60 A 4473 60A 4473 Der Bundschuh Bilder aus den Bauernaufständen ΩΠΟ A ttto früheits hon Dr. Alois Riedmann L Schall. B Wa Der Bundschuh Bilder aus den Bauernaufständen Scho D Don Dr. Alois Riedmann. ,, Reich sollen wir wer'n Und stehn in Ehr'n, Hielt süß man uns für, Womit man uns verführ. Reich wär'n wir wor'n? O Gott erbarm, Was wir hatten, das han wir verlor'n, Nun sind wir arm." ( Bauernlied nach dem Aufstand.) 28819 Würzburg 1925. 3m Selbstverlag des Verfassers. Kommissionsverlag: Valentin Bauch, Buchhandlung, Würzburg. AK 60 A 4473 Der Stempel der aufrührerischen Bauern. ( nach dem einzigen in Würzburg erhaltenen Original.) BADISCHE Dem Hochwürdigsten Bischof von Würzburg Dr. Matthias Ehrenfried in Ehrfurcht und Liebe gewidmet. Inhaltsverzeichnis. Seite 1 1. Die erste Tat 2. Der Pfeifer von Niklashausen 3. Jost Fritz. 4. Die Herren von Lupfen 4 10 14 5. Die drei Feuersäulen 19 • 6. Die zwölf Artikel 7. Die Anfänge des Aufstandes in Rothenburg 8. Die Weinsberger Tat 22 • 27 • 32 9. Die Diebeshand in Tyrol 35 10. Auch die Elsässischen sind aufwegig" 37 . 11. Der Tumult zu Bamberg 39 12, Die Greuel der Verwüstung im Allgäu 43 13. Schuld und Sühne in Thüringen 45 14. Die Schlacht bei Königshofen am 2. Juni 16. Das Schreckensgericht von Kitzingen 49 15. Die Katastrophe bei Sulzdorf und Ingolstadt 52 . .. 55 17. Die Stadt Würzburg und ihr Bischof im Bauernkrieg. 61. Die erste Tat. In der gottgesegneten Ebene der Kurpfalz lebten ehedem die Bauersleute in bitterer Not. 3um großen Teile waren sie an die Juden verschuldet, die in den gesicherten Mauern der freien Stadt Worms ihre Wohnung hatten. Ihr Kurfürst Ludwig, der zu Heidelberg wohnte, hatte Mitleid mit den ,, armen Leuten" und er gedachte ihnen zu helfen. Als deswegen im Jahre 1431 Kurfürst Ludwig in die Stadt Worms zu Besuch kam, gab er den Stadtvätern gegenüber die Anregung, ob nicht seinen bedrängten Untertanen zu helfen sei, indem man sie aus den Klauen der Juden befreie. Der Kurfürst wollte, daß diese Anregung sicheren Erfolg bringe und er veranlaßte den Burggrafen Hermann von Rotenstain, daß auch er seinerseits ein Gesuch nach Worms richte mit der Bitte, es möge dem unlauteren Handel der Juden Einhalt geschehen und den bedrückten Bauern der Wucherzins erlassen werden. Die Stadt Worms zeigte sich auf diese zweifache Bitte hin willfährig; nur erwartete sie, daß sich auch das Landvolk selber mit einem entsprechenden Schreiben an den Stadtrat wende. Aber wer ermißt den Schrecken der städtischen Behörde und aller Einwohner Worms, als am 17. Dezember 1431 statt einer Bittschrift die unglaubliche Nachricht eintraf, die Bauern der Umgegend, sowie der ganzen Kurpfalz hätten sich zusammengerottet und kämen mit ihren Schultheißen an der Spitze selber nach Worms, um sich ihre Befreiung von der Schuldenlast zu erzwingen. Dieses Vorgehen des Bauernstandes war bis zu jenem Tage ein so unerhörtes Ereignis, daß sich die Stadtväter keines Rates wußten und einen Eilboten an den Kurfürsten sandten, er möge seine Untertanen beschwichtigen und so die Stadt retten. 1 2 Der Kurfürst tat, als ob er von dem ganzen Ereignis nichts wüßte und er vertröstete die Stadt mit dem Versprechen, versöhnend auf die Empörer zu wirken. Indessen sollten sie keinen von den Juden an die Bauern ausliefern. Drei Tage später, am 20. Dezember kurz nach Mittag, kamen die aufständischen Bauern vor die Tore der Stadt Worms. Es waren ihrer dreitausend. Sie waren mit Spießen, mit Armbrust und Harnisch ausgerüstet wie ein geordnetes Kriegsheer. 3wei pfälzische Amtsleute entsandten sie an den Rat der Stadt und ließen ihm sagen, er möge ihnen alle Juden, die in Worms wohnten, ausliefern und ihnen gestatten, mit denselben zu verfahren, wie sie es verdienten. Sie hätten für dieses Vorgehen Brief und Siegel ihres Kurfürsten. Die Bauern ahnten nicht, daß die zwei Amtsleute, die sie an den Rat entsandten, zwei Verräter waren. Nachdem näm= lich die beiden ihre Botschaft ausgerichtet hatten, ließen sie dem geängstigten Stadtrat ziemlich deutlich erkennen, daß sie gewillt seien, zum Nutzen der Stadt mit den Bauern zu reden. Sie erhielten für diese Bereitschaft einen Judaslohn und mit Beschwichtigungen und lügnerischen Reden brachten sie es fertig, daß der Bauernhaufe von Worms nach einem der Vororte abrückte. Als sie aber nach wenigen Tagen merkten, daß die Stadt Worms ihren Forderungen nicht willfahren wolle, rückten sie abermals heran und bedrohten die Stadt noch ärger als zuvor. Der Stadtrat wandte sich um Hilfe nach Speier und entsandte zugleich eine zweite Botschaft an den Kurfürsten Ludwig mit der Anklage, daß er um den Aufstand seiner Untertanen wissen müsse und sich nicht bemühe, dagegen einzuschreiten. Unter einem Schwure versicherte Ludwig, daß er mit der Empörung nichts gemein habe und er gab ihnen die schriftliche Zusicherung darauf, daß er einschreiten werde. Nur war dieses Einschreiten anders gemeint, als wie sich die Wormser es dachten. Kurfürst Ludwig ließ seinen Untertanen sagen, daß sich die Juden noch bestimmen lassen würden, gegen die armen Leute nachgiebig zu werden und sich das ausgeliehene Kapital zurückzahlen zu lassen. Auf diese Zusicherung hin zogen die Bauern nach Hause, jedoch unter dem gegenseitigen Versprechen, wiederzukommen, wenn man ihnen nicht helfe. 3 Die Bewohner Worms atmeten erleichtert auf. Aber ihre Freude währte nicht lange. Bereits am 5. Januar 1432 erschienen fünf pfälzische Räte als Abgeordnete der Bauern und verlangten kurzweg: ,, Alle Schulden, die von den Bauern an die Juden zu zahlen seien, werden von der Stadt in vollem Umfange als getilgt erklärt. Geschehe das nicht, so besorgten sie, daß darauf folgen möchte, was nicht gut sei". Tatsächlich entrollten die Bauern zum zweitenmal ihr Panier und sammelten sich allenthalben zum Aufstand. Don Dorf zu Dorf erscholl die Trompete, die zum Eintritt in das Bauernheer aufrief. Jetzt erkannte Worms erst recht den Ernst der Dinge. Die Juden auszuliefern, konnte die Stadtbehörde nicht für Recht ansehen, da dieselben wie alle anderen Bürger den Schutz der Stadt genaßen. Noch weniger wagten sie es, die Schuldbriefe der Bauern für ungültig zu erklären. Die Bedrängnis, in welcher sich Worms befand, wurde in allen rheinischen Städten bis hinauf nach Basel und Konstanz rasch bekannt. Sogar bis nach Rom drang die Nachricht von dem Aufstand der ,, armen Leute" in Deutschland. Die Städte, die hier das erste Beispiel einer Bauernerhebung sahen, fanden sich auf einem allgemeinen Städtetag zu Ulm und dann zu Straßburg zusammen, um für ähnliche Vorkommnisse die entsprechenden Maßnahmen zu treffen; denn mit Recht sprachen die Wormser auf diesem Städtetag die Befürchtung aus, es würde nach der allgemeinen Stimmung auf dem Lande das deutsche Reich und die katholische Christenheit durch Bauernaufstände ,, mehr betrübt und bekümmert werden, als wie es die letzten Zeiten durch die Husiten in Böhmen geschah". Dieser tatsächlichen Volksstimmung Rechnung tragend, sah sich deshalb Worms genötigt, den Forderungen der Bauern, die zum zweitenmal an die Stadttore anpochten, nachzukommen. 3war war es mehreren Edelleuten mit ihren bewaffneten Mannen gelungen, den Bauernhaufen vor Worms auseinanderzusprengen. Die Fürsten und Ritter kamen sogar zu Bingen zusammen, um über die Aufrührer zu Gericht zu sitzen. Unter Todesstrafe wollte man es den Bauern verbieten, sich nochmals zusammenzurotten. Aber die Stadt Worms handelte anders. Sie setzte es auf 3ureden des Kurfürsten Ludwig durch, daß die Juden auf allen 3ins, soweit er noch zu bezahlen war, ver1° 4 zichteten. Überdies erhielt jeder Schuldner eine längere Frist zugebilligt, innerhalb welcher er das entliehene Kapital heimzahlen konnte. 3um erstenmal hatte sich hier der Bauernstand zu einer gemeinsamen Empörung zusammengefunden. Von den Bündnissen der Fürsten und Herren, der Ritter und Städte hatten sie ge= lernt, daß ,, man sich zusammentun müßt in Haufen, und einen eigenen Bundesbrief machen und eigen Panier haben, daran man erkennen möcht, wes Standes man wäre und was man wollt gewinnen durch die Sammlung." Als Panier wählten sie einen ihrem Stande eigentümlichen Schuh, den sie vom Knöchel an aufwärts gitterartig mit Riemen banden, den sogenannten Bundschuh. Diesen steckten sie als 3eichen ihrer Empörung auf Stangen oder ließen ihn auf ihren Fahnen abbilden. Bauernempörungen wurden seitdem mit dem Namen Bundschuh bezeichnet. Der Pfeifer von Niklashausen. Es war im Jahre 1476. Da trat zu Niklashausen im Taubertale ein junger Mann auf mit Namen Hans Böheim. Im Volksmunde wurde er genannt Pauker oder Sackpfeifer von Niklashausen. Denn obwohl er nur ein armer Schweinehirte war, besaß er doch die Fähigkeit, die Pauke zu schlagen und die Pfeife zu spielen. Zu allen Kirchweihen und Hochzeitsfesten der Umgegend wurde er eingeladen. Diesen lustigen Musikanten und träumerischen Hirten erfaßte plötzlich ein religiöser Wahn. Es war mitten in der Fastenzeit. Alle seine Dorfgenossen setzte er in Staunen, als er sagte, es sei ihm die Mutter Gottes erschienen. Als jedoch das erste Erstaunen vorüber war und man anfing, ihn als einen Narren zu ver= lachen, wußte er sie von der Tatsächlichkeit der Erscheinung rasch zu überzeugen. In aller Öffentlichkeit verbrannte er seine Pauke und seine Flöte und gab an, die Mutter Gottes sei ihm wiederum erschienen und hätte von ihm verlangt, daß er so handle. Das Lachen verstummte und man fing an, den jungen Mann in scheuer Ehrfurcht zu bewundern. Aber bald erzählte Hans Böheim von einer dritten Erscheinung. Die Mutter Gottes sei zu ihm gekommen und hätte ihm befohlen, er solle, nachdem er sich selber bekehrt habe, auch die anderen zu bekehren versuchen. . 5 Es machte tiefen Eindruck, wie der bisher so lebensfrohe Geselle nun als Bußprediger auftrat und seinen Landsleuten zurief, daß sie sich von ihrem Spielen und Tanzen, von 3echgelagen und allem Vergnügen freimachen sollten; denn das Reich Gottes sei nahe gekommen. Besonders wußte er auf die Frauen einzureden, daß sie sich alles eitlen Puzzes entledigen müßten; Ohrringe und Halsbänder, seidene Schnüre und Brusttücher, spitze Schuhe und kostbare Strümpfe dürften sie fürder nicht tragen. Diese völlige Entäußerung von aller Annehmlichkeit des Lebens wußte er dadurch zu fördern, daß er selber in halbnacktem 3ustand einherging und größte Enthaltsamkeit übte. Es lag in der Verfassung der damaligen Mitwelt, daß sich ungemein viele der neuen Schwärmerei anschlossen. Es begann eine förmliche Wallfahrt nach Niklashausen. Aber es dauerte nicht lange, und der anfängliche Bußprediger fing an, über rein weltliche Dinge zu sprechen. Die Mutter Gottes sei ihm abermals erschienen, sagte er, und hätte ihm aufgetragen, daß er mithelfen solle, ein neues weltliches Reich zu gründen. In diesem neuen Staat dürfe es weder Papst noch Kaiser geben; sowohl die geistlichen als auch die weltlichen Herrn müßten verschwinden: die Priester, die zum Teil unwürdig lebten, dürfe man töten. Vollste Brüderlichkeit sei das Hauptmerkmal der neuen Zeit. Auch müsse fürderhin ein jeder für seinen Lebensunterhalt selber sorgen. 3insen und Zölle, Zehnt und Steuer, Frondienst und Leibeigenschaft seien zu beseitigen. Dagegen solle jeder das gleiche Anrecht haben auf Wasser, Wald und Weide. Solche Worte hatte bisher noch niemand gewagt zu sprechen. Sie wirkten auf das zum großen Teil sehr bedrängte Volk wie ein Lied der Erlösung. Den Pfeifer von Niklashausen nannte die begeisterte Zuhörerschaft ,, den neuen Messias". Andere gingen in ihrer Verehrung zu ihm so weit, daß sie mit Messern von den Kleidern des heiligen Jünglings", des ,, Propheten Gottes" und des ,, Doktors der Wahrheit" Fezzen abschnitten, um sie als kostbare Reliquien mit nach Hause zu tragen. Nicht nur vom Taubertal und vom Odenwald, nicht nur aus der Maingegend und vom Neckar, sogar vom Elsaß und aus dem Rheinland, aus Schwaben und aus Bayern, von Thüringen und aus Sachsen kamen Pilger nach Niklashausen, um den neuen Apostel zu hören. Die Zahl seiner Zuhörer wuchs zuweilen auf dreißig- und vierzig 6 tausend. über viele kam die Schwärmerei ganz plötzlich. Handwerksgesellen liefen aus ihren Werkstätten, Bauersknechte vom Pflug, Grasmägde vom Felde, ohne Urlaub ihrer Herren, angetan wie sie waren, ohne 3ehrung und Reisegeld für den Weg. In allen Ortschaften, durch die sie zogen, fanden sie gleichgesinnte Brüder und Schwestern, bei denen sie Herberge nahmen. Über den Wallfahrern lag zum Teil eine so unheilschwangere Stimmung, daß man fürchten mußte, sie würden in ihrer Verhetzung alsbald zum blutigen Austand übergehen. Ihren Unwillen, daß sie die Priester, wie der neue Prediger es ihnen aufgetragen hatte, nicht wirklich totschlagen durften, drückten sie in dem Lied aus: Wir wollen Gott vom Himmel klagen, Kyrie eleison, Daß wir die Pfaffen nit dürfen zu Tod schlagen, Kyrie eleison. Die geistliche und weltliche Behörde blieb nicht untätig. Die Stadtväter von Nürnberg, der Bischof zu Würzburg Rudolf von Scherenberg und Diether von Isenburg, Erzbischof von Mainz, verboten aufs strengste, daß ihre Untertanen nach niklashausen zögen, um den kezerischen Prediger zu hören. Aber es konnten diese Erlasse der allgemeinen Erregung keinen Einhalt gebieten; die Neugierde wurde durch solche Verbote vielmehr ge= steigert. Auch schienen die Behörden es zu übersehen, daß Hans Böheim nur das mißleitete Werkzeug übelgesinnter und geschäftetreibender Hintermänner war. Seine Predigten stammten von dem Pfarrer Thunfeld von Niklashausen und einem kezerischen Mönch, die sie ihm einfagten. Seine Angriffe gegen weltliche und geistliche Obrigkeiten wurden ihm vor allen von den Junkern von Stetten und vom Grafen Johann von Wertheim eingegeben, die es verstanden, die Opfergelder, die die Pilger in reichlichem Maße spendeten, in ihre Tasche zu spielen. Zugleich wollten sie die Volksbewegung, die immer stärker einsetzte, gegen ihren Landesherrn Fürstbischof Rudolf von Würzburg ausnutzen, da sie demselben sehr feind waren. Als deswegen am Sonntag vor dem Kilianifest wieder eine ungeheure Volksmenge nach Niklashausen gepilgert kam und der heilige Jüngling", von dem man sich bereits die größten 7 Wundertaten erzählte, die erregte Stimmung der Zuhörer bis zum Fanatismus getrieben hatte, verkündete er plötzlich, daß er auf den nächsten Sonntag noch mehr Zuhörer erwarte. Aber diesmal sollten nur die Männer und Jünglinge erscheinen und zugleich ihre Waffen mitbringen. Ihre Frauen und Kinder aber müßten sie zu Hause lassen. Der Bischof von Würzburg, der diesen eigenartigen Aufruf noch am gleichen Tage zu Ohren bekam, wußte nun, daß sich die Volkserhebung gegen ihn richte und raschestes Einschreiten vonnöten sei. Kurz entschlossen, sandte er vierunddreißig Reisige nach Niklashausen, um Hans Böheim verhaften zu lassen. Dieser saß gerade nackend in der Schenke und predigte den Leuten große Wunder, die ihn der Pfarrer und die Edelleute gelehrt hatten. Die Reisige des Bischofs handelten bei seiner Festnahme so rasch, daß sich von seinen Zuhören, deren noch sechstausend in Niklashausen waren, niemand seiner annehmen konnte. Als sich jedoch gegen Ende der Woche, wie Hans Böheim verlangt hatte, eine große Anzahl seiner Anhänger in Wehr und Waffen zu Niklashausen einfanden und hier die Nachricht vernahmen, daß ihr Prophet gefangen worden sei, zogen sie stehenden Fußes nach Würzburg, um ihn zu befreien. Sie waren von der Heiligkeit ihres Predigers so sehr überzeugt, daß sie vertrauten, die Festung Unserfrauenberg werde bei ihrer Ankunft von selber einstürzen und den gefangenen Jüngling freigeben. Es war ein wunderlicher Aufzug, als am 12. Juli 1476 etwa sechzehntausend Menschen und zwar Männer und Frauen, Jungfrauen, Jünglinge und Greise zum Teil mit Waffen, die meisten nur mit ihren Pilgerstäben ausgerüstet und mit fünfhundert brennenden Kerzen in ihren Händen während der Nacht nach Würzburg 30gen, um hier ihren Prediger wieder zu erhalten. Am Samstag früh gegen 5 Uhr kamen sie an der Festung Unserfrauenberg an und verlangten ,,, man solle den Gefangenen ganz umsonst ledig geben, oder sie wollten alle darüber sterben". Auf dem Schloß Unserfrauenberg wohnte nicht nur der Fürstbischof, sondern auch seine Beamten und ein Teil seiner Reisige und Ritter. Als diese an dem genannten Tage vor dem Schlosse eine so große und aufgeregte Masse des Volkes sahen, standen sie zuerst wie vom Blitz getroffen. Als sie aber erfuhren, worum es sich handle, richteten sie zur Stunde die Donnerbüchsen 8 auf die Menge, um sie zu vertreiben. Der Bischof verbot je= doch, auf das verblendete Volk zu schießen und schickte seinen Beamten Konrad von Hutten hinunter, um mit ihnen zu verhandeln. Als dieser mit wenigen Reitern zu ihnen hinabgestiegen war, fragte er sie, woher sie kämen und was sie begehrten. Die Bauern riefen: ,, Wir kommen von der heiligen Maria, unserer Herrin, deren Diener, den Jüngling Hans Böheim wir wieder haben wollen. Wenn ihr ihn uns nicht herausgebt, werden wir von hier nicht weichen, bis wir ihn gewaltsam befreit und dies Kastell von Grund auf zerstört haben". Konrad von Hutten gab sich alle Mühe, sie von der Torheit eines solchen Unternehmens zu überreden; denn eine wohlbewehrte Festung, sagte er, ein Kastell, wie der Unserfrauenberg es ist, kann nicht mit Pilgerstäben und brennenden Kerzen erobert werden. Die Donnerbüchsen, die auf sie gerichtet seien, würden nicht nur ihre Kerzen, sondern auch ihr Lebenslicht rasch ausblasen. Tatsächlich ließ sich ein Teil der Irregeleiteten zur Einsicht raten, zumal sie sahen, daß sich auch die Würzburger Bürger in Waffen begaben. Sie zogen heim und gaben Hans Böheim auf. Umso hartnäckiger verharrte die Mehrzahl der Bauern bei dem Vorhaben, ihren Prediger zu befreien. Da ließ der Bischof die Donnerbüchsen richten und befahl, über die Menge weg auf das freie Feld zu schießen, damit er durch das Gedröhn der Geschütze den Aufständischen Furcht einjage, ohne sie jedoch zu verletzen. Als aber die Volksmenge sah, daß die Geschosse über sie hinweggingen und keiner von ihnen verletzt würde, meinten sie in ihrer Verblendung, daß sei ein Wunder, wodurch der liebe Gott ihre Sache gutheißen wolle. Nun blieb dem Landesherrn nichts anderes übrig als blutiger Ernst. 3um zweitenmal blitzten die Festungsgeschütze auf und diesmal prasselten die Eisenkugeln und Steine mitten in die aufgeregte Menge hinein. Welches Entsetzen, als sich ringsum eine Anzahl in ihrem Blute wälzten. Aber schon öffneten sich die Tore der Festung und geharnischte Reiter sprengten in die verwirrte Masse der Fliehenden und stachen nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Achtunddreißig unter ihnen wurden getötet, einhundertsiebenundzwanzig gefangen genommen, viele verwundet. Die Betörten, die nach allen vier Winden auseinanderstoben, waren von ihrem Wahn für immer geheilt. 9 Der ,, heilige Jüngling", der ihnen vorausgesagt hatte, daß ihnen kein Leid geschehen könne, hatte sich als Lügner entlarvt. Für den gefangenen Jüngling selber folgte ein peinliches Verhör. Er gab alsbald zu, daß alles, was er gepredigt habe, besonders seine Erscheinungen und seine Vorhersagungen, erdichtet, falsch und erlogen seien. Der Bettelmönch, der indessen aus Niklashausen geflohen war, hätte ihm das meiste eingesagt. Aber trotz dieses Selbgeständnisses gab es auch unter den Würzburger Bürgern und sogar unter seinen Richtern noch solche, die an die Echtheit seiner Wunder glaubten und sich fürchteten, an der Bestrafung dieses Mannes teilzunehmen. Nichtsdestoweniger verurteilte ihn der Bischof zum Tode und zwar deswegen, weil er es unternommen hatte ,,, mit seinen Irrtümern den heiligen, wahren und katholischen Glauben zu beflecken und zu verderben". Hans Böheim wurde alsbald nach seiner Verurteilung vom Schloß Unserfrauenberg in die Ebene hinabgeführt, die hinter dem Schottenkloster St. Jakob in Würzburg liegt. Er sollte auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden. Fast die ge= samte Bürgerschaft umstand bewaffnet die Richtstätte. Zuerst sollten zwei Mitschuldige des Aufwieglers zur Hinrichtung ge= langen. Als der junge Mensch sah, wie der Henker den zwei Schuldgenossen das Haupt vom Rumpfe trennte, fragte Hans den Henker: ,, Wirst du es auch mit mir so machen?" Der Henker erwiderte: ,, Nein, dir habe ich ein anderes Bad zubereitet!" Der Armste hatte nämlich gar nicht gesehen, daß für ihn ein Scheiterhaufen errichtet sei. Auch hätte er in seiner Unerfahrenheit gar nicht wissen können, was der aufgeschichtete Haufen Holz bedeute. Als deswegen der junge Mann an dem Pfahle, der über den Scheiterhaufen herausragte, festgebunden war, fing er an, mit heller Stimme Lieder zu seiner Herrin Maria zu singen. Anhänger, deren er genug rings unter den Zuschauern hatte, waren des festestens Glaubens, das Feuer werde ihm nicht schaden. Andere fürchteten sich, näher hinzuzutreten in der Meinung, Gottes 3orn werde das Feuer zerstreuen und die Zuschauer davon erfassen lassen. Da manche sogar glaubten, der Ketzer könne mit dem Teufel im Bunde stehen und durch Zauberei vom Feuer verschont bleiben, hatte ihm der Henker zuerst das 10 Haupthaar scheren lassen, da sich in demselben ein Dämon hätte verborgen halten können. Aber all diese Befürchtungen oder heimlichen Wünsche erledigten sich von selbst. Denn schon hatte der Henker das Feuer angelegt und die Flammen züngelten nach dem Verurteilten. Als dieser die erste Glut verspürte, hielt er in seinem Gesange jäh inne und schrie dreimal mit gellender Stimme: ,, weh! O weh! O weh!" Dann verstummte er. Das Feuer hatte seine Stimme erstickt. Unter qualvollen Krümmungen sank er zusammen und sein Leib war mitsamt dem Holze alsbald zu Asche verbrannt. Dieselbe wurde am gleichen Tage in den Fluß geworfen, damit nicht seine Anhänger darüber herfallen könnten, um sie als kostbares Andenken mit nach Hause zu nehmen. Mit dem Tode des Predigers hörte jeglicher Zustrom nach niklashausen auf. Manche jedoch, und gerade die Einsichtigeren ihrer Zeit, ließen sich durch diesen Ausgang der Volksbewegung nicht be= ruhigen. Für sie blieb es eine ernste Frage, wie es möglich sei, daß durch einen einfältigen Hirten, durch einen halben Narren eine so weit umsichgreifende Erregung hatte entstehen können. Es war für sie die Erkenntnis gereift, daß in den unteren Schichten des Volkes, vor allem aber im Bauernstande, ein ungeheuerer Zündstoff aufgespeichert liegen müsse, der auch bei geringem Anstoß, wie die Predigt in Niklashausen es war, zu jäher Entzündung gelangen könne. Das Dorkommnis von Niklashausen ließ in ihnen das Gefühl des Unbehagens zurück. Es könnte eine 3eit kommen, sagten sie sich, wo der Zündstoff, der schon bei geringer Entladung so viel Verwirrung brachte, zu seiner ganzen und furchtbaren Auswirkung gelange. Dann würden die Träger dieser Erhebung wiederum aus jenen Volksschichten kommen, die sich um den Pfeifer von Niklashausen geschart hatten. Jost Frizz. Es lebte um das Jahr 1513 in dem Dorfe Lehen im Breis= gau ein Brotbäckergeselle mit Namen Hieronymus. Dieser pflegte innige Freundschaft mit einem etwas älteren, liederlichen Gesellen, Jost Fritz genannt. Die beiden kamen des öfteren zusammen, um miteinander zu überlegen, wie sie den Bundschuh erheben 11 und so durchführen könnten, daß er Erfolg verspräche. Sie einigten sich auf folgendes Verfahren. So oft sie jemand begegneten, der ihnen zur Teilnahme an dem Aufstand geeignet erschien, luden sie ihn mit vorsichtigen Worten ein, daß er mit ihnen ein Bündnis schließe. Sie wollten, sprachen sie zu ihm, eine Sache unternehmen, die ganz dem göttlichen Gesetze entspräche; dabei aber würde das Beginnen nicht nur ihm selber, sondern auch seinen Angehörigen, ja sogar allen Mitbürgern zum größten Segen gereichen. Nur wüßten sie nicht recht, ob er von der Sache, die sie ihm anvertrauen wollten, einstweilen schweigen könnte. Durch solche Andeutungen wußten sie die Neugierde ihrer jeweiligen Zuhörer außerordentlich zu reizen. Dazu kam, daß sie jeden falschen Verdacht von vorneherein durch den Hinweis auf das göttliche Recht unterdrückten. Mancher Geselle gab ihnen die Hand darauf, daß er an einem solchen Unternehmen teilnehme wolle. Und nun folgte die Einweihung in die eigentlichen Pläne: 3um ersten, es darf fürderhin keine anderen Herren mehr geben als den Kaiser und den Papst; zum zweiten, Wald und Wasser, Wild und Weide müssen allen Menschen gemeinsam sein; zum dritten, wenn für ein geliehenes Kapital bereits so viel 3insen bezahlt worden sind, als das Kapital groß war, so brauchen diese 3insen nicht länger bezahlt zu werden; zum vierten, ein jeder Priester darf für sich nur eine Pfründe erhalten; zum fünften, die Klöster müssen ihre über- 0 flüssigen Zinsen und Renten hergeben, damit die armen Leute Rechte und ihre Kinder besser bestehen können; zum sechsten, wenn jemand einem anderen gegenüber Rechtsansprüche zu machen hat, so darf er das nur vor dem Richter tun, der in dem gleichen Bezirke Recht spricht, wo er selber wohnt; zum siebten, schriftliche Vorladungen zum Gericht, Mahnschreiben und Bannbriefe brauchen nicht mehr angenommen zu werden; zum achten, das Gericht der freien Reichsstadt Rottweiler ist nicht mehr zuständig, zum neunten, wer sich der neuen Verbindung anschließt, behält das Seine; zum zehnten, wer sich diesen Neuerungen widersetzt, wird zu Tode geschlagen. Diese Vereinbarungen wurden getroffen auf einer Einöde, die Hartmatte genannt wird und bei Lehen jenseits der Dreisame liegt. 12 Auch ging man daran, an die Spitze der Verschworenen einen Hauptmann und einen Fähnrich zu wählen. Das Amt des Hauptmanns übertrugen sie dem Jost Fritz, der der Urheber der ganzen Bewegung war. Als sie aber zur Übernahme des Fähnrichamtes einen gewissen Jakob Huser auswählten, sträubte sich dieser dagegen, indem er erklärte:„ 3u einer solchen Führerstellung bin ich zu arm und habe ich zu wenig Erfahrung." Jost Fritz wußte ihn jedoch zu beruhigen, indem er sagte: ,, Wenn wir bei unserem Vorhaben Erfolg erzielen, wirst du dich besser kleiden können als jetzt!" So ließ er sich bewegen, den Dienst zu übernehmen, und sie beschlossen, daß jedes Mitglied der neuen Bewegung eine Beisteuer für das Fähnlein, welches sie anschaffen müßten, zu entrichten habe. Auch hielten sie es für geboten, daß sie ein Wahrzeichen wählten, an welchem sie sich als Brüder und Gleichgesinnte erkännten. Sie einigten sich auf folgendes Kennwort: " Guter Gesell, was ist dein Wesen? Der arme Mann kann nicht mehr genesen." Nun glaubte Jost Fritz, für seine Leute die Fahne bestellen zu sollen. Er begab sich zu diesem Zweck mit Hans Enderlein, der Altvogt zu Lehen wahr, nach Freiburg zu einem Maler. Da bestellte er eine wunderliche Fahne. Es sollte auf derselben zu sehen sein ein Kruzifir, Sankt Maria und Sankt Johannes; ferner die Insignien des Papstes und des Kaisers; endlich ein Bauer und eine Bäuerin nebst einem Bundschuh mit goldenen Riemen. Als jedoch der Maler das Wort Bundschuh hörte, erschrak er heftig; denn er fürchtete, nur durch das Anhören eines solchen Auftrages als Mitbeteiligter an dem Aufstand zur Anzeige ge= langen zu können. Er verabschiedete deswegen Jost Fritz mit der Ausrede, er möge in der Angelegenheit noch einmal vorsprechen. Unterdessen ging er zu allen Nachbarn und Freunden und erzählte, Jost Fritz aus Lehen sei dagewesen und wolle einen Bundschuh erheben. In eiliger Flucht mußte nun dieser aus Freiburg entfliehen und kam nach Heilbronn. Dort bestellte er bei einem anderen Maler die gleiche Fahne. Als auch dieser bei dem Wort Bundschuh zurückschrack, bediente sich Jost Fritz einer Lüge und sprach: ,, Diese Fahne soll nicht zu einem Aufstand dienen, sondern ich 13 habe sie in Kriegszeiten gelobt und ich will sie zu unserer Frauen gen Aachen bringen. Weil ich jedoch eines Schuhmachers Sohn bin, darum möge ein Bundschuh darauf sein." So verfertigte denn der Maler die Fahne. In den gleichen Tagen waren zu Heilbronn drei Männer damit beschäftigt, ihr Getreide zu dreschen. Einer von ihnen hieß Hans Mant. Dieser hatte von Jost Fritz und dem Aufstand, den er vorbereitete, heimlich gehört. Während des Dreschens kam ein fremder, jedoch ehrbarer Mann in die Scheune und fragte, wo der Herr des Hauses sei. Hans Mantz sagte, der Herr sei ihm Hause, und er wolle ihm den Weg dorthin zeigen." Als jedoch Hans auf die Tenne zurückkam, fuhr ihn der zweite Drescher heftig an und sprach: ,, Wie kannst du dem Unbekannten anzeigen, wo der Herr ist, da du gar nicht weißt, ob er in guter oder in schlimmer Absicht kommt?" Hans many setzte sich zur Wehr, und es kam zu einem so heftigen Streit, daß man seinen Gegenüber, der ihn angegriffen hatte, mit dem Dreschflegel tot schlug. Entsetzt über seine Untat, floh er und kam nach Eimaldingen, in die markgraffchaft Baden. Hier kehrte er bei einem Wirt ein, schilderte diesem seine Seelennot und frug ihn, ob er in seinem Gasthaus sicher wäre. " Sicher so lange", sprach dieser als niemand einkehrt, der dich anzeigen mag." Gab der Drescher zur Antwort:" Fände sich nur jemand, der mich zum Markgrafen Philipp geleitete, ich würde ihm Dinge verraten, deren Kenntnis für Seine Gnaden und das ganze Land sehr nützlich wären. So könnte ich mein Dergehen gut machen." Bereitwillig bot sich der Wirt selber an, ihn zu begleiten. Am anderen Morgen wanderten der Wirt und der Drescher gen Rötteln auf das Schloß, wo Markgraf Philipp soeben verweilte. Dort verriet dieser dem Landesfürsten, wie sich zu Lehen ein Bundschuh vorbereite, daß Jost Fritz an der Spitze stehe und daß am 9. Oktober auf der Kirchweih zu Heilbronn der Aufstand ausbrechen solle. Markgraf Philipp setzte den Rat in Freiburg sofort in Kenntnis und befahl, daß sich der Hohe Rat aller nötigen Vorsichtsmaßregeln versehe. Unterdessen traf sich Jost Fritz mit seinen Anhängern immer öfter auf der Hartmatte, und da sich die Zahl der Verschworenen bis auf vierhundert gesteigert hatte, glaubte er, nunmehr losschlagen 14 zu können. Zuvor aber wollte er sich an Seine Kaiserliche Majestät wenden mit der Bitte, daß der Kaiser ihr Vorhaben unterstützen solle, wofür sie ihm die Anerkennung als Oberhaupt zusichern würden. Da mußte Jost Frizz plötzlich erfahren, daß sich die Freiburger gegen ihn rüsten. Sofort berief er seine Genossen auf die Hartmatte und teilte ihnen mit:" Wir sind verraten, sonst würde man nicht gegen uns rüsten." Er forderte von allen Anwesenden nochmals das Versprechen zu schweigen und befahl, vorläufig alles beruhen zu lassen. Aber wer ermißt ihren Schrecken, als sie sich in dem Augenblicke, wo sie sich heimlich entfernen wollten, plötzlich von zweihundert Kriegern umzingelt sahen. Ohne Waffen, wie sie waren, Aber suchten sie die Kette der Bewaffneten zu durchbrechen. nur einen Teil von ihnen gelang es zu entfliehen. Alle übrigen wurden gefangen genommen und vor das Gericht gestellt. Während die Betörten, die sich zur Teilnahme an der Verschwörung hatten verleiten lassen, in die Gefängnisse wanderten oder hohe Geldstrafen bezahlten, verurteilte man die Rädelsführer zum Tode. Der Altvogt Hans Enderlein, der nicht lange zuvor mit Jost Fritz nach Freiburg zum Maler gegangen war, um die Fahne zu bestellen, wurde gevierteilt. Jost Frizz aber, nach dem sie am meisten fahndeten und den die schwerste Strafe treffen sollte, konnte entfliehen. Mit seinem Fähnrich Jakob Huser und einem gewissen Kilius Meiger gelang es ihm nach Liestal, das zur Stadtgemeinde Basel gehört, zu entkommen. Da die Häscher, die Jost Fritz unter allen Umständen einbringen sollten, auch bis hierher gelangten, wurde der Anführer des Aufstandes bald entdeckt. Jedoch, es sollte sie der Fang nicht freuen. Während sie nämlich seine beiden Begleiter Jakob Huser und Kilius Meiger fesselten, um sie zur Hinrichtung nach Basel zu schleppen, ist ihnen der Hauptmann noch einmal entsprungen. Es gelang ihnen auch später nicht mehr, seiner habhaft zu werden. Jost Fritz stahl sich als Flüchtling von einem Orte zum andern. Im Jahre 1517 taucht er noch einmal in der Umgegend von Freiburg auf; seitdem blieb er verschollen. Die Führer dieses neuen Aufstandes waren unter dem Henkerbeile gestorben; mit dem fliehenden Hauptmann aber wurden die aufrührerischen Gedanken in alle Winde getragen. Es konnte 15 die giftige Saat, die von ihm ausgestreut wurde, nicht lange unter der Erde schlummern. Sie mußte früher oder später aufgehen und zu einer Bluternte reifen. Pamphilus Gengenbach, der uns die Taten des Jost Fritz aufgeschrieben hat, sah diese Erntezeit kommen und wollte davor warnen, indem er schreibt: ,, Gott möge alle guten, rechtschaffenen und ehrbaren Leute behüten und beschirmen vor solchem bösen Vorhaben und ihnen Erkenntnis und Gehorsamspflicht geben. Welcher vom Bundschuh nicht will lan, Dem möcht' es wohl also auch gan, Als man diesen Armen hat getan." Die Herren von Lupfen. Im südlichen Württemberg ragt ein Berg auf von 977 m Höhe, der den Namen Lupfen trägt. Einstmals trug die Bergesspitze eine stolze Burg, in welcher die Herren von Lupfen wohnten. Heute sind von der gewaltigen Feste nur noch die tiefen Gräben zu sehen; die Herren von Lupfen sind seit dem Jahre 1582 ausgestorben. Aber deswegen sind diese Grafen noch nicht vergessen. So oft wir in unseren Geschichtsblättern von dem Bauernkrieg des Jahres 1525 lesen, müssen wir uns auch dieser Herren von Lupfen erinnern. Und es ist ein trauriges Andenken, das sie uns hinterließen. Im Jahre 1251 bereits gaben die Stiftsherren von Konstanz den mächtigen Grafen von Lupfen auch die Grafschaft Stühlingen zu Lehen, ein schönes Stück Land, das zwischen Basel und Konstanz liegt. 