vr all Gffcvurger. Zeitschrift der Heimatkunde für die Gffenburger in der Nähe und Ferne. Nr. 1034. Ausgabe vom 0. März ISIS. Nachdruck verboten. Preis 15 Pf. Kriegsbilder. Der März herrscht, der Spartakus unter den Zwölfern des Jahresreigens. Diesmal weihte ihn der Kalender zum Regierungsmonat des Prinzen Carneval. Der badische Revolutionsstaat duldete auch keine Schellenkrone und verbot dem republikanischen Volke das Tanzen und Faschings- flirten. Der Belagerungszustand gegen öffentliche Tanzvergnügungen vermochte nicht zu verhüten, daß überall in kleinen Kreisen dem Vergnügen gehuldigt wurde. In der Stadt und auf dem Lande tanzte Alt und Jung nach der Väter Sitte, wenn ein Musikant und Instrument dazu lockte. Es waren „Tanzstunden" in Wirtschaften und Wohnhäusern bis zum Morgengrauen. Das Volk schien ein Sehnen nach dem Vergnügen zu haben, dessen trotz der trüben Zeit die Menschen des alten Systems auch im Zeitstrom der großen politischen Wende nicht entbehren wollen. Und es schien gleich einem Allheilmittel zu wirken, wenn das so freudenlos aufwachsende neue Geschlecht bei den Klängen des deutschen Walzers sich drehte. Wir Offenburger verdanken es der samaritanischen Mission der Ortsgruppe vom „Roten Kreuz", daß uns über die Bannzeit des einheimischen altberühmten Faschingstreibens eine erfrischende Labemischung heiteren und ernsten Kunstgenusses geboten wurde. Der Dreikönigsaal. den in friedfertigen Jahren zur Schellensechser-Losung der bunte Reigen durchtobte, war an mehreren Abenden gefüllt von dankbarem Volke, das sich in dreistündigem Verweilen fern des alltäglichen Daseinskampfes an Gesängen, musikalischen Kostbarkeiten und an künstlerischer Darstellung entzückender Bilder zu deutschen Volksliedern erfreuen und erholen konnte. Indessen winterlt es wieder nach Tagen mit schauerlichen Obergüssen. Es ist Frost auf des Schwarzwalds Höhen. Doch läßt sich der Buchfink, der von frischgrünen Zweigen des Holderstrauchs sein Minnelied schmettert, im Paarungsgeschäft darob nicht abhalten. Auch die Amsel scheint, der menschlichen Wohnungsnot spottend, ihre Bou- hölzchen bereitzulegen. In den Regenschauer mischte sich als musikalischer Kontrapunkt das schauerlichere Dröhnen gewaltiger Schußentladungen von Straßburg her. Wie die Arbeit vor einer belagerten Festung, wie das Getöse der Handgranaten und Minenwerfer im Bürgerkrieg der Revolution hörte sich die fortwährende Kanonade an. Es werden, wie die Erklärung lautet, von den Franzosen die Verteidigungseinbauten der Straßburger Veste gesprengt. Im Sommer 1914 hat mancher Bürgersmann unserer Stadt und Umgegend in jenem Revier frohnden müssen, die Betonwerke herzustellen, die nie in den Bereich des blutigen Ringens kamen. Hätten wir noch die Tausende fruchtbarer Obstdäume, die auf dem rechten Rheinufer im Riedlande von unserer Hand vernichtet werden mußten! Das Auswandern will nicht enden. Neue Scharen verbannter Bewohner des elsaß-lothringischen Belagerungsgebietes setzt der Flüchtlingsbahnzug im gastfreundlichen Offenburg aus. Es kamen nach langer Reife wieder Pilger aus der Metzer Siedelung an, mit geringer Habe. Und wie begrüßten die beklagenswerten Erschöpften jubelnd die harrenden Offenburger, die mit Labung bereit stehen und gewärtig sind, die Obdachlosen unter ein schützend Dach zu geleiten. Doch die Begleitung, zwei Dutzend französische Soldaten mit kecken Stahlhelmen bedeckt, tut übermütig, wie vom Alkohol beherrscht. Die Beleidigung „Bosch" fällt gegenüber Offenburgern, die ihre Hilfe den Opfern des Fanatismus « leisten. Und gegen wehrlose Samariter pflanzen Reisige die I Stichwaffe über die Gewehrmündungen und schieben blaue ' Bohnen in die Flintenschlösser! Das ist eine Szene des Waffenstillstandes, die verdient, in Spaa am Verhandlungstische gewürdigt zu werden. Das Ende der Feindseligkeiten naht. Der