w ED lg A a nl Bl Ba MA Kw/ a d N AA A EN— Zur Geschichte der Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforzheim vom J. 1803 bis jetzt") Vom Geh. Hofrath Dr. Fischer in Pforzheim, Nach der neuen Organisation vom Jahre 1803 waren folgende Kranke aufnahmsfähig: 1. Melancholische, die besondere Verwahrung nöthig hatten; 2. Rasende, Wahnsinnige und Blödsinnige; 3. Epileptische; 4. solche, welche gefährliche ansteckende und ekelhafte Gebrechen an sich hatten, welche den Augen des Publikums entzogen werden mussten, besonders wenn zu ihrer Genesung wenig oder gar keine Hoffnung vorhanden war. Die Aufnahme, wozu ein medicinisches Gutachten erforderlich war, und Entlassungen hingen immer von der Genehmigung der oberen Behörden abDer Arat, Hauschirurg, Verwalter, die Geistlichen und der Buchhalter bildeten den Vorstand des Hauses. Alle Angestellte suchten einander gegenseitig in Erreichung ihres gemeinsehakftlichen Zwecks zu unterstützen. Die Beaufsichtigung der IrrenHärter und eine zweckmässige menschliche Behandlung und Heilung der Pfleglinge wurde besonders im Auge behalten, Als Vereinigungspunkt zu mündlichen Berathungen waren monatliche Gonferenzen eingeführt, in denen über Verbesserungen des Hanses, Heilplane etc. gesprochen wurde, Dis Beschlüsse. hierüber wurden der vorgesetzten Behörde mitgetheilt, welche seit 1803 die kurfürstliche Arbeitshaus General- ommission, seit 1805 die Grossherzogliche StaatsanstaltenDirection und seit 1810 das Ministerium des Innern war, Für Betten, Kleider und(in Akkord gegebene) Kost war gut gesorgt; ebenso so gut als möglich für Beschäftigung und Zerstreuung, Es wird aber jetzt schon sehr der Mangel an Gartenarbeit beklagt. Man sah schon da) vergl. 4. Zeitschr. Jahrg. 1878. 8. 745, 95 Da 6 Len e, ,,. Fischer, mals die Arbeit als ein vorzügliches Heilmittel an, daher den Pfleglingen, um sie zur Arbeit aufzumuntern, diese mit Geld bezahlt wurde. Die ärztliche Behandlung geschah nach den damals geltenden Grundsätaen der medicinischen Wissenschaft. »Die Unarten der Ffleglinge, sagt Verwalter Häsenlokx in seinem Berichte, werden nur in seltenen Fällen mit Schlägen, öfters aher mit Einsberrung bei Wasser und Brod und Suppe, auch nur mit Entziehung oder Schmälerung der Kost bestraft; die Kranken wärter Können ohne Bestimmung des Vorstehers keinen Pflegling bestrafen.“ Liebevolle Behandlung und Erweckung des Vertrauens war Grundsatz. Dis Oberaufsicht über Alles, was zur Oeconomie und Polizei gehörte, besorgte der Verwalter.. Die heilbaren Irren wurden jetzt in dem vorigen Uhrenfabrikgebäude, wo auch der Irrenhaus-Physikus seine Wohnung hatte, und in dem gegenüberstehenden für Kostgänger bestimmten Gebäude untergebracht, also von den Unheilbaren getrennt. Allein es wurden hier zu viele Irren zusammengehäuft und dann fehlte es an der nöthigen Zahl Wärter. Bei der Trennung des Waisen. und Zuchthausfonds blieben dem Irren-= und Siechenhaus noch 4000 fl, jährliche Revenüen in Kapitalazinsen, die Benutzung der Gebäude des früheren Waisenhauses, des 1516, Morgen grossen Sehlossgartens, versehiedene Taxen und Stempelgebühren. Diese scheinen später an die Staatskasse übergegangen zu sein. Anfangs waren die Einkünfte derart, dass ein Ueberschuss übrig blieb. Später erhielt die Anstalt einen Zuschuss aus der Staatskasse. Bis zum Jahre 1812 war die Irrenanstalt frei von Zoll und Adcis, Briefe und Schriften waren postfrei, nicht aber Geld und Pakete. Arme Irren und Siechen aus dem Durlacher Landestheile hatten freie Verpflegung. Vermögliche oder andere Baden-Durlachische Pfleglinge aus Orten, welche ihre Almosenkapitalien früher nicht an das Waisenhaus abgetreten‘ hatten, mussten die Verpflegungskosten bezahlen. Die Besoldung und Gehalte waren 1810 folgende: Der Verwalter hatte 1810, inelus. 2 Seribenten„Tractamente und Salarien“, freie Wohnung, Hola, Licht, 11, Viertel Garten zu benutzen, sodanm täglich 2 Maass Milch und jährlich 15 Malter Roggen, 30 Malter Dinkel, 2 Malter Gerste, 25 Ohm Wein und 837 Gulden baares Geld. Der Buchhalter hatte auch freie Wohnung, Holz und Licht. Die Besoldung des Irrenhaus Physikus betrug Anfangs 150. und freie sehreibmaterialien. Später erhielt er freie Wohnung in der Anstalt, ein Gärtehen und eins Zulage von 100. Der Irrenhaus-Ohirurg bezog 140 fl. und 6 Klafter Holz. Dazu kam später eine Zulage von 110. Der Stadtphysikus Dr. Giser, dem früher die Besorgung der Anstalt übertragen, behielt seinen Gehalt mit 50 fl. baar, 6 Klafter Holz und freie Schreibmaterialien, wofür ihm noch die Behandlung der Offizianten oblag. 