e Engel Hiltensperger Georg Schmückle Engel Hiltensperger Der Roman eines deutſchen Aufrührers 92.— 101. Tauſend Verlag Strecker und Schröder, Stuttgart Alle Rechte, insbeſondere die der Überſetzung, Drama⸗ tiſierung. Verfilmung und Radioſendung vorbehalten Strecker und Schröder Or. Georg Schmückle Gedruckt 1942 bei Strecker und Schröder in Stuttgart Oen Einband zeichnete Karl Sigriſt. Stuttgart Copyright 1930 by Strecker und Schröder, Stuttgart Printed in Germany Meiner lieben Frau Erſtes Buch Um das alte Recht Am Mauerkranz der Sankt⸗Georg⸗Kapelle hoch auf dem tannenumrauſchten Gipfel des Auerbergs ſteht ein Bauer. Schwarze Wolkenhaufen rollen von den Bergen über das verdüſterte Land. Drängend, wogend, wälzend ziehen ſie unter dem weißen Kirchlein durch. Da und dort ziſcht ein Blitz durch die geſchichteten Wetter, gefolgt von krachenden Schlägen, die aus der Ferne widerbellen. Von Nord und Süd, von Oſt und Weſt hallen und widerhallen die Donner. Regungslos ſteht der Mann am Mauerkranz, nur ſeine Lippen rühren ſich— zu Gebet oder Fluch? Er weiß es ſelber nicht, denn Fluch und Gebet ſtehen hart beieinander in böſen Tagen! In Wehen kreißt die Zeit, und keiner weiß, was werden will. Aber wer ein Ohr hat zu hören, der hört die grollenden Stimmen der Tiefe, und wer ein Auge hat zu ſehen, der ſieht das Wetterleuchten an den Horizonten. Das Heilige Römiſche Reich Deutſcher Nation kniſtert und kracht in allen ſeinen Fugen. Hoffen und Verzweifeln in deutſchen Landen! Was ſtarrſt du zu den Bergen, Bauer? Schweizeret dirꝰ Frei hauſen ſie drüben überm See, den Firn im Rücken, den Morgenſtern in der Fauſt! Kuſch, Bauer! Dort liegt Kempten! Dort ſitzt dein gnädiger Herr, Johann von Riedheim, Fürſtabt zu Kemp⸗ 3 ten, Gottes Prieſter und Geſalbter, der über Nacht mit Roß und Reiſigen, mit Feuer und Schwert über die Bauernhöfe gefahren, daß der Brandruch noch über die Felder ziehet. „Daß ihn das blau Fuir!“ Da fegte ein Feuerſtrahl durch die Himmel, dorkhin, wo Kempten lag— und mit weitausholender Gebärde zerriß eine unſichtbare Hand den wogenden Vorhang, daß er klirrend auseinanderraſſelte. Da lag in ſeiner Schöne das Vorland der ewigen Berge, die in hehrer Majeſtät ihre weißen Stirnen in die Himmel reckten. Und wie ein feurig Band zog die Geltnach durch das Tal, flammend vom Widerſchein der ſiegenden Sonne! Dort, wo ſie aus den Wolken brach, lag Kempten. Dort ſaß zur Stunde Herr Johann von Riedheim und beriet mit dem Komtur, wie der Bauern Recht am eheſten zu beugen wäre. Droben, auf Wutes uralter Opferſtätte, auf kannen⸗ umrauſchter Höhe, wo ſteil und weiß ein Kirchlein in den Himmel ſprang, ſtand barhaupt der Bauer und faltete die Hände:„Herre Gott, ſell iſt dein Will' nit, ſell nit!“ Und die Teiche im Grunde brannten auf im feurigen Schein der Sonne, die das Hufeiſen zum Blitzen brachte, das einer ans Kirchentor geheftet hatte. „Herre Gott, ſell iſt dein Will' nit, ehnder brechet i das Eiſen!“ Und er ging hin, nahm das Eiſen und zerbrach's mit ſeinen beiden Händen. Wild und heiß ſtieg die Kraft in ihm empor, und ein Jauchzen brach aus ſeiner Bruſt. Weit breitete er die Arme und ſchrie hinaus ins Land: „Ho, ho! Holla ho! Bundſchuh! Bundſchuh!“ *** UÜberm Geltnachtal, auf dem Rücken, der zum Auer⸗ berg anſpringt, ſteht der Weiler Burk. Ein wehrhafter Gottesacker mit Schießſcharten in der Mauer, mitten drin, mächtig hingelagert, aus rohen Quadern gefügt, die Kirche mit ihrem Turm, der eher einem Belfried, denn einem Kirchturm gleicht. Um ſie herum ein halb Dutzend Höfe, querüber liegt die Hofſtatt des Freibauern Peter Brugger. Des Freibauern Anton Brugger Sohn war er und hatte den Hof übernommen, nachdem die Knechte des Fürſtabts ihm den Vater erſchlagen hatten. Das war im Frühjahr geweſen, und jetzt hing ein grauer Novembertag über der Kemptener Landſchaft. Der Bauer ſtand auf der Leiter und beſſerte ſeine Tenne aus; die Hammerſchläge ſchmetterten, daß es hallte und knallte. Lange Jahre hatte er auf den Hoferben gewartet. Dar⸗ über hatten er und der Vater ſchier den Hof verfallen laſſen. Seikdem ihm aber ſein Weib geſagt hatte, daß ſie guter Hoffnung ſei, hatte er gewerkt und geſchafft, und friſch geweißt leuchtete das Haus unter dem grün be⸗ mooſten Strohdach. Nun ſollte der Hof doch nicht ans Gotteshaus fallen! Der Bauer ſang fröhlich vor ſich hin, und die Bäuerin reichte ihm die Bretter. Sie mußte ſich mühen, und der Atem ging ihr hart. Auch perlte ihr der Schweiß auf der Stirne, denn ihr Zuſtand machte ihr zu ſchaffen. Von Zeit zu Zeit fuhr ihr ein Stich durch den Leib, daß ſie ſich die Seiten halten mußte. Der Bauer, der eben nach einem neuen Brett langen wollte, ſah, daß ſein Weib an der Wand lehnte und ſchwankend nach einem Halt ſuchte. Da ſtieg er ſchnell von der Leiter und faßte ihre Hand: „Heilig Mueter Gotts, Margret, was iſt?“ „Vermein, mein Stunden ſeie itz kummen, Peter.“ Er warf ſeinen Hammer weg, lief ins Haus und ſchrie nach dem Knecht. Der war halb taub und hörte nichts. So zog der Bauer ſelber den Gaul aus dem Stall und den Rollkarren aus der Tenne. Aber es wollte nicht vorwärtsgehen mit Schirren und Spannen. Der Gaul wollte nicht ins Kummet, die Riemen wollten nicht durch die Schlaufen, die Zügel verſchlangen ſich am Wag⸗ ſcheit. „Lauf zue, Tone“, ſchrie er dem Hirtenbuben zu,„uf d Schmalzgruben ſolltu, mein Schweſter holen!“ Und ſchon vom Karren herunter:„Du ſollt ihr ſagen, es hätt ein groß Eilen.“ Dann knallte er dem Rößlein über den Rücken, daß es erſchrocken ins Geſchirr ſprang und den Bauern faſt vom Brett geworfen hätte, und klappernd und ratternd rollte der Karren die Bertholdshofener Steige hinab. Jetzt hatte der Bauer Zeit zum Nachdenken. Mählich kam er zu ſich und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Da flog ihn mit einem der Gedanke an, die Wehmutter möchte nicht anzutreffen ſein. Der Gaul hatte ſchwere Arbeit. Es ging die Steige hinunter, daß der Karren von einer Straßenſeite auf die andere ſchwankte und der Klepper bald vor Schweiß dampfte. Dicke naſſe Rinnen liefen ihm am Hals und an den Flanken herunter. So ſchaffte er den Weg in der halben Zeit. Als der Bauer vor dem Hauſe der Wehmutter mit hartem Ruck anhielt, da ſchlugen dem Gaul die Weichen, und ſein Atem ging hart und ſtoßweis. Dem ſtarken Mann aber zitterte die Hand, als er den Klopfer in die Hand nahm. Drei ſchwere Schläge tat er gegen die Haustüre. Sie verhallten. Und wieder ſchlug er heiſchend und ungeduldig. Vor⸗ gebeugt ſtand er und horchte, wie der Klang ins Leere ſiel, raflos wie ein Kind, und klopfte und lauſchte und lauſchte und klopfte, bis ſich nebenan ein Erkerfenſter öffnete und eine Nachbarin dem Bauern ſagte, die Wehmutter ſei nach Kaufpeuren gefahren. Da wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirn. Wie vor den Kopf geſchlagen war er. So ſtand er, bis ihm ein⸗, zweimal etwas Kühles die Stirn rührte; und als er ſich mit der Hand darüber⸗ wiſchte, merkte er, daß einzelne ſchwere Schneeflocken durch die Luft tanzten. Als ob er ſich beſinnen müßte, fuhr er mit der Hand durch die leicht ergrauten Haare. Dann ſtieg er auf ſeinen Karren und fuhr zurück den Weg, den er gekommen war. Über ihm hing ein grauer Himmel. Bleiernes Schweigen ringsum. Es war, als ahnte die Natur, daß ihre Stunde ge⸗ kommen ſei, als duckten ſich Kraut und Buſch und Baum vor ihm, der ihr Leben zur langen Ruhe bettet. Hoch in den Lüften flog ein Pfeifen, derweil unten auf der Erde Gras und Blatt den Atem anhielten. Der Klepper dampfte, und die Kummetſchellen klirrten durch die Stille. Da— ein Achzen ging durch den Wald, und angſt⸗ voll duckten die Tannen die Wipfel— wie ein Raub⸗ kier hatte er ſich auf ſie geworfen, der Herr der Wolken, ſie zum Schlafe zu zwingen. Fauchend ſprang er dem alten Waldkönig ins Geäſt, zweihundert Jahre hatte der ihm getrotzt— ein dumpfes Stöhnen, ein Krach, und im Todeskampf wirft er ſeine Wurzeln hoch in die Luft! Dort, die Tanne will nicht— er faßt ſie, packt ſie, und krachend ſchallt ihr Todes⸗ ſchrei durch den Wald. Da halten ſie ſtille, die anderen. Und auch er ruht eine Sekunde, der Herr der Wolken, und lauert, ob keines ſich mehr rührt. Dann holt er aus zum Sprung— hoch weg übers Tal! Und krachend hallt's aus der Ferne herüber. Hinter ihm aber bleibt eine große Stille, und der Bauer blickt ſcheu hinter ſich. Noch einmal holt jeder Baum, jeder Strauch tief Atem. Dort eine Flocke, hier eine hebt ſich und ſenkt ſich, findet ihre Stelle und wartet der Schweſter, die noch wirbelt und tanzt. Und Flocke auf Flocke fällt. Und tiefer und tiefer biegt ſich jeder Zweig. Tanne um Tanne neigt den Wipfel und ſchläft ein. Erſtorben der letzte Laut. Der Wald ſchläft. Stoßendes Schnauben und helles Schellengeklingel. Mit fliegenden Flanken und dampfenden Nüſtern ar⸗ beitet ſich der Klepper im mühſeligen Trab durch die wirbelnden Flocken. Er iſt am Ende ſeiner Kraft, ver⸗ fällt in Schritt, fährt wieder ins Geſchirr— immer dichter fallen die Flocken, knöcheltief, fußtief wird die weiße Decke. Der Gaul ſtößt den Dampf in die tanzenden Flocken, arbeitet ſich vorwärts. Dichter und dichter wirbelt's, immer tiefer ſinken die Hufe in den Schnee. Eine Dunſtwolke liegt über dem Braunen. Dem Bauern ſchnürt die Angſt die Kehle zu:„Mari⸗ andjoſef!“ murmelt er unaufhörlich vor ſich hin. Dem Klepper aber ballt ſich der Schnee in den Eiſen, hängt ſich in ſchweren Klumpen an die Scheibenräder. Lautlos fallen die Flocken, die Stille kriecht dem Bauern angſtvoll ans Herz. Ob wohl die Theres ge⸗ kommen war d „Hilf, Mariandjoſef!“ Die Dämmerung ſank nieder, und der Gaul ſuchte ſeinen Weg zwiſchen den Ruten, die die Bauern vor dem erſten Schnee auf beiden Seiten der Straße geſteckt hatten. „Heilig Mueter, ſo all's möcht ein guet End finden, ich wöllet ein Guettat tun, ein Guettat wöllet ich tun—“ Da tauchten mit einem aus dem Dunkel die Umriſſe einer Frau auf. Sie war wohl todmüde, denn ſie ſtützte ſich ſchwer auf einen Meilenſtein, und tief lag ihr der Kopf auf der Bruſt. „Hü!“ Und der Karren rollte an dem Weibe vorbei die Steige hinauf. Einen Augenblick dachte der Bauer daran, ob er nicht anhalten ſolle:„Samer, Potz Schweiß und Bluet! wo der Klepper ſo nit weiterkummt!“ Und wieder verſank der Peter Brugger in tiefes Sinnen über die Guttat, die er tun wollte, wenn alles bei der Margret gut ablaufen würde. „Ei, Paur, lueg umb“, raunte es in ihm,„nit zween⸗ hundret Schritt dahint liegt dein Guettat—“ „Der Gaul verziechets nit“, redete er ſich ein, ſchaute auch mit ſchlechtem Gewiſſen nach rückwärts, aber die Ge⸗ ſtalt war ſchon im Dunkel verſchwunden. „Ei, Paur“, raunt es wieder in ihm,„den Klepper am Seil gnommen, ſelber gloffen.“ „Kotz, wer ſaget, ſie het wellen fahrende? Hets Maul ſollent ufthon.“ „Kunnt nimmeh reden, das arm Menſch, vor Weihdag und Müheſal.“ So dämmerte es mählich dem Peter Brugger, daß man ſich ſelber leicht, den Herrgott aber nur ſchwer hinters Licht führen kann. Noch ein paarmal dreht er ſich auf dem Lenkbrett um, dann wendet er. Störriſch und wider⸗ willig gibt der Klepper nach. Um ein kleines wäre er an dem Weib vorbeigefahren, 9 wenn der Gaul nicht vor einem ſchwarzen Klumpen im Straßengraben geſcheut hätte. Da ſtieg der Bauer von dem Karren herunter und rüt⸗ telte die Frau am Arm. Sie rührte ſich nicht. Und als er ihr mit der Laterne ins Geſicht leuchtete, da ſah er, daß ſie bewußtlos war. 140 „Kotz, ſtandets alſo! Da packte der Bauer mit ſeinen ſtarken Armen das Weib, trug es zum Karren und legte es aufs Stroh, deckte es auch mit einem wollenen Teppich zu, denn er hatte bemerkt, daß es geſegneten Leibes war. Und nun ſtapfte er neben ſeinem Rößlein die Steige hinauf. Mit einemmal war's ihm leichter ums Herz ge⸗ worden, denn er konnte nun dem Herrgott ſeine Guttat vorweiſen, und was für eine! Auch der Himmel ſchien die Guttat gelten laſſen zu wollen, denn immer lichter und lichter fielen die Flocken, bis endlich aus einer Wolkenritze der Mond hervorlugte und ſeinen milden Schein durch die Tannen über den weißen Schnee rieſeln ließ. Dann kam eine Strecke, wo der Wind den ganzen Schnee gegen die Böſchung verweht hatte. Der Bauer ſtieg auf, und in ſchnellem Trabe ging's Burk zu. Droben in der Kammer brannte Licht. Der Brugger ſprang vom Wagen, nach ſeinem Weibe zu ſehen. Die lag noch in ihren Wehen, und die Hiltenspergerin war um ſie. Dampfend und ſchweißtriefend ſtand der Braune und ließ den Kopf bis zum Boden hangen. Derweil der Knecht ihn abſchirrte und in den Stall führte, richtete der Bauer in der unteren Stube hinterm Ofen ein Lager, hob mit ſeinen Armen das Weib vom Wagen und bettete es aufs Stroh. Dann ſetzte er ſich an den Tiſch in die Ecke, wo der 10 Gekreuzigte hing, ſtützte ſein Kinn in die Hand und ſinnierte. Die Stube lag in tiefem Dunkel. Ab und zu kniſterte und knallte der Waſen im Ofen, oder kam ein Seufzer aus der Ecke, wo die Frau lag. Seltſam, daß in der tiefſten Stille die Unruh am ängſtlichſten flattert. Wenn die Einſamkeit am größten, fällt das Mäuerlein, das am hellen Tage die Dinge ums Menſchenherz bauen. Dann kommen die Schatten ganz dicht heran und drängen und ängſten es. Da wird es ganz klein und duckt ſich zu⸗ ſammen und kann doch nicht ausweichen in ſeiner engen Menſchenbruſt. Und Hände, die Hufeiſen brechen können, kommen ſachte ins Zittern und finden ſich zuſammen zum Gebet. Tack! Tack! Tack! kickte der Holzwurm im Gebälk. Wie harte Tropfen klopfte der Ton in die Stille. Tack! Tack! Tack! Am Michaelisabend war es geweſen, da waren die Knechte des Schwäbiſchen Bundes, den der Fürſtabt an⸗ gerufen hatte, in die Dörfer gefallen, zu Roß und zu Fuß. Hatten viele auf den Tod geſchlagen und ver⸗ ſtümmelt und den Kienſpan ins Heuſtadel geſtoßen! Tack! Tack! Tack! So war Tropfen um Tropfen das Blut des Vaters von der Stiege gefallen, als ihn die Knechte des Fürſtabts mit der klaffenden Stirnwunde, den Kopf zuunterſt, hatten liegen laſſen. Warum Auf den Knien hatten die Bauern im Rathaus zu Kempten um ihr Recht gefleht, freie Menſchen ſein und bleiben zu dürfen auf eigenem Grund nach uraltem Recht. An den Kaiſer hatten ſie ſich gewandt. Tack! Tack! Tack! Lange Jahre hatte der Bauer auf einen Sohn gewartet. 11 Er wußte, daß das Gotteshaus den Satz aufgeſtellt hatte, daß alle Höfe ohne Leibeserben aus Gotteshaus zurück⸗ fallen müßten. Das hatten die römiſchen Juriſten ausgeklügelt! „Daß ſie die Peſt freß!“ Tack! Tack! Tack! Den Vater hatten ſie ihm totgeſchlagen. Den Hof ſollten ſie nicht bekommen! Und wenn er ihn ſelber an⸗ zünden müßte. Daß ihm gerade jetzt ſolche Gedanken kamen, jetzt in der Stunde, wo Gott ihm den Leibeserben beſcheren ſollte! Die Stille quälte ihn. Er wehrte ſich gegen die böſen Geiſter, aber ſie kamen immer wieder und zerrten an ſeinen Sinnen, flüſterten und raunten. Da nahm er den Kugelhut vom Nagel, ging hinaus bis vor an den Hang, wo man zur Linken des Gebirges ſchimmernden Zacken⸗ kamm, zur Rechten das Hügelland des Allgäus liegen ſah. Das war die Stätte, von wo er allabendlich ins Land hinausſah, ehe die Sterne erfunkelten. Ohne Laut und Atem lag das Land in glitzerndem Schnee, aber hoch droben in den Lüften flogen die Geiſter der Unruhe, flatternde Fahnen und unheimliche Wolken⸗ fetzen am Monde vorüber. Stimmen in den Lüften, Todesſtille auf der Erde. Gab's denn nirgends eine Statt für die guten Geiſter, waren alle böſen losgelaſſen? Der Bauer wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Er ging hin und ging her und fand ſeine Ruhe nicht. Da lenkte er den Schritt wieder heimwärts, wo das ſchwache Licht aus der Schlafkammer ſeinen Schein ins Schneeland warf. Er ging in die Tenne und ging in den Stall, vom Stall in den Keller, vom Keller wieder in die Stube— ſaß am Tiſch, und die ſchweren Schatten kamen und wogten und drängten gegen ſein klopfendes Herz. 12 Mit einem hörte er ein leiſes Weinen in der Ecke hinterm Ofen. Er nahm den Kienſpan an der Wand und leuchtete in die Ecke. Da ſah er, daß das fremde Weib geboren hatte. Die Theres Hiltensperger war auf ihren Hilferuf gekommen und hatte ihr beigeſtanden. Der Bauer war froh, eines Menſchen Stimme zu hören, und fragte nach Namen und Herkommen. Anna hieß ſie, kam von Kempten und wollte nach Prag. Als er ſie nach dem Vater des Kindes fragte, drehte ſie den Kopf zur Wand und gab keine Antwort. Und der Bauer ſchritt wieder in der Stube auf und ab und blieb von Zeit zu Zeit ſtehen und lauſchte, ob er nichts hörte. Da gellte ein wilder Schrei durchs Haus. Und dann war's wieder ſtill. Er hörte Türen ſchlagen und die Theres Hiltensperger droben werken und laufen. Dann ſaß er wieder am Tiſch und hatte die Hände unters Kinn geſtützt. Und über eine Weile kam die Hiltenspergerin. Mit verſchränkten Armen lehnte ſie ſchweigend am Tür⸗ pfoſten. Der Bauer beugte ſich vor.— Das Weib ſchwieg. „Alsdann was iſt's, Theres?“ preßte er heraus. „Es ſoll nit ſeind mit dem Bruggerhof, das Kind iſt tot⸗ fallen, ein Bub gweſt.“ Dem Bauer war, als hätte ihm einer mit einem Holz⸗ ſcheit an den Kopf geſchlagen. „Dein Weib ſchlafet, weiß nit davon!“ Da ſchlug der Bauer mit einem Fauſthieb die Tiſch⸗ kante weg. Schwer atmend ſaß er und ſtöhnte vor Wut und Er⸗ regung. 13 Nun würden die Pfaffen doch des Hofes froh werden! Seinen Kopf hatte er wieder in die Hände vergraben. Schweigend lehnte die Theres am Türpfoſten. Hinterm Ofen aber lachte es bitter auf:„Dem das Stroh nit eigen, lebt— der Hoferb mueß totfallend!“ Tack! Tack! Tack! Und wieder lag die lähmende Stille im Raum. Das Weib am Türpfoſten, der Mann am Tiſch und die Fremde im Ofenwinkel, alle drei ſchweigend und im Bann der Stunde, die unheimliche Fäden von einem zum andern ſpann, Gedanken hin und her trug, bis ſie im Hirn der Hiltenspergerin aufſprangen und nach dem Bauern züngelten. Der hob den Kopf, da ſtand ſie vor ihm. „Dein Weib ſchlafet, weißt nützit!“ Sie ſprach leiſe, und doch ging's ihm durch Mark und Bein. „Was willtu mit ſagen?“ „Sie vermeinet, das Kind ſeie lebende.“ „Die Morgenſunn wurts beſcheinen.“ Die Hiltenspergerin beugte ſich nieder, und ihre Stimme wurde heiß:„Peter, du ſollt an den Vatter denken, ſoll der Pfaff zu Kempten der Hofſtatt genießen?“ „Ehnder ſetzet i den roten Hahn ufs Dach.“ „Kind iſt Kind!“ ziſchelte das Weib und deutete in die Ecke, wo die Fremde lag,„ſo i der Paur wollt ſeind—“ „Hernach?“ „Die Hofſtatt fallet mir nit an Pfaffen!“ Die Theres merkte, daß der Bauer wankte, und ſie wurde dringender und ließ nicht mehr locker. Die Fremde konnte nur einzelne Worte verſtehen, aber daß es ſich um ihr Kind handelte, das fühlte ſie. Sie richtete ſich auf und ſaß, die beiden Hände auf dem Boden aufgeſtützt, und lauſchte:„Was wellet ihr mit meim Kind?“ fuhr ſie los.„Laſſet mich meins Wegs weiter.“ 14 „Wohin willtu?'s iſt nachtſchlafend Zeit, ſoll dein Kind mit dir ſterben im Schnee?“ Aber die Wöchnerin war in Erregung, und ſie ſchrie: „Was wellet ihr mit meim Kind“ „Kotz Marter, ſchrei nit ſo, willtu die Päurin wecken?“ Und die Theres ſetzte ſich zu dem Weib hinter den Ofen und redete mit ihr, ſtill und ruhig, bis ſie ſich beruhigt hatte. Wohin ſie mit dem Kind wolle? Nach Prag zu Verwandten. Ob ſie auch wiſſe, daß ſie dort wohl aufgenommen werde. Gott werde ſchon dazu helfen. Oft ſei Gottes Hilfe näher, als man meine. Sie ſolle ihr Kind auf dem Bruggerhof laſſen, damit es gehalten werde wie ein eigenes. Da fuhr die Wöchnerin wieder auf:„J gang nit von meim Kind, laſſet mi ziechen.“ Und die Theres ging wieder hinüber zum Tiſch:„Peter, du ſollt ſie als ein Maged ufm Hof halten, fehlet nit an Arbet.“ Der Bauer nickte ſtumm. So machte die Theres den Handel vollends fertig. Bei ihrer Seelen Seligkeiten ſchworen die drei, keinem Menſchen etwas von dem Handel zu ſagen. Die Theres nahm das Kind und trug's hinauf und legte es der Bruggerin in die Wiege. Fünfzehn Jahre ſpäter. „Potz Marter, daß dich der und jener uf ein Haufen ſchänd!“ Und krachend flog ein roſtig Stück Rüſtzeug auf den Alteiſenhaufen! 15 Engelbert Hiltensperger, des Fürſtabt zu Kempten Waffen⸗ meiſter, war juſt dabei, Ordnung in das Gerümpel zu bringen. Was der neuen Kampfweiſe nicht mehr ſtand⸗ halten mochte, wurde ausgeſchieden, um für wenig Groſchen an die Spießmacher zu Hindelang oder Wertach los⸗ geſchlagen zu werden. Dann und wann aber fuhr die prüfende Hand liebkoſend über ein braves Gewaffen, das ſorgſam zur Seite geſtellt wurde. Die goldene Herbſtſonne ſiel durch die Butzenſcheiben und zeichnete den Schatten der Bleifüllungen auf den ſteinernen Eſtrich der Waffenkammer. Der Waffenmeiſter war ſchlechter Laune. Die Narbe, die ihm quer über die Stirn ging, war gerötet. Der junge Konz von Freiberg ſaß auf dem langen roh⸗ behauenen Tiſch an der gegenüberliegenden Wand, pfiff durch die Zähne und ließ ſeine Reitgerte durch die Luft ſauſen:„Ei der Tuſend, Bruder Engel, was for ein Laus iſt Euch über die Leber krochen?“ „Kein Laus nit, anſondern ein Lauſer, ein Lüsbühel! Was ſchleifet der Lederle, der Spitzknecht, der Straßen⸗ feger, umbs Gotteshaus als wie der Fuchs umbs Anten⸗ neſt? Iſt nie nit zum Guten gweſt, ſo der Haderlump herumſcharwanzet, miſchet ſich unter die ehrlichen Leut als wie der Meusdreck unter den Pfeffer. Stünd ſeiner Fürſt⸗ lichen Gnaden beſſer an, dem Ziefer die Zung uſerm Hals ſchneiden, dann ſich von dem Läſtermaul Flöch ins Ohr ſetzen lan!“ „Blau, ſtoßet Euch der Wanſt umb der Pauren willen? Seind des Ufreupſens nit wert!“ Dem Waffenmeiſter ſchwoll die Narbe und lief blau an. Der junge Herr merkte nichts und wippte mit ſeiner Gerte weiter:„Was plagent Euch die Roßmucken?“ Keine Antwort! 16 „Der Paur und ſein Stier ſeind ein Tier!“ krällerte der Junker. Da kam der Hüne hinter ſeinem Rüſtzeug vor und ſtellte ſich vor das Bürſchlein, breitbeinig und hochgewachſen, wie er war, eines Hauptes größer als der größte im Chorherrn⸗ ſtift. Unter den buſchigen Brauen blitzten ein Paar zornige Augen, ſo daß das Herrlein unruhig auf ſeinem Tiſch hin und her rutſchte. „Kotz, Bruder Engel, was machet Ihr for ein groß Weſen d“ Rauh und hart klang des andern Stimme, als er ſprach: „Ißhunder los, Konzlin, was ich ſag! Einmalen iſt kein⸗ malen, ſolltu ihedoch zum andernmal vergeſſen, daß mein Vatter ein Paur gweſt, ſo vergiſſet der Engelbert Hiltens⸗ perger, was er deim Vatter ſelig gelobet im Läger zu Brügge. Alsdann möcht ich nit der Konz von Freibergen heißen!“ Das war des Waffenmeiſters Schmerz, und oftmals brummte er's mißmutig vor ſich hin:„Wo Haut und Haar kein Nutz iſt, do wurt kein guter Balg!“ Der junge Herr war ein weich und wankelmütig Bürſchlein. Von ſeinem edlen Vater aber hatte er zwei Blauaugen, und wenn er den Waffenmeiſter anſah, dann mußte der ſich abwenden, denn ſein alter Fähndrich ſtand alsdann leibhaftig vor ihm. Der Junge lachte, griff ihm an die harten Oberarm⸗ muskeln und ſagte:„Beſſer nit!“ „Alsdann halt dein fürwitzig Maulwerk in Zaum“, grollte der andere, ging wieder zu ſeinen Waffen und warf ſie unſanft durcheinander. „Warumb will die teutſch Not kein End nit nehmen e Dieweil ein jeder ſich edler dünket dann der ander, und ein jeder will des andern Herr ſein und keiner ein Herren über ſich erkennen! Konzlin, ich ſag dir, es wurd nit beſſer in Schmückle 2 17 teutſchen Landen, es ſeie denn, die Herren und Pfaffen er⸗ kenneten, daß ein Bluet rollet in keutſchen Adern, gut keutſch rot Bluet! Teutſch Bluet, echt Bluet! Welſch Bluet, unecht Bluet!“ Unwillig wandte er ſich zu den Rüſtzeugſtändern. Der⸗ weil er einen Küriß prüfte, fuhr er fort:„Kotz Bauch und Lung! Keins Pauren Henn iſt zu ring, keins armen Deifels Rock zu ſchabet, es lohnet, ſelben in Chriſti Namen zu fodern! Keins Pauren Kind davor ſicher, daß ihr nit der Herr das Kränzle zerzauſet! Soll mir ichteiner zeigen, wos gſchrieben ſtehet, ein Menſch ſollt des andern Eigen ſein mit Leib und Seel!“ Dem jungen Freiberger mochte es darum zu tun ſein, ſeinen Lebrer wieder gut zu ſtimmen. Er lachte pfiffig: „Wohl ſtandets gſchrieben!“ Fragend ſchaute der andere. „In einer Urkunden, ſo der ſelig Kaiſer Karle nit zu End unterſchrieben, obſchon das Sigull allbereits rite pet⸗ — „Red nit hinterſinnig, was iſt mit der Urkunden?“ Da kam's dem Freiberger, daß er etwas Dummes geſagt hatte, und er wollte nicht mit der Sprache herausrücken. Rot übergoſſen ſaß er da, ſtotterte und ſuchte ſich hinaus zureden. Der Hüne aber trat dicht vor ihn hin:„Am Holz leits, obs ein Geigen geit; dein Vatter, Konzlin, hätt ſich nit zweenmalen laſſen fragen!“ Der junge Herr rutſchte auf ſeinem Tiſch hin und her: „Han bloß ein lützel hanſelieret.“ „Willtu us der Sachen ſchleifen, hini zum Teufel, Konzlin 2 Do wurd bald Kirchweih!“ „Oho!“ kraftmeierte das Herrlein,„ein Freiberger laſſet ſich nit Gwalt antun!“ Als er's noch vergeblich mit ſeinem treuherzigen Blick verſucht hatte, wand und krümmte ſich der Junker noch 18 ein wenig, dann rückte er heraus:„Verrat mi nit, Bruder Engel, ſuſt möcht meins Bleibens nit länger ſein im Chor⸗ herrenſtift zu Kempten.“ „Samer die Feifel! Liegt dir der adlig Spittel ſo faſt am Herzen?“ grollte der andere. „Willtu mi nit verraten?“ „Des ſolltu onbeſorgt ſein!“ „ÜUf Ehr und Seligkeit?“ „Üf Ehr und Seligkeit!“ „Hat mich Sein Fürſtlich Gnaden zum Raitenauer mit einer Poſten geſchicket. Iſt nit in der Stuben gweſt, der Raitenauer. Am Tiſch zu ſchaffen gemacht, ein Urkunden druf gelegen des Inhalts, all Pauren von Kempten ſollent dem Gottshaus untertan ſein mit Leib und Seel, Weib und Kind, desgleichen Haus und Hof und fahrende Hab. War alls geſchrieben bis uf die halbet Unterſchrift, Haſelnuß, auch ein Tinktura dabei, das Pergament zu gelben!“ Jetzt war der Waffenmeiſter blaurot im Geſicht vor orn.„Freß die Peſt alle Finanzer und rote Schuch, ſeind Spitzknecht und Hämling geweſt allzeit!“ „ÜUf Ehr und Seligkeit, Bruder Engel?“ „Bin allweg und ällbott zu meim Wurt gſtanden, itzunder gang!“ Der Junker zögerte. „Haſtu nit verſtanden? Itz ſolltu gan!“ grollte der Waffenmeiſter, der wieder bei ſeinem Eiſen ſtand und es zürnend durcheinander warf. Der Freiberger ſchlich ſich hinaus, nicht ohne an der Tuͤre ſich noch einmal umzudrehen. Als ſie kreiſchend ins Schloß fiel, atmete der Waffen⸗ meiſter auf und fuhr ſich mit der Rechten über die Stirne: „Wurt nit meh lang meins Bleibens ſein im adligen Spittel, mich dünket, das Maß iſt voll.“ Mählich ebbte ſein Zorn ab, nur eine grenzenloſe Ver⸗ 19 achtung blieb zurück— und eine Müdigkeit, die dem ſtarken Manne fremd war. In der Erkerniſche ſtand ein breiter Lederſtuhl, deſſen hohe Rückenlehne zur Rechten und zur Linken mit ge⸗ polſterten Backen verſehen war. Drauf ſetzte ſich der Engelbert Hiltensperger. Sinnend ſaß er, das Kinn in die linke Hand geſtützt. In ſeiner weiten Kutte mochte er noch mächtiger erſcheinen, als er ſchon war. Lichtes braunes Haar ſiel ihm faſt auf die Schultern, und der kurz geſchnittene Vollbart rahmte ein willensſtarkes Kinn. Große graue Augen unter buſchigen Brauen und eine ſtarke, edel gebogene Naſe zwiſchen kräftigen Backenknochen. Draußen zwitſcherten die Schwalben und zogen ihre pfeilſchnellen Bogen, gingen und kehrten zum Neſt unter dem vorſpringenden Erker. Juſt wie auf dem väterlichen Hof auf dem Auerberg, der Schmalzgruben. Dort hatten ſie bei der Tenne unterm Göpeldach geniſtet. So ſaß er und träumte. Als Hüterbüblein ſah er ſich am Weiher liegen und den Wolken nachſchauen, ſah ſich an den langen Winter⸗ abenden hinter dem warmen Ofen ſitzen und mit großen Augen den Burſchen und Mägden lauſchen, die auf die Schmalzgrube in die Lichtſtube kamen. Hei, wie da die Spinnräder ſchnurrten, derweil die Burſchen auf der Wandbank ſaßen— dazu krachten die Holzſcheite und kniſterte der Waſen. Und wenn die Alten um den Tiſch in der Herrgottsecke ſaßen, dann war immer die Rede von den alten Bauern⸗ rechten und von dem Unrecht, das ſeit hundert Jahren am Bauern geſchah, von Kind zu Kindeskind! Der Vater war ein harter Mann geweſen. Aber ſo hätte er ihn nicht zu ſchlagen brauchen, damals, als der Schumpen ſich verbläht hatte! Da war das Hüterbüblein auf und davon gelaufen, ohne 20 Ziel, nur immer gradaus, bis man das halbverhungerte Bürſchlein aufgriff. Eher hätte es ſich die Zunge abgebiſſen, als daß es ge⸗ ſagt hätte, wo es zu Hauſe ſei. So behielten ſie's halt in Memmingen. Der Prior des Kloſters, der Freude an dem Buben hatte, ließ ihn mit den Kloſterſchülern unterrichten. Da ſaß er mit den andern und las im Virgil und in den andern Heidenſchriftſtellern. Und wurde Prieſter! Einer von den allzuvielen. Sollte er wie ſie die Land⸗ ſtraße bevölkern? Kotz nein! War doch die Zeit, da der hochedle Kaiſer Mar mit Gottes und des Frundspergs Hilfe die braven Landsknechte aufſtellte! Pfeifenklang und Trommelwirbel! Ein Lächeln flog über das Antlitz des Träumenden. „Jörg Frundsperg, alter, lieber Trautgeſell, denkeſtu der luſtigen Nächt im Läger, da der Feldpfaff ſo wacker mit dir pokulieret? Wo magſtu itzunder weilen? Gedenket dir der Stunden, da wir die Arm geſchränket, im fürderſten Glied die Spieß gefället, den Schweizeren den Grind verdroſchen d Het nit viel gefehlt, der Glarner Hans het dir den Spieß in Bauch gerennt, hat ihm mein Langſchwert juſt zur rechten Stund den Arm von der Schulter ghaut. Her! Her! Ei, was ſeinds for Mannskerle geweſt, vom Allgaw, vom See, vom Hegaw, Kerle von Stein und Eiſen, all erleſen in Kraft und Todsmut. Und ſeind all Paurenkinder geweſt, Kinder der keutſchen Erd! Heiligen Gotts! So ſich einer wollt finden, all zu einen in teutſchen Landen, Ritter, Pauren, und die in den Städten, die Arm zu ſchränken wider die Feind teutſcher Nation und Kaiſerlich Maſfeſtät! Kotz Wetter, und wenn die Welt voller Teufel wär! 21 Her, her!“ „Ei der Tuſend, ſpuket Euch das Reislaufen wieder im Bluet?“ Da ſchrak der Engelbert Hiltensperger auf. Vor ihm ſtand der Fürſtabt, rank und ſchlank gewachſen, aus dem Holz, aus dem man die Herrſcher ſchnitzt. Eine leichte Röte überflog das Geſicht des Waffen⸗ meiſters; ruhig ſtand er auf und verneigte ſich mit dem voll⸗ endeten Anſtand, den er dem alten Freiberger abgelernt hatte. Mit Wohlgefallen betrachtete der Herr Johannes von Riedheim die mächtige Geſtalt:„Kann mirs denken, daß Euch der Harnaſch wohl zu Leib geſtanden, daß Euch zuweilen die Kutten z eng geworden, Hiltensperger!“ Der Abt ſetzte ſich in den Lederſeſſel, das ſchmale, feine Geſicht mit den klugen, kühlen Augen auf ſeinen Waffen⸗ meiſter gerichtet. „Es flammet allenthalben an den Rändern, Euer Fürſt⸗ lich Gnaden, und die teutſch Nation grimmet und wälzet ſich in Nöten; möcht wohl allen guten Teutſchen das Wammasz;z eng ſein.“ „Laſſet das unſeres hochedlen Kaiſers Mar Sorge ſein und der teutſchen Fürſten“, erwiderte der Abt leichthin, nicht ohne einen forſchenden Blick auf den andern zu werfen. Hatte er den ſpöttiſchen Zug um ſeines Waffenmeiſters Mund nicht geſehen, oder wollte er ihn nicht ſehen?„Mir ſcheinet, Ihr roſtet, Hiltensperger; tuet not, daß ich Euch zu werken geb.“ „Befehlet, Herr.“ „Bin ich recht bericht, ſo ſtammet Ihr vom Auerberg?“ „Wohl, gnädiger Herr!“ „Habet Ihr noch ichtwen Eures Blutes dorten?“ „Sitzet mir ein leiblicher Bruder uf der Schmalzgruben, heißet Michel Hiltensperger.“ „Der Paurenmeiſter?“ 22 „Derſelbig.“ Der Abt machte eine kleine Pauſe, als dächte er nach. Dann aber ſchüttelte er die Zweifel von ſich. War nicht der Landsknecht, das Bauernblut ſelber, des Bauern ärgſter Feind? Waren nicht die Pfaffen bäuerlichen Stamms der Kirche beſte Wachhunde d „Suſt lebet keiner Eures Stammes dorten?“ Der Waffenmeiſter ſchüttelte den Kopf. „Loſet, Hiltensperger, was ich Euch zu ſagen: Seind mir Poſten zukommen, daß die umb den Auerberg maulend und rottierend. Iſt ein gar aufſäſſig und ſtörriſch Volk, bin ihnen allweil ein zu gnädiger Herr geweſt!“ „Herr, ſeied Ihr der Poſten gewiß, der Lederle— man ſiechts an ſeinen Federen, was ein Vogel er iſt!“ „Kotz ja, was ſtandet Euch das Maul krumm; wer zu jagen willens, kann des Hunds nicht entraten!“ Der Engelbert Hiltensperger ſchaute zu Boden. „Will itz in eim ufwaſchen“, fuhr der Fürſtabt fort, „mein Geduld iſt am End, hätt damalen nit uf halbetem Weg ſollen ſtanden bleiben!“— Er meinte die Blutnacht des Jahres 149a. Hätte er jetzt ſeinem Waffenmeiſter ins Angeſicht ge⸗ blickt, ſo hätte ſich der Abt ſein Vorhaben noch einmal überlegt, aber er ſchaute auf die Spitzen ſeiner ſeidenen Schuhe und ſpielte mit den ſchlanken feinen Fingern an der Seidenquaſte ſeines Gürtels. Dann fuhr er fort, und die Scham ſtieg ihm ins Antlitz: „Hat ſich ein verlorn Urkunden wiederfunden, des In⸗ halts, daß kein Paur im kemptenſchen Land, ſo nit dem Gotteshauſe zu eigen. Kotz ja, ein Urkunden! Was glotzet Ihr als ein gſtochner Bock?“ Ruhig hielt der Waffenmeiſter des Abtes Blick aus. Da ſenkte dieſer wieder ſeine Augen auf die ſeidenen Schuhe. 23 Und ſchnell und haſtend ſprach er weiter, um zum Ende zu kommen:„Ihr ſollt ein Rotten Knecht nehmen und den Handel usfechten, dazu ein Pergamentum, uf ſelbem ſoll ſtehn, daß ein jeder mit Kind und Kindeskind des Gottes⸗ hauſes eigen. Und ſoll ein jeder ſeine drei Kreuz darunter ſetzen, ſo's aber ichteiner weigeret, ſoll er von Hof und Herd ziechen.“ „Was brauchets des Pergaments, ſo Ihr ſchon ein Ur⸗ kunden in Händen haltet, gnädiger Herr?“ „Tuet, wie ich Euch geheißen!“ fuhr der Abt auf. „Herr, ſchicket ein andern, mich dünket, ich möcht der recht nit ſein, dann es iſt bös, Füchs mit Füchſen fahen, beißet keiner den andern!“ Der Fürſtabt ließ ſich durch des Waffenmeiſters ruhige Stimme täuſchen. Sein Ton klang faſt ſcherzhaft, als er ſagte:„Ihr verſehet Euch der Art beſſer dann ein anderer; mit eim zahmen Elefanten fanget man die wilden.“ Da flammte dem andern die Stirn, und er wagte etwas, was keiner dem Fürſtabt gegenüber gewagt hätte, und ſagte:„Iſt ſchon erhöret worden, daß der zahm Elefant mit denen anderen usbrochen, hernachen lauter und ärger trappt und trumpetet dann die wilden.“ Ein kurzer Blick des Abtes ſtreifte den Sprecher. Der ſtand aber und ſchaute dem Abt ruhig lächelnd ins Auge. „Kunnt leichlich ſein, der zahm Elefant wurd wiederum gefangen und hart gefeßlet.“ Da fragte der Waffenmeiſter:„Herr, wann iſt Euer Will, daß ich ſoll reiten?“ „Die Pauren hant ein Thing berufen uf die neunt Stund morgenden Tags; ſehet zu, daß Ihr zu der Zeit dorten ſeied.“ Seit einem Jahrhundert zog ſich der Kampf um die alten Bauernrechte hin. Johannes von Riedheim wollte zum Ende kommen, nun ſollten die Bauern auf die Knie. Da nahm er ihnen das Letzte, was den Armen noch keiner zu nehmen gewagt hatte. Keine Ehe ward mehr ein⸗ geſegnet, kein Kind mehr getauft, keine Letzte Tröſtung war mehr erteilt worden. Seit zehn Jahren war kein Pfarrer mehr auf der Kanzel geſtanden, war keine Meſſe mehr geleſen worden. So hatte es Johannes von Riedheim, Fürſtabt von Kempten befohlen! Und die Bauern verhielten in wildem Trotz. Sie ſtiegen ins Ehebett, bis ein vagierender Prieſter ſie ſegnete, und ſie ſtarben zähneknirſchend ohne Sakrament— aber ſie unterſchrieben ihre Leibeigenſchaft nicht. Und ihre Streitigkeiten machten ſie unter ſich ſelber ab. Die Kemptner Vögte blieben unbehelligt. So hatte auf die Sonnenwendnacht des Jahres 1807 der Bauernmeiſter Michel Hiltensperger ein Thing an⸗ geſetzt und die um den Auerberg zur Kirche von Burk ge⸗ laden. Es war keine von den hellen Sommernächten. Schwere Wolkenwände ſchoben ſich vom Gebirge her, der Wind wirbelte den Staub von den Wegen und ließ die alte Wetterfahne auf dem Bruggerhof knarrend und krächzend ſich drehen. Auf der Holzbank vor dem Bruggerhof ſaß der Bauern⸗ meiſter. Nur um ein weniges war er kleiner als ſein Bruder Engel, ſein Haar etwas lichter. Obwohl er um zwei Jahre jünger war, hatte ihm Bauernfron die Schultern vorzeitig leicht gebeugt. Der Bruggerbauer, der neben ihm ſaß, hatte graue Haare bekommen. Aber ſtarr und ſteif trug er den ſtarken Alemannenſchädel mit der kurzen, dicken Naſe über den 25 ſinnlichen Lippen. Die warme Stallwand im Rücken, ließen die beiden den Wind hoch übers Dach wegpfeifen.— „Vermeineſtu, Michel, der Abbet ſchlafet zu Kempten? Grad aſo iſts gweſt damalen um Martini, niemerts ſich Schlimms verſehn, ſeind mit einem die Reuter anklepperet.“ Er ballte die Fauſt. Der Michel ſchwieg. Er hatte ſich ähnliche Gedanken ſchon lange gemacht. Heute würden die Knechte des Abtes eine Überraſchung erleben, wenn ſie den Bauern wieder den roten Hahn auf die Dächer ſetzen wollten. Mit Wehr und Waffen würden ſich dieſe im Sulzſchneider Walde treffen. Nur der Michel wußte die Stelle, wo er den heimkehrenden Knechten auflauern wollte. Von allen Seiten ſchwankten Lichtlein durch die Nacht. Von Buchen, Remnatsried, von Stetten, Geißenhofen, Hofſtatt, einzeln und in Gruppen, ſuchten und vereinigten ſich und kamen vor der Kirche von Burk zuſammen. Mächtig ſtand ſie mit ihren verſchloſſenen Türen im Dunkel der Nacht, umgeben von ihrer Wehrmauer mit Scharten und Vorſprüngen zum Abwerfen von Pech⸗ kränzen und ſiedendem Waſſer. Auf dem grasbewachſenen freien Platze davor ſtanden an die hundert Bauern mit ihren Laternen, Freibauern, Frei⸗ zinſer und etliche Hinterſaſſen des Gotteshauſes. Dumpf klang das Gemurmel. Eben wollte der Michel Hiltensperger den Thingfrieden gebieten, da kam's von Stötten her wie Pferdegetrappel, und ein dünner Schein ſtand in der Luft, wie von einer Pechfackel. Die Bauern drängten ſich zuſammen, etliche ſprangen gegen die Straße vor. Da bogen ſie ſchon um die Ecke. An der Spitze ritt des Michel Hiltensperger leiblicher Bruder auf mächtigem Rappen. Unter ſeiner Laſt war der 2 Gaul faſt zuſammengebrochen, und der Schweiß ſtand ihm ſchaumig auf dem Leibe. Ihm folgten an die dreißig bewaffnete Knechte mit Fackeln und Spießen, und die Schwerter klirrten an den Sätteln und Bügeln. Kurz ehe ſie zur Kirche bogen, ſetzten ſie ſich in Trab, ſchlugen einen Halbkreis um die Bauern und ſtanden, die Spieße quer gefällt. Da ging ein leiſes Klirren durch die Reihen der Bauern, und da und dort blitzte ein Eiſen im Schein der Fackeln. Die Hinterſaſſen drückten ſich ſcheu zur Seite, aber die Freibauern und Freizinſer ſchoben ſich als ſtarker Riegel vor das Kirchhoftor. Auf der Treppe ſtand der Michel Hiltensperger. Vor ſeinen Knechten hielt hell im Lichte der Fackeln der Engelbert, ſein Bruder. Tief auf den Boden ließ ſein Gaul den Kopf hängen. Er ſelber ſaß bleich und regungs⸗ los und ſchaute in die haßerfüllten Augen der Bauern. Die älteren hatten ihn erkannt. Es war ein Murren unter ihnen, der Michel aber ſtand vornübergebeugt und ſtarrte dem Bruder ins Antlitz. Da ſprach der Engel, und er erkannte ſelbſt ſeine Stimme nicht mehr:„Was ſtandet ihr als wie die Schaf in der Hürden? Gebet Raum und machet das Tor frei!“ Schweigend und drohend rückten die Bauern zuſammen, und wiederum klirrte es leiſe in ihren Reihen. Enger ſchloſſen die Reiter ihren Ring. Da flog des Michels Stimme hell und ſcharf über die Köpfe:„Tretet zur Seiten, daß kein Wörtle hangen bleib, noch zu Boden fall.“ Die Bauern traten zur Seite— da ſtand der Bruder wider den Bruder. „Wer iſt's, ſo dem Abgeſandten des Gotteshauſes den Weg zur Kirchen will wehren?“ „Die Toten, ſo ohn Prieſter geſtorben, als da unter 27 andren der Hannes Hiltensperger und ſein Weib, dein leib⸗ lich Vatter und Mueter.“ Da fuhr ein Sturm über des Engels Geſicht, ein Flammen und Düſtern, konnt's aber keiner recht unter⸗ ſcheiden, denn das Licht der Fackeln und die Schatten der Nacht tanzten durcheinander. Seine Stimme grollte wie der Donner:„Wahr dein Zung, Bruder, möcht ſuſt ver⸗ geſſen, daß wir eins Bluets.“ Er ſprang vom Roß und ſtand dem Bruder Aug' in Auge. Der mächtige Mann zitterte am ganzen Leib wie Eſpenlaub, den Arm ſchwer auf ſeinen Spieß geſtützt. Bis an die Achſel ſiel die Kutte zurück über den Arm, deſſen gewaltige Muskeln zuckten und bebten. Wie des Meſſers Schneide klang des Michels Stimme: „Iſt keiner hie, ſo dich Bruder nennet.“ Todesſtille ward, und alle, die herumſtanden, hielten den Atem, Knechte und Bauern. „So ruf ich Gotts Urtel an, ob ich meins Bluets ver⸗ geſſen!“ Spieß und Kutte flogen zur Erde, und die Klinge fuhr aus der Scheide. Langſam zog der Michel blank und trat von der Kirchentreppe in den Kreis. Und ob auch auf der Erde kein Lüftlein ging, droben am Himmel hetzten die Wolken in langen Fetzen am Monde vorbei. „Halt die Knecht zruck“, rief der Engel dem Frei⸗ berger zu. So ſtanden die Brüder, haßerfüllt der Michel, klaren Blicks der Engel, und es war eine Stille, daß man ein Mäuslein hätte können pfeifen hören. Konnt keiner nachher ſagen, wer den erſten Griff getan. Flog des Michels Schwert hoch und funkelte im Fackel⸗ ſchein, ſing der Engel des Bruders Rechte mit der Linken am Gelenk, daß das Schwert ſteil gen Himmel ſtand. 28 Warf der Engel weit ſein Schwert von ſich und packte mit hartem Griff des Bruders Rechte. Standen beide und rührten ſich nicht von der Stelle; nur die Muskeln ſchwollen hoch auf, und aus den Stirnen traten die Adern, als wollten ſie berſten. Und war kein anderer Laut zu hören als leiſes Knirſchen der Zähne. Der Michel hielt den Kopf geſenkt wie ein Stier. Das rechte Bein leicht vorgeſtellt, breit ſtand der Engel, die Augen geradeaus gerichtet. Dem Michel war, als ob das ganze gute Recht der Ge⸗ bürs ihm anvertraut wäre, er ſtand wie ein Fels, und ſpürte doch, daß ſein Atem ſchneller ging. Er ließ das Schwert fallen; dabei ritzte es des Bruders Arm. Mit hartem Ruck wußt' es der Michel zu nutzen, griff mit der Rechten den Engel unter, und ſchon war es ihm auch mit der Linken gelungen; da griff ihn der wie der Blitz mit beiden Händen über dem Knie in die Hoſen. Und ob ihm auch am Hals die Adern ſtanden wie Batzen⸗ ſtricke, er hob den Michel in die Höhe, drehte ſich zur Seite und warf ſich mit ihm zur Erde. Der tat einen ſchweren Fall und ſchlug mit dem Schädel ſo hart auf den Boden, daß der Peter Brugger zuſpringen mußte, um ihn mühſam aufzuheben. Der Engel tat einen tiefen Atemzug und ſchritt ruhig die Stufen hinauf. Er löſte des Abtes Siegel vom Kirchentor, öffnete es mit dem ſtarken Schlüſſel, den er mitgebracht hatte. Weit auf ſtieß er es, daß es in den roſtigen Angeln knarrte und kreiſchte. Dann drehte er ſich und rief den Knechten zu:„Kopplet die Roß und leuchtet in der Kirchen zu dem, was ich denen vom Auerberg zu ſagen hab'.“ Den Bauern aber rief er zu:„Tretet ein und loſet, ob der Engel ſeins Bluts vergeſſen.“ Da drängten die Bauern hinter ihm in die Kirche wie 29 eine Herde Schafe, ſchlugen ſcheu das Kreuz und ſahen ſich in dem dunklen Raume um, den ſie ſeit zehn Jahren nicht betreten hatten. Hinter ihnen folgten die Knechte mit ihren Fackeln und verteilten ſich an den Seitenwänden, ſo daß ſie die Bauern in der Mitte hatten. Licht und Schatten wogten durcheinander. Man hörke keinen Laut als das Kniſtern des brennenden Pechs und das leiſe Klirren der Waffen. Ganz hinten, auf der letzten Bank, ſaß der Michel und ſtützte ſchwer ſeinen Kopf in die Hände. Er ſtöhnte vor ſich hin. Dann lachte er bitter auf. Schweigend und bleich ſtand der Engel vor dem Altar, aber das Auge leuchtete hell und klar unter der mächtigen Stirn. Alles, was ihn die letzten Jahre bedrückt, war von ihm abgefallen, und heiß wollte es ihm in die Augen ſteigen, wie er ſie vor ſich ſah, die Alten und Jungen, die Starken und Schwachen, wie ſie mit ſtummer Frage und ſtummem Vorwurf an ſeinen Augen hingen und Antwort heiſchten. Lange Jahre hatte das verſchlagene Ringen um die alten Bauernrechte gewährt. Ein Abt nach dem andern hatte die feinen Maſchen ſeines Vorgängers mit vor⸗ ſichtigen Fingern aufgenommen und an dem Gewebe weitergeſponnen, das nun den Bauern über den Kopf ge⸗ worfen werden ſollte. Von Kaiſers Hand verbürgt und verbrieft war der Bauern Freiheit, und die Alten unter ihnen hatten den Freibrief noch geſehen. Der war verſchwunden, und nie⸗ mand wußte, wohin er gekommen war. Was blieb ihnen zur Wehr, als der Glaube an ihr Recht und ihr Bauern⸗ trotz. Immer, wenn ein Bote vom Gotteshaus kam, ward ein neues Glied an der Kette geſchmiedet, und nun kam gar einer von den Ihren. Der ſtand vor dem Altar, das Haupt tief auf die Bruſt 30 geneigt:„Herr, Herr, du haſt mir den rechten Weg ge⸗ wieſen“, flüſterte er aus tiefſter Tiefe. Dann begann er zu reden, erſt langſam und ſtockend, dann immer froher und freier in heißer Inbrunſt, wie er ſich durch die Welt geſchlagen, vor Heimweh oft auf⸗ geſchrien, wie er endlich als Prieſter das Kloſter geſucht, Ruhe zu finden. Und wie er darauf zu ſprechen kam, daß er das Unrecht erkannt, das ſeinem Blute zugefügt werde, hörte man ein Stöhnen von dem Platze her, wo der Michel ſaß, ein lautes Schluchzen. Zitternd ſtand der ſtarke Mann, dann lief er hin und riß am Glockenſtrang wie von Sinnen, daß es weit hinaus hallte in die Nacht. Und fern und nah horchten die Weiber und Knechte und wußten nicht, was das bedeutete. Von den nahen Gehöften kamen ſie und drängten in die Kirche. Immer mehr füllte ſich der Raum, brennende Augen tranken die Worte, die in ihre ausgetrockneten Seelen ſielen wie Tropfen auf glü⸗ hende Steine. Der Freiberger ſtand bleich an die Kirchenwand gelehnt; er wußte nicht, was aus der Stunde machen. Der aber vor dem Altar ſtand, hatte alles, alles von ſich geworfen, was ihm bis zu dieſer Stunde Ziel und Inhalt ſeines Lebens geweſen war. Wie ein Sturzbach jagten ſich die Worte, und eine Welt von überſtandenem Leid flutete über die Hörer. Dann aber ſchwoll's auf zum heiligen Schwur:„Will bei euch bleiben im Guten und Böſen, Vater und Bruder ſein denen, ſo dürſten nach Gott, ſoll keiner meh ſterben ohn das heilig Sakrament, will alles uf mich nehmen, Bann und Fluch, Achter ſein vor den Menſchen, Helfer vor Gott—.“ Da hörte man die Frauen weinen, und die Männer ſchnauften, daß keiner merken ſollte, wie dem andern das Schluchzen in den Hals hinaufſtieg. 31¹ Die Knechte aber waren betroffen und wußten nicht, wo das hinaus wollte. Waren Bauernſöhne drunter, die ſteckten die Köpfe zu⸗ ſammen, ſprach der eine:„Mir iſt, als rufet mir mein Vatter, muß einmalen gen Neſſelwang, luegen, ob der alt Mann no lebet“, erwidert der ander:„Iſt mir, als wär ich nit gar lang meh beim Pfaffen zu Kempten als Knecht.“ Da wandte ſich der Mann vor dem Altar zu ihnen: „Kehret gen Kempten, ihr Knecht, und vermeldet dem gnädigen Herrn, der Elefant ſeie usbrochen, kehr nimmeh uf Kempten zruck. Der Engelbert Hiltensperger hets nit können glauben, daß eins Menſchen Seelen ſollt verloren ſein umb Beſthaupts und Fallhuhns willen, ſeie Leut⸗ prieſter worden am Auerberg ohn Amt und Pfründ, wölls alſo verantwurten vor ſeim Herrgott.“ Und er las ihnen die Meſſe. Zehn lange Jahre hatte der Mesner⸗Anton nicht mehr miniſtriert. Mit zitternden Händen entnahm er dem Taber⸗ nakel den Kelch und eilte in die Sakriſtei. Wie er es vor zehn Jahren in den Schrank gehängt hatte, ſo hing das Meßgewand noch. Er warf's dem Engel über die Schultern. Der Engel las, und ein Knecht hielt ihm die Fackel dazu. Atemlos lauſchten die ausgehungerten Seelen der Stimme, die durch den Raum hallte:„Mea culpa, mea maxima culpa.“ Er ſtieg die Stufen des Altars hinan, und wie lauter Jubel erklang das Gloria in excelsis. Und als das Glöcklein läutete, da ſanken ſie alleſamt auf die Knie, und als es wie lautes Schluchzen aufſchwoll, da würgte es den ſtarken Mann in der Kehle. Aber er faßte ſich und trat einige Schritte vor:„Hoc est corpus meum.“ Und hoch hob er den Kelch:„Hic est sanguis meus!“ 32 Laukloſe Stille herrſchte während der Wandlung. Mit gefalteten Händen knieten ſie und hingen mit den Augen an dem Munde des Prieſters. „Ite missa est; benedicat vos Pater omnipotens, filius, et spiritus sanctus. Amen.“ Weit breitete der Prieſter die Arme, und ſeine mächtige Stimme hallte wider von den Wänden.„Itz ganget und harret mein vor der Kirchen.“ Als alle draußen waren und man nur das Gemurmel ihrer Stimmen wie aus weiter Ferne hörte, ſtand der junge Konz von Freiberg vor ſeinem Lehrer. „Machs kurz, Konzlin, was ich deim Vatter zugſagt, iſt erfüllet, itz ſcheident ſich unſre Weg. Wurſt ein Chor⸗ herr ſeind als wie die andern, arm Leut drucken und ſchinden, im Zoren des Engelbert Hiltensperger gedenken!“ „Niemalen nit! Niemalen!“ Der Engel lächelte:„Konzlin, Konzlin! Ehnder daß der Hahn dreimalen kreiet, wurſtu mich dreimalen verraten. Ibunder gang und führ die Knecht gen Kempten!“ **** Schneeweiß ſtach das Auerbergkirchlein in die Luft. Licht und hell ſprang es auf aus dem dunklen Tannenkranz, der die ſtarke Ringmauer umſtand und mit ſeinen Wipfeln den Fuß der Mauer umwogte. In Nord und Oſt und Weſt, ſo weit das Auge reichte, ein wogender grüner Teppich, durchſetzt von dunklen Wald⸗ ſtücken, durchſtickt von weißen Gehöften und blauen Teichen, im Grunde der Geltnach blitzendes Band. Und im Süden die ewigen Berge mit den ſchimmernden Firnen! Kein ſchöner Flecklein hat der Herrgott geſchaffen in deutſchen Landen. Steilab ſtürzt vom Kirchlein gen Süden der Fels. Dicht Schmückle 3 33 an ihn geſchmiegt ſtand aus ſtarken Balken gezimmert, mit Moos verpicht, ein Gehöft aus uralten Zeiten. Das war der Stechelehof. Auf dem Stechelehof ſaß der alte Stechelin mit ſeiner Enkelin, der Regula. Er verſah im Kirchlein das Mesner⸗ amt und läutete des Morgens und Mittags und zur Abendſtunde das Glöcklein der Kirche. Und ſo weit die Glocke hallte, gaben ihm die Bauern im Herbſt je nach Vermögen bis zu fünf Garben Frucht. Wer aber ein kleiner Häusler war, gab ein paar Läuteier. Dort hauſte auch Engelbert Hiltensperger, der Leuk⸗ prieſter aus eigenen Gnaden. Hof und Haus waren von Wall und Graben um⸗ geben. Hecken und Flechtwerk bildeten die Letze. Sie ſchützte vor den Wölfen, die im Winter vom Gebirge ſtiegen. Hoch von der Ringmauer überſchaute er das ganze Land. Zu ſeinen Füßen lagen die Gehöfte ſeiner Bauern, und wenn auf der Schmalzgrub ſein Bruder, der Michel Hiltensperger, geſchlachtet hatte, ſo konnte man hoch droben vom Kirchlein die Sau am Stadel hängen ſehen. Wenn aber auf einem der Kirchtürme nah oder fern ein weißes Fähnlein flatterte, oder des Nachts an be⸗ ſtimmten Stellen ein Feuer brannte, dann wußten die auf dem Auerberg, daß die Häſcher des Fürſtabts herumſtrichen. Und der Engelbert Hiltensperger ſtieg in den unterirdiſchen Gang, den vordem ſchon Römer und Kelten auf der uralten Feſte benützt hatten. Und wenn dann die Luft wieder rein war und die Fähn⸗ lein von den Türmen verſchwanden, kam er wieder zutag. Von hier aus ſtieg er bei Regen und Sonnenſchein, bei Tag und Nacht, bei Schnee und Sturm hinunter, den Sterbenden die letzte Tröſtung zu bringen, den Kranken Mut zuzuſprechen, zu helfen und zu raten, wo es not tat. 34 Hier herauf ſtiegen die Bauern allſonntäglich zum Gottes⸗ dienſt, und wenn der Engel hoch am Turm des Sankt⸗ Georg⸗Kirchleins eine Laterne aushängte, dann kamen ſte nächtlicherweiſe zum Bauernthing, das in der Mulde vor des Engels Hütte ſtattfand. Herbſt und Winter waren hingegangen, das Frühjahr war gekommen, der Föhn hatte mit heißen, feuchten Zungen den Schnee von Berg und Tal geleckt. Der Seidelbaſt blühte an den Waldrändern zwiſchen den letzten weißen Schneetüchern, die noch verſtreut an den Hängen und in den Mulden lagen. Federwolken zogen eilenden Fluges am ſtrahlend blauen Himmel, Finken und Meiſen hatten an⸗ gefangen in den Büſchen zu ſchlagen, die Amſeln jagten ſich, und auf dem Auerbergkirchlein ſaß und lärmte ein Starenflug. Leuchtend und funkelnd im blitzenden Schneekleid lag die Bergkette, und ein Flimmern und eine Sonnenfreude war in der Luft, daß der fürwitzige Zitronenfalter ganz be⸗ nommen um die Ringmauer herumtaumelte. Hemdärmelig und in langer Lederhoſe zimmerte der Engel an der Südmauer des Kirchleins an einem Immen⸗ ſtand, klopfte fröhlichen Hammerſchlag. Fürwitzig, wie der Zitronenfalter, wollte dem Engel ſein Herz den erſten Frühlingsflug machen, aber nicht bloß rund um die Mauer, ſondern ſo weit das Auge reichte, ſo weit die Sonne funkelte. Und ſo ſchlug er mit dem Hammer den Takt zum Tanz ſeines Herzens, ſägte und werkte und ſang, daß es eine Luſt war! Das hallte und knallte über die Wieſenmulde zum jenſeitigen Hang, von wo der dicht verfilzte Wald Hall und Widerhall gab. So frohen Herzens war der Engelbert Hiltensperger ſeit langem nicht geweſen! Plauz fiel etwas neben ihm zu Boden! Er hielt mit werken inne und hob's auf. Ein Strauß Palmkätzlein war's. Und wie er hinaufſah zum Mauerkranz, da ſaß die Regula Stechelin droben. Sie war eine ranke und ſchlanke Dirn, goldrot ihr Haar, ſchlohweiß ihre Haut, und ihre Augen tiefblau. Und wie ſie das verdutzte Geſicht des Engelbert Hiltens⸗ perger ſah, lachte ſie laut auf, bog den ſchlanken Leib über die Mauer und warf eine ganze Handvoll Schlüſſel⸗ blumen auf ihn hinab. Da fuhr ihm der Frühling ins Herz! Und hintendrein der Schrecken. „Das fehlet no zum andern“, brummte er vor ſich hin, nahm unwillig Axt und Säge und ging zu ſeiner Hütte hinunter. Die Regula Stechelin auf ihrer Mauer wußte nicht, was ſie draus machen ſollte. Sie nagte an einer Schlüſſelblume und ließ die Unterlippe hängen:„Potz! So ein Gräter! Kein guts Wörtle vergunn i meh dem Engel!“ Der aber ſtand in ſeiner Stube und brummte:„Itzt wurt der Immenſtand wieder it fertig! Die lauſig Diern, die lauſig! Obs no nit von der Mauer abe?“ Vorſichtig lugte er durchs Fenſter. Wohl ſaß ſie noch dort und drehte den Kopf ſo weit, daß es ausſah, als ſchaute ſie den Wolken nach. Hin und wieder aber ſchielte ſie herunter nach der Hütte:„Kotz, ſo einer! Kein guts Wörtle!“ Drunten in der Stube aber ging der Engel auf und ab. Er war unzufrieden mit ſich und kam ſich ordentlich lächerlich vor:„Itzunder wurts herunter ſeind!“ Aber ſie war keineswegs herunter, ſondern ſaß unentwegt auf ihrer Mauer. Er lief auf und ab, voller Unmuß, denn er wußte nicht recht, was beginnen. So nahm er die Armbruſt von der 36 Wand, überſchritt die Schwelle, ging durch die Mulde und verſchwand am jenſeitigen Hang im Dickicht. Aber ſchon hinter der erſten Haſelnußſtaude drehte er ſich um und ſpähte durch das Gezweige. Richtig war die Regula noch hoch auf der Mauer, ſchaute nach den Wolken und ſpielte mit ihren Zöpfen. „Engel! Engel! Erſt ein vertloffen Pfaff, hernach ein Wilddieb; ſiech zu, daß nit no mehreres zukomm!“ Unwillig warf er die Armbruſt über der Schulter zu⸗ recht und drückte durchs Gebüſch, bis er auf einen Wechſel ſtieß, den er verfolgte. „Die Gſchrift durchgleſen, von Anfang ze End“, brummte er vor ſich hin,„bin nirgendwo drufkommen, daß die Apoſtel Rehböck gſchoſſen, ſtehet joch nirgend gſchrieben, daß die Rehböck ſollten dem Abt von Kempten zu eigen ſeind.“ „Ei der Tuſend, Engel, laß die Rehböck. Nit umb die gangets.“ „Kotz Wetter, riſch und rank iſt ſie, als wie ein jung Schmalreh.“ „Engel, was meinet die Kirchen dazu?“ „Was meinet die Kirchen dazu, ſo Päpſt und Chor⸗ herrn der Huren und Kurtiſanen pflegend? Was ſaget die Kirchen dazu, ſo um Beſthaupts und Fallhuhns willen der Bauer ſeit zehen Jahr ohn Eheſegen lebet?“ So redete der Engel mit ſich ſelber hin und wider. Der Regula waren die Wolken und alle die ſchönen Dinge, die man von ihrem hohen Sitz aus ſehen konnte, mit einemmal nicht mehr ſo wichtig. Langſam rutſchte ſie von ihrer Mauer und ſchlenderte die Treppe hinunter, die auf den gewachſenen Boden führte. Dort drüben, jenſeits der Mulde, beim großen Holunder, war der Engel in den Wald hineingegangen, juſt der Waldlichtung zu, wo ſie ſich ein paar Zweiglein Seidelbaſt ſchneiden wollte. Tät ihr grad noch fehlen, hinter dem 37 Engel dreinzulaufen. Viel weiter unten, ganze fünfzig Schritt weiter unten wollte ſie in den Wald hinein. Dort ſtanden Tannen und Buchen durcheinander. Auf mooſigem Teppich federte es ſich dahin, rechts voraus ſiel ein Specht mit ſeinem Gefolge ein, Hunderte von Baum⸗ läufern und Meiſen. Das war ein Schwirren und Pfeifen und Zwitſchern, ein Flattern und Piepen, als wäre der ganze Wald um des Federvölkleins willen da. Dann ging's durch den Beerenſchlag Brombeer⸗, Him⸗ beer⸗ und wilde Heckenroſenranken hakten ſich immer wieder in das feuerrote Kleid und zerrten und zogen, daß die, welche in dem Röcklein ſteckte, immer zappeliger wurde und ſo lange haſtete und drängte, bis ſie ganz verfangen war. Vor Arger ſtanden ihr die Tränen in den Augen, und doch hätte es gewiß nicht ſo geeilt, der Seidelbaſt wäre ſicherlich nicht davongelaufen. Das dachte auch der Specht, der juſt drüben an der Eiche hing und laut ſpottend ſich den Kopf verdrehte. Es iſt noch jeder einmal wieder aus den Brombeeren gekommen, wenn er ſich die nötige Zeit dazu gelaſſen, nur hübſch langſam und ſorgfältig, Zweiglein um Zweiglein und Schlinge um Schlinge gelöſt, dann geht's. Bloß die nötige Zeit muß man ſich dazu nehmen. Der Meiſenſchwarm war weitergeflattert, immer hinter dem Specht drein, und es war im Walde ganz ſtill geworden. Dem Regele war's, als ſchiene die Sonne nimmer ſo hell, und ſie war ernſtlich mißgelaunt. Warum, das wußte ſie nicht ſo recht: Erſt der Engel, der brummige Menſch, nachher die Brombeerranken und überhaupt—. Es eilte ihr auch nicht mehr ſo recht, und als ſie bei der Lichtung angelangt war, da ließ ſie Seidelbaſt Seidelbaſt ſein und legte ſich längelang auf den Rücken. Die weißen Wolken flogen wie große Schaumballen leicht und licht über die Wipfel. 38 Sie war beleidigt:„So mich ein Schnupf anfleiget, mi möchts freuende.“ Da lag ſie und kaute an einem Grashalm. Der Amſelkrieg war in vollem Gang. Das jagte ſich auf der Erde, im Geſtrüpp, in der Luft, daß es eine wahre Freude war. Ziwiütt, ziwiütt. Von den Bergen kam ein warmer Hauch, ſchwer und müd, der trug auf ſeinen Schwingen den Frühling ins Land und löſte, was ſtarr und verſchloſſen. Dem Regele war, als dehnten ſich ihre Glieder, und ein Schleierlein ſenkte ſich ihr vor die Augen, daß ſie ganz eins wurde mit den wandernden Wolken. Dachte nichts mehr und gab ihr Herz dem Frühlingswinde hin. Der hob und ſenkte ſich und ſchaukelte es in ſeiner weichen Wiege. O Frühlingstraum, o erſtes Glück! Iſt keine Freude ſo groß, als wenn unerkannt und ungeboren tief im Blute die Liebe ſich rührt, wenn das Herz klopft und du weißt nicht warum, wenn Blumen und Wolken und alle Welt dir Freund und Bruder ſind. Wenn alles von dir gewichen, was auf dir gelaſtet, dann kommt dein Herz ins Schweben und wird immer leichter, immer weiter und ſeiner Liebe immer ſeliger. So lag das Regele. Plötzlich warf es ſich herum, daß es bäuchlings lag. Ein Häher ging ſchimpfend ab, es rauſchte und brach in den Büſchen, und vor ihr ſtand ein Mannsbild. War kein ungeſtalter Kerl, ſo um die Dreißiger, ein keckes Hütlein mit einer Rabenfeder auf dem zundelroten Wuſchelkopf. Mit dem rechten Auge betrachtete er die Dirn, während ſein linkes eigene Wege ging. Dann lachte er wie ein rechter Windbeutel und warf ſich neben ihr zu Boden. Angſtlich rückte ſie zur Seite und überlegte, wie ſie davonkäme. Der Kerl ſchaute ſie an und lächelte, daß ihr das Blut 39 ins Geſicht ſtieg, und wieder ſchob ſie ſich ein Stüͤcklein weiter. Da nahm er eine Blaterpfeifen zur Hand und ſing an ein luſtig Lied zu blaſen. Das klang gar hell in den Frühlingstag, mit Trillern und Terzinen, daß es eine wahre Freude war. Dem Regele wollte es mit der Zeit nicht übel gefallen, ſo daß ſie wieder ein weniges näher rückte und fragte, von wo und wann und wohin, und wer er wäre. Er ſei der Hans Flieginsland und mache juſt einen Spaziergang in die Welt, hätte den Auerberg erſtiegen, zu ſehen, wo die ſchöne Stadt Paris läg. Der Kerl wollte ihr ſchier hoffärtig vorkommen, und ſie hätte aufgeſchnauft, wenn ſie mit guter Art davon geweſen wäre, denn allerlei Volks trieb ſich dazumalen auf den Straßen herum. Schon hatte der Burſch die Blaterpfeifen wieder an⸗ geſetzt und blies ein neues Stücklein. Db ſie's kenne? Die Regula Stechelin ſchüttelte den Kopf. Da trällerte der Kerl das Liedlein vor ſich hin: „Des Weges kombt ein ſchones Kind, Die Blaterpfeif laß ich dem Wind; Spill du, derweil wir freien—“ Da ſprang ſie auf:„Möcht mi wohl verkuhlen, ſo ich no lang uf der Erden ſitz.“ „Ei, Jungferle, möchtet Ihr nit ein Schimmele han?“ Er griff ihr in den Rock, daß ſie nicht davon konnte— da kriegte ſie's mit der Angſt.„Laß luck, ſuſt i ſchrei!“ Aber er ließ nicht luck, ſondern riß ſie zu ſich nieder und packte ſie. Sie fauchte wie eine Wildkatze, fuhr ihm mit den Krallen ins Geſicht, biß und kratzte, daß ihm das Blut über die Backen lief. 40 Ihm war der Jäſch ins Hirn gefahren, daß er ſeiner nicht mehr mächtig war; er warf ſich auf ſie. Da ſchrie ſie in ihrer Herzensnot nach dem Engel. Und mit einem hob ſich der ſchwere Körper von ihr, ſchwebte in der Luft und zappelte mit Händen und Füßen. Bedächtig legte der Engelbert Hiltensperger das Bürſch⸗ lein übers Knie und verſohlte ihm den Teil, wo der Rücken aufhört ſeinen anſtändigen Mamen zu führen, der⸗ maßen, daß das Regele nur noch ſtaunend zuſchauen konnte. Sie ſtarrte den Engelbert Hiltensperger an, als wäre er ein richtiger, leibhaftiger Himmelsbote. Wie am Meſſer ſchrie das Bürſchlein; der Engel ſprach kein Wort, aber mit jedem Schlag wurde ihm leichter ums Herz. Er ſchnaufte ordentlich auf, als er den Burſchen auf den Boden ſtellte. Wie er der Regula auf die Beine helfen wollte, machte der Kerl eine Bewegung, als wollte er ſich in die Büſche ſchlagen; aber ſchon hatte ihn der Engel wieder beim Wickel:„Stad, Lederle! ſo ſchnell gangets it!“ Griff hinter ſich, wo ein guter Bock im Graſe lag, und warf ihn dem Lederle über die Schultern. Dann hieß er ihn vorangehen. Mit hängender Naſe ſchritt der zu. Tropfen auf Trop⸗ fen ſiel ihm das rote Blut ins grüne Moos. Hinterdrein kamen die beiden andern. Die Regula war ganz zahm und kleinlaut und ſchaute bloß immer von der Seite an dem großen Manne hinauf, ob er nicht doch ein gutes Wörtlein für ſie finden möchte. So traten ſie aus dem Walde und ſchritten hinüber zum Stechelehof. Da ſtrich er ihr lächelnd über den Kopf, daß ihr das Waſſer in die Augen ſchoß:„Gang zum Ahni und red nit drüber!“ *** „Schmeiß den Bock abe“, herrſchte der Engelbert Hiltensperger den Lederle an, der am ganzen Leibe zitternd vor ihm ſtand und ſich mit dem Handrücken das Blut von der Naſe wiſchte. „Schlotteret dir das Mentele? Du Straßenfeger! Nu ſolltu mir Red und Antwurt ſtahn, ſie hant di zum Verkundſchaften gſchickt!“ Der Lederle ſchaute mit ſeinem ſchieligen Auge an dem großen Manne vorbei und ſtotterte ein paar Ausflüchte. „Daß dich das blau Fuir, ſo vor dem Dunner her⸗ lauft!“ Der Lederle fuhr vor dem erwarteten Schlag zurück, aber die Hand griff ihm nur ins Genick, aber ſo, daß dem Lederle kauſend Sterne vor den Augen kanzten.— „J— will— ſchon— redent—“ Und er erzählte, daß der Vogt von Günzburg drinnen in des Stechele Stube ſitze, und daß die Knechte des Fürſt⸗ abts gegen die zehnte Stunde von verſchiedenen Seiten den Berg aufſteigen würden, um den Engel auszuheben.— „Derfet i itzet weiter?“ Statt aller Antwort nahm ihn der Rieſe beim Kragen und führte ihn hinter die Hofſtatt. Mit der Linken öffnete er den Schweineſtall, mit der Rechten drückte er dem Lederle den Kopf ſo tief, daß er durch das Türlein Ein⸗ gang fand. Mit lautem Grunzen begrüßte die Sau den An⸗ kömmling. „Eine Sau zur andren“, brummte der Engel und ſchob den ſchweren Querbalken vor. Dann ging er raſch ums Haus und trat ins Gadem. Und wie er hineintrat, ſchrie gerade das Regele wieder laut:„Engel! Engel!“ Da ſah er, wie die Regula Stechelin ſich mit dem Vogt von Günzburg zerrte und riß, der tolpatſchig nach ihr griff. 42 „Wies Gſcherr, ſo der Herr!“ brummke der Engel, „möcht mir leichtlich mein Säuſtall z' eng werdent.“ Laut aber ſagte er:„Ich rat Euch zum Guten, Herr Vogt, laſſet die Diern unbeſchweret.“ Da ließ er von ihr ab. „Potz Dules willen, iſt der Vogel for diesmalen nit usflogen?“ höhnte er. „Tuet kein Not“, ſprach der Engel und maß verächtlich des Vogtes Geſtalt. Dem ſchoß das Blut in die Stirn. Er warf einen Seitenblick an den Tiſch beim Ofen. Dort ſaßen zwei Schäfer, taten, als kümmere ſie der ganze Handel nicht, und tranken Schwarzbier, das ihnen in großen Tropfen am Bart hing. Der Stechele wirtſchaftete und verabreichte nämlich gegen geringes Entgelt ſein ſelbſtgekochtes Bier. So an und für ſich wäre an den beiden Schäfern nichts verwunderlich geweſen, wenn der Engel nicht den Blick des Einverſtändniſſes aufgefangen hätte, den der eine von ihnen dem Vogt zugeworfen hatte. Leiſe pfiff er durch die Zähne. „Was iſt Euer Begehr, Herr Vogt? Zween Maſch⸗ kerer und ein Vogt, ſell mueß ſein Bedeuten han!“ „Zum erſten iſt mein Begehr, daß Ihr Euch einer andern Sprachen befleißet.“ Gleichmütig rückte der Engel den alten Lederſtuhl mit der ſteilen Lehne und den beiden Backen zurecht und ſetzte ſich, unbekümmert um den Vogt, der vor ihm ſtand. Wollte dieſer vor ſeinem Gegner nicht ſtehen, ſo blieb ihm nichts anderes übrig, als ſich auch zu ſetzen. Mit einem zornigen Ruck ſtieß er den Tiſch zur Seite und ſetzte ſich auf die Wandbank, die Fäuſte aufgeſtemmt. Den linken Ellenbogen auf die Stuhllehne, das Kinn in die Hand geſtützt ſaß der Engel und lächelte:„Ein ander Sprachen, Herr Vogt? Kotz Wetter, Ihr habet mich allzeit wohl verſtanden, ſeind rauhe Läuft und wehet 43 ein ſcharpfer Wind, kut not, daß man eindeutig red. Nun ſaget mir Euer ander Begehr.“ Der Vogt ſchoß einen böſen Blick vom Engel hinüber zu der Dirn, die bleich unter der Kuchentür ſtand, und wieder zurück zu dem blonden Rieſen, der ihn lächelnd muſterte:„Möchtet wohl die Goldgülden verdienen, ſo der gnädig Herr zu Kempten denen zugſagt, ſo ihme den Engel wollten bringen tot oder lebende?“— ein kurzer Blick ſtreifte die beiden in der Ecke—„vermein ſchier, zween Schäfer möchtend nit usreichen, das Schäfle gen Kempten ze treiben.“ Ahnliches mochten dieſe ſelber denken, denn ſie ſchlugen die Augen nieder und ſogen mit roten Köpfen an ihrem Schwarzbier. „Iſt nit aller Täg Abend“, brummte der Vogt vor ſich hin. Er war kein Diplomatikus und hatte ſeine Fäden reichlich grob geſponnen. Die Naſe ſaß ihm feuerrot im Geſicht, und wenn er ſprach, ſchrie er rauh und laut, wie es ſich die Trinker angewöhnen. Er ſchluckte ein paarmal, denn ſein Geiſt arbeitete langſam und mußte ſich erſt zurechtfinden. Dann aber dämmerte es ihm, daß er ſeine Sache am verkehrten Zipfel angepackt hatte. Der Engel rückte ſeinen Stuhl etwas zur Seite, ſo daß er den Vogt und die beiden Schäfer zugleich im Auge hatte. Des Vogtes Hilfloſigkeit wollte ihn ſchier beluſtigen. Er ſchüttelte den Kopf:„Ein Rittersmann und zween Schäfer!“ „Kotz Bauch, laſſet mich in Frieden, han nichts nit gemein mit denen Schafhanſen, ſeind ehnder da geweſt dann ich!“ Nun aber wurde er jeder Zoll ein Biedermann:„Ihr irret, Hiltensperger, nit umb Euretwillen bin ich uf den Auerberg kummen, bin unterwegs gen Schongau, zum Roßmarkt.“ „Iſt Euch wohl der Roßbub verlorngangen, habet drum den Berg erſtiegen, Umſchau nach ihme z halten?“ 4⁴ „Ihr wellet mir die Schellen anhenken“, grollte der Vogt verlegen vor ſich hin,„trauet mir nit wohl, warumbꝰ Iſt mir der Pfaffendienſt leid worden, iſt ein gar ſauer und ſchimmelig Brot.“ Krachend hieb er den Ketten⸗ handſchuh auf den Tiſch und ſchlug eine laute Lache auf: „Laſſet mich erſt mein Schenkel über ein brav Roß henken, alsdann wurts nit lang anſtehn und der Frunds⸗ perg het ein frumben Lokotenanten meh! Uf, Bruder Engel, umb das Menſch wöllent wir nit haderen.“ Dann fuhr er das Mädchen rauh an:„Lauf, Metz, füll den Krug! Sieheſtu nit, daß er leer iſt?“ Sprach's und ſchlen⸗ kerte den Krug gegen ſie, daß das Reſtbier nach ihr ſpritzte. Erſt wollte ſie auflehnen, aber der Engel warf ihr einen Blick zu, da ging ſie ſtill hinaus. „Geduldet Euch ein lützel, Herr Vogt“, meinte der Engel lächelnd,„ſoll mir nit ze viel ſeind, will Euch das Bier ſelbſten ſchöpfen.“ Das Regele ſtand in der Küche und warf zornig das Zinngeſchirr durcheinander. „Du ſollt uf den Turm ſteigen, Regele, die weiß Fahn ushalten, die Kerle werdent mi nit uſer den Augen lan, will derweilen dem Vogt uf d Finger lugent.“ Das Regele ſchlüpfte durch die hintere Stalltüre, eilte die Treppe zum Kirchlein empor und tat, wie ihr ge⸗ heißen, derweil der Engel mit dem Krug aus dem Bottich ſchöpfte. Als er durch das Fenſterlein ſchaute, das von der Küche nach der Stube ging, ſah er gerade noch, wie einer von den beiden Schäfern, der mit dem Vogt ge⸗ flüſtert hatte, auf den Zehen wieder zu ſeinem Platze ſchlich. „Geſegens Gott“— der Engel ſetzte den Krug hart auf den Tiſch— und„all hunderttuſend Tuifel“, ſetzte er im ſtillen hinzu. Der Vogt tat einen tiefen Zug. Als er abſetzte, lachte er ſein heiſeres Trinkerlachen.„Sitzet her, Hiltensperger, und tuet Beſcheid.“ 45 „Itz möcht er ein trunken Sau us mir machen, ſchlafen⸗ derweis abſtechen“, dachte der Engel, rückte aber ſeinen Stuhl an den Tiſch. Da ſtanden die beiden Schäfer auf und griffen nach ihren Mützen:„Viel ſeliger Zeit“, und mit einem tiefen Bückling empfahlen ſie ſich. Der Engel drehte kaum den Kopf. „Kotz Har!“ lachte der Vogt,„ſo die Kerle dannoch in meim Einverſtand wöllten ſein, gar die anderen holeten.“ Gleichmütig erwiderte der Engel:„Hat kein Not, Herr Vogt, ſolang Ihr in meinen Handen.“ Da kriegte der Vogt wieder ſeinen roten Kopf. Er ſah die mächtigen Armmuskeln des anderen und erinnerte ſich, daß vom Engel die Rede ging, er ſei im Tirol einen Bären mit dem Kurzmeſſer angegangen. Draußen in der Kuchen hörte man das Regele hantieren. Der Engel leerte den Krug und erhob ſich, einen neuen zu holen. Dem Vogt glitzerten die ſchlauen Schweinsäuglein unter der niederen Stirn. Er wiſchte mit der Hand die dünnen rötlichen Haare zurück, ſog mit der Unterlippe die Schwarzbiertropfen, die ihm im ſtruppigen Schnauzbart hingen und in die hängenden Spitzen liefen. Das wußte er, im Saufen tat's ihm keiner zuvor! Das müßte mit ſchlechten Dingen zugehn, wenn er den Pfaffen nicht unterkriegen ſollte. Ehe er wieder in die Stube trat, ſchaute der Engel hin⸗ über zum Wald. In der Ferne vergoldete der Abend die Berggipfel, aber in der Nähe ſtanden ſchon die graublauen Schleier in der Luft. Nichts rührte ſich. Steckten die Häſcher drüben im Holz, ſo wären ſie längſt hervor⸗ gebrochen, alſo hatte der Lederle wahr geſprochen, der Vogt hatte die Knechte in der weiteren Entfernung warten laſſen. „Uf halb und halb“, rief ihm der zu, als er mit dem Krug in der Hand die Stube betrat. Nahm ihm auch das Gefäß aus der Hand und leerte es zur Hälfte. Der Engel 46 tat ihm Beſcheid und machte die Nagelprobe. Dachte bei ſich:„Wollt Dummheit ein Weihdag ſeind, man möcht ihn hören ſchreiende bis gen Stötten.“ Und als wiederum ein Krug zwiſchen den beiden ſtand, da wurde der Vogt plump vertraulich, ſchimpfte über die Pfaffen im allgemeinen und den Kemptener Abt im be⸗ ſonderen. „Uf, Engel, ganget mit mir zum Frundsperger, gebet ein riſchen Hurenweibel!“ rief er unter ſchallendem Lachen: „Ich halt die Huren in eim Haufen, Daß ſie nit in die Ordnung laufen, Doch bhalt die Hüpſchen all bei mir, Die andern laß ich nit hinfür———“ grölte er.„Ho, ho, ho! All Täg ein ſchenkelſtramm Zelt⸗ diern for mi! Und ein wöchentlich Abſolutio vom Huren⸗ weibel!!“ Mählich wurde ſeine Stimme lauter und lauter: „Saufet, Bruder Pfaff! Will Euch das Menſch nit ſtreitig machent, nehmets mit ins Läger; ſo Ihrs leid ſeied, will ichs nach Euch bürſtend.“ „Daß dich der Donner erſchmeiß“, murmelte der Engel zähneknirſchend vor ſich hin, doch er beherrſchte ſich, denn er ſah, daß der Trunk dem andern aus den Augen rauchte. Aber er wurde ſtill und einſilbig, während der Vogt ins Lallen kam und vergaß, dem Engel den Krug zu⸗ zuſchieben. Immer wieder hängte er den Schnauzbart in das Bier, daß die Tropfen ihm über den Hals und das gefältelte Hemd rannen. Mittlerweile war es Nacht geworden. Schwer ſank dem Trunkenen der Kopf auf die Arme, die er über dem Tiſch gekreuzt hatte. Der Engel erhob ſich und trat unter die Haustür. Klar funkelte das Sternenmeer über dem Auerberg. Dem ſtarken Mann wurde das Herz ſchwer. „Wo uſer führet mein Weg, wo uſer? Dannoch, was brauchets der Frag, mein Statt iſt bi denen vom Auer⸗ berg.“ „Mönchlein, Mönchlein, haſt wider Herren und Pfaffen gelöcket, wirſt kein Ruh nimmeh finden deins Lebens Zeit.“ „Hat ſich nit der Heiland zu den Armen tan wider die Tempelpfaffen?“ „So iſt dir kund, wohin dein Weg führet!“ „Wohins“ „Gen Golgatha!“ „Gen Golgatha!“ murmelte er vor ſich hin,„ſo kuet not, daß ich mein Zeit nutz!“ Da fühlte er, wie jemand ſeine Hand ergriff— es war die Regula Stechelin. Leiſe legte er ihr den Arm um die Schulter. So ſtanden ſie und blickten über das zitternde Mondgras. *** Voll Sternenglanz, voll Erdruch und herber Kühle war die Frühlingsnacht. In blauer Stille lag das Land unter dem flimmernden Mond, der ſein rieſelndes Licht über die Tannen goß, daß es von Zweig zu Zweig tropfte und die ganze Mulde wie eine Schale bis zum überfließenden Rande füllte. Wie ein Bild im Bilde wandelnd graſten die beiden Schafe des alten Stechelin um den uralten Opferſtein, auf dem einſt das Blut von Wutes Roſſen dampfte. Hier war der Urväter geheiligte Malſtatt, eine beſſere Thingſtätte hätte der Bauernmeiſter und Leutprieſter Hiltensperger nicht finden können. Die um den Auerberg hatten das Zeichen auf dem Turm geſehen, das ſie auf die achte Stunde rief. Von Nord und Süd, von Oſt und Weſt ſtiegen ſie den Auerberg empor. 48 Von Hofſtatt kamen ſie, von Remnatsried und Bernbeuren, von Salchenried und Steinbach. Und jeder trug, uraltem Brauche folgend, Wehr und Waffen bei ſich. Einzeln und in Gruppen traten ſie aus den Tannen und ſammelten ſich in der Mulde um den Opferſtein. Immer lauter drang das Gemurmel und Geraune zum Stechelehof hinauf, verworren und aufgeregt, denn es lag viel Zünd⸗ ſtoff in der Gebürs. War auch kein Wunder, denn kein Tag verging, ohne daß die Kunde von einer neuen Ge⸗ walttat der Herren und Pfaffen von Mund zu Munde ing. „Wär dem Paur beſſer, ſo er als Wildſau wollt ge⸗ poren werden. Heget lieber ſein Wildſäu, der gnädig Herr zu Kempten, dann ſein Lämmlein, als der Herr Jeſus Chriſtus befolen“, zürnte der Michel Hiltensperger. „Ein Flugred— ein Lugred, Michel! Kann's nit glauben.“ „Glauben oder nit glauben!“ ſchrie der Michel,„kein gotzig Wörtle iſt glogen, ſuſt will i mein Lebtäg Roßepfel freſſen! So, wie i ſag, iſts beſchechen, ſo und nit anders. Wurt kein Heil nit kummen dem armen Mann, es ſeie dann, daß Pfaffen und Herren erſchlan, als wie die räudigen Hund!“ Der Peter Brugger fiel dem Erregten in die Rede, denn die andern waren aufmerkſam geworden und drängten ſich um den Michel:„Wahr dein Zung, Schwäher! Möcht ſich leichtlich ein Judas finden!“ „Her, her mit ihme, daß ers leichter höret“, zürnte der andere,„geblendt in Kraft und Mannheit umb einer Wild⸗ ſau willen! Und die Erd will ſich nit ufthon und das hölliſch Fuir will nit usſchlan! Daß das blau Fuir die Kuttentüfel freß!“ Nun ſchrien die andern zuſammen:„Was for ein Kuttentüfel? Was iſt beſchechen? Red, Michel!“ Schmückle 4 49 Sie umringten ihn ſchreiend und fragend. „Loſet! Der Hannes Kohl, iſt no nit zween Jahr, daß er gefreiet, lieget ihm ein Büeble in der Wiegen, und ein Maidle rutſchet ihm in der Stuben. Ein Acker anpflanzt mit Koren, ſelbſten mit ſeim Weib den Pflug zogen in Schweiß und Not. Seind über Nacht die Wildſäu ein⸗ fallen, den ganzen Acker umgworfen, alſo daß nit das lützelſt Hälmle heilblieben. Hat der Kohl in der andern Nacht ſeines Ackers gewart, einer Sau den Spieß in Ranzen gerennet. Iſt dem Abbet zutragen worden, hat den Kohl laſſen greifen, an ein Baum binden, mit eim heißen Eiſen beid Aug usbrennen, und hat ſein Weib müeſſen zuſehn!“ Erſt ſtanden die Bauern wie vor den Kopf geſchlagen, dann aber erhob ſich ein Murren und Drohen, das immer lauter anſchwoll:„Tüfel Lotter! Schlat tot! Bundſchuh! Bundſchuh!“ Einer rief:„All hundert Jahr wurt der Bettelſack umghenkt, die Zeit iſt umb!“ Da lachte der Michel Hiltensperger hart und bös auf: „Schlat tot! Hohahaha! Wellent die Häsle ein viereckt Haufen machen? Dran! Dran! Potz Zinkes, hauet der Pauker die Trummel, bumm! Hei, wie die Häsle die Löffel legend, laufende, als wär der Leibhaftig ſelbſten hinterher!“ „Daß dich der Dunner erſchmeiß“, grollte es aus dem Haufen,„willtu uns hanſelieren?“ Aber der Michel Hiltensperger lachte, derweil ihm die Bitternis in den Hals ſtieg:„Schlat tot! Schlat tot! Bundſchuh! Bundſchuh! Kotz Lung, was hats der Paur gſchrien, s Mäu ufgriſſen, als ſollten die Büchſenſtein usfahren, den Kemptener anplatzen. Iſt der Handel übel geraten, hats dem Pauren der Tüfel gſegnet. War kein Weihrauch nit, was dem armen Mann die Augen ge⸗ beizet, war kein Meßwein nit, was dein Stiegen abetropfet, 50 Schwäher, Tröpfle umb Tröpfle us deins Vatters Kopf⸗ wund. Bundſchuh! Bundſchuh! Bundſchuh! Samer die Feifel! Wo ſeind damalen blieben, ſo am lautſten geſchrien? Den Ars in die Schanz gſchlagen, mit dem Schweif gwedlet, als wie die Hund, dem Abbet den Stiefel gſchleckt— pfei der Schand! Bundſchuh! Bundſchuh!“ ſtieß er noch einmal voll Verachtung aus. Und„Bundſchuh! Bundſchuh!“ ſchrien die Bauern, die den Ruf zornig aufnahmen, und ein Klirren der Waffen ging durch den Haufen.„Hini zu Teufel, do wurd bald Kirchweih!“ Da rief der Engelbert Hiltensperger, der mitten unter ſie getreten war:„Bundſchuh! Bundſchuh! Wo uſer in Tüfels Namen Seied ihr zundelnde Kinder, ſo ſich des Fuirs nit verſehn? Wohin zieleſt du, Bruder?“ fuhr er den Michel an,„iſt ſuſt dein Art nit, möcht ſchiergar irr werden an dir.“ Aber der war in Harniſch:„Das Maß iſt voll!“ Der Engel Hiltensperger hob den Arm, und ſeine Stimme flog ſchneidend über die Mulde, daß der Wald das Echo zurückwarf:„Das Maß iſt nit voll!“ Da ſchwiegen ſie betreten und lauſchten. Aber der blonde Hüne ſprach nicht weiter. Schweigend lehnte er an dem moosbewachſenen Opferſtein und ſchaute in tiefen Gedanken auf den Boden. Auf den anderen aber laſtete die Stille, bis endlich der Hans Rupprecht von Bernbeuren das Wort nahm, erſt langſam und bedrückt, dann immer zorniger und lauter: „Nit voll iſt das Maß? Hat mich nit der Pfaff einturnt, wollt mich zum Zinsmann machen. Han's müſſen geloben in einer Urkunden und denen Vögten zwanzig Gülden geben!“ Und der Johann Metzer ſchrie:„Iſt nit der Günz⸗ burger Vogt zur Nacht über mich kommen, mein Weib 51 und Bueben einturnt, nit ehnder freiglaſſen, bis ſie ge⸗ lobet, vom Gotteshaus nit zu weichen in all Ewigkeit!“ „Nit voll?“ ſchrie der Matthias Enzensberger,„hat nit mein Schweſter, die Els Hiemerin, müſſen liegen im Turn und ward nit ehnder frei und ledig, bis ſie dem Gottes⸗ hus zugſchworen!“ „Wurt nit mein Schweſter Sohn ufghenkt zu Kempten, als ein Dieb unverdientermaßen, daß kein Erb ſollt da ſein for den Hof!“ „Hat mir nit der Vogt zu Stötten zween Stuck Viech gworfen?“ „Iſt nit der Hannes Kohl geblendt umb einer San willen?“ ſchrie der Michel Hiltensperger,„iſt das Maß no nit voll?!“ Regungslos war der Engelbert Hiltensperger geſtanden. Endlich fuhr er ſich mit der flachen Hand über die Stirne, dann reckte er ſich hoch auf:„Mein iſt die Rach!“, ſo ſpricht der Herr!“ Groß und mächtig klang ſeine Stimme.—„Mein iſt die Rach! Ihme iſt das Maß no nit voll! Wohl aber tuet ihr recht daran, ſo ihr euren Glauben an den Herrn zu Kempten laſſet fahren, er wurk nit raſten noch ruhen, bis der letzte Paur unfrei und ein Knecht iſt worden.“ „Hernach ſoll kein Recht meh gelten for den Pauren?“ „Darnach fraget die verdammten Finanzer und roten Schuch!“ „Daß ſie die Peſtilenz ankomm! Daß ſie das blau Fuir! Daß ſie Gotts Blitz!“ tönte es durcheinander, denn ein böſer Haß war in deutſchen Landen wider die römiſchen Juriſten, die Stück für Stück das alte gute deutſche Recht verdrängten und mit ihren ſpitzfindigen Praktiken den Fürſten die Waffen gegen die alten Gerechtigkeiten lieferten. „Was willtu, daß wir ſollen tun, Engel?“ Erſt ſchwieg der eine Weile, dann rief er:„Teutſch Recht 52 wider römiſch Recht, ſtecket das Thing ab. Ich gebiet Frieden und verbiet Unfrieden!“ So ſtanden ſie im Ring, der Bauernmeiſter Engelbert Hiltensperger in ihrer Mitte, die Hand auf dem heiligen Stein:„Iſt ichteiner unter euch, des Vatter je ein Beſt⸗ haupt, ein Fallhuhn oder Zehent hat geben, der ſoll uſer dem Ring gan.“ Schweigend ſtanden die Männer. „So ſein wir all frei geporn, als wie die Hirs im Wald und die Vöglein unterm Himmelszelt, und kann es Gotts Will nit ſeind, daß ſein Ebenbild ſollt ſchlechter ſein gehalten dann die unmündig Kreatur!“ Ein Raunen ging durch die Bauern, und ihre Waffen ſchlugen zuſammen. Und mit erhobener Stimme fuhr der Engelbert Hiltens⸗ perger fort:„Wiewohl alſo von Rechts wegen ein jeder frei geporn, und obgleichen wir und unſre Vorfahren nie⸗ malen verdient, daß wir in die Leibeigenſchaft kommen, ſo will gleichwohl unſer Herr zu Kempten die freien Pauren als eigen Leut halten, daß ſie alls tun ſollen, was man ſie heißet, als wärent ſie geporene Knecht.“ „Möcht gar dahin kommen, daß ſie uns verkaufen“, rief's aus dem Haufen. „Möcht aber auch dahin kommen, daß der Pauer ſaget: „Lieber tot, dann onfrei!““ Und wieder klirrte es in den Reihen, und das Raunen wurde drohender:„Du ſollt uns ſagen, Engel, was wir ſollen tun? Sollent wir ein Rührauf machen? Sollent wir das Volk gen Luibas rufen?“ Der Mann in der Kutte ſchwieg. Da wurde es wieder ſtill. Endlich ſprach der Peter Brugger. Von dem alten Buch ſprach er, in dem die Rechte der Auerbergbauern verbrieft ſeien. Sein Vater hatte es noch geſehen, und der alte Pfarrer Rieder hatte ihm draus vorgeleſen. Und ein zweiter 33 meldete ſich und ein dritter, allen hatten ihre Väter von dem Buch erzählt, aber keiner hatte es ſelber geſehen. Der Engelbert Hiltensperger aber ſagte:„Ei, was han i's gſucht, das Buch, Täg und Mächt lang, ward nit wieder funden. Wiſchets us! Uf das Buch iſt kein Hoffen nit, dannoch loſet, eins kuet not!“ Jetzt hätte man die Mäuslein pfeifen hören können. „Iſt ein alt gut keutſch Recht einer jedweden Gebürs und ſtehet geſchrieben und verbrieft: ſo ſie der Schirmherr onmenſchlich und wider Recht und Gotts Gebot bedrücket, ſo ſoll ihr frei ſtahn, ein neuen Schirmherren zu küren!“ Da kam die Bauern ein Staunen an. Aber wenn der Engelbert Hiltensperger es ſagte, dann mußte dem wohl ſo ſein. „Ein neuen Schirmherren“, murmelten ſie vor ſich hin, als könnten ſie den Gedanken nicht recht erfaſſen. „Ein neuen Schirmherren?“ rief einer,„Kutt' oder Küriß, das alt Lied, der Paur wird müſſen fronen und zalen, dann, wie je!“ „Ein leicht Kummet drucket nit, und ein Roß, ſo nit im Geſchirr will ſtahn, iſt kein Nutz. Heißets nit in der Gſchrift: Du ſollt ſein untertan deinen Oberen?“ „Wen willtu, Engel, daß wir ſollent küren?“ „Der alt Freiberger uf Wolkenberg iſt ein gueter und gerechter Herr, den ſollet ihr zum Schirmherren küren.“ Und alſo geſchah's. Da wurden ſie alle fröhlich, als wäre dann ihre Not ſchon von ihnen genommen. „Morgenden Tags in der Fruh“, meinte der Michel zum Engel,„ſo ſie's mit dem Weib beſchlafen, alsdann wurts Herz in die Hoſen rutſchen.“ „Vermein ſchier“, meinte der Engel lächelnd,„es kunnt alsdann ze ſpät ſeind.“ Dann trat er wieder mitten unter ſie. Er mußte erſt laut 54 ſchreien, um ſich Gehör zu verſchaffen:„Loſet, Brüder, ihr ſullt mir ein Beiſtand tun zur Stund. Seind Poſten kommen, daß ſie mich wellent usheben uf d Nacht, um die zehent Stund. So aber ichtwer unter euch andern Sinns und den Beiſtand weigeret, der ſoll frei und unbeſchweret ſeins Weges ziechen.“ Aber alle riefen, ſie wollten ihm helfen, er brauche ihnen nur zu ſagen, was geſchehen ſolle. Da ſchickte er den Michel mit der halben Gebuͤrs in den Wald zur Rechten:„Standet nit in den Mond, drucket euch ein jeder hinter ein Boſchen, luget und loſet, dann ſie möchtend von Salchenried her anſteigen.“ Mit der anderen Hälfte ſchickte er den Peter Brugger hinauf zur Kapelle hinter die Ringmauer. Beide Haufen ſollten im Hinterhalt liegen, bis ſie ſeinen Ruf hören würden, und alsdann losbrechen. *** Als der Engel alle wohlverſteckt wußte, ging er ins Gaden. Noch ſaß der Vogt an ſeinem Platz und ſchlief, den Kopf auf die Arme gelegt. Der Engel ſetzte ſich in den alten Lederſtuhl. Seine Ge⸗ danken tanzten ruhelos durcheinander. Er hatte den Stein ins Rollen gebracht, wohin ging ſeine Fahrt? Wohin, wohin? Er wußte es nicht. Das Mondlicht ſiel durchs Fenſter und zog ſich auf den rauhen Eichenbohlen hin. Es war eine große Stille. Nur ein Mäuslein huſchte auf dem zitternden Streifen hin und her, ſchnupperte an den Ritzen und ſchnüffelte an der Stelle, wo die beiden Schäfer von ihrem Schwarzbier ver⸗ ſchüttet hatten. Mit einem fuhr's wie der Blitz hinter den Ofen, denn ganz leis ging die Tür auf. Es war die Regula Stechelin. Zögernd trat ſie näher. Sie konnte nicht ſehen, ob der 55 Engelbert Hiltensperger ſchlief oder wachte. Unſchlüſſig blieb ſie ſtehen, bis er die Hand ausſtreckte und ſie mit leiſer Stimme anſprach:„Leg di nieder, Regele, du ſollt ſchlafen gan.“ „Kann kein Ruh nit finden, mir iſt, i müſſet erſticken. Engel, mein Vatter lieget droben, hat ſchwere Träum, und die Hund fahrent am Etter uf und ab, gilfende und knurrende. Mir iſt faſt bang, Engel, kann dir nit ſagen, wie faſt!“ Sie ſetzte ſich ihm gegenüber auf die Fenſterbank. Da fiel nun der Mond über die bloßen Schultern und zitterte in ihrem Haar. Ganz weiß ſchimmerte ihre Haut, und in ihren Augen ſtand eine ſolche Angſt, daß der Engel ihr die Rechte auf die gefalteten Hände legte und ſie leiſe ſtreichelte. Ehe er aber ein Wort ſagen konnte, erhoben die Rüden vor dem Hauſe ein wildes Bellen, daß ihnen die Stimmen überſchlugen und ein Heulen und Jaulen daraus wurde. Man hörte am Ettertor rütteln:„Machet uf!“ Mit ein paar Sätzen ſtand der Engel am Riegel:„Wer gehret Einlaß?“ „Ein Wandersmann, ſo des Wegs nit kund. Leget die Hund an die Ketten und machet uf.“ „'s iſt nachtſchlafende Zeit.“ „Machet uf in Chriſti Namen“, bettelte es draußen. Da fuhr die Tür auf. Breit ſtand der Engelbert Hiltensperger:„Her, her!“ ſchallte ſein Ruf, den Wald und Fels widergaben, dann packte er einen mit der Rechten, einen mit der Linken und ſchlug ihnen die Köpfe zuſammen, daß ſie wie tot liegen blieben. Wie der Blitz waren die beiden Rüden hinausgefahren, heulend ſprangen ſie zwei Knechte an, daß ſie hintüber fielen und als wirrer Knäuel mit den wütenden Tieren ſich ſchreiend am Boden wälzten. Andere wollten ihnen zu Hilfe eilen, trauten ſich aber nicht an die raſenden Tiere; andere liefen den Engel an. Der ſchleuderte den einen von ſich, ſchlug den zweiten mit 56 einem Prügel, den er aus der Letze riß, über den Kopf, daß er zuſammenbrach. Dem war in dieſem Leben nicht mehr zu helfen. Da kamen die Bauern mit Wehr und Waaffen, ſchreiend, daß die Mulde hallte:„Sankt Georg! Sankt Georg!“ „Nit töten! Nit töten!“ ſchrie der Engel. Hei, das war ein Brüllen und Krachen beim Kirchlein des heiligen Georg! Die Bauern hatten die Knechte des Gotteshauſes ſo eingekeſſelt, daß ſie ſich nicht einmal richtig zu wehren wagten! Und die Bauern töteten keinen, aber ſie ſchlugen zu, daß mancher von den Knechten an ſein letztes Stündlein glaubte. Schließlich hörte man nur noch das Hauen und Klopfen und das Winſeln der Geprügelten. Zitternd lauſchte der Vogt, der bei dem Getöſe aus ſeinem Rauſche erwacht war. Taumelnd erhob er ſich und wußte erſt nicht, wo er war. Ringsum Nacht, Geſchrei und Hilferufe. Nun fing ihm an die Katz den Buckel hinunkerzu⸗ laufen. Schlotternd vor Angſt ſchlich er ſich zur Tür hinaus, wiſchte um die Tenne. Zwei Mann hoch war der Etter, nirgends ein Ausweg. Da ſah er in ſeiner Herzensangſt den Sauſtall. Schnell riß er das Türlein auf und ſchlüpfte hinein. Und mit freundlichem Grunzen begrüßte ihn des Engels zweite Sau. Nebenan ſaß der Lederle und verhielt ſich mäuschenſtill, denn die beiden Hälften des Sauſtalls waren nur durch eine dünne Bretterwand geſchieden. Die Sau mochte zutunlich ſein, denn man hörte, wie der Vogt immer mehr in die Ecke rückte und mit den Beinen nach ihr ſtieß. 57 „Sanuviech, verreckets“, hörte ihn der Lederle ſagen. Hei, wie ſpitzte er die Ohren beim Klang der vertrauten Stimme. Aber der Vogt ſprach nichts weiter mehr, und die beiden lauſchten, wie ſich der Schlachtenlärm die Mulde hinunter⸗ zog und immer ferner und ferner verklang. Und über eine Weile hörten ſie, wie die Bauern wieder zurückkamen und ſich vor dem Ettertor zuſammen⸗ fanden; da wollte denen im Sauſtall das Mentele ſchlottern. Die Bauern murmelten leiſe und erregt. Sie ſtanden und blickten ſcheu nach dem Engelbert Hiltensperger. Der kniete bei dem Knechte, den er hart getroffen hatte. Nun gab er ihm die Sterbeſakramente. Und als der den letzten Seufzer getan, da verharrte der Prieſter im Gebet. Ihm war das Herze ſchwer. Nicht wegen der Tat, er hatte unterm Frundsperg manchen guten Hieb getan und war vor ſeinem Herrgott und nach deutſchem Land⸗ recht in ehrlicher Notwehr geweſen. Aber um der Folgen willen, die ſeinen Bauern drohten! Als er ſich erhob und unter die Leute trat, da bildeten ſie einen Ring um ihn. Und er ſprach:„Mannen, itz lieget ein Toter zwiſchen dem Gottshus und der Gebürs. Ich, der Engel Hiltens⸗ perger, han ihn erſchlan! Das wölle mir Gott der Herr am Jüngſten Tag nit zu faſt anrechnen. So es euer recht Meinung iſt, ſo will ich mich gen Kempten tun, all Schuld uf mich nehmende, daß euch kein Schad nit erwachs.“ Niemand erwiderte, denn es war eine große Sache, um die es ging, und der Bauer braucht ſeine Zeit, bis er ſich die Dinge ordnet und klarlegt. Drum waren ſie auch alle bedrückt. Dem Abt war ein Knecht erſchlagen und ſeine Reiſigen waren übel heimgeſchickt! Da mochte mancher dran denken, wie der Kemptener vor fünfzehn Jahren mit 58 ſeinen Reitern durch die Landſchaft gefahren war, daß ſie die Martinsgans an ihren brennenden Gehöften braten konnten. Als keine Antwort kam, fragte der Engelbert Hiltens⸗ perger zum andernmal:„So ſaget euer Will und rechte Meinung.“ Ein Freizinſer von Remnatsried, der bucklichte Veit, nahm als erſter das Wort; erſt zaghaft, hernach immer haſtiger und ſchneller, wie einer, der keine gute Sache führt. Während er ſprach, drehte er die Hände ineinander und ſchaute von einem zum andern, wie beifallſuchend: „Iſt ein bös Ding, ſo einer wurt erſchlan, zwiefach bös Ding bei eim vom Gottshaus! Will mich bedünken, es ſeie nit meh dann recht und billich, ſo der die Folgen traget, uf den das Blut des Erſchlagenen kummet. Ver⸗ mein alſo, der Engel hab wohl geſprochen.“ Noch einen ſah der Engel, der ihm nicht in die Augen ſchauen konnte:„Was willtu ſagent, Kaſper Vögelin?“ Angeredete. Da fuhr ihm der Peter Brugger in die Rede: „Ei ſehet die Brüder Hundsvötter! Bettdrücker! Scheiß⸗ linge! Daß euch die rote Ruhr ſtoß! Gehet hin gen Kempten, ziechet die Schwänz ein, zween Wachslicht in die Händ gnommen, plärret, daß ihrs nit getan, daß ihr euch wollt leibeigen geben, ſo der gnädig Herr zu Kempten euch die Ohren nit wöll laſſen ſtutzen! Lueg umb di, Engel, iſt nit wahr, daß Treu und Glaub ein Kinderlug worden. Haſt etwan du gefragt, was ſollt werden, damalen, wo du die Knecht gen Kempten geſchickt, dem Abbet den Hintern gewieſen? Haſtu nit gefragt, wellent auch wir nit fragen, ſuſt möcht kein Hund meh ein Stückle Brot von uns nehment!“ Und alle drängten ſich um den Engelbert Hiltensperger, und ein jeder wollte ihm die Hand reichen, ganz am Schluß ſogar der bucklichte Veit und der Kaſper Vögelin. 59 Der Bauernmeiſter aber fühlte, daß ſeinen Bauern nun⸗ mehr der Prieſter nottat. Es laſtete ſchwer auf ihnen, was ſie in den letzten Stunden erlebt hatten. Nicht, daß es ſie gereut hätte, aber ſie waren im Grunde ihrer Seelen ſchlichte und fromme Menſchen, und man hatte ihnen das Gotteswort„Du ſollt untertan ſein der Obrigkeit“ mit allen Höllenſtrafen in die Seelen gebrannt. Nun tat ihnen ein Halt und eine Stütze not für heut und für das, was kommen konnte! Denn keiner wußte, einen wie böſen Würfel der Engelbert Hiltensperger ge⸗ ſchüttelt hatte. Er aber kannte Johann von Riedheim, gefürſteten Abt zu Kempten! Da mußte er ſeine Bauern feſt machen, ihnen ihr Recht vor Augen führen, aufrichten und verankern, wie Gottes Wort, daß ſie nicht mehr davon weichen ſollten, was auch kommen mochte. Alſo nahm er ſie hinauf in ſein Kirchlein und ſprach ihnen vom geborenen Rechte aller Gottesgeſchöpfe, und wie eine jede Kreatur ihr unveräußerlich und unbeſtreitbar Recht auf ein Fünklein Erdenfreud in dieſe Gotteswelt mit⸗ gebracht habe. Dann ſtiegen ſie getroſt den Berg hinunter zu ihren Höfen. Der Engel aber hob an der hinteren Kurzwand des Kirchleins ein Grab aus, und als es fertig war, ging er die Treppe hinunter, die in den Fels gehauen war, nahm den toten Knecht auf den Rücken und trug ihn hinauf zur letzten Ruheſtatt. Er ſprach ihm noch ein Gebet, dann deckte er ihn mit Erde. Geſtützt auf ſeinen Spaten wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirne und ſah hinaus ins Land. Fernhin über den Hügeln wogte der ſilberne Nebel. Wo aber der Berge ewige Kette ſtand, flammte mit einem 60 ein brennend Feuer auf. Das war des Säulings ſchnee⸗ bedeckter Gipfel, den die Sonne zündete. Als er ſich gen Oſten wandte, ſtieg ſie ſieghaft flammend aus den fernen Wäldern, die ſchwarz und ernſt den Horizont grenzten. Und Licht um Licht entbrannte auf den Bergen, bis die ganze Kette roſenrot erglühte. Die Nebel im Grunde wogten im zarten Violett, röteten ſich und begannen zu glühen, und von drüben im Oſten ſtieß die Weckerin ihre blitzenden Speere über den Horizont. Da wollte dem Engelbert Hiltensperger das Herze ſchier berſten vor Liebe zu ſeinem Land. „Herre Gott, was Wunders voll iſt teutſches Land! Laß dein Sunn ufgan in denen Menſchenherzen, daß ſie ſich nit plagent und ſchindent, nit wiſſende, warumb!“ *** Oange war der Engelbert Hiltensperger geſtanden und hatte in den erwachenden Morgen geſchaut. Da hörte er mit einemmal, wie Geri und Freki, die Hunde, wild an ihren Ketten riſſen und in heißer Wut los⸗ bellten. Als er hinunterblickte, ſah er den Vogt, der eben ſein linkes Bein über die Letze hob, um ſich zwiſchen Dornen, Hufnägeln, Scherben und Eiſenſpitzen vorſichtig in Reitſitz niederzulaſſen. Da lachte der Hiltensperger lauthals und rief:„Ei, ei, Herr Vogt, habet Ihr ein ſo groß Eilen gen Schongau zu reiten? Sitzet nur fein fürſichtiglich uf und reitet nit gar zu tapfer, Ihr möchtet Euch ſuſt wundreiten, dann Euer Sattel ſcheinet mir nit allzu wohl polſteret.“ Der Vogt erſchrak über den Anruf dermaßen, daß er ſich allzu raſch ſetzte, und richtig fuhr ihm etwas ins Sitzfleiſch, als wär es glühendes Eiſen. 61¹ Wunder, daß er das Geſäß wieder lüpfte! Aber ſein Handgelenk mochte zu ſchwach ſein, er ſetzte ſich wieder, diesmal in einen langen Dorn— wieder auf und in einen Glasſcherben, wieder auf und in eine roſtige Degenſpitze! „Blau, Ihr reitet ja krabende, Herr Vogt?“ Da blieb er ſitzen, wo er ſaß, und ſchüttelte die Fauſt zur Wehrmauer hinauf:„Daß dich der ewig Fluch ankomm! Das hab ich dir zum Beichtpfennig, du grindiger, diebiſcher, meineidiger, elendiger Pfaff! Ich will dir dein Läſterzung uſerm Hals reißen, Kelchbüeble!“ So ſchimpfte er, derweil der Hiltensperger lachend die Treppe von der Ringmauer hinunterſtieg, eine Leiter holte und an der Letze anlegte. Und der Vogt ſtieg vorſichtig herunter, denn er fühlte, daß ihm ein paar warme Bächlein an den Schenkeln herunterliefen. Kaum aber ſtand er auf feſtem Boden, ſchimpfte er wieder, was das Zeug hielt:„Wart, du us⸗ gſchamter Deifelspfaff, dir will ich den Tüfelſtank ustreiben, mit meins Schwertes Spitzen will ich in deim Bauch die Stinkblaſen ſuchent, ſie ufſtechen—“ Dabei wollte er nach ſeinem Schwertgriff langen, aber die Scheide war leer. Und gleichmütig erwiderte ihm der Engelbert Hiltens⸗ perger:„Was Tüfelsſtank! Meinet Ihr, ich kennet das Rüchle von meiner Sau nit? Wetzet lieber Euer Naſen an Eurer Hoſen, dann an mir!“ Da kriegte der Vogt einen puterroten Kopf, wandte ſich und ſtieg zürnend und ſchweren Trittes die Mulde hinunter, ſchüttelte noch einmal die Fauſt gegen den Stechelehof und verſchwand im Wald. Der Engel aber lachte und erinnerte ſich des Lederle. Und richtig, der ſteckte noch in ſeinem Stall, denn der Engel hatte einen guten Querbalken vorgeſchoben. Er zog ihn an den Ohren herfür, leitete ihn vorſorglich vors 62 Ettertor und gab ihm einen Tritt, daß er nur ſo den Hang hinunterkollerte. Unten erhob er ſich, warf noch einen ſcheuen Blick zurück, dann folgte er des Vogtes Spuren. So ſehr ihn die beiden Hinterbacken ſchmerzten, es hätte ſchlimmer ab⸗ gehen können, drum tänzelte er, ſobald er die erſte Krämpfig⸗ keit überwunden hatte, hangabwärts. Konnte auch ſonſt niemals einen geruhigen Gang gehen, der Lederle— lockere Vögel haben keinen Stand!— nie feſt, nie gradaus, immer die Kreuz, die Quer, bald luck, bald laß, war er einer, der aus jedermanns Hand fraß und nicht fragte, auf welchem Acker ſein Futter ge⸗ wachſen. Nun ſchritt er dahin, wie einer, der weiß, daß er ſeinen Kopf aus einer böſen Schlinge gezogen hat. Mochte der Eichelhäher lachen, wenn er von Zeit zu Zeit nach der Stelle griff, wo ihm die Beine angewachſen waren, ihm hüpfte das Herz vergnügt unterm Wams, daß die Sache ſo glimpflich abgelaufen war. In einer Mulde, wo noch etwas verhockter Schnee lag, reinigte er ſich ſo gut es ging von den Spuren des Sauſtalls. Die Auerbergamſel ſchmetterte ihr ſchönſtes Frühlingslied in den hellen Morgen, Federwolken zogen am Himmel, und Finken und Meiſen pfiffen und zwitſcher⸗ ten in Buſch und Tann. Da ſetzte der Lederle ſeine Blaterpfeifen an den Mund und blies ein luſtiges Schelmenlied zur Geltnach hinunter, die ſilbern und funkelnd in der Ferne dahinzog— und wie ſein Schielauge dabei hin und her fuhr, ſah er eine Reh⸗ geiß in den Farnſtauden. So ſaß er, blies ein Liedlein ums andere und ſchaute der Ricke zu, die mit großen, glänzenden Lichtern herüber⸗ äugte und ſich nicht von der Stelle rührte. Nur die Lauſcher ließ ſie ununterbrochen ſpielen. Die Sonne hatte ſchon ein paar warme Strahlen auf⸗ 63 geſteckt. Der Lederle legte ſich längelang in die Schlüſſel⸗ blumen und lauſchte, wie die erſten Hummeln ihre Flüge um ihn machten. Und mählich ſielen ihm die Wimpern zu, denn er hatte die Nacht über kein Auge zugetan. Noch ſah er im Halbtraum die ſpielenden Lauſcher, hörte dumpf das Summen der Bienen. Immer tiefer, immer metalliſcher klang's, wie ferner Glockenſchlag. Da brachen zwei jagende Amſeln mit Geſchrei und Geflatter in die Haſelſtaude. Der Lederle fuhr hoch und rieb ſich die Augen. In kurzen Sprüngen, ganz vertraut ging die Rehgeiß über das Farnkraut ab— mit einemmal aber bog ſie ſeit⸗ wärts und fuhr ins Unterholz, wo ſie laut ſchmälend ſtehen blieb. Der Lederle ſpürte mit ſeinen Fuchsohren, daß ein leichter Tritt den Hang herunterkam, und es dauerte auch nur eine kurze Weile, da leuchtete ein flammend gelbes Kopftuch auf, ein rotes Mieder, und auf die Lichtung trat die Regula Stechelin, überquerte ſie und verſchwand in der Schneiſe, die ſteil bergab führte. Die gute Laune war dem Lederle verflogen. Mißmutig nagte er an einem Grashalm und ſinnierte vor ſich hin.— Erſt dachte er daran, die Beine heimwärts zu lenken, aber dann meinte er wieder:„Wer ehnder in die Mühle kommt, wird ehnder gemahlen!“ Außerdem legte er keinen Wert darauf, mit dem übel⸗ launigen Rotfuchs und ſeinen abgeſchmierten Knechten heim⸗ zuziehen.„Weit vom Schuß geit alte Kriegsleut“, dachte er. Auch wußte er ein paar Blümlein, die blühten abſeits an Wegen, die der Vogt nicht zu ziehen pflegte. „Die Maleſizdiern! Hätt ſie nit ſollen derſchröcken, wer weiß, ſo ich ihr anders wär kummen, ſo wie der Tauber der Täubere—“ Noch war er dabei, ſich dieſe ſchöne Möglichkeit aus⸗ 64 zumalen, da trat juſt an der Stelle, wo die Regula aus den Tannen getreten war, der Engelbert Hiltensperger in Lederwams und ⸗hoſen heraus, überquerte die Lichtung und verſchwand im Walde. Nun pfiff der Lederle leiſe durch die Zähne! Das half ihm auf die Beine, da mußte er hinterdrein! So verſchwand auch er in der Schneiſe, die ſteilab in die Tiefe ging. Drunten, wo in flachem Anſtieg ſich die Wieſe an den Tannenwald lehnte, trat ſchon das Regele hinaus in den Sonnenſchein. Hell flammte das knallgelbe Kopftuch. Der Engel ſtapfte mit ſeinem weiten, geruhigen Gang, Schritt für Schritt ſeinen Spieß vor ſich ſetzend, den ſteilen Hang hinunter. Hintendrein aber, wie ein Füchslein auf warmer Fährte, ſchnürte der Lederle. Weit voraus federte über die Frühlingswieſe zwiſchen einem Meer von Schlüſſelblumen die Regula Stechelin, fröhlich und ohne zu ahnen, was alles hinter ihr drein kam. Der Spuk, der ſie die Nacht über erſchreckt hatte, war verflogen, ihr junges Herz kanzte und ſang mit den Lerchen, die allenthalben ins Himmelsblau ſtiegen und in langen perlenden Ketten ihre Lieder in ihre junge Seele rieſeln ließen. Und nacheinander kraten der Mann mit dem Spieß und der mit der Blaterpfeifen aus der Schneiſe auf die blühende Wieſe und folgten in weiten Abſtänden dem gelben Kopftuch durch den lachenden Frühlingsmorgen. „Potz Binkes, wer het das Maidle heißen gen Burken wandlen? Ich nit!“ brummte der Engel. „Iſt mir nit ſchlecht geraten“, frohlockte der Lederle. Und die weißen Frühlingsfahnen zogen am Himmel alle denſelben Weg gen Burken zu, und der Wind, der Schmückle 5 65 ihnen leicht und fröhlich den Schritt beſchwingte, hatte das gleiche Ziel. Kuckuck! Kuckuck! Dreizehnmal hintereinander zählte die Regula und lachte: „Gar ſo lang ſotts it dauren.“ Und der Engel ertappte ſich auf einem Wunſche, daß ihm die Stirn anlief, als ärgere er ſich über ſich ſelber. Um ſo lauter ſchmetterten die Finken in den Eſchen hinter Geißenhofen; der Engel ſah, wie ſich die kleinen Kehlen pluſterten vor lauter Gottesjubel und Lebensluſt. Da lachte er wieder, und ſein Herz tanzte nicht weniger denn der Regula Stechelin ihres. Gleich hinter den Gehöften von Settele ſtanden die ſchönſten Schlüſſelblumen, ein ganzes Meer von dotter⸗ gelben Glocken, über denen das ſcharlachene Röcklein auf⸗ und niederwippte. Und als ihr des Bückens zuviel wurde, da warf ſich die Regula längelang auf den Boden und rutſchte von Blüte zu Blüte. Hinter einem Holderbuſch beim letzten Gehöft von Settele ſtand der Engel und ſchaute ihr zu und traute ſich nicht weiter— und im Hintergrund pirſchte ſich der Lederle immer näher. Da ſchämte ſich der große Mann hinter der dichten Deckung und ſchüttelte unwillig den Kopf:„Blau! Was möcht itz einer denken, ſo er den Engelbert Hiltensperger erblicket!“ Alſo gab er ſeinem Herzen einen Stoß, trat hinter ſeinem Buſchen hervor und ging mit raſchen Schritten fürbaß. Daß ihm das Herze dabei ſchneller ſchlug, und daß ein Zagen über ihn kam, je mehr er ſich der Dirn näherte, das ließ einen gelinden Arger in ihm hochkommen, ſo daß er ſich ſchnell ein rauhes Mäntelein umhängen mußte, um ſeine Schwäche zu verbergen. Es klang drum nicht eben freundlich, als er die Regula anfuhr:„Nens Gſcheiters weißeſtu nite?!“ 66 Die Dirn ſprang vom Boden auf und ſchaute in hilfloſem Schrecken den großen Mann an, und dicke Tränen rollten ihr über die Wangen. Da war's nun ſchnell aus mit dem großſpurigen Weſen. Haſtig ſuchte der Engel nach einem goldenen Brücklein, und da er keins fand, kam er ins Stottern, und wie er merkte, daß er ſtotterte, bekam er einen mächtig roten Kopf. Und die Regula, die im erſten Schrecken die Hand aufs Herz gedrückt und einen kurzen Atem bekommen hatte, von dem's nicht weit zum Schlucken und Schluchzen war, ſah auf einmal, wie des ſtarken Mannes Auge ganz hilfe⸗ flehend wurde. Sie ſchluckte ein paarmal, und während ihr noch eine letzte Träne die Wange herunterrollte, wollte es ſchon wieder wie ein Lächeln um ihren Mund flattern. Aber ſchnell ließ ſie wieder die Mundwinkel hängen und fuhr ſich mit der Hand über die Augen, während ſie krampfhaft ihr Körblein mit den Schlüſſelblumen hielt. „Han dir niemalen nit was ze Leide tan, warumb biſtu immer ſo harb zu mir?“ Nun war die Reihe zum Schlucken am Engel:„Biß guet, Regele, iſt ſo gar böslich nit gmeint!“ Sie ſchaute an ihm hinauf. „Wohin willtu?“ „Zum Bruggerhof.“ „Iſt mein Weg gleichermaßen.“ Da konnte ſie ſchon wieder richtig lächeln. „Willtunud Läuteier holen?“ Sie nickte und wies auſ ihren Korb:„Ze Burken.“ „So wellent wir ſelbander gan!“ Alſo ſchritten ſie miteinander des Weges dahin. Sie ſprachen wenig, denn noch waren ſie beide verlegen und fanden die Worte nicht. Die Dirn griff eifrig in 67 ihren Korb und faßte Schlüſſelblume um Schlüſſelblume zum Strauß, während der Engel in ſeiner ganzen Un⸗ beholfenheit nebenherſtapfte. Immer wenn er zum Reden anſetzte, war ihm die Kehle wie zugeſchnürt, und ſo viel er ſich auch räuſperte, es wollte ihm nichts Geſcheites einfallen. Die Dirn aber zog die Brauen zuſammen, als müßte ſie über etwas ſehr Geſcheites nachdenken. „Du, Engel?“ „Was willtu wiſſen?“ „Biſtu itz ein rechter Pfaff oder nit?“ Der Engel ſchwieg betroffen, der Regula aber fuhr die Röte den Hals hinunter, bis tief ins Mieder:„J ver⸗ mein, i vermeinet bloß, dieweil i no nie kein Pfarrer nit gſehn, ſo Hoſen traget“, ſtotterte ſie. „Und kein Pauren nit, ſo ein Kutten anhat“, lächelte der Engel.„Kunnt leichtlich ſeind, daß i kein rechter Prieſter und kein rechter Paur nit bin.“ Und als das Regele etwas Verlegenes ſtottern wollte, fuhr er fort:„Im Gotteshus möchtens mi nit meh for ein Prieſter nehment. Der Herre Gott im Himmel droben wurt nit viel fragent, ob des Prieſters Herz unter einer Kutten oder eim Paurenkittel ſchlaget.“ „Du, Engel?“ „Was willtu?“ „Iſt wohl ein Todſünd, ſo ein Prieſter freiet?“— Brennende Röte ſtieg ihr ins Geſicht. Eine lange, lange Weile ſchwieg der Engelbert Hiltens⸗ perger, dann ſprach er langſam:„Vor dem Abbet zu Kempten und denen zu Rom mags ein Todſünden ſein. Der Herre Gott mag ein Wiſcher tun über Gſatz und Ge⸗ zerf, erſtlich druf achtende, ob das Herz rein ſeie.“ Als wollte er weiteren Fragen aus dem Wege gehen, ſchritt er ſchneller fürbaß, ſo daß das Regele trippeln mußte, um mitzukommen. 68 Vor ihnen lag Burk und der Bruggerhof. Schreiend und flatternd flog ihnen ein Dutzend Gänſe entgegen. Die Federn ſtoben nur ſo, denn ein vierzehnjährig Bürſch⸗ lein hatte mit einer langen Peitſche zwiſchen die Tiere gehauen, und nun flog die gequälte Kreatur geradewegs auf die Ankömmlinge zu und ſchrie um Hilfe. „Willtu die Gäns in Ruh lan, du Lüsbühel!“ Der Bub blieb abſeits ſtehen, ſein tückiſches Auge ſchaute die Ankömmlinge an. „Schauet ſchier als wie der Lederle“, ſagte der Engel. *** Im Stall hantierte die Anna, die Magd vom Brugger⸗ hof. Zornig fuhr ſie mit dem Reiſigbeſen die Stallgaſſe hinunter und ſchimpfte laut vor ſich hin, wie ſie zu tun pflegte, wenn ſie böſe war. Der Bub hatte ſie geärgert, der Joſeph. Grundſchlecht war er, log wie der Böſe ſelber und freute ſich, jede wehrloſe Kreatur zu plagen. „Ruck!“ ſchimpfte ſie und ſtieß einer Kuh den Beſen in die Weichen. Die Färbige war's, die ihr beſonders ans Herz gewachſen. Ein mausgraues Fell hatte ſie gehabt, und ſpiegelglatt. Nun war's rauh, und die Kuh ſtellte die Beckenknochen: ſie hatte verkalbt. Die Magd griff zur Miſtgabel, ordnete grimmig die Streu und warf friſches Torfmull nach. „Die onvernünftig Kreatur hats Gries, derfet ver⸗ kalben, wär mir beſſer anſtanden.“ Das böſe Wort auf den Lippen, packte ſie ihren Schub⸗ karren, der miſtbeladen auf der Stallgaſſe ſtand, und rollte ihn ſchimpfend der hinteren Stalltüre zu. Dann ſchob ſie ihn über das ſchwanke Brett am Miſt⸗ haufen hinauf. Der Schubkarren war ſchwer, und Fäuſte und Schenkel hatten ſich wohl zu ſtraffen, die Laſt zu be⸗ 69 wältigen; ſtier von Anſtrengung waren ihre Augen auf den Karren gerichtet. Juſt als ſie den Karren kippte, ſtand ein Mannsbild vor ihr. „Viel ſeliger Zeit!“ Der Kerl lüpfte ſein Hütlein und ſtreckte es von ſich, hielt die Linke aufs Herz gepreßt und ſtellte das rechte Bein vor, ſo daß er daſtand wie ein Seiltänzer, ehe er aufs Seil ſteigt. Die Magd ſtarrte ihn an, als wär er der Leibhaftige ſelber. Die Lippen beberten ihr, und die Knie wollten ſie nicht mehr tragen. Der Schubkarren entfiel ihrer Hand und rollte die Miſte hinunter. „Viel ſeliger Zeit, hold Jungferle!“ Da fuhr auch ihm der Schrecken in die Glieder. Er ſetzte ſein Hütlein auf und ließ ſein Schielaug laufen, ob ſich nicht irgendwo ein Loch zum Verſchwinden auftue. Aber er ſah nur den Hofhund, der böſe knurrend von der Seite kam. „Anna“, ſtotterte er. Da griff die Magd dem Hund in das Halsband, und eine flammende Röte fuhr ihr übers Geſicht:„Land⸗ ſtörzer!“ ſchrie ſie wie von Sinnen. Der Hund zerrte nach vorwärts und fletſchte knurrend die Zähne. „Anna— Nun wurde die Magd ganz raſend:„Laß mein Nam uſer deim Schandmaul“, ſchrie ſie.— Er wollte noch etwas ſagen, da ließ ſie den Hund los: „Huſſa, huſſa! Pack an! Pack an!“ Und die Beſtie warf ſich auf den Mann, riß ihn im Sprung auf den Boden, daß Hut und Stecken umeinander⸗ flogen. Dann ſtand das Tier mit den Vorderpranken auf ſeiner Bruſt, den geifernden Rachen nach der Magd gedreht. 40 70 Schon wollte dieſe neuen Hetzruf tun, da ſchrie der Mann in ſeiner Herzensnot:„Dein Mueter! Dein Mueter! Halt den Hund!“ Nun fuhr ihr der Schreck ins Herz. Sie ſprang zu und griff ins Halsband:„Was iſt mit der Mueter?“ „Du ſollt den Hund fortziechen.“ „Was iſt mit der Mueter?“ ſchrie ſie. Da wußte er nun nicht recht, was er ſagen ſollte, denn die Mutter war ſeit drei Jahren tot. Alſo ſeufzte er nur tief. „Iſt d Mueter totfallen?“ „Du ſollt den Hund von mir khon“, jammerte er. Da zerrte ſie den Hund am Halsband in den Stall. Er folgte nur widerwillig; immer wieder zog er knurrend nach dem Fremden. Sie ſchloß die Stalltüre hinter dem Tier. Der Lederle hatte ſich erhoben und ſah an ſich hinunter. Juſt in eine Miſtlache hatte ihn der Hund geworfen. Er hatte kein Glück am Auerberg. Da ſtand ſchon die Magd vor ihm:„Hernach, was iſt's mit der Mueter?“ Nun fing der Lederle an zu erzählen. Er hatte den Hut vom Kopf genommen, ein altes, grünes Jägerhütlein, das ihm der Falkonier auf Liebentann geſchenkt hatte. Das drehte er unaufhörlich in ſeinen beiden Händen, während er das Blaue vom Himmel herunterlog. Aber vor lauter Angſt um die Mutter ſah die Magd die Lüge nicht, die in den frechen Augen flatterte:„Iſt uf den Tod krank gweſt, dein arm, alt Mueter, ällbott nach der Anna gſchrien.“ Der Magd ſtieg das Waſſer in die Augen, und auch der Lederle wiſchte ſich ein paar dicke Tränen, die die Wangen hinunterrollten. Er ſah ganz gottserbärmlich vor ſich hin; jetzt glaubte er ſelber, was er log. 71¹ PP „So ſchwach und elend iſts gweſt, nit das Schwarz unterm Nagel zum Eſſen.“ Das Annele ſchlug die Schürze vors Geſicht und ſchluchzte hinein. Und dann erzählte der Lederle eine merkwürdige Ge⸗ ſchichte, wie die Mutter Gottes der alten Frau erſchienen ſei und ihr geſagt habe: Nein, die Anna ſei nicht tot, ſie ſei gar nicht allzuweit von Kempten. Da habe denn das arme Weib nach dem Lederle geſchickt, dieweil der doch überall herumkomme:„Suech mir mein lieb Dochter“, hatte ſie ihm geſagt,„leicht iſt ſie ein reich Pauren⸗ frau worden und het ein übrigs for ihr alt, krank Mueter.“ Und da ſei er nun! Da hieß ihn die Magd warten und rannte hinauf in ihre Kammer, eine franzöſiſche Sonnenkrone zu holen. Ein Landsknecht hatte ſie ihr geſchenkt, der krank und wund beim Brugger gegartet und den ſie geſund gepflegt hatte. Der Lederle benützte die Zeit, ein biſſel Umſchau zu halten, ſteckte die Naſe in den Schweineſtall und ſah, daß das Tennentor offenſtand. Da kam auch ſchon die Magd mit ihrem Gold⸗ ſtück. Erſt wollte doch etwas wie Mißtrauen in ihr hoch⸗ ſteigen, als der Lederle gar ſo haſtig nach der Münze griff. Denn daß er ein windiger Burſche war, das wußte ſie ja. Aber zu jener Zeit wurden die Diebe noch gehängt, da dachte man nicht gleich das Allerſchlimmſte bei denen, die man mit Namen kannte. Alſo gab ſie ihm die Sonnenkrone mit der Weiſung, ſie der Mutter zu bringen:„Dein Ferſen ſehet ich itz lieber denn dein Naſen“, ſagte ſie grob, drehte ſich um und ſchlug die Stalltüre hinter ſich zu. Der Lederle aber guckte rechts und guckte links und 72 ſchlich ſich hinauf zur Tenne. Noch ein vorſichtiger Blick ringsum, dann ſchlüpfte er durchs Tor. Ein Sprung ins Grummet. Ein Lichtſchein zeigte ihm, wo das Futterloch war. Ganz leiſe, damit ihn die Magd im Stalle nicht höre, ſchlich er ſich hin und richtete ſich eine bequeme Lagerſtatt. Das war anders als im Sauſtall auf dem Auerberg droben! Die Augendeckel wollten ihm ſchwer werden. Wie aus weiter Ferne hörte er die Magd unter ſich im Stall mit dem Geſchirr hantieren und vor ſich hin reden. „Samer die Feifel! Die Anna! Wer hätte das ge⸗ dacht.“ Wie von der Erde verſchluckt war ſie ſeinerzeit verſchwunden, nachdem ſie mitten in der Zunftſtube der Schuſter ihm eine ins Geſicht geſchlagen hatte, daß er die Engel im Himmel ſingen hörte. Sie hatten ihn damals aus der Zunft getan und ihm die Geſellenſtube verboten, trotzdem er erſt zwei Tage zuvor Geſelle geworden war! Ja, die Anna, das war eine Feine geweſen, ſie hätte ſogar den Zunftmeiſter von den Leinewebern, den Jörg Stillmann, den Witwer mit den beiden Kindern, be⸗ kommen können. Aber er, der Lederle, war eben auch ein Feiner geweſen! Potz musica mus! Was wohl aus dem Kind geworden war? Da hörte er Männerſtimmen. Beide Fäuſte drückte er ſich in die Augen, um wach zu werden, und ſtrich ſich die Haare von den Ohren: Der Brugger war's und der Engelbert Hiltensperger. Der Brugger ſchickte die Magd aus dem Stalle— leiſe kroch der Lederle bis an den Rand des Futterlochs vor. Wie es heute noch iſt, ſo war es vor vielen hundert Jahren ſchon: Alles, was des Allgäuers Herz bewegt, das 73 6 Männerkat und Männerwort erfordert, wurde im Stall beſprochen, inmitten des Viehs, fern von den Weibern Das ſchweigende Vieh wird nicht darüber reden, und wenn ſich's noch ſo ſehr die Köpfe verdreht nach ſeinem Herrn, als wollte es ſagen:„Du und wir, wir gehören zuſammen!“ Erſt konnte der Lederle kein Wort verſtehen von dem, was die beiden Männer miteinander ſprachen. Dann ſprach der Brugger allein. Und je mehr er in Erregung kam, deſto lauter fielen die Worte von ſeinen Lippen, ſtoßweiſe, als ob er ſich jedes einzeln abringen müßte. Und weit holte der Brugger aus, denn lange Jahre waren es geweſen, die ihm das Herz verhärtet hatten. „Du weißeſt es ja nit, Engel!“ Ob der es wußte! Mit gerunzelter Stirne ſtand er und lauſchte, war es doch ihrer aller Not, die ſtoß- und tropfenweiſe aus des Freundes Mund ſich rang. Immer lauter ſprach der erregte Mann, ſo daß der Engel ihm die Hand auf den Arm legte. Aus den tiefſten Tiefen holte der Bauer ſeine Worte, kurze harte Sätze. Wie der tote Vater vor ihm ge⸗ ſtanden, der Haß in ihm immer weiter geſchwelt, der Zorn immer ſtickender geworden. „Damalen beſchworn bei Vatters und Mueters Seel und Seligkeit, der Hof ſollet nit ans Gotteshaus fallen.“ Dann erzählte er, wie er in der böſen Novembernacht die Magd im Straßengraben gefunden, wie die Ver⸗ ſuchung an ihn herangetreten und wie ſie der Bäuerin das fremde Kind an die Bruſt gelegt hatten. Hier ſchwieg er eine Weile. „Rotz und Bluet! Iſt der Kuckuck in kein übel Neſt nit fallen“, grinſte der Lederle anerkennend. Dann ſchob er ſich noch ein biſſel vor, denn der Brugger ſprach leiſe weiter. 74 Da hörte der Lederle, was für ein ſauber Früchtlein ſein Ebenbild geworden, zum Ekel dem Bauern, zum Vor⸗ wurf der Bäuerin, zur Gewiſſensnot der Magd. Nimmer anſchauen mochte der Bauer den Buben, in tiefſter Seele war ihm der Brandkopf mit dem Schielaug zuwider. Die Galle ſtieg ihm hoch, wenn er ihn nur von weitem ſah. Die Bäuerin hatte ſich auf das Kind gefreut wie nur je eine Mutter. Man hatte ihr den fremden Balg in die Arme gelegt, und nichts rührte ſich in ihr. Sie ſuchte ſich zur Liebe zu zwingen und vermochte doch dem Kinde nicht näherzukommen. Stundenlang konnte ſie ſitzen, ihr Hirn ab⸗ quälen, nach Zuſammenhängen ſuchen. Nun machte ſie ſich Vorwürfe Tag und Nacht. Und die Anna? Sie ſah wohl, was für ein ſchlechter Kerl der Bub war, aber es war ihr Kind, und ſie ſtand immer auf dem Sprung, es zu verteidigen. So quälten ſie ſich auf dem Bruggerhof miteinander und gegeneinander durchs Leben! Bis die Bäuerin zuſammenbrach und wochenlang in dumpfen Fiebern lag. Als ſie wieder zu ſich gekommen, war ſie lange ſtille gelegen, dann hatte ſie dem Bauern er⸗ öffnet, daß ſie der heiligen Jungfrau gelobt habe, aus dem Buben einen Prieſter zu machen. Und dabei war ſie ge⸗ blieben. Die Anna aber hatte dem Bauern erklärt, eher ſchlage ſie ihr eigen Fleiſch und Blut mit einem Backſcheit tot. „Itz ſolltu mir den rechten Weg weiſent, Engel!“ Und der Peter Brugger umfaßte mit ſeinen beiden Händen den Arm des Prieſters und ſtöhnte tief auf. „Den rechten Weg het dir unſer Herregott gewieſen.“ Da fuhr ſich der Bauer mit der Hand über die Stirne, als verſtünde er den Sinn der Worte nicht. „Haſt wellen din Recht wahren, Peter, und biſt dar⸗ über zu eim Täuſcher und Trüger worden!“ 7⁵ Der Bauer ſtotterte ekwas von Erbarmen mit dem vaterloſen Kind, von ſeinem Weib, das die Wahrheit nicht überſtanden hätte. „Peter, lüg dich nit ſelber an! Itz zeiget dir der Herregott den Weg. Schaff die Sünden us dem Haus und laß die Hofſtatt fallen, wohin ſie fallet!“ Noch einmal brauſte der Bauer auf:„Bin der Pfaffen leid zum Kotzen, ſoll i ſelbſten ein Pfaffen ziechen?“ Kaum war ihm das Wort entfahren, tat's ihm ſchon leid, und er legte dem Freunde die Hand abbittend auf den Arm. Aber der ſagte:„Ganget mir ſo wie dir, Peter: Wer will halten rein ſein Haus, Der bhalt Mönch und Pfaffen draus! Aber dein Recht ſolltu uf gradem Weg holen! Treib die Sünd us em Haus!“ Da ließ der Brugger den Kopf hängen, und es ent⸗ ſtand eine Stille zwiſchen den Männern. Der Lederle ſchob ſich ein Stücklein vor— das Grummet raſchelte. Die beiden Männer im Stalle horchten auf, aber der Brugger meinte,„ſeind wohl Hühner, ſo Eier verlegent“. Doch der Engelbert Hiltensperger dämpfte ſeine Stimme: „Peter, meineſtu, i ſei umb ein paar Fallhühner oder Beſt⸗ haupter willen uf den Auerberg zogen? Ganget ein Fluſtern umb in teutſchen Landen und iſt mannich ein Bundſchuh ufgericht. Der gemein Mann wachet uf, Peter, tuet not, daß Mannskerle handfeſt und in Treuen zum Pauren ſtandent. Möchtens no erleben, Peter, den freien Pauren, ſo keim Herren nit zu Zins und Fron, niemand untertan dann Gott und dem Kaiſer!“ So ſehr der Lederle die Ohren ſpitzte, das war ihm entgangen. Der Brugger aber umſpannte des Engels Rechte mit beiden Händen. 76 „Lueg, Peter, ſell iſt der recht Weg!“ „Gott geſegns“, rief der Brugger froh und laut. „Amen“, ſprach der Engelbert Hiltensperger. „Du, Engel— willtu nit mit der Anna rechten d“ „Sell ſoll beſchechen, Peter, itz laß mir den Grau⸗ ſchimmel ſattlen, will morgenden Tags zum Wolkenberger reiten, ſagende, er ſoll unſer Schirmherr ſein!“ Die Stalltüre ſiel ins Schloß. Es gab nichts mehr zu erlauſchen. Da kroch der Lederle tief ins Grummet und tat einen ſchweren Schlaf. *** Hell wieherte Hako, der Grauſchimmel. Es war ein ſchönes, ſtarkes Tier mit kurzem gedrungenem Hals und einem Schweif, der bis auf den Boden ging. Stampfend und ſcharrend ſtand der Hengſt, und der Peter hatte Mühe, ihn zu halten, denn er ſtand gut im Haber. Der Engel hatte ihn in Flandern erbeutet. Kein beſſer Roß zwiſchen Donau und Bodenſee! Mit ihrem Korb voll Läuteier in der Hand ſtand die Regula Stechelin mit der Bäuerin unter dem Vorſprung der Tenne beim Göpel. Sie warteten auf den Engel, der noch mit der Anna zu reden hatte. Endlich kam der; hell wieherte der Hengſt einmal ums andere, als er ſeinen Herrn ſah, der ihm freundlich den Hals klopfte. „Itz magſtu onbeſorgt ſein, die Anna wurk nit weiter bocken“, flüſterte er dem Bauern zu,„ſchmied das Eiſen, ſo es warm, morgenden Tags ſolltu den Buben gen Kempten bringen.“ Der Bauer nickte:„Gotts Dank, Engel.“ Und der Engel ſchwang ſich auf den Gaul, der leichk in die Knie ſank und ſchnaubte, daß die Flocken nur ſo flogen. 77 Das Herz lachte dem Engel in den ſchönen blauen Frühlingsnachmittag, als er ſeinen Grauſchimmel unter ſich ſtampfen hatte. „Uf, Regula, laß uns ſelbander ziechen“, rief er dem Mädchen zu, das unbefangen und fröhlich zu ihm empor⸗ lachte. „Gotts Grueß, Peter, Gotts Grueß, Margret.“ Und ſie zogen los. Der Grauſchimmel hatte einen mächtigen Gang, ſo daß das Regele immer ein paar Sprünge machen mußte, um Schritt zu halten. Das freute den Engel, daß er hell auflachte. Immer wieder mußte ſich die Dirn über den großen Mann ver⸗ wundern, der ſo ganz anders war als ſonſt. Aber auch von ihr war alle Befangenheit gewichen. Sie lachte, auch wenn's nichts zu lachen gab. Ging's bergab, ſo lief ſie voraus, daß der Engel zu traben hatte; ging's bergan, ſo griff ſie dem Gaul in die Mähne und ließ ſich mitziehen. Noch ſtand die Sonne hoch am Himmel. Dem Martin Bäßler war das Heu ausgegangen, und er mußte vorzeitig austreiben. Hell klang das Geläute in den ſchönen Lenztag, und wenn der Bauer auch keine große Freude dran haben mochte, den beiden ließ es die Herzen mitläuten, daß es ihnen faſt die Bruſt ſprengte. Und über ihnen ſtand eine Lerche hoch in der Luft, die den ſchönen Morgen verſchlafen oder ein Übermaß von Gottesjubel in der kleinen Vogelbruſt hatte, ſo daß es für den ganzen Tag reichte. Die von Buchen und Hofſtatt hatten das Linnen, das ſie in langen Winterabenden in der Lichtſtube geſponnen hatten, auf die Bleiche gelegt, daß es weithin leuchtete. Und ſie winkten den beiden ſchon von weitem, daß ſie nicht ohne Gruß vorbei konnten. „Ei, ſiech einer den großen Engel, laſſet die Diern ſich 78 die Füß krumm laufen, ſitzet zu Roß, als wär er der Jörg Frundsperg ſelbſten.“ Der Engel, der es aber nur der Leute wegen getan hatte, bekam einen roten Kopf und wollte abſteigen. Da lachten ſie alle und litten's nicht, ſondern hoben die Regula Stechelin hinter ihn aufs Roß, ſo daß ſie ſich mit dem Arm, den ſie nicht für ihr Körblein brauchte, feſt am Engel halten mußte, um nicht herunterzufallen. Und dann ritten ſie wieder los. Die Dirn wurde ganz ſtill, und der Engel fühlte, wie ihr Herz gegen ſeinen breiten Rücken klopfte. Als ſie hinter Hofſtatt an den Steilhang kamen und den kühlen Waldweg hinaufzogen, der ſo eng war, daß ihnen die Tannenzweige zu ſchaffen machten, da hielt ſich das Regele immer feſter und drückte ihre Wange an den breiten Rücken des Mannes, damit ihr die Zweige nicht das Geſicht zerkratzten. „Engel, was het din Herz for ein harten und ſtarken Schlag!“ Aber der lachte bloß und wies auf die Berge, die über den Tannenſpitzen hochſtiegen, die Gipfel rot von der ſcheidenden Sonne, die mächtigen Leiber in zartes Violett gehüllt. Und als ſie die Köpfe wandten, da war der ganze Horizont ein flammendes Meer, in dem der feurige Ball ſchwamm. „Min Herz het ällbott ein ſtarken Schlag, ſo es all die Schönheit ſiechet— lueg, der Uhne het ſein Groß— vatterſtuhl for Etters gſtellt, ſein Antlitz iſt ganz in Sunn getauchet!“ Von weitem ſahen ſie ſchon den alten Mann ſttzen. Da ſaß er, das ehrwürdige Antlitz mit dem ſchlohweißen Haar, das bis auf die Schultern hing, ganz von der ſcheidenden Sonne umflutet. „Gotts Grueß, Ahne“, rief ihm lachend das Regele zu. Aber der Greis gab keine Antwort. 79 „Er ſchlafet.“ Ja, er ſchlief, der Ahne, ganz unmerklich war er ein⸗ geſchlafen und hinübergegangen in das Land, aus dem es keine Wiederkehr gibt. Das Regele ſtand vor dem Toten mit gefalteten Händen. Die Augen ſtanden ihm weit offen, als habe er noch einmal alle Schönheit in ſich hineingetrunken, um möglichſt viel Sonne mitzunehmen in die andere Welt. Dem Regele ſtieg das Schluchzen in die Kehle. Ihr war mit einemmal, als wäre die Sonne ganz grau und bleich geworden. Der Engel ſtrich dem alten Mann lind über den ſilbernen Scheitel und ſprach:„Regele, ihme iſt wohl. Der Herre het ihm ein guet und lang Leben vergunnet, des ſolltu nit weinend!“ „Itz bin i ganz und gar verlaſſen, han kein Menſchen nit meh uf der Welt“, ſchluchzte ſie. „Wein nit, Regula.“ Als er ihr über die Haare ſtrich, ſchütterte ſie am ganzen Leib, und ihr Weinen wurde immer faſſungsloſer. Da nahm er den Ahne mitſamt ſeinem Seſſel und trug ihn hinauf ins Kirchlein, faltete ihm die Hände im Schoß und ſetzte ihn ſo, daß er den Gekreuzigten vor ſich hatte. Dann drückte er ihm die Augen zu. Als er wieder herunterkam, ſaß die Dirn auf dem kleinen Holzbänklein vor Etters. Sie hatte ſich beruhigt, aber dicke Tränen rollten ihr unaufhaltſam über die Wangen, und als ſie zum Engel aufſchaute, ſah ſie ganz verzweifelt aus. Ganz gottsverlaſſen kam ſie ſich vor. Da ſetzte er ſich neben ſie. Es dämmerte, und drunten in den Tiefen wogten die Nebelſchleier. Längſt waren die Berge im Dunkel er⸗ trunken, aber über ihnen am ſtahlblauen Firmament er⸗ funkelten die Sterne. 8⁰0 So ſaßen ſie und ſpuͤrten nicht die Kühle des Abends, denn jedes Aderlein in ihnen ſuchte und taſtete nach dem andern. „Engel, du ſollſt mi nit verlaſſen!“ „Was werdent die Leut dazu reden““ „Wurt ein jeder ſeim Herrgott danken, ſo er nit fur mi ze ſorgen brauchet.“ Und wieder ſaßen ſie ſchweigend, und jedes Aderlein fand ein Aderlein im andern, und ihr Blut ging von Herzen zu Herzen. Da ſchlug er den Arm um ſie und küßte ſie, und ſie erhoben ſich und gingen ins Haus. So nahm er ſein Weib, Gott zum Wohlgefallen und den Menſchen zum Argernis. *** Der Miſtelkranz beim Konzenwirt zu Betzigau ſchwankte über der Haustüre auf und ab— der Eſtrich und die Wände zitterten, alſo hoch ging es her! Das dauerte nun ſchon den dritten Tag, daß ſich kein Bauer mehr in den Krug traute, denn in der Gaſtſtube ſaß der Vogt von Günzburg mit ſeinen Knechten. Er hatte keine Eile, dem Fürſtabt die zerſchundenen Köpfe ſeiner Knechte vorzuführen. Deshalb ſiel ihm gerade im rechten Augenblick ein, daß der Balthaſar Gries von Betzigau das Hubgeld ſchuldig geblieben war. Und altem Recht oder vielmehr Un⸗ recht zufolge war der Vogt mit ſeinen Knechten beim Konzen⸗ wirt eingefallen, auf des Schuldners Koſten zu zechen, bis der auf Heller und Pfennig ſein Hubgeld auf den Wirts⸗ tiſch gelegt hätte. Einſtweilen aber rannte der Bauer immer noch im Sprengel umher und hatte noch nicht die Hälfte bei⸗ ſammen. Schmückle 6 8¹ PP Der Vogt ſaß am Ecktiſch und hatte den Kopf in die Hände geſtützt. Der Wirt ſchleifte zwei mächtige Kannen herbei und ſtellte ſie vor die Knechte, die an der Langwand ſaßen und einen Höllenſpektakel vollführten. Dann ſetzte er ſich zum Vogt, der ihn hochroten Kopfes und mit glaſigen Augen anſchaute, als müßte er ſich erſt beſinnen, wer es wäre. Immer ſäuiſcher wurden die Knechte. Einer ſchlug dem andern den Krug vom Maul, daß ihm das Blut von den Zähnen lief, der nicht faul, ſchlug dem andern das Geſchirr über den Kopf, daß der braune Saft ihm über Geſicht und Wams herunterſchmierte. Der Vogt wiſchte das Schwarzbier, das ihm vom Barte tropfte, und brüllte:„Daß euch potz rem ſchend! Spitz⸗ knecht, Rauſchſäu, Rotzbuben!“, und ſchmetternd flog ſein Zinnkrug über die Knechte und zerbeulte an der Wand. Für eine Weile herrſchte etwas wie Ruhe. So dumm der Konzenwirt ausſah, ſo pfiffig war er. Daß der Vogt grantig war, konnte man unſchwer er⸗ kennen, und daß es haarige Prügel gegeben hatte, wieſen die Beulen und Wundtücher der Knechte. Den Konzenwirt plagte der Naſeweis, hätt's zu gern erfragt, doch traute er ſich nicht. So ging er um die Sache wie die Katze um den Brei. „Ihr habet wohl ein ſcharpfen Ritt getan, Herr Vogt? Euer Rößlein laſſet den Kopf hangen, als wie ein Pfingſt⸗ baum umb Johanni.“ „Kotz Leichnam, was kümmrets Euch“, brummte der Vogt.„Bröllet nit als wie die Bröllochſen!“ ſchrie er zu den Knechten hinüber, wo neue Schlaghändel im Anzug waren. „Iſt ein gar luſtig Volk“, meinte der Konzenwirt lauernd, „het ſich wohl handig geſchlagen, möcht ſich itzunder ver⸗ luſtieren.“ 82 Der Vogt ſchaute ihn von der Seite an und hielt ihm die Fauſt unter die Naſe, daß der Wirt vor Schrecken den Hinterkopf an die Wand ſchlug:„Wellet Ihr mich hanſelieren? So will ich Euch mein Hendſchuch unter die Zähn ſetzen, daß Euch der Grind rauchet.“ „Blau, Herr Vogt, was ſeied Ihr gäh! Han's nit bös⸗ lich vermeinet!“ Der Vogt brummte etwas vor ſich hin, dann kat er einen kräftigen Schluck, ſchob die Ellenbogen auf dem Tiſch vor und ſuchte die flackernden Augen auf den Konzen⸗ wirt zu heften:„Kennet Ihr den Auerbergpfaffen?“ „Ei, daß dich der und jener! Pfeifet der Wind von dorten d So einer meuſelt, drucket ſich ein ſchlau Füchsle unter den Wind“, dachte der Konz, laut aber ſagte er und tat ganz erſchrocken:„Gott bewahr mi! Den Achter und Ketzer d“ „Daß ihn der druncken Ritt ſchitt, den Scheißling, den Hundsvötter, den Ströter! Konzle, Konzle, ſo mir kund und off enbar wollt werden, daß ze Betzigau einer am Gotteshus zum Schelmen worden, ich wöllet ihm den Grind treffen, alſo daß ihm der Rauch durch Maul und Ohren fahret!“ —5 der Tuſend, Euer Geſtrengen, wo denket Ihr in?“ Der Vogt ſtreifte ihn mit einem mißtrauiſchen Blick: „Seied wohl damalen mit bei Luibas geweſt? Poſten helfen ſchicken zu Kaiſerlicher Majeſtät, unſern gnädigen Herrn ze Kempten anſchwärzen?“ „Soll mich das blau Fuir“, entfuhr es dem Konzen⸗ wirt, ſchlug aber ſchnell ein heimlich Kreuzlein,„du ſollt untertan ſeind der Obrigkeit, ſeind nichts dann brave und getrewe Leut zu Betzigau!“ „Iſt nit ſo abwegs, was i gſagt“, brummte der Vogt. Dann dämpfte er ſeine Stimme:„Konzwirt, ſo 83 Ihr Beſcheid wiſſet, von wannen der Pfaff ſein Poſten beziechet, die Kundſchaft wär wohl ein harten Gulden wert.“ „Kotz Schweiß, ein Gulden! Kunnt den Gulden faſt brauchen, Herr Vogt!“ Die Knechte brüllten wieder, daß man ſein eigen Wort nicht verſtehen konnte; der Vogt fuhr von neuem da⸗ zwiſchen. „Was reißet ihr die Mäuler uf, als hättet ihr ein Bataillen gewunnen, nit als ob rotzige, ſchwarze Pauren euch den Ars mit Haſelſtecken gewichſet!“ Da wußte der Konzenwirt Beſcheid. „Kotz Schweiß, Herr Vogt, ein Gulden! Ein ganzen Gulden!“ Der Konz kratzte den Kopf.„Kotz Schweiß, kunnt ihn faſt brauchen, den Gulden!“ „Ein Gulden for die Kundſchaft, ein anderen, ſo Ihr mir den Pfaff wollt zutreiben.“ „Daß dich der Dunner erſchmeiß“, dachte der Konzwirt. Laut aber ſagte er:„Laſſet mir Zeit, Euer Geſtrengen, will die Sachen überdenken.“ An dem langen Tiſche flackerten die Händel wieder auf: „Was ſaget der Hundsvötter, der grindig Hund? Haſtu nit geſchrien, als hätt dich der Tuifel beim Kragen?“ „Du Ströter, du Spitzknecht, du Scheißling, iſt dir in die Hoſen gangen vor lauter Angſt, geſtunken drei Meilen wider den Wind!“ „Daß dich die Krätz beiß! Jucket dir das Fell? Will dirs über die Ohren ziechen und hernachen dreimalen umb dein Läſtermaul hauen!“ „Ho, ho, ho, ho, gebet ein Ochſenfieſel, will den Hanſen in der Stuben laſſen herumtanzen, ihme den Takt uf den Ars ſchlan, ſoll ihme der Lederle mit der Blaterpfeifen ufſpielen!“ „Der Lederle! Der Lederle?“ „Ei, wo weilet der ſtinket Fuchs?“ 8⁴ „Iſt an allem ſchuld, der Lederle!“ So ſchrie's durcheinander. „Dem will ich das Leder ſtreichen, daß er die kropfet Kätter for die heilig Jungfrau anſiecht“, brummte der Vogt. „Ei, meinet Ihr den Roten mit dem ſchieleten Aug, ſo denen Weibern zur Blaterpfeifen ufſpielt?“ „Will ihm eins ufſpielen, alſo daß er die Engel im Himmel höret jubilieren, hernachen die Blatern am Ars kann abzelen.“ Der Konzwirt lachte überlaut und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch:„Kotz Blut und Schweiß, mit Euch iſt nit ze ſpaßen, Herr Vogt!“ „Konzenwirt, ich ſag dir, derwiſch ich ihn, den Ufrührer, den Paurenpfaff, den Schwarzen, den Rotzigen, ſo will ich ihm die Wampen walken, daß die Rippen krachend, Pfeffer und Safran lotweis von hinten fahret.— Bin ihme nach uf dem Leder geweſt.“ Der Vogt brach plötzlich ab. Auf der Straße er⸗ klangen die luſtigen Weiſen einer Blaterpfeife. „Samer die Feifel, der kummet mir geſchliffen.“ Und richtig! Juſt an des Konzen Wirtshaus vorüber kam der Lederle und blies vergnügt ſeine Weiſe, als gäbe es für ihn nichts Wichtigeres auf der Welt. Hatte es natürlich längſt ausgekundet, daß der Vogt mit den Knechten im Wirtshaus ſaß. Gleichmütig zog er ſeines Wegs und zielte nur mit dem Schielaug zu den Fenſtern, hinter deren einem er den roten, gedunſenen Kopf des Vogtes erkannte. Er war noch keine fünfzig Schritt über das Wirtshaus hinausmarſchiert, da hörte er ſie ſchon hinter ſich brüllen und ſchreien. Hagelbeſoffen, wie ſie waren, torkelten ſie und kamen zu Fall, rappelten ſich wieder auf und ſtellten ſich derart unſinnig an, daß der Lederle doch ſchier aus dem Konzept gekommen wäre. 85 Er kam auch nicht recht dazu, ſein Erſtaunen aus⸗ zudruͤcken, denn patſch, klatſch ſchlug ihm einer ſeine Blater⸗ pfeife ins Maul, daß er nur ſo ſchweißte. Da nahm er ſeine Zuflucht zum Schreien. „Schrei nit als wie ein gemetzte Sau.“ Und mit Tritt und Puff und Speiwerk ſchleiften ſie ihn vor den Vogt. Einen Kopf hatte der wie ein Puter, und ſeine Schweinsäuglein, aus denen Schnaps und Bier tropften, hatten einen böſen, heimtückiſchen Schein. Der Lederle rappelte alle ſeine Frechheit zuſammen, putzte umſtändlich und bedächtig mit dem Armel ſein Hüt⸗ lein und ſchaute den Vogt von unten herauf an, halb frech, halb vorwurfsvoll. „Kummet mir ſo recht zupaß, der Junker Straßenfeger“, höhnte der Vogt,„warumb hant ihr ihn nit im Brunnen erſäufet?“ herrſchte er die Knechte an. „Was den Raben gehöret, ertrinkt nit gern“, meinte der Lederle frech. „Hanget ihn doch allſogleich uf!“ ſchrie einer von den Knechten. „Haſt usgeſpillet, Junker Galgenvogel“, höhnte der Vogt wieder. „Über ein kleins, und ein Kraih wurt dein Schielaug als ein weißen Sprützer von hinten fahren lan. Bindet ihme die Füeß uf den Puckel; jucket ihn das Fell, alsdann mag ers mit dem Ferſen kratzent!“ Und ſie banden ihm Beine und Arme nach rückwärts, daß ſich ihm der Bauch ſtraffte, ob er auch biß und um ſch ſchlug. Dann ſchmiſſen ſie ihn in die Ecke. Da lag er nun mit dem Geſicht gegen die Wand und kat, als kümmere es ihn nicht, daß ſie das Maislin mit ihm ſpielten. Knochen, Speiſereſte, ſchales Bier flogen nach ihm, und 86 wenn einer einen guten Treffer getan hatte, dann johlten ſie alle vor Vergnügen. Erſt meinte der Vogt ſich zu irren, aber dann merkte er, daß er ſich nicht täuſchte, der Lederle ſchütterte am ganzen Leib vor lauter Lachen! „Daß dich der Leibhaftig, ſtichet den Hund gar noch der Haber?“ Aber der Lederle lachte. „Bringet ihn hieher! Hie uf den Tiſch!“ Da packten ſie den Lederle und warfen ihn auf den Tiſch, grad vor den Vogt hin. „Was lacheſtu? Du Straßenfeger, du Ströter! Du Gugelknecht! Red, ſuſt möcht ich dir mein eiſirn Hend⸗ ſchuch in Schlund ſtoßen, daß der rot Saft uſerſteigt!“ Aber der Lederle lachte:„Vermeinet Ihr, Herr Vogt, ſo mein zween Augen ab eim Kraihenars geſprützet, Ihr weret heller ſehende worden?“ Der Vogt hob die Hand zum Schlage. „Oder vermeinet Ihr“, rief der Lederle ſchnell,„Euch wurt hernach kund und ze wiſſen, was der Lederle weißt⸗ „So will ich dich laſſen ſtrecken, daß du dein Wiſſen ehnder von dir gibſt, dann du ein Paternoſter geſprochen.“ „Ein Gulden möcht for die Potſchaft nit zu ring ſeind, Herr Vogt.“ „Uf, plotzet ihn, uf, daß er ſein Wiſſen uſerkotz.“ „Haltet ein! Haltet ein!“ „Willtu redent, oder nit?!“ Der Lederle verdrehte ſcheinheilig die Augen:„Da laſſet man ſichs ſchwer ankummen, ſparet nit Zeit noch Müh, derweil die anderen ſaufent!“ „Plotzet ihn!“ „Losbinden! Herr Vogt, losbinden, ſuſt möchtet Ihr zur Stellen ſeind, ſo die Katz uſm Baum.“ „Was for ein Katz?“ „Dieſelbigt, ſo verſchiedenen Herren den Grind übel zerkratzet.“ „Daß dich der und jener, was iſts mit dem Pfaff?“ „Reit zur Stunden gen Wolkenberg, den Freiberger zum Schirmherrn ze bitten, an unſeres gnädigen Herren Statt.“ „Kotz Bluets, allhunderttuſend Tüfel! Klepper raus! Wehren geſchnallt!“ „Was iſts, Herr Vogt, mit dem Guldend“ „Reit dich wieder der Satan, Aff, grindiger?“ Taumelnd und ſchreiend ſuchten die Knechte ihre Wehren zuſammen und polterten die Treppe hinunter. Der Vogt hinterdrein. „Herr Vogt, Herr Vogt!“ „Was willtu?“ „Iſt nit for die andern, Herr Vogt!“ Als der Vogt näher krat, flüſterte der Lederle vertrau⸗ lich:„Sprützet Roſenwaſſer uf Euer Hoſen, Herr Vogt, möcht ſuſt ichteiner meinen, Ihr hettet dem Pfaffen gere Haar unter die Wollen gſchlagen und in ſeim Sauſtall genächtet.“ Dem Vogt verſchlug's die Sprache. „Wurt nit verraten, Herr Vogt, wurt nitk verraten“, meinte der Lederle gnädig. Da band ihn der Vogt eigen⸗ händig los. Drunten vor dem Krug hielt der Teufel Kirchweih. Einer rutſchte im Rauſch auf der anderen Seite vom Klepper, ein anderer ſpornte und riß in den Zügeln, daß der ſeine rückwärts in die Miſte drängte. Ein dritter kam nicht in den Sattel und zog ſeinen Gaul ſchimpfend im Kreis herum. Da mußte der Konzenwirt ſeinen Leiterwagen anſpannen. Als letzter war der Lederle aufgeſtiegen. „Vergiß dein Strick nit“, ſagte der Konz. Fragend ſchaute der Lederle. „Judas“, murmelte der andere vor ſich hin und trieb ſeine Roſſe an. 88 Singend und johlend fuhren ſie davon. Voraus ritt der Vogt. *** Feldmaus und Sperling ſtöberten in dem Miſt, den die Bauern gebreitet hatten, nach unverdauten Haber⸗ körnern. Ab und zu tönte das Locken eines Rebhuhns. Die Haſen rekelten ſich in der Sonne, die ſchon weidlich vom Himmel brannte. Höher und höher ſtieg ſie am Firmament. Die Bauern, die drüben im Moos den Waſen ſtachen, hatten die Hemden abgelegt, ſo heiß war es. Die Luft flimmerte weithin, ſo daß ſie die Augen mit den Händen decken mußten, um die beiden Reiter zu ſehen, die auf der Landſtraße dem Walde zuritten. Der Engelbert Hiltensperger war es mit Michel, ſeinem Bruder. Er hatte ein enges Lederwams an und eng⸗ anliegende Strumpfhoſen. Den Spieß hielt er quer⸗ ſattel. Der Michel trug nur ein Kurzſchwert an der Seite und hielt ſich wie ein Bauer. Schweigend zogen die beiden ihres Weges, denn die warme Lenzſonne machte ſie müde. So nahm ſie der Wald auf. Zur Rechten und zur Linken ſäumten mächtige Farne den Weg. Eichen, Buchen, Eſchen wölbten ihre Kronen und verſchränkten ihre Aſte untereinander zu einem dichten Dach, durch das man kein Zipfelchen blauen Himmels er⸗ ſpähen konnte. Es war der Baumwald des Kemptener Abtes, in dem er ſein Wild hegte, ſich zur Freud, den Bauern zuleid. Die beiden Reiter zogen ſchweigend ihren Weg. Rote Schnecken krochen über den feuchten Grund.— Was unſere Zeit einen Wald nennt, iſt nichts als 89 ein wohlgeordneter Holzacker, darein alljährlich die Axt fährt und ihr planmäßig Schlachten hält. Damals aber trieb der Wald hundertfältigen Erſatz für die paar Bäume, die der Menſch ſchlug, und abgeſehen von ein paar Schweineherden, die auf Saumaſt getrieben wurden, und etlichen Dorfziegen, die ſchleckig nach jungen Trieben ſuchten, blieb das Holz ſich und ſeiner Einſamkeit überlaſſen. Der ganze Wald war verfilzt und verwachſen, ſtellenweiſe ſelbſt dem brechenden Keiler ein undurch— dringliches Hindernis. Da lebte er noch ſein eigenes un— heimliches Leben, hatte ſeine Stimmen, die dem Menſchen fremd und ſeltſam klangen, ſein Herz zum Klopfen brachten. Im Walde, im dickſten Dickicht ruhte der wilde Jäger, bis ihn ſeine Stunde weckte mitſamt ſeinem Troß, hin⸗ zufahren über Acker und Feld. Da irrten ruhelos die Seelen Gemordeter und ihrer Mörder. Unheimliche Stimmen ſchrien aus der Stille auf.— Und die durch den Wald mußten, bekreuzigten ſich zuvor und beteten einen Roſenkranz. Über den Wipfeln mußte ſich ein Wind erhoben haben, denn da, wo das Laub grüngolden aufzuleuchten begann, erhob ſich ein Rauſchen und Raunen. „Höreſtu, Bruder, was der Wald redet?“ Aber der Michel antwortete nicht, denn ſein Herz lauſchte ängſtlich nach fremden Stimmen. „Michel, mich will bedünken, die Menſchen ſeind einzigt uf der Welt, unſrem Herregott ins Handwerk ze pfuſchen.“ „Was willtu mit ſagent?“ „Iſt nit allweg und ällbott Streit und Unfried, und trachtet nit ein jeder nach des anderen Untergang?“ „Iſt nit alſo Gotts Will und Meinung?“ „Alſo ſagent die Pfaffen, machens ſich leicht und laſſent Gottvatter einen gueten Mann ſein, redent ällbott von ſeim Reich und machent die Welt zu des Tüfels Werk⸗ 90 ſtatt. Tät not, ſie Iauſcheten beſſer des Herrgotts Wald⸗ predigt!“ Als der Michel ihn fragend anſchaute, fuhr der Engel fort:„Will nit ein jeder des andern Herr ſein, ver⸗ meinende, der ſollt ihm dienen mit Leib und Seel, und will keiner dem andern das lützelſt Broſamle vergunnen. Und brauchetens bloß zu machen als wie der Wald. Da dienet ein jeds dem andern. Alſo iſt der Wald ein Leib und eine Seelen und trutzet dem Sturm und dem Schnee und der Hitzen.“ „Iſt mir nit erkenntlich, Bruder, wo uſer du witt!“ „Rucket das Unterholz zeſamm, ſchützet die ſtarken Stämm, kummet der Sturmwind dahergebrauſet, ſie ze brechen, ſo wehret ihm der dichte Buſch, und ſein Gwalt wurt von tuſend und aber tuſend Blättle und Zweigle zerzauſet. Und die großen Bäum dankens dem Geſträuch, ihr Kronen wehrent der Sunn, alſo daß ſie die Kleinen nit ustrocknet. Und das Moos und all Kraut und Gras dankets ihnen wiederumb, haltet den Regen, als wie ein Schwamm, uf, daß all mögent ihre Dürſten ſtillen.