Herqusgegeben von der Biox-Aktiengesellschaft, Abteilung Bilderdienst, Mannheim Alle Rechte- 1950— bei der Biox-Aktiengesellschaft Mannheim Gesamtherstellung GRIFFON-Gesellschaft für Marktpfle ge m. b. H. Wetzlar EINLEITUNG e der zweite Teil eines weltberühmten Romans nennt sich „Wanderjahre“. Er ist von Goethe und heißt genauer „Wilhelm Meisters Wanderjahre“. Ihr habt von ihm gehört, Vielleicht schon darin gelesen. Wanderjahre! Wer von den jungen Menschen kann heute noch jahrelang reisen, bevor er in seinen Beruf eintritt? Früher war das anders. Für den jungen Kaufmannssohn, zu Pferd oder in der Kutsche, schlossen sich die Tore seiner Vater- stadt für gut zwei Jahre. Der Handwerker und der Erbe eines kleinen Betriebes walzten drei bis vier Jahre auf Schusters Rappen und jauchzend sangen frische Stimmen bis hoch in das vorige Jahrhundert hinein:„Das Wandern ist des Müllers Lust“. Unsere Vorfahren waren kluge Leute. In ständische Vor- schriften, Zoll- und Grenzunbequemlichkeiten und eine uns unverständliche Betulichkeit eingeengt, erkannten sie doch eines: Reisen bildet. Der junge Mensch mußte wissen, wie man jenseits der Grenzen über seines Vaters Geschäftszweig dachte, er besuchte die Weltstädte, lernte ihre Sprachen und mancher arme Handwerksjunge hungerte sich bis über die Alpen hinunter nach Florenz, Venedig, Rom. Heute ist das anders. Wir haben den D-Zug, das Auto und das Flugzeug, aber unsere Jugend hat keine Zeit und kein Geld. Der kurze Urlaub im Geschäft und im Büro ermöglicht gerade eine Fußwanderung durch den Schwarzwald, eine Radtour das Rheintal hinunter. Der Lernende erwirbt sich heute seinen Weitblick durch kundige Führung seiner Lehrer und durch die eigene Lektüre. Das Buch, das wir euch in die Hände geben, will versuchen, euch auf bescheidene Weise ein Stück Wanderjahre zu ersetzen. Es will dabei helfen, daß ihr euch aus eigener Kraft einen Uberblick über unsere Erde verschafft. Sie ist So schön; das Schauen über sie hin und in sie hinein hilft euch über Vorurteile hinweg und macht euch zu freien Menschen. Aber den Weg dorthin müßt ihr allein gehen. Wenn ihr das Buch durchblättert, werdet ihr Bilder von Städten und Landschaften und im Text Streifzüge durch andere, nicht abgebildete Himmelsstriche finden. Nehmt den Atlas und baut die„Kleine Reise in die große Welt“ zu einer„großen“ Reise aus. Ihr werdet Hinweise finden; Museen, Bücher und Kulturfilme warten auch auf eure frische Aufnahmefähigkeit. Es wäre falsch, Vollständigkeit von diesem Buch zu erwarten. Denn es ist kein Reiseführer. Seine Bilder, seine kurzen Kapitel sollen eure Wißbegier aufwecken und euch anregen, von euch aus selbständig an die geistige Eroberung fremder Länder zu gehen. Es gibt kaum ein schöneres Ziel. Wundert euch nicht, daß gerade Beschreibungen von hoch- berühmten Bauwerken oder Plätzen fehlen. Ihr sollt hier nichts finden, was der Baedecker euch ausführlicher beschreibt. Unser Buch will gerade von den unbekannteren Merkwürdig- keiten dieser Welt erzählen, von Menschen, Farben, Licht und Tieren, von jenen verborgenen Schönheiten, um deretwillen der Mensch von Kultur seit je gereist ist und auch heute reist. Nicht der betriebsame Kilometerfresser, sondern jener, der an einer Wegbiegung aussteigt und eine abseits gelegene unbekannte Kirche aufsucht oder in einen Wald eintritt, dessen Buchengrün ihn schon von fernher lockte. Wir suchen die Jugend, die nicht nur mit dem Verstand, nicht einzig um des Wissens willen reisen möchte, sondern auch mit Herz, mit Phantasie. Reisen ist Bildungserlebnis im Goethe'schen Sinn. Es gibt keine Reise, die weiter und aufregender sein kann als die um das menschliche Herz. Jede Reise, die ihr in diesem Sinne unternehmt, sei es auf dem Atlas, sei es in der Wirklichkeit, macht euch zu stärkeren und reicheren Menschen. Sie führt euch zu euch selbst. IN junger Herr von vielleicht achtzehn Jahren, einen Fernstecher und Ruck- sack umgehängt, und ein zierliches Mädchen, wohl eine Fünfzehnjährige, das Reiseköfferchen in der Rechten, stehen in der Halle des Bremer Hauptbahnhofes und studieren, gedrängt zwi- schen anderen, die Abfahrt der Züge. Manchmal sehen sie zur Sperre; dort steht der Vater und spricht mit einem müde und abgezehrt aussehen- den Mann; anscheinend ist er ein Rückkehrer aus dem Osten. Die Geschwister haben alle Ursache, in glück- licher Erregung zu sein. Peter hat sein Abitur hinter sich, und nun nimmt der Vater die Kinder zu einer weiten Reise durch Deutschland bis hin- unter nach Oberbayern mit. In Mittenwald wollen sie zur Erholung bleiben. Es ist bereits dunkel draußen. Man ist absichtlich frühzeitig von Hause fortgegangen, um das Leben und Trei- ben des abendlichen Bahnhofs zu beobachten. Da außerdem gleich die erste Strecke nach Frankfurt am Main eine Nachtfahrt ist, soll auch noch ein kleiner Imbiß im Speisesaal eingenom- men werden. „Sieh mal“, deutet das Mädchen auf den Fahr- plan,„da stehen überall ganz klein gedruckt die Anschlüsse ins Ausland. Hier Paris, dort Basel gleich dreimal“.—„Ja“, erwidert der Bruder, „ich habe es auch schon gesehen. Es müßte wun- derbar sein, einmal fremde Länder zu sehen; wirklich zu sehen, nicht nur in der Schule davon zu hören oder darüber zu lesen. Aber komm, wir wollen nicht undankbar sein. Unsere Reise ist auch schon ein Stückchen Welt.“ Die beiden gehen zum Vater zurück, einem Mann mit klugem, gereiften Gesicht und sicherer Hal- tung. Man sieht ihm den Mann an, der weit gereist ist, Erfahrungen und Erfolge hat und sich einen klaren Uberblick bewahrte.„Denkt euch“, empfängt er die beiden,„gerade hier treffe ich einen alten Kriegskameraden, der jetzt erst nach Hause kommt. Das also sind meine beiden“, fährt er vorstellend fort,„Peter, mein Altester und Nachfolger in der Firma, und Erika, eine über alle Maßen neugierige junge Dame. Sie kann sogar schen Schreibmaschine.“ Der Bahnhof ist vom Getöse und Donnern der Züge erfüllt, von jenem Stimmengewirr der eili- gen Reisenden, das für die Jugend schon die ganze Vorfreude auf die Reise in sich birgt. Der Vater und sein Freund unterhalten sich eingehend über Persönliches.„Habt ihr die Züge herausgefun- den?“ wendet er sich jetzt an die Kinder.„Wie ist es mit dir, Erika? Frauen sollen ja vor Kurs- büchern und amtlichen Bekanntmachungen noch immer ein kleines bißchen Angst haben, wie? Ich entsinne mich noch, wie ich als Junge von erst zehn Jahren lernen mußte, das Kursbuch zu lesen. Es war im Anfang recht schwer, aber unser alter Buchhalter half mir dabei. Später stellte ich für alle unsere Reisenden die Fahrpläne zusammen und war sehr stolz darauf. Ich kam mir dann immer selbst wie ein Welt- reisender vor.“„Erika ist unzufrieden“, wirft der Bruder ein,„sie hat auf der Abfahrtstafel die Anschlüsse nach Paris, Basel und Wien gesehen und möchte nun auch durchaus ins Ausland.“ Der Vater ist offensichtlich gar nicht verwun— dert über solche Ansprüche.„Ich kann euch jetzt nur erst Deutschland zeigen. Später wird auch das andere wieder möglich sein. Aber seht euch nur überall um, hört zu, wenn andere erzählen, und ihr werdet auf dieser unserer Deutschland- reise sehr viel über das Ausland erfahren. Immer fragt, ihr müßt viel fragen. Die anderen haben Wahrscheinlich nicht immer Lust, zu antworten; aber vielen Menschen macht es Freude, aus ihren Erinnerungen erzählen zu können. Denkt nur, wWwie gut ihr es gegenüber den Reiselustigen früherer Zeiten habt. Zeitschriften und Zeitun- gen, Prospekte, Reiseschilderungen, der Rund- funk und der Film tragen euch unablässig Ein- drücke aus fernen Ländern zu. Ob Goethe das wohl ahnte, als er Faust seufzen ließ:„Oh, wäre doch ein Zaubermantel mein und trüg' mich in die fernsten Länder!?“„Und die Museen, Vater“, wirft das Töchterchen ein.„Sehr richtig, mein Kind. Ihr werdet staunen, was ich euch in Frank- furt und vor allem in München alles zeigen kann.“ Der Heimkehrer hat erstaunt zugehört. Als man im Speisesaal sitzt, wird er gesprächi- ger.„Sie interessieren sich sehr für das Aus- land?“ fragt er den Abiturienten. Der nickt.„Va- ter sagt immer, ein Kaufmann muß die Welt kennen.“—„Das stimmt zweifellos. Ich habe auch etwas von der ‚Welt“ kennengelernt, wenn auch nur als Soldat und später in der Ge- fangenschaft. Da sieht man zwar nicht viel und hat auch nicht immer den rechten Sinn dafür, das Gesehene richtig zu verarbeiten. Aber ich besinne mich noch recht gut auf Reval, das heu- tige Tallin. Dort war ich lange stationiert und habe einen tiefen Eindruck davon bekommen.“ „Reval“, besinnt sich Peter.„Dort steht doch eine Ordensburg.“„Natürlich, Peter“, mischt sich der Vater ein.„Bis zum Finnischen Meerbusen hat der Deutsche Orden kolonisiert. Was hier der Ritter und vor allem als Kolonisator der deutsche Bauer geleistet hat, das ist auch heute noch ein Ruhm für unser Volk. Wenn viele es jetzt auch nicht mehr wahrhaben wollen, so wollen wir es doch behalten. ‚Gen Ostland wölln wi riden', sang man damals in West- und in Süddeutsch- land. Nicht nur mit den Waffen in der Hand, sondern mit dem Pflug haben wir den Boden dort oben erobert. Die Burg in Reval, mein Freund wird es Euch bestätigen, ist ein gewaltiges, stolzes Bau- Werk, uneinnehmbar für damalige Verhältnisse. Iwan der Schreckliche ließ sie von seinem Heer vergeblich belagern. Ubrigens wurde die Stadt Reval in ihrer ganzen Geschichte nur einmal im Sturm genommen.“„Es sieht jetzt vieles anders aus“, meint der Freund des Vaters.„Alles ist modernisiert, dafür aber auch ärmer, und da- hinter die unendliche russische Ebene. Dennoch erwecken die Lage der Stadt und ihre scharfe frische Luft die Erinnerung an ferne Küsten- städte, die gleich Reval unmittelbar an der Meeresküste liegen. Der ungewöhnlich lichte Him- mel, der sich an vielen Tagen des Jahres über Reval wölbt, und der aufragende Domberg mit seinen steilen Hängen und altersgrauen Mauern aus Kalkstein läßt einen vergessen, daß Reval nördlicher als Stockholm und östlicher als Lem- berg liegt. Die Luft dort oben hat mich oft an Finnland erinnert, wo ich vor dem Kriege häufig wWar. Nie werde ich die Stimmung vergessen, die die unendlich scheinenden Birkenwälder und die schweigenden, wie verzaubert daliegenden Seen dem Reisenden vermitteln. Und dazu die unvor- stellbare Gastfreundschaft der Finnen, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, dem um Obdach bittenden Fremden den besten Raum in ihren einfachen aber blitzsauberen Holzhäusern zur Verfügung zu stellen. Ich kann mich auch nicht entsinnen, Schlösser an den Haustüren gesehen zu haben; eine Feststellung übrigens, die ich während des Krieges in Rußland wiederholen konnte, soweit sich meine Beobachtungen auf dörfliche Gemeinschaften beziehen. In gröhßeren Städten sieht es wohl anders aus. Ja, die Finnen, sie sind ehrlich und vertrauen. Aber wehe, wenn man sie enttäuscht. Wie bei uns ein Junge zur Ein- segnung eine Taschenuhr bekommt, so erhält der junge Finne das bekannte, feststehende Finnenmesser, mit dem er sehr gut umzugehen Versteht. Ein Volk, das in seiner Zähigkeit und Ausdauer im Kampf um seine nationale Freiheit und Selbständigkeit beispielhaft ist. Erst kämpfte es sechs- hundert Jahre lang gegen die schwedische Herrschaft und jetzt muß es sich gegen die russischen Ansprüche zur Wehr setzen. Auf alle Fälle ein interessantes Volk, man sollte sich viel mehr mit sei- ner Geschichte beschäftigen. Am interessantesten ist viel- leicht die Tatsache, daß seine Sprache keine Verbindung zum lateinischen oder indo- germanischen Sprachstamm hat, sondern mit der türki- schen und ungarischen Sprache verwandt ist.“ „Apropos, Sprache. Deutsch hört man in Reval wohl gar nicht mehr?“, fragt der Vater. „Gott bewahre. Nur Estnisch und Russisch. Seit 1904 steht das Land unter autonomer, estnischer Verwaltung.“ Die Kinder sehen nachdenklich vor sich hin. Man sieht es auf Peters offenem Ge- sicht, welche Gedanken ihn bewegen.„Rußland“, — London fährt er plötzlich auf.„Ich kann mir nicht hel- fen, es bleibt für uns doch ein Geheimnis. Er- innerst du dich, Vater, an den schönen alten Stich vom Kreml in deinem Buch über russische Geschichte?“ „Doch, ich weiß. Moskau, die Stadt der Kirchen und Ikonen. Nun, wir müssen warten, wie sich dieses riesige Land entwickelt. Mit Prophe- zeihungen ist da nichts getan.“ Die kleine Gesellschaft sitzt still da. Schließlich erhebt sich der Heimkehrer, um zu seinem Zug zu gehen. Der Vater begleitet ihn. Als er 2u- rückkommt, sitzt bei den jungen Leuten ein Herr mit vergnügtem, braungebrannten Gesicht. Es ist ein Schiffsarzt und alter Freund der Familie, über dessen lustige Geschichten sich die Ge- schwister schon oft gefreut haben. Auch heute erwarten sie von dem weitgereisten Mann etwas Neues. Nachdem er mit dem Vater die schwie- rige Lage der Schiffahrt und damit seine eigene besprochen hat, wendet er sich an das Mädchen.„Ich will mein Gepäck versichern, kommst du mit, Erika? Ich komme soeben von London und muß dir doch einige Neuigkeiten erzählen.“„Von London? Oh, fein“, jubelt das Mädchen und hängt sich bei seinem großen Freunde ein. Vergnügt schwatzend gehen die beiden durch den Bahnhof.„Du mußt wissen, Erika, es ist nicht mehr so schwer, nach London zu kommen. Du bist ja eine Leseratte und hast in eurer Zeitung sicherlich schon viele Berichte über diese Riesenstadt gelesen.“ Das Mädchen nickt begeistert.„Ich liebe Lon- don, das weißt du“, fährt der Arzt fort,„und es ist gut, daß dein Vater mich nicht hört. Er be- hauptet immer, ich sei befangen. Weißt du, über die Vorliebe vieler Deutscher für diese Stadt kann man streiten. Das ist aber keine Schwär- merei; die Stadt ist eben einmalig. Ich brauche dir ja wohl nichts von den bekannten Dingen zu erzählen, vom Tower, London-Bridge und dem Buckingham Palace. Das alles steht ja in eurem Lesebuch und außerdem findest du es in jedem Reiseprospekt. Aber der Hafen, Erika. Auch wenn du schon viel von ihm gelesen hast, man muß ihn erleben. Unbestritten der größte Hafen unseres Kontinents, eine ganze Stadt für sich. Das ist ein Gewirr, ein Lärm, Ströme von fremd- ländischen und englischen Menschen, alle Laute der Welt schwirren durch die Nebelluft. Wenn du dich da verlierst— da braucht man dann wirklich Scotland Vard und einen Sherlock Holmes. Es ist mir gerade dieses Mal begreiflich geworden, warum in England so vorzügliche Kriminalromane entstanden. Allein dieser Hafen von London ist eine einzigartige Szenerie. „Ist London eigentlich schön?“ fragt Erika. „Schön? Wenn du ankommst, ist alles grau in grau. Du meinst, die Stadt hätte überhaupt keine Farben. Aber wenn du einmal an einem Sommernachmittag an den oberen Ufern der Themse gestanden hast, dort, wo der Maler William Turner sein Haus hatte.. Merk ihn dir, Kind, er war Englands größter Maler und einer der bedeutendsten in ganz Europa—, dann wirst du die Londoner Atmosphäre verstehen und den Silberglanz, den sie über alles breitet. Du wirst auf einmal gar keine so große Lust mehr haben, in dem bekannten und hundertmal beschriebenen Hyde Park spazieren zu gehen, du machst dich auf und suchst das unbekannte London. Und da wirst du Wunder finden. Da stehst du plötzlich mitten unter den alten Häu- sern, die die große Feuersbrunst von 1648 übrig- gelassen hat. Hinter ihnen sind winzige Gärten. Du sitzt abgeschieden darin, es ist still in der Luft, und du hast vergessen, daß nur fünfzig Schritt davon der Verkehr der Weltstadt brandet. Weißt du, was für mich immer das Schönste ist? Etwas ganz Ausgefallenes. Du kommst von FHolborn und gehst über Smithfield, einen weiten Platz, um den jetzt lauter Markthallen stehen— dort wurden übrigens unter Maria der Blutigen die Ketzer verbrannt, Englands Geschichte weist sehr grausame Kapitel auf— gehst auf ein altes Haus zu, durch seine kleine Toreinfahrt und stehst auf einmal vor einer alten Kirche mit einem schweigsamen Friedhof. Das ist St. Bar- tholomew the Great, eine uralte Kirche in rein normannischem Stil. Du weißt ja, daß die Nor- mannen im elften Jahrhundert die britischen In- seln unter Wilhelm dem Eroberer erstürmten und ihr Blut mit dem der eingesessenen Sach- sen und Kelten mischten. Und daß diese selben Normannen ein stolzes Reich in Sizilien aufrich- teten und alle Meere beherrschten. Diese kleine Kirche würde dich ganz heimatlich anmuten. In der Kaiserpfalz in Gelnhausen findest du den- selben Stil und besonders bei den Staufen- schlössern in Süditalien. Die normannische Architektur beeinflußte eine Zeitlang das ganze ritterliche Abendland. Aber du wirst weiter- gehen wollen, du stößt auf das große Schloß Hampton Court, in dem FHeinrich VIII.— du Weißt doch, der mit den sechs Frauen— viel gelebt hat, und in dem er Anna Boleyn enthaup- ten ließ, wirst in seinen bezaubernden Park- anlagen herumlaufen und den großen Irrgarten bestaunen, aus dem man ohne Führer wirklich nicht herausfindet. Oder du gehst nach Knew Gardens, einem unwahrscheinlich reichhaltigen botanischen Garten, nach Whipsnade, dem Frei- luftzoo, der immer noch größer als Hagenbeck in Stellingen ist. Vergiß auch nicht die National Portrait Gallery, wo du die herrlichsten Holbeins findest. Weißt du, daß die Londoner ihn für einen Engländer halten? Er malte die Könige und den ganzen Hof. Und wie er sie malte! In Hamstead, einem fast ländlichen Stadtteil, findest du Buchhandlung an Buchhandlung und was für Bücher! Das können wir uns gar nicht mehr vor- stellen. Alle deutschen, die dich intèeressieren und die es hier immer noch nicht wieder gibt. Geh' durch das elegante Mayfair, wo die großen Ge- Sellschaftsromane nach dem ersten Weltkrieg spielen, oder in die Shaftsbury Avenue. Dort steht ein Theater neben dem andern, in den Nebenstraßen sitzen die Agenten und die Kostümverleiher. Das ist London, das nur wenige kennen. Diesmal hatte ich Zeit und konnte in die Downs, die Heideberge im Süden Englands, fahren. Auf ihren Höhen stehen alte keltische Pferdesymbole, Denkmäler von schauerlicher Frühwelterhabenheit.“ Das Mädchen hört mit glänzenden Augen zu. „Vielleicht hättest du lieber etwas vom modernen London gehört? Aber das findest du ausführ- lich in jedem Reiseprospekt.“ Die beiden kommen an den Tisch zurück.„Hof- fentlich habe ich Erika nicht gelangweilt; ich habe ihr reichlich viel vom alten und unbekann- ten London erzählt und hätte noch stundenlang davon sprechen können. In welcher Ecke der alten Welt leben wir hier oben aber auch! Hier zwischen diesen Küsten, Deutschland, England, Holland, Belgien liegt für mich eines der großen Kräftezentren der Welt. Hier treffen sich alle Schiffslinien, mit denen ich meine unzähligen Reisen gemacht habe. Ich könnte euch von 80 vielen Küsten erzählen. Wißt ihr eigentlich, wel- ches Wunder an landschaftlicher Schönheit die Kanarischen Inseln sind? Als Alexander von Humboldt, der große Naturforscher und Welt- reisende, auf den Kanarischen Inseln in Orotava ankam, stieg er vom Maultier und küßte die Erde, weil sie so schön war. Da fahren die Schiffe an Tanger vorbei, dessen Leuchtturm weithin leuchtet. Und da ist Casablanca, die Araber nennen es Dar el Beida, die Hafenstadt in Marokko, leuchtend weiß, wie ihr Name be— sagt, den ihr die Spanier gaben. Und alle diese Schiffe, die weit in die Welt hinausfahren, nach Afrika, Süd- und Nordamerika, kommen wieder hierher zurück, in diesen Winkel im Atlanti- schen Ozean. Einmal werden es ja auch wieder deutsche Linien sein, die über die Meere fahren.“ „Ich habe mich oft gewundert“, beginnt Peter, „daß s0 verhältnismäßig kleine Staaten wie Holland und Belgien zu so bedeutendem inter- nationalen Einfluß kommen konnten.“ „Holland erhob sich, als Spanien sank. Aber auch das spanische Mutterland war klein und beherrschte doch die Welt. Damals war der Kampf der beiden Konfessionen entscheidend. Ihr wißt, was die Niederlande zu leiden hatten. Unbändiger Stolz erfüllte das kleine aufstei- gende Land und Amsterdam, sein Hafen, kündet von dieser machtvollen Vergangenheit. Als die Spanier im heutigen Belgien, in Brüssel, in Ant- Werpen, furchtbar hausten, flüchteten Tausende von Freiheitsliebenden nach Amsterdam. Da-— mals erhob sich die Stadt zu ungeheurem Glanz. Ich will euch“, fährt der Schiffsarzt fort, „aber keine Geschichtsstunde geben. Unser junger Abiturient weiß das alles viel besser. Ich selber bin immer sehr gern in dieser reichen, großzügigen Stadt gewesen. Ihr wißt ja, es sind eigentlich zwei Städte, die Amstel teilt sie. Wie das seefahrende Volk von Amsterdam es fertig brachte, bis zum Meer eine Hafenanlage vorzuschieben und damit für lange Zeit Europas Umschlagplatz zu werden, bleibt bewundernswert. Ja, Seefahrt.. Aber Amster- dam ist auch schön als Stadt. Das ,‚nordische Venedig' klingt es mir überall entgegen, wenn ich dort bin. Diese fünfzig Grachten. Ihr kennt sie doch von Bildern, die tiefen Wassergräben, Tanger die Stadtkanäle, die auf jeder Postkarte zu sehen sind. Aber keine Karte, kein Prospekt können den Zauber wiedergeben, der über einer Stadt liegt, die von Wasseradern durchkreuzt ist. Sie ist in geheimnisvoller Weise lebendig. Für Holland wird jetzt, nachdem die kolo- nialen Beziehungen sich än- derten, auch vieles anders Werden, aber der handeltrei- bende, seefahrende Charak- ter bleibt. Es waren wahr- haft königliche Kaufleute, diese Mynherren. Und die Schätze des sagenhaften Orients, die in dieser Stadt gestapelt lagen. Ihr denkt vielleicht an die Diamanten- schleifereien und den Dia- mantenmarkt? Da saß auch einmal ein Jude über seinen Steinen und schliff. Und über dem exakten Wunderwerk der kristallinischen Formen Wurde ihm der exakte Plan der Schöpfung klar. Es war Baruch Spinoza, den Goethe Ainterfdam S0 sehr liebte und der unsere Brussel deutsche Philosophie befruchtete. Die Juden über- haupt. Sie haben eine herrliche Synagoge, die Por- tugiesen, Vertriebene ihres Volkes, im 17. Jahrhun- dert nach dem Vorbild des Tempels in Jerusalem errichteten. Aber das alles wird klein, wenn wir des armseligen Judenviertels gedenken, in dem ein alter, zahnloser und häßlicher Mann herum- schlurfte und sich für seine letzten Bilder Mo- delle suchte. Dieser Mann hieß Rembrandt. Und diese beiden Namen, Spinoza und Rembrandt, genügen, diese stolze Stadt unsterblich zu machen. Wenn ihr einmal nach Amsterdam kommt, werdet ihr noch mehr an Kunst und Seltsamkeiten finden und FHollands Stolz be- greifen.