vr alt ©ffeburger. Zeitschrift der Heimatkunde für die Gffenburger in der Nähe und Ferne. Nr. 1507 Samstag, den 0. Juni 1028. Nachdruck »«boten Sommerfrische. Bonifacius II., früher Winfried genannt, der drei Wochen nach seinem nnr „einzeiligen" Namensvetter im Kalender erscheint, gehört zu den eigentlichen Heiligen aus dem Priesterstande. Er war in England geboren und starb 755 als Heidenbekehrer in Deutschland den Märtyrertod. An diesem zweiten Bonifaciustage ging diesmal ein warmer, durchgreifender Regen nieder und gewährte der schmachtenden Erde einen unermeßlichen Segen. Diese feuchte Witterung zauberte ein wundervolles Bild des Spätfrühlings hervor und erfüllte die Luft mit balsamischer Würzung. Aus der ewig weißen Region der Arktis wollen in dieser Woche Hilferufe der Nobile-Fliegerschaft vernommen worden sein. Zweifel an die Zuverlässigkeit begegneten diesen Botschaften, die unser Interesse an der in Geburtswehen liegenden Germania etwas milderten. Es soll mit der sozialdemokratischen Vaterschaft ein großblöckliches Gebild geschaffen werden. Eine Jubiläumsironie des Schicksals! Vor 50 Jahren unter Herodes Bismarck wurde der neue rote Heiland, dessen Jünger jetzt an die Spitze der Reichsregierung treten, grausam verfolgt, geschunden, aus der Heimat vertrieben. Ein Sozialdemokrat als Kanzler! Aus dem hohen Schwarzwald erschreckt und empört die Mordbotschaft: zwei verwandte Lehrerinnen G e r s b a ch die Opfer eines schauerlichen Raubmords! Der bekaunte Lehrer in Gengenbach verliert seine Tochter und Nichte, eine dieser Frauen wirkte früher an der Offenburger Volksschule. Vom Verbrecher noch keine Spur. Nervöse Spannung im Volke wie einstens beim Antogaster Raubmord vor bald 60 Jahren. Das Verbrechen bei Br eiten au muß enthüllt werden, jedermann ist diesmal Detektiv. Dabei geraten auch Unschuldige in den Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben, dessen nur Jemand fähig sein sollte, der von Sinnen ist. Zwei Personen wurden verhaftet. Die Feststadt Offenburg erlebt morgen eine militärische Veranstaltung, den Leibdragonertag, d. h. eine Zusammenkunft Hinterbliebener des ehemaligen 1. Badischen Leibdragoner-Regimentes zur Teilnahme an einer Fahnenübergabe für die Offenburger Organisation, die vor zwei Jahren gegründet wurde und von Herrn Gastwirt Julius Breisacher geleitet wird. Die Standarte soll im nächsten Jahre den Verein zur Teilnahme an der Karlsruher Denkmalsweihe begleiten. Der heutige Festaufruf schließt: „Vorwärts denken, vorwärts sehen, vorwärts reiten I" Die Blickrichtung nach vorwärts ist begrüßenswert, wenn sie nicht durch eine Brille mit falschen Augengläsern getrübt oder abgelenkt wird. Dies geschieht auf den meisten Regimentstagen durch militaristische Festredner, meistens Generale, die im Glückszustand enormer Pensionen leben. Auf dem Frankfurter Tag der Schwerartillerie, genannt die „Bummerer", schwätzte ein solcher Herr eine blöde Masse Sturzblech von neuem Krieg, in welchem die größten Geschützlöcher die Sieger sein werden. Aber die Excellenz bleibt zu Hause. Auch hier wird ihm sein Bummern nichts mehr nützen, wenn die Kriegsfurie mit ihrem Giftgasfarzen das Massensterben auch der Zivilisten herbeiführt. Vorwärts denken und sehen — es braucht dabei nicht geritten werden — im Geiste und mit dem Ziele der Völkerverständigung und -Versöhnung. Achtung vor der republikanischen Verfassung, welche die Kriegsfrevel der Fürsten unmöglich macht und das Volk zum Leibregimeut der Frei- heits- und Friedensgöttin macht. Unter ihre Fahne muß sich der sittlich denkende Bürger stellen und vorwärts denken und sehen. An Gedenkfeiern sollte der General v. Schönaich die Festrede halten, der soeben als Vorwärtsseher eine Kriegswarnung veröffentlicht. Er sagt über