“ „Und die ſo die andern erſteckent?“ „Sie tuns nit us Bosheit, als wie die Leut!“ „Aber ein Tod iſt im Wald und ein bitter Sterben, wie bei denen Menſchen.“ „Sterbet eins im Wald, ſo dienet es im Tod no ſeinen Brüderen. So ſie ſterben, die Kraut und Gras und Pilz und die Tier im Wald, ſo faulent ſie und gebent Atzung denen, ſo die Wipfel reckent. Und fallet gar ein ſtarker Baum, ſo ſchimmelet und faulet er, und in ſeim Leib wurt ein groß neu Reich for allerlei Getier. So ſeind ſie verſchworn uf Tod und Leben und fodert keins vom andern meh, dann ſein Notdurft.“ Und ſchier zornig klang's, als er ausrief:„Ei, Ihr Herren, es möcht Euch wohl anſtehn, ſtreichet die Haar 91 hünder die Ohren und loſet uf Euers Herrgotts Wald⸗ predigt! Loſet und tuet danach! Alsdann mügent die Wetter und Stürmb anbrauſent wider die teutſch Nation, het alsdann kein Not nit! O teutſch Nation, wann kummet dein Tag“s!“ Da fuhr ein Spieß aus dem Dickicht. Der Grauſchimmel machte noch einen Schritt, ſtolperte, dann ſtürzte er zuſammen. Hart am linken Bein des Reiters vorbei war das Eiſen dem braven Roß durchs Herz gegangen. So ſchnell ſtürzte der Gaul, daß der Engel Hiltens⸗ perger nicht mehr Zeit fand, das rechte Bein unter dem Sattel vorzuziehen. „Reit zue!“ ſchrie er. Und der Michel gab ſeinem Gaul die Sporen, hieb um ſich, wohin es ging, und brach durch. Aus allen Büſchen waren ſie gedrungen, ſo daß der enge Waldweg ganz und gar verſperrt war. Und wie die Rüden den Keiler im Wundbett, ſo um⸗ ſtanden ſie den Engel. Fuhr auch einer gegen ihn vor, dem hieb der Engel das Kurzſchwert durch den Backen, daß er Zähne ſpuckte. „Dran! Dran!“ ſchrie der Vogt einmal übers andere, hielt ſich aber ſelber in gemeſſener Entfernung. Da fiel einem ein, daß der Grauſchimmel den Spieß noch im Leibe hatte. Mit dem ſtachen ſie nach dem Ge⸗ ſtürzten, ohne daß er ſein Kurzſchwert gebrauchen konnte. Da gab er ſich. Während ſie ihn banden, hielt ihm noch einer für alle Fälle den Spieß auf die Bruſt. Dann hoben ſie ihn auf den Leiterwagen. Dem tiefen Moraſt hatte er es zu danken, daß ſein Bein heil geblieben war. Vorſichtig ſtreckte er ſich, es zu erproben. Mit hũ und hott fuhren ſie los. 92 Hinterdrein ritt der Vogt:„Ei, du gottstrauriger Pfaff, wie iſt dir itz ze Muet? Sitzeſtu uf weichem Polſter! Itz möcht mannicher Sau, ſo zur Metzig wurt gfahren, wohler ſeind!“ Der Engel ſchwieg. Als ſie den Wald hinter ſich hatten, ließ der Vogt an⸗ traben. Da ſchnitten nun die Stricke den Gefeſſelten, ſcharf und hart, ſo daß er ſich drehte, um die Schmerzen zu lindern:„Ei, potz Natter, itz ſchnetteret ihm das Füdle“, höhnte der Vogt, und die Knechte erwiderten mit ſchallen⸗ dem Gelächter. So ging's mit Spott und Speiwerk Liebentann zu. Und wo ſie durch ein Dorf fuhren, folgten böſe und finſtre Blicke denen vom Gotteshaus, und hinter mancher Scheune hob ſich eine drohende Fauſt. Blitzſchnell fuhr die Kunde durch die Landſchaft:„Sie hant den Engel gworfen!“ Still und verlaſſen aber lag die Stelle, wo der Grau⸗ ſchimmel zu Tode gefallen war. Ein Füͤchslein ſchlüpfte durchs Dickicht, ſchnupperte und windete und ſprang mit ein paar Sätzen zu, fuhr wieder zurück und kehrte mit der Feh und einem halben Dutzend Welpen wieder. Die alten Füchſe riſſen den Grauſchimmel an, die jungen drängten und gilften. Ein eisgrauer Altfuchs kam hinzu; Beißen und Bellen, bis ſchnaufend und grun⸗ zend ein ſchwarzes Ungetüm durchs Geſtrüpp brach. Da wichen die Füchſe und räumten das Feld. Und hinter dem Keiler kam die Bache, eine zweite, dritte und vierte. Fauchend und ſchmatzend riſſen ſie die Fleiſch⸗ fetzen von dem toten Roß. War nicht gut anbinden mit dem Schwarzvolk, und ſelbſt ein brauner Bär, den der Blutgeruch gelockt, drückte ſich im Dickicht herum, bis die Säue ſich voll⸗ gefreſſen. Dann erſt kam auch er brummend und holte ſich ſein 93 Teil. Zwei Kolkraben ſaßen auf einem dürren Fichtenaſt und warteten, bis die Reihe an ſie kam. Johann von Riedheim, gefürſteter Abt von Kempten, war einer der klarſten und willensſtärkſten Köpfe unter den deutſchen weltlichen und geiſtlichen Fürſten. Um eines Hauptes Länge überragte der ſilberweiße Scheitel auf den Reichstagen die andern, und vor ſeinen großen, grauen Augen ſchlug manch hoffärtiger Wappenträger den Blick nieder. In mancher verwickelten Sache holte ſich der hochedle Kaiſer Marimilian ſeinen Rat. Dann ſtützte wohl Johann von Riedheim die bleiche, hohe Stirn mit dem feinen, blauen Geäder in die Rechte, und wenn er ſein klares Auge wieder zu ſeinem Kaiſer hob, hatten die Deutſchen mancherlei Nutzen davon. Zur Stunde ſaß er mik Johann Rudolf von Raitenau, dem Komtur, beim Schachſpiel. Rechte ſchob ſich aus dem faltigen Armel des ſchwarzſeidenen Hur Die weiße, ſchlan ieß einen Cäufer und lehnte ſich 1 ſpringen:„Schachmatt“, ſpr in den hohen, ſteilen Seſſel zurück. „Könige matt zu ſetzen iſt der Abte Spill“, meinte der Raitenauer. „Und die ſo trachten, es zu werden, übent ſich bei⸗ zeiten.“ Da lächelte der Komtur, wie nur ein Ordensherr lächeln kann, aber zu ſeinem geheimen Arger konnte er es nicht hindern, daß eine feine Röte ſein Geſicht überflog. Er machte eine leiſe abwehrende Handbewegung. Und ſchnell ſchlug der Abt das goldene Brücklein: „Hättet Ihr den Pauren nit preisgeben, wär mir das Spill nit vergunnt geweſt.“ 94 „Ei, ei, Euer Fürſtlich Gnaden, ſeit wannen achtet Ihr eins Pauren ſo viel?“ „Iſt ein Ding noch ſo ring, ich laß ihm ſein Gewicht! Iſt nur drüber ze wachen, daß ſich die Regul nit änder. Inſolang der Pauer nur ein klein Schrittlein derfet thon, inſolang trauet ich mir ällbot zu, das Spill in Händen ze halten.“ „Inſonderheit, ſo die Regul nur for den ein Teil gelt.“ „Wie meinet Ihr das, Hochgelahrt?“ erwiderte der Abt und ſpielte, wie es ſeine Gewohnheit war, mit der ſeidenen Gürtelſchnur. „Iſt nit Euer Günzburger Läufer ein lützel übereck zum Auerberg ſprungen?“ „Übereck?“ Diesmal fuhr die Röte über die Stirne des Fürſtabts.„Es ging nach der Regul, lex canonica!“ Der Komtur lächelte. „Fürchtet Ihr nit, gnädiger Herr, der Huß vom Auer⸗ berg möcht Euch das Spill zruckſtellen? Gleichenfalls nach der Regul, lex teutonica! Iſt nit gar lang her, ſeind die Pauren zum Kaiſer gloffen!“ „Iſt ihnen nit faſt wohl bekommen!“ „Die Läuft ſeind anders! Die Pfaffen ſeind nit meh allzuwohl gelitten in teutſchen Landen, da und dorten rühret ſich ein Bundſchuh, Fürſten und Herren möchtens übel ver⸗ merken, ſo einer im Ameiſenhaufen wöllt ſtieren und ſtupfen. Der Schwäbiſch Bund ganget zur Zeit uf faſt leiſen Sohlen.“ „Seied Ihrs nit ſelber geweſt, ſo mir den Weg gewieſen, wellet Ihr itz zruckſtecken?“ „ Urkunden „Redet mir nit von der Urkunden, han ſie einmalen in Mund gnommen, ſchlecht beſtanden vor dem Hiltensperger. Ihr ſollt mir nit meh von reden.“ Der Komtur zuckte mit den Achſeln. Der Fürſtabt aber erhob ſich und ging ungeduldig auf 95 und ab, ſo daß das Donauweibchen, vom älteren Syrlin zu Ulm kunſtvoll geſchnitzt, an der Decke hin und her ſchwankte. „Weiß nit, warumb der Vogt ſo lang verziechet.“ Er trat ans Fenſter und ſchaute ſinnend über die Tannen⸗ wipfel zu ſeinen Füßen:„Und dannoch ſeind nit viel in teutſchen Landen, als wie der Hiltensperger! Iſt kein falſch Aderle in ihme, alls umb ihn klar und lauter. Möcht ihm ſein Stärken ſchier neiden, iſt als wie ein ſtark, ungebärdig Roß, ſo ſein eigen Kraft nit ermiſſet.“ „Ei, ſo müſſet Ihr ihm lieblen und ſchmeichlen, bis es ſich onverſehens ein Sattel laßt ufwerfen“, lauerte der Raitenauer und meinte das Gegenteil. Da wurde des Abtes Geſicht hart und abweiſend. „Ein Hengiſt will kein Wallachen nit werdent! Schon einmalen die Sattelgurt geſprengt, den Sattel abgworfen, mueß hart uf hart mit ihme zſammwachſen. So ich ihme die Sprungſehnen nit verſchneid, kunnts leicht be⸗ ſchechen, er möcht mir mit den Hufen vor die Bruſt ſchlan, daß mir der Luft usganget!“ „Wo uſer zielet Ihr mit ihme?“ „Kummt Zeit, kummt Rat“, erwiderte der Abt und ſetzte leiſe hinzu:„Gebet was drum, ſo ich wüßt, wohin der Hiltensperger zielet. Vermein, es ſeie kein lützel Ding nit!“ Da blies der Wächter vom Turm; man hörte die Zug⸗ brücke raſſeln, das Tor kreiſchen, dann das Gepolter eines Leiterwagens, das Getrappel der Reiſigen, die ihre Roſſe zu Betzigau geholt hatten. Sie hatten Zeit gehabt, ihre Köpfe verrauchen zu laſſen; nur der Vogt hatte noch etlichs aufgegoſſen und dazu noch ein böhmiſch Glaskrüglein voll Enzianſchnaps in die Taſche geſteckt. Im engen Burghof war alles zuſammengelaufen, was Beine hatte, die Knechte aus den Ställen, die Kuh⸗ und Schweinemagd, Jagdknechte, Reiſige. 9 Die Ankömmlinge verſorgten ihre Roſſe in den Ställen, der beſoffene Vogt ſchrie und befahl bald hott, bald hüſcht! Auch konnte er ſich nicht genug tun an Spott und Spei⸗ rede über den Gefeſſelten. Endlich ſchnitten ſie ihm die Baſtſeile durch, mit denen ſeine Beine zuſammengebunden waren, hoben ihn von dem Karren und ſtellten ihn auf die Füße. Kaum ſtand der Engel, da flogen auch ſchon zwei Knechte, von harten Tritten getroffen, über das Pflaſter, wie wenn der Keiler die Rüden ſchleudert. Dann ſtellte er ſich mit dem Rücken gegen die Wand: „Her! Her! Herr Vogt, meine Bein reichent nit zu Euch.“ Die Knechte zauderten, und der Vogt ſchielte verlegen zu dem Fenſter empor, an dem der Abt mit dem Raitenauer ſtand. Jener wandte ſich zu dem Komkur:„Ich will ihm ein Richter ſein, alſo, daß er an Gotts Genad verzweiflet, dannoch mich widerets, ſo ein ſtarker Hirs ſoll von ſchlechten Hunden griſſen werden. Ganget hinunter, Herr Johann Rudolf, und ſchauet zum Rechten.“ Mit dem leiſen Tritt, der ihm eigen war, eilte der Chor⸗ herr hinunter, wies die Knechte ſamt dem Vogt zur Seite, dann ſagte er zum Engelbert Hiltensperger mit ſeiner weichen, tonloſen Stimme:„Sein Fürſtlich Gnaden will, daß Euch kein Unehr nit widerfahr von denen Knechten. Doch möcht es Euch ſelbſten zur Unehr gereichen, ſo Ihr Euch des Gwalts unterſtundet wider Seiner Fürſtlich Gnaden Will und Meinung.“ Dem Engel waren des Chorſtifts verfeinerte Sitten nicht fremd. So zwang er ſich zur Ruhe und ſprach:„Wollt mir nit minder übel anſtehn, ſo ich gebunden und gefeßlet als ein Dieb und Landſtörzer vor ſein Fürſtlich Gnaden wollt treten.“ Da ließ ihm der Raitenauer die Handfeſſel löſen. „Itz folget mir“— und ſie ſtiegen zuſammen die Wen⸗ Gchmückle— 97 delkreppe hinauf. Sporenklirrend, ſtolpernd und fluchend folgte der Vogt mit etlichen Knechten. Herr Johann ſaß in einem hohen Stuhl vor dem Eichen⸗ tiſch, über dem das Donauweibchen hing. Der Raum war ganz getäfelt im Ulmer Stile. Ein mächtiger Ulmer Schrank ſtand an der einen Kurzſeite, an der anderen eine große Florentiner Truhe. Vor ihr lag ein koſlbarer Teppich aus dem Morgen⸗ land. Hoch erhobenen Hauptes trat der einſtige Waffenmeiſter durch die Türe— ſchier bis an die obere Füllung reichte ſein mächtiger Wuchs. Da ſtand er, die Augen feſt auf den Fürſtabt gerichtet, rechts von ihm der Vogt, links der Komtur. An der Tür mit gekreuzten Hellebarden zwei Knechte. Klar und feſt blieb des Bauernmeiſters Stirn; dem Abt begann der Zorn den Blick zu dunkeln— er höhnte:„Hini, zum Teufel, ſo ſiehet er, der Huß vom Auerberg!“ Der andere lächelte. „Das Lächlen ſoll Euch verſalzen werden, des ſollt Ihr gewiß ſeind!“ „So einer ſoll uf den Roſt, ſtandet ihm Pfeffer und auch Salz gar wohl zu, vergeſſet Safran nit, noch Ingwer!“ Der Abt biß ſich auf die Lippen. Der Bauer ſollte ihn nicht aus der Ruhe bringen. Aber der Vogt meinte, nun ſei der Augenblick ge⸗ kommen, ſich ins rechte Licht zu ſtellen:„Zu dienen, Euer Fürſtlich Gnaden, iſt mir ein Knecht totfallen von ſeiner Hand!“ Und voller Umſchweif berichtete er, wie die Bauern den Knechten offene Gewalt entgegengeſetzt hätten. Der Engel lächelte und dachte an ſeinen Sauſtall. Der Vagt aber ſchloß mit den Worten:„Seiner Huren und Pfaffenkellerne kunnten wir nit habhaft werdent.“ 98 Hätte er nun den Engel angeſchaut, er hätte kein Wört⸗ lein mehr geſprochen, ſo tat er noch ein übrigs:„Das walt Gott, ſprach der Pfaff, do ſtieg er uf die Magd!“ lachte er roh. Da traf ihn des Engelbert Hiltenspergers Fauſt zwiſchen die Augen, daß er lautlos wie ein Sack zu Boden ſtürzte und einen dicken Strahl Schnaps, Wein und Schwarzbier von ſich gab. Johannes von Riedheim war ein harter und unerbikt⸗ licher Herr, und das Herz in der Bruſt war ihm mit der Zeit abgeſtorben, aber ritterlich Blut kreiſte in ſeinen Adern, und wo die Stimme des Rechts und des Mitleids ſchwieg, vor einem beugte er ſich, vor Mannesmut und Manneskraft! Drum klang es ſchier verächtlich, als er auf den Vogt deutete:„Schaffet die Rauſchſau hinaus!“ Und ein ungeduldiger Wink ſcheuchte auch die andern. Als letzter ging der Komtur. Nun waren die beiden allein. Der Abt ſetzte ſich. Vor ihm ſtand ſein einſtiger Waffenmeiſter, das Hemd hing ihm beſchmutzt und zerfetzt von den Schultern. Zwei Männer, wie es in deutſchen Landen kein halbes Dutzend gab. Zwei Männer, zwiſchen denen Haß und Zorn flackerte, die in tiefſter Seele heimlich eine Brücke zueinander ſuchten, die ſie doch nie finden konnten. Haß des Herrn wider den Aufrührer! Haß des Bauernbluts wider ſeinen Plager! Sie ſchwiegen, und der Zorn wogte vom einen zum andern, ſtieg ihnen in die Kehle und drohte ſie zu er⸗ ſticken. Der Abt hatte auf die Stunde gewartet, nun fand er kein Wort, das ihm hart genug ſchien, den andern richtig zu treffen. Auf ſeinem Antlitz kam und ging die Farbe. +———— „Wahr dein Ruh, Engel, er will das Häsle us dir machent, ſo vor des Leuen Rachen zaget!“ „Wahr dein Ruh, Johann von Riedheim, er will ein tollwütigen Hund us dir machen, ſo ſich ſelbſten in den Schwanz beißet!“ Endlich kam es langſam von den Lippen des Abtes: „Im ganzen Kemptener Land möcht' kein Galgen hoch genug ſein, Euch daran ze henken. Gott genad Eurer Seel, Hiltensperger, an Todſünden fehlets Euch nit!“ „Blau! ſo all Leut wöllten ſeind, als ſie ſollten, alsdann wärent die Kemptener Pauren ein Herd von Lämmlein und der Abt von Kempten ein gueter Hirt!“ „Redet als ſo weiter, uf daß das Maß voll werd, ſo's not iſt! Mir langets! Wilddieb, Prieſter im Konkubinate, Totſchläger, Ufrührer!“ Da richtete ſich der Hiltensperger hoch auf:„Den Knecht han ich erſchlan, ich tats in der Not, des ſei Gott mein Zeug! Ob das Wild im Wald den Herren von Ihme geben, ſell weiß der Herre allein! Was das Weib an⸗ langet, ſo waret Ihr wohlberaten, da Ihr den Raitenauer hinausgeſchickt, hätt Euch der mügen leichtlich das Wurt verüblen umb ſeiner Meluſina willen! Vermein vor Gott und den Heiligen möcht dem Leutprieſter recht ſeind, was dem Chorherren billig!“ „Wahret Euer Zung, ſolang Ihr ſie noch habet“, donnerte der Abt, und die Adern ſchwollen ihm dick an. „ÜUfruhr hant Ihr geprediget wider Abt und Gotteshus. Seit Ihr uf dem Auerberg, iſt kein Zehent meh bezalt, maulent und rottierent die Pauren.“ „Wills verantwurten vor Gott!“ „Soll nit meh lang dauren, will Euch zum ſchnellſten vor ſein Thron verhelfen!“ „Ein verſchrockener Mann iſt im Himmel nit ſicher! Ihr irret, Herr, ſo Ihr meinet, der Engelbert Hiltensperger 10⁰ werd bleich Naſen geben“, erwiderte der Leutprieſter gleich⸗ mütig. Der Abt aber fuhr fort:„Iſt no nit allzulang, da die Pauren vergeſſen, was ſie dem Gotteshus ſchuldig. Bin über ſie kommen mit dem Schwäbiſchen Bund, als wie Joſua über die Amalekiter, dannoch nit genung geſenget und gebrennet, ſuſt wärs nit ſo ſchnell vergeſſen. Ganget von neuem ein Rührauf umb im Land, auch da und dorten ein Bundſchuh ufgericht bei Hochzeiten und Kirben. So Ihr mir ſaget, was ſie verſchworn, mir auch die Rädlis⸗ führer benennet, ſo will ich Euers Lebens verſchonen.“ Der Abt errötete beim letzten Satz, hätt' ihn auch gleich lieber nicht ausgeſprochen gehabt. „Bin einmalen eins Pauren gewahr worden“, lächelte der Leutprieſter,„der hat mit Gwalt wellen ein Igel lauſen, hat ſich der Paur die Finger übel zerſtochen!“ „Alſo weigeret Ihr Euch ze reden?“ „Herr, ein Kund will ich Euch gebent: Seind die Pauren nit meh die Häslin, als zuvor, vielmeh mit Schwert und Spieß wohlgerüſt. Hütet Euch, ſo Ihr den Auerberg wellet lauſen, daß Ihr Euch die Finger nit zerſtechet, der Berg iſt faſt ſtachlicht von Spießen. Und eine ander Kund will ich Euch gebent: Iſt ein alt und verbrieft Recht, daß die Pauren, ſo ſie der Herr onmenſchlich und wider Recht drucket und ſchindet, ein neuen Schirmherren ſollent wählen. So hant die vom Auerberg letzlich den Freiberger uf Wolkenberg zum Schirmherren erküret.“ Der Abt fuhr vom Stuhl:„Das iſt Euer Werk!“ „Wills nit leugnen.“ Deutſch Recht wider römiſch Recht! Der Bauer hatte ihm das Spiel zurückgeſtellt, der Komtur recht behalten. Ganz weiß vor Zorn war der Abt. Er wußte, daß die Juriſten im Deutſchen Reich ver⸗ haßt waren, nicht weniger als die Pfaffen und nicht nur 101 beim kleinen Mann. Die Ritter und die in den Städten ſtanden dabei nicht zurück. Er wußte, daß es kochte und brodelte wider das fremde, wurzelloſe Recht, mit dem Fürſten und Pfaffen die alten Freiheiten der Ritter und Bauern zu droſſeln ſuchten. Der Jorn ſchüttelte den Abt, und ſeine Stimme ſchlug ihm über, als er nach den Knechten rief:„Werfet ihn in den Turn! Höret ihr nit?“ ſchrie er nochmals, als die Knechte nicht Hand anzulegen wagten. „Werd den Weg ſelber ze finden wiſſen“, meinte der Hiltensperger und ſchritt gleichmütig hinaus, hinter ihm die Knechte, die ihm ſtoßend und drängend folgten. Als ſie den Gang des Erdgeſchoſſes durchſchritten, der zur Turmtreppe führte, begegnete ihnen ein junger Mann, der eilends mit abgewandtem Kopfe vorbeiſchlüpfen wollte. Da klang des Engelbert Hiltensperger Stimme laut hallend durch den Gang:„Konzlin! Konzlin! itz haſtu mich zum erſtenmal verraten.“ ***. Lange hatte der Fürſtabt geſeſſen und war mählich ruhig geworden. Und mit der Ruhe war eine große Müdigkeit über ihn gekommen. Die Müdigkeit derer, die ihr Tage⸗ werk getan wiſſen und an den morgigen Tag nicht mehr glauben. Wilddieb? Er, Johann von Riedheim, wird nicht mehr viel Wild erlegen auf der Welt, mochte der Raitenauer einmal ſehen, wie er's mit ſeinem Wildſtand halte. Konkubine? Hatte nicht jeder der Chorherren deren mehrered Liefen nicht zahlreiche uneheliche Kinder in Kempten herum, die, 102 reſpektvoll an den Fingernägeln kauend, von weitem ihre geiſtlichen Väter betrachteten d Ufrührer? Das war ein ander Ding! Und ſchon wieder fuhr dem Abt die Zornröte ins Geſicht, da ſiel ihm das Wort ein: „Könige matt zu ſetzen iſt der Abte Spiel.“ Und nun ſaß er eine lange Stunde, die Stirn in die ſchlanke Rechte geſtützt, und ſann. Vor ihm ſtand der hochedle Kaiſer Mar mit den leuch⸗ tenden Augen, die niemals logen. Lange Jahrzehnte kannte er ihn, und ſein Rat hatte den Kaiſer begleitet von den Jahren der heiligen jungen Begeiſterung bis in die Zeit, da dieſem der Glaube an ſich und ſein kaiſerliches Amt verlorengegangen war. „Unſer Reich komme“, hatte der junge Kaiſer gebetet. Die Deutſchen hatten ihn umjubelt:„Unſer Reich kommet.“ Immer wieder hatte ſein Feuergeiſt einen neuen Plan für die Größe der deutſchen Nation ausgearbeitet. Immer wieder war er zerbrochen an den deutſchen Fürſten, den Totengräbern des Reiches. Und ging es nicht anders, dann kam ein Fürſt der Kirche und legte dem Kaiſer die Hand auf den Arm. Mit kühlen, grauſamen Worten träufelte er Hoffnunggloſigkeit in das glühende Herz, bis im Laufe der Jahre dieſes Herz ganz mutlos wurde.— Wie oft hatte ein ſolcher Kirchen⸗ fürſt Johann von Riedheim, Fürſtabt von Kempten, ge⸗ heißen! Und doch war Marimilian der einzige Menſch geweſen, den der Fürſtabt im Leben geliebt hatte! „Könige matt zu ſetzen iſt der Abte Spiel!“ „Ufrührer?“ Es gab ja nichts als Aufrührer im weiten Deutſchen Reich: Der Bauer wider die Herren, die Fürſten, weltlichen und geiſtlichen Standes, wider Kaiſerliche Majeſtät! Die 10³ Ritter wider die Fürſten! Die in den Städten wider alle andern! Alle andern wider die Städte! „Könige matt zu ſetzen iſt der Abte Spiel!“ Er kam nicht über das Wort weg. Er war ſo tief in Gedanken, daß er es überhörte, als der Komtur eintrat und ihm meldete, daß die Chorherren auf Schloß Liebentann entboten ſeien. Herr Johann von Riedheim führte den Vorſitz im Konvent. Zu ſeiner Rechten ſaß der Raitenauer, der mit ſeinen fleiſchigen Fingern in allerlei Urkunden und Schreiben blätterte und den Kaſus Hiltensperger noch einmal genera⸗ liter zuſammenfaßte. Der Abt ſaß leicht zurückgelehnt, die Augen zur ge⸗ täferten Decke erhoben, in deren Mitte die Mutter Gottes auf einer ſilberweißen Wolke thronte. Seine ſchlanken Finger ſpielten auf der Lehne des Stuhles. Er hörte dem Redner kaum zu; ſeine Ge⸗ danken gingen Wege, die ſie lange nicht gegangen waren. Nun wandte er den Blick zum Raitenauer, ſtreifte das dünne ſemmelblonde Haar und blieb auf den Lidern haften, die unter einer fliehenden, brauenloſen Stirn hervorquollen und nur ab und zu ſich hoben, um einen jener Blicke über die Verſammelten zu werfen, die nirgends haften. „Mein Nachfolger!“ durchfuhr es den Abt. Da züngelte ein böſer Haß in ihm auf, und er ertappte ſich auf dem Gedanken:„For den Raitenauer?“ Leiſe fuhr er ſich mit der Rechten über den Handrücken der linken Hand, die pelzig und ohne rechtes Gefühl auf der Armlehne des Seſſels lag. Dann ſtützte er wieder den Kopf in die Rechte: Wie ein Plätſchern ohne Sinn und Inhalt ſchlugen die Worte 104 des Komturs an ſein Ohr. Die Schläfe pulſte ihm, und er konnte den unregelmäßigen Gang ſeines Herzens fühlen— ein wehmütiges Lächeln flog über ſeine Züge. Was für ein Leben hatte er gelebt! Verhätſchelt und be⸗ wundert von ſeinen Zeitgenoſſen, hatte er über alle Fürſten geragt, und wenn er auf dem Reichstage ſprach, konnte man ein Mäuslein pfeifen hören. Er reckte ſich im Stuhl: Für eine Welt hätte ſein Geiſt gereicht, um eine Abtei hatte er ſich verbraucht! Und müde ſanken ihm ſeine Arme wieder zur Seite nieder. Er hörte des Raitenauers fettige Stimme. Für was? Für wen? Für freſſende und hurende Chorherren! „Könige matt zu ſetzen iſt der Abte Er lächelte bitter. Ei, was, für ſich ſelber hatte er gelebt! Da fühlte er wieder, wie ihm die Linke pelzig wurde. Ja, ja, des Raitenauers Stunde kam. Mehr denn einmal hatte er dieſen darüber ertappt, wie er ihn forſchend anſah, hatte ihm ſeine Gedanken dabei von der Stirne geleſen. Immer ſtand der wie ſein Schatten hinter ihm, als müßte er gleich einſpringen. Und die andern? Nun, die wollten nicht mehr, als daß man ſie ihr Luderleben treiben ließ. Dort war der Hiltensperger geſtanden! Blau, das war wenigſtens ein Mannskerl! Was der bloß bei den Bauern wollte? Wenn er den Harnaſch umgeſchnallt hätte und dem Frundsperg zugelaufen wäre, der ſo oft nach ihm ge⸗ ſchickt hatte, ja, das hätte er begriffen! Aber um ein paar ſchwarzer Bauern willen? Was waren ihm ſelber die Bauern? Nicht ſo viel wie Vieh im Stall! Fürs Aufmucken hatte er ihnen getan, den Roßmucken! Er hatte den Ruch von Feuer und Rauch noch in der Naſe! Ob vielleicht damals einer von des 105 Hiltenspergers Sippe hatte dran glauben müſſen? Rache? Mein, die hätte er anderswie genommen. Mit einem ſchlug des Raitenauers Stimme wieder an ſein Ohr, auch die anderen Chorherren ſchienen zu er⸗ wachen, der dicke Wernauer ſchrak ordentlich aus dem Schlaf. Alſo, der Engelbert Hiltensperger ſollte vor ein geiſt⸗ lich Gericht geſtellt werden! „Wärs bloß darumb, hätt ich Euer nit benötigt, Hoch⸗ gelahrt.“— Scharf und ſchneidend klang des Abtes Stimme, daß der Raitenauer erſtaunt aufſchaute. Und der Abt zog ein Schreiben aus der Schaube, ent⸗ faltete es und las es vor. Es ſtammte vom Freiberger auf Wolkenberg, mit dem nicht zu ſpaßen war. Kurz und bündig war ſein Verlangen: Auslieferung des Engelbert Hiltensperger! Anerkennung ſeiner Schutzherrſchaft! Da ſteckten ſie die Köpfe zuſammen: Ohne Zehent keine Weiber, kein Wohlleben! Jetzt wachten ſie auf! Erſt wollten ſie kurzen Prozeß machen mit den Bauern, ſo wie damals mit dem Schwäbiſchen Bund. „Teutſch Recht wider römiſch Recht.“ Der Fürſtabt zuckte die Achſeln.—„Itz gangets umb die Braut!“ Das wollte nicht recht in die Herrenköpfe. Recht oder Unrecht galt doch bloß, wenn ſich die Herren ſtritten. Für ſchwarze Bauern gab's nur ein Recht, das ihrer Herren! „Sell müget Ihr beim Freiberger erfragen. Iſt zu fürchten, daß die ganz Ritterſchaft hinter ihm ſtandet, wär kein übler Vorgang nit, us eim Bistum oder einer Abtei Riemen for die Ritterſchaft ſchneiden.“ Da waren der Meinungen ſo viel wie Köpfe, bis der Abt entſchied, der Weiſchenfelder ſollte nach Rom fahren, einen Bannſtrahl wider den Freiberger erwirken, er ſelber wollte nach Ulm, wo ihm eine Schweſter wohnte, den 10 — Kaiſer zu erwarten, der die Sache im Sinne des Gottes⸗ hauſes entſcheiden ſollte. Da waren die Herren vom Chorſtift guter Dinge und eilten ſo ſchnell ſie konnten nach Kempten zurück, wo es kurzweiliger war als auf Liebentann. *** Weithin hatte die Einkerkerung des Engelbert Hiltens⸗ perger die Bauern erregt. Von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof war der Michel geritten. Endlich hatte der Heinrich Schmid von Luibas, genannt Knopf, die Sache in die Hand genommen und die Bauern der ganzen Landſchaft nach der uralten Malſtatt bei Luibas berufen, denn von je hatten die Schmide von Luibas das Herz auf dem rechten Fleck, wenn's um der Bauern Sache ging. Und um die Bauernſache ging's, das witterte der Schmid ſofort! Von allen Seiten kamen ſie mit Schwertern, Spießen, Morgenſternen, etliche hatten ſogar Hakenbüchſen. Die Wege, die gen Luibas führten, wimmelten von Bauern, ſelbſt von Memmingen und der Füſſener Gegend zogen ſie heran. Von Kempten kamen die armen Leute, die immer dabei waren, wenn es in der Bauernſchaft gärte, in ge⸗ ſchloſſenem Haufen. Die Malſtatt ſelber war anzuſchauen wie ein großes Feldlager. Marketender hatten ihre Buden aufgeſchlagen, fahrend Volk ſammelte die Schauluſtigen in dichtgedrängten Kreiſen um ſich. Da waren Feuerfreſſer, Degenſchlucker, ſolche mit Affen und ſolche mit Tanzbären, Reifenſpringer und Seiltänzer, Zauberer und Wahrſager. Immer mehr Bauern kamen, ſo daß die Malſtatt die Menge ſchier nicht zu faſſen vermochte. Und mitten drin der Lederle, gleich bereit die Blater⸗ 107 pfeifen zu ſpielen, einzuſammeln und zu lauſchen, ob's etwas nach Liebentann zu berichten gebe. Da ließ der Knopf zum Ring ſchlagen. Das fahrende Volk mußte von der Malſtatt, und die Bauern ſchloſſen einen mächtigen Kreis. EDs war ein Gemurmel und Ge⸗ raune, bis die Trommel zum zweitenmal geſchlagen wurde. Dann herrſchte eine lautloſe Stille. Inmitten des Rings ſtand der Knopf und redete, redete von der Not der Bauern und ihrem Kampf ſeit der Väter und der Vorväter Tagen. Vom Glauben an ihr Recht und vom Glauben an die gottgeſetzte Obrigkeit. Wie das Recht immer wieder gebeugt und gebrochen, wie der Bauer immer wieder betrogen wurde, Stück um Stück ſeiner alten Freiheiten beraubt, mit Hilfe der Juriſten. Ein zorniges Murmeln ging durch den Ring. „Hat nit unſer gnädiger Herr zu Kempten gelobet, er wölle uns ein gueter und gnädiger Hirt ſeind?“ „So iſt's, ſo wahr uns Gott helfe!“ tönte es im Ring. „Hat er nit den freien Pauren und Zinſer zum Gottes⸗ husmann gemacht, eigen an Leib und Seel, wider Recht vor Gott und denen Menſchen?“ „So iſt's, ſo wahr uns Gott helfe!“ „Hat er nit die freien Weiber und Kinder dem Gottes⸗ hus verwandt gemacht, römiſch Federfuchſer wider guet teutſch Recht getrumpfet?“ „So iſt's, ſo wahr uns Gott helfe!“ „Hat er nit den halbeten Erbfall mit Reutern und reiſigen Knechten ſich geholet, Waiſenkindlein ihres Erbs beraubet, Unmündige gezwungen, ſich leibeigen ze gebent?“ „So iſt's“, ſchrien ſie durcheinander. „Hat er nit bis uf hundret Gulden, je auf den dritten Pfennig geſtrafet, ſo einer ſich gewehret? Hat er nit die Straf uf den Hof gſchlagen als ewigen Zins, ſtatt zween Schillinge bis zu vier Gulden an Zinſen von den Zins⸗ 108 leuten gefodert? Hat er nit in Block und Turn gelegt, ſo einer widerſtandend“ „So iſt's!“ ſchrien ſie, und man hörte Flüche und Waffenklirren. „Gemach, ihr lieben Brüder, taidinget nit im Zoren! Soll ein jeder ein Paternoſter ſprechent, uf daß er ver⸗ rauchet.“ Und die Bauern beteten laut und kindlich. Als das Vaterunſer verklungen war, fuhr der Knopf von Luibas fort:„Alſo iſt mein Fürſchlag: So wöllen wir tun, wie unſere Brüder vom Auerberg getan! Wir kurent als Schirmherren den Freiberger uf Wolkenberg, ihn bittende, er wölle uns ein gueter und gerechter Herr ſeind. Auch wellent wir ein Bruderſchaft gründen, einer den andern ze ſchützen bei Brief und Recht, und ſo's nok tuet, ein Prozeß ze führen wider unſeren vorigen Herren, den Abbet ze Kempten. Und ſoll ein jeder, der alſo geſonnen, zwiſchen dieſen zween Spießen hindurchgehen, ſoll aber keiner hindurch⸗ gehen, ſo nit zur Landſchaft gehöret. So aber einer durch die Spieße gangen, der ſoll nit weichen von unſrer Sach und ſein Schilling dazugeben, bis uns unſer Recht iſt worden!“ Da gingen alle zwiſchen den Spießen durch. Gerade, als der Knopf wieder anheben wollte zu ſprechen, hörte man Pferdegetrappel, und auf der Straße ſah man von weitem einen Haufen Reiter in einer Staubwolke dahertraben. An der Spitze ritt der Füͤrſtabt. Angſtlich drängten ſich die Bauern zuſammen, als fühlten ſie ſich in der Gemeine ſtärker; die aber weiter hinten ſtanden, murrten und ließen ihre Waffen drohend klirren. Er war ein tapferer Herr, der Johannes von Riedheim, und ein hochmütiger Herr war er auch. Er ließ ſein Gefolge auf der Straße halten, gab ſeinem Rappen die Sporen 109 und ſprengte in den Ring, daß die Bauern auseinander · ſtoben. Dicht vor dem Schmid von Luibas parierte er ſeinen Gaul. Bleich war der Knopf, aber er ſchaute dem Fürſtabt gerade und furchtlos ins Auge. „Wer biſtu?“ „Der Heinrich Schmid von Luibas.“ Hochrot im Geſicht war der Abt, und ſeine Adern traten ihm wie blaue Stricke aus der Stirne. Aber ſeine Stimme klang eiskalt, als er ſprach:„Laß dich nit ſtören, Heinrich, halt dein Red zu End. Hettz ſchon lang gere ein Red von dir gehöret. Bin ich recht bericht, ſo iſt ein Dr. utriusque juris an dir verlorn⸗ gangen!“ Auf dem Geſicht des Bauern wechſelte die Farbe. Er vermochte es nicht, den Blick vom Auge des Fürſtabts zu löſen.„Herr, wir ſeind ein arm und ring Volk———“ „Du ſollt weiterreden, wo du ufgehört!“ „Herr, Ihr wiſſet ſelbſten, wo den Pauren der Schuch druckt.“ „Kotz Bauch und Lung! Willtu itz weiterreden oder nit?“ Erſt wollte den Schmid ein Zittern befallen, dann aber raffte er ſich zuſammen— er ſchüͤttelte den Kopf, als wollte er alles wegſchütteln, was ihn hemmte. Die Bauern hielten den Atem an. Der Knopf aber ſprach mannhaft und laut:„Ind it zum andern, liebe Brüder, ihr wiſſet, daß unſer gnädiger Herr zu Kempten den Engelbert Hiltensperger durch den Günzburger Vogt hat laſſen fahen, in Turn ſperren bei Waſſer und Brot. Und iſt ein Klag erhoben wider den Engelbert Hiltensperger uf Leben und Tod wider Recht und Satzung, dann iſt kein ander Gericht zuſtändig, dann zu Memmingen.“ 11⁰0 Im Anklitz des Herrn Johannes gewitterte es, und die Fäuſte zuckten ihm! Der ſchwarze Bauer beſtritt, wagte es, ihm den Blutbann ſtreitig zu machen! Aber nun war der Schmid von Luibas im Zug, ſeine Worte überſtürzten ſich:„Alſo und darumb, daß der Engelbert Hiltensperger ällbott zum Gueten und Frieden geredt und niemalen ein ufrühreriſch Weſen gemacht, wellent wir unſern gnädigen Herren zu Kempten bitten umb des lieben Friedens willen, den Hiltensperger frei und ledig zu geben, auch nit zu vergeſſen die feierlichen Zu⸗ agen———“ Der Fürſtabt trieb ſeinen Gaul auf den Schmid los— die Reitpeitſche ziſchte hoch. Erſchreckt und abwehrend hob der Bauer ſeinen Arm über den grauen Scheitel. Da griff der Michel Hiltensperger in die Zügel und riß den Gaul mit einem mächtigen Ruck zurück. Eine, zwei, drei Sekunden lang ſtarrte der Abt dem Michel in die Augen. Er zuckte zum Hieb. Die Peitſche ziſchte hoch. Da fiel ihm die Rechte leblos herunter. Er wollte dem Gaul den rechten Sporen geben— Das Bein gehorchte nicht mehr. Durch ſein Gehirn ging ein Rauſchen und Klopfen, die Augen wurden glanzlos und ſtarr, und der Mundwinkel hing ihm ſchlaff herunter. Haſtig griff die Linke noch ein paarmal in die Luft. Dann ſank er vom Roß. Der Michel fing ihn auf. Die drei Chorherren mit den Knechten ſprengten unter die Bauern. In ihrer Mitte legte der Michel den Abt behutſam ins Gras. Die Bauern waren in heller Aufregung:„Ein Gottes⸗ urtel! Ein Gottesurtel!“ Und tauſend Bauern knieten in ihrer Einfalt nieder, 11¹ denn Gott hatte ja Recht geſprochen zwiſchen ihnen und ihrem Herren. Herr Johannes war bei vollem Bewußtſein. Sein Auge hatte von ſeiner Starrheit verloren. Er lag bleich und ſtill und ſchaute in den blauen Himmel. Neben ihm kniete der Michel Hiltensperger. Die Knechte wollten Hand an ihn legen. Da erhob ſich ein Murren und Waffenklirren, ſo daß es ihnen ratſam erſchien, von ihrem Vorhaben abzuſtehen. Herr Johannes Raitenau beugte ſich nieder und ſchaute dem Abte geſpannt ins Geſicht; er wußte, nun ſchlug ſeine Stunde. Der Sterbende mochte ihm ſeine Gedanken von der Stirne ableſen, denn das Lächeln, das den gelähmten Mund verzog, war namenlss bitter. Der Raitenauer wandte ſich ab und ordnete die Rück⸗ kehr nach Liebentann an. Da öffnete der Kranke mühſelig den Mund, und ver⸗ quollen kamen die Worte heraus:„Bringet mich gen Ulm zu miner Schweſter.“ Der Raitenauer ſchickte ein paar Reiſige, eine Sänfte zu holen. Der Abt mühte ſich, noch etwas zu ſagen, endlich verſtand man ihn:„Holet den Engelbert Hiltensperger!“ Dann trugen ſie ihn hinein ins Dorf Luibas. Die Bauern waren bis in die kiefſte Seele erregt. Für ſie hatte Gott geſprochen! Gott war mit ihnen und ihrem Recht! Nun konnte es nicht mehr fehlgehen! Da taten ſie noch ein übriges: Der Schmid von Luibas ſollte zum Kaiſer reiten und ihre Sache vertreten. Er brach noch in derſelben Nacht auf. Dicht hinter Ottobeuren, dort, wo die Straße in den Wald eingeht, ließ ihn Herr Johann Rudolf von Raitenau erſchlagen. 112 Kaiſer Maximilians Freund, der Fürſtabt zu Kempten, vor dem ſich die deutſchen Fürſten neigten, lag auf einem Strohſack in einer elenden Bauernhütte. Mücken ohne Zahl ſummten und ſetzten ſich dem Kranken auf das klebrige Antlitz, ohne daß er ſich wehren konnte. Er lag ganz ſtill, aber ſein Geiſt arbeitete ohne Unterlaß, das dumpfe Dämmern zu durchbrechen, das ſich um ihn gelegt hatte. Und einen zweiten Kampf nahm er auf, den mit ſeinem armen unwilligen Körper. Nach wenigen Stunden hatte er den erſten Sieg über ihn erfochten— er konnte wieder ſchwach die Finger der rechten Hand bewegen. Und auch das dumpfe Dämmer lichtete ſich dann und wann. Da zog ein buntes Bild ums andere vorüber, um immer wieder unterzutauchen in den dichten Schleiern, die ſich vor ſein Gehirn ſchoben. Der zähe Kampf, den er unter dem Bewußtſein mit ſeinem unwilligen Körper führte, machte ihm Kopfſchmerzen. Er ſeufzte. „Wünſchet Ihr etwas, gnädiger Herr?“ fragte der dicke Wernauer, der eben an das Lager trat. „Der Raitenauer?“ „Iſt uf Liebentann, nach dem Rechten ſchauende.“ „Iſt der Hiltensperger noch nit hie?“ „Wird nit meh lang dauren, Euer Fürſtlich Gnaden.“ Und der Abt nahm wieder ſeinen ſtillen Kampf auf. Schrittlein für Schrittlein wich der Druck von ſeinem Gehirn. Immer wieder fragte er nach dem Engelbert Hiltensperger. Endlich brachten ſie ihn. Leiſe ging der Wernauer hinein, es dem Abte zu melden. Dann führte man den Engelbert Hiltensperger in die Stube. Und ſtill trat der Leutprieſter an das Lager des Kranken. Schmückle 0 113 „Sic transit gloria mundi!“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Seied Ihrs, Hiltensperger?“ „Ja, Herr, ich bin's.“ Der Kranke ſeufzte tief auf:„Es iſt gut, daß Ihr da ſeied, han mit Schmerzen uf Euch gewart, ſatzet Euch zu mir.“ Und wie der Engel die Holzbank zum Lager gerückt hatte, da taſtete der Kranke mit ſeiner Linken nach des Hiltenspergers Hand. Der Engel dachte, wie ſo anders er vor etlichen Wochen vor ſeinem Fürſten geſtanden war. Aber aller Groll war aus ſeinem Herzen gewichen, ein heißes Mitleid wogte ihm durch das Herz. Er ſah nur die Menſchennot auf dem ſtickigen Strohlager und dachte, wie ein ſo herrlicher Mann der Kranke vordem geweſen war. Er legte ſeine zweite Hand auf die blaſſe Linke des Fürſten, und ſeine Stimme klang weich und gut, als er ſagte:„Schonet Euch, gnädiger Herr, es wird alls recht werdent!“ Das wehe Lächeln, das um den gelähmten Mund hing, krampfte dem Leutprieſter das Herz zuſammen. „Ihr habet mich rufen laſſen, Herr?“ „Ich will beuchten.“ „Mir?“ entfuhr es dem Engelbert Hiltensperger. „Ja, Euch!“ „Herr, ich bin ein einfältig Mann, wie ſollt ich Euch folgen—“ Die Linke des Kranken machte eine ungeduldige Be⸗ wegung. Mühſelig und breiig mühten ſich aus dem hängenden Mundwinkel die Worte:„Nur Ihr allein könnet mich verſtehn!“ Und der Engelbert Hiltensperger, der Bauernprieſter vom Auerberg, neigte tief ſein Ohr zu dem Kranken. Und 114 Sätzlein an Sätzlein reihte ſich, ſtoßweiſe und mühſelig, abgehackt und verquollen. Manches Mal ging der Sinn unter in hilfloſem Geſtammel. Aber der Prieſter fühlte ihn und nickte, damit der Kranke merke, daß er verſtanden worden ſei. Dann ging wohl ein leichter Schein über ſein zerteiltes Antlitz— und er flüſterte und ſtammelte weiter. Der Beichtiger aber ſaß und lauſchte und wußte kaum der Gefühle Herr zu werden, die auf ihn einſtürmten. Das, was ihm ſeine Bauern zur Laſt legten, das, worum ihn der Engel gehaßt hatte, das ſtreifte der Kranke, als wäre es ein ringes Ding. Überkommenes, Übernommenes! Er hatte weitergeſponnen am Geſpinſt ſeiner Vor⸗ gänger, ein Ziel im Auge behalten, das ihm andere ge⸗ ſteckt, es verfolgt mit den Mitteln ſeiner Zeit. Der Bauer, der ihm ein verächtlich Ding war in geſunden Tagen, der mochte ihm die Sterbeſtunde nicht zu wirren! Ein andres war's, ein großes! Dem Beichtiger benahm's den Atem! Ein Sterbender, ein Menſch im Elend der letzten Stunden enthüllte es ihm, zog den Schleier von dem Heiligtum, und vor ſeinen Augen erſtand die deutſche Nation, erſtand des Kaiſers Maximilian Traum von der deut⸗ ſchen Kaiſerkrone und dem Tauſendjährigen Reich, erſtand der lange, zermürbende Kampf des edelſten aller Herrſcher wider die heimlichen und offenen Reichsfeinde, wider die Fürſten, ihre heimlichen Ränke und Bündniſſe.— „Seind die Bluetegel, ſitzend am Quell, ſaugende und werdent dick und fett, ſchrumpfet das Reich und fallet zu⸗ ſammen als ein Schweinsblaſen, ſo vertrucknet!“ 115 de eeee ee Einſam und groß erwuchs Maximilian, der Deutſchen letzte, zerbrochene Hoffnung. Auf dem Reichstage zu Worms hatte der Abt den Kaiſer kennengelernt. Frech und höhniſch hatte der Fran⸗ zoſe Claude de Bars die ganze deutſche Ritterſchaft zum Zweikampf herausgefordert. Da ſprengte ein ſchwarzer, vermummter Ritter in den Kampfplatz, und in erbittertem Zweikampf warf er den Franzoſen. Der Deutſchen Kaiſer hatte die Ehre der deutſchen Ritterſchaft gerettet! Damals war ihm das Herz des Abtes entgegen⸗ geflogen, und der ſechsunddreißigjährige Kaiſer hatte ſich ihm mit der ganzen Inbrunſt ſeiner Feuerſeele hingegeben, hatte alle ſeine hochfliegenden Pläne vor ihm entrollt: „Johann von Riedheim, helfet mir, die teutſch Nation wieder großmächtig machen vor allen Völkern, helfet mir die teutſch Kaiſerkron zum alten Glanz ze bringen!“ „In meiner Hand iſt das Schickſal der teutſchen Nation geweſt! Engelbert Hiltensperger! Ein groß Ding hat mir Gott der Herr in die Hand geben, han's übel ver⸗ walt! Umb einer elenden Abtei willen! Geweſt, als wie die Fürſten all! Allbott mein eigen Vurtel im Aug, ongeacht der teutſchen Nation Waſſer goſſen in des Kaiſers Fuirherz, Hemmſchuch angelegt. Den Kaiſer matt ze ſetzen iſt nit bloß der Abt, iſt allzeit aller teutſchen Fürſten Spill und Ziel geweſt! Niemalen het ein teutſcher Mann ein größer Ding vertan, dann Johann von Riedheim, der Abbet zu Kemp⸗ ten, ihme het Gott die Kraft geben, den Kaiſer Max zum Ziele ze führen. So aber iſt des Kaiſers Fuirgeiſt zerſprühet und zer⸗ flatteret als ein Fuirwerk— Hiltensperger, dafor gibts kein Abſolutio in Zeit und Ewigkeit!“ Der Kranke ſchwieg erſchöpft eine lange, lange Weile. 11 Dann ſprach er deutlich und klar vor ſich hin:„Do gibts kein Abſolutio, es ſeie denn, daß ich noch uf dem Toten⸗ bett den Mann möcht finden, ſo das Werk vollbringet.“ Da erſchrak der Engelbert Hiltensperger in tiefſter Seele:„Gnädiger Herr, ſo ſollt Ihr nit redent, ich bin ein arm einfältig Mann, von wannen ſollt mir die Kraft kummen, reichet nit us, mein klein Werk zu vollbringen, ſo ich unternommen.“ „Ihr ſollt Euch nit untreu werden, Hiltensperger, dannoch ſchauet zu, daß Ihr nit über dem Kleinen das Große vertuet. Mir iſt, als ob einmalen Gott der Herr einen Ruf an Euch werd tun. Sehet zu, daß Ihr den nit überhöret, als wie der Kemptener Abt getan! Nehmets for eine Beucht oder for ein Vermächtnis, wie es Euch gut⸗ dünket. Und itz ganget, Engelbert Hiltensperger, Ihr ſeied frei und ledig.— Gedenket zur rechten Stunden des Johann von Riedheim!“ Das war die ſchlimmſte Zeit für die Bruggerin.— Das Grummet war in den Scheunen. Im Nebel, zwiſchen Herbſtzeitloſen wurde das Vieh über die Wieſen getrieben und ſuchte mit rauhen Zungen die fetten Herbſt⸗ triebe. Bis tief in die ſpäten Morgenſtunden hingen die weißen und grauen Schleier über den Feldern; dünne Regenſchauer zogen über das Land. Es waren die Tage, in denen der Feſen gedroſchen wurde, im ewigen Gleichklang das Klopfen der Dreſch⸗ flegel ertönte. Es waren die Abende, in denen die Dirnen in den Licht⸗ ſtuben zu ſpinnen anfingen, die Burſchen auf den Wand⸗ bänken herumſaßen, mit den Mägden ſcherzten und Kurz⸗ 117 weil trieben, die Abende, an denen alte Sagen erzählt wurden, gruſelige Geſchichten von Hexren und Geſpenſtern. Es war die Zeit, da in den Abendſtunden der Wind erſt leiſe an den Fenſterläden rüttelt, dann immer wilder und wilder, bis er heulend um die Hausecke brauſt, durch den Schornſtein fährt und das Stroh von den Dächern reißt! Das war die Zeit, in der über die Bruggerin eine ſelt⸗ ſame Unruhe zu kommen pflegte, eine namenloſe Angſt, die ſie im Hauſe umhertrieb. Die kleinſte Arbeit ſtand wie ein unüberwindlicher Berg vor ihr, und ſtundenlang konnte ſie mit großen, ſtarren Augen ſitzen und gradaus ſtieren. Sah der Brugger ihr Weſen, ſo überkam ihn wohl ein böſer und ungerechter Zorn über ſein freudloſes Leben. Dann hatten die arme, kranke Margret und die Magd ſchlechte Tage.— In dieſem Jahr war es mit der Bäuerin beſonders ſchlimm. Seit Wochen hatte ſie kein Wort mehr ge⸗ ſprochen. Die Regenſchauer waren in Schnee übergegangen, und eine dichte weiße Decke lag über dem Land. Die Stürme hatten ſich gelegt, die Nächte waren hell geworden, und abertauſend Sterne flimmerten über dem Schneeland. Aus den Bauernſtuben ſiel ſpärlicher Lichtſchein, und ein großer, ſtiller Friede lag über der Landſchaft. Eine ſolche Macht war es, als die vom Auerberg, ihre ſchwankenden Stallaternen in der Hand, von allen Seiten dem Dorfe Stötten zuſchritten. Der Schnee knirſchte unter ihren Füßen, und die Weiber hatten die Röcke über die Köpfe geſchlagen. Ganz allein ging die Bruggerin den verſchneiten Hang hinunter, die gefalteten Hände unter ihrem Tuch wider die Bruſt gepreßt. Suchende Unruhe und quälende Vorwürfe peinigten 118 die Arme ſeit jenem Tag, da ſie ihr das fremde Kind an die Bruſt gelegt hatten, da ſich ihr Blut wider das fremde Balg gewehret hatte. Aus allen Poren drang ihre Abwehr gegen den Buben, und in tiefer Herzensnot kämpfte ſie wider ſich ſelber an. In allen ihren Tagen ſuchte ſie, ohne es zu wiſſen, ihr totes Kind, all ihr Sehnen war ein Taſten nach Verlorenem, das ſie nicht kannte. Stundenlang war ſie an der Wiege des Buben geſeſſen und hatte ihm in die Augen geſehen. Aber nie ſpürte ſie ihr Herz höher ſchlagen. Niemals war ſie ſeine Mutter geweſen. Dann wieder hatte ſie ſich in die Arbeit geſtürzt und gewerkt vom Morgen bis zum Abend. Und wenn ſie dann müde daſaß, kamen die Selbſtvorwürfe und Klagen. Die fremde Magd machte ſtill und ohne Worte all die Jahre über ihre Arbeit. Nie war ſie müßig. Nur wenn die Bäuerin, von ihrer Unraſt getrieben, in Tenne und Speicher arbeitete, dann ſchlich die Anna wohl auf einen Augenblick ins Gadem und küßte mit heißer Liebe ihr Kind. Der Bauer ging dran vorbei mit ſeinen ſchweren Schritten, aber er wußte nichts von der Not ſeines Weibes. Er ſaß im Gadem, derweil ſie durch den Schnee nach Stötten zu Tal ſchritt, wo die Kirchenglocken riefen, denn es war die Chriſtnacht. Wegen der Wölfe, die im Winter von den Bergen bis weit ins Vorland kamen, gingen die Leute in Gruppen, mit Prügeln bewaffnet, aber ſowie die Bruggerin ihrer an⸗ ſichtig wurde, lief ſie gehetzt durch die Nacht, immer ſchneller, immer ſchneller, bis ſie atemlos und am ganzen Leibe zitternd in der hinterſten Kirchenbank niederſank. An den Wandringen ſteckten brennende Späne; ſie warfen ein ſpärliches und flackerndes Licht in den kalten Raum, der ſich allmählich füllte. Einer um den andern klopfte den Schnee von den Schuhen und trat ſich be⸗ kreuzigend ein. Immer ängſtlicher kroch die Bruggerin in ſich ſelber; die 119 Kälte ſtieg an ihrem heißen Leib empor, ein Schander durchrieſelte ſie, und Froſt und Angſt ſchüttelten abwech⸗ ſelnd ihren Körper. Dumpf klang das Murmeln der Beter. Der Wanderprediger ſtieg auf die Kanzel, ein hagerer Mann mit ſchwarzem Barte und brennenden Augen. Er kannte die Bauern und wußte, daß ſie eine deutliche Sprache brauchten und vertrugen. Drum ſparte er nicht mit Feuer und Höllenſtrafen. Die Bauern hatten ein dickes Fell. Die kleine Frau aber, die zuſammengeduckt in der Ecke ſaß, war wund in tiefſter Seele. Die Zähne ſchlugen ihr klappernd zuſammen, und die Hände beberten ihr. Auf der Kanzel ſtand, die mageren Arme weit gebreitet, der Wanderprediger, umflackert vom Schein der Ampel, eine ſchwarze, unheimliche Schattengeſtalt. Und ſeine Worte donnerten durch die Kirche. Immer tiefer ſank die Bruggerin zuſammen. Hölle und Teufel drangen auf ſie ein, und ſie flog am ganzen Leib. Der Prediger ſtieg von der Kanzel, und die Gemeinde ſang. Dann wurde es ſtill, und die Bruggerin biß krampfhaft die Zähne zuſammen, ſie am Klappern zu verhindern. Schatten und Licht rangen im Raum und huſchten durch⸗ einander. Die Bauern führten die Weihnachtsgeſchichte auf. Im Chor, nur von einer Stallaterne beleuchtet, ſtand die Krippe mit dem Jeſuskind, Maria und Joſeph und der Chor der Hirten. Schatten und Licht ſpielten um die heilige Familie, nur das Jeſuskind lag vom Licht umflutet. Die Hirten ſangen: „Vom Himmel hoch, ihr Engel kummt.“ Und im Wechſelgeſang erwiderte die Gemeinde: „Kummt, ſingt und klingt, Kummt, pfeift und trummt.“ Dazwiſchen klang koſend und ſüß Marias Wiegenlied: „Eia, eia, Suſani! Suſani! Su! ſu! ſu!“ Die Bruggerin ſtand auf und beugte ſich vor; die Zähne klapperten ihr. „Kummt ohne Inſtrumente nit, Bringt Lauten, Harfen, Zimbeln mit.“ Und dazwiſchen ſo namenlos ſüß: „Eia, eia, Suſani! Suſani! Su! ſu! ſu!“ Und der Bruggerin Augen ſuchten die Wiege. Drin lag ein hellblond Büblein, lichtumflutet. Mariandjoſef, wie ſüß war der Mutter Gottes Mutterlied. Heiß und wild quoll's in der Bruggerin auf: „Laßt hören euer Stimmen viel Mit Orgel und mit Saitenſpiel.“ „Eia, Suſani! Suſani! Su! ſu! ſu!“ Die Bruggerin griff mit beiden Händen in die Luft und gurgelte. Die Leute reckten die Köpfe, zu ſehen, was los ſei. „Singt Fried den Menſchen weit und breit, Gott Ehr und Preis in Ewigkeit.“ „Eia, eia, Suſani! Su! ſu! ſu!“ Da gellte ein wilder Schrei durch die Kirche. Die Bruggerin ſtürzte vor: „Min Kind!“ FFPPPP Sie kraten ihr in den Weg, ſie hielten ſie. Da ſchlug ſie um ſich, kratzte und biß, und wild gellte es durch den Raum:„Min Kind! Ihr ſullt mir min Kind gebent!“ Die Männer und Weiber drängten und glotzten. Nun wurde ſie mit einemmal ganz ſtill und wimmerte nur leiſe vor ſich hin. Der Peter Brugger ſaß allein im Gadem. Es war ſchon lange, lange Nacht, und der Bauer ſaß immer noch mit ſeinen ſchweren Gedanken, den Kopf in die Rechte geſtützt, und ſtarrte vor ſich hin. Immer drängender und laſtender wogten die ſchweren Gedanken gegen ihn an. „Ein Lumpen vertraget ein jeder Hof“, murmelte er vor ſich hin,„bloß der Bauer derfets nit ſein.“ War er denn einer? Kotz nein, doch verludern ließ er das Erbe ſeiner Väter. Für wen ſollte er denn werken? War doch alles umſonſt! Die Tür ging auf, und die Magd trat in ihrer geräuſch⸗ loſen Art ein. Eine Weile redete keines; dann begann ſie, und ihre Stimme zitterte leiſe:„Pauer, der Joſeph iſt der Heimet ledig, itz ſolltu mi meins Wurts losſprechen.“ Der Brugger erwiderte nichts, er zog bloß den Kopf ein wie vor einem unerwarteten Hieb. Hart ſiel die Tür ins Schloß, und wieder war der Bauer allein mit ſeinen Gedanken. Die Angſt vor etwas Kommendem wollte ihm den Hals zuſchnüren. Nun kreiſten ſeine Gedanken um ſein Weib. Gewiß, die um den Auerberg waren ein rauh Geſchlecht, und ihre Weiber, denen ſie die Hauptlaſt der Arbeit über⸗ ließen, hatten es ſchwer genug. Abſonderlich war ſie die letzten Tage geweſen, die Margret. Ihre ſcheue Art hatte 122 ihn erbittert und in ſeiner geſunden Kraft erzürnt. Jetzt wollte ihm die Reue ankommen. Plötzlich richtete er ſich auf. Ihm war, als hätte er eine Frauenſtimme ſingen hören. Zögernd erhob er ſich und öffnete die Türe. Da klang's laut und deutlich aus dem Stall, als wär's die Stimme der Bäuerin.„Kotz Wetter, het doch ihr Lebentag nit gſungen“, murmelte er vor ſich hin, und die Angſt wollte ihm die Kehle zuſammenſchnüren. Er taſtete ſich den dunklen Gang entlang der Stalltüre zu und öffnete ſie. „Mariandjoſef“, entfuhr es ihm. In der Ecke brannte die alte Stallaterne. Vor einem Futtertrog kniete, ein weißes Laken um die Schulter, die Margret und ſang mit lauter Stimme. Der ſtarke Bauer mußte ſich am Türpfoſten halten. Ihm ſchwindelte, und er griff ſich an die Stirne. „Kummt ohne Inſtrumente nit, Bringt Lauten, Harfen, Zimbeln mit.“ „Eia, Suſani! Su! ſu! ſu!“ Die Augen zur Stalldecke erhoben ſang die Margret in wilder Inbrunſt; die ſonſt ſo ſtillen Augen brannten. Mit einem wurde ihre Stimme ganz leiſe und erſtarb in einem matten Wimmern. Die Hände taſteten ſuchend in dem Haber in der Futtergrippe. So weh klang das Wimmern, ſo weh! Dann hob ſich die Stimme wieder zu leiſem Singen: „Eia, eia, Suſani! Su! ſu! ſu!“ Und dann wieder das wehe Wimmern:„Kanns nit finden, min Kindle, iſt dagweſt, gwiß, gwiß.“ Und wieder fuhren die Hände zitternd und ſuchend durch den Haber, und dazu das Wimmern, das euntſetzliche Wimmern! 123 Der Bauer zitterte am ganzen Leib, und die Knie wollten ihm wegſacken, als er zu ſeinem Weibe hinüberging. Er wollte etwas ſagen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und es kam wie ein Krächzen aus ſeinem Halſe, als er ihr die Hand auf die Schulter legte. „Pſt! Pſt! Peter“, flüſterte ſie erregt,„ſuſt kummts nit wieder“, und mit zitternden Händen wühlte das arme Weib eine Mulde in den Haber:„Gar weich ſolltu liegen, Kindle.“ Und leiſe ſang ſie wieder: „Eia, Suſani! Su! ſu! ſu!“ Schwerer legte ihr der Bauer die bebende Hand auf die Schulter. „Kumm, Margret!“ „bſt! Pſt!“ Er ſuchte ſie aufzurichten. Da ziſchte ſie auf wie eine Natter und riß ſich los. Und als er es noch einmal verſuchte, warf ſie ſich ſchreiend über den Futtertrog. Der ſtarke Bauer ſtand und wußte ſich nimmer zu helfen. „Annele!“ wollte er rufen— doch die hatte ihn auch verlaſſen! Stöhnend drückte er den Kopf an den Stall⸗ pfeiler. Die Frau hatte aufgehört zu ſchreien und wimmerte nur noch leiſe vor ſich hin—, immer leiſer, immer leiſer. Der Stalldampf und die Wärme mochten ihre Wirkung tun. Eine tiefe Müdigkeit kam über die arme Irre. Ihr Leib ſank gegen die Stallwand, und ſo ſchlief ſie mit einem Male ein. Über ihr Geſicht flog es wie ein Schimmer von Glück, ſie hatte wohl im Traum das Kindlein gefunden. Der Bauer hob erſt den Futtertrog und ſchloß ihn in die Tenne ein. Dann nahm er ſein Weib auf die Arme und trug es hinauf in die Kammer, wo er es ſachte auf das Bett legte. 124 Da ſaß er an ſeinem Lager in der kalten Stube und dachte des Tages, da er es mit ſtarken Armen über die Schwelle des Bruggerhofes getragen hatte. „Herre Gott, vergib mir, ſie ſuchet ihr tot Kind!“ Es war eine böſe Nacht! Was der Bauer in ihr durchgemacht, das hat nie ein Menſch erfahren. Als aber mit dem grauenden Morgen das Auerbergglöcklein zu läuten anfing, ſaß ein todmüder Mann und ſchlief am Fußende des Bettes, den Kopf auf den verſchränkten Armen. Erſt als die Sonne in die Schlafkammer ſiel, hob der Mann ſeinen Kopf. Sein Geſicht war verſtört und übernächtig. Die Bäuerin aber ſaß aufrecht im Bett, hielt das Kopf⸗ kiſſen im Arm und ſang:„Eia, Suſani.“ Der Bauer vergrub den Kopf wieder in ſeinen Armen und ſtöhnte auf. „Eia, Suſani.“ „Haſt kein Hunger nit, Margret?“ Eifrig bejahte ſie. Da ging der Bauer hinunter und kochte ſeinem Weibe eine Haferſuppe. Die Anna hatte das Vieh ſchreien hören, da war ſie auf⸗ geſtanden. Sonſt pflegte der Bauer morgens zu füͤttern. Aber die Magd fragte nicht lang. Mit ihren ſtarken Armen holte ſie in der Tenne das Futter und warf's dem Vieh vor. Und als der Bauer immer noch nicht kam, machte ſie ſich ans Melken. Mit dem ſchäumenden vollen Milcheimer trat ſie in die Küche, wo der Bauer die Haferſuppe rührte. Mit offenem Mund blieb ſie ſtehen und hätte um ein Haar den Milch⸗ eimer fallen laſſen. Müde drehte der Bruggerbauer den Kopf herum. Da ſah ſie den zuſammengebrochenen Mann. „Mariandjoſef!“ ſchrie ſie,„was iſt beſchechen?“ Da ſetzte ſich der Bauer auf die Kuchenbank und ſchluchzte faſſungslos. Endlich ſtöhnte er tief auf:„Das Geſtirn iſt ihr verruckt.“ „Wem?“ ſchrie die Magd. „Der Margret.“ Und die Magd ſtieg die Treppe hinauf mit ſchlotternden Knien. Schon auf der Treppe hörte ſie die Bäuerin ſingen. Die Hände zitterten ihr, als ſie die Türe öffnete. Die Bäuerin ſaß im langen, weißen Hemd auf dem Boden; in ihren Armen hielt ſie das Bettkiſſen, das ſie ſingend wiegte. Die Magd ſchrie lant auf. Aber die Irre lächelte und hielt ihr das Kiſſen ent⸗ gegen:„Lueg doch, lueg doch, min Kindle!“ Der Anna ging's durch Mark und Bein. Sie wollte ihr das Kiſſen abnehmen, da tat das Weib einen ſo verzweifelten Schrei, daß die Magd erſchrocken zurückfuhr. Die Frau zitterte und bebte und wollte ſich nicht be⸗ ruhigen. Endlich ſchmeichelte die Anna ſie zur Bettſtatt, wo ſie mit ihrem Kiſſen in den Armen einſchlief. Die Magd aber ging hinunter und ſagte zum Bauern: „Brugger, ſo's Euch recht, will ich bleiben, auch Tag und Nacht nit ruhen, uf daß Gott der Herr mir gnädig ſei.“ Der Bauer murmelte vor ſich hin:„Gott ſei uns allen gnädig; ſell war mein Will und Meinung nit, ſell nit, ſell nit!“ Der Winter ging, der Frühling kam. Die Bäuerin war ſehr krank geweſen. Sie hatte ſich in der kalten Winternacht eine Lungenentzündung geholt; 12⁵ von wilden Fiebern wurde ſie geſchttelt; bald hatte ſie um ſich geſchlagen und nach ihrem Kinde geſchrien, bald war ſie ganz ſtill dagelegen und hatte mit ihren weißen, ab⸗ gemagerten Händen ihr Kopfkiſſen gewiegt. Nun ſaß ſie, in warme Tücher gewickelt, vor der Haus⸗ türe im Sonnenſchein, ihr Kiſſen im Arm. Neben ihr die Magd mit dem Spinnrad, die ließ das Rädlein ſauſen. Auf dem Tennendach lärmte ein ganzer Flug Staren durcheinander, und in weiten Bogen ſchwangen ſich die Schwalben durch die Luft. Sie beſſerten ihr Neſt vom vorigen Jahre aus. Ziwiiit! Ziwiiit! zwitſcherte es um und um. Der Nachbar hatte vorzeitig austreiben müſſen. Hell klang das Geläute der Kühe herüber; fein hatte es der Nachbar zuſammengeſtimmt, das mußte man ihm laſſen. Eben ließ er durch die hohlen Hände den langgedehnten Heimruf für das Vieh erſchallen, damit es nicht allzu viele der jungen Triebe freſſe und das Anwachſen der Weide zu ſehr gefährde. Und nun ſetzte ſich die ganze Herde in Bewegung, und die Glocken läuteten fröhlich, als ſie ſtoßend und drängend am Bruggerhof vorbeizog. Es war ſo viel Frühlingsfreude in der Luft, daß die Bruggerin den traurigen Zug in ihrem Geſicht verlor und immer wieder fröhlich in die Hände klatſchte und vor ſich hin lachte. Am Ettertor ſtand die kleine fünfjährige Els Guggen⸗ moos mit einer Handvoll Schlüſſelblumen. Mit ſcheuen Augen ſchaute ſie nach der Bäuerin. Als ſie aber ſah, wie fröhlich dieſe lachte, da drückte ſie ſich immer näher. Auf einmal ſtand ſie vor ihr. „Bruggerin, da!“ ſagte ſie und legte der armen Irren ihr Sträußlein Schlüſſelblumen in den Schoß. 127 Und die Kranke lachte wieder fröhlich auf und ſteckte ſich eine Blüte ins Haar. „Bleib ein lützel bei der Bruggere“, ſagte die Magd und ging ins Haus, eine Arbeit zu verrichten. Die Els Guggenmoos ſetzte ſich ganz ernſthaft neben die Bäuerin und ſing an drauf loszuplaudern. Und die arme Irre, die vor jedem fremden Erwachſenen ſcheu ſich zurückzog, gab dem Kind freundlich Antwort. Was einem Er⸗ wachſenen irr und wirr vorkommen mochte, die Els ver⸗ ſtand es. Die Magd mochte ſich länger Zeit gelaſſen haben, als ſie urſprünglich gedacht hatte. Als ſie wieder herauskam, traute ſie ihren Augen nicht. Die Kinder der ganzen Nach⸗ barſchaft umſtanden die Bäuerin. Da hielt ſich die Magd fern und ſchaute zu. Die Kinder hatten alle Angſt vor der Kranken verloren. Keines trieb ein törichtes Spiel mit der Irren. Sie ſtanden vor ihr und ſchauten ſie mit großen Augen an. Und wo keine Brücke von der Bäuerin zu einem Er⸗ wachſenen führte, zwiſchen den Unmündigen und der Kranken war eine Verbindung. Und ſeltſam, wenn ſie bei den Kindern war, legte ſie ihr Kiſſen beiſeite, und das Suchen hörte auf. So ließ man ſie von nun an mit den Kindern ſpielen. Der Magd war's recht, ſie fand Zeit für andere Arbeiten, und den Eltern war's zweimal recht, denn ſie wußten die Kleinen verſorgt. Wie eine Gluckhenne verſammelte die Bäuerin die Kinder um ſich, und je mehr ſie körperlich geſundete, deſto mehr gab ſie ſich mit ihnen ab. Sie entfernte ſich nicht zu weit von den Gehöften, höchſtens bis zum Bach, ſo daß ſie immer in Rufweite war. Sie ſpielte mit ihnen, als wäre ſie ſelber noch ein Kind. Keines fand ein Spottwort für die Kranke, denn für die Kinder war's keine Irre. Sie verſtanden ſie ganz 128 genau, und oft machten die Kleinen den Dolmetſch, wenn ein Erwachſener ſie nicht verſtehen konnte. Und dann ſchien's auf einmal nicht mehr ſo irr und wirr zu ſein, was die Kranke geſagt hatte. Oft, wenn's heiß war, ſpielten ſie in der Kirche von Burk. Seit der Engel auf den Auerberg gezogen war, hatte er nicht mehr dort gepredigt noch die Meſſe geleſen. Sie ſtand offen. Schwalben niſteten drin und flogen durch zerbrochene Fenſter ein und aus. Und wenn die Bruggerin nicht acht gab, trieb ſich auch das eine oder andere der Kinder auf dem Kirchenboden herum. Da gab's allerhand merkwürdige Dinge, alte Hei⸗ ligenſiguren mit zerbrochenen Armen und mit Spinnweben überzogen. Truhen mit alten, vergilbten und verſtaubten Stoffen, Stolen, Meßgewändern, abgebaute Kirchenſtühle, ja ſogar eine Kiſte mit Schwertern und altem Rüſtzeug war da, und an einer Wand ſtanden Spieße und Hellebarden, wie man ſie dazumal gar nicht mehr ge⸗ brauchte. Aber nur die ganz Mutigen wagten ſich hinauf, denn da droben war es nicht ganz geheuer. Bei Tag, da ging's noch, aber bei Nacht rumpelte und polterte der alte Klaus Hurlebauer mit dem Kopf unterm Arm herum, der ihm immer wieder mit Gepolter entſiel, und den er immer wieder ſuchen mußte. Bei Nacht, da wäre auch kein Erwachſener auf den Kirchenboden gegangen, nicht um alles in der Welt! Einmal, da hatten ſich wieder ein paar Buben hinauf⸗ geſtohlen. Mit klopfendem Herzen hatten ſie ein weniges herumgeſtöbert und waren heilfroh, als ſie wieder unten waren, denn in der dunklen Ecke, wo die Heiligen ſtanden, hatte es leiſe, aber ganz deutlich gerumpelt. Kein Wunder, daß ſie von der Kirche genug hatten und den andern vorſchlugen, lieber wieder an den Bach hin⸗ unterzugehen. Schmückle 9 129 S e r Die kleinen Mädchen blieben dicht bei der Bruggerin, die drei Buben unter Führung des Klaus Holderried machten ſich dran, die Uferlöcher nach Forellen abzuſuchen. Es dauerte auch nicht lange, da hielt einer ſchon eine pfundige in der Hand, und mit lautem Geſchrei ging's bachaufwärts, wo das Waſſer einen kleinen abgegrenzten Gumpen bildete. Mit ein paar Steinen wurde er vollends abgegrenzt und die Forelle eingeſetzt. Mun konnte ſie nicht mehr ent⸗ rinnen! Mit lautem Geſchrei wurden die Iferlöcher abgeſucht, aber Forellen mit der Hand fangen iſt nicht ſo leicht. Der Eifer war groß, und was ſich von den Mädchen anſchließen wollte, wurde zornmütig abgewieſen. Alſo ſammelten ſich dieſe alle wieder um die Bruggerin. Voller Blumen war die Wieſe, und bald hatte ein jedes der Mädchen einen ganzen Schoß voll. Kränze winden, Sträuße binden, alles hatte man ſchon gemacht. Sie hatten um die Bäuerin herum Ringelreihen getanzt und waren davon müde geworden, denn es war ein heißer Junitag. Alſo lagerten ſie ſich alle am Bach und ließen ihre Blumen hinunterſchwimmen. Und die Bruggerin, die keine Blumen hatte, ließ Perga⸗ mentfetzlein ſchwimmen. Wes Blümlein am ſchnellſten ſchwamm, hatte gewonnen. Am allerſchnellſten aber ſchwammen die Schnitzel der Bruggerin. Als ſie auch dieſes Spieles müde waren, wollten ſie gerade wieder zu den Gehöften hinaufgehen, da kam der Engelbert Hiltensperger des Weges. „Gotts Grueß, Margret.“ Und mit einem Schlag war die Bäuerin wieder eine andere. Sie hatte ſich ganz in ſich ſelber zurückgezogen. Sie gab keine Antwort. 130 Und auch die Kinder waren ſtill, denn vor dem Engel hatten ſie einen Heidenreſpekt. So ſehr ſich der aber auch mühte, die Frau gab keinen Widerhall, ſie ſchaute nur angſtvoll um ſich, als möchte ſie flüchten und fände nicht, wohin. Immer ſcheuer blickte ſie um ſich, bis ſie ans Ettertor kamen. Da tat ſie plötzlich einen ſchrillen Schrei und lief, was ſie laufen konnte, in die Scheune. Von dort ſchaute ſie halb ängſtlich, halb neugierig zwi⸗ ſchen den Spalten der Bretterwand nach dem Engel. Der hatte ſich auf die Bank vor der Haustüre geſetzt und blätterte in einem Buch. Er neigte ſich tief über die Blätter, ſeine Hände zitterten. Er hielt das lange geſuchte, das vermißte Buch in der Hand. Hinten, vor dem Einband, fand er die Urkunde aus dem Jahre 1144, worin klar und ohne Einſchränkung ge⸗ ſagt war, daß die freien Zinſer nichts ſchuldig ſeien, als den Zinspfennig und den Todfall, ſonſt nichts, was unter den Nagel ging. Und dann waren die Freizinſer mit dem Namen auf⸗ geführt. Fünfundzwanzig zählte der Engelbert Hiltensperger. Beim ſechsundzwanzigſten konnte man nur noch leſen: Kaſpar Brug———, alles übrige war weggeriſſen. Das Buch hatte die Bruggerin, als ſie davonſprang, fallen laſſen. Der Engelbert Hiltensperger fuhr ſich mit der Hand über die Augen, dann rief er nach dem Bauern. Man holte die Kinder, und es dauerte eine Weile, bis man den Zuſammenhang hatte. Die Nachbarn mußten den Bach abſuchen. Der Hiltensperger aber riß ein paar Faſchinen aus dem Etter und jagte mit dem Bauern, was die Gäule hergaben, ins Tal hinunter. Im Galopp folgten ſie dem Lauf der Geltnach, bis ſie 131 menſchlichem Ermeſſen nach das letzte Schnitzel überholt haben mußten. Dann legten ſie die Faſchinen quer, um die Schnitzel, wenn ſie kämen, aufzufangen. Sie ſuchten bachauf, bachab. Nichts als zwei Stüͤcklein ohne Inhalt fanden ſie, und ſo oft ſie zu den Faſchinen zurückritten, es hatte ſich nichts dran verfangen. Es dunkelte, als ſie heimkamen. Der Brugger wollte aufbrauſen über ſein Schickſal und über ſein armes krankes Weib zornig werden. Aber der Engelbert Hiltensperger legte ihm die Hand auf den Arm:„Nit zürnen ſolltu, Peter, gar fein ſtille ſolltu ſeind! Haſt dem Herre Gott wöllen fürgreifen, itz gibt er dir ſein Antwurt, Peter.“ Mit tief geſenktem Haupte ritt der Bauer in ſeinen Hof. Die ganze Woche noch ſuchte er Bach und Geltnach ab vom Morgen bis tief in den Abend. Umſonſt. *** Johann von Riedheim, Fürſtabt von Kempten, war nicht mehr. Johann Rudolf von Raitenau hatte ſich die Stimmen der Chorherren kteuer erkaufen müſſen, nun war er er⸗ wählter Abt, die Weihe war vollzogen. Altem Brauche zufolge zog man in feſtlichem Zuge nach Sankt Mang, wo der Matthias Waibel predigte, einer von denen, die mit Feuerzungen ſprachen, daß es den Hörern kalt über den Rücken lief, einer von denen mit dem brennenden Herzen, einer von denen, die allzeit den Machthabern ein Dorn im Auge waren und ein Argernis. Aber auch einer von denen, an die ſie ſich nicht wagten, weil das Volk an ihnen hing. 132 Die Kemptener, die um klöſterliche Gerechtigkeiten ſeit undenklichen Zeiten mit dem Gotteshaus in Spänen lagen, ſtanden mit Herz und Waffen zu ihrem Prediger von Sankt Mang, in dem der Geiſt der Apoſtel lohte. —— in der erſten Frühe des ſchönen Herbſtſonntags drängte das Landvolk in Scharen in die Stadt, in der kein Quartier mehr frei war. So ſchön die Kemptener ihre Stadt mit Birken ge⸗ ſchmückt hatten, dem Weiſchenfelder mochte doch allerhand ſonderbar vorkommen. Man hatte die Dorfmeiſter zum Kirchgang beordert, geſpannt, ob ſie kommen würden. Und ſie kamen; aber ſeltſamerweiſe fünfhundert wohl⸗ bewaffnete Bauern hinter ihnen, und ganz vorne ritt— der Engelbert Hiltensperger. Als ſich dann die Ritterſchaftlichen auf dem Markte ſammelten, da ſah man hinter dem Freiberger an die achtzig Knechte, und alles, was mit den Freibergern verſippt und verſchwägert war, ſtieß mit ſeinen Leuten zu ihm, ſo daß des Raitenauers Bruder und etliche vom Adel, die zu ihm hielten, nur ein ſchwaches Häuflein daneben ſchienen. Der Weiſchenfelder wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn:„Potz Flamm, mir ſchwanet nit viel Guts!“ Ihm lag es ob, den feſtlichen Zug zu ordnen. Zwiſchen dem Abt von Ottobeuren und dem Biſchof von Konſtanz ſchritt mit Mitra, Ring und Stab Johann von Raitenau, neugeweihter Abt von Kempten. Hinter ihm in buntem Zuge die Chorherren, Geiſtlichen und Prälaten. Dem Weiſchenfelder ſiel ein Stein vom Herzen, als der Freiberger und ſein Anhang, die abſeits geſtanden waren, hinter den andern von der Ritterſchaft einſchwenkten und ſich dem Zuge anſchloſſen. Nach denen von der 13³3 88———————— Ritterſchaft kamen die Abgeſandten von Memmingen, Füſſen, Lindau, der Rat von Kempten, die Zünfte, und den Beſchluß machten die befohlenen Bauernmeiſter. Die Straßen waren dicht geſäumt von Bürgern und Bauern. Da ſiel manch ſpöttiſch, bitterbös Wörtlein, denn der Städter hatte eine ſcharfe Zunge, und der Bauer hörte gern, was er ſelber nicht zu ſagen wagte. Als der Zug durch das Tor von Sankt Mang ging, läuteten alle Glocken. Bis auf den letzten Mann füllte ſich die Kirche. Die linke Seite der Bänke nahmen die Geiſtlichen hohen und niederen Standes ein, auf der rechten ſaßen die Ritter mit ihren Frauen und Töchtern, in Samt und Seiden, in Baretten und Federhüten, die Herren aus den Reichs⸗ ſtädten in prächtigen Schauben, mit Pardel⸗ und Mardel⸗ pelzen verbrämt. An den Wänden zu beiden Seiten drückten ſich die Abgeſandten der Landſchaft, halb demütig, halb trotzig. Mit neidiſchen Blicken ſchauten ſie auf den Schmuck und die prächtigen Kleider der Ritterfrauen. Schon hatte die Orgel leiſe eingeſetzt, als der Bruder des Raitenauers, der Ritter Wolf von Raitenau, den Seitengang heraufſchritt, wo gedrängt die Bauernmeiſter ſtanden. Sie drückten ſich, ſo gut es ging, zuſammen, um den Ritter durchzulaſſen. Aber trotz allem guten Willen konnte es der bald achtzigjährige Bauernmeiſter von Sulzſchneid, der Andres Wölflin, nicht vermeiden, daß bei ihm der Durchgang etwas eng wurde. Dem Wolf von Raitenau ſchoß der Zorn hoch, alſo daß er dem alten Manne den Schwertknauf gegen den Magen ſtieß, ſo daß dieſer umſiel wie ein Mehlſack, juſt in dem Augenblick, da der Matthias Waibel die Treppe zur Kanzel emporſteigen wollte. 13⁴ Der vernahm den leiſen Wehlaut des Getroffenen und das böſe Murren der Bauernmeiſter und wandte den Kopf. Da ſah er den Alten am Boden liegen. Erſt wollte er dem alten Manne zu Hilfe eilen. Dann aber wandte er ſich und ſchritt mit ſchnellen Schritten die Treppe zur Kanzel hinauf. Hart ſchlug er auf das Pult— und hub an zu predigen! So zu predigen, daß bei den erſten Worten alle Köpfe hochfuhren. Sie klangen wie eine Fanfare:„Ehnder wurt ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, dann daß ein Reicher ins Himmelreich kummt!“ Von der Hoffart der Reichen und Mächtigen ſprach er und von ihrer Liebloſigkeit wider den armen Mann. „Und es wird ein Tag kummen, do wurt Rechenſchaft gefodert von eim jeden, er ſeie Paur oder Abbet oder eines Abbets Bruder! Alsdann wurts heißen:„Aug umb Aug! Zahn umb Zahn! O ihr Hoffärtigen im gülden beſteckten Mantel! Da Adam reutet und Eva ſpann, Wer war da der Edelmann? Iſt nit der Heiland gangen im hären Rock, und iſt doch ſein Vatter der großmächtig Herre Gott geweſt, der alſo geſprochen: Ich bin der Herre, dein Gott, nit hab frembde Götter neben mir.“ O ihr Völler und Praſſer! Euer Wanſt iſt euer Gott! Nichts dann Freſſen, Saufen und Huren, derweil der arm Mann hungret und nit weiß wo uſer vor Not und Herzeleid. Freſſende, bis es wiederumb hochkummt, ob ſich auch der Wanſt wehret und nit will! Saufen, daß das lieb Vieh ſich möcht ſchamen for den Menſchen. Nit nimm den Namen deines Herrgotts eitel!“ O ihr Läſterer und Flucher! Iſt nit das lützelſt Sätzle 135⁵ ohn ein Fluch! Gotks Wanſt! Gotts Bauch! Gotts Lung! Daß dich das blau Fuir! Daß dich die Peſtilenz! Brauchets nit ze rufen, das blau Fuir, brauchets nit ze rufen, die Peſtilenz, wurt von ſelbſten kummen! „Gedenk, daß du heiligſt den Tag des Sabbats!“ Huſſa! Huſſa! Huſſa di huß! Über Stock und Stein am heiligen Sunntag. Huß! Huſſa! Hinter Hirſen und Sau über des Pauren Koren und täglich Brot! Was kümmrets euch, ob der Paur ſein Acker mit Schweiß be⸗ ſtellet? Ei, nein, der Pauren Schweiß ſchmacket euch gar ſüß, wurt euch aber zur bitteren Gallen gedeihen! Umb eins Hirsles willen die Saat zerſtampfet, umb einer Wildſau willen den Pauren geblendt! Huſſa! Huſſa! „Aug umb Aug, Zahn umb Zahn!“ Ja, murret nur; ſo einer murret, ſelbigen mein ich!“ Da wurde es wieder ſtille. „„Nit töte!“ O ihr Mörder und Totſchläger. Iſt der arm Mann nit euer Bruder in Chriſto? Wo ſtandets geſchrieben, daß er ſollt vogelfrei ſein als wie das Wild im grünen Wald! Wahrlich, wahrlich, ich ſage euch, ein jeds Tröpfle Bluets wurt von euch werden gefodert am Jüngſten Tag! Nit brich dein Eh!“ O ihr Hurer und Lüſtling, verbrämet euren Leib in Sammet und Seiden, der Herre ſiehet mitten durch. Ei, was ſitzeſt du ſo faſt frumb neben deiner Buhlen in der Kirchen, du Ehebrecher? Fahr uſer! Saulederen ſtandet dir beſſer an, dann beten! Iſt nit das Frauenhaus am Tor ſeit zween Tagen ſchlimmer dann der Stall des alten Heiden Augias! Nit tu Diebſtahl!“ Ei, ihr Herren Heckenreuter und Strauchritter! Ihr ſeied wohl damit nit gemeinet, bloß der arm Mann, ſo umb ein Paar alt Hoſen am Galgen wurt ufzogen! Potz Natter, Kaufleut werfen, ſell iſt ein ander Ding! 136 O ihr Fuggerer und Welſer und ihr in denen Cumpaneien! Ihr, die ihr das Brot verteuret, Meusdreck in Pfeffer miſchet, Fichtenſpän for Safran verkaufet!“ Zornbebend wollte der Abt aufſpringen. Da rief der Waibel mit Donnerſtimme:„Nit red falſch Gezeugnuß wider dein Nechſten!“ Nit mit falſcher Urkund und meineidigen Eidhelfern trügen vor Gott dem Allmächtigen, ſo mitten durch ſiehet!“ Und der Fürſtabt biß ſich die Lippen wund— und blieb ſitzen. „Nit begehr das Haus deins Nechſten, nit begehr ſeins Weibes, nit den Knecht, nit die Diern, nit den Ochſen, nit den Eſſel, noch aller der Ding, die ſein ſeind!“ Höret, höret! Ihr Herren und ihr, denen es Gott geben, ſein himmliſch Reich auf Erden zu verwalten, höret, was der Herre euer Gott gebeut: „Was gehret ihr des Pauren Haus und Hof? Was gehret ihr ſeins Weibs und ſeiner Seelen, ſo Gott dem Herren der Heerſcharen allein zu eigen! Leibeigen iſt der Menſch nur mir allein, ſpricht der Herr! Ihr Herren, was gehret ihr ſeins Weibsd Jus primae noctis! Das Wort ſtammet vom Tuifel! Ihr ſollt nit gehren ſeiner Maged! Seind die Mägd nit Freiwild for den Herren? Du ſollt nit gehren ſeins Ochſen, ſeins Eſſels, noch alls, was dein Nechſter hat!“ Ihr aber gehret alls, was euer Nechſter hat mit Zehent und Fron und gleichem Tuifelswerk.— Kein Armut iſt, daran ihr nit den Stiefel wüſchet! Aber wahrlich, ich ſage euch, es wird eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, dann daß ein Reicher ins Himmelreich kummt! Und iſt ein Fürſt und Edelmann wohl ſo ſelten im Himmel als ein Hirs in eins armen Mannes Kuchen. Gebet Gott, was Gottes iſt, gebet dem Kaiſer, was des 137 Kaiſers iſt, und gebet dem Menſchen, was des Men⸗ ſchen iſt! Alsdann wurd kein Frevler meh ein wehrloſen Greis ſchlagen vor Gottes Altar!“ Immer ſtärker war der Tumult zum Schluß der Predigt geworden. „Amen!“ donnerte es durch Sankt Mang! Dann ſchritt der Matthias Waibel geruhigen Schrittes die Kanzeltreppe hinunter. Johann von Railenau, der neue Abt, ſtand zornſprühend mit hocherhobener Rechten. Was er rief, konnte man nicht verſtehen. Der Wolf von Raitenau aber, ſein Bruder, riß ſich von ein paar Herren ſeiner Sippe los, die ihn halten wollten, und drängte mit gezogenem Schwert zur Kanzel! Im Sprung hatte er ihre erſte Stufe erreicht. Ihm zugewandt, die gefalteten Hände über der Bruſt, ſtand der Matthias Waibel! „Pfaff, das ſolltu mir büßen!“ Mit hartem Griff riß ihn des Engelbert Hiltensperger Fauſt zurück und ſchleuderte ihn in den Kreis der Junker, zwiſchen denen er längelang auf den Kirchenboden ſchlug. Schreiend zogen dieſe die Wehren. Da trat Gordian Seuter, der Bürgermeiſter von Kemp⸗ ten, dazwiſchen. Vom Lech zur Donau war kein zweiter Mann höher geachtet um ſeiner Perſönlichkeit willen als Gordian Seuter. Wie ein Prophet des Alten Teſtaments ſtand er zwiſchen den Parteien mit ſeinem großen weißen, wallenden Barte:„Ich gebiet Frieden und verbiet Un⸗ frieden. Hie iſt Gottes Haus. Hie iſt Kemptener Stadt⸗ fried!“ Und an ſeiner Seite ſchritt der Matthias Waibel ge⸗ ruhigen, langſamen Schrittes zur Sakriſtei:„Vermein ſchier, Ihr ſeied zu weit gangen“, flüſterte Gordian Seuter dem Prediger zu. 138 „Wurt ein Zeit kummen, Herr Gordian Seuter, die wurt mit Fuir und Schwert reden, mit Sauſen und Brauſen, alſo daß das Schmalz us den Ohren fahret denen, ſo nit hören wöllen!“ Unter großer Erregung leerte ſich die Kirche. Draußen ſtanden in aufgeregten Gruppen die Herren und Geiſtlichen. Der Weiſchenfelder ordnete wieder den Zug. Während des Raitenauers Anhang unter der Ritterſchaft mit böſen, trotzigen Geſichtern herumſtand, lachten die Freibergiſchen. „An ſellem Süpple hent drei Köch mit gſudlet“, flüſterte der Weiſchenfelder dem Wernauer zu,„der von Freiberg, der Pfaff vom Auerberg und der Waibel. Itz geb Gott, daß Sein Fürſtlich Gnaden nit allſogleich mit dem Löffel drein fahr!“ Aber Sein Fürſtlich Gnaden fuhr mit dem Löffel drein! Die Bauern hatten ſich zwiſchen der Stadtmauer und dem Gotteshaus in Wehr und Waffen verſammelt, um gemeinſam abzuziehen. Sie warteten auf den Hiltensperger, aber der kam nicht. Da wurden ſie unruhig! Sie ſchickten Leute zurück in die Stadt, und die brachten die Kunde, die Knechte hätten den Engel geworfen und mit Gewalt ins Gotteshaus verbracht. Nun fing's an, in den Reihen der Bauern zu rauchen. Sie ratſchlagten und redeten. Und auf dem Stadthaus tagten und redeten ſie auch, denn die Knechte hatten dem Engel inmitten der Stadt Gewalt angetan und den Stadtfrieden gebrochen. So kam es, daß eine Deputation des Rates zur ſelben Stunde am Chorſtift eintraf, zu der die Bauern ſchreiend und drohend mit ihren Wehren angerückt kamen. Mit ihnen zog viel Volks aus der Stadt, denn was heut dem Bauernmeiſter geſchah, konnte morgen dem Matthias Waibel geſchehen. 139 Krachend ſchlugen die Bauern mit ihren Waffen gegen das Tor, das im letzten Augenblick noch ſchnell geſchloſſen wurde. Dazu ſchrien ſie:„Gebet uns den Engelbert Hiltens⸗ perger, ſuſt wurt das Gotteshus in Grund und Erdsboden verbrunnen!“ An den Fenſtern zeigten ſich Köpfe, die beſorgt auf den Haufen vor dem Tor herunterſahen, Chorherren und Geſinde. Da trat der Gordian Seuter unter die Bauern und redete mit ihnen.— Sie zogen ſich auf hundert Ellen zu⸗ rück, und die Deputation des Rates rührte den Türklopfer. Vorſichtig wurde das Tor geöffnet und gleich wieder hinter den Herren vom Rat geſchloſſen. Man führte ſie ins Refektorium, wo ſich das ganze Kapitel verſammelt hatte. Der Fürſtabt war ſehr ungeduldig, denn es war ihm peinlich, daß ſeine hochgeſtellten Gäſte, die in ihren Zim⸗ mern ruhten, Zeuge des unliebſamen Aufruhrs waren. Er dachte die Verhandlung abzukürzen, wenn er gleich damit anfing, den Bürgermeiſter der Freien Stadt wegen ihres Predigers ungnädig anzufahren. Aber der Gordian Seuter war ein erfahrener Mann in politicis. Er machte die Sache mit einer Handbewegung ab und packte gleich den Stier bei den Hörnern. Kurz und bündig erklärte er, der Hiltensperger ſei im Weichbild der Stadt geworfen worden, unterſtehe ſomit keinem anderen Gericht als dem von Kempten. Und ſo verlangte er kurzerhand ſeine Freigabe. Der Fürſtabt, der nicht gleich bei ſeinem erſten Span mit der Stadt unterliegen wollte, verweigerte ſie ebenſo kurzerhand mit der Erklärung, es handle ſich um ein todes⸗ würdiges Verbrechen. „Wohl, Euer Fürſtlich Gnaden“, ſprach der Bürger⸗ 140 meiſter,„uf Prieſtermord im Gotteshaus ſtandet Tod und Bann, darfor het der Hiltensperger den Ritter von Raitenau bewahret! Ein Hocher Rat von Kempten laſſet Euer Fürſt⸗ lich Gnaden kund und ze wiſſen thon, inſolang der Hiltens⸗ perger nit gelöſt, ſollent die Stadttor for ein jeden vom Chorſtift geſchloſſen bleibend! Das iſt eines Hochen Rates rechter Will und feſte Meinung.“ Das ſchlug ein; denn faſt alle Chorherren nannten ein Haus in der Stadt ihr eigen, in dem ſie zu wohnen pflegten. Sie ſchauten ſich alle beſtürzt an, und der Abt wollte eben zornig hochfahren, da hörte man drunten im Hofe des Stiftes das wilde Geſchrei der Bauern, die das Tor ein⸗ gedrückt hatten. Waffengeklirr auf den Gängen, und herein trat der alte Wendelin von Freiberg. „Herr Ritter!“, eiskalt klang's,„was iſt Euer Begehr? Entſinn mich nit, daß Ihr Euch hättet laſſen melden!“ Da riß der Freiberger die Tür auf, daß man das Ge⸗ brüll der Bauern gar bedrohlich hörte.—„Mich dünket, Ihr hättets erloſet“, meinte der Ritter gleichmütig. Jetzt merkte der Abt, daß es hart auf hart ging, er erbleichte, denn Mannesmut war nicht ſeine ſtarke Seite. Der Freiberger ſtellte ſich breitbeinig, beide Hände auf den Schwertknauf geſtützt:„Herr Abbet, Euch iſt gar wohl kund, wie die Pauren ein neuen Schirmherren erwählet, dieweil der alt ſie onmenſchlich bedrucket, wiſſet auch gar wohl, daß dieſer der Wendel von Freiberg uf Wolkenberg heißet!“ „Ei, Herr Ritter, Ihr habet Euch der Ars juris nit all⸗ zuſehr befleißet. Will Euch ein Kollegium laſſen halten vom Dr. utriusque juris Xylander!“ „Potz Natter, was ſcheret mich römiſch Recht und rote Schuch. Der Paur kann kein Latem und der Ritter gleichermaßen nit! Iſt nützet dann ein Fuchsfallen, ein 14¹ ehrlichen Mann umb ſein Recht zu trügen. Die Pauren hent nach der Vätter Recht gehandlet, und dabei ſolls bleiben, ſo wahr ich der Wendel Freiberg bin!“ Da winkte der Abt dem Weiſchenfelder, der ihm mit einer tiefen Verbeugung eine Rolle reichte. Der Raitenauer las den lateiniſchen Inhalt vor. „Was ſoll mir der welſch Dreck?“ polterte der Freiberger. Aber mit milder Stimme ſagte der Abt:„So will ichs Euch dolmetſchen: Ihr ſeied von Rom in Fluch und Bann getan!“ „Suſt nens?“ lachte der Ritter. „O ja, Herr Ritter, waferns Euch nit genung!“ Und er las eine zweite Urkunde des Kaiſers Maximilian, daß der Biſchof von Konſtanz den Rechtsſtreit zwiſchen den Parteien entſcheiden ſolle. „Ein Krah hacket der andern kein Aug us“, lachte der Freiberger.„Itz nit lang gefacklet. So der Hiltensperger nit binnen kürzeſt frei und ledig, ſo will ich das Unterſt zuoberſt kehren.“ Und es dauerte nicht lang, da hörte man vom Hofe her das Freudengeſchrei der Bauern, die den Hiltensperger be⸗ grüßten. Der Freiberger aber verneigte ſich tief:„Uf Konſtanzen müſſen Euer Fürſtlich Gnaden ohn den Freiberger fahrent, dann dem möcht die Zeit zu ſchad drumb ſeind!“ Lachend, ſchreiend und johlend zogen die Bauern zum Tor hinaus. Nun hatte der Lederle wieder gute Zeit. Alle Freitag wurde ſein Beutel zu Kempten friſch geſpickt. In jeden Krug kehrte er ein, in die Mägdekammern ſtieg er, auf jeder Kirmes ſpielte er auf; kurz, wo es etwas zu ſpionieren gab, da war der Lederle. 142 Und die Bauern machten aus ihrem Herzen keine Mör⸗ dergrube. Sie waren ſtörriſch geworden, als wie die ita⸗ liſchen Mauleſel, zahlten keinen Zehent, leiſteten keine Fronden und lachten den Vögten ins Geſicht, wo ſie ſie ahen. Aber die Zehentſcheuern des Abtes waren noch bis obenan gefüllt, er konnte warten. Dann und wann, wenn ein Vogt einem Bauern ein Stück Vieh wegnahm, machte der Freiberger einen Streif⸗ zug wider die Herden des Stiftes. Der Lederle hatte ſeine Kundſchafter und Spionierer, die über die ganze Landſchaft verteilt waren und insbeſondere in der Zeit der Kirchweihen vorzügliche Dienſte taten. Tatern, Gaukler und das ganze große Volk der Fahrenden und Spielleute waren ſeine Gehilfen. Und ſeltſam, ſo wenig ſie ihm trauten, dem Lederle, ſo oft er mit ſeiner Blaterpfeifen kam und zum Tanz auf⸗ ſpielte, liefen die Bauern doch zur Linde oder zum Krug. So kam er überall hin, nur nicht zum Auerberg, denn dort wehte ihm ein zu ſcharfer Wind. Aber endlich ließ es ſich nimmer umgehen, denn im Stift wurde immer dringlicher nach denen vom Auerberg gefragt. Alſo lieh er ſich den Kloſterſchüler Joſeph Brugger aus, mit dem er eines ſchönen Tages von Stötten gen Buchen anſtieg. Dort bog der Joſeph nach Burk, derweil der Lederle ſeine eigenen Wege ging. Die Bauern waren juſt dabei, das Grummet einzufahren. Erſtaunt blickten ſie dem ſchwarzgekleideten Burſchen nach, der ſeine allzu langen Glieder nirgends in der engen Klei⸗ dung unterzubringen wußte. Dabei tat er, als kenne er keinen von den Bauern. Ja, was das Latein alles aus einem Menſchen macht. Die Bauern fuhren ſchweigend in ihrer Arbeit fort, 143 bloß der Alois Guggenmoos meinte:„Ein Gaul bringt kein Diſtelvogel, und ein Meusle bringet ein ander Meusle. Bloß beim Brugger ſtimmts nit, da hat ein gueter Gaul ein gewaltigen Eſſel bracht!“ Und die andern lachten. Der würdige Schüler der Stiftſchule aber ſchlenkerte gleichgültig dem heimatlichen Hofe zu; er ſchaute nicht rechts und ſchaute nicht links, hatte er doch nie eine Be⸗ ziehung zu ſeiner Umgebung gehabt. Der Brugger war auf dem Felde; das Annele trieb gerade das Vieh ein. Als ſie den Joſeph ſah, ſchrie ſie laut auf, und in der erſten Freude breitete ſie die Arme. Aber der Herr Lateinſchüler ſetzte ſein hämiſches Lächeln auf. Er gab der Magd nicht einmal die Hand, ſondern blickte mit ſeinem Schielaug kalt und gleichgültig an ihr vorbei. Sie wollte noch etwas ſagen, aber er flegelte bloß: „Schlag mir etlich Eier in die Pfannen.“ Damit ging er an ihr vorbei in die Stube. Die Magd wiſchte die Augen mit dem Arm. In der Stube ſaß in der Ecke die Bäuerin. Sowie ſie des Buben anſichtig wurde, ſing ſie an zu zittern, ſtreckte die Hände abwehrend von ſich und tat etliche gelle Schreie. Mit geſpannten Blicken folgte ſie jeder ſeiner Bewegungen. Da erſchrak der Burſche denn doch gewaltig, denn er wußte nichts vom Irreſein der Bäuerin. „Pax vobiscum, Gotts Grueß“, ſtotterte er. Aber die Kranke ſchaute ihm nur mit aufgeriſſenen Augen zu. Er wollte ihr die Hand geben, da tat ſie wieder ein paar Schreie. Er lächelte verlegen und wußte nicht, was er tun ſollte. Darum ging er in die Küche, wo die Anna hantierte und ſich immer wieder die Tränen wiſchte. 14⁴ „Was iſts mit der Mueter?“ fragte der Bub verdroſſen. „'s Gſtirn iſt ihr verruckt.“ Und wieder ging der Kloſterſchüler in die Stube. Doch konnte er den Blick der Kranken nicht ertragen. Er be⸗ ſchäftigte ſich mit allem möglichen, fing Mücken, ſtocherte mit einem Strohhalm nach dem Laubfroſch, öffnete den Wandſchrank. Da waren Mittel fürs Vieh, wenn es krank war, Wurzeln wider die böſen Geiſter, eingetrocknete Kreuzblümlein gegen den böſen Blick, ein beſchriebener Zettel. Geſchriebenes auf dem Bruggerhof? Beinahe hätte der Herr Lateinſchüler gelacht. Als er aber einen Blick darauf warf, verging ihm das Lachen. Blitzſchnell warf er den Zettel in den Wandſchrank zurüͤck und ſchloß ihn ab, denn die Magd kam mit den Eiern, und draußen hörte man den Schritt des Bauern. Noch ein ſcheuer Blick auf die Irre, die ihm mit auf⸗ geriſſenen Augen zugeſehen hatte, und ſchon trat der Bauer in die Stube. Ein zorniger Schatten flog über ſein Geſicht, als er des Buben anſichtig wurde; dann aber erſchrak er. Sollte er den Lotter wieder im Hauſe haben müſſen War er durch⸗ gebrannt, hatten ſie ihn heimgeſchickt? Er zwang ſich zur Freundlichkeit und reichte dem Buben die Hand:„Gotts Grueß, Joſeph.“ „Gotts Grueß“, klang's mürriſch zurück, und die weiche, nachläſſige Art, mit der er dem Bauern, ohne ihn anzu⸗ ſchauen, die Hand gab, ließ in dieſem die alte Abneigung übergroß hochſteigen. „Der ſoll furtgan“, ſchrie die Kranke immer wieder. Der Joſeph grinſte halb frech, halb verlegen. „Was willtu hie?“ fragte der Brugger gleichgültig und zitterte doch innerlich vor der Antwort. „Het mich Sein Fürſtlich Gnaden mit Poſten gen Schongau verſchickt, du ſollt mich for ein Tag hauſen und hofen.“ Schmückle 10 145⁵ Der Bauer atmeke auf und ging in die Tenne, das Fuder Grummet abzuladen, das er eingefahren hatte. Und der Joſeph lungerte im Hauſe umher, bis er ſich unbewacht und unbeobachtet fühlte. Da nahm er ſchnell den Zettel aus dem Schränklein und eilte damit in die Kammer, in der er ſchlief. Atemlos riegelte er zu. Es war ein Zettel von des Wolkenbergers ungelenker Hand, des Inhalts:„Ein Stuck dreimalen uf Wolkenberg gedundret ſoll das Zeichen ſeind. All Pauren ſollent als⸗ dann uf Luibas. Von dorten ſoll ſie der Hiltensperger zum Wolkenberg führent durch den Wald eilende.“ Zwei brennend roke Flecken erſchienen auf den Wangen des Kloſterſchülers. Das war ein Fund, das würde ihm die Gunſt des Abts verſchaffen, nach der er gierte mit ſeiner ganzen Seele. Jetzt wollte es ihn nicht mehr auf dem Bruggerhof leiden; der Zettel brannte ihm in der Hand. Der Lederle! Mochte der auf ihn warten! Das fehlte noch, daß er dem etwas von ſeinem Fund ſagen ſollte. Er war nie fürs Teilen geweſen. So ſtieg er leiſe die Treppe hinunter und ſchlich ſich hinaus, ohne einem Menſchen Lebewohl zu ſagen. Aber, wie's der Zufall will, er war noch keine zwei Stunden gewandert, als er auf den Lederle ſtieß. Der war ſehr ſchlecht aufgelegt. Von allen Seiten hatte er den Auerberg umſchlichen, aber überall hatte man ihm die kalte Schulter gezeigt. So ſchoben die beiden mißmutig miteinander Kempten zu. Mun war der Lederle ein viel zu abgefeimter Spitzbube, daß ihm die verfrühte Abreiſe ſeines Sprößlings nicht ver⸗ dächtig vorgekommen wäre.— Etwas ſtinumte nicht, das ſtand feſt. Drum, ſo ſehr auch der andere drängte, der Lederle ließ ſich Zeit. 14 Warum eilte denn der Joſeph, wenn er nichts zu melden hatte d Aber ob auch der andere lauerte und loſchorte, er kam zu keinem Ziel. In einem abgelegenen Gehöft ſprachen ſie einen Bauern um Nachtquartier an. Der nahm ihnen Feuerſtein und Zunder ab und verwies ſie in die Scheune, wo bereits zwei gartende Landsknechte kampierten. Alſo lagerten ſie ſich abſeits im Henu, ſchnürten ihre Stiefel auf.—„Potz Leichnam, warumb ziecheſt du dein Wammas nit us?“ meinte der Lederle. Aber der Joſeph wollte nicht, und der Lederle pfiff un⸗ hörbar durch die Zähne. Es dauerte nicht allzulange, bis der Joſeph ſanft entſchlummerte, und der Lederle hätte nicht der Lederle ſein müſſen, wenn er nicht für alle Fälle einmal den Kittel ſeines Begleiters durchſucht hätte. Und als dann leiſe der Zettel kniſterte, da ſpitzte er ſeine Ohren. Nun hielt er ihn in den Händen; aber leſen konnte er nicht, alſo ſchlich er auf allen vieren zur Türe, die in den Stall führte, und von da war es ihm ein leichtes, ins Freie zu kommen. Der Bauer hatte nämlich, wie üblich, die Tennentür mit einem guten Balken verriegelt. Und vergnügt ſchritt der Lederle Kempten zu. Ein⸗ mal lachte er ſogar laut auf, als er ſich vorſtellte, daß er ſein eigen Söhnlein beſtohlen hatte. Als am anderen Morgen der Joſeph erwachte, war weit und breit kein Lederle, und als er in ſein Wams griff, war die Taſche leer. Betrogene Lumpen ſind meiſtens am tiefſten gekränkt, und die Wut, die der Joſeph hatte, war über alle Maßen. Spät am Abend kam er ins Gotteshaus und ſah gerade, wie ſich der Lederle lachend um eine Ecke drückte. 147 In ohnmächtiger Wut ergriff er einen Stein und ſchleuderte ihn nach ſeinem ungekannten Vater. Aber er traf ihn nicht. *** Als an einem grauen Novembermorgen der alte Wendel von Freiberg frühzeitig aufſtand und vom Wolkenberg in die Tiefe ſchaute, ſah er allerhand ſchwarze Männlein im friſchgefallenen Schnee hin und her rennen. An die fünfhundert mochten es ſein. Da tat er einen ellenlangen Fluch und ſtürzte hinaus, ſeine verſchlafenen Knechte zu wecken. Es hätte ja nicht ſo geeilt, denn die Kemptner meinten, die in der Burg ſeien auf ihrer Hut. Das war ein Schreien und Laufen, bis die Plätze ver⸗ teilt waren, und der Freiberger mußte am Ende aufhören zu toben, denn ſein Vorrat an Flüchen war aufgebraucht, und das wollte etwas heißen. Als das Motwendigſte getan war, ließ er das Geſchütz dreimal löſen, das ihm der Rauhwolf von Eckardtſtein zugeſandt hatte. Seine übrigen Freunde hatten ſich entſchuldigen laſſen; ie wünſchten ihm alles Gute, aber ſie möchten, nachdem der Biſchof von Konſtanz ſich gegen ihn ausgeſprochen habe, es nicht mit Kaiſerlicher Majeſtät verderben. Weit über die Wälder hatte der Donner des Geſchützes gehallt, und von Dorf zu Dorf waren die Feuerreiter ge⸗ ritten. Die Sturmglocken läuteten allenthalben, und die Bauern rotteten ſich zuſammen. In Gruppen von zehn und zwanzig eilten ſie durch den friſchen Schnee der Mal⸗ ſtatt von Luibas zu. Dabei hatte es von neuem angefangen zu ſchneien, und die Flocken wirbelten nur ſo herunter. Noch waren ſie nicht alle beiſammen, kaum an die ſech⸗ zehnhundert Bauern, doch der Hiltensperger drängte zum 148 Abmarſch, denn er fürchtete, die Kemptener möchten ver⸗ ſuchen, das Schloß im erſten Anlauf zu nehmen. Und richtig, man hörte in großen Abſtänden die Schüſſe einer Schlange, die die Kemptner eilends von Ottobeuren hergeholt hatten. Ehe die Sturmglocken verklungen waren, hatten die Bauern zu Lubias, wie es üblich war, Feuer entzündet und ganze Ochſen an die Spieße geſteckt, denn ohne das ging's nicht ab. Dumpf tönten die Abſchüſſe aus der Ferne. Die Bauern drängten ſich um die Feuerſtätte, wo drei Mann den Ochſen drehten. Andere ſaßen in den Scheunen und ließen ſich das Schwarzbier munden. Der Engel ließ die Trommel rühren, und einer um den andern riß ſich los, um zur Malſtatt zu trollen. Zu Hunderten aber blieben ſie im Dorf, bis der Engel nach dem Rechten ſah. Er trieb ſie hinaus wie ein Schäferhund die Schafe. So gut und ſo raſch es ging, teilte er die Bauern in Hundertſchaften und ſchickte eine um die andere auf den Weg— ſechzehn waren's, und jeder gab er einen Führer. Es hatte wieder angefangen zu ſchneien, und in dichten Flocken ſiel der Schnee. Schwatzend und ſchreiend zogen die Haufen dahin. Der Engel wußte einen Weg im Hexenwald, auf dem er abſchneiden konnte, ſo daß er nach zwei Stunden an der Spitze des erſten Zuges ſchritt. Hinter ihm ſtapften in regelloſen Haufen die ſechzehn Hundertſchaften mit Hellebarden, Miſtgabeln, roſtigen Schwertern, Morgen⸗ ſternen, Prügeln und Spießen. Der Schnee drang ihnen feucht und kalt ins Schuhwerk, und ein Nieſen und Huſten ging durch die Reihen. Der Mißfmut ſetzte ein, und das Schimpfen begann; wie das Geſchnatter einer gewaltigen Gänſeherde hörte es ſich von weitem an. 149 Da dämmerte es dem Engel, daß Kriegführen mit Bauern doch eine üble Sache ſei. Mit weiten Schritten griff er aus. Vom Frundsperg her war er es gewöhnt, in der Kutte den Bihander zu ſchwingen. Den trug er über der rechten Schulter. Zum Glück hatte es aufgehört zu ſchneien, aber der Schnee lag ſchon hoch, als die erſte Hundertſchaft in den großen Wald einmarſchierte. Der Hiltensperger hatte ſie zur Ruhe gemahnt. Ab und zu ſprang ein Haſe über den Weg oder brach ein ſtarkes Stück irgendwo durchs Unterholz; ab und zu ſiel ein Klumpen Schnee von den Aſten und traf einen Dahinſtapfenden ins Genick. So war auch die letzte Hundertſchaft in den Wald ein⸗ gezogen. Wohl eine Stunde waren ſie auf engem Waldweg dahingegangen, da hörte man plötzlich vorne Schreien und Schießen aus Handrohren. Sie blieben ratlos ſtehen, denn der Weg war eng, und rechts und links der Wald ſo dicht verfilzt, daß an ein Durchkommen nicht zu denken war. „Was los Was los?“ ſchrien ſie durcheinander.— Die vorderſte Hundertſchaft war mißmutig ihres Weges ge⸗ zogen, ſelbſt zum Schimpfen zu verdroſſen. Als ſie auf zwanzig Schritte an eine Stelle gekommen war, wo eine dichte, verſchneite Tanne über den Weg lag, fuhren aus den Zweigen mit einem ein Dutzend krachende Feuerſtrahle, und ein Haufen Bauern wälzte ſich ſchreiend am Boden. Zugleich pfiffen leiſe von beiden Seiten des Weges die Armbruſtbolzen zwiſchen die Bauern, die ihren Gegner erſt ſahen, wenn ſie den tödlichen Stahl im Leibe hatten. „Mordio! Mordio!“ hallte es durch den Wald. In ihrer Herzensangſt drängten ſich die Bauern zu⸗ ſammen wie eine Schafherde, und Armbruſt und Hand ⸗ 150 rohr ſprachen weiter, bis Kugeln und Bolzen verſchoſſen waren. Jämmerlich klang das Geſchrei der Getroffenen durch den Wald. Die Knechte ſprangen aus den Büſchen und ſtachen mit Spieß und Schwert auf die Verängſtigten ein. „Mordio! Rettio!“ Mit ſtieren, ſchreckensweiten Augen ſtürzten die Bauern zurück, drängten und ſtießen, was ihnen in den Weg kam. Und von hinten drückten ſie zur Hilfe nach vorne, bis ſie alle einen wilden Knäuel bildeten. Einer ſchlug auf den andern ein, um ſich Raum zu ſchaffen. „Mordio! Rettio!“ Gelächter und Geſchrei der Reiſigen! Bitten, Flehen, Beten! Endlich, endlich löſten ſich die Klumpen, und die Bauern rannten um ihr Leben nach rückwärts. Über hundert Tote lagen im Schnee, rote Blutlachen färbten ihn, ſickerten immer tiefer und tiefer. In der Ferne verlor ſich das Geſchrei der verfolgenden Reiſigen. Die im Holze lagen und noch lebten, wurden von den zurückkehrenden Knechten vollends erſchlagen. *** Der Freiberger aber ſtand auf der Schanze und ſchaute nach den Bauern aus. Stunde um Stunde verging, und die Haufen wollten nicht aus dem verſchneiten Walde treten. Drunten ſah man, wie die Kemptener immer wieder die Schlange richteten. Ein Feuerſtrahl, und die Stückkugel ſchlug ins Mauer⸗ werk, daß Steine und Mörtel auf den Burghof praſſelten 151 und zwei Knechte erſchlugen, die bei dem ſiedenden Pech das Feuer unterhielten. Ab und zu, wenn eine Gruppe ſich allzu nahe heran⸗ wagte, ſchoß einer von der Mauer mit einem Handrohr in die Tiefe. Dann ſah man auf der weißen Schneedecke die ſchwarzen Männlein auseinanderlaufen wie die Hühner, wenn der Haobicht dazwiſchen fährt. Anfangs hatte der Freiberger darüber gelacht, aber je ſpäter es wurde, deſto böſer wurde ſeine Laune. Daß ihn die vom Adel im Stich gelaſſen hatten, das hatte ihn ſchon ärger gewurmt und gekränkt, als er hatte merken laſſen. Daß ihn aber die Bauern, wie er meinte, zum Hanſen hatten, das verletzte ſein ritterliches Selbſtgefühl, daß die Wut immer mehr in ihm hochkochte. Zähne⸗ knirſchend murmelte er:„So ſie mich itz zum Fatzen ge⸗ macht, all hundrettuſend Deifel. Kumm ich mit gueter Weis us dem Handel, ſo will ich denen ſchwarzen Rotzpauren den roten Habn ufs Dach ſatzen, ſo wahr ich der Wendel Freiberg heiß!“ Bie die Macht herniederſank, blieb der Freiberger auf der Schanze ſtehen; die Bauern kamen nicht. Dafür ſah man, wie die Kemptener in die umliegenden Dörfer abzogen und ringsum Wachen ausſtellten, denn der Winterkrieg war damals ein ungekanntes Ding. Noch eine Weile blieb der Freiberger auf der Schanze und ſah zu, wie ſie im Burghof ein Feuer entzündeten, das ſeinen roten Schein auf das Gemäuer ringsum warf. Drunten lag das Land ſtill und friedlich, und kalt und fremd funkelten die Sterne über der Schneelandſchaft. Der Freiberger lachte ein kurzes, bitteres Lachen:„Haſt itz nit genung von denen Menſchen, Wendel, alter Tor? Sie hent mich zum Fatzmann gmacht, zum Hanſel. Pauren, ſchwarze, rotzige Pauren!“ Damit ging er hinauf in die große Stube, ſtreckte die eiskalten Füße ins brennende Kamin und ſtierte in die 152 Glut:„Bſchicht mir grad recht! Het mich der Rauhwolf nit gwarnet, het er nit gſagt, Paur und Ritter ſeind nie nit in eim Stall gſtanden!“ Unmutig löſte er Arm- und Beinſchienen und warf ſie zornig ab, daß ſie klirrend ſeitwärts rollten. Da polterten ein paar Knechte die Wendelkreppe herauf. Sie ſtießen die Türe auf und führten einen Mann berein, der ſie von jenſeits der aufgezogenen Fallbrücke angerufen hatte. Erſt waren die Augen des Ritters durch das Kamin⸗ feuer geblendet, ſo daß er den Ankömmling im Halbdunkel nicht erkennen konnte, als er aber näher hinzuſah, war es der Engelbert Hiltensperger. Mit einem kurzen Wink ſchickte der Ritter die Knechte fort. Dann erhob er ſich und krat auf den Ankömmling zu. Er ſah, daß dieſer ein blutgetränktes Tuch um die Stirne gewickelt hatte. Das dämpfte ſeinen Zorn. „Wo ſeind die Pauren, Hiltensperger?“ „Etlich andrethalb Hundret liegent kot im Forſt, Euer Edel, wieviel ſuſt no bluetig gſchlagen, ſell weiß ich nit ze künden.“ Alſo hatte man ihn doch nicht zum Hanſen gemacht! Alſo war er doch nicht dem Geſpött jedes Speivogels preis⸗ gegeben. Alſo waren die ſchwarzen, rotzigen Bauern treuer geweſen als ſeine Sippe! Der Ritter atmete auf:„Hett mirs eh ſollen ſagen“, murmelte er vor ſich hin,„daß der Hiltensperger, ſo meim Bruder ſelig die Treu ghalten, an mir nit werd zum Schelmen werden!“ Er rückte dem Engel einen Stuhl ans Feuer und rief in den Burghof nach einem Buben:„Die Speckſchwarten ſoll ein Süpple bringen, hernach etlich Gſelchtes und zween Kannen Neckarweines.“ „It, Hiltensperger, erzählet.“ Und er erzählte. Als er geendet hatte, lächelte der Ritter frübe:„Das Spill iſt gar und us, in der morgenden Fruh wurt Sturm gloffen, zehen wider ein. Wöllet mich unterſtehn, die Hal⸗ loder den Berg abe werfen, ihedoch was alsdann 2 Iſt zu⸗ dem ein Stuck Mauer allbereits eingſchoſſen.“ „Die Suppen han ich Euch angrührt, gnädiger Herr, wellet mir darob nit allzu gram ſeind.“ „Laſſets gut ſein, will ſie ſchon ſelber uslöfflen. Han's können tun oder laſſen, iſt in meiner Hand geweſt.“— Er ſchloß ſchnell, denn die Speckſchwarten, wie man die Wirt⸗ ſchafterinnen nannte, kam mit dem Eſſen.—„Itz heißets us dem Handel ſchleifen.“ Und als die Speckſchwarten draußen war:„Möcht chier meinen, der Kemptener wurt mir ein guldin Brückle weiſen. Uf geſtrigen Tag het ſich der Kaiſer Maximilian angſagt zu Füſſen im Schloß, will uf Gemſen jagen. Kunnt wohl ſein, daß der Kemptener kein Geſchell noch Rührauf brauchen kann, deſſentwegen lieber im ſtillen möcht abmachen.“ Und kaum hatte er das Wort geſprochen, als vor der Zugbrücke ein Trummetenſignal ertönte. Der Ritter lächelte:„Sprich vom Deifel, und er wacklet mit dem Schwanz.“ Vor der Zugbrücke ſtand ein halbes Dutzend Reiſige mit dem jungen Konz von Freiberg, dem Neffen des Ritters. Der begehrte Einlaß und freies Geleit. Der Freiberger hatte ſich nicht getäuſcht, der Abt trug Bedenken, den Handel allzuweit ſich auswachſen zu laſſen, nicht nur des Kaiſers wegen. Die Sippe der Freiberger ſaß allenthalben herum im Land, er, der Abt, ſelber keines⸗ wegs feſt im Sattel. Wenn auch die Sippe vorläufig abſeits ſtand, eine ſchmähliche Behandlung des alten Ritters würde ſie niemals dulden. Als man dieſem ſeinen Neffen meldete, flog ihm eine Wolke des Unmuts über die Stirne:„Soll mir der 154 Rotzaff das Löchle weiſen, us dem Handel ze ſchleifen? Brauchet die zerſchoſſen Mauer nit ze ſehn. Sollent ſein Knecht vor der Brucken warten, ihm ſelber die Augen ver⸗ bunden, alsdann hereingeführt. Mein gueter edler Brueder und ein ſotter Sohn!“ grollte der Ritter,„do hent Ihr kein leicht Stuck Arbet ghett, Hiltensperger.“ „Wo Haut und Haar kein Nutz, do wurt kein gueter Balg“, ſagte der,„meinet Ihr nit, gnädiger Herr, es wöllet mir beſſer anſtehn, die Platten ze butzen?“ „Standet in die Erkerniſchen und loſet, was der Grasaff ſaget, kann nit ſchaden, vier Ohren hörent beſſer dann zween.“ Mit einer höſiſchen Verbeugung trat der junge Chor⸗ herr ein. Er war im weltlichen Kleid. Dann blieb er mit erkünſtelter Beſcheidenheit ſtehen. Dabei mußte er ſich zuſammennehmen, um nicht zu zeigen, welch ein Vergnügen es ihm machte, ſeinen Oheim in der Falle zu ſehen. Der drehte aber bloß den Kopf halb nach ihm und ſtocherte dabei mit dem Schüreiſen in der Glut. Ei, wie der Burſche ſich blähte im Bewußtſein ſeiner hochwichtigen Aufgabe! Wenn er nur wüßte, warum ihn der Oheim ſo ſpöttiſch angriente, ohne ein Wort zu ſagen, oder ihn zum Sitzen einzuladen. Er hatte ſich vorher wohl überlegt, was er ſagen wollte, aber nun brachte ihn der Alte vollſtändig aus dem Konzept. „Viel ſeliger Zeit“, ſtieß er endlich heraus. Der aber gab keine Antwort, ſondern griente bloß. Ob er ſich ſetzen dürfe? Der Alte wies mürriſch auf den Seſſel, auf dem der Engel geſeſſen.— Wohl fühlte der Junker die Körperwärme, di⸗ noch an dem Sitze haftete, aber er machte ſich keine weiteren Gedanken, ſondern legte los und zeigte dem Ritter ſeine miß⸗ 155 liche Lage auf; aber der ſtocherte weiter in der Glut und warf nur hin und wieder einen ſpöttiſchen Blick nach ſeinem Neffen. Man wiſſe zu Kempten ganz gut, daß der Herr Oheim nicht ſo ſchuldig ſei, wie es den Anſchein habe, er ſei eben den Einflüſterungen eines ſchlimmen Beraters zum Opfer ge⸗ fallen. Er perſönlich könne dabei ganz beſonders mitfühlen, ſei es ihm doch einſtens ſelber ſo gegangen. Auch ihn hätte der abtrünnige Pfaff auf dem Auerberg zu manchem beredet, was ihm jetzt leid tue. „Red weiter, Konz“, grinſte der Alte. Ja, das ſei ein Rottierer und Ufrührer, der ſeinen Lohn ſchon erhalten werde, er ſamt ſeiner Pfaffenkellerne! „Ach und pfuch!“ meinte der Alte,„het nit der Raitenauer ein handfeſten Buben von einer Kemptenere? Seit wannen ſeind die vom Chorherrenſtift gar ſo zimperte d“ Da er nichts zu erwidern wußte, wollte der Junge die Sache mit einer Handbewegung abtun. „Itzunder, Bürſchle, haſt mich zum andernmal ver⸗ raten!“ Der Chorherr fuhr herum und machte ein Geſicht, als ſäße ihm der Böſe im Nacken, als er den Hiltensperger aus der Erkerniſche treten ſah. Er ſchnappte ordentlich nach Luft. Und der Ritter lachte, daß es dröhnte.„Fahret geruhſam fort, Herr Bruderſohn!“ Da probierte der es noch einmal mit der Frechheit:„Seit wannen leidets ein Freiberger, daß einer ſeins Namens in ſeim Burgſtall wurt mit Bürſchle angredt?“ „Seit wannen ſtandet ein Freiberger mit eim Pfaffen in eim Stall wider ſeins Vatters Bruder“, donnerte der Ritter, „pfei der Schand!“ Da war's ſchnell wieder aus mit der Frechheit. Als dann der Engel noch einen Schritt auf ihn zu kat, ſtammelte er kleinlaut:„Mir iſt frei Geleit zugſagt.“ 156 „Des ſolltu onbeſorgt ſein, han mich nie nit an eim Büeble vergriffen.“ „Will mir ſcheinen, Herr Bruderſohn, Ihr hent ein enges Wammas an?“ Das war etwas viel auf einmal; dem Jungen ſchoß wohl das Blut ins Geſicht, aber was wollte er machen d „Wellet Ihr mir verſtatten, Herr Ohm, meins Uftrags ledig ze werden?“ „Machs kurz, dann i ſiech dein Ars lieber dann dein Gſicht“, erwiderte der Ritter grob. Alſo packte der Chorherr aus: Der Abt bot dem Ritter zweitauſend Gulden für die Burg und freien Abzug. Dafür ſollte der Ritter Urfehde ſchwören und geloben, nie wieder ſich ein Schutzrecht in der Kemptener Land⸗ ſchaft anzumaßen. Der alte Ritter ſtreckte die Füße gegen die Glut des Kamins und lehnte ſich in ſeinen Seſſel; er ſprach es vor ſich hin, als rede er nur mit dem Engel:„Des einen Abgang iſt des andern Ufgang! Mit denen Ritteren gangets zu End, ſeind, als man ſpricht, ab equis ad asinos kummen. Blaſet nit heunt ſchon der Wind durch die mehrſten Burg⸗ ſtäll? Iſt nit der Rittersmann ein armer Deifel, ſitzet uf ſeim Storckenneſt, ſein Fenſter mit Stroh und Brett ver⸗ ſtopfet, fahret ihm der Sturm durchs Gemäuer, ſchnatteret als ein naſſer Hund? Hanget die Füß ins Fuir, frieret am Buckel und reißet ihn das Zipperle. Und in denen Städten? Sitzent hinterm warmen Ofen, eſſen friſchbacken Brot, laufent uf Teppich us Morgenland, gangent in Sammet und Seiden, lebent Huſſa huraſſa! Ei, Herr Bruderſohn, itz ſaget mir no, was ſolls mit denen Pauren werdent?“ „Die ſeind dem gnädigen Herrn zu Kempten eigen, der wurt mit ihnen thon, was Rechtens.“ Da ſchaute ihn ſein Oheim ſcharf an:„Saget dem Pfaffen zu Kempten, Herr Bruderſohn, der Freiberger ſeie 157 FPPP nit abgeneigt, mit ihme ze handlen, mit eim Beding! Er ſeie nit gewohnet, Treu mit Untreu ze entgelten. Habet Ihr mich recht verſtanden, Konz von Freiberg?“ Der antwortete nicht, aber er wurde flammend rot und konnte es nicht laſſen, einen ſcheuen Blick nach ſeinem alten Waffenlehrer zu werfen. Aber deſſen Geſicht war unbeweglich, als wäre es von Stein. „Ob Ihr mich recht verſtanden, Junker Ehrenfeſt?ꝰ Ganget rund heraus mit der Antwurt.“ „Wohl, wohl, Herr Oheim“, klang's erzwungen zuruͤck. „Alſo ſoll ſich der Pfaff zu Kempten bei Gotts und ſeiner eigenen Ehr verpflichten, er well die Pauren nit laſſen entgelten, daß ſie den Freiberger zum Schutzherren erwählet, niemerts an ſeim Gut, noch Leib, noch Leben ſtrafen.“ Der Junker wollte noch etwas ſagen, aber der Alte ſchnitt ihm das Wort mit einer kurzen Handbewegung ab:„Itz hent Ihr mein letzt Wurt gehöret! Junker, ver⸗ meldets Eurem Herren und ſaget, ſo er ander Sinns und Meinung, der Freiberger ſeie zum letzten Tanz bereit. Er wart der Antwurt uf dem Wall. Möcht nit ſchaden, ſo Kaiſerlich Majeſtät zu Füſſen ſelbſten kunt zuſchauen, wies ausſiechet in teutſchen Landen.“ Der Junker biß ſich auf die Zähne:„Alſo das wußte der alte Fuchs auch ſchon.“ Er wollte aufſtehen und gehen, aber der Engel ſprach: „Gemach. Ich möcht vor Euch reitend. Stand zwar in Gotts Hand, dannoch, die Zeitläuft ſeind unſicher und um den Berg möchts nit ganz geheuer ſeind. Geduldet Euch noch ein lützel. Es tuet not, bei denen Meinen nach dem Rechten ze ſchauen. So Ihr alsdann denen Pauren ebbs kund ze thon habet, ſo will ich Euer warten uf dem Auer⸗ berg, allwo ſie lageren. Ihr aber, Herr“, wandte er ſich an den Ritter, 158 „nehmet mein Dank for alle Treu und verdenket mir den Handel nit.“ Als die Zugbrücke raſſelte, erwarteten die Reiſigen draußen den Freiberger, aber ein Reiter in ſchwarzer Kutte jagte an ihnen vorbei. Alſo harrten ſie noch eine Weile auf ihren Herrn, der ſie ohne Grund bös und grantig anfuhr. Schwer und wuchtig ſtapfte der ſtarke Rappe, das Geſchenk des Freibergers, mit dem Engelbert Hiltensperger von der Stöttener Seite her den Auerberg hinauf. Hinter ihm lag im Schneedunſt das Wellenland. Die gefrorene Geltnach ſchimmerte wie ein Silberſtreifen im dämmernden Tag, denn ein ſtürmender Weſt hatte die dünne Schneedecke vom Eiſe gefegt. Im Oſten rötete ſich das Gewölk, und ein flammender Purpurſtreif kündete, daß die ſteigende Sonne den ein⸗ ſamen Reiter grüßen werde. Der ſchaute hinüber zum Gebirg, wo die Winterluft klar und fernſichtig war und das unerhörte Schauſpiel der erwachenden Gipfel kommen mußte. Die Zugſpitze glühte auf, ein flammender Rubin auf ſchneeigem Grund, und rauchend ſtand über ihr ein dünner Frühnebel. Ein Zacken um den andern brannte, und in feurigen Bächen ſtrömte die Glut an den Firnen herunter. Dann ſtand die ganze Bergkette in feurigem Rot, ver⸗ blaßte zum leuchtenden Roſa, bis ſie endlich in glühendem Golde erſtrahlte. Dichten Dampf ſtieß der Rappe in die kalte Winter⸗ morgenluft, Schritt vor Schritt ſtampfte er im Schnee. So nahm der verſchneite Tannenwald Roß und Reiter auf. Und aufwärts ging's, den ſchmalen Waldpfad hinan. 159 Mit einem fiel vor ihm ein Schneeklumpen im Dickicht, und ein Zweig begann heftig zu ſchwanken. Das war einer von den Vorpoſten, die die Bauern aus⸗ geſtellt hatten. Verlegen und dumm ſchaute er aus dem Buſch, fuhr zurück und riß eine zweite Schneeladung zu Boden. Der Engel ritt weiter. Als er oben in die Mulde bog, ſchlug ihm der Rauch zahlreicher Feuer ent⸗ egen. Der Michel Hiltensperger hatte die Haufen geſchloſſen auf den Auerberg geführt, die alten Keltenwälle beſetzen laſſen, Vorpoſten an die Waldränder geſtellt. Die andern hatte er in den Gehöften von Buchen, Geißenhofen, Hofſtatt und Salchenried einquarkiert, um ſie gegen die Winterkälte zu ſchützen. Ein Haufen lag zum Ablöſen droben in der Kapelle. Von allen Seiten ſtiegen nun am frühen Morgen die Bauern von den Gehöften, wie ihnen geheißen worden war, den Berg hinan, und immer neue Feuer loderten in der Mulde auf, um die, frierend und mit den Armen ſchlagend, die Leute ſtanden und ihr Schuhzeug über die Flammen hielten. Dabei huſteten ſie ſich ſchier die Lungen aus der Bruſt. Einige hatten wohl etliches Geſchirr aufgetrieben, in dem ſie eine Haferſuppe am Feuer rührten, aber die meiſten hungerten. Wenn aber der Bauer hungert und friert, iſt ſeine gute Laune dahin. Dann ſteigt vor ſeinen Augen die niedere Stube auf mit dem gemauerten Ofen, in dem der Waſen kniſtert, hinter dem eine roh gezimmerte Holzbank ſteht, auf der er ſonſt ſeinen Winterſchlaf hält. Dann träumt er von allerlei Gerauchtem und von einem Federbett, das hoch über ihm zuſammenſchlägt. Ein Hundertſchaftsführer um den andern meldete dem Michel, daß ſein Haufen ſchon merklich zuſammen⸗ 16⁰0 geſchmolzen ſei, und an den Feuern ſprachen etliche ganz offen, ſie wollten heim zu Weib und Vieh. Da ſtieg dampfend der Rappe mit dem Engel Hiltens⸗ perger den Hang herauf. Und nun ging's durcheinander wie im Ameiſenhaufen; ſie ſuchten ihre Wehren zuſammen und liefen ihm enk⸗ gegen. Ob ſie heim könnten? „Daß euch potz rem ſchend!“ fuhr der Engel los,„könnet ihr nit zween Täg ushalten? Rawet euch der Handel, ſo ganget.“ Sie blieben, denn des Engels Art ließ keinen Wider⸗ ſpruch zu. Droben beim Stechelehof ſtieg er vom Gaul, den der alte Knecht in den Stall führte. Mit klopfendem Herzen hatte ihn die Regula von der oberen Kammer aus anreiten ſehen. Sie blieb oben. Erſt kam die Sache, um die es ging. In der Stube ſaß der Engel, und rings an der Wand⸗ bank hatten ſich die Hundertſchaftsführer niedergelaſſen. Der Engel ſagte ihnen, wie die Sache ſtand, daß es darauf ankomme, ob der Abt den Bauern Straffreiheit zuſage oder nicht. Inſolange müßten ſie beieinanderbleiben, einen Tag, zwei Tage, bis ein Bote komme. Und wenn der Abt ſich weigere? „Alsdann wurt die ganz Landſchaft ufpotten.“ Als ſie den Leuten ſagten, ſie müßten ein oder zwei Tage noch aushalten, da weigerten es dieſe nicht, denn es war mählich warm geworden. Die Sonne leuchtete und warf ihre warmen Strahlen über den Schnee, daß eine wohlige Wärme an den durchfrorenen Bauernleibern heraufſtieg. Ja, es wurde ſo warm, daß ſie die Kittel auszogen. Nun herrſchte wieder eitel Ruhe und Zufriedenheit. Es entwickelte ſich ein fröhliches Treiben mit Scherz und Schmückle 1I 161 Spiel, und die Mulde hallte wider von Lachen und Singen. Das war dem Engel recht. Wenn es dunkelte, wollte er ſie wieder in die Gehöfte ſchicken, und wenn der nächſte Tag ſchön und warm wurde, ſo konnte es nicht ſchwerfallen, ſie zuſammen⸗ zuhalten. Aber es ſollte nicht nötig werden. Es mochte um die vierte Mittagsſtunde ſein, ein kühler Wind ſtrich von Oſten her und warf einen bläulichen Schimmer über den Schnee. Es wurde ſchon empfindlich kühl. Der Engel wollte zum Ring ſchlagen laſſen, um die Leute in die umliegenden Gehöfte zu entlaſſen, da mel⸗ deten die Späher, daß ein Dutzend Reiter auf den Berg zuhalte. Als dieſe in den Tannenwald einreiten wollten, ſtreckten ſich ihnen plötzlich Spieße und Hellebarden entgegen. „Kennet ihr mich nit 2“ fuhr der junge Freiberger auf. Aber nur ein trotziges Schweigen war die Antwort. „Gebet Raum“, rief der Chorherr und zog ſein Schwert. „Stecket die Wehr ein, gnädiger Herr“, ſprach der Michel Hiltensperger und krat ruhig zwiſchen den Tannen hervor,„ein Tröpfle Bluets kunnt leichtlich ein Bächle ſchaffen. So Ihr Poſten for den Engelbert Hiltensperger habet, ſo folget mir. Denen Reiſigen iſt der Weg ver⸗ wehret.“ Da half kein Aufbegehren; der ſtolze Chorherr mußte ſich fügen. Nur einer durfte noch den Berg hinaufreiten, ein Bote des alten Freibergers, den dieſer mit denen vom Gotteshaus hatte reiten laſſen. Der Michel führte die beiden an Schanzen und Wällen vorbei, die von den Bauern eilends beſetzk worden waren.— Das ſtarrte nur ſo von Waffen, und der Freiberger wunderte ſich über die mächtigen An; lagen. 162 Aber noch mehr erſtaunte er, als er in die Mulde einritt. und den gewaltigen Ring bewaffneter Bauern ſah. „Hini zum Tuifel“, murmelte er vor ſich hin,„do wurt ein neu Ding!“ In Gedanken fügte er hinzu:„Es ganget gar Frundspergiſch zu uf dem Auerberg. Potz Blau, ſo's der Abbet wollt ſehen, kunnts kein Schad nit ſein.“ Der Ring öffnete ſich vor ihm und ſchloß ſich wieder, aber er ſah keinen Hiltensperger. Nur der Kreis ſchloß ſich eng und enger. Die Maſſe der Bauern umdrängte ihn. Ihre ſcharfe Ausdünſtung ſtieg dem vornehmen Chorherrn in die Naſe; ihre platten Geſichter grinſten ihn höhniſch und heraus⸗ fordernd an. Er wurde unruhig. Und ſo machte er das Dümmſte, was er kun konnte, er ſetzte ſein hochmütigſtes Geſicht auf und fuhr ein paar Burſchen an, die ihm zu nahe rückten. Gleich wurden da und dort im Haufen Schmährufe laut. Die Beſonneneren wieſen die Schreier zur Ruhe, aber ganz vorne ſtand ein Haufen aus Luibas. Der drängte immer mehr gegen den Chorherrn an. „Wo iſt der Knopf““ ſchrie einer. Der Freiberger riß ſeinen Gaul zurück, denn einer war ihm mit ſeiner Hellebarde bedenklich nahe gekommen. „Wo iſt der Knopf?“ ſchrie der Haufen. Dem Freiberger war, als richteten ſich alle Waffen mitk ihrer Spitze gegen ihn. Hier galt Adel und Herrentum zur Stunde blutwenig, ein unbedachtes Wort, und ein Eiſen konnte ihm zwiſchen die Rippen fahren. „Du ſollt uns ſagen, wo der Knopf geblieben?“ ſchrie einer aus dem Haufen und riß den Gaul am Zügel. Jetzt wurde der Freiberger bleich, und ſein Auge ſuchte unſicher und ängſtlich den Hiltensperger. Da ſah er ihn keine ſechs Schritte entfernt mit unter⸗ 163 geſchlagenen Armen ſtehen, den Mund zu einem ſpöttiſchen Lächeln verzogen. Die von Luibas gebärdeten ſich wie unſinnig und ſchrien immer lauter. Da ſchallte plötzlich des Engels Stimme:„Ich gebiet Frieden und verbiet Unfrieden.“ Und es wurde ſtille. „Der Frag nach dem Schmid mach ich Euch ledig“, fuhr der Engel ruhig fort,„die wurt der Herrgott am Jüng⸗ ſten Tag ſtellen; ſehet alsdann zu, Junker von Freiberg, daß Ihr die recht Antwurt findet!“ Aber die von Luibas wollten ſich nicht zufrieden geben. Sie ſchrien von neuem und fuchtelten mit ihren Spießen. Da donnerte des Engels Stimme—, und die Waffen ſenkten ſich. Nie, wenn ſeine Stimme dieſen Klang an⸗ nahm, wagte einer auch nur zu flüſtern. „Ich verbiet Unfrieden! Hie iſt mein Burg! Wers nit wahr will han, der ſteig ab dem Berg! Itz, Junker von Freiberg, ſaget Euer Potſchaft!“ Der Junker mühte ſich, Haltung anzunehmen. Er wandte ſich hochmütigen Geſichts nicht an den Engel, ſon⸗ dern an die Bauern. Mit der Stimme des Herrn, der keinen Widerſpruch duldet, teilte er mit, daß der Ritter Wendel von Freiberg der Schutzherrſchaft entſagt habe, daß ihr Herr und Gebieter, Fürſtabt Johann von Raitenau, ſie auffordere, ruhig auseinanderzugehn. Sollte ſich kein weiterer Grund zur Klage ergeben, ſo ſei es nicht aus⸗ geſchloſſen, daß der gnädige Herr zu Kempten Gnade für Recht ergehen laſſe. In die Naſen der Bauern ſtieg der heimatliche Stall⸗ dampf und der liebliche Geruch von Geſelchtem. „Ei“, lächelte der Engel,„nit usgſchloſſen? Mich will bedünken, der Ritter Wendel von Freiberg het ſich damit nit laſſen genung ſeind.“ 164 „Mein gnädiger Herr ze Kempten iſt nit Willens, icht einen ze ſtrafen.“ „Wer iſt mir des Bürg?“ „Achtet Ihr des Fürſtabts Wurt alſo ring?“ „Frauengemüt und Roſenblätter, Herrengunſt, Aprilenwetter, Roß, Würfel und Federſpill verkehren ſich oft, wers merken will“, ſprach ſpöttiſcherweiſe der Engel,„und ſo Ihr noch ein Versle wünſchet:„Wie die Schaf, ſo der Hirt! Wie Ihr, Konz von Freiberg, Treu wahret, des bin ich geſtrigen Tags inne worden, möcht mich bei Eurem Herrn Beſſers nit verſechen. Pfaffenwort gangent hundret uf ein Lot.“ Da drängte ſich der Abgeſandte des Ritters von Freiberg vor und überreichte dem Engel eine Urkunde. Es war eine von ſechs Eidhelfern unterzeichnete Abſchrift des vom Frei⸗ berger mit dem Abt geſchloſſenen Vertrags. Der Engel las, der Chorherr bekam einen roten Kopf. „Die Einung ſollet Ihr behalten, Herr“, ſprach der Bote. Je weiter der Engel las, deſto ſpöttiſcher wurde das Lächeln auf ſeinem Geſicht. Mit vorgereckten Hälſen glotzten die Bauern. Der Engel faltete die Urkunde und ſteckte ſie zu ſich: „Warum ſagt Ihr nit frank und frei, Euer Chrenfeſt, daß der Abbet zu Kempten bei ſeiner Fürſtlichen Ehr ſich verpflicht, niemandem us dem Handel ein Strick ze drehn oder ein Leids ze thon?“ „Han andres nit geſagt“, murrte der Chorherr. „Ein Löchle hent Ihr offen glaſſen, us dem der Fuchs kunnt uſerfahren! Dannoch die Urkunden reichet mir. Itz loſet, Junker, was ich Euch ſag: Vermeldet dem Herren ze Kempten, die Pauren ziechent heim, ſie gebent Zehent und Todfall bis zu dem Tag, da Recht geſprochen 165 zwiſchen Paur und Gotteshus. Ab itz in einer Stund reit der Engel Hiltensperger gen Füſſen an Kaiſerlich Hofläger, ein frei und gerecht Gericht zu fodern for die Pauren im Kemptener Land. Wahret Euch, Junker, daß Ihr mir nit unter den Weg trettet, als wies dem Knopf einer getan, Gott der Herr möcht ſuſt Eurer Seel genaden! Ferner vermeldet dem Herren ze Kempten, ſo er wider gegeben Wurt und Eid icht eim us der Gebürs möcht ein Leids zufügen, ſo wöll der Engel die Paurenſchaft uf den Berg rufen in Wehr und Gewaffen, möchtend dreituſend Knecht nit usreichen, den Berg ze zwingen. Wurt kein leicht Stuckle ſeind, ſo einer den Zins will holent uf dem Auerberg!“ Staunend ſchauten die Bauern auf ihren Bauern⸗ meiſter und Leutprieſter. Der junge Freiberger aber wandte ſein Roß und ritt ohne Gruß aus dem Ring. „Es wurt ein Duttlinger Fried, der nit lang währet“, ſagte der Engel zu ſeinen Bauern. *—* Kaiſer Maximilian, der leidenſchafkliche Weidmann, ſtieg jeden Tag mit ſeinem Jäger allein hinauf in die Berge, denn es war um die Zeit der Gamsbrunft. Und wenn um die vierte Stunde der Schlitten ihn aus den Bergen bei Pfronten wieder gen Füſſen führte, dann war er nicht ſehr aufgelegt, die Gravamina der zahlreichen Abgeſandten anzuhören, die ſeiner warteten. Drum machte er's kurz und ließ ſie meiſt während der Abendtafel eintreten, die er mit etlichen geiſtlichen Herren und wenigen Vertrauten in dem kleinen Saal abzuhalten pflegte, der an den Ritterſaal ſtieß. Dabei ging es dann zwanglos zu. Des Kaiſers rauher Kittel hing an dem großen grünen Kachelofen mit den 16 gotiſchen Zacken, und einer um den andern von den Ab⸗ geſandten wurde hereingerufen. Eben waren die Herren von Kempten an der Reihe. Wie immer lebte der Fürſtabt mit ſeinen Kemptenern in Spänen. Um eine Bleichwieſe ging's und um das Ol, das die Kemptener nicht, wie es der Abt für ſein Recht hielt, von ihm kaufen wollten, ſondern von irgendeiner Kumpanie, wo es billiger war. „Ei der Tuſend, Ihr Herren, was es doch für wichtig Ding geit im Heiligen Römiſchen Reich Teutſcher Nation!“ erwiderte der Kaiſer den beiderſeitigen Abgeſandten, die vor ihm ſtanden, während er ein Rebhuhn zerlegte, in das eine Wachtel eingebraten war. Dabei war es dem Weiſchen⸗ felder, als wende ſich der Kaiſer mit leiſem Spott an ihn. Das mochte nicht ganz ohne Grund ſein, denn der Kaiſer, der ſo viel vom Riedheimer gehalten hatte, mochte den Raitenau nicht leiden. Waren die Kemptener früher dabei oft zu kurz gekommen, ſo war es dem Kaiſer nicht unlieb, etwas wieder gutmachen zu können. „Seind brave Leut zu Kempten“, ſprach er zu ſeiner Um⸗ gebung.„Iſt ein lang Zeit her, da war der teutſch Kaiſer nichts dann ein arm gefangen Mann zu Brügge im Turn, ſeind vier brave teutſche Knecht kummen, mit Leibs⸗ und Lebensgefahr ihn befreiet.— Eim jeden damalen ein gul⸗ dinen Ring geſchenkt. Seind alle viere von Kempten geweſt. Ihr Herren, lebent die viere no?“ Die Kemptener Herren wußten nur von dreien; der eine ſei als braver Landsknecht gefallen, die beiden andern ſäßen zu Kempten als ehrbare Handwerker. Das war nun nicht ſo ganz richtig; der eine von den beiden Letztgenannten war ein Säufer geworden und nicht nur einmal an der Schand⸗ ſaul geſtanden. Dies zu erzählen erſchien nun den Herren im Augen⸗ blick als nicht zweckmäßig, denn ſie ſpuͤrten das günſtige 167 Windlein, das für die Reichsſtadt Kempten wehte, und wollten's um alles in der Welt nicht vertreiben. „Ei“, ſagte der Kaiſer,„ſoll mein Seckelmeiſter eim jeden von ihnen zehen Goldgülden zuweiſen, ihr aber, ihr Herren, ſchicket mir die zween, möcht mit ſelbigen ein lützel redent.“ Da kratzten ſich die Kemptener Herren heimlich hinter den Ohren. Der Kaiſer aber fuhr fort:„Vermein, der Abbet zu Kempten hätt der Wieslein genung, ſein Lämmlein zu hüten, er ſoll denen Kemptenern ihr Bleichwieſen laſſen. Was das Ol anlanget, ſo ſolls der Abbet um zween Pfenning billiger geben, alsdann wurts die Stadt Kempten von ſelbſten bei ihme kaufen.“ Die Herren vom Füſſener Kloſter konnten kaum das Lächeln verbergen, denn ſie mochten die Kemptener Chor⸗ herren nie recht leiden. Der Weiſchenfelder wollte noch etwas ſtottern, doch Maximilian winkte kurz ab:„Mein Kanzler wurt die Urkund ufſatzen und zuſtellen, itzunder holet den Kübel⸗ macher Holzäpfel von Pfronten Ries.“ Das war ſein Jäger, mit dem er das Jagen am andern Morgen beſprechen wollte. Mit tiefen Bücklingen empfahlen ſich die Abgeſandten und gingen durch die Tür, die in den Ritterſaal führte. Dort war für ſie an beſonderen Tafeln gedeckt, inmitten des kaiſerlichen Gefolges. Nun wurde der Holzäpfel hereingeführt. Der Kaiſer empfing ihn, mit dem Rücken an den grünen Kachelofen gelehnt:„Loſet“, ſagte der Kaiſer,„morgenden Tags gangets uf den Kahler, wartet mein an der Brucken bei der Futterſtellen.“ Aber der Holzäpfel drehte und wendete ſich und machte allerhand Ausflüchte. Das Fieber reiße ihn in allen Gliedern, ordentlich geſchüttelt hätte es ihn die ganze Nacht. 168 Ob der Herr Kaiſer nicht fuͤr dieſes einzige Mal ſeinen Freund mitnehmen wolle. Er bürge für ihn. Der kenne die Wege und Stege mindeſtens ſo gut wie er, der Holzäpfel. Dem Kaiſer kam's nicht recht zupaß, denn er hatte ſich an den wackeren Pfrontner gewöhnt. Auf der Jagd war er nur noch Menſch, und wen er als braven Jäger erkannt, der war ſein Freund. Deshalb wollte er dem Holzäpfel auch gleich ſeinen Leibmedikus ſchicken. Da wehrte ſich aber der Alte gewaltig. Er habe ſeiner Lebtag keinen Arzt gebraucht. Die Medizi ſeien des Teufels Verbündete, hätten bloß die Aufgabe, möglichſt viel Seelen in die Hölle zu ſchicken. Ordentlich erregt wurde der Alte, ſo daß der Kaiſer ihm lächelnd ſeinen Willen ließ und ihn aufforderte, ſeinen Freund zu beſtellen. Schon bei Tagesanbruch jagte der kaiſerliche Schlitten heran und hielt an der Brücke, wo ein großer, ſtarker Mann in Jägertracht ſtand, den Hut ehrerbietig in der Hand, das Auge frank und frei auf Maximilian gerichtet. Mit einem Blick ſeines großen, grauen Auges muſterte ihn der Kaiſer, dann nickte er befriedigt. Der Mann geſiel ihm. Und daß ihn der Holzäpfel wohl unterrichtet hatte, das merkte Maxrimilian ſofort, denn ohne ein Wort zu ſprechen nahm der Jäger dem Diener des Kaiſers Mantel ab, lud und ſchulterte die Pirſchbüchſe und den Veſperſack, griff zu ſeinem Spieß und ſchritt langſam dem Kaiſer voraus den Fußpfad hinauf, der auf das Achſele führt. Breit und bedächtig ſtapfte er den Schnee, dem Kaiſer eine Bahn zu kreten. Schritt für Schritt folgte der mächtigſte Fürſt der 169 eer Erde dem einfachen Jäger, ſeinen Spieß wie einen Berg⸗ ſtock gebrauchend. Tief ſog er die Bergluft ein. Hier auf den Höhen fühlte er ſich frei. Alles, was einem Fürſten das Leben ſchwer macht, ließ er hinter ſich im Tal. Jetzt überquerten die beiden Jäger eine baumfreie Stelle. Jenſeits des Tales ſtieg ein kahler, ſonnbeſchienener Hang empor. Gewaltige ſteile Schneefelder. Der Kaiſer blieb ſtehen und deckte die Augen mit der Hand. Da hielt auch der Jäger an, denn er dachte, der Kaiſer wolle ausruhen. Aber der wies hinüber, wo an der Steilhalde zwei ſtäubende Streifen talwärts ſauſten. Zwei Gemsböcke trieben bergab. Hui, nun riſſen ſie eine Kurve, daß der Pulverſchnee wie eine goldene Wolke in der Sonne aufrauchte.— Dann ſtiegen die beiden ſchwarzen Burſchen wieder in die Latſchen hinauf. Dem Kaiſer klopfte das Herz unterm Lederwams, und ſein Antlitz brannte in heller Jägerfreude. Der andere mußte ihn immer wieder anſchauen. ÜUber der ſtarken Maſe blitzten jene Augen, von denen die Zeit⸗ genoſſen bewundernd redeten. Ein Staunen kam den Jäger an; er ſchaute und ſchaute und konnte das Auge nicht wenden von dem herrlichen Mann, der im grauen Haare flammte wie ein Jüngling. „Wie heißet Ihr?“ fragte der Kaiſer freundlich. „Engelbert Hiltensperger, Herr Kaiſer.“ „Seied Ihr ein Kübler, als wie der Holzäpfel?“ Eine Hirſchkuh, die zweihundert Gänge oberhalb durch die Tannen zog, enthob den andern der Antwort, denn des Kaiſers Auge folgte ihr gebannt, bis ſie in den Tannenwald entſchwand. Marimilian ſieberte, wenn er Wild ſpürte. „Ein Stuck weiters, dorten, wo der Weg über den Bach gehet, wechſlet ein gar gewaltiger Hirs, Stangen, als wie 17⁰0 ein Mannsarm und der Enden neune uf beiden Seiten“, ſprach der Engel beſcheidentlich. Nun drängte Maximilian, der Hirſch reizte ihn. Wollte er ſich auch nicht von den Gemſen abbringen laſſen, wer weiß, vielleicht war der Hirſch doch um den Weg. Es war ein Holzabfuhrweg, den ſie vorſichtig, bis an die Knie im Schnee, hinaufſtapften. Dabei mußten ſie die Spieße leiſe aufſetzen, denn wo der Schaft aufs Geſtein ſtieß, gab es einen metalliſchen Klang. Immer vorſichtiger pirſchten ſie bergan. Schon lag die Stelle vor ihnen, wo ſie auf ein paar querliegenden Holz⸗ ſtämmen den Bach überſchreiten wollten. Da krachte und polterte es über ihnen in den Tannen. Man hörte, wie ein ſtarker Hirſch mit ſeinem Geweih die Stämme ſchlug, haſtig und wild. Der Kaiſer ſchaute ſeinen Jäger an, aber der wußte ſich auch keinen Reim darauf zu machen. Ein wildes Stöhnen. Und dann praſſelte es den Hang herunter, geradewegs auf die beiden zu. Mit raſchem Griff faßte der Kaiſer die Pirſchbüchſe. Da brach der mächtige Hirſch keine zwanzig Gänge vor den Jägern zuſammen. Zwiſchen den Stangen hing ein ſtarker Luchs, der ihm die Waffen in die Lichter geſchlagen hatte. Eines hing ihm blutig aus der Höhle. Das Geäſe weit aufgeriſſen, lag das herrliche Tier und ſtöhnte vor Schmerzen. Tief grub der Luchs ſeine Zähne in den fleiſchigen Nacken; aus der aufgeriſſenen Schlagader ſtrömte und ſprang der Schweiß.— Blutunterlaufen fun⸗ kelten die Augen des Raubtieres. Mit einem Sprunge hatte ſich der Engel vor den Kaiſer geworfen. Aber ſich decken zu laſſen lag nicht in Marimilians Art. Er trat raſch zur Seite und richtete die Pirſch⸗ büchſe. 171 Da eräugte der Luchs die beiden Jäger.— Wild fauchte er, und ſein glüher Atem ziſchte in die kalte Winter⸗ luft. Dann beſann er ſich eines Beſſeren und fuhr den ſteilen Hang hinauf.— Oben, wo der Fels anſtieg, drehte er und lauerte herunter. Nun wollte der Kaiſer ſchießen. „Nit doch, Herr Kaiſer“, wehrte der Engel,„ſo Ihr ihn nit ufs Blatt treffet, ſchießet er herunter als wie die Kugel uſerm Rohr.“ Da fuhr auch ſchon das Raubtier blitzſchnell um den Felsvorſprung und war verſchwunden. Marimilian zog den Hirſchfänger, ging zu dem röcheln. den Tier und gab ihm den Fang:„Iſt allweil ein übel Ding“, meinte er,„ſo ein Edeling wurt von eim Hämling geriſſen.“ „Doch liegets zumeiſt klar am Tag, ſo ein Edeling wurt geriſſen, wer aber fraget nach den abertuſend kleinen Häs⸗ lin, ſo die Füchs zur Nachtzeit reißent?“ Kaum hatte der Engel das Wort ausgeſprochen, reute es ihn auch ſchon, denn es wollte ihn ſelber vorlaut dünken. Aber Maximilian, der den Bauern verboten hatte, ihre Acker einzuzäunen und große Hunde zu halten, nur, damit kein Stück Wildes behelligt werde, liebte an ſeinen Jägern nichts mehr als Freimut. Er hatte den Engel wohl verſtanden:„Lueget, wie er luret, der Heckenreutter, droben uf ſeim Storckenneſt“, ſprach er und wies auf eine Felſenſpalte, aus der die grünen Augen des Raubtieres glühten. „Itzunder, was machent wir mit dem Wildprat?“ fuhr er nach kurzem Uberlegen fort. „Möcht am beſten liegen bleiben“, meinte der Engel, „ſo wir weitergan, kommet der Lur, leget ſich dem Hirſen an die Schlagader und ſauget ihme den Schweiß us, bis er voll davon, reißet das Wildprat gewißlich nit uf. 172 Wo aber ein Lur wechſlet, bleibent die Wölf in der Fern.“ So ſetzten ſie ihren Aufſtieg fort, anderthalb Stund oder zweie. Die Tannen wurden lichter, und nach kurzem Anſtieg waren ſie dort, wo die Gemſen vom Achſele zum Kahler hinüberzuwechſeln pflegten. Waren ſie nun hüben oder drüben? Vom Achſele aus konnte man die freien Halden am Kahler überſehen, alſo ſtiegen ſie weiter die Senkung zwi⸗ ſchen beiden hinauf, bis ſie den Sattel erreicht hatten. Dann bogen ſie links ab und pirſchten, bis an die Knie im Schnee, durch die Tannen am Achſele hin. Ein ſtrahlend blauer Wintermorgen ſtand über ihnen, breite Sonnenſtreifen lagen zwiſchen den Tannen. Es war ſo warm, daß die Jäger die Kittel aufriſſen. Dabei ſprach Marimilian ein paar unvorſichtige Worte, und ſchon praſſelten drei Gemſen vor ihnen vorbei, den Hang hinunter und auf der anderen Seite den Berg hinauf.— Auf dreihundert Gänge blieben ſie ſtehen und äugten herüber. Dann zogen ſie ſich langſam den Latſchen zu, wo ein Dutzend ſchwarzer Geſellen nach ihnen herunterſchaute. „Blau, Herr Kaiſer, die Gamſen möchtend doch uf der andern Seiten ſtan!“ Marximilian ließ ſich ſeinen Mantel geben, breitete ihn an einer ſonnigen Stelle im Schnee aus und ſetzte ſich. Er wollte die Gemſen am jenſeitigen Berghang beob⸗ achten. Die einen äſten ſich an den Latſchen, zwei trieben den Hang herunter, daß der Schnee ſtob. „Lueget den ſtarken Bock“, meinte der Kaiſer,„der über den andern uf dem Fels ſtandet, als wie von Stein gemeißlet, er rührt ſich nit. Setzet Euch neben mich, iſt kein Kurzweil ſo ſchön, dann das Wild eluren.“ 173 So ſaßen ſie und beobachteten, derweil über ihnen ein Adlerpaar ſeine Kreiſe zog. „Wär ich nit der Kaiſer, wollt ich ein Jäger ſeind“, meinte Maximilian. „Wär ich nit, was ich bin“, meinte der Engel,„ſo möcht ich wohl ein Kaiſer ſein, ihedoch kein andrer nit, dann der Teutſchen.“ Das ſprach der ſtarke reife Mann mit ſo tiefem Ernſt und einer ſolchen Trauer in der Stimme, daß Marximilian ſein ſcharſes Adlerauge auf ihn richtete und ſagte:„Wer ſeied Ihr, daß Ihr das Schwerſte für Euch wünſchet, ſo eim Mann zu tragen beſtimmt? Was dünket Euch ſo gehrenswert an eins Kaiſers Thron?“ „Herr, nit us Fürwitz iſt mir das Wort entfahren. Ein⸗ malen in meim Leben ein Traum getraumet. Iſt das teutſch Land geweſt, als ein gar herrlicher Garten, ein Volk drin gehauſet, niemerts nit untertan, dann des Kaiſers Majeſtät. Und het der Ritter den nit veracht, ſo in der Stadt gehauſet, noch den Pauren. Ein jedweder ſein Teil im Garten gebauet, ſo ihm vom Herregott gewieſen als eim freien Mann. Iſt ichteiner des Wegs kummen:„Ei, Bruder, will dir ein rheiniſchen Groſchen geben, ſo du mir den Weg willt weiſen! „Ein rheiniſchen Groſchen, Bruder, daß dich der und jener, iſt dir nit bekannt, daß ein Münz in teutſchen Landen? Ein gueter teutſcher Kaiſergulden!“ „Ei, Bruder, ſo ſolltu mir weiſent, wes iſt hie das Gerichtd Kotz Blau, wiſſet Ihr nit, daß der Kaiſer der alleinigt Gerichtsherr in teutſchen Landen?“ „Wem zinſet Ihr“' „Wem anders dann dem Kaiſer““ „Ei, Bruder, ſo ſaget mir noch, wem leiſtet Ihr Heer⸗ folgꝰ 174 „Wem anders dann dem Kaiſer! Viel hundrettuſend mannfeſte Kerle in Wehr und Har⸗ naſch, mit Spieß und Hakenbüchſen laufent freudig daher, ſo der Kaiſer ufruft zum Streit.“ „Hiltensperger“, ſagte der Kaiſer,„Euer Traum iſt nit neu. Den het der Kaiſer Mar einſtmalen traumet! Jt iſt der Traum us und gar. Kummet, laſſet uns weiter⸗ pirſchen!“ Und ſie zogen lautlos wieder durch die Tannen. Der Engel fürchtete, zu weit gegangen zu ſein, aber des Kaiſers Antlitz, über das ein Schatten gelaufen war, leuchtete ſchon wieder in heller Jagdfreude. Er hatte die Menſchen kennengelernt und wußte die echten von den halben zu unterſcheiden. Wieder hatten ſie Ausblick auf die Halden am Kahler. Keine dreihundert Ellen ſtäubte drüben ein Band den Hang herunter:„Herr Kaiſer, Herr Kaiſer, die wellent herüber, eilet dorten zum Fels, ſelt müſſent ſie ufſteigent.“ Sie haſteten am Hang hin; der war ſo ſteil, daß ein Ab⸗ rutſchen leicht einen Todfall geben konnte. Marximilian glitt, aber der Engel hatte ihn bei der Hand und zog und riß ihn hinüber zum Felſen. Der Engel legte die Pirſchbüchſe zurecht. Schon ſtieg der erſte Gemsbock ſtolz und gemächlich über den vorgelagerten Felſen. Der Kaiſer legte an, da löſte ſich ein Stein unter ſeinen Füßen. Der Bock warf auf. „Itzunder het er gewiſpelet“, flüſterte der Engel. Da war der Bock verſchwunden. Sie kletterten den Hang hinunter. Mühſelig und zer⸗ ſchunden kamen ſie unten an. Dann ging's hinüber zum Kahler, den Hang hinauf über die verſchneiten Felsbrocken, zwiſchen denen man von Zeit zu Zeit bis um die Hüften einſank. 175 Das war ein mühſelig Stück Arbeit. Vorſichtig mußte man zuerſt mit dem Schaft des Spießes taſten, ob Fels oder Spalte vor einem war, mit dem Speer Stand ſuchen, dann nachtreten. Selbſt dem Engel klopfte das Herz zum Springen vor Anſtrengung. In einem Beſtand, der ſich wie eine Zunge hinaufzog gegen die Latſchen, ſchnauften ſie aus; kaſtend ging es von Tanne zu Tanne. Oben, ganz oben ſtand noch der Stumpe einer vom Blitz gefällten Fichte. In ihrem Wurzelwerk duckten ſich die Jäger. Der Kaiſer hatte die Pirſchbüchſe ſchußbereit vor ſich. Rechts vorwärts führte ein Grat hinauf zum Gipfel; vor ihnen ſtieg der verſchneite Hang, aus dem nur hin und wieder ein grauer Fels ragte. Und kalt war's, bitter kalt, denn die Sonne war drüben am Achſele. Blaue Schatten lagen über dem Schneehang. So hockten ſie, und nur die Augen rührten ſich, um das Schneefeld abzuſuchen. Nichts, nichts, nur oben, fünfhundert Ellen weit, zogen zwei dunkle Schatten zwiſchen den Felſen, ein ſtarker und ein ſchwächerer Bock. Mit den Augen zeigte der Engel hinüber zum Grat: da ſtand regungslos eine junge Geiß keine hundert Ellen weit und äugte herunter zu den Jägern. Und das tat ſie eine volle Stunde, ohne ſich zu bewegen. Die beiden konnten kein Glied rühren, wenn ſie nicht plärren ſollte. Gerade wollte Maximilian die ſteifen Glieder recken und ſich erheben, da brauſte ein Bock vor ihnen nieder, gleich dahinter ein zweiter. „Nit den fürderſten“, flüſterte der Engel,„den anderen.“ Der ſtand plötzlich wie ein Steinbild, und hinter ihm verſtäubte der Pulverſchnee, keine fünfzig Ellen weit war's. 176 Der Schuß dröhnte von Felswand zu Felswand und verrollte donnernd bis in die fernſten Schluchten. Der Bock zeichnete, drehte ab, taumelte ein paar Schritt talwärts— Dann ſtieg er, als wäre nichts geſchehen, ruhig dem Grate zu. Schnell legte der Engel die zweite Pirſch⸗ buͤchſe auf. Und wieder rollte das Echo durch die Berge. Der Bock ſtand halbverdeckt hinter dem Grat und äugte her⸗ unter. Dann verſchwanden langſam Kopf und Rücken hinker dem Fels! „Itzunder het er ſich niedertan“, fluͤſterte der Engel. Vorſichtig ſtapften ſie zum Anſchuß. Kein Tröpflein Schweiß. „Iſt ein feiſter Geſell geweſt, het ſich wohl das Fett vor den Einſchuß gſchoben.“ Ein Stündlein warteten ſie, dann ging's vorſichtig zum Grat hinauf. Dort war der Bock im Wundbett gelegen, der Schweiß hatte den Schnee dunkelrot gefärbt, die Spur führte hinüber zu den Latſchen. Sie umgingen ſie unterm Wind. „Herr Kaiſer“, flüſterte der Engel,„fahet Euren Spieß.“ Und drohend ſchob ſich ein mächtiger Bär über den Gemsbock vor, der verendet im Schnee lag. Mochte der Petz ſich anderweit geſätktigt haben, mochte er die zuſammengetürmten Felsblöcke für ungünſtig zum An⸗ griſf halten, weil ſie ihm nicht erlaubten, ſich auf die Hinter— pranken aufzurichten, er ſchob ſich knurrend und brummend in die Latſchen. Man hörte Brechen und Knacken, und über eine kurze Weile ſah man ihn weiter unten aus dem Geſtrüpp ſchleifen und, mit dem Bauch eine tiefe Rinne im Schnee ziehend, zu Tale fahren. Der Gemsbock war noch nicht angeriſſen, ein feiſter, alter Schmückle 12 177 Burſche. Der erſte Schuß hatte ihn weidwund gemacht, der zweite ſaß hinterblatt. Der Engel band ihm ein Seil um die Kruken, daran er ihn wie einen Schlitten hinter ſich her zog. Es war ein mühſamer Abſtieg, immer wieder brachen die Füße zwiſchen den Felsblöcken durch. Endlich erreichten ſie den Weg, den ſie heraufgeſtiegen waren. Er lag in der prallen Winterſonne. Maximilian breitete ſeinen Mantel und legte ſich darauf. Der Engel aber machte ſich daran, ſolang der Bock noch warm war, ſorgfältig den Ruckenbart auszurupfen und fein ſäuberlich Haar neben Haar auf ein Pergament zu legen. Als er damit fertig war, faltete er es ſorgfältig zu⸗ ſammen. Der Kaiſer, den die Sonne wohlig durchwärmte, ſah ihm behaglich zu, wie er ſein Weidmeſſer nahm und den Bock kunſtgerecht aufbrach, das Fett einwickelte, ſamt Herz und Nieren und den übrigen Aufbruch für das Raubzeug an einen niederen Tannenaſt hängte. Auf einmal erhob ſich Maximilian und trat raſch neben den Engel:„Von wo kommet Euch dieſer Ring?“ ſprach er und deutete auf des Jägers Hand. Der Engel drehte langſam den Kopf von der Tanne ab, vor der er ſtand:„Den gabet Ihr mir ſelber, Herr Kaiſer. Iſt mannich Jährle hingangen ſeithero, iſt mir auch mannichtmal ſchlecht ergangen, der Ring iſt mir nit feil geweſt, nit um meiner Seelen Seligkeit.“ „So ſeied Ihr der jung Pfaff, ſo mich mit dreien Knechten us dem Turn ze Brügge geholet?! „Der bin ich, Herr!“ Da packte ihn der Kaiſer in heller Freude an beiden Schultern und ſchüttelte ihn:„Potz Natter, was redet Ihr nite“ „Denkt, Euer Kaiſerlich Majeſtät wurts ſelber ſechen! lächelte der Engel. 178 „Han all die Jahr verlernet an Treu ze glauben, itz laufet ſie mir wieder in Weg“, rief der Kaiſer froh. Und dann ſetzte ſich Maximilian auf ſeinen Mantel, und der Engel mußte ſich neben ihm niederlaſſen. Kaiſer und Jäger ſaßen nebeneinander beim Frühſtück, und ein Kaiſer legte dem Leutprieſter vom Auerberg ein gutes Stücklein ums andere vor. Maximilian lebte wieder in den Tagen von Brügge: „Ei, was hent die Kemptener Leineweber ſo trefflich ſich geſchlagen in ihren weiß und blauen Röcken, allvorus der Pfaff mit ſeim Langſchwert. Und wie dr Kunz von Roſen, min luſtiger und ge⸗ treuer Rat durch den Graben geſchwommen, an mein Gefängnuß her, und wie die Schwän ihn attackieret!“ Marximilian lachte fröhlich auf. Mit einemmal ſtutzte er:„Alſo iſt der Holzäpfel gar nit krank?“ Da wurde der Engel verlegen. „Er hets mir ze lieb thon!“ „So ſoll er zur Strafen heunt no den Hirs verſorgen!“ Im Ritterſaale zu Füſſen, unter der blaugetäfelten Decke mit dem Muttergottesbild in der Mitte, ſaß das Gefolge des Kaiſers an der großen Hufeiſentafel zum Abendeſſen. Innerhalb des Bogens ſpeiſten an drei langen Tiſchen die Abgeſandten. Der Kaiſer hatte es ſich nämlich ein für allemal verbeten, daß man auf ihn warte. Es war eine bunte Geſellſchaft. Geiſtliche und Ritter, Doctores juris, Ratsherren aus den Städten, Grafen und Fürſten, Geſandte aus Italien, Spanien und den Mieder⸗ landen. 179 Die Weltlichen trugen herrliche bunte Gewänder aus Sammet, Seide und Brokat, Schauben mit edlen Pelzen beſetzt, Wämſer mit Gold und Silber beſtickt, die Armel in anderen Farben, gepufft und enganliegend. Goldene Ketten und Ringe. Barette und Hüte mit Federn und Edelſteinen hingen an den Stuhllehnen. In Deutſch, Italieniſch, Franzöſiſch, Spaniſch ſchwirrte die Unterhaltung. An Stoff fehlte es ja nicht, die Spieß⸗ macher zu Hindelang, Tannheim und Wertach hatten große Aufträge erhalten. Der Kaiſer rüſtete gegen Venedig. Da ging mit raſchem Ruck die Türe auf, die von der Wendeltreppe in den Saal führte. Er ſelbſt. Alle Herren ſprangen auf, griffen nach Hüten und Baretten, ſchwenkten ſie mit einer tiefen Verbeugung mit der Rechten, dieweil die Linke auf dem Herzen lag. Der Kaiſer hob leicht ſein dunkelgrünes Jagdhütlein. Sein Blick überflog den Saal, ſo daß ein jeder glaubte, das kaiſerliche Auge habe ihn geſtreift. „Viel ſeliger Zeit, hochedle Herren.