3 Zur Geschichte der Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforzheim eic, Nach Aufhebung der Irrenhaus-Pfarrei wurden zwei Stadtdiaconen für Besorgung des evangelischen Gottesdienstes in der Anstalt je 50, später 80 fl. jährlich bezahlt!). Der Messner und Organist wurde mit jährlich 60. bezahlt, die 4 Kranken wärter mit ihren Frauen mit je 220 fl., nebst freier Wohnung, Holz, Licht, Bett, Wäsche, Meubel, Arznei, ärztliche Hülfe und Uniform für die Wärter. In einem Berichte des damaligen Verwalters Eisenlohr, dem wir Obiges entnommen, ist weiter gesagt, dass der Arat noch nieht so besoldet werden 1) Die katholischen Pfleglinge und Züchtlinge der Anstalt hatten bis 1784 keinen eigenen Gottesdienst, es wurde ihnen jedoch zweimal im Jahre das Abendmahl gereicht, wahrscheinlich dureh den katholischen Pfarrer in Ersingen. Im Jahre 1783 war die Zahl der Katholiken der Stadt Pforzheim auf 130 angewachsen. Sie hatten bis jetzt den Gottesdienst in Ersingen besucht und baten nun im Verein mit der Verwaltung der Anstalt um die Genehmigung, in dieser für sie wie für die Anstaltsbewohner eine Gapells errichten zu dürfen. Das Gesuch wurde 1784 genehmigt, und im folgenden Jahre wurde die Capelle in dem vormaligen Speisesaal zur ebenen Erde, am Eingange, da wo jetzt die Schreinerei, Schusterei etc, sieh befindet, eingerichtet. 1787 erfolgte die Anstellung des ersten Katholischen Geistlichen, des Kaplans Pfeffinger. Als mit der Zunahme der Zahl der Katholiken der Stadt die Capelle sich zu klein erwies, baten diese 1803 ihren Gottesdienst in der Waisen-r hauskirche halten zu dürfen. Das Gesuch erhielt 1805 die Genehmigung, während die Gründung einer eigenen Pfarreéie und einer katholischen Schule abgeschlagen wurde. Es scheint jedoch wegen des wieder ausgebrochenen Krieges, während dessen die Schlosskirche Magazin war und die evange— lisehen Stadtbewohner die Waisenhauskirche mitbenutzten, von obenerwähnter Genehmigung kein Gebrauch gemacht worden zu sein, Grossherzog Karl Friedrich hatte der ehemaligen reformirten Gemeinde die Barfüsser-Kirche überlassen. Diese Gemeinde benutzte später wieder die Altstädter Kirche und verkaufte 1824 erstere sammt Orgel an die katho— lische Gemeinde um 330 fl.— Die an die Kirche angebaute nene Siechenanstalt bezahlte an dem Kaufschilling 223 fl. 24 Kr., wogegen ihr für die katholischen Sicchen 5 Stühle neben der Orgel, 35 Fuss Raum, abgetreten und für die evangelischen Siechen zur Zeit, wo kein kath. Gottesdienst gehalten wurde, die gange Kirche zum Gebrauch überlassen war. Der katholische Stadtpfarrer— so sind diese Geistlichen seit Jahren in den Anstellungsdeereten genannt— erhielt für seine Functionen an der Siechenanstalt und an dem Arbeitshause einen besonderen Gehalt, früher 400 Gulden aus den Baden-Badisehen milden Stiftungen, später eine ähnliche Summe aus der Staatskasse. / BA SE 4 konnte, dass er der Anstalt ganz leben und alle Zeit auf ihre Pfleglinge verwenden könne. Allein es könnte durch einen besonders gebildeten ersten Aufseher und wohl auch durch einen Psychologen, der sich der Behandlung der Geisteskranken besonders und mit Eifer widmen würde, für die Anstalt viel gewonnen werden, wenn es sich nicht schon anderwärts als wahr bewiesen hätte, was Herder in seinen„Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ sagt, nämlich, dass der Umgang mit Wahnsinnigen, an dem wir Theil nehmen, selbst Wahnsinn errege, und desto eher, je mehr sieh der Mensch davor fürchte. In Berlin, heisst es weiter, seien zwei Prediger des Irrenhauses nach einander wahnsinnig geworden und deshalb die Predigerstelle aufgehoben worden.„Ein Beweis, wie gefährlich es ist, an einem solchen Institut mit Eifer und Wärme zu arbeiten.‘ Nachdem man schon seit einer Reihe von Jahren mit dem Gedanken umgegangen war, für die heilbaren Irren eine neue zweckmässige Anstalt auf einem anderen Platze bei Pforzheim, etwa im Schlossgarten, oder nach Dr. Gall’s Vorschlag bei Freiburg zu erbauen, wozu es aber wegen der geldarmen Zeit nicht kam, so beschloss man 1824 die Trennung der Irren und Siechen, und erbaute für letztere in dem ehemaligen Barfüssergarten ein eigenes Gebäude, das 1826 bezogen wurde. Die Irren versetzte man zu gleicher Zeit in das ursprünglich zu einem Jesuiten-Convikt bestimmte Gebäude nach Heidelberg. Das nun verlassene Local in Pforzheim wurde für das allgemeine Arbeitshaus bestimmt, dessen Errichtung die Regierung beschlossen hatte, Schon in kürzester Frist lehrte die Erfahrung, dass diese Aenderungen theuer bezahlte Missgriffe waren. Die Irrenanstalt in Heidelberg war dreistöckig und es müssten sogar unter dem Dache Schlafsäle eingerichtet werden, da es an Raum gebrach. Die Lage in der Stadt und am Berge war höchst unzweckmässig, die unteren Räume waren feucht und dunkel, in den oberen