Aus dem Hygienischen Institut der Universität Freiburg i. Br. Direktor: Geheimrat Uhlenhuth. Vergleichende Untersuchungen über die Entwicklung der Schulkinder des Kaiserstuhlgebietes. —— • Inaugural - Dissertation zur Erlangung der medizinischen Doktorwürde einer hohen medizinischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. vorgelegt von Erich Fischer aus Ludwigshafen am Rhein. 1931 . J. M. Richter’« Huch- und Steindruckerei, Würzburg. 05 ?A u? Dekan: Prof. Dr. Wegner. Referent: Prof. Dr. Seiffert. Gedruckt mit Genehmigung der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. «--SM Meinem lieben Vater gewidmet. Wenn auch schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts vereinzelte Untersuchungen über den Entwicklungszustand von Schulkindern angestellt wurden, wie von Bowditsch in Boston und von Axel Key in Schweden, so werden sie in unserer Zeit allenorts ausgeführt, seit Rudolf Martin die klassische Methode dazu geschaffen hat (30). Besondere Bedeutung hat der Vergleich Martins von Münchener Schulkindern mit den von Baldwin (5) in Chicago ebenfalls nach der Martinschen Methode untersuchten Kindern. Über den Entwicklungszustand der Schuljugend liegen für die meisten deutschen Städte systematische Arbeiten vor, so die Arbeit Gastpars (3) über die Stuttgarter, die von Werner Stein (4) über die Freiburger, die von Stephani (6) über die Mannheimer Schulkinder. In Straßburg war es Schlesinger, der die Entwicklung der dortigen Schulkinder von den verschiedensten Gesichtspunkten aus untersuchte (2, 16, 17). Vom Hygienischen Institut der Universität Freiburg i. Br. aus wurden auf Veranlassung von Herrn Prof. Seiffert ähnliche Untersuchungen an Schülermaterial Oberbadens durchgeführt, das sich durch besondere, an die jeweiligen Gebiete geknüpfte Faktoren von den Schulkindern anderer Gegenden auszeichnet. Gerade so ist es möglich, nicht nur einen geographisch-medizinischen Überblick über eine Bevölkerungsgruppe zu erreichen, sondern diejenigen exogenen Faktoren, unter denen diese Population im besonderen steht, in ihrem Einfluß auf die körperliche Entwicklung des Menschen wissenschaftlich zu erfassen. So studierte Kaiser (7) im Elz- und Kinzigtal des badischen Schwarz- waldes sozial bedingte Entwicklungsunterschiede im Schulkindalter. Schack (9) trug durch seine Untersuchungen im badischen Weinbaugebiet und Überfeldt (8) durch seine Untersuchung der Kinder des Markgräflerlandes zur Lösung der alten Streitfrage bei, inwieweit das Schulkind durch chronischen Alkoholismus im körperlichen Wachstum gehemmt wird. Vorliegende Arbeit untersucht zwei Drittel aller Schulkinder des Kaiserstuhlgebietes hinsichtlich des Einflusses derjenigen exogenen und endogenen Faktoren auf ihre körperliche Entwicklung, denen die Kinder dieser Gegend in besonderem Maße unterstehen. So wird anhand einer Gesamtstatistik zunächst festgestellt, inwieweit sich diese Kinder in ihrem Wachstum von den Kindern Freiburgs, Stuttgarts, des Elz- und Kinzigtales sowie des Markgräflerlandes unterscheiden. Um zu sehen, in welchem Maße diese Ergebnisse von irgendwelchen Inzuchtsverhältnissen — wie sie ja am Kaiserstuhl gleich anderen ländlichen Gebieten bestehen — beeinflußt sind, folgt der gesamtstatistischen Betrachtung eine solche über die Inzuchtsverhältnisse der untersuchten Kinder. Die sozial bedingten Entwicklungsunterschiede werden auf- gezeigt anhand einer Statistik, in der die Kinder nach dem Beruf ' der Eltern sozial geordnet und verglichen werden. Weitere statistische Vergleiche geben Aufschluß über den Einfluß überfüllter und nicht überfüllter Wohnungen und der Betteilung mit noch mehreren Personen auf die Entwicklung dieser Kinder. Da der Kaiserstuhl als ein Gebiet Oberbadens ausgesprochenes Kropfland ist, wurden die Schilddrüsenverhältnisse sämtlicher untersuchten Kinder notiert und festgestellt, inwieweit das Wachstum endogen durch die verschiedenen Schilddrüsenvergrößerungen bestimmt wird. Besonderer Wert wurde auf jene Ergebnisse gelegt, welche den Unterschied in der Entwicklung der Kinder aufzeigen, welche regelmäßig und gelegentlich Alkohol trinken, zumal die Schulkinder des Kaiserstuhles größtenteils dem chronischen Alkoholismus unterstehen. Vom gleichen Gesichtspunkt aus wurden die Knaben auf die Unterschiede in ihren körperlichen Konstitutionstypen und in der Qualität ihres allgemeinen Ernährungszustandes untersucht, wobei die von Coerper (51) angegebenen Konstitutionstypen des Schulkindalters zugrundegelegt wurden. Schließlich wurde bei 620 Kindern ein 60-Meter-Lauf als Probe ihrer psycho-somatischen Leistungsfähigkeit durchgeführt und die Ergebnisse mit denen von Freiburger und norwegischen Schülern verglichen. Die besonderen Lebensverhältnisse am Kaiserstuhl sind in erster Linie durch den hier schon durch viele Jahrhunderte hindurch gepflegten Weinbau bestimmt. Neben diesem spielen die übrigen Zweige der Landwirtschaft, Getreide- und Obstbau sowie Viehzucht eine verhältnismäßig bescheidene Rolle. Eigentliche Industriebevölkerung ist hier nicht anzutreffen. Nur in Endingen arbeiten einige Leute in einer Lederfabrik, in Bötzingen in einem größeren Steinbruch und in einer Zigarrenfabrik, hingegen ist eine größere Anzahl von Arbeitern in Riegel in einer Brauerei beschäftigt, verhältnismäßig wenige Leute arbeiten in Freiburger Betrieben. Das Sprichwort des Kaiserstühler Bauern, er müsse dreimal so viel ernten als die Bauern anderer Gegenden, legt in gleicher Weise Zeugnis ab von der Fruchtbarkeit des Kaiserstuhllandes wie von dem unermüdlichen Fleiß dieser Bevölkerung- Wie sehr der Weinbau im Vordergrund steht, mag die Tatsache beleuchten, daß die Getreideernte am westlichen Kaiserstuhl (Jechtingen, Bischoffingen) nur 8—10 Tage dauert, während sie z. B. im benachbarten Wyhl, wo wir keinen Weinbau mehr antreffen, 3—3% Wochen in Anspruch nimmt. Die Kinder sind nach der Ansicht der Kaiserstühler Bauern von frühestem Alter an zum Arbeiten da. Sie müssen mithelfen, den Dung auf dem Rücken in Tragkörben die steilen Weinbergpfade hinauftragen und ebenso die reifen Trauben in Bütten he- ÜSÜS5 — 7 herunterschleppen. Auch zur Herbstzeit müssen die Kinder bei Tages - grauen aufstehen, die Reben zu hüten. In einigen Orten, so besonders in Bötzingen und Amoltern, wo die Bauern in der Fremde heuen, stehen die Kinder morgens oft um 3 und 4 Uhr auf, mit den Eltern zu den nicht selten 10 und 20 km entfernten, gepachteten Gütern zu fahren (die Bötzinger pachten sogar im Freiburger Rieselgut, bei Lehen und Kirchzarten!). Viele Kinder kommen so während der arbeitsreichen Monate nicht zu dem ihrem Alter entsprechenden Schlaf, wenn sie auch während der weniger arbeitsreichen Monate durchschnittlich eine 8—lOstündige Schlafzeit genießen. Es gibt 11—14jährige Kinder, die zu bestimmten Zeiten, nämlich in der Heuernte im Juni, in der Getreideernte im Juli, außerdem im Mai, September und Oktober nur o—6 Stunden Schlaf haben. Zur Zeit der Weinlese kommen die Bauern erst spät nach Hause, darauf müssen die älteren Schulkinder vielfach das Vieh füttern und bis 11 und 12 Uhr „trotten“, d. h. Trauben keltern. Am nächsten Morgen müssen sie wieder das Vieh füttern, ehe es bei Tagesgrauen zur eigentlichen Arbeit aufs Feld oder in den Weinberg geht. Während des Winters wird die Schlafzeit vieler Kinder, etwa vom 4. Schuljahr, dadurch erheblich gekürzt, daß sie mit den Eltern wöchentlich 2—3mal nach alter Tradition ,,Z’ Licht gehen“, d. h. sich mit anderen Dorfbewohnern beim Licht treffen, wo allerlei Unterhaltung getrieben wird, die Männer beim Kartenspiel und sonstiger Kurzweil, die Frauen bei Handarbeiten (Stricken) beisammensitzen. Nach diesen Lichtgängen kommen die Kinder sehr spät zu Bett, sodaß tags darauf die Leistung in der Schule zu wünschen übrig läßt. Nach Angaben von Lehrern, die schon viele Jahre am Kaiserstuhl tätig sind, kommen auch die Kinder des 1. und 2. Schuljahres nicht selten erst um 11 Uhr zu Bett. Doch liegen bei ihnen die Verhältnisse insofern günstiger als bei ihren älteren Geschwistern, als sie fast nur nachmittags zur Schule müssen. In den Ferien werden die Kinder besonders überarbeitet. Die Ferien sind ihnen daher im Gegensatz zu den Stadtkindern keine Zeit der körperlichen Erholung und Ruhe. Nach Angabe erfahrener Lehrer wiegen die Kinder nach den Schulferien beträchtlich weniger als vorher. (Vorliegende Untersuchungen wurden größtenteils vor eintretenden Schulferien ausgeführt.) Weite Schulwege, wie sie Kaiser für das Elz- und Kinzigtal beschrieben hat, kommen am Kaiserstuhl nicht vor, da es, im Gegensatz zum Schwarzwald, zerstreut umherliegende Bauernhöfe nicht gibt. Unter den 1938 untersuchten Kindern haben nur 3 einen /^ständigen Schulweg. Auch werden im Gegensatz zum Schwarz - wald keine einengenden Trachten getragen. ^ Bei all dieser starken körperlichen Inanspruchnahme ist die Ernährung dieser Kinder nicht gerade günstig. Bei ihrer Einfachheit ist die Kost vom ärztlichen Standpunkt aus sehr einseitig. 8 Beim Durchschnittsbauern gibt es fast ausnahmslos Tag für Tag Brot, Speck und Wein zum Mittagsmahl, wie das auch Richter (12) beschrieben hat. Der Hausfrau bleibt bei all ihrer landwirtschaftlichen Betätigung meist nur wenig Zeit für die Arbeiten in der Küche, weshalb auch seltener als wünschenswert Gemüse zubereitet wird. Butter und Milch werden nach Freiburg verkauft, viele Kinder bekommen schwarzen Kaffee oder Wein zum Frühstück. Besonders karg und arm ist die Ernährung der Bauern von Amoltern, die als das ärmste vom Verfasser untersuchte Dorf nicht Platz haben, in ihrer Talenge genügend Nahrungsmittel durch Anbau zu erzeugen. Unter ,,Wi’“ = Wein versteht der Kaiserstühler für seinen Hausgebrauch keinen hochwertigen Qualitätswein, sondern den sogenannten Haustrunk. Seine Herstellung geschieht im wesentlichen derart, daß die Trester der bereits abgepreßten Trauben mit Wasser versetzt, so nochmals ausgesaftet und unter Zugabe von Zucker vergoren werden. Im Hygienischen Institut Freiburg sind einige Proben Haustrunk aus verschiedenen Bauernhäusern untersucht worden.*) Es ergab sich folgende Analyse: J. Endinger: II. Sasbacher: III. Eichstettener: Spez. Gewicht 0,9961 Alkohol 4,71 g in 100 ccm = 5,93 Vol. ° Gesamtsäure 0,517 in 100 ccm Spez. Gewicht 0,9914 Alkohol 6,27 g in 100 ccm = 7,90 Vol. °, Gesamtsäure 0,420 in 100 ccm. Spez. Gewicht 0,9969 Alkohol 6,34 g in 100 ccm = 7,99 Vol. ® Gesamtsäure 0,450 in 100 ccm. Hieraus errechnet sich ein durchschnittlicher Alkoholgehalt des Haustrunkes von 7,24%, ein durchschnittlicher Gesamtsäuregehalt von 0,465 g in 100 ccm. Somit ist der Alkoholgehalt des Kaiserstühler Haustrunkes laut dieser Proben um über 1% höher als der des Markgräfler Haustrunkes (siehe Überfeldt, 8). Durchschnittlich und täglich nimmt der erwachsene Kaiserstühler etwa 3—5 Liter Haustrunk zu sich, als Höchstmaß einiger schwerer Alkoholiker kommen täglich sogar über 10 Liter zum Verbrauch. Der Weingenuß der Frauen ist geringer, wenn auch immer noch erheblich. Nach Angabe von Lehrern und Pfarrern steht der Alkoholkonsum im Winter dem zur Zeit der Heu- und Getreideernte kaum bester Bank Ausführung dieser chemischen Untersuchung gebührt Herrn Dr. KenU nach. Im Winter wird vorzugsweise Schnaps getrunken, da er die Leute „wärme“. Der Alkoholkonsum der Schulkinder geht in seinen quantitativen Schwankungen dem der Erwachsenen sowie auch der Quantität der Nahrung parallel, sodaß man ihn als sozialen Indikator für die Wohlhabenheit der einzelnen Familien betrachten könnte. Das genaue Maß der von den Kindern täglich aufgenommenen Alkoholmenge suchte Verfasser zu ermitteln, doch war dies bei dem verschiedenen Alter, bei der verschiedenen sozialen Herkunft der Kinder und auch jahreszeitlich nicht genau festzustellen. Am ersten oder zweiten Lebenstage bekommen viele Kinder den ersten Wein. Man taucht den (hierzulande meist aus Tuch selbstgefertigten) Nuppel in den Wein und gibt ihn dem Kind mit den Worten: „Auf daß du ein weingrüner Endinger (usw.) werdest!“ Als Beruhigungsmittel reicht man den Säuglingen und Kleinkindern die mit Wein gefüllte Milchflasche. Der Alkohol spielt hier also die gleiche Rolle wie in anderen Gegenden der Mohnsamen, den man in den Nuppel einfüllt. In die Kleinkinderschule bringen viele Kinder neben ihrem Butterbrot ein mit Wein gefülltes Fläschchen mit. Verschiedene Ehefrauen gaben an, zur Fastnachtszeit und in der Weinlese hätten ihre Männer des öfteren einen durch Wochen hindurch unterhaltenen Dauerrausch, sodaß sie ihnen zu dieser Zeit mit Rücksicht auf die kommenden Kinder den Beischlaf verweigerten. In Riegel ist der Weinkonsum etwas niedriger als in den übrigen Ortschaften. Doch trinkt man hier an Stelle des Weines in vielen Häusern Bier, da viele Familienväter, welche in der dortigen Brauerei arbeiten, wöchentlich ein Fäßchen Bier mit nach Hause bekommen. tlber die physiologische Wirkung des Alkohols. Wie uneinig sich man noch heute über die physiologische Wirkung des Alkohols ist, zeigt die Tatsache, daß die einen (Schade [23], Bondi, Neumann) die Ansicht vertreten, eine in verträglichem Maß genommene Alkoholmenge schade dem Körper nicht nur nicht, sondern habe sogar einen lösungsbegünstigenden Einfluß auf Fette und lipoide Substanzen und fördere somit den Stoffwechsel. Demgegenüber behaupten Bunge, Büchner, Schütz u - a., alkoholische Getränke hätten einen hemmenden Einfluß auf die Resorption der Nährmittel. Für diese Theorie führt Bunge Versuche an, die mehrfach beim Menschen mit einer Magenfistel gemacht wurden. Nach H. Meyer (24) wird der Alkohol im Warmblüterorganis- mus fast restlos verbrannt, nur 2—5% der auf genommenen Menge werden durch die Atemluft ausgeschieden. Ferner gibt Meyer an, daß durch die Verbrennung des Alkohols im Stoffwechsel 10 äquivalente Mengen anderer Nährstoffe (Kohlehydrate und Fette) gespart werden können. Der Alkohol könne somit — soweit man von seinen toxischen Wirkungen absehe — als ein Surrogat von Nahrungsmitteln betrachtet werden. Die Erwähnung Dresels (19) über die Wirkung des Alkohols auf die Psyche, die in einer gewissen inneren Lösung der Persönlichkeit, einer gesteigerten Leichtigkeit der Reaktion auf die Umwelt, einer Befreiung von Hemmungen bestehe, bestätigt sich in hohem Maße bei der Kaiserstuhlbevölkerung. Eine ähnliche Heiterkeit, Impulsivität und Schlagfertigkeit wie beim Kind des Kaiser- stühler Weinbauern beobachtete Verfasser auch beim