“ Dann hängte er ſeinen Jagdrock an den grünen Kachel⸗ ofen und fuhr in eine weite pelzbeſetzte Schaube. „Seind die Herren von Kempten no hied“ „Sie wartend uf die Usfertigung der Urkunden“, ſagte Kaſpar Sturm, der Reichsherold. Die Herren des Gotteshauſes, der Weiſchenfelder und der Hans von Röttingen ſaßen an einem Tiſch gerade unterm Deckenbild, das die heilige Mutter Gottes dar⸗ ſtellte. Von ihrem Platz aus konnte man den Kaiſer ſitzen ſehen. Die Herren waren wie vor den Kopf geſchlagen. „Potz musica mus, iſt das nit der Hiltensperger?“ wiſ⸗ perte der von Röttingen dem Weiſchenfelder zu, als der Engel mit dem Kaiſer ſchier gleichzeitig erſchien. 18⁰0 Aber es kam noch beſſer! Als ſie in den kleinen Saal traken, legte Marimilian ſeinen Arm leicht auf die Schulter des rieſigen Jägers. Der Weiſchenfelder fuhr ſich mit dem Armel über die Augen, als müſſe er einen böſen Spuk verſcheuchen. Die Abgeſandten der Stadt Kempten ſteckten die Köpfe zuſammen, tuſchelten und ſahen nach denen vom Gottes⸗ haus hinüber. Und abermals ſtieß der Röttinger den Weiſchenfelder an: „Lueget, itz leget er ihm ſelbſten ein Stuck Hirsbratenes für.“ Der Weiſchenfelder flüſterte:„Leicht het ſich der Huß vom Auerberg unter eim falſchen Namen des Kaiſers Gunſt erſchlichen, kann nit glauben, daß Sein Kaiſerlich Gnaden mit eim Paurenpfaffen möcht ſolch Weſens machen.“ „Alsdann müſſet man Kaiſerlich Majeſtät ufklaren“, meinte der Röttinger. „Tuet Ihrs, mir ſchwanet nit viel Guets, es regnet Dreck“, erwiderte der Weiſchenfelder. Die Pagen flitzten hin und her, trugen auf und räumten ab. Einer drängte ſich durch und brachte eine Poſt für den Weiſchenfelder, die ſoeben eingetroffen war. Der las, dann tat er einen ellenlangen Fluch. Der Abt ſchrieb ihm, der Engel ſei unterwegs an Kaiſers Lager, er müſſe unter allen Umſtänden verhindert werden, mit Kaiſerlicher Majeſtät zuſammenzukommen. Er reichte den Zettel dem Röttinger. Der las ihn und flüſterte:„Er meinet, ihme gleich dem Schmid von Luibas ze tun.“ „Alsdann het er ihme, wie einer die Amſel, die flog luſtig im Wald“, erwiderte der Weiſchenfelder.„Glaubet mir, binnen kurzem do hätt Sein Fürſtlich Gnaden Frau Urslen Abförtigung!“ Zwiſchen jedem Biſſen ſchielten die beiden durch die 181 offene Tür, wo der Kaiſer mit ſeiner nächſten Umgebung ſaß. Die hochgewachſene Geſtalt des Engel im Jägerkleid ſiel nicht aus dem Bild, denn des Kaiſers Vertraute hielten ſich in Weſen und Kleidung im Rahmen, den ihnen Marimilians Schlichtheit auferlegte. Der Kaiſer ſchien wohlgelaunt. Er ſprach in einem fort. Die Brügger Tage waren über ihn gekommen; Einzel⸗ heiten, die er lange vergeſſen, tauchten auf und wurden von ihm in der ſprudelnden Weiſe, die ihm eigen war, erzählt. Draußen im Ritterſaal ſtieß der Röttinger den Weiſchen⸗ felder unterm Tiſche an. Der Kaiſer tat dem Hiltensperger Beſcheid. Der erhob ſich und verneigte ſich tief, ehe er zum Trunke griff. „Wo het er ſell bloß erlernet?“ fragte der Röttinger. Der Weiſchenfelder brummte:„Der Hiltensperger het ein faſt bunt Leben geführet, Feldpfaff geweſt, des Frunds⸗ pergen Fründ, an Höfen geſetzen, vermeinet ichteiner, er wiß nunmehro alls von ihme, kummt allweil ebbs Neues hinzu, wie Ihrs dahier erlebet.“ „Ein gefährlichen Mann, was het ſich der Riedheimer denkt, ſo er ihn het laſſen laufen?“ „Sollt dem Raitenauer die Zeit nit zu lang werden“, erwiderte der von Weiſchenfeld trocken. „Was traumet Ihr?“ „So gwiß, als die Tür zu Kaiſerlicher Majeſtät umb unſretwillen offen ſtandet, uf daß wir uns am Hiltens⸗ perger verluſtierent.“ „Was ſoll itz werdent?“ „Eh daß Ihr den Schlaftrunk tuet, werdet Ihrs inne ſeind!“ Im Nebenſaal rückten ſie die Stühle. Die Herren an des Kaiſers Tiſch verneigten ſich kief; dann ſchritten ſie 182 zur Türe, verneigten ſich noch einmal und kamen in den Ritterſaal. Mur der Kaiſer und der Engelbert Hiltensperger blieben zurück. Die Türe wurde geſchloſſen. „Schauet bloß, wie die vom Kemptener Rat heruͤber⸗ luegen, was die itz wohl denkent?“ „Dem wurt das Fleiſch und denen die Brüe, alſo denkent die!“ Im Ritterſaal war die Tafel aufgehoben. Gruppen ſtanden durcheinander, Würfel⸗ und Brettſpiel wurden hereingebracht. Auch die beiden Herren vom Gotteshaus erhoben ſich mit der Abſicht, ſich an einen der beiden Herren vom Füſſener Kloſter heranzumachen, die an des Kaiſers Tiſch geſeſſen. Aber ſie waren noch nicht über die erſten Begrüßungs⸗ worte hinausgekommen, als ſich ſchon die Türe ins Kaiſer⸗ zimmer öffnete und ihre Mamen in den Saal gerufen wurden. „Itz, Vogel, friß“, brummte der Weiſchenfelder. Als ſie in das Zimmer kraten, meinten ſie erſt, es ſei niemand darinnen. Als ſie aber nach rechts ſchauten, ſahen ſie den Kaiſer mit dem Rücken am Ofen ſitzen. Seitlich davon am Fenſter ſtand ernſt und ohne eine Miene zu verziehen der Engelbert Hiltensperger. Die Herren verneigten ſich tief. „Ihr Herren“, hub der Kaiſer an,„iſt ein Bott an mich abgeſandt worden, des Namens Schmid, Knopf ge⸗ nennet, was wiſſet Ihr von dem?“ Auf die Frage waren die beiden nicht gefaßt, drum konnten ſie, vor allem der Röttinger, ihren Schrecken nicht verbergen. Sie ſahen einander an, als wolle der eine den andern fragen, ob vielleicht er etwas wiſſe? Aber des Kaiſers ſprunghaftes Gemüt vertrug keine 183 langen Verhandlungen, es drängte immer gleich zur Ent⸗ ſcheidung:„Alſo, Ihr Herren, will nit meh fragent, ſaget Seiner Fürſtlich Gnaden: So nit binnen vier Wochen zweenhundret Goldgülden an Kaiſerlich Majeſtät und dreißig Goldgülden an des Botten Erben ſeind bezahlet, ſo will ich die Fragen kurz und eindeutig an den Abbet zu Kempten ſelber ſtellen! Und itz zum anderen. Die Kemptener Pauren liegent in Spän mit dem Gotteshus, ihre Botten erreichent des Kaiſers Hofläger nit, tuet not, daß Kaiſers Majeſtät ſich ihrer annehm. So iſt mein Will und Meinung, daß ein onparteiiſch Gericht zu Ulm werd eingeſetzt, die Gravamina zu prüfen. Die Richter werdent von Kaiſerlicher Majeſtät ernennet. Bis das Gericht geſprochen, ſoll kein Paur im Kemptener Land beſchweret ſein. Und itz zum dritten: Der Engelbert Hiltensperger ſtehet in meim Schutz und Schirm. So einer ihn an Leib oder Leben, Gut oder Geſundheit ſchädiget, iſts, als het ers Kaiſerlicher Majeſtät ſelber anthon!“ Der Kaiſer machte eine Pauſe. „Habet Ihr mich ſo recht verſtanden, Ihr Herren d“ Die beiden verneigten ſich verwirrt und mit hochroten Köpfen. „Hierüber wurt euch ein Urkunden usgefertiget, uf daß kein Zweifel nit entſteh!“ Die Herren waren wieder entlaſſen. Sie ſetzten ſich an ihren alten Platz, der Weiſchenfelder ſchnaufte bloß, während der Röttinger ſich bemühte, den Kemptener Ratsherrn ein möglichſt unbefangenes Geſicht zu zeigen. Da kam auf einmal ein Page aus des Kaiſers Zimmer und ſuchte mit den Augen, bis er die Herren fand. Dann eilte er herzu:„Kaiſerlich Majeſtät laſſe den Herren dieſen Zettel ſchicken, den ſie vorhin verloren hätten.“ 184 Es war der Zettel, den der Furſtabt zu Kempten dem Weiſchenfelder geſchickt hatte. „Kein Dörfle iſt ſo klein, es wurt einmal im Jahr Kirchweih.“ So auch zu Stötten. Wie ein ſedes Feſt in jenen Tagen, hatte ſie ein Goktes⸗ dienſt eingeleitet. Aber man ſpürte nicht viel Andacht in der Kirche; denn Männlein und Weiblein konnten es kaum erwarten, bis die Kirchenpforten ſich öffneten, wußte doch ein jedes, daß die Spielleute ſchon draußen ſtanden, Fiedler, Dudelſackbläſer, Zinkeniſten, Blaterpfeifer! Als der Prieſter geendet hatte, mit der löblichen Mah⸗ nung, nicht allzu greulich zu freſſen und zu ſaufen und ein⸗ gedenk zu bleiben, daß der Menſch keine Sau ſei, drängte ſich männiglich ins Freie, und es war ein Puffen und Drängen, als könnte einer zu ſpät kommen. Und gleich ſetzten ſich die Muſikanten in Marſch, da⸗ hinter etliche Poſſenreißer, Gugelleut, die ihre Sprünge machten und Räder ſchlugen. Sie trugen Schellenkappen und enganliegende rote, geſtrickte Gewänder. Kreuz und quer durch die engen und kurzen Gäßlein ging der Zug mit Singen und Juchzen, und ein jedes Manns⸗ bild hielt ein Frauenzimmer um die Hüften, und war's nicht das eigene, war's ein anderes. Nachdem das Vergnügen ein halbes Stündlein gewährt hatte, kam der Zug, dem ſich zahlreiches Volk von aus⸗ wärts angeſchloſſen hatte, zur Kirche zurück und holte den Pfarrer ab, der ſich an die Spitze ſtellte und alle mit⸗ einander zum Ettertor hinausführte. Auf dem Anger an der Geltnach war der Feſtplatz. Diesſeits der Straße, die nach Oberdorf führte, ſtand 185 der Dorfkrug. Der Wirt hatte einen ſchönen Kranz aus gehängt, mit Bändern daran, die luſtig im Winde faterten Mitten auf der Wieſe war eine ſchlanke Tanne ein⸗ gegraben, von der ſie bis auf den oberſten Wipfel die Rinde geſchält hatten. Hoch droben hingen an einem Reifen Würſte, Geſelchtes, Gebratenes und Gebackenes. Davor ſtand ein erhöhter Holzboden, auf dem die Muſikanten ſaßen. Abſeits wurde ein ganzer Ochſe am Spieß gedreht. Bratendüfte zogen vom Dorfkrug her, vermiſcht mit dem Geruch von Würſten. Jetzt blähten ſich die Naſen, und mit Geſchrei und Streiten füllte ſich der Anger. Endlich ſaß ein jeder auf ſeinem Plätzlein. Wer ein paar Batzen hatte, ſchrie nach dem Wirt. Bei wem Schmalhans Küchenmeiſter war, dem brachten ſeine Frauenzimmer, was ſie zu Hauſe zuſammengekocht hatten. An jeder der vier Ecken des Feſtplatzes ſtand ein mächtiger Wurſtkeſſel, und bald hörte man nichts mehr, denn alle Kinnbacken arbeiteten, daß die Brühe aus den Mundwinkeln lief. Die Krüge mit dem dicken Schwarz⸗ bier konnten nicht ſchnell genug zwiſchen den Tiſchen durch⸗ getragen werden. Das währte eine gute lange Weile. Nun war der erſte Hunger geſtillt mit Portionen, die einen Städter zum Platzen gebracht hätten. Man konnte alſo dazu übergehen, ſich ſein Frauenzimmer näher zu beſehen. Hin und wieder kreiſchte ſchon eins auf, wenn ihm ein Kerl allzu derb in die Hinterbacken griff. Der Dudelſack graunzte, die Pfeifen ſchrillten, was wunders, daß die Freudenjuchzer an den Tiſchen immer lauter und zahlreicher wurden. Die Armbruſtſchützen waren ſchon an der Arbeit. Wer mit ſeinem Bolzen einen der guten Gegenſtände traf, die 186 — hoch in der Tanne hingen, der bekam dieſen, wer ihn fehlte, mußte einen Pfennig bezahlen. Und ſchon blies eine Trompete zum Bauernturnier. Da ſprangen ſie alle zur Geltnach, wo dem Bach entlang die Bahn abgeſteckt war. Schreiend und lachend ſtanden ſie am Seil. In bunten Gewändern ſaßen die Gegner auf ihren Roſſen, einen eingelegten Rechen unterm Arm. Der Grieswärtel, der Turnierwart war, gab das Zeichen, und die Gegner ſprengten aufeinander los. Da kannte der Jubel keine Grenzen, wenn einer der Ritter vom Pferde purzelte und mit zerſchundener Naſe wieder aufſtand. Die Dirnen jauchzten oder ſchrien auf, je nachdem der Herzallerliebſte gepurzelt war, oder ſtolz als Sieger mit ſeinem Rechen die Bahn abritt, ja einmal wären ſich um ein Härlein zwei der Schönen in die Haare geraten, wenn der Grieswärtel nicht dazwiſchengehauen hätte. Uberhaupt war der Grieswärtel die wichtigſte Perſon! Ihm oblag es, die Kämpen von ernſtlichen Händeln ab⸗ zuhalten, und mehr als einmal mußte er mit kräftigen Fäuſten dazwiſchenfahren. Dem Sieger wurde ein Kranz von Würſten überreicht. Das Schickſal wollte es, daß dieſer den Klepper dem Ritter von Rotenhan um ein billiges abgekauft hatte. Der Gaul hatte bei Kaiſer Maximilians Turnier brave Arbeit getan und darum im letzten Augenblick immer den Gegner ſo ſchön ſeitlich angenommen. Sic transit. Nun hatten die Bauern wieder etwas verdaut, es war Raum für neues Eſſen geſchaffen. Knödel mit Blunzen. Dann kamen die Läufe, Männer und Weiber getrennt, Sacklaufen, Eiertanzen, Laufen mit vollem Eimer auf dem Kopf. 187 Und dann Würſte und Bier, und Bier und wieder Würſte. Die Köpfe röteten ſich, und da und dort gab es Händel, die immer wieder geſchlichtet wurden. Auf der Tanzwieſe jagten die Ketten wild im Kreiſe. Die Inſtrumente kreiſchten und ſchrien, und die Luſt wurde immer wilder und ungezügelter. Alle Tänze, die es gab, wurden getreten und geſprungen, der Firlei, der Firlefei, der Hackenvurz, der Schwingevurz, der Firgendrey, der Covenanz, der Ridewanz, der Adels⸗ wank, der Heierlei, der Hoppeldei, der Mürmum, der Trommel- und der Springeltanz. Die Tänzer traten und ſprangen, als gälte es das größte Stück Arbeit! Bruſt an Bruſt, die Leiber eng gepreßt, die Wangen aneinandergedrückt, ſtampften ſie den Raſen, bis der Schweiß in Strömen an ihnen herunterlief. Auf der Muſikantendiele ſtand der Lederle mit ſeiner Blaterpfeife. Das Hütlein ins Genick geſchoben, riß er ſeine Geſichter, daß die Bauern aus dem Lachen nicht mehr herauskamen. Gutmütig und dumm, wie ſie waren, duldeten ſie den Lumpen immer von neuem, denn er konnte halt gar ſo ſchön die Blaterpfeife ſpielen. Jetzt waren auch die Weiber in ihrem Element; der ganze Feſtplatz hallte von ihrem Gekreiſche. Immer wieder drängten ſich Gaukler zwiſchen den Tiſchen durch. Kinder, die Räder ſchlugen, den Körper rückwärts bis zu den Ferſen abbogen, Meſſer⸗ und Feuerfreſſer, Wahrſagerinnen— alle ſtreckten ſie die Hand nach einem Stück Wurſt oder Brot oder einer geringen Münze aus. An einem langen Tiſche ſaß mit denen vom Auerberg der Brugger. Das Bier war ihm zu Kopf geſtiegen, vielleicht hatte auch die wilde Luſtbarkeit ſein ausgehungertes Herz in Brand geſetzt. Er lachte und ſchrie wie nur irgend⸗ einer, und auf einmal wollte er gar mit dem Annele tanzen. 188 Und als ſie ſich weigerte, zog er ſie über die Bank und ſchwenkte ſie, wie der Jüngſten einer. Das Annele war blutübergoſſen, aber die Bauern lachten und riefen luſtige Scherzworte. Alle gönnten dem Brugger ſeine Freude. Der hatte keinen Schleckhafen daheim mit dem kranken Weib. Der hatte nichts zu lachen:„Potz musica mus, höcher die Füeß, Peter! Samer die Feifel, lueget, der Peter!“ Und der Peter ſtampfte den Boden und ſchrie vor lauter Luſt. Da rührte ſich's auch im Annele. War's nicht eine Ewigkeit, daß ſie nicht mehr getanzt hatte? Und doch gehörte ſie noch nicht zu den Alten— in der Mitte der Dreißiger ſtand ſie, war alſo noch jung. Und jung ſah ſie aus, wie ſie, das Geſicht vor Eifer gerötet, mit dem Peter zum Takte der Muſik den Boden ſtampfte. Und die Weiber lachten ihr zu und winkten ihr, denn alle mochten die Magd wohl leiden. Der Lederle feixte. Wie ein Marr hüpfte er auf dem Bretterboden herum. Hielt ab und zu den Vorbeitanzenden ſein Hütlein hin, damit ſie ein Geldſtück hineinwerfen ſollten. Immer mehr trieb er die Muſikanten an, ließ aber dabei das Annele nicht aus den Augen. Mit einem Male ſah ihn die Magd feixen. Da war ihr alle Luſt genommen.„O du Lump, o du Straßenfeger, o du Ströter“, murmelte ſie vor ſich hin und riß ſich vom Brugger los, um zu ihrem Platz zu eilen. Erſt ſchimpfte der Brugger und ſtapfte hinterdrein, dann packte er die nächſte beſte und ſprang mit ihr im Kreiſe wie ein balzender Auerhahn. Jetzt war das allgemeine Vergnügen auf dem Höhepunkt angelangt. Jauchzen und Kreiſchen.— Da und dort ein Paar, das ſich gegen die Geltnach hinaufzog und hinter den Büſchen verſchwand. 189 Geruhig ſah der Engel, der bei der Regula Stechelin ſaß, in das Getümmel. Ihm gegenüber ſaß die dicke Koll⸗ männin vom Kollmannshof in ihrem blauen Sammetſtaat. Dem Engel hatte es Spaß gemacht, ſie unmerklich auf⸗ zuziehen, und doch gab ihm das Weib zu denken. Das war's ja, was die Ritterlichen damals ſo giftete, daß da und dort die Bauernfrauen es den Ritter⸗ und Patrizierfrauen an Putz und Pracht gleichzutun ſuchten. Wenn's die Hufe vertrug, donnerte ſich die Bäuerin mit Puffärmeln in Sammet und Seide, mit goldenen Ketten und Ringen auf. Erſtand ſie den Stoff nicht in den Städten, ſo verkauften ihn gartende Landsknechte, die ihn aus Italien mitgebracht hatten. Je mehr der Engel die Kollmännin hanſelierte, deſto ſtolzer wurde dieſe. Sie drehte ſich und ſchlug Rad um Rad, wie ein Pfau. Alle lachten; nur das Annele ſaß ſtill da und zog ein Geſicht. Jetzt war's ihr doch nicht recht, daß der Brugger den Schwingevurz mit einer andern tanzte. „Alter Gockel ſtelzet vor andren“, brummte ſie miß⸗ mutig, als der Peter, hochrot im Geſicht, ſich wieder an den Tiſch ſetzte. Der lachte und ſchaute wohlgefällig an der Magd herunter:„Potz Flamm“, dachte er,„iſt no guet beinand, das Annele.“ Er taſtete mit ſeinen Blicken ihren vollen Buſen ab. Den linken Arm legte er um ihren Hals, derweil ſich die Rechte in den Tiefen zu ſchaffen machte. Da krähte der Lederle von ſeinem Poſtament herunter: „Ei, Bruggerbauer, greifet Ihr die Baßviolen? Was ſeid Ihr doch unrüebig in der Bruch!“ Schallendes Gelächter ringsum. Blutübergoſſen ſaß die Magd; dann wurde ſie ſchnee⸗ weiß und ſchrie:„Du— du— du“— „Du— du— dudel du—“, gluckſte ihr der Lederle höhniſch nach. Und wieder erhob ſich ein grölendes Gelächter, denn der Lederle ſchnitt ein ſolch komiſches Geſicht, daß ſelbſt der Brugger mitlachen mußte. Da wurde die Magd wütend, ſprang auf und lief davon. Nur der Engel hatte zornig die Stirn verzogen, er rief dem Lederle ein paar Worte zu, die dieſem den Ubermut verſchlugen, ſo daß er ſich ſtill auf ſein Bänklein ſetzte. Ja, über ein kleines verſchwand er ſogar. Das Annele aber ſaß an der Geltnach hinter einem Gebüſch und heulte. Zwiſchen ihr und der Feſtwieſe ſtand ein Weidenbuſch. So ſah ſie nicht, wie der Lederle ſich heranpirſchte. Erſt als er mit der Blaterpfeife hinter ihr einen Triller blies, fuhr ſie zuſammen. Schneeweiß im Geſicht ſaß ſie und zog die Beine hoch an ſich.—„Wa, wa, wa, willtu— von— mird“ Der Lederle machte einen kiefen Knix. Wie ein Page vor ſeiner Dame verbeugte er ſich:„Euer Liebden meinen Gruß zuvor!“ ſcharwenzelte er,„will die Jungfer nit ein Tänzle mit mir tun?“ „Tanz mit dem Tüfel ſein Großmueter“, ziſchte das Annele, und doch flackerte in ihren Augen die Angſt vor dem Liedrian. „Bin nit alt genung dazu. Tanzet lieber mit denen Alten, ſpitzet gar auf dein Buhlen, den Brugger, des Tüfels Großmueter. Siech zu, daß ſie ihn nit verführ.“ Das Annele ſchnappte nach Luft. „Du, du, du“— „Du, du, du“, echote der Lederle. „Ei, du Hund, ei, du dreigeteufelter Straßenfeger!“ enk⸗ rang es ſich der gepreßten Bruſt. „Ei, was Ihr ſaget! Itz ſputet Euch, mein hochgeporen Frölin!“ „Was willtu von mir?“ klagte das geplagte Weib. 191 Er hielt ihr bloß die offene Hand hin. Zitternd ſuchte das Annele zuſammen, was ſie an Geld bei ſich hatte, und wollte ſich ſchon freuen, den Lumpen los zu werden. „Itzunder laß mi in Fried!“ „Itzunder“, und wieder verneigte er ſich ſpöͤttiſch,„wie iſts mit dem Tänzle?“ Er wollte nach ihr greifen. Wild ſtieß ſie ihn von ſich. „Nit umb der Seligkeit willen!“ ſchrie ſie. „Wurts oder nit“, drohte er. „'s wurt nit!“ ſchrie ſie ihm ins Geſicht. „Potz Dules willen! Iſts dein letzt Wurt?“ drohte er. Es ſchwindelte ihr. Sie wußte, womit er drohte. Nur das nicht. Bloß die Schand nicht! Aber das andere, war denn das viel beſſer? Sie, vor all den Bauern tanzen mit dem Ströter, dem Straßenfeger. Vor dem Brugger, dem Engel, dem Regele. O Gott, hilf! Sie ſchluchzte hilflos vor ſich hin. So zerrte er ſie zum Tanzplatz. Ihr ſchwindelte, als ſie ſich in den Armen des Lederle drehte. Sie ſah aller Augen auf ſich gerichtet. Es ſauſte ihr in den Ohren. Sie hörte die Muſik nur wie in weiter Ferne. Der Lederle ſchrie und kreiſchte und machte Sprünge, daß aller Augen auf das Paar gezogen wurden. Der Brugger ſaß ſtarr. Der Engel aber zog die Brauen hoch. Er ſah tiefer. Er bemerkte, wie die Magd ſchneeweiß wurde im Geſicht, wie ſie ſchwankte. Das Regele ſtieß den Engel an. Mit einem Satz ſprang der Lederle auf ſein Podium und ließ das Annele ſtehen. 19² Und die hellen Terzinen der Blaterpfeife tanzten über das Gebrumm des Dudelſacks hin, und drunten auf der Wieſe ſtand das Weib und taumelte. Der Engel ſtand auf und führte die Schwankende zum Tiſch. 85 ſaß ſie, aſchfahl im Geſicht, dann wieder hochrot. Das Blut kam und ging. Die Bauern und ihre Weiber ſaßen ſtockſteif, während die Beſoffenen ihre Scherze machen wollten. Der Engel ſchnitt ſie ab. Das Regele aber ſtand auf und ſetzte ſich neben die Verängſtigte. „So ein Lump! So ein—“, ſtieß das Annele heraus. „Hernach, warumb tanzeſtu mit eim ſotten Feger?“ fragte das Regele leiſe. Die Magd gab keine Antwort. Die Kirchweih nahm ihren Fortgang. Muſik und Ge⸗ ſchrei, Völlerei allenthalben. Da war das kleine Vorkommnis ſchnell vergeſſen. Bloß dem Brugger war die Stimmung verdorben. Er hatte ſich weggeſetzt und ſaß drüben bei den Sulzſchnaitern, wortkarg und verdroſſen. Je mehr es dem Abend zuging, um ſo ſäuiſcher wurden die Bauern. Hinter den Büſchen an der Geltnach lagen die Paare, ſchamlos und unbeſorgt, ob man ſie ſehe. Die Gurgeln, die das Bier hinuntergejagt hatten, gaben's allenthalben wieder. Nicht einmal von den Tiſchen ſtanden ſie dabei auf. Schon waren die Holzkrüge hin⸗ und hergeflogen. Wie gern wäre das Annele heimgegangen. Aber allein hinauf nach Burk, das traute ſie ſich nicht. Ihre verängſtigten Augen ſuchten den Brugger. Doch der ſaß aut aufgeſtütztem Kopf vor ſeinem Holz⸗ krug und tat nicht, als dächte er ans Heimgehn. Schmückle 19 193 Das Annele ſchritt hinüber zum Brugger:„Paur, i gang itzet heim.“ „Gang zue“, brummte der. Das Annele wandte ſich und ging. Der Brugger ſah ſie langſamen Schrittes und zögernd die Wieſe verlaſſen. Zornig ſchüttete er den Reſt ſeines Schwarzbieres hinunter. Er grübelte. Sollte er dem Lederle das Fell vergerben, ihn in die Geltnach tauchen, bis er das Schnaufen vergaß? Was würden dann die Leute reden; nein, es war beſſer, er ſchluckte ſeinen Arger hinunter. Daß die Magd ſeinem Haus die Schand antat und mit dem Hallodri tanzte, den man als Muſikanten duldete, den aber jeder Bauer, der etwas auf ſich hielt, mit dem Ochſenfieſel vom Hof gejagt hätte! Ein paar beſoffene Bauern, die ſchon zu voll waren, um noch mit den andern ins Tanzhaus zu gehen, zogen grölend in der Richtung Burk davon. Wohl war dem Brugger das ſchwere Bier in den Kopf geſtiegen, aber ſo hell war er doch noch, daß er ſich die Magd im Walde mit den wüſten Kerlen vorſtellen konnte. „Eim vollen Pauren ſoll ein gladener Wagen us⸗ weichen“, dachte er. Alſo erhob er ſich und ſtapfte los. Bald ſtolperte er über einen Stein, bald über ein ausgetrocknetes Wagen⸗ geleiſe. Es war ſchon dunkle Nacht geworden, denn der Himmel hatte ſich mit dichten Wolken bedeckt. „Mit ſo eim Haderlumpen tanzende“, brummte er dauernd vor ſich hin. Aber er griff immer ſchneller aus, denn vor ihm grölten die Beſoffenen. Im Duſter ſah er eine dunkle Geſtalt vor ſich. Sie hatte des beginnenden Regens wegen den Rock über den Kopf geſchlagen. Drum merkte er erſt, als er dicht an ſie herankam, daß es die Magd war, die ſich vor 194 den Beſoffenen hinter einem Gebüſch verſteckt hielt, um ſie an ſich vorbeizulaſſen. Schweigend gingen ſie nebeneinander. Immer, wenn er ſtolperte, ſchimpfte der Bauer halblaut vor ſich hin. Die Magd aber war ganz ſtill und biß ſich auf die Zähne, um nicht laut hinauszuheulen, denn die dicken Tränen liefen ihr an den Backen herunter. Im Bauern wühlte der Zorn; oft wollte er zum Reden anſetzen, es war ihm, als müßte er die Magd bitterlich kränken, ohne daß er Worte fand, die bös genug geweſen wären. Endlich ſtieß er heraus:„Möcht ſich kein Metzen nit finden, ſo mit eim ſotten Haderlumpen tanzet, usgrechnet em Brugger ſein Maged.“ Aber wenn der Brugger hoffte, die Magd werde ihm in ihrer ſonſtigen Art übers Maul fahren, ſo hatte er ſich geirrt. Sie ſchwieg. „Du ſollt mir antwurten“, fuhr er ſie an. Es klang wie ein leiſes Schluchzen. Darauf war der Bauer nicht gefaßt. „Red“, ſchrie er, denn er ſpürte, wie er weich wurde. Die Magd heulte laut hinaus und ſchütterte am ganzen Körper. Der Bauer blieb ſtehen und wußte nicht mehr, was tun. Die Magd, die ſonſt in ihrem Zorn eine harte, ſcharfe Zunge führte, ſchluchzte und ſchluchzte und brachte kein Wort heraus. Der Brugger war nun mit ſeiner Weisheit zu Ende. Er wußte ſich nicht anders zu helfen, alſo prügelte er ſie durch. *** Sie kamen entſprechend heim, er voraus, ſie fünfzig Schritt hinterdrein. Wer aber denkt, das Annele, deſſen Schärfe und Jähzorn bekannt waren, ſei in böſem Zorn ge⸗ 195 rr weſen, der täuſcht ſich. Nichts von alledem. Sie war faſt demütig. Sie ſchlich ſich in ihre Kammer, zog ſich um und ging in den Stall. Das Vieh drehte die Köpfe nach ihr und ſchrie nach Futter, ſobald es die Stalltüre gehen hörte. Zehn Kühe waren's, zwei Stück Jungvieh und drei Kälber. Das Annele ging in die Tenne, ſchnitt das Futter aus dem Heuſtock, nahm einen Arm voll, lief den Futtertrog entlang und ſtieß jeder Kuh furs erſte einen Buſchen in den Trog. Das Vieh hatte ſeit dem Morgen nichts gefreſſen. Sonſt wurde es ausgetrieben, aber der Kirchweih wegen atte man am Morgen trocken gefüttert. Hüterbub war keiner da, alſo hatte man den Tag über das Vieh im Stall ſtehen laſſen. Die Magd ſchnitt neues Futter aus dem Stock und redete, wie es ihre Gewohnheit war, vor ſich hin. Da hörte ſie draußen im Stall den Bauern. Das wunderte ſie, denn ſeit einiger Zeit ließ er ſie den Stall allein beſorgen. Sie kriegte es mit der Angſt und arbeitete, als wäre der Heuſtock heiß geworden. Jetzt kam der Brugger in die Tenne und machte ſich mit einem Rechen zu ſchaffen. Auf einmal ſtand er hinter ihr. Was er von ihr wolle, fuhr ſie ihn an. „Beim Fuetern helfent“, ſagte er gepreßt. „Brauch kein Hilf nit“, ſagte ſie unfreundlich und arbeitete drauf los. Da blieb er noch eine Weile ſtehn. Dann ging er hinaus in den Stall. Das Annele atmete auf. Was hatte ſie denn ge⸗ fürchtet d Sie hätte faſt über ſich ſelber gelacht. 196 Warum bloß der Bauer ſo im Stall herumhantierte? Hatte das Annele vorhin geſchafft, als handle es ſich darum, den Heuſtock auseinander zu reißen, ehe er ſich ent⸗ zünde, ſo ließ ſie ſich jetzt doppelte und dreifache Zeit. Als ſie den notwendigen Haufen Futter beieinander hatte, nahm ſie den Reiſigbeſen, kehrte ſorgfältig die Tenne auf und machte ſich unnötigerweiſe noch einmal mit Spaten, Rechen und Hacken zu ſchaffen. Dann erſt trug ſie wieder einen Arnvoll hinaus. Als ſie ſich umdrehte, ſtand der Bauer wieder hinter ihr. „Was willtu von mir?“ Diesmal ſchrie ſie's ihm ins Geſicht. Er ſchwieg. Die Magd hörte nur, wie er ſich mühte, das Keuchen ſeines Atems zu verbergen. Da packte ſie ihren Buſchen Futter, ſtieß ihn mit dem Ellenbogen zur Seite, daß er taumelte, und lief zur Stalltüre. Er packte ſie um den Leib. Sie ließ den Buſchen fallen, fuhr herum, ſchlug um ſich und kratzte, ſchrie und tobte. Dann begann ein ſchweigendes Ringen. Man hörte nur noch den keuchenden Atem. Sonſt kein Laut. Die Stallaterne ſiel um, rollte ins Heu und verlöſchte. Sie rangen weiter, ſchlugen ſchwer zu Boden. Noch ein letzter Widerſtand. Dann duldete ſie es. Als er durch den Stall ging, war ihm, als drehe jede Kuh den Kopf nach ihm. Er ſchlich ins Gadem. Dort ſaß er am Tiſch, den Kopf in die Hand geſtützt, ernüchtert, mit böſem Gewiſſen. Ob die Magd wohl noch draußen in der Tenne lagd Morgen würde es ein jeder auf dem Auerberg wiſſen, 197 eeel daß der Peter Brugger ſeine Magd vergewaltigt hakte. Er, der Peter Brugger. Er lauſchte, ob er die Magd nicht hantieren höre. Aber kein Laut, kein Ton. Die Stille peinigte ihn. Er ſtand auf und entzündete einen Kienſpan. Dann ſetzte er ſich wieder. Er mußte mit ihr reden. Aber, was ſollte er ihr ſagen? Daß er betrunken geweſen ſei? Jetzt war die Stunde, zu der ſie ihm ſonſt die Milch zu bringen pflegte. Aber draußen in der Küche blieb es dunkel. Wenn er ſie hätte nur werken hören! Sollte er in die Tenne gehen und nach ihr ſchauen? Er ſchämte ſich. Da ſiel ihm ein, daß ſie einen zu Kempten gerädert hatten, weil er eine Bürgerstochter vergewaltigt hatte. Nun erſt erfaßte er auf einmal die ganze Tragweite ſeiner Tat. Er ſtöhnte tief auf. Im Gadem hielt er es nimmer aus. Er wollte hinauf und ſich niederlegen. Er ſtieß den Span ins Waſſer, um ihn zu löſchen. Dann kappte er ſich im Dunkel der Treppe zu. Mit einem Satz ſprang ihn die Magd an. Sie ſchlang ihm beide Arme um den Hals, alles an ihr flog, ſie zitterte und ſchluchzte. Tief ſtöhnte der Brugger auf. Dann gingen ſie eng umſchlungen die Treppe hinauf. Es war um die Mittagszeit. Breit und behäbig lag die Reichsſtadt Ulm hinter ihren trutzigen Mauern. Rau⸗ ſchend und glitzernd ſprang die reißende Donau an der 198 mächtigen Baſtion vorbei und drängte ſchäumend zwiſchen den ſtarken Steinpfeilern der großen Brücke durch. Den Ulmern war es gut gegangen in den letzten Jahr⸗ zehnten.— Handel und Wandel hatten geblüht, Leinwand⸗ und Buntweberei einen ungeahnten Aufſchwung genommen. Wie überall war mit der Entwertung des Geldes durch das Gold der Meuen Welt und die Ausbeutung der Schätze des Bodens durch die Gerechtſame der Kompamen ein Geldrauſch über die Leute gekommen. Ein jeder ſuchte zu erraffen, was er konnte, ließ ſich durch Zahlen blenden und hielt ſich für reicher, als er war. Aber eines mußte man den Ulmern laſſen. Der Geld—⸗ ſtrom, der durch die Stadttore kam, floß nicht nur in die Taſchen einzelner, ſondern die ganze Stadt zog ein neues Gewand an. Mußte man in den andern Städten bis über die Knöchel im Dreck waten, die Ulmer hatten ihre Straßen fein ſäuberlich gerichtet und mit Sand beſtreut. Die Häuſer waren friſch bemalt, und die Dächer leuchteten im hellen Rot, trutzig zuſammengeſchachtelt hinter der Stadtmauer hervor. In der Mitte aber lag, breit hingelagert wie eine rieſige Gluckhenne über ihren Küchlein der neue Dom, den die Ulmer nach dem neuen Stil gebaut hatten, mit Zierat und Schnörkelwerk. Kein ſchönerer war in Deutſchland, es ſei denn zu Köln und Straßburg, der guten deutſchen Stadt. Die Ulmer wußten gar wohl, was es hieß, Ulmer Bürger zu ſein! Der ſunge Bernhard Beſſerer, des ſpäteren Bürger⸗ meiſters Sohn, ein ſchmuckes Samtbarett über dem blon⸗ den Haar, kam in gemeſſenem Schritt mit einem Dutzend Stadtknechten auf der Stadtmauer daher. Er mußte die Wache ablöſen, die in dem ſtarken Herd⸗ brucker Tor, am Kopfende der Donaubrücke, ihr Stand⸗ quartier hatte. 199 Der junge Beſſerer war, wie die Ulmer ſagten, ein „grad und lidmäßig ſchöner Mann“. Und dazu ein Stadt⸗ herr vom Scheitel bis zur Sohle! Wie er ſo vor ſeinen Knechten ſchritt, von männiglich auf der Mauer ehrerbietig und freundlich gegrüßt, trotz ſeiner Jugend, wie er frei und frank jedem ſeinen Gruß aufs beſte erwiderte, das war trotz allem eine neue Zeit und ſtach ſcharf ab von der Stellung der Ritter, die nicht anders als mit Fauſt, Druck und Fron ihre Stellung zu wahren wußten, und dabei immer mehr herunterkamen. „Des einen Ufgang iſt des andern Untergang!“ Juſt, wie der junge Beſſerer mit ſeinen Knechten zur Brücke kam, war er Zeuge, wie der Stadtfriede ge⸗ brochen wurde. Von einem Manne in geiſtlichem Gewande auf einem Rappen geführt, ritten ſechs Bauern auf die Brücke ein als von hinten lautes Pferdegetrappel ſie umſehen ließ. Da kam in ſchlankem Trab ein Reitertrupp in ritter⸗ licher Kleidung, voraus auf einem ſtarken Holſteiner Rudolf von Raitenau, Fürſtabt zu Kempten. Es waren die Abgeſandten der Landſchaft und die Herren vom Stift, die zum Schiedsgericht nach Ulm kamen und gerade auf der Donaubrücke zuſammentrafen. Die Bauern waren ehrerbietig zur Seite geritten und hatten ihre Kugelhüte gezogen. Böſen Blickes ſah der Abt im Vorbeireiten geradeaus und erwiderte den Gruß nicht. Der Röttinger, der hinter ihm ritt, glaubte aber zu be⸗ merken, daß einer der Bauern lächle. Und da er ein jäher und unbeſonnener Mann war, juckte ihn die Peitſche in der Hand, und pfeifend traf der Hieb den Hans Rupprecht mitten durchs Geſicht. Noch hatte er nicht Zeit gefunden, die Peitſche an den Sattelhaken zu hängen, da griff ihm ſchon eine Hand mit hartem Ruck in die Zügel. 200 Das war der Hiltensperger. Mit einem furchtbaren Stoß drängte er das Roß auf die Hinterhand; ſtampfend und funkenſchlagend ſuchten die Hufe Halt auf dem ungewohnten Pflaſter zu gewinnen, während die Vorderhand ſteil in die Höhe geriſſen wurde. Mit beiden Händen griff der Reiter erſt in den Sattel, dann umſchlang er den Hals des ſchnaubenden Tieres, das ausglitt und ſtürzend den rechten Schenkel des Reiters unter ſich begrub. Erſchrocken und verzagt richteten die Bauern ihre Roſſe rückwärts. Die Herren zogen ihre Schwerter, aber keiner wagte ſich an den Mann, der zornſprühend, hochaufgerichtet, vor ihnen ſtand. „Das ſolltu mir teuer zahlen“, ſchrie der Abt. „Frei Geleit habet Ihr zugeſagt, itz ſchlaget Ihr mit der Peitſchen!“ brauſte der Engel auf. „Wollt, all Pauren hätten ein Gſicht, möcht ſtundenlang dreinhauen, nit müd werdende!“ gab der Abt, blau vor Wut, zur Antwort. „Wie weit wellet Ihr Euer Langmut treiben wider die Roßmucken?“ rief der Cuſter Heinrich von Stetten,„kotz Bauch, will dem ſchwarzen Hund mein Eiſen in Ranzen rennen, daß ihme die Darm uſerlaufen, will ihme weiſen, ein vom Adel mit ſein Dreckfingern anrühren.“ Des Röttingers Gaul ſchlug mit den Hufen um ſich: „Helſfio!“ ſchrie der Chorherr. Da endlich fiel es einigen von ſeinen Genoſſen ein, vom Klepper zu ſteigen und beizuſpringen. Von hinten kamen die Knechte der Herren angetrabt. Aber ehe ſie eingreifen konnten, kamen im Laufſchritt die Stadtknechte mit dem jungen Beſſerer und trennten mit ihren Hellebarden die Streitenden. „Hie Ulmer Stadtfried!“ rief der junge Patrizier. Da ſteckten die Herren ihre Wehren ein, und die 20¹ Knechte holten den Rötkinger unter ſeinem Gaule vor. Dank ſeiner Beinſchienen war er nicht weiter verletzt. Sie hoben ihn mühſam auf ſeinen Gaul. Der Raitenauer wollte dem Engel noch eine Drohung zurufen, aber der dicke Weiſchenfelder ſiel ihm ins Wort: „Vergeſſet nit des Kaiſers Wurt, Fürſtlich Gnaden, wir ſeind ohn Wehr wider den Mann.“ Da biß ſich der Abt in die Lippen und wandte ſeinen Gaul. Der junge Beſſerer wies mit kurzen Worten ſechs Knechte an, die Bauern zur Zunftſtube der Fiſcher zu führen, die Herren geleitete er ſelber mit ſechs weiteren Knechten ins Gaſthaus zur Krone. Es ſah bedenklich einer bewaffneten Eskorte ähnlich, und die Herren ſchienen nicht beſonders froh darüber. Kaum, daß ſie dankten, als Herr Rauchſchnabel, der Wirt zur Krone, ſein Käpplein zog und ſie mit einem kiefen Bückling begrüßte. Beiden Parteien war in ihren Gaſthöfen nicht wohl zumute. Die Bauern ſaßen bedrückt in der niederen Zunft⸗ ſtube um einen runden Tiſch. Sie waren's gewohnt, daß der Bauer ſtets unrecht bekam, wenn er mit großen Herren zu tun hatte. „Recht mueß Recht bleiben“, ſagte der eine, obgleich er nicht daran glaubte. „Ein Kraih hacket der andern kein Aug it us!“ meinte der andere. Um ſo überraſchter waren ſie, als ein Bote des Bürger⸗ meiſters kam und ihnen ſagte, ſie könnten ſich frei in der Stadt bewegen, denn es ſei feſtgeſtellt, daß die Herren und nicht die Bauern den Stadtfrieden gebrochen hätten. Nun tranken ſie vergnügt ihr Krüglein Neckarwein und gingen, die Stadt anzuſehen. Da gab's viel zu ſtaunen für Bauern, die beſtenfalls Kempten und Memmingen geſehen hatten. Kein Wunder, ging doch der ganze Handel mit 202 Italien und der Donau. Die Herren waren vom jungen Beſſerer höflich gebeten worden, ihr Quartier nicht zu verlaſſen, ehe er Weiſung vom Hohen Rat gebracht habe. Nun kochte der Raitenauer. Das ihm! Dem gefürſteten Abt zu Kempten! Ge⸗ fangener bei den Pfefferſäcken! Sein Zorn kehrte ſich gegen den Röttinger:„Euch verdanken wir die Suppen“, fuhr er ihn an. „Potz Flamm, ſoll ich mich von eim ſchwarzen Rotz⸗ pauren laſſen am Bart zupfen.“ „Vermein ſchier, Ihr ſeied doch ein lützel zupft worden“, ſpottete der Weiſchenfelder. Der Röttinger wollte auffahren, doch trug der Wirt Rauchſchnabel juſt die Forellen auf, und ſo bezwang er ſich. „Schätzet den Mann nit zu ring“, fuhr der Weiſchen⸗ felder fort, als der Wirt draußen war,„iſt ein Kerle von Eiſen und ſchlau als wie drei Tuifel, wird kein Ruh nit geben im Kemptener Land, eh daß er ins Gras biſſen.“ „Will ihme je ehnder, je beſſer darzu verhelfen“, prahlte der Röttinger.„Den Hundshaber will ich ihm usdreſchen!“ „Soll Euch nit verwehret ſein, ſo Ihrs am rechten Ort und zur rechten Zeit tuet. Heunt hent Ihr ein Gſchell und Tumult gemacht, Euch ſo recht umb die Narren⸗ kappen griſſen“, zürnte der Abt. „Ich will ihme———“, wollte der Röttinger weiter⸗ machen, aber der Weiſchenfelder ſchnitt ihm ärgerlich das Wort ab:„Potz Blau, ſchweiget itz, Ihr ſeied gewallig im Hus, wie der von Ochſenſtein, den warf man die Stiegen abe!“ Ehe der Röttinger erwidern konnte, trat der junge Beſſerer ein. Er verneigte ſich tief vor dem Abte und teilte ihm mit, 203 Schweiz über die Stadt an der eeee daß er im Auftrag des Bürgermeiſters komme, der den Herren den Willkomm entbieten laſſe. Doch müſſe er allen Ernſtes die Herren erſuchen, den Stadtfrieden beſſer zu wahren, damit nicht der Rat wider Wunſch und Willen ſtrengere Maßregeln erwägen müſſe. Im übrigen laſſe der Bürgermeiſter die Herren bitten, über ihre Zeit nach Belieben zu verfügen. Der Abt dankte in gemeſſenen Worten und forderte den jungen Herrn auf, am Tiſche Platz zu nehmen. Die Einladung wurde höflich abgelehnt. „Muß mir ob Eurer Narretei von denen Pfefferſäcken ein Lektio laſſen erteilen“, murrte der Raitenauer, als ſich der junge Beſſerer mit einer tiefen Verbeugung zurück⸗ gezogen hatte. Der Röttinger zuckte die Achſeln. *** Einſt, als der Engelbert Hiltensperger ſiech und wund im Kloſter zu Ottobeuren lag, da hatte ihn der Bruder Martin das Holzſchneiden gelehrt. Wenn dann der Abend kam und ſie ihr Handwerkszeug beiſeite gelegt hatten, erzählte er ihm vom Jörg Syrlin, dem gottbegnadeten Meiſter zu Ulm. Und dann wurde der Bruder Martin ganz klein und ehrfürchtig. So klein und ehrfürchtig ſtand jetzt der Engelbert Hiltensperger vor dem herrlichen Schnitzwerk im Ulmer Dom. „Bildner und Tafler ſeind Gotts wahre Prieſter uf Erden“, murmelte er vor ſich hin. Liebkoſend ſtrich ſeine Hand über das herrliche Chor⸗ geſtühl. Und eine tiefe Freude ſchwang in ſeinen Worten, als er laut ſagte:„Es iſt doch nit alls dunkel in teutſchen Landen!“ 204 Beinahe wäre er über ſeine Stimme erſchrocken, ſo hallte ſie im weiten Raum. Er fuhr herum. Hinter ihm ſtand ein junger Menſch, ſchmächtig von Geſtalt, aber mit einem wunderſamen Leuchten in den Augen, er ſchaute bloß den Engel an und lächelte ihm freundlich zu. Da lächelte auch der und ſprach:„Itz lachet Ihr wohl des tumben Pfaffen, ſo ſein Herz über die Zung laſſet ſpringen.“ „Ei, das ſoll Euch nit gerawen, iſt mir doch ſelbſten das Herze ſpringende voll“, erwiderte mit leiſer Stimme der junge Mann. „Ihedoch mir ſcheinet, Ihr ſeied frembd allhie, wöllet mir vergunnen, Euch das Schreinwerk und die Taflen zu zeigen.“ Dem Engel wurde ganz feierlich, als er bedrängten Her⸗ zens dem Hall ſeiner Schritte im ungeheuren Raume lauſchte. Farbe und Licht umfluteten ihn, und jubelnd ſprangen die Säulen unters Dach, als riefe eine jede: „Hinauf! Hinauf!“ Ei ja, ſelbſt die Steine konnten jubeln! „Was ein gewaltig Baumeiſter, der Böblinger!“ ſagte er zu ſeinem Begleiter. Ein bitteres Lächeln umſpielte deſſen Mund:„Und het dannoch müeſſen fleihen bei Nacht unde Nebel vor des Pofels Wuet!“ „Iſt ällbot dasſelbig Ding bei denen Teutſchen, ſo einer ob den Pofel raget, ſo wartet ſein die Durnenkron! Ver⸗ gunnet ihm keiner das lützelſt Broſamle!“ „Wohl ihme“, ſagte der junge Mann,„dann er iſt am nachſten bi Gotts Herze. Schauet ſelt des Schaffners und des Zeitbloms Taflen, Herr, glaubet Ihr nit, daß beim letzten Strich der Herrgott denen die Hand uf die Schulter glegt, ſagende:„Du biſt min Sohn, geſegnet ſolltu ſeind!“ 20⁵ Da ſchauke ſich der Engel den jungen Mann an:„Wer ſeied Ihr, daß Ihr alſo ſprechet?“ „Bin ein arm Schreinergſell, dannoch iſt mir das Beſt zuteil worden, ſo mein Herz ſich erdenket. Der Syrlin, des alten Jörgen Syrlin Sohn, iſt min Meiſter.“ Da geſchah's, daß der ſtarke Hiltensperger vor einem jungen Schreinergeſellen ſich klein dünkte, bloß weil des großen Meiſters Auge ihm ſeinen Schein lieh. Und wie von ungefähr führte ihn der Geſelle den Mittelgang hinunter. Der Hiltensperger blieb wie angewurzelt ſtehen. Im Mittelportal hing ſchwebend im Bogen, matt aus dem Dunkel leuchtend, ein mächtiger Erzengel. „Gott grüeß die Kunſt!“ entfuhr es ſeinem Munde. Er ſetzte ſich in einen Kirchenſtuhl und ließ kein Auge mehr von dem Bildwerk. Schlank war ſein Leib, wie feurige Flammen züngelten die goldenen Fittiche in das Dunkel des Torbogens, das Gewand reichte in ſtrengen Falten bis über die Knöchel. Ein Antlitz von einer Größe und Feierlichkeit, daß dem Hiltensperger ein Schauer über den Leib ging. Dieſe Augen! Dieſe Augen, als ſchauten ſie weit über die ganze Menſchheit hin! „Gott grüeß die Kunſt!“ kam es noch einmal wie ein tiefer Seufzer aus des Beſchauers Bruſt. Da war ihm, als lachte ſein Begleiter leiſe und bitter auf. „So ſaget Ihr, Herr, die Ulmer hent ein ander Will und Meinung!“ „Was wöllet Ihr mit ſagen?“ fragte der Engel. „Lueget dort in der Ecken, die Brett und die Seil, ſie wöllent den Michel abethon!“ Und als der Hiltensperger ihn verſtändnislos anſtarrte, fügte der Geſelle traurig hinzu:„Es iſt, als wie ich Euch ſag! Het der alt Burgemeiſter dem Syrlin den Michel beſtellet, ſagende: Meiſter, ſchaffet ein Werk, wies 20⁰ Euch us der Seelen ſteiget, bringets an, wie Ihrs for guet findet.“ Hat der Meiſter den Michel gemeißlet in eim Rauſch von Schöpferfreud. Der alt Burgemeiſter drüber gſtorben. Itz ſoll alls nit meh wahr ſeind! Verhoffet der Meiſter, ſo ers ufhenk, wurts die Herzen rühren. Ward ihm verſtattet, den Michel uf vier Wochen ufzehenken. Iſt ein Rührauf wider den Michel und den Meiſter gemacht. Hent ihm befollen, das Bildnus mor⸗ genden Tags abe ze thon. Hat der Meiſter den Riemenſchneider von Würzburgen und etlich ander gottbegnadet Meiſter gen Ulm betten, uf daß ſie denen Zunftmeiſteren ihr Meinung kund und ze wiſſen thon ſollen, hoffende, die möchtend anderen Sinnes werden. Ab itz in einer Viertelſtunden kumment all hieher, Ihr werdet ſehen, Herr, es regent Dreck! Lueget, dorten, ſie kumment.“ Und ſie kamen, Gevatter Schneider, Gevatter Bäck, Schuſter, Fiſcher, Elephanter, Tuchweber, Metzger und all die andern, ein jeder mit dem Gewicht und Gehabe ſeiner Würde. Unwen der beiden ſammelten ſie ſich, ſo daß man jedes Wort hören konnte:„Ei“, ſagte der Bäck Herrigel,„iſt ein Speiwerk for die ganz Stadt Ulm. So meiner Schweſter Sohn, der Peter Lurcher, den Michel het mügen machen, war ein ander Ding uſerkummen!“ „Lueget bloß, was kleine Füeß der Michel het, potz Natter, möcht ihn ein Mucken umblaſen, den großen Michel.“ „Sell was der Zunftmeiſter von denen Schreineren“, flüſterte der Geſelle dem Engel zu,„ſeind all dem Meiſter ſpinnefeind.“ „Was brauchent wir ein Würzburger hie; was der Riemenſchneider kann, ſell möcht Euch zweenmalen geraten, Meiſter Ortlieb“, meinte der Tuchweber Stiegele. „Will mich nit berühmen, ihedoch i hett ein anderen 207 e ae, ee,. F Michel gmacht“, erwiderte geſchmeichelt der Meiſter Ortlieb. „Loſet den Stiegele, den Ohrenmelker“, flüſterte der Geſelle,„iſt meim Ndeiſter ein Truchen ſchuldig blieben.“ „Was ſollent wir hie“, zürnte einer,„iſt bſchloſſen.“ „Und was bſchloſſen, bleibet bſchloſſen“, rief ein anderer. „Davor laſſet mich ſorgen“, ſagte ein kleiner Mann, mit einer Marderſchaube und einem goldenen Kettlein um den Hals,„dannoch umb der Leut willen———.“ „Dort kummet der Meiſter“, flüſterte der Geſelle, „lueget, der mit der ſamtinen Schauben. Der zur Rechten iſt der Riemenſchneider, der ander heißet Veit Stoß.“ Das Barett in der Hand, trat der Syrlin auf die Zunftmeiſter zu. Leicht gewellt war ſein Haar, blond und leicht angegraut ſein Vollbart. Und ſeine blauen Augen, die ſo treuherzig in die Welt ſchauten, leuchteten, daß dem Engel ordentlich warm ums Herz wurde. „Itz müeſſet Ihr nur nit gram ſeind, Herr“, ſagte der Geſelle,„der Meiſter möcht mi brauchent, mueß ihme ze Dienſten ſtahn.“ Nun war der Engel allein. Er ſah, wie die Zunft⸗ meiſter lächelten, wie der Riemenſchneider redete und der Stoß redete und der Syrlin redete. Aber ſie predigten tauben Ohren. Die Handwerker wechſelten nur ab und zu heimliche Blicke, dann und wann gähnte einer verſtohlen. „Potz Blau“, rief ein Wollhandler,„Ihr ſaget, Herr Riemenſchneider, der Michel ſeie ein gar herrlich Ding, ich aber ſag, er iſt ein greuslichen Ding; wer ſaget, wer recht hab von uns zween. Die Geſchmack ſeind verſchieden.“ „Jenhalb Bachs ſeind auch Leut, ſo was von Kunſt verſtehn“, hörte man im Hintergrund die dünne Stimme Meiſter Ortliebs. Da machte der Syrlin noch einen letzten Verſuch:„Ihr Herren, han ein Zeichnung vom Erzengel Michel an den 208 Albrechten Dürer zu Mürenberg gſchickt, ihn betten, mir ſein Meinung kund ze thon. Hie iſt die Antwurt, wellet mir verſtatten, ſein Brief ze leſen.“ Der Engel drängte ſich etwas vor, um beſſer zu hören, was nicht weiter auffiel, denn es hatte ſich eine Anzahl Bürger eingefunden, die um die Herren herumſtanden. Der Albrecht Dürer ſchrieb in großer Freude über den Erzengel Michael, die Ulmer würden ſpäter einmal ihrem Herrgott danken, einen Mann wie den Syrlin unter ſich gehabt zu haben.— Man merkte, wie ſchwer es dem Syrlin wurde, dieſen Satz vorzuleſen.— Das Schreiben aber ſchloß mit dem Wort, mit dem der Engel das Kunſt⸗ werk gegrüßt hatte:„Gott grüeß die Kunſt!“ Aber Gevatter Bäck und Schneider und Schuſter lächel⸗ ten überlegen! Warum auch nicht? Galt doch Schildnerei und Bild⸗ nerei als die letzte der Zünfte! „Ei doch, wer iſt der Albrecht Dürer?“ fragte der Zunftmeiſter der Barchentweber, der gegenüber dem Dom einen Verkaufsſtand unterhielt, mitten hinein in die Stille. Da ſchwiegen die drei großen Meiſter. Der mit der Marderſchaube und dem goldenen Kettlein, der Stadtſchreiber Sutorius aber wandte ſich an die von den Zünften mit der Frage, ob einer durch die Aus⸗ führungen eines Beſſeren belehrt worden ſei. Sie ſchüttelten die Köpfe. Und mit zuckerſüßer Stimme ſprach er zu den Meiſtern: „Ihr ſehet, es bleibet dabei, der Michel mueß abe!“ Der Syrlin wandte ſich ab und wiſchte die Stirn. Die Arbeit eines Jahres vertan! Und ſchwatzend, mühſam ihre innere Befriedigung ver⸗ bergend, gingen die Kunſtrichter auseinander. Dem Engel blutete das Herz, er hätte dem Meiſter die Hände küſſen mögen. Aber der trug den Kopf hoch, rief mit lauter Stimme Schmückle 14 209 VVVVVC— .. den Geſellen, die abſeits ſtanden, hieß ſie das Gerüſt auf⸗ ſchlagen und den Michel herunternehmen. Der Riemenſchneider aber ſagte:„Laſſet Euch nichts anmerken, Meiſter Syrlin. Der Veit Stoß und ich fahrent gen Blaupeuren, Euer Werk ſchauende. Ganget die Sunn ze Gnaden, wellend wir Euer in der Kramerſtuben gewarten.“ Der Syrlin meinte, er habe keine Luſt, heute unter die Zunft zu gehn. „Heunt erſt recht“, erwiderte der Veit Stoß. Da ſchieden ſie, und der Syrlin leitete blutenden Her⸗ zens die Abnahme ſeines Werkes. „Mere, es iſt dannoch Nacht in keutſchen Landen!“ ſeufzte der Hiltensperger vor ſich hin. Und wieder ſchritt er von Tafel zu Tafel, von Bildwerk zu Bildwerk, aber es war, als ob der leuchtende Schein davon genommen wäre. Vielleicht, daß ſich der Himmel bedeckt hatte, denn auch die farbigen Fenſter hatten ihren Glanz verloren, und ein böſes graues Licht füllte den Raum. „Ei, warumb doch immer das Klein wider das Große gewinnet!“ Als der Engel auf ſeinem Rundgang wieder zum Erz⸗ engel Michel kam, ſchwebte der gerade an einem Hanfſeil in der Luft. Plötzlich ſah er, daß der Mann, der das Seil hielt, ſchwankte, denn ein Brett des Gerüſtes hatte ſich ver⸗ ſchoben und rutſchte. Der Geſelle ließ das Seil los und ſuchte feſten Stand zu gewinnen. Mit einem Satz war der Engel unterm Michel. Und fing ihn auf! Als er ihn langſam zu Boden gleiten ließ, ſchwankte er, und ſein Antlitz war ſchneeweiß, denn die Kraft von drei Männern hätte nicht ausgereicht, das Bildwerk auf⸗ zufangen. Der Syrlin war tief erſchrocken und hatte mit der 21⁰ Hand nach der Bruſt gegriffen. Sein Werk lag ihm doch am Herzen, war vielleicht ſein liebſtes Kind, weil es die Menſchen verachteten. „Habet Dank“, ſagte er,„es het mügen übel usgan.“ Der Engel wiſchte ſich das Blut von der Stirn, denn der Michel hatte ihn hart geſtreift. „Nit das Wörtle wert“, lachte er, als der Syrlin be⸗ ſorgt nach der Wunde fragte und ihm die Hand entgegen⸗ reckte. Die drückte der Engel ſo herzhaft, daß es ſchmerzte. „Wie ſoll ich Euch danken?“ „Mueß nit alls uf der Welt umb Dank und Lohn beſchechen. Doch wellet Ihr mir ein Guts erweiſen, ſo laſſet mich ein Blick in Eure Werkſtatt khon.“ „Mein Schreinerei und Bildnerei ſtandet Euch zu jeder Stunden offen. Wartet noch ein lützel, und ich will Euch hingeleiten. Het mügen übel usgan“, murmelte er noch einmal. Und nach einer kurzen Weile ſagte der Meiſter ſchier fröhlich:„Kummet itz, wir wellent gan.“ So ſchritten ſie ſelbander der Wengengaſſe zu, wo am Waſſer des Syrlin Werkſtatt ſtand. Der Engel wollte ſeinen Augen nicht trauen. Da war ein Hämmern und Sägen, ein Hobeln und Kratzen. Dazwiſchen ſchrillte die große Waſſerſäge, die einen ſtarken Lindenſtamm in Stücke ſchnitt. Das war der Raum, in dem ſie ſchreinerten. Fertig und halbfertig ſtanden kunſtvolle Truhen und Schränke mit Säulen und Einlagen, Zwiebelmuſtern und Blumen. Anſchließend daran die Werkſtatt, in der des Meiſters Seſſel und Tiſch ſtanden. Hier werkten die Bildner, die mit dem Meiſter ſchafften. Durch die hellen Butzenſcheiben ſiel die Sonne in den Raum und ließ in ihrem Schein den feinen Holzſtaub tanzen. Und in dem dritten Raum, in dem ſich nicht das geringſte 211 Stäublein feſtſetzen durfte, da ſaßen die Schildner, die ihre Schnitzwerke mit Kreidegrund verſahen und mit leuchtenden Farben bemalten. An die vierzig Mann mochten es ſein, die in des Meiſters Dienſten ſtanden. Freundlich erwiderte er ihren Gruß, als er mit dem Engel von Raum zu Raum, von Werk zu Werk ſchritt. Ganz zuletzt traten ſie in eine Kammer. Da ſtand im Dämmerlicht eine Mutter Gottes. Die war ſo ſchön, daß der Hiltensperger kein Wort hervorbrachte. Dann faltete er die Hände, und die dicken Tränen liefen ihm über die Wangen. „Itz ſeh ich, daß Ihr ein gueter Menſch ſeied“, ſagte der Meiſter. Der Engel aber taſtete nach ſeiner Hand und ſprach:„Herr, Euch hat die Mueter Gotts die Hand ge⸗ führet, Euch war ein Blick in Himmel vergunnet!“ „Ihr irret, des Jörg Syrlin Sohn iſt nit berufen, ſeins Vatters Werk zum letzten Ziel ze führen. Nit mein Werk iſts, vor dem Ihr ſtandet. Doch ward mir die Freud, den ze lehren, ſo's gemacht. Das iſt genug der Genad for mich.“ Er rief den jungen, bleichen Geſellen, den der Engel am Morgen im Dom getroffen:„Sehet den! Der hats gſchaffen, iſt kein andrer meh in teutſchen Landen ſo gott⸗ begnadet erfunden, dann Dem Geſellen brannten zwei rote Flecken auf den blaſſen, vom innern Feuer verzehrten Wangen. „O Meiſter“, ſprach er mit leiſer Stimme,„Ihr traget zu viel des Goldes uf, und fehlet der recht Grund derzu.“ „Laß guet ſeind, Hans, dein Werk wurt beſtan, ſo lang die Kunſt in Ehren in teutſchen Landen. Und ſo's der Pofel veracht, allzeit ſeind etliche geweſt, ſo den göttlichen Funken verſpüret.“ „Und iſt dannoch ein herrliche Zeit“, rief der Engel,„ſeit Jahren grünets und will im Uberſchwang blühen in der 212 teutſchen Kunſt, Gott geſegen die edel teutſch Bildnerei! Gott geſegen Euch, Meiſter Syrlin, und Euch, Meiſter Hans! Einſtens wurt Euer Nam werden geprieſen als großer Meiſter Mam und aller Teutſchen Stolz und ier!“ Traurig erwiderte der Geſelle:„Kann nie nit Meiſter werden, bin unehrlich geboren.“ Und dabei ſtrahlte eine unſichtbare Krone um ſein Haupt. Noch an dieſem Tage kam der Kemptener Abt in die Werkſtatt und kaufte die Mutter Gottes des Geſellen Hans Riedinger. *** In dem Rathaus, das die Ulmer neu erbaut hakten, ſollten drei Wochen ſpäter die Verhandlungen zwiſchen Abt und Bauern ſtattfinden. Die Bauern hatten ſich am Vorabend mit den Hühnern zur Ruhe begeben und waren mit ihnen aufgeſtanden, trotz⸗ dem die Tagung erſt um neun Uhr beginnen ſollte. Eine ganze Stunde vor Beginn ſtanden ſie ſchon vor der Rathaustür und warteten auf den Engel. Als er kam, ſtiegen ſie die Treppe ins erſte Stockwerk des Rathauſes hinauf, in bäuerlicher Unſicherheit bemüht, das Poltern ihrer genagelten Schnürſchuhe zu dämpfen. Beſcheidentlich blieben ſie vor der Tür zum großen Saal ſtehen. Da kam der Abt mit ſeiner Begleitung die breite Treppe herauf. Die Bauern drückten ſich ehrerbietig gegen die Wand; die Herren ſchritten, ohne deren Gruß zu erwidern, hochmütig an ihnen vorbei und traten in den Saal. Als letzter der junge Konz von Freiberg. Bedeckten Hauptes, mit verſchränkten Armen und ohne Gruß ſtand der Engel. Er hatte mit ruhigem Blick den Freiberger angeſchaut, und der war dem Blick aus⸗ gewichen. 213 „Folget mir“, ſprach er, öffnete die Tür und krat mit den Bauern ein. In der Mitte des Saales ſtanden die Schiedsrichter, der von Stein, der Ratsherr Löb und der alte Beſſerer, der ſpätere Bürgermeiſter. Sie begrüßten eben den Fürſt⸗ abt mit ſeinen Chorherren. Als die Bauern ſchweren Trittes hereindrängten, rief der von Stein:„Könnet ihr nit warten?“ Und der Ratsdiener Murr wollte ſie wieder hinaus⸗ weiſen. „Uf dieſe Stunden ſeind beid Teil in dieſen Saal ge⸗ laden, gleichermaßen Recht zu holen. Hie ſeind wir! Weiſet man uns die Stuben, ſo geits kein Wiederkehr nit“, ſagte gleichmütig der Engel. Der von Stein biß ſich auf die Lippen, die Chorherren ſteckten die Köpfe zuſammen, aber der Ratsherr Löb hieß die Bauern freundlich auf der Bank an der linken Saal⸗ ſeite Platz nehmen. Der Engel jedoch blieb aufrecht ſtehen. Die Schiedsrichter ſetzten ſich an den Tiſch, der in der Mitte des Saales ſtand, die vom Gotteshaus nahmen auf der Bank an der rechten Längsſeite Platz. An der Mitte des Tiſches ſaß der Beſſerer. Er trug einen nelkenfarbenen Rock mit ſilbergeſtickten Blumen. Links von ihm der von Stein mit grauen Strumpfhoſen, kurzen pludrigen Beinkleidern von ſchwarzem flandriſchem Tuch mit Silberfäden. Der ärmelloſe Rock war von rotem Sammet und ganz mit Gold beſtickt. Rechts ſaß der Ulrich Löb in einer prächtigen Schaube. Die war ganz mit Marderfell beſetzt und reichte bis auf den Boden. Der Beſſerer blätterte noch in ſeinen Akten, da trat der Cuſter des Gotteshauſes vor und erhob Einſpruch gegen des Engels Anweſenheik. Der ſei kein Bauer, habe drum kein Recht, ſich zwiſchen den Abt und ſeine eigenen Leute zu ſtellen. 214 „Recht oder nit Recht“, ſprach der Engel,„wir ſtandent hie uf Kaiſers Wurt und ſeind nit zu krennen. Saget, Ihr Herren, ob wir ſollen gan oder bleiben!“ Die Richter ſteckten die Köpfe zuſammen. Ob auch der von Stein widerſtrebte, es wurde entſchieden, dem Engel ſolle unbenommen ſein, zu bleiben und der Bauern Sache zu vertreten. In ſchwarzen Strumpfhoſen, ein anliegend Röcklein um die ſchmalen Hüften ſaß an einer Kurzſeite des Tiſches der Herr Stadtſchreiber und las mit ſeiner dünnen Stimme den Streitfall vor, denn das Schiedsgericht verhandelte nach dem Verfahren, wie es die römiſchen Juriſten ein⸗ geführt. „Wird übel usgan“, dachte der Engel,„wo die ver⸗ fluchten römiſchen Praktiken geltend, derf der arm Mann die Platten butzen.“ Der Abt ließ ſeine Sache durch den von Weiſchenfeld vortragen. Mit harten und ſtolzen Worten verlas er des Goktes⸗ hauſes Standpunkt. Hochfahrend klang's, und ein geheimes Drohen war in jedem ſeiner Sätze. Dann ſprach der Engel! Erſt ruhig und voller Zurüuckhaltkung. Aber mäblich ſchwoll ſeine Stimme und rollte dahin, daß die Bauern ſich duckten und die Herren aufhorchten. Sie, denen das Latein ſo glatt von den Lippen floß, ſie neigten ſich lauſchend vor. Der Fürſtabt ſpielte mit ſeinem Roſenkranz, ſaß in ſeinen Seſſel zurückgelehnt und lächelte ſchier wohlgefällig, denn er war ein glänzender Redner und wußte eine Rede zu werten. Der Engel ſprach deutſch. Das ſchwoll, das ebbte, das beſchwor und klagte an, das griff ins Herz und traf wie ein Donnerſchlag. Von der Not der Bauern ſprach er, von ihrem Leid, und ver⸗ haltener Groll ließ ſeine Stimme zittern:„Gott hat die 215 Menſchen erſchaffen, uf daß es ihnen wohl ergeh uf Erden; der Bauer aber lebet ſchlimmer dann das Vieh und die Tier im Wald! Lang geheget und kurz gehetzet ſeind die Reh und Sauen in unſeres Herren Wald, ewiglich ge— hetzet und nie geheget iſt der Pauer! Des klag ich Gott!“ Der Fürſtabt lächelte, und die Herren murmelten böſe und höhniſche Worte. „Arm Leut ſollen nit reich ſeind“, ſpottete der Abt. Da packte den Engel erſt recht der heilige Zorn, und ſeine Augen blitzten. Es war nicht mehr weit bis nach Wittenberg; der Haß wider Rom und die Pfaffen brannte in allen deutſchen Herzen, und man achtete ſie ſo wenig, als es ihre Macht zuließ. „Aber reich Leut ſollen die Stiefel nit an der Armut wüſchen! Was murmlet Ihr, Ihr Herrend Ich ſeie ein Ufwigler, abtrünniger Prieſter? Will lieber als Pauer mein Acker reißen, dann ein Prieſter ſein, ſo der Menſchen göttlich Seel zum Tier erniedriget.“ „Ihr gehet zu weit, mäßiget Euch“, warnte der Ge⸗ richtsherr. „Aber der Menſchen Seel iſt von Gott und in Goktes Hand. Was drohet Ihr mir, Johann von Raitenau Ich fürcht Euch nit! Ein Zeit geweſt, da mir der Johannes von Riedheim Freund und gar wohlgeſinnet, niemalen hak er ein Wurt laſſen verlauten von des Kaiſers Karolus Urkund, bis zu dem Tag, da mir ſeller Mann dorten geſagt, uf Eurem Tiſch, Johann von Raitenau, ſeie ein Gſchrift glegen, ohen des Kaiſers Karolus Unterſchrift, daneben die gelb Tinktura, damit Ihr die Urkunden gegelbet. So ſag ich Euch bei meiner Seelen Seligkeit, die Urkunden iſt ein Falſifikatum und Tüfelswerk!— Itz, Junker von Freiberg, itz ſullt Ihr mir vor Gott ein Zeugnus geben! Ganget rund heraus mit der Antwurt!“ Aber der Junker brachte kein Wort heraus. Endlich 216 ſtotterte er:„Ich weiß nit, was Ihr faſelet, Hiltens⸗ perger.“ Einen Herzſchlag lang war es dem Abt ſchwarz vor den Augen geworden. Mit beiden Händen krampfte er ſich an die Rücklehne der Bank. Dann war's überwunden, und er richtete eiskalt das ſtechende Auge auf den Freiberger. Dem kam und ging die Farbe. Aller Angen waren auf ihn gerichtet, er aber ſpürte bloß den Blick des Raitenauers. Blitzſchnell überlegte er. Hielt er zum Abt, ſo war dieſer ihm verpflichtet, ſagte er die Wahrheit, ſo war für ihn alles verloren. „Tretet für, wohledler Junker“, ſprach der Beſſerer und ſah forſchend in das bleiche Antlitz des jungen Mannes. „Ihr babets erloſet, was der Hiltensperger geſaat, itz, bei Eurer Seelen Seligkeit, het er wahr oder falſch ge⸗ ſprochend?“ „Bei meiner Seelen Seligkeit———, er het—— falſch—— geſprochen!“ „Itz hent Ibr mich zum drittenmal verraten, Junker Konz von Freiberg!“ Der Junker zuckte zuſammen, als häkte ihn einer ins Geſicht geſchlagen. Der Ulrich Löb ließ kein Auge von ihm und ſagte nur:„Gott allein waißt die recht Wahr⸗ heit.“ Der Engel aber würdigte den Freiberger keines Blickes mehr. Er endete ſeine Rede. Mit ein paar Sätzen riß er wieder die Richter in ſeinen Bann. Selbſt der von Stein, ſo ſehr er ſich wehrte, konnte dem Manne die Hoch⸗ achtung nicht verſagen, der heiß und ehrlichen Sinnes voll vor ibnen ſtand. „Laſſet Ihr Herren das uralt Buch vom Auerberg von Chimiſten und Schriftgelahrten unterſuchen, ob ein falſch Strichle daran. So wabr als die, ſo drin ſtandent mit Namen, nie nit leibeigen ſeind geweſt, ſo ſeind auch der 217 anderen Vätter niemalen hörig geweſt, nie mit Beſthaupet, noch Zehent, noch Fron geleiſtet, ſo wahr ein Gott im Himmel lebet!“ Ein langes Schweigen folgte der Rede. Die Bauern hatten es mit der Angſt gekriegt. Scheu blickten ſie nach dem Abt, der bleich wie der Tod mit ſteinernem Geſicht daſaß. Einzelne unter den Chorherren murrten; man hörte einen ſagen:„Stoßt dem Rotzpfaffen ein Hendſchuch in Schlund, daß der rot Saft uſerſpringt.“ Aber da faßte ein ehrlicher Zorn den Ratsherrn Lõb: „Gemach, Ihr Herren“, rief er,„hie iſt nit die Donau⸗ brucken, wellet des eingedenk ſeind, hie geltet Ulmer Stadt⸗ recht!“ Und der Beſſerer nickte mit dem Kopf. Da fürchteten die adeligen Herren ihrer Sache zu ſchaden und ſchwiegen. Der Beſſerer aber ſchloß die Verhandlung und lud die Parteien auf den nächſten Tag. *.*** Als am andern Tag die Chorherren den Saal be⸗ traten, ſaßen die Bauern ſchon auf ihrer Bank. Sie er⸗ hoben ſich ehrerbietig; einen Gegengruß bekamen ſie nicht. Der Engel war ſitzen geblieben. Nach einer Weile kamen die Richter und ſtellten ſich hinter ihren Tiſch. Alles erhob ſich, und der Beſſerer verkündete den Spruch des Gerichtes:„Zum erſten: Die zwanzig und feinf Pauren, ſo im Buch us dem Jahr 1144 mit Namen ſeind be⸗ nennet, ſollent freie Zinſer bleiben, ohn all ander Laſt und Beſchwer, dann Zinspfenning und Todfall; zum andern: Johann von Raitenau, gefürſteter Abt zu Kempten, ſchwöret ein leiblichen und gelahrten Eid, daß 218 des Kaiſers Karolus Urkund echt und nit verfälſchet. Hernach ſchwörent zween von den Chorherren, daß des Abtes Eid rein und nit unrein. Schwöret der Abt, ſo ſollent die anderen Pauren tun, was ſie bislang geweigeret. Schwöret der Abt nit, ſo ſoll der ander Teil die Sachen vor Kaiſers Gericht treibent.“ Johann von Raitenau wechſelte die Farbe. Tiefe Stille herrſchte im Saale des Ulmer Nathauſes. Voll verhaltener Erregung beugte ſich Hiltensperger vor und ließ kein Auge vom Abt. Der ſah es: Oh, wie er den Mann haßte mit jeder Faſer ſeines Herzens, den Mann, der alles wußte, der den Blick in ſeinen hakte, in deſſen Augen er Ver⸗ achtung und Haß leſen konnte, in deſſen Augen geſchrieben ſtand:„Itz mueß er einen falſchen Eid tun, wo nit, ſtandet er als ein Falſifikator vor Kaiſer und Gericht.“ Auf ſeinem Antlitz kam und ging die Farbe. Die Chor⸗ herren flüſterten. Da wondte ſich der Beſſerer an den Engel:„Nehmet Ihr den Spruch in Treuen an?“ Die Bauern drängten ſich um den Hiltensperger, und nach kurzem Beraten trat der Engel vor und ſprach mit feſter Stimme:„Wir nehment den Spruch in Treuen an, Sein Fürſtlich Gnaden ſoll den Eid tun!“ Auch die Konventsherren ſtanden um den Abt und be⸗ rieten. Er ſelber ſtand ſchweigend und ſchaute zu Boden. Die Herren konnten nicht zu Ende gelangen; die Schieds⸗ richter erwarteten ſtehend ihre Entſcheidung. Da trat der Weiſchenfelder an den Tiſch vor und ſprach:„Ihr Herren, iſt eins Fürſtabbets Wort Euch nit genung Iſt bis anjetzo ein nie erhöret Ding, daß ein Kirchenfürſt umb ſchwarzer Pauren willen zum Eid ſoll ktrieben werden. Unſeres Herren Ehr und Schild leidet den Eid nit!“ Der Ulrich Löb aber erwiderte kühl:„So mag der ander 219 Teil die Klag weitertreiben vor Kaiſers Gericht. Hernach mügent die Chimici und Schriftgelahrten der Urkund uf den Grund gan!“ Die Herren berieten von neuem. Und wieder trat der Weiſchenfelder vor und erbat eine Bedenkzeit. Die Bauern murrten, und mit ſtarker Stimme rief der Engel:„Die lauter Wahrheit kennet kein Bedenken nit, ſtandet klar und rein vor Gott!“ Da wandte ſich der Abt in ſeiner hochfahrenden Art zu ihm, aber ehe er ſprechen konnte, winkte ihm der von Stein warnend ab. So gerne der letztere die Bedenkzeit gewährt hätte, man ſah, daß ihm die beiden andern flüͤſternd widerſprachen. Den Bauern klopften die Herzen, und der Hiltensperger ließ das Auge nicht vom Fürſtabt. Der wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. „Entſchließet Euch, Ihr Herren!“ Da gab ſich der Raitenauer einen Ruck und krat vor: „Ich nehm den Eid in Treuen an, Ihr Herren!“ Nun ſtanden die Bauern mit aufgeriſſenen Mäulern und glotzten. Ihr einfältiger Sinn konnte nicht durch⸗ ſchauen. Sie wußten nicht aus noch ein. Ein Prieſter Gottes konnte doch keinen falſchen Eid tun! Der Engel ſaß kerzengerade, diesmal faßte ſein Auge den Freiberger, der blutübergoſſen ſein Geſicht abwandte und doch immer wieder zum Engel hinſchauen mußte. Und der Abt ſtand und ſchwor mit erhobenem Schwur⸗ ſtab, daß die Urkunde des Kaiſers Karolus echt ſei und nicht unecht. Er ſchwor mit feſter Stimme. Nur als er ſich ſetzte, ſchwankte er ein wenig. Und die beiden Konventsherren, der Freiberger und der Weiſchenfelder, ſchworen, daß der Eid rein und nicht unrein ſei. 220 Mach der Eidleiſtung herrſchte eine tiefe Stille. Selbſt die Richter waren ſeltſam bedrückt. Da ſprach der Engelbert Hiltensperger:„Armer Mann!“ Wie von der Tarantel geſtochen fuhr der Abt herum: „Wahr dich ab heunt, Hiltensperger!“ ziſchte er. „Wahr dich ab heunt vor Gott, Johann von Raikenau!“ donnerte der Engel. Da war es, als duckten ſich alle, die im Saale waren. Der Ratsherr Löb ſtand am Fenſter und ſchaute hinunker zum Fiſchkaſten, wo Syrlins herrlicher Brunnen ſtand. „Gott allein waißt die recht Wahrheit“, ſprach er wiederum und ſeufzte tief auf. Als er ſich zum Gehen wandte, war der Saal leer, nur ein einziger Bauer ſaß auf der Bank. Der Löb ſah ihn nicht und ſchritt in Gedanken an ihm vorbei:„Herre Gott, dir iſt kein Ding verborgen, dein iſt das letzt Gericht.“ Noch eine Weile ſaß der Bauer und ſtierte, dann ging auch er und ſtolperte die Treppe hinunter. Es war der Peter Brugger. Sie hatten ſeinen halben Mamen in dem zerriſſenen Buche nicht gelten laſſen. ***. Im„Goldenen Hecht“ ging's hoch her. Der junge Beſſerer feierte ſeine Hochzeik. Das ging nun ſchon in den dritten Tag mit Tanzen und Eſſen. An die dreihundert Perſonen ſaßen an zehn langen Tafeln, die ſich unter der Laſt der Speiſen bogen. Da ſtanden auf Platten und in Schüſſeln Wildſau und Hirſch, Haſe und Reh, Rebhühner, Wachteln und Vögel aller Art, Schweinernes, Kälbernes, Ferkel vom Spieß und gebratene Gäns, Truthahnen und Hühner, Forellen, Krebſe, Muſcheln. Dazu Mandeltorten und Gebackenes in Menge. 221 An den Tiſchen ſaßen ſie mit hochroten Köpfen und ließen ſich die Weine vom Rhein und aus Italia ſchmecken. Obenan der Bürgermeiſter mit einer großen goldenen Kette um den Hals. Er hatte ſchon etlich zuviel des Guten getan. Seine Arme hatte er um die Schultern der wohlpoſtierten Jungfer Anna, des Ratsſchreibers Nichte, gelegt, und ſein Baß tönte lauter, als man's von ihm gewohnt, aus dem Stimmengewirr. Da konnte man ſehen, wie gut es den Ulmern ging! Manche ihrer Frauen hatten an jenem Tage Kleider an, die ein Vermögen koſteten, und um den Schmuck, den ſie trugen, konnte man ein ſchönes Haus kaufen. In allen Farben, in die köſtlichſten Tuche gekleidet, beſtickt mit Gold und Silber ſaßen die reichen Kauf- und Ratsherren breit und behäbig. Auf einem Tiſch in der Ecke ſtanden die Hochzeits⸗ geſchenke: ſechzig ſilberne Becher, dreißig goldene Ringe, zehn Halsbänder, fünf goldene Gürtel und hundertfünf⸗ zig Gulden in bar. Unter den Tritten der Tanzenden ſchütterte das ganze Haus. Backen an Backen und eng aneinandergepreßt ſprangen ſie und drehten ſich, ſchrien aus vollem Halſe. Die Mannsleute warfen die Frauen, daß ihnen die Röcke ogen. Der alte Beſſerer und der Löb ſaßen beieinander. Dem Beſſerer konnte man's nicht verübeln, daß er an der Hoch⸗ zeit ſeines Sohnes vergnügt war und es nicht verſtand, daß der Löb ſo gar nicht über die Vorkommniſſe des Vor⸗ mittags hinwegkam. „Het dannoch ein falſchen Eid beſchworen, der Abbet.“ „Itz tu mir Beſcheid, Utz“, ſagte der Beſſerer,„wir machens nit anders.“ „Wir zween denen zweien“, rief's von der andern Seite. Sie tranken den Rufern zu, aber der Löb kam nicht heraus aus ſeinem Grübeln. 222 „Will ein lützel an den friſch Luft“, ſagte er zum Beſſerer,„bin allhie ein Spillverderber und Säuerling.“ Und er ging. Als er aus dem überhitzten Saale heraustrat, zog er fröſtelnd die Schaube über dem gefältelten Hemde zu⸗ ſammen, das an Stelle des bisherigen freien Hals⸗ ausſchnitts getreten war. Er ſah, wie einige von den Bauern, die am Morgen in der Sitzung waren, ſich die MNaſen an einem Fenſter platt⸗ drückten, um etwas von den Herrlichkeiten im Saale zu erſpähen. Ihre Geſichter waren erhellt vom Schein, der in die Nacht hinausſiel. Gier, Gier und nichts als Gier brannte in ihren Augen. Sie flüſterten untereinander— alles konnte der Löb nicht verſtehen, aber doch ſoviel, daß er ſich ſagte:„Weh, weh, dreimal weh, ſo all die Pauren des inne wollten werden, was die dreie dorten geſechen.“ Dann ging er mit geſenktem Haupte gegen den Fiſch⸗ kaſten zu. Immer wieder ſah er den erhobenen Schwurſtab und den flackernden Blick des ſchwörenden Kirchenfürſten. Es war eine herrliche Nacht. Der Mond lugte um den Münſterturm, goß ſein blaues Licht über die Dächer und flimmerte im Waſſer des Fiſchkaſtens wider. Da ſtand ein einſamer Mann an dem Brunnen des Jörg Syrlin. Der Löb trat freundlich auf ihn zu:„So weilet Ihr no hie ze Ulms“ „Ich weiß den Abbet von Kempten lieber vor mir, denn hünder mir. Fürſicht iſt der Weisheit beſſer Teil.“ „Wellet Ihr ein Gang mit mir thon?“ „Von Herzen gere.“ So ſchritten ſie ſelbander durch die Gaſſen Ulms. Hoch wölbte ſich der Sternenhimmel mit dem leuchtenden Mond 223 über der ſtillen Stadt. Nur hin und wieder rauchte an einer Ecke ein flackernder Kienſpan. Es war, als ſchütte der Mond ſein ganzes Licht juſt über die alte Reichsſtadt Ulm aus, es rieſelte über die verſchachtelten Dächer durch Wandelgänge und ſtille Höfe. Und ganz matt erleuchtete Fenſter warfen einen krau⸗ lichen warmen Schein in die Nacht. Niemand begegnete den beiden, denn es war damals nicht Sitte, daß die Leute nächtlicherweil auf den Gaſſen herumſtanden; für die Bankettierer war's noch zu frũh, und den Franziskanern, die allerlei Unfug zu verüben pflegten, hatte der Rat eine ernſtliche Verwarnung zu⸗ kommen laſſen. Die hohen Giebelhäuſer warfen ihren Mondſchatten über die Straße; hin und wieder tönte der Ruf des Nacht⸗ wächters. Die Scharwache rief ſie an und entfernte ſich mit ehrerbietigem Gruß, als ſie den Ratsherrn erkannte. So wanderten die beiden durch den Mondzauber, was wunders, daß dem Engel das Herz üͤberfloß, daß er es dem Löb ungefältelt und reſtlos erſchloß! Der aber war ein rechter deutſcher Mann, wie nur je einer das Pflaſter einer Reichsſtadt getreten. Durch die engen Gäßchen des Fiſcherviertels gingen ſie, wanderten auf der Stadtmauer hin und her, wo ſie der Donau entlang führte. Blau und ſilbern rauſchte ſie dahin. Der Engel hatte ſich alles vom Herzen geſprochen, was ihn drückte, hatte auch dem Ratsherren gedankt, daß er ehrliche Richter gefunden. Eine Weile ſchwieg der Löb, dann ſagte er:„Weiß nit, ob ich recht tu, ſo ichs Euch ſag. Der Rauchſchnabel hats erlauſchet und mir zutragen: Der Abbet ſchicket den Weiſchenfelder gen Rom, Abſolutio for die Sünden ze holen, will nit andres heißent, dann for den Meineid. Hat 224 er ſein Abſolutio, ſo kann er ſeiner Sachen in Ruh froh werdent! Des weiteren ſoll der Weiſchenfelder vom Heiligen Vatter ein Bannſtrahl erbitten wider ein jeden, ſo ein Schutzrecht über die Pauren will annehmen, in Zeit und Ewigkeit.“ „Was kann ich dawider khon?“ „Fahret gen Rom und befehlet Euer Sach dem lieben Gott. Weißt der Heilig Vatter umb den Meineid, mags ſeind, daß er die Abſolutio weigret oder gar das Urtel um⸗ werfet.“ Beim Herdbrucker Tor ſtiegen ſie von der Mauer und wanderten dem„Goldenen Hecht“ zu. *** An die zweihundert beladene Saumtiere ſchoben ſich von der Innsbrucker Seite her der Höhe des Brenner⸗ paſſes zu. An den Berghängen krochen Nebelſchwaden, verhockten im Geſtrüpp und verfingen ſich in den Tannen. Grau und zäh ſtand die dichte Nebeldecke in der Luft und verrieſelte leiſe und unmerklich, drang durch alle Nähte, durch Mantel, Rock und Hemd, verdunſtete auf den fröſtelnden Leibern der Reiſigen und der Säumer. Die Glocken der Leittiere hatten einen kurzen und krok⸗ kenen Klang, und mißmutig ſchob ſich der lange Zug Stunde um Stunde aufwärts; Menſch und Tier dampften von Schweiß und Nebelfeuchte. Je näher man der Paßhöhe kam, deſto lichter wurde der graue Schleier, teilte ſich auch wohl da und dort und ließ des Himmels Blau über ſchimmernder Bergſpitze leuchten. Mit einem trieb ein warmer Luftzug die wolkigen Schleier vor ſich her, wirbelte ſie aufwärts ins Himmelblau Schmückle 16 225 und ließ ſie golden aufleuchten, als weiße Fähnlein zer⸗ flattern und über das Paßwirtshaus hinſtieben. Lebhafter wurde das Geläute, und die Treiber ſchwenkten das Naß aus ihren Hüͤten. Der Führer des Zuges mit ſeinem Roßbuben und einem Dutzend reiſiger Knechte ſetzte ſich in Trab, und fröhlich flatterten an den Spießen die Fuggerfarben. Mit hellem Zuruf grüßten ſie einen Trupp Lanzen⸗ knechte, die gleichfalls in den Farben der Fugger von Süden her ihnen entgegentrabten, einer zweiten Karawane voraus, die juſt im ſelben Augenblick die Paßhöhe er⸗ klommen hatte. Hier ſollten ihren Weiſungen gemäß die beiden Kolonnen raſten und umladen, um wieder heimzukehren, die einen nach Augsburg, die andern nach Florenz. An einem Holztiſch vor dem Wirtshaus ſaß in ſeiner Kutte der Engelbert Hiltensperger, die Beine geſpreizt, die Arme auf dem Tiſch und ſchaute mit heller Freude in das Treiben. Auf der Landſtraße ſtanden eine Steinwurfweite von⸗ einander die Lanzenknechte. Zwiſchen ihnen die beiden Führer, die ihre Papiere verglichen, der Augsburger mit ſeiner brennend roten Narbe über der niederen Stirn, der Florentiner, der mit ſeinem Degen ſpielte wie mit einer Weidengerte. Als ſie fertig waren, zog ein jeder ein ſilbernes Pfeiflein hervor, pfiff und winkte. Da ſetzten ſich die beiden Karawanen in Gang. Die von Innsbruck heraufkamen, zogen ſich zur Linken, die von Bozen zur Rechten der Straße. Das kauderwelſchte durcheinander, daß einem Hören und Sehen verging.„Potz Gäuch und fallend Sucht! Porco di Dio.“ Manch ein Fluch und Kraftwort ſiel, bis die Tragtiere, in Reih und Glied geordnet, auf beiden Seiten der 22 Straße ſtanden. Dann wurden die Schnallen und Riemen gelöſt, die Tragkörbe hübſch in einer Reihe zu Boden gelegt. „Wechſlen“, riefen die Führer. Da zogen die Deutſchen ihre Tiere hinüber, die Italiener herüber, ein jedes neben die Körbe, die ſoeben van ſeinem Gegenüber abgeladen worden waren. Was die einen heraufgetragen hatten, nahmen die andern heim nach Augsburg und Florenz. Doch für den Tag wurde Lager bezogen. Die Tragtiere, die zu fünfen mit dem Leiktier durch Stricke verbunden waren, wurden auseinander gekoppelt und in die Gatter geſtellt, die rechts und links der Straße in den Boden gerammt waren. Dann wurde gefüttert und getränkt, Pfähle wurden ge⸗ ſchlagen und Zelte errichtet für die Treiber, die Gabel⸗ fuhrwerke, zweirädrige Karren mit drei hintereinander ge⸗ ſchirrten Maultieren, nebeneinander aufgeſtellt. Rückwärts am Hang ſtand eine hölzerne Wachthütte. Die wurde von den Lanzenknechten belegt. Sie zogen den Wimpel in den Fuggerfarben hoch. Luſtig knallte und klatſchte er im Winde. Als die Tiere verſorgt waren, lagerten ſich die Knechte auf ihren Teppichen vor den Zelten. Roßwärter wurden beſtimmt, Feuer entzündet, Wams und Mantel zum Trocknen am Steilhang gebreitet. Des Engels Tiſch ſtand rechts vom Eingang zur Her⸗ berge, an den andern ſetzten ſich die beiden Führer, der Augsburger und der Florentiner. Die beiden Mägde hatten noch nicht die vollen Humpen vor die beiden geſtellt, da brüllten ſchon die Knechte:„Win her! Win her!“ Kurzerhand ließ der Wirt zwei mächtige Kübel mit rotem Tiroler Wein, den einen zur Rechten der Straßen, den andern zur Linken tragen, dazu zwei Dutzend leerer Kannen, 227 ſo daß die Knechte ſelber ſchöpfen konnten. Die ſtießen und drängten, fluchten und ſchrien, noch ehe ihnen der Wein durch die Gurgel rann. Die Mägde kreiſchten und wehrten ſich, die Knechte lachten. Zu beiden Seiten der Straße lagerten ſie. Waren ganz verwogene Kerle darunter, denen das Meſſer locker in der Scheide ſaß. Deutſche und welſche Lieder erklangen. Neue Kübel ſchleiften die Mägde. Dann und wann brüllte einer ungebührlich auf und wurde von den andern wieder beſänftet; immer wieder wollte ein Hader laut werden und wurde im Wein erſäuft. Spott⸗ und Speireden galten denen, die ihres Wegs vorüberzogen. Ein mächtiger Verkehr ging dazumal über den Brenner. Pilger, die nach Rom zogen, Studenten, die die Hohen Schulen zu Padua und Pavia beſuchten. Fürſten und Ge⸗ ſandte, Ritter und Knechte, Kaufleute und Troßbuben, Geiſtliche und fahrend Volk kamen und gingen über den Paß und eilten ihrem Ziele zu. Wußzte man doch, daß der Kaiſer wider die Venediger rüſtete, daß die frumben Knechte von allen Seiten zuſammenſtrömten, der Trommel zu, die der Jörg von Frundsperg aus Mindelheim rührte. War kein gut Kirſcheneſſen mit den wilden Geſellen, die am Hange lagerten, und die wenigſten gelüſtete es, mit ihnen Bekanntſchaft zu machen. Ließen drum lieber das Wirtshaus liegen und eilten ihres Wegs. Der Paßwirt ſtand hemdärmelig unter der Tür und ſchaute in das Treiben. Zu ſeiner Rechten der Mönch kat eben den erſten Zug aus der friſchen Kanne, die ihm eine der Mägde vor⸗ geſetzt hatte. Eine ſtille Freude lag über des Zechers fröh⸗ lichem Antlitz, derweil ſeine Lippen am Kruge hingen, und voll unverhohlener Bewunderung rückte der Wirt ſein 228 ſchwarzes Käpplein auf dem weißen Haar, als er den mächtigen Zecher erkannte. Es gibt Trinker, die Hand und Herz nicht in der Gewalt haben, jäh und gäh das köſtliche Naß ſtürzen, und wieder gibt es ſolche, die ehrfürchtig ſind vor dem Gottesgewächs und ſtill und fröhlich als fromme Zecher den Wein ſchlürfen. Sie ſind eine heitere Zunft und kennen ein⸗ ander ſchon, ehe ſie ein Wort gewechſelt haben. Auch der Paßwirt war einer:„Mußt dem einen ſein Krügle tragen als wie ein Tabernakulum, dem andern kunnt man den Krätzer ſchütten, als wie das Käswaſſer for die Säu“, pflegte er zu ſagen. „Möcht mir ſchier leid ſein umb mein Tiroler“, brummte er vor ſich hin, als er zu den ſchreienden Knechten hin⸗ überſah, die ſtreitend auf den Kiſten würfelten; aber ein fröhliches Lächeln glitt über ſein weinſeliges Geſicht, als er den Blick wieder nach dem Engelbert Hiltensperger wandte. Er beſann ſich, dann trat er in die Stube, nahm den Schlüſſel von der Wand, zwei Krüglein vom Wandbrett und ſtieg hinunter in den Keller. In der hinterſten Ecke, von Spinnweben überzogen, lag ein Fäßlein. Er wurde ganz andächtig, als er die beiden Krüglein füllte; erſt hob er das eine, dann das andere zur Naſe und ſog ſchnalzend den köſtlichen Duft. Der Engelbert Hiltensperger ſchaute ganz verwundert auf, als der Paßwirt ſich ihm gegenüber ſetzte, das Krüglein mit dem Tiroler zur Seite ſchob und gutmütig lachend ein friſches vor ihn ſtellte und ihm Beſcheid tat. Ein Rüchlein ſtieg dem Engel in die Naſe, wie er noch keins verſchmeckt; ſeine Nüſtern blähten ſich. Der Paßwirt ſtrahlte, und der Engel trank. Erſt ein kleines Schlücklein, als wäge er die Tropfen auf der Zunge, dann ein zweites— dann einen tiefen Zug. „Den het der Herrgott for die Braven wachſen lan“, 229 ſagte er und lachte ſein frohes Lachen, als er den Krug niederſetzte. „Iſt einer, ſo in Sizilia gewachſen“, fluͤſterte der Wirt geheimnisvoll,„öffnet das Deckelin und vergunnet ihm einen Ounnenſtrahl.“ Leicht neigte der Engel den Krug, und ein paar ſchwere goldene Tropfen funkelten in der Sonne, nur einige wenige, damit die Gottesgabe nicht verſchwendet werde, aber doch genug, daß der Augsburger am andern Tiſch die Augen⸗ brauen hochzog. Was zwei echte, fromme Zecher ſind, die machen wenig Worte und haben ein heimlich und frohes Leuchten im Auge und trinken, wie der Engelbert Hiltensperger und der Paßwirt vom Brenner tranken. Dem Gäufer aber wird die Rede zum Geſchwätz, das Geſchwätz zum Geſchrei und das Geſchrei zu Fatz und Speiwerk, ſuſt, wie's bei dem Augsburger und Florentiner der Fall war. Drüben, links der(Itraßſe, bei den beulſchen Knechten brannten bie Händel auf; die Welſchen ſaugen ein italiſch Spottlieblein. „Wird nit meh lang bauren“, meinte der Paßfwirt,„und eo wird ein ſäuiſch Ding geben.“ „Daß dich dag höllſche Fuir, Würt, ſeind wir Gugel⸗ volbv Wir wellent vom Gelen“, brüllte der Augsbuürger. Der Paßwirt ſchob geruhſam ſein Käpplein zurück und wanbdte ſich dem Augaburger zu:„Ver Gel iſt mir nit ſeil, verſchenk nur zur guten(Stund eim guten Freund ein Krügle umb Gotteglohn.“ Dem Augsburger brannte die(Atirunarbe ſeuerrot im Geſicht; das hämiſche Lächeln des Florentiners ktat das ſeinige dazu, dem Trunkenen die Beſinnung vollende zu rauben. Er griff in den Gäckel und ſchlug einen harten Fuggertaler auf den Tiſch:„Vom Gelen!“ klang's drohend. 230 Der Florentiner wippte mit dem übergeſchlagenen Beine und ſpielte mit ſeiner Halsſchnur und dem ſilbernen Pfeif— lein daran. Geruhſamen Schrittes ging der Paßſwirt an den Tiſch der beiden:„Beißet kein Maus kein Faden nit ab, Herr, der Wein iſt mir nit feil!“ Damit wies er dem Augs⸗ burger ſeinen Taler zurück. Der andere erhob ſich ſchwankend, ſtützte die Fäuſte auf den Tiſch und ſchob ſein trunkenes Geſicht dem Paßwirt entgegen. Dann packte er in der Wut ſeinen Zinnkrug mit der Rechten und ſchlug ihn auf den Tiſch, daß ſich der Henkel verbog und der rote Tiroler im weiten Bogen herausſpritzte. „Zum leibigen Tuifel“, ſchrie er,„do wurt bald Kirch— weih! Goll ich dir dein Grind mit Kolben lauſen?“ „Deutſches Ochwein“, murmelte der Florentiner und wiſchte ſich die Näſſe vom Wanms. „Vom Gelen!“ brüllte der Augaburger ſinnlos vor Zorn, Nuhig ſchaute ihm der Wirt ing flackernde Auge, nahm den Krug vom WTiſch und ſchritt hinüber zur Straſſe, wo ein Reiter hielt, ein Rittersmann mit herabgelaſſenem Viſter, Hinter ihm ein halbes Dutzend reiſiger Knechte. Der Augaburger ſland wie ein Trunkener, der in die Luft haut. Er ſchwankte ein paarmal vorwärte und rück⸗ wärte und fluchte lallend vor ſich hin. ODa ſiel ſein Auge auf den Kuttenmann, der den Ober⸗ körper an die Wand gelehnt dem Auftritt zugeſchaut hatte. „Glotz nit!“ brüllte der Augsburger hinüber Der Engel hielt ruhig ſeinen drohenden Flackerblick aug, Da kam der Trunkene dahergeſchwankt:„Haſlu Jbicke Ohrend Du kſollt nit glotzen, Pfaff! Möcht dir ſuſt ein Tritt vor dein Wauſt applizierent, daß dir der Gel hoch⸗ kummt.“ Hätte er ſeine fünf Sinne beieinander gehabt, er haͤtte 231 ——— geſehen, wie dem Engel die Kutte von ein paar Armen zu⸗ rückſiel, die nicht vom Roſenkranzbeten ihre mächtigen Mus⸗ keln hatten. Aber wie's ſo geht, wenn ein Trunkener ſich einem klaren Willen gegenüberſieht und nicht weiß was tun, ſo nimmt er erſt recht ſeine Zuflucht zu Unflat und Geſchrei. Der Reiter hatte dem Verlauf der Sache zugeſehen, derweil der Paßwirt, das Käpplein in der Hand, ehrerbietig zur Seite ſtand. Als der Augsburger losbrüllte, daß ihm die Stimme überſprang, wollte der Wirt hinzueilen, doch der Ritter wehrte ihm:„Herr Würt, der brauchet kein Hilf nit!“ Eben ſchlug der Trunkene dem Mönch den vollen Zinn⸗ krug mit der Fauſt vom Tiſch. Da reckte ſich mit einemmal der mächtige Leib des Engel⸗ bert Hiltensperger in ſeiner Kutte hoch, ſo bedrohlich und rieſenhaft anzuſehen, daß der Beſoffene ein Schrittlein zurückfahren wollte.— Mitten auf die Stirn, gerade zwiſchen die Augen traf ihn der Fauſtſchlag. Lautlos ſiel er zu Boden und würgte im Wälzen den roten Tiroler aus dem Schlund, der ſich in breiter Lache ins junge Gras ergoß. Juſt wie der Vogt zu Kempten. Und wieder wollte der Wirt eingreifen, und wieder wehrte ihm der im Harniſch. Dem Florentiner wollte ein ſchadenfroh Lächeln um die Mundwinkel fahren, doch hielt er es für ein Gebot der Schicklichkeit, ſeinem Kumpan beizuſpringen. Alſo ſetzte er ſein Pfeiflein an den Mund und tat einen ſchrillen Pfiff. Mit und ohne Wehren kamen die Knechte an⸗ gelaufen. Breitbeinig ſtand der Engel, das Kurzſchwert in der Hand, das er unter der Kutte hervorgezogen hatte. Er lachte und ließ es durch die Luft pfeifen. Die Knechte zauderten, die deutſchen wie die welſchen. 232 „Dran! Dran!“ krähte der Florentiner„Avanti. Avanti!“ Mit vorgeſtreckten Spießen rückten ſie dem Engel auf den Leib. Schon wollte einer fürwitzig den Engel mit der Spitze in der Lende kitzeln, da bekam der den Spieß zu faſſen, überdrehte ihn, packte ihn in der Mitte und ſchwang ihn hoch über dem Kopf:„Den Fürderſten treffts.“ Plauz pardauz, wie die ſieben Schwaben vor dem Haſen fuhren ſie zurück und torkelten durcheinander. „Ho! Ho ho ho!“ lachte der Rittersmann und hielt ſich den Bauch, ganz kief von unten auf gurgelte er. „Ho ho! So lachet kein andrer nit dann der Jörgen Frundsperg“, rief der Engel. Da ſchlug der Ritter ſein Viſier hoch, trieb ſeinen Gaul vor und lachte mit ſeinen hellen blauen Augen den alten Kampfgenoß an:„Kotz Blitz und Wetterſchlag! Iſt mein alter getrewer Feldpfaff, der Engel Hiltensperger, ſo dem Glarner Hans aus Uri den Grind zerſpalten, juſt wie der dem Frundsperg hinterrucks wollt das Lichtle us⸗ blaſen.“ Und auch der Engel lachte ſein breites, ſattes Lachen und umſchloß mit beiden Händen die beſchiente Rechte. Er hatte ſchon ein anſehnlich Bäuchlein angeſetzt, der Herr Jörg von Frundsperg, und zwei Reiſige ſprangen hinzu, ihm vom Sattel zu helfen. „Uf!“ ſchnaufte er und packte den Engel an der Kutten: „Itzt laß ich di nimmeh, Pfäffle, itzunder biſtu mir verfallen mit Haut unde Haar.“ Mächtig anzuſchauen waren die beiden Rieſen, als ſie voreinander ſtanden und ſich die Hände auf die Schultern legten. Sowie die Knechte des Frundspergs Namen hörten, drückten ſie ſich eilends zu ihren Roſſen und Saumtieren. So blieben nur noch der Florentiner und der Augs⸗ 23 burger, den ſie an die Hauswand gelehnt hatten, und der ſtier vor ſich hin blickte, während ihm das Blut aus der Naſe lief. Der Florentiner mochte den Mamen des Fremden über⸗ hört haben, mit ſeinem Dolch ſpielend ſtand er und wußte nicht recht was tun. „Putz deim Spießgeſellen ſein Naſen“, fuhr ihn der Rittersmann an,„ſo du nit weißeſt, was thon!“ Der Florentiner wollte frech werden, da brüllte ihn der Frundsperg an:„Soll dich der Frundsperg laſſen uf⸗ henken, du walſch Windhundle?“ Wie der Florentiner den MNamen hörte, krat er er⸗ ſchrocken zurück und zog tief den Hut mit der wallenden Feder. „Itzunder het er den Haſen im Buſen“, brummte der Frundsperg. „Soll ich die bſoffen Rauſchſau laſſen in Eiſen ſchließen?“ „Laß guet ſein, Jörg, er iſt nit ſonders gſund unterm Hüetle, iſt halt ein rauch, einfältig Volk, des ſtarken Weins nit gewohnet, laß die Sachen guet ſeind.“ Sie traten ins Haus, vorbei am Paßwirt, der tief ſein ſilberdurchwirktes Käpplein zog. Und dann taten die alten Schlachtgeſellen einen langen Trunk mit dem Wirt in goldgelbem Sizilianer. Der wob unſichtbar und heimlich ſeine Düfte durch die niedere Stube und zauberte ein Schleierlein vor ihre Augen. Daraus ſtieg die Sonne, die ihn gebraut, das Land, das ihn gehegt, Zypreſſen, weinumlaubte Ulmen, Roſen, die über verwitterte Mauern ſtürzten. Derweil der ſcharfe Brennerwind an den Fenſterläden 234 rũttelte, ſtieg das Land der deutſchen Sehnſucht vor ihren Augen auf. Und leiſe begann's in den Ohren zu klingen, wie Trommelklang und Hörnerſchall, Eiſenklirren und Lands⸗ knechtslied, wie der ſchleifende Tritt der hellen Haufen. Rataplom! Rataplom! Dem Engel wurde es zu heiß in der Kutten, er hängte ſie an die Wand und ſaß im Kettenhemd. Rataplom! Rataplom! „Frundsperg, alter Trautgeſell, ein einzig Malen noch mitthon derfen.“ „Stürmb die Armel hinter di, Engel, die Welt iſt weit, und eng iſt ein Pfaffenkutten.“ „Schweig ſtill, Jörg, du ſollt mi nit verſuchent, es hangent zu viel verzweiſelt Seelen an meiner Kutten. Kann nit untreu werdent, han eh ſchon gebrochen mit Kloſter⸗ zucht und Regul.“ „Schleif us der Kutten, Engel, ſeind ſo ſchon der Pfaffen meh dann genung, ſollſt mein lieber Fähndrich ſeind.“ „Kann nit, Jörg, derf nit! Iſt mannich Münchle ſchon us der Kutten geſchloffen, käm uf eines mehnder nit an, ihedoch untreu kann i nit werdent, mein Pauren nit ver⸗ laſſen, ſeind Blut von meim Blut.“ „Die Menſchen ſeind ſchlecht von Kindsbeinen an, wurt der Tag kummen, ſo dir dein Treu übel verlohnet, wer⸗ dent dich verraten und verkaufen umb ein Linſengericht.“ „Hernach, Jörg, hernachen bin ich frei!“ Das Auge voll Glanz ſchaute er ins Endloſe, als ſähe er ferne, ferne ein heilig Land. Aber ſchnell riß er ſich wieder zuſammen und lachte:„Uf, Jörg, laß uns trinken uf das, was dir das Liebſt uf Erden.“ „Weiß nichts Liebers nit dann mein lieben, hochedlen und getrewen Kaiſer Max, aller guten Teutſchen Ehr und Stolz.“ 235 ———— „So will ich ein guten Trunk tun uf unſern lieben Kaiſer Mar und die edel teutſch Nation. Soll kein Pfaff meh die Freiheit ſchänden in teutſchen Landen, ſoll kein Fürſt meh die kaiſerlichen Recht tretten, noch des Kaiſers Kron beſchimpfen.“ Hochauf horchte der Frundsperg, wie des Engels Stimme zitterte vor Erregung. „Soll kein Pfaff und kein Fürſt nit meh tretten zwiſchen Kaiſer und teutſch Nation, ſoll ein ſtarker und gerechter Fried ſein unter allen guten Teutſchen, ein großmächtig einig teutſch Kaiſerreich! Das walt Gott der Herr!“ „Han nie ein herrlichern Trinkſpruch nit gehört! Uf, Engel, gib dem Kaiſer, was des Kaiſers. Fahr uſer us der Kutten, Engel. Es ganget ein Klirren im teutſchen Land, es zitteret der Boden und weiß keiner nit, was will werdent!“ „Stad, Jörg! Zween Ding brauchets! Ein freien Kaiſer und ein frei Volk! Keins wird beſtan ohn das ander! Werk du an der Kaiſerkron, ſo will ich an der Pauren Freiheit werken. Leicht kummet der Tag, da werdent wir uns finden, ſelband desſelbigten Weges ziechen. Zuvor aber ganget mein Weg ohn Fründ und Kampfgenoß. Mach mi nit irr, Jörg!“ Dann ſaßen ſie ſchweigend und tranken. Und jeder träumte für ſich den Traum von des Reiches Macht und Herrlichkeit. Und jeder von ihnen ſah ein anderes Reich. *** Draußen flog ein Flimmern über Gras und Tau. Unter der Dachtraufe hob ein Rotkehlchen an zu zwitſchern. Ein ſilbern Rinnen flog über den Brennerſee, vom Morgen⸗ wind gerührt. Es tagte. 236 Die beiden ſtanden unter der Hausküre und ſchauten in den ſteigenden Morgen. In den Gattern ſtanden die Maultiere und huſteten zum Erbarmen. Lichter und heller wurde es, bis der klarblaue Himmel aus den Dunſtſchleiern ſtieg— ein heller Schrei im flim⸗ mernden Morgenblau— hoch überm Brenner kreiſte ein Steinadlerpaar. Im klaren See wuſchen die Männer die brennenden Köpfe. Rings in Hecken und Büſchen zwitſcherten kauſend Vogel⸗ ſtimmen, und flammend ſtand die Sonne über den Gipfeln. Plötzlich lauſchte der Engel hoch auf. Das klang aus der Ferne wie Trommelwirbel und Pfeifenklang, das rollte und wirbelte mit harten Schlägen durcheinander. Der Engel ſchnob mit den Müſtern wie ein Schlachtroß! „Frundsperg, Jörg! Los! All hunderttuſed Tüfel, los!“ Der lachte:„Kotz Leichnam, wurt dir heiß in der Kutten?“ Da kam's ſchon um die Ecke— voraus des hellen Haufens erſtes Fähnlein mit dem Hauptmann und ſeinen Trabanten an der Spitze, rechts und links ſeine Windſpiele. Und dann der Fähndrich, mit Gnadenketten behangen, Hoſe und Wamis pomphaft geſpreizt, dahinter das Spiel mit Pfeifen und Trommeln, ſo groß wie ein Weinfaß. Hoch ſchwang der Fähndrich ſeine Fahne, und der Haupt⸗ mann ſchwenkte ſeinen Federhut:„Ei, ſehet der frumben Landsknecht lieben Vatter—“ Das ſchrie und jauchzte durcheinander, und die Trommeln wirbelten, und die Pfeifen ſchrillten. „Heiligen Gotts! Heiligen Gotts!“ murmelte der Engel und ſchluckte und ſchnaufte und wiſchte ſich die Augen und griff nach der Kurzwehr. Da ſchleiften und ſchlurgten ſie vorbei in regelloſem Wohlbehagen, gekleidet und bewehrt, wie's Laune und Zu⸗ 237 ieeeee e eee 8 eeeeee 238 fall gaben, mit Pickelhaube und Helm, mit Hut und Federbarett. „Hoho! der lieb Vatter hat ein Bäuchle ſich zufreſſen, iſt an der Zeit zum Werken und Kriegführen, iſt wohl uf der faulen Haut glegen!“ Lachend und ſcherzend zogen ſie vorbei, im gefältelten Wams der eine, im Koller der andere, mit angenähten, mit bunt und kraus angeſchlitzten Armeln, in Pluder- und in eng anſchließenden Reiterhoſen, gegürtelt und beſchuht, wie's einem jeden einfiel und ſchön dünkte. Haar und Bart trugen ſie, wie's ihnen geſiel. Manch kräftig wohlgemeint Wörtlein flog zu ihrem Obriſten, als ſie ihn an eines Pfaffen Seite ſtehen ſahen. Dann und wann aber jauchzte einer von den alten, ver⸗ narbten Burſchen auf, der ſeinen einſtigen Feldpfaffen er⸗ kannte, ſprang auch aus dem Haufen und drückte ihm die Hand. Das Herz wollte ihm ſchier aus dem Takt kommen, dem Engel, und ſein Antlitz ſtrahlte, daß dem Jörg Frundsperg vor Lachen der Bauch ſchütterte. War ein buntgemiſcht Waffenſpiel, das da vorüͤberzog: Federſpieße, lange Lanzen, Hellebarden, Morgenſterne, Fauſthammer und Schlachtſchwert, vor allem aber die kurze, breite Landsknechtswehr, die quer vor Bauch oder Hintern getragen wurde. „Botz Flamm!“ lachte der Frundsperg,„dir laufen die Waſſer uſer den Augen.“ Da kam der ernſte Schultheiß mit ſeinen Schreibern und Richtern, der vermummte Profos mit dem Stockmeiſter, den Kerkerknechten und dem Meiſter Hämmerling. Voller Würde kamen ſie daher und grüßten. Den Beſchluß aber machte der Hurenweibel. Ein Rudel bellender und kläffender Hunde umſprang ihn; hinter ihm zog, vermiſcht mit Karren und Zeltwagen, der lange Zug der Huren, Weiber und Buben.— Schnatternd, ſchreiend und ſtreitend waren ſie wieder talwärts gezogen, und kaum ein halbes Stündlein ſtand es an, da tönte von neuem Pfeifenklang und Trommel⸗ ſchlagg Das zweite Fähnlein kam des Wegs und zog vorüber wie das erſte, dann kam das dritte, und wie das vorbei war, ging der Engel ſtillſchweigend in den Stall, ſattelte ſeinen Rappen, rollte die Kutte, verſchnürte ſie und ſaß auf. „Wo willtu hin?“ ſchrie der Frundsperg. „Haſtu nit gſagt, du willt hie uf den Jakob Fugger warten, mit ihme reuten? Mag die Fuggerer nit leiden, ſeind ſchuld an allem Böſen in teutſcher Nation, nit weniger dann die römiſchen Juriſten; laß mich vorusreuten, Jörg, will dein warten ze Bozen.“ „Iſt wahr“, brummte der Frundsperg,„Fuggerer, Finanzer, Pfaffen und Herren kochent us lauter Gerecht⸗ ſamen denen Teutſchen ein böſen Brei.“ „Leicht wurt ein Sturmwind kummen und die Gerecht⸗ ſamen blaſen als wie das trucken Laub vom Baum. Sech alsdann ein jeder zu, daß er Sturm und nit trucken LCaub ſeie. Nu will ich reuten.“ *** Fern im Süden verhallte der Trommelklang, und im Norden ſchrillten ſchon die Pfeifen des vierten Fähnleins. Zwiſchendrin ritt der Engel zu Tal. Ein friſcher Wind ſtrich herauf und ſpielte dem Reiter um die weinheiße Stirn. Rauſchend warf ſich der Eiſack zu Tal und donnerte ſein Lied an den ſteilen Bergwänden empor. Weit dehnte ſich des Reiters Bruſt unter dem Ketten⸗ hemd. In mächtigen Rhythmen ſang der Eiſack, im Gleichklang 239 ſang es in des Engels Bruſt und ſchwoll und ebbte und konnte ſich nicht zu Wort und Sinn geſtalten. Mit einem ſtieg's in ihm auf und brach durch, nun hatte er das Lied:„Ihr ſullt heißen willekomen.“ Jauchzend ſang er es in den Morgen, und der Eiſack gab die Begleitung dazu. „Herr Walter von der Vogelweid, Wer des vergäß, der tät mir leid!“ Jetzt wußte der Reiter, von wannen das Singen und Klingen, das in der Luft lag, die Frühlingsdüfte, die die Bergſtraße heraufſtrichen. Das Herze weit, das Herze froh ritt er zu Tal; die Kurzwehr klirrte am Bügel; quer überm Sattel trug er den Spieß; allüberall ſang und zwitſcherte es in den Hecken. Der Frühling ſtieg ihm entgegen, und warme Winde ſtrichen die Straße entlang, die Herr Walter einſt herauf⸗ geritten, als er hinauszog in die weite Welt, die er hinuntergeritten war, leidvollen Herzens als Heimkehrer von dort, wo ſie ihre Dichter erſt achten und ehren, wenn ſie ſie zerbrochen haben. „O teutſches Land, o heilig Land, warumb müſſent die Beſten ihr Herzblut gebent umb dich und vermügent nit lebende dein froh ze werden, warumb müſſent ſie allorts und überall vor Heimweh nach dir ſterbent, du groß und heilig Mueter e Ei was! Nit umb Dank het er geſungen, der von der Vogelweid, krank im Herzen het er's gejublet: Ich han der Lande vil geſehen Unde nahm der Beſten gerne war, Ubel mueze mir geſchehen, Künde ich ie min herze bringen dar, Daz im wol gevallen Wolte fremder ſite, Nu was hufe mich, ob ich unrechte ſtrite? Tiuſchiu zuht gat vor in allen!“ Der Engel ſang's mit ſeiner ſtarken Stimme, und der Eiſack donnerte dazu, wie ſchon vor vielen, vielen Jahren, als der von der Vogelweid mit dem Lied im Herzen in die deutſchen Lande gezogen war, an ſeines Kaiſers Hofſtatt! „Heiſa, wie het der heilig Zoren in dir ufbrennet, Herre Walter, als der römiſch Pfaff dein Kaiſer gebannet. Wie ein tönend Erz het dein Saitenſpiel klungen, und dein Stimm het geſchallet über die teutſchen Land als wie die Trummeten am Jüngſten Tag.“ Da mußte der Engel lächeln:„Pfäffle, Pfäffle, iſt nit meh dann ein Stündle, daß dir die Kutten im Mantel⸗ riemen hanget, und ſchon biſtu in des Kaiſers Läger. Seind das Gedanken vor ein Pfaffen, ſo gen Rom wandret? So denken ſuſt die, ſo von Rom heimziechent.“ So ſang ſich der Engel zwiſchen den Fähnlein immer tiefer in den warmen Lenz hinunter:„Herr Walter, dein Lieder fliegent umb und umb, als wie Altweiberſummer, kann mich ihr nit erwehrn!“ Ruhiger gingen des Eiſacks wilde Wellen, leiſer rauſchte er ſeine Straße, und immer weicher und ſchwerer von Düften waren die Winde, die von Welſchland herauf— ſtiegen. Wie eine weiche, ſüße Traurigkeit kam es über den Reiter. Langſam, im wiegenden Tritt zog der Gaul ſeinen Weg, und die Lider wurden dem Engel ſchwer von den Lüften, die der Lenz auf müden Schwingen dahertrug. Ein Ruch von Veilchen wehte ihn an, da ſah er ſich inmitten von Brombeerranken und Heckenroſen, hoch über ſich ſein Auerbergkirchlein. Aus weiter, weiter Ferne hörte Schmückle 16 241 SSrrrrrrrrTTTTfT7T7T—T—T—T—T—w—T—V—V—ꝛ—— „„——————— er es läuten, hörte das Summen der Hummeln und Bienen und ſah ein heimlich Bett von Farnkräutern: Do het er gemachet Alſo riche von Bluomen eine Betteſtatt. Des wird noch gelachet Innigliche, Kumt iemen an daz ſelbe pfat. Bi den Roſen er wol mac Tandaradei Merken, wa mirs houbet lac. Leiſe ſang er's immer wieder vor ſich hin: Bi den Roſen er wol mac Merken, wa mirs houbet lac, Tandaradei! Tandaradei! Tandaradei! *** Mächkig ſaß der Jörg Frundsperg zu Roß in Eiſen und Wehr, über dem breiten Alemannenſchädel der Helm mit dem großen roten Buſchen. Unter dem hochgeſchlagenen Viſier lachten ein Paar treuherzige blaue Augen, die, wenn es ſein mußte, Blitze ſchleudern konnten, vor denen der härteſte Landsknecht das Zittern bekam. Kurz und dicht legte ſich ihm der blonde Bart um Backen und Kinn. Zwiſchen dem Engelbert Hiltensperger und dem Heini Schmücklin ritt er durch die Lager, die auf dem flachen Feld zu Bozen geſchlagen waren, nebeneinander die vierzehn Fähnlein, die vom Brenner herabgezogen, eine Armbruſt⸗ ſchuß Länge davon bunt durcheinander die Tiroler, die aus den Bergen zuſammengeſtrömt waren, denn hier zu Bozen ſollten die letzten vier Fähnlein gemuſtert werden. Wenn der Frundsperg rief, dann rührte es ſich unter 242 den verwogenen Geſellen in Deutſchland wie im Ameiſen⸗ haufen. „Brauch bloß hineingreifen in die frumben Landsknecht“, pflegte der Frundsperg zu ſagen. Solange deutſche Landsknechte die Schlachtehre der Nation wahrten, war kein Obriſte, dem ſie ihre Liebe und Treue ſo geſchenkt wie dem Frundsperg, der„frum⸗ ben Knechte liebem Vatter“. Und was ſie gewerkt und getan im welſchen Land um Hungerlohn und Ehr, ge⸗ hört zum Herrlichſten, was je die Söhne eines Landes fuͤr deſſen Ehre taten. Vergeſſen und verweht das Heldenlied von Deutſchlands armen, verlorenen Söbnen! In der hellen Frühſonne ritt der Frundsperg mit dem Engel durch die Fähnlein. Da freute ſich der alte Hau⸗ degen, wenn ihm die narbenreichen Geſellen von allen Seiten zuliefen und mit beiden Händen nach der eiſen⸗ beſchienten Rechten griffen. „Wiſſet Ihr no, Herr Frundsperg, uf dem Lechfeld, Ihr zäbltet no nit zwanzig Jahr damalen?“ „Wiſſet Ihr no, wie wir den Herzog von Urbino das Laufen gelehrt, alſo, daß ſein Rappen ſchier den Schwanz verlorn?“ „Wiſſet Ihr no, bi Regensburg?“ „Wiſſet Ihr no, in den Niederlanden?“ „Ze Verona?“ Ob er es wußte! Ob er ſie kannte, die eiſernen Burſchen, die er das Kriegswerk gelehrt, die er zuſammengeſchweißt zu Trutz und Verderb den Schweizern, die bislang als unüberwindlich galten, ſie, die er gelehrt, die Arme zu ſchränken und die viereckte Schlachtordnung zu bilden, an der Ritter und Reiſige zerſpellten. „Engel, willtu nit mittun? Will dir das Herze nit höher ſchlan?“ Der kat, als hörte er's nicht, wog hier einen Spieß in 243 der Hand, griff nach einem Bihander und ließ ihn durch die Luft pfeifen, daß die Landsknechte ob ſeiner Kraft ſtaunten:„Iſt ällbott mein Gewaffen geweſt, Jörg!“ „Han dich mit werken ſehen, ſtund dir beſſer an dann Kutten und Roſenkranz.“ „Laß gut ſeind, Jörg, leicht werd ich einmalen frei, als⸗ dann, Jörg.“ Der Seufzer, den er tat, kam aus tiefſter Bruſt. Auf dem flachen Feld zu Bozen zwiſchen den Lägern ſteckten zwei Spieße auf dem grünenden Anger mit den vielen Schlüſſelblumen, ein dritter quer darüber. Zur Seite an einem Tiſch der Muſterherr und ſein Schreiber. An die fünfzig Schritte davon der Haufen Tiroler, die gemuſtert werden ſollten. Der Frundsperg kam mit dem Engel hinzugeritten: „Rühr die Trummel, Pauker!“ Das Federbarett auf dem Kopf, die Armel gepufft und geſchlitzt, rot und weiß die mächtigen Hoſen, ſtand der Trommler mit geſpreizten Beinen und ſchlug das Kalbfell. Bei den Tirolern löſte ſich einer vom Haufen, ein mann⸗ feſter Kerl; barhaupt, das Wams enganliegend, die Hoſe ge⸗ bauſcht, die kurze Landsknechtswehr quer über dem Bauch, den Spieß auf der Achſel kam er daher, je drei Tritt bei merklich abgeſetzten Schlägen der Trommel. Trutzig den Kopf in den Nacken geworfen ſchritt er unker den Spießen durch, als ging's ihn kaum an, und doch war ein heimlich Lauern in ihm, ob ihn der Frundsperg noch kenne. „Ho, ho“, rief der,„mueß wohl ſelber dem Franz Socher den Gruß entbieten, ſo er mi nit meh kennen will!“ Da lachte der Franz Socher und ſtrich ſich den Bart: 244 „Gott zum Gruß, Herr Frundsperg, und ein fröhlich Kriegswerk!“ Schon kam der zweite in Ringkragen und Sturmhaube, dahinter ein Hakenſchütz. Und weiter hinten löſte ſich ſchon ein Reiſiger mit ſeinem Rößlein vom Haufen. Einer um den andern ſchritten ſie durch die Spieße, und der Schreiber hatte Mühe, raſch genug die Namen ein⸗ zutragen ſamt den Bemerkungen, die ihm der Muſterherr diktierte. Das war des Kaiſers Vertreter, der darüber zu wachen hatte, daß kein Kümmerer und Lahmer paſſiere, daß auf jedes Fähnlein vierhundert gute und wohlgemute Knechte und fünfzig Hakenſchützen mit Kraut und Lot kamen. Waren mächtige Kerle, die Tiroler, und dem Muſter— herrn wurde die Arbeit leicht. Bloß einmal mußte er ein⸗ greifen, als einer durchwollte, der des andern Wehr und Harniſch entliehen hatte. Stunde um Stunde ſchon wurde gemuſtert, der Frundsperg hatte den ſchweren Helm mit dem roten Buſchen vom Kopf genommen und ließ ſich den Wind durch die Haare ſtreichen. Auf einmal zog er die Brauen hoch. Da kam ein hagerer, müder Mann daher. Wenn je ein Kümmerer unter den Spießen durchging, ſo war's der. So ſehr er es zu verbergen ſuchte, man ſah, daß er kaum mehr auf ſein linkes Bein zu treten vermochte. Der Muſterherr beſtimmte:„Nit ze brauchen.“ Der Frundsperg ſchüttelte den Kopf. Als ſie ihn nach ſeinem Namen fragten, erwiderte er leiſe, ſo daß man ihn noch einmal darum fragte:„Bin ich zum Landsknecht nit gut genung, tuets nit not, daß die Schand uf mein Namen fall.“ Aber der Engel hatte den Namen gehört. Langſam, mit ſeiner tiefen und vollen Stimme ſprach er:„Wurt kein beſſer Mam genennet in teutſchen Landen.“ 245 Alle drehten ſie die Köpfe nach ihm, und des jungen Mannes Antlitz entbrannte in heller Röte. „Iſt Euer Wiegen uf dem Steckelberg gſtanden, ſo grüß ich Euch, Herr Ulrich von Hutten!“ „Wer ſeied Ihr, daß Ihr den Ulrich von Hutten kennet?“ „Einer, ſo Euch geſucht und bis anitzt nit gefunden! Schreibet“, rief er dem Muſterherren zu,„Ulrich von Hutten, aller guten Teutſchen Stolz und Ehr!“ Als der Muſterherr zauderte, fuhr ihn der Frundsperg an:„Schreibet!“ Da dachte der an die vielen tauſend ſtarken Knechte: „Kommet uf ein Kümmerer nit an!“ *—* Vor des Frundspergs Zelt brannke ein mächtiges Feuer. Nahe dabei ſaß an einem Tiſch, den man aus einem Bauernhaus geholt hatte, der Obriſt mit den Hauptleuten und dem Engel beim Tiroler. Die Landsknechte waren unter Trommel- und Pfeifen⸗ klang abmarſchiert, hatten fähnleinsweis zum Ring ge⸗ ſchlagen, Rottenmeiſter und Gemeinweibel gewählt; Kaplan und Feldſcher hatten ſich vorgeſtellt. Jetzt ſangen ſie den Pummerlein pumm. Von fern und nah klang das Landsknechtslied durch die Nacht, derweil allenthalb die Lagerfeuer aufpraſſelten: Ei, werd ich dann erſchoſſen, Erſchoſſen auf breiter Heid, Man tragt mich auf langen Spießen, Ein Grab iſt mir bereit. So ſchlagt man mir den Pummerlein pumm, Der iſt mir neunmal lieber Als aller Pfaffen Gebrumm. „Höreſtu, Engel 9 Schlaget dein Herz nit den Pummer⸗ lein 2“ ſcherzte der Frundsperg; aber der Engel lächelte bloß. Allerhand ging ihm durch den Kopf, und er wurde ſtiller und ſtiller. Aber immer lauter ſchallte das Gelächter der andern, wenn der Sebaſtian Schertlin von Schorndorf ſeine derben Späße machte. Da ließen ſie den Engel. Ja, ſie merkten es nicht einmal, als er plötzlich verſchwunden war. Langſam ging er durch die Lager, das zwölfte Fähnlein zu ſuchen. Das war ein Bild an den Ufern der Etſch! Rottenweis ſaßen, ſtanden und lagen die Landsknechte um die Feuer. An Bäumen und Zelten lehnten Hellebarden und Spieße. Der Hurenweibel hatte in der Mähe ſein Lager ge⸗ ſchlagen, die Marketender hatten ausgepackt, die Huren und Buben liefen ab und zu, Wein und Eſſen herbei⸗ zuſchleifen. Lagerdirnen brachten Stroh, das ſie irgendwo aufgetrieben hatten, und ſtopften es in die Zelte, denn die Nacht war kühl. Auf den Trommeln und Kiſten rollten ſchon die Würfel. Zuſammengegartetes Geld, Sparpfennige, die man zu Hauſe hart und mühſam zuſammengeſcharrt hatte, Beuteſtücke aus früheren Feldzügen, die man zum Spielen wieder mitgenommen hatte, gingen mit den rollenden Würfeln hin und her. Eine Zeltdirn ſah ſich ſchon am erſten Tag an einen ſchwarzbärtigen Tiroler verwürfelt. Heulend ſtand ſie ab⸗ ſeits, bis ihr ungetreuer Liebſter mit ſeinem Eßnapf nach ihr warf. Da ging ſie ins Lager des Hurenweibels und warkete, bis ihr neuer Herr ſie durch einen Buben holen ließ. An der Etſch entlang lag der Troß; ganze Ketten von 247 Weibern knieten im Mondſchein am Waſſer, klopften mit Steinen ihre und ihres Landsknechts ſpärliche Wäſche: So ſeind wir Huren faſt von Flandern, Geben ein Landsknecht umb den andern, Ob wir ſchon werden übel geſchlagen, So tun wirs mit einem Landsknecht wagen! klang's zum Engel herüber, der eben mitten durch einen Troß ſchritt. Das ſchnatterte und kreiſchte durcheinander, wuſch, ſudelte, ſtritt und krakeelte, daß der Hurenweibel mit ſeinem abenteuerlichen Kopfſchmuck, dem Wams mit den aufgeſchlitzten Armeln des öfteren mit ſeinem Ver⸗ gleicher dazwiſchenhauen mußte. Dann gab's für eine Weile Ruhe, bis das Geſchrei wieder an anderer Stelle losging. Bei den Zeltwagen und Karren war die Sudelküche. Noch klimpert dem Landsknecht das Geld im Armel, der Marketender iſt wohl verſehen. Drum fehlt es nicht an Gebratenem in Pfannen und am Spieß. Leckere Düfte ziehen durch das Lager. Der Engel eilte, aus dem Weibergezerf herauszukommen, zum nächſten Fähnlein. Das waren Schwaben aus der Gegend von Mindelheim, wo des Frundspergs Schloß ſtand. „Pfaff, du ſollt uns ein Spruch geben, ein gueten, uf daß wir ihn ufs Zelt ſchreibent.“ Da gab ihnen der Engel einen Spruch: Es iſt der Win ein köſtlich Naß. So einer feind ihm und gehaß, Den wölln wir for einen Narren erkunden Und ihm das Haar am Ars anzunden! „Pfaff, du ſollt leben!“ ſchrien ſie und wollten ihn zu Speis und Trunk nötigen. Ganz konnte er ſich nicht ent⸗ ziehen, für ein Krüglein mußte er Beſcheid tun. 248 Am liebſten wollten ſie ihn gleich in ihrem Fähnlein be⸗ alten. „Potz, ſeied Ihr nit den ganzen Tag beim Frundsperg, unſerem lieben Vatter, gſtanden?“ fragte einer. „Vermeinet Ihr, der Vatter werd uns die Stadt Venetia zur Plünderung gebent? Hini, ſell wär ein Sach! Venediſch Seiden, guldine Becher, Ketten und Geſchmeid wie nirgendwo ſuſt. Ihr ſullt dem Vatter ſagen, ein ſottich Prachtieren ſtand eim frumben Knecht beſſer an, dann denen italiſchen Windhunden!“ Und er verſprach ihnen lachend, dem Frundsperg die Plün⸗ derung Venedigs nahelegen zu wollen. Da ſchrien ſie laut und ließen ihn leben. Der Engel ſchritt ſuchend zum nächſten Fähnlein. Dort waren ſchon etliche Feuer ausgebrannt, und im Lager ging's nicht mehr ſo laut zu wie im vorigen. Er fürchtete ſchon, einen Metzgergang getan zu haben. Da ſah er auf einmal den Hutten. Der ſaß abſeits von ſeiner Rotte, ſo daß ihn kaum noch ein kümmerlicher Schein des Lagerfeuers traf. Auf den Knien hielt er einen Stiefel, durch den er einen Pfriemen zog. „Herr Hutten iſt ein Schuh⸗ macher und Poet dazu“, ſagte der Engel, als er von hinten auf ihn zutrat. Ruhig blickte der Hutten von ſeiner Arbeit auf. Sein Geſicht war im ſteigenden Mond doppelt bleich, und die entzündeten Augen lagen kief in den umſchatteten Höhlen. Er gab keine Antwort und beugte ſich wieder über ſeine Arbeit. „Vergunnet mir, Herr Hutten, ein lützel bei Euch ze raſten.“ „Kanns Euch nit wehren“, klang's müde und nicht eben einladend. 249 Ruhig zog der Engel einen alten Sattel heran, der in der Mähe lag, und ſetzte ſich. „Han Euch gſucht, Herr Hutten, mit Euch ze reden.“ „Lüſtet Euch zu ſehen, wie faſt uf den Hund ein teutſcher Edelmann kummen?“ „Ihr ſeied kein Freund der Pfaffen nit, Herr Hukten, ſell machet Euch bitter, ihedoch i bin bloß ein halbeter Pfaff, das mag Euch zur Hälft verſöhnen.“ Ein leiſes Lächeln wollte um des Hutten Mund ſpielen: „Was meinet Ihr mit eim halbeten Pfaffen?“ „Ein Pfaffen, ſo die Wehr unter der Kutten traget und dem Gotteshus vertloffen.“ „Ei, ſo bin ich ein halbeter Rikter, einer ſo ein Gans⸗ kiel im Wammas traget und gleichermaßen uſerm Kloſter geſchloffen.“ „So bloß die zwo halbeten ein ganzen Mann gebent“, lachte der Engel. „Klinget mir no der Dispukat vom Morgen im Ohr, ob der Hutten kunnt paſſieren, vermein ſchier, der Muſterherr wollt den Hutten nit for ein ganzen Mann nehment“, war die halb gelächelte, halb wehmütige Antwort. „Ihr ſeied wohl krank geweſt und rekonvaleſzieret. Warumb habet Ihr nit Euer Geneſung abgewart?“ „Geneſung?“ Bitter klang ſein Lachen. „Ihr frieret, Herr Hutten, mutet Euch nit gar zu viel zu.“ Der Engel zog ſeine Kutten aus und warf ſie über des Junkers Schultern. „Der Hutten in eins Pfaffen Kutten, ſell het no gfehlet“, lächelte der kranke Mann, ließ es aber geſchehen. Leiſe rauſchte die Etſch, und über den Bergen funkelten die Sterne. Schweigend arbeitete der Hutten, ſchweigend forſchte der Engel in den bleichen Zügen. Plötzlich fragte der Hutten:„Ihr habet mich mit eim 250⁰ Vers des Hans Sachſen gegrüßet, was wiſſet Ihr vom Hutten?“ „Han Euer Ufmahnung an des Kaiſers Majeſtät ge⸗ leſen, weiß auch, daß Ihr ein Meiſter ſeied in der Ars metriſicandi, weiß auch, daß Euch das Herze brennet for die teutſch Mation!“ Der Hutten beugte ſich vor und ſah dem Engel forſchend ins Auge:„Und was ſuchet Ihr in mir?“ Da richtete ſich der Engel hoch auf, und ſein Auge fuhr dem Hutten auf den Grund ſeiner Seele:„Den Trummler, ſo die teutſch Mation wecket.“ Helle Röte überflog das bleiche Geſicht, und ein Zittern rann durch den ſiechen Körper, groß und weit ſtarrte der Hutten den Mann an, der leuchtenden Auges vor ihm ſaß:„Wer ſeied Ihr, daß Ihr in der Menſchen Seelen leſet?“ Dann ſchaute er eine Weile zu Boden, und wehmükig klang's, als er dem Engel ſeine beiden Hände entgegen⸗ ſtreckte:„Siehet alſo der Teutſchen Trummler aus!“ „Uf, Junker! Mützet die Zeit! Iſt nit überall in teutſchen Landen Fehd und Not? Drucket nit der ein den andern und lachet des Kaiſers Majeſtät? Und iſt doch kein ſchöner Land, dann der Teutſchen Land, und iſt kein edler Nation nit, dann die teutſch Nation, ob ſies wahr wöllent han, die andern, oder nit!“ „Schlaget den Trachen zu Rom tot, und die teutſch Nation wurt wachſen und blühen, und kein ander Nation uf Erden wurt ſein als wie ſie, alſo herrlichen und in Ehren!“ „Der böſeſt Trach wobnet in der Teutſchen Bruſt, heißet Zwietracht! Eigennutz! Hat auch ſuſt der Namen viel! So der teutſch Trach kot, wollt der römiſch Trach kein Gewalt meh han in teutſchen Landen.“ „Ganget hin gen Rom, als wie ich getan, ſchauet die Praktiken, damit der römiſch Piſchoff denen Teutſchen 251 0 Geld uſer der Naſen ziechet, loſet, wie ſie dorten der Teutſchen lachen, Kaiſerlich Majeſtät for ein Hanswurſten nehmen, Summa in Summa us der frumben, tumben Teutſchen Herzen ein Geſchäft uf Gewinn machen, ſo wurt Euch ob dr walſchen Praktiken ein ſolchener Zorn er— grimmen, daß Ihr am liebſten das ganz Sodom mitſamt ſeinen Kurtiſanen, hurenden Prieſtern, feilen Kardinalen an allen vieren Ecken möchtet anzunden!“ „Wär die teutſch Zwietracht nit, die Praktiken möchtend all zuſchanden werden. So ſeind ſie ſelbander verfilzet und verwachſen, die römiſch und teutſch Praktiken, zu Schand und Verderb teutſcher Nation. Stechet den teutſchen Trach in den Pauch, und der römiſch Trach heulet uf, alſo auch umkehrt! Sell ihedoch iſt, pfei der Schand, der ewig Fluch, daß ſich unter denen Teutſchen ällbott einer findt, die guet teutſch Nation zu verraten.“ „Die Wölf umb den Steckelberg hent mirs in der Wiegen gheult, wies usſchauet in teutſchen Landen!“ „Mir hents die Pauren gheult und die armen Leut!“ Da rückten die beiden Männer näher und dämpften die Stimmen. Alles um ſie verſank, und die roten Flecken auf des Ritters Wangen wurden immer brennender. Der Hutten erzählte, wie er ſich freigemacht von Kloſter und Vaterhaus.„Mein arm alt Mueter ſchier drüber z Grund gangen, hat müeſſen ſeind, kunnt nit anders, iſt einer hinter mir gſtanden, dem han ich müſſen folgen—!“ Dann erzählte er widerwillig und ſtockend, wie er krank zu Pavia gelegen, wie ihn die Franzoſen drei Tage in ſeinem Kämmerlein belagert, wie die Schweizer dem ge— ächteten Brandecker ſeine achthundert Knechte erſchlagen und in den Strom geworfen—:„Achthundert brave Gſellen, von eim Verräter verführt umb franzöſiſche Sonnenkronen!“ Zornig hatte er den Stiefel auf die Seite geworfen. Die Ellenbogen auf den Knien, das Geſicht in die Hände 252 geſtützt, brach es aus ihm heraus:„Achthundert brave Gſellen! Ihr hättet ſollen ſehen! Erſt den Sold us den Armeln in den Strom geſchütt, alsdann ſich gſchlagen als die Leuen und gſtorben! Brandecker! Brandecker, ſiech zu, wie du das guet teutſch Blut willſt verantwurten vor dein Herregott!“ Der Engel ſtaunte über das Feuer, das aus den kranken Augen brannte; rote Flecken glühten auf den bleichen Wangen; die Stimme bebte vor Erregung:„Arm teutſch Nation!— Judas! Judas, du wandleſt allenthalb in teut⸗ ſchen Landen!“ Er erzählte, wie er nach Bologna gezogen, wie ihn die Sehnſucht nach Deutſchland gepackt, wie er gewandert und gewandert, die eiternde Wunde am Bein, die ſich nie ſchließen wollte, wie er überall auf die Knechte geſtoßen, die dem Frundsperg zuliefen. „Potz Flamm, Hutten, was willtu uf dem Steckelberg ein Heckenſchinder werdent, als wie der Berlinger? Iſt der nit auch ein gut keutſch und edel Blut? Reut die Mächt in Wetter und Wind, macht Händel uf Gewinn, wirft Kaufleut und danket Gott for das geſtohlen Gut; ſpinnet Fehd an Fehd und verwirret ſich in Feindſchaft, und iſt doch bloß ein arm Heckenreuterle; vergiſſet, was er der teutſchen Mation ſchuldig! Will lieber zu Ehren teutſcher Nation mich in der Lombardei plagen, dann in Teutſch⸗ land faulen! Nun wiſſet Ihrs, Herr!“ Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, bückte ſich nach ſeinem Stiefel. Schweigend zog er den Pfriemen durchs Leder. Ein Fröſteln rieſelte durch ſeinen Körper. Lange ſah ihm der Engel forſchend in das heftig be⸗ wegte Geſicht, dann hub er zögernd an:„Die teutſch Nation kranket am Leib und an der Seelen. Am Leib ſauget der teutſch Trach, an der Seelen der römiſch. Ver⸗ geſſet nit den einen ob dem andern! Iſt nit Zwietracht uf allen Straßen, in allen Landen 253 und allen Städten? Ein jeds maßet ſich des Gewalts an ũüber den andern und laſſet den Teutſchen Kaiſer einen gueten Mann ſein. Was klagent die Teutſchen den Römer an, er acht des Teutſchen Kaiſers zu ring? Seinds nit teutſche Fürſten, teutſche Pfaffen, teutſche Städt, teutſche Ritter, ſo dem Kaiſer Stuck umb Stuck vom Mantel reißent? Stein umb Stein us der Kaiſerkronen? Seinds nit teutſche Fürſten, ſo dem Kaiſer for ein jeden Landsknecht ein Privilegium abfuggerent? Die Ständ ſeind us der Wagen, Herr Hutten, drum wacklet des Reiches Bau an allen Ecken, do helfent die Wurt nit meh; iſt ein Predigen in der Wüſten, do helfet bloß der Gwalt, der Ufruhr der Gueten! Die ſollent ein Fuir anzunden, dran die teutſch Zwietracht elendiglich ver⸗ brennet! Ei, Herr Hutten, wie ſtandets mit denen vom Adel? Der Fürſten Ufgang iſt der Ritter Untergang, verarment und luren hinter Hecken und Zäunen uf reiſend Kaufleut oder ſitzen an Fürſtenhöfen, vergeſſende ihrs adeligen Schilds! Und keiner loſet uf das unterirdiſch Dunderen, keiner loſet uf der Pauren Not und Beſchwer, redent ällbott von Bundſchuch und glauben doch nit recht dran! Ich aber ſag Euch: Der Pauer tragets nit länger, lebet ſchlimmer dann ein Tier! Fehlet bloß einer, ſo das Fuir anzundt; dann genad Gott all denen, ſo nit Ohrn hent zu hörn, und nit Augen zum Sehn. Alsdann geb der Allmächtig im Himmel, daß ehrliche und guete Leut das Fuir dorthin blaſent, wo des Kaiſers Feind und Widerſacher ſtanden. Pfaffen und Fürſten ſeind des Kaiſers Totengräber! Ritter, Pauren und die in den Städten müſſen ufſtahn und dem Kaiſer wiedrum geben, was des Kaiſers! Uf, Herr Hutten, wecket die Geiſter! Laſſet Euer 254 Stimm erſchallen vom Tirol bis in die Niederland, daß die Tauben ſchrecken und die Lahmen ufſtahn, daß ein Brauſen anhebet in teutſchen Landen und ein Sturm ſauſet, darvor es kein Widerſtreben geiht und kein Damm meh halt, ein Sturm, ſo alls reißet, was morſch und alt und faul! Ein Sturm, ſo all die hunderttuſend Privilegia der Fürſten und Pfaffen und Herren davonfeget, wie trucken Spreu! Uf, Hutten, der Boden harret, daß der Pauer ihn pflüg! Uf, uf, Hutten, ruefet zum Streit die Ritter und die in den Städten! Ich aber will mich der Pauren unterfangen. Seind wie der Sand am Meer und wurt ein Brauſen ſein, ſo ſie uf— ſtanden, und Zittern und Zähneklappern. Ritter, Pauer und Burgerleut ſollent das neu Reich ufrichten; und ſo die Stunden iſt kummen, alsdann ſoll der Ritter die Sturm⸗ fahn laſſen flatteren! Alsdann“, der Engel erhob ſich und ſeine Stimme klang heiſer vor Erregung,„alsdann wurt niemerts meh ichteim untertan ſein, dann Gott und dem Kaiſer allein; alsdann werdent ſeind freie Ritter, freie Städte, freie Pauren; als⸗ dann wurt ſein ein kaiſerlich Gericht, ein Müm, ein Gwicht, ein Heer; alsdann wurt ſein das tuſendjährig, groß, teutſch, heilig Reich!“ Der Hutten ſprang auf und griff dem Engel ins Ketten⸗ hemd. Er riß und zerrte in höchſter Erregung; ſeine Augen flackerten, und die Stimme drohte ihm zu erſticken:„Wer ſeied Ihr, Menſch oder Tüfel, der ſo Fürchterliches er— denket?“ ſchrie er. „Engelbert Hiltensperger heiß ich, bin Anwalt der Pauren vom Auerberg, und was mir geſchiecht, ſell ſtehet in Gottes Hand.“ Hoch aufgerichtet ſtand der Engel vor dem Hutten. Der ſetzte ſich wieder auf ſeine Kiſte und hielt die Augen mit beiden Händen bedeckt. 255 Das Feuer drüben gloſtete kaum mehr; die daran geſeſſen waren, hatten ſich ſchon lange zur Ruhe be⸗ geben. Über den Bergen funkelten die Sterne; es war ganz ſtill und feierlich. Im Troßlager bellten wütend die Hunde, als der Engel ſeinem Zelte zuſchritt. „Johann von Riedheim, ich han den Ruf gehöret, Euer Leben was nit vertan.“ Als die Sonne aufging, läutete zu Bozen das Glöck⸗ lein zur Meſſe. Da wurde bei den Fähnlein umgeſchlagen. Vor des Frundspergs Zelt hatten ſich die Hauptleute verſammelt, um des Obriſten Befehle entgegenzunehmen. Auf dem Tiſch dampfte die Morgenſuppe, die ihnen der Frundsperg hatte kochen laſſen. Da ſaß der Georg von Lichtenſtein, der von Lupfen, der Wilhelm von Roggendorf, der Sebaſtian Schertlin von Schorndorf, der Heini Schmücklin vom Abſtätterhof bei Marbach. „Potz Gäuch und fallend Sucht, die anderen ſollent eſſen, was über bleibet!“ brummte der Lupfener,„die Gäul huſtend ſich die Lung in Fetzen uſerm Hals, der Morgen⸗ reifen ſitzet mir im Harnaſch, alſo daß mir das Herz im Leib wacklet, itz ſchöpfet us!“ In den Lagern wimmelte es wie in einem Ameiſen⸗ haufen. Die Weiber brachten das Holz, das ſie am Vorabend gebrochen und in der Nacht ſorgſam vor dem Tau ge⸗ ſchützt hatten. Derweil ſie die Morgenſuppe kochten, 256 wuſchen ſich die Landsknechte im eiſigen Waſſer der Erſch die weinheißen Stirnen. Übernächtig, frierend und mißgelaunt ſtanden ſie um die ſchnell angefachten Feuer und ſtreckten Hände und Füße in die Glut. Gar manche Lagerdirn bekam als Morgen⸗ gruß einen Puff in die Rippen und einen böſen Fluch als Dreingabe. Langſam rüſteten ſich die Fähnlein zum Marſch. Rotten⸗ weis ſtanden ſie beieinander und murrten, denn der Troß wollte, wie immer, nicht fertig werden. Das Schwert vor dem Bauch, von ſeinen Hunden ge⸗ folgt, ſo ſchritt der Hurenweibel zwiſchen den ſtreitenden, zeternden Weibern hin und her, ließ auch hin und wieder ſeinen Vergleicher über einer Widerſpenſtigen Buckel kanzen. Endlich war's ſo weit. Schnaufend und ſtöhnend ließ ſich der Frundsperg auf ſein Maultier heben. Dann hieß er die Trommeln ſchlagen und das Spiel rũhren. Und lachend und ſchimpfend und ſchnatternd und ſingend zog ſich die bunte Rieſenſchlange das Tal der Etſch hinunter. Als am andern Tag die Fähnlein aus dem Gebirge traten, meldeten die Kundſchafter, daß ſich um Padua das Landvolk bewaffne und in Haufen ſammle. Da wandte der Frundsperg ſein Tier nach der Stadt. „Jörg, min Weg führet abſeit.“ „Potz Blater, laß den Pfaffen zu Kempten und ſeine Pauren ihren Stank alleinigt usfreſſen und reit mit!“ „Will nit untreu werden, doch willtu mir ein Liebes tun, Jörg, ſo laß den Hutten mit denen Reiſigen ziechen, will ihme mein Rappen laſſen.“ „Soll ihm gere verſtattet ſein.“ Schmückle 17 „Viel ſeliger Zeit, Jörg, du ſollt zu Ehr und Preis teutſcher Nation ſtreitend! Sell wünſch ich dir zum Beutepfennig!“ „Gotts Grueß, Engel, ſiech di vor ze Rom, ſeind Fang⸗ eiſen dorten!“ *** Derweil der Engelbert Hiltensperger mik dem Spieß als Wanderſtab in der beſtaubten Mönchskutten durch die Campagna zog und tagelang nichts ſah als weidende Herden und Reiſende zu Roß und Fuß, die nach kurzem Gruß ihres Weges weiter zogen, hatte der Fürſtabt zu Kempten einen tückiſchen Schachzug wider die Auerbergbauern getan. Der Föhn hatte alles zerblaſen, was winterlich war, ein friſcher Oſtwind ſtrich über das lenzfrohe Land. Da und dort klang ſchon das Geläute der Herdenglocken. Da wanderte ein Mann im geiſtlichen Gewande dem Höhenzug zu, auf dem der Weiler Burk lag. Mißmutig ſchritt er ſeines Weges, und ob auch ſein linkes Auge unſtet hin und her flog, er ſah und ſpürte nichts vom drängenden Leben, das allenthalben ſich rührte, und nichts regte ſich in ſeinem Herzen, als er die heimatlichen Hügel und Weiher wiederſah. Der Wind fuhr ihm durch die dünnen, roten Haare, als müßte er ihn zauſen und ziehen. Merkte der Mann denn gar nicht, daß er ſeiner Heimat zuwanderte? So zog er durchs Moos. Ab und zu ſprang ein Haſe hoch und verſchwand hinter einem angeriſſenen Torfgraben, flatterte eine Kette Birk⸗ hähne auf, ſchillernd und rot aufleuchtend. Der Wanderer drehte nicht den Kopf. Weiße Anemonen und Szilla ſäumten ſeinen Weg. Er ſchlug mit ſeinem Stecken die Blüten von den Stengeln. Uberall im Moos war der fröhliche Amſelkrieg im Gang, die Weidenkatzen ſtäubten nur ſo, wenn die ſchwarzen Brautpaare durch die Zweige jagten. Alle Kreatur freute ſich, nur der Joſeph Brugger, der nie wahrhaft froh war, ging ſeines Weges freudloſer denn das ärmſte Geſchöpf! Wohin? Gen Burk. Joſeph Brugger war vom Abt Johann Rudolf zum Pfarrer von Burk beſtellt worden. So raſch es ging, hatte der ihn die fünf Ordines durchmachen laſſen, und am Tag, da er die Prieſterweihe erhalten hatte, war er zum Abt gerufen worden. Ein Stündlein wohl war er bei dem Kirchen⸗ fürſten. Als der Abt wieder allein war, ſpielte ein böſes Lächeln um ſeinen Mund:„Seind viel Wölf im Schafskleid und viel Ströter in einer Pfaffenkutten, vermein, ich hätt kein größer Kanaillen geſehn dann den roten Finaſſel. Will dir ein Wölfle in dein Schafhürden ſchliefen lan, Engel Hiltensperger, daß dir dein Pilgerfahrt möcht leid werdent!“ Und nun war das Wölflein dabei, ſeiner Pfarrei zuzutraben. Ein paar berittene Knechte hatte der Abt vorausgeſchickt. Die hatten dem Engel eine Urkund an die Türe geheftet, die ihm jeden Gottesdienſt unterſagte. Eine zweite war an die Kirchentür zu Burk angeſchlagen, wonach den Bauern alle Kirchen- und Höllenſtrafen angedroht waren, wenn ſie weiter dem Engel zulaufen ſollten. Es hatte eine mächtige Aufregung in der Gegend ge⸗ geben, als man erfuhr, daß der Abt den Joſeph zum Pfarrer ernannt habe! Freibauern und Freizinſer durchſchauten das Spiel; aber unter den Hinterſaſſen und kleinen Leuten waren manche, 259 die meinten, der Fürſtabt ſei andern Sinnes geworden, und ein rechter, vom Abt beſtellter Prieſter ſei doch etwas ganz anderes als einer, der ohne Beſtallung die Sakramente ausũbe. Der Peter Brugger hatte zornig aufgelacht, als er die Kunde hörte. Dann hatte er kein Wort mehr darüber verloren. Die Magd war ganz zerriſſen. Zum Buben zog ſie die Mutterliebe, dem Brugger mußte ſie innerlich recht geben. Ihr ſelber graute, wenn ſie in ihrem Kinde den Lederle erkannte. So machte ſie, wie ſie inmmer gewohnt war, ihrem Herzen Luft, indem ſie im Stall bei der Arbeit in lauten Selbſt⸗ geſprächen mit ſich ſelber haderte. Den Bauern betreute ſie mit doppelter Sorgfalt und Liebe. Dazwiſchen ging ſie hinüber ins alte Pfarr⸗ haus, das ſeit vielen, vielen Jahren nicht bewohnt war, nahm die Bretter von den Fenſteröffnungen, die mit ſtinkigem Stroh ausgeſtopft waren, und lüftete die Räume von der üblen Moderluft, putzte und führte den Dreck und Staub mit dem Schubkarren aus dem Haus. Der Brugger tat, als ſähe er es nicht. Der neue Pfarrer hatte auf ſeiner Wanderſchaft das Moos durchquert, war bei Stötten links abgebogen und ſtieg nun den Weg nach Burk hinauf. Bauern, die am Wege arbeiteten, drehten die Köpfe nach ihm und wandten ſie wieder ab, als hätten ſie den Joſeph Brugger nie geſehen. Darob ſtieg ihm die Galle. Er murmelte böſe vor ſich hin:„Uf den Knien ſullt ihr mir Reverenz thon, ihr Hungerleider, Rotzpauren, Ströter!“ Vor ihm ſchritt eine Dirne mit federnden Hüften, die ſtraffen Waden ſichtbar bis ans Knie. Eine Bauern⸗ tochter von Settele, die er gar wohl kannte. Er redete ſie mit ſüßlichen Worten an; da ging ſie auf 2⁰0 die andere Straßenſeite, gab ihm nur widerwillig und ein⸗ ſilbig Antwort. Als ſie abſeits auf einem Acker Leute arbeiten ſah, ging ſie ohne Gruß hinüber und ließ den Ver⸗ dutzten ſtehen. Im Weitergehen wandte er ſich noch einmal um und ſah, wie alle nach ihm ausſchauten; aber niemand tat, als wäre er eines Grußes wert. Alſo wanderte er ärgerlich weiter. So kam er nach Burk. Der Anton Roßner, der eben ſeinen Schubkarren mit Miſt umkehrte, verſchwand ſchnell wieder im Stall, als fürchte er, angeredet zu werden. Der ſchwachſinnige Helmer, der am Brunnentrog ſaß und Holderpfeifen ſchnitzte, ſpuckte blöde lachend nach dem Pfarrer, als er ihn erkannte. Aberall kaltes Zurückweichen, wohin er blickte. Da wollte es ihm doch etwas unheimlich zum Herzen kriechen. Wie ihm dann der einzige Menſch, der ihn auf Erden lieb hatte, mit Tränen in den Augen die Hand hinſtreckte, ſah er ſie nicht. Wie ein geſchlagener Hund duckte ſich die Magd zur Seite. Als er in das Gadem trat, kat die Bruggerin wieder ihre Schreie:„Der ſoll furtgan! Der ſoll furt!“ Der Bauer richtete ſich hoch auf, als er den Joſeph ein⸗ treten ſah. Ganz anders wie ſonſt kam der zur Stube herein. Nun war er Pfarrer, Hochwürden! Aber der Bauer ſchenkte ihm keinen Schritt. Bis zu ihm mußte er treten:„Das Pfarrhus iſt for dich her⸗ gricht!“ Das war das einzige Wort, das er zum Willkomm ſprach. Alſo ging der neue Pfarrer hinüber ins Pfarrhaus. Noch niſtete Fäulnis und Kälte in allen Fugen. Er ſtieß die Türe in die Stube zur ebenen Erde auf. 26¹ n Ein wackeliger Tiſch, ein Stehpult, ein Stuhl und ein gemalter, gebrannter Ofen ſtanden drin. In der Schlafkammer, die nebenan lag, herrſchte eine feuchte Kälte, in der Ecke lag ein muffig ſtinkender Strohſack. Seine Schritte hallten ſo ſeltſam in dem niederen Haus, und die Einſamkeit griff nach ſeinem Herzen, daß ihm plötzlich ganz bang wurde. Er war müde. Der Stuhl krachte in allen Fugen, als er ſich darauf⸗ ſetzen wollte. Vor dem ſtinkigen Strohſack ekelte ihn. So ſtellte er ſich vor das Schreibpult und ſchrieb ſeinen Mamen in den Staub, den die letzten Tage wieder auf die Schreibplatte geweht hatten. Neben ſeinem Namen ſtand der des letzten Pfarrers von Burk, fein ſäuberlich mit einem Meſſer eingeſchnitten. Nun ſiel ihm ein, daß des Pfarrers Geiſt um⸗ gehen ſollte. Oftmals hatte man um die zwölfte Stunde, wenn kein Windlein ging, im Hauſe ein Rauſchen und Brauſen gehört, dem ein leiſes Weinen folgte. Es lief ihm kalt den Buckel hinunter. Mit einem Male ſchrak er zuſammen, und ſein Haar wollte ſich ſträuben— irgendwo ein Kratzen und Brechen, Schritte— aber es war nur die Magd, die mit einem Arm voll Reiſig kam. Der Pfarrer drehte ſich kaum nach ihr um und ſchrieb weiter in den Staub. Aber im Innerſten war er froh, daß ein Menſch um ihn war. Er hörte, wie die Magd Feuer ſchlug und den Ofen anzündete, hörte das Knallen und Kniſtern. Er wußte nun, daß ſie fertig war, wußte auch, daß ſie ſtand und wartete, ob er nicht ein gutes Wörtlein für ſie habe. Aber er ſchrieb und machte ſinnloſe Zeichen in den Staub. 25² Da ging ſie leiſe in die Nebenkammer und füllte ihm einen neuen Strohſack. Ganz allmählich ſtieg eine wohlige Wärme an dem Pfarrer hinauf. Sie gab ihm ſeine Sicherheit wieder und nahm den Kampf auf gegen die Kälte, die aus dem Mauerwerk, aus allen Ritzen und Fugen kroch. Da ſchwand ſeine Angſt. Die Hände auf dem Rücken, ging er in der Stube auf und ab und ſchmiedete Pläne und verwarf ſie wieder. Lockenden Lohn hatte ihm der Abt in Ausſicht geſtellt, wenn er die Bauern einzeln kirre mache, insbeſondere die ſechsundzwanzig Freizinſer. Was einſt Abt Johann von Riedheim gewollt, mit einem zahmen Elefanten deren hundert wilde fangen, das verſuchte Johann von Raitenau mit einem ſchlauen Füchslein. Und das Füchslein ſchnürte in der Stube auf und ab und machte Pläne und verwarf ſie wieder. Judaſſe brauchte er, Judaſſe! Aus den Lumpen mußte ſeine Partei werden, das ſtand ihm feſt! Seit Wochen hatte das Auerbergglöcklein nicht mehr zum Gottesdienſt gerufen. Dafür tönte der tiefe Klang der Glocke von Burk ins weite Land hinaus. Der neue Pfarrer hielt ſeine erſte Predigt. Er ſtand am Stehpult und überflog ſeine Notizen; ordentlich rote Backen hatte er bekommen:„Potz, die werdent d' Mäuler ufreißen!“ Er ſtützte ſich auf das Pult, als ſtünde er in der Kirche, und probierte, wie ſeine ſchönſten Sätze klangen. Dabei übte er die und jene Stellung ein. Sollte er bei dieſer Stelle mit der Fauſt drohen und ſie 263 laut hinausſchmettern? Sollte er die Hand aufs Herz legen und mit müder Stimme ſprechen? Er entſchloß ſich für die Fauſt. „Dann mit denen Pauren mueß einer redent, alſo, daß ſie vor lauter Schreck ein Paternoſter leiren.“ Von Zeit zu Zeit ging er dann wieder ans Fenſter und ſchaute durch die Ritzen der Fenſterbretter, wie ſich die Bauern vor der Kirche verſammelten. Das ging ja über Erwarten gut! Immer mehr, immer mehr kamen. Der Pfarrer rieb ſich die Hände. Joſeph Brugger, kennſt du die Bauern ſo ſchlecht? Heut kommt alles, Freund und Feind! Jetzt wurde das Summen der Stimmen immer ſtärker, der ganze Platz wimmelte von Menſchen. Alſo zog er ſein Chorhemd an und ging damit in der Stube auf und ab. Er wollte ihnen ſchon zeigen, wer er war! Nun hob die Glocke zum dritten Läuten an. Die Bauern drängten in die Kirche. Dann war's ſtill auf dem Platz. Der Pfarrer überſchritt ihn und ging zur Sakriſtei, wo ihn der alte, zittrige Mesner⸗Anton erwartete. „Der mueß furt“, durchfuhr's den Pfarrer,„kann kein alten Lälle nit brauchent.“ Alle Bänke waren dicht beſetzt, und in den Gängen drängten ſich die Leute. Noch ein paarmal ſchlug die Kirchentüre, dann wurde es ſtille. Die Gemeinde ſang, das Miniſtrantenglöcklein läutete. Vor dem Altar ſtand der Pfarrer, vornübergebeugt, aber doch ſo, daß ſein Schielaug über die Gemeinde hin und her flog. Da ſiel dem Peter Brugger zum erſten Male der Lederle ein. Steif und finſter ſaß der Bauer in der vor⸗ derſten Reihe. 26⁴ Der Pfarrer hob den Kopf und fſing an zu predigen. Erſt mit gedämpfter Stimme. Das hatten ſie ihn in Kempten gelehrt— in der Mitte der Predigt ſollte die Stimme ſtahlhart und feſt werden, und der Donner und das Blitzen kamen am Schluß. Die erſten paar Sätze gingen wie vorgeſehen. Da ſiel auf einmal ſein Blick auf den Peter Brugger, der ihn ſtarr und feſt anſchaute. Sein fliehendes Auge mochte dem Bauern ausweichen, ſo ſehr es wollte, immer zog der es wieder in ſeinen Bann. Er hatte keinerlei Abſicht dabei, irgend etwas trieb ihn dazu, ſeinen Blick in den des Pfarrers zu bohren, ein innerer Zwang, dem er ſich nicht entziehen konnte. Ja, ihm klopfte das Herz dabei, es war, als ziehe ſich ein Schickſal zuſammen, unwiderſtehlich. Der Pfarrer wurde unruhig. Er verſprach ſich einmal, zweimal. Immer wieder mußte er nach dem Bauern hin⸗ ſchauen, den er Vater nannte, aus deſſen Augen es ihm wie wilder Haß entgegenbrannte. Seine Stimme begann haſtig zu werden, und ſeine Augen flogen unruhig zwiſchen den Bänken hin und her. Es war ihm, als ſielen ſeine Worte in irgendeine Tiefe; ſie hatten keinen Klang. Es iſt ein ander Ding, ob einem Prediger die Herzen der Hörer entgegenkommen und mitklingen, oder ob ſie ſich von ihm abwenden. Denn die ſchwingenden Herzen wogen unter den Worten des Redners und reißen ihm das ſeine mit in die Höhe, daß ſeine Stimme ſtark wird und jubilierend. Bleiben aber die Herzen der Hörer zäh und ſchwer, ſo hängen ſie ſich an ſeine Stimme und ziehen ſie hinunter, ſo daß die Worte klingen wie Blech und wie leblos zu Boden fallen. Selbſt das Kircheninnere war grau und kalt, das Auer ⸗ bergkirchlein war doch dem Himmel näher. 2⁵ 3 Die Wände wieſen die Stimme des Pfarrers von ſich, ohne einen Widerhall zu geben. Und wie der Pfarrer ſpürte, daß ſeine Worte ins Leere ſielen, da flüchtete er ſich vor ſeiner eigenen Stimme, indem er immer lauter ſprach, immer haſtiger, immer ſchriller. Er war feige und ſuchte ſich Mut zuzuſchreien. Dabei erwog er immer weniger ſeine Worte. „Alſo hat mich euer gnädiger Herr zu Kempten hieher geſchicket, die Böck von denen Schafen zu ſcheiden.“ Er blickte ſcheu nach dem Brugger und ſah, wie es in deſſen Geſicht wetterleuchtete. Ein Murren ging durch die Kirche, was ihn noch un⸗ ſicherer machte. „Hat nit Chriſtus ſelbſten geſagk: Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers, alſo auch Seiner Fürſtlichen Gnaden, was Seiner Fürſtlichen Gnaden iſt!“ „Judas“, rief einer im Hintergrund. Die entzündeten Augenlider brannten ihm, und die Stimme wollte ſich ſchier überſchlagen:„Saget nit Chriſtus:„Verweiger dem, ſo dir den Mantel will nehmen, den Rock nit, und ſo dir ichteiner das Deine nimmt, ſo foder es nit zruck! Ihr aber ſchreiet und klaget und weigeret der Obrigkeit, ſo Gott über euch gſatzt, was ihr zuſtandet. Der heilig Paul aber ſaget:„Wo wir Nahrung haben und Kleidung, ſo ſollen wir uns laſſen genügen, dann Hoffart iſt die Wurzel aller Sünden', und darumb ſeied ihr im Glauben irre gangen.“ Durch die Reihen der Bänke ging ein Flüſtern und Murren. Joſeph Brugger, du ſtehſt auf ſchwankem Boden! „Und darumb mueß der Prediger die Hoffart us denen Herzen reißen, als wie ein gueter Arzet. Der greifet dem Kranken dapfer in die Wunden und raumet ihme den Eiter us, alſo tuet auch unſer gnädiger Herr zu Kempten!“ 256 Plötzlich ſtand der Brugger auf, ſetzte ſich, erhob ſich wieder. Mit beiden Händen preßte er ſeine Bruſt. Dann brach's aus ihm heraus. Seine Augen blitzten, und ſeine Stimme ſchallte durch die Kirche, daß alle zuſammen⸗ fuhren:„Der iſt mein Sohn nit, ſo wahr mir Gott helf, der nit.“ Totenſtille lag über der Kirche, keiner wagte zu armen, nur die Köpfe reckten ſich und ſtarrten alle nach dem Brugger. Und doch wußte keiner, wie furchtbar ernſt das Wort war, das der Brugger gerufen. Das Annele beberte am ganzen Leib. Ihr Geſicht war aſchfahl. Flammend ſtand der Bauer— zitternd der Pfarrer. Der fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, die von kaltem Schweiß naß war. Verwirrt neſtelte er an ſeinem Kreuz, das ihm vom Halſe hing, und ſtreckte es wie ab⸗ wehrend vor ſich hin. „Laß din Hand vom Kreuz, Judas Iſchariot!“ ſchallte es durch den Raum. Mit ſchweren Schritten ging der Bauer durch den Mittelgang, und mit hartem Schlag ſiel die Kirchentüre ins Schloß. In der tiefen Stille hörte man nur das leiſe Weinen der Magd. „Pfäffle, Pfäffle, uf dem Auerberg wehet ein ſcharpfer Wind, ſiech zu, daß dir die Kappen nicht davon⸗ fleiget!“ Er fühlte Hunderte von Augen auf ſich gerichtet, ge⸗ häſſige, ſpöttiſche, ſture. „Verlier di nit, Joſeph“, fuhr's ihm durch den Sinn, „bloß itz it, itz geltets.“ Da flog eine brennende Röte über ſein aſchfahles Antlitz. Er gab ſich einen Ruck, er ſprach. Erſt wollte ihm die Stimme zittern, dann wurde ſie feſter und feſter; nun hatte er ſich wieder, beſſer wie zuvor, 257 da er den Brugger in der Kirche wußte, da er ſeinem Blick nicht entweichen konnte. Bloß nicht an den Brugger denken, nur an die Predigt, nur an die Predigt. Jetzt bekam ſeine Stimme ſogar einen Klang, einen ſcharfen und böſen Klang, aber ſie ſiel doch nicht mehr ins Leere. „Falſche Prediger ſeind zu allen Zeiten ufſtanden, ſo das Volk verführet, abtrünnig Münch und meineidig Pfaffen.“ Pfarrer, der Boden ſchwankt! „Alſo wurt die Fauſt unſeres gnädigen Herren zu Kempten treffen den ufm Auerberg, auch wurt die Hand Gottes ſchlagen alle die, ſo zu ihme halten. Alsdann wurk kein Kind nit die ewig Seligkeit finden, ſo es von ihme ge⸗ taufet, und wurt kein Toter die Ruh im Grab finden, dem er die Letzt Olung erteilet! Und mit Fuir und Schwert ſollt der gnädig Herr ze Kempten die Statt ſauberen, allwo er geprediget. Ich aber will die Kirchen mit Weihrauch us⸗ raucheren, daß kein Lüftle meh ſein Odem traget.“ Der Miniſtrant entzündete das Räucherwerk. Leidenſchaftlich entriß es ihm der fanatiſch erregte Mann und ſchwang's hoch über dem Kopf. Die Bauern aber ſprangen auf, drängten in die Gänge, ſchoben ſich gegen den Altar vor. Nun ſtand der Pfarrer ganz in Feuer und war ſchier groß anzuſchauen. Das Räucherwerk ſchwingend, trat er auf die unterſte Stufe des Altars.— Nur ein Schrittlein krennte ihn von den erregten Bauern, die gegen ihn andrängten. Aber er ſah nichts mehr— hoch ſchwang er das Räucher⸗ werk und ſchrie:„Apage, apage!“ Wie eine Mauer ſtanden die Bauern. Aus ihren Augen ſprühte der Haß. 28 Bebend ſtand der Miniſtrant. Schrill gellte die Stimme des Pfarrers:„Gebet Raum im Namen unſeres gnädigen Herren! Gebet Raum im Namen Seiner Fürſtlichen Gnaden!“ Er ſchritt zur Linken— „Gebet Raum im Namen der Mueter Gotts!“ Er ſchritt zur Rechten— „Gebet Raum im Namen aller Heiligen.“ Überall ſtand eine Mauer vor ihm, eine unbewegliche Mauer. Überall derſelbe Haß, der ihn ſchweigend und kalt ankroch. Da ſtand er, hoch das Weihrauchgefäß in der zitternden Hand. Die Ohren fingen an zu rauſchen, auf ſeinem Antlitz kam und ging das Blut, kochende Wut und ohnmächtige Hilfloſigkeit. Da ließ er die erhobene Hand ſinken, er wandte ſich! Silbern hell klang vom Auerberg das Glöcklein und flog durchs Himmelblau herüber gen Burk. Das Regele läutete, um die Bauern an den Engel zu gemahnen. Am Abend braute ſich der Pfarrer einen Galläpfelſud, ſchnitt ſich einen Gänſekiel zurecht— und ſchrieb eine Epiſtel an Herrn Johann von Raitenau nach Kempten, ſparte auch nicht mit ſubmiſſeſten Anreden und Verſicherungen ſeiner Ergebenheit. Schrieb, wie er in Leib⸗ und Lebensgefahr geweſen ſei, einzig und allein, weil er als getreuer Diener ſeines Herrn die Bauern auf ihre Untertanenpflicht aufmerkſam gemacht habe. „Vor allen hat ſich hervorgetan mein leiblicher Vatter, der Paur Peter Brugger, mit Schimpf und Schmähred. Gott verzeih mirs, ſo ichs vermeld, iſt mir doch mein Herre und Fürſt von Gott naher geſatzt dann mein leiblicher Vatter. Alſo mag ſein Fürſtlich Gnaden hieraus erſehen, wie ſo ganz ergeben ich ihme ſeie!