“ „Aber Belgien?“ fragte Peter.„Es kam doch erst imn neunzehnten Jahrhundert zur Blüte und ge- rade ein so kleines Gebiet wurde reich.“„Bel- gien“, wirft jetzt der Vater wieder ein,„ist ein Beispiel dafür, daß ein Land nach oben wächst Nicht die Größe des Landes, sondern seine Be- völkerungsdichte, seine Arbeitsintensität und seine Intelligenz sind ausschlaggebend. Das völ- lig durchindustrialisierte Land kann für uns in Deutschland ein Beispiel werden. Das Land ist von echtem internationalen Kaufmannsgeist er- griffen. Sein König Leopold I., dessen Name mit der riesigen Kolonie des Kongostaates für immer Verknüpft bleibt, fühlte sich weit mehr als Kauf- mann denn als Monarch.“„Aber, Vater“, ruft die Tochter dazwischen,„zum Beispiel Brügge? Wir haben gelernt, die Dichter nennen es die tote Stadt. Das ist doch etwas anderes.“ „Ich wollte es gerade sagen. Dieses rührige kleine Land hat Städte von märchenhafter Schönheit und Kunstschätze ohne Zahl. Als ich das erste Mal durch Brügge ging, glaubte ich, die Zeit sei stehengeblieben. Es ist schön, daß die Kultur aufstrebender Länder aum läßt für Plätze, auch in Gegen- Volke 1 immer wieder R zolch verschwiegene für die Poeèsie, die einem tüchtigen, der Wart zugewandten steckt. Ihr habt doch viel von Burgund gehört? Nun War ein Mittelpunkt fast sagenhaften Kö— nigreichs Burgund, hier lebte Karl der Kühne, hier Brügge dieses freite Kaiser Maximilian um die schöne Maria. Das ausge- hende Mittelalter warf von Burgund aus noch einmal einen Schein über Europa, und Brügge strahlte vor allen Städten. Neben Vene— dig war es eine Zeitlang Europas bedeutendster Han- delsplatz; aber seht Wie wichtig es ist, daß Völker und Gemeinden sich dem Fortschritt öffnen. Als Brügge im siebzehnten Jahrhundert sich in eine Wirtschaftspolitik konnte nicht nur seine uns entzückt.“ „Man sollte den Kindern aber wirklich lieber von Brüssel erzählen“, brummt der Schiffsarzt dazwischen.„Das ist doch die Stadt des flutenden Lebens. Laßt mich davon erzählen, ich bin ja oft dort- gewesen. In RBrüssel ist immer Aufregung, Kampf zwischen den Parteien, den Wallonen und den Flamen. Aber das macht ihr nichts aus, es regt sie höchstens an. So war es übrigens immer. Denkt nur an die furchtbare Zeit, als Alba dort einzog. Aber ihr habt den„Egmont' sicher besser im Kopf als ich. Selbstverständlich haben er und Graf Horn ihr Denkmal. Goethe hat diesen Grafen Egmont übrigens sehr idea- lisiert. Er War keineswegs der galante Anbeter seines Klärchens, sondern ein guter Hausvater und hatte elf Kinder. Ich weiß, das enttäuscht, aber es ist schon besser, wenn man weiß, wie alles wirklich gewesen ist. Klärchens Haus könn- teé ich euch nicht zeigen, sie ist eine Gestalt, die Goethe mit großer Liebe erfunden hat. Aber in den schönen belgischen Mädchen wird auch heute noch manch liebesmutiges Klärchen stek- ken, man muß sie sich nur richtig ansehen. Die fröhliche Oberstadt ist überhaupt voll eleganten Lebens. Man spürt die Nähe von Paris. Von Brüsseler Spitzen und Handschuhen habt ihr doch sicher schon gehört? Um die Jahrhundert- Wende war es der Stolz jeder feinen Dame, einen Halseinsatz mit Brüsseler Spitzen zu tragen.“ „Wißt ihr, Brüssel wirkt unendlich reich. Alles, seine Bibliotheken, sein Rathaus, sind kostbar. reaktionäre verfing, versan- dete es und Heute ist es Schönheit, die mehr erholen mittelalterliche sich noch Brüssel muß man genießen, frei und unbeküm— mert. Lebensfreude schäumt durch die Stadt, im Gegensatz zu dem strengeren Holland sind die geistigen Anschauungen katholisch und ver- bindlich. Der niederländische Humor lacht dabei aus allen Ecken. Ist es sehr unzart, vor der gen Dame das Manneken-Piß, Brüssels Springbrunnen, zu erwähnen? Ich sehe, sie kennt es. Früher, darauf besinne ich mich noch, das Manneken an hohen Festtagen Was angezogen bekommen haben, damit die ern- ste Stimmung nicht gestört wurde. Ich denke, heute hat man sich davon frei gemacht. Schließ- lich, Michelangelos gewaltigen Figuren in der Sixtina ging es nicht besser. Aber glaubt ja nicht, daß ich jetzt noch von der Sixtina anfange. Der Vater sieht auf die Uhr, und auch ich muß an den Zug.“ Un- jur berühm- testen Soll Die Reisenden versuchen zu schlafen. Als es Morgen wird, steigen in Kassel zwei Missions- schwestern zu. Erika betrachtet sie lange und macht sich schweren und Schwestern hat ihre Gedanken über einen derartig Beruf. Die eine der Anzahl Zeitungsausschnit- te vor sich und blättert darin. Peter gibt sich endlich einen Ruck und fragt sehr höflich:„Ver- zeihen Sie, sind das ausländische Zeitungen, die lesen?“ Die Schwester lächelt und offen-— bart sich in der Unterhaltung als ein sehr ge- Wandten Mensch, der die Welt gesehen hat und den, gerade menschliches Leiden ihm té lich entgegenkam, nichts mehr aus seiner gelas- schönen enne Sie da Weil Ruhe kann.„Nein, mein das ist ein senen Herr, sgeschnitten bringen Roman, den ich mir amerikanischer in zung. Spielt dort, wo unsere Johannesburg und Nairobi. Int Sie reicht Peter die Ausschnitte hin Schwester, aber ich möchte jetzt nicht les auch noch halbdunkel.“ Peter blättert in den Ausschnitten und liest Erika Vor:„Denn sie sollen getröstet werden“ Waton. Untertitel habe. Ein aber doch halblaut 1“ von Allan „Afrika, geliebtes Land“.„Oh, Schwester, das geht wohl über das Negerpro- blem?„Ja, und in einer sehr menschlichen Weise. Wir müssen uns da unten in Südafrika ja täglich mit dieser Frage auseinandersetzen.“ „Sie leben in Johannesburg und Nairobi?“ fragt jetzt der Vater.„Ich darf Ihnen gestehen, daß wir von diesen Städten nicht allzu viel wissen.“ Die Schwester lacht.„Es ist auch nicht viel zu wWissen. Als wir, ganz jung noch, für Südafrika immt wurden, glaubten wir auch zuerst, kämen wir in ein Wunderland. Aber, seien Sie versichert, das Wunderland sieht beinahe 80 aus wie Kleinstädte in Mitteleuropa. Johannes- burg wurde 1620 gegründet, aber sein wirkliches Gesicht bekam das Städtchen erst, denke ich, 80 in den achtziger Jahren, als Südafrika vom Fie- ber des Goldsuchens erfaßt wurde. Unsere Obe- rin erzählte uns auch noch, wie die Bergwerke gegründet wurden. Jedenfalls, als wir ankamen, sahen wir zwei rauchende Industriestädte mit geradlinigen, recht langweiligen Straßen. Heute ist es wie hier. Aus jedem Fenster schallt das Radio. Schrecklich!“ Alles lacht.„Wenn Sie mir einige Fragen erlauben— sSie werden zwischen Johannesburg und Nairobi ausgetauscht?“„Ja, manchmal wechseln wir, das ist besser. Es ist ja recht zivilisiert da unten, Löwen und Elefanten Wollen nichts mehr von uns wissen, nur noch Leoparden und SEiftschlangen machen sich manchmal, wie wir sagen, mausig. Auch das beste Moskitonetz kann es nicht hindern, daß man aufwacht und hat eine Schlange auf der übrigens sofort heruntergleitet Angst hat. Unsere Patienten, die in Indien haben mir davon viel Drolliges erzählt. wissen Sie, wenn man ein Ziel und eine hat, gewöhnt man sich.“ Die Schwester selt rasch das Thema, als habe sie von sich zu viel„Von Johannesburg bis Nairobi führt übrigens jetzt eine bequeme Autostraße. Ein endloser Pad', unser deutscher ‚Pfad', führt Kilo- meter über Kilometer quer durch den Busch. Tadellos angelegt. Die Landschaft ist völlig gleich- förmig, manchmal tritt ein exotisches Tier Z⁊u- Bettdecke, die und gesagt. Im afrikanischen Busch traulich an den Straßenrand. Dieser Roman hier gibt Ihnen übrigens eine Vorstellung, daß die Land- schaft dort unten, wenn wir mehr ins Innere kom- men, sehr schön ist. Mit dem rationellen Ackerbau hapert es bei den Schwarzen ja noch, aber in dem schönen Natal zum Beispiel, das terrassen- förmig aufsteigt, haben wir prachtvolle Schaf- herden.“„Wie lange waren Sie in Afrika?“„Uber zwölf Jahre. Der Krieg machte das Heimkom- men ja unmöglich. Eigentlich sollen wir alle zwei Jahre einmal nach Hause, diesmal durften wir dafür ein halbes Jahr in Deutschland blei- ben. Ubrigens, wir hatten auch dort gelegentlich Erholungswochen. Mit Vorliebe ging es dann nach Kapstadt, wir freuten uns immer schon, wenn der Tafelberg von ferne aufstieg. Wahrscheinlich würde auch Kapstadt Sie etwas enttäuschen, es ist kein bißchen ‚wild', schnurge- rade angelegt, mit den Errungenschaften der Zivi- lisation vortrefflich ausgestattet. Schön ist natür- lich die Lage, die Bucht, das Meer. Und das Völ- kergewimmel. Außerdem, worauf unsere Kap- städter beträchtlich stolz sind, können Sie, wenn Sie vom Land aufs Meer sehen, rechts im Atlan- tischen, links im Indischen Ozean baden. Wir Schwestern haben ja von so etwas nichts, aber den Eingeborenen' macht das natürlich Spaß. Zumal es sonst so übermäßig viel nicht gibt.“ „Haben Sie“, fährt der Vater mit seinen Fragen fort,„die Schwierigkeiten des Negerproblems auch empfunden?“—„Oh, gewiß. Der Neger ist es ja, um den wir uns bemühen. Die Kinder sind rasch zutraulich und kleine schwarze Woll- bälle, ganz entzückend. Leider haben die Woll- bälle durch Insekten und Unsauberkeit viel Krankheit. Man muß, auch als Schwester, ein bißchen ‚Medizinmann' sein und Krankenpflege können. Wenn Sie mal auf die Geschichte der Missionen stoßen sollten in beiden christlichen Konfessionen, werden Sie das immer finden. Der Arzt, der die Dämonen vertreibt, hat auch den stärkeren und besseren Gott. Aber obgleich wir als Missionsschwestern nach Politik und Rasse nicht fragen, gibt uns zum Beispiel das Mischlingsproblem schwer zu denken. Ganz al- lein mit der Humanität wird man diese Fragen nicht lösen können. Es wundert Sie vielleicht, daß gerade wir es sagen, aber in der Nähe sieht alles immer ein bißchen anders aus, und man muß nicht nur idealistisch, sondern auch ver— nünftig sein.“ „Es freut mich, Schwester, daß gerade Sie mir das bestätigen. Aber wahrscheinlich haben Sie noch mit anderen Völkern zu tun, nicht nur mit Negern. Da sitzen im Osten doch auch ziemlich viele Inder?“„Ja, natürlich. Sicher haben Sie auch gelesen, daß Gandhi als junger Rechtsan- Walt eine Reihe von Jahren in Ostafrika arbei- tete und sich schon dort für seine indischen Landsleute einsetzte?“—„Ich hatte es vergessen, jetzt fällt es mir wieder ein.“—„Man findet an diesem Südostzipfel alles, Engländer, Deutsche, Holländer, Malaien und von den Negern die Bantu, die Hottentotten, sogar den ausgesproche- nen Buschneger. Ich bin glücklich, auf unsere Station zurückzukommen. Obwohl man immer mit Sorge denkt: Was ist inzwischen wieder al- les passiert?“ Eine kleine Pause tritt ein. Dann beginnt das Mädchen wieder:„Sie erwähnten vorhin das Terrassenland Natal. Ist Natal ein afrikanisches Wort?“—„Aber, Erika“, mischt sich jetzt Peter Wieder ein.„Das habt ihr doch in der Schule ge- habt, das müßtest du doch wissen.“„Da hat Erika gerade gefehlt“, lenkt der Vater ein.„Sei nicht so schulmeisterlich, sondern erkläre es dei- ner Schwester lieber.“ „Ach, Erika, da müßte ich dir viel erzählen. Vor ein paar Jahren erst habe ich alle Bücher ver- schlungen, die von den großen Seefahrten er- zählten.“—„Das habe ich gemerkt, unsere große Wandkarte hast du immer mit meinen bunten Stecknadeln besteckt.“—„Das haben wir auch gemacht“, lacht die eine der Schwestern,„bevor es das erste Mal nach Afrika ging. Wissen Sie, schwer ist es für uns, die Negerdialekte zu ler- nen. Das wollte ich noch sagen, denn daran den- ken die wenigsten. Aber ich wollte Sie nicht unterbrechen.“ Peter wendet sich wieder an seine Schwester.„Hast du schon mal was von Vasco da Gama gehört?“„Doch, das ist doch eine Hauptfigur in der Oper ‚Die Afrikanerin“ von Meyerbeer. Der singt doch das Lied ‚Land so wunderbar', von dem wir die Schallplatte ha- ben.“„Nun“, fährt Peter etwas herablassend fort,„von der Oper wollte ich eigentlich nicht sprechen, obgleich Opern, Bilder und Romane im Bewußtsein der Menschen mehr von der Ver- gangenheit bewahrten, sie großartiger und in leuchtenderen Farben wachgehalten haben, als alle Geschichtsbücher der Welt zusammengenom- men.“ Nach einigem Nachsinnen fährt er, jetzt aber an alle Mitreisenden gerichtet, fort.„Ich kann Ihnen bestimmt nicht deutlich machen, was die Reisen der großen Seefahrer, der Portugie- sen, Spanier, Engländer und der deutschen Wel- ser für mich bedeuten. Sie sind mir eine Bestäti- gung dafür, daß Kühnheit, der unbedingte Glau- be an eine Sache und Ausdauer zum Ziele füh- ren. Ein bißchen Glück natürlich muß dabei sein. Ich glaube aber schon, daß es stimmt, wenn es heißt ‚Glück hat auf die Dauer nur der Mutige. Stellen wir uns doch die damaligen Schiffe vor; jeder Schleppkahn auf der Elbe, dem Main oder dem Rhein ist fast größer als die Santa Maria, auf der Kolumbus Amerika entdeckte. Dazu kam der Aberglaube der Matrosen, hinter dem noch die ganze mittelalterliche Vorstellungswelt mit ihren Schrecken stand. Dann die Schwierigkeiten in der Mitführung ausreichender Nahrungsmit- tel. Die Schiffe hatten ja kaum Platz für die Menschen, geschweige denn für genügend Le-— PFTFTTTTTrTrrrrT* AAAR bensmittel und Frischwasser. Ungezählte er- krankten an Skorbut, weil eben frische Nah- rungsmittel fehlten, viele verdursteten, und trotzdem gingen immer wieder andere auf tollkühne Fahrten. Mit Kerzen in der Hand be- stiegen sie in den heimatlichen Häfen diese Nuß- schalen von Schiffen, Priester segneten sie, der Hof, das Volk standen betend am Ufer und dann ging's ins sagenhaft Ungewisse. Weißt du, Erika, in unserer Zeit gab es sowas wohl nur noch, als der Südpol entdeckt wurde, und jetzt, in dem immer noch vergeblichen Kampf der Bergsteiger um die höchsten Himalajagipfel. Ich bin be— stimmt kein Schwärmer, das weißt du ja, aber als ich von dem sechsunddreißigjährigen Admi- ral las, der mit seiner angstvollen verzagten Schar für Portugal den Seeweg nach Indien suchte und das Kap der Guten Hoffnung auch wirklich umschiffte, wirklich bis Indien kam, da brannte mir doch das Herz. Denke dir, die Ma- trosen glaubten, daß am Aquator das Wasser wie glühendes Blei sei und die Schiffe durch Strudel an die Küsten geworfen würden. Vasco mußte Weit außerhalb der Küste segeln, so weit, daß er beinahe auf Brasilien gestoßen wäre. Ist das nicht unglaublich? Aber du willst ja etwas ganz Bestimmtes wissen und ich komme zu sehr ins Erzählen.“ Der Vater nickte wie um Entschuldi- gung bittend und doch voller Stolz den interes- sierten Krankenscnwestern zu.„Diese Erobe- rungsfahrten, das ist seine geheime Leiden- schaft.“— Peter fährt fort.„Ja, also das Land Natal. Weihnachten 1497 legte Vasco da Gama dort an. Der Weihnachtstag heißt auf lateinisch dies natalis Domini, Geburtstag des Herrn, und aus diesem Wort Natalis wurde dann später der Name für den Landstrich Natal.“„Das ist sehr interessant“, nickt ihm eine der Schwestern zu, „das wußten wir auch nicht.“ Peter erzählt voll Stolz weiter:„Vascos Reise wurde jetzt immer abenteuerlicher. Er traf auf Mekkawanderer mit dem grünen Kopftuch, traf schon auf Inder und endlich kam er tatsächlich nach Calicut an der Südwestküste Indiens; mit zwei Schiffen, das dritte hatten sie verbrennen müssen, zu viele Matrosen waren dem Skorbut erlegen. Der See- Weg nach Indien war gefunden. Aber nun überlege man, wie seltsam die Men- schen damals noch waren. Vasco bekam am Hof des Fürsten von Calicut einen Empfang. Wie der gewesen sein mag, können wir uns ja denken Vater, du kennst doch sicher das Reisebuch des berühmten englischen Romanschriftstellers Evely Waugh, der jetzt so viel von sich reden macht?“ „Natürlich, Peter, es heißt ‚Als das Reisen noch schön war'.“—„Nun, dieser Waugh machte die Krönungsfeierlichkeiten des Negus in Addis Abeba mit. Wie sich in diesem Addis Abeba das primitive Leben der Abessinier mit einer ange- strebten westlichen Kultur mischt, was für gro- teske Zwischenfälle da passiert sind, bis seine dunkellockige Majestät endlich so weit war, das muß man gelesen haben. Zurückprojiziert ins Jahr 1498 denke ich es mir so in Calicut. Vasco da Gamas Lotse soll übrigens ein Krishnaver- ehrer aus Vorderindien gewesen sein. So misch- ten sich auch damals schon die Stämme, die Kulturen.“ „Eines muß ich noch hinzufügen“, nimmt der Vater noch einmal das Wort,„Vasco wollte Ge— würze, Malagneta und Pfeffer mit heimbringen. Mit den Kreuzzügen ist bei uns in Europa die Sehnsucht nach Luxus und Gewürzen erwacht, die kühnen Kaufherren aus Venedig haben manches Schiff nicht um des Goldes, sondern um der Narkotika willen bewaffnet. Die Men- schen wollten auf einmal besser und glücklicher leben. Ob es ihnen gelang, ist eine andere Frage.“ „Ubrigens glaube ich, daß Erika jetzt müde ist. Für dich aber, Peter, fällt mir noch ein: Für uns ist Südafrika so wichtig, weil noch immer der alte Wunsch in uns geistert, eine direkte Verbindung zwischen dem Nord- und Südteil des Konti-— nents zu schaffen. Ich meine, an Cecil Rhodes können wir einen Augenblick denken. Dieser kühne, diamantschürfende Engländer, Kauf- mann und Diplomat, nach dem Rhodesien be- nannt ist, hat viel für die Industrialisierung Südafrikas getan. Er war skrupellos, hart und weitsichtig, wurde gestürzt und wieder erhoben und beendete sein abenteuerliches Leben mit einer Fülle frommer Stiftungen. Er ist in Groote Schuur, seiner Besitzung bei Kapstadt, gestorben und hat viel für Oxford getan, eine typische Er- scheinung übrigens bei bedeutenden Engländern und Amerikanern. Aber jetzt genug von Süd- Franhkfurt am Main afrika. Die Damen müssen noch rasch eine Stunde schlafen, es ist schon ganz hell, bald sind wir in Frankfurt.“ Im Frankfurter Hauptbahnhof geht die kleine Familie erst einmal in den Speisesaal. Ein guter Kaffee ist jetzt das einzig Richtige.„Dieses Süd- afrika“, meint Peter,„muß doch ein wertvoller Boden sein. Wenn wir so von Afrika reden oder in der Schule darüber sprachen, denken vwir eigentlich immer nur an den Norden, an Agyp- ten, Kairo, den Nil.“„Vergiß dabei nicht“, er- klärt der Vater,„daß Nordafrika zu den Mittel- meerländern gehört, zu Spanien, Italien, Griechenland. Für uns ist das Mittelmeer die Wiege unserer Kultur. Kunst, Wissenschaft und Religion erhoben sich dort zu unerhörter Blüte. Der Norden, aus dem wir selber kommen, trat erst viel später ins Licht der kulturbildenden Geschichte. Allerdings, zur Zeit der Völkerwan- derung haben die Germanen diesem Mittelmeer- kreis eine wertvolle Blutzufuhr gebracht. Da wir gerade bei Nordafrika sind, ihr erinnert euch doch noch an Geiserich und sein großes Van- dalenreich? Karthago war die Hauptstadt.“ Die Kinder nicken bejahend.„Im Rifgebirge, im Westen Nordafrikas, ihr kennt es sicher aus den Kämpfen der freiheitsliebenden Rifkabylen ge- gen die Franzosen, sind heute noch blonde und blauäugige Nachfahren dieses Stammes zu fin- den. Ubrigens ist die Geschichtsschreibung sehr Uungerecht gewesen. Man spricht immer von Vandalismus und glaubt, diesem germanischen Volksstamm ein besonderes Maß von Kultur-— losigkeit und Rohheit zuschreiben zu müssen. Das Gegenteil ist richtig. Natürlich sind sie energisch gegen alles vorgegangen, was sich ihnen in den Weg stellte; daß dabei auch viel Wertvolles vernichtet wurde, liegt auf der Hand, im übrigen aber haben sie sich bemüht, aufzu- bauen und zu ordnen. Die Geschichtsschreiber der damaligen Zeit standen nun aber leider auf der Gegenseite und die Kirchenstreitigkeiten trugen auch nicht dazu bei, daß man dem Feind gerecht wurde.“—„Vater“, fragt jetzt Erika, „du hast doch so viele Karten auf deinem Schreibtisch, gerade aus Nordafrika. Mr. Smith hat dir erst kürzlich aus Port Said geschrieben, und du warst doch selbst als junger Mensch dort unten. Ist es da auch so einförmig wie im Süden?“ „Nein, Erika“, lacht der Vater,„wirklich ganz und gar nicht. Es gibt nichts Pittoreskeres, künstlerisch Verschlampteres und zugleich Auf- reizenderes als dieses Nordafrika. Ich war ja da- mals noch sehr jung, knapp achtzehn, aber der Vater von Mr. Smith, unser Geschäftsfreund, nahm mich überall mit und ich habe viel ge- sehen. Wie soll ich euch diesen Küstenstrich beschreiben? Ob ihr nun in Ceuta seid, der afri- kanischen Säule des Herkules, oder in Tetuan, Tanger oder Haifa, das macht keinen großen Unterschied. Diese Hafenstädte sind auf den Be- such der Fremden eingestellt und jede hat ihr Ghetto, das Viertel, in dem der Bauchtanz zu Hause ist und das man am besten nur bewaffnet besucht, und einen etwas oberhalb der eigent- lichen Stadt gelegenen Friedhof. Eseltreiber be- berrschen das Straßenbild, halbverhungerte Köter, über die man allenthalben stolpert, sor- gen für die Straßenreinigung, und in ihren offe- nen Lauben sitzen die Händler und bieten mit einem schrillen, sich ewig gleichbleibenden Sing- sang ihre Waren an. In Casablanca, Tetuan und auch in Fessan habt ihr die gleiche Szenerie, obwohl Fessan als großes Oasengebiet einige Berühmtheit hat. Gerade die Viertel mit den tanzenden Mädchen haben in Nordafrika eine etwas fatale Berühmtheit erlangt. Die Führer der Reisegesellschaften haben meist nichts Bes- seres zu tun, als ihre Gäste abends nach dem Dinner dorthinzuführen. Sie müssen dort gutes Geld bezahlen und bekommen außer schlechtem Tanz auch noch erbärmliche Getränke vorge- setzt. Es ist direkt komisch, daß die Europäer immer wieder darauf hereinfallen, obwohl sich der Schwindel längst herumgesprochen haben sollte. Die kleineren Kolonialstädte scheinen überall auf der Welt etwas Uniformes zu haben. Der gleiche Klatsch, die gleichen Zerstreuungen. Aber denkt nun nicht, daß ich für den ver- schwiegenen Zauber Nordafrikas blind gewesen ich nur dem erschließt, der entschlossen auf Entd ahrten Allein der An- blick der über den Friedhöfen kreisenden Geier ist voller Majestät.“ „Vater, du hast vorhin vom Rif gesprochen. Was ist das eigentlich?“ „Marokko ist dir doch eine Vorstellung?“— Das Mädchen bejaht eifrig. Es ist jetzt wieder ganz munter.