wurden die Kranken von der Stadt aus gesehen, es fehlte an Wasser, Gärten und Feld. Die Folge war, dass schon nach anderthalb Jahren nach anderen Räumlichkeiten gesucht und 1830 ein Neubau beschlossen wurde, und dass neben dem Arbeitshaus in Pforzheim, das zur Hälfte leer stand, schon 1829 eine Filialirrenanstalt errichtet werden musste, in welche in diesem und dem folgenden Jahre 60 Irren von Heidelberg zurück versetzt wurden. Die neue Siechenanstalt, welche für 60 bis 80 Kranke berechnet war, erwies sich ebenfalls zu klein. Nach der Verlegung der Irrenanstalt nach Heidelberg wurde der ärztliche Dienst an der Siechen- und später an der Filialirrenanstalt durch Dr. Müller, Assistenzarzt des Gr. Amtsphysikus, besorgt, welehem 1830 auch der Titel Siechenhaus-Physikus beigelegt wurde. Die Direction dieser Anstalten führte aber eigentlich der Verwalter derselben und des Arbeitshauses; der Arzt wohnte nicht im Hause, sondern kam täglich nur auf einige Zeit, wie es ihm seine übrige Praxis gestattete, um nach den Kranken zu sehen. Hierdurch entstanden allerlei Unordnungen und UnzuträgFischer, 5 Zur Geschichte der Gr. Heil- ‚und Pflegeanstalt Pforzheim etc. lichkeiten, da sich das Dienstpersonal der Filialirrenanstalt dem Verwalter des Arbeitshauses nicht unterwerfen wollte und da der Arzt eben nur einmal oder zweimal des Tags kurz zu sprechen war. Bis zum Jahr 1842 dauerten diese betrübten Verhältnisse der Pforzheimer und Heidelberger Anstalt fort, als endlich im Herbst dieses Juhres das mit vieler Mühe und schwerem Ringen des jetzigen Directors und Geheimenraths Dr. Roller zu Stande gebrachte Illenau eröffnet wurde. Dort konnten nun auch 46 Irren von 141 aus der Pforzheimer Anstalt untergebracht werden; die übrigen 95 wurden in die Siechenanstalt versetzt, welche wieder in die früheren Gebäude neben das Arbeitshaus verlegt wurde. In der neuen 1826 bezogenen Siechsnanstalt im Barfüssergarten richtete man jetat die Taubstummenanstalt ein. Das allgemeine Arbeitshaus war 1840 in die polizeiliche Verwahrungsanstalt umgewandelt worden. So waren jetzt die Bewohner derselben mit den Irren und Siechen wieder auf einem Areal zusammen. Zahllose Uebelst‚nde und insbesondere die Erfahrung, dass eine Kranken- und Strafanstalt nicht ohne grossen Nachtheil für erstere in ein er Localität vereinigt sein können, und die immer mehr zunehmende Unzulängliebkeit der Räumlichkeiten der Siechenanstalt führten endlich zu dem Entsehlusse, die polizeiliche Verwahrungsanstalt zu entfernen. Diese wurde auch 1854 nach Kislau verlegt und ihre Localitäten der Siechenanstalt zugewiesen, die von jetzt an den Namen Heil- und Pflegeanstalt erhielt. Damit war für unheilbare Illenauer Pfleglinge Raum geschaffen, die von jetzt an alljährlich in grösserer Anzahl aufgenommen werden. Im Jahr 1846 wurde auf der Stelle des alten Tollhauses ein Gebäude aufgeführt, das die Waschküche, eine Wohnung für den Director und Räume für 12 bessere Kranke enthält. Dadurch wurde jetzt erst dem dixigirenden Arat Dr. Müller Wohnung in der Anstalt geschaffen und jetzt endlich konnte das Dienstpersonal und die Kranken der sehr noth wendigen besseren Aufsicht unterstellt werden. Es wurde ausserdem ein erster und später ein zweiter Assistenzarzt angestellt, nämlich Dr. Steinmetz und Dr. Gissler, dem Letateren folgte Dr. Arnsperger. Die Anstalt erhielt 1847 ein neues Statut und 1849 eine neue Hausordnung, beide mit denen Illenaus ziemlich übereinstimmend. Ersteres wurde 1869 und letztere 1872 mit Genehmigung der vorgesetuten Behörde einer Revision unterzogen und den Verhältnissen entsprechend abgeändert. Die Zahl der Kranken! war 1850 auf 283 gestiegen, 1860 auf 471, 4865 auf 502. Endlich fiel ihnen auch noch das Gebäude im Baarfüssergarten zu, da die Taubstummen 1865 nach Meersburg versetzt wurden. Dadurch war für 570 Kranke im Ganzen Raum geschaffen: Director Geh. Hofrath Dr, Mäller wurde 1859 in den ehrenvollen Ruhestand versetzt. Auf ihn folgte der gegenwärtige Director. Lage der Anstalt.