“ ** nmo,,— W 1 Sanen 9 Ein paar Wochen ſpäter ſtand der Peter Brugger auf ſeinem Heuwagen und packte eben einen Boſchen, den ihm ſein Knecht auf der Gabel reichte. Mit einem hielt er inne, ließ ihn fahren und deckte die Augen mit der flachen Rechten, um beſſer ſehen zu können, denn die Sonne flirrte und flimmerte auf den Wieſen. Drüben auf der Allmend, wo das Vieh weidete, blitzke es auf, einmal, zweimal, man hörte Menſchen ſchreien, als trieben ſie übermütigen Schabernack. Reiſige? Waffen? „Tuifel! Wa uſer?“ „Paur, ſie ſeind hintrem Viech her!“ rief der Knecht. Von Burk her tönte jammerndes Geſchrei, man ſah, wie eben ein paar Reiſige aus dem Stall des Nahbauern eine Kuh zerrten, die ſich mit allen vieren ſträubte. Die Bäuerin mühte ſich, dem einen der Knechte den Strick zu entwinden, ihre drei Kinder ſchrien verzweifelt. Von Moos her ſah man zwei Knechte ein Häuflein Kühe dem Ort zutreiben, von Settele desgleichen. Die Glocke von Burk fing an Sturm zu läuten, ein Paternoſter lang, dann hörte ſie mit ein paar kurzen Schlägen auf. Der den Strang zog, mochte mit Gewalt am Läuten verhindert worden ſein. „All hundrettuſend Tüfel“, rief der Brugger und ſpraug vom hochbeladenen Xarren. Die Gabel in der Fauſt, die er dem Knecht entriſſen, rannte er Burk zu. Da und dort ſah man die Bauern den Gehöften zu laufen. Vieh brüllte, Menſchen ſchrien. „Was iſt?“ rief der Brugger dem Maier⸗Endreß zu, der ihm entgegenlief. „Des Abbets Reuter über uns“, ſchrie der,„all Viech ſtehlende.“ Auf dem Grasplatz vor der Kirchhofsmauer war ein unbeſchreibliches Durcheinander. Von allen Seiten, vom 27⁰ Auerberg, von Remnaksried, von Settele, von Geißenhofen Reiter, die Vieh zuſammentrieben. Bauern, Weiber, Kinder, die zu ihren Kühen vordringen wollten. Sie wurden von Fußknechten mit den Schäften ihrer Hellebarden in den Leib geſtoßen, daß ſie wimmernd ſtanden und wehklagend zurüͤckwichen. Der Vogt von Günzburg ſelber ſtand mit einer langen Peitſche und jagte die Weinenden zurück, indem er ſie mitten ins Geſicht ſchlug. Jetzt konnte er die nächtliche Schlacht heimzahlen! Mit Peitſchenhieben und Schimpfworten. Immer mehr Vieh wurde zuſammengebracht. Brüllend und vor Angſt ſtoßend und drängend, ſuchte es wieder aus⸗ zubrechen und wurde von den Knechten mit den Spießen zum angſtvollen Haufen getrieben. Einem jeden Bauern ſollte die beſte Kuh genommen werden! Das war die Strafe, die Johann von Raitenau auf den Bericht des Pfarrers Joſeph Brugger verhängt hatte. Der aber ſtand mit ſeinem hämiſchen Geſicht unter der Türe und ſchaute in das Treiben, als ginge es ihn nichts an, lächelte, als die Knechte aus dem Bruggerſtall die Maus⸗ graue holten, der das Annele ſchreiend die Arme um den Hals ſchlang, um ſie zurückzuzerren, lächelte, als der Brugger mit ſeiner Miſtgabel dahergerannt kam und dem Knecht, der die Kuh zog, über den Schädel hieb, daß er in die Knie ſank. Nun erging's dem Bauern ſchlecht. Sie ſchlugen ihn, daß er blutüberſtrömt zuſammenbrach, riſſen ihn wieder auf und trieben ihn vor den Vogt. Der Pfarrer Joſeph Brugger rührte ſich nicht. Das Annele lief zu ihm, ſchrie, er ſolle doch dem Bauern helfen; aber er höhnte nur:„Der iſt mein Vatter nit, ſo wahr mir Gott helf!“ Da ſpie die Magd ihrem Sohn ins Geſicht. 271 Dann lief ſie zum Brunnen, tauchte ihr Fürtuch ins kalte Waſſer und eilte, dem Brugger, der wieder zu Boden ge⸗ ſunken war, das Blut vom Geſicht zu wiſchen. Ein Knecht ſtauchte ſie mit dem beſchienten Fuß in die Hüfte, daß ſie mit einem Wehlaut zuſammenbrach. Nun hatten die Knechte das Vieh beiſammen. Sie trieben's ab. Mit Hieben und Püffen. Inmitten der Kühe aber ſtießen ſie den Brugger Kempten zu, und kein Stücklein Vieh wurde ſo geſchlagen wie der Peter Brugger. Eine Zeitlang liefen die weinenden Weiber und Kinder mit im Glauben, durch flehentliches Bitten ihre Kuh wieder bekommen zu können. Da trieb ſie der Vogt mit ſeiner langen Peitſche wieder heim Bauern ſind ein zwieſpältig Geſchlecht. Ein und dasſelbe Ding kann ſie zum ſtörriſchen Widerſtand reizen oder ſchwachmütig machen. Und diesmal wurden viele kleinmütig. Sie wußten nun, wie ſehr der Pfarrer zu fürchten war, und mancher zog tief die Kappe, wenn er ihm begegnete. *** Eine jüdiſche Sibylle ſaß vor den Toren Roms auf einem umgeſtürzten Meilenſtein. Leo X., der neue Papſt, des gewaltigen Julius Nach⸗ folger, hielt ſeinen Zug zum Lateran, zu deſſen Gelingen kauſend Künſtler Geiſt und Kunſt vereinten, von dem die Menſchen reden bis zum heutigen Tag. Die Wege, die nach Rom führten, waren voller Men⸗ ſchen, die zu Fuß und zu Roß, in Sänften und auf Ochſen⸗ karren nach der ewigen Stadt zogen. Die Sibylle ſaß auf ihrem Stein, denen, die es ver⸗ 272 langten, aus den Linien ihrer Hand wahrzuſagen. Blau⸗ ſchwarz waren ihre ſträhnigen Haare, braun ihr Geſicht, aus dem die großen Mandelaugen brannten. Pferdegetrappel ließ ſie die Augen wenden. Da ſah ſie eine mächtige Staubwolke auf der Straße herannahen. Es war der junge Kardinal Alfonſo Petrucci, des Tyrannen Pandolfo von Siena Sohn, der an der Spitze ſeines Ge⸗ folges, ſtrahlend in Jugendſchöne, hoch und ſtolz einherzog. Sein weißes Pferd tänzelte unter ſeiner roſenroten Scha⸗ bracke und ſchlug mit den Hufen Funken auf dem alten Steinpflaſter, als es der Kardinal mit kurzem Ruck vor der Sibylle parierte. Ein herriſcher Wink mit der Rechten. Langſam erhob ſich die Sibylle. Der Kardinal ſtreckte ihr die offene Hand entgegen. Erſt küßte ſie den Saum des ſcharlachenen Gewandes, dann faßte ſie mit den Fingerſpitzen die ſchlanke weiße Hand. Die Herren des Gefolges lächelten. Da wollte es dem Kardinal erſcheinen, als ſchrecke das dunkelhäutige Weib zuſammen. Ihre Fingerſpitzen löſten ſich, und tief neigte ſie ſich, den Mantelſaum zum andern Male zu küſſen. „Herr, Eure Wege ſind dunkel, betet, daß Gott Euch gnädig ſei.“ Langſam wandte ſie ſich und ſetzte ſich wieder auf den Stein und ſchlug ihren ſchwarzen Mantel über dem Haupte zuſammen. Sie ſprach kein weiteres Wort mehr. Der Kardinal fragte. Sie ſchwieg. Er warf ihr eine Börſe mit Golddukaten in den Staub der Straße. Sie ſchwieg. Da trieb der Stolze mit ärgerlichem Lachen ſein Pferd Schmückle 18 273 un und ritt, ohne die Augen zu wenden, durch den Tor⸗ bogen. Und die andern ritten mit ihm; nur Battiſta von Ver⸗ celli, der Chirurg, wandte den Kopf. Ihn mochten die Golddukaten grämen. Im Staub der Straßſe lagen ſie. Die Sibolle rührte ſich nicht; ſtarren Auges ſaß ſie und harrte. Ein Prieſter in ſtaubiger Kutte kam des Weges, den Spieß als Wanderſtab. Die Augen der Sibolle lauerten. Mäher und näher kam er. Da ſah er die Börſe am Wege liegen, hob ſie auf, öff nete ſie, ſah die Dukaten. Gah die ſchwarze Geſtalt auf dem Meilenſtein, die ihn mit großen Augen ſchweigend anſtarrte. Er fragte ſie in der Sprache des Landes. Sie ſchwieg und ſchaute. Da ertönte der Hufſchlag eines einzelnen Roſſes, und aus dem Stadttor kam Battiſta, der Chirurg, geritten. Er forderte namens des Kardinals die Börſe. Der andere gab ſie ihm arglos, denn er war ein Deutſcher. Woher ſollte er auch wiſſen, wie ſich's verhielt? Aber die Sibylle wußte, daß Alfonſo Petrucci weg⸗ geworfen Gold nicht wiederforderte. Mit vorgeneigtem Oberkörper ſaß ſie und ſtarrte. Der die Börſe nahm, deſſen Schickſal war unrettbar verwoben mit dem des Kardinals von Siena. Battiſta, der Chirurg, nahm die Börſe und ritt ſeines Weges. Unter wilden Flüchen auf den Papſt mußte ſich vier Jahre ſpäter der Kardial vom Mohr Roland die ſeidene Schnur in der Engelsburg um den Hals legen laſſen, und unter namenloſen Folterqualen verhauchte der Chirurg Battiſta ſein Leben. Leo X. beſchuldigte ihn, er habe im Einverſtändnis mit dem Kardinal von Siena ihn vergiften wollen. 274 Gott, der die wilden Fluͤche der Erwürgten in ihrer Todesſtunde gehört, mag wiſſen, wie es war. Und Engelbert Hiltensperger, der Prieſter vom Auer⸗ berg, ſchritt bewegten Herzens durch das Tor der ewigen Stadt. In den ſpäten Vormittagsſtunden war's, als er durch die Straßen des Marsfelds ſchritt. Lückenhaft und von Wein⸗ bergen unterbrochen, durchſetzt von Stadtteilen mit laby⸗ rinthiſchen Gaſſen war die ewige Stadt. Mächtige Kirchen und prächtige Paläſte zwiſchen finſteren mittelalterlichen Häuſern kleiner und elender Leute. Über allem lag der Zauber trümmerhafter Wildnis und verſonnener Einöde, denn die Stadt, die einſt Millionen zählte, beherbergte kaum vierzigtauſend Menſchen, eine all⸗ mächtige Prieſterſchaft, einſt glänzende römiſche Geſchlechter und kleines Volk, das von den Bedürfniſſen der erſteren lebte. Aber heute ſäumte dichtes Gedränge die Straßen, durch die der neue Papſt ziehen ſollte, denn von weither waren die Menſchen zuſammengeſtrömt, das glänzende Schauſpiel zu ſehen. Eine bunte und farbenfrohe Menge wogte, Kardinäle im Purpur, Höflinge in Federhüten und Baretten, Ritter in blitzenden Rüſtungen, Trachten aus aller Herren Länder. Zu Roß und in Sänften die römiſchen Kurtiſanen, in goldbeſtickten Gewändern die einen, in Männerkleidung die andern. Die Leute drängten und ſtießen: Die ſchöne Imperia aus Ferrara, von hundert Dichtern beſungen, nahte in ihrer Sänfte, zur Seite der junge Petrucci. Auf den Balkonen ſchöne Frauen, galante Herren und Prieſter. Das Volk kam auf ſeine Koſten. Unweit der Synagoge ſtand der Engel und ſtaunte. 275 — 15 Seine Augen und Sinne vermochten den Glanz ſchier nicht zu faſſen. Alle eilten zum Vatikan, bei der Aufſtellung des Zuges nicht zu ſpät zu kommen. Da kam der Herzog von Ferrara im goldbrokatenen Fürſtenmantel, der Konfalkoniere des römiſchen Volkes im rotſeidenen Uberwurf, der Prokurator des Deutſchordens mit der Ordensfahne, der Bannerträger von Rhodus, all die Barone Roms, die Orſini, Conti und hundert andere. Dort kommt der Herzog von Urbino einhergetrabt im ſchwarzen Sammet mit ſchwarzem Gefolge, trauernd um Julius, ſeinen großen Oheim, ahnungslos, daß Lorenzo Medici, der neben ihm reitet, ihn in wenigen Jahren aus ſeinem Land vertreiben wird. Schweizer Garde in gelbgrünweißer Deviſe, Biſchöfe, Prälaten, Patriarchen ohne Zahl. Fürſten der Kirche und Fürſten von Geblüt, alle eilen ſie auf den teppichbelegten Straßen, ſich zum Zuge auf⸗ zuſtellen, zwiſchen tauſend neu erſtandenen antiken Statuen, durch zahlloſe Triumphbögen mit dem Wappen der Medici. Die ganze Welt antiken Heidentums ſcheint auferſtanden zu ſein zum Feſt der Chriſtenheit, Apoll, Merkur, Mars und Venus. Da ſchüttelte der Engelbert Hiltensperger ſein Haupt. Das alſo war die Nachfolge Petri! Um die Mittagsſtunde kam der Zug. Pracht und Glanz ohne Ende und im Übermaß. Und endlich er ſelber, umjubelt vom Volk unter ge⸗ ſticktem Thronhimmel, erdrückt von der Laſt der Tiara, ſtrahlend im Gefühl ſeiner Herrlichkeit, Leo X., aus dem Hauſe Medici. „Pater sancte, sic transit gloria mundi“, haffe beim Krönungsfeſt der gerufen, der das brennende Wergbündel ihm entgegenhielt. Und Leo lächelte. 276 Er ſah nicht den Schatten des Rieſen von Wittenberg, der drohend ſich über ſeinem Pontifikat erhob. Er ſah nicht den blonden Leutprieſter vom Auerberg, der einen eiſernen Würfel im Zeitenſpiel zu werfen berufen war und kopf⸗ ſchüttelnd und ſinnend ſtand und ſtaunte. So zogen ſie dahin von Triumphbogen zu Triumph⸗ bogen, von Altar zu Altar durch die mit Teppichen und Blumen geſchmückten Straßen unter einem Regen von Blüten, umjauchzt von der lohenden Begeiſterung des Volks. Das war das große Feſt der Renaiſſance im Zeitalter Rafaels, Michelangelos und Bramantes! Im Funkeln der illuminierten Stadt verklang es, als der Papſt unterm Jubel der Menge mit der einbrechenden Nacht, vom Palazzo Maximi heimziehend, zu Sankt Peter auf Campo di flore einbog. An der Brücke entließ er die Kardinäle, um in der Engelsburg zu nächtigen. Als ſich der Schwarm verlaufen hatte, ſtand noch ein einſamer Mann und ſchaute, wie in den Waſſern die er⸗ löſchenden Lichter verſpielten. Die tiefe Nacht lag über Rom; allenthalben erwachte das Singen der Zikaden, und aus den Ziſternen erklang das Konzert der Fröſche. Fun⸗ kelnd ſtanden die Sterne über der ewigen Stadt und den ernſten Zypreſſen, über die ſich langſam die Scheibe des Vollmondes ſchob. Da hob ſich aus Pracht und Prunk, aus Lärm und Hoffart das alte Rom in hehrer Majeſtät. Paläſte und Dome verſanken im Dunkel, und der Wanderer, der ein⸗ ſam ſeines Weges ſchritt, ſah die Ruinen der alten Kaiſer⸗ herrlichkeit im ſchneeigen Marmor, vom Monde beſchienen, geborſtene Mauern, umrankte Säulen, geſtürzt und zer⸗ brochen, umſchwebt von Eulen und Fledermäuſen.— Todmüd ſetzte ſich der Engelbert Hiltensperger auf eine verwitterte Tempeltreppe. 277 Ohne Unterbrechung ſangen die Grillen, und vom Palatin her kam ein ſchwerer Duft von Blüten. Wie lange er geſeſſen, wußte er nicht. In ſpäter Nachtſtunde klopfte er an eines der vielen weitläufigen Klöſter und brachte den Reſt der Nacht im dumpfen Maſſenquartier zu. *** Alle Wege führen nach Rom; aber in der Stadt ſelber, da führen viele krumme Gäßlein den in der Irre, der die geraden Straßen gewöhnt iſt. Eines ſchönen Morgens ſtand der Engelbert Hiltens⸗ perger vor den Toren des Vatikans und hatte nichts anderes im Sinn, als ſchnurgerade zu Leo X., aus dem Hauſe Medici, zu gehen und ihm die Gravamina der Auerbergbauern vorzutragen. Da fuhren ihm zwei gekreuzte Hellebarden vor die Naſe. Er brachte ſein Anliegen vor, aber die beiden langen Kerle lachten nur und blieben ihm die Antwort ſchuldig. War nicht leicht die Ruhe zu bewahren, für einen, der im Jahre 1499 ſeinen Bihander auf harte Schweizerſchädel hatte krachen laſſen; und es wäre zu harter Red und Widerred gekommen, wenn nicht im letzten Augenblick der Hauptmann dazugekommen wäre. In ſeiner Wachtſtube hatte ihm der ein Krüglein vor⸗ geſetzt und ein Lichtlein aufgeſteckt. So erfuhr der Engel, daß man viel leichter dem Herrgott ſelber ein Anliegen vortragen kann, als ſeinem Stellvertreter auf Erden, daß alle Menſchen zwar vor Gott gleich ſind, der Statthalter Chriſti jedoch der irdiſchen Rangordnung allerlei zugute halten müſſe. Der Wein war gut und der Hauptmann ein braver Kerl. So ſchieden ſie mit Handſchlag als Freunde. Da ſtand nun der Engel vor Sankt Peter. 278 Was tun d In einem Kloſter auf die faule Haut liegen, bis auf gut Glück? Das war des Engels Art nicht. In Gedanken verloren ſchaute er den Steinmetzen zu, die mit klingendem Meißel den weißen Marmor ſchlugen. Halb abgebrochen ſtand die alte Baſilika der Apoſtel, und Stein um Stein fuͤgte ſich zum Neubau von Sankt Peter, für den die ganze Chriſtenheit beigeſteuert hatte. „Kotz Blitz, wo Arbet iſt, möcht joch Brot ze finden ſeind“, fuhr's dem Engel durch den Kopf. Da ſah er in der Rähe zwei Männer ſtehen. Der eine trug gewelltes Haupthaar und einen ſtarken Vollbart, der andere war bartlos, das Geſicht von zahlreichen Furchen durchſchnitten. Dieſer hielt in der Rechten ein gerolltes Pergament, mit dem er, eifrig redend, in die hohle Linke klopfte. Der Engel näherte ſich und blieb ſtehen, abwartend, bis die beiden ihr Geſpräch beendet. Er bemerkte, wie der mit dem Vollbart dem andern Vor⸗ würfe machte, daß er die ſchönen Säulen, die zur Seite lagen, habe zerſchlagen laſſen. Der Engel betrachtete ſie. Sie mochten aus der alten Kirche der Apoſtel ſtammen wie die Moſaiken und die götzenartigen Gebilde, die zerbrochen dabei lagen. Der mit der Pergamentrolle lachte:„Ihr ſollet recht behalten, ſo ich Schlechteres ſchaffe.“ Unwillig ſchüttelte der andere den Kopf. „Ihr vermeinet Schöneres zu ſchaffen, doch das Alte könnet Ihr nicht wiederbringen.“ Da trat der Engel beſcheidentlich vor und hielt bei dem Bartloſen, den er für den Bauaufſeher nahm, um Arbeit an. Der wollte ungeduldig werden, aber der andere lächelte: „Meiſter Bramante, Ihr ſtehet vor dem ſchier unmöglichen 279 Fall, daß ein Pfaff zu arbeiten geſonnen iſt. Dem ſolltet Ihr nicht widerſtreben!“ Da lachte der größte Baumeiſter ſeiner Zeit und fragte, welcher Arbeit ſich der Engel verſehe. Ehrerbietig erwiderte dieſer:„Ich weiß den Meißel wohl zu führen, doch wär mir eine jede Arbeit recht.“ „Leicht kann er Euch auch Abſolutio erteilen für jeden Fluch, den Ihr über unſern Auftraggeber tut“, ſpottete der Bärtige. „Spottet nicht, Buonarroti, der Julius iſt mit Euch gleichfalls nicht immer fein ſäuberlich umgeſprungen.— Kommet morgen in der Frühe und meldet Euch beim Auf⸗ ſeher“, wandte er ſich zum Engel. So wurde der Engel Steinmetz bei Sankt Peter. Allmorgendlich in der Frühe ſtand er im weißen Kittel an ſeinem Marmorblock und ſchlug die weißen Splitterchen vom Stein. Wenn dann die Sonne höher ſtieg, wurde es lebendig um Sankt Peter. Große Herren mit ihrem Gefolge, Würdenträger der Kirche, Geſandte der Könige, Ritter und ſchlichte Pilger, alle Stände der Erde und alle Sprachen der Chriſtenheit waren vertreten. Zu Roß, zu Fuß und in Sänften zogen ſie an den Steinmetzen vorbei. Der Engel war nach Rom gekommen, wie alle Deutſchen, einen letzten Reſt Ehrfurcht im Herzen, und ein Kardinal erſchien ihm als ein Erwählter vor Gott. Trugen ſie in einer Sänfte ein hoffärtiges Weib mit gewaltigem Federhut vorbei, dann meinte wohl der Stein⸗ metz neben ihm:„Ei, ei, ſieh da, dem Kardinal von Eſte ſeine Metze.“ Kitzelte am frühen Morgen ein trunkener Nachtſchwärmer einen frommen Pilger mit dem Degen, ſo hieß es:„Sehet, das Söhnlein des Kardinals Riaro ſtichet der Haber.“ Da kam der Engel mit ſich endgültig ins reine:„So die Welt bei eim Kardinal uf zween Augen blind, möchts 280 ihr wohl anſtehn, beim Engelbert Hiltensperger ein gotzigs zuzedrucken.“ Und wenn er eine von den fünfzehnhundert Kurtiſanen Roms in Männerkleidung neben einem Kirchenfürſten reiten ſah, dann dachte er wohl:„Ei der Tuſed, ſoll min Regele vor unſerm Herre Gott nit beſſer beſtahn, dann ein ſottig Menſch!“ Und er ſchlug auf ſeinen Marmorblock, daß die Splitter ogen. Tag um Tag ſtand er bei ſeiner Arbeit. Die Stein⸗ metzen waren brave Geſellen, und keiner war darunter, der fürwitzige Fragen an ihn geſtellt hätte. Er aber hielt die Augen offen und ſah, wie von der Herzkammer der Chriſtenheit das Blut kam und ging. „Wär ich der teutſch Kaiſer“, dachte er,„wollt ich mir allzeit ein Steinmetzen halten bei Sankt Peter, ein klugen und witzigen Mann.“ So ging ihm manch Lichtlein auf beim Hammer und Meißel, aber ſeinem Ziele kam er nicht näher. Wenn des Tages Arbeit getan und die vielen Glocken Roms über die heilige Stadt verhallten, legte er ſeinen weißen Kittel ab und wuſch ſich den Staub aus den Augen. Dann zog er wohl ſeine Kutte über und ging hinauf auf den Palatin, wo einſt die herrlichen Kaiſerpaläſte ſtanden, wo Kletterranken und blühende Wildnis die zer⸗ borſtene Herrlichkeit überwucherten. Von dort aus ſah man auf der einen Seite hinunter auf das alte Forum Romanum, wo Tempelſäulen aufrecht und geſtürzt aus Unkraut und Geſtrüpp emporſtiegen aus verträumter Stätte, ſah man hinauf zu der Stelle, von der aus einſt die Welt regiert wurde, von wo aus man hinüberſah zur Via Appia, auf der einſt die Legionen hinausgezogen waren, den Erdball zu unterwerfen. Dort ſaß er und träumte, bis die Schatten aus den 281¹ Ruinen ſtiegen und die Sterne über dem ewigen Rom er⸗ glühten. Dann ging er langſam durch die zerfallene Stadt, aus der die neue Zeit in Domen und Paläſten ſich hob. Beim Forum des Trajan ſtand ein halbzerſtörtes Haus, in deſſen unterirdiſchen Räumen eine uralte Chriſtenkirche eingebaut war. Roſſino der Alte betrieb eine Gaſtſtätte da⸗ ſelbſt und verſchenkte ſeinen billigen Falerner. Allabendlich ſaß der Engel am ſelben Eecktiſchlein. All⸗ abendlich ſaß der Wirt in der andern Ecke und ſchlief neben ſeiner ſchwarzen Katze, die Hände über dem Schmer⸗ bauch gefaltet, das ſchwarze Käpplein auf dem Kopf. Das Nachtmahl beſtand aus einem dicken Brei aus Maismehl, der nach dem Erkalten in fingerdicke Schnitten zerlegt und mit Käſe gebacken war. Der Engel war ſchnell damit fertig, aber den Nachttrunk, den nahm er gründlich, und mit unverhohlener Bewunderung riß der Wirt die Augen auf, wenn er von Zeit zu Zeit aus ſeinem Schlummer geweckt wurde, um ein neues Krüglein zu holen. Nach Jahren noch beſchrieb er einem Deutſchen, der kein Italieniſch konnte, den Engel als einen„IIomo maxime doctus, qui valde bibit“. So ſchwemmte der einſame Deutſche den Mißmut fort, der ihn überkommen wollte, wenn er ſo gar keinen Weg ſah, der ihn zur rechten Stelle hätte führen können. Ja, wenn er es hätte wagen dürfen, ſich dem Bramante oder gar dem Michel Agnolo Buonarroti anzuvertrauen! Saß er dann ſo allein und zechte, dann nahm er wohl ſein Schnitzmeſſer zur Hand und ſchnitt aus dem Ge⸗ dächtnis den Frundsperg, den Hutten oder wer ihm gerade einſiel. Eines Abends aber hatte es ihm der Kopf des Michel Agnolo Buonarroti angetan, mit dem vollen Bart und dem gewellten Haar über der klaren bleichen Stirn. Das Herz war ihm über dem Wein fröhlich geworden, und es wurde 282 ein gutes Stück Arbeit, ſo daß er ſeine Freude daran atte. Beſtellte alſo noch ein Krüglein, lehnte ſich zurück und träumte vor ſich hin. Da hoben die Weingeiſter an zu ſteigen und zu ſchweben, ſtrichen ihm lind um Stirn und Augen, bis er unmerklich entſchlief. Nun hörte man keinen Laut im Keller, als nur das Schnurren der Katze. Nach einer kleinen Weile ſtieg ein ſpäter Gaſt die aus⸗ getretene Treppe herunter. Er klopfte dem Wirt auf die Schulter:„Ei, Ihr ſeied es, Signor Buonarroti, habet Euch lang nimmer ſehen laſſen“, meinte der Wirt und rieb ſich die Augen. Dann humpelte er davon, dem Gaſt ein Krüglein zu füllen, ſetzte ſich wieder auf ſeinen ſtroh⸗ geflochtenen Stuhl und ſchlummerte ein. Ganz nahe beim Engel nahm der Meiſter Platz. War das nicht der Pfaff, der um Arbeit nachgefragt hatte? Er erkannte trotz der Kutte, wie mächtig der Mann gewachſen ſein mußte, und die freie Stirn über den ſtarken Brauen zog ihn an. Immer wieder mußte er ſich den Schlummernden anſchauen, wie er den Kopf in die Linke geſtützt daſaß und ſchlief. Schier ohne daß er es wollte fuhr ihm der Stift übers Papier; mit ſtarken, eigenwilligen Strichen umriß er den trotzigen Nacken des Deutſchen. In wenigen Minuten war er ferkig. Plötzlich bemerkte er den geſchnitzten Kopf, der vor dem Engel lag. Leiſe erhob er ſich und betrachtete ihn. Da mußte er laut auflachen. Den Kopf ſteckte er ein, ſeine Zeichnung legte er vor den Schlummernden, die Zeche ließ er neben ſeinem leeren Krüͤglein und ging. Und wieder tönte nur das Schnurren der Katze durch den Raum. 283 Als der Engel erwachte und das Blatt auf dem Tiſch vorfand, traute er ſeinen Augen nicht, und ob er ſie noch ſo ſehr rieb, er fand keine Erklärung. Immer wieder drehte er das Blatt in der Hand:„Potz Gäuch“, murmelte er vor ſich hin und hob das Blatt im Licht,„iſt der Engelbert Hil⸗ tensperger, wie er leibet und lebet und kein andrer nit!“ Er wiſchte ſich mit der Hand über Stirn und Geſicht, die Weingeiſter zu ſcheuchen:„Potz! Potz! Han doch kein Rauſch nit!“ Sein geſchnitzter Kopf ſiel ihm ein. Er ſuchte auf dem Tiſch, auf dem Boden, in ſeiner Taſche, und ſchüttelte den Kopf.— „Heh, Roſſino!“ Erſchrocken fuhr der auf:„Was befehlet Ihr, Herr?“ „Iſt jemand hier geweſen, derweil ich ſchlief?“ „Ei, Herr, wer ſoll denn da geweſen ſein?“ erwiderte der Dicke im halben Schlaf—„doch halt“, beſann er ſich, griff an die Stirn und ſchaute verblüfft nach dem Platz, wo der Meiſter geſeſſen. Sein Krüglein ſtand noch da, doch der Gaſt war verſchwunden.„Ei ja, der Meiſter Buonarroti war da, der Maler, den ſie den Michel Agnolo heißen.“ Und verſchlafen räumte er das Krüglein ab, ſteckte das Geld, das er auf dem Tiſche fand, in die Taſche, ſchlürfte zu ſeinem bequemen Seſſel, faltete die Hände über dem Bauch und ſchlummerte wieder ein. Und leiſe ſchnurrte die Katze im Raum. Da freute ſich der Engel. Der Ruf der Sirtiniſchen Deckengemälde war wie ein Sturmwind durch die Chriſtenheit geflogen und mit ihm der Mame des größten Meiſters aller Zeiten. Und nun hielt er ein Blatt von ſeiner Hand, für ihn vom Meiſter eigens gezeichnet. Und er lachte laut, denn er konnte es ſich zuſammen⸗ reimen, wie es zugegangen war. 284 Funkelnd flimmerte das Sternenmeer ũber ſeinen Häup⸗ ten, als er aus Roſſinos Keller ſtieg und fröhlich durch die ſtillen Gaſſen ſeinem Quartier zuſchritt. Anderntags ſtand der Engel wieder an ſeinem Mar⸗ morblock, und allerlei Gedanken zogen ihm durch den Kopf. Der Mann, der das größte Werk ſeiner Zeit geſchaffen, ſollte der nicht imſtande ſein, ihm Zutritt zum Heiligen Vater zu verſchaffen ꝰ Das wußte er wohl, daß des großen Mannes freundlicher Scherz noch lange kein Recht gab, ihm mit einer Bitte zu nahen, aber ein Fädlein war geſponnen, vielleicht gelang's, ein zweites damit zu verweben, ein drittes und viertes, bis ein Stricklein daraus wurde, an dem man herzhaft ziehen konnte.„Us Baſt macht man Haferſeil“, dachte er. Unweit vom Bauplatz zwiſchen der Kirche Santa Catharina und dem Korridor war des Michel Agnolo Baracke, in der er am Grabmal des großen Julius arbeitete. Ein feiner Regen rieſelte vom Himmel, und das mochte der Grund ſein, warum der Meiſter ausblieb und nicht, wie gewohnt, den Petersplatz überſchritt. Ofter als ſonſt hob der Engel den Blick von ſeiner Arbeit, wenn er ſich's auch nicht eingeſtehen wollte. Einmal— er wollte erſt ſeinen Augen nicht krauen: Kotz! War das nicht der Weiſchenfelder? Wahrhaftigen Gotts, und hinter ihm der Lederle! „Engel, rühr di! Dem Weiſchenfelder wurts ehnder gelingen, dann dir, zum Heiligen Vatter ze kummen!“ Aber auch der Lederle hatte den Engel erſpäht. Er riß Mund und Augen ſperrangelweit auf, ſo daß er mit hängenden Armen ſtehen blieb und nicht merkte, daß ſein Herr inzwiſchen weitergegangen war. Der Engel hatte ſich zwar ſchnell abgewandt, doch zu ſpät. Als er vor⸗ ſichtig wieder einen Blick hinüberwarf, ſah er, wie die beiden ihn beobachteten. 285 Unmutig behaute er ſeinen Stein und dachte:„Sell het nit müeſſen ſeind!“ Wie er dann wieder hinüberſah, waren die beiden ver⸗ ſchwunden. Argerlich ſchlug er weiter. Da legte ſich ihm eine Hand auf die Schulter, und wie er herumfuhr, ſtand der Michel Agnolo vor ihm und fuhr ſich mit der Hand durch den weichen Vollbart:„Was klopfet Ihr Steine zu Würfel und ſeied doch ein Meiſter in der Bildnerei?“ Im freudigen Schreck fiel dem Engel der Meißel zu Boden, und eine helle Röte fuhr ihm übers Geſicht. „Ihr nehmet mir hoffentlich den Scherz von neulich nicht übel. So Ihr mir gram ſeid, will ich Euch gern Euren Kopf wiedergeben, doch lieber wär mirs, ſo Ihr ihn mir ließet.“ „Herr, Eure Zeichnung iſt mir ſo wert, daß ich hundert Köpfe drum geben möcht!“ „Hab allweil gehöret“, fuhr der Meiſter fort,„die deutſche Kunſt ſei ein roh und ungeſchlacht Ding. Hab mit dem Johann Zink geſprochen, der die Münze leitet. Der hat mir eine Mutter Gottes gezeigt, ſo einer mit Namen Riemenſchneider geſchnitten. Bin gar lang davor geſtanden und nicht zur Ruh gekommen. Stehet etwas dahinter, was man ſuchen muß und nicht finden kann. Es iſt etwas Hintergründiges um dieſe Kunſt. Mag bei den Deutſchen ſelber ſo ſein.“ „Herr, wir ſind ein ſchlicht Volk, und ſo wir mit unſerm Herrgott reden, wird halt ein unbeholfen Stammeln draus.“ „Mag ſein, daß ihr drum die große Wahrheit redet.“ „Weiß nicht, Herr, doch mir will ſcheinen, daß der ganzen Menſchheit Stammeln in Euch zum brauſenden Lobgeſang geworden.“ Von drüben winkte der Bramante.„Wir reden noch 286 drüber“, meinte freundlich der Meiſter, grüßte und ging zu ſeinem großen Freunde. Da freute ſich der Engel, daß ſich das zweite Fädlein mit dem erſten verſponnen hatte. Und nun verging kein Tag, an dem der Meiſter nicht ein paar freundliche Worte an den Steinmetzen gerichtet hätte. Manchmal, wenn er Zeit hatte, ſetzte er ſich auf einen Stein in des Engels Nähe und plauderte ein längeres mit ihm. So erfuhr er auch den Zweck von des Engels Aufent⸗ halt in Rom. „Will ſehn, ob ich Euch helfen kann“, war alles, was er dazu ſagte. Eines Tages faßte ſich der Engel ein Herz und fragte ihn, ob er nicht ſein Werk in der Sixtina einmal ſehen duͤrfe. So ſtiegen ſie ſelbander hinunter in den Raum, der durch das größte Meiſterwerk der Menſchheit in alle Zeiten geweiht iſt. Da erlebte ſich der Meiſter ſelber noch einmal. Was der verfeinerte Kunſtgeſchmack überkultivierter Kar⸗ dinäle, die gnädige Anerkennung gekrönter Häupter, der Jubel der Kunſtwelt Italiens geben konnte, das hatte er zum lIbermaß genoſſen! Hier aber ſah er den Sturm in einer ſtarken Männer⸗ bruſt, ein Echo deſſen, was ihn ſelber durchbrauſt hatte. Eine Menſchenſeele ſah er, aufgerührt in ihren tiefſten Gründen. Da pflückte der Meiſter ſeinen ſchönſten Lohn. 1*** Als die Glocken von Rom zum Abend erklangen, wan⸗ derten ſie gemeinſam dem Tarpeſiſchen Felſen zu. Dort wohnte Johann Coritius, der weißhaarige Greis, in 287 deſſen Garten ſich die römiſchen Dichter und Künſtler zu treffen pflegten. Vor vierzig Jahren war er nach Rom ge⸗ kommen, dem herrlichen, ſündigen, großen, ſchlechten, teuf⸗ liſchen, göttlichen Rom, und war nimmer von ihm los⸗ gekommen. Nun war ſein Haar weiß wie der Schnee ſeiner alten Heimat, und öfter denn früher klopfte die Erinnerung bei ihm an. Da war es ihm, als trüge ihm der große, blonde Deutſche einen kräftigen Hauch aus der Heimat zu, und mit beiden Händen umſpannte er des Engels Nechte, ſah zu ihm empor und lächelte:„Ei, mein teutſcher Bruder, ſo ich Euch anſchau, iſt mir, als ſtünd der Feldberg in meim Rucken und wehet ein Ruch wie von Schwarzwald⸗ tannen zu mir.“ Sie ſaßen beim Falerner unterm römiſchen Himmel, beim Rauſchen des Brunnens und beim betäubenden Dufte der Blumen. Leiſe und mählich ſank die Dämmerung, und die großen Abendfalter huſchten über den Beeten. Zikaden ſangen, und die Fröſche riefen. Ein leichter Schritt über die Gartenwege, und des Meiſters Freundin ſetzte ſich faſt unmerklich neben ihn. Sie ſprachen wenig. Langſam erfunkelten die erſten Sterne, und ſamten ſank die Nacht. Und ſie begann den ewigen Zauber zu weben. Oh, wer euch kennt, ihr Mächte Italiens, wie ihr die Seele umſchmeichelt mit eurem ſüßen Gift, daß ſie die Sehnſucht nach euch nimmer los wird. Ihr Sterne, ihr Brunnen und Palmen, die einen Cäſar betört. Und der Zauber wob und wob ſeine ſüßen Fäden um die Seelen, die ihm wehrlos verfallen. Dem Engel war's, als müßte er ſich bäumen gegen die ſüße Verführung, und ſog ſie doch mit allen Poren in ſich hinein. Und der alte Johann Coritius ließ ſeine klaren grauen 288 Augen auf ihm ruhen und nickte und lächelte. Auch er hatte ſich einſt gewehrt gegen den ewigen Zauber, dann immer weniger, immer weniger, bis er ihm ganz verfallen war und nimmer loskam. So war er geblieben und ſuchte nur immer wieder den verlorenen Weg nach ſeiner alten Heimat, aber gefunden hatte er ihn nie wieder. Leiſe lächelte der alte Mann und ſtrich ſich mit der Hand über den ſilbernen Scheitel:„Vierzig Jahr! Vierzig Jahr!“ Tief atmete der Engel, ſchier wie ein ſchwerer Seufzer klang's. Da legte ihm der Greis leiſe die Hand auf den Arm: „Es gibt kein Lenzſturm nit in italiſchen Landen, und die ſtürmenden Wetter hent kein Beſtand nit vor der Himmelsbläu!“ Und wieder tat der Engel einen tiefen Atemzug, wie einer, der aus ſchwerem Traum erwacht:„Hab' heutigen Morgens ein Lenzſturm erlebet, ſchier nicht zu tragen.“ Der Meiſter lächelte ihm zu:„Was der Menſch nicht hat, wird ſeine große Sehnſucht, und aus der großen Sehn⸗ ſucht wird ſein Werk in Schmerzen geboren. Drum ſchreiet hernach die große Sehnſucht aus ſeinem Werk. Mein Sixtiniſch Werk iſt mein Lenzſturm geweſen! Nun wehen die Lüftlein linder.“ Der Engel ſah, wie der Meiſter ſeinen Arm feſter um die Schultern des Mädchens legte. Sie hob das ſüße Ge⸗ ſicht, vom ſteigenden Mond beſchienen, zu ihm empor. Da wußte der Engel, daß er das Antlitz am Morgen als Rahel in der Sixtina geſehen hatte. Das Mödchen küßte leiſe die Hand, die ſie unſterblich gemacht. Und die Nacht wob, und ihre Düfte wogten und wiegten das trunkene Herz. Nur tropfenweiſe ſielen die Worte, aber ein jedes erfühlte des andern Gedanken. Schmückle 19 289 „Der Teufel und der Herrgott wohnen nah beiſammen in Rom.“ „Drum mag uns wohl mehr vergeben werden als den Deutſchen“, ſprach lächelnd der Meiſter. „Saget, Herr, Ihr habet dem Papſt Julius in Treuen gedient, die Welt nennet ihn einen Teufel, Ihr aber habt ihn lieb gehabt und ſtellet ihn höher denn alle Menſchen?“ „Hab' zuvörderſt der Kunſt gedient und nicht dem Julius. Aber ich hab' den Julius geſehen, wie er auf der Sturmleiter die Mauer von Mirandola erſtiegen, als erſter, das blanke Schwert in der Hand. Da war der Teufel herrlich und groß, da ſielen wir vor dem Teufel auf die Knie, denn er war—“ „Er war““ „Der, ſo uns von Gokt erwählt ſchien, die Fremden vom heiligen Boden Italiens zu vertreiben. Wer das Land freiet von den fremden Nationen, iſt dem Italer ein Gott, und ob er tauſendmal der Welt als ein Teufel erſchiene!“ „Und wer die Teutſchen freiet von Rom“ „Vor dem mögen die Teutſchen ſich in Ehrfurcht und Liebe neigen.“ „Mag ein weiter Weg ſein bis dahin, ſolang die Italer dem Teutſchen Kaiſer jublen und die Teutſchen dem Papſt den Pantoffel küſſen.“ „Und die einen denken nicht, daß der Kaiſer ihres Landes Feind, und die andern wiſſen nicht, daß der Papſt ein heimlichen Fluch dazu ſaget, ſo er die Teutſchen ſegnet!“ Coritius lächelte:„Saget Euch mein Falerner ſo wenig zu, daß Ihr von der Welt Händel nicht loskommt?“. Der Meiſter hob das Glas:„Auf den Gipfeln iſt kein lang Verweilen. Unerfüllt Hoffen iſt eines Volkes ſtärkſte Kraft. Aber Ihr habet recht, Freund Coritius! Sing uns ein Lied, Marietta!“ Und die Marietta ſang. Eine fremde Männerſtimme 290 von einem nahen Dache antwortete zur Gitarre. Sin⸗ gend und lauſchend gab das Mädchen mit ihrer hellen Stimme dem Fremden Hall und Widerhall. Die Männer ſahen zu den Sternen empor, und ſtärker wogte der Zauber, und betäubender dufteten die Blumen. Da kam ein ſchneller und leichter Männerſchritt den Gartenweg herauf, und aus dem Dunkel tauchte, ſehnig und ſchlank im leuchtend roten Gewand, Petrucci, der Kardinal aus Siena. Coritius ſtreckte ihm lächelnd die Hand entgegen:„Will⸗ kommen, ſchönſter der Kardinäle! Ihr ſeied ein ſeltener Gaſt beim alten Coritius geworden! Hat Euch die ſchöne Julia Urlaub gegeben?“ Der Engel war reſpektvoll aufgeſtanden. „Setzet Euch, Freund, der Kardinal möchts Euch ver⸗ übeln, wenn Ihr Euch ſeinetwegen einen Zwang auflegen wolltet.“ Freundlich und biegſam verneigte ſich der Kardinal und ſetzte ſich zur Linken Mariettas:„Ihr irret Euch nicht, Freund Coritius, die ſchöne Julia hat zum Morgen ge⸗ beichtet und legt Wert darauf, bis Mitternacht ſünden⸗ frei zu bleiben.“ „Ihr erlaubet, Buonarroti“, der Kirchenfürſt drückte der Marietta einen Kuß auf die weiße Schulter. Das Mädchen lachte:„Ausnahmsweiſe, da Ihr Faſttag habt, Herr.“ Der Engel betrachtete ſich den Kardinal. Ein feingeſchnittenes, ſcharfes Profil, hohe Stirn, großes dunkles, brennendes Auge, das ſeltſam aus dem bleichen Geſicht herausleuchtete. Wunderſam ſtand ſein rotes Gewand auf dem Dunkel⸗ gruͤn der Zypreſſe. Er plauderte klug und weltgewandt, ein geiſtiger Pol einer hochgeiſtigen Zeit. Da gedachte der Engel der fluchenden und trinkenden Herren, die er von Deutſchland her kannte. 291 eeeeeeeee, 3„CCCͤ ĩ; Seltſam! Was ihm in Deutſchland ſchweres Geſetz und tiefe Gewiſſensnot war, hier zu Rom, im Herzen der Chriſtenheit, wurde es zum gefälligen, weltmänniſchen Spiel. Der Kardinal ſprach mit dem Meiſter von ſeiner Kunſt, als ein ebenbürtiger Kenner. Wo der Engel mit ſeinem Herzblut rang, da ſchwang ſich der junge Kardinal mühelos und ſelbſtverſtändlich auf die höchſten Höhen. Mit ſel⸗ tenem Geſchmack ſtritt er mit dem großen Meiſter. Und doch war's kein Streiten, ſondern ein unendlich anmutiges Fechten mit dünner, biegſamer Klinge. Er mochte es fühlen, wie es in einem ungelenken Deut⸗ ſchen ausſah. Mit dem vollendeten Takte des Weltmannes half er ihm darüber hinweg, indem er ihm hin und wieder ein Wort zuwarf, das Gelegenheit gab, ein kluges und gewichtiges Wort zurückzugeben Es war die ſchöne Art, bei der ſich der Menſch nur als Teil einer geſchmackvollen Geſelligkeit fühlt und nicht um der eigenen Perſon willen das Wort führt. Dem Engel ſiel ein, daß er am Morgen einen deutſchen Edelmann hatte zum Vatikan gehen ſehen, der den rechten Strumpf bis zum Knöchel hängen ließ, um ſeine Verach⸗ tung feiner Sitten zu zeigen. Da wollte er ſich faſt ſchämen. „Ich hab Euch beim Singen unterbrochen, Marietta“, ſprach der Kardinal. Und die Marietta ſang wieder, und der Kardinal be⸗ gleitete ſie mit ſeiner weichen Stimme. „Kotz“, dachte der Engel,„möcht einmalen den Raiten⸗ auer ſingende hören!“ Lange noch ſaßen ſie und ſogen mit allen Poren die Schönheit der Nacht. Die Nachtfalter flogen um ihre Häupter und verſchwirrten im Dunkel. Da kam ein kühler Hauch vom Palatin her. 292 „Es wird Zeit zum Gehen“, meinte leiſe fröſtelnd der Meiſter,„daß nicht die Fieber uns anfallen.“ Sie erhoben ſich und ſchritten langſam durch den Garten. Der Meiſter mit ſeinem Mädchen, dahinter der Sproß des italiſchen Fürſtengeſchlechtes mit dem Bauernſohn aus Oberſchwaben und dem greiſen Coritius, der ihnen das Geleite zum Gartentor gab, wo er ſich freundlich von ihnen verabſchiedete. „Nehmet hier die Roſe aus meinem Garten, Kardinal, und bringet ſie der ſchönen Julia dafür, daß ich ihr den Freund auf einen langen Abend entzogen!“ So gingen ſie durch die Straßen Roms, der Kardinal im ernſten Geſpräch mit dem Deutſchen. Michel Agnolo mit ſeinem Mädchen war ſchon weit voraus. Plötzlich bemerkte der Engel zwei Geſtalten, die ſich in eine Mauerniſche drückten. Er maß der Sache keine weitere Bedeutung bei, aber er drehte ſich doch um. Da ſah er, wie die beiden auf leiſen Sohlen zuſprangen, ſah eine erhobene Hand mit gezücktem Meſſer, packte ſie beim Gelenk und traf mit geballter Fauſt den andern mitten auf die Stirn, daß er zu Boden taumelte. Blitzſchnell hatte der Kardinal einen verborgenen Degen gezogen und die Spitze dem am Boden auf die Bruſt ge⸗ ſetzt.„Dank Euch“, lächelte er,„hab' der Sache heut ſo⸗ wieſo nicht getraut und ein Kettenhemd angezogen. Doch wider einen Stich in den Hals nützt das beſte Kettenhemd nichts! Wer hat euch bezahlet?“ herrſchte er den Bravo an. Keine Antwort. „Wie ihr wollt“, meinte er gleichmütig und pfiff auf einem ſilbernen Pfeiflein nach der Scharwache. Das Handgelenk des andern hielt der Engel wie in einem Schraubſtock. 293 Der Kardinal riß ein Stücklein Papier in zwei Teile: „Nennet ihr den Namen, ſo laß ich euch das Los ziehen. Der das längere Stück ziehet, mag frei ausgehen, der andere wird gehängt. Nennet ihr den Namen nicht, ſo ſeied ihr beide des Todes.“ Von fern hörte man die Scharwache laufen. Er pfiff zum zweitenmal. Immer näher klangen die Schritte. „Der Kardinal Manghetti!“ ſtießen beide faſt gleichzeitig heraus. Da ſtreckte er ihnen die Zettel hin. Zitternd griffen ſie zu. Der am Boden lag, hatte das längere Stück gezogen. Der Kardinal nahm ihm die Degenſpitze von der Bruſt; der Bravo ſprang auf und war mit einigen Sätzen im Dunkel verſchwunden. Der andere wurde abgeführt. „Ihr wundert Euch“, lachte der Kardinal,„über die ſeltſame Art, in der zu Rom die Kirchenfürſten miteinander verkehren? Das ſind die gefährlichſten noch lange nicht, die einen Bravo mieten!“ Der Engel ſchüttelte den Kopf:„Itz verſteh ich ein Poema, das ein Freund von mir gemacht, darin er die Stadt Rom eine Stadt genannt hat, wo der Mord keine Sünde ſei.“ „Ei, ſo ſind zwei Deutſche geſcheit geworden, die andern werdens vermutlich nie werden“, lachte der Kardinal. Mit ſchnellen Schritten holten ſie die andern ein. Der Kardinal erwähnte mit keinem Wort den Vorfall, nur als er dem Engel zum Abſchied die Hand gab, ſagte er:„So ich Euch in irgend etwas dienlich ſein kann, ſo kommek morgen in der Früh um die zehnte Stunde zum Kardinal Petrucci, der bleibet nur ungern einen Dank ſchuldig.“ * * Ein Diener führte den Engel in ein großes Gemach, deſſen Wände dunkelblau beſpannt und mit koſtbaren Tapezereien behangen waren. Mit ſchwarzen Kiſſen belegte geſchnitzte, mächtige Lehnſtühle in ſchwarzer Farbe ſtanden an den vier Ecken. An jeder Wand ſtand, mit dem unteren Rand der Tapezerei abſchließend, eine ſchöne Truhe mit Schnitz⸗ werk und Einlegearbeit. Der Boden war mit einem herr⸗ lichen Teppich aus dem Morgenland bedeckt.— Die Decke war aus Zedernholz von ſchönſter Maſerung, mit ein⸗ gelegten Ornamenten. Ein dunkelblauer Vorhang deckte die Türe zum Nebenſaal. Der Engel wartete. Draußen auf den Gängen hörte man den leiſen Tritt der Dienerſchaft, bis auf einmal das helle Lachen einer über⸗ mütigen Frauenſtimme erklang und das Jauchzen zweier Kinder, die den Gang herunterſtürmten. Hinter ihnen hörte man die wohllautende Stimme des jungen Kardinals. Der dunkelblaue Vorhang bewegte ſich, und Petrucci im ſcharlachenen Kardinalsgewand neigte mit königlichem An⸗ ſtand ſein Haupt vor dem Beſucher. Biegſam war ſeine Geſtalt wie der Degen, den er zu tragen pflegte, und ſtählern federte ſein Gang, als er auf den Engel zuſchritt und ihm die Hand zum Gruße reichte. Hinter ihm huſchten Diener herein und ſchoben eilends zwei von den mächtigen Stühlen in die Mitte des Saales. Der Kardinal ſetzte ſich und lud den Engel ein, Platz zu nehmen. Im Garten des Coritius hatte dieſer ſeine Sicherheit keinen Augenblick verloren, doch hier in der ungewohnten Umgebung wollte ihn eine leiſe Befangenheit ankommen. Der Kardinal half ihm mit ein paar freundlichen Worten darüber hinweg. „Redet, Freund, man ſoll dem Kardinal Petrucci nicht 295 nachſagen, daß ihm einer unbelohnet einen tödlichen Stich abgewendet! Doch, wartet ein Weilchen.“ Seine Hand griff nach dem ſilbernen Glöcklein, das an der Seite ſeines Seſſels hing:„Donna Anna und Don Francesco brennen darauf, dem Retter ihres Vaters zu danken.“ Ein Wink dem eintretenden Diener, und nach einer kleinen Weile trat eine herrliche, königliche Frau mit zwei Kindern im Alter von ſieben und neun Jahren ein. Der Engel erhob ſich ehrerbietig. Frei und unbefangen, mit vollendeter Anmut küßten die Kinder dem großen fremden Mann die Hand. Mit dem bezaubernden Lächeln der Frauen ihrer Zeit dankte die ſchöne Julia. Der Kardinal ſtrich den Kindern, die ſich rechts und links von ſeinem Stuhle aufſtellten, zärtlich über die dunklen Locken. Der Junge bebte vor Leben und Raſſe, und ſeine blitzenden Augen waren die ſeines Vaters. Da dachte der Engel an das Regele und ſein Kind, und eine große Beruhigung kam über ihn. Wider ein Gebot der Kirche, nicht wider ein Gebot Gottes hatte er gefehlt. Und die Kirche? Waren nicht die Kardinäle ihr Gewiſſen? „Regula, Regula, warumb hant wir uns ſo mannigmal on Nutz gegrämet?“ Der Kardinal ſtrahlte vor Stolz:„Schauet, iſt er nicht mein Ebenbild?“ Die ſchöne Frau nahm ein Amulett von ihrem adeligen Nacken, eine elfenbeinerne Venus, ſchaumentſteigend, und reichte es dem Engel:„Ihr habet meinem Kardinal das Leben gerettet, wie ſoll ich's Euch danken? So in Eurem Lande eine Frau Euer in Liebe gedenket, ſo bringet Ihr dies als meinen Gruß.“ Als die Freundin des Kardinals mit ihren Kindern ge⸗ gangen war, hörte man dieſe noch die Treppe hinunter⸗ ſtürmen, begleitet von den mahnenden Rufen ihrer Mutter. 296 Nun rückte der Engel heraus, und der Kardinal hörte ihm zu, das Kinn in die ſchmale Rechte mit den feingeglie⸗ derten Fingern geſtützt. Ihm mochte das Leben in Deutſch⸗ land fremder ſein als das der fernſten Länder. Der Engel ſprach von den unveräußerlichen Rechten ſeiner Bauern, von ihrer Not und wie alles gekommen war. Der Kardinal, dem täglich nur die Stimme diploma⸗ tiſcher Verſtellung im Ohre klang, lauſchte offenen Herzens. Denn ſchneller und glühender floſſen dem Engel die Worte vom Munde, und als er vom Meineid des Abtes ſprach, da brach's aus ihm mit verhaltener Wucht heraus, und in ſeinem ſteigenden Zorne wuchs er vor den Augen des Kirchenfürſten. Meineid des Abtes? Ein Lächeln umſpielte die feinen Lippen des Kardinals. O dieſe Deutſchen! Dieſe großen Kinder mit ihrem nicht umzubringenden Glauben an——— als ob nicht die Welt einen Alexander VI. aus dem Hauſe der Borgia er⸗ lebt hätte. Und noch einmal flog ein Lächeln über ſeine Lippen, als der Engel von ſeiner Gewiſſensnot und ſeinem Weibe ſprach. Deutſcher Bauern Not und eines deutſchen Pfaffen Gewiſſen waren Dinge, die der Römer nicht verſtand, doch erinnerte er ſich, daß ihm der Vorſtand der päpſtlichen Kanzlei davon geſprochen hatte, die Ausarbeitung einer Bulle, worin dem Verlangen eines deutſchen Abtes ent⸗ ſprochen werden ſolle, der mit ſeinen Untertanen in Spänen liege, langweile ihn beſonders. Dem Engel wollte das Herz ſchwer werden, als er es hörte. Doch der Kardinal lächelte:„Grämet Euch nicht, es gibt nichts Unabänderliches zu Rom.“ „So wär es noch nicht zu ſpät?“ „Schlimmer ſtünde das Ding, ſo Ihr zu früh gekommen wäret, das heißt, wenn der Säckelmeiſter des Heiligen 297 Vaters die Goldgulden Eures Abtes noch nicht eingeheimſt hätte. Der Befehl, die Bulle auszufertigen, wäre ſicherlich nicht erteilt worden, wenn nicht das Geld in der Truhe ge⸗ klappert hätte.“ „Ohne Geld keine Bulle?“ Dem Engel wollte ſeine Sache wieder ganz hoffnungslos erſcheinen, doch der Kardinal meinte lächelnd:„Überlaſſet es mir! Der Heilige Vater brauchet ſeine Kardinäle in allerlei Dingen, und ſeine Rechte weiß nicht immer, was ſeine Linke tut. Ich will Euch zu wiſſen tun, wann ich Euch etwas zu ſagen habe.“ Der Kardinal hatte ſich erhoben und gab dem Engel die feine Hand. Unter dem blauſchwarzen Vorhang drehte er ſich noch einmal um und meinte hinterſinnig lächelnd:„Die Deutſchen müßten mit Fug und Recht des Heiligen Vaters liebſte Kinder ſein.“ *** Am folgenden Tag erhielt der von Weiſchenfeld ein Schreiben aus der päpſtlichen Kanzlei, der Papſt habe ſeinen Fall einer nochmaligen Prüfung unterzogen. Einige kleine Bedenken, die leicht zu zerſtreuen ſeien, hätten ihn veranlaßt, den Kardinal Petrucci mit der weiteren Be⸗ handlung zu betrauen. Zur ſelben Stunde erhielt der Engel eine Botſchaft, er möge ſich anderntags um elf Uhr beim Kardinal einfinden. Als er den Palaſt betrat, ſah er zur Seite eine Geſtalt ſtehen, deren er anfangs nicht achtete, aber auf einmal er⸗ kannte er den Lederle. Der wußte vor Schreck nicht, wohin ſchauen, und hatte Mund und Augen aufgeriſſen. Der Engel mußte lachen. In Rom mochte ihm der Lederle harmlos vorkommen. Er ſchritt die Treppe hinauf. 298 Diesmal wurde er in einen anderen Raum geführt, der durch einen mächtigen Vorhang in zwei Teile geteilt war. Es war die Zeit, in der man ſolche Vorhänge als unheim⸗ liche Verſtecke für Lauſcher und Meuchelmörder wohl kannte und fürchtete. Als der Diener ſich entfernte, legte er den Finger auf die Lippen. Eine Weile rührte ſich nichts, dann hörte man, wie jemand in den Nebenraum geführt wurde. Und wiederum wurde es ſtill. Ein Vorhang rauſchte. Der Kardinal begrußte einen Beſucher. Seine wohllautende Stimme ſtach ſeltſam ab von der knarrenden, rauhen ſeines Beſuchers. „Kotz Blut, iſt das nit der Weiſchenfelder?“ Mit mangelhaftem Latein bedankte ſich dieſer für das Entgegenkommen, das er allenthalben gefunden habe, und das ihm, wie er überzeugt ſei, auch der Kardinal erweiſen werde. Und der Kardinal bat den Sprecher, dem Herrn Abte zu Kempten ſeine ſubmiſſeſte Hochachtung zu übermitteln. Er würde troſtlos ſein, wenn unvorhergeſehene Umſtände es mit ſich brächten, daß er dem fuͤrſtlichen Herrn vielleicht nicht in dem Maße dienlich ſein könne, wie er es gern möchte und wie dieſer es verdiene und erwarte. An der Pauſe, die nun eintrat, merkte der Engel die Verblüffung des Weiſchenfelders, der ſchon die Katze im Sack glaubte. „Weiß nicht, ob ich recht berichtet, man ſagte mir, der Heilige Vater hett meines gnädigen Herren ſubmiſſeſte Bitte in Gnaden genehmigt.“ „Ihr würdet mich zu großem Dank verpflichten, ſo Ihr mir mitteilen wolltet, auf welchem Wege Euch die Kunde aus der Kanzlei Seiner Heiligkeit geworden?“ Der andere ſtotterte etwas von Gerüchten und Hören⸗ ſagen. 299 Da ſiel der Kardinal mit ſeiner klaren und kühlen Stimme ein:„Der Heilige Vater hat die Dinge, die Ihr vorgebracht, mit Fleiß und größtem Wohlwollen geprüft, davon ausgehend, daß Subordinatio die Grundlage aller Ordnung in der Welt iſt. Alſo hat er mit großem Be⸗ dauern Kenntnis genommen von der Betrübnis Eures Herren und von der großen Unbotmäßigkeit ſeiner Unter⸗ tanen, aber—“ „Aber?“ „Es iſt ein neu Faktum zugetreten. Iſt ein Geſandter von Eures Herrn Untertanen gekommen mit der Bitte, der Heilig Vater möcht ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Nun zweifelt der Heilige Vater nicht daran, daß Ihr das törichte Vorbringen ſchnell und leicht ad absurdum führen werdet.“ Da legte der Weiſchenfelder los, polternd und auf⸗ geregt, redete von dummen Bauern, von ungewaſchenen Schweinen. Man ſpürte ordentlich, wie der Kardinal abwehrend die Hände hob:„Gewiß, gewiß, es wird nur eine Frage der Zeit ſein, denn es iſt ja undenkbar, daß—“ „Nun ſitz ich ſchon der Wochen vier zu Rom, mein gnädiger Herr zu Kempten—“ „Beruhiget Euch! Der Heilige Vater iſt untröſtlich, doch es iſt nur eine Formſache. Iſt doch Seine Heiligkeit geſetzt als Hirte über die ganze Chriſtenheit, arm und reich, und es möcht übel ausgeleget werden, ſo nur der eine Teil ge⸗ höret würde!“ Und wieder erregte ſich der Weiſchenfelder, derweil der Italer immer kühler wurde. „Will anordnen, daß die Urkunden und Belege, auf die ſich die Gegenpartei ſtützet, ſchnellſtens geprüft werden, dazu bedarf ich— ich ſcheue mich beinahe, das verbreche⸗ riſche Vorbringen zu erwähnen,— doch iſt mit dem beſten Willen nicht darum herumzukommen— es iſt die Rede von 300 einer Urkunde des Kaiſers Karl, die— nehmets mir nicht für ungut, wenn ich die lächerliche Behauptung hier wiederhole— von Eurem gnädigen Herren falſch be⸗ ſchworen ſein ſoll.“ Dem Weiſchenfelder verſchlug's die Stimme. „Die Urkunde müſſet Ihr mir beſchaffen.“ „Unmöglich— die weite Reiſe— beleidigendes Miß⸗ trauen.“ Der Konventsherr ſtotterte. „Seine Heiligkeit“, fuhr der Kardinal fort, und es zitterte wie leiſer Spott in ſeiner Stimme,„iſt aufs tiefſte betrübt über den Mangel an Ehrfurcht, den die Unter⸗ tanen Eures Herren ihm zu bieten wagen. Er legt großen Wert darauf, dieſe Menſchen durch den Nachweis der Echtheit der Urkunde von ihrem Unrecht zu überzeugen und ſie mit ſchweren Kirchenſtrafen zu belegen dafür, daß ſie auch nur daran gedacht, ein Kirchenfürſt vermöchte einen falſchen Eid zu leiſten.“ Der Weiſchenfelder ſchwieg. Man ſpürte es ordentlich, auch hinter dem Vorhang, wie es in ihm kochte. „Alſo bringet mir die Urkunden, denn man hat zu Rom Abung in ſolchen Dingen, ein Blick unſerer Sekretari und die Echtheit oder, was ja undenkbar— die Unechtheit wäre feſtgeſtellt.“ Mit allen Mitteln ſuchte der Weiſchenfelder den Kar⸗ dinal von ſeinem Standpunkt abzubringen. Mit weltmänniſcher Gelaſſenheit glitt der über alle Einwände hinweg. Dann merkte man, daß ſich die Unterhaltung ihrem Ende näherte. Die Herren verabſchiedeten ſich. Da rief der Kardinal auf einmal den Weiſchenfelder zurück:„Ei der Tauſend! hätts beinah vergeſſen. Wie mir Seine Heiligkeit mitgeteilt, hat ſich Euer gnädiger Herr in ſchwerer Gewiſſensnot an ihn gewendet. Weiß nicht, um 301¹ was es ſich handelt, bei den Deutſchen macht man ſich ja oftmals aus mancherlei ein Gewiſſen.— So hat nun der Heilige Vater befohlen, daß am morgigen Tag ein Bote nach Ottobeuren reiten ſolle mit der Weiſung, der Abt zu Ottobeuren möchte im Namen des Heiligen Vaters Eurem Herrn die Beichte abnehmen. Ihr koͤnnet Euren Voten mitreiten laſſen, die Urkunde zu holen— Dat veniam corvis, vexat censura columbas!“ ſchloß er leiſe und unhörbar. Der Weiſschenfelder ging. Der Kardial ſchob den Vorhang zurück und begrüͤßte den Engel.„Ich glaube, ich kann es mir erſparen. Euch die Sachlage weiter zu erklären, aber eins läßt ſich nicht ver⸗ meiden: Ihr müſſet noch längere Zeit zu Rom verbringen, denn über die Formalia kommit auch kein Papſt und kein Kardinal hinweg.“ Freundlich verabſchiedete ihn der Kardinal und ſaglke zum Schluß noch:„Hütet Euch, nehmet allzeit eine Waffe mit, ſo Ihr des Nachts heimwärts wandelt. Gehet nie den Häuſern entlang, ſondern immer in der Mitte der Straße, und was Euer Eſſen betrifft, ſo nehmets jeden Tag in einer andern Herberge.“ *** Als der Engel am nächſten Morgen ſeinen Marmorblock behaute, ſah er zwei Reiter über den Platz von Saukt Peter kraben, die anſcheinend für eine lauge Neiſe gerüſtet waren. „Blau, wenn das nit der Lederle iſt, ſo gen Kempten fahret, Weiſung einzeholen vom Raitenauer, ſo will ich mich mit Kolben laſſen lauſen!“ Wie der Froſch nach dem Storch, ſchielte der Lederle nach dem Engel und trieb ſein Rößlein an, damit er ihm aus dem Geſicht komme. „Fahr wohl, Hallodri!“ Nun kamen die langen Wochen des Wartens, in denen der Engel nichts von der Sache hörte, es ſei denn, daß der Sekretarius des Kardinals ab und zu auf der Arbeits⸗ ſtätte erſchien, dem Engel einen Einwand einzublaſen und zu Protokoll zu nehmen. Alle Geſetze konnte man zu Rom umgehen, nur das Geſetz der Form nicht. Die Akten waren immer in Ordnung in Rom! Es waren keine unnützen Wochen! Rom, das kauſend⸗ fältige Rom zog in aber tauſend Bildern an dem Engel vorüber. Das bunte Leben vor Sankt Peter nahm ſeinen Fortgang. Die ungezählten Fäden, die aus den ränkereichen italiſchen Städten und Herrſchaften nach Rom führten, verknoteten ſich hier mit den Schlingen der franzöſiſchen, deutſchen, ſpaniſchen Politik. Hier war der Herenkeſſel, wo aus franzöſiſchen Sonnenkronen, deutſchen Gulden, ſpaniſcher, venediſcher, Florentiner und anderer Münze ein halbes Dutzend einander widerſtrebender Allianzen zuſammen⸗ gebraut wurde. Spaniſche Edelleute mik Strumpfhoſen, gepuffken Armeln, franzöſiſche in kurzen, reich beſtickten Mänteln, deutſche in bewußt läſſigem Aufzug, Geiſtliche aller Grade aus aller Herren Ländern, Kaufherren aus dem Orient und dem Abendland kamen und gingen. Dazwiſchen Kurtiſanen in Männer⸗ und Frauenkleidung, mit Federhüten und Baretten von der kleinen Emilia Roſſi, die mit Gefolgsleuten oder niederen Geiſtlichen vorbeizog, bis zur königlichen Imperia aus Ferrara, in deren Palaſt nur Kardinäle, Fürſten, Dichter und die gewaltigen Künſt⸗ ler der Renaiſſance verkehrten. Die, mit der der Weiſchenfelder dann und wann vorbei⸗ ſtrich, war wahrlich keine Imperia! Mit Falken und Hunden, als Weltmann gekleidet, zog der oberſte Prieſter der Chriſtenheit vorbei, um bei Palo 30³3 Sauen und Hirſche zu jagen. Hinter ihm ein Schwanz von weltlich gekleideten Kardinälen, von Fürſten, Baronen, Poeten und Künſtlern. Kehrten ſie dann von der Jagd zurück, ſo wurden prächtige Gaſtmahle gehalten mit Papageienzungen und Fiſchen aus Byzanz, und der ganze Vatikan ſchallte wider von muſika⸗ liſchen Inſtrumenten. Seltſames Rom! In deinen Straßen der Dolch, in deinen Paläſten das Gift, aller Sünden Laſter⸗ und Brutſtätte, alles menſchlichen Geiſtes herrlichſte Werkſtatt! Rom Alerxanders VI.! Rom Michelangelos, Bramantes, Rafaels! Rom, tödliche Lichtſtadt, der die Deutſchen zufliegen wie die Motten dem Licht, um elend die Flügel zu verbrennen, derweil die andern fröhlich darüber hintanzen. Weichet, ihr Deutſchen, ihr ertraget die Fieber der ewigen Stadt nicht, aus deren Sümpfen der Menſchheit herrlichſte Werke erſtehen! Aber nicht nur das Rom Alexanders VI. zog am Engel vorüber. Agnolos und Bramantes Rom ſtand vor ihm, in der Ewigkeit verankert! Wie ein böſer Traum verrauſchte das erſtere, das andere blieb ihm bis in ſeine Todesſtunde, denn einmal war er be⸗ gnadet, den Fittich der Ewigkeit zu ſpüren. Das war ſo: Eines Tages ließ der Bramante ihn rufen. Der Bote hatte ihn nicht gleich gefunden, und der Engel eilte, den Meiſter zu ſuchen. Der ſtand mit dem Michel Agnolo in der Mitte der Kirche, im Schnittpunkt des griechiſchen Kreuzes. Beide ſtanden über ein großes Pergament gebeugt. Sie achteten des ehrerbietig zur Seite Stehenden nicht und ſchienen in tiefer Bewegung, ſo daß der Engel ſich nicht zu rühren wagte. 30⁴ Dem Bramante brannte die Stirne, die Augen leuchteten, und ſeine Stimme hatte einen ſeltſamen Klang. Mit der Linken fuhr er über den Plan einer gewaltigen Kuppel, und die Rechte ſchrieb ihn hoch über ſich in den Raum. Der große Meiſter war in dieſen Augenblicken nicht von dieſer Welt. Aber nicht nur er, auch der Michel Agnolo war in heftiger Erregung, es war, als ob der Genius der beiden Gewaltigen unſichtbar in einer Flamme zuſammen⸗ brenne. „Buonarroti, das Werk gehet über Menſchenkraft, und ich ſpür, daß etwas in mir zerbrochen. Dennoch, ich hab's erdacht! Uber ein Jährlein, und der Bramante iſt nicht mehr. Nur einer iſt, der die Kraft hat, nur einer, in dem des Gottes Feuer brennt! Ihr!“ Der andere legte ihm die Hand auf die Schulter: „Redet nicht alſo! Der Rauſch des Schöpfers iſt die ſtärkſte Kraft, ſtärker denn Krankheit und Tod! Einer, der ein ſolches Werk erdacht, kann nicht ſterben, ehe er's ge⸗ ſtaltet! Auf, Bramante, raffet Euch! Krönet Euer Werk!“ Da ſetzte ſich der Bramante auf einen Steinblock, lehnte das Haupt an ein Gerüſt und blickte in weite, unſichtbare Fernen:„Geſchlechter werden kommen und vergehn, eh mein Dom vollendet, und meine Kuppel wird über der Chriſtenheit ſchweben, als Bramantes kühnſter, herrlichſter Gedanke, und Ihr, Agnolo, werdet ſie vollenden, und Ihr werdet nicht dulden, daß die kleinen Päpſte Bramantes Werk verbilden und verkleinern.“ Dann beugte er ſich vor:„Buonarroki, mit dem großen Julius iſt die alte Kirche geſtorben, und an meinem neuen Dom wird ſie vollends zerſchellen. Er aber wird bleiben und ein Wahrzeichen ſein des Kommenden! Darum hab' ich Schmückle 2⁰0 30⁵ die alten Säulen zerſchlagen! Ich weiß, Ihr habt mir ſchwer darob gezürnt. Bramante wird gehen, und Ihr, Agnolo, werdet noch lange im Lichte wandeln, denn Ihr habt der Welt Undank noch nicht genug erfahren! Was will der Welt Dank oder Undank beſagen, Agnolo d Nicht um der Päpſte willen hab' ich geſchafft, ſo wenig wie Ihr! Nicht um der Kirche willen! Um die Menſchheit ging's! Und darum wird der Glanz unſerer Namen ſeinen Schein werfen über Rom, und die Päpſte werden in unſerem Lichte ſtrahlen! Gehet nur, ich bedarf Euer nicht mehr“, ſagte er zum Engel, den er nun erſt erblickte, ſtand auf und nahm den Michel Agnolo unterm Arm. So traten ſie aus der Kirche. über ihren Geſichtern lag ein Leuchten. Draußen trugen ſie eine Sänfte vorbei, von Schweizern geleitet. Drin ſaß Leo X., das Haupt der Chriſtenheit, das dicke, rote Geſicht ſtrahlend und ewig lächelnd. Mit läſſiger Hand dankte er den Klerikern, die ſich tief verneigten, und ſegnete die Kavaliere, die ehrerbietig vor ihm das Knie beugten. Da ſah er die beiden. Ein herriſcher Wink rief den Bramante an die Sänfke, einige gnädige Worte, und er erteilte ihm den apoſtoliſchen Segen. Den Agnolo würdigte er keines Blickes. Glühende Röte überflog des Meiſters Antlitz, und ſchwei⸗ gend ſchritt er neben Bramante weiter. Mit des großen Julius Tod war der Gewaltige er⸗ ledigt. Rafaels Stern ſtieg. Aber die Sterne kreiſen ewig am Firmament nach gött⸗ lichen Geſetzen. Es wurde Hochſommer, und mit ihm ſchlüpften die Fieber in die Stadt. Der Papſt zog nach Frascati, die großen Herren gingen auf ihre Schlöſſer. Es wurde ſtill in Rom. Michel Agnolo war nach Florenz gegangen, der alte Coritius in ſein Landhaus am Nemiſſe. Aber die Steinmetzen bei Sankt Peter ſchlugen unenk⸗ wegt ihre Marmorblöcke, und der feine Mehlſtaub tanzte in der brütend heißen Luft. Der Engel war beſonders guter Laune, denn der Sekretär des Kardinals Petrucci war auf einen Sprung bei ihm vorbeigekommen und hatte ihm zugeflüſtert, die Bulle, in der die Freiheiten der Auerbergbauern beſtätigt werden, liege zur Unterſchrift beim Heiligen Vater. Und es dauerte auch keine acht Tage, da kam ein Bote des Kardinals gelaufen mit der Weiſung, der Engel möge eilends zu ihm kommen. Er wurde in das Arbeitszimmer des Kirchenfuͤrſten ge⸗ führt, den er hinter einem Stoß von Schriftſtücken antraf. „Ich habe ſchlechte Botſchaft für Euch, Euer Spiel iſt verloren!“ Dem Engel war, als hätte ihn einer ins Geſicht ge⸗ ſchlagen, ihm wollte ſchwindelig werden. Er ſchwieg. Da fuhr der Kardinal fort:„Die Kemptener Bauern haben geſtern dem Heiligen Vater eine Botſchaft überſandt, wonach der Abt und ſeine Untertanen gewillt ſeien, ſich im guten zu vertragen. Die Bauern haben ihre Klage zurück— gezogen. Und der Herr von Weiſchenfeld hat im Namen des Abtes dasſelbe getan!“ „Das iſt Verrat“, ſtieß der Engel heraus. „Bin ſelber überzeugt, daß irgendeine Spitzbüberei da⸗ hinter ſteckt, aber der Heilige Vater hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und erklärt, daß die Sache für ihn er⸗ ledigt ſei.“ 307 Der Kardinal reichte ihm die Hand:„Hätt Euch gern beſſer Euren Dienſt gelohnet, für dieſes Mal kann ich nicht mehr tun. Vergeſſet aber nie, daß ich noch in Eurer Schuld ſtehe! Aus Gründen, über die ich nicht ſprechen kann, ſieht mich der Abend nicht mehr in Rom.“ Und der Engel ging. Einen Schritt vom Ziel, nur noch die Hand hatte er auszuſtrecken brauchen, da brach das ganze Gebäude zu⸗ ſammen. Ein unbändiger, ohnmächtiger Zorn ſchüͤttelte ihn. Wenn er ſich bloß hätte zuſammenreimen können, wie das alles ge⸗ kommen war! Der Abt batte ſein Spiel verloren geſehen und die Bauern übertölpelt. Und niemand ſtand ihnen zur Seite. So war's wohl gegangen! Er hätte ihnen paarweis die dicken Schädel zuſammen⸗ ſtoßen mögen. Nun hatte der Abt, was er brauchte! Seine Abſolution durch den Abt von Ottobeuren als Stellvertreter des Heiligen Vaters und die freiwillige Unterwerfung der Bauern! Wütend lachte der Engel auf. Er ging zum Baumeiſter, um ſeinen Lohn abzuholen, ſuchte ſeine Herberge auf, berichtigte, was er ſchuldig war, zog ſein Kettenhemd und ſeine Kutte wieder an, nahm ſeinen Spieß zur Hand— und ging, der ewigen Stadt den Rücken zu kehren. Vom Grabmal des Hadrian her klang dumpfer Toten⸗ geſang, und eine Menſchenmenge drängte ſich am Wege. Ein Leichenwagen mit einer wallenden Purpurdecke. Zur Seite und dabinter Geiſtliche mit brennenden Kerzen in den Händen. Acht Rappen zogen den Wagen; brennend rote Decken lagen auf dem Rücken der Pferde. Dahinter ein Gefolge von Kardinälen und Edlen. Den Schluß bildete ein Zug von Schweizern. 308 Der Engel trat zur Seite und verneigte ſich, indem er das Kreuz ſchlug. Dumpf klang der Trauergeſang. „Wen kraget man ze Grab?“ fragte er einen der Zuſchauer. „Den Kardinal Manghetti, er ſtarb von einer Stund zur andern.“ Den Engel überkam ein Schauer: War das nicht der Kardinal, der den Bravo gemietet? Nun wußte er, warum der Kardinal Petrucci ſo eilends Rom verließ. „An was iſt er geſtorben?“ Der Römer lächelte:„Wird wohl ein ſchlecht bekömmlich Tränklein geweſen ſein, was ihr Deutſchen ſo eine welſche Suppe nennet.“ Mit langen Schritten ging der Engel ſeines Weges weiter. Zur Rechten lag der Palatin. Noch einmal wollte er über die Trümmer des alten Rom hinſchauen. „O Roma, mir grauſet vor dir, ſeltzame Stadt, wo der Menſchheit herrlichſte Werke den Schöpfer lobpreiſent und die Prieſter Gottes mordent und ſtehlent!“ Lange noch ſchaute er, dann ſchulterte er wieder den Spieß und wanderte der Appiſchen Straße zu. Ein Bettler ſaß in eine Niſche gedrückt und ſtreckte die Hand aus. Einen kurzen Spitzbart trug er, zwei Beulen wie Hörner hatte er auf der Stirne und einen Blick voll teufliſcher Bosheit. Der Engel warf ihm ein Geldſtück in den Hut. Der Bettler muſterte ihn und lachte:„Ein Deutſcher, der den Herrgott zu Rom geſucht und den Teufel ge⸗ funden!“ Ohne zu antworten ſchritt der Engelbert Hiltensperger weiter. „Hi, hi, hi, hi!“ lachte es hinter ihm drein. ** Durchs Gartenland von Padua ſchrikt der Engel dem Bacchiglionebett entlang der Stadt zu. Weit, weit war der Weg, den er kam. Durch ſumpſige Lande führte er, wo kümmerliches Vieh karge Nahrung ſuchte, durch ſteiniges Gebirge, durch grüne weinbeſtandene Ebenen. Weit, weit war der Weg, und wer mit einem grollenden Herzen fertig zu werden hatte, der fand die Zeit dazu. Als er den Brenner herabgezogen war, hatte der Pfirſich geblüht, jetzt, da er wieder nordwärts wanderte, hingen die Trauben in ſchweren blauen Dolden in den Rebgehängen und von den Ulmen, an denen ſich die armdicken Rebſtöcke emporrankten. Es mochte um die zehnte Vormitkagsſtunde ſein, als hinter den Kukuruzſtauden die Türme von Padua ſichtbar wurden. Von ferne ſchon grüßte der kiefe, volle Glocken⸗ klang von Sankt Antonio. Das Landvolk, das mit Eſeln und Maulkieren der Stadt zuzog, wurde immer zahlreicher, ſo daß am Stadttor ein richtiges Gedränge von Karren und Zugtieren entſtand. Das ſchnatterte und kreiſchte durcheinander, es wimmelte von bunten Kopftüchern, und von Karren zu Karren flogen die Scherzreden. Ein harmlos fröhlich Völklein, immer lachend, immer luſtig und mit wenigem zufrieden. Es war ſchon ſehr heiß, als die kühlen Gaſſen von Padua den Wanderer aufnahmen. Sie waren eng und düſter, ſchwere Stützbogen über den Gaſſen. An den Häuſern klebten die kleinen Käfige, in denen die gefangenen Singvögel zu dem ſchmalen, blauen Himmelsſtreifen emporzwitſcherten. Quer über die Straße hingen Wäſcheſtücke zum Trocknen. Die brennenden Fußſohlen ſchmerzten auf dem holperigen, aus fauſtgroßen Steinen gefügten Pflaſter, und aus den Häuſern ſtrömte eine kühle, mit tauſenderlei Gerüchen ge⸗ ſchwängerte Kellerluft. 31⁰ Wo es anging, pflegte der Engel bei den Dominikanern zu nächtigen und zu zehren. Eine kleine Dreizehnjährige machte ihm den Führer. Sie plapperte darauf los, daß der Engel Mühe hatte, ihr zu folgen, ſo gut er auch die Sprache des Landes beherrſchte. Was ſie erzählte, das mochte der Geſprächsſtoff der ganzen Stadt ſein. Die Kaiſerlichen waren im Anmarſch! Aber d'Alviano werde ihnen ſchon zeigen, wohin ſie zu gehen hätten. Ja, d'Alviano, das ſei ein großer Feldherr, ein Löwe! Ob er ſchon von d' Alviano gehört habe? Mit einem Fauſtſchlag könne der einen Stier zu Boden ſchlagen— einen jungen, ſetzte ſie hinzu, als der Engel lächelte. Ob er ein Deutſcher ſeid Der Engel bejahte es. Da müſſe er aber ſehr traurig ſein, meinte die Kleine. Sie wolle die Madonna bitten, daß es nicht gar ſo ſchlimm ausfalle. Dafür dankte ihr der Engel mit freundlichem Lächeln. Daß die Kaiſerlichen in der Gegend ſein mußten, das wußte er, darum hatte er gerade den Umweg gemacht. Mittlerweile waren ſie ans Kloſter gekommen, und er ſchenkte der Kleinen eine Münze, mit der ſie jubelnd davon⸗ ſprang. Der Pförtner hieß ihn mürriſch willkommen und führte ihn in den Raum, wo die reiſenden Geiſtlichen auf Holz⸗ pritſchen zu übernachten pflegten. Als der Engel ſich vom Staub gereinigt hatte, legte er ſich für eine Weile nieder. Er hatte noch nicht viel über eine Stunde gelegen, da hörte er auf der Straße Menſchen laufen und ſchreien. Er brachte die Unruhe gleich in Zuſammenhang mit den Kaiſerlichen. Drum ſtand er auf und ging hinaus. Das war nun eine große Aufregung! 31¹ Die Leute riefen's an den Fenſtern hinauf, von Stock⸗ werk zu Stockwerk, über die Gaſſen herüber und hinüber. Überall ſtanden Gruppen und beſprachen das Ereignis: d'Alviano hatte einen Boten geſandt mit wichtigen Nach⸗ richten! Alles ſtehe gut, hatte der Bote der ihn um⸗ drängenden Menge zugerufen. Dann war er zur Si⸗ gnoria geritten, inmitten der aufgeregten Maſſe. So zog denn alles der Signoria zu, auch der Engelbert Hiltensperger. Auf dem weiten Platze drängten ſich die Leute und warteten, und wenn ſie lang genug gewartet hatten, ließen ſie d'Alviano, den Löwen von Venedig, leben. Droben in dem loggienreichen Palaſte aber, vor feierlich verſammeltem Rate ſtand d' Alvianos Abgeſandter und richtete ſeine Botſchaft aus. Die klang reichlich ſelbſtbewußt. Er habe den Reſt der barbariſchen Horden unter der Schere; im alten Glanze werde der Ruhm der Lagunenſtadt erſtrahlen. Er, d'Alviano, den ſie den Löwen von Venedig nennen, werde Italien von den naſſen und hungrigen Feinden befreien, denn dort am Bacchiglione, wo der Weg nach Vincenza durch den Paß von Olmo ſich winde, dort ſäßen ſie alle in der Falle, die deutſchen Knechte und Rei⸗ ſigen, die Spanier und Italiener, mitſamt ihren Geſchützen. Den Paßausgang hätten die Venediger beſetzt und ge⸗ ſperrt. Im Rücken der Kaiſerlichen ſtehe Manfredo mit dem bewaffneten Landvolk, zu beiden Seiten ſteige das Gebirge auf, deſſen Wege und Stege mit gefällten Bäumen verſperrt und durch tiefe Gräben ungangbar gemacht ſeien. „Es lebe d'Alviano, es lebe der Löwe von Venedig!“ rief die Signoria, die ſich von ihrem Sitz erhoben hatte. „Es lebe d' Alviano!“ brüllte das Volk auf dem Platze. „Und ſo ladet Euch d' Alviano, der berühmte Feldherr, ein, Euch, Ihr edlen Herren, und die ganze Geiſtlichkeit von Padua, Zeuge zu ſein, wie er die Feinde auf der Schlacht⸗ 312 bank habe. Mir aber ward der ehrenvolle Auftrag, Euch, Ihr edlen Herren, zu führen.“ Da war der Jubel groß im Rate. Und er pflanzte ſich fort auf den Platz und in die Stra⸗ ßen der Stadt:„Lebend fangen! Lebend fangen! Auf⸗ hängen! Verbrennen!“ „Ei“, ſagte ſich der Engel,„die Nüremberger hent den Eppele von Gailingen nit gehenkt, ſie hent ihme vielmeh ghett, wie einer die Amſel, die flog no im Wald!“ Aber doch war ihm das Herze ſchwer. Rings um ihn tobte und freute ſich das Volk. Ganz unſinnig ſtellte es ſich an, als der Abgeſandte, ein junger Venezianer von Adel, aus der Signoria trat. Man hatte längſt verkündet, was der Bote gebracht hatte, aber das Volk wollte es aus ſeinem Munde noch einmal hören. Und er wiederholte ihnen alles. Bei jedem Satze jubelten ſie auf, und der junge Venezianer, hingeriſſen, ſchmückte ſeinen Bericht in der Begeiſterung weidlich aus. Die Leute umarmten ſich und begannen auf dem Platze zu kanzen. Kaum hatte der junge Mann geendet, da nahmen ſie ihn auf die Schultern und trugen ihn davon. Wohin, wußten ſie ſelber nicht. Ganz Padua jubelte und kanzte. Der Engelbert Hiltensperger aber wurde ſtill und traurig: „Jörg, alter gueter Jörg, ſell derf nit ſeind!“ Lange wälzte er ſich auf ſeiner Pritſche ſchlaflos hin und her, und als er endlich einſchlief, da träumte er laut vor ſich hin:„Dran, dran! Her, her!“ Alles, was zu den Geſchlechtern der Stadt, alles, was zur Geiſtlichkeit gehörte, rüſtete ſich zur Fahrt. Das Volk aber tanzte bis tief in die Nacht auf allen Plätzen der Stadt. In Gruppen zogen die jungen Leute durch die Gaſſen 3¹ und ſangen und jubelten, um auf dem nächſten freien Platze ſich wieder unter die Tanzenden zu miſchen. Und der Klang der Lauten wollte nicht verſtummen auf den Dächern, in den Gärten und in den Loggien. Noch ehe die Sonne ſtieg, wurde vom Torwächter das Nordtor geöffnet, denn die Gaſſe war ſchon voll von den Reitern, Fußgängern und Karren, ſo daß ein gefährliches Gedränge entſtand. Draußen auf der freien Straße war Platz genug. Die Paduaner waren von je bekannt dafür, daß ſie ein gutes Mundſtück führten. Sollte ein Ereignis wie das, dem ſie entgegengingen, die Zungen nicht löſen? Man ſtelle ſich vor, allein dreihundert Geiſtliche! Die Nobili ſtellten ſich, einem angeborenen Drange fol⸗ gend, gleich an die Spitze des Zuges. Sie waren faſt alle beritten, nur ein paar ältere Herren waren in Ochſenkarren erſchienen. Auch der junge Venezianer war ſchon da. Er ritt die Reihen ab. Eigentlich gab's nichts zu kun, aber ein Führer muß nun ab und zu einmal an ſeiner Truppe auf und ab reiten. „Sehet“, ſchrie er plötzlich,„die Sonne gehet über Venedig auf! Accipimuso men!“ Den Paduanern wollte das nicht allzu merkwuͤrdig vor⸗ kommen, denn ſolange ſie zurückdenken konnten, war ſie nirgends anders aufgegangen. Und der Zug ſetzte ſich in Bewegung, an die vierhundert Mann. Voraus der Kardinal von Padua in einer ſchönen Sänfte. Dann die Mobili und dahinter die ganze Geiſtlich⸗ keit, mitten unter den Schwarzröcken der Engelbert Hiltens⸗ perger. D'Alvianos Bote war vorn und hinten und uͤberall. Von gefälligen Manieren, wie alle jungen Venezianer, war er von der Bedeutung ſeiner Miſſion durchdrungen und fühlte 3¹4 ſich verpflichtet, allen Beteiligten etwas Angenehmes zu ſagen. So wälzte ſich der lange ſchwarze Zug auf der ſtaubigen Landſtraße hin, ſchnatternd wie eine rieſige Gansherde. Es wurde von nichts anderem geſprochen als vom Fell des Bären. Der junge Venezianer hatte nur zu tun, alle die Fragen zu beantworten:„Saget, Don Mocenigo, glaubet Ihr, d'Alviano, den Gott ſegnen möge, werde die Ge⸗ fangenen nach Padua verbringen?“ Der Pescara werde doch ſicherlich hingerichtet werden und der Frundsperger ebenfalls? Den Engel hatten ſie längſt als Deutſchen erkannt. Das machte aber nichts. Das Kriegführen war damals Sache der Heerführer. Daneben ging der ganze Handels⸗ und Reiſeverkehr durch Italien ungeſtört weiter. Aber desbalb machte es den Paduanern doch einen ge⸗ waltigen Spaß, in Gegenwart des Deutſchen alle Mög⸗ lichkeiten zu erörtern. Sie brieten ſeinen Freund Frundsperg am Spieß, räderten ihn, ließen ihn die ganze ſtattliche Reihe der da⸗ maligen Torturen durchmachen. Der Engel lächelte bloß. Aber des Venezianers wäre er doch gern habhaft ge⸗ worden, denn der hätte ihm ſicherlich allerhand Wiſſens⸗ wertes zu ſagen gewußt. Und er brauchte nicht lange zu warken, denn der ſchweig⸗ ſame Deutſche war dem Mocenigo aufgefallen, ihn ſelber drängte es, ſein Wiſſen an den Mann zu bringen. Was beide wollten, fügte ſcheinbar der Zufall. „Ihr bättet ſehen ſollen! Zu dreien mußten wir den Verbündeten ein Angebot fuͤr den Frieden bringen. Ihr dürft mir glauben, es war ſchmählich genug! Da hättet Ihr gelacht, wie ſie verzagt waren! Dem Pescara ſtand der kalte Schweiß auf der Stirne. Er ſeufzte nur immer wieder und wiſchte ſich“— eifrig fuhr 31¹⁵ ſich der junge Mann mit einem fein duftenden Tüchlein über die Stirne und ahmte das klägliche Seufzen des Pescara nach. „Und gar Raimondo und Proſpero Colonnas!“ Hell lachte der Mocenigo auf! „Da ſaßen ſie und ſchauten einander nur immer an und ſeufzten. Schon fürchtete ich, ſie nähmen die Bedingungen an— und ich darf Euch verſichern, daß ſie ſchimpflich genug waren, ein Venezianer hätte ſie nie angenommen. Lieber hätte er ſich das Schwert durch den Leib geſtoßen! Alſo, wie geſagt, ich fürchtete ſchon, ſie nähmen die Bedingungen an, da kam der Obriſt, der Frundsperg, wiſſet, der ſo die deutſchen Landsknechte führt. Madonna, ließ der die Augen rollen!“ „Ein ſchrecklicher Mann“, warf der Engel ein und ſchüttelte mißbilligend den Kopf. „Ein ganzer Mann!“ ſagte leiſe der Venezianer und beugte ſich zu dem Engel herunter, der mit hundert Ohren lauſchte. „Wiſſet Ihr, was der brüllte?“ Fragend ſchaute der andere an dem Reiter hinauf. „Viel Feind, viel Ehr! Will lieber hie ehrlich ver⸗ recken, dann ſchimpflich entweichen!“ Dazu ſchnaubte er wie ein wütiger Stier. Und als der Pescara entgegnen wollte, da rief er:„Hie mags ein jedweder halten, wie er mag, der Frundsperg und die teutſchen Knecht weichent nit!“ Da wies der Pescara ſeufzend die Bedingungen ab. Dem Engel lachte das Herz im Leibe. Er hatte Mühe, es zu verbergen. „Jörg, lieber Jörg, han's wohl gewißt, der Frundsperg wurt ſich nit ſelber untreu!“ Er dankte dem Venediger, der ſein Rößlein wieder nach vorne trieb, und ſchritt fröhlich und guter Dinge aus. 31 „Gott verlaſſet kein braven Landsknecht nit“, brummte er vor ſich hin,„mein wohl, d' Alviano werd no ein harte Nuß zu beißen kriegent!“ Die Paduaner konnten ſich nicht erklären, warum der deutſche Pfaff auf einmal ſo vergnügt wurde. Aber ſie ließen allmählich dieſe und alle andern Fragen, denn die Sonne ſtieg höher und höher, und die Hitze wurde immer größer. Da mußten die dicken Pfäfflein ſchwitzen und wurden mählich ſtiller. Inſonderheit, die zu Fuß gingen. Auch dehnte ſich die Marſchſchlange mehr und mehr, und das Geſchnatter hatte längſt aufgehört. Den Blick auf den Boden gerichtet, zogen ſie dahin, denn der Kukuruz ſäumte rechts und links den Weg und ſperrte jede Ausſicht. Und wo dieſe friſch aus Hiſpanien eingeführten Stauden nicht waren, verwehrten die Rebhänge jeden Ausblick auf die Landſchaft. Nur der Engelbert Hiltensperger ſchritt mit ſeinem langen, gleichmäßigen Schritt vorwärts. So kam der Abend, und mit ihm war das Ziel erreicht. Von einem Hügel aus, den ſie noch vor Sonnenunter⸗ gang erklommen, konnte man das ganze Bild überſehen. Da lagen am Ausgang des Tales d Alvianos Scharen und hielten gute Wacht. Hinten im Tale, durch Baumſtämme gedeckt, ſah man die Landsknechte liegen, wachſam und auf dem Sprung. Nun hatten die Paduaner ihr Mundſtück wieder ge⸗ funden. Strategen in der Kutte und in Strumpfhoſen katen gewaltige Schachzüge auf dem Schlachtbrett. Keine fünfhundert Schritt hinter den Barrikaden lagen die Landsknechte. Zwiſchen den getürmten Baumſtämmen lauerten die Arke⸗ buſiere mit ihren Handrohren. Dann und wann, wenn ein Venezianer ſich allzu fürwitzig zeigte, zerriß ein einzelner Schuß die Stille. 317 * Ganz hinten im Tale hörte man Trommelſchlagen, man ſab einzelne Fähnlein im Ring ſtehen, die eine Ge⸗ meinde abhielten. Die Schatten krochen aus dem Tal, und die Dämme⸗ rung ſank über die Ebene und ſtieg an den Bergen empor. Alſo führte Mocenigo ſeine Paduaner wieder von ihrem Hügel herunter und quartierte ſie in Scheunen und Bauern⸗ häuſern ein, mit der dringenden Aufforderung, vor Tages⸗ anbruch wieder auf dem Hügel ſich einzufinden. Und noch dämmerte der Tag nicht, da ſtanden ſie huſtend und frierend wieder droben, denn die Herbſtnächte waren ſchon empfindlich kühl. Dazu wogte dichter Nebel zu ihren Füßen im Tal und auf der freien Ebene. Nichts war zu ſehen als der wallende Dunſt. Im Hintergrund des Tales dumpfer Klang der Trommeln und ein Geräuſch wie von fahrenden Karren, das allmählich verklang. Aus den Gärten und Feldern, in denen die Venezianer lagen, hörte man einzelne Rufe, Schimpfen. Einen langgezogenen Schrei eines Eſels. Dann wieder Stille. Da wollten etliche von den Paduanern murren. Deshalb war man doch nicht in der prallen Sonne von Padua heraufmarſchiert, daß einem vor Durſt die Zunge im Gaumen klebte, um ſich dann frierend ein graues Nebel⸗ meer anzuſchauen. Plötzlich flog ein ſonniges Leuchten über die Nebeldecke, und ein Schleier um den andern hob ſich aus der zähen, wogenden Maſſe und flog, mählich zerfließend, in den blauen Himmel. Schleierlein um Schleierlein. Jetzt war's, als koche das ganze Meer und verdampfe in den blauen Herbſthimmel hinauf. 31¹8 Die Ebene lichtete ſich, da und dort blitzte Gewaffen auf. Immer heller wurde es, ſchon konnte man hinter den Kukuruzſtauden bei den Venezianern ganze Haufen unter⸗ ſcheiden, die ſich zur Schlachtordnung aufſtellten. Zwiſchen den Bergen wogten noch die Nebel. Vom Feinde konnte man nichts ſehen, nur Trommelklang und immer wieder Trommelklang rollte unter der Nebeldecke. Im freien Feld aber ſah man die Venezianer im hellen Sonnenlicht. Die Hände, die bisher frierend in den Kutten⸗ ärmeln geſteckt, fuhren heraus, die gewichtigen Reden ihrer Beſitzer durch heftige Bewegungen zu unterſtützen. „Schauet dort! Den auf dem Schimmel, meiner Treu, ich will mein Lebentag kein Maiskuchen mehr eſſen, wenn's nicht d'Alviano ſelber iſt, der Löwe, ich kenn ihn an der Haltung, wie meinen leiblichen Bruder!“ „Einfaltspinſel! Ein jedes Kind weiß, daß d'Alviano einen Rappen reitet, den der Teufel ſelber kugelfeſt ge⸗ macht!“ „Bals die Sunn hochziechet, halten die Fröſch ihre Goſchen“— dachte der Engel. Die Nebel löſten ſich, und es war, als ballten ſie ſich über dem Bacchiglione zuſammen, um langſam meerwärts zu ziehen. In den Bergen ſtiegen ſie und legten ſich wie große weiße Hauben um die Gipfel. Im Tale, wo die Ver⸗ bündeten lagen, krochen ſie an den Berghängen empor. Da ſah man, daß der Gegner rückwärts, rechts von Baſſano auf das freiere Feld beim Dorfe Creazzo ge⸗ wichen war. Deutlich war auf der engen Ebene zwiſchen den ſteilen Bergen die viereckte Schlachtordnung zu erkennen. Und wieder hörte man die rollenden Trommeln. Auf einmal knieten alle nieder. Senkrecht ſtand der ſteile Wald von Spießen. „Sie beten!“ lachte ein feiſtes Pfäfflein. 319 Jetzt ſtanden ſie auf. Dumpf rollten die Trommeln. „Narr, ſie bitten um Gnad.“ In der Ebene ließ d'Alviano zum Vorgehen blaſen. Die leichten Pferde mit den Falkonen voraus, ſchob ſich das Fußvolk der Venezianer, ſechstauſend Mann ſtark, vor. Die Landsknechte nahmen Erdſchollen vom Boden und warfen ſie hinter ſich. Die Trommeln aller Fähnlein wirbelten nunmehr wie ferner Donner. Und die frumben Knechte fuhren daher wie ein Gewitter, ineinandergeſchränkt, je drei Schritte bei merklich abgeſetzten Schlägen der Trommel. Das war der Sturmſchritt von Kaiſer Maximilians Landsknechten! Hei, wie ſie daherfuhren! Kürzer und zagender ſchritten die Venezianer. Was ihnen da entgegenkam, breit und wuchtig, mit der Unerbittlichkeit und Unabwendbarkeit eines Schickſals, an dem man zerſchellen mußte, lähmte die beweglichen Welſchen. Je drei Schritt bei merklich abgeſetzten Schlägen der Trommel! Immer lauter und zorniger rollte es daher. Nun konnte man bei den verlorenen Haufen ſchon die einzelnen Leute genau ſehen. Im erſten Glied, in der Mitte, ſchritt ein ſchwerer, rieſenhafter Mann, der keinen Spieß trug, ſondern einen mächtigen Bihander. Das war der Frundsperg. Noch fünfzig Schritt waren die Haufen auseinander, alle Trommeln raſſelten, als ſollten die Kalbfelle zerreißen. Schweigend waren ſie bisher vorgerückt; jetzt tönte der wilde Schlachtruf der Landsknechte, hell und zornig:„Her! Her!“ 32⁰ Die Venezianer kürzten die Schritte, die Landsknechte griffen aus. Noch zwanzig Ellen. Dann krachten ſie zuſammen. Wie eine Woge, die gegen eine Mauer rennt, wankten die Venezianer zurück. Nun gellten die Schreie der Getroffenen. Den Paduanern auf ihrem Hügel verſchlugs den Atem. Neue Trommeln wirbelten, die viereckte Schlachtordnung rückte dicht auf hinter dem verlorenen Haufen. Die beiderſeitigen Arkebuſiere, die ſeitwärts geſchwärmt waren, ſchoſſen in die anrückenden Haufen. „Her! Her!“ „Dran! Dran!“ Hei, wie der Frundsperg ſchlug! Kurzakmig war er, wie ein dämpfig Roß. Erſt ſchnaufte er auf, daß es klang wie ein kiefes Röcheln, dann krachte ſein Bihander! Schnaubendes Stöhnen— Hieb! Schnaubendes Stöhnen— Hieb! Immer tiefer fraß ſich das Eiſen in die Venezianer. Als die Landsknechte ihren Obriſten ſahen, jauchzten ſie auf. Hieb und Stich! Hieb und Stich! Eng und geſchloſſen die Landsknechte, wankend und ſich löſend die Venezianer. „Gotts Grueß, Jörg!“ „Ho, ho, ho, ho“, lachte und ſchnaubte der Frundsperg, „wa willtu hie, Engel?“ „Ein gueten Zoren usdreſchen!“ ſchrie der Engel. Hei, was prächtig ſah er aus, der Pfaff! Schritt um Schritt, Hieb um Hieb! Die Kutte flog ihm im Winde, und die Augen brannten ihm. Sein Bihander, den er irgendwo aufgerafft haben mochte, tat eine blutige Arbeit. „Her! Her!“ klang's wild aufreizend. Schmückle 21 „San Giorgio! San Giorgio!“ riefen die Venezianer. Das tönte ſchon da und dort wie ein Hilferuf. Sie wanken, ſie weichen! D'Alviano tobt hinter den Reihen. Die Venezianer ſchieben ſich zuſammen zum Knäuel. Sie können nicht vorwärts, ſie können nicht zurück. Zu Haufen liegen die Toten, zu zweien und dreien über⸗ einander, daß die Landsknechte drüber hinwegſteigen müſſen. Ihr Schlachtgeſchrei iſt ein helles Jauchzen geworden. Immer tiefer freſſen ſich Spieß und Schwert in die Reihen. Hoch ſchwingen die Fähndriche ihre Fahnen in den Wind. Die Banner Venedigs ſinken in Blut und Staub. Das freie Feld iſt gewonnen, und hinter den Lands⸗ knechten liegen fünftauſend tote Venezianer. Alle Trommeln wirbeln noch einmal, die Landsknechte ſchreien ihre wilde Freude hinaus, ſchlagen die Waffen an⸗ einander. Die Arkebuſiere nehmen ihre letzten Kugeln aus dem Maul und ſchießen ſie in die Luft. Der Frundsperg aber ſtand auf ſeinen Bihander ge⸗ ſtützt und ſchnaufte und ſchnaufte. Der Engel wiſchte den ſeinen an einem koten Gaul ab. Da lachte er auf und wies auf den Hügel zur Rechten. Dort liefen ſie zu Hunderten mit fliegenden Kutten ſtolpernd und ſchreiend den Hang hinunter. Der Frundsperg riß Maul und Augen auf und wußte ſich keinen Vers darauf zu machen.— Der Engel aber lachte, daß ihm das Waſſer aus den Augen lief. Auf der Straße, die nach Padua führte, war eine dicke Staubwolke. Das waren die Nobili, die auf ihren Roſſen dahinritten, daß ſie faſt die Schwänze verloren! Hinterdrein jagten etliche frundspergiſche Reiter, die ſie für feindliche Reiſige hielten. Die Landsknechte aber ſammelten ſich in weiten Ringen. 322² Der Frundsperg ließ ſtillemachen. Und all die vielen Tauſende Schwerter und Spieße ſenkten ſich, und der deutſche Landsknecht kniete auf freiem Felde vor ſeinem Herrgott. *** Der Pescara hatte die Spanier und Italiener auf die Ebene herausgezogen. Nun lagerten in der Mitte die deut⸗ ſchen Landsknechte, auf der einen Seite die Spanier, die italiſchen Küriſſer auf der andern. Dahinter im gefalteten Gelände der Troß. Während ſie ihm das Zelt aufſchlugen, ſaß der Jörg Frundsperg auf einer deutſchen Trommel, daneben der Engel auf einem venezianiſchen Sattel. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, der wolkenlos und ſtrahlend über dem Schlachtfeld lag. Der Frundsperg erzählte, wie der Pescara und der Proſpero Colonnas tatſächlich die ſchmählichen Bedingungen des Venezianers hatten annehmen wollen. „Blau, da kommet er ſelber!“ Und richtig war es der Pescara, der mit dem Proſpero Colonnas kam, dem Frundsperg zu danken. Er ſchüttelte ihm die Hand. Mühſam hatte der Obriſt den gewalktigen Leib von ſeiner Trommel erhoben:„Viel ſeliger Zeit, Ihr Herren, het der Handel mügen übler usgan. Dannoch iſts beſſer ſo. Der lieb Gott verlaſſet ein gueten Laudskuecht nit, ſo— lang er nit verzaget.“ Der Pescara tat, als verſtünde er den Hieb nicht, und dankte in wohlgeſetzten Worten. Der Frundsperg mitſamt ſeinen wilden Knechten war das Rückgrat ſeines Heeres. Ohne den Frundsperg, das wußte er, war keine Schlacht zu gewinnen, inſonderheit, ſobald auf der andern Seitke Schweizer ſtanden. 33 Nur in den Berichten an den Kaiſer verſtand der Pescara geſchickt ſein und der andern Truppen Verdienſt zu über⸗ kreiben, das der Deutſchen möglichſt zu verſchweigen. Das wußte der Frundsperg wohl! Den Groll darüber vermochte er ſein ganzes Leben nicht zu verwinden. Als ihm der Pescara ſagte, er werde dem Kaiſer be⸗ richten, wie Frundsperg die Schlacht gewonnen habe, konnte der ſich nicht enthalten zu fragen, ob dabei auch der Spanier und Italiener Erwähnung getan werde, und in welchem Sinn. Auch dieſen Stich fühlte der Pescara und ſchlüpfte mit italieniſcher Glätte über die Antwort weg. Und doch zögerte er mit dem Gehen, als hätte er noch etwas zu ſagen. Dann verabſchiedete er ſich auf das herzlichſte. Schon halb abgewandt, ſagte er noch, als wäre es das gleich⸗ gültigſte Ding von der Welt:„Ei, faſt hätt ichs vergeſſen! Wolltet Ihr mir die erbeuteten venediſchen Fahnen zu⸗ ſchicken, ſo wollt ichs Euch danken.“ Der Frundsperg lachte und wies auf die Banner, die abſeits, mit der Spitze im Boden, ſteckten:„Blau, Herr Pescara, wo denket Ihr hin? Die Fahnen bent die Teuk⸗ ſchen gewunnen, die teutſchen Knecht möchtend mich durch die Spieß jagen, ſo ich ſie Euch wollt geben.“ In dieſem Augenblick kamen ein paar Landsknechte, bärtige, verwegene Geſellen. Sie hatten an der Stelle, wo d'Alviano in haſtiger Flucht über den Bacchiglione ge⸗ ſchwommen war, ſeine große goldene Kette gefunden. Erſt hatten ſie darum geſtritten, dann ſich geeinigt, ſie dem lieben Vatter zu ſchenken, der ſich im verlorenen Haufen ſo hantig geſchlagen. Der Alte warf ſich die Kette um den Hals. „So, Ihr Herren, nun wiſſet Ihrs, davon beißet kein Maus kein Faden nit ab! 324 Und no eins, Ihr Herrren. Mein teurſchen Knecht hent die Arbet thon. Sorget, daß nit die Walhen meine lieben Kinder beim Plünderen ſtörent, möcht ſuſt for nens Guets nit einſtehn!“ Die Landsknechte, die die Kette gebracht hatten, knurrten zu dieſen Worten wie ein paar böſe Hunde. Der Pescara meinte in gleichgültigem Tone, er hätte gemeint, dem Frundsperg liege nichts an den Fahnenfetzen, ſonſt hätte er ſie gewißlich nicht erbeten. Dann ging er mit dem Proſpero Colonnas davon. „Was glaubeſtu itz, was die zween Guets von mir redent?“ lachte der Obriſt. Den Landsknechten, die auf ein gutes Wort von ihm warteten, rief er zu:„Potz musica mus, laufet, meine lieben Wölfle, uf daß ihr beim Plünderen nit die Schüſſel uskratzen müeßt. Mein Dank will ich euch uf den Obed ſagen!“ Da ſchwenkten ſie die gewaltigen gebauſchten Hüte und liefen davon, dorthin, von wo lautes Schreien und Streiten Kunde gab, daß die wilden Burſchen bei der Arbeit waren. „Kumm, Engel“, meinte der Frundsperg,„vermein, wir ſotten ein lützel über das Bluetfeld gehn, uf daß die Kerle ſich nit die Schädel eintrummlen. Ein Landsknecht umb ein Venezianermutz war ein Roß umb ein Sackpfeifen, wie man ſpricht!“ Als die beiden näher kamen, lagen ſich die ſtreitenden Brüder ſchon allerorts gewaltig in den Haaren. Aber dis meiſten Händel ſchlichtete der Frundsperg mit ein paar Worten, denn überall wurden ſie mit Jauchzen und freu⸗ digem Gebrülle empfangen. „Ei, ſieh da, der Vatter! Haſt nit ſchlecht droſchen, Brueder Pfaff, du ſollt unſer Fähndrich ſeind, an des toten Bernhäuſers Statt.“ „Potz Natter, Pfaff, wo haſts glernt?“ Der Engel lachte und meinte:„Was in der Jugend ge⸗ wohnet, das behanget und bleibet mehrteils im Alter!“ 32⁵ So ſchritten ſie durch die pluͤndernden Knechte, Red und Widerred gebend, lobend und ſchlichtend, wie's gerade not tat. Hier drehte einer einen Toten um und taſtete ihm die Kleider nach eingenähtem Gelde ab. Dort ſtanden ein paar und verglichen franzöſiſche Sonnen⸗ kronen und venezianiſche Goldmünzen, deutſche Taler und Gulden, und ſtritten ſich um den Wert. Venezianiſch Schuhwerk und Strümpfe, Federhute und Mützen, Röcke und Hoſen, alles, was ein verdorben oder verſchliſſen Stück erſetzen konnte, wurde gleich an Ort und Stelle, wo einer ſeinen Gegner erſchlagen hatte, an⸗ gelegt. Waffen und Ketten, ſilberne Becher— mitten auf dem Schlachtfeld wurde drum gewürfelt und geſtritten. In den wunderlichſten Aufzügen kamen ſie daher; d'Alvianos Sammetmantel und ſein geſticktes Barett ſchmückte einen Bauernburſchen aus Wiblingen, der ſtolz ſeinen Obriſten anlachte und anſcheinend Vergleiche zwiſchen dieſem und ſich ſelber zog, die ſicherlich zu des Frundspergs Nachteil ausfielen. Ganze Fuder Weins hatten ſie im Lager der Venezianer gefunden. Dem Profos ahnte ſchon ſchwere Arbeit; da kam der Obriſte und teilte den Wein unter den Fähn⸗ lein auf. Allmählich war es ſtiller geworden. Das allgemeine Würfeln und Tauſchen hatte eingeſetzt, um bis tief in die Nacht hinein fortzudauern. So gingen der Frundsperg und der Engel langſam zu des Obriſten Zelt zurück. Sie kamen an einem kleinen, zerfallenen Häuslein vorbei, vor dem ein Mann an einem Tiſche ſaß und ſchrieb. Es war der Ulrich von Hutten. Eine helle Röte fuhr ihm über das Geſicht, als er des Engels anſichtig wurde. Vor lauter Freude überſah er voll · 326 ſtändig ſeinen Obriſten und humpelte mit ſchnellen, kurzen Schritten auf ihn zu. Das Geſicht, vor Monaten weiß, war jetzt gelb, und ein tiefblauer Schein lag um ſeine Augen. Er mochte es wohl bemerkt haben, daß der Engel darüber erſchrak, denn er ſagte, bitter lächelnd:„Einen mannfeſten, lidmäßigen Kriegsmann habet Ihr vor Euch, Hiltens⸗ perger!“ Der Frundsperg hatte inzwiſchen die gepanzerten Fäuſte auf das Tiſchchen geſteimmmt und verſuchte das Geſchriebene zu buchſtabieren. Der Titel des Heftes lautete:„Ulrici de IIluiten eq. Cerm. ad Caesarem Maximilianum Epigrammatum liber unus.“ Funkelnd ſtanden die Sterne über der Lombardei, und ein voller Mond ſchien über das Lager der Kaiſerlichen. Die Landsknechte würfelten und ſoffen aus ſilbernen Bechern, aus Kübeln und, wenn's not tat, aus der hohlen Hand. Das Alraunmännlein kat ſeinen Dienſt, und die Dukaten fuhren auf dem Trommelfell hin und her, denn eine Lands⸗ knechttaſche, ſo groß und weit ſie war, mochte keinen Inhalt leiden. Stehend, ſitzend und liegend, das Menſch, das letzten Endes, wenn's ſein mußte, mit verknobelt wurde, neben ſich oder auf den Knien, ſangen und ſtritten ſie. Es ging laut zu auf dem Schlachtfeld von Vicenza, wo der Mond gleichermaßen ſchien über die fröhlichen Knechte des Kaiſers Max und die toten Venezianer mit den klaf⸗ fenden Stirnen. Zur Nechten klangen die ſpaniſchen, zur Linken die ita⸗ liſchen Lieder herüber zum Zelt des Obriſten Frundsperg, 327 vor das ſie ein Tiſchlein mit drei mächtigen Humpen geſtellt atten. 5 Der Frundsperg, der Engel und der Hutten ſaßen daran. Drei gute Humpen voll ſüßen Weines von Grola und drei gute deutſche Männer, deren jeder auf ſeine Weiſe das deutſche Land liebte, Kaiſer Marximilians treueſter Landsknecht, der teutſchen Mation Trommler und Wecker, und Engelbert Hiltensperger, der Schauer des künftigen Reichs. „Mein Kindlein hent ein neu Lied“, meinte der Frunds⸗ perg, als man an den einzelnen Feuern halblaut ſingen hörte. Und über ein kleines ſcholl's im mächtigen Chor:„Der Frundsperg uf der Trummel ſaß!“ Das freute den alten Recken über alle Maßen, und um ſeine Rührung zu verbergen, fing er gleich an über die zu poltern, die ſeine braven Kerle zur ſchwerſten Blutarbeit gebrauchten und denen nachher der kärgliche Sold zu hoher Dank dünkte. „Allbott ſeind die Teutſchen kumbe, guete Kerle geweſt, laſſent ſich alls gefallen, holent den anderen den Tüfel aus der Höllen um ein Schwartenmagen! Seind verzweifelte, verlorne, andennoch tapfre und getrewe Geſellen, meine lieben Kinder. Nichts denn Not und nit wiſſen, was der ander Tag bringt, Tod oder Hunger oder Durſt. Iſt der Handel us und gar, heißts: Bruder, häng den Bettelſack umb!“ „Und ſeind dannoch die einzigten, ſo for Kaiſer und keutſch Nation ihr Herzbluet laſſen. Einmalen wurts er⸗ ſtrahlen, was die teutſchen Landsknecht im frembden Land getan“, ſagte der Hiltensperger,„und einmalen wurt kummen der Tag, da mit Schmach und Schand werden genennet die, ſo den frembden Herren gedienet wider die eigen Nation!“ „Daß ihn die Peſt freß, den Brandecker, und ſein 328 ſchwarzen Haufen! So mirs der Herrgott vergunnet, ich will ihn ſtrafen, daß ihm die Höllen wurt ein Erlöſung dünken! Gedenk ich ſein, ſo will mir mein alt gut ehrlich Schwert in der Hand zitterig werdent!“ „Das walt Gott der Herr“, ſprach der Engel,„aber nit allein die, ſo mit Arm und Gewaffen wider Kaiſer und Reich ſtandent, freß das blau Fuir, gleichfalls all die, ſo um ihrs Vurtels willen Kaiſerlich Majeſtät das Bluet usſaugent, all die fürſtlichen Bluetegel, die pfäffiſchen Zecken, die adeligen Schmarotzer! Jörg, min Jörg“, fuhr er mit erhobener Stimme fort, „iſt nit gar lang her, han's dir zugſagt, ſo ich frei und ledig meins Fürhabens, ſo wöll ich dir den Fähndrich machen. Itz bin ich frei! Kann dir dannoch mein Zuſag nit halten! Du ſollt mich meins Wurts ledigen, iſt mir ein Wahrheit ufgangen, die Wahrheit von der großen teutſchen Nation. So einer ihr dienet, kann er keins anderen Dienſtmann ſeind!“ Erwiderte der Frundsperg:„Engel, Engel, mir iſt, als gangent dir unterm Hütle ander Ding vor, dann predigen oder eim Paurenmenſch die Beicht hören.“ Da ſtützte der Engel die Ellenbogen auf den Tiſch und das Kinn in die Hände und ſchaute dem Frundsperg feſt in die Augen:„Jörg, wie ſtünd dein Sinn, ſo eins Tags der Ritter und der gemein Mann wollt ufſtehn wider Fürſten und Pfaffen und machet den Kaiſer Max zum freien Herrn über die ganz teutſch Nation, dem alle folgeten zu Ehr und Preis teutſchen Namens?“ Der Frundsperg antwortete in ſeiner ſchlichten Art:„Es ſeind fahrlich Ding, dannoch es wurt nit ſo weit kummen. Hüet di, Engel, daß nit umb der Wanzen willen werd das Hus anzundt und ganz und gar verbrunnen. Der Frundsperg iſt allzeit ſeins Herrn und Kaiſers getrewer Diener geweſt. Der ſoll ihm alsdann kund und ze wiſſen tun, wie ers ſoll halten.“ 329 „Was iſt Euer Sinn, Herr Hukkend“ „Wer nit wagt, gewinnt nit! ſaget das Sprüchwork.“ „Wagen gewinnt, wagen verlürt, ſaget ein anderes“, meinte der Frundsperg—„und wieder eins: Hohe Steiger fallen tief.“ Dann lachte er:„Han etlich Eurer Epigram⸗ mata wider den Biſchof zu Rom gleſen, ſell ſtoht nach meim Sinn, ſeind ſcharf und ſpitz, aber der römiſch Trach het ein gar hart und dick Fell.“ „Und der Hutten iſt ein ſiecher Mann, wellet Ihr ſagen.“ „Vermein, das Fuir, ſo im Hutten brennet, ſeie nit weniger lohende dann das, ſo der römiſch Trach ſchnaubet'“, rief der Engel. „uf!“ rief der Frundsperg,„ſeit wannen ſtandet dem Hiltensperger der Win im Humpen ab? Uf, trinket! Ich brings der Kaiſerlichen Majeſtät!“ „Ich aller gueten Geiſter Freiheit!“ rief der Hutten. „Und ich der groß und frei teutſchen Nation!“ Am anderen Morgen, noch ſtanden die Nebel in den Bergen, da zogen ein Reiter und ein Mann in einer Kutte, der ein bepacktes Eſelein hinter ſich herzog, den ſteinigen Hang hinauf, der zur Rechten von des Frundspergs Zelt anſtieg. Der ſchaute ihnen nach und ſchüttelte den Kopf:„Ein Münch und ein Ritterle möchtend ſelband die Welt us den Anglen hebent! Ein Münch und ein Ritterle!“ Und kopfſchüttelnd trat er ins Zelt zurück:„Ein Münch und ein Ritterle! Ho, ho, ho, ho!“ Zweites Buch Um die Deutſche Nation Ein Mönuchlein und ein Ritterlein ſtiegen den Auerberg hinan. Der Ritter zu Roß, zu Fuß der Mönch. Hinter ihnen trottete mit müden, zitterigen Beinen ein kleiner Eſel, an deſſen beiden Flanken je ein großer Packſack hing. Darin waren die Fahnen, die der Jörg von Frunds⸗ perg erbeutet hatte. Nach Mindelheim ſollte ſie der Engel Hiltensperger bringen und ſie in der Kirche aufhängen. Darum hatte ihn der Jörg Frundsperg gebeten. So trug ſang⸗- und klanglos ein Eſelein ein Stück deut⸗ ſcher Geſchichte über die Berge ins Reich. Ein Sonntag war's, ein herrlicher Spätherbſttag. Alt⸗ weiberſommer flog um die Hänge des Auerbergs. Im blauen Dunſt lagen die Fernen, und vor dem Gebirge hing ein dünner, durchſichtiger Schleier. Rings um den Berg brachten ſie die letzten kleinen Fuder Grummet ein, die vom Herbſttau ſtark zuſammengefallen waren. Überall ein Lilaſchimmer von Herbſtzeitloſen. Glocken läuteten von Remnatsried und Bernbeuren, von Salchenried und Stötten, und ein ſonntäglicher Friede lag über dem Land, daß dem Hutten ſein weit gewandert Herz ganz ſtill und groß wurde. Mit mächtigen Schritten griff der Rappe unter ihm aus, ſo daß der Engel Mühe hatte zu folgen; denn der Gaul witterte den Stall,— ein paarmal zog er die Lufs ein und wieherte laut auf. Am letzten Wieſenhang, dort wo man ins deutſche Land hinaus ſah, ſo weit als das Auge reichte, bis Erde und 303 Himmel zuſammenfielen, Rappen. „Schauet hinaus, Herr Hutten! Vor Euch lieget das Schlachtfeld!“ „O teutſches Land, o herrlich Land! Du aller Länder Ehr und Zier! Ragent nit die Berg als Diadem ob deinem Haupet, umb das die Adler kreiſent? Lageret nit das Meer ſich zu dinen Füeßen als ein ſchimmrender Teppich mit ſilbrinen Franſen, ſo die Sunn ufſpringet am Firmament, und mit guldinen, ſo ſie zu Gnaden gehet! O teutſches Land, du aller Länder Kron!“ Ein leiſes Lachen klang aus des Hutten Bruſt, ſo wie es klingt, wenn das Herz vor lauter Glück nicht weiß, wo hinaus. „Itz wurt Euch das Herze weit, Herr Hutten! So eim uf dem Auerberg nit die Lieb zu teutſchen Landen erbrennet, wurts nirgendwo ſeind. Vermein ſchier, hätt der Satanas den Heiland uf den Berg geſtellet, der Handel wär anders usgangen!“ „O teutſches Land, was wunders, daß die Dunkelmänner dein mächtig zu ſein trachtend. Ihedoch, ich will ein Fackel zunden, die ſoll brennen, was morſch und alt, und usraucheren die Höhlen, darein ſich das giftig Gewürm verſchlupfet, ein Fackel, ſo leuchtet und flammet von denen Bergen bis an das ferneſt Meer.“ da verhielt der Hukten den *.* Es war am ſelben Sonntag, kaum zwei Stündlein ſpäter, daß ſich die Auerbergbauern vor der Kirche von Burk verſammelten. Die zum Pfarrer hielten, die Gotteshausleute, die Häus⸗ ler und die, denen der Streifzug des Fürſtabts die Angſt in die Knochen getrieben hatte, waren in der Kirche von Burk, wo ihnen der Pfarrer ſagte, was der gnädige Herr von ihnen erwarte. 334 Die anderen ſaßen im Krug. Beim Bier erhitzten ſich ihre Köpfe, und ihre Herzen luden ſich mit Zündſtoff. Ein Gerücht wollte wiſſen, der Pfarrer wolle das Thing leiten.„Daß ihn Völtins Plag anſtoß, den Kelchbuben, den bſchornen!“ knurrte Anton Kollmann, als er vom Tiſch auf⸗ ſtand und ſeinen Sauſpieß von der Wand holte. Die Glocke hatte zu läuten begonnen, der Gottesdienſt war zu Ende. Polternd und ſchimpfend nahmen die Bauern ihre Waffen von den Wänden:„Ein Kue beſcheiß ihn, und eine große ſchwarze Kue!“ Solche und ähnliche fromme Wünſche ertönten, während die Bauern ihr Reſtbier hinunterſtürzten und langſam zum Platze vor der Kirche ſchritten. Dort drängte eben die Gegenpartei aus der Kirchenküre. Man ſah, es war kleinmütig Volk, es drückte ſich zum Haufen und ſchaute wieder nach der Türe zur Sakriſtei, ob der Pfarrer nicht komme. Die Freibauern ſtanden in Gruppen und warfen Blicke um ſich her; ſie waren in der Minderheit. Aber zu ſpaßen war nicht mit ihnen, und viel brauchte es nicht, um die Waff en zum Klirren zu bringen. Schon flogen böſe, aufreizende Worte hinuüͤber zu den Gotteshausleuten, die ſich um den bucklichten Veit drängten: „Potz wunderiger Wunden, Veit, man ſaget, der Pfaff zu Kempten het dir ein guet Handſalben geben! Ruck uſer, wie viel ſeinds geweſt der Silberling?“ Der Rothaarige tat, als hörte er nichts. „Höreſtu nit, Veit? Haſtu den Haſen im Buſen?“ „Im Puckel, willtu ſagen“, lachte ein anderer. „Rot Haar und Erlenholz wachſent uf keim gueten Boden nit! Rot Haar het des Tuifels Schwanz!“ Dem Buckligen wollte ſchwül werden. Warum nur der Pfarrer nicht kam? Plötzlich ging die Kirchenkür auf, und er ſtand auf der 10 Treppe:„Ich gebiet Frieden und verbiet Unfrieden!“ rief er. 335 Die Gotteshausleute ſuchten einen Ring zu bilden; die Freibauern rührten ſich nicht von der Stelle. Der Pfarrer ſchaute unſicher zu ihnen hinüber. Da ſtieg der Michel Hiltensperger ruhig die paar Stufen hinauf und legte dem Pfarrer die Rechte auf die Schulter. Mit einer Stimme, die keinen Widerſpruch duldete, ſprach er:„Kelchbüeble, Kelchbüeble! ſag mir zu— förderſt, wer es geweſt, ſo dem Abbet die Poſten geſchickt, die Reiſigen uf die Gebürs gehetzet!“ Der Pfarrer erbleichte und ſtotterte. Um die beiden ſchloß ſich ein Ring. „Bin Euch kein Rechenſchaft nit ſchuldig!“ „Die wurt ein anderer von dir fodern! Alsdann magſtu ſehn, wie du beſteheſt, ſo dein Vatter die Antwurt vor Gotts Thron von dir heiſchet! Itz zum andren! Iſt der Jährle ſechs her, da ban i eim Sterkern die Treppen gewehret. Leicht hets dir ein Meusle pfiffen— itz, Kelchbüeble, gang! Ich gebiet Frieden und verbiet Unfrieden!“ Und der Pfarrer trat wortlos hinunter in den Ring. Schnell hintereinander erledigte der Michel ein paar Streitfälle der Bauernſchaft. Dann kam er zum Haupt⸗ unkt. Der Abt hatte die Bauern wiſſen laſſen, er wolle ſich in gutem mit ihnen vertragen, ſo ſie ihre Klage in Rom zurückzögen. Die Klage war trotz erbitterten Widerſtands des Michel Hiltensperger und ſeiner Getreuen zurückgezogen worden, aber der Abt hatte nichts mehr von ſich hören laſſen. Eine Abordnung hatte er gar nicht empfangen. Das alte Spiel! Der Pfarrer hatte gehofft, es werde ihm gelingen, das Thing zu leiten und in ungefährliche Bahnen zu lenken. Aber ſchnell ſah er ſich im Ring und noch ſchneller in deſſen Mitte. 36 „Du ſollt uns ſagen, Joſeph Brugger“, rief Michel Hiltensperger ihm zu,„wo uſer itz! Haſtu uns nit ver⸗ ſprochen, der Abbet werd ein Schloraffenland machen uf dem Auerberg? Itz ſein wir die Affen, in simias conversi, als wie der Engel zu ſagen pfleget. Itz, Pfaff, ſolltu uns ſagen, was ſoll beſchechen?“ Der Pfarrer ſchwieg. Einer aus dem Haufen rief:„So voller Lecher wellent wir ihn ſtechen, als wie ein Fiſchbehalter! Das ſoll be⸗ ſchechen!“ „Gel, Pfaff, itz ſchlotteret dir das Mentele?“ „Ungebrannte Aſchen und faiſte Brügelſüpple! Sell wär guet for den Dintenfreſſer!“ So ſchrie's durcheinander, aber auch bei den anderen, bei denen, die um den roten Veit herumſtanden, begann es zu rumoren. Das machte dem Pfarrer wieder Mut, oder vielmehr, das gab ihm ſeine Frechheit wieder. Mit ſeiner gellen, harten Stimme rief er:„Feifel, wer ſaget euch, daß der gnädig Herr nit wöll ein Einung machen? Ich ſag euch, er will zuvor die Böck von denen Schafen ſcheiden. Iſt viel Geucheri am Auerberg, mueß erſt mannich eim Gauch das Fell geſtrichen werden.“ „Mendle! Mendle!“ rief der Michel,„itz ſtreich dir dein Haar von beeden Ohren! So eim vom Auerberg wurk ein Härle krümmt vom Pfaff zu Kempten, ſo wurſtu vor dein himmliſchen Richter gſtellt, eh daß die Sunn zu Gnaden geht!“ Ein Mann drängte ſich durch den Ring. „Der Engel! Der Engel!“ ſchrie's durcheinander. Hätkte eine Stückkugel unter die Bauern geſchlagen, die Wirkung wäre nicht größer geweſen! Langſamen Schrittes krat der Engel vor den Pfarrer und ſah ihn ſchweigend an; dann ſprach er mit ruhiger Schmückle 2³ 337 Stimme:„Blau, itz iſch der Joſeph gar ein Pfarr! Ihedoch, was bald wachſt, ſell verdürbt bald!“ Dem Pfarrer ſchlugen die Zähne, die Farbe kam und ging auf ſeinem Geſicht. „Itz, Pfaff, iſts an der Sunnen!“ ſchrie der Michel, „itz wellent wir dir dein Luegen mit eim Leffel in Hals ſtopfen, daß du dran ſollt erſticken!“ Der Engel aber trat mitten in den Ring:„Ihr hent mich gen Rom gſchickt, euer Sach ze führen, iſts alſo oder iſts nit ſo?“ Ein unverſtändliches Murmeln durchlief die Reihe. „Hernach Poſten gſchickt an den Heiligen Vatter, ihr ſeied nit der Meinung, euer Klag ze End ze bringen, viel⸗ meh geſonnen, euch mit dem Herren zu Kempten z' ver⸗ kragen!“ Die Bauern ſchwiegen und ſchauten zu Boden. „Iſts ſo oder nit? Ganget rund heraus mit der Ant⸗ wurt!“ donnerte der Engel. Da rief der Michel:„Pfei der Schand, es iſt alſo!“ „So ſeied ihr mir ein Rechenſchaft ſchuldig!“ Die gab der Michel:„Iſt alls zur ſelben Zeik umlaufen. Der Engel het ein italiſch Menſch, wöll nimmermeh heim⸗ kummen, der Engel ſeie kot! Der Prozeß ſeie verlorn! Luegen, nir wie Luegen! Nit am Auerberg gwachſen, anſondern in der Kemptener Sudelkuchen erfunden und erſtunken. Der Lederle hets muͤeſſen umbtragen, der bucklet Veit hets ufs Brot gſchmieret, der Pfaff hets mit Zucker⸗ werk beſtreuet:— Der Abbet wöll fürder ein gueter und gnädiger Herr ſeind, juſt als wie der Wolf im Schaf⸗ pferch! Wöll ein Einung machent mit denen Pauren ohn alle Laſt und Gülten! Sollich teufliſch Luegen ſeind Täg und Mächt umb den Auerberg gflogen. 338 Der Engel iſt tot! Der Engel iſt tot! Der Lederle hets beſchworn ze Kempten! Iſt die Katz uſerm Hus, ſo reihen die Meus! Do iſt denen Kleinmütigen das Wammas eng worden und denen Lumpen der Kamm gſchwollen— iſts nit alſo, Veit?“ „Iſt mein guet Recht“, ſtieß der hervor,„im Thing zu raten nach Wiſſen und Gewiſſen.“ Da ertönte wieder des Engels tiefe Stimme:„Dein Gewiſſen mach mit deim Herregott us, dein Wiſſen aber iſt Lug und Trug geweſt!“ „Sein Wiſſen“, grollte der Michel,„het ihme der Pfaff zubloſen.“ „Judas, wieviel Silberling ſeinds geweſt?“ fragte der Engel den Pfarrer. „Judas, nimm dein Strick“, ſchrie einer aus dem Haufen. „Stand Red und Antwurt!“ fuhr ihn der Engel an. „Bin niemerd kein Rechenſchaft ſchuld, dann meim gnädigen Herren ze Kempten!“ „Ei, will der Pfaff ein rauch Pelzle anziechen? So will ich euch Red und Antwurt geben!“ rief der Engel mit lauter Stimme.„Euer Sach zu Rom beim Heiligen Vatter in Treuen vertretten. Von ihme die Zuſag, daß denen uf dem Auerberg alle Freiheiten ſollent werden ver— briefet for ewige Zeiten. Fehlet bloß no das Sigull.— Iſt euer Potſchaft kummen, alls umb einſunſt geweſt! Alls, was eure Vätter in hundret Jahr erſtritten, all Not und Fahr, all Müh und Arbet vertan umb ein paar Spitzknecht willen! Der Abbet hets gwißt, wie gar übel ſein Sachen ſtund, der Lederle hets müeſſen vermelden gen Kempten. Dieſerhalb die Pauren mit dem ſamtinen Hendſchich erſtreichet, bis die Katz ufm Baum. Und ihr hent den Haſen laſſen laufen, ſo ihr allbereiks an denen Löfflen gehalten! 339 2 2 05 Das Spill iſt us! Ihr hents vertan und verſpillet! Die Schuld wäſchet ihr nit ab, ſo ihr äll Täg im Weihwaſſer badet. So het der Herr ze Kempten euch for Narren ge⸗ nommen, alſo daß ihr den Engelbert Hiltensperger verraten, itz zalet ihrs hart!“ Die dicken Schädel brauchten erſt eine Weile, bis ſie die Tragweite des Geſagten erfaßt hatten. Dann erhob ſich ein grollendes Murren, und am Ende brach der helle Zorn hindurch. Stecken und Fäuſte drohten wider den bucklichten Veit und ſeinen Anhang, und ſchon klirrten bedrohlich die Waffen. Die andern drängten um den Pfarrer, ein führerloſer, verzagter Haufen. „Sollen wir ſie erſchlan, Engel?“ ſchrie ein alter Bauer. Aber der Engel gebot Frieden. Dann rief er noch einmal:„Hundret Jahr hent die Vätter gſtritten, gewunnen war das Spill, ein Judas hats zunicht gmacht! So frag ich euch: Hat jemalen ichteiner umbſunſt nach dem Engel grufen? Hat ichtwann der Engel eim von der Gebürs die Treu nit ghalten?“ „Nie nit! Nie nit!“ ſchrien die um den Michel. Da trat der Engel mitten in den Ring:„So loſet, daß kein Wörtle nit zu Boden fall: Treu um Treu! Ontreu trefft ſein eigenen Herren! Der Engel iſt los und ledig ſeins Wurts, ſo er vor ſechs Jahr hie in der Kirchen zu Burk euch geben! Euer Pfarr heißet nit meh Engel Hiltensperger, ſein Nam iſt ab itz Joſeph Brugger!“ „Es iſt am Auerberg nie nit der Sitt geweſt, daß man ſetzt d' Marren über d' Eier!“ ſchrie einer. „Ziechet euch an eurer eignen Naſen. Kein Narr will ein Narr ſeind! Mich will ſchier dünken, der Pfarr von Burk und die Pauren vom Auerberg ſeind einander wert! Ab heunt ganget der Engel Hiltensperger ſein eigenen 34⁰ Weg! Du aber, Pfarr, ſtreich nit umb die Auerbergkirchen, ſo dir dein Leben lieb, des ſoll tu gewarnet ſein! Itz wend der Allmächtig ab von uns allen ſeinen Zoren!“ *** Zwei Tage und zwei Nächte hatte der Ulrich von Hutten auf ſeinem Lager von Schaffellen geſchlafen ohne aufzuwachen. Als er die Augen öffnete, ſtieß der Engel den Laden weit auf, daß die goldene Herbſtſonne voll herein⸗ flutete. Auf dem Tiſch ſtand ein großer Strauß von tiefblauem Enzian, wie er rings um den Auerberg blühte. Und neben dem Lager ſtand ein friſchgezimmerter Tiſch mit einem loſen Schreibpult darauf. Ein Gefäß mit Tinte, die der Engel aus einem Galläpfelſud bereitet hatte, und ein friſch⸗ geſchnittener Gänſekiel lagen dabei. Tief ausgeruht war der Ritter; ſeine Atemzüge kamen aus befreiter Lunge, und ein leiſes Glücksgefühl rührte ſich in ſeinem Herzen. Er dehnte ſich und ſtreckte ſich, und ſeine Augen hatten einen frohen Glanz. „Ei, Herr Hutten, was hent Ihr for hipſche rote Backen!“ rief der Engel fröhlich und ſtreckte ihm die Hand hin.—„Laſſet Euch hinaustragen zum böſten Arzet, als da iſt die Sunn, da ſollt Ihr ganz und gar geneſen!“ Und ſie trugen ihn hinaus vor den Etter mitſamt ſeinem Lager, dazu Gänſekiel und Tintentopf. Vierzehn Tage lag er ſo und ließ der Sonne freien Zu⸗ tritt zu ſeiner Wunde am Bein. Es war, als ob die ſchönen Tage des Herbſtes kein Ende nehmen wollten. Einen Tag um den andern ſtrahlte der Himmel im wolkenloſen Blau, und länger als je trieben die Bauern aus. Die Wunde ſchloß ſich, und neue Kräfte rührten ſich im Blut des Kranken. 341 Am vierzehnten Tage erſt kauchte er die Feder ein und ſchrieb über den Deckel eines Heftes: „Epistolae obscurorum virorum!“ Wenn er ein paar Stunden geſchrieben hatke, likt es ihn nicht mehr länger auf ſeinem Lager. Dann ſchritt er, nur noch wenig hinkend, in den Wald und legte ſich auf das alte Keltengrab, ſah den Wolken nach und lauſchte den hundert Vogelſtimmen, die er alle kannte. Oder er lag am Hang unterhalb des Kirchleins und ſah nach den Bergen, hörte dem Klang der Herdenglocken zu, ließ den Altweiberſommer über ſeinem Haupte ziehen und ſeine Seele binterdreinfliegen ins Himmelblau. So war er einſt als Knabe bei der Steckelburg im Waldesſchatten und am Wieſenrain gelegen, hatte zur Paarungszeit die Vögel mit ihrem Nufe gelockt. Wenn der Spätnachmittag kam und es leiſe zu fröſteln begann, dann legte er ſich droben vor Etters wieder auf ſein Lager, ließ ſich vom Regele mit Schaffellen warm zudecken und ſah zu, wie die Sonne gelb und rot wurde, am Ende als blutiger Ball am Horizonte ſtand und feurige Lohen über den Abendhimmel ſchießen ließ, derweil im Süͤden die Berge erſt in tiefes Violett, dann in die ſchwarze Nacht verſanken und über ihm die Sterne zu funkeln be⸗ gannen. Und dann kamen die ſchönen Abende am glimmenden Herd, wenn der Engel rohe Wegbilder vom See und Schwarzwald zeichnete, das Regele ſtill daneben ſaß und er ſelber an ſeinem Buche über die Dunkelmänner ſchrieb. Aber einmal nabmen die ſchönen Herbſttage ein Ende, und die grauen Mebel krochen um den Auerberg und huͤllten ihn in eine dichte Kappe. Die Stürme fingen an zu brauſen und an Tor und Angel zu rütteln. Da ſpannen ſich die drei Menſchen auf ihrer einſamen Höhe erſt recht ein und rückten noch näher zuſammen. Schon 3⁴² am frühen Morgen legte das Regele friſchen Waſen auf, und die Abende wurden noch ſtiller und ſchoͤner. Hui! Wie zerzauſte der Sturm das alte bemooſte Strohdach und ſtürzte ſich heulend zur Geltnach hin⸗ unter! Und die alten Tannen bogen ſich und ächzten. Da ſah ſich der Hutten mit den Geſchwiſtern auf der Steckelburg am gloſtenden Kamin ſitzen und frieren und ſchnattern. So ſaßßen ſie wohl auch heut und ſprachen von dem enk⸗ arteten Sproß, der Vater, die Bruͤder; nur die ſtille Mutter mochte dabei einige lautloſe Tränen weinen. Vielleicht war auch der Vetter Hans eingekehrt, durch⸗ froren vom Heckenſtehen und fluchend, weil ihm ein paar Kaufleute entkommen waren. Mochten ſie ihn zu den Toten rechnen und im ſtillen aufatmen bei dem Gedanken, daß er der Familie kein weiter Unehr machen werde, denn Wiſſenſchaft und Dicht— kunſt wog nicht beim deutſchen Ritterſtand. Und der Sturm brauſte und rüuͤttelte im Gebälk. „Hutten, was ſinnet Ihr?“ „Ohn Sturm kein Lenz nit!“ Und die Stürme legten ſich, und in ſchweren Flocken ſiel der Ochnee vom Himmel, und graue Wolkenwände ſchoben ſich über den Auerberg.. Aber Holz und Waſen verbreiteten eine wohlige Wärme in der niederen Stube. Und Seite an Seite reihte ſich in den Epiſteln wider die Dunkelmänner. Der Engel nabm den ſchönſten Block von der alten Linde, die er im Vorfrühling, eh ſie Säfte trieb, gefällt batte, ſpaltete ihn in der Mitte und ſchnitt mit wuchtigen Meißel⸗ hieben den Kern aus. Klirr! klirr! ſlogen die Späne. Und ſchon nach drei Tagen konnte er ſich daran machen, 343 N nach einem Tonmodell die rohe Form aus dem Holze zu ſchlagen. Und wie er ſie gebildet hatte, da mußte ihm das Regele ſizen mit dem Buben auf dem Schoß. Zwei lange rot⸗ goldene Zöpfe hingen ihr über Schultern und Bruſt, und das Kind ſpielte mit der leuchtenden Pracht. Dabei ſaß der Hutten am Fenſter und ſchrieb. Wenn ihm eine Bosheit in die Feder floß, lachte er ſelber hell auf. Dann mußte er die Stelle dem Engel vor⸗ leſen. Und wenn der lachte, daß ihm die Tränen aus den Augen liefen, dann rief er wohl:„Herr Hutten, Herr Hutten! Gott ſeis geklagt, daß Ihr nit in teutſcher Sprach ſchreibet! Das gebet ein Gelechter in teutſchen Landen, daß kein Meusloch wär übrig, dieweil in ein jeds ein Pfäffle ver⸗ ſchlupfet!“ Mit der Arbeit war eine große Freude über den Engel gekommen. Er ſang und pfiff und ſchlug den Meißel im Takt dazu. Und das Kind ſtreckte die Arme aus, wenn die Späne flogen, juſt wie es der Engel beim Tonmodell vorgeſehen. Fuhr ein großer Span durch die Luft, ſo erſchrak das Regele in tiefſter Seele, vermeinend, die Form ſei angeſchlagen. Dann lachten ſie wohl zu dritt, und das Kind jauchzte dazu. An einem frühen Morgen— der Hutten ſchlief noch— ging die Sonne wieder flammend auf, und die Berge ſtiegen wie ein herrliches Wunder aus der flimmernden Schnee⸗ welt. Der Engel und ſein Weib ſtanden vor Etters und ſchauten über die funkelnde Gotteswelt. Überall Flimmern und Blitzen, kein unrein Flecklein mehr, ſo weit das Auge reichte. Der Engel legte ſeinen Arm um ſein Weib, und leiſe ſchmiegte es ſich an den ſtarken Mann. 3⁴4 So feierlich war es, ſo groß und ſtill, daß keins mehr wußte, wie lange ſie geſtanden, als der Engel das erſte Wort ſprach. Da ſah er auf einmal, daß ſein Weib geweint hatte. „Ei, Regele, warumb weineſtu?“ Das Weib hatte es nicht leicht gehabt, während er fort war. Kaum waren die Gerüchte von ſeinem Tod um⸗ gegangen und hatten ihr ſchweres Leid gebracht, da rührten ſich die Heimtücker und heimlichen Feinde. Nicht nur ein⸗ mal in der Nacht hatten ſie ihr Spei⸗ und Spottwerk an die Türe geſchrieben.„Pfaffenkellerne“ war das gelindeſte geweſen! All das verſchwieg ſie, aber daß ihr das Herz ſchier ge⸗ brochen, das erzählte ſie ihm. Da drückte er ſie an ſich:„Des ſolltu nit weinen, Regele, vielmeh ſtark und muetig ſeind, ſieheſtu, der Engel mueß ab itz viel und often ein Wanderſchaft thon, Wochen unde Mond reiſende, often bloß uf ein paar Täg heim⸗ kummen.—“ Da wiſchte ſie die Augen:„Des ſolltu onbeſorgt und onbeſchwert ſeind, Engel!“ Dann warf ſie beide Arme um ſeinen Nacken und küßte ihn, als wollte ſie nimmer von ihm laſſen. Auf einmal ſtand der Hutten hinter ihnen, die Hände gefaltet vor lauter Staunen und Ehrfurcht vor dem Schnee⸗ wunder. Mie noch hatte er eine ſolche Herrlichkeit erlebt. Sie trugen ihm ſein Lager heraus und bedeckten ihn mit Schaffellen. „O mein Engel“, ſagte der Hutten,„mir iſt ein Mira⸗ kulum beſchechen! O teutſches Land, wie biſtu gar ſo herrlich! Wunder! Wunder! Wunder!“ „Iſt allweil ein Wunder, ſo die Schleuer von des Herr⸗ gotts Antlitz wehent“, ſagte der Engel Hiltensperger leiſe. „Wie meinet Ihrs?“ „Hundret Schleuer wehent vor ſeim Angeſicht. Fallent 34⁵ etlich, ſo leuchtet Gotks Aug durch die andern, und den Schein von ſeim Aug nennent die Menſchen die Schön⸗ heit.“ Schweigend ſchaute das Regele an ihm empor. Da lächelte der Hiltensperger und blickte ihr in die Augen:„Ein jedweder traget ſein Herrgott im Herzen. Seind aber etlich gebenedeiet alſo, denen hak er laſſen ein Schleuerlein fallen ab den Augen, drumb ſeind ihre Augen ſtrablende und leuchtende, als meiner Regula ihre!“ Sie lächelte glückſelig vor ſich hin. „Seind aber etlich gebenedeiet alſo, daß ſie ein Schleuer⸗ lein vom Antlitz Gottes ſelber nehment. Sell ſind die großen Bildner. Sie ſeind Gottes rechte Kinder und er⸗ kennent ihn im Holz und im Marbelſtein, in Wurt und in Farb, in Klang und Licht. So ſie das Schleuerlein weg⸗ genommen, ſo leuchtend die heilig Materia vom Schein Gottes. Gott grüeß die heilig, groß, ewia keutſch Kunſt Der Hutten ſah hinaus ins Schneeland. Stille, Stille, unermeßliche, unergründliche Stille der Schnee⸗Einſamkeit! So tief, daß ſie in ſich zu klingen anhebt, das Herz zum Mitſingen zwingt. So lag der kranke Mann, nachdem die beiden andern ins Hans gegangen waren, die Hände über der Bruſt gefaltet. Süße Wärme goß ihm die Sonne ins Blut. Das kam und ging zum Herzen in kräſtigen Wellen, wie ſeit langem nicht mehr. Hoffnung! Hoffnung! Sollte es für ihn in dieſem Leben noch ein Geneſen geben? Drinnen in der Stube hörte man den Engel ſein Schnitz⸗ meſſer ſchleifen, man hörte, wie er es am Olzeug abzog und härtete. Er ſang und pfiff und war guter Dinge. Das Holz nahm er aus dem Vertikal⸗ und ſpannte es in den Hori⸗ zontalblock, legte den Klöppel beiſeite und griff zum Flach⸗ 340 10 eiſen, um den Kopf und das Bewegungsmotiv ſamt dem Faltenwurf andeutend herauszuſchälen. Hin und wieder nahm er den Meißel, bis die ganze Form in roben Umriſſen aus dem Holze ſtieg. „Engel!“ „Wa willktn, Regele?“ „Das Schleuerlin wehet ſchon heimlicherweis.“ „Iſt mir ſelbſten, als ſpüret ich den Herregott Der draußen hatte längſt zur Feder gegriffen. Traf ein Schneeball einen der Dunkelmänner mitten ins Geſicht, ſo lachte er fröhlich, daß der Engel in der Stube lächelnd in der Arbeit innehielt. Vom weißblitzenden Morgen an ſchrieb der Hutten bis zum Abend, wenn blutigrot die Sonne unterging und die brennenden Verge lange feurige Streifen zu Tale ſchickten, bis drüben im Weſten Erde und Himmel ein Glutmeer waren, bis die Schatten die Röte violett färbten und wogend der Feuerball in die Dämmerung ſank. Dann hatte er die Hände in die Felle gehüllt und betend der ſterbenden Sonne zugeſehen. Dabei war ihm ganz feierlich zumute geworden— bis ſie kamen und ihn hereinholten. Inzwiſchen hatte der Engel mit ſeinem Hobleiſen die Falten herausgearbeitet, Höhen und Tiefen bedachtſam uͤber⸗ ſchnitten. Immer weiter krieb er ſein Werk der letzten Reife entgegen, immer ſtärker brach der göttliche Schein durch und machte, daß des Bildners Auge leuchtete. „Hutten, es iſt kein Freud ſo groß, als wie die ſchaffend Freud“, jubelte er, und in raſchen, wohlüberdachten Kurven fubr er mit dem Geißfuß der Mutter Gottes über die Haarſträhnen. „Blau“, lachte der Hutten,„ebrlich Spän und Händel ſeind joch ebbs wert! Loſet, obs trefft!“ „Hutten, warumb ſchreibet Ihrs nit uf keutſch? Iſt ein gar mächtig Ding umb die teutſch Sprach. So einer 347 100 will zum Volk redent, derf er nit ſäuſlen und mit Sammet hendſchich ſtreichlen, vielmeh mit eim faiſten Prügel drein⸗ haun und ein kernhaft Sprüchle derzu ſagent. Dannoch, es wurt joch ſo Gelechter gebent umb und umb!“ So flog der Tag, und ehe man ſich's verſah, kam der Abend. Dann ſchob der Hutten ſeinen Backenſtuhl an den Tiſch. In der Herrgottsecke, unterm Gekreuzigten ſaß der Engel, der an den Händen der Mutter Gottes ſchnitzte. Voller Liebe hielt er die zarten, beſeelten Gebilde, und an⸗ dächtig gab er ihnen den letzten Schnitt. Neben ihm ſaß das Regele und hielt die Hand auf den Tiſch gelegt, damit er danach ſchneiden konnte. Und der Hutten, wenn er nicht ſchrieb, ſaß er wohl mit aufgeſtützten Armen und gedachte der Tage, da er arm und krank durch die Gaſſen von Pavia ſchlich, wund und ſtaubig ſich unter den Landsknechten plagte. Und nun Ruhe und Frieden! Aber er wußte, daß es nur eine kurze, die letzte Ruhe⸗ pauſe auf ſeiner Pilgerfahrt war. Und dann kam der Tag, an dem der Engel mit leiſer Hand über das ſüße Geſicht der Mutter Gottes ſtrich und das Schnittmeſſer zur Seite legte. Tief aufatmend trat er zurück. Das Regele ſtand neben ihm, beide Hände vor der Bruſt gefaltet. Der Engel aber ſprach leiſe:„Ein anderes möcht mir nimmermeh alſo geraten, dem Herrn ſei Lob und Dank, daß er mich einmalen hat laſſen redent in ſeiner Sprach.“ Von nun an werkten ſie zu dritt an der Mutter Gottes. Der Hutten mußte die Farbbrocken zerſtoßen, die der Engel von Ulm mitgebracht hatte, auf dem Reibeiſen mit reinem Waſſer zu dicker Paſte verreiben und dann in einer Schweinsblaſe verwahren. Die Regula vermiſchte die Bologneſer Kreide im Waſſer⸗ bad mit Lederleim, bis eine rahmige Flüſſigkeit entſtand. Mit aufgepluſterten Backen ſaß ſie am Boden und blies 348 in die Glut, vom roten Schein übergoſſen, denn um ein Haar hätte ſie vor lauter Scherzen und Lachen verſäumt, das Feuer für Leim und Waſſerbad zu ſchüren. Indes ſie den Kreidegrund weiterrührte, tränkte der Engel das Werk mit warmem Leimwaſſer. Als es getrocknet war, legte er mit dem großen Borſten⸗ pinſel den erſten Grund auf, dann die zweite, dann die dritte Lage, eine dickflüſſiger als die andere. Juſt als er fertig war, hängte der Hutten ſeine letzte Schweinsblaſe an den Wandnagel. Der Engel pfiff nach den Hunden, wuſch ſich die Hände am Brunnen, nahm ſeine Armbruſt und ging hinüber in den dichtverſchneiten Wald. Rechts und links von ihm trotteten der Wölfe wegen Geri und Freki. Immer wieder klopfte er mit einem dicken Prügel an die Stämme, bis es plötzlich rot über einen ſchneebehangenen Zweig fuhr. Ein Eichhörnchen. Der ſchneebedeckte Zweig, auf dem es zu keinem Sprung anſetzen konnte, mochte ihm nicht behagen. Es drückte ſich an den Stamm und äugte herunter. Ein Klingen der Armbruſt, und es fiel kopfüber. Dann ſchoß der Engel im Vorbeigehen noch einen Haſen im Lager und kehrte heim. Nun ſaß er wieder am Tiſch und band mühſelig die Härchen der Eichkatze zu feinen und feinſten Pinſeln. Von da ab durfte ihm niemand mehr bei der Arbeit zu⸗ ſehen. Hinter einem aufgeſpannten Tuch werkte und ſchaffte er, ſchliff den Kreidegrund mit Schachtelhalm, ging auch da und dort mit dem Repariereiſen noch einmal über Geſicht und Hände, bis die Mutter Gottes daſtand, als wäre ſie ganz von Elfenbein. Dann kam die Arbeit, die ihn der Meiſter Syrlin ge⸗ lehrt. Der Kreidegrund wurde gelöſcht, der roke Bolusgrund auf Mantel und Haar der Gottesmutter geſtrichen, ſtück— weiſe mit dem Anſchießer das Blattgold aufgetragen und mit einem Eberzahn poliert. In drei Lagen von verſchiedener Richtung wurden mit breitem Pinſel die großen Farbflächen geſtrichen, mit feinem Haarpinſel auf das elfenbeinerne Geſicht und die ſchlanken Hände ein belebender Hauch, auf die Wangen ein feines Roſa gelegt, die Augenlider leicht gerötet und die dunklen Augenſterne eingeſetzt. Es dunkelte faſt, als Mutter und Kind fertig waren. Schweigend ſaß er davor. Das ungewiſſe Licht rückte die Heilige fern aus allen Erdendingen. „Wer hats geſchaffen? Ich, der Hiltensperger d Was iſts geweſt, ſo in mir klungen und ſungen, wie Jauchzen der Cherubim. Der Gott im Herzen hat den Gott im Werk erfühlet und gegrüßet mit Jauchzen und Pſal⸗ mieren. Sell alſo iſt die ſchaffend Freud! Daß der ſchaffend Menſch den ſchaffenden Gott erfühlet und eins wurt mit ihme! Iſt mir ſo des Menſchen größeſtes Glück geworden uf Erden!“ Leiſe fuhr ſeine Hand über das ſüße Antlitz:„Und iſt doch mein lieb Regula, ſo aus dem Vildnus zu mir her— ſchauet. Möcht gar mit der Lieb nit viel anders ſeind, dann mit der ſchaffenden Freud. Engel! Engel! Was for ein Ketzer biſtu! Iſt nit gar ſo abwegs, ſo ſie dich den Huß vom Auerberg nennent!“ Immer ferner rückte das Bildwerk im Spiel von Licht und Schatten, und der Meiſter ſelber verſank ganz in die Stille, die ihn umgab. Da war's ihm mit einemmal, als fühlte er ein leiſes Weh; wie ein feiner, unmerklicher Schmerz rührte es an ſeiner Seele, und eine Träne rann ihm über die Wange. Es war ſein Werk, das ſich von ihm löſte. 350 Nun gehörte es nicht mehr ihm. Morgen früh, am hellichten Tag würden er und das Regele es miteinander anſchauen, und es würde ihm ſein, als hätte es ein ganz anderer geſchaffen. Die Hunde ſchlugen an. Da löſchte er die Funſel und trat wie allnächtlich noch einmal unter die Tür und blickte hinauf in den Slernen⸗ himmel, der funkelnd über dem Schneeland ſtand. Ein Wolf, der die Schafe gewittert, ſchoß über die Mulde in den Wald hinüber. Als die Sonne aufging, ſtand das Regele jubelnd vor dem Bildwerk, das in Gold und Ultramarinblau in heller Schönheit leuchtete. Der Engel ſtand dabei und freute ſich, ganz frei von der ſüßen Laſt, die er bislang mit ſich herumgetragen. Der Hutten aber ſaß lange davor und ſchwieg. Endlich ſagte er:„Engel, Ihr habet in teutſcher Sprache geſpro⸗ chen. Habet Dank for die Lehr!“ Mit ſeinen beiden Händen trug dann der Engel ſeine Mutter Gottes hinauf in die Kirche und ſtellte ſie an die Seitenwand des Chors, wo von allen Seiten das Licht hereinflutete. Dann ſaß er lange mutterſeelenallein im Ge⸗ ſtühl. Es war ein großes Schweigen um ihn, und die Sonnenſtäublein tanzten in der Winterſonne wie winzige goldene Pünktlein. Es war ganz ſtill und feierlich, kein Stäublein mehr, das auf des Meiſters Seele gelegen hätte. *** Feuer im Remstal! Feuer in der Ortenau! Engelbert Hiltensperger wanderke vom Morgen zum Abend ohne Raſt und ohne Ruh über Ulm nach Blau⸗ peuren und hinauf auf die Nauhe Alb. Nun zog er mit ſeinen langen, gleichmäßigen Schritten die endloſe Straße, die nach Gutenberg führt. Zahlloſe Lerchen ſtiegen und ſielen über den Feldern. Rechts und links mächtige Buchenwälder, wechſelnd mit ſteinichten Schafweiden. Nirgends ein menſchliches Weſen, nur ab und zu in der Ferne ein paar Hirſche, die unter vereinzelten Buchen ſtan⸗ den und zu dem rüſtigen Wanderer herüberäugten. Bei Gutenberg ſtieg dieſer die lange Steige zu Tal. Wie ausgeſtorben ſchien das Dorf. Er klopfte an eine Haustür. Erſt nach wiederholtem Schlagen mit dem Klopfer öffnete ein alter Bauer. Wohin der Weg ins Remstal führe, fragte der Wanderer. Der Bauer murmelte etwas Unverſtändliches und ſchlug die Türe zu. Weiter unten, wo die Dorfſtraße abbiegt, beim Badhaus, kraf der Engel auf ein paar Reiſige, die ein Trupplein Bauern in einer Sackgaſſe zuſammengetrieben hatten. Mit denen ließ ſich der Engel ein. Da erfuhr er, daß der Ulrich von Wirtemberg über die Bauern hergefahren war wie das Gewitter. Zu Schorndorf hatte er ein furchtbares Gericht gehalten, und nun wurde in den Dörfern ein Nachtrieb veranſtaltet. Was die Häſcher fingen, ſollte nach Stuttgart verbracht werden. So wandte der Hiltensperger ſeine Schritte Stuttgart zu. Ihm voraus trieben die Reiter einen Haufen Gutenberger Bauern. Auf den Feldern arbeiteten, abgewandt und gebückt, einzelne Leute. Keinen Blick warfen ſie nach der Land⸗ ſtraße, wo man mit Püffen und Schlägen ihre Brüder nach Stuttgart führte. Rief ihnen ein Reiſiger ein böſes Wort zu, ſo zuckten ſie zuſammen, als hätte ihnen eine Peitſche über den Buckel geknallt. Der Wanderer im geiſtlichen Gewande griff mit weiten Schritten aus, um den Schub zu überholen. 352 Da kam von Weilheim her ſchon wieder ein Häuflein ge⸗ bundener Bauern, von einem herzoglichen Forſtmeiſter ge⸗ führt. An der Kreuzung mit der Kirchheimer Straße ſtanden drei Rittersleute zu Roß mit ihren Knechten. Lachend be⸗ grüßten ſie den Forſtmeiſter und drängten ihre Roſſe zwiſchen die Bauern, rechts und links mit ihren Peitſchen auf die Gefeſſelten einſchlagend. „Rotzpauren, ſchwarze, grindige! Roßmucken, wir wellent nich das Ufmucken ustreiben! Holet ihn doch ab der Teck, den Siegerhanſen“, lachten ſie und wieſen zur Burg hinauf, wo der kühne Bauernführer im Turm ſaß. Und die Bauern, arme verängſtigte Menſchen, hoben bit⸗ tend die gebundenen Hände. Mit den Reitpeitſchen wurden ſie ihnen heruntergeſchlagen. Die Ritter ſetzten ſich mit dem Forſtmeiſter an die Spitze des Zuges und ritten mit ihm gen Kirchheim, wo von allen Seiten auf dem Markkplatz die Bauern wie das Vieh zum Markte getrieben wurden. Trüpplein um Trüpplein traf ein, geführt von Amt⸗ männern, Vögten, Forſtmeiſtern. Sie wurden zum Haufen gedrängkt, umſtanden von Rei⸗ ſigen, die mit Püffen und Schlägen nicht ſparten, während ein weiter Kranz von Bürgern und adligen Leuten ihnen Spott und Hohn zurief. Bleich und zitternd vor Angſt ſchoben ſich die Bauern zu⸗ ſammen. Und bleich und zitternd vor Zorn ſtand der Engel⸗ bert Hiltensperger und zwang ſeine Erregung nieder. Dann gab er ſich einen gewaltſamen Ruck und wandke ſich, packte ſeinen Spieß und zog ſeines Weges weiter. An der Kirchheimer Steige traf er einen Kaufmannszug mit reiſigem Geleite. Der Führer, ein Memminger Kind, ließ ihn aufſitzen. So ging's hinunter ins Neckartal mit ſeinen Rebhängen zur Rechten und ſeinen herrlichen Buchenwäldern zur Schmuͤckle 23 353 Linken, vorbei an der Körſchburg, die die Eßlinger gebrochen, deren Herrn ſie gerädert hatten, weil er das Heckenſtehen vor ihren Toren allzu dreiſt betrieben hatte, vorbei am Frauenkloſter Sirnau, in das juſt eine Rotte ſchreiender und lachender Rittersleute einbog zu allerlei in den Ordensregeln nicht vorgeſehener Luſtbarkeit. Aus den Fenſtern winkten ihnen weiße Tüchlein zum Willkomm. Und ſchon grüßten die alten mächtigen Türme von Eßlingen. In der alten freien Reichsſtadk nahm der Engel Quartier im„Lamm“, denn in den klöſterlichen Unterkünften war wenig zu erfahren von dem, was er wiſſen wollte. Im„Lamm“ aber war die Wirtsſtube dicht beſetzt von Ritterlichen, Ratsherren, Bürgern und Zunftleuten. Der Bauernhandel war in aller Mund, und ein Holz⸗ ſchnitt wurde umgeboten„Das Narrenſchiff vom Bund⸗ ſchuh“. Ein Schiff war darauf abgebildet, dicht beſetzt mit Bauern, die Narrenkappen trugen. So hörte der ſchweigſame Pfaff in ſeiner Ecke, daß am andern Tag zu Stuttgart Hinrichtungen ungetreuer Stadt⸗ knechte ſtattfinden ſollten, die mit den Bauern paktiert und ſich verſchworen hatten, ihnen die Tore zu öffnen. Die Meinungen waren geteilt, denn die Eßlinger lagen mit den Herzogen von Wirtemberg in ewigen Spänen. Aber eins mußten ſie dem roten Utz laſſen, ſeinen Mut! Wie er bei Schorndorf allein mitten zwiſchen die tobenden Bauern geritten war, wie ihm der Schlechtlinklaus in die Zügel gegriffen, der Veit von Buoch ihm mit dem Spieß nach der Bruſt geſtochen hatte! Da war der Herzog eis⸗ kalt geblieben, hatte ſeinem Roß die Sporen gegeben, daß es mit mächtigem Satze den Ring durchbrach. Das hatte ein Schreinerlein aus der Beutau mit an⸗ geſehen und erzählte es allen denen, die es hören wollten. 3⁵⁴ „Bitkterbös het er glueget!“ Und bitterbös konnte er ſein, der kolle Herzog! Nach ihm geſtoßen! Mit einem Spieß! Ein Bauer! Schwere Rache würde er nehmen, eine Rache, die er bis zur Nagelprobe gemeßen würde, darüber waren ſich alle einig, die im„Lamm“ zu Eßlingen ſaßen. Schier wie zu Padua war's, als am andern Morgen Hunderte von Eßlingern Stuttgart zuwanderten, um den Hinrichtungen beizuwohnen. Aber diesmal eilte der Engelbert Hiltensperger weit voraus, denn das Herz blutete ihm, und er konnte es nicht mehr mitanhören, was alles geſprochen wurde. Alle dieſe Feuerlein, wie der Arme Konrad eins war, würden von den Herren ausgetreten werden, das wußte er gar wohl. Aber er wußte auch, daß wo ein Feuer aus⸗ getreten wird, noch allerhand Funken unter der Aſche weiterglimmen, und daß wo ein Netz zerreißt, noch aller— hand Maſchen am Boden hangen und allerhand Fäden da ſind, die eine vorſichtige und kluge Hand wieder neu knüpfen kann. Drum eilte er dem Armen Konrad zu. Und ſchon ſah er Stuttgart vor ſich liegen mit ſeinen Mauern und Türmen, dem Stiftskirchen⸗ und Leonhards⸗ turm, mit der düſteren Herzogsburg. Zugleich mit ihm kam von Cannſtatt her allerlei Volks durch das Tor ge⸗ ſchritten. Alles eilte dem Richtplatz zu, wo die Stuttgarter ſchon vom frühen Morgen an gedrängt ſtanden, damit ihnen ja nichts verloreugehe von den Todesqualen armer Menſchen. Auf dem Platze, deſſen eine Seite die Kirche, die andere die Herzogsburg begrenzte, war die Richtſtätte. Auf dem Balkone ſah man Ritter und Damen lachend und fröhlich ſich unterhalten. Für die Herren vom Rat und vom Hof war eine Seite der Richtſtätte freigehalten, die übrigen drei nahmen 355 halblaut flüſternd und ſchwatzend die Bürger ein und alles was aus der Umgebung nach Stuttgart gekommen war. Die armen Leute der Stadt ſtanden beieinander. Ei, was ſie über die Bauern ſchmähten, jetzt, da die Sache ſchief gegangen war. Erſt hatte man das Maul ge⸗ hörig voll genommen, hatte große Reden geführt wider Rat und Herzog. Nun war man's auf einmal nicht mehr geweſen und drehte den Spieß um. Auch redete man gewaltig laut, damit die Herren hören konnten, wie man geſinnt ſei. Mitten zwiſchen ihnen ſtand der Engel und muſterte unauffällig die Umſtehenden. Was lag näher, als daß der eine oder andere der Rädelsführer ſich unter die Menge miſchen werde, um mit ſeinen Freunden einen letzten Blick zu tauſchen. Die Leute flüſterten halblaut. Auf dem Richtplatz ordnete der Scharfrichter ſeine Sachen. Mit einem dummen Lächeln ſah er auf die Leute, griff nach ſeinem Moſtkrug und winkte damit. Und es fanden ſich auch Tröpfe genug, die ob des blöden Scherzes lachten. Auch vom Balkone tönte ein ſcharfes, überlautes Ge⸗ lächter. Der Herzog war unter die Damen und Herren getreten und ſtand mit beiden Händen auf die Baluſtrade geſtützt. Sein Lachen hatte etwas Drohendes. Das Schauſpiel konnte losgehen. Das Armſünderglöcklein begann zu läuten, wimmernd und aufgeregt, zum Zeichen, daß die Verurteilten eben Sankt Johanns Segen tranken. Die Leute ſieberten. Und ſchon kam der traurige Zug zu zwei und zwei mit gefeſſelten Händen, zwiſchen jedem Paar ein betender Prieſter. Stumpf die einen, zitternd die andern, betraten ſie den Richtplatz. 356 Lauter wimmerte das Armſünderglöcklein auf; die Trom⸗ meln ſchwiegen. Der Scharfrichter ſtand auf ſein Schwert geſtützt, kleine Auglein unter einer niederen flachen Stirn, dumm und ge⸗ mein der Ausdruck ſeines Geſichts. Dem Engel ſchauderte:„Ei, Engel, was for ein Handel willtu treibent. Soll dein Haupet einmalen fallen, als wie bei dieſen armen Tuifeln?“ Er hörte die Geiſtlichen beten, ſah die vor Todesangſt ſchier irrſinnigen Verurteilten... ſah die lüſternen, fiebrigen Augen der Zuſchauer und wandte den Blick hinauf zum Herzog. Der ſtand, ein gefrorenes Lächeln um den Mund. Er war am Ziel. Keinen Zoll war er gewichen von den Schranken des Gerichts. Sein ſtechendes Auge hatte die Richter nicht losgelaſſen, bis die Urteile ſo geſprochen waren, wie er ſie wollte! Er hob die Hand. Die Trommeln raſſelten. Erſt kamen ein paar Bauern dran. Der erſte Kopf ſiel und rollte auf das Pflaſter. Der Engel wandte den Blick weg vom Scharfrichter, weg von den Verurteilten, die in wahnſinnigem Entſetzen ihr Schickſal mitanſehen mußten. Nur fort! Aber hinter ihm die Menſchen mit ihren auf⸗ geriſſenen Augen ſtanden wie eine Mauer und ließen ihn nicht durch. Um irgendwo hinzuſehen, blickte er wieder nach dem Her⸗ zog. Der ſtand immer noch mit ſeinem eiſigen Lächeln, wenn ein Kopf gefallen war, die Hand für den nächſten hebend. Hinter ihm die Ritter und die Damen, die herzoglichen Räte und Höflinge machten ihre Scherze über die armen Menſchen, die im Begriff ſtanden, vor den ewigen Richter 357 zu kreten und ihn zu fragen, ob denn ihr Verbrechen gar ſo groß geweſen ſei. Da kam plötzlich Vewegung in die Zuſchauer. Ein Weib ſuchte den Ring zu durchbrechen. Die Knechte packten ſie und drängten ſie zurück. Sie ſchrie wie eine Irrſinnige. Einer der Verurteilten, Tiegel, der Lägelenjörg, hob ſein bleiches Geſicht. Das Weib war ſeine Mutter. Mit beiden Fäuſten drohte ſie zum Balkone hinauf und ſchrie, was, konnte man nicht verſtehen. Der Knäuel mit dem ſchreienden Weibe wälzte ſich weiter. Der Herzog lächelte, der Lägelenjörg ſeukte den Kopf, er war an der Reihe. Dann kam Hans Schneck von Waldenbuch, dann der Peter Wolf, deſſen Sohn Bernhard, Schmid Kaſpar, Peter Koch aus der Glashütte. Kopf um Kopf ſiel und rollte neben die andern auf das Pflaſter. Man börte noch des Tiegels Mutter ſchreiend um den Kopf ihres Kindes bitten, den man ihr weigerte. Dann war's zu Ende. Nach einer Stunde batte die Stadt ihr altes Geſicht. Nur der Engel Hiltensperger irrte noch lange in den Gaſſen, um ſeinem Herzen Ruhe zu verſchaffen. Wo er eines Bauern anſichtig wurde, faßte er ihn ins Auge, prüfend, ob's einer von denen ſein könnte, die er ſuchte. Todmüde kehrte er am Abend im Gaſthof zum Ochſen ein. ** Die Tiſche waren alle beſetzt, nur an einem ſaß ein einzelner Mann mit blondem Vollbart vor einem Krüglein. Der Engel ſetzte ſich:„Herr Würt, Ihr ſollt mir ein Süpple bringen und verloren Eier druf, doch ſo, daß ſie ſo 358 nit gar verloren ſeien, daß man ſie noch finden kündt, darzu ein Krügle Neckarweins.“ Während der Wirt das Verlangte holte, ſah ſich der Engel um. Die Stube faßte nur wenig Tiſche. In der einen Ecke ſaßen Stuttgarter Bürger, in der andern eine Anzahl Knechte, die weidlich ſoffen. Sie ſaßen mit weit geſpreizten Beinen und packten ihre Kannen mit beiden Händen, wenn ſie ſie ſtürzten. Mit halblauter Stimme ſprachen die Bürger, rauh und trunken die Knechte über die heutigen Hinrichtungen und die, die noch kommen ſollten. Der Mann an ſeinem Tiſche aber ſaß mit undurchdring⸗ lichem Geſicht. Nur ab und zu wollte es dem Engel ſcheinen, flog's ihm wie Unmut über die Stirn, wenn die Reiſigen ihre rohen Scherze machten. Und doch ließ er dabei ein erzwungenes Lachen hören. „Mehnder, dann einmalen, han is gſagt“, ſchrie ein Trunkener:„Bantelhannes, Bantelhannes! han i gſagt, Bantelhannes.“ „Red kein Bandwurm nik!“ ſchrie einer. „Beim Matern Feuerbacher ihn kroffen in der Gaſt⸗ ſtuben— iſts nit alſo, Matern?“ ſchrie er zu dem Manne herüber, der an Engels Tiſch ſaß.„Han i nit gſagt, Ban⸗ telhannes! Bantelhannes! ſieh di für, ſell nimmt kein guetes End nit! han i gſagt. Red i wahr oder nit, Matern?“ Der Mann an des Engels Tiſch nickte mit dem Kopf: „Der Bantelhannes iſt mannigwo einkehrt, alſo auch beim Matern Feuerbacher im Bottwartal.“ „Potz Natter, am Ofen iſt er gſetzen, ein Schwarten⸗ magen gfreſſen!“ „Iſt nit abwegs“, ſchnitt der Wirt Matern Feuerbacher 5 ab und ſtreifte den Engel mit einem mißtrauiſchen lick. Der Engel ſing ihn auf; es ſchien, als fürchte der Mann 359 —1——T— das Geſchwätz der Knechte. Hielt er ihn für einen Späher und Aushorcher? Sollte der Mann der ſein, den er ſuchte?