Kinde des Pfälzer Winzers. Lehrer, die nach einer Tätigkeit in anderen Gegenden Oberbadens nun schon jahrelang am Kaiserstuhl unterrichten, gaben an, diese Kinder seien sehr aufgeweckt, körperlich und geistig beweglich, nur hätten sie nicht die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit beim Unterricht wie die Kinder anderer Gegenden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit war es Verfasser nicht möglich, bei den Kindern eine systematische Intelligenzprüfung vorzunehmen, wenn auch Binnet-Simons-Me- thode in Händen des nicht fachmäßig ausgebildeten Psychiaters viel zu leisten imstande ist. Allein auf eine Vierteljahr lange Beobachtung hin kann Verfasser das oben angeführte Urteil der Lehrer nur bestätigen. Eigene Hilfsschulen für geistesschwache Kinder gibt es am Kaiserstuhl nicht, die debilen Kinder verbringen ihre Schulzeit zusammen mit den übrigen Kindern in den gleichen Schulräumen. Wohnungs- und Schulhygiene am Kaiserstuhl. Die wohnungshygienischen Verhältnisse am Kaiserstuhl liegen sehr oft im argen. In vielen Häusern wird auf Reinhaltung des Weinkellers weit mehr Sorgfalt verwendet als auf die der Wohn- und Schlafräume. Viele Eheleute besitzen zeitlebens zusammen nicht mehr als ein Bett. Sind zwei Betten vorhanden, so schläft bei jedem Ehepartner noch ein Kind oft bis zum Alter von 14 Jahren. Über die Hälfte aller Kinder besitzt kein eigenes Bett. Manche Kinder schlafen auch nur in der kühleren Jahreszeit zu zweien in einem Bett, wie das hierzulande Sitte ist. Oft schlafen tuberkulöse Kinder zusammen mit jüngeren Kindern in einem gemeinsamen Bett. Die relativ besten Wohnungen haben die Beamten, Kaufleute und Weinhändler. Dem Einfluß der wohnungs- und betthygienischen Verhältnisse auf die Entwicklung der Kinder ist je eine eigene Statistik gewidmet. Die Schulhygiene ist in Bahlingen, Bischoffingen und Bötzingen unter den 12 untersuchten Ortschaften am besten und ausgezeichnet. Es bestehen hier ganz moderne Schulhäuser. Ins Bahlinger Schulhaus ist sogar eine Badeanstalt eingebaut, wo die Kinder im Winter alle zwei Wochen baden können. Wie sehr eine solche Einrichtung gerade auf dem Lande zu schätzen ist, erhellt daraus, daß sich die körperliche Reinigung in den kühleren Jahreszeiten bei den mangelhaften Raum Verhältnissen in den meisten Bauernhäusern keiner besonderen Gunst erfreut. In den übrigen 9 untersuchten Orten treffen wir zumeist niedere, dunkle Schulräume an, sodaß hier die Hygiene in der Schule manches zu wünschen übrig läßt. Sommers baden die Kinder in der Dreisam, im Elzkanal und im Rhein. Von den Bahlinger Knaben sind 90% Schwimmer. Turnen wird ebenfalls gepflegt, in manchen Orten bestehen Sportplätze, wo die Schuljugend ihre Sportstunden verbringt. ln den Monaten Februar und März fiel Verfasser auf, daß viele Kinder an schwersten, diffusen Frostbeulen litten, die oft bis zum Kniegelenk her auf reichten, durch schlechtes Schuhwerk wundgerieben und infiziert waren. Oie Kinder tragen durchschnittlich ein äußerst schlechtes Schuh werk. Was das Milieu der körperlichen Bewegung anbelangt, so bestehen für die Schulkinder am Kaiserstuhl trotz mäßiger Wohnungshygiene im allgemeinen günstige Verhältnisse. Sie bewegen sich Tag für Tag in frischer, freier Luft, und die dauernde landwirtschaftliche Betätigung bei Wind und Wetter stählt ihren Körper, sofern sie nicht wie zur Ferienzeit überanstrengt werden. Selbst die Taglöhner haben zumeist eigene Grundstücke, wo sich ihre Kinder zur Genüge in freier Luft betätigen können. Methodik der Untersuchungen. Untersucht wurden im ganzen 1938 Kinder, 975 Knaben und 963 Mädchen. Damit sind zwei Drittel aller Schulkinder des gesamten Kaiserstuhlgebietes untersucht worden. Aus Verkehrs- technischen Gründen war das Kindermaterial schwer zu erreichen. Untersucht wurden 12 Ortschaften, und zwar alle von Bischoffingen an am westlichen, nördlichen und östlichen Kaiserstuhl bis südwärts nach Bötzingen-Oberschaffhausen gelegenen Orte. Um ein der Wirklichkeit völlig getreues Ergebnis zu erhalten, wurde Wert darauf gelegt, in jeder der in die Untersuchung einbezogenen Ortschaften sämtliche Schulkinder zu untersuchen. 41 Kinder konnten nicht untersucht werden, da ihre Eltern die Einwilligung zu der Untersuchung nicht gaben. Zahlenmäßig spielen sie zusammen mit den Kindern, welche wegen Erkrankung dem Schulunterricht fernblieben, gegenüber der Gesamtzahl der Kinder keine Rolle. Nur 11 Kinder aus dem gesamten untersuchten Gebiet besuchten auswärtige Realschulen, sodaß sie auch nicht in die Untersuchung einbezogen werden konnten. Die Einzelresultate wurden an Ort und Stelle nach der Methode Ludolf Martins gewonnen, und zwar sämtliche vom Verfasser selbst, sodaß Fehlerquellen auf Grund einer größeren Beobachterzahl ausgeschlossen sind. Auch wurden bei den Messungen die von Martin angegebenen Instrumente (Anthropometer, Stahlbandmaß, — 12 — Tasterzirkel) verwendet. Gewogen wurden die Kinder auf einer transportablen Federwaage, deren Genauigkeit täglich durch eine größere Anzahl aufgelegter, geeichter Gewichtsteine geprüft wurde. Bei den Knaben wurden alle Angaben bei völlig nacktem Zustande gewonnen. Die Mädchen behielten sämtliche nur ihre Schlupfhosen an, sodaß die körperliche Beschaffenheit sehr genau beobachtet und zutreffende Gewichtsmaße gewonnen werden konnten. Vom Gewicht jedes Mädchens wurde entsprechend der Schwere der Schlupfhose 0,1—0,3 kg abgezogen. Die Forderung Martins, die Kinder nach Entleerung des Mastdarms zu wiegen, wäre bei einer kleinen Anzahl zu untersuchender Kinder durchführbar gewesen, ließ sich aber bei dem großen Untersuchungsmaterial aus rein technischen Gründen nicht ausführen. Einer zweiten Forderung Martins, die Kinder alle zur gleichen Tageszeit zu untersuchen, konnte aus rein technischen und zeitlichen Gründen nicht entsprochen werden, da die eine Hälfte der Kinder nur morgens, die andere nur mittags Unterricht hatte. Hingegen wurden die Wägungen und Messungen, die zu zwei verschiedenen Terminen stattfinden mußten, so vorgenommen, daß Termine gewählt wurden, in denen die Kinder gleiche Wachstumsintensität aufweisen. Diese Forderung Martins und Schlesingers beruht auf einer Feststellung Mailing-Hansens aus dem Jahre 1886, wonach die Kinder besonders im Sommer durch Wasser- und Fettverlust bedeutend an Gewicht abnehmen. Der Brustumfang, der nach Schlesinger und K. O. Henckel neben Gewicht und Länge ein wichtiges Maß zur Beurteilung von Konstitution und Breitenwachstum ist, wurde ebenfalls nach der Martinschen Methode gemessen. Das Stahlbandmaß wurde in Höhe des unteren Schulterblattwinkels und etwas oberhalb der Brustwarzen um den Thorax geführt. Bei Mädchen mit bereits in der Pubertätsentwicklung begriffenen Brustdrüsen wurde das Stahlbandmaß mehr oberhalb der Brustwarzen angelegt als bei den Knaben. Gemessen wurde der maximale Brustumfang bei größtmöglicher Inspirationsstellung des Thorax. Er stellt gegenüber dem Brustumfang bei Mittelstellung des Thorax ein genau bestimmtes Maß dar und beruht nicht nur auf rein anatomischen, sondern auch auf funktionellen Daten. Bei jungen Kindern ist seine Gewinnung oft etwas von deren Aufmerksamkeit abhängig, doch befand sich unter den annähernd 2000 Kindern nur ein einziges, das die Atemtechnik nicht begriff. Bei einem Kind, das eine offene Lungentuberkulose zu haben schien, wurde wegen der Infektionsgefahr gegenüber den Mitschülern der Brustumfang nicht gemessen. An weiteren Angaben wurden von jedem einzelnen Kind erhoben: eingehende Personalien, Leistung beim 60 -Meter-Lauf, Länge des Schulweges, Konstitutionstyp (nach Coerper), Ernährungszustand, Größe der Schilddrüse, ob Skoliose, Kyphose. 13 — 13 — Plattfüße, überstandene Rachitis bestehen, ferner Beruf der Eltern, Anzahl der lebenden und toten Geschwister, Anzahl der für die Familie vorhandenen Wohnräume, mit wieviel Personen das Kind das Bett teilt, ob es täglich oder nur gelegentlich Alkohol zu sich nimmt, eine von den Lehrern einzutragende Notiz über die Leistung des Kindes in der Schule. Weiterhin die Angabe, oh die Eltern des Kindes geborene Kaiserstühler oder von auswärts zugezogen sind. Diese Feststellung hält Martin für wichtig, um die Bodenständigkeit und damit den Einfluß des Milieus auf eine Bevölkerungsgruppe festzustellen. Ferner die Angabe, ob das Kind aus einer Verwandtenehe stammt und ob seine Eltern Weinbau treiben. Außerdem wurden von jedem Kind Haarfarbe, Haarform, Augenfarbe, Kopflänge, -breite, -umfang und Schädelindex als Rassenmerkmale notiert. Für jedes Kind wurde eine vorgedruckte Beobachtungskarte angelegt, auf der sämtliche Angaben eingetragen wurden. Die einfacheren Angaben wurden bei den Kindern selbst, die familiären bei den Pfarrern und Bürgermeistern gewonnen. Ganz besonders betont und vorausgeschickt sei, daß der größte Wert darauf gelegt wurde, wirklich zutreffende Angaben zu erhalten. Man mußte mit den Kindern selbst in ihrer alemannischen Umgangssprache reden, da sie anders Redenden gegenüber sehr unzugänglich sind. An jedes einzelne Kind mußte mit großer Geduld herangegangen werden. Wollte man z. B. erfahren, ob ein Kind für sich allein ein Bett hat, so lautete die Frage nicht: hast du allein ein Bett 1, sondern: wer schläft bei dir im Bett ? Desgleichen lautete die Frage nach der Häufigkeit des Alkoholgenusses nicht: trinkst du Wein?, sondern: was trinkst du, wenn du Durst hast ? Auf diese Weise machten diese Landkinder bei ihrer Naivität viel ehrlichere Angaben als es bei den Stadtkindern der Fall ist. Auf seine Angabe über die Anzahl der der Familie zur Verfügung stehenden Wohnräume wurde jedes Kind nochmals besonders gefragt: wieviel Stuben und Kammern habt Ihr außerdem noch ? Die Angaben über die Zimmerzahlen sind sehr genau, zumal der bei den Untersuchungen anwesende Lehrer über die häuslichen Verhältnisse der einzelnen Familien zumeist eingehend orientiert war, sind doch viele Lehrer schon 5 und 10 Jahre in dem betreffenden Ort tätig. Stichkontrollen durch Befragen von Geschwistern, Eltern und Bürgermeistern ergaben, wie außerordentlich zutreffend die auf solche Weise gewonnenen Angaben sogar der Kinder des ersten und zweiten Schuljahres waren. Freilich soll damit nicht die Möglichkeit in Abrede gestellt werden, daß die Kinder hin und wieder trotz sorgfältigsten Befragens subjektiv beeinflußte Antworten gaben. Solche Subjektivität in den Angaben wird sich trotz genauesten wissenschaftlichen Arbeitens wenn auch auf ein Minimum reduzieren, so doch nie ganz ausschalten lassen in allen Arbeiten, in denen wir uns mit dem lebenden Individuum als dem Objekt unserer Forschungen zu beschäftigen haben. Die rechnerische Verarbeitung des so gewonnenen Materiales erfolgte ebenfalls nach den Vorschriften Martins und 8. J. Bachs (35) aus der Martinschen Schule. Zur Altersbestimmung der Kinder wurde zunächst für die beiden Untersuchungstermine ; ein mittlerer Stichtag festgesetzt und so das Lebensalter eines ' jeden Kindes auf den Tag genau bestimmt. Dann wurde das ganze : Material zur statistischen Verarbeitung in Halbjahresklassen ein- j geteilt, wobei nach den in der Anthropologie üblichen Verfahren | ein Kind von n + 3 Monaten Alter als n-jährig bezeichnet wurde, : also als 7jährig von 6 Jahren 10 Monaten bis 7 Jahre 3 Monate, > als 7 V 2 jährig von 7 Jahren 4 Monaten bis 7 Jahre 9 Monate. Zur ; Berechnung der folgenden statistischen Werte waren über 3000 Aktenseiten nötig. In den einzelnen Abschnitten der Arbeit finden die zugehörigen speziellen statistischen Einzelheiten besondere ; Erwähnung. Die gesamtstatistische Bearbeitung ergab zunächst, daß von den 1938 untersuchten Kindern nur 167 von Eltern abstammen, die nicht am Kaiserstuhl geboren, sondern zugezogen sind. D. h. nur 8,6% aller Kinder sind der Abstammung nach keine eigentlichen Kaiserstühler, obwohl auch sie größtenteils am Kaiserstuhl geboren sind. Die kleinste Zahl dieser von fremden Eltern abstammenden Kinder finden wir in Höhe von 3,8% in Königschaffhausen, die größte Zahl zu 18,3% in Riegel, was auch verständlich ist, da Riegel an der Haupteisenbahnlinie Basel— Frankfurt liegt und durch seine Brauerei viel fremde Arbeiter anzieht. Die Kinder sind also zu 91,4% die Nachkommen der alteingesessenen Kaiserstuhlbevölkerung und weisen somit somatoplasmatisch wie idioplasmatiscli die Merkmale des echten Kaiserstuhlkindes auf. Die statistische Nachforschung ergab weiterhin, daß 89,9% aller Kinder von Weinbau treibenden Eltern abstammen. In ethnologischer Beziehung verkörpern diese 89,9% dieselbe Tatsache wie die oben errechneten 91,4%, nämlich, daß die Kinder des Kaiserstuhlgebietes zu rund 90% von der alteingesessenen Bevölkerung abstammen. Riegel hinwiederum stellt in Höhe von 69,3% die geringste Zahl der Kinder, deren Eltern Weinbau betreiben. Die Ursachen hierfür sind die gleichen wie die bereits oben angeführten. Im folgenden (Tabelle la, lb, lc) werden die Körpermaße der Kaiserstuhlkinder für die verschiedenen Altersklassen statistisch dargestellt und mit den entsprechenden Körpermaßen der Volksschulkinder von Freiburg i. Br. (Werner Stein, 4), von Stuttgart (Gastpar, 3), vom Elz- und Kinzigtal (Kaiser, 7) und vom Markgräflerland (Überfeldt, 8) verglichen. 