Hamburg: Was die Millionen von Toten des Weltkrieges nicht vermocht haben, werden vielleicht jene unglücklichen Opfer noch im Grabe zuwege bringen: der Menschheit die Augen darüber zu öffnen, was ihr bevorsteht. Ganz sicher ist die Zeit der Massenheere vorbei. Kleine Eliteheere werden mit Maschinen und Gift beim Gegner möglichst viel Menschen zu töten und Fabriken zu zerstören suchen. Das Hauptangriffsziel werden daher die großen Industriezentren sein. Bei der verbesserten Fluchtechnik wird die Entfernung von der Landesgrenze gar keine Rolle mehr spielen. Wir Vadeuer au der Reichsgrenze bekämen die ersten Proben der Gasfabrikate. Also: vorwärts denken! Bor 50 Jahren. Das werktätige Volk klagte damals über die wirtschaftliche Notlage — sieben Jahre nach dem siegreichen Kriege — genau wie heutzutage der arbeitende Stand unter dem Einfluß der Kriegslasten. Das Jahr 1878 war reich an Existenzzusammenb'rüchen in der Stadt und Umgebung. Im Februar entstund das Gantedikt gegen die hiesige Brauerei Busch er. Gleichzeitig ist aus der Gantmaffe des Schwarzwälderhofwirts Carl Hessel (Bahnhofstraße) die Einrichtung der Wirtschaft und der vielen Gastzimmer zwangsweise versteigert worden. Gegen Jakob Kahn, Handelsmann, der in den Konkurs geriet, wurde auch eine Klage wegen verspäteter Zahlungseinstellung erhoben und von der Strafkammer eine achttägige Gefängnisbuße verhängt. Witwe Jos. Battiany hatte im August 1877 das Gasthaus zur Traube in Fessenbach wiederbezogen und eröffnet. Im Frühjahr darauf trat die Zwangsversteigerung ein. Das ebenfalls auf Fessenbacher Gemarkung gelegene Rittmeister a. D. v. Seebach'sche Gut ergab auch keine genügende Rente. Die Gläubiger sind deshalb gegen die in Straßburg wohnenden Eheleute Julius v. Seebach mit Zwangsvollstreckung vorgegangen. Im Mai ist das Gantverfahren gegen Korbmacher Franz Minet eröffnet worden. Es wurden aus dem ganzen Lande öfters Tagfahrten-Verzeichnisse der Zwangsversteigerungen im Ort. Boten veröffentlicht, die halbe Spalten umfaßten. Von den vielen auswärtigen Konkursen seien nur erwähnt: das Hotel Krone (W. Bauer) in Triberg, das Gasthaus zum Schwan in Altenheim (I. Fmk); das Joh. Heizmann'sche Hofgut in Zell a. H. Der Kunstmaler Hermann Götz, der in Rom verweilte, teilte seinen Gengenbacher Freunden mit. daß ihm vom italienischen König das Ordensritterkreuz der italienischen Krone verliehen wurde. Der Landsmann empfing damit eine Belohnung für ein von ihm angefertigtes Kunstblatt, das er im Aufträge des deutschen Künstlervereins zu Rom dem Viktor Emanuel überreichte. Aus dem Gewerbestand. Der Küfer Andreas Bürkle etablierte sich im Schreiner Bühlmann'schen Hause der Gymnasiumstraße. Otto Dathe, bisheriger Sternenwirt, übernahm die Wirschaft des katholischen Vereinshauses. Der Vorgänger, A. Landmann, errichtete ein Pfandleihgeschäft in der Rittergasse. Schlossermeister Franz Den gl er eröffnete sein Geschäft in der Ritterstraße. In das Firmenregister wurde eingetragen: Kaufmann Gordian Wölfl e dahier, ferner die Firma Ed. Fricke u. Cie., hier (früher in Hagen Fricke u. Bosch), jetzt Wilhelm Bosch als Inhaber. Sin weltgeschichtliches ZnbllSnm II. Die sozialdemokratische Fraktion hatte am 23. Mai in der Reichstagssitzung durch den Abgeordneten Wilhelm Liebknecht die Erklärung abgeben lassen: sie halte es mit ihrer Würde unvereinbar, in die Aussprache über das Hödel-Gesetz einzugreifen; an der Abstimmung werde sie sich beteiligen. Nachdem am folgenden Tage der 8 1 mit 251 gegen 57 Stimmen abgelehnt worden war. hat der unterlegene Minister H o f m a n n namens der Regierung auf die Weiterberatung verzichtet. Darauf zogen die Sozialdemokraten aus, um im Reiche die Arbeiter über die geheime Tendenz dieser Gewaltpolitik aufzuklären. Am Sonntags den 