— Mitternacht! Die Uhr auf der Stiftskirche ſchlug die zwölfte Stunde, und ein Glöcklein fing an ſilberhell zu läuten. Fluchend tranken die Knechte ihre Krüge leer, erhoben ſich ſchimpfend und polternd, denn ſie waren auf die Stunde beſtellt, ihre Herren im Hof der Herzogsburg zum Heimritt abzuholen. Es waren Edelleuke aus dem Bottwarkal, die mit dem Herzog zechten. Gar oft kehrten ſie beim Matern Feuer⸗ bacher ein. Manch einen von ihnen hatte der Wirt in der Kreide ſtehen. Das Glöcklein aber bimmelte mit ſilberhellem Klang. „Was iſt das for ein Glöckle?“ fragte der Engel den Matern Feuerbacher. „Hent Ihr nie nit davon gehöret? Iſt das ſilbrin Glöckle, läutet all Nächt umb die Mittnacht. Ab itz for dreien⸗ hundret Jahren ein Edelfrauen von der Weißenburg ob Stuttgart in Wald gangen, nie meh heimkehrt, noch ein Kund von ihr kummen. Hat ihr Töchterle das ſilbrin Glöckle gſtift, uf daß die verirrt Mueter in der Nacht ſollt us dem Wald finden.“ Den Engel freute die Sage, aber auch der Mann, der ſie erzählte, geſiel ihm, denn ſein Blick war klar und offen, und man ſah ihm die Rechtlichkeit von weitem an. Vorſichtig taſtete er ſich an ihn und kam allmählich mit ihm ins Geſpräch. Zwei Füchſe, die ſich umſchnüren, mögen länger brauchen, bis ſie übereinander ins reine kommen; wenn ſich aber zwei offene Männer mit klaren, ehrlichen Augen gegenüberſitzen, ſo wiſſen ſie bald, woran ſie miteinander ſind. Da konnte es nicht fehlen, daß ſie über das ſprachen, was die ganze Stadt bewegte. 360 Der Engel erzählte von den Kemptener Bauern, in⸗ ſonderheit von denen auf dem Auerberg, von ſeinem Kämpfen und Unterliegen. Und der Feuerbacher berichtete von den wirtembergiſchen Bauern, von den Laſten und Fronden, von den ſchlechten Gewichten des Herzogs, von der Fleiſchſteuer, von den Plackereien der Vögte und Amtleute. Alles Unglück ſchob er auf die Räte des Herzogs, denn die Wirtemberger wollten's nicht glauben, daß der wilde, tapfere Herzog die Schuld trage. „Dannoch, es ganget nit weiter ſo, und iſt doch alls vertan und verlorn!“ „Fürs erſt!“ „Fürs ander gleichermaßen! Was will der Pauer wider all das Gewaffen der Herren, wurt allzeit müeſſen elendig⸗ lich unterliegen. Die in denen Städten, die vom Adel ſechent im Pauren nützit dann ein Tier, und darumb nens dann Plag und Not und Fron und Zehent, nens dann Hunger und Elend!“ Der Engel beugte ſich vor, damit der Wirt nicht hore: „Ii falſch ufzogen gweſt.“ Der andere ſchüttelte mutlos den Kopf:„Ein Kriegs⸗ knecht wurt mit dreien Pauren fertig.“ „Guet Ding will Weil han, kann nit von heunt uf morgenden Tag beſchechen. Trucket nit den Pauren im Allgaw, in Wirtemberg, im Schwarzwald, am See, in Franken, im Strohgaw, im Hegaw der Schuch an derſelben Stell? Nit uf ein Jährle, uf zehen Jahr müeſſet Ihrs anlegen. Soweit als Pauren fronend ein Einverſtand machen, hernach all uf ein Tag ufſtahn, viel hundret⸗ ktuſend Pauren, alſo daß nit ein Herr vermag dem andren zuziechen.“ Dem Fremden verſchlug's die Stimme:„Was ſinnet Ihr? Seied Ihr ein Kundſchafter und ſpionierenshalber hie? Meinet Ihrs ehrlich? Wie ſoll ein ſo gewaltig Ding beſchechen?“ 36¹1 „Einer machets im Remskal, einer im Neckertal, der ander uf der Filder, wieder einer umb Leonberg, alſo daß ein Netz wurt, ſo weit Pauern fronen. All die Rädlis— führer ſeind im heimlichen Einverſtand, heizent die Pauren uf, wo ſie lahm und faul, dämpfent hinwiederumb, wo ſie vor Zeit ein Ufruhr wellent machen. Hernach, ſo der Tag kummen, alsdann die Trummeln grührt, die Sturm⸗ glocken gläut, losbrochen als ein Sturm, davor kein Wider⸗ ſtand mag helfen!“ „Alsdann, wer ſoll die Bruderſchaft bringen in Ein⸗ verſtand?“ „Sell machet der Engel Hiltensperger! Ab dem Auerberg will ich wandern und werken, vom See ins Fränkiſche, vom Wasgaw zum Lech, bis das groß Netz geſpunnen und ge⸗ ſpannet mit tuſend Knoten. Will nit ſcheuen Hitz no Kält, nit Regen no Schnee, nit Sturm no Wetter! Soll aber der im Remstal nit kennen den im Neckertal, kein Rädlisführer den anderen. Reißet ein Maſchen, hauet ichtein Herr ins Netz, ſo wurts ein kleiner Schad ſeind und die Lucken gar ſchnell wieder geflicket.“ „Ihr ſollt mit mir gen Bottwar reiten, ſelt will ich Euch mein Antwurt geben“, ſagte der Matern Feuer⸗ bacher. Es war in aller Herrgottsfrühe, als die beiden Reiter durchs Stadttor ritten. Als ſie am Ilgenrain vorbeikamen, da hing am Chriſtus⸗ bild ein Weib mit einem Strick um den Hals. Das war des Tiegels Mutter, der ſie den Kopf des Kindes geweigert hatten.— Nach acht Tagen waren die Fäden notdürftig wieder geknüpft; der Arme Konrad gloſtete unter der Aſche, und der Matern Feuerbacher ſollte der Funken warten. * ** In der Ortenau, zwiſchen Rhein und Schwarzwald, hatten die Bauern im Frühjahr ſich zuſammengerottet. Da hatte zu Altſchweier der Elſen Bernhard mit der Kreide einen Kreis auf den Tiſch gemacht und gerufen: „Wer den Blewelbach will helfent usfiſchen, die neuen Recht abtun, die alten wiederumb ufrichten, derſelbig ſtoß ſein Meſſer in den Ring!“ Und ihrer haben viele geſtochen. So viel, daß mancher kein Plätzlein mehr fand für ſeines Meſſers Spitze. Der Gugelbaſtian zu Bühl hatke das Fähnlein flattern laſſen und war mit ſeinen Geſellen hin und her gezogen im Altſchweier Tal mit Trommeln und Schießen und wilden Reden. Am vierten Sonntag, als ſie mit Juchhu und Hüͤte⸗ ſchwenken zum wer weiß wievielten Male die Treue be⸗ ſchworen und rund um die vollen Weinſäſſer das alte Recht aufrichten wollten, da war der Markgraf Philipp über ſie gekommen mit ſeinen Reiſigen im Bühlertal. Und Hals über Kopf, mit eingelegten Löffeln waren die Bauern gelaufen, was die Beine hergeben wollten. Wohl wurde manch Bäuerlein gefangen, harmloſe Mitläufer, un⸗ kund der Ziele; die Führer aber waren in ſicheren Ver⸗ ſtecken, und ſo ſehr auch der Markgraf ſtöberte, er fand ſie nicht. Bloß den Gugelbaſtian hatten ſie zu Freiburg gefangen und in den Turm geſetzt. Da bewies der brave Mann, daß er nicht mit Unrecht der Bauern Fähndrich geweſen war. Sie marterten ihn über die Maßen, über Menſchenkraft. Aber er verriet keinen ſeiner Brüder. Mit zerfetzten Glie⸗ dern, mit Salben und Pflaſtern bedeckt lag er in wilder Qual. Die Zähne zuſammengepreßt, damit ihm nicht im Fiebertraum ein Mame entſchlüpfe, lag der treue Mann und wartete, bis ſie das Todesurteil an ihm vollziehen würden. 363 Damit warteten ſie altem Brauche gemäß, bis ſein Weib, das ſchwanger war, niedergekommen wäre. Freute ſich nicht ſehr darauf, Vater zu werden, der Gugelbaſtian, haderte mit ſeinem Gott und wälzte ſich auf ſeiner Streu, verzweifelnd an der göttlichen Gerechtigkeit. Den Pfarrer hatten ſie ihm zu wiederholten Malen ge⸗ ſchickt, der ihm ſein Geheimnis ablauern ſollte. Aber der Gugelbaſtian hatte ihm den Buckel zugedreht, an die Wand geſtarrt, und kein Wort war über ſeine brennenden Lippen gekommen. Sie hatten ihm das Leben zugeſichert, wenn er ſeine Ge⸗ ſellen verrate. Er hatte geſchwiegen. Sein Weib brachte einen Buben zur Welt. Der Gugelbaſtian lag auf ſeiner Streu und ließ zum tauſendſten Male ſeine Todesſtunde vor ſeinem Auge vorbeiziehen, da raſſelte das Schloß an der Türe, und ein Prieſter trat ein. „Könnent ein nit in Frieden laſſen ſterben“, murmelte der Baſtian, und ein böſer Blick ſtreifte den Seel⸗ ſorger. Setzte ſich der Pfarrer auf den Schemel und ſing an zu reden von der ewigen Gerechtigkeit. Da fuhr der Baſtian auf, er brauche keinen Beichtiger, für den Armen gebs ſo keinen Herrgott, und wenns emen gebe, ſo hätte er dem Herrgott mehr zu verzeihen, als der Herrgott ihm. Aber der Prieſter ließ nicht nach, ſprach von denen, die auf Erden getreu geweſen ſeien, daß denen im Himmel der ewige Lohn geſchenkt werde. Und wenn es auch ein mißtrauiſcher Blick war, den ihm der arme Teufel zuwarf, er hatte doch den Kopf gedreht und ſeinem Beichtiger ins Auge geſehen. Und als der fortfuhr zu reden vom Unrecht auf der Welt und der Hoffart der Herren und Reichen, als der 364 Gugelbaſtian merkte, daß des Beichtigers Herz in ſeinen Worten lag, da horchte er auf. Aber er ſelber ſprach kein Wort, nur ſeine Augen ſuchten immer forſchend in denen des Geiſtlichen, als wollte er ſeine kiefſten Gedanken erraten. Und ohne ein Wort geſprochen zu haben, ließ er ihn geben. Am andern Tage kam der Prieſter wieder, und ohne weiteres machte er ſich dran, dem Gugelbaſtian ſeine von der Folter zerriſſenen, gequetſchten, blutunterlaufenen Glieder zu kühlen und mit ſauberen Leinwandfetzen zu ver⸗ binden. Wenn einer lange Monate nichts als Schläge und Qualen erdulden mußte, und es kommt einer, dem man es anſpürt, daß er es gut meint und die Wunden zu heilen ſucht, die die anderen geſchlagen, ſo geht ihm das Herz weit auf. Aber der Gugelbaſtian wehrte ſich gegen ſein eigenes Herz, und nur zögernd und widerwillig gab er dem neuen Beichtiger Antwort, der es längſt in ſeinen Augen geleſen hatte, daß das Eis zu ſchmelzen begann. So kam es, daß der Gefangene mit allen Faſern ſeines Herzens lauſchte, wenn die Stunde kam, in der der Engel⸗ bert Hiltensperger zu kommen pflegte, daß er ihm von ſeinem Weibe ſprach, das er auf dieſer elenden Erde zurück⸗ laſſen mußte. Schrittlein um Schrittlein tat er ſich ihm auf. Und auf einmal war das, was die beiden miteinander flüſterten, keine Beichte mehr. Der Engel gab dem Armen als letzten großen Troſt für den ſchweren Gang ſeinen Gedanken der Befreiung der ganzen Bauernſchaft. Da ſtaunte der Gugelbaſtian, und ſein eigen Beginnen wollte ihm klein und lächerlich vorkommen, und wie ein unerwartetes großes Glück durchflutete ihn der Gedanke, 35⁵ daß er noch in ſeiner Todesſtunde an der großen Sache mithelfen durfte. Und der Baſtian legte dem Engelbert Hiltensperger das ganze Gewebe ſeiner Verſchwörung in die Hand, nannte ihm die Namen der Rädelsführer und das Verſteck des Elſen Bernhard. Die Wächter aber berichteten, wie fleißig der Gugel⸗ baſtian beichte. Darum ließen die Herren den Engel immer wieder zu dem Gefangenen in der Hoffnung, am Ende doch die Namen der Verſchworenen zu erfahren. Und darin beſtärkte ſie der Engel. Er traue ſich zu, meinte er, dem Baſtian das Geheimnis in der Todesſtunde zu entreißen. Dieſe kam. Man meldete dem Unglücklichen die Geburk ſeines Sohnes. Und nun erfüllte ihn die Nachricht, die für ihn den Tod bedeutete, mit einer tiefen Freude. Nun hatte das Sterben für ihn einen Sinn bekommen. Nun ſollte ſein Sohn wenigſtens ein freier, glücklicher Bauer werden durch ſeines Vaters Tod und ſollte ſich nicht ſchämen müſſen, daß ſein Vater unterm Beil geendet. Schier fröhlich trank er Sankt Johanns Segen und ſchritt zum Nichtplatz, als das Armſünderglöcklein ihm läutete. Ein Flüſtern und Raunen ging durch die Menge, als ſie den frohen Schein auf ſeinem Geſichte ſah. Neben ihm ſchritt betend der Engel, dem es vor dieſer Stunde gegraut hatte. Ytun war auch er von einer großen Ruhe erfuüllt. Aufrecht ſtand der Baſtian am Richtblock und ſchaute um ſich, grüßte mit einem unmerklichen Blick den Elſen Bernhard, der in der Menge ſtand, um ihm noch einmal in die Augen zu ſehen. Das war dem Baſtian noch eine letzte Freude, daß der Elſen Bernhard nicht Leibes⸗ noch Lebensgefahr ſcheute, um ihm ſelber für ſeine Treue zu danken. 366 Schon wollte er niederknien, da ſiel ſein Blick auf einen modiſch gekleideten, hochgewachſenen Mann im grünen Rock und in gelben Hoſen. Mit raſcher Bewegung wandte er ſich noch einmal und bat, ſeinem Beichtiger noch etwas anvertrauen zu dürfen. Es wurde ihm gewährt. Sollte er nun doch noch ſeine Kumpane verraten? Der Engel neigte ſein Ohr zu ſeinem Munde. Da ſprach der Baſtian:„Lueget zur Rechten den Mann im groinen Rock und gelen Hoſen, iſt der Jos Fritz.“ Jos Friz, der flüchtige Leiter des Bundſchuhs zu Lehen, mit den goldenen Riemen! Dann kuniete der Baſtian nieder, küßte dem Engel die Hand, betete und legte das Haupt auf den Richtblock. *** Alle Gaſthöfe hatte der Engel nach dem Mann im grünen Rock abgeſucht. Er war verſchwunden, als hätte ihn die Erde verſchluckt. Als das Haupt des Baſtian ſiel, hatte der Engel einen blitzſchnellen Blick in der bezeichneten Richtung ge⸗ worfen. Jos Fritz hatte ihn aufgefangen und war ſchnell in der Menge untergetaucht. Der Engel aber ſagte ſich, der Jos Fritz werde ſein Weib, die Els in Untergrumbach, aufſuchen, auch werde der Vielgebetzte es nicht am hellen Tag tun, ſondern kurz vor dem Schließen der Stadttore die Stadt verlaſſen. Alſo ging er ſelber, eh die Sonne ſich neigte, auf der Landſtraße dem Walde zu. Die Grillen zirpten, und es war ein ſchöner Sommer⸗ abend. Friedlich ſchritt der Wanderer ſeines Weges. Seine Seele, die des Tages furchtbares Erleben aus dem Gleich⸗ gewicht gebracht hatte, fand langſam wieder zu ſich ſelber, 367 nachdem ſie die Menſchen verlaſſen hatte und im Frieben des Abends ſich ihrem Herrgott hingeben durfte. Wo der Weg in den Wald mündete, ſetzte er ſich neben das ſteinerne Muttergottesbild, den Spieß quer über den Knien, das Kinn in die Hände geſtützt. Warm ſtrich die Luft ihn an, und im ſtahlblauen Abendhimmel funkelte der Abendſtern. Im nahen Flachsfeld lockte ein Rebhuhn, und die Grillen ſangen ihr leiſes Lied. Friede, namenlos kiefer Sommerfriede. Oh, Menſchen! Irgendwo, irgendher klang die erſte ferne Abendglocke. Jetzt nahmen ſie allenthalben die Hüte vom Kopfe, ſchlugen das Kreuz und falteten die Hände zur kurzen Zwieſprache mit Gott in der Abendſtunde und dachten nicht, wie weh ſie einander den Tag über getan. Und wenn die gefalteten Hände ſich löſten, dann gingen Kampf und Streit weiter, und arme Seelen traten vor ihren ewigen Richter mit dem Kopf unter dem Arm. „Menſch, wer hat dir das angetan?“ „Sie ſagent, Herr, es ſeie dein Wille ſo!“ Von weitem klang die Glocke des Münſters, und die andern ſielen ein, und die ehernen Stimmen wogten heran gegen das Menſchenherz am Wegrand. Und die Seele ſchwang höher und höher hinauf in die Abendhimmel und ſang das Glockenlied mit: „Und iſt ein Gott in Sternenhöh.“ Ein Schäfer trieb ſeine Schafe der Hürde zu. Sie hatten im Walde geweidet, weil die Früchte auf den Feldern ſtanden. „Gelobet ſei Jeſus Chriſtus!“ „In Ewigkeit, Amen!“ Wie allabendlich, ehe ſich die Vögel zur Ruhe begaben, 358 erhoben ſie noch einmal ihre Stimmen. Das zwitſcherte und rief durcheinander. Eins ums andere ſuchte ſein Plätzchen, pluſterte ſich auf, ſteckte das Köpfchen unter den Flüͤgel. Noch ein paar Amſelrufe,— als letztes ein Rotkehlchen, dann ward es ganz ſtill. Da hörte man Schritte nahen. Zwei Männer waren's. Die Hüte tief ins Geſicht gedrückt, kamen ſie im langen blauen Fuhrmannshemde daher. Nur undeutlich ſah man den Umriß der Geſtalten, denn es war tiefe Dämmerung. Als die Männer ſahen, daß jemand am Muttergottes⸗ bilde ſaß, ſtutzten ſie; der Engel hörte ſie fluͤſtern. Dann ſchritten ſie wieder aus. Als ſie an ihm vorbeikamen, boten ſie ihm ihren Gruß. „Geſell, was iſt dein Weſen?“ antwortete die Geſtalt am Wegkreuz. Die beiden blieben ſtehen. Sie mochten eine Falle wittern, denn ſie ſchwiegen eine Weile, bis der größere von beiden die Frage ſtellte:„Was ſtellet Ihr for ein ſeltzam Frag?“ „Jos Fritz! Ich ward Euer gewahr bei des Baſtian letztem Gang, bloß Euer Gwand was ein andres!“ „Ihr irret—“ „Ich irr nit!“ Und mächtig erhob ſich in der Dämmerung des Abends der Engel in ſeiner Kutte. Da erkannte ihn der andere und ſchwieg. „Euch hat mir der Baſtian gewieſen in ſeiner Tod⸗ ſtund. Umb Euretwillen ſitz ich hie und wart.“ „Der arme Mann mag nimmer geneſen, hernach, was wellet Ihr?“ „Das Fähnlein, ſo Ihr zu Heilprunn hent laſſen malen.“ Die beiden ſchwiegen. Dann ergriff der Elſen Bernhard das Wort und ſprach: „Der Gugelbaſtian iſt getrew geweſt bis in den Tod, ſuſt Schmückle 24 369 —— werenk die Brüder nit unbeſchweret blieben. Der Baſtian aber hat Euch die Hand gekiſſet in der Todſtund, alſo will ich Euch krauen. Der Elſen Bernhard bin ich, der Jos Fritz der ander. Redet!“ „Iſt nit in eim Stündlein beſchechen. Ganget Euer Weg gen Untergrombach, ſo will ich Euer Geleiter ſeind.“ Da ſab er das Mißtrauen, das in den Augen des Jos Fritz aufflackerte. „Will in der Mitten gehn. So Ihr ein Untreu an mir gewahr werdet, ſo ſtechet mich nieder.“ „Der Gugelbaſtian hat Euch die Hand gekiſſet! Kummet.“ Und die drei Männer tauchten in dem nächtlichen Wald unter. Drei Jahre waren hingegangen. Im dicken Turm zu Liebentann war ſchon mancher an Gottes Gnade verzweifelt. Und wenn der Peter Brugger auch nicht wie ein anderer Bauer ſich die Hirnſchale an der feuchten Wand zerſchmet⸗— terte, ſo ſchmolz doch ſein Stolz und Trotz mit jedem Jahre mehr dahin, bis kein Reſtlein davon in ſeinem aus⸗ gemergelten Leibe blieb. Nun war er mürb. Da zogen ſie ihn wieder hervor ans Tageslicht. Das blendete ihn, daß ihn die Augen ſchmerzten, und daß er die Hand darüber decken mußte. Und ein Schluchzen kam über ihn, daß ſein ganzer Leib wie in einem Fieberfroſt ſchüttelte. Als er ſich beruhigt hatte, wurde er vor den Kanzler gefübrt. Erſt verſtand er nicht, was dieſer von ihm wollte. Unterſchreiben ſollte er. Seine drei Kreuze unter eine Urkunde ſetzen. 370 Sie tauchken ihm den Gänſekiel in die Tinte und drückten ihn zwiſchen ſeine zitternden Finger. Auf dem Pergament ſah er eine Anzahl ſchwarzer Kreuze durch— einander torkeln; es wurde ihm ganz ſchwindelig. Dann unterſchrieb er. Nicht einmal vorgeleſen hatten ſie ihm die Urkunde. Aber zu eſſen gaben ſie ihm und zu trinken und ſagten, nun könne er wieder heimgehen auf den Auerberg. Vorher mußte er ſich im Hofe der Burg auf eine Steinbank ſetzen und auf den Zwingermeiſter warten. Der brachte zwei mächtige Rüden mit dicken Köpfen und blutunterlaufenen Augen und roter hängender Zunge. Erſt ſchaute der Bauer ganz verſtändnislos drein. Dann begriff er. Die Hunde ſollte er mitnehmen in Koſt und Pflege und ſich im Bedarfsfalle mit ihnen zur Jagd mel⸗ den, als Treiber! Er hatte ſeine Leibeigenſchaft unterſchrieben. Da ſaß er nun auf ſeiner Steinbank und weinte wie ein Kind— ganz weiß waren ſeine Haare geworden im Turm von Liebentann. Der Zwingermeiſter gab ihm die Riemen in die Hand und hieß ihn ſich davonmachen. Da erhob ſich der Bauer und ging. Einen harten Weg mußte er jetzt gehen. Er ſchwankte vor lauter Schwäche, und wenn ihn die Hunde nicht vor— wärts gezogen hätten, wäre ihm ſchon nach ein paar hundert Schritten der Mut verlorengegangen. Einmal ums andere mußte er ſich ſetzen. Es war, als ob die beiden Tiere es merkten, wenn's nimmer weiter ging. Dann ſahen ſie zu ihm empor, als wollten ſie ſagen:„Ruh dich aus, es wird ſchon gehen“, legten ſich zu ſeinen Füßen und warteten, bis er ſich wieder erhob. Dabei ließen ſie kein Auge von ihm. Und als ihm einmal ein kiefer Seufzer entſchlüpfte, erhob ſich erſt der eine, dann der andere und legte den breiten Kopf auf ſeine Knie. Da fuhr er ihnen mik den zitternden Händen über die Köpfe; es wollte ihn bedünken, als ob die unvernünftige Kreatur um ein gut Teil beſſer wäre als die Menſchen.— Und die Tränen liefen ihm über die Wangen, denn er war ganz und gar zerbrochen! Ein Leibeigener! Er hatte ſich mit ſeiner Unterſchrift ſelber ausgelöſcht. Mit der Kindunterſchiebung hatte ſein Unglück an⸗ gefangen, das war nun das Ende. Ein Knecht! Da wußte er's: ſchon damals hakte er aufgehört ein Freier zu ſein. All die Jahre her war er ſeiner Schuld verfallen geweſen. Heute hatte er nur die drei Kreuze darunter geſetzt. Nun mußte er mit den beiden Hunden durchs Land ziehen, wo ihn jeder kannte, wo jeder wußte, was die beiden Tiere zu bedeuten hatten, wo jeder ſeine Schande ſah. Schande e Sonderbar, vor Monden noch wäre er nicht darüber weggekommen— jetzt machte ihm der Gedanke nicht ein⸗ mal heiß. Er ſaß am Wegrain, wo der herbe Duft der Taub⸗ neſſeln ihm in die Maſe ſtieg. Kellerruch, Schimmel und Moder, Woche um Woche, Mond um Mond, und nun der Duft der Blumen, Sonne, und hoch über ihm der helle Ruf zweier kreiſender Buſſarde. Er ſtreckte die bleichen Hände von ſich, daß die warme Sonne ſie voll treffen konnte, hob das weiße Geſicht, daß ſie warm und zärtlich ihm über die Wangen ſchien. Tief in ihm löſte ſich eine ſchwere Laſt, als würde ſie immer leichter, je tiefer er atmete. 372 Er ſpürte es nicht, wie ihm die dicken Tränen an den Wangen herunterliefen. Er hatte die Hände fromm ge⸗ faltet und ſah glücklich lächelnd vor ſich hin. Wie wunderſam! Knecht hatte er werden müſſen, um frei zu werden! Er ſtreichelte die Hunde, die ſich an ihn ſchmiegten, er fuhr mit den zitternden Händen über die Blumen, brach eine und ſchaute ſie an... Noch nie hatte er eine Blüuͤte näher angeſchaut... Wie ſchön war ſie! Die Bienen ſummten um ihn. Die Augenlider wurden ihm ſchwer; er wollte ſich erheben; aber matt ſank er zurück und ſchlief ein. Zwei ſtrolchende Pfaffen wollten Schabernack mit ihm treiben, aber knurrend erhoben ſich die Hunde, da ließen ſie es bleiben. Er aber hatte einen wunderſamen Traum: Er ſaß, ein junger ſtarker Mann, auf dem Bänklein vor dem Brugger⸗ hof, die Margret an ſeiner Seite, ſo wie ſie damals war, als er ſie freite.— Da trat der Vater vor ihn hin im weißen Haar. Er wollte fragen:„Vatter, was iſt Euer Begehr?“, konnte aber nichts herausbringen. Er mußte nur immer dem Vater ins Antlitz ſehen, das leuchtete in überirdiſchem Lichte.— Der Vater griff an die Stelle, wo ihm das Herz ſaß, und holte einen großen Schlüſſel hervor. Den gab er ihm in die Hand. Dann lächelte er und ging mit ernſtem, langſamem Schritt hinüber zum Gottesacker. Ehe er aber durchs Tor ſchritt, drehte er ſich noch einmal nach ihm um, und er hörte die Stimme:„Acht uf den Schlüſſel, Peter, iſt ſelbiger, den der Herr Jeſus dem heiligen Petrus geben!“ Mit einem frohen Herzen erwachte der Brugger, und wie er zu ſich kam, hielt er den Schlüſſel zum Bruggerhof, den er all die Zeit über im Kerker bei ſich gehabt, in der Hand. Da wunderte er ſich. 373 Und weil die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, machte er ſich wieder auf den Weg. Aber langſam ging's, ſo daß ihn ſchnell einer einholte, der hinter ihm kam. Das war der Pfarrer Waibel von Kempten. Der Brugger hatte viel von ihm reden bören, denn der Waibel hatte ein feuriges Herze und redete für die Armen und wider die Hoffart der Mächtigen bei Sankt Lorenz, ſo daß das Volk ihm in Scharen zulief. Sie waren ſchon eine Zeitlang ſelbander geſchritten. Der Brugger hatte ſich ein Herz gefaßt und einiges verlauken laſſen von dem, was ihn ſo lang ſchon bedrückte. Und wie er die Güte in den Augen des andern erſah, da kat er ein Weiteres und erzählte dem Waibel ſeinen Traum. „Herr, was wollk mir mein Vakker ſelig künden?“ „Seind Träum“, ſagte der Pfarrer Waibel,„die ſeind Schäum— und ſeind Träum, die ſchicket der Herre Gott ſelber. Vermein, das Schlüſſelin ſeie dem Herren Jeſus Chriſtus ſeins geweſt! Iſt das Schluͤſſelin, ſo ein jeds in der Todesſtund dem nächſten mueß gebent. Dein Hus iſt nit dein, nit dein Vieh, noch alls, was du beſitzeſt. Hat dich der Herre Gott zum Sachverwalker gſatzt, uf daß du ihme Rechenſchaft gebeſt. Du aber wurſt das Schluͤſſelin gebent dem, ſo nach dir kummet. Was frageſtu, wie der ſoll heißſenk? So du zur Rube geheſt, wurt dir der Herre Gott weiſent, wem du das Schlüſſelin mneßt gebent. Vermein, ſell ſei deins Traums Bedenten! Mich dünket, Paur, deins Wegs ſchwerſter Teil lieget hunder dir. Itz, Paur, gang heim in Fried.“ Sie kamen nach Stökken. Da war eine gewaltige Kirbe und Kugelfuhr im einen abſonderlichen Zug. Erſt kamen ein paar Muſikanten, vor denen der Lederle allerhand Bockſprünge vollführte. Hinter den Muſikanten Gaukler, die auf Händen liefen, Räder und Purzelbäume ſchlugen, und dahinter, von einem Eſelein gezogen, ein ſchwarz verhangener Kaſten. Den Beſchluß machte ein Mann auf einem Rößlein, angezogen wie ein Magaiſter. Dazu ein Geleite von einem halben Dutzend Kemptener Knechten Von allen Seiten, aus den Häuſern und von den Fel⸗ dern kamen die Leute gelaufen. Der Joſeph Brugger hatke es von der Kanzel verkündet, daß er nach Stötten kommen werde, der große, berühmte Doktor Tetzel, dem Gewalk gegeben ſei, um billiges Geld alle Sünden zu erlaſſen, Ablaß auf zehntauſend Jahre Fegfeuer zu geben. Und männiglich freute ſich der Gelegenheit, um ein paar Silberlinge eine unverhoffte Schnellwäſche der ſtinkenden Seele vorzunebmen. Vor der Kirche zu Stötten machte der Zug halt. Die Reiſigen tränkten ihre Gäule am Brunnen und ſetzten ſich dann, ſchlechte Witze machend, auf die Kirchentreppe. Der kleine Mann auf ſeinem Rößlein aber entfaltete ein gewaltiges Pergament und begann eine Bulle vor⸗ zuleſen, in der dem viellieben und kreuen Sohne der Kirche, dem hochgelahrten Doktor Tetzel, Kraft und Vollmacht gegeben wurde, in Deutſchland mit Ablaß zu handeln, ſo gut und ſo reichlich er es vermöchte.. Dagegen vergaß die Bulle zu erwähnen, daß der Erlös dazu dienen ſollte, das Pallium des Erzbiſchofs zu Mainz zuſammenzubringen. Heran, ihr Leut! Heran, ihr Leut! Und macht dem lieben Gott ein Freud. Denn ſo das Geld im Kaſten klingt, Die Seele us dem Fuir ſpringt. Ein Bube leierte das Verslein und ſchlug ein Tamburin dazu, wie es die Bärentreiber zu benützen pflegten. Die Leute drängten und lachten; jeder wollte dem andern den Vortritt laſſen. Der Bube zog eine Tafel auf, worauf Farbe, Sünde und Preis für die einzelnen Ablaßzettel verzeichnet waren. Da gab es rote, gelbe, grüne, blaue, braune Zettel, die koſteten von einem Silberpfennig bis zu einem Gulden, von der läßlichſten bis zur Todſünde. Die Muſikanten legten los, um die Leute in Stimmung zu bringen. „Potz Velten, was iſt? Seind die Stöttemer alſo brave Lämmle? Ei, du Erzböſewicht“, fuhr der Tetzel einen Bauernburſchen an,„haſtu nit geſtriger Nacht zu Sulz⸗ ſchneid—“ „En groinen!“ rief der Burſche, der ſich's nicht zu⸗ ſammenreimen konnte, woher das ſchwarze Männchen wiſſen konnte, daß er juſt geſtern nacht eine Gans geſtohlen hatte. Aber wozu hatte der Tetzel denn den Lederle dabei? „Zehen Silberpfenning“, ſchrie der Tetzel und gab ihm einen grünen Zettel. Die Silberpfennige rollten klingend in den Kaſten, und lachend ſchwang der Burſche ſeinen Zettel. Der Brugger hielt ſeine Hunde kurz an der Leine. Niemand achtete ſeiner, niemand erkannte in dem bleichen Manne im weißen Haar den alten, ſtarken Peter Brugger. Ganz zaghaft fragte er den Pfarrer Waibel, der zorn⸗ roten Geſichts neben ihm ſtand:„Saget, Herr, was ſoll die Kirbe?“ „Sie treibent Handel uf Gewinn mit unſerm Herrn Jeſus und ſeim Schlüſſel. Vermein, Pauer, du habeſt den rechten, laß ihn nit luck.“ Was er weiter murmelte, konnte der Bauer nicht verſtehen. 376 Der Burſche mit ſeinem grünen Zettel hatte den Bann gebrochen. Schon riefen ſie durcheinander:„En brownen, en groinen, en gelen“— da war ja die Tafel, auf der genau ſtand, in welcher Farbe man geſündigt hatte. Eine Weile ging's flott, dann ſtockte der Handel. Der Tetzel griff ein und predigte ein weniges über Höllenſtraſen; die Muſikanten ſpielten, und die Gewiſſen rührten ſich von neuem. Allmählich kamen die beſſeren Sünden dran. „En rauten“, ſagte eine zaghafte Stimme. Eine Todſünde! Die Leute reckten die Hälſe, und ſiehe da, wer drängte ſich, brennend rot vor Scham, durch die Leute? Das Annele vom Bruggerhof! Die Bauern lachten:„Ach und pfuch, das Annele und ein Todſünden! Annele, haſtu das Milchfaß verſchütt? Annele, was iſt? Haſtu vom Nahpauren Biren gſtollen?“ Die Magd biß die Zähne zuſammen und ſagte bloß finſter:„Was dem einen ein läßlichen, iſt dem andern ein Todſünden.“ Dann zahlte ſie verbiſſen ihren Gulden und nahm ihren roten Zettel. Erſt wollte der Brugger zuſammenfahren, dann aber lächelte er ſtill vor ſich hin. Da wollte ſchon wieder einer einen roten Zettel. Und wieder horchten die Bauern auf. Diesmal hatten ſie ſchon eher ein Verſtändnis! Es war immer ſchön, wenn ein lieber Nächſter eine rechte Todſünde durchſchimmern ließ. Jetzt kam wieder Bewegung in die Sache. Wo rote Zettel gehandelt wurden, brauchte man ſich der blauen nicht zu ſchämen. Immer neue mußte der Bube aus dem groben Zwilchſacke ziehen. Einmal ſielen ein paar Zettel zu Boden. Da ſtahl einer ſogar dem Herrgott ſeine Sünden ab! Für tauſend bis zehntauſend Jahr Fegfeuer wurden er⸗ 377 + laſſen, für den Käufer, für Eltern und Kinder— bei den Großeltern war man ſchon ſehr ſparſam. Irgendwo ſah der Tetzel einen, der in ſeinem Sack kramte. Ein Blick mit dem Lederle getauſchk—„ei, lieber Bruder, kritt herfür, dein Gewiſſen brauchet einen großen blawen Zettel!“ Da johlten die VBauern vor Vergnügen, denn der blaue Zettel war in erſter Linie für Betrug im Handel, und der Angeredete war bekannt dafür, daß er jedes Stück Vieh über den Wert losbrachte, und wenn's noch ſo pfenning war. So lupfte der Tetzel etlichen mit Hilfe des Lederle den Deckel vom Hafen. Aber es gab allmählich mehr Gelächter als Geld. „Potz Kirchenknopf“, rief der Tetzel,„bloß zween Tod⸗ ſünden zu Stötten? Seind die vom Allgaw brave Leut!“ Dem Waibel aber zerarbeitete der Zorn das Geſicht. Seine Lippen bewegten ſich:„Herre Jeſus, fahr unter die Otternbrut, als wie du gefahren unter die Wechſler und Wucherer im Tempel Salomonis!“ Wie anderorts, wenn das Geſchäft nachließ, mußfte der Ortspfarrer gegen ein heimliches Entgelt heran. Das war erprobt. Alſo ſtieg der Pfarrer von Burk auf die Kirchenſtaffel mitten zwiſchen die lungernden Reiſigen und ſing an zu pre⸗ digen Das war noch eine Hölle und ein Fegfeuer! Glut und Schwefel ließ er über die Bauern regnen. Er wußte, wie man ſie packen mußte! Juſt, wie er die geſchwänzten Teufel ſchilderte, die mit ihren Schürhaken die armen Seelen in geſchmolzen Eiſen kauchten und voll Genuß ſie darin herum— drehten, ſchallte plötzlich die helle Stimme des Pfarrers Waibel:„Ei, Pfarr, ſo tuet uns kund, was for ein Straf iſt dem bereit, ſo ſein Vatter verraten, alſo daß der vier 378 Jahr einkurnt und am End ein leibeigen Mann worden? Was koſt ein ſotter Zettel?“ Da fubren die Bauern auf einmal auseinander, ſo daß man den Peter Brugger daſtehen ſah mit ſeinen beiden Hunden. Vor Schreck und Scham nahm der ſeinen Hut ab und ſtand da mit ſeinen weißen Haaren. Der Tetzel aber, der nicht merkte, um was es ſich bandle, rief:„Ein Gulden! Ein Gulden, ei, wo iſt der Mann““ „Ein Gulden?“ durchfuhr's den Bruager,„ein Gulden for all die Not, for all das Leid! Ein Gulden!“ „Ein Gulden!“ rief der Waibel.„Ich aber ſag dir, Pfarr, du löſeſt dein eitria Seelen nit umb alles Gold der Welt!“ Der Lederle feirte— das war Waſſer auf ſeine Mühle. Und die Knechte ſprangen von der Kirchentreppe auf. Alles ſchwieg, nur der Tetzel verſtand noch immer nicht, er dachte bloß an ſeinen Gulden und rief noch einmal un⸗ ſicher:„Ein Gulden—“ „Uf, Pfarr“, rief der Waibel,„itz ſolltu Seiner Hoch⸗ gelabrt ein Gulden geben!“ Der Brugger ſetzte ſtill ſeinen Hut auf und ſchritt in der Richtung nach Burk davon. Der Pfarrer ſchnappte noch immer nach Luft. Er brachte kein Wort heraus. Und nun hielt der Waibel eine Predigt, die hatte der Doktor Tetzel nicht vorgeſehen! Er riß einem Fuhrmann eine Peitſche ans der Hand, hieb auf den Pfarrer, auf den Lederle, auf den Eſel ein, daß dieſer mit lautem Geſchrei aufpackte und mitſamt der ſchwarzen Lade in der Richtung nach Oberdorf rannte. Dann fuühr die Peitſche über Muſikanten und Gaukler, daß alles auseinanderſtob, und endlich knallte er ein⸗, zwei⸗, dreimal dem Doktor Tetzel ſeinem Rößlein um die Beine, daß es im wilden Galopp hinter dem Eſelein drein jagte, ſo daß ſich der Herr Doktor mit beiden Armen an ſeinem Halſe halten mußte. 379 Das ging alles ſo ſchnell, daß die Reiſigen nicht zum Eingreifen kamen; eilte ihnen auch gar nicht ſo ſehr, denn der Waibel ſtand zu Kempten in hohen Ehren, und der Tetzel war ein karger, geiziger Tropf, der ihnen noch kein Krüglein für den Durſt hatte zukommen laſſen. So kletterten ſie ſchadenfroh auf ihre Gäule und klepperten Oberdorf zu. Erſt holten ſie die Muſikanten ein, die ſchimpfend ihres Wegs zogen. Dann fanden ſie hinter Oſterried das Eſelein mit dem Karren, das die Flanken zu lautgedehntem Eſelsrufe einzog. Und tauſend Schritte weiter hielt der Tetzel, der zornig auf ſie einſchrie. Aber die Knechte lachten. Die Wut des Doktors kannte keine Grenzen, als er erfuhr, daß der Zwillichſack mit den Zetteln verloren ſei. Vergeblich ſchickte er einen Reiſigen zurück. Der Sack fand ſich nicht mehr; längſt hatte ihn einer aufgehoben und dem Waibel gebracht. Der wuſch den Bauern den Kopf!„Ein Gulden for ein Todſünd! Narren ſeied ihr, ſo man mit Kolben ſollt lauſen! Der Gulden iſt furt, die Todſünd hanget euch an! Umb ein Gulden die Ewigkeit erkaufent, ſell möcht euch behagent!“ Und mit einem Schwung ſchüttete er den Zwillichſack unter die Bauern aus. „Lueget, hie iſt Ablaß for viel hundrettuſend Jahr! Itz, wo ſeind die Narren, ſo ihn erkaufent! Balthaſar, wo iſt din Goldgulden?“ Die einen ſchämten ſich, die anderen balgten ſich für alle Fälle um die Zettel. Der Pfarrer Waibel aber machte ſich auf den Weg nach Schongau. Um die Ablaßzettel wurde wochenlang in den Gaſtſtuben gewürfelt. **** 380 Von Witkenberg her dröhnten die Hammerſchläge, mit denen ein ſchmächtiger Auguſtinermönch ſeine Theſen wider den Ablaßhandel an das Kirchentor ſchlug. „Mönchsgezänk“, lachte der Hutten. Aber ein Echo um das andere warf die dröhnenden Schläge weiter, bis ein mächtiger, rollender Donner daraus wurde, der über ganz Deutſchland hinging und nach allen Seiten krachende Blitze ſchleuderte. Der Sturm brach los! Hie Luther, hie Rom! Dem Hutten ſtockte das Herz, und er lauſchte, was das werden wolle. Und wie des Luthers Ruf an den Adel deutſcher Nation erſchien, dem Ritter, dem Städter, dem Bauern verſtänd⸗ lich in der Sprache ihrer Väter, da ſchmetterte auf einmal des Hutten Trompete hell dem Luther an der Seite: Das war eim jeden nit bekannt, Itz ſchrei ich an das Vaterland, Teutſch Nation in ihrer Sprach, Zu bringen dieſen Dingen Rach! Hie Luther, hie Rom! Hei, wie ziſchte des Hutten Peitſche in den Schwarm der Geiſter, hei, wie gellte des Hutten hetzend Sturmſignal! Und der Engelbert Hiltensperger lachte ſein froheſtes Lachen: So war's recht! So hatte er den Hutten gewollt! Der Sturm brauſte durch das Land, der wilde helle Föhn. Aber dieſer Sturm fragte nicht, welche Dächer er abhob, welche Bäume er umriß. Da wurde der Engel mit Schrecken inne, daß ſein Segel wild gegen die Rahen klatſchte, denn der Sturm fuhr in ſein Werk und drohte ſein Schiff zu verſenken. Hellauf flatterte die Zwietracht. Sendboten jagten durchs Land, Hauſierer trugen die Streitſchriften ins entlegenſte Dorf. 381 Geſchlechter wurden in wildem Haß getrennt, Vater und Mutter, Eltern und Kinder uneins, Geſchwiſter zerſpalten. Aufgewühlt aus tiefſten Gründen, was an Schlamm und Dreck in deutſcher Nation. Verkommene Pfaffen— verluderte Prädikanten im tollen Wirbel. Und über allem der helle Kampfruf der Beſten der Nation, die ſich auf beiden Seiten bemühten, ihre Sache rein zu erhalten. Es ging drunter und drüber in deutſchen Landen. Wo nur einer ein weniges blies, ſchlugen allenthalben die Flammen hoch. Aus den Klöſtern liefen die Mönche und Nonnen, wie die Ameiſen aus dem Bau nach einem Gewitter. Meiſt nabmen ſie gleich ein Schlammbad und wälzten ſich erſt ordentlich im Dreck wie die Sau, wenn ſie aus dem Stalle kommt. Vagabunden im Prieſterrock, zerlumpte Prädikanten zogen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Echte und falſche Seelſorger, Fanatiker und Betruger warfen Hetzſchriften ins Volk. Hatte manch einer einen Kaſten für evangeliſche und einen für katholiſche Druckſchriften bei ſich, je nachdem das Dorf alt⸗ oder neugläubig war. Den Winter über lagen dieſe Sendboten lieber in den Städten auf der faulen Hant; wenn aber der Frübling kam, wenn die erſten Schlüſſelblumen die Wieſen gelbten, dann ergoß ſich der böſe Schwarm wieder übers Land. Was Wunder, wenn die in den Dörfern, die im heim⸗ lichen Einverſtand waren, ſich mühen mußten, daß ſich das Geſpinſt nicht verwirre noch irgendwo ein vorzeitig Feuer⸗ lein ausbreche. Das Bauernſchiff ſtampfte und ſchlingerte in der wilden Flut, legte ſich bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Aber der Engel griff mit harter Hand ins Steuer, 38² — tat not—, denn da war kein Dorf, wo ſie nicht mit einander haderten, wo nicht Maſche um Maſche im Netze reißen wollte. So trieb's ihn durchs Land, ein, zwei, drei Jahre. Da hatte er es geſchafft, daß ihm der Sturm von Wittenberg in die Segel blies. „Hei“, ſchrieb er dem Hutten,„itz ſoll uns der witten⸗ bergiſch Wind das Schiffle durch die Wellen jagent. Hie Teutſchland, hie Rom!“ *** An einem ſonnigen Herbſttag war's, herber Erdruch lag über den Feldern, auf denen die Bauern Miſt breiteten. Da fuhr ein Taternwagen von Oberdorf gen Stötten zu. Stockſteif lag der Tater beſoffen im Innern des Wagens. Auf dem Bock aber ſaß ein junges Weib und kutſchierte, rechts ein betrunkener Prädikant, links ein nicht minder voller, dem Kloſter entloffener Mönch. Derweil der eine im offenen Buſenlatz des Weibes herumſtöberte, gurgelte der andere den Kornſchnaps aus einer böhmiſchen Flaſche. Dabei grölten die Beſoffenen und winkten den Bauern auf dem Felde. An einer Ecke, wo die Straße nach Stötten einbiegt, wartete ein kaum vierzehn Jahre altes Taternmädchen, das von hinten auf den Wagen aufſprang. Da gab der Prädikant die geteilten Genüſſe auf dem Bock auf und ſchlüpfte ins Wageninnere. Die Bauern aber, die zuſahen, warfen mit Erdſchollen nach dem Geſindel, ſo daß das Taternweib ſchimpfend auf ihren Klepper einhieb und im Zotteltrab in Stötten einfuhr. Gleich beim Eckbauern Anton Roßbaupter lenkten ſie in den Hof und verlangten ſchreiend Quartier. Murrend ließ dieſer den Karren vor Etters auf der 383 10 Wieſe an der Geltnach aufſtellen und öͤffnete den beiden Männern Gottes die Scheune zum wohlangebrachten Mittagsſchlaf. Wenn ſich auch der und jener gegen ſolches Geſindel mit dem Dreſchflegel half, ſo erlebte er vielleicht, daß ihm der rote Hahn aufs Dach flog. Alſo hielt es der Roß⸗ haupter wie die andern, machte die Fauſt in der Hoſentaſche und ließ das Geſindel ein. Dabei hatte er ſchon zwei vagante Landsknechte im Heu. Ja, der Bauer hatte es damals nicht leicht! Dem Roßhaupter ſchwante deshalb nichts Gutes, denn die beiden Landſer ſtanden juſt auf dem Hof, als die Streiter Gottes einfuhren. Aber die waren ſo betrunken, daß ſie auf die Zurufe kein acht gaben, die ihnen die Brüder in Faltenrock und Pluderhoſe zum Willkomm boten. Erſt ging alles gut, denn die Ankömmlinge ſchliefen bis zum Abend ihren Rauſch im Heu aus. Als erſter erwachte der Altgläubige. Der Schädel brummte ihm, und die Augen lagen brennend in ihren Höhlen. Alſo ſteckte er den Schädel unter den kalten Strahl des Brunnens, der im Hofe plätſcherte. Auf der nahen Göpeldeichſel ſaßen die beiden Landſer, von der Langeweile geplagt und von dem Taternmädchen umſchlichen. Dem einen von ihnen, einem Bayer, wurden die Augen trüb, und er begann nach ihr zu ſchielen.„Samer potz Lung“, wehrte ihm ſein Kamerad,„laß den ſtinketen Biſſen denen zween Pfaffen!“ Inzwiſchen hatte das Mönchlein ſeinen rauchenden Grind gewaſchen und ſchielte gleichfalls nach dem Mädchen. Da er ſich aber vor den Landſern fürchtete, ſchlich er zum halb⸗ offenen Scheunentor, hinter dem er dem Weibsbild winkte. Dem Taternmädchen aber war ein handfeſter Landsknecht lieber als das fette Mönchlein. Alſo tat es, als ſähe es 384 das Winken nicht, ſchnürte vielmehr immer enger um die beiden Knechte herum. „Pſt! Pſt!“ machte das Mönchlein hinter ſeiner Scheu⸗ nentüre. Da drehte ſich der Bayer und feuerte einen fauſt⸗ großen Stein nach ihm, der krachend gegen das Scheunen⸗ tor ſchlug. Die Taterin war inzwiſchen dem Bayern auf den Leib gerückt, rieb ihre Knie an den ſeinen und ſpielte mit der Kette, die ihm am Halſe hing. Hinter dem Hof auf der Wieſe rief die Alte nach der Jungen. Die gab keine Antwort, ſondern ſpielte mit der Kette weiter. Als aber das Mönchlein merkte, daß ihm der Biſſen doch weggeſchnappt werde, ſchlich es ſich hinters Haus, denn in der Not frißt der Teufel auch eine Alte. Inzwiſchen erwachte der Prädikant, und auch er ging zum Brunnen, den heißen Schädel zu kühlen. Das Mädchen zog ihren Bayern nach der Scheune, während ihm der Schwabe mißmutig wehrte. Der Herr Prädikant, der auch ſeine Abſichten gehabt hatte, ſah mißbilligend, was vorging. Da aber auch er wußte, daß mit handfeſten Landsknechten nicht gut Kirſchen eſſen ſei, gab er in ſeinem liebebedürftigen Herzen ähnlichen Erwägungen Raum wie ſein Amtsbruder vom alten Glauben und ſchlich ſich gleichfalls hinter den Hof. Da dauerte es nun nicht lang, und es erhob ſich ein mörderiſches Geſchrei. Zwei Hunde und ein Knochen! Hie Luther, hie Rom! Ein ſchwarzer Knäuel wirbelte in den Hof. Trommelnde Fäuſte und ſtauchende Beine in wirrem Durcheinander. Aber nicht um den Glauben ging's, nein, um ganz andere Dinge! Schmückle 23 385 Das freute nun den ſchwäbiſchen Landſer von ganzem Herzen. Erſt trieb er die beiden mit einem Stecken auseinander, den einen zur Rechten, den andern zur Linken, um ſie nach⸗ her wie zwei Göckel widereinander anlaufen zu laſſen. Und wie ſie ſchimpften! Du Bettdrücker! Du Erzſchelm! Du Ströter!“ 77 10¹ „Du Lotter! Du Straßenfeger Dann rannten ſie wieder an, daß der Schwabe ſich vor Lachen ſchüttelte und die Kinderſchar, die ſich eingefunden hatte, vor Vergnügen aufkreiſchte. Von allen Seiten liefen Erwachſene herbei. Das runde Köpflein des Mönchleins glühte, des Prädi⸗ kanten langes Geſicht war weiß vor Wut. „Ei, daß dich die rote Ruhr ſtoß, du Dreck von einer Sau!“ „Daß dich der Dunner erſchmeiß!“ Jetzt kam der Bayer aus ſeinem Heu. Da durfte er nicht fehlen! Schnell nahm er ſich des Mönchleins an, denn ſein Kamerad war gerade dabei, den Prädikanten anzufeuern. Und eins, zwei, drei hatten die Zuſchauer aus dem Dorfe Partei für und wider ergriffen— hie Luther, hie Rom! Wo ſo viel Anfeuerung war, konnte es nicht fehlen. Jetzt hatten ſie ſich richtig am Kragen. Sie wirbelten nur ſo herum am Boden, bald war der eine unten, bald war er oben. Dem Mönch lief das Blut aus der Naſe, dem Bekenner Luthers ſchwoll ein Auge zu. „Hurraſaſſa, huſſa di huß!“ ſchrien die Landsknechte. Dann kam wieder eine Pauſe:„Ei, du lutheriſcher Schelm und Böſewicht!“ „Ain Kue beſcheiß di, und ain große, ſchwarze Kue, du Kelchbueble, du elendigs! Du Böswichtspfaff!“ „Bettdrucker! Landſchelm! Hundsfott! Rotz bueb „Achter! Schelm! Spitzknecht! Störger! Schindhund! Schmalzbettler!“ 386 100 Und wieder liefen ſie an. Da faßte einer von den Bauern zu, dem Lutheriſchen zu helfen, und ehe man ſich's verſah, hing ein ganzer Knäuel Bauern aneinander. Stöcke wirbelten, Steine flogen, Meſſer blitzten, und ein Geſchrei war, daß einem Hören und Sehen verging. Wahllos wurde gehauen, und keiner wußte ſo recht, wer Freund und Feind war. Die beiden Landsknechte aber ſaßen auf ihrem Göpel und hielten ſich den Bauch vor Lachen. Jetzt liefen auch noch die Weiber hinzu. Von allen Seiten kamen ſie an, ſuchten ihre Männer am Kittel zu erwiſchen und aus der Schlachtordnung zu ziehen. Eine um die andere riß der Wirbel mit ſich und verſchlang ſie, bis ſie mit zerrauftem Haar und mit zerriſſenem Rock wieder ausgeſchleudert wurde. „Hurraſaſſa, huſſa di huß!“ brüllten die Landsknechte. „Pfei der Schand!“ donnerte auf einmal des Engels Stimme, der von langer Reiſe heimkam,„iſt der Paur nit genung tretten und plagt, tuets not, daß ſich die Pauren unternand die Grind einſchlagent?!“ Da fuhren die Kämpfenden auseinander. In der Mitte blieben nur die Streiter Gottes, als wollten ſie von neuem aufeinander losgehen. Aber mit einem Griff der Rechten hatte der Engel den Lutheraner, mit einem Griff der Linken den Papiſten am Kragen. Zornig ſchüttelte er ſie, daß die Köpfe auf den Hälſen flogen, als hingen ſie an einem laſſen Seil: „Haderkatzen, verfluchte Landſtörzer!“ „Der Pfaff het anfangen“, ſchrien etliche. „Erſtick an der Lueg, der Lutheriſch het anfangen!“ „Was erhitzet ihr euch umb ein paar Landſtörzer willen?“ zürnte der Hiltensperger. Dann ließ er den einen im Backhaus, den andern im Keller einſperren. 387 Die Leute verliefen ſich. Nun aber ereignete ſich der leidige Fall, daß der Prädi⸗ kant in der Nacht mit Würſten beladen aus dem Keller brach und verſchwand, während der Papiſt in ſeinem Back⸗ haus wohlverwahrt blieb. Das war wieder etwas für den Joſeph Brugger, Pfarrer zu Burk! Hier ein Wörtlein, dort eins. Von Haus zu Haus getragen— und viel brauchte es ja in dieſen Tagen nicht, um die Gemüter zu erregen. Kurz, bis zum andern Tag ſtand es denen, die zum Pfarrer und an der alten Lehre hielten, feſt, daß der Engel den Lutheriſchen habe entwiſchen laſſen, den Papiſten aber ungerechterweiſe im Backofen halte. Und die Drachenſaat begann mächtig zu keimen, ſo daß ſich ein Haufen ſammelte und mit Stecken und Stangen gen Stötten zog. Aber die Lutheriſchen in Stötten waren nicht faul, und Stecken und Dreſchflegel gab's dort auch, nicht bloß auf der Höhe! „Wi wellent den Pfaffen ledig han, wo nit, ſo wellent wi die Stöttemer mit Kolben lauſen!“ „Hini zum Tuifel, do wurt Kirchweih!“ Da kam der Engel hinzu, den einer geholt hatte. Der ſah den Aufruhr und ſah auch den Joſeph Brugger, wie er mit kreiſchender Stimme die Leute aufhetzte. „Seit wannen wurt Recht geſprochen, ſchreiende im Haufen?“ fragte er mit ſeiner ruhigen Stimme. „Du ſollt den Pfaffen ledig lan!“ ſchrien die einen. „Henket den Kelchbueben uf!“ die andern. Der Engel ſprach mit ein paar Stöttenern und ließ den Pfaffen aus dem Backhaus holen. Frech grinſend krat dieſer unter den Haufen, denn er merkte wohl, daß man um ihn eine Schlacht ſchlagen wollte. Aber die Frechheit verging ihm, als er des Engels 388 drohendes Geſicht ſah, und ein heller Schrecken durchfuhr ihn, als er merkte, wie ſie Ruten daherbrachten. Ein paar Worte des Engel, und von kräftigen Fäuſten gepackt wurde der Pfaffe über den Brunnentrog gelegt, die Kutte hochgehoben und der blanke Hinterteil ſaftig mit Ruten geſtrichen. „Mordio! Mordio! Leidets nit! Leidets nit!“ ſchrie der Joſeph Brugger. Aber Aug in Aug mit dem Engel verging einem jeden der Mut. Brennend rot leuchtete der mißhandelte Körperteil, und die Stimme ſeines Beſitzers überſchlug ſich. Dann wurde er zum Dorf hinausgeprügelt. Der Engel ſchritt wortlos durch den Anhang des Joſeph Brugger hindurch und den Auerberg hinan. Wohl hörte er das grollende Murren, es kümmerte ihn wenig. „Seind Gugelleut“, murmelte er vor ſich hin,„und ringes Zeug. Schrei ich wider Herrenſchlöſſer und Klöſter, werdens die Fürderſten ſeind, ſo anlaufent; dann was übel und am wenigſten beritten, will ällbott vorreiten.“ Der Pfarrer von Burk aber ſchürte ſein Feuerlein mit Bedacht, und die böſen Saatkörner wuchſen und reiften in der Gewitterſchwüle der Zeit beſonders ſchnell. *** Die Regula Stechelin hatte einen wunder⸗, wunder⸗ ſchönen Tag. Sie ſaß mit Engelbert Hiltensperger auf einem der holperigen, zweiräderigen Bauernkarren, vor den der Michel ſeinen Fuchſen geſpannt hatte. Sie fuhren nach Memmingen. Ein einziges Mal in ihrem Leben war ſie nach Ober⸗ günzburg gefahren. Der Ahne hatte den Zehent abliefern müſſen. Von vornherein hatte er einen Sack über das 389 Maß aufgeladen, denn man wußte, daß der Vogt mit falſchem Maß meſſe. Und trotzdem reichte es nicht, ja der Ahne war noch in Strafe genommen worden. Er war ein jacher Mann und konnte erlittenes Unrecht nur ſchwer ver⸗ winden. So war es eine traurige Heimfahrt geworden. Aber heute ſangen auf allen Zweigen die Vögel, und der Engel war ſo fröhlich, wie ihn das Regele ſeit langem nicht geſehen. Drei Viertel des Jahres wanderte er die Kreuz und Quer durchs Land, bei Kälte und Hitze, bei Regen und Sonnen⸗ ſchein, den großen Einverſtand der Bauern zu machen. Immer mußte ſie in Angſt und Not um ihn leben. Diesmal fuhr ſie mit ihm mitten hinein ins Glück! Läſſig hielt ſeine Linke den Zügel, die Rechte hatte er um ihre Hüfte gelegt. Was gab es da alles zu ſchauen für das junge Weib, das nie aus der Gebürs hinausgekommen war! Da kamen Kaufleute mit Wagen und Tragtieren und Reiſigen als Geleit, Bauersleute, die zu Markt zogen, Ritterliche mit ihren Knechten, mit Wappen und luſtigen Fähnlein, fah⸗ rend Volk und Vagabunden, Geißelbrüder und bettelnde Lakeinſchüler, Städter zu Wagen und Pferd, Geiſtliche und Landsknechte. Fröhlich knallte der Engel mit der Peitſche. Er hatte kein geiſtlich Gewand an, ſondern Strumpfhoſe und Lederjacke, dazu eine Kappe, wie ſie die Jäger trugen. In Günzach waren ſie über Nacht geblieben und fuhren nun über Ottenbeuren Memmingen zu. Schon klangen ihnen die Glocken von Sankt Martin, ſchon ſtiegen die Türme der Stadt hinter Gärten und Zäunen auf. Bürger, die mit ihren Frauen aus ihren Gütlein heimkehrten, ſchritten zufrieden dem Stadttor zu, Wanderer und Reiſende freuten ſich der bevorſtehenden 390 Einkehr. Und auch der Fuchs ſchien's zu ſpüren, daß es dem Stalle zuging, denn er raffte ſich mit geſpitzten Ohren zu einem leichten, freiwilligen Träblein auf. So fuhren ſie durchs Stadttor. Und wie ſie um die Ecke bogen, da hätte der Fuchs beinahe geſcheut. Der Engel mußte vom Bock ſpringen und ihn beim Halfter nehmen. Da war ein luſtiges Gedränge um einen Leiterwagen, auf dem ein Dutzend Weiber ſaßen, die nicht ſchnell genug nach all den Päcklein mit Backwerk und nach all den Würſten, dem Gerauchten greifen konnten, das ihnen von allen Seiten gereicht wurde. „Was ſoll der Lerman und das Geſchell?“ fragte der Engel. Da erfuhr er, daß auf dem Leiterwagen die Be⸗ wohnerinnen des Frauenhauſes, die Stadtdirnen, ſaßen. Der Rat, der in kirchlichen und ſittlichen Dingen die Leitung an ſich genommen hatte, habe ſie aus der Stadt verwieſen. Ein paar Knechte ſollten die Weiber bis an die Stadt⸗ grenze bringen. Der Karren ſetzte ſich unter lauten und fröhlichen Zu⸗ rufen in Bewegung, und ſchreiend und lachend drängte die Menge mit, ſo daß der Engel Mühe hatte, den Fuchſen zu halten. Die Memminger aber gaben ihren Dirnen ein gut Stück Wegs das Geleit. Der Engel ſtieg wieder auf, und das Füchslein klepperte durch die gepflaſterten engen Gaſſen der Reichsſtadt dem Hauſe zu, wo der Kürſchnermeiſter wohnte, bei dem der Sebaſtian Lotzer Geſelle war. Er war noch dabei, dem Regele vom Karren zu helfen, und ſchon eilte ein kleiner, unterſetzter Mann die ſteinige Stiege herunter, beide Hände dem Engel hingeſtreckt. „Gotts Grueß! Gotts Grueß! Viel ſeliger Zeit! Das iſt ein onerwartet Freud!“ Ein Paar herzensgute Augen ſtrahlten dem Gaſte freudig entgegen, und die Stirn war ganz gerötet vor Aufregung. 391 Er zog die beiden geradezu ins Haus, als könnte er es nicht erwarten, ſie zu beherbergen. „Viel ſeliger Zeit! Viel ſeliger Zeit!“ rief er immer wieder aus. „Iſts nik ein ſelige Zeit?“ rief er, als ſie in der Stube ſtanden.„Iſts nit ein ſelige Zeit, da der Heiland durch die teutſchen Städt und Land wandlet und das rein Evange⸗ lium allentbalb von denen Kanzlen wurt geprediget mit Fuirrungen?“ Wes das Herz voll iſt, des fließet der Mund über, und des Lotzer Herze war übervoll. Mit Macht hat es ihn übermannk, und wenn in der Zunftſtuben die Meiſter aneinander gerieten, dann war es der Kürſchnergeſelle Sebaſtian Lotzer, der den Finger in das Meue Teſtament legte und das Evangelium predigte, daß der Chriſtoph Schappeler, Prediger bei Sankt Martin, von ihm ſagte:„Gott hat die Laien erleucht, daß ſie ſeine Gebot erkennent und denen ſtinketen, verlogenen, gottloſen Pfaffen, Miſtſinken, Kuchen⸗ und Suppenpredigern ſollent verkündigen.“ Noch hakte der freudig erregte Mann ſeinen Gäſten keinen Sitzplatz angeboten, da lief er ſchon in den Keller, einen Willkommtrunk zu holen. So eine wunderſchöne Stube hatte das Regele noch nie geſehen. Sie war ganz und gar gekäfert und herrlich eingelegt. Da war ein Erker mit Butzenſcheiben, darin eine Bank, die mit ledernen Kiſſen belegt war. In der Mitte der Stube ſtand ein großer ſchöner Eichentiſch, an der Breitk⸗ ſeite der Stube ein herrlicher Schrank nach Ulmer Art, ihm gegenüber eine eingelegte Truhe mit Zwiebel⸗ muſtern und goldgebordeten blauen Kiſſen darauf. Auf dem Tiſch lag eine oberdeutſche Überſetzung des Neuen Teſtaments. Vor dem offenen kleinen Fenſter, das auf den efeu⸗ 392 bewachſenen Hof hinausging, hingen Holzkäſige mit zwit⸗ ſchernden Finken und Meiſen. Das Regele wußte nicht, wohin zuerſt ſchauen vor lauter Herrlichkeiten. Da kam ſchon wieder der Lotzer aus dem Keller. Und über ein kleines waren die Männer mitten im Disputats. Sie ſaßen am Tiſch und taten dem Neckarwein alle Ehre an, denn damals war der Frömmſte einem guten Trunk nicht abgeneigt. Das Regele aber ſaß am Erkerfenſter und ſchaute hin⸗ unter. Kaum konnten ihre Augen all das Neue bewältigen, was ſie ſah. Es wollte ihr vorkommen, als wären auf ein⸗ mal viel mehr Menſchen auf der Gaſſe als vor einem halben Stündlein. Alle zogen ſie in einer Richtung, Frauen, Männer und Kinder mit Schwert und Spieß. Gar zu gern hätte ſie den Lotzer gefragt, was das be⸗ deute, aber ſie getraute ſich nicht, denn die Männer waren in eifrigem Geſpräch. „Alls iſt im Evangelio zu Recht gſatzt“, rief der Lotzer, „Gwalt tuet nit meh not! Dem armen Mann wurt das Sein durch unſern Herren Jeſu Chriſt und durch die Heilig Gſchrift! Iſt erſt etlich Täg her, het der Bäck Hetzlin den Zehent geweigeret, dieweil der wider die Heilig Gſchrift ſeie! Und der Schappeler het ihm recht geben! Itz heißets fein ſtille ſeind und harrent!“ „Warumb het alsdann der Herre Gott viel hundret Jahr das Unrecht glitten, Lotzer? Mich will dünken, zween Roß an eim Karren kumment ehnder zum Ziel, dann ein gotzigs!“ Aber der Lotzer ſprach mit aller Macht dagegen und mußte doch ein paar Jährlein drauf dem Baltringer Haufen den Feldſchreiber machen! 393 „Was wellent die viel Leut all mit Schwert und Spieß?“ fragte das Regele. Die Männer traten ans Fenſter. „Den Schappeler holent zur Kirchen, uf daß ihme kein Leids beſchech.“ „Mit Schwert und Spieß?“ „Kotz, warumb nit? Seind genung der Feind des Evangeli in der Stadt. Lauret nit der Ratſchreiber Vogelmann uf ein guet Stündle, dem Schappeler eins zu wüſchen?— Lueget, ſie kummen!“ Da bog ein ſeltſamer Zug um die Ecke. Inmitten der Gaſſe ein langer, hagerer Mann in ſchwarzer Schaube, eingefallene Wangen, ein kurzer ſchmaler Backenbart, der ſich von den Schläfen beider⸗ ſeits zu einer abſtehenden Wulſt verſtärkte. Tiefliegende, ſtechende Augen brannten unter einer hohen, bleichen Stirne. Mit ſteifen, würdevollen Schritten kam er daher, in beiden Händen ein mächtiges Bibelbuch haltend. Und rechts und links und hinter ihm ſchritten an die hundert wohlbewaffnete Männer. Dann folgte eine Menge Volks, lautlos, nur die Schritte hörte man auf dem Pflaſter ſchleifen. Andere ſtanden an den Häuſern und ſchauten ſich den Zug an und ſparten nicht mit hämiſchen Bemerkungen. „Lueget, dorten der unter der Pechpfannen iſt der Stadt⸗ ſchreiber neben dem Pfarrer Megerich ſamt dem Helfer Stöffel. Seind die Häupter der Papiſten, ſchmelzent zſamm als wie Butter an der Sunnen, het der Ratſchreiber ſein Ambt niederglegt us wütiger Ohnmacht.“ Der Ratſchreiber rief ein paar Schimpfworte, aber der Schappeler hob nur warnend die Hand, und die Hunderte ſchritten wortlos weiter. Sie wußten, ihre Sache hatte ſchon gewonnen; der Rat war in ſeiner Mehrzahl für die neue Lehre, die Zünfte gegen eine verſchwindende Minderheit gut evangeliſch. 394 Nur in der Zunft der Ehrbaren hielten ſich die Geiſter die Waage. „Was for ein Zeit“, murmelte der Engel,„ein jedweder Tag gebieret ein Meus, und keiner weiß, was will werdent.“ „Das ewig Reich will werdende!“ rief der Sebaſtian Lotzer.„Hat nit der Herrgott ein Ruten usgſteckt, be⸗ ſchechen nit Zeichen und Wunder allenthalben! Seind wir nit glaublich bericht, ze Ulm hetten die Leut ein groß rot Kreuz am Himmel gſechen, ein Leuchten und Blitzen davon gangen, alſo daß das Firmamentum davon faſt flammende worden? Du ſollt mir glauben, Gotts Reich iſt nit weit, ein kleines, und er wird kummen, der Heiland. Itz wellent wir in die Kirchen gan.“ Bis auf den letzten Platz war das Gotteshaus gefüllt. Das war kein ſtill andächtiges Lauſchen, das war ein Schlürfen und Trinken neuer Gedanken! Wild erregte Seelen wogten durcheinander, und man ſah, wie der und jener keuchend mit ſtarren Augen daſaß und dem Manne lauſchte, der droben von der Kanzel eiferte. Eine Welt ſtürzte er von ihren Poſtamenten, neues Hoffen rief er in den Seelen auf, alle Inſtinkte, gute und böſe, rüttelte und ſchüttelte er. Brennende Augen hingen an ſeinem Munde. Links waren die Stühle der Grauen Schweſtern, denen der Rat befohlen, des Schappelers Predigt zu hören, denn ſie wollten vom alten Glauben nicht laſſen. Steif und aufgerichtet ſaßen ſie und ließen die Worte ungehört an ihrem Ohr vorbeirauſchen, denn ſie hatten ſie heimlich mit Wachs zugeſtopft. Rechts davon die Schweſtern von Sankt Elsbeth, die be⸗ gierig die neue Lehre aufgenommen hatten. Der Rat hatte ſie auf ihr Verlangen vom Druck des Auguſtinerpriors Roſer befreit und ihnen in der Perſon des Prädikanten Gehrung einen eigenen Prediger gegeben. 395 Und dieſer ihr Prediger ſollte heute eine der ihrigen heiraten! Ungeheuerlich noch vor wenigen Jahren! Begehrlich ſuchten die Augen der Schweſtern von Sankt Elsbeth die Reihen ab, in denen die Männer von Memmingen ſaßen. „Das iſt das recht Evangeli, lueg, was hent die alten Pfaffen glogen und falſch predigt, man ſollt die Bueben alle zu todt ſchlagen. Wie hant ſie uns alſo herrlich be⸗ trogen und beſchiſſen“, donnerte es von der Kanzel, und ein Murren grollte durch die Gemeinde. Durch die geſchloſſenen Kirchentüren hörte man von draußen das Singen der Prozeſſion, die auf Anordnung des Biſchofs Chriſtoph von Augsburg allwöchentlich mit nach⸗ folgendem Amt ſtattfand. „Loſet, wie ſie umziechen mit ihrem heidniſchen Singſang, mit Bußplärren— wartet ein lützel, Gott der Herr wird ſie vertilgen als wie die Amalekiter.“ „Ave Maria, Mutter Gottes“,— klangs von draußen. „Au weh, Maria, itzunder iſts Matthäi am letzten mit dir!“ höhnte es von der Kanzel, und die Regula Stechelin drängte ſich ängſtlich an die Wand, denn ihr graute vor all dem Haß, der die Geiſter trennte, und ſie ſuchte mit ihren Augen den Engel, der drüben ſaß. Dann rauſchten die Worte an ihrem Ohr vorüber, und ſie hörte nichts mehr von der Predigt. Auf einmal ſah ſie den Schappeler von der Kanzel ſteigen, ſah ihn kurz darauf vor dem Altar ſtehen, ein Paar vor ihn hintreten. Alles Volk in der Kirche ſtand auf und reckte die Hälſe. „Wen ktrauet er?“ fragte das Regele ſchüchtern eine dicke Bürgersfrau. „Iſt der Gehrung, der Prediger bei Sankt Elsbeth, ehelicht ein Monnen us dem Elsbethenkloſter.“ 396 „Ein Prediger?“ Die Bürgerin unter ihrer großen Haube ſchaute das Regele ganz verwundert an, als könne ſie die Frage nicht verſtehen.„Potz“, flüſterte ſie,„wiſſet Ihr denn nit, daß allenthalben die Pfaffen heiratend, dieweils der Luther ver⸗ ſtattet ꝰ Das Regele bebte am ganzen Leib vor Aufregung. Immer wieder füllten ſich ihre Augen mit Tränen. Als ſie einmal drüben bei den Männern den Engel mit den Augen ſuchte, ſah ſie, wie auch er nach ihr herüber ſchaute. Da ſchüttelte ſie ein Schluchzen, faſſungslos, hemmungslos, daß die Leute ſich verwundert nach ihr um⸗ wandten. Vor der Kirche wartete der Engel mit dem Sebaſtian Lotzer. Das Regele faßte den Engel am Arm, die Tränen liefen ihr aus den Augen, ſie bebte und zitterte. Sprechen konnte ſie kein Wort. „Stad, Regula, du ſollt nit weinende! Wi wellent zum Schappeler gan, lueg, was einmalen gehet, gehet zum andern nit minder.“ Das Regele ſchluchzte auf. Da ſprang es den Engel zum erſtenmal an, wie ſchwer das Weib unter ihrer verbotenen Ehe gelitten hatte. „Kumm, Regula, wi wellent gan, lueg, ſellt wartet der Lotzer.“ Als ſie mit ihm weitergingen, ſagte der Engel: „Ei, Herr Lotzer, Ihr kennet den Schappeler gar wohl, ſeied ſein Vertrauter gar, möchtet Ihr nit zum Gueten reden, uf daß er die Regula und mich möcht zſammthon als Eheleut vor Gott und denen Menſchen?“ „Mit viel Freuden!“ ſprach der Lotzer. Und ſo machten ſie ſich gleich auf den Weg. Mit Stangen, Schwert und Spieß ſtand die Menge, die den Schappeler heimgeleitet hatte, noch vor ſeinem Haus. Am Fenſter aber ſtand der Reformator und ermahnte die Leute, ſie ſollten Ruhe halten und den Gegnern keinen 397 Grund zum Maulaufreißen geben. Wenn die Prozeſſion komme, ſo ſollten ſie ihr aus dem Wege gehn. Der Schappeler ſchloß die Fenſter, und die Leute verliefen ſich. Nur an die dreißig blieben am Haustor ſtehen. Sie hatten alle ein Anliegen an den verehrten Mann und warteten, bis die Reihe an ſie kam, vorgelaſſen zu werden. Und alle machten bereitwillig Platz, als der Lotzer, des Schappelers Freund, an ihnen vorbei die Treppe hinauf⸗ ſtieg. Man wußte allenthalb, daß der Lotzer über den Schappeler den Schild gehalten hatte, als der Rat noch ſchwankte und noch nicht feſtſtand, welchen Weg der Handel gehen würde. In getünchter Stube ſaß der Schappeler und nahm einen Imbiß ein. Als er den Lotzer ſah, ſtand er auf und ſtreckte ihm die Hand entgegen, eine lange, hagere, knöcherne Hand. „Gott zum Grueß, liebwerter Freund, wen bringet Ihr mir und was iſt Euer Begehr?“ „Iſt der Engelbert Hiltensperger vom Auerberg, ſo dem Abbet zu Kempten viel ſchlafloſer Nächt bereit!“ Der Schappeler maß mit ſeinen kühlen, ſcharfen Augen den Mann, der groß und breit vor ihm ſtand, als ſtünd er vor ſeinesgleichen. Schier zu ſelbſtbewußt mochte der ihm daſtehen; denn der Schappeler war vom beſtgehaßten zum meiſtverehrten Mann geworden, und von allen Ver⸗ ſuchern umſchlich ihn der Teufel des Hochmuts mit dem beſten Erfolg. Das Weib, das klein und mit bittenden Augen vor ihm ſtand, würdigte er keines Blickes. „Seied mir willekommen, han gar mancherlei von Euch gehöret. So Ihr des Lotzers Freund, ſeied Ihr der mein nit minder.“ Der Engelbert Hiltensperger trug ihm mit kurzen Worten ſein Begehren vor. 398 Und nmim kamen all die Fragen, die man dazumal an zwei Verlobte zu ſtellen pflegte. Eine um die andere beantworteten der Hiltensperger und die Regula Stechelin. Lang und hager, voll ſteifer Würde, ſtand der Re⸗ formator vor den beiden; ſeine dürren Finger zuckten auf der Tiſchplatte hin und her. Es war augenſcheinlich, daß des Hiltenspergers Art ihn verdroß, aber auch dieſem wollte die überheblich ſelbſtgerechte Art des anderen immer widerwärtiger werden. Aber er zwang ſich. Da ſtellte der Schappeler die Frage, die der Lotzer heimlich gefürchtet hatte: Ob ſich nach Gottes Gebot der Bräutigam bis zur Stunde der Braut ferngehalten habe? Blutübergoſſen ſtand das Regele, und dem Hiltensperger ſtieg die Zornröte ins Geſicht, in ſeinen Augen brannte es auf. „Seind Pfaffen hie wie dorten!“ fuhr's ihm durch den Sinn, und ſeine Stimme nahm einen erregten Klang an, als er ſprach:„Standets nit gſchrieben, daß kein Pfaff ſoll heurichen, ſo ſtandets joch nit in der Gſchrift, daß der Mann ſich ſoll des Weibs enthalten, ſo er zu heurichen gedenket.“ Der Lotzer merkte wohl, wie in den beiden Männern Feindſeliges aufſtieg; ihm war der Schappeler alles, der Engel nicht wenig! Es durfte zu keinem Streit kommen. Alſo riß er das Wort an ſich. Er erzählte, wie der Engel und die Regula Stechelin ſeit langem wie Mann und Frau zuſammengelebt, auch ein Büblein hätten. Nun wolle, wie nicht mehr als recht und billig, der Engel eine Gott wohlgefällige Ehe ſchließen, nachdem die echte Meinung dahin gehe, daß das Zölibat ein Werk des Teufels ſei. Hätten der Engel und die Regula gefehlt, ſo liege doch der größere Teil der Schuld bei denen, die das Zölibat geſchaffen. Ihm, dem Lotzer, wolle 399 es recht und billig erſcheinen, wenn der Schappeler behilflich wäre, daß Gottes Segen über die beiden komme. So ſehr es den Schappeler kitzelte, dem Mann, der ſo ſelbſtſicher vor ihm ſtand, ſeine Macht fühlen zu laſſen, er war nun einmal dem Lotzer zu Dank verpflichtet. Auch wußte er, daß er ihn für die Zukunft noch bitter nötig brauchen werde. Aber er konnte nicht aus ſeiner Haut; die war ſteif und ledern und prall von Selbſtgerechtigkeit und Unduldſamkeit. So ſprach er— und man ſah ihm die Uberwindung an: „So will ich morgenden Tags in der Fruh umb die dritt Stund ein Laternenhochzich halten!“ Umb die dritt Stund? Ein Laternhochzich? Waß meinet Ihr mit?“ fragte der Engel. Kalt und ſachlich erklärte ihm der Schappeler, daß nach ſeiner, des Schappelers, Kirchenordnung Brautleute, die ſich vor der Hochzeit nicht enthalten hätten, nächtlicherweile, ohne Zeugen, beim Schein einer Stallaterne getraut werden müßten. Der Engel wollte aufbrauſen und dem Schappeler auf⸗ agen. Aber da ſah er die Tränen und die verzweifelte Angſt in ſeines Weibes Auge, dachte der vielen, vielen Opfer, die ſie ihm gebracht. Auch legte ihm der Sebaſtian Lotzer die Hand auf die Schulter. Da überwand er ſich. Und als ſie die Treppe miteinander hinunterſtiegen, da ſchaute ihm ſein Weib ſo dankbar in die Augen, daß er froh war, ſo und nicht anders gehandelt zu haben. Vor dem Haus waren Händel im Gange. Inmitten eines großen Haufens ſtand mit gezücktem Meſſer ein niederer Stadtgeiſtlicher und tobte wie ein Irrſinniger. Er ſei ein Landsknecht, ſchrie er, und laſſe ſich nicht ver⸗ achten, am wenigſten von Ketzern, die heilig Jungfrau 40⁰ Maria könne von hergeloffenen Prädikanten nicht beleidigt werden. „Ei, lueget, der Luegenpfaff!“ ſchrie er, als er des Schap⸗ pelers anſichtig wurde, der aus dem Hauſe trat. Da ſielen ſie alle über ihn her; man ſah nur noch ein Gewirr von Fäuſten und hörte das Schlagen auf ein ſchreiendes Menſchenkind. Der Engel aber ſah, wie ſich der Prediger mit der Ab⸗ wehr Zeit ließ, nicht allzulang, aber doch ſo, daß der Ge⸗ prügelte vorher ſeinen Teil bekam. Dann klang des Schappelers Stimme ſtreng und ſcharf. Er wieß ſeine Anhänger zurecht, aber nicht ohne die größere Schuld dem Mißhandelten zuzuſchieben. Im Engel gewitterte noch der Zorn von vorhin, als er vor ſich hin murmelte:„Herre Gott, dir wurts nit leicht werden, die Schaf von denen Böcken zu ſcheiden!“ Zum Lotzer aber ſagte er im Weitergehen:„Baſtian, ſo nit mit Schwert und Spieß, ſo wurt zu Memmingen das Evangelium dannoch mit Fauſt und Stecken ufgricht!“ „Wo man hoblet, fallent Spän!“ meinte der An⸗ geredete, doch klang ſeine Stimme etwas unſicher. „So will ich mein Eiſen nit us dem Fuir nehment, Baſtian. Dein Tuſendjährig Reich ſcheinet in weiter Fern, auch will mir ſeind, die Männer Gottes ermanglent all⸗ zuſehr der chriſtlichen Lieb, ſo unſer Herr Jeſu geprediget.“ Der Lotzer erwiderte nichts, ſondern ging in tiefem Sinnen neben den beiden her. Auch er hatte einen Stoß er⸗ halten. Nach Zucht und Sitte durfte die Braut am Tage vor der Hochzeit nicht unter einem Dach mit dem Bräutigam wohnen. So brachte ſie der Lotzer zu ſeiner Schweſter, der⸗ weil der Engel einiges beſorgte. Erſt ging er in die Zunftſtube der Metzger, denen die Poſtbeſtellung auf dem Lande oblag, weil ſie bei ihren Vieh⸗ käufen überallhin kamen. Dort legte er ein Dutzend Briefe Schmückle 26 40¹ —— an ſeine Vertrauten nieder, in denen er ſein Kommen an⸗ kündigte. Wohin er kam, wohin er horchte, überall Kampf und Haß und Leidenſchaft. Die Geiſter brodelten, das Evan— gelium lag den Menſchen näher als des Reiches Not. Und wieder war ihm klar, daß er in dieſem gewaltigen Strom ſein Schiff lenken müſſe. Und dann machte er einen Beſuch, auf den er ſich ſchon lange gefreut hatte, beim Maler Strigel. Dort vergaß er inmitten der herrlichen Werke auf ein Stündlein all die Not, die ihn umtrieb. Der Strigel war ein ruhiger, in ſich abgeklärter Mann. Er war einer von den ganz wenigen, denen ſich der Engel geoff enbart hatte. „Dank werdet Ihr nie nit erringen!“ ſagte er zum Engel. „Wem die Kappen wurt ufgſatzt, der muß ſie kragen und haben“, erwiderte traurig der Engel. Um die dritte Nachtſtunde wurde er mit ſeiner Regula beim Schein der Stallaterne getraut. Der Sebaſtian Lotzer hielt die ſchwankende Laterne in erhobener Hand. Die Pfarrer wußten, warum ſie jahrhundertelang den Weihwedel wider die Unholden und böſen Geiſter ſchwangen! Hatte lange genug gedauert, bis die graue Eſelin Wodes Rappen in die Schluchten des Säulings verdrängt hatte. Kein Allgäuer hat je den rechten Backen geboten, wenn man ihn auf den linken ſchlug, und im kiefſten Innern ſtand's feſt, daß der rotbärtige Gott, wenn er über ihre Fluren brauſte, ein zornmütiger Gott war. Engel waren's nicht, die hui—i—i—i—i—i—h wiehernd durch die Wolken 402 brauſten, das wußten die Bauern, und wenn ſie auch alle Heiligen zur Hilfe riefen, wenn ſich die lähmende Angſt auf die dumpfen Hirne legte, wollte es nicht viel helfen. Da ſtellten ſie lieber die Gelte. Wenn hinter dem Säuling die giftgrünen Wetter ſtan⸗ den, dann ſchlich ſich der Bauer mit ſeinem Tränkeimer zum Brunnen, Waſſer für Wodes Roſſe zu ſchöpfen. Dort, wo der Sturm in voller Kraft die Ecke der Tenne ſtreifte, ſtellte er den Eimer zu Boden. Dann ſchlich er ſich ins Haus. Und ob er auch in der Herrgottsecke ſaß und ſein Kreuz ſchlug, ſein Blick flog doch immer wieder zum Säuling hin⸗ über. Es war nicht geheuer mit dem Berg. Der Vater hatte es erzählt, der Ahne, und der hatte es vom Urähne, und ſelber hatte man es auch ſchon erlebt. Da hatte der Berg eine ſchwefelgelbe Nebelkappe über den Kopf gezogen. Hui—i—i—i—i—i—h kam's von Weſt und Oſt, von Süd und Nord, als ob Reiter durch die Luft jagten, zu zweien, zu dreien, und alle dem Säuling zu. Hui—i—i—i—i—i-h pfiff und wieherte es ihnen zum Gruß aus der Schwefelkappe. Und das Bäuerlein ſaß in der Herrgottsecke und zagte, denn Hexen und Geſpenſter lagen im ewigen Kampf mit ſeinen Heiligen, und mit keinem durfte man's ſo ganz ver⸗ derben. Es waren böſe Zeiten dazumal im Deutſchen Reiche. Mißwachs und Hungersnot von den Bergen bis nach Holland. Manch Bäuerlein hatte nicht Roß mehr noch Kuh und mußte ſich beim Pflügen mit ſeinem Weib ins Geſchirr hängen und keuchend das Eiſen durch den harten Boden ziehen und zerren. Hob es verzweifelt den Blick zum Himmel, dann ſiel ihm 40³ wohl ein, es möchte göttliche Ordnung ſein, daß es jedem Tier beſſer ergehen ſolle als dem Bauern. Was Wunder, daß die Verzweiflung über ihn kam! Und nun ſtanden zum erſten Male ſeit langen Jahren die Saaten voll und ſchwer im Korn. Da wollte ſchier etwas wie ein Dankgebet ſich im Bauernherzen rühren. Noch vierzehn Tage, und man konnte einfahren. Strahlend war die Sonne aufgegangen und hatte ſchon am frühen Morgen eine Gluthitze über das Land gegoſſen. Ganz allmählich war ſie bleich und bleicher geworden, und ob kein Wölklein am Himmel ſtand, war ihr Licht ganz bleiern, und über die Menſchenherzen hatte ſich eine läh⸗ mende Angſt gelegt, wie vor kommendem Unheil. Die Bruggerin ſaß in der Ecke des Gadems und wim⸗ merte. Nur ab und zu tat ſie gelle Schreie. Immer, wenn die Bruggerin ſchrie, gab's ein Unglück! Die Kühe auf der Weide brüllten ängſtlich auf, und die Roſſe in den Ställen ſcharrten und ſchlugen. Die Menſchen aber gingen von der Stube in den Stall und vom Stall in die Tenne, und wußten nicht warum. Tot lagen die Fluren, Gras und Blumen ließen die Köpfe hängen. Die Bienen waren in ihre Stöcke heim⸗ geflogen und brauſten erregt in ihren Körben. Kein Schmetterling, keine Hummel über den müden Feldern. Nur die Schnakenvölker kanzten auf und ab. Auf den Höfen drängten ſich die Hühner zuſammen, und keins pickte ein Körnlein vom Boden. Sie drehten bloß die Köpfe hin und her und gackerten kurz und laut vor ſich hin. Von Oſt und Weſt ſtieg langſam eine Wolkenwand, blauſchwarz mit gelben Rändern. Und ob ſich auch kein Blättlein im Winde rührte, ſo 40⁴ war es doch, als fahre ein böſer Hauch über die Lande, und ſchwerer laſtete die Angſt auf den Menſchenherzen. Und über den Dächer ging's wie ein tiefer Seufzer hin, und doch rührte ſich nicht Gras noch Halm. Langſam und drohend ſtiegen die ſchwarzen Wolkenheere, und ein grauer Schleier legte ſich bleiern vor die Sonne. Und das Vieh auf den Wieſen fraß nicht mehr, ſchob ſich zu Haufen, brüllte, drückte da und dort die Weide⸗ ſtangen durch und ſtürmte mit hochgeſtellten Schwänzen den Ställen zu. Es drängte und ſtieß ſich vor den ver⸗ ſchloſſenen Türen. Hui—i—i—i—h fegte ein Windſtoß über das Land, wirbelte den Staub zu Wolken und riß die Zweige der Bäume durcheinander. Und die Sonne verſackte im Dunſt. Scharf umriſſen und blau ſtanden die Berge. Der Säuling aber hatte die gelbe Nebelkappe über die Ohren gezogen, und über ſeinen Häupten ſtanden die giftgrünen Wetter mit den weißen Rändern. Schwarz und drohend ſtiegen wuchtige Wolkenhaufen und ſchoben ſich über die grünen Wälle, hinter denen ſich das wilde Heer ſammelte, jaulend und wiehernd. Da ſtellten die Bauern ihre Eimer an die Tennen. Noch hatte der wilde Jäger das Zeichen zum Aufbruch nicht gegeben, und ungeduldig drängten die weißen und rötlichgelben Rößlein vorwärts. Horidoh—hoho! jaulte es wild auf. Und die Menſchen im Lande duckten ſich. Horidoh hohohoho! gellte es vom Säuling. Horidohoho! vom Auerberg her. Da ſchauten ſie hinauf: grell und weiß ſtand das Kirch⸗ lein vor der ſchwarzen Wolkenwand, und hoch auf dem Turm in wildflatternder Kutte, rieſengroß, übermenſchlich eines Mönchs Geſtalt, weit die Arme den Wettern ge⸗ breitet: Horidoh- ho—ho! 40⁵ Nun kam's dahergebrauſt. Voraus die weißen Wolken⸗ roſſe, ſchäumend, ſtoßend, dahinter der ſchwarze Haufen. Zur Rechten, zur Linken donnerten zum Gruße rollend die geſchichteten Wetter, und auf der breiten Himmelsſtraße zwiſchen ihnen kam's daher, und der Staub auf der Erde begleitete die wilde Jagd in den Lüften. Halbnächtig war das Duſter. Droben aber leuchtete die weiße Bergkirche, und der Mönch auf dem Turm wuchs und wuchs in die Wollen. Die ſenkten ſich tief und tiefer, und Nacht deckte Turm und Mönch; abgrundtiefe, ſchwarze Nacht! Da flammten Berg, Kirche und Mönch, und krachend ſchlug der Blitz in den Turm! Immer näher, innner näher kam's auf der fahlen Himmelsſtraße. Horidoh! Horidoh! Ganz deutlich hörte man das wilde Jauchzen, und da ſah man ihn ſelber auf ſeinem Rappen, den wilden Jäger, weit voraus dem unſeligen Heere. Sein roter Bart flatterte im Winde, und ob er auch hin und wieder hinter eine Wolke huſchte, zu Sulz⸗ ſchneid, zu Burgen, zu Renmatsried hatten ſie ihn genau geſehen. Droben auf dem Berge ſchlugen die roten Flämmchen aus dem Dachſtock der Kirche in die ſchwarzen Wolken. Blitze flackerten um den Turm, und wenn er ſchneeweiß aus den Wolken tauchte, ſtand hoch droben die ſchwarze Geſtalt. Horidoh ho ho! Hoch griff ihr Arm in die Wollken⸗ nacht. Horidoh ho ho! klang es aus den Lüften wider. Und in weitem Bogen nahm die wilde Jagd die Rich⸗ tung auf den Auerberg, geradewegs auf den Turm zu. Unten aber auf der Erde brauſte es daher wie Getrabe von tauſend Roſſen. 406 Tack! Tack! Tack! ſchlugen die weißen Taubeneier auf die zuckende Ernte, auf Baum und Strauch und Dach. Immer lauter wurde das Praſſeln, Knattern, Krachen, Knallen. Dumpf und verzweifelt ſtanden und hockten die hilfloſen Menſchen. Gellend lachten in den Lüften die böſen Geiſter. Hurre hopp! Hurre hopp! Weitum ſtanden die Wetter und flammten. Dann wurd's mit einemmal totenſtill. Und ganz in der Ferne verhallte das Höllengelächter. Die Wetter teilten ſich und zogen langſam vergrollend hinter der wilden Jagd drein. Hingemäht lag die Arbeit und Mühe eines Jahres, und von neuem grinſte der Hunger dem Bauern ins Geſicht. Stumm und hilflos vor dem Unbegreiflichen ſtanden die Männer, ſchluchzend die Frauen. Wo war Gottꝰ Nicht bei den Bauern! Nicht bei den Armen und Ver⸗ zweifelten! Nur der Peter Kollmann ſchuͤttelkte den Kopf:„Seit der Pauer die zehn Gebot nimmeh halt, halt der Herrgott die Weltordnung nit meh“, murmelte er vor ſich hin. Der Boden dampfte, ein kräftiger Erdruch zog über die Wieſen, und ein ſiebenfarbener Regenbogen ſchwang ſich vom Auerberg in das Geltnachtal. *** „Man derf ein Laus bloß in ein Pelz ſatzen, dann wach⸗ ſent die andren von ſich ſelbſt“, dachte der Pfarrer Joſeph Brugger, als er zur Kirche läuten ließ. Hatte bislang nur ſein Anhang die Kirche beſucht, ſo kamen heute die Leute von allen Seiten, und die Kirche war bis auf den letzten Platz beſetzt. Vielleicht wußte es der Pfarrer, warum alles Elend vom Herrgott für die Bauern aufgeſpart blieb? 407 Und der Pfarrer wußte anſcheinend, wie es gegangen war. Nein, nicht der Herrgott hatte das Wetter gebracht! Das Wetter war des Teufels, und einer mußte ſein, der den Teufel gerufen hatte. In lautloſer Stille, mit aufgeriſſenen Mäulern und Augen lauſchten die Bauern der Kunde von Heren und Zauberern, die dem Bauern das Vieh behexen und Hagel und Wetter über die Fluren rufen. Ein Pülverle von der Aſchen einer getruckneten Kröten in den Wind geſtreuet und dreimalen den dreimal verfluchten dreigeteufelten Namen, ſo nur die Her kennet, gerufen, und ſchon kummet er daher mit Heulen und Hagelſchloßen, das Land zu verderben. Narren ihdoch ſeind und Überzwerche, ſagende, es ſeie kein Tuifel nit und keine Hexen! So loſet, was der Heilig Vatter ze Rom dem Kaiſer Marimilian in einer Bullen gſchrieben!“ Mit gedämpfter Stimme und immer wieder ſich bekreu⸗ zigend las der Pfarrer die Bulle, worin der Papſt dem Kaiſer mitteilte, daß das Deutſche Reich von Hexen und Hexerichen wimmle, und daß man nur mit Feuer und Schwert des Übels Herr werden könne. Da lief den Bauern die Katz buckelauf, buckelab! „Salige und Heren aber ſeind eins, und gar mannich ein rothaaret Weibsbild, ſo der Tuifel mit Leibs Wohlgeſtalt verſehen, wandlet unter denen Menſchen, und wurt nit erkennet, iſt auch kein ander Zeichen an ihr, dann ein ſchwarz Muttermal unter der linken Bruſt, wohin der Satanas ſie gekiſſet in der Nacht, da ſie ſeine Buhlen worden. So ihr aber vermeinet, es ſeie ein Salige, dann Salige und Heren ſeind eins, ſo achtet uf das Mal! So ihr aber eine findet, die ſelbig iſts, ſo das Wodesheer beruefen!“ So ſprach der Pfarrer Joſeph Brugger. Und Zorn und Grauen ſchüttelte die Herzen der Bauern, daß ſie kaum das Ende der Meſſe erwarten konnten. 408 Wer war's, der als erſter davon geſprochen, war es einer, waren's zehn ꝰ Zu Remnatsried, zu Buchen, zu Hofſtatt, überall hatten ſie die Mönchsgeſtalt auf dem Turm geſehen. Mit beiden Armen hatte ſie gewunken! Und wie die wilde Jagd mit Donnern und Raſſeln über den Auerberg gefahren, da war der Mönch ganz in Feuer geſtanden und hatte keinen Schaden davongetragen. Von Hof zu Hof flog die Kunde, kroch um den Auerberg, und die es hörten, duckten ſich ſcheu, wenn ſie zum Kirchlein emporblickten, aus deſſen Dachgeſtühl ein paar verkohlte Balken in den Himmel ragten. Dem Anton Braitmaier, einem Häusler, war eine Kuh 9 eingegangen. Kotz Har! War nicht am Tag zuvor das Regele dageweſen, die Läuteier holen? Dem Bauern ſträubten ſich die Haare. Hatte er als erſter den Namen genannt, war es der bucklicht Veit, der vor ein paar Tagen am Kirchhof von Burk um die zwölfte Stunde eine Weibsperſon ſah, die genau die Geſtalt der Regula Stechelin gehabt hatte? Und num kam eins ums andere. Der hatte ſie den Mann behext, der legten die Hühner nimmer, ſeit die Regula Stechelin ihnen ein paar Brort⸗ krumen hingeworfen hatte. Kurz und gut, es dauerte keine vierundzwanzig Stunden, und die Hexe vom Auerberg war in aller Mund. Was nützte es, daß die Ernſthaften ſich gegen den Wahnſinn wehrten, daß des Engels Freunde dem und jenem das Maul mit einem guten Hiebe ſtopften. „Hat nit das Menſch rot Haar und ein ſchlochweiß Fell?“ „Iſt nit der Engel das ganz Jahr der Tuifel weißets wo?“ „Het das Menſch nit Zeit genueg, mit dem Tuifel z'buelen?“ „Wurk ſich weiſent, ob ſie ein ſchwarz Mal uf der 00 Dutten het.“—0 Wolf Färber, der Stiftsvikar von Wimpfen, ſaß in ſeinem breiten, mit Kalbfell gepolſterten Seſſel. Er war ein freundlicher alter Herr in weißem Haar, das ihm bis auf die Schultern hing. Das roſige Geſicht, in dem faſt noch kein Fältchen war, zeugte davon, daß ihm des Lebens Müh und Arbeit nicht allzuſehr zugeſetzt hatten. Ein ſchwarzes Käpplein deckte den weißen Scheitel, und die freundlichen Augen ſchauten hinunter auf den Markt⸗ platz, wo ſchreiende Buben um den Brunnen kollten. „Wo bloß min Urſula ſtecket?“ meinte er zu dem Be⸗ ſuch, der ihm gegenüberſaß, dem Wendel Hipler, der Grafen von Hohenlohe einſtigem Kanzler, einem feinen und klugen Mann. Ihn beherrſchte eine große Leidenſchaft, der Haß gegen die Hohenloher Grafen! Einſt hatte er ihr ganzes Vertrauen beſeſſen. Sie ließen ihn ſchalten und walten. Das tat kein gut, denn er war den Untertanen ein harter und ungerechter Herr, und weil ihm alles anvertraut war, erlag er auch der Verſuchung und bereicherte ſich auf unrechtmäßige Weiſe. Als es die Hohenloher Grafen merkten, preßten ſie ihm das ungerechte Gut wieder ab und entließen den hoch⸗ begabten, gefährlichen Mann. Das verwand er nicht. Man hörte die Haustüre ſchlagen; aber ſtatt des leichten Trittes der Jungfer Urſula hörte man den ſchweren, pol⸗ ternden Tritt eines Mannes auf der Stiege. Die Türe wurde aufgeriſſen, und herein trat ein unter⸗ ſetzter Mann. Zwei böſe Augen funkelten unter einer nie⸗ deren Stirne. Das Haar war unordentlich und kupferrot, und breite wulſtige Lippen gaben dem platten Geſicht einen rohen und gemeinen Ausdruck. Es war Jäcklein Rohrbach von Böckingen, den ſein eige⸗ ner Vater einen böslichen und gottloſen Menſchen genannt 41⁰ hatte. Man ging ihm aus dem Wege, denn man wußte, daß Blut an ſeinen Händen klebte. Er lebte in ewigen Händeln, und ſein Meſſer ſtak locker in der Scheide. Ein Schatten flog über Wolf Färbers Geſicht, als er des Menſchen anſichtig wurde. Der Jäcklein hatte einen Hof des Stiftsvikars in Pacht, die Gülten aber war er ſchuldig geblieben. Da in Güte nichts von ihm zu erreichen war, hatte ihn der Stiftsvikar verklagt. „Viel ſeliger Zeit, Rohrbach, was iſt Euer Begehr?“ fragte der alte Herr, der froh war, daß er den Wendel Hipler bei ſich hatte. „Viel ſeliger Zeit“, höhnte der üble Geſelle. Dabei ſtellte er ſich hinter den Tiſch, der in der Mitte der Stube ſtand, und ſtützte beide Fäuſte auf:„Kotz Marter! Ei ſieh da, der Herr Wendel Hipler! Wie gehts? Wie ſtehts? Itz hent die Pauren in der Pfalz ihre gueten Täg, ſo der Herr Hipler im Urlaub!“ Der Hipler, der in pfälziſchen Dienſten ſtand, wandte ſich ab und gab keine Antwort. „Hernach redet, was iſt Euer Begehr?“ fragte der Wolf Färber und mühte ſich, einen freundlichen Ton anzu⸗ ſchlagen, um den wüſten Kerl nicht zu reizen. Dem Jäcklein aber funkelten die tückiſchen Augen, und ſeine Stirne bekam rote Flecken vor Wut:„Daß Euch die rot Ruhr ſtoß! Wer hat Euch heißen wider den Jäck⸗ lein Rohrbach klagen? Wellet Ihr die Klag zrucknehmen oder nit?“ „Han Euch oftmalen im gueten gemahnet, die Gülten zu zalen.“ „Itz frag ich Euch zum letzten, ob Ihr die Klag wellet zrucknehmen oder nit?“ Der alte Herr ſchwieg und ſchüttelte den Kopf. Da brüllte der Kerl:„Kotz Lung! Vermeinet Ihr, der 411 40 — 45 . Jäcklein Rohrbach laß ſich ufs Maul ſcheißen? Daß dich Gotts Leiden ſchänd, du trauriger Loder, du Geldſack! Haſtu nit Goldgülden genung? Soll ich ſie dir mit dem Meſſer im Ranzen ſuchent?“ „Mäßiget Euch!“ rief der Wendel Hipler. „Wa willtu? Wa willtu? Du Federfuchſer, du Din⸗ tenfreſſer! Willtu dein verfluchte Praktiken am Jäcklein Rohrbach usprobieren?“ Der Schaum ſtand ihm vor dem Mund, als er mit dem Meſſer auf den Hipler losging. Ein Feiger war der nicht, er blieb ruhig ſtehen. Wie ein Stier, mit geducktem Kopf und eingezogenem Nacken, ſtand der Rohling vor ihm und funkelte ihn tückiſch an mit ſeinen blutunterlaufenen Augen. Da ſprach der Wendel Hipler leiſe, ſo daß es nur der Rohrbach hören konnte, die Worte:„Geſell, was iſt dein Weſen?“ Der Burſche aber fuhr zurück, als hätte ihm einer einen Stoß gegeben, dann murmelte er vor ſich hin:„Der arm Mann wurt nimmeh geneſen.“— Blieb noch ein Weilchen ſtehen, dann wandte er ſich und ging zur Türe hinaus wie ein geprügelter Hund. Man hörte ihn die Treppe hinunterpoltern, die Haus⸗ füre ins Schloß fallen. Der Stiftsvikar ſchaute den Wendel Hipler an und ſchüttelte den Kopf. Er konnte ſich keinen Vers aus der Sache machen. Der Hipler aber verabſchiedete ſich ſchneller, als er be⸗ abſichtigt hatte. „Das iſt nit mit rechten Dingen zugangen“, murmelte der Stiftsvikar vor ſich hin. Wenige Tage zuvor war der Wendel Hipler auf dem Markt geweſen. Er beobachtete zwei Bauern, die ihn nicht ſehen konnten, weil ein Stück Vieh dazwiſchen ſtand. Auf einmal hörte er, wie der eine zum andern ſagte: „Geſell, was iſt dein Weſen?“ Halblaut antwortete der andere:„Der arm Mann mag nimmeh geneſen!“ Da hatte der Wendel Hipler gewaltig die Ohren ge⸗ ſpitzt. Das konnte nichts anderes ſein als ein Erkennungs⸗ zeichen! Und daß ein Bundſchuh im Gange war, das pfiffen die Spatzen von den Dächern, wenn's auch die Herren nicht ernſt nehmen wollten. Dem Jäcklein Rohrbach hatte er aber das Wort auf gut Glück hingeworfen, und der hatte auf den Köder an⸗ gebiſſen. Mun galt es die Forelle an Land bringen. Die Betglocke hatte eben ausgeläutet, als Herr Wendelin Hipler in die Gaſtſtube zur Krone eintrat, wo der Jäcklein Rohrbach, die Fäuſte unters Kinn geſtützt, ſaß und vor ſich hin ſtierte. Außer ihm war niemand in der Stube. Die wenigen Gäſte hatten ſie verlaſſen, als der Burſche kam; man kannte ihn zu Wimpfen, und niemand wollte mit ihm zu tun haben. Als wäre es die natürlichſte Sache der Welt, ſetzte ſich der Hipler an den Tiſch, an dem der Jäcklein ſaß. Der ſtreifte ihn nur mit einem mißtrauiſchen Blick und ſtierte weiter vor ſich hin. Der Hipler Wendel beſtellte zwei Kannen vom beſten Markelsheimer aus dem Taubertal. Das war ein guter ſtarker Wein, der die ganze Stube mit ſeinem Geruch anfüllte, wenn man ihn hereintrug. Er lief wie Ol aus der Kanne, denn er wuchs auf Schiefergrund, der die Hitze des Tages auch in der Nacht bewahrt. Während die Wirtin in den Keller ſtieg, den Wein zu holen, beobachtete Herr Wendelin den Jäcklein. Man hieß 413 10 den klugen Schreiber nicht umſonſt den ſchlaueſten Fuchſen im pfälziſchen Weinberg. Die Wirtin brachte beide Kannen und ſtellte ſie vor ihn hin. Eine davon nahm er und ſchob ſie vor den finſtern Burſchen:„Uf, Bruder! Laß dein Grillen fahren. Du ſollt trinken und fröhlich ſeind!“ Der Jäcklein machte ſein finſterſtes Geſicht, ließ ſich aber doch den Markelsheimer in die Naſe ſteigen. Dann brummte er:„Potz Marter! Bruder Hipler, ſo Ihr nit zugegen, ich het dem Färber die Kuttlen uslaſſen, ſo wahr ich der Jäcklein Rohrbach heiß!“ Der Hipler lachte:„Iſt Euer Ernſt nit, Bruder!“ Und lauernd fuhr er fort:„Hetten Uich die Wimpfener ein⸗ kurnt, potz Velten, wes wär der Schad geweſt?“ „Blau, was verſchlagets, ob den Bettdrucker der Tuifel heunt oder morgenden Tags holet!“ „Guet Ding will Weil han“, lauerte der Hipler. „Will mir die Weil bald zu lang werden“, brummke der Rohrbach und kat einen Zug aus der Kanne, ſteckte auch gleich die Naſe zum zweitenmal hinein, als er die Güte des Weins verſchmeckt hatte. „Machet mir der Scheißling ein Prozeß zu Heilprunn! Daß ihn Potz Marter ſchänd, den Bettdrucker, den naſſen! Wann itz die Kürbe nit bald anfanget, ſo will ich den Bundſchuh zu Böckingen alleinigt ufrichten, ſo wahr ich der Jäcklein Rohrbach bin!“ „Du ſollt nit ſo laut reden, Bruder, möcht ſuſt der Handel vor der Zeit ufkommen.“ „Ich ſag Euch, Bruder Hipler— mein Kannen iſt leer—, ich ſag Euch, wann itz der Pfaff gen Böckingen kummet, ich will ihme.“ „Welchener Pfaff?“ „Fraget nit ſo überzwerch!“ Für einen Augenblick wollte es wie ein Mißtrauen über 41¹4 des Rohrbachs Geſicht gehen, dann fuhr er fort:„Den Pfaffen Kunrat meinet ich.“ „Ei, den meinet Ihr! Het ihn umbs Leben gere ein⸗ malen gſechen.“ „Kummet des Jahrs zwier gen Heilprunn. Du, Bruder, der het ein Sterken, als wie drei ander Mann zur gleichen Zeit, lupfet ein Mehlſack, als wie ein andrer ein Stuhl.“ „Itz ſchneidet Ihr gar gewaltiglichen uf, Bruder Rohr⸗ bach.“ „Das blau Fuir ſoll mi, ſo ein gotzig Wörtle glogen! Kummet gen Böckingen ab heunt in zween Wochen, ſo will ich Euch den Pfaffen Kunrat weiſen!“ „Han often von ihm hören fluſteren, kunnt mir keiner ſagen, wes Weſens und weller Art der Pfaff.“ Der Jäcklein leerte den zweiten Krug, und die Ohren begannen ihm zu ſauſen. Für eine Sekunde wollte wieder etwas wie Mißtrauen in ihm hochkommen, aber dann über⸗ wog die Wichtigtuerei. „Bruder Hipler, Ihr ſeied zwar ein verfluchter Finanzer gweſt, doch Euer Wein ſchmacket nit übel. Ich ſag Euch, Bruder Hipler, kein Bundſchuh ohn den Pfaffen Kunrat! Jahr umb Jahr het er gwanderet, allenthalb Hauptleut eingſatzt, kennet ſie niemand dann er alleinigt. All Fäden laufent zſamm in ſeim Gehürn! Kummet und ganget in ſeiner Kutten, ein heimlicher Wanderer in der Nacht. Seind etlich, ſagende, er ſeie der Tuifel ſelber, kummet und ſchwindet, weiß niemerts, von woher und wohin.— Glaubets, Bruder Hipler, oder glaubets nit, hat mannich einer uſerm Schornſtein ſechen fahren als Krabb oder als ein fuirig Lohen. Aber ſell wiſſet Ihr doch ſelbſten!“ mißtraute er wieder. „Alls weiß i, bloß nit, wie dem Pfaffen Kunrat ſein rechter Mam.“ „Den weiß niemets nit!“ 415 Noch ein Krüglein, dann hatte der Hipler den wüſten Kerl ſo weit, daß er ſich in lauten Drohungen erging und alles, was er wußte, ausplauderte. Der Hipler brauchte nur noch die Ohren aufzumachen. Als der Wendel Hipler in dieſer Nacht ſeine ſchwere geſchnitzte Haustüre ins Schloß fallen ließ, lachte er ein böſes Lachen, daß es im ganzen Treppenhaus widerhallte: „Itz wahret Euch, Ihr Herren ze Hohenlohe!“ *** Der Engelbert Hiltensperger kehrte im Hauſe des Bäckermeiſters Hans Flux in Heilprunn ein. Der hatte acht Malter Korn, vierundzwanzig Malter Dinkel auf der Bühne, ſechs Fuder Weines im Keller, ſilberne Becher im Schrank und Kapitalbriefe, ein ganzes Säcklein voll. Breit und behäbig lag ſein Haus inmitten der alten Reichsſtadt. Man ſah ihm ſchon von außen an, daß Wohl⸗ habenheit und Zufriedenheit im Innern herrſchte. Hans Flux ließ zum Mittageſſen wohl auftragen, denn er hatte willkommene Gäſte. Da war noch der Doktor Lachmann, des großen Melanchthon Herzensfreund, dazu Herr Gutmann, der Tuchſcherer. So ſaßen ſie um den Tiſch und ließen es ſich gut ſein. Hans Flurx in ſeiner neuen zobelbeſetzten Schaube, die Hausfrau gar ſtattlich, im Nacken den hochgefältelten, ſteilen, blütenweißen Kragen, den mächtigen Buſen frei, wie eine Rittersfrau, der Lachmann in ſchlichter ſchwarzer, der Tuchſcherer in grüner Schaube mit gelben Weſten⸗ ärmeln, der Engel in ſeiner Kutte. Wer ſie hätte ſitzen ſehen, hätte nie und nimmer Leute vermutet, die einen Armen Konrad vorbereiteten. Karpfen gab's in Butter und weißen Weinsberger dazu. 41⁶ Bärbele, die Nichte der Meiſterin, ſchenkte gerade ein, als unvermutet ein neuer Gaſt ankam. Das war der Wendel Hipler. „Viel ſeliger Zeit, Hans“, rief er,„bin uf ein lützel nach Heilprunn kummen, han dir nit wellen am Hus vorbeigan, itz mueßt mich hauſen und hofen.“ „Gotts Grueß, Wendlin! Itz, Bärbel, hol racks ein friſch Teller und Bſteck, du ſollt di ſatzen, Wendel, und mithalten!“ Er ſah gut aus, der Herr Wendel Hipler, mit ſeiner ſchwarzſamtenen Schaube, mit dem ſchmalen, ſilbergrauen Pelzbeſatz. Er hatte ein bleiches, kluges Geſicht, und ſeine dunklen Augen ſtachen ſeltſam und unergründlich hervor. Der Engel wußte gleich, wen er vor ſich hatte, denn der Handel mit den Hohenloher Grafen hatte von ſich reden gemacht. Das Bild des Mannes, den er nunmehr kennenlernte, ſchwankte im Spiegel ſeiner Zeit. Der Engel beobachtete. Das mußte man dem Fremden laſſen, er hatte ein feines, höfiſches Benehmen, er ſprach mit ruhiger, unaufdringlicher Stimme, und was er ſagte, war klug und abgewogen. Die Bärbel trug Schweinernes auf und dazu einen dicken, roten Weinsberger in ſilbernen Bechern. Die Fluxin bekam ordentlich rote Backen und ein gelindes Schweißlein davon auf ihr von Geſundheit ſtrotzendes Geſicht. Die Männer wurden lebhafter, der Wein machte ihnen warm. Der Hipler ſtreifte mit ſeinem Blick ab und zu den Engel, während er in leichter und gefälliger Weiſe die Unterhaltung leitete. Dieſer ſprach wenig, aber es genügte, um dem Hipler zu zeigen, daß er einen ſtarken, unbändigen Geiſt vor ſich habe, und es ſchien ihm großer Mühe wert, das Vertrauen des Mannes zu gewinnen. In dieſem Beſtreben warf er die erſte Angel etwas zu Schmückle 27 417 plump aus, indem er das Geſpräch auf die Hohenloher Grafen und ſeinen Handel brachte. „Wurt nit ehnder beſſer in Teutſchland, dann es ſeien all die verfluchten Storckenneſter ab den Bergen geſchmiſſen. Mit denen von Hohenloh müeſſet ein Exemplum ſtatuiret werden!“ Aber der Engel war kein Jäcklein Rohrbach. Kein Fältlein rührte ſich in ſeinem Geſicht, als er trocken meinte:„Seind die von Hohenloh die ſchlechteſten nit, hent ällbott ein guet Herz ghett for die armen Leut.“ „Daß ſie—“, wollte der leidenſchaftliche Mann auf⸗ brauſen, aber er beherrſchte ſich gleich wieder. Er hatte ſich zu weit vorgewagt. „Weiß nit, wer Ihr ſeied, Herr“, log er,„dannoch, wer wie ich großer Herren Kanzler geweſt, weiß, daß nit guet Kirſchen eſſen mit denen Potentaten, und daß am End ein Tritt von hint der Dank und die letzt Gratificatio.“ Ein Wort ſprang den Engel an:„Großer Herren Kanzler.“ Den Trommler hatte er im Hutten, wenn der ihm auch oft genug Seitenſprünge machte. Ihm fehlte noch ein Heerführer und ein Kanzler. Ein Bauernkanzler, geſchult in allen Schlichen und Ränken der römiſchen Juriſten. Die Augen des Wendel Hipler hatten in ehrlichem Haß aufgeblitzt, als er von den Hohenloher Grafen geſprochen. „Will mir den Mann beſechen“, dachte der Engel für ſich. Aber er war nicht der, der etwas übereilte. So kam es, daß der Wendel Hipler, der große Men⸗ ſchenkenner, nicht wußte, ob er in dem andern eine Saite zum Klingen gebracht habe oder nicht. „Was haltet Ihr von dem Hipler?“ fragte ſpäter der Engel ſeinen Gaſtfreund. „Der Wendel Hipler iſt ein Enten, ſo das Untertauchen verſtehet“, war die Antwort. ** Wolf Leypheim, der Bäcker, hatte ſeinen Weinſchank zu früher Stunde geſchloſſen. Er hatte die Haustüre verriegelt und die Fenſter ver⸗ hängt. Dann traten nacheinander die Verſchworenen ein: Doktor Matthias Gunther, der Kaſpar Heller, Gutmann, der Tuchſcherer, der ſchielende Gleſſer, Simon Herzog, Wil⸗ helm Bräunlin, Chriſtian Weyermann, Wolf Meng, Kollenmichel, Leonhard Weldner, der Lutz Taſchenmacher und als letzter der Flammenbecker. Sie kamen alle durch Hof und Hintertüre. Der Leypheim brachte einen guten alten Lauffener, und man unterhielt ſich mit gedämpfter Stimme über allerhand Dinge der Reichs⸗ ſtadt Heilprunn. Endlich kam der, den ſie den Pfaffen Kunrat nannten, mit dem Bäckermeiſter Flux. Und noch einer kam, trat ein und vergaß anſcheinend die Türe zu ſchließen, der Jäcklein Rohrbach, der Vertrauens⸗ mann der Bockinger und Fleiner. Man ſaß um einen langen Tiſch, an deſſen Kopfende der Pfaff Kunrat Platz genommen hatte, und jeder der Verſchworenen berichtete über ſeine Arbeit. Als letzter der Kollennuchel. Ihm lag ob, die Wemgärtner, die ſtärkſte der Zünfte, für den Bundſchuh zu gewinnen. Dann ſprach der Pfaff Kunrat. Vor allem tue Geduld not. Der Luther habe die Bauern durcheinander gewirbelt, mühſam habe er den Einverſtand wiederhergeſtellt. Die Bauern ſeien aber noch erregt untereinander, es genüge nicht, einen faulen Frieden unter ihnen zuſtande gebracht zu haben, die Bauernſache müſſe erſt zur evangeliſchen Sache gemacht werden, und dazu brauche man noch etliche Jährlein, dann erſt könne Sturm geläutet werden. Sollte aber da und dort ein Feuerlein vorzeitig aus⸗ brechen, ſo müſſe es auch allein ausbrennen, und memand dürfe ihm zu Hilfe ziehen. 4¹9 8 7 Das war dem Jäcklein Rohrbach gegen den Strich. Er murrte, man habe nun lange genug gewartet. Auf was man denn noch warten wolle, auf den Nimmerleinstag? Aber der Engel ließ ihn gar nicht erſt lange weiterreden. Mit einer Stimme, die keinen Widerſpruch duldete, fuhr er den Burſchen an:„Guet Sach ſoll man nit verhudlen, wurt mannich Ding einen andern Weg nehment, dann du dir gedenkt, Jakob Rohrbach! Mit umb Mord und Brand, nit umb Freſſen und Saufen gangets, ſo heißet die Braut nit, umb die getanzt wurt. Vergiß du nit, was du be⸗ ſchworn, Jakob Rohrbach!“ Da ſchwieg der Jäcklein, denn er wußte, daß mit dem Pfaffen Kunrat nicht zu ſpaßen war. Hatte man nicht den Schneider Maſt von Mergentheim beim Muttergottesbild auf dem Trillberg zwiſchen den vier Linden erhängt auf⸗ gefunden, mit einem Bundſchuh um den Hals? Dann nahm der Pfaff Kunrat wieder das Wort: Zum erſtenmal legte er einen guten Teil ſeines Geſpinſtes bloß, aber nur inſoweit, daß niemand es aufnehmen konnte. Da ſah man den Schmied von Luibas im Kemptenſchen, den Pfarrer Jakob Wehe in Günzburg an der Donau, im Oden⸗ wald den Jörg Metzler, den Flur in Heilbronn, im Schwarz⸗ wald den Hans Müller, am See den Eitel Hans Ziegel⸗ müller, im Remstal und im Bottwartal den Matern Feuerbacher, im Neckartal den Heinz Rupp, im Hegau den Müller von Bulgenbach——. Das Letzte aber blieb verſchwiegen: Die Weiſungen für den großen Tag, die das Ganze, das bis dahin in lauter Zellen beſtand, zum großen, reißenden Strome vereinigen ſollte. Miemand ſollte dieſen Faden in die Hände bekommen, niemand das große Feuer anzünden können als Engelbert Hiltensperger, genannt der Pfaff Kunrat. Da wurden die Männer inne, welch gewaltige Arbeit der Mann vor ihnen geleiſtet hatte und ein wie kleiner Teil davon das war, was ſie überſehen konnten. 42⁰ Sie ſaßen ſchweigend und ſchauten voller Ehrfurcht zu dem Manne auf, der mit Hunderttauſenden von Menſchen als Einſatz ſpielte in einer Zeit, wo Heere von zwanzig⸗ ktauſend Mann als gewaltig galten. Und dem Bäckermeiſter Flur wollte eine Ahnung davon aufgehen, daß es vielleicht noch um andere Dinge gehe als um die Freiheit der Bauern Ja ſelbſt dem Jakob Rohrbach verſchlug's den Atem. „Und ſo die Pauren all bereit, wer ſoll der Obriſte ſeind, ſo die viel hunderttuſend nach ſeim Willen leitet, alſo, daß kein Widerſtand nit möglich. Den han ich no nit gefunden! Und wer ſoll der Kanzler ſeind, der all die Praktiken zunichte machet, ſo die Herren und Pfaffen wider die guet Sach ufbringent, der das neu Gſatz feſtleget for alle Zeiten?“ „Der Wendel Hipler!“ tönte es aus dem Dunkel der Schankecke. Erſchrocken ſtanden die Männer auf und ſtarrten nach dem Eindringling, der alles auf eine Karte geſetzt hatte. Das Barett in der Hand, trat er etliche Schritte vor, als hätte man nur auf ſein Erſcheinen gewartet. Dem Jäcklein Rohrbach aber brach ein kaltes Schweißlein auf der Stirne aus. Mit eiſiger Ruhe trat ihm der Pfaffe Kunrat entgegen: „Wen ſuchet Ihr hie, Herr Wendel Hipler?“ „Die Brüeder vom evangeliſchen Bundſchuch.“ „Evangeliſche Brüeder ſeind hie, was faſlet Ihr vom Bundſchuch?“ „Ich faſel mit nichten, ich red die lauter Wahrheit. Das wiſſet Ihr ſelbſten am allerbeſten. Han Euren Bericht von Anfang zu End erloſet, ſo ich ein Verräter wollt ſeind, mir wär nens meh verborgen! Itzunder wählet! Soll ich Euer getrewer Brueder ſeind oder nit?“ 421 Den Heilbronnern war's, als lege ſich ihnen eine unſicht⸗ bare Schlinge um die Gurgel. Der Engel aber hatte blitzſchnell bedacht. Alle Namen hatte der unheimliche Mann mitangehört, der ganze Plan lag ihm offen. Zu verlieren gab's nichts mehr, nur zu ge⸗ winnen, und faſt wollte er's glauben, ein ganzer Mann, ein gefährlicher vielleicht, war zu gewinnen. „Satzet Euch, Herr Hipler!“ Und Wendel Hipler, der beſte Kopf der Bauern⸗ bewegung, ihr ſpäterer Kanzler, war ein Bruder Bauer geworden. Es regnete, als die Männer einer um den andern unauf⸗ fällig die Weinſtube verließen, als letzte der Pfaffe Kunrat und der Hipler. Langſamen Schritktes gingen ſie durch die engen Gaſſen, unbekümmert um den Regen. Je länger ſie miteinander ſprachen, deſto mehr fühlte der Engelbert Hiltensperger, daß das Schickſal ihm den richtigen Mann aufgezwungen hatte. Da tat er ein übriges: Er zeigte dem Hipler das letzte große Ziel— das Reich, ſein Reich! Längſt hatte der Regen aufgehört, und noch ſtanden die beiden Männer unter dem Erker des Deutſchherrnhauſes. Unweit von ihnen warfen die flackernden, rauchenden Flammen in den Pechbehältern ein ſchwaches, rötliches Licht in die Gaſſe. Von rechts kamen ein paar junge Burſchen aus den Geſchlechtern der Stadt, ſingend und randalierend, von links die Scharwache, die vor den jungen Herren tief die weitrandigen Hüte zog. Da tauchten die beiden Männer in das Dunkel und ſchritten dem Marktplatz zu. „Dorten, wo das Churmainziſch an das Hohenloh ſtoßet, ſtandet ein Würtshaus, iſt dem Georg Metzler eigen, haltet Euch an den“, ſprach der Engel,„will Euch morgenden 422 Tags ein Schriftlichs mitgeben. Ab heunt in drei Wochen will ich dorten Euer gewarten.“ Dann ſchieden ſie. Der Wendel Hipler aber ging noch bis in den Morgen in den Gaſſen umher. Das letzte Ziel hatte den ruheloſen Mann aufs äußerſte erregt. Das war gewaltig, das war der ränkereichen Künſte eines Wendelin Hipler würdig! Irgendeiner hatte das Gerücht verbreitet, im Krug zu Stötten gebe es am Zeinſtich Kornſchnaps, ſo viel man wolle und dazu ganz umſonſt. Nun kamen ſie angelaufen von allen Seiten, fragten nicht, wes Gaſt ſie ſeien, ſondern fürchteten nur, der Schnaps könne ausgehen und der Nachpaur ein Gläslein mehr erwiſchen. Es waren ja nicht die Beſten, die kamen, ſondern die, welche überall da ſind, wo etwas umſonſt zu haben iſt; deren waren nicht wenige. Mitten unter ihnen aber war der Lederle. Ja, es wollte faſt ſcheinen, als ſei er gar der freigebige Gaſtherr, ſo wichtig hatte er es. Eine Hitze herrſchte, daß die Luft allenthalben über den Feldern zitterte und ſelbſt die Schmetterlinge zu müde zum Fliegen waren. Deshalb ſoffen die Bauern auch mit aufgeriſſenen Kitteln. In dicken Perlen ſtand ihnen der Schweiß auf Stirne und Bruſt, und die Augen hingen ihnen ſtier aus den Höhlen. Die dumpfen Gehirne umnebelten ſich. Nun ließ der Lederle ein Wörtlein fallen von Hexen und Teufelsbuhlerinnen. 423³ Und die Beſoffenen fuhren drauflos wie der Teufel auf eine arme Seele. Während die einen brüllten, die anderen gruſelten, warf der Lederle wohlbedacht ein giftig Hetzwort um das andere unter den Haufen. Da war der Säuerle von Prachtsried. Der machte ein bedenkliches Geſicht:„Narr, iſt mannich einer von einer 10¹ Hexen worden anblaſen, hernach zur Stellen tot umfallen „Bluetig Henneköpf!“ ſchrie der Rauner von Stötten, „ſteck dein Pratzen in Weihwaſſer, halts vors Mäu, daß dich der Odem nit trefft, alsdann fallet die Hexen tot umb.“ „Zu Nürenberg ſeind eim Eſſelsohren wachſen, dieweil ihme ein Hexen mit ihrem Speichel das Ohrläpple grührt.“ Die Stimmen dämpften ſich, und ein Gruſeln ging um und um. Das lag aber nicht in des Lederles Abſicht: „Wollt mi nit wunders. nehmen, ſo dir itz die Eſſelsohren wöllten wachſen, ſeind das einzig, was dir zum Eſſel no fehlet!“ rief er.„Weißeſtu nit, daß allen Hexen verbotten, ein Chriſtenmenſchen anzurührent.“ Aber da kam er bei dem Erzähler ſchlecht an:„Ei, du Landplag, ſeind nit der incubi gar viel mitten drin im Chriſtenmenſchen, reichet nit einmal der Weihwadel us, ſie uszutreiben?“ Das leuchtete ein. Der allgemeine Beifall ließ dem Hexenkenner die Bruſt ſchwellen. Er erzählte, wie ſich alljährlich in ſeinem Hauſe ein großes Gepolter in der Karfreitagnacht erhebe, ein Seufzen und Weinen. Er ſelber habe den Geiſt einmal geſehen und mit ihm geſprochen. Die Unterhaltung ſchien einen Weg zu nehmen, wobei man von den Hexen abkam; deshalb griff der Lederle wieder ein. Er erzählte, man habe nach Kaufpeuren geſchickt, nach einem bekannten Hexenmeiſter, der ſolle feſtſtellen, wer letztlich das Muetesheer gerufen habe. 424 „Do derzue bruchetsa kein Hexenmeiſter nit!“ ſchrie einer, „die Pfaffenkellerne wurts joch wiſſen!“ „Rot Haar und Erlenholz wachſent uf keim gueten Grund nit“, brüllte ein anderer. „Schnaps her!“ rief der Lederle. Jetzt galt's! Die Sache war auf dem beſten Weg. „Was einmalen geweſt, kann zum andermal beſchechen!“ Man ſah die Erregung wachſen. Die Hitze wurde immer unerträglicher. Die Bauern hatten längſt die Kiktel ab⸗ geworfen. Ein Geruch von Schnaps und ſaurem Schweiß umnebelte die dumpfen Gehirne. Keiner ſprach mehr, ein jeder brüllte am andern vorbei, ohne drauf zu horchen, was der wieder ſchrie. „Vermein, der Pfarrer Brugger ſeie viel zguet“, rief der Lederle, als die Bauern für einen kurzen Augenblick die Maſen in die Schnapsflaſche hängten.„Lederle, het er zu mir gſagt, ein Heren ghört for ein geiſtlich Gericht nach Kempten, allein, wer werfet den erſten Stein? Man ſoll vom Pfarrer Brugger nit ſagen, er hets thon, dieweil er dem Hiltensperger feind und gehaß! Und gar itz, wo ihn der Blitz derſchlagen!“ Hatte ihn denn der Blitz erſchlagen? Hatte er ihn nicht erſchlagen? Man wußte nicht mehr, woran man war! Aber der Lederle ſagte, er hat ihn erſchlagen, alſo hatte er ihn erſchlagen! „Potz Bluets willen, for ein geiſtlich Gericht ghöret das Pfaffenmenſch! Wafern der Pfarrer nit thuet, was ſeins Ambts, müeſſens andre thon.“ „'s Gromet iſt hin, der Feſen's Stroh nit meh wert, Gotts Marter, will das zaubrecht Menſch mit dem Ochſenfieſel ſtreichent, ſoll nit meh Viech und Menſch der⸗ zauberen!“ „Bals dir die Hexen nit Eſſelsohren anzauberet?“ warnte der Säuerle von Stötten. 425⁵ „O du großmächtiger Narr, du!“ rief der Lederle. „Seind nit ſchon often Hexen verbrennet worden, hat ihnen ihr tuifliſcher Buhl nit können helfend. Hat ihme der Heilig Vatter ze Rom, ſo ich mannigmal ſelbſten gſechen, das Konzeptum verdorben, heißet uf teutſch, hat ihme in die Schatullen gſchiſſen. Ein Kruzfix in d' Hand,'s Kreuz gſchlagen, und der Tuifel fahret davon mit Stank und Schwefel!“ Jetzt kochte der Schnaps in den Gehirnen. Immer wütender wurde das Geſchrei, der Augenblick mußte genützt werden. In einer halben Stunde mochten die Trunkenen unterm Tiſche liegen. Es brauchte nur noch ein Wörtlein, und das Pulverfaß flog auf. „Loſet, wir wellent uf den Auerberg, die Hexren mueß her!“ Und ſchreiend erhoben ſie ſich, taumelnd nahmen ſie an ſich, was gerade zur Hand war, Stecken, Zaunlatten, Miſt⸗ gabeln. Der Rauner riß das Kruzifir aus, das am Kirch⸗ hofeingang ſtand, und trug es vor ſich her. Damit aber unterwegs der Mut nicht verlorengehe, nahm der Lederle einen Krug Schnaps zur Hand. So zogen ſie ſchreiend und ſtolpernd den Berg hinan. Wer ſchwitzte und müde wurde, bekam einen Schluck aus dem Krug. Und wenn einem gar der Mut entfallen wollte, ſo machte er ſich einen neuen, indem er das Blaue herunterlog von Hexen, mit denen er ſchon zu tun gehabt hatte. Je mehr einer ſich aber fürchtete, deſto mehr brüllte er. Auf dem Stechelehof hörte man ſie ſchon von weitem ankommen. Dann ſah man ſie, voraus den Rauner mit dem Kruziſix. Eine fürchterliche Angſt ſprang die Regula Stechelin an. Was wollten die Menſchen, wo war ihr Kind? Angſtvoll ſprang ſie hinters Haus, riß den Buben an ſich und ver⸗ ſchloß ſich in der Stube. 4²⁵ So ſtand ſie, die Knie wollten ihr verſagen, ſie drückte den Buben in namenloſer Angſt an ſich. Warum denn nur? Wer ſollte denn etwas von ihr wollen? Aber ihre Träume, ihre fürchterlichen Träume! Von irgendher flog ſie die Angſt an. Sollte ſie hinauf in die Kirche? Aber ſchon ſchlugen ſie krachend gegen die Haustüre. Sie ſprang auf. Da ſtand das zitternde Weib mit ihrem Kind. Schnell wandte der Rauner den Kopf zur Seite und ſtreckte das Kruzifir vor. Mit der Linken ſchlug er ein Kreuz. Nun war das Regele auf einmal ganz ruhig geworden. Sie ſah den Lederle irgendwo im Hintergrund. „Was wellet ihr von mir? Kann nichts Guets nit ſein, ſo der Lederle derbei, der Haderlump.“ Laut beteten die Bauern ein Vaterunſer. Sie ſtießen und drängten ſich und gaben keine Antwort. uber das Regele kam wieder die namenloſe Angſt. Der Rauner mochte es gemerkt und Mut draus gezogen haben, denn mit einemmal fuhr er auf das Weib los, legte ihr die linke Pratze um den Hals und ſchlug ihr mit der Rechten das Kruziſir über den Kopf. Mit einem Wehlaut ſank ſie in die Knie und ſiel hintenüber. Ihr Haupt lag auf der Türſchwelle, ins Gadem und über die Stirne rieſelte das rote Blut. Als die Bauern das Blut ſahen, kam wieder die tieriſche Wut über ſie. Sie warfen ſich über die Bewußtloſe und drehten ihr die Hände auf den Rücken, daß ſie aufſtöhnte. „Loſet, wie ſie hürchlet!“ ſchrie der Rauner im Blut⸗ rauſch, packte ſie und zerrte ſie in die Stube. Dort warf er ſie auf den Eſtrich. Das Kind ſtand daneben und ſchrie verzweifelt. Dann durchſuchten ſie das Haus und plünderten das — Eigentum des Mannes, der ihnen alles geopfert atte. 427 Einer fand die Epiſteln über die Dunkelmänner.„Lueget her“, rief er,„ihr Zaubrechterbüechle!“ „Schauet nach dem Muetermal!“ ſchrie ein anderer. Der Rauner gab dem Kind einen Tritt, daß es zur Seite flog, riß dem Weib den Buſenlatz auf. Da ſahen ſie alle das ſchwarze Mal auf der linken Bruſt, ſtanden und bekreuzigten ſich und beteten laut vor ſich hin. Das Mal aber hatte einſt der Pfarrer als Bub auf dem Heuwagen geſehen, als das Regele beim Heuen einmal aus⸗ geholfen hatte. Und noch eins ſahen ſie, die elfenbeinerne Venus, die die Donna Julia in Rom dem Engel gegeben hatte. Nun waren ſie ihrer Sache ganz ſicher— ein nacktes Menſch um den Hals, ein Hexenbild! Das Weib ſelber lag regungslos. Über die weiße Schläfe rieſelte das Blut in das goldrote Haar, wo es verkruſtete. Und was nicht verkruſtete, tröpfelte langſam auf den Eſtrich. Da ſchlug ſie die Augen auf. Und ſchloß ſie wieder voll Entſetzen. „Sie wachet uf“, ſchrie einer und gab ihr einen Stoß. „Potz, ſchlaget ſie voll tot, die Maleſirheren!“ „Daß dich der und jener“, fuhr der Lederle dazwiſchen, „ein Hexen gehöret uf den Scheiterhaufen.“ „Stand uf!“ ſchrie der Rauner und gab dem Regele wieder einen Tritt. Sie verſuchte ſich auf die Knie zu heben. Wimmernd ſank ſie wieder zuſammen. Da riſſen ſie rohe Fäuſte auf. Das Kind ſchrie verzweifelt. Nun lehnte ſie ſchneeweiß und blutig an der Wand; der Bub hielt ſich krampfhaft in den Falten ihres zerriſſenen Rockes. Über ihrer Stirne klaffte eine große, blutige Wunde. Was war denn geſchehen? Sie konnte ihre Gedanken nicht ordentlich zuſammenbringen. 428 Mit bebenden Händen fuhr ſie an der Wand hin und her. Wie aus weiter Ferne klangen ihr die Schmähreden der Beſoffenen ans Ohr. Die zitternde Rechte griff an die Bruſt. Warum war denn ihr Bruſtlatz zerriſſen? Sie ſchob ihn mit zitternden Händen zurecht. Was wollten all die Männer im Haus? Warum kat ihr der Kopf ſo weh? Sie griff nach der Stirne. Das war ja Blut! „Engel!“ ſchrie ſie wild auf,„Engel!“ „Was ſchreiet ſie nach eim Engel, gleich wurt der Tuifel kommen, ſie holende.“ Grölendes Gelächter folgte. Das Weib aber zog ihr ſchreiendes Kind an ſich und ſah mit entſetzengeweiteten Augen die Teufel, die ſie um⸗ ſtanden. Der Rauner gab ihr einen Stoß, daß ſie taumelte: „Itz, du verfluechte Hex, wo bleibet dein tuifliſcher Buhl, itz haſtu zum letztenmal das wüetend Heer gruefen!“ Dann ſtießen ſie das arme Weib vor ſich her, den Auerberg hinunter. Auf dreißig Schritt folgte ihnen laut weinend der kleine Bub, der ſich nicht verjagen ließ. Immer wieder warfen ſie mit Steinen nach ihm. Noch am gleichen Tage brachten ſie die Arme nach Kempten, ſamt einem Bericht des Pfarrers. Darin ſchilderte er, wie ein gräßliches Unwetter über den Auerberg gekommen ſei, wie einwandfreie und zuver⸗ läſſige Leute geſehen hätten, daß der Huß vom Auerberg vom Turm aus dem Wetter den Weg gewieſen. Meben ihm habe der Blitz eingeſchlagen, ohne ihn zu treffen. Alle Felder ſeien vernichtet, nur keins vom Stechelehof. Die Regula Stechelin, des Hiltenspergers Concubina, habe 429 allenthalben das Vieh verhext, und keine andere als ſie habe das Wetter heraufbeſchworen. „Gott aber ſei uns allen gnädig“, ſchloß er. *** Johann von Riedheim war ein ſtarker Herr geweſen, ſeine Hand traf hart, doch was er tat, hatte einen großen Zug. Der Raitenauer aber war ein hämiſch grauſamer Mann, und ſein unſtetes Auge konnte keinen freien Blick aus⸗ halten. War der von Riedheim im Jahr 1491 ſengend und brennend über ſeine Bauern hergefallen, ſo wagte der Raitenauer keinen Schlag zu tun. Aber wenn es ſich darum handelte, mit teufliſcher Grauſamkeit und kleinen Mitteln zu arbeiten, da war er der Mann dazu! Zu Liebentann hatten ſie das Regele in den Turm ge⸗ worfen, juſt in dasſelbe Loch, in das einſt der Riedheim den Engel hatte werfen laſſen. Ein kleines Fenſter, das nur ſpärlich Tageslicht durch⸗ ließ, gab einen Blick in den tiefen Schloßgraben. Dort ſtand das bleiche Weib Stunde um Stunde und wollte oft faſt verzweifeln. Und wenn ſie eine Wolke erſpähte, die dem Hegau zuzog, ſo gab ſie ihr einen heißen Hilferuf mit auf den Weg. In einer Stunde, da ſie alle Hoffnung verloren, hatte ſie an der Fenſterwand etwas Geſchriebenes geſehen. Sie ver⸗ mochte nur mangelhaft zu leſen. Mühſam entzifferte ſie: Engelbert Hiltensperger, und drunter ſtand, mit einem roſtigen Nagel in die Wand geritzt:—„Regula Stechelin.“ Da war ſie nicht mehr allein, und ein großer Troſt kam über ſie. Sie hatten ſich einen Sachverſtändigen in Hexendingen 430 kommen laſſen, einen Pater, der den Hexenhammer des Jakob Sprenger wohl ſtudiert hatte. Von Ulm war er ge⸗ kommen und hatte ſeine Inſtrumente mitgebracht. An einem ſpäten Abend gegen neun Uhr führten ſie das Regele in ein Zimmer, wo der Pater ſeine Werkzeuge auf⸗ geſtellt hatte und gerade dabei war, ſie dem Abt zu erklären, der bequem in ſeinem Backenſtuhl gelehnt ſaß und lächelte. Das Regele bebte in hilfloſer Angſt. Der Abt betrachtete ſie. Er hatte eine Bauerndirne erwartet wie die andern, die er kannte, prall, rund und fahlblond. Kotz Wetter! Wenn die eine Hexe war, dann hatte der Teufel keinen ſchlechten Geſchmack! Rührend in ihrer Not ſtand das ſchöne ſchlanke Weib mit großen aufgeriſſenen Augen. Der Abt hieß den Pater die Verbalterrition vornehmen. Alſo führte dieſer die Zitternde vor ſeine Inſtrumente: Daumenſchrauben, Spaniſche Stiefel, Brenneiſen, Pom⸗ meriſche Mütze, Nagelbrett und Geſpickten Haſen. Hämiſch lächelnd erklärte er ihr das eine um das andere. Dem Regele ſchlugen die Zähne. Lüſtern beobachtete ſie der Abt. Als ſeinerzeit die Hexenbulle erſchienen war, da hatte der Raitenauer mit den andern darüber gelacht. Er war ein aufgeklärter Mann und hatte noch nie eine Hexe geſehen. Und was er nicht geſehen, das glaubte er nicht. Aber von ſchönen Frauen verſtand er etwas. Und die war ſchön! Kotz Blut und Schweiß! War ihm nit zu ver⸗ übeln, dem Hiltensperger. Die Angſt hatte dem armen Weibe alles Blut aus den Wangen getrieben, und die ſchneeige Haut leuchtete unter dem feurigen Haar, aus dem die friſche Wunde fingerbreit in die Stirne lief. Übernatürlich groß ſchauten die angſt⸗ vollen Augen aus dem bleichen Geſicht. Der Abt fuhr ſich 431 mit der Zunge über die Lippen:„Kotz, die wär ein Tod⸗ ſünden wert!“ Der Pater hatte ſeine Erklärung beendet und ſich an ein Tiſchlein geſetzt. Darauf brannten zwei Kerzen. Vor ihm lag ein heilig Schweißtüchlein, mit dem einſt dem Heiland der Schweiß von der Stirne gewiſcht worden war. Daran ließ ſie der Pater rühren. Sie tat es mit bebender Hand. Dann ſprach der Pater eine lateiniſche Beſchwörung und wartete, ob der Teufel in ihr ſich nicht rühre. Aber das arme Weib ſchaute ihn bloß angſtvoll an. Ob ſie bekenne, eine Salige oder eine Hexe zu ſein? Ob ſie das Unwetter gemacht? Ob ſie ſchon Kröten zu Pulver geröſtet? Mit dem Teufel Unzucht getrieben? Sie ſchüttelte den Kopf. Alle Qualen der Folter ließ der Pater vor ihren Augen paſſieren, um ſie zu ſchrecken. Sie ſchüttelte den Kopf. Alle Erden⸗ und Höllenſtrafen. Sie ſchüttelte den Kopf. Im Hintergrund mußte ein Folterknecht Brenneiſen glühend machen, den Geſpickten Haſen in Bewegung ſetzen. Sie ſchüttelte den Kopf. Ob ſie nicht lieber ihr Gewiſſen erleichtern wolle; ſie werde milde Richter finden, wenn ſie Reue zeige. Da ſchrie ſie wild auf:„Was wellet ihr von mir, iſt ja alls Wirrſinn! Heilig Mueter Gottes, hilf!“ Der Pater ſchüttelte den Kopf über ſo viel Ver⸗ ſtocktheit. Der Abt aber ließ keinen Blick von ihr, und faſt milde lächelnd ſah er ihr in die Augen, als ſie hilfeflehend ſeinen Blick ſuchte. „Soll ichs noch einmalen mit der Veratio verſuchent?“ 432 Doch der Abt ſchüttelte den Kopf:„Laſſets genug ſeind for heut.“ Sie führten das zitternde Weib wieder in den Turm. *** Das war die Verbalterrition. Das Regele ſtand in ihrem Verlies und bebte am ganzen Körper. Was wollten die Menſchen von ihr? Sie hatte doch niemandem ein Leid getan. Eine Here ſollte ſie ſein! Wegen ihrem roten Haar? Wegen dem Muttermalꝰ Sie griff ſich an den Kopf. Sie beſah ſich ihre zarten Hände, ihre feinen Knöchel, dachte an die fürchterlichen Werkzeuge und ſchauderte und zitterte. Ihr Kind! Ihr Kind! Was hatten ſie mit ihrem Kind gemacht? Schluchzend ſank ſie zuſammen und lag auf dem Boden des Kerkers, ein arm zerſchlagen Menſchenkind. In regelmäßigen Abſtänden ſiel ein Tropfen von der Decke. Tick, kick, tick, jedesmal ein Stich in ihr armes ge⸗ martertes Gehirn— tick, kick, kick. Allmählich wurde ſie ruhiger, und die Hoffnung wollte ſich rühren. Es war doch nicht möglich, daß Gott im Himmel ein ſolches Unrecht geſchehen ließ. Hatte der Abt nicht gelächelt und ſie ganz freundlich angeſehen? Langſam richtete ſie ſich an der Wand empor und trat unter das Fenſterlein. In dem kleinen Himmelsſtreifen, den ſie erſpähen konnte, flimmerte ein großer klarer Stern. Zitternd griff ſie in die Gitter, und nie ſtieg ein heißeres Gebet zum Himmel. Kühl und fern funkelte der Stern jenſeits von Menſchen⸗ leid und Menſchenangſt. Mit ihren Lippen rührte ſie des Engels Mamen, der am Fenſter eingegraben war— große, ſchwere Tropfen rollten ihr über die bleichen Wangen. Schmückle 28 33 Da hörte ſie ein Geräuſch in dem Gang, der zu ihrem Kerker führte. Schnell ſtieg ſie von dem Mauerabſatz herunter, auf dem ſie ſtand. Gott, was wollten ſie ſchon wieder von ihrꝰ Der Schlüſſel knarrte im Schloß, und die Türe ging auf. Der Abt ſelber! Er hieß den Diener die Ampel an den Haken hängen und winkte ihm, zu gehen. Die Tür ſchlug hart ins Schloß— ſie waren allein. Die gefalteten Hände vor der Bruſt, die angſtvollen Augen flehend auf den Würdenträger der ſeligmachenden Kirche gerichtet, ſtand das gehetzte Weib, alles Leid der ge⸗ quälten Kreatur im verzweifelten Blick. Der Abt hieß ſie nähertreten. Sie tat es zitternd. Und wieder fuhr ſein Blick lüſtern an ihr auf und ab. Wer ſie ſei? Wer ihre Eltern geweſen d Wie ſie den Engel kennengelernt? Ob ſie mit ihm zuſammengelebt? Wie Mann und Frau? Auf alles gab ſie mit demütiger Stimme Antwork. Als er aber wiſſen wollte, was ſie nicht ſagen durfte, als er nach Wegen und Stegen fragte, die der Engel ging, nach denen, die zu ihm kamen, da ſuchte ſie erſt aus⸗ zuweichen, dann ſchwieg ſie. Da war kein Sterbenswörtlein mehr aus ihr herauszubringen. Der Abt ſprach mit freund⸗ licher Stimme zu dem wunden Weib und krat ganz nahe zu ihr. Ob ſie denn wirklich eine Hexe ſei? Er könne es gar nicht glauben, daß der Teufel in einem ſo herrlichen Frauen⸗ leib wohnen ſollte. Seine Augen brannten vor Lüſternheit. Als Prieſter und Richter müſſe er ſehen, ob ſie wirklich ein Mal auf der linken Bruſt trage. 434 Brennende Röte überflutete das Antlitz der Armen. Sie wich zurück. Sie ſolle ruhig ihre Bruſt entblößen, er ſei ja der Prieſter. Da tat ſie's mit bebender Hand, erſt rechts, dann links. Der Abt trat näher. Er ſah das Mal gar nicht und griff mit beiden Händen nach den herrlich geformten Brũſten. Stoßweis ging dem Regele der Atem. Sie wußte ſich nicht zu helfen und wich Schritt für Schritt zurück. Da fühlte ſie, wie des Abtes Hände ihre Bruͤſte zu drücken anfingen, und als ſie ihm ins Geſicht ſah, erkannte ſie das geile, lüſterne Flackern in ſeinen Augen. Entſetzt ſtieß ſie ihn zurück, eilte in die Kerkerecke und hielt ſich die Hände vor die Augen. Der Abt folgte ihr. Abwehrend hielt ſie ihm die Hände entgegen. Er griff zu, da riß ſie ſich los, ſtürzte ans Fenſter und kat einen ſo wilden, verzweifelten Schrei in die Nacht, daß die Grillen draußen zu zirpen aufhörten. „Schrei nit ſo, ſuſt möchts dir übel ufſtoßen“, ziſchte der Abt. Dann lachte er ſein böſes Lachen:„Wurſt bald fein ſtille werdent, Täuble!“ Und wieder ſchlug ſie ſich die Hände vor die Augen. Die Tür fiel ins Schloß. Sie war allein. Leiſe klopfend fiel Tropfen um Tropfen von der naſſen Decke auf die Steinflieſen, und die Einſamkeit des Kerkers ſchlug wieder ihre feuchten Schwingen um die Seele des armen Weibes, das verzweifelnd an Gott und den Men⸗ ſchen zuſammenbrach. Kerkerſtunden haben einen langſamen Gang, aber wenn am andern Morgen die Folter winkt, ſo gehen ſie immer noch viel zu ſchnell. Als ſich über dem Rand des Schloß⸗ 435 grabens ein Silberſtreif zeigte, da beſiel das Regele eine namenloſe Angſt. Sie zitterte und bebte, ſuchte zu beten und fand keine Worte, und wenn ſie ſtammelte, dann ſchlugen ihr die Zähne klappernd aufeinander. Und der Silberſtreif wurde roſa und rot, und goldene Strahlen ſchoſſen über den Grabenrand. Da hörte ſie die Schritte des Schließers durch den Gang herunterkommen, hörte ſein Schlüſſelzeug raſſeln. Die Türe öffnete ſich. Angſtvoll klang ein Wimmern aus der Kerkerecke. Der Schließer war ein weißhaariger Greis. Er gab nicht mehr viel auf die irdiſchen Richter. Mitleidig trat er zu dem Weib:„Kommet und Gott der Herr geb Euch Kraft und Standhaftigkeit.“ Sie klammerte ſich an ihn:„Was wellent die von mir?“ Stillſchweigend ſtrich ihr der alte Mann über das Haar:„Kumm, min Dochter, kumm!“ Da ging ſie mit ihm. In der Kammer war nur der Pater mit dem Folterknecht. Der Abt hatte ihm die Anweiſung gegeben, in welcher Reihenfolge er vorgehen ſollte. Vorerſt ſollte er ihm das ſchöne Weib nicht ver⸗ ſchandeln. So legte der Knecht der Bebenden die Daumen⸗ und Zehenſchrauben an. Langſam preßten die angezogenen Ge⸗ winde die Vorderglieder der Finger und Zehen, daß ſie von gerinnendem Blut aufſprangen. Zugleich drückte ſich ein eiſerner Dorn unter den Mägeln bis zur Wurzel vor. Mit dem Offnen der Schrauben hoben die Dorne die Nägel auf und löſten ſie langſam vom Fleiſch. Die Zähne hatten ihr geklappert, und alle Glieder waren ihr geflogen, aber ſie hatte keinen Laut von ſich gegeben. Sie trugen die Bewußtloſe in ihre Zelle zurück. Als ſie erwachte, brannten ihr die Hände und Füße 436 wie Feuer, und fiebergeſchüttelt lag ſie auf ihrem Stroh⸗ lager in der Ecke. Leiſe wimmerte und klagte ſie. Sie hörte nicht, daß die Tür ihres Kerkers ging, ſie hörte nicht den leiſen Tritt, mit dem der Abt ſich ihrem Lager näherte. Erſt, als er ſich über ſie beugte, ſchlug ſie die Augen auf und erkannte ihn. Da kat ſie einen lauten Schrei und kroch auf dem feuch⸗ ten Lager von ihm weg an die naſſe Wand. Was er ſprach, das hörte ſie nicht, denn ſie ſtopfte ſich die blutenden und wunden Finger in die Ohren und drückte das Geſicht in das Stroh. Dem Abt raubte die Leidenſchaft die Beſinnung. Sein Atem ging keuchend. Er flüſterte und neigte ſich über ſie. Da ſchrie ſie wie eine Irrſinnige und ſchlug wild um ſich. Der Abt fuhr zurück und riß ſich zuſammen:„Kotz Hirn und Schweiß!“ murmelte er vor ſich hin. Dann ging er aus der Zelle. Als die Tür ins Schloß gefallen war, erhob ſich das geängſtigte Weib mühſam auf dem Ellenbogen und lauſchte zitternd den verhallenden Schritten nach. Herr Jeſus Chriſtus, was ſind deine Leiden geweſen gegen Schmerzen, die deine Stellvertreter auf Erden den Menſchen auferlegt in der Folge der Zeiten. Die mußten leiden um nichts, du um der Erlöſung einer Welt willen. Haſt du ſie erlöſt?ꝰ Der Tag ging, und die Nacht ſchwand, und der Morgen kam zu neuer Qual und Pein mit nagelbeſetzten Schuhen und Walzwerk, das, ohne ſie zu brechen, Arme und Beine aus den Schüſſeln hob. Und der Mittag kam und mit ihm der Abt, der ſein Ziel zu erreichen ſuchte. Am dritten Morgen, als ſie die Brenneiſen anwandken, hörte man die Verzweifelte gellend ſchreien:„Halſet mich doch ab, daß ich in die Gruben komm!“ 437 gemacht habe. Da hörten ſie mit der Folter auf. Und dann bekannte ſie, daß ſie den Engel verzaubert, mit dem Teufel gebuhlt, eine Salige ſei, das Unwetter Nun wollten ſie wiſſen, was der Engel treibe, wohin ſeine Fahrten gehen, ob er einen Bundſchuh vorbereite. Aber ſie brachten kein Sterbenswörtlein mehr aus ihr heraus. Ob ſie ihr auch die Wimpern ſperrten, den Sodoms⸗ regen anwandten— kein Ton kam mehr über ihre Lippen, und halbtot ſank ſie von einem Folterwerkzeug auf das andere. Da wurde des Jakob Sprengers Kunſt zuſchanden. Sie ſetzten die Urgicht auf— und ſie fällten den Spruch:„Der Zaubrechterei, Hexerei und Buhlſchaft mit dem Tuifel überführet.“ Ihrer wartete der Feuerſtoß. *** Der Adler kommt geflogen Zur teutſchen Nation, Wohin er iſt gezogen Empfängt er Ehr und Lohn. Alle Glocken im Reich läuteten, und hoch auf dem Stephansdom zu Wien flackerten die Freudenfeuer in den Nachthimmel, dieweil die Leute mit lauter Stimme im Chor beteten: Daß er ſtetig reaiere Das Heilig Römiſch Reich, Mit autem Fried ſo ſchiere Uns Cbriſten all geleich! Dabei ku ich gedenken Des Kaiſers Mar zugleich, Maria khu ihn ſenken Wohl in der Gnaden Teich! Karl V., Marimilians Enkel, auf deſſen Haupt die Kronen von Spanien und Neapel ſtrahlten, war in Aachen zur Krönung eingeritten an der Spitze von vier⸗ hundert Küriſſern in goldenen und ſilbernen Rüſtungen. Silbern war der Panzer ſeines Roſſes, ein ſilbern Barett bedeckte das junge Haupt. Ein Taumel hatte die deutſche Nation ergriffen; vorbei die Zeit, da Welſche und Türken der deutſchen Kaiſer⸗ macht ſpotten durften, ohne daß ein rächender Blitzſtrahl vom Himmel ſchlug! Die Sonne ging nicht unter in des neuen Kaiſers Reichen; Macht ſtrahlte ſein dunkles Auge! Nun mußte ſie kommen, die große Reichsreform! Ord⸗ nung und Friede mußten in deutſchen Landen einziehen! Das Volk jubelte, und die Männer, auf die es ankam, hielten den Atem an. Zu Köln am Rheine waren die Ufer ſchwarz von Men⸗ ſchen. Flatternde Wimpel und Kränze ohne Zahl an den Häuſern! Auf den Mauern ſtanden ſie, in den Bäumen hingen ſie, daß die Zweige brachen; auf den Dächern ſaßen ſie, denn der Kaiſer ſollte auf einem Rheinſchiff den deutſchen Strom herauffahren nach dem heiligen Köln. Er, der Enkel ihres lieben Kaiſers Mar, den franzöſiſche Sonnenkronen und undeutſche Kurfürſten faſt um die Krone gebracht hätten. Ja, wenn der Sickingen nicht in klirrender Wehr vor den Kurfürſten auf den Tiſch geſchlagen hätte, wer weiß, wie's gegangen wäre! An der Landungsſtelle ſtanden Rak und Bürgermeiſter, gewichtig in pelzverbrämten Schauben, mit goldenen Ketten um den Hals. Wohlgeordnet ſtellten ſich dahinter die Zünfte auf, die Fiſcher und Schiffer, die Bäcker und Metzger, die Schneider 439 K ee 8 en r und Schuſter, die Schreiner und Weber, alle mit ihren Fahnen und Zeichen. Rechts von der Landunggſtelle ſtand die Geiſtlichkeit. In ungezählter Maſſe war ſie nach Köln geeilt; ſchwarz war des deutſchen Reiches Pfaffengaſſe vor lauter Kutten ge⸗ weſen, die rheinab fuhren. Links aber funkelte und ſtrotzte es von goldgeſtickten Ge⸗ wändern. Das war Ritterſchaft und Ehrbarkeit. Dann kamen die Bürger; die armen Leute und Bauern, die drängten und ſchoben, wo ſich ein Plätzlein fand. Bei ihnen ging's am lauteſten zu. Manch ſpitzes Wort ſiel über die Herren, manch guter Witz, dem ſchallendes Ge⸗ lächter folgte. „Marter, Hein ſüch ens, dr Luz us Hagen on der Burjermeeſter Seiler! Ets net lang her, do ſenn denne zween de Sunnekrone net abwegig jewes, itz ob eemol janz fürdran, ob eemol jitt es kein beſſer treudeutſch Jemüt im janze hillige Kölle.“ Die Leute lachten, aber ſchon hatten ſie eine neue Ziel⸗ ſcheibe. „Do lur ens, de decke Röchlinghans, met ſim decke Buch on de julden Ehrenketten!“ „Wunder, der jitt Jeeſendreck for Lorbeer!“ „Fichteſpän for Zimmetrende“, rief ein anderer. „Getrüchte Bire for Feijen!“ „Lindelaub mit Pfeffer vermenget!“ „De kleene Spetzbowe henkents, de fruße loſſents loofende!“ „Do bes wol net jeſond ontren Hüet, Hännes, de ſchekents en de Rot!“ „Jeſſes, do kütt och de Herr Stadtſchreiber Groß! Blau, wie er ſüch de Händ reiwt!“ „Den biſſent de ville Handſalve!“ Der Herr Stadtſchreiber grüßte verbindlich nach rechts 4⁴⁰ und links und hatte keine Ahnung davon, daß das Lachen ihm galt; denn es war allgemein bekannt, daß der Herr Stadtſchreiber einer kleinen Handſchmiere nie abgeneigt war, ob's nun rheiniſche Gulden waren oder Eier, Butter, Mehl oder andere gute Dinge. Aber ſchnell war er vergeſſen. Erſt ein Gemurmel, das durch die Reihen ging, dann brach der allgemeine Jubel los:„Sickingen! Heil! Heil! Sickingen! Franz! Franz!“ Das war ein Jubel! Tüchlein wehten, die Leute ſchoben und ſtießen nach vorn und umdrängten einen wohlgewach⸗ ſenen Mann mit ernſtem Blick und willensſtarken Lippen, der ſich mühſam Bahn brechen mußte. Vergeſſen, daß der Ritter den Städten oft feindgeſinnt geweſen, vergeſſen, daß er von den Bürgern als von Pofel⸗ pack und Pfefferſäcken geſprochen! Ihm war's in erſter Linie zu danken, daß kein Franzoſe auf dem deutſchen Kaiſer⸗ throne ſaß. „Heil dem Sickingen!“ Donnernd pflanzten ſich die Rufe fort und fort und erweckten auf dem Landungsſtege gemiſchte Gefühle. Ganz allmählich beruhigten ſich die Leute wieder. Der Name des letzten großen Ritters hatte einen Zauberklang in deutſchen Landen. Stundenlang waren die Menſchen ſchon in der prallen Hitze geſtanden, und die Zeit wollte ſchier lang werden. Die Gankler und Spielleute mochten ſich noch ſo ſehr anſtrengen, ihre Zinnteller klapperten nur ſpärlich, wenn eine ſeltene Münze hineinſiel. Noch einmal gelang es einem, die Aufmerkſamkeit der Menge zu wecken, einem jungen Burſchen, der hoch droben auf der Rheinbrücke ſtand, bereit, aus der Höhe den Sprung in den Strom zu machen, wenn der Sammelteller voll wäre, den ein zerlumptes Mädel herumreichte. Die Stadtknechte wollten ihn davonjagen, da ſchrien aber alle, die ihr Scherflein gegeben, und der Kerl machte ſeinen Sprung unter dem Jubel der Leute. 441 In langen Stößen ſchwamm er ans Ufer. Aber endlich wollte es der Menge doch zu lang werden. Da gab's bald wieder genug Stoff zum Schmälen. Man brauchte bloß hinüberzuſehen zu den Geſchlechtern. Ei, das blitzte und funkelte und leuchtete in unzähligen Farben. Kein Kleid glich dem andern, ſchwere venezianiſche Brokate neben den feinſten flandriſchen Tüchern. Vom Hals und vom Buſen der Frauen blitzte und brannte das Geſchmeide, und manch eine Dame trug an Edelſteinen ein ſtattliches Gewicht mit ſich herum. Gold⸗ und ſilbergeſtickte Barette funkelten, mit Dia⸗ manten und Rubinen beſetzt. Um den Preis eines einzigen hätte manch einer von denen, die zerriſſen und zerſchliſſen abſeits ſtanden, ſich eines langen, zufriedenen Lebens mit den Seinen erfreuen können. Das Gold aus den neuen indiſchen Provinzen, der Handel der Geſellſchaften, der Fugger und Welſer hatten eine Ent⸗ wertung des Geldes zur Folge, die die Armen immer tiefer in die Goſſe drückte, derweil die Reichen rafften. Die Rikter, die bei den Geſchlechtern ſtanden, hatten Mühe gehabt, Schritt zu halten, und manch einer hatte ein Dorf, eine Burg verſchachert, um in ſeinen Kleidern vor dem Kaiſer beſtehen zu können. Die Bauern aber zogen die Köpfe ein, denn aus ihrem Schweiß war letztlich alles zu zahlen, und ſie wußten, daß die Vögte ſchon die Steuern ausgerechnet hatten. Was wunders, daß bittere Worte dort fielen, wo ſtatt Prunk und Pracht durchlöcherte Schuhe und zerlumpte Röcke zu ſehen waren. Aber auch die Armen waren gekommen, dem Kaiſer zu⸗ zujubeln, denn er ſollte ja die neue, die goldene Zeit bringen, das Ende aller Not in der deutſchen Nation. Sie waren gekommen, und mit ihnen ſo mancher, dem das Herz brannte über die Frage, die ein jeder an den kaiſer⸗ lichen Jüngling in ſeinem Herzen ſtellte, die er mit einem 4⁴2 Blick in die Augen des Enkels ihres alten Kaiſers Mar ſtellen und beantwortet wiſſen wollte. In der Wirtſchaft des Georg Metzler hatte, wie ver⸗ abredet, der Engel den Wendel Hipler getroffen. „Ihr ſollet mit mir fahren ins Rheingaw, Herr Doktor“, hatte der Engel geſagt,„Iluegen, was Guets us Hiſpanien mag kummen for die teutſch Nation. Iſts guet, iſts recht! Iſts nit guet, ſo wellent wir der Pauren Fähnlein laſſen flatteren. Gott der Herr in ſeiner Genad wurk uns den rechten Weg weiſent. Uf des Kaiſers Antlütz will ichs leſen, ob ihm der Herre Gott mit ſeim Finger die Stirn gerühret.“ So ſtanden nun die beiden da, wo die Zünfte ſich an die armen Leute anſchloſſen. Der Hiltensperger in ſeiner Kutte, der Wendel Hipler im höfiſchen Herrenkleid, ein Federbarett auf dem Haupt. Sie lauſchten den Reden der Leute und merkten, daß den armen Mann zu Köln der Schuh an derſelben Stelle drückte wie zu Heilbronn, Ulm, Mem⸗ mingen, Lindau, Eßlingen, wenn er auch meinte, nun ſei alles gut, der Kaiſer Karl werde alles zum beſten wenden. Schien doch die Sonne an einem wolkenloſen, ſtrahlenden Himmel, kanzten doch ungezählte Boote mit bunten Wimpeln und mit Tannengrün geſchmückt auf dem glitzernden Rhein⸗ ſtrom. Und die Laſtkähne waren mit Grün und Fahnen ſo bedeckt, daß man nichts mehr ſah von den Heringsfäſſern, den ſchweren Fudern Weines und den dicken Ballen Kölner Tuches. Auf einmal ſing die ſchwere Glocke am Südturm des Domes an zu läuten. Groß und feierlich hallte ihr eherner Schall übers Land, und über ihren tiefen vollen Klang ſchwang ſich eine Glocke um die andere ins ſtrahlende Himmelsblau, bis alle die vielen Kirchen im heiligen Köln zuſammenjubelten, Sankt Marie im Kapitol, die alte Kirche von Sankt Gereon, Sankt Pantaleon, 4⁴3 Sankt Martin, Andreas, Kunibert, die Kirche der Mino⸗ riten. So grüßte das hallende Erz das Schiff, das langſam rheinaufwärts zog, den kaiſerlichen Jüngling auf blumen⸗ geſchmücktem Throne den uralten deutſchen Strom herauf⸗ führend. Da kam's wie ein Taumel über die Tauſende. All die Sehnſucht der hartgeprüften Nation, alles Hoffen für die Zukunft machte die Herzen zittern; die Augen leuchteten, und die Stimmen wurden ſchluchzend und ſtammelnd. Und die Glocken jauchzten ihren hallenden Ruf und riſſen die Herzen mit ſich hinauf ins Himmelsblau. „Zu End die Not! Zu End die Not!“ Und näher kam das Schiff und näher, und die Wimpel flatterten und knatterten, und aber tauſend Tüchlein wehten. Ein Jubel, ein Jauchzen brauſte dem Kaiſer entgegen, auf deſſen Jünglingshaupt ſich die Kronen der alten und neuen Welt geſenkt hatten. Bleich und ernſt ſaß er auf ſeinem Throne am Heck des Schiffes, in welſcher Tracht, den kurzen ſpaniſchen Mantel um die Schultern gelegt, die ſchlanken Knabenbeine in eng⸗ anliegenden Hoſenſtrümpfen, den Rock in die Hüften ge⸗ ſchnitten. Keine Muskel zuckte in dem wachsbleichen Geſicht. Seltſam fremd ſchaute das dunkle Auge über die raſende, jubelnde Menge hin. Zu ſeiner Rechten ſaß Herr Hermann von Wied, Fürſt⸗ biſchof von Köln, zu ſeiner Linken der von Trier. Und allenthalben um ihn und hinter ihm ſchoben und drängten ſich die gold⸗ und ſilbergeſtickten Gewänder der hohen Geiſtlichkeit. „Der Teutſchen Kaiſer kummet inmitt der Pfaffen zu ſeim Volk“, raunte der Hiltensperger und zitterte dabei vor Erregung—„Herr Hipler, das tuet kein guets nit!“ Langſam zog das Kaiſerſchiff vorbei, und nun geſchah's, 444 daß das Volk in ſeiner gewaltigen Sehnſucht niederkniete und demütig und kindlich zu ſeinem Herrgott betete. Immer lauter und heißer ſchwoll der Geſang empor: „Daß er ſtetig regiere Das Heilig Nömiſch Reich!“ Langſam und voller Majeſtät drehte der kaiſerliche Jüng⸗ ling ſein Haupt. Fremd, kalt und fragend ſtreifte ſein dunkles Auge die betende Menge, erſtaunt, als begriffe er nicht. *** Nirgends im ganzen großen heiligen Köln trank man einen Wein, der beſſer geweſen wäre als der Bacharacher, den der Wirt zum„Goldenen Bären“ ausſchenkte. Seit undenklichen Zeiten war der„Goldene Bär“ der Gaſthof, in dem die Ritterſchaft abzuſteigen pflegte. Deshalb hatte er auch ebenſo viele Stände für Gäule in ſeinen Ställen als Plätze an ſeinen Tiſchen. Heute reichten die Ställe nicht. Die Gäſte ſaßen in den Gängen, auf den Stiegen, kurz, wo ein freies Plätzlein war. Auf der Gaſſe ſtanden eine Unzahl Roßbuben; ſie hielten die Gäule, die man nicht unterbringen konnte. In den Stuben aber ging's hoch her. Da fand ſich manch ein alter Freund wieder, den man ſeit der Pagenzeit an einem Fürſtenhof nicht mehr geſehen hatte. Sippengenoſſen feierten frohes Wiederſehen, Kampfesbrüder aus alten Tagen ſchlugen einander froh die eiſenbeſchiente Rechte auf die Schulter. Manch ein Span, den man gegeneinander ausgefochten hatte, wurde ausgegraben. Vor lauter Schreien und Zu⸗ trinken konnte man kaum ſein eigenes Wort verſtehen. An langem Tiſche ſaßen, dies mit dem Schwäbiſchen Bund hielten, an anderen die fränkiſchen, ſchwäbiſchen 445 Herren, die aus dem Hegau, dem Rheingan, wieder an anderen waren ſie durcheinandergemiſcht. Der Hutten, der Engel Hiltensperger und der Wendel Hipler ſaßen an einem kleinen Tiſch in der Ecke. Lichterloh brannte der Ritter, den der Kaiſer Mar vor drei Jahren mit Ring und Kranz zum Poeta laureatus gekrönt hatte. Er ſah die Feuer zünden, die er ins Land geworfen hatte. Libell um Libell hatte er losgelaſſen, eins kecker als das andere. In Rom ſteckten ſie die Köpfe zuſammen, in Deutſchland jubelten ſie ihm zu. Dem Hiltensperger war's, als werfe er die Brandfackel zu wahllos hinaus ins Land. Die Ritterſchaft ſollte er ihm zuſammenfaſſen und ſie mit ihm in Einverſtand bringen! „Was wellet Ihr“, brannte der Hutten,„der Luft mueß brauſen, ſo ein Wetter ſoll werden; Wolken und Dunder⸗ ſchläg lauffent hernachen von ſelber zue! Engel! Engel! Es iſt ein Luſt zu leben!“ „Der den Sturm rufet, mueß wiſſen, von wannen er brauſen mueß, ſuſt ſchlagent leicht die Wetter fehl am Ort!“ Vorſichtig und leiſe fiel der Hipler ein:„Der Luther het den Luft brauſent gemacht, itz mag er ſich ſchier nit meh der Dunder zu erwehren, ſo fehl einſchlagend.“ Da lachte der Hutten ſein leichtſinniges Lachen:„Kotz, Ihr werdet nit ſo ganz onzufrieden mit mir ſeind, Engel, habet Ihr den Ganskiel funden, han ich das Schwert ge⸗ wunnen!“ „Sell wär nit wenig! Wen meinet Ihr?“ „Mein Trautgeſellen, aller Ritter Ehr und Zier, den Franzen von Sickingen! Ich ſag Euch, Engel Hiltensperger, ein lidmäßig grader Kerle, mannfeſt, als ichtein Ritter in keutſchen Landen!“ Da horchte der Engel hoch auf. Der Sickingen, die Hoffnung der Ritter, der Achill mit dem Lockenkopf und den flammenden Augen, der Mann 4⁴⁶ mit dem willensſtarken Mund, der Heere aus dem Boden ſtampfen konnte! „Hutten, ſo Ihr wahr redet, will ich mannich bös Wurt Euch abbitten, ſo ich über Euch getan, dieweil Ihr mit dem Herzog von Wirtemberg Euer guet Zeit verlorn.“ „Seied Ihr endlich einmalen zufrieden mit dem Hutten“ lachte da der Ritter.„Geduldet Euch ein lützel, über ein kleines, da kummt der Sickingen in den Guldinen Bären“.“ „Kotz Hagel und Blitz! Iſt das nit der Ulrich Hutten 9“ rief da auf einmal eine rauhe Stimme, und ein langer Mann im ritterlichen Gewand ſtützte die beiden Fäuſte auf das wackelige Tiſchlein, ſo daß die dreie ſchnell nach ihren Krügen greifen mußten. „Ei, Gemmingen, wo kommeſtu her? Kumm, ſatz dich zu mir! Iſt ein guet Weil her, daß wir kein Trunk ſelb⸗ ander getan.“ Hinter dem Ritter ſtand gerade einer auf; deſſen Stuhl zog der Gemmingen heran und ſetzte ſich, indem er ſeine Beine lang unter den Tiſch ſtreckte, ſo daß die anderen die ihren zurückziehen mußten. Dabei ſchaute er dem Hutten ins bleiche Geſicht:„Hm“, brummte er,„dein Wangen ſeind grad kein Roſengärtle nit.“ „Mein alt Gebreſten.“ „Biſtu nit an denen Franzoſen gelegen?“ Der Hutten nickte:„Mir helfet kein Arzt nit“, meinte er traurig. Der Gemmingen ſchaute ihn an und ließ die Lefze hängen. Dann zog er mit dem Zeigefinger einen Strich um die Gurgel. Dem Engel lief ob der Roheit die Katz den Buckel hin⸗ unter, dem Hutten aber fuhr nur für einen kleinen Augen⸗ blick ein wehmütiger Schimmer übers Geſicht. Dann horchte er nach einem Hauſierer hin, der ſich durch die Tiſche zwängte:„Kaufet! Kaufet die Schrift des 447 Laurentius Valla de donatione Conſtantini, verdeutſchet vom edlen Ritter von Hutten, kaufet vom ſelbigen Vadiscus, die Anſchauenden— kaufet! Kaufet!“ „Ott, min lieber Ott“, ſprach der Hutten,„wer kunnt itz die Augen ſchließen zu ewigem Schlaf, derweil die Poſaunen des Gerichtes ſchmetteren und die Gräber ſich uftun d“ „Samer potz Blitz!“ fuhr der Gemmingen auf,„willtu dem Wittenberger den Troßbueben machen?“ „So er mich der Ehr möcht wert halten und ich mich nit ſelbſten möcht zu ring dafor nehmen, wüßt ich mir Schönres nit.“ Der Gemmingen bückte ſich unter den Tiſch. „Kaufet die Epistolae obscurorum virorum! Kaufet des Doktor Martinus Schrift an den teutſchen Adel!“ „Was ſucheſtu unterm Tiſch, Ott?“ „Luegen, ob der Hutten no guldine Sporn an denen Stiefeln het!“ „Willtu uf Hendel gan, Ott?“ „Uf Hendel gan oder nit“, brauſte der Trunkene auf, „wer heißet den Pfaffen Zwieſpalt treiben in teutſche Land, tuets Not, daß die Elteren ſtanden wider Kinder, daß der Vatter dem Sohn fluchet, eh daß er in die Gruben fahret, als der deinig getan?