D t alt Gsseburger. Zeitschrift der Heimatkunde für die Vffenburger in der Nähe und jerne. Nr. 1109 . Ausgabe vom 15» August 1920. Nachdruck verboten. Preis 50 P. Bor 90 Jahren. Das Jahr 1830 brachte dem badischen Lande einen Thronwechsel. Leopold, der sogenannte Bürgerfreund, löste den soldatischen Herrn Ludwig ab. Doch das System des Despotismus blieb, als der Rausch der Huldigungen im Lande sich verflüchtet hatte. Die damaligen deutschen Machthaber unter dem elenden Protektor Metternich waren infolge der Pariser Julirevolution von der Angst um ihre werten Existenzen gepeinigt. Das Volk lebte aber der Zuversicht, daß die revolutionäre Welle aus dem Westen ihren Sturz nach Deutschland wälze zur gründlichen Abrechnung mit der herrschenden Gesellschaft Der demokratische Führer Badens. Professor Karl v. Rotteck, feierte das in den Pariser Revolutionswochen triumphierend ins Leben getretene Vernunftrecht. In Deutschland brachen teilweise revolutionäre Bewegungen aus. In Karlsruhe herrschte ein „Bolschewistenschrecken" ; es verschwanden deshalb die badischen Erzjunker v. Berckheim und v. Berstett aus der Regierung. Die neuen Männer wurden gezwungen, den Unwillen des Volkes über die Verfassungsbeugungen zu bannen durch eine Neuwahl des Landtags. Vater v. Rotteck war ein vielbegehrter Kandidat für die 2. Kammer. Das Lied der französischen Revolution, die „Marseillaise", ist damals den Offenburgern durch die Braun'sche Buchhandlung zugänglich gemacht worden. Neben dem Kalender „Der Freiburger Bote", dem. auch der Hinkende folgte, enthielt die Oktoberserie der Neuhellen Braun's auch die Nummer „Der Marseiller Marsch, Original und Übertragung. Brosch. 12. kr." Auch die „Ouvertüre aus W. Tell von Rossini" und andere revolutionäre musikalische Schönheiten wurden' angeboten. Freiherr von Sensdurg herrschte damals als großherzoglicher Kinzigkreis-Direktor in Offenburg. Er ordnete die großartigen Festlichkeiten des Besuches, als der Großherzog Leopold und seine Gemahlin Sophie am 11. und 12. September in der Oberamts- und Kreisstadt ihre Einkehr hielten. Der aus 31 Wagen bestehende Festzug. angeführt vom bekannten Fastnachtfreunde. Handelsmann Walter, gab eine Darstellung des landwirtschaftlichen und gewerblichen Lebens der Ortenau und des Schwarzwaldes. Am Abend schloß der Hauptfesttag mit dem berühmten, „von allem Zwang der Hofetikette befreiten Ball" im Salmen- Saale (heutige Synagoge) ab. Im Festprogramm der Fürstenhuldigung war die Sophienstiftung also vorgesehen: Nachdem nun der bereits am 2% v. XH. ergangene Aufruf an die hiesigen Einwohner zur Subscription zur Gründung einer Stiftung, aus deren Ertrag alljährlich an der Wiederkehr des Empfangstages Ihrer Königlichen Hoheiten ein tugendhaftes XUädchen mit einer Ausstattung von 300 fl. begabt werden, und daß der Sliftungsbrief statt einer allgemeinen Stadtbeleuchtung den höchsten Herrschaften überreicht werden oll, so viele Teilnahme bis jetzt bereits gefunden hat, daß an der Ausführung nicht wohl mehr zu zweifeln ist, so dürfte die früher projectiert gewesene Illumination unterbleiben und nach dem Schluffe des Wagenzuges wird der Stadtrath und Sliftungsvorstand durch eine Deputation den Stiftungs- brief de» böchsten Herrschaften mit der besonderen Bitte an die Frau Großherzogin Sophie, Königliche Hoheit, überreichen : die landesherrliche Bestätigung dieser Stiftung von Ihrem erlauchte» Gemahl zu erbitten, und die Erlaubnis zu geben, dieses Denkmal eines unvergeßlichen festes rtyt Höchst- Ihrem Namen zu schmücken. In jener politisch sehr lebhaften Zeit ist der angesehene Offenburger Handelsstand um ein neues Kaufhaus an der Hauptstraße