung seiner Ver- nach vorausgegangener freier Wahl seitens seiner Collegen, zum Director der genannten polytechnischen Schule ernannt, eine Stelle, welche er selbst nur zeitweilig ungerne übernahm, aber gleichwohl auf die unverdrossenste Weise bis zum 18. Jänner 1863, nämlich bis zu jenem Zeitpunkte versah, wo eine tödtliche, schleichende Krankheit seine Kraft bereits bis auf's Aeusserste erschöpft hatte. Die Directorstelle war für Redtenbacher eine Quelle vielen Verdrusses und er fand nur in dem Umstande einigen Ersata, dass es ihm in dieser Stellung möglich war, das von ihm für den Unterricht im Maschinenbau projeetirte Gebäude aus- führen und im J. 1859 vollenden zu können. In diesem äusserst zweckmässig und geschmackvoll hergestellten Gebäude, an welchem er grosse Freude hatte, beabsichtigen nun dessen Freunde und Collegen, eine Marmorbüste des Dahingeschie- denen zum chrenden und bleibenden Andenken aufaustellen. Redtenbacher war bis zum Jahre 1859 einer der ausgezeichnetsten Lehrer seines Faches, er Wusste die Schüler durch seinen lebendigen Vortrag, wobei ihm vorzüglich auch sein plastisches Talent zu statten Kam, in der Art mit fort- zureissen und ihre Aufmerksamkeit auch bei den schwierig- sten Gegenständen in soleher Weise zu fesseln, dass sie seine oft komischen Geberden, sein Nachahmen der Bewegungen von Maschinen durch Hände und Füsse, so wie das öfter vorgekommeno lebhafte Expliciren von Dampfkessel-Explo- sionen, wobei er immer mit einem Knall endete, und was leicht jeden Andern hätte lächerlich machen können, Kkaruun zu bemerken sclüenen. Redtenbacher war jedoch nicht bloss der ausgezeich- nete Lelirer im mündlichen Vortrage und in seinem eägent— lichen Fache des Maschinenbaues, sondern er beschäftigte sich auch mit den umfassendsten Untersuchungen aller an dieses Fach grenzenden wissenschaftlichen Disciplinen, was seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten beweisen, welche ich nachstchend aufzählen und ganz kurz besprechen will. Redtenbacher begann die Publicationen dieser Werke, obgleich er das Materiale zu einem grossen Theile derselben schon lange vorher in Notizen und Heften gesammelt und vorbereitet hatte, erst mit dem Jahre 1844, worauf diese dann ziemlich rasch aufeinander folgten. Die ersten von Redtenbacher in den Jahren 1844 und 1846 veröffentlichten Werke behandeln in scharfer, wis- senschaftlicher Weise bezichungsweise den„Bau der Tur- binen und Ventilatoren“, so wie die„Theorie und den Bau der Wasserräder.“ Die in diesen beiden Werken, von denen 1860 und 1858 zweite Auflagen erschienen, niedergelegten Grundsätze und Ansichten werden für alle folgenden der- artigen Untersuchungen eine bleibende Basis bilden. Seine hierauf im Jahre 1848 herausgegebenen„Resultate für den Maschinenbau“, wovon in den Jahren 1852, 1856 und 1860, also immer regelmässig nach 4 Jahren erweiterte Auflagen erschienen, liefern wohl den besten Beweis von dass Red- tenbacher seine damals schon gesammelten wissenschaft- lichen Daten und gewonnenen Erfahrungen trefflich zu be⸗ nützen und für den praktischen Gebrauch einzurichten wusste. der von mir oben ausgesprochenen Behauptung, Diese„Resultates, von denen im Jalre 1861 auch eine fran- zösische VUebersetzung Veranstaltet wurde, befinden sich in don Hländen fast aller Ingenicure