v'r alt Osseburger. Zeitschrift der Heimatkunde für die Offenburger in der Nähe und Ferne. Nr. 774. Ausgabe vom 15. März 1914. Preis 10 Pf. Vor 50 Jahren. Die badische Volksvertretung hat eine Rate zur Erbauung eines neuen Landgerichtsgebäudes in Offenburg kürzlich bewilligt, just zu einer Zeit, wo vor einem halben Jahrhundert der badische Landtag die Mittel zur Errichtung des Offenburger Kreisgerichtes zu gewähren hatte. Wir leben also 1914 im „Jubeljahr" der Erhebung Offen- burgs zu einer modernen Stätte der Themis. Vor 50 Jahren erschien die folgende Bekanntmachung: Einführung der Gerichtsverfassung in Baden. Der Großherzog 'genehmigte einen vom Ministerium des Innern ausgearbeiteten Entwurf. Danach sollte das Großherzogthum künftig eingetheilt werden: A. für die Rechtspflege in 11 Kreisgerichts-Sprengel mit zusammen 66 (bisher 73) Amtsgerichten, nämlich: 1. Kreisgericht Konstanz; 2. Kreisgericht Villingen; 3. Kreisgeri'Kt Walds Hut; 4. Kreisgericht Freiburg; 5. Kreisgericht Lürrach; 6. Kreisgericht Karlruhe; 7. Kreisgericht Offenburg, umfassend 7 Amtsgerichte: Gengenbach, Kork, Lahr, Oberkirch, Offenburg, Haslach und Wolfach mit zusammen 140,194 Einwohnern. Das Amtsgericht Rheinbischofsheim wird aufgehoben und dessen Bezirk dem Amtsgericht Kork zugetheilt. 8. Kreisgericht Baden; 9. Kreisgericht Mannheim; 10. Kreisgericht Heidelberg; 11. Kreisgericht Mosbach. 8. für die innere Verwaltung wird das Großherzog- thum in 11 Kreise eingetheilt werden, welche vollständig den genannten 11 Kreisgerichts-Sprengeln entsprechen, zusammen mit 59 (bisher 64) Bezirksämtern. Indessen sind auch die Amtsgerichte in Kork und Haslach eingegangen. Zu der Frühjahrssitzung des Schwurgerichtes an dem bisherigen Gerichtsorte Bruchsal gingen als Geschworene aus Offenburg die Bürger Karl Wörter, Färber und Adolph Schaible, Handelsmann; die Nachbarstadt Gengenbach war in der Liste der Geschworenen vertuen durch Bierbrauer Fritsch, die Stadt Oberkirch durch Gemeinderat Hermann Schrempp, die Stadt Kehl durch Speditör Albert Mayer jr. und Apotheker Ed. Hermann (jedenfalls der Vater unseres heutigen Offenburger Oberbürgermeisters). Im Februa^ 1864 brachten die Mannheimer Blätter die Notiz, daß der dortige Dekan Pellissier die Stadtpfarrei Offenburg erhalten werde. Das Mannheimer Journal sagte: „es ist dies ein Verlust, der in allen Kreisen mit Recht vielfach bedauert wird." Zur Osterzeit traf dann Herr Adam Pellissier als Nachfolger des Kirchenrates Städele hier ein. Er war der Hohepriester, wie in jenen Tagen die Stadt Offenburg für die Leitung der kathol. Stadtpfarrei keinen besseren bekommen konnte; ein Seelsorger, der sich nicht in den politischen Tageskampf jener sehr bewegten Zeit einmischte und als Mitbürger bei allen Offenburgern sich bald die Hochachtung erwarb. Wir werden noch Näheres über Herrn Pellissier hören. Im rauhen Vorfrühling des Jahres 1864 starben mehrere der angesehensten Personen der damaligen Offenburger Bürgerschaft; z. B. die Gastwirte Georg Pfähler und Richard Pfähler (Vater und Sohn), Frau Monika Battiany, die Tochter des Fessenbacher Traubenwirts „Leiter-Fidele". Erwähnt seien folgende, für den Kulturhistoriker unserer Tage interessanten Momente: Zur Beerdigung der Frau Monika Batti an y (Langestraße) erschienen in corpore die Feuerwehr, die Schützengesellschaft und der Männergesangverein. Am 20. Februar starb rasch der 74jährige Franz Xaver Henco. Einfach und schlicht danken die Hinterbliebenen für die Teilnahme. Ebenso schlicht ist die folgende Danksagung. Allen Denjenigen, welche während der Krankheit unseres nun in Gott ruhenden Gatten, Vaters und Großvaters Georg Pfähler senior ihre Theilnahme bewiesen und ihn zur letzten