HEINRICH BERL GESPRACHE MIT BERUHMTEN Z EITCGENOSSEN BUHLER BADEN-BADEN INHALT VORWORT DER WAHNSINN DES DIONVYSOS, Begegnung mit Nietzsche DAS ANTLITZ GOETHEs, Gerhart Hauptmann DIE EWIGE JUGEND, Max Halbe. DER LETZTE BURGER IN DER LITERATUR Thomas Mann DER MVTHIKER UNSERER ZEIT, Alfred Mombert. DAS BILDNIS DES PHILOSOPHEN, Henri Bergson. DAS CHAMALEON IN DER PHILOSOPHIE Max Scheler DER MENSCH VOR DEM ABGRUND, Martin Heidegger DIE BETRACHTUNG DER KLASSISCHEN KUNST Heinrich Wölfflin UBER HELDEN UND HELDENVEREHRUNG Friedrich Gundolf DAS LACHELN DES SKEPTIKERS, Alfred Erich Hoche DER PSVYVCHOANALYTISCHE KOMPLEX Carl Gustav Jung DAS PHVSIOGNOMISCHE WELTBILD, Rudolf Kassner DIE PANEUROPAISCHE REVUE, Prinz Rohan 19 31 37 43 49 D S* 69 73 79 89 95 101 DER BANRKREROTT DER JUGEND ERZIEHUNG Gustav Wyneken DER VERLECGER DER NEUROMANTIR Eugen Diederichs DAS ENDE DES GEOZENTRISCHEN WELTBILDES Johann Schlaf DAS WELTBILD DER NEUEN PHYSIK, Max Planck DER SCHOPFER EINER NEUEN RELIGION Rudolf Maria Holzapfel EINE EUROPAISCHE GRANDE DAME Helene von Nostitz DAS GOETHEANUM OHNE GOETHE, Rudolf Steiner DAS STERBENDE AFRIKA, Leo Frobenius. DER LETZTE CHINESE, Richard Wilhelm. DIE FRATZE DES BUDDHA, Paul Dahlke. DER UNTERGANG DER ERDE AM GEIST Theodor Lessing. Das unde jahr krieg Di Ges Vier erga dude Sonl Wer Jah und gan; gi. dal nur 1 n am geg Crih VORWORT Das ‚Buch der Gespräche umfaßt einhundert undein Licht- und Schattenbilder aus einem Viertel- jahrhundert, die Zeit vom Ende des Ersten Welt- krieges bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Die vorliegende Auswahl unter dem Titel: Gespräche mit berühmten Zeitgenossen“ stellt ein Viertel des gesamten Stoffes dar. Diese Beschränkung ergab sich als Notwendigkeit aus inneren und äußeren Gründen. Es lag nahe, die lebenden Per- sönlichkeiten weitgehend auszuschließen. Nichtsdestoweniger muß gesagt werden, daß das Werk in seiner endgültigen Gestalt seit dem letzten Jahre abgeschlossen ist, daß ich nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen habe. Es umspannt ein ganzes Weltbild in dialogischer Gestalt. Mono- logische Bücher gibt es in ausreichender Anzahl, dialogische Bücher seit Platons klassischem Vorbild nur sehr wenige. ö Ich verzichte darauf, aus dem Gesamtinhalt mehr zu verraten. In den Geleitworten am Eingang und am Schluß des großen Buches ist grundsätzlich alles gesagt. Ich habe die Hoffnung, daß die erwähnten Gründe alsbald hinfällig sein werden und daß das 7 Ganze dann unter seinem eigentlichen Titel er- scheinen kann. Die Reihenfolge der Auswahl schließt sich eng an die Reihenfolge der einzelnen Kapitel an. Die symbolische Begegnung mit Nietzsche am Eingang des Buches präludiert das polyphone Gewirr der verschiedenen Stimmen: der Wahnsinn des Dionysos wirft über ein ganzes Jahrhundert seine Schatten voraus. Ich bedauere, daß ich dem Zwang nicht länger auszuweichen vermochte, diese Fragmente aus dem Bilde herauszuschlagen, aber ich habe die zuver- sichtliche Hoffnung, daß die Teile für das Ganze sprechen werden. DER WAHNSINN DES DIONVYS0OS Begegnung mit Nietssche Ich bin bald zu jeder Jahres- und Tageszeit in Weimar gewesen. Das letzte Mal war es Sommer. Morgens um fünf Uhr kam ich an und ging gleich hinunter zur Stadt, über den Frauenplan zu Goethes Gartenhäuschen an der IIm. Ruhe und Schönheit der Natur waren unbe- schreiblich. Die Morgensonne brach über die Wipfel herein und drückte sie, vom Golde schwer, tief herab in die tiefe, feuchte, glitzernde Erde. Diesmal war es zwei Stunden früher und später Herbst. Der Regen begann zu rieseln, um sich allmählich in den ersten leichten Schnee zu ver- wandeln. Was sollte ich tun mitten in der Nacht? Kaum hatte ich mir die Frage gestellt, so war sie auch schon beantwortet: wie damals im Sommer, nur zwei Stunden früher, ging ich hinunter zur Stadt, an den Frauenplan, an das Schillerhaus, zum Denkmal Herders und Wielands. Da stand ich, ging ich, einsamer Wandrer in einsamer Nacht, und spürte nicht den naßkalten 9 Regen, denn mein Herz glühte brennend heiß und durchleuchtete den Schlaf der Götter und Men- schen, die hier wohnen. Auf dem Markte, unter dem Schutze des Rat- hauses, stand ich lange schweigend und lauschte dem Takt des Regens. Gespenst unter Gespenstern, huschte ich dahin und beschwor den unsterblichen Geist der Dichter und Denker. Diesmal galt mein Weimarer Besuch nicht zuerst Goethe und Schiller, sondern Nietzsche. Schon ein- mal war ich flüchtig oben bei ihm. Nun wollte ich das lange Versäumte nachholen. Als ich die Strage hinanstieg, wurde es langsam dämmrig grau und die Schneeflocken wirbelten mir vors Gesicht. So früh kann man natürlich nicht in das Nietzsche-Haus, aber ich wollte das Erwachen der Stadt einmal von der Höhe herab sehen. Seltsam: dort unten, am Frauenplan, war Goethe gestorben, hier oben, ganz in der Nähe, Nietzsche. Goethe war auf dem Stuhle eingeschlafen, wie ein Gott, der sein Dasein vollendet hatte. Nietzsche, ein zerbrochenes Gefäß, zerbrach noch vollends zur Unendlichkeit. War es Zufall, daß Goethe, der Mensch der Nähe, dort unten lebte und starb, inmitten einer Welt des Reichtums und der schönen Formen, Nietzsche dagegen, der Mensch der Ferne, hier oben, arm und einsam, nur gesichert in den Händen einer sorgenden Schwester? 10 War! mensch das Urb Vetus und im die Er Mense beisg gedac Als Metz mir 0 Seine in d War es Zufall, daß Goethe, der das Wort Uber- mensch zum ersten Mal prägte und der im Faust das Urbild schuf, tief auf der Erde blieb, während Nietzsche, der die Lehre vom Ubermenschen schuf und im Zarathustra zum Bild gestaltete, hoch über die Erde flog, ins Grenzenlose? Faust und Zarathustra, die beiden größten Menschheitsdichtungen eines Jahrhunderts, so nahe beisammen— wer hat schon je einmal daran gedacht? Als ich darauf wartete, bis mich Frau Förster- Nietzsche empfangen konnte, saß ich vor dem schönsten Bilde, das es von Nietzsche gibt: vor seinem Wahnsinnsbilde. Oben auf der Terrasse wurde es gezeichnet, wie mir die Schwester später erzählte, nicht lange vor seinem Erlöschen. Dieser sehnsuchtsschwere Blick in die Leere, in das Nichts, in das Bodenlose ist das Ergreifendste, was ich je gesehen habe. Nur die feinen Hände sind gespannt, verraten innere Erregung. Das Auge ist erloschen, einem Himmel gleich, der alle seine Blitze verschwendet hat und der nun majestätisch groß und einfach schweigt. Unwillkürlich trat das Goethebildnis von Stieler vor mein Auge, das unten am Frauenplan hängt. Die Physiognomik offenbarte mir nun alle Geheim- nisse. Bei Nietzsche sind die horizontalen Raumsinne — Auge und Mund— vollkommen verdeckt durch 11 das buschige Wachstum der Haare. Aber man hat das Gefühl, daß sich hinter diesen Brauen einst Blitze verbargen und hinter dem Vereipgetorix- Schnurrbart das Gebiß eines Raubtieres. Die vertikalen Zeitsinne dagegen— Ohr und Nase— sind extrem gespannt. Dieses Ohr hört nicht, es horcht. Diese Nase riecht nicht, sie wittert. Sie hat ein unerhörtes Feingefühl für alles, was Fäulnis und Morbidität ist. Sie schnuppert auf Spuren, die sich dem sehenden Auge verbergen. Ganz anders bei Goethe: Auge und Mund be- herrschen vollkommen das Gesicht. Ohr und Nase sind zwar groß, aber nicht dominierend. Sie werden von dem alles beherrschenden, großen, sonnen- haften Auge überstrahlt. Das sind die beiden Möglichkeiten griechischen Geistes: dionysische Musik und apollinische Plastik. Aschylos und Homer. Das tragische und harmo- nische Weltgefühl. Nietzsche, der vollendete Dionysos, konnte sich nur im dionysischen Wahnsinn vollenden. Goethe, der vollendete Apollo, in der apollinischen Form. Während ich so in das Geheimnis dieses zer- störten Antlitzes einzudringen versuchte, stieg die Vision einer grauenhaften Zukunft in mir auf. Hatte Nietzsche den dionysischen Wahnsinn ver- heißen, weil der Wahnsinn die Zukunft des Men- schen darstellte? Was ist dieser Ubermensch anderes, als der Mensch, der über seine Grenzen hinauszuspringen suchte und damit in den Abgrund 12 Stürzen proklam kreiert. nen gel der Me heilt delzen ins Fr ganze Spiel Als es fü bei a Seine ein v Inka A d Sond 5 wen Ihre stürzen mußte? Nietzsche hatte den Ubermenschen proklamiert und damit nur den Untermenschen kreiert. Er hatte den Willen zur Macht des Einzel- nen gelehrt und damit nur den Willen zur Macht der Massen begehrt. Er hatte alles, was Mensch heißt— mens, der Messende, der Maß- und Mitte- Setzende— ins Grelle gerückt, ins Laute übertönt, ins Fratzenhafte verzerrt und damit eben in seiner ganzen Totalität aufs Spiel gesetzt und— ver- spielt. Als mich Frau Förster-Nietzsche empfing, war es für mich ein heiliger Augenblick. War sie doch, bei aller notwendigen Einschränkung, Fleisch von seinem Fleische und Geist von seinem Geiste. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl der Beglückung, der Inkarnation eines großen Geistes gegenübertreten zu dürfen, auch wenn es sich nicht um ihn selbst, sondern nur um die Schwester handelt. Ihre Vitalität, ihre Sprache, ihr Stilgefühl sind, wenigstens für den ersten Augenblick, faszinierend. Ihre Sätze sind einfach und von bezwingender Logik. Denkt man sich den männlichen Geist hinzu, dann kann man sich Nietzsche ohne große Schwie- rigkeit vorstellen. Es schien mir damals noch unbegreiflich, wieso es Menschen gibt, welche die Lauterkeit dieser Frau bezweifeln können. Ein Leben voll Opfer und Ent- sagung für einen großen Bruder ist, auch wenn man manche weibliche Schwäche hinzurechnet, schlechthin erschütternd. 13 Diese Frau hat, als Nachlaß walterin, erst das Lebenswerk Nietzsches vollendet. Ohne diese rührende Treue zum Menschen und, nach seinem Tode, zum Werk würde Nietzsche Fragment ge- blieben sein. Ich weiß, dab sie große Fehler gemacht hat. Ins- besondere in der Frage nach den Ursachen des geistigen Zusammenbruchs ihres Bruders hat sie mehr als naiv gehandelt. Zuletzt aber war sie, neben der Mutter, das einzige weibliche sorgende Element, das dem völlig Vereinsamten fehlte. Heute kommen alle bedeutenden Philosophen und Politiker der Welt nach Weimar. Man hat den Eindruck, daß im Nietzsche-Archiv sogar, Politik gemacht wird. Ich mußte unwillkürlich daran denken, wie Nietzsche, schon im Vorgefühl des Wahnsinns, alle Politiker der Welt zusammenrufen wollte, wie er an Papst und König schrieb, wie er in einer unbeschreiblichen Euphorie den Drang zur politi- schen Aktion spürte— und dann in die schreck- liche, undurchdringliche Nacht des Geistes ver- sank, zum Schlaf des Dionysos. „Spengler gehört zum Kuratorium des Nietzsche Archivs“, sagte Frau Förster,„Mussolini sendet zu jeder Tagung ein Telegramm und Hitler steht mit ihm in steter Verbindung.“ „Dann ist ja der ganze ‚Untergang des Abend- 0 10———— 2 landes“ beisammen“, erwiderte ich leicht ironisch. 14 Ven. Uulergn Luropa! ch dalbst i Ich hal der W. Prat cherle e8ser den „E. und! Er h die 8 „le „dab Ale bes dich er edel E fort, gefül Nine führ dich lich „Nein, nein,“ wehrte sie eifrig ab,„nicht der Untergang des Abendlandes, sondern das neue Europa!“ „Ich weiß“, lenkte ich rasch ein,„Nietzsche hat selbst im Untergang noch das neue Europa geschaut. Ich habe nur die Befürchtung, daß sein Wahnsinn der Wahnsinn Europas sein wird.“ Frau Förster-Nietzsche erzählte mir noch man- cherlei darüber. Was mich jedoch besonders inter- essierte, war Nietzsches Leben und Verhalten in den letzten Jahren. „Er war geradezu von einer rührenden Treue und Güte. Kein böses Wort kam über seine Lippen. Er hatte Stil bis zum letzten Augenblick“, sagte die Schwester. 5 c „Ich war immer der Anschauung,“ bemerkte ich, „daß Nietzsche sich böse gab, weil er gut war. Alle Geister der Weltgeschichte bemühten sich, für besser zu gelten als sie waren, nur Nietzsche gab sich für böser. Nun war die Spannung gelöst und er war ganz das, was er in Wirklichkeit war: der edelste Mensch.“ „Es war reizend“, fuhr Frau Förster-Nietzsche fort,„zu sehen wie er sich benahm, wenn er aus- geführt wurde. Die Mutter umschlang er wie ein Kind, während das Mädchen ihn nur am Arme führen durfte. Er ging stolz und aufrecht und lieg sich nur anreden mit ‚Wollen Herr Professor.... „Das nenne ich Pathos der Distanz,“ sagte ich lächelnd. 15 Ich kam auf die Zeichnung im unteren Raum zu sprechen. „Er saß vollkommen ruhig und rührte sich nicht,“ sagte die Schwester.„Stundenlang blickte er unverwandt in die Ferne. So ist dies wundervolle Bild zustande gekommen.“ Noch mancherlei hatte ich auf der Zunge, aber der Takt gebot mir, die alte Dame nicht zu lange in Anspruch zu nehmen, wiewohl sie gewiß noch lange mit mir geplaudert hätte. Als ich die Treppe hinunterging, glaubte ich die Wahnsinnsklänge des Dionysos zu hören, die einst hier geklungen hatten. Dieses Spiel war das einzige, was er noch tat und soll, nach den Zeugnissen derer, die es gehört haben, unbeschreiblich gewesen sein. So versank die Tragödie dieses Lebens in der Musik, aus der sie einst, in Basel, geboren wurde. Damals sah er noch alles in mythischer Verkleidung. Jetzt war er es ganz selbst geworden. „Wenn es einen Gott gäbe, wie hielte ich es aus, kein Gott zu sein', hatte er einst in trotziger Ver- messenheit ausgerufen. Aber das Fazit dieses Lebens war: Wenn ich ein Gott bin, wie hielte ich es aus, ein Gott zu sein.“ Draußen zwirbelten die Flocken in mein Gesicht. Es war mir heiß geworden und die Kühle tat wohl. Als ich hinabstieg zum Frauenplan, zu jenem anderen großen Jünger der Griechen, da summten 16 mir die Winterverse Nietzsches immer wieder durch die Seele: Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt; bald wird es schnein— weh dem, der keine Heimat hat. 2 Berl, Gespräche Cn... Gerhart Hauptmann Das Feuer minn ich, das Feuer verehr ich. Ein Feuer bin ich, zum Feuer kehr ich. Muß ich einst ruhen tief in der Erden, werd ich zum schlafenden Feuer werden. Schlafendes Feuer, wachende Flammen schlagen doch einstmals wieder zusammen. Vor mir liegt der Band ‚Ausblicke' von Gerhart Hauptmann, der eine Widmung mit dem Datum: Baden-Baden, den 2. Mai 1936, trägt. Er enthält gleichsam des Resumé dieses reichen, gelebten Lebens, die Splitter und Späne des dichterischen und denkerischen Werkes, die uns einen Blick nach rückwärts gestatten. Darin steht dieses herrliche Bekenntnis zum Feuer, in dem einstmals Heraklit Anfang und Ende der Welt geschaut hat und das einst Nietzsche— wie Hauptmann ein häufiger Gast Rapallos und Baden-Badens— in einem ähnlichen Sinne zum persönlichen, Schicksalslied' geworden ist. Und doch: wie verschieden sind diese beiden Bekenntnisse zum Feuer: Hauptmann sieht in ihm, 4 19 wie Goethe im zweiten, Faust', die nie verlöschende Kraft des Werdens, Nietzsche, wie die Inder, die zerstörende Kraft des Todes. Bei Hauptmann wird der Tod zum schlafenden Feuer, das immer wieder entfacht werden kann, bei Nietzsche das Leben zu einem Brand, der alles Leben verzehrt. Am Himmelfahrtstage des Jahres 1932 bin ich Gerhart Hauptmann zum erstenmal in Baden-Baden begegnet. Es war eine der glücklichsten Begeg- nungen meines Lebens. Seither sah ich Hauptmann bei seinen hiesigen Aufenthalten immer wieder, war Gast bei ihm und seiner Gattin am Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend— aber weder die Jahre, noch die Tages- zeiten haben mich irgend welche Spuren der Ver- änderung an ihm erkennen lassen. Das Feuer brannte unvermindert, leuchtend und heiter. Und ich muß gestehen: man kann sich nicht vorstellen, wie es einmal,, schlafen“, geschweige denn verlöschen' könnel Der Jahres- und Tageskreis in diesem Leben voll- zieht sich- seit Jahrzehnten mit einer Präzision, die nur ein Vorbild haben kann: den Jahres- und Tageskreis der Sonne. Wenn die Sonne um die Weihnacht den tiefsten Stand erreicht hat, bricht Hauptmann aus seiner schlesischen Heimat auf, um den Süden zu suchen. Der Frühling führt ihn zurück zum Norden: von Rapallo macht er im April die erste größere Station 20 Sue Ch ber La rie Kü in Baden-Baden. Hier erscheint er auf der Kur- promenade wie der erste Sendbote der neuen Saison. Dann geht er gewöhnlich weiter über Bad Eilsen nach Hiddensee und zurück nach Agneten- dorf im Riesengebirge. Und wie das Jahr, so der Tag. Der Vormittag gehört ganz der Entspannung und Erfrischung, der Nachmittag der Lektüre, die Dämmerung der Arbeit und der Abend der frohen Geselligkeit. Die Zeit der Arbeit ist auf wenige Stunden beschränkt, die unbe- dingt eingehalten werden. In ihnen sind alle großen Werke Hauptmanns entstanden. Nach Baden-Baden kommt Hauptmann schon seit über einem Halb jahrhundert, regelmäßig aller- dings erst seit der Nachkriegszeit. Hier bewohnt er in Brenners Kurhof immer die gleichen Apparte- ments im oberen Stockwerk, mit den Balkonen nach Süden und Osten. Einmal erzählte er mir seinen ersten Einzug im Tale der Oos. Im Jahre 1883 hatte er eine Reise nach dem Süden anngetreten. Damals begleitete ihn Byrons ‚Childe Harolds Pilgrimage“. Auf der Rückreise benützte er das um jene Zeit noch neuartige Drei- rad, mit dem er bei Oos einbog und das ihn auch richtig und wohlbehalten inmitten der Kurprome- nade, absetzte. Damals dirigierte noch Miloslaw Könnemann— ein Könne-Mann im wahrsten Sinne des Wortes— der die Töne mit seinem spitzen Stab förmlich aus dem Orchester ‚herausstach'. Dieser Eindruck ist ihm bis heute lebhaft in der Vorstellung geblieben. Und damit der Eindruck von Baden-Baden, das er wie wenige Orte geradezu leidenschaftlich liebt. Daß es hier noch den Wagen mit Pferden gibt, der im gemächlichen Trab durch die Lichtentaler Allee oder zum Alten Schloß fährt, ist für ihn eines der vielen Mirakel, die ihm Baden- Baden wertvoll machen. Noch in den letzten Jahren konnte man ihn mit seiner Gattin in den Wagen steigen sehen, den braunen steifen Hut über die Silbermähne gedeckt und jedermann freundlich grüßend, der den Hut 20g. Wer will es ihm verdenken, daß er nicht alle Leute kannte, die ihn zu kennen glaubten? Jetzt ist der Kutscher gestorben, der ihn immer ausführte und dabei aus der interessanten Ge- schichte des Weltbades erzählte. Zum erstenmal konnte er sich nicht zu einer Wagenfahrt ent- schließen, so sehr ist er hier schon mit den Men- schen und Dingen verwachsen. Wie Hauptmann sich für die, Chronik des Welt- bades' interessiert, kann ich selbst aus zahlreichen Unterhaltungen mit ihm bestätigen. Und nicht nur, daß er mit seiner Gattin meinen stadtgeschichtlichen Zyklus im Kurhaus mit seiner Anwesenheit beehrte, er hat auch meine Bücher zur Chronik mit einer Aufmerksamkeit gelesen, wie ich dies nur von wenigen Menschen mit Sicherheit sagen kann. Hauptmann stammt bekanntlich selbst aus einem Bade, aus Salzbrunn in Schlesien, und sein Vater 22 war Wirt. Er hatte also schon in seiner Kindheit Gelegenheit, den fluktuierenden Strom der Fremden aus aller Welt zu beobachten. Das Thema Politik in den Bädern' nahm sein Interesse ganz besonders in Anspruch. Ich hatte ihm einmal ,‚Goethes mißglückte Badereise' mit- gebracht, die in launiger Weise berichtet, warum Goethe— nicht nach Baden-Baden gekommen ist. Darin wird auch von Goethes politischen Bade- kuren“ erzählt. Der Dichter lag gerade unpäßlich zu Bett. Ich glaube nicht indiskret zu sein, wenn ich sage, daß er mich so noch unmittelbarer an Goethe gemahnte als früher. Wenn der ‚Goethe' nur Maske bei ihm Wäre, so hätte ihn dieser Zustand ohne Zweifel demaskieren müssen. Statt dessen unterstrich er die Ahnlichkeit nur noch stärker und unmittelbarer. „Goethe“, so bemerkte ich,„hat in den Bädern nicht nur Erholung gesucht, er bat auch, Politik“ gemacht, als Dichter natürlich auf seine Art. Er ging in die großen Bäder, besonders aber nach Karlsbad und Teplitz, weil er hier mit den Fürsten seiner Zeit Berührung suchte und fand.“ „In Karlsbad“, meinte der Dichter,„hat er es sich aber mit seinen Versen meist sehr leicht ge- macht. Es sind Pfefferkuchen Gedichte, von denen man kaum glauben möchte, daß Goethe sie gemacht hat.“ „Und doch sind Gedichte darunter“, warf ich ein, die zwar in der Form höfisch, im Inhalt aber sehr 23 politisch sind. Lesen Sie nur. Das Gedicht an die Kaiserin der Franzosen ist Politik im besten Sinne: es verherrlicht die Kaiserin und meint den Kaiser.“ „Das ist die Gsterreicherin?“ „Gewig. Die Mutter des Herzogs von Reichstadt, die spätere Gemahlin Napoleons. Unmittelbarer konnte Goethe als Dichter nicht in die Politik ein- greifen, als mit diesem Gedicht, das den Kaiser auf indirekte Weise mahnt, Frieden zu machen.“ „Ich finde die Idee Ihres Buches ausgezeichnet“, sagte Hauptmann.„Die Bäder waren für die Fürsten bequem, hier konnten sie die Politik gleichsam im Schlafrock erledigen. Was da unter vier Augen ge- sprochen wurde, war wichtiger, als was in den Kabinetten beschlossen wurde.“ „Mein Ausgangspunkt war umgekehrt als bei allem, was bisher über Baden-Baden geschrieben wurde“, erwiderte ich.„Man betrachtete den äuße- ren Glanz und sah in der Politik eine zufällige Begleiterscheinung, während umgekehrt die Politik im Mittelpunkt stand— selbstverständlich nur in besonderen Fällen— und der äußere Glanz nur eine Begleiterscheinung war. Wenn ein hoher Fürst abgestiegen war, schwärmten die anderen wie die Bienen herbei, nicht um sich zu amüsieren, das gehörte von selbst dazu, sondern um sich irgend welche Vorteile zu ergattern.“ „Es hat mich auch interessiert, daß Sie Napo- leon III. immerhin ernster nehmen als dies gewöhn- lich geschieht“, sagte Hauptmann. 24 „Napoleon III. war zweifellos der große Gegen- spieler Bismarcks im Westen. Seine Schrift„Les idées Napoléoniennes' enthält ein politisches Pro- gramm, das noch heute aktuell ist, wenn es sich auch sklavisch an das Vorbild Napoleons I. hält, oder gerade deshalb. Bismarck war nur der Stärkere.“ „Das ist immer so“, meinte der Dichter,„einer mußte unterliegen, und da Napoleon III. unterlag, war er wohl der Schwächere.“ Wir kamen noch auf die Römerzeit Baden-Badens zu sprechen. Dann fragte ich den Dichter, der trotz seiner offenbaren Ermüdung sehr lebhaft geworden war, ob seine periodische Wiederkehr nach Baden- Baden nicht auch bei ihm auf eine Vorliebe für die Bäder hindeute—„selbstverständlich eine unpoli- tische“, wie ich lächelnd hinzufügte. „Freilich“, meinte er,„meine Vorliebe für die Bäder ist gleichsam durch meine Geburt bestimmt: ich bin in einem Bad, in Salzbrunn, geboren, und ich erinnere mich an hohe Fürstenbesuche aus meiner Kindheit: der Kaiser von Gsterreich, die Kaiserin von Rußland und der russische Adel, die Gagarins und viele andere waren ständige Be- sucher.“ „Die Fürsten waren natürlich überall anzu- treffen“, meinte ich,„aber für Europa im 19. Jahr- hundert am wichtigsten waren Baden-Baden, das an der deutsch- französischen Grenze lag, Biarritz für Frankeich und Gastein für Osterreich.“ 1 „Wir gehen jetzt nach Bad Eilsen weiter“, sagte Hauptmann,„das bei Hannover liegt. Auch Pyr- mont ist ein Bad, das ich sehr liebe. Diese Bäder werden wohl durch die Nähe Hannovers politisch auch wichtig sein.“ Bei einem seiner letzten Herbstaufenthalte be- schäftigte ihn tagelang mein Buch ‚ Baden-Baden im Zeitalter der Romantik'. Er ging den Spuren Jung-sStillings beim Alten und Neuen Schloß nach, der Abschnitt über seinen Landsmann Karl Spindler interessierte ihn so sehr, daß er einige Tage nach unserer Begegnung bereits den Roman, Der Jesuit gelesen hatte. Vor allem aber waren es die beiden Reisen Goethes und Tiecks, von denen er die erste ja von früher her kannte. In einer merkwürdigen Duplizität der Ereignisse waren beider Wagen auf der Fahrt nach Baden- Baden verunglückt. Goethe wurde mißtrauisch und brach die Reise ab. Tieck ließ sich einen Notver- band anlegen und verbrachte dann Wochen mit hohem Fieber hier, bis er endlich genas. Beide Dichter waren auf der Fahrt von einer beinahe schicksalhaften Erwartung des Unglücks befallen. „Ich habe die Briefe Winckelmanns bei mir“, er- zählte mir Hauptmann in diesem Zusammenhang während unseres Spazierganges in der Lichtentaler Allee,„es ist seltsam, wie auch ihn die Ahnung des Schicksals auf seiner letzten Fahrt bedrückte. Seine Briefe zeigen die ganze Beklemmung. Er sagte zu 26 und wie einer F. Angek0 Er wal ihn da Ich Anteil aus 6 vielme verbu, jührlie Die aufent den e Werk nahe, Wei Als ragte ein 580 stand ant, Bade bier Das Dünn Früh! Zur beson und wieder ab, und als er sich schließlich doch zu einer Fahrt über die Alpen entschloß und in Wien angekommen war, verschwand er plötzlich spurlos. Er war heimlich nach Italien zurückgekehrt, wo ihn das Schicksal in Triest ereilte.