Grötzingen von Profeſſor Dr. Heinrich Dietrich ö. Ein Beitrag zur Heimafgeſchichte von Profeſſor Dr. Heinrich Dietrich w/ Ferlag de, 9 1923. Karlsruhe 6 ö-. A J Grötzin ge lag hid lot Einleitung. In Deutſchlands tiefer Not ſind folgende Blätter geſchrieben. Zuerſt vier Jahre Krieg, dann vier Jahre Frieden, der ſchlimmer als der Krieg iſt. Dort hatten wir wenigſtens Hoffnung, in kurzer Zeit unſere Gegner niederzuringen und als freie Menſchen des Krieges Schäden an unſerem Volke zu heilen. Heute ſchwindet dieſe Hoffnung immer mehr. Doch nein. Unſere Heimatgeſchichte, die ein Teil Volksgeſchichte iſt, zeigt uns, wie Zeiten des Niedergangs die Geburtszeiten einer beſſeren Zukunft waren. Schon oft haben die Franzoſen am Rhein die deutſche Bevölkerung ausgeſogen. Und immer wieder iſt aus dem deutſchen Volke heraus die Kraft geboren worden, ſich frei zu machen. Möge dieſe kleine Heimatgeſchichte von Grötzingen das Wiſſen über unſere Vergangenheit vermehren, aber auch ein Quell werden, aus dem Ströme des Lebens für unſer Wollen und Wirken fließen. Karlsruhe, 5. Auguſt 1923. Dr. Dietrich. J. Grötzingen in der Geſchichte. 1. Grötzingen in vorgeſchichtlicher Zeit. Grötzingen liegt an beiden Ufern der Pfinz, die hier ihr eigenes Tal verläßt und in der Rheinebene weiter dem Rheine zufließt. Die Gemarkung Grötzingen iſt ein Teil des Kraichgauerhügellandes und liegt auf einer Meereshöhe von 130 bis 140 Meter. Sie hat als ſolche an all den geographiſchen Veränderungen teilgenommen, die zur Schaffung des heutigen Kraichgauerhügellandes geführt haben. Die Vorſtellung und die Zahl der Jahre iſt zu wenig ausdrucks fähig, um die geologiſche Entwicklung der Grötzinger Gemarkung in kurzen Zügen feſtzuſtellen. Auch dort, wo die Pfinz heute fließt, wird Gebirge geweſen ſein, das heute in der Tiefe liegt und zu dem auch die tiefſten Brunnen in Grötzingen und Durlach nicht hinabkommen. Vielleicht würden wir dann auch auf Steinkohlen ſtoßen, an deren Ausbeutung aber wegen der zu großen Tiefe nicht gedacht werden könnte. Einem anderen geologiſchen Zeitabſchnitt gehört die Entſtehung des Sandſteines an, der im Pfinztal an vielen Stellen gegraben wird. Die Geologen verweiſen uns in eine Zeit, wo Mitteleuropa Wüſte war und wo die Stürme, wie heute noch in der Wüſte Sahara, die Ebene durchwühlten und mit tiefen Sandmaſſen überſchütteten, die ſich zu dem heutigen Geſtein verhärteten. Senkungen und klimatiſche Wechſel wirkten an der Sandwüſte in jahrtauſendlangem Vorgange, bis die Fluten des Meeres über das Land dahinbrauſten. Im Oſten Deutſchlands war das Meer eingedrungen. Dort ſchloß ſich auch wieder die Oeffnung, fo daß ein ungeheures Binnen: meer die Folge war, das ſich ſpäter einen Abfluß nach Süden öffnete. In dieſem Binnenmeer lagerten ſich überſättigte Minerallöſungen 6 als Muſchelkalk ab, den wir heute in den Grötzinger Kalkſteinbrüchen graben und den wir an den Abhängen des Reutberges beobachten können. Da der Turmberg auch mit Muſchelkalk bedeckt iſt, ſehen wir, daß urſprünglich das ganze Gebiet über die Pfinz hin mit einer Muſchelkalkdecke überzogen war. Die Oberfläche der Aecker, die auf der Höhe liegen, befteht aus Lößlehm. Wenn wir heute bei Gluthitze durch die Hohl zum Dammgrund fahren und plötzlich ein Sturm als Vorbote eines Gewitters den Staub aufwirbelt und fortträgt und über die Felder treibt, ſehen wir die Wirkung des Windes. Urſprüng lich iſt dieſer Löß aus einem Steppenklima über das Kraichgauerhügelland getragen worden. Wo die Kraft des Windes erlahmte, hat er ſich niedergeſchlagen und den heutigen fruchtbaren Ackerboden geſchaffen. Ein Charakteriſtikum der Grötzinger Feld— wege ſind die eingeſchnittenen Hohlwege. Urſprünglich einfache Wege, die auf gleicher Höhe mit den Feldern dahinzogen, bis der fortwährende Verkehr ſie vertiefte, ſo daß ſie auch dem Regenwaſſer als Abflußgraben dienten. Beides zuſammen hat in jahrhundertelanger Arbeit bis zu ihrer heutigen Vertiefung gearbeitet. Und wie dieſe Vertiefung weitergeht, können wir nach einem Gewitter be obachten, wenn die Regenwaſſer ungeheure Mengen Lehm auf die Talſtraßen geſpült haben. Auch in einem kurzen Menſchenleben verändert ſich fortwährend unſere Umgebung, nur wir beachten es zu wenig. Und wenn wir den Wind als Geſtalter unſeres heutigen, mit lehmiger Erde bedeckten Feldes annehmen, werden uns die Täler und Wälder, durch die kein Waſſer fließt, und die terraſſenförmigen Abſtufungen, an denen die Grötzinger Gemarkung reich iſt, auf einmal klar. Hand in Hand mit den erdlichen Verſchiebungen und Ver: änderungen ging auch ein ſtändiger Wechſel des Klimas. Mehrere Eiszeiten wurden durch mildes Klima wieder abgelöſt. Profeſſor Leininger in Karlsruhe entdeckte an einem ſonnigen Abhang in Grötzingen, der nach Norden und Oſten geſchützt iſt und die früheſte Frühjahrsſonne bekommt, eine Ameiſenart, deren Heimat heute Südfrankreich iſt. Da hier auch das kaum noch in Deutſchland vorkommende Lebermoos wächſt, zieht Leininger den Schluß, daß Ameiſen und Pflanzen Ueberreſte ſind, die in einem warmen Klima, das zwiſchen der Eiszeit und dem heutigen Klima lag, in großer Zahl in Deutſchland vorgekommen ſind. Mit dem Eintreten des heutigen Klimas nahm der Wald immer mehr Beſitz von der deutſchen Landſchaft, und die Wohngebiete für dieſe Ameiſen und Pflanzenart verengten ſich immer mehr. Die wenigen Stellen, wo ſie heute noch in Baden gefunden werden, werden immer als ſonnige Inſeln aus dem Urwald herausgeragt haben. Noch heute zählt ja das ügelland öſtlich der Rheinebene zu den wärmſten Landſtrichen ddeutſchlands. Obwohl wir auch hier am 1. Mar, das Lied ſingen: „Der Mai iſt gekommen, die Bäume ſchlagen aus“, fällt das Ausſchlajen der Bäume ſchon in die letzten Märztage, und die Kirſchenbäbme ſtehen im April in ſchönſter Blüte. Der Baum, der die Kälte am wenigſten verträgt, der Nußbaum, kommt hier ſeit Menſchengedenken gut fort. Und ein Winter mit einer wochenlangen Schneedecke iſt eine ſolche Seltenheit, daß es alle Menſchenalter ein= mal vorkommt, daß der Bahnſchlitten, von ſingenden Kindern beſetzt und ſechs Pferden gezogen, durch die Straßen fährt. Zur Zeit als die erſten Menſchen mit dem Waſſer der Pfinz ihren. ſtillten und ihre Leiber badeten, werden Berge und Täler von der gleichen Geſtalt wie heute geweſen ſein. Die großen geologi en Veränderungen waren abgeſchloſſen, nur örtliche Veränderungen kleinen Umfangs haben ſich noch eingeſtellt: Seen und Sümpfe verſchwanden und manches Stück fruchtbaren Bodens wurde noch dem Waſſer abgerungen. Das Pfinztal bei Grötzingen iſt abhängig von der Oberflächenbildung des Rheintales. In vielen Armen und Windungen wälzte ſich der Rhein durch das Rheintal. Hätte es damals ſchon Grötzingen gegeben, man hätte ſprechen können von einem„Grötzingen am Rhein“. Alle Schwarzwaldflüſſe von der Kinzig bis zur Pfinz und ſſen in einen Seitenarm des Rheins, der zwiſchen dem heutigen Karlsruhe und Durlach langſam ſich dahinwälzte. Das ganze Grötzinger Wieſental und der Bruchwald war von jenen Rheinwaſſern überſchwemmt, aus denen ſich nur wie einſame Inſeln einige Stellen abhoben, die noch bis auf den heutigen Tag höher liegen, wie z. B. die Roßweide. Sobald ſich die Kinzig⸗Murg zum Rhein durchgebrochen hatten, ließ die Waſſermenge in dieſem rechten Seitenarm des Rheins nach. Sümpfe, Moore und Seen bildeten ſich und die Bergflüſſe wie die Pfinz lagerten am Ausgange in die Ebene Schuttkegel ab, die bis auf den heutigen Tag noch fruchtbare Felder ſind. Wenn wir auf einer Anhöhe ſtehen, überblicken wir die KrautSü Kr aich bach flo 8 gärten, Bain uſw., die fruchtbarſten Aecker von Grötzingen, die alle vom Schutt der Pfinz gebildet ſind. Der gelbliche Schlamm, den bei Hochwaſſer die Pfinz noch heute mitführt, iſt das Material, aus dem dieſe fruchtbaren Felder geſchaffen wurden. Heute werden die Waſſer künſtlich zur Wäſſerung auf die Wieſen geleitet. Sie arbeiten ſo an der Auffüllung und Befruchtung der Wieſen durch menſchliche Hand weiter, was die Pfinz früher von ſich aus getan hatte und was ſie heute noch täte, wenn nicht hohe Dämme fie auch bei Hoch: waſſer meiſterten. Die Pfinz hatte damals noch nicht ihren heutigen Lauf. Sie bog von Grötzingen nach Norden ab, vielleicht im heutigen Bain graben, und überſchwemmte bei Hochwaſſer die Torfmoore bei Grötzingen und ſchuf durch Ablagerung einer Lehmſchicht das heutige fruchtbare Wieſenland. Nur das Torf: Moor zwiſchen Grötzingen und Weingarten gibt uns noch ein Bild von dem alten Ausſehen des Grötzinger Wieſentales. Abgeſehen von den ſonnigen Abhängen, wo noch heute die Mehlbeeren uns begegnen, wo die Schlehen und Heckenroſen blühen und der Weißdorn die Raine ziert, wird das Grötzinger Ackerfeld mit Wald beſtanden geweſen ſein. Die Reute weiſt in ihrem Namen auf Waldrodung hin und der Buchelberg(Auguſtenberg) zeigt in feinem Namen, daß hier Buchen ſtanden.„Er zittert wie Eſpenlaub“, ſagt auch der Grötzinger zu einem, der vor Kälte mit den Zähnen klappert, ein Beweis, daß die Zitterpappel hier ein bekannter Baum geweſen ſein muß. Da aus geſchichtlicher Zeit bekannt iſt, daß die Grötzinger ihre Schweine zur Eichelmaſt in den Wald trieben, darf wohl mit Recht angenommen werden, daß die Eiche häufiger als heute war. Abgebaute Lehmgruben und alte Steinbrüche auf Grötzinger Gemarkung ſind heute mit Unterholz und Bäumen bedeckt. Vielleicht würden auch heute die Grötzinger Felder nach wenigen Jahren mit dichtem Wald bedeckt fein, wenn wir fie ohne Be: bauung ließen. Jede Sandgrube und jeder Steinbruch geben uns Beweiſe für die Entwicklung, wie wir ſie eben kurz ſkizziert haben. Was wiſſen wir aber von den Menſchen, die zur Steinzeit, zur Bronzezeit oder zur Eiſenzeit hier lebten? Nichts. Kein Schriftſteller kann uns von jenen Menſchen etwas er: zählen. Nur die Funde, die wir in Grötzingen und den benachbarten 9 Dörfern machen, im Sand und Lehm eingebettet und ſo der Ver—nichtung entgangen, geben Kunde von ihrem einſtigen Hierſein. Im Sammlungsgebäude in Karlsruhe iſt ein kleines geſchliffenes Stein: beil, das bei Grötzingen gefunden wurde. Das iſt der früheſte Ueber— reſt, der uns erhalten iſt und der uns Zeugnis gibt von dem Vor: Kallmorgen. Badiſches Dorf. handenſein von Menſchen auf Grötzinger Gebiet in jener fernen Zeit. Einem ſpäteren Zeitabſchnitt gehört das im Oktober 1900 in 1,75 Meter Tiefe in einer Sandgrubbe öſtlich von der Zündhütchenfabrik gefundene Grab an. Es enthielt wahrſcheinlich ein weibliches Skelett, das von Weſten nach Oſten lag. Die beim Skelett gefundenen Schmuckſtücke ſind auch im Sammlungsgebäude in Karlsruhe zu ſehen. Es find zwei Bronze⸗Armringe und ein Fingerring. Das 10 gefundene Grab iſt ein ſogenanntes Flachgrab(im Gegenſatz zum Hügelgrab) und gehört der La Tene-Periode an. Da der Kraichgau zu den beſiedelten Gauen gehört hat, werden auch auf Grötzinger Gemarkung ſchon Menſchen gewohnt haben. Als Jäger und Hirten werden ſie das Land durchzogen haben und die Waſſer der Pfinz werden auch Fiſche geliefert haben. Wie gerne malt unſere Phantaſie die Tiere aus, die in den Wäldern um Grötzingen hauſten, die zur Tränke an die Pfinz herankamen oder dem Jäger ein willkommenes Beuteſtück abgaben; gewiß werden fie einmal geweſen ſein, aber kein Fund oder Flurname gibt uns Kunde von ihnen. Seit der geſchichtlichen Zeit finden wir Tiere, die zum Teil heute noch im Sumpf, Wald oder Feld bei Grötzingen vor— kommen. 2. Römiſche Zeit und Völkerwanderung. Von römiſchen Schriftſtellern erfahren wir zum erſtenmal etwas über unſer Lan am Rhein. Die Ausdehnungspolitik der Römer brachte römiſche Soldaten an den Rhein, wo die Kämpfe um den Beſitz des Landes in den folgenden Jahrhunderten auch ausgefochten warden. Es waren Kelten, u die die Römer in dem Jahrhundert vor Chrijti Geburt am Rhein vorfanden. Wenn Grötzingen befiedelt war, ſo waren ſeine Einwohner ebenfalls Kelten. Der Name Pfinz der ſchlagende Beweis für die Beſiedlung dieſes Gebietes durch Kelten. Es iſt ein keltiſcher Name, der nichts anderes als Bach oder Fluß bedeutet. Die Kelten wurden aber von den aus dem Norden und Oſten vordringenden Germanen immer mehr rheinwärts gedrängt, ſo daß die Römer noch vor Chriſti Geburt am Rhein mit germaniſchen Heerhaufen zu rechnen hatten. Die römiſchen Staatsmänner ahnten in kluger Vorausſicht die Kämpfe, die ihnen von den immer weiter nach Weſten dringenden Germanen in den kommenden Jahr hunderten drohten. Deshalb holten ſie zum Gegenſchlag aus und unterwarfen auch das rechtsrheiniſche Gebiet des Oberrheins, ſo daß in den erſten zwei Jahrhunderten nach Chriſti Geburt auch das Gebiet um Grötzingen römiſch war. geſehen, werden die eingefallenen Germanen wieder nach zurückgedränge worden ſein. Von ſpärlichen Reſten ab— Oſten 11 Das Gebiet um Grötzingen war von einzelnen Römern bewohnt. Die eigentliche militäriſche Grenze lag noch weiter öſtlich, aber zwei wichtige Straßen führten an Grötzingen vorüber, die heute noch in derſelben Richtung laufen: die Bergſtraße und die Hochſtraße. Die . zieht am Fuße des Gebirges vom Oberland kommend ber Durlach durch Grötzinger Gemarkung nach Weingarten. Und die Hochſtraße verbindet Durlach mit Grötzingen, Bretten—Pforzheim. Der Römer liebte hohe Straßen, wo der Blick frei iſt und wo feindliche Ueberraſchungen unwahrſcheinlicher ſind. Des halb geht die Hochſtraße nicht in Richtung der heutigen Landſtraße Durlach Grötzingen am Fuße des Gebirges hin, fie wählte den ö über den heutigen Auguſtenberg, über die ſogenannte alte Staig. Vielleicht haben aber bei Grötzingen mehr natürliche Hinderniſſe zum Weg über die Anhöhe gezwungen, weil gerade heim Austritt der Pfinz in die Ebene hier eine ſolche Verſumpfung und beſtändige Ueberſchwemmungsgefahr war, daß der Weg über die Höhe viel geeigneter erſcheinen mußte. Natürlich war der Name Grötzingen zur Römerzeit noch nicht vorhanden. Es läßt ſich auch nicht feſtſtellen, ob an dieſer Stelle, wo heute das Dorf ſteht, Römer wohnten. Funde wurden wenigſtens noch nicht gemacht. Mancher Reſt römiſcher Bauweiſe wurde aber in Wolfartsweier, Durlach und im Grötzinger Wald gefunden, ſo daß für unſere Gegend mit römiſchen Anſiedlern zu rechmen iſt. Der römiſche Soldat wollte Land. Auf erobertem Gebiet ließ er ſich nieder, wohin er römiſche Technik, Ackerbau und Ziviliſation brachte. Die ſo zahlreichen Funde befeſtigen die Annahme, daß auch unſere Gegend den römiſchen Soldaten Heimat geworden war. Die Funde im Amt Durlach laſſen auf die Wichtigkeit der römiſchen Anſiedelungen ſchließen. Im Bruchwald am Stahlbühl ſtand ein römiſches Badgebäude, das an einem heute nicht mehr vorhandenen Waſſerlauf lag. Es war umfriedigt von einer 25 bis 30 Meter langen und 85 Zentimeter ſtarken Mauer. Es beſaß einen 13 Meter langen und 2,70 Meter breiten Raum mit einer Heizungseinrichtung. Das Baſſin war 6 Meter lang und rechteckig. Seine Sohle, von der Kalkſteinſtufen hinaufführten, lag 1,15 Meter tiefer. Als Durlacher Gymnaſiaſten haben wir unſer erſtes Latein probiert an einem Grabſtein, der bei der Ausgrabung des Sees im Jahre 1898 rechts der Pfinz zwiſchen Grötzingen und Durlach gefunden wurde. Seinem hundertjährigen Vater und Veteranen u 12 errichtete ſein Sohn Flavius Vehemens den gefundenen Grabſtein. Es muß hier eine ganze römiſche Begräbnisſtätte geweſen ſein. Die Familien waren heimiſch geworden. Sie fühlten ſich nicht mehr als Fremde. Anſer Land war Grenzland nach Oſten. Zweihundert Jahre war Frieden, da rührte es ſich im Oſten und die germaniſchen Bölkerſtämme klopften ſtürmiſch an die Eingangstore des Grenz walles. Einmal drangen ſie ein, aber ſie wurden wieder vertrieben. Nicht lange ließ ſich aber ihr Gegenſtoß aufhalten. Auch ſie hatten Landhunger. Im Weſten und Süden winkte Land und mildes Klima. Der Grenzkrieg hörte nicht auf, bis das römiſche Reich den Druck nicht mehr aushalten konnte. Im Kampf, Sturm und Brand werden die römiſchen Siedelungen in unſerer Gegend gefallen ſein. Nichts ſpricht dafür, daß die eindringenden Alemannen irgend ein Gebäude geſchont haben. Und jetzt erſt, um das Jahr 400 herum, können wir eine alemanniſche Anſiedlung auf der heutigen Grötzinger Gemarkung vermuten. Wie eine Inſel aus Sumpf und Waſſer hob ſich der Stahlbühl ab. Sein Name ſagt, daß er ein germaniſcher Dingplatz war, d. h. eine Verſammlungsſtätte zu Gericht oder Rat der um: wohnenden germaniſchen Bewohner. Die Germanen ſiedelten in Familien, Sippen an, d. h. das Land war gemeinſames Eigentum der ganzen Verwandtſchaft. So hat ſich wohl die Familie des Grezzo auf der heutigen Grötzinger Gemarkung niedergelaſſen. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo jeder Sohn den Namen ſeines Vaters trug. Wohl hatte aber jeder irgend einen Erkennungsnamen, der von ſeinem Körperbau, Geſichtsfarbe, Charaktereigenſchaft, Wohnſtätte uſw. genommen fein konnte. Alle waren aber die Grezzinger. Der Ort, wo die Grezzinger wohnten, wurde als Grezzingen bezeichnet. Die Lage des Dorfes war günſtig. Die Pfinz bot Menſchen und Tieren Waſſer und die Hügel hielten die Nordwinde ab. Der nahe Wald lieferte das Holz zum Bauen der Blockhäuſer, und die Sümpfe hatten Schilfrohr in Fülle, um die Dächer zu decken. Der einfache Holzpflug lockerte die Lehmerde, die die nötige Feldfrucht, Gerſte und Dinkel, hervorbrachte. Vielleicht wurde im nächſten Jahre, da Düngung unbekannt war, an anderer Stelle wieder gepflügt, und die Herden über das vorjährige Ackerfeld, das reich mit Gras bewachſen war, getrieben. Wurde das gemeinſam bebaute 2 — Land für die ſtets zahlreichen Nachkommen zu eng, ſo blieb die Familie als ſolche an der Stelle ſitzen, der einzelne ſchloß ſich aber einem Heereszug zur Gewinnung neuen Bodens an. 3. Mittelalter. Am das Jahr 600 iſt die Völkerwanderung zum Abſchluß gekommen. Wir haben noch einige Jahrhunderte lang keine Erwähnung des Dorfes Grötzingen. Wer ſollte auch ſeinen Namen nennen? Nach unſeren heutigen Begriffen werden in wenigen ärmlichen Häuſern— wenn wir die Wohnſtätten der Menſchen ſchon ſo nennen dürfen— die Grötzinger wie alle Menſchen im deutſchen Land gewohnt haben. Das Land gehörte allen gemeinſam. Nur die„Bain“ war Privatgrundſtück, wo jeder ein Stück Acker hatte, das er nach ſeinem eigenen Belieben bebauen konnte. Die„Krautgärten“ ſind heute och ein Abbild der Bain. Jagd, Fiſchfang und etwas Körnerbau neben Weidewirtſchaft wird die Beſchäftigung der Anwohner geweſen ſein. Ihre Zahl mußte klein ſein. Die extenſive Bewirtſchaftung eines Landes ermöglichte keine dichte Bevölkerung. Die Grasfeldwirtſchaft wurde durch die Dreifelderwirtſchaft verbeſſert, die ſich bis in die Neuzeit hinein erhalten hat. Erſt als die Düngemittel verwendet und die Hackfrüchte angebaut wurden, fiel die Dreifelderwirtſchaft und machte der heutigen Art der Feldbeſtellung Platz. Im Verhältnis zu andern Dörfern ziemlich frühzeitig, für die Beurteilung des Dorfes Grötzingen doch ziemlich ſpät, dringt die erſte ſchriftliche Mitteilung von Grötzingen aus dem Jahre 991 zu uns, während Berghauſen ſchon 771 erwähnt wird. Es iſt eine Nachricht von dem größten Koloniſator des Mittelalters: der Kirche. Nach der Völkerwanderung war der alte germaniſche Götterglaube langſam verſchwunden und das Chriſtentum war ſiegreich eingezogen. Speyer am Rhein war der Ausgangspunkt der Chriſtianiſierung des Pfinztales. Die Klöſter waren das Rückgrat der Chriſtianiſierung. Mit dem neuen Glauben brachten ſie auch eine neue Kultur. In Einöden entſtanden fruchtbare Felder und ſonnige Rebhügel grüßten von ferne. Die Grötzinger Gemarkung gehörte dem Kloſter Weißenburg. Es hatte hier neben einem Frongut noch vier Mühlen und 14 fünf Kapellen. Daneben ſtanden 35 Hubgüter, d. h. Güter, die dem Bewirtſchafter als Eigentum gehörten. Die Güter waren aber nur zur Hälfte bewirtſchaftet. Daraus läßt ſich erkennen, daß noch nicht dreißig Familien auf Grötzinger Gebiet ſaßen. Wo die Kapellen oder Mühlen ſtanden, läßt ſich heute nicht mehr beſtimmen. Man muß ſich aber auch hier wieder die Kapellen und Mühlen in einfachſter Art vorſtellen. Die Verwaltung des Landes unterſtand ſeit Karl dem Großen (168-814) Grafen, denen einzelne Gaue zugewieſen waren. Grötzingen lag im Ufgau, der das Gebiet der Oos, Alb und Pfinz umfaßte. Das Geldſyſtem der heutigen Zeit war noch nicht entwickelt; das Zeitalter des Lehensweſens begann damals. Dem Grafen war ſein Amt von dem König verliehen, und als Bezahlung bekam er in ſeinem Gau ein Stück Land, aber nicht als Eigentum, ſondern nur geliehen. Erſt mit der Zeit trat Vererbung von Amt und Land vom Vater auf den Sohn ein. Die Menſchen hatten noch keine Namen, die ſich vom Vater auf den Sohn weiter trugen. Jene Jahrhunderte ſind die Geburtsjahre unſeres alten Adels, der ſeinen Namen von Burgen, Dörfern oder Gauen bekam. So hören wir auch 1158 von einem Grafen von Grötzingen namens Wezel. Und im folgenden Jahrhundert tritt oftmals der Name„von Grötzingen“ in Verbindung mit einer Perſon auf. Die drei Jahrhunderte nach der erſten Erwähnung von Grötzingen in einer Weißenburger Urkunde ſind politiſch Kampfjahre zwiſchen Papſt und König geweſen. Die Lehensverhältniſſe verſchoben ſich, ein Adelsgeſchlecht erwarb am Einfluß der Pfinz in das Rheintal Beſitz und nannte ſich nach dem ſchon jahrhundertelang vorhandenen Dorf. Die große Gemarkung Grötzingen gab auch anderen edlen Herren Heimat und Namen. 1259 kaufte ein Pforzheimer von dem edlen Herrn Konrad und Berthold von Grötzingen ein Hofgut mit Haus und Scheune, das außerhalb der Stadt Durlach gegen Grötzingen zu neben dem Schelmenbuſch lag. 1306 wird ein gewiſſer Ritter von Grötzingen namens Raveno erwähnt. Das alte Geſchlecht der Grafen von Grötzingen erloſch bald nach ſeiner erſten Erwähnung im Mannesſtamm, und ſeine Beſitzungen fielen an das im Nagoldtal reich begüterte Geſchlecht der Roßwag. Durch Kauf kamen die Beſitzungen, vor allem die Burg Grötzingen, in Beſitz des Markgrafen Rudolf J. von Baden. In den Händen dieſes Geſchlechts Ari ii Md ein — 15 dlieh Grogingen, bis fein letzter regierender Sproß, Großherzog ö. IL, im Jahre 1918 auf den Thron verzichtete. Ein Enkel Rudolfs J..„erwähnt 1318, daß das Dorf Grötzingen in ſeinem ö e gelegen ſei. Deſſen Sohn Hermann empfängt 1339 Dorf und Schloß zu Grezingen“ als Lehen. 1388 erſcheint in einer Urkunde„Grezinger Burg und Dorff mit allen iren Zugehorden“. Wo mohnten die Grafen von Grötzingen? Burg oder Schloß Grötzingen als Wohnſitz der Grafen werden ja einige Male in Urkunden erwähnt. Es iſt bis heute noch nicht erwieſen, wo dieſe GEritzinger Burg ſtand. In Grötzingen finden ſich keine Ueberreſte einer ſolchen Burg. Ich ſchließe mich deshalb der Anſicht der meiſten Forſcher an, die den Turmberg als die alte Burg Grötzingen bezeichnen. Der Aufgang zur Burg war der noch heute beſtehende Weg von Grötzingen über die hohe Straße und links am eiſernen Tore des Auguſtenbergs ab zum Turmberg zu. Die Burg ſchaute weir ins Rheintal hinaus und beherrſchte den Ausgang des Pfinztales. Ils Kaiſer Rudolf J. nach den langen Jahren„der kaiſerloſen, der chrecklichen Zeit“ die angemaßten Rechte der Fürſten und Herren nach ſeinem Regierungsantritt bekämpfen mußte, ſtellte ſich ihm die Burg Grötzingen entgegen. Er eroberte ſie, ſcheint ſie aber dem Markgrafen Rudolf J. gelaſſen zu haben. Dieſer unterzeichnete am J. Januar 1274 eine Urkunde„in unſrer Burg Grezzingen“. Ausgrabungen, die auf dem Turmberg gemacht wurden, haben Ueberreſte eines Brandes zutage gefördert. Dazu paßt eine Nachricht, die wir am 2. Mai 1279 haben. Damals hat der Biſchof von Straßburg die„Burg Türlak“ zerſtört. Sie heißt alſo nicht mehs Burg Grötzingen, ſondern hat nach der allmählich herangewachſenen Stadt Durlach ihren Namen erhalten. Alles was heute von der Burg erhalten iſt, wurde nach 1273 gebaut. Der jetzige gotiſche Turm wurde nach jener Zerſtörung errichtet. Wer dort wohnte, wiſſen wir nicht. Zum erſtenmal wird er wieder im 16. Jahrhundert als„Durlacher Warte“ erwähnt. Im Volke lebt bis auf den heutigen Tag der Glauben, daß der Turmberg römiſchen Urſprungs ſei. Der heutige Turm ſicherlich nicht. Es ſind auch gar keine Anhaltspunkte vorhanden, daß zur Römerzeit die Bergkuppe, wo heute der Turmberg ſteht, militäriſchen Zwecken diente. Es iſt alſo wohl wahrſcheinlich, daß ein Graf von Grötzingen den Grundſtein zum erſten Steingebäude dort oben legte. Sobald im 7. Jahrhundert die Chriſtianiſierung unſerer Gegend . a 16 ahgeſchloſſen war, erhoben ſich chriſtliche Kulturſtätten in Form von Kapellen und Kirchen. Die im Jahre 991 erwähnten Kapellen in Grötzingen waren keine Gebäude mit Grundmauern, die wir noch heute ausgraben können. Keine Spur führt uns auf die Stelle, wo die alten Grötzinger ihre Gebete zu den Heiligen emporſchickten. Dieſe einfachen Räume, wie wir fie heutigen tags noch in katholiſchen Gegenden mit dem Bilde eines Heiligen antreffen, verfallen und werden im Volksbewußtſein vergeſſen. Auch keine Gewannamen, die ſich von Geſchlecht auf Geſchlecht weiterpflanzen, geben uns einen Fingerzeit von ihrem Standort, wie z. B. das Gewann Schwalben— rain mit ſeinem Namen in die graue Heidenzeit zurückführt. Der Schwalbenrain muß eine Maſſenbegräbnisſtätte von Menſchen oder Tieren geweſen ſein, die in kurzer Zeit von der Peſt hinweggerafft wurden. Das Gewann Schelmenbuſch auf der Durlacher Gemarkung bedeutet dasſelbe; das altdeutſche Wort Schelmo in Grötzinger Mundart hat ſich im Laufe der Jahrhunderte zur Schwalbe entwickelt. Mit den Schwalben als Vögel ſteh⸗ der Schwalbenrain in keiner Verwandtſchaft. Die alten Kapellen haben alſo mit der heute beſtehenden Kirche nichts mehr zu tun. Trotzdem glaube ich, daß hier eine der erſten Kapellen ſtand. Hier war der Platz, wo die einzige Straße vorüberzog, hier mußten alle vorübergehen, die aus oder durch die Grötzinger Gemarkung gingen. Tatſächlich hören wir im 13. Jahrhundert nur noch von zwei Kapellen, wovon die eine auf dem Platze der heutigen Kirche ſtand. 1255 wird unſere Kirche zum erſtenmal erwähnt. Das iſt natürlich noch lange nicht die Kirche in ihrer heutigen Geſtalt. 4. Vom Mittelalter zur Neuzeit. Da Grötzingen am Ausgang des Mittelalters nicht der Sitz eines Fürſten war, der die Geſchichte machte, iſt von ihm nichts aufgezeichnet, das heute für uns noch Intereſſe hätte. Es hat dieſelbe Heſchichte, wie alle Nachbardörfer, die zu Baden-Durlach gehören. Als ſolches mußte es um das Jahr 1550 die evangeliſche Lehre an: nehmen. Der Landesherr beſtimmte das Glaubensbekenntnis ſeiner Untertanen. So hat das Pfinztal vorwiegend evangeliſche Bevölkerung. Wir haben aber noch zahlreiche Urkunden, die im Landesarchiv in Karlsruhe liegen, wo der Name Grötzingen in früheſter Zeit 17 erwähnt wird. So ſchenkte 1290 der Markaraf Hermann VII. von Baden dem Kloſter Herrenalb Weinberge zu„Grezzingen“, die im „Kaiſersberg“ lagen. 1295 wird Grötzingen in drei Urkunden zuſammen mit Eltrichsdorf und Dürrenwettersbach erwähnt. Eltrichsdorf lag da, wo heute der Thomashof ſteht und in Dürrenwettersbach läßt ſich unſchwer das heutige Hohenwettersbach erkennen. 1335 ſetzte Ernſt von Giltelingen ſeine Güter(Mühle) zu Grötzingen zum Pfande. Da das Kloſter Gottesaue in Grötzingen begütert war, ſind von ihm aus dem 14. Jahrhundert verſchiedene Pachturkunden auf uns gekommen. 1387 pachten Heinrich Kunzmann, Heinrich Buſch und Heinrich Wonderer vom Abt Albrecht zu Gottesau verſchiedene in Grötzinger Gemarkung gelegene Güter. Im gleichen Jahre verlehnt derſelbe Abt an Klaus Müller und Kuntzel Dorfe zwei Morgen Reben am Rodberg. Fünf Jahre ſpäter, 1392, pachtet Eberhard Kontz vom Kloſter Gottesau einen halben Morgen Weingarten am Rodberg. Dann hören wir erſt wieder 84 Jahre ſpäter in einer Urkunde den Namen Grötzingen. Am 6. Auguſt 1476 verlehnt der Abt Martin von Gottesau verſchiedene Güter an folgende Grötzinger Bürger: Bernhard Müller, Bernhard Schüm, Jung Rufelt, Mathis Götz, Heinrich Hanſel, Michel Onbehauwen. An einem Beſtandsbrief vom 21. Januar 1494 über einen Weingarten am Hollenbrunnen bei der Werren iſt ein gut erhaltenes Wachs: ſiegel von Grötzingen. Das iſt das Wenige, was uns von den Bewohnern Grötzingens aus jenen Jahrhunderten überliefert iſt. Es iſt wenig, aber immerhin noch mehr, als andere Dörfer von ihrer Geſchichte aus jenen Zeiten wiſſen. Was an ſogenannten alten Gebäuden in Grötzingen vorhanden iſt, geht in ſeinen Anfängen in das 14. und 15. Jahrhundert zurück. Es ſind das nur Teile des Schloſſes und der Kirche. Alle anderen ſind den Kriegen zum Opfer gefallen und erſt nach dem 30jährigen Krieg bekam Grötzingen die dörfliche Anlage, die wir mit AltGrötzingen bezeichnen. Die Kirche in Grötzingen ſteht ganz im Süden des weit ſich hinziehenden Dorfes. Um ſie herum konnten ſich keine Häuſer gruppieren, weil die Hochſtraße und das anſchließende Gebirge keinen Raum boten. Der älteſte Teil von Grötzingen liegt um die Pfinz herum. Ihr Waſſer wird der Grund zur Anſiedelung dort geweſen ſein. Allmählich entſtanden vier Viertel, die bis zum 9 2 18 heutigen Tag im Volksbewußtſein erhalten find: Das Kirchenviertel, das untere, mittlere und obere Biertel. Daraus ergibt fich, daß Jenny Fikentfher, Auguſtenburg. Grötzingen vom 10. Jahrhundert an ſtetig gewachſen iſt, bis es vor dem Ausbruch des 30jährigen Krieges— von ſeiner heutigen Ausdehnung abgeſehen— ſeine größte Ausdehnung erreicht hat. An der Stelle des heutigen Schloſſes ſtand das Pfründehaus der heiligen Barbara. Urſprünglich hatte Grötzingen zwei Kaplaneien mit eigenen Wohnungen; das Pfründehaus der heiligen Barbara blieb allein erhalten. Es war die Wohnſtätte des Kaplans(Geiftlichen), der den Gottesdienſt in Grötzingen beſorgte. Seine Bezahlung beſtand in Abgaben aus Wald, Wieſen und Feld, die ihm die Grötzinger jährlich zu liefern hatten. Eine ſolche kirchliche Abgabe heißt Pfründe. Wir ſprechen bis auf den heutigen Tag von den fetten und mageren Pfründen. Mit der Einführung der Refor— mation hob Markgraf Karl 1556 dieſe Pfründe auf und beſetzte die Pfarrei mit einem proteſtantiſchen Prediger. Das Pfründehaus wurde in eine fürſtliche Wohnung umgewandelt und bekam den Namen„Hohes Haus“. Dahinter baute er ein Luſtſchloß(Schlößle), das eine herrliche Ausſicht über das Pfinztal ermöglichte. Wie heute der Bürgermeiſter ein Dorf verwaltet, ſo im Mittelalter ein Schultheiß mit 12 Richtern(Gemeinderat), denen der Büttel, Feldſchütz und die Hirten unterſtanden. Bezahlung hatte der Schultheiß keine. Im 17. Jahrhundert erhielt er jährlich einen Morgen Allmendwieſen, das nötige Brennholz, er war frei von Steuern und Frohnden und durfte zwei Stück Rindvieh und zwei Schweine umſonſt auf die Weide treiben. Die Hirten hatten ein wichtiges Amt, weil das geſamte Vieh auf die Weide getrieben wurde. Die Stallfütterung wurde erſt im 18. Jahrhundert eingeführt. Das Dorfgericht entſprach dem heutigen Gemeindegericht, dem die niederen Rechts und Polizeiſachen unterſtanden. Die Strafgelder fielen halb der Gemeinde, halb der Landesherrſchaft zu. Die wirtſchaftliche Stellung des Grötzinger Bauern hat an allen Umwandlungen teilgenommen, die die ganze Wirtſchaftsentwicklung von der germaniſchen Gemeinwirtſchaft bis zur kapitaliſtiſchen Wirtſchaftsordnung der Gegenwart durchmachte. Der Bauer kam immer mehr in Abhängigkeit von den kirchlichen und weltlichen Herren. Sie führte ſchließlich in Süddeutſchland zum Bauernkrieg. Wie weit daran auch Grötzinger ſich beteiligt haben, läßt ſich nicht feſtſtellen. Da das Pfinztal aber zu den Aufrührern ſtand, werden auch Grötzinger eine Rolle geſpielt haben. Fecht, der Geſchichtsſchreiber von Durlach, ſchreibt darüber: „Der Geiſt der Empörung hatte ſich auch den markgräflichen Untertanen, welche namentlich mit der Gottesauer- und der Herrenalber Kloſterherrſchaft unzufrieden waren, frühzeitig mitgeteilt, denn die Urkunden berichten, daß die markgräflichen Bauern von Wöſſingen, 2 20 Berghauſen u. a. mit unzufriedenem Volk aus dem Bruhrhein vereinigt, am Palmſonntag, 8. April 1525, 2500 Mann ſtark vor Durlach kamen, welches ihnen, da offenbar auch Durlacher Ein wohner mit ihnen einverſtanden waren, die Tore öffnete, nachdem vorher der markgräfliche Amtmann daſelbſt abgeſetzt und ins Gefängnis geworfen worden war. Von da zogen ſie gegen Gottesau, das ſie plünderten und verwüſteten, ſo daß es von da an 28 Jahre lang, bis 1553, unbewohnt blieb.. Als Markgraf Philipp ſolche Gewalttat erfuhr, ließ er nach fruchtloſer Verhandlung den Hauptſitz des Aufſtandes im Pfinztale, das Dorf Berghauſen, einnehmen und drei Häuſer daſelbſt in Brand ſtecken.“ Die Bewegung der markgräflichen Bauern war hauptſächlich gegen die Klöſter und Stifter gerichtet. Nicht gegen den Markgrafen. So konnte er leicht zu einem Abkommen mit den Bauern ohne allzu große Härten kommen. Von Strafen an Leib und Leben finden wir nichts berichtet. Die Beſitzungen der Kirche— das Kloſter Herrenalb und das Stift Gottesau beſaßen je ein Gut in Grötzingen— wurden nach der Reformation von dem Markgrafen an ſich genommen. Es hat den Anſchein, als ob um das Jahr 1550 herum Grötzingen recht wohlhabend war. Wenigſtens konnte um jene Zeit die Gemeinde den Stahlbühel vom Markgrafen für 900 Gulden käuflich erwerben. Dorthin trieben die Grötzinger ihre Schweine, wofür ſie früher zwei Schillinge für jedes Schwein zu zahlen hatten. 1569 verkaufte Markgraf Karl von Baden an die Gemeinde das ihm zuſtehende Eckerichtsrecht um 30 Gulden. Die Schafzucht bedingte einen Schafhof, der dem Markgrafen gehörte und den die Gemeinde am 19. September 1568 für 750 Gulden abkaufte. Die drückendſte und roheſte mittelalterliche Steuer war das Beſthaupt. Beim Todesfall des Mannes kam das beſte Stück Vieh als Steuer dem Landesherrn zu. Von dieſer Abgabe wußten ſich die Grötzinger frühzeitig zu befreien. Im Lagerbuch(Grundbuch) von 1683 ſteht folgender Eintrag:„Der Haubtrechte und Todtfäll haben ſich die Unterthanen zu Gretzingen anno Domini 1563 durch abkaufung erledigt“. Da 1583 auch das Rathaus gebaut wurde, können wir auf ein friſches und vorwärtsdrängendes Leben ſchließen. Das jetzige Rathaus iſt ein Umbau aus dem Jahre 1668. 21 Im Gegenſatz zu heute war Grötzingen früher ein großer Wein: ort. Eine hervorragende Marke wird der Wein auch damals nicht geweſen ſein, ſonſt hätte er nicht den Beinamen„Grätzer“ bekommen. Der Südabhang des Rothberges war wie geſchaffen zum Wein: bau. Dem Markgrafen gehörten zwei Keltern; die eine war im Kirchenviertel, die andere ſtand ſchon an der heutigen Stelle. 1699 wird auch eine Kelter im Oberviertel erwähnt, deren Lage ich aber nicht herausfinden konnte. Für Benützung der Kelter wurde Trott= wein einbehalten. Jedes fünfte Maß Wein mußte als Ungeld (Akziſe) abgeführt werden. Später ſcheint eine Erleichterung ein: getreten zu ſein, da nach einer Aufzeichnung von 1699 nur jedes zehnte Maß abgeführt werden mußte. Die Steuern waren in der„guten alten Zeit“ nicht weniger als heute. So wenig es heute etwas gibt, wovon keine Steuer zu bezahlen iſt, ſo wenig war das auch ſchon früher der Fall. Da mußte der große Zehnte von den Körnerfrüchten entrichtet werden, der kleine Zehnte wurde ſpäter von den Hackfrüchten genommen, daneben waren noch eine ganze Reihe von Geld- und Naturalienſteuern. Alle unter den verſchiedenſten Namen. Um Namen bei Steuerſachen ſcheint man zu keiner Zeit verlegen geweſen zu ſein. Wie auch die politiſchen Verhältniſſe und wirtſchaftlichen Ab— hängigkeiten ſich geſtalteten, die Art der Felderbeſtellung blieb Jahr= hunderte gleich. Das Ackerland bildete drei Fluren oder Zelge. Dungbewirtſchaftung war unbekannt. Eine Flur wurde mit Sommerfrucht, die andere mit Winterfrucht bepflanzt, die dritte blieb unbebaut liegen. Hornvieh und Pferde waren zahlreich in Grötzingen. Die großen und ſchönen Weideplätze auf den heutigen Grötzinger Wieſen ermöglichten im Verhältnis zur Einwohnerſchaft eine große Zahl Tiere. So können wir um 1600 herum eine blühende Gemeinde in Grötzingen feſtſtellen. Der heimiſche Boden ernährte die Einwohner, zahlreiche Viehherden bevölkerten die Weiden und von den ſonnenbeſchienenen Hügeln ſchauten die Rebberge ins Tal. Grötzingen ein ſtilles, friedliches Dorf. 5. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges und der franz. Raubkriege. Baden—urlach als ein eyangeliſches Land wurde gleich am Anfang in den dreißigjährigen Krieg hineingezogen. Die deutſchen Fürſten ſtanden ſich in der evangeliſchen Union und in 22 der katholiſchen Liga wie zwei feindliche Heerhaufen gegenüber. Georg Friedrich, der damalige Markgraf, muſterte bei Knielingen ſeine Truppen und führte ſie gegen den kaiſerlichen Feldherrn Tilly, von dem er bei Wimpfen geſchlagen wurde. Nun rückten die Kaiſerlichen gegen Durlach heran. Grötzingen als Nachbardorf teilte alle Leiden der Stadt Durlach. Die Kaiſerlichen hauſten entſetzlich. Sie verbrannten Dörfer und metzelten Unſchuldige nieder. Die Lebens— mittelpreiſe ſtiegen ins Unermeßliche und waren ſchließlich auch für Geld nicht mehr zu haben. Dazu kam eine Entwertung des Geldes durch Verſchlechterung ſeines Reingehaltes, an der ſich Fürſten und Private beteiligten. Früher wohlhabende Familien durchzogen bettelnd das Land. Allmählich verwilderte die Soldateska ſo, daß kein Unterſchied mehr war zwiſchen Evangeliſchen und Katholiſchen, zwiſchen Franzoſen, Deutſchen oder Schweden. Alle ſuchten auf Koſten der ſelbſt verwilderten Bevölkerung zu leben.. Der dreißigjährige Krieg zerſtörte in Grötzingen alles, was Jahrhunderte vorher aufgebaut hatten. Dazu kamen Krankheiten, vor allem die Peſt, und rafften die ganze Bevölkerung bis auf fünf bis acht Familien dahin. Das Grötzingen von 1650 kennt das Grötzingen von 1620 nicht mehr. Andere Menſchen ſind nach Grötzingen gezogen, entweder aus der Umgebung oder ſolche, die der Krieg hierher verſchlagen hatte. Wir ſtehen an einem wichtigen Abſchnitt der Grötzinger Ge— ſchichte. Die Felder und Wälder überdauern mit geringen Abweichungen Kriege und verheerende Krankheiten. Die Menſchen, die Träger der Geſchichte, vergehen. Die wenigen handſchriftlichen Urkunden, die von ihrem Denken, Handeln und Sorgen berichten könnten, ſind ſelbſt ein Opfer der Zeit geworden. Der Krieg hat ſie bis auf kärgliche Ueberreſte vernichtet. Nur wenige Grötzinger Familien können von ſich ſagen: Wir ſind Grötzinger. Alle anderen ſind in den letzten 200 Jahren nach Grötzingen zugewandert. Vergleicht man die Namen der Grötzinger, die in Urkunden aus der nach dem dreißigjährigen Krieg Grötzingen bevölkern, ſo kommt man auf folgende wenige Namen: Dopf, Kurzmann, Hertzog, Heidt, Arheidt, Scheidt, Götz, Schmidt, Bentz und Volz. Da auch Hertzog und Kurzmann jetzt in Grötzingen ausgeſtorben ſind, haben wir nur noch die obengenannten Familien Dopf, Arheidt(Areth) uſw., die wirklich alte Grötzinger find. Alles andere find„Reingeflickte“, um 23 einen beliebten Grötzinger Ausdruck der„alten guten Zeit“ zu ge= hrauchen. Nach dem dreißigjährigen Kriege kamen ſie von allen Seiten bei. Vor allem aus den Nachbardörfern. 1637 zählte Grötzingen 154 Bürger. 1718 gibt es in Grötzingen wieder 190 Familien. Grötzinger Namen, die heute zahlreich ſind, tauchen erſt in ſpäterer Zeit auf. 1718 erſcheint zum erſtenmal Herbold; Daubenberger und Möſſinger erſt 1762. Daubenberger kommt aus Bayern, Möſſinger aus Württemberg. Der zahlenmäßige Rückgang der Bevölkerung nach dem dreißig: jährigen Krieg hatte eine merkwürdige Folge: Es war für die Bewohner zu viel Land vorhanden, vor allem zu viel Weinberge. Sie brauchten nicht mehr ſo viel zu arbeiten, weil das Land, wenn auch ſchlecht bebaut, immer noch ſoviel trug, daß es für die kleine Be: völkerung reichte. Die dreißig Kriegsjahre, die die Leute aus der gewohnten Sitte und Ordnung herausgeworfen hatten, taten noch das ihre dazu, um die Arbeitsluſt zu verringern. Sie ſaßen unabläſſig in den Wirtshäuſern, ſchalteten mit den Gemeindeeinkünften nach Willkür und legten gar keine Rechnung mehr dar— über ab, weshalb man in der Nachbarſchaft gar übel von ihnen redete. Die bequeme Lebensweiſe hatte allerlei Leute angelockt, die nicht der Arbeit wegen im Dorfe geblieben waren. Dieſe Luſt, in den Wirtshäuſern zu ſitzen, hielt viele Jahrzehnte an und hat das bäuerliche Grötzingen niemals recht mehr zu Wohlſtand kommen laſſen. Auch hier bedeutet die Gegenwart gegenüber„der alten guten Zeit“ einen ſchönen Forlſchritt. Kaum hatte ſich Grötzingen etwas von den Nachwehen des dreißigjährigen Krieges erholt, da kamen neue kriegeriſche Heimſuchungen. Der unruhige, ehrgeizige franzöſiſche König Ludwig XIV. führte eine Reihe von Kriegen am Rhein, unter denen auch unſer badiſches Heimatland ſchwer zu leiden hatte. Schlimm für uns wurde es im Jahre 1689. Noch heute ragen die Trümmer ſtolzer Gebäude als ewiges Schandmal franzöſiſcher Barbarei in die Lüfte. Man denke nur an das Schloß in Heidelberg. Im Auguſt 1689 erreichte auch Grötzingen ſein Schickſal. Es ging zum Teil in Flammen auf, nur die Kirche und das„hohe Haus“(Schloß) blieben vollſtändig unverſehrt. Die Grötzinger waren vor den ſengenden und mordenden Franzoſen geflohen und hatten mitgenommen, was ſie in die Wälder retten konnten. Die Zahl der , 24 Bürger ſank von 171 auf 28, in Berghauſen von 58 auf 9, in Söllingen von 57 auf 22. 68 Häuſer und 44 Oekonomiegebäude fielen in Grötzingen den Flammen zum Opfer. Wir haben keinen Bericht von einem Augenzeugen aus Grötzingen, aber von einem Durlacher iſt uns ein Bericht erhalten, den wir in ſeinem letzten Teil hier folgen laſſen wollen, weil er uns ein anſchauliches Bild gibt: „ Unterdeſſen iſt auch unſere Gemeinde(Durlach) ausgezogen. Als wir bei dem Ballhauſe vorbeigingen, ſteckten ſie den Turmberg an und haben uns Unglückſeligen dadurch gleichſam mit einer Fackel zur Stadt hinausgezündet. Sie hatten den Turm ſprengen wollen, wobei ſie aber keinen Erfolg hatten. So gingen wir Langenſteinbach zu unter Bedeckung von 15 oder 16 Reitern, welche uns bis an einen ſicheren Ort begleiteten. Weil wir das Dorf wegen des langſamen Zuges mit den alten und be: ladenen Leuten und den Kindern nicht erreichen konnten, ſind wir die Nacht hindurch bei angemachten Feuern im Walde geblieben. Am folgenden Tag morgens üm 5 Uhr brachen wir wiederum auf und kamen über Langenſteinbach auf das freie Feld. Dieſes war das jammervolle Feld, auf welchem wir das allergrößte Unglück unſerer armen Stadt Durlach anſehen mußten. Denn von da aus haben wir ſie in Rauch aufgehen ſehen und von weitem mit vielen Tränen die grauſame Flamme zu löſchen verlangt; aber vergeblich, ſie iſt leider vom Feuer völlig verzehret worden, wie ich den dritten Tag hernach, da ich mich wiederum dahin begeben hatte, mit meinen eigenen Augen geſehen habe. Es ſteht weder von dem ſchönen Schloſſe noch von den Stadt: gräben mehr etwas anderes als einige von Stein aufgeführte Wände und gewölbte Keller. Und ſo liegen auch Pforzheim, Staffort, Grötzingen, Mühlburg, Ettlingen und Kuppenheim, wie ohne Zweifel auch die Stadt Baden und noch andere Orte darnieder.“ Mit dem Jahr 1689 war aber die Not für Grötzingen nicht beende. Die Franzoſen hielten Mühlburg beſetzt und machten von da aus fortwährende Plünderungsverſuche, von denen auch Grötzingen nicht verſchont blieb. 1690 ſchätzte man den entſtandenen Schaden auf 58 456 Gulden und für Berghauſen auf 20 751 Gulden. Das Steuerveranlagungsbuch von 1718 enthält folgende Notiz: „Der herrſchaftliche Speicher und Kelter im Unteren Viertel iſt vor 25 wenigen Jahren von den franzöſiſchen Völkern verbrannt und vom Markgrafen wieder aufgebaut worden.“ Im Winter 1693,94 lagen Reichstruppen im Amt Durlach, und der Sommer brachte den Kriegsſchauplatz wieder in unſere Nähe. Am 17. Auguſt war das Hauptquartier der Reichsarmee in Grötzingen. Im Oktober 1696 hatte die Reichsarmee wieder ein Lager bei Grötzingen. Selbſt nach dem Frieden von 1697 lagen noch einige Franzoſen in Grötzingen, Berghauſen und Söllingen, um die Lieferung der Kriegslaſten zu überwachen. tz. Das achtzehnte Jahrhundert. Nach dieſen Jahren der Kriegsnot ſetzte für Grötzingen eine friedliche Zeit ein. Es baute feine Häuſer wieder auf und ſchuf ſich das Ausſehen, das es zum Teil in ſeinen alten Vierteln noch heute hat. Hier muß auch ein Mann Erwähnung finden, der einer der angeſehenſten Grötzinger Bürger wurde. Es iſt Johann Nidda. Er wurde an Michaelis 1672 in Schwechenheim(kurpfälziſchen Amt Germersheim) als Sohn des Metzgers Andreas Nidda und ſeiner Frau Maria Katharina, geb. Vogelin geboren. Er beſuchte die Schule in Speyer, nach deren Verlauf er bei ſeinem Vater das Metzgerhandwerk erlernte und dann auf die Wanderſchaft ging. Als Speyer von den Franzoſen eingeäſchert wurde, wanderte er mit ſeinen Eltern aus nach Durlach. Am 6. Dezember 1690 heiratete er die Tochter des Grötzinger Kannenwirts namens Anna Katharina Kieffer. In dieſer unruhigen Kriegszeit baute Nidda ſein Vermögen auf. Bei der Verproviantierung durchziehender Truppen entwickelte Nidda großes Geſchick. Als Metzger kaufte er Vieh auf und verkaufte es an die durchziehenden Truppen weiter. Böſe Zungen ſchieben ihm allerhand Handlungen unter, die zur raſchen Vermehrung ſeines Reichtums beigetragen haben ſollen, die aber auf ihre Richtigkeit hin nicht nachgeprüft werden können. Er kaufte vor allem Schafe auf, die die Seuche hatten und deshalb ſehr billig von den Beſitzern abgeſtoßen wurden. Nidda ſoll fie um teures Geld weiter verkauft haben. Vielleicht hat nur Mißgunſt ſolches Gerede aufkommen laſſen. Es ging aber ſo weit, daß Läſterzungen ihm nachſagten, er habe oft, um die kranken Herden zu vermehren, den anſteckenden Stoff unter den Nägeln zu den Herden gebracht, ſo dann tüchtig 26 unter den Schafen herumgegriffen und durch dieſen Kunſtgriff kaum die Hälfte des Wertes bezahlen dürfen. Der Brand von 1689 und der mehrjährige Aufenthalt franzö—= ſiſcher Truppen in oder um Grötzingen brachte es oft mit ſich, daß arge Not den Grötzinger Bauern bedrückte. Um Saatgetreide zu erlangen, verkauften ſie oft einen Acker um einen Laib Brot. Nidda konnte kaufen, daß ſich ſpäter die Redensart von den Laibbrotäckern in Grötzingen einbürgerte. Nidda führt dem Markgrafen ſeine angeworbene Kompagnie vor. 1707 wurde Nidda Oekonomieverwalter der fürſtlichen Kammer: güter. Die Markgrafen ſchätzten und ehrten dieſen wackeren Grötzinger Metzgermeiſter und kamen oft zu Beſuch nach Grötzingen in die Kanne. Um ſich dem Markgrafen Karl Wilhelm gegenüber dankbar zu erweiſen, kam Nidda auf einen merkwürdigen Einfall. In aller Stille ließ Nidda eine Kompagnie Soldaten werben, rüſtete ſie aus und übte ſie ein. Als alles fertig war, lud er den Markgrafen zur Tafel in die Kanne. Auf ein gegebenes Zeichen ertönte Trompeten geſchmetter. Alles horchte verwundert auf. Da führte Nidda den Fürſten auf den Balkon. Mit klingendem Spiel und fliegender Fahne marſchierte in dieſem Augenblick die 120 Mann ſtarke Kompagnie auf dem Kannenplatz auf. Lächelnd erklärte Nidda dem erſtaunten Fürſten die Sache und übergab ihm die Kompagnie, die 27 unter dem Kommando Niddas vom Balkon herunter zur Zufrieden: heit des Fürſten einige Bewegungen ausführte. Durch die Aufſtellung der Kompagnie erwarb ſich Nidda den Grad eines kaiſerlichen Hauptmanns in badiſchen Dienſten. Noch mit einer anderen Gnade überraſchte ihn der Fürſt: Der Metzgermeiſter Nidda wurde in den Adelsſtand erhoben und Herr von Nidda ge nannt. Dieſe Erhöhung blieb jedoch ohne Einwirkung auf ſeinen Charakter. Als Kannenwirt lebte Nidda weiter bis an ſein frühes Ende. Nidda pflanzte Gärten und baute Häuſer, z. B. den Badiſchen Hof, der heute noch ſein Wappen eingemauert hat. In der neuen Reſidenz Karlsruhe baute er ein Haus. Sobald er zu Vermögen gekommen war, tat er viel Gutes. Aus einem Vermächtnis von hundert Gulden ſollten jährlich die Armen die Zinſen bekommen. Mit 49 Jahren iſt er an Podagra(Gicht) geſtorben. An feinem Todestage war er ins Dorf gegangen. Auf dieſem Gange erhielt er einen kleinen Anfall, von dem er ſich wieder erholte. Nachmittags um 3 Uhr erhielt er vom Geheimen Rat von Uxküll und Obervogt von Vaſold Beſuch. Er ging mit dem Arzt Dr. Cloß in den Garten, um ſie zu begrüßen. Es war Freitag, 8. Mai 1722. Inmitten dieſer Herren ſank er plötzlich tot zuſammen. Am Montag darauf wurde er beigeſetzt bey anſehnlicher volkreicher Verſammlung in der PfarrKirchen zu Grötzingen“. Der Grötzinger Pfarrer Johann Dietrich Bohm hielt die Leichenpredigt, die gedruckt wurde und heute noch nachgeleſen werden kann. Die lateiniſche Inſchrift der Steinplatte, die in der Grötzinger Kirche ſein Grab bedeckt, lautet in freier deutſcher Ueberſetzung: Dieſer Stein bürgt die Hülle des edlen und großherzigen Herrn Johannes Nikolaus von Nidda, Seiner kaiſerl. Majeſtät Hauptmann in badiſchen Dienſten. Er wurde nach dem Ratſchluß des Höchſten in feinem 49. Lebensjahre am 8. Mai 1722 zu Grötzingen von dieſer Welt abgerufen. Er diente mit Wort und Tat dem Vaterlande, ſtiftete für die Kirchen und half allezeit den Armen, ſo daß er im Tode noch fortlebt. Ehre ſein Andenken und gedenke Deiner Sterblichkeit! Das fein kurzer Lebensgang. Vom armen Metzgerburſchen durch Kriegslieferungen in Vieh in kurzer Zeit ein reicher Mann! Wir haben im letzten Krieg viele ſolcher Neu⸗Reichen kennen gelernt 28 und deshalb etwas von der Bewunderung für fie verloren. Verſöhnend mit Nidda wirkt ſeine Großzügigkeit und Mildtätigkeit. Den gewonnenen Reichtum ließ er ſeinen Mitmenſchen zukommen. Was uns von ſeinen Ausſprachen und Taten überliefert iſt, zeigt ihn als einen vollendeten Edelmann. Noch heute iſt folgende In— ſchrift von ihm und ſeiner Frau am Eingang der Kannenwirtſchaft zu leſen: Wer Armut wohl behauſen kann, Den halt ich für ein'n weiſen Mann; Dem Herzen Armuth Friede giebt, Und Reichtum große Sorgen liebt. Es iſt ſo ſchwer, über die Zeit vor 1700 über Grötzingen etwas zu ſagen, weil durch den dreißigjährigen Krieg und durch den Brand von 1689 die meiſten ſchriftlichen Ueberlieferungen vernichtet wurden. Nach 1700 aber ſetzte die Zeit ein, wo Steuerbeſcheide, Landvermeſſungen und Zählungen an Menſchen und Vieh beginnen, jo daß wir uns ein gutes Bild von dem Grötzingen des 18. Jahr: hunderts machen können. Das älteſte Buch, das uns Namen der Grötzinger gibt, iſt das Kirchenbuch. Es ſetzt zwar ſchon 1636 ein, zeigt aber viele Lücken. Erſt im 18. Jahrhundert iſt es regelmäßig geführt. Durch den Wiederaufbau von Durlach und der umliegenden Dörfer, durch den Bau von Karlsruhe von 1715 ab ſetzte in Grötzingen eine lebhafte Gewinnung des Buntſandſteins ein. Die vielen Steinbrüche, die ſchon lange ihres großen Abraums wegen ſtilliegen, ſind in jenen Jahren in Angriff genommen worden. Die Steinbrecher waren die einzigen Handwerker in Grötzingen, meiſtens zugewandert. Von Herbold läßt es ſich ſicher nachweiſen, daß ſeine erſte Beſchäftigung in Grötzingen eines aus dem Elſaß eingewanderten Steinbrechers war. Die Barbiere fanden nur in Kriegszeiten genügend Beſchäftigung. Wenigſtens kann man das aus folgendem Bericht des Barbiers vom 6. Auguſt 1715 entnehmen:„Ich habe mich nebſt Gott entſchloſſen, zu mein und der Meinigen beſſeren Unterhaltung, weil bei nunmehrigem Frieden der Barbiersverdienſt hieſigen Orts ſehr ſchlecht iſt, den Weinausſchank geziemend vorzunehmen. Untertänigſter, treu gehorſamſter Knecht: Jakob Jenſen, Chirurg und bürgerlicher Einwohner zu Grötzingen.“ —— 29 Die Beſchäftigung der Grötzinger war Ackerbau und Viehwirtſchaft. Wir haben vor dem dreißigjährigen Krieg eine gewiſſe Wohlhabenheit in Grötzingen gefunden, nach dem dreißigjährigen Krieg ſaßen andere Menſchen auf ungepflegtem Boden. Mehr als heute waren die Grötzinger Wieſen nur durch Gräben und Abzugskanäle trocken zu halten. Dieſe waren im Krieg verfallen und nach: her auch nicht mehr hergerichtet worden. Erſt als ſo um 1715 wieder Ruhe und Frieden einzog, ging man wieder an den Ausbau. Die Werrenhäuslesquelle hatte ſtets großen Schaden angerichtet. 1719 hat Karl Wilhelm ſie eingedämmt und ihre Waſſer regelrecht Sommerabend. Kallmorgen. abgeleitet, ſo daß 290 Morgen Wieſen- und Blottergelände gewonnen wurden. Wie alle Bauern hängt der Grötzinger am Alten. Bisher hatten die Grötzinger das Bruchland als Weideplatz benützt. Das ging jetzt nicht mehr. Aus Aerger verſtopften ſie die Abzugsgräben und zündeten das Blottergras an. Zu dieſer Kurzſichtigkeit kam noch eine Reihe von Fehlernten, ſo daß Grötzingen aus einer beſtändigen Nahrungsſorge nicht mehr herauskam. Der Schultheiß Konradi(1769) nutzte die Not der Bürger aus; er trieb einen wahren Handel mit Obligationen und Handſchriften, ſo daß er als ein richtiger Goldſchneider galt. Ebenſo gab es zu viele Pferde, die ſich in den letzten 60 Jahren raſch vermehrt hatten. Um 1700 nach dem franzöſiſchen Kriege war kaum ein Pferd in Grötzingen zu finden. 1769 hatte Grötzingen 232 Pferde, 333 Kühe, 119 Kälber. Wie ſchlecht nach unſeren 30 heutigen Begriffen die Landwirtſchaft betrieben wurde, erkennt man, wenn man den Stand der Viehhaltung vom 1. Dezember 1910 vergleicht mit dem vom Jahre 1769. Zu beachten iſt, daß auf dem an Fläche gleich großen Boden weniger Menſchen als 1910 ſaßen und daß dieſe Menſchen Mangel litten. 1910 hatten wir in Grötzingen 125 Pferde, 428 Stück Rindvieh, 624 Schweine und 321 Ziegen. Außer bei den Pferden eine ganz erhebliche Steigerung. Aber die Zahlen von 1769 gingen durch die franzöſiſchen Revolutionskriege wieder zurück. So mußte z. B. die kleine Markgrafſchaft Baden— Durlach 1796 den Franzoſen geben: 2 Millionen Franken Kriegskoſten, 1000 Pferde, 500 Ochſen, 25 000 Zentner Getreide, 12 000 Säcke Hafer, 5000 Zentner Heu und 25 0900 Paar Schuhe. Die Bevölkerung war plötzlich zu groß für das verhandene Land und für die Methoden, mit denen es bebaut wurde. Um die Hebung dieſer Mißſtände hat ſich beſonders der Oberamtmann Poſſelt aus Durlach verdient gemacht. Seine Sorge war mehr Land zu bekommen und das vorhandene beſſer auszunützen. Um 1779 ging man daran, auf der Roß und Kuhweide Acker= feld zu gewinnen. Das war aber nur dann möglich, wenn die Grötzinger zur Stallfütterung übergingen. Sie mußten alſo mit einem Jahrhundert alten Brauch brechen. Rur mit Zwangs— maßnahmen ließen ſich Verbeſſerungen durchführen. 1772 wurden 90 Morgen auf der Kuhweide in Ackerfeld verwandelt, 1775 70 Morgen auf der Roßweide. Schon 1765 ſollten die Weideplätze in Wieſen verwandelt werden, es ſcheiterte aber am Widerſtand der Grötzinger. Da alles Ermahnen nichts half, wurde 1788 die Stallfütterung und die Einſtellung der Weiden einfach befohlen. 1775 trugen die neuen Aecker auf der Roß und Kuhweide bereits 15 000 Dinkelgarben. Das überzeugte aber die Grötzinger immer noch nicht. Sie wollten ihr Vieh weiter auf die Weide treiben. Sie riſſen nachts die Abſperrungen um, daß das Vieh auf die Aecker lief. Es kam falt zu einer Ortsrevolution, wozu allerdings der Wein, der in reichem Maße genoſſen wurde, ziemlich viel beitrug. Als in der Kanne einmal, wo gerade eine Kommiſſion zur Unterſuchung dieſer Dinge da war, die Fenſter eingeworfen wurden, rückten ein Leutnant mit einigen Soldaten in Grötzingen ein, um Ruhe zu ſchaffen. Sobald nach einer Nacht der Wein verraucht war, ſtellte ſich zwar ein Katzenjammer ein und niemand wollte es geweſen ſein, aber die Verbeſſerungen auf den Wieſen hatten nach wie vor gleich wenig Freunde. K J | 31 Mit dem Verbot der Weide beginnt die Einteilung der ehe: maligen Weideplätze in Bürgerlofe, wie wir fie heute noch haben. Dieſe heute ſelbſtverſtändliche Einrichtung ſetzte ſich aber ſo langſam durch, daß noch 1803 50 Bürger ihr Vieh auf die zu Bürgerloſen beſtimmten Plätzen trieb. Als der Hirte wegen dieſes Vergehens arretiert werden ſollte, befreiten ihn die Bürger mit Gewalt. Um die Größe der Grötzinger Weiden richtig verſtehen zu können, muß man wiſſen, daß ein Teil des heutigen Bruchwaldes bis 1803 als Weideland benützt war. Daraus erklärt ſich auch die fortgeſetzte Holznot in Grötzingen. Außer dem Bergwald war neben dem Bruchwald nichts da. Auf dem Karlsruher Holzmarkt mußten die Grötzinger ihr Holz größtenteils kaufen. 1803 wurden nun 110 Morgen Weide in Wald angelegt, fo daß Grötzingen heute ziemlich viel Wald hat. Die napoleoniſchen Kriege haben dieſe Verbeſſerungen wohl alle wieder aufgehoben. Das erſte vollſtändig erhaltene Lagerbuch (Grundbuch) ſtammt aus dem Jahre 1762. Es ſind acht dicke Bände mit einem ganzen Band Karten über Grötzingen. 1762 hatte Grötzingen 3526 Morgen Land, wovon 1663 Morgen Allmendgut waren; das übrige teilte ſich in 1037 Morgen Acker, 485 Morgen Wieſen und 222 Morgen Reben. Das Lagerbuch von 1840 unter: ſcheidet ſich kaum von dem aus dem Jahre 1762, ſo daß man wohl mit Recht obiges Urteil fällen darf. Der Oberamtmann Poſſelt hatte auch die Bedeutung der Schule für die Entwicklung eines Dorfes erkannt und deshalb einen zweiten Lehrer nach Grötzingen getan. 1769 hatte Grötzingen 1050 Seelen, ſo daß ein zweiter Lehrer wohl am Platze war. Der Lehrer konnte nur im Winter ſich ſeiner Schule widmen. Im Sommer bebaute er ſeine Aecker und beſorgte ſein Vieh wie jeder Bauer. Er hatte beſondere Allmende zum Ausgleich gegen feine geringe Geldbezahlung. Der Lehrer durfte jede Nebenbeſchäftigung treiben, ja ſogar ein Handwerk führen. Daß die Schüler über das dürftige Leſen, Rechnen und Schreiben nicht hinausgekommen ſind, braucht nicht geſagt zu werden. Das Schulhaus ſtand Ecke Kaiſerſtraße und Kirchſtraße gegen: über der heutigen Bäckerei und wurde 1765 neu gebaut. Die Kaiſer— ſtraße war natürlich noch nicht vorhanden. Die Schule war ſehr dürftig ausgeſtattet. In einem Inventarverzeichnis von 1787 finden wir: neun tannene Tafeln, worauf die Schüler ſchrieben, einen Tiſch, .,, 1 ber Das J. DOoRFFGROZIANGE y 2 Grötzingen um das Jahr 1750. Der Plan iſt aus dem Grundbuch. Die Zahlen weiſen auf den im Grundbuch angeführten tümer hin. 33 ſechzehn Schwammen, zwei Tafeln zum Rechnen und ein Bücherkäſtchen. In dem Bücherkäſtchen war: Peter Müllers bibliſche Geſchichte, 6 Bibeln, 20 bibliſche Geſchichten zum Lernen für Schul— kinder, ein Geſangbuch, Malers Rechenbuch und Geometrie, ein Choralbuch, ein hölzerner Zirkel und eine Reisſchiene. Schule und Kirche waren eng miteinander verbunden. Der Pfarrer wohnte im Pfarrhaus, das nach dem Brande durch die Franzoſen auf die heutige Stelle gebaut wurde, ſeitdem aber ſchon viele Umbauten erfahren hat. Die Scheune und der Stall beim Pfarrhaus weiſen noch darauf hin, daß der Pfarrer ebenfalls Feld= bau trieb. Seine Geldbezahlung war gering. Die Felder, die früher der Pfründe St. Barbara zinspflichtig waren, zahlten ſeit der Refor— mation ihre Abgaben an die geiſtliche Verwaltung in Durlach, woher wieder die Pfarrer ihre Bezahlung erhielten. 