März will uns den Vorschlag unserer Gegner zum Abschluß eines Vorfriedens bringen. Die Unterhändler sind ernannt, die Unterkünfte für die deutschen Abgesandten werden zu Paris bereitgestellt. Möge die Frühlingszeit die Botschaft des Friedens erfüllen! Indessen muß ein anderer Kampf fortgesetzt werden, das Verlangen nach der Befreiung unserer Kriegsgefangenen. Wie sehr diese nach ihrer Erlösung sich sehnen, lehrt uns der heute eingegangene Brief unseres Landsmannes R. Burgmann, Leutnant d. R., der in englischer Gefangenschaft auf baldige Befreiung harrt. Es heißt in dem am 2. Februar geschriebenen Briefe: . . . Sie können denken, mit welcher Spay nuna wir die Nachrichten aus der Heimat verfolgen und mit Sehnsucht nä« einer Organisation suchen, die sich unser annimmt. Biele von uns sind zwei Jahre und darüber gefangen, und das Maß ihrer seelischen Leiden ist voll, übervoll. Gerade in den heutigen Tagen regt sich die Hoffnung, es muß und wird etwas für uns geschehen zur Linderung unseres traurigen Loses. Wir sind in Ausübung unserer Pflicht vor dem Feinde gefangen genommen und verdienen eine ungerechte Zurückhaltung nicht. Mit mir richten Hunderttausende tapfere deutsche Männer ihre Blicke und Hoffnungen auf die Männer, die das Geschick unseres Heimatlandes in Händen haben. Nicht die Schlechtesten hat das Los der Gefangenschaft getroffen, und wir alle wollen arbeiten im und am Vaterland, nicht hier ziellos, zwecklos unsere Tage verleben. Unsere Zurückhaltung trifft schwer alle unsere Angehörigen, und täglich wird unsere Lage seelisch drückender. Ich richte im Namen aller meiner Leidensgenossen an Sie die herzliche Bitte: denken Sie an uns l — und weiß meine Bitte irr guten Händen. Mit freundlichem Gruß Ihr R. Burgmann. Auch diesen Unglücklichen wird wohl bald die Stunde der Freiheit schlagen. * D'r alt Offebrrrger WM Bürger! Denkt euch e Küechlisunndig so un- gschmelzt wiä dißjohr? D' alt Fasent exeschtiärt so wennig wiä ihr Vorläufer. Es war jo Wasser gnuä im Gerwerbach zuem Bordmannewäsche. D' repeblikanisch Regiärung het einfach vrbotte, daß d' Litt verrückt were. un dodermit isch jetzt d' Narredei in Bade uß dr Welt gschafft. Numme d' großi Herre gniäße noch 's Privileeg, Dummheite z' mache. Nit emol d' Schuelkinder henn sich traut, e Müxerli z' mache un dr Schellesexer z' brüellä. Daß sie nit „Hooriq, hooriq" schreie, brucht eim nit z' wundere: denn unseri Setzli wisse ball nimmt, wiä e Sau uf.sieht. Wiä solle mr jetz au 's Fett ufftriewe, um Küechli z' bache? Der, wo Geld het, um importiärts Hamschterfett z' kaufe, kann d' Pfann zuem Bache uff dr Herd schtelle. Wenn's Maskiäre nitt vrbotte wore war, hat Unsereiner dr Schpartakus gmacht. Mr hört allewiel soviel drvon, «wer e Inwendiger kriägt mr hiä nit z' sehne. E Dheil schtellt nä sich als dr Ruppelz vor, ändert hingege als e Zigüner. Do isch mir grote wore, emol nuß in d' Borschtadt zuem Fischer Lui z' dappe, um nä z' frage, wemm denn au so e Schpartakus z' glich sieht. Denn dr Lui häb letschthin trotz em Belagerungszueschtand mit e Paar vun feilere Sort e schweri Attack durchgmacht. Jetz bassen uff. wiä also deß zuegangen isch! Daß unser langer Baumeischter in dr Borschtadt. Wiel em während em Kriäg d' Backschtein un dr Schpeiß ußgange sinn, nit viel uff siem Handwerk het triewe kinne, vrschteht sich am Rand Dr Lui, wo schun mancher Schtall baut het, wurd jetz Sachvrschtändiger für d' Viehkäuferei biem Kumme- nalvrband, waß gar kai üwli Anschtellung für arbeitslosi Archidekte isch. Mr mueß halt e Muni unterscheide kinne vun ere Simmedhaler-Zuchtkueh, e Kalwin vum en Ox. en Erschtili vum en alte Rind, e Hammel vum Gaisbock Un Deß un Sell. Es isch jo immer zuer Hewung vum Handwerk dr Befähigungsnochwies vum Schtaat vrlangt wore; un im Kriäg nimmt mer's au nit so schrreng. Kurzum, mit dr Biehbschau. em