3unächst walteten die Herren ihrer Herrschaft in Milde und Gerechtigkeit. Allmählich aber ließen sie in ihrem Regiment eine solche Willkür walten, daß die bedrängten Untertanen, ganz besonders die Bauersleute, in ihrer Bedrückung laut aufschrien und um Gerechtigkeit flehten. Wenn die Herren gegen einen ihrer Untertanen eine Beschwerde hatten, oder wenn sie jemand dazu bringen wollten, daß er gegen ihren Wunsch und Willen gefügig werde, so schickten sie den Stockknecht hinunter und ließen den Betreffenden in den Turm werfen, oder in den Pflock legen, ohne daß sie ihm Ge= 16 legenheit boten, sich selbst zu verteidigen. Hatte er lange genug im Gefängnis geschmachtet, so war der Wille des Gefangenen so sehr gebrochen, daß er sich jeder Aufforderung seines Herrn bereitwillig fügte. War es einem Diebe gelungen, sich ein fremdes Gut anzueignen und wurde er dann als Dieb entlarvt, so ließ ihm der Graf die gestohlene Ware oder das Geld abnehmen. Aber anstatt das fremde Eigentum dem zurückzugeben, dem es gestohlen worden war, behielt der Graf das Diebesgut für sich selber, den Dieb aber ließ er hängen. Waren in der Grafschaft Stühlingen zwei Personen miteinander verheiratet und es starb einer von den beiden Ehegatten, so schickte der Graf seine Amtsleute und ließ wegen des Todesfalles das" Besthaupt" holen. Wenn der Mann starb, so holten die Leute das beste Stück Dieh aus dem Stall; starb aber die Frau zuerst, so verlangte er das beste Kleid, das die Verstorbene an den Feiertagen getragen, dazu noch das beste Bett im Hause. Unter großen Plagen mußten die Bauersleute den harten Boden bestellen, um sich und ihre Frau und Kinder ernähren zu können, zugleich auch, um die zahlreichen Abgaben an Getreide und anderen Früchten an die Herrschaften zu entrichten. Diese aber kümmerten sich wenig um die Sorgen der Bauern. Mitten im Sommer, wo die Getreideäcker bereits der Ernte entgegenreiften, oder die Wiesen in hohem Gras standen, hielten die Herren mit ihren Dienern und Beamten die Treib- und Hetzjagden auf Wild und Vögel und zertraten oder zerstampften, auf ihren Rossen daherreitend, die Fluren. War in einer Familie ein Sohn oder eine Tochter ledig geblieben, so mußte dieses Kind von seinen Eltern das gleiche Erbteil bekommen, wie auch die anderen Kinder, die sich verheirateten. Starb aber ein solcher Junggeselle oder die ledig gebliebene Tochter, so fiel ihr Erbteil nicht an die Eltern zurück, wenn diese noch lebten, oder an die Brüder und Schwestern des Verstorbenen, sondern der Graf erbte in diesem Falle selber und zwar ganz allein. Dieses Recht nannte er das Hagestolzenrecht. So oft die Untertanen oder durchreisendes Volk einen Weg, einen Steg oder eine Brücke in der Grafschaft benützten, mußten sie an den Grafen einen 3oll zahlen. Dieser benützte die Zölle jedoch nicht, um die Brücken, Wege und Stege zu unterhalten, 17 sondern er behielt den 3oll für sich, die Unterhaltung der Verkehrswege mußten die Untertanen selber besorgen. Von jeher hatten die Bauern das Recht, die Waldungen, die in der Grafschaft lagen und den Herren von Lupfen gehörten, auch für sich zu nutzen, soweit sie des Brenn- und Nutzholzes für ihre eigenen Zwecke bedürften. Dieses Recht wurde ihnen genommen, und sie mußten sich ihr Holz kaufen. Ebenso war ihnen die Fischerei zugestanden für die Gewässer, die sich durch die eigenen Gemarkungen zogen. Aber auch darauf mußten die Stühlinger verzichten, denn der Graf verpachtete das Fischrecht gegen hohes Entgeld an andere. Diese Pächter kümmerten sich wenig darum, ob die Bewohner der Gegend gerade wässern wollten oder nicht, ob die Wiesengründe gerade zugänglich waren oder nicht. Sie hatten nur den einen Sinn, das Fischrecht zu ihrem ganzen Vorteil auszunützen. Jedes Jahr mußten die Untergebenen an ihre Herrschaft 3insen, Renten und Pachtgelder bezahlen, ganz abgesehen von den anderen Gefällen, Abgaben und Kriegsdiensten, die sie zu leisten hatten. Von diesen Zinsen und Renten wußten sie aber keineswegs, wie lang sie schon bezahlt würden und aus welchen Forderungen sie sich herleiten ließen. Unerträglich aber war für die Bauern, die nur mit Mühe ihre eigenen Äcker bestellen konnten, der Frondienst geworden, den sie den Herren von Lupfen und ihren Beamten zu leisten hatten. Sie schrieben darüber:" Wir müssen einen Tag Hafer, den andern Hanf zu Garben binden, Erde aufhäufeln, dann wieder ackern und säen, schneiden und in die Scheune fahren, und wenn die Frucht gedroschen ist, sie aus der Scheuer fahren, Zäune herstellen, jagen, und wenn Wildbret gefangen wird, es in das Schloß bringen. Den Wein müssen wir aus dem Elsaß gen Stühlingen fahren und dabei das Futter für die Zugtiere selbst bestreiten. Auch müssen wir das Schloß nicht allein mit Brennholz, sondern auch mit Bauholz versehen und versorgen, den Dünger auf die Äcker bringen und ausbreiten. Wenn es an der Zeit ist zu säen und die Umstände für eine Unterbrechung der Saat am allerwenigsten sind, müssen wir nach Wurzeln graben, Morcheln pflücken, Wacholder abschlagen und Schlehen brechen, damit unsere gnädigen Herren Schlehenkompott machen können." Das ist nur ein Teil der Frondienste, welche die Bauern aufzählen, und es lassen dieselben erkennen, daß von 2 18 einem solchen Frondienst bis zur völligen Leibeigenschaft oder Sklaverei kein weiter Weg mehr war. Die Grafen hielten die Bauern für ihre geborenen Knechte und es ist nicht zu verwundern, daß diese die Befürchtung hegten, sie möchten früher oder später sogar noch verkauft werden. Es war in den letzten Jahren, seitdem Martin Luther sich von Rom losgesagt hatte, in deutschen Landen gar viel von ,, christlicher Freiheit" die Rede. Wenn anfänglich darunter auch nur gemeint war, man solle sich von der römischen Kirche befreien, so lag es doch nahe, daß die Stühlinger Bauern, die sich bis zum Ersticken bedrückt fühlten, das nun einmal ausgesprochene Wort der Freiheit auch für ihre Nöten gebrauchten. Sie schrieben alle ihre Beschwerden, berechtigt und unberechtigt wie sie waren, in 62 Artikeln zusammen und schickten sie an das Kammergericht ihres Grafen. Dieser hatte für die neue Zeit und ihre Erregung weder Auge noch Sinn. Er trieb das Spiel seiner Gewaltherrschaft noch ärger als zuvor. Für die Beschwerdeführer und Bittsteller fand er nicht einmal eine Antwort. Lange hatten die Bauern zugesehen. Ihr Sinn stand einzig auf einen gütlichen Ausgleich. Jm Juni 1524 endlich war ihre Geduld zu Ende. Wie ein Mann rottete sich die ganze Grafschaft der Stühlinger Bauern zusammen und kündete ihrem Gewaltherren nicht nur den Dienst, sondern brachen auch seine Trukfeste bis auf den Erdboden nieder. Wie der Stier, der unnötig gereizt wird, mit vorgehaltenen Hörnern auf seine Gegner losbricht, so setzten sich die empörten Untertanen über alle Schranken der Ordnung hinweg und suchten sich, mit der Mordwaffe und der Brandfackel in der Hand, nun selber ihr Recht. 3war fanden die Bauern gleich von Anfang an blutige Gegenwehr. Aber das Feuer, das mit dieser Empörung ausgebrochen war, konnte für längere Zeit nicht mehr ganz gelöscht werden. Der zündende Funke sprang alsbald auf den südlichen Schwarzwald, auf den Kletgau und den Hegau, die unter der Oberherrschaft des mißliebigen Erzherzog Ferdinand von Österreich standen, über und gab von dort aus das Feuersignal für jenen Riesenbrand, der wenige Monate später vom Süden her ganz Deutschland erfaßte und während des Jahres 1525 als deutscher Bauernkrieg ganze Länder versehrte. 19 Die drei Feuersäulen. 3wischen dem Quellgebiete des Lech und dem Bodensee, hart an der Grenze des Schweizerlandes, liegt das herrliche Hügelgebiet des bayerischen Allgäu. Im Süden des Landes türmen sich die Hochalpen auf, die einen Schleier aus weißem Schnee als jungfräulichen Schmuck auf ihren Häuptern tragen. Gegen Norden hin blickt das Auge auf die Hügel, die sich wie zahllose Wellen allmählich zu der schwäbischen Ebene abglätten. Hier an diesen Bergabhängen und Hügelgeländen ringt und schafft ein kerniges Volk um sein tägliches Brot; denn nur gegen Arbeit will die Natur ihre Erträgnisse und Bodenschätze geben. Hier, in der truzzigen, kraftbewußten Natur, hat im Jahre 1525 auch jenes Ringen eingesetzt, das mit der Gewalt eines Organes über ganz Süd- und Mitteldeutschland dahinbrauste und für eine breite Volksschicht, die sich für entrechtet hielt, die Freiheit suchte. Der große Bauernkrieg nahm seinen Ausgang in der Reichsabtei Kempten. Die„ Gotteshausleute", d. h. der Bauernstand, der mit Frondiensten und durch Abgaben an die Abtei Kempten verpflichtet war, hatte im Laufe der Jahrhunderte von den einzelnen Fürstäbten eine Anzahl Vorteile und verbriefter Rechte erhalten. Schon früher hatten es einzelne Äbte versucht, diese Rechte wieder zu schmälern, sodaß immer wieder Streitfälle zwischen Fürst und Untertanen vorlagen. Seitdem aber Fürstabt Sebastian von Breitenstein den Krummstab führte, wuchs die Unzufriedenheit vieler Bauersleute zur Erbitterung. Denn seine Landvögte erlaubten sich Rechtsverletzungen, die von dem an sich armen Volk als unerträglich empfunden wurden. Aus ihren Urgichten oder schriftlichen Aussagen läßt sich die ganze Not einzelner Untertanen noch heute heraushören. Noch am 21. Januar 1525 wandte sich das Kemptener Landvolk an den Schwäbischen Bund und bat ihn, er möge ihm helfen, daß es wieder zu seinem Rechte komme; denn es wolle den Weg gütlicher Verhandlungen nicht verlassen. Aber noch eher vom Schwäbischen Bunde eine zusagende Antwort eintraf, bemächtigte sich ein beredter Bleichknecht namens Knopf der gedrückten Volksstimmung und rief mit solch starken Worten zu Empörung, daß er auch die Vorsichtigen und Langsamen mit sich fortriß. In wenigen Tagen stand die ganze Reichsabtei 2* 20 in hellen Flammen. Alle Untertanenpflicht warfen sie beiseite. Ihre Losung lautete:" nur nicht mehr rechten, sondern mit dem Schwerte fechten." mit dem gleichen Erfolge und eben so rasch trieb Knopf auch die Untergebenen des Bischofs von Augsburg, des Grafen von Montfort, der Truchsessen von Waldburg und des ganzen Adels ringsum in den Aufstand. " Andere Hände waren es, welche die Gebiete des Oberall= gäu in Brand steckten. Seit dem Januar 1525 schweiften hier die Prädikanten des neuen Evangeliums von Ort zu Ort. Sie versetzten sich, um das ganze Volk zu der Lehre Luthers hinüberzureißen, in die bedrängte Lage, unter welcher das Volk so sehr litt. ,, Don der Obrigkeit", riefen sie, seid ihr gröblich beschwert mit Leibeigenschaft, darum sollt ihr euch zusammenscharen und schwören, dem heiligen Evangelium einen Beistand zu tun und es helfen aufzurichten."„ nicht wir sind die, welche es gemacht oder getan haben", sagten die Aufständischen am 14. Februar 1525, sondern es kommt Solches von den Geistlichen und Hochgelehrten her, die es jezo öffentlich predigen, womit wir armen Leute beschwert seien." Auch konnte es seinen Eindruck nicht verfehlen, als die Prädikanten behaupteten ,,, daß jetzt nicht an einem Ort, sondern in vielen Herrschaften sich die armen Leute empörten."„ 3war habe Gott der Herr Gesetze gemacht", riefen sie, aber nur so wie er sie gemacht habe, seien es die rechten Gesetze, nämlich, daß ein Mensch nicht über das ander sei." Am 24. Februar 1525 stand der ganze Allgäu bereits so tief in der Empörung, daß sich die Bauern zu Zehntausenden in Oberdorf zusammenfanden, dort die Allgäuer Artikel beschworen und erklärten, ,, inskünftig weder Zins noch Steuer zu entrichten, ihren Herren in keinen Dingen mehr gehorsam zu sein, überhaupt keine Herren mehr haben zu wollen." In die Gebiete, welche mit ihren Wiesengründen und Ackergeländen bis in den Bodensee hineinreichen, sowie in das friedliche Schussental, wurde der Krieg von einem„ verdorbenen" Kaufmann, namens Hurlemagen, verpflanzt. Gleichzeitig loderte der Brand auf im Donauried, das zwischen Ulm und dem Bodensee gelegen ist. Hier scharten sich am 9. Februar die Bauern zu achtzehntausend Mann zu Biberach und dann zu Baltringen zusammen und wählten sich 21 als Hauptmann und Wortführer den fähigen Hufschmied Ulrich von Sulmentingen. Schon seit längerer Zeit hatten sich alle Kleinstaaten Schwa= bens mit ihren geistlichen oder weltlichen Herren an der Spitze zu einem Freundschaftsband zusammengefunden, dem sogenannten Schwäbischen Bund. Sie hatten sich gelobt, bei ausbrechenden Volkserhebungen oder auswärtigen Kriegen sich gegenseitig zu unterstützen und darauf achtzunehmen, daß die Machtverhältnisse, wie sie nun einmal bestanden, von niemandes Hand verschoben würden. Allmählich hatten sich auch andere Kleinstaaten von Süd- und Mitteldeutschland, besonders Fürstbistümer und Fürstabteien, der Vereinigung angeschlossen. Die militärische Organisation des Bundes und seiner Truppen lag gerade in den überaus geschickten Händen des Georg Truchseß von Waldburg. Er residierte mit der übrigen Bundesleitung gerade in Ulm. Gleichgültig, ja sogar schadenfroh hatte der Bund mit zugesehen, wie sich im Monat Juni 1524 die Stühlinger Bauern erhoben und den Habsburger Erzherzog Ferdinand bedrängten. Sie gönnten dem unbeliebten Fürsten solche Beengung. Auch jetzt, wo in unmittelbarer Nähe, in Baltringen bei Biberach die Gewitterschwüle der Volksstimmung von grellen Blitzen zerrissen wurde, nahm der Schwäbische Bund die Erhebung der Bauern noch nicht für ernst. Er schickte den Ulmer Bürgermeister Ulrich Neithard an die Bauern, um zu erfahren, was sie zu der großen Zusammenrottung bewege. Dieser nahm die Sache von der spaßhaften Seite und sprach zu dem Haufen:„ Mit euch Bauern ist es jetzt wie mit den Fröschen im Frühling. Dann kommen sie zusammen und schreien und quaken: Quak! Quak! Dann kommt der Storch und verschlingt sie. Gleicherweise schreit ihr: Wau! Wau! Dann kommen die Herren und schlagen euch tot!" Auf diese Rede erwiderte Ulrich der Schmid, der Bürgermeister möge am 8. Tage noch einmal kommen, dann würden sie ihm sagen, weshalb sie sich versammeln. Einstweilen dürfe er den Herren ausrichten, daß der Frösche eines Tages so viele werden könnten, daß sie den Storch auffressen. Georg Truchseß hielt es auf diese mitteilung hin für geraten, bereits am 11. Februar das erste Drittel aller Bundestruppen gegen die Bauern unter die Waffen zu rufen. 22 Als Ulrich Neithard mit den anderen Unterhändlern des Schwäbischen Bundes acht Tage später noch einmal zu den aufständischen Bauern hinausritt, mußte er zu seinem Schrecken gewahren, daß die Empörung bereits ins Uferlose gewachsen war. Dreißigtausend schwäbische Bauern hatten den Bundschuh als Panier erhoben. Die Abgeordneten des Bundes rissen ihre Pferde zurück und getrauten sich nicht, in die Mitte der Ver= sammlung zu reiten. 3war ließen sie sich auf das Zureden des Bauernführers Ulrich zu einer Aussprache bewegen, aber sie erkannten sofort, daß nunmehr zum Verhandeln keine Stimmung mehr sei. Georg Truchseß rief am 19. Februar das zweite Drittel aller Bundestruppen und zwar auf Eilmärschen herbei. Nun wußten auch die Bauern, daß sie sich zusammentun müßten, da ein Gewitter gegen das andere heranzog. Die drei Gruppen, der Baltringer-, Allgäuer- und Seehaufen" hatten in den wenigen Tagen ihrer Erhebung getrennt, aber furchtbar gehandelt. Über Blut und Leichen, über rauchende Ruinen und Ströme von Tränen 30g ihr Weg. Am 6. März war es, als die Abgeordneten der drei Bauernarmeen in der Stadt Memmingen, wo man ihnen begeistert zujubelte, zusammentrafen. Es war ein hartes Stück Arbeit, die auseinander treibenden Kräfte der drei Volksmassen in eine Einheit zu bringen. Der Allgäuer und der Seehaufe waren für rücksichtslosestes Dreinschlagen, für 3ertrümmerung und für Vernichtung. Mäßiger war die Richtung der Baltringer Gruppe. Ihrem großen Führer Ulrich gelang es, die Einheit herzustellen, und am 7. März 1525 schlossen die drei Gruppen die„, christliche Dereinigung", die nunmehr in die ganze Bewegung den großen 3ug bringen sollte. Der 3weck ihres Bundes sollte sein„ die Erhöhung des Evangeliums und die Handhabung des göttlichen Rechtes." Die Grundgedanken ihres ganzen Aufstandes fanden ihren schriftlichen Ausdruck in den„ zwölf Artikeln", die das einheitliche Programm der ungeheuren Bewegung des Jahres 1525 werden sollten. - Die zwölf Artikel. Bereits im Jahre 1523 wirkte in der Stadt Memmingen in Oberschwaben der evangelische Prädikant Christoph Schap= peler. Mit leidenschaftlicher Hingabe widmete er sich der Aufgabe, das reine Evangelium des Wittenberger Mönches 23 Dr. Martin Luther auch nach dem Süden Deutschlands zu ver= pflanzen. Genau wie sein meister donnerte er mit gewaltiger und zugleich lästerlicher Stimme auf das bisherige Kirchenregiment ein, um so die Ehrfurcht vor der katholischen Kirche in Scherben zu schlagen. So predigte er im Dezember 1523: , Die Laien beider Geschlechter seien jetzt gelehrter als die gottlosen Pfaffen, diese Mistsinken, welche die Wahrheit aus Eigennutz unterdrückt hätten. Die Laien könnten das Wort Gottes besser verkünden; bis jetzt sei alles nur ein Scherz, das Rechte werde erst hernach kommen, nach Jammer und Not." " Zu diesem„ Rechten", das hernachkommen sollte, zu dem " Jammer und der Not" des Jahres 1525 hat Christoph Schappeler sein gut Teil beigetragen. 3war bewegte er sich selber zuerst auf rein religiösem Gebiet, um dieses umzugestalten. Sein talentvollster Schüler aber, der Kürschner Sebastian Lotzer, griff gleich von Anfang an auch in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ein, indem er mit dem„, reinen Evangelium" auf den apostolischen Kommunismus zurückgriff., Bei der Apostelzeit", predigte er, als die Juden zum Glauben bekehrt worden, hatten sie all Ding gemein, sie waren gute Christen. Wär noch gut, daß wir solches täten von uns selbst." Kein Wunder, daß die begüterten Bürger in Furcht gerieten, das aufgestachelte Proletariat möge„ ihre Häuser plündern, in Flammen setzen und sie ihres Vermögens berauben." " Zu diesen beiden Herolden der evangelischen Freiheit kam nun am 11. Februar 1525 der Bauernführer Ulrich Schmid aus Baltringen, um sich bei ihnen Rats zu erholen, wie man den Bauernaufstand in evangelische Bahnen" könnt leiten. " Mit dieser ersten Zusammenkunft zwischen kirchlichen und bisher rein wirtschaftlichen Revolutionären erhielt der Bauernkrieg das eigentümliche Gepräge, daß er eine Verquickung, eine Vergeschwisterung von religiösen und sozialen Bestrebungen darstellt. Christoph Schappeler und Sebastian Lotzer rissen die ungeheuere Bewegung der süddeutschen Bauern an sich, indem sie der ganzen Erhebung ein einheitliches Fundament gaben, nämlich das göttliche Recht. Dieses göttliche Recht, wie es im hl. Evangelium enthalten sei, sowohl in das kirchliche als auch in das wirtschaftliche Leben einzuführen, das sollte nunmehr das einheitliche Ziel der bewaffneten Empörung sein. Diese 24 zwei Männer waren es auch, die es zuwege brachten, daß am 7. März die drei ersten Bauernarmeen zu einer„ christlichen Vereinigung" zusammentraten und die Devise ausgaben, das Evangelium aufrichten zu wollen. Von weittragenster Bedeutung wurden die beiden aber erst dadurch, daß ihrer Feder die zwölf Bauernartikel entflossen, die das Revolutionsprogramm für 1525 wurden. Sie lauteten: " 3um ersten ist unser demütig Bitt und Begehr,... daß wir nun fürderhin Gewalt und Macht haben wollen, daß die ganze Gemeinde ihre Pfarrer selbst erwählen und kiesen soll; auch Gewalt haben, denselben wieder abzusetzen, wenn er sich ungebührlich verhalten sollte. Der selber erwählte Pfarrer soll uns das Heilige Evangelium lauter und klar predigen, ohne allen menschlichen Zusatz, Lehre und Gebot, nichts als den wahren Glauben uns stets verkündigen. 3um zweiten, nachdem der rechte 3ehnt auferlegt ist im alten Testament und im neuen vollkommen erfüllt: nichtsdestoweniger wollen wir den rechten Korn- 3ehnt gern geben, doch wie sichs gebührt.... Den kleinen Zehnt( an Fleisch, Blut, geringen Feldfrüchten) wollen wir gar nicht geben. Denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen abgabenfrei erschaffen.... Das erachten wir für einen ungebührlichen Zehnt, den die Menschen ersonnen haben. Darum wollen wir ihn nicht weiter geben. 3um dritten, ist der Brauch gewesen, daß man bisher behauptet hat, wir seien Eigenleute, was zum Erbarmen ist, in Anbetracht dessen, daß uns Christus alle mit seinem kostbaren Blutvergießen losgekauft und erlöst hat, den Hirten ebenso wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum ergibt sich aus der Schrift, daß wir frei sind, und deshalb wollen wir's sein. 3um vierten ist bisher im Brauch gewesen, daß kein Untertan die Befugnis gehabt hat, das Wildbret, Geflügel oder Fische in fließendem Gewässer zu fangen, was uns gar nicht ziemlich und brüderlich dünkt, vielmehr eigenützig und dem Wort Gottes nicht gemäß. Auch hegen an etlichen Orten die Obrigkeiten das Wild zum Trutz und uns zum mächtigem Schaden, unbekümmert darum, daß uns das Unsere die unvernünftigen Tiere unnützerweise mutwillig wegfressen. Solches müssen wir auch leiden und dazu stillschweigen, was wider Gott und den nächsten iſt.... 25 3um fünften sind wir auch beschwert der Holznutzung halber. Denn unsere Herrschaften haben sich die Wälder alle allein zugeeignet, und wenn der Bauer etwas bedarf, muß er's ums doppelte Geld kaufen. Hier ist unsere Meinung, was es an Waldung gibt, mögen sie Geistliche oder Weltliche innehaben, das soll, wenn jene sie nicht gekauft haben, der ganzen Gemeinde wieder anheimfallen.... 3um sechsten fühlen wir uns hart beschwert der Frondienste halber, welche von Tag zu Tag vermehrt werden und täglich zunehmen. Hier begehren wir, daß man ein geziemendes Einsehen darein habe und uns in dieser Hinsicht nicht so hart beschwere, sondern uns gegenüber gnädig berücksichtige, wie unsere Eltern gedient haben, doch alles rein nach dem Wortlaut des Wortes Gottes. 3um siebenten wollen wir uns künftig von der Herr= schaft keine weiteren Lasten auflegen lassen, sondern unter den Bedingungen, unter denen die Herrschaft einem ein Gut verleiht, soll er's besitzen laut der Vereinbarung zwischen Herrn und Bauern. Der Herr soll ihn nicht weiter zwingen noch dringen, auch darüber hinaus keinen Dienst noch anderes von ihm umsonst begehren, damit der Bauer solch Gut also geruhig gebrauchen und genießen möge.... 3um achten sind wir beschwert, daß die Güter die Pachtzinse nicht aufbringen können und die Bauern das Ihre darauf einbüßen und zugrunde gehen sehen. Wir begehren, daß die Herrschaft diese Güter ehrbare Leute besichtigen lassen und nach Recht und Billigkeit einen Pachtzins genau festsetzen soll, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue. Denn ein jeglicher Tagewerker ist seines Lohnes wert. 3um neunten sind wir beschwert der großen Frevel halber. Denn man stellt für sie fortgesetzt neue Strafsätze auf; und man straft uns nicht auf Grund des Tatbestandes, sondern setzt die Strafen fest zeitweilig mit großer Gehässigkeit, zeitweilig ganz nach Gunst. Wir wünschen, man möge uns auf Grund alter geschriebener Strafsatzung strafen, je nachdem wie die Strafsache beschaffen ist, und nicht nach Gunst. 3um zehnten sind wir damit beschwert, daß etliche Herren sich zugeeignet haben Wiesen, desgleichen Äcker, die der Gemeinde zugehören. Dieselben werden wir wieder zu unseren gemeinen Handen nehmen es sei denn, daß man sie redlich 26 erworben hätte. Wenn man sie aber unbillig erworben hat, soll man sich gütlich und brüderlich miteinander vergleichen nach Lage der Sache. 3um elften wollen wir den Brauch, genannt den Todfall, ( wenn der Pächter eines Gutes starb, mußten die Hinterbliebenen an den Grundherrn eine Abgabe entrichten), ganz und gar ab= getan haben, ihn nimmer leiden, noch gestatten, daß man Witwen und Waisen das Ihre wider Gott und Ehre also schändlich nehmen und rauben soll, wie es an viel Orten in mancherlei Gestalt geschehen ist. Und an dem Gut, das sie beschützen und beschirmen sollten, haben sie uns geschunden und geschabt und wenn sie den geringsten Rechtsgrund gehabt hätten, hätten sie es ganz weggenommen. Das will Gott nicht mehr leiden, sondern es soll ganz abgetan sein, und kein Mensch soll in Zukunft verpflichtet sein, etwas zu geben weder wenig noch viel. 3um 3 wölften ist unser Beschluß und unsere endgültige Meinung: Wenn einer oder mehr Artikel allhier aufgestellt sein sollten, die dem Worte Gottes nicht gemäß- wie wir denn nicht vermeinen, so wollten wir davon abstehen, wenn man uns den Nachweis mit Begründung aus der Schrift führt. Des= gleichen wenn sich an Hand der Schrift der Wahrheit gemäß noch weitere Artikel finden sollten, die wider Gott und die eine Beschwernis für den nächsten wären, die wollen wir uns auch vorbehalten und in unsere Beschlüsse mit aufgenommen haben, und uns in aller christlichen Lehre üben und bewähren, warum wir Gott den Herrn bitten wollen. Denn nur er kann uns diese Gabe verleihen, und sonst niemand. Der Friede sei mit uns allen." Es lassen sich diese Artikel mit zwölf Pulvertürmen vergleichen, die reichlich mit Explosionsstoff geladen sind. Die größte Schuld an der Katastrophe, die sich im Jahre 1525 ereignete, wird wohl jene treffen, die als Herren und als Besitzende an ihren Untergebenen die letzten Jahrhunderte hindurch tatsächliches Unrecht verübten und so den Explosionsstoff zusammentrugen. Große Verantwortung vor der Geschichte haben aber auch jene auf sich geladen, die durch bewußte Verhekung das vorliegende Unrecht ins Maßloseste übertrieben und die Unzufriedenheit des Volkes in Volkswut steigerten. 27 Daß aber der bewaffnete Aufstand, die 3erstörungswut, der Diebstahl, der gemeine Mord, all das Unrecht, wie es der Bauernkrieg mit sich brachte, in Verbindung gebracht wurde mit dem göttlichen Recht", daß das Evangelium dazu herhalten mußte, für einen gewaltsamen und zugleich grausamen Umsturz die Programmpunkte abzugeben, daß ist die verwerfliche Tat derer, die sich jetzt anmaßten, dem Volk zum erstenmal das reine Evangelium zu bringen. Klemens Endres, ein Zeitgenosse, sagt von den Bauern: ,, Wenn man die Empörerischen reden hört, so geschieht alles für's heilig Evangelium und göttlich Wort. Das führen verloren Edelleut, Bauern und Pöbel allweg im Munde; so in der Schweiz, in oberen Landen, auf dem Schwarzwalde, Schwaben, Franken, wohin man kommt, man hört nichts denn Evangelium, Evangelium und wird jede Aufwiegelung und Büberei damit verdeckt. Jm Volkslied heißt es: Sie täten sich fast rühmen Wohl durch das göttlich Wort, Ihr Sach damit zu verblümen, Sie stiften nichts denn Mord. Christof Schappeler und Sebastian Lozer haben die zwölf Artikel in der Niederschrift sehr mäßig gehalten; aber in ihrer Derwirklichung trat eine solche Unmäßigkeit zu Tage, daß sich sogar Martin Luther, den sein 3eitgenosse 3 asius für den eigentlichen Urheber der Revolution ansah, sich von den Bauern ab= wandte und von ihnen schreibt: ,, O Herr, Gott, wo solcher Geist in den Bauern auch ist, wie hohe 3eit ist's, daß sie er= würgt werden wie die tollen Hunde." Die Anfänge des Bauernaufstandes in Rothenburg. Im friedlich schönen Frankenland entbrannte der unheilvolle Bauernkrieg im Gebiet der Reichsstadt Rothenburg an der Tauber. Thomas 3 weifel, Stadtschreiber dortselbst, gibt uns aus den Schreckenstagen seiner Stadt einen eingehenden Bericht. 