15 Berechnet wurden für die einzelnen Körpermaße: 1. Das arithmetische Mittel, 2. Der mittlere Fehler des Mittelwertes = m. Er gibt an, ob die beobachtete Individuenzahl groß genug ist, um einen wissenschaftlich einwandfreien Mittelwert zu liefern oder nicht, 3. Die mittlere oder stetige Abweichung der Einzelwerte vom Mittelwert — sigma. Nach R. Martin beruht ihr Wert darauf, „daß sie in einer Zahl ersichtlich macht, ob die individuellen Werte dicht gedrängt oder weit zerstreut um das arithmetische Mittel gelagert sind". Mathematisch ist sie die Quadratwurzel aus dem Durchschnittsquadrat der Abweichungen der Einzelwerte vom Mittelwert, 4 . Die Variationsbreite. Sie ist definiert durch das Maximum und Minimum der Einzelwerte innerhalb einer bestimmten Gruppe von Einzelwerten. ln den Zahlentabellen sind gelegentlich für eine bestimmte Altersklasse niedrigere Durchschnittswerte angegeben als für die vorausgehende jüngere Altersklasse. Das mag auf den ersten Anblick paradox erscheinen, beruht aber darauf, daß in dieser Altersklasse viel Individuen mit kleineren Maßzahlen vertreten sind als in der vorausgehenden jüngeren. Für diese Gruppen ist dann auch stets sigma etwas größer, d. h. die Einzelwerte weichen mehr vom Mittelwert ab als in den übrigen Altersklassen. Die stetigen Abweichungen der Einzelwerte vom Mittelwert (= sigma) sind für die Kaiserstuhlkinder kleiner als für Kaisers- Kinder aus dem Elz- und Kinzigtal (Tabelle la und lb). D. h. die Kaiserstuhlkinder weisen einen einheitlicheren Körperbau auf als die Kinder vom Elz- und Kinzigtal. In den höheren Altersklassen sind die sigma größer als in den unteren. D. h. mit zunehmendem Alter differenzieren sich die einzelnen Konstitutionstypen mehr und mehr, die Maße des klein- und großwüchsigen Kindes weichen nun mehr vom Mittelwert ab als dies in jüngeren Jahren der Fall war. Rein geometrisch betrachtet verläuft die Wachstumskurve der insgesamt 1938 untersuchten Kinder den Wachstumskurven von Kindern anderer Gegenden analog. Doch liegen die Durchschnittswerte von Länge und Gewicht der Kaiserstuhlkinder durchweg höher als die betreffenden Maße von Kindern anderer Gegenden. So ist die Länge der 7jährigen Knaben um 2,5 cm größer als jener von Freiburg, die Länge der 11 ^jährigen Knaben um 3,6 cm größer als jener von Freiburg. (iesamtstatistik. Tabelle 1a. 16 -P 4i © oo o I> 05 X © © X _ X CO 40 b « © © oq 04 CO 40 CO X © © 04 © X L “ 04 04 04 oq 04 04 04 04 04 04 CO CO CO CO CO CO 05 o t- 40 x t> e 04 TjH Tt- X O © CO CO »o 40 x X © © 04 © !> © 04 04 04 04 04 Ol 04 Ol 04 04 CO CO CO CO CO CO PpM -ZJUMq >_ 00 00 I> l> CO F-H 40 04 X © CO © © © O d 04 CO T* x I> X © © CO © X 04 04 04 04 04 04 04 04 04 04 CO CO CO CO CO CO jaj) 00 CO X X 40 X CO X CO x 40 © a CO CO Ol 04 04 CO CO © 40 © © © TjH © Ö SGÖ »d O ö' ©' o o o © © © © © © © © © u “ 00 04 CO x CD 40 40 © t" X © CO © «ö © 04 CO 40 x l> X © CO 40 X 04 o a 04 (M 04 04 04 04 04 Ol CO CO CO CO CO CO CO £ > 04 l> © O X x CO © © r- © 40 t- X o «5 00 05 r- X x x X © 04 CO CO Ol 04 40 _, r- t> x X r- © © © r- X CO 40 04 04 04 04 CO CO CO CO CO © X © © t— © X g o O o o O o © © © © © © © © © © FM f 00 05 05 © CO X © r-. 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(Vergleich, mit Markgräflerland, Schwarzwald, ITreiburg und Stuttgart.) (resamtstatistik. Tabelle 1 b. 17 © »O 00 © Ci © © Th PH © Th Ci t- © s ® cT 05 05 04 CO 40 © 00 Ci © 04 CO © Ci 02 ** pH 04 04 04 04 04 04 04 CO CO CO CO CO Th •ä s CO O Th 00 04 V- © r- CO Th Ci 04 © © © u a 05 O CO Th »O © r- a © Th 40 00 © -H 04 04 04 04 04 04 04 04 04 CO CO CO CO CO Th pl'BM -ZJBMqos Th "h 50 SO CO a CO 00 40 Th l> H 00 © 04 CO 05 O 04 CO CO © © I> © © CO Th © Ci 04 04 04 04 04 04 04 04 04 CO CO CO CO CO CO Th bc . 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Länge cm -I ä d c h e n Gewicht kg Brustumf. cm 614 107,3-122,0 18,1-23,3 55,7-64,1 105,8-120,8 17,6-23,8 56,5-64,2 7 106,9-129,9 16,4-25,9 56,6-67,1 105,5-126,9 16,5-36,4 55,7-71,2 u/ 2 109,4-130,6 19,0-26,2 56,4-68,7 106,4-126,9 18,0-28,0 53,3-68,7 8 110,1 139,3 18,8-33,1 58,8-71,7 105,2-136,6 17,9-31,5 57,4-70,8 8 1 /, 110,5-134,9 21,2-30,7 59,4-70,4 105,7-138,2 17,6-35,2 58,5-72,9 9 115,4-137,5 19,7-34,0 61,8-73,9 105,6-140,9 19,0-35,1 58,1-71,6 »Yt 114,6-139,6 19,7-33,1 57,8-73,4 109,2-139,6 19,2-37,2 60,1 72,6 10 119,7-142,8 21,2-35,0 58,8 75,3 118,1-146,3 20,7-40,4 60,3-78,2 ioy 2 118,8-148,8 23,0-37,7 59,8-77,3 121,1-148,4 23,2-38,4 60,9-79,6 11 127,2 147,2 22,7-39,7 63,7-77,8 118,8-151,5 21,4-40,3 61,0-77,2 iu /2 126,9-150,8 24,5-42,7 65,5-81,6 123,3 154,5 20,2-44,3 62,0-80,1 12 123,1-150,2 24,1-41,2 64,4-78,0 128,6-165,6 26,2-51,8 65,2-84,2 1214 126,8-158,4 24,1-48,8 66,6-82,3 120,2-163,0 22,5-50,7 64,7-84,1 13 132,6-168,2 25,5-54,5 66,2-86,9 131,9-159,0 27,6-60,1 66,7-89,8 1314 126,8-159,6 26,1-49,4 66,2-87,8 140,1-164,7 34,4-60,6 71,7-90,0 14 137,0-160,4 31,8-51,0 71,8-86,9 124,1-163,9 25,3-54,4 66,1-91,8 1414 135,0-164,5 33,4-51,0 55,4-87,8 145,9-164,4 32,4-59,3 73,1-90,8 15 143,4 161,2 32,2-49,5 70,8-82,9 144,8 160,0 37,9-56,6 77,6-88,3 Ebenso liegen die Längenmaße der Mädchen in gleicher Weise über denen der Freiburger Mädchen, wenn auch nicht in dem Grad, wie es bei den Knaben der Fall ist. So ist die Länge der 6 % jährigen Mädchen um 1,9 cm größer als die der gleichaltrigen von Freiburg. Die 1034jährigen Mädchen sind ihren Freiburger Altersgenossinnen um 2,9 cm überlegen, bei den 14jährigen beträgt der Unterschied in gleichem Sinne 1,6 cm zugunsten der Kaiserstühler Mädchen. Im Körpergewicht sind die Kaiserstuhlkinder den Schulkindern Freiburgs ebenso erheblich überlegen wie in der Länge. So haben die 1134jährigen Knaben gegenüber ihren Freiburger Altersgenossen ein Gewichtsplus von 2,1 kg. Bei den 14jährigen Knaben ' beträgt diese positive Differenz 2,5 kg. i Die 634jährigen Kaiserstühler Mädchen sind denen von Frei- } bürg um 1,6 kg, die 10jährigen um 2,1 kg und die 1334jährigen um j 5,0 kg überlegen. I Die Wachstumskurven der Kaiserstuhlkinder weisen einige Besonderheiten auf. So zeigt die Längenkurve bei den 12jährigen Knaben einen Einschnitt nach unten, allerdings trotzdem mit einer positiven Differenz von 0,1 cm gegenüber den Freiburger Knaben. Dieser Stillstand im Längenwachstum mag darin seine Erklärung haben, daß gerade die 12jährigen Knaben in erhöhtem Maße als früher zu schwerer Arbeit herangezogen werden und ihr Körper 19 — 19 — zu dieser Zeit wegen der beginnenden Pubertätsumstellungen vielmehr der Ruhe bedürfte. In gleicher Weise zeigt die Gewichtskurve für die 1314jährigen Knaben einen solchen Einschnitt nach unten. Bei den Mädchen findet sich eine derartige Pause der Entwicklung im 1214. Lebensjahr, wie das aus den Kurven hervorgeht. Die Kaiserstühler Knaben sind auch denen von Stuttgart — wie dies aus den in Tabelle 1a angeführten Vergleichswerten von Gastpar hervorgeht — in der Länge, besonders aber im Gewicht überlegen. Das gleiche ist bei den Mädchen der Fall, und zwar ist hier das Gewicht ebenfalls in höherem Grade den Maßzahlen der Stuttgarter Mädchen überlegen als es in der Länge schon ohnehin durch fast alle Altersklassen der Fall ist. Beim Vergleich mit den Kindern des Elz- und Kinzigtales ergibt sich, daß die Knaben und Mädchen vom Kaiserstuhl in einigen Altersklassen eine größere, in einigen eine kleinere Länge aufweisen als diese. Im Gewicht hingegen sind die Kaiserstühler Kinder den Schwarzwäldern bedeutend überlegen. Nur den von Überfeldt untersuchten Kindern des Markgräflerlandes stehen unsere Kinder an Länge und Gewicht nicht unerheblich zurück, wie dies aus Tabelle la hervorgeht. Hinsichtlich dieser Ergebnisse ist also zu bemerke», daß die Kinder der beiden Weingegenden Markgräflerland und Kaiserstuhl den Kindern von Freiburg, Stuttgart sowie des Elz- und Kinzigtales in der Entwicklung voraus sind. Die Ursachen dieser Wachstumsverhältnisse dürften nicht leicht festzustellen sein. Doch mag dabei eine wesentliche Rolle der Umstand spielen, daß die Kinder der beiden genannten Y\ einbaugebiete bei steter Bewegung in freier Luft, bei körperlicher Betätigung und relativ guter Ernährung zugunsten ihrer körperlichen Entwicklung Umweltsfaktoren genießen, die in gleichem Zusammenspiel bei den Kindern der Vergleichsgegenden nicht vorhanden sind. Daß dieser auffallende Unterschied durch eine bessere Ernährung der Kinder in den Weinbaugebieten verursacht sein könnte, liegt nahe anzunehmen, da unter den Bewohnern ausgesprochener Weinbaugebiete im Durchschnitt mehr Wohlstand angetroffen wird als bei den Eltern der die Volksschule besuchenden Kinder großer Städte oder eines im Vergleich zu diesen Gebieten unfruchtbareren Schwarzwaldgebietes wie des Elz- und Kinzigtales. Doch können nur spezielle, vergleichende Untersuchungen über die Ernährung der Kinder der in Frage stehenden Gebiete hier Aufschluß geben. Dabei dürfen auch rassen- und stammesanthropologische Gesichtspunkte nicht außer acht gelassen werden. — Die von Schlesinger und von Pfaundler festgestellte Tatsache, daß bei krankhaft veranlagten Kindern (Neuropathie, Blutarmut, Überernährung der Kinder reicher Eltern) das Minderwertige nicht in einer Unter-, sondern Übermäßigkeit der Entwicklung bestehe, trifft bei den Kindern des Kaiserstuhles schon deswegen nicht zu, 20 da keinerlei derartige krankhafte Anlagen nachzuweisen sind und mit der Übermäßigkeit der Kaiserstuhlkinder im Längenwachstum eine vortreffliche allgemeine konstitutionelle Beschaffenheit verbunden ist, wie aus dem Abschnitt über die Konstitution dieser • Kinder ersichtlich ist. Schlesinger und Friedenthal sind der Ansicht, daß die | konstitutionellen Merkmale der Kinder — in unserem Falle also die überragende Längen- und Gewichtsentwicklung — weniger 1 von exogenen, sondern vielmehr von endogenen Momenten des ! Erbgutes abhängen. Bei Beachtung der endogenen Erbmomente j ist der gute Entwicklungsstatus unserer Kinder um so verwunden : lieber, als ihre Erbmasse unter der Einwirkung des Alkohols steht, zumal ihre Urväter schon durch viele Jahrhunderte hindurch dem chronischen Alkoholismus ergeben waren. Es handelt sich bei den , Kaiserstuhlkindern nicht um Angehörige einer Rasse von besonders j hohem Wuchs, sondern lediglich um eine raschere Entwicklung als bei den Kindern anderer Gegenden. Denn Ammon (48) fand bei den Rekrutenaushebungen, daß es sich am Kaiserstuhl — ge- ■ messen an Erwachsenen — um keine hochgewachsene Rasse ; handelt. In diesem Zusammenhang darf nicht verschwiegen werden, daß der Kaiserstuhl im 17. Jahrhundert erhebliche Zuwanderung von Siedlern aus der Schweiz erhielt. So siedelten sich z. B. in Eich- . stetten, das damals nur 11 ansäßige Familien zählte, ums Jahr 1650 150 Schweizer Familien an, wie Gänshirt (in einer noch nicht im Druck erschienenen Arbeit) nachwies (desgleichen Renkert inBah- lingen). Die Einwanderung von Schweizern zu jener Zeit fand in großem Ausmaß in fast allen Kaiserstuhlorten statt. Inzucht am Kaiserstuhl. Zur Bewertung der erhaltenen Ergebnisse war auch die Frage ' zu klären, in welchem Umfang die Erbmasse durch Inzucht beeinflußt ist. Eugen Fischer sagt: „Auch enge Inzucht schadet unter primitiven Verhältnissen, wo die Auslese dauernd für gute Konstitutionen sorgt, nachweisbar nichts, sie dürfte in vielen primitiven Verhältnissen die Regel sein, bei der Entstehung von Rassen, einzelnen Horden und ganzen Populationen“. Damit ist aber auch der für die Nachkommen entstehende Schaden bei Zeugung unter mit krankhaften Genen behafteten Blutsverwandten umrissen, Inzucht ist am Kaiserstuhl relativ häufig. Wie die einzelnen Familien eines Dorfes von altersher miteinander blutsverwandt sein müssen, demonstriert für Eichstetten zum Beispiel schon die Feststellung, daß es hier 590 Familien, jedoch nur 115 verschiedene Familiennamen gibt, sodaß durchschnittlich 5 Familien den gleich ^ 1 Namen führen. Besonders häufige Namen sind: in Eichstetten Hi ■ ; Danzeisen. Rinklin, in Bötzingen Höfflin, Ambs, in Endingen Seilnacht, Roßwog, Meyer, in Königschaffhausen Henninger. ® — 21 — Bahlingen Sommer, Boos. — Die Angaben über Inzuchtfamilien wurden bei den Pfarrern und Bürgermeistern eingeholt, auch wurden Kirchenbücher und Standesregister eingesehen. In Bahlingen bestehen zur Zeit etwa 500 Familien, von denen etwa 10 durch Geschwisterkinder begründet wurden. Allerdings sind aus diesen 10 Familien wenig in der Schule, die meisten sind schon schulentlassen. Eheleute, deren Großeltern und Urgroßeltern blutsverwandt waren, sind häufig anzutreffen. Bei den Inzuchtfamilien handelt es sich oft um begüterte Leute, die einen Blutsverwandten heirateten, um die Güter innerhalb ihrer Sippe zu halten. Die Kinder aus solchen Ehen — so berichten die Lehrer und Pfarrer — zeichnen sich aus durch schlechte Leistungen in der Schule. Sehr häufig besteht Inzucht in Amoltern, da diese Ortschaft eine ungünstige, wenig fruchtbare Lage hat und die jungen Leute dort wegen ihrer Armut zumeist keine Ehepartner aus den umliegenden, wohlhabenderen Ortschaften bekommen. So werden dort bei einer Einwohnerzahl von 317 nach Angabe des Pfarrers jährlich etwa 2 Ehen unter Blutsverwandten geschlossen. In Endingen sind in letzter Zeit Ehen zwischen Blutsverwandten I. und II. Grades selten geworden, während sie vor einem Menschenalter noch häufig waren. (Am häufigsten besteht die Inzucht in Burkheim, wo fast sämtliche Schulkinder gegenseitig verwandt sind. Freilich ist Burkheim nicht in unsere Untersuchung eingeschlossen.) Kein einziges Kind aus Verwandtenehe war in Riegel anzutreffen, auch nicht solche, die bereits die Schule verlassen hatten. Das erklärt sich daraus, daß Riegel unter allen Kaiserstuhlorten die verkehrsreichste Lage und den größten Zuzug fremder Arbeiter aufweist. Im ganzen wurden unter unseren 1938 Kindern 25 Inzuchtkinder angetroffen. Dies bedeutet eine Häufigkeit von 1.3%. Betont sei jedoch, daß nur die zur Zeit schulpflichtigen Inzuchtkinder erfaßt werden konnten. Von diesen 25 sind 2 Kinder aus Tncest hervorgegangen, das eine aus Zeugung zwischen Mutter und deren Vater, das andere von Mutter und Bruder der Mutter. Beide Kinder sind imbecil, das eine von mäßiger, das andere von schlechter körperlicher Konstitution. 2 Kinder stammen von Eltern, deren jeder Teil aus einer Ver- wandtenehe hervorgegangen ist (die Großeltern dieser Kinder väterlicher- und mütterlicherseits waren Geschwisterkinder). Beide Kinder sind geistesschwach, das eine Psychopath dazu, das eine von mäßigem, das andere von schlechtem Körperbau. 16 Kinder haben Geschwisterkinder zu Eltern. Darunter sind 1Kretins, von denen 3 geistesschwach sind und nur einer in der Schule gute Leistungen erzielt. Im einen Falle war die Mutter der einen 2 Kinder, im anderen Falle die Großmutter der anderen 22 beiden ebenfalls Kretin. Es liegt hier also eine deutlich erkennbare Vererbung einer krankhaften Konstitution innerhalb von Verwandtenehen vor. — 14 Kinder aus Geschwisterkinderehen weisen zur einen Hälfte guten, zur anderen Hälfte schlechten Körperbau auf, 2 davon konnten wegen Abwesenheit nicht untersucht werden. Die eine Hälfte erzielt in der Schule gute und mäßige, die andere Hälfte schlechte Leistungen. Einige von ihnen haben psychopathische Züge. Der schlechte Körperbau ist bei ihnen in der Regel mit Geistesschwäche vergesellschaftet. 2 Brüder aus Geschwisterkinderehe, deren Eltern körperlich und geistig gesund sind, weisen der eine sehr gute, der andere gute Konstitution sowie beide gute Leistungen in der Schule auf. 3 Kinder ließen sich ermitteln, deren Großeltern einer Linie Geschwisterkinder waren. 