v'r all Gsseburger. Zeitschrift der Heimatkunde für die Gffenburger in der Nähe und Zerne. Nr. 772. Ausgabe vom 1. März 1914. Preis 10 Ps. Zur Geschichte der Ossenburgrr Karnevalskuuft. ii. Der Beschreibung des Maskenzugs von 1828 entnehmen wir folgendes: „Der Zug bestand aus 15 schön und geschmackvoll gezierten Wagen, umgeben mit einer Anzahl Reitern en masque, welche zur Handhabung der Ordnung ihren Commandanten und dieser seine Adjutanten hatte. Das ganze Personale spielte seine über sich genommene Rolle so gut, daß es gewagt wäre, ein Urtheil zu fällen, welcher Wagen am besten gefiel, wenn nicht allenfalls ein Gegenstand vor dem andern die Aufmerksamkeit dieser oder jener mehr aus sich zog. Der erste, schön geschmückte Wagen enthielt die türkische Musik. Sämtliche Musikanten waren gleich uniformiert. Der 2te Wagen, die Hanfschleißec und Schleißerinnen, schön nach der Hanauer-Tracht, und wie sie in den hiesigen Hanforten gebräuchlich ist, gekleidet, und eben so fleißig in ihren Arbeiten wie diese. Der 3te Wagen enthielt die Hanfbrecher und Brecherinnen, mit ihren Maschinen, ebenso für ihr Geschäft eingenommen. Der 4te Wagen die Seiler mit ihren Rädern und dem Handwerkszeug. Der Fleiß dieser Gewerbsleute sprach sich durch den Vorrath ihrer fertigen Arbeiten aus. — Was von Hanf zur feiner» Spinnerei bestimmt war, besorgten die in ihrem Geschäfte eben so geschickten Hechler auf dem 5ten Wagen. Schnell wurde der so zubereitete Hanf den auf dem 6ten Wagen befindlichen Schwarzwälder Spinnerinnen übergeben; was diese fertig brachten, übernahmen ihre Haspler, während ein Dritter die Späne schnitt, welche zur Beleuchtung der Spinnstube nöthig sind. Ein geschickter Weber in einem passenden Anzuge auf dem 71en Wagen, der noch nicht lange sein Gewerb anfing, auch die Bildweberei auf der Wanderschaft gelernt hat, mit seiner liebenden und friedfertigen Gattin und schönen Schwägerin, welche das Garn spuhlten, bot alle Kräfte auf, um seine Kunden gut und bald zu bedienen; damit dieselben das Tuch auf die vor Kurzem errichtete Schnellbleiche bringen konnten, welche auf dem 8ten Wagen sehr schön angebracht war. Wegen der Unsicherheit bewachte der treue Hund neben seinem Häuschen das vielerlei ganz und halb weiße Getüch, welches auf d-m Rasen ausgebreitet lag, aufs Sorgfältigste. Der lOtc Wagen führte 14 in alterthümlicheS Costüm gekleidete Musici, welche steinerne Krügchen mit Colophonium an sich hatten. Der Wagen selbst war mit Draperien geziert, worauf zwischen koloffalen Noten und Trophäen der Musik auf hellblauen Schilden, mit Arabesken umgeben, die hochgefeierten Namen der berühmten Tonsetzer: Bach, Glück, Haydn, Küffner, Mozart, Spohr, Karl Maria von Weber und Weigl prangten. — Diese Musici, welche es in der Kunst schon weit gebracht haben, durch einen geschickten Direktor geführt, trugen abwechselnd Chöre und andere Musikstücke vor, wovon die erstern zu diesem Zwecke besonders gedichtet und komponiert waren. Da die Musik bekanntlich gerne anzieht, so war wohlweislich zur Abwendung jedes Unfalls an dem Contrebaß ein hoher Blitzableiter angebracht. Eine für das Menschengeschlecht so wohlthätige Erfindung fand billigerweise die dankbare Anerkennung des Verdienstes; der Erfinder erhielt daher das ausschließende Privilegium, die Orden des Stimmhammers und Rastrums an hohen Festtagen, wozu die Fastnacht gehört, tragen zu dürfen. Das zum allgemeinen Verbrauch fertige Tuch wurde von dem emsigen Schneider und den ihn umgebenden Näherinnen schnell verarbeitet; wie dies auf dem Ilten Wagen schön anzusehen war. Allein die Reinlichkeit erfordert, daß die Leinwand, wenn