28 Am 21. März 1525 läuteten die beiden Bürgermeister von Ohrenbach, Simon Nusser, und Wendel Hain, ihre Gemeinde zusammen und forderten die Mitbürger auf, mit nach Rothenburg zu ziehen, angeblich um einem Beisitzer des dortigen Gerichtes Geld abzuliefern. Etwa 30 Männer schlossen sich ihnen an. In Rothenburg fanden sie Unterkunft im Hause des Hans Kunrat, eines Gesinnungsgenossen und Bürgers der Stadt. Zugleich fanden sich auch eine Anzahl Stadtangehörige und es begann eine maßlose Heze gegen den Bürgermeister und seinen Rat. Sie trugen ihre Verhetzung alsbald auf die Straße und riefen zum Aufruhr. Dem Bürgermeister nebst seinem Rat be= reitete dieses Gebahren Unbehagen und Schrecken zugleich. Sie schickten den Stadtrichter Jörg Hörner an die Rädelsführer mit der Ermahnung, von solchem aufrührerischen Vorhaben, Trommelschlagen und Umherziehen abzustehen und sich von Stund an aus der Stadt zu entfernen. Die Bauern aber empfingen den Abgesandten mit höhnischem Reden und drohten derart, als ob es bereits jetzt zum Los- und Dreinschlagen kommen sollte. Sie zogen es aber vor, für diesmal nach Ohrenbach heimzukehren. Hier beriefen sie eine Bürgerversammlung und beschlossen, sich insgesamt zu empören. Zugleich schickten sie an alle um= liegenden Ortschaften, Flecken und Weiler Boten ab und ließen den Bürgermeistern sagen, daß sie mit ihren Gemeinden in Wehr und Waffen nach Ohrenbach kommen sollten. Bereits am folgenden Tag, den 22. März, kamen alle Gemeinden der Umgegend dem Aufgebot nach und zogen nach Ohrenbach. Hier erhielten sie mitteilung, daß auch im Süden des Rothenburger Gebietes, in Brettheim, schon fünfzehnhundert Mann versammelt seien, um sich mit ihnen zu vereinigen. Aus jeder Ortschaft wurden zwei Räte ausgewählt und durch diese eine vorläufige Organisation gebildet. Die Ohrenbacher sandten folgenden Tags zwei Abgeordnete nach Brettheim, um zu erfahren, wie sich die dortige Versammlung zu der ihrigen stelle. Sie brachten die Nachricht zurück, daß die Ohrenbacher zu ihnen nach Brettheim aufbrechen sollten. Indessen hetzten die Brettheimer auch in ihrer ganzen Umgegend zum Aufruhr. Der Stadtrat von Rothenburg erkannte die Gefahr, die ihm von den aufrührerischen Massen im Norden und Süden der Stadt drohte. Die dringendsten Mahn- und Drohbriefe ergingen an 29 die Gemeinden, daß sie von der Empörung abstehen möchten. Statt dessen empfing der Haufe das städtische Mahnschreiben mit größter Verachtung. Wenn solches, was hier in diesem Briefe steht", riefen sie ,,, auf ein Kerbholz eingeschnitten stände, könnte man es besser lesen." Zudem wollten sie außer diesem einen Brief keine anderen mehr empfangen und lesen. Die Ohrenbacher marschierten zu Roß und zu Fuß, mit einem Kriegswagen und mit Hackenbüchsen nach Brettheim. Tuchfetzen, an Stangen geheftet, bildeten ihre Abzeichen. Die beiden Haufen vereinigten sich und 30gen geschlossen nach Insingen. Den Pfarrern von Bettwar und Östheim plünderten sie die Weinkeller und leerten sie gänzlich. Noch radikaler plünderten sie den Schultheiß von Insingen aus, der ihre Zusammenrottung in Rothenburg verraten hatte. Auf die nochmaligen Mahnbriefe aus Rothenburg schickten sie als Antwort die zwölf Artikel als berechtigte Anklageschrift gegen alle geistlichen und weltlichen Obern und unterzeichneten: ,, Die Hauptleute, auch all der ganze, helle Haufen". Dieser ,, helle Haufen" bestand nunmehr aus vierthalbtausend Mann. Ihre nächste Tat vollbrachten sie in Reichardsrot, woselbst ein Johanniterhaus stand, dessen Inhaber der Johanniterkomtur Herr Kaspar von Stein war. Ihm rückten sie gewaltig zu Leibe. Mit Brech- und Stemmeisen zerbrachen sie Tür und Tor; was irgendwie als Beute in Betracht kam, Getreide, Vieh, Mehl und Inventar trieben oder trugen sie weg; alles übrige zertraten und zerstörten sie. Hier, in Reichardsrot, erhielten die Aufständischen bedeutenden Zuwachs. Der Ritter 3eisolf von Rosenberg rückte mit seiner ganzen Bauernschaft heran und suchte um Ausnahme in die Bruderschaft nach. Der Bitte wurde stattgegeben. Den größten 3ustrom erhielt jedoch die rothenburgische Bauernschaft in Schäftersheim, Hier stieß nämlich der Tauberhaufe zu ihnen, der rottenweise von Grünsfeld, Lauda, Mergentheim und Bütthard heranrückte. Etwa fünftausend Mann stark, übertrafen sie die rothenburgischen Bauern noch an Zahl, schlossen mit ihnen Brüderschaft auf Gegenseitigkeit und forderten, daß eine neue Führerschaft und zwar vor allem aus dem Tauberhaufen gewählt werde. Die Rothenburgischen begaben sich großenteils und vorübergehend nach Hause zurück und setzten, was sie in den zwölf Artikeln vom Stadtrat zu Rothenburg gefordert hatten, in die Tat um. Ihr Vieh trieben sie zur 30 Weide in die Waldungen der Stadt, nahmen sich das Recht zur Fischerei und Jagd, jagten die städtischen Feldhüter und Forstbeamten davon oder töteten sie und erklärten und betätigten sich selber als Eigentümer von Feld und Wald, das bislang nach Rothenburg, sowohl geistlichen als weltlichen Herren gehörte. In Schäftersheim verübte indessen der Tauberhause einer seiner beliebten Greueltaten, das dortige Kloster wurde geplündert, das ausgeraubte Gebäude eingeäschert, die Klosterfrauen vertrieben, mißhandelt und geschändet. In ihrer Verblendung glaubten sie mit all dem nur dem Evangelium zu dienen, sodaß sie von dem Wahn befangen waren, es könne ihnen überhaupt niemand widerstand leisten, auch kein Geschütz ihnen schädlich sein, denn Gott halte es mit ihnen; darum verleihe er ihnen auch so lange 3 eit schönes Wetter, wie es in der Tat, so lange der Bauernkrieg währte, von Anfang bis zum Ende eine schöne, warme, trockene 3eit und dazu ein recht fruchtbares Jahr war. Ein Hauptherd der Empörung wurde auch die Stadt Rothenburg selbst, wo einheimische und wandernde Prädikanten in großer 3ahl dem Volk die Lehren der neuen evangelischen Freiheit verkündeten. Auf dem Marktplatz, in den Gassen und auf dem Friedhof schlugen sie ihre Kanzel auf, um zu predigen. Ein großer Haufe von Männern und Gesellen hörten ihnen begierig zu, denn die Prediger hoben aus den heiligen Büchern immer das hervor, was wider die Obrigkeit diente. Bei diesen Angriffen gegen geistliche und weltliche Obrigkeit tat sich besonders ein blinder Barfüßermönch namens Hans Schmid hervor, sowie Johann Deuschlin, der Prediger an der Marienkapelle war. Er hatte bereits früher das Volk zur Erstürmung der Synagoge und zu Mißhandlungen gegen die Juden aufgestachelt. ,, Niemand", erklärte er, sei schuldig, Kirchenopfer, Diehsteuer und 3ehnten zu geben." Der Unwille des Volkes gegen die Obrigkeit wurde immer heftiger. Die Bürger eilten nicht nur zu den Predigten, die Deuschlin hielt, sondern versammelten sich auch in dessen Hause zu geheimen Beratungen. 3u gleicher Zeit war auch Carlstadt, der sich aus Sachsen hatte flüchten müssen, nach Rothenburg gekommen und verkündete die Lehre von der evangelischen Bruderliebe, nach welcher alle Dinge gemein sein sollten und alle Obrigkeit und Herrschaft aufhören müßte. Schon bildete sich unter den Besitzlosen, unter 31 den verarmten und verschuldeten Bürgern der Stadt eine mächtige Partei, die mit dem niederen Adel der Umgegend, sowie mit den Bauernführern der aufständischen Dörfer in Verbindung trat, um mit ihrer Hilfe in Rothenburg ,, dem Evangelium aufzuhelfen und alles, was dem wahren Worte Gottes entgegen sei, abzuschaffen". Der größte Heter in Rothenburg war jedoch der Junker Stephan von Menzingen, der nicht nur in der Beredsamkeit, sondern auch in seinen schlechten Taten alle anderen überragte. Bis Ende März des Jahres 1525 hatte er den Aufstand soweit gefördert, daß der ganze Stadtrat gestürzt und zugleich auch der katholische Gottesdienst abgeschafft wurde. Unter seiner Führung ließ sich die aufrührerische Menge zu den schändlichsten Taten mitfortreißen. Am 24. März schlugen sie dem steinernen, Kruzifir, das auf dem Friedhofe stand, das Haupt und die Arme ab. Am Karfreitag unterblieb jeglicher Gottesdienst, statt dessen hörten sie in der Kirche eine Schmährede an, die sich in den rohesten Ausdrücken gegen Kaiser und Fürsten, gegen geistliche und weltliche Obrigkeit richtete. Am heiligen Osterfeste wurde in den Kirchen weder gesungen noch gelesen. Am Ostermontag endlich rotteten sich die Müller des Taubertales mit ihren Knechten zusammen, stürmten die schöne Kirche Unserer lieben Frau, zer= schlugen die Fenster mit ihren Glasmalereien, schändeten die Altäre, übten heillosen Mutwillen mit den heiligen Gefäßen und Meßbüchern und warfen die Gemälde, zum Teil Werke von Michael Wolgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers, samt den vor31 handenen geschnitzten Heiligenbildern in den Fluß. Tags darauf versuchten sie es, auch die Hauptkirche der Stadt in der gleichen Weise zu zerstören. Hier aber stellten sich die alten frommen Christen den Wüterichen entgegen und erreichten es, daß sie unverrichteter Dinge wieder abzogen. Sogar dir Frauen nahmen an den Greueltaten teil. Am Donnerstag nach Ostern liefen sie mit Hellebarden, Gabeln und Stangen durch die Hafengasse, um alle Pfaffenhäuser zu stürmen und zu plündern. Von den gräßlichen Taten, die sich immer mehr häuften, sei nur erwähnt, wie sie es mit Lorenz Knobloch hielten, der ein Genosse des Stephan von Menzingen war. Dieser wollte in aller Öffentlichkeit Notzucht begehen, von seinen eigenen Genossen wurde er in Stücke gehauen. ,, Haben einander mit den Stücken geworfen, zuletzt haben sie ihm den Kopf abgehauen und den von einander gespalten." 32 32 Die Weinsberger Tat. ,, Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Dieses Dichterwort findet auch im Bauernkrieg seine grelle Beleuchtung. Georg Truchseß hatte mit seinen wohlausgebildeten Truppen am 14. April 1525 bei Wurzach einem größeren süddeutschen Bauernhaufen eine furchtbare Niederlage bereitet. Durch das ganze Land ging die Schreckenskunde, es seien bei Wurzach siebentausend Bauern gefallen. In dieser 3ahl lag eine große Übertreibung; aber soviel stand fest, daß Georg Truchseß gegen die besiegten Bauern mit Massenmord vorging. Das genügte, um die übrigen Bauernheere, so vor allem die Bauernansammlungen bei Weinsberg in Württemberg mit Raserei zu erfüllen. Zugleich befand sich in diesem Haufen als unerschrockener Führer Florian Gener mit seiner Elitetruppe, der sogenannten ,, schwarzen Schar." Auch viel Franken marschierten in diesem Zuge. Unter dem Feldgeschrei ,, Rache für Wurzach" rückten sie auf Weinsberg heran. Hier hatte die österreichische Regierung als Stadtkommandanten und Amtmann den Grafen Helferich von Helfenstein aufgestellt. Außer dem von Helfenstein hatten sich in der Stadt noch achtzig Ritter und Reisige eingefunden. Es war am ersten Osterfesttag, am 16. April 1525. Die Bürgerschaft von Weinsberg mit den Rittern an der Spitze weilten gerade im Gottesdienst. Da erscholl der Alarmruf: ,, Das Heer der Bauern!" Aus der Kirche herauseilend erblickten sie auf dem Schimmelsberg, der durch ein Tal von der Stadt getrennt liegt, die große Masse der Bauern. Sofort stürmten die Bürger an die Tore, um sie zu verrammen. Graf von Helfenstein jedoch wollte wenigstens das untere Tor offen lassen, weil er jeden Augenblick Hilfe von Stuttgart erwartete. Auch erkannte er bald, daß seine kleine Besatzung einer solchen Übermacht unmöglich standhalten könne. Als deswegen aus dem Bauernheere zwei Herolde heraustraten und zum Zeichen, daß sie verhandeln wollten, einen Hut auf langer Stange mittrugen, schritt Graf von Helfenstein init einigen Bürgern selber zum Tore hinaus, ihnen entgegen. Bevor sie sich jedoch begegneten, empfing ein Ritter namens Dietrich von Weiler, auf der Mauerbrüstung stehend, die feindlichen Abgesandten unklugerweise mit Spott 33 reden, ja, er ließ sogar zwei Büchsen auf sie abfeuern. Der eine der Herolde stürzte zusammen, raffte sich jedoch wieder auf, um mit seinem Begleiter ins Bauernheer zurückzueilen. Dietrich von Weiler legte das als Flucht aus und rief den Weinsberger Bürgern zu: ,, Liebe Freunde! Sie kommen nit, wollen uns also schrecken und meinen, wir hätten von Hasen das Herz." Aber schon rückte das Bauernheer wie ein rasender Sturmwind heran. Kaum, daß Graf von Helfenstein sich noch in die Stadt zurückflüchten konnte. Schon pochen die Wüteriche an die Tore und Mauern. Aber die Bürger und Ritter wehrten sich gut und schossen vom Schloß und den Stadtmauern tapfer nieder. Mancher der Anstürmer starb unter ihren Geschossen. Aber um so unwiderstehlicher wurde die Wut der andern. ,, Rache für Wurzach", brüllten sie und bearbeiteten mit Hammern und Pallisaden gewaltig die Mauern. Die Ritter erkannten, daß die Stadt verloren sei. Wohl wissend, was folgen würde, schwangen sie sich aufs Pferd, um aus dem oberen Stadttor zu entfliehen. Aber die Bürger hielten sie fest und schrieen:„ So wollt ihr uns allein in der Brühe stecken lassen?" Noch einmal versuchten sie die Gegenwehr. Aber schon schwangen sich einige der schwarzen Schar" über die Mauern. Die Tore sprangen unter den furchtbaren Stößen aus den Angeln. Da riefen Graf von Helfenstein und Dietrich von Weiler den Eindringenden entgegen:„ Friede! Friede! Wir wollen uns gefangen stellen!" Den Bürgern aber rief er zu:" Brav habt ihr euch gehalten und den Bauern genug getan; vor Gott und der Welt wollen wir's bezeugen!" Als die Bürger sahen, wie ihren Führern aller Mut entsunken sei, gaben sie die Verteidigung auf und stürmten von den Wehren hinweg. 3um oberen und zum unteren Tor, so wie durch das Schloß drangen die Feinde nach. Die Ritter verkrochen sich, der größere Teil flüchtete sich zur höher gelegenen Kirche." Hinweg mit euren Weibern und Kindern!" schrieen die Bauern. Wer sich zur Wehr setzte, wurde niedergestochen. Die übrigen wurden entwaffnet. Sofort gingen sie auf die Suche nach den Adeligen. Überall, wo sie einen herausholten, der Stiefel und Sporen trug, wurde er als zum Adel gehörig unbarmherzig ermordet. Schon merkten sie, daß der größere Teil zur Kirche entflohen sei. Drei von ihnen wurden auf dem Kirchhof erschlagen. Dietrich von Weiler, der stärkste von den Rittern, hatte den Turm bestiegen und rief abermals 3 34 " hinunter: Friede! Friede!" Aber schon hatte ihn eine Kugel getroffen und er stürzte rücklings in den Turm. Alle übrigen, sowie Graf von Helfenstein, trafen sie in der Kirche. Tapfere Bürger setzten sich nochmals zur Gegenwehr; jedoch achtzehn von ihnen wurden getötet, vierzig verwundet, die Ritter aber gefangen genommen und mit Stricken gebunden. An ihnen wollten sie die Rache kühlen für Wurzach. Am andern Tag, Ostermontag morgens bei Sonnenaufgang, führten sie die Adeligen hinaus auf einen freien Platz, der auf der Straße nach Heilbronn liegt. An der Spitze des Juges marschierte ein Pfeifer, der Graf von Helfenstein zurief: ,, Dir habe ich oft genug zur Tafel gepfiffen, nun spiel ich dir billig zu einem anderen Tanz." Draußen angekommen, mußten sich die Ritter entkleiden, die Bauern bildeten zwei Reihen und auf Kommando und unter Trommeln und Pfeifen jagten sie zuerst Konrad von Winterstett durch die Spieße, bis er tot zusammenbrach; dann folgten Burkard von Ehingen, Dietrich von Westerstetten, Philipp von Bernhausen, alle der Reihe nach, so viel ihrer von den achtzig Rittern noch übrig waren. Sogar mehrere Priester hetzten sie durch die Spieße und töteten sie. Zuletzt stand noch Graf Helferich von Helfenstein da, der Stadtkommandant. Seine Gemahlin, die Gräfin, eine leibliche Tochter des deutschen Kaisers Maximilian, war ebenfalls gefangen genommen worden. Als sie von der bevorstehenden Schreckenstat hörte, entlief sie und stürzte, mit ihrem unmündigen Kind auf dem Arm, herzu und schrie:„ Um des wimmernden Kindes willen erbarmet euch des Grafen!" Aber ein Bauer trat vor sie hin und schmückte sich vor ihr mit der Helmfeder ihres Gemahles, ein anderer mit seinem Panzer und unter ihren Augen jagten sie den Graf in die Spieße hinein und durchbohrten ihn. Ja, ein Weib rannte noch herzu und stieß dem Toten noch das Messer in den Leib. Dann zogen sie einen Mistwagen herbei und setzten die Gräfin, nachdem sie dieselbe des Schmuckes be= raubt und ihr Kind verwundet hatten, auf den Wagen zur Fahrt nach Heilbronn.„ Auf einem goldenen Wagen, schrieen sie ihr zu, 30gst du nach Weinsberg herein, auf einem Mistwagen fährst du davon." Indessen kam der pfälzische Marschall Wilhelm von Haber mit einer kleinen Truppe von Mosbach zu Hilfe herbeigesprengt. Als er aber vom Schimmelsberg aus sah, was drunten in Weinsberg geschehen sei, kehrte er um. 35 Ein Haufe von siebzig Bauern stellte sich ihm entgegen mit dem Schlachtruf:„ Her! Her! wir wollen den Haber ausdreschen." Der Ritter schlug mit den Seinigen alle siebzig Bauern tot. Das war die erste Sühne für die erschlagenen Ritter. Don jetzt an aber hatten alle Truppen, die gegen die Bauernhaufen vorgingen, auch ihrerseits ein Feldgeschrei; es lautete:„ Rache für Weinsberg!" Die Diebeshand in Tyrol. Der Volkskrieg, der im Monat Januar und Februar in Oberschwaben ausgebrochen war, wirkte sich in diesem Lande so verheerend aus, daß sich Georg Truchseß von Waldburg an den kaiserlichen Statthalter Erzherzog Ferdinand wandte mit der Bitte, er möge eiligst nach Schwaben kommen, um den Aufstand daselbst löschen zu helfen. Darauf erwiderte Erzherzog Ferdinand, daß es ihm gar nicht mehr möglich sei, dorthin zu kommen, denn sein Erbland Tyrol, in welchem er sich gerade aufhalte, stünde ebenfalls in hellen Flammen. Ja, das Feuer der Empörung zünde so rasch von Berg zu Berg, daß sogar schon die Gebiete von Kärnten und Steiermark davon entfacht seien. Entzündet wurde hier die Fackel des Bürgerkrieges von Dolksgenossen, die zu Zeiten von Empörungen nichts zu verlieren haben, weil sie infolge ihrer Liederlichkeit nie etwas besitzen, dagegen durch Raub und Diebstahl vieles zu gewinnen hoffen. Auch hatten die Prädikanten, die bis in die fernsten Gebirgstäler vordrangen, die Lehre von der allgemeinen Brüderschaft in Christo zu deutlich verkündet, als daß die Folgerungen daraus hätten ausbleiben können. Der Aufstand in Tyrol trug von Anfang an den Stempel eines Raubzuges. Im Eisacktale hatte die Gerichtsbehörde einen Dieb verurteilt und denselben zur Abbüßung seiner Strafe ins Gefängnis überwiesen. Kaum, daß sich die Kerkertüre hinter ihm geschlossen hatte, stürmten seine Verwandten und Freunde das Gefängnis, schlugen die Kerkertüre in Trümmer und befreiten den Gefangenen. Dieser Gewaltakt gab das Signal zur allgemeinen Erhebung. Aus den Talgründen, von den Triften und Matten, aus den Bergen und sogar von den zu höchst gelegenen Sennhütten herab 3* 36 rotteten sich die Bauern und die Hirten zusammen und versammelten sich in ungeheurer Erregung in der Mühlander Au. Ihr Beschluß lautete heftig und kurz:„ Aller Beschwerung laẞt uns entledigen!" Schwer ist es, einen zu Tal stürzenden Gebirgsfluß zu bändigen. Noch schwerer sollte es werden, diesen losbrechenden Unmut eines ganzen Volkes zu bezwingen. 3war gelang es dem edlen Sigmund Brandisser, der wildtobenden Menge ein solch packendes Bild von den Gefährnissen und Schäden eines bewaffneten Aufstandes zu zeichnen, daß sie ihm versprachen, von der Gewalt abzustehen und den Erzherzog Ferdinand um gütlichen Vergleich anzugehen. Aber der Haß einzelner siegte über die Vernunft der andern. mit unwiderstehlicher Wucht warfen sie sich auf Brixen, eroberten es und begannen eine schamlose Plünderung in den Häusern der Domherren, Pfarrer und Kapläne. Darauf zogen sie vor das Palais des Bischofs Sebastian, stießen die Türen und Fenster ein und jagten die Bischöflichen Räte und Beamten davon. Sogar der Bischof selber hatte Bitterstes zu erfahren; denn auch die Bewohner von Brigen verbrüderten sich mit den Aufrührern und kündigten ihrem Bischof ins Angesicht jeglichen Gehorsam. Verhängnisvoller wurde der Ansturm auf das berühmte Kloster Neustift. Fünftausend Mann waren es, die über das herrliche Kloster herfielen. Der fromme Propst Augustin kam mit dem nackten Leben davon. Die übrigen Ordenspriester, die sie noch antrafen, wurden von den Eindringlingen derart verspottet und zugleich gepeinigt, daß es ihnen um ihrer Jn priesterlichen Würde wegen aufs ärgste leid tun mußte. blinder Zerstörungswut fielen sie sodann über das Gotteshaus und über das Klostergebäude her, warfen die kostbaren Gemälde zu Boden, um sie zu zertreten, rissen die Bücher und Handschriften aus den Truhen und Schränken, schlugen das Hausgerät in Stücke und schleppten alles Silbergeschirr und die Kleinodien mit weg. So verursachten sie dem Kloster, das der ganzen Umgegend stets zum Segen gereicht hatte, einen Schaden von fünfundzwanzigtausend Gulden. Den Höhepunkt erreichte der Tyroler Aufstand jedoch erst mit dem 13. mai, indem die Bauern an diesem Tage Michel Gaismayr, einen durch und durch bösen und listigen Menschen aus Sterzing, zu ihrem Führer wählten. Nun erstreckte sich die 37 Plünderung zuerst auf alle Geistlichen. Es gab keinen noch so armen Priester im Lande, der nicht das Seine verlieren mußte. Als die Priester ohne Ausnahme beraubt und aller Habe entledigt waren, stürzten sie sich mit der gleichen Raubgier auf alle Edelleute und Grafen. Mancher von ihnen mußte mit seinem Hab und Gut zugleich auch das Leben hergeben. Selbst Fürstherzog Ferdinand und seine Gemahlin wußten sich nirgends mehr geborgen und flüchteten von einem Orte zum andern. Es war das Plündern und Toben, das Geschrei und Gelauf im Tale des Inn, im Etschtal, im ganzen Land und zwar sowohl in den Dörfern als auch in den Städten bald so allgemein, daß sich kein guter Mann mehr auf die Straße getraute. Sogar solche, die sonst redlich und rechtschaffen lebten, ließen sich zu Ungerechtigkeiten und Diebstählen mitfortreißen.„ Doch daß ich die Wahrheit sag", schreibt ein Augenzeuge,„ von dem Rauben, Plündern und Stehlen wurde niemand reich." ,, Auch die Elsäßischen sind aufwegig." Erzbischof Richard von Trier hatte gleich zu Beginn des Kriegsjahres 1525 einen Kundschafter ausgesandt, der ihm Bericht erstatten sollte, wie sich die Flutwelle der Bauernbewegung in den einzelnen Ländern fortpflanze. Eines Tages konnte dieser Kundschafter seinem Bischof mitteilen:„ Auch die Elsäßischen sind allerwärts aufwegig, wo man nur hinkommt." Über die prächtigen Fluren des Elsaß ergoß sich die gewalt= tätige Erhebung der Bauern mit der Wucht eines dahinbrausenden Hochwassers. Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf brandete das Unglück. Schon am 30. April schreibt ein Augenzeuge aus Straßburg:„ Alles ist bei uns voller Aufruhr, allenthalben rotten sich die Bauern zusammen. Die meisten Städte, mehrere Burgen haben sie inne. Die Papisten sind in einer unglaublichen Angst. Die Reichen vergehen vor Furcht für ihre Schätze und selbst wir, in unserer festen Stadt, leben nicht ganz ohne Besorgnis." Die meisten Teilnehmer an dieser Elsäßischen Empörung gehörten der neuen Religion des reinen Evangeliums" an. Sie fühlten sich mit den Geheimnissen des Evangeliums bereits so vertraut, daß sie sich unterfingen, alle Äbte und Pfaffen des Elsaß zu einer öffentlichen Disputation in ihr Hauptquatier" 38 aufzufordern, zugleich die Drohung aussprechend, daß sie die Klöster, die keine Vertreter kommen ließen, aufsuchen würden. Auch die Städte schlossen sich der Bauernrevolution an; Straßburg, die bewährte Festung, sollte durch Verrat in die Hände der Bauern gelangen, indem sechzehn Bürger der Stadt den Bauernhaufen heimlich Einlaß gewähren wollten, um mit ihnen gemeinsam sowohl Geistliche als Weltliche auszuplündern. Erst in letzter Stunde hat der Rat der Stadt die Verräter entdeckt und sie in Gewahrsam gebracht. Was hier noch verhütet werden konnte, ist in Elsaß- 3abern, der Residenz des Straßburger Bischofs, vortrefflich gelungen. Die Bürger öffneten den Bauern die Tore und beschworen mit ihnen den„ christlichen Bund." Wohl nirgends hat der Bauernaufstand eine so rohe Gestalt angenommen als im Elsaß. Überall war Brand und Raub, heißt es, Schändung der Kirchen, schandbare Zerstörung aller edlen Werke der Kunst. Die Bauern hatten die Abtei Mauersmünster bei 3abern erobert und alles, was sie darin vorfanden, zertrümmert. 3uletzt schleppten sie die kostbare Bibliothek heraus und zündeten damit ihr Feuer an. In dem nahe gelegenen Kloster St. Johann gingen die Eroberer bis in die Knie in den Trümmern von Büchern und Schriften. Im elsäßischen Bauernlager glänzte es förmlich von Kelchen, Patenen, goldenen und silbernen Kirchengeräten und Altarschmuck aller Art. Noch grassere formen nahm der Krieg an in den Städten, wo sich die Bürgermeister mit den Stadträten auf Seiten der Revolutionäre stellten, wie es in Weißenburg geschah. Dort plünderten die Aufständischen zuerst das Stift aus; ganze Wagen füllten sie mit Büchern, Registern und 3insbriefen an, um sie auf dem Markte zu verbrennen. Ja, gegen den Bürgermeister und Stadtrat wird hier sogar eine Anklage erhoben, die man fast nirgends gegen die Bauern selber erhoben hat, nämlich, daß sie darnach strebten, die Geistlichen totzuschlagen. Die Anführer der elsäßischen Empörung scheuten sich nicht, ,, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn, zu verlangen, daß jede Stadt, jedes Dorf und jeder Flecken jeden vierten Mann zu dem Haufen sende, und daß, wenn irgendwo Sturm geläutet werde, im ganzen Lande die Glocken ertönen sollten." Radikal, wie ihr Vorgehen, waren auch ihre Forderungen, die sie in ihren Artikeln zusammenstellten. Weder den großen noch den kleinen Zehnt wollten sie fürderhin geben; keine 3insen und keine Gülten 39 mehr zahlen; volle Freiheit forderten sie über alle Wasser, alle Wälder und alles Wild; nur den wollten sie als Fürsten und Herrn anerkennen, der ihnen gefalle. In Oberehenheim erklärten die Bauern:„ Mit dem Evangelium in der Hand wird sich alles anders machen; wer jetzt Bürgermeister ist, der wird Nichts, und wer 3unftmeister ist, der wird kaum ein Gassenknecht; die Herren auf der Herrenstube werde man zum Fenster hinauswerfen, sie aber würden Herren werden." In kurzen, aber erschreckenden Worten faßt der Kundschafter des Erzbischofs von Trier seine Beobachtungen zusammen, indem er sagt:„ Die Bauern im Elsaß sind wütig mit Raub und Brand, aber unter dem gemeinen Mann in Städten, der teilen will mit dem Reichen, ist noch mehr Aufruhr dann unter dem baurischen Pöbel. Einhellig schreien sie: wir wollen nit allein Klöster und Schlösser gewinnen, sondern auch in den Städten lausen und mausen und Herren sein. Sie sind im Verständnis mit etlichen Haufen in Lothringen und mit dem großen Haufen vom Schwarzwald." Der Tumult zu Bamberg. Weigand von Redwitz war zum Fürstbischof von Bamberg gewählt worden und als er die Regierung des mächtigen Hochstiftes in seine starken Hände nahm, mußte er zu seinem Schmerze erkennen, daß die unheilvolle Glaubensspaltung auch dieses schöne Gebiet deutschen Landes in zwei sich bekämpfende Heerlager zu zerreißen drohte. Um seinen Untertanen die Einheit des Glaubens und somit auch den Frieden zurückzugeben, befahl er, daß die zahlreichen Prädikanten sein Land verließen. Diese fügten sich mit Ausnahme des geistreichen, und darum viel bewunderten Predigers Johann Schwanhäuser, der in der St. Gangolfkirche in Bamberg die neue Lehre vortrug. Der Bischof war über das Verbleiben gerade dieses Predigers aufs tiefste erregt; aber er wußte, daß er keine Gewalt anwenden dürfe, da Schwanhäuser eine zu begeisterte Anhängerschaft hatte. Soeben, am Palmsonntag 1525, hatte er wieder eine seiner aufreizenden Reden gegen die Geistlichkeit gehalten. Der Weinberg des Herrn, predigte er, werde am meisten verwüstet durch jene, 40 " welchen anbefohlen sei, ihn zu bauen. Sie stoßen Christum aus dem Weinberg und setzen sich an seine Stelle; sie sprechen: sie seien Statthalter Christi und die rechten Abgesandten Gottes werden von ihnen verfolgt." Aber der Herr werde zu Gericht kommen und lagen: ,, ihr seid die, die da verwüstet haben meinen Weinberg, und der Raub der Armen ist in eurem Haus." Der Antichrist habe schon zu Zeiten der Apostel angefangen zu regieren, jetzt regiere er mit Gewalt. Päpste, Kardinäle und Bischöfe träten auf wider Gottes Wort und seien darum rechte Antichristen, Christus nenne solche Lehrer Diebe und mörder. Man lasse die Armen sitzen ohne Häuser, erfrieren und hungern und baue den toten Heiligen große steinerne Häuser und trage ihnen Gold, Silber, Edelsteine, auch Tiere und Eßwaren zu. ,, Wir berauben die Lebendigen und begaben die Toten. So wir rechte Christen wären, so verkauften wir Monstranzen, Kelche, Kirchen- und Meßgewänder, als die heiligen 3wölfboten, und behülfen uns einstweilen, wie wir könnten, damit den Armen geholfen werde." Für Dienstag, den 11. April, zwei Tage nach Palmsonntag, lud er seinen Freundeskreis zu einer neuen Predigt ein. Für den gleichen Tag bestellte jedoch auch der Bischof die Ritter und Reisige seines Hochstiftes nach Bamberg, um mit ihnen zu beraten, wie er dem Markgrafen Kasimir von Brandenburg, der durch die Bauernaufstände in Kizingen und Rothenburg in arge Bedrängnis gekommen war, rasch zu Hilfe eilen könne. Eines dieser Einladungsschreiben an die Ritter fiel in die Hände der Gemeinde, die sich um Johann Schwanhäuser scharte. Die Evangelischen faßten sofort Verdacht, es sei das Erscheinen der Ritter gegen sie selber gerichtet. Ein großer Auflauf auf dem Marktplatz war die Folge dieser Nachricht. Gewissenlose Hetzer bemächtigten sich der aufgeregten Menge und schrien: ,, Der Bischof hat seine Ritter be= stellt und plant für morgen, während wir im Gottesdienst versammelt sind, auf uns einen Überfall!" Die Anhänger Johann Schwanhäusers gerieten in Wut. Außer sich vor Empörung schrien sie: ,, Die Ritter dürfen nicht in die Stadt!" Und schon rennen die einen in die Gotteshäuser und läuten Sturm. Die anderen bemächtigen sich der Stadttore um sie zu verrammen. Wieder andere eilen, um sich in Harnisch zu werfen, bilden einen geschlossenen Heerhaufen und wählen sich Hauptleute an die Spitze. Der Rat der Stadt erschrack über den ungeheueren Tumult aufs heftigste. Durch einen Boten setzte er den Bischof sogleich in Kenntnis. Dieser, nichts ahnend, worüber die Empörung ausgebrochen sei, entsandte drei seiner Räte an das Volk und ließ es bitten, es möge seine Beschwernis kund tun, er sei bereit, ihnen zu helfen. Die Menge aber, statt ihrem Bischof zu trauen, hielt die Botschaft für Verstellung und trieb die Räte unter Schmähreden in die Hofburg, wo der Bischof residierte, zurück. Zugleich verstärkten sie sich, indem sie fast alle Bürger dazu gewannen oder nötigten, sich ihnen anzugeloben. Sendboten aber schwärmten nach allen Richtungen in die Landschaft, damit die Bauern zur Stunde in die Stadt eilten, um sich mit ihnen zu verbrüdern. Weigand von Redwitz war sich seiner Lage bewußt. Noch am gleichen Tage flüchtete er mit seinen Räten, Beamten und der Mehrzahl der Kapitulare aus der Stadt hinauf zur Altenburg, die geeignet gewesen wäre, ihn gegen jede Verfolgung zu sichern, wenn er in Vorausahnung des Umsturzes sie kriegsbereit gestaltet hätte. Wie groß war aber die Erregung erst am folgenden Tag. Tausende von Bauern waren bereits von allen Dörfern ringsum eingetroffen. Alle Stege und Zugänge zur Stadt wurden verlegt. Über die Straßen rissen sie tiefe Gräben auf. Die Tore wurden aufs stärkste verriegelt. Sogar in der Stadt zogen sie Ketten über die Gassen und Straßen. Barrieren wurden errichtet, und an die Bürger und Bauern Waffen und Munition verteilt. Die Adeligen und Geistlichen wurden gewaltsam aus ihren Häusern geholt und die Befestigung der Straßen sowie die Bewachung der Tore gerade ihnen aufgenötigt. Der Bischof war über all diese Vorgänge genau unterrichtet. Hilfesuchend wandte er sich an die Nachbarfürsten von Würzburg und Eichstätt. Aber bei deren eigenen Bedrängnis konnte er von dort keine rasche Hilfe erhoffen. Die Altenburg, in welche er geflüchtet war, stand nicht kriegsbereit. So suchte er einen Ausweg, indem er die Einladung des Ausschusses, der den ganzen Aufstand in der Stadt leitete, für den Gründonnerstag annahm, um mit ihnen zu verhandeln. Welch häßlicher Empfang! Der friedliebende, treubesorgte Fürst zieht in seine Stadt ein, und gleich am Eingang, am 42 Karmeliterkloster empfängt ihn ein Volkshaufe in Wehr und Waffen! Drohungen, sogar Schreckschüsse begleiten ihn, als er an ihnen vorüberzieht. Er gelangt unter dem Schutze des Geleites, das ihm zugesichert worden war, auf den Marktplatz. Hier steht fast die gesamte Bürgerschaft in Harnisch, zu Reih und Glied geordnet und in Schlachtordnung aufgestellt. Freundlich will sie der Bischof grüßen und Worte der Güte sprechen. Aber die Hauptleute verweisen ihn auf das Rathaus, wo man mit ihm sprechen werde. Der Weg zum Rathaus ein endloses Spalier von Bauern! Sie stehen alle in Waffen und empfangen ihren Herrn als Feind. Im Rathaus endlich, welch bittere Enttäuschung! Hier tagte der Ausschuß, aus Bürgern und aus Bauern bestehend, um den Aufstand zu leiten. Drei Forderungen stellen sie an ihren Bischof: 1. Nur er allein solle fortan ihr Herr sein und alle Kapitulare als Unterherren ausgeschaltet werden; 2. Die Güter der Geistlichen und des Adels müsse er einziehen, um sie an das Volk zu verteilen; 3. Die Burgen und Schlösser im ganzen Hochstift seien niederzubrechen. Der Bischof war nicht der Mann, der sich auf lange Reden hätte verlegen können; noch weniger war es seine Art, sich einschüchtern zu lassen. So antwortete er kurz und voller Würde: ,, Es geht nicht an, jemand das Seinige ohne Verhör zu entziehen. Das Abbrechen der Burgen aber verstößt gegen den kaiserlichen Landfrieden." Damit war die Verhandlung abgebrochen und der Bischof 30g sich auf die Altenburg zurück. Aber wie erschrack er, als hinter ihm alle Glocken der Stadt Sturm läuteten! Die wohlhabende Bischofsstadt sollte zwei Tage erleben, die an Schrecken und Verwüstung ihresgleichen nicht sahen. Die bewaffnete Masse der Bürger erstürmte zur Stunde die Hofburg, die auf dem Domplatze stand; in maßloser Zerstörungswut ging alles Denkwürdige und Kostbare des ehemaligen Kaisersitzes unter. Die weit größere Rotte der Bauern stürzte sich auf die Abtei, die den Michelsberg beherrschte, um sie zu vernichten. Dann wurden die Höfe der Domherren geplündert und die Häuser der Geistlichen völlig ausgeraubt. In der Kanzlei