2 von ihnen haben mäßigen, das dritte guten Körperbau. Alle 3 erzielen in der Schule gute Leistungen. Von 2 weiteren Kindern waren die Urgroßeltern Geschwisterkinder; das eine hat mäßige Konstitution und mäßige Leistungen in der Schule, das andere hat guten Körperbau und gute Schulleistungen. Durch diese Betrachtung bestätigt sich die alte Erfahrung: Je enger die Inzucht, desto größer die Degeneration des kommenden Geschlechtes, wenn die zeugenden Eltern krankhafte Anlagen haben. Wenn auch über die Hälfte von den 20 Kindern aus engerer Inzucht (I. und II. Grades) zumeist körperliche (und geistige) Degeneration aufweisen, so leiden unter dieser geringen Anzahl minderwertiger Konstitutionen die Ergebnisse der Gesamtstatistik nicht. Die 5 Kinder aus Inzucht III. und IV. Grades weisen keine Degenerationszeichen auf. Die Stammbäume von 6 verschiedenen Inzuchtfamilien in Bahlingen ergaben folgendes Bild: Aus 5 Geschwisterkinderehen und 1 Incestfall sind insgesamt 26 Kinder hervorgegangen: von diesen starben bis zum Alter von 24 Jahren 11 Kinder, davon 5 in einer Familie angeblich an Wasserkopf. Von den lo noch lebenden Kindern sind nur 7 körperlich und geistig normal. 5 sind geistesschwach, 1 ist Psychopath und 2 leiden an chronischen Krankheiten. Übersichtstabelle über Konstitution und Schulleistung der 25 Inzuchtkinder. (K. — Konstitution, L. — Schulleistung.) Aus Incest: 2 Kinder: 1. von Mutter und deren Vater: K. schlecht, L. schlecht, 2. von Mutter (Psychopathin) und Bruder der Mutter: K. mäßig, L. schlecht. — 23 — Jeder Elternteil stammt aus Verwandtenehe (beide Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits waren Geschwisterkinder): 2 Kinder: 1. K. schlecht, L. schlecht, 2. K. mäßig, L. schlecht (Psychopath). Die Eltern sind Geschwisterkinder: 16 Kinder: 1. K. Kretin, L. schlecht, 2. K. Kretin, L. schlecht, 3. K. Kretin, L. schlecht, 4. K. Kretin, L. gut, 5. K. asthenisch, L. schlecht (Psychopath), 6. K. mäßig, L. schlecht, 7. K. mäßig, L. gut, 8. K. gut, L. mäßig, 9. K. gut, L. mäßig, 10. K. gut, L. gut, 11. K. gut, L. mäßig, 12. K. gut, L. schlecht, 13. K. gut, L. gut, 14. K. sehr gut, L. gut, 15 und 16 konnten wegen Abwesenheit nicht untersucht werden. Die Großeltern einer Linie waren Geschwisterkinder: 3 Kinder: 1. K. gut, L. gut, 2. K. mäßig, L. gut, 3. K. mäßig, L. gut. Die Urgroßeltern einer Linie waren Geschwisterkinder: 2 Kinder: 1. K. mäßig, L. mäßig, 2. K. gut, L. gut. hie Entwicklung der Kaiserstuhlkimler in ihrer Abhängigkeit von der sozialen Stellung der Eltern im Beruf. Schlesinger fand bei seiner Untersuchung von 4300 Straßburger Kindern, daß die verschiedene soziale Schichtung der Eltern einen bedeutenden Einfluß auf das Wachstum der Kinder bat. Ja er fand, daß man von der körperlichen Entwicklung des Kindes mit einiger Sicherheit auf die soziale Stellung der Eltern im Beruf schließen kann. Sozial bedingte Wachstumsunterschiede fand Kaiser (7) an den Kindern des Elz- und Kinzigtales und Dberfeldt (8) an den Schulkindern des Markgräflerlandes. Eine ähnliche Statistik unter den Kindern des Kaiserstuhlgebietes schien lohnend zu sein, da wir unter dieser Bevölkerung auch die verschiedensten Berufe antreffen. So galt es, alle diejenigen Berufe zu Gruppen zusammenzufassen, welche eine möglichst gleichartige soziale Stellung ihrer Träger und deren Kinder be- dingen. Von diesem Gesichtspunkt aus ergaben sich folgende „Berufsgruppen“: Gruppe I — Beamte, Kaufleute, Wirte, Fabrikanten, freie Berufe, Gruppe II = gelernte Arbeiter, Gruppe III — selbständige Handwerker, Gewerbetreibende, Gruppe IV = Bauern, Fischer, Gruppe V — Taglöhner, Bahn- und Waldarbeiter, Kriegsinvaliden. Von Gruppe I und V waren so wenig Kinder vorhanden, daß sie wegen ihrer kleinen Anzahl mit den Kindern der Gruppen II, III, IV nicht statistisch verglichen werden konnten. Es werden also nur die Kinder von Gruppe II, III, IV, also die der Arbeiter, Handwerker und Bauern hinsichtlich Länge, Gewicht und Brustumfang verglichen. Für die Maße ihrer verschiedenen Altersklassen wurden im Gegensatz zu der vorausgehenden Gesamtstatistik nur die arithmetischen Mittelwerte berechnet und auf stetige Abweichung, mittlerer Fehler des Mittelwertes und Variationsbreite verzichtet, da die vorausgehende Gesamtstatistik die Anzahl der untersuchten Kinder als groß genug erwiesen hat, um wissenschaftlich einwandfreie Resultate zu liefern. In fast allen folgenden Statistiken wird aus dem gleichen Grunde auf Angabe von m. sigma und V verzichtet werden, nur bei der Statistik über die Leistungen beim 60-Meter-Lauf werden nochmals stetige Abweichung und mittlerer Fehler des Mittelwertes berechnet. Hie Ergebnisse der Gruppe III erfahren eine wesentliche Steigerung in ihrer Höhe durch die Maße der Metzger- und Bäckerkinder, die schon bei der bloßen Inspektion durch ihre durchweg vorzüglichen Konstitutionen auffielen. Allerdings erfährt die Gruppe III hinwiederum eine Senkung ihrer Werte durch die Maße besonders der Friseurkinder, welche durchschnittlich sehr mäßige Konstitutionen aufwiesen. Es ist ja bekannt, daß der Beruf hinsichtlich der körperlichen Konstitution auswählend wirkt und so sicher auch auf die körperliche Verfassung der Kinder einen Einfluß hat. Die Ergebnisse dieses sozialen Entwicklungsvergleiches sind: Zwischen den Arbeiter- und Bauernkindern beiderlei Geschlechtes bestehen keine wesentlichen Unterschiede in Länge und Gewicht. In einigen Altersklassen ist die Körpergröße der einen, in einigen anderen die der anderen Gruppe etwas höher. Im Gewicht sind die Bauernkinder den Arbeiterkindern um ein ganz Unbedeutendes überlegen, ganz im Gegensatz zu den Kindern des Elz- und Kinzigtales, wo die Bauernkinder einen wesentlich schlechteren Entwicklungszustand aufweisen als die Arbeiterkinder. Dieser verschiedenartige Unterschied zwischen Arbeiter- und Bauernkinder beider Gegenden ist wohl darin begründet, daß die Arbeiterkinder des Elz- und 25 Kinzigtales viel weniger zn landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen werden als diejenigen des Kaiserstuhles. Die Arbeiter im Elz- und Kinzigtal gehören großenteils industriellen Betrieben an und haben keine oder unbedeutende landwirtschaftliche Güter, während die Arbeiter des Kaiserstuhles in kleinen Betrieben arbeiten und daneben zumeist über ererbten Bodenbesitz verfügen, zu dessen landwirtschaftlicher Bestellung sie ihre Kinder heranziehen. wenn auch nicht in dem Maße, wie es bei den Bauern der Fall ist. Hingegen weisen die Bauernknaben vom 9. Lebensjahr ab einen ziemlich größeren Brustumfang auf als die Arbeiterknaben. Die Ursache mag darin bestehen, daß die Bauernknaben etwa vom 9. Lebensjahr ab mehr körperliche Arbeit verrichten als die Arbeiterknaben und ihr Thorax sozusagen eine gewisse Arbeitshypertrophie aufweist. Als zutreffend bestätigt sich diese Annahme dadurch, daß die Mädchen der Bauern gegenüber den Mädchen der Arbeiter diesen größeren Brustumfang nicht auf weisen, weil eben ihr Thorax bei den zumeist häuslichen Arbeiten funktionell auch nicht in höherem Grade angestrengt wird als es bei den Arbeitermädchen der Fall ist. So sind die 12*4- und 13jährigen Bauernknaben im Brustumfang den Arbeiterknaben um 2,9 cm überlegen, bei den 14^- und 15jährigen beträgt diese Differenz 2,5 cm. Während sich somit Arbeiter- und Bauernkinder in ihrem Wachstum fast gleich stehen, besteht ein erheblicher Unterschied zwischen Arbeiter- und Bauemkinder einerseits und Handwerkerkindern andererseits. Die Knaben der Handwerker sind vom 11. Lebensj ahr ab den Bauernknaben in Länge und Gewicht bedeutend überlegen. Dieser Unterschied beträgt bei den 13 V 2 - und 14jährigen 1,1 cm in der Länge und 2,3 kg im Gewicht zugunsten der Handwerkerknaben; wahrscheinlich hängt er mit der besseren sozialen Stellung der Handwerker zusammen. Inv Brustumfang sind allerdings die Bauernknaben — wahrscheinlich auf Grund der körperlichen Arbeit — vom 11. bis 12. Lebensjahr ab den Handwerkerknaben überlegen. So haben die 13jährigen Bauernknaben gegenüber den Handwerkerknaben im Brustumfang ein Plus von 2,8 cm, die 14und 15jährigen ein solches von ebenfalls 2,8 cm. Die Bedeutung der besseren sozialen Stellung geht auch aus den Untersuchungen an den Mädchen hervor: Die Mädchen dor Handwerker sind denen der Bauern nicht nur in Länge und Gewicht, sondern auch im Gegensatz zu den Knaben im Brustumfang überlegen, und zwar vom II. Lebensjahr ab. So haben beispielsweise die 11-54- und 12jäh- rigen Handwerkermädchen gegenüber den Bauernmädchen ein Plus in der Länge. von 2,4 cm, im Gewicht . von 1,9 kg, im Brustumfang . von 2,4 cm. 26 Das entspricht auch den von Kaiser im Elz- und Kinzigtal gefundenen Wachstumsunterschieden, wo auch bis zum 11. Lebensjahr zwischen Arbeiter-, Bauern- und Handwerkerkindern kein wesentlicher Unterschied in der Entwicklung besteht, nach dem 11. Jahr jedoch ebenso wie am Kaiserstuhl die Handwerkerkinder deutlich überlegen sind. Doch besteht ein Unterschied, wenn wir die Bauern- und Arbeiterkinder vergleichen: im Elz- und Kinzig- tal stehen die Bauernkinder in ihrer Entwicklung hinter den Arbeiterkindern fast an letzter Stelle, während sie am Kaiserstuhl eher eine raschere Entwicklung aufweisen als die Arbeiterkinder. (Sämtliche zu diesem Abschnitt gehörigen Zahlenwerte sind in Tabelle 2 enthalten.) Wohndichte und Wachstum. Zweifellos bestehen für eine Familie, bei der mehrere Personen zusammen in einem geräumigen, tagsüber von frischer Luft und Sonnenlicht beschickten Raum schlafen, weit bessere wohnungshygienische Verhältnisse als für eine Familie, wo jede Person für sich allein in einem engen, dunklen, von der Sonne nie erhellten Raume schläft. Wenn auch demnach die Wohndichte kein absolutes Kriterium für die besonderen wohnungshygienischen Verhältnisse einer Familie darstellt, so ist sie doch — insbesondere auf dem Lande — ein wichtiger, zahlenmäßig genau festlegbarer Teilfaktor aus der Summe der die soziale Gesamtlage bestimmenden Umstände. Da aus technischen und zeitlichen Gründen eine systematische Inspektion der einzelnen Wohnungen nicht möglich war, erschien eine auf die Wohndichte und Betteilung bezogene Entwicklungsstatistik als die einzig durchführbare Methode zur Beurteilung des Einflusses der wohnungshygienischen Faktoren auf das Wachstum dieser Kinder. In die Anzahl der einer Familie zur Verfügung stehenden Wohnräume wurden die vom Gesinde und von den Großeltern der Kinder bewohnten Räume nicht eingerechnet, hingegen jeweils die Küche, da diese auf dem Lande eine bedeutende Rolle als M ohnraum einnimmt. Bei Gastwirtsfamilien wurde auch der Gastwirtschaftsraum der Anzahl der Wohnräume zugerechnet, da sich in diesem die Familie oft aufhält. Dieser Statistik liegt folgende Methode zugrunde: Die Anzahl der einer Familie zur Verfügung stehenden Wohnräume wurde jeweils durch die Anzahl der bewohnenden Familienmitglieder dividiert und so eine die Wohndichte charakterisierende Verhältniszahl, der Wohnungsindex, gewonnen. Beim Wohnungsindex 1 trifft demnach auf jede Person ein Wohnraum. Ist der Index — 0,5, so bewohnen je 2 Personen einen Wohnraum. Als überfüllt gelten alle Wohnungen mit einem Index von 0,5 und darunter. Sämtliche Kinder wurden nun nach den ihnen zukommenden \\ ohnungsindices zur vergleichenden Untersuchung ihres hievon 27 Größe, Gewicht und Brustumfang Tabelle 2. der Knaben und Mädchen in den 3 Berufsgruppen. Alter Knaben Mädchen Grap »eil Gruppelll Gruppe IV Grap pell Gruppelll Gruppe IV Länge 115,8 116,4 116,6 117,7 115,4 115,8 6 % Gewicht 21,9 21,2 21,8 22,2 21,0 21,0 u. 7 Brustumf. 63,0 62,3 62,3 61,8 60,4 60,5 Zahl 12 18 28 6 18 37 Länge 120,8 120,7 120,3 118,3 120,9 119,3 7 y 2 Gewicht 23,5 23,9 23,3 22,2 23,5 22,6 u. 8 Brustumf. 65,4 65,0 64,5 61,4 63,3 62,7 Zahl 24 43 76 ii 20 65 Länge 125,1 125,3 124,8 123,7 125,4 125,4 8« Gewicht 24,8 25,4 25,3 24,6 25,2 24,9 u. 9 Brustumf. 60,3 67,0 66.7 65,0 64.4 64,3 Zahl 21 33 83 22 44 74 Länge 127,6 129,8 130,2 126,4 130,1 130,0 S'/- Gewicht 26.1 27,2 27,9 25,8 27,3 27,3 n. 10 Brustumf. 67,5 68,3 68,9 64,9 66,9 66,7 Zahl 30 35 58 23 38 77 Länge 135,3 136,0 134,4 130,5 134,2 136,4 l»V4 Gewicht 29,8 30,1 29,7 28,2 29,2 30,7 u. 11 Brustumf. 70,7 70,2 69,9 67.4 68,0 69,3 Zahl 16 47 78 17 36 82 Länge 139,3 139,5 138,7 137,7 140,4 138.6 ll’s Gewicht 31,9 32,7 32,5 31,3 33,4 31,5 u. 12 Brustumf. 72,2 73,4 72,7 70,9 72,8 70,4 Zahl 14 24 64 21 25 56 Länge 142,5 144,8 143,7 147,3 144,2 142,7 12 54 Gewicht 34,2 35,1 35,2 37,5 37,1 35,6 u. 13 73,1 Brustumf. 73,3 73,4 76,2 75,7 74,7 Zahl 11 11 32 10 18 38 Länge 146,0 149,2 147,1 155,4 152,9 149,0 13 Zt Gewicht 36,4 40,1 38,7 43.9 43,9 41,1 u. 14 78,2 Brustumf. 75,1 77,9 77,2 80,8 79,6 Zahl 11 19 44 9 14 28 Länge 152,3 149,0 149,2 153,3 151,9 151,7 14 Vi u. 15 Gewicht 40,1 39,6 41,9 46,0 46,8 45,2 Brustumf. 77,8 77,3 80,1 83,2 81,9 82,0 1 Zahl 8 7 17 10 10 18 28 abhängigen Entwicklungszustandes in 3 verschiedene „Wohnungsgruppen“ eingeteilt, indem jeweils Kinder mit gleichen Indices zu Gruppen zusammengefaßt wurden. So umfaßt: Wohnungsgruppe A = alle Kinder aus überfüllten Wohnungen mit 2 und mehr Personen pro Wohnraum (Index 0,3—0,5), dieser Gruppe gehören an . 20,4% aller Kinder Wohnungsgruppe B — alle Kinder aus der häufigsten Durchschnittswohnung mit Index 0,6—0,9, dieser Gruppe gehören an. 44,1% aller Kinder Wohnungsgruppe G — alle Kinder aus den Wohnungen mit 1 und mehr Räumen pro Person (Index 1,0—3,0), dieser Gruppe gehören an . 35,3% aller Kinder Einzelangaben: auf die dichtest bewohnten Wohnungen mit 3 Personen pro Wohnraum treffen 2,3% der Kinder auf die häufigste Wohnungsgattung mit Index 0,8 treffen . 21,3% der Kinder auf die Wohnungen mit Index 1,0 treffen 16,4% der Kinder auf die geräumigsten Wohnungen mit 3 Räumen pro Person treffen . 