“ Ich erwähne alle diese Dinge keineswegs, um die Anteilnahme Hauptmanns an der Stadtgeschichte aus Gründen persönlicher Eitelkeit hervorzuheben, vielmehr um zu zeigen, wie sehr er sich der Stadt verbunden fühlt, die den Vorzug genießt, zu seinem jährlichen Turnus zu gehören. Die Tatsache aber, daß er auch bei seinen Kur- aufenthalten nicht von der Gewohnheit abweicht, den einbrechenden Abend zur Arbeit an seinem Werk zu verwenden, legt ganz natürlich den Schluß nahe, daß hier manches dieser Werke der letzten zwei Jahrzehnte in der Gestaltung gewachsen ist. Als ich bei seinem letzten Aufenthalt danach fragte, stand er sogleich auf, holte vom Schreibtisch ein Konzept und sagte: „Solche Entwürfe sind natürlich hier oft ent- standen. Auch der Gedicht-Band, den der Verlag plant, wird manches Gedicht enthalten, das in Baden-Baden gemacht wurde. Diktiert habe ich hier jedoch nie.“ Das Konzept enthielt die Disposition zu einem Bühnenwerk, dessen Ursprung im ‚Olympischen Frühling! zu finden ist. Zum schluß sei es mir gestattet, noch auf ein besonderes Charakteristikum seines Wesens hinzu- 27 weisen: auf seine vollkommene Vorurteilslosigkeit und Weltoffenheit allen Menschen und Dingen gegenüber. Das offene Wort der Jugend ist ihm lieber und wertvoller als alle Schmeichelei. Es mangelt ihm erfeulicherweise jedes Symptom einer Senilität dem Werdenden gegenüber. Er sitzt keineswegs wie ein Jupiter auf dem Throne des Olymps und läßt sich anbeten. Er liebt in dem Gegenüber den Widerspruch— es ist selbst- verständlich, daß sich dieser in den Grenzen des Anstandes und Taktes zu halten hat— er denkt wirklich darüber nach, was der Andere sagt und a sieht in dem Zwiegespräch ein fruchtbares Mittel der inneren geistigen und seelischen Steigerung. Und hier erhält die äußere Ahnlichkeit mit Goethe einen inneren Sinn: sein Wesen ist wahrhaft goethisch', nicht nur seine Erscheinung. Wie Goethe die Wandlungen vom Rokoko zu Sturm und Drang, Klassik und Romantik mitgemacht hat, 80 sehen wir Hauptmann, der anderen Zeitlage ent- sprechend, die Wandlungen vom Naturalismus zu Symbolismus, Expressionismus und Klassizismus durchschreiten. Das ist organisches Wachstum, nicht Charakterlosigkeit. In den eingangs erwähnten Ausblicken“ finden wir einen Aphorismus:„Armeleutekunst. Man sollte endlich damit aufhören, die Kunst der Klassiker durch einen solchen Ausdruck zur Reicheleutekunst zu degradieren. Volk und Kunst gehören zusammen, wie Boden, Baum, Frucht und Gärtner.“ 28 Er sell Inzwis al gewor chen Al kelen. Hier h einer Er Abstande Peib, da balbar is Er tr einer Ver Er selbst ist Gärtner einer Kunst des Volkes! Inzwischen ist Gerhart Hauptmann achtzig Jahre alt geworden. Geruhsam nähert er sich dem goethi- schen Alter. Nach dem Gesetz, wonach er ange- treten. Hier kann man nicht mehr von Original und Kopie sprechen. Es sind die parallelen Schicksale einer Entelechie. Niemand ist sich des inneren Abstandes von Goethe bewußter als Hauptmann. Er weiß, daß dessen geschichtliche Größe unwieder- holbar ist. Er trägt das Antlitz Goethes mit der Würde einer Verpflichtung zur Bewunderung des Größeren. DIE EWIGE NMUN Ma Halbe Seit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ist Ger- hard Hauptmann nicht mehr nach Baden-Baden gekommen. An seiner Stelle erscheint nun seit einigen Jahren Max Halbe, der Repräsentant des Münchener Naturalismus. Max Halbe trägt das Kainsmal der ewigen Jugend auf der Stirne. Ein Kainsmal deswegen, weil er nicht nur ewig nach seiner eigenen Jugend beurteilt wird, sondern auch nach dem Bühnenstück, Jugend', das seit über einem halben Jahrhundert die Bretter behauptet und einfach nicht alt werden kann. Das andere Stück, das noch immer von ihm ge- spielt wird, ist der, Stromé. Auch der ‚Strom' geht auf die Jugend zurück. Es ist für einen Dichter zweifellos ein Fluch, wenn die Welt seit einem Halbjahrhundert so tut, als ob er inzwischen ge- storben wäre. Dabei lebt er immer noch und bleibt selbst ewig jung. Das peinlichste daran ist, daß der Naturalismus, aus dem die beiden Stücke erwachsen sind, selbst schon längst gestorben ist. Gerhart Hauptmann 31 hat ihn hinter sich gelassen und ist zu einem klassi- zistischen Altersstil gelangt. Die Harts, Holz, Schlaf sind rechtzeitig gestorben und blieben so davor bewahrt, ihrem eigenen Begräbnis zuschauen zu müssen. Nur Max Halbe lebt noch und trägt das Kainsmal seiner ewigen ‚Jugend' mit sich herum! Der Dichter las im Kurhaus aus seinen„Jugend'- Erinnerungen. Im Kleinen Theater wurde die Jugend' aufgeführt. Im Kino sah man erst kurz zuvor die—„Jugend'. Nach der Vorlesung lud mich Max Halbe ein, mit ihm zusammen zu sein. Ich zog es vor, ihn an einem der nächsten Tage im Hotel aufzusuchen. Wir sprachen über seine Beziehungen zu Baden- Baden. Auch sie gingen auf seine Jugend zurück. Als Heidelberger Student war er einmal durch das Tal der Oos gewandert. Er ist auch nach Baden- Baden erst nach einem halben Jahrhundert wieder- gekommen. Er war natürlich über den Kurort entzückt, wenn ihm auch das Hotel berechtigten Grund zur Klage gab. Ich schlug ihm vor, das nächste Mal im „Hirsch! zu wohnen. Im nächsten Frühjahr stieg er dann im, Hirsch“ ab. Ich besuchte ihn wieder und sprach mit ihm über die Jugend'. Im Theater wurde wieder die, Jugend aufgeführt. Auch nach Straßburg war er eingeladen zu einer Aufführung der„Jugend. In seine„Jugend'- Erinnerungen schrieb er mir eine Widmung. 32 An eine meinsam gab es no fil das di Dichter Jugend Canz 2 dallin Ge „Itamn eimator „epib dam, riet Auschlug daraus er deen Re Wir We Mats der Crür leb dich dan Hal ankle doch 8 Famile il der 1 Niclich ie Warzen 1 U für er. Klon f U derl, An einem der folgenden Abende traf ich ihn ge- meinsam mit einem Freund im ‚Bock'. Im Bock gab es noch gutes Bier. Anfänglich recht verärgert, tat das dritte Glas endlich seine Wirkung und der Dichter plauderte recht interessant über die „Jugend'-Geschichte des Naturalismus. Ganz zufällig brachte ich die Sprache auf die Gattin Gerhart Hauptmanns. „Stammte die Familie Marschalk nicht aus Ihrem Heimatort?“ fragte ich den Dichter. „Gewiß“, antwortete er.„Als ich nach Berlin kam, riet mir meine Mutter, bei den Marschalks Anschluß zu suchen. Wenn sie gewußt hätte, was daraus entstehen würde, hätte sie mir sicher nicht diesen Rat erteilt.“ Wir waren neugierig, einiges davon zu erfahren. „Marschalk war ein Mann, den die Spekulation der Gründerjahre nach Berlin geführt hatte. Er ließ sich selten sehen, höchstens bei Tisch, und man hatte das Gefühl, daß seine Geschäfte etwas dunkle waren. Es wurde nie darüber gesprochen, doch spürte man in der Atmosphäre, daß die Familie große Sorgen hatte. Die schöne Wohnung in der nördlichen Friedrichstraße ließ den ober- flächlichen Besucher freilich nichts davon merken.“ „Die Töchter bildeten wahrscheinlich einen starken Anziehungspunkt“, unterbrach ich. „Es waren vier, eine reizender als die andere“, fuhr er fort.„Mathilde und Lisbeth waren damals schon junge Damen, Trude stand im Backfisch- 3 Berl, Gesprache 33 — c alter und Margarete, die Jüngste, war ein aufge- schlossenes zehnjähriges Mädchen.“ „Margarete wurde später die Gattin Haupt- W manns?“ dich! „Alle vier gingen Künstlerehen ein. Lisbeth, die ich. Zweitälteste, heiratete Emil Strauß. Für mich war 9 dies damals die größte Enttäuschung, denn ich vun fühlte mich zu Lisbeth am stärksten hingezogen. fra sie war ein schönes Mädchen mit klassischen gen Zügen.“ f „Haben Sie Strauß bei Marschalks kennenge- l lernt?“ ch „Nein, ich selbst habe den Nebenbuhler dahin es geschickt, wie es oft so geht. Strauß war eines Di Tages bei mir erschienen, und ich fühlte mich bald Fa zu dem herben und schweigsamen großen Mann me hingezogen. Ich empfahl ihm die Familie Mar- de schalk.“ „Dann haben Sie wohl auch Hauptmann dahin al gebracht?“ V. „Nein, nicht ganz. Strauß suchte eines Tages, l. oder richtiger eines Nachts auch Hauptmann auf, b dessen, Promethidenlos“ gerade erschienen war und pe ihn sehr begeistert hatte. Ich war damals nicht mit dabei. Durch Strauß kann dann Hauptmann mit den Marschalks in Berührung.“ 10 „So haben Sie diese Ehe wenigstens indirekt ge- l stiftet“, sagte ich lächelnd. f 0 „Ich habe damals schwer gelitten“, fuhr Halbe li etwas melancholisch fort.„Aber meine Frau hat de 34 mich für den Verlust mehr als entschädigt. Wir sind noch heute ein glückliches Paar.“ „Wissen Sie, daß Emil Strauß mit seiner Gattin sich zur Zeit auch in Baden-Baden aufhält?“ fragte ich.„Ich sah die beiden gestern auf der Straße.“ „Ich habe sie auch gesehen“, entgegnete Halbe, „und ich habe bei mir gedacht, daß ich doch recht froh bin, daß Strauß mir damals die Geliebte weg- genommen hat.“ Warum ich diese Jugendgeschichte hier erzähle? Ich glaube, daß sie doch mehr als einen privaten Charakter hat. In ihr steckt ein Stück Jugend- geschichte des deutschen Naturalismus überhaupt. Die Familie Marschalk ist keine gewöhnliche Familie. Man wird sie einbeziehen müssen, wenn man einmal die Geschichte der deutschen Literatur des letzten Halbjahrhunderts schreibt. Man wird dabei auch Max Halbe in einem anderen Lichte sehen: als einen der entscheidenden Vertreter jenes ,‚Jugendstiles', der um die Jahr- hundertwende von München ausgegangen ist. Jahr- hundertwende' hat Halbe den zweiten Band seiner persönlichen Erinnerungen genannt. Was war jener sogenannte Jugendstil“? Man hat sich daran gewöhnt, ihn im Zusammen- hang mit der Zeitschrift, Jugend' zu sehen und ihn als geschmacklose Verirrung abzulehnen. In Wahr- heit hat der Jugendstil den Naturalismus in die bildende Kunst getragen durch seinen Kampf gegen den Historismus und das historisierende Ornament. 5 35 Aus dem Jugendstil“ ist die sachliche Baukunst hervorgegangen. Auch sie liegt in den letzten Zügen— aber wird man es glauben oder nicht: daß der Dichter der ewigen Jugend' selbst unter ihren Trümmern nie- mals sterben wird? DER EFF EE BB IN DER LITE RAT UR Thomas Mann Mit der geistigen Repräsentation des Bürgertums ist es heute schlecht bestellt. Entweder neigt die Bourgeoisie zur Proletarisierung der Literatur oder das Proletariat bemüht sich krampfhaft, in die literarischen Bezirke der Bourgeosie einzudringen. Das Resultat ist in beiden Fällen ein Hybris, Lite- ratentum, keine Literatur. Wenn man es richtig versteht, gibt es heute in der Tat nur einen Typus von Rang, der die späte Schönheit des Bürgertums von Anfang an vollkom- men repräsentiert: Thomas Mann. Schon wenn man den Bruder Heinrich Mann betrachtet, steht man einer Hybris gegenüber, die Thomas Mann selbst mit dem Ausdruck Zivili— sationsliteratentum' bezeichnet. Und gar sein Sohn Klaus Mann, gefährlich begabt wie alle Söhne bedeutender Menschen, kennt nur noch den Zynismus gegen die bürgerliche Kultur als Mittel zur ‚Kunst' an. Thomas Mann beginnt als Schriftsteller der bür- gerlichen Gesellschaft. Er verklärt selbst den Unter- 37 gang mit hoher geistiger Verantwortung. Er ist so 755 fanatisch bürgerlich, daß er selbst die Kunst aus Lack den Bezirken der Kunst verbannt, wenn sie deren lch seelische Existenz bedroht. Ale So beginnt er mit den Buddenbroks' als Künstler Vor gegen die Kunst, weil sie die Gefahr der Zerstörung wle in sich trägt. So schreitet er im Zauberberg“ weiter s in seinem Kampf gegen die seelische Zerfaserung, uri gegen das Krankhaft-Morbide. 1 Man spürt: gleich Goethe hat sich Thomas Mann aus durch die Verbürgerlichung vor dem eigenen Ab- deine grund gerettet. Nun bringt er diesem Retter gerne a sein schönstes und größtes Opfer: seine Kunst selbst. er,, So ist Thomas Mann eine letzte, späte Repräsen- aul tation des Bürgertums vor seinem Absturz ins 0 Chaos. Der Hauch der Abendsonne liegt auf seinen ein. Romanen und vergoldet die sterbende Schönheit ich einer unrettbar untergehenden Welt. Thomas Mann hat seinen Aufstieg von München 1 genommen, wie Wedekind, Wassermann und zahl- vie reiche andere, die der ‚Simplicissimus“ groß ge- f macht hat. 5 Dort saß er, wie mir Wassermann erzählte, in fal einer Dachstube der Theatinerstraße und schrieb a8 an den Buddenbroks'. Wassermann war es, der als ode Redakteur des ‚ Simplicissimus! die erste Novelle„ von ihm veröffentlichte und ihn so in die Literatur in einführte. 0 Meine Begegnung mit Thomas Mann fand im N ue November 1927 in Karlsruhe statt. Auf meine Ein- 38 ladung las er seine Novelle: ‚ Unordnung und frühes Leid“ vor. Ich erinnere mich noch deutlich eines grund- sätzlichen Gesprächs, das wir auf dem Wege zum Vortragssaal führten. Allein um dieses Gespräches willen erzähle ich von unserer Begegnung. Es war wohl eine halbe Stunde, die wir zu Fuß zurücklegten, da wir beide das Gehen vorzogen. Thomas Mann war gerade von einer Vortragsreise aus Norddeutschland gekommen und berichtete von seinen Eindrücken. „Der seltsamste Eindruck für mich war“, sagte er,„daß das Publikum bei meinen Vorträgen viel aufmerksamer war als bei den Vorlesungen.“ „Sie haben auch Vorträge gehalten?“ warf ich ein.„schade, daß ich das nicht gewußt habe. Auch ich hätte einen Vortrag vorgezogen.“ „Woher das kommt, ist mir unbegreiflich“, fuhr er fort.„Man sollte meinen, daß man den Dichter viel lieber aus seinen Dichtungen hört und nicht aus seinen intellektuellen Erwägungen.“ „Was Sie sagen, bestätigt vollkommen meine Er- fahrungen. So oft ich Vorlesungen der Dichter ver- anstalten ließ, kamen die Leute entweder nicht, oder sie waren sehr unzufrieden.“ „Hoffentlich läßt Sie das Publikum heute nicht im Stich“, meinte er. „Heute ist es der Name“, sagte ich lächelnd. „Wenn Sie gestatten, will ich eine Erklärung ver- suchen.“ 39 „Ich bitte sehr darum“, erwiderte Mann auf- merksam sans phrase. „Ich glaube, es liegt vor allem daran, daß die Kunst heute wissenschaftlich überlastet ist, wäh- rend die Wissenschaft zur Kunst geworden ist. Der ästhetische Schwerpunkt hat sich vom Unbewußten ins Bewußtsein verschoben. So sind die Reden durchweg hohe künstlerische Genüsse, während die Vorlesungen unbefriedigt lassen, weil sie die Ein- stellung auf Kunst verlangen und in Wirklichkeit Wissenschaft geben.“ „Das ist auch meine Beobachtung“, bestätigte der Dichter.„Manchmal wollte es mir scheinen, daß es die Problematik des Lebens sei, die eine intellektuelle Orientierung verlange, aber Sie treffen sicher das Richtige.“ „Natürlich ist es auch das, was Sie sagen“, stimmte ich bei.„Aber das Phänomen ist nicht nur vom Publikum her zu erfassen, sondern, wie mir scheint, in erster Linie vom Redner.“ Die Vorlesung bestätigte das Gesagte vollkom- men. Obwohl Thomas Mann ein vorzüglicher Inter- pret seiner Dichtungen ist, war die Aufmerksam- keit für das, was er sagte, sehr gering. Man war zur Persönlichkeit gekommen. Die Novelle interessierte kaum. Den Rest des Abends verbrachten wir in einem schönen Saal, in dem sich viele eingefunden hatten, die Mann kennen lernen wollten. 40 W. weni Wie das so geht, schloß die Sache mit einem weniger angenehmen Nachspiel. Wer wollte in Gegenwart eines berühmten Schrift- stellers nicht selbst als berühmter Schriftsteller gelten? Oder gar als berühmte Schriftstellerin? Man errät schon, daß eine Dame dem Dichter erzählte, daß sie eigentlich auch schon beinahe so- viel geschrieben habe wie er— die Quantität machts!— und daß sie eigentlich auch schon welt- berühmt sein könnte, wenn Ja wenn! Aber schließlich könnte er es selbst ein- mal prüfen. Ob sie ihm die Manuskripte zusenden dürfte? Damit war natürlich allen die Stimmung ver- dorben. Aber Thomas Mann schien zu wissen, daß es berühmtere Leute gibt als er— denn er lächelte. 41 Mit Kchicke Hier der me ande u brachte Meinsg Nation. und m Jerbin de nut leeren bean Den dien Hans Har esch lehr 8 Am wax der; DER MYVIHIKER UNSERER Alfred Mombert Mit Heidelberg verband mich frühzeitig ein Schicksal. Hier war mein erster Verleger Hermann Meister, der meine Dichtungen ‚Auferstehung' und„Mittag- land' und meine Zeitschrift, Die Synthese“ heraus- brachte. Hermann Meister war mit Kurt Wolff ge- meinsam der Verleger der expressionistischen Gene- ration. Kurt Wolff war allerdings kapitalkräftiger und machte das Rennen. Als ich mit Meister in Verbindung trat, begann die Inflation. Er überstand sie nur dadurch, daß er Wein trank und für die leeren Flaschen mehr löste, als er für die vollen bezahlt hatte. Dem Heidelberger Literaturkreis“ widmete ich einen Zyklus, der mir eine Einladung von Professor Hans Ehrenberg eintrug. Hans Ehrenberg hatte zwei bedeutsame Werke geschrieben: ‚ Tragödie und Kreuz und Die Heim- kehr des Ketzers'. Er war ein geborener Jude und zum Protestantismus konvertiert. Mein Eindruck war der eines völlig haltlos gewordenen Menschen, der sich durch die Kirche vor dem Abgrund zu 43 retten suchte. Damals war er gerade dabei, seine Professur an der Heidelberger Universität aufzu- geben und protestantischer Pastor zu werden. Das merkwürdige Schicksal eines begabten Denkers und Deuters. Mit der Zeit trat ich auch mit Gundolf, Rickert, Mombert, Benz in nähere Verbindung. Als ich den Dichter Alfred Mombert im Jahre 1929 das erste Mal aufsuchte, da irrte ich am Fuße des Heidelberger Schloßberges umher und fand ihn nicht. Erst nach einer Stunde verzweifelten Suchens und Fragens entdeckte ich ihn. Die Sache war nicht weiter verwunderlich. Ein befreundeter Redakteur hatte mir eine falsche Nummer angegeben. Im Grunde war das Haus gar nicht so schwer zu finden. Für mich war jedoch der ganze Vorgang sym- bolisch. Ich wäre nicht darüber erstaunt gewesen, wenn Mombert unter einer Hausnummer gelebt hätte, die es gar nicht gibt, bloß um im Verborgenen bleiben zu können. In seiner Arbeitsstube sieht es denn auch aus wie in einem mittelalterlichen Gewölbe. Eine ro tische Dekoration? Vielleicht. Aber wie hätte es bei Alfred Mombert anders aussehen können? Mombert ist wie Ziegler ein geborener Karlsruher. Aber die Helle und Klarheit dieser Stadt muß einem versponnenen Menschen wehe tun. Zu ihm paßt die romantische Landschaft Heidelbergs. 44 Ich! einem! Das belegen den Has Jollkom nüchter „Wen lachend mich k. Es ge er unm Wodisch „la, mand Ich Aabei 9 dern a der Na Er Marlen Kekom Kühle Den dhe Nahm Val duke 8 E Ich hatte den offiziellen Auftrag, Mombert zu einem Karlsruher Treffen einzuladen. Das war für ihn natürlich eine willkommene Gelegenheit, die guten Karlsruher wieder einmal bei den Haaren zu rupfen. Dabei waren seine Einwände vollkommen richtig: die Karlsruher sind wirklich nüchterne und schwerfällige Menschen. „Wenn ich nach Karlsruhe komme“, sagte er lachend,„gehe ich immer im Schatten— damit mich keiner sieht.“ Es gelang mir schließlich, ihn zu überzeugen, daß er unmöglich fehlen dürfe. Er sagte eine„Rhap⸗ sodische Vorlesung“ zu. „Ja, meinen Sie wirklich, daß dazu in Karlsruhe jemand kommt?“ Ich machte ihm verzweiflungsvoll klar, daß es dabei gar nicht auf die Karlsruher ankomme, son- dern auf die auswärtigen Besucher. Für diese sei der Name Mombert mehr als für die Karlsruher. Er hatte allerdings recht behalten. Weder die Karlsuher, noch die auswärtigen Besucher waren gekommen. Er las, wie man sagt, vor leeren Stühlen. Den wenigen Anwesenden war diese ‚Rhapso- dische Vorlesung' allerdings unvergeßlich. Man ver- nahm nichts als eine ferne Stimme aus dem All, die psalmodierend, immer wieder ansteigend und ab- sinkend, in ihrer scheinbaren Monotonie wirklich das Erlebnis des orphischen Dichters vermittelte. 45 Ich habe später Mombert noch oft in Heidelberg besucht. Immer wurde ich von ihm freundlich empfangen. Dieser hagere, schon beinahe mumien- hafte Mensch ist im Umgang sehr gesprächig und lebendig. „Sie halten mich für abstrakt“, sagte er einmal. „Ich bin genau das Gegenteil, ganz konkret. Ich liebe nur das Konkrete.“ „Ich zweifle nicht daran“, erwiderte ich.„Ob aber die Liebe zum Konkreten nicht aus einer urtümlichen Abstraktheit kommt, ist eine andere Frage. Mir ist es jedenfalls oft bei Juden begegnet, besonders bei Buber, daß sie das Konkrete in den Mittelpunkt ihres Dichtens und Denkens stellen, weil sie— abstrakt sind.“ „Da schauen Sie meine Steine an, ist das nicht etwas sehr Konkretes, diese zahlreichen Stein- sorten?“ Mombert hatte die erstaunlichsten Steingebilde gesammelt, die er nur recht behutsam berührte, und von denen er in jedem einzelnen Falle eine halbe Biographie zu erzählen wußte. „Vielleicht sind Steine Symbole des Abstrakten“, wagte ich zu sagen,„denn alles Abstrakte ist tot und Steine sind auch etwas Totes.“ „Ohl“ rief er aus,„Steine sind etwas sehr Leben- diges. Es kommt nur darauf an, daß wir Liebe zu ihnen haben.““ Und dann begann er so herrliche mythische Bilder zu beschreiben, daß ich verstummte. Die, Blüte des 46 Chao laule Unte Stein jezt. wisst Ale Sein Di. mich Mom es u liche Di Verse Mom Un ruhe Feld an d oh berg Letz Aulr * in e Ele Flu Chaos“ öffnete ihren magischen Kelch und zauberte lauter kleine, bunte, glitzernde Steinchen hervor. Unter den Händen dieses großen Magiers waren die Steine allerdings konkret geworden und ich begriff jetzt, was er unter der Konkretheit verstanden wissen wollte. Als ich Mombert das letzte Mal besuchte, stand sein sechzigster Geburtstag bevor. Die Stadt hatte mir wieder einen Auftrag erteilt: mich zu erkundigen, ob sie ihn durch eine Alfred- Mombert-Straße ehren dürfe. „Nehmen Sie aber bitte eine ruhige Straße, wenn es unbedingt sein muß“, sagte er noch einmal lächelnd beim Abschied. Die Stadt Karlsruhe hat natürlich auch diesmal versagt. Ich habe nicht gehört, daß sie einer Alfred- Mombert-Straße den Namen gegeben hat. Um so niederträchtiger benahm sich die Karls- ruher Nazi-Regierung, als nach dem Frankreich- Feldzug die badischen Juden nach Camp de Guyre an der Pyrenäengrenze abtransportiert wurden. Ob- wohl Richard Benz und zahlreiche andere Heidel- berger Persönlichkeiten sich für den Dichter ein- setzten, mußte er den Weg ins ungewisse Schicksal antreten. Mombert nahm die Rache, die seiner würdig war: in einer Dichtung: ‚Atair der Alte schilderte er das Elend des Winterlagers und stieß den grauenhaften Fluch des alttestamentarischen Propheten aus. 47 Es gelang noch, ihn in die Schweiz zu retten, doch war seine Kraft gebrochen. Sein Geist stieg empor zu seinem geliebten Stern. Die Trümmer des zerstörten Karlsruhe werden von ihm des Nachts milde beleuchtet. DAS BILDNIS DES PHILOSOPHEN Henri Bergson Der Philosoph Heinrich Rickert in Heidelberg erzählte mir einmal, wie er beinahe Nietzsche be- gegnet wäre. Er studierte in Zürich und las dort zufällig die ersten Drucke des Zarathustra. Die Sprache zog ihn machtvoll an. Er erkundigte sich nach dem Ver- fasser und erfuhr, daß er ein Einsiedler sei, der in Sils Maria wohne. Allerdings erfuhr er zugleich, daß Nietzsche ein ehemaliger Wagnerianer war, der inzwischen mit dem Meister gebrochen habe, und das betrübte den jungen Wagnerianer wohl. So hat er seine Absicht, Nietzsche aufzusuchen, nicht durchgeführt, was ihm später natürlich leid tat, wenngleich er Nietzsche zu den Lebensphili- sophen zählt, die er bekämpft. An diese Anekdote muß ich jetzt denken, da ich von Henri Bergson spreche. Es ist doch fatal, wenn man davor steht und die Gelegenheit nicht ergreifen kann. Bei Bergson war es allerdings nicht meine Schuld. Da ich seine Werke schon im Krieg gelesen hatte, 4 Berl, Gespräche 49 interessierte er mich natürlich außerordentlich, wie- wohl mir der reine Biologismus als Weltanschauung nie sonderlich gelegen hatte. Er interessierte mich vor allen Dingen vom Standpunkt des Judentums. Das spezifisch Unfranzösische, das Thibeaudet mit Recht betont, ist für mich das spezifisch Jüdische an ihm. Ich hatte Prarallelen gezogen zwischen Einstein in der Physik, Bergson in der Philosophie, Buber in der Religion, Mombert in der Dichtung, Schönberg in der Musik, Freud in der Psychologie— und hatte bei allen eine charakteristische Komponente gefunden: die Hervorkehrung der Zeit gegenüber dem Raum. Bergson war geradezu der Philosoph der Zeit. Daß er eine Schrift gegen Einstein geschrieben hat, spricht nicht gegen meine Auffassung von der jüdischen Affinität. Bergson ist nicht minder Rela- tivist als Einstein. Diese Schrift erstand ich in einem Pariser Laden und faßte gemeinsam mit einem Freund den Plan, sie ins Deutsche zu übertragen. Das müßte wohl ein Grund sein, von Bergson persönlich empfangen zu werden, dachten wir uns. Es war mir bekannt, daß Bergson krank Wax. Man sagte mir, es sei bei ihm nicht mehr ganz in Ordnung', aber das sagt man ja schließlich gerne von einem Philosophen. Wir fuhren also frisch und frei, wie wir Waren, ins Bois de Boulogne, wo der Philosoph jetzt 50 Un lei be wohnte. Er hatte gerade den Nobelpreis bekommen und konnte sich daher eine vornehme Wohnung leisten. Madame Bergson empfing uns mit großer Lie- benswürdigkeit. Wir wollen sicher Professor Bergson sprechen, meinte sie, aber das sei ausgeschlossen, weil er erst operiert worden sei. Wir sprachen von unserer Absicht, das Buch über Einstein zu übersetzen. Außerdem wollten wir ihn doch zu einem Vortrag in Deutschland einladen. Oh! meinte Madame Bergson, das letzte sei über- haupt ganz ausgeschlossen, was wir natürlich be- griffen. Immerhin verschwand sie, um Monsieur Bergson die Angelegenheit vorzutragen. Inzwischen betrachteten wir ein Olgemälde an der Wand. Der Schädel trat plastisch stark hervor, während der Körper in sich zusammensank. Ein intensiver Denker ohne Zweifel, aber nicht zufällig der Enkel eines Rabbiners aus dem ostjüdischen Ghetto: denn dies war eher ein Talmudist oder Kabbalist, denn ein Modephilosoph, wie man ihn so gerne bezeichnete. In diesem gespenstischen Schädel war alles Leben erloschen. In den polnischen Ghetti habe ich solche Men- schen gesehen, die mit gierigen Blicken und knochi- gen Händen im Kehricht wühlten, um den toten Dingen noch einen letzten Rest von Leben abzu- pressen. 