v'r alt Ofseburger. Belletristische und humoristische Chronik der Kreishauptstadt Gffenburg. Rr. 477. Ausgabe vom 5. Juli 1908 Preis 10Pf. eine Betrachtung über die fettlichkeitev des letzten Sonntags. Um des Komponisten Karl Jsenmann Andenken zu ehren und dies auch äußerlich zum würdigen Ausdruck zu bringen, waren seine Verehrer schon seit Jahren mit dem Vrojektieren eines Festes bemüht. Jedoch allerlei Schwierigkeiten stellten sich ein; sie schienen unüberwindbar, selbst die gute Idee, einer neuen Straße Jsenmanns Namen zu geben, wurde immer wieder verschoben. Einer Denkmalserrichtung brachte sogar der badische Sängerbund wenig Sympathie entgegen. Eine vor Jahren theoretisch eingeleitete Geldsammlung, zu deren Gunsten die hervorragendsten Männer der Wissenschaft und Tonkunst ihre Namensunterschrift gaben, vereitelte ein widriges Geschick. — Da kam die Umgestaltung unsrer städtischen Anlage infolge der Bahnerweiterung. Der Anlagenrespizient Stadtrat Mansch verfolgte nun mit rühmlicher Zähigkeit seine Idee, ein Jsenmanndenkmal auf dem Platz anzubringen, bei welchem die Anlage in die Lange Straße ausmündet, gewissermaßen als Pendant zum Platze an der Hauptstraße, wo die Anlage einmündet und wo das Okendenkmal in einem Pflanzenarrangement Aufstellung gefunden hat. Die finanziellen Schwierigkeiten wurden behoben durch die wirklich splenditen Geldbeiträge der Anwohner des Platzes in der Oberstadt und andrer Gönner. Etliche projektierten Konzerte dagegen find zu Wasser geworden; jenes des großen Baden-Badener Vereins war nicht aneifernd. Wer hätte nun geahnt, daß die Festlichkeiten des letzten Sonntags einen so erhebenden Verlauf nehmen und eine so große Schar Sänger und mitsympathisierende Schaulustige herbeirufen würden? Ein Stiftungsfest zu Ehren zweier Stifter, deren Charaktere und gesellschaftliche Stellungen grundverschieden sind. Jsenmann, der Stifter herrlicher Melodien und Tonwerke, die er dem deutschen Volk schenkte, hatte mit seinen zahlreichen Schöpfungen der Kunst nur Andern, nicht sich selber, materielle Erfolge gebracht. Abhold allen Aeußerlichkeiten, höfischer Rede und Heuchelei; heiter, derb, aber treu gegen seine Freunde. Noch heute gibt es manche Epigonen, die ob der rauhen Schale Jsenmanns das Gold des edlen Herzens übersahen und die seine Denkmalsehrung mißbilligten. Höchst wahrscheinlich würde er am meisten dagegen wettern. Seine alten Freunde sind sich bewußt der lakonischen Antwort des Reliefbildes, wenn es den Mund geöffnet hätte, um auf die inhaltlich und oratorisch so würdig gehaltene Festrede des Herrn Dr. Krieg zu antworten. Jsenmann bestreitet jedes Recht auf seine Ehrung. Aber gerade Jsenmanns einfaches selbstloses Wesen bei so seltenen Geistesgaben weckt die Flamme der Begeisterung der Sänger und Höhrer seiner Lieder und läßt sie für alle Zeiten lodern. Sicher wird das schöne Fest den Jsenmannschen Volkswerken neuen Anhang bringen. Leicht wäre es gewesen, der Feier einen g rößern Umfang zu geben und mit etwas mehr Rührigkeit wäre es gelungen, das Programm so auszudehnen, daß schon in den Morgenstunden die Sängerscharen in unsre schöne Stadt gekommen wären. Mit Recht erhoben derlei Vorwürfe nicht nur die Einwohner, sondern sogar die fremden Sänger und Besucher. Bei der kurzen Spanne Zeit wars den Letztern nicht möglich, auch nur flüchtigerweise Offenburgs Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Glänzender Sonnenschein strahlte über dem ausgedehnten, mit zahlreichen Vereinsfahnen geschmückten, mit Musik und Trommelschlag belebten Festzug, unübersehbar war die Zahl der Festteilnehmer beim Denkmal, das nach der prächtigen Festrede des Herrn Dr. Krieg vom Vorsitzenden des Jsenmanndenkmal- komitees, Stadtrat Mansch, in sinnigen Worten dem Oberbürgermeister übergeben