vermehrt worden, das sich neben den berühmten Firmen*) rasch ein Ansehen verschaffte, die Firma Friedrich Burg, begründet vom Vater unseres Mitbürgers. Im Dezember 1830 veröffentlichte das „Offenburger Wochenblatt" die Bekanntmachung: (Anzeige und Empfehlung.) Meine dahier errichtete Eisen- und Spezereihandlung in der Hauptstraße, am Eingang in die Ritterstraße, bringe ich hiermit ergebenst zur Anzeige, und halte mich zu gefälligem Zuspruche bestens empfohlen. Friedrich Burg. Am 21. Oktober hatte sich der Bürger und Handelsmann Friedrich Burg mit der ledigen Maria Joseph« Köhler von Haslach verehelicht. Der 18. September 1831 brachte den jungen Handelsleuten einen Stammhalter, den Max, dem dann zwei Schwestern, Josefine und Auguste, nachfolgten. Sie mußten aber schon jung, vor etwa 60 Jahren, ihr Leben abschließen. Die jüngste Tochter ist die Gattin des Bahningenieurs Johann Haselwander aus Hausach gewesen, dessen Sohn vor kurzem der erwähnten, hohen Auszeichnung als Ehrendoktor-Ingenieur durch die technische Hochschule gewürdigt worden ist. Unser soeben zur großen Armee abgeschiedener Bürger- nestor Max Burg steht mit der Zahl seiner Lebenssemester dem ältesten der heutigen Stadtgeronten, Michael Armbruster, gleich. Jener, verbrachte als eingeborener Offenburger seine neun Jahrzehnte — die Jahre des-militärischen Dienstes ausgenommen — in der kleinen Vaterstadt. Der ihn überlebende Nestor kam aus der ländlichen Umgebung als jugendlicher Arbeiter in die alte Reichsstadt, um später ein namhafter Industrieller und eine politische Persönlichkeit Offenburgs zu werden. Herr M. Burg verlebte im elterlichen Hause seine Arbeitsjahrzehnte in ruhiger Geschäftstätigkeit mit nachfolgendem glücklichen Ruheleben, das ciceronische otium cum dignitate eines Junggesellen genießend. Dem einstigen Handelsmanne soll eine besondere Würdigung Vorbehalten sein. Einer seiner Altersgenossen war Alexander Reiff, der am 23. Oktober 1830 geborene Sohn des Handelsmannes Alex. Reiff im Salzhause, dem in der Nachbarschakt das Burg'sche Unternehmen als Geschäftskonkurrenz erstanden war. Im gleichen Jahre wurde dem Bürger und Ackerer Mantel Marti ein Sohn, das spätere Original Mantel Wilhelm geboren, der drei Tage älter war als des Salmen- wirtes Franz und wenige Monate älter als Richard Pfähler und Heinrich Mösch. In jenen Tagen, am 28. November, starb im Alter von 76 Jahren eine angesehene Persönlichkeit Offenburgs, Ratszwölfer und Stadtrechner Dominik Hog, genannt der „-Zwölfer Hog", dem ein besonderes Kapitel in der Stadtgeschichtsschreibung gebührt. Die Hinterlassenschaft des Zunftmeisters der Melk'* schmiede war vergantet worden. Der hiesige Teilpm.- kommissär Großenbach erließ durch das Amtsrevisor^uller Aufforderung an die Gläubiger mit folgender Eit? ‘ mit „Die Öermöaens-Zerrüttung der Zunftmeister < Broßmer'schen Wittwe und ihrer Tochter^ de^'' Broßmer, verehelichte Beile, dahier macht . der Schulden dieser beiden Weibspersonen nölfftzer, Felij, Heutzutage würde ein solcher Amttzstb bezeichnet werden. endarm Willen *) Die Handelsmänner Josef Battiany, Taver Fi ^ ,- Hölzlin, Valentin Nerlinger, Alexander Reiff, Aloys ^ i \ H^.ckle, Mathäus Walter und Simon stachman. Sie den» ... i I ö^taufmänaischen Stand unter den 32 Offenburger Wahlmän. e b( ^onenbunfl und Eröffnung als Gasthof erst im Jahre da ""folgt. Der Erbauer dieses, damals vereinzelt vor lungssystz Stadtthore stehenden Hauses bot das Anwesen, zu —-oelchem der heutige Wirtschaftsgarten noch nicht gehörte, also aus: (Gasthaus-Verkauf.) Der Unterzeichnete ist gesonnen, sein vor 3 fahren ganz neu und massiv von Stein erbautes zweistöckiges Masthaus