0,2% der Kinder Es wohnen also 20,4% der untersuchten Kinder in überfüllten, 44,1% in dicht bewohnten und 35,3% in geräumigen Wohnungen. Die Gruppierung der Kinder nach der Wohndichte ergibt viel erheblichere Klassenunterschiede in der Entwicklung als die Gruppierung nach dem Beruf der Eltern. ln der Länge übertreffen Knaben und Mädchen der nicht überfüllten Wohnungen die der überfüllten ganz wesentlich. So erreicht diese Differenz im Längenwachstum bei den 13%- und 14jährigen Knaben ein Maximum von 4,2 cm, bei den gleich- altrigen Mädchen einen Unterschied von 5,0 cm. Ebenso ausgeprägt wie diese Unterschiede in der Länge sind sie für beide Geschlechter im Gewicht. Hier besteht bei den 13% und 14jährigen Knaben ein Unterschied von 3,6 kg, bei den 11 jäh- rigen Mädchen ein solcher von 2,1 kg zugunsten der Kinder der nicht überfüllten Wohnungen. Diese Gewichtsunterschiede nehmen bei den Knaben mit zunehmendem Alter zu, während sie bei den Mädchen bis zum Alter von 12 Jahren ausgeprägt sind, um sieh dann zu verwischen. Wie das Gewicht verhält sich auch der Brustumfang bei beiden Geschlechtern. Bei den Knaben wird der Unterschied im Brust umfang mit zunehmendem Alter größer, erreicht im Alter ron 14 Jahren ein Maximum von 3,3 cm. Bei den Mädchen erreichter 29 Länge, Gewicht und Brustumfang Tabelle 3. der Knaben und Mädchen in den 3 Wohnungsgruppen. Alter GruppeA Knaben GruppeB Gruppe cj ] GruppeA Mädcher GruppeB Gruppe C Länge 114,7 116,3 116,3 113,6 117,0 116,9 6 Yt u. 7 Gewicht 21,0 21,4 21,7 20,5 21,7 21,6 Brustumfang 63,8 62,1 02,4 59,9 61,4 60,9 Individ.-Zahl 9 29 32 15 32 31 Länge 119,9 120,4 121,6 119,5 119,5 119,7 7 y, u. 8 Gewicht 23,4 23,4 24,0 22,6 22,4 23,2 Brusttunfang 64,9 64,3 65,t 62,7 62,8 63,0 Individ.-Zahl 27 79 63 23 45 54 Länge 324,0 124,9 126,5 123,7 125,4 125,7 8 Hu. 9 Gewicht 25,8 25,1 25,7 24,4 25,0 25,5 Brustumfang 67,6 66,6 66.6 64,0 64,4 65,1 Individ.-Zahl 26 79 49 29 77 57 Länge 128,9 128,7 131,0 127,7 129,5 130,8 9 Hu. 10 Gewicht 26,8 26,8 28,1 26,1 27,0 28,3 Brustumfang 69.3 67,9 68,9 65,8 66,4 67,5 Individ.-Zahl 28 53 54 31 61 65 Länge 133,6 135,7 135,4 134,6 135,0 136,3 10 Hu. 11 Gewicht 29,4 30,2 29,7 28,8 30,2 30,9 Brustumfang 71,2 70,2 69,7 67,9 68,4 69,5 Individ.-Zahl 32 67 55 23 64 66 Länge 137,4 139,4 139,7 136,9 139,5 140,3 U Hu. 12 Gewicht 32,1 33.0 32.3 31,0 32,1 33,0 Brustumfang 72,9 72,8 72,7 70,6 71,1 72,2 Individ.-Zahl 33 44 38 31 47 40 Länge 144,1 143.9 144,6 143,5 143,8 144,4 12 H u. 13 Gewicht 34,8 35,4 36,3 37,3 35,7 37,3 Brustumfang 73,9 75,1 75,0 76,1 73,8 74,9 Individ.-Zahl 14 27 22 20 33 21 I.ftnge 146,3 147,2 150,5 149,3 149,6 154,3 13 H u. H Gewicht 37,5 38,1 41,1 42,7 41,3 43,0 Brustumfang 75,9 77,1 79,2 79,2 78,9 79,0 Individ.-Zahl 29 30 20 10 29 15 Länge 146,0 152,2 147,3 151,2 152,2 153,1 14 Hu. 15 Gewicht 39,0 42,7 41,0 46,0 45,3 47,0 Brustumfang 77,3 79,5 79,9 81,9 81,9 83,4 Individ.-Zahl 12 16 7 12 21 13 < o? PBe P ro Kopf 0,5 Wohnraum. Gruppe B: 0,6—0,9 Wohnraum. ^Ppe C: pro Kopf 1 und mehr Wohnräume.) 30 das Maximum bei den 12jährigen in Höhe von 1,6 cm, um sich dann analog den Verhältnissen beim Gewicht wieder zu verlieren. Die Kinder der nicht überfüllten Wohnungen sind also denen der überfüllten in der Entwicklung beträchtlich voraus. Bei den Mädchen werden diese Wachstumsunterschiede mit zunehmendem Alter kleiner, während sie bei den Knaben größer werden. Die durch die Wohndichte ausgedriickten sozialen Faktoren haben auf das Wachstum der Kaiserstuhlkinder einen bedeutend größeren Einfluß als die durch die verschiedenen Berufe der Eltern bedingten Faktoren. Die zu diesem Abschnitt gehörigen Zahlenwerte sind alle in Tabelle 3 enthalten. Bettbelegung und Wachstum. Neben der Wohndichte stellt die Bettbelegung einen weiteren wohnungs- und sozialhygienischen Faktor dar, der — wie aus folgendem hervorgeht — einen erheblichen Einfluß auf die körperliche Entwicklung des Schulkindes hat. Inwieweit die einzelnen Kinder für sich allein, zu zweien oder dreien ein Bett haben, berichtet Tabelle 4, wo das prozentuale Verhältnis der Bettbelegung für die verschiedenen Altersklassen der Knaben und Mädchen dargestellt ist. Daraus geht hervor, daß von den 6%jährigen Knaben nur 50,0% und von den 14%- und 15jährigen 60,0% ein Bett für sich allein haben. Für die Mädchen liegen diese bett-hygienisclien Verhältnisse noch schlimmer: von den 6 y 2 - und 7jährigen haben nur 35,1% und von den 14%- und 15jährigen 58,7% ein Bett für sich. Als Durchschnitt für alle Kinder ergibt sich aus dieser Tabelle folgendes Bild über die Bettbelegungsverhältnisse: Es schlafen allein in einem Bett: 48,9% aller Knaben, 45,1% aller Mädchen, Es schlafen zu 2 in einem Bett: 60,2% aller Knaben, 54,1% aller Mädchen, Es schlafen zu 3 in einem Bett: 0,8% aller Knaben, 0,8% aller Mädchen. Ebenso überraschend wie bei der Statistik nach der Wohndichte sind die Ergebnisse bei Sichtung des Materials nach der Bettbelegung. So sind die Knaben, welche allein ein Bett haben, in allen Körpermaßen den Doppelschläfern überlegen. So beträgt bei ihnen unter den 12^- und 13 jährigen die Länge 2,7 cm, das Gewicht 2,1 kg und der Brustumfang 1,9 cm mehr gegenüber den Knaben, welche das Bett mit noch mehr Personen teilen müssen. Bei den Mädchen liegen die Verhältnisse bis zum 13. Lebensjahr ähnlich, nach dem 13. Jahr verwischen sich jedoch diese Unterschiede. Vielleicht hat dieser eigenartige WachstumsverLu — 31 — bei den Mädchen seinen Grund darin, daß die bis zum 13. Jahr zurückgebliebenen von nun an zur Zeit der Präpubertät auf Grund endogener Vorgänge mit erhöhter Intensität den bisherigen Wachstumsmangel auf holen. Wie die Klassifizierung der Kinder nach der Wohndichte, so hat also auch die Einordnung nach der Bettbelegung größere Entwicklungsunterschiede ergeben als die nach den Berufen der Eltern durchgeführte Klassifizierung. Die diesem Abschnitt zugehörigen statistischen Zahlenwerte sind in Tabelle 5a—c enthalten. Das prozentuale Verhältnis der Bettbelegung 1, 2, 3 Tabelle 4. unter sämtlichen Knaben und Mädchen (nach Alterskl. geordnet). Knaben Mädchen Alter Anzahl allein ein Bett % zu 2 ein Bett zu 3 ein Bett Anzahl allein ein Bett zu 2 ein Bett zu 3 ein Bett 6i/ 2 u.7 70 50,0 45,7 4,3 78 35,1 64,9 — 7%u.8 168 44,0 54,8 1,2 121 37,8 61,3 0,8 8%u. 9 153 38,6 60,8 0,7 164 40,1 58,0 1,9 9% u . 10 135 42,2 57,0 0,7 157 36,5 62,8 0,6 10% u. 11 155 43,9 55,5 0,6 153 37,9 60,8 1,3 11% u -12 115 47,0 53,0 — 119 50,9 49,1 — 12% u. 13 63 60,3 39,7 — 74 51,4 48,6 — 13% u. 14 79 54,4 45,6 — 54 57,4 42,6 — 14% u. 15 35 60,0 40,0 — 46 58,7 39,1 2,2 Schilddrüse und Wachstum. Die Schilddrüse ist ein der Inspektion, Palpation und in ihrer bröße der Messung zugängliches Organ des endokrinen Systems, hs läßt sich an keinem zweiten innersekretorischen Organ beim hebenden der Einfluß des endokrinen Systems auf das Wachstum des menschlichen Körpers so präzis studieren wie gerade an der Schilddrüse. . H. Pflüger hat in verschiedenen Arbeiten (44, 45) die Begehungen zwischen Wachstum und Kropf an den Schulkindern von Freiburg i. Br. festgelegt, seine Ergebnisse sollen hier zum ^gleich mit den Verhältnissen der Kaiserstuhlkinder herangezogen werden, zumal der Kaiserstuhl wie die meisten Gebiete oerbadens ein ausgesprochenes Kropfland ist. Von den vielen Methoden zur Bestimmung der Schilddrüsen- jFoüe, von denen die vergleichende Messung des Halsumfanges, e Oberflächenmessung der Schilddrüse nach Hunziker genannt ^en, erscheint die von Klinger angegebene Methode der In- 'Pekti° n und Palpation für eine Massenuntersuchung lebender . viduen am geeignetsten. Wenn Inspektion und Palpation auch einer gewissen Subjektivität des Beobachters ausgesetzt sind, Länge, Gewicht und Brustumfang der Knaben Tabelle 5a. hinsichtlich ihrer Bettbelegung. Alter La Bettbelegung: 1 ngc Bott- beiegrung 2 u. 3 Ge Bett- belegung 1 wicht Bett- belegrung 2 u. 3 Braati Bett- belegung 1 imfang Bettbelegung 2 11 . 3 6 y 2 u. 7 116,6 115,6 21,3 21,7 62,2 62,7 Zahl 35 35 35 35 35 35 714 u. 8 123,1 119,9 24.1 23,2 64,9 64,6 Zahl 74 95 74 95 74 95 8i/ 2 u. 9 125,1 125,3 25.4 25,4 66,5 66,8 Zahl 59 94 59 94 59 94 oy 2 u. 10 130,8 128,9 28,1 26.7 68,8 68,4 Zahl 57 79 57 79 57 79 ioy 2 u. 11 136,4 134,2 30,7 29,1 70,5 69,7 Zahl 68 86 68 86 68 86 lli/ 2 u. 12 139,7 138.3 33,0 32,0 73,2 72,3 Zahl 54 61 54 61 54 61 12i/ 2 u. 13 145,3 142,6 36,4 34,3 75,5 73,6 Zahl 38 25 38 25 38 25 13i/ 2 u. 14 148,7 146,4 39,7 37,6 77,8 76,5 Zahl 44 35 44 35 44 35 1454 u. 15 149,8 148,9 41,3 40.8 79,0 78,6 Zahl 21 14 21 14 21 14 so sei doch erwähnt, daß ein geübtes Auge und guter Tastsinn damit ebenso gute Befunde erhebt wie durch umständliche, komplizierte Meßverfahren, die letzten Endes auch auf den Ergebnissen bloßer Beobachtung aufgebaut sind. Nach der Klingerschen Methode, die von der Schweizer Kropfkommission und zumeist auch in Deutschland eingeführt ist, unterscheidet man 5 verschiedene Größen der Schilddrüse, die mit 0,1. II, III, IV bezeichnet werden. So bedeutet: 0 = die Schilddrüse kann nicht gefühlt werden, I — die Lücke zwischen Kehlkopf und Luftröhre einerseits und Kopfnicker andererseits erscheint durch ein an der Grenze der Tastbarkeit liegendes Gebilde ausgefüllt, also eben tastbare, normalgroße Schilddrüse, II = die Schilddrüse kann mit Leichtigkeit abgetastet werden, sie ist gegenüber der normalgroßen Drüse I leicht und diffus vergrößert, HI = die vergrößerte Drüse verändert das Profil des Halses derart, daß ein sogenannter „dicker Hals“ besteht. Also bereits Kropf, jedoch ohne Knotenbildung, IV = ausgesprochener Knotenkropf. 33 Länge, Gewicht und Brustumfang der Mädchen Tabelle 5b. hinsichtlich ihrer Bettbelegung. Alter Läi Bett- bele^unj? 1 ige Bettbelegung 2 u. 3 Gew Bett- belegning 1 ieht Bettbelegung 2a,3 Brust« Bettbelegung 1 mfang Bettbelegung 2 u. 3 6*4 **. 7 Zahl 7 V, u. 8 Zahl 8*4 u. 9 Zahl 9*4 u. 10 Zahl 10*/, u. 11 Zahl 11*/, u. 12 Zahl 12 *4 u- 13 Zahl 13*4 u. 14 Zahl 14*4 u. 15 Zahl 117.3 28 120.3 47 126.4 66 129,9 58 136.4 58 139.8 61 144.3 38 150.8 31 152.4 27 115.8 50 119,0 75 124.5 97 129.5 99 134.9 95 138,1 57 143,4 36 151,0 23 151,8 19 22,0 28 23.4 47 25,6 66 27.5 58 30,8 58 33,0 61 37,4 38 40,0 31 46,2 27 21,2 50 22.4 75 24.7 97 27.2 99 29,9 95 31.3 57 35.8 36 44.5 23 45,7 19 61,5 28 63.4 47 65.1 66 66.5 68 68.9 58 71.9 61 75.2 38 77.2 31 82.6 27 60,6 50 62,6 75 64.2 97 66.7 99 68.8 95 70,7 57 74.2 36 81,0 23 81,9 19 Kinder, bei denen Inspektion und Palpation kein scharfes Urteil über die Größe der Schilddrüse abgab, wurden aufgefordert zu schlucken oder zu husten, wodurch sich das Urteil präzisieren ließ. — Es handelt sich also bei: Schilddrüse 0 um Hypothyreoidismus, ,, I um die normalgroße Schilddrüse, ,, II um den beginnenden Schul- oder Pubertätskropf, ,, III um den ausgebildeten Pubertätskropf — Struma diffusa parenchymatosa colloides makro- follicularis proliferans Aschoff (43), j; IV um die Struma nodosa (fibrosa, haemorrha- gica, cystica). Zunächst wurde die prozentuale Verteilung der Schilddrüsen IV für sämtliche Altersklassen der Knaben und Mädchen fest- gestellt und mit den diesbezüglichen Befunden von Freiburg verübe 6a und b). Eine Gesamtstatistik gibt uns Aufschluß die Häufigkeit der verschiedenen Schilddrüsengrößen ohne riicksichtigung des Alters der Kinder und wird in Beziehung gesetzt zu den Freiburger Verhältnissen (Tabelle 6c). 34 Eine tabellarische Zusammenstellung der prozentualen Verteilung der Schilddrüsen 0—IV in jeder der 12 untersuchten Ortschaften unterrichtet über die geographische Verbreitung der Struma in diesem Gebiet (Tabelle 8). Gleichzeitig ergibt diese Statistik einen Einblick über die Wirksamkeit der Kropfprophylaxe durch Jod. Ein fünfte Tabelle (Tabelle 7), wo Länge und Gewicht der Knaben und Mädchen mit und ohne Schilddrüsenvergrößerung in den verschiedenen Altersklassen verglichen werden, gibt uns Aufschluß über die Beziehung zwischen Schilddrüse und Wachstum bei den Kaiserstuhlkindern. Die Ergebnisse sind folgende: Bei den Knaben ist die Häufigkeit der normalgroßen Schilddrüse durch alle Altersklassen hindurch, von einzelnen kleinen Die prozentuale Verteilung der Bettbelegung 1, 2, 3 auf die verschiedenen Wohnungsgruppen. Tabelle 5c. Anzahl Davon % auf Bettbele^ung der Kinder i 2 3 Knaben Wohnungsgruppe A 200 34,6 64,4 1,9 „ B 424 38,0 61,1 0,9 c 340 63,6 36,4 0 Mädchen Wohnungsgruppe A 194 33,0 66,0 1,0 „ B 409 35,5 63,5 1,0 „ c 362 54,1 45,7 0,3 Schwankungen nach oben und unten abgesehen, ziemlich gleich, nämlich um 64% herum, während sie bei den Freiburger Knaben von 83,7% unter den 6jährigen bis zu 47,4% unter den 14 jährigen abnimmt, um mit zunehmendem Alter der Kinder den vergrößerten Drüsen zu weichen. Bei den Kaiserstühler Knaben treten Vergrößerungen der Schilddrüse also schon unter den jährigen auf und behalten durch alle Altersklassen hindurch ziemlich konstant diese Häufigkeit bei. D. h. am Kaiserstuhl tritt die Schilddrüsenvergrößerung zu einein früheren Lebensalter, im ganzen aber nicht häufiger auf als in Frei- burg, sodaß es hier zu einer so ausgesprochenen Häufigkeit der eigentlichen Pubertätsstruma wie in Freiburg nicht kommt. So tritt der eigentliche Schulkropf (III) bei den 7jährigen bereits mit einer Häufigkeit von 5,1% auf (in Freiburg in diesem Alter nur zu 2>3%)> behält dann durch die ganze Schulzeit diese Häufigkeit bei, sodaß er bei den 14jährigen Knaben zu 4,4% besteht. In Freiburg hingegen hat diese Pubertätsstruma bei den 14jährigen eine Häufig - keit von 16,0% (Tabelle 6a). Die Lebenskurve der Schild - Prozentuale Verteilung der Schilddrüsengröße 0—IV unter den Knaben vom Kaiserstuhl und von Freiburg i. Breisgau. Tab. 6a. An zahl 0 I II III IV Alter Frei- Kaiser-I Frei- Kaiser- Frei- Kaiser -| Frei- Kaiser- Frei- Stuhl bürg Stuhl [ bürg Stuhl bürg Stuhl bürg stuhl bürg 6 % 12 — 58,3 — 33,3 — 8,3 — — — 7 5 V — — 76,3 83,7 18,6 12,9 5,1 2,3 — — U/s 80 1,3 — 75,0 — 20,0 — 3,8 — — — 8 90 1,1 1,5 74,4 76,0 18,9 15,8 5,6 5,0 — 1,5 8 % 75 — — 73,3 — 20,0 — 6,7 — — — 9 81 1,2 0,2 61,7 75,0 29,6 18,6 7,4 3,9 — 2,1 s % 69 — — 73,9 — 17,4 — 7,2 — 1,4 — 10 ~ 66 — 0,3 68,2 67,1 24,2 23,5 4,5 7,5 3 1,4 m 81 1,2 — 64,2 — 29,6 — 4.9 — — — ii 73 — 0,8 53,4 57,5 34,2 27,7 9.6 11,3 2.7 2,2 11 % 69 1,4 — 55,1 — 36,2 — 7,2 — — 12 46 2,2 0,9 56,5 55,6 30,4 26,3 8,7 14,6 . 