— Die Anstalt liegt im tiefsten Theile der Stadt, auf einer schmalen, sehr lang gestreckten Insel, und wird westlich von der ( 0 6 Fischer, Enz, südlich vom Nonnenmühlkanal der ganzen Länge nach bespült, nördlich ist sie durch, einen sehr frequentirten Fussweg und dem Eichmühlkanal von der Stadt getrennt. Oestlich grenzt sie an den Maisenhausplatz, verschiedene Privatwohnungen, das Schlachthaus und zwei Mühlen. Sie nimmt mit ihren Höfen einen gegen drei Morgen grossen Platz ein, und besteht aus zwei von Westen nach Osten verlaufenden Hauptgebäuden— Männerbau(nördlich) und Frauenbau(südlich),— ersterer mit einem Querbau (dem ehemaligen Zuchthaus). Diese Gebäude sind zweistöckig, auf beiden vorderen Enden sind Dachwohnungen angebracht., Vorn— östlich— schliesst sich an den Männerbau- die Kochküche, Werkstätten, Thorwartswohnung, die Wohnungen der Assistenzärzte, des Oberwärters, die Bureaus, sodann folgt ein vorspringendes Gebäude mit gothischem Thürmehen— die ehemalige Kirche—; im unteren Stockwerke desselben befindet sich der Betsaal, in den zwei oberen Stockwerken und unter dem Dache Wohnungen für Frauen. Südlich von diesem liegt die Waschküche, mit Wohnungen im zweiten Stocke für 12 bessere weibliche Kranke, im dritten die für den Verwalter. Die Höfe sind grösstentheils mit wilden Kastanien und Linden be: pflanat, nicht gross und dureh Hola und Steinkohlenbehälter und den Waschtrockenplata zum Theil sehr beengt. In einem eigenen Hofe liegt die Bäckerei.; Das Filial, im Jahre 1824 als Siechenanstalt im Baarfüssergarten erbaut, befindet sich auf der nördlichen Seits der Stadt, etwa 5 Minuten von der Anstalt entfernt und beiläufig 60 Buss höher als diese, auf bergigem Terrain, und ist an die katholische Stadtkirche angebaut, Dasselbe besteht aus einem dreistöckigen, mit der Front nach Westen und aus einem zweistöckigen, mit der Front nach Norden gerichtetem Gebäude, welche beide unter einem rechten Winkel zusammenstossen. Es hat einen geräumigen Hof und Garten für die Kranken, und einen Flächenraum im Ganzen von 1 Morgen, 342 Ruthen und 20 J. Die Heil- und Pflegeanstalt zu Pforzheim ist das ausgedehnteste Krankenhaus des Landes. Die Zahl der Kranken beträgt einschliesslich des Filials seit einigen Jahren beständig 560 bis 570, darunter sind 270 Männer, 300 Frauen. Die Seelengestörten machen die Mehrzahl aus, es sind gewöhnlich 470, Fallsüchtige 80 bis 90 und körperlich Kranke nur 5 bis 10. Das Statut der Gr. Heil- und Pflegeanstalt zu Pforzheim, Gesetzesund Verordnungsblatt No. XXIII vom Jahre 1869 bestimmt: Aufnahmsfähig sind: 14. Seelengestörte mit dauernder geistiger Schwäche; 2. Blödsinnige des höchsten Grades, Oretins, Idioten; 3. Epileptiker, deren Krankheit einen hohen Grad erreicht hat oder mit Seelenstörung verbunden ist; 4. Kranke mit körperlichen sehr entstellenden Gebrechen, wie Lupus, Krebs oder solehen, die mit Gefahr: der Ansteckung verbunden 7 Zur Geschichte der Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforzheim etc. sind(Syphilis)— oder solchen, die unwillkürlichen Abgang natürlicher Auslesrungen zur Folge haben; 5. Personen mit hochgradigen, sehr entstellenden Missstaltungen. Alle diese Kranke werden erst dann aufnahmsfähig, wenn sie für sich oder Andere gefährlich, oder für die öffentliche Sittlichkeit anstössig, oder gänzlich hilflos sind, und wenn diesen LUebelständen weder durch häusliche Pflege noch durch Lokalversorgung gesteuert werden kann. Die nächste vorgesetzte Behörde ist der Gr. Verwaltungshof. Auf 10 Kranke kommt ein Wärter oder eine Wärterin, es sind also im Ganzen 57. Ferner sind ein Oberaufseher und zwei Oberaufseherinnen mit je einer Gehilfin angestellt. Die Direction der Anstalt führt seit 16. Novbr. 1859 Geheimer Hofrath Dr. Fischer. Zwei ärztliche Assistenten, Dr. Albert Otto(seit 4. Juli 1866) und Dr. Franz Fischer(seit 1. November 1875R sind ihm zur Behandlung der Kranken beigegeben. Jeder der drei Aerzte macht täglich zweimal Besuche in den ihm zustehenden Abtheilungen und ausserdem sind sie bei Bädern, bei Operationen, Anlegung grösserer Verbände, Anwendung der Electricität, zeitraubenden Untersuchungen, dann dureh die Controle der Küche, der Mahlzeiten der Kranken, der Nachtwache und den Unterricht im Krankendienste u. s. w. in der Anstalt beschäftigt. Nach dem täglichen Morgenbesuch findet die Conferenz statt, in weleher auch die Curpläne besprochen werden, Zwei Geistliche aus der Stadt, ein katholischer und ein evangelischer besorgen den Gottesdienst und die seelsorgerlichen Verrichtungen. Mit den Israeliten betet Samstags ein israslitischer Lehrer. Den Organistendienst in dem Gottesdienst beider Confessionen, sowie den Unterricht im Gesang, Zeichnen und bisweilen im Lesen, Schreiben und Rechnen besorgt ein Lehrer aus der Stadt. Für den wirthschaftlichen Theil, das Kassen- und Rechnungswesen der Anstalt ist ein Verwalter(Beutel seit 15. November 1870) angestellt, ferner ein Buchhalter, ein Kanalei- und ein OQekonomiegehilfe, der zugleich Hausmeister ist. Die Kost wird auf eigens Rechnung bereitet. Der Küche steht eine Köchin mit 5 Küchenmädehen vor; derselben ist ein Gehilfe beigegeben. Im Filial besorgt die Köchin mit einem Küchenmädchen den Dienst. Fine eigene Bäckerei liefert alles Brod, für die Pfleglinge und das Wartpersonal. Gemüse für die Küche erzeugt ein vom Gr. Domänenärar gepachteter gegen