1684 erhielt der Pfarrer in Grötzingen, der einer der beſtbezahlteſten war, aus der geiſtlichen Verwaltung in Durlach an Naturalien: 25 Malter Roggen, 25 Malter Dinkel, 10 Malter Hafer und ein Fuder Wein. Der Meßner erhielt: 5 Gulden, 3 Malter Roggen, 2 Malter Gerſte und 24 Malter Dinkel. Um Grötzingen i. J. 1750 kennen zu lernen, wollen wir einen Gang durch das ganze Dorf machen. Wir kommen von Durlach her über die Steige. Die heutige Landſtraße zwiſchen Grötzingen und Durlach wurde erſt nach 1870 gebaut. Es lief zwar dort ſchon ein Weg, der im Grötzinger Schloß als ſogenannter Alleenweg endete. Am vorderen Kaſtanienbuckel, beim Waſſerhäuschen, können wir noch gut dieſen alten Weg erkennen, der durch den Schwanen— garten ins Schloß führte. An dieſem Weg wurde 1758 auch der dem Bahnhof gegenüber gelegene Bierkeller gebaut, wo das Gottes— auer Bier aufbewahrt wurde. Der Keller war aber viel zu feucht, ſo daß er nach einigen Jahren wieder aufgegeben wurde. An der Silbergrube, die ihren Namen von dem dort gegrabenen Glimmer hat, biegen wir ſchräg links ab und laſſen die„Hochſtraße“ rechts liegen. Dieſer ſchmale Weg führt an der Südſeite des Schloſſes vorbei auf die Kirchſtraße und über ſie hinweg an der ganzen Kirche vorbei durch den heutigen Friedhof und kommt oberhalb an der Pfinz= gauperle wieder auf die Hochſtraße. Wir bleiben oben an der Kirchſtraße ſtehen und ſchauen einige Minuten um uns. Die Steigbrücke, über die die Hochſtraße führt, weiß manches zu erzählen. Zwar nichts 8 34 vom Tritt marſchierender römiſcher Legionen, die hier vorbeizogen. Dieſe durchquerten die Klinge zwiſchen Kirche und Schloß wohl ohne Brücke. Markgraf Ludwig Wilhelm ſoll die Steigſtraße in ihrer heutigen Geſtalt von ſeinen Soldaten haben herſtellen laſſen. Das badiſche Wappen mit der Jahreszahl 1710 am Schlußſtein der Brücke gibt den Zeitpunkt ihres Baues an. Erſt der Abſturz eines Perrückenmachers aus Pforzheim im Jahre 1785 wies darauf hin, daß zu beiden Seiten ein Geländer ſein ſollte. Als acht Wochen ſpäter ein Pferd herabſtürzte, bekam die Brücke eine Steineinfaſſung zu beiden Seiten. Das Krapphaus, das an der Brüche ſteht, hatte damals noch nicht ſeinen Namen. Es war noch der Stall des Schloſſes und wurde erſt ſpäter in eine Krappfabrik umgewandelt. Baden war neben Elſaß⸗Lothringen das einzige Land, das die Krappwurzeln baute, aus dem die Färberröte hergeſtellt wurde. Das Schloß hatte ſein heutiges Ausſehen. Seit Markgraf Karl 1556 das Pfründehaus in eine fürſtliche Wohnung umgewandelt hatte, waren mit dem„Hohen Haus“, wie man es von nun an zu nennen pflegte, manche Veränderungen vor ſich gegangen. Aus der Zeit des Markgrafen Karl ſtammt ein Teil des Erdgeſchoſſes des jetzigen Schloſſes, über deſſen Treppe das badiſch-pfälziſche Wappenſchild mit der Jahreszahl 1576 ſich befindet. 1564 iſt die älteſte auf: findbare Jahreszahl(am nördlichen Turm). Markgraf Friedrich Magnus machte dieſes Schlößlein ſeiner Gemahlin Auguſta zum Geſchenk, die ihm durch einen Umhau für 34 000 Gulden im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts das heutige Ausſehen gab. Im Berrain(Steuerveranlagungsbuch) von 1699 ſteht folgender Ein— trag:„Ein fürſtl. Haus, ſo von alters St. Barbara Pfründhaus, und nachgehends nach deſſen Vergrößerung das Hohe Haus, nachmalen aber, nachdem ſolches von Ihrer hochfürſtlichen Durchlaucht, meiner gnädigſten Fürſtin Anno 1699 ampliziert und mit anſehnlichen Nebengebäuden ganz herrlich verſehen, nach Ihrer hochfürſtl. Durchl. Namen Auguſtenburg tituliert worden, ſamt Kelter, Luſthäusle und Weingardt, auch andern in dieſem Bezirk befindlichen Gebäuden und allem Zugehör im alten Kirchen-Viertel. Nach dem Tode ihres Gatten behielt ſie das Grötzinger Schloß als Witwenſitz. An der Vorderſeite ließ fie einen Gedenkſtein mit folgendem Spruch an— bringen: doi “123511901 * uoßulg gag US Mich hat vor kurzer Zeit, Wie man michalhier ſchaut, Gleichnachdem Friedensſchlus Auguſta ſo gebaut. Und weilich nun da ſteh Von ihrer Fürſtenhand,| ſo werd ich auch nad ihr Au guſtenburg genandt. 1699.; Um 1750 war das Schloß verlaſſen. Der letzte fürſtliche Bewohner war ſchon lange geſtorben. Es wurde zu allem dann Stich aus dem Jahre 1884. gebraucht, wozu man ſonſt keinen Platz in Grötzingen hatte. Eine Zeit hauſte der Schäfer mit ſeinen Schafen darin, in den napoleo— 37 niſchen Kriegen war es Lazarett. Fabrikant Gehres aus Pforzheim richtete dort eine Knopffabrik ein, und ſpäter kam eine Brauerei in das Schloß. Bürgermeiſter Jordan richtete in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts Wohnungen ein. Heute beſitzt es Tiermaler Fikentſcher. Am Ausgang des Schloßtores treten wir auf Straßenpflaſter. 1759 wurden die Grötzinger Straßen gepflaſtert, deren Ueberreſte in der Kirche, Mühl, Lamm-, Löwen: und Mittelſtraße heute noch vorhanden ſind. Die Strecke vor dem Schloß iſt nicht gepflaſtert, weil dieſer Straßenteil dem Markgrafen gehörte und die Grötzinger Gemeinde ſich weigerte, ihn zu pflaſtern. Wo heute das Schulhaus ſteht, war das Haus vom Landwirt Wendel. Sein Nachbar war Andreas Erle und Reichardt Heydt. Dann erſt kam das Schulhaus und das Schulgäßle. Ihm gegenüber ſtand die Wirtſchaft zum Schwanen. So führte die Kirchgaß weiter bis zur Pfinz. Still und ruhig zieht das Waſſer der Pfinz heute dahin. Nur bei Schneeſchmelze ſteigt ſie bis zur Höhe der Einfaſſung empor. Ihr Lauf iſt ſo geregelt, daß die Waſſer ſchnell abfließen können. Sie ſtürzt den Gießbach hinunter und führt auch in breitem künſtlichen Bett ſeine Waſſer über Durlach. Wer und wann und zu welchem Zweck die Pfinz nach Durlach geleitet wurde, wird wohl niemand aufklären können, da alle ſchriftlichen Aufzeichnungen im großen Brande von Durlach verbrannten. Sobald Durlach zu einer Feſtung ausgebaut wurde, wird die Beileitung des Baches aus militäriſchen Gründen und zum Treiben von Mühlen geboten geweſen ſein. Die Tatſache aber ſteht feſt, daß die Pfinz künſtlich nach Durlach abgeleitet wurde. Vielleicht hängt mit dem Bau der Pfinz über Durlach noch die bis auf den heutigen Tag beſtehende Tatſache zuſammen, daß der Schlüſſel zur Hühnerloch-Stellfalle, die an dem eiſernen Stege das Waſſer in die Gießbach abläßt, ſich in den Händen der Durlacher befindet. Wollten die Durlacher die Pfinz haben, ſo mußten ſie das große ſteinerne Wehr am unteren Viertel bauen. Sie werden ſich auch das Recht vorbehalten haben— geſchrieben ſteht aber nirgends etwas— den Schlüſſel zur Benutzung der Stellfalle ſelbſt auf: zubewahren. Geſchichtlich bekannt iſt nur, daß im Jahre 1556 das erſte ſteinerne Wehr an der Hühnerlochſchleuſe gebaut wurde, nachdem vorher ein Holzbau das Waſſer von der Gießbach abhielt. Da die Grötzinger das Waſſer für ihr Vieh auf den Weiden nötig hatten, Fikenlſcher, Jenny Liliengarken(an der Mühlbrücke) die Durlacher aber das Waſſer für die Mühlen brauchten, gab es zwiſchen Grötzingen und Durlach einen Streit. Durlach durfte das 39 Wehr bauen und Grötzingen wurde entſchädigt. Nach dem dreißig: jährigen Krieg wurde das Wehr wieder neu ausgebeſſert. Durch die Wilhelmſtraße können wir nicht gehen. Sie wurde ungefähr 50 Jahre ſpäter gebaut. Um 1800 war ein empfindlicher Mangel an Bauplätzen. Erſt als auf den herrſchaftlichen Wieſen eine Straße und Häuſer gebaut werden durften, war dem Mangel abgeholfen. Wir gehen deshalb über die einzige Steinbrücke, die Grötzingen damals hatte, hinüber auf die Mühlſtraße. An der oberen Brüſtung der Steinbrücke iſt ſeitlich ein Gedenkſtein eingemauert. Außer der Jahreszahl 1621 kann nichts mehr darauf ge— leſen werden. Wahrſcheinlich werden die Gemeindevorſteher zur Zeit der Erbauung der Brücke darauf aufgeführt. Das ſteinerne Streichwehr, das uns heute gleich beim Ueber— ſchreiten der Brücke in die Augen fällt, ſuchen wir 1750 vergeblich. Um den Sandſtein von Grötzingen nach Karlsruhe zu ſchaffen, wurde 1766/67 ein Steinſchiffkanal gebaut. Beim Wehr unterhalb der Oberausbrücke wurde eine Schleuſe gebaut, in der die Schiffe auf— und abgelaſſen werden konnten. Die Schiffe ſollten nicht den Weg durch das Dorf, ſondern durch den Greßbach nehmen, der im Volks— munde ſchon Floßgraben hieß, weil zum Aufbau Durlachs nach dem Brande von 1689 auf ihm aus den Steinbrüchen des Auguſtenbergs Steine nach Durlach geſchafft worden waren. Um dem Greßbach genügend Waſſer zu geben, wurde 1766 das ſteinerne Streichwehr gebaut. Bis zum Bahnbau zog der Floßgraben ungefähr auf heu— tigem Bahngleis den Allee⸗Weg entlang zur Pfinz. Schon vor Errichtung des Kanals war die Pfinz zur Holzbeförderung von Wilferdingen nach Durlach und Karlsruhe benutzt worden. Wir gehen in der Mühlſtraße längs der Pfinz weiter. Die ſteinerne Einfaſſung der Pfinz fehlte. An der Mühle führte ein hölzerner Steg auf den Kannenplatz und ein anderer zum Oberviertel. Die Brücke an der Mühle und die ſchöne Dreibogenbrücke am Kannenplatz wurden erſt im 19. Jahrhundert gebaut. Der Kannenplatz und der Rathausplatz liefen langſam zur Pfinz hinab, ſo daß die Wagen durch die Pfinz hindurchfahren konnten. Im Gegenſatz zu heute war früher das Rathaus im Verhältnis zum Weg hoch gelegen. Da die Pfinz wie ein offener Graben dammlos durch das Dorf zog, find auch die vielen Ueberſchwemmungen zu verſtehen, deren Markierungsſtriche wir noch heute an der Kanne und am Rathaus ſehen. Am 22. Januar 1757 war eine ſo große Ueberſchwemmung, daß die 40 Einwohner durch das Fortſchwimmen ihres Hausrates und durch das Ertrinken von vielem Vieh ſehr große Berluſte hatten. Kanne und Rathaus find die beiden beherrſchenden Ge: bäude, die wir hier ſehen. Der reich geſchmückte Torbogen der Kanne fällt auf; in ſeinem Schlußſtein iſt eine Kanne mit den Buchſtaben J. K. und der Jahreszahl 1632 ausgehauen. Der vorſpringende| Stein in der Niſche neben dem Seitenpförtlein diente zum Abſtellen der Laſten, his die Türe geöffnet war. Den ſchönen Spruch in der. Karl Voll Pfinz in Grötzingen 1922 Niſche haben wir ſchon an anderer Stelle erwähnt. Darüber ſteht:. S. N. v. N.(Johann Niklas v. Nidda) und A. C. v. N. 1701(Anna Katharina von Nidda). Das Rathaus iſt ein altes ſchönes Gebäude. Der untere Stock aus Stein fällt in den Uebergang der Gothik in die Renaiſſance. (1550). Der Oberbau als ſchöner Riegelbau kommt durch die Ueberſpeißung nicht mehr zu ſeiner vollen Wirkung. Rechts in dem 8 eichenen, reich verzierten Eckpfoſten fteht: Anno 1668 iſt das Haus erbaut worden, waren damals Schultheiß: 8 held Kiefer, Anwalt: Wendel Schäfer, Gilt: germeiſter: Georg Braun.| Auf dem anderen Eckpfoſten iſt oben das Zunftwappen der Zim * A 41 merleute eingeſchnitzt(Winkelmaß und Zirkel mit zwei über das Kreuz gelegten Klammern); unten ſteht: Anno 1668 iſt Stephan Zimmermeiſter zu Gretzingen; Zimmergeſellen H. M. und H. W. Das Rathaus hatte noch nicht die Bedeutung wie heute. Das ſehen wir ſchon aus einem Inventurverzeichnis aus dem Jahre 1787, wo folgende Gegenſtände als vorhanden aufgezeichnet ſind: Ein metallenes Glöcklein und eine Uhr, eine Tafel aus Tannenholz, 3 18 Stühle, ein Regiſtraturkaſten mit zwei Türen, zwei Tiſche, eine mit Eiſen beſchlagene Kiſte, ein Handglöcklein und ein Schreibzeug aus Fayence. Wir gehen am Rathaus vorbei die Untere Gaß(Bismarck: Straße) hinauf. Da kommen wir an ein großes ſteinernes Gebäude (Badiſcher Hof), in deſſen vorderer Front der Wappenſtein für die Metzgermeiſter eingemauert iſt. Der Schild iſt geſpalten und zeigt im rechten Felde ein Oſter— lamm, das mit einem Fuße das Kreuz hält. Oben ſteht J. Nicola vo. Nittha, aber mit vielen Schreibfehlern, indem der ungeſchickte Steinhauer ſtatt a ſtets o und anſtatt t ein s einmeißelte. Im linken Feld iſt eine Roſe mit der Aufſchrift A. C. v. N. Dieſe bezieht ſich auf Niddas Ehefrau Anna Katharina von Nidda. Unter dem Wappen iſt ein Ochſe, welcher von einem Hunde in das Ohr gebiſſen wird. Noch einige Schritte die Untergaſſe aufwärts und wir ſtehen vor der Kelter. Biegen wir links ab, ſo kommen wir in das Unker— viertel. Die Wirtſchaften am heutigen Marktplatz verdanken ihre Entſtehung einer ſpäteren Zeit. Dem Viehweg ins Wieſental folgen wir nicht, wir gehen rechts die heutige Friedrichſtraße hinauf. Wir ſehen hier wenig Häuſer. Die Stangen waren noch nicht da. Der Weg führt über die Schafbrücke(Oberausbrücke) zur Hochſtraße (am Kaiſerhof). Die Schafbrücke hatte noch 1781 nur ein Joch von 81 Schuh Breite. Sie war nicht ſo hoch gelegen wie die heutige Brücke, ſo daß bei der kleinſten Ueberſchwemmung das Waſſer rechts und links an der Brücke vorbei und über die Brücke hinweg ſpülte. Kam nachts ein Fuhrwerk daher, ſo konnte es die Brücke nicht mehr finden und fuhr in die Pfinz hinein. Viele Unglücksfälle ſind dadurch entſtanden, die erſt behoben wurden, als die heutige dreijochige Brücke erbaut wurde. 42 Damit iſt unſere Wanderung durch Grötzingen um das Jahr 1750 beendet. An manchen großen Bauernhäuſern mit ſteinernen Torbogen ſind wir vorbeigekommen. Was aus Stein war, konnte dem Brande von 1689 nicht zum Opfer fallen und gibt in ſeinen Aeberreſten bis auf den heutigen Tag Zeugnis von der einſtigen Wohlhabenheit Grötzingens. 7. Erſte Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Das alte Jahrhundert war im Sturm geſchieden. Die franzö— ſiſche Revolution hatte dem Kaiſer Napoleon das Schwert in die Hand gedrückt, das er gegen ſeine öſtlichen Nachbarn, die Deutſchen, benutzte. Baden als Grenzland hatte beſonders zu leiden. Mehr als einmal hatte Grötzingen franzöſiſche Einquartierung. Am 26. Januar 1806 war der Ort mit der franzöſiſchen Garde zu Fuß belegt. Jeder Soldat erhielt von Grötzingen täglich ein halbes Maß Wein. Die Gemeinde mußte 1806 19936 Gulden Kontribution zahlen, 1807 etwas weniger, 1214 Gulden. So jedes Jahr eine gewiſſe Summe, bis Napoleon aus Deutſchland vertrieben war. Das Schloß war franzöſiſches Lazarett. Sogar Ruſſen waren in Grötzingen. Wenigſtens iſt das aus folgendem Eintrag in einem Protokollbuch zu ſehen: Das Reinigen des von den Ruſſen hinterlaſſenen Unrats koſtete 6 Gulden. Mit Schulden trat die Gemeinde in das neue Jahrhundert ein. 1803 verkaufte die Gemeinde die Mühle an den Lammwirt Nagel aus Blankenloch für 16000 Gulden, um dringende Schulden be: zahlen zu können. Nach 1815 hatte Grötzingen gerade wieder zu arbeiten, um die Kriegsſchulden der Einzelnen und der Gemeinde zu heilen. Man ſpürte ſchon langſam den Flügelſchlag der neuen Zeit. Die Frohnde wurde abgeſchafft, und es wurden Erwägungen angeſtellt, wie der Zehnte abgelöſt werden könnte. Obwohl in der Zuſammenſetzung der Grötzinger Bevölkerung ſich wenig geändert hatte, außer daß ſie gewachſen und zahlreicher geworden war, war die Umwelt doch ſchon aus der noch im geringen Maße vorhandenen Naturalwirtſchaft in die reine Geldwirtſchaft eingetreten. Der Knecht und die Magd wurden zum Teil noch in Naturalien entlohnt, der reſtliche Teil wuchs immer mehr aus zum heutigen Geldlohn. Ein Waldfrevel oder das Grafen an einer ver— botenen Stelle wurde zwar noch in der Frohnde abverdient, aber auch Grötzingen ſtand mitten drin in der Uebergangszeit. Am ſinnfälligſten kommt eine beſtehende Staats- und Wirt— ſchaftsordnung im Einzug der Steuern zum Ausdruck. Wir haben geſehen, daß im Mittelalter und den erſten Jahrhunderten der Nen— zeit die Naturalabgabe die einzige Form der Steuerzahlung war, abgeſehen von Akziſen und Zöllen. Der zehnte Teil einer jeden Frucht mußte hergegeben werden. Solange Frucht und Weinbau vorherrſchend war, konnten die Schwierigkeiten der Erhebung nicht allzu groß ſein. Schon die Einbürgerung der Kartoffel aber im 18. Jahrhundert und die Verbreitung der Obſtbäume und der Anbau von Gemüſe ſetzten dem Zehnteinzug Schranken. So fällt die Ablöſung des Zehnten mit der Unmöglichkeit zuſammen, ihn überhaupt noch von allen Feldfrüchten einziehen zu können. Dazu kommt, daß der Staat Beamten und Heer immer weniger mit Naturalien bezahlen konnte. So drängten die Verhältniſſe zum Bruch mit einer jahrhundertalten Einrichtung. In Grötzingen gab es rund 530 Zehntpflichtige, die irgend eine Frucht als Steuer in Durlach abzuliefern hatten. Eine Bürgerverfammlung am 30. Dezember 1837 ſprach ſich, gegen die eine Stimme des Ludwig Scheidt, dafür aus, daß die Zehntablöſung be: trieben werden ſollte. Am 31. Auguſt 1839 kam ein Vertrag zuſtande, wonach der Naturalbezug vom Weinzehnten vom 1. Januar 1839 und jener vom großen Zehnten und dem Heuzehnten vom 1. Januar 1840 aufhörte, dagegen wurde ein Ablöſungskapital ausbedungen. Es betrug für den großen Zehnten 24 892 Gulden, für den Weinzehnten 11 938 Gulden und für dun Heuzehnten 401 Gulden. Der Staatszuſchuß zur Ablöſung betrug 12 244 Gulden, ſo daß noch 24 987 Gulden zu bezahlen waren. Das Geld wurde auf alle Bürger nach dem Maße des früheren Zehnten umgelegt und in den nächſten Jahren eingezogen. Die Zehntablöſungsbücher ſind noch alle auf dem Rathaus einzuſehen. Um den Gemeinden beim Uebergang aus der Naturalwirtſchaft behilflich zu ſein, ſchuf die Regierung für das ganze Land eine Zehntſchuldentilgungskaſſe. Am 1. Juli 1847 erhielt die Gemeinde daraus ein Darlehen zur Abtragung der Zehntſchuld. Das auf— genommene Kapital betrug 24000 Gulden, das jährlich mit 44 6 Prozent getilgt werden ſollte. Am 30. April 1849 faßte der Ge: meinderat den Beſchluß, die Schuld innerhalb zehn Jahren zu tilgen. Mit dem Jahre 1859 verſchwindet das Wort Zehntſchuld aus den Grötzinger Rechnungsbüchern und damit war auch äußerlich ein Zeitabſchnitt zum Abſchluß gekommen, der der reinen Geld wirtſchaft Platz gemacht hatte. Die ſchleichende Krankheit in Grötzingen war in ſeinem Umfange der gleichbleibende Boden und die wachſende Bevölkerung. Das zeigte ſich immer nach einer Reihe von Friedensjahren, wo der Bevölkerung ruhiges Wachstum beſchieden war. Im 18. Jahrhundert war ſogar noch Ausdehnungsmöglichkeit in Baden⸗-Durlach. So wurde z. B. der Lamprechtshof und Batzenhof erſt im 18. Jahrhundert gebaut. Im 19. Jahrhundert blieben aber auch dieſe Mög: lichkeiten nicht mehr. Doch es gab noch eine: Amerika. Der Strom der Auswanderung aus Grötzingen ſetzte ſo um das Jahr 1846 ein. Die Not war die Urſache der Auswanderung. Die Nachkommen jener Auswanderer werden heute ſchon voll und ganz in Nordamerika aufgegangen ſein und nicht mehr zurückdenken an das liebliche Pfinztal, wo die Wiege ihrer Großeltern ſtand und wo ſie ihre erſten Kinderlieder ſangen. Wir aber wollen ſie hier im Gedächtnis zurückbehalten, indem wir einige Namen von ihnen erwähnen. Die Auswanderer verkauften hier alles, um Geld zur Ueberfahrt zu haben. Eines zog das andere nach ſich. Wer kein Geld hatte, dem ſtreckte die Gemeindekaſſe es vor. Das Bürgerholz des Auswanderers wurde jährlich verſteigert, bis die Schuld getilgt war. Heidt, Götz, Doll, Glaſer, Jordan, Dopf, Keppler, Benz und wie ſie alle heißen, haben im fernen Weſten eine neue Heimat geſucht. Es war für die durch beſtändige Not bedrückten Leute ja gleich, wo ſie lebten. Nur ſo können wir es verſtehen, daß 1854 12 Familien nach Algier auswandern wollten, die erſt von ihrem Vorhaben abſtanden, als die franzöſiſche Regierung ihnen das Fahrgeld zur Ueberfahrt von Marſeille nach Algier verweigerte. Als die Zahl der von der Gemeinde Unterſtützung ſuchenden, um nach Amerika auszuwandern, immer mehr wuchs, wurde von der Gemeinde nichts mehr gegeben. Es ſprach etwas Neid bei dieſem Beſchluß mit. Die Auswanderer gingen weg, um es in Amerika beſſer zu bekommen, während die zurückgebliebenen Grötzinger durch Umlagen noch mehr beſchwert wurden und allein die Laſten tragen 45 mußten. Verboten konnte die Auswanderung nicht werden, die Gemeinde leiſtete ihr aber keine Erleichterung mehr. Die Neuzeit mit dem Einſetzen der Induſtrialiſierung Deutſch= lands war auch für Grötzingen das Ende der Not. Der Anfang dieſer neuen Zeit fiel für Grötzingen in die Zeit, als die Bahn zwiſchen Karlsruhe⸗-Pforzheim⸗-Stuttgart gebaut wurde. Grötzingen wäre ſo klein und unbedeutend geblieben, wie es heute noch Wöſchbach oder Stupferich ſind, wenn es keinen Anſchluß an eine Eiſenbahn bekommen hätte. Jetzt konnte Grötzingen ſeine Bevölkerung ernähren und brauchte ſie nicht mehr in die Fremde zu ſchicken. In Durlach oder Karlsruhe bot ſich reichlich Beſchäftigung, ja nach Grötzingen ſiedelte die Induſtrie über. Das brachte eine vollſtändige Verſchiebung der Bevölkerung mit ſich. Mit wenigen Ausnahmen trieb die Bevölkerung bis 1850 im Hauptberuf Landwirtſchaft. Noch keine hundert Jahre ſpäter und die Umſchichtung der ganzen Bevölkerung iſt geſchehen. Heute iſt die Landwirtſchaft nur noch Nebenberuf 8. Die Revolution 1848 1849. Es waren weniger die politiſchen Ideen, die die Grötzinger an der Teilnahme an der Revolution 1848/49 veranlaßten, als vielmehr ihre ſchlechte wirtſchaftliche Lage. Natürlich bezogen die Führer, die es auch in Grötzingen gab, ihre Gedanken aus der revolutionären Literatur und den revolutionären Zeitungen, die damals das Wort Freiheit täglich in die Lande hineintrugen. Als dann im Februar 1848 in Paris die Revolution ausbrach, fand ſie in Baden lebhaften Widerhall. Die liberalen Abgeordneten hatten Forderungen aufgeſtellt, die dem Volke wirkliche Rechte ſchaffen ſollten und die da— durch zu wahren Volkshelden wurden. Solche politiſchen Gedanken trug vor allem der eine von den beiden Grötzinger Lehrern in unſere Gemeinde. Die Bürgerſchaft ſelbſt machte ſich anders Luft. Wenn äußere Not auf einer ganzen Gemeinde laſtet, löſen ſich die Bande der Ordnung und des Gehorſams den Geſetzen gegenüber leicht. 1947 war für Grötzingen ein Notjahr. Die Ernte war mißraten, ſo daß nicht einmal genügend Brotfrucht, geſchweige Saatzucht vorhanden war. Die Gemeinde kaufte 70 Do ppelzentner Gerſte und verteilte ſie unter den Notleidenden, welche in fünf Jahresraten die erhaltene Frucht zurückzahlen mußten. 46 So kann man es verſtehen, daß der Ruf:„Fort mit den Juden!“ der damals durch das Land tönte, auch in Grötzingen willige Ohren fand. Die Juden waren Inhaber des Bürgernutzens, der bei ihrer Entfernung unter die Grötzinger aufgeteilt wurde. Ende Februar, anfangs März 1848, machte ſich die Wut der Bevölkerung gegen die Juden in ſchweren Ausſchreitungen in einigen Teilen des Landes Luft. In Grötzingen blieb es noch ruhig, aber es gärte ſtark. Das Oberamt Durlach dankte am 9. März dem Bürgermeiſter für die Ordnung unter den Einwohnern und ſprach die Forderung aus alles aufzubieten, um derartigen beklagenswerten Ruheſtörungen vorzubeugen. Er ſollte eine Gemeindeverſammlung einberufen und die Folgen ſolcher ſtrafbaren Vergehen vorſtellen. Es war zu ſpät. Am 10.—12. März kam es auch in Grötzingen zum Aufruhr. Die Männer drangen in die Häuſer der Juden ein und verlangten die Herausgabe der Handſchriften und Vernichtung der Schuldbücher. Die ganze Gemeinde aber ſtand hinter der Forderung, den Juden das Bürgerrecht zu nehmen. Wie alle ſolche Auf= lehnungen nicht frei ſind von ungewolltem Humor, ſo war es auch bei dem Judenaufſtand in Grötzingen. Der Hauptſpektakel war auf dem Rathausplatz, wo das Haus vom Tuchgeſchäft Sinauer ſtand. Als ein Schreinergeſelle in den Laden hineinſchoß, wurde Militär vom Oberamt in Durlach angefordert. Es kamen Dragoner, die es aber mehr mit den aufgeregten Bürgern hielten. Sofort nach Erſcheinen des Militärs holten die Bürger Krüge Wein aus ihren Kellern, und die Beſchützer der Ordnung und die Aufrührer tranken vor dem Rathaus manches Schöpplein, bis ſchließlich ein Grötzinger die Dragoner hochleben ließ. Die Weinſtimmung verwiſchte alle Gegenſätze, da Aufrührer und Soldaten betrunken waren. Das war aber nur die Außenſeite. Ein großer Teil der Bürger: ſchaft übergab dem Gemeinderat eine Vorſtellung, worin der Antrag geſtellt wurde, die Juden zu veranlaſſen, urkundlich auf den Bürgernutzen Verzicht zu leiſten. Die Regierung konnte den Juden keinen Schutz geben, da auf das Militär kein Verlaß war. Dem Oberamt in Durlach verblieben nur Worte der Ermahnung an die Grötzinger Einwohnerſchaft. Am 16. März z. B. ſchrieb es:„Man ſetzt in die Rechtlichkeitsliebe des Gemeinderats das volle Vertrauen, daß er zur Ehre der Gemeinde für die Aufrechterhaltung der Geſetze ſorgen werde, denn ohne Feſthalten an dem Geſetze beſteht keine Ordnung und ohne Ordnung keine Freiheit. Am Tage zuvor hatten aber 47 ſchon die Grötzinger Juden feierlich auf ihr Bürgerrecht verzichtet mit folgenden Worten:„Wir verzichten für uns und unſere Nachkommenſchaft, für jetzt und auf immer, auf unſer Bürgerrecht in hieſiger Gemeinde Grötzingen und auf die damit verbundenen Bürgernutzungen, wogegen uns vom Gemeinderat die Rückvergütung der von uns bezahlten Einkaufsgelder zugeſichert worden iſt. Zu dieſer unſerer Erklärung iſt uns kein Zwang angetan worden.— Wir verzichten daher auch auf den Landrechts-Satz 2053, wodurch wir unſer Recht wieder geltend machen könnten, indem wir feierlichſt geloben, dieſen Landrechts-Satz niemals in Anwendung bringen zu wollen, auch wenn wir von anderen dazu aufgefordert und von der Obrigkeit unterſtützt werden ſollten.— Ueber dieſe unſere Erklärung bitten wir, eine öffentliche Urkunde zu fertigen.“ Zeugen dieſer Urkunde vonſeiten der Bürger war David Heidt und Jonas Haſenmeier. Sobald der Aufſtand in Baden niedergeſchlagen war, erinnerten ſich auch die Juden wieder an ihr Bürgerrecht. Und zwar ſchon am Schluß des Jahres 1850. Der Gemeinderat ſtützte ſich auf die ab— gegebene Erklärung und die Juden auf ihr altes Recht. Das Oberamt Durlach ſtand auf der Seite der Juden und beſtrafte am 14. Februar 1851 jedes Mitglied des Gemeinderats mit fünf Gulden, weil dem Beſchluß des Oberamts, den Juden wieder das Bürgerrecht zu geben, keine Folge geleiſtet worden iſt. Am 22. Februar 1851 verſammelte Bürgermeiſter Schmidt alle Gemeindebürger und legte ihnen die Frage vor, ob der Weg des Prozeſſes beſchritten werden ſolle. Die ganze Bürgerſchaft ſtimmte laut und einſtimmig der Führung des Prozeſſes bei, der durch alle Inſtanzen fortgeſetzt werden ſollte. Am 27. Februar, alſo vierzehn Tage nach der erſten Strafe, wurde jedes Mitglied des Gemeinderats mit acht Gulden beſtraft mit dem An— drohen, daß eine bedeutendere Strafe erkannt werden ſollte, wenn binnen acht Tagen den Beſchlüſſen der Behörde keine Folge geleiſtet wurde. Der Prozeß zog ſich durch das ganze Jahr 1851 hin. Schließ lich endigte auch dieſer Prozeß durch einen Vergleich: die Juden erhielten ihr Bürgerrecht, und jede ſtreitende Partei zahlte ihre Koſten. Dieſer Vergleich wurde am letzten Tag des Jahres 1851 von beiden Parteien unterſchrieben und ſo war auch dieſer letzte Ueberreſt des Revolutionsjahres 1848 beſeitigt. Der politiſche Teil war ſchon früher zu Grabe getragen worden. Unter dem Drucke des Volkes hatten die Regierungen der vielen A8 deutſchen Staaten Wahlen zu einer Nationalverſammlung in Frank— furt a. M vorgenommen, die den Auftrag vom deutſchen Volke erhielt, die Kleinſtaaterei zu beſeitigen dadurch, daß einer der Groß= ſtaaten, Preußen oder Oeſterreich, die Führung übernehme. Als an der Abneigung des preußiſchen Königs, die Kaiſerkrone aus des Volkes Hand zu nehmen, die Nationalverſammlung hinfällig ge: worden war, nutzten Demagogen und weltfremde Idealiſten die Verwirrung der Gemüter aus, um in der Pfalz und in Baden im Frühjahr 1849 bewaffnete Aufſtände zu inſzenieren. Der badiſche Großherzog mußte flüchtend ſein Land verlaſſen, die Trüppen gingen zu den Freiſcharen über und überall im Lande wurde unter der Bürgerſchaft exerziert und Soldätles geſpielt. Daß es mehr ein Spiel war, ſehen wir an Grötzingen, wo die Freiſcharen den Gefechtswert der Feuerwehr nicht überſchritten. Es lag ſo in der Luft, man mußte dabei ſein. Die Politik war geſchwängert mit Phraſen und unklaren Vorſtellungen. Der Ruf der republikaniſchen Volksregierung nach Aufſtellung einer Wehrmannſchaft fand in Grötzingen willige Ohren. 95 Wehrmänner wurden auf Beſchluß des Gemeinderats aufgeſtellt. Zuvor gab ſich Grötzingen aber auch einen republikaniſchen Bürgermeiſter in der Perſon des Gemeinderats Walz. Seine Amtszeit dauerte kaum vier Monate. Am 3. Mai wurde er gewählt und am 6. September nach dem Zuſammenbruch des Aufſtandes wurde er wieder entlaſſen. Die Wehrmänner übten indeſſen friſch und un: entwegt auf der Steige hinter der Kirche. Die Inſtruktoren waren Grötzinger, die beim Militär gedient hatten. Nikolaus Scheidt, der beim Militär Unteroffizier war, wurde Hauptmann der Wehrmacht von Grötzingen. Sieben andere Grötzinger waren ſein Stab, der die Ausbildung der Mannſchaft in den Händen hatte. Jeder Inſtruktor erhielt für die Stunde ſechs Kreuzer. Die Inſtruktoren waren: Reichart Götz, Konrad Krieger, Jakob Benz, Jakob Kurz, Friedrich Arheit, Philipp Ruf und Johann Hahn. Die Sache mußte auch äußerlich nach etwas ausſehen! Sechzehn Näherinnen in Grötzingen nähten Bluſen, die die Wehrmänner bei ihren Uebungen trugen. Dazu ſetzte ſich jeder noch eine einheitliche Mütze auf, ſo daß ſchon etwas uniform die Truppe war. Zu den Soldaten gehört auch Muſik. Hat man keine, ſo macht man eine. Die Grötzinger begnügten ſich mit zwei Tambours, die innerhalb acht Tagen ein: 49 gelernt waren. Andreas Vortiſch und Chriſtoph Hetzel trugen die Trommel voraus. Alles war im ſchönſten Gange, da kamen ganz überraſchend die Preußen. Die tapfere Schar von Grötzingen verkroch ſich in alle Schlupfwinkel. Niemand wollte dabei geweſen ſein. Wer konnte, zog die Bluſe aus und ſpielte den friedlichen Bürger, wer mit dem Heere der Freiſcharen mitmarſchieren mußte, ſann auf Deſertion, vom tapferen Widerſtand der Grötzinger war nichts zu ſpüren, obwohl bei Durlach ein Gefecht mit den Preußen war, die zwiſchen Grötzingen und Durlach zwei Mann verloren. Sie wurden auf dem Grötzinger Friedhof beerdigt. In dieſe Zeit des Durcheinanders fällt auch ein Vorkommnis feuchtfröhlicher Art. Grötzinger entwenden in Durlach aus dem Bierkeller des Georg Genter Bier. Als es getrunken war, wollte es niemand geweſen ſein. Sobald die Ruhe und Ordnung wieder ein: gekehrt war, ſuchte man nach den Schuldigen. Schließlich wollte die Gemeindekaſſe den Schaden bezahlen. Damit war aber das Ober— amt Durlach nicht einverſtanden, das im Jahre 1853 durchſetzte, daß die Gemeindeglieder perſönlich für den Schaden hafteten und ihn auch bezahlten.. In den folgenden Wochen war Grötzingen mit preußiſchem Militär vollgepfropft. Vom 25.—28, Juni lag hier der Stab der zweiten preußiſchen Diviſion: 1 General, 3 Offiziere, 21 Mann: ſchaften. Vom 8. preußiſchen Ulanenregiment lagen 4 Offiziere und 113 Mann hier, von der ſechspfündigen Fußbatterie Nr. 11 2 Offiziere und 90 Mann. Von dem preußiſchen 27. Landwehrregiment 20 Offiziere und 664 Mann. vom 26.—27. Juni waren 24 Offiziere und 1000 Mann in Grötzingen. Ebenſo hatte Grötzingen im September und Oktober Einquartierung. Die Verpflegung für den Offizier betrug täglich 1 Gulden, für den Mann 15 Kreuzer. Zuſammen betrugen die Ausgaben der Grötzinger Gemeinde für die preußiſchen Truppen 6235 Gulden. Die politiſchen Unruhen ſtörten Handel und Verkehr. Wegen Geldmangel unter den Einwohnern hatte die Gemeinde kaum Ein— nahmen. Am 7. Dezember 1849 kamen die Ueberreſte vom Grötzinger Militär unter den Hammer. Die noch vorhandenen Bluſen, Erbſen, Bohnen und Zwiebeln wurden öffentlich verſteigert. Wer ſeine Bluſe oder Mütze behalten wollte, zahlte für jedes Stück 45 Kreuzer. Damit war auch äußerlich alles beſeitigt, was noch an das eigene 4 50 Militär hätte erinnern können. Wie wenig tief die Grötzinger von den Gedanken des Jahres 1848/49 erfaßt waren, läßt ſich aus der Tatſache erkennen, daß keiner für ſeine Ueberzeugung geſtorben oder, wie viele andere deutſche Männer, ins Ausland geflohen iſt. Nach der Rückkehr des Großherzogs 1849 huldigten die jungen Grötzinger Bürger ihm an feinem Geburtstag und tranken auf Koſten der Ge: meindekaſſe, wie es immer üblich war, beim Adlerwirt ihren Wein. Ob ſie dabei die Republik mit einem Großherzog an der Spitze haben hochleben laſſen, wie es an anderen Orten geſchah, ſteht nirgends geſchrieben. 9. Vom Bauerndorf zum Induſtriedorf. Die Einigung Deutſchlands löſte Kräfte aus, die der deutſche Zollverein ſchon entbunden hatte. Die Umwandlung eines Agrar— ſtaates in einen Induſtrieſtaat ſetzte ein und machte ſich in jeder einzelnen Haushaltung bemerkbar. Für Grötzingen bedeutete das eine gerade ſo große Umwälzung wie die Peſt vom Jahre 1622. Dort ſtarben die Menſchen dahin und nur wenige Familien retteten die Tradition hinüber in eine andere Zeit und teilten ſie Menſchen mit, die als Fremde ſich in Grötzingen niederließen und ſich bald als echte Einheimiſche fühlten. Trotzdem konnte der Faden, der die Zeit vor und nach dem dreißigjährigen Krieg verband, nicht mehr ſo feſt geknüpft werden, wie es vielleicht möglich geweſen wäre, wenn nicht ein ſo gewaltiger Aderlaß unter den Menſchen geſchehen wäre und wenn nicht der dreißigjährige Krieg durch die vielen Franzoſen⸗— kriege in ſeiner Vernichtung verlängert worden wäre. Bei der Umwandlung Grötzingens aus einem Bauerndorf in ein Induſtriedorf find zwar die Menſchen geblieben. Sie wurden aber herausgeriſſen aus ihrer jahrhundertalten Beſchäftigung; ein zwölfſtündiger Arbeitstag verdrängte das Faulenzerleben, das der Grötzinger bisher im Winter führen mußte. Unter Entbehrungen zwar, denn das Holzſchlagen im Walde brachte die einzige Beſchäftigung. Und die war nicht lohnend. So lang und hart die Fabrik arbeit auch zu Beginn der Induſtrialiſierung war, ſie brachte wenigſtens Geld ins Dorf. Sie brachte aber auch die Grötzinger in Verbindung mit anderen Menſchen und anderen Anſichten. Die Kritik wurde an das Althergebrachte gelegt und, wie die Bauernſöhne immer mehr abnahmen, ſo fiel auch manche alte gute, aber auch ſchlechte Sitte der neuen Zeit zum Opfer. 51 Es ſind die Jahre, wo wir lückenloſe Aufzeichnungen haben über die Bewegung der Menſchen, des Viehes, des Grund und Bodens, der Schulden, des Vermögens uſw. Und überall ſchaut dasſelbe Bild uns an: Das Bauerndorf Grötzingen auf dem Marſchel Wohin? Zum Induſtrie dorf, zum Vorort eines Induſtriezentrums Durlach ⸗ Karls ruhe. In den fünfziger Jahren war die Auswanderung nach Amerika noch die einzige Möglichkeit, um dem kärglichen Leben voll Anſpruchsloſigkeit und Not zu entgehen. Jetzt bleiben die Menſchen hier. Der Grötzinger Boden braucht ſie nicht mehr zu ernähren. Sie machen ja Induſtrieerzeugniſſe, die anſtatt der Menſchen ins Ausland wandern und Korn und Fleiſch dem Induſtrievolk bringen. Die Menſchen bleiben, Grötzingen wächſt, auf dem alten Boden ſtehen heute zwei Grötzin gen. Bis zum Eintritt regelmäßiger Volkszählungen hatte Grötzingen 15002000 Einwohner. Im Jahre 1852 hatte es 2021 Einwohner, die infolge Auswanderung bis zum Jahre 1855 auf 1890 zurückgingen. Zehn Jahre ſpäter waren es aber ſchon wieder 2200 Einwohner. Mit dem Jahre 1871 ſetzt nun das fortwährende Wachstum ein. 1895 wird das dritte Tauſend überſchritten, bei der kommenden Volkszählung werden wir vielleicht ſehen, daß 1923 das vierte Tauſend erreicht wurde, da wir 1913 ſchon 3870 Einwohner hatten. Die Urzelle jeder Volksgemeinſchaft iſt die Familie. In ihr wird der Menſch geboren und in ihr empfängt er feine tiefſte Befruchtung für ſein ſpäteres Leben. Die Gründung einer Familie iſt in bäuerlichen Verhältniſſen ſchwer, weil hier Land und Haus die Vorausſetzung der Eheſchließung find. Bis zu den achtziger Jahren behielt Grötzingen ſein äußeres Ausſehen. Es wurde wenig gebaut. Es gab 1880 noch ungefähr die gleiche Anzahl von Familien, wie wir ſie 20 Jahre vorher auch ſchon hatten, nämlich rund 470. Dann ſpringt aber die Zahl nur ſo in die Höhe! Fünf Jahre ſpäter ſchon 542, wiederum zehn Jahre nachher 100 mehr und ſo mit jedem Jahrzehnt, daß heute die Zahl 1000 Familien ſchon überſchritten ſein wird. 1913 waren es 936. Eine kluge Gemeindepolitik rechnet mit dieſem Wachstum, weil es der Gemeinde immer größere Aufgaben ſtellt. Die Gemeinde muß Straßen ſchaffen, daß womöglich auf eigenem Grund der Bau des eigenen Hauſes geſchehen kann. Machen wir uns nur einmal klar, daß in den letzten 40 Jahren Grötzingen 200 neue 1 52 Häuſer zugewachſen find. Ein Dorf mit 200 Häuſern iſt ſchon ein großes Dorf. Und hier kamen ſie zu dem alten Dorf hinzu. Zweihundert Häuſer kann viel oder wenig fein, je nachdem die Be: völkerungszahl geſtiegen iſt. Das Ziel jeder Wohnungspolitik muß ſein: Jeder Familie ihr eigenes Haus. Solange der bäuerliche Charakter in Grötzingen vorherrſchte, hatte tatſächlich jede Familie ihre eigene Wohnſtätte, die oft allerdings unter einem Dache ſtand. Dieſer Zuſtand verſchlechterte ſich mit jedem Jahr bis zum heutigen Tag. Die früheſte Angabe über die Zahl der Haushaltungen, die in einem Hauſe wohnen, ſtammt aus dem Jahre 1880, alſo aus einer Zeit, wo die Induſtrialiſierung des Dorfes gerade einſetzte. Da waren noch 173 Haushaltungen, die für ſich in einem Hauſe wohnten und kaum 100, die mit einer anderen Familie im gleichen Hauſe zuſammenwohnten. Fünf Jahre ſpäter, im Jahre 1885, waren es nur noch 158 Familien, die allein in ihrem Hauſe wohnten, während ſchon 30 mit drei Haushaltungen in einem Hauſe vereinigt waren. 1890 hatte ſich das Verhältnis noch mehr verſchoben, ſo daß ſchon 439 Familien ihr Haus mit anderen teilten. Das Zeichen der Großſtadt iſt: Anhäufung von vielen Menſchen auf möglichſt kleinem Raume. Und die Folge ſind Mietskaſernen, wo die Sonne nur mit Mühe durchdringen kann. Möge Grötzingen vor ſo ungeſunden Verhältniſſen bewahrt bleiben! In der Art des Wohnens iſt eine Verbeſſerung unverkennbar. Aus der Stube und Kammer des Bauernhauſes find Zimmer ges worden. Eine Familie wohnt umſo geſünder, je mehr Zimmer ihr zur Verfügung ſtehen. Schlechte Wohnungsverhältniſſe ſind in einem Bauerndorf nicht gefährlich, weil die Menſchen doch nur den geringſten Teil ihres Lebens im geſchloſſenen Raum ſind und weil die ſchlechte Zimmerluft reichlich erſetzt wird durch die Beſchäftigung im Freien. Der Induſtriearbeiter aber darf nicht Tag und Nacht in ſchlechter Luft verbringen. Die Zahl der Tuberkulöſen würde verheerend wachſen. Es kann mit Freude feſtgeſtellt werden, daß die Haushaltungen, die nur einen Wohnraum haben, beſtändig im Ab— nehmen iſt. 1885 wohnten noch 170 Familien in einem Wohn: raum, 1900 ſind es nur noch 107. Die Mehrzahl der Familien hat zwei und mehr Wohnräume. Vor 40 Jahren hatten noch 35 Familien keine Küche. Heute dürfte das größtenteils verſchwunden ſein oder nur ein durch den verlorenen Krieg hervorgerufener, in ſeiner Schädlichkeit erkannter Zuſtand ſein. 53 In den achtziger und neunziger Jahren wurden in den Städten die eintönigen Straßenzüge hingeſtellt, die zwar den Leuten Wohnung gaben, dabei aber dem Bauherrn auch eine gute Rente ab— warfen. Das Jahr 1895 ſcheint für Grötzingen der Tiefpunkt ſeiner Wohnungskultur zu ſein. Auf ein Haus kommen durchſchnittlich 9,08 Perſonen, während zehn Jahre vorher nur 8,19 Perſonen auf ein Haus entfielen. Wenn im Jahre 1910 nur 8,66 Perſonen auf ein Haus entfallen, ſo will das nicht ſagen, daß für die Familien mehr Häuſer zur Verfügung ſtehen, ſondern die Perſonenſtärke der einzelnen Familien bewegt ſich langſam nach unten. Die kinder— reiche Familie war zu Großvaters Zeit die Regel, heute iſt ſie es nicht mehr. Der wirkliche Tiefpunkt der Wohnungskultur liegt im Jahre 1965, wo durchſchnittlich auf jedes Haus 1,92, alſo beinahe zwei Familien kamen, wohingegen 1895 erſt 1,89 Familien ſich in einem Hauſe teilen mußten. Daß Grötzingen mehr Frauen als Männer hat, iſt eine Erſcheinung, die überall in Deutſchland beobachtet werden kann. Merk— würdigerweiſe überwiegen zwiſchen 1900 4910 die Männer. Als ob die Natur den männerverſchlingenden Krieg vorausgeahnt hätte! Die Verſchiebung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe und die Umwandlung Grötzingens zu einem Induſtriedorf nahm ihm auch ſeinen einheitlichen konfeſſionellen Charakter. Grötzingen war ſeit der Reformation evangeliſch, heute iſt wieder katholiſcher Gottes: dienſt dort in einer aus einer Villa umgewandelten Kirche. Nicht als ob jemand ſeinen Glauben gewechſelt hätte. Es ſind Zuwanderer, die die Induſtrie anlockte. Waren es 1880 erſt 66, ſo ſind es 1910 ſchon 247. Umgekehrt iſt die Entwicklung der Israeliten. Sie vermindern ſich in jedem Jahr an Zahl. Dabei iſt das Verhältnis zwiſchen Juden und Chriſten nicht ſchlecht. Im Gegenteil. Der Jude wird überall gern geſehen. Seine Beſchäftigung im Handel führt ihn aber in die Ferne, ſo daß damit gerechnet werden muß, daß eines Tages Grötzingen ohne Juden iſt. Von den 106 Juden des Jahres 1875 ſind 1910 noch 64 übrig geweſen. Vielleicht bleibt von den Grötzinger Juden in einigen Jahrzehnten nur noch der Name„Grötzinger“ übrig, den wandernde jüdiſche Handelsleute in früheren Jahrhunderten von den Ortsnachbarn erhielten und der bis heute in manchen Familien weiterlebt. Nur läßt ſich nicht mehr feſtſtellen, aus welchem Grötzingen dieſe Familien ſtammen, da das . 54 württembergiſche und bayeriſche Grötzingen auch Familien gleichen Namens abgeſtoßen haben. Mehr noch als die Zuwanderung der Katholiken und die Abwanderung der Juden läßt uns der Geburtsort der gegenwärtigen Grötzinger Einwohner einen Blick in die langſame, aber ſtete Durchſetzung der Grötzinger Bevölkerung mit fremden Elementen tun. Der„alte“ Grötzinger war ſelbſtverſtändlich in Grötzingen geboren. Vom jetzigen Grötzingen kann man das nicht mehr ſagen. 1885 waren ſchon 400 Perſonen außerhalb Grötzingens geboren, 1900 ſchon über 600. Alſo durchſchnittlich jeder ſechſte Grötzinger hatte ſeine Wiege außerhalb ſeines Wohnortes. Das wird manchem alten Grötzinger einen ſchweren Schlag geben, aber dieſe Entwicklung ſchreitet in den nächſten Jahren ſicherlich noch weiter fort. Natürlich iſt die größte Zahl davon in Baden geboren, vielleicht gar in einem Nachbardorf, aus dem es durch Heirat auswanderte. Die Volks= zählung 1900 ergab, daß 161 außerhalb Badens im Deutſchen Reich und 13 ſogar im Ausland das Licht der Welt erblickt hatten. Einen wertvollen Fingerzeig in die Entwicklung der Bevölkerung gibt uns die Geburtentabelle. Sie iſt charakteriſtiſch auch für alle Städte, nur daß dort die Entwicklung ſchon früher eingeſetzt hat als in Grötzingen. Die letzten dreißig Jahre ſind die Jahre, wo die induſtrielle Entwicklung am ſtärkſten zum Ausdruck kam. Daher wollen wir dieſe Jahre umſo eingehender betrachten. Das an Geborenen reichſte Jahr war das Jahr 1908, wo 168 Kinder geboren wurden bei 3500 Einwohnern. Dieſe Zahl wird noch lange in Grötzingen die Rekordzahl bleiben. Die Bevölkerung wächſt, aber die Geburtenkurve ſinkt jedes Jahr. Zwiſchen 1890 und 1908 bei einer durchſchnittlichen Bevölkerung von 3000 Menſchen werden jährlich rund 140 neue Menſchen geboren, nach 1908 bis zum heutigen Tag bei durchſchnittlich 3500 Einwohnern ſank die Geburten: kurve mit jedem Jahr und erreichte 1913 mit 96 Geburten ihren Tiefſtand vor dem Krieg. Den Tiefſtand im Kriege brachte das Jahr 1918 mit 38 Geburten, die im Jahre 1921 auf 89 wieder empor: geklettert ſind. Solange die Geburtenausfälle durch Verringerung der Sterbefälle ausgeglichen werden, iſt es für den Beſtand der Bevölkerung nicht gefährlich. Und wir ſehen, daß mit jedem Jahr dem Tod mehr der Stachel genommen wurde. Das iſt dem Fortſchreiten der ärztlichen Wiſſenſchaft zu verdanken, vor allem aber auch der vernünftigeren Lebensweiſe der Menſchen ſelbſt. Die Schulbildung beſteht hier ihre Probe. In den neunziger Jahren ſterben nur zwei: mal mehr als 160 Menſchen: 1891 ſterben 110, 1897 find es 101. Obwohl die Bevölkerung mit jedem Jahre wächſt, vermindern ſich doch jährlich die Sterbefälle. Die Zahl hundert wurde nie mehr erreicht, nicht einmal in der Ruhrepidemie des Jahres 1917, wo die Sterbekurve auf 97 ſtieg. Solange alſo die Zahl der Geborenen die der Sterbenden übertrifft, iſt für die Grötzinger Bevöl— kerung nichts mehr zu befürchten. Durchſchnittlich nimmt die Be— völkerung jährlich immer noch um 50 Seelen zu. Nur 1916, 1917, 1918 find mehr Perſonen geſtorben als geboren. Betrug die Ge: ſamtſumme zwar nur 14 Menſchen, ſo iſt es immerhin ein Zeichen, daß der Punk; bald erreicht iſt, wo Geburten und Sterbefälle ſich aufheben und ein Stillſtand in der Bevölkerungszunahme eintritt. Die Sterbetabelle gibt uns einen Fingerzeig für die gefund: heitlichen Verhältniſſe und das Maß, wie die Menſchen ſich und die anderen vor Krankheit ſchützen und ihre perſönliche Erfahrung mit der wiſſenſchaftlichen Erkenntnis zur Erhaltung des Lebens ver— binden. Die Säuglingsſterblichkeit, das heißt der Tod der Kinder unter einem Jahre, war in den neunziger Jahren in Grötzingen groß. Von hundert Geborenen ſtarben immer wieder mehr als zwanzig. Das muß nicht ſo ſein. In den letzten zwanzig Jahren ſind wir da ein ganz bedeutendes Stück vorwärts gekommen. Die Grötzinger Mütter, noch nicht alle, haben etwas gelernt, wie die Jahre 1915 und 1918 zeigen, wo nur 5, bezw. 10 Kinder von hun— dert Neugeborenen ſtarben. Die Zahlen ſind vor allem im Blick auf die Geſtorbenen überhaupt noch zu groß. Es iſt doch ein Mißverhälknis, daß in den neunziger Jahren im erſten Lebensjahre durch: ſchnittlich mehr Menſchen ſtarben als im ganzen übrigen Leben. Obwohl vom Jahre 1908 ab allmählich nur ein Drittel aller Ge: ſtorbenen Säuglinge find, kann das Verhältnis ſicher noch mehr ge= beſſert werden. Welche ungeheure Kraftverſchwendung iſt es doch, Menſchen zur Welt zu bringen und ſie nicht erhalten zu können! Es iſt kein Troſt, daß die Reichsſtatiſtik auch nicht beſſer iſt. Hüten müſſen wir uns vor einer großen Täuſchung, daß die Verhältniſſe ſprunghaft beſſer geworden find, weil von 1915 ab die Säuglingsſterblichkeit im Verhältnis zu der Zahl der anderen Ge: ſtorbenen ſo gering iſt. Die ſchlechten Ernährungsverhältniſſe haben vor allem das Leben der älteren Leute verkürzt. Im Rübenwinter 1916/17 und im Ruhrjahr 1917 machen die toten Säuglinge nur ein NP 56 Zehntel aus, obwohl auf 100 geborene Kinder umgerechnet 23 ge— ſtorben ſind. Alſo ſo viel, wie in den neunziger Jahren. Es hängt mit leicht zu erklärenden Verhältniſſen zuſammen, daß die Sterblichkeit unehelicher Säuglinge größer als ehelicher iſt. Aber fie iſt hier nicht größer, ebenfalls nicht die Zahl der nuehelichen Kinder überhaupt, als in Deutſchland. Die Zahl unehelicher Geburten ſchwankt außerordentlich, ſie beträgt 1918 mit 2,5 Prozent neunmal weniger als zwei Jahre ſpäter, im Jahre 1920, wo von hundert Kindern 18,22 unehelich geboren waren. Während in ganz Deutſchland auf 100 Kinder zwiſchen 1891 bis 1900 9,1 Prozent uneheliche kamen, waren es in Grötzingen nur 7,7 Prozent, eine Zahl, die allerdings durch das folgende Jahrzehnt 1901 bis 1916 guf 9,9 Prozent ſtieg und damit auch die Verhältniszahl für Deutſch— land, die 8,6 Prozent betrug, um über einen Prozent übertraf. Das letzte Jahrzehnt, von 1911 bis 1920, brachte wieder eine Senkung in Grötzingen auf 8,8 Prozent. Die Zahl der Eheſchließungen iſt in Grötzingen beſſer als im Reich. Das iſt ein Zeichen geſunder Verhältniſſe, daß es jungen Leuten möglich iſt, in ihrem beſten Alter eine Ehe zu gründen. In den letzten zehn Jahren iſt die Zahl ſehr zurückgegangen. Hier trägt auch der Krieg mit feinem Männerxverluſt die Schuld, ſonſt hätten ſich 1917 nicht nur ſechs Paare trauen laſſen, während es 1913 26 waren. 1920 ſtieg die Zahl ſchon wieder auf 48. Ein gutes Zeichen, wie die geſundheitlichen Verhältniſſe ſich ae hoben haben, iſt die Verminderung der Witwen im Verhältnis zur Geſamtbevölkerung. Die Ehen werden nicht mehr ſo früh durch den Tod eines Ehegatten gelöſt! 1867 hatten wir in Grötzingen 116 Witwen, 1919 bei faſt der doppelten Bevölkerung nur zehn mehr, alſo 126. Die Männer ſterben in der Regel früher als die Frauen, deshalb iſt die Zahl der Witwer in Grötzingen ſtets geringer als die der Witwen geweſen. Sie beträgt durchſchnittlich nur ein Drittel der Witwen. Die Todesurſachen ſind verſchiedenartig. Einige müſſen ihrer Häufigkeit und Regelmäßigkeit wegen doch hervorgehoben werden. Das iſt Krebs und Lungenſchwindſucht. Das ſind die Krankheiten, die ausnahmslos jährlich einige Opfer verlangen. Ohne fünf an Lungenſchwindſucht Sterbende geht es im Jahr nicht ab. Ebenſo wütet der Krebs, der 1920 elf Menſchenleben verlangte. Epidemien 57 ſind in den letzten Jahrzehnten kaum aufgetreten. Die Ruhr im Jahre 1917, die 60 Menſchen dahinraffte, und die Grippe im folgenden Jahre mit 15 Todesfällen iſt noch in aller Erinnerung. Die beſte Darſtellung von der langſamen Verſchiebung Grötzingens aus einem Bauerndorf in ein Induſtriedorf gibt uns die Be: rufszählung. Mit wenigen Ausnahmen war Grötzingen vor fünfzig Jahren landwirtſchafttreibend. Die letzte Berufszählung vom 12. Juni 1907 gibt uns ein ganz anderes Bild. Bei einer Bevölke— rung von 3494 Seelen gehörten nur noch 688 der Landwirtſchaft an. Die Induſtrie beanſpruchte 2115 Perſonen und im Handel und Ver— kehr betätigten ſich 360 Perſonen, d. h. natürlich, daß der Hauptberuf der Ernährer in einem dieſer Berufe lag. Das In du ſtrie— dorf iſt beinahe vollendet. Noch einige Jahre, und die Landwirtſchaft wird nur noch im Nebenberuf ausgeführt. Hoffent— lich find die Beſitzverhältniſſe dann fo, daß jede Familie auch ein Stück Land ihr eigen nennen kann. Die Gewerbezählung vom 14. Juni 1895 gibt uns in Grötzingen 178 Betriebe an mit einem Perſonal von 918 Perſonen im Durch» ſchnitt des Jahres. So wie viele Grötzinger außerhalb ihres Wohn— ortes ihrem Berufe nachgehen, ſo ſind unter dieſen 918 Beſchäftigten auch Leute aus der Umgebung. Die Induſtrie am Platze ſelbſt wird die Umwandlung des Bauerndorfs in ein Induſtriedorf noch be: ſchleunigen und vervollſtändigen. Es würde zu weit führen, dieſe Betriebe alle einzeln aufzuführen. Ich erinnere nur an die frühere Munitionsfabrik, an das Eiſenwerk Fießler, aber auch das Bau- und Holzverarbeitungsgewerbe verdient Erwähnung. Die Betriebe mehren ſich, die Menſchenzahl wächſt, die Zahl der Häuſer ſteigt, der Boden aber, auf dem ſich alles abſpielt, bleibt derſelbe. An Größe wenigſtens. Auf dieſer gleichbleibenden Größe ſpielt ſich nun aber eine Veränderung des Ausſehens ab, die das Spiegelbild des veränderten Dorfes iſt. Was muß wachſen? Hofraite und Gartenland auf Koſten des Ackers. Die Statiſtik, die uns über dieſen intereſſanten Vorgang Aufſchluß gibt, reicht leider nur bis zum Jahr 1882 zurück. Die vierzig Jahre, bis 1920, genügen aber, um den Umwandlungsprozeß mit aller Deutlichkeit zu ſehen. Es liegen auch ſchon die Zahlen aus dem Jahre 1921 und 1922 vor, durch den Austauſch gewiſſer Gemarkungsſtücke verſchiebt ſich aber das Bild, ſo daß wir plötzlich ganz andere Zahlen haben. Welche Umwandlung mit Grund und Boden geht nun vor ſich? Innerhalb 58 40 Jahren ſtieg der Umfang der Hofraite von 11 Hektar auf 20, das Gartenland von 14 Hektar auf 22. Das Ackerland dagegen fiel von 376 Hektar auf 340, nach dem Ausweis von 1922 iſt es ſchon auf 333 geſunken. Es wird in der Zukunft noch viel mehr ſinken und immer neues Ackerfeld wird zu Gartenland und Hofraite werden. Wieſen und Wald ſind ſich ungefähr gleich geblieben, die Weinberge können nicht in Rechnung geſtellt werden, weil ſie größtenteils auf Durlacher Gemarkung lagen. Durch den Gemarkungsumtauſch im Jahre 1921 ſind allein 10 Hektar Weinberge an die Grötzinger Ge: markung gefallen. Heute wo faſt jede Familie vom Boden einen Eigentumsteil hat, ſei es in Haus, Garten und Acker, kann es keine Großbauern geben. Bei 4000 Einwohnern hat Grötzingen rund 7600 Eigentumsſtücke, alſo noch nicht einmal zwei auf den Kopf der Bevölkerung. Dieſer Kleinwirtſchaft entſpricht auch die Art der Boden benutzung. Die Futterpflanzen gehen mit jedem Jahr zurück; der Anbau von Dinkel(Spelz) iſt von 47 Hektar im Jahre 1900 auf 1 Hektar im Jahre 1922 herabgeſunken, während das Kartoffelfeld in der gleichen Zeit von 73 auf 80 Hektar geſtiegen iſt. Der Tabakbau, der 1855 noch 15 Morgen betrug, iſt ganz verſchwunden, ebenſo iſt der Kleebau von 100 Morgen im Jahre 1865 auf 51 Hektar im Jahre 1900 und auf 30 Hektar im Jahre 1922 zurückgegangen. Dagegen ſteigt der Baum in der Wertſchätzung. Eine Wanderung im Mai über den Turmberg mit dem Blick auf das Pfinztal zeigt uns einen richtigen Blütengarten. Welche Aenderung! Vor zweihundert Jahren mußte es Markgraf Karl Wilhelm jedem Hochzeitspaar zur Pflicht machen, einen Baum zu pflanzen, heute grüßen uns mit ihren Blütenkronen 5000 Apfelbäume, 4000 Birnbäume, 6200 Zwetſchgenbäume, 1550 Pflaumenbäume, 2050 Kirſchbäume, und 450 Nußbäume geben mit ihren Aeſten Schatten und Früchte. Der alte Bauer liebte den Baum nicht. Er ſah nur den Schatten, mit den Kirſchen und Pflaumen konnte er nichts anfangen. Er wollte Futter und Frucht für ſein Vieh haben. Ja, er mußte es haben, ſonſt hätte er ſein zahlreiches Vieh nicht durchbringen können. Garten- und Baumland bedingen eine Verminderung des Großviehs und eine Vermehrung der Kleintierzucht, ein Vorgang, der in allen Uebergangsdörfern beobachtet werden kann. 1870 konnte Grötzingen ſeine 200 Pferde noch gut gebrauchen, 1910 haben 126 genügt. Die ſtarke Verminderung durch den Krieg wird ihre Zahl 59 nicht mehr über 80 kommen laſſen. Die gleiche rückläufige Bewegung machen die Kühe und Rinder, die mit 316 Stück im Jahre 1922 noch nicht einmal die Hälfte der 680 im Jahre 1870 ausmachen. Dagegen kommen zwei Tiere mehr in den Vordergrund der Pflege, die 1870 kaum in Grötzingen bekannt waren: die Ziegen und Ka— ninchen. Welcher Unterſchied zwiſchen den 25 Ziegen im Jahre Pepmüller Pfinztal 1870 und den 685 im Jahre 1922! Und während des Krieges war doch das Kaninchen in vielen Familien der einzige Fleiſchſpender. S868 Stück wurden 1929 in Grötzingen gezählt. Merkwürdigerweiſe haben ſich die Gänſe um die Hälfte ihrer Zahl vermindert, während die Enten und Hühner in den letzten 50 Jahren ſich verdoppelt haben. Gar keinen Eindruck ſcheint die Hundeſteuer zu machen, ſonſt hätten ſich nicht die Hunde zwiſchen 1905 und 1922 von 97 auf 216 vermehren können. Schweine gibt es in Grötzingen in wach: ſender Zahl. Zwar iſt die Zahl 740 im Jahre 1900 eine Rekordzahl, die 527 des Jahres 1922 genügen aber noch, daß jede zweite Familie einmal im Jahr ihr Schlachtfeſt feiern kann. 60 Das Vermögen der Gemeindeangehörigen läßt ſich infolge der Geldentwertung ſchwer ſchätzen. Sicherlich iſt die größte Zahl der Häuſer und der Felder, die vor dem Kriege erworben wurden, heute bezahlt. Der Steuerwert der Grundſtücke und Gebäude betrug 1903 rund 5 Millionen Goldmark, wovon 1 845 000 M in 947 Grundbucheinträgen belaſtet waren. Da auch 324 Darlehen in Höhe von 1144 706 M gegeben waren, belief ſich die Geſamtverſchuldung auf rund 3 Millionen M6. Die Zahl der Grundeigentümer betrug 1296. Es gab alſo kaum einen Eigentümer, der vollſtändig ſchuldenfrei war. Es iſt natürlich nicht geſagt, daß ein Teil der Schuldner nicht andererſeits wieder bares Geld auf irgend einer Kaſſe hatte. Im großen und ganzen kann aber behauptet werden, daß es keine Reichen in Grötzingen gab, daß aber die Bürger in ſteter Arbeit und Sparſamkeit ſich mühten, ihr Haus und Feld immer mehr ſchuldenfrei zu machen. Die übergroße Mehrzahl der Pfandſchulden beſtand in kleinen Beträgen. 619 Einträge beliefen ſich auf eine Schuld von 1000 M und darunter. Die Verſchiebung des Dorfcharakters kommt auch in den Schulden zum Ausdruck. 381 Schuldner mit einem Kapitalbetrag von 435 000 M waren Landwirte oder ſtanden ihnen nahe, während 556 Schuldner mit 1401 000 AM Schulden dem Gewerbe, Handel oder Verkehr angehörten. Wie ſehr die Abhängigkeit geiſtiger Kräfte von äußeren Ver— hältniſſen beſtimmt iſt, zeigt das ſtetig ſich verſchiebende Stimmenverhältnis bei den Gemeinde, Land- und Reichstagswahlen. Nach unſeren bisherigen Behauptungen mußte jene Partei mit der Zeit die Oberhand bekommen, die die aufkommende Induſtriebevölkerung an ihre Fahne feſſeln konnte. Das war die ſozialiſtiſche Partei. Wenn wir rückwärts ſchauend die Wahlkämpfe, die in Grötzingen immer ſehr lebhaft waren, betrachten und wiſſen, daß die äußere Umgeſtal= tung des Dorfes auch eine geiſtige im Gefolge haben muß, ſo möchten wir fragen, warum denn die Kämpfe, wenn doch alles ſo kommen muß? Erſtens wußten aber die führenden Parteimänner der ver: floſſenen Wahlkämpfe nicht den Zuſammenhang zwiſchen wirtſchaft= lichen Verhältniſſen und geiſtiger Einſtellung, zweitens iſt es ein Naturgeſetz, das für das Ringen geiſtiger Kräfte gilt, daß neue Geiſtesſtrömungen nur im Kampf mit den alten ſieghaft empor: ſteigen. Neues Leben wächſt aus den Ruinen auch auf geiſtigem Gebiet. In Wahlzeiten ſchlagen die Wellen hoch. Stets haben über 61 80 Prozent aller Wahlberechtigten, bei der Reichstagswahl 1907 ſogar 93,6 Prozent abgeſtimmt. In der Reichstagswahl 1903 ſtanden ſchon 308 ſozialiſtiſche Stimmen 226 bürgerlichen Stimmen gegenüber. Bei allergrößter Kraftanſpannung können die Bürger— lichen 1907 ihre Stimmenzahl um 13 auf 239 ſteigern, dagegen erhält die ſozialdemokratiſche Partei 443 Stimmen. Die Wahlen zur Nationalverſammlung im Jahre 1919, bei denen zum erſten Mal die Frauen ſich beteiligten, brachten den Bürgerlichen einen Stimmen— uwachs auf 808 Stimmen, denen die Sozialdemokraten 1124 gegen: ſtellen konnten. Die Frau in Grötzingen hat alſo einen konſervativen Zug. Und als bei der erſten Reichstagswahl 1920 auf Grund der Weimarer Verfaſſung die Sozialiſten auch in Grötzingen in drei Parteien zerfielen, bildeten die geſamtſozialiſtiſchen Stimmen in Grötzingen immer noch die Mehrheit. Grötzingen war ein Arbeiterdorf geworden. 