Mlissenscbakt und Bildung Beilage zur IKarlsruber Leitung - WadiscKer Ltaatsanzeiger Kr. ISS Nr. 34 Adalbert von Lbamisso und die berliner IKomantLkr ^nn 90. Todestag des Dichters — 21. August Von Theodor Stiefcnhofer Unser Zeitalter hat recht eigentlich den im Verlauf des letzten Jahrhunderts zn toter Starrheit erhärteten Begriff des „Romantischen" wieder mit blutvollem Leben zu erfüllen gewußt und aus einer höheren überschau tiefer öl# je zu erfassen vermocht. Die Frage nach de^n Wesen und letzten Grund der romantischen Seelenhaltung wird vielfach zum Gegenstand geistesgeschichtlicher Betrachtung gemacht und in manchen Lebens- gebieten von heute spielt sie eine — wenn auch oft unkontrollierbare — außerordentliche Rolle. Denn darüber ist kein Zweifel: wir Heutigen atmen in einer mit neuromantischen Elementen dnrchtränkten Geisteslust, nicht nur im Bereich des Künstlerischen. Die ersten Stammelversuche dieser Bewegung freilich, in die Mitte der neunziger Jahre znrückreichend, wurden zunächst nur belächelt. Noch waren die Geister in das alleinseligmachende Dogma des Naturalismus verstrickt. Die neuerblühende Sehnsucht aber wollte heraus aus dem stereotypen Milieu des rein realistischen Weltbildes. Die mondbeglänzte Zaubernacht der Romantik, die schon einmal vor mehr als hundert Jahren gelockt hatte, belvährte nun ihre alte niagische Kraft. Man strebte wieder aus der verwirrenden Vielheit der Dinge heraus und einer einheitlicheren Weltauffassung zu: ein neuer religiöser Subjektivismus erstand, der sich an das Wort des Novalis hielt: „... nach innen geht der geheimnisvolle Weg, in uns oder nirgends ist Ewigkeit, und die höchste Aufgabe der Bildung ist. sich seines übersinnlichen Jchs zu bemächtigen." Schon im Mittelalter hatte die Berührung .deutschen Blutes mit romanischer Kultur im Süden Deutschlands jene niystische Geistesströmung hervorgebracht, die wir mit deutscher Gotik zu bezeichnen pflegen. Während aber die romanischen Völker diese mittelalterliche Mystik durch die italienische Renaissance abzuschlltteln und zu ihrer antiken Kulturform zurückzukehren suchten, überwand der deutsche Volksgeist die romantische Kultur durch die Romantik, die um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts in den ostdeutschen Ländern aufblühte und auf die eigene geistige Bewegung des deutschen Mittelalters zurllckgriff. Auch hier handelt es sich — von geistesgeschichtlichen Zusammenhängen aus gesehen — um eine sog. Renaissance, um die deutsche Renaissance. Wenn wir daher heute wieder mehr der Romantik zuneigen, so geschieht dies mehr oder weniger mit dem Bewußtsein, damit eine Entwicklungslinie weiterzuführen, die aus dem Ursprung deutschen Geistes kommt und deren letztes großes Ziel dahin gebt, das Individuum einer neuen Volksgemeinschaft einzuverlciben. — So ist die romantische Bewegung keineswegs ein bloß literarhistorisches Phänomen, sondern zutiefst mit den deutschen Stammeseigenschaften und geschichtlichen Strömungen verflochten. Ihr eigentlicher Nährboden aber sind die ostdeutschen Gebiete, und auch diese Tatsache ist hinwiederum kein blinder Zufall. In den: weiten Raume östlich und nördlich der Saale und Elbe vollzog sich die Entwicklung in der Weise, daß das vom Westen und Süden eindringende Kulturvolk seine ganz bestimmte Kultur in ein Naturvolk verpflanzte. Was aber seit etwa 1600 aus dem deutschen Süden nach Osten gelangte, hing irgendwie mit der Mystik und dem Pietismus zusammen: sie bilden die Fundamente der späteren ostdeutschen Romantik als Fortsetzung der älteren germanischen Geisieskultur. Die großen Gegensätze, innerhalb deren der Kampf sich hier vollzog, sammelten sich einerseits um Hamann und Herder, andererseits um Kant und Fichte: Romantik und Austläruug, Geschichte und Philosophie fochten auf ostdeutschem Boden ihren Weltanschauungskampf aus. Sieger im Osten aber konnte die Romantik nur sein, wenn die östliche Zentrale Berlin erobert wurde. Das aber geschah durch die berühniten Vorträge