2,2 2,4 12 % 27 7,4 — 59.3 — 18,5 — 11,1 3,7 — 13 36 — 0,4 66,7 46,9 30,6 34,0 2,8 15,9 — 2,5 13 % 35 2,9 — 68,6 — 20,0 — 5,6 — 2.8 *— 14 44 — 0,2 56,8 47,4 36,4 32,5 4,1 16.0 2,3 3,6 U % 27 3,7 — 48,1 — 33,3 — 11,1 — 3.7 — 15 8 — — — — _ drüse im Kaiserstuhlgebiet erfährt also im 6. und b Lebensjahr einen früheren und höheren Anstieg als in Freiburg, hält sich bis zum 14. bis 15. Lebensjahr auf gleicher Höhe und weist bei beginnender Pubertät nicht mehr den intensiven Anstieg auf wie die Kurve der Freiburger Kinder. Der Knotenkropf (Struma nodosa) neigt in seinem zeitlichen Auftreten keinen wesentlichen Unterschied gegenüber Freiburg, seine Häufigkeit ist in Freiburg etwas höher als am Kaiserstuhl: bei den Knaben am Kaiserstuhl 1,3%, m Freiburg 2,0%, bei den Mädchen am Kaiserstuhl 1,9%, in Frei- fmrg 2,2%. Bei den Mädchen bestehen die gleichen Verhältnisse nur mit | em Unterschied, daß bei ihnen die diffus vergrößerte Schilddrüse dl) eine größere Häufigkeit aufweist als bei den Knaben und in ™er Häufigkeit von 33,5% der Freiburger Häufigkeit von 24,7% Wesentlich überlegen ist. Die nicht nachweisbare Schilddrüse (Hypothyreoidismus) at bei den Knaben am Kaiserstuhl eine Häufigkeit von 1,3%, ei den Mädchen von 0,7%. In Freiburg ist diese Häufigkeit bei den knaben 0,5%, bei den Mädchen 1,2%. Aus der Tabelle über die prozentuale Gesamtverteilung der Verschiedenen Schilddrüsengrößen (Tabelle 6c) geht hervor, daß 36 Prozentuale Verteilung der Schilddrüsengröße 0—IV unter den Mädchen vom Kaiserstuhl und von Freiburg i. Breisgau. Tab. 6b. Alter An zahl « Kaiser Stuhl Frei- burg 1 Kaiser Stuhl Freiburg I Kaiser stuhl [ Frei- burg 11 Kaiser stuhl 1 Frei- burg 1 Kaiser stuhl V Freiburg 6% 21 — — 66,7 _ 33,3 _ 7 57 1,8 0,5 61,4 80,7 26,3 15,2 10,5 3,1 0,5 u / 2 55 1,8 - 50,9 — 34,5 — 10,9 — 1.8 8 67 1,5 2,9 68,7 76,4 22,4 15,1 7,5 3,7 1,7 8% 71 1,4 — 63,4 — 29,6 — 5,6 9 93 — 2,4 77,4 65,3 16,1 25,2 5,4 6,0 1,1 0,8 9% 78 1,3 — 52,6 — 33,3 — 12,8 10 79 1,3 0,7 45,5 64,6 43,0 24,7 10,1 8,3 1,5 ioy 2 76 — — 50,0 — 42,1 — 7,9 ii 77 — 0,6 54,5 58,9 31,2 27,6 14,3 11,7 0,9 n % 73 1,4 — 50,7 — 32,9 — 12,3 — 2,8 _ 12 45 — 1,3 48,9 51,9 35,6 29,7 13,3 14,9 2,2 1,9 12% 33 — — 39,4 — 36,4 _ 24,2 13 41 2,4 0,6 36,6 52,5 41,5 27,4 17,1 15,0 2,4 4,3 13% 28 — - 39,3 - 53,6 -- 7,1 _ 14 26 — 0,8 42,2 41,9 38,5 32,3 15,4 18,7 3,6 6,1 14% 31 — - 41,9 — 32,3 — 12,9 — 12,9 — 15 15 1,4 53,3 40,2 20,0 35,1 20,0 21,6 6,7 2,9 in summa die Schilddriisenvergrößerungen am Kaiserstuhl und in Freiburg die gleichen Häufigkeiten aufvveisen. Nur bei den Mädchen am Kaiserstuhl ist der leichte Sehulkropf (II) um 8,8% häufiger als bei den Freiburger Mädchen. Da bei den Untersuchungen an Ort und Stelle auffiel, daß in einzelnen Orten Schilddrüsenvergrößerungen häufig und in anderen viel weniger häufig waren, wurde eine Tabelle (8) aufgestellt, aus der die Verteilung der einzelnen Schilddrüsenvergrößerungen für die einzelnen Ortschaften ersichtlich ist. So kommen in den Orten Eichstetten, Leiselheim, Endingen und Königschaff hausen die relativ wenigsten vergrößerten Schilddrüsen vor. Die Nachforschung, in welchen Orten Kropfprophylaxe betrieben werde, ergab, daß nur in den eben aufgezählten Orten mit Ausnahme von Königschaffhausen Kropfprophylaxe (pro Kind wöchentlich 1 Tablette Jodostarin) betrieben wird. Diese Tatsache läßt die Kropfprophylaxe als günstig erscheinen. (In Königschaffhausen allerdings, obwohl — gerade deswegen — dort keine Prophylaxe betrieben wird, sind die wenigsten Kröpfe.) Der kropfreichste Ort ist Arnol- tern, dem sogleich Sasbach und Riegel folgen. Beim statistischen Vergleich sämtlicher Kinder mit normal- großer und vergrößerter Schilddrüse hinsichtlich ihrer Entwicklung (Tabelle 7) ergab sich, daß sowohl Knaben als auch Mädchen 37 mit vergrößerter Schilddrüse ihren Altersgenossen mit normal großer Thyreoidea im Wachstum nicht unerheblich voraus sind. — Interessant bei diesem Vergleich ist, Prozentuale Gesamtverteilung der Schilddrüsengröße 0—IV unter den 6—14jährigen Schulkindern vom Kaiserstuhl und von Freiburg i. Breisgau. Tabelle <»c. Knaben Mäd eben Kaiserstuhl Freiburg Kaiserstuhl Freiburg 0 — Schilddrüse nicht fühlbar (Schilddrüsenmangel ?) 1,3 0,5 0,7 1,2 I = normalgroße Schilddrüse 64,1 63.6 52,4 61,5 II - leicht, diffus vergrößerte. Schilddrüse . 26,5 23,0 33,5 24,7 III — stark vergrößerte Schild- drüse, eigentl. Schulkropf 0,7 9,6 11,5 10,2 1 lv — Knotenkropf. 1,3 2,0 1,0 2,2 Länge und Gewicht der Knaben und Mädchen hinsichtlich ihrer Schilddrüsengröße. Tabelle 7. Knaben Mädchen Alter Länge Gewicht Länge Gewicht Seh. I Sch. II,III,IV Sch. I Sch. II,III,-IV Sch. I Sch. II,III,IV Sch. I Sch. 11,111,1V k l/z U. 7 115,0 116,7 21,3 22,3 116,1 116,7 21,4 21,6 53 17 53 17 49 29 49 29 00 3 120,5 121,6 23,5 24,1 119,2 120,0 22,9 22,6 128 41 128 41 76 46 76 46 8 Hu. 9 124,8 126,0 25,2 25,9 124,9 125,1 25,3 24,8 103 50 103 50 117 46 117 46 9H U - 10 128,9 131,4 27,0 28,0 129,2 130,1 27,3 27,4 97 39 97 39 79 78 79 78 10/4 u. 11 134,8 135,8 29,8 30,0 135,5 135,4 30,4 30,0 92 62 92 62 79 74 79 74 138,8 139,2 32,8 32,0 138,1 140,1 32,1 32,4 66 49 66 49 61 57 61 57 12 Hu. 13 143,5 145,7 35,0 36,4 143,0 144,0 37,1 39,0 42 21 42 21 29 45 29 45 IV/zU. 14 147,6 147,8 38,6 39,2 148,9 152,2 42,0 42,1 hHu.15 50 29 50 29 22 32 22 32 149,1 149,9 41,4 40,6 152,6 151,8 46,3 45,8 21 14 21 14 21 25 21 25 'Zwecks Studiums der innersekretorischen Verhältnisse in ihrem Einfluß auf das Wachstum dieser Kinder.) Sch. I — normalgroße Schilddrüse Sch. II, III, IV -- vergrößerte Schilddrüse (in 3 Graden). 38 •V«V'**/■«>,» «•V.*\- '■•'??•> — 38 — daß nur die Knaben mit vergrößerter Schilddrüse im Alter von IU /2 und 12 Jahren den eingangs der Arbeit (bei der Gesamtstatistik) erwähnten Einschnitt nach unten in ihrer Entwicklungs- kurve zeigen, während dieser Einschnitt bei den Knaben mit normalgroßer Schilddrüse sowohl in der Längen- als auch in der Gewichts-Kurve vollkommen fehlt. Es liegt daher nahe anzunehmen, daß dieser Einschnitt irgendwie mit der Schilddrüsenfunktion zusammenhängt. Die Gewichtskurve der Mädchen zeigt die gleiche Prozentuale geographische Verteilung der Schilddrüsengröße I, II, III, IV in jeder der 12 untersuchten Ortschaften (bezogen auf sämtliche 6—14%jährige Kinder). Tabelle 8. Ort Gesamtzahl Davon I % auf grc II Schild ße III 1. Amoltern . 43 46,5 27,9 20,9 2. Sasbach. 123 41,5 43,1 14,6 3. Riegel . 153 51,0 34,6 14,4 4. Bötzingen- Obersehaffliausen . . 270 50,0 34,8 13,3 «5. Bahlingen. 311 54,0 33,3 12,5 6. Jechtingen . 105 46,7 42,9 9,5 7. Kiechlinsbergen . . . 122 45,9 41,8 9,0 8. Bischoffingen. 77 55,8 39,0 5,2 9. Eichstetten. 220 75,5 20,9 3,6 10. Leiselheim . 43 86,0 11,6 2,3 11. Endingen . 364 80,8 17,3 1,6 12. Königschaffhausen . 107 81,3 18,7 — IV 0,5 Kropfprophylaxe mit Jodpräparaten 1 vor 4 Jahren versuchsweise vor 2 Jahren versuchsweise ja, seit 5 Jahren systemat. in den oberen Klassen ja, seit 1 Jahr systemat. in allen Klassen ja, seit 2 Jahren systemat. in den 4 unteren Klass. Die Reihenfolge der Ortschaften in der Tabelle ist so gewählt, daß die Orte mit den relativ meisten Schilddrüsen III (-- Struma diffusa colloides macrofollicularis proliferans Aschou) zuerst und die mit den relativ wenigsten Schilddrüsen III zuletzt folgen. Besonderheit im Alter von 11% und 12 Jahren. Als Beispiele der durch die Schilddrüse im Wachstum bedingten Unterschiede seien angeführt: Die 12%- und 13jährigen Knaben mit vergrößerter Schilddrüse weisen in der Länge ein Plus von 2,2 cm, im Gewicht ein solches von 1,4 kg auf gegenüber den Altersgenossen mit normal- großer Schilddrüse. Bei den Mädchen liegen die Verhältnisse ähnlich wie aus Tabelle 7 hervorgeht. Somit hat also die Funktion der Schilddrüse auf das Wachstum dieser Kinder einen erheblichen Einfluß, der bei der Bewertung der exogenen, sozialen Faktoren berücksichtigt werden muß- Gelegentlicher und regelmäßiger Alkoholgenuß und Wachstum der Schulkinder des Kaiserstuhlgebietes. Wie eingangs der Arbeit erwähnt, wurde von jedem einzelnen Kind nach Möglichkeit festgestellt, ob es regelmäßig oder nur gelegentlich Wein trinke. In der Gruppe der „regelmäßig trinkenden Kinder“ werden diejenigen zusammengefaßt, welche angeblich täglich Alkohol zu sich nehmen, im Gegensatz zur Gruppe derjenigen, welche nur gelegentlich trinken. Die Zahl der abstinenten Kinder ist so klein, daß sie gegenüber der Gesamtheit keine Rolle spielt. Trotzdem sind die statistischen Ergebnisse ihrer Entwicklung neben den der gelegentlich und regelmäßig trinkenden in Tabelle 9 angeführt. Als Erklärung des Grundes ihrer Abstinenz gaben diese Kinder an, der Wein schmecke ihnen nicht, weshalb sie lieber Milch oder Wasser tränken. Es waren dies einzelne Kinder von Bauern und Lehrern, aber auch — dies fiel ganz besonders auf — die Kinder der Küfer und Weinhändler gehörten fast restlos der Gruppe der Abstinenten an. Das mag seine Begründung wohl darin haben, daß gerade Weinhändler und Küfer den chronischen Alkoholgenuß als lästig empfinden und ihre Kinder so lange als möglich davor schützen wollen. Die Zahl der regelmäßig trinkenden Kinder nimmt von den niederen zu den höheren Altersklassen zu. Unter den Mädchen ist die Zahl der nur gelegentlich trinkenden und abstinenten etwas höher als bei den Knaben. Die zahlenmäßigen Einzelangaben hierfür finden sich in Tabelle 9. Summarisch ergibt sich folgendes Verhältnis: Es sind: unter 974 Knaben: unter 965 Mädchen: regelmäßig trinkende . . 69,5% regelmäßig trinkende .. 61,1% gelegentlich trinkende . 28,3% gelegentlich trinkende . 34,9% abstinente . 2,2% abstinte . 4,0% Der statistische Vergleich von Länge und Gewicht der Kinder, welche regelmäßig und gelegentlich Alkohol genießen, ergibt keine wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Gruppen, sowohl für die Knaben "de für die Mädchen. Wenn aber die 12jährigen Knaben, welche regelmäßig Alkohol trinken, den nur gelegentlich trinkenden Altersgenossen im Gewicht voraus sind und das bei den 13 %j übrigen Mädchen nicht nur im Gewicht, sondern auch in der Länge der Fall ist, so kann dies wohl nie als Zufallsbefund gewertet werden. Wir haben also keinen Anhaltspunkt für die Annahme gefunden, haß chronischer Alkoholgenuß das körperliche Wachstum des Schulkindes hintanhält. Das Ergebnis spricht gegen die von hemme und Hecker vertretene Hypothese der Entwicklungshemmung des Schulkindes durch chronischen Alkoholgenuß. Das Jon Demme angeführte Beispiel, daß von 27 Kindern 19, die seit frühester Kindheit dem chronischen Alkoholgenuß ergeben waren, SSBgs-SgStS: KW««WM NNM »-xx-r-E — 40 — i IC 04 © © © 1 i 04 1 1 1 1 © P SS © CG IC © Th © © © co © ä 04 04 © Th © iC I 40 i co CO © 1 1 © 1 1 cs bc 04 04 04 04 04 04 CO 04 co co X © M CO X IC IC © CO 47- 04 04 X © t- © © X 04 Th C 04 04 04 CO CO 04 04 04 8 £ Th © © © r> © 04 CO © © --H 04 t- co FM co Th CG J* 04 04 04 Th Th © X © © Th CO X CO © © © bJj 04 04 04 04 04 04 04 04 CO CO co CO CO co Th Th ■h © © tt) 00 © © 4 4> © 04 04 40 Th © Th © © » © « CO CO Th Th CO © © © © 04 TT 04 T- FM "© -* - jS ,-i Th © © CO X t- © © © Th Th © co © t— co D © 04 04 IC © X © © t— Th CG CO © 1> ■© X Ol 04 04 04 04 04 04 04 04 co co co co co Th Th Th Th :3 fl 1 i> Ol © © 04 1 '“ 4 04 1 1 1 1 ?0 § © Th © © X CO o © © © s | t- 00 CO IC r-- © co r- 1 1 Th i 1 04 04 04 04 Th 04 co Th Th Sß s CO 00 © IC © CO 17- 04 04 X © © © X 04 Th 04 04 04 CO CO 04 04 04 Tg .= © Th © © © X CO i“H © Th © 04 © o Th — © co fct 8 40 4> 00 © Th r- © © © © © 04 co co 8 04 04 04 04 CO CO CO co Th Th Th © © © i£ 3 bQ 00 © [•*, © 04 04 © Th © Th © © t- © :cs 3 CO CO Th Th Th CO © © © © 04 04 p © ic © tr © X 04 Th X Th © © © © X Th CG © be © CO © 47- © CO © X Th © ©' © © © © 1 ~8 04 04 04 04 CO co CO co Th Th © © P-H FM fM © P 1 Th CO IC - 04 1 - 04 1 1 - 1 04 i 1 1 1 © *S © IC © © CO ic co © © © X 1 CO Th 47 - X 1 »c t- i 1 Th 1 47- 1 1 1 1 'S 6*> 04 04 04 04 04 04 04 co co X © © 00 IC CO 04 t- 47- Th X © Th CG 40 © 1 1 fl 04 CO CO 04 04 04 04 Fä £ 8 t. 04 00 Q;. c Th IC © p_4 eo X © 04 47- co -« © 04 Th © ic h- X © co 04 40 ' Th CO 1 1 :cs 5C 04 04 04 04 04 04 04 04 04 CO co co co CO CO Th p*~. 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Natürlich soll durch diese Tatsache in keiner Weise die Möglichkeit geleugnet werden, daß, wenn der chronische Alkoholgenuß auf die körperliche Entwicklung des Schulkindes keinen hemmenden Einfluß hat, die nachteiligen Folgen vielleicht erst nach dem Schulalter auf treten. Dies festzustellen lag nicht im Bereich vorliegender Arbeit. Die Konstitution der Kaiserstuhlkinder. Wenn auch nach dem Urteil vieler Autoren (Martin, K. O. Henckel, Baldwin) die Konstitution eines Individuums durch Länge, Gewicht und Angabe des Alters bestimmt ist, so werden nach Coerper (51) und Sigaud feinere Konstitutionsmerkmale viel treffender durch Charakterisierung des optischen Gesamteindruckes als durch mathematische Correlationen von Körpermaßen festgelegt. Coerper zieht schon deswegen die rein optische Beurteilung eines Konstitutionstyps jener mittels Indices vor, da letztere ja erst sekundär auf dem rein optisch-subjektiven Urteil aufgebaut ist und die Indices für ein- und denselben Typus beim Kinde nicht immer die gleichen sind. Schlesinger und Coerper halten diese optische Methode für besonders zuverlässig, wenn die Inspektion durch die sogenannten Reihenuntersuchungen und stets durch denselben Beobachter erfolgt. Es erschien daher von Interesse festzustellen, welche Ergebnisse eine nach dieser Methode durchgeführte Untersuchung zeitigen würde: ob am Kaiserstuhl die pathologischen Konstitutionstypen häufiger seien als unter den Kindern anderer Gegenden, ob die guten oder schlechten Konstitutionen mehr im Lager der regelmäßig oder nur gelegentlich trinkenden zu finden seien. Ist es doch eine feststehende Tatsache, daß in bestimmten Populationen bei bestimmten Milieuverhältnissen, Lebensgewohnheiten und sozialen Lagen bestimmte Körperbautypen vorherrschen. Insbesondere weist Eugen Fischer auf die Bedeutung der Untersuchung (46) ganzer Stämme und Populationen auf die Verbreitung bestimmter Konstitutionen hin, weil sich daraus viel mis dem Leben eines Volkes erklären läßt. Von ganz besonderem Vert dürfte eine solche Untersuchung der Kaiserstuhlkinder sein, da wir hier nicht nur eine alteingesessene, sondern auch unter dem Einfluß des durch viele Jahrhunderte hindurch gepflogenen chronischen Alkoholverbrauchs stehende Population vor uns haben, "ie schon erwähnt, stammen ja 91,4% der untersuchten Kinder ü>n der alteingesessenen Weinbaubevölkerung ab, und 65,3% der Kinder sind an dem regelmäßigen, 31,6% an dem gelegentlichen •uLoholgenuß beteiligt, während die Anzahl der abstinenten nur •V% beträgt. 