4* Hier wurde mir klar, daß Bergsons Kampf gegen den Intellektualismus bedingt sei durch eine intellek- tuelle Hyperthrophie, daß er im Grunde gar nichts von dem élan vital hatte, den er emphatisch zu feiern unternahm. Während ich so in die Betrachtung des Bildes versunken war, schien sich mit einem Mal der Mund zu öffnen und zu mir herabzusprechen: „Sie warten auf mich und finden es lange, bis Sie zu mir kommen dürfen. Aber sehen Sie: das ist der Unterschied zwischen, temps longueur' und temps inventeur'. In Wirklichkeit sind erst fünf Minuten verstrichen, aber nicht wahr, es kommt Ihnen wie eine halbe Ewigkeit vor?“ „Wenn ich ehrlich sein soll: keineswegs“, er- widerte ich,„Sie haben schon zu mir gesprochen, ehe Sie den Mund geöffnet haben. Ich versuchte das Geheimnis des„elan vital“ und der Evolution créatricet zu ergründen— vergebens. Würden Sie, hochgeehrter Herr Professor, nicht die Freundlich- keit haben und mir die beiden Begriffe erklären?“ „Das ist es ja eben, daß es gar keine Begriffe sind, oder vielmehr, daß Begriffe nichts anderes sind als Konfektionskleider. Wenn sie vom Be- greifen des Begriffes sprechen, so können Sie ihn schon nicht mehr begreifen. Der Elan vital' ist eben ein Begriff, der kein Begriff ist, etwas Unbegriff- liches und Unbegreifliches, etwas, was über den Begriff hinausgehend schon nicht mehr begreifbar ist, es sei denn mittels der Intuition.“ 52 „Ist Intuition nicht auch ein Begriff?“ wagte ich schüchtern einzuwenden. Der Mund des Philosophen zeigte in beiden Winkeln einen Zug ins Verächtliche. „Intuition ist eben das Gegenteil eines begriff lichen Begreifens, eine Schau der Ideen. Uberlassen Sie sich dem ‚élan vital“, vergessen Sie ganz die gemessene Zeit und treten Sie durch die Pforte der erlebten Zeit in unmittelbare Kommunikation mit der Durée reelle.“ Schon wollte ich einwenden, daß auch die, Durée réelle' ein Begriff sei, aber der Mund des Philo- sophen verschloß sich plötzlich wieder, der Schädel erstarrte zur Maske und die Augen blickten mich wieder kalt und leblos, mit undurchdringlicher Schärfe an. Natürlich kam Madame Bergson bald zurück mit dem Bescheid, daß Monsieur Bergson sehr be- dauere, uns nicht empfangen zu können. Wir möch- ten doch unsere Wünsche schriftlich vorbringen. Wir haben nie geschrieben, aber wir haben einen Blick in die Seele dieses Mannes getan, der tiefer war, als er hätte bei einer Begegnung sein können. 53 2 .— DAS CHAMALEꝶ ON EN DER HITS Ma Sd cheler Dem Kölner Philosophen Max Scheler bin ich zum erstenmal im Jahre 1925 aus Anlaß der Grün- dung des China-Instituts in Frankfurt am Main begegnet. Ich saß im Foyer des Frankfurter Hofes“, als Graf Keyserling plötzlich aus dem Sitzungszimmer des Kuratoriums herausstürzte, hinter ihm Max Scheler und Hans Prinzhorn. Graf Keyserling kam auf mich zu und sagte direkt zu mir: „Kommen Sie, ich stelle Ihnen Max Scheler vor.“ Das ging alles so blitzschnell, daß ich nicht ein- mal die Möglichkeit gehabt hätte zu sagen, daß ich das nicht wünsche. Selbstverständlich wünschte ich es aber. Graf Keyserling stellte mich vor als den Heraus- geber der, Synthese. Diese Zeitschrift hatte es nur auf vier Hefte gebracht und war damals schon ein- gegangen. Aber Keyserlings Griff war instinktiv richtig, denn Scheler hat die Zeitschrift tatsächlich gekannt. Diese erste Bekanntschaft ging selbstverständlich nicht über eine höfliche Formalität hinaus. Immerhin fiel es mir im Verlauf des Gesell- schaftsabends auf, daß Scheler öfters aus dem Kreis mit Keyserling und Frobenius seltsam schwankend verschwand und in einer Ecke irgend- ein Glas leerte. Seine Augen waren ebenso seltsam verschwommen und seine Hände zitterten nervös. Ein Jahr später begegnete ich Scheler wieder während der Tagung des China-Instituts im Goethe- Haus. Richard Wilhelm, ein Mensch mit seltenem Stil- gefühl, interpretierte eine Stelle aus dem ‚Buch der Wandlungen! mit Parallelen zu Goethe und Laotse. Scheler saß neben Frobenius ganz in meiner lähe. Das Einglas in seinem Auge blitzte und gab dem Philosophen eine seltsam feudale Physiogno- mie. Das war der zweite Scheler. Den dritten Scheler, den geistvollen Philosophen und Soziologen, lernte ich erst später in Karlsruhe kennen, gelegentlich eines Vortrages. Ich bestreite nicht, daß dieser Scheler— es soll noch wenigstens zwei Dutzende Schelers geben— weitaus den besten Eindruck gemacht hat. Als wir einander gegenübersaßen, war er gerade- zu in ausgelassener Stimmung. Er amüsierte sich darüber, daß man ihn immer noch für den Philo- sophen des Katholizismus halte. 56 „Ich habe schon mindestens sieben n nichts mehr mit der Kirche zu tun“, sagte er. Daß Scheler mit der Kirche gebrochen hatte, war mir bekannt. Daß es schon sieben Jahre waren, er- staunte mich, da sich der schlaue Fuchs offenbar nicht ungern im alten Nimbus sonnte. Auch von Husserl war er längst abgerückt. „Ich war eigentlich nie Schüler von Husserl. Ich habe nur am Jahrbuch für Phänomenologie, mit- gearbeitet.“ In der ganzen Welt galt Scheler aber als Phäno— menologe und er fühlte sich recht wohl dabei. Die Rede über die, Philosophische Anthropologie machte allerdings einen außerordentlichen Ein- druck. Seine Konfrontation der Anthropologie zur Theologie, des Psychologismus zur Phänomenologie zeigte klar und offen sein Abrücken vom Thomis- mus und Husserlianismus. Scheler unterschied zunächst die drei Gedanken- kreise der theologisch-jüdisch- christlichen, der philosophischen-griechisch- antiken und naturwis- senschaftlichen-neuzeitlich- abendländischen An- schauung vom Menschen. Im ersten gelte der Mensch als ein von Gott abgefallenes Wesen, das durch Abtragen seiner Schuld die Gottähnlichkeit wieder- erlangen solle, im zweiten als Sonderwesen, das von allen Bindungen frei werden könne, im dritten end- lich als Produkt der Erdentwicklung, das aus der Pflanzlichen und tierischen Evolution hervorge- gangen sei. Auch der dritte Gedankenkreis sei bereits histo- risch geworden. Im Menschen lebe zwar der Ge- fühlsdrang der Pflanze und der Instinkt des Tieres, aber was ihn von beiden unterscheide, das sei der Geist. Scheler gebrauchte das Bild, der Mensch gehöre zur Tierreihe, wie die Turmspitze zum Turm, womit sowohl die Gebundenheit nach unten, als auch die Freiheit nach oben sinnfällig symbolisiert wurde. Den Geist bezeichnete er vorsichtigerweise als das unbekannte X. Wir können ihn nur aus seinen Wirkungen erkennen, denn der Mensch schaffe durch den Geist Gegenstände, während das Tier allein mit Widerständen zu tun habe. Durch ihn sei der Mensch der Ort der Selbstverwirklichung Gottes. Mit diesem Salto mortale aus der Anthropologie in die Theologie der Selbstvergottung war Scheler, der Wandlungsreiche, gleichsam wieder bei seinem Ausgangspunkt angelangt. Es war eine seiner letzten Reden, denn bald darauf ging sein Tod durch die Blätter, was mich nicht sehr erstaunte, da ich ihn schon im Redner- zimmer überrascht hatte, als er Morphium zur Be- ruhigung seiner Nerven nahm. Nach der Rede waren wir noch mit ihm zusam- men. Zu Arthur Drews sagte er: „Wir kommen immer näher zusammen, bald bin ich bei Ihnen.“ Das war natürlich eine Andeutung auf die, Philo- sophie des Unbewußten' von Eduard von Hartmann. 58 de b Dabei fraß er— so muß man schon sagen— eine Portion russische Eier mit dem Löffel direkt von der Platte. Das war der vierte Scheler, der mit dem ersten einige Ahnlichkeit hatte. Am anderen Tage trafen wir uns noch einmal vor der Abfahrt. „Lassen Sie bald einmal Heidegger sprechen“, sagte er.„,‚Sein und Zeit' ist eines der wichtigsten Bücher, Heidegger ist natürlich von meiner Anthro- pologie beeinflußt. Ich fürchte überhaupt: die Anthropologie wird die kommende philosophische Mode.“ Heidegger war damals noch nicht in Freiburg. Ich hatte noch nichts von ihm gelesen und bat Scheler um Auskunft. Vom Fenster des Zuges sagte er noch: „Heidegger ist ein statischer Denker, ich bin ein dynamischer. Ihm liegen die Griechen näher, mir die jüdischen Propheten.“ Das waren die letzten Worte, die ich aus seinem breit lachenden Munde noch hörte. Dann fuhr der Zug davon— er war auf dem Wege zur Todesfahrt. Wahrlich: diese seltsame Mischung einer jüdi- schen Schauspielerin und eines bayerischen Ober- försters— sie war eine der rätselvollsten, gefähr- lichsten Mischungen, die am Abendhimmel der europäischen Philosophie meteorartig auf- und untergegangen ist. . N DER MENSCH VOR DEM ABGRUNPD Martin Heidegger Martin Heidegger wurde als Nachfolger Husserls an die Universität Freiburg berufen in einem Augen- blick, da er zum Modephilosophen avancierte. Vor dem ersten Weltkrieg galt Henri Bergson als der erklärte Modephilosophé. Bei ihm war es immerhin verständlich, denn seine Schlagwörter wie ‚élan vital', Evolution créatrice', ‚durée réelle“ waren brillant genug, um ihren Glanz auszustrahlen. Wenn Bergson gar von den Begriffen als ‚Konfek- tionskleidern' sprach, so war er zweifellos mehr als chic“. Auch Simmel, Dilthey, Klages, Keyserling wurden einige Zeit zu den erklärten Modelieblingen. Wie Martin Heidegger dazu kam, Mode“ zu wer- den, ist eigentlich schleierhaft, da seine Diktion alles andere als populär ist. Er spricht von, Sorge“, „Angst', ‚Not', Abgrund', Nichts“, von lauter Be- griffen, an denen eine Schwermut haftet. Sie reißen vor dem Menschen einen Abgrund auf, in den er jeden Augenblick stürzen kann. Will man nicht annehmen, daß Heidegger gerade deshalb ‚Mode' wurde, weil er der Masse unver- 61 ständlich bleibt, so gibt es dafür nur eine Erklä⸗ rung: diese, Philosophie der Sorge- drückt die Hoff- nungslosigkeit der menschlichen Existenz, das Tra- gische der menschlichen Situation so unmittelbar und unerbittlich aus, daß der Mensch in seinem Absturz sich an sie zu klammern sucht. Heidegger selbst ist ein viel zu ernster und ein- samer Denker, als daß er sich um diese Mode be- kümmerte, das Faktum aber bleibt bestehen. Die Fachphilosophie zeigte ihr größeres Interesse für ihn natürlich aus einem anderen Grunde: seit Heideggers Kontroverse mit Cassirer in Davos. Dort wurde der Gegensatz der älteren Kant-Interpre- tation als reiner Erkenntnistheorie und der neueren als einer Metaphysik auf anthropologischer Basis zum erstenmal deutlich sichtbar gemacht. Cassirer steht, wie er mir einmal sagte, auf dem Boden der, Marburger Schule Hermann Cohens, die in der Erkenntnistheorie Kants, in den drei Kri- tiken“, die Hauptleistung des Königsberger Philo- sophen sieht. So richtig dies an sich scheint, so unbestreitbar ist die Tatsache, daß sowohl der vor- wie der nach- kritische Kant Metaphysiker war. Die Erkenntnis- theorie kann niemals Selbstzweck sein. Sie unter- sucht zwar die Grundlagen des Denkens selbst und steckt seine Grenzen ab, aber sie bereitet damit nur das Terrain für eine neue Metaphysik. Der badische Staat hatte mich beauftragt, auch Heidegger zu dem im Jahre 1930 stattfindenden 62 „Karlsruher Kongreß“ als Vertreter der Universität Freiburg einzuladen. Als ich von Zähringen aus den Rötebuckweg hin- aufstieg, dachte ich an Emil Gött, der auf der nahen Leihalde' seine tolstojanisch-nietzscheanischen Ex- perimente gemacht hat, an jenen Dichter- Bauer, der sich frühzeitig um eine Synthese zwischen Sozialis- mus und Individualismus bemühte. Ganz in der Nähe wohnte auch Anton Fendrich, der Schauspieler und Causeur, der über Gött seinen besten Roman— Emil Himmelheber“ geschrie- ben hat. Und unten in der Ebene hauste Emil Strauß, der Freund Götts, der sich monomanisch in sein soziales Gespinst verwickelte. Das alles ging mir durch den Kopf, als ich Hei- deggers Schwarzwaldhaus von weitem sah. Der Philosoph im Schwarzwaldhaus! Damit berühren wir bereits den Kern der Hei- deggerschen Persönlichkeit. Er ist ein Schwarzwald bauer, in Meßkirch geboren, in Freiburg aufge- wachsen. Er hat erst später von der Theologie zur Philosophie übergewechselt. Heidegger ist das Urbild des alemannischen Denkers: einsam, schwer, schollenhaft, in die Tiefe bohrend. Ich empfinde Heidegger als vertikalen Denker, als Philosophen, der an einer Stelle ansetzt und immer tiefer und tiefer bohrt, bis er ins— Nichts stößt. Im Gegensatz zum horizontalen Denker, als dessen Prototyp ich etwa Keyserling bezeichnen 63 möchte, der, wie er selber sagt, in Kontinenten denkt. Man führte mich ins Musikzimmer. Alles ist aus Holz und jeder Schritt im Hause dröhnt. So hörte ich bald den Philosophen mit schweren Bauernschuhen die hölzerne Treppe hin- unterkommen. Heidegger ist dunkelhaarig und klein. Alles in seinem Gesicht ist gepreßt, nicht gelöst. Die Tiefen- bohrung des Denkens formt geschlossene, ver- schlossene, keine weltoffenen Züge, wie sie im Gegensatz zum Alemannen dem Franken physio- gnomisch eignen. Ich kann nicht sagen, daß Heidegger unfreund- lich war, aber seine gepreßten Züge schlossen sich nicht auf. Das war das Mißtrauen des einsamen Schwarzwaldbauern, der seine Leute erst kennen muß, bevor er sich ihnen zu erkennen gibt. Nachdem ich meinen Auftrag erledigt hatte, kamen wir ins Gespräch. „Auf Ihr„Sein und Zeit“ hat mich Max Scheler aufmerksam gemacht“, sagte ich.„Wann wird der zweite Teil erscheinen?“ 5 „Er wird überhaupt nicht erscheinen“, entgegnete er lächelnd.„Es gibt andere Aufgaben, die mich bedrängen.“ „Ich habe gerade jetzt Ihre kürzlich erschienenen Schriften Vom Wesen des Grundes“, Kant und das Problem der Metaphysik, und Was ist Metaphy⸗ sik“, Ihre Antrittsvorlesung, gelesen. Sie zeigen 64 deull Mich „Di Logic Aber Wort. 0 geben 0 degge einkat Wee unm entst und gru fal woll Kche beste lein „0 King dem le hat deutlich die Spuren Ihres Abrückens von Husserl, Scheler und der gesamten phänomenologischen Richtung.“ „Die Phänomenologie führt wohl in die onto- logische Fragestellung hinein“, sagte der Philosoph, „aber sie gibt auf die Fragen des Seins keine Ant- wort.“ „Welche Antwort können wir aber darauf geben?“ fragte ich. „Die Angst offenbart das Nichts“, erklärte Hei- degger nachdenklich.„Dieses Nichts ist aber nicht einfach eine Verneinung eines Etwas, es gehört zum Wesen des Seins, das in der Angst vor den Menschen unmittelbar hintritt. Aus der Angst vor dem Nichts entstehen also die metaphysischen Fragestellungen und damit die Antworten auf die Fragen des Seins.“ „Damit würde also der Mensch vor einem Ab- grund stehen, in den er jeden Augenblick hinein- taumeln kann?“ „Wenn Sie das Nichts einen Abgrund nennen wollen— jal“ „Damit würde aber die Existenzialität des Men- schen in einer beständigen Sorge vor dem Abgrund bestehen? Das Dasein würde für ihn keine Freude, kein Glück, keine Sicherheit bieten?“ „Das sind alles Dinge, die an der Oberfläche des Seins haften. In der Tiefe gibt es nur die Angst vor dem Nichts.“ „Ich bestreite nicht, daß dies die Situation des heutigen Menschen ist“, sagte ich.„Würden Sie 5 Berl, Gespräche 65 aber meinen, daß dies die Situation des Menschen überhaupt ist?“ „Es ist die Situation des Menschen überhaupt, denn zu allen Zeiten stellt sich ihm die Frage nach dem Sinn des Seins. Mit der Fragwürdigkeit des Seins ergibt sich erst die Beantwortbarkeit aus dem Nichts, d. h. die Metaphysik.“ Als ich fortgegangen war, hatte sich etwas von der bohrenden Strenge dieses unheimlichen Denkens in meine Seele gesenkt. Ich hatte einen Blick in den Abgrund getan, aus dem das Grauen wie ein mephitischer Qualm emporstieg und mich zu be- täuben suchte. Bald nach diesem Besuch sprach Heidegger in Karlsruhe über die gegenwärtige Lage der Philo- sophie. Er gab nicht nur eine klare Abgrenzung der anthropologischen, charakterologischen Problem- stellung der Philosophie, er zeigte auch am Beispiel der„Langeweile“, wie tief eine solche Erscheinung der Oberfläche bis zum Nichts vorstößt, wenn es nicht nur Langeweile vor einem Etwas ist. Er ging zunächst von der Philosophie aus, Von der man spricht. Dabei unterschied er die Kultur- philosophie Spenglers, die Charakterologie Klages und die Anthropologie Schelers. Spengler und Klages sähen im Geist den Widersacher der Seele, Scheler suche zwischen Geist und Seele zu vermitteln. Diese Kultur- und Menschenphilosophie stellte er gar nicht erst in Frage, er verneinte nur ihre Notwendigkeit und Dringlichkeit in der gegenwärtigen Situation. 66 Immer frage man nach dem, was komme, um sich vor dem zu drücken, was sei. Nicht wo wir stehen sei wichtig, sondern wie es um uns stehe. Damit warf er sich mutig in den Strom von Stein und Zeit und brachte etwas ans Land, was alle mehr oder minder anging: die Langeweile. Eine Erscheinung der Oberfläche? Keineswegs! Vielmehr das zentrale Problem des gegenwärtigen Menschen. Die Langeweile, die an sich drei Dimen- sionen habe, definierte Heidegger als Zeit, die uns belästige. Sie sei leer geworden und stehengeblie- ben. So dringe sie fordernd auf uns ein und wir können uns nur helfen durch den Zeitvertreib. Langeweile bedeute Gelangweiltwerden von etwas und bei etwas. Sie sei ein Hingehaltensein und Leergelassenwerden. Was ist unter diesem Aspekt der Leere der Mensch? Krone der Schöpfung oder ein Mißver- ständnis? Ein Ubergang oder ein Ueberdruß? Auch hier noch immer das verschlossene Wesen des Denkers, der eher abstieß als anzog. Ein alter Freund Heideggers wollte nach dem Vortrag ein Zusammensein in seinem Hause veranstalten, aber es gehört zum Typus dieses Philosophen, das alles abzulehnen. Hatte er nicht eben erst gegen die Langeweile gesprochen? Nun kam die Berufung nach Berlin. Alles horchte auf: Wird Heidegger den Lehrstuhl Troeltschs an- nehmen? 5* Er ließ sich einige Zeit. Wer ihn aber kannte, wußte, daß er ablehnen werde. Was soll ein Schwarz waldbauer auf dem Berliner Asphalt? Der Alemanne blieb an seiner Scholle haften. Und nun geschah etwas Seltsames. Heidegger sagte sein Erscheinen auf dem Karls- ruher Kongreß! zu. Er sprach über das Thema Vom Wesen der Wahrheit“. Von den eisigen Höhen der Abstraktion stieg er immer tiefer und tiefer zur Erde herab, und auf einmal hatte er den Sprung gewagt: Wahrheit und Wirklichkeit trafen sich auf dem Boden der Heimat. Dieses wahrhaft erschütternde Bekenntnis riß die Herzen aller mit. Es war die Antwort auf den Berliner Ruf. Damit war aber auch der Abgrund des mensch- lichen Seins übersprungen. Die Angst vor dem Nichts ist das Resultat der Wurzellosigkeit des modernen Menschen. Jetzt war endlich alles Mißtrauen in diesem Ge- sicht gelöst. Jetzt waren wir einander näher ge- kommen. gekre Febr dun elbe Sue Rra irg kulz DIE BET RACHTUNG DER KLASSISCHEN KUNST Heinrich Wölfflin Die Begegnung mit Heinrich Wölfflin ist für mich mit einer schmerzlichen Erinnerung verbunden. Selten habe ich mich so sehr auf einen Menschen gefreut. Mein körperlicher Zustand war aber im Februar 1929 auf einen derartigen Tiefpunkt ge- sunken, daß ich Sorge haben mußte, seinen von mir selbst veranlaßten Vortrag Anfang März nicht be- suchen zu können. Das brachte mich auf meinem Krankenlager beinahe zur Verzweiflung. f In der Tat stellte dieser Tag den Höhepunkt der Krise dar. Ich hatte hohes Fieber und geradezu irrsinnige Kopfschmerzen. Eine schwere Mittelohr- entzündung raubte mir zudem auf der rechten Seite das Gehör. Der Arzt riet mir dringend, das Bett nicht zu ver- lassen. Er wies mit Recht darauf hin, daß dies geradezu lebensgefährlich sein könnte. Am Tag der Ankunft also zeigten sich Fieber- phantasien. Der Geist begann mit dem Körper zu ringen. Immer wieder sank ich in einen apathi- schen, ja geradezu lethargischen Zustand zurück. 69 Ich weiß heute nicht mehr, welche Kraft in mir es vermochte, daß ich Wölfflin plötzlich im Schloß- hotel gegenüberstand, um ihn zu begrüßen. Noch heute sehe ich seine hohe, schlanke Ge- stalt auf mich zukommen. Sein Gesicht mit dem Bärtchen war plastisch gemeißelt, aber seine Sprache mit dem behaglichen schweizerischen Akzent verbannte sogleich alle marmorne Kälte. „Ich muß sie um Entschuldigung bitten, Herr Geheimrat“, sagte ich,„aber ich komme gerade von meinem Krankenlager und habe, glaube ich, hohes Fieber.“ „Das sehe ich Ihnen an“, sagte er gütig.„Sie sollten gleich wieder ins Bett gehen.“ „Das kann ich unmöglich, denn ich habe mich sehr auf Sie gefreut. Und ich habe mir auf meinem Lager ein paar Fragen ausgedacht, die ich unbe- dingt an Sie stellen muß.“ „Das sollten Sie lieber nicht tun“, sagte er. Als er aber sah, daß ich beharrlich blieb, forderte er mich auf, im Foyer Platz zu nehmen. „Mein Zustand hat mich immer wieder an den Satz Goethes erinnert, daß das Klassische das Ge- sunde und das Romantische das Kranke sei. Halten Sie diese Gleichsetzung des Klassischen mit dem Gesunden für richtig?“ begann ich. „Ohne Zweifel ist sie richtig“, erwiderte Wölfflin. „Auch die Schlußfolgerung, daß das Romantische das Kranke sei, halte ich für zutreffend.“ 70 ein. bin Gut „Dann würde dies auch auf Ihre Gegenüberstellung von Renaissance und Barock zutreffen?“ „Soweit möchte ich nicht gehen“, sagte er nach einiger Uberlegung.„Renaissance und Barock sind zwei Kunststile, von denen der eine linear und plastisch ist, der andere malerisch und bewegt.“ „Hat nicht Fritz Strich in seiner„Deutschen Klassik und Romantik Ihre kunstgeschichtlichen Grundbegriffe auf die Literaturgeschichte über- tragen?“ „Das hat er allerdings. Man kann auch sagen, daß von der Antike über die Renaissance zur Klassik und vom Mittelalter über das Barock zur Romantik eine geistesgeschichtliche Linie verläuft, aber ich bin gegen die Ubertragung kunstgeschichtlicher Grundbegriffe auf die allgemeine Geistesgeschichte.“ „Es ist mir gerade in diesen Tagen bewußt ge- worden“, fuhr ich nach einer kurzen Atempause fort,„wie sehr auch die Betrachtung der klassischen Kunst einen gesunden Zustand des Betrachters zur Voraussetzung hat. Ich nahm eine Reproduktion des Lionardoschen ‚Abendmahls zur Hand und empfand zum erstenmal einen Ekel an der stren- gen Symmetrie der Mittelachse.“ Wölfflin lächelte still und sagte: „Deshalb dulde ich auch nicht länger, daß Sie in diesem Zustand hier bleiben. Wenn Sie wieder ge- sund sind, wird Ihnen auch das ‚ Abendmahl“ wieder gefallen.