zum Zähringer Hof aus freier Hand zu verkaufen. Dasselbe liegt an der Hauptstraße in das Ainzig- ; thal; ist seiner angenehmen Lage wegen besonders zur Lin- j richlung einer Bierbrauerei oder einem Aaffeehause vortrefflich i geeignet, zumal da sich auch ein schöner Billardsaal in dem- ! selben vörfindet. Unter dem Hause ist ein gewölbter Aeller . von ^0 Schuh Länge, 22 Sch uff Breite und 20 Schuh höhe; der innere Raum enthält Scheuer und Stallung für 30 Stück Vieh, ferner 8000 Auadr. Set ub Hofpiatz, woran rechts und i links zwei Gärten stoßen. — Die Liebhaber wollen sich gefälligst bei mir melden, um den Preis und die Bedingungen zu ver- j nehmen Gffenburg, den $. ZTCai (830. j Sebastian Berger. j Das Anwesen ist dann vom „Griesemer Bäck" erworben worden für seinen Sohn Johann Baptist Geck, der sich am ^ 14. Februar 1832 verheiratete und 1864 als Zähringerhofwirt starb. z An gutem Wein mangelte es vor 90 Jahren unseren Vätern nicht. Der Spitalfond veräußerte im öffentlichen Ausgebot etwa 300 Ohmen Wer dabei zu kurz kam, dem konnte zu Diersburg die Verlassenschaft des Altjuden- > Vorstehers Baiser daselbst aushelfen. Aus seiner Behau- ! sung wurden in der Erbteilung 535 Ohmen weißer und roter Wein der Jahrgänge 1819, 25. 28 und 29 zur Ver- ! steigerung gebracht. Die Erben des Alt-Kronenwirts Xaver Stigler in Ortenberg hatten bereits im Frühjahr etwa 500 Ohmen Rebwein derselben Jahrgänge versteigert. Auch in Appenweier sind 300 Ohmen vom Vogt Hodapp ausgeboten worden. * D'r alt Offeburger. Bürger! Am Samschdig z' owe wär i gern uff d' Lindehöh dappt. um e Neurot z' gniäße biem Summerkunzerl. Gschpielt het, wiä's in dr Anoos heißt, 's Künstler-Orchester „Jung" mit Illumination. Allewiel herrscht z' Offeburg bigoscht e Künschtlerlewe wiä noch gar niä, un es isch unmöglig, mit em einzige Portmonee vum e kleine Partikuljee üwerall vorne- un hintedran z' sien. Awer deß Geld dhät mi nitt reue, wo für en illuminiärts Künschtlerorgeschter ußgeen würdig. Ich frag emol 's Schützewirts Karl, wiä so ebbis Abartigs gmacht were kan. Minni Neugier richtet sich au uff d' Mietervereins- Vrsammlung am Mittwoch in dr Michlhall, wo üwer d' Wohnungsnot gschwätzt isch wore. I Hab emol Welle dr Herr En gl er vun Freiburg sehne, wo als Arbeiter uß em Zimmermannsschtand mit em Ehredokter-Titel vun dr Universideet ußzeichent woren isch. Seller neumodisch Dokter het e scheeni Red ghalte, awer vun dr Wohnungsnot het 'r d' Offeburger leider nit kuriärt. E Frau sait zue mr, dr Herr Engler häb sich so vrdiänschtvoll um d' Allgmeinheit ußzeichent uff em Ernährungsgebiät während em Kriäg, Wiel in Freiburg e Wirtschaft für vegetarisch! Leweswies be- ' ,6t; so häb 's gwehnlig Volk kai Fleisch brucht un d' '^eck seie für d' Professer ezettra, wo keini Grasesser sien üwerig bliewe. Wenn ebber vun dr vegetarisch! Koscht ^ „ '.eschderatsjon nit satt wurd un schtatt ere Wassersupp betrage, ^biscbbrüeh vrlangt, no wurd em zeigt, wo dr ' f r* : cm 5nn ~ nit dr Dokter — 's Loch nuß gmacht het. sonuche l>ca^ rum. wo m r a j g Gschpgß — Wege ynnern Oötn g^ henn: „liäwer e Luus im Krutl als gar stände detr^, ni^ g ^ ere vegetarische Wirtschaft kai Muck un kai Wurm in ere Zwetschg odder Pflum Moguchke^j were, sunscht zahlt mr nix fürs Esse. bpi bk "?