10, Der Weltkrieg 1914 1918. In den letzten Julitagen 1914 war Grötzingen wie ganz Deutſchland in geſpannter Erwartung: Werden die Neider Deutſchlands es wagen, uns anzugreifen? Es kam ſo. Alle dachten, es werde ein kurzer, aber ſchrecklicher Krieg werden. Nun ward es ein langer und ein furchtbarer. Schon am Tage, wo die drohende Kriegsgefahr erklärt wurde, eilten Grötzinger in ihre Garniſon. Dann kam die Mobilmachung. Jeder gediente Mann wußte, wann und wo er ſich zu ſtellen hatte. Die letzten Garben wurden eingeführt, ſo lange der Vater und Sohn noch zuhauſe waren, oder ehe das Pferd abgegeben werden mußte. Dann zogen ſie täglich fort. Wilde Gerüchte durchſchwirrten die Luft. Alles ſah Spione und Feinde, die noch im Auto ſchnell fliehen wollten. Der Bahnhof bekam eine militäriſche Wache, Grenadiere aus Karlsruhe ſtanden an der Munitionsfabrik Poſten, kein Fuhrwerk oder Auto paſſierte die Straße, ohne daß nicht ein Landſturmmann es anhielt. Die Krieger von 1870/71 griffen zum Gewehr und ſtanden in den Auguſtwochen Poſten vor den Waſſerhochhältern und an dem Gas- und Waſſerzähler an der Landſtraße nach Durlach. Spione könnten die Waſſerleitung in die Luft ſprengen oder das Waſſer vergiften! 2 62 Der öffentliche Verkehr auf der Eiſenbahn wurde von Tag zu Tag weniger. Militärzüge füllten die Lücken und Züge von Frei: willigen, die ſuchten, in irgend einer Garniſon unterzukommen. Mancher Grötzinger iſt ſo von Garniſon zu Garniſon durch ganz Deutſchland gefahren, bis er irgendwo bei einer Waffengattung Unterkommen fand. Fahrkarten verlangte einem Freiwilligen niemand ab. An jeder Station drängten ſich die Einwohner und gaben Eſſen und Getränke. Kein Militärzug rollte in den erſten Monaten durch Grötzingen, ohne daß nicht Grötzinger die Bahn: gleiſe entlang liefen und aus Körben und Krügen gaben, was ſie hatten. Dann kamen die erſten Siegesnachrichten. In Oſt und Weſt wurde der Feind von deutſchem Boden vertrieben. Die Kirchen: glocken läuteten die Siege ein und in den Wirtshäuſern ſangen die Gäſte die„Wacht am Rhein!“ Der Pfarrer ſchrieb im Gemeinde: hoten vom Oktober 1914:„Als kürzlich Hindenburgs großer Ruſſenſieg bekannt wurde, haben unſere Läutenden ſo begeiſtert am Glockenſtrang gezogen, daß ſich die kleine Glocke überſchlug und ſeither— mit einem großen Sprung angetan— nur noch„mitſchättern“' könnte, wenn wir nicht vorgezogen hätten, fie vorläufig ihres Dienſtes zu entheben. Wir ſtehen nun vor der Notwendigkeit eines Umguſſes, ſagen uns aber zum Troſt, daß der Fang von 90 000 Ruſſen es wert war, daß man bei feiner Verkündigung auch eine Glocke zerſchlug.“ Mitte Auguſt 1914 waren ſchon 289 Männer zu den Fahnen gerufen, abgeſehen von den etwa 80, die gerade ihrer Militärpflicht genügten. Da gab es auch in Grötzingen für die Frauen Gelegen— heit genug, zu helfen und zu ſchaffen. Ein Teil ſtrickte Socken für die Soldaten draußen, andere nähten Wäſche, Nachbarn und Ver: wandte halfen ſich gegenſeitig, wo die kräftigere Männerhand fehlte. Wie viele fleißige Hände für unſere Soldaten am Werke waren, mag aus folgenden Zahlen erſehen werden. Im Oktober 1914 wurden durch den Frauenverein an das Rote Kreuz abgeliefert: 251 Paar Socken, 23 Taghemden, 18 Nachthemden, 24 Paar Unterhoſen, 160 Taſchentücher, 73 Waſchlappen, 72 Kiffen, 17 Binden, 44 Dreiecktücher, 3 Paar Staucher, 1 Bettuch und 1 Teppich. Die Kaſerne in Durlach war zu klein, um alle Formationen zu faſſen, die dort zuſammengeſtellt wurden. So hatte Grötzingen von Anfang an Einquartierung. Allmählich wurde es aber von Militär — . 63 ſtiller. Die Gernadiere aus der Munitionsfabrik rückten ab, die Straßen- und Bahnbewachung wurde verringert, die Truppen waren im Felde nötig, wo die Etappe tagtäglich größer wurde. Die Feldpoſt, die in den Tagen des Aufmarſches keine Nachricht von den Söhnen und Vätern draußen brachte, ſchickte jetzt regelmäßiger die Grüße vom Felde zur Heimat. Der Gemeindebote veröffentlichte mit jeder Nummer einen oder den anderen Brief, die ſo zu der ganzen Gemeinde ſprachen. Die Feldpoſt brachte auch von der Gemeinde jedem Soldaten einen Weihnachtsgruß. Der Schnitter Tod ſtreckte häufig ſeine Hand nach den Grötzingern aus. Die Zahl der Gefallenen wuchs mit jedem Monat. Das Leben hatte ſich an den Krieg gewöhnt. Der Glaube an einen ſchnellen Sieg war dahin. Deutſchland war eine Inſel geworden, die nur auf ſich angewieſen war, während am Rande der Inſel Millionen deutſcher Männer ſtanden und den Einbruch der feindlichen Wellen abwehrte. Der Abwehr: kampf konnte ſo lange durchgeführt werden, wie Lebensmittel und Rohſtoffe vorhanden waren. Auf Grötzingen drückte die ganze Schwere des Wirtſchaftskrieges wie auf jeden deutſchen Ort. Die deutſche Wirtſchaftsgeſchichte des Krieges iſt auch ein Teil Geſchichte von unſerem Dorfe. Daher nur einige der einſchneidendſten Ver: ordnungen. 1916 wurden alle Haushaltunggegenſtände aus Kupfer, Nickel, Meſſing uſw. beſchlagnahmt. In Grötzingen lieferten 355 Perſonen ſolche Gegenſtände ab. Die Fahrradreifen mußten abgeliefert werden. Um die Oelknappheit zu beſeitigen, wurde das Sammeln von Bucheckern empfohlen und die Verarbeitung der Weintreſter und Traubenkerne. Unſere Schulkinder zogen unter Führung ihrer Lehrer in den Wald, um Bucheln zu ſammeln. Der Ertrag war ſehr reichlich ausgefallen. Wer auf den Schulſpeicher kam, ſtaunte, was die flinken Hände und ſcharfen Augen der Kinder dem Waldboden entnommen hatten. Die Fettknappheit bedingte die Einführung der Seifenkarte, nachdem die Brotkarte ſchon ihr einjähriges Jubiläum hatte feiern können. 1917 wurden die 5⸗ und 104 Pfennig⸗-Stücke aus Nickel ein: gezogen und dafür die aus Eiſen in den Verkehr gebracht. * 64 Zur Ablieferung der Goldmünzen wurde ſchon Ende 1914 auf» gefordert, um den Goldbeſtand der Reichsbank zu ſtärken. Dieſer Aufforderung wurde überall Folge geleiſtet. Die Brenneſſeln, die bisher unbeachtet oder verwünſcht auf ſteinigem Gelände ſtanden, wurden geſchnitten und der Textilinduſtrie zugeführt. Die Holzſohlen und Ledererſatzſtoffe gewannen von 1917 ab die Oberhand. Die Verſorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Ge: brauchsgegenſtänden des täglichen Lebens lag in den Händen des Kommunalverbandes, der erſt einige Jahre nach dem Kriege aufs gelöſt werden konnte. In den letzten zwei Kriegsjahren waren ruſſiſche Gefangene in Grötzingen, die den einzelnen Bauern zur Unterſtützung in ihrer Feldarbeit zugewieſen waren. Von Grötzingen ſind im Laufe des Krieges ungefähr 60 in Gefangenſchaft geraten. Am Sonntag nach Oſtern 1915 beging die evangeliſche Gemeinde den erſten Totengedenktag. Die Zahl der Gefallenen war bis zu dieſem Tage auf 27 angewachſen. Die Gedächtnisfeier war in der Kirche. Zu Füßen des Kruzifizes am Chorbogen grüßte ein mächtiger Efeukranz, geſchmückt mit dem eiſernen Kreuz und badiſcher und deutſcher Schleife. Eine Inſchrift beſagte: Den gefallenen Grötzingern zum Gedächtnis! Um die Kanzel war ein großer Trauerkranz angebracht. Das Gotteshaus war ſo beſetzt wie in Jahrzehnten nicht. Die Kinder mußten alle abgewieſen werden. Der Gottesdienſt ſelber verlief ſehr eindrucksvoll. Der Kirchenchor ſang den im heimatfernen Lande Gefallenen das Lied von der ewigen Heimat droben im Licht. Die Predigt brachte zum Ausdruck, was die Gemeinde an Klage, Dank und Hoffnung um die Geſtorbenen bewegte, und die beiden Geſangvereine„Liederkranz“ und„Eintracht“ ſangen ihren Freunden einen letzten Gruß. Dann kamen die Perſonalien der 27 Toten zur Verleſung. So wurde in jedem Kriegsjahr ein oder zwei Totengedenkfeiern in der Kirche begangen. Um ihnen auch äußerlich ein Denkmal der Treue zu ſetzen, faßte der Kirchengemeinderat im Dezember 1916 den Beſchluß, durch freiwillige Gaben für ein kirchliches Denkmal zum Gedächtnis der Gefallenen zu werben. Den Grundſtock bildeten 100 Mark aus einem Gemeindefamilienabend am 3. Dezember 1916. In Nr. 2 — 65 des Evangeliſchen Gemeindeboten vom Februar 1917 erſchien dann zum erſtenmal folgende Notiz: Für das kirchliche Gefallenendenkmal gingen ein: Jakob Adam 3 Mark, Frau Eckert 1 Mark, Pfarrer Hofheinz 10 Mark. Herzlichen Dank! Wer hilft weiter?— Dieſe Notiz fehlte in keiner Nummer des Gemeindeboten von nun an mehr. Die Geberliſte war jedesmal größer. Die Einkreiſung Deutſchlands machte die Metallnot immer drückender. Die Glocken auf luftiger Höhe, die in einer dörflichen Gemeinde ein ganz beſonderes Bindeglied mit jedem einzelenen Bewohner ſind, mußten auf die Erde herabſteigen und zu Granaten werden. Grötzingen durfte ſeine Glocke behalten, weil der Sachverſtändige, der die Glocken prüfte, zu folgendem Ergebnis kam: Die Stimmgabelprobe auf dem Turm wie auch die Läuteprobe er= wies, daß die Glocke in völliger Reinheit im Ton„d erklingt. Sie beſitzt einen wunderbaren, eigenartigen Wohlklang; ihr heller, klarer und ſonorer Ton iſt außerordentlich weittragend, ſo daß man ſie weithin im Tale hört. Sie ſtammt aus dem Jahre 1621 und wurde in Durlach gegoſſen. Somit iſt ſie eine nur noch ſelten vorhandene, vornehme Schöpfung alter Gießkunſt und beſitzt nicht nur hohen kunſthiſtoriſchen, ſondern auch großen muſikaliſchen Wert und ſollte aus dieſen Gründen durchaus erhalten werden.“ Am Sonntag, 12. Auguſt 1917, läuteten abends die Glocken zum letzten Mal zuſammen. Es war ein wehmütiger Augenblick. Erſt läuteten alle drei, dann verabſchiedeten ſich die beiden Aus—ziehenden, zuletzt trat die große, die noch verbleibende, ihre künftige Alleinherrſchaft an. Tags darauf wurden dann die beiden Glocken heruntergenommen. Abends hielt die Gemeinde auf dem Kirchenplatz eine Abſchiedsfeier. Freundeshand hatte die Glocken gar lieblich geſchmückt. Viele Hunderte waren gekommen. So mächtig war das Lied:„Aus tiefer Not ſchrei ich zu dir“ wohl ſelten erklungen. Dann hielt der Pfarrer eine dem Augenblick entſprechende Anſprache. Die mittlere Glocke ſtammte aus dem Jahre 1869 und hatte ein Gewicht von 13 Zen nern. Die kleine Glocke hatte eine gar kurze Dienſtzeit hinter ſich. Nachdem ihre Vorgängerin im September 1914 bei Einläuten eines Hindenburgſieges zerſprungen war, wurde die neue im März 1915 fertiggeſtellt. Am Gründonnerstag 1915 hatte ſie zum erſtenmal mitgeläutet. Die Ernährung war im Winter 1916/17{ehr ſchlecht. Es fehlten die Kartoffeln und es fehlte gutes Brot. Bisher war aber 5 66 Grötzingen von Krankheit verſchont geblieben. Da kam im Auguſt 1917 ein unheimlicher Gaſt: die Ruhr. Die Seuche griff unter Alten und Jungen raſch um ſich. In einer Familie wurden Mutter und zwei Kinder dahingerafft, nachdem der Vater vor drei Jahren als der erſten einer für ſein Vaterland gefallen war. Um die Anſteckungsgefahr zu verringern und die Pflege zu erleichtern, wurden die Kranken in die Schwanen und Bärenhalle gelegt. Das Karls: ruher Diakoniſſenhaus ſtellte fünf Schweſtern zur Verfügung. Das kühle Wetter, das Ende Oktober einſetzte, machte auch der Ruhr ein Ende. Die beiden Lazarette wurden in der erſten Novemberwoche geſchloſſen, und die Schule, die ſeit drei Monaten geſchloſſen war, konnte ihren Unterricht wieder aufnehmen. Zum Dank für die Hilfe des Diakoniſſenhauſes ſammelten die Grötzinger Kartoffeln, Rüben uſw. und fuhren fie nach Karlsruhe ins Diakoniſſenhaus. Wie durch Unterernährung die Heimat langſam zermürbt wurde, ſo ging mit der Zeit auch den Männern an der Front die Kraft verloren. Als dann noch die deutſchen Bundesgenoſſen Bulgarien und Oeſterreich zuſammenbrachen, war es dem Mann an der Front, der täglich die wachſende Kraft der Gegner zu ſpüren bekam, klar, daß der Uebermacht nicht mehr lange ſtandgehalten werden konnte. Das Gefühl nach Heimat und Frieden wurde übermächtig ſtark in ihm. Welchen Siegesjubel hatte man ſich ausgedacht bei der Rückkehr der Soldaten, als ſie im Auguſt 1914 auszogen! Und nun kamen ſie ſtill und einzeln im November 1918 nach Hauſe. Die Gefangenen erſt 1920. 11. Der Umſturz 1918. Der Zuſammenbruch des Jahres 1918, der die Umwandlung Deutſchlands in eine Republik im Gefolge hatte, war in Grötzingen auch bemerkbar. Wie in den Städten wurde auch hier eine Volks— wehr geſchaffen. Die Anregung ging von der republikaniſchen Regierung aus. Herr Hauptmann a. D. Kohler in Berghauſen wurde im Einverſtändnis mit ſämtlichen Bürgermeiſterämtern und mit dem Arbeiter- und Soldatenrat Durlach zum Bezirkshauptmann der Volkswehr für den Amtsbezirk Durlach ernannt. Die Gewehre und Munition lieferte das Garniſonskommando in Durlach. Ueber den Aermel des Soldatenrocks wurde eine vom Soldatenrat geſtempelte Binde als Ausweis gezogen. In Grötzingen wurde eine — 67 Wehr von 16 Mann gebildet, Der örtliche Führer war Heinrich Herbold. Sie bekamen täglich 10 Mark. In drei Gruppen beſorgten ſie den Dienſt zu je acht Stunden. In der Schwanenhalle war ein Lebensmittelmagazin, das vom 10. Dezember ab bewacht wurde. Am 20. Januar 1919 wurde die Grötzinger Wehr aufgelöſt, da ſie keine Aufgabe mehr hatte. Einen Arbeiterrat hatte Grötzingen nie. Der Gemeinderat, der aus Arbeitern beſtand, behielt die Führung der Gemeindegeſchäfte in ſeiner Hand. Erſt ſpäter wurden im Lande Bauernräte gewählt. So auch in Grötzingen. Vorfitzender war Jakob Bender, der mit den Landwirten Heinrich Krieger, Ludwig Stutz, Jakob Siegriſt, Wilhelm Zimmermann den Bauernrat bildete. Er hatte aber auch keine Aufgabe, ſo daß der Bauernrat nur eine formale Sache blieb. Viel ſchwerer für die Regierung war die Frage zu löſen: Wie entwaffne ich die Leute, die mit ihren Waffen aus dem Felde und der Garniſon nach Hauſe gegangen ſind? Wie weit die Durchführung der Entwaffnung gelang, läßt ſich heute noch nicht feſt— ſtellen. Grötzingen lieferte 1920 folgende Waffen ab: 31 Infanteriegewehre, 15 Karabiner, 1 Armeerevolver, 5 Armeepiſtolen, 5 Handgranaten, 1230 Handwaffenmunition, 1 Maſchinengewehr. 12. Schluß der geſchichtlichen Betrachtung. Die Grötzinger Geſchichte verläuft in engſter Verbindung mit den heimiſchen Fürſten. Aber auch die Geſchichte Grötzingens be: weiſt, daß jedes Jahrhundert ſeinen beſonderen Charakter hat und daß in einem Jahrhundert gut und ſchön ſein kann, was in einem anderen Jahrhundert hemmend und fremd iſt. Die Bauernbewölke— rung iſt eine Arbeiterbevölkerung geworden, die kein Verhältnis zur alten Staatsform gewinnen konnte. Die Staatsform des induſtriellen Deutſchlands iſt die Republik. Einige Jahrhunderte geſchichtlichen Lebens haben wir hier betrachtet. Wie lang iſt dieſer Zeitraum, den wir durchſchritten! Und doch nur ein Augenblick im Blick auf die unendliche Zeit, die hinter uns liegt und die mit dichtem Schleier umhüllt, was die Jahrtauſende von Jahren vor uns Grötzingen und ſeinen Bewohnern noch bringen werden. 3* 5 Il. Sitten u. Gebräuche in Grötzingen. Allzugern möchten wir die Sitten und Gebräuche der verſchiedenen Jahrhunderte kennen. Kaum eine Nachricht iſt aber davon erhalten, wie der Grötzinger ſeine Taufe und Hochzeit vor dem dreißigjährigen Krieg gefeiert hat. Heitere Fröhlichkeit wurde von der Not des Krieges vertrieben und harmloſe Vergnügen des Friedens verwilderten zu rohen Ausſchweifungen, als der Krieg längere Zeit in Deutſchland wütete. Jede Zeit hat ihre eigenen Sitten und Gebräuche. Was wir hier aufzählen, ſind die Formen, in denen ſich das Leben unſerer Vorfahren in den letzten 150 Jahren abſpielte bis zu dem Zeitpunkt, wo mit der Verdrängung des bäuerlichen Dorfcharakters neue Sitten und Gebräuche in Grötzingen einzogen, in deren halbfertigem Uebergangszuſtand wir alle ſtehen. Unſere Großeltern haben poeſievoller gedacht und gehandelt. Sie laſen keine Zeitung, kannten das Fahrrad nicht, wehrten ſich gegen den Bau der Eiſenbahn, weil ſie ihnen Aecker wegnahm, ein Automobil hatte die verſtiegenſte Phantaſie ſich nicht ausdenken können und ein Luftſchiff oder Flugmaſchine nein, ſchweigen wir von dieſer Ausgeburt der Hölle und dieſer Verſuchung Gottes! So ſchön dieſe Errungenſchaften der Technik ſind, ſo zerſtörend auf die guten und ſchlechten alten Gebräuche wirkte das doch alles. Das ganze Menſchenleben von Gehurt bis zum Tode vollzieht ſich innerhalb gewiſſer Formen, die wir Sitten oder Gebräuche nennen. Ja, ſchon vor der Geburt umgibt die Kinderphantaſie das werdende Menſchenleben und ſucht es im Waſſer, wo der Storch es herausholt. Wenn er mit ſeinen ausgebreiteten Flügeln langſam 69 über Grötzingen ſchwebt und ſich in ſeinem Neſte auf dem Dache der Dorfkelter niederläßt, rufen die Kinder in die Höhe: Storch, Storch, guter, Bring mir n Bruder, Storch, Storch, beſter, Bring mir n Schweſter. Die Dorfhebamme— erſt ſpäter find es zwei— gibt dem Erdenbürger den erſten Beiſtand. Sie verſorgt täglich zweimal Mutter und Kind, bis die Taufe vorüber iſt. Ein gutes Veſper wird der Hebamme bei ihrer Gange gereicht; die Taufe, die ein oder zwei Sonntage nach der Geburt das Kind unter die Chriſten aufnimmt, ſchließt die Tätigkeit der Hebamme im Hauſe ab. Sie begleitet den Täufling, der von dem„Geddle“ unter einem langen Tauftuch getragen wird, zur Kirche. Nur Nottaufen finden daheim ſtatt.„Pfetterich' und„Geddle“ find bei allen Kindern dieſelben Verwandten. Gewöhnlich nimmt man von väterlicher und mütterlicher Seite einen„Pfetterich“ und ein„Geddle“, die das Kind„über die Taufe heben“. Die Mutter des Kindes geht nicht mit in die Kirche. Sie richtet derweil daheim den Tiſch, wo ein Taufſchmaus die Heimkehrenden erwartet. Breite Nudeln ſtehen bei Taufe, Kirch» weih, Konfirmation und Hochzeit vorne an. An Wein fehlt es nicht und bald ſchallt aus einem Hauſe froher Geſang, ein Zeichen, daß die Taufgeſellſchaft die Hauptarbeit, das Eſſen, hinter ſich hat. Je beſſer der letzte Jahrgang war, deſto mehr wird dem Weine zu: geſprochen. Mit einer Taſſe Kaffee wird der Taufſchmaus abgeſchloſſen. Ihren erſten größeren Gang macht die Mutter zum ſonntäglichen Gottesdienſt. Werktags hilft ſie in Stall und Feld, ſo daß für das Kind nur die allernotwendigſte Pflege übrig bleibt. Aeltere Geſchwiſter oder ein größeres Nachbarkind hüten im Sommer das Kind, wenn die Mutter ins Feld fährt und das Kind nicht mit: nehmen kann. Das Wiegenlied, das heute in ganz Deutſchland geſungen wird, ſchallt auch in Grötzingen: Schlaf, Kindlein, ſchlaf, im Garten ſtehn zwei Schaf, ein ſchwarzes und ein weißes, die wolle mein Kindlein beiße. Der Kinderwagen iſt ſelten, die Wiege, in der ſchon Mutter und Großmutter geſchlafen, iſt das Bett der Kinder. Spazieren geht man nicht mit Kindern, nur zu Nachbarn und Verwandten; dann werden ſie im Tragkiſſen getragen. Erſcheint das 720 Kind zum erſtenmal in einem Haus, ſo erhält die Mutter ein Ei. Der älteſte Bub erhält den Vornamen des Vaters, das Mädchen den der Mutter. Auguſt, Johann, Chriſtoph, Friedrich, Andreas, Magdalene, Katharine, Dorothea, Karolina und Luiſe ſind vorherrſchend, allerdings nur in Abkürzungen, wie Hannes, Stoffel, Lene, Kathrin (Kattel). Wilhelm iſt nach franzöſiſcher Schreibweiſe zu Kullem geworden. Seitdem die Pietiſten eine Kinderſchule gebaut haben, werden die Kinder gerne dorthin geſchickt, ſobald ſie zwei Jahre alt ſind. Der Schulbeſuch iſt der erſte Einſchnitt im Kindesleben. Die beiden Lehrer können die Kinder nicht ſo gründlich und lange unterrichten, zumal ſie ſelbſt Feldarbeit haben. Aber alle lernen doch Leſen, Rechnen und Schreiben, Katechismus und Geſangbuch werden ausgiebig gelernt. Die Konfirmation bildet den feierlichen Abſchluß der Schule und den Eintritt ins eigentliche Leben. Wochenlang vorher werden Vorbereitungen auf dieſes Feſt getroffen. Im Konfirmandenunterricht führt der älteſte Knabe und das älteſte Mädchen die Kaſſe, in der wöchentlich einige Pfennige eingelegt werden. Der Lehrer und der Pfarrer ſollen zum Abſchluß ein Geſchenk erhalten. Die Buben bringen dem Pfarrer auf großem Blech eine Bretzel. Einige Wochen vor Judika fahren die Buben in den Wald und holen Tannenreis. In irgend einer Scheuer, wo gerade bei einem Konfirmanden Platz iſt, kommen abends Mädchen und Buben zuſammen und machen Kränze und Girlanden. An ihrem Feſttag ſoll auch die Kirche ein feſtliches Kleid tragen. Zuvor wird ſie von oben bis unten geputzt. Zwiſchen den Kirchenſtühlen hat ſich im Jahre auch viel Dreck angeſammelt und die Entlohnung des Meßners iſt nicht ſo groß, daß es ſich bezahlt macht, wenn er mit ſeinem Beſen in die hinterſte Ecke hineinlangt. Es iſt der Stolz der Konfirmanden, die Kirche ganz gründlich zu putzen und fie ſchöner als im vergangenen Jahr zu ſchmücken. Endlich am Samstag mittag iſt alles fertig. Jetzt geht es nach Hauſe, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Der ſchwarze Anzug für den Buben iſt ſeit Wochen fertig. Alles an ihm iſt neu. Von den Stiefeln bis zum Hut, vom weißen Hemd bis zur ſchwarzen Krawatte. Das Mädchen geht in ſchwarzem Kleide. Am Samstag gegen Abend gehen die Konfirmanden zum Pfetterich und Geddle und laden ſie mit folgendem Spruch zur Kirche ein: {1 Erfüllt aus reiner Liebe, Aus Herzens Dankbarkeit Erſchein ich jetzt vor Ihnen, Geliebte Patenleut. Nun ſind es vierzehn Jahre, Daß Ihr aus Gütigkeit Vor Taufſtein und Altare In Chriſt mich eingeweiht. Für dieſe Treu und Liebe Dank ich aus Innigkeit. Gott wird es Euch belohnen Hier und in Ewigkeit. Kaum einer der Konfirmanden braucht den ganzen Spruch zu ſagen, weil gleich nach den erſten Worten der Pfetterich oder das Geddle ſagt: Jo, jo,'s iſch ſcho recht. Dann geben ſie Bretzeln und erhalten dagegen ein Geldgeſchenk. Sie müſſen ſich ſetzen, Moſt und Wein trinken und etwas eſſen. Zu den anderen Verwandten bringen ſie nur einen Hefenkranz und erhalten dafür ebenfalls ein Geld— geſchenk. Gute Nachbarn werden ebenfalls mit einem Hefenkranz bedacht. Am Sonntag morgen verſammeln ſich Paten und Eltern mit den Konfirmanden in der Schule. Der Pfarrer hält eine An— ſprache, und die Konfirmanden bitten danach Eltern und Paten um Verzeihung für all das, was ſie vielleicht ſchon Böſes an ihnen getan. In feierlichem Zuge, unter dem Läuten der Glocken, ziehen ſie dann alle zur Kirche, wo die Prüfung beginnt. Unter Glockengeläut treten am Schluß zwei und zwei der Konfirmanden an den Altar und empfangen den Segen. Der Bibelſpruch auf dem Konfirmations— ſchein ſoll ein Geleitwort für ihr Leben fein. Das am Altar ab— gelegte Gelübde wird durch einen Händedruck den beiden älteſten Kirchengemeinderäten gegenüber bekräftigt. Einige Verwandte, die am Vorabend keinen Hefenkranz erhalten haben, bekommen ihn gleich nach dem Kirchgang. Nachdem dem Pfarrer und Lehrer von allen Konfirmanden ein Geſchenk überreicht iſt, ſchließt gewöhnlich ein gemeinſamer Spaziergang in die Stadt den denkwürdigen Tag ab. In der folgenden Woche ſind für alle Schulkinder Prüfungen, wo manches Kind ſein erſtes Geld verdient: Es erhält drei Pfennig und eine Bretzel. Die Konfirmanden gehen am Palmſonntag mit Eltern und Paten zum heiligen Abendmahl. Damit find die Feier— } 72 lichkeiten abgeſchloſſen und der Konfirmand raucht in den kommen: den Sonntagen, wo er haufenweiſe durchs Dorf zieht, im Bewußtſein ſeiner erlangten Männlichkeit die erſte Zigarre, allerdings heimlich, da die Wirte Strafe fürchten, wenn fie einem noch nicht Sechzehnjährigen Zigarren oder Getränke geben. Auf dieſen abendlichen Spaziergängen werden auch die erſten Bekannktſchaften mit dem anderen Geſchlecht geſchloſſen. Die Neugierde ſorgt ſchon dafür, daß bald das ganze Dorf weiß, mit wem er oder fie„geht“. Solche Bekanntſchaften führen auch meiſtens zur Heirat, allerdings nicht vor der Militärzeit. Gefällt die Bekanntſchaft Eltern und Verwandten, ſo ſind beide Teile ſtets willkommen. Die Tüchtigkeit der Bekanntſchaft richtet ſich allerdings oft nach der Größe dieſes oder jenes Ackers. Die Militärzeit bedeutet wieder einen Abſchnitt im Leben des Burſchen. Zur Ausmuſterung nach Durlach fährt er mit einem Leiterwagen, der mit Tannengrün geſchmückt iſt und auf dem ein mit bunten Papieren geſchmückter Tannenbaum ſteht. Unter Geſang fahren ſie zum Dorfe hinaus, unter Geſang, begrüßt und erwartet von der Dorfjugend, fahren ſie mittags wieder ins Dorf hinein, die Hüte mit bunten Bändern geſchmückt. Singend ziehen die Spieler zwei Tage von Wirtſchaft zu Wirtſchaft, ſchwenken ihre Hüte und ſuchen die Hühnerneſter heim, um Eier zu ergattern, die dann in einer Wirtſchaft gemeinſam verzehrt werden. Das ſchönſte Band am Hute erhält die Bekanntſchaft, das als Gunkelband ihren Spinnrocken ſchmückt. ſtach der Militärzeit wird„Hochzich“ gemacht. Sie iſt ver— ſchieden, je nachdem es eine reiche oder arme Hochzeit iſt. An ſolchen Tagen hält aber jeder etwas auf ſich. Die Größe der Hochzeit richte ſich nach der Größe der Verwandtſchaft. Alle gehen im Zuge mit zur Kirche. Die Glocken läuten, gute Freunde ſchießen. Abends gibt es das Schießerbier, wo man ſchon auf ſeine Koſten wieder kommt. Wehe, wenn der Bräutigam auf dem Kirchgange herum: guckt. Das gibt eine ſchlechte Ehe! Die zwei älteſten Schultlaſſen ſind in der Kirche und ſingen mit der Hochzeitsgemeinde. Derweil werden daheim die Tiſche gedeckt, damit das Eſſen gleich nach dem Kirchgang beginnen kann. Ein ganzer Korb Brote wird zerſchnitten, damit die„Läuter“ und die Kinder, die ſich um das Hochzeitshaus ſammeln, ihr Stück Brot erhalten. An Kranke und Arme wird 73 Hochzeitseſſen geſchickt. Sie ſollen ſich auch mitfreuen. Der„Ehresgſell“ paßt gut auf, daß die Weinflaſchen immer voll find. Wenn es gelingt, eine leere Flaſche an die Lampe feſtzubinden oder zu ver: ſtecken, muß er fie ſuchen. Alſo gibt er ſchon acht, daß der Wein nicht ausgeht. Vor dem Abendeſſen macht der ganze Hochzeitszug einen Spaziergang durch das Dorf, kehrt entweder bei einem Ver: wandten oder in einer Wirtſchaft ein. Iſt jemand da, der Ziehharmonika ſpielen kann, ſo geht er mit dem Zuge, damit am Abend getanzt werden kann. Kinder tragen zur Abwechslung Gedichte vor und die Alten ſingen alle gemeinſam bekannten Lieder. Punkt zwölf Uhr nachts ſpielt der Ziehharmonikaſpieler„Nun danket alle Gott“, das alle mitſingen. Während des Geſangs wird der Braut der Kranz abgenommen. Nach 12 Uhr gehen die älteren langſam auseinander; unter den letzteren iſt das Brautpaar ſelbſt. Die richtige Hochzeit dauert zwei Tage. Am anderen Tage wird „geſpengelt?“. Vornehmlich die jungen Leute ziehen in die Häuſer der Verwandten, laſſen ſich dort in die Pfanne geſchlagene Eier oder Schinken auftiſchen und vergeſſen auch nicht zu trinken. Wenn fie weggehen, nimmt jeder irgend ein Ausſtattungsſtück mit und bringt es dem friſch verheirateten Paar, das abends mit den Hochzeitsgäſten ſich noch einmal zuſammenfindet. Es liegt in der Natur des Spengelns, daß es zur groben Unſitte ausarten kann. So iſt es auch gekommen. Obwohl die Pfarrer dieſem Auswuchs ſchon 1787 entgegenzutreten verſuchten, konnten fie ihn doch nicht ganz unterdrücken. Bis zu den entfernteſten Verwandten wird Hochzeitsbrot gedie dafür dem jungen Paare ein Geſchenk in irgend einem ts ö machen. SO J nimm aber Die tze iſt im allgemeinen gut. Wenn der Mann einmal im . die Frau ſchlägt, oder die Frau den Mann ſchilt, weil er ö. K den Montag im Wirtshaus geſeſſen, ſo. das noch mich, daß die Ehe ſchlecht iſt. Das wird vergeſſen. Die Ehe iſt erſt A ſchlecht, wenn der Mann an der„Kärwe“ nicht mit feiner Frau abends in die Wirtſchaft geht. Das trägt die Frau dem Manne das ganze Jahr nach. Der Mann ſagt ſelten meine Frau, er redet von ihr als„fie“ oder„meine“, wie fie nur„er“ ſagt. 3 74 Hier wird gefreit, dort wird begraben. Dicht nebeneinander ſtehen Tod und Leben. Iſt der Tod in einer Familie eingekehrt, ſo werden die Tiere im Stalle aufgetrieben. Der Mann oder ein männlicher Verwandter geht im Gehrock und Zylinder ins Pfarrhaus, um den Tod anzuzeigen. Der Leichenſager, ebenfalls in Gehrock und Zylinder, geht von Haus zu Haus und ſagt die Stunde der Beerdigung an. Nahe Verwandte halten die Leichenwache. Zur Stunde der Beerdigung kommt der Lehrer mit den zwei oberſten Schulklaſſen vor das Trauerhaus, wo ſich ein großer Teil der Dorf: bewohner ebenfalls eingefunden hat und ſingt ein Lied. Wer als Leichenträger gebeten wird, entzieht ſich nicht der Aufforderung. Unter Geſang der Kinder wird der Tote langſam zum Friedhof getragen. Die Leichenträger haben Zitronen oder Rosmarin in der Hand, das fie dem Toten ins Grab nachwerfen. Es werden viel— Tränen an den Gräbern vergoſſen, in den erſten beiden Jahren werden die Gräber auch gepflegt, dann geraten ſie aber langſam in Vergeſſenheit. Seildem der Weihnachtsbaum in den Häuſern Sitte geworden iſt, erhalten ihn auch die Toten auf ihre Gräber. In der Mehrzahl gibt ein Holzkreuz am Kopf des Grabes uns den Namen des Geſtorbenen an.. Das Leben wird durch allerlei Feſte verſchönert. Vereine gibt es noch nicht. Aber an Fröhlichkeit fehlt es trotzdem nicht. Im Mittelpunkt des Jahres ſteht die Kirchweih. Sie iſt das Ziel des Sparens. Die Durlacher Jahrmärkte üben nicht fo viel Anziehungs— kraft aus wie die„Kärwe“. Wie ausgeſtorben iſt ja das Dorf am Markttage. Alles iſt nach Durlach gewandert, um einen Marktkram zu kaufen und in der Krone oder Blume etwas zu eſſen. Aber in der Kärwe wird das Geld von den ledigen Burſchen mit vollen Händen hinausgeworfen. Wer das ganze Jahr kein Geld ausgibt, in der Kirchweih hält er nicht zurück. Da werden mit feiner Be: kanntſchaft Freitouren getanzt und ein Liter nach dem andern auf den Tiſch geſtellt. Die Burſchen aus den Nachbardörfern kommen auch nach Grötzingen; ſie wagen ſich aber nur dort etwas lauter hervor, wo ſie ſich in der Ueberlegenheit wähnen. Sie denken noch an die Prügel, die ſie im Jahr zuvor erhalten haben. Allerdings haben ſie ſich auf ihrer Kirchweih entſprechend gerächt. In den Familien wird am Freitag und Samstag das Haus von oben nach unten gekehrt. Es gibt nichts, das nicht geputzt wird. k 75 Oft werden auch die Häuſer auf Kirchweih neu angeſtrichen. Dann werden Kuchen gebacken. Viele, viele, Aepfel, Käſe⸗, Zwiebel- und Zwetſchgenkuchen. So viel, daß er oft verſchimmelt, weil er gar nicht gegeſſen werden kann. Kommt in dieſen Tagen Beſuch, und er wird von den Bekannten und Verwandten der Nachbardörfer auf dieſen Tag verlegt, ſo werden alle Sorten Kuchen aufgetragen und Wein oder Moſt aus dem Keller geholt. Zum Abſchied wird noch ein Stück„dicker“ Kuchen ins Sacktuch zu einem Bündel zuſammengeknotet. Wann gefüttert iſt, gehen Mann und Frau zuſammen in die Wirtſchaft und ſitzen mit anderen Eheleuten beim Glaſe Wein zuſammen. Ab und zu verſchwinden fie im Tanzſaal, um zu verſuchen, ob noch ſo ein Hopſer geht. Der Kirchweihdienstag iſt Begräbnistag der Kirchweih. Die jungen Burſchen legen auf eine Leiter unter ein Tuch einen Bund Stroh und tragen ihn im Zuge durchs Dorf zum Loch an der Oberausbrück, wo früher der Hanf gedörrt wurde. Heute iſt dieſes ausgemauerte Loch verſchwunden; es eignete ſich aber gut, um die Kirchweih zu verbrennen. Ein aufgeweckter Burſche hält in Nachahmung des Pfarrers die Begräbnisrede, die grob und derb ausfällt. Unter Geheul wird ſchließlich der Strohbund den Flammen übergeben. Einen ausgeſprochenen familiären Charakter hat die„Vorſetz“. Wenn die Feldarbeit ruht, verbleibt nur die Verſorgung des Viehes. Und die iſt mit einbrechender Dunkelheit erledigt. Da haben die Leute Zeit, ſich zu beſuchen. Die ganze Familie geht mit. Oft wiſſen die anderen gar nicht, daß heute„Vorſetz“ kommt. Die Frauen bringen ihren Strickſtrumpf oder Spinnrocken mit, die Männer ſitzen auf die Ofenbank; fie brauchen keine Helligkeit beim Erzählen. Die„Vorſetz“ iſt deshalb ſo beliebt, weil in warmer Stube der Fluß der Erzählung nicht ſtockt. Die Alten erzählen von der Vergangen⸗— heit, die Frauen wiſſen Hexen und Geſpenſtergeſchichten immer in ſo glaubhaftem Tone zu berichten, daß die Kinder angſtvoll zuhören und beim Nachhauſegehen Vater und Mutter feſt an der Hand packen. So nach neun Uhr holt der Vater etwas zu trinken und legt auch einige Würſte oder der Schwartenmagen auf den Tiſch. Man läßt ſich oft nötigen zuzugreifen, aber das iſt äußere Form, in Wirklich keit ſchmeckt es allen gut. Mit dem Wunſche:„Kommt bald einmal auch zu uns“ gehen ſie oft um Mitternacht auseinander. Weihnacht iſt ein ſtilles Feſt. Ein heiliger Schauer liegt über 76 , der Nacht zum erſten Weihnachtstage. Es iſt ganz ruhig im Dorfe. Die Tiere ſelbſt wiſſen etwas von der Heiligkeit dieſes Feſtes. Sie ſprechen in dieſer Nacht miteinander. Der Weihnachtsbaum, reich. ⸗ Vi 6 g J . ( h ö . | Kallmorgen. Kirchgang.|| behangen mit Aepfeln und ſelbſtgemachten Süßigkeiten, fehlt in keiner Familie. Die Kinder ſingen„Stille Nacht, heilige Racht“ und„O du fröhliche, o du ſelige“ und bekommen etwas vom Chriſtkindle. . Lebhafter gehn es ſchon in der Neujahrsnacht zu. Die Burſchen ſchießen und ſitzen in ihrer Stammwirtſchaft, wo gegen zwölf Uhr Glühwein geſchenkt wird. Sobald die Kirchuhr zwölf Uhr ſchlägt und die Glocken läuten, beginnt ein Rennen und Springen. Alles ſchreit:„Profit Neujahr“. Burſchen und Mädchen eilen heim zu den Eltern und laufen in die Häuſer der Verwandten, um ein frohes Neujahr zu wünſchen. Während der Paſſionszeit iſt Ruhe im Dorfe. In der Karwoche iſt täglich Soſtesdienſt. Am Gründonnerstag kommt ein grünes Gemüſe auf den Tiſch, am Karfreitag wird kein Fleiſch gegeſſen. Die Kirche iſt bis auf den letzten Platz voll. Jede Arbeit wird im Dorfe unterlaſſen, ſoweit ſie nicht dringend notwendig iſt. Auch die Wirtſchaften ſind leer. Viele ſind beim Abendmahl geweſen und verbringen daher den Tag beſonders ſtill. Oſtern iſt wieder ein Felt für die Kinder. Sie gehen von Baſe zu Baſe und Vetter zu Vetter, um ſich legen zu laſſen. Da viele Hühner im Dorfe ſind, legt der Oſterhaſe auch überall ein bis zwei Eier, die die Kinder ſtolz nach Hauſe tragen. Zwiſchen Oſtern und dem Erntefeſt liegt der Sommer mit ſeiner vielen Arbeit. Bei Tagesanbruch wird aufgeſtanden und erſt mit Einbruch der Dunkelheit hört die Arbeit auf. Menſch und Tiere leben während der ſchönen Zeit zuſammen draußen auf dem Felde. Wie die Menſchen werden die Tiere mit ihrem Namen an: geredet.„Bleß“,„Scheck und„Schimmel“ find beliebte Tiernamen. In der„Heuet“ und Ernte ſind nur Kinder und alte Leute im Dorfe. Das Gras wird mit der Senſe, das Korn mit der Sichel gemäht. Es gilt als Sünde, die Senſe bei der Ernte zu gebrauchen. Bald ſchallt der Pflegelſchlag aus allen Scheunen. Das Dreſchen iſt eine harte Arbeit. Auf das„Zunnereſſen“ wird da beſonders großen Wert gelegt.„Sie eſſen wie die Dreſcher“ iſt auch in Grötzingen eine beliebte Redensart. Grötzingen als Weinort bringt es mit ſich, daß der Herbſttag beſonders gefeiert wird. Die Weinberge machen viel Arbeit. Im Frühjahr werden fie geſchnitten, dann werden die„Räwelle“ ge: leſen; bis die Weinberge abgeſchloſſen werden, iſt mancher Tropfen Schweiß in ihnen vergoſſen. Jetzt geht aber der„Wengertswächter“ mit ſeiner Flinte durch die Weinberge. Tag und Nacht iſt er draußen. Die Flinte braucht er, um Siare zu ſchießen, kaum zu 78 ſeinem eigenen Schutz. Am Herbſttag iſt frohe Stimmung überall. Schüſſe krachen und Juchzer ſchallen durch die Luft. Die Kinder rufen „Juchzehuh, Trauben her, Der Tretzuber iſt leer, Der Tretzuber iſt brochen, Die Trauben ſind alle im Weine erſoffen.“ Der Wein iſt im allgemeinen nicht gut. Aber getrunken iſt er immer worden. Im Spätjahr laufen die Knaben durch das Dorf und„knöpfeln“. Sie werfen Welſchkorn an die Fenſterſcheiben, daß die Inſaſſen erſchreckt zuſammenfahren. Daß das von einer alten heidniſchen Sitte der Ueberreſt iſt, weiß niemand mehr. Bald nach dem Herbſt kommt das Metzeln, an dem auch die ganze Verwandtſchaft Anteil nimmt. Sie bekommt Metzelſuppe und einige Würſte ins Haus geſchickt. Die Familie ſelbſt ſchließt das Metzeln ab mit einem Eſſen, das aus Metzelſuppe, Schweinefleiſch und Sauerkraut beſteht. Am Sonntag iſt Ruhetage. Feldarbeit an dieſem Tag zu tun, iſt Sünde. Die Kirchlichkeit iſt gut. Seitdem die Pietiſten auch in Grötzingen Fuß gefaßt haben, kommt in manche Familien ein De: ſonders religiöſer Zug. Das Tiſchgebet wird in jedem Haus geübt, die Bibel und das Geſangbuch werden zum Familienbuch. Weit verbreitet iſt das„Starkenbuch“(Starks Gebetbuch). Die Pietiſten gehen noch weiter. Sie meiden das Wirtshaus und den Tanzboden und halten für ſich Erbauungsſtunden. Das Haus iſt ohne Luxus gebaut. Stube und Kammer ſind die zwei Haupträume, die durch einen Bretterverſchlag voneinander getrennt ſind. Die Wände ſind geweißelt und mit Hausſegen und Wandſprüchen behangen, die Hauſierer im Dorfe verkauft haben. Der Aberglaube herrſcht noch ſtark vor. Die weiße Dame iſt von vielen geſehen worden. Nachts kommen die Hexen in den Stall und flechten den Pferden Zöpfe. Ein Beſen an der Stalltüre, der verkehrt hingeſtellt iſt, verhindert den Hexen den Zutritt. Und oft liegt eine alte Frau krank im Bett, wenn eine Katze im Stall geſchlagen worden iſt. Gegen Beamte und Städter iſt der Grötzinger mißtrauiſch. Er iſt nicht ſo redegewandt wie der Städter. In ſein Handwerk als Bauer läßt er ſich nichts hineinreden. Er weicht ſchwer von dem Wege, ab, den fein Vater ſchon begangen hat. Trotz feines Fleißes und ſeiner Genügſamkeit kommt er nie zu Reichtum. In kleinen Verhältniſſen bleibt er klein, ſo daß kein bedeutender Mann aus Grötzingen hervorgegangen iſt. IIl. Religion, Kirche und Schule, 1. Die evangeliſche Kirche. 1255 wird ſchon eine Kirche in Grötzingen erwähnt. Der älteſte Teil der heute beſtehenden Kirche iſt der Chor. Er wurde 1350 er— baut. Der Kirchturm war über dem Chor. 1497 wurde er nach Weſten gelegt auf ſeine heutige Stelle und das Ganze zu einer Kirche ausgebaut. Der Chor hatte Stufen, die nach der Reformation eben gemacht wurden. Sie haben zum Hochaltar hinaufgeführt. Unter und neben dem Altar ſind drei Gräber: die der Pfarrer Bechtold und Schaber und des Kannenwirts Nidda. Der ſchräg— gebaute Turm iſt eine architektoniſche Seltenheit, wie wir ſie nur noch in Verden an der Aller in Deutſchland vorfinden. Allerdings ſind die Tage des alten Turmes gezählt, wie das Gutachten zeigte, das Zimmermeiſter Scheidt auf Erſuchen des Pfarrers im April 1923 abgab. Es darf aber die Hoffnung ausgeſprochen werden, daß durch ſachgemäße fachmänniſche Behandlung der Turm ſo ausgebeſſert wird, daß er in ſeiner einzigartigen Schönheit erhalten bleibt. 1666 wurde die Kirche ausgebeſſert, aber 1847 mußte ſie gründlich umgebaut und erneuert werden. Die Sakriſtei, die bisher die Stelle einnahm, wo heute die Gemeinderäte ſitzen, wurde auf ihren jetzigen Platz geſtellt. Der Treppenaufgang am Altar zur Empore war bisher eine Holztreppe außerhalb der Kirche. Sie wurde jetzt nach innen gelegt, wo ſie heute iſt. Der Vorbau am mittleren Eingang wurde damals auch beſeitigt. Die Fenſter weiſen auf ein hohes Alter hin.. Die Pfarrwohnung war urſprünglich in einem Gebäude des heutigen Schloſſes. 1722 wurde ein eigenes Pfarrhaus gebaut, das 1833 durch vollſtändigen Neubau erſetzt wurde. 80 Die älteſte und größte Glocke ſtammt aus dem Jahre 1621. Sie wurde in Durlach gegoſſen. Sie hat folgende Inſchrift: Als Min Gelut zu Worden gehort ſo gedenket alle Zeit an Godt fie H. Wort. M. Johannes Meyer von Tübingen, Pfarrer. Johann Scherbaum, Schulmeiſtr.! Hans Heydt, Schultheiß. Gretgen Chriſtian Schmidt, Anwalt. Stephan Benz und Peter Braun, beide Bürgermeiſter. Nikolaus Martinus goß mich zu Durlach 1621. Sie überdauerte alle Kriegsſtürme und durfte ſogar im letzten Kriege wegen ihrer künſtleriſch einwandfreien Klangfarbe auf dem Turme bleiben. Ihr heller und klarer Ton iſt außerordentlich weittragend, ſo daß man ſie weithin im Tale hört. Die Glocke iſt eine vornehme Schöpfung alter Gießkunſt und beſitzt hohen kunſthiſtoriſchen und muſikaliſchen Wert. Eng mit der großen Kirchenglocke iſt der Uebername der Grötzinger,„Hottſcheck“, verbunden. Es gibt viele Erzählungen darüber. Die geläufigſte iſt wohl die, daß die Franzoſen die Glocke geraubt haben, aber nur mit ihr bis nach Durlach gekommen ſeien, wo ſie vergraben wurde. Durlacher und Grötzinger ſollen ſich um die Glocke geſtritten haben. Die einen wollten ſie nach Durlach nehmen, die andern nach Grötzingen. Der Zuruf eines Grötzinger Bauern an feine ſcheckige Kuh,„Hott Scheck, Grötzinge zu“ ſoll de: wirkt haben, daß die Kühe ſo kräftig anzogen und Grötzingen zu gingen. Jeder Grötzinger erzählt die Geſchichte anders. Die Volks: phantaſie kennt hier keine Schranken. Hinter jeder Dorferzählung und hinter jedem Dorfnecknamen ſteckt aber eine geſchichtliche Wahrheit. Wahrſcheinlich hat ſich beim Einholen der großen Glocke aus Durlach eine Szene abgeſpielt, wo der Ruf„Hott Scheck“ gefallen iſt. Er wurde von den Durlachern aufgenommen und den Grötzingern als Uebername gegeben. Glücklicherweiſe iſt aber die Zeit vorbei, wo die einzelnen Dörfer wegen ſolcher Sachen in Fehde miteinander lagen. In meiner Jugendzeit gab es allerdings noch einige Straßen: kämpfe mit den Buben aus Berghauſen und Durlach, wobei die Steine auf der Straße ein beliebtes Kampfmittel waren. Seit 1869 hat Grötzingen drei Glocken. Die kleine Glocke zer— ſprang beim Einläuten eines Sieges im September 1914. Am Gründonnerstag 1915 läutete die Erſatzglocke zum erſtenmal mit den beiden älteren Schweſtern. Ihr Verbleiben auf dem Turme war aber nicht von langer Dauer. Die Not des Vaterlandes im Weltkrieg holte die beiden kleineren Glocken vom Turm herunter. 81 Am Sonntag, 12. Auguſt 1917, läuteten abends die Glocken zum letztenmal zuſammen. Erſt läuteten alle drei, dann ver— abſchiedeten ſich die beiden Ausziehenden, zuletzt trat die große ihre künftige Alleinherrſchaft an. Tags darauf wurden die beiden Glocken heruntergenommen und abends verſammelte ſich die Gemeinde zu einer Abſchiedsfeier auf dem Kirchenplatz. So mächtig war das Lied: „Aus tiefer Not ſchrei ich zu dir“ wohl ſelten erklungen. Dann hielt der Pfarrer eine dem Augenblick entſprechende Anſprache. Trotz des unglücklichen Kriegsendes ging der Kirchengemeinderat doch an die ſchwere Aufgabe heran, neue Glocken anzuſchaffen. Durch freiwillige Gaben aus der Gemeinde und aus Amerika kam bald eine ſchöne Summe zuſammen, ſo daß Ende 1921 an die Be— ſtellung gedacht werden konnte. Die größere der beiden neuen Glocken ſchmückt ein Bruſtbild Martin Luthers, in der Karlsruher Kunſtſchule modelliert. Darüber ſtehen die Worte: Gegoſſen 1921/22 im 400. Jubeljahre von Worms und Wartburg. Darunter der Anfang des Schutz- und Trutzliedes der Reformation: Ein feſte Burg iſt unſer Gott. Des weiteren wird derer gedacht, deren Opferwilligkeit den Wiederaufbau des Ge— läutes ermöglichte. Die betreffenden Worte lauten: Geſtifter durch Gaben der Liebe hieſiger und heimattreuer auswärtiger Grötzinger, beſonders ſolcher in Amerika. Am unteren Rande ſteht: Kirchen: gemeinderat Pfarrer Hofheinz, Philipp Jakob Scheidt, Ludwig Arheidt, Karl Doll, Heinrich Vortiſch, Chriſtian Jordan, Jakob Bender, Chriſtof Heim, Auguſt Scheidt, Ludwig Kurz, Ludwig Henninger. Gegoſſen von Gebr. Bachert, Karlsruhe i. B. Die kleine Glocke mit dem Ton a hat die Ueberſchrift: Unſeren im Weltkrieg gefallenen Brüdern zu Ehren und Dank. 192122. Darunter iſt eine aufgehende Sonne mit Schwert und Palmzweigen. Links davon ſteht das Wort der Klage: Wie ſind die Helden gefallen! Rechts davon das Bekenntnis der Chriſtenhoffnung: Der Tod iſt verſchlungen in den Sieg. Am unteren Rand wieder der Kirchengemeinderat und die ausführende Firma. Am Dienstag, 25. April 1922, holten die beiden Kirchengemeinderäte Arheidt und Heim die Glocken in der Gießerei Bachert in Karlsruhe ab. Um 5 Uhr ſtellte ſich der Feſtzug am Bahnhof auf, der unter Vorantritt des Muſikvereins durch das ganze Dorf ging. Noch um 4 Uhr ging über den Turmberg ein heftiges Gewitter 6 82 nieder, und einen Augenblick ſchien es, als ſei die ganze Feier buch= ſtäblich ins Waſſer gefallen. Bald jedoch ließen die ſtürzenden Regenmaſſen nach, die Sonne brach durch, und als um v6 Uhr die große Glocke zu läuten begann zum Zeichen, daß ſich der Zug vom Bahnhof aus in Bewegung geſetzt hatte, da lag lichter Frühling über dem Tal. Und wie ſtrömte die Menge herzu, Groß und Klein, Männer und Frauen! Als der Zug unter den Klängen des Muſike vereins eintraf, da war der Kirchenplatz ſchon dichtgefüllt, und die vielen, die den Feſtzug begleitet hatten, mußten drunten in der Kirchſtraße ſtehen bleiben. Geſang der Schulkinder eröffnete die Feier. Der Pfarrer erinnert in ſeiner Anſprache an jenen Sommerabend im Auguſt 1917, da die Gemeinde die Glocken wehmütig verab— ſchiedete. Er ſprach den Dank aus an alle, die zum Wiederaufbau des Geläutes mitgeholfen haben: den vielen genannten und un: genannten hieſigen Gebern, der politiſchen Gemeindeverwaltung, den Grötzingern in Amerika. Er ſchloß mit dem Wunſche, daß die Glocken noch in fernen Zeiten läuten möchten über einem Geſchlecht, das in Gottesfurcht ſtark und in friedlicher Arbeit glücklich ſein möge. Was die Herzen in dieſer Stunden bewegte, ließ die Ge: meinde ausklingen in dem Geſang: Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren! Das Hinaufſchaffen der Glocken vollzog ſich raſch und ohne Unfall trotz des ſchlechten Wetters, und am Donnerstag abend war es ſo weit, daß ein kurzes Probeläuten von dem richtigen Funktionieren der Mechanik und dem reinen Zuſammenklingen der Töne überzeugen konnte. Auch die Einweihung am Sonntag MiſericorDia geſtaltete ſich zu einer eindrucksvollen Feier. Waren doch auch viele auswärtige Grötzinger gekommen, um dieſen Tag mit der Heimatgemeinde zu begehen. Drei Geſangvereine: die Eintracht, das Fröhlichſche Männerquartett und der Kirchengeſangverein halfen mit ihrem tüchtigen Können mit, der Stimmung des Tages im Liede Ausdruck zu geben. Die Predigt behandelte die Bedeutung der Glocken im allgemeinen als Band mit denen, die vor uns waren, als Wirkerinnen von Feierſtimmung in des Lebens Kampf und Unraſt, als Geleiterinnen auf unſerm Lebensweg und als Gottesboten, die uns laden zum Empfang der ewigen Güter. Auf die Bedeutung der„Lutherglocke“ und der„Heldenglocke“ wurde noch insbeſondere verwieſen, und nun folgten Augenblicke tiefer Ergriffenheit, als 83 nach geſchehener Weihe die Glocken erſt einzeln und dann vereint läuſeten und die Gemeinde den erſten Glockengruß erwiderte durch das Lied: Nun danket alle Gott. Glocken auf 19 455 Mark. aller Unkoſten kamen die — . fs ee Kallmorgen. Winter in Grötzingen. Die Kirche erhielt im Dezember 1901 zur Ermöglichung der Abendgottesdienſte 27 Erdöllampen, die 192 Mark koſteten. Das war eine ſchöne Anpaſſung an die Zeit, die in der Technik gerade die Spitze zu erklimmen ſchien. Als dann in Grötzingen das elektriſche Licht Eingang fand, vergaß der Kirchengemeinderat auch die Kirche nicht. Am Sonntag, 24. Oktober 1920 wurde zum erſten Mal die eleklriſche Beleuchtung in Gebrauch genommen. Der ſchöne innere Anſtrich der Kirche wurde 1922 durch eine Schenkung aus der Schweiz ermöglicht. Zwiſchen Mitteltüre und Glockenturm ſteht, an die Mauer ein: gemauert, das Gefallenendenkmal, das mit freiwilligen Gaben der evangeliſchen Gemeinde gebaut wurde und Chriſti Himmelfahrt 1922 in einem feierlichen Gottesdienſt eingeweiht wurde. Das Denkmal iſt nach dem Entwurf und unter der Leitung des Herrn Oberbaurat Döring in Heidelberg hergeſtellt. Das lebens: große, von Kreuz und Strahlenkrone umwobene Heilandsgeſicht, das D 84 ernſt auf die Namen herunterſchaut, die wuchtigen Formen der Muſchelkalkumrahmung, die ſich den großen Dimenſionen der Kirchen: faſſade ſo gut einfügen, das ſatte Grün der Inſchriften, das ſich von dem matten Untergrund freundlich abhebt, das alles macht das Denkmal ſehr wirkſam, und man kann lange in Beſinnlichkeit davorſtehen, ohne ſich ſatt zu ſehen. Einſchließlich der Aufſtellungskoſten kam das Denkmal auf 35 090 Mark 20 Pfg. 2. Das kirchliche Leben. Die Einführung der Reformation in Baden⸗Durlach verwandelte Grötzingen in ein evangeliſches Dorf. Vom kirchlichen Leben aus der Zeit, als in der heutigen evangeliſchen Kirche noch die Meſſe geſungen wurde, iſt uns außer der Tatſache, daß an Stelle des Schloſſes das Pfründehaus der heiligen Barbara war, nichts überliefert. Wie der Markgraf nahmen die Grötzinger den lutheriſchen Glauben an. In ſpäterer Zeit wurden zwar Katholiken im Dorfe geduldet, ſie mußten aber ihre Kinder im lutheriſchen Glauben unterweiſen laſſen. Da Grötzingen das katholiſche Weingarten in der Nachbarſchaft hatte, blieben Reibungspunkte nicht aus. 1722 beſchwerte ſich der Grötzinger Pfarrer Bohn über den katholiſchen Kuhhirten Ruthardt, weil er ſeinen in der Grötzinger Kirche getauften Sohn nach dem kurpfälziſchen Weingarten ſchickte, um dort in der katholiſchen Religion unterrichtet zu werden. Das Grötzinger Schloß als Reſidenz einer Fürſtin brachte auch einigen Pfarrern den Titel„Hofprediger“. Die verwitwete Markgräfin Auguſta ſcheint am kirchlichen Leben regen Anteil genommen zu haben. 1727 ſtiftete fie eine Altar- und Kanzelbekleidung. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Markgrafſchaft zu einem Großherzogtum auswuchs, kamen zu den Lutheranern auch Reformierte. 1822 vereinigten ſich beide zu der uniierten Kirche, ſo daß wir bis auf den heutigen Tag in Baden ſchlechthin nur von der evangeliſchen Kirche ſprechen. Infolge der Kirchenvereinigung wurden in allen Gemeinden örtliche kirchliche Kollegien eingeſetzt, die ſchon damals den Namen Kirchengemeinderat führten. Der hieſige trat zum erſten Mal am 21. Januar 1822 zuſammen. Es gehörten folgende Männer zu ihm: Vogt Kurz, Stabhalter und 85 Almoſenverrechner Hofmann, Johann Ehrler, Johann Ernſt Glaſer, Georg Walter, der Schmied, Georg Huft, der Wagner, Georg Jakob Müller, Chriſtian Kumm, Friedrich Heidt, Jakob Gebhard. Vorher war hier das heilige Abendmahl nach luth. Weiſe ausgeteilt worden, d. h. ſtatt des Brotes ſog. Hoſtien und nur mit einem Kelch. Die Union führte die reformierte Art der Ausführung ein, mit wirk— lichem Brot und zwei Kelchen. Da aber nur ein Kelch vorhanden war, ſtellte Pfarrer Dürr den Antrag, die abgängigen ſilbernen und vergoldeten Kirchengefäße umzugießen und einen neuen ſilbernen und vergoldeten Kommunionkelch anzuſchaffen. Das iſt die erſte Nachricht vom Grötzinger Kirchengemeinderat und fein erſter Verhandlungsgegenſtand. Die Entwicklung der Zeit arbeitete auf eine Trennung von Ge: meinde und Kirche hin. Der Pfarrer war ein Organ der ſtaatlichen Kirchenbehörde in der Gemeinde, heute iſt er Prediger und Geel: ſorger. Früher war er der gegebene Vorſitzende der örtlichen Schul: kommiſſion, heute wirkt er nur noch beſtimmend im Religionsunterricht mit. Das Standesamt als ſtaatliches Organ iſt eine Schöpfung des modernen Staates. Die kirchliche Trauung, die früher allein gültig war, geht heute neben der ſtandesamtlichen als rein kirchlicher Akt einher. Hinter dieſer Entwicklung ſtehen politiſche Kräfte, die ſich in den Parlamenten ausgewirkt haben und in Grötzingen ſich als Niederſchlag und Auswirkung zeigen. Als die ſozialiſtiſche Arbeiterſchaft auch in Grötzingen bewußt die ſcharfe Trennung zwiſchen Gemeinde und Kirche durchführte und jede geldliche Unterſtützung der Kirche vonſeiten der politiſchen Gemeinde bekämpfte, waren die Hauptentſcheidungen in den Parlamenten ſchon gefallen. Das Jahr 1907{ah in Grötzingen zum erſten Mal eine Mehrheit im Bürgerausſchuß, die die letzten kleinen Ueberreſte geldlicher Unterſtützung beſeitigte. Zuvor mußte aber ein kleiner Streit durchgeführt werden. Die Gemeinde zahlte das Gehalt des Organiſten und des Kirchendieners. Dieſe Entlohnung wurde nun gekündigt. Zur Ueberraſchung des Gemeinderats präſentierte der Oberkirchenrat einen Vertrag aus dem Jahre 1869, worin die kirchliche Gemeinde der politiſchen Gemeinde die ſogenannte Meßnerwieſe in der Büchenau überließ, worauf ſich die politiſche Gemeinde verpflichtete,„für alle Zeiten“ das Gehalt für den Organiſten und den Kirchendiener auf die Gemeinde: 86 kaſſe zu übernehmen. Nach Erſcheinen dieſes unbekannten Vertrages war Ratloſigkeit bei der Mehrheit des Gemeinderats. Wozu gibt es aber Rechtsanwälte? So wandte ſich die Gemeinde an einen der tüchtigſten Karlsruher Rechtsanwälte, Dr. Dietz, der unerwartet Rettung brachte. Er fand heraus, daß der Vertrag von 1869 nicht vom damaligen Bürgerausſchuß genehmigt war. Das war der Rettungsweg für den Grötzinger Gemeinderat. Das Gericht ſchloß ſich der Auffaſſung des Anwalts an: die Kirche bekam die Wieſe wieder und zahlte auch wieder den Meßner und den Organiſten. Während dieſes Streites ſtellte der Pfarrer, geſtützt auf die Kirchenbehörde, das 1 Uhr- und 3 Uhr-Läuten ein, weil das mit der Kirche nichts zu tun habe. Ebenſo wurde die Uhr angehalten. Als nun der Streit geſchlichtet war, bekannte ſich die politiſche Ge— meinde zur Eigentümerin der Kirchenuhr und übernahm alle daraus hervorgehenden Unkoſten auf ſich. Das waren notwendige Auseinanderſetzungen, die zur heutigen Klarheit der Zuſtändigkeit der Kirche und der Gemeinde führten und die die alte Sitte nicht verwiſchen konnten, daß der politiſche Ge— meinderat mit dem Kirchen-Gemeinderat eine beſondere Bank in der Kirche haben. Die Kirchengemeinde Grötzingen beſitzt zur Befriedigung ihrer kirchlichen Bedürfniſſe zwei Fonds: den evang. Kirchenalmoſenfonds und den evang. Kirchen und Pfarrhausbaufonds. Der Kirchenalmoſenfonds verdankt ſein Vorhandenſein den Opfereinnahmen. Der Kirchen- und Pfarrhausbaufonds iſt dadurch entſtanden, daß das Großherzogliche Domänenärar die auf ihm gelegene Baupflicht zur Kirche und zum Pfarrhaus im Jahre 1846 durch Zahlung eines Kapitals von 5819 Mark abgelöſt hat. Dieſer Baufonds hat für die Unterhaltung der kirchlichen Gebäude aufzukommen; ein Teil der Zinſen iſt verordnungsgemäß zum Kapital zu ſchlagen, um einen Reſervefonds für ſpätere größere Inſtandſetzungen oder Neuherſtellungen zu beſitzen.— Außer den beiden kirchlichen Fonds kommt Kirchenſteuer in Betracht. Sie war nötig geworden durch die nicht mehr aufſchiebbare Anſchaffung einer neuen Orgel im Jahre 1906. Das Geld hierfür mußte von der Kirchengemeinde beſchafft werden. Von den beiden kirchlichen Fonds konnte nur der Kirchenalmoſenfonds einen Zuſchuß von 1000 Mark leiſten, der zur Anſchaffung noch fehlende Betrag von 7800 Mark aber mußte anlehensweiſe aufs 87 genommen und zu deſſen Verzinſung und Tilgung ſowie für die Inſtandhaltung der Orgel Ortskirchenſteuer eingeführt werden. Sie wurde erſtmals im Jahre 1907 erhoben. Die notwendig gewordene Inſ Handiekung des Geläutes durch Anſchaffung eines neuen Glocken: ſtuhles und Verbeſſerung der Läutevorrichtung brachte eine weitere Schuld von 1960 Mark, die ebenfalls aus Ortskirchenſteuern ab— zuzahlen iſt Die J hatte bei ihrer Einführung eine Höhe von 2 Pfg. von 100 Mark. 3. Die Juden. Die erſten Juden in Grötzingen ſcheinen aus Durlach zuge: we. zu ſein. Ein Handwerk oder die Landwirtſchaft zu treiben, war ihnen überall unterſagt. So blieb ihnen nur der Handel übrig, in dem ſie allerdings, oft zum Schaden der Bauern, Meiſter waren. Um ſich gegen die Angriffe des Pöbels zu wehren, gaben ſie ſich in Schutz des betreffenden Landesfürſten. Natürlich gewährte der Fürſt den Schutz nicht umſonſt, ſondern ließ ſich von den„Schutzjuden“ dafür bezahlen. So waren die Juden für die Landesherren eine Steuerquelle, In Durlach wohnten einige Judenfamilien, die dort eine Begräbnisſtätte, aber keine Schule hatten. Markgraf Karl II., der 1565 endgültig ſeinen Wohnſitz von Pforzheim nach Durlach verlegte, duldete in Durlach keine Judenſchule. So zogen immer mehr jüdiſche Familien nach Grötzingen. Allerdings konnten ſie auch hier keine Synagogen bauen, weil der Pfarrer Bechtold es ihnen verbot unter dem Vorwand, daß fie„die chriſtlichen Schabbismägde zu Inſtrumenten ihres Greueldienſtes mißbrauchen und ihrer Sünden teil: haftig machen“. Er gab ihnen den Rat, ihre Satansſchule da zu halten, wo ſie ihre Begräbnisſtätte hätten, nämlich in Durlach. Ueber hundertundfünfzig Jahre ſpäter, im Jahre 1787 berichtet das Oberamt an den Markgrafen:„In dem Ort Grötzingen wohnen ungefähr 12 Judenfamilien, welche bisher ihren Gottesdienſt in einer kleinen, dunklen feuchten Stube im Veitſchen Hauſe gehalten haben, die jetzt zu dieſer Abſicht unbrauchbar wird, indem alles da: ſelbſt zuſammenfault. Dieſes und der Umſtand, daß der Eigentümer das Zimmer nicht länger entbehren will, nötigt die Judengemeinde, * 88 ernſtlich an den Bau einer Synagoge zu denken. Drei Juden zu Grötzingen, die Gebrüder Baruch, die Veiths und Seligmann, welche nicht eben arm, aber auch nichts weniger als reich ſind, haben einen kleinen Fond dazu zuſammengeſchoſſen und bereits einen ſchicklichen Platz erkauft und bezahlt. Da die Gemeinde klein und arm iſt, ſo bitten ſie Euere hochfürſtliche Durchlaucht untertänigſt um einige Unterſtützung zur Ausführung ihres Bauweſens dahin, daß ihnen das erforderliche Bauholz von 669 Schuh Eichenholz und 5758 Schuh Tannenholz mildigſt zu ſchenken und ſofort in nicht allzuweit gelegener Waldung anweiſen zu laſſen. Nicht weniger bitten dieſelben um einen etwa drei Jahre unverzinslichen Vorſchuß von 400 Gulden, für deſſen Heimbezahlung nach dieſer Zeit die obengenannten Familien garantieren wollen. Wie heute noch Eingaben an Behörden einen Weg durch den Sand bedeuten, ſo damals ſchon. Im gleichen Jahre kaufte die jüdiſche Gemeinde um 215 Gulden einen Bauplatz für die Synagoge von Michael Arheidt. Erſt zehn Jahre ſpäter konnte die Synagoge ſelbſt in Angriff genommen wer: den, da die Mittel nicht vorhanden waren, um ein würdiges Gotteshaus herzuſtellen. Im Jahre 1796 wurden die erſten Gelder geſammelt, um die Baukoſten für die Synagoge zu beſchaffen und zwar geſchah das J durch freiwillige Spenden. So wurden 747 fl 45 kr zuſammengebracht. Da aber die Baukoſten 5000 fl betrugen, konnten die geſammelten freiwilligen Spenden noch lange nicht ausreichen, um das Gotteshaus herzuſtellen. Bis auf 4000 Gulden ſtieg im Laufe eines Jahres der Baufond, ſo daß mit dem Bau begonnen werden konnte. 