„Dann erinnerst du dich sicher auch noch an das Atlasgebirge mit seinen herrlichen, schneebedeckten Gipfeln? Das Rif gehört 2u diesem Atlasgebirge. Es zieht sich an der Küste Marokkos hin, ist ganz und gar von Schluch- ten aufgespalten und kaum zugänglich. Das ge- gebene Versteck für Seèeeräuber. Die Rifpiraten, wie man die Berberstämme nennt, die dort un- gebrochen hausen, todesmutig und voll fanati- scher Freiheitsliebe sind, hatten die Seeräuberei zu einer wahren Kunst entwickelt. Heute bauen sie Getreide und treiben ihr Vieh. Wer sie aber einmal gesehen hat, der versteht, in welchem Sturm die arabischen Völker unter den Nach- folgern des Propheten Mohammeds über diese Ge- sei, der geht genden hinwegbrausten. Ihr Einfluß ging bis weit in den Süden. Das Gebiet des heutigen Nigeria am Niger war von 42 wilden Stämmen bewohnt, als die Engländer vor hundert Jahren dort hinkamen, um einen Landstrich zu erfor- schen, der auf den damaligen Karten noch ein Weißer Fleck war. Wenn wir nach Hause kom- men, muß ich euch mal die Atlanten der Ur— großeltern zeigen. Da läßt sich auch ein Stück Geschichte ableséèen. Diese Volksstämme also hatten ihre Häuptlinge, die wiederum einem Emir gehorchten und dieser hatte auf die Fahne des Propheten geschworen.“—„Es muß“, fügt Peter nachdenklich ein,„doch ein seltsames Ge- fühl sein, so einen ganz unbekannten Teil der Erde zu durchstreifen und zu erforschen.“ „Sicher Peter, aber das ist ja der geheimnisvolle Rausch der großen Erdenforscher, eines Stanley und eines Livingstone. Du findest davon noch etwas in den Reisebüchern Humboldts und RNatzels, die, weiß Gott, schon etwas bequemer und ohne Eroberungsabsichten reisten. Vergeßt nie das eine, auch wenn es im Augenblick von mir so einfach hingesagt romantisch klingen mag, es waren immer ihre Träume, die die Menschheit vorwärts führten. Die Träume vom Goldland Indien, die Träume vom unermeßlichen Innerafrika, die Träume vom Nord- und Südpol. Sie brannten in den Seelen der Forscher und waren oft bestimmender als die Magnetnadel. Wenn die Menschheit keine Träume mehr hat, dann kann sie sich zur Ruhe setzen, dann ist sie alt geworden. Solange sie aber von ihren Wunschbildern bewegt wird, wie zum Beispiel der Fliegerei, heute der Rakete, der Atomenergie, solange ist sie jung und wird immer und immer Neuland stoßen. Und wenn unsere alte Erde nicht mehr ausreicht, dann fliegen wir einfach auf einen neuen Stern.“ Die Kinder lachen. Aber sie verstehen ihren Vater sehr gut, ihn, der durchaus kein Phantast sondern ein ruhiger und überlegter Kaufmann ist, sich aber das Herz für die Impulse großer Taten bewahrt hat. „Die Araber“, fährt der Vater fort,„kamen bis nach Spanien herüber. Erika, weißt du, welches ihr berühmtestes Bauwerk in Spanien ist?“— „Natürlich, Vater, die Alhambra in Granada.“— „Ich habe“, fährt der Vater fort,„zu Hause noch einen Band Gedichte von dem Grafen von Schack, dem Kunstmäzen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Er hat die Gedichte der Mauren, wie die Araber in Spanien hießen, wundervoll ins Deutsche übertragen, vor allem die Klagelieder des letzten Königs. Er war ein großer Lyriker, aber nicht der Kriegsmann, der dem Ansturm des christlichen Europas widerstehen konnte. Die Mauren wurden aus Spanien ver- trieben und das war kein Glück für das Land.“ „Ich weiß, Vater, im ‚Don Carlos“ heißt's: Vom Fleiß der Mauren liegt Granada öde.“„Sehr schön, Erika, du bist wirklich eine gebildete kleine Dame. Je mehr wir übrigens nach Osten kommen, desto großzügiger und zZivilisierter Werden die Städte. Ich selber, das wißt ihr ja, War ein halbes Jahr in Kairo, und Kairo ist eine Weltstadt, international, lebendig. Der alte Orient bricht natürlich immer wieder durch. Schon die unendlich vielen Moscheen sorgen für den morgenländischen Eindruck, es gibt Bazare und offene Barbierläden, aber meistens stößt man auf Banken, Hotels und Villen. Kairos gesun- des Klima lockt viele Kranke zur Erholung an, Sso wie in dem nilaufwärts gelegenen Assuan ein wWeltberühmtes Sanatorium für Nierenkranke steht. Vor dem ersten Weltkrieg war das Niltal ein Treffpunkt der Allerreichsten, der Globetrotter. Da wurden die großen Löwenjagden für die Eng- länder zusammengestellt, in Shepheards Hotel wieder auf Granada Kairo mußte man abgestiegen sein. Nordafrika war ein Sammelpunkt für die großen Geschäfte und auch für große Betrügereien.“ „Vater, gehört in diese internationale Kapitali- stenwelt nicht auch der Bau des Suezkanals?“ fragt Peter. „Man kann es vielleicht so sagen, wenigstens fing das Interesse der eleganten Welt damit an. Der Suezkanal ist wirklich eine große Sache, ihr dürft nicht so mit der Hand darüber wegwischen, als ob nur Börsenspekulanten dafür Interesse gehabt hätten. An derartigen Kanälen hat die wirtschaftlich denkende Welt immer schon ge- arbeitet, der Suezkanal war aber vielleicht das bedeutendste Projekt, vor allem deshalb, weil die Mittelmeerwelt seit Urzeiten davon träumte. Schon zur Zeit der Pharaonen führte ein Stück vom Nil nach dem Osten und nach der Nieder- lage von Actium konnte Cleopatra mit einigen Schiffen ins Rote Meer entfliehen. Ihr kennt doch Cleopatra?“—„O ja“, nickt Erika voller Stolz. „Das war die wunderschöne Königin, in die sich Cäsar verliebte und die sich dann eine Schlange an die Brust legte, als alles für sie verloren war.“ —„Wie gescheit du doch bist“, lächelt der Va- ter.„Ja, also die braunhäutige, lebensfrohe Agypterin floh auf diesem ersten Durchstich. Unter dem Kalifat sind diese Pläne zusammen mit der kleinen Fahrtrinne wieder verschüttet worden. Die Muselmanen, sonst so kluge und wWeitschauende Männer, hatten für Schiffahrt nicht viel übrig. Bei ihnen galt nur das Pferd und das Schwert. Bis dann Napoleon kam. Ihr kennt ja seine Eskapade in das Wunderland der Pyra- miden. Aber richtig in Schwung kam der Bau erst im neunzehnten Jahrhundert, als der Inge- nieur anfing, mit dem Kaufmann zusammen zu arbeiten. Vor allem die Franzosen interessierten sich für die Planung, doch auch Gsterreicher, Hol- länder, Engländer und Italiener und die Vize- könige von Kgypten selbst waren mit Eifer dabei. Der Vicomte Ferdinand de Lesseps, dem später beim Panamakanal so bitter mitgespielt wurde— doch davon ein andermal- war einer der geistigen Urheber. Ihr müßt euch vorstellen, solch ein Durchstich durch unsere feste Mutter Erde ist eine schwierige Aufgabe. Es mußten erst kleine Kanäle gebaut werden, damit man die richtigen Niveau-Unterschiede bekam. Zweihundert Mil- lionen Francs sollte der Bau kosten, eine Riesen- summe für das neunzehnte Jahrhundert. Die Konsortien gaben Anteilscheine aus, Fellachen, die armen, auf dem flachen Lande wohnenden ägyptischen Eingeborenen, die nichts mehr von der Größe ihrer einst stolzen Rasse ahnen lassen, wurden zu Träger- und Schlepperdiensten heran- geholt und schließlich erfolgte 1859 bei Port Said der erste Spatenstich. Ich habe das Jahr behalten. Eltern und Großeltern sprachen während meiner Kinderzeit davon. Und dann kam 1869 die groß- artige Eröffnung. Wenn FErika jetzt in ihren Opernerinnerungen sucht, müßte ihr eigentlich Was einfallen. Wie ist das, Erika?“— Die Kleine ist verlegen.„Ja, ich glaube, war da nicht was mit der Aida?“—„Fein, Erika, das hätte ich gar nicht erwartet. Ja, Verdi, der große italienische Opernkomponist, schuf zu dieser Eröffnung seine ägyptische Oper ‚Aida“, und wir bekamen so außer dem Suezkanal noch eine der schönsten Opern, die je komponiert wurden.“ Nach einer Pause fährt der Vater fort:„Wir müssen jetzt zahlen. Aber ich wollte euch noch rasch erzählen, daß mein Vater und der alte Mr. Smith es für mich nicht bei Nordafrika bewenden ließen. Natürlich mußte ich auch nach Jerusalem, nach Jeruschalajim, der Stadt des Friedens in der es seit zweitausend Jahren nur Mord, Streit, Krawall und Gaunereien gegeben hat. Aber für mich war es doch ein faszinierender Eindruck. Es ist ein gutes Wort von Schiller im Don Carlos', Wenn er sagt, daß man Achtung haben soll vor den Träumen seiner Jugend, wenn man Mann sein wird. Jerusalem als Stadt mußte mich ent- täuschen. Die Zänkereien der verschiedenen Konfessionen, der Großbetrieb mit den Fremden, eigentlich nirgends ein Bauwerk von wirklicher Bedeutung, auch die berühmte Grabeskirche über der Schädelstätte, in die sich Christen, Armenier, und was weiß ich noch alles, teilen, will uns gar nicht gefallen, wir spüren überall die Fremden- industrie und stoßen auf die kleinlichen Kämpfe. in denen sich die verschiedenen Anwärter auf das Land seit den Kreuzzügen zerrieben haben. Was uns Jerusalem und das Land Judäa ver- zaubert, das ist die große Erinnerung, das sind die Vorstellungen, die seit den Kindertagen un- ablässig hinüber in das Jordanland geflossen sind. Wir stehen eben doch, wie es Shakespeare seinen Heinrich IV. so ergreifend sagen läßt: Im heil'gen Lande, über dessen Hufen Die segensreichen Füße einst gewandelt... Schon die Namen Golgatha, Gethsemane, wer kann sie ohne Erschütterung hören, ob er nun gläubig ist oder nicht? Und die Mahnmale der altjüdischen Geschichte? Die Klagemauer, die einstmals golden strahlende Davidsburg? Ich war gerade um die Osterzeit damals in Jerusalem und erlebte die unbeschreibliche religiöse Erre- gung der Gläubigen, als das heilige Feuer vom Himmel fiel. Man konnte die ganze ‚Betriebsam- keit' durchschauen, aber trotzdem, großartig war es. Das Klima der Stadt ist übrigens milde, das nahe Meer gleicht die Gegensätze aus.“„Wie wird es aber heute aussehen?“ fragt der Junge. „Ich habe die Gründung des Staates Israel in der Zeitung gut verfolgt, auch in einigen eng- lischen Blättern. In den Zeitschriften sah ich eine Menge Photos, die ein blühendes, modernes Gemeinwesen verraten, fast bekxam man Lust, selber hinzugehen.“ „Sicher“, erwidert der Vater,„ist vieles hoch- modern, praktisch und hygienisch und die jun- gen Israeliten sollen sich in dem neuen Staat ja in Charakter und Aussehen sehr verändern. Trotzdem bin ich überzeugt, daß die Schwierig- keiten unendlich sind, und daß man noch lange warten muß, bis alles im Gleichmaß ist. Ubrigens beendete ich damals meine Reise nicht in Jerusalem, wir fuhren nach Konstantinopel weiter. Mein Vater behauptete, das sei ja nur ein Katzensprung. Mir kam der Sprung für eine Katze allerdings recht weit vor, aber hättet ihr nein' gesagt? Nicht wahr? So ging es noch rasch mit einem hübschen Dampfer über Haifa und Aleppo, an Cypern vorbei, das übrigens allmäh- lich ein Erholungsziel für reiche Leute wird, vor allem wegen seiner prachtvollen Jagdmöglich- keiten und Wasservillen, durch das ägäische Meer nach Smyrna. In Smyrna begriff ich voll- kommen, noch immer bis zu den Ohren in meiner klassischen Schulbildung steckend, daß die joni- schen Inseln die moralische Kraft der Griechen langsam zersetzten. Diese Städte sind so schön, Was die Bläue des Himmels, den Blütenduft, die Menschen, die Bazare angeht, daß man in eine Art müden Genießens versinkt, die gefährlich werden kann. Die Bucht ist herrlich und über der Stadt erhebt sich ein Hügel mit uralten Bau- resten. Erinnert ihr euch, daß die Genueser im Hochmittelalter ihre Herrschaft bis auf Smyrna ausdehnten? Sie haben diese Ruinen damals wieder aufgebaut. Auch die Johanniter, einer der großen mittelalterlichen Ritterorden, hatten sich dort festgesetzt und einen päpstlichen Statthal- ter gab es vorübergehend ebenfalls, bis die Stadt unter türkische Herrschaft kam und ziemlich Verflel. Aber ich war doch überrascht, eine mo- dernisierte türkische Stadt vorzufinden mit einem geradezu verwirrenden Völkergemisch. Lange sind wir damals nicht in Smyrna, dem türkischen Izmir geblieben, es drängte uns nach Konstan- tinopel.“ „Oh, Vater, da ist doch der Bosporus und die Hagia Sophia?“„Was kann ich euch von Konstantino- pel viel erzählen? Sie ist immer noch eine der schön- sten Städte der Welt, wie eingewiegt in die wunder- Vvollen Farben des Bosporus. Die Türken nennen sie Deri Deadet, das heißt: Die Pfor- te zur Glückseligkeit. Kon- stantinopel ist nicht nur eine Stadt, es ist beinahe ein ganzes Land. Mit seinen Vorstädten, mit dem Golde- nen Horn, der tiefen Bucht, in der die Schiffe früher un- angreifbar lagen, und seiner Totenstadt Skutari auf dem anderen Ufer des Goldenen Horns. Mir scheint, wenn ich an die ungezählten Mosche- en, früher meist christliche Jerusalem Kirchen, an dieses einmalige Bauwerk der Hagia Sophia Iõtambul denke, als könne es Wundervolleres nicht mehr geben. Aus der Geschichtsstunde habt ihr sicher noch das Jahr 1453 im Gedächtnis, als die Osma- nen die Stadt eroberten. Für Europa war es da- mals ein schwerer Schlag und ihr wißt ja. bis heute geht das stille Wühlen um den Besitz dieses Hafens. Allerdings aus strategischen Gründen, nicht wegen der Schönheit. Diese Schönheit, die mein junges Gemüt verwirrte, genau so, als hätte ich von dem schweren Cyper- wein getrunken, hielt übrigens nicht stand, wenn man genau hinsah. Ich habe selten so viel Schmutz, so viel armselige Wohnviertel gefun- den wie gerade in dieser goldenen Stadt. Viel- leicht ist das heute anders, ich glaube sogar, be- stimmt. Ich selber hatte Konstantinopel aus meinen bescheidenen Kindergeschichtskenntnis- sen geliebt. Die Stadt des Justinian, der uns das Corpus juris, die große Gesetzessammlung schenkte, und die Stadt der Kaiserin Theodora, seiner verführerischen, großäugigen Gattin, die ein Zirkusmädchen gewesen war. Welch über- ragende Bedeutung hat dieses Byzanz für das deutsche Mittelalter gehabt! Es war eine Welt- stadt mit dem ganzen Raffinement einer über- feinerten, uralten Kultur, während bei uns die Städte noch sehr klein waren und die Menschen in Dörfern oder auf Burgen wohnten. Nun., heute ist Konstantinopel eine Weltstadt, elegant, über- völkert, gefährlich und industrialisiert. Ich wünschte, ihr könntet auch einmal in Skutari stehen und hinüber nach Istambul sehen, wie die moderne Stadt jetzt heißt. Oder ihr könntet leise und andächtig durch die Hagia Sophia gehen, die so vielen Stürmen und Wechseln standhielt und von der die Kenner sagen, sie sei die herrlichste Kirche der Welt. Noch groharti- ger als St. Peter. So“, sagt der Vater und steht energisch auf,„jetzt habe ich euch so viel erzählt. wie sonst ein ganzes Jahr nicht. Nun müssen wir Schluß machen. Ich habe heute früh hier in Frankfurt einiges zu tun. Ihr könnt euch vielleicht das sehr lang- sam wieder erstehende Goe- thehaus ansehen oder den Palmengarten, den Z0o0,. was ihr wollt. Mittags treffen wir uns dann im Reisebüro gegenüber dem Frankfurter Hof.“ Nach einem anstrengenden Vormittag, der den jungen Leuten von der alten Main- stadt viel Schönes und auch viel Zerstörung zeigte, tref- fen die Reisenden sich im Reisebüro. Der Vater ist in ein Gespräch wegen eines Flughafenbe- suches mit Freunden vertieft; die Geschwister und eine der Damen erholen sich derweil in bequemen Sesseln. „Ihr Vater sagte mir“, beginnt die Fremde unbe- fangen.„daß Sie verhinderte junge Weltreisende seien. Ich kann Sie gut verstehen. Mir ging es in dieser Hinsicht besser, ich war eigentlich immer unterwegs. Gerade jetzt komme ich aus Kopen- hagen. Wissen Sie, diese nordischen Städte haben alle einen besonderen Reiz. Wahrscheinlich kennen Sie sie aus der Literatur, wissen von dem noch provinziellen Christiania, dem heutigen Oslo, das engherzig genug war. Ibsen nach Deutschland zu vertreiben; oder von Stockholm, in dessen Hotels der zwar geniale aber arme Strindberg berumgeisterte und, vom Verfolgungswahn ge— quält. an den Schlüssellöchern lauschte, ob die Kellner nichts Böses mit ihm vorhätten, und von Dänemark, das im achtzehnten Jahrhundert nahezu eine Provinz deutschen Geisteslebens war. Nun. ich selbst kenne die Länder durch meine Reisen aus eigener Anschauung und muß sagen. daß gerade Kopenhagen zu meinen Lieblings- städten gehört. Sie wissen ja selbst, es gibt eine ganze Reihe von Städten, die sich gern Klein- Paris' nennen hören... Kopenhagen ist auch s0 ein Stückchen Klein-Paris mit sehr eleganten Frauen, einem gepflegten Straßenbild, seinem angenehmen Klima, das man immer in Städten findet, die einen Seehafen haben, und einer ge— wissen, auf uns unnordisch wirkenden Lebens- freude. Wir machen uns von den skandinavi- schen Ländern sehr oft falsche Vorstellungen. Wenn ich denke. welche Genußsucht. welcher Daseinsüberschwang manchmal in Schweden ausbricht, was da gegessen wird... dazu die wirklich fast ausnahmslos schönen Menschen. Kopenhagen übrigens hat eigentlich nichts Auffallen- des. Ich könnte Ihnen vom Schloß, den Bibliotheken usw. nichts erzählen, was Ihnen Eindruck macht. Bis auf eines: Die Statue des einsamen Märchendichters Andersen im Königsgarten hat mich immer wieder ge— rührt. Sicher hat dieser stille Mann für Dänemarks inter- nationalen Ruhm das meiste getan. Ich habe seine Mär- chen immer sehr geliebt.“ Die Drei blättern ein paar Minuten in Prospekten, dann nimmt die neue Bekannt- schaft den Faden wieder auf. „Klein-Paris? Auf keine Stadt paßt dieses Wort eigentlich so wie hier auf Kopenbagen Frankfurt.“„Hier meine Freundin, selbst eine Französin, die sehr häufig in Deutschland lebt, versichert mir immer wie- der, daß der silbrige Duft über dem Main der gleiche sei wie die unbeschreibliche Atmosphäre auf den Seine-Inseln.“ „Wie, die Dame ist Französin?“, rufen die Ge- schwister erstaunt aus.—„Oui monsieur, das bin ich. Ich bin eine ganz echte Französin, in der Touraine geboren, aber habe fast mein ganzes Leben in Paris gelebt.“ „Gnädige Frau, wäre es sehr unbescheiden, wenn wir Sie bitten, uns etwas von Paris zu erzählen? Wir hören so viel davon, lesen darüber, sehen französische Filme, aber wir selber kommen wahrscheinlich vorerst nicht nach Frankreich und wir möchten doch schon jetzt etwas davon wissen.“ „Wie könnte ich da nein sagen, vor allem, wenn ein so charmanter, junger Mann mich darum bittet, und so eine reizende, kleine Dame. Oh, mein Paris, wie ist es doch so schön! Mag sein, daß Konstantinopel oder Rio de Janeiro land- schaftlich noch viel schöner liegen. Aber diese Luft in Paris, vor allem im Frühling, und das Silber, das über die Gärten gebreitet ist, und dazu der zartblaue Himmel. Alles das über einer Stadt, die so eine alte Geschichte und so viel junge Lebensfreude hat. Glauben Sie mir, die Maler stehen nicht umsonst mit ihren Staffeleien in langen Reihen am Ufer der Seine. Aber das, was ich meine, kann man ja nicht in einem Bild einfangen. In dieser Stadt prickelt etwas, das mich immer so glücklich macht. Es ist, als tränke man schon zum Frühstück Sekt.“ —„Oh, Madame“, unter- bricht Peter den Redefluß der schwärmerischen Fran- zösin,„sicherlich ist meine Frage jetzt sehr dumm. Aber ist es denn wahr, daß die Frauen in Paris so elegant sind und die Parfüms so un- erreichbar in ihrer Zusam- mensetzung? Kürzlich war auch bei uns in Bremen eine 1 23 Pariser Modenschau. Nach den Bildern in den Zeit- schriften waren da ganz herrliche Modelle. Leider waren sie auch sehr eer.“ „Ah, Monsieur, darauf dürfen Sie nix geben. Die Eleganz der Pariser Modesalons ist gar nicht für die Pariserin bestimmt. Die hat das nämlich nicht nötig. Doch es ist wahr, die Frauen in Paris haben ganz etwas besonderes. Nennen Sie es Eleganz, ich möchte es lieber mit Charme oder Chic bezeichnen. Glauben Sie etwa, die Pariser Verkäuferin in einem Schuhgeschäft oder eine kleine Modistin oder auch die durchschnittliche Bürgersfrau verdient so viel, daß sie sich ihre Modelle bei M. Dior oder Schiaparelli fertigen lassen kann? Mais non, die geht hin, kauft sich ein Stückchen Stoff und einige kleine, nette Applikationen und dann hat sie ihr letztes Mo- dell. Es ist hier wie überall. Es kommt nicht auf das was darauf an. sondern auf das wie. Oh, die echte Pariserin ist recht einfach und hält das Geld bis auf den Sou zusammen. Sie ist es, die ihrem Mann die Verwirklichung seines Ideals, nämlich mit spätestens 50, möglichst aber schon vom 40. Jahr ab nicht mehr arbeiten zu müssen, erreichen hilft. Stellen Sie sich vor, in unserem Lande verfügen die Frauen kaum über juristi- sche Selbständigkeit, und doch besitzen sie alle Rechte. Wodurch? Nun, Sie fragen mich, so muß ich Ihnen sagen, durch ihren Charme. Ach, und der ist s0o leise und unaufdringlich. Natürlich schminkt sie sich, aber sie macht es individuell. Sie weiß, welche Farben zu ihr passen und nimmt nicht kritiklos alles, was ihr angeboten wird. Nein, da seien Sie absolut sicher, die vielen großen Schönheitssalons, die in vielen Fällen gleichzeitig Modellhäuser sind, könnten alle zu- machen, wenn sie auf die Französin als Kund- schaft angewiesen wären. Die existieren für die reichen Amerikanerinnen aus den Staaten und aus Südamerika. Sie werden recht wenig echte Pariserin- nen wochentags in Nylon- strümpfen sehen. Und was der Fremde in Paris oder Frankreich allgemein an Frauen kennenlernt, das sind nicht die Bürgersfrauen und nicht die Töchter aus bürger- lichem Hause. Das sind die, die aus dem leichten Leben schon immer einen Beruf machten. Und lassen Sie sich noch einen Rat geben von mir, kommen Sie nach Paris, So kaufen Sie nix in der Rue de Rivoli oder auf den Champs Elysées oder auf dem Boulevard Haussmann oder wie sie alle heißen, Ss0o wundervoll die Auslagen dort auch sind. Dort zahlen Sie nur die Dekoration. Aber die kleine Modistin, die im Hinterhaus wohnt. und die kleine Friseuse, die fleißig ist und nach dem Dienst im großen Salon noch ihre Privat- kundschaft bedient, hat das Unbezahlbare in den Fingerspitzen.“ „Wir sind Ihnen so dankbar, gnädige Frau, daß Sie sich so lange mit uns beschäftigen. Das alles sind Dinge, die man in keinem Reiseführer liest und die doch für uns mindestens so inter- essant sind, wie die Geschichte der Stadt selbst.