Jnkauf un Umsatz het's e so klappt, wenn au mit de Buure nit guet Kirschen esse isch. Awer in dr Waffeschtillschtandszitt wurd dr Kummerß kritisch. Jetz handelt stch's um d' Roß, wo schaarewies in unseri Schtäll kumme un do schaffe müesse. Wiel awer d' Gäul noch nit vun dr Luft lewe kinne, heißt's: nix als Heu her! Utz unserer Borschtadt macht sich e Kummission uff dr Weg als Hem Schrecke, um bie de Buure mit em Heu- Liächer uff de Schüreböde rumz'schtupfe. Billicht endeckt mr au emol e Schunkemuttik oder e Hasenescht. Also jetz schickt dr Herr dr Jockili naus, er soll gnuä Fuetter hole. Unter denne Mißjonär isch au dr Fischer Lui. un als Jagdreviär isch denne Offeburger Ohmtpfadfinder d' Schutterwälder Gmarkung angwiese wore. Es wär so Witt gange, bis dr Lui uff Höfe kummt. Do sait e Buurefrau, sie lotzt pardu ihr Fuetter nitt visidiäre und gäb kai Heu für d' Offeburger her. Nix als zuem Hof nuß, sunscht kummt noch dr Schpartakus! Nit Witt drvon schaffe e Schtücker zehn Schutterwälder Notschandsarbeiter am Abbruch vun dr Schienwerferschtatsjon. Zue denne rennt d' Buurtzfrau un sait: „Kumme schnell z' Hilf, ihr Burscht, mr solle unser Heu hergeen, um em Fischer Lui vun Offeburg sinni Roß z' füettere!" Uff einmal ruckt mit Schuufel un Schpate e Schwär- dakusgard gege Höfe vor. Jetz, wo kai Belagerungszueschtand herrscht, isch gueter Rot dhür. Un e alti Buureregel, wo au für d' Schladtlitt gilt, sait: Dr Gscheitscht gilt noch! Fünfi vun denne Schutterwälder Schwardagusser hocke hiä uff em Grawe. Sie hätte eim schun d' Mundur glehnt für dr Koschdümbaal, wenn e Reduit gsinn wär im Drei- kenigsaal. Es soll awer nit so gfährlig sien mit dene Schutterwälder un mr wurd sie schun Widder kalöppere lasse. Ich bin awer doch zue miem Faasnachtsküechli kumme, Bürger! Uff em Karresellplatz in dr Borschtadt schtehn e paar Künschtlerwäge Bill'cht isch's dr Schülierii odder dr Schall vun Kehl, wo als uff em Angel unseri Johrmärkts- gäscht gsien sinn. Also emol unnidappt un gfrogi! Es riächt so anheimlig vun wittem uß em Blechrohrkamin noch Anke odder Schmutz. Richtig kuriärt: e ußgwanderter Waffle- beck vun Kehl schmiärt 's Hippe-Jse mit em flüssige Daig un backt grad Waffle für sinni Hußhaltung. Wo ich em Wien hischdorischer Gluschte z' merke gib. vrehrt dr Zuckerbeck mir en Pflichtexemplar vum e im Fett backene Faasnachts- küechli un sait drnoch höflig: aß 'r kallöppere! Offenburger Allerlei. Bon den hiesigen „Kuhhaltern" sagt der Stadtratsbericht, daß diese „ihrer Milchlieferungspflicht teilweise nur mangelhaft und teilweise überhaupt nicht Nachkommen". Mit stadtväterlicher Gelassenheit heißt es dann weiter, es werde „sämtlichen Kuhhaltern die Abgabe von Milch direkt an die Verbraucher untersagt und die Auflage gemacht, die Milch restlos an die Milch zentrale abzuliefern". Wenn aber die Auflage mit derselben Wurstigkeit behandelt wird wie bisher? Es ist in der Zeitung vor zwei Monaten mitgeteilt worden, daß ein hiesiger Landwirt es nie geduldet hatte, wenn die Milchveranlagungskommission seinen Stall betreten wollte. Dazu war sie aber gesetzlich verpflichtet. Man hat nie etwas davon vernommen, daß diese spartakistisch handelnden Offenburger „Kuhhalter", welche entweder mangelhaft oder gar nicht die Auflage der Milch- ablieferung erfüllten, dazu streng angehalten worden sind. Heutzutage, da jedes Glas Milch für unS Stadtbewohner einen hohen Wert zur Lebensrettung bedeutet! Ein Verbrechen an der Mitbürgerschaft! Ist die Milch, wenn sie auch in die städtische Zentrale eingeliefert ist. dort vor dem Mißbrauch gesichert? Wer kennt nicht die Entrüstung der Stadtverwaltung und des guten Bürgerausschusfes gegen den Arbeiterrat, als dieser an der ordentlichen Geschäftsgebahrung in der Milchzentrale zweifelte und eine unvermutete Visitation machte? Das Lob von oben hat die Mängel