1798 wurde die Schule eingeweiht. Der ſpätere Großherzog Karl nahm als Prinz an der Einweihungsfeierlichkeit teil, ebenſo die Bürger der Gemeinde Grötzingen. In den Jahren 1841, 1874 und 1899 waren größere bauliche Veränderungen nötig. Die Gemeinde vermehrte ſich beſtändig. Aus den zwölf Familien des Jahres 1787 waren 1874 30 Familien geworden, die heute dem Namen nach noch. in Grötzingen bekannt find: Es waren die Palm, Veith, Fröhlich, Sinauer, Metzger, Marx, Berg, Dreyfuß, Schmalz, Traub und Maus. Die heutige Synagoge 89 ſtammt in ihren Erweiterungen aus dem Jahre 1899, aber die Zahl der jüdiſchen Familien war ſchon im Rückgang begriffen. Es waren nur noch 25 Familien vorhanden, bald nur noch 15, und bis auf den heutigen Tag ſchreitet die Abwanderung fort. 4. Katholiſche Kirche in Grötzingen. Erſt in neuerer Zeit— bedingt durch die wirtſchaftlichen Um: gruppierungen, welche die Induſtrie und der Beamtenſtaat mit ſich brachte ließen ſich in Grötzingen Katholiken nieder, die der Stadt: pfarrei in Durlach angeſchloſſen ſind. Allmählich wuchs das Bedürfnis nach einem eigenen Gotteshaus und im Jahre 1917 ſchloſſen ſich die Katholiken zuſammen zu einem katholiſchen Kirchenbaupverein. Es gelang wohl noch, einen Bauplatz zu erwerben, jedoch der geplante Kirchenbau wurde durch den unglücklichen Ausgang des Krieges unmöglich gemacht. Auf der heraus: gegebenen Werbemedaille— dem erſten numismatiſchen Dokument von Grötzingen— iſt ſchon das wirtſchaftliche Elend zum Ausdruck gebracht. Der Koſtenvoranſchlag für die zu erſtellende Kirche betrug 75 000 Mark, welcher Anſchlag im Jahre 1919 ſchon die Summe von 685 009 Mark erreichte. Heute(1923) wären für den gleichen Zweck 487 500 9009 Mark aufzuwenden. Aus dieſem Grunde kaufte man bei der ſich bietenden Gelegen— heit von Herrn Kaiſer die ſeinerzeit von Herrn Dumbert erbaute Villa Fritſche, die ſich nach einigen Umbauten als Notkirche ver: wenden ließ, Leider laſſen ſich Erweiterungen kaum mehr vornehmen, ſo daß der Raum für die Gläubigen nicht ausreicht. Die Zahl der Katholiken in Grötzingen beträgt zur Zeit 450. Hierzu kommen noch die Katholiken aus dem benachbarten Berghauſen, die es mit Freuden begrüßten, in der Nähe Gelegenheit zum Beſuch des Gottesdienſtes zu finden. 5. Schule. Seit 1835 hat Grötzingen einen Ortsſchulvorſtand, der unter Leitung des Pfarrers in den erſten Jahren jeden Monats zuſammentrat. Der Gemeinderat gehörte ihm an, ein Lehrer und ein Ver— treter der jüdiſchen Gemeinde. Außer den Schulverſäumniſſen, die ſehr häufig waren, hatte der Schulvorſtand bei ſeinen Sitzungen kaum einen Punkt auf der Tagesordnung. In den zwei Schulſälen wurde die ganze Grötzinger Jugend von zwei Lehrern unterrichtet. 1837 wurde eine Wohnung für einen zweiten Hauptlehrer hergerichtet, fo daß Grötzingen einen Knabenlehrer, Mädchenlehrer und Clementarlehrer(Hilfs- oder Unterlehrer) hatte. Um die fortbildungsſchulpflichtigen Kinder nicht der Arbeit zu entziehen, wurden ſie abends oder Sonntags unterrichtet. Fünfzehn Lichtſtöcke erleuchteten abends das Schullokal. Die Kenntniſſe der Schüler waren unbedeutend. Um mehr zu erreichen, fehlte es an Anſchauungsmaterial und Büchern. Die Schulmädchen der oberſten Klaſſe fegten wöchentlich einmal die Schulzimmer. Der Lehrer damals war gedrückt und unfrei. Er verſah gleichzeitig das Amt eines Meßners in der Kirche, überwachte das Läuten und trug den Klingelbeutel im Gottesdienſt herum. Aus dieſer Lage heraus ſind Vorkommniſſe zu verſtehen, wie ſie im Protokoll des Ortsſchulvorſtandes vom Jahre 1839 ſtehen:„Dem Mädchenlehrer Himmelmann wurde ſtrenge unterſagt, in Zukunft Schülerinnen während der Lehrſtunden zu feinen häuslichen Arbeiten zu benutzen; ferner wurde demſelben verboten, ſein zweijähriges Enkelchen, was oft geſchehe, mit in die Lehrſtunden zu bringen, indem dasſelbe unruhig ſei und dadurch die Aufmerkſamkeit ſtöre.“ Am 1. Februar 1840 wurde das Schulläuten eingeführt. Eine Viertel Stunde vor Unterrichtsbeginn läutete die kleine Glocke. Dieſer Gebrauch dauerte bis in die neunziger Jahre. Er hatte feine Urſache in dem Mangel an Uhren in den Grötzinger Häuſern und in der ſchlechten Beſchaffenheit der Grötzinger Kirchenuhr. Ein regel: mäßiger Schulanfang war da unmöglich. Die Kinder zahlten in den vierziger Jahren zwölf Kreuzer Schulgeld im Vierteljahr. Das Schulgeld wurde unter die Lehrer verteilt. Die beiden Hauptlehrer in den vierziger Jahren waren Karl Friedrich Bittrolf und Heinrich Zimmermann, ihre Vorgänger hießen Walther und Himmelmann. 1863 wurde die Kleinkinderſchule erbaut, der jedes Jahr die Kirche zum Abhalten ihres Weihnachtsfeſtes zur Verfügung geſtellt wurde. Sie hatte ſchon einige Jahre vorher in Privathäuſern mit dem Unterricht der Kinder begonnen. Um die Erbauung der Kinderſchule haben ſich die ſogenannten Pietiſten verdient gemacht. Mühlenbeſitzer Funk in Ettlingen hielt die erſten Verſammlungen hier in Grötzingen um das Jahr 1856. Zu den erſten Anhängern hier im Dorfe kann man zählen: Steinhauermeiſter Waltz, Jakob Dopf, Georg Hofmann, Friedrich Walther, Andreas Vögtle, Konrad Ruf, Karl Siegriſt, Jakob Daubenberger und Johann Ruf, der den Platz ſchenkte, auf dem die heutige Kinderſchule ſteht. Es war für dieſe paar Männer eine kühne Tat, daß ſie 1863 die Kinderſchule bauten, in der von nun an die Verſammlungen der pietiſtiſchen Gemeinde, die Kinderſchule und Sonntagsſchule abgehalten wurden. Zu Beginn des Jahrhunderts wurde die Kinderſchule umgebaut und auf den heutigen Stand erweitert. Vorſtand der Kinderſchule iſt Jakob Bender. Seit 1855 wird das Reinigen der Schulräume nicht mehr von Schulmädchen beſorgt. Zwei Frauen übernahmen das Schulputzen. Jährlich mußte viermal aufgewaſchen werden. 1903 faßte der Ge: meinderat den Beſchluß, die Schulräume täglich fegen und wöchentlich einmal feucht aufziehen zu laſſen. Es wurden vier Putzfrauen angeſtellt. Die Korfirmanden wurden immer an Judika aus der Schule entlaſſen. Von jeher hatte das Gefühl der erhaltenen Freiheit und des Mannſeins ſie an dieſem Tage leicht zu Unbeſonnenheiten verleitet. 1865 faßte der Ortsſchulrat den ſtrengen Beſchluß, daß alle Konfirmanden, die ſich in den Wirtshäuſern an Judika betrinken, noch ein Jahr die Schule beſuchen müſſen. Gebrauch von dieſem Beſchluß wurde aber nie gemacht. 92 1866 wurde eine Ortsſchulbibliothek gegründet, die in den erſten Jahren ſehr häufig und gerne benutzt wurde. Die Schülerzahl war in jedem Jahr größer. Die Gemeinde mußte an einen neuen Lehrer und an ein neues Schulhaus denken. 1874 kam die dritte Hauptlehrerſtelle und ſomit der vierte Lehrer. Das Schulhaus wurde nach langem Streit nicht neben das alte Schulhaus und die Kirche geſtellt, ſondern in das entgegengeſetzte Ende des Dorfes. Es hieß bis zum Jahre 1902 das„Neue Schul= haus“ und hatte zwei Schulräume und zwei Lehrerwohnungen. 1902 wurde das jetzige große Schulhaus neben dem alten Schulhaus aufgebaut und mit dem alten zu einem Schulgebäude vereinigt. Gleichzeitig wurde ein Schuldiener angeſtellt. Zum Schulhausbau wurden 40 000 Mark bei der Rheiniſchen Hypothekenbank Mannheim auf= genommen. Auf dieſes ſo vereinigte Schulhaus wurde im Jahre 1910 ein dritter Stock aufgeſetzt. Nachdem 1868 die Nachtſchule ganz auf den Sonntag vor und nach dem Gottesdienſt verlegt war, wurde ſie 1875 endgültig auf den Werktag verlegt. Der Turnunterricht wurde 1877 eingeführt. Vorerſt fand er nur im Sommer ſtatt. 1878 wurde der Turnplatz neben dem alten Schulhaus errichtet; auf ihm ſteht heute das Schulhaus. Bei den kirchlichen Feſten nahm die Schuljugend regen Anteil. Sie verſchönerte durch Chöre die Feſte. Die Neuvermählten be— gleitete ſie in der Kirche im Singen der Lieder, den Toten gab ſie mit ihren jugendlichen Stimmen einen letzten Gruß ins Grab. Die Gabe der Gemeinde von 3 Pfennig und einen Weck nach Schluß des Schuljahres erhöhte ſich bei größeren Feſtlichkeiten: Bei der 50jäh—rigen Regierungsjubiläumsfeier des Großherzogs im Jahre 1902 erhielt von den 56 Schulkindern jedes 10 Pfennig. 1903 kam ein weiterer Unterlehrer nach Grötzingen. Am 1. Oktober 1912 wurden zwei neue Hauptlehrerſtellen errichtet. Während des Krieges 1914—1918 beteiligten ſich die Schüler unter Leitung ihrer Lehrer an den Sammlungen und ſammelten auch ſelbſt. Von Anfang Auguſt 1914 bis Ende Mai 1915 legten die Schüler in die im Schulhauſe aufgeſtellte Sammelbüchſe 138 Mark ein. Dazu kam noch aus dem Verkauf von geſammeltem Metall der Betrag von 148 Mark. 1916 wurden von den Schülern abgeliefert: 238 Kg. Brenneſſel und 5 Zentner Bucheckern. Dieſes Sammeln wurde durch den ganzen Krieg hindurch fortgeſetz!. Im Anſchluſſe der Abhandlung des Fördernden des Kriegsergebniſſes an der Grötzinger Volksſchule verdient hier noch ein folgender Punkt beſonders erwähnt zu werden, der einſtens in ſeiner Auswirkung ſicher von großem Segen ſein wird, nämlich: Zur ſteten Erinnerung und Wachhaltung an die für unſer Vaterland äußerſt ſchweren Kriegsjahre 1914—1918 im Sammel: und Helferdienſt für Mitarbeit und zur Nacheiferung für künftige Geſchlechter legten auf Anregung des derzeitigen Rektors Klein die hieſige Lehrerſchaft und Schuljugend von ihrer namhaften Sammel: ſumme von rund 5000 Goldmark ein Kapital von 100 Gold: mark bei der Sparkaſſe Grötzingen zinstragend auf 360 Jahre nach näher bezeichneten Beſtimmungen(ea. 75 Punkte) als Richtungslinie für künftige Verwendung ein. Erfreulich war ſeit Jahrzehnten die Wahrnehmung und De: kundung der geiſtlichen und weltlichen Behörden bei ihren Schul— beſuchen, daß ſters ein recht gutes Einvernehmen nicht nur unter der Lehrerſchaft ſelbſt, ſondern auch ein ſolches Verhältnis derſelben zur Ortsſchulbehörde, der Kirche und der Bürgerſchaft herrſchte. Längſt ſchon wurden hieſige Lehrer in den Kirchenausſchuß gewählt. Den beſtehenden Kirchenchor leitete 30 Jahre hindurch Herr Rektor Hiller, ebenſo verſah er lange mit noch einigen ſeiner Kollegen den Organiſtendienſt. Oefters wirkten bei Kirchenfeiern und bei welt: lichen feierlichen Anläſſen die Schülerchöre mit. Durch reichliche Bewilligung von Geldmitteln ſeitens des Gemeinderates konnten alle Jahre mit den oberen Schulklaſſen größere Schülerausflüge zur Kennenlernung der weiteren Heimat unternommen werden; ferner wurde ſeit 1914 jährlich eine weitere Genehmigung von 2000 Mark für Lehr- und Lernmittel der Lehrerſchaft zur Verfügung geſtellt. Die ſeit 1911 errichtete Haushaltungsſchule hat eine vollſtändige neuzeitliche Einrichtung. Für dieſe genannte Schule iſt eine aus— gebildete Fachlehrerin angeſtellt. Die Leitung der hieſigen Volks= Fortbildungs-, Induſtrie⸗ und Haushaltungsſchule wird in der Regel einem von der Behörde ernannten hier angeſtellten Hauptlehrer übertragen mit der Amtsbezeichnung„Rektor“. Derſelbe hat außer ſeinen Rektoratsarbeiten noch eine eigene Schulklaſſe zu unterrichten. Vom ſechſten Schuljahre ab haben ſeit 1916 alle oberen Klaſſen der Volksſchule erweiterte Unterrichtszeit, und ſeit Oſtern 1923 auch die Fortbildungsſchüler und Haushaltungsſchülerinnen. Zu dem jetzt in Kraft getretenen Fortbildungsſchulverband gehören nun die Fortbildungsſchülerinnen der Gemeinde Berghauſen, die zum Unter: . richt hierher zu kommen haben. Die allgemeinen Verbandsangelegenheiten berät und beſchließt eine Vertretung beider Ortsſchulbehörden; als rechnungsführende Gemeinde bleibt Grötzingen, die auch den Schulaufwand aufzubringen und mit Berghauſen denſelben viertel: j hrlich zu verrechnen hat. ö Bis 1694 war Hans Wendel Bentz Lehrer in Grötzingen. Ihm folgte Hans Martin Ruff. Von 1714— 1727 war der Lehrer Glaſer hier. Zilly, Vater und Sohn, verſahen bis 1751 den Schuldienſt.; Müller, Wetzger, Walter, Frei und Bautſchlicher folgten einander in den nächſten 50 Jahren.; Von 1877 ab waren an Hauptlehrern hier angeſtellt: Hecker*, Joachim, Ried, Idler, Rektor a. D., Wagner 7, Köbler 7, Becker, Knab+, Klein, ſeit 1904, Rektor a. D., Reinhard 1906, Rumm 1906, Heckmann 1919 Rektor, Kubach 1913, Fräulein v. Lücken 1913*, Lutz 1918, Ebel 1918, Gilbert 1918, Fuchs 1920, Vollmer 1920. Euler. An der Pfinz. IV. Verkehr und Indulkrie, 1. Brücken und Wege. Brücken, die wir heute in Grötzingen finden, ſind noch keine hre alt. Nur die Brücke auf der Steige und jene, welche ſſtraße mit der Mühlſtraße verbindet, iſt älter. Die Pfinz war kein Hindernis für den Verkehr. Ihr gewöhnlicher Waſſer— ſtand iſt ſo niedrig, daß die Wagen an ſeichten Stellen gut hindurch fahren konnten. Für die Fußgänger gab es Holzſtege. Neben der Oberausbrücke iſt die dreijochige Brücke vor dem Rathaus die größte. Im März 1840 entſchied ſich eine Bürgerverſammlung für ihren Bau. Urſprünglich ſollte ſie einige Meter weiter unten gebaut werden, damit nur zwei Joche nötig ſeien. Zu dieſem Zwecke hätte rechts und links Gelände gekauft werden müſſen. Das Protokoll über die betreffende Gemeindeverſammlung vom 20. März 1840 ſagt:„220 Bürger ſtimmten dafür und 58 dagegen. Die 220 Bürger ſtimmten aber nur unter der Bedingung dafür, daß die Brücke etwas weiter oben gegen das Wirtshaus zur Kanne auf die bisherige Ueberfahrt, wo das Waſſer ſeichter iſt, geſtellt und ſtatt zwei, mit drei Jochen gebaut werde, wozu kein Platz anzukaufen nötig ſei, gegen welchen Ankauf einſtimmig proteſtiert wurde, was bei der erſten Abſtimmung ein verneinendes Reſultat herbeigeführt hat. Die Seinhauermeiſter Walz, Krieger und Schöpfle ſtimmten der Gemeinde in dieſer Hinſicht nicht nur ganz bei, ſondern fie be—haupteten, daß an dem eben erwähnten Platz leichter zu bauen und ebenſo wohlfeil drei, als beſſer unten zwei Joch gebaut werden können.“ Am 5. Auguſt 1840 genehmigte die Gemeinde einſtimmig eine Kapitalaufnahme von 4000 Gulden zur Erbauung der Brücke. Die zwei Daten, die wir auf der weſtlichen Brückenſeite leſen — 13. Juli 1840, 18. Oktober 1840— geben die Zeit an, in der die Brücke gebaut wurde. Sie hat auch die Inſchrift, die auf Goethe zurückgehen ſoll: Alles iſt Uebergang zur Heimat hin. Die öſtliche Brückenbrüſtung ſchmückt folgender Spruch:„An jeden Ort, wohin Du gehſt, nimm Deinen Maß tab hundert 96 mit, zum Tanz, zum Schmaus, zum Spiel und i ichs, daß Du ſtille ſtehſt, dann frage: Wars zn viel?“ Die eiſerne Fahrbrücke bei der Mühle wurde 1868 hergeſtellt. Dort war ein einfacher Holzſteg, der nur von Fußgängern begangen werden konnte. Schon 1844 ſollte eine ſolche Brücke gebaut werden. Sie wurde damals von der Bürgerverſammlung abgelehnt. Etwas weiter zur Kanne zu ſtand der ſogenannte Kannenſteg, der bei den Grötzingern ſehr beliebt war. Er führte nicht in die Kanne, ſondern auf den freien Platz vor der Kanne. Früher gingen die Bewohner des Unter-, Mittel- und Oberviertels, wenn fie nach Durlach wollten, über den Mühlſteg neben der Mühle vorbei und über den Kannenſteg und ebenſo auf ihrem Rückweg. Mit der Zeit war er baufällig geworden. Seitdem die Fahrbrücke bei der Mühle war, hatte er auch an Wichtigkeit verloren. Trotzdem proteſtierten 75 Bürger in einer ſchriftlichen Eingabe an den Gemeinderat gegen den Abbruch des baufälligen Steges im Jahre 1872. Der Kannenwirt Jakob Hofmann führte einen Prozeß gegen die Gemeinde wegen dieſer Sache. Es half nichts. Erſt ungefähr 35 Jahre ſpäter wurde wieder ein ſolcher Steg vom Kannenwirt gebaut. Dieſer führte aber nicht mehr auf den freien Platz, ſondern unmittelbar in das Nebenzimmer der Wirtſchaft hinein. Der eiſerne Steg am Hühnerlochwehr wurde 1877 von dem Maſchinenfabrikanten Karl Friedrich Fießler für 1100 Mark her geſtellt. Die Verlegung des Bahnhofs auf ſeine heutige Stelle im Jahre 1879 bedingte auch eine Brücke über den Floßgraben am Bahnhof. Sie wurde im gleichen Jahre gebaut. Die Brücke über den großen Brühlgraben bei den Abtswieſen wurde 1894 von Maurermeiſter Möſſinger u. Krieger gebaut, und die Eiſenarbeiten von Fabrikant Karl Fießler ausgeführt. Die Ausdehnung Grötzingens infolge Zunahme feiner Bevölkerung macht ſich kund in der Neuanlage von Straßen. Von der heu: tigen Wilhelmſtraße haben wir ſchon geſprochen. Nach dem Krieg von 1870/71 wurde die heutige Kaiſerſtraße gebaut. Sie iſt die größte Straße von Grötzingen geworden. Ungefähr 100 Häuſer ſtehen rechts und links von ihr. Die Waſſerleitung machte das Bauen leichter. So konnte ſich 97 Grötzingen nach Süden und Norden ausdehnen. Im Süden grüßen ſchöne Häuſer von den Hügeln herab, im Norden dehnen ſich die Häuſer immer mehr in die Ebene hinein aus. Ganz neue Straßen und Straßenbezeichnungen kamen auf. 1919 find die Hohengrund⸗, Schiller, Goethe-, Ringelberg- und Weingartener Straße Hinzu gekommen. In den neunziger Jahren gab Grötzingen ſeinen Straßen Namen. Vorher hatten die Häuſer fortlaufende Nummern. Jetz bekam jede Straße ihre Hausnummern. 2. Eiſenbahnen. Kan HKrötzingen hätte beinahe den Vorteil, an drei Eiſenbahnlinien zu liegen. So führt die eine Bahnlinie Durlach—Weingarten zwar durch die Grötzinger Gemarkung, ohne jedoch das Dorf zu berühren. Wäre es auf die Grötzinger angekommen, ſo wären ſo frühzeitig keine Bahnen gebaut worden. Die Bürger wollten ihr Gelände nicht verkaufen. Schon 1841 verſuchte das Eiſenbahnbauamt, die Wieſen für den Bahnbau auf gütlichem Wege zu erhalten. Schließlich mußten die Preiſe feſtgeſetzt werden, und der Bahnbau konnte begonnen werden. Am 10. April 1843 wurde die Strecke Durlach — Weingarten eröffnet.: Der Bahndamm hatte einen großen Fehler: Es waren zu wenig ind zu kleine Durchgänge für das Waſſer gelaſſen, jo daß beim Hoch: waſſer der Pfinz 1851 ein Teil des Dammes weggeriſſen wurde. So iſt auch die Sorge der Grötzinger Bürgerſchaft zu begreifen, als 1856 die Strecke Durlach=—-Pforzheim abgeſteckt wurde. Des Intereſſes halber ſetze ich den Bericht wörtlich hier her, den der Grötzinger Gemeinderat am 15. September 1856 an das„Großherzogliche Hochpreisliche Miniſterium der Auswärtigen Angelegenheiten“ richtete. Ich habe nur die Rechtſchreibung verändert, indem ich ſie nach den heute beſtehenden Regeln einſetzte. „Wir die hier Unterzeichneten fühlen uns notgedrungen, im Intereſſe der hieſigen Gemeinde ſo wie für das Intereſſe des Staates, einige triftige Gründe Großh. Hochpreislichen Miniſterium bittend und beſchwerend vorzutragen, damit die Eiſenbahnlinie nicht durch den Ort Grötzingen gezogen, ſondern womöglich entweder links oder rechts neben dem Gebirge am Orte vorbei und zwar aus folgenden Gründen: 83* * 2 8 . —2 e 98 1. Wenn die Eiſenbahnlinie durch den Ort Grötzingen, wie ſie gegenwärtig abgeſteckt wird, gezogen wird, ſo ſteht hierorts bevor, wenn uns die Pfinz nur ein ſtarkes Halbwaſſer bringt, durch den Damm der Eiſenbahnlinie, welcher verurſachen muß, daß ſich das Waſſer nicht ausdehnen kann, wie ferner daß den Leuten im Kirchenviertel ihre Erzeugniſſe in ihren Kellern ſowie die Fahrniſſe in den niederen Häuſern alle ruiniert werden müſſen, indem Dies ſelben nicht mehr ſo viel Zeit zum Aufräumen bekommen wie früher durch die ſchnellere Anſchwellung der Pfinzbach, welche durch Ferti— gung des Eiſenbahndammes ganz eingefaßt wird und ſich nirgends mehr ausbreiten kann, 2. Hat uns das Hochwaſſer im Jahre 1851 gezeigt, daß die Eiſenbahnlinie von Karlsruhe nach Bruchſal, welche nahe einer hal ben Stunde von Orte entfernt auf unſerer Gemarkung durchzieht, uns das Waſſer ſo hinſpannte, daß ſich die Einwohner, welche nahe am Waſſer im ſogenannten Kirchenviertel wohnen, beinahe nimmer retten konnten und einen nicht unbedeutenden Schaden verurſacht in den Häuſern! Wie viel Schaden würde uns jetzt durch dieſe Eiſenbahn, welche ſchon von Söllingen an alles Waſſer auf das linke Pfinzufer dem Kirchenviertel hinzuführt, anrichten! Denn erſt als das Waſſer ſo hoch ſtand, daß es einen Teil an der Eiſenbahn wegnahm, fo fiel das Waſſer, und konnten die Leute aus den Woh⸗— nungen entkommen. Nach unſerer Anſicht würde nicht nur die hieſige Gemeinde, ſondern auch der Staat bei einem ſolchen Hochwaſſer großen Schaden zu tragen haben, und würden nicht nur Häuſer und Gebäude Not leiden, ſondern es würden auch Menſchen und Vieh zugrunde gehen, indem ſie keine Zeit mehr bekämen zu entfliehen. Unſere Bitte geht daher dahin, Großh. Hochpreisliches Miniſterium der Auswärtigen Angelegenheiten möge hochgefälligſt dahin wirken, daß die Bahnlinie von Durlach nach Pforzheim, wie ſchon erwähnt, entweder rechts oder links neben dem Orte vorbei geführt und nicht durch den Ort Grötzingen gezogen werden. Im entgegengeſetzten Falle würden wir, wenn uns durch die Eiſenbahn Schaden zugefügt würde, uns vor— zubehalten haben, daß uns der Schaden vergütet werde.“ Die Bahn wurde trotzdem gebaut und 1863 dem Verkehr über: geben, ohne daß die Befürchtungen des Grötzinger Gemeinderats Wirklichkeit geworden find. Der Bahnhof ſtand dem heutigen Stellwerk gegenüber an der Wilhelmſtraße. Er blieb hier bis zur Er— 99 öffnung der Bahn Durlach Bretten— Heilbronn im Jahre 1879, wo er auf ſeine heutige Stelle verlegt wurde. Wie ſtark der Verkehr in Grötzingen iſt, läßt ſich aus folgender Tabelle erkennen: Perſonenfahr⸗ Expreßgut Tiere Güter⸗ Einnahme karten und Milch Stück Terſand Empfang in Anzahl Kilogr. Tonnen Mark 1903 92112 90 195 463 9610 10 040 138 391 1908 155 365 778 472 10 258 114 772 1913 94779 278370 462 7693 13 629 232 366 1922 106278 43 000— 3006 8970 40685589 Der Plan, Grötzingen an das Netz der elektriſchen Straßenbahn Karlsruhe anzuſchließen, tauchte im Jahre 1911 auf. Der Karls— ruher Stadtrat veranlaßte eine ausführliche Rentabilitätsberechnung. Die Koſten wären aber ziemlich hoch gekommen, ſo daß der Plan wieder fallen gelaſſen wurde. 3. Poſt. Das Schreibbedürfnis der Grötzinger war gering. An wen ſollten ſie auch ſchreiben? Handel und Induſtrie waren ſo gut wie nicht da. Was damit zuſammenhing, konnte mündlich in Durlach oder Karlsruhe beſorgt werden. Verwandte, die auswärts wohnten, gab es nicht. Die wenigen Grötzinger, die auswärts heirateten, wohnten in den Nachbardörfern, von wo aus ſich am Kirchweihfeſte leicht nach Grötzingen kommen ließ. Erſt als in den vierziger Jahren die Auswanderung nach Amerika einſetzte, war das Be: dürfnis des Mitteilens größer geworden. Eines zog das andere nach ſich hinüber über den Ozean. Der Landbriefträger aus Durlach brachte dieſe wenigen Briefe nach Grötzingen und nahm die ge— ſchriebenen gleich wieder mit. Es bedeutete für Grötzingen einen Fortſchritt, als 1859 eine Poſtagentur nach Grötzingen kam. Jetzt konnten die Briefe eingeworfen werden, die der Landbrief⸗= träger regelmäßig abholte. Die Umwandlung in ein Poſtamt I erfolgte am 1. Febr. 1872, gleichzeitig übernahm ein Beamter den Betrieb. Der Telegraphen— betrieb iſt am 16. Februar 1879 und die öffentliche Fernſprechſtelle am 29. Mai 1902 eingerichtet worden. Ueber die Entwicklung des Verkehrs auf dem Grötzinger Poſtamt gibt am beſten die Tabelle Aufſchluß: Au f ſtellung über den Lerkehrsumfang und die Entwicklung des Poſtamfs in Grötzingen(Amt Durlach). Brief⸗ Bakat- und . ſendungen Werkt⸗ FGerkauf end. ſendung en DON Zeitungs verkehr Eingezahlte Poſt⸗ Ausgezahlte Poſtanweiſungen und und Zahlungseingegangene Nummern abge. | kaſten gangene Zahlkarten anweiſungen (Serlags-|| Poſtanſt) Betrag Poſtwertzeichen 9 Poſten Geſpräche Vorhandene Brie aufge:| lieferte‘ aufgelieferte und abgegangene Telegramme Ausgegangene gangene Betrag Lorhandenes Perſonal Ein© Slück| Stück Stück] Stück Stück Stück Stück Stück Mark Stück 8 ück] St. Stück Mark 45630 nichl fer 191 7332 1920 79846 100100 2945 6313[1067| 71961 90420| 65800 366846|2193 noch nicht . Cerlags; 49% poſt 131880 214900 10679 1118 10 613 1477| anſtalt 688 076 3501 140 740 121800 273200 6506 11987 1163 652 10 833 143 625 997 3529 439 966 5 nicht feſt geſtellt 978 1852856. 31783 8485| 28 064 558 3882 12 750809 geſte A 1 m 2 8 u 153 101 4. Geſchichte des Eiſenwerks Grötzingen. Das Eiſenwerk Grötzingen führt ſeine Gründung auf das Jahr 1855 zurück. Sein Gründer iſt der im Jahre 1879 verſtorbene Schmiede meiſter Karl Fießler. Die Familie iſt aus der Schweiz zugewandert. Fießler war ein rühriger, unternehmender Mann und nützte ſeine Zeit zielbewußt aus bei dem damaligen Beginn der Bahnbauten in Baden. Nach ſeinem Tode übernahm ſein Sohn Karl Fießler das Ge: ſchäft und bildete es zu einem Fabrikunternehmen um. Als derſelbe im Jahre 1905 unvermutet aus dem Leben ſchied, übernahmen deſſen Bruder Friedrich Fießler, ſein Schwiegerſohn Auguſt Waltz und ſein Ingenieur Eugen Wollfarth das Geſchäft und führten es mit jungem Eifer und Unternehmungsgeiſt weiter, bis der unglückliche Krieg 1914 ſeinem Aufſtieg ein Ende bereitete. 1915 trat Herr Waltz aus der Firma aus. —— Kampmann Sfürmiſches Wetter. Was die Gediegenheit der Leiſtungen anlangt, hat die Firma ſich einen ausgeſprochen guten Ruf erworben. Die Arbeiterzahl war im Jahre 1914 bis zum Ausbruch des Krieges auf 380 geſtiegen. Sieben Ingenieure waren im Geſchäft tätig. Eine Reihe von Rekordleiſtungen im Brücken- und Eiſenbahnbau kann die Firma verzeichnen. 102 Im Jahre 1914 war die Zahl der verarbeiteten Menge Eiſen auf 6000 Tonnen geſtiegen. Leider hat das Geſchäft mit zwei Schwierigkeiten zu kämpfen: einmal mit dem Bezug von Kohlen und Eiſen und dann auch mit der wirtſchaftlichen Orientierung der badiſchen Behörden. Die neuen Zeiten haben die Schwierigkeiten noch vermehrt und die derzeitigen Verhältniſſe laſſen für die Zukunft wenig Gutes erwarten. 5. Munitionsfabrik. Im Jahre 1887 kaufte Kommerzienrat Lorenz in Karlsruhe die ſog. Holzwartſche Mühle mit Gelände. Die Konzeſſion zur Ger: ſtellung von Munition lief im Jahre 1890 für die Karlsruher Fabrik ab und ſo mußte rechtzeitig auf den Bau einer Filiale Sorge verwendet werden. Am 1. Oktober 1890 wurde der Betrieb eröffnet und damit für das ganze Pfinztal eine Arbeitsſtätte geſchaffen. Die hier in Grötzingen erzeugte Gewehrmunition gehörte zum kleinſten Teil Deutſchland. Der Hauptabnehmer war die Türkei, die viele Millionen Patronen aus der Grötzinger Fabrik bezog. Dazu machten faſt alle ſüdamerikaniſchen Staaten Beſtellungen hier. Spanien, Serbien, China fehlten nicht. Während des ruſſiſch— japaniſchen Krieges kam von Rußland ein Auftrag auf 500 Millionen Patronen. Im Krieg 1914—1918 war Hochbetrieb in der Grötzinger Fabrik. Als der ganze Betrieb auf Kriegslieferung eingeſtellt war, wurden durchſchnittlich eine Million Gewehrpatronen und 150 000 Piſtolenpatronen täglich gemacht. In Tag- und Nachtſchicht wurde gearbeitet. Die Arbeiter, meiſtens Arbeiterinnen, kamen aus dem ganzen Pfinztal und aus der Gegend um Bretten. Der verlorene Krieg brachte für die Fabrik einen Rückſchlag, der ſie auf 10 Arbeiter zurückwarf. Ausgangs 1920 ſetzte langſam die Beſchäftigung in Herſtellung von Privatmunition wieder ein, ohne daß allerdings die Zahl der Beſchäftigten an die vor dem Kriege heranxeichte. 6. Uhrkettenfabrik und Zahnfabrik. Nach dem Kriege erfuhr Grötzingen eine bedeutende Erxweite— rung feine induſtriellen Niederlaſſungen. Die große Wirtſchaft zum 103 Löwen wurde von der Pforzheimer Firma Kollmar u. Jourdan aufgekauft und in eine Uhrkettenfabrik umgewandelt. __Kollmar nnn Die Zahnfabrik erſtellte eine neues Gebäude auf den Wieſen neben der Bahnlinie, die nach Bretten führt. Es iſt ein mächtiges Gebäude, das mehrere hundert Arbeiter in ſeinen Mauern beſchäftigen kann. V. Gemeindeweſen. 1. Die Grötzinger Bürger. Urſprünglich war jeder Grötzinger Einwohner auch Grötzinger Bürger, d. h. alle hatten gleiche Rechte und Pflichten hinſichtlich des Gemeindeeigentums, das in Grötzingen aus Wald und Weide beſtand. Dorthin wurde das Vieh getrieben bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, wo auch in Grötzingen die Stallfütterung eingeführt wurde. Die Verſammlung der Gemeindebürger war die höchſte Inſtanz, die bei wichtigen Angelegenheiten entſchied. Mühle, Schäferei, Entwäſſerungsgräben, das waren ſolche Gemeindeſorgen, die in den uns überlieferten Nachrichten ſtehen. 1534 wollten die Grötzinger auf ihrer Allmend im Bruch einen Fiſchweiher einrichten. 104 Die Markgrafen Bernhard und Ernſt genehmigten dieſen Plan unter der Bedingung, daß der vierte Fiſch an die Herrſchaft abgeliefert werde und daß dem markgräflichen Küchenmeiſter das Vor— kaufsrecht auf die gefangenen Fiſche zuſtehe. Erſt das Weideverbot und die Einführung der Stallfütterung brachten Unruhe in die Bürgerſchaft. Langſam, aber ſicher ſetzte fir dieſe neue Arbeilsmethode durch. Die Allmende wurde unter den Grötzinger Bürgern aufgeteilt. Die Güte der verteilten Wieſenſtücke konnte nicht gleich ſein. Daher ſetzte eine Bürgerverſammlung am 28. November 1833 die Ausgabe der Allmendwieſen mit 195 Stimmen gegen 99 auf ſechs Jahre feſt.— Seitdem das Holz des Waldes und die Allmendwieſen unter den Bürgern verteilt wurde, hatte die Bürgerſchaft einen Vorteil, wenn möglichſt wenig Bürger vorhanden waren, weil dann der Anteil für jeden einzelnen größer war. Der Zugezogene erkaufte ſich das Bürgerrecht. Da die Bevölkerung von Jahr zu Jahr wuchs, kam die Gemeinde ſchließlich an dem Punkt an, wo fie den Jung: bürgern keinen Allmendgenuß mehr geben konnte, wollte ſie ihn nicht jedes Jahr mehr verkleinern. So kam es am 23. Oktober 1837 zu jenem Beſchluß, der bis auf den heutigen Tag ſeine Gültigkeit hat. Im Protokoll über die ſtattgehabte Sitzung leſen wir folgendes: „Die Bürgerſchaft war zu 321, alſo weit mehr als zu drei Viertel verſammelt und bejahte einſtimmig die Frage, daß von nun an 400 Bürgerloſe für immer feſtgeſetzt werden ſollen, welche in keinem Fall überſchritten werden dürfen, mit dem Anhang, daß diejenigen, welche das 25. Jahr erreicht haben, auf Anmelden in das Bürgerbuch eingetragen werden und in dem Rang, wie fie ein: getragen ſind, in die Bürgergenußteile eintreten.(Gem. Rat. Protokoll, Auszug.) Das Protokoll iſt vom hier folgenden Ge: meinderat und Bürgerausſchuß unterſchrieben. Der Gemeinderat: Der Bürgerausſchuß: Bürgermeiſter Wagner Friedrich Arheit Martin Herbold Jakob Friedrich Müller Philipp Hofmann Friedrich Kunzmann Georg Friedrich Füßler Philipp Jakob Kern Andreas Vollmer Kriſtian Kurz Andreas Ehrle Andreas Siegriſt. Gottfried Ruf 105 Wie notwendig ein ſolcher Beſchluß war, läßt ſich aus der Zahl der ortsanweſenden Bürger erkennen, die Grötzingen in den letzten 25 Jahren hatte, 1905 waren es 517, 1910 777, 1922— 744, Würde jeder Bürger ſeinen Teil Holz und Wieſe mit ſeinem 25. Lebensjahre an ſchon bekommen, ſo wäre der ganze Bürgernutzen zu einem Nichts zuſammengeſchmolzen. Rum Der alte Siegriſt. Am Tag der Heirat mußte ein junges Paar im 18. Jahrhundert einen Obſtbaum pflanzen. Der Tag des Antritts des Bürgerrechts ſollte den Bürger auch an feine Pflichten gegen die Gemeinde erinnern. Jeder junge Bürger mußte ſich einen Feuereimer kaufen und ihn bei ſich für den Fall der Not aufbewahren. Dieſe ſchöne Einrichtung wurde aber durchlöchert durch den Mangel an Verſtändnis für die Allgemeinheit, den manche Bürger zeigten. Sie verkauf: ten ihren Feuereimer wieder weiter, daß am 28. Juli 1848 der Gemeinderat beſchloß, jeden Jungbürger 2 Gulden 30 Kreuzer in die NL 106 Gemeindekaſſe zahlen zu laſſen und ihn von der Pflicht des Kaufes eines Feuereimers zu entbinden. Unſere Zeit kennt nur noch Einwohner, die das Leben der Ge: meinde beſtimmen. Das Bürgerrecht hat ſeinen Sinn verloren. Es ragt als ein Ueberbleibſel längſt verſunkener Jahrhunderte in unſere Zeit hinein und es wird ſich mit der fortſchreitenden Miſchung der Bevölkerung immer mehr als ſolches erweiſen. 2. Die Bürgermeiſter. Von der genauen Dienſtzeit der Bürgermeiſter fehlt uns bis zum 19. Jahrhundert eine lückenloſe Aufſtellung. Bis um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert heißen die Bürgermeiſter noch Schultheiſen. Eigentliche Dienſtſtunden hatten ſie nicht. Wer den Bürgermeiſter gerade ſprechen wollte, ging in ſeine Wohnung, wo der zweitürige Bücherkaſten mit dem in Pergament gebundenen Landrecht ſtand. Die Bezahlung des Schultheis war gering. Er hatte vor allem das Recht, ſein Vieh koſtenlos auf die Weide zu treiben und er war frei von allen Frohnden. Wenn ein Schultheis wollte, konnte er ſich und ſeinen Verwandten ſchon allerlei Vorteile verſchaffen. Wir ſehen das aus einer Beſchwerde gegen einen Schultheiſen, dem vorgeworfen wurde, daß er ſeine Verwandten mit Frohnden und Strafen ver— ſchone, daß der Anwalt und ſein Schwager Hans Walter, der reichſte Bauer im Ort, von Fuhrfrohnden befreit ſei und keinen Zoll zu zahlen brauche. Mit dem Wachſen des Dorfes wuchs auch die Bedeutung des Bürgermeiſteramts. Wir können die Mitte des 19. Jahrhunderts als den Anfang bezeichnen, wo der Bürgermeiſter in wachſendem Maße von ſeinem Amt in Anſpruch genommen wurde, bis ſchließlich jede Nebenbeſchäftigung unmöglich wurde. Als 1848 Bürgermeiſter Krieger ſtarb, folgte ihm der revo— lutionäre Bürgermeiſter Walz, der aber noch im gleichen Jahre dem Bürgermeiſter Philipp Hofmann Platz machen mußte. Die Nachſicht des Oberamtes Durlach aus den Jahren 1848/49 war verſchwunden, es hatte die Macht hinter ſich und ſuchte auch in die Verhältniſſe der Gemeinde einzugreifen. Gegen Hofmann erhob das Oberamt den Vorwurf, er ſei gegen die jungen Leute zu nachſichtig und habe fie an der Kirchweih auf der Straße ſingen laſſen; der Anzeige des 107 Polizeidieners, daß mehrere Leute die Straße nicht gereinigt haben, habe er keine Folge gegeben; den Jakob Hofmann, der wegen nächtlicher Ruheſtörung arretiert worden ſei, habe er wieder entlaſſen; außerdem ſeien ſeine Vermögensverhältniſſe in ſchlechter Ordnung. Das genügte, um ſeine Entfernung vom Amte zu erreichen. Am 1. Oktober 1853 folgte ihm Ludwig Schmitt als Bürgermeiſter nach, der am 23. Auguſt 1861 ſein Amt niederlegte, weil er eine Wirtſchaft übernahm. Am 4. Oktober 1861 wird Friedrich Kurzmann Bürgermeiſter. Aber auch er führte ſein Amt nicht zu Ende und bat um Doll Rathaus. J. Mai 1867 um feine Enthebung. Am 18. Juni 1867 wurde Bierbrauer Chriſtoph Wagner Bürgermeiſter. Er mußte ſeinen Wirt— ſchaftsbetrieb einſtellen. Er war unter der Bürgerſchaft ſehr beliebt. 1870 und 1876 wurde er wieder gewählt. Als 1883 ſeine Zeit abgelaufen war, verzichtete er zugunſten des Jakob Chriſtoph Krieger, der aber ſchon 1888 ſtarb. Da griff man wieder auf den alten Bürgermeiſter zurück, der bis zu ſeinem Tode das Amt als Bürgermeiſter innehatte. 1890 übernahm Reichard Jordan das Bürgermeiſteramt. Bei ſeinem Tode 1897 folgte ihm Gottlieb Martin Wagner. Er wurde nach Ablauf ſeiner erſten Amtszeit wiedergewählt. Nach ihm 108 machte der Gemeinderat den Verſuch mit einem Berufsblirgermeifter, Sobald der Berufsbürgermeiſter ſeine Stelle in Grötzingen aufgab, kehrte man wieder zum alten Gebrauch zurück und wählte aus der Mitte der Gemeindebürger wieder einen Bürgermeiſter. 3. Geſundheitsweſen. Bevor Arzt und Heilkundiger nach Grötzingen kamen, war die Hebamme da. Sie hatte von der Gemeinde das Tuchzeug, das zur Taufe nötig war, in Verwahrung: Einige Häublein, Herz. und Kopftüchlein und zwei Tauftücher. Der Heilkundige im Dorfe war der Chirurg, der das Geſchäft des Barbiers und Leichenſchauers mitbeſorgte. Die Gemeinde gab dem Chirurgen Schwab 1841 unentgeltlich das Bürgerrecht, wenn er lebenslänglich hier bliebe. Ob Schwab geſtorben oder weggezogen iſt, ließ ſich nicht ermitteln, denn im Jahre 1849 kam der Wundarzneidiener(Chirurg) Karl Heinrich nach Grötzingen. Er verſah ſein Amt in der Gemeinde über vierzig Jahre und legte bei manchem Unglück, aber auch nach mancher Schlägerei den erſten Verband an, bis ärztliche Hilfe aus Durlach herbeigerufen werden konnte. Der Grötzinger Frauenverein brachte eine,{väter zwei Kranken— ſchweſtern nach Grötzingen. Der erſte Arzt in Grötzingen war Karl Staub, der ſich ausgangs der 90er Jahre in Grötzingen niederließ. Ein zweiter Arzt kam 1923. Seit Oſtern 1914 gibt es einen Schularzt. Es iſt der ſachverſtändige Berater in allen Fragen der Schul: geſundheitspflege. Seine Tätigkeit erſtreckt ſich auf Schulgebäude, Schüler und alle mit der Schule in Zuſammenhang ſtehenden geſundheitlichen Einrichtungen. Insbeſondere beim Auftreten an: ſteckender Krankheiten iſt es Aufgabe des Schularztes, durch Vornahme von Unterſuchungen ein Umſichgreifen der Krankheit zu ver: hüten. Der Schularzt hat ſich jedes Jahr einmal über den Geſundheitszuſtand der Schule zu verläſſigen und zu dieſem Zwecke ſämtliche Klaſſen während des Unterrichts zu beſuchen. 1911 wünſchte die Gemeinde eine Apotheke. Sie ſollte aber das Haus dazu ſtellen. Da auch wenig Ausſicht war, daß ſich die Apo— theke rentierte, nahm man von dieſem Plan wieder Abſtand. Ebenſo tauchte verſchiedene Mal der Plan eines Krankenhauſes auf. Iſt dieſer Plan ſchon vor dem Kriege an der Koſtenfrage ge— 109 ſcheitert, ſo wird er nach dem Kriege noch weniger zur Ausführung kommen, auch wenn ein ungenannter Einwohner 1922 tauſend Mark als Grundſtock für das zu erbauende Krankenhaus ſtiftete. Manchem Grötzinger hat der Totengräber Chriſtian Stutz ſein Grab gegraben. Im Jahre 1882 übernahm er ſein Amt und bezog von der Gemeinde jährlich 26 Mark, vom Dorfmüller zwei alte Seſter— 30 Liter glatte Frucht und das Gras auf dem Friedhof. Bei Begräbniſſen erhielt er für ſeine Arbeit bei Kindern 1 Mark, bei Schulkindern 1,50 Mark und bei Erwachſenen 2 Mark. Dieſe Taxe wurde 1890 um je 50 Pfg. erhöht. Das Tragen der Leichen geſchah von Nachbarn oder Freunden des Verſtorbenen. Seit 1. Oktober 1903 fährt der Leichenwagen. 4. Verſicherungen. Die Verſicherungen ſind eine Erſcheinung der Neuzeit, vor allem die Lebensverſicherung. Aelter als die Sorge um den Menſchen iſt die um das Vieh. Viehſeuchen hatten von jeher unter den Tieren ſo verheerend gewütet wie die Peſt unter den Menſchen. So tauchte frühzeitig der Gedanke einer Viehverſicherung auf, um den De: ſitzern nach Abgang eines Stückes wieder die Möglichkeit der An: ſchaffung zu geben. In Grötzingen wurde am 1. Dezember 183% der Gedanke einer Viehverſicherung in einer Gemeindeverſammlung zum erſtenmal beſprochen. Bei der Abſtimmung, ob eine ſolche Verſicherung eingeführt werden ſollte, zeigten ſich die Grötzinger Bürger in ihrem Urteil gerade von ſalomoniſcher Weisheit: Sie erklärten ſich im allgemeinen weder ganz dafür, noch ganz dagegen. Die Verſicherung kam. Sie ſtiftete viel Gutes, und es gab kein Bauer, der Vieh im Stall hatte und nicht in der Verſicherung war. Die Feuerverſicherungen wurden von Privatgeſellſchaften verbreitet. Sie fanden auch in Grötzingen Anklang. Die Verſicherung gegen Krankheit wurde in dem Augenblick zur Notwendigkeit, wo im Falle des Krankſeins die Unterhalts— möglichkeit aufhörte. Je größer die Zahl der Lohnempfänger wurde, deſto nötiger zeigte ſich eine ſolche Einrichtung. Dieſen Umſtänden verdankte die Ortskrankenkaſſe im Jahre 1886 ihre Entſtehung. 110 5. Gas⸗ und Waſſerleitung. Eine der größten Errungenſchaften für Grötzingen bedeutet die Erſtellung einer Gas- und Waſſerleitung. Die Dorfbrunnen genügten für das wachſende Dorf nicht mehr, zumal das Waſſer auch nicht immer einwandfrei war. Das wiederholte Auftreten von Typhus fällen wurde auf ſchlechtes Trinkwaſſer zurückgeführt und ſchon ver: ſchiedentlich waren öffentliche Brunnen bezirksamtlich geſchloſſen worden. Wiewohl es auch Stimmen gab, die ſagten:„Unſere Väter und Großväter haben das Waſſer auch aus den Brunnen geholt, alſo können wir es auch holen,“ ſo waren ſolche Stimmen doch in der Minderheit. Nur um das Wie und Woher der Waſſerleitung ent: ſpann ſich ein erbitterter, ſich Jahre hinziehender Kampf. Der Bürgerausſchuß vom 11. Auguſt 1904 genehmigte 1509 Mark für das Waſſerleitungsprojekt. Damit war wenigſtens ein: mal die materielle Grundlage gelegt, auf der die Voxarbeiten für das Werk begonnen werden konnten. Der ſpringende Punkt der komenden Jahre war: Woher das Waſſer nehmen. Die Anlage mußte ſo gebaut werden, daß womöglich der Höhendruck allein ge: nügte, das Wafſer in die höchſtgelegenen Häuſer zu leiten. Zuerſt dachte man an die Quelle in der Hattenkeltenhohl, die ziemlich hoch liegt. Die Nachgrabungen ergaben aber, daß die Waſſermenge nicht genügte. Lange ſtand im Mittelpunkt die Werraquelle. Die Gemeinde Weingarten errichtete zur gleichen Zeit eine Waſſerleitung und ſuchte dieſe Quelle an ſich zu bringen. Die Quelle entſpringt auf Grötzinger Gemarkung und treibt die ſogenannte Werrenhäuslemühle, die die Gemeinde Weingarten kaufte. Zwiſchen Weingarten und Grötzingen kam es zu erregten Auseinanderſetzungen, ſchließlich zu einem Prozeß, den Rechtsanwalt Dr. Dietz, Karlsruhe, für Grötzingen führte. Die Ausarbeitung eines Planes für die hieſige Waſſer— leitung von der Werrabronnquelle aus wurde dem Profeſſor Neſtle in Karlsruhe übertragen. Am 5. November 1906 wurde vom Landgericht Karlsruhe Augenſchein von der Werrabronnquelle genommen, wobei der geſamte Grötzinger Gemeinderat zugezogen wurde. Der Bürgerausſchuß entſandte die fünf Mitglieder: Heinrich Kurz, Eugen Wolfarth, Max Marx, Karl Gebhard und Karl Doll. Der dem Profeſſor Neſtle in Karlsruhe übertragene und ausgeführte Plan zeigte aber, daß die Werrabronnquelle für die Grötzinger Gemeinde / 111 zu nieder lag. So fiel es dem Bürgerausſchuß nicht ſchwer, am 14. Dezember 1906 den zwiſchen Grötzingen und Weingarten abgeſchloſſenen Vergleich zu genehmigen, demzufolge Weingarten an die Grötzinger Gemeindekaſſe 9000 Mark zahlte. Schon während des Prozeſſes mit Weingarten tauchten allerlei andere Pläne auf. Man dachte, Grötzingen an das Netz des Pfinz—Plateaus in Singen anzuſchließen. Es wurde bald wieder fallen gelaſſen, weil die Rohrleitung zu teuer gekommen wäre. Am 20. Auguſt 1906 wurde bei der Stadtgemeinde in Durlach angefragt, zu welchen Bedingungen ſie Gas und Waſſer abgebe. Ja, man ging ſogar den letzten Schritt, den eine Gemeinde Über: haupt machen kann: Der Gemeinderat wünſchte die Eingemeindung mit Durlach herbeizuführen. Gemeinderat Lichtenauer und Stadtbaumeiſter Hauck aus Durlach wohnten der Gemeinderats: ſitung in Grötzingen am 25. September 1906 bei und legten zwei Pläne vor: Entweder Durlach legt die Leitung und verlangt für den Kubikmeter Waſſer 13 Pfg. oder Grötzingen legt die Röhren und zahlt für den Kubikmeter nur 8 Pfg. Da aber der Prozeß mit Weingarten gerade auf ſeinem Höhepunkt ſtand, zogen Gemeinderat Bender und Bürgerausſchußmitglied Gebhard bei einem Grötzinger, Landgerichtsrat Dr. Kurzmann in Mannheim, Erkundigungen ein, ob überhaupt neben dem Prozeß mit Weingarten auch mit Durlach verhandelt werden könnte. Am 9. Oktober 1906 brach der Ge: meinderat die Unterhandlungen mit Durlach ab. Er wollte ſie wieder fortſetzen, wenn der Prozeß mit Weingarten entſchieden ſei. Zu Beginn des Jahres 1907 werden die Verhandlungen mit Durlach wieder aufgenommen. Sie kamen aber nicht mehr vom Fleck, eher einen Schritt vorwärts. Im September 1907 erklärte der Gemeinderat, er ſei nicht geneigt, ſich an Durlach wegen Gas und Waſſer anzuſchließen. Und man ſuchte nach neuen Möglichkeiten, Gas und Waſſer zu bekommen. Schon im Jahre 1906 pflog der Gemeinderat Unterhandlungen mit dem Gasdireklor Weiß, der in Matern bei Köln ein Gaswerk errichtet hatte. Weiß trug ſich mit dem Gedanken, das Pfinztal mit Gas zu verſorgen. Dieſer Gedankenaustauſch wurde jetzt, nachdem ſich die Verhandlungen mit Durlach zerſchlagen hatten, wieder fort= geſetzt. Wegen des Waſſers fragte der Gemeinderat in Berghauſen an, das für ſich eine günſtige Quelle hat. Die Haltung des Ge 112 meinderats Berghauſen war aber ablehnend, auch hätten die höheren Häuſer Grötzingens ihr Waſſer bei dieſer Löſung der Verſorgungs— frage künſtlich heben müſſen. Maurermeiſter Siegriſt grub die Quelle am Hühnerbach aus, die unmittelbar am unteren weſtlichen Rande des dicht bebauten Dorfes liegt und deshalb leicht Verun— reinigungen mit ſich führen konnte. Aber weder das Gas- noch Waſſerprojekt ſollten Wirklichkeit werden. Das Jahr 1907 ging zu Ende, ohne daß man einen Schritt weiter war als 19604, wo zum erſten Mal zur Waſſerleitung vom Bürgerausſchuß Stellung genom— men worden war. Und zu einem Abſchluß mußte doch gekommen werden! Der Gemeinderat ſchaute wieder hinüber nach Durlach. Im Jahre 1908 begannen wieder die Verhandlungen mit Durlach. Die Stadt Durlach ſah ſich veranlaßt, wegen der großen Zunahme des Waſſerverbrauchs in der Stadt, der ſich noch durch den Anſchluß des Ortes Aue weſentlich ſteigerte, eine Vergrößerung des Pumpwerkes vorzunehmen, wobei auch gleichzeitiger Anſchluß des Ortes Grötzingen mitberückſichtigt werden konnte. Zu Anfang des Jahres 1909 war man ſo weit, daß der Gemeinderat die vorläufigen Verträge mit Durlach wegen Lieferung von Waſſer und Gas genehmigte. Am 3. April 1909 genehmigte der Bürgerausſchuß dieſe Verträge. Dieſer Tag kann als Geburtsſtunde der Grö tzi n ger Gas und Waſfſerleitung bezeichnet werden. Am 16. Oktober 1969 nachmittags 4 Uhr genehmigte der Bürgerausſchuß die Kapitalaufnahme für Gas- und Waſſerleitung. Die Herſtellung der Leitung wurde der Firma Schönſiegel in Pforzheim übertragen für die Summe von 112 598 Mark 79 Pfg. Bargeldvorräte für die Leitung hatte Grötzingen die von Weingarten er⸗— haltene Summe für die Werrabronnquelle und 13 9060 Mark aus Ueberſchüſſen der Grötzinger Sparkaſſe. Die Stadt Durlach verlängerte auf ihre Koſten das in Durlach beſtehende Ortsnetz bis zur Grötzinger Gemarkungsgrenze. Von der Durlach-Grötzinger Gemarkungsgrenze ab wurden die zur Verſorgung von Grötzingen erforderlichen Anlagen auf Koſten der Ge: meinde Grötzingen hergeſtellt. Südlich und nördlich des Dorfes wurden in einer Höhe von 160 Meter zwei Hochbehälter errichtet, die einen Waſſerſpiegelunterſchied zwiſchen dem Durlacher und Grötzinger Behälter von 3,5 Meter ergab, der ausreichte, um 5,7 Sekundenliter nach Grötzingen fließen zu laſſen. Damit wird 113 jederzeit eine richtige Verſorgung geſichert fein, da dieſe Waſſermenge ungefähr den ſekundlichen Bedarf von Grötzingen nach 50prozentiger Vermehrung bedeutet. Das zu Feuerlöſchzwecken benützte wa. er wird unentgeltlich abgegeben. Zu dieſem Zwecke wird in dem Waſſermeſſerſchacht eine Vorrichtung angebracht, durch welche das Durchfließen in dieſen Fällen ermöglicht wird, ohne daß die Waſſermeſſer in Tätigkeit kommen. Das während der Ausſchaltung der Waſſermeſſer für allgemeine Gebrauchszwecke benützte Waſſer wird nach dem Verhältnis des durchſchnittlichen Verbrauchs ermittelt und in Rechnung geſtellt. Für die Feuerwehrproben werden 100 Kubikmeter pro Jahr unent— geltlich abgegeben. Die Grötzinger Waſſerleitung hatte ſich raſch eingebürgert. Ein Hofbrunnen nach dem andern verſchwand, ſo daß heute wohl kein Haus ohne Waſſer mehr iſt. Am 1. Januar 1912 ging das Waſſer in 446 Häuſer. Das elektriſche Licht iſt während des Krieges nach Grötzingen gekommen. Grötzingen hezieht ſeinen Strom vom Murgwerk. Schon vorher hatten die Fabrik Fi. e. und die beiden Mühlen von Wal: ther und Lichtenfels verſucht, rom für Grötzingen zu erzeugen. Einige Einwohner von Grötzingen. eine Zeitlang Strom aus der Waltherſchen Dorfmühle. Die Stromſtärke war aber abhängig vom ö Waſſerſtand, ſo daß die Beleuchtung ſchlecht und ungenügend war. 6. Wirtſchaften. Grötzingen als Weinort beſaß im Verhältnis zu feinen Einwohnern viele Wirtſchaften. Trotzdem heute die Einwohnerſchaft ſich faſt verdoppelt hat, iſt die Zahl der Wirtſchaften nicht nur geſtiegen, ſondern zurückgegangen. Die Gaſtwirtſchaften waren 1835: Schwanen, Kanne, Löwen, Lamm, Adler, Ochſen, Sternen und Laub. Der Sternen im Mittleren Viertel(? hat ſchon ſeit einigen Jahrzehnten ſeinen Ausſchank eingeſtellt. Nach dem Krieg 1914 bis 1918 wurde die Kanne von der Methodiſten⸗Gemeinde aufgekauft und in ein Gemeindehaus umgewandelt. Im Löwen iſt eine Fabrikfiliale der Uhrkettenfabrik Kolmar u. Jourdan in Pforzheim. Der Kranz als Reſtauration hatte dasſelbe Schickſal wie der Sternen. Seit 8 114 1824 braute der Bierbrauer Gehres im Schloß Bier und ſchenkte es aus, bis das Schloß in andere Hände überging.— Die Juden hatten in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch ei Dorfbild aus Grötzingen. 7. Gemeindeſparkaſſe. Durch Bürgerausſchußbeſchluß vom 18. November 1867 wurde vom 1. Januar 1868 ab eine Privatſparkaſſe errichtet, wobei aber die Gemeinde mit ihrem Vermögen für die eingelegten Gelder haftete. Die Privatſparkaſſe bildete eine Körperſchaft im Sinne des 8 9 des| zweiten Konſtitutionsedikts vom 14. Juli 1807. J Die Sparkaſſe bürgerte ſich in Grötzingen gut ein und auch die Bewohner der Nachbarorte vertrauten der Kaſſe ihr erſpartes Geld an. Sie war in der Wohnung des Rechners, bis der Wunſch immer lauter wurde, die Kaffe im Rathaus unterzubringen. Das ſollte N ſchon 1906 geſchehen, aber es war kein Raum da. Erſt ſpäter kam. die Sparkaſſe in das Rathaus. > 8. Denkmäler. Das einzige Denkmal, das Erwähnung verdient, iſt das Grötzinger Kriegerdenkmal. Der Militärverein in Grötzingen, dem alle r l MM nen,. Kriegsteilnehmer von 1870/71 und ſehr viele der gedienten Soldaten angehörten, hielt den Gedanken an die Taten des Krieges gegen Frankreich auch in Grötzingen wach. In den neunziger Jahren ver— dichtete ſich der Gedanke, in Grötzingen ein Kriegerdenkmal zu errichten, immer mehr, bis er ſchließlich 1896 zur Ausführung kam. Das Geld wurde größtenteils durch freiwillige Gaben, die Jungfrauen von Haus zu Haus ſammelten, errichtet. Die Gemeinde gab den Platz und 500 Mark. 9. Adreßbuch. Im Jahre 1914 erſchien das erſte Adreßbuch von Grötzingen. Es war von Joſeph Winter in Grötzingen bearbeitet und enthielt die Namen ſämtlicher Haushaltungsvorſtände. Die Miſchung der Bevölkerung läßt an Hand des Adreßbuches ſehr gut erkennen. Es weiſt 365 verſchiedene Namen auf; darunter ſind aber nur 29 Namen, die mehr als fünfmal vertreten ſind. So hat auch Grötzingen jenen dörflichen Charakter verloren, daß die Einwohnerſchaft ſich in wenige viel verbreitete Namen teilt. 10. Zeitungen. Die älteſte geleſene Zeitung in Grötzingen wird das Durlacher Wochenblatt geweſen ſein. Wenigſtens wurde es als Verkündigungsblatt auf dem Rathaus gehalten. Später verdrängten es Karlsruher Zeitungen, die ziemlich zahlreich geleſen werden. Eigene Blätter hat Grötzingen erſt ſeit wenigen Jahren. Es iſt das der im Jahre 1913 von Pfarrer Hofheinz gegründete Gemeindeboten, der mit 300 Nummern anfing. Er wurde den Beſtellern unentgeltlich monatlich einmal ins Haus gebracht. Er fand mit ſeinem Inhalt raſch Anklang, ſo daß er bald in jedes evang. Haus kam. Bis zum Oktober 1918 erſchien er in der Druckerei Petrie in Eppingen; nach deſſen Tode druckte ihn Luz-Eppingen. Seit Oktober 1922 er: ſcheint er in Grötzingen in der Druckerei Hafner. Der Gemeindebote bildet vor allem ein Bindeglied zwiſchen evangeliſcher Kirche und evangeliſcher Einwohnerſchaft. Während des Krieges wanderte er zu manchem Grötzinger hinaus ins Feld als Gruß der Heimat und vergegenwärtigte mit ſeinem charakteriſtiſchen Kirchturm und Schloß als Kopfſchmuck, den Profeſſor Kallmorgen entworfen hat, Dorf, 116 Haus und Heimat. Eine ſchöne Sammlung von Briefen, die Grötzinger von allen Waffengattungen und aus allen Ländern während der vier Kriegsjahre drin veröffentlichten, werden für ſpätere Geſchlech= ter eine wertvolle Fundgrube für das Kapitel ſein: Grötzinger im Weltkriege. Die Größe des Dorfes machte das Amt des Ausſchellens immer ſchwerer. Ganz verſchwunden iſt es heute noch nicht, aber der „Pfinztälker Bote“ iſt doch faſt der richtige Erſatz dafür ge— worden. Als„Anzeiger der Gemeinde Grötzingen“ erſchien er Ende 1918 zum erſtenmal zweimal wöchentlich zum Preis von 80 Pfg. vierteljährlich. Er wurde zum„Pfinztäler Bote“, als die Gemeinden Berghauſen und Söllingen ſich dem Blatt zur Bekanntmachung ihrer. örtlichen Angelegenheiten anſchloſſen. Heute erſcheint er dreimal in der Woche und iſt das unentbehrliche Blatt für jede Familie geworden. VI Grötzingen und die Kunſt. Von Dr. Rich. Val. Knab. ., Eine beſondere Tatſache hat hier bisher keine Erwähnung ge: funden: Grötzingens Bedeutung als Vorort der Kunſtſtadt Karls: ruhe, als Sitz einer ſtattlichen Reihe bildender Künſtler, denen es einzig zu verdanken iſt, wenn der Name unſeres beſcheidenen Dörf⸗— leins weit über die Grenzpfähle der engeren Heimat hinaus in die deutſche Kunſtwelt gedrungen iſt. Wo immer von einer„badiſchen Kunſt“ die Rede iſt, da wird auch die„Grötzinger Malerkolonie“ ge: nannt, die(ſo ſtand gerade dieſer Tage wieder in einer norddeutſchen Zeitſchrift zu leſen)„jo namhafte Meiſter des Pinſels in dem lieblichen Pfinzort vereinigt“. Ueber die„Lieblichkeit“ des Orts hat nun freilich der Einheimiſche ſo ſeine eigenen Gedanken, beſonders wenn er an Regentagen täglich einigemal durch die Waſſerpfützen etwa der Kaiſerſtraße waten oder in der Aprilſonne fein Stümplein Setzkartoffeln die Reuthohl oder den Grollenberg hinaufſchieben darf. Und doch iſt es in der Tat vor allem die Anmut der Landſchaft(und nicht etwa, 117 was der heutigen Generation verſtändlicher erſchiene, die Wohnungsnot) geweſen, was jene erſten Maler veranlaßte, hier ihren dauern= den Wohnſitz aufzuſchlagen. Wie das kam und was es überhaupt mit den Grötzinger Malern jür eine Bewandtnis hat, ſoll hier in Kürze erzählt werden. Es war in den achtziger Jahren des verfloſſenen Jahrhunderts. Da verſammelte ſich in dem gaſtfreien Haus der geſchätzten Blumenmalerin Frau Profeſſor Alwine Schroedter am Hardtwald in Karls— ruhe allwöchentlich ein Kreis von künſtleriſch intereſſierten Menſchen, son Dichtern, Gelehrten, Malern, Muſikern und Bühnenkünſtlern. Vor allem die jungen Kunſtbefliſſenen beiderlei Geſchlechts fühlten ſich dort wohl, und nie verließ man das Haus, ohne aus den muſikaliſchen Darbietungenen, den ernſten und heiteren Vorträgen und dem Verkehr mit geiſtvollen Menſchen neue Anregung für das eigene Wollen und Wirken geſchöpft zu haben. Auch für die ſchwülen Sommerabende, wenn die Schnaken im Hardtwald gar zu wild ihr blutdürſtig Liedlein ſangen, wußte man Rat: man zog hinaus ins liebliche Tal der Pfinz, wo der abendlich-duftige Talwind, noch mehr aber der treffliche Tropfen beim Laubwirt in Grötzingen oder Berg: hauſen allen Staub der angehenden Großſtadt gar bald aus Kopf und Kehle fegte. Manch einer hatte auch ſchon tagsüber im Dorf vor ſeiner Staffelei geſeſſen, in Gaſſen und Winkeln, vor einem Blütenbaum oder draußen am rauſchenden Wehr fleißig Hand und Auge geübt. Grötzingen hatte ja damals noch eine Menge maleriſcher alter Häuſer und bot mit ſeiner abwechslungsreichen Umgebung übergenug Stoff für Studien und ganze Bilder. Die alte Auguſtenburg jedenfalls mit ihren reizvollen Winkeln, den wuchtigen wein: umrankten Zwiebeltürmen durfte in keinem Skizzenbuch fehlen.“) Gab dann die Abendglocke vom ſeltſam gewundenen Kirchturm die Erlaubnis, nach fleißig genutztem Tag den Malkaſten zuzuklappen, ſo verſammelte man ſich am liebſten im traulichen Stüblein des Schwanenwirts, beim Altbürgermeiſter Jordan. Nach einem ein: fachen, aber gediegenen Abendmahl machte man die erſten Verſuche im Bowle-Brauen, dann kam nach manch trefflichem Sang und kernig-witzigen Spruch Walter, der„Mann mit der Ziehharmonika“— *) Hat doch auch der große Maler und Bildhauer Max Klinger, der Mitte der ſiebziger Jahre ebenfalls eine Zeitlang Schüler der Karlsruher Kunſtſchule war, unſere Kirchgaſſe ſo hübſch gefunden, daß er ſie in ſorgfältiger Zeichnung ſeinem Skizzenbuch einverleibte. 118 und ehe man ſichs verſah, ſchlugs Mitternacht und man hatte ſich für ſeine? Mark 50 Pfennig wieder einmal köſtlich unterhalten. Durch ſolche in ernſter Arbeit und fröhlicher Ausgelaſſenheit verlebten Stunden war Grötzingen vielen ein lieber Aufenthalt geworden. Was Wunder, wenn eines Tages einer aus der lebens: frohen Schar den Entſchluß faßte, ſich dauernd da niederzulaſſen? Das war Friedrich Kallmorgen aus der Elbſtadt Altona. Der fand ſo viel Schönes und Intereſſantes zu ſehen und zu malen, daß er am liebſten immer„dicht dabei“ bleiben wollte. So ſuchte er ſich einen hübſchen Winkel am Berghang hinterm Krapphaus. Im„Hohengrund“, von wo der Blick frei über Schloß und Dorf ſchweift, weit in die Ebene bis zu den blauen Hardtbergen, baute er ſich ſein einfaches Neſt, die erſte Villa“ Grötzingens. Man war hier fern vom Lärm und Staub der Großſtadt und konnte doch— bei dem lebhaften Verkehr auf zwei das Dorf berührenden Bahnlinien— faſt zu jeder Tageszeit in wenigen Minuten Durlach und Karlsruhe erreichen. Zudem kamen gerade in jenen Jahren die erſten brauchbaren Fahrräder auf, die etwaige Entfernungen ebenfalls raſch überwinden halfen. Als Fr. Kallmorgen nach Grötzingen kam, galt er bereits etwas unter feinen Kollegen als einer, der„etwas konnte“. Während ſeiner Entwicklungszeit(geb. 1856) hatte er es nicht leicht gehabt. Sein Vater gedachte in ſeinem Aelteſten einen Nachfolger für ſein blühendes Baugeſchäft heranzuziehen, einen Architekten, der ſeine Häuſer in künſtleriſchem Sinne ſelbſt zu entwerfen verſtände. Ein Onkel, der als Maler zwar nicht zu den Großen im Reich der Kunſt zählte, als Zeichner aber eine nicht gewöhnliche Darſtellungskraft und eine nicht minder vorzügliche Lehrgabe beſaß, nahm ihn bereits mit ſechs Jahren in die Lehre. Und noch heute denkt der gereifte Künſtler mit dankbarer Anerkennung dieſes erſten Unterrichts in ſeiner Kunſt. Hatte er es nach ſeiner feſten Ueberzeugung doch einzig dieſer fleißigen Fingerübung zu verdanken, wenn er„in der Fixigkeit“ vielen ſeiner Kollegen ſchon früh„über“ war. Während der Oberrealſchulzeit wurde fleißig weitergezeichnet und daneben dreimal wöchentlich eine Art Kunſtgewerbeſchule beſucht, wo Perſpektive, Projektionslehre und andere dem künftigen Architekten nützliche Dinge zu lernen waren. Seiner eiſernen Ausdauer, dem zielbewußten Fleiß hatte er es zu verdanken, wenn es ihm endlich gelang, den 119 lange zweifelnden Vater von der Stärke ſeines Talents zu Über: zeugen. Er erhielt— freilich unter bedenklichem Schütteln des Kopfes— nach langem Harren und Hoffen mit dem Reifezeugnis S wirklich die Erlaubnis, ſich durch die Kunſt fein Brot zu verdienen. Kallmorgen. Zunächſt gings mit vollen Segeln an die Kunſtſchule in Düſſel— | dorf. Aber das dort verlangte endloſe Kopieren trockener Vorlagen und Gipsornamente befriedigte ſeinen Farbendurſt keineswegs. Da 120 lernte er den Sohn des Karlsruher Galeriedirektors Karl Fr. Leſſing kennen und hörte von ihm Worte höchſten Lobes über das auf— blühende Kunſtleben der badiſchen Reſidenz. Dort lockte eine raſchere 1 . 