Aug. Wilh. Schlegels, der 1801 nach Berlin kam und die Herrschaft der romantischen Beloegung endgültig aufrichtete. Den geselligen Hintergrund schuf der Kreis um Varnhagen v. Ense. Nun blühten die verschiedensten Gruppen der Romantik ans: einerseits die Tieck, Wackenroder und E. T. A. Hoffmann, andrerseits die la Fouqne, Achim v. Arnim, Adalbert v. Chamisso und Heinrich v. Kleist. „In den märkischen Schlössern, auf Waldsteppen und stiefernflächen, an flachen Seen und gleitenden Flüssen, in schmucken weißen Renaissancehänsern, nüchternen Soldatenbauten wird'es lebendig. Das Mittelalter als Wirt- schastliche, gesellige und politische Kraft, das märkische Mittelalter erwacht zum Bewußtsein und begegnet in Berlin dem neu erweckten Knnstbedürfnis nnd Glaubensrang: die ostdeutsche Romantik als geschichtliche Bewegung strebt ihrer Scheitelhöhe zu" — so urteilt ein neuerer Forscher über die Berliner Romantik jener Tage. » ">cht lange her, daß man die Romantik in «un,t und Leben für eine abgetane Sache hielt. In den Samstag, den 25. August Nachkriegsjahren kam hierin eine Wandlung; bei Betrachtung der unser Volk betroffenen Katastrophe drängte sich fast wie von selbst der Vergleich mit dem unglücklichen Jahre Preußens 1806 auf, in welchem der Staat Friedrichs des Großen zusammenbrach. Über die politische Konstellation hinaus fand man wie von ungefähr Brücken von einem Zeitgeist zum andern, fand man eine natürliche Verbindung zu den Vorkämpfern jener Weltanschauung, die wir Romantik nennen. Die romantische Bewegung hatte sich damals mit Bewußtsein gegen die fast allmächtige Aufklärung gestellt. Die großen Menschheitsträume des Aufklärungshumanismus waren in den blutigen Wirren der französischen Revolution untergegangen. Man sah die völlige Unmöglichkeit, das unendliche Strahlenbündel'des Lebens und der Kräfte rein begrifflich einzufangen. An Stelle der Berftandesbikdung forderte man leidenschaftlich die Gefühlsbildung. In solch geistig-explosiver Luft erwuchs damals in neuen Geistern eine hochgespannte Sehnsucht, ein neues dem Irrationalen zugewandtes Lebensgefühl. Der Kerngedanke all dieser Bestrebungen war, die erstarrten wissenschaftlichen Gefüge und Gebilde, die bestehenden religiösen und gesellschaftlichen Bindungen nach ihrer Auflösung in einer nenen Religion zusammenzufassen, die alle menschlichen Lebensgebiete umspannen und mit einheitlichem, göttlichem Geiste durchdringen sollte. Auf diesem Fundament ruht die ganze Romantik. In der schinimernden Reihe der ostelbischen romantischen Dichtergestalten ragt das liebenswürdige Haupt des Lyrikers und Prosaikers Adalbert v. Chamisso markant hervor. Louis Charles Adelaide de Chamisso (wie er eigentlich hieß) wurde am 27. Januar 1781 auf Schloß Boncourt in der Champagne geboren. Er war neun Jahre alt, als die Stürme der französischen Revolution seine Eltern aus ihrem dem Erdboden gleichgemachten Stammsitz vertrieben. Nach mancherlei Irrfahrten fand die unglückliche Familie in Berlin ein festes Asyl. Adel- bert, unter die Edelknaben der Gemahlin Friedrich Wilhelm II. ausgenommen, besuchte hier das französische Gymnasium und- trat darfst als Fähnrich in preußische Dienste. Mit zwanzig Jahren Leutnant, studierte Cha- inisso nebenbei unablässig die Sprache und Literatur seiner neuen Heimat. Durch die Bekanntschaft mit dem Kreise um Varnhagen wurde die Lust zur schriftstellerischen Produktion geweckt und gefördert. 1806 rückte der Dichter mit seinem Regiment ins Feld: er erlebte die schmachvolle Übergabe von Hameln an die Franzosen, die ihn tief in der Seele brannte. Damals gestand er seinem Varnhagen: „... ein Deustcher, ein freier Deutscher bin ich in meinem Herzen und bleibe ich auf immerdar." In der Zeit nach seinem Abschied vom Heere studierte Chamisso drei Jahre in Berlin Naturwissenschaften und schloß sich als Naturforscher im Jahre 1815 der von dem russischen Grafen Romanzoff ausgerüsteten Entdeckungsexpedition um die Erde an. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn die Berliner Universität zum Ehrendoktor. Gleichzeitig rückte er als Kustos der botanischen Sammlungen in eine staatliche Stelle ein, die es ihm ermöglichte, einen eigenen Hausstand zu gründen. Chamisso brachte es bis zum Vorsteher der königl. Herbarien und zum Mitglied der Akademie. Aber während der Dichterruhm Chamissos durch den europäischen Erfolg seiner märchen-psychologischen Erzählung vom Manne ohne Schatten („Peter Schlemihl" — 1814), durch die größere Dichtung „Lalas y Gomez" und die Herausgabe seiner Lyrik von Jahr zu Jahr stieg, verwüstete eine tückische Bronchitis langsam die Gesundheit des Dichters. Sieben Jahre rang er mit dieser Krankheit, bis ihn nach mehrtägigem Fieber — unter beständigen Phantasien in sei- ner Muttersprache — der Tod am 21. August 1838 erlöste Chamisso lebt in der deutschen Lyrik fort durch den be- rühmten, von Robert Schumann vertonten, Zyklus „Frauen-Liebe und -Leben", durch die feine Prosa- kunst seines „Schlemihl", in welchem Werke der Dichter auf klassische Weise dem Schmerz über seine Entwurzelung aus seinem natürlichen Vaterlande Ausdruck verlieh. Den deutschen Balladenschatz hat er durch einige charakteristische Stücke bereichert. Darüber hinaus aber muß die treue Haltung unvergessen bleiben, die Chamisso seiner deutschen Wahlheimat bis zum Tode bewahrte. In der seelenvollen Atmosphäre der Berliner Romantik wurde der Dichter ein deuffcher Patriot im besten Sinne. Und nicht nur das: Chamisso eroberte stch mit seiner zartsinnigen Dichtung die Herzen weiter Volkskreise. Noch im Tode hat er die ihm entgegengebrachten herzlichen Sympathien dankbar empfunden. Die schönste Weise, die er der deutschen Dichtung geschenkt, ist dem Schloß seiner Ahnen — „Boncourt" — gewidmet. Hier singt sich Chamissos romantisches Sehnen und sein Le bensgefübl in weicher, einprägsamer Rhythmik aus: Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen Ein schimmerndes Schloß hervor. Ich kenne die Türme, die Zinnen, Die steinerne Brücke, dar Tor... Ich tret in die Burgkapelle Und suche des Ahnherrn Grab. 1928 Dort ist's, dort hängt vom Pfeiler Das alte Gewaffen herab. So stehst du, o Schloß meiner Väter, Mir treu und fest in dem Sinn, Und bist von der Erde verschwunden. Der Pflug geht über dich hin... Aktuelle Lrnäbrungsprobleme Von Or. L. Bergmann, Leipzig Seit Boits grundlegenden Arbeiten über das Mindestbedürfnis des Menschen an Eiweiß, Fett und Zucter- stoffen in seiner Nahrung, und seitdein M. Rubner die energetische Betrachtung der Ernährung unter Festlegung des „Brennwertes und Nutzwertes" der einzelnen Nährstoffe in die Physiologie eingeführt hat, sind diese allgemeinen Begriffe (z. B. Eiweißminimum, Kalorien usw.) schnell in Laienkreise gedrungen. Der Krieg mit Zwangswirtschaft und Rationalisierung hat dann den Begriff „Calorie" am Fehlen der nötigen Brennstoffe dem einzelnen deutlich gemacht. Von der erzwungenen Rationierung der Kriegszeit frei geworden, ist in der immer noch ungünstigen wirtschaftlichen Lage jetzt die Forderung einer „Rationalisierung" laut geworden, wofür die Wissenschaft schon inzwischen die nottvendigen Grundlagen vorbereitet hatte. Man wird gerade auf dem Gebiete der Ernährung der wissenschaftlichen Forschung nicht den Vorwurf machen können, daß sie ihre Fragen abseits von der praktischen Forderung und der Entwicklung der Staaten sich stellt. Aus Kreisen theoretischer Forschung (Hofmeister), ist so der Anstoß zum heute vielleicht wichtigsten Problem der Ernährungslehre, nämlich die Bedeutung der Vitamine gekommen. Eine quantitativ ausreichende Nahrung, die genügende Energiemengen in Form von Fett, Zucker und Eiweiß liefert, kann durchaus unzureichend sein und zu schweren Krankheiten (z. B. Rachitis und Skorbut) führen, wenn die sogen. Vitamine fehlen, die an sich für die energetische Leistung der Ernährung bedeutungslos sind. Über das Wesen der Vitamine und ihre Wirkung, besonders im wachsenden Organismus, haben namentlich groß angelegte und gut finanzierte