42 Wenn auch beim Schulkind der Typ des Körperbaues noch nicht so markant ausgeprägt ist wie beim Erwachsenen, zumal sich seine Körperform zur Zeit des stärksten Wachstums über das Zwischenstadium der sog. Streckungsform einem Dominanzwechsel unterziehen und somit oft in eine ganz andere Form umprägen kann, so läßt sich doch beim Schulkind die gerade bestehende Konstitution mit einiger Sicherheit bestimmen. (Sigaud,Coerper, Aschenheim 37.) Besonders ist seine morphologische Erscheinungsform zum Vergleich mit der anderer Kinder geeignet, wenn dazu auch beim jüngeren Schulkind mehr Sorgfalt erforderlich ist als beim älteren. Bei unseren Kindern wurden einige besondere Beobachtungen gemacht. Unter den Knaben fielen Typen von sehr gut entwickelter Muskulatur, schmaler Schulterbreite und außerordentlich breitem Becken auf. Die Testes waren gut entwickelt, sodaß von einem eunuchoiden Habitus nicht die Rede sein konnte. Aetiologisch liegt sicher eine dyshormonal bedingte, dysharmonische Körperform vor, die dem Typus muskularis am nächsten steht. — Bei der Differenzierung, ob ein vorliegender Typ als cerebral bezeichnet werden mußte oder nicht, war besondere Vorsicht geboten. Denn gerade bei jüngeren Schulkindern von mäßigem Ernährungszustand und mit schlecht entwickelten Weichteilen nahm der Kopf —■ ähnlich den Verhältnissen beim Säugling — im Gesamtbild des Körpers eine besonders große Proportion ein, sodaß ein solcher in Wirklichkeit respiratorischer oder asthenischer Typ auf den ersten Anblick einen Typus cerebralis hätte Vortäuschen können. Außer der Bestimmung des Körperbautypes nach dieser Methode wurde der Ernährungs- und Kräftezustand eines jeden Kindes noch nach den Kriterien „sehr gut, gut, mäßig, schlecht, pathologisch“ aufgezeichnet. Hinsichtlich dieses und des Coerper- schen Einteilungsprinzipes wurden nun alle Kinder, welche regelmäßig, gelegentlich oder keinen Alkohol trinken, gegenseitig statistisch verglichen. Ein digestiver Typ wurde als sehr gut bezeichnet, wenn unter einem nicht allzu dicken Fettpolster eine sehr gut entwickelte Muskulatur palpabel war. Er wurde als mäßig oder schlecht beurteilt, wenn unter einem dicken Fettpolster nur mäßige oder kümmerliche Muskulatur zu fühlen war. Die Güte der körperlichen Verfassung war für die Kinder bestimmter Berufsklassen so charakteristisch, daß man nach einiger Übung auf den bloßen Anblick hin die soziale Stellung der Eltern geradezu erschließen konnte. Die Kinder der Metzger hatten fast durchweg die Konstitution „muscularis, sehr gut“, die der Küfer gehörten fast regelmäßig dem digestiven oder adipösen Typ an. Welche und wieviel pathologische Typen angetroffen wurden, geht aus Tabelle 10 hervor. Sie sollen hier nicht näher charakterisiert werden, da die pathologischen Konstitutionen des Schu kindalters im wesentlichen denen der Erwachsenen gleichen. U handelte sich zumeist um die einzelnen Formen der dyshormonalen Typen, wohin der asthenische Typ ebenso zu rechnen ist wie z. 13. der kretinische. Die genauen Befunde folgen am Schluß dieses Abschnittes. Jedes Kind wurde auf bestimmte pathologische Merkmale untersucht, so auf schwere oder leichte überstandene Rachitis, auf Skoliose und Kyphose der Wirbelsäule sowie auf Plattfüße. Da diese Merkmale, besonders die Rachitis (nach L. Bindley, Glasgow) vielfach Domestikationsfolgen sind, wurde jedes der einzelnen Merkmale in Beziehung zu den verschiedenen Wohndichten gesetzt und ihre Häufigkeit darnach statistisch verglichen (siehe Tabelle 13). — Kinder mit einem rachitisch veränderten Knochensystem verfügten oft über eine ausgezeichnete Muskulatur. Viele Kinder hatten trotz starker Skoliose völlig symmetrische, gleich hohe Schultern, während oft solche mit gerader Wirbelsäule ungleich hohe, schiefe Schultern auf wiesen. Diese Verhältnisse beruhen im ersten Fall jedenfalls auf einer spontanen sekundären Wiederherstellung der Symmetrie aus statischen Gründen, im zweiten Falle auf Deformitäten des Thorax ohne Beteiligung der Wirbelsäule. Bei genauer Prüfung der Wirbelsäule auf skolio- tische Veränderungen mittels Palpation, indem 2 Finger der Wirbel- domlinie von proximal nach distal entlanggleiten, ist darauf zu achten, daß sich bei diesem Vorgehen die Rückenmuskulatur nicht reflektorisch einseitig kontrahiert und so eine Skoliose vortäuscht. Die Palpation wurde nur angewandt, um in zweifelhaften Fällen das Urteil der Inspektion zu erhärten. — Plattfüße wurden relativ wenig — entgegen der von Domarus geäußerten Ansicht — beim asthenischen Habitus, sondern viel häufiger beim kräftigen athletischen, muskulären und adipösen Typ festgestellt. Besonders fiel auf, daß Plattfüße in einigen Ortschaften sehr häufig, in anderen hingegen recht selten waren. Häufig waren sie z. B. in Bahlingen, selten in dem daneben liegenden Riegel anzutreffen (ebenso die Skoliose). Da Bahlingen eine sehr alt eingesessene Bevölkerung hat, während nach Riegel viel Fremde zugezogen sind, könnte geschlossen werden, daß das Zustandekommen von Plattfüßen auch y on Erbfaktoren innerhalb einer ganzen Population abhängig ist. Die beschriebenen Konstitutionstypen, -merkmale und -quali- täten wurden sowohl bei den Knaben als auch bei den Mädchen festgestellt. An dieser Stelle folgen jedoch nur die bei den Knaben gewonnenen Ergebnisse, da die Typen beim männlichen Geschlecht fiel ausgeprägter sind als beim weiblichen. Die bei den Mädchen gewonnenen Ergebnisse werden u. a. in einer späteren Arbeit erscheinen. Ergebnisse : Aus Tabelle 10, in der die Verteilung der einzelnen Konstitutionstypen auf die verschiedenen Altersklassen dargestellt ist, geht hervor, daß die normalen Typen in jeder Altersklasse ungefähr gleich häufig vertreten sind. Hinsichtlich der pathologischen Typen 44 lllll W 2 CD 00 C- CC ftCOO^OOhlNlN «o ^ i> t> io co I—f id jener unter den von Coerper untersuchten 3000 Knaben. ^ ergibt sich, daß am Kaiserstuhl der muskuläre Typ zu 6,5%, ^respiratorische zu 13,5% und der cerebrale zu 17,5% häufiger als unter den von Coerper untersuchten Knaben. Außerdem sind die pathologischen Typen am Kaiserstuhl zu 5,0% weniger 'frtreten, die indifferenten zu 0,8% und die digestiven zu 9,4% Weniger als bei den Coerpersehen Knaben. Das bedeutet für die Knaben des Kaiserstuhles einen sehr günstigen Zustand. bemerkenswert ist, daß am Kaiserstuhl die cerebralen lypen 17,5% häufiger sind als bei Coerper. Da dies bei den Unter- — 46 suchungen sofort auffiel, wurden bei jedem einzelnen Kind die Schädelmaße genommen und der Schädelindex berechnet, um festzustellen, ob dieser Typus cerebralis nicht eine rassegebundene Konstitution der Kaisersttihler Kinder ist. Die Resultate dieser Untersuchung liegen noch nicht vor, sie werden in einer späteren Mitteilung erscheinen. Doch scheint nach den bisherigen Ergebnissen dieser cerebrale Typ mit ausgesprochener Brachykephalie rassegebunden zu sein, zumal die Kaiserstuhlbevölkerung großenteils alpiner Herkunft ist und sich auch mongoloide Merkmale vorfinden. Bezüglich der Kopfform sei erwähnt: nach Retzius. E. Fischer, Martin, 0. Ammon (auch nach De Lapougeund Muffang in der Bretagne) ist die Form des Kopfes, d. h. das Verhältnis seiner einzelnen Maße zueinander ein rassegebundenes Merkmal. Vielleicht handelt es sich hierbei am Kaiserstuhl auch um den sog. „Bauernschädel“, wie ihn Ammon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts unter den Rekruten vom Lande etwa dreimal so häufig als unter denen aus den Städten fand. Schätzungsweise etwa 10% der Kinder hatten eine ausgesprochene Epicanthusfalte, Schlitzaugen und sehr breite Nasenwurzeln. Es lagen hierbei nicht etwa Schlitzaugen bei psychischem Mongolismus vor, denn sie bestanden auch bei sehr begabten Kindern. Ganz besonders sei betont, daß die pathologischen Konstitutionen am Kaiserstuhl zu 5% weniger bestehen als unter den von Co er per untersuchten Kindern. Diese Tatsache spricht sowohl gegen die Annahme einer Schädigung der körperlichen Entwicklung des Schulkindes durch den eigenen Alkoholgenuß, wie gegen eine idioplasmatische Schädigung bei gewohnheitsmäßigem Alkoholverbrauch über zahlreiche Generationen hin.* Bei Beurteilung des körperlichen Allgemeinzustandes mittels der Prädikate „sehr gut, gut, mäßig, schlecht, pathologisch“ ergaben sich folgende Resultate: Die Qualitäten „sehr gut“ und „gut“ sind unter den regelmäßig trinkenden Knaben zusammen zu 69,3%, unter den gelegentlich trinkenden zu 65,2% vertreten, — ein Ergebnis, welches die Annahme einer sichtbaren Schädigung der Konstitutionsqualität durch chronischen Alkoholgenuß im Schulkindalter in Frage stellt. — Das gleiche Ergebnis zeigt sich in der Häufigkeit der Konstitutionsqualität „mäßig“, welche unter den regelmäßig trinkenden Knaben zu 23,9%, unter den gelegentlich trinkenden hingegen zu 28.6% angetroffen wurde. Die reglmäßig trinkenden Knaben weisen also um 4,1% mehr „sehr gute“ und „gute“, hingegen um 4,7% weniger „mäßige“ Qualitäten auf als die nur gelegentlich trinkenden. Die Qualität „schlecht“ und „pathologisch“ treffen wir bei den regelmäßig trinkenden zu 6,8%, bei den gelegentlich trinkenden zu 6,2% an. Die Knaben, welche überhaupt keinen Alkohol trinken, sind ihrer Anzahl nach so gering, daß das aus ihrer Gruppe sich er- “? c5 •«* e gebende statistische Resultat zu Vergleichszwecken nicht verwendet werden kann. Die statistischen Ergebnisse dieser Gruppe finden sich in Tabelle 12. Hinsichtlich der Untersuchung der Kinder nach einzelnen pathologischen Konstitutionsmerkmalen stellte sich heraus: Die Skoliose ist bei 27 , 5 % aller Kinder zu verzeichnen, und zwar bei den Knaben zu 27,5%, bei den Mädchen zu 27,4%. Kyphose besteht bei den Knaben zu 2,8%, bei den Mädchen zu3,8%. Plattfüße bei den Knaben zu 23,2%, bei den Mädchen zu 25,3%. Die Zeichen überstandener Rachitis (Extremitätenverkrümmungen, Thoraxdeformitäten) fanden sich bei den Knaben zu 5,8%, bei den Mädchen zu 3,4%. (Tabelle 13.) Prozentuale Häufigkeit von Rachitis, Skoliose, Kyphose, Plattfüßen unter den Knaben und Mädchen der 3 Wohnungsgruppen sowie Gesamtstatistik über diese Konstitutionsmerkmale am Kaiserstuhl. Tabelle 13. Anzahl Rachitis Skoliose Kyphose Knaben Wohnungsgruppe A 200 6,5 28,5 2,5 „ B 424 6,4 27,4 2,4 „ C 340 4.4 26,5 3,5 Mädchen Wohnungsgruppe A 194 2,6 28,9 3,6 „ B 40!) 3,9 25,2 3,4 „ C 362 3.6 28,2 4.4 Knaben 0 esamtdurchschnitt 964 5.8 27,5 2,8 Mädchen Gesamtdurchschnitt 965 3.4 27,4 3,8 Knaben und Mädchen: Gesamtstatistik . . . 1929 4,6 27,5 3,3 In Gestalt eines 60-Meter-Laufes ausgeführte Leistungsprüfung unter den Schulkindern des Kaiserstuhles. Wenn in den vorausgehenden Abschnitten auf Grund anthro- pometrischer Messungen und der Konstitutionstypenbestimmung die Entwicklung der Kaiserstuhlkinder gegenüber den Kindern anderer Gegenden als eine rascher erfolgende und bessere befunden wurde, so soll nun geprüft werden, ob diesen damit gekennzeichneten anatomischen Befunden eine entsprechende funktionelle Leistungsfähigkeit zukommt. „Denn erst Konstitution und Leistung zusammen ergeben ein wahres Bild von der körperlichen Entwich- ung unseres Volkes“ sagt Moldenhauer, Sportlehrer der Universität Berlin (52). — Im übrigen gibt eine körperliche Leistung«- 49 Prüfung nicht nur ein Bild über die physiologisch-körperliche Leistungsfähigkeit eines Menschen, sondern auch über seine psychische Verfassung, über Wille, Konzentrationsfähigkeit und Aasdauer. In gewissem Sinn gestattet sie uns also einen Einblick in die Leib-Seelen-Einheit des Menschen. Da jede körperliche Leistungsprüfung ein bestimmtes Maß von Vorübung voraussetzt, wurde eine möglichst einfache, volkstümliche Art dieser Prüfung gewählt. Nach Moldenhauer, besonders aber nach Schiötz (53), Chefarzt der norwegischen Schulärzte, ist selbst für die einfachsten Schulverhältnisse der Kurzstreckenlauf ohne erhebliche Vorübung geeignet, ein zutreffendes Bild der Leistungsfähigkeit zu erstatten. Dieser Lauf wurde bei 620 Kindern durchgeführt. Um ein einheitliches Durchschnittsergebnis zu erhalten, wurden in den ii Orten, wo der Lauf durchgeführt wurde, alle Kinder zugezogen. Einzelne Kinder konnten wegen Eußleiden nicht mitlaufen, einzelne nicht, weil sie die erforderliche Einwilligung von ihren Eltern nicht bekamen. Da in sämtlichen 6 Orten die Kinder Turnunterricht genießen und der Wettlauf als eine für ländliche Verhältnisse geeignete Übung vorgeübt war, standen der Ausführung des Kurzstreckenlaufes keine Bedenken im Wege. Erst nachdem alle in Frage kommenden Bedingungen an Ort und Stelle geprüft und einige Probeläufe als gut befunden worden waren, erschien der Lauf durchführbar. Da die Kinder ein qualitativ sehr verschiedenartiges Schuhwerk trugen und wohl viele, aber nicht alle Turnschuhe besaßen, mußten sämtliche Kinder, Knaben wie Mädchen, barfuß laufen. Diese Kinder sind in dieser Beziehung abgehärtet, da sie bis anfangs Oktober barfuß gehen. Nur bei den Mädchen mögen die Resultate etwas zu Ungunsten gedrückt sein, da sie nicht so häufig barfuß gehen wie die Knaben. Was die psychische Bereitwilligkeit der Kinder zur Ausführung des Laufes anbetrifft, so erwartete jedes einzelne Kind mit Spannung und Freude den Augenblick zum Start und suchte möglichst eine Höchstleistung zu erzielen. Der Lauf war für diese Landkinder em willkommenes Ereignis. Die Zeit des Laufes fiel in den Monat September 1930, der ä 'eh am Kaiserstuhl durch milde Temperaturen auszeichnete, sodaß ssitens der Witterung die Resultate nicht beeinflußt sind. Der Ort |ur den Lauf wurde jeweils an einem günstigen Platze ausgesucht. '0 kein Sportplatz vorhanden war. wurde er auf ebenem Gelände üui nicht zu hartem und nicht zu weichem Boden ausgeführt. Die Abmessung der 60 Meter erfolgte jeweils durch Verfasser *lbst mittels eines geeichten Stahlbandmaßes. — Ihn eine genaue ^itmessung mittels Stoppuhr zu ermöglichen, mußte jedes Kind dnzeln laufen. Verfasser stand jeweils am Ziel der Bahn. Sobald ein Kind am Start bereitstand, hielt Verfasser den rechten Arm hoch. 50 Nach dem Kommando „Achtung, fertig, los!“ mußte das Kind in dem Augenblick ablaufen, wo der rechte Arm gesenkt wurde. Im gleichen Augenblick wurde mittels der in der gleichen Hand gehaltenen Stoppuhr die Zeit abgestoppt. Wenn ein Kind nicht genau im Augenblick des erteilten Zeichens ablief, mußte es den Lauf abbrechen und von neuem starten. Jedes einzelne Kind durfte nur einmal laufen. Um jedoch zu prüfen, inwieweit die Laufergebnisse von zeitlichen und örtlichen Umständen abhängig sind, wurde der Lauf bei 10 Kindern zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort wiederholt. Dabei erwies sich, daß bei diesen Kindern die Ergebnisse des zweiten Laufes von denen des ersten Laufes durchschnittlich nicht differierten, d. h. daß der 60-Meter-Lauf eine sehr zuverlässige Leistungsprobe ist. Ergebnisse des unter 620 Kaiserstühler Schulkindern ausgeführten 60-Meter-Laufes. Tabelle 14. Knaben Mädchen Alter Individ.