26. Mai, sollte eine sozialdemokratische Versammlung in Weimar stattfinden mit der Tagesordnung: „Das Berliner Attentat und die Sozialdemokratie. Die hereinbrechende Reaktion. Berichterstatter Ufert." Als aus der Stadt und Umgebung eine Menge Besucher auf dem Versammlungsplatze sich einfanden, war er schon von der Polizei besetzt, welche das vom Ministerium erlassene Verbot durchzuführen hatte. „Dies wurde allgemein freudig begrüßt," setzte der offiziöse Bericht fälschend hinzu. Genau so erging es in Baden. Hier begann die Unterdrückung der Versammlungsfreiheit schon am Tage, als die Nachricht vom Hödelfchen tollen Streich eingetroffen war. An jenem verhängnisvollen Sonntag sollte zu B r u ch s a l im Gasthaus „Fortuna" des Herrn Weckeffer eine sozialdemokratische Versammlung stattfinden mit dem Redner Daniel Lehmann aus Pforzheim. Bei der Nachricht vom Attentat verweigerte der Wirt die Benützung des Saales. Als sodann die Versammlung auf Sonntag, den 19. Mai, verlegt wurde, erklärte später der Wirt, er müsse wegen aufgeregter Stimmung der Einwohnerschaft bei der'Absage beharren. Der Amtsverkündiger „Kraichgauer Zeitung" schrieb dazu: „Möge dieses Beispiel überall und immer Nachahmung finden l" Nach dem Nobiling-Verbrechen wurde es vollständig unmöglich, sozialistische Versammlungen zur Aufklärung abzuhalten. Den ersten Persuch machte August Dreesbach in Mannheim, der damals neben dem Pforzheimer Daniel Lehmann zu den badischen Aposteln der marxistischen Lehren gehörte. Er hatte auf den 5. Juni eine Volksversammlung in Kaiserslautern veranstaltet mit der Tagesordnung: „Das Attentat auf den Kaiser und das Hödel-Gesetz." Da erschien ein Aufruf, unterzeichnet von zahlreichen bürgerlichen Parteien, mit der Aufforderung zu einem Massenaufgebot, um in der Versammlung die Sozialdemokraten abzufertigen. Deshalb mutzte die Peranstal- tung unterbleiben. Am 8. Juni fand in Worms eine von den bürgerlichen Parteien einberufene Demonstration gegen die „sozialistisch- revolutionären Umtriebe" statt. Die gefaßte Resolution forderte einen Kampf auf Schritt und Tritt, durch Wort und Schrift, durch öffentliche Veranstaltungen. Die Hauptaufgabe in diesem parteipolitischen Bürgerkriege wurde den Arbeitgebern, den Fabrikanten und Meistern zugeteilt; sie sollten „in der ihnen am geeignetsten erscheinenden Weise" ihre Macht gegen die Arbeitssklaven ausüben. In dieser feindseligen Jnqui- sitionsstimmung sandte die Versammlung ein Begrützungs- tclegramm an den Kaiser. Die Berliner „B ö r s e n - Z e i t u n g" brachte einen kapitalistischen Hetzartikel, der mit der Phrase endete: „Der Boden unseres Staates, unserer gesamten Institutionen, unserer ganzen Existenz ist dermaßen unterhöhlt, daß überhaupt nichts mehr sicher erscheint." In demselben Tenor war die Einleitung der Eesetzesvorlage gehalten, welche Bismarck namens der verbündeten Regierungen am 7. Juni beim Bundesrat einreichte, der Gesetzentwurf zur Abwehr sozialdemokratischer Bestrebungen gegen „jene Gesinnungen, die um sich griffen und zu mörderischen Taten sich steigerten". Da vom bestehenden Reichstag keine Mehrheit für einen wiederholten, auf gleicher Grundlage aufgebauten Entwurf zu erwarten sei, müsse durch Auflösung des Parlamentes der Erfolg der Äusnahmegesetzgebung gesichert werden. „Die Bestrebungen der Sozialdemokratie machen diese Abwehr außerhalb der bestehenden Gesetze notwendig." An demselben Tage ging noch eine erlogene Spitzelmeldung durch die Bismurcksche Reptilpresse: „Der Polizei ist es gelungen, einen in bezug auf das Attentat schwer Verdächtigen in Schwerin aufzufinden. Derselbe ist gefesselt in Berlin auf dem Molkenmarkt angelangt. Vierzig Kriminal-Polizeibeamte versehen unausgesetzt den Dienst an der Zentralstation. Sämtliche