Y'r alt Osseburger. Belletristische und humoristische Chronik der Kreishauptstadt Gffenburg. Nr. 362. Ausgabe vom 22. April 1906. Preis 10 Pf. Der Krösus Offenburgs starb am Palmsonntag. Die Fenster und Läden der Villa Pfae hler, über welcher ein Frühlingssonnenschimmer lag. ließen den eindringenden Odem des sanft fächelnden Windes seltsamerweise freiesten Paß. Ein Zeichen für alle Offenburger, daß der patriarchalische Burggeist im verzauberten Junggesellenschloß sein Kommando jetzt nicht mehr ausübt. Heinrich Pfaehler ist tot. Seit zwei Tagen ahnten die Leute, daß die Zahl der Pulsschläge bald vollbracht ist; die Konsultation eines Professors der inneren Medizien bestätigte nur die Diagnose des Bezirksarztes. Mit Tod endet vorschriftsmäßig das schmerzhafte Leiden, das auf wenige Wochen den reichen Schloßherrn Offenburgs an's Lager gefesselt hatte. Der Einsiedler an der Bahnhofstraße ging höchst selten extra muros; nicht einmal die Strenge des katholischen Kirchengebotes beflügelte seine Schritte, daß er etwa am Sonntag seinen Weg zur Kirche nähme. Wer gewahrte ihn einmal unter den Andächtigen, welche beichteten, der Predigt lauschten oder der obligatorischen Messe? Wo war seines Standes Stelle in der Rangordnung der Prozession? Keine Glocke kam zu ihm gewackelt. Auch den Luxus einer modernen Haurkapelle gestattete sich der reiche Einsiedler nicht. Dafür ehrte ihn zuletzt die Priesterschaft durch freundliche Besuche in seinem väterlichen Ersitze. Sogar die Geistlichkeit beider christlichen Konfessionen in den letzten Jahren! Heinrich Pfaehler besaß die Gabe des Mißtrauens in reichem Maße; sie war die Partnerin eines sündhaften Hanges am zeitlichen Gut. In der einzigen Plauderstunde, die ich nur einmal, und zwar in geschäftlicher Weise vor 2 Jahren mit ihm hatte, bezeichnete er die neumodische liebevolle Aufmerksamkeit der Hohepriesterschaft beiderlei Richtungen als eine ihm auffallende Erscheinung; er war beunruhigt durch den Argwohn, daß sie den reichen Pfaehler bereits für die Trennung von seiner vielbegehrten Habe vorbereiten würden. „Ich habe beiden Herren zu erkennen gegeben, daß ich ihre Besuche als solche der idealen, uneigennützigsten Art dankbar annehme." Die Erbauung des Bezirksamts-Gebäudes zu Offenbnrg, früher Köuigshof genannt. Von Kasimir Walter (für den Volksfreund 1883). II. 19. Juni. Amtmann Brse an Hofkammer; derselbe ist in Unterhandlung mit dem Stadtrat wegen frei Erlassung und Zu- gebung des vorhabenden Verbaues und Vorführung des Amthauses bis an das Eck vom Nebenplatz. — Mit dem proprietarius des Nebenplatzes hatte der Amtmann simulancio dessen Undiensamkeit und Absagung vorgegeben, worauf dieser den Preis auf 500 fl. ermäßigte mit dem Beisatz, der Amtmann möchte ihm zu hochfürstl. Gnad in Erhaltung einer expectance auf ein geistliches bsnelrcium behülflich sein, worauf der Amtmann ihm vorgestellt „er würde wohl gethan haben, wenn er a principis seinen Platz offerirt und sich der hochfürstl. Gnad submittirt haben würde, welchenfalls man ihm doch den Platz nach Billigkeit bezahlt und daneben zu hochfürstl. Gnad behilflich gewesen sein würde." Inzwischen bezog er für 250 fl. Floßholz zur Probe und in der Steingrube wurden, aber nicht mit gehofften suLLess, Steine gebrochen. Die Fevstersteine zu Staufenberg, deren 100 Stück an Zahl wurde beaugenscheinigt und hierher transportiren lassen. „Das Frohnbrodt