und von diesem unter der Zusicherung steter sorgfältiger Pflege übernommen wurde. Gewaltig ertönten die Masiengesänge der Jsenmannschen Lieder. Unter den Ehrengästen bemerkte man den alten Jsenmannsänger Dr. Weber von Kehl, (Oberbürgermeister Dr. Gönner und Direktor Weiland waren leider nicht erschienen), Stadträte aus Gengenbach, Vertreter des Bezirksamtes und des Offizierskorps. Die Regimentsmusik (Dir. Höppner) trug durch vorzügliche Ausführung der gewählten Stücke zur weihevollen Stimmung bei. Fremde versicherten, daß die volkstümliche, von Byzantinismus freie Ehrungsszene bei den Tausenden der Teilnehmer einen tiefen und ergreifenden Eindruck gemacht habe. Unter Voranritt dreier schmucker Reiter (Kelterer, Kopf und Kempf) zog man weiter durch die menschenbelebten Straßen zum Festbankett in der „Union". Hier begrüßte in herzlichen Worten der Oberbürgermeister die fremden Sänger und Bankettteilnehmer, worauf die Vereine wetteiferten, in prächtigen Gesängen ihren Tribut dem Liedersänger zu bereiten. Der Vortrag des mit goldener Medaille preisgekrönten Liedes: „Heute scheid' ich, morgen wandr' ich", gesungen von einem Quartett Kehler Sänger, löste die höchste Begeisterung für Jsenmanns unvergängliches Werk aus. Eine vortreffliche geistvolle Rede über Jsenmanns Wirken seitens eines Herrn der Vertretung des Mannheimer Arion ging sehr zu Herzen. Würde dieser Moment dankbarer Erinnerung an den selbstlosen Komponisten benützt worden sein, um zu einem guten Werk zu sammeln, ein schönes Resultat wäre sicher gewesen. Die in einer Anstalt befindliche, etwas schwachsinnige Schwester Jsenmanns hatte nämlich zum Festtag ein Schreiben gesendet, worin sie wünscht, es möge ihr auch vergönnt sein, das Denkmal ihres Bruders zu schauen. Es möge der mittellosen Schwester in ihrem trüben, der brüderlichen Liebe entbehrenden Dasein solche Freude noch bereitet werden! Die „Konkordia" Freiburg, früher unter Jsenmanns Leitung, sandte eine Vertretung und ein Gratulationstelegramm; recht unangenehm fiel es aber allen Sangesfreunden auf, daß der Vorstand des Bad. Sängerbundes in gar keiner Form irgend welche Sympathie kund gab. Speziell uns Offenburger berührte es unfreundlich von unsrer Nachbarstadt Straßburg, daßihreSänger der Einladung keinerlei Folge leisteten, obwohl Straßburg bei seinen Festen von Offenburgern stets besucht und oft zum Neid unsrer Geschäftsleute nur zu viel noch bevorzugt wird. Etwa um 8 Uhr trennten sich die letzten Banketteilnehmer. Bei einbrechender Dunkelheit begann eine von sachkundiger Hand vorbereitete Beleuchtung des Denkmalsplatzes. Sowohl das städt. Elektrizitätswerk wie die Anwohner des Platzes (voran Herr Tapezier Hartlapp für seine sinnige Hausdekoration) verdienen gerechte Anerkennung. Die Lichterwirkung war imposant. Eine volkstümliche, eine improvisierte Jsenmannfeier fand im Kopfgarten statt, wo durch Solovorträge und Chöre einige Mitglieder des Arbeitergesangvereins „Freiheit" die lieblichsten Jsenmannschen Lieder und Melodien zu Ehren brachten. Der frühere Gemischte Chor dieser Arbeitersängerschaft hatte den ersten namhaften Beitrag zum Jsenmann-Denkmalfond gestiftet. Wenn eingangs gesagt ist, der schöne Tag war gewifier. maßen ein Gedenkfest zu Ehren zweier Männer, die ihren Mitmenschen eine Stiftung machten, obwohl die Stifter wie ihre Stiftungen grundverschieden sind, so ist das nicht zu bestreiten. Unsre zweite Stiftung, die am Jsenmannstag berechtigten Anlaß zu einer Feier gab, war die Max Wenk-Treppe in der Zwingeranlage. Auch dem Zustandekommen dieses künstlerisch schönen Werkes standen anfangs heftige Schwierigkeiten gegenüber. Sie mußten überwunden werden; der Anlagen-Respizient räumte die Widerstände hinweg. Die feierliche Uebergabe fand morgens 11 Uhr beim Spiel