sie einige Zeit getragen ist, gereinigt wird; dies geschieht durch das Bauchen und Waschen, was auf dem 12ten Wagen zu sehen war, wobei man um so länger bei den schönen jungen Wäscherinnen verweilen konnte, da man hier sehr artige und unterhaltende Gespräche hörte, wie diese nicht ungewöhnlich auf der Waschpritsche zu vernehmen sind. Vor Zeiten war man zufrieden, wenn die Leinwand wieder rein war, allein nun gehört es zum guten Geschmack, daß jene, welche zur Bekleidung gehört auch schön gebügelt wird. Auch würde eine Hausfrau sehr nachlässig seyn, wenn sie zerrissene oder abgetragene Leinwand nicht flickte oder flicken ließe. — Büglerinnen und Flickerinnen waren daher auf dem 13ten Wagen zu sehen. Mit der Zeit nützt sich Alles ab; das Beste und Stärkste zerreißt, was dann zum gewöhnlichen Gebrauche nicht mehr dient. Leinwand wird zu Lumpen, die dann von einem Lumpenhändler gesammelt, und meist gegen Bänder eingetauscht werden; wie dies sehr hübsch auf dem 14ten Wagen zu sehen war, wo schon mehrere Säcke mit Lumpen lagen, und die Lumpensammler im Zuge durch die Stadt allenthalben nach Lumpen sich noch weiter umsahen. — Der Wagen selbst war mit folgender Aufschrift ausgestattet: Es zeiget dieser Wagen hier, Aus Lumpen macht man das Papier. Viel Lumpen braucht man zum Papier, Doch alle nicht, — das glaubet mir. Aus den so verächtlichen Lumpen kommt durch eine künstliche Umwandlung ein Produkt heraus, das in der Welt gegenwärtig die größte Rolle spielt, nämlich das Papier, welches unter verschiedenen Gestalten in großen Päcken auf dem 15ten Wagen sich befand^ und wegen seiner Güte starken Absatz fand. — Um den Wagen herum hingen nachstehende 5 Inschriften: 1 . Processe, Krieg und FriedenSschluß Man durchs Papier entscheiden muß. 2 . Zum Wichtigsten gebrauchen wir Vor allen Dingen das Papier. 3. Es wandert leicht von Hand zu Hand, Bringt Geld und Handel in das Land. 4. Das Nützlichste auf Erden schier. Ist ohne Zweifel das Papier. 5. Gar viele Sorten zählen wir, 's giebt Schreib-, Pack-, Fließ- u. Staatspapier. Zur Landtagswahl in Offenburg-Stadt. Eine Steigerung der persönlichen und widerwärtigen Kampfesweise schien nach der Reichtagswahl unmöglich zu sein. Aber welche Täuschung! Was allein in den letzten 3 Tagen geleistet wurde, ist so ungeheuerlich, daß eine Steigerung fast unmöglich erscheint und doch muß man in letzter Stunde noch auf das Unmöglichste gefaßt sein. Recht unchristlich sahen aber die Angreifer den Balken im eigenen Auge nicht, als sie den bisherigen Vertreter Offen- burgs. Herrn Muser, des Fehlens in der ll. Kammer wegen Krankheit anklagten. — In einer kleinen Broschüre, die ein mittlerer Beamter über die parlamentarische Tätigkeit Musers herausgab, ist folgende interessante Gegenüberstellung zu ersehen. „Herr Muser hat also tn der ganzen Zeit seiner Landtagstätigkeit, wie kein anderer Abgeordneter, sich gerade der Beamten und Staatsarbeiter, insbesondere auch der Eisenbahner warm und energisch angenommen und es ist deshalb eine ganz gemeine Verleumdung, wenn ihm vorgeworfen wird, er habe seine Pflicht nicht getan!. Merkt ihr Beamten und Staatsarbeiter denn nicht, mit welch verwerflichen Mitteln unsere Gegner den Kampf führen und wie gewissenlos sie euch zu täuschen versuchen? Ein anderer Angriff gegen Herrn Muser besagt, er habe im Landtag öfters gefehlt, allerdings entschuldigt durch Krankheit. Gewiß ist das richtig. Dasselbe war aber auch bei Zentrumsabgeordneten der Fall. Für unsere Frage ist es zunächst völlig gleichgültig, ob ein Abgeordneter im Landtag fehlt, weil er krank, oder weil er im Reichstag beschäftigt ist. In beiden