lasse täglich den Unterthanen, deren täglich 18 Heinrich Pfaehler konnte sehr höflich sein ; dreier Reichskanzler persönlicher Bekanntschaft rühmte er sich. Jene aber, die den Gesetzen seiner autokratisch lautenden Hausordnung nicht fügsam waren, ließ er mit der rauhen Kehrseite seiner irdenen Prägung bekannt werden. Darinnen lautete der kategorische Imperativ: n a ch 2 Uhr des Mittags bleibt die hohe Pforte des Gartens für jedermann geschlossen; lasciate ogni speranza! Es darf niemand mehr eintreten, wäre es selbst der Kaiser oder Großherzog, der mich besuchen wollte. Auch diese drakonische Isx Henriciana übertrat schließlich die Macht der Entwicklung: dem todkranken Krösus war der Medizinalrat zu jeder Stunde willkommen; auch der Stadtpfarrer und Dekan Ritzenthaler wandelte ohne Zeitwahl mit dem Sakrament durch die hohe Pforte, um dem unfolgsamen Sohne der Kirche liebevoll entgegenzukommen, der selbst die pflegende Hilfe der katholischen Ordensbrüder kategorisch abgelehnt hatte. Und wie bedürftig der Pflege lag der verlassene Junggeselle, in dessen Kästen und Truhen keine liebende Seele für Ordnung sorgte, in seinen letzten Zügen! Droben der gleisende Prunk einer Sammlung von Edelsteinen und Elfenbeinkunstwerken, deren Wert er auf eine Viertelmillion schätzte,- für den sterbenden Leib des Millionärs kein frisches Linnen, kein reines Lacken. Heinrich Pfaehler starb; unbeeinflußt blieb sein letzter Wille von der verpflichtenden Dankbarkeit für das so liebevolle Entgegenkommen der Kirche, welche kurz zuvor den reichen Mammon einer alten Offenburgerin schmunzelnd einheimste. Vielleicht ermahnte den Sterbenden der geistliche Zuspruch dahin, der nächsten Verwandten, der 3 Kinder seines leiblichen Bruders Georg nicht länger trutzig zu vergessen? Dann würde die Verzeihung und Versöhnung das letzte Werk der christlichen Erbauung durch den Priester gewesen sein, ehe das Abendmahl den Weg über die Lippen des reumütigen Zürnenden fand?- Das Testament löst alle Zweifel der drängenden Ungeduld des Volkes. In einem Schreibpult, nicht gerade sorgfältig verwahrt, lag „Mein letzter Wille". Einmal schrieb der arbeiten und 12 Wagen Stein und Anderes zuführen, reichen und borge solches allenthalben, weil aber mein Brodcredit sich allgemach verliert und ich mit keinem Geld versehen bin, um Korn zu kaufen, dasselb auch hiesiger Orten um Geld schwer zu bekommen, als habe um einen Vorschuß von ca. 10 Viertl Korn aus der Herrschaftl. Landschreiberei Mahlberg antragen wollen." 22. Juni. Hoskammer an Aflrtmann. Accord mit Dom. Elmerich wegen Maurer- und Steinhauerarbeit wird ratificirt. — Wegen des Brodes können inmittelst die Müller zu Abrichtung der ohne Zweifel noch restirenden herrschaftl. Mühlgült angehalten werden. ? Juli. Amtmann Bräe an Hoskammer. „Der Stadtrath hat mir aller Civilität zu unterthänigsten Respekt Ihre hochfürstl. Drchlt. nicht allein das Eck, so den Bau irregulär hätte machen können, zu verbauen gestattet, sondern auch falls man den Nebenplatz kaufen würde solchen zu ewigen Tagen für einen freien und aller Beschwerden (außer 15 kr. jährl. Bodenzins) Vorkommen exempten Platz zum herrschaftl. Hof überlassen mit dem reservat, benekltium rslultroms von 14 Tag ungeklänkt verbleibe. Mit dem proprietario des Nebenplatzes wurde der Kauf für 485 fl. abgeschlossen und gegen Zusage „falls er die erfordernde kapaeitet erlangt, und ein