der Regimentsmusik unter großer Teilnahme der Einwohnerschaft statt. Oberbürgermeister Hermann wies in seiner vortrefflichen Ansprache auf die Annehmlichkeiten der erweiterten Anlage hin, die sich nun um die ganze Altstadt zieht und durch kunstgärtnerische Zier und schattenspendende Ge- staltung Aug und Herz erfreut, die Gesundheit ihrer dankbaren Besucher fördert. Er hofft, daß auch die Gegner solch idealen Strebens noch das Geschaffene liebgewinnen werden. Das Stadtoberhaupt sprach dem Respizienten, Stadtrat Mansch, und dem Stadtgärtner Söll sowie allen Beteiligten den Dank aus. Das Beste käme immer zuletzt, meinte der Redner, und in innigen, herzlichen Worten dankte er dem Herrn Generaldirektor Adolf Wenk-Wolff (Mannheim) für seine so praktische und nützliche Stiftung, an deren Schaffung in Plänen und Herstellung die Herren Architekten Abel (Vater und Sohn) mit Herrn Maurermeister Ritter und deffen Arbeitern ihr bestes Können einsetzten. Mit einem Hoch auf die Stadt und Herrn Wenk schloß die Ansprache. Der Stifter Wenk-Wolff dankte und wußte in prächtigen Worten seine treue Liebe zur Vaterstadt Offenburg darzulegen, die ihm auch ob der Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, dem Offenburgs Entwicklung und Verschönerung so sehr am Herzen lag, den Gedanken eingab, eine solche romantische Treppe der Stadt zur Verfügung zu stellen. Freudiger Beifall und Anerkennung folgte seinen Worten. Zum Schluß des schlichten Festaktes überreichte Herr Stadtrat Mansch dem Stifter Wenk eine Photographie der Treppe, hergestellt im Atelier des Herrn Pfefferle, und verknüpfte mit dem Dank den Wunsch, es möge solche Heimatliebe recht oft Nachahmung finden. Musik und Publikum zogen dann in die neue Grabenanlage, allwo sich das neue städtische Aquarium und Terrarium befindet, ein niedlicher, aber lehrreicher und intereffanter Anfang zu Großem. Der Gründer dieser neuen lehrreichen Sehenswürdigkeit, Herr Augenarzt Dr. Klingelhöffer, übergab dem Stadtrat in gewählten Worten sein hübsches Werk. Soweit es der beschränkte, tropisch warme Raum gestattete, besichtigte man die Flora und Fauna. Als wären sie sich bewußt des wichtigen Moments, entfalteten die sonst so ruhigen Amphibien die fröhlichste Munterkeit; selbst das Chamäleon. Die Chronik unsrer Stadt darf diesen Tag mit gutem Recht als einen der besten verzeichnen und die Einwohnerschaft wird in herzlicher Erinnerung daran stets so Denkmal wie Treppe und Anlagen treu ehren und schützend pflegen. Civi3 vet. offenburg. Aus der Rechtsprechung des Schwurgerichts der Reaktionszeit. Für die II. Quartalssitzung des Mittelrheinischen Schwurgerichts zu Bruchsal zogen zu Johanni 1868 vom Kinzigstrand zwei Geschworene an den Bruhrein: Kaufmann A. Henco aus Offenburg und Gerber A. Herb aus Gengenbach. Der Gemeinderat St. Stulz aus Welschen- steinach reiste mit ihnen. Es stunden nur drei Fälle auf der Tagesordnung dieser Sommersitzung. Damit die Welt nicht zur irrigen Meinung verleitet werde, es hätte jetzt die Volksmoralität einen höheren Standpunkt erreicht, führte die „Badische Landeszeitung" als unwiderleglichen Gegenbeweis an, daß der hofgerichtlichen Aburteilung viele Strafsachen, namentlich grobe Fälle der Sittlichkeitsverbrechen, unterliegen. Es war das eine Zeit regen kirchlichen Lebens seit etlichen 8 Jahren. Was die Pfarrer und Missionäre nicht besserten, brachten keine Gerichte auf den Weg der Moral. Das Schwurgericht des Oberrheinkreises zu Freiburg konstatierte am 8. Juni ein abschreckendes Exempel. Mit 8jährigem Zuchthausaufenthalt wurde die Gertrud Zimmer von Holzen bestraft, welche dem Weinschlurf ergeben war und mit ihrem Schwiegersohn in Differenzen lag, weil er ihre Leidenschaft kalt abwies. Sie gab ihm Nieswurzpulver, welches einen betäubenden Einfluß