amerikanische Untersuchungen Aufschluß gegeben. Die Lehre von den Vitaminen hat einen schnellen Aufschwung genommen und hat im letzten Jahr mit der Entdeckung' des Göttinger Chemikers Windaus, der im künstlich bestrahlten Ergosterin (einer fettähnlichen Substanz) eine Substanz von der Wirksamkeit des antirachitischen Vitamins gefunden hat, einen Höhepunkt erreicht. Die Industrie hat die Ausnutzung dieser Ergebnisse — vorerst für medizinische Heilzwecke — in Angriff genommen. Das viel erörterte Problem der Herstellung künstlicher Nährstoffe, die bei wachsender Ausdehnung der Industrie-, bevölkerung eine Notwendigkeit werden soll, ist bisher kaum gefördert worden, wenn man nicht die indirekte künstliche Steigerung der natürlichen Lieferungsmöglichkeiten in Form von Düngung mit künstlichen Düngersalzen darunter rechnen will. Die technische Herstellung von Nährstoffen ist theoretisch hente schon vollkommen möglich, die Synthese von Fetten, Zuckerstoffen und niederen Eiweißkomplexen ist keine schwierige Aufgabe mehr, dagegen ist sie vollkommen unrentabel, weil unsere Energiequellen nicht so billig und unsere Methoden nicht so leicht und ergiebig arbeiten, wie in der Natur die Sonne die Retorten und. Kessel der Pflanzen heizt. Eine weitere indirette Möglichkeit der ausreichenden Nährstoffbeschaffung ist die Ersparnis überflüssiger Ausgaben, also die oben erwähnte „Rationalisierung", und gerade auf diesem Gebiet hat die Wissenschaft in den letzten Jahren viel Neues gebracht. Dabei ist jedoch Rationalisierung nicht allein im Sinne einer Einschränkung der Ernährung aufzufassen, sondern auch die spezielle Angemessenheit der Ernährung an ihre spezielle Aufgabe für einzelne Berufe, Lebensweise, Lebensalter usw., sind in diesem Begriff enthalten. Der Hamburger Physiologe Prof. Kestncr hat hier weitgehende Forderungen erhoben, auf eine Vermehrung des Fleisches in unserer Ernährung, besonders für solche Berufe, die nicht körperlich arbeiten und für die die heutige gemischte Ernährung eine unnötige Belastung mit überflüssigem Brennmaterial bedeutet. Er verlangt im Angleich an die Verhältnisse in den angelsächsischen Ländern eine an Eiweiß konzentrierte Nahrung. Seine statistischen Beweisführungen können nicht überzeugen, dagegen sind seine Detailuntersuchungen über die Bedürfnisse der ein- zslnen Berufe, Lebensweise usw., sehr wertvoll. In die- sen Fragenbereich gehört auch der alte Streit: Bege- tarische oder gemischte Kost? Dieses Problem ist heute in der etwas erweiterten Form: Verliert die Nahrung beim Kochen an Nährwert, akut geworden. Der Berliner Hygieniker Prof. Friedbcrger hat beim Essen in verschiedenen Gasihöfen und zu verschiedenen Zeiten an sich selbst die Erfahrung gemacht, daß „spät" eingenommene» Essen, also lange warm gehaltene Speisen, keine ausreichende Sättigung bewirken. Diese Beobachtung hatl er dann hn Tierversuch an wachsenden Rallen nachge« :j>r8ft, die er mit rohen und verschieden fang gekochten ^Speisen fütterte. Er stellte dabei fest, dcch Natten von .dem gekochten Futter doppet soviel fräße«, wie von demselben ungekochten, dabei aber im Wachsen zurückblieben. (Rohe Speisen haben nach Jriedbergers Urteil einen höhere» Sättigung«- und „A«schlags"-Wert, als gekochte. Er bezeich»>ete daher unser heutiges HrnährnngSspste« als «»rationell, und stellte scharfe Forderungen auf, die -jiu Anb e t ra cht der wirtschaftlichen Bedeutung im Hauschalt des einzelnen und der Völker eine dringende Nachprüfung bedurften. Der Leipziger Tierphysiologe Prof. Scheunert unterzog sich mit Unterstützung des sächsischen Ministeriums dieser Aufgabe und wiederholte die Versuche Friedbergers auf breiter Grundlage in teilweiser Abänderung 'der Versuchsordnung Friedbergers: Er kam zum entgegengesetzten Ergebnis. Weitere Unter suchun gen der beiden Autoren haben noch keine Klärung gebracht. Neuestens hat. Pros. Kö«ig in Münster Bruche veröffentlicht, wonach in den Dämpfen kochender Speisen sich flüchtige Stoffe finden, die