nicht zugedeckt. ES sind Personen aus dem tadellosen Betrieb entfernt worden infolge der Anerkennung der von der Kritik, vorgebrachten Tatsachen. Und immer noch fehlte es an der Ordnung in der städtischen Milch- und Fettverteilung. Wie dem Arbeiterrat bekannt gemacht wurde, ist e» noch bis vor kurzer Zeit vorgekommen, daß an die Mi Ich Han dlungen täglich 20 bis 40 Liter V o l l m i l ch m e h r verausgabt wurden, als nach der Kundenliste ihnen zuzuweisen war. Demnach konnten täglich hier über 100 Liter Milch zur besonderen Gewinnerzielung privatim verhandelt werden! Das ist doch ein schweres Vergehen gegen das Verbot der gerechten Rationierung des wichtigsten Nahrungsmittels unserer notleidenden Bevölkerung! Sind diese Milchquantitäten unter die Zentrifugen gekommen und zu 20-Mark Butter gemünzt worden? Man erwartet eine Aufklärung darüber, mit welchen Mitteln der Stadtrat den ferneren Unterschleifen und Betrügereien entgegentritt. Schließlich hilft nur die radikale Lösung: städtische Milchverkaufstellen. Neue Kräfte sind im Hornung als Leiter der hiesigen Tagespresse »ingetreten. Das „Offenburger Tag blatt" (Ort. Bote), bei welchem auch unser Mitbürger Pfisterer als Lokalberichterstatter tüchtig mitarbeitete, wird nun von Herrn Kurt Kaufmann verantwortlich gezeichnet, der hier bisher wenig bekannt gewesen ist. Auch Herr A. Lü bke, der die verantwortliche Schriftleitung der „Offenburger Zeitung" übertragen erhielt, gehört zu den neuen Erscheinungen OffenburgS. Er findet sich noch nicht in den Gewohnheiten zurecht. In der Montagsnummer des Zentrumsblattes erschien ein redaktioneller Artikel über die Persönlichkeit unseres Landsmannes Dr. Jos. Köhler. Es ist bewundernswert, wie sich die neue Schriftleitung der „Offenburger Zeitung" in der Heimatkunde unserer Stadt aus der Zeit vor 70 Jahren so vortrefilich auskennt. Das verdankt sie dem Studium der Chronik „D'r alt Offeburger"; seinem Artikel über den „Bebi" ist die biographische Notiz nahezu wörtlich entnommen. Dieser Aufmerksamkeit kann sich der „Alte" nur freuen. Er versteift sich nicht auf das Pentagramm des Nochdrucksverbots. welches der „Offenbmger Zeitungs"- Leitung keine Pein macht; er wünscht nur. daß man beim Mitnehmen solcher Dokumente nach altem, gutem Gebrauch auch die Quelle angibt, aus der geschöpft wurde. Herr Kurt Kaufmann hat inr richtigen Verständnis des gsaius loei (d h. der Offenburger Bolksstimme zur Fastnachtszeit) am Tage de« „Kuhschwanzes" mit einem karnevalistsichen Bericht über die Arbeiter- Versammlung im Dreikönigsaale die Leser des Amtsblattes a. D. erfreut. Er tituliert die Demonstration a>S eine Versammlung der Arbeitslosen mit Rücksicht daraus, daß die Hunderte Frauen und Männer der städtischen und staatlichen Betriebe, der Fabriken und Werkstätten, der Schreibstuben ihre Tagesarbeit um ’n5 Uhr einstellten und sich arbeitslos bei einem Glas Bier zusammen'anden. Der Herr Redakteur würde beim Nachlesen de« Inseratenteils seiner Zeitung über den Charakter der Versammlung unterrichtet worden sein. Auch bei der Eröffnung derselben ist auf die Veranstaltung hingewiesen worden. Eine solche Menge Arbeitsloser in Offenburg I Unter ihnen als arbeitseifriger Verfasser eines Fastnachtsberichtes der geistige Leiter des „Offenburger Tagblattes". Er hat den Besuchern der Versammlung eine Faschingsfreude bereitet: dabei lernten die Arbeiter kennen, wie die I Welt auch nach dem Krieg«pretzschwindel gemäß dem Tetzelsche» Grundsatz ' eingeseist wird Es kommt nur darauf an, wie lange das Voll sich den journalistischen Sport der Reaktion gefallen läßt. Mn 3flamt über Bord. Mit dieser Überschrift teilten wir am 19. Januar mit, daß der eine der aus Offenburg entsandten beiden badischen Nationalräte, Herr Franz Geiler, Redakteur in Offenburg — wie er auf dem Wahlzettel bezeichnet war —, e« vor« gezogen