nicht nur auf Katzen, sondern auch auf Menschen macht. Der Schwiegersohn Friedrich Vetter verdarb sich durch die vielen, ihm heimlich beigebrachten Nießwurzdosen seine leibliche Konstitution, ohne dabei in die Schwiegermama verliebt zu werden; er kam in ärztliche Behandlung auf die Dauer dreier Monate. Dafür wanderte die Gertrud Zimmer später auf 8 Jahre, sozusagen bis an ihr seliges Ende, ins Zuchthaus. So kurierte man damals die sittenverderbte Welt. Einen Sünder aus dem Kinzigtale behandelte das Schwurgericht Bruchsal am 25. Juni 1858. Der 43jährige, ledige Bauernknecht Joseph Reinbold von Schnellingen war des Vergehens, ein falsches eidliches Zeugnis geleistet zu haben, beschuldigt. Staatsanwalt Ha aß machte vom Rechte der Geschworenenablehnung einen außerordentlichen Gebrauch; er ließ keinen der Geschworenen der vorhergehenden Verhandlung, die mit dem Freispruch eines wegen Raubs angeklagten Menschen endigte, wieder in die Bank der Richter hineinkommen. Dieser Knecht Reinbold war im Jahre 1848 der Bäckerfamilie Schindele in Haslach für verschiedene Viktualien 3 fl. 36 kr. schuldig geworden, hatte darüber einen eigenhändig Unterzeichneten Schuldschein ausgestellt, später aber, als es zur gerichtlichen Beitreibung der Schuldforderung kam, sowohl die Aechtheit der ihm vorgezeigten Schuldurkunde, als auch die Richtigkeit der Forderung an sich beharrlich in Abrede gestellt und behauptet, daß er in seinem Leben noch gar nie geschrieben habe und seinen Namen auch nicht einmal schreiben könne. Auf dieses Zeugnis hin. welches Joseph Reinbold vor Gericht eidlich bestätigte, wurde gegen Bäckermeister Schindele, der von der abgeleugneten Schuldurkunde Gebrauch gemacht hatte, eine Untersuchung wegen Urkundenfälschung eingeleitet, deren Ergebnis jedoch ein freisprechendes hofgerichiliches Urteil war, nachdem sich im Laufe dieser Untersuchung gezeigt hatte, daß Reinbold nicht nur schreiben könne, sondern auch wirklich schon öfters seinen Namen öffentlichen Notariatsakten beigesetzt habe. Eine angestellte Schriftvergleichung wies die Aechtheit der von Reinbold als falsch bezeichneten Namensunterschrift zur Evidenz nach, so daß sich nun das Untersuchungsverfahren gegen diesen Reinbold als falschen Zeugen richtete. Dieser gab auch vor dem Schwurgericht zu, daß die von im früher abgeleugnete Namensunterschrift allerdings ächt und die in der Urkunde bezeichnete Forderung ganz richtig sei, suchte jedoch durch Berufen auf Gedächtnisschwäche und Kurzsichtigkeit, sowie auf momentane Geistesverwirrung glauben zu machen, daß er sein früheres Zeugnis nicht wissentlich falsch abgelegt habe. Dieser Verteidigung entgegen wurde von der Staatsbehörde die planmäßig überdachte, auf Gewinnsucht beruhende Verfahrungsweise des Angeklagten nachzuweisen gesucht. Die Geschworenen erklärten den Reinbold für zurechnungsfähig und des Vergehens schuldig. Man scheint auf ein ärztliches Gutachten verzichtet zu haben. Der Gerichtshof sandte den Dienstknecht auf 18 Monate ins Zuchthaus. Für dieselbe Zeit mußte der nächste Angeklagte, ein 37jäh- riger, lediger Sinzheimer Sittlichkeitsattentäter, dort einrücken, dem ein „nichtbeendigter Versuch" eines unsittlichen Attentates auf ein Kind zur Last gelegt worden war. Der bereits erwähnte Freigesprochene hieß Heinrich Lang aus Büchig, ein 36jährigerTaglöhner. Im Februar ging dieser mit dem 70jährigen Herz Joseph Heimerdinger, Goldsticker zu Karlsruhe in den Fasanengarten, um ihm Stumpenholz zu zeigen, das im Maße von b k Klafter gehandelt werden sollte. Der alte Heimerdinger will von Lang mittelst einer Axt bedroht und nur durch Verabreichung einiger Sechser befreit worden sein. Der Lang wurde in betrunkenem Zustand abends im Jostschen Bierhause zu Karlsruhe arretiert, unter großem