“ „Eh bien, junger Herr. machen Sie sich keine Sorgen. Von Paris zu sprechen kann ich nie müde werden, und noch viel weniger, wenn mir s0 viel Interesse entgegengebracht wird. Sie würden als Fremder ja auch nie das andere Paris kennenlernen. Das Paris der kunstfertigen Handwerker, der Kunsttischler und der Buch- binder. Sie wissen vielleicht, daß Sie bei uns in den Buchhandlungen fast nur broschürte Ro- mane kaufen. Wenn sie Ihnen sehr gut gefallen, S0 lassen Sie sie sich nach hrem Geschmack einbinden. Diese kleinen Handwerker leben s80 sparsam. Selten hat irgendeiner sein eigenes Telefon. Das nächste kleine Café bedient ihn, und sonntags geht die ganze Familie nur etwas im Bois de Boulogne oder im Luxembourg spa- zieren, und so, wie man bei Ihnen den Hund mit spazieren führt, so nimmt der Pariser sein vergöttertes Kätzchen mit. Ohne Katzen ist Paris undenkbar, denn wir haben eine schreckliche Rattenplage. Das. was Sie in Reiseprospekten finden, ist das Paris des III. Napoleon, das Paris der Prunkbauten, der großen Museen, der inter- nationalen Vergnügungsindustrie und der inter- nationalen Preise. Die wirklich große französi- sche Tradition finden Sie dort nicht. Aber gehen Sie einmal auf den Père Lachaise. Sie wissen, Sso nennen wir unseren großen historischen Fried- nof. Dort finden Sie Paris. Nicht nur im Döme des Invalides. Dort Abälard und FHeloise Dort sind die Gräber und Musset, ruhen von Börne und am place Vendõöme finden 8 Cho- pins Sterbehaus. Und gehen Sie rüber zum Grève-Platz, dann stehen Sie auf der Stelle Europas, die das meiste Blut getrunken hat. Zu Zeiten des Roi soleil, des XIV. Lu der Galgen, und das Volk umstand ihn oft in hellen, aufgeregten Scharen. Während der französischen dwig, stand dort Aber das wissen Sie alles selbst, Das Leben ist Revolution ich will mich nicht daran erinnern viel zu kurz,. um von dem grausigen Tod zu sprechen. Wie wichtig der Platz im Leben der Stadt war, ersehen Sie daraus, daß bei uns ein Aufstand der Arbeiter la grève genannt vird weil sich dort auf dem Grève-Platz auch früher die mit der Regierung unzufriedene rung versammelte. Ach, wie wenige wissen. daß unsere Stadt, die heute allerorts la ville lumière genannt wird, früher einmal recht finster war. Denken Sie an, ein einfacher Bürger durfte abends nach Eintritt der Dunkelheit keine Kerze Bevölke- oder Laterne anbrennen, das war Verschwen- dung. Wenn Abälard seiner Heloise schreiben Wollte, so durfte er Licht haben, denn er war ihr Lehrer. Heloise aber durfte nicht. Ich spreche gerade von einem Lehrer. Wissen Sie eigentlich, wie unsere berühmte Universität, die Sorbonne zu ihrem Namen gekommen ist? Ich sehe, Sie wissen nicht. Nun, im 13. Jahrhundert lebte ein reicher Herr, Sieur Robert de Sorbonne, der für ein Dutzend obdachlose Studenten einen Schlaf- saal einrichtete. Immer mehr Studenten kamen hinzu, und so bekam der Stadtteil bald den Namen Quartier latin. Aber das ist lange vorbei, und dennoch stehen heute noch, genau wie vor Jahrhunderten, die Bouquinists am linken Seine-Ufer, und in ihren alten Schmökern wühlen die Studenten wie eh und je. Ach, ich könnte Ihnen ja noch so viel erzählen. Von der Madeleine und der Nötre Dame. Aber die und die Geschichte ihres unglücklichen Glöckners werden Sie aus Victor Hugo's berühmtem Roman kennen. Ach, und dann unsere Oper. Sehen Sie, so sind wir Franzosen. Als Ihr Richard Wagner das erstemal mit seinem ‚Tannhäuser' zu uns kam, wurde er ausgepfiffen. Und spielen sie heute Wagner in der Opera, so ist das Haus ge- füllt bis auf den letzten Platz.“ „Madame, Sie beschämen uns mit Ihrer Liebens- würdigkeit, uns so ausführlich und interessant über Paris zu berichten. Alles, was Sie uns 80— eben sagten, haben wir natürlich nicht gewußt. Aber etwas kannten wir schon von der französi— Leider die etwas weniger an- Bartholo- der schen Geschichte genehme Seite. Ich dachte da an die mäus-Nacht und das Wort Heinrichs IV., sagte, Paris ist eine Messe wert', und daraufhir katholisch wurde, um König von Frankreich Werden zu können.“ cher zieur, da wissen Sie noch Vußten Sie denn, daß unser Louvre, das berühmte Museum, in lächelnde Mona Lisa hängt, einmal ein FP turm war? Denken Sie an, als Philippe Auguste 1257 zu einer Kreuzfahrt ausz sperrte der alte Herr seine Frau, Knechte, Tiere und alle Kost- keiten dort ein. War das nicht auch grausam? Aber ich mache jetzt Schluß, ich muß Sie ja er- nüden. Nur eines lassen Ssie mich Ihnen noch gen. Fahren Sie nicht immer nur mit der Metro durch Paris und nehmen Sie nicht ständig ein Taxi, sondern gehen Sie recht viel spazieren und nicht nur auf den großen Boulevards, son- dern durch die kleinen Gäßchen auf der Seine- Insel, rings um Nötre Dame und die Madeleine, „Ah, nicht Mmor mon alles. dem die ewig estungs- ba und beobachten Sie, wie auch heute noch der Pariser im Caféhaus sitzt und seinen Aperitif trinkt und sich dort durchaus zu Hause fühlt. Besuchen Sie den Montparnasse und auch den Montmartre, die Hügelstadt der Bohème.“ „Dort sind doch auch“, wirft Peter leicht er- rötend, aber mit männlicher Uberlegenheit ein, „die berüchtigten Lokale, von denen in den Pa- riser Romanen so viel geschrieben wird.“ „Ah, papperlapapp. die sind zum größten Teil eine Erfindung der Romanschriftsteller, Sie als Frem- der würden nie erkennen, wer genannter Pariser Apache ist und wer ein einfacher Hand- Werker. Das ist genau wie mit der Ackerstraße in Berlin. Ich habe sie gesehen, eine einfache, ruhige und sehr langweilige Vorstadtstraße mit grauen Mietskasernen, die entsetzlich viele Hin- terhöfe haben. Der Eingeweihte weiß überall, wWo er Sensationen findet. Natürlich kann es Ihnen passieren in Paris, daß Sie in eine Gegend kom- men, wo Sie sich recht unsicher fühlen. Aber ist das in irgendeiner Großstadt anders? Ehe Sie ein Sc das aber suchen, fahren Sie lieber noch einmal an die Kanalküste nach St. Malo, St. Nazaire oder in die Vogesen oder noch weiter nach Süden, in die Provence, das Land der Trouba- doure. Dort im Tal Vaucluse hat Petrarca gelebt...“ „Wenn das so weiter geht“, mischt sich die Dame, die so reizend von Kopenhagen zu plaudern wußte, jetzt ein,„sitzen wir morgen früh noch hier und kommen über Petrarca nach Italien Wir müssen jetzt unbedingt zum Flughafen fahren, * Le Puy, St. Michel sonst treffen wir Ihren Herrn Vater nicht mehr“, fährt sie, sich an die Geschwister wendend, wie entschuldigend fort. „Oh, Madame, haben Sie vielen, vielen Dank. Ich hätte Ihnen immerfort zuhören mögen. Ich habe gar nicht bemerkt, daß wir beinahe unsere Verabredung auf dem Flughafen versäumt nätten“, bedankt sich Erika bei der reizenden Französin. Die kleine Gesellschaft ist von dem Flughafen einfach überwältigt. Es ist ein schöner Tag, mil- des Sommerwetter, die Flugzeuge starten und landen ununterbrochen. Das Brausen und Dröh- nen in der Luft hört überhaupt nicht auf. Die Kinder namentlich, deren geheime Sehnsucht schon lange auf eine Fahrt im Flugzeug wartet, kommen aus dem Schauen und Staunen nicht heraus. „Sieh doch, Vater“, ruft das Mädchen aufgeregt, „diese ganz alte Fraul!“ Tatsächlich, die Stewardessen helfen einer ge- brechlichen, weißhaarigen Frau aussteigen und führen sie sorgsam zu einem anderen Anschluß- flugzeug. Das Beispiel zeigt, mit welcher Vor- sorge und mit wieviel individuellem Verständ- nis sich die verschiedenen Luftfahrtgesellschaf- ten um ihre Passagiere kümmern. Erika platzt geradezu vor offen eingestandenem Neid.„Diese alte Dame kann eine so weite Reise machen, von New Vork und nun, Gott weiß, wohin, und ich, ich bin schon fünfzehn, und war noch nie in einem Flugzeug.“ Alles lacht und bedauert den schwer geprüften Vater aufrichtig.„Ssie werden schon noch mal in So einem Flugzeug sitzen, Erika“, fährt ein neuer Bekannter fort.„Das geht schneller, als wir denken. Und wenn man es sich überlegt: da fährt so eine bejahrte Dame friedlich von West- nach Ostamerika. dann über den Ozean und nach Europa. Diese Uberquerung von ganz Amerika gehört seit je zu meinen stärksten Reiseein- drücken. Wenn ich an die Luft-Omnibusse denke, die von San Franzisko über Chikago bis nach New Vork fliegen! So eine Stadt wie Chi- kago zu sehen, das ist beinahe etwas Nerven- zerreißendes für uns. Diese ungeheuren Schlacht- häuser. Diese Riesenstädte an den großen Uber- landrouten sind sich ja alle ähnlich, aber auf mich wirken sie immer wieder imponierend. Wissen Sie, ich kann es nicht vertragen, wenn sogenannte Idealisten auf die Technik herab- sehen und uns einreden wollen, sie sei an un- serem kulturellen Unbehagen schuld. Daran sind ganz andere Dinge schuld. Was würden diese Idealisten sagen, wenn es keine Verkehrsmittel. keine Telephone, kein Radio mehr gäbe! Nichts anderes geschähe, als daß die Welt wieder 2u- sammenschrumpfte und klein würde. Und wir wären alle gerade innerlich sehr viel ärmer ge- Worden. Die Welt kann schön sein, wenn der Mensch alles tut, um das Dasein zu steigern, um sich, sagen wir es einmal ganz offen, das Leben ein bißchen bequemer und leichter und farbiger zu machen. Es bleibt noch immer genug, was ihm dieses armselige Leben schwer macht. War- um soll er nicht aus vollen Zügen die Vorteile genießen, die die Technik ihm bietet? Voraus- gesetzt leider, daß er sie bezahlen kann. Dieser Wunde Punkt bleibt ja immer noch. Aber abge- sehen davon, nein, ich fand es herrlich, wie ich damals die Vereinigten Staaten durchquerte, durch die Kornkammern, die grausamen Hitz- gebiete fuhr, und schließlich in San Franzisko ankam, dieser wunderbaren Stadt.“ Die Mitreisenden nicken ihm freundlich zu. Ge— rade der Flughafen ist ja ein Beweis für seine Worte. Sie kennen alle diese törichten Ideologen, die die Welt wieder auf die rührende Spitzweg- Szenerie der Romantik zurückschrauben wollen und für die Romantik der Riesenräume, der tapferen und männlichen Erderoberung keinen Sinn haben. Erika und Peter haben sich im Warteraum in- zwischen an einen kleinen Tisch gesetzt, auf dem bunte amerikanische Zeitschriften liegen.„Sieh mal“, sagt das Mädchen,„hier, das ist doch New Vork? Wie schade, daß ich nicht so gut englisch kann, diese IIlustrierten sind sicher sehr inter- essant.“—„Hier ist ein kleiner Aufsatz über die fünfte Avenue mit netten Bildern, warte, ich übersetze ihn dir.“ Die Geschwister setzen sich zusammen und Peter, der gut Englisch spricht, übersetzt der Schwester fließend einen kleinen Zeitschriftenbericht von jener berühmten New' Vorker Straße, die in allen Romanen und Filmen ihre Rolle spielt. Zu den verschiedenen Absätzen sind bunte Photos beigefügt, die das Mädchen mit Interesse betrachteét. Da heißt es: Unsere„Fünfte“ Es gibt viele Avenuen in New Vork. Aber die fünfte Avenue, sie ist das Paradestück der Stadt, und wir nennen sie mit geradezu selbstverständ- lichem Stolz einfach die„Fünfte“. Wenn Sie einmal eine Luftaufnahme von New Vork ansehen, so erkennen Sie, wie diese Avenue die Stadt wie ein tiefer Graben durchschneidet. Da, wo sie ihren Schnittpunkt mit der 42. Ave- nue hat, ist der tollste Verkehr, den es überhaupt auf der Welt gibt. Noch toller geht es nicht. Und dennoch wird er wie von Geisterhänden geregelt und es ist unbegreiflich, daß so wenig passiert. Sie fängt ganz idyllisch an, unsere Fünfte. Wie in einer friedlichen kleinen Stadt, was New Vork früher ja auch einmal war. Spielplätze liegen im Grünen, Kinder buddeln im Sand, auf den Bän- ken sitzen alte Leute und schlafen. Das Washing- ton-Tor steht ruhig und freundlich da. Es ist schon von so vielen Malern gemalt und gezeich- net worden, es läßt es sich auch weiterhin gedul- dig gefallen. Bann aber wird sie vornehm. Der Straßenteil der Villen beginnt. Die alten Familien haben dort gebaut. Das Rockefeller-Museum steht dort mit seinen vielen Kunstschätzen. Nach den Villen kommen die vornehmen Etagenhäu- ser. Diese Mietwohnungen, mit raffiniertestem Luxus ausgestattet, sind so teuer, daß eigentlich auch nur Millionäre dort wohnen können. Es gibt Familien, die zehn Jahre und noch länger Warten, bis so eine Etage einmal frei wird. Bei der Dienstbotennot auf der ganzen Welt ist es auch für Millionäre praktischer, auf einer Etage statt in einer ganzen Villa zu wohnen. Nun aber kommt das Schönste. Das luxuriöse Geschäftsviertel. Von der Höflichkeit, mit der die Kundin in diesen Läden empfangen und be- dient wird, können Sie sich keine Vorstellung machen. In den Auslagen schimmern die unvor- stellbarsten Kostbarkeiten, Brillanten, Roben, Kunstgegenstände. Daß sich die Gangster für diesen Straßenteil besonders interessieren, ver— steht sich. Deshalb ist dort ein eigenes Nachrich- tenbüro. Die hünenhaften und gut aussehenden Polizisten wandeln gemächlich auf und ab, zu jeder Auskunft bereit. Nicht alle Passanten wis- sen, daß zivil gekleidete Detektive sie unauffäl- lig unterstützen. Auf jeden Polizisten in Uniform kommen zwei getarnte Detektive. Es soll nötig sein. Zum Schluß dann kommt der populäre Teil. Spa- nish-Harlem, das Gewimmel aller Rassen, Ge- wirr aller Sprachen, bescheidene Läden, von denen alle nur möglichen Düfte ausgehen. Auch das ist New Vork, auch das gehört zur„Fünften.“ Der Vater, der ihrem Eifer belustigt zugesehen hat, kommt jetzt mit einem neuen Vorschlag. „Ich habe heute Nachmittag geschäftliche Be- suche vor und müßte euch ohnedies allein lassen. Wie wäre es, wenn ihr in das Amerika-Haus ginget. Dort sind immer ausgezeichnete Ausstel- lungen und Statistiken und das Frankfurter Amerika-Haus ist besonders gut ausgestattet und abwechslungsreich. Wenn ihr nicht zu müde seid, möchte ich euch sogar raten, anschließend zum RBri- tish Information Centre z2u gehen. Es ist nicht weit, je- der kann es euch sagen. Ich sah heute früh an einer Lit- faßsäule, daß da der austra- lische Film„Das große Trei- ben“ gezeigt wird. Bis 7 Uhr. Der Film ist hervorragend. Aber ich fürchte, ihr seid zu müde?“„Aber nein, Vater, wir sind ja nur einmal in Frankfurt. Natürlich gehen wWir hin.“ Die Stille und Kühle des vornehmen Baues wirken auf die beiden erfrischend und belebend. Gleich im er- sten Stock zeigt ein kleiner Saal ein paar wirkungsvolle Luftaufnahmen von New Neu Fork — Lork.„Sieh mal, Peter, da ist der berühmte Broadway.“ „War das aber ein sehnsuchtsvoller Seufzer“, lacht Peter.„Was hast du denn am Broad- Way verloren?“—„Nichts, aber man hbört doch immer Broadway-Melodie, Broadway-Theater.“ —„Ich glaube, daß sich am Broadway eine Wirkliche New Vorker Kultur befindet. Wenig- stens lesen wir doch immer, welche interessan- ten Theaterexperimente da gemacht werden. daß die Stücke monatelang vor ausverkauften Häusern laufen, daß jeder Dichter, jeder Kom- ponist und Schauspieler sich am Broadway be- haupten muß. Hier glänzen die funkelnden Re- vuen, die Negerstücke, und ich glaube, hier sind auch die Bilderausstellungen mit Werken neuer Kunst. Am Eingang haben wir ja einige ge- sehen. Weißt du, Erika, ich fürchte, von diesem New LVorker Leben haben die meisten von uns doch eine zu schablonenmäßige Vorstellung. Na- türlich, die Wolkenkratzer, die Freiheitsstatue, Manhattan, ein riesiger und gegliederter Ver- kehr, das alles wurde uns hundertmal vorer- zählt. Mir kommen manchmal diese Millionen- städte, New Vork, Chikago, San Franzisko und wie sie alle heißen, richtig ein bißchen abgegrast vor, wenn du das recht verstehen willst. Wir glauben immer, es sei in Amerika so, wie die gutbezahlten, aber auf Stimmung eingestellten Magazinschreiber es schildern. Gottes eigenes Land, ewiger Sonnenschein und das limonaden- süße stereotype Lächeln der schablonierten Pin- up-Girls. Nichts davon ist wahr. Ich glaube überhaupt, wenn man ein Land kennenlernen will, darf man sich nicht auf die seichte, auf Absatz gerichtete Unterhaltungsliteratur ein- stellen, sondern muß zu den wirklich großen Dichtern greifen. Du mußt mal den Roman von Thomas Wolfe„Es führt kein Weg zurück' lesen. Da wird beschrieben, wie die jungen, geistig ein- gestellten Menschen in den Elendsvierteln fast Verkommen und keiner den Weg zurück findet! Es ist ein erschütternder Roman. Ich habe da- mals mehr von Amerika begriffen, als wenn ich hundert Magazine durchgeblättert hätte. Mich beschäftigt das, aber dich langweile ich sträflich damit. Komm, wir gehen hinüber in den großen Saal, da siehst du Das schöne Amerika“. Das wird dich wieder aufmuntern.“ Als die beiden den Saal betreten, sehen sie an einem Tisch mit Karteien und Nachschlage- büchern eine Dame sitzen, die ihnen freundlich entgegenblickt.„Ich habe schon die ganze Zeit beobachteét“, sagt sie in tadellosem Deutsch, „daß Sie hier fremd sind und sich für unsere Arbeit intéressieren. Heute ist ein ruhiger Tag, Wenn es hnen recht ist, will ich Ihnen gern Einiges erklären.“ „Haben Sie auch wirklich Zeit?“—„Eigentlich ja nicht“, antwortét die Amerikanerin unbe- schwert,„aber es macht mir selber Freude. Schade übrigens, daß Sie nicht schon eher da Waren. Heute wurde ein kleiner Film über das Vosemiteée-Tal vorgeführt, der Ihnen unser Land in seiner großartigsten Schönheit gezeigt hätte.“ „Ach bitte“, fragt Erika verlegen,„wie heißt das und was ist das für ein Tal?“ „Ja, der Name ist merkwürdig, er ist indianisch. Vosemite-Tal, Sie betonen auf der zweiten Silbe. Es ist Amerikas schönster Naturpark. Neunzehn haben wir, aber dieser? Er liegt übrigens zwei- tausend Meter hoch. Von San Franzisco fahren Sie die Sierra Nevada hinauf.“ „War es ein Farbfilm?“ „Ja, und Sie hätten eine Ahnung von den herr- lichen Farben bekommen. Wissen Sie, das Schö- ne am Vosemite ist, daß er nicht allzu groß ist, So rückt alles zusammen, die ungeheuren abstür- zenden Felsen und die Wasserfälle. Ungezählte, rosa und grünlich schimmernd. Ich habe die Schweiz gesehen, aber so etwas wie dieses Tal und seine Wasserfälle sah ich nie wieder.“ „Gibt's dort auch Tiere?“ „Schade, daß Sie den Film nicht sahen... Vögel, Weihe, zärtliche, und dann, der Stolz des Tales, die hellbraunen Bären. Sie kommen ganz nah an den Besucher und sehen immer aus, als woll- ten sie sagen: Bitte Zucker! Dieses wundervolle Stück eines Alpengartens, so kann man ihn wohl nennen, ist von Besuchern überlaufen. Sehen Sie. hier habe ich einige Bilder. Gleich das schönste: der Lake Mirror, Spiegelsee. Ein Berg- Wasser von unheimlicher Klarheit. Wenn Sie sehen könnten, wie Sonne und Mond sich dort spiegeln.“ „Vielleicht sehen wir es auch einmal“, meint Erika sehnsüchtig.„Oh, warum nicht?“ geht die freundliche Bibliothekarin darauf ein.„Ich wollte Ihnen ja auch nur einmal von dem Ame rika erzählen, das so unendlich schön ist. Auch die Niagara-Fälle, jene unvorstellbaren Kaska- den des Niagara in unserem Staat New Vork, gehören hierher. Auch sie sind ein Wunder an Naturschönheit, und die Hochzeitsreisenden, die Reisegesellschaften mit ihrem ‚oh, very nicel', die Artisten, die die Schnellen auf Seilen über- schreiten, haben den Wasserfällen nichts von ihrer donnernden Urmacht genommen. Manch- mal begreife ich nicht, daß unsere reichen Leute immer nach der Schweiz fahren, Im Vellowstone- Park, dem grögßten Naturschutzgebiet, sind die berühmten beiden Sprudel, die Geyser.“„Ach, wir dachten, die gäbe es nur auf Island?“ „Ja, da sind sie sicher am charakteristischsten, aber unsere im Vellowstone-Park! Sie müssen eben später einmal herüberkommen, und sich das alles ansehen, den Gran Cañon in der Sierra Neèvada, diese unheimliche Erdspalte mit den haushohen Riesentannen, oh, unsere ganze West- küste ist wundervoll.“ Die Augen der Erzählerin glänzen.„Sind Sie auch aus dem Westen?“ fragt Peter.„Ja, aus San Franzisko.“ „Oh“, fährt Peter fort,„ich hörte immer, daß — ee San FranzisO San Franzisko landschaftlich wohl die schönste Stadt Amerikas sei. Abgesehen natürlich von New Vork, dessen Großartigkeit in seinen Häu- sermassen und seinem Verkehr, nicht in der Landschaft liegt.“ „Ich möchte Ihnen raten“, antwortet die Amerikanerin, „Wenn Sie einmal viel reisen, nichts auf solche Steigerun- gen zu geben wie: die schön- ste Stadt, die schönste Aus- sicht usw... Es gibt ja nun einfach herrliche Plätze, aber wir können und sollen nicht vergleſchen. Für mich, die ich aus San Franzisko komme, ist sie natürlich die schönste Stadt. Aber für je- den RBrasilianer ist Rio de Janeiro Selbstverständlich das Paradies. Sie müßten unsere Hafeneinfahrt sehen, Sie kennen sie doch von Bil- dern? Hier ist eine Ansicht. The golden Gate', ‚das gol- dene Tor.“ Das klingt, als käme man in eine Märchen- ruhig so ansehen. Aber wenn Sie die Stadt nachts sehen könnten! Der Reisende, der in der Dunkelheit oder vom Großen Ozean her mit dem Flugzeug kommt, kann diese Pracht kaum fas- sen. San Franzisko ist überrieselt von einem glitzernden Lichterschleier, es sieht aus, als läge auf dem Meer ein funkelndes Geschmeide. Diese Stadt ist anders als die typischen amerikanischen Großstädte. Von dem berühmten Erdbeben sehen Sie auch schon lange nichts mehr. Ubrigens soll das Feuer damals in der Stadt viel schlimmer ge- wütet haben als die rollende schwankende Erde. Die Feuerschutzmaßnahmen waren ganz unzu- länglich, es hätte viel Unglück vermieden wer-— den können, wenn man vorsorglicher gewesen wäre. Jetzt ist man fast übergenau, aber besser ist besser. Hier kann ich Ihnen eine Postkarte vom Golden Gate Museum zeigen. Alle berühm- ten Pioniere sind darin aufgestellt, in einer deutschen Zeitung wurde es scherzhaft ‚Vankee- Walhalla“ genannt.“ „Wir hören“, meint Peter,„oft, daß San Fran- zisko die goldene Stadt genannt wird. Ich glau- be, das ist gar nicht so poetisch, das hängt doch sicher mit den Goldsuchern zusammen.