und dürften kaum in irgend einer Maschinenwerkstätte fehlen. Im Jahre 1852 erscl nienen in erster, so wie 1859 in zweiter Auflage Redtenbacher's„Prinzipien der Mechanik und des Maschinenbaues“, in welchen nielit nur die be— kannten Sätze und Walrheiten der Mechanik mit mathema⸗ Theh otie Mlten luhn 11 tischer Schärfe entwickelt, sondern auch seine eigenen An— sichten über Stoff und Kraft niedergelegt und begründet sind. Die in demselben Werke enthaltene allgemeine wissenschaft- liche Einleitung in das specielle Studium der Maschinen, in welchen Redtenbacher unter Anderem die verschiedenen Metlioden zur Bestimmung der Stärke der einzelnen NMa- schinentheile, so wie auch die Anwendbarkeit der sogenann- ten Metliode der Verhältnisszahlen erörtert, ist originell und meisterhaft. Auf sein eigentliches Fach zurückkehrend, veröffent-- lichte Redtenbacher im Jahre 1853 in zwei Auflagen eine kleine Abhandlung über die„Luft-Expansions-Ma- schine“, im Jahre 1855 die„Gesetze des Locomotivbaues“ und im Jahre 1857 eine„Uebersicht über die Bewegungs- mechanismen“, von denen im Jahre 1861 eine neue Folge erschien. Unmittelbar auf dieses Werk folgte noch im selben J ahre 1857 wieder eine mehr allgemein gehaltene wissenschaftliche Arbeit, und zwar das„Dynamidensystem,“ als eine Art von mechanischer Physik, in welcher Redtenbacher seine schon früher entwickelte Hypothese über das Wesen der Materie und der ihr innewolmenden Kräfte zum Grunde legte und anwendete. Dieses Dynamidensystem ist eine weitere Aus- bildung und schärfere Auffassung der von D alton, Fresnel Ampòre, Poisson und Coue hy aufgestellten atomistischen Theorie. Der Verfasser fülirt darin die verschiedenen Erschei— nungen der Wärme und des Lichtes mit gewohnter mathe- matischer Schärfe auf bloss mechanische Vorgänge zurück, indem ilun Physik und Chemie nichts anderes als Statik und Dynamik der Molekularkräfte sind. Die hierauf im Jahre 1861 erschienene Kleine Schrift „die anfünglichen und gegenwärtigen Erwürnmumgszustände der Weltkörper“ enthält eine Anwendung der vorhin erwähnten Theorie auf die Entstchung der Weltkörper dureh den soge- nannten Ballungsact, und versucht sowolll die anfängliche Temperatur der dadurch entstandenen Planeten, als auch dio 12 Abkühlung zu bestimmen, welche in diesen in dem kalten Weltraume entstchen. Der im Jahre 1862 erschienene 1. Band des„Maschinen- baues“ bildet Redtenbacher's Schwanengesang, denn 89 damit schliesst die lange Reihe der von ihm publicirten wissenschaftlichen Arbeiten. Wie aus der betreffenden Vor— rede hervorgeht, so sollte dieses Werk aus drei Bänden bestehen und das Wesentliche seiner Vorträge über Maschinenbau an der polytechnischen Schule zu Carlsruhe enthalten. Es sollte dasselbe für die Eleven der dortigen Schule, welehe sich dem Mascllinen- oder Ingenieurfache widmen, die Brücke bilden, welche von den oben angeführten„Prineipien der Mechanik und des Maschinenbaues“ zu den ebenfalls erw ähnten„Resul⸗ 3 führt. Nach der Absicht des Verfassers sollte der Band dieses Werkes im Laufe des Jahres 1862/63, und der 3 3. Band im nächst darauf folgenden Jahre 1863/64 er- scheinen; allein mitten in diesen Plänen wurde Redten— bacher aus seinem virksamen Leben abberufen, und der unerbittliche Tod lähmte vorzeitig die Hand des Meisters, welche dieselben