des Fiskus fielen sie über die Dokumente, Schuldverschreibungen, Steuerakte und 3insbücher her, zerrissen alles in Fetzen und streuten sie in den Wind. 3wei volle Tage, vom Gründonnerstag bis zum Karsamstag, dauerte die Plünderung. Grauen- und schrecken 43 erregend war es, wie die maßlose, zum Teil ganz und gar be= trunkene masse das entsetzliche Zerstörungswerk vollbrachte. Die alten, frommen Bürger betrübten sich über ein solches Erlebnis bis in die tiefste Seele. Auche jene, die der Bewegung zuerst freundlich gegenüber standen, schracken zurück. Dem Landesfürsten endlich, der das Vorgefallene zuerst nicht fassen wollte, blutete in tausend Kümmernissen das Herz. Am Karsamstag konnte er den Schmerz über die schamlose Zerstörung nicht länger verwinden. Er teilte dem Ausschuß mit, daß er Friede begehre. Bis zum 19. April sollten die Landstände ihre Forderungen schriftlich unterbreiten. Für den 20. April verspreche er einen Landesausschuß zu berufen, der aus neun Rittern, aus drei Bürgern Bambergs und sechs Bauern bestünde. Dieser Ausschuß solle alle Forderungen prüfen. Jeglicher 3ins und 3ehnt solle aufgehoben sein, bis der Landesausschuß die Sachlage geklärt habe. Am Karsamstag Abend verkündeten die Glocken der Stadt und die Geschütze der Altenburg, daß zwischen dem Bischof und dem Ausschuß der Aufständischen ein Vergleich zustande gekommen sei. Somit sei auch in der Stadt und in der Landschaft wieder Friede zu halten. Aber die entfesselte Leidenschaft ließ sich nur schwer wieder in Fesseln schlagen. In der Stadt hatte sich das Gesindel zu vielen Tausenden aus der ganzen Umgegend angesammelt, sodaß auch weiterhin niemand seines Leibes und Gutes sicher war; vor allem, wenn sich die Menge in den Weinkellern der Geistlichen bezecht hatte, wie es fortwährend geschah. Ärger noch tobte sich der Aufstand in den übrigen Orten des Bistums aus, wo über siebzig Schlösser und viele Klöster der Plünderung und sogar der Zerstörung anheimfielen. Der Greuel der Verwüstung in Schwaben. Jm Gebiete der Reichsabtei Kempten, im südlichen Schwarzwald und im Donauries hatte der Bauernkrieg seinen Anfang genommen; in den gleichen Gebieten zeigte sich bis zum Frühjahr 1525 unter den Aufständischen eine solche Entartung, daß sich die Feder sträuben möchte, sie wiederzugeben. Es mögen 44 uns einige Augenzeugen erzählen, welche Schand- und Greueltaten die drei Bauernhaufen von Oberschwaben und Allgäu be= gingen, als sie zu dem Kloster und der Stiftskirche von Kempten, zu dem Kloster St. Blasien und zuletzt von Anhausen kamen. Der Greuel der Verwüstung im Kloster und in der Stiftskirche von Kempten zeigte sich also:" Des Gotteshaus Leute und die allgäuischen Bauern 30gen daher mit macht und nahmen Alles ein, das in dem Gotteshaus war, trunken und aßen, überfüllten sich wider die Natur, tyrannisch wider die Gottesfurcht. Darauf haben sie das Gotteshaus geplündert, zerrissen und kein Nagel in den Wänden gelassen: alle Zierden und Ornat in dem Münster zerrissen, die Altäre und Bilder zerstört und die Altärtücher, Hungertuch, Meßgewand, Meßbücher und allerlei Bücher, auch Kelche und Alles, das zu dem Gottesdienst gehört, zerrissen und hinweggeführt. Sie haben auch Dieh und die Schafe niedergeschlagen und unordentlich verzehrt; das Korn in der Stadt verkauft und allen Hausrath, Nichts ausgenommen, zerrissen und hinweggeführt; alle Gemächer zerstört; die Fenster im Münster und an allen Orten zerstört und ein unchristlich elend Leben geführt. Und an dem heiligen Karfreitag, am 14. April, da die Zeit am heiligsten sollt sein, da hat sie der Teufel ganz besessen. Da haben sie den Rosenkranz und das Gewölmd zerstört, die Bilder herabgeworfen und unser Frauen den Kopf abgesäget. Viele unnütze Leute aus der Stadt Kempten sind hinausgelaufen, wiewol es verboten war, haben vielleicht mehr Schaden gethan, dann die Bauern. Sie haben alle Gottes und unsers Seligmachers, seiner gebenedeiten Mutter Bilder enthauptet, das Kindlein an ihrem Arm entzwei und anderer lieben Heiligen Bilder türkisch und unchristlicher Weise entehret, zerhauen, zerworfen, zerrissen, und dem Gotteshaus entfremdet. Sie haben den christlichen Tauf in der Kirche unchristlich ausgeschüttet, den Kessel herausgebrochen und hinweggetragen, dergleichen das Sacramentshaus, das mit großen Kosten gemacht worden, gar zergenzt und zerrissen; das Käpslein, darin der zart Frohnleichnam zu behalten, herausgenommen, und wo ein Priester das nicht verhütet, hätten sie das unehrlich ausgeschüttet. Jn St. Blasien wurde besonders das heilige Sakrament der Gegenstand schamlosester Entehrung:„ Es war dort viel Heilthum in dem Fronaltar, welches in köstlich eingefaßten Särgen lag, mit edlen Gesteinen und Elfenbein eingefaßt und ausgestochen, 45 welche Särg sie allesammen zerschlugen, die Steine davon genommen, das heilthum unter die Füße geworfen und zertreten; der Gestiftet und etlicher Gräber mehr aufgegraben, etwas darin zu finden; den Fronaltar zergraben, welcher mit köstlichem edlem Gestein übergült und verziret war, das Sacramentshäuslein aufgebrochen und zerschlagen. Unter ihnen ist ein verruchter Bauersmann gewesen, der hat die Partikel des heiligen Sakramentes herausgenommen und gesprochen: er wolle auf einmal genug Hergott fressen, und die also verschlungen. Sie gingen bis über die Knoden in Wein und trunken also unsäuberlich, daß sie kein Vernunft hatten und lagen in den Winkeln wie die unvernünftigen Thiere. 3m Kloster Anhausen wüteten die Bauern vom Ries.„ Sie haben das Kloster Anhausen geplündert und das Vieh, mit Glimpf zu reden, hart verwundet, je eine Sau in der Mitte und einer Kuh den Rücken ab; danach haben sie im Kloster das heilige Sakrament ausgeschüttet und die Monstranzen weggetragen; danach haben sie unser lieben Frauen Bild ab dem Altar gerissen, ihre Hände und Füße abgehackt und den anderen Bildern der lieben Heiligen die Köpfe abgeschlagen; gesagt: wir bedürfen keiner Kirchen mehr. Sie haben bei zweihundert Reisewagen, die alle mit gutem plunder geladen, das sie den Klöstern genommen haben. Als aber nun die Bauern, also in ihrem Regiment jubilirten und ihnen wohlgefiel, daß sie edel wären worden, wollte keiner einen Kittel mehr tragen oder Zwillicht- Hosen, ließen sich in Weiß bekleiden und die Hosen abgeschnitten und allenthalben zerschnitten, und mit Blauem unterfuttert, und ein groß Hütlein auf und eine Feder darauf. Danach wollten sie ihren Adel mehren und weiter einnehmen." - Schuld und Sühne im Thüringer Land. In der Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen predigten Thomas Münzer und sein Genosse Heinrich Pfeiffer das ,, reine Evangelium" in ganz eigener Art. Mit der Friedens= botschaft des Wortes Gottes verkündeten sie nämlich den Krieg. Schon im September 1524 hatten sie einen Volkssturm zu er= 46 regen gewußt. Mit ihren Anhängern stürmten sie alle Kirchen und Klöster, plünderten die Altäre, nahmen die Tafeln und Altartücher weg und behandelten die Reliquien schändlich. Statt ihren Zuhörern das vierte Gebot zu erklären, lehrten die Prediger, daß man nicht schuldig sei der Obrigkeit gehorsam zu sein, brauche niemanden 3insen noch Renten zu geben, man solle alle geistlichen Stände verfolgen und austreiben." Eindringlicher lehrte ihr Freund Johann Laue in Wort und Beispiel. Er hielt jeden Tag Kommunion und steckte die übrigbleibenden Partikel handvollweise in die Tasche; er ließ die Bilder zerhauen und verbrennen und aus den Orgelpfeifen Kannen anfertigen. Die Fürsten nannte er in seinen Predigten ,, Gänselöffel, Tilltappen, Schindhunde, darum solle man ihnen nicht gehorsam sein. Er wolle es noch dahin bringen, daß die Abgötterei der reichen Bürger aus den Kasten, aus den Stuben an den Wänden abgerissen würde; alle Güter seien gemein; in dem Sakramente, wie es in der Monstranz vorhanden, trage man den Teufel um; er rate das alte Regiment in Mühlhausen abzusetzen." Im März des Jahres 1525 wurde in Mühlhausen das alte Regiment tatsächlich gestürzt und Thomas Münzer, der die gemeinsten Greueltaten, Bilderstürme, Raub und Mord auf dem Gewissen hatte, wurde das Oberhaupt der Stadt mit einem neuen und„, ewigen Rat" an seiner Seite. Jetzt war die Zeit gekommen, wo er seine radikal komunistischen Pläne verwirklichen konnte. Man kann Gott nur gefallen", predigte er, ,, wenn man in den ursprünglichen Stand der Gleichheit zurücktritt und Gemeinschaft der Güter einführt." " 1 3u einer solchen Predigt kamen die umwohnenden Bauern zu Tausenden. Nach jeder Predigt sang ein Thor von Jünglingen und Mädchen die Verheißung Gottes an die Söhne Judas: ,, Morgen werdet ihr ausziehen und der Herr wird mit euch sein." Kein Armer wollte mehr arbeiten; was er benötigte, holte er sich, ohne zu fragen, bei seinem reicheren Bruder. Thomas Münzer ging im Diebstahl voran und forderte immer offener, die unbedingte Gleichheit mit der Mordwaffe in der Hand durchzuführen. Seine Sendboten eilten von Mühlhausen aus durch ganz Thüringen und verlangten, die Fürsten und Herren zu morden. Eine schreckliche Kriegswoge überflutete alsbald das ganze Land. Am 27. April schreibt ein Augenzeuge 47 von diesem Bauernaufstand an den Kurfürsten Friedrich von Sachsen: ,, Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. So gewaltsam, so unmenschlich, so grausam verheert und verwüstet die rohe Bauernhorde Gottes heilige Tempel, ohne Zucht, ohne Gesetz, ohne Gottesfurcht. Ein klägliches Schauspiel gewähren die umherirrenden Nonnen, die obdachlosen Priester, durch die Flucht vor den tempelräuberischen Rotten aus ihren geheiligten Wohnungen vertrieben. Ich selbst, elend und dürftig, muß jetzt im Greisenalter mein Brot betteln." Eine solche Schuld, die in ihrem Überschwange zum Himmel um Rache schrie, mußte ihre Sühne empfangen. Gegen die Bauern in Thüringen rüsteten sich Landgraf Philipp von Hessen, der bereits die Aufständischen in den Abteien Hersfeld und Fulda vernichtet hatte. Ferner zogen heran Herzog Georg von Sachsen, Herzog Heinrich von Braunschweig und die benachbarten kleineren Fürsten. Mit etwa sechstausend Reisigen 30gen die Verbündeten gegen Frankenhausen, um die„ mit Mord, Brand, Mißbietung Gottes und anderer Lästerung Schuldigen zu bestrafen." Am 12. Mai war Thomas Münzer mit dem aufständischen Heere in Frankenhausen eingetroffen. Vor Eröffnung des Kampfes hatte er noch zwei Brandbriefe gegen die Fürsten losgelassen, die mit ihrer Häufung von Schriftstellen und ihrer Blutdrünstigkeit ein widerliches Gebilde sind. Ezechiel habe geweissagt, schreibt er an Albrecht von Mansfeld, wie Gott alle Vögel des Himmels fordert, daß sie sollen fressen das Fleisch der Fürsten, und die unvernünftigen Tiere sollen saufen das Blut der großen Hansen, wie in der heimlichen Offenbarung beschrieben." Jugleich befahl Münzer, daß sich auch alle umliegenden Ortschaften zu ihm einfänden, widrigenfalls er sie dazu nötigen werde. Und so 30gen ganze Scharen nach Frankenhausen; Weiber und Kinder gaben das Geleite„ teils mit Weinen und Seufzen, teils mit Jauchzen und Frohlocken, je nachdem sie Furcht oder Hoffnung bei dem Handel hatten." Der Bauernhaufe war gewaltig in seiner 3ahl, aber um so armseliger in seiner Ausrüstung. Es fehlte an allem, an Waffen, Geschütz und Munition. Es war am 15. mai 1525. Münzer ließ die zügellose Masse Stellung auf einer Anhöhe nehmen und rings umher eine Wagenburg errichten. Wohl 48 " 1 wissend, daß das kein Kriegsheer sei wie die Truppen seiner Gegner, suchte er sie mit glühendem Hasse zu stärken. Die Fürsten", rief er verderben Land und Leute, wollen den falschen Gottesdienst der Pfaffen und Mönche verteidigen. Gott wird sie vertilgen wie die Kananiter. Lasset euch nicht erschrecken das schwache Fleisch, greift die Feinde kühnlich an. Ihr sehet, daß Gott auf unserer Seite ist, er gibt uns jezo ein Zeichen. Der Regenbogen, der oben am Himmel steht, bedeutet, daß Gott uns, die wir den Regenbogen im Panier führen, helfen will. Er dräuet den mörderischen Fürsten Gericht und Strafe. Daher seid unerschrocken und stellt euch zur Wehr, Gott will nicht, daß ihr Frieden macht mit den gottlosen Fürsten!" Die Bauern stimmten das Lied an:" Komm heiliger Geist." Aber schon stürmten die ersten Reiter heran und statt vor der Wagenburg umzuschwenken, sprangen sie in kühnem Sprunge über dieselbe hinweg. Wie das die Bauern sahen und daß bereits Blut floẞ, erfaßte sie ein namenloser Schrecken und in wilder Flucht zerrissen sie die Kette ihrer Wagen und stürmten nach Frankenhausen hinein. Die Verbündeten aber fielen über die Fliehenden her und sechstausend lagen alsbald erstochen, erschossen, zerissen auf dem Schlachtfeld. Frankenhausen wurde genommen und aus den Gefangenen auf der Stelle dreihundert enthauptet. Thomas Münzer hatte sich dortselbst in ein Bett verkrochen. Er wurde entdeckt und herausgezogen. Nach einem peinlichen Verhör und nach einem förmlichen Widerruf von all seinem gottlosen Reden starb er eines reumütigen Todes. Heinrich Pfeiffer aber, sein Genosse, der mit hundert Anhängern in Eisenach ergriffen wurde, starb eines truhigen Todes", ohne Vorbereitung, ohne Reue und Sakrament. Kurfürst Johann von Sachsen konnte sich mit den übrigen Fürsten vereinigen und mit vereintem Ansturm gelang es, die Stadt Mühlhausen, den Herd und das Herz der thüringischen Schandtaten, zu erobern. Barfuß und barhaupt mußten die Bürger mit weißen Stäben in der Hand im Lager des Siegers erscheinen und die Schlüssel der Stadt überreichen. Nach völliger Unterwerfung verpflichteten sie sich zu einer Entschädigungssumme von vierzigtausend Gulden, alle Türme, Mauern und Befestigungsanlagen mußten sie niederreißen, den Geistlichen die Güter und 3insen zurückerstatten und die Edelleute entschädigen. Die Aufwiegler fielen unter dem Henkerbeil. Turmhoch war in dieser 49 Stadt und im ganzen Lande die Schuld emporgewachsen. Furchtbare Strafe sühnte die furchtbare Schuld. Die Schlacht bei Königshofen am 2. Juni. Zu den aufständischen Truppen, die die Stadt Weinsberg eroberten und alle Ritter, die sie in der Stadt antrafen, grausam ermordeten, gehörten auch etwa viertausend Bauern aus dem Odenwald und dem Neckartal, zugleich, jedoch vereinzelt, auch fränkische Bauern. Diese Diertausend trennten sich nach Eroberung. der Stadt von dem eigentlichen Bauernheer und zogen über Öhringen auf dem nächsten Wege gegen Würzburg. Die feindlichen Truppen des schwäbischen Bundes folgten ihnen auf dem Fuße. Es befand sich unter diesen Bundestruppen der Kurfürst von Trier und von der Pfalz und als eigentlicher Führer Georg Truchseß. Die Bauern fürchteten sich vor den Bündischen und wichen ihnen aus bis nach Königshofen in der Nähe von Lauda. Hier erhielten sie einigen Zuwachs durch Bauern aus dem Schüpfgrund und dem Taubertal, die gegen Grünsfeld beschieden waren. Am Freitag den 2. Juni gewahrten die Bauern, daß das Bundesheer, welches in Ballenberg gelagert hatte, sich durch das Tal der Schüpf auf Königshofen zu näherte und bereits bis Sachsenflur vordrang. An der Spitze des Heeres ritten die Reisige der Kurfürsten und das Rennfähnlein des Georg Truchseß. So= fort rückten die Bauern hinter Königshofen den Steilweg hinauf auf den Wartturm zu, der auf dem Bergrücken gelegen war. Sie besaßen zweiundvierzig Geschütze. Hier auf dem Berge stellten sie sich in Schlachtordnung und richteten die Geschütze gegen das Schüpptal, durch welches das Bundesheer ganz nahe gerückt war. Acht Schuß feuerten sie auf dasselbe ab. Aber das Rennfähnlein des Georg Truchseß hatte ebenfalls und auf dem gleichen Wege die Berghöhe erreicht. Ein Trompetenstoß und die Feindlichen gingen zum Angriff über. Die Bauern richteten ihr Geschütz nun gegen diese und donnerten drei Geschosse in sie hinein. Aber gegen die einstürmenden Pferde hielten die Bauern nicht stand. Die vortreffliche Schlachtordnung geriet in unheilvollste Verwirrung. Ja, ihre Hauptleute und 4 50 Obersten, statt die Gruppe zu halten, hieben mit dem Schwerte die Stränge der Wagenpferde durch, schwangen sich auf diese und entflohen gegen Rothenburg. Jetzt suchte jeder Einzelne sein Heil in der Flucht. Indessen kamen ihnen die Reisige der Kurfürsten in den Rücken und schnitten ihnen den Weg ab. Gegen dreitausend blieben tot am plate. Nur fünfhundert war es gelungen, in den Wald zu entkommen. Da ihnen hier die Reiter nicht nachrennen konnten, wurden die Fußknechte eingesetzt, und mit langen Spießen bewaffnet, hielten sie Treibjagd durch den Wald. Ein Teil der Fliehenden fiel in ihre Hände und sie wurden getötet. Dreihundert Bauern konnten sich jedoch im Walde an einer unzugänglichen Stelle gegen die Fußknechte ververschanzen und da ste zum Teil mit Handgewehren versehen waren, konnten die Bündischen nicht an sie heran. Bis zum Anbruch der Nacht verteidigten sich die Umzingelten. Dann aber baten sie um 3usicherung ihres Lebens und als dieses gewährt wurde, gaben sie sich gefangen. Sie wurden in die Pfarrkirche von Königshofen gebracht und ihnen ein hohes Lösegeld auferlegt. Anderen Tags wurden einige entlassen, damit sie das Lösegeld holten, die anderen aber nach Heidingsfeld abtransportiert, bis sie sich freikaufen konnten. Die Sieger aber blieben am 3. Juni, als am Pfingstsamstag, in Königshofen liegen. Im ganzen hatten sie 42 Geschütze, 12 Doppelhaken, 39 Haken und viele Wagen erbeutet. Die Geschütze und ein Teil der Wagen wurden nach Lauda gebracht, die anderen als Beute an die Sieger verteilt. Unter den Bündischen entspann sich in Königshofen ein heftiger Streit. In einem Artikelbrief war den Kriegsknechten zugesichert worden, daß, so oft sie den Bauern eine Niederlage bereitet hätten, mit diesem Tag der ausgemachte Monatssold fällig sei und sofort ein neuer Monatssold zu laufen beginne. Die Fußknechte forderten also schon am 3. Juni den Sold für den ganzen Monat und vom 3. bis zum letzten Juni einen neuen Monatsgehalt. Darauf gingen Georg Truchseß und die beiden Kurfürsten nicht ein und zwar vor allem deshalb, weil nicht die Fußknechte, sondern die Rennfähnlein und die Reisigen die Schlacht allein entschieden hätten. Die Knechte aber beharrten auf ihrer Forderung und als am anderen Tag der übrige Teil des Bundesheeres nach Würzburg aufbrach, verweigerten sie den Gehorsam und blieben in Königshofen liegen. 51 In Würzburg konnte man von dieser Katastrophe noch keine Kenntnis besitzen; nur wußte man, daß die Brüderschaft durch das Herannahen der Bündischen in große Bedrängnis geraten müsse. Deshalb verordneten die Hauptleute und Räte der Stadt, daß zu der ersten Hilfstruppe, die über Grünsfeld zu dem Tauberhaufen gestoßen war, ein neuer Zuzug von Streitkräften eilen müsse. Gerade in den Stunden, Freitag, den 2. Juni, wo sich das Bauernheer in Königshofen verblutete, fand in Würzburg die neue Ausmusterung statt. Abends rückten sie in aller Stille ab und übernachteten zu Heidingsfeld. Als sie jedoch von hier am Samstag Morgen nach Königshofen aufbrechen wollten, sprengten einige Flüchtlinge aus der Schlacht, unter anderen Hans Bauer von Mergentheim, heran und meldeten die völlige Niederlage der Bauern. Sofort kehrte die Hilfstruppe nach Würzburg zurück, jedoch auf Umwegen, damit die Besatzung auf dem Unserfrauenberg von der neuen Sachlage nichts höre. Daraufhin erließ der Bürgermeister mit seinen Räten am gleichen Morgen ein dringendes Aufgebot an alle Flecken und Gemeinden der Umgegend, daß sie umgehend neue Streitkräfte gegen die Bündischen zu Heidingsfeld versammelten. Zugleich hielten sie es für geraten, an den Fürstbischof, der wegen der Untreue seiner Stadt hatte fliehen müssen, eine Gesandtschaft abzuordnen mit der untertänigsten Bitte, er möge Gnade vor Recht ergehen lassen und seinen eidbrecherischen Untertanen verzeihen. Zu dieser Gesandtschaft zählten Anshelm Schrautenbach von Karlstadt, Hans Schwan von Volkach und Hans Schol von 3phofen. Aber siehe da, der trübe Tag des 3. Juni erhielt nochmal Sonnenschein. Gegen Mittag kam ein weiterer Bote vom Taubertal angestürmt, der gerade das Gegenteil von dem meldete, was die Würzburger des morgens vernommen hatten: von einer Niederla je der Bauern sei gar keine Rede, die Bündischen hätten mit wenigen Reitern zwar dreimal angegriffen, aber ohne Erfolg. Wenn das Bauernheer sofort neue Verstärkung erhielte, könne es auf die Bündischen zum Angriff übergehen. Es sollte für die fränkische Bauernbewegung zum furchtbarsten Verhängnis werden, daß ihr Hauptmann, Jakob Kohl aus Eibelstadt, dieser lügnerischen Botschaft blindlings glaubte. Er verordnete ein nochmaliges Aufgebot nach Königshofen. Sogar die Geistlichen verpflichtete er, sich in Harnisch zu werfen und 4* 52 mit in den Kampf zu ziehen. Nur mit Mühe gelang es Wolf Nuzzel, einem Thorherrn von Stifthaug, seine mitbrüder von dieser ungewohnten und ungerechten Auflage zu befreien. Als Ersatz mußten sie fünfzig Landsknechte ausrüsten und besolden. Auch viele einsichtige Bürger wehrten sich gegen das abendteuerliche Unternehmen. Samstag Abend gegen 9 Uhr marschierten die Streitkräfte durch das Sandertor nach Heidingsfeld. Die Besatzung des belagerten Schlosses durfte von dem Wegzug so vieler Kräfte nicht das geringste merken. In Heidingsfeld waren indessen auf das städtische Ausschreiben hin auch aus der Umgegend neue Mannschaften des Bauernstandes eingetroffen. Nach kurzer Rast brachen sie am Pfingstsonntag vor Sonnenaufgang in der Richtung nach Giebelstadt zu auf. Es waren gegen fünftausend Mann. Auf dem Wege wurde sogar noch die Parole ausgegeben, an diesem Tag, wenn es zum Treffen kommen sollte, keine Gefangenen zu machen, sondern die Reisigen ohne Weiteres zu hängen und den Fußknechten die Hälse abzuschneiden. Es war jedoch unklug, sich im Voraus mit solchen Abmachungen zu be= lasten; denn es muß zuerst die Schlacht gewonnen sein, bevor man sich über das Los der Besiegten einigt. Die Katastrophe bei Sulzdorf und Ingolstadt. c01edallsted Die bündischen Truppen, die am Freitag den 2 Juni das Bauernheer zu Königshofen bis auf dreihundert Gefangene vernichtet hatten, blieben den folgenden Tag, als am Pfingstsamstag, den 3. Juni dortselbst liegen. Am 1. Pfingstfeiertag in der Morgenfrühe, zu der gleichen Zeit, wo das nichtsahnende Ersatzheer der Bauern von Heidingsfeld gegen sie heranzog, brachen der Kurfürst von Trier und von der Pfalz, sowie Georg Truchseß mit ihren Truppen von Königshofen auf, um über Wittighausen rasch nach Würzburg zu gelangen, die Festung, die mit ihrer Besatzung in äußerster Not war, von den belagernden Bauernhaufen zu befreien und die abtrünnige Stadt ihrem Lehensherrn und Fürstbischof zu unterwerfen. qisa rebill 53 Die Bündischen standen bereits bei Dilchband, als ihre berittene Vorhut in völliger Überraschung bei Sulzdorf auf das heranrückende Bauernheer stieß. Jetzt erst erkannten die Bauern, daß sie betreff Königshofen ganz verkehrt benachrichtigt worden waren. Der erste Eindruck bei ihnen war überraschung und Schrecken zugleich. In ihrer Verzweiflung errichteten sie aus ihrem Wagenpark eine Burg, indem sie die Wagen gegen den heranreitenden Feind stellten und sich dahinter verschanzten. Aber, ohne Disziplin wie sie waren, stürzten sie in Panik aus der Wagenburg heraus, noch bevor der eigentliche Ansturm erfolgte und suchten ihr Heil einzig in der Flucht. Nun hatten infolge des ebenen Geländes die bündischen Truppen überaus leichtes Spiel. Wie ein Wild hetzten sie die Fliehenden vor sich her und stachen alles nieder. Bis eine viertel Meile nach Ochsenfurt hinein waren alle Feldwege und Straßen besät mit Toten. Dem Bauernhauptmann Jakob Kohl verfolgten sie bis in sein Heimatdorf Eibelstadt, woselbst sie ihn gefangen nahmen, um ihn am 8. Juni in Würzburg auf dem Markt mit vier anderen Rädelsführern enthaupten zu lassen. Die Parole der Bauern, an diesem Tage keine Gefangenen zu machen, war an die Bündischen verraten worden und darum das erbarmungslose Vorgehen gegen die Fliehendenbi Nur einer kleinen Gruppe war es gelungen in den Ingolstädter Wald zu entkommen, von wo es ihnen möglich war, in der folgenden Nacht weiter zu entfliehen. Eine andere Gruppe flüchtete sich in die Kirche zu Ingolstadt. Als die Bündischen nachzudringen suchten, wehrten sie sich, indem sie das Dach abdeckten und die Ziegel auf sie hinunter schleuderten. Sie mußten jedoch alle sterben. Die Dörfer Bütthard und Sulzdorf gingen in Flammen auf und alle, die sich darin versteckt hielten, verbrannten oder stürzten sich in die Lanzen des Feindes, der sie umzingelte. Die furchtbarste Szene schaute das Ingolstadter Schloß, das schon vorher ton den Bauern eingeäschert worden war. In seine Ruinen flüchteten fich zwei- bis dreihundert Bauern. Sofort sahen sie sich von allen Seiten durch den Feind umgeben. Während die einen ihre Hüte auf Stangen in die Höhe hielten zum Zeichen, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben, schleppten die anderen Steine herzu, um die Eingänge zu verrammen. Die Verbündeten rückten zuerst ihre Geschütze heran, um die Mauern zu zersprengen. Der Geschützonner sollte zu gleicher Zeit ein Singnal für die 54 Verteidiger der Würzburger Feste sein, daß ihre Befreier nahe seien. Aber die Mauern hielten den Geschossen stand. Die Belagerer sahen sich gezwungen zu stürmen. Die Bauern jedoch kämpften um ihr Leben und wiesen den ersten Ansturm unter beträchtlichen Verlusten der Angreifer ab. Dadurch gerieten die Bündischen in Wut. Sie stürmten zum zweitenmal und unter abermaligen Verlusten gelang es ihnen in das Schloß einzudringen. Von den Verteidigern verschonten sie keinen einzigen. Einzelne hatten sich in die Keller des Schlosses verkrochen, aber die Fußknechte warfen Stroh hinein, taten Pulver hinzu, zündeten beides an und vernichteten sie. Noch grausamer verfuhren sie mit denen, die sich nach Giebelstadt gerettet hatten. Die Bauern hielten dort mehrere Häuser besetzt. Aber die Bündischen steckten sie in Brand und es blieb ihnen nur die Wahl, entweder im Feuer umzukommen oder durch das Schwert. Hier in Giebelstadt hatten sich mehrere Flüchtlinge auch in daş dichte Gestrüpp längs des mit Wasser angefüllten Schloßgrabens versteckt. Als die Häschen ihnen nicht beikommen konnten, riefen sie den Bedrängten zuby, Derjenige von euch, der seine Mitbrüder ersticht, erhält freien Abzug. Tatsächlich brachte es einer fertig, die Henkersarbeit zu leisten. Fünf seiner Gefährten stach er nieder, ohne daß diese sichswehrten. Als er aber an den sechsten kam, wurde er mit ihm handgemein, sie rangen miteinander auf Leben und Tod und in der Hitze des Kampfes fielen sie die Böschung hinunter, in den mit Wasser gefüllten Graben und ertranken. sid al Es war eine grauenvolle Pfingstarbeit die hier am 4. Juni 1525 geleistet wurde. Die Verschuldung der Bauern und die Strafe der Verbündeten hatte sich gegenseitig ausgeglichen. Die Sieger zogen am gleichen Tage hinein nach Heidingsfeld, woselbst sie ihr Lager aufschlugen, um von hier aus die Befreiung der Feste und die Unterwerfung der Stadt einzuleiten und in wenigen Tagen zu vollenden. Hier in Heidingsfeld erstattete Truchseß am 7. Juni an den schwäbischen Bund genauen Bericht über alles, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte. Auch machte er hier die Mitteilung, daß er bereits eine Kommission eingesetzt habe mit einem Brandmeister an der Spitze, die genau errechnen würde, was jede einzelne Gemeinde, die sich am Aufruhr beteiligt habe, als Kriegsentschädigung zahlen müsse Zu dem Blutopfer, das die Aufständischen schon reichlich gebracht hatten, sollte 55 das Opfer an Geld und Gut hinzukommen, um das Elend ganz voll zu machen. Das Schreckensgericht in Kizingen. Seit dem Jahre 1515 ruhte die Markgrafenschaft von Ansbach und Kulmbach in den Händen der Brüder Kasimir und Georg von Brandenburg. Auch die Stadt Kitzingen lag im Bereiche ihrer Herrschaft. Bei den allgemeinen Unruhen des Frühjahres 1525 sah sich Kitzingen von den revolutionären Ideen des Bauernaufstandes immer mehr durchsetzt. Deshalb sandte der Stadtrat am 27. April einige Abgeordnete an den Landtag zu Ansbach, damit sie den Markgrafen Kasimir aufs Neue ihrer Ergebenheit und Treue versicherten und von ihm erführen ,,, was in diesen schweren und besorgniserregenden Zeiten vorzunehmen und zu handeln sei." Die abermalige Zusicherung ihrer Treue wurde jedoch der tatsächlichen Stimmung Kitzingens nicht mehr gerecht; denn schon am 7. mai fiel die Stadt von Kasimir ab und ging zu den Aufständischen über. Es folgten für Kitzingen einige Wochen der Gewalt und des Unrechtes, wie sie jeder Aufstand mit sich bringt. Die Äbtissin des dortigen Frauenklosters, Katharina von Fronhofen, sah sich in wenigen Tagen ihres ganzen Inventars beraubt. Jedoch schon Ende mai stand es mit der abtrünnigen Stadt so übel und gefährlich", daß sich die Bürger an den Markgrafen Kasimir zurückwandten mit der untertänigsten Bitte um Vergebung. Der Markgraf wies die Bittsteller schroff zurück. Sein Amtmann Ludwig von Hutten empfahl jedoch der Stadtbehörde, sich trotz dieser Abweisung noch einmal an Kasimir um Verzeihung zu wenden, er selber würde für sie tuen, was in seinen Kräften stehe. Am Pfingstdienstag den 6. Juni, 30gen also Johann Besserer, Heinrich Herdegen und Philipp Seibot als Beauftragte der Stadt gegen Uffenheim, woselbst der Markgraf soeben lagerte. Er empfing die Stadträte mit den schärfsten Vorwürfen und wies sie mit ihrem Bittgesuch aufs neue ab. Aber die Stadtherren erklärten, unverrichteter Dinge nicht heimkehren zu können; sie wollten lieber im Lager bleiben 56 und sich jeglicher Strafe ihres gestrengen Herrn unterziehen; denn kämen sie ohne Erfolg, so würden sich die Bürger auf die Stadträte stürzen und diese nebst anderen ehrbaren Einwohnern erwürgen. Der Markgraf ging mit den Seinen zu Rat und gab endlich den Bescheid, die Stadt zu Gnaden und Ungnaden anzunehmen, jeder Bürger erhalte 3usicherung seines Lebens. Die Zurückkehrenden ahnten nicht, welche Arglist gerade in dieser Zusicherung lag; sollte sie doch nur dem Zweck dienen, daß die Bürger in der Stadt blieben, um dann umso grausamere Strafe zu erleiden. Als deswegen am nächsten Tag Ludwig von Hutten in Kizingen eintraf, um im Namen seines Herrn allen Bürgern die Zusicherung von Leib und Leben zu wiederholen, waren es nur wenige, die sich von Herzen freuten, viele aber erwarteten die Ankunft Kasimirs mit großer Besorgnis. Am gleichen Tage, den 7. Juni, rückte Markgraf Kasimir wit großem Heeresgefolge in Kitzingen ein. Für vierzehnhundert Pferde forderte er Unterstand. Sein ganzes Feldgeschütz führte er mit und dirigierte es auf den Marktplatz. Kaum war er in seiner Herberge abgestiegen, ließen sich die Stadträte melden, um ihn im Namen der Stadt willkommen zu heißen. Als Geschenk verehrten sie ein Fuder guten Weines und zwei Wagen mit Hafer. Der Markgraf nahm die Geschenke entgegen, versicherte aber gleichzeitig, daß dies ihn nicht bestimmen könne, sein Verfahren gegen die Stadt einzustellen. Da er aber den Abgeordneten sowohl bei ihrem Empfang als bei ihrem Abschied die Hand reichte, faßten sie trotzdem Zuversicht. Gegen Abend verkündete ein Herold durch die Straßen, daß der Markgraf Kasimir von Brandenburg geruht habe, die Stadt zu Gnaden und Ungnaden anzunehmen; bei Leib und Leben werde jeder davor gewarnt, sich gegen seiner fürstlichen Gnaden eine Rechtsverletzung zu schulden kommen zu lassen. Gleichzeitig zog der Fürst Erkundigungen ein, welche Männer sich bei dem Umsturz als Rädelsführer oder sonst durch Wort und Werk hervorgetan hätten. Ihre Namen kamen auf ein Ver= zeichnis zu stehen. Für den nächsten Morgen befahl er, daß sich die ganze Gemeinde auf dem Rathause versammle. Donnerstag, den 8. Juni, kamen die Bürger der Stadt mit ihrem Magistrat auf das Rathaus. Der Markgraf Kasimir erschien mit allen seinen Räten und seinen