“—„Da haben Sie recht. Die ersten Ansiedler, die todes- mutig in ungeheuren Trecks aus dem Osten bis zu dieser Westküste fanden, waren Goldsucher. Die Leistung dieser Trecks ist für uns Amerika- ner ein Stück Helden-Epos. Wie viele blieben zurück, verdursteten, verirrten sich, starben an Erschöpfung, denn zum Schluß mußten sie noch über das Gebirge, und dann erst, endlich lag das Küstenland vor ihnen. Wenn man bedenkt, 1847 hatte San Franzisko fünfhundert Einwohner. Seinen Namen bekam es nach Franz von Assisi, dem Heiligen der Armut. Ausgerechnet diese stadt. Sie können es auch Rio de Janeiro Stadt, in der das Goldfieber seine üppigsten und Verderblichsten Blüten trieb. Ubrigens kennen Sie die phantastische Geschichte des Schweizers Suter, dessen Prozeß noch heute nicht abge- schlossen ist? 1834 kam er als Bankerotteur, der Frau und Kind in Europa zurückgelassen hatte, nach New Vork. Mehrere Jahre lang versuchte er hier mehr schlecht als recht sich durchzuschla- gen. 37 wagte er den Sprung ins Ungewisse mit einer Karawane vom Fort Independence aus. Drei Monate lang ist er mit seiner kleinen Be- Sleitung unterwegs, bis er im Fort Vancouver landet. Dort sieht er sich allein, denn einige Mit- Slieder seiner Karawane sind gestorben, die an- deren haben ihn verlassen. Er läßt aber nicht ab von seinem Vorhaben. Die Lockung des magi- schen Namens California sitzt ihm im Blut. Auf einem Segler durchkreuzt er den Pazifik und landet endlich an einer Siedlung, die kaum den Namen eines Dorfes verdient und die sich San Franzisko nennt. Es ist keineswegs die Stadt von heute, sondern eine Anhäufung von Hütten, in der echt südländische Unordnung herrscht und sich der Mangel jeder Autorität auf Schritt und Tritt bemerkbar macht. Suter mietet ein Pferd und reitet das fruchtbare Tal des Sakramento flußaufwärts. Ein Tag ge- nügt ihm, um zu sehen, daß hier nicht nur Platz für eine Farm oder für ein Gut, sondern für ein ganzes Königreich ist. Am nächsten Tag bereits ist er in Monte Rey beim Gouverneur und er- klärt ihm seine Absicht, Land urbar zu machen, eine Kolonie Neu-Helvetien zu gründen. Auf die Frage des Gouverneurs, warum Neu-Helvetien“, antwortet Suter stolz, er sei Schweizer und Re- publikaner. Im Jahre 39 ist Suter so weit, daß er Leute genug hat und Arbeitsgeräte, um seine Absicht auszuführen. Mit 3 Vorarbeitern und 150 Kanaken, die von 30 Büffelwagen mit Le- bensmitteln, Sämereien und Munition begleitet sind, schlägt er sein Lager am Sakramento auf, um von dort seine Siedlungsarbeit zu beginnen. Bereits die erste Ernte zeigt ihm, daß er auf dem Suters Landung in„San FranzishOοO“ richtigen Wege ist. 500%ñig haben sich die Saa- ten ausgewirkt. Suter liefert nicht nur die Le- bensmittel für Monte Rey und San Franzisko, sondern auch die Sandwich-Inseln werden von ihm beliefert und Segler legen an der Küste an, um seine Ernten bis nach Vancouver zu bringen. Er pflanzt Schweizer Obst an und läßt Wein- reben aus Frankreich und vom Rhein kommen. Er baut Häuser für sich und seine Arbeiter und kann es sich nach wenigen Jahren leisten, ein Klavier von Pleyel aus Paris 180 Tagereisen Weit kommen zu lassen. Er hat Kredite bei den großen Bankhäusern Englands und Frankreichs. Als 45jähriger, auf der Höhe seines Triumphes, erinnert er sich, vor 14 Jahren Frau und Kind in der alten Welt gelassen zu haben. Er, der ehemalige Bankerotteur, ist unum- schränkter Herrscher über ein Gebiet, das in der Alten Welt die Größe eines Fürstentums hätte. 1848 ist das Jahr der Katastrophe. Einer seiner Schreiner, ein Mann namens James W. Marshal, kommt aufgeregt zu ihm ins Haus gestürzt und erzählt ihm, zitternd vor Aufregung, daß er weit oben auf seiner Farm in Coloma Gold ge- funden habe; zumindest glaubt er, es sei Gold. Suter nimmt die Körner in die Hand und macht die Scheideprobe. Es ist Gold. In aller Ver- schwiegenheit will er am anderen Tag mit Mar- shal zur Farm hinaufreiten, denn instinktis Weiß er, daß er diesen Fund geheim halten muß, will er Herr auf seinem Gebiet bleiben. In Co- loma selbst nimmt.er den paar wenigen Weißen, die bei ihm arbeiten, das Wort ab, nichts über den Fund verlauten zu lassen. Er scheint der reichste Mann der Welt. Der reichste Mann? Nach acht Tagen ist das Geheimnis kein Ge— heimnis mehr. Eine Frau hat es irgend einem Vorübergehenden erzählt und vielleicht einem Bettler ein paar Körner des gelben Staubes ge- geben. Der Erfolg ist beispiellos. Augenblicklich Vverlassen alle Männer Suters ihre Arbeit, ver- streuen sich mit den unmöglichsten Arbeitsge- räten über das Land und wollen Gold suchen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde von dem Goldfund die Küste entlang, und jetzt kom- men wahre Heuschreckenschwärme von Men- schen an. Zu Schiff, zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen, eine zügellose Horde, die kein Gesetz mehr als das ihrer Habgier anerkennt, und die keine Gewalt, nicht der entsicherte Revolver und nicht die geschwungene Peitsche mehr von ihrem zinnlosen Vorhaben abhalten kann, ergießt sich über die blühende Kolonie. Die Saaten werden zertrampelt, die Häuser stehen leer. Nach weni- gen Monaten ist alles eine Odenei, und über Nacht ist Joh. August Suter bettelarm geworden Arm geworden an seinem Gold, das eigentlich ihm gehört. Denn auf seinem Grund und Boden, der ihm gesetzlich zugesichert war, wurde es ge- funden. Wie König Midas ist er am Gold erstickt. 850 wurde Kalifornien von Mexiko gelöst und in die Union der Vereinigten Staaten von Nord- amerika als jüngster Staat aufgenommen. Unter den strengen Gesetzen der Vereinigten Staaten kommt endlich Ordnung in das goldbesessene Land. Die Anarchie wird beendigt. Jetzt tritt Suter mit seinen menschlich und gesetzlich be- rechtigten Ansprüchen auf. Der Staat ist ver— pflichtet, den Schaden, den er durch Diebstahl seines Eigentums erlitt, gutzumachen. An allem aus seiner Erde geförderten Gold beansprucht er seinen Teil. Ein Prozeß beginnt, wie ihn die Menschheit in dieser Dimension noch nicht kannte. 17 Farmer verklagte er, die si auf seinen Pflanzungen angesiedelt haben. 25 Mill. Dollar Schadenersatz fordert er für das von ihm Erbaute, für die durch die Beklagten zerstörten Wege, Kanäle, Brücken, Stauwerke, Mühlen usw. und weitere 25 Mill. Dollar für Anteil an auf sei- nem Grund und Boden geschürftem Gold. Sein ältester Sohn Emil hat in Washington Jura studiert, um den Prozeß zu führen. Die ungeheuren Ein- nahmen, die Suter aus seinen nèeuen Farmen à2u- fließen, verwendet er nur dazu, diesen Prozeß zu führen. Vier Jahre lang treibt er ihn durch alle Instanzen. Am 15. März 1855 wird das Urteil gefällt. Der unbestechliche Richter Thompson, der höchste Beamte Kaliforniens, erkennt Suters Ansprüche auf den Boden als vollkommen be- rechtigt und unantastbar an. Also doch der reichste Mann der Welt? Nein und abermals nein! Auf die Nachricht von dem Urteil hin bricht ein Sturm in San Franzisko und im ganzen Land los. Hunderttausende rotten sich zusammen. Alle bedrohten Eigentümer, der Mob der Straße, das immer plünderungsfrohe Gesindel, sie stürmen den Justizpalast und brennen ihn nieder. Sie suchen den Richter, um ihn zu lynchen und machen sich auf, um den ganzen Besitz Suters zu plündern, Sein ältester Sohn erschießt sich, der zweite wird ermordet, der dritte flieht und ertrinkt auf der Heimkehr. Eine Feuerlohe steht über Neu-Helvetien. Suters Farmen werden niedergebrannt, seine Weinstöcke zertreten und sein ungeheurer Besitz zur Wüste- nei gemacht. Er selbst rettet sich mit knapper Not. 25 Jahre lang irrt ein alter, geistesschwacher, schlecht gekleideter Mann in Washington um den Justizpalast. In allen Büros dort kennt man den General“ im schmutzigen Uberrock, der seine Mil- liarden fordert, und immer wieder finden sich Winkeladvokaten und Abenteurer, die ihm die letzten Pfennige seiner Pension, die ihm der Staat zahlt, entlocken und ihn zu neuen Pro- zessen treiben. Er selbst will ja gar kein Geld. Er haßt das Gold, das ihn arm gemacht und ihm drei Kinder gemordet hat. Er will nur sein Recht und vVerficht es mit der querulanten Erbitterung des Monomanen, bis ihn am 17. Juli 1880 der er- lösende Herzschlag trifft. Man trägt einen toten Bettler fort, einen Bettler, der in seiner Rock- tasche die Streitschrift trägt, die ihm und seinen Erben nach allen irdischen Rechten und Ge— setzen den Anspruch auf das größte Vermögen der Weltgeschichte sichert Noch immer steht San Franzisko auf einem Boden, der seinen heutigen Besitzern nicht ge-— hört. Noch immer werden blühende Farmen be— trieben und Erdschätze ausgebeutet, die recht- lich gesehen nur geliehener Besitz sind. Die Goldgräber kämpften einen wahrhaft mör- derischen Kampf. Die Goldwäscherei forderte ein Letztes an körperlicher Anstrengung von ihnen, zten auf der Hut vor denen sein, die nach ihnen kamen und besonders vor denen, die mit ihnen kamen. Der Kampf um die Lizenzen war zermürbend, noch zermürbender war es, das Gold nach Hause zu bringen. Zu viele— verschwan- den, Sie verstehen. Trotzdem, wer Glück und Ellenbogen hat konnte reich werden. In der Sierra Madre in Mexiko waren große Gold- gräbereien und sind es immer noch. Lesen Sie von B. Traven einmal„Der Schatz der Sierra Madre“. Besser kann man die Goldsucherei gar nicht beschreiben, und Traven ist ein großarti- ger Schriftsteller. Er sollte wirklich nicht nur von der Jugend gelesen werden. Dort finden Sie übrigens eine sehr eindrucksvolle Beschreibung, wie die ganze Landschaft durch die großen Ol- funde umgeschaffen wird. Gl, das ist ein Lebens- nerv für uns. Uberall erheben sich in solchen Landstrichen die Bohrtürme, die Flüsse sind dick von Gl überzogen, es riecht in der Luft, der Himmel ist dunstig. Vielleicht haben Sie von Flaherty den kürzlich vollendeten Kulturfilm „Louisiana-Legende“ gesehen? Nein? Schade. Da wird der Bau eines solchen Bohrturms gezeigt. In Louisiana ist viel Ol, es ist ein reiches, heihᷣes, schon südliches Land. Mit Krokodilen können Sie da spielen, so viel Sie wollen.— Aber jetzt wollen wir in den zweiten Stock gehen, wo noch ein paar Aufnahmen von Kanada hängen.“ „Kanada? Das hätte ich im British Information Centre gesucht, nicht hier. Es gehört doch zum Commonwealth?“ sie Viel „Freilich. Aber drüben haben sie nicht s0o Platz wie wir. und wirtschaftlich sind ja die USàund Kanada sehr eng verbunden. Sie sehen schon, der Eindruck ist gar nicht sehr viel an- ders, nur, daß Kanada bis in die Eismeer-Re- gion hineinreicht und gerade im Norden recht dünn besiedelt ist. Kanada ist einfach riesig, sein Reichtum an Naturschätzen unvorstellbar. Hier haben Sie ein Bild von Montreal. Dort auf der Karte sehen Sie den St. Lorenzstrom. Er ist sechshundert Meilen in das Land hinein für große Schiffe fahrbar und macht aus Montreal einen wertvollen Inlandshafen. Quebec ist die Stadt für die Weizenausfuhr, obwohl der Weizen selbst in der Provinz Manitoba, nicht in Quebec wächst. Daß ä die meisten Städte in Kanada fran- 26Sische Siedlungen sind, wissen Sie? Noch heute Werden auch offiziell beide Sprachen, Franzö- sisch und Englisch gesprochen. Aber beachten Sie, bitte, hier diese statistische Darstellung. Sie sehen, wie viel rationeller man durch Ausnutzung der Maschinenkraft den Boden bearbeiten kann. Ein Europäer muß viele Stunden länger arbeiten, um sich einen Anzug zu verdienen als der Kanadier.“ Peter nickt anerkennend.„Diese Statistiken reden wirklich eine deutliche Sprache. Wir müß— ten noch viel mehr mit der Maschine in Europa arbeiten. Aber bei Ihnen ist die menschliche Arbeitskraft teuer, weil Sie zu wenig Menschen haben, bei uns ist sie leider billig, Europa ist überbevölkert.“ Er seufzt vor sich hin. Auch seine Zukunft und die seiner Schwester ist von dieser Uberbevölkerung beschattet. Wie glück- lich lebt man da in Amerika! Die Amerikanerin errät seine Gedanken und meint begütigend: „Machen Sie sich nicht zu günstige Vorstellungen vom Lebenskampf bei uns. Er ist sehr hart und wird mitleidlos mit allen Mitteln ausgefochten. Auch wir haben eine für unsere Wirtschafts- möglichkeiten unverhältnismäßig hohe Arbeits- losenziffer. Europa und Deutschland vor allem werden mit ihren Problemen fertig werden, selbst Wenn es schwer und unerfüllbar scheint. Glau- ben Sie ja nicht, daß bei uns alles rosig ist, ob- Wohl der gebürtige Amerikaner— nicht der Aus- wanderer im Augenblick die besseren Chancen hat. Ich entsinne mich noch, wie viele Sommer nach dem Krisenjahr 1929 unendliche Züge von Farmern aus dem Osten und der Mitte von USA nach Kalifornien kamen, um an den großen Obsternten, vor allem am Pfirsichpflücken, mit- zuverdienen. Auch heute noch begegnet man vielen solcher Wanderarbeitern, die in einem alten Auto von Staat zu Staat ziehen, um Geld zu verdienen. Oft haben sie die ganze Familie bei sich. Wenn ich Sie noch in diese Ecke führen darf, hier sind einige schöne Aufnahmen von den Rocky Mountains, unseren kanadischen Alpen vor der Westküste. Uber alles übrige, den Fischreichtum, die Jagd auf Pelztiere und ihre Zucht finden Sie in diesem kleinen Führer Ge— naueres. Nehmen Sie ihn sich ruhig mit. Darüber zu sprechen, wäre zu ermüdend.“ Die Dame geht ein Zimmer weiter, ruft den Ge- schwistern zu und meint:„Hier ist ein stilles Eckchen. Sie werden müde sein, und ich will Ihnen noch rasch etwas erzählen.“ Etwas abgespannt, aber gemütlich und ungestört sitzen die Geschwister in Sesseln und hören zu. „Sie wundern sich sicher über so französische Namen wie Montreal und Louisiana? Das führt in das siebzehnte Jahrhundert zurück, als die Franzosen im Süden von Kanada siedelten. Paris hat ja auch einen Place de Canade. Damals hieß Süd-Kanada Neu-Frankreich', und es war das Werk des großen Ministers Colbert, dort einen Staat aufzurichten. Die Jesuiten leisteten ihre großartige, gar nicht hoch genug zu wertende Pionierarbeit, indem sie aus den Huronen— s0 hieß dort der größte Indianerstamm— zwar Christen machten, ihre individuelle Stammes⸗ eigenart aber überall schonten. Wer von den Huronen sich taufen ließ, wurde zugleich fran- zösischer Untertan, der König von Frankreich War sein König, Paris seine Hauptstadt. Huronen und Missionare lebten lange Zeit brüderlich zu- sammen. Ein Jesuitenpater Marquette war der erste, der zusammen mit einem Indianer den Illi- nois hinunterfuhr, den Missouri entdeckte und den Mississippi befuhr. Es waren auch Franzosen, die an der Mündung des Mississippi Siedlungen an- legten, New Orleans, Baton Rouge und St. Louis am Zusammenfluß des Missouri und Mississippi sind einige davon. Was für Eindrücke mögen die riesigen Flüsse und die unendliche Einsamkeit auf die Menschen der damaligen Zeit gemacht haben! Es hätte alles gut gehen können, wären die Huronen nicht die bestgehaßten Feinde der grausamen Irokesen geèewesen. Diese Feindschaft hat im tiefsten Grunde den Untergang des fran- 26sischen Kolonialreiches mit sich gebracht und auch den Untergang des roten Mannes überhaupt.“ „Ach, bitte, erzählen Sie!“ „Die Irokesen waren bestrebt, ihre Selbständig- keit und ihr Land zu behalten und glaubten, die Engländer würden ihnen dabei helfen. Sie über- fielen deshalb die franzosenfreundlichen Huronen und die englischen Kolonialtruppen griffen ein, anscheinend um ihnen Hilfe gegen die Franzosen zu leisten. Es war ein grausamer EKrieg, hundert- fünfzig Jahre lang soll, wie der Volksmund er- zählt, es am Lorenzstrom in den Hütten noch ge- qualmt haben. Blitzschnell skalpierten sie, was ihnen an Weißen, Siedlern oder Missionaren, Frauen und Kindern in die Hände fiel. James Fennimore Cooper, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts starb, hat in seinen Romanen diesen Indianerkämpfen ein einfaches, aber ewiges Denkmal gesetzt. Schade, daß er jetzt nicht mehr so viel gelesen wird. Es kam, wie es kommen mußte. Frankreich verlor während des siebenjährigen Krieges in Europa immer mehr an Einfluß und Macht und infolgedessen auch langsam aber unaufhaltsam sein großes Kolo- nialland. Die Huronen liebten ihre französischen Herren, die fröhlich waren und sie nicht schin- deten. Am Ohio, einem der schönsten Flüsse der Welt, hatten sie sich mächtig zur Verteidigung ihres Mutterlandes zusammengeschlossen. Gegen die Neuengländer, die stur und hart mit der Bibel kamen und im Grunde ihres Wesens jeden Roten nicht als Menschen, sondern als Sklaven betrachteten. Im dritten Kolonialkrieg leisteten die Indianer noch einmal heroischen Widerstand gegen die Engländer für Frankreich. Umsonst. Der Vernichtungszug der Engländer damals gegen die Indianer hatte nur das eine für uns Amerikaner unerwartet Gün- stige: Er trieb die Indianer. auf die Seite der Amerika- ner. Ich kann Ihnen die Ein- zelheiten der großen Kriege nicht erzählen, ich weiß sie nicht mehr. Aber es gab großartige Episoden. Pontiac und Tekumseh waren die letzten großen Führer der roten Rasse. Sie haben die Namen vielleicht aus Ihrer Kinderzeit noch in Erinne- rung; heute ist der eine eine bekannte Automarke. Aber der indianische Heldenkampf ist eigentlich nichts für junge Leute. Dazu ist er zu traurig und grausam. Der rote Mann erlag, banal gesagt, der auf- steigenden Zivilisation und deéeren sogenannten Vorzü- Stammesreste flüchteten mit den Bisons in die Urwälder, und welche fatale Rolle der Indianer heute zumeist spielt als tanzendes, Amulette ver- kaufendes Ausstattungsstück am Gran Caßñon, das wissen Sie vielleicht selbst. Was wir jetzt noch als Indianer ansprechen, hat nichts mehr mit der Tradition der roten Völker gemein. Sie gingen im achtzehnten Jahrhundert in einem Heldenkampf, von dem nur wenige wissen, unter.“ Ein ernstes Schweigen entsteht. Schliehflich erhebt sich die Bibliothekarin.„Jetzt muß ich wieder an meinen Platz und Sie wollen ja noch ins Britiss Centre. Sie brauchen sich nicht zu be- danken, es war mir eine Freude, zwei so auf- geweckten jungen Deutschen von unserem Land etWas zu erzählen.“ Im RBritischen Information Centre stellen die Ge- schwister, die kurz vor der letzten Laufzeit des Films an diesem Tage ankommen, mit Uber- raschung fest, daß der Vorführraum fast überfüllt ist. Nur mühsam finden sie noch zwei Plätze nebeneinander.„Ist es bei Ihnen immer so voll?“ fragt Peter einen platzanweisenden Herrn.„Die- ser Film zieht natürlich besonders. Er ist ein Spielfilm mit Handlung und synchronisiert Aber auch unsere kleinen englischen Kulturfilme, die wir jeden Tag vorführen, sind immer sehr gut besucht. Vor allem von Erwachsenen. Man merkt, daß viéle Besucher ihr Englisch dabei auffrischen. Ubrigens sehen Sie zuerst einen kleinen Kulturfilm von Sidney.“ Sidney hat eine schöne Lage, stellen die Besucher fest, die blauen Berge erheben sich hinter einer großen, modernen Hafenstadt. Vor den Augen der Schauenden fliegt ein merk- würdiges, schattenloses Land vorüber. Ein Sprecher erzählt von seiner Geschichte. Hollän- —— 3 39 85 — 3 gen, dem Alkohol und den Feuerwaffen. Die letzten Sidney der haben es zuerst entdeckt, ein deutscher For- scher, Leichardt, unternahm 1844 eine zweite Ex- pedition ins Innere, von der er nicht wiederkam. Noch immer leben in unwirtlichem Busch- gelände zwerghafte Urvölker, häßlich, auf primi- tivster Stufe, scheu und menschenfern. Seine Einbeziehung in den geschichtlichen Raum ge— schah aber auf andere, höchst merkwürdige Veise. Die Australier selber sprechen gar nicht gern davon. Am 20. Januar 1788 landeten 757 Sträflinge aus England in der Jackson-Bai und legten als erste Siedler den Grundstein zu Sidney. Die heute so moderne, flutende und große Stadt mit eleganten Frauen und gut aussehenden Män-— nern war also Sträflingskolonie. Das da- malige Justizverfahren ging mit den Verurteilten nicht gerade glimpflich um. Das Siedeln war für sie eine Fron. Jeder trug schwere Kugel am Bein, und außerdem hatten sie in den Sträf- lingsanzügen grellgelbe Streifen.„Kanarien- Vögel“ nannte man sie mit grimmigem Humor; an Auskneifen war nicht zu denken. Sie wären auch in dem rätselhaften Land, in dem unbe— rechenbar auf Regengüsse Dürre folgte, die die Seen ausdunsteéte, verdurstèet. Allmählich kamen dann auch andere Siedler, der Ruf von Gold- funden drang nach Alt-England, Frauen kamen ins Land, die einen freiwillig, die anderen als Sträflinge. Uber die Leinwand hüpfen Beutel- tiere, die grotesken Känguruhs, und der Film berichtet von der uferlosen Kaninchenplage. Diese zahmen, reizenden Tiere, bei deren An- blick wir uns nichts Böses denken, wurden ein- geführt und vermehrten sich zu Millionen. Sie zerfraßen die Weiden für das Vieh und hin- terließen überall ihre Wühllöcher. Der Reiter und die Tiere brachen ein, und nicht nur die kost- baren Pferde, die die Sprunggelenke gebrochen hatten, mußten erschossen werden— es war wirklich eine ägyptische Plage. Ahnlich war es mit dem Raubzeug. Australien war ein Land ohne Raubtier Erst die Europäer brachten Hunde mit, sich selbst überlassen, sich zu dem heutigen australischen Wolfshund, dem Dingo, entwickelten. Heute wird auf diese Dingos Wegen des Schadens, den sie unter den Schafher- den anrichten, regelrecht Jagd gemacht. Als der Film Aufnahmen der Eingeborenen zeigt, erklärt er zugleich den Bumerang, jene Waffe, die in die Hand des Werfenden zurückfliegt. Es ist ein mörderisches Instrument, auf der Känguruhjagd eine Elne die, zerschneiden die Jäger den Tieren damit die Unterläufe. Das Innere des Landes macht auf das Publikum überhaupt einen trostlosen Ein- druck. Dingos schleichen, nach Beute suchend, umher, das Lärmen der riesigen Ochsenfrösche dringt durch die Eukalyptuswälder, Emu-Strauße stolzieren zwischen Gummibäumen, und der Wald ist überall schattenlos, er hat kein Busch- Werk, und die Blätter der Bäàume drehen sich, um nicht verbrannt zu werden, mit ihrer Schmalseite Wucht GBer grohBel zur Sonne. Gewitter unvorstellbarer schwellen die Flüsse Viehverlust eintritt Land“, denken die Zuschauer und atmen erleich- tert auf, als der Film wieder zu den Städten überblendet. Sie sind sauber und verraten Wohl- Dort kann Einwanderer noch ein Unterkommen finden, allerdings, er aufs Handwerkliche und Praktische Löhne und Gehälter sind gut, bei Fleiß und Ver- von derart „Gerade daß oft angenehmes aAuf kein stand. der muhß sich Verstehen. nunft bringt man es zu Wohlstand „Auf nach Australien“, sagt Peter vergnügt Nun koinmmt der Hauptfilm„Das große Treiben“ („The Overlanders“, wie er im Original heißt). Von keinen Schauspielern gespielt, ein Doku— mentarfilm, der zeigt, wie Farmer aus Furcht vVor einer japanischen Invasion im. letzten Krieg ihre großen Rinderherden von Nordaustralien nach dem Süden treiben. Den Zuschauern öffnet jetzt die Weite des Landes, die Schönheit hwungenen Gebirgsstriche. Charakte- Männer, schmale, sehnige Ge-— sind blond, schlank, sich seiner gesc ristisch sind die stalten, auch Frauen dabei, von klein auf mit dem Pferderücken verwachsen Großartige Bilder ziehen vorbei, wenn die Her— ihre führen; Ge- Tier über die kostbare denbesitzer Tiere mühsam birgskämme manches stürzt in die Tiefe. Der Film zeigt die Verlorenheit des echten Kolonisten und zu— gleich die Klugheit, Zähig- und Entschlußkraft, die dieses harte Leben mit sich bringt. Australien ist auf einmal ein schönes Land. auch dieser Erdteil genau S0 wie alle anderen, und be- fkriedigt verlassen jungen Gäste Haus Am anderen Morgen fährt die kleine Reisegesellschaft ausgeruht aus dem anstren- genden Frankfurt hinaus, südwärts.„Ich ge vVor“, meint der Vater,„wir machen in Heidelberg ein paar Stun- den Rast und fahren erst am Nachmittag nach Baden- Baden. Wie denkt ihr dar- Rom über? Heidelberg ist so schön, ihr müßt es gesehen haben.“ Ja, Heidelberg ist wirklich schön. Mit tiefem Glücksgefühl atmen die jungen Norddeutschen die südliche Luft ein, hören den grünen Neckar unter den alten Brük- ken rauschen und genießen von der linken Fluß— seite aus, vom Philosophenweg. die edlen Maße des Heidelberger Schlosses, des vielbesungenen Ott Heinrichbaus.