Fällen ist während seiner Abwesenheit sein Landtagswahlbezirk nicht vertreten. Ueb- rigenS fällt in die ganze Zeit der Abwesenheit des Herrn Muser keine einzige Frage, die Offenburg unmittelbar berührt. DaS Zentrum nimmt auch keinen Anstoß daran, daß für den Reichstag auch Landtagsabgeordnete gewählt werden, die unmöglich zu gleicher Zeit im Reichstag und Landtag sein können. Es frägt sich übrigens nicht, ob Herr Muser früher krank war, sondern ob ihm jetzt sein Gesundheit erlaubt — und dies ist der Fall — den Landtagssitzungen anzuwohnen. Das Zentrum rechnete Herrn Muser sein Fehlen in den Landtagen von 1905—1912 vor. Sehen wir, wie es in dieser Zeit mit seinen eigenen Abgeordneten steht. 1905/06: 148 Sitzungen. Es fehlten die Zentrums- abgrordneten Fehrenbach 42-, Schüler 39-, Duffner 49mal und Muser 42mal. 1907/08: 125 Sitzungen. Es fehlten die Zentrumsabgeordneten Dr. Zehnter 37-, Schüler 44-, Duffner 74mal, und Herr Muser 39mal. 1909/10: 120 Sitzungen. Es fehlten die Zentrumsabgeordneten Fehrenbach 32-, Dr. Zehnter 35-, Duffner 39-, v. Mentzingen 46-, Schüler 55mal und Muser 51mal. 1911/12: 108 Sitzungen. Es fehlten die Zentrumsabgeordneten Fehrenbach 48-, Dr. Zehnter 57-, Duffner 58- und Muser 35 mal. Wegen Krankheit fehlte in der Landtagssession 1907/08 (125 Sitzungen) der Zentrumsabgeordnete Armbruster 62mal und Muser 39mal! In der Landtagssitzung vom 15. Januar 1914 führte ein nicht der Fraktion des Herrn Muser angehöriger Abgeordneter (Herr Kolb) aus, man möge auf einem politischen Standpunkt stehen, welcher es sei, aber es berühre schmerzlich, wenn man erleben müsse, daß Herr Muser, der Jahrzehnte lang im Landtag der eifrigste Vertreter der Interessen der Eisenbahner war, gerade von den Eisenbahnern in Offenburg im Stiche gelassen worden sei; es könne niemand mehr förderen Interessen, sowohl die staatsbügerlichen als finanziellen, eintreten, als er es getan habe!" Ferner nun lese man. was die „Offenb. Ztg." über Muser schreibt, dessen Kandidatur sie jahrelang unterstützte, ohne daß sich an dessen Weltanschauung seither in politischer und religiöser Beziehung nur auch ein Jota geändert hätte: Der Demokratenführer Muser! ein abgefallener Katholik, ein Führer im Großblock, hat in einer Schrift „Trennung von Kirche und Staat" erklärt: „Der Kampf um die Schule ist der wahre Kulturkampf." „Kein Religionsunterricht in der Schule." „Ueberlaßt mir die Erziehung und ich will Europa vor Ablauf des Jahrhunderts umgestalten." (Ein Zitat von Leibniz.) Muser hat dies gesagt mit der Forderung: Hinaus mit jeder christlichen Religion aus der Schule! Christliche Familienväter, protestiert mit dem Stimmzettel gegen diese Großblockpläne I Es ist wirklich das Märchen vom „Toffel, der das Gruseln lernte" noch überholt! So unangebracht kann aber nichts sein, als der Appell an die Evangelischen Mitbürger! Die Katholiken wollen mit euch im Frieden leben und wenden sich deshalb mit Entrüstung gegen den Hetzerliberalismus, berauch in diesem Wahlkampf konfessionelle Hetze treibt. Wenn wir Katholiken uns dagegen wehren, so wirft uns dieser Liberalismus vor, daß wir den Frieden stören! Eine solche Kampfesweise ist empörend und muß auch jeden gerecht denkenden evangelischen Mitbürger ab st aßen. Gläubige Protestanten können auch unmöglich die Fortschrittliche Volkspartei und ihren Kandidaten unterstützen. Wisset ihr nicht, daß diese Partei mit dem religionslosen Freidenkerbund zusammenarbeitet, daß sie Trennung von Staat und Kirche will? Denket an jene Geheimkonferenz in Baden-Baden, welcher auch Herr Muser anwohnte? Dort wurde heimlich beschlossen, das Dotationsgesetz