Volkszulauf ins Amtsge- fängnis verbracht, auf welchem Gange er sich nicht nur aufs heftigste widersetzte, sondern auch unter die Beteuerung seiner Unschuld majestätsbeleidigende Äußerungen, sowie gefährliche Drohungen gegen die Residenzstadt einfließen ließ.' Vor den Schranken des Schwurgerichts stellte er den Vorgang mit Heimerdinger so dar, als ob er selber von diesem alten Manne zuerst angegriffen worden sei und das Geld ganz freiwillig von ihm geschenkt bekommen habe. Von Seiten des Großh. Staatsanwalts, Hofgerichtsrat Haaß, wurde auf Grund eines gerichtsärztlich bestätigten früheren Gehirnleidens des Angeklagten, in Verbindung mit dessen Trunkenheit bei Verübung der Tat. nur eine geminderte Zurechnungsfähigkeit als vorhanden angenommen, im Übrigen aber der Tatbestand eines in jeder Beziehung vollendeten Raubes nachdrücklich auftecht erhalten, wogegen des Angeklagten Verteidiger, Obergerichtsadvokat Dr. Joachim, sowohl das Vorhandensein der gesetzlichen Voraussetzungen eines eigentlichen Raubes, als auch jede Zurechnungsfähigkeit seines Klienten in Zweifel zog. Was es mit der letzteren nach der Ansicht der Geschworenen für eine Bewandtnis hatte, erfuhr man nicht, indem dieselben schon die erste, auf die Verübung des Verbrechens selbst gerichtete Frage mit Nein beantworteten. Es scheint, daß man die antisemitische Strömung jener Zeit mit diesem Urteil in Verbindung bringen wollte. D' Veef. E aldi Muck: Was e Jeder noch stem Guschdo macht, isch sien Barediß. „Fir mich", sait dr Goldsepp, „ischs Abdrickle noch em Bad dr glattscht Gnuß. un do kann mich d' bescht Gsell- schaft un d' hegscht' Rednertribien nit abhalde, wenn 's Diänschtmaidli d'haim mit em Frodiärdiächli uff mi warde duet." — D' Kunscht drgege, schwermt fir e Jlleminazion bi Nacht, wo si sich am beschde ußnemme duet, sait 'r. was 'r am Jsemannsdag am vorige Sunndig inue wore isch. Dr Hinderschdeegeromandik solle e Schlicker zwei vun denne 300 hiäsige Karli begeischdert 's Wort g'redet Han, vor aß ans Wenke Schtaffel dr letscht Schbeiß angworfe gsien isch. Mit dem Munsche-Jerig siem Himmelrich: „Scheeni Maidli" betreffend gitt's am meischde Deiler. — Zue was. sait e Jeder zue sinnere Rechtfertigung, „häddig denn unser Herrigott Alles so zuer Ußwahl anni- gschtellt?: dunkli, blundi, rodi Maidli — bärdigi, gladdi un lockigi Buewe — Zwetschge, Gpfel, Biere, Pflume — Liwe- rali, Schwarzi, Vadderlandslost, Gähli, Meliärdi?" — Halt, Veef, do g'rodsch jo in diem heilige Jfer in d' Bolidik nien, un deß isch dr undankbarscht Bode zuem Some ußwerfe. Ich will numme sage: Alles zuem Vrlese! Ja. kumm sä, Bulli, wenn d' vrboddeni Frichde nit wäre. Was isch hiddigsdags iwerhaupt erlaubt? Ich will im Bsundere gar nit drvun rede, wiel's e Jeder dagdäglig z' schpiere bekummt, was 'r zue siem Leidwese underlosse inueß, wenn 'r d' Nas' nit anrenne will. Wenn dr Boge z' schtraff gschpannt wurd, no glepft 'r gern ussenander. Dr Freiheitsdrang isch ime jede Gschepf angebore, jeder Mensch kummt als Demokrat uff d' Welt drum isch es vun vorne rien schun e ganz unnadier- ligi, ungsundi Macherei, wenn dr Mensch em Mensche ge- geniwer sich 's Fesselanlege im hegschde Grad erlauwe d.erf. Jedi Weddung giäng ich ien, d' Litt däde z'friedener un besser were, wenn nit so viehmäßig viel Barriäre vor de guede Weg egseschdiärdige. Gelle, Littli, ich due hitt e bissili rätslihaft vielesofiäre (ich wurr noch un noch neimodisch). Wenn mr jetzt e Gschiecht liest, no mueß mr d' bescht Hälefdi vum Vorgang selwer vrrode; deß heißt mr indressant, sait dr Andrees, d' Mensche häwe 's denke vrlehrt, si häwe Denkiäwunge nedig. Vor e bar Jährli noch het kai Guller drnoch kraiht, wenn dr Auguscht em Käthrin in dr Geischterschtund mit eme Flöteschtänderli d'Liäwi g'offebart het. Wiä guet