in den ungekochten Speisen nicht vorhanden waren. Die kleineren Mengen dieser flüchtigen Produkte können den Verlust an Nährwert, wie ihn Friedberger gefunden haben will, nicht erklären, sfte sind aber ein Beweis, daß beim Kochprozeß eine Zerstörung insbesondere der Eiweißkomplexe unter Abspaltung solcher flüchtigen Stoffe eintritt. Daraus aber auf einen Verlust an „Nährwert" zu schließen, wie dies R. Berg im Anschluß auch an eigene Arbeiten tut, erscheint unberechtigt, solange nicht der biologische Nach- .weis eindeutig geführt ist. Bisher ist nur bekannt, daß der Kochprozeß das Eiweiß durch Gerinnung für den Angriff der Verdauungssäfte zugänglicher macht und daß andererseits die Cellulosewände pflanzlicher Zellen ^(Gemüse, Obst usw.) nur bei gründlichem Kochen aufgeschlossen werden. Aus diesen Gründen scheinen die Er- , gebnisse Friedbergers überraschend und unerklärlich. Abgesehen von dieser Behauptung des besseren „An- .schlagwertes" der Rohkost sind andere Vorzüge dieser Kostform in den letzten Jahren nachgewiesen worden, so z. B. die größere Leistungsfähigkeit vegetarisch ernährter Menschen bei Dauerarbeit und sportlichen Leistungen, wie Dauermärschen usw. Es ist bedauerlich, daß diese Interessanten Befunde von „Vegetariern" kritiklos ins Kampfgeschrei gezogen werden, denn was beweisen sie anders, als daß für besondere Leistungssorderungen eine besondere Ernährung optimale Bedingungen bietet? In diesem Falle die vegetarische, im Falle des geistig arbeitenden Menschen aber nach den Untersuchungen von Prof. Kestner eine sleischreich«, konzentrierte Ernährung mit wenig Ballaststoffen usw. Wer bestreitet heute noch, daß die vegetarische Kost in ihrem Mangel an schwer zu verdauenden und evtl, schädlich wirkenden (bei Kranken) Eiweißstoffen, sowie in ihrem Reichtum an Vitaminen und Salzen Vorzüge neben Nachteilen besitzt. „Vegetarismus" als Ordensgelübde, als Sinn des Lebens, solche kritiklose Verallgemeinerung lehnt die „zünftige Wissenschaft" allerdings o£>. Damit soll, um eS zu wiederholen, gegen die Bedeutung der pflanzlichen Nährstoffe und sogenannte Rohkost kein Angriff gerichtet sein. Ihr Anteil in unserer gemischten Kost, besonders bei der 'Ernährung der Kinder, ist selbstverständlich, für gewisse Krankheiten wird sie sogar als einzige Form der Diät oder hoher Heilsaktor verwendet. Aber eine Rückkehr zur „Küche" der Wilden, ein Verzicht aus das symbolische Feuer des Prometheus könnte in unseren Tagen nur der tatsächliche Nachweis verantworten, daß das Kochen der Nahrung ein unrationelles Vmffahren ist. Friedbergers Arbeiten sind nicht ausreichend für diese Schlußfolgerung. Eiztlienreise Bon vr. E. Klotz, LvrWr^he. IV. Von Girgenti kann man die Ostküste mit Catania estiveder direkt durch das Innere Sizilrens, was der Reffeweg Goethes war, oder an der Nordküste entlang über Messina erreichen. Wir wählten die letztere Strecke, um uns !»e reizvolle Küstewsahrt nicht entgehen zu lassen. Gegen Mittag find wir wieder in Termini an der Nord- Liste angelangt, und nun geht es ständig dem Meere entlang durch Gärten, über Flußläufe, an dem weithin sichtbaren Vorgebirge Cesalu, an verfallenen Wachttür- men und stellen Höhen vorbei nach der auf schmaler Felsterrasse kühn ins Meer vorspringenden Stadt Mi- lazzo. Kurz vor der nordöstlichen Ecke Siziliens verläßt die Bahn die Küste, steigt höher, durchschneidet das Gebirge und senkt sich in großen Bogen nach dem unten liegenden Messina mit reizenden Ausblicken auf dieses. Schon beim ersten Blick fallen die langen 9leihen von Wohubarackeu auf, die der einst stolzen Stadt mit den gleichfalls provisorisch errichteten Fachwerkbauten ihr heutiges Gepräge geben. Da der Besuch als nicht besonders lohnend bezeichnet wird, benützen wir den nächsten Zug zur Weiterfahrt nach Süden. In nervöser Hast drängen sich die vielen Reisenden an dem Fahrkartenschalter, um die Anschlußfahrkarten nach Taormina, Catania unh Syrakus zu lösen. Unser Ziel ist Taormina, das wir in zweistündiger