4 **. . 4 ö w Kallmorgen Frühlingstag Entwicklungsmöglichkeit ſeines vorwärtsdrängenden Talents, beſon— ders in der Landſchaftsmalerei, der ſchon früh ſein ganzes Herz gehörte. Kurz entſchloſſen brach er ſeine Studien in Düſſeldorf ab. und zog mit dem jungen Leſſing nach Karlsruhe, wo er im Herbſt 4 . 9 1877 eintraf, um von nun an mit der badiſchen Kunſt aufs engſte verbunden zu bleiben. Zunächſt ſtudierte er bei Ernſt Hildebrandt, ſpäter bei Hans Gude und diente 1879/80 fein Freiwilligenjahr beim Bad. Leib: grenadier⸗Regiment ab. Herbſt 1880 begleitete er Gude bei deſſen Ueberſiedelung nach Berlin, kehrte aber ſchon im Frühjahr 1881 wieder nach Karlsruhe zurück. Hier ſchloß er ſich jetzt beſonders dem Nachfolger Gudes, dem Landſchafter Guſtav Schönleber, und dem Tiermaler Herm. Baiſch an, jenen beiden Künſtlern, die ſich als Begründer der neueren Karlsruher Landſchafterſchule ſo bedeutende Verdienſte um das badiſche Kunſtleben erworben haben. Schönlebers Stil, ſein poetiſches Erfaſſen der Landſchaft, die Sorgfalt ſeiner Pinſelführung bei höchſter Leuchtkraft der Farbengebung, der geſunde Realismus ſeiner Darſtellung ſind von nachhaltigem Einfluß auf Kallmorgen geworden. Mehrfach begleitete er feinen Freund und Lehrer auf deſſen Studienreiſen nach Holland, ſeinem„gelobten Land der Maler“, wo er im Studium der weiträumigen, licht- und farbdurchfluteten Natur, im Anſchauen der alten Meiſter in den herr— lichen Gemäldeſammlungen immer neue fruchtbringende Anregung, einen„Jungbrunnen“ für das eigene Schaffen fand. Kallmorgens Geſamtwerk, ſein Weſen und Wirken als urdeutſcher Landſchaftsmaler in der ganzen Fülle und Mannig— faltigkeit ſeiner Schöpfungen ſchildern zu wollen, kann nicht Aufgabe dieſer Darſtellung ſein. Uns intereſſiert hier vor allem, welche Anregung ihm während feines hieſigen Aufenthalts(1888— 1902) die Grötzinger Landſchaft gegeben und wie er ſie zum Bild geſtaltet hat. Er mußte in erſter Linie und ſo ausführlich behandelt werden, nicht nur weil er die„Grötzinger Malerkolonie“ recht eigentlich eröffnet hat, ſondern beſonders auch deshalb, weil er von allen Grötzinger Malern das„Idyll“ Grötzingen und deſſen nächſte Um: gebung wohl am eingehendſten ſtudiert und ihm von allen die weitaus meiſten Motive für ſeine Bilder entnommen hat. Was hat er nicht alles„maleriſch“ gefunden in unſerem ſchein—= bar ſo reizloſen Dörflein und auf die Leinwand gebannt, woran hundert andere achtlos vorübergingen! Die„alte Ziegelhütte“ an der Straße nach Weingarten(nur reifere Jahrgänge werden ſich ihrer noch entſinnen!) intereſſierte ſein Künſtlerauge nicht weniger als das weinumrankte Schloß oder der herrliche Blick vom eigenen 122 „Neſt“, das ſelbſt wieder Gegenſtand verſchiedener Darſtellungen wurde. Das alte Krapphaus und eine Reihe anderer, jetzt längſt verſchwundener alter Häuſer hat er in ihren charakteriſtiſchen For— men und Farben mit Stift und Pinſel feſtgehalten, nicht ſelten auch als Teile größerer Bilder wieder verwandt. Drüben vorm Bergwald, oder oben am Turmberg und beim Rittnerthof wurde Wald und wogendes Korn zu jeder Tageszeit und in jeder Beleuchtung ſtudiert. Schnitter und Schnitterinnen bei heißer Erntearbeit, herbſtliche Stoppelfelder, ackernde Geſpanne, unten an der Pfinz das Waſſer in mannigfacher Beleuchtung und Bewegung, Brücken mit eigenartiger Spiegelung, blumige Wieſen, Erlenſtrauch und blühende Bäume in liebevollem Verſenken zu ſtimmungsvollen Kompoſitionen vereinigt. Ein andermal iſt es wieder die dramatiſche Bewegtheit des Hochwaſſers oder die furchtharſchöne Brandfackel der gen Him— mel lodernden Gemeindeſcheuer(1901 abgebrannt), was zur Ge— ſtaltung auf der Leinwand reizt. Wegen feiner virtuoſen Pinſel— führung beſonders intereſſant iſt ein Oelbild vom Hof des alten Niddahauſes, der ehemaligen„Kanne“, von innen gegen die dunkle Einfahrt geſehen, überraſchend lebendig in ſeiner bunten Bewegt heit ein Bild der„Grötzinger Kirchweihe“, das fröhliche Treiben der Menge auf dem ſonnenüberfluteten Lindenplatz beim„Laub“ darſtellend. In eine ganz andere Atmoſphäre führt der„Kirchgang“, auf dem wir von der Steigbrücke aus die„Kirchenleut“ in ihrem ſonntäglichen Schwarz unter triefenden Regenſchirmen die Kirchgaſſe entlang dem Schutz des Gotteshauſes zuſtreben ſehen. Das naſſe Element in ſeinem Sprühen und Flimmern wird hier dem Beſchauer geradezu fühlbar bewußt.“ Eine freundlichere Stimmung der Kirch— gaſſe zeigt der mit Töpfen und allerhand Geräten handelnde „Raſtelbinder“. Die meiſten dieſer Bilder find in Privatbeſitz über— gegangen. Ein vorzügliches Oelbild, ‚Unſer Dorf“**), von der Friedrichsſtraße gegen Kirche und Auguſtenberg geſehen, hat in den Städtiſchen Sammlungen der Reichshauptſtadt Aufnahme gefunden. Eine kleine Geſamtanſicht des Dorfes, vom Hohengrund aus aufgenommen, hängt im Grötzinger Rathaus. Von beſonderem Stimmungsreiz find einige Aquarelle, wie„Wintertag“*** und„Winterabend in Grötzingen“, und beſonders das friedliche Bildchen von der ) Vergl. das Bild Seite 76. *) Vergleiche das Bild Seite 9. **) Vergl. das Bild Seite 83. 123 Heuernte,„Sommerabend“*) genannt(die Bruchwieſen gegen den Turmberg geſehen). Nicht unerwähnt bleiben mag das Titelbild des Grötzinger Kirchenboten, das in wenig Strichen das Charakteriſtiſche des Grötzinger Dorfbildes ſo treffend wiedergibt. Alles in allem eine„Fülle der Geſichte“ von landſchaftlicher Schönheit, die den Einheimiſchen ſtaunen macht. Im Zuſammenhang mit den übrigen Grötzinger Künſtlern wird uns Kallmorgens Name noch mehrfach begegnen. Hier nur noch einige kurze Bemerkungen über ſeine künſtleriſche Weſensart. Die Sprache ſeines Pinſels iſt ſtets einfach, wahr und ſchlicht, von klarer Sachlichkeit, ohne falſches Pathos. Ihm liegt nichts ſo ſehr am Herzen als ehrliche, ſchönheitsfrohe Wiedergabe der Natur. Ueber alle Kunſtrichtungen, alle hochtönenden Modeſchlagworte der letzten Jahrzehnte hinweg iſt er immer ſich ſelber treu geblieben. Nicht in hochmütiger Selbſtgefälligkeit,— der gelegentlich zu beobachtende Wandel ſeiner Technik beweiſt, daß er ſich wohl auch von anderen Könnern etwas ſagen ließ und gerne zulernte, was mit ſeinem Weſen und Wollen vereinbar war. Die entſchiedene Ablehnung andersartiger Kunſtbeſtrebungen— mitunter in recht temperamentvoller Draſtik geäußert— entſtammt der tiefinnerlichen, man darf wohl ſagen heiligen Ueberzeugung, daß er ſein Schönheitsideal nur ſo und nicht anders geſtalten könne und müſſe. Und auf dieſer ihm klar vorgezeichneten Bahn ſucht er in unermüdlicher Anſpannung feiner Kräfte zu immer höherer Vollkommenheit des Ausdrucks emporzuſteigen. Der Laie ſteht ſtaunend vor einer unendlichen Fülle von Bleiſtiftzeichnungen, Oelſkizzen und„ſtudien, Steinzeichnungen, Aquarellen, Radierungen und ausgeführten Gemälden aller Formate. Nur in raſtloſer Arbeit, im nimmermüden Ausnützen der Minute konnte dieſe überwältigende Summe von Eindrücken bildhaft feſtgehalten werden. Schaffen! Schaffen! klingt es aus jeder Seite dieſes Lebensbuches, wie aus einem der heſten ſeiner Hamburger Hafenbilder, auf dem die menſchenträchtigen Fährboote wie von einem inneren Pflichtgebot vorwärtsgeſchoben, durch ſchwelenden Rauch und Dunſt des dämmernden Morgens den blin— kenden Lichtern der Arbeitsſtätte zuſtreben.„An die Arbeit“ hat der Künſtler es bezeichnenderweiſe genannt. Kallmorgen war eine lange Reihe von Jahren(1902-1918) *) Vergl, das Bild Seite 29. 121 an der Berliner Akademie der bildenden Künſte als Lehrer der Landſchaftsmalerei tätig. Mancherlei Umſtände verleideten ihm das Leben in der Reichshauptſtadt. So kehrte er kurz vor Beendigung des Krieges in ſein geliebtes Badnerland zurück, und nun iſt ihm ze 5 Kallmorgen Arbeiterboote Heidelberg, wo er im Jahre 1916 ſeine Gattin, die treue Gefährtin und Beraterin ſo vieler erfolgreicher Schaffensjahre, zur letzten Ruhe gebettet hatte, ein lieber Aufenthalt geworden. K 3 Frau Margarete Hormuth⸗-Kallmorgen(geb. 1857 in Heidelberg) hatte gleich dem Gatten die Malkunſt zum Lebensberuf erwählt. Anter Leitung des phantaſievollen Karlsruher Akademie: profeſſors Ferd. Keller hatte fie ſich einem Sondergebiet ihrer Kunſt zugewandt, das dem weiblichen Bedürfnis liebevollen Berſenkens und anmutigen Geſtaltens ſo beſonders zuſagt, dem Blumenſtilleben, und erregte durch ihren nicht gewöhnlichen Geſchmack und feinen Farben— ſinn ſchon früh die Bewunderung ihrer Kunſtgenoſſen. Nach ihrer Ueberſiedelung in das Grötzinger Sommerheim bot der wohlgepflegſe Garten um Haus Hohengrund faſt alles, was ſie für ihre Werkſtatt brauchte, Da wuchſen groß und kleinblumige Mohne, hochſtengelige Malven, die üppigen Pfingſtroſen, leuchtende Sonnenblumen. Im Frühling entfalteten die Obſtbäume ihre Blütenzweige und den ganzen Sommer über dufteten Roſen aller Farben und Formen. Und hatte die Künſtlerin ſich an der berauſchenden Farbenpracht dieſer Ariſtokraten unter der Blumenwelt einmal gründlich ſatt ge: ſehen, jo bot das anſpruchsloſe„Wald- und Wieſendurcheinander“, die tauſend Wildlinge auf den Hängen und Matten rings um Hohengrund, reichen Stoff zu herrlichen Feldblumenſträußen, die ſie nach Farbe und zierlich⸗duftigem Weſen zu wundervoller Einheit abzuſtimmen wußte. Frau Kallmorgen malle ſelten im Freien. Sie holte ſich ihre„Modelle“ ins Zimmer, baute mit ihnen in Vaſen oder blinkenden Kupfergefäßen und Zinnkrügen große Bilder auf und malte ſie in dekorativer, farbiger Wirkung oder mit dem ganzen Schmelz und Zauber, der den einzelnen Arten eigen iſt. In den 80er und erſten 90er Jahren dürfte es wenig Blumenmalerinnen gegeben haben, die es ihr gleichtaten im ſchwungvoll-großzügigen Aufbau ihrer Stilleben kompoſitionen, die es gleich ihr verſtanden, die Eigenart und farbige Leuchtkraft der verſchiedenen Blumen, den Glanz ſeidiger Stoffe und funkelnder Gefäße mit ſolch techniſcher Boll: endung wiederzugeben. Bei Konkurrenzen für Blumenmalerei er: hielt ſie wiederholt erſte Preiſe. Der alte Kaiſer Wilhelm kaufte mehrere ihrer Bilder und faſt alle kamen beinahe friſch von der Staffelei weg in Pxivatbeſitz. Daß Kallmorgen ſeinen Wohnſitz gut gewählt hatte, bewies die Nachahmung, die ſein Beiſpiel ſchon ſehr bald unter der Karlsruher Künſtlerſchaft fand. Da war zuerſt Otto Fikentſcher, der ſchon damals viel beachtete Tiermaler, der Anfang der 90er Jahre das alte Schloß in ſeinen Unterricht in der Technik jenes Kunſtzweigs gewährleiſtet, den der 126 Beſitz brachte und ſich im Jahre 1891 mit ſeiner Gattin Jenny geb. Nottebohm dauernd hier niederließ. Ihm folgte ſein Schwager, der Landſchafler Guſtav Kampmann, ſpäter noch Franz Hein und Karl Bieſe. Sie alle fanden mit ihren Familien im Schloß Unterkunft, ſo daß dieſes ehrwürdige Bauwerk mit ſeiner nächſten Umgebung zum eigentlichen Grötzinger„Künſtlerviertel! wurde. Ehe wir uns aber der Betrachtung dieſer Künſtler im einzelnen zuwenden, iſt einer Künſtler⸗Pereinigung zu gedenken, der die Grötzinger Maler geſchloſſen angehörten, und die ohne die Initiative und tatkräftige Mitarbeit gerade der Grötzinger wohl nicht ſo raſch zu der geachteten Stellung gelangt wäre, die fie ſich in der Folgezeit errungen hat, wie umgekehrt die Leiſtungen der Grötzinger ohne die techniſche Unterſtützung jener Vereinigung bei weitem nicht ſo raſch und ſo weithin bekannt geworden wären, als es tatſächlich geſchehen iſt: ich meine den Karlsruher Künſtlerbund. Als eine Art Kampf: genofſenſchaft der Jüngeren, der damals„Modernen“, gegen die Aelteren, Alteingeſeſſenen war er ins Leben getreten. Kallmorgen war einer ſeiner entſchloſſenſten Mitbegründer. Ihm fiel auch die ehrenvolle und Jahre hindurch mit beſtem Erfolg durchgeführte Auf= gabe zu, die Unternehmungen des Bundes zu leiten und ihm nach außen das gebührende Anſehen zu verſchaffen. Dieſe Jüngeren wollten vom hergebrachten Alten, Verknöcherten loskommen, der eigenen Entwicklung freieren Platz, breitere Bahn ſchaffen. Darüber hinaus aber war ihr Streben auf eine Betonung der nationalen Eigenart, auf eine echt deutſche Kunſtübung gerichtet. Aus der heimiſchen Umgebung holten fie ihre Stoffe, ſchlichte Naturtreue der Darſtellung iſt ihre erſte Forderung.„In allen Kunſt- und Dichterſachen das Erſte iſt: keine Phraſen machen“ könnte man recht eigentlich ihren Wahlſpruch nennen. Ohne ſich aber erſt in zweckloſen, kunſtpolitiſchen Zänkereien zu verzetteln, ging der Bund friſch an die praktiſche Arbeit. Er verband ſich mit der Braunſchen Hofbuchdruckerei, um die Vervielfältigung und den fachmänniſchen Vertrieb ſeiner Schöpfungen auf eine breitere Baſis zu ſtellen. Die badiſche Regierung, in vollem Verſtändnis für die weittragende Bedeutung des Unternehmens, gewährte eine namhafte Unterſtützung. Der ausgezeichnete Graphiker Karl Langhein(ſpäter ebenfalls eine Zeitlang in Grötzingen anſäſſig) wurde für die techniſche Leitung berufen und damit der fachmänniſche = Ds r // 127 Bund vornehmlich zu pflegen gedachte, nämlich der künſtleriſchen Steinzeichnung(Original-Lithographie).) Dieſer Steindruck konnte und ſollte nach der wohlbegründeten Ueberzeugung unſerer Künſtler mehr ſein als lediglich ein Konkurrent der berüchtigten kitſchigen Oeldruckbilder, die jahrzehntelang mit ihren ſüßlich glatten, ſenti— mental-unwahren Darſtellungen aus den Fabriken geſchäftstüchtiger Spekulanten das deutſche Haus mit„Kunſt“ überſchwemmten. Er war auch durchaus berechtigt, ein künſtleriſches Eigenleben zu führen. Das haben die unter ihrer Hand nun entſtehenden Originalarbeiten glänzend bewieſen. Die in unzähligen Auflagen weithin bekannt gewordenen, in den„Salon“ des Bürgers ſo gut wie ins ſchlichte Arbeiter-, Handwerker- und Bauernhaus gedrungenen, vor allem auch als künſtleriſche Anſchauungsbilder in den Schulräumen dar— gebotenen Künſtler-Steinzeichnungen haben in Wahrheit echte Kunſt ins Volk gebracht. Sie haben es jedem ermöglicht, für wenig Geld die Wände ſeines Heims mit gediegenen Schöpfungen unmittelbar aus Künſtlerhand zu ſchmücken. Ihnen werden wir im Nachſtehenden als beſonders gelungener Werke der Grötzinger Künſtler immer wieder begegnen. Doch zurück zu ihren Schöpfern ſelbſt! Otto Fikentſcher, als Schloßherr von Auguſtenburg und ſtimmberechtigter Gemeindebürger wohl am engſten mit Grötzingen verbunden, iſt der letzte noch hier weilende Vertreter jener älteren Künſtlergeneration. Geboren 1862 in Zwickau in Sachſen, beabſich tigte er nach ſeiner Gymnaſialzeit zuerſt Bildhauer zu werden, beſuchte dann zwei Jahre die Kunſtgewerbeſchule in Dresden und ſchließlich nach feinem Militärdienſtjahr noch fünf Jahre die Mün— chener Akademie der Künſte. Seine Lehrer waren hier die Maler Hackl, Raupp und der Kupferſtecher Raab. Im Jahre 1888 lockte ihn der Ruf des bereits als Kallmorgens Freund und Lehrer ge— nannten Tiermalers Baiſch nach Karlsruhe, wo er unter Leitung dieſes ausgezeichneten Lehrers ſeine akademiſchen Studien abſchloß. Auch bei Fikentſcher hatten ſich— wie wir es von Kallmorgen hörten— die erſten Aeußerungen einer talentverheißenden Dar: ) Man verſteht hierunter die Kunſttechnik, bei der nicht irgend ein graphiſcher Handwerker das fertige Kunſtwerk ſchlecht und recht zur Ver viel fältigung auf eine Steinplatte überträgt, ſondern der Künſtler ſelbſt ein Bild unmittelbar aus dem Kopf oder nach einer Skizze auf den Stein(oder je nach Anzahl der verwandten Farben auch mehrere Steine) aufträgt, damit es von da ganz nach ſeiner Angabe im Druck vervielfältigt wird. 128 ſtellungsfreude recht früh gezeigt. Bereits mit fünf Jahren ſetzte er feine Umgebung durch wohlgelungene Scherenſchnitte in Er ſtaunen. Schon früh wandte ſich ſein beſonderes Intereſſe der Tierwelt zu. Zuerſt wurden duldſame Hunde, Katzen, Pferde und anderes Hausgetier beobachtet und in allen erdenklichen Stellung und Situationen zu Papier gebracht. Nach und nach eroberte ſich der immer müheloſer geſtaltende Künſtler im innigen Zuſammenleben mit der freien Natur auch die ganze Tierwelt in Wald und Feld. Fikentſcher Achtender Hatte es ſich Kallmorgen zur Aufgabe gemacht, in feinen Land—ſchafts bildern den Menſchen in innigſter ſeeliſcher Verknüpfung mit der Natur darzuſtellen, ſo iſt es Fikentſchers Beſtreben, das Tier nicht nur auf einen etwa angedeuteten oder gleichgültigen Hintergrund wiederzugeben, ſondern es als unlöslichen Beſtandteil, ich möchte ſagen als die Seele einer ganz charakteriſtiſchen Landſchaft, mit ſeiner natürlichen Umgebung zu einer inneren Einheit zufam: 129 menzuſchließen. Er iſt— in froheren Tagen ein echter, wildgerechter Waidmann, der die vielen Schönheiten des edeln Waidwerks in vollen Zügen in ſich ſog— mit offenen Augen und empfänglichen Sinnen durch Wald und Flur gezogen und hat von ſeinen Jagd und Wan— derfahrten, die ihn immer wieder durch die herrlichen Wälder unſerer Umgebung und des Schwarzwalds, in die Mark Brandenburg und die wundervollen Buchenwälder der Oſtſeeküſte, in den letzten Jahren aber faſt jeden Herbſt in die gewaltige Gebirgswelt von Siebenbürgen . Fikentſcher führte, immer eine reiche Beute an Skizzen und Studien, mehr noch an tief durchlebten, zur künſtlexiſchen Geſtaltung drängenden Eindrücken heimgebracht. Ein feinſinniger Poet ſpricht beſonders aus den Werken ſeiner jüngſten Schaffensperiode, in der er auch wohl die Landſchaft ohne Belebung durch das Tier gibt. Wie wunderſam und gewaltig zu— gleich wirkt die Urkraft, wenn der Künſtler mit einem Sonnenauf— gang hinter zerklüfteten Tannen in dem tauſendfältigen Flimmern 130 der kaum mehr verhaltenen erſten Strahlen den Beſchauer die un: geheure Flut des Lichts ahnen läßt, das ſich im nächſten Augenblick über die Landſchaft ergießen muß. Wie trotzig in ihren ſchwindeln— den Schroffen und Zacken die Gebirgswelt auf einem andern Bild, und doch wieder wie gebändigt durch das fühlende, ordnende Künſtlerauge, verklärt vom Schimmer ewiger Schönheit. Welch zauberhaft friedliche Stimmung liegt über einem andern Bild ganz alltäglichen Inhalts:„Kühe im Waſſer“. Welch wonnige Taufriſche atmen ſeine im erſten Morgenduft auf der Waldwieſe äſenden Rehe. Seine Hirſche, die ſo wahrhaft königlich aus dem Waldesdunkel auf den Beſchauer zuſchreiten, laſſen auch das Herz des Nicht⸗Waidmanns Fikentſcher Kühe im Waſſer erſchauern vor der Wucht dieſes Augenblicks, der Majeſtät dieſer ungebrochen-herrlichen Natur. Und mehr der Beiſpiele wären noch zu nennen, die, ganz von innen durchſeelt, Tier und Landſchaft in einen einzigen volltönenden Stimmungsakkord verſchmelzen. Dem engeren Landſchaftsbezirke Grötzingens freilich hat Otto Fikent= ſcher meines Wiſſens nur wenige Motive für feine Schöpfungen entnommen. Seine Gattin, Frau Jenny Fikentſcher, eine Schülerin der oben genannten Alwine Schroedter und Franz Heins, ließ ſich als Blumenmalerin meiſt von demſelben Geſichtspunkt leiten wie ihr ihr Mann; nur iſt es bei ihr die Pflanze, die ſie nicht aus ihrer Umwelt losgelöſt, nur im Stilleben, ſondern in ihrer landſchaftlichen 4 131 Zugehörigkeit, als beſeelten Mittelpunkt eines Landidhaf!sausichnitts darzuſtellen liebt. Dabei ſind ihr beſonders in der Steindrucktechnik außerordentlich eindrucksvolle Blätter gelungen, die neben feinem Farbenſinn vor allem ein ſtarkes landſchaftliches Können bekunden. Die Grötzinger Landſchaft klingt faſt auf allen ihren Bildern mehr oder weniger deutlich an. Am unmittelbarſten in der Lithographie „Auguſtenburg“, die das Schloß von der Alten Steig her im Herbſtſchmuck des flammenden Weinlaubs zeigt und ſeitlich den Blick noch über die Dächer der Kirchgaſſe zum Roſalienberg ſtreifen läßt“); oder im„Blühenden Kirſchbaum“, wo ſich in fo reizvoller Weiſe das Auge den Weg auf den wuchtig erfaßten Grötzinger Kirchturm erſt durch ein duftiges Blütengewölk ſchwanker Kirſchenzweige bahnen muß. In ähnlicher Weiſe laſſen„Unſer Fenſter“, der„Lilien= garten*), Mohnfeld“,„Malven“, und viele andere koloriſtiſch ſehr fein abgeſtimmte, naturbelebte Blätter ihre Geburtsſtätte, das Weichbild Grötzingens, in einzelnen landſchaftlichen oder architek— toniſchen Attributen zum mindeſten ahnen. ——— Kampmann Der Abendzug Guſt ar Kampmann, der Bruder der Frau Fikentſcher, war der nächſte, der das alte Schloß zum dauernden Wohnſitz erkor. Er war 1863 in Boppard a. Rh. geboren und hatte von 1881—84 die Karlsruher Kunſtſchule beſucht, zuerſt unter Schönlebers, ſpäter unter Baiſchs Leitung. Sein Ziel war das aller Schönleberſchüler: ſeeliſches Erfaſſen und Ausdeuten der Landſchaft in unermüdlichem *) Vergl. das Bild Seite 18. **) Vergl. das Bild Seite 38. 9 132 Naturſtudium. Wit Skizzenbuch und Malkaſten durchſtöberte er jeden Winkel der heimatlichen Flur. Ausgedehnte Studienreiſen führten ihn durch ganz Deutſchland vom Schwarzwald bis hinunter nach Oſtpreußen, auch über die Grenzen nach Holland und Spanien. Im Jahre 1884 finden wir ihn eine Zeitlang in München, dann im Dachauer Moos. Keine Landſchaft aber war ihm ſo ans Herz gewachſen, war ihm ſo innig vertraut und hatte ihm ſo viel zu ſagen, wie die unſerer Umgebung, die ihm ſeit 1891 nur ſelten verlaſſene Wahlheimat geworden war. Kampmann Eine Reihe der ſtimmungsvollſten Darſtellungen unſerer heimiſchen Flur— meiſt in der von Kampmann bevorzugten Steindrucktechnik— verdanken wir ſeinen Naturſtudien. So dürfte das Motiv zum„Bergwald im Schnee“ in unſern Wäldern zu ſuchen ſein. Die beiden dramatiſchen Blätter ‚Abendzug“ und„Eiſenbahn am Abend“ ſind ohne Zweifel auf Eindrücke zurückzuführen, die der Künſtler an der Grötzinger Bahnſtrecke empfangen hat. Der„Turm* 133 berg“ zeigt das auch bei den andern Grötzingern beliebte Motiv einmal von Nordoſten her, etwa von der Höhe der Ackerbauſchule aus geſehen, dramatiſch belebt durch einige windzerzauſte Bäume und durch eine hinter der Turm mächtig ſich aufreckende Wolkenburg, auf der ſich die Maſſe des dunkeln Turms wirkungsvoll abhebt. Im„Winterabend“ ſehen wir von Oſten gegen den Turmberg. Künſtleriſch ſehr fein iſt hier die Raumverteilung und die Art, wie über die breiten Terraſſen des Ackerfelds mit ihren blinkenden Schneekämmen der Blick unwiderſtehlich zur düſtern Silhouette des * Kampmann Winterabend Turms emporgeführt wird. Ein beſonderes Kabinettſtück iſt der Pfarrhof“, der nichts anderes darſtellt, als das von Oſten her über den Friedhof weg geſehene Grötzinger Pfarrhaus mit Kirche, von ſilbernem Mondlicht übergoſſen und in eine ſo friedvolle Stimmung getaucht, daß der Beſchauer unwillkürlich den Atem anhält, dieſe wunderſame Feier der Natur nicht zu ſtören. In einer langen Reihe von andern Bildern, wie„'s alt' Schloß“,„Mondaufgang“, „Altes Neſt“,„Landſtraße im Mondſchein“ und viele mehr, ſteigt die heimatliche Flur vor uns auf,— nicht immer in photographiſcher Treue, ſondern vielfach aus einzelnen Elementen komponiert und 134 mit einer einheitlichen Stimmung durchtränkt, die den Beſchauer mit den einfachſten Mitteln, ein paar charakteriſtiſchen Linien, einen Wolkenzug, einer windzerriſſenen Rauchfahne, einem ſchüchtern aufs blinkenden Lichllein in ihren Bann zwingt. Wer ſich dem Reiz dieſer ſchlichten Lithographien unbefangen hinzugeben vermag, fühlt es ſchnell: bei aller Sparſamkeit der Farben und Formen, bei aller Einfachheit des Gegenſtändlichen ſind ſie mit Stimmung geradezu. geladen. ᷣ. Kampmann Eiſenbahn am Abend Wenn ein Landſchaftsbild wie ein gutes Gedicht kurz und ſtimmungsvoll ſein, wenn es nur wenig, dies aber mit voller Kraft des Ausdrucks ſagen ſoll, dann war Guſtav Kampmann ein echter Poet der Landſchaft.. Viel zu früh hat ihn ein jäher Tod(1917) einem Arbeitsfeld entrafft, auf dem ſeinem Schaffen gewiß noch manch edle Frucht reifen Könnens vorbehalten war. Ungefähr gleichzeitig mit G. Kampmann zog Franz Hein als weiteres Glied der Malerkolonie in die Auguſtenburg ein. Ihn, den poetiſch⸗verſonnenen Romantiker, den Märchenmaler, mag nicht zuletzt der geheime Zauber verſunkener Herrlichkeit, der um den oy lle 135 alien Fürſtenſitz webt, in feinen Bannkreis gelockt haben. Auch er hatte, als er ſich in Grötzingen niederließ, bereits reiche und erfolg— gekrönte künſtleriſche Arbeit hinter ſich. Seine Entwicklung zum freien Künſtler hatte ſich nicht ohne ſchmerzliche Reibung mit der rauhen Wirklichkeit vollzogen. Als Sohn eines kleines Kaufmanns in Altona(geb. 1863) mit Gütern dieſer Welt nicht geſegnet, ſah er ſich genötigt, nach der Schulzeit bei der Theatermalerei ſein Brot und ein notdürftiges Betätigungsfeld für ſeinen künſtleriſchen Geſtaltungsdrang zu ſuchen. Der Beſuch der Hamburger Kunſtgewerbeſchule förderte ihn dann Hein ſeweit, daß er die Karlsruher Kunſtakademie beziehen konnte, wo ihm Prof. Ferdinand Keller, der bereits als Lehrer Frau Kallmorgens genannte geniale Hiſtorien und Allegorienmaler, Führer und Vorbild wurde. Kellerſche Art zeigt ſich in den Werken ſeiner Frühzeit vor allem in der dekorativen, ſtark auf Effekt geſtellten Auf— machung, in der mitunter etwas theatraliſchen Gruppierung und Gebärdenſprache ſeiner Figuren. Mit zunehmender Reife ringt er ſich mehr und mehr zu jener herzgewinnenden Schlichtheit des Aus—drucks durch, die wir als beſonderes Merkmal der Karlsruher Schönleberſchüler betonten, die aber bei Hein durch den ſtarken Einſchlag ſeiner romantiſch durchglühten Phantaſie eine ganz beſondere Note erhält. Auch Profeſſor Hein hat ſich in Grötzingen, wo er in den Jahren 18911904 wohnte, fleißig umgeſehen und manches male: riſche Plätzchen, manches Menſchenoriginal mit Stift und Pinſel verewigt, deren Urbilder längſt in Staub und Aſche geſunken ſind. Am liebſten freilich weilt er unter den wellentrückten Geſtalten ſeiner immer regen Phantaſie, den traumverlorenen Nixen, ſchlanken Königstöchtern, einfamen Rittern im Märchenwald, bei Hexen und Kobolden, die meiſt in ganz frei erfundenen, von der bekannten Märchenpoeſie unabhängigen Kompoſitionen am Beſchauer vorüberwandeln. Oder er ſchildert mit ſtimmungsgetränktem Pinſel die Herrlichkeit des deutſchen Waldes, ſeine heilige Stille, die unergründliche Tiefe und Farbenpracht. In ſchöneren Friedenstagen bot die unberührte Natur der Vogeſen, der Wasgenwald mit feinen RieſenHein Nie tannen, ſeinen Felsklüften und zerfallenen Burgen unerſchöpfliches Studienmaterial. Aus ſeinen geheimnisvollen, wunderwebenden Tiefen wuchs manches Märchenmotiv zu blühendem Farbenleben. Im Jahre 1890 war Hein Lehrer an der Kunſtgewerbeſchule in Karlsruhe geworden und hatte ſich raſch durch fein ſchlichtes, menſch= lich teilnehmendes Weſen, ſein rückſichtsloſes Eintreten für alles Echte und Wahre in der Kunſt die begeiſterte Anhänglichkeit ſeiner Schüler gewonnen. Der Fackelzug, den ihm die Karlsruher Kunft: gewerbler im Jahre 1909 als Dank dafür brachten, daß er einen Ruf an die Magdeburger Kunſtgewerbeſchule abgelehnt hatte, wird noch vielen Grötzingern in Erinnerung ſein. 137 . Wie die übrigen Grötzinger Künſtler, war auch Hein Mitglied . des Karlsruher Künſtlerbundes. Mit nicht minder kraftvoller Hand als Kallmorgen, von dem er im Jahre 1900 das verantwortungs le Hein Der verrufene Weg reiche Amt des Vorſitzenden übernahm, lenkte er durch Jahre das Geſchick des Bundes. Er vor allem machte ſich um die Schaffung der oben erwähnten Steindruckbilder verdient und ſorgte für ihre weitere Verbreitung dadurch, daß er die großen Leipziger Verlagsanſtalten 138 von Teubner und Voigtländer für die gute Sache gewann. Er ſelbſt hat in Steindruck eine ſtattliche Reihe von Landſchaften, Stilleben und beſonders feiner anmutigen Märchenbilder veröffentlicht, daneben eine Anzahl bibliſcher Bilder, die in feiner Charakteriſierung und vornehmer Farbengebung bekannte Geſtalten aus der Bibel zu neuem Leben erwecken. Motive aus der Grötzinger Landſchaft dürften ſich, wie geſagt, in Franz Heins Skizzenbüchern und unter ſeinen Studien in großer Menge finden, wenn ſie auch nicht immer deutlich erkennbar in die veröffentlichten Werke übergegangen ſind. Der ſeltſame Apfelbaum mit den ſchlangenhaft gewundenen Aeſten z. B., unter dem ſeine „Eva“(Aquarell) fo ahnungslos unſchuldig die verführeriſche Frucht empfängt, ſteht heute noch im Hohengrund. Die Reihe blühender Bäume an grüner Bergeshalde auf dem„Frühlingslied“(Lithographie) mutet den Einheimiſchen wohl auch vertraut heimatlich an. Und nicht nur im„letzten Weber“ von Grötzingen(Lithographie), auch unter ſeinen Märchenbildern begegnen dem älteren Grötzinger gar manche bekannte, wenn auch meiſt etwas idealiſierte Köpfe und Geſtalten. So auch auf einer der bedeutendſten Eingebungen ſeiner unerſchöpflichen Märchenphantaſie, der„Königskerze“, einem rieſigen Oelgemälde, auf dem im nächtlichen Wald unter zauberhaft erglühenden Blüten mächtiger Königskerzen ein Ritter in goldener Rüſtung der demutsvoll nahenden Königstochter entgegentritt. Das Bild hängt jetzt im Muſeum zu Leipzig. Als Hans Thoma es der Kommiſſion der Karlsruher Kunſtausſtellung vom Jahr 1902 zu beſonderer Beachtung empfahl, ſprach er dazu das für das Werk wie für die deutſche Wertſchätzung, die ſo gern das Fremde über das Heimiſche ſtellt, gleichermaßen bezeichnende Wort:„Wenn das von einem engliſchen Praeraffaeliten) gemalt wäre, würden fie ganz anders damit hertun.“ Als Hein bereits im Jahre 1902 wieder einen Ruf, diesmal an die Kunſtgewerbeſchule in Berlin, ablehnte, erfolgte als Dank der badiſchen Regierung ſeine Ernennung zum Profeſſor. Eine weitere ehrenvolle Berufung im Jahre 1904 an die Akademie für Buch» gewerbe und Graphik in Leipzig kam aber ſeinem eigenen Wünſchen und Wirken ſo ſehr entgegen, daß er nicht mehr ablehnen zu dürfen glaubte. Nun wirkt der Künſtler bald 20 Jahre mit unermüdlichem *) Berühmte engliſche Malerſchule. 139 Eifer an der genannten Anſtalt, belohnt durch immer neue Erfolge und die treue Liebe ſeiner Schüler. Wie ſein Landsmann Kallmorgen ſchreitet er mit der Zähigkeit des Niederſachſen unbeirrbar feinen Weg. Kein Widerſtand, keine noch ſo ſchmerzliche Enttäuſchung vermag ihn auf die Dauer zu entmutigen. Was ihm feine Kunſt be: deutet, ſagt er, der nicht nur mit Stift, Feder und Pinſel, ſondern ffgßelegentlich in klein n Noyellen, Märchendramen und wohlgeformten * Hein Sommernacht Gedichten dem Drängen ſeiner Phantaſie künſtleriſchen Ausdruck verliehen hat, mit den Verſen: „Mögt ihr mein Werk verdammen, Ihr reißt mir aus der Bruſt Nich der Begeiſterung Flammen, Nicht meine heil'ge Luſt.“ 140 Auch dem Landſchafter Karl Bieſe(geb. 1863 in Wandsbeck bei Altona), der gleichzeitig mit Hein und Kampmann eine Reihe von Jahren das Schloß bewohnte, war der Aufſtieg nicht leicht ge worden. Ihn zwang die eherne Not, in ſeiner Jugend eine Zeitlang als Anſtreicher fein Brot zu verdienen. Neben der Fronarbeit des aufgezwungenen Berufs gelang es aber dem kunſtbegeiſterten Jüng ling, ſich bis zu einem ſolchen Grade durch Selbſtunterricht fortzubilden, daß er es wagen durfte, ſich Anfang der 80er Jahre zum Eintritt in die Karlsruher Kunſtſchule zu melden. Hier wurde auch er Schüler und rückhaltloſer Verehrer der Kunſt Schönlebers, zu dem er ſpäter noch einmal zurückkehrte, nachdem er bereits verſucht hatte, Beſe Beſchneite Höhe ſich in Hamburg ſelbſtändig zu machen. Vielleicht hat ihn auch das Heimweh nach der ſüddeutſchen Landſchaft wieder zurückgeführt. Wenigſtens ſpielt dieſe in ſeinem Lebenswerk eine viel bedeutendere Rolle als ſeine niederdeutſche Heimat. Auch Bieſe war ein entſchiedener Vertreter der KünſtlerbundIdee und nach Franz Hein eine Zeitlang Vorſitzender des Bundes. Gleich Kampmann bevorzugte er den Steindruck als Dolmetſch ſeines künſtleriſchen Erlebens. Auf feinen wiederholten Studienfahrten durchquerte er das mittelbadiſche Bergland, den Schwarz: wald, das Rhein und Moſelgebiet, daneben gelegentlich auch die norddeutſche Tiefebene, überall Mappen und Skizzenbücher mit köſtlicher Habe füllend. In einer reichen Folge von Lithographien 141 breitet er. dann die geſammelten Schätze wieder vor dem Beſchauer aus. Hier vermag er am überzeugendſten auszuſprechen, wie er, als. Erbteil der Schönleberſchen Kunſterziehung, die Landſchaft nicht nur — —— Bieſe Schlößchen im Schnee mit dem leiblichen, ſondern auch mit dem geiſtigen Auge ſchaut. Auch bei ihm iſt es wieder erſtaunlich, mit welcher Liebe er dem Puls 142 . ſchlag der Natur lauſcht, wie tief er in den einfachſten Motiven die Seele der Landſchaft empfindet und mit welch poetiſcher Geſtaltungs— kraft er ihr Weſen in Linien und Farben darzuſtellen vermag. Ob unſer Blick aus dem Schatten eines duftigen Waldrands über t „ſonnige Höhen“ hinaus in unendliche Weiten ſchweift, ob auf/ blumiger Halde ein„blühendes Bäumchen“ im erſten überquellenden M Blütentraum ſehnfüchtig die jungen Zweige reckt, oder am Tor von 1 6 2 8 1 * KA l j 1 d ö r t | 1 | | | | || Bieſe. Parktor ö. ö! „Waldbruders Klauſe“ der Einſiedler, verklärt von Abendſchein, ergebungsvoll dem Ruf der letzten Abendglocke entgegenharrt,— aus ſeinen verſchneiten Höhen und Schwarzwaldhäuſern, aus der „Mondnacht“, dem„Hünengrab“, der„Dämmerung“ und wie ſie alle heißen, aus jedem Bilde quillt wie Blütenduft eine ſtarke Stimmung empor, weht ein Ton zu uns herüber, wie aus einem alten Volkslied, ſeltſam und vertraut zugleich. 143 Mit beſonderer Liebe hat ſich Bieſe in den eigenartigen Reiz der Winterlandſchaft verſenkt und zu den beſten ſeiner Arbeiten auf dieſem Gebiet gehören unſtreitig zwei Motive aus unſerer Gegend: „Beſchneite Höhe“, die das düſtere Maſſiv des verſchneiten Turm: bergs von Oſten her gegen den grau verhangenen Abendhimmel zeigt, und„Schlößchen im Schnee“, ein Bild von ganz beſonders feinem Reiz der Farben und Linien, auf dem das Auguſtenberger Schlößchen in zarten Konturen gar traulich durch den winterlichen Duft der ſchlanken Edelkaſtanien ſchimmert.— Bieſe verbrachte nach ſeinem Grötzinger Aufenthalt längere Zeit in Blankeneſe bei Altona und ſiedelte dann nach Tübingen über, wo er zur Zeit noch lebt. Als zeitweiliger Bewohner Grötzingens iſt auch der früher ſchon erwähnte Profeſſor Karl Langhein zu nennen. Geboren 1872 in Hamburg erlernte er urſprünglich die Lithographie, bezog aber nach fünfjähriger praktiſcher Tätigkeit zu ſeiner weiteren Ausbildung die Berliner Kunſtſchule. Im Jahre 1892 ſiedelte er dann auf den Rat ſeines Lehrers Warthmüller nach Karlsruhe über, wo er Schüler von Poetzelberger und Carlos Grethe wurde. Vorübergehend arbeitete er auch unter Hoelzel in Dachau und wurde Aſſiſtent des Prof. von Kalckreuth an der Kunſtakademie in Karlsruhe und zugleich, wie wir ſchon oben geſehen haben, Leiter der Kunſtdruckerei Künſtlerbund Karlsruhe. Seine Stärke liegt auf graphiſchem Gebiet. Was er hier als Lehrer der Lithographie und durch ſein eigenes Schaffen anregend geleiſtet hat, davon geben die zahlloſen von der Kunſt— druckerei Karlsruhe herausgebrachten Steindrucke beredtes Zeugnis. Gerade ſeine eigenen in wohlerwogener Raumverteilung und fein abgeſtimmter Farbengebung gleicherweiſe gelungenen Drucke waren der neu erblühenden Technik die beſten Vorbilder. Gleich ſeinen Kollegen hat Langhein während ſeines Grötzinger Aufenthalts zu Anfang der 90er Jahre in Dorf, auf den Bergen und an der Pfinz fleißig Stift und Pinſel geübt. Ob aber aus dieſen Studien ein Bild mit einer beſtimmten Anſicht Grötzingens hervorgegangen und veröffentlicht worden iſt, ließ ſich leider nicht feſtſtellen. Dasſelbe gilt von Hermann Oſthoff, der ſich zu Anfang des Jahrhunderts längere Zeit ſtudienhalber hier aufhielt. Er hat ſich beſonders durch die eindrucksvolle Schilderung weiträumiger Schwarzwaldtäler einen Namen gemacht. Eduard Euler, ein beredter Schilderer der deutſchen Landſchaft von den hohen Alpen bis hinunter ins niederdeutſche Flach= 144 land, war ebenfalls längere Zeit in Grötzingen— draußen in der jetzt leider abgeriſſenen Lichtenfels Mühle— anſäſſig. Eine Frucht ſeiner Studienwanderungen in unſerem engeren Heimatbezirk ſehen wir in der Lithographie„An der Pfinz“, die den von Pappeln und Weiden umſäumten Fluß in einer anmutigen Biegung— vielleicht zwiſchen Berghauſen und Grötzingen— zeigt.“) Als Schüler des Ehepaares Kallmorgen und Franz Heins kam alljährlich eine große Anzahl junger Maler und vor allem Malerinnen ins Dorf, die ſich eifrig in Gaſſen und Gärten, drunten an Bach und Wieſen, wie droben an Hängen und Hohlwegen vor ihren Staffeleien tummelten und den Einheimiſchen die Landſchaft durch ihre eigene Erſcheinung gar maleriſch belebten. Ausführlicher über ihr Leben und Schaffen zu berichten, müſſen wir uns hier verſagen. Nur wenige Namen ſeien herausgegriffen, wie ſie uns— und mit uns wohl manchem älteren Grötzinger— gerade im Gedächtnis geblieben ſind: die Malerinnen Berta Welte, Klara Schuberg, Johanna Engler, Reſi Borgmann, Eliſe Peppmüäller, Hanna Erdmannsdörfer(4 1910) haben ſich mit ſtimmungsvollen Blumen- und Landſchaftsbildern bekannt gemacht. Ebenſo der Landſchafter Karl Otto Matthaei, der ſich beſonders der Darſtellung der norddeutſchen Meeresküſte und des benachbarten Tieflandes zugewandt hat. Guſtay Gamper, ein Schüler Kallmorgens, gleich Franz Hein auch dichteriſch begabt, mag in einem der folgenden Abſchnitte ſelber von ſeinem Werden und Wirken erzählen. Um es noch einmal kurz zuſammen zu faſſen: Was wir bei Kallmorgen als ſo wohltuendes Merkmal ſeiner Kunſt betont haben, die ſchlichte Sachlichkeit und Natürlichkeit ſeiner Pinſelführung, der tiefe Ernſt und die liebevolle Hingabe, mit der jede Aufgabe durch= geführt wird, alles eignet mehr oder weniger dem ganzen Kreis dieſer Grötzinger Künſtler. Sie alle liehen die Natur als die ewig ſpendende Mutter und werden nicht müde, ihrer Stimme zu lauſchen, ſich voll Andacht in das ewig alte, ewig wechſelnde Wunder ihrer geheimnisvollen Züge zu verſenken. Fern jeder Effekthaſcherei, jeder falſchen„Originalität“ ſuchen ſie einzig wiederzugeben, wie ſich die Erſcheinung dieſer zutiefſt empfundenen Natur in ihrem Auge ſpiegelt. Und die Wahrheit und Tiefe ihrer Empfindung iſt's, was die Anſpruchsloſigkeit ihrer Kunſt adelt. Sie iſt im beſten Sinne ) Vergl. das Bild Seite 94. — 2 Ss 145 Heimatkunſt: Immer aufs neue erleben fie die heimiſche Natur, ſaugen immer neue Kraft aus dem Umgang mit ihr; fühlen ſich ebenſo glücklich, ja freier als der begüterte Bauer, da all das Schöne da draußen ihnen zugehört, ohne Zaun und Grenzſtein, von dem ſie nehmen, wieviel und wann es dem Auge beliebt. Und was unter ihrer ordnenden Hand Geſtalt gewonnen hat auf Papier und Leinwand, das breiten ſie nun vor den andern aus.„Trinkt o Augenwas die Wimper hält, von dem goldnen Ueberfluß der Welt!“ rufen ſie mit dem Dichter jedem zu, der ihre Werkſtatt betritt, und laſſen ihn all das Schöne ſchauen, das auch der graue Alltag, auch der heimiſche Bezirk in ſeinen engen, oft reizlos geſcholtenen Grenzen birgt, laſſen es ihn ſtaunend erleben und— doppelt lieben. „Es iſt menſchlich,“ ſagt der große Landſchaftsmeiſter Hans Thoma(der übrigens auch oft in Grötzingen geweilt und viel Schönes da gefunden hat) einmal irgendwo,„daß man das, was man ſo täglich um ſich hat, für ſo notwendig empfindet, daß man gar nicht weiß, daß es auch ſchön iſt und dies erſt ſieht, wenn jemand mit Fingern darauf zeigt oder mit Strichen es vorzeichnet. Gar oft ſieht man erſt im Bilde, wie ſchön etwas iſt, ſei es Menſch, Tier oder Pflanze, ſo beſonders auch die Landſchaft. Man ſchlendert ſo dahin durch unſer badiſches Ländle und macht ſich nicht beſonders viel draus. Erſt wenn man die Sache zum Bilde geſtaltet ſieht, kommt es uns zum Bewußtſein, ſie wird erſt durch das Erkennen ſchön... Es werden doch manchem, der ſonſt mit ziemlich offenen Augen durch die Welt läuft, erſt dadurch die Augen geöffnet über die Schönheit einer Gegend, die er, wie man ſo zu ſagen pflegt, wie feine Hoſentaſche zu kennen glaubt... Ein Gefühl von Stolz erfüllt einen, als ob man daran mitgeholfen hätte, es zu machen... Zeichnen und zeigen muß man uns die Heimat, daß wir ihrer recht teilhaftig werden können, daß wir erkennen, wie ſchön fie iſt...“ Das haben die Grötzinger Künſtler wahrlich in reichem Maße getan. Rufen fie es doch jedem, der mit aufgeſchloſſenen Sinnen und heimatfrohen Herzens an ihr Werk herantritt, mit jedem Pinſelſtrich zu: „O leuchtende Täler und Tiefen! o flammende Bergeshöh'n! O Erde, du, und Heimat! wie biſt du ſo reich und ſchön!“ 10 2. Die jüngere Generation. Ein neues Künſtlergeſchlecht hat ſich inzwiſchen in Grötzingen feſtgeſetzt, zum Teil von Geburt an hier heimiſch, zum Teil aber auch — mehr äußerem Zwang als innerem Drange folgend— erſt in den letzten Jahren hier ſeßhaft geworden. Zum Kreis der vorſtehend genannten älteren Künſtler beſtehen keine oder doch nur loſe künſtleriſche Beziehungen. Neue Ziele wer:. den erſtrebt, dem Wandel der Anſchauungen entſprechend, neue Er. kenntniſſe in neue Formen der Darſtellung zu faſſen verſucht. Gg. Scholz“)| Unſerer Anregung folgend haben dieſe Künſtler mit wenigen Ausnahmen ſich über ihr Leben und Wirken nachſtehend ſelbſt ge: äußert. Guſtapv Hofmann-Grötzingen, der erſte der bisher aufgeführten Künſtler, der aus Grötzingen ſelbſt hervorgegangen iſt,— mag zuerſt das Wort ergreifen. Steht er doch durch ſeine Entwick— lung ſowohl, wie hinſichtlich ſeiner künſtleriſchen Anſchauungen und Ausdrucksmittel unter den Grötzinger„Modernen“ dem Geiſt der| älteren Künſtlergeneration wohl am nächſten. Er berichtet von fih:{| ı „Ich wurde am 14. September 1889 als Sohn eines Landwirts in Grötzingen geboren. Mit neidiſchen und bewundernden Blicken habe ich als Knabe oft die Maler beobachtet, wie ſie die FarbenPracht der Felder, Wieſen und Gärten auf ihrer Leinwand ein: ) Alle Bilder von Scholz find dem bei Reiß K Itta in Konſtanz verlegten Roman„Am Stammtiſch zum faulen Hobel“ entnommen. 147 heimſten, während ich ſelbſt mit dem Baier nichts als Rüben und Kartoffeln ernten durfte. Die vielen Beiſpiele erweckten in mir ſedoch bald Nacheiferung. Ich verſuchte mein Geſchick im Malen und Zeichnen und wurde vor allem dazu geführt, die Augen für die Schönheit der Landſchaft zu öffnen, Formen abzuſchätzen und Farben zu vergleichen. So erwuchs in mir der Wunſch, Maler zu werden, und als ich die Dorfſchule hinter mir hatte, da war aus dem ſchüchternen Wunſche ein ernſtes Verlangen geworden. Doch der väterlichen Fürſorge galt es als ausgemacht, daß der Sohn ein Handwerk erlernen müſſe, welches ihm einen ſicheren und auskömmlichen Lebensunterhalt biete. Seinen künſtleriſchen Neigungen glaubte er dadurch zu genügen, daß er mich zu einem Dekorationsmaler in die Lehre gab. Ich aber betrachtete die Dekorationsmalerei nur als einen Umweg zur Kunſt. Ich kämpfte mich durch eine dreijährige Lehrzeit und behielt mein Ziel feſt im Auge. Da machte ich die Bekanntſchaft des Karlsruher Kunſtmalers Ludwig Wilhelm Plock, der mir den weiteren Weg weiſen ſollte. Fleißig nach der Natur, der heſten Lehrmeiſterin, zu arbeiten, war deſſen nächſter Ratſchlag. Im Jahre 1908 und 1909 wurde ich dann wirklicher Schüler des Malers Plock, mit dem ich in der Folgezeit in treuer Freundſchaft und An: hänglichkeit verbunden blieb. Im Jahre 1909 entſtand das Bild „Die Brücke“, ein Motiv aus Grötzingen, welches 1910 auf der Kunſtausſtellung in Baden-Baden für das Poſener Kaiſer FriedrichMuſeum von deſſen Direktor erworben wurde. Zuvor noch war ich auf Grund der eingereichten Arbeiten von Prof. W. Trübner als Meiſterſchüler angenommen worden, als welcher ich 1909 1913 die Akademie der bildenden Künſte in Karlsruhe beſuchte. Hatte ich mir fo in künſtleriſchr Beziehung die erſten Erfolge errungen, fo ſuchte ich auch meine Allgemeinbildung entſprechend zu erweitern. Auf Grund meines privaten Fleißes beſtand ich denn auch die Ein: jührig-Freiwilligen-Prüfung für Künſtler in Karlsruhe. Die„Brücke“ meines erſten künſtleriſchen Erfolgs löſte in der Folgezeit eine beſondere Vorliebe für Brücken bei mir aus. So entſtand 1910 das Bild„Sommerabend“(Privatbeſitz Köln), eine Brücke in Pfohren, vom Ufer aus gegen den Abendhimmel geſehen, mit zwei Schnittern, welche heimwärts gehen, und„Donaubrücke in Pfohren“(Privatbeſitz Zürich),, welche im Februar 1910 in der Zeitſchrift„Die Rheinlande“ reproduziert wurde. Dann folgen eine . 148 Reihe anderer Bilder, welche ſich größtenteils in Privatbeſitz befinden, denn Anerkennung und Erfolg konnten dem redlichen Mühen nicht fehlen. Hofmann Kaſtaniengarten beim Laub Trübner war jedenfalls ein Meiſter, von dem es wert war zu lernen, und bei der ſchwärmeriſchen Verehrung, die er bei ſeinen Schülern genoß, darf es nicht Wunder nehmen, daß auch ich mich zunächſt eng an deſſen Malweiſe anlehnte und ſogar motivlich von 149 ihm ſtark beeinflußt wurde, wie z. B. im„Badehäuschen am Ueber— linger See“. Das wäre auch ein ſchlechter Schüler, der ſich nicht bemühte, zunächſt ſeinen Lehrer zu erreichen. Im Jahre 1914, vor Ausbruch des Krieges, verbrachte ich längere Zeit in Poſen, wo meine„Brücke“ mir bereits Freunde geworben hatte. Das„Rathaus in Poſen“,„Gorkaſee Poſen“ und andere Bilder entſtanden in jener Zeit. „Im Kriege ſchweigen die Muſen.“ Kunſtmaler Hofmann wurde Soldat, Unteroffizier, Wachtmeiſter und als er den Offizierskurs mitmachte, da ging ja leider die ganze Herrlichkeit in Scherben. Mit verdoppeltem Eifer ſuchte ich die durch den Krieg der Kunſt verlorene Zeit einzuholen. Mehr und mehr rang ich mich allmählich vom Einfluß Trübners los und wurde ein Eigener. Die ſtarke Farbenfreudigkeit weicht zunächſt einer gewiſſen Tonigkeit und Tiefe, wie ſie z. B. die Motive vom Kloſter Maulbronn 1919 und die Gebirgslandſchaften von 1920 zeigen. Aber bereits in den Bildern von 1921 wird die Palette weſentlich heller, luftiger, zarter. Beim Geſamtüberblick über mein bisheriges künſtleriſches Schaffen fällt trotz zahlreicher Stilleben, Tierſtücke, Porträts und anderem ſofort eine große Vorliebe für die Landſchaft auf. Dieſe Landſchaftsbilder ſind aber nicht im Atelier entſtanden, ſondern vom; erſten bis zum letzten Pinſelſtrich der Natur abgelauſcht. Drum verſteht ſie auch der am beſten, der in Gottes freier Schöpfung zu ſchauen und zu genießen gelernt hat, dem ein Wald mehr iſt, wie eine Menge Bäume, eine Wieſe mehr, wie viele Grashalme. Wem ein Aehrenfeld zu erzählen weiß von Regen und Sonnenſchein, von Arbeit und Sorge ums tägliche Brot, wem die hohen Gebirgsmaſſen von Ewigkeit und Vergänglichkeit zu predigen wiſſen, der vermag ſich auch dem Eindruck dieſer Bilder nicht zu entziehen, der findet auch in ihnen, was er draußen ſucht und werthält. Es war nie mein Ehrgeiz, Prinzipien auszuſpielen oder neue Probleme aufzuſtellen. Auch liegt es mir fern, alte Götter zu ſtürzen, um neue Idole an deren Stelle zu ſetzen. Ich male, wie es mein innerſtes Gefühl mir eingibt. Und mein ganzes Streben geht einzig nach„der Kunſt“, die alleinig iſt wie Gott, ſo viele verworrene Wege und wunderliche Pfade und Steige auch zu ihr hin oder fortzuführen mögen. Daß ich gerade dieſen einen Weg gehe, das, denk' ich, iſt eben Schickſal und Beſtimmung.“ - 150 Karl Doll, ebenfalls ein Grötzinger Kind(geb. 1885), ver ſich als Kunſtmaler freilich noch in der Entwicklung befindet, deſſen Tätigkeit als Theatermaler aber viele Jahre hindurch an einer Reihe der beſten Theater anerkannt und geſchätzt war— hat er doch u. a. zur erſten deutſchen Nibelungenring-Aufführung in Edinburgh die Dekorationen entworfen und mit Siegfried Wagner deſſen Oper „Bruder Luſtig“ ſzeniſch ausgeſtattet— ſchreibt in faſt allzu be— ſcheidener Kürze: „Nach meiner Gymnaſialzeit und nach erfolgter künſtleriſcher Ausbildung wandte ich mich zunächſt dem Entwurf und der ſzeniſchen Ausarbeitung von Bühnenbildern zu und war als Bühnenmaler mit vielem Erfolg an erſten Theatern wie Karlsruhe, Nürnberg, Wien, Berlin, London, Edinburgh u. a. tätig. Das Vordringen der Stil: bühne, die meiner Eigenart nicht entſprach, daneben allerhand perſönliche Erfahrungen verleideten mir dieſe Tätigkeit, und da es ſchon immer mein Herzenswunſch geweſen war, mich ganz der Kunftmalerei widmen zu dürfen— ich hatte von je meine Freizeit fleißig zu privaten Studien benützt— wagte ich nach Beendigung des Krieges den kühnen Sprung und ging völlig zur Kunſtmalerei über. Mein liebes altes Grötzingen bietet mir eine Fülle von Motiven: das Schloß mit ſeinem herbſtroten Weinlaub, ſeinen maleriſchen Türmen, die Kirche im üppigen Blütenſchmuck des Frühlings, die engen Gaſſen mit ihren Fachwerkgiebeln und Torbogen, dann das Pfinztal mit ſeinen ſtimmungsvollen Pappeln und Erlenbüſchen, den wogenden Aehrenfeldern, belebt von Bauern und Bäuerinnen bei froher Arbeit,— all die von Jugend an geſchauten und draußen im Weltgetriebe ſo lange entbehrten alten Bilder blieben mir immer jung und darſtellenswert. Sie habe ich in einer ſtattlichen Reihe von Oelbildern, Aquarellen und Zeichnungen feſtgehalten. Nichts Schönres gibt es auf der Welt Als malen, was dem Aug' gefällt.“ Paul Rein, an deſſen Landſchaften die Kritik beſonders die poetiſche Auffaſſung zu rühmen weiß, ſchreibt in froher Künſtlerlaune:„Ich bin unter ganz normalen Umſtänden am 21. Mai 1885 in Mannheim als Sohn des Rechnungsrates J. Rein geboren. Meine Eltern ſagen, daß ich ein braves Kind geweſen ſei, folgſam und froh, mit einem Hang zum Träumen und Kalendermachen. Mit Vorliebe habe ich Bilder angeſehen und mit meinem Steinbaukaſten Häuſer 2 d, 151 aufgebaut. Ich konnte darin ſo vertieft fein, daß ich alles, ſelbſt das Butterbrot vergaß. Dann hat man mich in eine Schule geſchickt, zuerſt in eine ganz ſimple Volksſchule, dann in eine Oberrealſchule, in denen beiden ich durch gar nichts geglänzt habe und ſtets am Ende ſaß, wenigſtens nicht weit davon. Gezeichnet habe ich gerne und viel geleſen, vor allem unſere Klaſſiker. Mit Goethe war ich als Oberprimaner ebenſo vertraut, wie mit Schopenhauer; ſaß aber dennoch ganz nahe am Schwanz und hatte nach Anſicht meines Profeſſors im Deutſchen überhaupt keinen Stil. Außerhalb der Schule war ich für mich und meine eigene Weiterbildung immer ſehr ſtreb— ſam, obwohl ich nie ein„Streber“ war. Die Schule war mir eigentlich ein ganz läſtiges Hindernis; vor allem hatte ich eine gründliche Abneigung gegen unſere rein intellektuelle Ausbildungsweiſe. Ich ſtudierte dann mit viel Intereſſe ſechs Semeſter Architektur auf der Techniſchen Hochſchule in Karlsruhe und trat ſchließlich in die Akademie der bildenden Künſte in Karlsruhe ein. Ich war ſechs Jahre Schüler bei Profeſſor Ludwig Dill, deſſen vornehme und ſtimmungsvolle Kunſt mich von jeher ſo ſehr anſprach. Freilich in richtigem Sinn war ich eigentlich Schüler Wilhelm Trübners. Noch heute verſuche ich, ſeine wundervolle Farbengebung, vor allem in ſeinen Porträts früherer Jahre, nachzuahmen. Seit 19290 gehöre ich nicht mehr der Akademie an. Sommers mache ich meine Studienreiſen, meiſtens nach Bayern. Ueber Kunſt denke ich ſo wie jeder fühlende und denkende Künſtler von je gedacht hat. Sie kommt von Können und nicht von Wollen.“ Ueber Auguſt Ru mm wird uns von einem Freunde und vertrauten Kenner des Malers(K. Böſer) folgendes berichtet:„Zur jüngeren Malergenerarion in Grötzingen gehört Auguſt Rumm. Zwar ſtand ſeine Wiege nicht hier— er iſt 1888 als Kind des Odenwalds in Schwanheim bei Eberbach geboren— doch hat er einen großen Teil feiner Schul- und Lehrzeit in Grötzingen verbracht. Hier, wo ſein Vater als Volksſchullehrer noch tätig iſt, fand er im elterlichen Hauſe den geiſtigen Ernſt, die tiefe Religioſität und die ſtrenge Schulung, die ihm zeitlebens in Fragen der Kunſt wie der Wiſſenſchaft zur Richtſchnur dienten. Hier im Zuſammenleben mit Wald und Flur und epheuumſponnener Romantik verlor ſich ſeine Phantaſie in die erſten Träume, ſchlug ſein Herz in einträchtigem Schlag in der Stille des Bergwaldes, dem Frieden des Tales und der Weite des Sternenhimmels, der drüben über der ganzen Stadt 152 die Knabenwelt abſchloß. Die Natur mußte ihm die Mutter erſetzen, die er ſchon früh, allzufrüh verloren hatte. Der Lebensweg Auguſt Rumms verläuft in einfacher Linie. Nach dreijährigem Studium auf dem Lehrerſeminar in Karlsruhe 1* | | | . . * 1. 3 Rumm Schwarzwaldtal gr ö erhielt er die Reife zum Volksbildner zugeſprochen. Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer in Ittersbach und Rußheim finden wir ihn 1908 an der Kunſtgewerbeſchule in Karlsruhe Ausbildung in Stift, Farbe und Ton befliſſen. Täglich wanderte der junge Malſchüler von Grötzingen nach Karlsruhe hinüber. Seine hellen Augen muſter— ten jedes Blümchen, jeden Felsblock, jeden Gartenrain und jedes 153 barfüßige Hannele, ob es nicht für feinen Stift oder Farbtopf gewachſen ſei. Es folgten fruchtbare Lernjahre bei Trübner und im eigenen Atelier in Grötzingen, die in Kinderbildniſſen und Porträts von Bekannten ihren glücklichen Niederſchlag fanden. Wie als Abſchluß dieſer Zeit erſcheint die Landſchaft, die der Maler ſelbſt„Blick aus Rumm Chriſtus kopf meinem Elternhaus“ genannt hat, ein Bild voll tiefer Naturfreude und lieblichen Gedankenſchwungs in gefälliger Umrahmung. Man fühlt wie wohl dem Maler an dieſem ſchönen Erdenfleckchen war, mit welcher Liebe er die Landſchaft in ſich aufgeſogen hatte, wie leicht die Arbeit ihm von ſtatten ging. Auch dem Bildnis des alten Grötzingers, das dieſem Buche beigefügt ft, wird man feine An 154 erkennung nicht verſagen. Zähe Energie des Alters und derbe De. ſchaulichkeit ſprechen überzeugend aus den kantigen Zügen und der Verſchlingung der knöchernden Hände. Eine ſcharfe Charakteriſierungskunſt hat ſich mit Erfolg an einem alten Lieblingsſtück vieler Maler verſucht. In zweijähriger Tätigkeit als Zeichenlehrer am Lehrerſeminar von 1912 bis 1914 bewies der Künſtler die Fähigkeit, Jugend im Schauen zu üben und zu hildhafter Darſtellung zu erziehen. Mit dem Jahre 1914 ſetzen die Wanderjahre ein, die den Künſtler zunächſt mit einem Staatsſtipendium nach Eiſenach, Weimar, Berlin, Leipzig, Dresden, Kaſſel führten. Weiter finden wir ihn als Zeichenlehrer in Baden-Baden und Säckingen, bis er endlich dem Lehrerberuf, der ihn innerlich nicht befriedigte, Valet ſagt und mutig den Schritt zur freien Kunſt wagt. Die Bilder dieſer Periode ſtehen unter wechſelndem Einfluß, doch ſind ſie immer intereſſant und von perſönlicher Eigenart. Die Jahre 1918 und 1919 zeigen des Künſtlers Phantaſie in reichſter Blüte. Jahrelang zurückgeſtaute Empfindungen ſchießen gewaltſam hervor und wachſen zu Bildern und Formen. Damals entſtand das„Dorf im Blütenkranz, ein Frühlingsgedicht“ und die „Mühle im Schnee, ein Wintertraum“. Aus dieſer Zeit ſtammt auch„Der eingebildete Kranke“, abgedruckt in Velhagens und Klaſings Monatsheften, eine freie Nachdichtung Moliéres, ein Bild voll drolliger Einfälle und Schnurren, an dem ſich Alt und Jung ergötzen kann. Faſt unerklärlich ſteht neben dieſen und anderen Bildern einer heiteren Lebensgrazie ein Chriſtus am Kreuz, eine erſchütternde Anklage an die Menſchheit. Tief ins Schädelinnere haben ſich die ſchaufrohen Augen zurückgezogen, entſetzliches Leid hat die Stirn gefurcht und ihr die Dornen eingepreßt, doch kein Wort der Klage entringt ſich dem herb verſchloſſenen Mund. Der Chriſtus ſteht wie ein Menetekel vor den folgenden Jahren, in denen wir den Künſtler wiederholt in Berlin treffen. Von nun an wendet ſich Rumms Kunſt ganz dem Innern zu. Seine Bilder geben ſeine Gedanken über Welt, Kultur, Menſchheit, Schickſal wieder, er wird Expreſſioniſt aus innerm Zwang. Der . zi ſi au . 155 Pinſel bekommt nur noch wenig zu tun, die ſtets bereite, ſtets willige Kohle iſt ihm gerade recht, ſeine Gedanken aufzuzeichnen. Er wird zum Kritiker der Gegenwart, zum Künder einer ſchöneren licht geborenen Zukunft. Daneben ſchafft er eine große Anzahl von Por— 1 Auguſt Rumm Selbſtbildnis träts, meiſt in Kohle, teils Kohle farbig getönt. In dieſen Porträts findet ſich eine Fülle von zeichneriſchen Einfällen und ſtiliſtiſcher Neuprägung. Es iſt als ob der Künſtler für jede Perſönlichkeit auch einen eigenen Stil, eine eigene Linientechnik erfinde. So ſteht heute Rumm vor uns, ein Grübler und Deuter, deſſen Blick über das irdiſche Gewühl zu den ewigen Sonnen und Geſtirnen 156 geht. Seine Bilder reden, predigen, umleuchten und beklagen, wo ſein Mund ſchweigt, ſich und ſeinen ewigen Schmerz. So zeigt ihn uns das Selbſtbildnis, welches als letztes Bild dieſem Aufſatz bei: gefügt iſt. Gg. Scholz Von dem Heimatboden, von dem Muttergefühl finden wir Rumm heute weit entfernt. Die Zeit mit ihrem Ungeheuerlichen und Unbegreiflichen hält ihn im Bann. Will er weiter Großes ſchaffen, wird er zurückkehren müſſen zu ihr, die alles in ihrem Schoße hegt und nährt, von der er ausging, zur Heimaterde.“ e ie e, ene Gg. Scholz J Georg Scholz, der Jüngſte und„Modernſte“ unter den Grötzinger Künſtlern, hat die Phaſen ſeines Entwicklungsgangs und ſein Verhältnis zu Grötzingen in die leider allzu knapp geratenen Sätze zuſammengedrängt: m Gil hie 7 „Ich bin 1890 zu Wolfenbüttel(Braunſchweig) geboren. Meine Studienzeit verlebte ich in Braunſchweig(Techniſche Hochſchule), in Berlin bei Lovis Corinth, dann in Karlsruhs bei den Profeſſoren Kaſpar Ritter, Schurth, Ludwig Dill und ſchließlich als Meiſter— ſchüler bei Wilhelm Trübner. Gg. Scholz Was meine Niederlaſſung(ſeit 1916) in Grötzingen anlangt, kann ich leider keineswegs von einem„Zug des Herzens“ ſprechen. Grötzingen war urſprünglich von mir nur als Aufenthalt während des Krieges gedacht. Die allgemeine Wohnungsnot hat mich nun hier ſeßhaft werden laſſen. 1 . . 4 Gg. Scholz Seit Januar 1923 bin ich Lehrer für Graphik an der Badiſchen Landeskunſtſchule in Karlsruhe. Bilder von mir befinden ſich u. a. in der Bad. Landeskunſthalle Karlsruhe, in der Städt. Kunſthalle Düſſeldorf und im Braunſchweigiſchen Landesmuſeum in Braun— ſchweig. Illuſtrationen habe ich geliefert zu„Robinſon Cruſoe“ von 158 Defoe, zu„Don Quijote“ von Cervantes, zum„Simpliziſſimus“ von Grimmelshauſen und nuerdings zu Adams Karrillons„Stammtiſch zum faulen Hobel“.