het's mi in de alde Dage noch dunkt, wenn i halwer im Albdruck vun junge Nachtschwermer in dr Nochberschaft vrnumme Hab: „Du bist wie eine Rose —Browiär's jetz emol einer in dr Nacht e bissili boedisch z' wäre — schwubb het ne e gummibschuehder Sewelmensch am Krage. So kinndig i noch mänicher Druck vom Herze rede. Mache Denkiäwunge, Littli, no grinde mr so gwiß aß zweimal zwei viäri, schliäßlig e Verein gege Druckfehler. O armi boesilosi Zitt, wiä zibberlächt munde dinni beschti Gawe! Offenburger Allerlei. Bilder der Wenktreppe und des Jsenmann»Denkmals bringen die nächsten Nummern des „Alten" nebst dem Wortlaute der Festreden. Jsenmann-Denkmal. Die Mannheimer Volksstimme schreibt: Das Jsenmanndenkmal besteht aus einer wohlgelungenen Bronze-Plakette des Meisters, die an der Vorderseite eines gewaltigen, einen kleinen, aus Fels- und Koniferenwerk gebildeten Hügel krönenden Schwarzwaldgranitblockes angebracht ist. Ein frischer Quell sprudelt darunter hervor und fällt kaskadenartig zwischen Farn- und Schlinggewächs nieder. Den Parterre-Vordergrund bildet ein gärtnerischer Kunstteppich, eine Lhra darstellend, und um die ganze Gruppe, die den Eingang zu den alten Stadtanlagen an der Ostfront des alten Walles bildet, zieht sich ein Zaun aus Naturhölzern. Das Ganze macht aus dem Hintergrund der alten Baumgruppen der nächsten Umgebung einen gemütvoll heimlichen Eindruck und atmet den frischen, naiv-volkstümlichen Geist der Jsemnannschen Kompositionen. Das badische Land hat mit der Errichtung des bescheidenen Denkmals eine alte Ehrenschuld an den verstorbenen Meister abgetragen. t. Notizblättchen. Am 30. Juni bestrebten sich mit heißem Bemühen 31 Schüler unserer Realschule, die Abgangsprüfung zu besteheir. Nach einem etwa lOstündigen Examen bei mörderischer Hitze konnten nur 26 Kameraden für bestanden erklärt werden. Bon Leuten, die es wissen können, erfahre ich, daß zu Anfang des Schuljahres die oberste Klasse von 36 Schülern besucht war. Aber der Wegzug seiner Eltern nötigte einen Sekundaner, die Anstalt zu verlassen; einen andern befiel so schwere Krankheit, daß der Brave und Ärmste seine Studien ganz aussetzen mußte. Dann freilich gingen drei, bevor sie gegangen wurden. Gar zu robusten Gewissens, sollen die Dreieinigen das landesübliche Maß von Schülermogelei weit über alle Zulässigkeit hinaus überschritten haben! Über den „listigen" Krieg der Schüler gegen die „Schulmonarchen", über Schülermoral und Schulzeugnisse, die Elternspiegel sind, soll demnächst ein kräftiges Wörtchen gesprochen werden. Personalien. Oberschaffner Wilhelm Krimmel ionrde zum Bureaudiener ernannt, Güterschaffner Karl Berts che in Konstanz nach Offenburg versetzt. Als Beirntsnntglied des Gymnasiums Offenburg lvurde dem Großh. Oberschulrat sau Stelle des verstorbenen Stadtrats Schneider) Oberbürgermeister Hermann vorgeschlogen. Rechtsanwalt Dr. Reff hier ist mit 54 Stimmen zum Bürgermeister von Oberkirch gewählt worden. tzirschwirt Otto Lienhard in Diersburg, 1. Vorstand der Kleinbrauer Badens, erhielt den zweiten Preis (silberne Medaille) bei der Tuttlinger Bierausstellung. Die Stelle eines Hochbauassistentc» soll zur Bewerbung auf 12. Juli ausgeschrieben werden. Der Bewerber muß ein jüngerer Mann mit technischer Vorbildung sein. Der seitherige Setlleinhaber, Herr Hochbauassistent Marx, erhielt die Garnisonsinspektion Spandau. Der neue Kirchcnplatz soll nunmehr in Stand gesetzt werden. DaS Tiefbauamt erhielt Auftrag zur Fertigung eines Kostenvoranschlags. Frau Prästornt Bachelin feierte letzten Freitag ihren 85. Geburtstag. Die Jubilarin ist die Gattin des hier verstorbenen Landgerichtspräsidenten Bachelin, der sich als ein sehr tüchtiger Beamter allgemeiner Beliebtheit erfreute. Vor noch nicht langer Zeit wurde der Sohn zum