Fahrt noch vor Anbruch der Nacht erreichen. Die Eisenbahnlinie führt auch hier unmittelbar dem Meere entlang durch üppig grünende Zitronen- ustd Orangengärten, über breite, völlig wasserlose und steinige Flußbette und an kühn vorspringenden Felsrücken vorbei. Von dem Bahnhof Giardini bringt Ms ein Wagen in % Stunden auf kurvenreicher Straße nach der 200 Meter höher gelegenen Stadt Taormina. Die eingebrochene Dunkelheit erlaubte nur noch einen Gang durch die eigentliche Stadt, in deren schmalen Hauptstraße sich das Geschäftsleben abspielt, während die größeren Hotels sich außerhalb in verschwenderisch angelegten, oft ganze Bergseiten einnehmenden Gärten voll üppigster Blumenpracht niedergelassen haben. Hier befanden wir uns nunmehr an dem „schönsten Punkt der Erde", ein vielsagendes Wort, das Großes erwarten ließ. Und tatsächlich wurde der Aufenthalt zum Höhepunkt der fizilischen Reise. Das Geheimnis der Schöuhell dieses Ortes liegt darin, daß sich hier Meer und Gebirge zu einer beispiellosen Gesamtwirkung vereinigen, und daß der Ausbau der Landschaft immer neue und überraschende Wirkungen hervorbringt. Von höchstem Reiz ist schon der Besuch des unmittelbar bei der Stadt aus einem Gebirgsvorsprung gelegenen antiken griechischen Theaters. das tagsüber von zahllosen Fremden umlagert ist. Über dem Bühnenhaus, ergänzt durch Ziegelbauten aus der Römerzeit, erblickt man in der Tiefe das blaue Meer und die in Orangengärten gebetteten Ortschaften bis Catania. In mächtiger Wölbung schließt sich der schneebedeckte Rücken des Ätna und an diesen die Berge Taorminas an. Wendet man sich von dem obersten Rundgang des Theaters nach der anderen Seite, so öffnet sich dem Blick der nördliche Teil der Meerenge bis zu den Bergen Kalabriens. Eine idealere Naturszenerie läßt sich kaum denken. Stundenlang kann man in sinnender Betrachtung hier verweilen. Aber noch Größeres hat sich die Statur hier Vorbehalten. Landeinwärts steigert sich das Land- schastsbild von Stufe zu Stufe. Unmittelbar über der Stadt, sie uni 200 Meter überragend, erhebt sich das trotzige Kastell La Rocca in überaus beherrschender Lage über dem Meere und dahinter steigt eine noch mächtigere Felsenlandschaft in die Höhe. An den Rändern einss 200 Rteter hohen Absturzes kleben wie Schwalbennester die Häuser des Feksennestes Mola. Vor ihn, sinken selbst Kastell und Stadt in die Tiefe. Ein steiler Reitweg führt hinauf, auf den di« Sonne heißt niederbrennt. Auf der Dachterrasse eines kleinen Wirtshauses genieße ich das gewaltige Natnrbild. Unbehindert schweift der Blick vom Ätna die ganze Küstenlinie entlang bis-zu den Bergen Kalabriens. Von der tiefblauen Farbe des Meeres hebt sich der weißschäumende Wellenstreisen ab, der die User mit einem zierlichen Band umsäumt. Reizvoll steigt aus dem Blau des Meeres die dunkle zackige Felseninsel Jsola Bella empor, das Farbenspiel noch erhöhend. Nur allmählich von Bild zu Bild sorffchreitend läßt sich das alles erfassen. Von Bewunderung ergriffen steht man vor dieser Leistung der Natur und begreift das Wort von dem „schönsten Punkt der Erde". Schwer ffel der Abschied von dieser wahrhaft heroischen Landschaft, die uns länger sesthielt, als beabsichtigt war. Ihr zuliebe verzichteten wir selbst auf einen Besuch von Syrakus, das nochmals eine Tagesreise erfordert hätte. Der überfüllte Abendschnellzug, der den Anschluß von Tripolis und die vielen Reisenden aus Syrakus und Catania ausgenommen hatte, brachte uns nach Messina zurück. Hier wurden die Eisenbahnwagen auf einem Fährdampfer nach der Festlandstation Villa San Gio- vanni übergesetzt und dort mit dem von Reggio eingetroffenen Zug vereinigt. Wirkungsvoll hoben sich von der dunkeln See die Lichtermassen Messinas und der gegenüberliegenden Küstenorte ab; das feierliche Abschiedsbild ließ nur ungern daran denken, daß man sich hier auf unheimlichem Boden befand, der so oft in der Geschichte der Schauplatz furchtbarster Erdbebenkatastrophen war; waren doch hier am 28. Dezember 1908 