vier Morgen grosser Garten ausserhalb der Stadt. Derselbe wird durch einen Gärtner mit einer Anzahl Pfleglinge besorgt. Einer Wẽeisszeugbeschliesserin mit der nöthigen Anzahl Waschmädehen sind die Geschäfte in der Waschküche, dem Bügel- und Flickazimmer über-= tragen. Ein eigener Platz zum Trocknen der Wäsche im Freien ist nicht vorhanden. Fischer, Zur Ausbildung‘ und Erziehung guter Wärter und Wärterinnen werden alljährlich ein bis zwei Unterrichtscurse über Krankenwartung gegeben, an denen auch schon eine grössere Anzahl Krankenwärterinnen des badischen Frauenvereins Theil genommen hat. Ebenso wird die Hausordnung dem Wartpersonal erläutert. Es ist gewiss richtig, was Roller sagt!):„Im schönsten Bau mit den musterhaftesten Einrichtungen und geschicktesten Aerzten wird man ohne brauchbare Wärter nicht viel ausrichten.“ Fleiss und gutes Verhalten machen nicht die einzigen Tugenden des Wärters und der Wärterin aus; es wird auch Verstand und Geduld, Ge— wandtheit und Muth, Selbstbeherrschung und Ausdauer verlangt. Ein gesunder kräftiger Körper ist ein Haupterforderniss. Es ist ungemein schwierig, in einer Fabrikstadt wie Pforzheim gute Wärter zu bekommen und sie auch gut zu erhalten. Der schwere Dienst und die strenge Hausordnung gegenüber dem lockeren Leben eines grossen Theils der Fabrikarbeiter will den jungen Leuten oft nicht behagen. Besser daran sind wir mit den Warterinnen, die sieh mehr fügen, aueh leichter zu leiten und in Zucht und Ordnung zu erhalten sind. Es ist immer eine Anzahl tüchtiger Wärterinnen vorhanden. Mehrere Wärter sind zugleich die Leiter und Aufseher der Werkstätten. Mehrere ältere Wärter sind verheirathet. Ihre Familien müssen in der Stadt wohnen. Nur der Thorwart hat seine Familienwohnung in der Anstalt. Längere Zeit gab die Anstalt jeden Sommer einen Wärter und eine Wärterin zur Dienstleistung in das Armenbad zu Baden ab. Der Mangel an Arbeitskräften, das Verlangen, eine eigene Existenz zu gründen und bei den Wärterinnen nicht selten der Wunsch in einen klöster= lichen Orden zu treten, entziehen uns oft taugliche Personen. Manche dagegen dienen schon 12, 16, 20 und mehr Jahre der Anstalt. Die Annahme des Wartpersonals ist eine provisorische; nach gut bestandener Probezeit wird dieselbe auf Antrag der Direction der Anstalt vom Gr. Verwaltungshof für definitiv erklärt mit Aussicht auf Pension im Falle der Dienstunfähigkeit. Die Wittwen der Wärter erhalten einen Wittwen-= gehalt. Die Gehalte sind in neuerer Zeit sehr aufgebessert worden; der Baar-= gehalt der Wärter beträgt jährlich bei freier Station 207 Mark bis 960 Mark; letzteren beziehen die verheiratheten Wärter, welche für ihre Familien Wohnung’ in der Stadt miethen müssen und dafür ausser dem Gehalt einen Wohnungsgeldauschuss von 120 Mark erhalten;— der Baargehalt der Waärterinnen beträgt 156 bis 270 Mark. Aus den Ersparnissen des Gehaltsetats werden alljährlich ansehnliche Remunerationen an tüchtige Wärter und Wärterinnen vertheilt. Die ärztliche Behandlung der Kranken ist eine körperliche und psychißehe. Zu bedauern ist nur, dass durch die beständige Ueberfüllung der ) Illenau 1865. 8. 23. Al l ib DO. ö N Zur Geschichte der Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforzheim ete. 9 Anstalt und ihre ungeeignete, nicht au ändernde innere Einrichtung dem ärztlichen Wirken sehr oft unübersteigliche Hindernisse entgegentreten. Die Arzneien werden alle vier Monate wechselnd aus den 4 Stadtapotheken bezogen. Die Beschäftigung besteht bei den Frauen in Spinnen, Stricken, Nähen, Waschen und Bügeln. Einzelne fertigen Stickereien, Teppiche und Salbendschuhe, bis weilen flechten sie Stroh, fertigen Bürsten nu. s. w. Einige sind in der Gemüsestube beschäftigt. Die Männer sägen und spalten Hola, eine kleine Zahl kann im Garten, andere in den Werkstätten der Anstalt, Schreinerei, Schusterei, Sattlerei, Schneiderei, Buchbinderei, oder beim Strohflechten, beim Teppich- und Strohschuhmachen und als Maurer beschäftigt werden,. Leider fehlt es aber zum grossen Theil des Jahres an Arbeit für Nichtprofessionisten und namentlieh fehlt es an Feldarbeit, welche für unsere Pfleglinge ein mächtiges Heil und Besserungsmittel wäre. Es kann nicht bestritten werden, dass bei dieser Beschäftigung eine grössere Anzahl Pfleglinge alljährlich genesen und gebessert würde, als dieses bis jetzt der Fall ist. Pfleglinge beider Geschlechter werden bei den zum Wartdienst gehörigen Arbeiten, beim Reinigen des Hauses und der Geräthe, beim Bettmachen und Abholen der Speisen in der Küche aushilfsweise verwendet. Bei den Männern werden wegen Mangels an Arbeit die Exereirübungen fleissig betrieben. Auch das Turnen wird zeitweise fortgesetzt. Für