General befördert. Seitens des Stadtrates erhielt Frau Bachelin nebst einem Gratulationsschreiben eine Palmpflanze mit ehrender Widmung. Die Zollamtsangelegenheit am Offenburger Bahnhof ist auch von der ersten Kammer in der Kommission beraten worden. Die „Durchlauchtigsten, Hochgeehrten Herren" dieses Oberhauses haben sich aber die ablehnenden Argumente der Regierung zu eigen gemacht und glauben, die Petition der Stadt Offenburg nicht ohne weiteres empfehlen zu können, sondern die Angelegenheit nochmals objektiv prüfen und erwägen zu lassen. In diesem Sinne soll die Petition zur Kenntnisnahme überwiesen werden. Bekanntlich trat die zweite Kammer energisch für die Offenburger Petition ein. So wird es nicht glatt abgehen, wenn das Plenum der ersten Kammer die Ansicht der Kommission teilen sollte. Der Gartenbauverein gedenkt am 3., 4. und 5. Oktober eine Ausstellung zu veranstalten. Die Stadtgemeinde stellt die alte landwirtschaftliche Halle als Ausstellungsraum zur Verfügung und stiftet einen Ehrenpreis. Das Terarium und Vivarium ist bis aus weiteres täglich vo« 10—12 und 5—7 Uhr zur Besichtigung geöffnet. Kinder sollten nur unter Begleitung Erwachsener Zutrittlhaben. Bcsttzwcchsel. Das Bäcker Bürge r'sche Haus (Ecke der Haupt- und Gerberstraße) ging um den Preis von 30000 Mk. in den Besitz des Herr« Eduard Wörter über. Das erste Stockwerk des Hauses wird z>> einem eleganten Kaufladen umgebaut. Ei« Gipsmodell des Gebäudes, das Herr Hotelier Alb. Mauer an der Ecke der Bühler- und Volkstraße erbauen will, läßt erkenne^, wie vorteilhaft dieser jetzt so unfreundliche Bauplatz durch den geplante^, monumentalen Neubau verändert und wie sehr das Gesamtbild dtz- dortigen Stadtteils gewinnen würde. Eine typische Persönlichkeit Offenburgs, der Steuermahner Andreas Mühling, entschlief im Alter von 82 Jahren. Bis kurz vor seinem Tode ließ er es sich nicht nehmen, seine Amtsgänge noch selbst zu besorgen. Es wird wohl selten Vorkommen, daß ein Mann in seiner Stellung, bei der so «st der Beauftragte die Unannehmlichkeiten seines Amtes fühlen muß, es versteht wie der alte Mühling, mit der größten Gewissenhaftigkeit Takt und Milde zu vereinen. Er war eigentlich der geborene Steuermahner, der alte Dragoner, dem wohl keiner seiner „Kunden" jemals gram war. Man wird diese charakteristische Figur hür vermissen und ihm ein gutes Andenken bewahren. An andrer Stelle soll demnächst noch vom alten Mühling erzählt werden. Ei« entzückendes Bild bot in einer nächtlichen Beleuchtung absonderlicher Art unsere Stadt. Am Mittwoch Abend schien es, als wir vor Mitternacht vom herrlichen Zähringerhof-Garten heimwärts wauderten, als tobe nördlich der Stadt irgendwo eine Feuersbrunst, die mit ihrer Glut den Himmel erleuchtet. Von diesem Hintergrund hob sich die Form der Stadt scharf hervor, in der Langestraße ließ jedes Haus sich unterscheiden, die Auerlichter glommen wie leuchtende Johanniswürmchen und, wie von einem Scheinwerfer belebt, erhob sich die Gothik des Turmes der evangelischen Kirche im Hintergrund. Man mochte sich kaum satt sehen an diesem nächtlichen Zauber, dessen Ursache wir einem Nordlicht zuschrieben. Und es war diese Erklärung naheliegend; denn aus verschiedenen Orten bringen jetzt die Blätter Kunde von der gleichen Beobachtung. Aus Heidelberg berichtet das dortige „Tageblatt" unterm 1. d. Mts.: „Heute Nacht konnte hier, besonders von unseren Bergen aus, ein helles Nordlicht beobachtet werden. Dasselbe tauchte den ganzen Nordhimmel in gespensterhaften, schwefelgelben Schein und verdunkelte die Sterne vollständig. Es war die ganze Nacht sichtbar und die Mitte des ovalen Scheins war ganz genau im Norden. Die Helligkeit war so stark, daß die Taschenuhr abgelesen werden konnte." Nach Auffassung der Wissenschaftler soll