ß unseri Schtadtbolizei jetzt in dr arbeite, 'i mit em Mensche- un Möweltransport in ti Summerfrischi sich u -' '' —um d' Schtubb—.cker Redaktl gwaltsam an d' frisch Luft z' setze, isch au ebbs Neus im hiästge Friedenszittlewe. An: Moritz Kahn selig siem Ludwig, wo vorigs Johr uß dr englische Kriägsgfangeschaft uff hiä kummen isch mit sinnere junge Frau, henn polizeiligi Ußhewer d' erscht Kundschaft kriägt. Nachher het solle dr jung Zahndokter Eggler, wo doch seltner e Gschäft fürs Ußziäge het. mit em gwaltsame Ußzogewere an d' Reih kumme. Mr kann em Pfarrhof in dr Oschtschtadt nur grattliäre, daß dr Liedenskelch der Wohnungsnot an sellem Huus, wo so vielt leeri Zimmer reklamiärt wore sinn, ohne derartigi Visima- dente vrbeigange isch. Gnad Gott, Pfarrersköchi!, wenn sie mit so viele blaue Mäler tätowiärt wore wär. Mr hält sie no als Märteri heiligschpreche kinne, was bie dr Frau Kahn nit guet geht. Bie dem kleine rahne Madämmli, wo kuum e Zentner Eigegwicht het, will e Polizeiuffgebott vum e halb Dutzed nit Meischter wore sien? Awer es isch en Herzschwächi ientrete un deßwege het d' Bezähmung der Widerschpänschtige ußgsetzt. Wo d' Frau Kahn ins Bett soll, wicht awer d' Bollizeigwalt nit un sait: numme kai Angscht. Madamm, mr sinn jo vrhierotet! Es het Alles nix gnutzt in Bezug uff d' Baroll: aß 'r kalöppere! Offenburger Allerlei. Kühle Nächte, nebelverschleierter Sonnenaufgang. Es Herbstelt schon am Frauentag, der für die Wallfahrtsorte wieder in früherer Art zum Massenverkehr der Pilger wird. Der Herbst stellt sich gleich dem Frühling und Sommer mit einem monatlichen Vorsprung vor dem Verfalltage ein. Leider schwinden die vom Johannistrieb gewährten Hoffnungen auf die große Traubenernte mehr und mehr, seit der wuchernde Giftpilz in den Reben seiner Zerstörungswut fröhnt. Jetzt gehen die Diplomaten in die Herbstfrische, der Kanzler erholt sich von den Spaa-Beschwerden auf dem Hochschwarzwald, während die kritischen Augen anderer Politiker am politischen Himmel Wolkenbildungen eines Unwetters zu erschauen glauben, das sich wegen des russisch-polnischen Friedensabschlusses entwickeln will. Im nahen Straßburg herrschte in letzter Zeit ein reges Soldatenleben. Französische Tt^pen trafen in größerer Zahl ein und zogen nach Norden ab, englische Abteilungen zeigen sich in neuer Rüstung. Es fanden auch in Offenburg Besprechungen unter dem Eisenbahnpersonal statt, die zum Entschlüsse führten, daß die Neutralität Deutschlands streng gewahrt und daß Bahnsendungen mit Hilfsmaterial zur Polenunterstützung nicht befördert werden dürfen. Die englischen und französischen Gewaltigen, die glücklicherweise nicht einig sind, verlassen ihre Posten nicht zum Sommerfrischeln. Wer aus Spree-Babylon heimkehrt in die reinere Offenburger Luft, soll den Bekannten immer antworten auf die Frage: „Was machen sie denn in Berlin?" Man darf darauf nicht antworten mit dem häßlichen Fremdworte Bankrott. „Sie machen Papiergeld. Papiergeld und Reichs- fchulden schon bis zu 250 Milliarden Mark." Der Milli- ardensegen blüht. Die Rechnung ist nicht ohne den Wirth gemacht. Wer vom Berliner Leben noch weiteres wissen will, dem sollen schwarz auf weiß die Schilderungen glaubwürdiger Augenzeugen vorgehalten werden. Nehmen wir z. B. den Friedensfreund v. Gerlach, der in seiner „Welt am Montag" seine Beobachtungen im Berliner Ballett-Theater anläßlich einer Nacktlanz-Vorstellung darlegt. Da heißt es: Das Lokal war zum Brechen voll. Gefüllt mit Männern, unter denen der Agrarier- und zerhackte Korpsstudententyp mindestens so gut vertreten war, wie die ausgeprägte Schieberphysiognomie. Zumeist natürlich in Begleitung mehr oder minder anziehender, mehr oder minder angezogener, durchweg jedoch augenscheinlich recht kostspieliger Damen. Den Herren satz das Geld offenbar sehr locker. Die teuersten Delikatessen wurden bedenkenlos bestellt. Die Weinpreise begannen mit etwa 50 Mark. Aber die billigen Sorten fanden wenig Zuspruch. Die Stimmung war bald gehoben. Als einer der Herren aus Versehen einen kostbaren