— Beſtimmte Motive aus Grötzingen und Umgegend habe ich in meinen Bildern nich verwertet.“ Gg. Scholz Wir müſſen es uns verſagen, die eigenartige, ganz auf den pointierten Ausdruck einer beſtimmten Idee(mit ſtarkem politiſchen Einſchlag) geſtellte Kunſt Georg Scholz' in der hier gebotenen Kürze ſcharf umgrenzen und klar verdeutlichen zu wollen. Ein Zeitſchilderer von ungewöhnlicher Eigenart und Eigenkraft, läßt er es ſich Gg. Scholz angelegen ſein, die Talmikultur der modernen Geſellſchaft(mit beſonders ironiſchem Seitenblick auf den„Burſchoa“ aller Schichten) in Bildern von eigenwilliger Gliederung und eigengeſchautem Kolorit 159 zu geißeln. Damit iſt freilich über das originelle und vielſeilige Können des Malers und Graphikers Scholz recht wenig geſagt. Wie trefflich ihm, dem geborenen Satiriker, die karikaturiſtiſche Uebertreibung menſchlicher Unzulänglichkeiten gelingt, wie ſehr aber auch fein barocker Humor mit der mitunter etwas ſchroff anmutenden Einſeitigkeit ſeiner Weltanſchauung verſöhnt, beweiſen die wenigen aus Karrillons Buch„Am Stammtiſch zum faulen Hobel“ hier abgedruckten Vignetten. Sie zeigen vor allem den echten Künſtler darin: Scholz hat ſich nicht damit begnügt, nach zünftiger Illuſtratoren⸗Weiſ' beſonders dankbare Situationen der Erzählung recht und ſchlecht ins Bildhafte zu übertragen; er hat den Inhalt des Textes erſt gewiſſenmaßen in ſeine eigene Sprache überſetzt und mit ſeiner Weltanſchauung durchtränkt wahrhaft künſtleriſch geſtaltet. Die Darſtellung der Beziehungen Grötzingens zur Kunſt wäre unvollkommen, wollten wir nicht auch einiger Künſtler des Worts gedenken, die von hier ihren Ausgang genommen oder aus dem vertrauten Umgang mit dem Ort und feinen Bewohnern bheſondere Anregungen für ihr dichteriſches Geſtalten geſchöpft haben. Da iſt zunächſt Hermann Weick, Feuilleton⸗Redakteur am Karlsruher Tagblatt, zu nennen, der neuerdings mit großem Erfolg auch als Komponiſt hervorgetreten iſt. Ueber ſeinen Entwicklungsgang erfahren wir aus der berufenen Feder des Schriftleiters Karl Joho(Karlsruhe) folgendes: „Hermann Weick, der am 39. Dezember 1887 zu Grötzingen ge: boren iſt, mußte manchen heilſamen Umweg tun, bis ihm das ent: feſſelte künſtleriſche Schaffen möglich war. Als frühe des Vaters heraubter Sohn einer nur auf ihre Arbeit geſtellten Witwe hieß es in eiſerner Notwendigkeit ſich auf verdienende Beine zu ſtellen Trotzdem iſt dadurch die goldene Jugend und jene für alle Sebensdauer darin geheimnishaft ruhende ſeeliſche Erlebnisfähigkeit und Erlebenskraft nicht erſtickt, ſondern im Gegenteil erhöht und verieft worden. Als Vierjähriger bereits mußte er ſein Kinderidyll im Malerdörfchen Grötzingen verlaſſen, um mit der Mutter nach dem nahen Karlsruhe zu ziehen. In jeder Freizeit aber gings zu Jen Großeltern„auf dem Land“ zurück, und alle Wonne der Kindheitserinnerung aus den Grötzinger Tagen iſt heute noch nicht ver— welkt. Die Schule, es war das reichlich nüchterne Realgymnaſium, gab willig ſo viel her, daß man ohne weiteres in ein Beamten⸗ Bürs 160 eintreten und ſich dort beſcheiden aber ſicher das närriſche Welttreiben anſehen konnte. So viele Menſchen, die der Zufall in papierne Tätigkeit zwang und ſie mit Fiktionen ſtatt mit Wirklichkeiten abſpeiſte, flüchteten ſich notgedrungen, um nicht zur Maſchine und ſchließlich zur Mumie zu werden, in ein heimliches, zweites Leben. Das Sehnen nach einer Fruchtbarmachung innerer, nie abreißender Gedanken, Geſichte und Geſtalten hatte ſich in Weick längſt in einzelnen Skizzen, Feuilletons, Stimmungsbildern und Erzählungen neben dem Brotberuf verlebendigt, als er im Jahr 1912 den angeſichts der gebotenen Rückſicht auf die Mutter nicht leichten Schritt wagte und in den immer ſchwanken Journaliſtenberuf übertrat. Das Wagnis gelang: als Feuilletonredakteur des „Karlsruher Tagblatts“ verwendet, ſtand Weick ſofort mitten im geiſtigen Leben. Die Freiheit, die nun gleichzeitig auch die endlich gewonnene Einheit in Beruf und innerſter Neigung ſchweißte, trug den erſehnten Segen. Eine eingeborene und inſtändig gepflegte Begabung für Muſik ſowie eingehende Studien in Theorie und Ge: ſchichte der Muſik ermöglichen im weiteren die Ausübung einer ernſten Muſikkritik in der genannten Zeitung. In dieſen journaliſtiſchen Jahren am„Karlsruher Tagblatt“ erſchienen in Friſche der Erfindung und Innigkeit der Empfindung mancherlei Erzählungen, deren eine„Die Heimkehr“, in das bekannte Badiſche Dichterbuch heimiſcher Autoren übergegangen iſt. In Zeit: ſchriften und Tagesblättern veröffentlichte Weick weitere Novellen, wie„Die Geiger“,„Die Geſchwiſter“,„Sieger“,„Roſen“ u. g. Es erſchien der in zahlreichen Zeitungen mit großem Beifall aufgenommene Roman„Träumer“, im Grund der Entwicklungsund Bildengsroman, den jeder Dichter einmal in eigener Auseinanderſetzung ſchreiben muß, um zu ſeinem eigentlichen und letzten Sein zu kommen. Er verrät des Autors Schmerz und die Sehnſucht und die Kämpfe, die mit der Loslöſung von Heim und Mutter bei der in uns liegenden Zwieſpältigkeit ſtets verbunden ſind. In die „Träume“ jagt auch der Blitz ſtarken Liebeserlebens mit ſeinen Höhungen und ſeinem Sturz. Die weiteren Romane, in der Form und dem Fluß der Erzählungstechnik gewandter, im Stoff feſſelnder, in der Löſung optimiſtiſcher, williger, und daher beim großen Publikum leichter eingängig, ſtehen in der inneren, in der künſt— * 161 leriſchen, Wahrheit zurück. Die bedeutenden Erfolge, die Weick mit „Lore“ und der„Hexe Li“ jedoch unzweifelhaft errang, wirkten ſich in erfreulicher Weiſe in der zweiten Künſtleretappe Hermann Weicks aus. Er fühlte ſich dadurch freier, handwerksſicherer, zuverſichtlicher und ungehemmter. Und abermals wagte er einen Berufswechſel oder vielmehr opferte er ſich einer ausgedehnten Studienzeit, die ganz und aus ſchließlich der Muſik gelten ſollte. So trat er ein Jahr in den Ver— band des Karlsruher Landestheaters als Solorepetitor und Kapell— meiſter ein; ein weiteres Jahr war einem Aufenthalt in München gewidmet,— ſcheinbar ohne ſichtbare Auswirkungen. Es ſchien ſogar dieſe Zeit, die durch Nachkrieg und Revolution gehemmt und ſchließlich ganz bedroht war, verloren. Weick kehrte zum„Karlsruher Tagblatt“ zurück, wo er deſſen Feuilleton abermals übernahm, bis er plötzlich und unvermittelt ſeine Freunde und ſeine Vaterſtadt im Sommer des Jahres 1923 mit einer Operette„Die Komödiantin“ überraſchte. Der Erfolg der Uraufführung im Badiſchen Landestheater am 15. Juni war durchſchlagend. In einer wirkungsvollen Handlung aus dem Theater- und Ge⸗— ſellſchaftsleben, das dem Autor beſonders vertraut und ſchon in dem Roman„Lore“ gewandt und kundig aufgeriſſen war, bringt er als ſein eigener Textdichter das Liebesſchickſal einer Sängerin, die, durch vorübergehende Wirrniſſe und ſchuldloſe Schuld gehend, ſich den Mann ihrer Liebe erringt. Hintergrund und Umwelt iſt bunt und lebhaft, der Humor zwanglos, die Szenenführung ſehr geſchickt, die Geſchehniſſe ohne Langweile oder Prüderie, in erfreulichem Gegenſatz zu den heutigen Operetten, reinlich und trotzdem launig und heiter unterhaltend. Der Muſik ſtärkſtes und erfreulichſtes und darum, rein künſtleriſch betrachtet, wertvollſtes Kriterium iſt die Echtheit und Wahrheit der Empfindung. Sie erhebt ſich in den erſten Teilen, ſo in den Liebesliedern und den entſprechenden dra— matiſchen Szenen ſogar zur Höhe der guten Spieloper. In jedem Fall hat Weick durch ſeine ſchmiſſigen Tanzrhythmen, durch ſeine humoriſtiſchen Szenen, durch ſeine melodiſche und erfindungsſtarke Führung durchaus bewieſen, daß er eine Operette in gutem Sinn ſchreiben kann, ohne den frechen Unſinn, die ſchmutzſtarrende Lüſternheit der Berliner Tingeltangel-Operette. Wer den hier ſkizzierten Lebensgang, wie ſein Verfaſſer aus 11 162 nächſter Nähe verfolgen konnte, dem iſt nicht bange, daß Hermann Weick auf ſeiner nicht leicht erklommenen Künſtlerlaufbahn weiter ſiegreich vorſchreiten wird.“ Ausführlichere Erwähnung verdient dann das Werk eines anderen Schriftſtellers, des Schwaben Heinrich Lilienfein, nämlich der Roman„Das trunkene Jahr“, weil in ihm das Dorf Grötzingen und ſein landſchaftlicher Hintergrund eine dichteriſche Geſtaltung und— man darf wohl ſagen— liebevolle Verherrlichung gefunden hat.. Heinrich Lilienfein iſt 1879 in Stuttgart geboren, ſtudierte nach feiner Gymnaſialzeit hauptſächlich politiſche, Literatur- und Kunſtgeſchichte und promovierte 1902 an der Univerſität Heidelberg zum Dr. phil. Durch eine Reihe zum Teil mit großem Erfolg auf: geführter Bühnenwerke(wir nennen nur„Menſchendämmerung“, „Maria Friedhammer“,„Kreuzigung“,„Der Stier von Olivera“, Hildebrand“), von Novellen und Romanen(„Die große Stille“, „Der verſunkene Stern“,„Ein Spiel im Wind“,„Die feurige Wolke“ haben bereits eine hohe Auflageziffer erreicht) hat Lilienfeins Name in der literariſchen Welt längſt einen beſonderen Klang gewonnen. Mit Baden verbindet den Dichter u. a. auch ſeine Freundſchaft mit dem Karlsruher Schriftſteller Heinrich Vierordt, dem er zum 50. Geburtstag im Jahre 1905 eine litergriſche Würdigung gewidmet hat mit ſeiner Schrift„Heinrich Vierordt, das Profil eines deutſchen Dichters“ Zur Zeit lebt Lilienfein als Generalſekretär der deutſchen Schillerſtiftung in Weimar. Nach Grötzingen kam er durch ſeine nachmalige Frau Hanna geb. Erdmannsdörfer, die als talentvolle Malerin und Schülerin Franz Heins oben erwähnt wurde. Zwei Sommer(1905 und 1911) hat er hier zugebracht und, wie er uns mitteilt,„dem freundlichen Dorf eine dauernde Anhänglichkeit bewahrt.“„Seine Umgebung,“ ſchreibt er weiter,„ift mir gleich dem Ort ſelbſt innig vertraut ge— worden. Für den Kenner untrügliche Spuren dieſer Anhänglichkeit und Vertrautheit finden ſich in dem Roman ‚Der verſunkene Stern' (die Endkapitelh, viel mehr noch in dem Buch ‚Das trunkene Jahr'. Letzteres ſpielt, ohne Namensnennung und ohne jede Beziehung auf Grötzinger Perſönlichkeiten, ſo gut wie ganz dort.“ Sehen wir uns alſo dieſen Roman etwas näher an. Sein Inhalt iſt in gedrängter Kürze etwa der: Konſtantin Burk, ein kunſtbegeiſterter Gymnaſiallehrer, gerät in den Bann eines modernen Propheten und Menſchheitserlöſers Hoch: gart, der in der Auguſtenburg zu Lampertheim-Grötzingen) ſein tziehungsheim aufgeſchlagen hat, um dort junge Leute(„mannbare Jugend, die über die Schwelle will“ im Entfalten all ihrer Anlagen zu bilden,„von der gewöhnlichſten Handleiſtung bei der Hobelbank ind im Garten bis zum ſchöpferiſchen Menſchentum.“ Im Gefolge dieſes etwas charlatanhaft gezeichneten Univerſalgenies befindet ſich ine angehende Sängerin, Cilli Wasmann, die ſich dem Lehrer einer neuen Menſchheit“ in hemmungsloſer Leidenſchaft hingegeben hat, obwohl er verheiratet und Vater von vier Kindern iſt, und die bereits mit zwieſpältigen Gefühlen der Mutterfreude und des ge heimen Grauens vor der Zukunft der Frucht ihres Liebesbundes entgegenharrt. Zwiſchen ihrer Freundin, der Malerin Aline Hanſſen, und Konſtantin Burk, der wie Hochgart bereits Gatte und Vater iſt, glimmt ebenfalls der Funke einer verhängnisſchweren Leidenſchaft auf. Das„neue Evangelium der kommenden Menſchheit,“ das ſich bei den Hachgartenleuten zunächſt im rückſichtsloſen Ausleben der eigenen Individualität auswirkt, droht auch Burks Familienglück zu zerſtören. Schon verläßt ſeine Gattin, trotz engeren Horizontes und nüchterner Lebensauffaſſung die ſittlich Größere, mit dem Kind ſein Haus, feſt entſchloſſen, ihn frei zu geben,— da geſchieht das Gräß— liche. Die Frau Hochgarts, die ſich bisher in übermenſchlicher Selbſtverleugnung widerſtandslos der Paſchalaune des immer noch gelieb— ten Mannes gefügt hat, kann das Uebermaß der ihr zugemuteten Duldung nicht länger ertragen: als ihre Nebenbuhlerin Cilli Was: mann nach ihrer Entbindung unter dem Feſtesjubel der neuen Jugend mit dem eben getauften Zukunftsmenſchlein Primula als legitime Nebenfrau in die Auguſtenburg einziehen will, ſtürzt ſich die Verzweifelte aus dem Fenſter in den Tod. Wie eiſiger Reif legt ſich das Gefühl der Mitſchuld an dieſem furchtbaren Geſchehnis auf die erhitzten Gemüter der Hochgartſchwärmer. Ihre Reihen lichten ſich. Und wenn auch der„Meiſter“ mit einem Häuflein Getreuer unentwegt hinauszieht,„Pflanzſtätten der Freude zu gründen überall,!“— die bohrenden Zweifel an der Göttlichkeit ſeiner Sendung vermag er nicht mehr zu erſticken. Aline Hanſſen, jäh aufgeſchreckt aus ihrem Liebesglück, empfindet plötzlich mit ſchmerzlicher Deutlichkeit das Unrechtmäßige ihrer Beziehung zu Burk. Und dieſen ſelbſt überläuft ein Fröſteln bei dem Gedanken — S — 8 164 an das robuſte Gehaben dieſes Menſchheitserlöſers, der über die Leiche der Frau, die ihn geliebt und ihm vier Kinder geboren hat, hinweg im leichten Tanzſchritt hinausſchreitet, das„ewige Feſt ewiger Jugend“ zu verkünden. In ernſter Zwieſprache mit ſich ſelber findet der Verſtörte ſein beſſeres Ich und das Bewußtſein, daß nicht im ſelbſtgefälligen Emporragen über die Maſſe, ſondern im tätigen Aufgehen im Ganzen zum Wohl der Allgemeinheit das ſittlich höhere Ziel liege. Er hat, iſt auch der ſüße Rauſch verflogen, aus dieſem„trunkenen Jahr“ als dauernden Gewinn doch die Erkenntnis gewonnen, die ſich als„Pflicht für jeden“ in jenem Schillerwort prägt: „Immer ſtrebe zum Ganzen, und kannſt du ſelber kein Ganzes werden, als dienendes Glied ſchließ an ein Ganzes dich an!“ In dieſer Erkenntnis trennen ſich die Liebenden ohne Bitterkeit und durch ſie gefeſtigt wird es auch Burk nicht ſchwer, den Weg zum alten Beruf und zum neu erblühenden Glück mit Weib und Kind zurück zu finden. Dieſe, wie man ſieht, völlig frei und ohne jegliche Beziehung auf Grötzinger Perſönlichkeiten erfundenen Vorgänge ſind nun, für den genauen Kenner der Ortlichkeit nicht nur äußerlich, ſondern auch in Stimmung und Kolorit, ja man möchte faſt ſagen, bis auf klimatiſche Eigentümlichkeiten, ſichtbar und ſpürbar in die Formen der Grötzinger Landſchaft gegoſſen. Im einzelnen läßt ſich das hier natürlich nicht nachweiſen. Zur Verdeutlichung mögen aber einige beſonders markante Beiſpiele für das rein Landſchaftliche hier Platz finden. Wir wandern durch die ſonnige Septemberſtille mit dem„Helden“ die ehemalige Pappelallee zwiſchen Karlsruhe und Durlach entlang und blicken mit ihm hinüber nach dem Turmberg(vom Dichter „Käſtenberg“ genannt),„der mit ſeinem ragenden Wartturm breit und ſonnenüberſchüttet gegen den blauen Himmel“ ſteht und ſteigen, nachdem wir auf Feldwegen die Vorſtadt(-⸗Durlach) umgangen haben, „zwiſchen Obſtgärten die ſogenannte Alte Steige hinan“. Auf der Höhe begrüßt uns„auch ſchon der Lampertheimer(-Grötzinger) Kirch turm mit ſeinem buntfarbigen Ziegeldach.„Die Auguſtenburg ſtreckt eine von ihren Zwiebelhauben vor und weiter zurück ruht das Dorf in der Sonnenwärme“.„Unter den Landhäuſern, die ſeitwärs vom eigentlichen Dorf an die Gartenhänge geſtreut“ find, iſt Konſtan in Burks Haus gedacht. Wir blicken mit ihm„hinüber nach * * — 6. 4 . dem Hügelzug, der das Tal gegen Norden begrenzt, den Weingärten am Hang,“ laſſen unſere Blicke über das Dorf ſchweifen,„das geruhſam wie immer zwiſchen feinen Baumwieſen“ liegt,„vom da und dort aufblitzenden Bach durchfloſſen.“„In einem ſauberen Bauern: haus am Ende der Alten Steige hatte Aline Hanſſen ſich einge— mietet. Spätblühende Stockroſen ſtanden in dem ſchmalen Gärtchen vor ihren Fenſtern. Vom rückwärts gelegenen Hof führte die Tür in den Flur.“ Beſonders gelungen iſt auch folgende Schilderung: „Um die Auguſtenburg und ihre dicken Zwiebeltürme ſpannen die erſten Blätter den zartgrünen Schleier. In den Weinbergen knoſpte es nur ſchüchtern, aber die Obſtbäume, die das alte Bauwerk im Rücken und ſeitwärts umdrängten, ließen aus den üppigen, weiß und roſafarbenen Sträußen ſchon Blüte um Blüte niederrieſeln und davonwehen. Auch im Dorf blühte es hinter den graueſten Mauern und über die morſcheſten Dächer und zog ſich hinauf an den Höhen und bis vor den Wald ja bis faſt in den Himmel hinein. Wie das Lampertheimer Tal im Herbſt trunken war von lodernden Farben und ſüßem Weindunſt, ſo jetzt von Duft des jungen Graſes, des lichten Frühlaubs, des unabſehbaren Blütengewimmels... Wir könnten noch Seiten mit ſolchen treffſicher gezeichneten Landſchaftsbildern füllen. Auch die Grötzinger Glocken hat Lilien: fein in lieber Erinnerung:„Die Sonntagsglocken ſangen über dem Tal. Es waren ein paar reine, gute Glocken, und fie ſchütteten, die eine ihre frohe Freudigkeit, die andre ihren tiefen Ernſt in die glasklare Luft. Vom Fenſter.. konnte man fie in ihrer Turm= ſtube ſich ſchwingen ſehen...“ Auf Schritt und Tritt ſehen und fühlen wir, wie innig der Dichter ſich in die Grötzinger Landſchaft verſenkt, wie lebendig er ihr Bild bewahrt und mit welch herzlicher Teilnahme er die alten lieben Eindrücke hervorgeholt hat, um fie künſtleriſch zu geſtalten. Vielleicht greift, durch unſere Zeilen angeregt, der eine oder andere Leſer zu dem unterhaltſamen Buch, um ſelber nachzuprüfen, wieweit Lilienfein die dichteriſche Umſchreibung der heimiſchen Land: ſchaft gelungen iſt. Er wird es zwar nicht in allen Teilen gleich wertig finden, aber im Hinblick auf den ſpannenden Ablauf ſeiner Handlung jedenfalls nicht ohne Befriedigung aus der Hand legen. Schließlich mag Guſtav Gamper, der bereits oben genannte Schweizer Maler und Graphiker, an dieſer Stelle ausführlicher ſelbſt zu Wort kommen. Er iſt gelegentlich auch ſchriftſtelleriſch hervor LS 166 getreten und hat unter ſeinen Gedichten eine Reihe von kleinen Stimmungsbildern veröffentlicht, zu denen ihn die Landſchaft unſerer engeren Heimat unmittelbar angeregt hat. Ueber ſeine künſtleriſche Entwicklung teilt er uns mit: „Ich bin geboren 1873 zu Trogen in der Schweiz. In Dresden, wohin meine Eltern im Jahre 1881 übergeſiedelt waren, abſolvierte ich das Konſervatorium für Muſik als Celliſt, kam mit dem urſprünglichen Wunſche, Maler zu werden, 1893 nach Grötzingen und blieb dort etwa anderthalb Jahre als Schüler Friedrich Kallmorgens. Der Aufenthalt in Grötzingen iſt mir in lieber Erinnerung geblieben, die Landſchaft beglückte mich. Mein Lehrer und feine Gattin hatten mich aufs herzlichſte aufgenommen, und an Karl Otto Matthäi fand ich einen treuen Mitſchüler und Kameraden. Eine ganz beſondere Neigung faßte ich für den einſam gelegenen Rittnerthof, auf dem ich ſpäter einen ganzen Herbſt und Winter wohnte. Es entſtand dort oben ein Zyklus kleiner Gedichte, die ich unter dem Titel„Spätes Jahr auf einem einſam gelegenen Bauernhofe“ veröffentlichte. In dieſen Gedichten beſitze ich, abgeſehen von meinen Zeichnungen und Oelſkizzen, das lebendigſte Dokument aus der Umgebung Grötzingens, iſt mir am innigſten das Weſen jener Landſchaft, ſo, wie ich fie bei erwachender künſtleriſcher Individuglität erfaſſen mochte, vertraut geblieben. Vom Unterricht bei Profeſſor Friedrich Kallmorgen, der mich im zweiten Sommer nach ſeinem geliebten Holland mitgenommen hatte, ging ich zur Akademie in Karlsruhe über und verbrachte die nächſtfolgenden Jahre dort. Später folgte ich den nach Stuttgart überſiedelnden Profeſſoren Poetzelberger und Kalckreuth, deren Schüler ich noch mehrere Semeſter hindurch war. 1897 begab ich mich in die Schweiz und blieb endgültig in meiner Heimat, anfangs noch einmal Unterricht genießend bei dem Maler und Radierer Her: mann Gattiker in Rüſchlikon bei Zürich. Die Graphik hatte mich in Karlsruhe beſonders beſchäftigt. Waren es dort Lithographie und Radierung geweſen, ſo war es in der Schweiz der Holzſchnitt, den ich pflegte, und für den ich bei einem Badener, dem lange in Zürich lebenden, nun ſeit zwei Jahren in Karlsruhe tätigen Ernſt Würtenberger Lehre und Rat fand. Im Theater zu Karlsruhe ſind mir wunderbar tiefe Eindrücke der damals in herrlichſter Blüte ſtehenden Oper vergönnt geweſen, beſonders von den Aufführungen der Richard Wagnerſchen Werke n n, n. 167 unter Felix Mottl. Jene Eindrücke haben nachgewirkt, als ich im Jahre 1913 den Auftrag erhielt, zur erſten Aufführung des Parſifal die ſzeniſchen Entwürfe zu machen. Für den größten Meiſter Badens, für Hans Thoma, wurde ich früh von enthuſiaſtiſcher Verehrung erfüllt, und dieſe gilt nun nicht nur ſeinen Werken, ſondern auch der Gedankentiefe und Religioſität, die in den Schriften des greiſen Künſtlers ſtill und groß leuchtet. In ſeinem Weſen erkenne und liebe ich jene Innigkeit und Tiefe der echten und unvergänglichen deutſchen Art.“ Wir geben abſchließend einige der lyriſchen Stimmungen, die während Gampers Aufenthalt auf dem Rittnerthof entſtanden ſind. Die Seele der heimiſchen Landſchaft hat in ihm u. E, in der Tat eine wenn auch anſpruchsloſe, ſo doch ſehr ſein erfühlte, bildhafte Geſtaltung gewonnen. Spätjahr auf dem Rittnerthof. . Still herab vom Dämmerhügel kehrt der Bauer mit den Roſſen, bald iſt ihm der Tag beſchloſſen und die fromme Pflicht getan. Ach, mit einfacher Gebärde wird dem Leben hier gedient, treu gepflegt die dunkle Erde, daß fie fruchtbar wiedergrünt. Glockenweiche Sonntagsſtille, liebliche Beſänftigung, letzte träumeriſche Fülle über Berg und Niederung. Aus ver Ferne mildes Grüßen, weiße Wolken, hell Geläut, totes Laub zu meinen Füßen, ſchmerzliche Verſchwiegenheit. Ueber der entſchlafnen Erde ſanfte, blumenkeuſche Luft, treue, ſegnende Gehärde über einer frühen Gruft. Die Luft iſt kalt, das Feld iſt grau, zerfallen liegt der Blätter Bau. Weit geh' ich auf den bunten Wegen, dies Trühe mir in's Herz zu prägen, die alte ſchlichte Traurigkeit von Tod und langer dunkler Zeit. 4. Das Laub erglänzt, der Acker dampft, durch den nebelgrauen Wald blitzt die Sonne wie Diamant. Sonne, Sonne, helle Sonne, blaue Kühle, weißer Glanz, Reif auf Gras und Ackerſcholle, hell geſtählte Morgenkraft! Sieh die ſtarken Roſſe ſteigen mit der Pflugſchar hügelauf, ſieh die Arbeit, ſieh die Sonne: Hand wie Herz, ſei ſtark, ſei hell! 6. Es blaut der Himmel, es jagt mein Blut, Wind macht das Licht ſo herb und gut. Aus Gras und Scholle leuchtet Kraft, als quelle im Boden Frühlingsſaft. in Die Dämmerung iſt trübe und totenſtill das Feld, ſo leer und arm an Liebe die grauverhüllte Welt. Mit ſehnend nackten Armen ſtarrt weit hinaus ein Baum, kein Ding mag noch erwarmen im öden, fremden Baum. Die Wälder ſteh'n wie Greiſe, mager und gramverzehrt, von einer Lebensreiſe iſt Alles heimgekehrt. * 169 VII. Sagen von Grötzingen. Hexe als Katze. Im Winter 1839 fand der Melker auf dem Gut Auguſtenberg mehrere Monate nacheinander alle Kühe gemolken. Er zeigte es ſeinem Herrn an, von dem er ein. Schwert mit der Wei. erhielt, dasſelbe in die linke Hand zu nehmen und ſo nachts im Stall aufzupaſſen. Nachdem er in dieſem alle Oeffnungen bis auf eine geſchloſſen hatte, legte er ſich, wie ihm befohlen, auf die Lauer. Weder in der erſten noch in der zweiten Nacht ſah oder hörte er etwas; in der dritten aber vernahm er deutlich, daß die Kühe gemolken wurden, Sogleich ſtellte er ſich in die unverſtopfte Oeffnung, und als ſpäter eine ſchwarze Katze ö hieb er ihr mit dem Schwert eine Pfote ab. Statt dieſer lag am Morgen eine Frauenhand da, welche man, unter Anzeige der Sache, dem Bürgermeiſter von Gröt tzingen überlieferte. Derſelbe beſchied nun ſämtliche Frauen des Orts auf das Rathaus, die auch, außer einer, ſich ein fanden und unverletzt befunden wurden. Darauf begab ſich das Gericht zu der Nichterſchienenen und zwang ſie, ihre Arme zu zeigen, an deren einem die abgehauene Hand fehlte. Die Frau war nun der Hexerei überführt, und obgleich ſie dafür nicht beſtraft wurde, hütete ſie ſich doch, ſie wieder auf der Auguſtenburg auszuüben. Der Schatz zu Grötzingen. Von Alters ſtand zu Grötzingen ein prächtiges Schloß, worin ein, König Hof hielt. Derſelbe flüchtete ſich im Kriege nebſt den inigen, nachdem er feinen Reichtum in das tiefe Gewölbe unterm Schloß ve ö hatte. Da er und alle, welche um die verſteckten Sc wußten, im Kampfe oder auf der Flucht ſtarben, ſo blieben ejelben unentdeckt im Gewölbe, über dem heutigen Tags Häuſer ind Gärten ſtehen. In ihm liegen große Fäſſer voll uralten, köſtlichen Weines und eine Menge Kiſten und Käſten, angefüllt mit Geld, prächtigen Kleidungsſtücken, feinem, geſticktem Weißzeug und koſtbarem Geräte, worunter ein lebensgroßer Heiland von gediegenem Holde; daneben find ſilberne und goldene Stangen, von der Länge und Dicke eines Armes, in Beugen aufgeſchichtet, und eine Reihe von Schränken enthält lauter Edelſteine, deren wertvollſter ein großer Karfunkel iſt, welcher wie die Sonne leuchtet. Außerdem finden ſich daſelbſt die weltberühmte Arzneiſammlung und die Gold8 * . I 6 L —— 170 tinktur des Theofraſtus, der der Leibarzt des Königs geweſen. Letzterer, ſeine Frau und alle, die ihnen den Schatz verbergen halfen, mußten nach ihrem Tode bei ihm umgehen und ſind noch in der neueren Zeit von verſchiedenen Leuten vernommen worden. So ſah ein Mann, nachts zwiſchen elf und zwölf, eine Kutſche, die mit acht Schimmeln beſpannt und hinten mit Bedienten beſetzt war, an den erwähnten Gärten anfahren, den König und einige andere ausſteigen und nach drei Viertelſtunden zurückkommen und wieder fortfahren. Ebendaſelbſt bemerkte mittags ein fremder Handwerksburſche. weißgekleidete Frauen, welche goldgeſtickte Wäſche zum Trocknen auf: hängten. Er erzählte es im Sternen und ging, als ihm der Wirt nicht glaubte, gleich mit dieſen an die Gärten, konnte aber darin weder die Frauen noch die Wäſche entdecken. Eines andern Mittags ſah ein Grötzinger dort auf einem Baum eine Krone hängen, die von Gold und mit Edelſteinen heſetzt war. Ein ſiebzehnjähriges Mädchen, das viel für die umwandelnden Geiſter betete, wurde am Tage von einigen derſelben in das Gewölbe geführt, mit Brot und Wein bewirtet und, nachdem es die Reichtümer beſichtigt, wieder herausgeleitet. Zu einem andern Mädchen, deſſen Eltern einen der Gärten und das daranſtoßende Häuschen, ſonſt aber nichts beſaßen, kam gegen Mitternacht die Königin, welche von hoher Geſtalt und mit ſchnee— farbenem Gewand, goldner Haube und weißem Schleier bekleidet war. Sie hieß es mit in den Garten gehen, um ein Geſchenk zu empfangen, und als fie dahin kamen, ſchloß fie eine Türe des Ge: wölbes auf, holte aus dieſem eine künſtlich gearbeitete goldne Schüſſel und gab ſie dem Mädchen. Da ſprang ein affenähnlicher Teufel herbei und hielt dasſelbe ſo lange am Arm feſt, bis die Königin die Schüſſel wieder genommen und an ihren vorherigen Platz gebracht hatte. Die Türe wurde weder vorher noch nachher von einem Menſchen geſehen, und ebenſo unſichtbar iſt das Tor, welches bei der Mühle in das Gewölbe führt. In einer andern Nacht hob das Mädchen, auf Geheiß der Königin, in dem Garten einen Stein auf und fand darunter neun Gulden Geld, die es ſeinen Eltern brachte. Dieſe und die übrigen Bewohner des Häuschens ſahen zuweilen nachts in den Gärten helleuchtende Sterne und ſämtliche Geiſter umherſchweben. Für deren Erlöſung ließen ſie Meſſen leſen, beteten und faſteten, beſonders das Mädchen für die Königin, die ihm auch einſt ſagte: es werde ſie ſo gewiß erlöſen, als morgen im Garten eine Nelke blühe. Wirklich ſtand auch am andern Tage, obgleich es Winter und ſehr kalt war, dort eine Blume in voller Blüte. Gegenwärtig ſind, durch die erwähnten guten Werke, alle dieſ w— 83— S 171 Geiſter, außer zwei, zur ewigen Ruhe gebracht. Theofraſtus aber und Nikolaus, der der erſte nach dem König geweſen, müſſen ſo lange bei dem Schatz umgehen, bis derſelbe gehoben iſt. Schneckenhäuſer in Geld verwandelt. Vor mehr als dreißig Jahren kam ein zwölfjähriges Mädchen von Grötzingen, welches vormittags auf dem Lichtenberg graſte, zu einem Häuflein Schneckenhäuſer von den verſchiedenſten Farben. Weil ſie ſo ſchön waren, tat ſie drei davon in ihr Grastuch, und als ſie es, eine Stunde nachher, zu Hauſe aufband, lagen, ſtatt der Schneckenhäuslein, drei Sechsbätzner darin. Sogleich eilte das Mädchen mit ſeinem Vater nach dem Lichtenberg; aber da war auf dem Platze nichts mehr zu finden. Kallmorgen — VIII. Lereinsleben in Grötzingen. Vereine und Geſellſchaften geben uns ein anſchauliches Bild I von den Gedanken, die in einer Gemeinde im Kreiſe Gleichgeſinnter Ss gepflegt werden. Hier herrſcht vollkommene Freiheit. Jeder kann zn zu dem Verein gehen, zu dem er ſich gerade hingezogen fühlt. Wer e baher wiſſen will, was feine Vorfahren neben ihrer Tagesarbeit . getan haben, wo fie ihre gemeinſamen Vergnügungen im größeren Rahmen gefeiert haben, dem genügt die Kenntnis des gemeinde=, politiſchen, kirchlichen und Familienlebens nicht, er muß zu den Vereinen gehen. ll Das Wort„Verein“ war dem bäuerlichen Grötzingen im großen j und ganzen fremd. Welche Gedanken hätten auch in einem Dorfe il vereinsbildend wirken können? Der Freiheitskampf gegen Napoleon N im Jahre 1813 war verebbt, bis er nach Baden getragen war. Die ö Revolution von 184849 endete mit einer vollſtändigen Unter⸗ e drückung der freiheitlichen Ideen und mit einer Flucht aller Frei: j heitsmänner ins Ausland. Wohl konnte der Gedanke an ein einiges j. deutſches Reich auch in Baden die Herzen höher ſchlagen laſſen, aber. zu einem politiſchen Verein mit dieſen Zielen kam es in Grötzingen 6 nicht. Der Geſang führte zuerſt einige Bürger zu einem Verein. zuſammen und der Gedanke gegenſeitiger Unterſtützung bei Loves: — fällen.| Der Sterbekaſſenverein wurde 1864 gegründet. Aus Meinen| Anfängen heraus entwickelte er ſich zu einem großen Unterſtützungs. verein. In den erſten Jahren des Beſtehens des Vereins betrug das| Sterbegeld nur wenige Gulden. Die Vereinsverwaltung ließ fih| ſtets angelegen fein, den Verein weiter auszubauen und den moder= nen Verſicherungsverhältniſſen anzupaſſen. Bis zum Jahresſchluß 1922 wurden 290 Mark Sterbegeld bezahlt. Die Geldentwertung der Nachkriegszeit machte es notwendig, den Verein auf eine beſſere Grundlage zu ſtellen. Der derzeitige Verwaltungsrat, an der Spitze der Landtagsabgeordnete. Heinrich Kurz als Vorſtanmd, ſchlug der Generalverſammlung vom Februar 1923 vor, den Monatsbeitrag auf 50 Mark und das Sterbegeld auf 15 000 Mark zu erhöhen. Der Verein zählt heute über 1000 Mitglieder. J . SGeſangverein Eintracht. Im Jahre 1847 traten in Grötzingen unge Männer zuſammen zur Pflege des Geſangs und edler Ge: ſelligkeit. Es war dies in einer Zeit, wo überall in deutſchen Landen neues Leben fich regte und das nationale Bewußtſein erwachte. Um auszudrücken, daß nur durch treues Zuſammenhalten ein Erfolg zu erreichen iſt, gab ſich der neu gebildete Geſangverein, der erſte Verein, der in Grötzingen entſtand, den Namen„Eintracht“. Seine Farben waren die Farben Jungdeutſchlands„ſchwarz-rot-gold“. Die Gründer des Vereins waren: Philipp Jakob Jordan, Kirchen: gemeinderat und Baufondrechner, Karl Friedrich Fießler, der Begründer des hieſigen Eiſenkonſtruktionswerks, Chriſtoph Wagner und Reichert Jordan, beide in ſpäteren Jahren Bürgermeiſter, ferner Karl Ruf, Chriſtian Kunzmann und Johann Walter, Schneider: meiſter. Ihr Dirigent war Lehrer Zimmermann. Der Verein, der ſich aus den Söhnen der beſten Familien Grötzingens zuſammen— ſetzte, fand raſche Anerkennung in der Gemeinde. Ein reger Eifer beſeelte die Sängerſchar und bald machte ſich das Bedürfnis nach einem äußeren Zeichen der Zuſammengehörigkeit, nach einer Fahne geltend. Schon zwei Jahre nach der Gründung war dank des Opferſinns der Gemeinde das freudig erſtrebte Ziel erreicht. Im Frühjahr 1849 konnte die Fahne, geſtiftet von den Frauen und Jung: frauen, wie die Widmung auf ihr lautet, geweiht werden. Das Feſt der Fahnenweihe wurde unter Beteiligung eines damals neu gegründeten Berghauſer Geſangvereins und zweier Karlsruher Geſangver— eine in einfacher, aber würdiger Weiſe begangen. Auf dem Marktplatz, wo jetzt das Kriegerdenkmal für 1870/71 im Schatten einer Linde ſteht, wurde die Fahnenübergabe vollzogen. Der e er von Söllingen, der für den damals erkrankten Grötzinger Pfarrer ein— getreten war, hielt die Feſtrede. Doch nicht lange ſollte die Fahne die Sangesbrüder zu friſchem, fröhlichen Geſang zuſammenhalten. Noch im Jahr der Weihe, während der Revolution, mußte die Fahne vor behördlicher Beſchlagnahme verſteckt werden, ſie fand im Pfarrhaus ihre Zuflucht. Mit Beginn der Reaktion, als eine kühle nüch= terne Stimmung ſich breit machte, ſtellte der Verein ſeine Uebungen ein. Vom Jahre 18590 bis 1862 ruhte die Fahne verlaſſen auf dem Rathauſe. Da erſt regte ſich wieder die Luſt am Geſang, und um die alte Fahne ſcharten ſich von neuem frohe Sänger, darunter mehrere non den Gründern des Vereins, ſo Reichert Jordan, Jakob Herbold und Friedrich Arheidt. Ferner zählte zu den Erneuerern des Vereins. Lauer, Expeditor Hauſer, Karl Hofmann, Küfer, Jakob Kurz, Kaufmann, und der ſpätere Bürgermeiſter 5 Krieger, der ſich des Vereins beſonders annahm und ihm bis 1881 als Sänger und Vorſtand angehörte. Dirigent war bei der Neubildung und in den folgenden Jahren Lehrer Huber, ſowie Unterlehrer Zwickel. Um den Verein auf breitere Grundlage zu ſtellen und ihn den Gemeindegliedern näher zu bringen, wurde eine Sterbekaſſe mit ihm ver: bunden, die ſich aber im Jahre 1864 loslöſte und ſelbſtändig machte. Ende der 1860er Jahre trat mangels eines Dirigenten wieder eine kleine Pauſe in den Geſangsübungen ein. Als aber nach dem ruhm⸗— reichen Kriege 1870/71 Deutſchland neu auflebte und des neu erſtan 174 denen Reiches Herrlichkeit in Sang und Klang gefeiert wurde, da kam auch wieder in den Geſangverein ein friſcher Zug. Die Eintracht ſchloß ſich damals an die neu gegründete Feuerwehr an, behielt aber den Charakter als Geſangverein bei. Da ſich dieſer Anſchluß aber nicht als zweckmäßig erwies, trat bald wieder eine Trennung ein und von der Zeit an blieb die Geſangvereins⸗-Tätigkeit ununterbrochen. Aus den achtziger Jahren iſt die Tätigkeit des da— maligen Dirigenten, jetzigen Oberlehrers Idler hervorzuheben, der ſich durch die Förderung der Beſtrebungen des Vereins große Ber: dienſte erworben hat. Seit 1882, alſo ſeit 41 Jahren, gehört unſer Verein dem Badiſchen Sängerbund an. Im Jahre 1897 feierte der Verein fein fünfzigjähriges Stiftüngsfeſt unter Beteiligung der ſämtlichen hieſigen Vereine und vieler benachbarter Brudervereine. Dabei wurde die alte Fahne, die ſo viel Sturm und Drang erlebt und durch das Alter notgelit ten hatte, durch eine neue erſetzt, welche wie die alte von den Frauen und Jungfrauen der Gemeinde geſtiftet wurde. Die alte Fahne mit ihrer ſchönen Stickerei bildet aber jetzt noch ein ſorgfältig behütetes Kleinod des Vereins. Daß die Beſtrebungen des Vereins auf Vervollkommnung im Geſang von Erfolg gekrönt geweſen ſind, davon geben am beſten die nachfolgende Preiſe Zeugnis, die ſich der Verein bei Geſangswettſtreiten errungen hat: Ila Preis am 22. Mai 1893 beim Enz und Pfinzgauſängerfeſt. II. Preis an Pfingſten 1895 beim Badiſchen Sängerbundesfeſt in Karlsruhe. Ic Preis am 28. Juni 1896 bei einem Stiftungsfeſt in Dill: Weißenſtein. Ib. Preis am 12. Juni 1898 bei einem Stiftungsfeſt in Rintheim. Ila Preis am 23. Juli 1899 beim Enz: und Pfinzgauſängerfeſt. la Preis am 19. Mai 1901 bei einem Stiftungsfeſt in Ettlingen. I Preis am 1. Juni 1902 bei einem Stiftungsfeſt in Berghauſen. Ila Preis der Stadtvereine am 12. Juni 1904 bei einem Stiftungsfeſt in Bruchſal. Ic Preis am 4. September 1904 bei einem Stiftungsfeſt in Dill: Weißenſtein. la Preis der Stadtvereine am 24. Juni 1906 bei einem Stiftungsfeſt in Odenheim. Ib Preis Pforzheim: Weißenftein Pfingſten 1914. Den Dirigenten, die den Verein dabei zum Sieg geführt haben, nämlich Albert Frank, Lehrer, J. Jenne, Lehrer, Auguſt Kuhn, Kapellmeiſter, A. Dietz, Muſiklehrer, A. Bruder, Lehrer, W. Jung, Muſiklehrer in Karlsruhe, Eugen Ilg ſei auch an dieſer Stelle wärm⸗= ſter Dank geſagt. Zum Schluß führen wir die Vereinsmitglieder an, die für ihre langjährige Tätigkeit als Sänger oder für beſondere Verdienſte um 175 den Verein zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden: Jakob Scheidt, Bauführer, am 15. Januar 1888, Franz Vörkel, Werkmeiſter in Darmſtadt, am 20. April 1896, Chriſtian Götz, Vereinsvorſtand, am 17. Januar 1897, Wilhelm Wagner, Goldarbeiter, am 17. Januar 1897, Wilhelm Lindner am 17. Januar 1897, Reichert Jordan, Bürgermeiſter, am 11. Juli 1897, Karl Fießler, Fabrikant, am 11. Jan. 1897, G, Friedrich Benz am 11. Juli 1897, Jakob F. Benz, Spar: kaſſenrechner, am 11. Juli 1898, Chriſtoph Hafner am 11. Juli 897, Jakob Daubenberger, Steinbruchbeſitzer, am 11. Juli 1897, Jakob Waltz, Baumeiſter in Straßburg, am 11. Juli 1897, Albert Frank, Lehrer und Verxeinsdirigent, am 11. Juli 1897, Auguſt Kuhn, Kapellmeiſter in Durlach, am 21. Oktober 1897, Peter Sand am 25. Januar 1901, Guſtap Denzler, Privatier in Großeicholzheim, am 28. Juni 1901, Fiedrich Fießler, Fabrikant, Ehrenvorſtand, am 1. Januar 1904, Adolf Bruder, Lehrer in Heidelberg, Ehrendirigent, am 19. Auguſt 1904, Auguſt Oeder, Druckereibeſitzer, am 1. Januar 1906, Jakob Fr. Zoller am 1. Januar 1906, Ehriſt. Jordan, Bäcker» meiſter, am 1. Januar 1906. Im Weltkrieg mußten nach und nach über hundert Mitglieder ins Feld ziehen, wovon 22 auf dem Felde der Ehre ſtarben. Die Singſtunden mußten eingeſtellt werden und nur bei Toten und Gedächtnisfeiern wurden zuſammen mit den zurückgebliebenen Mitgliedern der Geſangvereine Liederkranz, Sängerluſt und dem Kirchen: chor Lieder eingeübt, zuerſt unter Herrn Ilg und ſpäter unter Herrn Ehrendirigent Adolf Bruder aus Karlsruhe. Nach dem Kriegsende und der Revolution nahm der Verein unter Ehrendirigent Herrn Bruder im März 1919 die Singſtunden wieder auf mit ungefähr 30 Sängern. Es wurde dann unter demſelben zuſammen mit dem Kirchengeſangverein ein größeres Chorwerk aufgeführt, und zwar Schillers Glocke' von Romberg. Dasſelbe kam zweimal zur Auf» führung. Der Reinertrag floß dem Gefallenen-Benkmal zu. Ein Jahr ſpäter kam noch einmal ein größeres Chorwerk zur Aufführung und zwar„Die deutſche Linde“, geſtiftet vom Ehrenvorſtand Herrn Fießler. Im Jahr 1921 wurde der badiſche Sängerbund in Gaue eingeteilt, unſer Verein ſchloß ſich dem Karlsruher Sängergau an und nahm an dem in Karlsruhe ſtattgefundenen Kritikfingen mit gutem Erfolg teil. Unter dem Dirigenten Herrn Eugen Zickwolf, Lehrer in Karlsruhe, feierte der Verein im Oktober 1922 mit einem gutgelungenen Konzert, an dem ſich viele Sänger aus nah und fern beteiligten, fein 75jähriges Stiftungsfeſt. Bei demſelben wurden alle während des Krieges zurückgeſtellten Ehrungen vorgenommen und zwar wurden Sängerringe und Ehrenmitglieder⸗-Diplome aus: geteilt. Beſonders zu erwähnen iſt Ehrenvorſtand Herr Chriſtian Hötz, welchem für 40jährige aktive Tätigkeit[ein Bild, in Oel gemalt, überreicht wurde. Um den Verein verdient gemacht hat ſich beſonders unſer Ehrenvorſißender Herr Fießler, welcher ſich während und 176 nach dem Kriege in uneigennütziger Weiſe jederzeit demſelben zur Verfügung geſtellt hat, ſowie der 1. Vorſtand, Herr Auguſt Sand, und der 2. Vorſtand, Herr H. Daubenberger. Freie Sängerluſt Grötzingen. Die politiſche und gewerkſchaftliche Entwicklung in Grötzingen brachte es mit ſich, daß auch in ge ſanglicher Hinſicht der damals übertriebenen Preisſingerei ein andzer Geiſt entgegengeſetzt werden mußte. So kam es, daß im September 1911 durch die Ortsſchelle bekannt gemacht wurde, daß alle Sangesluſtigen, die politiſch oder gewerkſchaftlich organiſiert waren, ſich im Ochſen einfinden mögen zwecks Gründung eines Arbeitergeſangyereins. Intereſſenten und Neugierige erſchienen in großer Zahl. Durch Unterſchriften erklärten ſich ungefähr hundert bereit, dem Verein beizutreten, der unter dem Namen„Arbeitergeſangverein Freie Sängerluſt“ gegründet wurde. Als 1. Vorſtand wurde Friedrich Benz, als 2. Vorſtand Ludwig Herbold gewählt. Der Kapellmeiſter Ph. Ripinsky aus Karlsruhe brachte den Verein mie Unterſtützung aller Mitglieder auf eine hohe Stufe, fo daß ſich der Verein zweimal in der Karlsruher Feſthalle hören laſſen konnte. Der Radfahrerverein„Viktoria“ unterſtützte den Verein mit Geldmitteln und half ihm ſo über die erſten Klippen hinweg. Während des Krieges hörte jede Vereinstätigkeit auf. Nach Kriegsſchluß wurde die Vereinstätigkeit wieder aufgenommen. Aber man war ſich darüber einig, daß eine Vereinsmeierei, wie vor dem Kriege, nicht mehr ſtattfinden ſolle. So kam es, daß in Verhandlungen eingetreten wurde mit den beiden Geſangvereinen Eintracht und Liederkranz zwecks Verſchmelzung zu einem großen Arbeitergeſangverein. Es kam aber nur zu einer Vereinigung mit dem Ge: ſangverein Liederkranz unter dem Namen„Arbeitergeſangverein Liederkranz“. Arbeiter⸗-Geſangverein Liederkranz. Der Grundſtein zum Geſangverein Liederkranz wurde im Jahre 1884 von K. L. Heidt, Joh. Götz, Bierbrauer Ehr. Wagner, Maurermeiſter Aug. Siegriſt, Ehr. Arheidt und Fr. Ehrler gelegt. Dieſe Männer, mit ihnen die übrigen Mitbegründer verſtanden es, unter großen Opfern das be: gonnene Werk zu vollenden. Sein techniſcher Leiter, der verſtorbene Hauptlehrer Köbler, ſowie der jetzige Gemeinderat und Landtagsabgeordnete Kurz, welcher 16 Jahre lang dem Verein als 1. Vorſtand angehörte, waren es, die mit Umſicht und Tatkraft den Verein um manche gefahrvolle Klippe leiteten. Der Verein hat als 30jähriges Mitglied des Bad. Sängerbundes in geſanglicher Hinſicht ſeinen Mann geſtellt und bei manchem Geſangswettſtreit ſich Lorbeeren durch erſte und zweite Preiſe errungen. Der Krieg mit feinen unheilvollen Begleiterſcheinungen machte eine Umgeſtaltung notwendig. Nach dem ſogenann 107 Friedensſchluß von BVerſaillers brach eine vernünftige Idee durch, indem die beiden Geſangvereine Liederkranz und Sängerluſt ſich zu einem Verein vereinigten. Bei der Verſchmelzung wurde der neue Verein„Arbeitergeſangverein Liederkranz“ getauft und als Mitglied des Arbeiterſängerbundes einverleibt. Die jetzige Vereinsleitung, an der Spitze der derzeitige erſte Vorſtand Gemeinderat Benz und ſein vortreff licher Dirigent, Hauptlehrer Haberſtroh aus Karlsruhe, verſtanden es, den Verein auf ine jetzige Höhe zu bringen. Der Verein verfügt über ein gut gi ch lte Stimmaterial(90 Sänger) und hat auf g ö hem Gebiet ſchon große Aufgaben gelöſt. Fröhlichſches Männ erquartett Grötzingen e. V. ö F Männerquartett wurde im Jahre 1919 am 1. Sen gen gegründet. Gründer des Quartetts waren l heide Emil Daubenberger, Chriſtoph Ekerdt, Götz, Ludwig Schmidt, Karl Wolf, ſämtliche s Grötzingen. Gleich nach der Gründung traten zur ol des Qu artetts noch folgende Sänger bei:. Dreier Dopf, Ludwig Kumm, Albert Pracht, Heinrich Dittes, 6.. letzterer aus BVerghaufen. Der Zweck des Vereins war, guten ö. ſang und Muſik im Orte Grötzingen einzuführen. Die Wahl des Diri= genten fiel auf Heinrich Fröhlich, Chormeiſter, Durlach, einen erprobten, in Geſang- und Muſikerkreiſen ,. Dirigenten. Es begann ein eifriges Studium, ſo daß nach Verlauf eines Jahres das erſte Konzert im Saale des Gaſthauſes zum„Bären“ in Yrö in gen ſtattfinden konnte. Dur ech.. Soliſten und Soliſtinnen war der Erfolg desſelben glän zend. Das zweite Konzert fand am 1. Februar 1991 ö Durlach ſtatt. Der Erfolg war auch hier ein ſchöner. Es folgten weitere Konzerte, ein Wohltätigkeitskonzert für die Opfer der Kataſtrophe zu Oppau in der Feſthalle zu Durlach. Aus demſelben konnte ein namhafter Betrag den Verunglückten und Hinterbliebenen zugeführt werden. Nun beſtand der Wunſch des Quartetts, ſeine geſanglichen Leiſtungen auf größeren Plätzen zu verwerten. Der kleinen Sängerſchar von 15 Sängern gelang es, am 5. Juni 1921 in Raſtatt unter 16 konkurrierenden Vereinen am erfolgr eichſten hervorzugehen, was durch Ueberreichung einer„goldenen Medaille“ belohnt wurde. Acht Tage ſpäter, am 12. Juni 1921, beſuchte das Quartett einen zweiten Wettſtreit in Pforzheim und ging auch hier unter 18 Konkurrenten bis zu 140 Sängern an erſter Stelle als Sieger hervor. Auch hier erhielt das Quartett eine„goldene Medaille“. Angefeuert durch dieſe herrlichen Erfolge beſchloß die Vereinsleitung, einen großen nationalen Wettſtreit zu beſuchen, und zwar einer Einladung zufolge von Frankfurt 9. M. des dortigen Geſangvereins„Konkordia“ anläßlich feines 756 jährigen Jubiläums am 10., 11., und 12. September 1921. Unter erſtklaſſigen Vereinen ging die kleine Grötzinger Sängerſchar von zwanzig Mann in allen Singen: Klaſſenſingen, Ehrenſingen und 12 gung 178 höchſtem Ehr en ſingen immer als erſte Sieger hervor. Erſtklaſſige Kr ö ände als Ehrenpreiſe belohnte die tapfere kleine Sänger: ſchar. Her verdiente Dirigent, Herr Chormeiſter Heinrich Fröhlich aus Durlach, erhielt für feine großartigen Leiſtungen den erſten Dirigentenpreis zuerkannt. Bei jeweiligem Auftreten des Quartetts löſte ſich ein ungeheurer Beifallsſturm aus zu Ehren der Süddeutſchland d beſtens K Sängerſchar. Der 1. Vorſtand des Quar— er Albert Pracht, wurde von allen Vereinsvorſtänden auf: ert, den beiten Dar nt für alle teilnehmenden Vereine, dem feſt= jebenden Verein für die große Mühe und Aufopferung, der Stadt nkfurt für ihre großarti ge Gaſtfreundſchaft ausz K Nach . Wettſtreit war das Grötzinger Quartett in F rankfurts Mauern das populär rſte, was ſich am andern Tage durch ſehr 3 zah. reiche private J am beſten ausdrücte. ie werden Grötzinger Sänger di r lebten, vergeſfen. Di K, iel war. die Weiter: entwicklung des Männerquartetts von ausſchlaggebender Bedeutung. Bei ſeiner ,, von Frankfurt wurden dem Quartett von ſeiten der Grö Vereine je ein Lorbeerkranz überreicht; durch die oben an ten Erfolge aufgemuntert, beſchloß das Quartett, eine Konzertreiſe durch die Vereinigten Staaten von Nocdamerika zu unternehmen. Nach vieler Mühe und unter großen, nie geghnten Schwier gkeiten gelang es der Bereinsleitung, dieſes Unter ö. ‚en in die Tal u mzuſetzen, und ſo ſchiffte ſich das Quartett am September 1922 nach Amerika ein. Zuvor, am 17. September . 22, gab das Fröhlichſche Männerquartett ſein Abſchiedskonzert in der Feſthalle in Karlsruhe, bei einer Zuhörerſchaft von 6000 er: ſenen. Mit dem Dampfer„Hannover“ kam das Quartett am 5. Oktober im Hafen von Neuyork an und gab ſein erſtes Konzert in der größten Halle Neuyorks. Die größten Städte Nordamerikas . ereiſte das- Quartett mit großem Erfolge. Der Erlös dieſer Kon: rte wurde hauptfaächlich Kir Wohltätigkeit in Deutſchland verwen: det, ſo Kinderfürſorge, Qu akerſpeiſung zirka 30 Millionen. So marſchierte das Quartett durch ſeine tüchtige Vereinsleitung und ſeinen bewährten Dirigenten von Exfolg zu Erfolg ö. hat ſich durch ſeine bisherige Leiſtung einen Welte f erworben. Der Vorſtand des Quartetts, Herr Albert Pracht, der ſcho n ö J die Geſchicke des Quartetts in der Ha ind hat, hat ſich durch ſein energiſches, ö. J Al ftreten um das Wohl ö M ö ſehr verdient ge Zn ht. ie große Opferfreudigkeit der Sänger ſowie de . anerkennswert. Der Geſamt vorſtand de ĩ ö. folgen DR Herren: 1. Vorſtand Albert '. aaher⸗-Perghauſen, Kaſſier ti gen, Schr frfiher r Wilhelm Frank-Durlach, Grötzingen, Der ßer Aug. Geiſt⸗ Grötzinnann und Wilhelm Stichli ng Durlach. . 1 5 t * 8 = 292 SS * 5 8 * * IR A 3 179 Der enangeliſche Kirchengeſangverein. Im Jahre 1913 feierte der Verein ſein 30jähriges Beſtehen und heute— alſo nach zehn Jahren— das 49jährige Stiftungsfeſt. Gehen wir nun auf das indungs Gründungsjahr 1883 zurück, ſo vergegenwärtigen wir uns zunächſt 1 den Vereinsgründer. Dieſer war unſer ſelige Pfarrer Camerer, der 32 Jahre— von 1869 bis 1961— in unſerer Gemeinde als iſtlicher tätig war. Ueber die Gründung ſelbſt berichtet uns der nder des Vereins, unſer 30 Jahre langer Dirigent und ktor a. D. Idler, folgendes: ö. „Schon im Sommer 1883 faßte Pfarrer Camerer den Plan, einen Kirchengeſangverein ins Leben zu rufen.„Hebung des Kirchen— geſangs war der leitende Grundgedanke“ und dazu ſollte der Kirchengeſangverein in damaliger Zeit, wo die neuen Choräle in unfern evangeliſchen Kirchen eingeführt wurden, beitragen. Zunächſt teilte er ſeinen Entſchluß dem damaligen hieſigen Lehrerkollegium mit, welch letzteres aus vier Lehrkräften beſtand. Es ſollte nämlich unter den drei Hauptlehrern Hecker, Ried und Idler ein Vereinsdirigent genommen werden. Die beiden letzteren waren die jüngſten Kräfte. Am aber das Einüben der Choräle zu erleichtern, machte Pfarrer Camerer den Vorſchlag: Ried möchte die Mädchen- und Idler die Männerſtimmen zur Uebung übernehmen und bei der Geſamtauf— führung ſollte dann Hauptlehrer Idler dirigieren. Idler war mit dieſem Vorſchlag einverſtanden, Ried jedoch lehnte ab. Damit nun aber die gute Sache gerettet wurde, ſo erklärte ſich Hauptlehrer Idler zur Uebernahme der alleinigen Direktion. Nachdem nun der Dirigent beſtimmt war, wurde durch Pfarer Camerer die Gründung eines Kirchengeſangvereins in einem Sonntagsmorgengottesdienſte den Kirchenbeſuchern bekanntgegeben und die fangesluſtigen männ— lichen und weiblichen Gemeindeglieder zum Eintritt in den zu bilden: den Verein aufgefordert. Dieſer Aufruf war von unglaublich raſcher Wirkung, denn ſchon am folgenden Tag meldete ſich als erſtes aktives Mitglied der Lichtdrucker Wilhelm Schnäbele ſenior. Seinem Bei: ſpiel folgten bald weitere männliche und weibliche Mitglieder, ſo daß nach drei bis vier Wochen mit den Geſangproben begonnen werden konnte. Das war natürlich für Gründer und Dirigent ein freudiges Ereignis.— Anfänglich war es für den Dirigenten keine leichte Arbeit, ungeſchulte Kräfte geſanglich einzuüben, doch bald zeigte ſich, daß die Grötzinger ſingen lernen können, denn ſie hatten ein leichtes Auffaſſungsvermögen und aber auch, was zu einem raſchen Fort: ſchritt erforderlich war: Ausdauer, Luſt und Liebe zur Arbeit! Nun ging es eines Tages auch zur Wahl eines Vereinsführers. Herr Pfarrer Camerer wurde als erſter und Wilhelm Schnäbele ſenior als zweiter Vorſtand gewählt. Zunächſt wurden nur Choräle, ſpäter aber auch mehrſtimmige Kirchengeſänge geübt und dann nicht nur an Feſt-, ſondern auch an gewöhnlichen Sonntagen im Gottesdienſt vorgetragen. Volkslieder kamen erſt ſpäter zur Uebung. Anfangs . 180 ſtand man von gewiſſer Seite dieſer neuen Art von Liedern etwas feindſelig gegenüber, indem man vermutlich der Meinung war, als dürfte eigentlich ein Kirchengeſangverein Volkslieder nicht fingen. Der Berein aber ließ ſich durch derartige Nörgeleien nicht ſtören, t ſondern übte ruhig weiter, bis endlich einem beſſeren Urteil die oft= u) gehäſſigen Bemerkungen weichen mußten. So blieb ſchließlich das Volkslied Sieger und bildete bei feſtlichen Anläffen und namentlich bei Ausflügen des Vereins den Hauptteil der geſanglichen Auffüh⸗: rungen. So hatte der Verein anfangs noch gegen manch andere Un-. annehmlichkeiten zu kämpfen, aber nur durch Zuſammenhalt der Mitglieder, beſonders durch Umſicht des zweiten Vorſtandes Schnäbele klärte ſich alles wieder zum Guten. Ihm hatte man überhaupt ſtets die Einigkeit des Vereins zu verdanken und ebenſo auch die raſche Zunahme der aktiven und paſſiven Mitgliederzahl. Der Verein war dann auch bald in ſeinen geſanglichen Leiſtungen ſo weit voran— j geſchritten, daß er am 28. November 1886 in Verbindung mit einem ö Kirchenkonzert ſein dreijähriges Stiftungsfeſt feiern konnte. ö 181 Bon 1883 ab bis 1913 beteiligte ſich der Verein unter der Direktion des damaligen Hauptlehrers Idler ungefähr bei acht Bezirksgeſangsfeſten, bei denen faſt jedesmal die Kirchenchöre: Durlach, Grünwettersbach, Söllingen, Weingarten, auch je einmal Karlsruhe und Rüppurr mitwirkten. Jedes Jahr hatte der Verein gewöhnlich in der Adventszeit ſeine Weihnachtsfeiern; dieſe beſtanden anfangs nur in Vortrag von geiſtlichen Liedern, Anſprachen von ſeiten des Geiſtlichen, Verloſung von Gaben und Chriſtbaumverſteigerung, ſpäter auch in Vortrag von Volksliedern und theatraliſchen Auffüh⸗= rungen.— In den erſten Jahren fanden dieſe Feiern im Schulſaal (Schulſtraße und Kirchſtraße), ſpäter im Rathausſaal und zuletzt ſogar in Sälen des Wirtshauſes bezw. Feſthallen ſtatt. Beſonders erwähnenswert iſt hierbei die Weihnachtsfeier im Jahre 1913, mit welcher auch zugleich die Jahrhundertfeier der Freiheitskriege von 1813 durch Aufführung eines paſſenden Feſtſpiels verbunden wurde. Ihr junges Leben für das Vaterland geopfert haben die früheren Mitglieder: Adolf Doll, Heinrich Müller und Wilhelm Arheit. Von den ungefähr 25 Ausflügen des Vereins find beſonders nen: nenswert der Ausflug 1887 nach Neureut in die Heimat des Diri— genten, wo wir zum Beſten des Kirchenneubaues in der Notkirche ein Kirchenkonzert mit Eintrittspreis veranſtalteten und von der ganzen Einwohnerſchaft freudig begrüßt wurden. Andere wichtige Ausflugsorte waren Baden(viermal), wo wir 1904 auch unſeren alten erſten Vorſtand, der 1901 bei ſeinem Wegzug von hier zum Ehrenmitglied des Vereins erannt wurde, beſuchten(6 1905). Dann find noch bemerkenswert: Triberg, Stuttgart, Heidelsheim, Maulbronn, Schwetzingen—peier(zweimal), Heidelberg(dreimal, das dritte Mal über den Königsſtuhl nach Neckargemünd), Wört— Fröſche weiler= Hagenau(verbunden mit einer luſtigen Deutſchenhaßepifodel), ferner Pforzheim— Brötzingen—Weißenſtein(zweimal), Heilbronn= Weinsberg u. a.— Das Ortsjubiläum feierte 1394 Pfarrer Camerer und 1904 Dirigent Idler, wobei„ihm“ nebſt„Gemahlin“ vom Vorſtand des Vereins zwei Porträts als Jubiläumsgeſchenk überreicht wurden. Beide Jubilare ließen es ſich nicht nehmen, ihr Jubiläum an einem dazu beſtimmten Abend durch ein gemütliches Zuſammenſein mit den Mitgliedern des Vereins in Wirtſchaftsräumlichkeiten zu feiern, wobei auch der Verein durch paſſende Liedervorträge zur Verſchönerung der Feier ſein möglichſtes beitrug. Das 25jährige Vereinsjubiläum feierte der Verein im Jahre 1908 durch ein Kirchenkonzert und einen Theaterabend. Der Vorſtand war: 1833 1895 Wilhelm Schnäbele, 1895— 1897 Heinrich Vortiſch, 1897 1900 Dirigent Idler, 1900 1903 Heinrich Krieger, 1963 bis 1910 Wilhelm Herbold, 1910- 1923 Heinrich Vortiſch. Kaſſierer waren: 1883. 1893 Chriſtian Herbold fen., 1893= 1895 Heinrich Vortiſch, 1395— 1897 Heinrich Auguſt Benz, 1897— 1923 Chriſtoph Heim. Schriftführer waren, teils kurze, teils längere Zeit: Jakob Zoller, Karl Ruf, Wilhelm Wagner, Heinrich Vortiſch, Franz Füßler, 182 Reinhart Arheidt, Heinrich Krieger, Wilhelm Herbold, Philipp Wagner, Ernſt Krieger, Karl Heim, Wilhelm Kirſchbaum. Uebungslokale waren bis 1913 Schulſäle in beiden Schulhäuſern. Dirigent war von 1833= 14913 der damalige Hauptlehrer, ſpäter Oberlehrer und Rektor der hieſigen Volksſchule L. Idler. Dieſer erſte Dirigent, der 30 Jahre den Verein dirigierte und ihn durch ſeine aufopfernde Tätigkeit zu einer hohen Stufe der geſanglichen und auch theatraliſchen Ausbildung brachte, legte im Jahre 1913 bei der oben erwähnten Weihnachtsfeier aus Geſundheitsrückſichten fein Amt als Dirigent nieder. Ihn ehrte der Verein durch Ueberreichung eines Ehrendiploms, das ihn zugleich zum Ehrendirigent ſtempelte und der damalige Vorſtand Wilhelm Herbold ſprach ihm für feine lang jährige Bemühung und Ausdauer in der oft ſchweren Arbeit den Dank aus. Seine Dirigenten waren von 1913 ab bis heute: Hauptlehr Reinhard, Grötzingen, Chormeiſter Ilg, Karlsruhe, Chormeiſt Bruder, Karlsruhe, Hauptlehrer Graf, Karlsruhe, Unterlehrer Matſchinsky, Hauptlehrer Ziegler, Unterlehrer Goßmann, Muſiklehrer Bernhard von 1920 bis heute. Vorſtände von 1913(bezw. 1910) bis 1923 Heinrich Vortiſch, 1923 bis heute Rudolf Kunzmann. Wegen weiterer ſtarken Zunahme der Mitgliederzahl fanden di Geſangsproben von 1914 ab im Saal des Gaſthauſes zum Engel, dann auch im neuen“ Kinderſchulſaal und nach Verdrängung aus letzterem bis heute im Schwanenſaal ſtatt. Einübungsinſtrument war ein Klavier, das dem Verein von der evangeliſchen Kirchenge— meinde leihweiſe zur Verfügung geſtellt wurde und das derſelbe hen noch heſitzz.(Bor 1913 wurden die Geſänge vermittelſt der Violine eingeübt. Dem Verein aber wünſchen wir an feinem 40jährigen Stiftungsfeſt weiteres Wachſen, Blühen und Gedeihen. Muſikyerein Grötzingen 1885. Vor der Gründung des Vereins beſtand{don eine Muſikkapelle. Im Jahre 1882 fanden ſich jung Männer zuſammen, um in Grötzingen eine Muſikkapelle zu gründen. Dieſelbe beſtand aus folgenden Männern: Friedrich Ruhland, Chriſtian Zick, Heinrich Dreier, Chriſtoph Köhl, Joh. Heilbronner, Chriſtoph Kunzmann, Nikodemus Walz, Joh. Benz, L. Stutz. Nach zwei Jahren, im Jahre 1884, gründete eine andere Abteilung eine zweite Kapelle, im Volksmund ſeinerzeit die 3o1ller-PhilippsKapelle genannt. Der Muſiker Werth wagte den Schritt zu einem Inſtrumentenmacher nach Karlsruhe, um einen Baß zu kaufen. Dem Inſtrumentenmacher gab er an, daß er einen Scheck als Pfand zu Hauſe habe. Der Inſtrumentenmacher glaubte an eine ſcheckige Kuh. Der Käufer hatte aber im Scherz ſeine ſcheckige Katz gemeint. Eines Tages wurde nun durch eine behördliche Perſon der Baß im Zwangswege öffentlich verſteigert, trotzbſem der gute Baſſiſt ſein In— ſtrument im Hühnerſtall verborgen hatte, das durch böfe Zungen verraten wurde. So mußte natürlich die Kapelle ihre Tätigkeit wieder aufgeben.