die Annahme einer Nordlichterscheinung unrichtig sein. Ähnliche Phänomen habe man zur Zeit des gewaltigen'Ausbruchs des Krakotau ebenfalls beobachtet. Im Falle Fischer-Windschläg ist die Revision der Staatsanwaltschaft vom Reichsgericht kostenfällig abgewiesen. Ei« Brand zerstörte am Freitag Mittag in Appenweier zwei Häuser und bedrohte die Scheuer des Bürgermeisters. Das Feuer brach in einer Schreinerei mit Motorbetrieb aus. Delikatessen u. Kolonialwaren Otto Hier, OHurii Südfrüchte « Konserven Fleisch waren « Fische. Besonders bemüht für Lieferung von feinem, stets frisch gebranntem Kaffee. Bad Ries, Offenburgr. Täglich geöffnet von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, Sonntags von 8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags. 3186.6.3 Sämtliche von Ärzten empfohlene Bäder, als: Soda-, Salz-, Fichtennadel- Bäder «sw. Neu eingerichtet: WM» Kohlensäure-Bäder. -M» Karl Iiienert ^ Empfehle mein reichhaltiges Lager in Reiseandenken, Ansichtskarten, Künstlerkarten, An- M sichtsalbums von Osfenburg (mit 15 neuen Aufnahmen, M n Preis 50 Pf.). U Grosse Huswabi in garantiert echten liieertnuicbeln, U m direkt von den Seehäfen. H Schreibwaren und Bureauartikel, Buehbinderei, Einrahmungsgesehäft. -M,.,- ' Künstlietie Blumen u. Kränze, sowie sitlie Trauerartikel eie. etc, ( €rholung$ort. Die hoch im Gebirg am Fuße der Moos gelegene ..WirtsM uiiB Kranz" in Dnrbach-Gebirg (Station Windschläg, 2'U Stunden von Offenburg) nimmt für die Sommerzeit Gäste in Pension. Waldungen in unmittelbarer Nähe. Ausflugspunkte: Spähneplatz, Moosturm, Brandeckturm, Schloß Staufenberg rc. in kurzer Zeit zu erreichen. — Milchkuren, forellen. Der Besitzer 3216.6.3 b. FißS. Freiwillige Feuerwehr Ostenhurg. Am Montag den 8. Juli, abends 6 Uhr Spezialprobe der Abteilungen Arbeitsmannschaft und Steigmannschaft. Abends V26 Uhr: Hydranten-Abteilung. Erscheinen in vollständiger Ausrüstung. 3229 Das Kommando. Auf 1 Oktober zu Vermieten in der oberen Langestraße ein schöner 2. Stock mit vier Zimmern, Küche, Veranda, Kammer, Keller, Waschküche, Gas- und Wasserleitung ustv. Zu erfragen Zähringerstratze 1». freiwillige Feuerwehr Offenburg. Am Geburtstage Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs Donnerstag den S. Juli, vormittagS 8 Uhr: Antreten der Jubilare und des Verwaltungsrats vor der „Michel-Halle; Uhr: Festakt: Ueberreichung der Auszeichnungen im Bürgersaal. Frühschoppen bei Kommandant Adrion (Kopf-Halle), 1 !sl Uhr: Mittagessen bei Kamerad Joseph Mösch (Alte Pfalz). Die Mitglieder unseres Korps, sowie diejenigen der Bahnhof-Feuerwehr werden freundlichst eingeladen mit dem Ersuchen, recht zahlreich dieser Feier beizuwohnen. Anmeldungen zum Essen mögen gefl. frühzeitig erfolgen. Offenburg, den 3. Juli 1908. Der Verwaltungsrat. 3227 E. Adrion. Rubi^ Kniestockwohnung zwei Stiegen hoch, mit zwei großen, Hellen Zimmern, Kammer und Küche! im Glasabschluß, Keller, Waschküche^ Speicher, Wasserleitung, an kleine ruhige Familie sofort oder später mietfrei. Zu erfragen Zähringerstratze irr. Arbeitsnachweis-Anstalt der Stadt Offenburg. Stellen finde»: Männliches Personal: "«inschloffer, Feuerschmied, Eisendreher, Po- l«-> Stuhlmacher, Mobclschreiuer, Holzdreher, r er, Holzbildhauer sFigurists, Maler für, i, Hafner lFormers, Steinbrecher, Back- ! ,cher, Metzger, Bäcker, Friseur, Schneider ; *. Ul und groß Stück, Schuhmacher, Seiler, 1 Melbg^, Feldknecht, Fuhrknecht. Dwnen-Uersteigeeung. Die Stadtgemeinde Offenburg läßt am Montag den 6. d. M., nachmittags 2 Uhr beginnend das Frühbirnen-Erträgnis in verschiedenen Losen öffentlich versteigern. Zusammenkunft beim Gaswerk. Offenburg, den 2. Juli 1908. Der Stadtrat. 3228 Hermann. Miltner. Redaktion, Druck uud Verlag von Adolf Geck in Offmburg. Hierzu eine Beilage.