Ruhestätte so zahlreich begleiteten, unfern tiefgefühlten Dank. Offenburg, 1. März 1864. Die Hinterbliebenen. Über den Verstorbenen schrieb der „Ortenauer Bote'" vom 4. März 1869: Offenburg, 1. März. Gestern starb dahier eine weithin bekannte Persönlichkeit, Herr Georg Pfähler senior, 64 Jahre alt, nach einem Krankenlager von nur 14 Tagen. Die hiesige Stadt, für deren Wohl er eine Reihe von Jahren als Gemeinderath wirkte, verliert an dem Dahingeschiedenen einen intelligenten, thätigen und würdigen Bürger, die evangel. Protest. Gemeinde ein verdienstvolles Kirchenrathsmitglied. Besondere Verdienste hat sich derselbe durch die Hebung und Verbreitung der Weine unserer Gegend erworben; die großartigen Versendungen nach England :c. haben ihren ersten Vermittler aus dieser Gegend in Herrn Pfähler gefunden, und die Rebleute zu Zell und Durbach wißen sehr wohl, wem sie die seit 25 Jahren immer mehr sich lohnende Verwerthung ihrer Weine meist zu verdanken haben. Noch glauben wir dem wohlverdienten ausgezeichneten Renommee des Gasthofes zur Fortuna gedenken zu sollen, welches Haus weit über Badens Grenzen hinaus mit Recht rühmlichst bekannt ist, ebenfalls ein sprechender Beweis für die tüchtigen und anerkennungs- werthen Eigenschaften des Verlebten. Der überaus große Leichenzug bei der heute Abend stattgefundenen Beerdigung, dem auch die katholische Geistlichkeit der Stadt und Umgegend sich zahlreich anschloß, bekundete am augenfälligsten, welch' hohe Achtung der für sein vielfach thätiges Leben allzufrüh Dahingeschiedene genoß. — Möge ihm die Erde leicht sein! Herr Pfähler war Protestant und mit einer Katholikin verheiratet; die beiden Konfessionen lebten damals hier im besten Frieden miteinander. Weil wir gerade an der öffentlichen Dankabstattung sind, möge auch der Sitte gedacht werden, für die Löscharbeit bei Brandfällen sich in der Zeitung zu bedanken. Am 8. März brannte es in der Brauerei Schuemacher (jetzt K. Tritschler, Langestraße). Der Besitzer erließ folgende Oeffentliche Danksagung. Allen, die bei dem gestern um die Mittagsstunde in meinem Brauhause entstandenen Brande zur Hülfeleistung herbeieilten, spreche ich auf diesem Wege meinen innigsten Dank aus. Insbesondere gebührt dieser Dank auch der hiesigen Feuerwehr, die unerwartet rasch an der Brandstelle erschienen ist und wesentlich dazu beigetragen hat, den Brand in seiner Entstehung zu unterdrücken, der sonst bei dem heftigen Winde großes Unglück hätte herbeiführen können. Dankende Erwähnung verdient auch die entschloffene Thal des Knaben Franz Buß, der aus eigenem Antriebe mit seiner Trompete die ersten Allarmzeichen gab. Offenburg, am 9. März 1864. Joseph Schuemacher, Bierbrauer. Das Brauhaus steht heute noch in der Webergasse als ein Wahrzeichen dafür, wie durch die Entwicklung der Großbrauerei allmählich auch in Offenburg mittlere Betriebe lahmgelegt wurden. Aus dem Allarmtrompeter Franz Buß ist ein tüchtiger Musikant geworden. Er lebt noch als ehemaliger Steueraufseher, jetzt Leiter einer Musikkapelle, in Schappach. Aus dem unter der Sonne der Gewerbefreiheil auf- sproffenden Geschäftsleben Offenburgs seien folgende Partien der damaligen Bekanntmachungen herausgegriffen: Das Oberamt machte bekannt, daß Ludwig Faller hinter seinem Hause in der Ortenbergerstraße eine mit Dampfkraft betriebene Cirkularsäge und einen Schleifapparat aufstellen wolle. — Es handelt sich um die mechanische Schreinerei, die spätere Gewehrschaftfabrikation der Firma Faller & Kuß, in dem Hinterhause Ortenbergerstraße Nr. 2, worin sich jetzt eine Schreinerei und eine Bildhauerei befinden. Mar zell Weber eröffnete seine Bäckerei auf der Hauptstraße neben dem Gasthaus zum Engel. Herr Weber lebt heute in