ausführen und vollenden sollte. Da übrigens der Dahingeschiedene, welcher ungeachtet seines langen Leidens keine Ahnung von seinem nahen Tode hatte, noch 2zwei Tage vorher einen Correcturbogen zum 2. Wadde durchsah, so dürfen wir hoffon, dureli seinen erprob- ten, ihm thätig zur Seite gestandenen Assistenten Hart, wenigstens noch diesen 2. Baud des grossen Werkes zu erhalten. Ueberblicken wir die Reihe dieser literarischen Arbeiten, denen allen mehr oder weniger der Stempel der Genialitüt, aufgodrückt ist, so müssen wir über die schöpferische Kraft dieses ausserordentlichen Mannes, welcher ausserdem vor einem zahlreichen Auditorium wochentlich 12 Vorlesestunden zu halten, in den letzten sechis Jahren die Directions zu füllren, und dio verscliiede martigsten wissenschaft ttlichen chifte Gutachten abzu; geben hatte, um so mehr erstaunen, als alle diese Leistungen die Elasticitäüt seines Geistes 80 wenig zu 3 erschöpfon vermochten, dass ihm noch Zeit und Musse blieb, sich in den weiten Räumen der Kunst und philosophischen Wissenschaften zu ergehen. Bei seiner grossen Fertigkeit im Zeichnen, die ihn in Stand setzte, augenblicklich an der Tafel Maschinen und ganze Fabriks- oder Industrie-Anlagen zu entwerfen und zu skiz- ziren, führte er mit Vorliebe und in trefflicher Weise Blei- stiftzeichnungen idyllischer Landschaften aus, die er auch zum Theil in Oel malte. Am auffallendsten jedoch zeigte sich sein Künstlerisches Talent in der Ausführung von Pano— ramen, und es dürften in der Schweiz vielleicht wenig berühmte Höhen existiren, von denen er nicht solche in vortrefflicher Weise aufgenommen hätte. Was seinen Sinn für das Classische anbelangt, so hat wohl selten ein Mann der exacten Wissenschaften, der durch seine Jugendbildung gleichsam ausschliesslich darauf hinge- wiesen schien, und in denen er so Ausgezeichnetes leistete, zugleich Philosophie, Geschichte und Literatur mit solcher Begierde erfasst, wie es bei Redtenbacher der Fall ge- wesen. Noch in seinen letzteren Jahren studirte er mit dem grössten Eifer römische und griechische Geschichte, und schwärmte bald für den einen, bald für den andern der darin geschilderten grossen Männer. Seine philosophischen Studien begeisterten ihn für Fichte eben so wie für Kant und selbst Fröbes Versuche konnte er eine Zeitlang bis in den Himmel erheben. Der Grund dieser Exaltationen lag wohl für Redten- bacher vorzüglich in der Bewunderung der scharfen Consequen- zen, mit welchen diese Gelehrten ihre aufgestellten Prineipien durchifiililrten, was für ihn als Mathematiker das Höchste war. Aus demselben Grunde kKonnte er auch bei Gesprächen über Gesetzgebung heftig aufbrausen, wenn man behauptete, es könnten die aus den aufgestellten Principien sich ergebenden mathematischen Consequenzen, der socialen Verhältnisse we— gen, nicht immer berücksichtigt oder durehgeführt werden. Alles Ungewöhnliche regte ihn ausserordentlich auf, und er nahm überall Partei für das Grosse und Edle. 14 Mit grossem Interesse verfolgte Redtenbacher auch dio constitutionellen Fortschritte seines Vaterlandes und er äusserte sich noch kurz vor seinem Tode gegen seinen Freund Professor Eisenlohr:„in Oesterreich geht's gut, sollen nur S0 fortmachen.