habe, auf die Ehre eine« Volksvertreters zu verzichten durch Annahme einer Redaktionsstelle zu Lüdenscheid. Als Nachfolger komme der Lörracher Beamte des Textilarbeiterverbandes Adolf Ki blich in Betracht. Demgegenüber behauptete der „volksfreund", daß Herr Geiler nicht ausgetreten sei, sondern nur Urlaub genommen habe. Nun scheint aber der Grundsatz sich durchgerungen zu haben, dab ein badischer Volksvertreter, der in Preußen während der Tagung unserer badischen Nationalversammlung „auf Urlaub" seinen Berufsgeschäften obliegt, nicht nach dem Wunsche seiner Wählerschaft handelt. Die Freiburger „Volksmacht" bringt jetzt aus Lörrach eine hochgestimmte Begrüßung des in die badische Nationalversammlung eingezogenen Nachfolgers Geilers, des Sozialdemokraten Ad. Kißlich, und beglückwünscht „die oberbadische Arbeiterschaft zu diesem neuen großen Erfolge." Schwere Beschädigungen haben die sämtlichen Gebäulichkeiten erlitten, welche während der Kriegszeit zur Unterbringung des Militärs verwendet wurden. Im Heimatlande haben die deutschen Krieger in ihren Unterkünsten manchmal gehaust, wie es auf feindlichem Boden nicht zulässig war. Wer sich die Behandlung de« neuen Gym- nastumSgebäudeS angesehen hat, wird die Ausfassung teilen, daß diese Zerstörungen mutwillig vorgenommen wurden. Die Stadt hat auch einen großen Schaden in ihren Schulräumen zu verzeichnen, auch in der Landwirtschaftlichen Halle. Nun kommt die „Saalbaugesellschaft Union" mit einer großen Berechnung ihre» Schadens durch die Einquartierung, und es mögen wohl andere Saalbesitzrr mit ähnlichen Klagen an die Stadt herantreten. Es wird aber nicht zweifellos fest» stehen, ob die Stadt den Privaten für diese Kriegsschäden verantwortlich ist. Es war auch davon die Rede, daß der Unionsaal in städtische« Eigentum übergeführt werden soll. Die Teppiche. Wir meinen nicht ein uraltes Theaterstück, sondern ein neuzeitiges kuhhaarenes Flechtereiprodukt, das unter der Bezeichnung Wollteppichein 2000 Exemplaren innerhalb der Stadt Offenburg zum Verkauf ausgeschrieben worden ist. Es ging ein Freuen durch die notleidenden Familien, als unsere Stadtverwaltung den Leuten die Möglichkeit in Aussicht stellte, durch den Erwerb solchen Gewebes eine willkommene Aushiste zu besitzen für verschiedenen Bedarf. Wie entsetzlich war wieder die Enttäuschung! Die Stadtverwaltung ermangelt« dabei des zeitgemäßen Talentes zu: kommunistischen Austeilung dieses notwendige» Gebrauchswertes; sie überlieferte die Ware dem Erwerbstalent der privaten Verkäuferspekulation. Und nun wurden im Interesse des heiligen Gewinnes die zu früh jauchzenden Offenburger Einwohner bitter enttäuscht. Als ihnen die Zeitungsinserate den Weg zu den Kaufleuten wiesen, eilte man dorthin und kam meistens um seine ersehnten Teppiche. Der kluge Krämergeist hatte schleunigst den städtischen Teppichen eine Luitkur auf dem Lande verordnet, soweit nicht schon die hochgeehrte Stadtkundschaft damit fürsorglich bedacht worden war. Die Bauern lachten sich ins Fäustchen und bezahlten gerne den auf M. 16.50 gesteigerten Preis, während amtlich nur 15 M. Höchstpreis angesetzt war. Es sind also im Zwischenhandel im Handumdrehen noch weitere Tausende Mark eingesackt worden. Man sah Bauern, welche Dutzende solcher Teppiche zur Stadt hinaus beförderten. Es.ist erklärlich, sogar begrüßenswert, daß die große Unzufriedenheit der Offenburger sich zu einer Empörung steigerte. Der Oberbürgermeister sah sich genötigt, etwas Magistratsöl der Beruhigung in die Wogen zu gießen. Wer aber der guten Meinung ist, daß der Kommunalverband der Stadt Offenburg damit seinen letzten Schildbürgerstreich vollbracht hat, täuscht sich sehr. Die Stadtverwaltung besteht zumeist au« Leuten des alten vorrevolutionären Systems, denen der kommunistische Gedanke der Neuzeit gegen den Strich geht. Schon ist wieder