Lichtental, woselbst seine Tochter mit dem Besitzer des großen „Hotels zum Bären" verheiratet und als eine tüchtige Geschäftsfrau bekannt ist. — Gleichzeitig eröffnete auch Matth. Beyle wieder seine Bäckerei auf der Hauptstraße. — Den Umzug nach der Metzgerstraße zeigte Schneidermeister Ludwig Kern an. Schlossermeister Joseph Scheurer zeigt an, daß er sein Geschäft im elterlichen Hause in der Gecberstraße betreibt. Photograph Emil Liller. Ritterstraße bei Höpf, empfiehlt sich im Anfertigen von Porträts aus Papier und erteilt auch Zither-Unterricht. WilhelmDeuchler, Messerschmied, Sohn des Messerschmiedes C. F. Deuchler in Achern, gibt bekannt, daß er am 16. Februar das Geschäft des ff Messerschmieds Rud. Ner- linger käuflich übernommen habe und am 18. im bisherigen Lokal eröffnen werde. Die Nerlinger'sche Messerschmiede befand sich im heutigen Kitiratschky'schen Hause (Ritterstr. 16); im Hofe war ein großes Triebrad für die Schleiferei, in welchem Hunde die motorische Kraft durch Treten des Rades stellten. Vielleicht datiert davon der Hunde-Kosename „Scheerenschleifer". Als Dekorationsmaler machte sich Friedrich Kopf (Kirchgasse), als Messerschmied Anselm Schütterle (Metzgerstraße, heute Nr. 1) selbständig; der Tapezierer Leopold Armbrust er verlegte sich auf das Bettfedern-Reinigen mittels „Dampfmaschine", der Schneider Ehr. Grimm übertrug seine Kleidermacherei dem Tochtermann Friedrich T r e u t l e, der das Geschäft unter der Firma Grimm & Treutle fortführte. Treutle, der als Privatier seinen Wohnsitz nach Freiburg verlegte, ^ist dort im vorigen Jahre gestorben. Die Zahnheilkunde übte vor 60 Jahren der Freiburger Dr. G. v. Langsdorff aus, der von Zeit zu Zeit sich im Hotel Fortuna dahier aufhielt. Jetzt veröffentlichte der Offenburger Kaspar Sailer folgende fölthlfpflfltrm Unterzeichneter, gestützt auf glän- zende Zeugnisse, verfertigt nach rein amerikanischem System Sauggebisse in Bernstein. Kautschuk und Gold, ohne Haken und Band, kleine Ersatzstücke wie einzelne Zähne, und empfiehlt sich in allen übrigen Zahnarbeiten bestens. Ferner bin ich im Besitze amerikanischer Zangen, welche beim Herausziehen hohler kranker Zähne weder das Zahnfleisch noch Kiefer verletzen, ' und nicht die Hälfte des bis daher üblichen Schlüssels erzeugen. Offenburg, den 6. März 1864. Sailer, Chirurg. Das nächstemal hieß der Schluß: „und nicht die Hälfte der Schmerzen des bis dahin üblichen Schlüssels erzeugen." Das schlechte Deutsch hinderte nicht, das „Doktor" Sailer in das Kommando der Feuerwehr eintrat. Etliche Offenburger Mädchen und Frauen machten sich geschäftlich selbständig. Marie Butz (Langestr. 304) als Büglerin, Elise Kölblin (bei Glasermeister Stigler in der Steinstraße) für ihre Modewarenhandlung, zugleich als Konkurrentin der Frau Erxleben (Ritterstraße) für den Verkauf und die Garnierung der Damenstrohhüte. Als Büglerin empfahl sich Viktoria Schwendemann (Dorfgasse); sie lebt heute als verehrte Altoffenburgerin in Baden-Baden, wo sie sich als tüchtige Geschäftsfrau das größte Ansehen verschafft hat. Schließlich geben wir noch folgende Bekanntmachung zur Vergleichung der heutigen und damaligen Grundstückspreise. Die Erben des ff Polizeikommissärs Anton Huber ließen versteigern: 1 . Äin zweistöckiges Wohnhaus, worunter ein gewölbter Keller, am Ecke der Kirchgafie, neben Franz Guerra und Herrn v. Rottenhof, Grundstücks-Nr. 58, 6Vio Ruthen groß, taxirt zu 3000 fl. 2 . , Grundstücks-Nr. 91 und 93: 28 5 /k> Ruthen Garten und Wiesen mit Obstbäumen im See und darauf stoßend 16 ß /io Ruthen daselbst, neben Georg Sutterer's Erben und Frdr. Vieweg, tax. zu 280 fl. Nach der Versteigerung erfolgt eine öffentliche Schuldenliquidation im