Militärposten sind mit scharfen Patronen versehen. Beurlaubungen sind den Soldaten aus Pfingsten verweigert worden." Damit sollte das „Volk in Waffen" gegen die Arbeiterschaft aufgereizt werden. Es gelang nicht mehr, den für Magdeburg verbotenen Gewerkschaftskongreß in Hamburg, einem republikanischen Bundesstaate abzuhalten. Schon am 13. Juni wurden die Bekanntmachungen zur N e u w a h l des Reichstages ausgeschrieben. Am 10. September endete der aristokratische Attentäter Dr. Nobiling, den die Lorbeeren des herostratifchen Wasserkopfes Hödel nicht ruhen ließen. Beide hinterlistigen Büchsenschüßen stunden außer jedem Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Kvlturbewegung, waren durch erbliche Belastung hirnkranke Idioten und durch Geschlechtsleiden verseucht. Am 16. August wurde dem Hödel der Kopf abgehackt, da kam das sauere Hirn ans Tageslicht. Mit diesen Schuften wurde das deutsche Bürgertum, das man feit acht Jahren zu monarchistischem Wahnsinn und kaiserlicher Götterverehrung erzogen hatte, so eingeschüchtert, daß die Reichstagswahl des 30. Juli unter der Gewalt eines Terrors den ersehnten Reichstag brachte, der am 19. Oktober mit 221 gegen 149 Stimmen die Entrechtungsbill der Arbeiterschaft heiligte. Nun begann aber ihre Leidens- und Heldenzeit. D'r alt Offeburger. Bürger! Schad drfür, daß dr Herrgottsdag vr- regent un d' Prozeßjon zue Wasser waren isch. Sie isch vrlegt uff dr Sunndig; bis derthin mueß awer s Seegras trucke sien, wo uff d Schtrooße zettelt waren isch. Wenn als am Vorowe d Kinder keini Burzelbäum uff dr Rehgrashüfe mache un s Schtreu nit vrzettle kinne im Kampfschpiel, na isch's naß Fuetter schun e Vorzeiche vun schlechtem Fescht- wetter. Daß awer um Sexi morges e Dunnerwetter mit Blitzliächt un Wolkebruch dene Fiertig ienleitet, ghört doch zue de ganz üwerzwerche Nadurerschienunge, wiä mr sie dißjohr vielfach erlewe. Es gitt Biwelforscher, diä sage, d Welt giäng ball uß em Liem. Es hett au sinni gueti Sitt ghett, sell Dunnerwetter am Herrgottsdag, bsunders für d Anhänger vun de Kneipp- kure. Zue was uff Wörrishofe reise un dert in de nasse Matte rumschtelze wiä d Schtorike biem Fröschefang, wem- mer's hiä mitten in dr Schtadt bsorge kan? Uff em ein» schtige Saumärk, jetz Kloschterplatz, henn sie bigoscht vom nasse Seegras e Matratz gmacht ghett, wiä wenn dr Schnittlauch duumedick uff eme Bibiliskäsbrod ufftrage wurd. Dr groß Platz sieht uß, als obs e Nachtlager für e paar hundert Leibdragoner, wo als gern im Schtrauh glege sinn, geen müeßt. Uß dere fueßdicke grüene Schilfmatratz macht dr Wolkebruch e gfüllter Wasserschwamm. Jetz kumme awer d Wiebslitt uß dr Dagmeß un selli, wo mit de Früehzüg vrreise welle, uß alle Richtunge uff de Trottwar drhergschtelzt mit ihre moderne Asseschtiefeli uff dreischtöckige Absätz un floretsiedene Hütt an dr Schenkel. Nix als nüwer üwer diä seegrasgrüen Kloschtermatt! Es füehrt kai anderer Weg uff Küßnacht! Jeß geht awer en unfreiwilligi Kn eipp- kur mit gründliger Behandlung los. D Grasmatratz wirkt bie jedem Schritt wiä e Badschwamm; do wurd s Regewasser niendruckt in diä elegant Schossur un durch d Bat- scher schpritzt de grüen Malzextrakt an de Unterschenkel nuff bis üwer d Wade; an dr dicke Schtempfel um so höcher. An so emä künschtlige Wiewerschenkel, wiä sie an de Ußlagfenschter vun de Schtrümpfläde dr Reiz ußüewe, sott dr Kneippvrein so e Seegraßkur-Erfolg ußschtelle. Bis am Sunndig isch Widder Schueh un Schtrumpf trucke. No kann's nomol losgehn: aß r galöppere! Detz im Sell. Am 10. Dezember schloß der „Alte" (Nr. 1481) seine Ausführungen über die mehrtägige Schwurgerichtsverhandlung in dem sensationellen Meineidsprozesse mit der Frage, ob daraus eine neue Meineidsklage entkeimen werde? Denn das Zeugenverhör