ein großer Teil Waren aus dem Bankerott des Krieges an die Offenburger Einwohnerschaft überwiesen worden, eine Menge Zigarren und Tabak geht an die Gemeinde für ihre Bewohner über. Die Stadt verhütet es nickt, daß diese Gabe wieder auf das Land verbuttert werden kann. Sie gibt die Zigarren an die Händler zum Verkauf. Also genau die Methode der Teppichveräußerung. Warum überläßt man es nicht der Offenburger Einwohnerschaft, sich gemäß der Lebensmittelkarte mit ihrem Anteil „Rauchwaren" zu versehen? Wer davon selber keinen Gebrauch machen will, kann zugunsten anderer verzichten. Die Waren sollten ohne Unterschied der Güte für alle Verbraucher erwerblich sein. Man wird uns verstehen, wenn wir einem Mißbrauch Vorbeugen wollen. Eine Schutzmannschaft, wie wir sie zahlreicher noch nie hatten, behütet letzt unsere Stadt. Die 18 Männer der Offenburger Garde sind berufen, manche Gefahren zu bekämpfen, welche dem Gemeinwesen drohen aus der „Ertüchtigung" der aus dem Kriege hervor- gegangenen Menschheit. Gegen den Wucher und Eigennutz erfolgreich vorzugehen, würde anderen berufeneren Schützern des Volkes obliegen, aber dem zerstörenden Treiben roher und brutaler Menschen den Einhalt zu gebieten, ist jedermann berufen; vor allem sollten die angestellten Schutzmänner von der gesamten Einwohnerschaft darin unterstützt werden. Welchen Offenburger schmelzt eS nicht, die Beschädigungen unserer Anlagen zu sehen, die zur Nachtzeit den Tummelplatz der Rohlinge bilden I Unsere berühmte Erholungsstätte beginnt, ihr Frühlingskleid zu richten. Da werden die Rasenplätze zerstört, die Gesträuche zerrisien, Ruhebänke abgebrochen und in den Mühlbach geworfen, die steinernen Blumenständer umgestürzt, die Jnschriftschilder durch Steinwürfe vernichtet. Wir mag das erst werden, wenn einmal die Stahtgärtnerei den Schmuck des Lieblingsaufenthaltes unserer Einwohnerschaft aus» gearbeitet haben wird?. Mit der vorhandenen Anlagenhut vermag dieser hochgradig entwiHrsie Vandalismus nicht verhindert zu werden, der zumeist iu der Dunkelheit sein verbrecherische» Unwesen treibt. Hier müssen genügende Nachtwandlungen der Schutzmannschaft zur Athilfe beitragen. Als 1899 der alte Kehrhaufen-Zwinger zum herrlichen Er- holungsplatzr umgewandelt wurde, widmete ihm „D'r alt Offeburger" die Aufschrift, welche vom Stadtbaumeister Söll in der Blumensprache bunt und deutlich in den Rasen gesetzt wurde: Einst Schuttplatz und Zwinger, Run Freudenbringer. Heute hat der Krieg, der nach Moltke die Menschen zu hohen Tugenden „ertüchtigen" sollte, unseren städtischen Garten zu einem Schmerzenskind gemacht. über 20000 Mark sind hier bis Ende voriger Woche von der Stadt in der Erwerbslosenfürsorge ausgegeben worden. An 59 Erwerbslose wurden Tagegelder gegeben, beim Tiefbauamt sind 187 Leute als Notstandsarbeiter eingestellt. Grober Unfug. JDie Presse bietet auch nach dem Kriege kein reines Kulturbild, «ie hatte durch vier Jahre im Banne der militärischen Zensur dem Volke die Wahrheit vorzuenthalten, wenn sie uns nicht direkt über unangenehme Tatsachen in grobe Täuschungen versetzen mußte. Gegenwärtig hört man in Protestversammlungen schwere Vorwürfe erheben, daß die Presse heute wieder einem organisierten Dienst zur Täuschung des Volkes im Interesse der Reaktion zum Opfer falle. Zu welchen nicht einwandfreien Zwecken heute die Presse benutzt wird, zeigt die Aufnahme der Inserate folgender Art: 50 Mark Belohnung Bis zu zahle ich demjenigen, der 100 Mark. Belohnung, mir auf 1. April 1919 noch wer mir eine 3—4-Zimmer- eine3—4-od. 4—5-Zimmer- Wohnung nachweist. Wohnung mit elekir. Licht für kleine Familie besorgt. Solche Ausschreibungen wurden — mit Bedauern muß es festgestellt werden — in Offenburg gemacht, wo wir doch einen unentgeltlichen städtischen Wohnungsnachweis eingerichtet haben. Zum mlhglütkten Versuch wurde das