benetiLium zu versehen von hoher Geistlichkeit fähig erachtet werde, alsdann Ihr hochfürstl. Drcht. bei sich ergebenden vaeatur seiner in Gnaden gedenken und ihn mit einem benellLio auf Kiösus ihn 1887 nieder, dann in veränderter Richtung anno 1897. Das allgemein vermutete Vermächtnis neueren oder neuesten Datums stellte sich bisher — trotz wiederholten Suchens — nicht heraus. So steht es eigenhändig geschrieben, daß der badische Staat die Pfaehlersche Erbschaft in ihrer Schwerkraft erhält: die Sammlung an das Groß. Bad. Landesmuseum, die übrigen Objekte zur Benützung im Sinne der christlichen Religion der weltliche Staat! Nur 50000 Mk. Barschaft scheiden aus zur hälftigen Zuwendung an den Vetter Adolf Pfaehler, letzter Fortuna- Wirt dahier, und an einen längst verstorbenen Pfaehler-Vetter, ehemals zu Eßlingen. Nichts für die Kirche, nichts für die gesetzlich zunächststehenden Verwandten, nichts für die Stadtgemeinde. Und ein Schock Staatspapiere, deren auf 1. April fälligen Zinskupons von« Krösus emsig eingelöst waren, hielt er verborgen, nicht im Kassenschrank, nein •— — in einem alten W e i n f a ß des kühlen Kellers, das der vertrauensunselige Pfaehler niemals einbrennen ließ. Drinnen lagerten die Mammons- Dinger in einer alten, verrosteten Kasette aus Eisen. Das noch Begehrenswerte aber verwahrt die badische Bank. Der Staat als Erbe sandte zur Bestattung des Testators seinen Vertreter. Sonst schlossen sich dem kurzen Leichenzug noch ein Dutzend Leute an. nicht vermögenden Standes. Vier Kränze auf dem frischen Grabhügel bezeichnen die Stätte, wo der Sonderling Heinrich Pfaehler, der Krösus Offenburgs, der Verehrer seiner treuen Hunde und Pfauen, der die Menschheit verabscheuende Misogyn für immer ausruht. Um die Reichtümer, die zu genießen er sich nie gönnte, streiten sich wohl lachende Erben mit betrübten Interessenten. Wie mag der weiseste Richter entscheiden?! * D'r alt Offeburger. Bürger! Im vorige Kapitel haw ich euch gschildert wiä gwjssi Metzger sich für's allgmain Wohl opfern un denaturiärts Metzgerschmalz schtatt Gänsfett zuem Abschmelze von de Nudle liefere. Hitt vrwies ich euch uff 's Ußschriewe vum Offeburger V^ogel- un Gflügelzuchtverein, wo newe rassereine Jtaliäner. Augschburger rc. noch abgeen dhuet: „Nichtmitglieder pro Ei 5 Pfg. teuerer". Jedenfalls sinn deß nur Offeburger un Nochbere, wo pro Ei um e halwer Nickel dhierer sinn. Wenn so ä feils Nichtmitglied noch e Kachel voll bacheni Eier odder Oxenauge mit Schpinat drzue im Lieb hett, machts wohl meh als 10 Pfennig Mehwert uß. Daß dr Bahnwart im Krummer sien 70 jährigs Welt- juvileum begange hett, wissener bereits. Bürger! Awer was euch noch interessiärt, isch d' Uewerraschung, wo em Juwilar d' Jsebahn mit eme Feschtgschenk bereitet hett. Also horche! Dr Bahnwart schteht hinter dr gschlossene Barriehr un loßt e Güeterzug mit hundertfuftzig Axe vrbeigierze. seinen unterthän. suppliren begnadigen würden zu wessen Ver sicherung ihm eine Expectanz zu procniren mich bemühen wollte" — dadurch glaube er bewirkt zu haben, daß kein hiesiger Bürger im Stand sei den Platz abznlösen. Wegen des zum Kauf be- nöthigten Geldes stelle er die solution der Kammer anheim mit der Bitte, ihm nicht zum Spott und Gelächter zu exponiren. (Der Kauf ist im Contraktenbuch am 1. Juli eingetragen. Verkäufer ist Franz Anton Kabus Theolog. studiosus weil. Philipp Kabus ehel. nachgelassener