mit seinen auf Eide gegründeten Widersprüchen zu tatsächlichen Feststellungen machte den Eindruck, daß hier mindestens in fahrlässiger Weise die Wahrheit unterdrückt wurde, wenn man nicht eine verbrecherische Organisation zur Bekämpfung des Wahrheitsbeweises vermuten wollte. Nun hat sich unsere Hellseherin bewährt. Die am Dienstag erfolgte Verhaftung des Barons v. Stein - berg aus Oberkirch (Winterbach) ist die Einleitung zu einem neuen gerichtlichen Strafverfahren in der Tragödie des Unterganges dieses Adelsgeschlechtes im Renchtale. Der Baron rief damals den Schutz der Offenburger Staatsanwaltschaft an, die heute die Untersuchungshaft in einem eingeleiteten Strafverfahren über ihren früheren Schützling verhängen mußte. Unerwartet ist. aber die Wendung: die zweite Baronin von Steinberg, die im Gerichtssaale dem Kämpfer gegen die erste, zu alimentierende Gattin so hilfreich beistund, machte der Strafbehörde die Anzeige: Ich bin nicht v. Steinbergs legitimes Weib; des Herrn gegenteilige Behauptung im Zeugenstande war Lüge. Und das Motiv dieser Denunziation? Herr v. St., der im Gerichtssaal seine wirtschaftliche Notlage als Gutsbesitzer beklagte, die ihn zwinge, durch eine Handelsvertretung den Unterhalt zu verdienen, der Baron habe beim Abbau des ihn belastenden Personals auch die zweite Hausfrau ausgeschaltet. Die süße Rache zu üben, erstattete das Weib eine Anzeige. Wird nun die abwägende Gerechtigkeit an die abgebaute Baronin die Frage stellen: hat auch die damalige Zeugin vor dem . grünen Tische die Wahrheit vergewaltigt? Ich bin doch nicht die zweite Frau v. Steinberg! In jener Gerichtsverhandlung ist mit der Zeugnisgeberei so sträflicher Mißbrauch getrieben worden, daß es auf eine Verletzung der Eidespflicht nicht ankam. Wir beklagen es, daß der familiäre Abbau im Hause Steinberg mit so großen Kosten auf Rechnung der Steuerzahler vor sich geht. Eine gute Seite würde dem Uebel zugebilligt werden, falls für die erschütterte Rechtspflege eine Abschreckung gegen den Satan des Meineides daraus entstünde. Vielleicht kommt nun das ganze System jener Widersprüche zu einer erfolgreichen Bestrahlung. Die letzte Herrin im Oberkircher Herrschaftshause, das mit dem knallroten Ziegeldache weithin sich kundgibt, hat in ihrem immer noch günstigen Alter ein wechselvolles Ehe- Lundsschicksal hinter sich. Als Fräulein Henriette Momberg heiratete sie einen Oberleutnant, als Geschiedene einen Admiral, als Witwe einen Baron und pensionierten Offizier. Und nun will die Dame nur vom Dompfaffen im Waldrevier des Renchtals getraut sein. „Die Anlagen sind dem Schutze des Publikums empfohlen", erklärten früher die städtischen Kundgebungstafeln. Aber einer ständigen Parkwache konnte nicht entbehrt werden. Der alten Generation ist die Reihe der Beschützer noch im Gedächtnis vom Bangert Eschbacher vor 70 Jahren bis zum Hutmacher Christian Glunz. Der letztere starb im vorigen Jahre 82 Lenze alt und konnte noch kurz vor feinem friedlichen Einschlummern einen langsamen Spaziergang durch die schönen Promenaden machen, deren Obhut ihm 1896 anvertraut worden war. Nach dem Zusammenbruch der Schweiß'schen Hutindustrie hatte der Arbeiter Glunz, der seit 1872 dahier den schweren Beruf ausübte, einen gesundheitfördernden Dienst in der frischen Luft. Der begnadete Tenorist der „Germania" und des Arbeitersängerbundes empfand ein Wohlgefallen am gefiederten Sängerchor im Bereiche der Anlagen; er mochte stets „mit ihnen singen aus voller Kehl und frischer Brust". Unartiges Kindervol! fürchtete den kleinen Anlagengeist, der ein guter Kinderfreund war. Seinem Nachfolger Robert Bürkle bereitet die Obhut manche Sorge; denn es sind heute hohe Werte unserer städtischen Juwelen zu beschützen. Zur Flora, die uns Meister Söll mit