— Die un Kapelle übte fleißig weiter und Sam im Jahre 1886 zu dem Ent ſc lluß, einen Muſikverein zu gründen Es wurden nun die nötigen Vorarbeiten hierzu getroffen und am 1. Juli 1886 der jetzige Mufikverein. Ihm traten im laufenden Jahre 70 ö eder bei, was zur ſelbigen Zeit gewi ſchon ein großer Als Gründer des. können w . obengenannten Männer bezeichnen. Nach einjähriger Tä Juli das erſte Stiftungsfeſt in der Wi welchem ein Glücks l wurde nun wegen des Glückshafens vo: Ib 1 die Straf ö ier geſtellt, weil ein Nichtmitglied in den] gri iffen h he atte. Hierzu wurde ein Anwalt beſtellt. Das U mit gi eder auf 3 Mark G ĩ tw zi hlten ſich in de namens Ludn Ia rtr a 1D ſtraßſe en der Mit kommend den Banner w tr agen. Die m. aft vo . das üb züllte zi ingen Der . Medaille. id derkranz“ verſchönerten den Mittags 2 Uhr bewegte ſie def ig durch geſchmückten Straßen, an dem Ya m ö Vereine teilnah ſowie einige ausw artigen ö bezw. Kapelle. Feſtplatz ſetzte bald ein fröhliches Treiben ein, welches es bis zur kelheit anhielt. Hierauf begann der Ball im„Adl ö und für die tanzluſtigen Feſtteilnehmer. In den kommenden der Verein aber an Mitgliederzahl zurückgegangen, en da von ſeiten der Einwohnerſchaft für den Verein, das heiß * SS S 3 = Ca 33 . er nn S: 2 83 35 A Cr 184 Muſik fehlte. Das 25. Stiftungsfeſt wurde durch ein am Samstag den 1. Juli 1911 ſtattgefundenes Feſtbankett eingeleitet im Saale der Wirtſchaft zum„Löwen“. Der Feſtpräſident und jetziger Landtagsahgeordneter Herr Heinrich Kurz hielt zur Eröffnung bei dem Feſtbankett eine kernige Anſprache und ſchilderte dabei den Werde: gang des Vereins ſeit Beſtehen. Im Auftrage der Frauen und Jungfrauen des Vereins überreichte Fräulein Lydia Köhl eine Fahnenſchleife mit entſprechender Widmung. Für dieſe hochherzige Spende ſprach hierauf der Feſtpräſident im Namen des Vereins den Dank aus und ermahnte, fie ſtets in Ehren zu halten. Hierauf wur: den die Gründer des Vereins für 25jährige Mitgliedſchaft durch Ueberreichung von Diplomen zu Ehrenmitglieder ernannt, als ſolche ſind: Chriſt. Köhl, Nikodemus Walz, Martin Zoller, Franz Stöckler. Der Geſangverein Liederkranz trug zur Verſchönerung des Abends entſprechende Lieder vor und ehrte den Verein durch Ueberreichung | Kriſtallpokals mit entſprechender Widmung. Auch der Fuß» ib Germania überreichte dem Verein in überraſchender Weite e ſilbernen Pokal. Am zweiten Tag, Sonntag, den 2. Juli, ſt der Regen derart, daß das auf 5 Uhr angeſetzte Tageswecken l Uhr gegeben werden konnte. Um 2 Uhr mittags verſam= n ſich ſämtliche hieſigen Vereine ſowie einige auswärtigen VerKapellen zur Aufſtellung des Feſtzuges beim Kriegerdenkmal. Um 13 Uhr ſetzte ſich derſelbe in Bewegung durch die reichgeſchmiückten Straßen zum Feſtplatz(Turnplatz des Turnvereins „Bahnfrei“). Dem Feſtzug voran trugen Feſtjungfrauen Blumen: gewinde, ferner trugen 8 Mädchen, in Weiß gekleidet, die Jahres: zahlen 1886— 1911, außerdem noch 4 Mädchen eine aus Blumen angefertigte große Lyra. Auf dem Feſtplatz hielt ſodann der Felt präſident eine Anſprache. Heller Sonnenſchein beſtrahlte den Feſtplatz. Hierauf fand der übliche Feſtball im Saale der Wirtſchaft zur Kanne“ ſtatt. Am dritten Tag, Montag, den 3. Juli, ent: wickelte ſich auf dem Feſtplatz ein fröhliches Treiben. Beſonders humorvoll war unſer älteſter Bürger von hier: Andreas Sie griſt, 86 Jahre alt, der unter den Klängen der Muſik Karuſſell fuhr. 1914 trat auch im Verein eine Pauſe ein, das heißt es wurden vier Jahre lang keine Sitzungen und Verſammlungen abgehalten. Im Jahre 1919 wurde nun am 16. März die erſte Generalverfammlung ſeit den Kriegsjahren abgehalten. Fünf Mitglieder hatten den Heldentod gefunden. 1920 trat ein Wendepunkt ein. Der Verein erhielt fortwährend Zuwachs und die Mitgliederzahl hob ſich fort während, auch haben ſich gegen Schluß des Jahres 1920 einige junge aktive Leute dem Verein bezw. der Kapelle angeſchloſſen. Mit erneuten Kräften ging es nun in das Jahr 1921 hinein, immer mehr Anhänger ſcharten ſich um unſer Banner. Da die Kapelle auf einer ſehr ſchönen und leiſtungsfähigen Höhe angekommen war, ſo wurde nun der Wunſch laut, auch mal anderen Kapellen der Umgebung gegenüber zu ſtehen. Dieſe Gelegenheit benutzte unſere Kapelle an— =<>— M 185 läßlich bei dem am 5. Juni in Wöſchbach ſtattgefundenen Wertungsſpielen, wo unſere ſtrebſame Kapelle, die inzwiſchen auf 17 Mann angewachſen war, unter ſchwerer Konkurrenz unter der Leitung des Dirigenten Herrn Friedrich Philipp aus Durlach mit 16 Punkten an zweiter Stelle kam. Am 11., 12. und 13. Juni feierte der Verein ſein 35jähriges Stiftungsfeſt, welches in größerem Maßſtabe abgehalten wurde. Herr Ehrenvorſtand Chriſtoph Köhl hielt die Feſt— rede. Aus Anlaß der 35jährigen Mitgliedſchaft konnten mit Diplome werden: Ehreworſtand Chriſtoph Köhl, die Ehrenmitglieder emus Walz, Martin Zoller, Franz Stöckler; aus Anlaß der igen Mitgliedſchaft: Chriſtoph Daubenberger, Karl Erb, Lud— ößner, Karl Lindenmeier und Wilhelm Fiſcher. Anſchließend die Ehrentafel unſerer im Kriege gefallenen Mitglieder über— 1 Den Heldentod fanden: Hermann Schäfer, Auguſt Dopf, Adolf Stöckler, Adolf Zoller, Ludwig Arheidt. Am Sonntag, den 12. Juni, morgens 5 Uhr, fand das übliche Wecken ſtatt. Um 11 Uhr vormittags gab die Kapelle auf dem Marktplatz ein Konzert, das von ſeiten der Einwohnerſchaft überaus gut beſucht war und der Kapelle dabei großes Lob entgegengebracht wurde für die großartigen Leiſtungen. Um 2 Uhr ſetzte ſich der Feſtzug, vom ſchönſten Wetter begünſtigt, vom Kriegerdenkmal aus in Bewegung, an dem ſich die meiſten hieſigen Vereine beteiligten, ſowie etliche auswärtige Muſikvereine bezw. Kapellen. Auf dem Feſtplatz(Turnplatz Bahnfrei) angelangt, hielt Herr Bürgermeiſter Jäck an die Feſtteilnehmer eine kernige Feſtrede und ſchilderte dabei den Werdegang des Vereins und die ſeeliſche Bedeutung der Muſik. Die Schülerabteilung des Turnvereins Bahnfrei führte zur Verſchönerung Freiübungen vor. Durch Fräulein Frieda Arheidt wurde im Auftrag von den Frauen und Jungfrauen des Vereins eine prächtige Schleife überreicht, die unſer Banner ziert. Am Montag, den 13. Zuni, mußte die infolge eingeſetzten Regenwetters feſtgeſeßzte Volksbeluſtigung auf dem Feſtplatz ausfallen. Die von der Kapelle in den Sommermonaten veranſtalteten öffentlichen Freikonzerte fanden bei der geſamten Einwohnerſchaft vollſte Anerkennung. Die Kapelle hat das Vertrauen der geſamten Einwohnerſchaft erworben. Es gab ſeit Beſtehen der Kapelle kein Feſt in Grötzingen, das die Muſik nicht durch ihre Klänge verſchönert hätte. Aus dem Geſchäftsbericht bei der Generalverſammlung am 7. Januar 1923 konnte den Mitgliedern die er— freuliche Mitteilung gegeben werden, daß im verfloſſenen Vereinsjahr rund 120 Mitglieder dem Verein beigetreten find, abzüglich der Abgänge zählte ſomit der Verein 287 Mitglieder. Die Kapelle zählt zur Zeit 20 Mann. Da der Verein in einer ſehr ſchönen Entwicklung ſteht, konnte es die Vereinsleitung auch unternehmen, eine Schülerkapelle innerhalb des Verein einzuſetzen, bei welcher zehn junge Leute ſich befinden. Die Kapelle des Vereins, welche ſeit zwei Jahren große und erfreuliche Fortſchritte gemacht hat, iſt in der Lage, mit jeder größeren Kapelle zu konkurrieren. 186 ,„Frohſinn“ Gröhingen(Fenerwehr-⸗Kapelle). Die Gründer des Vereins find: Friedrich Kunim, Friedrich Zick, Guſtas Fiſcher, GuſtaJ Benneter, Wilhelm Dopf, Hermann Stahl, Adolf Götz, Guſtav Rapp, Karl Doll, Heinrich Volz, Emil Sixt. Der Verein wurde am 10. Juli 1919 unter dem Namen M verein„Frohſinn“ Grötzingen gegründet. Zweck und Ziele des iſt Pflege der Muſik. Politiſch iſt der Verein neutral.& w meiſt junge Männer, die zum Teil ſchon vor dem Kriege Muſik macht, teils während des Krieges im Felde die Kunſt de kennen und ſchätzen gelernt haben, und ſich jetzt zuſammenſe um den Verein ins Leben zu rufen. Seit Mai 1920 iſt di Mitglied der freiw. Feuerwehr Grötzingen und führt Feuerwehr⸗Kapelle. ſik611 u ö ei N Dar 2 Somõspathiſcher Verein. Am 10. Juni 1893 wurde der Verein von folgenden Mitgliedern gegründet: Heinrich Vor 69 meiſter, Ludwig Ru f, Schloffer, Johann Kiefer, Schloſſer helm Kurz, Lackier, Wilhelm Schnäbehe, Schrift etzer, Ehriſt. Walter, Lackier. Als Vorſtand des Vereins wurde rich Bortiſch, Werkmeiſter, gewählt, welcher dieſen P 25 Jahre hindurch bekleidete und es verſtand, durch Energie und tatkräftiges ug fen den Verein in die Höhe zu bringen. nn Ente wicklung des Vereins ging in den erſten Jahren ſehr lang ah wärts, da viele Grötzinger noch bei dem Bruderverein in waren. Erſt nach Anſchaffung einer Bereinsapothete erw ar der Verein in Grötzingen Anſehen, und innerhalb eines Ja die Zahl der Mitglieder auf 150 an. In der damals ab . rſam mmlung wurde unter den Mitgliedern der Wu auf Anſtellung eines Vereinsarztes, welchem Wunſche aud ſprochen wurde. Durch die Anſtellung des Arztes erwuchſe dem Verein ſehr hohe Inkoſten, wodurch ſich die Vereinsleitu nötigt ſah, den Mor matsbeitrag von 19 Pfennig ſo nach und na 560 Pfennig, zu erhöhen. Dies hatte zur Folge, daß ein beträch Teil der Mi italieder wieder austrat und die Zahl wieder.| Mitglieder zurückging. Demzufolge ſchaffte man den Vereins wieder ab und wandte ſich mehr dem Ausbau der Vereinsapothek ſo daß bald zwei Vereinsapotheken in Tätigkeit traten. Die hatte Ludwig Müller, welcher im nördlichen Teil Grö wohnt, und die andere Ludwig Ruf, welcher im ſüdlichen Teil ı Jährlich w urden dann bot taniſche Ausflüge gemacht und daran ſchließend Vorträge von irgend einem. Arzt, w en ze man dazu gewonnen hatte, abgehalten. Dadurch bekamen die Mi glieder immer mehr Aufklärung, ſo daß man ſich entſchloß,. kö beſtehend aus mediziniſchen Büchern und Fachzeitſchtiften, anzuſchaffen, welche Max Jordan im Beſitz hat und jedem Mit: glied zur freien Benützung zur Verfügung ſteht. Man ſchaffte auch 187 eine Tierapotheke an. Dieſelbe hat Chriſtian Jordan im Beſitz, welche in der Mitte des Dorfes wohnt. Dadurch gewann der Verein ö. ſehr viele Anhänger von ſeiten der Zandt tſchaft. Etwas ſpäter, als der Verein feſten Fuß gefaßt hatte, wurden dann noch Badewannen, Irrigatore, Mutterſpritzen und ſonſt noch ver, Gegenſtände, welche zum Wohle der Mitglieder ſind, angeſchaf fft, darunter zwei Verbandskaſten zur Leiſtung der ö. Hilfe bei Verletzungen von? Menſchen und Tieren. Den einen hat Ludwig Egens— berger, den andern der jetzige Vorſtand Guſtav Kleiber im Beſitz. Wenn ſich Anzeichen k. der. Mit tglied oder deſſen Ange 9 i ſofo ort den R deg 4 Sie Füße ö gi ng zu einem ö ann,. man die Medi ziner im Grötzinger Volksmund hieß, und holte ſich wos man henötigte, und heilte ſich dann von ſelbſt X hne ze Aus lagen für einen Arzt. Ja ſogar der einmal, indem er den A us ſhruch tat: Homßopathiſ ö Verein exiſtiert, ſterben Im Jahre 1906 trat der Verein in den verband ein. Dadurch kam der Verein wi wärts. Es wurden ſodann noch von hervorrag vom Homöopathiſchen Land zes verband aus geſtellt reiche Lichtbildervorträge 3. die Entſtehung von deren Heilung gehalten. al ſogar vom J Vorträge gehalten. Die bei. Vorträgen machten ſich verſchiedene M.. r zu Nut bücher und ſammelten ſch die heilbringender Jahre 1910 konnte de er zerein eine Mitoli gliedern verzeichnen. Er beteiligte ſich an mehrere verſammlungen,. in ö. Umgebun waren. Im Jahre 1912 fand in Karlsruhe da tungsfeſt des"Landesverbandes tt woran ſi auch beteiligte. Es wurde ihm daſelbſt a als ſtů die erſte Prämie von 30 Mark ſowie ein ſehr reicht. Als nun im Jahre 1914 der Krieg aus von unſerem Verein eine große Anzahl von Di u ER 23 Größi ngen ö und an fremder.. im Felde ſtehenden Mitgliedern wurde jedem als Taſchenapotheke überſandt, welche jedem von. ö war. Während des Krieges ruhte die Tätigkeit Ver ziemlich, da bereits über die Hälfte des Vereins eingerück ö Juni 1918 beging der Verein ſein 25jähriges Stiftun welches im Saale des Gaſthauſes zum Lö abgehalten r Sierbei wurde Heinrich Bortifch zum Ehrenvorſtand, Der Stand der Mitglieder war damals ſchon auf 385 geſtiegen. Die Feſtrede hielt hierbei Karl Stutz, Werkmeiſter. Mit dem Stiftungsfeſt war zugleich eine Landesverſammlung verbunden; hierbe 188 waren Delegierte aus allen Teilen Badens vertreten. Im Jahre 1919 wurden Wilhelm Kurz und Guſtay Müller für langjährige treue Mitgliedſchaft zu Ehrenmitgliedern ernannt. In den nächſten Jahren folgten ſodann noch als Ehrenmitglieder Chriſtian Jordan, Auguſt Walter, langjähriger Kaſſier, Karl Stutz, Karl Keppler, lang: jähriger Schriftführer, Max Jordan, Oskar Rahner und Jakob Arheit. Als in den vergangenen Jahren in Grötzingen die Ruhr und Grippe ausbrach und manches Opfer forderten, griffen der Verein bzw. die beiden Apotheker Müller und Ruf mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mitteln ein und heilten ſomit manchen Batien: ten wieder heraus. Dadurch erwarb ſich der Verein in Grötzingen ſehr großes Anſehen und mancher, welcher der homöopathiſchen Sache noch fernſtand, ſchloß ſich dem Verein an. Somit konnte der Berein in der letzten Generalverſammlung einen Mitgliederbeſtand von 500 Mitgliedern ſein eigen nennen und wird wohl einer der größten Vereine in Grötzingen ſein. Ferner konnte man aus den Berichten erſehen, daß durch die umſichtige Verwaltung und der intenſiven Mitarbeit der Mitglieder bisher nur Erſprießliches, welches zum Wohle der geſamten Mitgliedſchaft dient, geleiſtet wurde. Turnverein Grötzingen. Am 14. April 1890, als nicht nur in den Städten, ſondern auch in den kleinſten Dörfern des deutſchen Reiches die Beſtrebungen fühlbar wurden, das deutſche Turnen als körperliche und ſittliche Erziehung der männlichen Jugend zu be: tätigen, verſammelte im Gaſthaus der Brauerei Derndinger(jetzt zur Linde) Karl Wilhelm Haas eine ftaatlidhe Anzahl junger Leute und gründete einen Turnverein mit dem Namen„Turnverein Grötzingen“. Der Gründer Karl Wilhelm Haas wurde zum erſten Vorſtand gewählt. © Die Gründung des erſten Turnvereins in Grötzingen erweckte in der männlichen Jugend eine ſolche Begeiſterung für das Turnen, daß in den erſten Tagen 62 Namen junger Leute in die Gründungs= liſte eingezeichnet wurden, welche mit Feuereifer ſich der edlen Turnerei an hieſigem Orte widmeten. Die Bewegung hatte ſo kräftig eingeſetzt, daß einerſeits faſt die geſamte männliche Jugend mit fortgeriſſen wurde, anderſeits aber von der Gemeindeverwaltung, die der Sache keine richtige Bedeu: tung beilegen konnte, nicht die nötige Unterſtützung fand. So hatte der Bürgermeiſter Chriſtoph Wagner den Vorſtand zu ſich rufen laſſen und ihm nahe gelegt, er folle die Sache bleiben laſſen; er bringe den ganzen Ort durcheinander, überhaupt müſſe das Singen von Turnerliedern auf der Straße aufhören. Der Vorſtand konnte ihm aber keine andere Erwiderung geben als, daß er dieſe Bewegung nicht mehr aufhalten könne und Herrn ( 35 Mt for Il 189 Bürgermeiſter würde es auch nicht gelingen, die Begeiſterung für das Turnen wieder zu vernichten.. Durch das rege Intereſſe der Turner und durch die finanzielle Opferwilligkeit der Mitglieder und des Turnrats zur Anſchaffung von Reck und Barren machte das Turnen ſtetige Fortſchritte. Ob= gleich der Gemeinderat der damaligen Zeit nicht viel Entgegen: kommen und Verſtändnis für das Turnen an den Tag legte und nur nach Ueberwindung von großen Schwierigkeiten der Turngarten beim alten Schulhaus benützt werden konnte, nahm der Verein ſchon 1891, nach einjährigem Beſtehen, an dem Gauturnfeſt des Pforzheimer Turngaues, deſſen Gaumitglied er geworden war, in Dietlingen teil und errang einen dritten Preis mit 13 Turnern unter Turnwart Ludwig Ruf und unter Mitwirkung folgender Turner: Hermann Kaiſer, Auguſt Sand, W. J. Krieger, K. W. Haas, Fr. Arheidt, Jakob Keppler, Jakob Schaber, K. Heim, Wilh. Pfeifer, Wilh. Heidt, Chriſtoph Arheidt, Auguſt Kappler und Auguſt Scheidt. Als weiterer Erfolg des Vereins und mit Unterſtützung des Turners Hermann Kaiſer wurde eine Vereinsfahne geſtiftet in den Farben ſchwarz-weiß rot. Eine Aufſchrift konnte aus finanziellen Gründen erſt ein Jahr ſpäter aufgeſtickt werden, und zwar auf der einen Seite ein mit Eichenkranz umſchlungenes Turnerkreuz mit dem Wahlſpruch„Gut Heil“, auf der anderen Seite„Turnverein Grötzingen“.. Das Feſt der Fahnenweihe fand am 2. Auguſt 1891 ſtatt. Es wurde eingeleitet durch einen offiziellen Kirchgang der Turner. Nach demſelben fand die Weihe der Fahne im Turngarten ſtatt, welche der Pfarrer Theodor Kammerer nach einer ſchönen Feſtrede vor—nahm und ſie dem Fahnenträger Heinrich Sand mit der Beſtimmung übergab, ſie für die edle Turnſache zu ſchützen. Mögen ihr die jungen Männer zur körperlichen und geiſtigen Erſtarkung mit friſchem, frommen, frohen und freien Sinn folgen bis in ferne Zeiten. Nachmittags wurde das Feſt im Garten„zur Kanne“ fortgeſetzt. Unter Beteiligung der Turnvereine der Umgebung, ſowie ſämtlicher hieſiger Vereine, hauptſächlich der Geſangvereine„Eintracht“ und„Liederkranz“, die durch Geſang das Feſt verſchönerten, nahm dasſelbe zum Wohle des Turnvereins und der Turnerei einen würdigen Verlauf. Nachdem im folgenden Winter im Gaſthaus zum Ochſen hatte geturnt werden können, nahm der Verein im Sommer 1892 am Hauturnfeſt in Brötzingen unter Turnwart Ludwig Ruf mit achtzehn Turnern teil und erhielt wiederum einen dritten Preis. Das Vereinslokal wurde um das Jahr 1893 nach dem Gaſthaus zum Löwen verlegt, wo im Tanzſaal und oberen Nebenzimmer ge: turnt wurde 190 Um das geſellige Zuſammenſein außerhalb der Turnſtunden zu pflegen, wurde auf Porſchlag des Vorſtandes Xaver Kuhn eine Sängerriege gegründet, die von Herrn Hauptlehrer Idler dirigiert wurde. Manches ſchöne Turnerlied wurde gelernt. Nach zirka zwei: jährigem Beſtehen der Sängerriege wurde ſie wieder aufgelöſt. Die Geſangsſtunden fanden damals im Tanzſaal des Löwen ſtatt. Im Jahre 1894 nahm der Verein ebenfalls unter der Leitung des Turnwarts Ludwig Ruf mit 16 Turnern am Gauturnfeſt in ill-Weißenſtein teil und errang einen zweiten Preis. Das Jahr 1895 war für den Verein kein gedeihliches. Durch Gegenſätze bildeten ſich innerhalb des Vereins zwei Parteien, auf der einen Seite die Mehrheit des Turnrats, auf der anderen Seite die Mehrheit der Turner. Einige Turner bewirkten den Austritt von faſt der Hälfte der Turner und Mitglieder und gründeten einen neuen Turnverein, dem der Name„Bahnfrei“ beigelegt wurde. An Turnern blieben dem Verein nur noch wenige, darunter Auguſt Sand, Ludwig Kumm, Wilh. Pfeifer und Karl Volz, denen ſich aber ein kerniger Stamm von Zöglingen anſchloß. Die Mitgliederzahl ſchmolz von über 100 auf 63 zuſammen. Durch Militärentlaſſungen von Turnern der Gründungszeit erholte ſich der Verein und das Turnen wieder erfreulich. Am Ende des Jahres war der Verein wieder 93 Mitglieder ſtark und hatte ſomit 33 Prozent zugenommen. Durch turneriſche Leiſtungen des Vereins beim erſten Gau— turnfeſt im September 1896 zu Grötzingen wurden dem Verein die ſchönſten Erfolge zuteil. Das gute Gelingen des Turnfeſtes, das das erſte in Grötzingen war und auf den Wieſen und dem Eisplatz bei der Oberausbrücke abgehalten wurde, war vor allem dem Turnrat, den beiden Vorſtänden Xaver Kuhn, Ludwig Ruf und den Turnwarten Chriſtoph Arheidt und Auguſt Sand zu verdanken. Auch bei dieſem Turnfeſt konnte lid der Verein der Unterſtützung hieſiger Vereine erfreuen. Die Feſtjungfrauen des Militärvereins, der acht Tage vorher ſeine „Kriegerdenkmal-Enthüllung“ hatte, ſtellten ſich auch dem Turn: verein zur Verfügung. Es waren; Luiſe Heidt, Luiſe Daubenberger, Tuiſe Burſt, Lene Maier, Luiſe Wagner, Lene Burggraf, Karoline Köhl, Karoline Wagner, Karoline Hahn, Lene Jordan, Luiſe Arheidt, Liſette Störtzel, Lydia Walz, Karoline Geiſt, Käthchen Walter und Luiſe Mößner. Im Jahre 1897 befuchte der Perein das Gauturnfeſt des PfinzTurngaues in Weingarten unter Turnwart Chriſt. Arheidt, und er— ang neben einer großen Zahl von Einzelpreiſen einen erſten Preis. In dieſem Jahre wurde auch eine Rekrutenabſchiedsfeier am 10. Oktober im Bären gefeiert und, wie im Protokollbuch zu leſen ſt, unter Mitwirkung des„feſtſchlummernden Tonkünſtlers Herrn Kappenmacher Aug. Walter“ von hier. Weiter wurde die Weih2 je € 191 nachtsfeier in dieſem Jahre ebenfalls im Bären abgehalten. Dieſe war die ſchönſte Veranſtaltung, die der Turnverein bis jetzt feiern konnte. Als Zeichen und Anerkennung der vortrefflichen Leiſtungen der Turner wurde dem Turnwart Criſtoph Arheidt ein prächtiger Lorbeerkranz verehrt. Zum eſtenmal beſuchte der Verein 1899 ein Kreisturnfeſt, und zwar in Neuſtadt a. H. Er bewies durch feine Glanzleiſtungen der letzten Jahre, daß das Turnen im Turnverein durch die tüchtigen Turnwarte Chriſtoph Arheidt und Auguſt Sand auf eine Stufe gebracht wurde, daß man ihn in die Reihen der beſten Vereine ſtellen konnte. Er erhielt für ſeine ausgezeichnete Leiſtungen daſelbſt einen Preis. Am 6. Mai 1900 wurde im Lokal, in der neu erbauten„Felt: halle“ zum Schwanen, das zehnjährige Stiftungsfeſt gefeiert, bei nö der erſte Turnwart Ludwig Kumm mit feiner Muſterriege Großartiges leiſtete. Und weiter auf der Siegesleiter ſtieg er noch eine Stufe weiter und errang beim dritten Gauturnfeſt in Durlach unter Leitung des Turnwarts Auguſt Sand mit einer Muſterriege von 31 Turnern den erſten Gau-Vereins-Preis mit der vollen Punktzahl; ferner erhielten noch 20 Turner Einzelpreiſe(neun Kränze und elf Diplome). Der Verein war ſomit tatſächlich an der Spitze des Gaues angelangt. Im Jahre 1903 beſuchte der Verein kein Turnfeſt, dagegen wurde ein Wettlauf über Rittnerthof—urlach—Grötzingen gelaufen, wobei zehn Ehrenpreiſe zur Verteilung kamen. Die Strecke von ſieben Kilometer wurde von Wilhelm Burſt als erſter in 29 Minuten durchlaufen. Am 10. Juli 1904 hatte der Verein wieder einen großen Tag, es fand das fünfte Gauturnfeſt in Jöhlingen ſtatt, wobei der Verein mit einer Muſterriege von 32 Turnern unter Turnwart Karl Benz den erſten Preis ſowie 23 Einzelpreiſe errang, darunter in der Oberſtufe Karl Benz den erſten, Ludwig Ehrler den zweiten, Karl Burſt den dritten und Auguſt Kumm den vierten Preis uſw. Die Zahl der Mitglieder ging 1908 auf 151 Mitglieder herz E ö unter. Der Grund dieſer Erſcheinung iſt wohl darin zu ſuchen, daß der Zugang an jungen Zöglingen durch das Einſetzen des Fußball— ports beeinträchtigt wurde. ö Der ſchon längſt gehegte Wunſch, eine eigene Turnſtätte zu be: BEN fißen, nahm im Frühjahr 1969 greifbare Formen an. Eine Kom: miſſion, aus den Herren erſter Vorſtand Auguſt Sand, Karl Zoller, Chriſtoph Arheidt, Chriſtian Zoller und Karl Degrandy, erhielt die Aufgabe, einen geeigneten Platz ausfindig zu machen. Es wurden Plätze in den Mühlgärten und Wieſenäcker in Vorſchlag gebracht. Der Kauf aber ſcheiterte daran, daß einige Beſitzer einen allzuhohen Preis forderten. So ergab ſich weiter die Notwendigkeit, bei der Gemeinde um Ueberlaſſung der Fohlenweide vorſtellig zu werden, 192 welches aber ebenfalls ergebnislos war. Endlich konnte die Wieſe öſtlich der Friedhofmauer pachtweiſe für 21 Mark als Turnplatz verendet werden bis zum 1. Januar 1912. Auf Antrag der Kirchenbehörde wurde, weil das Turnen der Nähe des Friedhofs wegen ſtörend ſei, der Platz wieder gekündigt. Nach dem S0jährigen Stiftungsfeft am. 9. Oktober 1910 im Gaſthaus zum Schwanen, verbunden mit Preisturnen, machte ſich eine Erhöhung der Mitgliederzahl wieder ſehr bemerkbar. Fine ſeiner ſchönſten Turnfahrten machte der Verein am Pfingſtſ onntag 1911 in den Schwarzwald nach der Hornisgrinde und Mummelſee, auch beſuchten im September 1911 50 Mitglieder die Tellſpiele in Oetigheim. Mit dem Jahr 1912 ſetzte die in der Turnerei neu eingeführte Spielbewegung im Verein ein. Eine Spielriege trat aber erſt nach Eröffnung des neuen Turnplatzes unter dem Spiel wart Em il ö ſinger in Tätigkeit. Das nunmehr durch die Turnplatz⸗ Kon miſſion, Chriſtoph Arheidt, Ludwig Ruf, Karl Wilh. Haas, Auguſt Sand und Karl Zoller, am Grollenberg für 1300 Mark erſtandene Gelände wurde mit aller Energie bearbeitet, um einen ordentlichen Turn und Spielplatz zu ſchaffen. Nachdem der Bau durch die Turner ſoweit gediehen war, konnte die Turnplatz⸗ Eröffnung am 8. September 1912 gefeiert werden. Um aber die Turnſtätte den praktiſchen Bedürfniſſen anzupaſſen und einen in jeder Hinſicht genügenden Spielplatz zu ſchaffen, mad» ten ſich noch größere Erdarbeiten, zirka 2200 Kubikmeter Erdmaſſe, notwendig, die von den Max u. Chriſtian Jordan(Tiefbauunternehmer) für den Preis von 1200 Mark ausgeführt wurden. Dieſe Bauarbeiten machten aber ein Kapital von mehr als 1000 Mark notwendig, das auf Vorſchlag des neu gewählten erſten Vorſtandes, Chriſtoph Arheidt, zum größten Teil durch Anteilſcheine von 5 und 19 Mark der Mitglieder gedeckt wurde. Es kam auch hier wieder die Opferwilligkeit und Liebe der Mitglieder zum Ausdruck. Da von nun an der Verein Eigentümer von Grund und Boden war, ſo wurde er im Jahr 1913 als juriſtiſche Perſon in das Vereinsregiſter als„Turnverein“ Grötzingen(eingetragener Verein) ingeſchrieben. Nach Kriegsausbruch wurde der Turnbetrieb ſo gut wie möglich weitergeführt. Da die aktiven Turner ſowie bereits der ganze Turnrat zum Heeresdienſt eingezogen wurde, war es faſt nicht möglich, den Turnbetrieb aufrecht zu erhalten. Nur durch eifriges Arbeiten des erſten Schriftführers Fritz Burſt, der die ganzen Se: ſchäfte des Turnvereins führte, iſt der Turnverein auf feiner Höhe geblieben. Mitgliederzahl am 1. Januar 1919: 189 Mitglieder einſchließlich neun Ehrenmitgliedern. Zum Militärdienſt waren ein: gezogen: 170 Mitglieder, davon ſtarben den Heldentod 33. Im Jahre 1919 konnten keine Veranſtaltungen abgehalten werden. Am 11. Juli 1920 hielt der Verein fein 30 jähriges Stiftungsfeſt verbunden mit Gauturnfeſt ab, das einen ſehr guten Ver— lauf hatte. Der Turnverein erhielt im Vereinswetturnen unter der Leitung des Feſtturnwarts Karl Scheidt den zweiten Preis. Anläßlich des 30 jährigen Stiftungsfeſtes ſtifteten die Frauen des Vereins eine Fahnenſchärpe und 360 Mark für Anlegung eines Fahnenfonds. Auch wurde im Lokal eine Gedenktafel der im Krieg gefallenen Mitglieder zum Aufhang gebracht. Im ſelben Jahre wurde ein Schauturnen, verbunden mit dem erſten Schülerwettturnen abgehalten, das einen ſehr ſchönen Verlauf nahm. Im Jahre 1921 beſuchte eine Muſterriege das Gaujugendturnen in Stupferich und errang unter der Leitung des Schüler— turnwarts F. Burſt einen erſten Preis. Eine Muſterriege der Schülerabteilung unter Leitung von F. Burſt errang im Jahre 1922 in Grünwinkel die Note„Sehr gut“. 1913 beſuchte die junge Spielriege unter dem Spielwart Emil Möſſinger zum erſtenmal das Gau-Spielfeſt in Büchig mit den urnern Rich. Möſſinger, Rich. Wanner, Otto Waltz und Wilhelm erbold und erhielten den dritten Preis. Der Turnrat: 1. Vorſitzender Chriſtoph Arheidt, 2. Vorſitzender Karl Zoller, 1. Kaſſier Ludwig Ruf, 2. Kaſſier Auguſt Schuhmacher, 1. Schriftführer Friedrich Burſt, 2. Schriftführer Karl Scheidt, 1. Turnwart Karl Benz, 2. Turnwart Guſtav Krieger, 1. Zeugwart Karl Kumm, 2. Zeugwart Emil Möſſinger, Fähn— rich Wilh. Burſt, Beiſitzer Ludwig Ehrler, Guſtav Wagner, Guſtav Daubenberger, Karl Keppler. Um ſolchen Mitgliedern des Vereins, die in beſonderer Weiſe ihre Dienſte unſerer edlen Turnerei haben angedeihen laſſen, den Dank des Turnrats, der Turner und Mitglieder zum Ausdruck zu bringen, find folgende Mitglieder zu Ehrenmit— gliedern ernannt worden: 1. Karl Wilhelm Haas als Gründer des Vereins und treuer Anhänger der Turnſache. 2. Ludwig Ruf als Mitbegründer und 1. Turnwart in den Jugendjahren des Vereins. 3. Ludwig Scheidt, Maurermeiſter, als derzeitiger Vorſtand des Geſangvereins Eintracht für ihre geſangliche Mitwirkung bei der Fahnenweihe des Turnvereins. Gaupräſident im Pfinz-Turngau 1891. 4. Karl Leopold Heidt als derzeitiger Vorſtand des Geſangvereins Liederkranz für ihre geſangliche Mitwirkung bei der Fahnenweihe des Turnvereins 1891. 5. Chriſtoph Arheidt, Mitbegründer, langjähriger 1. Turnwart und 1. Vorſtand und treuer Förderer des Vereins und jetziger 1. Vorſtand. 6. Raver Franz Kuhn, langjähriger 1. Vorſtand und treuer Anhänger der Turnerei, Gaupräſident des Pfinz⸗Turngaues, Ehrenvorſitzender. 7. Auguſt Sand, langjähriger Vorturner, 1. Turnwart, jahrelanger 1. Vorſtand und treuer Förderer des Turnens, zehnjähriger 1. Gauturnwart des 13 RR 2 % RR 194 Pfinz-Turngaues, Ehrengauturnwart. 8. Hauptlehrer Werner in Eiſingen, langjähriger Gauturnwart im Pfinz-Turngau, treuer Anhänger und Förderer der Turnſache. 9. Wilhelm Rohadinsky, fünfzehn Jahre langer Kaſſier(1898-= 1913), treuer Beſchützer und Verwalter unſeres Vereins. 10. Schwanenwirt Denzler, Förderer des Vereins durch Stiftung eines Gexräteſchuppens. Am 15. März 1914 wurde auf dem Turnplatz zur Erinnerung jenes Baues eine Eiche gepflanzt, unter der, in einem Tonrohr ver: graben, liegt: Die Geſchichte des Vereins und ein Mitgliederverzeich— nis, ein Bild des Turnrats und ein Grötzinger Adreßbuch. Turnverein„Bahnfrei“ e. V. Grötzingen. Am 9. Auguſt 1895 wurde in einer gutbeſuchten Verſammlung im Gaſthaus zum„Engel“ von einer Anzahl junger Leute der Turnverein„Bahnfrei“ Grötzin— gen gegründet. Der erſte Turnxat ſetzte ſich aus folgenden Turn: genoſſen zuſammen: 1. Vorſtand Franz Füßler, 2. Vorſtand Karl Becker, 1. Schriftführer Franz Wagner, 2. Schriftführer Chriſtoph Dopf, 1. Kaſſier Ludwig Mößner, 2. Kaſſier Johann Adam, 1. Turn: wart Heinrich Scheidt, 2. Turnwart Martin Arheit, 1. Zeugwart Friedrich Benz, 2. Zeugwart Karl Jäck, Beiſitzer Ludwig Stutz und Franz Werth. Der Verein wurde als Mitglied in den Pforzheimer Turngau aufgenommen. Am 9. Auguſt 1896 beteiligte ſich der Verein mit einer Muſterriege von zwölf Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Heinrich Scheidt bei dem Gau-Turnfeſt in Huchenfeld und konnte, trotzdem der Verein erſt ſein erſtes Wiegenfeſt feierte, mit einem zweiten Preis nach Haufe kehren. Am 8. Auguſt 1897 ging eine Muſterriege von 16 Mann zum Gau-Turnfeſt nach Niefern und wurde hierbei mit einem zweiten Preis beehrt. Am 20. Mai 1900 beteiligte ſich eine Muſterriege von 20 Mann am Vereinswett— turnen in Malſch und konnte unter Leitung des erſten Turnwarts Martin Arheit mit einem 1. Preis nach Haufe kehren. Am 17. Juni 1900 beging der Verein das Feſt der Fahnenweihe. Als Fähnrich wurde Karl Ehrler, als Fahnenjunker Friedrich Heidt und Ferdi nand Maier beſtimmt. Als Feſtdamenführer waren Friedrich Benz und Aug. Heinkel tätig, während Karl Dumberth und Adolf Walter als Feſtreiter fungierten. Leider hatte der damalige Bürgermeiſter ſowie Gemeinderat unſerer Turnerei nicht die Sympathie entgegen: gebracht, die ihr gebührt hätte; denn ſonſt hätte es nicht vorkommen dürfen, daß er trotz vorheriger Abmachung, die Gelder von Karuſſels und Schaubuden dem Verein zu überlaſſen, am Feſttage die betreffenden Gelder durch die Polizei einziehen ließ und für andere Zwecke verwendete. Am 19. Auguft 1906 beteiligte ſich der Verein mit einer Muſterriege von 30 Mann an dem Gau-Turnfeſt in Erſingen, wobei als wohlverdienter Lohn dem Verein ein Preis erſter Klaſſe zugeteilt wurde. Bei dem Turnfeſt am 11. Auguſt 1901 in DillWeißenſtein wurde den Turnern für ihre vorzüglichen Leiſtungen 195 ein Preis erſter Klaſſe zuerkannt. Am 9. bis 11. Auguſt 1902 be: teiligte ſich der Verein mit einer Muſterriege von 20 Mann an dem Kreisturnfeſt in Pforzheim und errang ſich hierbei bei ſehr ſtarker Konkurrenz einen erſten Preis. In der Mitglieder⸗Verſammlung am 8. Mai 1903 wurde beſchloſſen, den Turnplatz in den Weihergärten käuflich zu erwerben, damit die Turner in den Sommermonaten nicht von den anſpruchsvollen Wirten abhängig waren. Am 19. Juli 1903 fand das erſte Gartenfeſt auf dem eigenen Turnplatz ſtatt, wobei uns aus purem Neid von verſchiedenen Behörden dermaßen Schwierigkeiten und Schikanen gemacht wurden, daß nur unſere Vereinsmitglieder der Veranſtaltung beiwohnen durften. Am 2. Auguſt 1903 wurde beim Gauturnfeſt in Büchenbronn hei fehr ſtarker Konkurrenz unſer Verein mit einem erſten Preis bedacht. Am 20. Auguſt 1905 feierte der Verein fein zehnjähriges Stiftungsfeſt. Bei dem Gauturnfeſt am 5. Auguſt 1906 in Neuſtadt-Brötzingen, welches unſer Verein mit einer Muſterriege von 30 Mann unter Leitung der 1. Turnwarts Karl Geiſt beſchickte, errang ſich die Turnerſchar bei ſtärkſter Konkurrenz einen erſten Preis. Das Deutſche Turnfeſt, das am 14. Juli 1908 zu Frankfurt a. M. ſtatt⸗= fand, wurde durch unſeren 1. Turnwart Karl Geiſt beſchickt. In der Generalverſammlung am 23. Januar 19609 kam der freiheitliche Geiſt, der ſchon lange zuvor in unſeren Mitgliedern verborgen war, zum Ausdruck; denn es wurde bei dieſer Tagung einſtimmig beſchloſſen, aus dem Pforzheimer Turngau und zugleich aus der Deut: ſchen Turnerſchaft auszutreten und ſich ſofort dem dritten Bezirk des Arbeiter⸗-Turnerbundes anzuſchließen. Von dieſem Zeitpunkt an herrſchte reges Leben in unſerem Verein und die Mitgliederzahl nahm zu von Tag zu Tag. Gewählt wurden: Karl Kumm 1. Vor— ſtand, Karl Scheidt 1. Schriftführer, Chriſtoph Scheidt 1. Kaſſier und Heinrich Schneider 1. Turnwart. Am 27. Juni 1909 beteiligte ſich der Verein mit einer Muſterriege von 35 Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Heinrich Schneider am Bezirksturnfeſt in Aue und es war eine beſondere Freude für unſere Turner, beim erſten Turnfeſt im Arbeiter⸗Turnerbund gleich an erſter Stelle zu marſchieren. Auch trat unſer Verein bei dieſem Feſte zum erſten Mal mit einer Turnerinnen Abteilung auf den Plan. Dieſelbe machte unter Leitung des 1. Turnwarts Heinrich Schneider dem Verein alle Ehre. Am 5. Juni 1910 beteiligte ſich unſer Verein mit einer Muſterriege von 15 Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Heinrich Schneider bei dem Turnfeſt in Mannheim-Rheinau und errang einen erſten Preis. Anläßlich des 15jährigen Stiftungsfeſtes am 24. Juli 1910 wurden die Turner Karl Geiſt, Friedrich Heidt und Karl Kumm für 15jährige Aktivität mit einem Diplom beehrt. Am 13. Auguſt 1911 beteiligte ſich der Verein mit einer Muſterriege von 30 Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Guſtav Siegriſt II an dem Kreisturnfeſt in Mannheim und kehrte mit erfreulichem Erfolg nach Grötzingens Mauern zurück. Am Süddeutſchen Turnfeſt, das über die Pfingſt= 13* 196 tage in Nürnberg ſtattfand, beteiligte ſich unſer Verein mit drei Turnern, nämlich Guſtav Siegriſt II, Heinrich Pfeiffer und Adam Graf. Die Hauptarbeit im Jahre 1913 konzentrierte ſich auf das dem Verein Grötzingen übertragene Bezirks-Turnfeſt, das an den Tagen vom 19. bis 21. Juli 1913 ſtattfand. Hierbei beteiligte ſich unſer Verein mit einer Muſterriege von 45 Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Guſtav Siegriſt I und konnte bei ſtärkſter Konkurrenz die höchſte Punktzahl erreichen. Auch führte der Verein eine Schülerabteilung(Teilnehmerzahl 25) vor, welche ebenfalls ſchöne Erfolge erzielte. Die ganze Anordnung des Feſtes ſtand unter der Leitung des Vorſtandes und zugleich Bezirksvertreters Karl Jäck. 1914 wurde eine Fußballabteilung gegründet. Zum 1. Spielleiter wurde Adolf Siegriſt beſtimmt. Am 31. Juli 1914 brach der Weltkrieg aus, was zur Folge hatte, daß von unſerem Verein ſofort 117 Turngenoſſen zum Militär eingezogen wurden, darunter der ganze Vorſtand. Der Turnrat mußte daher in der Verſammlung am 14. September 1914 erneuert werden und wurde wie folgt beſtimmt: Auguſt Arheit 1. Vorſtand, Karl Wagner 1. Schriftführer, Leonhard Scheidt 1. Kaſſier und Adam Graf 1. Turnwart. Nach Beendigung des furchtbaren Weltkrieges kehrten die meiſten Mitglieder in den Monaten November und Dezember wieder in die Heimat zurück, wo es ein frohes Wiederſehen gab. Leider war es von den 208 im Kriege beteiligten Mitgliedern 46 nicht vergönnt, zu ihren Lieben zurückzukehren, darunter auch unſer langjähriger Turnwart und Vorſtand Karl Kumm. Ehre ihrem Andenken! Zu Beginn des Ge: ſchäftsjahres 1919 pulſierte wieder neues, reges Leben in unſerem Verein. Es wurden in der Generalverſammlung am 26. Januar 1919 gewählt: Karl Jäck 1. Vorſtand, Karl Wiſchnowitzer 1. Schrift= führer, Karl Vortiſch 1. Kaſſier und Heinrich Schneider 1. Turnwart. In der Mitgliederverſammlung am 4. Dezember 1919 wurde beſchloſſen, dem freien Ortskartell beizutreten. Am 9. Mai 1920 beteiligte ſich unſere Fußballabteilung(4. Mannſchaft) am Bezirks— ſpielfeſt in Aue mit gutem Erfolg. Am 19., 20. und 21. Juni 1920 beteiligte ſich unſer Verein mit einer Muſterriege von 30 Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Max Leonhard an dem Gruppen— Turnfeſt in Grötzingen, das unſerem Verein in Verbindung mit unſerm 25jährigen Stiftungsfeſt übertragen war, mit ſehr gutem Erfolg. Auch wurde von unſerem Verein eine Schüler-Abteilung mit 45 Teilnehmern durch Schülerturnwart Adam Graf vorgeführt, welche ebenfalls ganz reſpektable Leiſtungen zeigte, was durch die Rangliſte erſichtlich war. In der außerordentlichen Generalverſamm— lung am 12. Auguſt 1920 wurde mit großer Mehrheit beſchloſſen, den Verein in das Vereinsregiſter einzutragen. Am Bezirks-Turnfeſt in Weingarten, das am 29. Auguſt 1920 ſtattfand, beteiligte ſich der Verein mit einer Muſterriege von 40 Mann unter Leitung des 1. Turnwarts Max Leonhard und konnte mit ſehr gutem Erfolg nach der Heimat zurückkehren. Am 5. Juni 1921 weilte eine Fuß: ll Gnenet| Ang 197 ballmannſchaft vom zweiten Bezirk, nämlich die Freie Turnerſchaft Speyer a. Rh. in unſerer Mitte, um ein Freundſchaftsſpiel auszutragen, das mit 0:1 für Speyer endete. Die freundſchaftlichen Be: ziehungen, die an dem betreffenden Tage geknüpft wurden, werden noch lange in Erinnerung bleiben. Zum Bundestag in München war K. Wiſchnowitzer in feiner Eigenſchaft als Bezirksvertreter delegiert. Am 2s. Juni 1921 beteiligte ſich unſere Schülerabteilung mit 45 Teilnehmern unter Leitung des Schülerturnwarts Adam Graf an dem Bezirks-Schülerturnfeſt in Rintheim mit ſehr gutem Erfolg. An dem Kreisturnfeſt, das am 6., 7. und 8. Auguſt in Durlach ſtatkfand, beteiligten ſich unſere Turner unter Leitung des 1. Turnwarts Max Leonhard mit einer Muſterriege von 35 Mann, die bei ſtärkſter Konkurrenz die höchſte Punktzahl erringen konnten. Zu dem Staats: kurſus für Leibesübungen, der vom J. bis 17. November in Karls: ruhe ſtattfand, wurde der 1. Turnwart Mar Leonhard, von ſeiten des Bezirks Karl Fiſcher entſendet. Aus den Turnſpielen, die im Jahr 1921 ausgetragen wurden, konnte unſere Fauſtball⸗Mannſchaft als Hruppenmeiſter hervorgehen. In der General-Verſammlung am 8. Januar 1922 wurden ſämtliche Gründer und alle über 25 Jahre ununterbrochen tätig geweſene Mitglieder zu Ehrenmitgliedern ernannt. In Betracht kamen folgende Turngenoſſen: Adam Johann, Arheidt Auguſt, Arheit Karl, Arheit Martin, Benz Friedrich, Becker Karl, Becker Max, Burſt Ludwig, Dreier Guſtav, Daubenberger Chriſtoph, Doll Karl, Ehrler Karl, Erb Karl, Füßler Franz, Fiſcher Guſtav, Fießler Karl, Geiſt Karl, Geiſt Heinrich, Heidt Friedrich, Heidt Jakob, Heinkel Auguſt, Heim Auguſt, Jäck Karl, Jäck Friedrich, Kurz Heinrich, Kühner Tobias, Lindenmeier Karl, Mößner Ludwig, Meier Ferdinand, Meier Guſtav, Nußhag Karl, Stöckler Franz, Stutz Ludwig, Scheidt Heinrich, Scheidt Chriſtoph, Scheidt Philipp, Scheidt Leonhard, Siegriſt Auguſt, Vortiſch Karl, Wagner Karl, Wagner Franz und Werth Franz. Zu dem Staatskurſus für Turn- und Fußballſpiele nach Karlsruhe wurde Adolf Daubenberger entſendet. Das Gruppen-Turnfeſt, das am 25. Juni 1922 in Kleinſteinbach ſtattfand, wurde mit einer Muſterriege von 40 Mann beſchickt und hatte unter Leitung des 1. Turnwarts Max Leonhard ſchöne Erfolge aufzuweiſen, desgleichen die Schülerriege von 45 Teilnehmern, die unter der Leitung des Schülerturnwarts Heinrich Pfeiffer ſehr beachtenswerte Leiſtungen vorführte. Ganz beſonders ſei erwähnt, daß unſere Turnerinnen-Abteilung unter Leitung des Frauenturnwarts Adam Graf mit 12 Teilnehmerinnen bei dieſem Feſte ſchöne Erfolge erzielte. Ganz hervorragende Leiſtungen haben unſere Turner beim erſten Deutſchen Arbeiter⸗Turn- und Sportfeſt vom 22. bis 25. Juli in Leipzig erzielt, wo ſie unter der Leitung des 1. Turnwarts Max Leonhard mit 12 Teilnehmern von 85 Vereinen aus allen Gauen Deutſchlands den 10. Rang einnehmen konnten. Folgende Turngenoſſen waren dabei beteiligt: Arheit Auguſt, Arheit Emil, Ehrler Karl, Ehrler Emil, Fiſcher Karl I, Fiſcher Karl II, Keppler Guſtav, 198 Kumm Richard, Leonhard Max, Pfeifer Heinrich, Siegriſt Heinrich und Vayhinger Otto. Zum Staatskurſus zur Ausbildung für Schülerturnwarte in Mannheim vom 14. bis 16. Oktober 1922 wurde Karl Ehrler entſendet. Anläßlich der Weihnachtsfeier am 25. Dezember 1922 wurden für 25jährige Mitgliedſchaft Jakob Scheidt, Heinrich Schneider und Wilhelm Heinkel als Ehrenmitglie—der ernannt. Am 31. Dezember 1922 und 1. Januar 1923 weilte eine Fußballmannſchaft von Baſel(Schweiz) in unſeren Mauern, um mit der 1. Mannſchaft unſerer Fußballabteilung ein Freundſchaftsſpiel auszutragen. Das Spiel wurde, da unſer Platz unter Waſſer ſtand, auf dem Ziegeleiplatze in Durlach ausgetragen und endete mit 132 für Baſel. Die Internationale Freundſchaft, die an dieſem Tage geſchloſſen wurde, wird allen Mitgliedern lange in Erinnerung bleiben. Für das Geſchäftsjahr 1923 wurden in der Generalverſammlung am 6. Januar 1923 folgende Mitglieder in den Turnrat gewählt: Martin Arheit 1. Vorſtand, Friedrich Kraus 2. Vorſtand, Karl Wagner, 1. Schriftführer, Aug. Scheidt 2. Schriftführer, Karl Vortiſch 1. Kaſſier, Friedrich Heidt 2. Kaſſier, Otto Walz 1. Turnwart, Karl Fiſcher 2. Turnwart, Karl Ehrler und Her: mann Walz Schülerturnwart, Adam Graf Frauenturnwart, Max Leonhard Turnſpielleiter, Karl Schlagenhof Fußballſpielleiter, Heinrich Pfeifer und Leopold Wagner, Zeugwarte, Jakob Pfeifer Fähnrich, Karl Geiſt und Heinrich Siegriſt Beiſitzer, als Vertretung für die Turnerinnen Marta Kräh. An Stelle des zurückgetretenen Fußballſpielleiters Karl Schlagenhof wurde am 18. Januar 1923 Emil Wagner beſtimmt. Aus dieſer Zuſammenſtellung iſt deutlich zu erkennen, daß der Turnverein„Bahnfrei“, welcher im Jahre 1895 als kleines Pflänz— chen unter ſehr ſchwierigen Verhältniſſen gegründet wurde, bis zum heutigen Tage als lebensfähig betrachtet werden kann. Iſt er doch heute mit ſeinen nahezu 400 Mitgliedern zu einem mächtigen Baume herangewachſen, der allen Stürmen gewappnet iſt, von welcher Seite ſie auch kommen mögen. Getreu dem Wahlſpruch: Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ ſind wir frohen Muts ans Werk gegangen, um unſere Aufgabe zu erfüllen, die wir uns ſchon bei der Gründung als Ziel geſteckt hatten, nämlich durch Turnen und Sport den Körper zr kräftigen und zu ſtählen!„Seht in der Uebung Spiel, des Men— {hen höchſtes Ziel!!„Frei Heil!“ Radfahrerverein. Durch die Entwicklung der Fahrradinduſtrie in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts nahm das Fahrrad als Verkehrs- und Sportartikel an Bedeutung zu. Da verſchiedene Ortseinwohner in den Beſitz eines Fahrrads kamen, tauchte der Wunſch auf, eine Vereinigung ins Leben zu rufen. So wurde am 8. Auguſt 1897 der Radfahrerverein gegründet unter dem Vorſitz des Herrn Ludwig Klumpp. Das Ziel des Vereins war, das geſunde Radfahren in Gemeinſchaft zu pflegen. Als Lokal wurde das Gaſt— haus zum Schwanen beſtimmt, wo auch die geſelligen Zuſammen— künfte ſtattfanden. Durch die ſchnelle Entwicklung der Fahrrad— induſtrie in unſerem Nachbarort Durlach wurde das Fahrrad mehr Beförderungs- als Sportmittel; dadurch nahm der Verein, der aus einer kleinen Schar hervorging, bedeutend an Mitgliedern zu. Das Vereinsleben entwickelte ſich immer mehr, bis der große Weltkrieg ein Halt gebot, weil die Mehrzahl der Mitglieder unter die Fahnen gerufen wurden. Fünf unſerer tätigſten Mitglieder ſind im Felde geblieben. Nach Beendigung des Krieges war es nicht gleich möglich, die Vereinstätigkeit wieder aufzunehmen, weil der Krieg das Fahr: rad ſowie die Bereifung ſchwer in Mitleidenſchaft gezogen hatte. Der Vorſtand iſt Hermann Wagner und der Fahrwart Guſtav Kunzmann. Athletenklub Grötzingen, Mitglied des Arbeiter-Athletenbundes Deutſchland. Der Athletenklub Grötzingen wurde am 10. Januar 1904 in Grötzingen im Gaſthaus zur„Kanne“ als Athletenklub Germania gegründet. Am 16. Januar desgleichen Jahre wurde im Gaſthaus zur Kanne, woſelbſt auch das ebungslokal verblieb, die erſte Verſammlung einberufen. Dort wurde der erſte Ge: ſchäftsausſchuß aus folgenden Sportlern zuſammengeſtellt: 1. Borſtand Karl Kunzmann, 2. Vorſtand Chriſtian Heim, Kaſſier Karl Lindenmeier, Schriftführer Ludwig Kumm, Sportleiter Richar Krieger, Zeugwart Ludwig Scheidt, Beiſitzer Guſtav Geiſt, Ludwig Kumm und Hermann Stutz. Nach dem erſten Jahre zählte der Ver— ein 102 Mitglieder. Der Athletenklub Germania Grötzingen hatte das Beſtreben, kräftige Menſchen zu erziehen und aus unbrauchbaren Menſchen Männer für das Leben der Arbeit heranzubilden. Am 4. Februar 1905 machte der Verein die erſte Wohltätigkeitsveranſtaltung zu Gunſten der ſtreikenden Bergarbeiter im Ruhrgebiet. In Grötzingen beſtand zur damaligen Zeit ein Fußballverein Germania, dieſer verſchmolz ſich 1908 mit dem Athletenklub Germania: Die. erſten Fußballſpieler beim Athletenklub waren: Chriſtian Schaber, Jakob Volz, Ludwig Hafner, Adolf Siegriſt, Leopold Hoffmann, Rudolf Arheit, Heinrich Dittes, Otto Daubenberger, Heinrich Stüppel, Karl Vollmer, Hermann Geiſt, Franz Geiſt, Fritz Erb und Leo— pold Heck. Es wurde mit vier Mannſchaften geſpielt. Der Athleten klub verfügte über gute Kräfte und war weit über das Land hinaus gefürchtet. Von 1905 bis 1913 machte ſich der Klub in Durlach, Weingarten, Cannſtatt, Botnang, Mannheim, Heilbronn, Karlsruhe, Baden-Baden verdient. Beſonders hervorzuheben wären die Mitglieder Chriſtian Schaber, Ludwig Scheidt, Chriſtoph Arheit, Hein— rich Dittes(Amerika), Morlock(Berghauſen), Chriſtian Herbold und Karl Schaber. Die 1. Medaille erhielt Chriſtian Herbold, den 1. Kranz Karl Schaber. Die Muſterriege, die unter dem Gründer w 200 Karl Benz ſtand, zeichnete ſich durch ihr gutes Können im Kreiſe der Athleten aus und erhielt mehrere Male die erſte Stelle. Daran beteiligt waren Karl Benz als Führer, Ludwig Scheidt, Karl Schaber, Wilhelm Walter, Chriſtian Schaber, Guſtav Geiſt, Chriſtoph Arheit, Chriſtian Herbold, Herrmann Stutz, Heinrich Dittes, Fritz Arheit. Das letzte größere Feſt war das Gaufeſt 1912 in Grötzingen. Der Klub, der die beſten Kräfte zur Verfügung hatte, um das Vaterland zu verteidigen, wurde 1914 mit einem Schlage klein gemacht. Die Arbeit ruhte volle fünf Jahre. Der Krieg ging vorüber und die beſten Kräfte waren verwelkt und die allerbeſten hatten das Leben laſſen müſſen. Es waren dies Karl Scheidt, Martin Scheidt, Rudolf Arheit, Richard Arheit, Herrmann Arheit, Karl Arheit, Otto Geiſt und Auguſt Doll. Es war im Jahre 1919, als zwei Turner des Turnvereins Bahnfrei, nachdem ſie dort mit ihrem Anliegen, eine Athletenriege zu gründen, abgewieſen wurden, den Athletenklub Germania wieder auffriſchten. Man ließ eine Liſte zirkulieren, und in kurzer Zeit erklärten ſich verſchiedene Gründer wieder bereit, mitzuwirken. Der Klub zählte bis zum Januar 1923 160 Mitglieder. Die Aktivität bewegte ſich zwiſchen 30— 40 Sportler. Der Klub iſt Mitglied des Arbeiter⸗-Athleten⸗Bundes Deutſchland ſowie des hier beſtehenden Sportkartells. Der Klub ſteht unter Führung von: 1. Vorſtand Karl Fiſcher, 2. Vorſtand Emil Müſelmann, 1. Kaſſier Guſtav Geiſt, 2. Kaſſier Wilhelm Walter, 1. Schriftführer Adolf Marquart, 2. Schriftführer Emil Siegele, 1. Hallenwart Adolf Lautenſchläger, 2. Hallenwart Karl Hirſchmann, 1. Zeugwart Emil Habel, 2. Zeug: wart Bernhard Kappler, Diener Stefan Scheidt, Beiſitzer Jakob Becker, Ludwig Walz und Otto Vortiſch, Kaſſenreviſoren Fritz Arheit und Chriſtoph Arheit. Touriſten⸗Verein„Die Naturfreunde“, Ortsgruppe Grötzingen. Das Wandern iſt im deutſchen Gemüt immer lebendig geweſen, aber in den Tagen, wo das Wirtſchaftsleben immer mehr drohte, den Geiſt des arbeitenden Volkes zu töten, und wo die Nerven durch die Sorgen des Alltags und Wirtshausgehens immer mehr zerrüttet wurden, war zu beobachten, daß auch hier in Grötzingen die Maſſe der Arbeiter der Natur entfremdet wurden. An jenen Tagen trafen ſich Männer der Arbeit nach des Tages Laſt und Sorgen bei ihrem Sonntagmorgen-Spaziergang des öftern draußen bei der Mutter Natur. Zwanglos kamen ſie zuſammen, droben im Bergwald, wo die goldigen Ziſtröschen im dürren Grafe brannten. Ziellos waren ihre Wanderungen, den Zufall als Wegweiſer nehmend und die Wagengleiſe als Straße. Das Wort unſeres großen Dichters Goethe war ihr Leitſtern, der ſagte: „Was ich nicht erlernt, das hab ich mir erwandert.“ Sie wanderten in ſeeliſcher Erhebung, um ein Geſundheits— 201 bewußtſein wachzurufen, worin die Keime der Unluſt zu Grunde gehen ſollten. Ziele winkten ihnen in Hülle und Fülle, dort A Schlängelweg, ein Waſſerlauf, ein Hügel, ein Rundblick mit dem wehmütigen Glauben der Seele:„dort wo du nicht biſt, dort iſt das Glück Wochen und Monate vergingen, Kämpfe koſtete es für jeden einzelnen über die Frage: Wie kann unſer loſer Zuſtand zu einer Kultur- und Ma iſſenbewegung gemacht werden und wie können wir unſere Mitmenſchen zur Heimat- und Naturliebe zwingen? ats dieſen Beweggründen fanden ſich Männer wie: Ludwig eier Ludwig Scheidt, Albert Pracht, Karl Freihardt, Hermann ” Wilhelm Sch eidt, Suftav Müller, Franz Stöckler alt und nz Stöckler jung am 25. M 1912 im„Lamm“ zuſammen Ss 3 23. DD, * 8 N K yr 1nd gründeten. Touriſten⸗Verein mit dem Ziele, die Lebens: kraftz zu heben, Land und Leute kennen zu lernen und vor allen Dingen Heimat und Naturliebe zu heben und zu fördern. Vom Y: ohen heiligen Idealismus beſeelt gab die kleine Schar alles, was zer — dem V ein. Aufblühen verhalf. Alle gaben ſich ein Gelübde, 1 Sy QUHrT: 8 2 ein Wort, das Gemeinſ chaftsleben zu pflegen. Zum Obmann wählten 07 ihren ö offen Pracht. Die erſte Arbeit war, eine Bibliothet n und dank dem Opferſinn der Mitglieder war binnen kur— zer eit eine reichhaltige Bibliothek vorhanden. Weiter legten ſie den Orunditoc zu einer geologiſchen Sammlung, die aus dem Ge: ſtein der Heimat des Schwarz: und Odenwaldes beſtehen ſollte. Außerdem gründeten ſie eine Photo und Muſikabteilung. Das Wandern geſtaltete ſich rege. Mit Frau und Kind ging es hinaus in die Berge unter dem Klang der Huitarre und Mandolinen, und manch Heimatlied kam von den Lippen. Die Wochenzuſammen= künfte wurden ausgefüllt durch Vorträge über naturwiſſenſchaftliche Dinge. Die Grötzinger ſtanden unſympathiſch der ganzen Sache gegenüber ſie ſagten, das wären Spinner, die dem Sonntag ein anderes Gepräge geben. und aus dieſen Gründen ging der Verein langſam in die Höhe. Aber in ſchönſter Harmonie ſtanden die Mitglieder einander gegenüber, bis 1914 das große Ringen be: gann, wo alle Genoſſen bis auf drei unter die Fahnen eilen mußten. Dieſe drei ſtanden* und treu zur Sache, bis die andern wieder zur kehrten; Aber die Folgen des Krieges ließen auch Spuren zurück, denn ſechs der beſten kamen nicht mehr zurück, ſie k auf ch 3. * dem Schlachtfelde der Ehre. Es waren dies die Genoſſen: Karl he d Georg Arheidt, Karl Rettich, Auguſt Hafner, Wilhelm 8 und Franz Füßler. Mit den Worten des Dichters ehrte der rein ſeine verlorenen Freunde: Die Nelken blühen mir allein Und könnten mich nur freuen, Um ſie bei hellem Mondenſchein Dir auf dein Grab zu ſtreuen. 202 Gewaltig waren die Zerſtörungen des Krieges. Mit großer Anſtrengung mußte das moraliſche, geiſtige und körperliche Gebiet wieder errungen werden. Unter der Führung des Genoſſen Hermann Säger, ſpäter unter Ludwig Scheidt, wurde mancher Gegenſatz der Weltanſchauung durchgefochten. Im Jahre 1912, am 25. Mai, trat der Verein dem TouriſtenVerein„Die Naturfreunde“, Zentrale Wien, bei.„Internationale Wanderbewegung“. Sie erkannten frühzeitig, daß nur unter ſtrenger Organiſation im Zuſammenſchluß aller, die um ein gleiches Ziel kämpfen, ein Ideal zu erreichen iſt. Das brachte dem Verein ein neues Denken und Fühlen, ein Strom voller Beglückung, einer Organiſation anzugehören, die beſtrebt iſt, die ſeeliſchen Kräfte zu wecken und zu veredeln und einen neuen Gemeinſchaftswillen zu formen. Die Kinderwanderungen, die alljährlich mit großer Freude der Kinder in den heimiſchen Wäldern ſtattfanden, wurden von dem Touriſten-Verein in die Wege geleitet. Im Jahre 1921 wurde auf Veranlaſſung des TouriſtenVereins das Arbeiterſportkartell ins Leben gerufen mit dem Zweck und Ziel, dem Gemeinſchaftsgedanken näher zu treten und die Kräfte zu ſammeln, um der Arbeiterſportbewegung ein Gepräge ernſten Willens zu geben. Denn die heutigen Formen des Lebens ſind oft genug barbariſch, gedankenlos, häßlich; man denke an die Volksfeſten und Luſtbarkeiten. Nein, die Naturfreunde nehmen den Sozialismus als Kulturlehre und wollen ſomit die Arbeiterſportbewegung zu einer Kulturſtätte machen, worin der Menſch zum Höchſten und Größten beſtimmt iſt. Im Jahre 1921 gründete der Verein die Ortsgruppe Weingarten. Gleichzeitig ſchloß ſich der Verein dem Verein für Jugendherbergen, Zweigausſchuß Baden, an, um auch hier mitzuarbeiten an dem Werke der Zukunft. Droben im hohen Schwarzwalde, wo Unterkunftshäuſer für die Naturfreunde erſtellt wurden, beteiligte ſich der Verein durch aktives Mitarbeiten, ſei es beim Ausgraben der Steine oder Fällen der Bäume. Gleichzeitig förderte der Verein den Gedanken, den unſere Väter einmal verwirklicht hatten: die Sonnenwendfeier. Droben auf dem Mahlberg hinter dem Turme bei lohendem Sonnenwend⸗ und Johannesfeuer, beim Volkstanz, in heiliger Begeiſterung an all das Schöne und Gute der alten Zeiten erinnernd, wurde das Feſt begangen. Im Jahre 1921 wurde unter Leitung des TouriſtenVereins der erſte Vortrag von Dr. Dietrich über die Chronik von Grötzingen in der Gemeindehalle abgehalten. So ſchaffte ſich der Verein, nicht durch geräuſchvolle Luſtbarkeiten, ſondern an all die tieferen Lebensmächte denkend, ſo wie ſie Sittlichkeit, Kunſt, Religion und Sozialismus bieten, einen Platz in Grötzingen. Die Mitgliederzahl von 1922 beträgt 112. Arbeiter-Sportkartell. Im Oktober 1919 wurde von bürger— licher Seite der Verſuch gemacht, an hieſigem Orte ein Ortskartell —— —— 203 ins Leben zu rufen, dem vorerſt ſämtliche Sportvereine angehören ſollten. Aber ſchon bei der erſten und auch letzten Sitzung im Rat— haus trat die unterſchiedliche Weltanſchauung ſtark in den Border: grund, ſo daß die ganze Sache im Sande verlief. Der Gedanke aber, die Arbeiter-Sportvereine in einem Kartell zuſammenzuſchließen, gewann dadurch an Boden. Die Delegierten der Naturfreunde, die bei jener Sitzung waren, die Genoſſen Ehrenfried und Hermann Jäger, wurden nun beauftragt, mit den anderen Arbeiter-Sportvereinen Fühlung zu nehmen zwecks Gründung eines Arbeiter⸗-Sportkartells. Die Geneigtheit war vorhanden, und es fand am 21. No—vember 1919 eine Sitzung im großen Rathausſaal ſtatt, die nach eingehender Ausſprache zur Gründung des Kartells führte. Vertreten waren: Geſangverein„Liederkranz“, Arbeiter- Turnverein „Bahnfrei“, Touriſtenverein„Die Naturfreunde“. Der Einberufer der Sitzung, Fr. Ehrenfried, ſprach über Zweck und Ziele eines Arbeiter-Sportkartells und wies auf das Erſtarken der bürgerlichen Sportbewegung hin. Die Bevollmächtigten beſchloſſen dann die Gründung des Kartells und den Anſchluß an die Zentralkommiſſion für Sport und Körperpflege. Es wurde ſofort der Vorſtand des Kartells gewählt, der ſich dann aus folgenden Sportgenoſſen zuſammenſetzte: 1. Vorſitzender Fr. Ehrenfried, 2. Vorſitzender und Schriftführer Karl Wiſchnowitzer, Kaſſier Ludwig Herbold. Im Laufe der Zeit kamen noch folgende Vereine hinzu: Alter Muſikverein Grötzingen(1886) und Arbeiter⸗-Athletenklub Grötzingen. Sämtliche Vereine muſtern zuſammen zirka 800 Mann. Die Tätigkeit des Sportkartells erſtreckt ſich auf alle mit dem Sport, der Körper- und Geiſteskultur zuſammenhängenden Gebiete. Ferner ging das Beſtreben dahin, der Vereinsmeierei entgegenzutreten, den kraftzerſplitternden und ausbeuteriſchen Feſtlichkeiten ein Ende zu bereiten. Gemeinſame Kinderwanderungen mit Speiſung wurden unter ſtarkem Andrang veranſtaltet, ſowie einmal im Jahre beim Reichs-Arbeiterſporttag die Ergebniſſe der Arbeit in den einzelnen Vereinen ge: meinſam der Oeffentlichkeit vorgeführt. Wir hoffen, daß ſich die Tätigkeit des Kartells in Zukunft noch intenſiver und erfolgreicher wie bisher geſtaltet zum Wohle unſeres Volkes, das durch die wirtſchaftliche Lage, den Nachwehen des Krieges, körperlich und geiſtig verkümmert iſt. Militärverein, Bald nach dem großartigen Siegeszuge der deutſchen Heere im Kriege 1870/71 machte ſich bei den in die Heimat entlaffenen alten Soldaten das Bedürfnis fühlbar, die im Kriege gepflegte wertvolle Kameradſchaft in der Heimat im hürgerlichen Leben fortzuſetzen.„Einer für alle und alle für einen“ war das Loſungswort im Kriege, vor dem Feinde; im Frieden ſollte es nicht vergeſſen werden. Dies war der leitende Gedanke der alten Kriegs— kameraden, und die Militärvereine wurden ins Leben gerufen. In 204 kurzer Zeit wurden im deutſchen Vaterlande Tauſende von Militärvereine gegründet, der Militärverein Grötzingen am 2. April 1873. In ſeinen Satzungen heißt es: Der Verein hat den Zweck, das militäriſche und kameradſchaftliche Bewußtſein in innigſter Verbindung mit Bürgertugend und Bürgerſinn aufrecht zu erhalten und zu beleben; dürftige Mitglieder in Krankheits- und Unglücksfällen oder bei Erfüllung ihrer Wehrpflicht zu unterſtützen; den Hinter: bliebenen eines verſtorbenen Kameraden Unterſtützung zu gewähren; das Andenken der im Kriege gefallenen Kameraden wachzuerhalten; die Vaterlandsliebe zu fördern und zu pflegen; dahingeſchiedenen Kameraden die letzte Ehre zu erweiſen. Politiſche und konfeſſionelle Erörterungen find ausgeſchloſſen. Als Mitglied kann jeder unde: ſcholtene Mann, der in der deutſchen Armee gedient hat, aufgenommen werden. Angehörige der aktiven Armee können nicht Mitglieder des Vereins ſein. Der Verwaltungsrat kann Perſonen, welche ſich um das Wohl des Vereins oder des Vaterlandes verdient ge— macht haben, als außerordentliche oder Ehrenmitglieder aufnehmen. 1874 wurde die Vereinsfahne in feierlicher Weiſe eingeweiht. Der Verein machte 1889 unter zahlreicher Beteiligung einen Aus⸗— flug nach Straßburg; ein Straßburger Kamerad, welcher dem Verein als Führer zur Verfügung ſtand, erklärte bei der Stadtbeſich= tigung die Sehenswürdigkeiten und machte Mitteilung über den Verlauf der Belagerung der Stadt im Kriege 1870. Am 30. Auguſt 1896 wurde das vom Verein mit Unterſtützung der Gemeinde und ſonſtigen Spendern errichtete Kriegerdenkmal für die im Kriege 1870 Gefallenen auf dem Marktplatz in feierlicher Weiſe enthüllt und von der Gemeinde in Obhut und Pflege übernommen. Die eiſerne Einzäunung des Denkmals wurde vom damaligen Vereinsvorſtand Karl Fießler unentgeltlich hergeſtellt. Eine Sanitätskolonne wurde 1896 gegründet und dem Verein angeſchloſſen. Die Ausbildung der Kolonne wurde von den Herren Bezirksarzt Med. Rat Dr. Geier von Durlach und Dr. Straub in Grötzingen in anerkennenswerter Weiſe beſorgt. Die Geräte und Verbandmaterialien zu den Uebungen wurden vom Präſidium des Militärvereinsverbandes und vom Roten Kreuz geliefert. Im Jahre 1912 wurde die Sanitätskolonne ſamt Gerätebeſtand vom Roten Kreuz übernommen. Der Verein erhielt 1898 von Sr. kgl. Hoheit dem Großherzog die ſilberne Fahnen-Medaille für 25jähriges Be: ſtehen des Vereins und feiner Zugehörigkeit zum Gau- und Landes: verband. Am 29. Mai 1904 hat der Verein einen Ausflug mit 93 Teilnehmern unternommen nach den Schlachtfeldern bei Weißen burg und Wörth. 