Römer umwarf und zerschlug, herrschte an seinem Tisch darüber solche Freude, dast zur Gesellschaft gleich noch ein zweites Glas zertrümmert wurde. Kostenpunkt? Nebensache I Mitten in der allgemeinen Fröhlichkeit konnte ich nicht anders, als mir ausrechnen, wieviel Tausend Mark so ungefähr Abend für Abend 'in diesem Lokal zum Fenster hinausgeworfen werden. Der Gegensatz zwischen dem wilden Genießerleben hier und den Verhandlungen in Spaa, wo gerade über die letzten Lebensmöglichkeiten des halbtoten Deutschland gesprochen wurde, war doch zu stark. Haus bei Haus sah ich (auf dem Heimwege) die gefüllten Schlemmerlokale, in denen das billigste Getränk soviel kostet als das Tagesbudget einer Arbeiterfamilie ausmacht. Ich sah die Hunderte und abex Hunderte eleganter „Damen" promenieren, die da leben, ohne zu arbeiten. Ich sah die endlosen Reihen von Droschken und Autos, in die nach dem offiziellen Schluß der Lokale Paar um Paar. Gesellschaft auf Gesellschaft stieg, um zumeist, wie man aus den Gesprächen entnehmen konnte, nach Spielklubs zu fahren. Und ich mutzte unwillkürlich wieder zu rechnen anfangen; wieviel Millionen werden wohl jeden Abend allein in Berlin in diesem Taumel von Spiel und Lust und Luxus in alle Winde zerstreut? Nebenbei bemerkt — das alles ist nickt etwa eine Spezialität des großen Sündenpfuhls Berlin. Im Westen und Süden Deutschlands habe ich die gleichen Orgien der Verschwendung geseben. Es ist ungefähr der Typus der heutigen „besseren" Gesellschaft, welche sich durch die von ihr bestochenen Zeitungen damit das in der Not lebende Volk vom Halse halten will, indem sie den Schreckensruf der Bolschewisten-Gefahr verbreitet Und die Welt ist heute genau so empfänglich für den Schwindel wie vor alten Zeiten, als das Gesetz des Volksbetruges hieß: munclus vult decipi — das Volk ist da, um durch Schwindel beherrscht zu werden! Die satyrische Dichtung in voriger Ausgabe unserer Zeitschrift über den von den Bauern versprochenen Preisabbau hat in der Prosa eine klassische Bestätigung erhalten. Man ersucht uns, eine Bekanntmachung an den Pranger zu stellen, die in der Nummer 32 des „Verkündigungsblattes für die Gemeinden Bühlertal und Kappelwindeck" am 7. August veröffentlicht ist und also lautet: Zw etsch genpflanz er! Es droht ein Preisrückgang, weil die norddeutschen Großstädte mit unserem Erzeugnis übersättigt sind und weil infolge der ungeheuren Verfrachtung der letzten Tage die Ware sich stockt und in der Menge wie sie ankommt, nicht verkauft werden kann. Seid vernünftig und werft jetzt nicht so viel Ware auf den Markt, d. h. haltet mit dem Pflücken zurück, damit zwischen Angebot und Nachfrage ei« Ausgleich geschaffen ist, sonst tritt ei« Preisrückgang ein, den Ihr durch übermählges Angebot selbst mitverschuldet habt. Laßt das Pflücken einige Tage beruhen, sammelt alle überreifen abgesallenen Früchte und werft sie, damit nichts verloren gehe, ins Fast! EinAppell an die „Bauernverriunft" zur Organisation der Teuerung, zur Ausbeutung der armen Leute, die wegen des glänzenden Segens der Zwetschgenernte auf eine Verbilligung, des Nahrungsmittels hoffen konnten. Einer gnädigen Vorsehung des Himmels mutz die men'^.