„Student sein, wenn die Veil- chen blühen“, zitiert der Vater leise. Die Kinder sehen ihn fragend an.„In unserer Jugend sind Wir alle Studenten, ob wir in einer Universi- tät eingeschrieben sind oder nicht. Und Feidel- berg, das ist das Symbol für die jungen, schwär— menden Mächte. Von hier aus begann die deut- sche Romantik in unserem Blut zu kreisen und auch heute noch ist die Stadt verklärt, obwohl wir ja alle wissen, welch eine bittere und ent— sagungsvolle und sehr oft aussichtslose Sache S80 ein Studium heute ist. Ich selber habe nicht stu- diert und ihr werdet wohl auch rasch ins prak- tische Leben gehen. Aber ich liebte die Künste, vor allem die Architektur, und trat damals mit einem jungen Heidelberger Dozenten in Brief- wechsel. Ich habe ihm geschrieben. Er lehrt noch an der Universität und wartet auf mich. Kommt, wir gehen über die Brücke zurück in die Stadt.“ In dem bescheidenen kleinen Dozentenzimmer, in das das Grün der Bäume fällt, die den Hof der Universität beschatten, sitzen die Drei sehr bald dem gelehrten Herrn gegenüber, der nichts von Stubengelehrsamkeit an sich hat und sich auf's Freundlichste nach ihren Plänen erkundigt. „Ich hatte als junger Mensch auch große Reise- lust, Ihr Vater weiß es aus unseren Briefen, und einige Semester lehrte ich an der Universität Prag.“—„Prag? Ach, die Goldene Stadt.“— „Das ist sie in gewissem Sinne. Man darf heute nur nicht mehr lange darüber nachdenken, denn Wwir können uns beim besten Willen kein Bild von den Veränderungen machen, die diese Stadt erfahren hat. Prag war jedenfalls eine schöne Stadt, unmöglich, alle Einzelheiten zu schildern. Für mich als jungen Professor war die Stadt be- sonders interessant, weil sie schon einmal, im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, die Königin der europäischen Universitäten war. Karl IV., der Prag überhaupt das Gesicht gab, rief auch die Universität ins Leben. Damals war slawischer und deutscher Einfluß in gutem Gleichmaß verteilt, die Studenten. Deutsche, Ungarn, Böhmen, Polen, Italiener, studierten nach Landsmannschaften und lachendes, fröh- liches Leben pulsierte durch die Stadt. Bis die unseligen Hussitenkriege kamen und den Natio- nalhaß brachten. Ihr wißt es vielleicht noch von der Schule, 1409 verließen die deutschen Lehrer und Studenten unter Protest die Stadt, die mei- sten gingen nach Erfurt und Leipzig. Das war ein großer Verlust für unseren Einfluß im Osten und ich empfand es stets als besonders ungerecht. Wenn ich nur an Peter Parler denke... Ihr kennt diesen bedeutenden deutschen Baumeister nicht? Der Meister, den Karl IV. aus Avignon mitgebracht hatte, war gestorben. Kurz ent— schlossen holte der Kaiser im nächsten Jahr aus Schwäbisch-Gmünd den dreiundzwanzigjährigen Peter Parler. Er war ein Baumeister, wie ihn der Kaiser suchte. Ohne seine Genialität wäre Prag nicht die Stadt, die sie heute noch ist. Aber niemand spricht davon, genau so, wie niemand von dem deutschen Kunsteinfluß in Krakau etwas wWissen will. Prag jedenfalls wurde schöner mit jedem Tag und ein Italiener, der mit einer mai- ländischen Gesandtschaft um 1400 dorthin kam, schrieb begeistert: Die Stadt bietet fast den An- blick Roms, der Romulusstadt. So wie sie ist sie mit Hügeln und Tälern ge- schmückt und statt des Tiber fließt die Moldau mitten durch die Stadt. über die Karl IV. die hochberühmte Brücke hat schlagen lassen.“„Ich persönlich“, flicht jetzt der Vater beinahe spitz- bübisch lächelnd ein,„war ja auch während früherer Geschäftsreisen manchmal in Prag. Mein ganzes Entzücken war die moderne Stadt. Diese schicken Frauen, wenn auch etwas grell bemalt, und. Erika, die Süßigkeiten! Die reichen Besucherinnen von Karlsbad fuhren heimlich nach Prag. amüsierten sich von Herzen und fut- terten sich an den raffinierten Pralinen und Ge-— bäcken die Pfunde wieder an, die sie im Bad mühsam verloren hatten; wir wollen hoffen, daß es wieder einmal die goldene Stadt wird wie einst.“ Der Vater winkt den Kindern zu, aufzustehen. „Wir müssen noch auf die Molkenkur fahren und das Schloß besichtigen und um drei Uhr geht es schon weiter.“ Ein herzlicher Abschied, die Kinder treéten aus der Universität auf den breiten Platz und schon fluten neue Eindrücke auf sie ein. Die kurze Bahnfahrt von Heidelberg nach Ba- den-Baden ist heiß. Das Mädchen seufzt.„Heiß, Erika?“ fragt der Vater.„Was hättest du erst ausgestanden, wenn du schon mit dabeigewesen Wärest, als ich als junger Kaufmann in Sevilla War!“„Ist Sevilla so heiß?“ fragt Peter erstaunt. „Heiß ist gar kein Ausdruck, für eine europäische Stadt geradezu verboten. Die Luft kocht in den Straßen. Ich war damals überhaupt überrascht, als ich die Temperaturunterschiede in Spanien am eigenen Leibe erfuhr. Dieses wunderbare und merkwürdige Land, das ich ja besonders liebe, hat einen kalten Norden, aber über die kastilische Hochebene fegen eisige Winde und Hitzewellen. das Land sieht manchmal aus wie eine Wüste, das rote Gestein geborsten, darüber ein gnade- loser, weißlich flimmernder Himmel. Ich blieb nicht nur in Madrid, der imposanten Großhstadt, ich suchte natürlich den grandiosen, in seiner quadratischen Regelmäßigkeit erstarrten Esco- rial, das Schloß und die Grabstätte der spani- schen Könige auf. Seine merkwürdige Regel- mäßigkeit, bei einem hochmittelalterlichen Bau überraschend, verdankt es einer der vielen Selt- samkeiten, an denen Spanien so reich ist. Phi- lipp II., ihr wißt ja, der König der Inquisition, der die Armada verlor und im ‚Don Carlos' eine So bedeutende Rolle spielt, gelobte in der Schlacht von St. Quentin dem heiligen Laurentius, dem Heiligen des Tages, den Bau, wenn er ihm zum Siege verhülfe. Infolge des Todesmutes der spa- nischen Ritterschaft ließ sich der Heilige nicht lange bitten. Da sein Martyrium darin bestand, daſß er auf einen glühenden Rost gelegt wurde, ahmte der Baumeister beim Grundriß die Form eines Rostes nach. Dort liegen unter dem Altar in Nischen die Särge der Könige. Einige sind noch leer. Escorial liegt nur eine Bahnstunde von Madrid entfernt, ich habe damals einen ganzen Tag dort verbracht.“ „Man hört eigentlich bei uns von Spanien nicht viel“, meint Peter bedauernd.„Wer von Europas Süden spricht, meint immer Italien.“—„Ja, ich Weiß, und ich empfinde das als ein Unrecht. Auch Spanien bietet überwältigende Naturein- drücke, hat wundervolle Kunstdenkmäler. Denkt nur an den Prado, das große Museum in Madrid. Vor dem ersten Weltkrieg lebte eine ganze An- zahl nichtspanischer Künstler, Maler und Schrift- steller, in der Nähe des Prado, um dieser Kunst- schätze jeden Tag teilhaftig zu werden. Allerdings, man mubß dem Reisenden auch einiges zugute halten. Spa- nien ist für einen internatio- nalen Reiseverkehr immer noch nicht genügend er- schlossen. Ich kannte eine kunstbegeisterte Dame, die 1927 das Wagnis unternahm, allein durch das Land zu reisen, obwohl alle Kenner ihr geradezu händeringend abrieten. Es ist ihr ja nichts passiert, aber als alleinste- hende Frau war es für sie in den FHerbergen, in den Zügen und Bahnhöfen nicht angenehm, und als es nach dem Süden ging, wurde es immer schwieriger. Sie wag- teée sogar den Sprung nach Hue Madrid Afrika, aber da hätte sie schnell umkehren müssen, —4 —ꝗ———— ꝑ ̃ↄ UX———᷑ͤ ͤ f——ů wWenn eine Reisegesellschaft sie nicht mitgenom- men hätte. Für mich als jungen Mann waren das natürlich keine Probleme. Ihr wißt, ich habe eine Vorliebe für diesen stolzen, verschlossenen Menschenschlag und seine Sprache wurde eifrig von mir studiert. Sehr zu meinem Glück.“ „Ich will auch Spanisch lernen“, meint Peter nachdenklich.„Tue es. Du virst viel davon haben und es ist ja auch eine Brücke nach Süd- amerika. Um aber auf meine Abenteuer zurück- zukommen: Natürlich trieb ich mich nicht nur im Süden, in Granada, herum, um die Köstlichkeiten der maurischen Kultur, den Löwenhof, das Frauen- haus der Alhambra zu genießen, sondern be- suchte auch andere Städte. Ich fuhr nach Burgos in Hochkastilien, dort soll ja der Cid, Spaniens Nationalheld, begraben liegen. In diesen nörd- lichen, einsamen Gegenden machte ich übrigens eine erschütternde Entdeckung: daß die Leute sich glücklich preisen, wenn sie ihre Zähne behalten. Es gibt nämlich dort auf den einsamen Flecken keine Zahnärzte, an Zahnersatz ist nicht zu den- ken. Da wurde mir mal wieder deutlich, wie gut wir daran sind, in einer gepflegten Zivilisation zu leben. Kennt ihr die schreckliche Radierung von Francesco Goya, wie eine Frau nachts auf die Schädelstätte schleicht, um einem Gerichte- ten die Zähne auszubrechen? Das sind düstere Bilder früheren Menschenelends und wir dürfen ruhig einmal daran denken. Erika, ich hoffe, du wirst von jetzt ab mit Begeisterung zum Zahn- arzt gehen?“ Das Mädchen lenkt rasch ab.„Hast du auch Stierkämpfe gesehen, Vater?“ fragt sie, „und was meinst du dazu?“— Wißt ihr, Kinder, zu solchen Volkseigentümlichkeiten sollte man nicht allzu viel ,meinen'. Natürlich war auch ich in der Arena, schon in Südfrankreich in Nimes, sah ich einen Kampf. Wir können das nicht nachempfinden und müssen den Rausch und die Begeisterung als etwas Gegebenes hinnehmen. Ich sah einen wunderbaren Kampf mit einem der ersten Toreros in Sevilla. Man vergaß tat- Sächlich, daß es bei dem Tier und den Männern um Tod und Leben ging. Und dann sah ich einen billigen, schlechten Kampf in einem kleinen Ort und da bin ich einfach weggegangen. Aber ur- teilen möchte ich da nicht. Diese Stierkämpfe sind der Spanier ureigenste Angelegenheit. Es ist auch das, was den geringsten Eindruck in mir hinterließ. Viel schwerer wurde es mir, von dem schönen Menschenschlag und der geradezu unvorstellbaren Gastfreundschaft und Sauberkeit der armen Kleinbauern zu scheiden, als ich schließlich für einen kurzen Besuch an den Te— jostrand, nach Lissabon, fahren mußte.“ „Kannst du auch Portugiesisch, Vater?“—„Et- Was, ich wünschte, ich könnte mehr.“—„Aber brauchst du es denn, Vater? So ein kleines Land? Wer weiß schon viel von Portugal.“— Der Vater lacht.„Ich muß eure Vorwitzigkeit Alhambra, Lövenhof da etwas revidieren. Wißt ihr, daß 70 Millionen Menschen Portugiesisch sprechen?“—„Nein, wie ist das denn möglich?“—„Oh, da brauche ich euch nur aufzufordern, einmal einen kleinen Sprung über das große Wasser zu tun und nach Brasilien hineinzuhorchen. Das Portugiesische ist sogar eine äußerst beliebte Sprache. Nicht ganz so streng und eigenartig wie das Spanische, leichter und liebenswürdiger; wie ja überhaupt das Leben in Portugal sich von angenehmeren Seiten darzubieten scheint. Früher war es ja, nachdem Philipp II. es erobert hatte, spanische Provinz. Der Herzog von Braganza machte sich jedoch 1640 wieder als König von Portugal selb- ständig. Lissabon hat einen heiteren Charakter, die günstige Lage am Meer mit herrlichem Kli- ma, die stabilisierten Verhältnisse, das alles wirkt normalisierend. Die Portugiesen beklagen es allerdings, daß sie so wenig Kulturwerte im Ver- gleich zu anderen Nationen darzubieten haben. Viel ist aber auch daran schuld, daß man ihre Sprache in Europa nicht betrieb, sich zu wenig um das Land bekümmerte. Die Vergangenheit Por- tugals, als unter dem Prinzen Heinrich II. die Epoche der großen portugiesischen Seefahrten begann— es waren Portugiesen, Fernando Ma- gelhàes und Vasco da Gama, die als erste die Welt umsegelten und den Seeweg nach Ostindien fanden,— kann es jedenfalls durchaus mit der Vergangenheit anderer Länder aufnehmen. Der Nationalstolz dieser Bewohner der iberischen Halbinsel, der Spanier und Portugiesen, ist jeden- falls groß. Aber das werdet ihr vielleicht heute abend selber merken, wenn ich euch mit meinen Freunden zusammenbringe.“ Auf dem Weg zu dem Gartenrestaurant, in dem der Vater sich mit seinen südamerikanischen Geschäftsfreunden treffen will, scheint er den Kindern nachdenklich.„Es ist ja wirklich eine gute Hitze hier unten“, sagt er endlich seufzend. „Hatte ich euch übrigens erzählt, daß in dem heißen Sevilla drei, vier Monate lang das ge- samte Geschäftsleben und die Schulen ruhen? Das Klima ist einfach stärker.“—„Glückliche Schulkinder“, denkt Erika für sich,„so lange hitzefrei.“„Es scheint mir“, nimmt der Vater wieder das Wort,„als sollte ich hier in Baden- Baden alle meine früheren Freunde aus Mittel- und Südamerika treffen. Vorhin, als ihr euch etwas hingelegt hattet, stieß ich in den Kolonna- den auf die Witwe eines Bekannten, die aus Guatemala kommt und ihr Enkelkindchen in Deutschland das erste Mal sehen will. Sie hat mir manches erzählt.“ „Guatemala?“ seufzt Peter,„jetzt fängt bei mir der Teil der Erdkarte an, auf dem ich mich überhaupt nicht mehr auskenne. Alle diese frem- den, im Grund so ähnlich klingenden Namen, diese ungeordneten, dauernd wechselnden Ver- hältnisse!“ „Da würde ich dir aber doch raten“, lacht der Vater gutgelaunt,„dir die Landkarte einmal ge- nau anzusehen. Du wirst ja heute abend selber den Eindruck bekommen, daß dieser Erdteil wichtig und für uns von hohem Wert ist. Uber Guatemala ist allerdings nicht viel zu sagen. Die große Bedeutung, die es früher hatte, ist von anderen Staaten überspielt. Ich war erstaunt, wie wenig mir die Frau meines Freundes sagen konnte. Sie lobt allerdings die vorzüglichen Schulen, die es früher noch nicht gab. Die Reli- giosität der Indios hat sie sichtlich beeindruckt, das Zusammenleben mit den Einwohnern scheint recht harmonisch zu sein. Ubrigens, Erika, dein neues Mahagonischränkchen hat vielleicht die Vvulkanischen Erhebungen und Seen des Landes gesehen. Mahagoniholz ist ein begehrter Artikel. Aber das ist ja eigentlich schon langweilig. Weißt du noch aus der Schule, Peter? Wenn man von einem Land nichts wußte, dann führte man ReEKN E 1 7 Le 8— 7EOFEL5 oINS 5 28 77 WP NANA 6 4 4efieu Am agonnaα5 Kaffee und Baumwolle aus, und der mittelalter- liche Kaiser, der bedeutungslos war, sorgte in den Lesebüchern immer für Viehzucht und Ackerbau Von Guatemala kann ich euch nichts Belang- Volles erzählen, aber haben wir uns damals, an- läblich des Suezkanals, nicht auch über den Panamakanal unterhalten?“ Die Kinder schütteln den Kopf.„Also, das war Wohl wirklich das Tollste vom Tollen. Ihr wißt doch, wie der Kanal läuft, an der schmalsten Stelle der Panama-Enge? Man hatte sich schon lange den Kopf zerbrochen, vor allem in der Konquistadorenzeit, wie man einen Durchbruch zwischen den beiden Ozeanen, dem Atlantischen und dem Pazifischen, herstellen könne. Phi- lipp II., von dessen Schloß Escorial ich euch schon erzählte, verbot bei Todesstrafe solche Projekte, weil sie der göttlichen Ordnung zu- widerliefen, die die Erde so gestaltet habe, wie sie nun einmal sei. Hier habt ihr den hemmen- den Einfluß eines spezifisch konservativen Für- sten. Solcher Beispiele gibt es mehr, vor allem in Indien. Aber bleiben wir in Panama. Erst auf Bitten Alexander v. Humboldts ließ Simon Bo- livar, der Begründer von Bolivien und Kolum- bien und Befreier der südamerikanischen Staa- ten von der Vorherrschaft der spanischen Krone, wieder Vermessungen machen. Wie das nun weiter ging, kann ich euch nicht erzählen, es gab hundert Pläne und Rückschläge, und ich habe sie natürlich selbst nicht im Kopf. Genug, Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, brachte eine Gesellschaft mit einem großen Aktienkapi- tal zusammen. Aber er scheiterte. Damals wußte man noch nicht so genau, was jeder Stadtvater heute wie das ABC weiß, nämlich, daß Bauen immer doppelt so teuer wird wie man es ver— anschlagt. Lesseps hatte auch Unglück. Die Ak“ tien wurden nur zögernd einbezahlt und die Schwarzen, die zu dem Bau herangeholt worden Waren, erlebten durch Seuchen und Fieber eine furchtbare Dezimierung. Der Bau ging viel schwieriger voran, als Lesseps vorausgesehen hatte, die Panamagesellschaft löste sich auf und es kamen nun die widerlichsten Bestechungen und Betrügereien heraus. Lesseps, der feine Weißhaarige Baron, dem man persönlich be— stimmt nichts Niedriges vorwerfen konnte, wur— de sogar zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das französische Gericht kassierte allerdings den Spruch und versuchte, die Blamage der Bauein- stellung zu verschleiern. Erst in unserem Jahr- hundert wurde der Kanal fertig, nachdem die Technik inzwischen bessere Möglichkeiten und Kenntnisse erworben hat. Er gehört den USA und wurde im ersten Weltkrieg eröffnet. Es ist grohgartig, daß wir ihn haben, aber.. Ich möchte nicht wissen, wieviel Unglück und Durchsteche- reien es bei sonstigen großen Unternehmungen gegeben hat und vielleicht immer gibt. Das ist die trübe Kehrseite jeden Fortschritts.“ „Sind eigentlich dort drüben noch viele europäische Nie- derlassungen?“ fragt Peter, um die Pause zu überbrük- ken.„O ja, zum RBeispiel im Nordosten von Südamerika, Britisch und Niederländisch und Französisch Guyana. Im allgemeinen ist der Erdteil selbständig geworden, in einer blutigen und wvirren Geschichte. In Franzö- sisch Guyana ist euch doch sicher Cayenne ein Begriff?“ „Cayenne? Ach ja, die schreckliche Strafkolonie. Die Teufelsinsel, nicht wahr?“ „Ja, und es ist wirklich kaum begreiflich, daß Frankreich, das mit seinen roten Kin- dern, den Indianern, freundlich umging, seine eigenen Landeskinder s80 barbarisch bestrafte. Das Klima in dieser Hölle muß unerträglich sein, und ihr kennt ja auch die vielen Sensationsromane, in denen Sträflinge auszubrechen versuchten. In der Wirklichkeit ge- lang es nie. Der Urwald, den sie durchqueren müssen, vor allem mit seinen Giftschlangen, ver- nichtet jede Chance. Die französische Regierung hat die Strafkolonie jetzt endlich aufgehoben. Ein Luftflottenstützpunkt soll dort errichtet werden. Ubrigens wächst dort auch der beste Pfeffer.“ Nun sitzen Bruder und Schwester schon einige Zeit zwischen den Geschäftsfreunden ihres Va- ters und versuchen, etwas von dem aufzu— schnappen, was zwischen diesem und seinen Freunden auf Deutsch und auch auf Spanisch und Portugiesisch hin und her fliegt. Mit Stau- nen haben sie die Herzlichkeit der Begrüßung beobachtet. Die sehr eleganten, dunkelhäutigen und dunkeläugigen Herren mit den lebhaften Gesten kamen ihnen anfangs zwar fremd vor. Schnell haben sie sich aber an deren Art ge-— Wöhnt. Sie spüren, daß zwischen dem Vater und den Fremden ein herzliches Verhältnis besteht und daß freundliche Blicke der ausländischen Gäste sie häufig streifen. Namentlich die kleine Erika fühlt sich ganz und gar als Dame, denn keiner der Herren unterließ es, sie mit wahr- haft südländischer Grandezza und mit dem un- vermeidlichen Handkuß zu begrüßen. „Ssie haben kürzlich Handelsverträge mit Deutschland abgeschlossen“, sagt Peter leise zu der Schwester.„Vater sagte es mir vorhin noch. Südamerika soll sich während des Krieges etwas übernommen und seine Industrialisierung zu sehr vorangetrieben haben. Denke dir, Brasilien hat ein riesiges Hochofenwerk in Volta Redonda aufgebaut. Chile will in einem neuen Stahlwerk, 80 Peru, Pachacamac 35 nördlich von Concepciòn an der Küste des Stil- len Ozeans jährlich 3 Millionen Tonnen Stahl erzeugen und auch Peru und Argentinien bauen Schwerindustrien auf. Soweit ich es verstanden habe, wollen sie deutsche Maschinen und Ver- kehrsmittel von uns haben und liefern uns da- für Lebensmittel und Rohstoffe. Offenbar kön- nen sie jetzt in ruhigen Zeiten nicht mehr mit dem Tempo der Kriegsjahre Schritt halten. Was studierst du denn da übrigens so angeregt?“ „Der eine der Herren kommt aus Mexiko und hat mir die Karte gegeben. Ich studiere jetzt eben die so indianisch und spanisch klingenden Namen. Einige davon sind fast unaussprechlich“, antwortet ihm die Schwester. „Habe ich recht gehört, so hat die Señorita Schwierigkeiten mit der Landkarte?“ wendet sich jetzt der Herr, von dem Erika gesprochen hat, an die Schwester.„Sie müssen sich nicht irre machen lassen durch die Fremdheit der Namen. Das ist eine reine Gewohnheit. Mir fallen Ihre deutschen Namen auch nicht eben leicht. Aber glauben Sie mir“, fährt er lachend fort,„wenn ich in meiner Heimat reise, so weiß ich manchmal selber nicht, in welchem Staat ich mich befinde, denn viele der Städtenamen, die fast alle nach einem Heiligen benannt sind, kommen in fast allen Ländern wieder, und poli- tisch hat unser Kontinent eine so rasche Ent- wicklung erfahren und ein solches Unmaß an Revolutionen und Aufständen über sich ergehen lassen müssen, daß man einfach nicht immer auf dem laufenden sein kann.“ „Senñor Rodriguez“, wendet sich der Vater jetzt an den Mexikaner,„Ssie würden meinem Sohn und meiner Tochter eine große Freude bereiten, wenn Sie Ihnen etwas aus Ihrer Heimat erzählten. Es ist so lange her, daß ich selbst drüben war. Mein Bericht würde also ein bißchen blaß sein.“ „Mas nao, warum soll er erzählen, sein Land gehört ja fast schon zu Nordamerika und ist eine einzige große Glquelle. Mein Land, Brasil, ist das größte. Ich werde zuerst erzählen“, mischt sich mit blitzenden Augen ein besonders leb- hafter Herr, ein Brasilianer, ein, der es gar nicht erwarten kann, von der Schönhbeit und der in- teressanten Geschichte seines Landes Zzu erzählen. Die Umstehenden lachen, obgleich jeder von ihnen das lebhafte Verlangen hat, den jungen Leuten die Schönheiten seines Landes zu prei- Sen. Oder sollten es nur die blonden Haare der jungen Deutschen sein, die das Interesse der Südländer geweckt haben? „Hoffentlich geht es recht bald“, fährt der leb- hafte Brasilianer fort,„daß Sie wieder zu uns kommen und Ihre Kinder mitbringen. Vor allem aber der Señorita unser schönes Land zeigen.“ „Glauben Sie denn“, unterbricht ihn Peter,„daß in Südamerika im allgemeinen, wie früher, für einen jungen Deutschen Aussichten bestehen, eine Zukunft aufzubauen und eine Existenz zu gründen?“ „Oh, warum nicht? Sie wissen selbst, daß durch den Krieg viele Türen zugeschlagen Wurden, aber später einmal... Bei uns gibt es so viele Möglichkeiten für fast, möchte ich sagen, jeden Beruf, und ich bin überzeugt, daß wir unsere Grenzen öffnen müssen, um so vieler Schwie- rigkeiten Herr zu werden. Ich sehe, unser Freund hat Sie da mit einer mapa, einer Landkarte, be- glückt, sein Steckenpferd. Er glaubt immer, aus Landkarten allein könnte man sich ein Bild machen. Ist Ihnen etwas unklar?