Rittern. Zugleich umstellten die Fußknechte das ganze Rathausgebäude. Der alte 57 Hofmeister Hans von Seckendorf trat vor und erklärte den Versammelten, welcher Untreue und welchen Verrates sie sich schuldig gemacht hätten. Es war eine niederschmetternde Rede voll schwerster Vorwürfe, die er hielt. Daran schloß sich das Derlesen derjenigen, die sich in den Revolutionswochen als Rädelsführer aufgespielt hätten. Ihnen befahl man aus der Versammlung herauszutreten. Es waren einhundertachtunddreißig. Alle übrigen mußten ihren Erbhuldigungseid vor dem Fürsten erneuern und wurden verpflichtet, noch am gleichen Tage sämtliche Waffen auf dem Marktplatze abzuliefern. Während diese heim eilten, um ihre Harnische, Feuerbüchsen, sowie die Geschütze der Stadt auf den Marktplatz zu bringen, wurden jene, die als Aufwiegler und Rädelsführer gekennzeichnet waren, unter Be= gleitung der Fußknechte weggeführt und in den Keller am Leidenhof gesperrt. Der Markgraf 30g noch des Weiteren Erkundigungen ein und sonderte von den Gefangenen jene aus, die sich keines eigentlichen Aufruhrs schuldig gemacht hatten. In der ganzen Stadt gab man sich der festen Erwartung hin, der Markgraf werde sich gegen die Gefangenen milde er= weisen; man fürchtete, er werde sie vielleicht des Landes verweisen, oder ihnen die Finger abschlagen oder ihnen das Gesicht brennen lassen. Aber welches Entsetzen erhob sich, als am nächsten Morgen, Freitag, den 9. Juni, bekannt gegeben wurde, allen Gefangen sollen die Augen ausgestochen werden. Wie wahnsinnig liefen die Frauen und Mütter durch die Stadt, die Kinder schrien, greise Männer knieten händeringend auf den Straßen und flehten die Ratsmitglieder an, sie möchten das Furchtbarste abwenden, das ihren Angehörigen drohe. Der Hohe Rat versuchte tatsächlich sein äußerstes. Als alles nichts nützte, baten sie im Namen der Gefangenen selber, man möchte den Armen lieber das Haupt abschlagen als ihnen diese Qual antuen. Aber der Markgraf ließ ihnen durch seinen Rat Georg von Streitberg mitteilen, die Verurteilten hätten bei ihrem Aufruhr geäußert, sie wollen Seine fürstlichen Gnaden nicht mehr ansehen und anerkennen, gut, sollten sie ihn auch nie mehr sehen. Es waren furchtbarste Szenen, als der Henker, im Volksmund ,,, Meister Awe" genannt, in hast und Eile, als könnte ihm noch eine Begnadigung zuvorkommen, die Gefangenen herausholte und sechzig, nach anderen Angaben fünfundsiebzig rüstigen 58 Männern die Augen aus dem Gesichte riß. Die Verstümmelung war so schrecklich, daß bis zum folgenden Tag bereits zwölf von den Geblendeten starben. Diele andere lagen schwer krank darnieder. Ja, der Grausame erließ sogar das Verbot, die blutig Entstellten zu verbinden und zu führen, sodaß es einen trostlosen Anblick bot, wie sich die Verstümmelten schreiend und Hilfe suchend durch die Straßen und Gassen tasteten. Aber damit war der Rachedurst des rohen markgrafen nicht gestillt. Auf offenem Marktplatz ließ er zum Schrecken aller Bürger acht Bauern, die er aus der Umgegend als Ge= fangene mithereingeschleppt hatte, enthaupten. Eine weitere Hinrichtung wurde in Etwashausen vollstreckt. Mehrere schickte er zur Hinrichtung nach Würzburg. Allen Schandtaten setzte Kasimir die Krone auf, indem er endlich befahl, daß alle, die auf dem Verzeichnis ständen, auch die ihrer Augen beraubten, bis zum Sonnenuntergang am Samstag, den 10. Juni, mit Weib und Kind die Stadt zu verlassen hätten. Die Verbannung von bereits Unglücklichen war nichts anderes als das Hinausstoßen in Verelendung und Tod. Aber auch diejenigen, die in der Stadt zurückblieben und sich bereits allen Strafen enthoben sahen, erlebten erlebten die schmerzlichste Enttäuschung. Der Markgraf gab an, daß der Bauernaufstand und seine Bezwingung ihn schwerste Geldopfer auferlegt habe. Um diese Gelder zurückzugewinnen, forderte er von der Stadt ein Sühnegeld von fünfzehntausend Gulden und zwar seien zu zahlen fünftausend Gulden innerhalb vier Tagen, sünftausend bis 18. Januar und die letzten fünftausend bis 29. Juni 1526. Ein solches Sühnegeld war für eine so geringe Stadt, wie es damals Kitzingen war, gleichbedeutend mit der Hingabe der letzten Habe. Ungeheure Bestürzung ermächtigte sich jeden Bürgers. Vergebens wies der Magistrat darauf hin, daß überhaupt nur wenige zahlungsfähige Bürger in Betracht kämen, daß der Weinhandel infolge der Unruhen völlig unterbunden und alles verfügbare Geld bereits in die neue Weinbergsbestellung hineingesteckt sei. Der Markgraf milderte die ganze Summe nur um zweitausend Gulden. Als letzten Versuch, all das Elend, das in diesen Tagen über Kitzingen und seine Einwohner hereingebrochen war, zu lindern, wandten sich die vier Geistlichen der Stadt, unter diesen die beiden zu Martin Luther übergetretenen Martin Meglein 59 und Christoph Hofmann, an den Markgrafen mit der dringenden Bitte, zwischen Schuld und Sühne einen gerechten Ausgleich zu schaffen; denn, daß er den zuerst Geblendeten auch noch die Stadt verbiete und sie von ihren Mitbürgern losreiße, sei einer dreifrachen Todesstrafe gleich zu achten. Kasimir hielt den freimütigen Brief für eine ungebührende Schmähschrift. Er befahl, die vier Geistlichen, auf einen Wagen aufgeschmiedet, in sein Heerlager nach Rothenburg zu bringen. Nur mit Mühe gelang es ihnen, den Erzürnten von ihrer Aufrichtigkeit und edlen Absicht zu überzeugen und es wurde ihnen die Rückkehr gestattet unter der Androhung, nie mehr gegen die Anordnung des Landesherrn zu reden. 3wei Jahre später, im Jahre 1527, starb Markgraf Kasimir zu Ofen eines raschen Todes. Das Denkmal, das sich die Brandenburger unter seiner zwölfjährigen Regierung vor allem in Kitzingen gesetzt haben, läßt uns nicht mit Stolz auf sie zurückblicken. Es ist, als ob die fünfundsiebzig Männer, die ihrer Augen beraubt sind, sich noch immer durch die Straßen und Gassen der Stadt hintasteten, um nach dem zu suchen, der ihnen in unmäßigem 3orn so Unmenschliches angetan hat. Mit den vier Geistlichen, die die armen Blinden verteidigt haben, können sie ihrem Herrn und Gebieter sagen:„ Wahrlich, wahrlich, ohne alle Barmherzigkeit wird über den zu Gericht gesessen werden, der sich nicht erbarmt über seinen nächsten, er sei Freund oder Feind." Die Stadt Würzburg und ihr Bischof im Bauernkrieg. 61 1. Bewölkter Himmel. Am 9. Januar 1525 schrieb Georg Truchseß von Waldburg, oberster Feldherr des Schwäbischen Bundes, an den Fürstbischof Konrad III. von Würzburg, daß sich die Untertanen in der Landschaft Nellenburg, im Hegau, im Schwarzwaldgebiet, zu Waldshut und Villingen, ja in ganz Württemberg zum blutigen Aufstand erhoben hätten. Konrad von Thüngen, dem Schwäbischen Bund als Mitglied verpflichtet, stellte deswegen den größeren Teil seines bischöflichen Heeres Georg Truchseß zur Verfügung. Als Mann der Ordnung und der Unterwürfigkeit war er jeglicher Empörung, sowohl auf kirchlichem wie auf weltlichem Gebiet, von Herzen abneigt. Mit unbeugsamer Entschiedenheit hatte er deshalb die letzten Jahre hindurch dem geistigen Umsturz, der den alten Glauben und die kirchliche Ordnung erschütterte, einen Damm entgegengesetzt. Unter seiner Regierung, war dem Frankenlande der katholische Glaube erhalten geblieben. Nun zeitigte, wie er wohl voraussah, die kirchliche Revolution des Martin Luther auch die erste Empörung auf rein weltlichem Gebiet, den Bauernkrieg. Sollte er, der die alte Kirche verteidigte, nicht auch die weltliche Autorität beschützen? Des= wegen entsandte er seine Truppen gen Süden, um sie unter der Führung des Georg Truchseß gegen die Aufständischen verwenden zu lassen. Bangen Herzens entblößte der Fürst sein Frankenland von der Truppe. In seiner Umsicht hielt er nicht nur die geistige Erhebung des Mönches von Wittenberg, sondern auch die weltliche Revolution der bisher gemeldeten Bauernaufstände gleich dem Flugfeuer. Während man an einer Stelle unter großer Anstrengung die züngelnden Flammen zu ersticken versucht, brennt es bereits an einer anderen Stelle lichterloh. Wie hatte er doch 62 mit tausend Sorgen an allen Grenzen, besonders nach Sachsen hin, der lutherischen geistigen Freiheitsbewegung Einhalt J geboten. Und doch erlebte er immer wieder, daß in Würzburg, in den Kleinstädten und sogar auf den abgelegensten Dörfern und Weilern Untertanen seines Bistums zu der neuen Lehre abfielen. Sollte vielleicht auch der Funke der Bauernerhebung auf sein bisher so friedliches und zufriedenes Frankenland überspringen? 2. Ausschau nach Hilfe. Bereits am 24. März desselben Jahres 1525 erhielt die Befürchtung des Landesherrn ihre erschreckend klare Bestätigung. Sein Amtmann zu Reichelsberg teilte ihm an diesem Tage mit, daß sich im Weichbild der Nachbarstadt Rothenburg fünftausend Bauern zusammengeschart hätten, um nach Übernahme des Regiments in Rothenburg stehenden Fußes nach Würzburg zu marschieren und den Bischof samt seinen Geistlichen aus der Stadt zu vertreiben. Nun war guter Rat teuer. Gegen Gewalt und Umsturz, sagte sich der Fürst, schützt nur eines: ein zuverlässiges Heer. Wäre ihm seine Truppe zur Verfügung gestanden, er hätte die unberechtigte Erhebung im Keime erstickt. Sich und sein Land hätte er ohne Blutvergießen gerettet. 3war versuchte er es, seinen Heeresbestand noch rechtzeitig zurückzugewinnen. Er sandte Eilboten an den Schwäbischen Bund und ließ den Führern des= selben ausrichten, daß, wenn das eigene Haus anfange zu brennen, man nicht verpflichtet sein könne, zuerst beim Nachbarn zu löschen. Der Bischof bedürfe nunmehr seiner Truppe zur Rettung seiner selbst. Aber Georg Truchseß, der unbeugsame Feldherr, gab den kurzen Bescheid, die Truppe sei bereits eingesetzt und könne ohne die schwerwiegendsten Folgen nicht von dem übrigen Heeresaufgebot losgelöst werden. Auch würde das rasche Zugreifen im Süden und die Unterwerfung der dortigen Bauernheere dem bedrängten Frankenlande von selber Luft schaffen. So wandte sich also Konrad von Thüngen an den Pfalzgrafen Ludwig, sowie an den Statthalter von Mainz. ersuchte sie um ihren Rat und was noch nötiger wäre - Er - um ihre Hilfe. Aber während ihn der eine auf später hinaus vertröstete, machte ihm der andere den Vorschlag, er solle mit 63 den Aufständischen verhandeln und ihren Anforderungen, soweit als möglich, entsprechen. Aber das Lettere, glaubte er, sei eines gerechten Herrschers, wie er es in allen Stücken sein wollte, unwürdig. So stand das fürstbischöfliche Schloß von Würzburg mit seinem Landesherrn bei dem täglich um sich greifenden Bauernaufstand in Franken wie ein einsamer Fels mitten im aufgeregten, aufschäumenden Meer. Nur zwei Freunde waren es, die ihm in diesen Tagen der Bedrängung hätten Ruhe und Rettung bringen können, die Bürgerschaft von seiner ihm aufs engste verbundenen Bischofsstadt, sowie der stolze und mächtige Adelsstand im ganzen Hochstift. 3. Der morsche Stab. Stets hatte der Kirchenfürst geglaubt, die Huldigungen, die ihm die Bischofsstadt seit seiner Thronbesteigung immer wieder entgegenbrachte, seien 3eichen aufrichtiger, auch für die Tage der Heimsuchung dauerhafter Freundschaft. Aber jetzt, wo er sich auf den starken Stab, wie es die wahre Freundschaft sein soll, stützen wollte, erwies er sich als morsch. Würzburg war bis in seinen magistrat hinein schon zum großen Teil verhetzt. Da war vor allem ein gewisser Bermeter am Werk, ein verliederter und verlotterter Mensch, schon einmal wegen Diebstahl vorbestraft, aber seiner witzigen Unterhaltungsgabe wegen doch wieder gerne gesehen und gehört. Dieser machte sich für die angeblich in Sklavenketten schmachtende Bürgerschaft zum berufenen Apostel der Freiheit. 3war war es anfangs nur eine gleichgesinnte und gleich tiefstehende Schlemmer- und Diebesbande, die sich zu ihm gesellte. Mit dieser machte er des Nachts seine Streif- und Eroberungszüge durch die Straßen und Gassen der Stadt, besonders in die Häuser der Geistlichen. Alles, was er dort an Wein, Getreide und Eßbarem vorfand, schleppte er mit ihnen fort und verpraßte es mit ihnen in Spelunken. Bald je= doch wurde sein Treiben gefährlicher. Er bekannte sich lauter und lauter als Anwalt der Bauern, die ringsum im Hochstift und überdies im ganzen Reiche aufstünden und mit göttlichem Recht das Herren- und Fürstenjoch abwürfen." Jetzt sei die Zeit gekommen", sprach er, wo auch die Bürger der Hauptstadt ihre unchristlichen Lasten, mit denen sie bisher von den Geistlichen und wider das heilige Evangelium bedrückt worden seien, ungehindert und mühelos abschütteln und alle reich 64 werden könnten! Er wüßte wohl, daß sich etliche dagegen stemmten und solche christliche Unternehmung gern zum Scheitern bringen wollten. Das wären aber diejenigen, die bisher schon den Geistlichen angehangen und zuzeiten den armen, gemeinen Mann nicht weniger bedrückt hätten, als die Geistlichen selber es taten. Darum sollten sie sich nicht abwendig machen lassen; denn er wüßte, daß die christlichen Brüder- er meinte damit die aufrührerischen Bauernscharen bald in Würzburg sein und - sich mit ihnen verbrüdern würden, um solchem göttlichen, löb= lichen und nützlichen Vorhaben zum Erfolge zu verhelfen." mit solchen und ähnlichen Worten erregte er die unzufriedenen Elemente der Stadt, die bisher klüglicherweise mit ihrem Unfrieden zurückgehalten hatten. Aber jetzt wuchs der schlummernde, giftige Groll hervor, gerade so, wie draußen in den Gärten das Unkraut und auf den Äkern die Disteln mit dem aufwachenden Frühling hervorwuchsen. Der Bischof, der als umsichtiger Herrscher Augen und Ohr offen hielt, wußte genau, daß in seiner Stadt der Judas am Werk war. Er erreichte es sogar, daß der Verräter von der Stadtbehörde verbannt wurde. Aber was hinderte daran, daß derselbe zu gegebener Stunde zurückkehrte, zumal die Zahl seiner Anhänger täglich größer wurde? Nein, dieser Stadt, die äußerlich wie ein gehorsamer Diener ihm zu Füßen lag, innerlich aber den Gehorsam als Sklaverei betrachtete, konnte er kein volles Vertrauen mehr schenken. Der Zweifel an ihrer Treue hatte schon zu sehr seinen Glauben erschüttert. 4. Die rettende Hand. Wenn jemand Schiffbruch erleidet und sieht, wie ihm alle die vielen Rettungsmöglichkeiten genommen sind, so klammert er sich an den noch einzigen, übriggebliebenen Balken mit umso ungestümerer Kraft. Fürstbischof Konrad von Würzburg sah über dem gähnenden Abgrund seines Fürstentums nur noch die mächtige Hand seiner Ritter. Wer könnte es nicht verstehen, daß er sich gerade nach dieser starken Hand jetzt leidenschaftlich sehnte? Wie verkörperte Notschreie eilten seine Diener von Burg zu Burg und luden alle die Grafen und Herren, einen Sebastian von Rotenhahn, einen Heinz von Stein, einen Wolf v. Hanstein, einen Wolf von Kastell, und wie sie alle hießen, zu einem außergewöhnlichen Rittertag nach Würzburg auf das Schloß Unserfrauenberg. Ganz besondere Einladung ließ er an 65 den Erbmarschall des Hochstiftes, Graf Wilhelm von Henne= berg ergehen, denn, was die anderen Ritter nur in ihrer Gesamtheit vermochten, das leistete er mit seiner starken Reitertruppe und seinen Fußknechten allein. War das ein stolzer Tag, als am 6. April von Wertheim herauf und vom Spessart, vom Werntal herüber und aus dem Maingau, von Neustadt herunter und vom Ochsenfurter Bezirk all die prächtigen Gestalten des fränkischen Adels nach Würzburg einritten und den steilen Weg zum Unserfrauenberg hinaufsprengten! Nur wenigen Fürsten war es vergönnt, eine solche Schar von mutigen Vasallen zu zählen. Ganz Würzburg fieberte bei diesem fast unbekannten Ereignis. Der Fürst aber empfing seine Getreuen, wie ein Gefesselter seine Befreier empfängt. Mit rücksichtsloser Offenheit legte er dar, was ihm bedrängte. Bis zur Rhön hinauf, im Gerolzhofener Land, draußen im Gau, im Taubertale und das ganze Maintal hinunter züngelte schon die Flamme des Aufruhrs. Immer geschlossener rotteten sich die Bauernhaufen zusammen. Und dann sprach das Bischofsherz von seiner Sorge betreff Würzburg, seiner ihm zugeschworenen Stadt. Gefühle des Unmuts und der bittersten Enttäuschung zitterten aus all den Worten, wo er von dieser Sorge sprach. Die Ritter aber standen ergriffen ob der Bedrängnis ihres Landesherrn. Hatten sie doch bereits in ihren eigenen Bezirken das blutig ernste Gesicht der Revolution gesehen. Wie mit einem einzigen Handschlag stellten sie sich alle ihrem Landesherrn zur unbedingten Verfügung. Aber der Bischof wehrte ihrer Begeisterung und sprach:„ Wahre Ritterehre ist es, mit den Aufständischen 3uerst in Milde zu verhandeln; erst, wenn die Güte verschmäht wird, soll die Strenge an ihre Stelle treten." So befahl er, daß sich alle Ritter mit ihren Kriegsknechten bereit hielten. Zur gegebenen Stunde würde er sie zur Verteidigung der fürstbischöflichen Landesrechte aufrufen. Es konnte dem hellsehenden Fürsten nicht entgehen, daß Graf Wilhelm von Henneberg, der unter allen Rittern sein größtes Vertrauen besaß, trotz der besonders dringlichen Ein. ladung zum Rittertag nicht erschienen war. Sollte es möglich sein, daß zur Zeit einer allgemeinen Umwälzung sogar die Felsen wankend werden und die Eichen brechen? Der Bischof drückte den Verdacht als einen unangebrachten, häßlichen Gedanken nieder und schickte an den Erbmarschall einen zweiten 5 66 Boten mit der noch freundlicheren Einladung zu einer Besprechung. 5. Entstellte Aufträge. Nunmehr sollte sich endgültig entscheiden, welche Rolle die Würzburger Bürgerschaft in dem unaufhaltsam voranstürmenden Trauerspiel des Bauernkrieges zu spielen gedenke. Der Bischof sandte seine Räte an die Stadt und ließ ihr die Mitteilung zugehen, daß demnächst seine Ritter mitsamt ihren Reisigen bewaffnet in die Stadt einrückten. Die Bürger möchten ihnen Unterkunft und Verpflegung bieten. Ferner sei es bei dem ungeheuren Umfang der Bauernbewegung notwendig, daß die Bürger auch aus ihren eigenen Kreisen eine Hilfstruppe gegen die Bauernscharen bereitstellten; denn mit der Bekämpfung des Aufruhrs würden sie nur ihr eigen Hab und Gut verteidigen. Die Stadt selber solle sich reichlich mit Proviant versehen und Vorkehrungen treffen gegen etwaige Feuersbrünste, ferner Türme und Tore, die Mauern und Gräben für eine Belagerung der Stadt von seiten der Bauern instand bringen. Am besten würde sich aus den Herren des Kapitels, aus dem Rate der Stadt und aus der Bürgerschaft eine eigene Kommission bilden, die die bischöflichen Maßnahmen zur Durchführung brächte. Die Abgesandten des Fürsten begingen die große Unklugheit, mehr zu reden, als ihnen vom Bischof aufgetragen worden war. Ja, sie unterstellten einzelnen Bürgern gegenüber der Einquartierung durch die Ritter einen anderen 3weck, indem sie andeuteten, die Ankunft derselben sei nicht gegen die Bauern gerichtet, sondern bezwecke eine Sicherstellung des Bischofs gegen die Bürgerschaft. mit Unwillen vernahmen die Bürger diesen entstellten Auftrag. Die Verheyung ging mit vervielfachter Frechheit ans Werk. Sie warf jetzt alle Heimlichkeit von sich. Offen hielt der ausgewiesene Bermeter seine Rückkehr in die Stadt und stellte sich an die Spitze der Schreier.„ Das also ist die evangelische Freiheit", rief er, daß wir uns nicht nur durch die Faust des Fürsten, sondern jetzt auch noch durch das Schwert und die Sporen der Ritter bedroht sehen?" 3ur Verheyung trat auch noch schändlichste Verleumdung. Die Aufforderung, aus ihren eigenen Kreisen eine Bürgermiliz zu bilden und gegen die Aufrührer mit ins Feld zu ziehen, wurde dahin gedeutet, daß, wenn alle wehrhaften Männer aus der Stadt ausgerückt seien, die Bischöf= 67 lichen dann um so ungezügelter über ihre Frauen und Mädchen herfallen würden. 6. Was die Unbesonnenheit tut. Schon stieg die Verärgerung bis zur Siedehize empor. Da vollzog sich in den gleichen Stunden eine Tat, die den hoch aufgestauten Unwillen gewaltig durchbrechen ließ. Der Erbmarschall Wilhelm von Henneberg, der wegen seines Fernbleibens vom Rittertag der Verdächtigung und alles Mißtrauens würdig war, ließ plötzlich zweihundert Reiter in den großen Hof vom Katzenwicker werfen und verlangte für dieselben Verpflegung. Die Bürgerschaft, die eigentlichen Absichten des Grafen übersehend, glaubte, der Bischof habe ihn gerufen und diese zweihundert Reiter seien die Vorposten gegen die Bürger. Sofort traten zu dem Vorkommnis die unhaltbarsten Gerüchte hinzu. Das ganze bischöfliche Heer, hieß es, das beim Schwäbischen Bunde stand, rücke heran. Auch die hundertfünfzig Reiter, die Konrad noch in Aub stehen hatte, seien schon vor den Toren. Auf das Schloß lasse der Fürst heimlich Geschütz und Besatzung bringen, der Krieg richte sich nicht gegen die Bauern, sondern gegen die Stadt. - Unbesonnen, wie in solchen Angstzuständen und bei Kriegsgerüchten das Volk zu sein pflegt, ließen sich die Bürger zu einer Tat fortreißen, in welcher ihr völliger Derrat und Abfall seine Einleitung erhielt. nur dem Fürsten stand das Recht zu, im Kriegsfalle die Türme und Tore der Stadt zu besetzen und die Stadt in Belagerungszustand zu bringen. Die Bürger aber sprangen über dieses Recht hinweg und nahmen die gesamte Stadtmauer mit den einzelnen Toren und Türmen selbst in Besitz und zwar gegen den Bischof. Die Straßen im Innern der Stadt durchbrachen sie mit Barrikaden. Die Zugänge zum Main wurden gesperrt. Den Weg, der zum Unserfrauenberg hinaufführte, verrammten sie mit Ketten und Schlagbäumen. Wollten des weiteren die Diener und Beamten des Bischofs, die Kapitelsherren und Stadtgeistlichen ihres Weges gehen oder zum Schloß hinaufkommen, so begegneten sie den gröbsten Beleidigungen und unterlagen an den Barrikaden den ärgsten Erpressungen an Geld und Wein für die Wachposten, welche die Straßen und Mauern besetzt hielten. 5* 68 7. Die Liebe schlägt Brücken. Der Landesherr wäre berechtigt gewesen, den offenen Rechtsbruch seiner Untertanen mit schärfsten Maßnahmen zu vergelten. Jedoch, er wollte Gnade vor Recht ergehen lassen und den Weg friedlicher Verhandlungen zu Ende schreiten. Allerdings verriet die Sprache, wie sie von einzelnen Stadtteilen, besonders von Stift Haug, von Gainhaim und Pleichach geführt wurde, bereits einen anderen Ton als den der Verhandlung. Nichtsdestoweniger nahm der Bischof am 14. April den Bürgermeister, eine Abordnung der Stadträte und der einzelnen Stadtteile in Empfang und gab den Drohungen seiner Untertanen in weitgehendstem Maße nach. Er leistete Verzicht darauf, daß die Bürger eine eigene Truppe aufstellten und mit in den, Bauernkrieg zögen. Die Bestimmung, daß sie die bewaffneten Ritter des Hochstiftes einlassen und ver= pflegen sollten, milderte er wesentlich ab. Mehr als fünfzehn Reiter bräuchten sie nicht auf einmal einzulassen, und diese dürften nur das Rennweger- und das Brückentor zum Einmarsch ge= brauchen. Ihre Verpflegung solle sich nur auf eine Nacht erstrecken. Um den Beschwerden seiner Landeskinder bezüglich der Weinsteuer und des Bodenzinses, bezüglich der Einfuhr von Wein und der Übergriffe von Geistlichen gerecht zu werden, versprach er, alsbald einen Landtag einzuberufen, zu welchem nicht nur die einzelnen Städte und Stände, sondern auch die Landschaft eingeladen würde. Ganz entschieden legte der Bischof dagegen Verwahrung ein, als wollte er die freie Predigt des Wortes Gottes unterbinden. Sein Kampf gelte nur der Jrrlehre. Diese fast übergroße Nachgiebigkeit zeigte den Abgeordneten der Stadt zu deutlich, daß nur die dreisteste Verleumdung den Landesherrn der hinterhältigen Kriegsbereitschaft gegen das Bürgertum bezichtigen konnte. mit Recht durfte der Bischof an diese Zugeständnisse die Erwartung knüpfen, daß nun die Stadt auch ihrerseits den Weg des Friedens und der Botmäßigkeit zurückfinde. Wie aus einem Munde wiederholten die Stadtväter vor ihrem Oberhaupte das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue von seiten der Stadt. 8. Ein Manneswort gilt. Es muß den Vätern der Stadt, die ihrem Vorgesetzten das Gelöbnis der Treue in die Hand gegeben hatten, zur Ehre nachgesagt werden, daß sie sich nach ihrer Rückkehr in die Stadt eifrig 69 bemühten, das gegebene Manneswort einzulösen. Sie erkannten zu bald, daß ihr und des Fürsten Geschick nur in eines verflochten sei. Denn die Rebellion ringsum im Hochstifte ballte sich immer näher und finsterer über der Hauptstadt zusammen. Die Rädelsführer der Bauern konnten ihrem Landesfürsten, Bischof Konrad III. von Thüngen, offenen Kampf nur dadurch ansagen, daß sie auch der Stadt, wenn anders sie treu bleiben wollte, den Krieg erklärten. Der Stadtmagistrat nahm also nur seine eigenen Vorteile wahr, wenn er nun auch seinerseits gegen die Bauern rüstete. Zunächst setzte er eine eigene Proviantkommission ein und richtete an den Bischof die Bitte, er möge dazu auch einen seiner Hofbeamten abordnen. Diesen Männern oblag die Pflicht, raschestens für die Zufuhr von Lebensmitteln zu sorgen. Zugleich besichtigten und berechneten sie sämtliche Korn- und Mehlvorräte in der Stadt selber. Den verschiedenen Klöstern machten sie es zur Auflage, den vierten Teil ihrer Lebensmittelvorräte für die Allgemeinheit herauszugeben. Die Stadtarmen erhielten unentgeltlich eine regelmäßige Unterstützung. Noch eifriger war der Rat darauf bedacht, die Stadt in eine zuverlässige Verteidigung zu setzen. Die Besatzung der Tore, Türme und Mauern, die sich zuvor unter Treubruch gegen die Bischöflichen gerichtet hatte, wurde jetzt gegen die heranrückenden Bauernheere verwendet. Alle Wachtposten wurden kriegsmäßig verstärkt und durch verabredete Warnungssingnale in gegenseitige Verbindung gesetzt. Die Ausfuhr von Pulver wurde verboten. Eine Bürgermiliz, wie sie der Bischof zuerst für sich beansprucht hatte, wurde jetzt aufgeboten, um die Stadt zu retten. Die noch freien Söhne der Bürger, die Häcker und vierhundertfünfzig zugewanderte Handwerksgesellen mußten unentgeltlich in dieses Bürgerheer eintreten. Schwieriger war die Aufgabe der Stadtbehörde, wo es galt, sich gegen die unruhigen, raub- und rauflustigen Elemente in der eigenen Stadt zu erwehren. Auch dieses hatten die Stadträte dem Bischof versprochen. Am 20. April ließ er sie diesbezüglich nochmal vorladen und ihnen nahe legen, sie möchten die ordnungsliebenden Bürger in eins zusammenfassen, die schlechten und verhetzenden Elemente radikal ausscheiden. Dazu konnte sich der Stadtrat nicht verstehen; denn, sagte er sich, mit der Verweisung aus der Stadt ist nur ihre Rückkehr in verstärkter 70 3ahl zu befürchten. Der tiefere Grund lag in der Furcht, es möchte ihnen ergehen wie den Stadtvätern von Rothenburg. Als diese gegen die aufrührerischen Bürger vorgingen, wurde der ganze Stadtrat von ihnen vergewaltigt und abgesetzt. 9. Das rollende Rad. So war es nicht zu verwundern, daß das Proletariat der Stadt alsbald zu Ausschreitungen gröbster Art überging. Hans Bermeter versammelte am 29. April dreihundert mann auf dem Judenfriedhof, um gegen das Kloster Maidbronn hinauszuziehen und es zu plündern. Noch in letzter Stunde gelang es dem Stadtrat, den Anschlag zu vereiteln. Statt dessen drang nun das Gesindel in die Häuser der Stadtgeistlichen und raubte sie aus. Die städtische Behörde stellte deswegen aus den vier Stadtteilen eine neue Bürgerwehr zusammen mit vier Hauptleuten und warf sie in das Barfüßerkloster zum Schutze der Geistlichen und der übrigen Bürger. Trotzdem sich der Bürgermeister und seine Räte eifrig bemühten, zwischen der Stadtbevölkerung und dem Bischof die Vermittlerrolle zu spielen, konnten sie nicht verhindern, daß das gegenseitige Mißtrauen von Tag zu Tag zunahm. Immer stärker zeigte sich diese Abneigung gegen die Geistlichen, die man als die treuesten Diener ihres Bischofs ansehen mußte. Viele von ihnen hatten sich aus der Stadt auf das Schloß zu ihrem Bischof geflüchtet. Wieder andere hatten das Hochstift verlassen, um im Bistum Mainz, wo voller Friede waltete, eine neue Heimat zu suchen. Die Geistlichen, die in der Stadt zurückblieben, setzten sich in Selbstschutz und gingen, trotz der Beschwerden der Bürger und unter Gutheißung ihres Bischofs, fortan in Waffen. Die Chorherren des Stiftes Haug verwandelten ihren Hof sogar in ein Bollwerk mit Büchsen und Wehren. Die Ge= hässigkeit gegen sie wuchs jedoch gerade durch diese Selbstver= teidigung so sehr, daß der Rat eine Abordnung Schutzleute in den Hof warf und sie auf Kosten des Stiftes dort beließ. Aber auch gegen den Bischof wurden die Vorwürfe immer ungerechter und lauter. Ihm gab man die Schuld, daß das Maidbronner Kloster das Wasser der Pleichach staue und so die Würzburger Müller schädige. Schärferen 3wiespalt erzielten die Jungen, die aussprengten, der Bischof nütze die zwei Zeller 71 Mühlen, die für die Stadtbevölkerung arbeiten sollten, nur für sich aus, um seine Festung zu verproviantieren. Der Bischof beschwerte sich, daß so viele Bürger in herausfordernder Weise in Kriegsrüstung einhergingen. Sie erklärten, das geschehe lediglich zum Schutze der Stadt, der Bischof möge sich mit der Zusicherung ihrer Treue begnügen. Die Bürger schrieen, bischöfliche Reiter hätten wiederholt in der Nähe der Stadt Bauersleute erstochen, so daß die Mezgersknechte nicht mehr aufs Land zu bewegen seien, um das Schlachtvieh zu holen. Der Bischof entgegnete, überall würden seinen Leuten die Wege verlegt, so daß sie über Felder und durch Weinberge reiten müßten, sie erschlügen die Bauern aus Notwehr. Eine Verstimmung, die auf beiden Seiten immer mehr zu einer Hochspannung anschwoll, mußte notwendigerweise früher oder später zur Entladung kommen. 10. Überlegungen. Am 14. April hatte sich Fürstbischof Konrad III. von Thüngen gegenüber der Stadtbehörde verpflichtet, alsbald einen Landtag nach Würzburg zu berufen, um auf dem Wege gütlicher Verhandlungen das Unheil des gewaltsamen Umsturzes. zu bannen. So wie sich die Stadtväter bemühten, das bei dieser Gelegenheit abgegebene Versprechen der Unterwürfigkeit einzulösen, indem sie mühsam zwischen Bischof und Untertanen vermittelten, so sah sich auch der Bischof seinerseits an sein Versprechen gebunden. Deshalb erließ er bereits tags darauf, Karsamstag den 15. April, an alle Städte und Gemeinden des Hochstiftes ein amtliches Schreiben mit dem Aufruf, für Sonntag den 30. April Abge= ordnete, zu einem allgemeinen Landtag nach Würzburg zu entsenden. Aufgabe dieser Versammlung sei es, die Beschwerden der einzelnen Stände, besonders der Bauern, zu hören, sie auf ihre Berechtigung zu prüfen, die Mittel und Wege zur Abstellung des Unrechts zu beraten und dem Aufstand, der in anderen Gauen Deutschlands so viel Blut fordere, im eigenen Lande zu begegnen. Diele von denen, die das Amtsschreiben empfingen; glaubten, das Aktenstück des Bischofs sei von Furcht diktiert. Daß nämlich ein selbstbewußter, willensstarker Fürst, wie Konrad es war, sich mit unzufriedenen, innerlich vielleicht schon abtrünnigen Untertanen an den Verhandlungstisch setzen wollte, schien für die damalige 3eit ein unerhörtes Ereignis. Auch wäre es nur zu 72 verständlich gewesen, wenn sich der Fürst in jenen Tagen ganz von Entmutigung hätte einnehmen lassen. Sah er doch, daß ihm vom Schwäbischen Bund keine Hilfe mehr rechtzeitig zustoßen könne. Die Führer vom fränkischen Kreis, Markgraf Kasimir von Brandenburg, die Bischöfe von Bamberg und Eichstätt, sahen sich in ihren eigenen Ländern bedroht. Drei große Bauernheere rückten von Gerolzhofen, vom Odenwald und vom Taubertal gleichzeitig gegen seine Stadt. Würzburgs Einwohnerschaft konnte sich jeden Tag auf seiten der Aufständischen schlagen. Keineswegs aber war dieses Ausschreiben eines Landtags ein Akt der Furcht, sondern vielmehr die Tat seiner staatsmännischen Klugheit. Von seinen Boten und Ratgebern war er nämlich genau unterrichtet, daß er die Landbevölkerung durch Aussprache und Verhandlung nicht mehr gewinnen könne; denn täglich mehrte sich ihr Übertritt ins Lager der Rebellion. Der Aufruf hatte deshalb den 3weck, der Stadtbevölkerung gegen= über seinen guten Willen zu zeigen und sie in letzter Stunde vom Abgrund des Derrates zurückzureißen. Wenn nämlich, sagte er sich, die Städte auf dem Landtag erkännten, wie übertrieben und ungerecht die Forderungen des Bauernstandes seien, würden sie sich eines Besseren besinnen, und von einer Brüderschaft mit ihnen abstehen. Ganz im Hintergrunde stand noch ein anderer Gedanke, den er niemanden anzeigen konnte. Graf Wilhelm von Henneberg, sein stärkster Vasall und, wie er glaubte, sein zuverlässigster Freund, war nun tatsächlich mit dem Bischof in Beziehungen getreten und machte ihm gerade die letzten Tage ein glänzendes Anerbieten. Mit eintausend Fußknechten und zweihundert Reitern versprach er in die Stadt einzumarschieren und den Bischof gegen alle Vorkommnisse zu schützen. Nur solle der Fürst das nötige Geld bereitstellen, damit die Anwerbung und Ausrüstung der Truppe rasch vor sich ginge. Wer vermag es nachzufühlen, wie sich das bedrängte Herz des Fürsten, gutgläubig und lauter wie es war, erleichtert fühlen mußte, als ihm aus Freundesmund solche Verheißung entgegenkam? Mit der Ankunft einer solchen Truppe war die wankende Ordnung zu halten, und gerade das Ausschreiben eines Landtags war geeignet, die Stadt und das Landvolk zu vertrösten, bis all die Widersager plötzlich einer starken Heeresmacht gegenüberständen. 