Unterhaltung der Pfleglinge ist möglichst gesorgt; eins Bibliothek bietet den Lesebegierigen Material, Spiele aller Art sind in den verschiedenen Abtheilungen vertheilt, wie Domino, Lotto, Damen- und Schachbrett, Festungs- und Kartenspiele. Im Sommer werden Ballspiele u. s. w. gemaeht. Durchreisende Künstler, Musiker, Taschenspieler n. s. w. haben sich schon im Hause producirt. Auch fremde Thiere werden mitunter vorgezeigt. Die Feste der Anstalt sind nieht gerade sehr zahlreich, aber um so heiterer. Am Geburtstage Ihrer Königlichen Hoheiten des Grossheraogs und der Frau Grossherzogin ist festlicher Gottesdienst und alle Kranken werden mit Kaffee und Brezeln, einige Nachmittags mit Eztra-Erfrischungen bewirthet. An Weihnachten wird Allen bescheert, die bessern Stände getrennt von den übrigen. Es sind dazu 3 Abende nothwendig; da auch das Wartpersonal und die Kinder der Wärter Gaben erhalten, sind es über 650, welche beschenkt werden. Selbst sonst gang theilnahmlose Pfleglinge freuen sich eines Christbäumehens und der dargereichten ‚Gaben. In der Knabenabtheilung, wohin das Ohristhkindehen gewöhnlich einige musikalische Instrumente und Kinderspielwaaren bringt, ist oft heller Jubel. Grosses Vergnügen macht den Frauen zur Faschingsageit ein Maskenball, wo sehr lebhaft getanzt wird. RPrfrischungen fehlen nicht dabei und die Gesellschaft ist in der Regel recht heiter. Die Männer veranstalteten SAN 10 Fischer, schon Maskenzüge durch die Höfe. Tanzmusik wird für die Frauen einige= male im Jahre veranstaltet, da sie sonst sehr wenig Bewegung haben. Die Männer besuchen öfter die Kegelbahn im Filial, wo bisweilen ein grösseres Preiskegeln stattfindet. Die bessern Kranken beider Geschlechter machen öfter kleinere und grössere Ausflüge. Ein grösseres Fest feierte die Anstalt am 25, Juli 1872. Es war ihr 550jähriges Jubiläum. Zu den Verbesserungen, welche die Anstalt in den letzten zwölf Jahren erfahren hat, rechnen wir die Errichtung eines Eiskellers, die Bepflanzung der Höfe mit Linden und Rosskastanien, die Bedeckung der Höfe mit Rheinkies, die Abschaffung feuergefährlicher Kamine, die Herstellung eines ge= eigneteren Fenster versehlusses, guter Oefen, die Höherlegung der Zellen im Frauenbau, die aweckmässigere Einrichtung der Bäder, die Einführung der Gasbeleuchtung, die strengere Trennung der Geschlechter, so weit möglich, den Abschluss des vordern Hofes nach dem grossen Krankenhof zu, die Herstellung zweier geeigneter Flussbäder, die Deckung des Anstaltscanals, die Errichtung eines gemeinsamen Kosttisches für dis Wärter, ebenso für die Wärterinnen, Einführung einer rationellen Nachtwache, die UnterrichtsCurse für das Wartpersonal, die Vermehrung des sehr sṕärlichen Weisszeugs und Mobiliars, Einführung von Tisehtüchern, die Erweiterung des Instrumentariums, der Bibliothek, die Anschaffung einer Nähmaschine, eines Flügels, die Herstellung einer neuen Wasserleitung, vor Allem aber die Verminderung der Zwangsmittel bis zum äussersten Minimum. Seit 1860 hat die Grossh. Regierung die Absicht kund gegeben. die Gr. Heil- und Pflegeanstalt zu Pforzheim zu verlassen und die Pfleglinge in einer bessern und gesunderen Lokalität unterzubringen. Man hat deshalb das alte Männer- und Weiberzuehthaus in Bruchsal einer genauen Untersuchung und Prüfung unterzogen, aber die Gebäude und ihre Umgebung nicht geeignet und die Kosten, welche eins Umgestaltung derselben in eine Krankenanstalt verursacht hätten, viel zu hoch gefunden. Hierauf hatte man mit Kislau eine eben solehe Untersuchung und Prüfung unternommen und das Ergebniss war, dass man hier nur mit verhältnissmässig grossem Aufwand von Geldmitteln ein sehr nothdürftiges Asyl für 250 Pfleglings schaffen könnte. In Anbetracht dieses Resultats und der ungesunden, allen Winden ausgesetzten Lage und vieler anderer Uebelstände sah man sich genöthigt, auch auf Kislau zu verzichten. Endlich fasste die Grossh. Regierung den hochherzigen Entschluss, eine neue Anstalt zu bauen, da ein geeignetes, hinreichend grosses Gebäude mit passender Umgebung nicht zu finden war. Im September 1861 wurde vom Gr. Ministerium des Innern eine Commission (Geh. Rath Dr. Roller, Baudirector Fischer und Geh. Hofrath Dr. Fischer) ernannt, welche mit Aufsuchung eines passenden Bauplatzes und alsbaldiger Einleitung der nöthigen Vorarbeiten beauftragt wurde. Ill kö = Zur Geschichte der Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforzheim etc. 11 Die Commission stellte für die zu erbauende Anstalt, resp. für den zu suchenden Bauplatz folgende Grundbedingungen auf: 1. Gesunde, trockene Lage, geschützt vor Nord. und Ostwinden, womöglich in der Nähe des Gebirgs; gutes Trinkwasser in