“ Er hat sich wieder Erika zugewandt. „Doch“, erwidert diese verlegen.„Ich wußte ja Meßa Ferde gar nicht, daß Mexiko so weit nördlich liegt.“ „Sie sollten das Wort ,‚nördlich“ bei uns nie aus- sprechen“, nimmt der Mexikaner das Gespräch Wieder auf.„Wenn Sie wüßten, wie heiß es bei uns ist, so würden Sie verstehen, daß der ur- sprüngliche Name für das westliche Gebiet un- seres Landes ‚Tierra Caliente' war. Mit Recht, es ist ein heißes Land. Oh, ich verstehe Sie sehr gut. Alle Europäer rechnen uns zu Südamerika. Waren doch die heutigen nordamerikanischen Staaten Texas, Kalifornien und Florida ganz im Anfang spanische Besitzungen, genau wie alle anderen südamerikanischen Länder. Erst nach und nach, vor allem seit Simon Bolivar, der für Südamerika dasselbe ist wie für Nordamerika George Washington, uns von der spanischen Krone unabhängig machte, wurden wir selbst- ständig und schlossen uns dann anderen, bereits bestehenden Staaten an. Mein Freund aus Bra— silien hat völlig recht, wenn er behauptet, daß- auch wir fast Nordamerikaner seien, denn un- sere großen Glgebiete wurden von nordameri- kanischen Firmen erschlossen und sehr viel nordamerikanisches Kapital half uns, unsere wirtschaftlichen Reichtümer auszunutzen. Zu- mindest in den Städten kxommen Sie überall mit Englisch durch, während Ihnen aber auch auf dem flachen Land Ihr Spanisch nichts nützt. Denn, um die Indigenos, unsere Eingeborenen und die Mischlinge, wir nennen sie Criollos, zu verstehen, müßten Sie schon einige Dialekte der alten Aztekensprache lernen und diese dann mit Spanisch mischen.“ „Dio meu“, ereifert sich der Brasilianer,„er wird gar nicht mehr aufhören, von seinem Mexiko zu sprechen, und dann ist der Abend Vorbei und Sie haben nichts gehört von all den anderen Ländern.“ 8„Aber, Senor da Silva“, be- gütigt der Vater,„der Abend ist noch sehr lang, und morgen haben wir Zeit, uns auszuruhen. Wenn Sie alle durcheinander reden, ver- stehen die Kinder nichts. Vielleicht lassen wir doch Señor Rodriguez erst fertig erzählen und gehen dann Weiter nach Süden“„Muito bem, wie Sie wünschen, wir sind Ihre Gäste.“„Wäre ich klug gewesen, s0 hätte ich unseren brasilianischen Freund erzählen lassen und Selbst geschwiegen. Sie sehen mich so erwartungsvoll an und wollen viel Neues von mir wissen und ich weißß gar nichts. Soll ich Ihnen sagen, daß Mexiko Mais, Kakao, Tabak, Zucker- rohr und Kaffee im Uberfſuß hat und daß ä über dem gan- zen Gebiet von Tampico eine graue Wolke von OUldunst hängt und LVukatan, die in den Atlantik hineinragende Halbinsel, unser Obstgarten ist? Aber nein, das können Sie in jeder Zeitung nach- lesen Was Sie vielleicht nicht wissen, ist, daß die Ur- einwohner unseres Landes, die Azteken, ähnliche Pyra- miden bauten wie die Agyp- ter. Noch heute besucht jeder Fremde die Sonnen- und die Mondpyramide. Ihr Vater gab mir mal ein sehr nettes Buch. Es hieß ‚Der weiße Heiland' und war von mrem Dichter Gerhart Hauptmann geschrieben. Ich weiß nicht, Castillo del Morro ob Ihr Dichter jemals in Me- xiko war, aber er hat den Ideenkampf, der da- mals die Menschen bewegte, wunderbar erfaßt und in Worte gekleidet. Ja, dieser ‚weiße Hei- land', auf den die Majas im heutigen Mittel- amerika, die Azteken in Mexiko und die Inkas im heutigen Peru warteten, er kam. Für uns in der Gestalt des Fernando Cortéz. Ich glaube aber nicht, daß ihn ein Azteke noch als Heiland ver- ehren würde. Die Herrschaft der Conquistado- ren war eine sehr grausame, und der Tod, den sie dem letzten König der Azteken, Montezuma, bereiteten, ein sehr schrecklicher. Daß man dessen Nachfahren als Grafen von Montezuma in den spanischen Adel erhob, konnte die Er— innerung an die vielen Greueltaten, die verübt wurden, nicht auslöschen. Aber glauben Sie nicht, daß die Azteken an sich an allzu große Milde gewöhnt waren. Ihre Religion allein war eine sehr harte und forderte, daß ihr jährlich Kinder, Jungfrauen und die Söhne besiegter Feinde geopfert wurden. Stellen Sie sich vor, die Pyramiden, von denen ich vorhin sprach, wurden nur von Menschenhand ohne Hilfe von Maschinen, Wagen oder Pferd erbaut. Es gab keine Pferde und keine Wagen, denn man kannte kein Rad.“ „Wie“, wirft Peter ein,„ein Volk, welches die Sonne anbetet, kannte das Rad nicht?“ „Nein, Sie haben Recht, sie kannten es nicht. Der Staat überhaupt war ein recht eigenartiger, wir würden heute sagen, er wurde autonom vom König regiert und war ein absolut totalitärer Staat und dennoch in seiner Wirtschaftsordnung kommunistisch. Aber wir wollen nicht so lange verweilen bei den Ungerechtigkeiten, die bei der Eroberung des Landes geschahen und geschehen mußten. Ein EKrieg ist nie gerecht und wird es Wohl auch schwerlich jemals sein können. Be- Wundernswert bleibt, wie Cortéz2 es fertig brachte, mit einigen Hundert Eriegsgefährten für seinen Kaiser Karl V., eines der größten Reiche zu erobern und Ströme von Gold und Silber nach Spanien zu leiten.“ „Nun“, wirft der Vater jetzt ein,„darüber ist man sich ja inzwischen klar geworden, daß diese Eroberer sich nicht allzu edelmütig aufgeführt haben. Sie waren beherrscht von einer hem-— mungslosen Goldgier und metztelten alles nie- der, was sich ihnen in den Weg stellte. Mag sein, daß Cortéz selbst noch über einige Größe ver- fügte, denn er schreibt ja in einem Brief an seinen Kaiser: ‚Es ist bekannt, daß die meisten Spanier, die hierher kommen, von niedriger Art sind, gewaltsam und leidenschaftlich, sündhaft und gierig... Er hat es leider nicht geschafft, die seinem Kommando Unterstellten in größerer Disziplin zu halten.“ „No, Senor, so würde ich das nicht sehen. Er konnte einfach nicht verbieten, daß mit allen Mitteln nach den Schätzen des Landes gesucht Wurde. Ein einziger Hinweis auf seine allzu große Milde hätte ihn bei seinem König in Un- gnade gebracht und er hätte fürchten müssen, als Rebell vor Gericht gestellt zu werden. Nach damaligen. Vorstellungen war er gar nicht 80 sehr grausam. Hat doch die Inquisition im spa- nischen Mutterland aus christlicher Nächstenliebe Tausende von Menschen verbrannt, nur weil man glaubte, sie seien keine überzeugten Christen. Bei den Azteken aber wußte man, daß sie keine Christen waren, warum sollte man sie schonen? Unsere Ansichten haben sich heute gewandelt. Wenn wir aber das Tun der damaligen Men— schen verstehen wollen, so müssen wir auch ver- suchen, von ihrem Standpunkt aus zu denken. Wenn es uns auch heute sehr leid tut, daß eine so schöne und grohartige Kultur völlig vernichtet ist, und nur noch Trümmer und Ruinen von ihr übriggeblieben sind. Wenn ich Ihnen aber jetzt noch abschließend sage, daß im Golf von Mexiko mit das beste Klima herrscht, das Sie sich vorstellen können, und daß unzählige kleine Schiffslinien nach Havanna, dessen Kastell Morro eine der ältesten spanischen Festungen in der Neuen Welt überhaupt ist, führen, die un- zähligen kleinen Inseln untereinander verbunden sind, so wird Sie das sicherlich mit dem vielen Blut, das so unnütz in Mexiko vergossen wurde, aussöhnen. Quien sabe, was unsere Nachkommen einmal von uns sagen werden.“ Die Geschwister sehen sich, erstaunt über soviel Freundlichkeit und Vertändnis, an. Ihre Augen glänzen und sie scheinen völlig vergessen zu haben, daß sie sich in Deutschland, in dem ruhigen, gepflegten Ba- den-Baden befinden. Es ist, als hätten sie den ganzen Kampf der spanischen Conquistadoren gegen die Ureinwohner des Landes miterlebt. Es bleibt ihnen aber nicht lange Zeit zum Nach- denken, denn schon läßt sich wieder der eifrige Brasilianer vernehmen. „Eh! Amigos, glauben Sie ihm nicht, wenn er sagt, daß es am Golf von Mexiko am schönsten Sei. Sicherlich ist er noch nie auf dem Schiff nach Rio gekommen. Ach, Rio, die schönste Stadt, die Sie sich denken können. Aber ich will Sie nicht langweilen mit einer Beschreibung. Kom- men Sie lieber selber und schauen Sie sie sich an und fahren Sie nach Copa Cabana, unserem herrlichen Badestrand. Seien Sie Versichert, Sie finden die elegantesten und schönsten Menschen dort. Mehr sage ich nicht. Aber, mit Rio ist es nicht getan, das Land müssen Sie sehen. Haben Sie eine Vorstellung von der beinahe unbe- grenzten Größe und dem enormen Bodenreich- tum unseres Landes? Stellen Sie sich vor, Bra- silien war das einzige Land in der Welt, in dem Gummibäume wuchsen. Es besaß das absolute Monopol darauf, bis die Engländer es mit List verstanden, einige dieser Pflanzen auszuführen. Was streng verboten war. Am Amazonas liegt eine Stadt, Manaos, sie wurde früher die Gummistadt genannt und war so reich, daß die Hausfrauen es unter ihrer Würde ansahen, an- dere als goldene Suppenkellen zu benutzen. Heute? Heute ist es eine Ruinenstadt mit zer- fallenen Häusern, und das Gras wächst in den Straßen, denn die Engländer fabrizieren in ihren Kolonien und auf den Plantagen Gummi ratio- neller als wir in Brasilien es taten. Oh, wir sind sehr reich. In Minas Geraes haben wir sehr viele Erze. Aber wie sollen wir sie abbauen? Was nutzt uns una bonanza oder wie Sie auf deutsch Sagen, eine Goldgrube, wenn Sie keine Menschen haben, sie auszubeuten, und keine Transport- mittel, das Ausgebeutete fortzuschaffen. Bitte, kommen Sie rüber zu uns, helfen Sie uns. Las- sen Sie nur ein Jahr, ach, ein halbes, nur einen Monat ein Stück Land brach liegen, so frißt es der Urwald wieder auf und Sie erkennen das ehemals Urbargemachte nicht wieder.“ „Ja, die Entwicklung des Gummis“, mischt sich der Vater in das Gespräch ein,„war eine große Sache. So wie man die vorgeschichtliche Zeit in ein Stein-, Bronze- und Eisenzeitalter eingeteilt hat, so wird eine spätere Geschichtsschreibung aller Wahrscheinlichkeit nach einmal von einer Zeit vor und nach der Entdeckung des Gummis sprechen. Wir wären doch heute ohne Gummi praktisch recht hilflos, wenn wir allein unseren Verkehr betrachten. Das Auto, das Fahrrad und S0 viele andere industrielle Vorrichtungen sind ohne Gummi in igendeiner Form undenkbar, und schon das Fehlen eines kleinen Stückchens Gummiband im Haushalt kann die Hausfrau zur Verzweiflung bringen. Daran erst wird deut- lich, wie uns ein Geschenk der Natur, haben wir seine Nutzbarmachung erst richtig erkannt, un- entbehrlich werden kann. Genau so, wie ja auch ohne das Erdöl die heutige Industrialisierung der Welt undenkbar wäre.“ „Welches Unglück die angerichtet hat., Dio 10 sabe“, mischt sich ein Herr ein, der bis jetzt schweigend zugehört hat.„Was hat dieses 61 aus der Erde aus meinem schönen Venezuela gemacht? Sie müssen wissen, ich bin ein echter Maracucho, so nennen wir die alteingesessenen Einwohner Maracaibos und unsere Laguna, wie wir die Einbuchtung der Karibischen See an der Venezolanischen Küste nennen, war eines der schönsten Fleckchen auf Gottes Erde. Und wie sieht es heute aus? Die ganze Küste, das ganze Land übersät mit den ewig ratternden und ewig knarrenden Bohrtürmen und das Wasser der Lagune bedeckt mit einer dicken, ewig stinken- den Schicht Gl. Kein Fisch kann mehr darin leben, und unsere ehedem s0 friedfertigen Ein- geborenen, die Guajiren, sind zu armen, ewig gehetzten und ewig unzufriedenen Proletariern geworden.“ „Nun, nun, Señor, Sie sehen vielleicht doch zu schwarz. Denken Sie auf der anderen Seite dar- an, welchen Vorteil Ihr Land aus diesen Erdöl“ funden zieht. Hat es auf der einen Seite an Schönheit verloren, so gewinnt es auf der an- deren Seite an Kapitalkraft und an Arbeits- möglichkeiten für seine Bewohner. Es ist hier wie überall, wo Licht ist, ist auch Schatten. Glauben Sie mir, wenn ich meinen Großvater erzählen hörte, wie er noch mit der Postkutsche durch Deutschland reiste, so war das zweifellos recht romantisch und hatte seine Vorzüge. Aber ich ziehe heute den D-Zug oder das Flugzeug auch Vor. Beide sind aber ohne Gl undenkbar. Wie bei uns in Deutschland, wird es Ihnen in Süd- amerika eines Tages auch gehen. In nicht ganz hundert Jahren hat sich die Bevölkerung mehr als verzehnfacht. Für diese Menschen muß Arbeit geschaffen werden und Lebensraum. Mit Inka-Festung Machupicchu 8 90 4—— einem Wort eben, man muß in den veränderten Verhältnissen das Günstigste sehen und ver- suchen, nicht nur die Nachteile zu kritisieren, sondern auch die Vorteile ehrlich einzuschätzen.“ „Vati“, unterbricht Erika die Gedanken ihres Vaters,„woher kommen eigentlich die eigenarti- gen Namen, die die südamerikanischen Länder haben? Man kann sich doch gar nichts darunter Vorstellen, Brasilien, Chile, Honduras, Venezu- ela? Das sind Worte, die mir unerklärlich sind.“ „Liebes Kind, du wirfst da eine Frage auf, die schwer zu beantworten ist. Daß Amerika im all- gemeinen seinen Namen nicht nach seinem Ent- decker, sondern nach einem Italiener, der die ersten Landvermessungen ausführte und die erste Landkarte zeichnéete, nämlich Amerigo Vespucci, hat, weißt du ja sicher noch aus der Schule. Die meisten der mittelamerikanischen Namen, so dürfen wir wohl annehmen, sind in- dianischen Ursprungs. Dieser Amerigo Vespucci übrigens zeichnete die Karte Südamerikas im Auftrage eines deutschen Buchdruckers, namens Waldseemüller, im Jahre 1507. Aber das nur nebenbei. Von Peru wissen wir, daß sein Name in der Inkasprache Biru' hieß. Columbien trägt die Erinnerung an Christof Columbus und Boli- vien an Simon Bolivar. ,‚Chili' hieß eine Pfeffer- sorte in Spanien, die wir unter ‚Ajipfeffer' ken- nen. Sicherlich stammt daraus das heutige Wort Chile. Argentinien hat seinen Namen aus dem lateinischen Wort ‚äargentum'— Silber, wie ja auch sein großer Fluß, der Rio de la Plata, Silberfluß zu deutsch heißt. Vielleicht könnte dir ein Sprachgelehrter eine eingehendere Auskunft geben.“ „Eine möchte ich schon geben“, unterbricht sie der lebhafte Brasilianer.„Brasilien verdankt seinen Namen einem ganz eigenartigen Umstand. Als die ersten Kolonisatoren nach Brasilien kamen und die riesigen Mahagoniwälder vor sich sahen, glaubten sie, die Bäume glühten alle, denn sie hatten noch nie ein so rotes Holz gesehen, und erschrocken riefen sie aus: ‚braza“, was in ihrer Sprache nichts anderes als ‚glühende Kohlen' be- deutet. Nun, und so hat es sich eingebürgert, das Land, in dem diese glühenden Bäume wuchsen, das Land der glühenden Kohlen, nämlich Bra- silien, zu nennen Eigenartig, nicht wahr. Aber so fragt man sich manchmal nach der Entstehung eines Namens und dabei ist die Erklärung ganz einfach, wenn man die Sprache kennt.“ „Perdonad me, Senores, wenn ich mich auch noch in Ihr Gespräch einmische“, unterbricht sie jetzt ein sehr ruhiger, großgewachsener Herr mit beherrschten Bewegungen.„Sie sprachen vor— bin über die Entstehung des Namens Peru. Es ist meine Heimat. Eigentlich verdienten wir den Namen eines Silberlandes. Wenn auch Francisco Pizarro, zusammen mit Nuñez de Balboa, den Zug über die Cordilleren nur deswegen unter- nahm, weil er reiche Goldschätze vermutete. Denken Sie, die Quadern des Tempels zu Cuzco, der alten Hauptstadt des Inkareiches, waren nicht mit Lehm oder Mörtel aneinander gefügt, den kannte man nicht, sondern mit armdicken Silberspangen. Und Silber war der Reichtum des Landes, abgesehen von seinem ursprüng- lichen, schon uralten Nutztier, dem Lama, zu dessen Familie auch die Vicunas und die Gua- nakos gehören, deren Wolle zu Geweben, deren Haut zu Leder und deren Fleisch zu Nahrungs- mitteln verarbeitet wurden. Es war, wie Sie sehen, außer seiner Benutzbarkeit als Lasttier, nach seinem Tode noch der Lieferant für die wichtigsten Bedürfnisse des Menschen. Auch heute noch wird bei uns sehr viel Silber zutage gefördert, obgleich, wie in fast ganz Südamerika, auch die Baumwolle eine unserer größten Ein- nahmequellen ist, neben den Petroleumquellen und den Kupfererzen. Aber davon will ich Ihnen nichts erzählen. Hingegen ist die Erhabenheit der Landschaft und der Hochstand der Kultur, die die uns heute noch erhaltenen Uberreste der Baudenkmäler aus der Inkazeit erkennen lassen, nicht in Worten zu schildern. Das muß man sehen. Ahnlich, wie Ihnen vorhin unser Freund aus Mexiko erzählte, lagen die Dinge bei uns. Auch die Inkas hatten eine an sich friedfertige, das Gemeinwesen fördernde Religion, die aber dennoch alljährlich grausame Menschenopfer forderte. Einer Ihrer Schriftsteller, Otfried von Hanstein, hat einen die Verhältnisse sehr gut darstellenden Roman darüber geschrieben, Die Sonnenjungfrau', der so gut war, daß er sogar in die spanische Sprache übersetzt wurde und bei uns in Peru sehr verbreitet und bekannt ist. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, es sind nicht unsere Wissenschaftler und Hochschullehrer ge- wesen, die am meisten zur Erforschung unserer Vorgeschichte taten, sondern Europäer und dar- unter vornehmlich Deutsche. Es ist bedauerlich, Santiago de Chile daß bei uns, wie in so vielen anderen südameri- kanischen Ländern, die weißen Eroberer, die von den Eingeborenen als ,‚Götter' erwartet wurden, sich als das ganze Gegenteil eines Gottes erwie- sen haben. Denken Sie daran, Atahualpa, der letzte König der Inkas, er war der letzte, weil Pizarro ihn ermorden ließ, empfing die ‚weißen Götter' mit genau so offenen Armen wie Monte— zuma in Mexiko. Bereitwillig gab er ihnen von seinem goldenen und silbernen Uberfluß ab, denn er war klug und wußte genau, daß ä in Notzeiten weder Gold noch Silber dem Menschen Nahrung verschaffen, sondern nur sein Fleiß und seine Erfindungsgabe und er wuhßte weiter, daß die reichste Goldmine auf einem hohen, unzugäng- lichen Plateau der Cordilleren ihrem Entdecker gar nichts nützte, wenn nicht in ihrer unmittel- baren Nähe eine Wasserquelle war, die ihn vor dem Verdursten rettete und er ein zuverlässiges Lasttier bei sich hatte, das ihm half, seine Beute zu bergen. Für die Inkas wie für die Azteken War es schon eine Selbstverständlichkeit, daß Gold und Silber den Menschen nicht glücklicher und reicher machen, sondern daß dazu andere Dinge gehören. Eine Erkenntnis, zu der sich die Menschen unseèrer Zeit ganz offensichtlich noch nicht durchgerungen haben.“ Mit einem traurigen Ausdruck in den Augen, die auf ein unbestimmtes Ziel im abendlichen Däm- mer gerichtet sind, schweigt der Erzähler. Wie nachdenkend bleibt die ganze kleine Gesellschaft eine Zeitlang in Schweigen versunken, bis ein kleiner, verschmitzt aus schräggestellten Augen lachender Herr sagt:„Ich glaube fast, daß eine gewisse Grausamkeit ein sehr beliebtes Gesell- schaftsspiel auch unserer Zeit noch ist. Obgleich die Regierung es streng verboten hat, bringen bei uns in Ecuador die Eingeborenen die präpa- rierten Köpfe, die sie ihren getöteten Feinden abge- schnitten haben, noch immer auf den Markt und sie fin- den auch immer ihre Käufer dafür. Nun, man stellt sie nicht öffentlich aus, aber sie sind zu haben in Quito und aàuch in kleineren Städten.“ „Wie, abgeschnittene Köpfe?“ Erikas Augen sind vor Ent- setzen weit aufgerissen.„Oh, die Señorita muß nicht So entsetzt dreinschauen. Sie sehen ganz niedlich aus. Sie sind s0 groß wie eine Faust, fühlen sich weich an wie ein Pfirsich und ihre Haare sind ganz zart und gekräuselt wie in Natur. Sie müssen wissen, seit Hunderten von Jahren verstehen sich die Indios darauf. Sie entfernen die Schädelknochen und füllen das Ganze mit hei- Bem Sand, der die Feuchtigkeit aus der Haut auszieht und sie schrumpfen läßt, und das wird Sso lange wiederholt, bis ein großer Menschen- Kkopf zur Größe einer Faust zusammenge- schrumpft ist. Soll ich Ihnen mal einen schicken? Ich tue es gerne.“ „Ich glaube nicht, Señ̃or Rostos, daß Sie meiner Tochter einen sehr großen Gefallen damit täten. Vielleicht erscheint es ihr weniger abwegig, wenn sie diesen Anblick einmal in der zu ihm gehörenden Umgebung, nämlich auf dem Markt- platz in Quito oder irgendeiner anderen ecua- dorianischen Stadt genießt, denn die grelle Sonne dort und die schillernden Farben, die einen sol- chen Markt beherrschen, lassen das Grauen, das uns hier beim Anblick eines solchen Kopfes be— schleichen würde, vielleicht eher übersehen.“ Der Herr aus Ecuador lacht vergnügt vor sich hin und macht eine Geste, die wohl für seinen etwas herben Scherz um Entschuldigung bitten Soll.„Du, Vati, der andere Herr sprach vorhin von Cuzco, war da nicht kürzlich das große Erd- beben, welches die ganze Stadt vernichtet hat?“ „Ja“, fängt jener das Gespräch auf,„leider woh- nen wir auf sehr vulkanischem Boden und wer- den, wenn auch nicht häufig, dann aber desto heftiger von Erdbeben heimgesucht. Ich selbst War nicht mehr zu Hause zu jener Zeit. Aber ich hörte aus Telegrammen, daß die Verwüstungen ein ungeahntes Ausmaß haben. Leider werden Sie auch nicht mehr die Gelegenheit haben, die Kirche in Cuzco zu besuchen, in der Francisco Pizarro's Gebeine aufgebahrt waren. Wie sehr sich doch eine Uberlieferung im Volke hält. Die Indios sind sehr religiöse Menschen und die Kir- chen in fast ganz Südamerika täglich voller Gläubiger. Eigenartig war die Erscheinung, daß Athen an dem Altar, an dem die Gebeine Pizarro's bei- gesetzt sind, kein Eingeborener betete, während die Nebenaltäre, die irgendwelchen Heiligen ge- weiht waren, stets von einer großen Menge Gläubiger umlagert waren. Der Indianer ist sehr schwer im Vergessen und hält sehr zäh an alten Uberlieferungen fest. So leicht er bereit ist, Freundschaft zu schließen und hilfsbereit zu sein, so empfindlich ist er, wenn man seine Eigenart nicht achtet.“ Geschickt versteht es der Vater, das Gespräch auf ein allgemeineres Thema abzulenken und unter Scherzen und Lachen vergeht der Abend. Auf dem Heimweg sagt der Vater noch: „Es gibt in Südamerika wie in sehr vielen Staaten vorläufig keinen rechten Mittelstand. Man ist ganz reich oder ganz arm. Für die Kul- tur dieser Länder ist das sehr bedauerlich. Der wirtschaftliche und geistige Mittelstand, wie er in Europa, vor allem bei uns, sehr ausgeprägt ist, wirkt ungemein kulturbildend. Uberlegt, die meisten führenden Persönlichkeiten aus der Wirtschaft und der Wissenschaft kommen aus diesem Stand. Eines wollte ich euch noch erzäh- len. Ich schwieg davon bei Tisch, weil unsere südamerikanischen Freunde ja kulturell sich ganz eindeutig an Spanien und Portugal gebun- den fühlen und ich uns nicht vordrängen wollte. Aber man sollte bei der Eroberung Südamerikas auch ruhig der Expedition gedenken, die das be- rühmte Kaufmannsgeschlecht der Welser an den Orinoco unternahm, um durch Besitzergreifungen sich für die Wechsel schadlos zu halten, die der Kaiser nicht einlösen konnte. Die Expedition verlief im Sande, mußte es, weil Deutschland nicht das politisch gefestigte und interessierte Hinterland besaß wie die übrigen europäischen Nationen, damals eben Spanien und Portugal. 