“ Der zarte Wink war berechtigt und ich verab- schiedete mich. Am Abend aber fuhr ich trotz aller Ermahnungen zur Technischen Hochschule, um den Vortrag Wölfklins über Die geschichtliche Betrachtung der Kunst' zu hören. Der Fieberzustand hatte sich verschlimmert und ich hatte alle Mühe, den Ausführungen zu folgen. Trotzdem machte ich mir noch, wie immer, Notizen. Wie war ich erstaunt, gleichsam eine Fortsetzung unseres abgebrochenen Gesprächs zu vernehmen. Wölfklin zeigte am Beispiel Vasaris und Winckel- manns die objektive Betrachtung der Kunst, wäh- rend ein Romantiker wie Schnase die Betrachtung subjektiviere und überhaupt in der Romantik die Einzelbiographie aufkomme, die ein Vasari noch als Künstler um der reinen Kunst willen ge— schrieben habe. Dann knüpfte er an Jacob Burckhardt an, der den Begriff einer eigenen Formgeschichte der Kunst als Erster konzipiert habe und leitete von hier aus auf seine eigene kunstgeschichtliche Be- trachtung über. Die Kraft meines gesunden Geistes hatte bis zum letzten Augenblick dem kranken Körper getrotzt. Dann brach ich zusammen und mußte aus dem Saale fortgebracht werden. Wochenlang schwebte ich zwischen Leben und Tod. UBER HELDEN UND HELDENVEREHRUNG Friedrich Gundolf Heidelberg, die Stadt der deutschen Romantik, die Stadt mit der ältesten deutschen Universität, hat bis zur Gegenwart seinem Weltruf Ehre gemacht. Es ist zwar sicher, daß die rührselige Studenten- geschichte, Alt-Heidelberg' mehr zur Popularisierung dieser Stadt beigetragen hat, als alle romantische Dichtung, Kunst und Philosophie— aber von dieser Art zweifelhaften Ruhms will ich hier nicht Sprechen. Heidelberg wurde durch Windelband und Rickert zum Zentrum der badischen Philosophenschule“, durch George und Gundolf, Mombert und Benz das Zentrum der beiden wichtigsten deutschen Dichter- schulen der Gegenwart. George und Gundolf sind tot. Der Mombert-Kreis besteht nicht mehr. Auch Windelband und Rickert leben nicht mehr. Die Zeit, aus der ich berichte, zeigt nur noch den späten Glanz. Friedrich Gundolf, der Literaturhistoriker der Universität, war ein geborener Jude. Allein er hatte durch Stefan George Norm und Haltung empfangen, 73 die ihm nicht adäquat waren, und wirkte daher vollkommen unjüdisch. Im Juli 1927 sah ich Gundolf zum erstenmal. Er trug ein Kapitel aus seinem grundlegenden Shakespeare-Buch vor. Wer je schon ein Bild von George gesehen hatte, der mußte überrascht sein von der auffallenden physiognomischen Affinität zwischen George und Gundolf. Er wählte Shakespeares Alterswerk Antonius und Cleopatra'. Wahnlose Weisheit ohne Weltver- achtung und Weltverspottung, spreche aus diesem Drama, das in der Gegenüberstellung des apollinisch klaren Römers und der dionysisch lockenden Agyp- terin den tiefen Kontrast von Okzident und Orient widerspiegle. Aber Antonius setzte durch seine Liebe zu Cleopatra den Bestand des römischen Imperiums aufs Spiel. So erscheine Octavianus als die Verkörperung des strengen Gesetzes und als Repräsentant des abendländischen Geistes. Unwillkürlich sah man im Bildnis des Antonius ein Selbstporträt Gundolfs, des Apollinikers, der den Verlockungen des Dionysischen in seiner eignen Seele schwer widerstehen konnte und über dem gleichsam George als der Octavianus stand, der als Richter der abendländischen Form auftrat. Das persönliche Verhältnis zwischen Gundolf und George war durchaus analog zu dem zwischen Antonius und Octavianus. Es war die Zeit kurz vor seiner schweren Er- krankung, an deren Folgen er schließlich einige 74 20 . ge 80 Jahre später gestorben ist. Er machte damals schon den Eindruck eines sehr kranken Menschen. Meine Unterhaltung mit Gundolf drehte sich fast Ausschließlich um George. Der„Kreis“ hatte mich Zwar nie sonderlich interessiert, aber ich schätzte den Dichter George als den Schöpfer eines neuen Formgefühls. Es war damals schon kein Geheimnis mehr, dag George mit Gundolf gebrochen habe. Ich war ge- neigt, Gundolf recht zu geben, mußte aber doch später mein Urteil revidieren. Sei es wie es will: ich habe jedenfalls nie in meinem Leben mit soviel Achtung über einen anderen Menschen sprechen hören, wie Gundolf über George. „Man kann für oder gegen George sein“, sagte er, „Aber man kann die deutsche Dichtung der Gegen- wart nicht mehr ohne George beurteilen, sowie man für oder gegen Kant, aber nicht mehr ohne Kant denken kann.“ „Vielleicht hat der esoterische Charakter des Kreises viel zu den Gerüchten über George bei- getragen“, entgegnete ich. „Sie haben recht“, meinte er,„aber wie hätte die Zuchtlosigkeit des Naturalismus anders überwunden werden können? Schließlich sind alle großen geisti- gen Bewegungen aus der Esoterik hervorgegangen.“ „Allerdings hat die früher oder später notwendige Oflentlichkeit auch immer zum Verfall esoterischer Schulen geführt.“ Ich wollte damit auch auf das Ausscheiden Gundolfs aus dem Kreis“ anspielen. Ich betrachte es als einen der Glücksfälle meines Lebens, daß ich wenige Wochen vor dem Tode Gundolfs mit diesem noch einmal in seiner Heidel- berger Wohnung zusammen sein konnte. Es war meine Absicht, ein Mappenwerk Das Gesicht der Zeit herauszugeben. In diesem geistigen Gesicht war Gundolf zumindest ein wichtiges physiognomisches Element. Bei der Sitzung hatte ich einen seltsam tiefen Eindruck: Gundolf offenbarte sich plötzlich als Mensch, der mit den Händen lebhaft gestikulierte, dessen Mimik fortgesetzt wechselte und der unruhig seinen Oberkörper hin- und herbewegte. Dabei sprudelte seine Laune geradezu über. Eine Kette von Witzen zog über uns dahin, und es waren nicht immer die einwandfreisten. Natürlich zeigte er uns auch seine Cäsar- und Shakespeare-Bibliothek, seine Cäsar-Bildnisse und Münzen. Der Anwalt des Heroen-Kultes kontrastierte merkwürdig zu dem Possenreißer, der doch in seinen Werken alles Anekdotische verschmähte und der in ihnen nie von seinem Kothurn herabstieg. „Ich habe über Cäsar, Goethe, Shakespeare, George geschrieben“, sagte er,„weil ich das Wahre und das Schöne nur mit einem Henkel fassen kann.“ Als der Maler zu Ende war, da war das Wunder geschehen: diese griechische Statue war zum jüdi- 76 schen Propheten geworden, die Erregungen hatten sich alle auf dem Bilde abgezeichnet. Es war eine Demaskierung“, bei der wir alle rat- los standen und nicht wußten, was wir dazu sagen sollten. Schließlich meinte ich, daß ich bei der nächsten Sitzung nicht mehr dabei sein möchte. Wenn das dynamisch erregte Gesicht durch das statisch ruhige korrigiert werde, so sei gewiß die Doppelheit seines Wesens ganz erfaßt. So geschah es dann auch. Als aber das Bild fertig war, da stand etwas ganz anderes in diesem Gesicht: der Tod. Wie ein leiser Schleier verdeckte er die Züge dieses schönen Griechenjüngers, der zuletzt doch nur ein armer, schwacher Jude war. DAS LACHELN DES S KEPTIK ERS Alfred Erich Hoche Ein volles Jahrzehnt sah ich immer wieder Alfred Erich Hoche, der sich Baden-Baden als Ruhesitz ausgesucht hatte, nachdem er 1933 seinen Posten als Direktor der Psychiatrischen Klinik in Freiburg und als Universitätsprofessor niedergelegt hatte. Er schrieb damals unmittelbar nach seinem Rücktritt in Ospedaletti sein autobiographisches Werk Jahresringe“, dessen Auflage in kurzer Zeit auf Zehntausende anschwoll. Er war also nicht nur ein berühmter Psychiater, als er nach Baden-Baden kam, sondern auch ein berühmter Autor. Sein Gesicht war trotz des grauen Bartes und der Brille noch jugendlich gestrafft, sein Gang elastisch und sein gesellschaftliches Auftreten von einer erstaunlichen Sicherheit. Diese„Jugendlichkeit' offenbarte sich auch darin, daß er zu schönen Frauen ein inniges Verhältnis hatte und mit diesen nicht selten im Theater oder im Konzert gesehen wurde. g Ich traf ihn oft auf der Straße, wo ich immer Mühe hatte, ihm in seiner Freundlichkeit zuvor— 79 Lnagik zukommen, manchmal in Gesellschaften, die ihn als Causeur liebten, und einige Mal in seiner Woh- nung, wo wir ernstere Gespräche führten. Immer lag über seinem Gesicht das Lächeln des Skeptikers, der sich beim lieben Gott ebenso gut hen auskannte wie bei den Menschen und der das ft Leben und Treiben dieser Menschen unter dem nen Aspekt des Irrenarztes betrachtete und es recht init a0 erheiternd fand. Auch wenn er über die ernstesten Dinge sprach, tat er dies nie ohne ein überlegenes Lächeln. 0 Man hätte diese Art rationalistischer Skepsis so- r gar als erfrischend und befreiend empfinden N fete din können, wenn sie nicht mit allzu spielerischer Eleganz über den Abgrund der Zeit hinweg gehüpft eden wäre, als ob es so etwas wie einen Abgrund gar Lab nicht gäbe. lirde Als wir uns das erstemal in seiner Wohnung Ab gegenübersaßen, sagte er zu mir: 4 W „Ich habe alle Brücken zur Vergangenheit ab- n gebrochen. In meiner Bibliothek befindet sich kein. einziges medizinisches Buch mehr. Ich will nur 1 f noch Mensch sein.“ been Wer hat dafür nicht volles Verständnis bei einem bt Manne, der soeben erst Rückschau und Innenschau 4 Ace gehalten hat? bn Wir kamen auch auf die Psyehoanalyse 2 l sprechen. il „Ich war einer der ersten Kämpfer gegen die cr Psychoanalyse“, sagte er.„Freud erlebt jetzt die bel 80 ken Tragik jedes Sektengründers: den Abfall seiner Schüler vom Dogma.“ Er gab mir sein Buch über Das träumende Ich“, das schon in seinem Titel den Gegensatz zur Freud- schen ‚Traumanalyse' betonte: das Ich“ träumt, nicht das Es-, Das Unbewußte wird lediglich zu einem Schattenbild des Bewußtseins herabge- würdigt. Das zentrale Ichbewußtsein ist völlig oder doch größtenteils ausgeschaltet. Der moralische Charak- ter, die Kritik, die Kausalität, das Urteil, die Logik, der Wille sind so gut wie ganz aufgehoben. Dagegen treten optische Anschauung, Stimmungen, Symboli- sierungen usw. hervor, Tagesreste ebenso wie Ver- gessenes können die Trauminhalte bestimmen. Dabei fand ich es immerhin erstaunlich, als Hoche sagte: „Ich träume die ganze Nacht ununterbrochen. Ich habe jede Nacht mindestens dreißig bis vierzig Träume.“ d „Können Sie diese alle behalten und kontrol- lieren?“ fragte ich. „Gewiß“, sagte er.„Es ist nicht ein einziger darunter, zu dessen Erklärung eine Traummystik erfoderlich wäre. Es gibt weder Wahrträume, noch Ahnungs- und Fernträume. Das ist alles mystischer Hokuspokus.“ Mir wollte immerhin scheinen, daß diese Fülle von Träumen eine Folge der extremen Wachbetont- heit seines Bewußtseins war. Das Unbewußte, nicht 6 Berl, Gespräche 81 nur ein Schattenbild des Bewußtseins, pochte im Schlaf an die verschlossene Pforte und mahnte den rationalistischen Skeptiker. Er reichte mir einige seiner Versbändchen:„Der Tod des Gottlosen, ‚Narrenspiel', ‚Christus der Jüngling“. „Es interessiert mich, daß Sie, wie so viele Ge- lehrte unserer Zeit, auch mit Dichtungen begonnen haben“, sagte ich. „Die Dichtungen stehen bei mir nicht am Anfang, sondern sozusagen am Ende“, erwiderte er lächelnd. Mir aber wollte scheinen, daß der Dichter mit dem Träumenden verwandt sei und daß auch diese Dichtungen— die übrigens alles andere als senile Alterspoesie darstellen— ein Zeichen dafür seien, daß nicht nur das Ich! träumt, sondern auch das ES Als wir später wieder einmal in seiner Wohnung einander gegenübersaßen, hatten wir ein anderes Thema. Mein Buch, Baden-Baden im Zeitalter der Roman- tik war erschienen und ich hatte Hoche ein Exem- plar zugeeignet. Darin befand sich ein Kapitel über Nikolaus Lenau und den ‚Wahnsinn des Jahrhun- derts“. Hoche schrieb mir, er müsse sich mit mir über dieses Thema unterhalten. Es war mir klar, daß er damit als Fachmann nicht einverstanden war. Ich war jedoch ent- schlossen, mich zu behaupten, zumal ich mir selbst 82 darühe Cedan Hoe Dicht Wurd daß Schi 11 Wal neu. Jaht Ich Led Oder Hal“ darüber seit mindestens zwei Jahrzehnten eigene Gedanken gemacht hatte. Hoches Vortrag über Die Geisteskranken in der Dichtung, war damals noch nicht erschienen. Es wurde mir aber im Verlaufe der Unterredung klar, daß auch er sich mit dieser Frage eingehend be- schäftigt hatte. „Ich bin nicht der Ansicht“, sagte er,„daß der Wahnsinn ein besonderes Charakteristikum des neunzehnten Jahrhunderts darstellt. Es gab in allen Jahrhunderten wahnsinnige Künstler und Politiker. Ich erinnere Sie nur daran, wie Shakespeare im Lear oder ‚Hamlet“, Goethe in„Torquato Tasso“ oder Iphigenie das Problem literaridsch behandelt hat.“ „Verzeihen Sie, Herr Geheimrat“, erwiderte ich, „es steht ja nicht das Problem der literarischen Behandlung zur Diskussion, sondern die Tatsache, daß es überraschend zahlreiche geistige Menschen im vorigen Jahrhundert gibt, die dem Wahnsinn verfallen sind. Sie wollen doch mit Ihrem Einwand nicht sagen, daß Shakespeare und Goethe Wahn- sinnige waren, bloß weil sie den Wahnsinn in ihren Werken zum Gegenstand der Dichtung gemacht haben?“ „Gewiß nicht. Ich glaube aber, daß es die größere zeitliche Nähe ist, die uns die Tatsachen im neun- zehnten Jahrhundert stärker empfinden lassen. Außerdem: wer war es denn außer den paar Dichtern wie Hölderlin, Lenau, Nietzsche, Maupas- 85 83 sant, Leuthold und einige weniger bedeutendere Persönlichkeiten?“ „Sie vergessen unter den Romantikern Lenz, Caspar David Friedrich, Robert Schumann, Sie ver- gessen unter den Jüngern Wagners außer Nietzsche Ludwig II., Charles Baudelaire, Hans von Bülow, Sie vergessen Donizetti, Hugo Wolf und Vincent van Gogh, Sie vergessen Friedrich Wilhelm IV. und Conrad Ferdinand Meyer. Das sind nur einige Namen, die mir zu den von Ihnen genannten gerade noch einfallen. Ich bin überzeugt davon, daß sich die Liste noch endlos verlängern ließe.“ „Ich weiß nicht, ob man bei diesen allen von Wahnsinn sprechen kann,“ sagte der Geheimrat ausweichend.„Es wird mit diesem Begriff viel Unfug getrieben.“ „Die Tatsache, daß sie alle in eine Anstalt ge- kommen sind, dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, Herr Geheimrat.“ „Es ist nicht jeder geisteskrank, der in eine Anstalt kommt. Ich gebe zu, daß es in diesem Falle stimmt und daß ich mir über das Ausmaß nicht völlig klar gewesen bin.“ „Dabei verzichte ich ganz auf jene Künstler, die man zumindest als ernsthafte Grenzfälle be- zeichnen könnte: E. T. A. Hoffmann, Kleist, Wagner, Strindberg, um nur diese zu nennen. Strindberg hat selbst im Inferno keinen Zweifel darüber gelassen, daß er in jener Periode ein Wahnsinniger war.“ 84 Ma nallre und! kun 5 1 Die Den War ich elk Wa flag le Scher fische dun Mech pie Kunst Ach 90 Kelber „Man darf allerdings nicht vergessen, daß es in zahlreichen Fällen Paralyse war, daß also Kunst und Wahnsinn nicht unmittelbar miteinander zu tun hatten.“ „Dies möchte ich auch keineswegs behaupten. Die Frage, was zum Wahnsinn geführt hat, ob es Dementia, Paranoia, Schizophrenie oder Paralyse war, interessiert mich dabei gar nicht. Es handelt sich lediglich um die Tatsache des Wahnsinns selber.“ „Wie würden Sie aber dann die Anhäufung des Wahnsinns im vorigen Jahrhundert erklären?“ fragte Hoche. f Ich überlegte einen Augenblick, dann sagte ich: „Aus dem völligen Zusammenbruch der klassi- schen Welt. Sie wissen, daß Goethe sagte: Das „Klassische nenne ich das Gesunde und das Roman- tische das Kranke“. Die Romantik steht dem Wahn- sinn nahe, wie es schon Novalis empfand. In den Nachtwachen des Bonaventura“ haben wir den typischen Fall einer Grenzüberschreitung zwischen Kunst und Wahnsinn: die junge Schauspielerin lebt sich so stark in die Rolle der Ophelia ein, daß sie selber wahnsinnig wird.“ „Ich glaube nicht, daß der Mensch durch die Kunst wahnsinnig wird. Das ist die populäre Auf. fassung, daß Lenau etwa durch seine Gemütsver- fassung, Nietzsche durch sein Denken und Hölderlin durch seine unglückliche Liebe zur Diotima wahn- sinnig geworden sei.“ „So meine ich es freilich auch nicht. Das heißt Ursache und Wirkung verwechseln.“ „Oder glauben Sie etwa an Lombrosos billige These von ‚Genie und Irrsinn'?“ „Ich bin zwar überzeugt davon, daß das Genie an der Grenze des Irrsinns steht, aber die Formel, Genie ist Irrsinn, wäre genau so logisch wie die umgekehrte, Irrsinn ist Genie. Ich glaube vielmehr, daß es der unheimliche innere Bruch des modernen Menschen ist, der ihn zum Wahnsinn prädisponiert.“ „Auf dieser Basis könnten wir uns wohl verstän- digen“, meinte der Geheimrat abschließend. Wir sahen uns noch oft, kamen aber nie mehr auf den Inhalt dieses Gespräches zurück. Ich erinnere mich noch eines Zusammenseins bei Albert Herzog, dem Bruder des Dichters Rudolf Herzog. Hoche, Flake und ich waren bei diesem zu- sammen. Hoche und Flake waren früher in der Bismarckstraße Nachbarn, doch konnten sie sich gegenseitig nicht leiden. Der Besuch nahm deshalb auch ein rasches Ende. „Mir ist dieses zynische Lächeln an Hoche zu- wider“, sagte Flake unterwegs zu mir. Kurz vor seinem Tod traf ich Hoche noch einmal an der Post. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und fragte ihn, wie es ihm gehe. „Ich war sehr krank,“ sagte er lächelnd,„doch die Götter haben mich noch nicht gewollt.“ „Jung stirbt, wen die Götter lieben“, sagte auch ich lächelnd. 86 ein i Bald darauf hörte ich, daß er mitten im Konzert auf einem Stuhl zusammengebrochen war. Es war ein Hirnschlag. Er lebte noch zwei Tage ohne Bewußtsein. Das Lächeln des Skeptikers war aus seinem 8 sicht verschwunden. DER PSYVCHOANALVYTISCHE KOMPLEX Carl Gustav Jung Eine der erfreulichsten Begegnungen meines Lebens war die mit Carl Gustav Jung im Dezember 1927 in Karlsruhe. Es ist nicht zu bestreiten, daß die Psychoanalyse zu einer großen weltanschaulichen Macht in unserer Zeit geworden ist. Abgesehen davon, daß sie gleich- sam bis in die Primordialschicht der Seele vor- dringt, daß sie Urwelt und Unterwelt zugleich er- faßt, ist sie auch ein wesentliches Mittel zur Dar- stellung der Pathographie unseres Zeitalters. Dabei gehört sie selbstverständlich wesentlich in diese Pathographie mit hinein. Allein dank ihrer analytischen Methode gelingt es ihr immer wieder, im entscheidenden Augenblick aus dem magischen Kreis des Amorphen und Dysmorphen herauszu- springen, dem Schwimmer vergleichbar, der sich vor dem Ertrinken selber zu retten vermag. Wäre dem nicht so, die Psychoanalytiker hätten nicht selber die meisten Komplexe. Freud leidet an Platzangst. Adler an Minderwertigkeitsgefühl. Groddeck hat, wie Keyserling einmal richtig be- 89 — ß 8 merkte, die Anlagen zum mittelalterlichen Folter- knecht. Nur Jung scheint völlig frei von Komplexen Jors zu sein. ben Freud nennt seine Methode Psychoanalyse, Adler Neu nennt sie Individualpsychologie, Jung nennt sie del Psychosynthese. be Damit ist das Weltbild der Psychoanalyse metho- l disch erschöpft. Groddeck ist kein Methodiker und W. die vielen kleinen und kleineren Psychoanalytiker f und Individualpsychologen haben keine Bedeu- 110 tung. wir Ich hatte Jung vorgeschlagen, über das Thema: J Psychoanalyse als Weltanschauung' zu sprechen, eit er sprach aber über Psychoanalyse und Weltau- ö Dal 2 schauung' und kam zu ihrer Verurteilung. cht Er begann also mit einer Polemik gegen sein g Nat Thema und damit gegen sich selbst. So richtig es f 5 ist, die Psychoanalyse zunächst als eine therapeu- 1 3 tische Methode anzusehen, die von rein materialisti- g schen Voraussetzungen ausgehe, 80 richtig ist es g a auch, daß sie mit dem Anspruch einer Weltanschau- 45 ung auftritt— nicht zuletzt bei Jung selber. Denn 0 wenn er über Freuds Sexualbegriff und Adlers N 9 Machtbegriff hinausgeht und das Unbewußte uralter ö 0 muythologischer Vorstellungen auffaßt, so ist das g„ eo ipso Weltanschauung. 1 Freud und Adler sehen also im Unbewußten Jahn nichts anderes als ein Residuum verdrängter Kom- 40 plexe, die hier wuchern und die nur durch Wieder- ig bewußtmachung geheilt werden können, während ae 90 Jung zu dem Begriff des kollektiven Unbewußten vorstößt, das vererbte Vorstellungsbilder in das Bewußtsein entsendet und damit den Träger durch Neurose oder Hysterie bedroht. Er will sie nicht heilen, sondern gleichsam durch Einordnung in das Bewußtsein produktiv machen. Ich frage nocheinmal: Was ist das anderes als Weltanschauung? Ein echter Jung! Gerade bis zur Grobheit, aber nie taktlos, sondern immer witzig, auch wenn er es wirklich ernst meint. Natürlich hatte ich nicht Freud gemeint, sondern seine eigene Lehre, als ich den Vorschlag machte. Daß gerade er die Weltanschauung in den Freud- schen Materialismus und Pansexualismus gebracht hat, ist noch heute meine Ansicht. Wir saßen uns kaum im Hotelzimmer gegenüber, so hatten wir schon Kontakt zueinander. Jung erzählte von seinen Erfahrungen in Amerika und bei den Primitiven in Afrika und hielt mit seiner Kritik des Christentums und der Mission nicht zurück, obwohl er selbst gewiß kein Gegner des Christentums genannt werden kann. „In Afrika weiß ich von einem Stamm“, erzählte er,„der dank der christlichen Lehre in wenigen Jahren syphilitisch durchseucht wurde.“ Als ich mein Erstaunen über den Zusammenhang zwischen Christentum und Syphilis zum Ausdruck brachte, erklärte er: 1 „Das ist so zu verstehen: der Stamm War poly- gam, denn er hatte einen Uberschuß an Frauen. Nachdem die Missionare die Monogamie eingeführt hatten, wurde ein großer Teil der überschüssigen Frauen zu Dirnen. Damit wurde die Syphilis in wenigen Jahren über den ganzen Stamm ausge- breitet und richtete ihn physisch zugrunde.“ „Es gibt aber doch auch Monogamie ohne Christentum“, sagte ich. „Dann ist eben kein Uberschuß an Frauen vor- handen.“ Mir schien die rein physische Ableitung zweier Prinzipien nicht ganz einleuchtend, am allerwenig- sten im Zusammenhang mit dem Christentum. „Die Indianer in Mexiko machen es schlauer“, fuhr Jung lachend fort,„sie sind zwar äußerlich Christen, aber in der Kirche führen sie ihre Tänze auf, und wenn sie jemand begraben, so tun sie es erst auf christliche und dann auf indianische Weise.“ „Das läßt die Kirche natürlich zu“, sagte ich. „Die Kirche hat einen großen Magen“, erwiderte Jung, und ich verstand. Nach dem Vortrag waren wir im engeren Kreise beisammen. Hier lernten wir erst den Humor dieses großen Seelenkenners schätzen. Aus Frankfurt war ein Psycho-Chirologe gekommen, der die Jungsche Methode für die Handlesekunst fruchtbar gemacht hatte. 92 Di hatte fass u empi rec Chir er di cha dab Ju Leine man kom 2 der sch Ties aus! Dieser Psycho-Chirologe hieß Julius Spier. Er hatte eine erstaunliche Begabung zur intuitiven Er- fassung unterbewußter Vorgänge. Mit seinen empirischen Kenntnissen war es allerdings weniger gut bestellt. Ich ließ ihn später über das Thema sprechen: Die Hand als Spiegel der Seele'. Eine Chirosophin erwies sich ihm derart überlegen, daß er sie auf seine Reisen mitnehmen wollte. Sein ge- schäftsmäßiges Gebaren war jedoch so erschreckend, daß sie lieber darauf verzichtete. Jung erzählte eine endlose Reihe von Fällen“ aus seiner Praxis, die er so überlegen darstellte, daß man aus dem Lachen nicht mehr herauskommen konnte. Zwei dieser Fälle sind mir im Gedächtnis geblieben. Eine junge Russin hatte stets den gleichen wun- derbaren Traum vom Monde. Auf ihm saß ein schwarzer Mann, ein Messer in der Hand, mit riesenhaften Flügeln, die er plötzlich riesengroh ausbreitete und unter denen er das Mädchen verschlog. Es war nicht schwierig, diesen Traum Psycho- analytisch als Sexualtraum zu deuten. Jung nahm die Russin in Behandlung und versprach ihr, sie in einigen Wochen zu heilen. Währenddessen zeigte sich die Patientin recht widerspenstig und es erschien mehr als zweifel haft, daß die Heilung in der vorgesehenen Zeit gelingen werde. Eines Tages erschien sie, um Abschied zu nehmen. Sie legte ein kleines Päckchen auf den Tisch. „Was soll das?“ fragte Jung. „Es ist ein Revolver. Mit diesem hätte ich Sie erschossen, wenn die Heilung nicht geglückt wäre. Zum Dank mache ich Ihnen diesen zum Geschenk.“ Heute ist sie eine verheiratete Frau mit einigen Kindern und ist geheilt. Der andere Fall ist recht humoristisch. Zwei Männer kamen eines Tages, von denen jeder erklärte, er sei der wiedererstandene Christus. Wer war der echte und wer der falsche? Der Doktor sollte es entscheiden. „Gut“, sagte Jung,„jetzt geht ihr zusammen in das Zimmer und macht es miteinander aus. Bevor ihr einig geworden seid, lasse ich euch nicht wieder heraus.“ Nach einiger Zeit, als es auffallend still geworden war, öffnete Jung das Zimmer. Da standen die beiden schweigend, jeder an einem Fenster. „Nun, seid ihr einig?“ fragte der Arzt. Da drehte sich der eine um und sagte: „Hm, mit dem kann man nicht reden, der ist ja verrückt!“ Am anderen Morgen hielt Jung eine Sprechstunde in meiner Wohnung ab. Wir haben uns 1930, bei der Jubiläumstagung der Schule der Weisheit, in Darmstadt wieder- gesehen. Ein kurzes Gespräch— und ein einziges Lachen. Jung ist der Psychoanalytiker ohne Komplexe. Für mich das einzige psychoanalytische Rätsel! 94 Das eine 90 4 Acht Nane Air U Fun pie 1 Lech U DAS PHY SIOGNOMuISCHE WEEE BI Nudolf Kassner Wenn man die Bücher Rudolf Kassners liest, macht man sich von dem Verfasser folgendes Bild: Ein antiker Mensch liegt in einer arkadischen Landschaft und träumt von der Schönheit, von Satyrn und Faunen, vom zerstückelten Dionysos und von Bacchanalien. Er betrachtet schläfrig die vorüberziehenden Wolkenbilder und formt sich aus ihnen Menschengesichter. Pan selbst sitzt dabei und bläst die Flöte. Und wenn man sich Klänge dazu denkt, so sind es Claude Debussys„L'après-midi d'un Faune“. Selten fand ich die Vorstellung, die ich mir von einem Menschen aus seinen Büchern gemacht habe, so auffallend bestätigt. Kassner hat selbst das Ge- sicht eines Fauns. Das Lächeln, das über seinem Munde und seinen Augen liegt, ist das eines Satyrs. Stirne und Nase wirken antikisch, doch nicht im Sinne winckelmännischer Statuarik, vielmehr S0, wie man es in antiken Bocksgesichtern sieht. Man versteht die Themata seiner glanzvollen Essays: Traum und Tod, Masken und Gesichter, Mythen und Mysterien, Chimären und Dämonen, 0 Fakire und Aussätzige, Satyrn und Faune. Dieses Gesicht trägt selbst alle diese Masken. Einbildungs- kraft und Verwandlung formen es zum Gleichnis, das er so sehr liebt und beherrscht. Rudolf Kassner ist Physiognomiker. Die Physio- gnomik steckt nicht nur in seinen Essays über englische, französische oder deutsche Dichter, sie verbirgt sich nicht nur in der Fülle seiner philoso- phischen und religiösen Thematik, sie manifestiert sich in seinen Hauptwerken, von denen ich hervor- heben möchte Das physiognomische Weltbild'. Kassner ist seit Lavater der bedeutendste künst⸗ lerische Physiognomiker. Während aber der Klas- siker das Gesicht in seiner statischen Ruhe zeigt, deutet es der moderne Romantiker in seinen dyna- mischen Spannungen. Jetzt verstehen wir auch das eingangs gebrau Bild der Antike: es ist nicht die Welt Apollos, son- dern die des Dionysos. Es ist nicht die Welt Goethes, sondern Nietzsches. Wir saßen im Juni 1930 einander gegenüber und sprachen über Houston Steward Chamberlain und Keyserling. „Ich bin mit Keyserling schon seit der Ja hundertwende bekannt“, sagte Kassner.