“ Als gewissenhafter Biograph darf ich übrigens nicht un— erwähnt lassen, dass sich bei Redtenbacher's grosser Productivitͤt, in dessen Arbeiten mitunter auch Ausdrücke oder Formeln finden, welche nicht ganz unangreifbar sind. Allein wie man schon dem grössten aller Dichter, dem guten Homer, das Non nunqudm dormitat zurufen konnte, so wird man gewiss einem Manne die allenfälligen kleinen Irrthümer, die jodenfalls gegen die übrigen Leistungen verschwinden, und von diesen glänzend überstrahlt werden, nicht anrech- nen oder nachtragen wollen, sondern diese höchstens am ge- eigneten Orte im Interesse der Wissenschaft besprechen und widerlegen. Wie ich schon erwähnt, hatte Redtenbacher keine Ahnung von seinem herannahenden Tode. Man Kkonnte ihn noch in seinen letzten Tagen über die Alterthümer Rom's, über Milton oder Wilh. v. Humboldt mit einer Wärme und einem Verständniss reden hören, als ob dessen Geist von den Leiden des Körpers, die doch bedeutend waren, gar nicht berührt würde. Er las zuletzt noch mit sichtlichem Vergnügen die erste Hälfte von Helmholtz Akustik, welche ihm Professor Eisenlohr gelichen hatte; das hicrüber noch 14 Tage vor seinem Tode mit seinem Freunde gofülirte Gespräch bewies, dass er den Inhalt dicses Buches vollkommen klar aufgefasst Hatte. Redtonbacher entwarf noch allerlei Pläne für die Zu— kunft; so wollte er u. A. seinen Garten dureh einen Salon vorschönern, und corrigirté den betreflenden Bauplan noch drei Tage vor seinem Lnde. Das Uebel, wolchem Redtenbacher endlieh in den „„ Frülistunden des 16. Aprils 1863, im 52. Jahre seines Alters ſlg lit o hue Uabe unterlegen, war ein mehrjähriges Magenleiden; die Section zeigte eine Ausdehnung desselben, wie sie den Aerzten noch nicht vorgekommen sein soll, nach ihrem Parere müsste der Magenkrebs schon vor dem Jahre 1859 bei ihm einge- treten sein oder begonnen haben. Um zur Charakterschilderung unseres Gefeierten noch einige Worte hinzuzufügen, so war Redtenbacher eine gerade, derbe Natur und das, was man ein Original zu nen- nen pflegt. Feind jeden Zwanges, ging ihm Unabhängigkeit über Alles, daher hatte er auch nur wenig Bedürfnisse und beschränkte sich in Allem auf das Unentbehrlichste. Einfach und mässig in seiner Lebensweise, war ihm Essen und Trin- ken nicht viel mehr als das Beheizen eines Locomotivkes- sels; gewöhnlich drehte er nach Tisch seinen Stuhl nur um und setzte sich unmittelbar zum Arbeitstisch, was natürlich seiner Gesundheit unmöglich zuträglich sein konnte. Die grossen Verdienste endlich, welche sich Redt en- bacher um die mathematischen Wissenschaften, besonders aber um den auf das Maschinenfach sich beziehenden ange- wandten Theil erworben, vollständig zu schildern, so wie die Bedeutung dieses ungewölmlichen Mannes in seiner ganzen Tragweite hervorzuheben, dazu ist hier weder Zeit noch Ort und muss diess einer andern Gelegenheit vorbehalten bleiben. Soviel darf ich jedoch sagen, dass eine Vergleichung und gerechte Würdigung der Re dtenbacher'schen Arbeiten mit den verwandten eines Navier, Poncelet, Coriolis, Buchanan, Moseley, Morin, Pambour su. s. w. 2u der Ueberzeugung füliren inuss, dass Redtenbacher für alle künftigen Zeiten als Begründer der eigentlichen Wissen- schaſt des Maschinenbaues genannt, und zugestanden werden wird, dass er sich in seinen hinterlassenen Werken selbst das schönste und unvergänglichste Denkmal gesetzt habe. ——..—