^«,e Habsucht, genannt Bauernvernunfst entgegen arbeiten mit dem „Ausgleich" zur Verhütung eines Preisrückganges. Die Parole der Bühlertäler Volksausbeuterei lautet: „Werft sie ins Fatz!" Der edle Schnaps soll leben! Der Zwetschgensegen wäre sonst ein Verderben für die frommen Bühlerläler geworden. Und das Blatt, dessen Druckort nicht genannt, aber wohl die Stadt Bühl ist, steckt von solchen Aufforderungen zum „Preisabbau" seine nicht stinkenden Groschen ein! Im Gegensatz zu dieser Mißgunst im Bühlertal steht das Wohlwollen der Stadt Achern, deren Verwaltung ihre städtische Ernte um den Preis von 40 Pfennigen für das Pfund Zwetschgen an die Einwohnerschaft abgibt. Wohnungsnot. Das polizeiliche Ausweisungsvorgehen gegen das Ehepaar L. Kahn dahier Hai zu laugen Erklärungen der beteiligten Parteien in der Tagespresse geführt. Es ist zu beklagen, daß der von der Stadtbehörde angeordnete erste Versuch, einer gewaltsamen Hilfe solche Methoden der „Zivilisation" gewählt und daß ihre Verteidigung auch der Voreingenommenheit des Rassen- und Nationalchauvinismus Vorschub geleistet hat. Die Betroffenen haben durch einen Rechtsbeistand einen Einspruch erhoben. Die Regierung hat das Ausweisverfahren eingestellt. Ein gerichtliches Nachspiel folgt. Zur Heizungsanlage der Knabenschule, deren Übertragung nach Kaiserslautern wir erwähnten, nimmt der hiesige Fabrikant Otto Zepp, Inhaber der seit 16 Jahren hier bestehenden Spezialfirma für solche Einrichtungen, in Zeitungsberichten scharfe kritische Stellung. Dari» bestreitet Herr Zepp, daß ein Grund zur Übertragung des Auftrags an eine auswärtige Firma bestehe; er selbst habe eine bedeutend größere Anlage hergestellt, wobei eine solche der Kaiserslauterer Firma damit vereint und durch das Zepp'sche Kesselsystem zu tadellosem Funktionieren erweitert wurde. Jetzt ist das von ihm um 6000 Mark billiger berechnete Angebot verworfen worden, wobei die hiesige, steuerzahlende Industrie zur Zeit örtlichen Mangels an Arbeiterbeschäftigung ausfallen müsse. Einschließlich der Kosten der Projektausarbeitung habe die Stadt 10000 Mark mehr zu bezahlen infolge ihrer Entschließung. Gleichhoher Verlust entstehe aus der Nichtbeachtung fachmännischer Ratschläge über Ersparnisse in der Lösung der Umbaufrage, wobei man mit 110 000 Mark Kosten ausgekommen wäre. Schon 1912 habe ein städtischer Beamter prophetisch gesagt, daß die Firma Z. die Arbeit nicht ausführen werde. Bei der Vergebung einer Anlage im städtischen Krankenhause war Z's Berechnung als zu teuer befunden, es hätten aber die Kaiserslauterer, welche damals billiger arbeiteten, die im Programm vorgeschlagenen schmiedeisenen durch gußeisene Kessel ersetzt. Zur Beurteilung des „ Herr Z. den Inhalt eines in seinem Besitze befindlichen Briefes bei Mannheim, den 5. November. 100* Herrn.! Ich teile Ihnen ergebenst mit, daß mein Werk, in der An-', nähme, daß es sich bei dem Krankenhaus-Neubau um eine Privatanlage handle, für Ihre Bemühungen bei dem Projekte für die Heizungsanlage des Krankenhaus-Neubaues einen Rabatt von 5°/ 0 vorgesehen hat. Hochachtungsvoll Herr Z. glaubt daraus schließen zu dürfen, daß andere als sachliche Gründe dabei mitspielten, wenn die Zurücksetzung eines Offenburger Geschäftes gegenüber Kaiserslautern eingetreten ist. Er verweist auf Ludwigshafen, Mannheim, Karlsruhe und andere Städte, in welchen nur ansässige Firmen berücksichtigt würden. Unter den von der Firma Z. ausgeführten Heizungsanlagen befindet sich eine im Gesamtbeträge von 400 000 Mark. Die Bolksküchekommission überzeugte sich, daß um den heutigen Preis ein Essen nicht mehr geboten werden kann. Für da« Mittagessen soll vom 15. August ab 1.50 M. verlangt werden, ebenso für das Abendessen. Die Qualität des letzteren soll nach Möglichkeit verbessert werden. Es wird nun, da daS PjründnerhauS den ganzen Bedarf für Gemüse usw. liefern kann, ejne gute Kost geboten werden können. — Die Kommission überzeugte sich, daß die Belieferung der Volksküche mit Fleisch und Wurst eine gute war. Der Kreis der Besucher aus dem Mittelstände und der Bürgerschaft erweitert sich. Es wurde daher auch schon der Wunsch