seinen Gärtnern so prachtvoll kunstgerecht vorzaubert, kommt im Zwingerpark das animalische Inventar. Brut des Geflügels zu schützen, den Schnäbeln für Atzung zu sorgen, erfordert Liebe zur Sache. Hunde sind schlimme Anlagenbesucher. Für den ermordeten schwarzen Schwan kam jetzt ein zarter Ersatz: zwei junge Schwäne weißen Gefieders gondeln auf dem Zwingerteich. Unser Bürger Albert Meyer, Besitzer des „Offenburger Hofes" ist der Stifter. Uns schwant, der Ratsdiener der Vorstadt ergänzt die Teichflotte durch ein junges schwarzes Paar. Ist doch im neuen Lohengrin-Winkel des Schwanen-Gasthauses ein phantastischer Graaltempel errichtet, dem der Zwingerpark als Vorbild dient, ein Teich mit vielen Schwänen. Vorherrschend in dieser Junimischung ist der Duft üppiger Holderbüsche und Jasminhecken. Wer seinen Kopfschornstein nicht mit Schnupftabak verstopft, kann sich mit solcher Narkose, die zur Zeit ohne Beimischung pulverisierten Straßenzimmts eingesogen werden kann, angenehm betäuben. Aus den grünen Verstecken wagt sich jetzt eine neue Generation hervor, flügge gewordene Vogelbrut wagt den Verkehr aus dem Lufthorst zur Erde, wo die Katzen mit geschärften Krallen schon auf den Fang lauschen. Eben setzt uns eine Spatzenmutter zutraulich ihre Drillinge, für die wir täglich Futter streuten, auf die Fensterbank. Unter weifen Ermahnungen stopft die Alte ihren Setzlingen die breiten Mäuler. Ein Amselpaar flattert weheklagend umher. Ein junger Gelbschnabel stürzte über's Nest, erstmals dem Gesetz der Schwerkraft folgend. Das war Selbstmord eines Kindes. Die Anlagen werden bald auch die Rosenpracht enthüllen. Von der Monschpromenade dringt dann der Rosenduft hinüber in den Gasthof, wo sich daran Gute und Böse laben, sogar Doktoren und Barone hinter vergitterten Fenstern. * * * Die Gewinn-Ziehung der Biehmarktlotterie ergab folgendes Resultat. Der höchste Preis (2 Pferde gewertet zu 3000 M.) fällt auf Loos 24080 ; ein Pferd erhält der Besitzer des Looses 6930. Ferner sind gezogen die Nummern 15381 12407 7278 13057 10447 13699 4589 11676. «Rinder) 15086 16820 14050 20995 (Zuchtferkel). Es kommen noch Gegenstände in Betracht. Die Donkosaken besuchen unsere Stadt wieder am Mittwoch. Ihr Konzert wird sich eines guten Zuspruchs erfreuen. Wie zu erwarten war, hat die Einwohnerschaft das Zuschneid- Frühlingsfest sehr zahlreich an beiden Abenden besucht. Dem Komponisten Hngo Zuschneid und der anwesenden Dichterin des Textes für den Froschkönig Erika Ebert ist eine wohlverdiente Ehrung zuteilgeworden. Auch die ausübenden Kräfte fanden freudige Anerkennung. Ueber die Veranstaltung, die vorbildlich ist für künftige Anlässe soll noch Näheres mitgeteilt werden. Parole 50! Der Ausschuß, dem die Vorbereitung des diesjährigen 50er-Kongresses übertragen wurde, ist eifrig bemüht, die Aufgabe zu lösen. Es handelt sich um eine gesellige Zusammenkunft der Offenburger beider Geschlechter, die im laufenden Jahre das halbe Hundert ihres Lebensdaseins vollenden. Den auswärtigen Jubi- laren, die im Verbände Altoffenburgs sind, diene znr Kenntnis, daß Herr Stadtrat Heisch Anmeldungen entgegennimmt. Als Tag der Zusammenkunft ist der 8. September bestimmt. Vom Kunstgewerbe. Das Kirchlein des neuen Kapuzinerklosters an der Landstraße nach Bühl ist mit einem Kunstwerk'geschmückt worden, mit einer Kreuzigungs-Darstellung, meisterhaft angefertigt im Atelier des hiesigen Bildhauers Peter Valentin. Schwere Entscheidung. Für die Besetzung der vier Hauptlehrerstellen an der städtischen Schule liegen nahezu 130 Bewerbungen vor. Darunter befinden sich auch Lehrerinnen aus Offenburg, die aus Familienrücksichten in der Heimat eine Dienststellung ersehnen. Wahlstatistik. Nach dem endgiltigen Ergebnis sind bei der Reichstagswahl abgegeben