Bestreben, die hiesige Dreizahl der Turnvereine unter eine Einheit zu bringen. Das wäre doch ein Ziel auf dem Wege der neuen Zeit gewesen. Die Verhandlungen führten zu keinem Resultat, sie sollen an der Stellungnahme des Turnvereins „Jahn" gescheitert sein. Vielleicht erklärt sich der Miß- eriolg daraus, daß der ursprüngliche Zweck der edlen Turnerei nickt in allen Vereinen der ausschließliche und hauptsächlichste ist, daß vielmehr andere, gesellschaftliche und teilweise auch politische, Aufgaben innerhalb der Turnvereine neben der körperlichen Ausbildung zu leisten waren. Bon dem ersten Turnverein löste sich damals der „Turnerbund" ab aus dem Zwange, die Jugend nicht im Dienst der politisch reaktionären Erziehung mißleiten zu lassen. In dem letzten Jahrzehnt vor dem Kriege wurden die Turnvereine mehr oder weniger unter den Einfluß der alldeutschen Bewegung gebracht, die in den Pfadfinder- und anderen Jugendorganisationen die Erziehung zur kriegslustigen Überhebung gab und in Schriften für den Völkerkrieg die Stimmung machte. Es ist in Offenburg auch ein Arbeiterturnverein („Freie Turnerschaft") gegründet worden, dem nur Schwierigkeiten von allen Seiten-bereitet wurden. Es gelang ihm nicht, in einer Turnhalle ausgenommen zu werden. Bühnertjrrbilare. Die gegenwärtig als Inhaber des Stadttheaters hier gastierende Künstlergesellschaft darf sich über den Besuch der Vorstellungen nicht beklagen. Gab doch die gute Besetzung der Kino- und Theateraufführungen bereits den Anlaß zur Erwägung, ob in Offenburg nicht eine Lustbarkeitssteuer eingeführt werden soll. Früher zogen die Schauspieler meist mit leichtem Gepäck aus der Offenburger Musenstadt fort. — Warum nun die heutige Theatergesellsckaft zu dem Anreizmittel greift? „Ein löjähriges Bühnenjubiläum." Ist dies doch keine Zeit von besonderer Ausdauer unter der Schminke! Warum aber nickt, wenn doch zu Kastenerfolgen aNgereizt werden soll, mit dem Theateralter der vortrefflichen Künstlerin vorangehen, die wohl schon ihr halbe« Jahrhundert über den Brettern zubrackte? Doch das ist eine innere Angelegenheit der Priesterschast vom Tempel der Thalia. Es soll im Anschluß daran mitgeteilt werden, daß wir in Offenburg noch ungeweihte Kunstjünger haben, die ihr „öOjähriges Bühnenjubiläum" schon lange hinter sich haben. Wer erinnert sich noch der Fastnacht»zeit vor einem halben Jahrhundert! Da war e« der Männergesangverein „Concordia", der unserer Stadt ein Operette nef theater bot; es war im großen Salmensaale über der Bauerngasse. Richard Genees „Zopsabschneider" war eine glänzende Leistung; auch das Friedrich'sche Singspiel „Ein Stündchen in der Schule" ist sehr gut vorgetragen worden. Im ersten Stück boten die Rollen de« Bürgermeisters, Ratsdienere und des Studenten Müller, im zweiten der Schulmeister und die Charlotte schauspielerische und gesangliche Darbietungen, die «eit über die Dilettantenschaft hinausragten. Die 16 Kreutzer, welche ich für eine Karte zum zweiten Platz für die Wiederholungsvorstellung am 28. Februar 1869 beim Buchbinder Boeckh ausgeben durste, sind fruchtbar angewendet worden; e» erwachte in dem 15jährigen Gymnasiasten die Neigung, auch auf die Bretter als Sänger zu gehen, da er drei Jahre zuvor als Schauspieler schon die Bühnenweihe empfangen batte unter der Theaterdirektion Lindenmuth im Salmensaale. Da nahm ich mir bei der „Concordia"-Operette den Baritonisten Karl Hambreckt znm Vorbild, und es hastet der .Zopfabschneider' heute noch im Gedächtnis: „Ein Fall von hoher Wichtigkeit ruft uns in diese Hallen: Die Zöpfe au« der alten Zeit, die müssen alle fallen!" Unser Bürger 'Karl Hambrecht hot sein 80. Lebensjahr erreicht. Wir haben ihn schon früher an sein Bühnenjubiläum erinnert, als seines ersten Auftreten« Ei wähnung geschah. Sein Schüler, der Schreiber dieser geilen, batte es als nickt berufsmäßiger Operettensänger beinahe zum Grotzh. Bad tzo'opernsänger gebracht und könnte jetzt al« vierzigjähriger Bühnenbassist sein Jubiläum feiern, wenn er dem Rufe de« LandeSvatrrs gefolgt wäre. Vsrsehrrtzvereiir Offenbuvg eingetvcrgefrp Genssferrschaft mit unbesrhvänlrtev Haftpflicht. - ini'! Vermögen.. ;; Bilanz per 31. Dezember 1918. Schulden. M. 837,974.56 Rücklage I.