41 Aber das Interesse an den neuen Entdeckungen, an der Entwicklung des Karten- Wesens— denkt nur an Mar- tin Behaim, der mit Portu- giesen fuhr— war natürlich grog, das Zeitalter gab auch unserem Volk frische Im- pulse. Wußtet ihr übrigens, daß ein Landsknecht, Ulrich Schmiedel aus Straubing, fast ganz Brasilien durch- querte, in der Nähe von Buenos Aires die Niederlas- sungen Corpus Christi und Asuncién mitgründen half, sich mutig und klug gegen die Eingeborenen hielt und erst nach zwanzig Jahren nach RBayern zurückkam, unheimliche Erlebnisse hin- ter sich? Auch einer jener vielen Deutschen, die die un- dankbare Geschichte vergessen hat.— Aber jetzt genug, das war ein anstrengender Abend, und morgen geht es weiter nach München. Träumt angenehm von den gefräßigen Piranhas im Amazonas.“ 2 ˙ ˙ 22222 ˖ kein Verhältnis zur Kunst. Nichts ist falscher als das. Ich habe gerade unter Kauf- leuten, die der oberflächliche Beobachter nur als nüch- terne Rechner ansah, Mä- zene wirklich bedeutenden Formats gefunden. Sieh dich nur in der Kunstgeschichte um. Die großen Kaufmanns- kamilien in Deutschland, in Holland, in Italien haben nicht weniger für den Glanz und die Herrlichkeit künstle- — rischer Lebensgestaltung ge- tan, als die Fürsten. Daß ich als junger Mensch für Grie- 0 chenland schwärmte, ist doch nicht verwunderlich. Wir wissen in Deutschland, was griechische Kultur bedeutet. Fudapest „Dieses München ist wirklich herrlich“, seufzt Peter geradezu, als die Reisegesellschaft, jetzt Wieder vollzählig, auch die Damen, die die Fahrt nach Baden-Baden nicht mitgemacht hatten, zum Abendessen zusammengekommen ist.„Man fällt ja förmlich über Kunst, und dann die An- lage der Stadt und darüber dieser italienische Himmel!“„Heute vormittag“, nimmt eine der Reisenden das Wort,„war ich in der Glyptothek. Ich mußte wieder einmal die griechischen Halb- reliefs sehen, sie sind wundervoll.“ „Waren Sie einmal in Athen?“ fragt der Vater, offensichtlich sehr interessiert, dazwischen.„Ja, vor Jahren. Und es war ein unvergeßlicher Ein- druck für mich.“—„Ich glaube es Ihnen. Schon als Junge schwärmte ich von der Akropolis, dem Erech- theion, und ich bin in Ge- danken hundertmal dort ge- Wesen.“„Hast du denn auch Kunstgeschichte getrieben, Vater?“ fragt Peter erstaunt. „Nur für mich, Peter. Du weißt, ich kam in die kaufmännische Lehre. Aber du hast ja in Heidelberg mit zugehört, wie ich mit dem Professor über Prag sprach, und du weißt doch sicher auch durch meine Bibliothek, wie sehr ich Kunst immer liebte. Es ist eines der lächer- lichen Vorurteile der Halb- gebildeten, zu glauben, ein Kaufmann, dem das Leben Könntest du dir eine Erschei- nung wie Goethe ohne die Sonne Homers denken?“„Sie haben wirklich Glück, mit einem solchen Vater zu reisen“, greift die Dame das Thema wieder auf.„Auch Sie müssen einmal in den Hafen von Athen einfahren. Die Akropolis, vom Schiff aus gesehen; das is für mich das Unvergeßlichste, was es gibt. Und dann die Insel Korfu, der Schönheitstraum der Kaiserin Elisabeth von Gsterreich. Ich bin wie- der ganz erfüllt davon, und ich rate Ihnen, lesen Sie die„Griechische Reise“ von Rudolf G. Binding oder Gerhart Hauptmanns„Griechischer Frühling.“ Unsere Dichter haben am tref- fendsten gesagt, was Griechenland für uns be- deutet.“ — eigentlich wenig Zeit zu gei- stiger Muße gönnt, habe BubEarest Peter sieht ein wenig lächelnd, mit der Sicher- heit eines realistischen jungen Menschen von heute, auf die Schwärmerin.„Aber das moderne Griechenland, Vater, das ist doch sicher anders?“ „Bestimmt, Peter, und ich hoffe, du wirst dich mit den Balkanstaaten, auch mit Rumänien und seiner Metropole Bukarest, mit Bulgarien und der Hauptstadt Sofla, mit Ungarn und dem unvergänglich schönen Budapest, mit Jugoslavien und dem pittoresken Belgrad als Kaufmann später noch beschäftigen können. Es wäre sehr wünschenswert, wenn wir zu diesen eigenartigen Ländern wieder in normale Handelsbeziehungen kämen und nicht nur von ihren landschaftlichen Reizen, der alten Tradition ihres Volkstums redeten. Gerade Griechenland will nicht ewig und immer als Erbin von Athen und Sparta angesehen wer- den. Von Tabak, Gl und Sultaninen habt ihr genug gehört, und das kleine, im Krieg bös mit- genommene Land bemüht sich um eine eigene Industrie. Der Levantiner soll dabei immer wie- der zum Vorschein kommen, ein Typ, an den wir uns gewöhnen müssen.“ „Was ist das, der Levantiner. Vater?“ „Ich hätte das eigentlich nicht sagen sollen, ihr wißt, daß ich es nicht liebe, Abschätzendes über andere Völker zu sagen. In diesem Ost- europa, der ‚Levante“, wie die italienischen Kaufleute alle von ihnen aus östlich gelegenen Mittelmeerländer nannten, hat sich ein Kauf- mannstyp herausgebildet, der besonders gerissen und verschlagen sein soll. Dabei ungemein fähig und spekulativ veranlagt, aber im Charakter nicht sehr angenehm. Der türkische und arme- nische Einfluß, der früher von Anatolien, dem einstmals griechischen Kleinasien, nach dem europäischen Griechenland übergriff, mag da auch mitgespielt haben. Ich glaube jedoch, es ist gescheiter, wir sehen das Positive und Zukunfts- Weisende der Völker, statt uns bei kleinen Erb- übeln, die jedes Volk mit sich schleppt, aufzu- halten. Bedenkt allein, welche Entwicklung die Türkei genommen hat! Ist sie nicht auf dem Wege, ein leistungsfähiger Industriestaat 2u werden? Die verschleierten Frauen, haben sie heute nicht alle Rechte und tragen schicke Pariser Hütchen? Nein, laßt euch nie von Vor- urteilen leiten. Vorsichtig werden ein gewissen- hafter Kaufmann, ein weitsichtiger Politiker ohnedies sein.“ Der Vater wendet sich wieder an die Verehrerin griechischer Kunst, die ihm nachdenklich, aber beifällig zuhört.„Hatten Sie auch das Glück, die griechischen Kulturreste in Süditalien und auf Sizilien zu sehen? Schade, das müßten Sie noch nachholen. Ich sehe jetzt noch, wie die Ruinen von Paestum gegen die Sonne stehen, wie die goldenen Marmorsäulen vor dem fast veilchen- farbenen Himmel leuchten. Und dann Palermo, die Stadt, die wie in einer Muschel zu Füßen Dubrovbnit des Atna liegt, und Syrakus, Messina mit ihrer griechischen Frühgeschichte! Die Landschaft ist dort unvergleichlich schön, wie meistens auf vulkanischem Boden. Peter, weißt du noch, wie wir vor Jahren, du warst noch ein kleiner Schul- bub, eine Wanderausstellung mit Modellen der europäischen Freilichttheater sahen? Es ist wohl schon zu lange her, aber gerade auf Sizilien sind prachtvolle Freilichttheater, frühere römische Arenen, und große Opern werden dort alle paar Jahre glanzvoll aufgeführt. Daß ihr in Palermo zuerst einmal an die nor- mannisch-arabischen Einflüsse und an die Kul- tur des gewaltigen Staufenkaisers Friedrichs II. denken müßt, das wissen meine klugen Kinder ja hoffentlich?“ Peter und Erika seufzen aus tiefem Herzen und wundern sich, daß alles lacht.„Wir werden mor— gen auch in die Musèeen gehen, sonst fährt Vater überhaupt nicht mit uns weiter.“ „Für echten Kunstgenuß“, meint der Vater, als sich die beiden verabschiedet haben,„sind sie vielleicht noch zu jung, auch weniger veranlagt. Aber sie sollen ruhig wissen, was auch Europa an großartigen Werken hervorgebracht hat. Die Gefahr, daß man bei uns nur noch fasziniert nach Amerika sieht, ist ohnedies nicht zu über- sehen.“ Am nächsten Tage trifft sich die Reisegesellschaft noch einmal in München zum Mittagessen, bevor sich der Teilnehmer Wege trennen. Lebhaft er- zählen sie, was sie am Vormittag getrieben haben. Peter und Erika sitzen still zwischen ihnen. Sind sie müde? „Oh nein, aber diese herrlichen Bilder heute früh! Die italienische Renaissance!“ „Man muß sich das auch hier in München an- sehen, wenn man schon selbst nicht über die Alpen kann“, äußert sich ein vielgereister Herr „Ich— und mit mir übrigens viele andere— habe München immer als ein Stück nördliches Italien empfunden. Der Himmel in Italien, um euch gleich am Anfang zu enttäuschen, ist näm- lich auch nicht blauer als hier. Die eigentüm- liche Föhnstimmung, die man hier immer wie— der erlebt, gibt München etwas ausgesprochen Südliches. Was hat euch denn am besten gefallen?“ „Das können wir nicht sagen, wir haben uns auf die Italiener der Renaissance beschränkt, sonst wären wir jetzt noch unterwegs. Vater, Was muß dieses Rom des Michelangelo und des Raffael einmal für eine Stadt gewesen sein! Das Florenz der Medici und Venedig, die alte Dogen- stadt, einst Königin der Meere!“ „So etwas kann man an einem Tag auch gar nicht in sich aufnehmen“, beruhigt sie der Vater. „Ihr sollt ja nur eine ganz kleine Vorstellung bekommen, sonst nichts. Wenn wir von Mitten- Wald Zzurückkommen, läßt sich vielleicht noch einmal ein Tag München einlegen.“ „Ach ja, Vater, das wäre schön. Heute nach- mittag wollen wir, wenn du erlaubst, noch in das Völkerkundemuseum in der Maximilian- straße gehen. Der Bruder meines Freundes ist dort Assistent und hat am Nachmittag für uns Zeit.“—„Sehr gut, Peter, wenn ich euch nicht störe, schließe ich mich an.“ Im Museum herrscht eine geradezu feierliche Stille. Die jungen Gäste blättern in einem kost- baren Buch über indische Miniaturen, der Assistent des Museums gibt zu den Kunstblät- tern kurze Erklärungen.„Indien?“ sagt Peter. „Ich muß Ihnen gestehen, den entscheidendsten Eindruck bekam ich von diesem Land, als ich den Roman von Louis Bromfield„Der große Regen“ las. Die Abhängigkeit Indiens von den Monsunen und dem Regenfall hat mich stark beeindruckt. Aber es handelt sich da doch nur um einen kleinen Ausschnitt, und Indien ist ja, wie ich jetzt merke, unvorstellbar groß.“„Es ist ein Erdteil für sich, k5öInnte man ohne Ubertrei- bung sagen, und hat vierhundert Millionen Men- schen. Es ist wirklich das Land der ,tausend Gesichter'. Bedenken Sie, daß auch Siam und das heutige Indonesien kulturell und landschaft- lich dazugehören. Sie kennen doch sicher auch den wunderbaren Kulturfilm Die Insel der Dä- monen'? Nun, das Zauberland Bali, dieses Pa- radies der Schönheit, liegt in dem früheren Reisfeldbewässerung Niederländisch-Indien, weit von der eigentlichen vorderindischen Halbinsel entfernt und zzeigt trotzdem in den Tempeltänzen der kleinen Mäd- chen reine indische Kultur. Es geht Ihnen wie jedem, der sich dem Begriff Indien' nähern will. Er steht ratlos vor einer Uberfülle.“„Wir haben viel von Indien gehört, die Loslösung von England, die Teilung in das eigentliche Indien — Hindostan— und das mohammedanische Pa- kistan, die wirtschaftliche Verselbständigung— genug Probleme, scheint uns.“—„Sie haben recht“, fährt der Assistent fort.„Indien ist durch eine seiner größten Umwandlungen gegangen. Die Millionen Hinduflüchtlinge, die aus Pakistan nach Hindostan umsiedelten, bildeten eine ähn- liche Völkerwanderung, brachten ein Ubermaß an Leid und Tod für die Betroffenen, wie die Austreibungen aus unserem Osten. Hier wie dort sahen andere Völker gelassen zu.“ „Ist eigentlich“, fragt Peter wißbegierig weiter, „nach Ihrer Meinung der englische Einfluß schon sehr ausgeschaltet?“—„Ganz und gar nicht, man darf sich da nichts vormachen. In einem Land mit so vielen Sprachen und Dialekten muß ja die englische Sprache vorerst noch Amts- und Handelssprache bleiben. Der neue Handelsver- trag hält England dazu an, jährlich eine riesige Menge Tee von Indien zu kaufen, und Indien gibt dafür seine Aufträge an Maschinen und Chemikalien in erster Linie nach England. Sie hat es nicht leicht, die große Mutter Indien. Eine Industrialisierung ist nicht möglich, solange die Menschenkraft so unverhältnismäßig billiger ist als die Maschine. Von Landesprodukten kann Indien auch noch nicht viel ausführen, sein Be- darf ist so groß, daß es für die eigenen Landes- kinder neu anpflanzen muß. Der Großteil der Bevölkerung lebt in geradezu grauenhafter Armut. Wir lesen immer von den unter Brillan- ten erstickenden Maharadschas, vergessen aber, daß die meisten Inder kein Dach, keine Lager- stätte haben, daß sie sogar auf den Bürger- steigen in den Großstädten nächtigen und bei schlechten Ernten fatalistisch und klaglos verhun- gern. Indien steht vor riesigen Aufgaben, wenn es das Elend seiner Landeskinder bessern will.“ „Wir haben“, ergreift der Vater das Wort,„davon gehört, daß das unselige Kastenwesen gebrochen sein soll?“ „Ja, Wenigstens in der Verfassung, auf dem Papier. Indien hat Religionsfreiheit bekommen. Jeder Inder kann sich wieder als Mensch fühlen. Sie ahnen nicht, in welcher Weise die reine Ge- stalt des Mahatma Gandhi dieser Entwicklung geholfen hat. Die Inder, Hindus und Mohamme- daner, vergleichen ihn mit Christus. Die christ- lichen Missionen sehen, wie in Südafrika, in In- dien ein neues Feld, auf dem der leise Geist des Gandhi ihnen wie auf Taubenfüßen voran- ging. Es ist so schön, wenn etwas ohne Mor- den geht.“ Der Assistent spricht weiter.„Man will ja auch dem Unfug der Frühehe steuern, die so viele Mädchen zum Tod verurteilt und so viele lebens- unfähige Kinder schuf. Und wenn ich hnen von den hygienischen Verhältnissen erzählen könnte.. Na, lassen wir das. Hoffen wir, daß das große Land Kraftreserven aktiviert, um sich selbst zu helfen. Hier habe ich einige eindrucks- Volle Aufnahmen von Bombay und Kalkutta. Diese Städte wurden durch England und den durch England geförderten Handel groß. Sie sehen die eleganten Wohnungen des Vizekönigs und der englischen Kolonie. Die Engländer, deren Heldentum am Kyberpaß Rudyard Kipling Sso schön besungen hat, haben schon einiges ge- leistet, das muß man ihnen lassen. Nur nichts Spbezifisch Indisches, das liegt überhaupt nicht im Wesen ihrer Kolonialpolitik.“ Der Vater fragt, während sie durch die Säle gehen:„Wir lasen vor Jahren von wunderbaren Tempelfunden in Bangkog.“ „Ja, Bangkok in Siam, die Stadt der siebenhun- dert Tempel. Die indische Kunst hat für uns etwas Bizarres und Unhbeimliches, die Riesen- Kköpfe der Götter an den Tempeln, die Bilder von Tier- und Menschenopfern, man glaubt doch manchmal, die blutgierige Göttin Kali herrsche in den Seelen der stillen kleinen braunen Men— schen weiter. Neben der Verehrung, die den hei- ligen Kühen, den heiligen Elefanten dargebracht wird. Da Sie vorhin in einem Buch über indische Miniaturen blätterten..., die Herrschaft der Mos- lims, die dann die Engländer ablösten, hat die indische Kunst ungemein befruchtet. Haltet euch“, wendet er sich an die beiden jungen Be- sucher,„an die Kunstdenkmäler, die unvergäng- lich herrlich sind. Sie sind doch die gültigste Aussage über Indiens Seele und auch das, was uns Europäer immer wieder am stärksten ergreift. Jetzt kommen wir in den chinesischen Saal und ich kann Ihnen gleich verraten, daß es uns nicht besser gehen wird als in Indien. Ich finde schon die chinesische Landschaft ungemein faszinie- rend, die Löhebenen, die Felskegel inmitten der raffinierten Berieselungsanlagen für die Reis- felder... Sehen Sie, bitte, hier. Ein ganzes Pano- rama von der chinesischen Mauer. Die roten Armeen wollen sie ja abtragen, aber ich glaube, dazu werden sie eine Weile brauchen. Die chinesischen Spielereien, hinter denen sich Europa über den gelben Mann mit dem Zopf amüsierte, geben Ihnen keinerlei Vorstellung von diesem Land.“ „Man wird“, wirft der Vater ein,„über diese östlichen Länder im Augenblick auch nicht viel sagen können, durch die ewigen Unruhen ist alles zu sehr im Fluß.“ Jehol „Was bleibt, sind die uralten, so unvorstellbar Künstlerischen und architektonisch meisterhaften Baudenkmäler dieser alten ausgereiften Kultur, die uns trotz allen Studiums stets fremd bleiben wird. Wie lange aber noch— und auch diese werden unter dem ewig wandernden Löſistaub der chinesischen Ebene begraben sein. Und auf der anderen Seite die fast ebenso unvorstellbare Armut und Primitivität der Kulis und der Fischer, die mit ihren Dschunken und Haus-— booten jedem chinesischen Hafen das Gesicht geben.“ Die jungen Leute nicken. Sie können sich nicht losreißen von den Vasen und Waffen.„Vergessen Sie, wenn Sie an China den- ken, nicht seine Landschafts- malerei und seine Sprüche der Weisheit. Ewig, unver- gleichlich, jeden Tag neu. Und seine uralte, hochent- wickelte Kultur.“ „Ich fürchte, da werden wir über Japan auch noch nichts Gültiges zu hbören bekom- men?““— „Etwas mehr doch, denn das Land hat ja Frieden. Sehen Sie hier, diese schönen Sa- muraischwerter. Sie kennen doch die Samurai, den Adel des Volkes, mit seinem feu- dalen Theater, feudalen Klö- stern und Lebensriten? Das war für uns früher Japan. Und die Geishas, jene hoch- kultivierten Frauen, die Ge- fährtinnen der geistreichen Japaner, denen manche Kai- ser Denkmäler setzen ließen, gehörten dazu wie der Fuji, den Sie weißleuchtend auf jedem Bild sehen. Bitte, gleich hier ein alter bemalter Wandvorhang. Immer ist im Hintergrund der zauberhafte Vulkan. Uber Japans Seele könnte ich Ihnen viel erzäh- len, denn sie ist wechselnd und schwer zu fassen. Kennen Sie das große epische Werk „Die geflügelte Erde' von Max Dauthenday?“ Die Kinder Verneinen.„Ja, er wird jetzt nicht mehr so viel gelesen, aber wenn Sie sich für die alten Kulturen unserer Erde interessieren, dann sollten Sie sich das Werk einmal 5 ausleihen. Uber Japan hat er wunderbar geschrieben. Vor allem in seinem Buch Die acht Gesichter am Biwasee'. Er liebte es, weil es ihn landschaftlich merkwürdigerweise 80 sehr an seine Heimat, an Würzburg, erinnerte. Aber ich denke“, wendet er sich an den Vater, „die Jugend will lieber etwas vom heutigen Japan hören, habe ich nicht recht? Hier ist eine Groß- aufnahme von Tokio. Trotz der Erdbeben— das letzte große war in den zwanziger Jahren— ist Tokio eine moderne Stadt. Der Japaner hat sich unheimlich rasch de- mokratisiert. Ich glaube, manchmal wird sogar den Amerikanern vor dieser Fixigkeit bange. Sie kennen doch alle die rührenden Geschichten, wie einfach jetzt der Tenno lebe, daß die Prinzessin- nen Beamte heiraten, die Söhne Stellungen einneh- men? Bewahren Sie sich da, bitte, einiges Mißtrauen. So schnell kann das alte Japan im Herzen des Volkes nicht sterben, und das soll es auch gar nicht. Das Land hat es nicht leicht, seine Seide wird nicht mehr verlangt, die Märkte sperren sich noch, die Armut ist auch in diesem Inselreich groß. Rätselhafte Selbstmordepidemien zeigen uns immer wieder, daß in der Seele der asiatischen Völker Tiefen sind, die wir nicht ermessen. So wie sie IIIIIIIR οαα⁰ν⁰α⁰εα 1 il auch uns nicht ganz ver—- stéhen können. Aber nun nehmen Sie sich, bitte, Zeit und sehen Sie sich die wert- vollen Kimonos der Frauen, die Waffen, die Kultgeräte einmal in Ruhe an. Wir reden zu viel und sollten lieber schauen.“ Nach einer langen schweigend und betrachtend Verbrachten Zeit verabschieden sich die Besucher, begeben sich zum Zug, um ihre Reise fortzusetzen. §Schönbrunn Innsbruck in Mittenwald. Tief Endlich sind unsere Drei atmend gehen sie durch die„Haupt“straße und blicken bewundernd auf die buntbemalten kleinen barocken Bauerhäuser, die von keiner geringe- ren Kultur zeugen als die alten Häuser fremder Völker.„Wir wollen rasch einige Postkarten nach Bremen schicken“, schlägt der Vater vor, „damit man dort weiß, daß wir trotz unserer Reisen über die Rocky Mountains und durch Feuerland gut angekommen sind. Hier ist ein kleiner Laden, eine Landkarte müssen wir für unsere Ausflüge ins Wendelsteingebirge natür- lich auch haben.“ Die Besitzerin des Ladens ist jener braunäugige freundliche Frauentyp, den man in den bayeri- schen und österreichischen Alpen überall trifft. Sie breitet ein Album mit Postkarten vor den Besuchern aus und Peter entdeckt zwischen den Gebirgsaufnahmen Ansichten von Wien und Innsbruck. „Ich war als junges Ding in Wien“, erklärt die Frau,„zur Lehre bei meiner Tante. Vergessen kann ich die Jahre nicht. Wissen Sie, ich glaube, Wien ist doch die schön- ste Stadt.“ Der Vater und die Kinder sehen sich erheitert an. Wie oft haben sie das gehört,„die schönste Stadt“!„Aber Wien ist das wirklich“, ereifert sich die Ladnerin,„nur wie es heute ist — ich mag gar nicht daran denken. Im Prater nur noch das Riesenrad, nur Fremde und die vielen dummen Witze.“„Verlieren Sie nicht den Mut“, begütigt der Vater,„Wien war immer ein Bollwerk gegen den Osten und ist es auch jetzt. Und schön wird es wieder werden, dafür sorgen seine Kunst, seine Frauen und sein lebensvolles Volkstemperament. In Innsbruck scheinen Sie auch gewesen zu sein?“ „Ja, mein Mann ist von dort und man konnte ja vor ein paar Jahren mühelos hinüber. Eigentlich schad“, und ihre herzlichen Blicke hängen be- dauernd an den jungen Leuten,„daß Sie die Eisenbahnstrecke nach Innsbruck nicht weiter fahren können. Ich bin so oft dorthin gereist, und ich kam nie vom Fenster weg. Innsbruck ist eine Fremdenstadt, hoffentlich kann man bald wieder hin. Sehen Sie, da ist die Maria- Theresia-Straße mit der Annasäule. Die finden Sie auf jeder Postkarte. Aber so viel Schnee wie auf den Postkarten haben wir doch noch nicht. Das ist Aufschneiderei.“ Alles lacht. „Sie müßten da auch das Haus zum Goldnen Dachl séehen, wo der Kaiser Maximilian als Aus- guck den Erker wie eine kleine Fürstenloge dran kleben ließ, goldgedeckt, mit den lustigen Reliefs vom Erasmus Grasser. Und dann die Hofkirche. Wissen Sie, da liegt die schöne Philippine Wel- ser drin, die Frau von irgendeinem Ferdinand und da finden Sie auch den Grabstein vom An- dreas Hofer. Der Iselberg ist ja über Innsbruck.“ „Der Iselberg?“ ruft Erika,„oh, ich weiß: Der Tod, den er so manches Mal vom Iselberg geschickt ins Tal'. Wir haben es oft in der Schule gesungen.“ „Unser Innsbruck“, seufzt die Frau.„Vielleicht kann man doch bald rüber, auf der Karte da finden Sie alles.“ „Was machen wir jetzt?“ fragen die Kinder sich, als sie wieder auf der Straße stehen. „Ich will euch einen ganz waghalsigen, Uungewöhnlichen und aufregenden Vorschlag machen“, lächelt der Vater.„Wir gehen da rüber auf die nette kleine Wiese, legen uns ins Gras und fangen an, uns zu erholen.“ BLB Karlsruhe 57 62615 2 031