- Zahl Mittelwert mittl. Fehler d. Mittelwertes stetige Ab weichung Individ.- Zahl Mittelwert mittl. Fehler d. Mittelwertes stetige Ab weichung 6 % 12 Sek. 13,53 0,22 0,77 21 Sek. 14,25 0,25 1,10 7 22 12,96 0,15 0,72 24 13,67 0,21 1,03 7y 2 2 !» 12,59 0,22 1,18 13 13,05 0,28 1,03 8 25 12,11 0,35 1,66 18 12,76 0,23 0,99 8 % 21 11,64 0,17 0,77 14 12,43 0,31 1,16 6 25 11,74 0,16 0,78 29 12,24 0,19 1,01 20 11,24 0,22 0,98 16 12,48 0,17 0,67 10 18 11,19 0,14 0,61 24 12,10 0,18 0,87 wi/2 23 10,97 0,15 0,67 21 11,55 0,14 0,62 11 31 11,00 0,10 0,58 26 11,73 0,16 0,78 IU /2 15 10,28 0,13 0,49 11 11,74 0,23 0,76 12 12 10,94 0,13 0,44 19 11,52 0,18 0,69 121/2 13 10,70 0,45 1,11 13 10,92 0,26 0,94 13 10 10,66 0,32 0,85 15 11,15 0,27 0,77 13 % 15 10,72 0,19 0,68 14 11,01 0,27 0,81 14 17 10,38 0,12 0,51 11 11,66 0,41 1,15 141/2 7 10,75 0,39 0,56 16 11,07 0,10 0,17 Die Ergebnisse des 60-Meter-Laufes zeigen bei Knaben und Mädchen ein deutliches Ansteigen der Leistung vom 6%. 11%. Lebensjahr (Tabelle 14). Die Leistungskurven beider Geschlechter verlaufen parallel. Die Leistungen der Mädchen stehen durchschnittlich um 0,4—0,5 sek. hinter den Leistungen der Knaben zurück. Auffallenderweise bleibt eine weitere Steigerung in den späteren Altern aus. — 51 — Die Leistungskurve zeigt bei den 9jährigen" Knaben einen kleinen Einschnitt nach unten entsprechend dem gleichen, bereits in der gesamtstatistischen Betrachtung erwähnten Stillstand im Längenwachstum dieser Knaben. Die Ursache hierfür dürfte wie bei der Längenentwicklung durch die um die Zeit des 9. Lebensjahres einsetzende Heranziehung der Knaben zu erhöhter Arbeitsleistung zu suchen sein. — Das durchschnittliche Maximum der Leistung zeigen die 11 % jährigen Knaben in 10,28 sek., sodann die 14jährigen in 10,38 sek. Bei den Mädchen zeigten die 12%jährigen die beste Durchschnittsleistung in 10,92 sek. Im übrigen zeigt der Kurvenverlauf bei den Mädchen zwischen dem 9. und 12%. Jahr einen kleinen Stillstand in der Leistungsentwicklung, der seine Ursache jedenfalls in der präpubertätischen Umstellung des weiblichen Körpers zu dieser Zeit hat. Interessant ist, die Leistungsergebnisse der Kaiserstuhlkinder mit denen von Kindern anderer Gegenden zu vergleichen. Zahlenmäßiges Vergleichsmaterial von Freiburger Volksschulkindern wird erst in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen. Aus diesem Grunde ließ Verfasser seine Ergebnisse von einem Freiburger Sportlehrer, Herrn Lefrank vom Bertholdsgymnasium, fachmännisch begutachten. Sein Urteil ging dahin, daß sich „Die Ergebnisse der Untersuchung, die nach genauer Alterseinteilung gruppiert und statistisch zusammengestellt sind, durchaus mit den Ergebnissen der Leistungsmessungen an den Freiburger Schulen vergleichen lassen, wenn auch im einzelnen die Durchschnittswerte etwas tiefer liegen als in Freiburg. Das ist bedingt durch den größeren Übungsfaktor und die Steigerung der Leistung auf einer Aschenbahn und unter Benützung von Turnschuhen seitens der Freiburger Schulkinder“. Außer den Durchschnittsleistungen wurden auch mittlerer Fehler des Mittelwertes und stetige Abweichung berechnet. Die Kaiserstuhlkinder stehen also trotz des Weingenusses auch ® der Leistung beim Kurzstreckenlauf den Freiburger Kindern "idit zurück. Interessant ist ferner ein Vergleich unserer Ergebnisse mit den T °n C. Schiötz ( 53 ) an 4260 norwegischen Schulkindern gewon- Leistungsergebnissen beim 60-Meter-Lauf, welch letztere erdings systematische Vorübung genossen hatten und den Lauf ! . günstigeren Bedingungen ausführten als unsere Kinder. M die Leistung - am Kaiserstuhl in Norwegen der 10jährigen Knaben 11,19 sek. 11,42 sek „ n 11,00 „ 10,97 „ 1) 12 ,, ,, - 10,94 „ 10,86 „ " 13 ,, ,, 10,66 „ 10,37 „ >> 14 ,, ,, 10,38 „ 10,11 „ — 52 — der 10jährigen Mädchen 12,10 sek. 11,75 sek. „ 11 ,, ,, 11,73 „ 11,47 „ ii W ,, ,, 11,52 „ 10,98 „ ,, 13 ,, ,, 11,15 „ 10,44 „ „ 14 „ 11,66 „ 10,30 „ Daraus geht hervor, daß die 10jährigen Kaiserstuhlknaben um 0,23 sek. besser laufen als die vielgeübten norwegischen Knaben in Turnschuhen. In den übrigen Altersklassen stehen die Kaiser- stuhlknaben den norwegischen nur um ein ganz (Jeringes, so z.B. die 11jährigen nur um 0,03 sek., die 12jährigen nur um 0,08 sek., die 14jährigen um 0,27 sek. zurück. Zusammenfassung. 1. Die Schulkinder des Kaiserstuhlgebietes sind an Länge und Gewicht den Freiburger und Stuttgarter Kindern überlegen. Den Kindern des Elz- und Kinzigtales sind sie in der Länge gleich, im Gewicht jedoch etwas voraus. Bei den Knaben sind diese Unterschiede größer als bei den Mädchen. — Nur hinter den Kindern des erheblich wohlhabenderen Weinbaugebietes Markgräflerland stehen die Kaiserstühler Kinder an Länge und Gewicht ziemlich zurück. — Bei den Knaben besteht im 12. Lebensjahr ein kurzer Stillstand in der Entwicklung, der jedenfalls auf vermehrte Arbeitsleistung bei beginnender Pubertät zurückzuführen ist. Eine ähnliche kurze Pause besteht bei den Mädchen im 12%. Lebensjahr. 2. Unter den 1938 untersuchten Kindern stammen 25 aus Inzuchtfamilien, davon 2 aus Incest. Über die Hälfte von diesen weist körperliche und geistige Degeneration auf. Die geringe Anzahl dieser schlechten Konstitutionen hat auf das Ergebnis der Gesamtstatistik keinen Einfluß. — Anhand von 6 Stammbäumen stellte sich heraus, daß von 26 Kindern aus Inzuchtehen nur 7 körperlich und geistig normal erscheinen. 3. Zwischen den Kindern der Arbeiter und Bauern bestehen keine wesentlichen Unterschiede in Länge und Gewicht im Gegensatz zum Elz- und Kinzigtal, da hier die Arbeiterkinder auch landwirtschaftlich beschäftigt werden. Doch weisen die Bauernknaben wohl auf Grund der schweren Arbeit — vom 9. Lebensjahr ab einen erheblich größeren Brustumfang auf als die Arbeiterknaben. Bei den Mädchen besteht dieser sozial bedingte Unterschied im Brustumfang nicht. — Die Kinder der Handwerker sind den Bauern- und Arbeiterkindern vom 11. Lebensjahr ab bedeutend an Länge und Gewicht, die Mädchen auch im Brustumfang überlegen. Diese raschere Entwicklung der Handwerkerkinder fand Kaiser auch im Elz- und Kinzigtal. 4. 20% der Kinder wohnen in überfüllten Wohnungen, U k in dicht bewohnten und 35% in geräumigen Wohnungen. P ie sozialen Faktoren, die in der Wohndichte ihren Ausdruck finden, haben auf die Entwicklung der Kaiserstuhlkinder einen größeren 53 Einfluß als die soziale Stellung der Eltern im Berufe. Knaben und Mädchen der nicht überfüllten Wohnungen sind den Kindern der I überfüllten Wohnungen in Länge, Gewicht und Brustumfang i voraus; die Unterschiede im Gewicht und Brustumfang nehmen bei den Knaben mit dem Alter zu, bei den Mädchen ab. 5. 47% aller Kinder haben für sich allein ein Bett, 52% schlafen zu zweien und 0,8% zu dreien in einem Bett. Auch die die Bettbelegung beeinflussenden sozialen Faktoren, die sich wohl mit denen der Wohndichte decken, haben auf die Entwicklung der Kinder größeren Einfluß als die berufliche Stellung der Eltern. — Die Knaben, welche für sich allein ein Bett haben, sind den doppelschläfrigen Altersgenossen an Länge, Gewicht, Brustumfang deut- ! lieh überlegen. Bei den Mädchen bestehen ähnliche Unterschiede bis zum 13. Lebensjahr, die sich nach dem 13. Jahr jedoch vermischen. 6. In summa weisen die verschiedenen Schilddrüsen Vergrößerungen der Kaiserstuhlkinder ungefähr die gleiche Häufigkeit auf wie der Freiburger Schulkinder. Kur bei den Mädchen ist die Schilddrüse II (diffus vergrößert, aber nicht ausgesprochener Kropf) um 8,8% häufiger als in Freiburg. Der Knotenkropf (Struma nodosa) erreicht bei den Knaben am Kaiserstuhl eine Häufigkeit von 1,3%, in Freiburg von 2,0%, bei den Mädchen am Kaiserstuhl eine Häufigkeit von 1,9%, in Freiburg von 2,2%. Jedoch besteht im zeitlichen Auftreten des Schulkropfes gegenüber Freiburg ein Unterschied: am Kaiserstuhl beginnt die Hypertrophie der Schilddrüse früher und erreicht daher beim älteren Schulkind nicht die Häufigkeit wie in Freiburg, d. h. die vergrößerten Schilddrüsen sind etwa vom 6. bis zum 14. Lebensjahr bi allen Altersklassen gleich häufig vertreten. — Die nicht nach- \ weisbare Schilddrüse (Hypothyreoidismus) hat am Kaiserstuhl eine i Häufigkeit von 1%, in Freiburg von 0,85%. Der statistische Ent wicklungs vergleich der Kinder mit normal- großer und vergrößerter Schilddrüse ergab, daß Knaben und I Mädchen mit vergrößerter Schilddrüse den Altersgenossen mit | normalgroßer Schilddrüse im Wachstum voraus sind. 1 7. Zwei Drittel aller Schulkinder des Kaiserstuhlgebietes nimmt regelmäßig, ein Drittel gelegentlich Alkohol zu sich, und nur -—3% der Kinder sind abstinent. — Zwischen den Kindern, "'eiche regelmäßig und denen, welche nur gelegentlich Alkohol hinken, bestehen keine wesentlichen Unterschiede in der Ent- "icklung. Der Weingenuß hat also auf die körperliche Entwicklung ber Schulkinder des Kaiserstuhlgebietes keinen erkennbaren Einfluß. 8. Am Kaiserstuhl ist der Typus muscularis um 6,5%, der Typus respiratorius um 13,5%, der Typus cerebralis um 17,5% häufiger, der digestive Typ hingegen zu 9,4% seltener vertreten bei der von Ooerper an Knaben anderer Gegenden gewonnenen typen verteilungsnorm. Der Cerebralis ist am Kaiserstuhl ein be- 54 sonders häufiger Typ, vielleicht ist er hier an die Rasse gebunden. Epicanthusfalte, Schlitzauge und breite Nasenwurzel kamen häufig zur Beobachtung. Die pathologischen Typen sind am Kaiserstuhl um 5% weniger vertreten als bei Co er per, eine Beobachtung, die in Anbetracht der Weingegend beachtlich ist. Auch das Ergebnis der Beurteilung der Konstitutionsqualitäten mittels der Prädikate „ sehr gut“, „gut“, mäßig“, „schlecht“ und „pathologisch“ fällt zu Gunsten der Kaiserstuhlkinder aus. 9. In den Leistungen des 60-Meter-Laufes stehen die Knaben durchschnittlich um 0,4 bis 0,5 sek. über den Mädchen. Wie in der körperlichen Entwicklung, so zeigen die Knaben im 9. Lebensjahr ebenfalls einen gewissen Stillstand in der Leistungsentwicklung beim 60-Meter-Lauf. Die Leistungen unserer im Weingebiet aufgewachsenen Kinder im Kurzstreckenlauf stehen denen der Freiburger Kinder nicht zurück. 10. Die gute körperliche Entwicklung der Kinder des abgeschlossenen Weinbaugebietes Kaiserstuhl ist wohl darauf zurückzuführen, daß im Laufe der Generationen unter dem Einfluß des Alkohols die in besonderem Maße alkoholempfindlichen Konstitutionen ausgemerzt worden sind. ■»fx®rars» wmwm — 55 i An dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, Herrn Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Uhlenhuth und Herrn Prof. Dr. Seiffert ' herzlich zu danken für die Anregung zu dieser Arbeit und das Interesse, das sie ihrem Fortgang entgegenbrachten. Ich danke ferner dem Freiburger Stadtschularzt Herrn Dr. , Pflüger, dem Kreisschulamt Emmendingen und allen Lehrern 1 für die verständnisvolle Hilfe, womit sie mir die Durchführung der ; Untersuchungen erleichterten. SMMH8NMMHW tuaii wmiiiMsiM - »*$& ÄMW :^;2fiJ?is.;j seLV-V^LKrÄ^ ?L^8s?2L-^42H»«iV f'yV'.W i'2 Sk «tsVR'vM/f SÄ MWUMMNE WWKWMtzKW ;MME^WrWKL^' MWWMMHMMM ^RBW-WMZAZMrW^' aiWIr WSWWWM MMtzW^WL-Ä^ MUMWKMßUM^ MMUOK?MKW-WML -iWMpMKMW^ ?M«L-!HüWA>'" ' ;.WW«W-:^ ÄUrRDUU- '.;}^'>■- i-'JS5s SöSS ^ 5 i c 5s»^^' 'Z&hX. »*»«§*• %«5*f5;»ss^5^S?äÄf^ ?if"'ir;s;:»i”"- i 5 i ^;:i-": : '' ::^:.'---':ür:r-N.V-.-^:r: ^«i^KissSSSi^viSJi:^ teöSSfe^iWsjiÄHS^jh;! >'» -»v*5.K'*.i»».»•.».•Ovi"'f •T'21'- r •> * *vr - '>^f*:v«.y^^‘ ? /•>.?,; WHW8M b^WWAHWM J2E> rÄÄKMMl <$».» -,vVv £»:« ft&wK : * ? i V<< FKN«W§ £;«v «II &««« •tMfcSC £:&35;fr*' Drr^-.-Ld-' 57 Literaturverzeichnis. 1. R. Martin, Körpergröße und Gewicht von 3989 Münchener Schulkindern. (Veröffentlichungen d. Reichsgesundheitsamtes 1924, Nr. 11). 2. E. Schlesinger, Das Wachstum der Knaben und Jünglinge vom 6. bis 21). Lebensjahr. (Zeitschrift f. Kinderheilkunde, Bd. 16, 1917) 3. Gastpar, Durchschnittslängen und Gewichte der Stuttgarter Schulkinder. 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Schiötz, Der Einfluß der Jahreszeiten auf die körperliche Entwicklung beim Schulkind. (1922.) 39. W. Scheidt, Familienkunde. (1923.) 40. A. Crzellitzer, Biologische Folgen der Blutsverwandtenehe. (Zeitschrift f. Sexualwiss. H. 2, 1915.) 41. F. Kraus und H. Döhrer, Blutsverwandtschaft in der Ehe und deren Folgen für die Nachkommenschaft. (In v. Noorden und Kaminer, Krankheiten und Ehe, 1916.) 42. F. Lenz, Die Gefahren der Verwandtenehe. (Die Umschau Nr. 52, 1919) 43. L. Aschoff, Über das Kropfproblem, besonders der Pubertätskropf in Baden. (Vorträge über Pathologie, 1925.) 44. H. Pflüger, Kropfstudien in Baden. (Archiv, f. soz. Hygiene und Demographie, Bd. 2, 1926/27.) 45. H. Pflüger, Wachstum und Kropf. (Mchn. med. Wehr. 1926, Nr. 14.) 46. E. Fischer, Anthropologie, Erblichkeitsforschung und Konstitutionslehre. (Anthropol. Anz. I, 188 — 191.) 47. E. Fischer, Das Problem der Rassenkreuzung beim Menschen. (1914.) 48. O. Ammon, Zur Anthropologie der Badener. (1895.) 49- K. O. Henckel, Über Konstitution und Rasse. (Zeitschr. f. Konstitutionslehre, 1926.) 50. E. Gamper, Der endemische Kretinismus. (Handbuch d. Geisteskrankheiten, Bd. 10, spezieller Teil 6, 1928.) 51. Coerper, Die Habitusformen des Schulalters. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde, Bd. 33.) 52. H. Moldenhauer, Leistungsmessungen und Leistungsprüfungen in der Schule. (1927.) 53. K, Schiötz, Massenuntersuchungen über die sportliche Leistungsfähigkeit von Knaben und Mädchen an den höheren Schulen. (1929.) Lebenslauf. Am 5. Oktober 1905 wurde ich als Sohn des Kaufmannes Jakob Fischer in Stuttgart-Feuerbaeh geboren. Volksschule und humanistisches Gymnasium habe ich in Ludwigshafen am Rhein besucht. Nach der sechsten Gymnasialklasse habe ich in einer Ludwigs - hafener Maschinenfabrik 2 Jahre lang als Maschinenschlosser gelernt und 1 Semester auf der Ingenieurschule in Mannheim studiert. Im Anschluß daran habe ich 1926 die Reifeprüfung am human. Gymnasium Ludwigshafen abgelegt und sodann das medizinische Studium begonnen. 1 Semester studierte ich in Berlin, 5 in Heidelberg, sodann 1 in München und 4 in Freiburgi. Br., wo ich am 6. Juli 1932 das ärztliche Staatsexamen bestand. Das praktische Jahr als Medizinalpraktikant habe ich am städt. Katharinenhospital Stuttgart abgeleistet, woselbst ich 8 Monate auf der inneren und die restlichen 4 Monate auf der chirurgischenAbteilung verbrachte. Am 31. August 1933 wurde mir vom badischen Innenministerium die Approbation als Arzt ausgestellt. .LtzMWWM 8S8WS8SASMMW8S8 NVUWL kMHW KW! MZ