„ 434,000.- Rücklage II.„ , 140,000.- Rückstellung für Übergang in die Friedenswirtschaft „ . 20,103.— Rücklage lll.' 10,000.- Ruhegehaltsrücklage.. 160,844.13 , Zinsen-Conto.„ 9,850.— Spareinlagen-Conto (gegen Omonatliche Kündigung) „ 5,373,915.65 Schulden in laufender Rechnung.„ 5,272,005.68 Schulden: 9,938.51 76,180.51 1,762,134.34 40,532.71 188M4.65 212,385.05 • ‘ 68,071.98 4,456.— 1,628,705.65 3,508.75 4,092,179.93 140,000.— M. 12,998,486 60 .M. 12,998,486.60 Am Anfang des Geschäftsjahres Mitgliederzahl: 2302, neu' eingetreten 112, ausgeschieden 120, mithin am Schluffe des Geschäftsjahres Mitgliederzahl: 2294, : ,i Ofsenburg, 3. März 1019. " Der Borstand: ,l; A. Wille Nh ach er, Direktor. G. Weick, Kassier. H. Waldrafs, Kontrolleur. Die gekündigten Stammanteile werden nux gegm Rückgabe her Büchlein an unserer Kasse bar ausgezahlt bezw. verrechnet. Die Dividenden werden wie bisher ausgezahlt oder in den Konten gutgeschriebem * 45460 Hekanntrnia ch ung. Zur Vgrbereitüng her Wahllistöst für hie bevorstehenden Gemeinde-Wahlen werden'wir'im Laufe der nächsten Mache, in jede Hapshaltung einen Erhebungsbogen' zustellen lassen. In diesen Erhebungsbogen sind, alle männlichen und weiblichen' Personen, welche .das 20.'Lebensjahr zurückgelegt haben, in Offenburg wohnhaft und Angehörige des deutschen Reichs sind«, einzutragen. ^ , .. .... Wir ersüchenvdie Haushaltungsvorstqude dringend, m ihrejn Eigenen Inter-, esse und' zur Erzielung vollständiger Wählerlisten alle in Betracht kommenden Personen in die Listh einzutragen, die - Nanwn deütlich zu schreiben und nicht zu kürzen. Die allein stehenden Personen'walleg sich darum bemühen, daß sie in die'Liste des Mietgebers ausgenommen werden Offenburg/ den 8. März 1919.. - II Der Stadtratl -UL-L __ 6462 . ’ Die Regelung des Verkehrs mit gebrauchten Wohnungseinrichtungsgegenstiinden, betr. Das Verbot über die Aufnahme, von Anzeigen für deN An- und Verkauf v'ün. Altmöbeln ist wieder aufgehoben. Solche Anzeigen können also zu jeder Zeit ' ausgenommen werden?! ' ■» Offenburg, bert ,Ü, 6461 .1919. ' rgermeisteramt. H ermantl. .i Willi. Ktädt. KriegSküctje (Okenstraße 27), Mittagessen von 3 4 1& bis 1 Uhr. (Sonntags von 12 his 1 Uhr.) ?' ,' . Adendesset» von bis l hS Uhr. • r Preise ab 15. Februar 1919: '. ' für ein Mittagessen . ^ ..„ . : . . . , 6st Pf. „ ein Nachtessen . . . . V *«us ... 60 Pf. ■ ■ „ eine Portion Gemüse . -. ? »'.< . . . >>'30 Pf. 1 -. , lSPf. Sonntags wird kein Essen über die Straße und k«n Nachtessen abgegeben. Jeden ersten Sonntag'im Monai ist die Kriegsküche ganz geschloffen. 6440.0.3 ^MFrnmlligk Fküttmlir K Offkiidmg. Samstag, den 8. März, Ti_ftf , ~n s,a 7 Uhr findet im oberen Saale der „Drei Könige^ die statutengemäße Hauptversammlung statt. Tagesordnung: 1. Tätigkeitsbericht über das verflossene Dienstjahr. 2. Rechnungsabhör. 3. Wahl der Rechnungsprüsungskommis- sion. 4. Neuwahl der beiden Kommandanten und des Zahlmeisters. 6. Allgemeine Aussprache. Hierzu werden die Mitglieder unter Hinweis auf § 14 Abs. 6 der Statuten eingeladen. — Erscheinen in kleiner Uniform. — Eine besondere Einladung erfolgt nicht. 6455.2.2 Der Berwaltungsrat: I. V.: Mandel. Junker. Arbeiterrat Kffenburg Geschäftszimmer: gegenüber Bahnhof. Pfaehler-Villa (Nebeneingang). Sprechstunden täglich nachmittags, in dringenderen Fällen auch vormittags.' — Telefon Nr. 139. — 6429 Mietzmsbüchlein Buchdrmkerei Ad. Geck. 9tcfc«ttt*K, Mruck «ud Verlag don Adolf Geck, Ofsenburg.