“ Dem Hutten trieb's das Blut aus dem Herzen, aber er beherrſchte ſich:„Recht ſo, Ott, ſo het der Luther die Schuld, daß keiner meh dem anderen mag trauen, nit der Kaufmann, ſo zu Markt fahret, dem Ott Gemmingen, ſo hinter den Hecken luret. Iſt dem Luther ſein Schuld, daß der arm Mann wurd gſchunden und geplaget, als wie dem Ott Gemmingen ſein arme Leut!“ Das ſaß, denn der Gemmingen war landauf, landab als Bauernſchinder bekannt, tückiſch und bös klang ſein Lachen. Aber der Hutten war im Zuge, er ließ ſich nicht draus⸗ bringen.— Er ſchlug auf den Tiſch und rief:„So iſt der 4⁴⁸ Luther dran ſchuld, daß Fugger und Welſer das Brot teurent, alſo daß der arm Mann nit meh mag geneſen. Iſt der Luther dran ſchuld, daß die römiſchen Finanzer den armen Mann umb ſein guet alt Recht bringent— iſt dem Luther ſein Schuld, daß der Ritter ſeins Schild nit meh acht, dann. „Ja“, ſchrie der Gemmingen,„nur der wurt for ein Edelmann eracht, der die größeren Urſlechten und Franzoſen gehapt!“ „Nein, doch der wurt for kein Edelmann eracht, der ſo redt, wie der Ott von Gemmingen itz redet!“ „Potz, ſtecket der Hund hinter ſellem Ofen“, höhnte der Gemmingen,„biſtu ein Anwalt worden dem Pöwelpack? Schlecket ein räudiger Hund den anderen?“ Da wurde der Hutten kreidebleich! Ihm das, der um ſeiner Sache willen Vaterhaus und Erbe gelaſſen! „Satz dich zu denen“, zwang er ſich noch einmal,„ſo dir die Weinkappen angeſtraift, Ott von Gemmingen, ſuſt möcht ich vergeſſen, daß du einmalen mein Freund geweſt.“ Da erhob ſich auf einmal ein Schreien. Stühle ſielen, Vivatrufe ertönten, auf die Tiſche ſprangen ſie:„Vwat der Sickingen! Vivat Franz!“ Und durch die Tiſche drängte ſich, rank und ſchlank ge⸗ wachſen, der Abgott und die Hoffnung der deutſchen Ritter⸗ ſchaft. Frei und hoch ſtand ihm die Stirn über den blitzen⸗ den blauen Augen. Trotzig und herb der ſinnliche Mund mit den ſtarken Lippen, über denen willensſtark und fleiſchig die kräftige Naſe ſaß. „Vwat Sickingen!“ brüllte der Gemmingen und ſchwang ſeinen Krug. Bleich und mit fliegenden Pulſen ſaß der Hutten und machte in ſchwerer Stunde das mit, was er ſchon oft erlebt hatte, was alle die erleben müſſen, die ohne Rückſicht auf Stand und Herkommen mit heißem Herzen des Volkes Sache zu der ihrigen machen. Schmückle 29 4⁴9 — —— Dann ſtieß er verächtlich die Klinge in die Scheide zurück. Lachend wehrte der Sickingen alle ab, die ihn an ihren Tiſch ziehen wollten, und drängte ſich nach der Ecke durch, wo er den Hutten ſitzen ſah. Verwundert ſchaute er ihm in das bleiche Geſicht:„Was iſts, Utz, het dich einer us der Wiegen gworfen?“ „Kein Wichtigs nit, Franz, ein Hund het bloß an ein Stein brunzt.“ Dem Gemmingen war nicht wohl zumuk. Der Sickingen und der Hutten! Was war das? Davon hatte er ja gar nichts gewußt! Der Schweiß trat ihm auf die Stirne. Einſtecken konnte er den Schimpf nicht. Was ſollte er tunꝰ Da nahm er, wie alle ſeinesgleichen in einem ſolchen Falle, ſeine Zuflucht zum Schreien:„Sags noch einmalen!“ brüllte er. Da legte ihm der Sickingen hart die beſchiente Rechte auf die Schulter und wies ihn mit der Linken zur Türe: „Iſt niemerts hie, der Eurer bedarf, Gemmingen, ganget und ſchlafet Euern Rauſch us.“ Und ſo groß war des Sickingen Gewicht, daß der Gemmingen blutrot vom Tiſch und aus der Gaſtſtube ging. Totenſtille herrſchte im Raum, als er ſich durch die Tiſche ſchob. Der Sickingen ſetzte ſich. „Iſt nit ſchlechter und nit beſſer dann die andern“, brummte er.„Saufen und uf Hendel gan, Heckenreuten und die Schenkel über ein Gaul henken, abhold artibus et scientiis, als mein Freund Hutten ſaget. Iſt gar weit ge⸗ ſunken, die keutſch Ritterſchaft!“ Es reute ihn wohl, daß er ſeine Standesgenoſſen vor Fremden heruntergeſetzt, denn leichten Tones fuhr er fort: „Und dannoch ſtecket viel gueter Sinn und onverbraucht Kraft in denen Kerlen, fehlet bloß ein recht Ziel und einer, ſo's ihnen weiſet.“ 45⁰0 ſtreckte dem Freunde die Hand hin.„Iſt nit ällbott und allweil ein Jauchzen und eine rechte Freud, ſo oft des Sickingen Nam wird genennet? Lueg, Franz, ſell iſt mein Freund, der Engelbert Hiltensperger, und der ander iſt der Wendel Hipler.“ Forſchenden Auges ſchaute der Sickingen dem Engel ins Geſicht; zu dem Hipler aber ſagte er leichthin:„Ei, Herr Hipler, wie ſtehts, wie gehts, was machent die Grafen von Hohenloh?“ „Do ſtandet noch ein groß Rechnung offen“, erwiderte der Hipler trocken. Der Sickingen lachte. „Worumb meineſtu, Utz“, ſagte er,„daß ſie dem Sickingen zulaufent? Die Fürſten ſeind ihnen hart uf den Ferſen und ſitzend ihnen uf, die Städt luegent ihnen uf die Finger, itz ſoll der Sickingen die alten Freiheiten wieder ufrichten, dem Recht des Gwalts und der Fauſt ein Statt bereiten, das Römiſch Reich Teutſcher Nation möcht ihnen alsdann geſtohlent werdent!“ „All Ständ ſeind untereinand zerfallen“, fiel der Engel ein,„will keiner meh den andern laſſen gelten und kann doch keim werden geholfen, dann allen zeſamm. Ein neu Haus wers will bauen, mueß zuvor das alt in Grund reißen. Sehet zu, Herr Sickingen, daß Ihr all die Stimmen höret, ſo Euch ze Hilfe rufent, all die Stimmen, ſo uf teutſch rufent, dann es gangent zu viel der roten Schuch umb im Land.“ Erſt ſchwieg der Sickingen, dann ſprach er vorſichtig: „All Volk hoffet uf den Kaiſer Karle. Müg es ihme vergunnet ſein, denen Teutſchen zu helfen. 8 „Wehe dem Volk, des Kuning ein Kind iſt“, ſprach der Engel mit leiſer und harter Stimme,„wehe dem Volk, des Kaiſer inmitten von Kutten zu ihme fahret. Teutſch Bluet kuet not! Spaniſcher Sinn ſtandet uf Rom!“ „Ei, was ſchmacket der Bacharacher ſo wohl“, wich der 451 „Der ſolltu ſeind, Franz“, meinte der Hutten und Sickingen aus.„Waret Ihr ſchon zu Bacharach? Dorken die Kirchenglocken gehöret? Hallen voll und ſchwer:„Vinum bonum! Vinum bonum!“ Iſt allerorts ſo am keutſchen Rhein, allwo die Glocken dunkel ſchallen, rufent ſie Vinum bonum'. So aber ichtwo ein Glöckle giftig bellet: „Eppel peppel! Eppel peppel!, ſeied verſicheret, es wachſet ein böſer Säuerling dorten! Sell müget Ihr wiſſen, Ihr Herren, ſo Ihr ſchon eine Fahrt ins Rheingaw tuet!“ Den Hutten mochte dies Ausweichen ſchier verſtimmen, denn er wollte den Engel und den Sickingen zuſammen⸗ bringen. Der Engel aber merkte es, daß der Ritter nicht ſeinetwillen, ſondern des Wendel Hipler wegen nicht aus ſich herausgehen wollte. Und auch dieſer hatte es erfühlt, ſtand unter irgendeinem Vorwand auf und empfahl ſich in höfiſcher Weiſe. Sinnend ſaß der Sickingen eine Weile; dann ſprach er, als erwache er aus einem Traume:„Was hant Ihr geſagt? Der Sickingen ſollt druf achtend, all die Stimmen ze hören, ſo zu ihme rufent? Beim heiligen Gott, ſell iſts, was ihn nit zu Rat laſſet kummen! Ihr gehret ein Antwurt vom Sickingen. Die gehrent ein Antwurt, und ein jeder gehret ein andres! Ein Reich ſoll der Sickingen ſchaffen, ein jedweder, ſo helfen ſoll, ſiechets anders! Dannoch eines ſag ich ſchon heutigen Tages: Es derf nit ſchweizeren in teutſchen Landen, dann kein Freiheit iſt ſo groß und wert, daß drumb ein Stück teutſchen Landes ſollt vom Ganzen fallent, daß ein Dörfle, und wärs no ſo ring, derfet der teutſchen MNation ontrew werdent. Fluech denen Schweizeren, ſo ihr Bluets vergeſſen, ällbott und allweg denen Walhen hofierent und ſchar⸗ wenzlen, ihrs Bluets nit genung könnent ſpotten und Schimpfs anthon! Pfei der Schand! Pfei des Tüfels! 452 Ei, was gehret Ihr von mir? Heunt jublet Ihr dem Kaiſer Karle, er ſollt die Not wenden, das Reich refor⸗ mieren! Soll keiner vom Sickingen ſagen, er het dem Karren ins Rad griffen! Ich, Franziskus von Sickingen, han vor einer Stunden Arm und Gewaffen dem Kaiſer Karle verſchrieben. Bin zur Stunden kaiſerlicher Rat und Kämmerling und Hauptmann!“ Das rief er ſo laut, daß man's in der ganzen Stube hören konnte. Und wer das Wort nicht gehört hatte, dem rief's ſein Nachbar zu. Es war eine Aufregung und ein Aufruhr in der Stube. Die Ritter ſchrien durch⸗ einander. „Franz, willtu mich irre machent an dir!“ rief der Hutten. „Wes Werk iſt, daß der Kaiſer Karle teutſcher Kaiſer und nit der König Franziskus? Dieſe Fauſt het vor denen Kurfürſten uf dem Tiſch glegen, uf daß es alſo beſchech! Soll der Sickingen ſich ſelbſten Luegen ſtrafen? Itz iſt dem Kaiſer des Sickingen Schwert in die Hand gelegt, itz nutz ers zu Fromm und Glück der teutſchen Nation. Zween Jahr wartet der Sickingen, zween Jährle ſeind dem Kaiſer Karle vergunnt, zu zeigen, ob ers ſpüret, wo den Teutſchen der Schuch drucket. Nutzet ers nit, ſo iſt der Sickingen frei!“ „Wo uſer, in Teufels Namen, wo uſer willtu, Franz?“ ſchrie der Wolf von Eberſtein. Da ſtand der Franz von Sickingen auf und ſchaute den Herren ins Geſicht, die ſich um ihn drängten. Stahlhart und kalt blickte ſein Auge. „Wer iſts, ſo den Sickingen fraget:„Wo uſer?“ Wo uſer, ſell weiß Gott allein! Schau ein jeder, daß er nit allzufere ſeie, ſo des Sickingen Stern ufſteiget am Itz weißeſtu genung, Wolf von Eber⸗ ein!“ 453 eeeeeee 7 Da zitterten die Scheiben im„Goldenen Bären“ in ihren Bleifüllungen, ſo jubelten die Ritter dem edlen Fran⸗ ziskus von Sickingen zu. *** Bleich und ſtill lag die Regula Stechelin auf ihrem Strohlager. Sie konnte durch das Gitterfenſter die Sterne ſehen, und der Mond ſiel in einem breiten Streifen über die Steinflieſen. Langſam ſchob ſich ſein blaues Licht zu ihrem Lager. Ferne, drunten in der Stadt Kempten, hörte man den Wächter rufen. Da löſte ſich ihre Seele von ihr und flog weit über die Lande, vorbei an einem großen, großen See, über Hügel und Wälder bis an den ſteilen Berg. Ei, war das nicht der Hohentwiel, von dem der Engel erzählt hatte. Ein kleines Häuslein ſtand dort, mitten im Wald. Und als ſie durch das Fenſterloch ſchaute— Gott, wie ſie ſich freute! Da ſaß der Engel und hatte den Kopf in die Hände geſtützt. Der Nachtwächter? Wie kam denn der in den Wald? „Loſet all und laßt euch ſagen, Der Hammer hat neune gſchlagen. Bewahret das Fuir und joch das Licht, Daß keiner einen Schad anricht!“ Sie drückte das Geſicht ganz nahe an das Fenſter. Was hatte er denn, der Engel, daß er ſo traurig war? Sie wollte zu ihm hineingehen und ſich neben ihn ſetzen, ihm über das Haar ſtreichen, wie er es ſo gerne hatte. Ei, ei, wenn er ihr aber böſe wäre, daß ſie hinter ihm drein geflogen e Voll Sehnſucht ſtreckte ſie beide Arme aus, mitten hinein ins Mondlicht, das nun ganz nahe herangekommen war. Aufrecht ſaß ſie, und ihre Augen leuchteten, als blicke ſie mitten hinein in den Himmel. 454 Und wieder hob ſie's und trug ſie über Hügel und Wälder und Ströme. War denn das nicht die Geltnach, die ſilbern im Mondlicht unter ihr ſchimmerte? Ei, nun mußte ſie etwas nach rechts fliegen, denn von dort tönte das Glöck⸗ lein vom Auerberg. Die Schmalzgruben, wo die nur war? Kotz, ja, dort drüben, wo das Licht aus den Fenſtern ſchimmerte. Weit breitete ſie die Arme und ſenkte den Flug. Nun ſtand ſie an des Michels Hofſtatt und ſchaute durch das Fenſter. Da lag ihr Büblein im Bett, die kleinen Fäuſte unters Kinn geſtemmt, mit roſigen Backen, tief atmend. Schnell ſchlüpfte ſie durchs Fenſter. „Zehen Fromme warens nicht Dort bei Sodoms Strafgericht!“ Warum ſchien ihr denn auf einmal der Mond ſo ins Geſicht. Sie konnte ja das Büble gar nicht mehr ſeben. Sie drehte den Kopf aus dem Mondlicht, und leiſe ſang ſie vor ſich hin: „Ihr Engelein all, O kummet zumal. O laufet geſchwind Und wärmet min Kind. Ei, ſchlaf und tu din Augele zu, Gott ſchenk uns beeden die himmliſche Ruh. Viel warten bald dein, Viel Leiden und Pein. Ach, ſchlaf und tu Din Augele zu. Gott ſchenk uns Armen die ewige Ruh.“ Tunuuut! „Um elfe ſprach der Herr das Wort: Geht auch in den Weinberg dort!“ Ei, da mußte ſie ſich ſputen! Auf den Berg mußte ſie ja! Der Engel wartete auf ſie. Ach, die ſchlimmen Brombeer⸗ und Himbeerranken! Gar nicht vorwärts konnte ſie kommen! Die Dornen! Die Dornen! Immer wieder blieb ihr lang ſchneeweiß Gewand hängen! Wenn er nur wartete, der Engel! Sie konnte ja nichts dafür. Ach, die ſpitzen Dornen! Wie ſie in den Fingern und Zehen brannten! Leiſe wimmerte ſie vor ſich hin. Dort bei den drei ſchwarzen Tannen ſtand der Engel. Freilich, ſie hatten ſich ja verabredet. Immer höher wurden die Ranken. Mitten drin hing ſie und konnte nicht vorwärts und nicht rückwärts. So müde war ſie, ſo namenlos müde! Und Veigelein gab's die Menge, da mußte ſie dem Engel einen Strauß binden. Wie luſtig die Wolken über ihr flogen! War das nicht der Lederle, der neben ihr ſaß und die Blaterpfeife blies? Wie er grinſte! Und nun wollte er ſie gar küſſen! Wild ſchrie ſie auf:„Hilf, Engel, hilf!“ Und drüben bei den Tannen ſtand der Engel und ſchaute immer herüber und rührte ſich nicht. Warum kam er denn nicht, ihr zu helfend Ganz ſchwer und zerſchlagen waren ihre Glieder. Tuuuuuut! „Zwelf Stunden hat ein jeder Tag, Wer weißt es, wann er ſterben mag?“ Eine dicke ſchwarze Wolke ſchob ſich vor den Mond, und es wurde ganz Nacht und finſter in dem Kerker. Ein Mäuslein raſchelte im Stroh, und draußen plät⸗ ſcherte leiſe der Brunnen, der in ſein volles Becken lief. Und dem Regele wurde es ganz ſchwer vor den Augen. Zitternd fuhr ſie ſich mit den Händen übers Geſicht. Wo war denn auf einmal der Engel? Er war doch eben drüben bei den drei Tannen geſtanden d 45 Er war wohl heimgegangen, weil ſie ſo lange nicht ge⸗ kommen war. Ach, und nun ſah ſie gar nichts mehr. Und die Dornen verſingen ſich immer ſtärker in ihr langes Kleid. Sie riß und zerrte. Wie lang war doch der Weg. Und wie ſchwer ihre zerſchlagenen Beine! Tuunuuuut! „Zwei Wege hat der Menſch vor ſich, Herr, den ſchmalen führe mich!“ Ganz genau ſah ſie den ſchmalen Pfad, der bergan führte. Wie leicht ſie auf einmal ſchritt, grad als hätte ſie Flügel. Wie ein ſilbern Band leuchtete der enge Weg vor ihr. Und ganz oben ſtand wieder der Engel und winkte. Da brach der Mond erneut aus den ſchweren Wolken. Und licht wurde es. Das Regele blieb nirgends mehr hängen, es ſchritt nicht mehr, es ſchwebte und flog, höher, immer höher, dorthin, wo alles Leid ein Ende hat. „Ihr Chriſten ſeied munter und wacht, Der Tag vertreibet die finſtre Nacht. Uf, uf, ihr Leut, Itz iſt es Zeit. Das Waldvögele ſitzt uf ſeim Holderzweig. Gelobet ſei Jeſus Chriſtus. Der Hammer hat feinf geſchlagen.“ Und ein armes, gequältes Menſchenherz hatte ſeinen letzten Schlag getan. *** Um die achte Stunde ſollte die Here verbrannt werden, darum läutete das Armſünderglöcklein, als der Hammer ſechsmal ſchlug. 457 Da ſtieg der weißhaarige Kerkermeiſter hinunter in den Turm, um der Regula Stechelin ihr letztes Süpplein zu bringen, denn bald ſollte der Prieſter kommen, ihr die Beichte abzunehmen. Leiſe, ſchier zärtlich beugte ſich der alte Mann über das ſtickige Stroh und blendete ſeine Laterne ab, als er ſie ſo friedlich ſchlummern ſah. Ganz ſtille lag ſie und hatte die Hände über der Bruſt gefaltet. Da ließ der Greis ihr das Licht aufs Antlitz fallen. Und nun glitt auch über das Geſicht des alten Mannes eine ſtille Freude:„Gelobet ſei Jeſus Chriſtus, in Ewigkeit, Amen!“ Seine Olfunſel ſtellte er auf den feuchten Kerker⸗ boden und zog die alte Holzbank zum Lager. Die Hände im Schoß gefaltet, ſaß er und ſchaute lange, lange der Toten ins Angeſicht! „So ſchauet kein Hexen nit! So nit! Herre Gott, ver⸗ gib ihnen!“ Da ſchlug der Hammer ſieben, und der alte Mann ſchaute immer noch in das weiße Antlitz. Zum zweiten Male läutete das Armſünderglöcklein. Wimmernd flog ſein dünner Ton über die alte Stadt Kempten. Und nun kamen ſie mit Hellebarden und Morgen⸗ ſternen mit einem Prieſter Gottes, die Frau zu dem Gange zu holen, den ſie in aller Stille ſchon getan hatte. „Itz ſtand uf, du Her! Din Höllenbuhl harret dein, hat ſein hölliſch Fuir allbereits anzundt!“ rief einer von den Knechten und ſtieß die Tote mit dem Schaft ſeiner Hellebarde in die Seite. Als ob er aus einem Traum erwachte, hob der Greis das weiße Haupt:„Du weckeſt ſie nimmermeh, ſie ſtandet all⸗ bereits vor Gotts Thron. Der allein weißt die rechte Wahrheit!“ Nun ſahen auch die Knechte das überirdiſche Lächeln der Toten und wurden ganz ſtille. Schweigend ſtanden ſie 458 herum, derweil einer ging und den Pater holte, der ſie hatte martern laſſen. Der mochte ihr den Puls fühlen ſolange er wollte, die Tote erwachte nicht mehr zum Leben. Seine Kunſt war zuſchanden geworden. Kein Verbrecher durfte unter der Folter bleiben und dadurch dem letzten Gericht entzogen werden. Der Pater, der den Jakob Sprenger ſo wohl ſtudiert hatte, ſtand als Stümper da. Und der Fürſtabt! Eine fliegende Röte fuhr ihm übers Geſicht. Potz Marter, zu Tode gefoltert! Da mochte manch einer kommen und das Geſtändnis der Hexe anzweifeln! So oder ſol Verbrannt mußte die Hexe werden, tot oder lebendig! Das Armſünderglöcklein wimmerte zum dritten Male, aber die Hexe wollte nicht kommen. Da wurden die Herren an den Fenſtern des Gottes⸗ hauſes ungeduldig. In Scharen waren die Kemptener vor die Stadtmauer gezogen, an die ſich der Holzſtoß anlehnte. Auf der Mauer warteten die Herren vom Rak. Rings um die Richtſtätte ſtanden in weitem Bogen die Bürger, die, uralter Sitte gemäß, alle in Wehr und Waffen erſchienen waren. Da kam auf einmal ein Zug Knechte, die zwiſchen dem Gotteshaus und der Mauer Spalier bildeten, und kurz darauf ein Haufen Bewaffneter, die eiligen Laufs eine Bahre dahertrugen. Und ehe die Kemptener recht wußten, was geſchah, war die Bahre auf den Holzſtoß gehoben, ein Prieſter machte das Kreuz darüber, und ein Knecht ſtieß die Fackel in das Pech, daß die Flamme hoch aufloderte. Das Volk murrte und drängte nach vorn; die Knechte ſtießen die Leute zurück. Aber einem Bauern gelang's, die Reihe zu durchbrechen. Ehe man ſich's verſah, hing er am brennenden Holzſtoß, kletterte hinauf. 459 Von der Mauer aus ſah man, wie er neben die Tote kniete und ihr in das Antlitz ſah. Dann ſtand er auf, hob inmitten des Qualmes drohend die Fauſt gegen das Gotteshaus, von wo der Fürſtabt herunterſah:„Daß dich die Peſt freß, du bübiſcher, ver⸗ rätteriſcher, gottloſer Pfaff“, ſchrie er. Dann ſtieg er vom Holzſtoß. Bewaffnete Bauern enk⸗ riſſen ihn den Knechten. Es war der Michel Hiltensperger geweſen. Rauch und Flammen hüllten den Holzſtoß ein. Der Engel wanderte durchs Hegau. Friſch und voll Morgenruch ſtrich die Luft über die ge⸗ wellten Hügel. In der Richtung ſeiner Wanderſchaft ging der Wind und blähte ihm den Mantel. Vorwärts ſchritt er, und ſein Gang federte. Vom Hans Müller von Bulgenbach kam er und wan⸗ derte dem Hohentwiel zu, um mit eigenen Augen zu ſehen, was der Ulrich von Wirtemberg auf der Feſte treibe. Tief atmete er und füllte die Lungen mit Morgenluft; die Glieder ſtrafften. So war er gewandert, als er noch jung war, fröhlichen Herzens und vor dem Wind. Er kam von der See her, wo die weichen Lüfte ihm wohlige Mattigkeit in die Glieder geſchmeichelt hatten; nun blies der friſche Wind ihm die Lungen aus. Ein Wandern war's voll Herzjubel und Vogelſang. Nah und fern ſchimmerten die weißen Bauerngehöfte, von den Baſaltkegeln ſchauten die Burgen ins Land. Unbegrenzt ſchweifte der Blick über die Hegauberge, über denen ſich der wolkenloſe Himmel im lichten Blau wölbte. Weitaus ſchritt er, den Spieß über der Schulter. Zur Linken, über dem Hohenſtoffeln, klang heller Habichts⸗ 46⁰0 ruf. Zur Rechten trieben zwei Rehböcke ſtürmend übers freie Feld. Alle Kreatur freute ſich des hellen Sommer⸗ morgens, nur die Menſchen auf den Feldern hatten arbeit⸗ gebeugte Rücken und verhärmte Geſichter. Und die Sonne ſtieg höher, und wärmer ſtrich's an ihm empor; ſchon perlten ihm die erſten Schweißktropfen auf der Stirne, als ihn kühl der Wald umfing; ſchwarze, ſchwei⸗ gende Tannen und Buchen mit mächtigen Kronen. Mannshohe Farne ſäumten den Weg, und in fauſend Perlen lag der friſche Tau auf Buſch und Gras. Im Waldreich ging's hoch her. Tauben gurrten, Häher kreiſchten, Amſeln jagten ſich, und hoch über den Bäumen der helle Ruf des Buſſards. Von Baum zu Baum flog ſchimpfend ein Wiedehopf. Eine Bache mit Friſchlingen brach durchs Holz und querte den bemooſten Waldweg. Voraus ſtanden Rehe und Haſen, die am Wege äſten, äugten, windeten und vertraut ins dichte Gebüſch abgingen, wo ſie ſicher waren vor allem, was Menſch hieß, denn un⸗ durchdringlich und verfilzt lag der Forſt. Der Engel hatte ſeinen Wanderhut weit ins Genick geſchoben. Stunden war er ſchon im Wald gewandert, und die Hitze hatte ſich nun auch brütend auf die Bäume gelegt. Zur Seite gewahrte er eine kleine Lichtung. Dorthin bog er, um auszuruhen. Er warf ſich unter einer ſtarken Buche zu Boden, durch deren mächtige Krone in langen goldenen Streifen die Sonne ſiel und grüngoldene Muſter ins Moos zeichnete. Da waren zahlloſe Stauden mit blühendem Fingerhut, mächtige Farne, Stechpalmen und allerhand niedriges Gebüſch. Mit beiden Armen umſing der Engel einen ſtarken Farnbuſchen, drückte die langen Fächer zum Kopfpolſter, 46¹ legte das Haupt darauf und ließ über ſich die weißen Federwolken durch die Buchenzweige ziehen. Nun ſtand die Sonne hoch am Himmel, und über der Lichtung zitterte die Luft. Schmetterlinge und Hummeln, wilde Bienen und Käfer⸗ volk ſummten und brummten. Pfeilgrad ſchoß ein Habicht keine zwanzig Schritt vom Engel nieder und hob ſich wieder mit ſchwerem Flügel⸗ ſchlag, einen Junghaſen in den Fängen. Zu ſeinen Füßen raſchelte eine Feldmaus und trug ein trockenes Buchenlaub ums andere zu einem Häuflein. Die Hände unterm Kopf verſchränkt lag er. Das Sum⸗ men der Bienen klang wie ferner Glockenklang, immer ferner, immer ferner, trug ihn auf und ab und wiegte ihn, bis alles um ihn zuſammenfloß. Halb im Schlaf ſchon hörte er ein Eichhorn über ſich ſchnalzen. Dann umſing ihn der Schlummer. Und mählich ſchlief der ganze Wald ein, mit Ausnahme des Buſſards, der unermüdlich mit hellem Schrei ſeine Kreiſe zog. Hirſch und Sau, Reh und Haſe ruhten in kühlen Grün⸗ den, im dichten Geſtrüpp. Ein Vöglein ums andere ver⸗ zwitſcherte und verſtummte, und auf den Fingerhutblüten hingen regungslos, mit gefalteten Schwingen die Schmet⸗ terlinge. Drei Stündlein vergingen. Da ſtrich ein kühler Windhauch durch die Buche. Leiſe löſten die Schmetterlinge die gefalteten Flügel, durch Gras und Blüten ging ein fröſtelnd Rieſeln, der Häher hob den Kopf aus der Achſelgrube und ſtreckte mit den Krallen die Schwingen, das Wild hob ſich vom Lager. über dem Engel ſchnalzte ein Eichhorn ein⸗, zwei⸗, dreimal. Da erwachte auch er und rieb ſich die Augen, lag, den 462 Kopf in die Rechte geſtützt, beſchaulich und wartete, bis der Abend nahte, denn er war nicht mehr fern vom Ziel, und die Nacht war gut, ſein Eintreffen zu verbergen. Auf einmal hörte er in der Ferne das Geläute von Bracken und das Rüd—ho! der Jäger. Er wäre gern aus⸗ gewichen, doch rings im Kreis hallte der Ruf: Rüd—ho! Rüd—ho! Dann begann's im Geſtrüpp zu brechen und zu ſchlagen, ſchnaubend und ſchwankend brach ein Vierzehnender auf die Lichtung, taumelte zwiſchen dem blühenden Fingerhut und ſtreckte den Windfang ſteil gen Himmel, die Lefzen hoch⸗ gezogen, daß die Grandeln leuchteten. Schaumiger Schweiß ſiel in dicken Flocken aus dem Geäſe. Dann ging ein Zittern durch den ſtarken Leib, und lang⸗ ſam tat er ſich ins Wundbett nieder. ÜUber den Fingerhutſtauden ſtanden nur die oberſten Enden des mächtigen Geweihes heraus. Stoßend und hürchelnd ging der Atem. Rüd—ho! Rüd—ho! Ganz nah klang das Geläute der Bracken. Heiſer und gilfend ſtießen ſie vorwärts. Jetzt brachen ſie durch das Geſtrüpp, weiß und braun gefleckt, mit lechzenden Zungen, die Naſe am Boden. Langſam ſtieg das Geweih aus den Fingerhutſtauden. Da heulten die Bracken auf vor wilder Gier und ſtürzten los. Noch einmal ſtand der Hirſch und neigte ſein herrliches Geweih zum letzten Kampf. Hoch im Bogen flog eine gefleckte Hündin und blieb winſelnd am Boden liegen; ſchon forkelte er die zweite, da hing ihm der ſtärkſte Rüde im Nacken, ein vierter fuhr ihm an die Hinterläufe. Rüdho! Rüdho! Nun klang's ganz nah, von vorn, von hinten, von rechts, von links. 463 Die Bracken tobten. Rüdho! Rüdho! Man hörte das Schlagen der Haumeſſer, mit denen die Treiber ſich durchs Geſtrüpp arbeiteten, immer näher, immer näher. Der Hirſch ſchlug mit den Vorderläufen zornig Steine und Moos hoch in die Luft, ſein pfeifender Atem ſtieß den blutigen Schaum von ſich. Da traten von allen Seiten die Treiber aus dem Unter⸗ holz, hinter ihnen die Herren im Lederwams, den Jagdſpieß in der Hand, den Hirſchfänger am Gurt. Hans von Lupfen war's, der ein Jagen hielt. Die Bauerntreiber zogen einen weiten Kreis um den kämpfenden Hirſch. In die Mitte traten die Herren, und heller Horn⸗ ruf ſcholl durch den Wald, die Verlaufenen zu rufen. Dreifach ſcholl das Echo zurück. Der von Lupfen ging den Hirſch an. Mit beiden Fäuſten umfaßte er den Spieß und ſuchte ihm ans Blatt zu kommen. Aber wie er ſich auch drehte und wendete, der Hirſch bot ihm Stirn und Geweih. Da lachten die Herren, und Hans von Lupfen wurde dunkelrot vor Wut. Und zornig ſtieß er zu, traf einmal den Hirſch in die Stangen, ein andermal in die Schulter. Wütend ſchrie er nach der Pirſchbüchſe. Der Spanner reichte ſie ihm, der von Lupfen trat einige Schritte zurück und legte an. Das wollte den andern nicht gefallen, und man hörte ein leiſes Murren. Aber einer lachte laut und ſchallend auf, daß der von Lupfen die Büchſe ſinken ließ und herumfuhr. Hocherhobenen Hauptes, die Arme über der Bruſt ver⸗ 464 ſchränkt ſtand drüben an der Buche ein fremder Mann von rieſenhafter Geſtalt, im geiſtlichen Gewand. Der von Lupfen wurde bald rot, bald weiß vor Zorn, die Herren ſteckten die Köpfe zuſammen, und die Bauern riſſen Mund und Augen auf. Waren aber ein paar drunter, die ſteckten die Köpfe zu⸗ ſammen und tuſchelten:„Kotz Kreuz und NMot, der Pfaff Kunrat ſpringet dem Tüfel ſelbſten in die Butten!“ Der Pfaff Kunrat aber nahm den Stier bei den Hörnern, denn jeder Ausweg war ihm verſperrt. Ruhig löſte er die verſchränkten Arme, zog ſein Meſſer aus dem Gürtel und ſchritt auf den Hirſch zu. Mit einem harten Griff packte er die linke Stange, verdrehte mit einem furchtbaren Nuck Kopf und Geweih und gab ihm den Fang. Schwer ſchlug der Hirſch zu Boden. Es war eine wilde Zeit damals, aber eine Zeit, in der Manneskraft und kat etwas galten. Mochte auch der eine oder andere dem Lupfen die Lehre gönnen, die Herren wollten kein übel Gefallen daran haben. Der von Lupfen aber war wütend. Wer wagte es, ihm in ſein Jagdrecht einzugreifen, wer ihm eine Lehre zu erteilen? Die von Lupfen waren ein wild Geſchlecht, im Zorn ohne Maß und Grenzen. Mitten ins Geſicht ſchlug der Wütende einen Bauern, der ihm am nächſten ſtand:„Was lacheſtu, du Hund!“ Der Bauer hatte gar nicht gelacht. Er ſtand, und das Blut ſchoß ihm aus Mund und Maſe. „Iſt ein feig und ehrlos Ding, ein Wehrloſen zu ſchlagen“, rief der Engelbert Hiltensperger. „Was will der Lauſer, der Ströter, der Kuttenhengiſte“ Wütend brüllte es der von Lupfen. „Bin kein Lauſer nit, noch Straßenfeger, trag ich gleich ein Kutten, des Sickingen eigen iſt min Arm und Ge⸗ waffen.“ Schmückle 30 4⁵ . 2 — Da hielten die andern den Wütenden zurück, denn man fürchtete den Sickingen allerorten und wußte, daß der keine Herausforderung ungeſtraft ließ. Aber der Ritter riß ſich los. Der Chriſtoph von Stoffeln, ſein Schwäher, entriß ihm den Spieß:„Willtu uns den Sickingen uf den Hals hetzent? Iſt nit gut das Meislin ſpillen mit ihme!“ „Soll dem Kelchbueben die Kutten heiß werden! Werfet den Hund und bindet ihn!“ ſchrie der andere den Bauern zu. Dieſe ſtanden auf einem Klumpen beiemander und flü⸗ ſterten. Auf den Befehl ihres Herrn zögerten ſie, und man ſah, daß ſie nicht recht wollten. Einer insbeſondere ſah es genau. Ein großer, ſchlanker Ritter im grünen Jagdkleid. Rotblond das Haar und ein paar blitzende blaue Augen unter der eigenwilligen Stirn, ſtand er neben einem kleinen Edelmann, der mit ſeinem ver⸗ ſchlagenen Blick, dem dünnen ziegelroten Haar merklich von ihm abſtach. „Ihr müget mit Roßepfeln nach mir ſchmeißent“, flüſterte der Schlanke dem andern zu,„ſo die Pauren den Fremden nit kennen, ſchauet, wie ſie lurent.“ Dem von Lupfen benahm die Wut den letzten Reſt von Beſinnung. Er riß die Pirſchbüchſe an den Backen, der Schuß krachte, und mit einem Wehruf ſank der Bauer, den er vorhin geſchlagen hatte, zu Boden. Er hatte ſich vor den Engel geworfen, da durchſchlug ihm die Kugel die Lunge. Dicht vor ihm war er zu Boden geſunken:„Die Brüder brauchent Euch, Ihr ſullt nit ſterbent“, röchelte er. Die Bauern rückten feſter zum Klumpen, böſe Feuer in den Augen. Etliche Herren traten dem Raſenden in den Weg, die andern faßten die Wehren an. Der Engel aber bettete den Bauern ruhig in die Farne und neigte ſein Ohr zu ihm und leiſtete ihm prieſterlichen Beiſtand. 466 „Kotz Blau“, flüſterte der Rotblonde ſeinem Genoſſen zu, „ein Paur, ſo ſich for ein Pfaffen laſſet totſchießen! Will mich ſchier abſunderlich dünken, do ſtecket ein Butzen da⸗ hünder!“ Langſam erhob ſich der Engel. Ihm war's blitzſchnell durch den Kopf gefahren:„Nit uf die Spitz treibent, die Folter iſt ein gar hölliſch Ding; möcht leicht ein Pauer im Schmerz vor der Zeit zum Verräter werden.“ „Ihr wellet nit? Ihr wellet nit?“ ſchrie der Lupfener. Mit der Saufeder ging er einen jungen, ſtarken Bauern an: „Was, du willt nit, du Roßmuck? So will ich dir racks die Feder durch dein Panſen rennent.“ Da bückte ſich der Engel und nahm einen Strick auf, der zum Verſtricken des Wildes bereit lag und trat zu dem jungen Bauern, unbekümmert um den Wütenden. Er ſchaute dem Bauern ſcharf in die Augen und ſagte: „Du ſollt thon, wie dir befollen.“ Zögernd band der Burſche dem Engelbert Hiltensperger den Strick um die Handgelenke. Als er den Knoken ſchürzte, machte er raſch eine Schleife. Ein ſcheuer Blick zeigte ihm, daß der Hiltensperger es wohl bemerkt hatte. Dann ließ der Lupfener ihm noch die Füße binden und ihn in die Farnſtauden legen. Unweit davon ſtanden die Bauern bei dem Toten, in ver⸗ biſſener Wut, derweil gingen die Herren daran, ſich zum Jagdfrühſtück zu lagern. Die große Buche gab ihnen ein prächtiges Dach, und ein Hornbläſer ließ den ſchmettern⸗ den Ruf erſchallen, um den Eſſenträgern die Richtung zu weiſen. „Hirſch kot! Hirſch tot!“ So dauerte es nicht lange, und die Humpen kreiſten, und allerlei Geſülztes und andere gute Dinge lagen auf den Schüſſeln. Der Lupfener hatte ſich inzwiſchen abgekühlt, auch merkte er, daß ſich die andern ihre eigenen Gedanken machten. 467 Keinem war ſo recht wohl zumut. Was ſollte der Handel? Der Sickingen ließ nicht mit ſich ſpaßen. Man kannte ſeine zornmütige Art, und man wußte, daß er ſeinen Leuten nichts geſchehen ließ. Herren und Städte wußten davon ein Liedlein zu ſingen! Je mehr der Lupfener die Stimmung fühlte, deſto größere Worte machte er, bis ihn der von Stoffeln un⸗ geduldig darauf anredete:„Mein gar, Herr Schwager, Ihr hättet Euch ein bös Suppen einbrocket; Ihr müget ſie alleinigt uslöfflen. Will mit dem Sickingen nit in Span und Händel geraten.“ „Ei, ſo lecket ihme den Stiefel“, höhnte der andere. „Vermein ehnder, er möcht Euch mit ſeim Stiefel ein Tritt in den Ars verſetzen, alſo, daß Ihr ab dem Hohen⸗ Lupfen fahret.“ Die Herren waren daran, ſich zu erhitzen, da wies ſie der im grünen Jagdrock zur Ruhe mit einer Stimme, der man anhörte, daß ſie gewohnt war, Gehorſam zu heiſchen und zu finden. „Potz, mir ſcheinet der Mann nit ſo uneben zu ſein. Will einmalen im gueten mit ihme redent“, meinte der Kleine, der neben dem Grünen ſaß. „Tuet, was Ihr nit laſſen könnet“, brummte der Lupfener, und der andere ging hinüber zum Engel und ſtellte ſich vor ihn, ſo daß er ihn vor den Blicken der Herren leidlich deckte. Nach Namen und Heimat, nach dem Zweck ſeiner Reiſe fragte er ihn. Er blieb ohne Antwort. „Kann Euch nit zwingen, mir Red und Antwurk zu ſtehen, will dannoch Euch mein gueten Willen weiſent. Soll ich Euer Feſſel ledigen?“ Wieder keine Antwort. „Blau“, lächelte der andere,„wurt Euch nit allzu ſchwer werden, Euch ſelber ze helfen.“ 48 Dabei ſchaute er auf die Schleife, die der Burſche vorhin locker geſchlungen hatte. Der Engel ſah's,— forſchend blickte er den andern an. „Was ſinnet Ihr Wo uſer ſolls?“ „Mit Euch ze reden zu ſeiner Zeit, am rechten Ort.“ War's eine Falle?— Der Engel zauderte. Aber der andere hatte ihn in der Hand. „Saget Stund und Ort, wo ich Euch mit eim Früend und Genoſſen mag finden.“ „Über zween Täg, um die neunte Stund in des Kapp⸗ heiners Hütten ob der Hald.“ Der Herr erhob ſich aus ſeiner gebückten Haltung und ging zu den andern zurück:„Iſt ein faſt verſtockter Kerle, kein Wörtle us ihme ze ziechen.“ „Wurt ſchon redent, s Maul ufthon, ſo ihme die Pratzen im Schraubſtock ſtecket.“ Die Herren ſchwiegen. Heiß und durſtig, wie er war, trank der Lupfener in langen Zügen. Mit jedem Schluck wurde er lauter, und je mehr er ſpürte, daß die andern nicht mittaten, deſto mehr prahlte er und machte große Worte. „Ein faſt verſtockter Kerle! Potz Bauch und Schweiß, will ihme die Kutteln uſerlaſſen, ſo er nit redt.“ Mühſam ſtand er auf, um zu dem Gefeſſelten hinüber⸗ zugehen. Das Unglück wollte, daß er dabei über eine Wurzel ſtolperte. Als er hinter ſich lachen hörte, brachte es ihn vollends in eine maßloſe Wut. Mit einem feuerroten Kopf trat er vor den Gefeſſelten. „Lotter, wer biſtu?“ „Mein Nam lautet anders, nit Lotter!“ „Willtu mir Kletten in Bart ſchmeißen? Ei, ſo will ich dir dein Zung laſſen usſchneiden! Kelchbueb, ich ſag dir——“ Der Engel erhob langſam den Oberkörper, ſo daß er 469 1 1 IN den Ellenbogen auf den Boden ſtüͤtzen konnte. Durch die großen Farnwedel gedeckt, griff er mit der Rechten nach rückwärts. Dabei ſchaute er wortlos dem Wütenden ins Geſicht. „Willtu redent oder nit?“ Keine Antwort. „Stand uf, du Hund!“ brüllte jetzt der Lupfener und gab dem Liegenden einen Tritt. Mit einem Satze ſtand der Engel und ſchlug ihm einen trockenen Aſt, der in Greifweite lag, über den Schädel, daß er zuſammenbrach. Dann ſchloß ſich das Geſtrüpp hinter dem Engelbert Hiltensperger, und das Unterholz krachte, als bräche ein hauendes Schwein hindurch. Die Herren ſprangen auf, der Forſtmeiſter hetzte die Hunde. Man hörte eine, zwei Bracken irgendwo aufheulen. Dann war's ſtill. Als die Herren heimritten, lag auf dem Wildkarren ein koter Hirſch, ein erſchoſſener Bauer und ein bewußtloſer Ritter. Der von Stoffeln aber ſagte zu dem, der neben ihm ritt:„Mir iſt, als werd ein Fuirle anbrennen, weiß nit wo, noch wann, dannoch, es lieget im Luft wie Bluet und Rauch.“ Und der andere erwiderte:„Es ſchweizeret allenthalb, die Büberei will über den Bodenſee.“ *** Im Saugrund, unweit vom Walde lag des Kapp⸗ heiners Köhlerhüͤtte. Die Haſen, die im kleinen Gemüſegarten äſten, waren mit zehn Sprüngen im ſchützenden Dickicht, und im Winter ſtrichen die Wölfe in Rudeln um den Ziegenſtall. Der Kappheiner ſelber war ein kleiner, bucklichter Mann 47⁰ mit übergroßem Kopfe. Seine Augenlider waren entzündet, und in ſeinem Blick lag das Fernſchauen, das die Schäfer und andere haben, die viel allein ſind in Gottes Natur. Längſt war die Sonne hinter die Tannen gegangen, das Zwitſchern und Rufen der Vögel, die ſich ihre Ruheſtatt ſuchten, verklungen. Schwer ſenkte ſich die Nacht über den Wald. Da ſaß der Engel in der Hütte am rohgezimmerten Tiſch und hielt den Kopf in die Hand geſtützt. In tiefem Sinnen ſaß er. Wie im Traume ſtrich er ſich die Silberfäden zurück, die ſeine Schläfe ſäumten. Er mußke ſich ſputen, wenn er ans Ziel kommen wollte. Die Jahre kamen und gingen, und er wurde nicht jünger. Was war nicht alles geſchehen ſeit dem Tag, da er den Ulrich von Hutten über den Brenner brachte, den Traum vom deutſchen Kaiſerreich im Herzen! Herre Gott, war das eine Zeit geweſen, voll Über⸗ ſchwang und Hoffensfreud! Aber dann kamen die Tage der Mühe und des Ver⸗ zagens, der raſtloſen Arbeit von Dorf zu Dorf, von Herr⸗ ſchaft zu Herrſchaft, in Kälte und Hitze, in Regen und Sonnenſchein. Innner weiter, immer weiter hatte er ſeine Kreiſe ge⸗ zogen. Ins Allgäu, zum See, ins Hegau, zum Schwarz⸗ wald, zum Neckar, zur Rems, ins Fränkiſche und zur Donau. In großen Abſtänden kam ihm Kunde von ſeinem Kampfgenoſſen. Jauchzenden Herzens hatte er die Feuer⸗ pfeile geſehen, die jener gen Rom ſchoß, daß ſie wetter⸗ leuchtend über Deutſchland fuhren. Kopfſchüttelnd und voll Ungeduld las er die zornigen Epiſteln wider den Wirtemberger Utz, und als ſie kein Ende nehmen wollten, da war er gewandert, bis er den Freund fand. „Vergiß nit das Groß ob dem Kleinen, vergiß nit Teutſchland ob Huttens Fehd!“ hatte er ihm zugerufen. 471 22 9 71 J 4 Und wieder war er gewandert von Dorf zu Dorf. Dann war der Luther gekommen. Deutſchland brodelte und kochte wie ein ſiedender Keſſel, der den Deckel ſprengen wollte, und der Hutten war auf⸗ gebrannt wie eine helle Fackel! Die Feuerpfeile, die er über Deutſchland geſchnellt, fingen an in den Hütten und auf den Dächern der Burgen, in den Städten und den Klöſtern zu zünden, bis die Flammen hell zum Himmel ſchlugen. Seine Stimme ſchallte wie Trompetenton, daß dem Luther ſchier bange wurde. „Teutſchland iſt reif!“ ſchrieb er dem Engel.„Unde auch er iſt da, der Ziska, der das Reich wurt ſchmieden in Fuir unde Bluet. Heil dem Sickingen, aller Ritterſchaft Ehr und Zier! Weh Euch, Ihr Pfaffen, die Ihr Euch mäſtet an Pauren⸗ und Bürgergut! Gotts Schrecken über Euch, Ihr Fürſten, die Ihr dem Kaiſer weigeret, was des Kaiſers! Weh Euch, Ihr Herren, die Ihr mit walſchen Weibern ein unteutſch Geſchlecht zeuchet!— Der Sickingen über Euch!“ In den Städten brauſte es wie ein erregker Bienenſchwarm, die Ritterſchaft ſchaute geſpannt auf den Sickingen, und vom Bodenſee bis weit ins Frän⸗ kiſche wogen die Bauern ihre Morgenſterne und Dreſch⸗ flegel in den Händen. Und nicht viel fehlte, daß vor ein paar Tagen ein kleines, ziſchendes Stück Blei alle Fäden zerriſſen hätte, die er, der Engel, ſo mühſam geknüpft! Alles wäre auseinandergefallen: die Bauernführer, Ehr⸗ geizlinge, Heißſporne, engſtirnige Pfaffentöter, die das große, letzte Ziel nicht ſahen, nicht ſehen konnten, nicht ſehen durften! Ein kleines Stücklein Blei hätte allem faſt ein Ende gemacht! Was wäre aus ſeinem Werk geworden? Faſt wollte es 472 ihn ſchandern. Ein Meer von Blut! Rauch und ein zerſchlagenes Reich. Die Worte, die ihm der Frundsperg geſagt, damals auf dem Schlachtfeld der Lombardei, fuhren ihm durch den Sinn:„Schau zu, daß nit wegen etlicher Wanzen das Haus verbrunnen wurt!“ Und wenn der ganze Handel aufkam?e Den von Lupfen hatte er niedergeſchlagen, den Bauern⸗ ſchinder. War kein Schad drum! Einen Tritt hatte der ihm gegeben, er ihm einen Hieb über den Kopf. Ein Menſchenleben galt damals einen Pfifferling. Aber die Sippe! Wenn ſie nur keinen Verdacht ge⸗ ſchöpft und die Bauern auf die Folter legten— zu viel ſtand auf dem Spiel! Der Rothaarige, der immer zu ihm hergeſchaut und den andern zu ihm geſchickt hatte, der hatte Wind bekommen.— Was er bloß von ihm wollte? Gleichſam als hätte der Kappheiner in ſeinem Eck die Frage geſpürt:„Nens Guets nit! Hüt di vor denen Rauten, Pfaff Kunrat, zwiefach, ſo die guldine Sporn an denen Stiefeln hent!“ Da mußte der Engel lächeln. Die Roten! Hatte nicht ſein Weib rote Haare und gab doch nichts Lieberes und Treueres auf der Welt als ſie! Wenn ihr nun einer die Kunde gebracht hätte, daß der von Lupfen ihn erſchoſſen? Aber nein, keiner wußte ja, daß der Pfaff Kunrat Engelbert Hiltensperger hieß! Der Mond ſtieg über die Tannenſpitzen, wie auf dem Auerberg und goß ſein blaues Licht über die Gräſer der kleinen Lichtung. Irgendwo, fern im Wald, ſchrie ein Kuder, wie wenn ein Kind weint, faſſungslos, verzweifelt. Da wandte der Engel ſein Geſicht gegen das Fenſter. Er erhob ſich und ſetzte ſich wieder. Ein Zittern über⸗ kam ihn. War das nicht ſein Weib geweſen? Ein bleiches Ge⸗ ſicht, mit einer klaffenden Wunde auf der Stirned Eine Welt voll 473 Er griff ſich an den Kopf. „Heiligen Gotts! Heiligen Gotts!“ murmelte er vor ſich hin und ſchritt mit ſchweren Schritten zum Fenſter. Aber da war nichts, als der flimmernde Mond, der über den Gräſern ſpielte. Und wieder fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne: „Iſt nit guet for mi, das Sinnieren, inſonderheit, wo der Vollmond ſcheinet.“ Da ſah er, daß der Kappheiner betete. Köhler und Schäfer haben den ſechſten Sinn. Ohne zu antworten ging der Kappheiner hinaus, zündete draußen die Ampel an und rührte dabei unhörbar die Lippen zu einem alten Geiſterſpruch. „Es wurt Zeit“, ſprach er mit fremder, harter Stimme, als er die Funſel auf den Tiſch ſtellte,„der Maun ſtoht ob der alten Forchen.“ Dann ging er noch einmal hinaus und holte einen ſchweren Hammer und eine ſtarke Axt—, die legte er unter die Ofenbank. „Iſt nit vonnöten!“ meinte der Engel. „Iſts kein Nutz— iſts kein Schad.“ Er hatte kaum ausgeſprochen, da ertönte aus der Rich⸗ kung, in der der Hohenſtoffeln lag, dreimal hintereinander der Ruf des Waldkauzen und gleich darauf ein Häher⸗ ſchrei. Das hieß, daß drei Reiter im Anreiten ſeien. „Der Kauz paaret nit im Herbeſt“, meinte der Engel, „den Häher hetteſtu mügen ſparen.“ In merklichen Abſtänden erklang nun ringsum ein ein⸗ maliger Ruf des Waldkauzen. Das waren die Poſten, die ſich langſam auf die Hütte zu zogen, um ſie unſichtbar zu umſtellen. „Möcht ſchier ein lützel viel Fürſicht ſeind zwegen dreier Reuttersleut.“ „Trau, ſchau, wem“, brummte der Köhler. 474 Und ſchon ſah man die drei Reiter hintereinander aus dem Wald heraustreten und auf die Hütte zu reiten. Dann hörte man, wie ſie abſtiegen, die Roſſe an die Wandringe banden und hin und her ſtapften, um die Glieder wieder gelenkig zu machen. „Abſunderlich viel Waldkauzen ſcheinets im Hegaw zu gebent“, lachte der Rote. „Lueget, zur Rechten hinter dem ſchwarzen Boſchen ſtandet einer, ſtrecket die Naſen mitten in den Mond!“ meinte gutmütig der zweite, ein junger Edelmann. „Ei“, ſagte er lachend zum Engel, der unter die Türe getreten war,„möcht nit einer von denen Waldkauzen meins Wallachen wartend, iſt ein jung und ungebärdig Tier.“ Da rief der Engel den Burſchen, der die Naſe allzuweit vorgeſtreckt hatte. Aus dem Dunkel löſte ſich eine Geſtalt, ein junger Bauer mit einem ſtarken Morgenſtern, der den Wallachen gehorſam zur Hand nahm. „Ihr ſeied ein gar fürſichtiger Mann.“ „Fürſicht iſt beſſer dann Nachſicht.“ Nun war der Engel nicht umſonſt des alten Freibergers Freund geweſen, und höfiſche Sitte war ihm nicht fremd. Die dreie wechſelten einen raſchen Blick, als ſie es ge⸗ wahr wurden. So traten ſie in die niedere, rauchgeſchwärzte Köhler⸗ hutte. Der Rote im grünen Jägerrock ſetzte ſich ohne weiteres an das Kopfende des rohgezimmerten Tiſches, rechts von ihm der Kleine mit den liſtigen Augen, links der junge Edelmann. Der Engel blieb höflich ſtehen, bis alle drei Platz ge⸗ nommen hatten, dann ſetzte er ſich dem Jägersmann gegen⸗ über. Ins Ofeneck gedrückt, ein dunkler Schatten, ſaß der Kappheiner. Der im Jagdrock lehnte mit dem Kopf an der Wand. 475⁵ eeeee ee Das Licht der Funſel, das über dem Tiſch hing, beſchien ſeine hohe Stirne, die weiß unter ſeinem roten Haar leuch⸗ tete. Zwei ſcharfe Augen, von denen man nicht ſagen konnte, ob ſie blau oder grau waren, blickten ſtechend auf den Engel. Dieſen durchfuhr's. Nun wußte er, wo er den Mann geſehen hatte! „Kennet Ihr mich?“ fragte der Kleine mit den liſtigen Augen. „Wohl kenn ich Euch! Ihr ſeied der Fuchsſteiner, des Pfalzgrafen Friedrichen Kanzler.“ „Von wannen kummet Euch dies Wiſſen?“ „Den Mann und ſein Namen kennet man im Land“, wich der Engel aus. „Und wer ſeied Ihr?“ „Einer, des Namen man im Land nit kennet, ein frembder Wandrer.“ „So will ich Euch ſagen, wer Ihr ſeied! Einer, for den ein Pauer ſich laſſet totſchießen, einer, den die Waldkauzen kennent im Hegaw! Ihr ſeied der, ſo der wild Pfaff Kunrat wurt genennet landuf, landabe! Ihr ſeied der, ſo ohn Raſt und Ruh wanderet, ein Bundſchuch ufzurichten! Ihr ſeied der, ſo mit dem Ulrich von Hutten und anderen ein verworren Geſpinſt wirket, des End unde Ziel niemerts nit kennet!“ „Wer iſt der Herre im groinen Rock?“ fragte der Engel, hne dem Fuchsſteiner zu erwidern. „Ein Edler us dem Wirtemberg, meins Vatters Ge⸗ ſchwiſterkind, einer von denen von Späth.“ „Ei, Herr Kanzler, ſeied Ihr ſo ſchlau und wohlbericht, daß Ihr das Märle vom Pfaffen Kunrat kennet, ſo bin ichs nit minder. Der Euch genüber ſitzet iſt der Junker von Menzingen, kenn ihn von Rothenburg vom Market her. Der Herr von Späth ihedoch iſt der Herzog von Wirtem⸗ berg, ſo den Hans von Hutten ſchlug, ſo die vom Armen 476 Kunrat gericht und uſer Lands trieben, alſo daß ſie an den Grenzen irren, nit leben können, no ſterben vor lauter Heimſucht und Wehe. Was will hernacher der Herzog vom Pfaffen Kunrat““ Da fuhr dem Herzog der Zorn über das Geſicht:„Den Hutten ſchlug ich, wie Ihr den Lupfen ſchluget, der Euch in Ars tretten; die Pauren ſchlug ich, die mir zu Schorn⸗ dorfen den Spieß an die Lenden gſatzt, und umb mein Land irr ich im Heimweh nit minder dann die, ſo ich des Lands vertrieben.“ Zürnend war er aufgebrannt, ſtolz und faſt traurig ver⸗ klangen ſeine Worte. Leicht kommt es vor, daß zwei Männer langſam und widerwillig die Waffen ſenken, wenn ein jeder im andern ſich ſelber und ſeine eigene Stärke erfühlt. Pfaff und Fürſt kreuzten die Augen, und ein jeder ſuchte den andern zu ergründen. Es war ein ſeltſam Ding um dieſen Herzog. „Wider das fürſtliche Untier“, hatte der Hutten ge⸗ ſchrieben. Aber der in der Köhlerhütte vor dem Engelbert Hiltensperger ſaß— ſo ſehr ſich der Engel gegen den Ge⸗ danken wehrte—, der war ein Mann! Als der Herzog Eberhard noch am Leben war, da hatten die Württemberger von ihm geſagt:„Wäre der Herrgott nit, unſer Herzog muͤeſſet der Herrgott ſein!“ Dann war der Ulrich gekommen, ein wilder, verwogener Geſell. Was hatte der Hutten doch erzählt?„Man ſagt, als er geporn, het ihn ſein Vatter wohl beſechen, nachgends hab er geſagt: Lieb Sohn, ſchlechſtu mir nach, ſo wurſtu ein wilds Mendle, ſchlechſtu aber der Mueter nach, ſo wurſtu no viel wunderbarlicher, wafern du aber unſer beiden Eigen⸗ ſchaften an dich nimbſt, ſo wurſtu gar kein nutz!“ Ein wilds Mendle wurde es und wunderbarlich genug auch. In der Hofburg zu Stuttgart war ein tolles 477 R ———— 7 Treiben; böſe Späne gab's zwiſchen dem Herzog und dem armen Mann, harte Bedrückung, trotzigen Aufruhr, blutige Rache! Dann waren die Fremden ins Land gekommen und hatten den Herzog verjagt. Und nun ging's ſeltſam zu. Das ganze Volk ſtand zu ſeinem Herzog, zu ſeinem wilden, unberechenbaren Herzog, der mit ſeinen Hunden und Roſſen auf der Jagd ihre Felder verwüſtete und, wenn es ſein mußte, unerkannt in ein Bauernhaus krat und mit dem Bauern am Tiſche ſaß und aß, der als zwölfjähriger Knabe einen ſchweren wilden Eber mit der Saufeder erlegt hatte. Potz Natter, was ging den Bauern der Hans von Hutten an? Wer durchſchaute den Handel, war niemand dabei als der Herrgott, und der weiß allein die rechte Wahrheit! Es war ihr Herzog! Hatten ſie mit ihm abzurechten, ging's die Fremden nichts an!„Iſt ein jung Blut geweſt, jung Blut will gären, wurt den rechten Weg ſinden. Freß die Peſt die Ehrbaren und die Geheimen Rät!“ Und was die vom Armen Kunrat betrifft, die in der Schweiz ſaßen und an der Grenze auf und ab irrten, die Heimatloſen, ſie liefen dem Heimatloſen zu. Es war ſeltſam genug! „So redet, Herr Herzog, was iſt Euer Begehr?“ Schwer ſielen die Worte in die Stille. „Will mir Heimet und Herzogshut wieder erzwingen, und Ihr ſollet mir derzu helfent! Bundſchuh! Mich ſchrecket das Wort nit. Schuh oder Stiefel! Herzog will ich ſein!“ „Eures Henkers Beil ſchlug zu Schorndorf und Stuckert die Brüder. Ich ſelbſten ſah Euch uf dem Balkon, höret Euch lachende.“ Der Herzog ſenkte die Augen:„Bin zu ihnen uf Schorn⸗ dorfen geritten, Aug in Aug mit ihnen ze rechten, hat der 478 Schlechtlin den Gaul am Zaumzeug packt, mit dem Spieß nach ſeim Herzog gſtochen.“ „Gſchunden Kreatur wehret ſich. Forſtmeiſter und Ambt ⸗ leut ſeind Horniſſen, ſo das tumbeſt Stuck Vieh zum Scheuen und Löcken bringent.“ Der Herzog wollte erwidern, aber ein Blick des Fuchs⸗ ſteiners mahnte den Hitzigen zur Mäßigung. Er ſenkte die rotbuſchigen Brauen, und es herrſchte wieder eine Weile Stille. Der Fuchsſteiner lauerte. Der Engelbert Hiltensperger ließ ſich Zeit. Das alſo war der rote Utz, der Vielgehaßte, Viel⸗ bewunderte, deſſen Bild in der Beurteilung der Zeit ſchwankte wie ein Binſenrohr. Klar die Augen und eis⸗ kalter Wille um den Mund! Und doch! Wilde Sinnen⸗ kraft bezeugten die gewölbten Lippen, und allzu raſch ſchoß das Blut über die bleiche Stirn und in die Augen, ſo daß der ſtahlharte Blick ins Flackern kam. Das war wohl der Blick, den der Hans von Hutten ins Jenſeits mitnehmen mußte! Wenn jetzt der Ulrich von Hutten wüßte, daß der Engel mit ſeinem Todfeind teidingte und handelte e! „Ihr wellet ein Bundſchuch ufrichten“ Der Fuchsſteiner fragte, als handle es ſich um die ein⸗ fachſte Sache der Welt, nicht als ob von der Beantworkung Tod und Kerker für Tauſende abhängen könnte. Der Engel lächelte:„Kotz, Herr Ritter, was for Ding ſeind Euch kund, mehnder dann mir ſelber.“ Aber der Fuchsſteiner ließ nicht luck. „Der Herzog iſt ſeins Lands ledig. Ein jedwed Ufruhr und Gwalt treffet des Herzogs Widerſacher. Was ſoll das Spiegelwerk? So wirs nit ehrlich meineten, wärent wir nit hie. Ein gotzigs gefoltert Bäuerle möcht den Handel ufdeckent. Alſo redet!“ „Das ein laß ich gelten, das ander nit! Dannoch, große 479 Herren ſchlagent ſich, große Herren vertragent ſich! Ohn ritterlich und herzoglich Wort kummer nit Ritter no Herzog lebende us dem Kohlwald! Was ſuchet Ihr hinter dem Pfaffen? Ein Bundſchuch oder den Sickingen 9“ Das war's, was ſie nicht wußten! Sickingen oder Bund⸗ ſchuh, Bundſchuh oder Sickingen? Oder beidesd Die Herren ſchwiegen. „Hernach, Ihr Herren, ſeis wies wöll, was bietet Ihr dem Sickingen?“ Bedächtig ſprach der Fuchsſteiner:„So der Herzog wieder Herr im Land, ſoll die rein Lehr werden geprediget und kein ander Glaub nit ſein dann das rein Evan⸗ gelium.“ „Wie ſolls ſein mit denen Pauren?“ „Soll ein jeder frei und ledig aller Straf ſeind und bleiben.“ „Herr Ritter, Ihr ſeind fehl am Weg. Mit darumb, umb die ganz Paurenſchaft und ihr Beſchwer ganget der Handel.“ „Hernach ſoll ein onparteiſch Gericht—“ Bitter lachte der Engel Hiltensperger auf:„Blau, Herr Ritter, der onparteiiſchen Sprüch ſeind itz genung gefallen, der Paur het ſein Glauben verlorn.“ Da griff der Herzog ein:„So geb ich mein herzoglich Wort, der Paur ſoll frei ſein und aller Laſten ledig, nichts geben, dann den kleinen Zehent.“ „Kein Fronden nit leiſten?“ „Kein Fronden nit leiſten!“ „Und Euer Heerzeug, Herr Herzog?“ „Zwanzig Fähndlein Schwyzer, der Schlangen zehen.“ „So wurt der Paur zum Herzog ſtehn.“ „Und der Sickingen?“ „Ich kenn des Sickingen letzt Wollen und Wagen nit, doch iſt er des Ulrich Hutten Freund!“ „So ſaget dem Sickingen: Der Ulrich von Wirtemberg will das Land ſauberen von Pfaffen und Papiſten und der 480 reinen Lehr allenthalb die Tür uftun. Fraget ihn, ob ihm der Huttenſchen Spän und Gezerf wichtiger dünkent, dann das Evangelium. Und ſaget ihm no eins:— Kaiſerkron umb Herzogshut!““ Dem Engelbert Hiltensperger wollte es vorkommen, als wachſe der Herzog groß in das Dunkel; dann ſagte er:„So will ich mich zum Sickingen thon und ihme ſagen, was der Herzog von Wirtemberg begehret. Wie aber laß ich Euch Poſten zukommen, Herr Herzog?“ „Schicket ſie dem Herren von Fuchsſtein ins Guldine Lamm' zu Mainz, ab heunt in dreien Monden, leicht iſt der Sickingen nit abgeneigt, den Fuchsſteiner in ſein Dienſt zu nehmen?“ „Wills dem Sickingen usrichten.“ So wurde in des Kappheiners Hütte die Verbindung des Württembergers mit dem Bundſchuh und dem Sickin⸗ genſchen Handel aufgenommen! Dann ritten die Herren davon. Schweigend aber ſaßen der Hiltensperger und der Kapp⸗ heiner in der Stube und ſprachen lange kein Wort. End⸗ lich brach der Köhler die Stille:„Trau keim Rauten nit! Iſt der Wulf in der Hürden, iſts zu ſpat, ſeins Wurts ge⸗ reuets ihn leicht itz ſchon. Die Wirtemberger Grafen hent nie rein Waſſer usgſchütt!“ „Heiner“, ſprach der Engel mit dunkler Stimme,„ſo einer bei dem Handel nit trew, ſo iſts der Pfaff Kunrat. Brauſet der Sturm durchs Land, ſo iſt kein Platz meh for Herzogshüet, die flatteren dervon, als wie trucken Laub.“ „Schau zue, Pfaff Kunrat, daß nit ihme das Fleiſch wurt und dir die Brüh! Was willtu mit dem Herzogen, der iſt gewaltig im Haus, wie der Ochſenſteiner, den warf man ab der Stiegen.“ „Mir kummet er wohl zupaß.“ Schmückle 31¹ 481 „Stand, Pfaff!“ Am Steinbruch, wo die Straße von Burk nach Bertholts ⸗ hofen führte, blieb der Pfarrer Joſeph Brugger ſtehen. Sein Haar ſträubte ſich. Wie Blei waren ſeine Beine. Er wollte laufen und konnte nicht. Er wollte umdrehen und konnte nicht. Aber unaufhörlich beberten ſeine Lippen:„Heilig Mueter Gotts! Heilig Mueter Gotts! Heilig Mueter Gotts.“ „Joſeph Bruggerl. „Heilig Mueter! Heilig Mueter—“ Er hörte, daß hinter ihm ſchwere Schritte näher kamen. Er konnte nicht die Beine vom Boden heben und ſchle⸗ gelte mit den Armen. „Itzunder ſolltu mir Red und Antwurt geben, Joſeph Brugger!“ Dem andern klapperten die Zähne. „Was willtu von mir?“ „Bei deiner Seelen Seligkeit frag ich, haſtu ein Teil am Tod der Regula Stechelin?“ „Er weißt von nützet“— fuhr es dem Pfarrer durch den Kopf—, und ſchnell hatte er ſeine Frechheit wieder. „Will uf der Stellen tot umfallen, ſo mich ein Schuld treffet!“ Da ſah er, wie des Engels Hand langſam nach ihm griff. Er wollte zurückſpringen. Die Hand legte ſich ihm an die Gurgel, drehte ſich ihm ganz allmählich um den Hals, bis ſie ins Genick zu ſtehen kam, dann ſchloß ſie ſich zur Zange, daß der Pfarrer den Kopf nach vorn ſtieß und ihm die Augen herausquollen. Zornig drückte ihn der Engel vor ſich her, der Kirche zu. Er hörte das Kirchentor, wie es ſich knarrend öff nete. Sein Blut ſauſte ihm in den Ohren, vor ſeinen Augen zuckten blaue Blitze. 482 Der Engel ſchob ihn den Gang zum Altar vor. Jetzt war's dem Pfarrer, als höben ſich ſeine Füße vom Boden, als ſchwebe er. Da löſte ſich die Hand in ſeinem Genick, und tau⸗ melnd ſank er vor dem Altar zuſammen. Zitternd war der Michel den beiden gefolgt. „Töt kein Prieſter nit, Engel!“ Die Worte rauſchten am Engel vorbei. Er ſtand vor dem Altar, ſeine Augen irr und ſtumpf. Er ſah das Bild, wie er vor dreizehn Jahren zum erſtenmal in der Kirche von Burk geſtanden, vor demſelben Altar, vor ſich ſeine Bauern, hörte die Glocke in die Nacht hinaus⸗ ſchreien, an deren Strang der Michel riß. Es war, als ſtünden ihre ſtarrenden Köpfe im Dunkel. Seine Bauern! Wo waren ſie geweſen, als man ſein Liebſtes blutend den Auerberg hinunterſtieß? Wo waren ſie geweſen, als ſie auf der Folter wimmerte? Wo waren ſie geweſen? Wod Wo? Wo Er lachte, daß es ſchauerlich durch die nächtliche Kirche hallte. Sein Fuß ſtieß an den Pfarrer von Burk, der keuchend neben ihm am Boden lag und nach Atem rang. Seine Rechte riß das Kruziſix hinter dem Altar aus den Ringen, ſeine Linke griff hinunter und zerrte den Pfarrer hoch, der vor Angſt ſchier irrſinnig war. So ließ er ihn die Rechte auf die Wunden des Erlöſers legen und bei ſeiner Seelen Seligkeit ſchwören, daß er kein Teil habe am Leiden und Sterben der Regula Stechelin. Und Joſeph Brugger, Pfarrer in Burk, ſchwor es bei ſeiner Seelen Seligkeit, ſchwor es bei Gott und allen Heiligen, daß er kein Teil habe am Leiden und Sterben der Regula Stechelin. Da ließ der Engelbert Hiltensperger von ihm und fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, als müßte er ſich be⸗ 483 e 5 ſinnen, wo er wäre. Wie aus weiter Ferne hörte er des Bruders Stimme:„Töt kein Prieſter nit, laß ihn Gotts Rach, töt kein Prieſter nit!“ Und wie er an ſich hinunterſchaute, ſah er das angſt⸗ verzerrte Geſicht des Feigen, der am Boden kniete und mit flackernden Augen an ihm heraufſah. Da ſtieß er ihn wie ein unrein Tier von ſich, daß er in die Kirchenbänke torkelte, und wieder fühlte er das Sauſen und Brauſen in den Ohren, und es wollte ihm blutigrot werden vor den Augen. Er taumelte zur Kirchentüre, blieb einen Augenblick unter dem Torbogen ſtehen. Draußen war's föhnig und ſternklar, von den Bergen kam eine dicke Wolkenwand. Er ſpürte noch, wie ſich des Bruders Hand auf ſeine Schulter legte, hörte ihn noch ſagen:„Bruder, wir wellent den Brugger weckent, du ſollt ein lützel usruhen“— ſtürmte in die Nacht hinaus und wußte nichts mehr von ſich, denn blutigrote Wellen wogten ihm unaufhörlich vor den Augen. Und dann hub die Nacht voll Grauen und Schrecken an, von der die Bauern noch ihren Kindern und Kindes⸗ kindern erzählten. Ein jeder erzählte ſie anders. Denn keiner wußte ſo recht, wie ſie ihren Anfang ge⸗ nommen hatte, bei aller Wirrnis und dem grauenvollen Wechſel ihrer Bilder. Die Wolkenwand hatte ſich über den Mond geſchoben, der Föhn brauſte und rüttelte an den Läden und Türen, riß die Schornſteine um. Und die Menſchen in ihren Häuſern zogen die Feder; betten über die Ohren. 48⁴ Und wie der Rauner von Stötten ſeinen Kopf einmal unter dem Federbett hervorſtreckte, war ihm, als ob der Wind nachgelaſſen hätte. Dafür hörte er ein ſeltſames Brauſen und Kniſtern, das vom friſch einſetzenden Sturm übertönt wurde, der lauter und lauter an den Läden rüttelte. Er tobte, als wolle er die Haustüre aus den Angeln reißen. So hatte der Sturm noch nie gerüttelt! Der Rauner ſetzte ſich im Bette auf und horchte. Dann weckte er ſein Weib, und ſie lauſchten alle beid. Zwei laute krachende Schläge. Was war dasd Ein roter Lichtſchein tanzte vor dem Fenſter, und wieder hörte man das ſeltſame Brauſen hinter der Wand, das Kniſtern und Krachen. Und dann eine Stimme, ſo furchtbar, daß dem Rauner das Blut erſtarrte:„Rauner, mach uf!“ „Fuir! Fuir!“ ſchrie das Weib. Und wieder ein Rütteln an der Haustüre, daß das Haus erzitterte, und der furchtbare Ruf:„Rauner, wo biſtu?“ Dem Bauern klapperten die Zähne, ſeine Haare ſträubten ſich, ſeine Lippen bewegten ſich und brachten keinen Laut hervor. „Matthis“, ſchrie ſein Weib,„Fuir im Stadel, rettio! Rettio!“ „Fuir im Stadel— rettio— rettio“, ſtammelte der Bauer,„hilf, hilf, der Hiltens—perger.“ Hoch aus dem Strohdach ſtieg eine mächtige Flamme in den Nachthimmel. „Fuirio!“ ſchrie es in der Dorfgaſſe; die Sturmglocke fing an zu läuten. „Rauner, dein Stund iſt kummen, mach uf! Rauner, wo iſt die Regula Stechelin?“ Die Stube füllte ſich mit Rauch; der Bauer ſchlotterte, ſeiner Sinne nicht mächtig. 485 —— 3 Das Weib wollte hinausſtürzen, da riß er es zurück: „Nit ufmachen, umb aller Heiligen willen, nit ufmachen!“ Das Weib zerrte und riß und rang mit ihm. Draußen liefen die Leute zuſammen; das Wohndach ſtand in Flammen. In der rauchigen Stube rang der Bauer mit ſeinem Weib. Die Löſchkübel gingen von Hand zu Hand. Da hörte man wieder die furchtbare Stimme:„Zruck, wem ſein Leben lieb iſt! Hie wurt nit glöſcht! Hie iſt Gotts Urtel! Rauner, mach uf!“ Schreckensbleich wichen die Leute zuruͤck und ließen die Löſchkübel ſinken. „Der Engelbert Hiltensperger!“ ſchrie eine Frauen⸗ imme. Da ſtand der Engel in ſeiner Kutte im Scheine der Flammen, irr die Augen, die naſſen Haare in die Stirne hängend, bleich und ſchweißbedeckt das Geſicht. Voll Grauen wichen die Leute zurück. Hoch erhob er die Arme. Dann ſtürzte er ſich gegen die Türe, und krachend brach ſie zuſammen, und der Mann mitf der Kutte ſtürzte hinein in Rauch und Feuer. Und dann hörte man's aus dem Hauſe hallen:„Rauner, wo biſtu? Rauner, wo biſtu?“ Dann Stille.— Das Dach brach auf der Seite ein, ſo daß der Giebel freilag; Funkengarben ſtoben in die Luft, kniſternd und krachend fraß das Feuer. Mit angeſengten Haaren ſtürzte die Raunerin ſchreiend aus dem Haus: „Rettio! Mordio!“ Und nun gefror den Menſchen, die ſich zum Klumpen ballten, das Blut. Am Dachſtock kauchte der Hiltensperger aus Rauch und Feuer. In ſeinen Armen hing der Bauer und ſchrie wie eine gemetzte Sau. 486 Ein Schrei des Entſetzens, und mit einem furchtbaren Stoß ſchleuderte die rieſige Geſtalt den Bauern in die Flammen, die haushoch aus der Tenne ſchlugen. Dann ſtand er auf dem brennenden Firſt, lachte gellend und ſchaute hinein in die Glut, bis Rauch und Feuer über ihm zuſammenſchlugen. Noch war kein halbes Stündlein vergangen, daß das erſte Fuirio ertönt war, und müde und matt ſiel das Feuer zuſammen, da ſchrien ſie an einer anderen Ecke des Dorfes Fuirio! Und neue Rauchſäulen wälzten ſich daher, neuer Feuerſchein ſtand am Nachthimmel, wieder ſchrillte die Sturmglocke. Und wieder ſchrie ein Wahnſinniger den Namen eines Unglücklichen, der bei dem Zug gegen die Regula Stechelin beteiligt war. Umſonſt. Voll wilden Entſetzens hatte ſich der in die Nacht geſchlagen. Ein drittes, ein viertes Haus ſtand in Flammen, die Sturmglocken läuteten wie toll geworden in allen Dörfern, in Burk, in Salchenried. Das Auerbergglöcklein bimmelte, vom alten Knecht Hans geläutet. Als es zu läuten anfing, griff ſich der Mann, der in flatternder Kutte nach Buchen hinaufſtürzte, an die Stirne, als müßte er ſich auf etwas beſinnen— ſchaute noch einmal hinunter nach Stötten, wo der rote Hahn von Dach zu Dach flog. Dann ſtürzte er weiter— ſtieren Auges, Schaum vor dem Mund. Der Sellmer ſtand vor ſeiner Hütte und ſchaute nach dem Feuerſchein in Stötten. Ein furchtbarer Hieb, und mit geſpaltenem Schädel blieb der Bauer neben ſeiner Hütte liegen, die in Flammen aufging. Heulend fuhr der Sturm ins Feuer und trug fliegende Flammen aufs Nachbardach. Und das Auerbergglöcklein läutete und läutete in die Nacht. 487 — — * 5 Schreiend liefen und ſtanden die Menſchen umher, und der Mann in der flatternden Kutte ſtürzte weiter, Prachts⸗ ried zu, vorbei am Säuerle, den er ſuchte, und der mit dummen Augen ihm nachglotzte, ohne zu ahnen, daß der Tod an ihm vorbeigeraſt war. Aber ſein Haus flammte auf wie die andern, und brüllend verkohlte ſein Vieh. Als er zulaufen wollte, kamen ihm ſchreiend Weib und Kind entgegen und jagten ihn in den ſchützenden Wald. Über die ganze Gegend flog das Entſetzen, hierhin und dorthin liefen die Leute und wußten nicht was tun. Zum Pfarrer von Burk kamen ſie, daß er mit dem Allerheiligſten das Feuer umgehen ſolle; ſie fanden ihn nicht; er hatte ſich in ein Gebüſch getan und ſchlotterte vor Angſt. In Remnatsried, in Burk, in Settele, überall hatte die Sturmglocke zu gellen angefangen. Brandgeruch und Rauch allenthalben. In den Kirchen lagen die Menſchen und beteten. Gerüchte flogen, Angſt und Entſetzen verbreitend. Dann verſtiebten die Funken, nur über Stötten ſtand noch ein roter Schein, als ein ſchwankender Mann in der Kutte müde der Schmalzgrube zuwankte. Auf der Bank vor dem Hauſe fand ihn der Michel Hiltensperger. Leiſe trat er hinzu und ſetzte ſich neben den Bruder, der ſtarren Blickes vor ſich hin ſah. Leer war's in ihm, eine ausgebrannte Feuerſtätte; er griff ſich an die Stirne: Was war denn geſchehen, wie kam er auf die Schmalzgrube, wie kam der Michel neben ihn zu ſitzen? Und müde war er! So müde war er noch nie geweſen, und war doch ſo viel gewandert! Er wies auf den roten Schein am Himmel:„Hets brennt, Michel?“ Der ſtarrte ihn an, keiner Antwort fähig. Vor ſeinen Augen hatte doch der Engel den brennenden Span dem 488 Rauner in den Heuſchober geſtoßen, hatte ihn zurück⸗ geſchleudert, als er ihn hindern wollte! Ein kühler Wind ſtrich vom Gebirge her die Sitzenden an, ein Wind, wie er dem erwachenden Morgen voranzu⸗ gehen pflegt. Er ſtrich um die heiße Stirn des Engel, daß es ihn fröſtelte. Ganz dunkel, ganz ferne dämmerte ihm, was geſchehen war; aber nichts flammte in ihm auf. Ausgebrannt! Alles in ihm war tot! Der Michel wollte etwas ſagen, aber der Engel winkte ihm ab:„Het müeſſen alſo kummen! Itz haltet mi nens meh uf dem Auerberg, und niemerts het meh ein Anrecht uf den Engelbert Hiltensperger. Die Rechnung iſt usglichen. Min Herz iſt verdorret, Brueder, die umb den Auerberg hent nens meh ze fodern von mir. Viel gueter Zeit und Gott befohlen, Brueder, der Berg ſiechet den Hiltensperger nimmeh!“ Langſam verſchwand er vor den Augen des Michel Hiltensperger in den grauenden Morgen. Langſam ging der ins Haus und murmelte:„Siech zu, Joſeph Brugger, daß dir die Hand nit uſerm Grab uſer⸗ wachs!“ *** Am Tage vor der Faſtnacht des Jahres 1520 wurde in Kempten Alois Enslin, Metzgermeiſter und Wirt, begraben. An was er geſtorben war, wußte man nicht ſo recht. Am Samstag noch hatte er in der Zunftſtube kräftig gezecht, war fröhlich nach Hauſe gegangen, hatte ſich ausgezogen und auf den Bettrand geſetzt. Da kam ein Zähneklappern über ihn, ein Schüttelfroſt warf ihn mächtig durcheinander, brennende Hitze dörrte ihm Gaumen und Lungen, Fieber und Froſt ſchüttelten ihn abwechſelnd. Dann kamen heftige Schmerzen in den Achſelhöhlen, und am dritten Tag war er eine Leiche. 489 Raſch hatten ſie ihn zu Grabe getragen, damit ſein Leichenzug die Faſtnacht nicht ſtöre. Die wurde in dieſem Jahre toller gefeiert denn je! Auf dem Marktplatz hatten ſie ein Gerüſt aufgeſchlagen und einen Faſtnachtſchwank des Hans Roſenblüt auf⸗ geführt, eine Bauernhochzeit. Schallendes Gelächter be⸗ gleitete die wilden Zoten. Das gemeine Volk ſtand auf dem Markte und jauchzte vor Vergnügen, während die Ehr⸗ barkeit mit ihren Frauen an den Fenſtern ſtand und Tränen lachte. Man war nicht zimperlich dazumal. Dann verteilte ſich das Volk, und aus den Häuſern, Zunftſtuben und Gaſthäuſern ſchallte das Lachen und das Geſchrei der Zecher und Freſſer, die ſich für die Faſten ſtärkten. Weine vom Breisgau, Neckar und Elſaß füllten die Kannen. Die Dielen zitterten vom Stoßen und Stampfen der Tanzenden, Schreien und Kreiſchen der Weiber, die mit hochroten Geſichtern, Wange an Wange mit ihren Tänzern ſich drehten, herzten und lachend den dreiſteſten Griffen wehrten. In der Diele des Stadthauſes von Wernau tafelten die Chorherren. Die Wände waren mit gewirkten Tapeten, Stuckelachen genannt, behängt, die Tiſchtücher gingen bis zum Boden. Die Tafel war mit Blumen beſtreut, Girlanden und Kränze hingen von der getäferten Decke. Zur Seite, auf ſtaffelförmigem Geſtell, ſtanden Humpen aus Gold und Silber, Pokale und Kannen in Augsburger Goldſchmiede⸗ arbeit und in Kriſtall. Wo die Chorherren ſchmauſten, war Speckhans der Küchenmeiſter und Frau Venus eine gern geſehene Dame. Der von Wernau hatte ein gefälliges Bäslein von Augs⸗ burg kommen laſſen, der Weiſchenfelder ein wohlpoſtiertes Frauenzimmer von Memmingen, der Cuſter Heinrich von 490 Stetten ſein Mündel, ein junges Ding von ſiebzehn Jahren mit einem lüſternen Zünglein und kecken Augen. So hatte ein jeder Chorherr ſein anſehnliches Weibsbild neben ſich. In bunten Reihen ſaßen ſie an der hufeiſenförmigen Tafel. In der Mitte der Wernauer in rotſamtener Weſte mit dunkelgrünen Seidenärmeln, lachend mit gerötetem Geſicht, die Hände über dem Bauch gefaltet. „Kotz Bauch und Darm“, ſchrie der Weiſchenfelder und wetzte ſein Meſſer,„itzunder will ich einen gueten Fraß tun, mir ein richtig Meunmonatbäuchle zumäſten!“ „Uf! Wernauer, laſſet uftragen!“ ſchrie ein anderer, „mich hungeret als wie ein Wüſtengeier.“ „Wiſſet Ihr, Wernauer, wie der kürzeſt Bibelſpruch heißet?— Kotz, wiſſet Ihrs nit?„Mich dürſtet!““ Der Wernauer lachte und rührte die ſilberne Tiſchſchelle. Da brachten die Diener den erſten Gang. Suppenſchüſſeln, ſo viel der Gäſte am Tiſch ſaßen, an die vierundzwanzig. Auf zwölf Schüſſeln war das gehackte Fleiſch auf Brot angerichtet, in den zwölf anderen waren Rebhühner, Faſanen, Lerchen, Erdſchwämme, Artiſchocken und anderes mehr. Wechſelweiſe wurden ſie über den Tiſch gereicht. Da ward eine Weile Ruhe, und man hörte nur das Brechen der Knochen und das laute Schmatzen des Weiſchenfelders. Im Nebenraum ſaßen die Muſikanten, doch ſo, daß ſie die Schmauſenden nicht beobachten konnten. Eilends liefen die Diener und wechſelten die Schüſſeln. Die Muſikanten blieſen, was das Zeug hielt, denn die Reſte, die von der Herren Tiſche ſielen, waren nicht zu verachten. Dann wurde abgeräumt, Waſſerſchüſſeln mit Hand⸗ tüchern wurden gereicht. Gelächter und Gekreiſche! Der von Winkenthal und der Domherr von Reiſchach 491 W* CCCWCCC—— 62 — führten eine Disputatio auf, die war ſo gepfeffert und mit Witzen geſpickt, daß ſich der Wernauer vor Lachen die Lenden halten mußte, mochte er doch den Abt ſo wenig leiden wie die andern. Der ſaß im Gotteshaus und ahnte nicht, wie er hier hanſeliert wurde. Der Winkenthal machte den Luther, der Reiſchach den Cajetan; aber das Ziel aller Witze war der Raitenauer. Als der elegante Cajetan den bäuriſchen und tölpelhaften Luther gründlich abgetan hatte, ſchellte der Wernauer, und die Diener liefen, den zweiten Gang aufzutragen. Da war geſchnitten, in kurzer Brühe geſotten allerlei Wildbret, Schnecken, Zungen, Würſtlein, allerlei Ein⸗ gemachtes mit kleinen Salaten. Die Diener hatten nur zu laufen, die Schüſſeln zu wech⸗ ſeln, der Aufſetzer von der rechten Seite des Tiſches, der Abheber von der linken. In ſilbernen Bechern wurde Malvaſier geſchenkt. Dann kam der Faſtnachtſchwank. Der Wernauer hatte wohl daran getan, die Diener hinauszuſchicken, damit nicht zu viel davon auf die Gaſſen getragen werde, denn ſaulederen wollten die Herren nach Herzensluſt! Der Hans Volz hatte das Spiel gemacht, es handelte vom Arzt unter Bauern. Die Weiber kreiſchten und ſchrien, und die Hände der Domherren fingen an ſich an Stellen zu bewegen, wo ſie nicht hingehörten. Noch dauerte das Gelächter, als der dritte Gang auf⸗ getragen wurde. Allerhand Gebratenes, Truthähne, Schnepfen, junge Hühner, Tauben und welſche Hahnen. Dazu Wein vom Rhein und Neckar. Begehrlicher funkelten die Augen, und gepfefferte Witze flogen hin und her. Die Mannsbilder knöpften die Röcke und Weſten auf, und die Damen entfernten den gefältelten Buſenlatz, daß die Brüſte ſichtbar wurden. 492 Emſig lief der Mundſchenk um den Tiſch und ſchenkte zu. Des dicken Cuſter Heinrich von Stetten Muͤndel tanzte als Salome, die knoſpenden Brüſte und die Hüften nur durch ein flandriſch Schleierlein bedeckt. Kotz Wetter, das war ein Gericht für die alten Fein⸗ ſchmecker! Wie ein Wirbelwind fegte ſie durch den Saal, um ſich am End, wie die echte Salome zu des Herodes, ſo zu des Cuſters Füßen zu werfen. „Ein Wunſch, min Tochter, ſei dir gewähret“, lachte der. Da erhob ſie ſich und wiſperte ihm etwas ins Ohr. Schallend lachte er auf. Und die Muſikanten ſetzten wieder ein. Schon brachten ſie den vierten Gang. Klein gebratene Waſſerſchnepfen, Krammetsvögel, Kalbsſchweder und zwi⸗ ſchen den Schüſſeln allerlei Gebrägeltes, die Schüſſeln mit Blumen geziert. Dazu Johannis⸗ und Preiſelbeeren als Eingemachtes. Die Schenken trugen ſchweren Tiroler Rotwein. Was die Salome ſich gewünſcht, wollten die Herren wiſſen. „So ſies verſtattet, will ichs künden“, lachte der Stettener, doch das Mädel legte ihm kreiſchend die Hand auf den Mund. „Puh!“ ſchnaufte der, als bekomme er keinen Atem. Der Weiſchenfelder aber rief:„Wurt anders nit ſeind, dann was die Weiber all ſich wünſchend— Samer potz, was willtu bei dem großen Mann, ſolltu von ihme er⸗ truckt und erſteckt werden?“ Aber lachend erwiderte das Mädchen:„Ihr ſollt Euch des nit ſo verwundern laſſen, wiſſet Ihr nit, daß kein Maus, wie klein ſie joch iſt, unter einem großen Heuſchochen erſteckt? Grölendes Gelächter war die Antwort. Heißer wurde es im Saal; die Hände kappten, und die Buſen wogten, und die Arme legten ſich um die Hüften. 493 V r Die Spielleute ſpielten zum Tanz. Die jüngeren Chorherren drehten ſich mit den Menſchern Backen an Backen. Zwei Vermummte in langen Röcken kanzten vor. Alle⸗ mal und ſo lange die ſich herzten, durften die Tanzenden ſich herzen und küſſen. Sie drehten ſich und ſprangen und warfen die Weiber in die Luft, daß ihre Röcke flogen. Die Leiber dampften, und der Atem ſtieß. Dann ſetzten ſie ſich zum fünften Gang. Fiſche mit Speck geſotten, Lachs, Forellen, Karpfen und Hechte, da⸗ zwiſchen Schüſſeln mit frikaſſierten Schildkröten und Kreb⸗ ſen, verziert mit Pomeranzen und Zitronen. Dazu Wein von der Moſel und vom Rhein. Sie ſchrien durcheinander, daß man ſein eigen Wort nicht hören konnte, und ſchon warfen ein paar junge Herren mit Gräten und Pomeranzen nacheinander, das Spiel der Zeit, das Meislin anzufangen, doch verwies ihnen's der Wernauer. Dann wurde von neuem getanzt. Und die nicht tanzten, hatten die Weiber auf den Schoß genommen und ließen ihre Hände ſpielen, ohne auf Widerſtand zu ſtoßen. Und der ſechſte Gang kam mit Gerichten, die aus Butter und Speck und Eiern zubereitet waren, in Pfannen gebacken und mit Zucker beſtreut, kalt und warm, mit Gallerten da⸗ zwiſchen. „Wir zween denen zween!“ hallte es durcheinander. Nun rann der Wein in Strömen durch die Gurgeln, und das Meislin kam in Gang. Brotſtücke und was zur Hand kam flogen herüber und hinüber, und das Brüllen, Kreiſchen und Lachen wollte kein Ende nehmen. Schreiend wiſchte ſich der Wernauer die Vogelbrühe ab, die ihm einer ins Geſicht geſchmiſſen hatte. Marzipane, Konſerven, kandierte Zuckerbrötlein und Leb⸗ kuchen kamen am Schluß, ſowie Schüſſeln mit Bieſem⸗ küchlein. 494 Die Muſikanten blieſen, was die Lungen hielten, und die Wände zitterten vom Stampfen der Tanzenden. Breit in ſeinem Seſſel lag der Konrad von Weiſchenfelder, das Geſicht hochrot vom Weine, den ſilbernen Becher in der Linken, die Rechte im Buſenlatz der wohl poſtierten Memmingerin. Die lachte und neſtelte, um ſeiner Hand beſſer Platz zu ſchaffen. „Kotz Schweiß und Hurenmilch“, lachte der Weiſchen⸗ felder und rülpſte,„tät not, hätt einer ein Pratzen als wie ein Miſtgabel, einer ſolchenen Dutten mächtig ze werden.“ Da ſchrie das Weibsbild unter ſeinem Griff auf, als ob man ſie am Meſſer hätte. Die andern wieherten vor Lachen, bloß der Wernauer beugte ſich vor, denn er ſah, wie ſich dem Weiſchenfelder das Geſicht verkrampfte. Ein Schüttelfroſt begann den Leib des Konventsherren zu beuteln. Der Becher in ſeiner Linken ſchwankte und ſiel, daß das rote Naß ſich ihm über Bruſt und Bauch ergoß. Dann ſtürzte er zu Boden und riß mit ſeinen Finger⸗ nägeln einen breiten, blutigen Hautſtreifen aus der Bruſt der Memmingerin. Da ſprangen die andern zu und ſtießen das ſchreiende Weib zur Seite. Ratlos umſtanden ſie den Weiſchenfelder. Meinten, er hätte ein welſch Süpplein erwiſcht. Die Zähne klapperten ihm, und das Geſicht verkrampfte ſich. Sie trugen ihn heim. Anderntags war er tot.— Das war die Faſtnacht der Chorherren von Kempten in der Stadtwohnung des Herrn von Wernau. 495 Es war ein grauer Aſchermittwoch, der folgte. Alter Sitte gemäß kamen um die zehnte Mlorgenſtunde die Metzger in feierlichem Zuge mit dem Zunftbanner vors Chorherrenſtift gezogen, mit Sack und Blaterpfeifen, mit Zinken und Trummeln. Im weiten Kreiſe umſtand ſie das Volk, denn es galt, den jüngſten Lehrling auf einer Ochſenhaut zu ſchnellen. Hoch flog der Burſche unter dem ſchallenden Gelächter in die Luft, daß man Arme und Beine nicht mehr unter⸗ ſcheiden konnte. Der Zunftobermeiſter hielt eine Rede, und ein Chorherr übergab ihm, wie es ſeit unvordenklicher Zeit geſchah, ein Pfund Heller, und zum Dank wurde unter allgemeinem Jubel der Lehrling noch einmal geſchnellt. Mitten in den Jubel hinein überſiel den Torwärter Balthaſar Gries der Schüttelfroſt, und mit den Armen ſchlegelnd fiel er um. Da brachen die Bläſer mit einem ſchrillen Mißklang ab, und ein trauriger und angſtvoller Zug ging durchs Stadttor hinein. Johann Pechlins, des Zunftmeiſters der Schuſter, Ehe⸗ frau war das nächſte Opfer. Alle Kranken zeigten dieſelben Erſcheinungen. Unter den Achſelhöhlen und in den Lenden waren die Drüſen dick angeſchwollen. Nach kurzer Zeit brachen ſie auf, und ein eiteriger Inhalt ergoß ſich. Von heftigem Fieber geſchüttelt, mit ausgedörrten Zungen lagen die Kranken, und am zweiten oder dritten Tage trug man einen Toten auf den Gottesacker. Ob die Kemptener die Fenſterläden ſchloſſen, die Häuſer mit Wacholder räucherten, es half nichts. In lautloſem Fluge flatterte das Geſpenſt von Haus zu Haus. Einer um den andern wurde vom Schütteln befallen, und Grauen und Schrecken verbreiteten ſich durch die Stadt. 496 Der erſte, der ſie flüchtend verließ, war Johann von Raitenau, gefolgt von den Herren des Chorherrenſtifts, die ringsum auf den Schlöſſern ihre Zuflucht fanden. Wo aber das Volk ſich hinflüchten wollte, wurde es von den Schwellen gejagt; wo ein Kemptener einen anſprach, da flüchtete der, ſobald er merkte, von wo der Frager kam. Alſo kehrten die Leute verzweifelt in die Stadt zurück, wo allſtündlich das Glöcklein von Sankt Lorenz auf dem Berge wimmerte und kündete, daß die Peſt ein neues Opfer gefordert. Ja, das Glöcklein von Sankt Lorenz brachte die Leben⸗ den zur Verzweiflung! Beim Aufſtehen, beim Schlafengehen, wo man ſtand, wo man ging, immer wieder das grauenvolle Bimmeln. Wer auf der Straße ging, die öde und menſchenleer war, der ſteckte ſich die Finger in die Ohren, um nicht das Glöcklein hören zu müſſen. Da ſtellte der Matthias Waibel das Läuten ein. Der war ein Prieſter, wie er vor Gottes Richterſtuhl beſtehen wird; einer von denen, die es damals in der katholiſchen Kirche zu Tauſenden gab, von denen man aber nicht mehr ſpricht. Arzt war er und Prieſter zugleich, denn der Hufſchmied und Wundarzt Plattner war eines der erſten Opfer ge⸗ weſen. Von Haus zu Haus ging der Pfarrer, die Kranken zu kröſten und mit der Letzten Olung zu verſehen. Immer wieder ſah man die hohe Geſtalt im Peſtmantel durch die leeren Straßen gehen. Eltern, Kinder, Geſchwiſter wichen voll Entſetzen vor⸗ einander zurück, ſaßen getrennt auf Speichern und in Kellern. Die Leichenträger weigerten ſich, die Toten zu begraben. Bei Nacht mußten dieſe von ihren Angehörigen auf Schmückle 3 47 Karren hinausgeführt werden; der Mann zog grauen⸗ geſchüttelt ſein Weib, Kinder hoben die Mutter. Verzweiflung und ſtumpfes Hinbrüten wechſelten mit⸗ einander ab, klappernde Angſt mit wilden Anklagen. Womit hatte die Stadt die furchtbare Geißel verdient? Man ſuchte nach Schuldigen, man fluchte dem Abt und den Chorherren. Die Hexe! Die hatten ſie zu Tode gequält, ſie war unſchuldig geweſen. Dafür ſtrafte nun Gott die gute Stadt Kempten. Der Abt aber ſaß wohlbehalten auf Schloß Liebentann und überließ die Kemptener ihrem Schickſal. Sechzehnhundert Menſchen ſtarben in ein paar Wochen. Das war der vierte Teil der Bewohner Kemptens! Und dann kam ein Mai, ſo ſchön, wie ihn niemand je geſehn. In Bluſt und Blüten ſtand die Welt, und mitten hinein in das Sterben ſchlugen die Amſellieder, und wie ein Rauſch von Lenz und Leben kam's über die Natur. Da ließ die furchtbare Seuche nach. Immer ſeltener klopfte der unheimliche Gaſt an die Türen. Allmählich erſt öffneten ſich die Fenſterläden; die Menſchen getrauten ſich zagend aus den Haustüren, ſchauten einander wieder in die Augen und redeten miteinander, leiſe und mit einem heimlichen Glücksgefühl im tiefen ver⸗ borgenen Herzensgrund. Aber noch waren ſie bleich und verängſtet, und wenn einer das böſe Wort ausſprach, ſo zuckten ſie zuſammen. Ringsum aber jubilierte der Lenz. *** Er war müde, ſehr müde, der Matthias Waibel, und ſein Haar war ſilbergrau geworden. Tiefe Runen hatten ihm die letzten Wochen ins Geſicht geſchrieben 498 Er ſaß auf einem Bänklein vor Sankt Lorenz, die Hände im Schoß gefaltet, das Haupt an die durchwärmte Mauer gelehnt. Der Frühling trug ſchwere Düfte übers Land, und die Glocke von Sankt Mang hallte tief und voll herüber. Schier zaghaft ſchritten die Menſchen einzeln und paar⸗ weiſe aus dem Stadttor, ſtreichelten da eine Blume, brachen dort einen Blütenzweig, ſahen hinauf zum Himmel, wo weiße Wölklein ihre ſchimmernde Bahn zogen. Dem Leben Wiedergeſchenkte! Ein tiefer, tiefer Frieden ſenkte ſich über den ſtillen Mann vor Sankt Lorenz. In geruhigen Wellen kam und ging ihm das Blut zum Herzen, alles Schwere war von ihm genommen, tief atmete er Lenz und neues Leben in ſich ein. „Lob, Ehr und Dank ſei Gott in der Höh“, murmelte er leiſe und glücklich vor ſich hin. Sonntag vor Pfingſten war's. Seit drei Wochen war keiner mehr geſtorben. Weggeweht das ſchwarze Geſpenſt! Wie die Linde ihre Düfte in die Frühſommerabendluft veratmete! Fledermäuſe huſchten mit lautloſem Flug ums Gemäuer, Mauerſchwalben zogen ihre weichen Bogen. Tief holte die Natur Atem. Und wie nach Wintersnot und Eis das erſte Vöglein ſein zaghaftes Lied ertönen läßt, ſo war's, als ferne eine Schalmei erklang. Und der ſtille Mann ſaß und lächelte, derweil ihm ſchwere Tränen über die Wangen rollten. Er war müde geworden, der Unermüdliche! Wie eine linde, weiche Hand ſtreichelte ihn der laue Wind. Und lächelnd ſchlief er ein. Schlief noch, als ſchwer auf ſeinen Spieß geſtützt Engel⸗ bert Hiltensperger, der ruheloſe Wanderer, auf Sankt Lorenz zugeſchritten kam. 499 Leiſe trat er auf den Schläfer zu und betrachtete ihn. Auch er war ein müder Mann geworden, auch ihm lagen die Augen in tiefen Höhlen. Er nickte vor ſich hin:„Herre Gott, du macheſt es nit leicht denen, ſo dir dienent!“ Da erwachte der Matthias Waibel und ſah den Be⸗ ſucher. Erſt rieb er ſich erſtaunt die Augen. Dann flog ihm ein frohes Lächeln um die ſchwarzumränderten Augen, und freudig ſtreckte er dem Engel beide Hände entgegen: „Gottwillkommen, Bruder Engel! Was führet Euch in die arm Stadt Kempten Habet Ihr unſern Hilfruf ge⸗ höret? So loſet, Gott der Herr hat unſer Trübſal von uns genommen, ſehet umb Euch, wie das Leben über den Tod triumphieret!“ Der Engel ſchüttelte den Kopf.„Kanns Euch nit ſagen, was mich hergruefen. Vom Remstal ins Meckartal, bei Geislingen die Steig erklommen, gen Ulm gwandret. Dorten hets mich packt, gen Kempten zogen mit eim Gwalt, alſo ſtark, daß mich faſt ein Wunderen ankam, han müſſen wanderen bei Tag und bei Nacht.“ „Und iſt Euch kein Forchten nit ankummen? Seind Häſcher genung uf der Lauer, den Engelbert Hiltensperger ze fahen.“ „Wahret ſich ein jeder vor Kempten, ſeind all Weg rundum wie usſtorben, het mich der Herrgott bis anitzt bewahret, wurt ers joch fürder tun.“ Müde ſetzte ſich der Engel auf die Bank neben den Freund und ſtellte ſeinen Spieß an die Wand, die noch vom Tage durchwärmt war. Die Dämmerung ſenkte ſich tief und tiefer, aber die Luft blieb lau und lind, und der Duft der Blüten wurde drängender. Schweigend lehnten die beiden Männer an der Wand und tranken den Abendfrieden tief in ihre Seelen. Aber noch ging das Blut des Engel unruhig, und er 50⁰0 konnte nicht den Einklang finden mit der Stille, die ihn umwogte. Da war er nun in Kempten. Was war's, das ihn hergetrieben ohne Raſtꝰ Der Matthias Waibel beugte ſich vor und ſah ihm ins Auge:„Was treibet Euch um, Bruder? Gotts Will hat kein Warumb. Gebet Euer wild Herze dem Abend. Der wieget es lind und weich zur Ruh.“ Und wie der fromme Mann ihm die Hand auf die ſeine legte, da gab ſich die Unraſt in dem unglücklichen Manne. Mit einem tiefen, ſchmerzlichen Seufzer tat er ſie von ſich. Schweigend ſaßen ſie. Die Nacht kam, und die Sterne erfunkelten, die ewigen Tröſter. Wohl wußte der Waibel, weſſen der ſtarke Mann in Schmerzen und Liebe gedachte, drum ließ er ſeine Hand auf der des andern. „Vergib uns unſere Schulden, wie wir vergeben unſern Schuldigern“, ſagte er leiſe. Lange ſchwieg der Engel. Dann ſprach er:„Saget, Bruder Matthias, Ihr prediget das rein Evangelium und eiferet dannoch wider den Luther?“ Der Matthias lächelte.„Han allweil wider Ufruhr und Rührauf gepredigt, dann Heil und Segen kann nit draus entſtehn, nur Hader, Unfried und Blutver⸗ gießen.“ „So vermeinet Ihr, die getretten Kreatur ſoll ſich weiters laſſen plagen in Zeit und Ewigkeit, kein Hoffen uf menſchwürdig Leben?“ „Ich vermein, man ſollt die Leut derzue bringen, daß ſie in rechter, chriſtlicher Lieb einander Guets erweiſent, und vermein, man ſollt den kranken Körper in Lieb zu heilen ſuchent, nit mit Gewalt wider ihn angan.“ „So aber der Kranke ein reißent Tier und Lieb und Treu übel vergilt? Möcht nit dem Kranken der Chirurgus 50¹ dienlicher ſeind dann ein Arzet, ſo mit Pfläſterlin und Sälblin die Geſchwür ſalbet und decket?“ Der Waibel wiegte ſein Haupt:„Iſt die teutſch Nakion nit genung zerriſſen in Hader und Zwietracht, müſſet Ihr noch den böſeſten Haß darzutun, den umb den Glauben?“ „Wenn all dem Evangelio anhangent, wurt nirgendwo Haß umb den Glauben ſeind.“ „Kennet Ihr die teutſch Nation ſo ſchlecht, daß Ihr glaubet, ſie werd eins Sinns und eins Glaubens ſein und allen Vurtels und Gewinſts ſich begeben 2 Das Alte wird ſich recken und ſtrecken, und es werden zween Läger in Teutſch⸗ land ſein, und einer wurt den andern drumb haſſen und verfolgen, und die Wölf in Teutſchland werden vor Freu⸗ den heulen und mit denen Zungen ſchlecken, und die Feind teutſcher Nation werden ihr Gfreud dran han. Darum predig ich das Evangelium und halt mich vom Luther fern!“ „Bruder, Ihr ganget fehl. Juſt weil Ihr ſo denket und andere desgleichen, möcht ein Zwieſpalt entſtehn; aber es wurt ein reißender Strom durchs teutſche Land brauſen, und ſo die Waſſer verrauſchet, wurt all Zwietracht ſein wegblaſen, und die Freiheit wurt leuchten mit hellem Schein.“ „Ein Strom von Blut wurt über das Land gehn, und ſo die Wellen verloffen, wurt ein zerſchlagen Volk die Händ gen Himmel ſtrecken, und Nacht wurt ſein über Teutſchland.“ Der Engel ſah hinauf zu den Sternen, wie damals in den Gefilden der Lombardei, als er mit dem Hutten und dem Frundsperg unterm italiſchen Sternenhimmel ſaß. Da ſprang ihm des Hutten Wort in den Sinn:„Ich habs gewagt!“ Hoch reckte er ſich auf und war ſchier rieſenhaft an⸗ zuſehen neben dem kleinen Matthias Waibel:„So ſoll ein Strom von Blut die feſten Häuſer und Zwingburgen 502 reißen und die römiſch Zwangs⸗ und Narrenjack uf den Wellen davontragen. Wurt ein Mann ufſtehn, die teutſch Kaiſerkron ufrichten über eim freien Volk, ſoll keiner meh Knecht ſeind, und freie Mannen ſollent das Land decken mit Leib unde Blut!“ „Engelbert Hiltensperger, in Eurem Hirn kreiſet ein wild Beginnen. Sehet zu, daß Ihrs vor Gott müget ver⸗ antwurten. Was mich anlanget, möcht gar traurig und verzagt drüber werden.“ Der Engelbert Hiltensperger erwiderte nicht. Mit beiden Händen umfaßte er den Schaft ſeines Spießes, lehnte die Wange daran und ſchaute ſinnend vor ſich hin. So trat ein langes Schweigen zwiſchen die beiden Männer. Endlich hub der Engel wieder an:„Warumb nennet Ihr Ufruhr, was nit anders dann das rein Evangelium, wie es unſer Herr Jeſus Chriſtus gelehret? Iſt nit Rom ſchlim⸗ mer dann Sodom und Gomorra? Seind nit die Pfaffen aller Laſter und Sünden voll? Treibet nit der Biſchof zu Rom Handel uf Gewinn mit dem Allerheiligſten?“ Der Wabbel lächelte und nickte vor ſich hin:„Dem iſt ſo, Bruder Engel!“ „Und dannoch nennet Ihrs Ufruhr, was der Luther tuetꝰ“ „Dannoch tu ichs, Bruder! Menſchenwerk und Men⸗ ſchenfehl hent kein Beſtand nit, verfliegent als wie Spreu im Wind, aber die Kirchen iſt ewig. Was verſchlagets, ob ein Sprützer ein Spiegel rühret, kummet Gotts Hand, wüſchets weg. Vermeineſtu, Bruder, Gott werd ſeine Kirchen nit fegen können, wann die Zeit iſt kummend Hett der Luther ein eiſirn Beſen gnummen, all Unrat us⸗ kehret, Geldwechſler und Ablaßhandler mit Peitſchen us Gotts Tempel trieben— beim lebenden Gott, der Mat⸗ thias Waibel hett ihme die Kutterſchaufel nachtragen, ihme geholfen das Pöwelpack ab der Kirchentreppen ſchmeißen! 503 Der Luther aber het mit dem heiligen Sakrament das Meislen geſpielt, Ohrenbeucht und heilig Meß for nützet eracht, die heilig Mueter Gotts vom Himmelsthron ver⸗ jaget! Nit usfegen will der Luther, einſturzen! Und darumb nenn ichs ein Rührauf! Du aber, Bruder Engel, was ſageſtu, du wölleſt dem Evangelio ein Beiſtand thon? Henkeſt dir ein falſch Mentele um. Des Heilands Durnenkron iſt nit der Kranz, umb den du einherreuteſt. Seied untertan der Obrigkeit! Ver⸗ mein, alſo ſtandets in der Gſchrift! Ein Gaſſen willtu der Freiheit brechen? Sieh zu, daß dir die Beſtia Menſch nit dein Freiheit zu eim Saufueter machet!“ Die letzten Worte hatte der Waibel ſchon ſtehend ge⸗ ſprochen, dann wandte er ſich dem Kirchlein zu:„'s iſt Bet⸗ glockenſtund, Brueder, wart ein lützel.“ Und langſamen Schrittes ging er, die Glocke zu läuten. „Ich will mich gen Wurmbs tun“, murmelte der Engel, „Gott wurt mir dorten die recht Wahrheit zeigen.“ ** Tags zuvor war der Fürſtabt wieder in Kempten ein⸗ getroffen. Beim Nachtmahl, das er mit dem Winkenthal und dem dicken Wernauer einnahm, hatte Herr Johann Rudolf zu ſchütteln und mit den Zähnen zu klappern an⸗ gefangen. Noch vermochte er, ſich zu ſeinem Prunkbett zu ſchleppen, von den Konventsherren war aber einer nach dem andern ſachte verſchwunden. Und nach den Herren war die Dienerſchaft und alles, was mit dem Chorherrenſtift zu tun hatte, kopflos davon⸗ gelaufen vor dem fürchterlichen Gaſt, der unvermutet wiedergekehrt war. 504 Von Angſt und Fieber geſchüttelt lag der Fürſtabt auf dem Prunkbett mit dem blauſeidenen Himmel. Die Hitze raſte in ſeinen Adern, und der Durſt verbrannte ihm ſchier die Kehle. Was half's, daß er am Glaockenſtrang riß, der an ſeinem Bette hing. Der Schall der Glocke hallte durch die leeren Gänge, ſchrill und befehleriſch. Und ob er ſich auch auf die Ellenbogen ſtützte und lauſchte, Totenſtille folgte, und niemand kam, ihm zu helfen. Angſtvolle Hilfloſigkeit und hilfloſe Wut wechſelten. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, und der Atem brannte ihm in der Kehle. Schwer und entzündet ſchmerzten ihn die Augenlider. Da kroch ein armſeliges Menſchenbild auf allen vieren zum Brunnen. Zu ſchwach, die Röhre zu erreichen, beugte es den Kopf über den Rand und ſog, ſog wie ein Tier— und kroch wieder zurück. Und der wechſelnde Froſt packte und ſchũttelte den Kranken wieder, daß die Zähne ſchlugen. Dann ſprang ihn die Lohe wieder an, und er ſtieß die trockene Hitze ſchwer atmend aus den Lungen. Immer höher ſtieg das Fieber, und das Feuer umbrannte ihn wie richtige Flammen. Nun redete er irre. Mit geblähten Backen blies er die Flammen von ſich, denn er vermochte die Arme nicht zu rüͤhren. Wie kam das nur? Ei ja, die waren mit Stricken feſtgebunden an einen Pfahl. Stand er denn auf einem Holzſtoß? Jetzt kamen ſie gar noch mit brennenden Pechfackeln— nein, nein, nur nicht ſterben; was wollten die Leute von ihm? Jetzt zündeten ſie den Holzſtoß an— wild ſchrie er auf und ſchlug mit den Armen um ſich. Schauerlich tönte der Klang ſeiner Stimme durch die langen, hallenden Gänge. 50⁵5 — Atemlos lauſchte er der eigenen Stimme nach mit irren Augen und fliegenden Sinnen. Schrill klang das Arm ſünderglöcklein in ſeinen brauſenden Ohren. Und wieder wogte das Feuer gegen ihn an. Die Menſchenaugen, die vielen Menſchenaugen! Wie ſie ihn anſtarrten. Dicht gedrängt ſtanden die Leute zu Tauſenden und glotzten ihn an, haßerfüllt und mit böſen Augen ballten ſie die Fäuſte und ſtießen Flüche aus. Sind das nicht Bauern? Kotz ja! Was wollen die? Aufruhr machen? Er wird ihnen ſchon dafür tun! Aufknüpfen wird er ſie laſſen! Und wieder ſchrillte die Glocke durch die Gänge. „Ufhenken!“ ſchrie er wie von Sinnen. Da waren die Bauern plötzlich verſchwunden. Und die Hitze wechſelte wieder mit dem Froſt. Kotz Bauch, war das Menſch ſchön! Seine Augen funkelten im Fieber. „Will ihr nochmalen einheizen. Wär kein übel Freſſen nit, gäb mein Seligkeit drumb.“ Ei, wie kalt war's auf dem Gang, der zum Kerker führte, und die Wände waren ganz feucht. Er fröſtelte, und die Zähne ſchlugen wild aufeinander. Seine Hände tappten in der Luft. Wo hatte der Schließer ſeine Laterne gelaſſen, der Schuftꝰ Kotz, da ſaß die Hexe! Ihr rotes Haar brannte wie Feuer, und ihre weiße Haut leuchtete wie der Schnee. Gierig griffen ſeine bebenden Hände nach der roten Flut. Züngelnde Flammen ſchlugen daraus und ſprangen ihn an. Wild ſchrie er nach dem Pater:„Ein Hexen iſt ſie, ſehet, das hölliſch Fuir brennet us ihr.— Helſio! Helſio!“ Das hallte durchs Gotteshaus wie ein hölliſch Ge⸗ lächter. 506 Da packte ihn die Wut, und mit beiden Händen griff er der Hexe ins Haar. Jetzt brauſten die Flammen um ihn auf und züngelten und leckten, bis er ganz in Feuer ſtand. Keuchend ging ſein Atem, wild ſchlug er um ſich.„Helſio! Helfio!“ Grauenhaft ſcholl's durch die hallenden Räume, aber niemand hörte den ſchauerlichen Schrei, der ſich in den Gängen brach und deſſen Widerhall wie ein gellendes Lachen in den brauſenden Ohren des Verzweifelten rüttelte. Schreckensvoll ſtarrte er aufs Fenſter. Dumm und ſtur glotzten und grinſten wieder die Bauerngeſichter herein, mit Hungeraugen, mit Augen, denen der glühende Stahl das Tageslicht genommen. Und wieder gellte der wilde Schrei durch die Gänge. Und diesmal hörte ihn einer von den Knechten, der ſich ins Gotteshaus geſchlichen hatte, Vergeſſenes zu holen. Grauengeſchüttelt rannte er davon, mit geſträubtem Haar. Noch hallte das Glöcklein von Sankt Lorenz in die Frühſommernacht. Still ſaß der Engelbert Hiltensperger und trank den Frieden des Abends in tiefen Atemzügen. Solche Stunden hatte der Engel nicht viel gehabt im Leben. Der ſchwere Duft des Holunders wogte in ſtarken Wellen heran, und langſam hob der Mond ſeine volle Scheibe über die blühende Linde. Sein bleiches Licht ſiel auf den Peſtmantel mit der Maske, der in der Niſche des Eingangs hing. Um den giftigen Odem nicht in ſeine enge Stube zu tragen, hatte der Waibel das fürchterliche Kleidungsſtück dort hängen laſſen, wo der Luftzug es ſchütteln konnte. Drei Wochen lang hatte es der Waibel nicht mehr be⸗ nützt, am anderen Tage wollte er es verbrennen. 507 0 N e Da ſah der Engel einen Mann eilenden Laufs auf Sankt Lorenz zukommen. Eine Unruhe kroch an ihm hinauf. Der Mann fragte nach dem Pfarrer. Der ſei beim Segenläuten, ob er ihm etwas ausrichten ſolleꝰ Kotz ja, der Abt ſei von der Seuche befallen, im Gottes⸗ haus ſei keines Menſchen Seele, der Abt brüllte wie ein Unſinniger, ob der Pfarrer nicht nach ihm ſehen wolle. Dann verſchwand der Mann, wie er gekommen war, um ja nicht vom Pfarrer mitgenommen zu werden. „Herre Gott, warumb laſſeſt du ihn nit meiner Rach?“ murmelte der Engel vor ſich hin. Vor ſeine Augen ſenkte ſich wieder der blutrote Schleier wie in jener Brandnacht auf dem Auerberg. Und wieder wehte vor ihm der lange weiße Mantel mit der Kapuze, aus der die ſchwarzen Augenlöcher ſtarrten. Ohne recht zu wiſſen, was er tat, ſtülpte er den Mantel über. Dann ſchritt er ſchnellen Schrittes in die Nacht hinaus, während hinter ihm die Betglocke in einzelnen Schlägen verklang. Drei Wochen hatten die Kemptener die weiße Geſtalt nicht mehr geſehen. Was wollte ſie wieder? Der Schrecken fuhr den Leuten ins Gebein. Gott, war denn noch kein Ende? Wohin wandelte das furchtbare Geſpenſt? Schaudernd und zitternd folgten ihr ein Dutzend angſt⸗ erfüllter Menſchen, wie ſie ſchauerlich im Mondlicht hin⸗ ſchritt. Nicht des Waibels kleine Geſtalt, nein, ein rieſiger Leib ſteckte in den weißen Laken. Der Torwächter bekreuzigte ſich erſchrocken, als die Ge⸗ ſtalt im Peſtmantel an ihm vorüberſchritt und ihren Weg auf das Gotteshaus zu nahm. 508 Und die ihr folgten, blieben angſtvoll ſtehen, als ſie durch das offene Tor des Gotteshauſes ſchritt. Totenſtill lag der Hof, nur der Brunnen rieſelte ein tönig in ſein Becken. Laut hallte es durch die weiten Steingänge, als die Peſt⸗ maske geradewegs auf die ihr wohlbekannten Räume des Fürſtabts zuſchritt. Aufrecht ſaß Johann von Raitenau im Prunkbett unter blauſeidenem Himmel und ſtarrte mit geweiteten Augen nach dem Fenſter, an dem ſich die grinſenden Geſichter hungriger armer Leute plattdrückten. „Ufhenken! Ufhenken!“ brüllte er, riß wie wahnſinnig am Glockenſtrang und wandte das verzerrte Geſicht zur Türe. Da ſtand die Peſtmaske mit den ſchwarzen Augenlöchern. Dem Kranken quollen die Augen aus den brennenden Lidern, mit beiden Händen machte er ruckartige, abwehrende Bewegungen. Regungslos ſtand die furchtbare Geſtalt. „Johann von Raitenau, dein Stunden iſt kummen Dem Fürſtabt klapperten die Zähne, die Hitze wich von ihm, der Froſt flog ihn an. Er zitterte am ganzen Leibe. Da wichen auch die Fiebergeſichte, und er ſah klar die grauſige Geſtalt, die mit ein paar raſchen Schritten an das Fußende ſeines Bettes trat. Voll verzweifelter Angſt hingen die Blicke des Kranken an den beiden Löchern, hinter denen zwei harte Augen ſich in den flackernden Blick des Kranken bohrten. „Johann von Raitenau, dein Stunden iſt kummen!“ Eiſig kroch's dem Kranken zum Herzen. Mit weit auf⸗ geriſſenen Augen ſaß er ſchlotternd. „Wer— ſeied— Ihr?“ Vor lauter Zähneklappern brachte er die paar Worte kaum heraus. Aber ſchweigend ſtand der Mann im Peſtmantel, ſein Auge ſuchte den fliehenden Blick des Kranken zu bannen. „Seied— Ihr— ein— Arzet?“ 10¹ 509 „Euch helfet kein Arzet meh!“ „Nit ſterben!— Nit ſterben!“ lallte der Fürſtabt. Da lachte die Peſtmaske laut und gellend. Vom Stadttor her ſchepperte das Glöcklein, das die Bürger aus ihren Vorſtadtgärten hinter die Mauern zurückrief. „Los, Pfaff, das Henkerglöckle ſchellet! Höreſtu die Glocken ſchreiende, als geltets ein Hexen zu brennen?“ Laut klapperten die Zähne des Kranken:„Nit— ſter⸗ ben!— Nit— ſterben!“ „Ei du dreimal gottverfluchter Pfaff, höreſtu die Glocken? Itz lad der Herrgott ein dreimal dreigetuifelten Tuifel vor ſein Gericht.“ Lauter und ſchneller läutete das Glöcklein. Und wieder lachte die Peſtmaske, daß es ſchauerlich durch die Gänge hallte. Die froſtgeſchüttelten Hände fingerten am Roſenkranz; die Lippen beberten, aber kein Ton kam heraus. Kalter, klebriger Schweiß ſtand auf der Stirne des Kranken. Wie Blei lag ihm die Zunge am Gaumen, er lallte mühſam:„Han Ablaß vom Heiligen Vatter, han..“ Und wieder gellte das entſetzliche Lachen. Mit beiden Händen hielt ſich der Fürſtabt die Ohren zu, dann preßte er die Fäuſte gegen die Schläfen; ſeine Augen traten ſchreckvoll aus den Höhlen. „Biſtu ein Menſch, biſtu ein Düfel?“ „Sterben mußt du, Johann von Raitenau! Itz ſolltu mir Red und Antwurt ſtehn, uf daß ich deiner Seel den Weg zeig zur Höllen, dann wie man beucht, ſo wurt Bus geſprochen! Johann von Raitenau, wer hat die Urkunden des Kaiſer Karle erſtunken und erlogen, wer hat ein falſchen Eid beſchworen vor Gott und denen Menſchen?“ „Von Ottenbeuren der Abbet het mir an des Heiligen Vatters Stellen Abſolution erteilet...“ 5¹⁰ „Daß dir die Hand uſerm Grab wachs beim neuen Mond! Johann von Raitenan, warumb iſt die Sau im Kemp. tener Wald ein edler Getier dann der Pauer, warumb mueß der Pauer bluten und darben umb des Gejaides willen und ſtandet doch geſchrieben: Er ſchuf den Menſchen nach ſeim Bildnus?“ Laut klapperten die Zähne des Fürſtabts. „Johann von Raitenau, warumb weinen die Weiber und unmündigen Kindlein ihr Augen uſerm Kopf, derweil der Vatter im Turn lieget, bei Ratzen und Ziefer?“ Der Kranke mühte ſich verzweifelt, eine Kugel ſeines Roſenkranzes zu faſſen; ſeine Haare ſträubten ſich vor namenloſem Entſetzen. „Johann von Raitenau, warumb ſitzen etlich an denen Wegen mit usgeſtochenen Augen und drehent ihr zer⸗ freſſen Augenloch zum Himmel und ſehent nit meh Sunn, noch Mond, noch Stern uf dieſer Erdenwelt? Johann von Raitenau, warumb manglet dem armen Mann ſeins Leibes Notdorft, alſo, daß er hungrig und usgmerglet zinſet und fronet, nit findende ein Stückle Brots for den Hunger, kein Fetzle Tuchs for ſeine Lenden? Und ganget derweil der Prieſter Gottes in Sammet und Seiden, warumb, Johann von Raitenauꝰ Warumb, Johann von Raitenau?“, und die Stimme bog und überſchlug ſich vor heißem Haß,„warumb het mein Weib müeſſen brennen an der Mauer ze Kempten?“ Da ſchrie der Abt in wilder Angſt auf:„Die Hex!— Die Hex!— Rot Haar und Muttermal.— Herre Gott, wie brennende ihr Haar, als wie Fuirſchlangen.— Biſtu der Düfel, ſo nach ihr fraget?“ „Johann von Raitenau, in deiner Todesſtund frag ich dich umb meines Weibes Seelen!“ „Hiltensperger!“ ſchrie der Kranke voll Entſetzen. Die Fieberfeuer flogen ihn wieder an. ... Er drehte und wand ſich:„Fuir, Fuir! Mein Ein⸗ geweid verbrennet ganz und gar. Han Fuir im Leib, Fuir im Leib.“ „So fahr zur Höllen, wo ſie zu unterſt iſt!“ Steilauf fuhr der Kranke von ſeinem Lager, dann ſiel er wieder kraftlos zurück. Weit offen ſtand der Mund, ſtoß⸗ weiſe und ſchwer kam und ging der glühe Atem. Regungslos verharrte die ſchweigende Geſtalt am Fuß⸗ ende des Bettes. Dann hallte wieder die heiſere Stimme durch den ge⸗ wölbten Raum:„Höreſtu mich, Johann von Raitenau? Was hat die Regula Stechelin verbrochen, alſo, daß ſie des Fuirtodes ſchuldig?“ Wimmernd kam's aus dem Munde des Kranken:„Umb Gotts Barmherzigkeit willen, Hiltensperger, ſprechet mich meiner Sünden ledig, Ihr ſeied ein Prieſter.“ „Fluch über dich, Johann von Raitenau, in Ewigkeit!“ Da ſchnellte der Kranke noch einmal mit letzter Kraft auf, ſank zuſammen, kroch aus dem Bett und ſchleppte ſich auf allen vieren zu der Peſtmaske hin. Die wich langſam mit hocherhobener Hand zurück. „Umb Gotts Barmherzigkeit willen, umb Gotts——— Auf den Steinflieſen brach Johann von Raitenau, Fürſt⸗ abt zu Kempten, zuſammen. Da lachte Engelbert Hiltensperger zum letzten Male in ſeinem Leben. Und ſeine Tritte verhallten im Flur des Gotteshauſes von Kempten. Ein Schütteln, Recken, Strecken, Krümmen, und Johann von Raitenau verendete wie ein räudiger Hund. Selbſt der Mondſtreifen, der ſich näher und näher an den Toten ſchob, fuhr zurück, als er an ihn rührte. Und eine Ratte, die den langen Gang heraufſtrich, machte einen Bogen um die Leiche Seiner Fürſtlichen Gnaden. 51² 40 Aus der Stadt aber klang des Nachtwächters Ruf: „Zehn Gerechte waren's nicht dort bei Sodoms Straf⸗ gericht! 4** Vor dem„Johanniterhof“ zu Worms ſtanden in Gruppen die Leute. Eine kiefe Erregung ließ ſie nicht nach Hauſe gehen. Immer wieder ſchauten ſie in den beſtirnten Nacht⸗ himmel. Wenn ſie ſprachen, ſo flüſterten ſie. Was war das für ein ſchrecklich Jahr! Zeichen geſchahen. Geiſter von Verſtorbenen rührten ſich. Keine Stunde war es her, da hatte Kurfürſt Friedrich — ſcheu blickten die Leute nach ihm hin— am Himmel ein rotes Kreuz geſehen. Ein andrer hatte es beſtätigt, ein dritter hatte geſehen, wie blutige Tropfen davon zur Erde fielen. Immer mehr Leute liefen zu, bis die Gaſſe zu eng werden wollte. Wer hatte es zuerſt vorgeſchlagen? War die Menge einem inneren Triebe gefolgt?— Langſam ſchoben ſich die Leute, an der Spitze der Kurfürſt Friedrich mit einigen Herren ſeines Gefolges, durch die engen Gaſſen, die zum Dom führten. Sie wollten beten. Die Zeit brodelte, und Dinge waren im Werden, die ihr ſchlichter Sinn nicht erfaſſen konnte. Aber eine un⸗ heimliche Angſt vor all dem Kommenden legte ſich über die Menſchen. Schon vermeinten ſie alle, das blutige Kreuz geſehen zu haben. „Schütz uns, Herr, vor Krieg und Not“, ſangen ſie— ſangen noch, als ſie vor dem Dom ankamen, wo ſie von wüſtem Gejohle und Geſchrei empfangen wurden. Schmückle 33 513 Beſoffene Spanier waren's aus dem Gefolge des Kaiſers mit ihren Dirnen. Juſt bog von der Seite ein Haufen deutſcher Rei⸗ ſiger ein. Schon klirrten die Klingen; die Weiber kreiſchten. „Heil Doktor Martinus“, ſchrien die deutſchen Reiſigen. Die Welſchen lachten und höhnten in ihrer Sprache. Bis zur Entladung waren die Dinge in Worms ge⸗ diehen, denn es war der fünfzehnte April, und am andern Tag ſollte der Doktor Martinus in Worms ein⸗ kreffen. Wenn auch beim Tanzen und Bankettieren, bei Hoch⸗ ämtern und Turnieren mühſam der Friede gewahrt wurde, nächtlich in den Gaſſen gerieten ſie immer wieder mit Schwert und Spieß aneinander, die Deutſchen und die Spanier. Erſt am Mittag hatten die Spanier vor dem Dom die Schriften Luthers verbrannt. „Her! Her!“ ſchrien die Reiſigen. Die Spanier lachten. Mit ſechshundert Reitern war der Kurfürſt in Worms eingezogen. Er erkannte unter den Reiſigen einige von ſeinen Leuten und rief ſie an. „Heil Kurfürſt Friedrich“, riefen ſie. „San Jago!“ ſchrien die Spanier. „Ganget heim“, rief der Kurfürſt den Bürgern zu,„es tuet kein Guets nit.“ Die Weiber und die Beſonnenen unter den Männern drängten zurück. Die Neugierigen ſchoben ſich vor. Schon brüllte ein Reiſiger auf, dem ein ſpaniſcher Dolch in den Rippen ſaß. Da fuhren die Deutſchen los wie die Stiere, und im Handumdrehen war die nächtliche Schlacht im Gang. Fenſter flogen auf, in Zipfelmützen und Nachthauben 514 lehnten Bürgersleute aus den Fenſtern, Scharwachen liefen von allen Seiten zu. Trunkene grölten aus den Fenſtern der Schenke zum Lamm, denn der Wein floß in Strömen im heiligen Worms. In langen Reihen wurden täglich die Fuder zugeführt, und kein Tag verging, an dem ſich nicht ein paar zu Tode ſoffen. In den Gaſſen gab es zur Nachtzeit Mord und Tot⸗ ſchlag; es war gefährlich, allein durch die Straßen zu gehen. Alle Huren aus deutſchen Landen waren zuſammen⸗ geſtrömt. Geſindel und Abenteurer aus allen Reichen des Kaiſers. Wohl hatte dieſer einen Profoſen beſtellt, der wacker in die Übeltäter arbeitete. An die hundert hatte er gehängt, erſäuft, geköpft. Umſonſt! Allnächtlich wurden Menſchen erſchlagen; es war den Wormſern nichts Neues, daß in den Gaſſen Mordio! Mordio! gerufen wurde. Nur ein paar wilde Augenblicke dauerte der Wirbel mit Hauen, Schlagen, Stechen, dann verſchwand ein Spanier um den andern im Dunkel, und als die Scharwachen ein— griffen, konnten ſie nur deutſche Reiſige feſtnehmen. Drei Tote deckten die Walſtatt, ein halbes Dutzend blutete. Die Toten wurden weggetragen, die Deutſchen ab⸗ geführt, und ſchon nach wenigen Minuten erklang wieder das Lied:„Schütz uns Herr vor Krieg und Not!“ Und ſchlurfenden Schrittes ſchoben ſich die Menſchen in die nächtliche Kirche, gefolgt von einem Zuge Flagellanten, die klatſchend die Geißeln über ihre nackten Rücken ſauſen ließen. Dem Profoſen hatte der Kurfürſt einen Boten geſchickt mit der Botſchaft, ſo einem ſeiner Reiſigen ein Haar ge⸗ krümmt werde, wolle er ihm die Ohren abſchneiden laſſen. Dann war auch er in die Kirche getreten. 515 ÜUberall knieten in den Bänken dunkle Schatten, und das leiſe Gemurmel der Betenden geiſterte durch den Raum. Auch Kurfürſt Friedrich betete. Das blutige Kreuz! Das blutige Kreuz! Die Fieber, die das deutſche Volk ſchüttelten, ließen die Menſchen allenthalben Zeichen und Wunder ſehen, und die Kunde davon flog wie ein Flugfeuer durchs Land. Die einen kobten in wilder Luſt in den Tanzhäuſern, die andern warteten betend und ſingend auf den Jüngſten Tag. Dazwiſchen das Kriegsgeſchrei Hie Luther! Hie Rom! Hie Bauer! Hie Herr! Hie Fürſt! Hie Ritter! Hie Papſt! Hie Kaiſer! Fuggerer und Welſer, Finanzer und rote Schuh, freß ſie die Peſt! Wirbel über Wirbel! Ein Reich aus den Fugen. Das Tauſendjährige Reich bricht an. Und wer nicht aus noch ein wußte, der betete, wie die Leute zur Nachtzeit im Dome zu Worms, kindlich und einfältig:„Schütz uns, Herr, vor Krieg und Not!“ Plötzlich hallte eine laute Stimme durch den Dom, und als die Leute die Köpfe hoben, ſahen ſie einen Mann in der Kutte auf der Kanzel ſtehen. Es war der Engelbert Hiltensperger. Er hatte ſich mit dem Wendel Hipler in die Kirche zum Schlafen gelegt, denn in ganz Worms war keine Liegeſtatt zu finden. Achtzig Fürſten, Grafen und geiſtliche Herren ohne Zahl mit Tauſenden und aber Tauſenden von Gefolgsleuien füllten jedes Zimmer, jeden Gang und jeden Winkel. Einmal vor langen Jahren hatte er hungrigen Bauern die Seelen geſtillt. Er dachte der Stunde, als er auf die Kanzel ſtieg. Heute— die Bauern hatten's ihm übel gedankt!— Heute— 516 Nein, nicht daran denken, ums Reich ging's, ums Tau⸗ ſendjährige Reich. Und von dieſem Reiche predigte er in der dunklen Nacht im Dome zu Worms. Ein deutſches Reich war es, das er den Leuten von Worms zeigte. Ob er vom himmliſchen oder irdiſchen Reiche ſprach, deutſch war ſein Herrgott, deutſch war ſein Kaiſer! Da horchte er auf, der Kurfürſt Friedrich in der vor⸗ derſten Bank. Der dort auf der Kanzel ſtand, verſchwommen und dunkel, der redete deutſch. Deutſch war ſeine Sprache! Dem Kurfürſten wollte es ſein, als höre er den Klang zum erſten Male. „Ei der Tauſend, was eine ſtarke und herrliche Sprach das Teutſche doch war!“ Längſt waren die Leute aus den Kirchenbänken geſchlüpft und drängten ſich um die Kanzel, ein ſchwarzer, erregter Haufen. „Das aber iſt das recht Evangelium: Niemerts untertan dann Gott und dem Kaiſer.“ „Daß dich das Meusle!“ durchfuhr's den Kurfürſten, „wo iſt dann meins Bleibens?“ Der von der Kanzel ſagte es ihm:„Ei, Ihr Fürſten und Pfaffen, einer wurt kummen, mit eim eiſirn Beſen fegende, alſo wie der Luther itz feget, dann wo ein Staub und Dreck iſt, mueß man umb ein Beſen ſchauen!“ Des Kurfürſten Begleiter wollten dem Redner ins Wort fahren, aber Friedrich der Weiſe hielt ſie zurück:„Was heunt ein Narr iſt, iſt leicht morgenden Tags ein Prophete, iſt nit gar ſo abwegs, was der Mann ſaget. Wär vor etlich Jahr einer for ein Narren eracht, ſo er gefaſlet, es werd einer kummen, ſo die Klöſter und Kirchen feget. Doch will mir ſcheinen, es het no gueter Weg.“ ** * Auf dem Obermarkt löſte ein Turnier das andere ab. Dort war es auch, wo der junge Kaiſer ſeine herrlichen Roſſe ſelber zuritt. „Tun die ſchönſten Sprüng, als ich mein Lebtag nit geſehen hab“, meinte der Dietrich Butzbach, der mit dem Doktor Peutinger von Augsburg dem Obermarkt zuſchritt. In der Stadt ging's zu wie in einem Bienenhaus, trotz⸗ dem erſt die achte Morgenſtunde war. „Sehet dorten, Herr Peutinger, die mit denen Schleuern ſeind indiſche Leut us Mexiko, vom Cortez geſandt, dem Kaiſer Karle zu Ehren, ſeind rotbraun am ganzen Leib und gar ſtolzen Sinns.“ Ja, die Sonne ging nicht unter in Kaiſer Karls Landen. Alle hatten ihre Geſandten geſchickt. Niederländiſche, ſpaniſche Edelleute ritten in Gruppen nach dem Obermarkt, dem kaiſerlichen Jüngling zuzuſchauen. Dicht ſtanden die Menſchen um die Turnierbahn. Es war aber auch eine Freude, wenn der kaiſerliche Reiter, ſchlank und geſchmeidig wie eine Gerte, von wahrhaft könig⸗ licher Haltung, ſpielend die ſpaniſchen Hengſte in allen Gangarten bog. Das hatte man in Deutſchland noch nie geſehen! Das war etwas anderes als die ſchweren deutſchen und niederländiſchen Schlachtgäule! Nun ritt der Kurfürſt Friedrich in den Ring. Der Kaiſer kam mit leicht tänzelndem Hengſte auf ihn zu und begrüßte ihn mit unnachahmlichem Anſtand. Dann ritten die Herren in lebhaftem Geſpräch um die Ringbahn. Der Kurfürſt bat die Reiſigen frei, die in der Nacht zuvor dem Profoſen vorgeführt worden waren. Ein paar Worte des Kaiſers, und ein Page eilte, die Leute auf freien Fuß zu ſetzen. Dankend verabſchiedete ſich der Kurfürſt und ritt aus dem Ring. 518 Da ſah er den Pfaffen, der in der Nacht im Dom ge⸗ ſprochen hatte, wie er Druckſchriften an die Leute verteilte. Er gab ſeinem Gaul die Sporen und ritt auf den Engel Hiltensperger zu, der ſich verneigte und dem Kurfürſten zwei Libelle überreichte. Der nahm ſie und blätterte. Zwei Briefe waren's, aus des Hutten Feder, einer an den päpſtlichen Legaten Aleander. Der Kurfürſt las:„Hebet euch hinweg von den reinen Quellen, ihr unreinen Schweine. Hinaus mit euch us dem Heiligtum, ihr verruchten Krämer. Sehet ihr nicht, daß der Luft der Freiheit weht, ich werde ſtachlen, ſpornen, reizen———“ Und wie er den zweiten Brief zur Hand nahm, ſah er, daß er ſich an des Kaiſers Majeſtät richtete:„Unſer Hoffnung war, du werdeſt das römiſch Joch von uns nehment, ein ſo großer Kaiſer, der König ſo vieler Völker, ſo willig der Knechtſchaft, daß er nit einmal wartet, bis er gezwungen wird!“ Mittlerweile hatte ſich ein weiter Kreis um den Pfaffen und den fürſtlichen Reiter gebildet. Forſchend ſah der dem Engel Hiltensperger ins Geſicht, dann fragte er:„Wiſſet Ihr, daß Ihr um Euren Kopf ſpielet, wer heißet Euch, wider Fürſten und Kaiſer Prak⸗ tiken treiben, nächtlicherweil in denen Kirchen den Rührauf predigen?“ Der Engel lächelte:„Das iſt alls in Gottes Hand, Euer Fürſtlich Gnaden!“ „Wes ſeind die Reiſigen, ſo hünder Euch ſtehn?“ „Standen dem hochedlen Herrn Franziskus Sickingen zu!“ Ei, da horchte Seine Kurfürſtliche Gnaden auf! „Wo weilet der Sickingen zur Stund?“ „Sitzet mit Seiner Edlen, Herrn Ulrikus von Hukten, uf der Eberenburg, ſchauende gen Wurmbs, was die Papiſten wider den Herrn Doktor Martinus werken.“ 519 14 Da wußte der Kurfürſt Friedrich der Weiſe, daß in der geſtrigen Nachtſtunde im Dom zu Worms dem Franziskus von Sickingen einer die Katze aus dem Sack gelaſſen hatte. „Einer wurt kummen!“ Der Kurfürſt wandte ſeinen Hengſt und ritt in kiefem Sinnen dem Gaſthof zum Schwanen zu:„Alſo ſtandets?! Franz, Franz, wo uſer witt du? Geltet dir das bluetig Kreuz am Himmel, geltets uns? Ein Kaiſer, ein Münz, ein Heer, ein Gericht! Wafern es nit über der Fürſten Leichen ganget, wars ein gar ge⸗ waltig, ein gar herrlich Beginnen! So aber, Franz, wurſtu ans Kreuz geſchlagen!“ *** Ein Trompeter hatte das Kommen des Doktor Martinus angekündigt. Nie hat eine Trompete wilderen Aufruhr ver⸗ urſacht. Wie die Ameiſen, wenn einer mit einem Stecken in ihren Bau fährt, ſo liefen die Leute durcheinander, riefen ſich's zu:„Der Doktor Martinus kummt.“ Und ein Rennen wurde, ein Stoßen und Drängen, daß in den Gaſſen von Worms kein Durchkommen mehr war. Eine dichte Mauer von Wartenden ſäumte die Straße, auf der Doktor Luther kommen mußte. Die Fenſter waren ſchwarz von Menſchen, an den Dachrinnen kletterten ſie hoch, ſtanden einander auf den Schultern. Die Maſſe ſieberte vor Erregung. Aleander, der päpſtliche Legat, biß ſich hinter ſeinen Butzenſcheiben die Lippen wund. Die Spanier fluchten in ihren Quartieren über den drei⸗ geteufelten Ketzer. Die Deutſchen aber bebten ihrem Abgott entgegen. Hunderte von Herren, Grafen und Fürſten waren dem Doktor Martin entgegengeritten, ihn feierlich einzuholen. 5²⁰ Nun fingen die Glocken an zu läuken, dieſelben Glocken, die den Kaiſer Karl begrüßt hatten; hallend und weit aus⸗ holend flogen ſie über die alte Stadt hin. Schon von weitem hörte man die Menſchen ſchreien und jubeln, immer näher ſchwoll's. „Er kummt! Er kummt!“ Tauſend und tauſend Tüchlein wehten. Jetzt! Da brachen die Menſchen los, ohne Hemmung, zitternd, ſchluchzend drängten ſie. Voraus ritt der Reichsherold, der Balthaſar Sturm, im Wappenrock. Hinter ihm auf einem offenen Rollwagen, in einer Mönchskutte, ſaß mager und ſorgenverzehrt der Doktor Martin Luther. Krank und zitterig hingen die mageren Hände aus dem Armel. Mit weitgeöffneten, fieberheißen Augen, die ſeltſam aus ſeinem bleichen Antlitz leuchteten, ſchaute er um ſich, und ſchier ängſtlich ſah er immer wieder ſeine drei Begleiter an, die bei ihm im Wagen ſaßen. Wie von Sinnen waren die Menſchen! Frauen ſielen ohnmächtig vor Erregung zu Boden; die Leute warfen ſich vor die Roſſe. „Seied getroſt, Herr Doktor“, rief's,„es ſoll Euch kein Leids nit beſchechen!“ „Mut! Herr Doktor! Mut! Wem Gott ein Wohl will, ſo kann niemert ein Pfeil wider ihn ufbringen!“ So rief's durcheinander, und rechts und links vom Wege ſah man die Leute niederknien. Eingekeilt in die Maſſen ſtand der Wagen und konnte nicht vor⸗ noch rückwärts. Da griff der Engel Hiltensperger in die Zugel, und langſam ging's weiter. Hinter dem Wagen aber kam der ſtattliche Zug von 52¹ e . Herren und Fürſten, die den Doktor Marktinus eingeholt hatten, wie kein Reichsfürſt, auch der Kaiſer nicht, eingeholt worden war. Im„Johanniterhof“, den ſie den„Deutſchen Hof“ nannten, ſollte der Doktor Martinus wohnen. Der Wagen hielt vor dem ſtattlichen Bau, dicht um⸗ drängt von den Menſchen, die die Hüte von den Köpfen nahmen und nunmehr ſtill und ehrfürchtig zu dem Manne hinaufſchauten, der ſchüchtern auf dem Rollwagen ſtand und nicht wußte, wie er herunterſteigen ſollte. Der Engelbert Hiltensperger half ihm, und als er auf dem Boden ſtand, neigte ſich der ſtarke Mann und küßte dem Luther das Gewand, als wäre es die Reliquie eines Heiligen. Sprechen konnte er nicht, ſo ergriffen war er. Er hielt ihm nur wortlos den Brief hin, den ihm der Sickingen und der Hutten mitgegeben hatten. Der Doktor Martinus zögerte erſt, das Schreiben zu nehmen, es mochten ihm ſchon allzu viele entgegengehalten worden ſein. Da fand der Engelbert Hiltensperger ſeine Sprache wieder:„Vom Hochedlen Herren Franziskus von Sickingen und vom Ulrikus von Hutten.“ Ein frohes Lächeln flog über des Doktor Martinus Geſicht, und er ſprach:„Das iſt fürwahr ein gut Vor⸗ bedeuten und ein faſt freundlicher Willkomm zu Wurmbs. Kommet am dritten Tag, mein Antwurt holen. So Ihr aber zuvor Poſten zum Herren Franziskus ſchicket, ſo ver⸗ meldet ihme, der Luther ſeie gueter Ding und gar fröhlich im Herrn.“ Die Umſtehenden hatten gehört, um was es ſich handelte. „Heil Sickingen! Heil Hutten! Heil Doktor Martinus!“ Und ſchnell, wie ein Lauffeuer, verbreitete es ſich in der ganzen Stadt, der Sickingen und der Hutten hätten dem Doktor Martinus geſchrieben. 522 Ein jeder machte noch etwas dazu, ſo daß es bald hieß: „Der Hutten und der Sickingen ſtehen mit viel tauſend Reiſigen bereit, den Doktor Martinus zu ſchützen.“ Der Legat Aleander aber, der, um den Biſchofshof, in dem Karl V. wohnte, immer im Auge zu haben, ſich in einer kleinen unheizbaren Kammer eingemietet hatte, ging wütend und frierend darin auf und ab. Als ihm ſeine Boten meldeten, der Sickingen nehme ſich des Hutten an, ſtampfte er zornig mit dem Fuße. „Ei, was hitzet Ihr Euch“, lächelte der Richard von Greifenklau, der eben unangemeldet eintrat. „Potz, der Sickingen machet Euch warm? Habet Ihr nit geſagt, Ihr wellet die Lutheriſchen überwinden mit ſüßen Worten, ihnen Berg und Meer, Hüt und Hütlin vom Papſt verſprechen? Vermein bloß, beim Sickingen langet kein Hut und kein Hütle!“ Fragend ſchaute Aleander den Richard von Greifenklau, Erzbiſchof von Trier, an. „Eine Kron möcht langen, ihedoch, woher ein Kron nehmen?“ * 5* Am andern Tag holte des Reiches Erbmarſchall, Ulrich von Pappenheim, den Doktor Martinus im„Johanniter⸗ hof“ ab, um ihn vor Kaiſers Majeſtät und vor die Stände zu füͤhren. Dicht gedrängt voll von Menſchen war die Krämer⸗ gaſſe. Darum nahmen die beiden den Weg durch den Garten des„Johanniterhofes“ und des Pfalzgrafen Herberge, den „Schwanen“. Aber die Menſchen, die es gemerkt hatten, liefen was ſie konnten, ſchnitten den Weg ab, ſtiegen auf die Dächer, und es wurde erſt recht ein gewaltiger Auflauf. Und wieder winkten ſie mit Tüchlein und riefen dem 523 Doktor Martinus Mut zu, riefen:„Heil dem Franziskus Sickingen! Heil dem Hutten!“ Je näher ſie dem Biſchofshof kamen, um ſo dichter ballte ſich die Menge, bis am Ende kaum mehr ein Durchkommen war. Die Leute haſchten nach einem Zipfel vom Gewand des Doktor Martinus, griffen nach ſeiner Hand. Und als er in den Biſchofshof trat, da wollte die Menge mit Macht nachdringen, ſo daß ſie mit Hellebarden zurückgetrieben werden mußte. Drinnen war ein Gedränge, daß kaum ein Durchkommen war. Auf den Treppen und Gängen und im Vorraum zum großen Saale ſtanden die Ritter und Abgeſandten von den Reichsſtädten. Viele neigten ſich und riefen:„Mut, Herr Doktor, wir laſſen Euch kein Leids nit beſchechen.“ Der Doktor Martinus aber mußte vor der Türe des Saales warten. Unweit von ihm ſtanden der Engel, der Wendel Hipler und der Doktor Peutinger. „Ei, Doktor Peutinger“, flüſterte der Hipler,„Ihr kennet den Doktor Martinum gar wohl, vermeinent etlich Leut, der Doktor Martinus wölle dem gemeinen Mann helfen von aller Beſchwer?“ „Dem Doktor Martinus lieget die Heilig Gſchrift und das Evangelium im Herzen und die ewig Seligkeit.“ „Wollt nit vom Übel ſeind, ſo er in die teutſch Reichs⸗ reform hinein wollt blaſen. Meinet Ihr gar, ein neu Gottesreich wurt uf altem Boden erſtehen? Tuet not, man reißet einen neuen Acker umb, ſo der alt nit meh traget.“ „Gott genad uns und dem Doktor Martinus“, ſeufzte der Doktor Peutinger, denn er trug große Sorge im Herzen. „Niemalen wurt der Doktor Martinus ein Ufruhr machen wider das Evangelium, drinnen ſtehet geſchrieben: Du ſollt untertan ſein der Obrigkeit!“ 52⁴ In dieſem Augenblick erblickte der Lurher den Doktor Peu⸗ tinger. Ganz fröhlich rief er:„Ei, Doktor Peutinger, ſeied Ihr auch hie? Was tun Weib und Kind?“ Und ſie gaben einander freundlichen Gruß, hatten auch ſchon etliches miteinander geſprochen, als ſich dem Doktor Martinus auf einmal eine ſchwere Hand auf die Schulter legte. Er wandte ſich um und ſah einen Gewappneten mit einem roten Buſchen auf dem Helm, der ſprach mit einer kiefen, ernſten Stimme:„Mönchlein, Mönchlein, du tueſt itz einen Gang, einen Stand zu tun, dergleichen ich und mancher Obriſte in der allerernſteſten Schlacht⸗ ordnung nit getan haben; biſtu uf rechter Meinung und deiner Sach gewiß, ſo fahre in Gottes Namen fort, Gott wurt dich nit verlaſſen!“ Und der Doktor Martinus erwiderte fröhlichen Herzens: „Nein, Gott wurt mich nit verlaſſen, des will ich gewiß ſein, Herr Georg von Frundsperg, viel gueten Dank for Euer tröſtlich Wurt!“ Dann wandte er ſich wieder dem Doktor Peutinger zu, und der Frundsperg erſah ſich mit ſeinem breiten, gurgeln⸗ den Lachen den Engel:„Viel ſeliger Zeit, mein Engel, kenneſtu du den alten Frundsperg nit meh? Haſtu das teutſch Reich no nit uf den Kopf gſtellt, vermein, es wacklet immer no!“ Sie drückten einander die Hand, und der Engel ſprach halblaut:„Siecheſtu nit, Jörg, Berge kreißent und die Völker häutent ſich als wie die Schlangen, ſo ein neues Kleid anziechen? Wer weiß, was das will werdende? Genad uns Gott der Herr!“ „Genad uns Gott“, ſprach der Frundsperg wieder in tiefem Ernſt,„es ſeind allzu viel Köch am Werk, die Suppen zu verſudlen!“ Lange, lange ließen die Herren den Doktor Martinus warten, an die zwei Stund. Die Ritter und die von den Städten wollten unwillig 525 e e ee werden, und hie und da ging ein böſes Murren durch die Gänge. Der Doktor Martinus ſtand nun für ſich ganz allein und betete, und alle, die in ſeiner Mähe ſtanden, ſchwiegen ehrfürchtig ſtill. Er betete und betete immer heftiger, bis eine große Er⸗ regung ihn ergriff, ſo daß auf einmal wider ſeinen Willen die Worte laut aus ſeinem Munde kamen:„All⸗ mächtiger, ewiger Gott! Gott, o Gott! Höreſtu nit, mein Gott, biſtu tot? Nein, du kannſt nit ſterben, du verbirgſt dich allein. Haſtu mich dazu erwählet, ich frage dich: wie ich es denn gewiß weiß, ei, ſo walt es Gott! Ei, Gott, ſo ſtehe mir bei in dem Namen deins lieben Sohnes Jeſu Chriſt, der mein Schutz und Schirm ſoll ſeind, ja meine feſte Burg durch Kraft und Stärkung deins heiligen Geiſts. Die Welt muß mich über meim Gewiſſen wohl unbezwungen laſſen, und wenn ſie voller Teufel wär, und ſollte mein Leib darüber zu Trümmern gehn, dafür aber dein Wort und Geiſt mir gut iſt. Die Seel iſt dein und gehöret dir zu und bleibet auch bei dir ewiglich. Amen!“ Tief ergriffen lauſchten die Umſtehenden. Des Doktor Martinus Augen blickten in weite Fernen, und er erſchrak auf das tiefſte, als auf einmal die Saal⸗ türen ſich weit öff neten und der Erbmarſchall laut ſeinen Namen rief. Zagen Schrittes trat der Mann, der eine Welt um⸗ wälzte, in den Saal, hinter ihm drängten ſie nach, ſo daß die Türwächter die Hellebarden kreuzen mußten. Einen von ihnen kannte der Frundsperg:„Potz, Heini“, ſagte der Alte,„ſo du deim alten Obriſten die Tür vor der Naſen zuhauſt, ſo will ich nit aller gueten Lands⸗ knecht Vatter ſeind, ſo ich dir nit das Fell über die Ohren ziech, bals du dich wieder laſſeſt im Läger ſechen!“ Da lachte der Heini Stump und ließ einen Spalt off en, wohl zwei Hand breit. 52 Der Engel aber, der ganz vorne ſtand, ſah, wie die Fürſten in Bewegung kamen, aufſtanden und ſich drängten, den Doktor Martinus zu ſehen. Einige taten ermunternde Rufe, andere lachten und riefen Spottworte. Der Herr Doktor Martinus ſchritt vor, blieb ſtehen, ſchaute um ſich. Er zitterte. Auf dem Thronſeſſel ſaß die kaiſerliche Majeſtät, ge⸗ ſpannt, leicht vornübergeneigt, dem Mönch entgegenſchauend. Als er den zagenden Menſchen vortreten ſah, da war's, als ginge eine leichte Enttäuſchung über das knabenhaft junge Antlitz, und man hörte durch den Saal die Worte hallen:„Der ſoll mich nit zu eim Ketzer machen!“ Verwirrt und bleich ſtand der Doktor Martin. In dieſem Augenblick rief der Kurfürſt Friedrich den Reiſigen zu, ſie ſollten die Türe ſchließen. Nun hörte man nur noch gedämpft die ſcharfe, gelle Stimme des Doktor Eck. Leiſe, draußen kaum hörbar, erwiderte der Luther. Man hörte die Worte wohl, doch konnte man den Sinn nicht verſtehen; aber die Stimme wurde immer zuverſicht⸗ licher, und als für einen Augenblick der Joachim von Brandenburg den Saal verließ, klang laut und feſt des Doktor Martinus Stimme:„Wer mich verleugnet vor denen Menſchen, den will ich vor meinem himmliſchen Vater auch verleugnen! So helfe mir Gott, denn kein Wider⸗ ſpruch kann ich nit tun.“ Die Türe ſchloß ſich, und wieder ging der Disputat weiter. Aber das Wort flog durch die Gänge, und erleichtert atmeten die Wartenden auf. Stunde um Stunde war vergangen, es war ſpät ge⸗ worden, man hatte Fackeln angezündet, ſtickheiß war's im Saal; allenthalben war die Erregung aufs höchſte geſtiegen. Da flogen mit einem die Türen auf; hallend erklangen 527 die Worte:„Hie ſteh ich, ich kann nit anders. Gott helfe mir. Amen.“ „Ich hab genug!“ rief der Kaiſer. Und der Doktor Martinus wandte ſich und ſchritt in⸗ mitten zweier Gewappneten aus dem Saal. Da erhob ſich ein gewaltiges Getümmel. Die Edelleute riſffen die Schwerter aus den Scheiden und fragten ſchreiend, ob man ihn gefangen fortführe. Aber der Doktor Martinus beruhigte die Erregten mit ein paar Worten. Da begleiteten ſie alle, die Ritter und Herren aus den Städten und alles Volk, den Doktor Martinus mit Waffen und Wehren zum„Johanniterhof“, auf daß ihm kein Leid geſchehe. Und das war gut ſo, denn an der nächſten Ecke lauerte der Herzog von Alba mit ſeinen Spaniern; die Klingen flogen heraus, aber es blieb bei Spott und Speireden. Rechts und links ſäumten die Tauſende die Gaſſe und jubelten dem Luther zu. Dicht hinter ihm ſchritten der Engel, der Hipler und der Frundsperg. Als ſie beim„Johanniterhof“ angelangt waren, hob auf einmal der Doktor Martinus beide Hände zum Himmel und rief mit lauter Stimme:„Ich bin hindurch! Ich bin hindurch!“ Der Frundsperg aber ſagte zum Engel:„Engel, du ſollt die Hand von der Suppen kun, laß du den Luther ſudlen.“ Der antwortete ihm:„Jörg, eben darumb bin ich gen Wurmbs gefahren, ſchauende, ob der Luther mein Suppen wöll rühren oder nit.“ In der Nacht heftete einer an das Tor des Rathauſes einen Zettel mit den Worten:„Schlicht ſchreib ich, großen Schaden mein ich, mit viel kauſend Mann kriegen will ich! Bundſchuh, Bundſchuh! Bundſchuh!“ * ** — Am andern Tag ſtand der Doktor Martinus nochmals vor Kaiſer und Reichstag. Am dritten aber ging der Engel zu ihm, die Antwort für den Franziskus von Sickingen zu holen. In einem großen kahlen Zimmer, in dem ein Tiſch und zwei Seſſel der einzige Hausrat waren, ſtand der Doktor Martinus. Diesmal trug er keine Kutte, ſondern eine marderbeſetzte Schaube, die ſchier zu weit und faltig für den hageren Leib herunterhing. Er war fröhlich und guter Laune. „Gotts Gruß, da ſeied Ihr ja!“ rief er dem Beſucher zu und reichte ihm die magere, durchſcheinende Hand. Dann nahm er einen Brief vom Tiſch und reichte ihn dem Engelbert Hiltensperger:„Grüßet mir den hochedlen Herren Franziskus von Sickingen. Saget ihme und dem tapferen Herre von Hutten Dank, daß ſie mein in der Mot gedenket. Gott bezal es ihnen zu tkauſend Malen. Verhoff, es werd nit nottun, daß umb den Luther ein Tröpflin Blutes fließ.“ „Ei, Herr Doktor, iſt mannich einer, der Euch ein welſch Süpple und ein hiſpaniſch Spitzmeſſer wohl möcht ver⸗ gunnen. Es kann kein Schad nit erwachſen, ſo Ihr auf Eurer Hut ſeied!“ Der Doktor Martinus lächelte:„Bin nur ein arm Auguſtinerle, ziemet mir nit, als wie ein Reutersmann mit Schwert und Spieß zu dräun. Gott iſt mein feſte Burg und Gewaffen!“ „Traget nit der Engel Michael ein Schwert? Hat nit der heilig Peter ſelbſten das Schwert zogen?“ „Hats ihme nit der Herr Jeſus verwieſen?“ Forſchend ſah der Doktor Martinus ſeinen Beſucher an:„Ei, wohin zielet Ihr?“ „Ein Frag wollt ich tun, Herr Doktor, ein Frag, ſo vielen gueten Teutſchen uf der Zungen brennet!“ Schmückle 34 520 „Will Euch gere Red und Antwurk ſtehn.“ „So ſollt Ihr mir ſagen, Herr Doktor, ob der arm Mann Gott weniger am Herzen lieget dann der reich?“ „Seind nit die zwölf Apoſtel arme Leut ge⸗ weſt?“ „Wohl, Herr Doktor, warumb plagen und ſchinden die Herren den Pauren bis ufs Bluet, nit als ob er Gotts Kind wär? Möcht mich nit wundern, Herr Doktor, ſo eins Tags der arm Mann wider den Stachel wollt löcken, ſein Recht mit Gwalt fodern, ſo ers nit im gueten erſtreitet.“ Da legte der Luther dem Engel beide Hände auf die Schultern und ſprach:„Es ganget allerhand Kundſchaft im Land von eim Bundſchuh, der gemein Mann wöll ein Rührauf machen, ſich eins Gewalts unterſtehn. Gott laſſet kein Unrecht ungeſtraft, es geſchehe jetzt oder hernach, ſo werden die ungerechten Herren ein Ende nehmen durchs Schwert. Wie es gewißlich und wahr iſt, daß die Fürſten gar wütig und tyranniſch regieren, den armen Mann ſchinden und drucken, alſo gewißlich ſeind die unter Gottes Zorn, müſſent am End ſich untereinand zerfleiſchen als wie die wütigen Beſtien. Ob ſie wöllent oder nit, ſie müſſen weichen von ihrer Tyrannei, daß der arm Mann auch Luft und Raum gewönn zu leben!“ „Und ſo ſies nit im gueten tun?“ Da zögerte der Doktor Martinus:„Es geſchiehet nützet ohn Gott.“ So wich er leicht der Frage aus. Der Engelbert Hiltens⸗ perger nahm's dafür, daß der Luther einen Aufſtand wider Unrecht und Bedrückung nicht als gegen Gottes Gebot erachte. Der Doktor Marktinus aber errötete, denn er ſpürte, daß ſein Wort nicht klar war wie ein Spiegel, und daß 530 der Fremde eine Frage getan hatte, die ſchwer wog, viel⸗ leicht ſchwerer als alle die Fragen, die er am Tage zuvor vor Kaiſer und Reich beantwortet hatte! *** Der Engelbert Hiltensperger hatte die Stube ſchon lange verlaſſen, und noch immer ſtand der Martin Luther auf derſelben Stelle, den Kopf zum Boden geneigt. Er mochte es nehmen wie er wollte, es blieb dabei! Der Bundſchuh hatte eben bei ihm, dem Doktor Martinus, an⸗ gefragt, ob ein Aufruhr des armen Mannes wider Gottes Gebot ſei, wider ſeine, des Doktor Martinus, Überzeugung, und er, er war ausgewichen der Verantwortung, nein, was noch ſchlimmer war, hatte eine zweideutige Antwort ge⸗ geben! Potz! Und der Mann, der die Frage getan hatte, war der Mann geweſen, der des Sickingen Brief ihm über⸗ bracht. War da ein Zuſammenhang zwiſchen dem Bund⸗ ſchuh und dem Sickingen? Hatte er nicht auch dem Sickingen eine Antwort gegeben, die keine Ablehnung war? Hatte er nicht in ſeinem Brief durchblicken laſſen, daß nicht nur Gottes Reich, nein, daß auch das weltliche Reich er⸗ neuert werden müſſe? Ei, was für Fußangeln hatte ihm Beelzebub da gelegt! Waren es Fußangeln, oder wies ihm Gott einen Weg? Von der Freiheit eines Chriſtenmenſchen war ihm ein heiliges Feuer aufgegangen! Von der Freiheit der Deutſchen! Es wollte dem Doktor Martinus ſchwindeln! Neue Gedanken ſtürmten auf ihn ein. Heiliger Gott, wenn der Sickingen ſeinen Brief ſo gemeint hatte! Draußen auf der Treppe polterte es. Es klopfte. Der Doktor Martinus hörte nichts. N ——— Die Tür ging auf. Der Doktor Martinus hörte nichts, bis ihn eine junge luſtige Stimme anredete:„Lieber Herr Doktor, wie gehts?“ Erſchrocken drehte ſich der Doktor Martinus um. Es war der junge Landgraf Philipp von Heſſen, der ihm die Hand entgegenſtreckte. Und noch ganz verwirrt entgegnete der Doktor Luther: „Gnädiger Herr, ich verhoff, es ſoll gut werden.“ Jugend hat keine Art und fällt mit der Türe ins Haus. Lachend fuhr der junge Fürſt fort:„Ich höre, Herr Doktor, Ihr lehret, wenn ein Mann alt wird, daß dann die Frau einen andern Mann mag nehmen?“ Da lachte auch der Doktor Martinus und meinte:„Euer Fürſtliche Gnaden ſollten nit alſo reden!“ „Da ſehet Ihr, Herr Doktor, was eim die Hofrät alles einblaſen!“ Noch war der junge Fürſt ktolpatſchig und unfertig, aber dem Doktor Martinus wollte ſeine unbekümmerte Art nicht ſchlecht gefallen.„Lieber onfertig“, dachte er,„dann ver⸗ hunzet!“ Da polterte es ſchon wieder auf der Treppe, und man hörte ſchweren Stiefeltritt und Sporenklirren. Es klopfte. Diesmal war's der Kurfürſt Friedrich der Weiſe. Der Doktor Martinus verneigte ſich tief. „Ei, ſiehda, Euer Liebden, lieber Vetter! Wie gehts, wie ſtehts, Herr Doktor! Habet Ihr wohl usgeruht, iſt geſtrigen Tags faſt hiſpaniſch zugangen! Habet Euch indes gar wacker gehalten, viel Beifalls gefunden bei denen Teutſchen.“ „Dank! Dank! Euer Fürſtliche Gnaden, Goktes Bei⸗ 10 ſtand hat mir nit ermanglet, er wurt weiter helfen.“ n„Potz Velten, Herr Doktor, iſt mir uf der Stiegen Ni einer in den Weg geloffen, traget ſein Kutten zu allerhand Praktiken. Was hent Ihr mit dem zu ſchaffen?“ 332 Der Herr Doktor errötete und meinte dann, der Mann habe einen Brief bei ihm abgeholt. „Ein Brief, Herr Doktor, gar an den Franziskus Sickin⸗ gen; da ſei Gott davor, daß Ihr mit dem ein Hammel ſcheret!“ Da wurde der Doktor Luther verlegen, aber einer Ank⸗ wort enthob ihn der junge Landgraf. Ihn hatte der Sickingen zu dem ſchimpflichen Vertrag von Darmſtadt ge⸗ zwungen, ihm war der Name des Ritters, was dem Stier das rote Tuch. „Daß ihn die rote Ruhr ſtoß, den Bruder Strauchritter! Herr Doktor, Herr Doktor! Will nit hoffen, daß Ihr mit dem unter einer Decken ſtecket; Euer Liebden, Herr Kur⸗ fürſt, ſo die teutſchen Fürſten nit ganz wären mit Blind⸗ heit geſchlagen..“ „Ei, liebwerter Vetter, was ſeied Ihr doch ſo hellſichtig, und ſpricht man doch ſuſt von denen blinden Heſſen.“ Der Spott verdroß den jungen Landgrafen gewaltig, denn er hatte raſches Blut und brauſte gar ſchnell auf. „Ja, lachet nur, wurt ein Zeit kummen, die keutſchen Fürſten werdens alsdann gewahr, was ein Schlangen der Sickingen! Iſts nit er, ſo die Ritterſchaft ufwieglet, alſo daß bald all die Storckenneſter im Land im Einverſtand?“ „Ach und pfuch, Euer Liebden, iſt das alls? Suſt machet Euch nützit Beſchwer? Meinet Ihr, die teutſchen Fürſten ziechent als wie die Blindſchleichen durchs Lande Mir will faſt ſcheinen, als het der Sickingen ein groß Geluſt nach eim Kurhut. Sitzet der ihme zupaß, leicht möcht er an einer Kronen Gefallen finden.“ Der Landgraf Philipp riß Mund und Augen auf und ſtotterte:„Ein Kurhut, ja, potz Dules willen, was for ein Kurhutd?“ „Der ferneſt wurts nit ſeind, der nacheſt iſt der von Trier!“ „Ei, Herr Kurfürſt, Ihr beliebet zu ſcherzen! „Wär übel getan, in ſotten Dingen zu ſcherzen! Doch Ihr, Herr Vetter, Ihr hent jo Zeit, Ihr kummet erſt als der nahſt an die Reihen, nach dem von Trier.“ „Was Ihr nit ſaget, Euer Liebden! Woher kummet Euch dies Wiſſen d“ „Ihr fraget gar viel, Herr Landgraf!“ ſpöttelte der Kur⸗ fürſt.„Was in Sachſen die Spatzen vom Dach pfeifen, ſell iſt, will mir ſcheinent, im Heſſenland ein onbekannt Ding; vermein ſchier, die Heſſen ſeien doch ein lützel blind!“ „Potz musica mus, Herr Kurfürſt, Ihr beliebet mich for ein Narren zu nehmen und das Kaſperle us mir zu machen; will mich lieber von dannen kun. Gotts Gruß, Herr Doktor, ſo Ihr recht habet, wurt Gottes Beiſtand Euch nit fehlen! Ihr aber, Herr Kurfürſt, Ihr ſullt mir heutiger Nacht Beſcheid kun beim Bankette mit einer gueten Kannen rhei⸗ niſchen Wins, alsdann wurt das Gelechter bei mir ſtehn!“ Und lachend ſchlug Friedrich der Weiſe in die dar⸗ gebotene Hand. „Iſt ein offener und ehrlicher Kerle, der Philipp“, meinte er zu dem Doktor Luther, als der Landgraf gegangen war. „Iſt wie ungorener Moſt, hat ihme der Sickingen bös mitgeſpielet, wurmet ihn gar gewaltig. Wellet Ihr ein Wetten mit mir tun, itz laufet er ſpornſtreichs zum Richard von Greifenklau, ein Conſpiratio wider den Sickingen an⸗ zettelen!“ Und ernſt fuhr er fort:„Herr Doktor, Ihr ſeied mir vorhin die Antwurt ſchuldig blieben. Treibet Ihr Praktiken mit dem Sickingen?“ „Ei, was denket Ihr von mir, Euer Kurfürſtlich Gnaden? Wie ſollt ich wohl! Bin ein ſchwacher Menſch; meine Kräft wöllen ſchier nit usreichent in dem böſen Streit umb das rein Wort Gottes, ſoll ich mich noch in welllich Händel miſchen?“ Und doch konnte der Herr Doktor Martinus nicht ver⸗ 33⁴ hindern, daß ihm die Röte über die Stirne lief, und das Herz klopfte ihm. Was hatte er doch in dem Brief an den Sickingen ge⸗ ſchrieben? Durfte dieſer nicht mit ſeinem Einverſtand rechnen, war da nicht von weltlichen Dingen die Rede geweſen d Er hatte ſich doch in einem Fallſtrick verfangen. „Weiß niemert recht, wo uſer der Sickingen zielet“, fuhr der Kurfürſt fort,„eins iſt feſt, der Fürſten Freund iſt er nit, und gar große Graupen het der Mann in ſeim Kopf. Wer ſein Sach nit will wirren, ſoll ſich vom Sickingen fernehalten und kein Gemeinſchaft mit ihme haben. Was aber haltet Ihr von Eurer Sach, Herr Doktor?“ „Wie meinets Ihr, Euer Kurfürſtlich Gnaden?“ „Potz Kirchenknopf, Herr Doktor, meinet Ihr, der Handel ſeie us und gar? Hie ſteh ich, ich kann nit anders, Amen! Hie ſteht Ihr, ihedoch das Amen iſt no lang nit gſprochen! Fürcht gar, es werd nie nit gſprochen werden!“ „Mir iſt nit bang, Kurfürſtlich Gnaden, das recht Evan⸗ gelium kann nit untergehn!“ „Ihedoch uf den Doktor Luther lauren hiſpaniſche Spitz⸗ meſſer und welſche Süpple. Es gangent gar abſunderliche Geſellen beim Legaten Aleander ein und us, und die Schwarzröck liegent dem jungen Kaiſer zu jeder Stund in den Ohren, er ſoll dem Doktor Martinus das frei Geleit nit halten.“ „Mein Sach ruhet uf Gott allein, er wurt mich nit verlaſſen.“ „Vergeſſet nit, daß derweil Euer Handel an vielen Orten, inſonderheit in denen Gaſthäuſern, mit harten Prü⸗ geln usgefochten wurt. Han's in der geſtrigen Nacht uf der Gaſſen erlebt. Wie wöllet Ihr denen Widerſachern entgehn?“ „So ſoll mir Euer Kurfürſtlich Gnaden ſagen, was ſoll ich tun.“ 335 Der Kurfürſt faßte den Lukher ſcharf ins Auge, dann ſprach er:„So höret, Herr Doktor, was ich ſag. So Ihr Euch wegtuet von Wurmbs, ſo will ich Euch von meinen Knechten laſſen niederwerfen und an ein ſicheren Ort verbringen, bis die ſcharpfen Wind verbrauſet. Dort müget Ihr warten, wie ſich der Handel uswachs!“ Der Doktor Martinus, dem die nächſte Zukunft böſe Sorgen bereitet hatte, vermochte nur unſchwer ſein Auf⸗ atmen zu verbergen. „Doch höret weiters, Herr Doktor! Soll ich Euch denen Papiſten us den Klauen ziechen, ſo hats ein Beding: Ihr ſchwöret mir, daß Ihr Euch von allen Sickingenſchen Händeln wellet fernhalten und nie etwas werdet unter⸗ nehmen, was wider die teutſchen Fürſten, vielmeh in jedem Ding die fürſtlichen Recht reſpektieren!“ Zögernd kam es aus dem Munde des Doktor Martinus: „Das will ich gere tun, Euer Kurfürſtlich Gnaden, und auch dabei beharren.“ „So gehabet Euch wohl, Herr Doktor, und erſchrecket nit gar zu ſehr, ſo meine Reiſigen us dem Buſch fahrent!“ Und wieder, wie vorhin, ſtand der Doktor Luther auf demſelben Fleck eine lange, lange Zeit. Er war bleich und bekümmert, wenn er auch in dieſer Stunde noch nicht überſah, daß er ſein Werk den Fürſten überantwortet, des deutſchen Volkes Wiedergeburt vertan hatte. Im Werden zerbrochen! *** Der Engelbert Hiltensperger aber ging die Krämergaſſe hinunter in den„Bären“, wo der Wendel Hipler hinter ſeinem Zinnkrug voll„Schwarzer Herrgott“ ſaß und auf ihn wartete. Er ſchob ihn dem Engel zu. Er war ſchlechter Laune, der Herr Wendel Hipler, denn 536 da und dort hatten es ihn die Herren merken laſſen, daß ſie ſein Handel mit den Hohenloher Grafen verdroß. Ein Zorn auf alles, was edelgeboren war, hatte ihn erfaßt und etwas zu ſehr ins Krüglein blicken laſſen. „Pfaffen und Herren freſſent us einer Schüſſel!“ brummte er, als der Engel ihm erzählte, daß der Luther auf ſeiten der Bauern ſtehe. „Bruder Wendel, was henket Ihr das Maul?“ zürnte der Engelbert Hiltensperger.„Zween Stürm, ſo widereinander blaſent, kragent das Schiff nit zum Hafen, reißent bloß die Segel zu Fetzen und ſtoßent das Schiff in Grund! Dannoch min Segel iſt geſtellet. So die recht Zeit iſt kummen, will ichs drehn, alſo daß der Wind von Wittenberg her drein blas mit Sauſen und Brauſen, hernach heißets das Steuer feſthalten, nit us der Hand reißen laſſen.“ „Willtu warten“, grollte der Wendel Hipler,„bis der ganz Handel offenbar? Hau zu, eh dir die Händ werden bunden. Sollent ſie über uns kummen, als wie der rot Utz über die vom Armen Kunrat? Trau dir alleinigt, Hil⸗ tensperger; lern mich die vom Adel nit kennen! Eh daß dus dir gedenkt, drehn ſie das Fähndlein wider dich!“ „So ſolltu nit reden!“ „Ach und pfuch! Laufets nit in den Gaſſen umb, daß Kaiſerlich Majeſtät ein Säckle voll Golddukätlein zur Ebernburg geſchickt?“ „Das iſt die Wahrheit nit“, zürnte der Engel. „Wahrheit oder nit! Wo Rauch iſt, do iſt joch Fuir! Ganget ein Flugred, der Sickingen wöll for den Kaiſer gen Frankreich ziechen. So die recht Zeit iſt kummen, wurſtu allein ſtehn, alsdann denk an den Hipler!“ „Wann wurt die recht Zeit ſein?“ fragte ſinnend der ngel. Der Hipler war aufgeſtanden und rüſtete ſich zum Gehen:„Alſobald des Kaiſers Majeſtät wider der Franzen Kuning ze Feld ziechet!