hinreichender Menge; 3. fliessendes Wasser in grosser Quantität für Bäder, Waschküche, Oekonomie, Reinigung des Hauses u. s. w.; 4. nicht zu grosse Entfernung von einer Stadt, welche den Bewohnern der Anstalt das Erforderliche bieten kann, insbesondere einen Markt und eins Apotheke besitzt und in welcher Geistliche beider Confessionen wohnen; 5. nicht zu weite Entfernung einer Eisenbahnstation; 6. die Möglichkeit, die Anstalt vollständig zu isoliren; 7. ein zusammenhängendes Areal von 40 bis 50 Morgen; 8. nicht zu theurer Ankauf des Areals; 9. mässiger Preis der Lebensmittel; 10. trockener, fester Baugrund; 11. mässiger Preis der Baumaterialien; 12. Abwesenheit störender Einflüsse und gefährlicher Orte, wie lärmender, übelriechender Fabriken, stagnirender Wasser, tiefer Flüsse und dergl.; 13. eine solche Beschaffenheit der Lokalität, dass die Anstalt bei späteren Anforderungen ohne Nachtheil oder Störung der vorhandenen Gebäude oder Gefährdung der übrigen Grundbedingungen einen Erweiterungsbau zulässt. Die Commission ist bei der Aufsuchung eines Bauplatzes sehr gewissen-= haft und unpartheiisch zu Werk gegangen und wurde bei Untersuchung der Lokalitäten von Amts- und Gemeinde vorständen und Ingenieuren sehr bereitwillig unterstützt, Die meisten Qertlichkeiten waren derselben übrigens von früher her genan bekannt. Es wurden untersucht: die Umgebung von Freiburg, Emmendingen, Offenburg, Renchen, Oberkirch, Heidelberg und Endingen, durch Geh. Hofrath Fischer besonders noch die Umgebung von Kenzingen, Lahr, Ettenheim und Bruchsal. Einzelne grössere Gebäude, Schlösser und Bäder wurden zu genanntem ‚Zwecke angeboten. Die zunehmende Industrie, insbesondere der grösseren Städte, die wachsende Ausdehnung mancher Orte und der Zug der Eisenbahn hat die Aus= wahl der Orte, welche für eine solche Anstalt passen, gegen früher sehr beschränkt. Bei keiner der genannten Städte war ein entsprechender Bauplatz für die projectirte auf 600 bis 700 Kranke berechnete Anstalt zu finden, als bei Emmendingen. Hier waren sogar zwei passende Bauplätze, von denen der eine etwas höher als der andere liegt. —— 4 Fischer, 12 Nachdem auch der Gr. Respicient des Ministeriums des Innern, Herr Geheimerath Cron, die Bauplätze besichtigt und geeignet gefunden hatte, gernuhte unterm 15. December 1862 Seine Königliche Hoheit der Grossherzog zu genehmigen, dass als Baustelle für die neu zu errichtende Heil- und Pflegeanstalt der bei Emmendingen südöstlich von dem Weihersehlösschen in den sogenannten„Haselwaldäckern“ gelegene Platz bestimmt werde; zugleich wurde das Gr. Ministerium des Innern ermächtigt, ein Bauprogramm und auf Grund desselben Baupläne und Kostenübersohläge für die neue Anstalt ausarbeiten zu lassen. In das Programm wurden Schlaf- und Wohnräume für 440 Seelengestörte, 130 Epileptische und 30 körperlich Kranke, also für 600 Köpfe auf genommen. Für erstere und für Epileptische wurden verschiedene Abtheilungen gemacht, so dass Ruhige, Unruhige und Unreinliehe von einander getrennt waren. Bäder, Werkstätten, Küche, Waschküche, Frockenränme, ein Festsaal und Kirche, Dienst- und Wohnräume für Angestellte, ein Dampfhaus und Remisen bildeten wesentliche Bestandtheile des Programms. Der Plan wurde durch den Gr. Baudirector Fischer entworfen und der Kostenüberschlag bexifferte sich auf 1,209,000 fl. Diese hohe Summe, an welcher übrigens 300,000 fl. als wahrscheinlicher Erlös für die alte Anstalt abzuziehen sind, erschien den Kammern, denen 1864 das Project vorgelegt wurde, zu hoch. Der damalige Referent der Budget-Gommission meinte sogar, der Plan sei weder dem Zwecke noch den Verhältnissen angemessen, — man könne auch mit der Humanität Luxus treiben. Dazu kam, dass die medizinischen Facultäten der Universitäten sich der Angelegenheit bemächtigten, da sie die neue Anstalt in ihrer Nähe haben wollten, angeblich des psychiatrischen Unterrichts wegen. Die Herren schienen nicht zu wissen, dass die Seelengestörten der Pforzheimer Anstalt bereits alle in das Stadium des Blödsinns getreten sind, dass ihre Krankheit abgelaufen ist und somit für den Unterricht im Leben wenig Interesse mehr bietet. Eine nochmalige Untersuchung der Umgebung von Heidelberg erwies, dass dort kein geeigneter Bauplatz, höchstens ein nothdürftiger für eine ganz kleine Anstalt zu finden war. Damit war die Angelegenheit des Neubaues bis zur letzten Kammersitaung abgethan, in welcher auf Anregung des staatsäratlichen Vereines und der Vorstände der Anstalten Illenan und zu Pforzheim sie wieder zur Sprache kam und wegen der vielen localen und anderer Mängel der Pforzheimer Anstalt und insbesondere auch wegen der Ueberfüllung Illenan's an die Gr. Regierung die Bitte