abzuschaffen! Das ist ein Schritt zur Trennung von Staat und Kirche, ein anderer ist die von den Demokraten gewollte Abschaffung der katholischen und evangelischen Fakultäten! AllekirchlichGesinnten, Katholiken und Protestanten, können diese Bestrebungen nicht unterstützen, ohne sich ins eigene Fleisch zu schneiden! Das wollen wir bedenken! Das geht an die Adresse der gleichen evangelischen Wähler, deren Frau — falls sie katholisch getauft ist — keines Begräbnisses des Geistlichen ihrer Konfession gewürdigt wird, die auf dem Sterbe- oder Totenbette mit allen Qualen moderner Glaubensfolter gemartert wird, wenn sie das Verbrechen, die Sünde beging, sich einem evangelischen Manne antrauen zu lassen, der ein „gläubiger Protestant", „kirchlich gesinnt" usw. ist. Ja wirklich: „Eine solche Kampfesweise ist empörend und muß auch jeden gerecht denkenden evangelischen Mitbürger ab stoßen!" Man meint, alle guten und edlen Geister seien entflohen, wenn es sich um den Kämpf mit „geistigen Waffen" handelt. Und leider ist keine Hoffnung auf Besserung. — Offenburger Allerlei. Wahlanfechtung. Das liberale Wahlkomite hat eine begründete Wahlanfechtung gegen die Giltigkeit der Wahl des Herrn Dr. Wirth an den Reichstag eingereicht. Zum Attentat in der Okenstratze gibt Herr Protest. Stadtvikar Wünsch dem „Offenb. Tagbl." folgende sachliche Erklärung: „Daß das am Samstag abend auf mich verübte Revolverattentat im Wahlkampf eine Rolle spielen würde, war vorauszusehen. Da aber der Sachverhalt durch allerlei Verdrehungen und Mißdeutungen entstellt wird, will ich dem entgegentreten im Interesse der Wahrheit und den Vorgang schildern, wie er sich zutrug. Etwa zehn Minuten nachdem das Wahlresultat bekannt geworden war, lehnte ich mich zum Fenster meiner Wohnung hinaus, um das Resultat zu erfahren. Kurze Zeit später sah ich zwei Mannspersonen von der Ecke Kirchplatz-Poststraße direkt auf das evangelische Pfarrhaus zugehen, vor dessen Eingang sie einen Schuß in die Luft abgaben. Dann setzten sie ihren Weg nach der Blumenstraße zu fort, während dessen ich immer zum Fenster hinaussah. Als sie etwa meiner Wohnung gegenüber gingen, sagte einer zum andern, offenbar aufmerksam gemacht durch mein hell erleuchtetes Fenster: „Da droben wohnt auch so ein evangelischer Stadtpfarrer." Sie blieben nicht stehen; im Weitergehen schien mir aber der eine mit seiner Schußwaffe umzugehen; ich hörte Klappern von Patronen, und vermutete, daß er lud. Ich erwartete einen Schuß, der mich ärgern sollte, aber einen blinden, sah gar nicht mehr in die Richtung, sondern gegen die Kirche. Gleich darauf krachte es und eine Kugel durchschlug ein Fenster rechts über mir. Am andern Morgen wurde diese an meinem Schreibtisch gefunden. Ich war empört und schalt, worauf die beiden, ohne ein Wort zu sagen, der Blumenstraße zugingen. Da die beiden Männer zuerst vor dem Pfarrhaus schossen noch während der allgemeinen Siegesfreude; da sie ferner diese Aeußerung taten (unter sich, mir also nicht zuriefen), hielt ich die beiden sofort für Leute, die mit der Zentrumspartei in Fühlung standen. Doch überlasse ich das Urteil den Lesern; denn als evangelischer Geistlicher bleibe ich prinzipiell dem Wahlkampf fern. Betonen möchte ich nur, daß ein „Racheakt, der persönlichem Haß entsprang", und geschehen sein soll von einem „rabiaten Menschen", damit „er sich an einem ihm verhaßten Geistlichen seiner Konfession räche", wie die „Offenb. Ztg." vermutet, unter allen Umständen ausgeschlossen ist. Ich wüßte nicht, welchen Haß ich mir in Offenburg and weiter Umgebung zugezogea hätte, außerdem pflegen sich unsere Gemeindeglieder