“ 337 Dann ging er. Unter der Türe ſtieß er faſt mit dem Frundsperg zu⸗ ſammen. Der blieb ſtehen und ſchaute ihm nach. Dann ſetzte er ſich zum Engelbert Hiltensperger an den Tiſch. „Daß ihn die Franzoſen ankommen, war das nit den Hohenloher Grafen ihr ungetrewer Kanzler, der Hipler? Was willtu mit dem Fuchſen? Umb wellichen Hühner⸗ ſtall ſchleichet der zur Stunden? Allbott den Hohenloher Grafen eins anhängen? Allbott regiern in ander Leut Häuſer— die Katz laſſet das Mauſen nit. Schau zu, Engel, daß der dich nit vor ſein Karren ſpann!“ „Het kein Not“, ſagte der Engel und war doch von dem Wort betroffen.„Wie gehts, wie ſtehts, Jörg, biſtu endlichen der italiſchen Sümpf leid?“ „Erſt ze Mindelheim nach dem Rechten geſchaut, hernach mich gen Wurmbs getan. Pfeifen die Spatzen vom Dach, daß Kaiſerlich Majeſtät wöll dem König Franz eins an⸗ hängen, krummlet mir der Heini Schmücklin ſchon ein Fähnlin zuſammen. Gang mit, Engel!“ „Du ſollt mein müßig gan, Jörg.“ Da beugte ſich der Jörg Frundsperg vor und ſagke: „Engel, los, was ich dir ſag! Haſtu immer no dein Würmb im Hirn 2 Uf den Gaſſen verkaufent ſie des Sickingen Bild und dem Hutten ſeins gleichermaßen. Fluſteret der ein das, der ander jens. Seind etlich, ſagende, der Sickingen wöll gar ſelbſten Kaiſer werden, andere wiederumb, er wöll den Wirtemberger Herzog zum Kaiſer machen. Man ſaget ſo lang von eim Ding, bis es beſchicht! Laß dein Händ uſerm Spiel, Engel. Was dich nit brennet, ſolltu nit löſchen! Möcht dem alten Frundsperg leid tun, ſo er wider ſein getrewen Freund müſſet ſtahn.“ Da ſprach der Engel das Wort, das ſeit geſtern durch 338 alle Gaſſen von Worms lief:„Hie ſteh ich, ich kann nit anders!“ „So helfe Gott dir und uns allen“, ſagte der Frunds⸗ perg. *** Mitt dem Schürhaken hatten ſie den Fürſtabt Johann von Raitenau über die Steinflieſen gezogen, um ihn nicht anrühren zu müſſen. Dann wurde der neue Abt gewählt. Sebaſtian von Breitenſtein. War der Johannes von Riedheim ein harter, Johann von Raitenau ein tückiſcher Herr geweſen, ſo war Sebaſtian von Breitenſtein hart und tückiſch zu gleicher Zeit, dazu noch von einem Geiz beſeſſen, der keine Hemmungen kannte. Aber klug war er wie die andern. Es blies ein ſcharfer Wind in der Landſchaft. Die Bauern verſteiften ſich. Johann von Riedheim hatte vor ihren Augen der Schlag getroffen, als er die Peitſche wider einen von den Ihren erhob, Johann von Raitenau hatte die Peſt gefreſſen. Gott war ſichtbar mit den Bauern! Der lutheriſche Handel regte ſie auf; wo ein Pfaff des Weges ging, flogen Steine hinter Scheunen und Zäunen hervor; Schimpfworte wurden den Geiſtlichen auf der offenen Straße nachgerufen. Da hieß es klug ſein wie die Schlangen. Die Zeit war nicht dazu angetan, die Dinge hart auf hart ſtoßen zu laſſen. Der Abt war gewählt, die Landſchaft ſollte huldigen. Ei, was liebliche Flugreden der Herr Abt da in die Welt ſetzte! Aber gebrannte Kinder ſcheuen das Feuer. Es hieß, der Abt werde alle Beſchwerden abſchaffen, er habe ſchon ein Libell ausarbeiten laſſen, wonach keine 339 Fronden mehr geleiſtet werden müßten. Dann hieß es, das Beſthaupt ſei abgeſchafft, der Fallzins. Wenn man aber den Dingen nachging, dann wußte niemand, von wo und wann die Kundſchaft kam. Der Lederle, nunmehr unter dem dritten Abt Spürhund, mußte über die Stimmung der Bauern berichten. Aber es war nichts Gutes, was er meldete. Überall zeigten die Bauern die kalte Schulter, und ſelbſt die Weiber waren verſtockt. Der Lederle war mittlerweile auch alt geworden. Mit ſeinen gelben Zähnen und der Glatze zwiſchen dem rötlichgelben Haar fand er nicht mehr ſo leicht den Weg durch die Kammerfenſter. Man ſchickte die Amtleute hinaus aufs Land, mit den Bauernmeiſtern zu verhandeln, wann die Huldigung ſtatt⸗ finden ſolle. Die wichen aus, ſie müßten ſich erſt mit ihren Leuten beſprechen. Kurz und gut, die Bauern ſtellten ſich an wie die ſtör⸗ riſchen Eſel, die ſich auf den Boden legen. Da entſchloß ſich der Breitenſteiner, gemeindeweiſe huldigen zu laſſen. Er ſandte denen zu Luibas Botſchaft, er werde ins Dorf kommen, die Huldigung entgegenzunehmen. Als er aber mit ſeinem Gefolge kam, war das Dorf wie ausgeſtorben. Da packte ihn die helle Wut. Aber mit der Wut hat noch keiner einen ſtörriſchen Eſel auf die Beine gebracht. Seinen Geſandten an den Schwäbiſchen Bund hatten die Herren kühl wieder heimgeſchickt. Man wiſſe, daß in der Kemptener Landſchaft nicht alles zum beſten beſtellt ſei, der Bund habe ſchon einmal vor langen Jahren Ord⸗ nung geſchaffen und damals dem Abt den guten Rat ge⸗ geben, ſich mit ſeinen Bauern zu vertragen. Man könne nur dieſen guten Rat wiederholen, denn die Zeitläufte ſeien nicht dazu angetan, die geſamte Bauernſchaft zu reizen. Da war guter Rat teuer. 34⁰0 Alſo tat der Sebaſtian von Breitenſtein einen weiteren Schritt. Er ritt ſelber von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler und verpfändete ſein fürſtlich Ehrenwort. So die Land⸗ ſchaft ihm, wie rechtens und üblich ſei, huldige, ſo ver⸗ pflichte er ſich bei ſeiner fürſtlichen Ehre, alle Beſchwerden abzuſtellen und zu dieſem Zwecke mit ſeinen Bauern Tagung zu halten. Die Landſchaft huldigte. Der Fürſtabt lachte ſich ins Fäuſtchen. Einen Konventsherren, der wegen der verſprochenen Ta⸗ gung Bedenken hatte, lachte er aus und meinte:„Ach und pfuch! Ich will mit denen Roßmucken tagen, bis daß ihnen der Grind rauchet und ſie nit meh wiſſen, wo Barthel den Moſt holt!“ Und er hielt Wort. Seine Bevollmächtigten hatten getagt; mit allen Prak⸗ tiken des römiſchen Rechtes ein Türlein geöffnet, ein anderes zugemacht, die Dinge geſtreckt und auf die lange Bank geſchoben. Nie kam man zu einem Ende. Dreimal hatte man getagt, und immer wieder waren die Herren mit kaum verhaltenem Lachen davongeritten. Die vierte Tagung war ausgeſchrieben nach Ober⸗ günzburg. Dabei ging es ſo zu: Im Schreiben des Abtes ſtand, er wolle ſich rechtlich und fechtlich mit den Bauern ver⸗ fragen. Und die hatten ihm geantwortet: Nicht mit Fechten, ſon⸗ dern in Rechten wollten ſie mit ihm handeln. So war der Tag gekommen; der Schmid von Luibas, Knopf genannt, des ermordeten Boten Sohn, den Johann von Raitenau um Hab und Gut gebracht hatte, und der nunmehr als Bleicherknecht zu Kempten ſein Leben friſtete, war nach Günzburg gekommen, denn er hatte auch als Knecht das Vertrauen der Landſchaft. 54⁴¹ Im Gemeindehaus warteten die Abgeordneten der Bauernſchaft ſchon zwei Stunden, bis man ihnen ſagte, die Herren ſeien im Badhaus, ſie ſollten hinüberkommen. Und ſie gingen hinüber. Da ſtanden in einer Reihe ein halbes Dutzend Bade⸗ zuber, von denen drei beſetzt waren. In einem ſaß der Marquardt von Schellenberg, eine Marrenkappe auf dem Kopf, vor ſich auf dem Brett eine Kanne voll Wein. In dem zweiten ſaß Herr Hans Freundsberg, die Glatze kreuz und quer mit Farbe beſtrichen, einen Narrenpatſcher in der Hand, mit dem er klatſchend ins Waſſer ſchlug, alſo daß es den Abgeſandten der Landſchaft entgegenſpritzte. Im dritten aber ſaß Herr Otto Zwicker, der ſich eben abmühte, eine Badmagd zu ſich in den Zuber zu ziehen. Das waren des Fürſten Räte! „Daß dich die Drüs und Beul ankomm! Der Schmid von Luibas!“ brüllte der Herr Otto Zwicker und hielt dem Knopf den vollen Humpen entgegen. Der Hans von Freundsberg hatte die Badmagd zu ſich hinübergeriſſen, die kreiſchend mitſamt dem Weinkübel zu ihm ins Waſſer plumpſte, ſo daß das ganze Bad rot gefärbt wurde. Da brüllten die Herren durcheinander und fuhren aus ihren Zubern hoch, nach der zappelnden Magd zu greifen. Die ſchlug und kreiſchte, und die Herren lachten Tränen. Wie ein Fiſch im Waſſer fuhr das Menſch unter den Griffen herum, ſchrie und ſpritzte. Und die drei Abgeſandten der Landſchaft ſtanden da, drehten die Kugelhüte in den Händen und wußten nicht, was für ein Geſicht dazu machen. Endlich kriegten die Herren das Weibsbild richtig zu faſſen, zogen es aus der Wanne und ſtellten es auf den Kopf, daß ihm die klatſchnaſſen Kleider über den Kopf herunterhingen. 5⁴² „Ein Tulpen drahn!“ ſchrie der Schellenberg, ſchier er⸗ ſtickt vom Lachen und ſprang aus ſeinem Zuber. Und ſchon packten ſie das Frauenzimmer, zogen ihr die Röcke über den Kopf und banden ſie oben mit einem Hanf⸗ ſeil zuſammen. Bislang hatte ſie einen mächtigen Spaß an der Gugel⸗ fuhr gehabt; nun ſing ſie an zu heulen. Die Herren aber wanden ſich vor Lachen, denn die Magd tappte wie eine Blinde in der Badſtube herum, ſtieß bald an einen Bottich, bald an einen Stuhl, endlich blieb ſie ſtehen und flennte. Sie ſah auch gar abſonderlich aus. Der Oberkörper ein⸗ gebunden, die untere Hälfte, das runde Hinterteil mit den feiſten Schenkeln, fuſelfaſelnackt. Die Herren hatten über ihrer Kurzweil die Abgeſandten der Landſchaft ganz vergeſſen und trieben ihr Schindluder mit ihr weiter. „Kumm, Kätter, gang in die Truckenſtuben“, meinte der Schellenberg und führte das Weibsbild durch die falſche Tür hinaus auf die Ortsgaſſe. Auf einmal ſpürte ſie, wie ihr der kühle Luftzug um die Beine ſtrich. Da merkte ſie, daß ſie im Freien war, und fing an gar mörderlich zu ſchreien, ſo daß allenthalb die Leute zuſammen⸗ liefen und ein ungeheures Gelächter auf der Gaſſe erklang. An den Fenſtern der Badſtube aber ſtanden die drei Herren und wollten ſich halbtotlachen. Und die Abgeſandten der Landſchaft warteten immer noch und drehten die Hüte in den Händen. Während dem Knopf der Zorn aus den Augen blitzte, lächelten ſeine beiden Be⸗ gleiter halb verlegen vor ſich hin. Die Herren ſchlugen ſich die nackten Schenkel und lachten lauthals; von draußen klangen das Geſchrei und Gelächter und die ſchrillen Schreie der Badmagd. Endlich verſtununten dieſe, und das vor Scham halb⸗ 543 tote Weib ſank an der Hausmauer zu einem Häuflein Elend zuſammen. Der Jubel ſcholl zum frenetiſchen Geſchrei, bis eine mitleidige Bäuerin ihr einen alten Mantel umwarf und ſie in ihre nebenliegende Scheune führte. Atemlos ſtiegen die Herren wieder in ihre Zuber und ſchrien nach friſchem Wein. „Potz Lung“, rief der von Schellenberg,„do ſtanden jo unſre liebe Päuerle. Daß dich der drunken Ritt ſchitt, was glotzeſt du ſo gar ſehr, Knöpfle, hat dir dein Meiſter den Kübel hochbunden 2 Wie ſchmackets dir, den Bleicher⸗ bueben machen?“ „Weißeſtu“, ſchrie der Freundsberg,„warumb wir Narrenkappen und Narrenpatſcher tragent, Knöpfle?“ Der ſchwieg. „So will ichs dir ſagent, Knöpfle, dieweil wir faſt große Narren ſeind, mit euch Rotzpauren zu kagen.“ Die beiden andern lachten zu dem dummen Witz. „So wellen wir die Herren nit weiters zu Narren machen“, zürnte der Knopf und wandte ſich zum Gehen. „Ei, ei, liebs Päuerle“, lachte der Herr Otto Zwicker, „du tuſt, als wollteſt du gere zürnen?“ „Knöpfle“, lallte der Schellenberger.„bleib hie, ſuſt hau ich dir mein Patſcher über dein ſchwarzen Grind, höreſtu?“ Trotzig und verbiſſen blieb der Knopf ſtehen. „Ihr ſullt euch ſatzen!“ brüllte der Freundsberg, und ſchlug mit dem Narrenpatſcher in das Waſſer, daß es durch die ganze Badſtube ſpritzte. Verſchüchtert ſetzten ſich die beiden Bauern an den Tiſch, auf dem die Badmägde ihr Geſchirr abzuſtellen pflegten; der Bleichergeſelle blieb ſtehen. „Itz iſt der Reihen ganz, pfeif uf, Pfeifer!“ rief mit ſeiner heiſeren Stimme der Herr Otto Zwicker, der an üblem Benehmen den Herren nicht nachſtehen wollte. 54⁴ „Paß uf, Bleicherle! Itz eröffne ich die Tagung!“ grölte der Freundsberg und hieb wieder ſeinen Patſcher ins Waſſer. „Ihr Herren“, ſagte der Knopf mit harter Stimme, „wir wellent in den Krug gehn und gere warten, bis ihr gebadet und geſonnen, uns in Ruh und Gnaden anzu⸗ hörent.“ „Im Krug““ ſchrie der von Schellenberg,„potz Velten, ſieh einer die Faulfreſſer, die Völler, die Weinſäufer! Oh, über die Roßmucken, ällbot im Würtshaus, geben einand gut Nacht, ſo man den Tag anblaſt, beim Menſch liegen, kotz ja, beim Menſch———.“ Der Reſt verlor ſich in unverſtändlichem Gelalle. Und der Otto Zwicker fing an zu grölen, und die beiden andern ſielen ein: „Der Paur will ſich nit vertragen, Man muß der Pauren viel erſchlagen, Es kann nit anders ſein, Sie gehn zum Teufel ein. Wer das wohl machen kann, Soll für ſich die zehent Seele han!“ „Bleicherle“, rülpſte der von Schellenberg,„du biſt ein Rottierer und Ufrührer, ſo wahr ich der Schellenberger bin, du mußt an den Baum, der Meiſter Hämmerlein hat ein faſt groß Verlangen nach dir!“ Die Bauern ſaßen und ſchwiegen. „Ihr Herren, wir wellent gan!“ „Oha! Stad! Hie bleiben!“ „Ihr Herren, unſer Beſchwer———“ „Beſchwer? Beſchwer? Hent Ihrs gehört, Herr Hans, was der Bleicherle ſaget? Beſchwer! Daß dich potz Rem ſchend! Bleicherle! Willtu gar mit mir rechten d Unſer gnädiger Herr, Sein Fürſtlich Gnaden, wurts dir weiſent! Beſchwer! Daß ich nit lach! Schmückle 35⁵ 545⁵ Euch Pauren muß man bloß mit dem Fuchsſchwanz erſtreichen— hupp! Der Paur und ſein Stier ſeind ein Tier— hupp!“ Da fuhr der Knopf von Luibas ſeine beiden Bauern an: „Uſer“, ſchrie er ſie an, daß ſie erſchrocken zur Tür hinaus⸗ liefen. Mit aufgeriſſenen Mäulern ſaßen die Herren in ihren Bottichen. „Potz— potz— potz“, ſtammelte der Freundsberg und fuhr ſich über die Glatze. „Wa-—a—a-as“ fragte der Zwicker. Der von Schellenberg aber brachte kein Wort heraus. Der Schmid, der Knopf, wie der ſchaute! Wie ein Wolf ſo tückiſch und ſo bös! Und ſeine Stimme klang ganz heiſer, als er ſagte:„Ihr Herren, reitent heim, es ſtandet ein Wetter am Himmel, wers nit glaubet und wer ſein nit acht, den treffet der Blitz zu ſeiner Stunden!“ Und draußen war er. Da glotzten ſich die drei Herren an, brummken, ſchimpften und zogen ihre Kleider an. Als ſie vor das Badhaus traten, ſchaute der von Schellenberg zum Himmel hinauf und brummke:„Daß dich der drunken Ritt, du lügneriſcher, teufliſcher Roßmuck. Kein Wölkle am Himmel!“ „Schreibs in den Rauchfang, Bader!“ lallte er, als der Badmeiſter ihn um die Zahlung anging. Mit Mühe und Not hoben die Knechte ihre Herren auf die Gäule. Das war die vierte Tagung, zwölf wurden's im ganzen. Dann aber rauchte den Bauern der Grind! — Um die Mitte des Jahres 1522 war ein Kommen und Gehen um die Ebernburg und den Landſtuhl. Boten zu Roß und Boten zu Fuß eilten nach allen Windrichtungen und kamen wieder. Die Edlen aus dem Kraichgau und dem Weſtrich, vom Hunsrück, von der Nahe, aus dem Rheingau, Wasgau und der Ortenau erhielten Einladungen vom Franz von Sickin⸗ gen nach Landau, wo er ihnen den Entwurf einer gewaltigen Einung der Ritterſchaft vorlegen wollte. Auf der Burg ſelber wollte das Waffenklirren kein Ende nehmen. Nach ein paar Stunden Ruhe mußten die abgetriebenen Roſſe wieder hinaus und müde auf den holprigen und ſtaubigen Landſtraßen hintraben. Auf Karren und Tragtieren wurden mächtige Vorräte an Lebensmitteln, an Waffen und Pulver, an Feuerwerk und Pechkränzen auf die Ebernburg und den Landſtuhl geſchafft. Rheinauf, rheinab wurde die Werbetrommel gerührt, des Sickingen Name flog von Stadt zu Stadt, in den Schenken und Gaſſen ſangen die Landsknechte von ihm, weit hinaus ſchallte der Lärm. Da ſteckten die Herren vom Reichsregiment die Köpfe zuſammen, ſchickten Eilboten nach Spanien zum Kaiſer. Der Sickingen ſelber ſaß auf dem Landſtuhl, um ihn Okolampad, ſein Schloßkaplan von der Ebernburg, Bucer, der Pfarrer vom Landſtuhl, der Ulrich von Hutten, Huma⸗ niſten und Gelehrte. Der Sickingen brannte. Und wenn der Okolampad warnte und zur Vorſicht mahnte, dann lachte der Abgott der deutſchen Ritterſchaft ſein helles Lachen, das ihm ſchon ſo viele Herzen gewonnen hatte. Heiter war er und guter Dinge, ohne Raſt und ohne Ruh, wie ein gutes Schlachtroß, das vor dem Kampfe 547 85 ſteht. Dem Hutten brannten die bleichen Wangen, und die Humaniſten kamen ſich ganz überflüſſig vor. An einem dieſer Tage ſtieg der Engelbert Hiltensperger den Landſtuhl hinauf. Auf zwei Bauſteinen vor dem Tore ſaßen ein paar Landsknechte, die auf die Aus⸗ und Eingehenden achthaben ſollten, damit kein unberufenes Auge einen Blick in die Schanzen tue. Sie ſprachen von dem mißglückten Feldzug des Ritters Franz in Frankreich, den dieſer für den Kaiſer Karl ge— führt im Jahr zuvor. „Hunderttuſed Gülden ſchuldet ihme der Kaiſer“, meinte eben der eine bedeutungsvoll. Da trat der Engel Hiltensperger vor die beiden. „Potz Dules“, rief der eine,„ein Pfaff uf dem Landſtuhl, ſpazieret der Has gar ſelber in des Leuen Rachen? Was ſuchet Ihr bei uns Ketzeren, o Geſalbter des Herrn?“ Eben wollte der andere Landsknecht ein Pröblein ſeines Witzes geben, da griff der Engel ſeinen Spieß weiter oben, ſo daß der Kuttenärmel herunterfiel. Die Wirkung war wie immer, wenn er es tat. Als die beiden Knechte die mächtigen Armmuskeln ſahen, verging ihnen die Spottluſt. Sie wurden ganz ſtill und rutſchten faſt gleichzeitig von ihren Steinen herunter. Ja, ſie fragten ſogar ganz höflich, was des Hiltensperger Begehr ſei. Ob der Hutten auf dem Landſtuhl ſich aufhalte. „Nehmets nit for ongut, Herr. Der Hutten iſt hie, ihedoch, er humplet und ſchleichet faſt gottserbärmlich mit ſeim ſiechen Leib, iſt drum gar grätig und kein guts Würfel⸗ ſpill mit ihme.“ In dieſem Augenblick riß der Torwächter ſein Fenſter⸗ lein auf und ſah den Engel, der ihm wohlbekannt war, denn er hatte ſchon manchen Gang auf den Landſtuhl getan, und alle Burgleute kannten ihn gut. 548 „Potz Blitz und Pfaffenſchreck, Herr, Ihr kummet zur rechten Zeit, laufet nur gleich zur Rüſtkammer, uf daß Ihr noch ein gueten Küriß erwüſchet oder ein weidlichen Krebs!“ Und ſchon war er am offenen Tor, den Engel zu begrüßen. Der ganze Schloßhof war voll von Steinen und Balken zum Vertraſſen. Baumetzen und fronende Bauern arbei⸗ teten, daß ihnen der Schweiß vom Leibe rann! „Potz Rem, was wurt hie?“ Der Alte zuckte die Achſeln und meinte:„Es ganget ein Murmlen, es ſeie ein Kurhut ichtwo zu vergeben in teutſchen Landen. So Ihr den Hutten ſuchet, ſteiget den Schnecken uf, het ſein alt Loſament im Dachſtock.“ So hatten die Flugreden doch nicht gelogen! Dem Engel wurde unbehaglich zumut, er ließ alles weitere Fragen und ſchritt dem Hauptbau zu. Der Hutten hatte ſein Lager am Fenſter. Auf den Ellenbogen geſtützt, ſchaute er hinaus ins Land, wo über Wäldern und Triften ein lachender Himmel blaute. Er bemerkte den Freund nicht, der ihn von der Tür aus betrachtete. Wie war der Hutten doch ſo bleich und mager, wie ſtill ſchaute das Auge, in dem ſonſt die Feuerſeele brannte! Es wollte Abend werden. Er hatte es dem Engel ge⸗ ſchrieben, und der ſah's. Eine nie gekannte Rührung über⸗ kam den Geſunden, Starken, als er den Freund in den Abend hinausblicken ſah, der Nacht entgegen. Langſam drehte der kranke Mann das Haupt, und eine leichte Röte der Freude huſchte über die bleichen Wangen, als er des Engels gewahr wurde. Beide Hände ſtreckte er ihm entgegen:„Ei, was bin ich ſo faſt froh, daß Ihr kummet, Hiltensperger! Es war hoche Zeit, wafern Ihr den Hutten no lebende ſehen wöllt!“ „Lieber Hutten, Ihr ſitzet am offenen Fenſter, bei offener Türen. Gedenket Euch nit, daß Euch die Arzet den friſchen Luft verbotten?“ 5⁴9 0 10 „Ei“, meinte der Hutten,„den hant die Pfaffen den Teutſchen ſeit viel hundret Jahren verbotten, ſeind dannoch nit geneſen, wellen ſehen, ob nit ein friſcher Lenzſturm helfet, dem Hutten möchts zu ſpät ſein, denen Teutſchen no nit! Vierzig Täg und vierzig Nächt in Gluthitzen gelegen, mit Decken und Daunen faſt erſtecket, in der Schwitzſtuben gelechzet, den Guayakſud dazu trunken, kunnt die Höllen nit qualvoller ſein. Alls for die Katz geweſt! Itz, wo ich den Sud uſerm Fenſter gworfen, die Decken von mir getan, kühlet mir der Wind mein hitzig Geblüt, und die Lungen weitend ſich, ganget ein froher Strom mir durch die Aderen, mag ich gleich faſt müd ſeind und dem End zugewendt!“ Draußen hörte man vom Turm eine Trompete rufen. „Es ganget ein Flugred im Land, Herr Hutten, der Franz von Sickingen wöll ein Span usfechten.“ „Die Flugred iſt kein Lugred!“ „Verhoff, es werd bloß ein Heckenritt ſeind?⸗ „Es ganget umb das Ganz!“ „Das wölle Gott verhüten!“ Dem Hutten flog die Röte über das bleiche Geſicht: „Kann nit meh warten, ſo ich den Lenzſturm ſoll er⸗ leben.“ „Es ganget umb ein größer Ding dann umb den Hutten. Das iſt ſein Hochzich nit, uf der getanzt wurt! Seied Ihr im reinen mit denen in den Städten, Herr Hutten 9“ fuhr der Hiltensperger fort, als der Hutten be⸗ ſchämt ſchwieg. Traurig deutete der Kranke auf ſeine eingebundenen Schienbeine, die voll offener Wunden waren. Und, wie um ſich zu entſchuldigen, fuhr der Hutten fort: „Ihr ſeied mit Euren Pauren nit weiter, dann—“ „Wollt ſeit langem ſo weit ſeind, ihedoch die Prädi⸗ 550 kanten blaſent mir zur Unzeit ins Fuir, inſonders der Hub⸗ maier und der Thomas Münzer, kummet itz no der Karl⸗ ſtadt derzu— mueß achtend, daß nit der lutheriſch Wind min Schiffle abtreibet.“ „Mir iſt gar wohl bekannt“, fuhr der Hutten mit trau⸗ riger Stimme fort,„daß Ihr mir oftmals gram geweſt, ſo ich vom Weg geſprungen, gen Italia gefahren, den roten Utz gehatzet, wider Rom gebellet, dem Albrecht die Hofſchranz gemacht, wähnende, der Hutten het ſin Zeit vertan!“ Der Engel ſchwieg. Nun war es ausgeſprochen, was ihn all die Jahre erbittert hatte. Der Hutten aber lächelte mũüde. „Ihr ſchweiget d⸗ „Herr Hutten, daß Ihr ſo oft zur Seiten geſprungen, mag vom heißen Geblüt kummen, doch daß Ihr Euch dem Albrecht, dem Pfaffen zu Mainz, verſchrieben mit Haut und Haar, ſell, Herr Hutten——— „Alſobalde Petrus ze Hofe kam, ward ein Schalk daraus“, lächelte der Kranke. Dann richtete er ſich auf und wurde kodernſt:„So wiſſet, Hiltensperger, ze Mainz ein Spill geſtellt, des ſich der Hutten nit zu ſchamen braucht! Ein Fuirgeiſt iſt der jung Albrecht geweſt, und der Hutten het in die Glut blaſen, daran der Teutſchen Suppen gekocht ſollt werden! Das aber war die Braut, umb die zu Mainz getanzet ward: die Kirchen reißent von Rom, ein teutſchen Papſt Albrecht über die Teutſchen Land ſatzen— iſt alls er⸗ ſtecket unter Geld und Gold!“ Staunend lauſchte der Hiltensperger den ſtolzen, krau⸗ rigen Worten, ſtaunend ſtand er vor dem Plan, der ſich mit ein paar Worten vor ihm aufrichtete. „Sprechet Ihr mich itz ledig meiner Schuld, Hiltens⸗ perger d“ Leiſe ſtreichelte ihm der Hiltensperger die Hand, die müd 551 und welk auf der Decke lag:„Herr Hutten, Herr Hukten, was ſeied Ihr ſo heiß und brennende vor Lieb zu Eurem Volk!“ Der Kranke lächelte glücklich vor ſich hin; dann ſprach er mit leiſer Stimme:„Wiſſet Ihr, Hiltensperger, was ein heimlich Kronen wir zween tragent? Wir ſeind die erſten Cives Germani, wiſſet Ihr, Hiltensperger, was das will bedeuten?“ Leiſe lächelnd nickte der Engel! Ob er es wußte! Das war ja ſeines Lebens ganzer Sinn, daß er das wußte! Dann aber ſprach er:„Hutten, warumb hent Ihr dem Sickingen nit gewehret?“ „Han ihm gewehret“, bekannte der Hutten,„hieß eim Tauben ein Märlin erzälen, brennet, als wie ein Fuirſtoß. Sehet, ob Ihr ihn haltet!“ Vom Schloßhof herauf klang des Sickingen Stimme, hell, ſchmetternd, ſchier jubelnd. „Loſet, wie er rufet, wie ein Trummeten!“ Der Engelbert Hiltensperger ſchaute zum Fenſter hinaus. Da ſtand der Sickingen auf der Mauer, hoch über der ſchwindelnden Tiefe. Die Arme über der Bruſt verſchränkt, lachte er hell auf, weil eben unter ſeinen Füßen der Schutt rutſchte und einem Knechte in den Nacken ſiel. Dann wandte ſich der Ritter, der Sonne wegen die Hand über die Augen gelegt, und ſpähte hinaus ins Land, wo auf ſtaubiger Landſtraße, ſchwerbeladen, die Wagen vom Landſtuhler Bruch herkamen. Drunten im Tannenſchlag hörte man das Schlagen der Axte. Herrlich anzuſchauen ſtand der Mann, auf den ganz Deutſchland ſchaute, der mächtiger als alle Fürſten die Hand ausſtreckte nach— „Er ſteiget nimmer von der Mauer“, ſprach der Hutten, „kanns nit erwarten, bis daß der Reutter heimkehret, ſo er mit eim Brief zum Luther geſchickt.“ 552 Da bemerkte der Hutten, daß der Engel noch voll Reiſe⸗ ſtaubs war:„Potz, hat man Euch ſo übel empfangen, daß Ihr noch ohn Zehrung, oder ſeied Ihr ſo ſtracks Laufs zum Hutten gerennet?“ „Nehmet das letzt, Hutten, mich trieb mein groß Sorgen zu Euch; war keiner, der mir Kundſchaft geben, was da alls will werdende! Hutten, wohin zielet der Sickingen?“ Der Hutten ſchüttelte den Kopf:„Sell weiß niemerts, ihedoch iſt er willens, das Kartenſpill ufzulegen, ſo der Reutter von Wittenberg zruck.“ „Hutten, ſechet zu, daß die Ritterlichen nit ein Vorſtoß kuend us Mißachtung des gemeinen Manns!“ *** Der Reiter war von Wittenberg zurückgekehrt und hatte dem Sickingen einen Brief vom Doktor Martinus Luther gebracht. Zwei Stunden lang hatte ſich der Ritter mit dem Schrei⸗ ben in ſeiner Schlafkammer eingeſchloſſen. Im getäferten Raum neben dem großen Saal ſtanden die Freunde und erwarteten ihn zum Nachtmahl. Sie waren geſpannt und bedrückt zugleich. Von der Decke hing über den Tiſch eine Ampel, die einen matten Schein verbreitete, während an den Wänden brennende Kienſpäne ſteckten. Es wurde immer ſpäter; nur ab und zu ließ einer ein unwichtig Wort fallen, um die Stille zu unterbrechen. Die Hirſchkeule am Roſt begann ſchon langſam an⸗ zukohlen. Da riß mit einem Male der Sickingen die Türe auf, ſchlug ſie hinter ſich wieder zu, daß der Knall durch die ganze Burg hallte. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſetzte er ſich oben an den 553 i Tiſch, das bartloſe Geſicht zornig gerötet, das energiſche Kinn mit den ſinnlichen Lippen vorgeſchoben. Der Hutten ſetzte ſich zu ſeiner Rechten, zu ſeiner Linken war für den Engel Hiltensperger gedeckt, ſofern man die runde Holzſcheibe, deren Rand eine Rinne zum Ablaufen der Brühe umlief, ein Gedeck nennen will. Neben ihm ſaß der Okolampad, dem gegenüber der Bucer, dem Sickingen gegenüber der Balthaſar Schlör. Die Schüſſel mit der zerlegten Hirſchkeule wurde auf⸗ geſtellt, und ein jeder griff ſich mit den Händen ein Stück, an dem er ſchweigſam zehrte. Der Sickingen ſaß mit zuſammengepreßten Lippen, ſprach kein Wort und tat nur hin und wieder einen kiefen Zug aus ſeinem Krug. Ab und zu zuckte er aufgeregt mit den Mundwinkeln. Ein jeder wußte, daß jetzt nicht mit ihm zu ſpaßen war. Der kleinſte Widerſpruch konnte ihn dann zu maßloſem Zorne reizen. Sie ſchwiegen alle ſtill und kauten an der harten Keule. Die Schüffeln wurden abgetragen, der Tiſch wurde ab⸗ gewiſcht, Waſſer gereicht zum Händewaſchen. Der Sickin⸗ gen ſpielte mit einer Brotkrume und ſtarrte dabei auf den Tiſch. Endlich konnte ſich der ungeduldige Hutten nicht mehr meiſtern. „Blau, Franz, du ſpanneſt ein allzuſehr ufs Rad.“ Da gab der Sickingen einen Fluch von ſich, drei Ellen lang, daß dem frommen Okolampad das Grauſen kam. Und er war ſo unvorſichtig, es zu rügen:„Standet Euch nit gar wohl an, fluchende als wie ein Maultiertreiber.“ „Reizet mich nit, Okolampad, möcht ſuſt Pfaffen und Humaniſten in eim Topf geſieden! Pfaff hin, Pfaff her“, brauſte er auf,„römiſch oder lutheriſch, ich dreh die Hand nit umb!“ Die andern ſchwiegen und ließen den Erregten wieder verkühlen. 554 Aber diesmal ſaß es tief. Er nagte und biß ſich die Lippen; endlich riß er ſich das Schreiben aus dem Koller und warf es vor den Hutten auf den Tiſch. Und als der es leſen wollte, ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch, daß es krachte, und fuhr den Hutten an:„Halt ein, will zuvor etliches reden.“ Dann ſtützte er das Kinn in beide Hände und ſah eine Weile geradeaus. „Ein kleins Heckenreutterle geweſt, der Sickingen, nit anders dann der Berlinger oder die vom Steckelberg. Kauf⸗ leut geworfen, Spän und Fehden ohn Zahl und Wahl. Das Heckenreutterle iſt faſt groß worden. Wo des Sickingen Trummen ſchlug, ſeind die Knecht zuglaufen. Aus dem kleinen Strauchritterle iſt ein großer Herr wurden. Reichs⸗ ſtädt und Fürſten hent datteret und zitteret, ſo ſein Feinds⸗ brief anflogen. Kaiſer und Kuning hent umb den Sickingen buhlet, und des Sickingen Fauſt het vor denen Kurfürſten uf dem Tiſch gelegen, uf daß nit der Franzos Kaiſer wurt in keutſchen Landen. Potz Marter, der Sickingen dünket ſich nit ringer dann der Fürſten ichteiner. Sahe zu, wie die Fuͤrſten die Ritterbürtigen beugen und zum Diener wollten machen, des Kuning Franzen Doppel⸗ kronen insgeheim genommen, als wie mein lieber Schwäher, der Greifenklau zu Trier. Da machet ich der Ritterlichen Sach zur meinen! Dabei uf ein Ritterlein gſtoßen“— ſein Ton wurde herzlich und warm—,„war arm, krank und ſiech und focht wider eine ganze Welt und forcht ſich nit!“ Er griff nach des Hutten Hand und drückte ſie. „Und ſelbigs Ritterle hat michs gelehret, wie es umb die keutſchen Lande ſtehet. Hats mir in mannicher Winternacht am Kamin gewieſen, daß aller Ziele größeſtes, all Teutſche zu einen! So gab ich mein guet Schwert und Geld dem Kaiſer!“ 555 Und wieder ſchlug die Fauſt krachend auf den Tiſch. „Eim ſpaniſchen Kind, nit mächtig der teutſchen Sprach und onkund teutſcher Sitt und Art! Eim bleichen Schweiger, ſchwankende zwiſchen Mißtrauen und Melancholia! All⸗ bott ein paar Pfaffen umb ſich!“ „Wehe dem Land, des Kuning ein Kind“, murmelte der Hutten vor ſich hin.„Weißeſtu no, Franz, zu Brüſſel, wie er mit ſeim glatten Gſicht zum Himmel ufgeſchaut, daran ein ſchwarze Wolken gehangen, nach ſeim alten Hütle grufen; haſtu nit geſagt:Malum omen, er ſchreiet nach dem alten Hut“?“ „Het nit nach denen Wolken ſollen ſchauen“, meinte der Bucer,„anſondern gen Wittenberg, alsdann het er wohl nach einer Sturmhauben verlanget.“ „Ach und pfuch!“ ſpottete der Sickingen bitter,„meinet Ihr gar? For das Wittenberger Lüftle hets das Hütle lang thon!“ Eine kleine Weile herrſchte wieder Schweigen, und wieder ſpielte der Sickingen zornig mit ſeiner Brotkrume. „Hiſpaniſch und römiſch beißet ſich nit“, ſprach der Engelbert Hiltensperger mit verhaltenem Zorn.„Tut ein Kaiſer not, in des Aderen kein Tröpfle frembden Bluets kreiſet. Eh die Teutſchen nit lernend, daß teutſch Bluet beſſer dann walſch Bluet, daß ein teutſcher Knecht der teutſchen Sach beſſer tauget dann ein walſcher Fürſt, ehnder wurt kein ſtarkes Reich nit ſeind!“ Und Aug und Stirne flammten. „So hats der Sickingen erkennet, daß kein ander Rettung for die teutſch Nation, dann ſo die Fürſten fallent, und ein kteutſcher Kaiſer regieret, dem alle dienent umb des Reiches willen, Ritter, Bürger und Pauer mit Schwert und Roß und Spieß. Daß kein Pfaff in teutſchen Landen der Kaiſerkron Majeſtät mit ſeim Finger rühr, daß das groß teutſch Reich teutſcher Nation erſteh, dafor will ich mein Schwert ziechen, ich, der Franz von Sickingen!“ 556 „Herr“, ſprach der Engel mit ernſter Stimme:„Ziechet Euer Schwert zur rechten Stunden.“ „Der Hammer het zwelfe geſchlagen!“ „Noch nit; meine Pauren kochent und brennent als wie ſiedig Waſſer, ihedoch die letzt Einung iſt nit ge⸗ macht, ſo die vom Allgaw, die Bruderſchaft am Wald, die Fränkiſchen, die vom Bodenſee, vom Schwarzwald und all die andern zum Schlagen einet.“ „Ich kann nit warten, die Vögel pfeifens von denen Dächern, wo uſer der Sickingen will! Soll ich warten, bis die andern rüſtent, den Sickingen hetzende als die Jager das Häsle im Keſſel?“ Und mit einem Fauſtſchlag auf den Tiſch fuhr der Ritter fort:„Ein fauleter Teich geweſt das teutſch Reich. Iſt der Luther kummen, ein brauſend Meer darus gemacht, iſt ein Sturm gangen über das teutſche Land, alſo daß das trucken Laub von denen Bäumen gewirblet, die jungen Schößling gefahren uſerm Holz. Dem Sickingen aber klirrete das Schwert in der Scheiden: Ei, Sickingen! Feget der Luther dem Herrgott das Hus, mag der Sickingen denen Teutſchen die Stuben fegen von Wanzen und Ziefer, von Fürſten und Herren, ſo des Kaiſers Mantel zerfreſſen und die Kron mit ihrem Unrat beſprützen.“ Schwer und leidenſchaftlich ſielen die Worte in die Stille, und in der Erregung zerdrückte der Sickingen das Schreiben des Wittenbergers in der Fauſt. „Aber nit eins welſchen Kaiſers“, fuhr er fort,„in ſpaniſchen Struͤmpfen und mit eim hiſpaniſchen Feder⸗ hütlein! Ein Kaiſer, ein Volk, ein reiner evangeliſcher Glaub, und Höll und Tüfel kunnten nit dawider ufkommen!“ ſprach er wie in tiefem Sinnen; dann, als riſſe er ſich ſelber empor:„Der Luther ihedoch iſt erſchrocken ob dem Sturm⸗ wind, ſo er entfachet, und laſſet die Ding treiben, ſtatt ſie 557 zu lenken, ſitzet ze Wittenberg und haltet des Melanchthons Hand, ſitzent als wie zween Kindlein ſo's dunderet. Schlupfet denen Fürſten und Herren in Ars und ſtauchet, daß keiner nit nachſchlupf. Soll der Sickingen warten, bis der Teich wieder ſtinket und die toten Wind über Teutſchland liegentꝰ? Leſet!“ herrſchte er den Hutten an. Der entfaltete das Schreiben, ſtrich's mit den Händen glatt und las. Schon bei den erſten Sätzen merkte die Tafelrunde: der Luther ſagte dem Sickingen ab! Luther, der Rufer im Streit, der den Sturm im Volk erregt hatte, hörte nicht das Grollen der Tiefen. Luther, der der Freiheit eine Gaſſe brechen wollte, hatte ſich mit Haut und Haar den Fürſten verſchrieben. Luther, der die Kirche befreien wollte vom Papſte, warf ſie vor hundert Fürſtenthrönchen. Luther, dem der Himmel die Rettung Deutſchlands in die Hand gegeben hatte— Luther verſagte, verſteckte ſich hinter dem Wort: Du ſollt untertan ſein der Obrigkeit!! Schweigend ſaßen die Männer. Den Hutten, der ſein Herz⸗ blut für den Doktor Martinus gegeben hätte, der fiebernd im hellen Brand geſtanden war bei jedem Abſchnitt von Luthers Kampf— ihn traf der Brief am härteſten. Dicke Tränen liefen ihm über die Wangen. Und wieder ſielen ſchwer und zornig die Worte des Sickingen in das bleierne Schweigen:„So muß ich denn allein mein Weg thun, ſo's not, dem Martin Luther zuleid.“ Und wieder legte ſich das ſchwere Schweigen über die Tafelrunde. Gegen den Luther! Das war viel für den Bucer und Okolampad. 358 Der Zorn machte den Sickingen ungerecht, das Schwei⸗ gen der Männer reizte ihn, alſo daß er aufkochte. „Was glotzet ihr als wie die Olgötzen?“ fuhr er ie an. Sie ſchwiegen, nur der Engelbert Hiltensperger ſagte: „Wartet, Herr Sickingen, bis das Treffen ufgeſtellt, guet Ding will Weil han.“ „Kann nit warten, bis der Sturm ſich leget und mein Segel hanget als ein Weiberhemed am Waſchſeil“, brauſte der Sickingen. „Will Euch for ein Sturm ſorgen, ſo meine Pauren an⸗ laufent, alſo daß Ihr achthaben müſſet, uf daß Euchs das Steuer nit uſer der Hand reiß.“ Dem Sickingen trat die Ader aus der Stirn. Edel Blut brennt ſchnell auf. Um ſo ſchneller, wenn es fühlt, daß es gemeinen Bluts nicht entraten kann. Aber noch hielt er an ſich. Sie kannten ihn alle, den Feuerkopf mit dem wilden Herzen; drum griff der Martin Bucer begütigend ein: „Vermein doch, Ihr ſullt warten, bis der Handel zwiſchen dem Kaiſer und Franzen von Frankreich im reinen; nit daß ſie über Euch kummen wie über den roten Utz und den Albrecht von Bayern. Gedenket des Haßfurt Prognoſtikon, ſo for dies Jahr nit Guts weisſaget.“ Der Sickingen ſchaute ihn von der Seite an:„Wie kummet Ihr zu dem Vergleich; was wähnet Ihr, daß ich plane?“ „Ihr zielet uf den Kurfürſten von Trier, den Richard Greifenklau.“ „Recht geraten! Will ihme die Klauen ſtutzen, daß ihm das Greifen vergeht, wills meim Schwägerle heimzalen, was er auf dem Reichstag ze Augsburg über den Sickingen geſtänkeret.“ Da ſagte der Engelbert Hiltensperger:„Wurt ſich zu wehren wiſſen, der Greifenklau; han den Papſt Julius ge⸗ 559 aeeee augerer ſehen, ſeind vom ſelben Holz geſchnitzt der Greifenklau und der römiſch Piſchoff.“ Der Widerſpruch reizte den Sickingen maßlos. „Friſch angerennet iſt halber gefochten!“ rief er,„iſt die Einung ze Landau beſchloſſen und verbriefet, ſo fahr ich über den Greifenklau mit Fuir und Schwert, ſtoß ein Breſchen in die Fürſten, alſo daß die andern ein Heulen ankummt und ein Zähneklapperen! Franzen von Sombrief rühret die Trummel, frumbe Landsknecht eilent ze Roß und ze Fuß von allen Seiten unter des Sickingen Fahnen. Gefallen iſt der Würfel! Brauch kein Luther nit und keine ſchwarze Pauren, des Sickingen Schwert blitzet ſtark genung über Teutſch⸗ land.“ Das Auge flammte ihm, er ſah nicht die Wirkung ſeiner Worte auf die andern. Der Hutten blickte zu Boden. Bucer ſtarrte erſchreckt den Sprecher an. Okolampad ſchüttelte den Kopf. Aber der Engelbert Hiltensperger griff mit den Händen die Tiſchkante, daß ihm die mächtigen Armmuskeln weit hervortraten; der Atem ging ihm durch die Naſe, wie immer, wenn er in großem Zorne war. Hohn lag in ſeiner Stimme:„Ei, Herr Sickingen, ſehet zu, daß es nit bloß ein Wetterleuchten möcht bleiben, ſo der Sickingen zu blitzen vermeinet. Die ſchwarzen Pauren gebent ein gut ſchwarz und dräuend Gewölk, voller ſcharp⸗ fer Blitz und Hagelſchloßen. Wellet Ihr ohn Stegreif ufs Kaval ſpringent? Schauet zu, daß Ihr nit zu Fall kummet!“ „Potz Küren Marter! Wahret Euer Zung!“ fuhr der Sickingen auf. „Itzunder iſts Zeit, mit harter Zungen zu reden, ehrenfeſter Junker!“ rief der Engel.„Umb des Reiches willen, umb 560 aller guten Teutſchen willen! Wer het die Karten gemiſcht in dieſem Handel? Der Sickingen Kotz Schweiß und Blut, der Paurenpfaff vom Auerberg iſts geweſt! Saget, Hutten, iſts ſo, oder iſts nit ſo? Wer het den Hutten zum Streit gerufen? Was der Hiltens⸗ perger dem Hutten im Lager ze Bozen geraunet, het der dem Sickingen ins Ohr blaſen, dann ſo einer gern kanzet, dem iſt leicht pfeifen. Vom See bis hinauf in den Thüringer Wald, vom Auerberg zum Hegaw, vom Bodenſee gen Franken. Wer het die Wetter geſchicht? Ich bins geweſt, der Engelbert Hiltensperger, ſchwarzer Pauren Kind! Gott ſoll mir nit helfen, ſo's nit alſo iſt. Ein Kaiſer! Ein Reich! Ein Heer! Ein Geld! Ein Gericht! Wer hets erdenket, ehrenfeſter Junker?9 Eins nur iſt Euer Gedank, Euer ſtiller, heimlicher: Daß der teutſch Kaiſer, ſo wie ihn der Paurenpfaff erſchauet, der Sickingen ſelber ſollt ſein!“ Ja, den Gedanken von dem großen Kaiſertum hatte der Hutten dem Sickingen langſam eingegeben, ſo daß dieſer am Ende wähnte, er ſei in ſeinem Hirn aufgeſprungen. Nun traf ihn des Engels Wort wie ein Peitſchenſchlag ins Geſicht. Wie von der Tarantel geſtochen ſprang er auf. Aber auch der Engelbert Hiltensperger erhob ſich langſam und ſprach:„Ich bin kein Ufrührer wider Kaiſerlich Majeſtät, ehrenfeſter Junker! Ohn das Evangelium kein Heil nit! Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers!“ Bucer und Okolampad nickten; der Hutten deckte die Augen mit der Hand, dann wollte er die Hand be— ſchwörend heben; müde und kraftlos ließ er ſie fallen. Der Sickingen warf zornig die Locken in den Nacken und ſtreckte die geballte Fauſt gradaus. Und nun war er ganz groß anzuſchauen:„Miſch weiters dein Kar⸗ Schmückle 30 561 tenſpiel, Pfaff; doch ſieh zu, daß dirs der Sickingen nit us der Hand reiß. Das iſt des Sickingen Art nit, daß er vor ſchwarzen Paurenrotten einherreit im Spill umb die teutſch Kaiſerkron!“ Und ſeine Augen blitzten:„Viel tuſend in Harnaſch und lichter Wehr, edel und freigeporen Ritterſchaft eilent mir zu, mir, dem Franziskus von Sickingen. Ci, ſo Ihrs wollt wiſſen, der Tanz umb die Kaiſerkron hebet an!“ Und wie zur Antwort ſchmetterten im Burghof die Hörner. Da wurde des Sickingen Stimme ſchier jubelnd:„Uf, Hutten, Bruder, das Spill hebet an!“ Schweigend ließ dieſer den Kopf ſinken. „So iſt meins Bleibens hie nit weiters“, ſprach der Engel.„Herr Sickingen, unſere Weg ſcheident ſich, mein Sach iſt nit meh die Eurig. Der Herrgott ſchüttlet das Sieb, ſchau ein jeder, daß er beſteh un nit zu Fall kumm; was zu oberſt war, kunnt leichtlich zu unterſt fallen.“ Und traurig ſenkte er das Haupt und ging. Der Sickingen tat, als ſäh er's nicht, und ſchaute auf den Hutten nieder, dem er die Rechte auf die Schulter gelegt hatte. Dem ſank das Haupt noch tiefer auf die Bruſt, dann entrang es ſich leiſe ſeinen Lippen:„Undank iſt nie nit dein Art geweſt. Was macheſt du mich irr, Franz?“ Der Sickingen erbleichte.„Utz, das iſt dein Ernſt nit!“ Der Hutten nickte traurig:„Franz, ich kann dich nit meh bremſen, dann das Rad rollet; haltets keiner meh uf. Ein Stuckle Wegs wurt mich mein Kaval no tragen; dannoch der Hutten iſt faſt müd, will ſich ein Plätzlein ſuchen, in Frieden zu ſterben.“ Der Sickingen war ganz weiß im Geſicht, wandte ſich und verließ den Saal. Klirrend war der Sickingen über das Frankenland ge⸗ fahren. Der Blitz hatte über des Richard von Greifenklau Haupt verzuckt. Und als der Donner, der über die ganzen deutſchen Lande hingerollt war, in der Ferne vergrollte, da hatten der Heſſe, der Pfälzer und der Greifenklau den edlen Sickingen eingekreiſt wie die Hunde den Keiler. Hoch auf dem Landſtuhl ſtand er und ſchaute hinunter ins Tal, wo ſie den eiſernen Ring gezogen hatten, wo die Schlangen aufkrachten und ihre Stückkugeln wider daß Gemäuer warfen, daß die Burg in einer Wolke von Staub und Mörtel lag. Verflogen war die Tafelrunde. Der Sickingen, der ſo manchem geholfen, mußte den bitteren Kelch mutterſeelenallein zur Neige leeren. Erſt kam der Schuß, der den mächtigen Turm in Schutt und Aſche legte, ſo daß man für eine halbe Stunde die Burg nicht mehr ſah vor lauter Staub. Und dann der zweite, der dem Sickingen den Leib aufriß, daß Lunge und Leber bloßlagen. Da mußte er die Burg übergeben, und ſchmerzvoll ſtarb der edelſte aller Ritter im Keller ſeiner Burg, umſtanden von den drei Fürſten. „Bin itz eim größeren Herren Rechenſchaft ſchuldig“, er⸗ widerte er dem Landgraf Philipp und drehte das Haupt zur Seite. Sie wollten ihn noch allerhand fragen, hätten ihm gern noch ein paar bittere Pillen mit auf die Reiſe in die Ewigkeit gegeben. Aber ihre Stimmen rauſchten ganz ferne; er lächelte und trat den ſchweren Gang an. An einem blauen See, von Firnen umkränzt, auf denen die Sonne den Schnee blutigrot färbte, ſtand er. Die Ufer ſäumten ſchon die tiefen Schatten. Ei, was war das fuͤr ein lieblich grünes Eiland? ere eseen, Silbern ſpielten die Wellen zum Ufer. Ein Ferge fuhr zur Inſel; lautlos glitt ſein Boot; laut⸗ los flatterten die Vögel mit großen ſchwarzen Schwingen um ſeinen dunklen Schatten. Im Boot aber ſaß ein ſtiller Mann, den ſchwarzen Mantel um die Schulter geſchlagen, das Haupt in die Hände geſtützt:„Utz, lieber Utz“, flüſterte der Sterbende. Und dann rief er ganz laut:„Utz! Utz!“ Aber das Boot verſchwand in der Dämmerung, und die Firne dunkelten, und der See hob an zu rauſchen, dumpf und grollend. Da kam der Ferge wieder zurück, ſein Schiff⸗ lein war leer und kanzte auf den Wellenkämmen. Der Sickingen winkte und winkte. Und lautlos ſchob ſich das Boot an den Strand. „Ei, lieber Ferge, willtu mich nit zum Hutten bringen?“ Der Fährmann nickte ſtumm; der Sickingen ſtieg ins Boot, und die ewige Nacht ſchlug ihren ſchwarzen Mantel um ſein Haupt. Nun brodelte und ziſchte, nun gärte und kochte es vom Rhein zum Lech, vom Bodenſee bis hinauf ins letzte frän⸗ kiſche Dörflein. Ganz Süddeutſchland war wie ein heißes Lavameer, aus dem viele hundert gelbe Schwefelflammen ſchlugen, um gleich wieder zu verlöſchen. Immer wieder brannten Herrenſcheuern nieder, gingen Ställe und Stadel in Flammen auf. Um Bamberg und Mürnberg brannte der Zehent auf dem Felde weg. Etlich geheime und unbekannte Perſonen liefen bei den Bauern herum und hetzten ſie auf, ſie ſollten nicht ge⸗ ſtatten, daß man den Zehnten bei ihnen einlege. 56⁴ In den Klöſtern Elchingen und Schuſſenried kam's zu Gewalttätigkeiten. Allenthalben wurden die Abgaben verweigert. Trat man irgendwo ein Flämmchen aus, züͤngelte da⸗ neben ein neues. Ein Feuer aber fuhr im Hegan hoch, wo die harten Herren von Lupfen ſaßen, wo Sigismund II. regierte, der auf dem Hohenlupfen hauſte. Seine Gemahlin Helena von Rappoldſtein hatte den Funken ins Pulverfaß geworfen. Juſt, als ſie ernten wollten, mußten die Bauern Schneckenhäuſer ſammeln, damit die Mägde der Gräfin Garn wickeln konnten. Das lächerliche Fünklein hatte gezündet, die Bauern vom Stüͤhlinger Land wollten ſich nicht mehr halten laſſen. Eben noch hatte der Engel zu Würzburg im„Bären“ getagt. Manch einer war erſchienen, den die letzten Wochen in ſeinem Bezirk ans Ruder gebracht hatten, neue Leute, die der Engel nicht kannte, und die ſtörriſch und ohne Ver⸗ ſtand ſich widerſetzten. Da mußte der Engel die Stunde für die Sturmglocke feſtlegen. Auf die Faſtnacht im nächſten Jahr. Unter dieſem Beding wollten ſie ſich noch einmal, zum allerletzten Male, gedulden, bis der Hiltensperger den Florian Geyer aus Italien geholt, damit er ihn zum Obriſten aller Bauernhaufen mache. „Und wär er ans Höllentor geſchmiedt, ich holet ihn her!“ Der Engel ritt, was der Klepper hergeben wollte, dem Stühlinger Lande zu, den Hans Müller von Bulgenbach hart zu machen wider den evangeliſchen Eiferer, den Balthaſar Hubmaier von Waldshut. Und wie er näher und näher kam, und der Hohentwiel mächtiger und mächtiger vor ſeinen Augen aufſtieg, da wurden die Straßen immer belebter von Bauern, die von 565 eeeeeeeeeeeeeee, allen Seiten mit Waffen und Wehren dem Dorfe Hiltzingen zueilten, das am Fuße des ſteilen Bergkegels lag. Hoch von der Burg donnerten drei Notſchlangen, und allenthalb läuteten die Sturmglocken. Als der Engel die Geſchüͤtze krachen hörte, da wußte er, daß der Herzog Ulrich ein Feuer zu zünden gedachte, ſein Extraſüpplein zu kochen. Zu Hiltzingen ſollte Kirchweih ſein. Wohlgeordnet und in ſchmucken Hüten und Wämſern, mit Fahnen und Trommeln, mit Juchhugeſchrei, ſo recht wie zu einer Kirchweih kamen die Bauern daher. Als der Hiltensperger gen Hiltzingen kam, war ſchon ein mächtiger Ring gebildet. An die achthundert mochten bereits verſammelt ſein. Die Ochſen, die am Spieße brieten, krugen an den Hörnerenden herzoglichen Brand. Aus vollen Gelten ſchöpften die Bauern mit irdenen Krügen. Ja, der rote Utz ließ den Rappen laufen, wenn es ſein mußte. Auf einer umgeſtürzten Gelte ſtand Jos Fritz, der Ge⸗ ächtete vom Bundſchuh zu Lehen. Wie ein ſtattlicher Kriegsmann war er anzuſchauen, modiſch im ſchwarzen, franzöſiſchen Rock mit weißen Hoſen. Wie vom Erdboden verſchluckt war er all die Jahre ver⸗ ſchwunden geweſen. Nun kauchte er wieder auf und hielt eine ſeiner wilden Reden, die zehn Jahre zuvor alle Bauern bis hinauf ins Remstal um den Verſtand gebracht hatten. „Kann nit ſterben, eh daß dem Bundſchuh Heil wider⸗ fahren und der Pauren Sach vor Gott und dem Evan⸗ gelio beſtanden!“ rief er in die Menge, die ihn umjauchzte. „Alsdann wurſtu umgan als wie der ewig Jud Ahas⸗ veros, ſo du kein Verſtand willt annehmen“, klang ſcharf und ſchneidend des Engels Stimme, als der Beifall vertoſt war. 566 Droh⸗ und Schmähreden ſchlugen an ſein Ohr. „Wurt no mannich einer ſich ein Verrätter müſſen laſſen ſchelten, ders gut und ehrlich meinet mit dem päu⸗ riſchen Handel!“ fuhr er gleichmüͤtig fort. Nun war der Jos Fritz kein unebener Kerl. War er für die andern zehn Jahre lang verſchollen ge⸗ geweſen, daß man geglaubt hatte, er ſei irgendwo heimlich gerädert worden, ſo hatte er ſelber aus ſeiner Verbannung mit heißen Augen nach Deutſchland herübergeſtarrt. Ver⸗ ſchwiegene Freunde hatten ihm Kundſchaft gebracht vom Pfaffen Kunrat und ſeinem Werk. Und wie er ſich nun umwandte und der Engel vor ihm ſtand, da wußte er auch, daß dies der Pfaff Kunrat ſei, und er ſah ſich an jenem fernen Sommerabend nach des Gugelbaſtian Tod mit ihm im dunklen Walde unter⸗ kauchen. Potz, hatte nicht der Pfaff Kunrat nach ſeinem Weib, der Els, geſehen und um ſie geſorgt? Alſo ſprang er von ſeiner Gelten, und da er ein Mann von heißem Herzen und ſchneller Art war, gab er ſeiner Freude freien Lauf und begrüßte den Pfaffen Kunrat ſo herzlich, daß die Schreier plötzlich verſtummten. Der Hans Müller von Bulgenbach, ein weidlicher Kriegsmann, der den Krieg Franz von Sickingens in Frankreich mitgemacht hatte, kam hinzu, und derweil die Bauern weiter tagten, ſoffen und fraßen, ſtanden die dreie abſeits. Erſt wollte der heiße Jos Fritz, der ſich zehn Jahre lang halbtot geſehnt hatte, keine Vernunft annehmen. Er berief ſich auf all die Zeichen, die allerorts geſehen worden waren, daß die Zeit zum Losſchlagen gekommen ſei. In Ungarn hatten ſie gekrönte Häupter am Firmament miteinander kämpfen ſehen. Zu Nürnberg waren drei Kreiſe um die Sonne ge⸗ weſen und eine Fackel dabei. 567 Zu Memmingen zwei Kreiſe um den Mond und ein Kreuz in der Mitte. Am Rhein hatten ſie am hellen Mittag ein großes Ge⸗ tümmel und Waffenſchlagen in der Luft gehört. Störche, Krähen und Dohlen führten wilde Kämpfe auf. Dazu der Komet mit langem Schweif! Aber zu allem blieb der Pfaff Kunrat kühl, auch als der Jos Fritz die alte Weisſagung heranzog: „Wer im 1523. Jahr nit ſtirbt, 1524 nit im Waſſer verdirbt Und 1525 nit wurt erſchlagen, Der mag wohl von Wunderen ſagen!“ Der Pfaff Kunrat wollte ſchon zornig werden, da ſah man auf einmal acht Reiter vom Hohentwiel herunter⸗ kommen, eine dichte Staubwolke hinter ſich laſſend. „Lueg ſelt, Jos, das ſeind itz deine Kumpan! Ei, was for ein fein Geſpann, der Jos Fritz und der Henker vom armen Kunz, ſo den Brüdern ſein Hirshorn in die Backen ge⸗ brennet, der herzoglich Leu und der päuriſch Stier! Wurt nit viel zum Lachen überbleiben for die Pauren.“ Da wurde der Jos Fritz ſtill, denn er meinte es ehrlich mit der bäuriſchen Sache. Und auch den Müller von Bulgenbach ſtimmte es be⸗ denklich, als die Ritter mit wildem Freudengeheul von den Bauern empfangen wurden. Sie umdrängten die Herren, ſtreckten ihnen die vollen Humpen entgegen, ſchloſſen einen dichten Kreis um ſie. „Mit großen Herren iſt kein gut Kirſcheneſſen“, meinte der Pfaff Kunrat,„ſpuckent eim leichtlich die Stein ins Geſicht! Blau, iſt das nit der Junker von Menzingen?“ Der hatte den Pfaffen Kunrat erkannt und drängte ſich durch die Bauern, ihn zu grüßen. „Ei, ehrenfeſter Junker, ſeied Ihr auch hie, wo ſtecket der Fuchsſteiner?“ 568 Da lachte der Junker:„Het ſich das ſchlau Füchsle ein Schafkleid umhangen, ſitzet z' Kaufpeuren als frumber Prädikante, ſchreibet Traktätlein und hetzet die Pauren uf.“ „Wurt no ſuſt ein Butzen dahünterſtecken!“ Der Menzingen lachte.„Blau, was ſeied Ihr ſchlau! So wiſſet denn. Der Herzog laſſet ein Steg bauen durchs Gebürg, den bayriſchen Herzögen in den Rucken zu kummen mit ſeinen Schwyzeren.“ „Was wellet Ihr hernach von denen im Hegaw?“ „Dem Schwäbiſchen Bund ein Nuß zu beißen geben, derweil der Herzog über den Berg ſchleifet, zundlen im Land.“ „Daß Euch— ehrenfeſter Junker! Meinet Ihr, es gang einzig umb den Herzoghuet von Wirtemberg?“ zürnte der Engel.„Zu dem Tanz, ſo balde anhebet, gehöret meh dann rote Schuh.“ Der Junker von Menzingen biß ſich auf die Zähne. Er war zu weit vorgefahren, doch nun war die Katz ſchon aus dem Sack. Der Engel aber, dem der Herzog von Wirtemberg bös in die Quere kommen wollte, ſetzte alles auf eine Karte: „Loſet, was ich ſag, ehrenfeſter Junker! Reitet zum Her⸗ zog, was der Klepper verhalt; vermeldet ihme mein letzt Wurt: Der Tanz hebet um die nahſt Fahſnet an. So mir nit der Herzog ſein fürſtlich Wort verpfänd, er wöll bis dahin Ruh halten, reiß ich zur Stunden der Pauren Sach von der ſeinigten. Umb die nahſt Fahſnet mag der Herzog über die Berg ins bayriſch Land fallen, zur ſelben Stunden geb ich denen Pauren die Loſung. Der Herzog aber ſoll ſich von denen Pauren ferehalten, dann es ſoll keiner fliegen, die Federn ſeien ihm denn gwachſen! Thuet der Herzog alſo, ſo ſolls ſein Schad nit ſeind, handlet er dawider, iſt mir ze Wirtemberg ein Herzoghuet feil.“ 569 Der Menzingen wollte erſt auffahren, half aber nichts, er mußte reiten! Zum Jos Fritz und zum Müllerhans aber ſagte der Pfaff Kunrak:„Itz ſehet ihr, wohin ihr umb ein Haar gefahren! For den Herzogen von Wirtemberg ein Kami⸗ ſaden machen!“ Der Müllerhans kratzte ſich den Kopf, und der Jos Fritz reichte dem Pfaffen Kunrat die Hand. Aber traurig war er über die Maßen, daß er nun wieder über den See mußte, ins fremde Land, jetzt, wo er gemeint hatte, der Sturm werde losbrechen! Er tat dem Pfaffen Kunrat leid, drum lud er ihn ein, mit ihm nach Oberitalien zu reiten, den Florian Geyer von Giebelſtadt zu holen. Der Verbannte freute ſich darüber von Herzen, und als ihn der Engel fragte, ob er fertig ſei zum Reiten, meinte er mit trübem Lächeln:„Iſt kein Stunden geweſt in den letzten zehen Jahren, da der Jos Fritz nit fertig geweſt zum Reiten.“ Dem Möller machte es große Sorgen, wie er die Bauern ſänftigen ſollte. Wie es mit dem Balthaſar Hubmaier gehen würde und mit dem Thomas Münzer, der bei den Klettgauern ſaß, das wußte er nicht. „Haſtu die Suppen einbrockt, mußtu ſie useſſen!“ ſagte der Engel zum Hans Müller. Aber der ſchüttelte ſorgenvoll das Haupt; das trunkene Geſchrei ſeiner Bauern, er ſolle ſie gen Waldshut führen, machte ihm zu ſchaffen. „Führ ſie gen Waldshut, auch magſtu die evangeliſch Bruderſchaft einrichten; hernach ſieh zu, wie du den Handel uf die lang Bank ſchiebeſt. Das Fuir derf nit uſerm Hegaw, des ſolltu mir Bürg ſeind!“ ſagte der Engelbert Hiltensperger, und der Hans Müller gab ihm die Hand darauf. Es mochten zwei Stündlein vergangen ſein, da brachte 57⁰0 der Menzingen das Wort des Herzogs von Wirkemberg, daß er nichts unternehmen wolle bis zur Faſtnacht des nächſten Jahres, dann werde der Herzog über die Berge nach Bayern einfallen und den bäuriſchen Handel ſeinen Führern allein überlaſſen. Da atmete der Engelbert Hiltensperger auf. Und er ritt mit dem Jos Fritz der Schweiz zu. *** Der Engelbert Hiltensperger und der Jos Fritz ritten und ritten und gönnten ſich nicht Raſt noch Ruh. Sie kamen an den Züricher See. Da lag im blauen Spiegel ein grüner Smaragd, die Ufenau! Je näher ſie kamen, deſto mehr trieb der Engel den Klepper, ſo daß der Jos Fritz ihn mehr als einmal nach dem Grund fragte. Aber der Engel ſchwieg. Das Herz war ihm zu voll. So kamen ſie zum Ufer. Dort ſaß ein Mann und flickte ein Fiſchnetz. Kaum ſah er auf von ſeiner Arbeit. „Seied Ihr der Fährmann, ſo zur Ufenau fahret?“ fragte der Engel. Da hob der Fiſcher ſeine Augen:„Suechet Ihr den dütſche Rittersmann uf der Ufenau? So wiſſet, er ruhet in Gott dem Herre.“ Da ſah der Jos Fritz, wie dem Engelbert Hiltensperger die dicken Tränen über die Wangen liefen. Der Fährmann aber flickte ohne aufzuſchauen an ſeinem Netz. „Er iſt nit tot! Er iſt nit tot!“ ſprach der Engel mit einemmal leiſe, und doch klang's wie ein Aufſchrei. „Ferge, wellet Ihr mich überſatzen?“ Und wortlos machte der Fiſcher ſeinen Nachen zurecht. So fuhr der Engel zur Ufenau, derweil der Jos Fritz mit den Gäulen am Ufer wartete. Langſam löſte ſich dem Fergen die Zunge:„Selt, wo Ihr ſitzet, Herr, iſt der Ritter gſeſſe im ſchwarze Mantel, da ich ihn zur Ufenau brocht han, kei Wörtli gſproche, bloß amol de Kopf zum Ufer dreht, iſch ſcho ganz duſter gſi, het ganz lis vor ſich higredt:„Iſch mir gſi, als het der Franz grüͤefe!“ „Er iſt nit tot!“ ſagte der Engel. Wollte ihn der andere hanſelieren? Der Ferge blickte mißtrauiſch hinüber. „Herr, mit dieſe mine zwee Händ han ich ihn begrabe.“ „Er lebet und ganget umb und umb in teutſchen Landen in aller guten Teutſchen Herzen.“ „Ja, wenn Ihrs ſo meinet, Herr!“ Beruhigt, daß er keinen Papiſten vor ſich habe, ließ der Ferge ſein Ruder rauſchen. „Lueget, dört ſelt Bänkli, dört iſch der Herr Hutten all Tag gſeſſe, han ihn ebbe amol gfroget, was dörten z'luage, het er glächlet und gſait:„Am Himmel die Wolke, ſo gen Dütſchland ziehgen, und im Waſſer wiederumb die Wolken, ſo gen Dütſchland ziehgen.“ Dem Engel wollte das Waſſer in die Augen ſteigen: „War ihme bewußt, daß ſein letzt Stündlein kummen?“ „Ab dem Tag, da der gelahrt Herr Bombaſtus Para⸗ celſus ab Hohenheim ihms chund tue het, niemalen drüber gredt, bloß allewilig nach de Wolke glueget. Eins Tags het ers Tüechli zum Fenſter usghange, mi z'rüefe, wie allbot, ſo er ebbs vom Ufer nötig cha het. „Wa henter for en Wunſch, Herr?' iſch min Frog gſi. „Itz gangets übers ſchwarz Gewäſſer, Fährmann, rüſt din Nache', iſch ſin Antwort gſi. Han ihn nit verſtande und erwidret:„Ihr wiſſet doch, Herr, der Zwingli hets verbotte. 572 Do het er glächlet:„Ferge, das ſei fere von mir, daß ich dich zur Untreu wollt verleiten, gib mir e Gläsli Waſſer und e Stuckli Brot.“ Sell het er geſſe, derzu bettende. „Ferge', het er derno gſait, ſo einer dich fraget, was war des Hutten Lohn für Kampf und Streit, ſo ſolltu ihm ſagen: Mützit andres nit, dann was die Dütſchen all denen getan, ſo ihr Herzblut hingeben, Krüz und Lide. Ferge, ſo dich einer fraget, was iſt des Hutten letzt Ge⸗ denken geweſt, ſo ſolltu ihm ſagen: Der Dütſche Rich. Ferge, ſo dich einer fraget, ob der Hutten berüet und Buß getan, ſo ſolltu ſagen: Mützit het den Hutten gerüet, dann das ein, daß er het von der Welt müſſe, eh das Rich chumme.“ Und derno het er ſtill glege, bin bi em bliebe die Nacht, het ſchon der Tag gſchummeret, do het er dreimal grüͤefe: „Engel, Engel, was ſaumeſt dud“ Iſch d' Sonn ufgange überm See wie a brennends Füermeer, und d' Nebel hent graucht über de Berg, als ſtünds ganze Land in Rauch und Füer. Het der Hutten d' Händ usbreit em Füer entgege:„Es brennet, es brennet in dütſche Land, Herre Gott, dein Reich iſt kummen!“ Ufs Läger gfalle und tot gſi!“ Das Fährboot knirſchte und ſtieß an die Ufenau! Da rief der Engel, und ſeine Stimme duldete nicht Frage noch Widerrede:„Ferge, dreh umb, der Hutten rufet nach mir!“ Der Fährmann ſchüttelte den Kopf und wandte die Fähre; rauſchend ſchnitt ſie durch das Waſſer. Und Ferge und Fahrgaſt ſchwiegen. Kopfſchüttelnd ſchaute der Schweizer den beiden Männern nach, die eilends gen Süden trabten. Franz I., König von Frankreich, konnte die Schmach der deutſchen Kaiſerwahl nicht vergeſſen. Dazu hatte Bonnivet, ſein Günſtling, ihm die Signora Clerice zu Mailand in ſo glühenden Farben geſchildert, daß der leidenſchaftliche Verehrer ſchöner Frauen endgültig beſchloß, in Oberitalien ſeinen alten Feind ins Herz zu treffen. Gerade noch konnte ſich Antonio di Leyva, Karls V. Feldherr, mit zweihundert Lanzen, fünfhundert Arkebuſeros und zwölf Fähnlein Landsknechten nach Pavia werfen, als Franz J. heranzog und mit dreißigtauſend Mann ſich vor die Stadt legte. Darunter waren die ſchwarzen Knechte, ſechstauſend an der Zahl, unter den Herzögen von Suffolk und Lothringen. Sechstauſend Vaterlandsloſe aus tauſend Gründen, ab⸗ gemahnet vom Kaiſer, in Reichs⸗ und Aberacht erklärt! Herren aus den edelſten Geſchlechtern neben Bauernſöhnen, Abenteurern und Verfolgten, mit Gott und dem Deutſchen Reich verfallen. Aber Franz J. waren ſie mit Leib und Seele verbunden. Ihr Schickſal wies ſie aufeinander an auf Leben und Tod. So ſtanden ſie um die ſchwarze Fahne geſchart, die der Langemantel, des Augsburger Bürgermeiſters Sohn, krug. Keinen andern Glauben hatten ſie als den an ihr Unglück, kein ander Evangelium als ihren Treueid. Im Tiergarten bei Pavia war ihr Lager, abgeſondert vom anderen Kriegsvolk. Todesſtille herrſchte allnächklich bei den Schwarzen, wäh⸗ rend bei den Schweizern, den Italienern, den Franzoſen Singen und Schreien der Betrunkenen bis in die tiefe Nacht erklang. Die Schwarzen wußten, daß ihnen der ſchwerſte Gang nicht erſpart bleiben würde, der mit den Brüdern aus dem Reich. Schon war die Kunde ins Lager gekommen, 574 daß der Frundsperg hinter den Bergen ſtehe, der Frunds⸗ perg, der ihnen den Tod geſchworen! Und ſie kannten den Alten! Kühl und froſtig waren die Nächte bei Pavia, denn ein kalter und böſer Wind ſtrich von den Bergen. So ſaßen ſie eng geſchart um ihre Feuer, die ſie des Abends entzündeten. Wenig wurde geſprochen, denn von ſeinem Unglück ſpricht keiner gern. Schweigend ſchauten ſie in das kniſternde Feuer. Eines Abends gab's drüben bei den Schweizern einen Zuſammenlauf, ein Geſchrei, als ſei eine Kamiſade im Gang. Da ſchickten die Schwarzen ein paar der Ihrigen hin⸗ über, zu ſchauen, was der Grund zur Unruhe ſei. Es dauerte auch nicht lange, da kamen dieſe zurück und meldeten, zwei Deutſche hätten ſich an einen Poſten gemacht mit dem Vorbringen, ſie müßten den Florian Geyer von Giebelſtadt ſprechen. Nun wollten die Schweizer die beiden für Kundſchafter nehmen. Alter Haß glomm zwiſchen den Schwarzen und den Schweizern; erſt brummten ein paar, man ſolle es nicht leiden, die beiden hätten nach einem ſchwarzen Knecht ver⸗ langt, alſo ſtehe es allein den Schwarzen zu, über ſie zu Gericht zu ſitzen. Dann lief's an den Feuern um. Und ſchon nach einem halben Stündlein ſchlug das Fähnlein, dem der Florian Geyer angehörte, zur Gemeine. Man ſchickte Abgeſandte zu den Schweizern. An einem Tiſch ſaß der Ulrich Harder von Schaffhauſen. Vor ihm der Engelbert Hiltensperger und der Jos Fritz. Rings im Kreis drängten ſich die Schweizer. Ein Gedrücke entſtand, ein Schelten. Drei deutſche Knechte, darunter einer vom Adel, ſchoben ſich durch. Ob es wahr ſei, daß die beiden Fremden nach dem Florian Geyer von Giebelſtadt verlangt hätten? 575 Der Ulrich Harder weigerte die Antwort, aber ſchon hatte ein Vorlauter es beſtätigt. „Habet Ihr ein Beweis dafor, daß die zween Teutſchen kundſchaftenshalber ins Läger kummen?“ „Bin lch nit Red noch Rechenſchaft ſchuldig“, trumpfte der Schweizer. Da ſtellten die Schwarzen kurzerhand die Forderung auf Auslieferung der Fremden. Und ebenſo kurz und bündig wurde dieſe verweigert. Die Schwarzen kehrten in ihr Lager zurück, und der Harder, der die beiden weiter ins Gebet nahm, hörte nicht ohne heimliches Grauſen, wie drüben die Deutſchen bei allen fünfzehn Fähnlein die Trommeln rühren ließen. Das klang gar bedrohlich durch die Nacht. Man hörte das zornige zuſtimmende Brüllen der Knechte, man hörte:„Her! Her!“ ſchreien. Da lächelten die beiden Fremden, als ihnen der Schweizer mit der Folter drohte. Boten eilten hin und her, von den Schwarzen zum König, vom König zu den Schweizern. Und das Ende vom Liede war, daß die Schweizer den ſchwarzen Knechten die Fremden ausliefern mußten. Unter lautem Jubel wurden ſie ins Lager geführt, und nach einem Stündlein konnte der Profos Schwertfeger dem Könige melden, daß er an den Fremden kein Stäublein einer Schuld habe finden können. Schon um der Schweizer willen! Der Geyer von Giebelſtadt hatte den Dingen ihren Lauf gelaſſen, und den Ausgang in ſeinem Zelt abgewartet. Dieſes wurde nur notdürftig durch einen Kienſpan erhellt, der an einem Pflock vor dem Eingang befeſtigt war. Man führte ihm die beiden Fremden zu. Der Florian Geyer und der Hiltensperger kannten ſich gar wohl, denn der erſtere war in den Sickingenſchen Handel 576 verwickelt geweſen und hakte Deutſchland verlaſſen, als der Sickingen zuſammengebrochen war. Dem Engel klopfte das Herz: Wie würde ihn der Mann empfangen, auf den er in der Stunde der Ent⸗ ſcheidung ſeine Sache ſtellen wollted Da ſtand dieſer ſchon unterm Zelteingang. Zwei ſcharfe graue Augen unter einer freien Stirn hatte der Florian Geyer, kurz gewelltes Haupthaar, blond wie der kurze Vollbart. Ruhig und feſt ruhte das Auge des Ritters auf dem Hünen, der vor ihm ſtand. „Gott zum Grueß, Hiltensperger, was ſuchet Ihr bei denen Achteren? Hebet Euch davon, ſolang es noch Zeit. Wen bringet Ihr mit?“ „Ein guten Freund, ſo ſein Namen in den Wind ge⸗ ſchrieben. Wellet ihm gewogen ſein, ehrenfeſter Junker. Ihr fraget, us wellicher Urſachen i kumm Sell iſt ſo ſchnell nit geſagt.“ „Ei, ſo trettet in mein Gezelt und nehmet Platz.“ Dann jagte er die Lagerdirn hinaus und rief ihr nach, ſie ſolle zum Marketender gehn und etliches zu eſſen und zu trinken holen. Auf ſeinem Feldbett ſaß der Ritter, der Engel auf einem Sattel, auf einem umgeſtürzten Korb der Jos Fritz. Vorſichtig holte der Engel aus, knüpfte an den Sickingen⸗ ſchen Handel an, um zu erforſchen, wie weit der Geyer eingeweiht ſei. Aber der ſchüttelte den Kopf:„Der Ritter Handel iſt vertan for ganz und gar, will nens meh mit zu tun han. Hent den Sickingen im Stich gelaſſen, Treu und Glauben iſt zu denen Achteren geflohen, ſeind Fürſtendiener worden und Höfling, die vom teutſchen Adel!“ „Wiſſet Ihr, daß der Hutten tot, ehrenfeſter Junker?“ Der Florian Geyer nickte. „Trauet Ihr dem Hutten zu, er möcht Praktiken gemacht Schmückle 37 577 han mit Spitzknechten und Lotterbuben, meinet Ihr, der Hutten ſeie ein Schmarotzer geweſt oder ein Zierden der keutſchen Nation?“ „Wo uſer ſolls? Ihr wiſſet, daß ich des Hutten Fründ und getreuer Bruder geweſt meiner Lebtag.“ „Ihr ſeied auch des Sickingen getreuer Freund geweſt, dannoch nit gewußt, wie die Braut heißet, um die getanzt wurt! Landauer Einung! Ritterrecht! Heckenreuten! Sippenſpän! Glaubet Ihr im Ernſt, ehrenfeſter Junker, es het kein höcher Ziel und Kron geben for einen Franziskus Sickingen und einen Ulrikus Hutten, darnach zu greifen? Umb ſeller Kron willen ſeind wir hie!“ „Han ich die Braut nit kennet, ſo bin ich uf einer ſchlechten Hochzeit geweſt.“ „Herre Gott, itz gib mir die Sterken zur guten Sach“, fuhr's durch des Engel Hiltensperger Sinn, und er redete und redete, daß der Jos Fritz das Schnaufen vergaß und der Florian Geyer ſchier zur gleichen Sekunde vom Sitz aufſprang wie der Hiltensperger. Nun ſtanden ſie einander gegenüber, die beiden Männer. Ganz vorne hatte der Engel angefangen, im Feldlager zu Bozen, wie er den Hutten über die Berge geholt, ſiech und krank, aber mit brennendem Herzen, wie der neue, der große Gedanke vom freien Kaiſerreich ihn und den Hutten nicht mehr losgelaſſen, wie er immer größer und gewaltiger vor ihm geſtanden, wie der Sickingen in den Einverſtand gekommen, wie er ſelber in Kälte und Hitze gewandert von Dorf zu Dorf, vom Rhein zum Lech, vom Fränkiſchen zum See, hinunter ins Tirol und das un⸗ geheure Netz geſponnen. Nur einmal unterbrach ihn der Geyer. „Was redet Ihr von denen armen Leuten? Seind keine ärmer im Reich dann die ſchwarzen Knecht, arm und krank in der Seel!“ 578 Alle Karten warf der Engel auf den Tiſch. Vor den Augen des Florian Geyer ſtieg der ganze gewalkige Plan auf. Er ſah den Wendel Hipler in Wimpfen, den Schap⸗ peler in Memmingen, den Jakob Wehe in Leipheim, den Hans Müller im Hegau, den Johann Kreuzer, den Matern Feuerbacher, den Diepold Böhringer und viele andere. Er ſah die Prädikanten, den Hubmaier, den Thomas Münzer und andere ins Werk pfuſchen. Sah Hutten, den Freund, den edlen Sickingen— und er, der Florian Geyer, war dabeigeweſen und hatte gewähnt, für den goldenen Sporn zu wirken, derweil wurde an einer gewaltigen Krone geſchmiedet. Nun war der Engel ganz groß, ſtand in Flammen, vom neuen Reich ſprach er, vom Heiligen Tauſendjährigen. Der Geyer griff an die brennende Stirn, der Jos Fritz ſchluchzte, ihm ging's wie dem Ritter. Um die Bauernſchaft, hatte er gemeint, gehe das Spiel, nun war's zu viel für ihn. Er ſtarrte auf die brennende Geſtalt, die mit Feuer⸗ zungen ſprach:„Und wurt ſein ein Kaiſer, ein Gott, ein Volk! Und wurt kein Papſt und kein Türk meh das Reichs⸗ ſchild ſudlen mit Dreck! Florian Geyer, het der Sickingen das Spill verdorben, renkets ein, um Gottes und Kaiſers willen, ich bitt Euch! Einer von den Edlen tuet not! Ein Führer brauchets!“ Der Engel ſchwieg; man hörte nur das Schnaufen des Jos Fritz. Die Farbe kam und ging auf den Wangen des Florian Geyer von Giebelſtadt. Dann kam's mit gepreßter Stimme:„Was gehret Ihr von mir?“ „Uf! Skeiget uf Euer Kaval, jaget mit mir gen Teutſch⸗ land und führet die guet Sach zum Sieg! Glaubet mirs, Gott iſt mit im Schiff.“ 579 222TTTTTTTTTTTTTT——T—TTPTTT „Nach Teutſchland?“ Schier wie ein Schrei kam's heraus vor lauter Sehnſucht. Und vor den Augen des Verfemten ſtand das neue Reich. Er zitterte und bebte am ganzen Leib. Er, der Florian Geyer, der Achter, der ſchwarze Knecht im Lager des Königs Franz, er ſollte die deutſche Kaiſer⸗ krone auf ein geweihtes deutſches Haupt ſetzen, er ſollte—-—— Das war zuviel! Er, der Verfemte, vom Kaiſer Abgemahnte, weil er dem Reichsfeind diente, ſollte wieder ehrlich werden! Das Herz klopfte ihm zum Zerſpringen. Auf einmal ſenkte er das Haupt. Lange ſchwieg er; dann entrangen ſich ihm die Worte:„War ein ſchöner Traum geweſt, dannoch es ganget nit! Die von der ſchwarzen Schar ſeind uf Gedeih und Verderb verbunden, beſchworn, ſich nit zu trennen, in Not nit noch Fahr! Nit Höll no Tuifel ſollent uns ſcheiden, und ſollen wir gar verdammet ſein als Reichsächter und ganz und gar verlorn, ſo wellen wir ſelbander zur Höllen fahren! Alſo iſts beſchworn, und der Florian Geyer us Giebel⸗ ſtadt brechet ſein Eid nit!“ *** Am andern Morgen gegen zehn Uhr ſchlug das Fähn; lein, dem der Florian Geyer angehörte, zur Gemeine. Mit ſtarrenden Spießen ſtanden alle Knechte im Ring. Da trat der Florian Geyer mitten in den Ring. Und mit lauter Stimme rief er:„Loſet, ihr Brüder, was ich euch ſag. Seind zween us Teutſchland kummen, wöllent den Florian Geyer holen, ein guten Span und rechte Fehd ustragen, itz frag ich nach euer aller rechter Meinung.“ 580 Eine kleine Weile herrſchte Stillſchweigen. Dann rief der Fähndrich, ein baumlanger Geſell:„Unſer aller rechte Meinung iſt, daß von denen ſchwarzen Knechten keiner ſoll vom Haufen weichen, bei Ehr und Eid!“ Und der Haufen brüllte ſeine Zuſtimmung zu den Worten. Der Florian Geyer aber lächelte und ſprach:„Ei, wie ſo wohl haſtu geſprochen, lieber Geſell! Alſo iſt auch des Florian Geyer Will und Meinung!“ Die Trommel rollte, und mit klirrenden Spießen gingen die Landsknechte auseinander! Da wußte der Engelbert Hiltensperger, daß keine Ge⸗ walt der Erde den Florian Geyer in ſeinem Entſchluß wankend machen werde. *** „Was itz L“ „Heimreuten!“ drängte der Jos Fritz. „Itzunder erſt recht nit!“ Der andere ſtarrte den Engel groß an:„Wo uſer willtu?“ „Zum Jörgen Frundsperg, hernach den Florian Geyer mit Gwalt vom ſchwarzen Haufen holen.“ „Italia iſt faſt groß, wie willtu ihn finden?“ Der Engel dachte nach. Daß der Frundsperg nahe, da⸗ von ging Flugred über Flugred, aber eine jede lautete anders. Sollte er lieber dem Drängen der Schwarzen nachgeben, die ihn immer wieder zu überreden ſuchten, in ihre Reihen zu treten ꝰ Als ſchwarzer Knecht?! Der Frundsperg wurde ihm ins Geſicht ſpucken. Da fand der Jos Fritz das Rechte:„Sollent wir uns nach Pavia hineintun?“ 581 „Ei, was bin ich faſt kumb geweſt?“ lachte der Engel. Aber ſo gar einfach war die Sache nicht, denn die Schwarzen hatten allenthalb Poſten ausgeſtellt. Alſo blieben die beiden im Lager, als wären ſie unſchlũſſig, was ſie tun ſollten. Und ſie hatten Glück. Denn ſchon am andern Tag traf der Jos Fritz bei einem Fähnlein einen alten Verſchworenen vom Bundſchuh zu Lehen, einen ge⸗ raden und ehrlichen Kerl mit Namen Hans Pfeffle, ſein Verſtand aber reichte nicht allzu weit. Sie hatten ihn vor den Profoſen geſtellt und um ein Haar durch die Spieße gejagt. Das war aber folgendermaßen zugegangen: Waren vor etlich Wochen zweie ins Lager gekommen, ſo wie ſie ſelber. Diego de Cisneros hatte ſich der eine, Francesco Romero der andere genannt. Das waren zwei ganz geriebene Burſchen geweſen, hatten allerhand Poſſen getrieben und ſich gut Freund gemacht. Eines Abends war nun der Hans Pfeffle Poſten ge⸗ ſtanden an dem unterirdiſchen Gang, der von einer Scheune ausgehend bis dicht unter die Stadtmauer führte, und den die Königlichen beim Sturm zu benützen dachten. Die beiden Fremden hatten ihm zu trinken gegeben, und als er nicht ſchnell genug beſoffen war, hatten ſie ihn noch über den Schädel gehauen und waren dann im dunkeln Gang verſchwunden. Überläufer berichteten, daß man die beiden an der Stadt⸗ mauer mit Stricken emporgezogen habe. Ihre Wämſer ſeien mit Golddukaten vernäht geweſen, die der Pescara den Belagerten ſchickte in höchſter Not, denn ſchon wollten die deutſchen Knechte in der Stadt meutern. Die ſchwarzen Knechte jagten den Pfeffle nicht durch die Spieße, aber ſie ließen ihn zur Strafe jeden zweiten Tag Wache halten. Andern Tags ſollte er wieder ſeinen Poſten beziehen. „Ei, ſo kummet doch, mir die Zeit zu kürzen!“ 582 Sie ließen ſich lange bitten, endlich gaben ſie nach. So ſaßen ſie am nächſten Abend in der Scheune und plauderten mit ihm. Von allerhand ſprachen ſie, nur nicht von dem unterirdiſchen Gang. Der Jos Fritz brachte endlich die Rede darauf, wie es wohl da drunten ausſehe. „Ei, ſo ſteig halt abe, gar finſter iſts und ſtinket faſt mörderlich.“ Und der Jos Fritz ſtieg hinunter und rief dem Engel; der folgte ihm. Man hörte noch eine Zeitlang ihre Schritte. Nach einer Weile rief der Bundſchuher:„Ei, ſo kummet, iſt nens weiters ze ſechen.“ Ganz aus der Ferne klang's:„Wir kumment, wart ein lützel.“ Der Poſten lauſchte. Er hörte nichts mehr. Schon wollte er Lärm ſchlagen; da fiel es ihm ein, daß er dann rettungslos durch die Spieße müſſe. So dumm war er denn doch nicht, ſich ſelber hinein⸗ zujagen. Alſo kat er das Klügſte, was er tun konnte— er ſchwieg. Und niemand merkte etwas. Den Jos Fritz und den Engel Hiltensperger aber zogen die Wachen auf die Mauer. Sie brachten zwar keine Golddukaten, dafür die Kunde, daß der Frundsperg im Anzug ſei. Und das war dem Don Antonio di Leyva mehr wert als Gold. *** Kähl war die Nacht und mondlos, doch ein funkelnder Sternenhimmel wölbte ſich über Pavia, der heißumſtrittenen, mit ihren unzähligen, oben abgeflachten verzinnten Türmen. Träumend lag die uralte langobardiſche Königsſtadt an ihrem Hügel und lauſchte, wie zu ihren Füßen der hoch⸗ 583 gehende Teſſino ſeine braunen Wogen zum Po hinunter rollte. Kein Laut in den engen Gaſſen. Da, von ferne ſchlurfende Schritte. Vier ſpaniſche Arke⸗ buſiere, die auf dem Tragſeſſel einen Mann die ſteile Gaſſe hinab zum ſüdweſtlichen Tor trugen. Das war Antonio di Leyva, der Kommandant der kaiſer⸗ lichen Streitkräfte in Pavia. Zwanzig Jahre ſchweren Kriegsdienſtes hatten ihm die Haare gebleicht, den Körper verkrümmt, daß er kein Roß mehr beſteigen, keinen Gang zu Fuß mehr tun konnte. In Eilmärſchen hatte er ſich mit dreitauſend deutſchen Knechten, fünfhundert Arkebuſeros, zweihundert Lanzen nach Pavia hineingeworfen. Auf der Stadtmauer beim Tore ſetzten die Träger den ſchweren Seſſel nieder. Ein kurzer Wink hieß ſie gehen. Da ſaß nun Antonio di Leyva, Kaiſer Karl V. ge⸗ kreuer Diener, mutterſeelenallein, das Haupt auf die ver⸗ knorpelte Rechte geſtützt, und ſchaute hinüber zu dem Kloſter von Lanfranco, wo Franz I., König von Frankreich, vom Königreich Neapel träumte. Ein tiefer Seufzer entrang ſich den Lippen des Spaniers. Böſe Wochen lagen hinter ihm. Kampf, Not, Hunger, Durſt. Tobende, meuternde Landsknechte. Eſelfleiſch zum Eſſen, Knoblauch und Kleienbrot, und als auch das alles aufgebraucht war, Hunde und Katzen. Haus um Haus mußte abgebrochen werden, um Heiz⸗ material zu beſchaffen, denn es war ein kalter Winter. Dazu der ſchleichende Verrat. Den Eitelfritz von Zollern, den Führer der deutſchen Knechte, hatte er im Verdacht gehabt. Mit einem ver⸗ gifteten Süpplein hatte er ihn beiſeitegeſchafft, war zum Mörder geworden für ſeinen Kaiſer. 58⁴ An einem Unſchuldigen? Vielleicht! Wahrſcheinlich! Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, um die böſen Gedanken zu verſcheuchen. Morgen, wenn es Gottes Wille war, würde die Sorge ein Ende nehmen. Und Gott würde es ihm verzeihen, daß er alles Gold und Silber aus den Kirchen genommen hatte, um Münzen für die meuternden Knechte zu ſchlagen! Da donnerten drei Kreidſchüſſe vom nördlichen Tier⸗ garten her; drei Schüſſe von Paviens Mauern gaben die Antwort. Nun wußte Antonio di Leyva, daß die Kaiſerlichen, unter dem Marcheſe de Pescara, durch die während der Nacht in die Mauer des Tiergartens gebrochenen Breſchen im breiten Strome eindrangen. Zugleich erſcholl drüben bei Sankt Lazaro und am Teſſino ein wildes Getöſe von Pauken und Trompeten, ein Krachen von Hakenbüchſen. Scharen von rufenden, ſchießen⸗ den Knechten liefen hin und wider, die Hommes d'armes und die Fußvölker der Franzoſen in falſche Richtung zu locken. Scharf ſpähte Antonio di Leyva in den grauenden Morgen— lauſchte nach rückwärts, wie es in den Gaſſen von Pavia lebendig wurde. Man hörte Trommeln ſchlagen, Waffen klirren, haſtiges Rufen. Das waren die Fähnlein, die ſich auf den verſchie⸗ denen Plätzen der Stadt verſammelten. Schritte ſtiegen die Treppe empor, die auf die Mauer führte. Es waren die Hauptleute der deutſchen Knechte, der Sebaſtian Schertlin von Schorndorf, der Kaſpar Frundsperg, des Jörg Frundsperg wackerer Sohn, und des Alten Schwager, der Graf Lodron. Sie ſtellten ſich hinter den Seſſel des Spaniers und ſpähten hinaus in den Tiergarten, wo es immer heller und heller wurde. 585 — 2 ͤ ͤ—.————— Dann ging die Sonne auf und drückte die Nebelſchwaden am Boden hin. In der Ferne, immer wieder im Nebel untertauchend, ſah man auf einmal an die vierhundert Reiter Mirabello zujagen. In weitem Abſtand folgten an die zehn Fähnlein zu Fuße im haſtigen Sturmſchritt. Dann ſah man's funkeln und blitzen, auftauchen und wieder im Nebel verſchwinden, erſt ein Haufen Fußvolks, dann wieder Geſchütze, dahinter an die zweitauſend ſpaniſche Knechte. Und wieder Reiter, Maſſen von Reitern und am Ende gewaltige Mengen Fußvolks. „Baſſa Manelka“, ſchrie der Kaſpar Frundsperg und wies mit der Hand auf die mächtigen Haufen, die ſich der Vernacula zu wälzten,„ſelt mueß der Vatter ſeind!“ Und der Graf Lodron, des Alten Schwager, lachte: „Han's eh gwißt, er werd uns nit im Stich laſſen, der Alte!“ Da ſah man auf einmal im Suͤden die Franzoſen in dichten Maſſen in den Tiergarten eindringen. Antonio di Leyva aber ſprach kein Wort mehr. Vorn⸗ übergebeugt in ſeinem Seſſel ſtarrte er, vor Erregung bebend, hinüber; kaum einen Blick gönnte er den Italienern und dem franzöſiſchen Fußvolk, das dicht vor der Stadt Gräben und Wälle beſetzte, um einen Ausfall der Be⸗ ſatzung zu verhindern. Nicht auf Mirabello wie die Kaiſerlichen richtete der König ſeinen Stoß, nein, gegen Nordoſt, dorthin, wo der Feind in den Tiergarten eingedrungen war. So zogen die beiden Heere aneinander vorbei, von Nordoſt nach Südweſt der Pescara, von Südweſt nach Nordoſt der König. Noch immer wälzten ſich die Kaiſerlichen Mirabello zu, noch immer waren ſie des Gegners nicht gewahr geworden. Antonio di Leyva ſtöhnte vor Erregung. 586 Schon donnerten auf dem rechten Flügel die Geſchütze der Franzoſen. Vom Turme wurde gemeldet, daß franzöſiſche Reiter gegen die Einbruchſtelle ſprengten und ganze Fähn⸗ lein Kaiſerlicher in ein Wäldchen trieben. Überritten ſeien die kaiſerlichen Geſchütze an der Einbruchſtelle, die Stücke ausgeſpannt. Potztauſend, Jacques von Gaillot, der Grandarbalstrier von Frankreich, Seneſchall von Genouillac, verſtand ſein Handwerk! Schon ſah man ihn ſeine Rohre wenden und die Kugeln in die Gewalthaufen des Frundsperg ſchlagen, daß ganze Springbrunnen von Dreck und Steinen hochgingen. Man ſah, wie die Knechte eilends liefen und ſich im tiefen Tal der Vernacula niedertaten. Und immer noch ſchob ſich die Hauptmacht der Kaiſer⸗ lichen Mirabello zu! Da! Endlich! Endlich!— di Leyva auf der Mauer ſtöhnt auf vor Erleichterung— die kaiſerlichen Reitermaſſen und die zweitauſend ſpaniſchen Knechte dahinter ſchwenken gegen das franzöſiſche Mitteltreffen herum; in der Ferne wendet die Vorhut, zieht eilenden Laufs der Vernacula zu. Aber ſchon wieder riß der Grandarbalétrier ſeine Ge⸗ ſchütze herum und ließ ſeine Stückkugeln in die kaiſerlichen Reiter hineinhauen, daß die Klepper nur ſo auseinander⸗ ſtoben. Die Reiter bohrten ihnen die Sporen in die Weichen und ritten an. Deutlich hörte man das Her! Her! der ſchwarzen Knechte, ſah die ſtampfenden, ſcheuenden, ſteigenden, ſtürzen⸗ den Roſſe. Dann aber brandete die Woge zurück, zerbrochen an der unerſchütterlichen viereckten Schlachtordnung der Schwarzen. 587 Dahinter ſah man das Fußvolk hin und her laufen, Schutz vor den Stückkugeln ſuchen. Finſter ſchaute di Leyva. Das war ein böſer Anfang. Aber plötzlich beugte er ſich in ſeinem Seſſel vor, ſeine Hände zitterten, ſein Auge brannte. *** Mühſam verhielt Franz I. von Frankreich ſeinen be⸗ deckten Streithengſt. Königlich von Geſtalt wiegte ſich der ritterliche Fürſt auf dem tänzelnden Fuchſen. Ein Waffenrock von blitzendem Silberſtoff ſchmiegte ſich um die glänzende Rüſtung. Auf dem Helm der goldene Salamander in Feuerflammen mit der Deviſe: Ista vice et non plus! Von den Schultern flatterten lange weiße Federbüſche. Zur Linken des Königs Galeaz de S. Severin, Grande⸗ ſecuyer von Frankreich, bereit, die gegen ſeinen König geführten Schläge mit ſeinem goldenen Schwert und mit ſeinem greiſen Haupt aufzufangen. Hinter dem König, auf ſtampfenden, wiehernden Roſſen die Blüte von Frankreichs Adel. Das waren die Hommes d'armes, die Edelſten der Edlen von Frankreich! Sie wußten, was ſie ſich und ihrem König ſchuldig waren. Sammet und Seide in leuchtenden Farben über goldenen und ſilbernen Rüſtungen. Rechts von ihnen ſtanden die Eidgenoſſen, dichte Maſſen in die Luft gereckter Spieße, zur Linken des Königs ſchwarze Knechte, die verfemten Deutſchen, deren furchtbares Schick⸗ ſal, an den König gekettet, ſich noch an dieſem Tage er⸗ füllen ſollte. Eben hatten die Spieße der Schwarzen, die regungslos mit ihren ſchwarzen Fahnen ſtanden, die leichten kaiſerlichen Reiter abgetrieben, der Grandarbalétrier hatte mit ſeinen Geſchützen Tod und Verderben in die Spanier und Ita· liener getragen. Da verdroß den König der Gedanke, den Sieg ohne ſeine Teilnahme zu erringen, gar gewaltig. Hinter ihm ſcharrten und ſtampften die Schlachtroſſe. Hoch hob der König die Rechte. Die Lanzen raſſelten an die ſilbernen und goldenen Hüften. Die Trompeten ſchmetterten. Ein jauchzender Schrei:„France! France!“ Donnernd ſtürzte ſich das Vordertreffen gegen die Lanze Lannoys, weit voraus La Palice, der greiſe Marſchall von Chabannes. Und hinter ihm brauſte in geteilten Geſchwadern Frank⸗ reichs Ritterſchaft mit ihrem König. Aber die Degen von Oſterreich, Burgund und Neapel waren ihrer würdig! Aber ſeinem Haupte ſchlug der Vizekönig das Kreuz und warf ſich raſſelnd mit ſeinen Reitern den Franzoſen ent⸗ gegen. „San Jago und Eſpania!“ Nun trafen ſie zuſammen, daß ein langanhaltendes Krachen von Lanzen und Rüſtungen ertönte. Hier und dort ſtießen die Geſchwader durcheinander. Der donnernde Zuſammenprall zerſprang im Gewirr von Einzel⸗ und Gruppenkämpfen. Noch einmal, vor dem letzten Zuſammenbruch, erhob ſich ein untergegangenes Jahrhundert, alle Tugenden einer verlorenen Ritterſchaft zuſammenraffend, Taten zeitigend, im letzten Aufflammen wie ein ſterbender Herbſt! Zornig jagte der König durch die Haufen, Bourbon, den Verräter ſeiner Krone, ſuchend, der unerkannt im Panzer⸗; rocke eines gemeinen Reiſigen focht. Fernando Caſtriota, Marques de Sankt Angel, gerät an den König, deſſen Lanze Skanderbegs Enkel zu Boden ſtreckt, ehe es dieſem gelingt, die verwirrten Zügel ſeines Roſſes zu faſſen. 589 eeee, Da ſprengt d'Andelot, der Edle aus Burgund, den König an. Hart und lang iſt der Kampf. Dreimal wankt der Ritter im Sattel, dreimal fängt er ſich wieder, dann bricht er unter den königlichen Streichen zuſammen. Schon ſucht des Königs Lanze Don Hugo de Cadorna, Bannerherr der Companie des Marcheſe von Pescara, der mit einem leiſen Seufzer vom Roſſe ſinkt. Jauchzend ſieht die franzöſiſche Ritterſchaft das öſter⸗ reichiſche Reitergeſchwader unter dem tapferen Grafen Ni⸗ kolaus von Salm durchbrochen. „France! France!“ donnern die Rufe über das ſich lockernde Schlachtfeld. „San Jago, Eſpania“— immer vereinzelter, immer er⸗ ſtickter klingt's— das öſterreichiſche Hofgeſinde wankt, wendet. Da jagt ein Reiter in gewöhnlicher Fußvolkstracht über das leere Schlachtfeld hinüber, wo die Arkebuſeros, die Hakenſchützen, ſtehen. Pescara ſelber iſt's auf ſeinem berühmten Schlachtroß Mantuano; einen Spieß in der Hand fliegt er dahin wie der Genius der neuen Kriegszeit. Ein Wink, ein Schrei, und er reißt das Rad der Schlacht herum! Pero Fernandes de Quiſada, Hidalgo aus Segura della Sierra, hat ihn verſtanden. In Blechhaube und Büffelwams ſpringt er hervor, wendet ſich zu dem Haufen, und aus dem Gliede treten Hunderte geübter Schützen mit ihren Rohren und brennenden Lunten. Vier Kugeln hat jeder im Munde, und in lockerer Kette ſchwenken ſie um die jauchzende und ſiegende Ritterſchaft herum. Die kaiſerlichen Reiter erkennen das Spiel, ſie löſen ſich von den drängenden Hommes d'armes. Wie klirrender Hagel ſchlagen die Kugeln in die präch⸗ tigen Rüſtungen der franzöſiſchen Ritterſchaft. Unſichtbare 590 Gewalt ſtürzt einen Reiter um den andern vom bedeckten Hengſte. Schon fechten die kaiſerlichen Reiter zwiſchen ihren Hakenſchützen. Zerſprengt jagen die Hommes d'armes ſie an, aber einer um den andern fällt, das tückiſche Blei zwiſchen den Rippen. Die Lanzen ſtechen in die Luft, die Schützen ſpringen zur Seite und ſchließen ſich wieder hinter dem vorbeiraſſelnden Gegner. Die gefeiertſten Helden fallen von den Kugeln ungekann⸗ ter armer Knechte, ſchließen ſich zu Klumpen zuſammen, um neuen Halt zu gewinnen. Das Feld bedeckt ſich mit Leichen und gefallenen Roſſen. Immer enger umſchwirren die Schützen die Verzweifelten, löſen ſich in Gruppen und Grüpplein auf, die ſich über das Schlachtfeld wie ein aufgelöſter Bienenſchwarm verteilen. Noch ringt unweit der Vernacula, hart an einem Wäld⸗ chen, Frankreichs Ritterſchaft verzweifelt um die geheiligte Perſon ihres Königs. Zweimal ſchon hatte ſie den Reiſigen das Hauptbanner mit dem Wappen von Hſter⸗ reich entriſſen, aber einen um den andern ſchießen die Arkebuſeros aus dem Haufen. Immer neue Scharen fluten von anderer Stelle des Schlachtfeldes heran. Aber auch wer von Franzoſen die Gefahr ſah, die dem Haupte des Königs drohte, lief dem Haufen zu, in deſſen Mitte aufrecht hoch zu Roß ſein Herrſcher kämpfte. La Palice, Frankreichs ſchönſter Greis, will ihm zu Hilfe eilen, er ſtürzt ſamt ſeinem Roß; ein ſpaniſcher Reiter drückt ihm die Hakenbüchſe auf der Bruſt ab. Einer um den andern fällt um den König; aus dem Sattel gehoben und zu Boden getreten erſtickt Louis d' Ars im Gedränge. Immer lichter wird der Haufen, der ſich um ſeinen König ſchart. Todwund ſchwankt der Großſchildhalter, der ſo 591 manchen Streich mit dem goldenen Schwerte vom König gewehrt, auf ſeinem Roſſe. Das Schwert entfällt ſeinen Händen; er ſinkt zu Boden. Noch kann er Guilleaume de Ballay zurufen:„Laß mich ſterben, mein Sohn, eile, den König zu ſchützen.“ Der Baſtard von Savoyen, der Graf von St. Paul, Thomas von Lescun, Marſchall von Foir ſtürzen. „Nein, ich vermag dieſen Unſtern um aller Welt Schätze nicht zu überleben!“ ruft Bonnivet, des Königs Günſtling, und wirft ſich in die Hellebarden der Landsknechte. Nun hat das Gewühl alle Getreuen vom König ab⸗ getrennt, ihre Leiber bedecken die Walſtatt, vermiſcht mit gefallenen Roſſen. Da ſtritt König Franz, hoch zu Roß, in ſchimmernder Wehr als einziger und letzter für die Ehre ſeiner Krone. Von der verwundeten Wange lief das Blut in dickem Strome, der Schenkel von einem Lanzenſtich durchbohrt, die Rüſtung zerbeult und zerſchlagen, von abprallenden Kugeln eingedrückt. So wurde der königliche Held von anreitenden Reiſigen über das Brücklein der Vernacula gedrängt. Dort gab Graf Nicolaus von Salm ſeinem Hengſte die Sporen und ritt den König an, verwundete ihn an der Rechten und ſtieß mit einem Lanzenſtoß ſein treues Roß nieder, das mit einer Kugel im Leibe ſich elend unter ſeinem königlichen Herrn hinſchleppte. Noch im Sturze durchbohrte der König dem Grafen den Schenkel.— Da lag er. Ein Spanier riß ihm die Kette des Sankt⸗Michels⸗Ordens vom Halſe. Die Schlacht aber ging ihren Gang bis zum bitteren Ende. *** Noch ein Reiter ſtand auf dem Schlachtfeld von Pavia. Eine Franziskanerkutte deckte den Harniſch, die Kapuze den Helm. 392 Nicht auf einem ſtolzen Schlachthengſt, ſondern auf einem großen Maultier ſaß er und hielt Umſchau. Jörg von Frundsperg, der deutſchen Knechte Obriſte. Das Spiel der Schlacht war den beiden Feldherren aus der Hand geglitten, der Unterführer ſchaute nach Arbeit aus. Zwei Menſchen haßte er mit der ganzen Kraft ſeiner ſtarken Seele, den Papſt und den roten Brandecker, den Verräter, den roten Brandecker, über den einſt ſein ge⸗ geliebter Kaiſer Mar zornig den Stab geſchüttelt, als er, ein franzöſiſcher Soldknecht, den kaiſerlichen Herold von den Mauern der Stadt Terouenne herunter verhöhnte. Regungslos ſaß der Alte und hielt Umſchau nach ſeinem Todfeind. Hinter ihm ragte ein unüberſehbarer Wald von Spießen in die Luft. Schweigen lag über den Maſſen, nur ab und zu ging ein Raſſeln durch die Reihen, wenn das eine oder andere Fähnlein die Waffen umſtellte. „Brandecker! Brandecker!“ murmelte der Alte vor ſich hin und drehte ſich nach ſeinem Roßbuben, ob der auch ſeinen Bihander bei ſich habe. Das war des Frundspergers Lieblingswaffe. „Brandecker! Brandecker!“ murmelte er,„ſo Gott will, kreff ich dich. Wie haſtu doch geſagt? Gott, zu alt zum Regieren, hett denen Schwarzen das Regiment empfohlen? Sieh zu, ob dus zum Obed vor deim Herregott magſt ver⸗ antwurten!“ Und langſam ſchob er ſein Maultier durch die Maulbeerbäume nach vorn, um beſſeren Überblick zu be⸗ kommen. Potz Natter, wie zuckte der Alte zuſammen! Vor ſich ſah er Pescaras Fußvolk. Quer über Feld rückte dieſem ein mächtiger Haufe entgegen. Das waren die Schwarzen! Gott und Teufel, das waren die Schwarzen! Schmückle 28 593 e eee eeeee ee eeee eeee,— ———————— ——— Ihnen ſchloſſen ſich die Schweizer des rechten Franzoſen⸗ flügels an. Wohl an die zehntauſend Mann. Der Alte ſah, wie der Haufen auf des Pescara ſpaniſches Fußvolk zuhielt. Ja, war denn der Pescara des Teufels? Bei Gott, er hielt die Schwarzen für Kaiſerliche! Jetzt brüllten ſie auf:„Her! Her!“ Die Hakenſchützen ſprangen vor. Wie die Bienen ſchwärmten des Pescara Leute durch⸗ einander, unter haſtigem Stoßgebet ſich aufzuſtellen. Die erſte Salve krachte über ſie hin. Der Alte wandte ſein Maultier— ſeine Stunde war gekommen! Er ſchlug die Franziskanerkapuze herunter. Da wußten die Knechte, ſeine lieben Söhne, daß es ernſt wurde. Schnell ſchnitt noch ein jeder eine Kerbe in den Schaft ſeines Spießes, um ihn beſſer in der Fauſt zu haben. Der Alte ſtieg vom Maultier, nach alter und guter Landsknechtſitte zu Fuß im verlorenen Haufen zu fechten. Raſſelnd rückten die Fähnlein zuſammen, und vorwärts ging's, voraus der verlorene Haufen, dahinter die viereckte Schlachtordnung, immer drei Schritte bei merklich ab⸗ geſetztem Schlage der Trommel. Sechstauſend Knechte führte der Frundgperg, hinter ihm ſechstauſend andere der Max Sittich von Ems, dem ein Reiter des Frundsperg Befehl zutragen mußte. Schräg übers Feld her brauſte auf ſeinem Mantuano der Pescara, ſich neben den Frundsperg zum Kampf zu ſtellen. Mit einem frohen, gurgelnden Lachen empfing ihn der Alte:„Itzunder, Herr Pescara, wurt ein alte Rechnung ufgemacht.“ „Gott geb Euch ſeinen Segen!“ rief der Spanier. „Der verlaßt ein gueten teutſchen Landsknecht nit!“ 594 Da ſahen die Schwarzen des Frundspergs Haufen. Raſſelnd wandten ſich die Fähnlein und ließen die Spanier den Schweizern. Sie wußten, nun kam ihre ſchwere Stunde. Auf Büchſenſchußweite ſtanden ſie einander gegenüber, Söhne einer Erde. Und zwölftauſend brave deutſche Landsknechte ſielen vor ihrem Herrgott auf die Knie, zehn Schritte vor dem ver⸗ lorenen Haufen Jörg Frundsperg von Mindelheim, zehn Schritte vor ſeinem Regiment der Max Sittich von Ems. Todesſtille lag über der Walſtatt. Dann erhob ſich der Alte, mühſam ſchnaufend, denn er war ſchweren Leibes. Hinter ihm zwölftauſend Knechte. „In Gottes Namen“, ſprach der Alte und fällte den Spieß. Raſſelnd ſenkte ſich der Rechen. Und ſtill und ſchweigſam rückten ſie auf die Haufen der Schwarzen zu. Keine Trommel rührte ſich. Es war, als hielte die Schlacht den Atem an. Regungslos ſtanden die Schwarzen, ſchwarz ihre Har⸗ niſche, ſchwarz ihre Fahnen. Rauſchend und knatternd ſchlugen ſie im Winde. Schweigend, mit zuſammengepreßten Zähnen, blickten ſie den Heranrückenden ins Auge. Da ſprang der Georg Langemantel aus Augsburg, der Lokotenent des Herzogs von Lothringen, des langjährigen Bürgermeiſters von Augsburg verlorener Sohn, aus der Ordnung. Hoch hob er den rechten Arm. Und laut hallte ſeine Stimme über den Raum, der die Haufen trennte. Georg von Frundsperg und den Max Sittich von Ems rief er alter Sitte nach zum Zweikampf heraus. 595 Seeebeere t eeee Sbeeeeee Tobend weigerten die Haufen den Zweikampf, der nur den Ehrlichen gewährt wurde. „Verräter!“ ſchrie's in tauſend Stimmen Augsburgs verlorenem Sohn entgegen, und hundert Hakenbüchſen ſtreckten ihn nieder. Schweigend ſtanden die Schwarzen, in der vorderſten Reihe die Fürſten und Grafen. Im Rücken hatten ſie Pescaras Fußvolk, das mit den Schweizern rang. Von vorne ruͤckte der Frundsperg mit ſeinen ſechstauſend Knechten. Der Sittich von Ems aber ſchwenkte mit dreitauſend Knechten zur Linken, mit dreitauſend zur Rechten, die beiden ungedeckten Flügel zu umfaſſen. Hoch hoben ſich rauſchend die ſchwarzen Fahnen und flatterten zum letzten Male im ſcharfen Oſt. Krachend ſtießen die Haufen ineinander. Und das Schickſal wollte es, daß der Brandecker als erſter dem Frundsperg unter die Augen lief. „Brandecker! Brandecker!“ brüllte ſein rauher Baß. Der kannte ſeinen Feind. über Tote und Verwundete liefen ſie einander an. Der Alte ſtolperte und riß ſich wieder auf. Schlug mit dem Bihander dem Brandecker den Spieß zur Seite, der riß einem Toten ein Langſchwert aus den erſtarrten Händen. Hochauf ſchnaufte der Frundsperg. Krachend fuhr das Eiſen nieder und glitt an der Parade des Brandeckers ab, daß der Alte ſchier vornübergefallen wäre. Dem Brandecker aber hatte das abrutſchende Schwert die Hand zerriſſen. Achzend ließ er den Bihander fallen. Und wieder riß ſich der andere hoch, ſchnaubend wie ein dämpfiges Roß, und tief grub ſich das Eiſen in die Schulter des roten Brandecker. 596 Da lachte aller guten Knechte lieber Vatter! Überall Schnaufen, Stöhnen, Achzen, Beten. Furchtbar war das Morden. Kein Profos, kein Weibel blieb dahinten, Troßbuben und Marketender liefen zu, riſſen Wehren an ſich und arbeiteten in die Schwarzen. Nun packte der Sittich von Ems von rechts, nun packte er von links, die Klammer ſchloß ſich. Hellauf jauchzten die Knechte, ſtießen unter jubelndem Geſchrei Schritt um Schritt in die ſtöhnenden todwunden Schwarzen. Die aber, zum engen Knänuel gedrängt, fanden nicht Raum zum Schlagen und Stoßen und wurden abgeſchlach⸗ tet trotz ihres wilden Todesmutes. Und die in ſie hineinſtachen, ſtolperten und ſielen ũber die Toten, die ſich zu Haufen türmten. Und auf den Leichen ſtehend, ſtachen ſie mit Spießen, Hellebarden, Schwertern. Da lag der Herzog von Suffolk, die bleiche Stirne ge⸗ ſpalten; da lag der Herzog Franz von Lothringen in ſeiner prächtigen Rüſtung; da lagen die Bünau, der Graf von Naſſau und hundert andere vom beſten Adel, die ihre Treue, die ſie dem König Franz bis in den Tod hielten, teuer bezahlen mußten. Schon reichten ſich beide Flügel Sittichs von Ems im Rücken der Schwarzen die Hand, Pescaras Fußvolk, das die Schweizer mühelos abgetrieben hatte, zornig zurück⸗ weiſend, als es ihnen helfen wollte. Immer enger, Schritt für Schritt, wurden die Schwar⸗ zen eingekeſſelt, niedergeſtochen, zu Bergen gehäuft. Immer mehr von den Landsknechten mußten dahinten bleiben, denn die Enge des Keſſels ließ ihnen keinen Raum. Sie erſchlugen hinter den Kämpfenden was noch lebte, denn Pescara hatte die Mala guerra verkündigt, und das hieß Tod! 597 Immer enger wurde der Kreis. Um einen Scghritt weiferzukommen, mußte einer erſchlagen werden. Auf deſſen Leiche ſtehend, konnte man den nächſten fällen, der in fürch⸗ terlicher Enge verzweifelt ſich wehrte. Aber mitten im Haufen der Schwarzen flatterte hoch noch eine Fahne. Die hielt der Chriſtoph von Lupfen getreu, wie's der Landsknechte Eid befahl. Als ſie ihm die Hand abſchlugen, hielt er ſie mit den Zähnen und wickelte ſeinen kodwunden Leib darein, als er von drei Hellebarden durchbohrt zu Boden ſank. In der zuſammengeſtochenen Mitte blieb ein Berg von Toten, über ihnen, vom Blute des Lupfeners getränkt, die ſchwarze Fahne. Da hatten die Schwarzen mit dem Tode geſühnt, was ſie in ihrem Vaterland verfemte. Von den ſechstauſend Knechten ſchenkten die Schwaben noch keinem halben Dutzend das Leben. Unter dieſen war der rote Brandecker, der mit ſeiner furchtbaren Wunde ſein Leben durch hündiſches Bitten von den mordmüden Landsknechten erbettelte. Alle die anderen hatten durch beiſpielloſe Treue ihre Untreue geſühnt. „Brandecker, dir wär beſſer, du wäreſt tot“, ſprach der Frundsperg und drehte ihm den Rücken. Dann ließ er ſeine Knechte ſich wieder ordnen und ſtille⸗ machen zum Gebet. *** Immer noch ſaß Antonio di Leyva regungslos auf ſeinem Seſſel. Heißen Auges war er dem gewaltigen Ringen gefolgt. Seine Hauptleute waren zu ihren Fähnlein geeilt. Die Tore von Pavia flogen auf. 598 Mondelang aufgeſpeicherter Haß trieb die Knechte hinaus, vorwärts und hinein in die wirren Maſſen, die der unteren Ticinobrücke zuwogten. Die Schweizer, vom paniſchen Schrecken erfaßt, hatten kaum die Spieße vor des Frundspergs Knechten zur Ab⸗ wehr geſenkt, um dann in wilder Flucht der unteren Ticinobrücke zuzufliehen. Dazwiſchen einhauende Reiter. überall fallende, ſchreiende, verzweifelte Menſchen. Solche, die flehend auf den Knien lagen, ſolche, die bittend ſich an die Steigbügel der Reiter hängken. Rechts und links von den flüchtenden Maſſen ſchwärm⸗ ten ſpaniſche Arkebuſiere und ſchoſſen mit ihren Hand⸗ rohren die Hauptleute aus dem Haufen. Da jagt in wilder Flucht des Königs Schwager, der Herzog von Alancon, mit ſeinen vierhundert Reitern, die Ehre Frankreichs verratend, mitten durch den Schweizer Haufen, der voll Entſetzen die deutſchen Landsknechte an⸗ dringen ſieht. In wilder Flucht rennen die Eidgenoſſen vor den ge · ſtreckten Spießen davon. Da hilft es nichts, daß Ulrich Harder von Schaffhauſen ſeinen Leuten ins Geſicht ſchlägt. Da hilft kein Drohen, kein Flehen, kein Befehl mehr, da hilft es nichts, daß ihnen ihre Hauptleute die Namen ihrer ſiegreichen Schlachten zurufen. Aus war's mit der Schweizer Ehre! Sie, die nie einem Deutſchen in der Schlacht das Leben gelaſſen hatten— ſie, die ſich vom gemeinſamen Vaterland geriſſen, ſie ſahen das Verderben hinter ſich und flohen, flohen, flohen. Und die Landsknechte, die eine alte Rechnung zu be⸗ gleichen hatten, ſchreien ihnen voll Verachtung die ſchwerſte Kränkung nach, die man einem Schweizer antun konnte: „Muh! Muh! Muh!“ 599 FF eeeeeeee ———— —— Aber kein Schimpf vermag ihnen mehr die Röke der Scham ins Geſicht zu jagen! Hemmungslos, wild geht die Flucht der unteren Ticino⸗ bruͤcke zu. Wie eine Herde Vieb treiben die Landsknechte die Schweizer vor ſich her— Muh! Muh! Von der Seite kommen Leyvas Knechte und ſtechen in die Haufen. Aug um Aug! Zahn um Zahn! So hatten's die Schweizer bislang gehalken. Wie die Schafe drängen ſie zur Ticinobrücke. Da! Ein wilder Schrei des Entſetzens. Clermont, der die Inſel halten ſollte, hal hinter ſich die Brücke abgebrochen; Leyvas Knechte zerhauen in fliegender Eile die Taue, die die Schiffe verbinden. Verzweifelt ſehen die Schweizer, wie der Ticino auf ge⸗ ſchwollenen Wogen ſie davonträgt. Da ſtürzen ſich die letzten dreitauſend, den Schwaben zu entrinnen, in den reißenden Strom. Ineinander verſchlungen, verkrallt treiben ſie kläglich ſchreiend ſtromabwärts. Bis nach Piacenza hinunter werfen die zornigen Waſſer ihre Leichen an die Ufer. Dann verkündeten die Knechte Frundspergs und die Spanier mit flatternden Fahnen den guten Krieg. Und Antonio di Leyva ließ ſich zum Pescara tragen, vorbei am Engelbert Hiltensperger, der auf ſeinem Rücken den bewußtloſen Florian Geyer nach Pavia hineintrug. *** Uber die Wälle von Pavia ſtieg der Mond und goß ſein Silberlicht über die Stätte, wo Frankreichs Ritter⸗ ſchaft verblutet war, wo zwiſchen den koten und ſchlagen· 600 den Roſſen Diener und junge Knappen nach ihren ge⸗ fallenen Herren ſuchten. Waffen und Webren und die gold⸗ und ſilberſtrotzenden Gewänder, Prunkſchabracken und goldbeſchlagenen Geſchirre hatten längſt die Spanier an ſich genommen. Der Mond ſtieg höher und höher, und als er die Wal⸗ ſtatt beſchien, wo die ſchwarzen Knechte ihre Schande mit rotem Blut gezahlt hatten, da ſab er nur ſtille Schläfer, und ob er von einem bleichen Antlitz zum andern ſeinen Schein zog, nichts rührte ſich. An keinen der Toten hakten des Frundspergs Knechte getaſtet. Und ſie duldeten es nicht, daß ein Spanier oder Italiener ſich an ihnen vergreife, denn die Toten waren ehrlich geworden. Da— ein Mann. Er ſchritt hin und her zwiſchen den Leichen, drehte ein abgewandtes Geſicht dem vollen Schein des Mondes zu, beugte ſich tief zu einem andern. Aus einem dunklen Haufen, wo die Toten geſchichtet lagen, rief eine ſchwache Stimme:„Engel!“ Der Jos Fritz war's. Ein Spieß war ihm durch den Bauch gefahren, und in namenloſer Qual richtete er den Oberkörper auf. Der Engel kniete ſich zu ihm und ſchob ihm einen Toten unter den Rücken. Langſam neigte der ſein weißes Antlitz dem Lichte zu. Da erkannte ihn der Engel. Der von Lupfen war's, den er dereinſt mit dem trockenen Aſt über den Schädel ge⸗ ſchlagen hatte, unweit vom Hohentwiel— quer über die Stirn ging ihm noch die braune Narbe. Der Jos Fritz knirſchte vor Schmerz mit den Zähnen. „Laß gut ſeind, Engel“, ſtöhnte er, als ihm der das Koller löſen wollte,„mir helfet kein Arzet nit meh.“ „Jos Fritz, mein Bruder, ſo ſolltu nit ſagen, zu Onder⸗ grombach warket die Els.“ 601 rrr „Los, Engel, es iſt ein bitter Kraut umb den Tod! Der Herrgott vermeinets nit wohl mit mir,— gewart und ge⸗ banget, an die zehen Jahr uf und ab gelaufen an der teutſchen Grenz, weißt nit, was es heißt, Engel, ſo eim das Heimweh das Herz will abdrucken.— Kann wohl ein Liedle davon ſingen, oft ufgheult im Schlaf. Zehen Jahr, zehen lange Jahr! Und itz— itz, ſo die Sunn will ufgehn in Teutſchland, itz ſoll ich bei denen Walhen verrecken als ein Hund. Iſt hart, Bruder, iſt faſt hart.“ Mühſam rangen ſich ihm die Worte vom Mund. „Wie Fuir brennet mir das Gedärm, Engel; ein Trunk Waſſers, Engel, ein lützel bloß.“ „Kann dir die Lieb nit erweiſen, Bruder, umb deinet⸗ willen nit; die Därm möchtend das Waſſer nit halten.“ „Bruder, umb der chriſtlichen Lieb willen.“ Stöhnend krümmte ſich der Sterbende. Leiſe ſtrich ihm der Engel mit der Rechten über das feuchte Haar. „Bruder, willtu mir kein Trunk nit reichen, ſo tu mir ein ander Liebs.“ „So's in meinen Kräften, ſo will ichs gere tun.“ „Bin ein guter evangeliſcher Pauer geweſt— itz kömmt mein letzt Stündle— Engel— Engel, mir iſt, ich ſpüret das ewig Fegfuir im Gedärm— weißeſtu gwiß, ob der Luther nit irret— Engel? Ich will im alten Glauben ſterben— möcht mir leichter werden— min Mueter—“ Der Engel wandte ſich zur Seite und kämpfte einen harten Kampf. „Engel, umb aller Heiligen willen, umb der Regula Stechelin willen.“ Da nahm ihm der Engel die Beichte ab und gab ihm den Frieden auf den Weg. Nun wurde der Sterbende ganz ſtill und ſah mit großen Augen in die Sterne:„Lueg, Engel, die Stern, mein 602 Mueter hats erzälet, for ein jeden Menſchen iſt ein Sternle anzundt vom Herrgott, guck, das Sternle überm Turm; ganz ſchwach iſt ſin Schein, als wollts uslöſchen; ſchau, das iſt min Sternle geweſt. Obs mein alt Mueter merkt, ſo's erloſchend“ Der Atem ging ihm pfeifend. „Los, Engel, was i dir ſag: So's einer nit erfůhlet, weißt ers nit, wies Heimweh brennet, bin ſchier erſtorben dran. Allbott im fremden Land ein Säckle voll Erden us mins Vatters Grund bei mir tragen. Stecket in der Mantel⸗ teſchen. Das ſolltu mir ufs Herz legen, ſo du mich ins Grab getan. Wurt die fremd Erden alsdann alſo ſchwer nit drucken. Die Els ſolltu mir grüßen, Engel— ſoll nit meh warten, der Jos wurt nimmeh zur Nacht am Fenſter klopfen, im Taubenſtall ze nächtigen.“ Die Augen glühten dem Sterbenden im Fieber, ſeine Hände zuckten auf dem Leib hin und her:„Iſt ſo viel kalt im Taubenſtall, mich fallet der Froſt an.“ Ein Schüttelfroſt warf ihn hin und her. „Kann nit ſchlafen, was gurrent die Tauben ſo, flatterent mir all umb den Kopf.“ Mit beiden Händen ſchlug er in die Luft, die Tauben zu ſcheuchen. Dann lag er wieder ſtill und klapperte mit den Zähnen. „Bundſchuh! Bundſchuh!“ brüllte er mit einemmal laut auf und fuhr hoch. Krampfhaft krallte er ſich in den Rock des Toten hinter ihm, weit aufgeriſſen ſtarrten ſeine Augen in die Ferne:„Engel, Engel!“ ſchrie er und deutete hinunter zum Ticino, wo dünne Nebelſtreifen in Fetzen über dem Strom hingen. Seine Stimme gurgelte:„Pauren, lueg, Engel, all die Brüder ziechen vorbei, traget ein jeder ein Strick umb den Hals.“ 60³ eenee r ee deee —rr!r!!! „Seind Nebelſchleier, Bruder, gräm dich nit.“ Da ſiel der Jos Fritz hart zurück auf den Toten, der hinter ihm lag, ſchlug noch zweimal mit den Fuͤßen den harten Erdboden. Dann war er kot. Am Ticino begruben ſie ihn, das Säcklein mit Erde aus Untergrumbach auf dem Herzen. Ritt man die mailändiſche Straße hinauf, ſo kam man zur herrlichen Certoſa. Dort tafelten die kaiſerlichen Obriſten mit Franz I., ihrem ritterlichen Gegner, der den von zwölf Kugeln zer⸗ beulten Bruſtharniſch abgelegt hatte und mit königlichem Anſtand und franzöſiſcher Courtoiſie am Kopfe der Tafel ſaß. Am unteren Ende ſaß der Jörg Frundsperg, des Groß⸗ ſchildhalters von Frankreich, Galeaz von S. Severin, gol⸗ denes Schwert an der Seite, das dieſer dem König in der Schlacht vorangetragen hatte. Derweil der Konnetabel ſeinem Herrn, den er verraten hatte, mit niedergeſchlagenen Augen die Handquehle reichte, lobte der König mit herzlichen Worten die Treue ſeiner ſchwarzen Knechte, als die Türe aufging. Die Stirn mit einem blutgetränkten Lappen verbunden, krat ein hochgewachſener Mann im ſchwarzen Harniſch in den Saal. In ſeiner Hand trug er eine zerfetzte und zer⸗ brochene ſchwarze Fahne. Alle Köpfe drehten ſich nach ihm, als er mit kurzen Schritten zum König eilte. Leicht bog er das Knie, dann legte er ihm die ſchwarze Fahne zu Füßen. Warm leuchtete des Königs Auge auf. Er, der ſo viel Untreue an dieſem Tag erlebt, hob ſich freudig vom Seſſel. 60⁴ „Ein armer König“, ſprach er,„der nichts mehr hat, um Treue zu lohnen.“ Mit lauter Stimme erwiderte der Florian Geyer:„Sire, die ſchwarzen Knecht ſeind nit meh, ein Genad nur gehr ich, laſſet mich Eures Dienſtes ledig.“ Ein Schatten flog über des Königs Antlitz, er zog den goldenen Ring vom Finger und gab ihn dem Florian Geyer:„Nehmet den Ring.“ Dann beugte er ſich nieder und hob die ſchwarze Fahne vom Boden und reichte ſie ihm:„Nehmet die Fahne, ſie ſtehet mir nicht mehr zu, traget ſie gen Teutſchland, auf daß ſie Kunde geb von des Königs ſchwarzen Knechten, ſo getreu geweſen bis in den Tod.“ Wieder bog der Geyer das Knie. Wortlos ging er zum Saal hinaus. Der Frundsperg ſtand auf und folgte ihm auf den Gang. Mit lauter Stimme rief er dem Manne nach, der hallenden Schritts enteilte. Man hörte, wie der ſtehen blieb. *** „Win her!“ rief der Jörg Frundsperg,„mir henken die glatten Wort uſerm Hals, gar zum Kotzen!“ Er ſaß in einer Stube mit dem Geyer und dem Engelbert Hiltensperger an einem ſchön geſchnitzten Tiſch aus ſchwarzem Zedernholz. Dann ſchlug er mit der Fauſt auf:„Iſt ällbott das alt Lied! Sein die Kerle des Franzoſen Herr wurden, ſcharwenzlen dannoch umb den Kuning, parlieren uf walſch, alſo daß die Mäuler ſtolperen.“ „Vatter, du ſollt hinein zu denen anderen“, rief der Kaſpar Frundsperg zur Türe herein. Der Alte aber brummte zornig:„Soll der Jörg Frunds⸗ perg leicht ein Kratzfuß machen, als wie der Konnetabel? Pfei 605⁵ FFFCFT der Schand! Hat der Kerle nie nit des Kunings Namen ge⸗ nennet, ohn merde“ zu ſagen? Kein Tag vergangen, da er nit ſein Kuning mit Kot und Dreck beſchmiſſen. Itz ſchleifet der Judas umb den Franzoſen als wie der Pfaff umb den Hochzichbraten, reichet die Handquehlen, ſacket in die Knie, han den glatten Fuchſen nie nit mügen leiden!“ „Het ſich brav und hantig gſchlagen, der Kuning Franz“, lenkte der Engel ab,„möcht wiſſen, ob der Kaiſer Karle alſo wohl hett beſtandend“ „Wer nit fragt, braucht kein Antwurt“, murrte der Alte vor ſich hin, der längſt heimlich im Herzen dieſen Ver⸗ gleich gemacht hatte und bitterbös darüber geworden war. Das ſpürte der Engel gar wohl und hakte noch einmal ein:„Weißeſtu no, Jörg, iſt wohl an die zwelf Jährle her, ſeind wir am Bacchiglione gſetzen, der Hutten dabei geweſt, damalen haſtu dem d'Alviano ſein guldin Ketten umb den Hals tragen, als wie itz das guldin Schwert des Groß⸗ ſchildhalters umb dein Lenden hanget.“ Der Frundsperg nahm einen tiefen Zug aus der Kanne, die ihm ſein Roßbub friſch gefüllt hatte.„Mein ganz Hab und Guet verpfändt umb teutſcher Ehr willen und meim Kaſpar zulieb, kunnt ihn nit in dem faulen Neſt laſſen verrecken. Ein guldin Ketten, ein guldin Schwert!“ „Potz Natter, Jörg, was biſtu greislich! Iſt dir nit dein Wunſch ganz und gar erfüllet? Brennet mir dein Wort am Bacchiglione gar wohl im Herzen. Haſtu nit gſagt: So mir der Herrgott ein Wohl will, ſo ſoll dem Brandecker und ſeinem Haufen ein Strafen werden, daß die Höllen möcht ihnen ein Paradies dünken!“ Da wurde der Alte ganz feierlich:„Dafor will ich dem Herre Gott danken, daß ers wohl gemacht, dann die Schwarzen hent gar weidlich geſühnet und mit ehrlicher Treu gezahlet, möcht mich faſt froh machen, daß ſie im Tod die teutſche Ehr ſo gar wohl gewahret. 60 Drumb ſtandent meine lieben Kindlein und halten die Totenwacht, uf daß kein hiſpaniſch Buebenſtück ſie ver⸗ unehr! Was den roten Brandecker anlanget, ſo iſt ſein Ehr dahin, alſo, daß ihn kein Hund meh anbrunzet, möcht lieber zur Höllen fahren, dann ſo lebende bleiben!“ Und der Alte ſpuckte in weitem Bogen aus. Der Florian Geyer ſaß blutübergoſſen und ſchaute auf den Boden. Das merkte der Alte, da reichte er ihm die Hand:„Han's erſehen, wie der Engel Euch ehrlich um⸗ gelegt, ehrenfeſter Junker. Daß Ihr mit dem Leben nit gezalet, iſt nit Euer Schuld. Han nie nit ein bravern Landsknecht ſehen fechten, dann den Florian Geyer von Giebelſtadt!“ Der Engel meinte dem Florian Geyer über den böſen Augenblick weghelfen zu müſſen:„Iſts nit faſt ſeltzam, Jörg, vor zwelf Jahr den Hutten geholet gen Teutſchland, heunt mueß ich den Florian Geyer holent über die Berg.“ Da fuhr aber der Alte auf:„Haſtu die Würmb immer no im Gehürn Willtu nit klug werden, Engel? Laß die Hand vom Butten, ſuſt iſt uſer Fründſchaft am End! Daß dich der Tuifel!“ Dieſen Ton war der Engel an ſeinem alten Streit⸗ genoſſen nicht gewöhnt. Erſt wollte er auffahren, dann zwang er ſich zur Ruhe. „Der Tuifel iſt des Herrgotts Aff, holet leicht einmalen einen Gerechten, doch was den Hiltensperger anlanget, ſo het er nie nit gfragt, wo der Frundsperg ſein Moſt holet.“ „Blau! Was den Frundsperger anlanget, ſo fraget er gar wohl, wer ihm den Moſt uſerm Keller will ſtehlen! Iſt mir ein Poſten zukommen, die Pauren um Mindelheim rottierend, dräuen meiner Hausfrau, ſie wellent das Schloß ab dem Berg ſchmeißen, ſollichen und anderen Unflats meh. Wurt Zeit, nach dem Rechten zu luegen. Des ſolltu gewiß ſeind, Engel, der Frundsperg wurt denen Roßmucken 607 die Löffel lang ziechen, alſo, daß ſie ihrer Lebtag mit Eſſels⸗ ohren herumblaufent!“ Der Engel erſchrak. Der Gedanke, daß der Sturm ohne ihn losbrechen könnte, war ſeine Sorge Tag und Nacht geweſen, aber mit gleichgültiger Stimme meinte er:„Ein Flugred, ein Lugred! Wurt ein Paurenkirbe ſeind, als wie in denen Jahren des often beſchechen.“ „Iſts ein Kirbe, ſo will ich zum Kehraus ufſpielen! Iſt mir ein ander Poſten zukommen vom Kuning Fer⸗ dinandus, der Frundsperg möcht eilende gen Teutſchland fahren, die Pauren rottierend, ſchwirrende als wie die wüektigen Bienen, alſo daß niemerts weiß, was draus ſoll werdent.“ Dem Engel ſchlug das Herz bis in den Hals. Zum Florian Geyer, der ſchweigſam, ein trauriger Gaſt, am Tiſche ſaß, ſagte er:„Herr Florian, die Wildgäns ziechent, wurt ein Sturm kommen, wellen ein paar fran⸗ zöſiſche Rößlein ſattlen und heimreuten.“ Der Frundsperg ſtreifte ihn mit einem halb verlegenen, halb mißtrauiſchen Blick und tat aus ſeinem Krug einen tiefen Zug um den andern, als ſchäme er ſich aus irgend⸗ einem Grunde. Der Engel ſpürte gar wohl, daß etwas nicht im Lot war, tat aber, als merke er nichts. Dann brummte der Frundsperg:„Willtu mit mir reitent? Iſts joch ſuſt kein Schleckhafen nit, uf denen Straßen zwiſchen Heckenreutern, Diebsgeſindel ſein Weg finden, möcht itz erſt recht ein fahrlich Ding ſeind.“ Der Engel lächelte:„Möcht dabei leichtlich dem Düfel ſelber in die Butten ſpringen. Jörg, wohin geheſtu?“ Der Alte druckſte:„Zum Ferdinandus.“ „Und hernach zum Schwäbiſchen Bund?“ Und wieder tat der Frundsperg einen ktiefen Zug; der Wein wollte ihm mit einemmal nicht mehr munden. „Wurt ſich weiſent“, brummte er. 608 Da lächelte der Engel wieder:„Reut beſſer ein jeder for ſich, Jörg, das Geleit möcht mir ehnder fahrlich werden dann die Heckenreuter, doch ſolltu mir ſagen, was ſinneſtud“ Da polterte der Alte los:„Daß dich Sankt Veit, wer hat dich heißen den päuriſchen Handel ufziechen 9 Itz tanzen mir dein Roßmucken umb min Schloß, möchtent ſie doch allſogleich in die Höllen fahrent, wo ſie zuunterſt iſt. Soll ich wartend, biſtu mir das Fell über die Ohren ziecheſt?— Hie biſtu, hie bleibſtu!“ Zornig brauſte der Engel auf:„So willtu mich ein⸗ turnen?“ Der Alte griente und nickte:„For ein kurze Weil, will ſagent, bis das Fuirle usbronnen. Derweil will ich mich gen Teutſchland tun mit einer großen Fuirſpritzen und löſchen.“ „Zur Höllen magſtu fahrent“, ſchrie der Engel in heller Wut, ſprang ans Fenſter und mit einem Satze hinaus, wohl ſieben Ellen tief. Dem Alten blieb der Mund offenſtehen vor Schreck. Er ſchnappte nach Luft. Der Geyer ſchaute zum Fenſter hinaus, da ſah er im Dunkel einen Klumpen liegen. So ſchnell ihn ſeine Beine tragen wollten, eilte der Frundsperg mit dem Florian Geyer hinunter in den Garten. Da lag der Engel, vom Sturz halb bewußtlos. Der Frundsperg aber ſchnaubte vor Aufregung. „Potz Dules willen, Engel, wach uf, lebeſtu?“ Und er ſchüttelte und rüttelte ihn. Leis ſtöhnte der Engel vor ſich hin, ohne zu ſich zu kommen. Da war dem Alten das Heulen näher als das Lachen. Was hätte er nicht alles gegeben, wenn der Engel heil und geſund geweſen wäre! Schmückle 39 609 „Wach uf, Engel, es was gewiß nit böslich gmeint, wollt nit mit meim alten lieben Fründ kriegen, wollt nit im Feindsläger ſtan. Wach uf, Engel.“ Er war ſchier rührend anzuſehen, der Alte, und der Florian Geyer gewann ihn lieb darum. Endlich ſchlug der Engel die Augen auf und griff ſich die Glieder ab. Noch war er benommen. Sie trugen ihn hinein ins Kloſter. Er hatte ſich die Sehnen an beiden Füßen verzerrt und konnte nicht mehr auf die Beine ſtehen. Finſter und zornig tat er, als hörte er die beſorgten Worte des Alten nicht, der immer kleiner und ſchüchterner wurde. „Blau, Engel, reit wie du witt, will dich nit halten.“ „Reit wie du witt“, zürnte der Engel,„reit mit ver⸗ ſtauchtem Fueß, ſo's ganget!“ Und es ging nicht. Nach ein paar Stunden waren die Knöchel dick ge⸗ ſchwollen. Da war der Engel dem Verzweifeln nahe. *** Der Pfarrer von Burk hatte es mit den Bauern ganz vertan. Was lutheriſch war, ſpuckte vor ihm aus, und was papiſtiſch, machte lieber einen Umweg von drei Stunden, ehe es zu ihm in die Kirche oder zur Beichte ging. Nur wer etwas ganz Verruchtes auf dem Kerbholz hatte, fand den Weg zu ihm, denn ſein Gewiſſen war weit und die Abſolution billig zu haben. Eine einzige hielt zu ihm, die Anna Jaſchek. Wohl tat ſie wie zuvor ihre Arbeit auf dem Brugger⸗ hof, aber des Nachts ſchlief ſie im Pfarrhaus in einer kleinen Kammer mit feuchten Lehmwänden. 610 Er dankte es ihr ſchlecht. Selten daß ſie ein gutes Wort zu hören bekam. Daß von den Bauern einer um den andern von der Kirche weggeblieben war, hatte ihn gewurmt und gegiftet, daß aber die Magd ſeit ſeiner erſten Predigt nie wieder ſeine Kirche betreten hatte, ſie, die bei ihm im Hauſe wohnte, das ſteigerte ſeine Erbitterung gegen das Weib ins maßloſe. Manchmal hörte ſie der Pfarrer in der Nacht laut reden, als ob ſie ganz langſam, Wort für Wort, aus einem Buche leſe. Ob ſie denn leſen könne, hatte er ſie gefragt. Sie war ihm die Antwort ſchuldig geblieben. Einmal, als er ſie in der Nacht wieder reden hörte, wollte er die Türe aufmachen, aber ſie war verſchloſſen, und bis die Magd öffuete, verging eine Weile. Und als ſie ihn dann mit ihrer eintönigen Stimme nach ſeinem Be⸗ gehren fragte, hatte er nicht den Mut, die Wahrheit zu ſagen, und ſtotterte, ſie ſolle ihn am andern Morgen früh⸗ zeitig wecken. Was ſie bloß trieb, wenn ſie in der Nacht vor ſich hin redete? Zaubereidꝰ Von nun an belauerte er ſie, wo ſie auch ging und ſtand. Manchmal wohl ſchaute ſie ihn an, als begriffe ſie nicht, was ihn umtriebe. Tiefer und tiefer fraß ſich der Groll bei ihm ein. Seine Stimmung wurde immer gereizter. Saß er beim ſchwachen Schein eines Kienſpans, ſo mochte wohl die Magd am Ofen ſitzen und kein Auge von ihm laſſen, die gefalteten Hände im Schoß. Das erregte ihn maßlos, und er fuhr ſie mit harten un⸗ gerechten Worten an. Sie aber trug das ſchwere Kreuz, das ſie ſich auf die Schultern geladen hatte. Und wieder einmal, als er ſie böſe angefahren hatte, war ſie in ihre Kammer gegangen, und er hörte ſie wieder lang⸗ 611¹ ſam Wort für Wort mit eintöniger Stimme reden. Die Stunde zum Abendmelken kam, und ſie ging hinüber in den Bruggerhof. Der Pfarrer aber ſchlich ſich hinauf zur Kammer. Sie war verſchloſſen. Da wurde der Pfarrer Joſeph Brugger zum Einbrecher. Mit einem Schürhaken brach er die Türe auf. Ein Bett und ein Betſtuhl, ſonſt war nichts in der Kammer. Er hob das Fell vom Strohſack, er durchſuchte dieſen, und ſchon wollte er wieder das Zimmer verlaſſen, als ſein Blick auf die kleine Schublade am Betſtuhl ſiel. Er öffnete ſie. Da lag ein kleines vergriffenes Büchlein drin. Als er es aufſchlug, wollte er ſeinen Augen nicht trauen. Was er in der Hand hielt, das war ein Gebetbuch der dreimal verfluchten Huſſiten. Und er ſchlug ein dreifaches Kreuz darüber. Rote Flecken brannten ihm auf den Backen. Drunten in der Stube ging er mit großen Schritten auf und ab, um ſich Luft zu ſchaffen. Er war ganz weiß vor Wut und redete vor ſich hin. Die Türe ging; die Magd kam vom Melken zurück. Jetzt war ſie in der Küche; man hörte, wie ſie ſich mit einem Keſſel zu ſchaffen machte, um dem Pfarrer die Abend⸗ ſuppe zu kochen. Der lief drinnen in der Stube immer noch auf und ab wie ein wildes Tier. Es war langſam dunkel geworden, und böſe Geiſter huſchten durch die Stube. Das flüſterte und hetzte, daß der Pfarrer unterm Drang der Wut immer wieder tief ſchnaufen mußte. „Vor ein geiſtlich Gericht will ich ſie ſtellen“, raunte er, denn das war das Los der Huſſiten allzeit geweſen. Da ſiel ihm ein, daß ſich ſo manches geändert hatte, ſeit · dem die lutheriſche Peſt im Land umging. 61² Das Gefühl ſeiner Ohnmacht ſteigerte ſeine Wut immer mehr. Die Tür ging auf, und mit dem Kienſpan in der Hand trat die alte Magd in die Stube. Sie ſteckte den bren⸗ nenden Span in den Ring, der in die Lehmwand ein⸗ gelaſſen war. Im Dunkel beim Ofen ſtand der Pfarrer und ſchaute mit brennenden, rot entzündeten Augen nach ihr hin. Eben wollte die Magd wieder hinausgehen, da rief ſie der Pfarrer an. Man merkte, wie er ſeine Stimme zwang, daß ſie gleichgültig klingen ſollte; doch klang ſie heiſer und ſtoßend:„Willtu am Sunntag zur Kirchen gan?“ „Was frageſtu?“ „Was bleibeſtu die Antwort ſchuldig?“ Ruhig und eintönig ſagte die Magd:„Weil ich die Frag meim Herrgott will beantwurten, ſuſt niemerts.“ „So ſolltu mir ſagen, ob du betteſt?“ „Weiß kein Tag nit, wo ich nit für dich bettet.“ „Warum beichteſtu nie nit?“ „Iſt kein Tag nit vergangen, wo ich nit meim Herrgott beicht han.“ Alles prallte an ihr und ihrer ſtillen Ruhe ab. Das reizte ihn über alle Maßen. Dem Pfarrer ſchoß das Blut ins Geſicht, daß es ihm rot vor den Augen flimmerte. Das Annele kannte ihn. Wenn ihm ſein unſtetes Auge nach allen Seiten davon⸗ lief, daß er es nicht mehr halten und lenken konnte, dann war das Böſe in ihm aufgeſtanden und hatte alle Macht über ihn gewonnen. Still wandte ſie ſich der Türe zu. Da vertrat er ihr den Weg und herrſchte ſie heiſer an:„Du ſollt mir Red und Antwurt ſtehn!“ „Meim Herre Gott will ich Red und Antwurt ſtan, ſuſt niemerts nit.“ 61¹³ Ganz groß wuchs das ſchüchterne und ſchwache Weib auf. Und nun wurde ihre Stimme hart:„Möcht mir ſchier bedünken, ich ſeie zu alt, Rechenſchaft zu geben eim, ſo mein Kind kunnt ſein.“ „Vor dem Prieſter beſtehet nit Alter noch Stand“, trumpfte der Pfarrer,„iſt drumb der Prieſter von Gott beſtellet, den Unglauben uszurotten mit Fuir und Schwert, die Ketzer zu tilgen, alſo wie ſie den Huß verbrennet, als ein ſtinkend Aas, die Aſchen in den Wind geſtreuet.“ Und das Annele wuchs und wuchs:„Und über hundret Jahr werdet Ihr Gott und mir Rede ſtehn', alſo ſprach der Huß. Die hundret Jahr ſeind umb, ze Wittenberg gehret der Luther die Antwurt!“ Nun benahm ihm die Wut den letzten Reſt von Selbſt⸗ beherrſchung. Er ſchrie, daß die Stimme ſich überſchlug: „Du Huren, du Aas, du Ströterin, du Saumenſch!“ Er riß das Buch aus der Taſche:„Kenneſtu das Buch nit, du Ketzerin und Her?“ „Seit wannen iſts der Pfarrer Sach, ein verſchloſſen Magdkammer ufbrechen?“ „Hernachen, was iſts mit dem Buch“ „Iſt meiner Mutter ihr alt Betbuch, von Prag mit⸗ bracht, wies mit meim Vatter gen Kempten zogen; iſt allweil im Herzen ein gut Huſſitin blieben!“ „So hat ſie der Düfel, dein ſaubere Mueter! Hernach, was iſt dein Sinn und Meinung““ „Der Huß iſt von Gott geſendt und hat die rein Wahr⸗ heit bekennet bis in den Tod!“ Da traf ſie das Buch mitten ins Geſicht und riß ihr mit dem Beſchläg eine heftig blutende Wunde über die Stirne. Sie bückte ſich, das Buch aufzuheben; da entriß er es ihr, ſchlug es ihr drei⸗, viermal über den Kopf und ſchrie ſinnlos vor Wut:„Ei, du Düfelsdreck, ei, du ganz verlorne Hur! Iſt wohl auch des Huſſen Meinung, daß du mit 61⁴ dem Brugger ſollt huren; ei, du gottesläſtrig Menſch, fahr abe zur Höllen!“ Das arme Weib ſtand mit bebenden Händen, weit auf⸗ geriſſenen Augen. Er aber packte einen Stecken, der in der Ecke ſtand, und prügelte ſie zur Türe hinaus in die Nacht. „Ei, ſo verreck!“ ſchrie er ihr nach. *** Immer weiter, immer tiefer in die Schneenacht, ohne Ziel und Zweck, kreuz und quer über Felder. Sachte fielen die Schneeflocken und ſtreiften ihr die heiße Stirne. Sie hielt die bebenden Hände vors Geſicht ge⸗ ſchlagen und redete ſinnloſe Worte vor ſich hin. Und wanderte ohn Unterlaß, ſtolpernd und rutſchend, immer im Kreiſe, bis ſie todmüde war. Am Ende kam ſie auf die Bertholdshofener Straße, auf der ſie ſich weiter⸗ ſchleppte. Und als ſie an die Wegbiegung kam, wo ſie der Brugger vor fünfundzwanzig Jahren aufgeleſen hatte, da blieb ſie ſtehen. Mit der Hand fuhr ſie ſich über die Stirne und ſuchte ſich in ihren wirren Gedanken zurechtzufinden. Was war nur alles vorgegangen in all den Jahren Sie quälte ihr Gehirn und konnte es nicht zuſammenbringen. Wie müde war ſie! Wie Blei ihre Glieder! Nur eine kleine Weile wollte ſie ruhen. Da ſetzte ſie ſich auf den Meilenſtein. Ei, ja doch, ſie hatte ein Recht, müde zu ſein. Was hatte ſie gearbeitet! Immer wieder ſuchte ſie ihre Gedanken zuſammenzuhal⸗ ten, immer wieder flatterten ſie ihr davon. Keiner mochte den Joſeph leiden. Was konnte er dafür? Sie hatte ihn immer lieb gehabt. Er war doch 615 065 ihr Kind! Auch wenn er ſchon als Bub mit der Peitſche nach ihr ſchlug. Ein Kind! Was weiß ein Kind Und jeden Abend hatte ſie für ihn gebetet, wenn ſie im Bett lag, im Bett, ſo— wie— jetzt—. Betend rührte ſie die Lippen. Und ganz leiſe glitt ſie in den Schnee. Mit gefalteten Händen lag ſie:„Herre Gott— bhůt ihn und— ſeie ihm— gnädig—.“ War das Licht ein Sternlein, das über ihr erglänzte? Ei, wie kam das in ihre Kammer. Ganz tief ſenkte es ſich herunter. Lächelnd griff ſie dar⸗ nach. Und das Sternlein hob ſich, ſenkte ſich, flog davon, und das Annele, das einen ſo ſchweren Erdengang gehabt hatte, konnte auf einmal fliegen, immer hinter dem Stern⸗ lein drein, immer höher und höher mitten hinein unter all die tauſend anderen Sterne. Grau war der Himmel verhangen, und wirbelnd und ver⸗ ſchwebend ſenkte ſich Flocke auf Flocke nieder, derweil in den Lüften die Schweſtern noch tanzend ſich hoben und ſenkten. AUberall Totenſtille. Da klang von Markt Oberdorf her das Schellen⸗ geläute eines Schlittens, gleichmäßig im Takt, mit dem Zug des ſchwer ſtampfenden Roſſes. Vorn auf dem Schlit⸗ ten ſaß der Bruggerbauer. Heute hatte er keine Eile. Lang hingen die Zügel, und ſeine Augen ſchauten nach innen. Gar viele Jahre nach rückwärts ſchauten dieſe müden Augen. Ja, ja, damals war auch ein Tag geweſen wie heute! So waren die dichten Flocken gefallen. Hier am Wegkreuz war damals der Handgaul geſtolpert, und dort, wo der Weg ſeine Biegung macht, war das Annele gelegen. Er fuhr ſich mit der Rechten über die Stirne: Heiliger Gott, was war ſeit damals alles über ihn gekommen! 616 War ihm recht geſchehen, was brauchte er dem Herrgott in die Arme zu fallen? Er hatte teuer zahlen müſſen. Der Rücken war ihm drüber krumm geworden und das Haar weiß wie der Schnee. Stampfend und dampfend arbeitete ſich der Gaul vor⸗ wärts, und ſein ſtoßender Atem trieb dunſtige Wolken in die kalte Luft. Nun war er gleich an der Stelle, wo das Annele ge⸗ legen hatte. Er riß in den Zügeln, daß der Braune tief in die Hinter⸗ hand ſank. Das Haar ſträubte ſich ihm.„Herre Gott in deim Himmel!“ Zitternd ſchlug ſeine Hand das Kreuz. Afften ihn ſeine Sinne? Schreckensſtarr blickten ſeine Augen. Dort, wo damals das Annele gelegen, dort— der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne, dort lag, genau wie dazumal ein ſchwarzer Klumpen, ein Weib. Der Klepper ſtand dampfend und verſchnaufte. Der Brugger fuhr ſich mit der zitternden Hand über die Augen. Dann ſtieg er vom Wagen. Er beugte ſich über die Frau. Da ſah er, daß es das Annele war. Das ſchneeweiße Geſicht friedlich auf den rechten Arm gebettet, lag ſie, ein ſeliges Lächeln auf den bleichen Lippen. Der Brugger rüttelte ſie am Arm. Es war als wende ſie den Kopf:„Bruggerbauer, itz iſt all Not und Leid vorbei, itz laß mich in Frieden!“ Er kniete neben die Tote und ſtrich ihr über den Scheitel: „Freile, Annele, itz iſt alls überſtanden. Ein weiten Umweg hant wir müſſent tun, itzunder iſts vollbracht, hat uns Gott der Herr dahin geführet, von wo all Weihdag us⸗ gangen!“ Dann nahm er ſie auf den Arm, wie er es vor langen, langen Jahren getan, und trug ſie zum Wagen. Heut wollte ihm die Laſt faſt zu ſchwer werden. 617 Dann ſtieg er mühſam auf, und der Gaul zog an. Und kling, kling läuteten die Schellen. Tiefer Frieden kam über den Mann, der gebeugten Hauptes ſaß, und das Herz, das all die Jahre nicht zur Ruhe gefunden hatte, wurde ganz ſtill und glücklich. Das Annele war im Kreis gewandert, einen langen und ſchweren Weg. „Iſt uns nit leicht worden, Annele“, flüſterte der Mann und nahm ſeine Pelzmütze vom ſchlohweißen Haar. Ganz fromm und friedlich war ihm zumut, und leiſe ſtreichelte er die weiße und kalte Hand, die neben ihm lag. Er ſah das Lächeln auf dem Geſicht der Toten:„Dir het der Herre Gott in der letzten Stunden vergeben, ſo wurt ers mir nit verſagen.“ „Herre Gott, vergib uns unſer Schulden“, murmelte er. Da fühlte er, wie aller Unfrieden von ihm gewichen war. Auch bei ihm hatte ſich der Ring geſchloſſen! *** Das Annele war kot. Wie ein Lauffeuer hatte ſich die Nachricht verbreitet. Den Pfarrer hatte ſie kalt gelaſſen. Hämiſchen Blickes ſchaute er von ſeinem Fenſter zu, wie die Weiber kamen und Blumen für die tote Magd zum Bruggerhof brachten. Da durchfuhr ihn ein Gedanke, der ihn grinſen ließ, der Gedanke, daß der Brugger, der nie wieder ein Wort mit ihm geſprochen, zu ihm, dem Pfarrer, kommen müſſe wegen der Beerdigung. „Abererd kann ers nit faulen lan. Itz wurt er ſich müſſen beugen, der hochſtolz Herr Vatter, wurt ihn wun · derſchwer ankummen!“ 618 Den ganzen Vormittag malte er ſich aus, wie er es auskoſten würde; er wollte ihn ſchon dazu bringen, den Buckel krumm zu machen! Kaum konnte er es erwarten, und immer wieder hielt er Ausſchau, ob der Brugger noch nicht aus ſeinem Ettertor komme. Und doch erſchrak er, als er auf einmal den ſchweren Tritt des Bauern hörte. Ganz ruhig und ſelbſtverſtändlich krat der in die Stube und wartete auf die Anrede des Pfarrers, wie er es bei jedem andern Pfarrer auch getan haben würde. Der aber ſtand an ſeinem ſtaubigen Schreibpult und kat, als ſehe er ihn nicht. Und doch ſtieg eine heimliche Angſt in ihm hoch. Aber der Bauer blieb ganz ſtill und wunderte ſich faſt über ſich ſelber. Da wandte ſich der Pfarrer, maß den Bauern mit einem böſen Blick und ſagte:„Kappen abe, ſo einer mit dem Pfarrer will reden.“ Ruhig entblößte der Brugger ſeinen weißen Scheitel. Das verdarb dem Pfarrer das Spiel, und er ſagte mit faſt unſicherer Stimme:„Wa willtu?“ „'s Annele iſt verſturben, itz kumm i wegen der Leichen.“ „Wegen der Leichen? Iſt nit des Pfarrers Sach, iſt dem Schinder ſein Sach, dann for ein huſſiliſch Weibsbild iſt kein Platz nit in der geweihten Erd!“ Da wurde der Bruggerbauer ganz hilflos vor ſo viel Schlechtigkeit. Die Arme fielen ihm an der Seite herunter, und er ſchluckte; ein⸗, zwei⸗, dreimal wollte er zum Reden anſetzen, aber er brachte kein Wort heraus. Es arbeitete in ihm. Sollte er es dem Pfarrer ins Ge⸗ ſicht ſchreien:„Din Mueter, din leibhaftig Mueter!“ Aber er dachte:„Hats ins Grab mitnommen, das Annele, was ſie bedrucket ein langs Leben lang, ſo will is nit offen⸗ baren. Will nit no ein böſeren Sünder us ihme machen!“ 619 Alſo ſchwieg er und brachte nur mühſam die Worte heraus:„Hernach, wo ſollen wir das Annele eingraben d“ „Meintsweg uf dem Schindanger“, lautete die Antwort. Da wandte ſich der Bauer und ging wortlos zur Türe hinaus. Die Kunde davon, daß das Annele nicht in geweihter Erde liegen dürfe, verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle, und ſchon in der erſten Nacht flogen ein paar Steine gegen den Fenſterladen des Pfarrers, ſo daß er mit geſträubtem Haare im Bett hochfuhr. Da kam doch die Angſt über ihn, und er konnte die ganze Nacht nicht mehr ſchlafen. Am andern Tage wurde das Annele begraben, an der Kirchhofmauer. Einige hatten mit Gewalt die Beerdigung auf dem Friedhof erzwingen wollen; man hatte ſie anders beredet, damit die Herren zu Kempten nicht einen Staats⸗ handel aus der Sache machten. Hinter ſeinem Fenſter aber ſtand der Pfarrer und ſchaute zu, wie die Bauern den Totenbaum einſenkten. Nun war der armſelige Mann allein mit ſeiner Angſt. Er wagte ſich nicht mehr aus dem Hauſe; beim geringſten Geräuſch zuckte er zuſammen und ſchaute mit erſchreckten Augen nach der Türe. *** So ging der Tag, und es ſing an zu dunkeln. Und mit den finſteren Schatten wurde die Angſt drängender und drängender, und das Herz ſchlug dem Pfarrer bis in den Hals hinauf. Mit zitternden Händen wollte er die Funſel anzünden. Aber die Funken am Feuerſtein wollten nicht ſpringen, und der Zunder wollte nicht Feuer fangen. Endlich war's ſoweit, und die Funſel füllte rauchend und qualmend die Stube mit ihrem Stank, ſo ſehr ſich der Pfarrer auch mit dem Dochte mühte. 6²⁰ Da war's ſchlimmer wie vorher. Denn nun begann der unheimliche Kampf der Schatten mit dem trüben Schein. Erſt recht ballte ſich's in den Ecken und Winkeln und wogte drängend gegen den kleinen Lichtkreis an, in den ſich das böſe Gewiſſen geflüchtet hatte. Und das Herz klopfte an wider die Angſt. Der Pfarrer ging in der Stube auf und ab. So feſt er konnte, trat er auf. Tack!— Tack!— Tack! klopfte die Totenuhr. Der Pfarrer lauſchte. Sie klopfte wie ſonſt, doch war es anders. Heute klopfte ſie zum erſtenmal ans Gewiſſen. Was hatte er denn getan? Nur ſeine Pflicht, ſonſt nichts! Hatte nicht der Papſt ſelber die Huſſiten verflucht? Hatte er nicht den Huß verbrennen laſſen und die Aſche den Winden gegeben? Tack!— Tack!— Tack! Durfte je ein Ketzer in geweihter Erde liegen? Tack!— Tack!— Tack! Unermüdlich klopfte der Wurm. Der Pfarrer griff nach dem Schürhaken und ſtieß ihn gegen die Decke, den Wurm zur Ruhe zu bringen. Da ſiel die große Stille in den Raum, und doppelt drang die Angſt auf ihn ein, bleiſchwer, daß er nach Atem ſchnappen mußte. Und dann lauſchte er wieder. Tack!— Tack!— Tack! Nun bohrte ſich's von neuem in Herz und Hirn. Dann horchte er auf einmal wieder erſchreckt auf. War das nicht ein Menſch, der weinte? Ganz leiſe und jämmer⸗ lich? Herre Gott, war das nicht das Weinen der Regula Stechelin, als man ſie auf den Karren geworfen hatte, um ſie zur Nacht eilends gen Liebentann zu bringen, eh der Anhang des Engel von der Sache erfuhr? Genau ſo hatte ſie geweint und gewimmert. Die Angſt ſchüttelte ihn. Er betete laut vor ſich hin. Ei, was war er dumm! War das nicht der Wind, der ſich in der Dachrinne fing? Er ſchaute durchs Fenſter. Am Himmel jagten die Wolken in langen Fetzen. Hinter dem Kirchturm lauerte der Mond durch die hetzen⸗ den Gebilde. Heftig rüttelte es an den knarrenden Fenſterladen. Und wieder nahm der erregte Mann ſeine Gänge durch die Stube auf, um die andrängenden Schatten in die Ecken zu ſcheuchen. Immer enger ſchnürte ihm die Angſt die Kehle zu. Ganz trocken war ſie. Dann zuckte er wieder zuſammen. War nicht droben in der Magdkammer ein Schritt gegangen? Totenſtille. Selbſt der Holzwurm ſchien zu lauſchen. Und wieder auf und ab und auf und ab. Sprungweiſe arbeitete ſein Hirn. Kindheit und Mannes⸗ jahre zogen an ihm vorbei. Da ſprang ihn die Erkenntnis an, daß von allen Men⸗ ſchen, die er kannte, das Annele einzig und allein ihm Liebe erwieſen hatte. Der Schweiß trat ihm auf die Stirne. „Iſt meins Ambts geweſt.“ Heftig ſchrak er zuſammen. Laut hatte der Wind aufgeheult, und doch war ihm, als hätte der Klopfer an der Tür angeſchlagen. Er lauſchte. Nichts rührte ſich. Dann ganz deutlich: eins, zwei, drei harte Schläge. Und wild ſprang ihn die Angſt an. Und wie es anſchlug, hart und fordernd, da nahm er die Funſel und ſchlich ſich zitternd durch den Gang. Klopfen⸗ den Herzens ſtand er hinter der Tür und fragte, wer draußen ſei. 62² „Mach uf, der Lederle.“ Der Pfarrer öffnete und ließ ihn eintreten. Dann ſchloß er haſtig wieder zu. Faſt war er froh, daß eine Menſchen⸗ ſeele zu ihm gekommen. „Was willtu?“ fragte er ihn, als ſie in der Stube ſtanden. Der Lederle lachte frech und flegelte ſich auf die Ofen⸗ bank. Ein Schnapshauch flog zum Pfarrer herüber. Der runzelte die Stirn:„Was willtu?“ „Beuchten“, feirte der Lump. „Iſt nit Zeit noch Ort dazu.“ „Beuchten will i“, brüllte der andere. Dann flüſterte er auf einmal:„Heunt gangent die Toten umb, die Hexen und Geſpenſtere, do müſſent die Lumpen ein Kumpanei machent.“ Der Pfarrer wollte ihn unterbrechen. „Los, Pfaff“, brüllte der Trunkene. Da ließ er ihn reden. Und wieder dämpfte der Lederle geheimnisvoll die Stimme: „Los, Pfaff, mag an die zwanzig und feinf Jahr her ſeind, ze Kempten ein Diern verführet. Wohl, wohl, gwehrt hat ſichs mit aller Macht. Ein frembde wars, het ſich drumb nit traut, ein Lerman und Geſchell zu machend.“ Er hielt inne. Der Pfarrer ſchwieg. Der andere ſchielte tückiſch. „War nit viel derbei.“ Der Pfarrer ſchwieg. „Obs Teufelswerk geweſt, ſolltu mir ſagent!“ ſchrie der Lederle. Der Pfarrer wußte nicht, wo's hinauswollte:„Gott hat dem Prieſter den Gwalt geben, ein Sünder loszeſprechen“, wich er aus. „ÜUf und furt iſt das Weibsbild“, lallte der Trunkene, ubet gen Prag wöllen zu ihr Mueters Brueder. Iſt 62³ nit weit kummen. Han's funden im Dienſt bei eim Pauren. Han ihr etlich Gulden abgnommen for ihr krank Mueter, ſo lang ſchon tot geweſt. Iſts ein Todſünden, Pfaff?“ lachte er. Diesmal wartete er die Antwort nicht ab, ſondern fuhr fort, haſtig und ſtolpernd:„Unds Kind! Unds Kind!“ Und nun lachte er, daß es dem Pfarrer grauſte und er zur Wand zurückwich. „'s Kind iſt der Pfarrer von Burk und's Weibobild iſts Annele geweſt!“ Der Pfarrer ſchlug rückwärks an die Wand und hielt ſich mit geſpreizten Fingern mühſam aufrecht. „Das iſt ein Lugen“, ſtieß er hervor,„Ströter, Spitz⸗ knecht, Haderlump elendiger.“ Der Lederle packte ihn an der Bruſt:„Sprich mich los, Pfaff“, brüllte er,„ſo du kannſt, ein Spitzknecht den anderen, ein Lump den anderen, ein Ströter den anderen!“ „Iſt nit wahr! Iſt nit wahr!“ keuchte der Pfarrer. Dann ſchrie er, daß ihm die Stimme überſchnappte:„Du Spitzknecht! Straßenfeger, Galgenvogel!“ „Stad, ſtad, min lieb Söhnle“, feixte der Lederle, „biſt ein geiſtlinger Herr und weißeſt nit: Du ſollt dein Vatter und Mueter ehren!“ Der Pfarrer war wie von Sinnen. Er ſtieß den Schnapslumpen von ſich, daß er taumelte. Im Bruggerhof lag alles im tiefen Schlaf, als der Pfarrer mit den Fäuſten gegen die Tür wetterte. Der Bauer ſtand auf und ging mit der Funſel hin⸗ unter, zu öffnen. Keine Überraſchung und kein Verwundern war in ſeinem Geſicht zu leſen, als der Pfarrer vor ihm ſtand. 62⁴ „Was willtu?“ Ruhig ging er in die Stube voran. Der Pfarrer hielt ſich am Türpfoſten. Seine Augen flackerten, und er brauchte eine Weile, bis er mit ſchriller Stimme herausſtieß:„Bruggerbauer, bin ich dein Kind oder nit?“ „Du biſt mein Kind nit.“ „Alsdann, wer iſt min Vatter?“ Der Bauer ſchüttelte den weißen Kopf. „Wer iſt min Mueter?“ ſtieß der andere hervor. Eine Weile ſchwieg der Bauer. Dann klang's klar und ruhig durch die Stube:„Die Anna Jaſchek, ſo du uf dem Schindanger haſt laſſen verſcharren.“ Todesſtille. Da gellte ein ſchrilles Lachen von der Kuchen her. Unter der Türe ſtand im Hemd die Irre und lachte, lachte wild und gellend, ohne ein Ende zu finden. Mit geſträubtem Haar ſtürzte der Pfarrer davon. Taumelnd taſtete er ſich ins Pfarrhaus zurück. Dort war kein Lederle mehr. Er ſank auf die Ofenbank, die Hände im Schoß ver⸗ krampft. Die Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf, daß er keinen zu halten vermochte. Tack!— Tack!— Tack! „Die eigen Mutter uf dem Schindanger verſcharret!“ Ein Grauſen fiel ihn an. „Ein Huſſitin wars“, ziſchte der Böſe in ihm. Hi, hi, hi, hi! heulte es um den Schornſtein und ſprang wie gellend Höllengelächter hinunter ins Geltnachtal. Zitternd ſank er in ſich zuſammen, horchte auf das jämmerliche Weinen in der Dachrinne. Schmückle 40 62⁵ Immer wieder ſchlug der Fenſterladen gegen die Haus⸗ wand. Hu— iii— Wenn bloß erſt die Nacht vorbei wär. Er trat ans Fenſter, den Laden feſtzulegen. Wie das wilde Heer jagten die Wolken vor dem Monde vorbei. Uber der Kirche und dem Totenacker wechſelte der Mond und die Schatten der jagenden Wolken. Drüben bei der Mauer lag das Annele. Er wollte nicht hinüberſehen, aber er mußte, ſo ſehr er ſich dagegen wehrte. Herre Gott, kam das Weinen nun nicht auf einmal vom Kirchhof her? Er lauſchte, und die Haare ſtanden ihm ſteil gen Berg. Heiligen Gotts, ganz deutlich war's, ganz deutlich. Da ſchlug die Kirchturmuhr die zwölfte Stunde. Aus einer Wolke ſchob ſich der volle Mond und ſtreifte die Ecke des Friedhofs. Da hob ſich dort, wo das Annele lag, eine Frauen⸗ geſtalt vom Boden. Um den Kopf hatte ſie ein Tuch ge⸗ wickelt und um die Schultern geſchlagen, wie das Annele es krug, ſolange es noch lebte. Jetzt ſtreifte ſie an der Kirchhofmauer hin, jetzt war ſie an der Gittertüre. Leiſe weinend und wimmernd rüttelte ſie an den Stäben. Der Pfarrer war von Sinnen, die Zähne klapperten ihm. Das war das Annele, die ihr geweihtes Grab ſuchte! In Bruſthöhe beberten dem Pfarrer die Hände, er wollte ſchreien, er ſchwankte. Dann ſtürzte er lautlos zu Boden. Draußen aber weinte und wimmerte das Weib, bis der Brugger kam, ſie zu holen. Die Ndargret war's geweſen, die nach dem Annele ge⸗ ſucht hatte. *** 62 Wildes Gerede flog durchs Land, von Dorf zu Dorf, von Gehöft zu Gehöft. Die Stirnen brannten, und manch blutrünſtig Wörtlein brachte die Gemüter ins Wallen. Schnaps wurde ge⸗ krunken wie nie! Zigeuner machten die Kundſchafter für Herren und Bauern. Reiſige kehrten in den Krügen ein, um Botſchaft heim⸗ zubringen. Keiner traute mehr dem andern. Und manch einer, der mit einem anſehnlichen Poſten in des Herrgotts Schuldbuch ſtand, riß das Maul gewaltig auf. Das war voll von der neuen Lehr, von der evange⸗ liſchen Freiheit, von der Verworfenheit der Pfaffen und Herren und von der wahren evangeliſchen Brüderlichkeit der Bauern! An einem Sonntag, die Bauern waren beim Füttern, weshalb der Krug zu Burk faſt leer war. Friſch aufgeheizt mit allerlei Kundſchaft ſaßen der Maier⸗ Endraß und der Wölfle Rottacher, beide von Burk, vor ihrem Krug Kornſchnaps. Das waren die beiden Bauern, die dem Pfarrer von Burk den Pachtſchilling nicht bezahlt hatten. Nun ſollten ihnen die Pfarräcker entzogen werden, denn in Gelddingen verſtand der Joſeph Brugger keinen Spaß. Finſter ſaßen die beiden Bauern mit brennend roten Geſichtern und ſoffen ihren Arger hinunter. Keinen Blick warfen ſie hinüber zum Lederle, der bald in dem Zuſtand war, in dem die Beſoffenen zu greinen an⸗ fangen. Gar zu gern hätte er mit den beiden Bauern ſich an⸗ gebiedert. Zu andern Zeiten hätte er's nicht gewagt; doch jetzt war jeder, der wider Pfaffen und Ritter hetzte und läſterte, ſicher, ein willig Ohr zu finden. 627 T—VTVTTTV 5 FIFͤ—— 2222c Aber diesmal wollte es nicht ſo recht gelingen. Allerlei hatte er ſchon angefangen; die beiden hatten nur finſter geſchwiegen und keine Antwort gegeben. Da bekam er's mit dem Greinen und redete für ſich. „Uf dem Schindanger hat ers laſſen verſcharren, grad wie ein gefallen Stuck Vieh. Nit ein Vatterunſer hat er ihr vergunnet, pfeilgrad in die Höllen gſtoßen, hat nie ein Menſchen ein Leid antan,'s Annele.