100 000 Men- sckien unter Trümmern begraben oder von der rasenden See verschlungen worden. Lin neuer Meg zur IDalsriabekSmpkung Sir William Willcocks, der leitende Ingenieur des Affuan- dammes, hat zwei Abhandlungen herausgegeben, in denen er seine Erfahrungen hinsichtlich der Malaria und ihrer Überträger, der Moskitos, niedergelegt hat. Die Vertilgung von Moskitolarven durch Begießen der Brutstellen in stehendem Wasser mit Petroleum, die Anwendung von Arsen, sowie das Aussetzen von Fischen in Gewäsiern sind nach Sir Williams Ansicht niemals gründlich durchzuführen. Dagegen hat er in Ägypten und Palästina in berüchtigten Moskitogebieten die Beobachtung gemacht, daß die Malaria dort nicht vorkommt, und er führt das auf Grund seiner Forschungen darauf zurück, daß in jenen Gegenden verschiedene Klre» arten, sowie Erbsen, Bohnen nnd andere Hlilsenfrüchte an» gebaut werden. Diese Pflanzen blühen gerade zu der Z»it, in der die Moskitos den Menschen am gefährlichsten zu sein pflegen. Sir William ist zu dem Schluffe gekommen, daß die männlichen Insekten, die sich ausschließlich an den Muten jener Pflanzen nähren, dabei einen Stoff in sich aufnehmen, der durch die Übertragung bei der Paarung auf die weiblichen Moskitos (die Blutsauger) dem Malariagift seuie verderbliche Wirkung genommen werde. Die gleichen Beobachtungen hat man in Beirgalien, Holland und Argentinien, kurz, überall da gemacht, wo Klee und Hülsenfrüchte in genügenden Mengen angebaut werden, während dort, wo Algen, Wafferhyazinthen und andere Wasserpflanzen in Mengen Vorkommen, sich auch die Brutstätten für die Übertrager des Malariagiftes befinden. Darum empfehle sich der Anbau der genannten Schutzpslan- zen in den gefährdeten Gebieten, umsomehr, als damit ja gleichzeitig wertvolles Futtermaterial gewonnen werde. Line aufregende Lacke Bon Robert Genin* Ich hatte das Unglück, mit deuffchem Gelbe nach Singapore zu kommen und muhte leider erfahren, daß die Geldhändler über die Stabilisierung unserer Valuta noch nicht im geringsten unterrichtet zu sein schienen. Selbst die Banken waren geradezu erschrocken über meine Zumutung, deuffches Geld einzuwechseln, obwohl die Mark in Holländisch-Jndien notiert wird. Ich ließ mich auf dem Auto Bon einer Wechselstube zur anderen fahren,, setzte mich sogar mit den Stratzenwechflern 'in Verbindung . . . Vergebens! „Es sei in Deutschland Inflation, und das Papiergeld habe keinen Wert!" Da schloß sich mir ein Europäer an, dem ich meine Not geklagt hatte. Tr 'halte besondere Beziehungen. Er ließ das Auto vor einem -Torcingang halten. In diesem stand ein Tisch mit allerhand -Geldsorten. Nun konnte ich beobachten, wie ein orientalisches Geschäft -vor sich geht. Zunächst lange Begrüßungen, gleichgültige Re- 'densarten. Ich dachte mit Schrecken an meine teuere Auto- ^taxe, die so lange wartete: ich wußte, die Orientalen haben Zeit. Endlich durfte ich meine Geldscheine herausholen. Der -Luder betrachtete sie mit großem Wohlwollen. Ja, er will das * Köstlich geschriebene, unerschöpfliche Eindrücke von einer 'Reise nach der zauberhaften Insel Bali hat Robert Genin, (jene führende Persönlichkeit der modernen Malerei, in seinem 'demnächst im Bolksverband der Bücherfreunde, Wegweiser- Berlug G. m. b. H., Berlin, erscheinenden Werk: „Die ferne Insel" festgehalten Vorliegender Abschnitt ist diesem anreg«,, «den Buch« mit Genehmigung des V. d. B. entnommen, jenes (ältesten und leistungsfähigsten Buchverbandes, der bei kosten- -loser Mitgliedschaft vorbildlich schön ausgestattete Bücher zu /»nßerordeutlich geringen Preisen herausgtzbt. Geschäft machen Meine Freude war groß, ich sah schon die indischen Zechinen in meine Tasche wandern — aber weit gefehlt; er hatte nur sein prinzipielles Einverständnis gegeben. Jetzt holte der Wechsler erst eine schwarze Tafel heraus, rechnete darauf eine Ewigkeit und hielt sie endlich meinem Freunde vor die Rase. Dieser schrieb nun seine Berechnung nieder und präsentierte sie dem Partner in gleicher