73 11. Fallende masken. Alsbald nach der fürstbischöflichen Einladung zum Landtag erschienen der Bürgermeister und die Stadträte vor dem Bischof und fragten, ob es nicht geraten schiene, auch an die drei Bauernarmeen, die gegen die Stadt heranzögen, eine Gesandtschaft zu schicken, damit sie an Ort und Stelle sich Aufschluß über die eigentliche Gesinnung der Bauern verschaffen und, wenn möglich, beruhigend auf sie einwirken könnten. Den Bischof befremdete dieser Antrag der Stadtbehörde. Wie könnte ihnen soviel daran liegen, meinte er im stillen, Aufschluß über die Gesinnung von Empörern zu erhalten? Doch wollte er dem Argwohn nicht Raum geben und gewährte den Antrag. Seine Hoffnung stützte sich um so fester auf Wilhelm von Henneberg. Es bildete sich also sogleich eine Abordnung aus Stadträten und Bürgern, und sie begaben sich ins Bauernlager. Aber sie wurden von den Bauernobristen sehr kühl empfangen.„ Über ihre Absichten gegenüber der Stadt", äußerten diese,„ könnten sie bis auf weiteres keine Andeutung geben. Vorläufig mehre sich der Zuzug zum Heer der Bauern von Tag zu Tag, man könne infolgedessen noch keine Entscheidung treffen." Je zu= rückhaltender jedoch sich die Bauernhauptleute zeigten, desto ge= fügiger und entgegenkommender benahmen sich die Stadtverordneten. 3um erstenmal entschlüpfte ihnen das Wort vom Übertritt. - Die Gesandtschaft war kaum zurückgekehrt, erschienen mehrere Domherren beim Magistrat, um sich über das Ergebnis der Unterredung mit den Bauern zu erkundigen. Die Dom- und Kapitelsherren bildeten nämlich den Oberrat der Stadt, also die höchste Stadtbehörde. Die Ratsherren teilten mit, daß die Bauern noch nicht in der Lage seien, betreffs Würzburg eine endgültige Entscheidung zu treffen. Nun fragten die Domherren weiter, ob denn die Stadträte auch wirklich dem Bischof die Treue bewahren und die Stadt gegen die Bauernheere mit Gut und Blut verteidigen würden, so wie sie, die Domherren, es zu tun willens wären. Da fuhren jedoch gerade die Ratsherren, die bei ihrer Abordnung an die Bauern zum erstenmal das Wort vom Übertritt hatten verlauten lassen, wild auf und wiesen eine solche Frage als Ehrenbeleidigung zurück. ,, Die Herren des Kapitels," riefen sie, hätten zwar versprochen, Leib und Leben, 74 Gut und Ehre für die Stadt zu opfern, aber trotzdem hätten sie sich zum größten Teil aus der Stadt entfernt. Sollten sie wieder zurückkehren, so werde ihnen die gebührende Antwort zuteil." Nun vollzog sich der Abfall, gegen den die Magistratsherren zuerst in gesundem Ehrgefühl angekämpft hatten, auch in ihren Reihen sehr rasch. Als am 26. April der Stadtschreiber Martin Tronthal bei Gelegenheit der Ratssitzung mit eindringlichen Worten darlegte, wie entgegenkommend, gerecht und gütig sich der Landesherr bisher in allem erwiesen habe, fanden seine Worte nur noch geringen Widerhall. Es fiel bereits die Bemerkung, es brauche fürder keines Bürgermeisters und keines Rates mehr von Bischofs Gnaden, die Stadtbehörde würde sich bald selbständig bilden und auch selbständig handeln. Andererseits mußte derselbe Rat bei der gleichen Sizung von dem Viertelmeister Balthasar Wirtzburger die Bemerkung hören, daß, wenn der Rat noch weiterhin so bedächtig vorgehe wie bisher, man bald auch keinen Stadtrat mehr brauche. Noch krasser offenbarte sich unmittelbar vor dem Landtag die Abtrünnigkeit des Bürgertums. Große Haufen brachen unter Anführung von Rebellen aus der Stadt und plünderten die Klöster Himmelspforten, Oberzell und Unterzell völlig. Einem Adeligen, der bei Himmelspforten über den Main reiten wollte, um zum Bischof zu gelangen, schossen sie das Pferd unter dem Leibe tot. Bischöfliche Beamte wurden auf offener Straße belästigt, überfallen und ihrer Waffen beraubt. Die Bürgerwehr, die im Barfüßerkloster lag und alle Ausschreitungen zu verhindern hatte, veranstaltete bei Gelegenheit einer Musterung eine Kundgebung für die Bauern. Daß Hans Bermeter seine Judas= rolle jetzt um so offener und kühner spielte, lag nahe. Der Kreis seiner Zuhörer und Nachbeter wurde immer größer. Er konnte es sich gestatten, darzulegen, wie er mit den Hauptleuten der Bauernhaufen und den bereits abtrünnigen Städten in regsten Beziehungen stehe. Daß die Briefe, die er von den Aufständischen erhalten habe und bei seinen aufreizenden Reden vorlas, von ihm selber erdichtet seien, wagten nur wenige anzunehmen. Desgleichen brachte er es fertig, auch an die Bauernhauptleute zu schreiben, sie über die Verhältnisse im Innern der Stadt ständig aufzuklären und zum baldigen Einmarsch dringend aufzufordern. Damit aber diese Schreiben bei den Bauernanführern mehr 75 Gewicht und Ansehen erhielten, fälschte er die Unterschrift, indem er die Namen des Bürgermeisters oder hervorragender Rats= mitglieder daruntersetzte. 12. Vorausahnungen. Konrad von Thüngen zeigte wenig Neigung, unter solchen Verhältnissen den Landtag, zu welchem die ersten Abordnungen bereits eintrafen, in seinem Bischofssaale drunten in der Stadt persönlich zu leiten. Er ließ deshalb den Bürgermeister mit seinen Räten wiederholt anfragen, ob es nicht angehe, daß der Landtag vor seinem Schlosse auf dem Unserfrauenberg stattfinde, oder, wenn die Versammlung wirklich in der Stadt selber tagen solle, ob nicht für seine Person ein Stellvertreter zugelassen werden könne. Die Stadtbehörde äußerte sich dahin, sie dürfe ohne Wissen und hinter dem Rücken der Landschaft keine Zustimmung erteilen, dagegen sei sie gern bereit, für die Sicherheit seiner Person zu haften. Die Metropole des Hochstiftes Würzburg bestand damals aus der sogenannten inneren Stadt und vier Vorstädten. Das Stadtinnere zerfiel in vier Diertel, nämlich das Gainheimer-, das Bastheimer-, das Dietricher- und das Kresser- Viertel. Der Wortführer und Vertreter der Bürger je eines Viertels beim Stadtrat trug den Namen Diertelsmeister. Diese versammelten ihre zugehörigen Leute in den Viertelshäusern, die zugleich Gaststätten waren. Um die einzelnen Viertel gruppierten sich als Vorstädte Pleichach, Haug, Sand und St. Burkard. Der Als nun der 30. April, der als allgemeiner Landtag ausgeschrieben war, anbrach, erschienen die Viertelsmeister bei der Stadtbehörde und legten die Beschwerden und Anträge der einzelnen Stadtteile in vierzehn Artikeln schriftlich nieder. Inhalt entsprach zum großen Teil jenen zwölf Artikeln der Bauernschaft, die im südlichen Schwarzwald entstanden waren und gleichsam die Programmpunkte für die gesamte Bauernbewegung in Deutschland bildeten. So verlangten unter anderem die Würzburger freie Wahl ihrer Geistlichen, Abschaffung der Leibeigenschaft und des Fron= dienstes. Das Fisch, Jagd-, Wald- und Weiderecht sollte allen gemeinsam zukommen. Die überflüssigen Stifter und Klöster sollten aufgehoben und die derzeitigen Mitglieder derselben ab 76 gefunden werden. Große Härten zeigten bisher die Abgaben des Zehnt von allem Erwerb; es sollte derselbe auf den Dreißig= sten herabgemindert werden und die anfallenden Abgaben zum Unterhalte der Geistlichen dienen. Ein arger Mißbrauch war es ferner, daß der Pachtschilling für manche Güter von Spekulanten angekauft und mit Gewinn weitergegeben wurde, so daß der letzte Pächter und eigentliche Bebauer des Bodens den hohen Pacht nicht mehr herauszuwirtschaften vermochte. Die Artikel forderten Abstellung dieser Mißbräuche. Ferner forderten die Stadtbewohner für sich völlige Freiheit von Zoll, Übernahme des Unterhalts der Verkehrswege durch die Nachbargemeinden, Beseitigung des Stadtgeldes für die Landbewohner, Besetzung des städtischen Gerichtes mit redlichen Männern, Übergang der Polizeigewalt vom Oberrat, der aus Geistlichen bestand, an die Bürger, endgültige Festsetzung des Münzwertes. Die Ratsherren, die bisher vom Bischof bestätigt werden mußten, sollten fortan durch die übrigen Ratsmitglieder und Diertelsmeister allein aufgestellt werden. Auch aus der Landschaft solle der Bischof einige Männer in seinen Rat aufnehmen und viermal im Jahre eine Versammlung stattfinden, zu welcher zwei Grafen, zwei Ritter, sechs Städter und sechs Leute aus der Landschaft gemeinsam mit ihrem Landesherrn zusammentreten sollten, um gegenseitig über die Angelegenheiten, Bedürfnisse und Beschwerden des Landes und seiner Stände zu beraten. Die Bauernschaften hatten in ihren zwölf Artikeln ausdrücklich betont, daß sie den Kaiser und ihre rechtmäßigen Obern anerkennen und ihnen Gehorsam erweisen wollten. So bestätigten auch die Bewohner von Würzburg in diesen zwölf Artikeln, daß sie Konrad III. von Thüngen sowie seine rechtmäßigen nachfolger als ihr geistliches und weltliches Oberhaupt anerkennen wollten. Auf Grund dieser letzten Erklärung hielt der Stadtrat am nächsten Tage, Montag den 1. mai, erneut eine Sitzung und lud die Viertelsmeister und viele angesehene Bürger dazu ein. Es sollte dem Bischof, der sich wegen der revolutionären Entwicklung der Dinge tags zuvor geweigert hatte, den Landtag zu eröffnen, eine Kundgebung dargebracht werden, die ihn der Treue seiner Untertanen versicherte. Der einstimmige Beschluß aller Anwesenden lautete deswegen:„ Wir erkennen den Bischof als unser Oberhaupt an, das Kapitel aber nur so lange, bis der Bischofs= stuhl durch die freie Wahl des Kapitels wieder besetzt sei; doch 77 dürfe diese Wahl nicht durch vorherige Zugeständnisse des Kandidaten an seine Wähler beeinflußt werden." Diese Kundgebung wurde dem Fürsten überbracht, und nun versprach dieser seinerseits, daß er am nächsten Morgen, Dienstag den 2. Mai, den Landtag eröffne. Eine fieberhafte Erwartung bemächtigte sich aller, die zu Hunderten aus allen Gauen und Ortschaften des weiten Hochstiftes teils als Abgeordnete, teils als Neugierige erschienen waren. Die Stadtbevölkerung mit den städtischen Behörden an der Spitze hatten sich völlig mit den erschienenen Landschaften verbrüdert und sich gegenseitig gelobt, einheitlich und gemeinsam ihre Interessen zu vertreten. Daß sich der Landesfürst all ihren Wünschen und Anträgen fügen müsse, schien ihnen nach seiner aussichtslosen Lage als einziger Ausweg geboten. Kein Freund, vor allem kein bewaffneter Freund, stand auf seiner Seite. Man brauchte nur zu drohen, bei Verweigerung der Anträge und Neuerungen zu den Bauernheeren, die bereits an die Tore Würzburgs anpochten, überzutreten, und der Bischof mußte sich beugen. 13. Briefe sind Verräter. Da brachte jedoch gerade der Vorabend zur Eröffnungsfeier des Landtages eine Überraschung, die der Entwicklung der Dinge zu einem beschleunigten Ende verhalf. Von Jphofen und von Ochsenfurt lief an die Stadtbehörde ein Schreiben ein, worin die Stadträte der beiden Orte mitteilten, daß sie der Einladung ihres Landesherrn, zum Landtage zu er= scheinen, nicht mehr Folge leisten könnten, und daß auch die Würzburger und alle anderen Gemeinden gut daran täten, von der Versammlung wegzubleiben. Wie das Unglück es wollte, war nämlich von ihnen ein Brief aufgefangen worden, den der bischöfliche Kanzler Johann Brieff am 16. April an den Prokurator Gilgen Essig zu Konstanz geschrieben hatte. In diesem Schreiben waren Dinge zu lesen, die geeignet waren, die bereits abtrünnigen Untertanen in ihrer Rebellion zu bestärken, die übrigen aber, die mit ihrem Abfall noch zögerten, besonders die Würzburger Stadtgemeinde, vollends in das gegnerische Lager zu treiben. Über die bereits Abgefallenen äußerte sich das bischöfliche Schreiben in so kräftigen Ausdrücken, daß die Abtrünnigen ge 78 nau heraushören konnten, was sie im Falle ihrer Niederlage von seiten des tiefgekränkten und unerbittlich gerechten Landesherrn für eine Strafe zu erwarten hätten. Es blieb also den Bauernheeren nichts anderes übrig, als den Weg der Gewalt, den sie nun einmal beschritten, zu Ende zu gehen und in dem bevorstehenden Ringen zu siegen oder zu sterben. Zugleich verriet ihnen der Brief, daß der Sieg der Empörer ganz außer Zweifel sei, schilderte doch der Kanzler, in welch schlimmer Verfassung sich der Bischof mit seinen wenigen Freunden befinde. Völlige Mutlosigkeit hatte auf dem Schlosse Unserfrauenberg Platz ge= griffen. Dem Schwäbischen Bunde, der nicht rechtzeitig Hilfe geleistet habe, werden darin die schwersten Vorwürfe gemacht. - Zugleich konnten die Würzburger selbst aus diesem Aktenstück ersehen, wie der Bischof sie in ihrem unaufrichtigen, halb versteckten, halb offenen Verrat durchschaut habe. Und dann kommt die Stelle, die die Einberufung des von ihnen so sehnsüchtig erwarteten und nun bereits beginnenden Landtages als ein Komödienspiel von seiten des Bischofs erkennen lassen mußte. Denn da stand es schwarz auf weiß, daß der Bischof vom Landtag nichts erhoffe, vielmehr seine letzte Zuversicht auf den Erbmarschall Wilhelm von Henneberg setze, der mit ausreichender bewaffneter Macht jede Stunde eintreffen könne. Damit war für die Bürgerschaft Würzburgs, für den Stadtrat und den Bürgermeister, ferner für alle, die vom Lande als Abgeordnete erschienen waren, die weitere Stellungnahme endgültig aufgeklärt. Bloß begingen sie zu dem sofort vollzogenen Abfall noch einmal die Sünde der Heuchelei hinzu. Der Bürgermeister begab sich mit den Stadträten noch am gleichen Abend zum Fürsten, eröffnete vor ihm das aufgefangene bischöfliche Schreiben und tat, als sei er über das Mißtrauen des Fürsten der Stadt gegenüber aufs tiefste beleidigt. Der Bischof möge es nicht mehr unternehmen, des weiteren solche Schreiben abgehen zu lassen, er müsse denn das Unheil, das sich daraus ergebe, selber auf sich nehmen. Zugleich bestanden sie darauf, daß er den Landtag am kommenden Morgen trotzdem eröffne, indem sie vorgaben, es könne bei der Gelegenheit vielleicht doch noch gelingen, die so sehr verfahrene Sache zu retten. Die Abordnung, die mit dieser nochmaligen Einladung so geschickt zu spielen glaubte, übersah, daß sie es mit einem Manne zu tun hatte, der es verstand, auch ränkevolle Spiele zu durch 79 schauen. Der Bischof sagte für den nächsten Morgen sein Erscheinen zu. 14. Der befreiende Gang. - Es kostete einen schweren Kampf für den Fürsten, diesen Willen durchzusetzen. Denn nun bestürmten ihn seine Freunde und Ritter, soviel ihrer auf dem Schlosse anwesend waren, doch diesen Weg in sein eigenes Verderben zu unterlassen. ,, Was können Euer Fürstlichen Gnaden", riefen sie, in dieser vom Aufruhr lodernden Stadt noch anderes erwarten als Gefangennahme, Erpressung, Untergang?" Doch hier, auf dem Höhepunkt seines Leidensweges, offenbarte er sich auch in der ganzen Größe seines Charakters. Was die Stadt gegen mich vorbringt", sprach er, ist mehr als in einer Hinsicht richtig. Ich habe nicht mit ganz offenen Karten gespielt, wie es einem geradeausgehenden Fürsten geziemt. Während ich den Landtag einberief und so nach außen den Weg der Verständigung ging, setzte ich innerlich meine einzige und letzte Hoffnung auf das Heer. Ich habe vom Landtag nichts erwartet, aber von meinen Rittern, und zwar vor allem von Wilhelm von Henneberg, alles. Noch dieser Tage habe ich viertausend Gulden an ihn abgeschickt, wie er es für die Ausrüstung seiner Truppe verlangt hat. Seitdem hörte ich von ihm nichts mehr. Noch halte ich die Hoffnung auf ihn aufrecht. Aber zu meinem Volke werde ich jetzt gehen, um zu zeigen, daß ich ein Vater bin, der sich vor seinen Kinder nicht fürchtet, auch wenn sie gegen ihn wüten. Heute sehe ich meine Hoffnung nicht so ausschließlich auf den Freund, der mich mit seiner Truppe vielleicht retten wird; heute komme ich zu meinen Untertanen in der aufrichtigen Absicht, zu heilen, zu beruhigen, zu stärken, so gut ich es durch Nachgiebigkeit und Milde zu erreichen vermag." Für seine Burg bestellte er, um für alle Ereignisse vorzubauen, einen Stellvertreter, regelte die Verteidigung der Burg für den Fall eines Angriffes und begab sich mit wenigen Begleitern den Berg hinab in die Stadt. Es war ein traurig ernster, zugleich aber auch befreiender Gang, wie der Fürstbischof Konrad III. von Thüngen zum erstenmal nach unruhigsten Monaten und sorgenvollsten Wochen wieder in seine Stadt und zwar zu einer der denkwürdigsten Versammlungen, die je in dieser Stadt gehalten wurden, hinab 80 stieg. Zu beiden Seiten des Weges, der vom Schlosse bis in sein bischöfliches Amtsgebäude in der Stadt führte, standen die bewaffneten Bürger Mann an Mann. Es schien, als ginge ein Angeklagter zu seiner Verantwortung, zugleich aber auch, als schreite ein Arzt hilfebereit zu einem Schwerkranken. Hunderte von Abgeordneten aus der Stadt und aus dem ganzen Hochstift drängten sich im geräumigen Bischofssaale, wo es galt, nunmehr eine für die Geschichte des Frankenlandes hochwichtige Tat zu setzen. Der Bischof empfing den Gruß der Versammelten mit fürstlicher Würde und mit väterlicher Güte zugleich. Durch seinen fürstbischöflichen Beamten Dr. Niklas Genß ließ er die Sitzung eröffnen. Zurückweisend auf den 15. April, als auf den Tag, an welchem Seine Fürstbischöflichen Gnaden das Ausschreiben zu diesem Landtage an alle Städte und Gemeinden des Fürstbistums hatte ergehen lassen, kennzeichnete er die Bedeutung und die Verantwortung dieses wahrhaft großen Tages, wo es gälte, gegenseitige Sorgen und Beschwerden, gegenseitige Ängsten und Notstände durch gewissenhafte Beratung und feierliche Beschlüsse zu beseitigen. Von dieser Tagung hänge es ab, ob Blut fließe, oder ob es Frieden werde. Vorbedingung allen Erfolges sei, daß alle Stände, wie alle Anwesenden überhaupt, ihre Anliegen und Anregungen in vollster Offenheit darlegten. Aber wie ganz anders sollte die Antwort lauten, die der Fürst gerade jetzt, wo er in aufrichtigster Verhandlungsbereitschaft mitten unter seinen Untertanen stand, verdient hätte. Stadt und Land hatten sich die letzte Nacht in geheimer Sigung zu unbedingt gemeinsamem Vorgehen verpflichtet, ja sogar die Parole ausgegeben, den nunmehr überflüssig gewordenen Landtag zu sprengen. Statt jeglicher Erwiderung auf die ermunternden Worte des Bischöflichen Kanzlers trat einer der Abordnung vor und brachte folgende Gedenkschrift zur Verlesung:„ Unerträgliche Lasten von seiten der Edelleute und Geistlichen, unerträgliche Volksbedrückung von seiten der Bischöflichen Beamten habe ein Teil der Städte und Dörfer des Hochstiftes bis zum Abfall und zum gewaltsamen Umsturz gedrängt. Die versammelten Stände erklären, daß sie nicht in der Lage sind, ohne Anwesenheit der bereits abgefallenen Gemeinden zu verhandeln. Es werde deshalb Seine Fürstbischöf 81 lichen Gnaden ersucht, an die rings um Würzburg lagernden Bauernhaufen eine Einladung zu erlassen, daß auch sie zum Landtag erscheinen." Damit war jede weitere Unterhandlung unterbunden und auch von seiten der anwesenden Städte und Gemeinden der Weg der Gewalt beschritten. Denn der Bischof erkannte sofort die Tragweite einer solchen Bedingung. Entweder, sagte er sich, weigern sich die Rebellen, hier zu erscheinen, dann ist der Landtag, wie es in der Bedingung heißt, von selbst erledigt; oder sie erscheinen, dann sprechen die Rebellen und nicht mehr er. Es muß als das Letzte und Äußerste bezeichnet werden, daß sich der Landesherr einer Bedingung, die das Höchstmaß von Verdemütigung forderte, beugte. Aus bischöflichen Beamten, aus der städtischen Behörde und aus der Landschaft bildete sich eine Abordnung an die einzelnen Bauernarmeen mit dem Ersuchen, an dem zu Würzburg eröffneten Landtag sich durch ihre Führer zu beteiligen und ihre Forderungen dem Landesherrn persönlich vorzutragen. Die Antwort, welche den Abgesandten von seiten der Bauernführer wurde, lautete kurz und bündig:" Ja, wir werden nach Würzburg kommen; aber wir reden dortselbst mit dem Geschütz, mit Feuerbüchsen und mit dem Schwert." Damit waren die Würfel gefallen und der Krieg hatte das Wort. Die Abgeordneten vom Land und aus der Stadt zogen sich aus der Sitzung, die aufs neue zusammengetreten war, zurück. Sie vereinigten sich gegenseitig mit feierlichem Schwur: ,, Wir werden beieinander bleiben, um miteinander zu sterben oder zu genesen." Sowohl der Fürst als die städtische Behörde lösten ihre Abgesandten aus den Herbergen in der Stadt. Der Bischof begab sich in seine Burg. 15. Ein Tag ohne Licht. Für den Fürstbischof Konrad III. von Thüngen war der dunkelste Tag seines Lebens heraufgezogen. Das Erlebnis, das einst König David an seinem rebellischen Sohn Absalon erfahren hatte, wühlte sich unter tausend Schmerzen in seine Seele. Drunten, am Fuße des Festungsberges, lag Würzburg, seine Stadt. Wie hatte er sie geliebt und sie vor dem Äußersten zu 6 82 bewahren gesucht, vor dem Verrat! Nun hatte sie sich dem Verrat geöffnet. Eine nochmalige Bitte, die Stadt möge, da die Landschaften bereits abgezogen seien, nun ihre Beschwerden allein überreichen, wurde von der ganzen Bevölkerung abgelehnt. Aufregung und Begeisterung, Trunkenheit und 3erstörungswut, wildeste Ausgelassenheit durchbrachen alle Schranken der Ordnung und der Zucht.„ Krieg gegen den Fürsten!" ,, Die Stadttore auf für den Einmarsch der Bauern!" Diese Rufe übertönten jeden Versuch zur Besinnung. - Blickte jedoch der Landesherr von seiner Stadt hinaus in die Umgebung derselben, welch furchtbares Bild! 3m unteren Maintal, bei Deitshöchheim und 3ell, ballte sich der Bauernhaufe aus dem Karlstadter Bezirk zusammen. Don Süden her zogen die Aufständischen aus Wertheim, Miltenberg, Aschaffenburg, aus dem Neckartal, dem Odenwald, sowie die Eroberer von Weinsberg. Georg Megler aus Ballenberg, Florian Gener aus Giebelstadt und der Gefürchteste von allen, Götz von Berlichingen waren ihre Führer. In einer Amee von etwa achtzehntausend Mann rückten sie an und lagerten zu Höchberg. Der fränkische Haufe, der von Gerolzhofen heranmarschierte und gegen zwanzigtausend Mann zählte, schlug sein Lager zu Heidingsfeld auf und hatte als Hauptmann Jakob Kohl aus Eibelstadt an der Spitze. Die Schwüle vor dem Sturm lagerte über dem Unserfrauenberg. Wie einer, der sich von allen Seiten mit grell aufzuckenden Blitzen und grollendem Donner umgeben sieht, schaute der Fürst nach Rettung aus. 3war waren es treffliche Freunde, Ritter und Grafen voll Todesmut, die sich in Harnisch und Wehr von allen fränkischen Adelssigen hier auf dem Unserfrauenberg eingefunden hatten, um ihren Landes- und Lehensherrn bis in den Tod zu verteidigen. Aber wer ermißt die unsagbare Enttäuschung, die Konrad III. erlebte, als er jetzt, nach Tagen und Stunden des bangsten Harrens, endlich die Bestätigung hörte:" Wilhelm von Henneberg, deine Zuversicht, deine große Hoffnung, erscheint nicht. Abtrünnig ist er geworden, mit den Aufständischen ist er in Verbindung getreten, um sich und das Seine zu retten." Fürstbischof Konrad III. von Thüngen, der Mann der Geduld und der Tatkraft zugleich, war seelisch gebrochen. Ermunternd und aufrichtend umstanden ihn seine Freunde, und wie aus einem Munde drang die Bitte auf ihn ein:„ Euer Fürstbischöflichen 83 Gnaden müssen das Schloß verlassen. Gefangennahme, Absetzung, vielleicht grausamste Hinrichtung des Landesfürsten ist das Ziel derer, die soeben von Weinsberg kamen, wo sie achtzig Ritter durch die Spitze jagten." Der bis ins Innerste treue Fürst schauderte vor dem Wort „ Flucht" zurück.„ Wenn das Schiff untergeht, darf der Kapitän nicht fliehen", sagte er. Aber nur zu bald mußte er in seiner Umsicht erkennen, daß ihm seine Ritter recht rieten. Einem untergehenden Staate ist nicht gedient, wenn sich sein Fürst an erster Stelle aufgibt. Für Konrad konnte die Flucht zur Rettung des Staates werden. Wenn er als Flüchtling zum Schwäbischen Bunde und den übrigen Reichsfürsten käme, würden sie sehen, wie hoch zu Franken die Not gewachsen sei. Eines fliehenden Fürsten würden sie sich erbarmen. In klar umrissenen Befehlen ordnete er die Verteidigung der bedrohten Burg. Mit Recht betonte er, daß, wenn sich die Festung im Herzen Deutschlands hielte, die ganze Bauernbewegung daran zerschellen müßte. Deshalb forderte er ihre Verteidigung bis in den Tod. Er selbst gelobte, als Retter und Befreier derselben rechtzeitig zurückzukehren. Kaum waren die notwendigsten Anordnungen getroffen, begab er sich auf den für einen im Stiche gelassenen, in seinem Vertrauen erschütterten Fürsten so unendlich qualvollen Weg der Flucht. Mit etwa zwanzig Personen, darunter sein Marschall Heinz Truch seß von Wetzhausen, sein Beamter Doktor Niklas Genß und sein Sekretär Lorenz Fries, eilte er am Nachmittag des 5. Mai auf heimlichen Steigen und Wegen dahin. Sein Ziel war Heidelberg, wo sein Freund, der Pfalzgraf Ludwig, soeben lagerte und ihm die erste Stütze in furchtbarer Not zu sein vermochte. 16. Entfesselt. Inzwischen war unten in der Stadt Würzburg die Gewitterschwüle der letzten Wochen von grenzenloser Aufregung durch= brochen. Das einzige Gespräch auf allen Straßen und Gassen, in den Viertelshäusern und Herbergen, besonders aber im Rathaus selber bildeten nur noch die Dinge, die jetzt kommen würden. Die erhitzte Phantasie, die von aller Besinnung losgerissene Leidenschaft, spielte dabei ihre übertreibende Rolle aus= 6* 84 gezeichnet. Der zu Höchberg residierende Götz von Berlichingen war in wenigen Stunden der Held des Volkes. Ausgelassen und fanatisch wurde vor allem der Pöbel. Als er von den großen Zahlen der Aufständischen hörte, die in den Vororten lägen, 30g er gröhlend durch die Straßen und forderte sofortiges Öffnen der Tore, denn ein Widerstand hätte einer solchen Macht gegenüber keine Bedeutung. Die Bürgerwehr, die zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit im Barfüßerkloster lag, wurde tätlich angefallen und mißhandelt. Sie mußte , Die bösen Buben" eine bedeutende Verstärkung heranziehen. Hans Bermeter, Schuppel und Spengler wurden jetzt Räuberhauptleute. Zugleich ritten sie täglich zwischen den drei Bauernheeren vor den Toren der Stadt hin und her, um den Bauernführern ihre gewichtigen Aufklärungsdienste zu leisten. Der Stadtrat kam in die schrecklichste Lage, sodaß er selber eines wohlmeinenden Rates bedurft hätte. Bereits am 6. mai erschienen zwei Ratsherren aus Heidingsfeld und fragten bei den Stadtvätern, wie weit die Verhandlungen mit dem Bischof ge= diehen seien; denn daß dieser tags zuvor geflohen sei, wußte in der Stadt noch niemand. Noch dringlicher aber fragten sie, ob man sich also mit den Bauern, die in Heidingsfeld ihr Lager aufgeschlagen hätten, einlassen dürfe. Der Rat wußte sich wirklich keinen Rat. Er verzögerte die Antwort. Da drang plötzlich die Nachricht durch die Stadt:„ Der Bischof und Landesherr ist geflohen!" Die Verleumdung war sofort am Platze und fügte hinzu:„ Auch hat er alles Kostbare und Wertvolle aus seinem Schlosse mit fortgenommen!" Wie einen Sieg feierte die untere Volksgruppe diese Flucht; denn das drohende Schwert der Strafe schien nun ihren Augen entrückt. Auch dem Stadtrat sollte jetzt der letzte Schritt, mit dem Bauernheer sich zu verbrüdern, leichter werden. Mehr noch drängte dazu die bange Furcht um das eigene Leben. Denn am gleichen Tage wurde es in der Stadt laut, wie unbarmherzig die Bauern, die unter Florian Gener angekommen waren, in Weinsberg gegen die Ritter und Stadträte vorgegangen seien. Keiner von ihnen war mit dem Leben davongekommen. 17. Die peinliche Unterschrift. Es war ein verhängnisvoller Tag, als am 8. Mai die aufständischen Bauernarmeen, die zu Heidingsfeld und Höchberg 85 lagen, zum erstenmal mit der Stadtbehörde von Würzburg in Verbindung traten und so die äußere und völlige Verbrüderung mit ihnen herbeiführten. Zuerst kamen die fränkischen Bauern aus ihrem Lager von Heidingsfeld. Sie stellten an den Stadtrat die schriftliche Anfrage, wie sich Würzburg zu verhalten gedenke, wenn die Bauernarmee alsbald zum Angriff auf die Feste Unserfrauenberg überginge. Der Stadtrat ließ noch zur gleichen Stunde dieses Schreiben durch die Viertelsmeister in allen Stadtteilen bekanntgeben. Die Überbringer forderten jedoch unverzügliche Antwort. Ausweichend gab der Rat die Antwort, er bitte um Aufschub der eigentlichen Erklärung. Für heute könne er nur mitteilen, daß sich der Rat von Würzburg mit unverbrüchlicher Treue zum hl. Evangelium halte. mit solchen Verschleppungsversuchen und Ausflüchten war jedoch in diesen Tagen der Tat und des sturmbewegten Drauflos= gehens nichts zu erreichen. Am gleichen Tage noch, als die Stadtväter, die Viertelmeister, die angesehensten Bürger, sowie Mitglieder des bischöflichen Rates im Grünen Baum, d. h. im städtischen Rathaus, beisammensaßen, um auf die folgenschwere Anfrage der fränkischen Bauern eine befriedigende und zugleich auch befreiende Antwort zu finden, erschienen bereits auch die odenwäldischen Bauern, die zu Höchberg lagen. Drei Hauptleute von ihnen drangen ohne weiteres in das Rathaus ein und verlangten von den versammelten Stadträten ohne Umschweife Proviant für ihr Heer. Die Versammelten erkannten, daß nun die 3eit der Beratungen zu Ende sei. Der Gang der Geschehnisse war ebensowenig mehr aufzuhalten wie das Hochwasser, das nach langsamem Anschwellen nun plötzlich über die Ufer getreten ist. Alle Anwesenden, die bischöflichen Räte mit einbegriffen, genehmigten die Forderung der odenwäldischen Bauern und verpflichteten sich zur Lieferung von Proviant. Damit aber war die Stadt in den Dienst der Revolution getreten. Bis zur völligen Kriegs- und Waffengemeinschaft konnte es nun kein weiter Weg mehr sein. Der Volksmund sagt:„ Reichst du dem Teufel einen Finger hin, so erfaßt dieser alsbald deine ganze Hand." Auch die Bauern waren mit diesem ersten Entgegenkommen von seiten der Stadt nicht zufrieden. Die drei Hauptleute der Odenwälder waren kaum nach Höchberg abgezogen, kamen auch schon von Heidings 86 feld die Hauptleute der fränkischen Bauern und verlangten vor dem Rathause zu Würzburg unter drohenden und trotzigen Worten einen sofortigen Bescheid auf ihre schriftliche Anfrage. Sie wollten wissen, ob die Stadt willens sei, das hl. Evangelium aufrichten zu helfen oder nicht. Vergebens lud die Stadtbehörde sie ein, in den Sigungssaal zu treten und mit den anwesenden Stadtvätern zu verhandeln.