1911 wurde mit der Schützengeſellſchaft Durlach ein Vertrag geſchloſſen, daß jedem Angehörigen des Militärvereins Grötzingen das Recht zuſteht, auf dem Scheibenſtand Durlach im Scheibenſchießen zu üben. Dieſer Vertrag wurde im Jahre 1912 aufgehoben, als der Verein in Grötzingen einen eigenen Scheiben: (il —— 205 ſtand in den Kalkſteinbrüchen am ſüdlichen Rande des Bergwaldes einrichtete. Vereinsvorſtände waren in der Zeit von 1873 bis 1923: Reinhart Jordan, Schwanenwirt, von 1873= 1874, Jakob Friedrich Benz, Gemeinderechner, von 1874 1880, Karl Fießler, Fabrikant, von 1880 1884, Reinhart Jordan, Schwanenwirt, von 1884 bis 1887, Karl Fießler, Fabrikant, von 1887— 1904, Jakob Scheidt, Bauführer, von 1964— 1911, Stolzenberger, Kaufmann, von 1911 bis 1912, Honold, Steuererheber, von 1912 1914, Franz Wagner, Stellvertreter, von 1914—1916, Jakob Scheidt, Bauführer, von 1916—1919, Stephan Walz, Rechnungsrat, 1919. Der Verein hat während der Zeit ſeines Beſtehens viel Gutes geleiſtet, hauptſächlich durch Unterſtützungen kranker und hilfebedürf— tiger Kameraden und Hinterbliebenen und durch Beſchaffung von Mitteln aus den Kaſſen des Landesverbandes für bedürftige kranke Kameraden, Witwen und Waiſen und ſo manche Träne getrocknet. Dank der zielbewußten Leitung der Vereinsvorſtände wurde der kameradſchaftliche Geiſt nicht allein im Verein ſtets hochgehalten, gefördert und gepflegt, wenn auch nicht immer unter günſtigen Ver— hältniſſen, ſondern auch ein gutes Verhältnis mit den Kameraden der Umgegend durch Beſuch und Gegenbeſuch bei feſtlichen Gelegen— heiten gepflegt. Der gute Geiſt, der im Verein herrſcht, läßt erwar— ten, daß der Verein ſtets beſtrebt ſein wird, ſein Ziel und Zweck mit Ausdauer zu verfolgen zum Heil und Segen ſeiner Angehörigen. Freiwillige Feuerwehr. Ehe es eine Feuerwehr in Grötzingen gab, waren die Bürger in ihrem eigenſten Intereſſe bemüht, für Brände vorgeſorgt zu fein. Im Rathaus, wo heute das Grundbuchamt iſt, ſtand die Feuerſpratze. 1792 wurden hundert Feuereimer angeſchafft. Mit Pechkränzen in Pechpfannen wurden beim Brande nachts die Straßen erleuchtet. Aexte und Steinſchlägel ſtanden auch bereit. Die Anſchaffung einer neuen Feuerſpritze war für Grötzingen immer ein Ereignis. Der hohen Ausgaben wegen finden wir eine ſolche Neuanſchaffung auch ſtets verzeichnet, ſo daß ſich noch heute nachweiſen ließe, wann wieder eine neue Feuerſpritze nach Grötzingen gekommen iſt. Auf allgemeinen Wunſch der Einwohnerſchaft von Grötzingen und nach vorausgegangenem Vortrag eines Herrn Deſchner aus Karlsruhe befaßten ſich eine Anzahl junger Männer am Schluſſe des Jahres 1873 mit der Gründung eines Feuerwehrkorps. Dieſelben wählten am 1. November d. J. als Hauptmann Herrn Karl Fießler, Fabrikant, und als Erſatzmann Herrn Karl Heck, Zigarren— fabrikant, und beauftragten dieſelben, die Ausarbeitung der Satzungen und die Bildung des Korps vorzunehmen. Am 17. März 1874 wurde eine Verſammlung abgehalten, in welcher die Herren Karl Fießler(junior), Jakob Chriſtoph Krieger, nachmaligen Bürgermeiſter, und Georg Appel als Verwaltungsratsmitglieder gewählt wurden; weiter wurde beſchloſſen, daß der jeweilige Bürgermeiſter zum Verwaltungsrat gehört. Nach vorausgegangener Einladung trat am 4. April der Verwaltungsrat zum erſtenmal zur Beratung zuſammen. Gewählt wurden an dem Tage die Herren Louis Altfeliz, Ochſenwirt, zum Schriftführer und Auguſt Kern, Laubwirt, zum Kaſſier. An dieſem Tage wurden auch die Leute unter möglichſter Berückſichtigung ihrer Wünſche zu Zügen eingeteilt, alſo das Korps gebildet in einer Stärke von 890 Mann. Daher kann man auch den 4. April 1874 als den eigentlichen Gründungstag annehmen. Vom 1. April d. J. wurde Monatsbeitrag erhoben, und zwar pro Monat ſechs Kreuzer. Weiter wurde gewählt zum Adjutanten Jakob Ruhland(der Vater des Mauxrerpoliers Jakob, Ruhland), welcher das Korps nach militäriſchen Grundſätzen einexzerzierte und ſich beſonders um die Ausbildung des Korps verdient gemacht hat, aber nur leider allzufrüh aus demſelben ſcheiden mußte in ein beſſeres Jenſeits. Am 22. Dezember 1874 wurde beſchloſſen, durch den Verwaltungsrat aus der Mitte des Korps eine Geſangsabteilung zu bilden. Nach Verlauf von zwei Jahren löſte ſie ſich auf. Am 58. März 1875 wurde das Korps in den Landesverband aufgenommen. Das Kommando beſtand vom Jahr 1874 bis 1879 aus den Herren: Karl Fießler, Fabrikant, 1. Hauptmann; Karl Heck, Zigarren— fabrikant, 2. Hauptmann; Jakob Ruhland, Adjutant; Führer waren im 1. Zug: Karl Fießler jun; 2. Zug: Georg Appel; 3. Zug: Chriſtoph Stolzenberger; 4. Zug: Jakob Ehr. Krieger. Nachdem am 21. Dezember 1879 der erſte Kommandant geſtorben war, wurden bei der neuen Kapitulation nachſtehende Herren gewählt: Karl Heck, Zigarrenfabrikant, 1. Hauptmann; Georg Appel, Bierbrauer, 2. Hauptmann; Chriſtoph Scheidt, Steinhauer: Polier, Adjutant. Am 31. Dezember 1885 wurden bei der neuen Kapitulation nachſtehende Herren gewählt: Chriſtopnh Wagner, Bierbrauer, 1, Hauptmann; Chriſtoph Scheidt, Steinhauerpolier, 2. Hauptmann ſpäter Jakob Heinkel; Karl Leopold Heidt, Landwirt, Adjutant. Am 31. März 1889 wurden bei der neuen Kapitulation nach: ſtehende Herren gewählt: Chriſtoph Wagner, Bierbrauer, 1. Hauptmann; Reichert Burggraf, Landwirt, 2. Hauptmann(ſpäter Philipp Stutz); Karl Leopold Heidt, Landwirt, Adjutant. Bei der am 30. Mai 1892 abgehaltenen Hauptprobe hat ſich das Korps wegen ſtattgehabter Differenzen zwiſchen Kommando und Bürgermeiſter aufgelöſt. Sogleich erboten ſich aber eine Schar junger Männer zur Weiterpflanzung und Weiterentwicklung der edlen Feuerwehrſache, an welche ſich auch mehrere bisherige Wehr: 207 männer anſchloſſen, an der Spitze ein Mitgründer und langjähriger Feuerwehrmann, Herr Georg Appel, früher 2. Kommandant. Bei der nun vorgenommenen Wahl am 5. Juni wurden ge— wählt: Georg Appel, Bierbrauer, 1. Hauptmann; Jakob Frd. Bu iſt, Landwirt, 2. Hauptmann; Ludwig Scheidt, Maurermſtr., Adjutant. Am 14. Januar 1899 wurden bei der neuen Kapitulation nachſtehende Herren gewählt: Ludwig Scheidt, Maurermeiſter, 1. Haupt— mann; Heinrich Herbold, Landwirt, 2. Hauptmann; Philipp Krieger, Maurermeiſter, Adjutant(nach deſſen Wegzug nach Durlach Frie— drich Fießler). Nachdem nun auch die vorſtehenden Herren wegen Geſchäfts— hinderniſſen ihr Amt niedergelegt hatten, mußte das Korps am 4. Februar 1904 zur Neuwahl des Kommandos ſchreiten. Gewählt wurden nachſtehende Herren: Ludwig Dopf, Landwirt, 1. Haupt⸗— mann; Jakob Hofmann, Metzger, 2. Hauptmann; Auguſt Johann Scheidt, Hobler, Adjutant. Noch in demſelben Jahre feierte in ganz einfacher und ſchlichter Weile das Korps das Feſt feines 30jährigen Beſtehens, aber auch die Amtsdauer dieſes Kommandos war nicht von langer Dauer, denn ſchon am 29. April 1966 mußte zur Neuwahl des Kommandos geſchritten werden. Gewählt wurden nachſtehende Herren: Chriſtoph Kunzmann, Maurerpolier, 1. Hauptmann; Auguſt Joh. Scheidt, Hobler, 2. Hauptmann; Ernſt Krieger, Schreiner, Adjutant, an deſſen Stelle trat am 4. Januar 19608 Ehriſtoph Arheidt. Unter dieſem Kommando ſchritt man im Jahre 1908 zur Grün: dung einer Sterbekaſſe, in welche jedes aktive Mitglied pro Monat 10 Pfennig bezahlte und bei dem Sterbefall eines Kameraden an deſſen Hinterbliebene 50 Mark ausbezahlt werden. Das Vermögen der Sterbekaſſe beläuft ſich zurzeit auf 1700 Mark. Im Jahre 1911 erhielt die Gemeinde eine Waſſerleitung; das Feuerhaus wurde auch in demſelben Jahr vergrößert, und im letzten Jahr wurde im Feuerhaus ein Trockenturm für Schläuche erſtellt. Das Korps trat zum erſtenmal in Tätigkeit in Durlach beim Brand der Zichorienfabrik der Firma Gebrüder Wickert und Weißert im Jahre 1875, das zweitemal in unſerer Gemeinde am 13. Januar 1876 bei der Witwe Jakob Kappler. das drittemal in Weingarten, als ein Teil des Korps in Bruchſal war auf dem Feuerwehrtag und von dort aus alarmiert wurde; am 23. November 1879 bei Johann Heilbronner und Johann Burſt; am 1. Januar 1890 bei Chriſtoph Heidt; am 23. Mai 1893 bei Reichert Burggraf; am 6. Auguſt 1894 bei Chriſtian Burſt; am 11. Februar 1899 im Gemeindehaus; am 17. und 18. September 1901 im Gemeindehaus; 1901 bei Sigmund Traub; im März 1908 bei Chriſtian Burſt; im Juli 1911 bei Auguſt Siegriſt; 1886 in Jöhlingen; 1896 in Söllingen; 1896 in Berg⸗— hauſen; 1902 in Berghauſen beim Brande der Zehntſcheuer; am 3. Januar 1908 in Söllingen beim Brande des Hammerwerks. Am 7. Juni 1914 feierte die Freiwillige Feuerwehr Grötzingen vom herrlichſten Wetter begünſtigt und unter Anteilnahme der ganzen Einwohnerſchaft von Grötzingen ihr 40jähriges Stiftungsfeſt, nicht ahnend der kommenden ſchweren Zeit. In wenigen Wochen ſchon mußten 38 Kameraden dem Rufe des Vaterlandes Folge leiſten und zur Fahne eilen gegen eine Welt von Feinden, dabei auch das ganze Kommando. Am Schluß des Jahres 1915 wurden dem Korps durch die Gemeindeverwaltung 50 Erſatzleute überwieſen. Im Weltkrieg ſind ſieben Wehrleute auf dem Felde der Ehre gefallen. Es find dies folgende Kameraden: Guſtav Arheidt, Heinrich Daubenberger, Auguſt Dopf, Franz Fiſcher jg, Adolf Kurz, Wilhelm Scheidt, Karl Weiß. Ueber den Krieg führte der 2. Hauptmann Auguſt Scheidt und Heinrich Herbold(früher 2. Hauptmann) das Korps. Nach Her Rückkehr vom Kriege übernahm der 1. Hauptmann Chr. Kunzmann wieder die Führung des Korps. Bei der neuen Kapitulation am 15. Januar 1922 wurden gewählt: Chriſtopf Kunzmann, Maurerpolier, 1. Hauptmann; Auguſt Scheidt, Hohler, 2. Hauptmann; Chriſtian Lächler, Malermeiſter, Adjutant, an Stelle des ſehr verdienten pflichteifrigen Kameraden Chriſtoph Arheidt, der gezwungen war, Familienverhältniſſe halber ſein Amt als Adjutant niederzulegen. Als Zugführer wurden gewählt: 1. Zug: Franz Scheidt, Zim— mermeiſter; 2. Zug: Karl Burggraf, Fabrikarbeiter; 5. Zug: Ludwig Mößner, Bäckermeiſter; 4. Zug: Franz Fiſcher, Fabrikarbeiter; 5. Zug: Karl Straub, prakt. Arzt; 6. Zug: Jakob Frd. Kumm, Landwirt. Erſatzführer: 1. Zug: Karl Scheidt, Zimmermann; 2. Zug: Karl Benz, Landwirt; 3. Zug: Karl Volz, Maſchiniſt; 4. Zug: Karl Enderle, Metzger; 5. Zug: Jakob Siegele, Bahnwart; 6. Zug: Nikodemus Walz, Zimmermann. Verwaltungsrat: Ludwig Kumm, Landwirt; Chr. Herbold jg., Schmiedemſt.; Karl Benz, Landwirt; Philipp Wagner, Kaufmann. Am 3. Februar 1923 iſt der 2. Hauptmann, Herrn Auguſt Scheidt, ein langjähriges treues Mitglied, zurückgetreten. An deſſen Stelle wurde Herr Karl Burggraf gewählt. Im Kriegsjahr 1918 im April iſt in der Scheune des Auguſt Arheidt und Jakob Schaber Feuer ausgebrochen, welchem dieſelbe zum Opfer fiel, und nur durch das raſche Eingreifen der Wehr konnte weiterer Schaden verhütet werden. Am 39. Juni 1920 hat in der Munitionsfabrik Grötzingen eine Exzploſion des Pulverhauſes ſtattgefunden, wobei die Feuerwehr in Tätigkeit trat. Mitgliederſtand am 1. Januar 1923: aktive Wehrmänner 116, paſſive Mitglieder 127. An Gerxätſchaften ſteht der Wehr von der Gemeinde zur Verfügung: 1. eine mechaniſche Magirus-Leiter R d; 2. eine freiſtehende Ausziehleiter; 3. eine Saug- und Druckſpritze; ö ein ſihe h ſhleden It 16, Mt je 5 dll nl . ſohie nds befinde ylltde Comm tete elſten iz die ſthut 209 4. eine Druckſpritze; 5. zwei Hydrantenwagen; 6. doppelte und ein: fache Hydrantenaufſätze; 7. ein Geiſtgreifer; 8. ſechs Aexte; 9. verſchiedene Leitern. Frauenverein. Der Gründungstag des Frauenvereins iſt der 16. Oktober 1892. Er fing mit etwa 80 Mitgliedern an, eine Zahl, die 25 Jahre ſpäter auf 700 geſtiegen war. Die Organiſation, die der neue Verein ſich gab, war die gleiche, wie in allen anderen badiſchen Frauenvereinen. Die Geſchäfte werden von einer Präſidentin geleitet. Ihr zur Seite ſteht eine Anzahl Vorſtandsfrauen ſowie ein oder mehrere männliche Beiräte. Ueber die erſte Vorſtandswahl gibt folgendes Protokoll Aufſchluß, das ſich bei den Akten befindet: Zur Verwaltung des heute gegründeten Frauenvereins wurden mit Stimmenmehrheit gewählt: als Beirat Herr Pfarrer Cammerer, als Vorſteherin Frau Bürgermeiſter Jordan, als Vertreterin der Vorſteherin Frau Fabrikant Fießler. Als Verwaltungsratsmitglieder: Frau Fabrikant Fießler, Frau Andreas Vögtle, Frau Chriſtian Walther, Frau Leopold Lang, Frau Heinrich Herbold, Frau Heinrich Möſſinger, Frau Gottlieb Wagner, Frau Wilhelm Hahn, Frau Jakob Friedrich Benz, Frau Jakob Schmidt, Frau Johann Arheidt. Welches waren nun die Erſtlingsaufgaben, die ſich unſer Verein vorgeſetzt hatte? Zunächſt wollte der Verein nur die Lehrerinnen der Induſtrieſchule bei Erteilung des Unterrichts unterſtützen und der Kleinkinderſchule ſeine Hilfe zuteil werden laſſen. Schon im erſten Winter ſeines Beſtehens veranſtaltete er aber des Weiteren einen Flickkurs für ſchulentlaſſene Mädchen und zog die Unterſtützung bedürftiger Kranken in den Kreis ſeiner Arbeit ein. All dieſen Zwecken iſt er bis zur Stunde treu geblieben. Die Vorſtandsfrauen helfen mit bei Beaufſichtigung und Prüfung der Induſtrieſchule. Die Kinderſchule erhält von ihm alljährlich ein Weihnachtsgeſchenk. Die Flickkurſe wurden allwinterlich noch bis in die Kriegszeit hinein gehalten. Ein Kochkurs ſollte gleichfalls ſchon im Winter 1892793 veranſtaltet werden. Doch konnte er mangels genügender Teilnehmerzahl nicht zur Ausführung kommen. Im Mai 1893, alſo ein halbes Jahr nach ſeiner Gründung, ſtellte der Verein beim Vorſtand in Karlsruhe den Antrag, in den Landesverband badiſcher Frauenvereine aufgenommen zu werden. Seinem Antrag wurde bereitwilligſt entſprochen. Unter dem 4. September 1893 erging an ihn folgendes Schreiben:„Wir beehren uns, Sie hiermit ergebenſt in Kenntnis zu ſetzen, daß durch Beſchluß des Zentralkomitees mit allerhöchſter Genehmigung Ihrer König: lichen Hoheit der Großherzogin, unſerer hohen Protektorin, der dortige Verein als Zweigverein in den Landesverband aufgenommen worden iſt. Derſelbe erwirbt damit die Körperſchaftsrechte, insbeſondere 14 210 das Recht zur Erwerbung, Verpfändung und Veräußerung von Liegenſchaften auf ſeinen Namen, ſowie die Befreiung von Liegen: ſchafts,, Erbſchafts- und Schenkungsakziſen. Endlich freuen wir uns, Ihnen die angenehme Mitteilung bringen zu dürfen, daß Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin ſich gnädigſt bewogen gefunden hat, dem dortigen Verein zur Erleichterung der erſten Einrichtung aus allerhöchſter Handkaſſe eine Beihilfe von 50 Mark zu gewähren.“ Damit war die Organiſation unſeres Vereins zum Abſchluß gelangt, und er konnte nun an den langſamen Ausbau feiner Arbeit gehen. Die Mittel hierzu floſſen ihm aus Beiträgen ſeiner Mitglieder zu, die anfänglich 50 Pfennig im Vierteljahr und ſpäter 20 Pfennig im Monat betrugen. Eine den Mitteln entſprechende Erweiterung der Arbeit lag auch im Intereſſe des Vereins und ſeines Eingangs in weitere Kreiſe unſerer Gemeinde. Von winterlichen Flickkurſen und gelegentlichen Unterſtützungen an Arme und Kranke kann ein Verein auf die Dauer nicht leben. Will er Boden gewinnen und ſich ganz von ſelber feinen Weg bahnen, ſof muß er ein Arbeitsziel ins Auge faſſen, das von einem großen Teil der Geſamtheit unmittelbar als notwendig und heilſam erkannt wird und an deſſen Exreichung möglichſt viele Gemeindeangehörige ein fühlbares Intereſſe haben. Was konnte in dieſer Beziehung aber mehr in Betracht kommen els die Inangriffnahme einer geordneten Krankenpflege? Gewiß ſind nicht alle Gemeinden von vornherein von der Notwendigkeit einer ſolchen überzeugt. Die Anregung auf Beſtellung einer Kran kenſchweſter begegnete anfänglich vielfach der Einrede: Das habe man bisher doch auch nicht gehabt, und es ſei auch gegangen. Dieſer Einwand iſt natürlich nicht ſtichhaltig. Für die praktiſche Ausführung des Gedankens der Kranken— pflege boten ſich dem Verein zwei Wege. Er konnte ſich an eines unſerer Diakoniſſenhäuſer wenden um Ueberlaſſung einer Schweſter, er konnte auch zu dem Inſtitut der ſog. Landkrankenpfleg-rin greifen, wonach eine geeignete Perſon aus der eigenen Gemeinde ſich in der Krankenpflege ausbilden ließ und ihre Kraft dann dem Verein zur Verfügung ſtellte. Unſer Verein wählte dieſen letzt- ven Weg. Unter dem 15. Januar 1896 verpflichtete ſich Luiſe Scheidt von hier, ſich im Diakoniſſenhauſe in Karlsruhe in der Kranken pflege ausbilden zu laſſen und dann ihre Dienſte der Gemeinde Grötzingen zu widmen. Zugleich mit der Errichtung der Kranken— pflegeſtation wurde auch die Anſchaffung der nötigſten Krankengeräte vollzogen. Die Vermehrung der hieſigen Einwohnerzahl brachte es mit ſich, daß ſchon nach wenigen Jahren eine einzige Schweſternkraft nicht mehr ausreichte. Der Vorſtand des Vereins wandte ſich darum an das Diakoniſſenhaus Karlsruhe mit der Bitte, eine Diakoniſſe 218 als zweite Krankenſchweſter zuzuweiſen. Dieſe Zuweiſung erfolgte im Sommer 1904. Die Mitglieder des Vereins erhielten die Dienſte der Schweſtern frei. Nichtmitglieder zahlten für einen Schweſterngang bei Tag 40 Pfennig, bei Nacht 1 Mark. Unter beſonderer Förderung der Großherzogin Luiſe ſetzte in unſerm Land eine zielbewußte Bekämpfung der Tuberkuloſe ein. Auch der hieſige Verein hat auf dieſem Gebiet mitgewirkt. In verſchiedenen Vorträgen— einmal mit Lichtbildern— wurde Aufklärung gegeben über das Weſen der Tuberkuloſe, ihre Verbreitungs—möglichkeit und über vorbeugende Maßnahmen. In einzelnen Fällen gelang es auch dem Verein, unverſicherten Perſonen mit Hilfe des Landestuberkuloſenausſchuſſes Unterbringung in einer Heilanſtalt zu erwirken. Auch das vom Badiſchen Frauenverein unterhaltene Kinder: ſolbad in Dürrheim wurde wiederholt hieſigen Kindern, die ſich einer Solbadkur unterziehen ſollten, zugänglich gemacht. Zu den Koſten leiſtete der Verein im Bedarfsfall jeweils einen namhaften Zuſchuß. Neben der Krankenpflege war es die Hauswirtſchaft, die unſer Verein zu fördern ſich bemüht hat. Es galt hier vor allen Dingen, den Mädchen diejenigen Kenntniſſe zu vermitteln, die ſie ſpäter in ihrem Berufe als Hausfrauen fo notwendig brauchen. Eine Haus— frau, die nicht kochen und eine Mutter, die nicht ſtopfen und flicken kann, macht eine ſchlechte Figur. Der erſte Kochkurs fand— von Fräulein Jordan gehalten— im Winter 189798 ſtatt, und von da ah wurden die Kurſe all— winterlich gehalten. In manchen Jahren waren die Meldungen ſo zahlreich, daß Mittags- und Abendkurſe eingerichtet werden mußten. Die Kurſe fanden jeweils im Schloſſe ſtatt, wo die Familie Fickentſcher dem Verein die Räumlichkeiten unentgeltlich zur Ver— fügung ſtellte. Die Zeit des Kochkurſes betrug ſechs Wochen. Die abſchließende Kochprüfung— gewöhnlich in Verbindung mit dem Spinnfeſt— bildete jeweils einen feſtlichen Höhepunkt im Jahres leben des Vereins. Einem ſolchen Feſt— im Jahre 1901— wohnte auch die Großherzogin Luiſe bei. Zur Hauswirtſchaft gehört neben dem Kochen beſonders das Flicken. Unter Leitung zweier hieſiger Frauen ließ darum der Verein in jedem Winter einen Flickkurs halten, wozu die Gemeinde jeweils einen Schulſaal überließ. Die Darſtellung der hauswirtſchaftlichen Arbeit wäre unvoll= ſtändig, wollten wir nicht auch der Spinnabende gedenken, die doch immer eine{fo große Anziehung ausübten. Man fühlte ſich in Groß: mutters Zeit zurückverſetzt, wenn man den Saal betrat, wo die Rädchen ſurrten und flinke Hände die Fäden zogen. Es hat ſich dabei niemand eingebildet, die Hausſpinnerei wieder allgemein einzuführen und das Rad der Zeit um 50 Jahre zurückzudrehen. 14° Aber manche Frau war doch ſtolz, auf dieſe Weiſe ein Stück Selbſtgeſponnenes ins Haus zu bekommen, das einſt noch in den Händen der Kinder ſein wird, wenn das im Laden Gekaufte längſt in Fetzen gegangen ſein wird. Wenn zum Schluß des Winters das Spinnfeſt ſtattfand und die Preiſe verteilt wurden und in das Surren der Rädchen die munteren Spinnlieder ſich miſchten, dann gelobte ſich manche Teilnehmerin, die Spinnerei auch künftig hochzuhalten und in manchem hieſigen Haus iſt der ſeinerzeit errungene erſte Preis, ein Spinnrad, geſtiftet von der Großherzogin, eine ſchöne Erinnerung, auf die einſt Kinder und Enkel noch ſtolz ſein werden. Der Krieg fügte den alten Aufgaben neue hinzu. Alles, was mit dem Roten Kreuz zuſammenhing, ging durch den Frauenverein. In den unvergeßlichen Auguſttagen 1914 erließ er einen Aufruf an die hieſige Einwohnerſchaft, in dem um Gaben für das Rote Kreuz und die örtliche Hilfsaktion, das heißt freie Unterſtützung bedürftiger Familien von Ausmarſchierten gebeten wurde. Für 1854 M wurden Stoffe und Wolle gekauft und— zu Soldatenwäſche verarbeitet teils an den Landesverein vom Roten Kreuz abgeliefert, teils an hieſige Ausmarſchierte direkt abgegeben. Für die Zwecke der örtlichen Hilfsaktion wurden 1945 M verwendet, womit hieſige bedürftige Familien teils in bar, teils durch Anweiſung von Naturalien unterſtützt wurden. Auch den eigenartigen Verhältniſſen, die der Krieg auf dem Gebiet der Hauswirtſchaft geſchaffen hat, ſuchte der Verein zu dienen. In mehreren Vorträgen gab er feinen Mitgliedern Anregung, wie ſich die Hausfrau in Küche und Garten auf die Kriegsverhältniſſe einſtellen könne. Kurſe über häusliche Schuhfertigung und über Strumpfflickerei vermittelten auf dieſen Ge— bieten dankenswerte Fertigkeiten.. Seit langem trug ſich der Verein mit dem Gedanken, in den Beſitz eines eigenen Heimes zu kommen. Um in dieſer Sache wenigſtens einen grundlegenden Anfang zu machen, trat der Verein im Jahre 1914 mit dem Gemeinderat in Unterhandlung, um das der Gemeinde gehörige, neben dem Friedhof gelegene Grundſtück als künftigen Bauplatz zu erwerben. Die Verhandlungen führten zu dem gewünſchten Ergebnis; der Platz im Maßgehalt von 18,90 Ar ang um den Betrag von 3000 M in den Beſitz des Frauenvereins über. Die Feier des 25jährigen Beſtehens am 3. Dezember 1917 geſtaltete ſich zu einer ſchönen Kundgebung, kriegsmäßig ernſt zwar und ſchlicht, aber doch durchweht vom Dank für das, was der Verein aus kleinen Anfängen heraus geworden iſt, und getragen von dem Entſchluß, ſeinem Banner auch künftig tätige Treue zu beweiſen. Der Vorſtand des badiſchen Frauenvereins, der Gemeinderat und Kirchengemeinderat hatten ihre Glückwünſche ausgeſprochen. Von der Protektorin badiſcher Frauenvereine, der Großherzogin Luiſe, war folgendes Schreiben eingegangen: Es iſt zu meiner Kenntnis 9———— 213 gelangt, daß der Frauenverein Grötzingen am 3. Dezember die Feier ſeines 25jährigen Beſtehens begehen wird. Mit aufrichtiger Freude ergreife ich dieſe Gelegenheit, um dem Verein meine her— lichen Glück und Segenswünſche zu dieſem Tage auszuſprechen. Ich gedenke mit beſonderer Dankbarkeit der unermüdlichen Wirk— ſamkeit, welche der Verein im Laufe dieſer langen Jahre bewährt und der guten Ergebniſſe, die er auf allen Gebieten der Wohltätig— keit in reichem Maße erzielt hat. Zum Zeichen meiner beſonderen Anerkennung bitte ich, mein beifolgendes Bild für den Verein entgegennehmen zu wollen. Möge der Segen des Allmächtigen mit Ihnen allen ſtets auch fernerhin und namentlich in dieſer ernſten Zeit ſein. Karlsruhe, 1. Dezember 1917. Luiſe, Großherzogin von Baden. Geſchichte der Sozialdemokratiſchen Partei Grötzingen. Mit der Induſtrialiſierung Deutſchlands entwickelte ſich, trotz der Niederlage, die die Demokratie 1848 erlitten hat, die Sozial: demokratiſche Partei Deutſchlands. Nun hegann die Periode des organiſatoriſchen, agitatoriſchen und raſtloſen wiſſenſchaftlichen Strebens. In den Reichstagswahlen 1877 waren es in Grötzingen 3 Stimmen. Während des Sozialiſtengeſetzes war Durlach ein Herd ſozialiſtiſcher Agitatoren, von dort aus wurde das Pfinztal mit Hilfe etlicher Grötzinger bearbeitet und reichlich mit Agitationsmaterial belegt. Bei Nacht und Nebel mußte die Arbeit verrichtet werden, um nicht in die Klauen der Polizei zu kommen. Nach dem Fall des Geſetzes im Jahre 1899 konnte überall ein rieſiges Arbeitsquantum geleiſtet werden. In freundſchaftlicher Aufopferungsfähigkeit, wie die Geſchichte Grötzingens nur vereinzelt aufzuweiſen haben dürfte, gingen Männer ans Werk und gründeten im Jahre 1893 einen Sozialdemokratiſchen Wahlverein unter dem Vorſitz des Schuhmachers Karl Geiſt. Damit war alſo eine Stätte geſchaffen, die erſte in Grötzingen, wo man ſich organiſatoriſch bilden und politiſch ausſprechen konnte. Schon im gleichen Jahre der Gründung 1895 konn—ten bei einer Bürgerausſchußwahl die Sozialdemokraten in Grötzingen mit ſechs Vertretern in das Rathausparlament einziehen. Sie arbeiteten mit, um das Anſehen der Gemeinde in kultureller Be: ziehung auf die Höhe zu bringen. Da mußten allerdings gewaltige politiſche Kämpfe geführt werden, um den Konſervatismus der Grötzinger zu brechen. Im Jahre 1905 wurde Heinrich Kurz als Kandidat zur Landtagswahl aufgeſtellt und erhielt in Grötzingen 396 Stimmen, im Bezirk Durlach Land 1674. Kurz kam mit dem Konſervativen Reiff-Söllingen in Stichwahl, wobei Kurz unterlag. In Grötzingen erhielt Kurz bei der Stichwahl 475 Stimmen. Im November desſelben Jahres fand die Bürgerausſchußwahl ſtatt, wo unter 60 Mandaten der Sozialdemokratie 28 Mandate zufielen. Am 13. Dezember 1906 wurde infolge der Ablehnung des Kolonialetats der Reichstag aufgelöft, am 25. Januar 1907 fanden die Neuwahlen ſtatt, wobei der Abgeordnete der Sozialdemokratie 443 Stimmen erhielt. Zum zweiten Mal war das badiſche Volk berufen, am 21. Oktober 1909 durch direkte und geheime Wahl die Abgeordneten zur Zweiten Kammer zu wählen. Heinrich Kurz wurde für die Sozialdemokraten als Kandidat beſtimmt. Er erhielt in Grötzingen von 724 Wahlberechtigten 484 Stimmen. In der Stichwahl wurde Kurz mit großer Mehrheit in den Landtag gewählt, dem er heute noch angehört. Schon im Jahre 1904 wurden Frauenverſammlungen der Sozialdemokratiſchen Partei abgehalten mit den Themen: Frauenwahlrecht, Frauenbewegung, Sozialverſicherung uſw. Nebenbei brachte die ſozialdemokratiſche Partei das Lichtbild nach Grötzingen. Schon in den Jahren 1894 wurden Vorträge gehalten. Im Jahre 1911 wurden bei der Bürgerausſchußwahl 32 Sozialdemokraten, 19 Fortſchrittler und 6 Konſervative gewählt. Im Jahre 1912 fand Reichstagswahl ſtatt, in Grötzingen wurden für den Sozialdemokraten Trinks 509 Stimmen abgegeben. Bei der Landtagswahl 1913 erhielt Kurz 491 Stimmen. Bei der Stichwahl 580 Stimmen für Kurz. Die Partei zählte vor dem Kriege 164 Mitglieder unter dem Vorſtand H. Kurz. 16 Genoſſen fanden im Weltkrieg ihren Tod. Das Jahr 1918 brachte uns die gewaltige Niederlage, aber in der Partei einen ſchönen Aufſchwung. Am H. Januar 1915 bei der Landtagswahl wurden in Grötzingen für die Sozialdemokratie 1048 Stimmen abgegeben, am 19. Januar zur Reichstagswahl 1124 Stimmen. Bei der Bürgerausſchußwahl 1919 auf die Vorſchlagsliſte der Sozialdemokratiſchen Partei 485, gleich 19 Mandate, Bürgervereinigung 365 Stimmen gleich 14 Mandate, Demokraten 276 Stimmen gleich 10 Mandate, Unabhängige Sozialdemokratiſche Partei 145 gleich 5 Mandate, zuſammen 48 Mandate. Bei dem Kapp⸗-Putſch war die Partei außerordentlich ſtark in die Abwehr getreten, die Genoſſen ſtellten ſich bereitwillig auf die Seite der Regierung. Die Maifeiern wurden allgemein wieder eingeführt. In großen Hemonſtrationszügen wurde der Ort durcheilt. Dies waren immer impoſante Kundgebungen für Grötzingen. Im Jahre 1921 wurde durch den Schriftführer der Partei, Ludwig Scheidt, ein Arbeiterjugendverein ins Leben gerufen mit dem Zweck und Ziel, die Jugend im ſozialiſtiſchen Sinne zu erziehen. Bei der Reichs= tagswahl erhielt die Partei 765 Stimmen im Jahre 1920. Das Jahr 1919 brachte uns die Bürgermeiſterwahl. Karl Jäck wurde von der Partei als Kandidat beſtimmt, ein Reſultat wurde nicht erzielt, die Wahl ging ergebnislos aus, da keine abſolute Mehrheit erreicht wurde. Karl Jäck wurde vom Miniſterium des Innern auf zwei Jahre eingeſetzt. Im Jahre 1922 wurde wiederum zur Wahl geſchritten. Jäck erhielt diesmal 33, ſein Gegner 23 Stimmen. Das Jahr 1921 brachte die Landtagswahl, wo Kurz 1048 Stimmen erhielt. Kurz wurde wieder gewählt. Das Jahr 1922 brachte der Partei wieder die Mehrheit im Ortsparlament, 25 Bürgerausſchußmitglieder 215 und 4 Gemeinderäte, Chriſtoph Hafner, Stutz Ludwig, Kurz Heinreich, Benz Friedrich. So hat die Partei im Laufe der Zeit mitgearbeitet in der Gemeinde zum Segen der Allgemeinheit. Demokratiſche Partei. Die erſten Anfänge dieſer Partei reichen eigentlich zurück in die Jahre 1848/49, wo die ſchwarz-rot goldenen Farben der Fahne des Geſangvereins Eintracht Ausdruck großdeutſcher und freiheitlicher Geſinnung gaben. Die Reaktion unterdrückte aber auch dieſe Regungen. Erſt im Jahre 1908 faßte der demokratiſche Gedanke organiſatoriſche Geſtalt in Grötzingen, wo nach einer öffentlichen Verſammlung im Bären der Student Heinrich Dietrich den Wunſch ausſprach, in Grötzingen einen demokratiſchen Verein zu gründen. Unter Leitung von Leo Metzger, Jakob Siegele, Bahnaſſiſtent Vollmer und Barth, Hauptlehrer Heck mann, Adolf Mößner uſw. entwickelte ſich der Verein raſch. In den Gemeindewahlen errang die demokratiſche Partei ſeither immer ſchöne Erfolge. Methodiſten⸗ Gemeinde. Die Gemeinde wurde gegründet im Jahre 1862 von Herrn Prediger Chriſtian Raith von Pforzheim Die Verſammlungen wurden zu Anfang bei Freunden unſerer Sache gehalten. Der Werdegang unſeres Werkes war durch Raummangel immer behindert. Wir hatten auch immer eine gut beſuchte Sonntagsſchule aller Stände. Unſere Sonntagsſchulfeſte ſowie andere Feſtlichkeiten der Gemeinde mußten wir in Wirtſchaftsſälen abhalten. Unſer Werk war bis zum Jahre 1916 immer noch in be ſcheidenem Umfange. Aus der Sonntagsſchule entwickelte ſich nach. und nach ein Jugendbund, was uns veranlaßte, nach einem größeren Raum Umſchau zu halten. In uns wurde der Wunſch wach, eine Kapelle zu bauen. Während dieſer Verhandlungen wurde uns das. Gaſthaus zur Kanne angeboten, welches dann im März 1922 zum Preiſe von 215 000 Mark käuflich erworben wurde unter unſerem Aufſichtsprediger Herrn Aug. Rücker⸗Karlsruhe. Nach Renovierung des Gebäudes wurde es am 6. Auguſt 1922 unter dem Namen: Gemeindehaus der Methodiſten-Kirche eingeweiht. Zurzeit beſteht unſere Gemeinde aus 35 Mitgliedern, der Jugendbund aus 56 Mitgliedern, unſere Sonntagsſchule wird von 136 Schülern beſucht, der Jugendbund gliedert ſich wiederum in einen. Gemiſchten Chor, Männerchor, Miſſions-Verein und Blau⸗Kreuz 216 IX. Verſchiedenes. Gemeinderat im Jahre 1923, zarl Jäck, Bürgermeiſter, Friedrich Benz, Guſtav Burſt, Chriſt. Hafner, Heinrich Krieger, Heinrich Kurz, Hermann Lemke, Franz Scheidt, Ludwig Richard Stutz. Bürgerausſchuß im Jahre 1923. Martin Arheit, Fabrikarbeiter, Auguſt Arheit, Bohrer, Frdr, Ludwig Arheit, Zimmermeiſter, Paula Bilherz, Klavierlehrerin, Heinrich Barth, Eiſenbahnoberſekretär, Karl Benz, Dreher, Chriſtian Burſt, Glaſermeiſter, Fritz Burſt, Kaufmann, Otto Daubenberger, Kaſſenbote, Wilhelm Dreier, Schleifer, Wilh. Jakob Dopf, Maurer, Heinrich Drollinger, Verwe⸗Gehilfe, Karl Friedrich Ehrler, Anreißer, Friedrich Ehrenfried, Obermaſchiniſt, Friedrich Erb, Schloſſer, Otto Fikentſcher, Kunſtmaler, Guſtap Fiſcher, Zimmermann, Frdr. Gerhard, Schriftſetzer, Otto Gilbert, Hauptlehrer, Karl Geiſt, Fabrik— arbeiter, Ludwig Herbold, Dreher, Chriſtian Herbold, Schmiede: meiſter, Jakob Herbold, Landwirt, Chriſtoph Heim, Landwirt, Leo— pold Hofmann, Landwirt, Gottfried Klein, Rektor a. D., Friedrich Kurz, Werkſchreiber, Ludwig Wilhelm Kumm, Bürogehilfe, Auguſt Kunzmann, Maſchinenarbeiter, Karl Kunzmann, Werkmeiſter, Chriſt. Kunzmann, Polier, Chriſtian Lächler, Malermeiſter, Ludwig Lach: mann, Fabrikarbeiter, Friedrich Möſſinger, Bautechniker, Adolf Mößner, Schloſſer, Friedrich Kar! Müller, Fabrikarbeiter, Ludwig Müller, Schloſſer, Stefan Müller, Landwirt, Karl Rohrhurſt, Schloſſer, Jakob Ruhland, Polier, Peter Sand, Former, Jakob Siegriſt, Landwirt, Guſtav Siegriſt, Arbeiter, Heinrich Scheidt, Zimmermann, Ludwig Scheidt, Dreher, Friedrich Wackerhauſen, Auguſt Ludwig Voltz, Fabrikarbeiter, Herm. Zoller, Fabrikarbeiter. Gemeindebeamte im Jahre 1923. Karl Jäck, Bürgermeiſter, Ludwig Kurz, Ortsbaumeiſter, Lud= wig Kurz, Ratſchreiber und Grundbuchbeamter, Karl Klemke, Ratſchreiber Il, Jakob Bender, Gemeinderechner, Emil Audin, Rohrmeiſter, Auguſt Stutz, Ortsdiener, Rudolf Jordan, Ortsdiener, Adam Scheidt, Ortsdiener, Guſtav Siegriſt, Schuldiener, Friedrich DO——————— 217 Arheidt, Feldhüter, Karl Kirſchbaum, Feldhüter, Karl Füßler, Feld— hüter, Chriſtoph Heidt, Waldmeiſter, Nikolaus Scheidt, Forſtwart, Joſef Einloth, Waldhüter, Karl Götz, Farrenwärter, Chriſt. Bender, Waiſenrat, Magd. Schnäbele, Hebamme, Chriſtine Becker, Hebamme, Karl Gebhard, Sparkaſſenrechner, Ludwig Kumm, Kanzleigehilfe. Bürgermeiſter· Verzeichnis. Vogt Kern 18111817, Vogt Kurtz 1818— Juni 1832, Reichard Wagner Juli 1832 Juni 1844, Chriſt. Krieger Juli 1844 März 1349, Johann Waltz April 1849—– September 1849, Ludwig Schmidt Oktober 1849— Juli 1864, Friedrich Kurzmann Auguſt 1864 bis April 1867, Chriſtoph Wagner Mai 1867— 1882, Jakob Chriſtoph Krieger 1883— Juni 1888, Chriſtoph Wagner Juli 1888— Juni 1890, Reichard Jordan Juli 1890— Juli 1897, Gottlieb Wagner Auguſt 1897— Februar 1916, Guſtav Kaufmann Auguſt 19165 bis 25. Juli 1919, Karl Jäck 1. Auguſt 1919. Kirchengemeinderat im Jahre 1923. Ludwig Arheidt, Landwirt, Jak. Scheidt, Polier, Jak. Bender, Gemeinderechner, Heinrich Vortiſch, Werkmeiſter, Karl Doll, Kreis— baumwart, Chriſtian Jordan, Privatmann, Ludwig Kurz, Ratſchreiber, Auguſt Scheidt, Hobler, Lwudw. Henninger, Sberingenieur, Ehriſtoph Heim, Landwirt. Der enangeliſche Kirchengemeindeausſchuß im Jahre 1923. Jakob Stutz, Kaufmann, Auguſt Walther, Meiſter, Wilhelm Herbold, Bahnarbeiter, Friedrich Arheidt, Küfer, Ludwig Idler, Rektor a. D., Chriſtian Bender, Landwirt, Ludwig Stutz, Landwirt, Jakob Friedrich Schaber, Landwirt, Karl Schmidt, Fabrikarbeiter, Jakob Chriſtian Müller, Bahnarbeiter, Friedrich Fießler, Fabrikant, Karl Klemke, Ratſchreiber, Rudolf Kunzmann, Schuhmachermeiſter, Jakob Mößinger, Maurermeiſter, Franz Mühlſtädter, Meiſter, Chriſtian Burſt, Landwirt, Friedrich Schmidt, Kaufmann, Jonas Jordan, Schmiedemeiſter, Johann Friedrich Arheidt, Zimmermann, Jakob Siegriſt, Fuhrunternehmer, Heinrich Volz, Dreher, Jakob Herbold, Landwirt, Karl Burſt, Hilfsarbeiter, Chriſtof Stutz, Landwirt, Chriſtian Arheidt, Landwirt, Heinrich Daubenberger, Heizer, Karl Burſt, Phil. Jak. Sohn, Landwirt, Johann Köhl, Metzger, Karl Friedrich Benz, Oelmüller, Guſtav Stolzenberger, Kaufmann, Chriſt. Philipp Kurz, Fabrikarbeiter, Aug. Sand, Kaufmann, Max Jordan, Tiefbauunternehmer, Guſt. Müller, Fabrikarbeiter, Heinr. Krieger, Siehmachermeiſter, Wilhelm Schaber, Landwirt, Chriſtof Heidt, Waldmeiſter, Auguſt Arheidt, Wagner, Franz Friedrich Kurz, Land= wirt, Karl Friedrich Arheidt, Landwirt, Auguſt Krieger, Hafner, 218 Auguſt Fiſcher, Fabrikarbeiter, Karl Stutz, Modelljdhreiner, Otto Lindenfelfer, Schloſſer, Gottlieb Ehrler, Mechaniker, Heinr. Kubach, Hauptlehrer, Chriſtian Herbold, Landwirt, Stuhlmüller, Eiſen= bahninſpektor. Pfarrer in Grötzingen. 1621— 1636 Joh. Maier, 1636—1672 Sam. Rotenbach, 1672 bis 1673 J. Wendel Schütz, 1673— 1692 Valentin Floß, 1692 his 1698 kein Pfarrer, 1698 1710 J. Hartm. Bechtold, 1719— 1712 Chriſtoph Zandt, i712— 1714 J. Laurentius Hölzlin, 1714 1721 N. Weyhaubt, 1721— 1722 Alex. Döderlein, 1122 1725 J. Dietr. Bohm, 725- 1729 J. Laurentius Maurer, 1129-1748 M. Andr. Schaber, 1748-1764 Andr. Laurentius Mayer, 1764-17758 K. Sievert, 1776— 1786 J. Gottfried Tulla, 1786-= 1791 3. Balthaſar Herbſter, 1791— 1797 Ernſt Philipp Holzhauer, 1797 1831 J. Gg. Engelhard Dürr, 1831—= 1839 Friedr. Ernſt, 1839— 1849 Fr. Koch, 1840— 1866 C. Wallraff, 1866— 1869 kein Pfarrer, 1869 1901 Wilhelm Theodor Cammerer, 1902-1911 Wilhelm Geiger, 1911— Emil Hofheinz. Kriegerdenkmal. Inſchriftentafeln. Tafel 1(Nordweſtſeite); Die Gemeinde und der Militärverein Grötzingen ihren tapferen Kriegern 1870/71. Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur An erkennung, den künftigen Geſchlechtern zur Nacheiferung. Tafel 2 (Nordoſtſeite)h: Straßburg, Etival, Diſchon, Nuits, Belfort. Tafel 3 (Südoftfeite): Den Heldentod für das Vaterland find geſtorben: Karl Adam, Auguſt Heidt, Friedrich Heidt, Wilhelm Hofmann, Chriſtian Schumacher, Johann Jakob Wagner, Johann J. Wagner, Chriſtian Ch. S. Zoller. Am Kriege gegen Frankreich haben teil= genommen: Chriſtian Franz Arheidt, Heinrich Arheidt, Chriſtoph Becker, Auguſt Burſt, Ehriſtian Burſt, Jakob Wilhelm Burſt, Leonh. Burſt, Zacharias Burſt, Jakob Burggraf, Chriſtian Daubenberger, Chr. Fr. Daubenberger, Jakob Daubenberger, Joh. M. Daubenberger, Auguſt Dopf, G. Ehrler, Franz Füßler, C. Fr. Fießler, Karl Geiſt, Karl Haas, Joh. Nik. Heidt, Jak. Friedr. Heidt, Jokab Herbold, Jakob Henninger, Chriſtian Henninger, Hermann Huber, Joh. Keppler, Guſtav Kern, Jakob Friedrich Klenert, Chriſtoph Kunz— mann, Chriſtof Kurz, Philipp Maier, Karl Müller, Jakob Mößner, Wilhelm Perſner, Hermann Reichenbacher, Karl Ruf, Jakob Ruhland, Ludwig Schaber, Adam Scheidt, Daniel Scheidt, Chriſt. Scheidt Nr. 5, Nikolaus Scheidt, Ch. Scheidt, Auguſt Schmidt, Chriſtian Schumacher, Jakob Stutz, Jakob Volz, Karl Volz, Franz Wagner, Karl Wagner, Karl Walther, Philipp Walther, Chriſtian Zoller. Tafel 4(Südoſtſeite): Wörth, Sedan, Metz, Orleans, Paris. ss. © —— 4——— ö—— RA—— — FE ADD ze 219 Den Tod für ihr Vaterland fanden im Weltkrieg 19144 1918. Ludwig Arheidt, Adolf Burſt, Karl Friedrich Kumm, Wilhelm Arheidt, Adolf Kurz, Wilhelm Schweitzer, Adolf Wilhelm Stöckler, Friedrich Mößner, Auguſt Dopf, Adolf Karl Doll, Richard Burggraf, Hans von Lücken, Karl Friedrich Zoller, Chriſtoph Jak. Stutz Erwin Robert Friedrich Härter, Friedrich Martin Scheidt, Karl Bühler, Albert Vortiſch, Hermann Schäfer, Heinrich Weiß, Chriſtoph Heinrich Rothweiler, Jakob Samuel Daubenberger, Adolf Philipp Müller, Joſeph Kilburg, Friedrich Karl Zinloth, Chriſtian Krieger, Ernſt Uhrig, Heinrich Heidt, Guſtav Heinrich Müller, Auguſt Frdr. Dengel, Richard Arheit, Johann Heinrich Eſaias, Auguſt Siegriſt— Guſtav Jakob Scheidt, Richard Schmidt, Guſtav Arheidt, Franz Joſ. Schaber, Wilhelm Friedrich Fäſer, Anton Wagner, Karl Jakob Hofmann, Leopold Dehm, Hermann Arheit, Adolf Zoller, Auguſt Volz, Heinrich Stutz, Emil Auguſt Kumm, Franz Ludwig Füßler, Ludwig Kurz, Guſtav Jakob Gauß, Albert Dittes, Heinrich Kunzmann, Karl Friedrich Dopf, Leopold Walz, Auguſt Roßwag, Emil Häfner, Karl Ehriſtian Wagner, Heinrich Daubenberger, Wilhelm Scheidt, Jakob Dopf, Franz Fiſcher, Wilhelm Fiſcher, Ludwig Chriſtian Bender, Hermann Lemke, Stefan Auguſt Scheidt, Emil Heinrich Dittes, Gottlieb Karl Theodor Gilbert, Richard Arheit, Karl Weiß, Leopold Scheidt, Otto Arheidt, Ludwig Wilhelm Ruf, Karl Gerber, Karl Friedrich Heim, Auguſt Schmidt, Leopold Müller, Chriſtoph Schaufelberger, GuſtaJ Adolf Wagner, Otto Scheidt, Leopold Wagner, Friedrich Wilhelm Doll, Leopold Patheiger, Auguſt Hafner, Kart Dopf, Albert Friedrich Kunzmann, Oskar Franz Rahner, Julius Heinrich Ehmann, Friedrich Wilhelm Dittes, Bernhard Hermann Sixt, Friedrich Ludwig Arheidt, Emil Reinhard, Otto Heckmann, Auguſt Liebel, Friedrich Jakob Zoller, Auguſt Jakob Schalker, Otto Albert Daubenberger, Karl Martin Geiſt, Ludwig Krieger, Karl Richard Stutz, Karl Theodor Reuſch, Auguſt Heilbronner, Ernſt Leopold Gieſinger, Auguſt Gottfried Derndinger, Otto Vortiſch, Hans Hofheinz, Karl Philipp Krieger, Otto Geiſt, Gerh. Backniſch, Stefan Auguſt Kumm, Karl Schaber, Franz Leopold Daubenberger, Ernſt Gilbert, Hermann Paul Gilbert, Heinrich Siegriſt, Friedrich Chriſtoph Stahl, Guſtav Hufſchmidt, Rudolf Arheit, Karl Ludwig Arheit, Auguſt Dittes, Artur Hofmann, Karl Auguſt Wagner, Karl Auguſt Gebhard, Hermann Konrad Müller, Richard Waltz, Karl Friedrich Schnurr, Gottfried Hufſchmidt, Auguſt Friedrich Volz, Ludwig Auguſt Mößner, Richard Heidt, Wilhelm Vögtle, Karl Rettig, Friedrich Siegriſt, Stefan Stutz, Edwin Wüſthorn, Adolf Arheidt, Artur Brecht, Karl Kiefer, Max Liberles, Wolfg. Fikentſcher, Wilhelm Schiatti. Aktum Grötzingen, 13. September 1777. Nachdem viele Klagen eingetroffen, daß das verderbliche Spielen und das ſchändliche Nachtſchwärmen wieder überhandnehmen, ſo haben ſich die Orts-Vorgeſetzten mit dem Pfarramt dahier einverſtanden, beiden einreißenden Laſtern mit Nachdruck zu ſteuern und zu dem Ende 1. alle Wirte zuſammenzurufen, ſie an das Verſprechen, ſo ſie im vorigen Jahr gethan: Kein Spiel in ihren Wirtshäuſern mehr zu geſtatten, nochmals zu erinnern, und ſie neuerdings zum Gehorſam gegen die dieſerwegen von gnädigſter Landesherrſchaft erlaßenen Verordnungen anzuhalten. 2. Neun Männer, die eines guten Gerüchtes ſind, zu beſtändigen Schaarwächtern zu erwählen, welche erſtens gehalten ſein ſollen, allezeit, wenn es das Schultheißen Amt verlangt, die Wirtshäuſer außerordentlich zu viſitieren, zweitens unter ſich abwechſelnd nebſt einer Gerichtsperſon(Polizeidiener) am Sonntag um 9 Uhr Feierabend zu bieten und was ſie nach 10 Uhr noch antreffen, aufzuſchreiben und den andern Tag den Vorgeſetzten ſchriftlich anzuzeigen. Drittens ſollen ſie auch die Nebenzimmer, wenn ſie darin ein Licht gewahr werden oder vermuten, daß ſich Leute darin aufhalten, durchuchen; viertens alle, welche auf den Gaſſen nach 10 Uhr herumſchwärmen, johlen uſw. gefangen nehmen und ins Häußlein führen, zu welchem Ende(Zwecke) fie den Schlüſſel vor dem Umgang abholen ſollen; fünftens ſollen fie gehalten ſein, auch auf die Spinn⸗Stuben und verdächtigen Zuſammenkünfte der ledigen Perſonen in andern Häuſern Achtung zu geben. (Aus einem Protokoll der ſog. Kirchenzen ſur.) Mühlenvverkauf. Actum, Grötzingen, den 11. Mai 1803. Nachdem die hieſige Gemeinde durch den langwierig traurigen Krieg in ſo große Schulden geraten, daß dieſe ohne den größten Druck der Bürger ohnmöglich hätten bezahlt werden können, ſo geſchahe es, daß mehrere auf den Verkauf der Fleckens Mühle an— trugen und daß durch das höchſte Rekript vom 4. Jan. h. a. A. R. N. 104 die landesherrligſte Genehmigung hierzu erfolgte. Das hochlöbl. Oberamt Durlach hat hierauf die Verſteigerung amtlich bekannt gemacht und da in der zweiten letzhin vorgenom—= menen Verſteigerung weiter nicht als in den erſten 16 000 fl. von dem jg. Conrad Bühler geweſenen Müller zu Emmendingen von Wöſſingen gebürtig zu erlöſen geweſen, ſo wurde mit demſelben Vorbehalt engſte ratifieation in Gegenwart des hochlöbl. Oberamts, des Gemeind Vorſtandes und mehrerer Bürger abgeſchloſſen. Dieſe 221 ratification erfolgte durch das höchſt Erſuch an das O. Amt ſub dato 5ten h. A. R. N. 4420. Indeſſen gab es zwiſchen gedachtem Bühler und dem Lammwirt Nagel zu Blankenloch, welcher auch ein Mitſteigerer war, einige Irrungen, welche nach einem heute Vormittag in der Stadtſchreiberei Durlach abgehaltenen und daraufhin von Churfrſtl. hochlöbl. O. Amt beſtätigt wordenen protocoll und Vergleich dahin heigelegt worden, daß Bühler von der Mühle als Käufer abtrat und dieſelbe ihrem Lammwirt Nagel unter denen Steigerungs-Bedingnußen überließ. Heute Nachmittag nun, da ſich meldten Lammwirt Nagel durch das in originali von der Stadtſchreiberei vorgelegte vorgemeldte protocoll als der nunmehrige Käufer legitimierte und um die gerichtliche Gewährung bat iſt man von Seiten des Gerichts zuſammengetreten und hat die gerichtl. Gewährung hiehero durch mich den Gerichtsſchreiber niederſchreiben laſſen. In Gemäßheit des bei denen Steigerungen unter dem Vorſitz des hochlöbl. O. Amts, des Gerichts und des größten Teils von der Gemeinde abgehalten wordenen Protokolls wird nun ihme Lammwirt Nagel als eingetretenen Käufer gewährt.. Die der Gemeinde bisher zuſtändig geweſene von höchſter Herrſchaft zum Erblehn gehabte Mahlmühle mit zwei Mahl- und einem Gerbgang nebſt Stallung und hinten daran liegenden kleinem Gärtle mit dazu gehöriger Hofraitung auch alle und jede Mühlegerätſchaf= ten, ſodann Haus und Stallung nebſt dem Baum- Küchen- und Grasgarten, auch Hofraite dabei, ſo die Gemeinde ehemals erkaufet hat und nicht zum Erblehn gehöret, alles zuſammen einerſ. neben der Pfinzbach und anderſ. neben Friedrich Vortiſch und Heinrich Kern liegend, vorn auf die Straß am Waſſer bei der Kante und hinten auf Heinrich Kurz auch Jar. Walther Kiefer ſtoßend, überhaupt aber alles ſo wie ſolches die Gemeinde bisher innen gehabt und beſaß, lieget und ſtehet auch alles umſteint und begränzt iſt, daher insbeſondere kein Maß garantiert wird. Für und um Sechszehntauſend Gulden Reichswährung. Die Bedingungen ſind: 1. Sollen die vorhin in dem Neben⸗-Haus geweſenen GipsStampf lfürohin ceßiren, Käufer aber darf in ſolches eine Oelſchlag und Hanfreibe oder ein ander laufendes Werk jedoch letzteres nur mit vorher auszuwirkender Churfürſtl. Genehmigung einrichten. 2. Werden wie vorgedacht die Mühlengerätſchaften und das laufende Werk in den Kauf mitgegeben, ſodaß ſich Käufer um den bei Uebernahme der Mühle und den jezigen Beſtänden vorgehenden Abſtich nichts anzunehmen hat, weil das Bürgermeiſteramt demſelben das vermutliche Guthaben zu erſetzen übernimmt. 3. Muß Käufer die Erbauung und Unterhaltung des Mühlenwehrs und der Stellfall bei der Mühle, ſowie die Erbauung und 222 Unterhaltung des Abfalls oder ſogenannten Teichs oberhalb der Mühle auf ſeine Koſten übernehmen. 4. Hat Käufer alle Jahr folgend auf der Mühl haftende Abgaben zu beſtreiten näml. 5. Zur Kurfürſtl. Amtskellerei Durlach ſtatt der Mühlengült. Früchte an barem Geld— 21 fl. 2534 Rr. 6. Zur Churfürſtl. Einnehmerei daſelbſt an ordinairen Landes: koſten außer der ausgeſetzt werdenden extraordinairen Kriegsſteuern und Contribution die ſich nicht beſtimmen läßt: Fünfzehn Gulden 24 Kr, c. Dem hieſigen Armen Pfleger Zwei Sr. Kronen. d. An Hirten Pfund Früchte zum Bürgermeiſteramt oder auf Anweiſung der Vorgeſetzten dem Hirten ſelbſten, worauf mit Ablauf eines jeden Jahres mit dem Bürgermeiſteramt abzurechnen und was nicht abgegeben worden in natura vollends zu liefern oder in Geld nach dem laufenden Preis der Gemeindsbaß zu bezahlen iſt BVierundzwanzig Malter ſchwarze Frucht und Vierundzwanzig Gul den Geld. Wenn es aber ein Aeckerig giebt, ein Malter weiter ſchwarze Frucht und 1 fl. Geld. e Zur Churfürſtl. Oekonomie⸗Verwaltung Gottesauer müſſen zwei Schwein gemäſtet werden, wofür aber zur Churfürſtl. Amts: kellerei Durlach nunmehro 12 fl. bezahlt werden dürfen. f. Muß Käufer der Herrſchaft beſtändig einen Hund unterhalten und verpflegen. g. Hat derſelbe vor die Gemeinde allezeit 3 tüchtige Eber zu halten und zu verpflegen auch anzuſchaffen, zu einiger Vergütung davon aber wurde ihme und künftigen Müllern Beſitzern der bis— herige 1. Morgen Wieſen nutznießlich zum Kauf dreingegeben, welcher Platz unveränderlich bleibt. 5. Muß der Müller den hieſigen Bürgern im Mahlen ihrer Früchte jederzeit befördern. 6. Solle ſich derſelbe immer tüchtige O. Amtl. verpflichtete Mühlärzte halten. J. Darf er der Müller nicht aus dem Kaſten und auch nicht mit dem Dreiling, ſondern er muß mit dem ordinairen Maßgeſchirr und der Wanne multern. 8. Erhält Käufer vermög des Frſtl. Erblehen-Briefs vom Jahr 1757 das ihm benötigte Holz zu Waſſerrädern, Wallbäumen, zu Waſſer- und Mühlenbau auf jedesmal unterthänigſtes ſuppli= ciren von kurfſtl. Herrſchaft umſonſt das Holz zum laufenden Geſchirr aber muß höchſter Herrſchaft bezahlt werden. Die Gemeinde aber hat ihm indeſſen alles dieſes Holz mithin kein anderes in der Frohnd heimzuführen, Käufer jedoch den Fuhrleuten und anderen dazu gebraucht werdenden Perſonen einen Trunk Wein und Brod abzureichen.; 9. Hat Käufer alle Vorteile und emolumente, die ein Grötzinger Bürger kraft ſeines Bürgerrechts beziehet, gleich einem ſolchen alſo 223 ohne Ausnahme zu genießen, auch wird er Käufer ſo er will, gegen Bezahlung der gewöhnl. Taxe als wirkl. Bürger mit Frau und Kindern aufgenommen, ſolchenfalls aber hätte er nicht doppelten, ſon—dern nur einfache Bürgerabgabe und Nießung wie ein jeder Bür— ger zu empfangen. 10. Wird dem Käufer jederzeit 1 Pferdt ſowohl in Kriegs als auch in herrſchaftl. und Gemeindsfrohnden frohndfrei gelaſſen, alle weiteren ihm nötigen Pferde aber müſſen ſämtli. Frohnden ohne Ausnahme wie bei einem Bürger leiſten helfen, aller ſowohl herrſchaftl. als Gemeindsfrohndienſte ſoll der Müller frei ſein. 11. Solle dem Käufer die Mühle mit all ihren Zugehörungen auf nächſten künftigen 23ten Juli, als auf welchen Tag der Be— ſtände abtreten muß übergeben werden und er ſolche zu beziehen haben, die Gemeinde aber übernimmt, ſich mit dem Beſtänden wegen des weiteren tel Jahres abzufinden, das derſelbe vermög des Be— ſtandbriefs und bedungener jähriger Aufkündigung bis dem 23ten Okt. h. a. würde zu ſitzen und zu mahlen gehalt haben. 12. Sollen Käufern jedoch gegen genugſame Caution 3 mit 5% verzinsliche Jahrestermine als den 23te Oct. 1803, 4et 1805 zur Zahlung des Kaufſchillings geſtattet ſein, das Intereſſe aber vom Ganzen mit dem Aufzug den 23te Juli anfangen. Wollte derſelbe vor der Verfallzeit eine gewiſſe Summe abzahlen, jo müßte er dieſe. Jahr vorher anzeigen, damit man von Gemeindswegen ſoviel paſſiv capitalien aufkünden können und wegen vorheriger Nichtaufkündigung kein zu Zins zahlen dürfen. Auch will man zum Bürgermeiſteramt den 4. Teil des Kaufſchillings auf den 25ten Juli annehmen, ſoferne der Käufer von der den 7Tten hujus geſchehenen publication der churfſtl. höchſten ratifieation nach 8 Tagen die Anzeige davon bei O. Amt machen wird. 13. Wird ſich von der Gemeinde das Eigentums-Recht auf die Mühle und dero Zugehörde bis nach völliger Bezahlung des Kauf: ſchillings vorbehalten. 14. Muß Käufer alle Kaufunkoſten als: Zoll, Kaufbriefgebühren, Gewährgeld auch Steigerungskoſten ganz übernehmen, auch jedem Vorgeſetzten und Gerichtsmann ſtatt der Mahlzeit 1 fl. und jedem Bürger 1 Ms. und 2 x Brod wie es ſonſt bei Verlohnungen üblich geweſen, künftig aber durch jetzigen Verkauf ceßiret geben. 15. Wird der Gemeinde bei einem zukünftigen allenfallſigen Wiederverkauf der Mühle und deren Zugehörde, das Loſungsrecht und den Preiß wie dieſelbe würde verkauft ſein, vorbehalten, wann ſolches die Umſtände rätlich und nützlich fänden und von churfürſtl. hochpreißl. Regierung die Genehmigung erteilt werden ſollte, wie wohl. 16. Dem beigefügt wird, daß da die Mühle mit ihrer Zugehördte, ausſchließlich jedoch des zweiſtöckigen Nebenhauſes, Stall und Garten, als welche Teile die Gemeinde während ihres Beſitzſtandes dazu gekauft hat, und alſo ihr völliges Eigentum worden, ein Erb 224 lehn von höchſter Herrſchaft iſt, höchſt derſelben vorderſammſt und zwar nach art. 15 Erblehenbriefs die Ausloſung innerhalb zwei Monat nach dem Verkauf dermalen zuſtände, wenn ſich nicht höchſt⸗= dieſelbe durch das verehrl. Rent⸗Kammer Decret vom 23ten Aprill. h. a. R. C. Nr. 3952 jedoch vorbehaltlich ihrer Rechte bei künftigen Kaufscontrakten für diesmalen begeben und muß ſich Käufer innerhalb 4 Wochen um die höchſte Belehnung ſelbſten bittlich unterthänigſt melden, wo ſodann nach erhaltener Churfürſtl. höchſt derſelben Erteilung er Käufer vergewiſſert ſeyn darf, daß alle in dem Erblehn Brief vom Jahr 1757 der Gemeinde zugeſichert wordenen Bedingungen und Gexechtigkeiten werden gehalten und er dabei für ſich und feine ehelichen Leibes⸗Erben und Nachkommen, Mann und weiblichen Geſchlechts ſowie auch deren allenfallſigen Käufer werden geſchüzet werden, alſo daß er und feine Nachkommen dieſe Erblehn Mühle und was ihm dazu weiteres als Fleckens Eigentum mit verkauft worden, ungeſtört beſitzen und genießen auch wieder verkaufen dürfen, jedesmalen aber wann eine Veränderung der höchſten Lehnsherrſchaft oder des jeweiligen Beſitzers vorfallen werde, um friſche Erneuerung nachſuchen und dafür außer dem bei privat Perſonen gewöhnlichen Taz von 5 R. Thalern für Ausfertigung des Lehnbriefs und die übrig kleinen Kanzlei Taxen für Stempfel und Stempfelpapier, ſonſten aber nichts zahlen müſſen. 17. Uebernimmt die Gemeinde Art. 16 des Erblehnbriefs höchſter Herrſchaft bei jeweiligem Verkauf der Erblehn-Mühle mit 2 p. Cent gebührende Lehnsware von gegenwärtigem Verkauf zu bezahlen und wurden nach dem Extraete frſtl. Rentkammer proto— colli vom 24. Jan. 1800 R. C. Nr. 641, wo ſchon damalen ein Verkauf vorgeweſen und nicht zuſtande gekommen, zu Berechnung ſolchen laudend der Schazung-Anſchlag, welchen 400 fl. von der Mühle und 70 fl. von der Gemeinde bishero ganz eigentumlich geweſenen beſonderen Behauſung und Garten dabei iſt, pro Baſt angenommen. Dieſe vorſtehendermaßen geſchehene gerichtliche Gewährung wurde durch nachſtehende Unterſchriften beſtätigt und ſollen aus dieſer Gewährung ein Extraetus zur Churfürſtl. Stadtſchreiberei Durlach zur Ausfertigung des Kaufbriefs eingeſchickt werden. actum ut ſupra. Schultheiß⸗Amtsverweſer und Gericht: Georg Kurz, Georg Wagner, Johannes Ehrle, Michael Kern, Gott— fried Ruf, Wendel Schumacher, Chriſtoph Wagner, Georg Kern. In Fidem: Gerichtsſchreiber Schulmeiſter Frey. Der Käufer: Lammwirt Nagel. (Wir bringen hier ein Schriftſtück über den Verkauf der Grötzinger Mühle. Die darin aufgezählten Rechte und Pflichten wurden 1891 durch den Bürger ausſchuß mit Genehmigung des Bezirksamts aufgehoben) Hans Hofheinz-⸗Stiftung. (In Nr. 15 vom Dezember 1918 des Gemeinde-Boten.) 1. Die Stiftung trägt obigen Namen. 2. Sie iſt eine kirchliche und unterſteht der Verwaltung des evangeliſchen Kirchengemeinderats. 3. Ihr Grundſtock beträgt 1000 M. Zuſtiftungen können jederzeit gemacht werden. 4. Das Zinſenerträgnis iſt alljährlich auf den 2. Juni an hieſige bedürftige Witwen evangeliſcher Konfeſſion mit der Maßgabe zu verteilen, daß die Einzelunterſtützung 3 M zu betragen hat. Ein ſich ergebender Reſt iſt dem Kapital zuzuſchlagen. Die Verteilung wird erſtmals auf 2. Juni 1919 geſchehen. Eliſabeth⸗Stiftung von den Kindern der verſtorbenen Frau Eliſabeth Reichenbacher, geb. Altfelix zur Erinnerung an ihre Mutter. Grundſtock 350 000 Mark. Zweck: Aushändigung der Zinſen alljährlich auf 5. Februar an die Gemeindediakoniſſen für ihren Stationsbedarf. 15 Jahr 1852 1867 1875 1880 1885 1890 1895 1900 1905 1910 Jahr 1891 1896 1901 1906 1911 1915 1916 1917 1918 4919 1920 1921 Jahr 1855 1861 1867 1575 1880 1885 1890 1895 1900 1905 1910 1915 1920 1922 Einwohner 2021 2213 2331 2232 2524 2738 3049 3226 3406 3794 Männlich 922 1094 1043 1175 1334 1490 1598 1727 1938 Weiblich 1099 1257 1189 1349 1404 1559 1628 1679 1856 Bevölkerungs Tabelle. Eygl. Kathl. 1865 2024 2142 2073 2328 2489 2796 2976 3154 3465 14 65 83 66 99 164 162 167 169 247 Israel, 142 121 106 93 90 89 84 72 15 64 Ausländer Orfsgeb, 6 8 3 10 10 19 3 19 24 Geburts- und Sterbektabelle. 273 3049 3226 3406 (94 33853 538953 3853 Pferde 189 188 207 202 189 161 173 159 153 134 126 73 95 88 629 7260 672 686 648 641 595 589 595 542 428 439 388 316 . Zahl der in e Einwohner Haushaltg. dieſem Jahr Gebor, erſt. Leb geſchl. Ehen 585 637 762 745 826 526 826 826 826 826 936 936 9 5 25 22 39 22 18 20 6 23 48 48 38 140 128 150 149 106 83 59 39 38 68 93 Liehzählung. Rindvieh Schweine 202 357 315 279 172 388 409 487 740 482 624 460 535 527 Ziegen 55 40 14 41 96 150 213 238 259 321 385 582 685 So Geſtorbe jahr 55 26 34 29 1 A 4 9 9 4 10 . 9 Gänſe 52 8 — N . 346 362 515 362 470 493 346 287 143 332 OL SI — nim ensIm Ganzen geſtorb. 1160 75 65 10 59 a: 58 97 47 45 52 38 Enten 66 18 114 80 106 76 1147 144 145 168 131 198 192 1956 2138 2283 2590 2701 Mehr gebor. 309 ö 85 79 47 91 DN U ö —— Hühner NNNNNNKKN 3558 4332 4061 2569 3850 Buchdruckerei Chr. Tann Karlsruhe i 82 ,, Kurvenftr 21: Tel. 4884 —— *. 227 — 1— Nachwort. Während des Druckes dieſer Heimatgeſchichte hat ſich die wirtſchaftliche Lage Deutſchlands ſo verſchlechtert, daß Milliarden Mark koſtet, was früher einige Pfennige wert war. Dieſe Entwicklung hat auch auf die Ausgeſtaltung des Buches eingewirkt, daß Kapitel über Gewann- Namen, Herkommen und Abſtammung der Grötzinger und Bedeutung ihres Fa: miliennamens, Pflanzen und Tierleben auf Grötzinger Gemarkung, Sagen aus Grötzingens Umgebung, ausführliche ſtatiſtiſche Tabellen um weggelaſſen werden mußten. So ſoll das Büchlein nur eine An: tegung ſein, vor allem für die Grötzinger Jugend, auf dem vor mir beſchrittenen Weg weiterzugehen und ſich in Grötzingens Geſchichte zu verſenken. Den„Naturfreunden“ Grötzingens iſt es überhaupt zu verdanken, daß dieſe Blätter hier in Druck erſchienen ſind. Um dem Buch jeden gelehrten Charakter zu nehmen, habe ich keine Fußnoten beigegeben, auch wenn ich wörtlich irgend einen Originaltext in meine Darſtellung habe einfließen laſſen. Natürlich habe ich alles durchſtöbert, was ich im Rathaus, Pfarrhaus, Landesbibliothek, Landesarchiv, Zeitſchriften uſw. auffinden konnte. Hätte . alles gebracht, ſo wäre das Buch doppelt ſo ſtark geworden. Das Wichtigſte iſt aber gedruckt. Dank ſchulde ich beſonders all jenen, die mir es ermöglichten ſo viele Bilder zu bringen, vor. der Kunſtdrucherei Karlsruher Künſtler und Herrn Dr. Valentin Knab, der das Grötzinger Künſtlertum ſo fein ſchilderte. Der Grötzinger Bürgermeiſter, Herr Jäck, verfolgte mit viel Intereſſe das Wachſen der Arbeit. Ueberall fand ich freundliches Entgegenkommen Mit herzlichem Danke verbinde ich die feſte Hoffnung, d ob dieſe Blätter die Liebe zur Heimat fördern. Nur wer feſt mit der Heimat verwurzelt iſt, kann für Großes, Schönes und Edles ſich einſetzen. , 3 N BLB Karlsruhe III 33 16024 6 031 33 16024 6 031