Versteigerungslokale, und werden daher sämmtliche Gläubiger des Verstorbenen aufgefordert, ihr Guthaben in besagter Tagfahrt anzumelden. Offenburg, den 15. Februar 1864. Großherzogliches Amtsrevisorat. Schmidt. Heute sind die alten Offenburger Geschlechter obiger Namen hier nicht mehr bekannt. Offenburger Allerlei. Der „Rennbahnhof" Offenburg hat ein Wettrennen verursacht; es fand aber nicht hier, sondern im Landtage statt. Am 5. März, als der wieder zum Abgeordneten für die Stadt Offenburg gewählte Rechtsanwalt Muser seinen Sitz in der II. Kammer einnahm, reichten die 6 Zentrumsabgeordneten Wittemann, Morgenthaler, Köhler, Seubert, Dr. Schofer und Kopf folgenden Antrag (Nr. 68) ein: Hohes Haus wolle beschließen: es sei die Grotzh. Regierung zu ersuchen, in das Eisenbahnbaubudget nachträglich Mittel einzusetzen, um am Bahnhöfe Offenburg eine mittlere Unter- oder doch Überführung nachträglich einzubauen. Diesem Antrag folgte sofort ein zweiter (Nr. 68 a), von den freisinnigen Abgeordneten Muser, Venedey, Massa, Odenwald. Hummel, Dr. Gönner, Unterzeichneter des Wortlautes: Wir beantragen, die Grotzh. Regierung zu ersuchen, in einem Nachtrag zum Budget einen Betrag einzusetzen zur Herstellung einer mittleren Unterführung oder Überführung im Bahnhof in Offenburg. Nunmehr begann in der hiesigen politischen Presse wieder eine polemische Auseinandersetzung darüber, welcher Partei der Vorrang gebühre in der Fürsorge für den nachträglichen Einbau einer mittleren Passage im neuen Stationsgebäude zu Offenburg. Bei diesem Anlasse erfolgte die wiederholte Feststellung der Tatsache, daß der Abgeordnete Muser schon bei der Vorlage des Planes zum jetzt vollendeten Bahnhossumbau das Fehlen einer Verkehrsanlage in der Mitte der Station kritisierte, ohne bei der Generaldirektion damit Erfolg zu haben. Als Herr Betriebssekretär Hauser von der hiesigen Zentrumspartei zum Landtagskandidaten für Offenburg aufgestellt worden war, hielt er im Saale des katholischen Vereinshauses Union seine Kandidatenrede. Herr Hauser versprach damals daß er im Falle seiner Erwählung energisch für einige Forderungen der Offenburger Einwohnerschaft eintreten werde, darunter auch für die nachträgliche Herstellung der vielbegehrten Verkehrspassage in der Mitte unseres neuen Personenbahnhofes. Im Landtage war alsdann Herr Hauser eifrig bemüht, eigene Anträge einzubringen, wofür ihm in der Zentrumspresse das Lob in den bekannten Superlativen gespendet wurde. Aber der Antrag zur Verbesserung oder Erleichterung des Verkehrs am sogenannten „Rennbahnhof" ließ auf sich warten; Herr Hauser schied aus der Kammer, ohne ihn gestellt zu haben. Wir beobachteten diesen Vorgang mit berechtigtem Interesse, weil im Sommer 1913 die Generaldirektion der Staatsbahnen eine Erklärung veröffentlichte, welche eine mittlere Unterführung im hiesigen Bahnhof für ganz unnötig erklärte, well sich — nach den Erklärungen der gesamten Betriebsbeamtenschaft — eine ungestörte Abwicklung des Verkehrs und eine gute Angewöhnung des reisenden Publikums eingestellt habe. Bekanntlich war Herr Hauser noch im vorigen Jahre betriebsleitender Beamter der Offenburger Station; es liegt also die Annahme nahe, daß unter den Betriebsbeamten, durch welche die Generaldirektion in Karlsruhe über das angeblich ausgezeichnete Funktionieren des Verkehrs am hiesigen Personenbahnhof trotz fehlender Mitteunterführung so einheitlich unterrichtet worden war, auch Herr Hauser seine, aus den Erfahrungen des ersten Betriebsjahres gewonnene Ansicht über die Entbehrlichkeit der Jnnenpassage kundgegeben hatte. Trifft dies zu, so wäre der Abgeordnete Hauser mit der Stellung eines, seinem Wahlversprechen angepaßten Antrages mit dem Großh. Bad. Betriebs-