„ Wir bedürfen der Verhandlungen nicht mehr", riefen die Bauern, hier gilt nur noch ein Ja oder Nein." Um aber die Ratsherren zum Abschluß der Waffenbrüder= schaft zu drängen, versammelten die Bauernführer vor dem Rathaus eine große Volksmenge um sich und redeten mit Versprechungen und Drohungen, mit Verhetzungen und Belobigungen auf sie ein. Als aber die Bauernhauptleute erklärten:„ Sollte die Stadt nicht gemeinsame Sache mit uns machen und uns im Kampf gegen den Fürsten im Stich lassen, so verwüsten wir eure Weinberge", da erfaßte den Volkshaufen eine förmliche Wut gegen den Rat der Stadt. Unter Schimpfen und Toben verlangte die Menge, daß der Vertrag mit den Bauern sofort abgeschlossen werde. In der Geschichte des Frankenvolkes und der Bischofsstadt ist der 9. Mai des Jahres 1525 ein schwarzer Tag. Seit Wochen und Monaten hatte das Frankenvolk den Giftkeim der allgemeinen Empörung auch in seine Herzmitte, nämlich in die Bischofsstadt, aufgenommen. Oft und oft wurde die Stadt von ihrem Landesherrn beschworen, das Gift, das in seiner Auswirkung verheerend sein müsse, auszuscheiden. Die Stadtbehörde gehorchte ihm nur halb. In kluger Berechnung glaubte sie es mit keiner Seite verderben zu dürfen, weder mit den Bauern, die gegenwärtig alle macht in ihren Händen hatten, noch mit dem Bischof, der zukünftig als Sieger aus der Sache hervorgehen und dann nur allzu gerechte Strafe nehmen könnte. Die Stadtbehörde aber übersah, daß in 3eiten des Umsturzes alle Halbheiten hinggewefegt werden und nur klare Stellungnahme zugelassen wird. So erschien also am 9. Mai Florian Gener mit den übrigen Hauptleuten der Bauern im Rathause der Stadt, um hier den Vertrag der völligen Kriegs- und Waffengemeinschaft gegen den Bischof und Landesherrn unterzeichnen zu lassen. Es ist den meisten der Städtväter überaus schwer geworden, den endgültigen 87 Bruch mit ihrem Landesherrn, dem sie oft und feierlich zugeschworen hatten, durch Unterschrift zu besiegeln. Sie suchten sich aus der schwierigen Lage, in die sie geraten waren, in letzter Stunde dadurch zu retten, daß sie ihre Kriegsgemeinschaft mit den Bauern dahin einschränkten, daß sie mit all ihrem Eigentum aufkommen wollten für die Verpflegung des Bauernheeres; an der eigentlichen Kriegsoperation gegen die bischöfliche Besatzung wollten sie nicht teilnehmen. Tatsächlich ließen sich die Bauern auf diese beschränkte Teilnahme ein, und so wurde der Vertrag unterzeichnet. Wer ermißt jedoch das Erstaunen der Stadtbehörde, als die Bauernhauptleute bereits am ersten Tage unter Vertragsbruch die Forderung erhoben, es müßten die führenden Männer der Stadt auch bei der Kriegshandlung selber mitwirken, um so mitverantwortlich für alle kommenden Ereignisse zu werden. Auch dieser Forderung konnte man sich nicht mehr entziehen, und so stand nun die Stadt im verbrieften Rechtsbruch mit ihrem Bischof und beteiligte sich als offener Feind an der völligen Entthronung seiner landesherrlichen macht. Es war der beste Beweis ihres noch gesunden Rechtsempfindens, daß sich die Stadtväter verpflichtet sahen, ihrem Landesfürsten den Gehorsam in aller Form aufzukünden, wo sie soeben unter schriftlicher Zusage in das Lager seiner bewaffneten Feinde übergingen. Indem sie aber versuchten, in dem gleichen Schreiben ihren übertritt zu den Bauern zu entschuldigen, da sie aus 3wang und Not einen solchen Schritt unternommen hätten, klagten sie sich nur selber an. Durch ihr unentschiedenes, halb zustimmendes, halb abwehrendes Verhalten waren die Wogen der umstürzlerischen Bewegung in der Stadt allmählich so hoch gestiegen, daß sie jetzt dieser Bewegung nicht mehr Herr hatten werden können und als ein schwankes Fahrzeug in das offene Lager der Feinde hineingetrieben wurden. 18. In der Wogenbrandung ein Fels. Seit vielen hundert Jahren ist die Festung Unserfrauenberg, oder, wie sie heute genannt wird, die Feste Marienberg, das Wahrzeichen der fränkischen Metropole Würzburg. Wie eine natürliche Mauer ragt der schmale Bergsattel, auf dessen Rücken die Festung erbaut ist und der auf drei Seiten steil in das Maintal abfällt, mit seiner Vorderwand bis nahe an das Ufer 88 des mains. Märchenhaft, wie ein 3auberschloß, glitzern die 3innen und Türme der Burg, wenn die Strahlen der Morgensonne sie mit einem purpurnen Mantel umweben. Steht sie aber am Sommertag in der prallen Glut der Mittagsonne, so ist alles märchenhafte an ihr verschwunden und sie ragt vor dir auf in ihrer ganzen Kraft und Gediegenheit, mit der sie wohl auch weitere Jahrhunderte zu überdauern vermag. Siehst du sie endlich wieder in der Geisterstunde einer mondhellen Mitternacht, so wird sie dich mit einem Schauer zarter Ehrfurcht erfüllen; denn im weichen Licht des mondes wird sie zur alt= ehrwürdigen Matrone, die mit erhobenem finger uns spätgeborenen Enkeln rührende Geschichten zu erzählen weiß von längst vergangenen Zeiten. Seit dem Jahre 1250, wo es dem Bischof Hermann von Lobdeburg nur mit Mühe gelungen war, sich aus der Ge= fangenschaft von seiten seiner eigenen Untertanen zu befreien, wohnten die Bischöfe von Würzburg, die zugleich auch die weltlichen Herren des Landes waren, ununterbrochen auf dieser Burg. Wie oft hatten es die Bürger der Stadt, sowie die Bewohner Frankens in ihren Fehden mit dem Landesherrn versucht, diese 3wingburg zu erstürmen und mit ihren Mauern zugleich auch die Herrschaft des befehdeten Landesfürsten niederzubrechen. Aber fest wie der Bergesrücken stand auch die Festung, die darauf erbaut war. 3war schien es, daß mit der neuen 3eit, die mit der Erfindung des Schießpulvers eine neue Kriegsführung herbeiführte, die Trutzkraft der Festung gebrochen sei. Aber Rudolf von Scherenberg hat es verstanden, etwa dreißig Jahre vor Ausbruch des Bauernkrieges der Festung eine Widerstandskraft zu verleihen, die auch den Geschossen der neuzeitlichen Geschütze standhalten konnte. 19. Sebastian von Rotenhan. Als Fürstbischof Konrad III. von Thüngen an jenem verhängnisvollen Tag des 5. Mai sich durch den Rat seiner Freunde, sowie durch seine eigene Einsicht gedrängt sah, seinen Bischofssitz als Flüchtling zu verlassen, überließ er den Waffenfreunden gerade die Festung Unserfrauenberg als sein letztes und teuerstes Eigentum. Der Bischof wußte, daß, wenn diese Festung fallen 89 sollte, sie unter ihren Trümmern seine geistliche und weltliche Herrschaft begraben würde. Hingegen mußte er sich sagen, daß mit dem sieghaften Trotz dieser 3wingburg zugleich auch seine rechtmäßige Herrschaft über Stadt und Volk gesichert sei. Der umsichtige Herrscher wußte die brennende Sorge um eine gewissenhafte Verteidigung der Festung in keine besseren Hände zu legen als in die des Ritters Sebastian von Rotenhan. Das Vertrauen des Landesherrn sollte in diesem Punkte keine Täuschung erleben. Wie ein willensstarker, verantwortungsvoller Kapitän das ihm anvertraute Schiff durch Nacht und Not, durch Sturm und Drang zielsicher zu führen weiß, bis es endlich im sicheren Hafen geborgen liegt, so übernahm auch Sebastian von Rotenhan die ungeheure Verantwortung für die Verteidigung der einzigen und letzten Stütze seines Landesherrn mit der ganzen Umsicht, zugleich aber auch mit dem ganzen Wagemut eines Helden. Sein erstes Augenmerk galt der Nachprüfung und der Ausbesserung aller Verteidigungswerke. Am Fuße des Berges ließ er die Gräben, die das Herannahen des Feindes erschweren sollten, vertiefen und durch Wassermengen anfüllen. Im schräg abfallenden Vorgelände der Festung ließ er alles Gesträuch und die Bäume beseitigen, denn sie erschwerten nur den Ausblick der Besatzungstruppe, während der anstürmende Feind hier Schutz und Deckung suchen konnte. Genau ließ er sämtliches Mauerwerk prüfen und jegliche schadhafte Stelle sorgfältig ausbessern. Im Süden der Burg, wo der Ansturm wegen des fast ebenen Geländes am leichtesten einsetzen konnte, errichtete er eine ge= waltige Pallisade, auch Lichtzaun genannt, die in ihrer truthaften Ausführung einer unüberwindlichen Mauer gleichkam. Noch viel wichtiger erschien ihm die Ausstattung der Festungsräume mit Proviant und Munition; denn Sebastian von Rotenhan sagte sich, daß nicht der Feind von außen, sondern der innere Feind einer belagerten Festung, nämlich der Hunger und der Mangel an munition, seine Hauptgegner werden könnten. Wochen zuvor setzte er deswegen damit ein, eine mehrhundertköpfige Besatzungstruppe auf längere Zeit hinaus verpflegen zu können. Da das wichtigste Nahrungsmittel, das Mehl, verderben könnte, versorgte er die Festung zugleich mit Getreide und baute im Festungshof eine eigene Mühle ein. Ebenso vorsorglich war er auf die Sicherstellung des so unentbehrlichen 90 Trinkwassers bedacht. Der Feind, glaubte er, würde die Wasserleitung, die von Höchberg herein ein ausgezeichnetes Wasser lieferte, vielleicht ausfindig machen und zerstören; er ließ deshalb auch den Schachtbrunnen, der sich auf der Burg selber befand, so herrichten, daß er für sich allein genügend Wasser spendete. Die Vorsorge an Pulver war reichlich; aber er ließ dennoch auch eine Pulvermühle einbauen und alles anordnen, um auf der Festung selber Kugeln gießen zu können. Nachteilig schien es ihm, daß die Ritter alle zu Pferd gekommen waren; er ließ deshalb die Tiere rechtzeitig wegführen und sie in Bauerndörfern einstellen. Großen Wert legte der Leiter des Verteidigungskampfes auch darauf, daß in seinem Festungsbereich eine genügende Anzahl von Werk- und Fachleuten zugegen seien. Sowohl aus der Stadt wie auch vom Lande warb er tüchtige Maurermeister, 3immerleute, Schmiede, Barbiere, Köche und Ärzte an, damit sie gegen gute Bezahlung während der Belagerung die ihrem Beruf zukommenden Arbeiten leisteten. So waren die äußeren Vorbedingungen für eine starke und siegesgewisse Verteidigung der Festung glänzend gelöst. Jedoch Sebastian von Rotenhan war eher alles andere als vertrauensselig. Mit größter Besorgnis schaute er auf die ihm zur Verfügung stehende Besatzungstruppe, die doch die Seele der ganzen Verteidigung sein sollte. Im ganzen hatten sich auf der Festung dreihundertfünfzig Mann eingefunden; das Heer der Belagerer zählte mehr als dreißigtausend. Aber auch diese dreihundertfünfzig waren durchaus nicht alle Soldaten von Beruf; vielmehr befanden sich unter ihnen Schreiber, Gelehrte, Beamte, sowie Mitglieder des niederen und höheren Klerus, alle des Kriegshandwerks völlig unkundig. Aber gerade hier zeigte der Festungskommandant seine entschiedene Begabung und seine unbeugsame Energie. Es unterstanden die dreihundertfünfzig Mann dem Domprobst Markgraf Friedrich, dem Bruder des Markgrafen Kasimir von Brandenburg. Er sollte mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität eine straffe Disziplin unter der Besatzung gewährleisten. In der Leitung des Abwehrkampfes stand dem Markgrafen Friedrich ein Kriegsrat zur Verfügung, zu welchem nebst Sebastian von Rotenhan auch die beiden Brüder des Fürstbischofs, Eustachius und Leonhard von Thüngen, gehörten. Die maßgebende 91 Stimme im Kriegsrat war Sebastian. Vor allem aber war die Unterabteilung der Truppe und ihre überaus geschickte Verwendung sein eigenstes Werk. Er gliederte die dreihundertfünfzig Mann in achtzehn Gruppen mit je einem Hauptmann an der Spitze. Er wußte es so zu ordnen, daß jeder Gruppe mehrere kriegstüchtige, todesmutige Ritter angehörten, die es verstanden, auch die für den Krieg Ungeübten zu schulen und in der Hitze des Kampfes zu halten. Jeder Rotte wies er ihren genau begrenzten Verteidigungsplat an; Tag- und Nachtdienst, sowie rechtzeitige Ablösung der Diensttuenden waren bis ins einzelne geregelt; Lärm und Geschrei wurde untersagt; als gegenseitige Warnungssignale mußten sie Schelle und Pfeife benutzen; während der Nacht trug jeder Wachtposten, um ohne weiteres als Freund erkannt zu werden, ein weißes Tuch in der Form eines Skapuliers über Schulter und Brust. Das Rückgrat der achtzehn Gruppen aber bildete Sebastian von Rotenhan selbst, in dem er mit einer kleinen Elitetruppe bereitstand, dort einzuspringen, wo man gerade seiner Hilfe am dringensten bedürfe. 20. Sieges: aber auch sterbensbereit. Nach solcher gewissenhaftester Vorbereitung, die innerhalb kürzester Frist getroffen war, denn es handelte sich bereits nicht mehr um Tage, sondern um Stunden, versammelte Markgraf Friedrich die gesamte Truppe um sich und teilte mit, daß es des obersten Landesherrn unbedingter Wille sei, die Festung bis zum äußersten zu halten. Wer sich der ernsten und schweren Aufgabe nicht gewachsen fühle, möge rechtzeitig ausscheiden und den Festungsbereich verlassen. Nur ein Schreiber namens Ditz Eyben schlich sich unter Zurücklassung seines Geldes, das er auf der Festung hatte in Sicherheit bringen wollen, feige und heimlich davon. Sein Geld wurde beschlagnahmt und unter die Besatzung verteilt. Alle übrigen leisteten feierlich den Eid, für die Ehre und die Rechte ihres Landesherrn einzutreten, jeglichen Ansturm des Feindes niederzuwerfen und den anvertrauten Posten zu verteidigen bis in den Tod. Es war ein erhebender Anblick zu sehen, wie allen ohne Ausnahme Heldenmut und Begeisterung aus den Augen blitzten. 92 Was sie so unerschrocken werden ließ, war das Bewußtsein, daß sie sich auf einem Bollwerk befänden, welches schon mehrere hundert Jahre hindurch und zwar in heißesten Kämpfen glänzenden Widerstand geleistet hatte. Noch mehr ermutigte sie das felsenfeste Vertrauen auf Sebastian von Rotenhan. Alle seine Anordnungen erfolgten so sicher und fest, daß darin allein eine unbedingte Gewähr lag für einen sicheren Erfolg. Zugleich erhielt die Besatzung, die sich bereitwillig der strengen Disziplin unterwarf, täglich neue Nachrichten, welch zügelloses, unsittliches und unmäßiges Treiben das Heer der Bauern in tausend Teile auseinanderriß. Die kleine Schar, die sich zudem sagen durfte, daß das heilige Recht und somit auch der Beistand Gottes auf ihrer Seite sei, schaute den nunmehr beginnenden Ereignissen ernst, aber ohne 3agen ins Angesicht. 21. Vernunft und Leidenschaft. Es konnte den Führern der beiden Bauernheere, die die Festung zu erstürmen gedachten, nicht verborgen bleiben, wie vortrefflich das Festungswerk gegen jeglichen Angriff, sowie gegen längere Belagerung gesichert sei. Die Bauernhauptleute hielten es deswegen für geraten, vor dem gewaltsamen Angriff mit den Führern der Besatzungstruppe zu verhandeln. Noch am selben Tage, an welchem Markgraf Friedrich seine kleine Gruppe vereidigte, erschien ein Bote des Götz von Berlichingen und des Georg Metzler aus Ballenberg, der im Namen aller odenwäldischen Bauern, die zu Höchberg lägen, die Anfrage stellte, ob der Fürst und Landesherr, Bischof Konrad III. von Thüngen, willens sei, die zwölf Artikel der Bauern anzunehmen, so wie sie mit dem gleichen Boten überreicht würden. Am 9. Mai, dem gleichen Tage, an welchem sich die Stadt Würzburg mit Florian Gener zur Waffengemeinschaft gegen den Bischof verbrüderte, fand die Verhandlung statt. Außer Florian Gener waren auch Götz von Berlichingen und Georg Metzler von Ballenberg anwesend; dazu kamen als weitere Bauernführer Jakob Kohl aus Eibelstadt und Pfarrer Bernhard Bubenleben aus Mergentheim. Die Herren des Domkapitels prüften die Forderungen der Bauern, wie sie in den zwölf Artikeln niedergelegt waren, und erklärten sich unter dem Druck der Verhält 93 nisse bereit, die genannten Artikel anzunehmen; der Bischof müsse jedoch nachträglich seine Genehmigung dazu erteilen. Die obersten Führer der Bauern, wie Florian Geyer und Götz von Berlichingen, waren mit diesem Entgegenkommen zufrieden. Da fuhren jedoch Jakob Kohl und Bernhard Bubenleben mit den heftigsten Worten dazwischen und forderten im Namen der Würzburger Bürger und vor allem im Namen der ihnen zuständigen Bauerntruppen Übergabe der Festung auf Gnade und Ungnade. Auf eine solche Forderung waren die Vertreter der bischöflichen Rechte nicht vorbereitet. Noch weniger fühlten sie sich bevollmächtigt, über diese neue Angelegenheit auch nur zu verhandeln. Da Florian Gener und Götz von Berlichingen sich vergebens bemühten, ihr Unterführer von der übertriebenen Forderung abzubringen, löste sich die Versammlung ohne jegliches Ergebnis auf. Mit dem gleichen mißerfolg wurden unter Vermittlung des Stadtrates die Verhandlungen zwischen den Bauern und den Bischöflichen schriftlich weitergeführt. Da kam zur rechten Stunde das Antwortschreiben des Bischofs. Er erklärte sich wider alles Erwarten bereit, die zwölf Artikel mit allen ihren Forderungen in seinem Lande zu verwirklichen, vorausgesetzt, daß sich auch die anderen Fürsten zu einem solchen 3ugeständnis herbeiließen. An die Bauern erließ er gleichzeitig ein dringendes Mahnschreiben, von den bisherigen Gewalttaten abzustehen und sich friedlich zu begleichen. Auf dieses Schreiben hin glaubte markgraf Friedrich eine neue Verhandlung herbeiführen zu sollen, und zwar bat er die Bauernführer, ihm persönliches Geleit zu geben, damit er diesmal selber der Zusammenkunft vorstehe. Am 11. Mai sollte die Verhandlung im Rathause stattfinden. Inzwischen leistete in der Stadt die Verheyung ihr Zwischenspiel. Den Bischöflichen muß man mit Taglaisten die Mäuler aufsperren", schrien die Aufwiegler." Wir haben Georg von Wertheim mündlich und schriftlich ersucht, uns Geschütze zu liefern; er hat sie uns zugesagt; mit diesen werden wir handeln." Jmmer allgemeiner wurde der Schrei!„ Die Festung muß herunter, da hilft nichts; wenn sie stehen bleibt, wird sie gegen uns noch viel ärger herrschen als seither!" Schon durcheilten ganze Volksgruppen die Stadt mit Kärsten, Pickeln, Hauen und anderen Werkzeugen und riefen:„ Wir wollen die Festung umgraben." 94 Unter dieser Stimmung begann die Verhandlung. Markgraf Friedrich erklärte im Namen seines Fürsten und Herrn, daß er bereit sei, die Forderungen der zwölf Artikel zu erfüllen. Nun aber ging er noch über das 3ugeständnis seines Bischofs hinaus und erbot sich, die Festung Unserfrauenberg an die Bauern zu übergeben, jedoch nur unter der Bedingung, daß auch andere Fürstlichkeiten zu solchem Entgegenkommen sich herbeiließen. Der eigentliche Zweck dieses Versprechens war, 3eit zu gewinnen. Götz von Berlichingen erklärte, mit einem solchen Anerbieten vollauf befriedigt zu sein. Aber da erhob sich gegen ihn aus dem Kreise seiner bisherigen Freunde heraus ein Vorwurf, wie er in empörtem Unmut schon mehrere Tage durch die Straßen der Stadt getragen wurde:" Götz von Berlichingen hat von den Bischöflichen Geld angenommen und will das Schloß stehen lassen!" Laut schreiend erklärten die Bauern, ihre letzte Geduld sei gerissen, sie forderten sofortige und bedingungslose Übergabe der Festung. Damit war auch dieser letzte Versuch zur Verständigung gescheitert. Es half nichts, daß auch die übrigen Ritter auf der Festung nochmals zu verhandeln suchten. Die Schreier und Hetzer in der Stadt, sowie der besonders aufgeregte Haufe der odenwäldischen Bauern und aus dem Taubertale behielten das Wort. Der Kampf um die Festung begann. 22. Sturmvögel. Bis zum 13. mai hatten die Bauern ihr Geschütz auf den Nikolausberg gebracht und dasselbe hinter einer Schutzmauer von Schanzkörben eingebaut. Stündlich rechneten sie damit, daß auch das Geschütz, das der Graf von Wertheim sowie die Stadt Rothenburg ihnen zugesagt hatte, eintreffen werde. In ihrer Ungeduld aber konnten sie nicht länger warten. So richteten sie die wenigen Rohre, die sie besaßen, gegen die Festung. Was an der Ausrüstung fehlte, glaubten sie durch ihre Übermacht an Mannschaften ersetzen zu können. Nur übersahen sie, daß das große Heer nichts anderes als eine ungezügelte masse war. Nicht einmal die Führung war einig; denn der alleinige Oberfeldherr, von dem der gemeinsame Angriffsplan hätte ausgehen müssen, fehlte. 95 Auch auf dem gegenüberliegenden Festungsberge stand alles kampfbereit. Als Markgraf Friedrich erkannte, wie das Geschütz der Bauern schußfertig auf sie gerichtet sei, ließ er seine ganze Truppe durch Trommelwirbel zum mittleren Festungsturm berufen. Hier gab Sebastian von Rotenhan einen kurzen Überblick über die Verhandlungen der letzten Tage. Markgraf Friedrich sei viel weiter entgegengekommen, sprach er, als er es hätte tun dürfen. Bedingungslose Übergabe der Festung und zweihunderttausend Gulden Kriegsentschädigung sei die letzte Forderung der Bauern gewesen. Nun entscheide der Kampf. mit trefflichen Worten wußte er die Truppe zu fassen. Der Proviant der Festung reiche zwei Jahre. Je länger das Bauernheer vor der Festung liegen müsse, desto stärker würde es in sich zerfallen. Bischof Konrad käme mit dem Bundesheere auf raschestem Wege, um sie zu befreien. Seine feurigen Worte weckten hellste Begeisterung. Leuchtenden Blickes, unverzagten Mutes streckten sie ihrem Führer die Hände entgegen und erneuerten den Eidschwur. Als der bischöf= liche Sekretär Konrad Weinaug seine Kameraden in solcher Unerschrockenheit sah, brach er in die Worte aus:„ Des sei Gott gelobt, nun singt mir alle nach!" Und laut und mächtig erscholl vom Festungsberg hernieder das Osterlied: Christ ist erstanden. Drunten, am Ufer des Maines, errichteten die Stadtbewohner in aller Eile eine Notbrücke, indem sie zwischen den Pfeilern der Stadtbrücke Flöße festbanden, um so gegen die Geschosse der Festungstruppe gesichert unter der Brücke von einem Ufer zum andern eilen zu können. Schon am 14. Mai sollte diese Brücke ihre Einweihung erhalten. Denn an diesem Tage eröffneten die Bauern auf dem Nikolaus oder„ Glesberge" das Feuer gegen die Festung. Wer aber ermißt das Entsetzen der Stadt, als sich die Besatzungstruppe um die wenigen Geschütze der Bauern gar nicht kümmerte, sondern ihrerseits sofort ein heftiges Feuer auf die Stadt eröffnete und hier gleich großen Schaden und noch größere Verwirrung hervorbrachte! Ein großer Teil der Bevölkerung eilte fluchtartig über die kaum vollendete Holzbrücke an das jenseitige Ufer uud verbarg sich hier im Deutschherrenhaus und im Schottenkloster, die am Fuße des Festungsberges lagen und so am meisten Schutz 96 versprachen. Aber es dauerte nicht lange, und die Steine und Kugeln der Festungsgeschütze prasselten auch hier nieder. Unterdessen trat auch das Geschütz der Stadt, das auf dem Pleidenturm in der früheren Kasernengasse eingebaut war, in Tätigkeit, sodaß den ganzen Tag über ein dreifacher Geschützdonner alle Gemüter in Spannung hielt. Aber es sollte der Lärm der Geschütze, wie er bisher in Würzburg noch nicht gehört worden war und das Sonntags= geläute der Glocken an diesem Tage mit schreiendem mißklang übertönte, nur das Vorspiel sein zu einem für Würzburg un= vergeßlichen Tage. 23. Der Sturm. Am nächsten Morgen nämlich, montag den 15. mai, sandten die Bauernhauptleute zu Heidingsfeld einige Boten an den Rat der Stadt und unterbreiteten ihm, daß die Festungsgeschütze, die hinter Schanzkörben an der Stadtseite des Festungsberges eingebaut seien und tags zuvor unter so großem Schaden gegen die Stadt gewütet hätten, bei Einbruch der Dunkelheit samt den Erdkörben heruntergerissen werden müßten. Der Stadtrat solle zu diesem Zwecke eine Anzahl Bürger mit Leitern, Steigeisen und Beilen ausgerüstet zu dem Bauernhaufen stoßen lassen, der sich am Abend von Heidingsfeld her am Fuße der Festung einfinde. Es war am 15. Mai um die Mittagsstunde. Sonnenlicht und Frühlingswärme überfluteten das ganze Land. Da erblickte man rings um die Sonnenscheibe einen Kranz von lichten, lieblichen Farben. Die Besatzung auf dem Unserfrauenberg geriet über dieses seltene Schauspiel in Staunen, zum Teil jedoch in Schrecken. Viele glaubten nämlich, das außergewöhnliche Ereignis sei ein Vorzeichen dafür, daß keiner von der Besatzung gerettet, sondern alle gefangengenommen und von den Bauern erschlagen würden. Die anderen erkannten in diesem Naturvorgang einen Beweis für das Gegenteil. Sie erwarteten jetzt mit unerschütterlichem Vertrauen den völligen Sieg über die Bauern. Noch in der gleichen Stunde erhielten die Schwarzseher und Unglückspropheten anscheinend recht. Konrad Alezzheimer, Rentamtmann zu Lauda, stand auf dem mittleren Turm der Festung als Wachtposten. Soeben, nach Ablösung des Dienstes, wollte er sich zur Ruhe niederlegen, als ein Geschoß vom Gles= 97 berg herüber ihn durch das Turmfenster hinein auf der Stelle tötete. Gegen Abend kam von Heidingsfeld der Bauernhaufe, der nach dem Befehl der Hauptleute die Geschütze an der Vorderseite des Festungsberges herunterreißen sollte. Je einer, je zwei, dann auch zu drei und vier schlichen sie sich heran bis zu der Schlucht, die zwischen dem Glesberg und dem Festungshügel ge= legen ist. Ihre Anzahl wurde allmählich sehr groß. Aber sie wurden trotz ihres heimlichen Vorgehens von der wachsamen Besatzung bemerkt. Niemand mochte glauben, daß die Bauern sich unterfangen würden zu stürmen. War doch trotz der zweitägigen Beschießung keinerlei Bresche in die Mauer geschlagen. Trotzdem wurde an den Standort der achtzehn Besatzungstruppen der Befehl ausgegeben, aufs schärfste zu wachen. Sollte der Bauernhaufe in das Vorgelände der Festungsmauern, das durch einen Gartenzaun umschlossen war, eindringen, so dürfe vorerst nicht geschossen werden, sondern es sei an die oberste Leitung Meldung zu erstatten. Schon war es so dunkel, daß man bei einiger Entfernung einander nicht mehr zu sehen vermochte. Da kamen auch die Würzburger Bürger, mit Leitern, Ärten, u. dgl. ausgerüstet, um verabredetermaßen an der Entfernung des Geschützes teilzunehmen. Als dritter Haufe gesellten sich die Bauern hinzu, die schon ohnedies die letzten Tage im Burkarderviertel jenseits des Maines lagen. Statt sich auf den Befehl ihrer Hauptleute zu beschränken, beschlossen die drei Gruppen, nicht nur die Geschütze der Stadt gegenüber herabzuholen, sondern über den Auftrag hinaus die Festung selber zu stürmen. 3wischen 9 und 10 Uhr sollte das tollkühne Wagnis zur Ausführung kommen. In Heidingsfeld und in Würzburg ahnte man von diesem Vorhaben nichts. Nach Höchberg aber eilte einer von ihnen und verriet den geheimen Beschluß an Götz von Berlichingen sowie an Georg II. von Wertheim, der vom 13. bis 16. mai ebenfalls in Höchberg lagerte. Beide Führer eilten sofort mit einer Truppe von Höchberg her= über an die Festung, um abzuwarten, ob der Sturm gelinge oder nicht. Im Falle des Gelingens wollten sie als die ersten in das Schloß einbrechen und von den großen Schätzen, die sie dort glaubten, Besitz ergreifen. 7 98 Bald nach 9 Uhr sehte plötzlich Trommelwirbel ein, die Bauern entrollten ihre Fahnen, und unter ungeheurem Geschrei stürmten sie über den Gartenzaun hinweg das Gelände hinauf, wo der erste Lichtzaun errichtet war. In kürzester Frist war er auseinandergehauen und niedergetreten. Der Ansturm richtete sich einheitlich auf die Schütte, die erste Befestigungsanlage, die an der Ecke zur Schlucht hin vorgelagert war. Im gleichen Augenblick war die Besatzungstruppe, die hier lag, verdoppelt. Eine andere Reservetruppe stand bereits am mittleren Turm. Auf der Seite der Belagerten regte sich kein Laut. Aber die Anstürmenden hatten die Schütte noch kaum erreicht, da erlebten sie den entsetzlichsten Empfang. Steine, Geschützkugeln, Feuerwerk, Pechringe, Schwefelkrüge regneten und prasselten auf sie hinein, und unter furchtbarem Geschrei prallten die Angreifer zurück. Unterdessen schrak bei dem ungeheuren Lärm zu Würzburg und Heidingsfeld das ganze Volk auf und rief:„ Die christlichen Brüder werden niedergemezelt, helft sie erretten! Aber in der bereits undurchdringlichen Nacht und bei der völligen Ratlosigkeit der Führer, die erst durch das Geschrei von dem Ansturm erfuhren, war es unmöglich, planmäßig in den Kampf einzuspringen. Schon vollzog sich der zweite, viel furchtbarere Sturm. Die Bauern sprangen über alle Hindernisse im Vorgelände hinweg und diesmal gelang es ihnen, bis an die Mauern, die dem Glesberg gegenüberlagen, heranzukommen, ja, ihre Leitern an die Mauern anzulegen und sie zum Teil zu erklettern. Die zarteren Herren unter der Besatzungstruppe eilten hinweg, um sich in ihrer Angst zu verkriechen. Sie forderten laut schreiend Übergabe der Festung. Aber um so ruhiger verhielten sich die Führer. Den Tod verachtend, liefen sie von einer Brustwehr zur andern, stärkten ihre Truppen eigenhändig mit Wein und befahlen, ohne Hast ihren Posten zu verteidigen bis in den Tod. Und das führten sie auch aus. Es kam keiner von den Feinden über die Mauer. Erbarmungslos wurden sie hinuntergestoßen. Ein Schrecken überkam die Angreifer, wie jetzt von jeder Wehre herab, von allen Mauern und Türmen Feuer und Schwefel, Pulver und Gestein, Lanzen und Geschosse auf sie niederfielen. Das Durcheinanderschreien, Ringen und Toben, das Aufblitzen der Geschütze und das dröhnende Echo rings an den Abhängen 99 des Maines gestaltete den Sturm auf beiden Seiten zu einem Erlebnis furchtbarster Art. Wiederum war der Mut der Angreifer gebrochen, und die Masse der Bauern 30g sich zum zweiten Male zurück. Die Besatzungstruppe konnte es nicht glauben, daß damit der Kampf zu Ende sei. Bis 2 Uhr nachts erwarteten sie jeden Augenblick den dritten Sturm. Aber man vernahm nichts mehr als das Gestöhn und das Todesröcheln der vielen dunklen Gestalten, die in den Gräben und im Festungsgelände ringsum verwundet lagen. Um 2 Uhr nachts wollte Sebastian von Rotenhan der Stadtbevölkerung zu wissen tun, daß seine Truppe noch lebe, und ließ sein sämtliches Festungsgeschütz auf sie abfeuern. Jeglicher Munition bar, zündeten sie dann zwei Feuer an, um neue Kugeln zu gießen. Am nächsten Morgen versammelte Markgraf Friedrich die ganze Truppe auf dem Festunghof und spendete ihnen für das todesmutige Verhalten das so wohlverdiente Lob. 3u gleicher Zeit ließ er hundert Gulden an sie verteilen. Indessen kam aus dem Lager der Bauern ein Bote, der zum Zeichen des Friedens einen Hut auf der Stange trug. Er bat im Namen der Führer um einen Waffenstillstand bis mittags 2 Uhr, um die Toten begraben zu können. Der Markgraf wollte den Waffenstillstand bis zur Mitternacht verlängert wissen. Es war ein grauenvolles Bild, das die aufgehende Sonne am Dienstag den 16. mai vor den Festungsmauern beschien. über zweihundert Bauern lagen erstochen, erschlagen oder erschossen in dem Gelände. Viele andere stöhnten als Schwerverwundete aus den Gräben, in die sie sich verkrochen hatten. Da sie von ihren Waffenbrüdern nicht rechtzeitig geborgen wurden, erschien der Scharfrichter und schlug ihnen als Aufständischen, damaliger Kriegsführung gemäß, das Haupt ab. Erst gegen Abend war die Bergungsarbeit geleistet. Die Besatzungstruppe hatte aus ihren eigenen Reihen vier Tote zu beklagen. Abends 8 Uhr erschien wiederum der Bote der Bauern und teilte mit, daß sie auf weiteren Waffenstillstand verzichteten. 24. Verspielt. Es ist bei jeglicher Katastrophe zu beobachten, wie alsbald nach dem ersten Schrecken ein leidenschaftliches Diskutieren über die Ursache oder den Urheber des Unglücks einsetzt. Wie heftig 7* 100 und erbittert mußte sich erst die Aussprache gestalten, die nach einer so blutigen Niederlage den wahren Urheber des Unglücks ausfindig machen wollte! Es erhob sich unter den Aufständischen ein Streit voll schwerster Angriffe. Während die Stadtbevölkerung die ganze Führerschaft anklagte, beschuldigten die Hauptleute alle jene, die sich ohne ihren Befehl eigenmächtig zum Sturm herbeigelassen hätten, der Meuterei. Zudem warf man den Bauern vor, sie seien in völliger Betrunkenheit ans Werk gegangen. Gegen Götz von Berlichingen und Georg II. von Wertheim er= hob man sogar den Vorwurf, sie hätten schmählichsten Verrat geübt und die Bauern gegen Bestechung der bischöflichen Besagungstruppe in die Hände gespielt. Gerade in diesem ungeheuren 3ank, der nach dem mißglückten Angriff auf das Schloß Unserfrauenberg einsetzte, kam es zum erschreckend klaren Ausdruck, daß mit der Niederlage vor der Festung die ganze Bauernbewegung in Franken ihrem unglücklichen Ausgang entgegentrieb. Denn ein Heer von Aufständischen, das sich mit gegenseitigen Vorwürfen so sehr zerfleischte, wie es jetzt geschah, konnte nicht mehr siegen. 