„Damals trafen wir uns im Hause Chamberlain.“ „Hat er nicht sein erstes Werk, Das Gefüge der Welt Chamberlain gewidmet?“ fragte ich. „Ja. Chamberlin hat damals auf uns alle an und befruchtend gewirkt. Inzwischen sind Keyser: chte 1755 regend 96 ling ich bal ling und ich lange auseinander gewesen, doch mus ich sagen, daß mir sein Buch Menschen als Sing- bilder wieder einen starken Eindruck gemacht hat.“ „Das kann ich von Ihnen als Physiognomiker verstehen“, sagte ich.„Mir gefällt es allerdings am wenigsten von allen seinen Werken. Ich finde es nicht nur taktlos, sondern auch geschmacklos, sich selbst an den Anfang zu stellen und Jesus an den Schluß.“ „An solche Dinge muß man sich bei Keyserling gewöhnen“, sagte Kassner lächelnd. „Gewiß. Es kommt ja nicht nur auf eine Außer- lichkeit an. Wenn er aber Jesus als Magier be- zeichnet, der die Welt verwandelt, und sich selbst auch als Verwandler der Welt betrachtet, so ist es eine Frage des inneren Vergleichs, und gerade das ist es, was mich abstößt. Es laufen zahlreiche Dumm und Schwachköpfe herum, die sich mit Christus vergleichen, Keyserling hätte das, wenn auch auf einer anderen Ebene, nicht passieren dürfen.“ Am Abend sprach Kassner über Das physiogno- mische Weltbild'. Er grenzte die rationale Physiognomik' der Klas- siker gegen die rhythmische Physiognomik“ ab. Die rein statische Physiognomik der Klassiker kenne nur den Unterschied zwischen tapfer und feig oder wahr und falsch. Sie arbeite mit den Kategorien der Größe. Die dynamische Physiogno- 7 Berl, Gesprãche 97 mik kenne nur die rhythmische Spannung zwischen flach und tief oder oben und unten. Sie arbeite mit den Kategorien der Tiefe. So gelangte er von einer Physiognomik der Raumwelt“ zu einer Physiognomik der Zeitwelt. Er glaubte in dem deutschen Gesicht diese Span- nung zwischen oben und unten zu entdecken. Während beim Lateiner diese Urspannung aus: geglichen sei, sei sie bei dem Deutschen stark be- tont. Dabei wies er auf die Bildnisse Dürers. Die gleiche Spannung zeige sich beim Profil- gesicht und Frontalgesicht, deren Polarität Carus als Typus und Individualität deute. In Wahrheit zeige sich darin die extreme Spannung des Men- schen. Das Beispiel des Buddha im Louvre verdeut- liche seine Auffassung: das Frontalgesicht zeige einen Gott, das Profilgesicht einen Götzen. Die gleiche Spannung zeige sich auch bei Tier und Mensch. Das Tier lebe waagrecht zur Erde und habe alles im Gesicht beieinander: Auge, Ohr, Nase. Mund. Der aufrechte Gang des Menschen habe die Einzelteile gelöst und herausgetrieben. Dies werfe zugleich Licht auf die sogenannte Tierphysiogno- mik, auf das Tiergesicht im Menschen. Am nächsten Tage trafen wir uns nocheinmal 2zu einem Spaziergang im Stadtgarten. Kassner war sehr erregt und wie verwandelt. Er ging recht mühsam an zwei Stöcken, die Folgen einer spinalen Kinderlähmung, aber sein Gesicht war gestrafft und sein Schritt energisch. 98 mic Wir sollten bald erfahren, was der Grund seiner Erregung war. Zunächst erzählte er uns, daß er gewohnt sei, jeden Tag mindestens sechs Stunden zu gehen. „Das ist allerdings erstaunlich', sagte ich,„aber ich begreife, daß Sie damit Ihren Körper trotz aller Schwierigkeiten elastisch halten.“ „Auf diese Weise konnte ich auch meine Reisen nach Afrika und Indien machen“, sagte er. Nach einiger Zeit wandte er sich plötzlich an mich: „Ist schon das Resultat des Boxkampfes be- kannt?“ „Welches Boxkampfes?“ fragte ich verwundert. „Ja, wissen Sie denn nicht, dag heute in Amerika der Kampf zwischen Sharkey— Schmeling aus- getragen wird?“ „Darauf habe ich allerdings nicht geachtet“, gab ich zurück. „Sie glauben nicht, wie mich Ring- und Box- kämpfe erregen“, erklärte er.„Ich habe keine Ruhe, bis ich das Resultat erfahre. Glauben Sie, daß man es am Bahnhof schon weiß?“ „Das ist wohl möglich, denn um diese Zeit er- scheint gewöhnlich die hiesige Zeitung.“ „Dann müssen wir sofort umkehren“, sagte er und drehte sich schnurstracks um. Am Bahnhof wurde das Resultat bereits von dem Zeitungsverkäufer ausgeschrien. Schmeling hatte gesiegt, ich weiß nicht mit wieviel Punkten. 7* „Gott sei Dank!“ rief Kassner, indem er eine Zeitung ergriff und gierig las. Jetzt begriff ich erst: dieser körperlich kranke Mensch berauschte sich an der physischen Kraft des Athleten. Und heute begreife ich, daß er nicht nur das Buch: ‚Der Gottmensch', vielmehr auch das: Der Kollektivmensch' geschrieben hat! DIE PANEUROPAIS CHE REVUE Prinæ Rohan Der Name Rohan ist für alle Zeiten mit jener be- rüchtigten„Affaire du collier verbunden, von der man behauptet hat, daß sie die französische Re- volution ausgelöst habe. Prinz Karl Anton Rohan, ein später Sproß aus der Familie des großen Kardinals, hat weder in eroditis, noch in politicis das Gewicht eines Mannes, der eine Revolution auszulösen in der Lage wäre, aber es ist ein ebenso begabter wie liebens würdiger Causeur— oder Poseur?— des Geistes. Graf Keyserling bezeichnet ihn stolz als seinen Schüler. In der Tat steht ihr geistiger Rang im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Adel: könnte man den Grafen als die Ausgabe seiner sämtlichen Werke in Großfolio und Schweinsleder bezeichnen, so müßte man folgerichtig in dem Prinzen eine Taschenausgabe in Pappeinband sehen. Eigentlich kommt er aus Wien, aus jenem Dunstkreis der Paneuropäischen Bewegung des Grafen Coudenhove-Kalerghi, die einmal glaubte, den Untergang des Abendlandes dadurch ab- wenden zu können, daß sie Europa wie eine 101 bankerotte G. m. b. H. zusammenschloß. Immer- hin berief sie sich dabei auf Ahnen wie Napoleon Een und Nietzsche. rh Graf Coudenhove selber machte dabei als Direktor 0 des Unternehmens kein schlechtes Geschäft: Seine 00 Honorar forderungen übertrafen alles, Was bisher unt dagewesen war. f iber Prinz Rohan hielt es, wie er mir ezählte, nicht 85 lange in der Hofburg! aus. Er holte sich einige 1 entscheidende Anregungen in der Schule der Weis- 5 heit und gab eine ausgezeichnete Zeitschrift heraus 1 1 — die Europäische Revue“— in der die beiden 80 Grafen durch eine sehr geschickte Addition zu 1 einem Prinzen— eben zu dem Prinzen Rohan— 5 gemacht wurden. 1 Nicht nur das. Er schuf einen Kulturbund und ö 1 veranstaltete internationale Tagungen, und es 8e 6 lang ihm so auf außerordentlich geschickte Weise pi Leute wie Ignaz Seipel, Eduard Benesch, Paul 90 Valéry, Ortega y Gasset, Emilio Bodrero, Fürst* Janusz Radziwill, Alfred Weber, Graf Keyserling fei! und zahlreiche andere europäische Berühmtheiten da unter einem Hut zu vereinigen. 5 Diese ‚Paneuropäische Revue“ hatte Zwar zahl- mac reiche Runzeln im Gesicht, aber sie hatte ein Ge- aß sicht. Es war das Europa des Bluts- und Geistes- 5 w adels. Wenn Europa überhaupt zu retten War, dann hs allein durch seine geschichtlichen und geistigen ai Kräfte. cen 102 Aus dieser Erkenntnis heraus lud ich den Prin- zen im Jahre 1926 ein, in Karlsruhe zu sprechen. Er hielt im November einen Vortrag über und Politik“. Der Prinz bewegte sich in seinen Gedanken- gängen wie ein Seiltänzer mit eleganten Manieren über den Abgrund der Zeit. Eigentlich wisse nur der Adel, wie man regiere, aber da wir nun einmal im Zeitalter der Massen leben, so komme der Wille eben nicht mehr von oben, sondern von unten. Politik, einst eine königliche Kunst, sei zum Ge- schäft degradiert worden, aber man sorge nur für eine echte Führerpersönlichkeit, und schon sei das alte Verhältnis zwischen Herrschaft und Dienst wiederhergestellt. Mensch Diese Führerpersönlichkeit müsse man nehmen, woher sie komme. Das schlimmste sei, den dumpfen Befehlen der Masse zu folgen. Daß aber diese Art Führerpersönlichkeit nur der Exponent der Masse sein könne, das sah der Prinz nicht ein. Er glaubte, wenn man ihr diktatorische Vollmachten gebe, so sei die Masse ausgeschaltet. So forderte er gerade das, was er verhindern wollte! Er machte einen guten, wenn auch späten Ein- druck. Seine Mundwinkel neigten sich pessimistisch, was durch den Schnurrbart noch unterstrichen wurde. Wenn er sprach, zeigte sein Gesicht die typischen Merkmale überzüchteten Adels: das Mimische schwoll rasch an und erstarrte dann ebenso rasch im Physiognomischen. hatte er den Charme des Oster- Im Umgang ohne sich etwas reichers: er war liebens würdig, dabei zu denken. Am Morgen nach der Veranstaltun ihn im Hotel ab zu einem Gang durch die Stadt. Plötzlich trat ein Mann auf uns zu und streckte uns einen Zettel entgegen. Er hatte im Vorüber- gehen eine Momentaufnahme gemacht. „Das finde ich reizend“, sagte der Prinz.„Das Bild müssen Sie mir unbedingt zuschicken.“ Dies tat ich später auch, aber es hat ihn nicht g holte ich im geringsten interessiert! Es war mir ein Bedürfnis, auf einen Punkt seines Vortrages zurückzukommen. Er hatte am Beispiel von Demokratie, Bolschewismus und Fascismus gezeigt, wie sich das Verhältnis von Herrschen und Dienen umgekehrt hat und wie das Problem der politischen Führung für Europa das dringendste sei. „Ich gebe Ibnen recht, Prinz“, sagte ich,„wenn Sie darin die politischen Grundkräfte unserer Zeit sehen, nur würde ich statt Demokratie Amerika- nismus setzen.“ „Warum Amerikanismus?“ fragte er zurück. „Die Demokratie ist aus der englischen und fran- z26sischen Revolution hervorgegangen.“ „Und die amerikanische Revolution, di den beiden liegt?“ „Der amerikanische Unabbängigkeitskrieg eigentlich keine Revolution.“ e zwischen ist 104 „Und die Deklaration der Menschenrechte?“ „Zugegeben, daß die amerikanische Formulie- rung auf die französische eingewirkt hat und daß auch Leute wie Lafayette als Mittelsmänner ge- wirkt haben— allein der Ursprung der Demokratie liegt in England, liegt in der Magna Charta.“ „Dies will ich auch gar nicht bestreiten“, sagte ich.„Worauf ich hinaus Will, ist etwas ganz anderes. Ich sehe in Amerikanismus, Bolschewismus und Fascismus drei Weltimpulse des Zeitalters der Massen, deren Aufeinanderprall einmal unvermeid- lich sein wird. Ich fürchte, Europa wird dabei zum Schauplatz werden.“ „Wenn Europa sich rechtzeitig auf seine ge- schichtlichen Kräfte besinnt, kann es davon ver- schont bleiben“, meinte der Prinz. „Ich fürchte auch hier: es ist zu spät dazu.“ „Wie ich gestern gesagt habe, sehe ich im Fascis- mus, in der Idee der Nation und des Führertums gewisse geschichtliche Grundkräfte wirksam, die in der Idee Europa wurzeln.“ „Und im Amerikanismus und Bolschewismus sehen Sie diese geschichtlichen Grundkräfte nicht?“ „Nein. Sie sind beide völlig traditionslos.“ „Auf den ersten Blick sicher. Wenn man aber näher hinsieht, so wurzelt der Amerikanismus ebenso im Protestantismus, wie der Bolschewismus in Ostrom und der Fascismus in Westrom. Sie sind nur gleichsam die Umkehrung der drei großen christlichen Konfessionen.“ Für den Fascismus gebe ich ohne weiteres eine gewisse katholische Tradition zu, obwohl er natür- lich auf das Imperium der Cäsaren zurückgreift.“ „Und der Bolschewismus ist cäsareopapistisch, wie der Amerikanismus puritanisch. Alle drei sind natürlich Massenphänomene und kommen als solche von unten. Ich glaube aber, daß sich bei ihrer kom- menden Auseinandersetzung so etwas wie eine neue Okumene auf christlicher Basis herauskristalli- sieren wird.“ „Und welche Rolle soll dabei Deutschland spielen?“ „Deutschland wird der Boden sein, auf dem sich die Auseinandersetzung der drei Grundkräfte ab- spielt, dank oder undank seiner Mittellage. Wir können nur hoffen und wünschen, daß diese nicht so furchtbar und blutig sein wird.“ Wir waren bald an der Hauptpost angelangt, 0 wir uns trennten. Ich beschloß, meine Gedankengänge auszuarbei- ten und sie dem Prinzen Rohan für die Europäische Revue“ anzubieten. Ich nannte den Aufsatz Poli- tische Weltimpulse“ und gliederte ihn in die drei Abschnitte: Amerikanismus— Bolschewismus— Fascismus. Der Prinz lehnte den Abdruck ab, Was ich ja eigentlich hätte voraussehen können. Meine Ant- wort war heftig. Umso liebenswürdiger War— das Schweigen darauf. War der Osterreicher nicht liebenswürdig, ohne sich etwas dabei zu denken? 106 We Minn datt dal 0 5 Lonm DER BANK E ROT T DER JUGEND ERZIEHUNG Gustav Pyne len Die Idee der Freien Schulgemeinde war aus der Jugendbewegung geboren worden. Wenn schon die Jugendwelt gegenüber der Männer- und Frauenwelt ein autonomes Bereich darstellte, so war es ein durchaus folgerichtiger Ge- danke, daß sich die Jugend auch selbst erziehen konnte und mußte. Aus dem Bankerott der zahlreichen pädagogischen Systeme wurden die zahlreichen Landerziehungs- heime geboren. In unserem Umkreis hatten Prinz Max von Baden auf Schloß Salem und Paul Geheb in Oberhambach ein Landerziehungsheim ge- gründet. Ein Fanal aber war Wickersdorf. Dr. Gustav Wyneken, der die Freideutsche Jugend' leitete, schuf in diesem kleinen thüringischen Ort eine Freie Schulgemeinde“, die schon darum das bedeut- samste Experiment darstellte, weil Wyneken der bedeutsamste Kopf war. N Er hatte zahlreiche Bücher geschrieben, von denen ich nur ‚Schule und Jugendkultur, Der 107 Der europäische Geist' her- fenden Naturromantik Forderung einer Kampf für die Jugen vorheben möchte. Der schwei des ‚Wandervogel“ stellte er die schen Idee gegenüber. in diesen Büchern die Rede. pielte der Eros' eine neuen pädagogi Es ist viel von Geist In der Schulgemeinde selber 8 weit größere Rolle als der, Geist'. Als ich Gustav Wyneken im November das Thema Die freie Schulgemeinde sprechen lieb, da hatte er deshalb pereits einen großen Prozeß hinter sich. Seine Verteidigungsschrift trug den be- zeichnenden Titel Eros“. Es ist nicht meine Aufgabe, über etwaige sittliche Verfehlungen in Wickersdorf zu richten. Wyneken peruft sich darauf, daß der Eros in der antiken Erziehung eine zentrale Rolle gespielt habe und 1929 über daß gymnos' nackt bedeute. Welcher fundamentale Unterschied z umanistischen s Leibes, ischen dem ‚antiken Gymnasion' also und dem h Gymnasium'! Dort War es Erziehung de hier aber Bildung des Geistes. Der Eros brannte diesem dem Barte glutvoll aus den Augen. Sie waren das Unheimliche an ihm. Sonst War er ein recht liebens- on seinen Erfahrungen in derte als perichtete. einde Wickers- n also be- Päda- dunkeln Manne mit würdiger Causeur, der v der Schulgemeinde mehr plau Damals bestand die Freie Schulgem dorf nahe ein Vierteljahrhundert. Es lage reits Ergebnisse vor, die geeignet waren, die gogen zur Entscheidung aufzurufen. Erfreulich 108 genug waren zahlreiche Pädagogen zu dem Abend erschienen. Zuerst habe er sich die sehr skeptische Frage nach dem Recht zur Erziehung vorgelegt, erzählte Wyneken. Hierbei kam er zu einer rein soziologi- schen Antwort: nicht der Erwachsene erziehe, son- dern das Milieu. Man bringe die Jugend in eine geeignete Umwelt und sie erziehe sich sozusagen von selbst. Eine Art individualistischer Kollektivismus also, bei dem der Erzieher mehr die Rolle des Führers gegenüber einer Gefolgschaft einnimmt. Allerdings gibt es ein Abstimmungsrecht und Schlichtungs- instanzen. Aber die Jugend macht kaum Gebrauch davon. Der Bildungsinhalt ist nicht Wissenschaft, son- dern Kunst. Die Musik wird geradezu zu einer kultischen Angelegenheit. Darüber hatte früher schon August Halm auf dem Kongreß für Musik- ästhetik gesprochen, der die musikalische Erziehung in Wickersdorf leitete, inzwischen allerdings ver- storben war. Wie bei Fritz Klatt schloß sich auch an diesen Vortrag ein öffentliches pädagogisches Gespräch an. Und wie dort, zeigte sich auch hier die ganze Hoffnungslosigkeit der Situation. Ein Jugendbewegter rief in den Saal: „Schluß mit der Jugendromantik! Wir sind für die neue Sachlichkeit! Die Jugend will etwas 10 werden, sonst nichts „Ich verkenne nicht die Schwierigkeit, die in der Andersorientierung der heutigen Jugend liegt“, ent- gegnete Wyneken.„Ich weiß, die heutige Jugend ist zur Anhängerin der Neuen Sachlichkeit ge- worden, die sie wohl zu größerer Wahrhaftigkeit geführt hat, aber jeder Geistigkeit entbehrt. Ohne geistige Zielsetzung wird aber auch die neue Jugend das Leben nicht aushalten können. Sie wird zer- malmt zwischen den zwei Mühlsteinen Amerika und Rußland.“ „Was nennen Sie geistige Zielsetzung?“ fragte der Jugendbewegte zurück. „Ein neues geistiges Leben aufzubauen, den europäischen Geist zu regenerieren, das nenne ich geistige Zielsetzung!“ Der Direktor der Goetheschule, selbst ein nam- hafter badischer Erzieher, meldete sich zum Wort: „Wie wollen Sie diese geistige Zielsetzung er- reichen angesichts der Tatsache, daß die Staats- schule nach Auffassung der Jugend keine andere Aufgabe hat, als jährlich Tausende von ihnen zum Brot zu führen? Wie soll sie geistiges Gut ver- mitteln, wo von ihr nur Anwartscheine auf spätere Erwerbsmöglichkeiten erwartet werden? Der Ge- danke der Freien Schulgemeinde, des Land- erziehungsheimes ist vielleicht gut, allein er scheitert an der Riesenmasse, für die die Schule der kürzeste Weg zum Beruf ist.“ Wyneken konnte nicht umhin, dem Einwand zu- zustimmen. Natürlich. Die Freie Schulgemeinde 110 die Staatsschule den vielen Besitzlosen den Weg ins schaffende Leben zu ebnen hatte. Auch ich hatte an den Redner eine Frage zu stellen: „Sie sprachen vom Verhältnis des Führers zur Gefolgschaft. Darf ich fragen, wie sich dieses Ver- hältnis im aktiven Sinne äußert? Ist der Führer nach Ihrer Darstellung nicht viel mehr der Geführte einer anonymen Masse?“ „Es gibt in Wickersdorf überhaupt keinen Unter- schied zwischen Führer und Gefolgschaft“, ent- segnete Wyneken.„Bei den Abstimmungen stehen die Lehrer oft auf der Seite der Schüler. Damit entsteht eine Atmosphäre des Vertrauens und ein aktives Verhältnis ist überhaupt überflüssig.“ »Das ist nur ein neuer Bankerott der Jugend- erziehung!“ rief ich.„Aus dem Bankerott der päda- gogischen Systeme ist die Idee des Landerziehungs- heimes geboren worden. Ich fürchte, wir sind auf dem Wege zu einer neuen Bankerotterklärung.“ Die unheimlichen Augen Wynekens blitzten Zornig auf. „Noch ist die Idee der Freien Schulgemeinde nicht bankerott!“ rief er laut. Damit hatte das pädagogische Gespräch einen dramatischen Abschluß gefunden. Ich habe von Wickersdorf nie wieder etwas ge- hört. Nur Erich Ebermayer erzählte mir einmal, 0 existierte vom Reichtum der Besitzenden, während rüber geschrieben habe. Er daß er einen Roman da war daraus hervorgegangen. as Leben Gustav Wynekens ist ein Aber auch d Roman, der noch geschrieben werden muß! Eugen Diederichs Es gibt in Deutschland viele Verleger. Als Autor hat man mit zahlreichen in Verbindung gestanden und gute oder schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. Unter ihnen befanden sich zwei, die, ähnlich wie Cotta in der klassisch- romantischen Epoche, ein ganzes Zeitalter repräsentieren: S. Fischer in Berlin, der Verleger des Naturalismus, und Eugen Diederichs, der Verleger der Neu- romantik. Dabei möchte ich nicht miß verstanden werden. Sicher gibt es noch eine Reihe Verleger, die ein kulturpolitisches Gesicht tragen. Ich spreche nur von denen, die eine ganze Epoche repräsentieren. S. Fischer hat seinen Aufstieg mit Ibsen und Hauptmann begonnen und mit Thomas Mann und Jakob Wassermann fortgesetzt. Auch Autoren wie Arthur Schnitzler und Otto Flake gehören zu seinem Verlag. S. Fischer war so sehr ein Kind der naturalisti- schen Epoche, daß er sich beharrlich weigerte, den Neuromantiker August Strindberg zu verlegen, ob- wohl dieser bestimmt ein großes Geschäft versprach 8 Berl, Gespräche 113 DER VERLEGER DER NEUROMANTIE und obwohl ihm der gekränkte Dichter buchstäb- lich an den Hals sprang. Eugen Diederichs begann seinen Verlag vor der Jahrhundertwende, als Strindberg und Nietzsche die neuromantische Epoche einzuleiten begannen. Hätte er nicht zur Halbjahrhundertfeier der deut- schen Revolution von 1848 einen guten Griff getan, so wäre er wahrscheinlich niemals hoch gekommen. Er hatte in Karlsruhe den Grund zu seinem Ver- lag gelegt, als er im Antiquariat der Bielefeldschen Hofbuchhandlung tätig war. Von hier ging sein erster großer Mißerfolg aus, eben auch sein erster großer Erfolg. Der Mißerfolg bestand in einem Band Gedichte von E. R. Weiss, den er hier kennen- gelernt hatte. Dagegen fand er in diesem Antiquariat die Flugblätter zur achtundvierziger Revolution, mit deren Herausgabe zur Halbjahrhundertfeier er, wie gesagt, als Verleger mit einem Schlag gemacht war. Ich lernte Eugen Diederichs in Frankfurt am Main kennen bei Gelegenheit der Eröffnung des China-Instituts. Damals erzählte Richard Wilhelm in sehr witziger Form, auf welche Weise Diederichs sein Verleger wurde. Er hatte den Tao-te-king übersetzt und von Peking aus an einen deutschen Verleger geschickt. Dieser erklärte sich grundsätzlich bereit, das Buch zu verlegen, wenn ein berühmter Sinologe seiner- seits bereit sei, ein Geleitwort dazu zu schreiben. 114 Der berühmte Sinologe, der an der Universität Freiburg lehrte, lehnte es natürlich ab, seinen Namen für einen unbekannten Mann herzugeben. Wilhelm war verzweifelt. Da schrieb ihm ein Freund aus Deutschland: Schicke es an Diederichs, der nimmt alles.“ Und Diederichs hat es genommen. Alle seine Autoren, die ich mit der Zeit kennen- lernte— Richard Benz, Gustav Wyneken, Hans Blüher, Fritz Klatt, Karl Justus Obenauer, Hendrik de Man, Friedrich Gogarten, Ernst Michel— wußg- ten eine Anekdote von Diederichs als Verleger zu erzählen. f In einer Festgabe zum 60. Geburtstag, die Richard Benz herausgab, haben die Autoren berichtet, auf welche Weise sie zu Diederichs gekommen sind. Es ist eines der köstlichsten Bücher daraus ge- worden. Diederichs war als Verleger gleichsam ein Ero- tiker. Er liebte oder haßte und war nur durch die Liebe zu gewinnen. Er verlegte grundsätzlich nur einen Autor, wenn er ihm verfallen war. Ihm reiste er in alle Winkel nach. Ein Autor, der jedoch ihm nachreiste, hatte in den allerseltensten Fällen Glück. Am Tag nach der Eröffnung des China-Instituts War ich bei Richard Wilhelm als Gast. An der Tafel saß Eugen Diederichs mit seiner Gattin Lulu von Strauß-Thorney und der Marburger Indologe Rudolf Otto. 8* Diese Nachbarschaft war Diederichs sichtlich unangenehm. In einem unbewachten Augenblick flüsterte er mir ins Ohr: „Wir können uns nämlich nicht leiden.“ Ich lächelte verständnisvoll. Das war einer der Autoren, die er nicht mehr liebte. Später bin ich Diederichs wieder in Karlsruhe begegnet. Er sprach über ein religiös-politisches Thema, hinter dem er sehr geschickt die Absicht der Werbung verbarg. Vorher besuchte er mich in meiner Wohnung. Er erzählte mir, daß er die Absicht habe, den Verlag abzuschließen. „Ich weiß“, fuhr er fort,„daß meine Art zu ver- legen zu Ende ist. Man hat mich den Verleger der Serien genannt und hat sich oft darüber gewundert, wie ich das mache.“ „Der Zyklus ist ein romantisches Prinzip“, sagte ich.„Die einzelnen Teile greifen ineinander und eines zieht das andere nach. Auf der geschäftlichen Ebene wird es wohl die gleiche Erscheinung sein.“ „Sie haben recht“, entgegnete er,„Faber das Ge- heimnis ist noch viel einfacher zu erklären. Wenn ich eine Serie plante, überlegte ich mir, bei welchem Ministerium ich dafür eine Subvention erlangen könnte— ich habe nämlich in allen Ressorts meine Vertrauensmänner sitzen“, fügte er lächelnd hinzu, „und so konnte ich meist ohne allzu großes Risiko an die Durchführung gehen.“ 116 „War dies auch bei der Deutschen Volkheit' so?“ fragte ich.„Wie ich von den Buchhändlern hörte, bereitet sie Ihnen doch einige Sorgen.“ „Allerdings. Doch darüber will ich heute abend sprechen. Es war ein religiöser Gedanke, der mich dabei leitete, aber das Volk hat ihn leider nicht verstanden.“ Es war also eine Art religiöser Propaganda für den Verlag, die er plante. Ich lächelte wieder ver- ständnisvoll. „Als letzte Synthese meines Verlages betrachte ich das Werk von Hermann Wirth: Der Aufgang der Menschheit“, das jetzt bald erscheinen wird.