Sohn.) 16. Juli 1714. Hofkammer an Amtmann; sendet die Pfarrei „Versicherung für den Besitzer des erkauften Eckplatzes, sowie Anweisungen wegen Geldes und werde der Amtmann mittelst dem eifrigen Einzug bei dieser Erndte ein merkliches bestreiten können." — 25. Juli 1715. Amtmann Bree an Hofkammer. Berichtet wegen der Zimmerarbeit, 1) daß der hiesige Zimmermann, um deßwillen, daß ein französisches Dach, also eine ihm etwas unbekannte Arbeit, auch er über den Ueberschlag daran zu schaffen habe, daher in Schaden gerathen dürfte, sich nicht gern auf einen Accord einlassen will, oder kann. 2) Die stückweise Verarbeitung auch nicht räthlich, weil der Zimmermeister aus Ursache, daß das Holz mehrerteils in 60 schühigen Bäumen und 70 schühigen gefremden Hölzern, sodann 60 bis 50 schühigen gemeinem Holz besteht, den Stammen Holz anderst nicht als um einen Gulden den Stammen verarbeiten will, da aber zu dem Hausbau über 400 Stück Holz erfordert werden, würde der Schliäßlig fliägt em Schtaub ins Gsiecht, als wenn dr Vesuv d' Aescherich-Kranket hett. Dr Schwärzi noch kann'» numme Kohleschtaub sien; un e ganzi Wolk vrdunkelt d'Luft. Wo dr Zug vrschwunden isch, waß leit zwische de Schiene akurat vor em Bahnwartshuus? E vrzettelter Huffe Goks zum Herdfüre für e ganzer Winter. Uff em Bahnwart sie telephonisch! Anfrog, waß mit dere schwarze Bscheerung gschehne soll, luttet dr kurz Befehl: so schnell, als e Gais tritt, uffhewe un ins Truckene breit! Wer uff dem Güeterzug am Gokswage dr Schiäwer zöge hett, isch e Rätsel un bliebt e Rätsel. Awer eme Bahnwart isch es z' gunne. D' Beef. mm mm D' Orschdere sinn rum, Littli. — Hoffentlig geht's de Wenigschte wiä mir, daß st sage miän: Gottlob, daß si rum sinn! Fir e Husmueder, wo „'s Maidli fir Alles" isch bedittet so e Rußschlupf uß em Winderbelz d' reinscht Schinderei, bsun- ders wenn mr in diä Johr kummt, wo mr sellig in d' Breidi geht un eigentlig 's Recht hett, e wing dubbig un bequem z' wäre. E heidemäßigi Wuet packt mich als hie un da gege d' Dachstuhl ein zu Großes kosten. Der Amtmann schlägt daher 3) vor, daß der sämtl. Holzbau in Taglohn befördert werde, indem nach Ueberschlag dem Meister des Tags 40 kr. und einem Gesellen 32 kr. zu bezahlen wären, und zu mehrerer Beschleunigung 11 Gesellen samt dem Meister arbeiten würden, so hätte man Hoffnung den Bau in 40 Tagen zu perfektioniren und würde des täglichen Lohnes etwa 50 fl. ja vielleicht 100 fl. ersparen; doch müßte man von Seiten der Hofkammer den herrschaftl. Zimmermeister Josef Bidstein dazu geben, und durch dessen Antrieb die Gesellen zur Arbeit anhalten kaffen, wofür ihm ein billiger Taglohn von hochfürstl. Hofkammer zu schöpfen wäre. 1. August 1715. Hofkammer an Wmtmann. Es wird zugestimmt, daß die Zimmerarbeit im Taglohn gefertigt werde; den Zimmerbalier werde man von Zeit zu Zeit dahin abordnen, 5. November 1715. Amtmann auf Hoskammer, berichtet „daß es hierorts gebräuchlich, wo man einen Bau aufschlacht, den Zimmerleuten, so lang das Aufschlagen dauert nebst dem Lohn das Essen und Trinken und nach vollendeten Aufschlagen eine gute Mahlzeit zu geben." Da man nun mit dem Aufschlagen schon im Werk begriffen, werde er ad interim bis auf eingelangte hochfürstl. Cameral ratification auf jeden Mann täglich eine Maß Wein reichen lassen; von der nach dem Aufschlagen gebührenden Mahlzeit werde er sich unmöglich ent- schlagen können. _