gerichtet wurde, einen Neubau in Betracht zu ziehen. Im Jahre 1865 fand die Verlegung der Taubstummenanstalt nach Meersburg statt und in den Gebäu lichkeiten derselben, von 1826 bis 1842 Siechenanstalt, wurde nun ein Filial der Heile und Pflegeanstalt mit 70 Kranken errichtet, so dass zusammen 570 untergebracht werden konnten. Wegen Zur Geschichte der Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforzheim ete, 13 einer Typhusepidemie musste jedoch das Filial theilweise zuerst mit Pfleglingen aus der alten Anstalt belegt werden. Seine Königliche Hoheit der Grossherzog verfolgten diese Angelegenheit stets mit landes väterlichem Interesse und hatten sogar die Hohe Gnade, im Jahr 1867 das Schloss in Bruchsal zur Benutzung als Anstalt für die Pforzheimer Pfleglinge anzubieten. Die mit der Untersuchung des Schlosses und der Umgebung betraute Commission erkannte den guten baulichen Zu; stand des ersteren, die Möglichkeit einer Erweiterung desselben und der Beschäftigung im Freien, d. i. in dem grossen Schlossgarten. Allein in Anbetracht, dass das Schloss durch das Gebirge nicht mehr geschützt und der nördliche Flügel besonders kalt ist, dass die Isolirung keine vollständige ist, dass eine zweckmässige Eintheilung für die Kranken nach be— stimmten Kategorien nur schwer und unvollkommen durchführbar ist, namentlich für bessere Kranke keine eignen Abtheilungen herzustellen sind,— in Anbetracht ferner, dass die Lichthöfe sehr eng sind und bei der bedeuten den Höhe des Schlosses in die Gänge der zwei unteren Stockwerke nicht genug Licht werfen, dass die Lüftung hier sehr erschwert ist, die bei einer Bevölkerung von 600 Kranken und etwa 60 Bediensteten eine hohe Bedeutung hat, dass die Gänge nur sehr schmal und sehr kurz sind, so dass ein Ergehen darin im Winter und bei schlechtem Wetter für eine grössere Anzahl Personen zur Unmöglichkeit wird, dass diese Korridore im zweiten und vierten Stock sehr niederdrückend sind, dass die nach Westen ge— legenen Zimmer des zweiten und vierten Stockwerks im Sommer wegen der geringen Höhe sehr heiss werden,— in Anbetracht ferner, dass das vierte Stockwerk, das man auf einer etwa S0 Stufen zählenden Treppe erreicht, für ein Krankenhaus mehr oder weniger gefährlich ist und dass das Treppensteigen für eine grosse Anzahl Efleglinge sehr beschwerlich, ja selbst unmöglich ist, das dieses Stockwerk selbst für den Dienst sehr lästig ist,— dass ferner in verschiedene zum Theil ziemlich entfernte Nebenge— bäude Kranke untergebracht: werden müssten, wodurch dis Ueberwachung des Dienstpersonals weniger genau geschehen kann, dass Bäder nur kümmerlich und nur an verschiedenen Orten mit je einer Feuerung herzustellen sind, und endlich, dass das Wasser voraussichtlich ganz unzureichend und fliessendes Wasser zu Bädern im Freien und zum Reinigen der Wäsche gar nicht zu erhalten ist, dass nach angestellter Berechnung in den vorhandenen Gebäuden nicht alle Pforzheimer Kranken untergebracht werden konnten, — so ging der Ausspruch der Commission dahin, dass das Schloss zu genanntem Zwecke nieht geeignet sei. Mit schwerem Herzen that sie diesen Ausspruch, indem sie nur sehr ungerne das Fürstliche Geschenk ablehnte. Wohl würde man es auch als einen Rückschritt bezeichnet haben, wenn man Seelengestörte an einem Orte mit drei Strafanstalten zusammengebracht hätte. Seither ist diese Angelegenheit in ein anderes Stadium getreten, indem man in Heidelberg eine Irrenklinik baut und von Freiburg auf eine solche 14 Fischer, Gesch, d. Gr. Heil- n. Pflegeanst. Pforzheim etc, gedrängt wird. Die Landstände wünschen‘ zwar einen Neubau, als vollen Ersatz für die Pforzheimer Anstalt, indem sie den trostlosen Zustand der Lage und Baulichkeiten der letzteren einsehen. Ob und wann aber dieser Neubau zu Stande kommt, das weiss nur Gott, Die Anstalt besitat drei Stiftungen, die eine, von Barbara Vogel in München, mit 1000 Gulden, die andere von Oberamtmann Bach in Gaggenau, mit 300 Gulden und die dritte von Karoline Festele von Pforzheim, mit 200 Gulden. Die jahrlichen Zinsen werden zu aufmunternden Geschenken für arme Pfleglinge der Anstalt oder zu Unterstützungen bei Entlassungen verwendet. Von 1826 bis 1876 inclus. wurden aufgenommen: 2168 Seelengestörte, 626 Epileptische, 496 körp. Kranke, zusammen 3290. Entlassen wurden davon 1232, gestorben sind 1500, also durchschnittlich 30 im Jahre, Stand am 31. December 1876 558, zusammen 3290. In der Filialirrenanstalt wurden von 1829 bis 1842 zusammen 333 verpflegt. Separatabdruck aus der„Zeitschrift f. Psychiatrie etc.“ Bd. 34. Druck und Verlag von G. Reimer in Berlin. | | | ) | ——— | ! A Entsäue,; . AP 2017 9 9 kreten, 8 Is jene» 2 SE * , 16 32606 9 031