“ „Aufgang der Menschheit“— das ist wohl ein Gegenstück zu Spenglers„Untergang des Abend- landes“?“ „Freilich. Der Titel stammt natürlich von mir. Das Werk ist nicht nur Krönung, sondern auch Rechtfertigung meines Verlages, das Licht der Menschheit ist aus dem Norden gekommen und wird wieder aus dem Norden kommen. Das war von Anfang an die kulturpolitische Idee meines Ver- lagswerkes.“ Das stimmte zwar, doch hatte Diederiehs, als echter Romantiker, nicht minder dem Ex oriente lux- gehuldigt. Hatte er nicht den Januskopf als Verlagswappen gewählt, bevor er zum Löwen kam? Mir schien es einen Augenblick, als ob mich der Januskopf höchst persönlich anblickte. müm „Ich habe Wirth jahrelang mit allen Mitteln unterstützt“, fuhr er fort und nannte dabei eine enorme Summe, die ich inzwischen vergessen habe, „jetzt kann ich nicht mehr und es ist Sache der deutschen Wissenschaft, dies weiterhin zu tun. Ein Germanist hat mir zwar geschrieben, er hoffe, daß ich die Rechnung ohne den ‚Wirth“ gemacht habe, aber das kann mich nicht weiter stören.“ „Ist das Werk denn umfangreich?“ fragte ich. „Unter uns gesagt“, erwiderte er lächelnd,„ich habe nie ein Buch, das ich herausbrachte, ganz gelesen. Ein paar Seiten genügten mir.“ „Sie haben recht“, sagte ich,„Wenn es sich um solche Bücher handelt, von denen Nietzsche schreibt: er wolle auf einer Seite sagen, Was jeder andere in einem Buche sage— Was jeder andere in einem Buch nicht sage.“ Der arme Diederichs: er ist, wie sein Autor selber, einer Illusion zum Opfer gefallen! Die Rede am Abend war trotz allem weit mehr als eine geschickte Propagandarede:— sie zeugte von einem echten Menschentum. Aus dem üblichen Gegensatz von Potsdam Weimar machte er gleich zu Beginn einen harmo- nischen Dreiklang, indem er Jena, den Sitz seines Verlages, dazwischen schob. Da er als Romantiker nach Jena gegangen war, hatte er dazu ein wohl- erworbenes Recht. Jena nannte er die Stadt des Irrationalen, Potsdam die Stadt des Rationalen und Weimar die Stadt der Synthese der beiden Gegen- und 118 sätze— durch den Eros. Dieser Eros führe über die Persönlichkeit zur Gemeinschaft. Haben die Deutschen schon einmal eine Volks- gemeinschaft besessen? fragte er. Die Antwort war merkwürdig genug. Weder unter den Sachsen- Kaisern, noch unter den Ottonen und Hohenstaufen habe sie bestanden, von dem Humanismus ganz ab- gesehen, der das Volkstum entwurzelt habe. Eine Vorform der Volksgemeinschaft habe allein die Hansa gebildet. Also müssen wir sehen, wie wir zu einer geistigen Hansa“ gelangen! Der Weg zur geistigen Hansa“ aber führe über das Buch. In seinen drei großangelegten Serien Deutsche Volkheit“, Deutsche Stammeskundes, Religiöse Erneuerung' habe er diesen Weg be— schritten. Warum folgt ihr mir nicht nach und kauft diese Bücher? so wollte er wohl damit sagen, denn man merkte, daß ihm diese Serien zu schaffen machten. „War es zu verstehen?“ fragte er im Redner- zimmer.„Wissen Sie, wenn ich religiös werde, spreche ich immer so in mich hinein.“ „Sie haben nicht nur in sich hinein, Sie haben auch aus sich heraus gesprochen“, gab ich ein wenig zweideutig zur Antwort. Ganz in seinem Element war Diederichs erst beim Zusammensein mit den Jung-Buchhändlern, einer Organisation, die er, der ewig Jungbewegte, ge- schaffen hatte. Mit dieser Organisation verfolgte er neben geschäftlichen pädagogische Absichten, denn 119 Buch erziehen. da sang mit er wollte die Jugend durch das 6 er sich als ‚Löwe feiern un emeinsam das Ju-Bu-Lied. Hier lie den Leuten g Es war ein unvergeßlicher lautesten, Ju-Bu' sang. Augenblick, als er am DAS ENDE DES GE OZENTRISCGCHE N WELT BILDEsS Johannes Schlaf Die Erde— nicht die Sonne“: dieser Titel einer Broschüre faszinierte mich nicht weniger als der Untergang des Abendlandes“, Ich sah beides nach dem ersten Weltkrieg im Schaufenster einer Mün- chener Buchhandlung und es schien mir ein ge- wisser ursächlicher Zusammenhang zwischen ihnen zu bestehen. Der Begriff des Abendlandes“ ist ein kontinen- taler: das Land des Abends, der Westen, im Gegen- satz zum Land des Morgens, dem Osten. Er um- spannt, streng genommen, das Mittelalter, dessen Weltbild das geozentrische ist. Mit der Heliozentrik Wurde der kontinentale Begriff des Abendlandes ge- sprengt. Insofern ist es eigentlich schon mit Renais- dance und Reformation untergegangen“. Wenn nun versucht werden sollte, das geozen- trische Weltbild wieder herzustellen, so war dieser Versuch offenbar gleichbedeutend mit einer Rettung des Abendlandes und einer Rückkehr des Mittel- alters. An beides war ich damals geneigt zu glauben. 121 Der Verfasser der Broschüre hieß Johannes Schlaf, der mir aus der Geschichte des Naturalismus ein Begriff war. Johannes Schlaf ist eigentlich in jener E nur durch das Medium Arno Holzens bekannt g worden, als dessen Mitarbeiter er in die Literatur- Sehr zu Unrecht, wie poche E- geschichte eingegangen ist. wir gleich von ihm hören werden. Arno Holz war zweifellos der männlichere Typus, eicher, weiblicher während Johannes Schlaf ein w Mensch war. An sich paßten die beiden zusammen, solange sich Schlaf die Tyrannis t der Ver- ai wenigstens Holzens gefallen ließ. Bei Holz dominier stand. Bei aller dichterischen Begabung, die sich s“ zeigt, war er doch in selbst noch im Phantasu erster Linie doktrinär. Die Revolution der Lyrik hatte ich in meinen Entwicklungsjahren mit Begeisterung gelesen und der Phantasus' hatte auf meine erste Vers- Publika- cheidenden Einfluß ausgeübt. Den tion einen ents rösen Ausgabe hatte ich Phantasus' in seiner monst sogar einmal mit großen Opfern erworben, während meines Aufenthaltes in der Schweiz aber an einen der sich sehr darüber freute Antiquar verkauft, wie ich auch. Auch die, Familie Selicke', das erste konsed deutsche Naturalisten-Drama, das allerdings 8e meinsam mit Schlaf entstanden war und das auch auf Hauptmanns Vor Sonnenaufgang bestimmend uente 122 wirkte, hatte ich mit beinahe gieriger Anteilnahme gelesen. Damals glaubte ich noch an eine dichterische Sendung und sah daher die neuen Töne, die Zukunft hatten, allein in dieser Richtung. Später habe ich allerdings mit dem Naturalismus gebrochen, wie die Naturalisten selber— Johannes Schlaf aus- genommen. Dafür hat sich Schlaf also einer wissenschaft- lichen Aufgabe zugewendet: der Neubegründung des geozentrischen Weltbildes. An der Beobachtung des Sonnenfleckenphänomens will er ganz bestimmte Schlüsse auf die Unmöglichkeit einer Umdrehung der Erde um die Sonne ziehen. Natürlich erscheint das der Wissenschaft als lächerliches Unterfangen. Immerhin hat das geo- zentrische Weltbild mehr als ein Jahrtausend ge- herrscht, und es wäre zumindest denkbar, daß eine neue Geozentrik mehr als ein lächerlicher Anachro- nismus sein könnte. Jedenfalls las ich noch einige andere Schriften von Schlaf, deren sittlicher Ernst außer Frage steht und die schon deshalb verdienen diskutiert zu werden: Das absolute Individuum und die Voll- endung der Religion“, Religion und Kosmos“, Die geozentrische Tatsache“, Kosmos und kosmischer Umlauf“ Ich beschloß in ein Wespennest zu stechen und lud den Autor ein, in der Karlsruher Tech- nischen Hochschule— bei den Auguren der exakten Wissenschaft— zu sprechen. Als ich Schlaf im Hotel aufsuchte, traf ich einen gemütvoll aussehenden Herrn mit Bart und Schwester. Vom Revolutionär war nicht viel zu merken. f Es ist sonderbar: wie ein Blitz zuckte es dure! meinen Kopf, daß dieser Mann wirklich im Mittel- alter eingeschlafen“ sei und daher nicht zu Unrecht „Schlaf- heiße! Die Physiognomik des Namens hat mich schon oft beschäftigt und ich bin meistens auf über- raschende Ergebnisse gestoßen. Herders etymologi- scher Witz auf Goethe: ‚Der du von Göttern stammst, von Goten oder vom Kote' ist durchaus mehr als ein Spaß. Und Nietzsches Hinweis auf den englischen ‚Cant' bei Kant ebenfalls— Kant war. wie man weiß, von väterlicher Seite her schottischer Abkunft. Mir ist die Ubereinstimmung zwischen Namens- träger und Eigenschaft oft begegnet. Gerhart Haupt- mann ist wirklich ein Haupt-Mann im doppelten Sinne des Wortes: als Führer und als Mensch, bei dem das Haupt die prädominierende Stellung gend besonders betont. Diese charakteristische Identität zwischen Mensch und Name fiel mir auch bei Schlaf sogleich auf. Unser Gespräch drehte sich natürlich bald um den Naturalismus, um Gerhart Hauptmann und Arno Holz. „Man bezeichnet immer Holz als den Begründer des naturalistischen Dramas“, sagte Schlaf,„wäh- 124 rend Familie Selicke' von mir fast ganz allein ge- schrieben wurde und Holz nur die kritische Durch- sicht hatte.“ Das war durchaus glaubhaft, denn zweifellos war Schlaf der Anschauungsmensch und Holz der ver- standesmensch. „Hauptmann weiß das auch“, fuhr er fort,„und wir sprechen oft darüber, wenn wir uns begegnen.“ „Holz war ein Tyrann“, warf die Schwester ein, „es war für meinen Bruder eine schlimme Zeit, bis er sich losgerungen hatte.“ „So habe ich Holz immer eingeschätzt“, sagte ich. »Er war aber, wie die zeitgenössische Kritik mit Recht betont, auf dem Holz-Weg.“ Wir sprachen auch über die Geozentrik, und Schlaf stellte mit Genugtuung fest, daß man seine Forschung langsam zu beachten beginne. Sein Vortrag mußte allerdings enttäuschen. Ob- Wohl er die astronomischen Berechnungen der Gegenwart anerkennt, die Erde auch nicht ruhend, sondern rotierend sich vorstellt, ist keine zwingende Notwendigkeit für die Geozentrik vorhanden. Das Sonnenfleckenphänomen ist nicht ausreichend, das heliozentrische Weltbild zu stürzen. Die Beobachtung des Sonnenfleckenphänomens seit rund siebzig Jahren, sagte er, habe folgende Gesetzmäßigkeit ergeben: die Flecken zeigten sich immer um das Aquatorviertel und bewegten sich vom Ostrand zum Westrand. Die großen Flecken erschienen auf der Rückseite, die erdzugewandten kleinen Flecken am Ostrande. Drehte sich die Erde um die Sonne, folgert nun schlaf, so müßten die Flecken halbjährlich jeweils in der Ost- und Westhälfte stehen. Dazu komme noch die sechsundzwanzigtägige Rotation der Sonnenoberfläche. Wollte man eine gleich- mäßige Rotation der Sonne und der Erde an- nehmen, so spräche das gegen die sechsundzwanzig- tägige Rotation der Sonne. Also stehe die Erde im Mittelpunkt der Welt und die Sonne drehe sich in alter Gemütsruhe um sie. Der kosmische Raum sei zwar begrenzt, aber immerhin anständig groß“. Er zerfalle dabei in mehrere Zonen, innerhalb deren nach dem Gesetz der Logarithimischen Spirale die Bewegungs- geschwindigkeit und Dichtigkeit der kreisenden Materie abnehme, so daß also die Erde am schnellsten rotiere und die festeste Masse besitze, bis d über Sonne, Mond und Planeten hinaus, fast am Rande des kosmischen Raumes, die Fixsterne, leuchtende Nebelflecken, dem menschlichen Auge ann bewegungslos erscheinen. Am anderen Morgen waren wir bei einem Maler im Atelier. In kaum zwei Stunden war der Typus vo kommen zum Bild geworden. Es ist, wie wenn ein Schlafender auf wachte und fragte: „Was? Wann hat denn eure sogenannte Neuzeit II. angefangen?“ 126 DAS WELTBILD DER NEUEN PHYSIK Ma Planck Es gibt eine Reihe deutscher Physiker, die neben den englischen und amerikanischen international bekannt sind, aber es gibt nur zwei Physiker, die heute tatsächlichen Weltruf haben: Max Planck und Albert Einstein. Beide ergänzen sich im gewissen Sinne: was Planck für den Mikrokosmos getan hat, das führte Einstein für den Makrokosmos durch. Planck hat die Welt des Unendlich-Kleinen nach relativitäts- theoretischen Gesichtspunkten geordnet, Einstein die Welt des Unendlich-Großen nach quanten- theoretischen. Wenn ich das behaupte, so weiß ich ganz genau, daß Planck die Quantentheorie längst begründet hatte, als Einsteins Relativitätstheorie bekannt Wurde, und daß die Relativitätstheorie unabhängig von der Quantentheorie entstanden ist. Es handelt sich hier nicht um die Frage des Primates, sondern einer Identität des Zeitgeistes, den man als Zeitalter des Relativismus“ bezeichnen kann und muß. Allein die Frage Determinismus Indeterminis- mus und die daraus gefolgerte Heisenbergsche Unsicherheitsrelation, die Frage der atomaren Struktur, von Niels Bohr nach Planck als Planeten- system dargestellt und von Plancks Nachfolger an der Universität Berlin, Erwin Schrödinger, als Wellensystem umgedeutet— schon das allein zeigt, mit welchen relativistischen Mitteln die Physik des Unendlich-Kleinen arbeiten muß. Dazu kommt die Statistik als einziger Ausweg aus dem Dilemma: die Vielheit der Fälle soll durch statistischen Vergleich schließlich zu einer Natur- erklärung führen, wenn nicht gar zu Naturgesetzen. Das war ungefähr der Inhalt meiner kurzen An- sprache, die ich zur Eröffnung des Vortrages, Das Weltbild der neuen Physik! vorausschickte, den Geheimrat Max Planck im Januar 1931 an der Technischen Hochschule in Karlsruhe hielt. Der Zufall wollte es, daß auf den Tag vor einem Jahr Hugo Dingler aus München, der Metaphysiker unter den Physikern und Gegner Plancks und Ein- steins, über Physik und Metaphysik gesprochen hatte. Obwohl Planck um diese Zeit schon Emeritus War, obwohl er heute an jeder Technischen Hoch- und Mittelschule wiedergekäut wird, war die Tech- nische Hochschule in Karlsruhe nie auf den Ge- danken gekommen, den berühmtesten Physiker unserer Zeit einmal einzuladen. 128 Man höre und staune: Planck hatte nie vorher in Karlsruhe gesprochen! Planck ist wirklich ein vornehmer Mensch, ein stiller, großer Gelehrter, dem es zuletzt gleich- gültig sein kann, ob man ihm Ehren erweist. Aber es handelte sich hier nicht um Ehren, sondern um sachliche Pflichten, die eine Hochschule hatte. Rektor, Prorektor und Postrektor hatten ihn mit seiner Gattin zum Abendessen geladen und mich dazu. Wie liebenswürdig von diesen Herrschaften, mich einmal von den Brosamen ihrer Wissenschaft in Form eines Abendbrotes zehren zu lassen! Planck interessierte sich sichtlich für mich. Die Frage scheint ihn doch beschäftigt zu haben, wie ein Nichtfachmann dazu kommt, die Fachleute zu beschämen. „Sind Sie wirklich kein Physiker?“ fragte er mich, als wir uns gegenüberstanden. „Ich bin wirklich kein Physiker“, antwortete ich. „Aber ich bin Metaphysiker und interessiere mich daher auch für Physik. Im übrigen schien es mir endlich an der Zeit, den größten Physiker der Gegenwart nach Karlsruhe einzuladen.“ Planck quittierte das Kompliment lächelnd. „Ich bin selbst auch zu den philosophischen Fragen vorgestoßgen“, sagte er.„Sie werden heute abend einiges davon zu hören bekommen.“ „Das ist mir aus der Lektüre Ihrer Vorträge be- kannt, Herr Geheimrat“, gab ich zurück.„Allein die 9 Berl, Gespräche 129 Frage Determinismus— Indeterminismus ist ein philosophisches Problem par excellence.“ „Wir können sie ja leider als Physiker nicht beantworten“, fuhr er fort,„aber wir können und müssen sie wenigstens stellen.“ Daraus sprach die ganze Bescheidenheit des stillen Gelehrten. „Ich habe deshalb vor einem Jahr Hugo Dingler über die Zusammenhänge von Physik und Meta- physik sprechen lassen, obwohl ich mir klar darüber bin, daß Dingler seine radikale Skepsis zu weit treibt.“ „Dingler ist auf alle Fälle ein bedeutender philo- sophischer Kopf“, sagte der Geheimrat.„Mit der Skepsis allein kann man nicht weiterkommen, aber sie ist sicher die Voraussetzung zur Neubegründung eines Weltbildes.“ Auch dies ein Zeichen der Vornehmheit Plancks, daß er einem seiner sachlichen Gegner die Anerken- nung nicht versagte. Wir sprachen noch über einige andere Physiker wie Ruegner und Schlesinger und ihre Zusammen- hänge mit der Quantentheorie. Da rief schon der Herr des Hauses zum Essen. Es war der Herr Prorektor, der sichtlich seinen großen Tag hatte, denn er hielt bald eine Tisch- ansprache, die in der Hauptsache aus Erinnerungen und Witzen bestand. Es stellte sich heraus, daß ‚man' sich immerhin kannte! Plancks Rede im großen Studen war in jeder Hinsicht ein Resümé seines Schaffens und 130 eine Perspektive zugleich. Unaufhörlich arbeitet er ja. Als ich mich zum erstenmal an ihn wandte, schrieb er zurück, daß er erst noch ganz neue Ergebnisse zu verarbeiten habe. Dabei war er schon ein Siebziger! Wodurch wurde die alte Physik gezwungen, ihr Weltbild aufzugeben? fragte Planck. Karlsruhe wurde ihm zum Ausgangspunkt einer Charakteristik der alten Physik. Hier habe Heinrich Hertz 1888 seine ersten Versuche mit den Radiowellen ge- macht, hier sei die Vollendung der klassischen Physik vollzogen worden. Hertz habe zwischen einer Physik der Materie und einer Physik des Athers unterschieden, aber zahlreiche Probleme ungelöst lassen müssen. Seine Hypothese des ruhen- den Lichtäthers sei ebenso wie Einsteins Relativie- rung des objektiven Athers nichts anderes als der Schlußstein der alten Physik. Weshalb mußte dieser Bau gestürzt werden? Das Experiment der monochronen Lichtspalten habe gezeigt, daß die Absorption der Energie nicht gleich- zeitig erfolge, sondern rück- und stoß weise. Die Energie falle immer in Tropfen(Quanten) auf die Platte. Diese Quanten können nicht nach allen Seiten fliegen, das Licht breite sich aber wellen weise nach allen Seiten aus. Wie soll man dieses Dilemma lösen? Planck kam zu einer ganzheitlichen Betrachtung. Die alte Physik sei analytisch gewesen, sie habe das Geschehen additiv als Zusammensetzung zahlreicher 3 131 Einzelpunkte im Raum und Zeit aufgefaßt. Die neue minmer Physik sei aber synthetisch. Sie frage nicht, Wo ein Quant zu einer bestimmten Zeit sei. Man könne nicht Ort und Geschwindigkeit gleichzeitig bestim- men. Müsse damit aber überhaupt auf die Formu- lierung eines Gesetzes verzichtet werden? Planck lehnte den radikalen Indeterminismus ab und meinte, wenn auch die Frage nach dem Gesetz falsch sei, so könne sie doch zu einer rich- tigen Lösung führen. Durch die falsche Frage der Alchimisten nach dem Gold sei die Chemie entdeckt e 1 1 1 4 worden. Man spürte: dieser Mann war trotz allem kein Revolutionär. Dazu hat er viel zu viel Ehrfurcht vor dem Uberkommenen. Er sah zwar die alte Physik wanken, aber er sah auch, daß die neue Physik deshalb nicht fester stand. Darum suchte er zu ver- mitteln, indem er der klassischen Physik ihre Be- deutung als Grenzfall beließ. Nach dem Vortrag waren die Räume des Studenten- hauses überfüllt. Wer wollte die Gelegenheit unge- säumt verstreichen lassen, den Physiker kennenzu- lernen, den er seit Jahr und Tag in allen Vor- lesungen wiederkäuen hörte? Der Rektor, der zufällig auch Plank(ohne c) hieß und ebenfalls Thermodynamiker War, erzählte von den vielen Verwechslungen, die er schon erlebt habe. Immer habe er aber zurückschreiben müssen, daß ihm zu dem berühmten Planck das hohe, fehle. 132 Das war immerhin ein aufrichtiges Geständnis! Planck selber fand es höchst merkwürdig, daß man bei dieser Veranstaltung nicht auch den Dank an mich aussprach, und er tat es auf eine höchst vornehme Weise. DER SCHOPFER EINER NEUEN RELIGION Rudolf Maria Holzapfel Der Messias ist gestorben, aber seine Apostel ziehen über die Erde und künden sein unsterb- liches Wort. Sie haben keine langen Bärte und tragen keine härenen Gewänder. Sie haben glatte Gesichter und sind elegant gekleidet. Ein Saulus ist nicht darunter, der erst auf dem Wege nach Damaskus zum Paulus geworden wäre. Sie haben alle gleich an das Wort des Erlösers geglaubt. Ich habe zahlreiche Menschen kennengelernt, die davon überzeugt waren, ein neuer Christus zu sein. Sie haben alle ihre Apostel gefunden. Einer von ihnen hat sich buchstäblich zu Tode gefastet und seine Apostel waren davon überzeugt, daß er wiederauferstehen werde. Sie haben bis heute ver- geblich darauf gewartet. Rudolf Maria Holzapfel war ein edler und ge- Waltiger Geist. Er war viel zu klug, als daß er sich mit Christus verglichen hätte. Was ist schon Chri- stus, an einem Holzapfel gemessen? Ein Teilideal, nicht mehr. 135 Die Zeit aber ist reif für ein— Panideal! Eugen Diederichs sandte mir seine beiden Werke ‚Panideal' und ‚Welterlebnis'. Es waren meister- hafte Konzeptionen. Romain Rolland, Graf Keyser- ling, Hermann Bahr priesen ihre copernikanische Bedeutung. Ohne Zweifel: dieser stille Mann mit den durch- geistigten Zügen und den zur Schulter fallenden Haaren hatte der Welt etwas zu sagen. Pan-Ideal war ein Pan-orama und Pan-Optikum zugleich. Wie staunt man allerdings, wenn man darin von einer ‚Akademie für Ausnahmen' liest, deren Auf- gabe es sei, geniale Menschheitskünstler' zu züch- ten, von denen erwartet werde, ,‚Fdaß wenigstens manche Plastiker und Musiker zugleich auch schöpferische Kulturgestalter, manche Religions- stikter und Heilige auch große Dichter, Forscher, Plastiker oder Musiker werden'. Diese naive Kulturgläubigkeit schreit zum Him- mel! Sie spricht von Religionsstiftern und Heiligen“, als ob diese Spezies herumliege wie der Sand am Meere. Ein verspäteter Geniekult zu einer Zeit, da man die Genies mit der Laterne des Diogenes suchen muß! Rudolf Maria Holzapfel war als österreichischer Arztsohn in Krakau geboren. Er war als junger Mensch nach Südafrika gegangen, hatte sich als Buchbinder, Spengler, Verkäufer herumgeschlagen, hatte in den Slums der Londoner Hafenviertel das Weltstadtelend kennengelernt, hatte in Süd- 136 rußland die ersten Gedanken zu seinem Panideal“ gefaßt. Er hatte also zweifellos die Welt von ihrer Kehr- seite gründlich kennengelernt, ehe er sich in einem stillen Schweizer Ort niederließ, um sein Lebens- werk ausreifen zu lassen. Nachdem ich die Lektüre seiner beiden Werke mühsam beendigt hatte, schrieb ich an ihn und lud ihn ein, in Karlsruhe zu sprechen. Es kam nicht dazu, denn sein Gesundheitszustand gab Grund zu Besorgnissen. An seiner Stelle erschienen eines Tages seine Apostel. Die Internationale Panidealistische Ver- einigung veranstaltete im Rahmen meiner Gesell- schaft in einer November woche 1929 eine Tagung, die verheigungsvoll den Titel trug: Die Neugestal- tung des religiösen Lebens“. Die beiden Apostel wirkten als Kontraste inter- essant genug. Dr. Hans Zbinden-Zürch verriet in Gebärde und Akzent den geschäftstüchtigen Schwyzer“, während Dr. Wladimir Astrow-Berlin mit seinem russischen Akzent an einen emigrierten Popen gemahnte. Er war ohne Frage der Bedeu- tendere von beiden. Dr. Hans Zbinden sprach recht bescheiden über die Grundlagen einer neuen Religion“, während Dr. Wladimir Astrow noch anspruchsloser, Das religiöse Weltbild der Zukunft“ verkündete und ‚Das alte und das neue Gewissen“ zerpflückte. Wer wollte daran zweifeln, daß Holzapfel selber einer jener ,Religionsstifter und Heiligen! war, die er zu züchten gedachte? Der, Schöpfer einer neuen Religion“? Der Konflikt zwischen Wissen und Glauben ist evident. Wie können wir ihn lösen? Nichts einfacher als das! Wir lehnen die alten Religionen und Gottes- vorstellungen ab, gliedern unser Bewußtsein in ein dreistrahliges Vollbewußtsein, Mindestbewußtsein, Kaumbewußtsein und kleben über das so zu ge- winnende wissenschaftlich-religiöse Weltbild die Uberschrift ‚Panideal'. Damit sind wir bereits bei dem religiösen Welt- bild der Zukunft angelangt. Wenn Faraday sagte, wenn er das Laboratorium geschlossen habe, glaube er, so ist das eine Halbheit, mit der endlich auf- geräumt werden müsse. Die Psychologie der Gottes- vorstellungen zeige, daß diese sich mit dem Stand- punkt der Kultur wandle. Die Arbeitsweise der alten Götter sei kriegerisch und zornig, Holzapfels Idee der Repräsentation' schaffe einen neuen Gott, der sich ‚Den'(nicht, Das“) Wunderbaren nenne! Nun sind wir reif, in das alte und neue Gewissen zu tauchen. Was müssen wir dem alten Gewissen vornehmlich zur Last legen? Das Verkennen des Genies! Was vermag demgegenüber das neue Ge- wissen? Das Erkennen des Genies! Werdet Pan: idealisten und ihr werdet alle Genies! Nur Dumm- köpfe können die Uberzeugung haben, daß es den Genies immer schlecht gehen müsse! 138 . 5 8 . Das ist, freilich recht summarisch, der Inhalt der Tagungsvorträge. Das Herz der Hörer schlug höher, als sie die frohe Botschaft vernahmen, in Zukunft nicht mehr verkannt zu werden! Man hatte Diskussionen angesetzt und hoffte Wohl, mit diesen auf Gimpelfang gehen zu können. Manche Fragen, die aufgeworfen waren, wurden von den beiden Aposteln geschickt pariert. Der Meister hatte an ihnen sein Werk getan. Eine Frage freilich brannte mir auf der Seele: die nach dem Verhältnis von Kultur und Religion. „Ist Holzapfel der Ansicht“, fragte ich,„daß die Religionen aus den Kulturen hervorgegangen sind oder die Kulturen aus den Religionen?“ „Natürlich sind die Religionen aus den Kulturen hervorgegangen“, sagte Astrow.„Das sehen wir an der Entwieklung der Kirchen. Baustil, Kultus und Institution sind den Wandlungen der Geschichte unterworfen.