nach einem sog. „bessern Tische" laut. Die Kommission konnte sich nicht entschließen, diese Neurung einzuführen, dagegen wurde die Leitung der Volksküche ermächtigt, im gemeinsamen Speiseraum einen Tisch für Frauen zu reservieren, wenn solche nicht vorziehen, in bunter Reihe zu sitzen. Das an dem Sitzungstage gebotene Mittagessen aus dem allgemeinen Kessel: eine gute Schleimsuppe, Rahmkartoffeln, grüne Bohnen und Fleischküchle fand alle Anerkennung. Zur Einstellung städt. Arbeiter gibt der Stadtrat bekannt, daß solche, die unbegründet ihre bisherige Arbeitsstelle verlassen, nicht angenommen werde», eoenso jene, die eine anderweitig gebotene Arbeit stelle an-schlagen. DasUhl'sche Grundstück sollte zur Erweiterung d'es Krankenhauses vom Eigentümer im' Tauschwege erworben werden. Der Eigentümer verlangte überdies noch eine Entschädigung von 2500 Mark für Anpflanzungen rc. Durch die Möglichkeit, das Garnisonslazarett endlich für städtische Bedürfnisse frei zu bekommen, ist der Austausch des Grundstückes »>cht mehr dringend notwendig; der Stadtrat hält deshalb das Tauschprojekt nicht mehr aufrecht. Neue Pachtgärten. Durch die Siedelungsbauten, die im Frühjahr in der Rhenistraße in Arbeit genommen werden, wird es nötig, die Besitzer der dortigen Kleingärten durch Ecsatzgelünde im Industriegebiet zu entschädigen. Die Latrinentaxen werden vom 1. Juli an erhöht. Der Verkauf der Liegenschaften hat im Monat Juli nur 8 Grundbucheinträge aufzuweisen im Flächenmaß von 6864 gm und im Gesamtpreise von 218 648 Mark. Die Stadt Offen bürg erwarb zwei Grundstücke: im Bühlerfeld 3424 gm Ackerfeld von Gastwirt F. Ries für 16 158 Mark und an den Waldbachwiesen den A. Kupferer- schen Bauplatz 756 gm für 3402 Mark. Verkauft hat die Stadt an Hauptmann a. D. H e l d 2 gm Weg um 8 Mark. Ferner haben verkauft: Weinhändler Isidor Weil 627 gm Hof- raite mit Gebäulichkeiten und Garten, Gerberstraße 21, um 58000 Mark an das Domänenärar sAnstößer an den Landgerichtsgarten), Fuhrunternehmer Jos. Vollmer 302 gm Hofraite und Garten, Fischerstraße 46, um >3 000 Mark an Malermeister Marlin Heitzmannu. Georg Feth. Anton Tonoli Kinder 158 gm Hofraite mit Gebäulichkeiten, Hauptür. 68, um 85 000 Mark an Juwelier Jakob Pelz Joseph Anton Schwägler und Geschwister 1537 gm Wiese am Fessenbacher Weg um 8080 Mark an Heinrich Nager in Zell-Weierbach. Rentner Peter Abele 148 gm Hofraite mit Gebäulichkeiten, Friedrichstraße 26, um 35 000 Mark an Welkführer Fr. Horn. Der Bierpreis soll von den Wirten aus 70 Pf. für 3 /io Liter badischen Gebräues ermäßigt worden sein. Dadurch wird eine solche Förderung des Konsums erwartet, daß unser Wirteverein die Erweiterung der Feieradendstunde bis 1. Uhr in Erwägung gezogen hat. Das wäre bei den billigen Preisen für Beleuchtung ein kostspieliges Entgegenkommen an das dringendste Bedürfnis des Volkes. Personalien. An der Mannheimer Handelshochschule haben die beiden Offenburger Albert Haueisen und Wilhelm Mundinger die allgemeine kaufmännische Diplomprüfung bestände» Es sind dies die ersten Landsleute, die an der neuen Anstalt prriüf vierten. ftß er Bei der ersten Prüfung der neugegründeten Sozialen F-/, .. schule in Mannheim, die im vorigen Monat stattfand, hat d" mu burgerin Rohtraut Geck das Examen mit der Note „Sehr gut" Der .Staatsanzeiger" gibt u. a. folgende Ernennung Lokomotivführer bekannt: Sebastian Karcher, Emil' Otto Herb, Jakob Selzer, Adolf Meder. August Benz, Georg Wilhelm Schmiederer, Karl Engelhardt, Anton Schweitzer, Feftj, Emil Bleich, Emil Becker, alle in Offenburg. Hierherversetzt: Bauinspektor Karl Bürkel, Gendarm Wilhe.n Mast. Briefkasten des Alten Offebnrgers. Mariele in Kon st an z. Beendung Postscheck-Zahlk-^'^ Wir werden künftig zur gefällige: h “)utä\f, CI"! Porto-Vergeudungen Milch v.n-t« käme Statt Karten. Sonntag Abend entschlief sanft Herr Max Burg Privat im hohen Alter von fast 89 Jahren. Ein ehrendes Gedenken ist ihm überall sicher. Sein Neffe: Dr. e, h. Friedrich Aug. Haselwander j898o Fanny Straubhaar, Wirtschafterin. Die Beisetzung fand Dienstag, den 10. August, nachm. 