3war gruben die Bauern gleich in der kommenden Nacht in der nächsten Nähe des Schlosses zwei neue Schanzen, die sie mit einer doppelten Reihe von Erdkörben befestigten. Hierher brachten sie das neu angekommene Wertheimer und Rothenburger Geschütz und eröffneten aus nächster Nähe das Feuer auf die Festung. Aber umso wirksamer war auch das Festungsgeschütz auf diese so nahe gelegenen Gräben gerichtet. Die Begeisterung zu einem neuen Sturm war erst recht unterbunden. Und nun verbreitete Götz von Berlichingen, dem man die schwersten Vorwürfe wegen der Niederlage machte, gleichsam als höhnende Antwort darauf die Mitteilung, daß sowohl der Landgraf von Hessen als auch der Schwäbische Bund die Bauern im schwäbischen Oberland blutig geschlagen hätten. Er selbst gedenke, die Sache der Bauern alsbald aufzugeben und mit seiner Truppe heimzuziehen. So= Solche Mitteilungen konnten zu keiner ungelegeneren Zeit kommen als gerade an dem Tage, wo die Siegesgewißheit der fränkischen Bauern schon an sich tief herabgesunken war. gleich erkannte man, daß es nun aufs neue mit Verhandlungen versucht werden müsse, da das Heer des Schwäbischen Bundes mit Bischof Konrad nun sicherlich gegen Franken anmarschieren würde. 101 25. Vertauschte Rollen. Am 19. mai erhielten Ehrenfried Kumpf, Georg Metzler von Ballenberg und zwei Würzburger Bürger von dem Festungskommandanten freies Geleit auf die Festung, um mit dem Markgraf Friedrich zu verhandeln. Die Bittsteller gebärdeten sich jedoch wie Sieger und forderten den Domprobst noch einmal auf, die Festung zu übergeben und die zwölf Artikel der Bauern an= zunehmen. Der Stellvertreter des Bischofs durchschaute die ganze Verlegenheit, in welcher sich das Bauernheer befand, da es jetzt noch einmal zu verhandeln suchte. Er antwortete deshalb, daß der Antrag, den sie stellten, zu weittragend sei, es bedürfe die Antwort darauf einer reiflichen Überlegung. Großer Unwillen erhob sich im Bauernlager, als man solchen Bescheid zurückbrachte. Stärker noch war der Verdruß in der Stadt. Die Würzburger bestanden darauf, daß der Bauernrat dem Markgrafen sofort ein Protestschreiben zuschicke, in welchem die ganze Schuld an dem weiteren Blutvergießen der Verschleppungspolitik des bischöflichen Vertreters beigemessen werde. Als dieser jedoch das Schreiben erhielt, ließ er von der Festung herab die Fahne flattern zum Zeichen, daß jede weitere Verhandlung abgebrochen sei. Somit waren also die Rollen vertauscht. Das Bauernheer, das noch kurze Zeit zuvor von Verhandlungen nichts hatte wissen wollen, hatte nun auch seinerseits vergebens um Verhandlungen nachsuchen müssen. Frivol und gewissenlos hatten sie das Schwert gezogen, und durch dieses Schwert sollten sie umkommen. 26. 3erfall. Es zeigen die Pläne nach welchen sie jetzt die Festung zu erobern hofften, schon einen starken Einschlag ins Abenteuerliche. Zuerst holten die Bauern aus Eibelstadt eine Anzahl Bergknappen. Diese mußten damit beginnen, oberhalb der Burkarduskirche einen Stollen in den Festungsberg zu treiben. Bei genügender Unterhöhlung des Berges wollten sie den Stollen mit Pulver laden und so den Berg und die Festung in die Luft Sprengen. Ein anderer Plan stammt von Ehrenfried Kumpf, der eine Hauptrolle im Bauernrat spielte. Die Verteidiger des Unserfrauenberges sollten einer großen Täuschung zum Opfer fallen 102 und so zum Nachgeben verleitet werden. Bei ihrem Abfall nämlich hatte sich die Stadt Würzburg an die Ratsherren nach Nürnberg gewandt mit der Anfrage, ob nicht auch sie zu den Bauernarmeen überzutreten gedächten. Nürnberg aber antwortete damals ablehnend. Es wollte mit der revolutionären Erhebung nichts gemein haben. Nun sollten die Helden auf dem Festungsberge dahin getäuscht werden, daß sich auch Nürnberg auf die Seite der Bauern geschlagen hätte und der Stadt Würzburg zu Hilfe käme. Ehrenfried Kumpf kam mit einigen führenden Männern der Stadt dahin überein, daß in aller Heimlichkeit eine große Anzahl der Bürger die Stadt verlassen müßten. Am nächsten Tage sollten sie vor den Augen der Festungstruppen unter großem Lärm einziehen, an der Spitze das wehende Banner der mächtigen Stadt Nürnberg, dann Geschütze, bewaffnete Mannschaften usw. Bei diesem Anblick würde dem Festungskommandanten aller mut vergehen, das Schloß noch länger zu halten. Im entscheidenden Augenblick aber fürchteten sie sich, mit dem Banner des stolzen Nürnberg solchen Mißbrauch zu treiben und sich dadurch mit dieser Stadt zu verfeinden. Den tollsten Plan heckte wohl derjenige aus, der bekannt gab, er wüßte, wie man die Besatzung daran hindern könnte, noch länger die Stadt zu beschießen. Man solle von allen Rittern und Adeligen, die auf der Festung Dienst täten, die Frauen und Kinder herbeiholen, sie in Körben und an Seilen an die Häuser und Mauern der Stadt hängen und so es den Rittern unmöglich machen, die Geschütze auf die Stadt zu richten. Da man bei sachlicher Überlegung erkennen mußte, daß alle diese Pläne den Stempel des Wahnwizzes trugen, mußte man zu dem Entschluß kommen, der allein noch zum Ziele führen konnte, nämlich die Festung zum zweitenmal zu stürmen. Diesmal sollte sich der Sturm mit mehr Umsicht vollziehen als das erstemal. Die Gräben im Vorgelände, die schwer zu überspringen waren, wollte man zuerst mit Reisig ausfüllen. Den so gefürchteten Pechkränzen und Schwefelkrügen, die die Besatzungstruppe vorher so reichlich verwendet hatte, wollte man dadurch ausweichen, daß man an einer Stelle zuerst einen Scheinangriff zu unternehmen gedachte, bei dem die Verteidiger diese Abwehrwaffen verbrauchen würden, der eigentliche Sturm würde dann an einer anderen Stelle erfolgen. Als auf diese Weise die Pläne festgelegt waren, verweigerten die Odenwälder plötzlich 103 die Teilnahme. Sie erklärten, man solle für dieses Unternehmen Freiwillige werben, und zwar nicht nur unter den Bauern, sondern auch aus der Stadt. Die Stadt solle als Beute alles erhalten, was sich im Schlosse an Urkunden und Privilegien vorfinde. Die Waffen und die Munition, sowie alles übrige Kampfgerät solle den Bauern zukommen. Als aber die Listen für Freiwillige aufgelegt wurden, zeichneten sich so wenige ein, daß der Sturm überhaupt unterblieb. So verkündete die nächsten Tage hindurch nur das gegenseitige Geschütz, daß noch Krieg und Kampf sei. Das schwere Geschütz der Bauern schoß aus geringer Entfernung, und der Schaden, den es am Festungsgemäuer und am Schlosse anrichtete, wurde täglich bedenklicher. Ein Eilbote sollte diese Nachricht an den Bischof, der noch zu Heidelberg weilte, überbringen. Zugleich arbeitete auch das Festungsgeschütz so zielsicher, daß sich unter den Bauern bald kein Büchsenmeister mehr befand, der die Geschütze bedienen wollte. Die Hauptmasse des Bauernheeres erging sich unterdessen in den umliegenden Ortschaften, sowie in der Stadt, in den wüstesten Trinkgelagen und im Spiel. Die Führer aber schauten immer besorgter von der standhaften Festung hinweg in die Ferne, wo sich seit einigen Tagen eine unheilverkündende Bewegung bekannt machte. Georg Truchseß von Waldburg, der zielbewußte Führer des Schwäbischen Bundes, warf im Schwäbischen Oberland einen Bauernhaufen nach dem andern zurück oder vernichtete ihn. Nun brach auch Konrad von Thüngen aus Heidelberg auf und verband sich mit ihm. 3ugleich 30gen der Erzbischof von Trier, der Pfalzgraf Ludwig und Herzog Ott= heinrich von Pfalz- Neuburg hinzu, und vor ihrer vereinten Macht retteten sich die noch bestehenden Bauernhaufen nur durch die Flucht. Ein Bauernheer floh in der Richtung auf Würzburg dem Taubertal zu, das Bundesheer folgte ihm auf dem Fuße. 27. Unglück über Unglück. Die Bauernführer vor der Festung erkannten, daß nunmehr die Entscheidung nicht mehr in Würzburg falle, sondern auf freiem Felde. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer. In hastigen Briefen suchten sie aufs neue mit der Festungstruppe. zu verhandeln. Andere Boten eilten von Truppe zu Truppe, 104 um sie kampfbereit zu gestalten. Das wichtigste Gebot der Stunde aber war es, das Bauernheer, das auf seiner Flucht bis an die Tauber gelangt war und von dem nachdrängenden Bundesheer immer mehr in die Enge getrieben wurde, durch eine starke Hilfstruppe zu entlasten. Sollte es gelingen, hier an der Tauber das Heer des Schwäbischen Bundes zu schlagen, so wäre damit auch die Festung nicht mehr länger zu halten gewesen und Fürstbischof Konrad für immer seiner Herrschaft verlustig gegangen. Die erste Hilfstruppe schickten die Führer über Grünsfeld nach Königshofen, wo soeben ihre christlichen Brüder angekommen waren. Aber kaum angelangt, wurden sie am Freitag den 2. Juni von Georg Truchseß zum Kampfe gestellt und der Bauernhaufe von dreitausend Mann völlig vernichtet. In Würzburg wußte man noch nichts von dieser neuen Niederlage, und die Bauernhauptleute sowie die Räte der Stadt verordneten, daß eine zweite Hilfstruppe in das Taubertal abmarschieren müßte. Gerade in den Stunden, wo sich das Bauernheer in Königshofen verblutete, fand in Würzburg die neue Ausmusterung statt. Abends rückten sie in aller Stille ab und übernachteten in Heidingsfeld. Als sie jedoch von hier am Samstagmorgen nach Königshofen aufbrechen wollten, sprengten einige Flüchtlinge aus der Schlacht, unter anderen Hans Bauer von Mergentheim heran und meldeten die völlige Niederlage der Bauern. Sofort kehrte, die Hilfstruppe nach Würzburg zurück, jedoch auf Umwegen, damit die Besatzung auf dem Unserfrauenberg von der neuen Sachlage nichts merke. Daraufhin erließ der Bürgermeister mit seinen Räten am gleichen Morgen ein dringendes Aufgebot an alle Flecken und Gemeinden, die sich zum Aufstand bekannt hatten, daß sie um= gehend neue Streitkräfte gegen die Bündischen zu Heidingsfeld versammelten. Die Aufregung und Angst der Stadtbehörde war nur zu begreiflich. In unverantwortlichster Weise hatten sie ihrem rechtmäßigen und, wie das Ratsmitglied Cronthal in öffentlicher Sitzung dargelegt hatte, zugleich gerechten und gütigen Landesherrn die Treue gebrochen. Nun kehrte dieser Landesherr, der gezwungen worden war, seine Stadt als Flüchtling zu verlassen, mit einem unwiderstehlichen Heere als Rächer zurück. 105 Aber ein anderes Dorkommnis traf die Ratsmitglieder und die ganze Stadtgemeinde noch viel furchtbarer. Sie selber hatten sich die Freundschaft mit den Bauern dadurch erkauft, daß sie an ihrem Bischof Derrat übten. Gerade in diesen Tagen nun, wo sie um die kommenden Ereignisse zitterten und bangten, sahen sie sich auch ihrerseits verraten, und zwar von diesem mit Derrat erkauften Freund. Die Bauern selber waren es, die ihnen den Judaslohn auszahlten. Götz von Berlichingen nämlich, der mit siebentausend Mann zu Höchberg stand und die ganze Situation hätte retten können, floh mit seinem ganzen Heere im entscheidenden Augenblicke davon. Die Stadt aber, die auf ihn vertraute, überließ er ihrem Schicksal. Um dieses Schicksal rascher heraufzubeschwören, bediente sich Georg Truchseß von Königshofen aus einer Kriegslist. Er entsandte einen als Bauersmann verkleideten Boten in die Stadt, der fälschlicherweise angab, die Nachricht von einer Niederlage der Bauern in Königshofen sei unrichtig. 3war hätten die Bündischen mit wenigen Reitern dreimal angegriffen, aber ohne Erfolg. Wenn das Bauernheer, das noch in Königshofen liege, sofort neue Verstärkungen erhalte, könne es auf die Bündischen zum Angriff übergehen. Mit dieser List wollte er die fränkischen Bauern und die Würzburger Bürger auf das offene Feld hinauslocken. Tatsächlich fielen die Stadt und das fränkische Bauernheer auf diese List herein und beschleunigten so das unvermeidliche Schicksal. Die Stadtbehörde und vor allem der Bauernobrist Jakob Kohl aus Eibelstadt verordneten ein nochmaliges Aufgebot nach Königshofen. Samstag den 4. Juni, abends gegen 9 Uhr marschierten die neu zusammengestellten Streitkräfte nach Heidingsfeld. Die Besatzung des belagerten Schlosses durfte von dem Wegzug so vieler Streitkräfte nichts merken, darum ihr Wegzug in so später Stunde. In Heidingsfeld waren indessen auf das städtische Aus= schreiben hin auch aus der Umgegend neue Mannschaften des Bauernstandes eingetroffen. Nach kurzer Rast brachen sie am Pfingstsonntag den 4. Juni vor Sonnenaufgang nach Königshofen auf. Es waren gegen fünftausend Mann. Auf dem Wege wurde sogar noch die Parole ausgegeben, an diesem Tage, wenn es zum Treffen kommen sollte, aus dem Bündischen Heere keine Gefangenen zu machen, sondern die Reisigen ohne weiteres zu 106 hängen und den Fußknechten die Hälse aufzuschneiden. Aber schon bei Ingolstadt standen sie zu ihrem Entsetzen dem Sieger von Königshofen gegenüber, und die fünftausend Aufständischen erlitten eine derartige Niederlage, daß nur einige wenige sich zu flüchten vermochten. Weit über viertausend aber bedeckten als Leichen das Schlachtfeld. Somit war die letzte Gegenwehr auf dem Marsche nach Würzburg gebrochen, und Fürstbischof Konrad III. von Thüngen stand in wenigen Stunden zu Heidingsfeld, dem Vorort von Würzburg. 28. Eine Stadt in not. Die herrliche Bischofsstadt an den Ufern des mains war in den wenigen Wochen ihrer Auflehnung zu einer Heimstätte der größten Unordnung und der wüstesten Ausschreitung geworden. Die Stadt hatte geglaubt, das Joch der bischöflichen Regierung abschütteln zu sollen, übersah jedoch, daß sie mit dem Übertritt zu den Bauern sich ein anderes, viel schwereres Joch aufbürdete. Das Regiment über die Stadt wurde von dem fürstbischöflichen Schloß auf dem Unserfrauenberg in die Kapitelsstube zum neuenmünster verlegt, und zwar in die Hände des Kriegsrates, der aus zehn Bauern und fünf Bürgern bestand. Schon aus dieser ungleichen Zusammensetzung ergab sich, daß die Stadt fortan nichts mehr zu sagen habe. Am stärksten machte sich das in der Ausführung der Ver= tragsbestimmungen bemerkbar, wie sie am 9. mai zwischen den Bürgern und den Bauern vereinbart und unterzeichnet worden waren. Dort hieß es ausdrücklich, daß den Bauern aus dem Heidingsfelder und Höchberger Lager der Zutritt zur Stadt verboten sei. Aber die Bauern hielten sich daran keineswegs. Sowohl einzeln als in ganzen Rotten kamen sie täglich in die Stadt. Sie holten sich eigenhändig ihren Proviant, verlangten täglich ihren Wein, ohne zu zahlen. Sie berauschten sich derart, daß sie in ihrer Trunkenheit schamlosesten Unfug trieben, und während die einen besoffen in den Straßen lagen, verloren die andern auf ihrem mühsamen Heimweg Spieß und Harnisch. Solange die Bauern mit ihren Prellereien nur die Geistlichen heimsuchten, lag den Bürgern wenig daran. Aber Truhen und Kasten, Speicher und Keller der Geistlichen waren nicht unerschöpflich, und nun kamen auch die Bürger, ihre eigenen Bundesgenossen, daran. Welche Empörung herrschte unter den Bürgern, 107 besonders in dem am meisten heimgesuchten Burkarder Viertel, über diesen gottlosen und frevelhaften Kommunismus der ,, christlichen Brüder." Der Rat und die beiden Bürgermeister bereuten ihren Übertritt zu den Aufrührern am meisten. Sie sahen sich von Anfang an den gröbsten Beleidigungen und den ärgsten Angriffen ausgesetzt. Jegliches Autoritätsgefühl war untergraben. Hans Bermeter und seine Genossen brachten es sogar fertig, Rat und Bürgermeister bei den Bauernobristen in Heidingsfeld anzuzeigen, da sie es versteckt mit den Bischöflichen hielten und nachlässig seien in der Ausführung der angenommenen zwölf Artikel; ihren Büchsenmeister hätten sie heimlich verboten, gegen die Festung zu schießen, oder sie hätten verordnet, beim Schießen nur schlechtes Pulver zu nehmen. In den Weinhäusern, wo die eigentliche Politik gemacht wurde, setzte man schließlich nach dem Vorbild der Rothenburger den ganzen Stadtrat mit dem Bürgermeister ab und wählte den ärgsten Schreier, Ehrenfried Kumpf, als Oberhaupt. Nach seiner Wahl riß er natürlich den Mund noch weiter auf und konnte sich gegenüber den 3echgenossen in seiner Empörung über die Tyrannei der Bischöfe und das bisherige Sklavenleben gar nicht genug tun. Die Stadtväter, die von dem Heranrücken des Bundesheeres immer mehr Nachrichten in Händen hatten und zur Besinnung riefen, wurden vom Pöbel niedergeschrien und ausgelacht. Die allgemeine Unordnung war allmählich so uferlos, daß der Bauernrat um seine eigene Eristenz bangte. Er setzte deswegen am 30. Mai ein Revolutionsgericht ein, das aus vier Bauern und vier Bürgern bestand und im Barfüßerkloster tagte. Die Hauptfrevler sollten hier abgeurteilt werden. Zugleich wurden drei Galgen errichtet, um den Rädelsführern zu zeigen, was ihnen bevorstehe. Aber auch für diese verschärften Maßnahmen fanden die Übeltäter nur Spott.„ Die Geistlichen, Mönche und ihre Gesinde gehören gehängt!" höhnten sie und trieben ihre Schandtaten, besonders ihre Eingriffe in das Eigentumsrecht, furchtlos weiter. Zu dieser inneren trostlosen Lage gesellte sich für die Stadt seit dem 30. Mai nun plötzlich die ungeheure Furcht von außen. Niemand wollte es glauben, daß der Fürst und Landesherr bereits so nahe wäre. Aber was man den Eilboten, die diese Nachricht immer aufgeregter überbrachten, nicht glauben wollte, sollten die Stadtbewohner unerwartet mit eigenen Augen sehen. 108 29. Das Gespenst. Kaum war Fürstbischof Konrad III. mit dem Bundesheer bis an das Taubertal herangerückt, ritt sein Marschall Heinz Truchseß von Wetzhausen mit zweihundertfünfzig Mann im Eilmarsch und unter größten Gefahren über die Höhen bis zu dem Bergrücken im Hintergrunde der Festung. Fünfzig Reiter stürmten bis zu dem Lichtzaun der Festung vor. Die Besatzungstruppe wollte zunächst ihren Augen nicht trauen, dann aber ließ sie unter unendlichem Jubel vier von ihnen als die eigentlichen Boten ein. Hier vernahmen sie in kurzen Worten die Freudenbotschaft von der nahen Befreiung. Während die Reiter zurückstürmten, ließen die Wachtposten auf allen Türmen der Festung die Trompeten erschallen, um der Stadt und den Bauern das große Ereignis zu melden. Die Geschütze der Bauern richteten sich gegen die Reiter; aber das Gedröhn der Geschütze und der Trompetenklang von der Festung waren nur das Signal für den maßlosen Schrecken, der die Stadtbevölkerung ergriff. mit aufgerissenen Augen starrten sie den bischöflichen Reitern nach, wie sie soeben davonstieben. Die Türmer rings auf der Stadtmauer bließen Feind", andere eilten zum Rathaus und läuteten Sturm. Einige wagten es, die aufgeregte Volksmenge zu beschwichtigen mit dem Hinweis, daß ein Mönch, der auf der Festung wohne, Schwarzkünstler sei, er habe diese Erscheinung von Reitern auf den Berg gezaubert, um sie zu schrecken. Aber solche Beschwichtigungsversuche verfingen nicht mehr. Die gutgesinnten Bürger schlossen sich einmütig zusammen und setzten es durch, daß man sich alsogleich an den Bischof zurückwende, um ihn um Verzeihung und um Gnade anzuhalten. 30. Der Gang nach Canossa. Es war ein furchtbarer Kampf, bis sich die Däter der Stadt zu dieser Selbstverdemütigung durchzuringen vermochten. Aber nun gab es keinen anderen Ausweg mehr als den der völligen Unterwerfung. 3weimal, am 3. und am 5. Juni, wandten sie sich an ihren gestrengen Landesfürsten und Herrn. Angst und Unruhe, bittere Reue und demütiges Bitten zitterten aus allen Zeilen dieser zwei Briefe. Nur durch die Not und durch den Drang der Ereignisse hätten sie sich verleiten lassen, mit den Aufständischen zu gehen. Bei all den Verhandlungen mit den Bauern 109 und bei dem Vertrag mit ihnen seien auch bischöfliche Beamte zugegen gewesen. Daß sie auch ihrerseits mitgeholfen hätten, die Festung zu beschießen, sei nur eine Nachgiebigkeit gegen den förmlichen 3wang des Bauernrates zu nennen.- Es mochte den Würzburgern keine gute Vorbedeutung sein, daß der Bischof sie auf diese zwei Bittgesuche vorerst keiner Antwort gewürdigt hat. Der 5. Juni war es, als das Bundesheer und Fürstbischof Konrad III. von Thüngen in Heidingsfeld einzogen. In der gleichen Stunde stürmten seine Reiter unter Pauken- und Trompetenschall auf den Nikolausberg, um von der Stelle aus, von der die Festung beschossen worden war, die Befreiung zu verkünden. Die Festungstruppe erteilte eine erschütternte Antwort, indem sie ihr sämtliches Geschütz und ihre letzte muniton auf die zitternde Stadt abfeuerte. In ihrem Schrecken verrammelten die Bürger die Tore. Viele Bauern, die in der Stadt waren, kletterten über die Mauern, um rechtzeitg zu fliehen; ebensoviele eilten aus den Vororten an die Stadtmauern, denn in der ganzen Gegend wurden sie von den bändischen Reitern gehetzt wie das Wild. Die Stadt ließ aber keinen von den Flüchtlingen herein. Die Bürger eilten in ihrer Angst zu den Geistlichen in der Stadt, denen sie vorher so viel Unrecht hatten angedeihen lassen. Sie baten sie um ihre Fürsprache beim Bischof. Die Stadträte bestürmten die Herren des Domkapitels, soweit sie noch in der Stadt wohnten, um ihre Vermittlung. In der Meinung, daß der Bischof bereits auf dem Unserfrauenberg eingezogen sei, wendeten sich die Domkapitulare mit ihrem Bittgesuch dorthin. Unterdessen, am 6. Juni, traf von Heidingsfeld die Mitteilung ein, daß die Stadtbehörde hiermit freies Geleit zur Verhandlung erhalte. Es war ein schrecklicher Gang, den an diesem Tage zehn Würzburger Bürger mit dem Stadtschreiber Martin Cronthal als Wortführer an der Spitze nach Heidingsfeld antreten mußten. Gleich auf dem Wege wurden ihnen trotz des freien Geleites von einem bündischen Feldtrompeter die ärgsten Kränkungen zuteil. Dann diese Verdemütigung, als sie zunächst vor dem Sieger Georg Truchseß auf den Knien um Schonung für ihre Stadt nachsuchten. Während sie aber noch diese Bitte vortrugen, traf die Meldung ein, daß die Besatzungstruppe der Festung im Verein mit den Bündischen bereits in das mainviertel eingefallen sei. 110 Und nun kam der schwerste Gang. Die Stadtverordneten erschienen im Namen derer, die untreu geworden waren, vor ihrem Landesherrn. Fürstbischof Konrad III. war bei diesem Empfang von all den Fürsten umgeben, die im Bundesheere anwesend waren. Er nahm ihr Bittgesuch entgegen und zog sich mit den übrigen Fürsten zur Beratung zurück. Dann erteilte er die Antwort, daß er die Unterwerfung der Stadt unter folgenden Bedingungen annehme: 1. Jedes Haus muß eine Brandschatzungssumme von zehn Gulden zahlen. 2. Der Landesherr behält sich vor, welche Personen als Anstifter und Rädelsführer auszuliefern und in welcher Art sie zu bestrafen seien. 3. Es werden sämtliche Waffen ausgeliefert und es dürfen solche ohne Erlaubnis der Bundesstände und des Bischofs nicht mehr getragen werden. 4. Die Stadt muß ihrem Bischof und dem Domkapitel einen neuen Huldigungseid leisten. 5. Die Bürger müssen geloben, daß sie keine Neuerung mehr vornehmen und kein Bündnis mehr eingehen wollen. Die Abgeordneten erhielten den Auftrag, diese Bedingungen der Stadt mitzuteilen und bis zum nächsten Morgen die Antwort zurückzubringen. Die Väter der Stadt erkannten, daß sie nach einer solchen Niederlage keine Milderung dieser harten Bedingungen zu erwarten hätten. Bereits 4 Uhr morgens nahmen sie des= halb die Bedingungen mit Stimmenmehrheit an. Die gleichen zehn Abgeordneten mit je einem Bürger aus Karlstadt und Schweinfurt brachten die Antwort nach Heidingsfeld zurück. Unterdessen beseitigten die Würzburger Bürger in den Straßen der Stadt die Barrikaden, entfernten alle Hindernisse, öffneten die Tore und lieferten zugleich Munition und Waffen aus. Der Landesherr konnte daraus entnehmen, daß es der Stadt mit ihrer Unterwürfigkeit ernst sei. So brach er, Donnerstag den 8. Juni, morgens 7 Uhr, nach Würzburg auf. 31. Das Gericht. Umgeben von den Bundesfürsten, von den Reisigen und dem Fußvolk des Bundesheeres hielt der Fürstbischof seinen Einzug in die Stadt. Gleich am Eingang derselben wurden ihm die Schlüssel zu den Toren sowie zum Grafeneckardturm ausgeliefert. Auf seinen Befehl hin mußten sich die 111 Bürger der Stadt auf dem Fischmarkt vor der Greden aufstellen; wer aus den übrigen Städten seines Hochstiftes anwesend war, mußte sich auf dem Judenplate versammeln; die Landbe= völkerung stand auf dem Rennweg. Es begann sofort das Gericht. Verhör und Verteidigung gab es nicht. Der Fürstbischof hatte sich schon vor seinem Einzug von treugebliebenen Freunden Anklagelisten anlegen lassen, ie die Hauptschuldigen enthielten. Auf dem Fischmarkt, wo die Bürger standen, ließ er ohne Verzögerung vier Hinrichtungen vornehmen. Der Hauptmann Jakob Kohl, ferner Bernhard Wisner, Philipp Diemar und Hans Schiler wurden hier enthauptet. Auf dem Juden= plate wurden vierundzwanzig, auf dem Rennwege sechsunddreißig Hinrichtungen vollzogen. Die Leichnahme der Enthaupteten mußten drei Tage hindurch liegen bleiben. Eine weit größere 3ahl von Bürgern ließ der Landesherr in die Gefängnisse werfen. Einhundertfünfzig Einwohner wanderten in den Grünen Baum", in das Rathausgefängnis. Dierzig Bürger, darunter die beiden Bürgermeister, der Stadtschreiber Martin Cronthal und der Bildhauer Dilmann Riemenschneider, wurden auf das Schloß Unserfrauenberg geführt und dort in ein Kohlengewölbe gesperrt. Bereits sechs Tage später wurden von diesen vierzig Gefangenen vierzehn wieder entlassen; am 22. Juni entließ der Bischof auch die beiden Bürgermeister und einhundertachtundvierzig Mitgefangene aus der Haft. Einzelne, wie Dilmann Riemenschneider, wurden vom Henker hart gewogen und gemartert", daraufhin aber entlassen. Wer aber bei dem Einzelverhör als besonders schuldig erkannt wurde, fiel unter dem Henkerbeil. Daß bei den vielen Gerichtsverhandlungen, die bei dem großen Umfang der Empörung in der Hauptstadt notwendig wurden, auch ungerechte Urteile unterliefen, konnte nicht aus= bleiben. Aber das Unheil, das gerade durch den Abfall der Hauptstadt angerichtet worden war, mußte für die Zukunft gebannt werden durch die Strafe, die der Landesherr über die Abtrünnigen verhängte. Zugleich war es dem Bischof bekannt, daß, wenn es den Aufständischen gelungen wäre, die Festung zu erobern, sie über die Bischöflichen dasselbe Schreckensgericht verhängt hätten wie in Weinsberg. Nach dem Eingeständnis 112 der Anführer selbst wäre niemand von der Besatzung am Leben geblieben. Nun sollte nach der Bestrafung der Hauptstadt der Gerichtsgang des Landesherrn durch das ganze Hochstift erfolgen. Der Scharfrichter mußte ihn von Ort zu Ort begleiten. Auch hier wollte er mit der Hinrichtung der Rädelsführer zeigen, welch ungeheure Schuld die Untertanen begangen hätten, als sie sich widerrechtlich empörten. Aber in einem Punkte unterlag Konrad III. bei diesem Gerichtsverfahren einer gemeinen Täuschung. Kaum daß der Landesfürst in sein Hochstift zurückgekehrt war, um sein Gericht über die Treulosen zu halten, war auch der Erbmarschall Graf Wilhelm von Henneberg zur Stelle, und zwar nicht um über sich richten zu lassen, sondern um an dem Gericht gegen die anderen teilzunehmen. Den schmählichen Verrat, den gerade er auf sich geladen hatte, wußte er durch eine noch schmählichere Lüge von sich abzuwälzen. Mit tausend Mitteln habe er es versucht, dem bedrängten Fürstbischof zu Hilfe zu eilen. Aber alle Wege zur Hauptstadt seien ihm von dem täglich mehr und mehr anwachsenden Bauernhaufen verlegt worden. Zuletzt glaubte er, sein Hab und Gut und seine Untertanen nur dadurch retten zu können, daß er sich nach außenhin mit den Aufständischen verbündete. In seinem Herzen hätte die Treue nie Schaden gelitten. Mit solchen Worten wußte sich der größte der Verräter reinzuwaschen. Es ist nicht zu verwundern, daß ein solcher Charakter zu gelegener Zeit auch seinen Glauben verschacherte. Während er noch als Erbmarschall dem katholischen Fürstbischof zur Seite ritt, übergab er seinen Sohn zur prostetantischen Erziehung an den abtrünnigen Deutschordensmeister Albrecht von Brandenburg. Er selber wechselte später seinen katholischen Glauben ebenso leicht, wie er im Bauernkrieg seine politische Stellung wiederholt zu ändern verstand. • Dreißig Tage währte das Gerichtsverfahren gegen die aufrührerischen Städte und Dörfer des Hochstiftes Würzburg. Am 9. August endlich wollte der Bischof die Huldigung der Hauptstadt, und zwar im Katzenwicker, entgegennehmen. Bürgermeister, Rat, Diertelsmeister, die ganze Stadtgemeinde mußte erscheinen und sich vor ihrem Oberhaupt als treulos und meineidig bekennen. Alle Rechte, die sie bislang hatten ausüben dürfen, mußten sie niederlegen. Von jetzt ab wollte der 113 Bischof selber den Rat und Stadtschreiber ernennen. Die Viertels= häuser, in welchen die Auflehnung ihren eigentlichen Sitz hatte, wurden aufgehoben. Den Pleidenturm, von dem aus das städtische Geschützfeuer auf die Festung eröffnet wurde, mußten sie niederreißen. Jedes Jahr am dritten Pfingfeiertage sollte die Urkunde über ihre völlige Unterwerfung zur öffentlichen Derlesung kommen. Zudem wurde für die Wirtshäuser und Weinstuben die Polizeistunde eingeführt und das Spiel um Geld, das Tragen von Waffen, das Lesen aufrührerischer Schriften untersagt. Die feierliche Huldigung fand einen blutigen Abschluß. Elf weitere Bürger wurden aus dem Gefängnis herausgeführt und auf dem Marktplate hingerichtet; unter diesen befand sich der Viertelsmeister Hans Bräutigam sowie ein Schmitt bei der Kapellen, der Himmelspforten angezunt". Jm ganzen Frankenland, zu dem ein Teil des heutigen Baden und Thüringen, sowie Ober- und Mittelfranken zu rechnen sind, wurden im Bauernkrieg zweiundfünfzig Klöster, zweihundertzweiundneunzig Schlösser und Hunderte von Dörfern zerstört. Auch im Hochstifte Würzburg ragten viele Ruinen grauenerregend empor. Für diese forderten jetzt die bisherigen Eigentümer Entschädigung. Die Grafen, Ritter, Prälaten, Klosterverwalter, auch Vertreter der Städte und größeren Landgemeinden berieten Ende August darüber, wie man den Schaden ermessen und welche Entschädigungen man fordern solle. Zur Abschätzung des angerichteten Schadens bildete sich eine Abordnung aus bischöflichen Beamten, aus Mitgliedern des Adels und der Geistlichkeit, sowie aus Handwerkern. Es lag nahe, daß die Bürger, die für die Entschädigung aufkommen sollten, dieser Abordnung die schwersten Vorwürfe machten, weil sie die Entschädigungssummen zu hoch berechneten. Ja, gegen einzelne Mitglieder des Adels wurde behauptet, daß sie ihre Burgen selber angezündet hätten, um auf billige Weise neue und bessere Schlösser aufbauen zu können. Große Schwierigkeiten bereitete es, wie man die gewaltige Summe für Schadenersatz auf die Schultern der einzelnen Bürger verteilen solle. Man kam schließlich dahin überein, daß jeglicher Hausinsasse, ob Kind ob Greis, ob mann ob Frau, reich oder 8 114 arm, siebeneinhalb Gulden, und zwar in drei Fristen, bezahlen müsse. Für arme, kinderreiche Familien war dies eine untragbare Steuer und für viele Familien wurde sie zum Ruin, für das ganze Land aber die Ursache drückendster Teuerung. Erst später beschäftigte sich auch ein Reichstag zu Spener mit dem Aufstand der Bauern, und am 14. Januar 1527 wurden die Untertanen wieder zu Gnaden aufgenommen und zu den Ehren, Ämtern und Würden wie in früheren Zeiten zugelassen. Großes hatte die Stadt aus ihrem Bündnis mit den Bauern erhofft. Vor allem glaubte sie, daß sie sich fortan mit größerer Selbständigkeit verwalten dürfe und vielleicht auch die Reichsunmittelbarkeit erlange. Statt dessen mußte sie auf viele Privilegien, die sie bisher besaß, Derzicht leisten, schwerste Opfer bringen an Geld und Gut und zu allem sich abtrünnig und meineidig erkennen. Mit furchtbarer Erkenntnis kam es über sie, daß gewaltsamer Umsturz kein Weg zum Glück sei. So kam es, daß fortan die Stadt in unverbrüchlicher Treue zu ihrem Fürsten hielt. Sie teilte nunmehr Freuden und Leiden mit ihm, und auf dem Wege der Eintracht und des Friedens kam ihr der Wohlstand und das Glück entgegen, nach welchem sie strebte. CHE LANGES BIBLIOTE A. V. Schneider, Würzburg. 8. JAN. 1962 20. JULI 1962 35 04483 8 031