“ „Kultus und Kultur haben eine sprachliche Wurzel“, fügte Zbinden hinzu. „Mir will es allerdings erscheinen“, gab ich zurück,„daß der Prozeß ein umgekehrter ist. Geht nicht die Stiftung einer Religion der Kultur voraus? Beginnt die Religion nicht überhaupt mit der Frage an die Kultur? Der Prozeß der Kontamination ist freilich unvermeidlich. Insofern entwickelt sich die Religion geschichtlich gesehen im Schatten der Kultur. Nichtsdestoweniger beginnt sie damit, die Fragwürdigkeit der Kultur zu behaupten.“ e e eee 8 1 „Das wird im religiösen Weltbild der Zukunft nicht mehr möglich sein“, sagte Astrow.„Holz- apfels Psychologie des Gewissens hat alle Seelen- vorgänge aufgehellt.“ „Eine Psychologie des Gewissens müßte doch wohl erst von der Frage nach dem Gewissen selbst ausgehen“, erwiderte ich.„Ist dieses selbst auch psychologisch ableitbar?“„Holzapfel hat die psy- chologische Ableitbarkeit aller seelischen Vorgänge nachgewiesen“, sagte Zbinden. „Das Gewissen ruft vielleicht seelische Vorgänge hervor“, antwortete ich wieder,„aber es selbst ist kein seelischer Vorgang. Es ist eine religiöse Ur- tatsache, die von oben kommt, nicht von unten.“ Die beiden Adepten lächelten voll Mitleids. „Religion und Kultur stehen in keinem harmo- nischen Verhältnis zueinander“, fuhr ich fort,„son- dern in einem durchaus tragischen. Indem der Mensch die Religion in den Bereich der Kultur her- abzieht, lädt er eine durchaus tragische Schuld auf sich. Ich bestreite nicht die Notwendigkeit dieses Vorganges, aber ich behaupte, daß dies eine Schuld ist, die gesühnt werden muß.“ „Das ist nur das alte Gewissen, das aus Ihnen spricht“, sagte Astrow. „Es gibt kein altes und neues Gewissen, sondern nur ein ewiges, das uns immer wieder die Frag- würdigkeit des Menschenwerkes vor Augen führt.“ Ich war froh, daß sich ein anderer Frager zum Worte meldete. 140 EINE EUROPAISCHE GRANDE DAM E . Helene von Nostitz f Es sind jetzt zwei Jahrzehnte her, daß eine große 0 . europäische Dame in Baden-Baden an ihren Memoiren schrieb: die Gräfin Kleinmichel. b Ihre Erinnerungen, die den Titel ‚Aus einer ver- 1 sunkenen Welt' tragen, vermitteln uns ein buntes Bild des alten Rußland. In ihrem Petersburger Salon traf sich die europäische Welt. Als sie in V Paris starb, wurde sie in den Nachrufen als Ruß- 1 lands letzte Grande Dame bezeichnet. 4 Wieder begegnen wir in Baden-Baden einer großen Dame, die mit ihren Memoiren beschäftigt ist und die zugleich den Rang einer namhaften deutschen Schriftstellerin hat: Helene von Nostiz. Auch in ihrem Salon traf sich einmal die euro- päische Welt. Es ist freilich mehr die geistige, nicht die gesellschaftliche Welt des alten Europa. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Erinnerungen einmal ein bedeutsames Spiegelbild des alten nun auch versinkenden Europa sein werden. Helene von Nostiz ist die Gattin des letzten sächsischen Unterrichtsministers im Weltkrieg, 141 Alfred von Nostiz. Ihr Großvater Fürst Georg Münster von Derneburg war der langjährige be- kannte deutsche Botschafter in London und Paris. Ihr Vater, Conrad von Beneckendorff und Hinden- burg war ein Vetter des verewigten Generalfeld- marschalls und Reichspräsidenten. Ihr Bruder Herbert von Hindenburg war Ge- sandter in Rom. Seine Memoiren: ‚Am Rande zweier Jahrhunderte vermitteln ein aufschlußreiches Bild aus der Zeit, als Italien in den Weltkrieg ein- trat. Obwohl Helene von Nostiz also aus einer Diplo- matenfamilie stammt, obwohl sie schon in ihrer Kindheit durch den Großvater mit der hohen Politik in ständige Berührung kam, ist sie ein voll- kommen unpolitischer Mensch geblieben, eine echte Frau, die stets von der künstlerischen Anschauung lebt und aller Kunst gegenüber empfänglich ist. Man könnte höchstens in dem Sinne von einer Verbindung zwischen Politik und Kunst sprechen, als sie in ihren außerordentlich subtilen ‚Städte- bildern“ jeweils das Geschichtliche in der Ver- bundenheit zwischen Staat und Architektur be- schreibt und dadurch von der zufälligen Impression ablöst. Hierfür sind ihre drei Bücher, Berlin'“, Potsdam“, Dresden“ typisch. Bei ‚Potsdam' steht die Gestalt Friedrichs des Großen, bei dem zuletzt erschienenen Buch Festliches Dresden“ die Gestalt Augusts des Starken im Mittelpunkt, weil es diese Herrscher 142 Waren, die durch ihren Absolutismus den Stil des Stadtbildes bestimmt haben. Ganz anders ist es bei dem Buch Aus dem alten Europa“, das man als eine Art Vorspiel zu den Memoiren bezeichnen kann. In ihm begegnen uns die Städte in Verbindung mit den Menschen, die in der Epoche vor dem Weltkrieg Kunst und Dich- tung repräsentiert haben: mit Auguste Rodin, Rainer Maria Rilke, Gerhart Hauptmann, Eleonore Duse, Enrico Caruso. Isadora Duncan, Nijinsky— um nur einige Namen zu nennen. Dabei empfinden wir als Grundton immer wieder die Wehmut— das alte Europa ist dahin, unwider- ruflich, ein neues Europa erlebt die Wehen seiner Geburt. Das menschlich innigste und ergreifendste Denk- mal stellt aber die Freundschaft dieser Frau zu Rodin und Rilke dar. Hier ist sie ganz hingegeben an Bild und Wort, hier wird durch Auge und Obr ihre Seele unmittelbar angesprochen, hier kann sie dem Genius der Kunst dienen und huldigen, wie es Frauenart ist. Man versteht, daß Rodin ihre Malerei beeinflußt hat— sie macht gelegentlich Aquarelle in impressio- nistischer Manier— und Rilke ihr Verhältnis zum geschriebenen Wort. In den beiden Büchern Rodin in Gesprächen und Briefen“ und„Rodin. Briefe an zwei deutsche Frauen hat Helene von Nostiz viel dazu beige- tragen, daß dieser französische Künstler in 143 Deutschland geschätzt wurde, hat sie aber auch ge- zeigt, wie sehr er sich dem deutschen Wesen ver- bunden fühlt. Uper die Gotik der französischen Kathedralen hat Rodin den Weg zur deutschen Gotik und damit zur deutschen Seele gefunden. Helene von Nostiz hat während des zweiten Welt- krieges einige Sommer in Baden-Baden verbracht. Sie wohnte mit ihrem Gatten im Hotel Hirsch. Hier waren wir oft beisammen. Sie war grau geworden, aber sie war noch immer die schöne Frau, als die sie Rodin und Rilke ge- kannt und geliebt hatten. Eine Krankheit zwang sie am Stocke zu gehen. Ich ließ mir oft von ihr über die beiden erzählen. Im Kurhaus las sie auch aus ihren Erinnerungen. Manchmal kam sie in meine Wohnung und malte den Blick vom Fenster aus. Man spürte aus ihren Aquarellen die Schule Rodins. Einmal lud sie mich bei ihrem Geburtsag ein u einer Wagenfahrt zum Alten Schloß. Die Pferde zogen den Wagen mühsam empor. Wir hatten Zeit genug, uns über die Vergangenheit zu unterhalten. Dabei schweifte unser Blick über die berauschend schöne Natur. „La nature doit ètre notre grande inspiratrice, écoutons toujours ce qu'elle nous dit“, sagte Rodin einmal. „Wann sind Sie Rodin zum erstenmal begegnet?“ fragte ich. 144 Im Jahre 1900 bei der großen Pariser Welt- ausstellung. Ich stand vor der Gruppe ‚Amour et printemps“, als ich Rodin plötzlich neben mir er— blickte. Als ich am nächsten Tag wiederkam, gab er mir wortlos eine Rose. Sie war aus Meudon, das wir bald danach aufsuchten.“ „Sagten Sie nicht neulich, daß er Sie auch oft in der Villa Ihrer Mutter an der Meeresküste bei Livorno besucht habe?“ „Er kam einige Mal nach Ardenza. Wir wander- 6 ten durch die roten Felsen oder er saß beim Sonnen- untergang dem Meere zugewendet und hörte einem Andante von Beethoven zu.“ „Er liebte Beethoven und die deutsche Musik?“ „Enfin j'ai retrouvé cette grande émotion!“ rief er einmal aus, als ich ihm Beethoven spielte. Dabei sank er in die Knie.“ „In Beethoven sah er wohl einen Verwandten von Michelangelo. Seine Figuren, die sich nicht von ihrem Stoffe lösten, erinnern mich manchmal an jene Torsi in der Grotte des Giardino boboli in Florenz. In ihnen hat Michelangelo sein tiefstes Bekenntnis abgelegt: alles Menschenwerk ist Bruch- stück.“ „Wir trafen uns einmal in Florenz. Nach langer Fahrt durch die Stadt stieg er plötzlich am Palazzo g uu. Veccio aus und verschwand wortlos. Er wollte mit Michelangelo allein sein.“ 8„In Meudon war es gewiß bezaubernd? 10 Berl, Gespräche „Meudon war ein Kunstwerk in Anlage und Atmosphäre. Vom Atelierhaus zog ein Garten, in dem antike Torsi aufgestellt waren. Zwischen Fliederbüschen und Irisblumen lagen weiße Schwäne, die selbst wie riesenhafte Blüten wirkten. Als er mich das letzte Mal modellierte, hatte er die Schwäne am frühen Morgen um eine neu aufge- stellte Antike gelagert.“ Wir schwiegen eine Weile, während der Wagen langsam den Ruinen des Alten Schlosses zufuhr. „Rilke war doch einige Zeit Sekretär bei Rodin“, begann ich wieder.„Haben Sie ihn bei Rodin kennengelernt?“ „Nein, Rilke hatte sich mit Rodin entzweit“, er- widerte sie nachdenklich.„Meine Erinnerungen an Rilke sind ganz eigener Art, wie er ja auch ein ganz eigener Mensch war.“ „Ich denke, daß beide Charaktere viel zu ver- wandt waren, als daß sie auf die Dauer sich ver- tragen konnten.“ „Rilke war vor allen Dingen sehr von seinen Stimmungen abhängig. Als ich ihm einmal von Heiligendamm aus schrieb und ihn einlud, ließ er wochenlang überhaupt nichts von sich hören. Da kam mit einem Mal ein Brief von Rilke in mein Zimmer. Er sei im gleichen Hotel abgestiegen, wolle aber in einer halben Stunde wieder abreisen. Ob er mich vorher sehen könne? „Er sah ganz verstört aus. Er habe geglaubt, hier Ruhe zu finden, statt dessen habe er ein lautes 146 Treiben mit Menschen und Pferden vorgefunden. Unglücklicherweise hatte er gerade die Tage des Concours Hippique' zur Ankunft ausgewählt. Ich führte ihn unversehens durch den nahen Buchen- Puald zum Meer und sagte dann zu ihm: Hier ist der Frieden, von dem ich Ihnen geschrie- 5 ben habe, das andere Treiben dauert nur noch phenige Stunden. Bitte bleiben Sie!“ „Und nun blieb er mehrere Wochen. Wir gingen ö durch die Buchenwälder und er erzählte mir von ö seinem Besuch bei Tolstoj in Jasnaja Poljna, von seinen Wanderungen mit dem Greis durch die unendliche Steppe Rußlands. Er war beglückt. Ja, als wir wieder abreisen mußten, entschloß er sich, noch hier zu bleiben.“ „Er hat Sie sicher noch oft besucht?“ „Nicht so oft. Er reiste viel in den Städten herum und schrieb dann meist Karten oder Briefe, die in wenigen Sätzen das Antlitz und die Atmosphäre der Städte widerspiegelten. Begeistert war er von Paris, von Toledo, von Venedig.“ „In Venedig war er mit der Duse zusammen. Das hat ihm sicher die Lagunenstadt noch inniger ver- bunden.“ 8 e „Er kam damals zu uns nach Wien und besuchte uns im Hotel Impérial. Ich sehe ihn noch heute er- griffen vor mir sitzen. Er erzählte, wie er mit der Duse zu einem Advokaten viele Treppen hoch ge stiegen sei. Anfänglich sei sie wie eine Gestalt auf der Bühne geschritten, je höher es aber ging, um 80 10 ˙˙ 147 mehr sank sie in sich zusammen, bis sie schließlich vor der Türe des Advokaten weinend zusammen- brach und verzweifelt ausgerufen habe:, Non posso piu vedere quest'uomol! Es war für ihn, als habe er die Tragödie auf der Bühne in der Wirklichkeit gesehen.“ Wir gingen in die Ruinen des Schlosses und ich versuchte einiges aus seiner sagenhaften Vergan- genheit zu berichten. Mit einem Mal war der Baron verschwunden, als sei er irgendwo über die Felsen abgestürzt. Es waren verzweiflungsvolle Augen- blicke— auch wie eine Tragödie, die zur Wirk- lichkeit geworden sein konnte. Ich habe den Herrschaften noch manches Mal ein Kapitel aus meinem F Napoleon III. vorgelesen. Ein- mal war Leopold Ziegler dabei anwesend. Die Baronin war sehr erstaunt darüber, daß der harm- lose Kaiser ein solches Scheusal gewesen sein sollte. Als ich zum letzten Mal mit ihnen zusammen War, zühlte zu den Anwesenden auch Alphonse de Chateaubriand, der Herausgeber der ,F Gerbe“ und Verfasser von, La Gerbe des Forces“. Monsieur Chateaubriand war ein sehr theatra⸗ lisch veranlagter Herr, der jedes Wort mit rollen- den, stechenden oder listig zwinkernden Augen be- gleitete und dessen grauer Bart einen sinnlich auf- geworfenen Mund mit Geschick verbarg. Was mochte dieser Mann denken bei alledem. was er erzählte? Man blickte nicht hinter seine Maske. Alles war hohl an ihm. g 148 Er war zweifellos ein Dichter, der aus irgend welchen Gründen in die politische Arena geraten war und der sich vielleicht mit dem Gedanken quälte, wie er die Arena wieder verlassen könne, bevor ihn die wilden Tiere zerrissen. Im Sommer 1944 traf ich Herbert von Hinden- burg wieder. Er hatte sich mit seiner Schwester in den Hirsch' verabredet. Sie kam nicht. „Helene ist leider nicht mehr zu retten“, sagte er nachdenklich.„Karzinom. Aber sie weiß zum Glück 5 nicht davon. Sie hat noch ein reizendes Buch über Paris geschrieben.“ Mit ihr ist das ‚alte Europa“ für immer dahin- gegangen. eee eee, DAS GOETHEANUM OHNE GOETHE Rudolf Steiner Eines Tages nach dem Weltkrieg wanderte ich von Basel nach Dornach. Unterwegs erzählte man mir allerlei mysteriöse Dinge von Rudolf Steiner und seiner Sekte. Vor allem sollten die Antroposophen, wie die Mormonen, Bigamie und Polygamie haben, was mir zwar im Grunde gleichgültig war, was sich aber doch als typisch erwies für die aufgescheuchte Phantasie der Umgebung. Damals stand noch der alte Bau aus Holz, das, dank der reichen Zuwendungen aus Amerika, teil- weise aus Indien direkt importiert war. Dieses geduckte wilde Tier mit seinen glotzenden Augen wurde langsam zahmer, je näher ich kam, und zum Schluß entpuppte es sich als das plumpeste architektonische Machwerk, das mir je begegnet ist. Ein Jugendstil“ ohne Jugend! Dieser Hügel mit seinem monströsen Bau er- innerte mich irgendwie an Bayreuth— ein Ver- gleich, der sich bald noch aus einem anderen Grunde als richtig erweisen sollte! Ich sah junge Frauen mit hohlen Wangen und Augen, die denen des glotzenden Ungeheuers ähn- lich waren, geschäftig hin- und hereilen. Sie hatten in der nahen Baracke zu tun, denn ihr Herr und Meister sollte in etwa einer Stunde darin sprechen. Es dauerte nicht lange, da sprach mich ein ebenso junger Mann mit dunkeln Haaren an, der am Bau beschäftigt war. Er war natürlich Steinerianer, denn nur ein solcher durfte überhaupt das Heiligtum berühren. Er bot sich mir in liebenswürdiger Weise als Begleiter an. Gleich bei der Treppe begann die Symbolik.. „Hier hat Steiner die Vision des inneren Ohres gehabt“, sagte er mir. Ich blickte abwechselnd das seltsame Mißgebilde und das Gesicht des Begleiters an. „Das ist so zu verstehen“, fuhr er fort,„wenn wir die Treppe emporsteigen, können wir dies nur dank des Gleichgewichtssinnes, der bekanntlich im Ohr sitzt. Diesen Gleichgewichtssinn hat Steiner in seiner Urgestalt geschaut.“ Ich verstand: es war eine Art Gehörgang in plump naturalistischer Wiedergabe. Von Vision keine Spur. Der Hauptraum war amphitheatralisch angelegt, mit Säulen aus echten indischen Hölzern und farbi- gen Fenstern, die in primitivster Weise bemalt waren mit Szenen aus Mythologie und Geschichte. 152 „Hier hat Steiner die Vision des Teufels gehabt“ erklärte der Adept eines der Fenster. „Der Teufel soll sie holen“, dachte ich bei mir. „Hier hat Steiner selbst die Deckengewölbe ent- worfen und ausgeführt“, sagte er in die Höhe deutend. „Ah“, entfuhr es mir,„Steiner kann auch malen?“ „Gewig, Steiner kann alles. Er hat auch die Mysterien selbst gedichtet, die einmal auf der Bühne dort aufgeführt werden, wenn sie fertig ist.“ „Und die Musik, die sicher dazu gespielt wird?“ „Sie wird nach Klangvisionen von Steiner kom- poniert werden.“ Ich war erschüttert... Hier hat Steiner... Stei- ner kann alles.. hörte ich dauernd. Der Vergleich mit Bayreuth ging mir wieder durch den Kopf. Es war eine Art ‚Gesamtkunstwerk' mit den Mitteln der Mystagogie. Dabei gab Steiner dem Bau den Namen Goetheanum“, Das war mehr als Mißbrauch— das War eine Schändung Goethes! Wieviel Mal mag sich dabei Goethe schon im Grabe herumgedreht haben? Nach der Besichtigung war es Zeit, die Baracke aufzusuchen. Bald erschien Steiner am Katheder. Er trug einen schwarzen Schlips, der gemeinsam mit dem dunkeln Haar das blasse Gesicht beinahe maskenhaft kontrastierte. Die Stimme war anfäng- 153 lich dumpf, steigerte sich aber mit der Zeit zu einem grellen Pathos. Ich wüßte nicht, was mir von dem Inhalt der Rede hätte bleiben sollen als der Eindruck eines fanatischen, vollkommen mittelmäßigen, rabiat ge- wordenen Scharlatans. Nach der Veranstaltung ging ich mit meinem neu gewonnenen Freund hinaus. Bald stand Steiner in der Nähe und beobachtete uns. „Soll ich Sie vorstellen?“ fragte mich der Adept. Ich bejahte es mechanisch, ohne es eigentlich zu wollen. Ich knüpfte an das Thema der Intuition an und fragte Steiner, welcher grundlegende Unterschied zwischen der Intuition Bergsons und der seinigen bestehe. „Die Intuition Bergsons ist leer“, entgegnete er etwas unwillig über die neugierige Frage.„Wie wollen Sie zum Beispiel mit ihr den Erzengel Gabriel schauen?“ „Den will ich allerdings nicht schauen“, wagte ich zu entgegnen. Damit war das Gespräch natürlich rasch be- endigt. Wie sollte der Meister mit einem jungen Mann sich lange abgeben, der seinem Alter nach sein Schüler sein konnte? Ich habe mich später noch manchmal mit meinem Freund getroffen. Wir gingen gewöhnlich auf die nahe Burg und ich setzte ihm meine Zweifel in die Lehre Steiners auseinander. 154 „Wissen Sie, daß ich Steiner oft mit Wagner vergleiche?“ sagte ich einmal zu ihm. „Wieso mit Wagner? Wie meinen Sie das?“ „Nun“, erwiderte ich,„bei Wagner ist der gleiche Dilettantismus des ‚Gesamtkunstwerks! und die gleiche Tyrannis“' gegenüber seinen Anhängern. „Halten Sie Steiner für einen Tyrannen?“ fragte er erstaunt. „Gewig halte ich ihn dafür. Läßt er denn eine andere Meinung gelten als die seine? Kann man mit ihm überhaupt ein Gespräch führen? Das ist auch psychologisch gar nicht möglich. Eine Lehre, die mit dem Anspruch des Absoluten auftritt, duldet nur kritiklos gläubige Kreaturen. Mir ist diese Art geistige Haltung in der Seele zuwider. Sie ist für blinde Massen, aber nicht für denkende Menschen. „Einen Zweifel in seine Lehre duldet er aller- dings nicht.“ „Sehen Sie! Aber ich zweifle nicht nur an dem Wert seiner sogenannten Visionen“, ich zweifle auch daran, daß, wie er behauptet, jedermann das Organ für die Geheimwissenschaft in sich aus- bilden könne. Geheimes Wissen ist für wenige, nicht für viele, am allerwenigsten für alle.“ Mit jedem Gespräch fühlte ich, wie der Zweifel in der Seele des Adepten zu fressen begann. Er war von Beruf Architekt und als solcher am Bau be- schäftigt. Sicher war sein Stilgefühl und Verant- Wortungsbewußtsein größer, als es im ersten Augenblick geschienen hatte. Ich ging wieder von Basel fort und wir verloren uns aus den Augen. Eine seiner Karten fand ich noch unter meiner Korrespondenz. Nach einem guten Jahrzehnt kam ich wieder ein- mal von Basel aus nach Dornach. Inzwischen war der Holzbau abgebrannt und die Vision hatte Steiner eingegeben, daß ein Betonbau gegen Feuer auf jeden Fall sicher sei. Wie erstaunte ich, als ich hörte, daß der mut- maßliche Brandstifter jener junge Architekt ge- wesen sei, denn er habe sich einschließen lassen und sei als verkohlte Leiche unter den Trümmern hervorgezogen worden. Ich aber neigte dazu anzunehmen, daß der Brand die gerechte Strafe für die Sünde am heiligen Geist Goethes gewesen sei. DAS STERBENDE AFRIKA Leo Frobenius Wenn man den Paradoxien des Grafen Keyserling beipflichten wollte, der Richard Wilhelm als den letzten Chinesen' bezeichnete und Paul Dahlke als den letzten Buddhisten“, so müßte man folgerichtig Leo Frobenius den letzten Afrikaner' nennen. An diesen Paradoxien ist, wie an allen, etwas Wahres. Während China, Indien und Afrika an der europäisch- amerikanischen Zivilisation zugrunde gehen, tauchen diese drei Persönlichkeiten noch einmal in die Tiefen ihrer Bildwelt hinab und geben ihr europäisches Ich völlig an sie preis. Das sterbende Afrika' nennt Leo Frobenius eines seiner schönsten Bücher. In seinen beiden groß- angelegten Serien: Erlebte Erdteile und„Atlantis“ versucht er das Kultur- und Sagengut des afrika- nischen Kontinents vor seinem endgültigen Unter- gang zu retten. Die, Kulturgeschichte Afrikas“ bildet die Synthese. Frobenius tat noch mehr: ausgehend von diesem sterbenden Afrika“, unternahm er es in Paideuma' eine Kulturkreislehre aufzustellen, durch welche die Kategorien des dunkeln Kontinents auf alle anderen 157 Kontinente übertragen wurden. Von den ‚Monu- menta africana schritt er zu den, Monumenta terra- rum', vom Atlas africanus' zum ‚Atlas mundi“, aus dem Afrika-Archiv' wurde ein Institut für Kultur- morphologie“. 5 Dieses Institut, das zuerst im Nymphenburger Schloß untergebracht war, habe ich im Jahre 1922 aufgesucht, allerdings nur Frobenius begabten frü- heren Mitarbeiter angetroffen, der mich in die un- geheure karthographische Leistung des Instituts einführte. Frobenius selber traf ich zum erstenmal bei der Eröffnung des China-Instituts in Frankfurt am Main. Um jene Zeit hatte er bereits den Ruf an die Universität erhalten und war das Institut mit ihm übergesiedelt. Wie so viele am Eröffnungsabend hatte er wenig Zeit für ernste Dinge. Deshalb sprachen wir nur ein paar Worte zusammen. Ich bin kein Banause, der kein Verständnis dafür hat, daß ein angestreng- ter Geistesarbeiter unbedingt Entspannung benötigt. Als der Herr Geheimrat, der nur selten die ge- heimrätliche Pose annimmt, schon ein beachtliches Quantum Alkohol in Anspruch genommen hatte, hielt er die amüsanteste Ansprache, die ich je gehört habe. Sie war so amüsant, daß ich ihren Inhalt leider völlig vergessen habe! Dabei war es gleichermaßen das Was und das Wie, was mich ergötzte. Frobenius machte durch- aus den Eindruck eines Pfaus, der das Rad seiner 158 1 5 Federn nach allen Seiten schlug und unablässig in allen Farben schillerte. Die Eitelkeit als eines der Grundelemente seines Wesens wurde offenbar. Das Maskenhafte seines Profils mit den hervorquellenden Augenwülsten und dem zurückfliehenden Kinn, verbunden durch einen gespannten Nasenbogen erinnerte an eine der zahl- reichen Negerplastiken, die er aus Afrika mitge- bracht hat. Im November 1925, bald nach der Eröffnung des China-Instituts, sprach Frobenius in Karlsruhe über Polarität der Kultur“. In seiner genialen, großzügigen Weise entwarf er seine patriarchalisch-matriarchalische Kulturlehre, die Lehre vom Paideuma, und gab einen Uberblick über die Ergebnisse seiner Kulturgeographie der ganzen Erde. Dabei lieg er das sogenannte West-Ost-Pendel sehr heftig schwingen: vom Beginn des hochmytho- logischen Zeitalters im pazifischen Kulturraum über das hochreligöse im asiatischen Kulturraum, das hochphilosophische im mittelländischen Kultur- raum zum hochmaterialistischen im atlantischen Kulturraum. Was verschlug es, daß er vorher bewiesen hatte, wie das matriarchalische und damit materialistische Prinzip— von mater= Mutter— immer am Anfang der Kultur stehe und eigentlich zum Süden gehöre? Pahl Ende ist natürlich gleich Anfang und Norden gleich Süden! Wie meist in diesen Fällen waren wir nach der Veranstaltung noch„gemütlich! beisammen. Aber Frobenius liebte es nicht, ernste Gespräche zu führen. Wer mit ihm sprechen wollte, erhielt eine ironische Antwort und wenn ihm jemand nicht behagte, drehte er ihm einfach den Rücken. In solchen Fällen gefiel er sich wohl in der Rolle seiner schwarzen Lieblinge, mit denen er sich ge- wiß in dieser Weise zu unterhalten pflegte. Ich erinnere mich, daß allein über die neue Musik ein kleines Gespräch zustande kam. Ein begeisterter Fürsprecher der„Atonalen' saß ihm direkt gegenüber und suchte ihn von der hohen Bedeutung dieser Musik zu überzeugen. Wir hatten ja gerade den Kongreß für Musik- Asthetik hinter uns, der versucht hatte, das Chaos der neuen Musik wenigstens ästhetisch zu ent- wirren, wenn auch das Fazit pessimistisch genug War. Für die Launen des Herrn Geheimrats war die atonale Musik natürlich ein gefundenes Fressen. „Das ist ja alles Unsinn“, sagte er.„Ich kenne diesen Hundemist— er meinte Hindemith— von Frankfurt her. Wer nimmt das ernst? Doch nur das Schreiber- und Literatengesindel. Fragen Sie meinen Freund Walter Dahms, mit dem ich erst in Italien zusammen war, er wird Ihnen sagen, was Sie von diesem Hundemist zu halten haben.“ Ich versuchte mich zwischen die beiden Streiten den einzuschalten. 160 „Sie haben natürlich recht im Hinblick auf die Frage der Kunst“, sagte ich,„es ist keine Kunst. Um so mehr ist die atonale Musik Ausdruck des modernen Chaos und insofern eine geeignete Grund- lage für eine Pathographie der modernen Seele.“ „Diese moderne Seele kenne ich zur Genüge“. sagte Frobenius abweisend,„dazu brauche ich keine atonale Musik.