worden 31145308 Stimmen gegenüber 30703591 im Dezember 1924. Da aber gleichzeitig die Zahl der Wahlberechtigten von 38987385 auf 41 295102 gestiegen ist. so beträgt die Wahlbeteiligung nur 75,4 Prozent gegenüber 78,8 Prozent im Jahre 1924. Der Rückgang ist hauptsächlich verursacht durch dir außerordentlich schwache Wahlbeteiligung in Südwestdeutschland, im badischen Wahlkreis haben nur 61,7 Prozent abgestimmt. DaS Musterländle zeigt sich auch in der politischen Intelligenz obenan. Geographie ««genüge»-- Zumeist ereignet sich die Verwechslung der Städtebezeichnungen Offenburg und Offenbach. Als vor kurzer Zeit die sportliche Hiobspost über die Erdenrunde lief: „Offenbach schlägt Offenburg" erschien keine Berichtigung. Ende Mai traf aus Leipzig eine Drucksache hier ei» mit der Adresse: Herrn Karl Doß Offenburg in Baden Südlich Altenheim, Stegerstr. 10. Eine Verwechslung mit Offenbach ist diesmal ausgeschloffen. Es müßte aber zur genauesten Ortsbestimmung lauten: Offenburg, nordöstlich Ottenheim. Vogelgesang. Im April brachte daS „Offenb. Tagbl." eine Melodiewiedcrgabe des Walddrosiel-Liedes: Radelit, radelit, radelit. Tralüa — Tralüa! Tilljö tilljöh tilljöh. Wuitt wuitt! Hipp hipp. Eine in unserer Gegend bekannte Uebersetzung dieses BogelgesangS lautet: Nimm e' Wieb l Nimm e’ Wieb I Hau' si' nit! Hau' si' nit! Tritt st'! Tritt si'I Tritt st'! Personalien. Freiw. Feuerwehr. Ehrenmitglieder sind in diesem Jahre geworden: Hauptmann Josef Huschle und die Wehrleute Franz Huber alt, Johann Link, Rudolf Schirrich alt. Adolf Burg, Adolf Schönle, Karl Wilhelm Friedrich alt, Alois Huber alt, Franz Bob alt, Franz Aporta und Ferdinand Müller. Das Assessor-Examen hat Dr. Max Kahn, der Sohn unseres Mitbürgers Kahn erfolgreich abgelegt. Die Eheleute Georg Schäfer, Schuhmachermeister und Frau (geb. Eisele) feierten das Fest der silb. Hochzeit. Das medizinische Staatsexamen bestund der Sohn des praktischen Arztes, Herr Hans Künzig, früherer Oberrealschüler dahier, mit der Rote sehr gut; und erhielt den Doktor-Titel mit höchster Lobesauszeichnung. Die Meisterprüfung hat Maschinenschloffer Paul Weichert dahier bestanden. Standesbuchauszug 1928. Geburten: Mai: 15. Jaime Francisco Pedro, V. Weinhändler Esteban Viarnes, 18. Gerhard Josef, V. Hausmeister Josef Seckinger. 19. Gertrud Luise B. Fuhrmann Friedrich Jung. 21. Charlotte Maria, V. Elektromonteur Gustav Albert Homm. 24. Eugen Klaus Theodor, V. Schlosser Eugen Franz Bürkle. 26. Johanna, V. Taglöhner Heinrich Gand. 27. Werner Herbert, V. Reservelok.-Führer Alfons Gießler. 26. Hedwig Marta Helena, B. Dachdecker Gustav Kopp. 29. Wilfried Georg Hermann. V. Gewerbelehrer Hermann Stefan Schilli. Heiraten: Mai: 19. Ingenieur Arno Roderich Raimund Funk und Johanna Frieda Petzold. 26. Maurer Heinrich Gegner und Dienstmädchen Rosa Schwarz. 26. Fuhrmann Josef Armbruster und Frieda Schrempp. 26. Kaufmann Otto Franz Schuppler und Verkäuferin Maria Josefa Heisch. Brlekfaste» des „Alten". Obersportler hier. In der Dienstagsausgabe des „Orte- nauers" ist von der Radiomeldung über eine mutmaßliche Landung der „Jtalia" gesagt, „daß es sich um ein Zwischen st adion handelte". Das erweckte bei euerer Sportgemeinde das Verlangen, bald einmal an einem Wettkampf im Stadion auf Franz-Josef-Land teilzunehmen. Jener Archipel des hohen Nordens mit Gletscherbergen ist vor etwa 50 Jahren von einer österreichischen Expedition entdeckt worden. Die ärmliche Vegetation ermutigt nicht zur Ansiedelung menschlicher Kolonisten. An Eisbären, Seehunden, Pinguinen mangelt es nicht. In dem erwähnten Stadion können also nur Wettkämpfe unter jenen Tiergattungen ausgetrageu werden. Das Wasserballspiel ist dort sicher der erste Sport. Tertianer Gaudens hier. Das hier eingekehrte Riesen- Sommer-Variete