“ „Ehnder ſtoßet ich das Fuir in Stadel“, brummte der Endraß,„dann daß ich den Zehent zahlet! Holderried, ein Schnaps her, ſaufs lieber ſelber, dann dem roten Finaſſel in ſein Panſen ſchmeißen!“ „O mei Annele!“ Der Lederle merkte wohl, daß die beiden in ihrem Bauernhochmut taten, als hörten ſie ihn nicht. „Selbſten ein Paurenblut, helfet die Pauren ſchinden!“ grollte der Maier⸗Endraß. Da ſpielte der Lederle ſeinen Trumpf aus:„Die eigen Mueter laſſen verſcharren uf dem Schindanger, grad als wie ein Stuck Vieh“, greinte er und ſchielte auf die Wirkung. Der Rottacher hatte an dem Wort vorbeigehört, der Maier⸗Endraß aber war dran hängen geblieben. Wollte erſt dem Lederle die Ehr nicht antun zu fragen. Der aber ſpürte trotz ſeines Rauſches, daß es nur noch eines kleinen Stupfers bedurfte. „Sein leiblich Mueter!“ Tief bekümmert ſchüttelte er den Kopf. Wegwerfend und ohne den Kopf zu drehen brummte der Maier⸗Endraß:„Ei, was willtu Straßenfeger, du Hans in allen Gaſſen?“ Und ganz bekümmert drehte der Lederle ſeine wäſſerigen Auglein und ſchüttelte den Kopf. „Willtu gar ſagen, daß die Bruggerin nit ſin Mueter ſeie ꝰ 628 „Mueß ſchon wiſſent, was i weiß.“ „Was weißeſtu hernach, du Federhans, du?“ „So wahr, als daß i der Lederle bin, iſts Annele dem Joſeph ſin leibhaftig Mueter!“ Da rückten ſie zuſammen und flüſterten, denn der Müller von Bertholdshofen trat in die Stube und ſetzte ſich unweit von den dreien an einen andern Tiſch. „Hets nie nit glaubt vom Brugger!“ „Sein leiblich Mueter! Sein leiblich Mueter!“ Jetzt kam ſich der Lederle ganz wichtig vor; er warf ſich gewaltig in die Bruſt:„Ein faſt ſauberer Burſch gweſt damalen!“ „Ein Ratzen bringet ein ander Ratzen“, lachte der Maier⸗ Endraß,„möcht der Joſeph ſeim Vatter die Butten halten.“ Der Rottacher aber ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch: „Von eim ſottenen Haderlump ſolln mir uns den Zehent laſſen abdrucken!“ „Meinet ihr den Pfarr von Burk?“ ſiel der Müller von Bertholdshofen ein. „Gangets dich ebbs an?“ „Ein Gansdreck“, meinte der Müller gleichmütig.„Han ihn ſehn ſitzen z' Bertholdshofen beim Kranzelwirt.“ „Soll mir nit in d Händ laufen, möcht ihm ſuſt den Grind eindrucken als wie einer Wachtel!“ Wut und Schnaps bringen das Blut zum Kochen. Der Lederle war ganz ſtolz und heiß, daß die beiden mit ihm ſprachen wie mit ihresgleichen. „Holderried, bring ein Schnaps for den Lederle!“ „Totſchlan müſſet man ihn“, prahlte der Lederle,„wurt ſo nit meh lang dauren, werdent die Pfaffen allſamt denen Raben gehören!“ Der Bertholdshofer Müller zahlte und ging. Da ſteckten die drei wieder die Köpfe zuſammen. *** errerebs-e-eergesereeee r eee Das Wetter war umgeſprungen. Von den Bergen wehte der Föhn und trieb ſchwere, ſchwarze Wolkenwände über das Land. In dicken, naſſen Klumpen ſiel der Schnee von den Tannen, die am Wege von Bertholdshofen nach Burk ſtehen. Auf der Straße wandelte er ſich in eine ſchmutzige, breiige Maſſe. Zu Bertholdshofen beim Kranzelwirt ſaß beim trüben Ampelſchein der Pfarrer Joſeph Brugger vor einem Kruͤg⸗ lein Kornbrand. Das rote Haar klebte ihm in die Stirne. Bleich und verſtört das Antlitz, flackernd und unſtet die Augen, ſaß er in der Ecke. Moch eine Stunde zuvor war die Schenke voll von Bauern geweſen; aber es war ſtill zugegangen, denn keiner traute dem Pfaffen, der abſeits für ſich ſaß. Mit ſcheelen Augen hatten ſie ihn angeſehen, und lieber drängten ſie ſich zuſammen, als daß ſie ſich in ſeine Nähe ſetzten. Dann war einer um den andern gegangen. Der Wirt hatte abgeräumt und die Ampeln gelöſcht, bis auf eine. Der Pfarrer ſaß immer noch. Hinterm Schenktiſch ſtand der Wirt und beobachtete ihn. Sonderbar genug ſah er aus. Bis über die Knie war er mit Dreck verſchmiert. Am Hals, wo ſein geiſtlich Gewand aufgeknöpft war, hing ihm das ſchmutzige Hemd heraus. Der eine von den Bauern hatte ihn quer über die Felder irren ſehen, ein anderer, der ihm begegnet war, hatte gehört, wie er laut vor ſich hin ſprach. Und jetzt lachte er auf einmal kurz und hämiſch auf, daß der Wirt zuſammenfuhr. Dann erſchrak er wieder über ſich ſelber und fuhr mit der Hand über die ſchweißbedeckte Stirn. Das Hemd klebte ihm am Leibe. Das mochte wohl vom Föhn kommen. Der Wirt klapperte mit den Krügen, den unheimlichen Gaſt zum Gehen zu mahnen. 630 Aber dem graute es vor dem Heimweg, vor der Stube mit den geſpenſtiſchen Schatten und dem klopfenden Toten⸗ wurm. Mit flackernden, unruhvollen Augen ſah er vor ſich hin und griff ab und zu nach dem Kornſchnaps. Wenn er bloß gewußt hätte, wo die Nacht zubringen. Sein's Bleibens war nicht länger zu Burk, das wußte er. Aber wohind Das war ja gleichgültig; nur weit weg von den böſen Blicken der Bauern, von dem ſchweigenden Haß, dem Unheil, das ihn umſchlich. Weg von den Geſpenſterſtimmen, dem Totenwurm und dem entſetzlichen Weinen. Härter ſchlug der Wirt die Krüge auf den Schenktiſch; der Pfarrer ſchaute kaum auf. Wohin ſollte er gehn, ohne Geld, ohne Zehrung? Da ſiel ihm das Meßgeſchirr ein. Wie, wenn er's ein⸗ ſchmölze? Ein paar Gulden mochte es reichen, fürs erſte wär's genug, dann konnte er ja weiter ſehen. Der Wirt ging hinaus in die Kuchen, um aufzuräumen. War ein ſchön getriebener Kelch unter dem Kirchenſilber, der mußte allein zwei Gulden bringen. Mit einem Zug leerte der Pfarrer den Krug, ſah, daß der Wirt draußen war. Leiſe erhob er ſich und ſchlich hinaus, ohne zu zahlen. Lau und feucht ſchlug ihm die Luft entgegen. Von den Dächern tropfte und rann das Waſſer. Allenthalben waren die Lichter ſchon verlöſcht. Dicht verhangen war der Himmel, und die ſchweren Wolkenwände ſchoben ſich nordwärts. Irgendwo in der Nachbarſchaft bellte ein Hund, und ununterbrochen gab ihm ein anderer in der Ferne Antwort. Wenn der Föhn übers Land kommt, fällt auch die Unruhe über die Menſchen, und doppelt und dreifach über die, die ſo ſchon ruh⸗ und friedlos. Der Pfarrer nahm einen Stein und ſchleuderte ihn 631¹ e eeeeeee e eeeeeeeeeeeeerer. Serrere Segeeegreer 2222 ̃ K gegen das Hoftor, hinter dem der Hund Laut gab. Der verdoppelte wütend ſein Bellen. Rauſchend zog die ſchwellende Geltnach ihre Bahn und brauſte unter der Brücke hindurch. Der Pfarrer fuhr zurück. War das nicht ein ſchwarzer Hund, der auf der Brücke ſaß? Der bleiche Schrecken fuhr ihm in die Glieder; er be⸗ kreuzigte ſich. Da gab eine Wolke für einen Augenblick den Mond frei. Tief atmete er auf. Still und friedlich lag die Brücke. Klopfenden Herzens ſchritt er darüber und ſchlug den Weg nach Burk ein. Kein Lüftlein rührte ſich, und kiefes Dunkel herrſchte, ſo daß man die Hand vor den Augen nicht ſah. Schwankenden Schrittes ſtieg der Pfarrer bergan. Der Schnaps lag ihm ſchwer in den Gliedern. Sein Atem roch nach Fuſel, und ſeine Gedanken gingen ſprungweis. Er hatte Mühe, ſie beiſammenzuhalten. Kotz ja, zwei Gulden. Da würde er weit mit kommen. Es konnte ſo nicht lang mehr dauern, daß alles drunter und drüber ging im Land, da hieß es das Bettuch am rechten Zipfel faſſen! Er griff ſich an die Stirne. Daß er da nicht frũher drauf gekommen war! Droben im Fränkiſchen, wo ſie ihn nicht kannten, da mußte allerhand zu holen ſein. Nur vor⸗ ſichtig mußte man ſein, daß man nicht in einem Fuchs⸗ eiſen hängen blieb. Ei ja, er wollte ſchon rechtzeitig aus dem Handel kommen. Er redete vor ſich hin, wie ſchon den Tag über. Was war er denn immer nur hin und her gerannt? Jetzt war er todmüde. Das Meßgeräte mußte er holen, das ſtand feſt; aber dann noch ſtundenweit wandern, das ver⸗ droß ihn. So ſtieg er die Steige nach Burk hinauf. Das naſſe Schneewaſſer drang ihm in die Schuhe und gluckſte beim 63² Gehen. Seine Kehle war heiß vom Schnaps und aus⸗ getrocknet. Er nahm Schnee von einem Tannenzweig und ließ ihn auf der Zunge verlaufen. Dann ſchlurgte er weiter. Von Zeit zu Zeit fiel ein Schneeklumpen von den Bäumen und ſchlug mit dumpfem Aufſchlag zu Boden. Die Wolken kamen nunmehr geballt und ließen hin und wieder einen Zwiſchenraum frei, durch den für Augen⸗ blicke der Mond ſein fahles Licht ſcheinen ließ. Stand da nicht vor ihm ein Mann auf der Straße? Nein, er mußte ſich getäuſcht haben. Der Schatten war verſchwunden. Müde ſchob er ſich die Straße aufwärts, vorbei an der Stelle, wo das Annele gelegen war. Er wußte nicht, wo man ſie gefunden, drum ſah er auch ihre Spur nicht, die ſich tief in den Schnee gedrückt hatte. Mit einemmal blieb er ſtehen. War das nicht geweſen, als ob jemand geſprochen hätte? Leis und haſtig? Er blieb ſtehen und lauſchte; aber nichts rührte ſich. Alſo wanderte er weiter, Schritt für Schritt, unabläſſig vor ſich hin murmelnd. Da huſchten in der Kiesgrube drei dunkle Geſtalten zur Straße vor. „Will mein Lebtag Dreck freſſen, ſo ers nit iſt“, flüſterte erregt der Lederle. Der nächtliche Wanderer blieb wieder ſtehen; man hörte ſeinen ſchlurgenden Tritt nicht mehr. Er ſtand und lauſchte. Das Herz ſchlug ihm in den Hals. Das waren doch Stimmen geweſen! Was wollten die? Da ſprangen zwei Männer über den Weg, quer vor ihn. Zu Tod erſchrocken wandte er ſich. Und ein dritter ſchlug ihm von hinten mit einem fauſt⸗ 633 — großen Stein die Hirnſchale ein, während die beiden andern mit ihren Prügeln zuhieben, daß es krachte. Dann war's wieder ſtill. Als der Mond hinter der Wolke vorlugte, lag der Pfarrer von Burk quer über der Straße. Aus ſeinem Schädel floß ein handbreiter Blutſtrom und verſickerte im Schnee. Mit dumpfem Aufſchlag fiel ein ſchwerer Klumpen aus der Tanne auf den Leib des Toten. Ferne in Bertholdshofen bellte der Hund. *** Ein unerhört ſchöner Lenz brach an in den deutſchen Landen. Mittendurch jagte ein einzelner Reiter, dem ſein Roßbub kaum zu folgen vermochte, denn ihn behinderte der Stump einer ſchwarzen Fahne. Der Florian Geyer eilte ins Fränkiſche zum Wendel Hipler. Der Engelbert Hiltensperger folgte ihm mühſam mit ſeinem dick verſchwollenen Beine. Alle Päſſe waren noch verſchneit, er mußte langen Umweg über den Brenner nehmen. Auf dem Schlachthengſt des Großſchildhalters von Frankreich ritt er die Straße hinan, die er einſt ebenfalls Schrittlein um Schrittlein mit dem kranken Hutten ge⸗ zogen war. Damals hatten die Winzer im Tirol fröhliche Ernte gehalten in ihren Weinbergen, heute wehte eine böſe Luft den Brenner herunter! In den Dörfern rotteten ſich die Bauern zuſammen mit Hellebarden und Spießen. Die Knechte, die der Pescara entlaſſen hatte, liefen gruppenweiſe den Haufen zu. Allenthalb auf den Straßen ſchreiende und johlende Bauern. 63⁴ Wilde Gerüchte wehten über die Berge. Ferdinand war von Wien nach Innsbruck geeilt. Gabriel Salamanka, ſein Kanzler, der„ſtinkend ketzeriſch aſſarianiſch Jud und Böſewicht“, war geflohen. Zu Brixen hielt der Peter Gaismaier wilde Reden an die Leute, erzählte ihnen, daß über den Bergen die Schlöſſer brennen, die Klöſter rauchen, das ganze Land in Flammen ſtehe. Langſam und müde ſchob ſich der Hengſt den Brenner hinauf. Ach ſo langſam! Schreien hätte er mögen, der Engel, toben in hilfloſer Wut. Über den Bergen wollte ihm ſein Werk in Trümmer gehen, und er, er ſchlich wie eine Schnecke den Eiſack entlang. Der Sturm war losgebrochen, ohne daß er den Bauern⸗ haufen Stunde und Ort hatte angeben können, wo ſie ſich zur unüberwindlichen Maſſe ballen ſollten. Es war, als ob der Rauch verbrannter Schlöſſer über den Brenner wehe. Immer wilder wurden die Gerüchte. Knirſchend trieb der Engel ſeinen Hengſt vorwärts. Am Paßwirtshaus mußte er ihm Ruhe gönnen. Böſe Kunde gab ihm da der Paßwirt: Bei Wurzach ſeien Tauſende von Bauern erſchlagen! Der Truchſeß von Waldburg war über ſie gekommen. Db man vom Wirtemberger etwas wiſſe? Der ziehe auf Stuttgart zu. Der Herzog hatte ſein Wort gebrochen! Er hätte im Bayriſchen einfallen ſollen, den Schwäbiſchen Bund zu feſſeln. Nun hatte der Truchſeß freie Hand. Vorwärts! Vorwärts, den Brenner hinunter, den Saum⸗ pfad hinüber nach Reutte und hinein in den ſtrahlenden Allgäuer Frühling. 635 ———— eeeee eee P Da ſtellten ſich ihm die erſten Bauernſpieße in den Weg. In ſeinem Zorn trieb er ſie auseinander wie der Habicht die Hühner. Hiobsbotſchaft auf Hiobsbotſchaft! Tauſende von Bauern bei Leipheim geſchlagen, der Jakob Wehe geköpft. Zu Füſſen tauſchte der Engel den Gaul. Auf allen Straßen trunkene Bauern, grölend und ſchreiend, mit Meßgewändern um den Leib, geſtohlenen Baretten auf dem Kopf. Weiber mit ſchwerbeladenen Karren, voller Beuteſtücke. Buben, die Vieh vor ſich her trieben und eilten, zu neuer Beute recht zu kommen. Der Zorn übermannte den Engel ob ſeiner Hilf⸗ loſigkeit. „Des ſollt ihr mir ein Rechenſchaft geben!“ knirſchte er. Aber nur vorwärks! Im Fränkiſchen mußten die Würfel fallen. Dorthin, hieß es zu Memmingen, ſei der Truchſeß ab⸗ gezogen. Andere wieder ſagten, er habe ſich mit den Bauern zu Weingarten vertragen, um wider den Herzog von Wirtem⸗ berg zu ziehen. Was war wahr, was falſchꝰ Die Fuggerſchen Poſtreiter ſtanden nicht Rede noch Antwort, ſondern jagten ſchweigend ihres Weges, bis der Engel einen vom Gaul riß und ihm die Antwort, mit der Fauſt im Genick, aus dem Schlunde drückte. überall waren die Bauern zu Haufen gelaufen,„wie die Immen, wann ſie ſtoßent“, hatte der Poſtreiter geſagt. Aber ſie zogen im Lande um, kreuz und quer, brachen Schlöſſer, plünderten die Gotteshäuſer, ſoffen und fraßen. Stunk und Hader in den Lägern. Den Walter Bach hatten die im Allgäu abgeſetzt und ſchmählich im Lager umgeführt. 636 Da weinte der ſtarke Mann wie ein kleines Kind. Seine Sache, die große, heilige Sache, um die ein Hutten und ein Sickingen gebangt, er ſelber gelitten hatte, war vor die Säue geworfen, vor kotzende Bauern. In Ulm traf ihn die Kunde von der Weinsberger Tat. Da fragte er keinen mehr, ſondern ritt und ritt— zum Wendel Hipler nach Heilbronn. *** Wohlbewaffnet und gerüſtet ſtanden die wehrhaften Männer von Kempten auf der Stadtmauer. Mitten unter ihnen Gordian Seuter, der Bürgermeiſter, mit ſeinem langen, wallenden, weißen Barte, den er, einer Gewohnheit folgend, mit der Rechten ſtrich. „Iſt doch gut geweſt, Euer Hochgelahrt“, ſprach er mit ſeiner tiefen klangvollen Stimme zum Abgeſandten der Stadt Memmingen, der neben ihm ſtand,„iſt doch gut geweſt, daß wir die Stadttor verrammlet, ſeind in der Nacht viel vom Pofel über die Mauren geſchloffen zu denen Pauren.“ „Ei“, meinte der Angeredete,„möcht ſchier böſer ſeind, daß ſo viel Pofelszeug in der Stadt verblieben.“ „For die ſeind drei Fuder Weins ins Stadthaus ver⸗ bracht, for alle Fäll“, lächelte der Bürgermeiſter. Dann unterbrach er ſich raſch, mit der Rechten nach der Straße weiſend, die von Luibas herführte:„Die Feifel, ſie rucken an, lueget, ſelt!“ Und richtig ſah man auf der Straße in kurzen Abſtänden regelloſe Haufen einherziehen. Die Bürger auf der Stadtmauer ordneten ſich, die Stadtweibel wieſen einem jeden ſeinen Platz. Still und verlaſſen lag das Chorherrenſtift. Was nicht auf Liebentann beim Abt war, hatte ſich hinter die Stadt⸗ mauern zurückgezogen. 637 ——— 1 1 10 Auf Büchſenſchußweite blieben die Bauern ſtehen und warteten, bis die Haufen aufgerückt waren. In der Ferne ſah man zahlloſe Karren, von Weibern geführet, die die erwartete Beute fortbringen ſollten. Dann ordneten ſich die Bauern zum Zuge. Voraus Trommler und Zinkeniſten. Schreiend, die Hüte ab und zu in die Luft werfend zogen ſie bis unter die Tore der Stadt und riefen die Bürger auf der Mauer als ihre Brüder an. Man blieb ihnen die Antwort ſchuldig. Die Bauern winkten. Stumm ſtanden die Kemptener auf der Mauer. „Lueget, ſelt, den mit dem Fedrenhuet, iſt der Roller⸗ hans, der böſeſt Schreinergſell landuf und»abe, hat ſich verſchworn, er wöll eim jeden vom Rat die Kuttlen us⸗ laſſen, vor die Säu ſchmeißende.“ Als die Bauern merkten, daß die Stadt wohlverwahrt war, wurden ſie unflätig, ſchimpften an der Mauer hinauf, daß man die Schuſterzunft mit Gewalt daran hindern mußte, vorzeitig Pech und Schwefel auf ſie herab zu ſchmeißen. Nun kamen auch die Karren heran, voraus einer, der war mit Hakenbüchſen beladen wie mit Holzſcheitern. Da keiner ſie zu bedienen wußte, wurden ſie hinter den Haufen dreingeführt. Vom Gotteshaus her hörte man, wie krachend das Tor eingeſchlagen wurde. Die Haufen liefen hinzu, um nicht zu ſpät zu kommen. Die Tore brachen. Ein wilder Knäuel balgte ſich davor, denn alle wollten zugleich eindringen. Von der Stadtmauer aus ſah man, wie ſie ſich prügelten. Endlich war auch der letzte drinnen, und das ſäuiſche Weſen konnte anheben. „Wölle Gott“, ſprach der Gordian Seuter,„daß wir 638 die gut Stadt Kempten us dem Handel halten! Möcht gar nit ſo abwegs ſeind, was die Pauren wöllen. Dannoch, ſo der groß Haufen im Spill, reget ſich allweil im Menſchen die Sau und hebet ihr unhold Weſen an, tritt die beſt Sachen in Kot und Dreck!“ Und wahrhaftig, die Sau hob ein unhold Weſen an! Zu Hunderten drängten die Bauern in die Kirche. Unter Johlen und Schreien wurde Faß um Faß den Mittelgang hinaufgerollt. Vor dem Altar wurden ſie aufgeſtellt, die Deckel eingeſchlagen. In Mäpfen und Hüten ſchöpften ſie den Wein vom Rheingau, vom Neckar, von der Moſel. Der Rollerhans ſtieg auf die Kanzel und hielt eine An⸗ ſprache voll dreckiger Zoten. Kreiſchend jauchzten ſie Beifall. Die Mannskerle griffen nach den Weibern. Andere wollten's nicht leiden, wollten ſie für ſich haben. Dritte ſchütteten ganze Kübel mit Wein über die Strei⸗ tenden. Der Rollerhans auf der Kanzel aber wand ſich vor Lachen. Aus dem Gewölbe dröhnten krachende Artſchläge. Freche, verwogene Burſchen hatten es auf den Kirchenſchatz abgeſehen. Aber das Gewölbe war leer. Nun war die Wut groß. Ihr mußte Luft gemacht werden! Auf einmal ſah man auf der Kanzel einen dicken Bauern, der mit ſeinem Morgenſtern den herrlichen gotiſchen Zierat in Trümmer ſchlug. Brüllend jubelten die andern Beifall. Schon riſſen ſie die Bilder von den Wänden, hieben mit Schwert und Spieß in die Tafeln. Schlugen mit den Morgenſternen die Heiligen von ihren Poſtamenten, daß ſie krachend zu Boden ſtürzten. Zu Trümmern zerſchlagen, ſplitterte die herrliche Orgel 639 ins Schiff, daß zwei Bauern von den ſtürzenden Pfeifen er⸗ ſchlagen wurden. Altäre, vor denen Generationen gebetet und Troſt ge⸗ funden hatten, ſielen den wütenden Arten zum Opfer. Mit allem, was heilig war, wurde Schindluder ge⸗ krieben. Hoch über dem wüſten Treiben aber ſtand die Mutter Gottes. Uberirdiſchen Blickes ſchaute ſie auf die Menſchen, die zu Tieren geworden waren. Der Konzwirt ob der Halden ſpannte ſeine Armbruſt und zielte ihr aufs Herze. Leiſe erzitterte das herrliche Gebilde, als der eiſerne Bolzen einſchlug. Keiner ſah die hehre Majeſtät in dem ſtillen Angeſicht, keiner die tiefe Trauer, mit der die Mutter Gottes in die unendliche Weite blickte. Jauchzen und wüſtes Johlen. Und Armbruſt um Armbruſt wurde geſpannt, und Bolzen auf Bolzen wurde der Heiligen ins Herz geſchoſſen. Und immer wieder erzitterte ſie in tiefer Trauer. „Spielleut her!“ ſchrie der Konzwirt, denn ihm war elwas Neues eingefallen. Die auf den Mauern von Kernpten bekamen's zu ſchauen: Voraus die Trommler und Zinkeniſten, wälzte ſich der Zug aus der Kirche. Hinter den Spielleuten der Konzwirt ob der Halden, der den Gekreuzigten trug, dann folgten, dem Zuge geordnet, die Bauern. Einige hatten Meßgewänder umgehängt, andre ſchwangen Rauchfäſſer. Die Weiber mit ihren zerriſſenen Bruſtlätzen im Arm, ſo zogen ſie daher. Hielten Umzug ums Kloſter, einmal, zweimal, dreimal. 64⁰0 Dazu ſangen ſie zotige Lieder und trieben Spott und Hohn mit dem Gekreuzigten, dem ſie eine Zipfelmütze auf⸗ geſetzt hatten. Finſter ſtanden die Bürger auf der Mauer. Sie hätten gerne in die Rotte hineingeſchoſſen, aber die Stadt wollte aus dem Handel bleiben. Strenger Befehl war ergangen, keinen Schuß zu kun. „Iſt ein ſeltzam evangeliſch Freiheit“, meinte der Gor⸗ dian Seuter,„wöllent helfen das Evangelium und die Ge⸗ rechtigkeit handhaben! Ei, was arme und leere Buben, was abgehauſte und unnütze Leut! Ein Handel, ſo alſo an⸗ hebet, währet nit länger, bis die Sunn wollt zu Gnaden gehn!“ Als ſie zum erſten Male umzogen, ſchwenkten ſie Hüte und Kannen zur Stadtmauer. Beim zweiten Male kam ein grölender Haufe mit der Mutter Gottes aus der Kirche getaumelt und ſchloß ſich dem Zuge an. Beim dritten Male waren die Streithändel wieder im ſchönſten Gange. Die Fäſſer, die aus dem Gotteshauſe gerollt wurden, ſchlichteten ſie. Denn es hub ein greuliches Saufen an. Die Weiber aber, mehr aufs Mützliche bedacht, führten die Plünderung durch. Mit Hausrat, Wäſche, Bettſtellen, mit Schmalz, Käſe, Mehl füllten ſich die Karren. Etliche wollten heimlich abfahren, die Beute nicht zum Haupt⸗ haufen, ſondern in die eigene Heimſtatt zu führen. Aber die andern hatten wohl acht, und nun kamen auch die Weiber ins Prügeln. Das machte den Männern einen Heidenſpaß, wie das Weibsvolk ſich die Haare boſchenweiſe ausriß. An die fünfhundert Bauern mochten es ſein, die ſich um die mit Wein gefüllten Bottiche gelagert hatten. Schmückle 41 64¹ Von der Stadtmauer zu den Bauern und umgekehrt flogen allerhand Rufe. Aber die Beſoffenen nahmen's nicht weiter übel, wenn man ſie Weinſchläuche nannte. Mein, in ihrer evangeliſchen Brüderlichkeit hätten ſie den andern auch ihre Räuſche gegönnt. Drum ſchickten ſie denen in der Stadt drei Fuder Weins. Darauf ſtand mit Kreide geſchrieben: Bürger und Pauer Scheidet nützit dann die Mauer! Sie wurden abgelehnt. Damit aber niemand drüber ſchimpfe, ließ der Herr Gordian Seuter die drei Faß vom Rathaus unter die armen Leute der Stadt verteilen. Immer wüſter brüllten die Kerle; überall ſah man kotzende Bauern, die ſich mit den Fingern in den Schlund fuhren. Pfeifer und Zinkeniſten waren voll bis an den Hals und blieſen in gellen Diſſonanzen, während die Bauern ihre Zoten ſangen. Den Weibern waren ihre letzten Fürtücher in Fetzen gegangen; die Brüſte hingen frei; ſchmutzige Pratzen tapp⸗ ten darnach. Auf einem umgeſtülpten Faß ſtand der Hirſchwirt von Sulzſchneid, das Wams von oben bis unten mit rotem Wein beſudelt. Er wollte eine Rede halten, brachte aber nichts heraus als ein ſinnlos Gebrüll, bis ihm einer mit einem Tritt das Faß unter dem Leib wegſtieß, daß er ſich im Staube wälzte. Da ſchrien und wieherten die andern vor Vergnügen. Die auf der Mauer aber ſchüttelten nur die Köpfe. Und wieder meinte der Herr Gordian Seuter:„Iſt der Knopf kein unebener Kerl nit, kenn ihn gar wohl. Tuet, was er vermag, dannoch alls umbſunſt. Ein jede Rauſchſau tuet, was ſie will; kein Zucht nit noch Gehorſame. Saufen, 642² Freſſen, bis ſie es wiedergeben müſſen, Stehlen, Huren; das iſt ein recht evangeliſch Freiheit in denen Lägern! Wer⸗ fent Storcken⸗ und Hetzenneſter ab den Bergen, brennenk Klöſter us, laufen wie die Säu vom Trog, ſchlafende, bis daß der Bauernjörg mit dem Aichelin kummt, ihnen den Grind von den Schulteren hauet. Wahr iſts, der Hunger iſt ein Schelm, lehret Mord und Diebſtahl. Fürcht ſchier, die hänfen Strick werden rar im Land. Potz Druſen, die Fugger werdent ſchon ein Seilerei uf⸗ thon han.“ Noch einer gedachte in dieſer Stunde des Meiſters Aichelin. Das war der Michel! Vergebens, daß er ſich gemüht, dem wüſten Treiben Ein⸗ halt zu tun! Die andern hatten ihn niedergebrüllt. Nun ſtand er in verbiſſener Wut an einem Weinfaß, an dem die vom Auerberg ſoffen. Der Konzwirt trat mit einem vollen Humpen in der Hand auf ihn zu:„Du ſollt ſaufen, Bruder“, lallte er, vitz iſt der Paur obauf. Kotz, ſauf, Bruder!“ Der Michel ſtieß den Trunkenen zurück. Schwankend und drohend drängte dieſer wieder an. „Saufen ſolltu!“ brüllte er und hob die Hand zum Schlag, flog aber im ſelben Augenblick rücklings in eine faßgroße Trommel, daß das Kalbfell platzte. Die Bauern wieherten. „Das ſolltu mir mit der Haut bezalen!“ ſchrie der Be⸗ ſoffene und mühte ſich aus der Trommel; aber ſchon goß ihm wieder einer eine Gelte Wein über den Schädel. Der Konzwirt kam nicht dazu, ſeine Drohung wahr⸗ zumachen, denn unweit fingen ſie an, zum Ring zu ſchlagen. Alle liefen zu, nur der Michel blieb bei dem Faß ſtehen, an dem der Jos Bauchle und der Ottenbacher weuerſoffen. „Das het der Engel nit gewöllt, das nit“, murmelte der Michel immer wieder vor ſich hin. 6⁴3 „Laß die ſchwarzen Meus, du ändereſts nit“, meinte der Ottenbacher.„Sollen wir die Läuft änderen, Bruder, zu ſellem ſeind andre da. Het ſo unrecht nit, der Konzwirt. Sauf, Bruder Michel. Solang wir unſer Krügle hent, iſts ſo uneben nit uf der Welt!“ Drüben johlten die Bauern. Sie hatten die Mutter Gottes zum Kopfabſägen verurteilt. In allen deutſchen Landen gab's kein herrlicheres Mutter⸗ gottesbild als das, welches zu Ulm der Syrlin geſchaffen hatte. Knirſchend fraß die Säge, kreiſchend wehrten ſich Holz und Eiſen wider den Frevel. Da ſprach der Michel:„Bauchle, du ſollt meim Weib ein Poſten ſchicken; ſie ſoll mein nit warten, der Michel ſeie gangen, den Engel ſuchen.“ *** Der Michel wanderte ohn Unterlaß. Mit ſeinem gleichmäßigen, geruhigen Bauernſchritt ging er Memmingen zu. Drüben vor Liebentann, wo der Fürſtabt ſaß, lag der Haupthaufen der Bauern. Da die Dorfſchaften im Lager beieinander blieben und von ihren Dörfern aus verpflegt wurden, war ein ewiges Kommen und Gehen von Karren und Tragtieren, von Bauern, die ablöſten, und ſolchen, die abgelöſt wurden. Beſoffene lagen am Wege. Weibsleute, des Zwangs und der Aufſicht ledig, trieben ſich zuchtlos herum. Einzelgänger und geſchloſſene Rotten zogen daher, die einen mit wüſtem Geſchrei, die andern fromme evangeliſche Lieder ſingend, den Gekreuzigten auf Fahnen und Tafeln voraustragend. Der Konzwirt ob der Halden war ein wüſter Kerl. Wenn er eine Streife machte, ſchloß ſich ihm alles Diebs⸗ 644 und Lumpenvolk an, das im Lager, wo der Schmid von Luibas ſtrenge Ordnung hielt, ſich nicht wohl fühlte. Aber die Frommen, denen es ums Evangelium ging, ſchloſſen ſich im Lager zum ſtarken Haufen zuſammen. Drüben zur Rechten ſtand eine ſchwere ſchwarze Rauch⸗ wolke über dem Wald. Dort lag Liebentann, das Schloß des Fürſtabts, das eben in Flammen aufging. Nun hatten die Kemptener Bauern zum dreizehnten Male mit ihrem Abte getagt! Und diesmal mußte er Rechenſchaft geben. Die Flammen, die aus dem Liebentanner Dachſtuhl ſchlugen, leuchteten zur Unterſchrift! Die Nacht ſenkte ſich, und der Michel wanderte immer noch. Überall am Horizont ſtand der blutrote Schein brennender Häuſer und Burgen, und der Brandruch wollte kein Ende nehmen. Auf einem Beutekarren, der Memmingen zu fuhr, hatte der Michel Platz genommen. Ihn führte ein Bauer in mittleren Jahren. Der wußte ſich vor Freude nicht zu faſſen. „Itz iſt der Pauer obauf, ſichtbarlich iſt Gott mit dem armen Mann. Haſtu nit den Regenbogen erſchauet, Bru⸗ der? War als wie eine mächtige Kron umb die Sunn. Itz iſt dem Evangelium ein Weg gemacht. Gott der Herr ge⸗ ſegen den Luther. Kotz, wer drucket ſich dort hinter denen Boſchen d“ Und er wies mit der Peitſche nach einem dunklen Buſch, der abſeits in einem Acker ſtand. „Gſell, was iſt dein Weſen?“ Keine Antwort. „Halt mein Leitſeil, Bruder!“ Das war nicht nötig. Der Klepper, der alle Knochen ſtellte, war einer kleinen Ruhepauſe froh und blieb mit hängendem Kopfe ſtehen. 645 Dereteree beeeeeeeeeeeekere Alſo ſtapfte der Michel hinter dem Bauern drein. Die Schatten hinter dem Buſch drängten ſich zuſammen; man hörte ängſtliche Frauenſtimmen, hörte dazwiſchen einen Mann mit gedämpfter Stimme reden. Und ſchon ſchrie der Bauer:„Daß dich der ewig Fluch ankomm! Iſt das nit der Jörg Werdenſtein? Potz, Bruder Ritterle, willtu itz nächtens uf meim Acker fronen? Flugs die Hacken zur Hand, den Puckel krumm, iſt nit meh dann rechtens! Han ich dir nit müſſen die Fröſch im Teich ſtillen, du teufliſchs, hochmütigs Ritterle, het nit müſſen mein Weib in deim Bett die Flöch fangen?“ „Laß mich in Fried, Bruder!“ ſprach der von Werden⸗ ſtein. Man hörte ihm die Angſt an. Aber da packte den Bauern die Wut, und er brüllte: „Du ſollt ganz ſtille ſeind, du elends Ritterle, ſuſt will ich dir mein Peitſchen in Hals ſtoßen, daß der rot Saft uſer⸗ ſpritzt! Ei, ihr jungen Huren, euch will ich beſchlafen und her⸗ nach die Kammerſchellen notzüchtigen!“ Er tat ein paar Schritte auf die zwei jungen Mädchen zu, die ſchreiend in den Acker liefen. Da packte ihn der Michel am Arm und riß ihn zurück. Der Bauer hob den Peitſchenſtiel. Ruhig entwand ihm der Michel den Stecken:„Haſtu nit vorhin geſagt, der Herregott ſeie mit denen Pauren, ver⸗ meineſtu, der halts mit denen Dieben und Notzüchtern?“ Der Bauer brummte und ſtapfte ſeinem Wagen zu: „Allbott das alt Lied, tuets der Paur, iſts ein Dieb und Notzüchter, tuets einer vom Adel, heißets man eine Fehd oder ein Jus primae noctis.“ Mißmutig hieb er auf ſeinen Klepper und klapperte davon. Die Mädchen waren zitternd in einiger Entfernung ſtehen geblieben. „Ich will mit Euch gehen, Herr“, ſprach der Michel 64⁵ zum Ritkter,„es möcht ſuſt denen Mägdelein ein Unrecht zuſtoßen. Iſt heutigestags allerlei Volks uf den Straßen.“ Da war der Herr von Werdenſtein froh. Er rief die Mädchen und ſeine Gemahlin, die nach der andern Seite gelaufen war, heran. Voraus der Michel, dahinter die Herrſchaft von Werden⸗ ſtein, ſo zogen ſie weiter, bis ſie um die mitternächtige Stunde an das feſtverſchloſſene Memminger Stadttor kamen. Es brauchte lange, bis man aufmachte, denn der arme Mann in der Stadt rottierte zu jeder Tag⸗ und Nacht⸗ ſtunde, und die Wachen des Rats hatten zu tun, alle Plätze zu ſäubern, ſowie es unruhig werden wollte. Mit den Herrſchaften ließ man auch den Michel ein. Er nächtigte in des Lotzers Haus. Der war im Lager beim Baltringer Haufen als Feld⸗ ſchreiber. Sein Freund und Vertrauter, der Tuchſcherer Kuttner, packte eben, trotz der ſpäten Nachtſtunde, ganze Stöße der gedruckten zwölf Artikel zum Verſand zuſammen. Das waren die Artikel, die der Engelbert Hiltensperger verfaßt und dem Lotzer zu treuen Händen zum Auf⸗ bewahren gegeben hatte. Der warf ſie hinaus ins Land, als das Feuer aufbrannte und mit wilder Eile bis ins Elſaß und Tirol ſchlug. Da und dort hatte man ſie umgeſtaltet, je nach den Ver⸗ hältniſſen. Die zwölf Beſchwerden bildeten den gemeinſamen Schlacht⸗ ruf der ganzen Bauernſchaft, ſie und das Evangelium, wie es der kleine Mann verſtand. Müde ſank der Michel auf ſein Lager und ſchlief bis in den tiefen Morgen. Der Kuttner war ausgegangen, und der Michel Hiltens⸗ perger verließ gleichfalls das Quartier, ſich in Memmingen 647 umzuſehen. Wilde Gerüchte flogen durch das Land. Es hieß, der Herzog von Wirtemberg rücke mit dreißigtauſend Schweizern auf Stuttgart zu, er habe eine große Schlacht gegen den Bund gewonnen. Die halbe Bürgerſchaft war auf dem Markte ver⸗ ſammelt. Es ſummte wie in einem großen Bienenkorb. Ab und zu bildeten ſich Gruppen, inmitten derer ein Redner große Worte machte. Es ſei an der Zeit, loszu⸗ ſchlagen, wenn man nicht zu ſpät kommen wolle, ſonſt ſei die Katz den Baum hinauf. Andere redeten dawider. Die meinten, es könne vom roken Utz nichts Gutes kommen. Das ſei der rechte Wolf im Schafskleid. Da kamen ſie aber ſchlecht an. Die Stachezer und Auf⸗ hetzer, die ſich wohlweislich verteilt hatten, ließen keine andere Meinung aufkommen. Schon wurde man da und dort handgemein, als man Trommelwirbel hörte. Die Schuſterzunft rückte an. Sie ſperrte in Wehr und Waffen eine der Gaſſen ab, die in den Marktplatz mündete. Eine Zunft um die andere folgte, und die Aufwiegler wurden auf einmal ganz ſtill. Aber auch der Michel hielt's für beſſer, ſich in ſein Quartier zu begeben. Der Kuttner hatte ihm eine Landsknechtstracht beſorgt, denn Landsknechte liefen den Bauern wie dem Bunde zu. Als Landsknecht mochte der Michel am eheſten durch⸗ kommen. Um die zehnte Stunde machte er ſich wieder auf den Weg, Ulm zu. Gar ſtattlich zog der Michel einher, den langen Spieß geſchultert, die linke Fauſt in der weiten pludrigen Hoſe. 6⁴⁸ Wanderte er mit einem Bauern, ſo ſagte er, er wolle gen W Würzburg ins bäuriſche Lager; ſah er einem an, daß er in Herrendienſten ſtand, dann erzählte er, er wolle ſich dem Truchſeß in Sold geben. Hinter Illertiſſen holte ihn ein Trupp Reiter ein. Der Ulrich von Späth, der mit ſechs Knechten Ulm zu ritt. Der wollte ihn gleich in Sold und Dienſt nehmen. Der Michel lachte und nahm's an. Nach einer kleinen Weile ſaß er hoch auf dem Begleit⸗ wagen, der mit dem Gepäck dem Wagen der Edelfrau folgte. Hier war weit und breit kein größerer Bauernhauf. Feind und Freund ritten und gingen finſteren Geſichts aneinander vorbei oder demſelben Ziele zu. Näher und näher kam Ulm, und man ſpürte, daß die Reichsſtadt weite Streifen ins Land machen ließ, denn immer vorſichtiger wurde das Gehabe der Bauern, immer ſcheuer. Und immer dreiſter wurde, was ſich an Edelleuten der Stadt zu bewegte. Die Ritter, die kurz vorher die ſchlotternde Angſt ge⸗ ſchüttelt, die noch im Zwillich als Bauern mit einem Stecken in der Hand ſich in ihrer Herrſchaft bewegt und jedes Bäuerlein mit Bruder angeredet, Adelstitel und Adelskleid von ſich getan, ſich ſelbſt Bruder Bauer genannt hatten— kaum, daß ſie Morgenluft witterten, ſtreckten ſie wieder die Krallen aus, die ſie vorſichtig eingezogen hatten. Und die Frauenzimmer im Reiſewagen rümpften ſchon wieder die Näschen, wenn ſie an einem Bauern vorbei⸗ kamen, der ſie finſter muſterte. Auf dem Begleitwagen einer Edelfrau fuhr der Michel durchs Herdbrucker Tor. Da mußte er dran denken, wie er zwölf Jahre zuvor mit dem Engel und den andern Auerbergbauern zu Gericht geritten war. 6⁴9 1 10 1 1 1. Vor dem Ulmer Rathaus gab er dem Ritter den Abſchied Er habe es ſich überlegt, er wolle doch lieber mit dem Ulmer Erſatz dem Truchſeß zuziehen. In Ulm, dem Sitz des Schwäbiſchen Bundes, liefen die MNachrichten aus dem ganzen Lande zuſammen. Auf ſeinen Gängen durch die Stadt kam der Michel auch zu der Süßbeckin Tauſendſchön. Ein paar Küchlein im Fenſter hatten ſein Gelüſte erweckt. Im Laden waren ein paar Franziskaner, die mit der Süßbeckin liederlichen Spaß trieben. Beſcheiden ſtand der Bauer im Landsknechtsrock und wartete. Dabei erfuhr er zu ſeinem Schrecken, daß der Truchſeß zu Böblingen zwanzigtauſend bäuriſche Brüder erſchlagen habe. Dem Pater Aloiſius ſchütterte der Bauch, als er erzählte, daß die Bündiſchen den Nonnenmacher erwiſcht hätten, der zu Weinsberg dem Grafen von Helfenſtein auf ſeinem Todesgang mit der Pfeife vorgetanzt habe:„An einer Ketten an ein Baum bunden, alſo, daß er ringsum drumb herumſpringen kunnt, hernachen all die Herren, ſampt dem Truchſeſſen Holzſcheiter beigeſchleift, anzunden, den MNonnen⸗ macherle lebendigen Leibs geröſt, daß er Sprüng gemacht, aſo.“ Und der Franziskaner ſprang mit ſeinem dicken Bauch um den Ladentiſch und machte Sätze, daß ihm die Wampe wackelte. Die Süßbeckin bog ſich vor Lachen und ließ den Michel ſtehen und warten, denn die Franziskaner waren ihre Freunde, und es verging kaum eine Nacht, da nicht einer in ihrem hohen Himmelbett lag. Der Michel war zu Tode erſchrocken und hätte gerne gefragt, doch fürchtete er, ſich zu verraten. Alſo hörte er zu. Die Franziskaner wiſchten ſich die Tränen aus den Augen, und ein zweiter erzählte von Hall, wo er geweſen war. 650 An die dreitauſend Bauern, mit dem Hafenſtephan hoch zu Roß an der Spitze, waren gegen Hall marſchiert. Sie hatten zwei Beutemeiſter ernannt, zwei richtige Kiſtenfeger und Säckelleerer. Gottwoltshauſen zu lagerten ſie. Zwei Stunden vor Tag waren die Haller abmarſchiert mit fünfhundert Mann, denen das Herz gewaltig bumberte. Niemand wußte, wo die Bäuriſchen lagen. Da ließ der Michel Schlez ein Geſchütz abfeuern. Der Schuß fuhr gerade über die ſchlafenden Bauern hin, und es erhob ſich ein Zappeln wie in einem Ameiſenhaufen, und ein Dattern, als ob eine Herde Gänſe durcheinander wuſele. Noch ein Schuß krachte, und pardauz lagen alle auf dem Bauch. Auf, ab, mit jedem Schuß, fünfmal. Dann liefen ſie wie die Juden am Olberg! Und wieder ſchrien die Mönche ſamt der Süßbeckin vor Vergnügen, aber ein Fremder, der inzwiſchen unbeachtet eingetreten war, meinte voll Unmuts:„Ei, wann werdet ihr endlichen geſcheit, ihr gottverfluchten Pfaffen Hettet ihr, wie ich, die hundret feſten Häuſer in Flammen ge⸗ ſechen, die Klöſter, ſo in Grund verbronnen, die Pfaffen, ſo durchs Land geloffen, ſchreiende vor Angſt, es möcht euch gar ſchnell das Herz in die Hoſen rutſchen.“ Da wandte ſich die Tauſendſchön an den Michel, und blitzſchnell durchfuhr ſie der Gedanke, ob der Landsknecht nicht vielleicht in Italien geweſen ſei. Auf ihre Frage brummte er etwas, das wie eine Be⸗ jahung klingen mochte. „Blau“, ſagte ſie,„ſo Ihr ein feines Stöffle hettet oder ein Geſchmeid, ich wollts Euch wohl bezalen, und auch ſuſt erkenntlich ſeind“, flüͤſterte ſie mit einem verheißungsvollen Blick. „Ja“, ſagte der Michel,„er wolle es ſich überlegen.“ 651 Der dicke Franziskaner mochte eiferſüchtig werden, denn er rückte näher, ſo daß die Süßbeckin abbrach und dem Michel ein gut Stück Kuchen zulegte. Der Fremde folgte ihm auf dem Fuße und brummte dabei ärgerlich vor ſich hin. „Seind ganz und gar vom Herregott verlaſſen, die Pfaffen“, ſagte er zum Michel,„tanzent uf dem Pulver⸗ faß, fliegent uf, eh daß ſie ſichs verſechen. Seind die Brüder der Schweſteren wert. Iſt ein Reviſio geweſt bei denen Klariſſinnen, meh dann die Hälft davon hops geweſt!“ Dann ſchritt er mit dem Michel die Herdbrucker Gaſſe hinauf. So kamen ſie zu der breiten, ſandbeſtreuten Straße vor dem Herrenhof. Da war eben ein Bote eingetroffen. Der Truchſeß ziehe gegen Weinsberg; die ganze Stadt ſolle in Grund und Boden verbrannt, alle Männer erſchlagen werden als Sühne für den Helfenſteiner. Der Fremde war ein Würzburger Kaufmann, der ſich mit ſeinem Geleite nach Ulm hereingerettet hatte. „Umb der Pauren willen hets nit not getan. Stehlen und Rauben iſt der Herren Fürrecht im fränkiſchen Land.“ Vor dem Herrenhofe ſtanden ein paar Ritter mit ihren Knechten. „Lueget, dorten, ſell iſt der Schneppenburg, ein Strauch⸗ dieb und Heckenſchinder wie kein andrer, zetret itz über die räuberiſchen und diebiſchen Pauren. Ei, zeuch dich an deiner Schalksnaſen, du heuchleriſcher Geck!“ zürnte er. „Saget, Herr“, fragte der Michel beklommen,„iſts kein Lueg nit, daß zwanzigtuſend Päuriſche erſchlan liegen?“ „Der Beſſerer hets verkündt vom Schwörhaus abe“, ſagte der Kaufmann,„der Herzog von Wirtemberg ſeie ſeiner Schweizer nit meh ſicher geweſt, wieder abzogen, wie er kummen, het dem Truchſeß freien Paß geben uf Weins⸗ berg.“ 65² Der Michel bedankte ſich und ging ſchweigend zu ſeinem Quartier. Eh das Frauentor geſchloſſen wurde, verließ er Ulm, Würzburg zu. In den erſten Nachtſtunden des fünfzehnten Mai näherte ſich der Michel Hiltensperger der Stadt Würzburg. Wie ein mächtiges Untier lag das breite Schloß in der dunkeln Nacht vor ihm, kein Lichtlein brannte darin. Mit einemmal huſchte ein roter Schein darüber hin und erloſch. Hier brannte ein Feuer, dort eins, dann plötzlich er⸗ wacht das Untier, wild ſchreit es auf, flammend aus hun⸗ dert glühenden Augen, donnernd brüllt es aus hundert rauchenden Mäulern in die Nacht. Rote Flammen flackern auf. Brennende Kränze fliegen durch die Nacht, röten mit ihrem Scheine wogende Rauchwolken. Aus Schwefelkrügen ſpringt glühende Flüſſigkeit in gel⸗ ben Rinnen nieder. Feuerwerk in grellen Stichflammen aus Scharten und Löchern! Handbüchſen krachen und ſtechen mit ihrem Mündungs⸗ feuer aus allen Poren des breit hingelagerten Schloſſes. Geſchütze donnern in die Stadt hinunter. Menſchen ſchreien, wild und haßvoll, angſtvoll und ver⸗ zweifelt. Schmerzensſchreie trägt der Wind verworren zum Michel Hiltensperger, der klopfenden Herzens ſteht und ſtarrt. Nun glüht das ganze Schloß im Feuerſchein der Pech⸗ kränze. An den Fenſtern ſieht man die Schützen, ſieht andere mit hocherhobenen Armen als ſchwarze Schatten ſtehen. Sie ſchleudern Steinkugeln, Pulverklötze. Leitern werden umgeworfen, ſchmeißen Menſchen in die Nacht, die mit Armen und Beinen wirbelnd in die Tiefe ſtürzen. An der vorderſten Ecke der Schütte ballen ſich dunkle Schatten. Oie löſen ſich auf, rennen der Mauer zu mit hoch— erhobenem Fähnlein. Dicke Rauchwolken aus verglimmen— den Pechkränzen ziehen rot beleuchtet an dem Schloſſe empor. Trommeln wirbeln, Pfeifen gellen. Wilder, immer wilder wird das Schreien. Plötzlich hört es auf! Und langſam erloſch die Glut, und das Schloß lag wieder, ein faules, lauerndes Untier, in der dunklen Nacht. Eo lauerte! Und feuerſpeiend, brüllend reckte es ſich wieder hoch. Wieder rann brennendes Hl, ſtürzten feurige Pech— kränze, tropfte der glühende Inhalt der Pechkrüge über zuckendes Menſchenfleiſch. Wieder malmten Steine, Pulverklötze, eiſerne Ofen lebende Leiber zu Brei und Blut. Wieder krachten Hunderte von Bleikugeln in ſchreiende, ſtürmende, fallende enſchen. Dann erſtarben Ochieſſen und Ochreien, und Todes— ſtille lagerte beängſligend über der(Schlachtſlätte. *** Klopfenden Herzens näherte ſich der Michel dem Otadttor. Eine bäuriſche Wache ließ ihn ein. In allen Gaſſen ſtanden die Menſchen, angſtvoll har- rend, flüſternd, gebrückt. Verwundete, Sterbende wuürden dahergebracht, getragen, geſtützt, blutbedeckt 654 Bleich und bewußßtlos die einen, brüllend vor Schmerzen die andern, verbrannt von Schwefel und Pechkränzen, von geſchmolzenem Blei und Feuerwerk. Auf dem Markte hörte man einen ſchwarzen Reiſigen auf einen dicken, betrunkenen Mann einſchreien. Der Beſoffene war der Jakob Kohl, der oberſte Haupk— mann der Bauern, der andere ein ſchlanker Mann im ſchwarzen Gewande. „Haſtu es nit bei deiner Geelen Seligkeit dem Florian Geyer und dem Pfaffen Kunrat beſchworn, du wölleſt das Schloß nit ſtürmend, es ſeie denn, das Rottenburger Ge⸗ ſchütz wär eingetroffen?“ „Daß dich die ſchwarzen Blattern“, lallte der Beſoffene, „was ſchreieſtu mich an? Man redet viel an eim ſonnen— langen Gommertag! Weißeſtu nit, daß ich der oberſte Hauptmann bin, du, du(Straßenfeger, du!“ „Ein Weinſchlauch biſtu, ein drunken Sau!“ ſchrie der Schwarze. Der Florian Geyer iſt ein verlorner Hund. Ein Ritter! Sell wär zum Kotzen, wollt ſich der Jakob Kohl von eim Ritterle etwas laſſen ſagen! All hundrettuſend Tüfel, haſtu mich verſtanden“ Ob du, ob du, ob du mich verſtanden, du, du Ochmalzbettler, du 9“ Der andere packte den Dicken mit der Fauſt an der Bruſt und ſchüttelte ihn hin und her. Bauern und Bürger drängten ſich herzu. Die einen ſchrien dem Dicken, die andern dem GSchwarzen Beifall. Aber der raſte vor Zorn. „Ei, du volles Weinfaßß, du Weinſchlauch, du, weißſeſtu nit, wag du getan! Du haſt dem Flortian Geyer ſeine ſchwarzen Knecht zu Tod geſagt, die einzigten Manmskerle im ganzen Läger. Der Florian Geyer hett den Tüfel us der Höllen geholt mit ſeinen Schwarzen, het ſie ſelber ge muſteret. Der Florian und die Schwarzen! Doch alls umb einſunſt, alls!“ Die Stimme des Schwarzen brach ſich vor Wut, Schmerz und Aufregung. Der Dicke rückte ſein Koller zurecht und warf ſich in die Bruſt:„Mendle“, lallte er,„willtu mit Tüfelsgwalt an den Galgen? Du, du, du, ſoll ich dich laſſen— uf⸗ henken 2 Potz ja, das will ich tun, ſo wahr ich der Jakob Kohl bin!“ Der andere lachte bloß:„Daß dich der ewig Fluch ankomm, du ſäuiſcher, verſoffener, verfreſſener Hund. Friß weiters, daß du es von dir gebeſt! Der Aichelin harret dein ſchon!“ Sie zogen den Dicken fort, und ſein Widerſacher zwängte ſich durch die Menge. Der Michel aber hatte gehört, daß der Name des Pfaffen Kunrat genannt wurde, und drängte hinterdrein. An einer Hausſtiege fand er den Schwarzen, den Kopf in die Arme gelegt. Er weinte. Der Michel fragte ihn zögernd, ob er ihm nicht ſagen könne, wo der Pfaffe Kunrat ſei. Den Geſellen mochte die Scham ankommen, daß ihn der andere heulen ſah. Rauh fuhr er den Fragenden an, wer er ſei und was ihn der Pfaff Kunrat angehe. „Fraget doch ſuſt keiner meh nach ihme. Seit er furt, regieret doch der Kohl, die Rauſchſau, und der Berlinger, der verräteriſch Hund!“ Der Pfaff Kunrat ſei ſein Bruder, ſagte der Michel. Da wurde der Geſelle freundlich und legte ihm die Hand auf die Schulter:„Iſt gen Rottenburg gefahren mit dem Florian Geyer, das Rottenburger Geſchütz holen, mit dem Markgrafen handlen. Am beſten möchts ſein, Ihr wartet ſein hie zu Würzburg. Dannoch, was ſolls, het doch kein Wert nit, die guet Sach iſt verthon und verſaut! Dem Florian Geyer ſeine ſchwarzen Kerle ſeind nit 656 meh! Kerle, wies keine meh geit, vom Geyer ſelber zu⸗ ſammengeſchmiedt zum verlornen Haufen. Mannskerle, wie die Hammel uf die Schlachtbank krieben! Und zu Heidingsfeld im Läger nens dann Zank und Völlerei. Denen Burgern zu Würzburg durch die Häuſer laufen, den Sackmann machen, notzüchten. Pfei der Schand! Bruder, gang nit hinaus ins Heidingsfelder Läger, bleib hie ze Würzburg, will dir ein Loſament anſchaffen bei mim Meiſter. Iſt der Bildhauer, der Tillmann Riemen⸗ ſchneider, der päuriſchen Sach mit Herz und Hand er⸗ geben.“ Da war's dem Michel, als hätte er den Mann ſchon irgendwo geſehen. Und im nächſten Augenblick wußte er auch wo. Das war ja der junge Geſelle des Meiſters Jörg Syrlin zu Ulm. „Bin unehrlich geporn, kann nie nit Meiſter werden!“ Der Engel hatte ihm damals das bittere Wort erzählt. Der Geſelle lächelte:„Het mich der Syrlin zum Riemenſchneider geſchickt, ihm ſeine Praktik abzelernen.“ „Kann nie nit Meiſter werden!“ Das mochte ihn ins Lager der Bauern getrieben haben. Da ſiel dem Michel ein, daß ſie vor vier Wochen zu Kempten die herrliche Mutter Gottes des Geſellen geköpft hatten. Aber er ſchwieg. Der Morgen ſtieg. O blutige Pfingſten! Nun lag das Schloß breit in der Morgenſonne, zu ſeinen Füßen die Stadt Würsburg, geduckt in Angſt und Sorge. Kein Räuchlein ſtieg aus einem Schornſtein, kein Laut ertönte. Schmückle 4 657 1 114 Da blitzte es droben auf dem Turme golden auf. Eine blinkende Trompete ſchallte hell und ſchmetternd über die Stadt herunter:„Hat dich der Schimpf gerawen, ſo zeuch du wieder heim!“ Und vom mittleren Turm ertönte ſpottend eine zweite. Die blies den armen Judas! Das war ein böſer Hohn, und zu Würzburg ſaß manch ein bekümmerter Familienvater am Herd und ſann, wie das alles werden würde. Zu Heidingsfeld im Lager aber flammte Zwietracht auf Den Berlinger ziehen ſie des Verrates. Derweil die Päuriſchen händelten, krochen die Ver⸗ wundeten im Schloßgraben herum, einen Tag, zwei, drei. Jammernd und winfelnd mußten ſie verziefern, bis am dritten Tag der Henker vom Schloß mit einem Knüppel herunter ſtieg und ihnen allen die Schädel ein⸗ ſchlug. Da lagen die vierhundert Getreuen des Florian Geyer ſtill und ſtumm. Die Bauern aber ſoffen, ſtahlen, ſtritten weiter. Ja, man erlebte es, daß der Jakob Kohl und ſein Stell⸗ vertreter, der Michel Haſenbart von Mergentheim, ſich vor verſammelten Bauern verprügelten. Und der Jakob Schmid, der zu Kitzingen mit dem Kopf der heiligen Heddalogis gekegelt hatte, ſchüttete eine Gelte Waſſer über die Streitenden. Und worüber waren ſie in Streit geraten? „Haſt nit 3' Ebrach dasſelbigt thon? Desgleich z' Bürk⸗ lingen den Prior kaſtrieretꝰ“ „Ei, du Luegenbeutel, wer het alsdann die Klöſter z Ilmbach und Oberzell, z· Gerlachzell und Mariaburg⸗ hauſen plünderet, den roten Hahn uf die Gotteshäuſer gſatzte“ Damals, als gleichzeitig zwanzig und dreißig Burgen ihren Brandſchein in das Land warfen, da konnte ſich keiner 658 genug rühmen, die Fackel in ein Storckenneſt geſtoßen zu haben. Jetzt wollte es keiner geweſen ſein. Der Waſſerguß hatte der Streiterei ein Ende gemacht; dafür loderten die Händel andernorts wieder auf. Die Bauern begannen ſich untereinander zu haſſen, als ſuche ein jeder einen Vorwand, ſich aus dem Lager zu drücken. Dazu kamen die böſen Nachrichten. Weinsberg in Grundserdsboden verbrannt, Heilbronn verloren, der Thomas Münzer gefangen, viertauſend Bauern dabei erſchlagen. Der Markgraf Kaſimir, der an den Ufern der Bewegung auf und ab gegangen war, lauernd, was ihm der Strom zutrage, ließ die Maske fallen. Zwanzigtauſend Bauern bei Zabern erſchlagen. Der Truchſeß im Anmarſch! Und dann kam das Schlimmſte! Ein Prädikant hatte Luthers Aufruf wider die Bauern ins Lager gebracht und verleſen: „Wider die mörderiſchen und räuberiſchen Rotten der Bauern! Man ſoll ſie zerſchmeißen, würgen und ſtechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totſchlagen muß. Darum, liebe Herren, loſet hie, rettet hie! Steche, ſchlage, würge ſie, wer da kann. Bleibſt du darüber kot, wohl dir, ſeligeren Tod kannſt du nimmer⸗ mehr überkommen!“ Da packte die Bauern eine ſinnloſe Wut. Den Prädikanten zerriſſen ſie und ſchmiſſen ſich gegen⸗ ſeitig mit den blutigen Fetzen! Und lachten, lachten, lachten! ***. Der Bauernhans von Mergentheim hatte die Schreckens⸗ kunde von Königshofen gebracht. 659 ee ee ——————— Dreitauſend bäuriſche evangeliſche Brüder hingeſchlachtet, derweil ſie fromme Lieder ſangen, hingeſchlachtet wie Kälber! „Nit wahr iſts“, ſchrien die einen,„henket den Potten uf, der Truchſeß ſpricht us ihme, ei, über den gekauften Hund!“ Und nicht viel hätte gefehlt, ſie hätten den Boten an dem Galgen hochgezogen. Andere bekamen es mit der Angſt zu kun, und man ſah ganze Gruppen von Bauern heimlich ſich aus dem Lager ſtehlen. Gregor aber, der wackere Hauptmann, lag mit viertauſend Mann bei Heidingsfeld. Dort war im grauenden Morgen der Florian Geyer mit dem Engel ins Lager geſprengt. Klatſchnaß hingen ihnen die Haare ins Geſicht. Sie ſprachen wenig. Das kurze Stündlein, das die Rotten brauchten, um ſich marſchbereit zu machen, lagen ſie wie tot am Boden, ſo daß man ſie kaum wachbekommen konnte. Am ſtrahlenden Pfingſtmorgen zog der Haufen die Steige im Heidingsfelder Wald hinauf. Die Sonne ſtieg, und warm und wärmer goß ſie ihre Strahlen über das blühende Land. Schweigend ſchob ſich der Haufen bei hellem Vogeljubel durch den Wald, Röttingen zu, als ihm auf ſeinem Wege ein einzelner Landsknecht folgte. Es war der Michel, der am frühen Morgen von Würz⸗ burg her ins leere Lager gekommen war und nun die anderen einzuholen krachtete. Er ging ſeinen langen, gleichmäßigen Schritt. Immer heißer ſchien die Sonne, ſo daß es ihm in dem vielfach gefältelten Wams eng werden wollte. Er riß es auf und gab die freie Bruſt der Luft und der Sonne. Ein Pfingſten, ſo voll Sonne, Licht und Vogeljubel, ſo voll Freude über Feld und Flur, daß der Michel 660 Hiltensperger faſt nicht mehr an all das Morden und Brennen glauben wollte, das die Lande füllte. Als müßte er ſingen, ſo froh war ihm ums Herz. Da— kurz vor Ingolſtadt, kamen atemlos etliche Bauern gerannt. Ohne auf ſeinen Anruf zu halten liefen ſie weiter über Stock und Stein. Wieder kamen einige, diesmal mehr, zehn, dahinter zwanzig. „Fleuch, Bruder“, ſchrien ſie,„der Truchſeß über uns!“ Der Michel ſuchte ſie zu halten, aber ſie waren vor Angſt wie von Sinnen. Da packte er ſeinen Spieß feſter und ſchritt zu. Hinter Ingolſtadt ſah er auf einmal die Wagenburg der Bauern vor ſich; eine halbe Meile vom Gutenberger Wald ſtand ſie im freien Feld, einzelne Geſchütze zwiſchen den Wagen, leer und verlaſſen. Im Feld davor aber wimmelte es von flüchtenden Bauern. Sie liefen dahin und dorthin, planlos und verzweifelt. Zwiſchen dem Gewimmel ſah man Reiter, die mit Schwert und Spieß auf Wehrloſe einhieben und einſtachen, die längſt ihre Waffen weggeworfen hatten. Immer mehr brachen zuſammen und blieben regungslos im Felde liegen. Von weitem erkannte man, daß es den Reiſigen eine fröhliche Hatz war. Aber ein Haufe, dicht geſchloſſen, an die ſechshundert Mann, mit Büchſen, Spießen und Hellebarden, eine trutzige geballte Maſſe, zog auf Ingolſtadt zu. Wie die Krähen auf den Habicht, ſtießen von links und rechts ganze Schwärme von Reitern gegen die weidlichen Geſellen. Immer wieder ſtoben ſie zurück vor den krachenden Handrohren, immer wieder ſenkten ſich die Spieße, und der Haufe ſtand wie ein ſtachliger Igel im Feld. 66¹ Bei Ingolſtadt an der langen Doruhecke machte er halt und ſtellte ſich zur Wehr. Zwölfhundert Reiſige ritten an wider den Rechen von Spießen und Hellebarden. Ein wilder kurzer Zuſammenſtoß, und die Reiter prallten zurück. Und wieder ſchulterten die Sechshundert ihre Waffen. Zweihundert warfen ſich in den Kirchhof. Vierhundert rannten gerade auf den Michel Hiltens⸗ perger zu. Man ſah, ſie wollten das Schlößlein gewinnen. Schweiß und Dreck und Blut im Geſicht, kamen ſie dahergeſtürmt, die Geſichter verzerrt, in todesmutiger Wildheit. Allen voran, hoch zu Roß, ein Ritter in ſchwarzer Rüſtung; das blutige Schwert in der Fauſt. Der Helm mochte draußen in den Ackern liegen. Triefend hingen ihm die Haare ins Geſicht, die Augen brannten! Das war der Florian Geyer! Und einer zu Fuß, in Landsknechtstracht, ein Rieſe, der eine ſchwarze Fahne ſchwang. Das war der Engelbert Hiltensperger! Mit einem Sprung war der Michel bei ihm, entriß einem Bauern, der ſtöhnend zuſammenbrach, ſeinen Mor⸗ genſtern. Der Geyer ſprang vom Gaul. Gellend hallte ſeine Stimme:„In den Burgſtall.“ Und die Vierhundert warfen ſich ins Schloß. Vor wenigen Wochen hatten's die Bauern ausgebrannt; aber noch war das Gemäuer ſtark und dick, noch ſtand der ſtarke Turm, noch zog ſich ein tiefer Graben herum. In wilder Eile wurde verſchanzt. Balken und Steine wurden geſchichtet, und ſchon krachten die erſten Schüſſe in die andrängenden Reiſigen. 662 Ein Dutzend wohl ſank von den Gäulen. „Kummeſt zur böſen Stunden, Bruder.“ „Bin kummen, dich holende, Engel, tuet bitterlichen not.“ „Uns holet heunt leichtlich ein andrer, Michel!“ „Nit ſchießen“, ſchallte die Stimme des ſchwarzen Ritters,„ſparet die Büchſenſtein, werdet ſie notlich brauchen!“ Man ſah, wie ſich die Bündiſchen ſammelten und zu Haufen zuſammenſchloſſen— wie ſie näherrückten, hörte die Roßknechte, die die Ge⸗ ſchütze mit hott und hüſcht antrieben. Man ſah, wie die Stückknechte in die Räder griffen, an Stricken die Schlangen in Stellung zogen. Im Schlößlein aber war keiner müßig. Verbrannter Hausrat, leere Fäſſer, Steine, aus den Mauern ge⸗ brochen, wurden zum Verſchanzen herbeigeſchleppt. Vom Kirchhof her tönten die erſten Schüſſe. Dort liefen die Bündiſchen an. Von der Kirchhofmauer krachten Schüſſe, aus den Kirchenfenſtern, aus jedem Turmloch, aus den Dachziegeln fuhr Feuerſtrahl auf Feuerſtrahl. An die hundert Bauern ſtanden auf der Friedhofmauer und hieben und ſtachen in die andrängenden, ſtürmenden Knechte. Man hörte das Krachen der Morgenſterne, die auf die Helme der Reiſigen niederſauſten, hörte den Auf⸗ ſchrei der Getroff enen. Immer neue Haufen von Reiſigen drängten an. Unweit ſtanden die gekoppelten Roſſe. Stürzte einer, der eben die Mauer erklommen hatte, zurück, ſo ſtand im Augenblick ein andrer an ſeiner Stelle. Dann hielt ſich der erſte, dann ein paar, andere drückten nach. Hauend, ſtechend wurden die Bauern von der Mauer herunter, der Kirche zu gedrängt. Vor der Kirchentüre häuften ſich die Toten. Immer wieder ſtarrten neue Spieße den Angreifern entgegen. Krachend ſchlugen ihnen Ziegel auf die Köpfe, die hoch 663 vom Dach geſchleudert wurden, auf dem die Schützen lagen und herunterſchoſſen. Jeder Stein, jeder Schuß traf, denn die Angreifer waren dicht geballt. Sie drängten vor, ſie wogten zurück. Da trieb der Truchſeß den Schenk von Staufenberg mit ſeinen Schützen zum Angriff. Die ſchoſſen mit ihren Handrohren hinter der Friedhof⸗ mauer vor, ſo oft ſich ein Kopf auf dem Kirchendach zeigte. Krachend gingen die Schüſſe hin und her. Sturmleitern wurden angelegt. Ein mächtiger Fähndrich mit ſeinen Knechten ſtellte ſie an den Kirchenfenſtern an. Man ſah, wie die Knechte unterm Schutze der Haken⸗ ſchützen mit Feuerbränden die Leitern hinaufſtiegen, wie ſie das brennende Pech durch die Fenſter ſchleuderten. Und dann ſchlug das Feuer aus dem Dache. Dazwiſchen ſtiegen Köpfe auf, die dem Rauch entgehen wollten. Immer wieder ſchlugen die Schüſſe aus dem Qualm. Vor der Kirchentüre hatten ſich die Toten ſo gehäuft, daß die Verteidiger nicht mehr darauf ſtehen konnten. Alſo ließen ſie den Angreifer den Haufen erklimmen und ſtachen ihn dann herunter. Und der Haufen ſtöhnte, zuckte, ſchrie. Her! Her! Dran! Dran! Aufſchrei um Aufſchrei! Schon ſchlugen die Feuer hoch aus dem Dachfirſt. Im Lichte der Flammen, grellrot beleuchtet, ſah man da und dort mit fliegenden Gliedern einen um den andern vom Dache ſtürzen. Seltener blitzten die Schüſſe aus den Ziegeln. Man ſah, wie das Feuer im Turminnern hinauffraß. Gruppen Verzweifelter brachen halberſtickt aus der 664 brennenden Kirche, ſchlugen, ſtachen verzweifelt um ſich und brachen dann zuſammen. Keiner rief um Fried oder Gnad. Keiner, der nicht bis zuletzt ſein Leben teuer verkaufte. Dann ſtürzte die Kirche krachend zuſammen. Ein Meer von Funken ſtob himmelwärts. Dahinter eine mächtige ſchwere Rauchwolke, die ſich ſchwarz über den Friedhof legte. Dann hörte man nur noch das Kniſtern der freſſenden Flamme, das Stürzen brennender Balken. Nun ſammelt der Markgraf ſeine Ritter und Reiſigen, ſie zum letzten, furchtbarſten Sturme zu ballen. Gegen das Schloß. Das Geſchütz wird näher herangebracht. Todesſchweigen bei denen, die zum letzten Gang fuͤr ihre bäuriſchen Brüder ſich anſchicken. Wilde entſchloſſene Augen ſtarren hinunter, dorthin, wo die letzten Vorbereitungen zum Sturme getroffen werden. Endlich ſind die Geſchütze aufgeſtellt. Im Helm und Federbuſch ſieht man die Herren zwiſchen den Geſchützen ſtehen, ſieht, wie der Pfalzgraf ſie zur Seite weiſt, damit der Büchſenmeiſter nicht behindert iſt. Dann kracht der erſte Schuß gegen die geborſtene Schloß⸗ ruine. Mörtel, Staub und Dreck fliegen hoch in die Luft. Schuß auf Schuß, Salve auf Salve brüllt auf, und ſchon fliegen zwiſchen dem ſtäubenden Schutt menſchliche Glieder hoch. Ei, wie da die Herren lachten! Noch eine Salve, und die Mauer ſtürzt auf einer Breite von dreißig Schuh zuſammen. Als ſich die Staubwolke verzogen hatte, war die Lücke von Menſchenleibern ausgefüllt. 665 In ihrer Mitte ſtand ein Ritter im ſchwarzen Harniſch mit wallender ſchwarzer Fahne hinter ſich. „Hoſta madoſta!“ ſchrie der Truchſeß,„der Florian Geyer! Fünfhundert Goldgülden dem, ſo mir den Erzböswicht lebende oder kot bringet!“ Schon wirbeln die Trommeln, ſchon laufen ſie an! Grafen, Ritter, Reiſige, Fußknechte, keiner bleibt da⸗ hinten. Mit wildem Aufſchrei ſtürzen ſie in den Graben. Da ſchlägt ihnen krachend ein Regen von Kugeln ent⸗ gegen, ein Hagel von Steinen praſſelt nieder, und in einem Augenblick wälzt ſich ein Haufen ſchreiender, zuckender Men⸗ ſchen im tiefen Schlamm des Grabens. Verwundete erſticken, ſtoßend und um ſich ſchlagend, im Moraſt. Die einen prallen zurück, die andern ſtürmen vor, hängen mit Fingern am Grabenrand und ſuchen ſich hinaufzuziehen, bis ihnen die Hände abgeſchlagen werden und ſie auf⸗ ſchreiend zurückſtürzen. Spieß und Hellebarde, Morgenſtern und Fauſtknüppel arbeiten in die Stürmenden. Vorn am Grabenrand ſteht der ſchwarze Ritter und ſchwingt ſein Schwert. Wie heller Habichtsruf, jubelnd und wild, klingt ſein Schlachtruf, mit dem er ſeine Bauern antreibt. Unweit von ihm der mächtige Landsknecht, der Engel, der ſeinen Bihander auf die Schädel krachen läßt. Sechs Paternoſter lang— Dann weichen die Stürmenden. Eine Salve noch in ihren Rücken auf zwanzig Schritt. Ein Stürzen, Patſchen im Sumpf. über hundert Tote und Verwundete liegen im Graben und auf der Mauer. Das war der erſte Sturm! 6⁵ Und wieder donnern die Schlangen und ſchlagen ihre Steinkugeln in das wankende Gemäuer. Stück um Stück brüllt auf, mitten in die Bauern hinein. Die reißen in wilder Haſt mit ihren blutigen Händen die ſtürzenden Steine an ſich, um die Lücken in den Mauern zu ſchließen. Drei, vier auf einmal reißt die Stückkugel in blutige Fetzen. Andere ſpringen ein. Auch ſie werden zu Brei und Blut geſchoſſen. Um neuen Platz zu machen! Schuß auf Schuß. Elle um Elle erweitert ſich das Sturmloch. Keuchend arbeiten die Bauern. Wildes Heldentum iſt erwacht in den Seelen der Ge⸗ knechteten. Tapferer und kodestreuer haben die größten Helden der Geſchichte nicht gekämpft! Immer wieder hallt die Stimme des Florian Geyer, aufreizend, peitſchend. Noch ein Schuß, und weit klafft das Sturmloch. „Dran!“ ſchrie der Truchſeß, und wieder laufen ſie an. Springen in den klatſchenden Schlamm, legen Leitern an den Grabenrand, klettern mit Händen und Füßen hoch. Aber kein Schuß fällt. Die Bauern auf dem Grabenrand haben nur noch wenige Kugeln zu verſchießen. Schweigend, mit knirſchenden Zähnen ſtehen ſie, bis die Bündiſchen im Bereich ihrer Arme ſind. Dann ſetzt das ſtumme Ringen ein. Mit Kurzmeſſer und Hacke, mit Stein und Prügel wird gearbeitet. Steine krachen von oben auf die Stürmenden. Kein Schrei, nur Stampfen und Keuchen— ein wür⸗ gendes Morden. Ein Bauer um den andern erliegt der ÜUbermacht, die 667 immer neu ſich ergänzt. Liegt er am Boden, ſo ſticht, beißt und ſchlägt er um ſich wie ein wilder Eber, bis ein Hieb über den Schädel ihn vollends ſtumm macht. Offen liegt die Breſche. Die Ritter, die— zu ihrer Ehre ſei's geſagt— in der vorderſten Reihe kämpfen, jauchzen und dringen hindurch Krachend ſchlagen ihnen die Kugeln der Bauern enk⸗ gegen, und zu ihrem Schrecken ſehen ſich die Herren einer neuen Mauer gegenüber, ſechs Ellen hoch, mit einem ein⸗ zigen Fenſter darin, aus dem die Schüſſe flammen. Die bündiſchen Knechte wollen nicht nachgeben. Wie die Katzen an den Bäumen, ſo hängen ſie an der Mauer, um einer nach dem andern wieder herunterzufallen. Da ließ der Truchſeß zum andern Male zum Rückzug blaſen. Und zum dritten Male richten die Büchſenmeiſter das Geſchütz. Schuß um Schuß legt die innere Mauer in Schutt und Trümmer. Das Schlößlein von Ingolſtadt liegt, als wäre alles Leben in ihm erloſchen. Die in ſeinen Gängen und Höfen ihrer Stunde harren, wiſſen, jetzt kommt das Schwerſte! Die Geſchütze ſchweigen, die Bauern treten zum letzten Kampf an. Draußen blaſen die Trompeter. Nun kommen ſie. Zwei letzte Kugeln fliegen aus den Rohren. Hans Sattler, der Fähndrich von Augsburg, bricht zu⸗ ſammen. Der von Mürnberg ſchreit noch:„Gott ſei mir gnädig!“ Dann gibt er ſeinen Geiſt auf. Sie ſind aneinander. 668 Die Arme verkrampfen ſich im wilden, verzweifelten Ringen. „Wo iſt der Florian Geyer?“ brüuͤllt einer,„ſteh mir, Florian!“ „Florian“, kann er nur noch gurgeln. Der Gerufene krennt ihm eben mit einem Hieb den Kopf vom Rumpf. Dann geht alles einzelne unter. Mit Stein und Schwert und Spieß ſtechen ſie, hauen ſie und treten ſie die Sterbenden vollends zu Tode. Keiner will Pardon! Man hört nur das Keuchen und Stöhnen der Ringen⸗ den, das Klirren der Waffen. Da, wo der Engel und der Michel kämpfen, liegen die Knechte zu Haufen. Mit geſpreizten Beinen ſtehen die beiden mächtigen Bauern und decken ganz allein den Gang, der zum Keller führt, in den ſich an die fünfzig Bauern zurückgezogen. „Her! Her!“ brüllt der Engel, wie er's einſt in Lom⸗ bardien getan. Da merken die Landsknechte, die wider ihn ſtanden, daß er einer von der Zunft iſt. Und wenden ſich nach einer andern Seite. Die Nacht bricht herein, und tiefes Dunkel legt ſich über die Würgenden. Wo der Engel ſein„Her!“ brüllt, weichen ſie vor ihm, denn die Nacht läßt den Gegner nicht mehr erkennen. Taſtende Hände ſuchen erſt an Mütze oder Sturmhaube, an Wams oder Armſchienen, ob Freund oder Feind, um dann würgend des andern Hals zu umklammern. Der Truchſeß ſchreit nach Fackelbränden. „Her!“ brüllt der Engel, der eben eines Reiſigen Schädel an der Mauer zerſchmettert hatte. Da hört er mit einem den Florian Geyer neben ſich:„Engel, wir wellent hin— durch!“ 669 Hinter der Zugbrücke drängen ſich noch an die zwei⸗ hundert Bauern. Plötzlich ſchlägt ſie raſſelnd nieder. Voraus der Engel mit dem Michel und dem Florian Geyer brechen ſie los. „Her!“ brüllt der Engel,„her!“ Da prallen die Bündiſchen zurück, denn ſie glauben, es wären die Ihren. Als ſie den Irrtum erkennen, fahren ihnen ſchon die Spieße zwiſchen die Rippen. Hauend, ſtechend ſchlagen ſich die Bauern bis zum Walde durch. Der Truchſeß läßt ſeine Reiter aufſitzen. Im hellen Mondſchein brauſen ſie über die Acker und umſtellen das Gehölz.— Fünfzig Bauern waren im Keller des Schlößleins ein⸗ geſchloſſen. Zu ihnen hieß der Truchſeß ein paar Fäſſer Pulver werfen und ſprengte ſie zu Blut und Fetzen. Was noch lebte, wurde erſchlagen. Dann lag das Schweigen des Todes über der Kampf⸗ ſtätte. Zweihundert tote Bauern deckten die Trümmer. *** Der Truchſeß ließ die Trompeten ſchmettern und die Trommeln rühren. Dann zog er den Ring um den Wald. Langſam ſtiegen ſchwere Wolken am Himmel auf und ſchoben ſich vor den Mond, ſo daß die Nacht ganz finſter wurde. Da zündeten die Bündiſchen rings um den Wald Holz⸗ ſtöße an, damit ſich keiner durch die Kette ſchleichen könne. Die Bauern mußten ſich erſt im Dunkel des Waldes durch Zuruf zuſammenfinden. In der Mitte des Gehölzes bildeten ſie eine viereckte 670 Schlachtordnung, denn ſie fürchteten, die Bündiſchen möch⸗ kten ſie im Walde angreifen. Als aber die Feuer aufflammten, da wußten ſie, daß der Truchſeß bis zum Morgen warten wolle. Einer um den andern legte ſich kodmüde unter die Büſche. Die Knechte des Truchſeß riefen ſie mit Hohnworten an. Sie hörten kaum hin. Und als der Mond wieder für eine Weile aus den Wolken hervortrat, war es im Walde ganz ſtill geworden. Unter einer mächtigen Buche lag der Engel. Ein Spieß hatte ihn hart in der Hüfte getroffen. Langſam war das Blut in der Wunde verſickert. Neben ihm lehnte der Florian Geyer mit dem Kopf am Stamm der Buche, auf der andern Seite der Michel Hiltensperger. Schneeweiß leuchtete das Antlitz des Verwundeten, als der Mond am Stamm herunterkroch und ſich darüber ſchob. Aber ſein Auge hatte die alte Kraft, und ſchier heftig fuhr er auf, als er den Geyer fragte:„Was itz, Bruder Geyer?“ „Am morgenden Tag, in der Fruh, wurt das letzt Wörtle geſprochen.“ „Am morgenden Tag? Weiß nit, ob ich alsdann min mächtig bin. Itz möcht ichs no ſeind!“ „So meineſtu, Bruder Engel, wir ſollten uns durch⸗ hauent?“ Der Engel nickte. „Und hernach?“ „Hernach ſuechet ein jeder ſein Weg; hie iſt alls vertan und verlorn.“ „So will ich ſehen und mich zum Gaildorfſchen Haufen kun.“ „Mich rufent die Meinen ins Allgaw. Iſt doch alls 671 eins. Handlet ſich bloß um ein ehrlich End, Bruder Geyer. Das Spill iſt us und vertan!“ Sie machten nicht mehr viel Worte.— Sie rieten den Brüdern, den Durchbruch zu verſuchen, hielten ihnen in beweglichen Worten vor, daß der Tag den Tod bedeute und die einzige Rettung noch in der Nacht liege. Aber nur an die fünfzig wollten mittun, die andern warfen ſich wieder auf den Boden und ſchüttelten bloß die Köpfe. Noch einmal reichten der Florian Geyer und der Engel ſich die Hand. Sie mußten ſich beide abwenden. „Bruder, wir hant umb ein hoches Ding geſpillt!“ „Denen Teutſchen iſt nit zu helfen, Gott verzeihs. Sie müſſent tun, was ihr Verderb, das iſt der ewig Fluech!“ Dann wandte ſich der Geyer hart ab und gab denen, die ſich durchſchlagen wollten, mit leiſer Stimme ſeine An⸗ weiſungen. Bald hier, bald dort ließ er etliche Bauern einen Schein⸗ ausfall aus dem Walde machen. Beim erſten Waffen⸗ lärm mußten ſie ſich wieder in den Wald zurüͤckziehen. Allſtündlich ertönte an anderer Stelle das Schreien und Schießen. Mit der Zeit wurden's die Bündiſchen muͤde, denn ſobald ſie von den Nachbarfeuern zuliefen, waren die Bauern ſcheinbar haſenherzig in das Dickicht zurückgelaufen. Um zwei Uhr in der Nacht brach der Haufen der Todes⸗ mutigen mit furchtbarem Stoße hindurch. Erſt wurde das nächſte Feuer auseinandergeriſſen, die herbeieilenden Knechte erſchlagen, und hinaus ging's in das Dunkel, ehe die von den Nachbarfeuern zulaufen konnten. Zwanzig Knechte lagen in ihrem Blute, von den fünfzig Bauern nicht ein einziger. Die es nicht gewagt hatten, ließ am andern Morgen der Truchſeß bei einem Keſſeltreiben im Walde erſchlagen. * Die Herren hakten eine neue Jagdweiſe erfunden. Das Bauernſtechen! Ihre Hunde übten ſich im Aufſpüren verſteckter Menſchen. Das war für die Herren eine fröhliche Hatz! Wer bis zum Abend die meiſten Bauern geſtochen hatte, war Sieger und Zechkönig. In Gebüſchen, in Heuſchobern, in Ställen, in Backöfen wurden die Unglücklichen aufgeſtöbert, aus Fruchtfeldern, aus Wäldern, aus Sümpfen, aus Schilf und Moos wurden ſie herausgezogen. So ſchwärmten die Ritter und Reiſigen vor dem Fuß⸗ volk her, mordend, würgend, brennend. War man müde, trieb man die Bauern zu Haufen wie Hammelherden die Landſtraße entlang. Suchte einer aus⸗ zubrechen, ſo ließ man ihn von den Hunden niederreißen, ſtach ihm die Augen aus oder henkte ihn am nächſten Baum. Die Haufen Fußvolks, die hinterher kamen, marſchierten durch ein Spalier Gehenkter, von denen die einen die Zunge herausſtreckten, die andern zu lachen ſchienen. Das gab dem Fußvolk allerhand zum Spaßen. Der Engel und der Michel hatten einem verſprengten Reiſigen einen Gaul abgenommen. Nun mußten ſie ſich durch den Mordſchwarm durch⸗ ſtehlen. Wohl gab ihnen das Landcknechtskleid einige Sicherheit, aber manch ein Ritter, der zuvor im bäuriſchen Lager als Bruder Bauer große Worte gemacht hatte, drehte den Spieß um und ſtach in ſeine bäuriſchen evan⸗ geliſchen Brüder, was der Arm hergab, ſchmähte, hetzte und mordete, ſchlimmer noch als die Bündiſchen, um ſich gut Wetter beim Truchſeß zu ſichern. Vor den Bauern brauchten ſich die beiden nicht zu fürchten, die liefen zu Hunderten wie die Haſen, wenn ſie eines Lands⸗ knechts Rock von weitem ſahen. Schmückle 43 673 Aber auch das war ſchlimm, denn ſie konnten keine Kund⸗ ſchaft bekommen und kein Stücklein Brot. Wo die Bündiſchen geweſen, war kein Biſſen mehr auf⸗ zutreiben. Und was das furchtbarſte war, Bauer wandte ſich gegen Bauer mit Verrat und Meuchelmord und wurde doch nachher ſelber an der nächſten Waldecke erſchlagen wie ein koller Hund! In großem Bogen holten die beiden aus, weit um Würzburg herum, bis ſie all die verkohlten und rauchenden Gehöfte hinter ſich hatten. Den Engel quälte die eiternde Hüfte; ſchwankend, vor Schmerzen oft ſtöhnend ſaß er im Sattel. So konnten ſie nur ein paar Stunden reiten und mußten ſich dann irgendwo im Walde niedertun, bis der Wunde wieder Kräfte geſammelt hatte. Meiſt ritten ſie in der Nacht, die ihren ſchirmenden Fittich um ſie legte. Am dritten Tage ſchon begann der Engel zu fiebern. Der Truchſeß war vorbeigebrauſt, Brandſtätten und ge⸗ henkte Bauern bezeichneten den Weg, den er genommen hatte. In den Wäldern, in denen ſie nächtigten, ſtießen ſie dann und wann auf Bauern, die ſich mit Weib und Kind, mit Vieh und fahrender Habe verſteckt hielten und ihnen zu eſſen gaben. Die Tage waren heiß und das Lager im Walde ein Schmerzenslager. Mücken und Ungeziefer fanden den Weg zur Hüftwunde des Engel, und im Fieber wälzte er ſich oft ſchmerzvoll zwiſchen den Tannen, bis der Abend Kühlung brachte. Dann hob der Michel den Stöhnenden aufs Roß und zog mit ihm abſeits der Hauptwege der Heimat zu. Immer kleiner wurden die Märſche, immer ſchwächer der Todwunde. 674 Er hing nur noch im Sattel, und das Rößlein brach ſchier zuſammen unter ſeiner mächtigen Laſt. Dann kamen ein paar ganz ſchwere Tage! Das Fieber tobte, und der Michel vermochte den Bruder nicht mehr auf den Gaul zu heben. Zwiſchen Ottenbeuren und Memmingen lag er im Walde an einem kühlen Quell. Das Fieber ſchüttelte ihn, daß er hinausſchrie und der Michel Mühe hatte, ihn zur Ruhe zu bringen. „Her! Her!“ ſchrie er und ſchlug um ſich, rief nach dem Florian Geyer, daß er die ſchwarze Fahne entrolle. Dann wieder klagte er ſtill vor ſich hin um die verlorene Sache. Der Michel ſaß dabei, kühlte ihm Stirn und Puls und horchte auf die Reden des Fiebernden. Da dämmerte es ihm, daß es dem Engel um anderes ging als um Beſthaupt und Fallhuhn, um etwas, das er nicht erfaßte, vor dem ihm ſchwindelte. Drei Tage und drei Nächte hatte er gelegen. Der Michel war gegangen, um etwas zum Eſſen zu holen. Da kam der Engel wieder zu ſich. Ganz ſtille war es um ihn. Silbern floß der Mond an den Stämmen herunter und kropfte von den Zweigen. Und langſam hob ſich die große volle Scheibe über die Tannenſpitzen. Der Silberquell neben ihm plätſcherte zwiſchen den großen Fächerfarnen. Er fühlte keine Schmerzen mehr, und in ruhigen Schlä⸗ gen ging ihm der Puls. Er blickte um ſich. Wo war er? Was war denn geweſen? Ei, mit dem Michel war er geritten. Und alles ſiel ihm langſam wieder ein. 675 Ein paar Schritte zur Seite ſtand der Klepper. Wo war doch der Michel? Da hörte er ihn zwiſchen den Bäumen kommen. Eier brachte er, Rauchfleiſch und Brot. Und Neues wußte er auch. Fünfhundert Goldgülden hatte der Truchſeß auf den Kopf des Pfaffen Kunxrat geſetzt. Zwanzigtauſend Mann ſtark lagen die Allgäuer an der Luibas. Der Engel kannte die Stellung. Links war ſie durch die Iller, rechts durch ſumpfigen Wald geſchützt, davor der Steilhang der Luibas. Ein alter Obriſte hätte keine beſſere Stellung finden können als der Schmid Knopf! Als der Engel hört, daß der Truchſeß nur über ſechs⸗ ktauſend Mann verfüge, da lodert die alte Flamme noch einmal in ihm empor. Noch einmal das Rad herumreißen! Faſt ohne Hilfe ſtieg er zu Roß. *** Hinter Ottenbeuren war er am Ende ſeiner Kraft. Alle paar Schritte ſtolperte der Klepper. Dem Schmerz der Wunde nachgebend, hing der ſchwere Mann einſeitig im Sattel. Ein eiternder Druck war die Folge— der Gaul mußte Ruhe haben. Mirgends war in den letzten Tagen etwas von den Bũn⸗ diſchen zu ſpüren; alſo beſchloſſen die beiden, im nächſten Gehöft um Nachtquartier zu garten. Eine junge Magd öffnete und bedeutete ihnen unwirſch, im Stall Quartier zu nehmen. In der Ecke war Torfſtreu geſchichtet. Darauf warf ſich der Engel. 676 Inzwiſchen ſattelte der Michel den Gaul ab, bat die Magd um etwas Haber. Sie hätte keinen. Wo der Bauer ſei. Da holte die Magd den Haber. Sie wollte nicht zu⸗ geben, daß ſie mit dem alten tauben Ahne allein auf dem Hofe war. Der Michel tränkte gerade den Gaul am Brunnen, als er Stimmen hörte, und ehe er noch den Klepper in den Stall ziehen konnte, ritten drei Reiſige in den Hof. Ihn ſehen und anreiten war eins. Was er ſei, bündiſch oder bäuriſch? „Gut bündiſch“, ſagte der Michel. Aber ſie wollten ihm nicht glauben. Wie ſein Hauptmann heiße, ſein Fähndrich, wie die Loſung ſei, wo ſein Fähnlein liege. Da war guter Rat teuer; ein Blinder mußte merken, daß etwas nicht ſtimme. „Daß dich Sankt Urbans Plag beſteh, du ſchwarzer Rotzpaur!“ ſchrie einer.„Was for ein ſeltzam Vogel biſtu? Will dir das Herz uſerm Buſen ſchneiden, ſchauende, obs gar ſo faſt bündiſch ſchlaget!“ „Potz Druſen“, ſchrie der zweite,„lueget, do ſtoht ein andrer.“ Und ſchon drang er mit ſeinem Spieß auf den Engel ein, der unter der Stalltüre erſchienen war. Der Engel ſchlug ihm den Spieß beiſeite und ſprach ganz ruhig zu dem Reiſigen:„Hini zum Tuifel! Was willtu? Biſtu nit zu Pavia unter des Frundspergs Knech⸗ ten geweſt?“ „Soll ich dir eins im Pavier Ton blaſen?“ fragte der Reiſige grob. Da ſiel ihm aber der dritte Reiſige ins Wort:„Potz Dules, iſt das nit der doll Pfaff von Vincenza? Daß dich der Donner erſchmeiß“, fuhr er den andern 677 9 CCPFFPFPCCPCCCCCCCC0000000000bbb eeesfeee eeeee an, als der wieder gegen den Engel anreiten wollte,„laß ab, ſuſt möcht der Frundsperg über dich kummen.“ „Was kümmrets mich“, knurrte der,„päuriſch oder bündiſch, darumb wurt geknoblet!“ „Heunt bündiſch“, lachte der dritte,„ob morgenden Tags, ſell weiß ich heunt no nit!“ Zum Engel aber ſagte er:„Du ſollt ohn Sorg ſeind, Bruder. So du päuriſch biſt, ſteck dein Fähndlein um. Der Frundsperg reut heran mit dreituſend handfeſten Knech⸗ ten, het uns der Markgraf zum Frundsperg mit Poſten geſchickt. Der hinwiederum hat uns zum Truchſeß heißen reuten, ſein Kommen zu vermelden. Biſtu guet bündiſch, ſo reit mit uns morgenden Tags in der Fruh.“ Damit war der Handel fürs erſte erledigt. Die Reiſigen ſattelten ab, tränkten ihre Gäule, ließen ſich von der Magd ins Heu weiſen. Dann gingen ſie daran, den Hof nach Speiſe und Trank zu durchſuchen. Als ſie nichts fanden, nahm der eine die Magd beim Kragen, und bald ſtand Brot, Käſe, ja ſelbſt Wein auf dem Tiſch der niederen Lehmhütte. Der Engel und der Michel mußten mithalten. Sie ſprachen von Pavia, zwei von den dreien waren dabeigeweſen. Die Magd mußte immer wieder hinter den Schafſtall laufen, wo in einer Gelte der Wein ſtand, den der Bauer im Lager bei Luibas geſtohlen hatte. Die Knechte ſoffen ihn wie das Waſſer. Ob der Engel und der Michel bäuriſch ſeien, das wollten ſie nicht mehr wiſſen; kotz, er war ja bei Pavia dabei ge⸗ weſen, alſo ein ehrlicher Landſer! „Wir zween denen zweien!“ Da mußten die beiden gehörig Beſcheid tun. Der Engel hätte gern Neues erfahren. Als die Knechte genug geſoffen, löſte er ihnen die Zunge. Sie ſchrien durcheinander, daß der Engel Mühe hatte, 678 alles auseinanderzuhalten, ſtellen. Zu Würzburg hatte der Truchſeß ſiebzig Männern die Köpfe auf offenem Markte abſchlagen laſſen. Ihre Weiber und Kinder mußten dabeiſtehen. Zu Kitzingen hatte der Markgraf Kaſimir den Bürgern Leib und Leben zugeſagk. Dafür wurden ſechzig Männern die Augen ausgeſtochen. Man jagte ſie auf die Landſtraße, wo ſie elend verzieferten. Die Reiſigen wollten ſich kranklachen, als ſie ſchilderten, wie die Geblendeten umeinandergetappt waren, wie ſie die Köpfe an die Hausmauern geſtoßen hatten, wenn die Bün⸗ diſchen ſie durch falſche Zurufe für Narren hielten. Sie erzählten, wie ſie Gehöfte verbrannt, Bauern ge⸗ henkt, bis nirgends ein Strick mehr aufzutreiben war, wie ſie ihnen noch die weißen Stäbe ins Maul geklemmt, mit denen der Truchſeß ſie ſchon begnadigt hatte. „Blau“, ſchrie der eine,„hat nit der Luther die ewig Seligkeit ein jedem verſprochen, ſo ein Pauren erſchlaget wie ein kollen Hund?“ „So kein Strick do, het man ſie totſchlan mit eim Knüppel, juſt als wie den Fuchs im Eiſen“, rief der andere. „Billiger wurt ein Landsknecht die ewig Seligkeit nimmeh erjagen, dann mit des Luther Hilf“, lachte der dritte. „Doktor Martinus! Doktor Martinus!“ murmelte der Engel. „Die Sucht geh dich an“, ſchrie der dritte,„laß du mir den Doktor Martinus in Ruh! Er ſoll leben! Des ſolltu mir Beſcheid tun, Bruder!“ „Ehnder, daß ich dir Beſcheid tu“, ſagte der Engel, „ſolltu mir ſagen, was dein Vatter iſt geweſt!“ „Kotz Bluet, mein Vatter iſt tot, länger dann zwanzig Jahr!“ „So ſolltu mir ſagen, was dein Vatter lebende geweſt!“ 679 ohne verdächtige Fragen zu 1 ———— PPPPP er 680 Da bekam der Kerl einen roten Kopf und wollte aus⸗ weichen. „So will ich dir ſagen, Bruder, dein Vatter iſt ein Pauer geweſt.“ Da wurden auch die beiden andern ſtill, ſoffen die Kanne leer und machten ſich verdroſſen ins Heu. Der Engel und der Michel aber legten ſich im Stall auf die Torfſtreu. Sie mochten kein Stündlein geſchlafen haben, da wachten ſie jäh auf. Vom Hof her gellende Schreie. „Die Magd!“ ſagte der Michel. Dann tönten die Schreie von nebenan aus dem Stadel, wo die drei Reiſigen lagen. Man hörte, wie ſich die Kerle über ſie hermachten. Immer erſtickter klang's, als ob einer ihr den Mund mit der Hand zuhielte. Der Michel ſprang auf. Er zitterte vor Zorn. „Wohin willtu, Michel?“ Der Michel ſuchte nach ſeiner Wehr. „Sollent die Kerle der Diern ein Gewalt an⸗ thonꝰ“ „Was kümmret dich die Magd? Zum Haufen mueß ich. Soll ich ob eim Menſch ſtolperen, ſo heunt ſchreiet, weil ein Landsknecht ihrer Herr wurt, derweil ſie morgender Nacht zum Roßbub ins Bett ſteuget? Du ſollt dich legen, Michel.“ Der Engel ſchlief wieder ein. Aber der Michel konnte keine Ruhe finden, immer wieder hörte er den gellenden Schrei im Ohr. Er erhob ſich und ſchlich hinaus. Der Klepper ſcharrte und ſtieß nach der Stallwand; auch ihn mochte ſein Druck ſchmerzen wie den Engel die eiternde Hüfte. Der ſieberte. Wein und Fieber aber machten, daß ihn heftig dürſtete. Lange hatte er ſich im Halbſchlaf hin und her gewälzt. „Michel“, rief er leiſe,„hol mir ein lützel Waſſer! Mir hitzet der Durſt die Kehlen!“ Keine Antwort. Der Engel taſtete nach dem Michel. Seine Liegeſtatt war leer. Da ſchleppte ſich der Fiebernde ſelber zum Brunnen und krank in gierigen Zügen. Das Waſſer zitterte im Mondlicht, und der ſilberne Strahl plätſcherte leiſe in den gehöhlten Baumſtamm, auf dem der Engel ſaß und ſich die brennende Wunde wuſch. Im nahen Wald bellte ein Fuchs. Eine große Eule huſchte lautloſen Fluges über den Schafſtall. Da ſah der Engel vor der Tenne einen dunklen Schat⸗ ten liegen, als wäre es ein Menſch. Es war der Michel. Sie hatten ihn erſtochen! Tief ſtöhnte der Engel auf. Er ſchwankte und mußte ſich an der Wand der Tenne halten. Dann fuhr ein wilder Zorn in ihm hoch. Er wollte die Kerle erſchlagen wie die Hunde. Schwankte und ſtolperte in den Stall, ſein Schwert zu holen. Es zitterte ihm in den Händen, als er wieder vor dem Toten ſtand. Da fuhr ihm ſein eigen Wort durch den Sinn, das er vor einer Stunde zu dem Michel geſagt:„Zum Haufen mueß ich!“ „Zum Haufen mueß ich!“ wiederholte er immer wieder vor ſich hin.„Zum Haufen mueß ich!“ Er war ja kaum imſtande, ſeinen Gaul zu beſteigen, ſein Eiſen zu halten gegen die drei ſtarken Kerle! „Zum Haufen mueß ich! Zum Haufen! Es ganget umb alls!“ eee P Da zwang er ſich und wollke mit Aufbiekung der letzten Kraft den Michel ein paar Schritte weit ſchleppen. Es ging nicht. Der Horizont ſäumte ſich mit Silber, hellte ſich auf. Die Sonne ſtieg, und immer noch ſtand der Engel vor dem koten Bruder. Er hörte, wie die drei Kerle in der Tenne ihre Gäule, die ſich vollgefreſſen hatten, vom Heuſtock losbanden. Noch einmal ſprang ihn der Gedanke an, den Bruder zu rächen. Aber es durfte nicht ſein um der großen Sache willen! Da ſchloß er hinter ſich die Stalltür und hielt die Wehr in der Hand. Nun zogen die Kerle die Gäule heraus, warfen kaum einen Blick nach dem koten Michel. Die Magd kam aus dem Haus, lachte zu dem Toten und ſagte zu den Reiſigen ein paar Worte, die der Engel nicht verſtand.— Dann brachte ſie ihnen eine Kanne mit Wein zum Abſchiedstrunk. Einer gab ihr vor dem Aufſteigen einen Tritt auf den Hintern. Schneeweiß ſtand das Auerbergkirchlein über den dunklen Tannen, umkreiſt von einem Habicht, der mit unbewegten Schwingen durch die Lüfte glitt, nur hin und wieder mit hellem Schrei ſeinem Weibchen rufend, das irgendwo in den Himmeln antwortete. An der Ringmauer, die das Kirchlein umgab, ſtand der Brugger im ſchlohweißen Haar, alt und gebeugt. Es klirrte ihm unterm Fuß. Er bückte ſich. Was er in Händen hielt, das war die Hälfte eines zer⸗ brochenen Hufeiſens. Es war, als ſpüre er ein Erinnern, das 682 ſich ihm aus den Tiefen würgen wollte und nicht zutage finden konnte. „Bundſchuh!“ murmelte er vor ſich hin,„Bundſchuh!“ So ſchaute er ins Land, bis ihm die Augen flimmerten. Er war müde geworden, der Bruggerbauer, und ſeine Augen, die immer mehr nach innen ſchauen gelernt hatten, vertrugen das helle Licht der Sonne nicht mehr ſo recht Schall und Rauch war ihm Heimfall und Zehent ge— worden; das Feuer, das den jähzornigen Mann einſt nicht hatte zur Ruhe kommen laſſen, war ausgebrannt. Er ſchaute hinüber, wo Luibas lag, dorthin, wo in der Nacht die Geſchütze aufgeflammt hatten. Aber er konnte nichts ſehen. Wie im tiefſten Frieden lag das Land. Da kam mit hellem Ruf ein dreizehnjähriger Bub ums Kirchlein getollt. „Lueg, Brugger!“ rief er und hielt dem Alten einen Marder entgegen, der kot in ſeiner Hand hing, derweil ihm das Blut in dünner Rinne vom Handgelenk lief. „Büeble, Büeble, din Hand.“ „Kotz“, meinte das Büblein,„der Loder het mi biſſen.“ Der Brugger nahm den Buben bei der Hand und ſchritt eilends mit ihm die Steintreppe hinunter zur ſaftigen Wieſe, pflückte kundig ein Kräutlein ums andere und kaute es im Munde zu einem dicken Brei. Dann legte er's auf die Wunde. Fuhr dem Buben mit der Rechten über das Blond⸗ haar:„Biſt deins Vatters Sohn, Uli, wie er leibet und lebet.“ Riß ſich ein Stücklein Leinwand vom Hemdärmel und band's dem Buben ums Handgelenk. „Brugger!“ „Was willtu, Bub?“ „Sag, Brugger, warumb kummet der Vatter ſo faſt ſelten zur Schmalzgruben? Kummet uf d' Nacht und ganget, ehnder, daß der Gockel ſchreiet.“ 683 eeee eee, „Büeble, ſag, warumb haſtu den Marder derwürget?“ Erſtaunt ſah das Kind auf:„Dieweil er denen Pauren die Eier usſauget und die Hennen würget.“ „Seind viel der Marder, Wölf und Bären im Land, ſo den Pauren ſelber würgent. Ziechet alſo der Vatter wider das Raubzeug, den Pauren zu helfen, und findet nit Zeit zu Raſt noch Fried.“ „Ei der Tuſend, ſoll der Vatter mich mitnehment!“ rief der Bub. Sinnend ſtrich ihm der Alte über den Kopf:„Iſt kein leicht Ding nit, Uli; die Wölf ſeind wehrhaft, und die Menſchen dankens ſchlecht denen, ſo ihnen helfent.“ Langſam ſtiegen ſie den Nordhang des Berges hinunter; mühſam der Greis, ungeduldig drängend das Kind. „Brugger!“ „Was willtu, Bub““ „Möcht mir nit bang ſeind vor eim Wolf.“ „Die Wölf im Wolfskleid ſeind nit allzu ſchlimm, Bub; die Wölf im ſeidin Wammas und Kutten, die ſeind dem Pauren vom Herrgott zur Strafen uf der Welt.“ „Du, Brugger!“ „Was willtu, Bub 9⁰ „Warumb het vor etlich Täg die Glocken uf dem Berg geſchellet ohn Unterlaß, zur Nacht die Fuir uf dem Berg erbrennet?“ „Laß gut ſeind, Uli, biſt anitzt no z' jung, kannſts nit verſtehn.“ „Bin nit z' jung“, grollte der Bub,„hets mir der Hannes erzählt, wie er mit dem Dreſchflegen furt. Seind all Mannen mit Schwert und Spieß zogen wider die Bündiſchen. Sag, Brugger, umb was gangets?“ „Umb der Pauren uralt, verbrieft Recht, umb Freiheit und Evangelium.“ „Die Herren wöllents denen Pauren nit vergunnen?“ fragte eruſthaft der Bub. 684 Der Alte erwiderte nichts, ſondern wies mit dem Stecken hinüber, wo Luibas lag. Ein Kirchlein ſtach mit ſeinem ſpitzen Turm in die Luft:„Lueg, Bub, ſellt, wo das weiß Kirchle ſtoht, etlich Meilen dahint, möcht itz das Läger der evangeliſchen Brüder ſeind.“ „Du, Brugger!“ „Was ſolls, Büeble?“ „Weilet der Vatter dorten?“ Der Alte ſchüttelte den Kopf:„Dein Vatter ſaget nie nit einer Menſchenſeel, wo uſer ſeine Wanderſchaft. Ver⸗ mein, er weilet fern im Fränkiſchen.“ „Der Vatter weilet dorten“, beharrte der Bub, und ſeine Stimme war voll Trotz und Widerſpruch. Der Alte ſchaute den Buben an und ſchüttelte den Kopf und fragte, von wannen ihm das Wiſſen komme. „Der Vatter iſt dorten! Wo die Brüder ſich ſchlagent, in Not und Fahr iſt mein Vatter nit fere.“ Das klang hell und ſtolz, daß den Brugger ein Wundern ankam. Er ſtreichelte ihm mit der Hand über den Scheitel: „Haſt recht, wurt wohl alſo ſeind!“ So ſtiegen ſie den Berg hinunter. Der Bub redete nichts mehr, ſondern ſchaute nur immer dorthin, wo er den Vater glaubte. Der Bub lief und lief, immer gradaus, dorthin, wo er den Kirchturm geſehen hatte. Stolz trug er des Vaters Armbruſt über der Schulter, den Spanner in eine Schnur gehängt, die er um den Leib geſchlungen hatte. Als er einmal auf der Straße war, die nach Luibas führte, konnte er nicht mehr fehlgehen, denn da zogen Bauern in Harniſch und Wehr, die zum Haufen gingen und vom Haufen kamen. 685 geenen te ee 15 13 95 94 90 1 0 8 Da waren Händler, die mit Lebensmitteln zum Lager fuhren, andere, die mit ihren leeren Karren wiederkamen, fahrend Volk, das den Bauern das Geld aus der Taſche ziehen wollte. Denn wo die Narren zu Markte gehen, löſen die Kramer Geld. Alles kam und ging, wie zu einer großen Kirbe. „Wohin mit der Armbruſt, Büeble?“ „Potz Dules, willtu den Truchſeſſen verſchießen?“ Solche und ähnliche Zurufe brachten den Buben nicht aus dem Gleichgewicht. Er ſchritt mit ſeinen kurzen Beinen aus, als kenne er keine Müdigkeit. Doch allmählich drückte ihn die ſchwere Waffe, und er wäre erlegen, wenn er nicht einen Bauern ums Aufſitzen gefragt hätte. Der Uli war noch nie in einem Karren gefahren. Das war ihm etwas ganz Neues, wenn es auch rumpelte und ſtieß, daß einem der Bauch weh tat. Und da der Bauer faulmüd war und gerne geſchlafen hätte, gab er dem Buben das Leitſeil in die Hand, hieß ihn hinter dem vorderen Karren bleiben und legte ſich zum Schlafen zwiſchen die Säcke. Stolz fuhr da der Uli dem Lager zu. Es dunkelte bereits, als ſie in die Nähe kamen. Da erkannte man ſchon von weitem die vielen Feuer und den Rauch, der in langen Schwaden über das Lager zog. Auf einer Höhe dahinter aber ſah man andre, fernere Feuer, und der Bub erſchrak gewaltig, als dort ein greller Blitz auffuhr, gefolgt von einem gewaltigen Donner⸗ ſchlag. Das ſeien die Bündiſchen, ſagte der Bauer, der hinter ſeinen Säcken hervorkroch, und was da gedonnert habe, ſei eine große Notſchlange geweſen. Als ſie zu den Poſten kamen, die der Walter Bach, der alte Landsknechtshauptmann, ausgeſtellt hatte, da ſprang der Uli vom Karren. 686 Mit wichtiger Stimme fragte er:„Iſt ichtwem kund, wo der Engel Hiltensperger weilet?“ „Ei, wo will die gottsallmächtig Armbruſt mit dem Büeble hin?“ „J ſuchet den Engel Hiltensperger.“ „Was willtu von dem?“ „Mein Frag iſt älter dann die dein und gehret ein Antwurt“, trotzte der Bub. „Los einer, der Rotzaff! Willtu leicht ein Maulſchellen?“ „Möchts dir leicht mein Vatter heimzalen.“ „Hoho, wer iſt dann der großmächtig Herr Vatter?“ „Der Engel Hiltensperger!“ Das klang ordentlich ſtolz. „Guet Holz treibet guet“, lachte der Geharniſchte und griff dem Buben ins Haar:„Iſt im Läger, Bub, dein Vatter. Gang zue, Bollhannes, führ des Büeble zu denen Hauptleuten, wurt der Hiltensperger nit allzufere ſeind!“ Da zog der Bub mit dem Bollhannes die Luibas ent⸗ lang. Erſt durch ſumpfig Land, das die Seite der bäuriſchen Stellung deckte, dann über Acker ſtolpernd, immer den buſchigen Steilhang der Luibas zur Rechten. Zur Linken brannten unüberſehbar die Lagerfeuer, bis ein neuer Geſchützdonner in eins der Feuer ſeine Stein⸗ kugel jagte, daß die Glut hochſpritzte. Da ſah man allenthalb die Feuer verlöſchen. Plötzlich hörten die beiden vor ſich ein paar Schüſſe. Poſten ſchrien. Mit Spießen und Apten kamen ſie von allen Seiten gelaufen. „Kumm, Bub“, ſchrie der Bollhannes und gab Ferſengeld. Ein bündiſcher Haufen wollte den Steilhang hinter der Luibas erzwingen. Die Bauern ſtachen, hieben zu und brüllten, daß man meinen konnte, es ſeien ihrer viele Hundert. 687 Das krachte durch die Nacht. Dazwiſchen das Geſchrei der Getroffenen. Dann wurde es ſtill. Die Bündiſchen waren den Hang hinuntergeworfen wor⸗ den und über die Luibas zurückgegangen. Nur ein ſchwerverletzter Ritter lag im Mondſchein, um⸗ ſtanden von den Bauern. Schmäh⸗ und Schimpfworte hagelten auf den Sterben⸗ den, der ſich vergeblich aufzurichten mühte. „Will dem Hund in Himmel verhelfen!“ ſchrie ein wüſter Kerl und griff nach einem Morgenſtern, um dem Ritter den Schädel zu zerſchmettern. Ein Büblein aber krat vor ihn hin, das ihm kaum an die Bruſt reichte:„Das ſolltu nit!“ ſchrie es zornig und blitzte den Kerl an. Der ließ den Morgenſtern ſinken und ſtarrte den Buben an:„Scher di, Lüsbühel!“ „Das ſolltu nit!“ ſchrie der Bub noch einmal.„Haſt ihn joch nit gefället!“ „Etwan du?“ lachte der Kerl. „Wohl ich! Kein anderer nit!“ ſagte das Büblein und wies auf ſeine Armbruſt. Wer er ſei, fragten ſie ihn. „Dem Engelbert Hiltensperger ſein Bub!“ Da richtete ſich der Schwerwunde mühſam auf. „Wes Nam het— er— ge—genennet?“ ſtieß er müͤh · ſam heraus. „Meins Vatters MNam, des Engel Hiltensperger.“ „So uf dem Auerberg— ge—hauſet?“ „Derſelbig.“ „Gang, Büble— ſag— deim Vatter— der Konz von— Freiberg— hätt zur Stunden— mit der Haut gezalet, was— er ihm ſchuldig— geblieben.“ Blutiger Schaum trat ihm auf die Lippen. Er ſiel zurück und war tot. *** 688 222 85 An ſeines Vaters Hand ging der Bub am andern Mor⸗ gen, als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, durchs Lager. Wohl ſchmerzte den Engel die Wunde, die ſich nicht ſchließen wollte, doch biß er auf die Zähne. Er mußte ſehen, ob noch Hoffnung ſei, das Rad herum⸗ zuwerfen. Sollte er die Bauern zum großen Angriff treiben? Waren ſie überhaupt imſtand, noch einmal ihr Geſchick in die Hand zu nehmen? Ja, wenn es ginge! Sie waren in der ÜUberzahl. Wenn der Truchſeß unterläge, allenthalben ſchlügen die Flammen wieder hoch, die der Bluthund mühſam erſtickt hatte. Wenn Gott es doch zuließe, daß die gerechte Sache ſiege! So zogen ſie langſam durch die Haufen. Der Vater mit dem Buben, der ſtrahlenden Auges zu ihm empor⸗ ſchaute. Aber was der Engel ſah, das war nicht ermutigend. Uberall Beſoffene. Und die nüchtern waren, ſchienen mutlos und gedrückt. In Kübeln ſtand der Wein allenthalben herum, und aus einer Gruppe hörten ſie ein unflätiges Geſchrei. Ein Prädikant und ein Bauer wälzten ſich am Boden, ein Diener Gottes, zwei evangeliſche Brüder. Der eine riß den andern mit beiden Fäuſten in den Haaren, während der andere ſich mühte, ihn mit den Füßen in den Bauch zu treten. Um ein Weib war es losgegangen, um eine Lagerdirne, eine von den Kemptener gemeinen Fräulein aus dem Frauenhaus. „Lueg, Uli, alſo hat der Luther manich einer Sau die Stalltür ufgmacht. Doch ſolltu drum das Evangelium nit ring achten, weils die Menſchen mit Dreck beſchmeißen. Wurt ein Zeit kummen, wo die Gueten über die Schlechten mächtig werdent. Sieh zu, daß du ſpäter einmalen helfeſt, Schmückle 44 689 den Garten Gottes rein halten von Ziefer unde Unkraut. Zu den Guten ſolltu dich haltend, nit fragende, ob römiſch oder lutheriſch.“ Als ſie hinzukamen, ſchũtteten ſie gerade den Streitenden einen Kübel voll Rotwein über die Köpfe. Brüllendes Gelächter. Da ſahen ſie den Engel und ſchlugen ſich in die Büſche ſo ſchnell ſie konnten. Bloß die beiden Raufer wälzten ſich weiter am Boden. Ohne einzugreifen ſchritt der Engel weiter. Es hatte ja doch keinen Wert. lberall Mutloſigkeit und Auflöſung. So kamen ſie an den Karren vorbei, wo die mitgeführten Weinfäſſer verſtaut waren. In den Ackerfurchen ſtand das rote Naß. Die Bauern drängten ſich mit den Kübeln und ſchlugen ſich die Holzeimer über die Schädel. Bloß weiter! Bloß weiter! Der Bub drückte dem Vater die Hand. Er ſah die tiefe Trauer in ſeinem Geſicht. Und wieder kamen ſie zu einer Gruppe. Da ſtand der gute alte Pfarrer von Sulzſchnait auf ſeinen Stab geſtützt und redete von der guten Sache, vom Cvangelium, ein⸗ dringlich und in heller Begeiſterung. Aber ſie lachten und ſpotteten ſein, riefen ihm zu, ob's im Evangeli ſtehe, daß jeder, der einen Bauern erſchlage, der ewigen Seligkeit leibhaftig werde. Als er den Engel ſah, lief er herzu:„Bruder, all Bande wellent ſich löſent. Redet Ihr ein kräftig Wörtle.“ „Bruder, vermein, es ſeie zu ſpat.“ „Was ſoll hernach beſchechen?“ Ganz troſtlos war der alte Mann. „Hernach wartet abermalen hundret Jahr! Gott hat Euch ein gute Sachen in Euer Hand geben. Ihr aber habet ſie beſchiſſen und mit Dreck ganz und gar beſchmieret! Gott gibts Euch nit zum andernmal!“ 690 , Dem alten Mann liefen die Tränen an beiden Wangen herunter:„So habet Ihr kein beſſeren Troſt nit?“ Der Engel ſchüttelte traurig den Kopf:„Haſts ehrlich gemeinet, Bruder, und das Deine getan! Ein andern Troſt weiß ich dir nit!“ Müde ſetzte er ſich auf eine Wagendeichſel:„Bub, hol mir ein Becherle Weins, mir wurt übel!“ Der Bub lief, was ihn die Füße trugen, und füllte den Becher, den ihm der Vater gegeben hatte. Er flüſterte dem Vater, als der getrunken hatte, leiſe zu: „Vatter, han us ſechſen der Faß den Spund uszogen, itz ſchießet der Wein die Ackerfurchen lang.“ Der Engel ſtreichelte ihm den Kopf. „Bub, wir wellent umkehren, iſt mir kund, wo uſer der Handel ganget. Gott iſt nit mit im Schiff, Gott helfet dem Sterkeſten!“ Und langſam gingen ſie zurück. Trunkene, nichts als Trunkene. Alle Zucht und Ordnung lböſte ſich. Was war dort drüben los? Da ſtand die Bruggerin mit wirren Haaren, vertiert und verſchmutzt, inmitten der Bauern und führte wirre Reden. Immer wieder kreiſchte und ſchrie ſie. Und die Trunkenen umſtanden ſie mit grölendem Gelächter, warfen mit Unrat nach ihr. Als der Engel des Freundes Weib ſo ſah, da brauſte er auf und fuhr unter die Bauern, daß ſie dummlich lachend ſich verzogen. „Kumm, Margret, kenneſtu mich nimmeh?“ Aber die Irre lief ſchreiend davon. „Kumm, Uli, es iſt doch alls eins!“ 691 Vier Eſchen umſchatteten die Mühle zu Luibas, an jeder Ecke eine. Unter ihr Haubendach geduckt lag ſie und ſchmiegte ſich an den dicht bewachſenen Steilhang, von dem ein hölzerner Steg über das Mühlrad weg ins obere Stockwerk führte. Sie lag in tiefem Dunkel, denn alle Läden waren ge⸗ ſchloſſen und ſorgfältig abgeblendet. In ſchweren Ballen zogen die Wolken am Himmel hin, und vom Gebirge her huſchte das Leuchten der Wekter über den Horizont. So finſter war es um die Mühle, daß der Lederle, der keine zwanzig Schritte von ihr in den Büſchen Poſten ſtand, ihre Umriſſe nicht ſah. Ab und zu blitzte es drüben bei den Bündiſchen auf, und eine Feldſchlange ſchleuderte brüllend eine fünfzig Pfund ſchwere Kugel hinter die Mühle, wo auf den Feldern über dem Steilhang die Bauern lagerken. In des Müllers Stube ſaßen die Hauptleute. Auf der Ofenbank der Müllerpeter und der Thomas Bertlin von Sonthofen. Der Kaſpar Schnaiter und der Konzwirt ob der Halden lagen auf der Streu in der Ecke, während der Hans Werz von Wertach und der Michel Kempf von Neſſelwang mit dem Walter Bach in der Herrgottsecke am Tiſch ſaßen. War ein Kerl, ſieben Schuh hoch, der Walter Bach, hager und ſehnig, das Landsknechtsgeſicht mit der ſcharfen Hakennaſe durch eine rote Narbe zerteilt, die gezackt wie ein Blitz über Stirn, Naſe und Mund herunterfuhr. War bis vor kurzem Obriſt geweſen bei dem Allgäuer Haufen. Auf der Tagung zu Durach hatten ſie ihn abgeſetzt und auf einem Karren in Bauernkleidern durchs Lager geführt, ihn, der als Hauptmann unter dem Frundsperg gedient, der bei Pavia vor wenig Monden die ſchwarzen Knechte an⸗ gelaufen! Dann haktten ſie Paulin Probſt von Ettwieſen zum Obriſten gemacht! Ihm, dem Walter Bach, war ein Fähnlein geblieben. 692 — Das wurmte den alten Landsknecht gar gewaltig. Das gefältelte Wams war aufgeriſſen, daß die hagere Bruſt offenſtand, die langen Beine in den geſchlitzten Hoſen hatte er weit unter den Tiſch geſpreizt. Den mächtigen Hut mit der wallenden Feder neben ſich, ſo ſaß er finſter, die ge⸗ ballten Fäuſte vor ſich auf den Tiſch geſtemmt. Allemal, wenn drüben eine Feldſchlange aufbrüllte, nickte er grimmig mit dem Kopf, kurz und trocken auflachend. „Wär ich mit heiler Haut us dem Handel, möcht euch von meintswegen der Frundsperger euer Naſen und Ohren zu freſſen gebent als ein Ganspfeffer“, brummte er vor ſich hin. In der Ecke ſtand ein Waſchkübel voll rheiniſchen Weines. Ob auch ab und zu einer aufſtand und hinüber⸗ ging, ſein Krüglein vollzuſchöpfen, ſo war's doch kein fröh⸗ liches Trinken in der Müllerſtube zu Luibas. Die Nachricht, daß der Frundsperg zum Bauernjörg geſtoßen, war ihnen hart in die Knochen gefahren. „Kotz Leichnam“, brummte der Thomas Bertlin auf der Ofenbank,„denk ich an den Frundsperg, will mir weich werdent im Darm.“ Und der Müllerpeter neben ihm fuhr ſich mit dem Zeigefinger in den Hemdausſchnitt:„Spür ein abſunderlich Jucken am Hals, als ſtünd ſchon der Aichelin mit ſeim hanfen Halsband hünder mir!“ „Krach!“ brüllte es von den Bündiſchen herüber! Draußen fegte der Sturm vor dem nahenden Wetter her, und rauſchend wogten die Aſte der Eſchen durcheinander. Über die Mühle pfiff der Wind und fuhr heulend durch den Schornſtein. Der Konzwirt, der die Brandfackel auf Wolkenberg ge⸗ worfen, dem alles im Lager anhing, was dem Teufel ver⸗ fallen war, taumelte von der Streu auf und torkelte zum Bottich. Wie ein Stück Vieh beugte er ſich darüber und ſoff daraus. 693 TT——Z—2ZT—T——T—TTT———T—T——VV—V—V——V——V—V—— „PPF Da griff der Walter Bach zu ſeinem Krug, ihn nach dem ſäuiſchen Kerl zu ſchmeißen, ſetzte ihn aber bloß hart auf den Tiſch. „Lohnet der Müh nit umb die beſoffen Sau“, brummte er vor ſich hin. Der Konzwirk kaumelte auf ihn zu:„Die Drus geh dich an! Wer iſt ein Sau, Bruder, etwan ich? Wahr dein Zung! Wahr dein Zung, ſag i, wahr— dein Zung— oder, ſag i,——“ Als er dem Bach in die böſen Augen blickte, verſtummke er und ließ die Fauſt ſinken. Plötzlich ſchlug er um und greinte:„Gelt, Bruder, gelt haſts nit geſagt?“ Er wollte dem Bach zutrinken, doch der ſtieß den Tor⸗ kelnden zurück. „Iſt— mir alls eins“, lallte der und ließ ſich auf die Wandbank fallen. Fing auch gleich an, ein ſäuiſch Lied zu grölen. „Hoſta madoſta! Was ſinget ihr nit?“ brüllte er, als keiner einſtimmen wollte.„Sing, Bruder Bertlin, ſag— „Iſt mir nit zum Singen, ehnder zum Heulen. Ein Hitzen im Leib“, ſtöhnte der und erhob ſich, einen Laden zu öffnen. „Daß dich potz Blater ſchend!“ ſchrie der Michel Kempf von Neſſelwang,„willtu, daß der Truchſeß uns die Kannen vom Maul ſollt ſchießen? Wurſt balde durch ein hanfen Fenſterle luegen!“ Stieß ihn beiſeite und zog den Laden zu. Juſt in dem Augenblick, als drüben eine Schlange einen langen Feuer⸗ ſtrahl in die Nacht jagtke. Rauſchend und gluckſend fuhr die Steinkugel über die Mühle hin. In der Ferne beim großen Sumpf gab's Lärm. Hand⸗ rohre krachten, Geſchrei und Trommellärm. „Lauf, Ferde, und lueg, was for ein Geſchell!“ rief der 694 Bach ſeinem Buben zu, der draußen in der Kuchen mit andern Bauern würfelte. „Halts Maul!“ ſchrie er den Konzwirt an, als er wieder drauflosgrölte. Aber der ließ ſich nicht drausbringen, ſondern brüllke weiter ſein Schelmenlied, bis er an die Stelle vom Galgen kam. Da verſtummte er jäh, und der Thomas Bertlin wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. Wenn vom Henken die Rede war, ſo vertrug das zur Stunde kein Bauer. Die Tauſende, die wie die Hühner am Galgen an den Bäumen hingen, wo der Truchſeß ſeine Straße genommen, hatten ihnen den Schrecken ins Gebein gejagt. „Drunt, wo die Luibas den Bogen machet, hant die Bündiſchen übers Waſſer wöllen, ſeind aber kopfaberſche abegſchmiert“, meldete der Bub. Ging dann ganz nah zum Walker Bach:„Seind Frundspergiſche geweſt“, fügte er leiſe hinzu. Der Walter Bach tat einen Fluch, ſo lang als eines Mannes Atem hält. Schlug auf den Tiſch, daß es krachte: „Wider Pfaffen und Herren han ich mich verſchworn, will mit dem Frundspergen nützit zu ſchaffen han.“ „Zu ſpät, Brüderle, zu ſpät“, höhnte der Kaſpar Schnaiter,„wird nit meh lang dauren, daß dir der Aichelin das Maß zum Kragen wurt nehment.“ „Nit, eh dein ſtinket Seelen zur Höllen fahret!“ ſchrie der Walter Bach in heller Wut, packte ſeine Kanne und ſchleuderte ſie nach dem Kaſpar Schnaiter, daß ſie über ihm an die Wand ſchlug und der edle Wein ihn über und über beſpritzte. „Gott zum Grueß, ihr Herren!“ Unter der Türe ſtanden zwei Reiſige mit herunter⸗ geſchlagenem Viſier. Hinter ihnen lugte das Galgenvogel⸗ geſicht des Lederle in die Stube. Man hätte ein Mäuslein pfeifen hören können. „Wen bringet uns der rot Finaſſel?“ Der Walter Bach ſetzte ſeinen mächtigen Hut auf den Kopf und erhob ſich in ſeiner ganzen Länge:„Wer ſeied ihr?“ herrſchte er die Eindringlinge an. Keiner gab eine Antwort. Nur der, der vorne ſtand, ein Hüne von Geſtalt, ſchnaubte durch die Naſe wie ein dämpfig Roß. Der Bach prallte zurück. Er kannte den Ton. Zu Pavia hatte er ihn gehört, und immer hatte dabei ein mächtiger Bihander einen krachenden Schlag getan. Dem alten Landsknecht kam der kalte Schweiß. Da lachte der Dicke gurgelnd auf und ſchlug das Viſier hoch. Der Jörg von Frundsperg ſtand da, der Sieger von Pavia, aller braven Landsknecht guter Vatter! „Potz Druſen“, ſtotterte der Walter Bach,„der Herre Frundsperg!“ Wie vom Donner gerührt war er, dann rappelte er ſich zuſammen und grüßte auf Landsknechtart. Die andern ſtarrten, als hätte der Blitz vor ihnen ein⸗ geſchlagen; nur der beſoffene Konzwirt torkelte lallend auf den Alten zu. Der fegte ihn mit der Rechten in die Ecke. Mit ge⸗ ſpreizten Beinen ſtand er, die Arme verſchränkt:„Potz Natter, der Walter Bach und der Kaſpar Schnaiter, des Jörgen Frundsperg alte Hauptleut, ſchmeißent einand die Weinkrüg an Grind. Seind recht ſäuiſch worden, meine Herren Hauptleut, ſeind rechte Weinſchläuch worden als frumbe evangeliſche Brüder!“ Mit roten Köpfen ſtanden ſie und ſchauten zu Boden. „Han mirs allweil denkt, us dem Bach wurt ebbs! Potz Kirchenknopf, Obriſte bei denen Roßmucken! Iſt mir ein Märle worden zutragen, ſie hättent dich auf dem Pauren⸗ karren durchs Läger laſſen fahren im Paurenkittel! Die Lugenbeutel! Prachtieret in Federhut und Schlitzwams, der Walter Bach!“ 696 Der knirſchte mit den Zähnen, und der rote Fuchs ſprang ihm ins Geſicht. „Ho, ho, ho, ho!“ lachte der Frundsperg:„Grämeſtu dich, Wölfle, dieweil dich die Paurenköter beim Fell ge⸗ zupfet?“ „Daß ſie das hölliſch Fuir!“ fuhr der Bach auf. „Alls zu ſeiner Zeit, Wölfle! Itzunder hätt ich vermeinet, mein alte Hauptleut werdent mich uf die Bank laden. Ach und pfuch!“ Mit ſchwerem Ruck ließ er ſich auf die Bank fallen. Dann griff er in die Taſche und ſetzte fünf Säckchen hart auf den Tiſch. Das klang wie gute Silbergulden. Die Hauptleute ſtanden um den Tiſch, nur der Konzwirt lag in ſeiner Ecke. Die Augen hingen ihnen heraus. Der Schnaiter zuckte mit den Händen. „Wahrhaftiglich“, rief der Alte ſeinem Fähndrich zu, der mit blanker Klinge an der Türe ſtehengeblieben war, „hätt nie nit vermeinet, daß die guten evangeliſchen Brüder alſo ſehr am Zeitlichen hangent!“ „Herr Frundsperg, Ihr hanſelieret, ſaget, wo uſer Ihr zielet, doch ſparet Euren Schimpf“, knurrte der Bach. Dabei zog er ſeine Oberlippe hoch, daß ſein weißes, vor⸗ ſpringendes Gebiß ſichtbar wurde, das ihm den Namen Wölfle eingetragen hatte. Achtlos ſpielte der Alte mit den Säckchen, daß das Silber leiſe klirrte und rauſchte. Das war ein Klang, dem kein Landsknechtsherze widerſtand. „Seind nit meh dann ein paar Mond, Wölfle, daß wir ſelband die ſchwarzen Knecht geſpießet, daß der rot Brandecker ſambt ſeinen ſchwarzen Knechten hat müſſen Staub und Dreck freſſen! Iſt ein ander Ding geweſt dann Stehlen und Burgenbrennen in kteutſchen Landen, umb kein andern Lohn dann den Galgen!“ Sie ſchauten zu Boden, und der Peter Müller fuhr ſich wieder mit dem Zeigefinger in den Hemdausſchnitt. 697 „Het noch ein guet Weil Zeit“, trumpfte der Bach auf, „Herr Jörg. Die Wachtpoſten—“ „Send tot, Wölfle, maustot!“ griente der Alte. „Sell iſt nit mit rechten Dingen zugangen“, meinte der Peter Müller. „Ei, fanget euch an, die Katz den Puckel herunter⸗ laufen?“ Da ſah der Bach den Lederle:„Vermein, der Judas ſeie nit allzuweit.“ Sprach's und ſchielte ſelber nach den Silberlingen. Der Alte erwiderte nichts und ſpielte wieder mit ſeinen Säckchen:„Geld iſt ein gut War, gilt winters und ſommers!“ höhnte er.„Möcht mir ſchier ant tun umb meine frumben Landsknecht! Saget an, hat nit ichteiner im ſtillen denkt: Daß die Pauren die Peſt freß, ſo ich bloß us dem Handel kunnt ſchleifen?““ Finſter ſchauten die Bauernführer zu Boden und gaben keine Antwort. Nur der Bach brummte etwas, das ja und nein heißen konnte. „Daß euch das blau Fuir, ſo vor dem Dunner her⸗ lauft! Seied ihr nit brave und frumbe Landsknecht geweſt? Iſt nit der Jörg Frundsperg aller frumben Knecht getrewer Vatter geweſt allzeit? Satz dich her an Tiſch, Wölfle, ſatz dich her, Schnaiter! Wann das Kündt geſtorben, iſt die Gevatterſchaft us! Wer hat euch heißen, die Naſen in den päuriſchen Handel ſtecken? Potz, ſo's dem Eſſel ze wohl iſt, ganget er ufs Eis tanzen!“ Und der Frundsperg leerte die Kanne, die vor ihm ſtand. „Hagel!“ ſchnaufte er und wiſchte ſich den grauen Bart mit dem Handrücken.„Wölfle, wo haſtu den Wein ſtollen? Stammet aus keim Burgſtall nit; ein ſotten Wein het bloß ein Pfaff im Keller!“ „Seied Ihr mir gram drum, Herr Frundspergꝰ? Hent Ihr ichtwann die Pfaffen mügen leiden 9 Het nit der Herr Frundsperg ſelbſten ein guldinen Strick im Wammas 698 kragen, den Piſchoff zu Rom dran ufzuhenken d Der Obriſte den Papſt, die Hauptleut den Abbet von Kempten! Was ſcheltet Ihr uns?“ „Han die Pfaffen nie nit mügen leiden, wohl, Wölfle! Aber wer hat euch heißen Burgen brechen, umb des Frunds⸗ pergen feſtes Haus zu Mindelheim ſtreichen, Pechkränz ſchmieren?“ Da klang auf einmal ſeine Stimme dumpf und grollend: „Machet itzt kein Fehler nit! Schleifet us dem Handel, ſuſt ſeied ihr frumbe Landsknecht geweſt und der Aichelin iſt euer Beichtvatter. Was Cvangelium!“ brauſte er auf, als der Schnaiter das Wort ſtammelte.„Laſſet den Luther uſerm Spill, het euer Sachen uf den Miſthaufen worfen, wider die räuberiſchen und mörderiſchen Pauren geeifert! Wölfle, ich ſag dir, ſchleif us dem Handel, ſuſt bleibt dir das Kratzen hünder den Ohren!“ Dabei klirrte er wieder mit den Beuteln. Und dann ſteckten ſie die Köpfe zuſammen, der Frunds⸗ perg, der Bach, der Schnaiter, die alle drei am Tiſch ſaßen, während die andern die Köpfe reckten. Selbſt der Lokotenant war hinzugetreten und der Lederle. So wurden ſie handelseins. Es war ein böſer Pakt, den die Bauernhauptleute mit dem Frundsperg ſchloſſen: Bei der Linde an der Kemptener Straßſe lagen die Pulverfäſſer der Bauern. Die ſollte der Thomas Bertlin in die Luft ſprengen. Damit die Bauern keinen Verdacht ſchöpften, wollte der Frundsperg ein paar Stückkugeln an die Linde ſchicken. Hernach ſollten die Bauernführer ihre Leute überreden, ſich in eine ſtärkere rückwärtige Stellung zurückzuziehen. Von den Hauptleuten insgeheim verlaſſen, würden die Bauern ſchon auseinanderlaufen. Mit beiden Händen ſchlug ſich der Lederle auf die 699 flachen Schenkel und meckerte:„Hahaha, wurt der Herr Truchſeß ſeine Hund uf die Häsle hatzen.“ „Jörg, Jörg! So tief biſtu fallen 9* Sie fuhren zurück, als ſtünde der Leibhaftige vor ihnen, und der Frundsperg riß die Augen weit auf. Am Türpfoſten lehnte der Engelbert Hiltensperger. Ohne Zorn und Haß, nur in tiefer Trauer ſchaute er dem alten Kampfgenoß ins Auge. „Gotts Dunner! Gotts Dunner!“ brummte der immer wieder vor ſich hin, das Geſicht von Schamröte übergoſſen. Der Bach wollte auftrumpfen, aber der Engel wies ihn mit einer Handbewegung voll Ekel und Verachtung zurück. Nur auf den Frundsperg ſchaute der todwunde Mann: „Jörg, han dich allweil for ein wackeren und frumben Kriegsmann erkennet, Jörg, Jörg— itzunder!“ Wie ein Walroß ſchnaufte der Alte. Heut noch ſchwang er mitten im verlorenen Haufen den Bihander und hieb ſich lachend durch die Feinde, aber jetzt war er klein und zag. Schier wie ein geprügeltes Kind ſchaute er zu dem Engel hinüber. Er wollte reden, ſtotterte, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Da ſprach der Engel:„Will nit mit dir vor denen Haderlumpen rechten“, trat zum Tiſch, müde und ſchleppend, griff die Beutel mit den Silberlingen und warf jedem von den Hauptleuten einen vor die Füße. Erſt bückte ſich der Hans Werz, dann einer um den 10 andern, zuletzt der Walter Bach. 0„Ganget und tuet, wie ihrs mit dem Frundsperg beredet!“ Eine Welt von Verachtung lag im Klang ſeiner Stimme. 6 Sie ſtanden unſchlüſſig. 10„Ganget!“ donnerte der Engel.„Ihr ſullt gangent, ſag 4 ich! So wahr ein Gott im Himmel, will euch nit dran 15 hindren, vielmeh iſts mein Will, daß es alſo beſchech! Ganget!“ 70⁰ Da gingen ſie alle hinter dem Lederle drein, der ſich eilends davongeſchlichen hatte. Der Engel aber deutete auf den Lokotenant:„Jörg, itzt möcht no einer ze viel am Ort ſeind.“ Der Frundsperg winkte. Da ging auch der. Hilflos wie ein Kind ſchaute der Frundsperg auf den Rieſen, der ſich kaum auf den Füßen hielt. Ein Zittern ging durch ſeinen Körper. „Han nit meh viel Zeit ze verlieren, Jörg, der Tod ſitzet mir unterm Herzen. Geb es der groß Gott, daß wir itzt zur Stunden zum Guten rechten.“ „Engel, ſo du mich dannoch willſt for ein ehrlichen Obriſten nehmen, alsdann gib mir dein Hand.“ Da ſtanden ſie voreinander, die Hände verſchlungen, und der Frundsperg fühlte, wie die fieberheiße Hand in der ſeinen zitterte. Ein Schneuzen kam ihn an, und das Waſſer wollte ihm in die Augen ſteigen. Und dann ſaßen ſie miteinander am Tiſch, an der Lang⸗ ſeite der Engel, an der kurzen der Frundsperg. Sie ſchwiegen. Man hörte nur das Rauſchen des Mühl⸗ wehrs. Plötzlich zerriß ein wilder Schrei die Stille. Da ſprach der Engel:„Iſt der Lederle! Het geſechen, wie die andern die Silberling genummen. Den tuet itz der Walter Bach ab, machet ihn ſtumm for all Zeit! Itz los, Jörg, was ich dir ze ſagen uf Leben und Sterben! Ganget ein ſcharpfer Wind am Auerberg, und die Winter ſeind gar lang. Seind viel der Gedanken kummen in ſtillen Stunden, ſo die Wölf umb den Auerberg ge⸗ heulet und der Pauren Not gen Himmel geſchrien. Bin ein Kriegsmann geweſt, Jörg, und han die Herren ſehn die Pauren ſchlan und plagen ufs Blut. Pfaff worden, geſehn, wie Gotts Prieſter ein Spei⸗ und Fatzwerk us uſerm Herregott gemacht und ihm in die Schatullen ge⸗ ſchiſſen. Hent den Herregott verkauft und verſchachert, und 70¹ Seesbeete er- FeeUergst 155 3 4 7 ſo der Pauer nach ihme geſchrien, iſt Lachen und Spokten geweſt und hat geheißen:„Pauer, friß oder ſtürb!“ Ei, ſprach ich zu mir, biſtu nit auch eins Pauren Sohn, willtu gar den Judas machen an deinen Brüdern? Bin ein abtrünnig Münchlein worden, lang eh der Luther dran gedenkt. Und ſo ich gelehret: Hauet dich einer auf den rechten Backen, ſo hau ihn auf den linken“, ſo mag mirs Gott verzeihen. Der Pauren Sach geführet recht und ſchlecht, nit ge— fraget, obs mir zum Nutz oder Schad wollt gedeihen. In ſeiner Sterbſtund hets mir der Johann von Riedheim gewieſen, daß ein Abbet nur ein klein Ameiſen im Bau. Het mir gewieſen, daß der Menſchen Müh und Arbet nur eins Tagwerks Dauer hat. Do han ichs erkennet, Jörg, daß umb eins Tagwerks Lohn die Menſchen einander die Haar usreißen und die Zähn einſchlan. Iſt in teutſchen Landen, als wenn im Ameiſenbau ein jedes Tierle wollt mit dem andern kriegen! Ihedoch, das Getier het mehnder Vernunft dann die Menſchen, dienet eins dem andern, niemanden untertan dann ſeiner Kunigin. Ei, wem zulieb, wem zuleid? Dem ganzen Bau zulieb, dem zuleid, ſo mit ſeim Finger in den Bau will fahren. Iſt kein Bien nit in der Immenſtadt, ſo nit zufahret und dich ſtechet, ſo du nach der Waben greifeſt. Die Teutſchen aber—, Gott mags ihnen verzeihen, ich nit! Sie kriegen wider eigen Blut und fechten for den Reichsfeind. Iſt ein großer Zoren in mich fahren, Jörg, han's wellen gutmachen. Ein Reich, niemert untertan dann Gott und dem Kaiſer! Ein Volk, ſo zuſammenſtoht in Not und Fahr wider Tod und Tuifel. Freiets der Luther von Rom, ſo freiets der Hiltensperger von Herrenfron und Feſſel! Kein ander Lieb und Ziel gehabt, dann die teutſch Nation frei zu machen unter eim ſtarken Kaiſer. N 2. Und darumb müſſeten die Fürſten fallen und die Pfaffen, die Klöſter und die Storckenneſter ab den Bergen. Do mußt ein Rührauf werden, dann wo man hoblet, fallent die Spän. Fallhuhn und Beſthaupt, Fron und Zehent ſeind nützit andres geweſt dann Fuirle, ein groß Suppen dran zu kochen! Gewandret in Hitz und Kält, bei Tag und Nacht, ein gewaltig Geſpinſt geſpunnen, den Hutten gewunnen, den Sickingen in Brand geſatzt, den Wittenberger Sturm in mein Segel getan! Het der Sickingen das Spill verdorben! Han's wellen mit minen Pauren allein ſchaffen. Gen Italia gejagt, den Florian Geyer us dem ſchwarzen Haufen geholet, da mir ein Feldherr ermanglet. Das ander weißeſtu! Zeit verlorn, alls verlorn! Der Wirtemberger Utz iſt nit, wie er het ſollen, im Bayriſchen einfallen, den Schwäbiſchen Bund uf ſich ze ziechen. Alſo het der Truchſeß freie Hand bekommen. Kunnt die letzt Parol nit geben, wohin die Haufen ſollten ziechen, wer ſie ſollt führen im Streit. Alſo ſeind ſie im Kreis umzogen, Burgen gebrennet, Klöſter usgraubt, gfreſſen, gſoffen, ghurt! Umb Hunger und Durſt ſeind ſie ufgeſtanden, im Freſſen und Saufen ſtecken blieben, beim Freſſen und Saufen totgſchlan. Neue Männer ſeind hochkummen, derweil ich fere, dann was übel und am wenigſten beritten, ſell will am aller⸗ meiſten darvornen dran ſein. Iſt mir das Leitſeil us der Hand grutſcht.“ Der Engel ſchwieg erſchöpft. Der Frundsperg aber ſprach mit ſchwerer Stimme: „Das alſo war die Braut, umb die ſo lang wurt getanzt!“ „Laß mich zum End kummen, Jörg. Das Böſeſt iſt 703 geweſt, daß der Luther der Fürſten Sach zur ſeinigten gemacht, wider die teutſch Nation. Ein Schwert was ihme in die Hand geben, hats nit ze führen gewußt. Darumb will ich ihn nit ſchelten, hets nit beſſer ver⸗ ſtanden! Ihedoch, eins mag er vor Gott am Jüngſten Tag verantwurten: Het er die Pauren nit zum Kampf ufgrufen, ſo het er joch nit gewehret, vielmeh glauben machen, ihr Sachen ſeie gut und nit wider das Evangelium. Hent nit ſeine Fründ mit dem Thomas Münzer heimlicherweis ge⸗ teidingt e Und hernach: Haut in ſie, ſtechet, mordet! Erſt Ol ins Fuir goſſen, hernach zetermordio geſchrien, da die Flammen gepraßlet. Hundretundzwanzigtuſend tote Pauren, Herr Doktor Martinus, klagent vor Gottes Richterſtuhl! Itz, zum letzten, Jörg! Min Werk lieget im Dreck, in Blut und Schand ganz und gar erſticket. Itz ſeind die Allgawer verraten und verkauft, ſollent am morgenden Tag ſich verlaufent als wie die Haſen vor denen Hunden. Willtu ſie laſſen totſchlan als wie die Zwanzigtuſend ze Böblingen? Soll ein Paurenſtechen ſein als wie zu Königshofen? Das ſolltu nit tun, Jörg, umb deins guten Namens willen! Kunnt leichtlich ein Zeit kummen, da ein ander Urtel wurt geſprochen! Tus nit, umb der Stunden willen, da ich den Schwyzer von dir gewehret!“ „Hernach, was ſoll beſchechen?“ „Sie werdent morgenden Tags laufen als wie die Katz vorm Hund. Du ſollt ſie laſſen laufen, Jörg. Fall dem Truchſeſſen, dem Bluthund, in den Arm, vergiß nit, daß deine Landsknecht zum gueten Teil Paurenbluet in denen Aderen hent. Vergiß nit, daß manich einer unter ihnen bei Pavia mitgefochten.“ Dem Engelbert Hiltensperger wollte es ſchwarz vor den 70⁴ Augen werden. Wie aus weiter Ferne hörte er die Worte: „Ich wills tun, ſo wahr mir Gott helf. Vermag ich denen Rädlisführern nit ze helfen, ſolltu mir nit gram drumb ſeind, ihedoch ſuſt ſoll keim ein Haar gekrümmet werdent!“ Stöhnend griff ſich der Engelbert Hiltensperger an die Seite, wo die eiternde Wunde brannte. Der Frundsperg aber ſchluckte und ſchnaufte und ſchluchzte aus tiefer Seele auf. Dann ſtolperte er in ſeiner klirrenden Rüſtung die dunkle Treppe hinunter. Und nach einer kurzen Weile kam er wieder, als ob er etwas vergeſſen hätte. Der Engel lehnte mit geſchloſſenen Augen, ſchneeweiß im Geſicht, an der Wand. „Los, Engel, was ſoll mit dir werdent d“ „Mich tragent etlich uf den Auerberg zum Sterben in der heutigen Nacht!“ „So will ich, ſo der Handel us und gar, dir ein Pot⸗ ſchaft ſchicken.“ „Will dirs in meiner Todſtund danken, Jörg. Da nimm dafor das Libell. Iſt die Reichsordnung, ſo ich er⸗ dacht, vom Hipler konzipieret. Du ſollt ſie leſen und er⸗ kennent, wie nah das Reich geweſt. Ein verſtauchter Fuß hets ze Fall bracht.“ *** Nur alte Leute, Frauen und Kinder waren auf dem Auerberg zurückgeblieben. Die ſtanden vom Morgen zum Abend an den Wegen, die gen Luibas führten. Gierig ſchnappten ſie nach Neuig⸗ keiten, und die Ungewißheit lag lähmend auf allen. In der Nacht hatte es einen gewaltigen Donnerſchlag getan, ſo daß die Wetterfahnen auf den Häuſern allenthalb ſchepperten. Schmückle 45 70⁵ Eine flammende Röte war über den Himmel gefahren. Kein Donner und kein Blitz, denn der Schein hatte den ganzen Horizont erleuchtet, kein verrollender Krach, ſondern ein einziger Schlag, der die Leute in den Betten hoch⸗ geſchreckt hatte. „Wurt ein Schlangen geweſt ſeind.“ „Die Stuck hant often krachet in der Nacht, iſt ein Dunderklaps geweſt als wie von hundret Schlangen.“ Es war eine gar bedrückte Luft, die von Luibas her wehte, und die Leute, die vom frühen Morgen an bei der Geltnachbrücke ſtanden und auf die Karren warteten, die vom Lager zurückkommen ſollten, redeten nicht viel. Und als die Wagen kamen, da erfuhr man, daß der Frundsperg zum Bündiſchen Heere geſtoßen ſei. Die Karren waren früh in der Nacht abgefahren, ihre Begleiter hatten den Donnerſchlag gehört, eine ungeheure Feuerſäule bei Luibas in den Himmel fahren ſehen. Weiteres wußten ſie nicht. Der Frundsperg! Das ſagte den Leuten den Schrecken ins Gebein. Sie verliefen ſich wieder, und die Angſt legte ſich auf jedes Gehöft. Kein Rauch entſtieg einem Schornſtein, nie⸗ mand mochte eſſen. Der Brugger ſtand unweit ſeines Hofes und ſchaute über das Geltnachtal hinüber, wo Luibas lag. Da ſah er den Hans Hopfen, ſeinen Knecht, den er im bäuriſchen Lager glaubte, wie er ſich hinter einem Hölzlein vorbeidruckte. Er rief ihn an. Erſt tat der Burſche, als höre er nicht, dann aber ſchlen · derte er langſam näher. Es ſah aus, als hätte er geſtohlen und müſſe nun durch Mißmut und Trotz auftrumpfen. Wort für Wort mußte der Brugger aus ihm heraus· ziehen. Kotz ja, der Frundsperg ſei zum Truchſeß geſtoßen. 70 Wohl, wohl, mit dreitauſend Knechten. Ei freilich, der Engel ſei auch im Läger, der werde es aber nicht mehr lang machen. Dann ſing er an zu ſchimpfen. Die Bauern ſeien uneins, der Walter Bach mit ſeinem Fähnlein heimlich in der Nacht ausgerückt. Uberhaupt, was gehe ihn der ganze Bauernhandel an, er ſei ein Knecht. Herr bleibe Herr. Ihm ſei's vorher lang recht geweſen, ihm habe der Fürſt. abt nie ein Leids zugefügt, die Bauern ſollten ſehen, wie ſie aus dem Handel herauskämen. Hunderte ſeien in der Nacht aus dem Lager gelaufen. Mit dem Truchſeß ſei nicht zu ſpaßen. Von Würzburg bis gen Luibas ſei kein Baum, an dem nicht ein Bauer hänge, an der großen Linde von Ottenbeuren allein vierzig Stück. Einer wie der andere ſtrecke die Zunge aus dem Maul. Damit wandte ſich der Knecht, holte Hacke und Spaten und ging in den Wald. Dort vergrub er einen Sack mit Silberzeug und an die fünfzig Goldgulden, die er auf Liebentann an ſich gebracht hatte. Es war Mittag geworden, und die flimmernde Glut, die über der Ferne lag, machte, daß den Brugger die Augen ſchmerzten. „Lueg“, ſagte er zum Häusler Holderried, der über ſeine Wieſe hergeſtolpert kam,„was for ein ſchwarze Wolken am Himmelsblau?“ Höher und höher ſtieg die Wolke. „Iſt kein Wolken nit“, meinte der Häusler und ſtrich ſich mit der Hand den dürren Hals,„iſt ein brennende Hofſtatt.“ „Vermein, ſie hetten den roten Hahn uf Luibas geſetzt.“ „Der Truchſeß?“ „Meineſtu gar, die Bäuriſchen brennent das eigen Neſte“ „Lueg, Brugger, der Staub uf denen Straßen. Ganget doch kein Lüftle nit.“ 707 „Seind leicht Haufen, ſo ihres Wegs ziechen.“ Die beiden alten Männer faßten ſich in ihres Herzens Not bei den Händen. Und dann kamen die erſten Bauern an, erſchöpft, aus⸗ gepumpt, erſt einzeln, dann in Gruppen. Was auf den Auerberg gehörte, warf ſich in die Tennen, verſteckte ſich in den Kellern, in den Sauſtällen, und was nicht hergehörte, haſtete weiter, als ſei ihm der Böſe auf den Ferſen. Dann kamen ſolche mit weißen Stäben in den Händen, die flackernde Angſt der letzten Stunden noch in den Augen. Schon ſchlichen ſich die blauen Schatten vom Fuße der Berge ins Hügelland hinaus, ſchon röteten ſich die Gipfel im letzten Abendſchein, da kam atemlos der Uli Hiltens⸗ perger gelaufen. Der Brugger wollte fragen, aber der Bub ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Brugger, du ſollt eilende uf den Berg kummen, der Vatter kehret heim, mueß den Bader holen.“ Der Bub jagte davon. *** Engelbert Hiltensperger, der Schauer des neuen Reiches, hielt letzte Heimkehr auf den Auerberg. Auf einer eilig gezimmerten Bahre ſchleppte ihn nächt⸗ licherweile ein Häuflein Bauern, arme, zerſchlagene, ver⸗ ängſtete Menſchen, die kaum recht wußten, was ſich zu⸗ getragen. Mit geſchloſſenen Augen lag er; müde dämmerke das Gehirn vor ſich hin, aus dem der zündende Funke zum Hutten, zum Sickingen, zum Florian Geyer geſprungen war. Verſchüttet lag ſein Werk unter den Trümmern des Landſtuhls. Das Glöcklein auf der Ufenau hatte es zu Grabe geläutet, die ſchwarze Fahne des Florian Geyer hatte darüber hingerauſcht, bis die Mauern des Ingol⸗ ſtadter Schlößleins krachend über ihm zuſammengeſtürzt waren! Nun lag er bleich und friedevoll auf ſeiner Bahre. Bis auf die Schultern hing ihm das weiße Haar. Die Hände hielt er über der Bruſt gefaltet. So trugen ſie ihn den Auerberg hinan. Gedanken dämmerten ihm auf und ſchwanden. Er ſpürte das Wiegen der Bahre, hörte wie aus weiter Ferne die Stimmen der Träger. Bilder kamen, Bilder gingen. Und der Mond, der einſt an das Sterbelager der Regula Stechelin geglitten war, lugte über die Tannenſpitzen und ſtreifte dann und wann das ſchneeweiße Antlitz des tod⸗ wunden Heimkehrers. „Ei, Herr Hutten, was iſt doch Euer Rößle ſo müd! Gebet ihme den letzten Sporn. Lueget, dorten, die alt Fichten, ſelt bieget der Pfad, alsdann müget Ihr mein Heimet erſehn. Lueget, lueget, min Regele ſtandet bi der Fichten, winkende mit den Händen.“ Da ſchob ſich der Mond hinter eine Tanne. „Regula“, flüſterte der Engel,„wo biſtu? „Ei, Herr Hutten, habet Ihr ichtmalen ein ſchöner Land er⸗ ſchauet? Iſt nit das Teutſchland aller Länder flammind Kron?“ Wiegend hob und ſenkte ſich die Bahre. Ein Träger ſtieß an einen Stein und ſtolperte. Der bleiche Mann hob die Lider. „Aller Länder Kron! Aller Länder Kron!“ Da ſah er, daß, ſoweit ſein Auge reichte, der Himmel rot war vom Scheine brennender Gehöfte. Uber den Wäl— dern in der Ferne zogen rote Rauchſchwaden. Jetzt ſchmerzte die Wunde, daß er ſtöhnend ſich auf der Trage wälzte. Mühſam trugen ſie ihn die Steintreppe zum Kirchlein empor, mit dem letzten Aufgebot ihrer Kraft. 700 Dann ſetzten ſie die Bahre nieder. So war der Engelbert Hiltensperger heimgekehrt von langer Reiſe, von ſchwerem Streit. Und der alte Brugger ſtreckte ihm die zitternden Hände entgegen. Dicke Tränen rollten ihm von den Wangen. „Gotts Grueß, Peter, du ſollt nit weinent, ob ich joch ein gar trauriger Heimkehrer!“ Schmerzvoll ächzend richtete er ſich auf dem Ellenbogen auf. Sie griffen ihm helfend unter die Arme. Ringsum der Horizont flammend vom Widerſchein der Feuersbrünſte. Tief aufſeufzend ſank er zurück. Ein Froſt ſchüttelte ihn hin und her, daß die Zähne wild aufeinanderklapperten. Zwei Olfunſeln warfen einen matten Schein in den Chor des Auerbergkirchleins. Vor dem Altar hatten ſie dem Sterbenden ein Lager errichtet, ihn ſorglich entkleidet und ihm warme Decken um den Leib geſchlagen. Mun lag er ganz ſtille. Groß und übernatürlich leuch⸗ kend waren ſeine Augen. Unverwandt ſchaute er auf das Muttergottesbild mit dem Kind. Leiſe rührten ſich ſeine Lippen, als ſpräche er mit der Heiligen. Der Bub zu ſeinen Füßen ließ keinen Blick von ſeinem Vater. Staunend ſah er, wie dieſem die Worte von den Lippen ſielen, nicht wie einem Betenden, ſondern wie einem, der Zwieſprache hält, heiß und innig. Immer leuchtender wur⸗ den ſeine Augen. Er hob das Haupt, mühſam und ſelig lächelnd, als 71⁰ ſchaue er der Heiligen entgegen, die ſchwebenden Schrittes an ſein Lager trat. Ja, die Mutter Gottes war zu dem Sterbenden nieder⸗ geſtiegen, mit dem Antlitz und der Geſtalt der Regula Stechelin. Und das war kein Wunder, denn die Frau, die der Menſch am allermeiſten lieb hat, erſcheint ihm immer mehr als die Mutter Gottes. Und wenn ſie einem Mann in ſeiner Not etwas zu ſagen hat, nimmt ſie die Züge der liebſten Frau an. Bebend ſah der Bub, wie der Vater ſtill ſein Haupt zurücklegte und die Augen ſchloß, als ob eine kühle, gütige Hand ſich ihm auf die fieberheiße Stirne gelegt hätte. Und wie ſich wieder ſeine Lippen rührten, da ſielen leiſe, aber deutlich hörbar die Worte in die Stille des Kirchleins:„Es dauret nit meh lang, Regula, wart ein weniges, ich— kann— nit ſterbent, eh— daß— mir ein Poſten— worden— vom Jörgen Frundsperg— mim Trautgeſellen. E8s— dauret— nit— meh— lang— min Regula.“ Wieder verloren ſich die Worte im Flüſtern. Und die Rechte des Todwunden rührte ſich, als ſchlöſſe ſie ſich zum Gruß um eine unſichtbare Hand. Sein Auge brannte auf in ſeliger Liebe. Dann nickte er einer unſichtbaren Geſtalt zu, die in der Richtung auf das Muttergottesbild entſchwebte. Das aber ſtand in hehrer Majeſtät und leuchtete aus dem Dunkel. Lange, lange ſprach der Sterbende kein Wörtlein mehr. Seine mächtige Bruſt hob und ſenkte ſich in kurzen, ſtoßen den Atemzügen. Die Funſeln flackerten und rauchten. Das Gemurmel der Betenden im Dunkel des Kirchen⸗ 71¹1 712 ſchiffes wehrte ſich mühſam gegen die laſtende Stille, die nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn die Türe leiſe ins Schloß fiel und ein neuer Ankömmling in eine Kirchenbank ſchlürfte. Alle kamen ſie den Auerberg heraufgeſtiegen, noch einmal den Engel zu ſehen, Männer und Frauen. Langſam füllte ſich das Kirchlein. Der Kranke aber lag Stunde um Stunde, und immer mühſamer ging ihm der Atem. „Uli!“ Da glitt der Bub vom Fußende der Treppe, küßte des Vaters Hand und neigte ſein Ohr zum Munde des Sterbenden. „Iſt— kein Potſchaft— nit kummen,— Uli?“ „Kein Poſten nit, Vatter!“ Und der Bub kniete nieder, damit ſein Ohr dem Munde des Vaters näher ſei. Der zog ihn zu ſich, und wenn auch die Worte ſich kaum den Lippen entringen wollten, die Hand, die des Kindes Rechte erfaßt hatte, hielt noch ſtark und feſt:„Uli, was ſoll us dir werdent?“ Leiſe flüſterten Vater und Kind. Sie merkten es nicht, wenn die Kirchentüre ging und einer um den andern kam, der ſtumm das Tuch küßte, das über dem Sterbenden lag. Wie unendlich fernes Bienenſummen klang das Murmeln der Beter in der nächtlichen Kirche. „Soll ich ein Paur werdent, Vatter?“ „Paur ſeind iſt guet und recht. Ob ihme joch die andren gar verachtlich thon. Ohn den Pauren kein Reich nit! Dannoch, des Pauren Stunden iſt verthon in Hader unde Blutſchuld, in Huren unde Saufen. Het Gott der Herr dem Pauren ein faſt gewaltig Ding in die Hand geben! Der Paur hets for die Säu geſchmiſſen. Du ſollt kein Paur nit werdent, Uli!“ „Soll ich ein Prediger werdent in der neuen Lehr, Vatterd“ Da dunkelte des Sterbenden Auge:„Bub, der Frag werd ich nit leichtlich Herr!“ Er ſchwieg eine lange Weile. Auf einmal hob er die Stimme, als ſpräche er zu allen, die in der Kirche für ihn beteten. Das Summen verſtummte. Die Bauern ſchlurften aus den Bänken, umſtanden des Engelbert Hiltensperger Sterbe⸗ lager und lauſchten mit Seele und Ohr: „Iſt ein Sturm gangen über das Teutſchland, gejauchzet und jubilieret die Beſten im Land! Seind Buben kummen und faulet Geſindel, hent das heilig Evangelium zu ein Fatz⸗ und Speiwerk gemacht, das Meislin geſpillet mit dem Allerheiligſten! Was in der Morgenfruh ein ſchmet⸗ ternd Wecktrummeten, iſt uf den Obed ein Bloſen wurden ab dem Turm! Ei, Doktor Martinus, Euch het der Herregott erwählet, der Freiheit ein Gaſſen zu machen. Itz hanget Ihr denen Fürſten am Rock, zeternde wider Gwalt und Ufruhr! Von der Freiheit eins Chriſtenmenſchen hent Ihr ein Fanfaren bloſen! Der Pauren Freiheit iſt Euch ein Erbſen⸗ kurn! Und ſeind dannoch Chriſten, die Pauren, ſo Ihr ſie joch nit for Menſchen wellet nehment! Ei, wie habet Ihr ſo trefflich gezielet, Doktor Mar⸗ tinus! Ihr wolltet mit eim Hieb die teutſch Seelen von Rom ktrennen und habet ſie mitten durchgehauen! Hie Rom! Hie Luther! Alſo daß die teutſch Nation ganz und gar zerriſſen in zween Teil! Du ſollt kein Prediger nit werdent, Uli, kein lutheriſcher nit, noch ein papiſtiſcher! Denn der Glaub wurts ſeind, ſo die Teutſchen zerreißet, und müſſent ein oneins Volk ſeind unter denen Völkeren. Werdent ab itz ſeind zween Seelen in Teutſchland, einander ewiglich ſuchende, nie nit findende! Nit wahr iſt, was der Luther lehret, der Menſch ſeie frei durch den Glauben, nit wahr iſt, daß er wurt den rechten 71³ Weg von ſelbſten findenk! Albott was der Teutſchen Oberſter ihr Bauch. Herren und Pauren, ſo losgelaſſen, ſeind gleichermaßen ſäuiſch geweſt. Vermein ſchier, der Piſchoff ze Rom hett recht, ſo er ſaget, der Menſch ſeie böslich von Jugend an. Müſſet werdent geleit von der Wiegen bis zum Totenbaum! So nur die Hürten wölleten beſſer ſeind! Du ſollt kein Prieſter werdent, Uli! Dannoch los! So mir Gott der Herre het ein Wohl wellen, mir no ein Jährle vergunnet oder zween, leicht wär ich heimgangen zum alten Glauben. Dann lueg, was alt und krank an der alten Kirchen, wurt fallen als wie der Schorf von der Wunden, und hernach wurt ſie beſtahn in der alten Herrlichkeit.“ „Vatter, ich wöllet ein Kriegsmann werdent!“ Da flog ein heller Schein über das Angeſicht des Engel⸗ bert Hiltensperger, und er ſprach:„Alſo iſts recht, Bub! So ich nit meh bin, ſolltu zum Frundsperg gangent. Du ſollt ihm Gotts Grueß beſtellen. Der Engel ſag ihm tuſend Dank, ſo er ein braven Kriegsmann us dir wöll machent. Du ſollt nach nützit fragent, dann nach Nutz und Ehr der teutſchen Nation! Du ſollt werdent einer, ſo kein andren Gedanken nit hat, dann die teutſch Nation groß und herrlichen zu machen unter denen Völkeren! Zween Ding ihedoch ſolltu niemalen nit kun: Zum erſten keim walſchen Herren dienent, zum andren nie eins Fürſten Soldknecht werdent, dann die gebent um Herzogs⸗ und Fürſtenhut Kaiſer unde Reich!“ Erſchöpft ſchwieg der Sterbende, und ſeine Augen ſchauten in weite Fernen. Ein Zittern ging durch den fiebernden Leib. Die Augen weiteten ſich. Mit Mühe ſuchte er ſich aufzurichten, ſo daß ihm der Brugger unter die Arme griff. „So— ein— jeder nützit andres ſinnet und trachtet, dann das Reich zu bauen, ſo wurt einmalen der Tag kummen. Alsdann wurt die teutſch Nation erſtrahlen for Zeit und Ewigkeit! 71⁴ W Alsdann werdent die Teutſchen ſeind ein Volk, dawider nit Tod noch Tuifel möcht ankummen.“ Kraftlos ſank der ſieche Leib auf ſein Lager zurück. Und wieder lag er lange, lange regungslos mit geſchloſſenen Augen. Und die Nacht ging, und der graue Morgen kroch durch die Kirchenfenſter. Fröſtelnd ſaßen die Bauern in den Stühlen und murmel⸗ ten Sterbegebete. Dann ſtieg die Sonne herauf und warf bunte Strahlen durch das Chorfenſter, rote, goldne, blaue. „Traget mich uſer der Kirchen“, ſagte der Engelbert Hiltensperger,„will in meiner Todſtund die Berg erſchauen.“ Sie trugen ihn hinaus auf ſeinem Schragen und ſtellten ihn ſo, daß er die ſonnüberflammten Berge ſehen konnte. Stunde um Stunde lag er und ſchaute mit weitgeöffneten Augen in die Herrlichkeit, noch einmal all die Schönheit in ſich hineinzutrinken, einen goldnen Schein davon mit ſich hinüberzunehmen in die ewige Nacht. Immer wieder lauſchte er, ob er nicht den Tritt eines Pferdehufes höre, der ihm den erſehnten Poſtenreiter an⸗ kündige. Und die Sonne ſtieg. Und die Sonne ſank. Der Todwunde, der nicht ſterben konnte, trank immer noch ſchweigend die Schönheit der Heimat in ſeine weit⸗ geöffneten Augen. Er ſah nicht, wie ſein Bub vor Ermüdung eingeſchlafen und neben ihm zu Boden geglitten war. Er hörte nicht das Murmeln der Betenden, das aus der Kirche drang. 715 Auf einmal hob er mühſam das Haupt und lauſchte: „Itz kummet— ein— Poſtenreuter.“ Niemand hörte etwas, aber das Ohr des Sterbenden war offen für die fernſten und heimlichſten Dinge. Ein Reiſiger ritt auf abgetriebenem Klepper den Berg herauf. Er brachte Botſchaft vom Frundscperg. Der Alte hatte Wort gehalten. Gebrannt und geſchatzt hatte der Truchſeß, die Bauern auf dem Kahlenberg zu ſchrecken. Etliche Führer hatte er hinrichten laſſen, aber die Haufen hatte er mit weißen Stäben heimgeſchickt. Das hatte ihm der Frundsperg abgezwungen. Jedes Wörtlein ſog der Engel dem Boten vom Munde, dann ſank ſein Haupt zurück. Seine Lippen bewegten ſich. „Jos Fritz, lieber Fründ“, flüſterte er,„itz wurſtu am Himmelstor ſtahn mit mim Regule und dem Hutten, all drei min wartende!“ Tiefer ſank die Sonne, wurde gelb und flammend rot. Große weiße Wolken flogen den Bergen zu, tauchten hinein in die flammenden Feuer, brannten auf in jauchzender Glut. „Was weinet ihr?“ fragte der Sterbende.„Sparet euer Tränen for die Lebenden. Denen Toten wurt wohler ſeind dann ihnen!“ Sie ſchoben ihm ein Polſter hinker den Rücken, ſo daß er halb ſitzend in die brennenden Feuer am Himmel ſchauen konnte. „O teutſches Land, o herrlich Land! Itz kummet die Nacht über dich. Wer iſts, ſo ein neu Fackel wurt zunden, ſie haltend in ſtarker Hand, alſo daß ſie nimmermeh verlöſchet?“ „Engel, was ſollent wir thon?“ fragte hilflos ein alter Bauer. 716 „Kehret heim und bettet, daß der Herregott den Pauren wöll for ein Menſchen nehment. Suſt weiß ich euch kein Hilf nit!“ Dann ſchaute der Sterbende wieder hinein in den flam⸗ menden Abend. Himmel und Erde brannten. In der Schönheit höchſtem Brand nahm die Heimat Abſchied vom Engelbert Hiltens⸗ perger. Ringsum knieten die Bauern. Noch einmal taſtete der Sterbende nach ſeines Buben Scheitel, noch einmal breitete er die Arme: „Du— aller—— Länder——— Kron—“ Und die Sonne ging über Deutſchland unter. Ich weiß, daß 1 Meineid geleiſtet hat, 2 der Auerberg außerhalb der Kemptenſchen Landſchaft lag, 2. Luther das Wort:„Hie ſteh ich, ich kann nicht anders!“, wenn überhaupt, dann bei ſeiner zweiten Vernehmung geſagt hat, 3. Papier um die Zeit der Reformation nicht gefärbt wurde, 4. nicht Johann von Raitenau, ſondern einer ſeiner Vorgänger einen 5. Die Belagerung des Wolkenbergs lange vorher ſtattfand, 6. in der erſten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts bei den Lands knechten dann und wann ein Geiſtlicher mitlief(eigentliche Feld⸗ pfaffen gab es erſt ſpäter), 7. es einem Kardinal nicht verſtattet war, zu Fuße in den Straßen Roms zu gehn. Dieſe und andere Dinge ſind mir wohlbekannt. Man halte es mir zugute, wenn ich um der Geſchloſſenheit des Werkes willen einzelne Steinchen im Moſaik verfärbt und umgeſtellt habe. Der Verfaſſer abe beſchech Beſthaupt blau, blau Fuir Bundſchuh Etter fahen Fallhuhn Feſen Gadem Gebürs Gejaid gerawen Hinterſaſſen⸗ ichtwer it Erklärung einiger Ausdrücke herab, hinab geſchehe das beſte Stück Vieh, das nach dem Tode des Bauern abgelie⸗ fert werden mußte Blitz Kriegszeichen und Kampfruf d. Bauern ſeit den Bauern aufſtänden Zaun um Hof und Dorf fangen Huhn, das an Faſt nacht abgeliefert werden mußte Wintergetreide Bauernſtube Bauerngemeinde Jagd gereuen irgend jemand nicht joch Kuder Lerman Letze loſet Lüsbühel ein lützel Meiſter Aichelin nens niemerts nützet, nützit Pofel rawet, gerawen rote Schuhe Schumpen ſchweizern Ströter Urſlechten— Walhen Waſen Zeinſtich auch männl. Wildkatze Lärm Schutzwehr horchet Lausbube ein wenig Henker nichts niemand nichts ⸗Pöbel reuet, gereuen trugen die Juriſten junges Rind mit Freiheitsgedan ken ſpielen, wie die Schweizer Schimpfwort Ausſchläge, Syphilis Welſche Torf —Dienstag Die rote Maske. Geſchichten und Anekdoten. 260 Seiten Oktav. Zweite Auflage. Gebunden RM. 4,80. NS.⸗Kurier, Stuttgart: Über viele Länder, über viele Jahr⸗ hunderte führt uns Schmückles meiſterliche Erzählerkunſt. Immer ſchwelt unter der Decke ein Brand, immer zucken am Horizont die Blitze eines gefährlichen Wetterleuchtens. Längſt verſchollene Geſtalten gewinnen unter ſeiner Darſtellung wieder Blut und Leben... Engel Hiltensperger. Schauſpiel in vier Aufzügen. Kar⸗ toniert RM. 2,80. Hyazinth Bißwurm oder Das Spiel vom Schwaben, der das Leberlein gefreſſen. Kartoniert RM. 1,20, gebunden RM. 1,80. Inhalt: Hyazinth Bißwurm— Das Wunder. Ein Legendenſpiel. Zwei Stücke einer fröhlichen Muſe im Sinne Hans Sachſens. Württemberger Zeitung: Heitere Anmut, eine naive Frömmig⸗ keit, die ganz weltoffen und ſehr ſinnenfroh ſich gibt, zeichnen Schmückles Dichtung„Das Wunder“ aus.— Das vergnügliche Schwänklein„Hyazinth Bißwurm“ iſt auch als Lektüre eine ganz ent⸗ zückende Sache. „%%%;⅛m Die ſchaffende Freud. Zweite Auflage. Gebunden RM. 2,70. Lichter überm Weg. Gebunden RM. 2,70. Die Muſchel des großen Pan. Gebunden RM. 2,70. An der goldenen Schnur. Lieder von geſtern und heute. Gebunden RM. 2,70. Die Literatur, Berlin: Er ſingt, lacht, erzählt, führt, philo⸗ ſophiert, und oft in einem einzigen Stück gleichzeitig. Man möchte um ſeinetwillen wieder mal Schwaben das Herz des dichtenden Deutſch— lands nennen. Mörike würde ſich an ſeinen köſtlichen Diminutivformen, Uhland ſich an ſeinem Volkslied, Goethe an ſeinen Sprüchen erlaben. Und wir alle tun's an dem ganzen Dichter, der ein ganzer Mann iſt. STRECKER UND SCHRODER/ VERLAG/ STUTTGART GEORGSCHMUCKLE Zeitliches und Ewiges Kulturelle Betrachtungen eines Dichters 291 Seiten. In Leinen RM. 4,80 „Hier ſpricht einer, der nicht gewöhnt iſt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Es iſt ein mutiges, eigenwilliges, temperamentvolles Bekenntnis- und Streitbuch, wie kaum eines ſeit Jahren. Schmückle diagnoſtiziert eine ſchwere, ja lebensgefährliche Kriſe im europäiſchen Kulturkreis. Da können nur rückhaltloſe Wahrheiten helfen, auch wenn ſie manchem Selbſtzufriedenen, der die Problematik gar nicht zu erkennen vermag, unbequem klingen mögen. Um ſo bedeutſamer iſt es, daß das Buch in der MS.⸗Bibliographie geführt wird. Die für die deutſche Kulturpolitik verantwortlichen Stellen verſprechen ſich alſo von der Aus⸗ einanderſetzung mit dem Buch befruchtende, klärende und jedenfalls heil⸗ ſame Wirkungen. Man traut ihm zu, daß es eine Miſſion zu erfüllen hat. Es iſt ein Buch, an dem ſich die Geiſter ſcheiden müſſen.“ Stuttgarter Neues Tagblatt Geſammelte Werke in ſechs Bänden 1. Band: Gedichte, Sprüche und Versſpiele 2. Band: Schauſpiele 3. Band: Novellen und Kurzgeſchichten 4. Band: Engel Hiltensperger. Der Roman eines deutſchen Auf⸗ rührers 1 5. Band: Engel Hiltensperger II 6. Band: Aus meiner Jugendzeit— Zeitliches und Ewiges In Ganzleinen RM. 35,— HOHENSTAUFEN-VERLAG- STUTTGART eeee beege ede —— BLB Karlsruhe Ae 48 98663 0 031