Weise, und jetzt ging das Geschäft erst los! Jeder wischte die Endzahl des andern ab und setzte dafür eine andere ein, die dann bei der Gegenseite wieder großen Schrecken erregte. Wer allmählich schienen sich die Parteien einander doch zu nähern, die Gesten des Inders bemühten sich, klarzamachen, daß er bis an die Grenze des Möglichen gekommen war. Mein Freund winkte mir beglückt zu Schon nehme ich meine Tasche heraus.. Weit gefehlt! Zunächst sandte der Inder erst mal meine Geldscheine zur Prüfung auf ihr« Echtheit durch einen Boten fort. Die Herren zündeten sich neue Zigarren an und machten es sich gemütlich. Aber meine Taxe . . . .! Sie stieg fürchterlich Ich wandert« unablässig zwischen Händler und Auto hin und her. Nach einer ganzen Weile kam der Bote zurück: „Die Schein« sind echi!" Jetzt erhebt sich auch meiu Freund. Er winkt mir sekig. Aber der Wechsler nimmt von neuem die schwarze Tafel zur Hand, und wieder wandert sie von «enem zum anderen. Die beiden Parteien werden immer ersetzter. Es stellt sich heraus, daß der Inder mit jeder neuen Runde immer weniger bietet; er hatte offenbar an meiner Ungeduld meine Lage erkannt und in Rechnung gesetzt. Doch jetzt riß chm mein Freund die Scheine aus der Hand, steckte sie in die Tasche, lachte sehr freundlich, setzte sich ganz bequem von neuem in den Sessel und bot dem Wechsler eine neue Zigarre an. Gr tat fabelhaft gleichgültig und wollte mit dem Golde überhaupt nicht mehr herausrücken. Und dann endlich, nach Ablauf Einer weitere« halben Stunde wurde das Geschäft abgeschlossen. — Schule und Erziehung, von Prof. l)r. Georg Rosenthal, Oberstudiendirektor des Katharineums in Lübeck. 352 Seiten. (Erich Lichtenstein, Verlag, Weimar. Broschiert 4,80 Ml-) — In der Diskussion über das moderne Unterrichtswesen ist dieses Buch des bekannten Pädagogen von besonderer Bedeutung. Er gibt auf Grund langjähriger Erfahrung Ziel und Richtung für eine fruchtbare Gestattung des Lehrens, das überall auf die Erweckung der selbstschöpferischen Kräfte des Schülers drängt. Diese Aufgabe mackst das Buch an einer Fülle von instruktiven Beispielen und Anweisungen lebendig, die ganz neue Einsichten und Aussichten auf dem Gebiete der Didaktik erösftwn und darum für jeden Lehrer, für jeden, dem tue Ausbildung der Jugend am Herzen liegt, von bleibendem Werte sind. In etwa 50 Kapiteln wird diese von echt humani- stffchem Geiste erfüllte Dtethode fesselnd davgestellt. August Graf von Platen: Tagebücher. Im Auszüge heraus- gegeben von Erich Petzet. (Universalbibliothek Rr. 6672 bi» 6875. Geheftet 1,60 JM, gebunden 2,40 Mi, Verlag Philipp Sieclam, Leipzig.). — Das Erlebnis, das Platen durch sein ganzes Leben begleitete, war seine große seelische Einsamkeit. Ohne je eine Heimat gehabt zu haben, durchwanderte er die Welt. Da er sich von der Welt betrogen fühlte, rettete er sich in »in Löben in Träumen. In seinen Tagebüchern tritt er uns entgegen als ein verzweiflungsvoll weinender, um ftetisch« und geistige Läuterung ringender Mensch. Wer abgesehen yon ihrer Bedeutsamkeit für die Erkenntnis des Künstlers und Menschen Platen sind diese Tagebücher ein einzigartiges kulturhistorisches Dokument. Tirol unterm Beil. Roch vor kurzem haben die Zeitungen die Berickte über die Einweihung des Bozener Siegesdenk. mÄs aeboacht. Man liest, wie das sonst so festfteudige Bott lirb schweigend fernhielt. Dieses Schweigen schreit. Es findet seinen Ausdruck in Reut-RtrolusfiS Buch „Tirol unterm Beil" (Verlag C. H. Beck, München. 248 Seiten, groß 8° mit 8 Abbildungen und einer Kart». Geheftet 4,80 Ml, Leinenband ?*(), dessen Titelzeichnung das unglückliche Land unterm KaschffteWeil zeigt. Weser symbolhafte Titel prägt sich dem Gedächtnis «in und der Inhalt des Buches sorgt dafür, daß wir auch mit dem Herzen daran denken. Wir haben ja auch andere Parallelen: das besetzte Rheinland. Oberschlesien. West- tzreußsn, Elsaß. Aber nicgen&g eine solche astatisch aumu» tveide ®*aufamfeit. Daran sollte jeder Deutsche ständig denkeii.