“ „Und doch möchte ich mir gestatten, Sie auf eines aufmerksam zu machen, Herr Geheimrat. Eduard von Hornbostel, der die Musik der Primi- tiven erforscht hat und auf dem Kongreß über das Thema Exotische Musik“ sprach, hat uns klar gemacht, daß in der atonalen Musik exotische Ele- mente stecken. Das müßte Sie doch eigentlich interessieren.“ „Und die Einflüsse des Jazz kommen doch von den Negern“, fügte der ‚FAtonale' hinzu. Nun war das Maß für den Geheimrat voll. „Jazz ist Niggermusik, nicht Negermusik“, schrie er.„Die verdammten Nigger interessieren mich überhaupt nicht!“ Damit war das Thema für ihn abgeschlossen. Wir hatten noch alle Mühe ihn zu veranlassen, daß er seinen Namen in das Gästebuch eintrug. Dann verabschiedete er sich gemeinsam mit seiner Gattin. Als ich den pompösen Namenszug betrachtete, wurde ich wieder an das Bild des Pfaus erinnert. 1 Berl, Gespräche 161 Der seltsame eitle Vogel schlug wieder sein farben- prächtiges Rad. Später bin ich Frobenius noch einmal in Frank- furt begegnet während einer Tagung des China- Instituts. Wilhelm hatte herrliche chinesische Holz- schnitte ausgestellt. Inzwischen war der unermüdliche Forscher auf seiner neunten Afrika-Expedition gewesen und hatte unermeßbliche Schätze aus dem sterbenden Afrika“ mitgebracht. Wir schüttelten uns die Hand— und glitten laut- los aneinander vorüber. Er hat mir wohl nie verziehen, daß ich mich einmal mit, Hundemist' beschäftigt habe. E HIN ESE Richard Wilhelm Mit Richard Wilhelm verband mich eine Freund- schaft vom ersten Augenblick unserer Begegnung. Damals beschäftigte mich der Osten außerordent- lich. Ich kannte Wilhelms Ubertragung des I Ging und der chinesischen Klassiker schon längst, als ich ihm im Oktober 1925 in Karlsruhe zum erstenmal gegenüberstand. Es war unmöglich, diesen faszinierenden Men- schen nicht zu lieben. An ihm hatte sich die Weis- heit des Ostens restlos erfüllt. Er war das, was Keyserling sein wollte: ein Weiser. Womit ich nur das größere Sein meine, nicht das größere Können, das zweifellos auf der Seite Key- serlings war. Wilhelm stand kurz vor der Eröffnung des China- Instituts in Frankfurt am Main, das der Universität angeschlossen werden sollte. Er sprach über, Chinesische Kulturperioden' und zeigte, daß er nicht nur ein faszinierender Mensch war, sondern auch ein faszinierender Redner. In seiner Art ein vollkommener Mensch, der letzte 1 163 Chinese“, wie ihn Keyserling, wie gesagt, paradox, aber treffend bezeichnete. Aus dem Gegensatz der Landschaftsstile ent- wickelte Wilhelm die Polarität der chinesischen Kultur. Zum Nordraum mit dem Gelben Fluß ge- hört Kungtse, gehören Rationalismus und Technik. Zum Südraum mit dem Jangtse gehört Laotse, gehören Mystik und Dichtung. Vom Norden kamen die Mandschus und Mongolen, vom Süden Islam und Buddhismus. Beiden Kulturräumen gemeinsam ist die Gedan- kenwelt des, Buches der Wandlungen“, aus dem die Einheit der chinesischen Kultur erwachsen ist. Wie die europäische Klassik aus der Beziehung zwischen Nord und Süd erwachsen ist, so auch die chine- sische Klassik. Damals gab es viel Krach in der Schule der Weis- heit. „Ich werde mit Keyserling keinen Streit bekom- men“, sagte Wilhelm.„Ich kenne ihn viel zu genau und bin ihm darin überlegen.“ Später hörte ich, daß der Streit doch unvermeid- bar war. Wie hatte der Graf das nur fertig bringen können? Zur Eröffnung des China- Instituts war ich bei Richard Wilhelm Gast. Es waren selten harmonische Tage. Der Eröffnungsabend im„Frankfurter Hof“ war, ich muß es gestehen, sogar amüsant. Es wurden 164 Ansprachen gehalten, die eines solchen Festes würdig waren. Entzückend der Zusammenstoß zwischen Keyser- ling und Wilhelm, der allerdings durchaus freund- schaftlich war. Graf Keyserling sagte etwa folgendes: „Als ich auf meiner Weltreise mit Wilhelm in China zusammentraf, da sagte ich ihm:, Sie bleiben hier und vermitteln den Westen, ich werde in Deutschland den Osten vermitteln“. Als ich aber die Widmung an die Universität Frankfurt im Buch der Wandlungen! las, da wußte ich, daß es nun damit vorbei sei. Jetzt ist es soweit und ich freue mich natürlich über die Gründung des China- Instituts.“ Richard Wilhelm erwiderte darauf unter allge- meiner Heiterkeit: „Ich bin mir eben vorgekommen, wie ein kleines Kind, das in die Gesellschaft eingeführt wurde. Ich freue mich aber, die Genehmigung zur Gründung des China-Instituts nachträglich noch erhalten zu haben.“ Alles lachte und am stärksten schüttelte sich der Graf, der vielleicht in diesem Augenblick nicht begriff, daß Wilhelm seine harmlose Erzählung etwas ernster genommen haben mochte. Am anderen Tag ging die offizielle Eröffnung des China-Instituts vor sich, die Wilhelm auf der Höhe seines Triumphes zeigte. 165 Er bedeutet ohne Zweifel für China das, was Frobenius für Afrika: er ist der Historiograph und Seelendeuter der chinesischen Kultur. Seine Uber- tragungen und Kommentare sind nur der Stoff, aus dem er dieses großartige Geschichtsbild baut, bevor es endgültig dem Untergang geweiht ist. Diesen Untergang hat er noch mit eigenen Augen gesehen. Er selbst sollte ursprünglich dazu bei- tragen: er kam als Missionar— aber er ging als Chinese. Ich sprach mit Wilhelm über die Gründe seiner Wandlung. „Als ich um die Jahrhundertwende nach Tsingtau in die deutsche Kolonie als Missionspfarrer kam“, erzählte er,„erlebte ich mit eigenen Augen, wie das alte China gegen Europa verzweiflungsvoll sich auflehnte im Boxeraufstand.“ „Woher kommt eigentlich der Name Boxer?“ unterbrach ich ihn. „Er ist abgeleitet von J Ho K'üan— Faust zum Schutz der öffentlichen Ruhe. Das war der Name einer der Selbstschutzvereinigungen gegen das Räuberunwesen. Das Wort Faust' wurde dann mit Boxer übersezt. Von Boxen war dabei nicht die Rede.“ „Wie konnte aber der Boxeraufstand zu einer nationalen Bewegung werden, die er doch war?“ „Der Neffe der alten Kaiserinwitwe wollte unter den Einflüssen der Fremden China zu einem halb- europäischen Staat verwandeln. Die Reaktion stellte 166 sich hinter die Kaiserinwitwe und veranlaßte diese, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen. Die Fana- tiker traten im Zeichen des dämonischen Gottes Tschen Wu zu nächtlichen Verschwörungsszenen zusammen und schworen den Fremden rücksichts- lose Ausrottung.“ „Bestand für Tsingtau auch eine Gefahr?“ „Nein. Obwohl es unbefestigt war. geschah wäh- rend des ganzen Aufstandes kein einziger Angriff. Die wichtigsten Ereignisse spielten sich in Peking ab. Als die Japaner schließlich in die Residenz ein- zogen, verließ die Kaiserinwitwe heimlich die Stadt als Bäuerin verkleidet. Es dauerte noch eine Weile, bis der alte Li Hung Tschang im Namen der Regie- rung Frieden schloß.“ „Ich kann mir vorstellen, daß diese ganzen Vor- gänge Sie skeptisch gemacht haben für den Wert Ihrer Aufgabe“, sagte ich. „Offen gestanden: ich habe keine einzige Taufe vorgenommen. Ich habe mich in den Geist der Nation vertieft, die zu einem solchen, wenn auch äußerlich erfolglosen Aufstand fähig war, und ich begann mich meiner Aufgabe zu schämen.“ „Und die Frucht davon war, daß Sie die uralte Weisheit der Chinesen nach Europa brachten und sie so wenigstens geistig vor dem Untergang 6 retteten?“ „Seien wir bescheidener und sagen wir, daß ich 4 Europa gezeigt habe, was es dem Untergang zu 167 weihen sich anschickte“, schloß einfach der Ge- lehrte. Uber die Vorgänge beim Mittagstisch im Hause Wilhelm habe ich an anderer Stelle berichtet. Was ich aber noch erzählen muß, das ist der Ein- druck, den ich von Wilhelms Familie hatte. Sowohl die Frau als auch die Kinder waren die Liebens- würdigkeit selber. Wenn man sich das europäische Milieu fortdachte, so konnte man bestimmt wähnen, bei einer chinesischen Familie zu Gast zu sein. In den folgenden Jahren war ich noch manches Mal bei den Herbsttagungen des China-Instituts. Es war immer der gleiche herzliche und sympathische Eindruck, der vom Leiter auf die ganze Versamm- lung ausstrahlte. Bei der letzten Tagung, die ich allerdings nur flüchtig besuchen konnte, bin ich erschrocken. Wilhelm war ein anderer geworden. Er hatte nicht die gewohnte Brille auf, so daß man seinem blassen Gesicht das Leiden ansah. Wir sprachen nur einen Augenblick zusammen, denn sein Vortrag sollte gleich beginnen. Er hatte zum Thema den— Tod. Ich ahnte, daß der Tod an diesem Unermüd- lichen heimlich zehrte. So ist er auch zum Märtyrer seiner Sache geworden: er ist an einer Krankheit gestorben, die er aus China mitgebracht hatte. M FRATZE DES BUDDHA Paul Dahlke Der Buddha vom Boro Budur meditiert mit über- einandergeschlagenen Beinen seinen Nabel. Dieses erhabene Menschenantlitz ist sinnlich-übersinnlich. Alles geht in die Breite: das geründete Gesicht, der aufgeworfene Mund, die verschlossenen Augen. Das Ubersinnliche ist das Geistige, das aus keinem der körperlichen Merkmale abgeleitet werden kann. Wenn ich demgegenüber an jenen europäischen Buddha denke, der in Berlin-Frohnau das Buddhistische Haus gegründet hat und der den Buddhismus im Abendland verbreiten will, an den Sanitätsrat Dr. Paul Dahlke, so wird mir die ganze Fratze des Buddhismus offenbar. Paul Dahlke ist ein fanatischer Eiferer, der den Buddha zu verkörpern glaubt und doch nur an ihn glaubt, an das Zerrbild, das er sich von ihm ge- schaffen hat. Er hat unruhig flackernde Augen, ein eingefallenes, ausgedörrtes Gesicht und einen dünnen Bart, der zu der gelblichen Haut kontrastiert. Als ich Paul Dahlke im Jahre 1924 bei der Tagung der Schule der Weisheit zum erstenmal über das Thema sprechen hörte:, Samsara und Nir- 169 vana', da hatte ich den Eindruck eines zwar be- deutenden, aber orthodoxen Menschen, der Voll- kommenheit des Buddha ebenso fern, wie der Ozean den großen Festländern. Er sagte gleich zum Eingang, daß er unvollkom- men sei, denn wenn er vollkommen wäre, würde er nicht hier stehen. Diese subjektive Ehrlichkeit hatte etwas Imponierendes. Ich beschloß, ihn nach Karlsruhe einzuladen und über ‚Buddhismus als Wirklichkeitslehre' sprechen zu lassen. Es sei hier hinzugefügt, daß Dahlke mindestens acht Mal in Indien war, daß er die buddhistischen Klöster kannte, daß er zahlreiche Bücher über den Buddhismus geschrieben hatte und eine Neuüber- tragung der ‚Reden des Buddha“ gemacht. Von dieser Ubertragung werden wir gleich noch hören. Was ist Wirklichkeit? fragte Dahlke. Die Physik kennt eine objektive Wirklichkeit, die Psychologie eine subjektive. Das eine führt zur Wissenschaft, das andere zum Glauben. Der Buddha aber kennt eine Wirklichkeit jenseits von Wissen und Glauben: als Wachstum, das unaufhaltsam ist und daher Leiden verursacht. Wie können wir aber Wachstum und daher Leiden verhindern? Indem wir die zwölfgliedrige Kausalreihe überspringen durch den achtgliedrigen Pfad zur Vollendung. Es ist wahr, daß alles Leben zu Krankheit, Alter und Tod führt, aber führt nicht aller Tod zurück 170 zu Gesundheit, Jugend und Leben? Das Leben besteht quantitativ aus Leiden, aber qualitativ aus Freude. In der Wirklichkeit sind beide Prinzipien aufeinander bezogen. Insofern ist die buddhistische Wirklichkeitslehre nur einer ihrer Teilaspekte. Der historische Buddhismus mit seiner Weltzugewandt- heit hat hier eine entscheidende Korrektur des Buddha selbst vollzogen. Dahlke war mit dem Schnellzug aus Berlin so an- gekommen, daß er sofort sprechen mußte. Nach der Rede gingen wir ins Schloßhotel am Bahnhof, nicht etwa, weil er da abgestiegen war, sondern weil er hier die Rückfahrt des Nachtschnellzuges abwarten wollte. Er aß und trank nichts. Er erzählte, daß er auch in Berlin vor der Abfahrt nichts zu sich genommen habe und auch nach seiner Rückkunft nichts zu sich nehmen werde. „Wovon leben Sie denn?“ fragte ich ihn. „Buchstäblich von nichts“, erwiderte er.„Alles Essen ist nur Holz auf das Feuer und verhindert sein vollkommenes Verlöschen.“ „Von etwas müssen Sie aber doch Ihren Körper erhalten, sonst könnten Sie ja nicht hier sitzen.“ „Natürlich muß ich ihn solange erhalten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, aber dazu genügt ein Minimum.“ „Welches ist diese Aufgabe?“ fragte ich. „Europa muß buddhistisch werden“, sagte er. „Es würde zwar meine Kraft übersteigen, dies 171 allein zu vollbringen, aber ich muß überall den samen ausstreuen, der zum Wachstum führt.“ „Heißt samen ausstreuen und Wachstum fördern nicht auch, Holz auf das Feuer legen?“ fragte einer der Mitgekommenen. „In diesem einen Falle nicht“, entgegnete Dahlke, der diesen Einwand schon kannte.„Die Lehre des Buddha muß erst ganz Wirklichkeit werden, ebe sie die Wirklichkeit aufzuheben vermag. Sie ist eine Wirklichkeitslehre.“ Das war typisch absolutistische Interpretation des Eiferers: erst wenn die Freiheit mit Gewalt ein- geführt ist, kann sie wirklich herrschen. „Sie glauben, daß Europa bald reif sein wird für die Lehre des Buddha?“ forschte ich weiter. „Ob bald, das weiß ich nicht“, gab er zurück. „Sicher ist nur eins, daß der Tag kommen wird, an dem Europa reif dafür ist.“ „Glauben Sie nicht, daß das Abendland genau so christlich ist, wie das Morgenland buddhistisch?“ „Die Lehre des Buddha ist an keinen Erdteil ge- bunden. Sie ist eine absolute Wahrheit.“ „Dies wird Ihnen der Christ auch erwidern. Alle Religionen treten mit dem Anspruch ihrer Absolut- heit auf.“ „Aber nur eine kann absolut sein!“ „Vielleicht sprechen aber alle das Absolute nur auf ihre besondere Weise aus. Wenn der Philosoph ein Prinzip setzt, so setzt er es auch absolut. Und 172 der Tyrann ist in der politischen Sphäre nicht minder Absolutist.“ „Hier können wir eben nur an die Wahrheit glauben.“ „Das würde aber der Lehre des Buddha, glaube ich, widersprechen, denn seine Lehre ist ein Er- kennen, kein Glauben.“ „Wer die Lehre des Buddha glaubt, erkennt mit ihm.“ Auf diese Weise konnten wir nicht ans Ziel ge- langen. Ein anderer der Mitgekommenen unterbrach uns mit der Frage nach der Neuübersetzung der, Reden des Buddha“. „Die Ubertragung Karl Eugen Neumanns ist schlecht“, erklärte Dahlke.„Ich mußte Wort für Wort durchprüfen und neu übersetzen. Die Fehler zählen zu tausenden.“ „Aber Karl Eugen Neumann war ein großer Künstler“, mischte ich mich wieder ein., Wenn der Buddhismus schon auf eine religiöse Massenwirkung aus ist, so kommt es auf den künstlerischen Schwung an, nicht auf die philologische Akribie.“ Es war die selbe Sache wie mit der lutherischen Bibel und mit dem vossischen Homer. Das Kriterium für Richtig und Falsch lag auf einer ganz anderen Ebene: im Geist des Ganzen. Wo der Geist des Ganzen wehte, war der Irrtum im Teil vollkommen irrelevant. Ich glaube, es war schon lange Mitternacht vor- bei, als ich den nüchternen— und vielleicht auch ernüchterten— Apostel des Buddha zur Bahn brachte, wo er dann in die Nacht hinein fuhr. Es war nicht das Gesicht des Buddha, das wir gesehen hatten, es war seine Fratze. Eines der ausgestreuten Samenkörner sollte aber doch aufgehen: mein Arzt-Freund, der den Vortrag gehört hatte und die Interpretationen und Ubertra- gungen Dahlkes begeistert schätzte, floh einige Zeit später aus der Familie, um den Weg des Voll- endeten zu gehen. Er lebte als buddhistischer Mönch auf seine höchst persönliche Art und ist inzwischen auch in das Nirvana eingegangen. Auch von Dahlke hörte man damals bald, daß er gestorben sei. Es war schwierig zu erfahren, auf welche Weise. Erst lange danach erzählte mir jemand, er sei plötzlich fortgegangen und dann im Wald tot auf- gefunden worden. Vielleicht war er verhungert? Vielleicht hatte er Selbstmord begangen? Oder war er am Ende doch ein— Vollendeter geworden? R UNTER GANG DER ERDE AM GEIST Theodor Lessing Oswald Spengler spricht vom ‚Untergang des Abendlandes“, Theodor Lessing vom, Untergang der Erde am Geist'. Spengler entwirft eine, Morphologie der Weltgeschichte“, Lessing eine ,‚Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen'. Spengler beschreibt das ‚Abendland' und meint die geschichtliche Einheit des atlantisch-mediterra- nen Kulturraums, der mit Goethe und Napoleon seinen Abschluß gefunden hat. Lessing beschreibt f Europa- und meint damit das, was man die Euro- päisjerung oder Amerikanisierung der ganzen Erde genannt hat. f Spenglers Abendland ist kontinental, Lessings FEuropa interkontinental, planetarisch. Aus der abendländischen Zivilisation ist Weltzivilisation geworden. Aber noch ein anderer Denker muß mit ihm im Zusammenhang genannt werden: Ludwig Klages. Beide sind in Hannover geboren und haben die Jugend gemeinsam verbracht. Beide sind Charak- 175 terologen und Psychologen. Beide sind Romantiker und kommen von der romantischen Philosophie her. Was Klages Geist und Seele nennt, nennt Lessing Europa und Asien. Was Klages Mensch und Erde nennt, nennt Lessing Untergang der Erde. Beide haben die Prinzipien der Charakterologie' behan- delt. Beide haben Carus neu herausgegeben. Man könnte diese Parallelität noch beliebig weiterführen, wobei durchaus nicht die Frage des persönlichen und sachlichen Primates entschieden werden soll. Es will scheinen, daß beide Naturen viel zu sehr verwandt sind, als daß sie nicht, auch ohne sich zu kennen, zu gleichen Ergebnissen ge- kommen wären. Wenn man schließlich noch bedenkt, was mir Hans Prinzhorn einmal sagte, daß Spengler in München ein Privatkolleg von Ludwig Klages über „Geist und Seele' besucht hat, so rundet sich das Bild der angedeuteten Zusammenhänge. Theodor Lessing ist einer der aufrichtigsten, aber in seiner Aufrichtigkeit zugleich zersetzendsten Geister, ein Prophet des Nihilismus, der Nietzsche und Spengler darin weit übertrifft, von den großen Russen gar nicht zu sprechen. Diese nihilistische Seite seiner aufrichtigen Wahrheitsliebe hat sich in zwei konkreten Fällen verdeutlicht: in seinem Kampf gegen Hindenburg und in seinem Eintreten für Haarmann. Er sieht in Hindenburg einen größeren Massen- verbrecher als in Haarmann, den er mit Pathologie 176 zu entschuldigen sucht. Das Problem von Dosto- jewskijs„Raskolnikov', der sich auf Napoleon be- ruft. Er übersieht jedoch, daß Dostojewskij seinen Helden an seinem eigenen Gewissen zugrunde gehen läßt, daß er für die Schuld die Sühne fordert. Ich lud Theodor Lessing im November 1926 nach Karlsruhe ein, also einige Zeit nach seiner Ver- treibung von der Technischen Hochschule in Han- nover. Obwohl ich seine Stellungnahme gegen Hinden- burg und für Haarmann niemals gutheißen konnte, schien er mir ein Märtyrer seiner Uberzeugung zu sein. Und obwohl die Studenten der Karlsruher Technischen Hochschule sich mit den Studenten der Hannoveraner Technischen Hochschule solida- risch erklärt hatten, konnte ich die Warnung nicht beachten, mit der man mich von einer Einladung abzuhalten suchte. Ich muß sagen, daß meine Bekanntschaft mit ihm und seiner Gattin eine recht herzliche war. Als Mensch überwiegend positiv, wog er das über- wiegend Negative seines Denkens auf. Er liebt die Kreatur, die Pflanzen und Tiere, die Natur wirklich, und diese Liebe läßt ihn ungerecht sein gegen alles, was der Mensch geschaffen hat. Der gesegneten Natur“ stellt er die ,verfluchte Kultur! gegenüber. Daß er seinen Aufenthalt in Baden dazu benützte, die Wasserfälle in Allerheiligen— einen der roman- 12 Berl, Gespräche 177 tischsten Plätze— zu besuchen, machte ihn um 80 sympathischer. Seine Rede über Europa und Asien! war ein Resümé seines großen Lebenswerkes. Dieses Lebenswerk hatte seine Geschichte. Ur- sprünglich eine Broschüre mit dem Titel Europa und Asien“, erschien es nach dem Weltkrieg unter dem Titel Untergang der Erde am Geist und in einer späteren Auflage wieder unter dem Titel Europa und Asien“. Europa und Asien waren für Lessing keine geo- graphischen, vielmehr dialektische Begriffe, die im Gegenspiel hart aufeinanderstoßen: Geist und Seele, Kultur und Natur, Mensch und Kreatur. Etwa 500 v. Chr., sagte er, habe sich ein Prozeß vollzogen, den man mit der Formel ,‚Gott ward Mensch am besten umschreiben könne. Diese radikale Ver- menschlichung der Natur habe zu einem Aus- rottungskampf großen Stiles geführt, dessen Ende der Sieg der mechanischen Kultur über die orga- nische Natur zu sein scheine. Geist sei eingedrungen in die Natur, wie Rousseau sage. Gegen diese Europäisierung, Mechanisierung, Hominisierung stehe Asien mit seinen elementaren, dämonischen Urkräften im Kampf, aber wird es sich erwehren können? Lessing war sich wohl be⸗ wußt, daß es sich hier um ein unabwendbares Schicksal handle und er sprach sich für eine Syn- these zwischen Europa und Asien, zwischen Geist 178 und Seele aus, nachdem er früher der Erde den Untergang am Geist prophezeit hatte. Unser Gespräch drehte sich in der Hauptsache um seine Auffassung von der Geschichte. Damals war gerade eine Neuauflage seiner, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen' in Vorbereitung. „Ich habe in der Neuauflage das Mythische“ stärker herausgearbeitet“, sagte Lessing.„Sinn- gebung des Sinnlosen ist, positiv gewendet, Mythi- sierung.“ „Um so mehr tut es mir leid, daß Sie dem Buch nicht den Titel„Geschichte als Mythos! gegeben haben“, antwortete ich.„Damit wäre mancher kritische Einwand von vorneherein abgewehrt worden. Denn diese Sinnlosigkeit ist in Wahrheit ein Ubersinn und die Sinngebung nicht ein Akt der Willkür, sondern der Dichtung, die ja irgendwo einen realen Ort hat.“ „Damit wäre allerdings meine These von der Sinnlosigkeit des Geschehens zusammengebrochen“. meinte er. „Vielleicht. Aber warum soll denn alles Natur- geschehen sinnvoll und alles Menschengeschehen sinnlos sein?“ „Weil der Geist in die Natur eingedrungen ist und ihr furchtbare Wunden geschlagen hat.“ „Woher kommt dieser Geist?“ „Vom Menschen.“ „Ist der Mensch aber nicht selbst ein Natur- wesen?“ —. 85 „Ursprünglich ja. Aber die großen Geist-Reli- gionen, voran das Christentum, haben ihn zum Feind der Natur gemacht.“ „Also auch zu seinem eigenen Feind?“ „In der Kultur ja, wie es Rousseau in seiner be- rühmten Antwort auf die Frage von Dijon gezeigt hat.“ „Wenn aber der Mensch ursprünglich ein Natur- wesen ist, so müßte der Geist bereits in der Natur beschlossen sein und man müßte folgerichtig nicht von einem Einbruch, sondern von einem Ausbruch des Geistes durch den Menschen sprechen.“ „Ich habe nichts dagegen.“ „Dann müssen Sie allerdings gestatten, daß ich in der Kultur nur eine Fortsetzung der Natur sehe. Beides hat die selbe sprachliche Wurzel: Natur kommt von nata ura— gewordener Geist, Kultur von culta ura— gepflegter Geist. Beides ist jeden- falls Geist.“ „Ich habe nirgends in der Geschichte des mensch- lichen Geistes einen Sinn gefunden. Geschichte ist eine logificatio post eventum. Der Mensch muß von nachhinein seinem sinnlosen Tun einen Sinn unter- legen.“ „Und woher bezieht er die Kategorien dieses Sinnes?“ „Natürlich aus sich selber.“ „Wie kann er aus sich selber den Sinn beziehen, wenn er nichts anderes als ein sinnloses Wesen ist?“ 180 laing r Spi deen 76 00 luden „Das ist das Produkt seines logmatischen Geistes.“ „Wie kann der Mensch zu etwas kommen, was er gar nicht hat?“ „Sie sehen, wir kommen wieder zu unserm Aus- gangspunkt zurück: der Geist ist eben einge- drungen.“ Wir hätten diesen Dialog endlos weiterspinnen können und wären immer wieder zu dem gleichen Resultat gekommen. Entweder ist der Geist ein- gedrungen— und dann fragt sich woher? Oder er ist ausgedrungen— und dann fragt sich wohin? Diese radikale Skepsis führt notwendig in den Nihilismus der vollendeten Sinnlosigkeit allen Geschehens. Lessing hat wie Klages und die Psychoanalytiker den Komplex der intellektuellen Hyperthropie. Er setzt Geist mit Intellekt gleich und verwechselt da- mit die schaffende Potenz— den logos spermatikos — mit seinem Abfallprodukt. Wir sprachen auch im Zusammenhang mit meinem Buch„Das Judentum in der Musik über das Judentum. Hier gab es zwischen uns keine Differenzen und das Mißtrauen, das er gegen mich haben mußte, legte sich langsam wieder. Später erschien sein Buch Jüdischer Selbst- haß', in dem er meine Arbeit mit Zustimmung aus- kührlich zitierte. Dieses Buch war aber das auf- schluß reichste, das er geschrieben hat. An den Beispielen von Otto Weiniger, Arthur Trebitsch, Paul Rée und einigen anderen jüdischen Menschen, die alle im Nihilismus geendigt haben, gab er in Wahrheit sein eigenes Porträt: es war der Selbsthaß des Nihilisten. Er hat mir noch einige Briefe geschrieben und seine Büchlein über Blumen“, Tiere“, Dämonen zugeschickt. Sie sind seine schönsten, denn in ihnen offenbart sich die Liebe, zu der diese gequälte Menschenseele trotz allem fähig war. me eee ————— e Duchbinderei W. KLEIN Karlsruhe