4 Uhr, statt. Restauration „Karlsburg - “. Heute Sonntag Lorenzen-Fest. 6989 Gute Küehe, reelle Weine. £ Es beehrt sich, einzuladen Ia. Darbacher Klevner, sowie :: :. Andreas-Hospital-Klingelberger. Karl Bahr. -bestehe^ " i •• i »» m habe ich Frau L. Schreiber Wwe., Schirmgeschäft (T'oxioli 3iTacli.fg-.) übertragen und bitte höflichst, Ihre Stärkewäsche zur Reinigung daselbst übergeben zu wollen. Für feine und tadellose Ausführung der Wäsche ist meine Firma bekannt. sssi.z.i Dampf-Waschanstalt Conr. Angele, Heilbronn. * Kartoffelversorgung. Wir nehmen auf unsere Bekanntmachung vorn 7. Juli d. Js. Bezug und ersuchen die Haushaltungen dringend, ihren Bedarf an Kartoffeln entweder unmittelbar beim Erzeuger oder durch Vermittlung eines Händlers oder einer vidwirtschaftlichen Organisation zu beziehen. Sie können sich selbstver- °>Äich zum gemeinsamen Bezug auch ihrer Berbraucherorganisation be- -V. Eine Beschränkung auf eine bestimmte Kopfmenge findet nicht statt, '.gn jede Haushaltung ihren voraussichtlichen Bedarf an der Menge ihres Betragt.gen Verbrauchs berechnen. Der Bedarf kann auch nach Belieben auf ein in Teillieferungen bezogen werden. sönlicheEs empfiehlt sich für alle Haushaltungen, die erforderlichen Schritte zur Jnne^'ejchenden Versorgung des Haushalts für das kommende Wirtschaftsjahr nun- stäpxhr rechtzeitig in die Wege zu leiten. Die Stadt wird zur Deckung des dringendsten Bedarfes einige Wagen Frühkartoffeln beziehen und diese in der Fruchthalle verkaufen; ebenso wird d«sich der Handel mit dem Kartoffelverkauf befassen. Di^. Verkaufsstelleti werden k>noch besonders bekannt gegeben , - \ 6987 Komnrnnalverbynd Offenbur^^tadt. Vertreter: Dr. Nathan. Sprechstunden: 11 — 1,3-4 Uhr. Leichrnolopser hetr. Den Mitgliedern des Gewerbe- und Handwerkervereins wird am 20. und 21. d. M. jeweils nachm, von 2—7 Uhr im Nebenzimmer der Zauberflöte Gelegenheit geboten sein, kostenlos Anleitung zur Aufstellung ihrer Steuererklärung zu erhalten. Steuer- und Umlagezettel 1919 und 1920 mitbringen. Beratungsstelle: Bührer. 6984 Städtische Volksküche. Vom 16. August ab betragen die Preise für Mittag- und Abendessen je 1.60 M., Gemüseportionen 80 u. Suppenportionen 40 Pf. Kartenabgabe für Fleisch und Mehl unerläßlich. Auch an fleischlosen Tagen beträgt der Preis 1.60 Mark. 6986 Bolksküche-Berwaltung. Die Voltsbäder im Mädchenschulhaus find wegen Ausbesserungsarbeiten bis auf weiteres geschloffen. — Die Volksbäder im Knavenschülhäüs sind'"bis' Ms' weiteres geöffnet: Dienstag und Freitag für Frauen, Mittwoch und Samstag für Männer. 6988 Znhrntnrltt ©ffrnhurg. Die Plätze für Fahrgeschäfte und Schau- buden zu dem am 19./21. September dahier stattfindenden Jahrmarkt werden am Freitag, den 27. August vormittags 11 Uhr auf dem Platze selbst öffentlich versteigert. Der Steigerungspreis ist bei der Versteigerung sofort bar zu bezahlen. Die Inhaber von Wandergewerbescheinen haben sich vor der Versteigerung beim Bad. Bezirksamt zu vergewissern, ob der Ausdehnung keine Bedenken entgegenstehen. Offenbnrg, den 11. August 1620. Der Stadtrat. 6983 Idel Hönicke Carl Heinrich Diplomingenieur 6 985 Verlobte Naundorf-Großenhain Offenburg (Sächftgn) Redaks Druck und tüt^Ioa bon Adolf Geck, Offenburg.