mit seinem „Riesen-Weltstadt-Programm", enthaltend: »Auftreten Künstler und Künstlerinnen von Weltruf", sowie 6 Geschwister D. Steh die Könige aller Hockseilkünstler", machte für Dienstagabend durch Zirkulare noch folgende Extranummern bekannt: Großes Feuerwerk, sowie Andreas Hofers Tod Landwirt aus Tirol mit Benzolfeuerwerk, Du junger Feinschmecker bist von dieser sprachlichen Schönheit so entzückt, daß Du solchem Schriftsteller den Ehrendoktortitel verleihen möchtest. Diese Druckschrift ohne Imprimatur läßt aber nicht erkennen, ob die Direktion der „Weltfirma" diesen Text preßgesetzlich vertritt — Mit Benzol hat der tapfere Sand Wirt von Passeher am Jselberg sicher nicht gefeuert. — Die Arena ist sehenswert. Neugieriger Vorstädtler hier. Wir wissen keine Antwort auf. die Frage, was ein Logbuch ist? Tatsächlich berichtete am Mittwoch die „Offenburger Zeitung," daß das australische Flugzeug „Kreuz des Südens" in 35 Stunden nach einem kühnen Flug über den Stillen Ozean in Suwa (Fidschi-Inseln) eintraf. Dann heißt es: „Unablässige Radiomeldungen geben ein dramatisches Logbuch des längsten Ozeanflugs der Menschheitsgeschichte." Ob dieses neue Doppelhauptwort in seinem ersten Teile mit dem Zeitwort „gelogen" in Verbindung zu bringen ist? Könnte es möglich sein, daß bei Radioberichten gelogen wird? Bei den Berichten über die „Jtalia" ist viel geflunkert worden. Es gehört auch zu den neumodischen Sprachverbesserungen, was dieselbe Zeitung über jene Concordianer sagt, welche am Sonntag bei der Einweihung des Sonnen Hauses unseres Schwarzwaldvereins in der Moos beteiligt waren; sie brachten „aus golenen Kehlen und daher tonrein . . . Lieder zum Bortrag" Daher also die Elite des Gesanges; außerordentliche Kehlen! Obstmarkt Ostenburg jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von morgens 6 Uhr ab bei der Fruchthalle. ii?09 Vrolkensammlung. Fast in jedem Haushalt befinden sich Kleider, Wäsche und oft Möbelstücke, die für den betr. Haushalt nicht mehr zu verwenden sind, die aber Bedürftigen noch gute Dienste leisten können. Das Fürsorgeamt ist bereit diese Sachen durch sein Lager (bei Schreiner Mandel, Goldgasse 8) Bedürftigen zukommen zu lassen. Die Sachen können dort abgegeben werden oder werden auf Verlangen abgeholt. 11710 Stadt Offenburg — Fürsorgeamt. Ja, PlooiMk-Mllic«. Kerg-FMk Gerberstr. 10 — Karl Getzler — Telef. 1082 Reparaturen fachmännisch. 11292 52.15' Oer weltberühmte 11711 Don- Kosaken Chor singt wieder Mittwoch, den 13. Juni 1928. Vorverkauf: 6 . Roth, Buchhandlung, Fernr. 1397. Preise der Plätze: 1. Sperrsitz 4 M., 2. Sperrsitz 3.50, 1. Platz 3 M., Balkon 3 M.,~2. Platz 2.20 M., Stehplatz 1.50 M. ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ Einladung. Am Sonntag, den 10. Juni d. I., nachm. */ss3 Uhr, findet in der Stadthalle in Offenburg die ianöarten-Heihe des Vereins ehem. Leibdragoner Offenburgs und Umgebung unter Mitwirkung der Kriegerund Waffenvereine, des Ortenauer Reiterverbandes sowie der Stadtkapelle unter persönlicher Leitung des Herrn Musikdirektors Schlager statt. Nachmittags 2 Uhr: Aufstellung der Vereine in der Volkstraße und anschließend Festzug durch die Hauptstraße, Steinstraße, Wilhelmstraße, Unionbrücke, Hauptstraße nach der Stadthalle. Festrede des Herrn General Frhr. v. Holzing- Berstett-Bollschweil sodann Weihe der Standarte durch den Geistlichen Lehrer Herrn Schinzinger, Rittmeister a. D. aus Mannheim. Abends Festball. Wir laden die verehr!. Einwohnerschaft Offenburgs und Umgebung zu dieser Veranstaltung freundlichst ein und bitten die hiesige Einwohnerschaft um Beflaggung ihrer Häuser. ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ Dr. Kempf von der Reise zurück 11712 Redaktion, Druck und Verlag von Adolf Geck, Offenburg.