vr alt Gsseburger. Zeitsckirift der Heimatkunde für die Dffenburqer in oer Nahe und ^erne. Nr. 1568 l Samstag, den 16. August 1626. ■WucotaiU nctooten Manien am Versassungs. Festtag. Die Weimarer Verfassungsfeier derdeut- schen Republik ist zehn Jahre alt geworden. Der 11. August wurde als besonderer Nationalfesttag amtlich angeordnet; an einem Sonntage feiert sich's leichter. Im allgemeinen herrscht keine graste Begeisterung unter den Republikanern. Die Frage Republik oder Monarchie steht heute nicht mehr zur Entscheidung. Die Zeit der gekrönten Herrscher von Eottesgnaden ist vorüber. Die nach der Beseitigung der Demokratie gerichtete Bewegung erstrebt die Diktatur, die faschistische Gewaltherrschaft. Diese Gegenrevolution benützt die bittere Stimmung, die Wirkung der wirtschaftlichen Notlage der Volksmassen aus dem Stahlbad des Völkerkrieges. Dem Volke gibt die Verfassung die Macht im Reiche, sich sein Schicksal selber zu gestalten; die gleichberechtigten Massen verzichten großenteils verärgert auf ihre Waffe. Die Weimarer Verfassung entstund nach dem Sturz eines volksfeindlichen Systems, wie die französische Konstitution am Ende des 18. Jahrhunderts. Aber diese war vorbereitet durch die Eährung einer langen Revolution; die deutsche Republik kam unerwartet über ein Volk, das nach einem vierjährigen Vernichtungskrieg im Elend schmachtete. Die neue Form des deutschen Reiches steht als Zeichnung in der Urkunde, deren Geburtstag wir heute feiern. Die einheitliche, die demokratische und soziale Ausgestaltung ist eine schwere Aufgabe; der Leidensweg des deutschen Volkes muß zur Höhe führen, welche dem Volke die Herrschaft gewährt, die in der Verfassung von Weimar angebahnt ist. Die Reichsregierung bat Herrn Dr. Eckener, mit seinem „Grafen" zur Verfassungsfeier die republikanische Hauptstadt zu überfliegen. Das wurde dankend abgelehnt. Der Zeppelin will heute in Friedrichshafen eintreffen, um bald die Reise nach Japan anzutreten. In Tokio sind Vorbereitungen zu einem glänzenden Empfang getroffen. Vor 80 Jahren wollten die badischen Demokraten eine Republik, von freiheitlichem Geist erfüllt, erkämpfen.Die Antwort gaben preußische Standrechtskugeln. Am 8. Aug. 1849 wurde in Freiburg der Freischaaren-Kommifsär Friedrich Reff aus Rümmingen erschössen. In dem Briefe, den er am gleichen Tage an die Mutter schrieb, nimmt Reff mutig Abschied und sagt: Beweise durch Standhaftigkeit, daß Du die Mutter eines Republikaners bist, da Du den einzigen Sohn, den Du geboren hast, der Freiheit opfern darfst. Hätte ich noch zehn Leben, alle würde ich der Freiheit weihen. Je mehr der vaterländische Boden mit reinem Blute getränkt wird, desto eher und schöner wird die Blume der Freiheit erblühen. Es lebe die Freiheit, es lebe die soziale Republik! Am Sonntag findet am Grabe Neff's eine Ehrung statt; der Blättleschreiber hält die Ansprache. Die Nürnberger Tagung der Hakenkreuzler am letzten Sonntag war eine Parade des politischen Verbrechertums, das gegen Andersdenkende, insbesondere gegen Republikaner, vor keiner Missetat zurückschreckt. Zwei Tote und viele Verwundete gab es in der Stadt, welche diese Putschisten unter Führung Hitlers und einiger Fememörder gastlich ausgenommen hatte. Diese Landsknechte treten für die Wittelsbacher, für die Hohenzollern, für Klerikale, .Schwerindustrielle, Mussolinityrannei ein, je nach der Geschäftslage ihrer B^soldungstaktik. Der nationalsozialistische Abgott Adolf Hitler schwört aus den italienischen Tyrannen, unter dessen Gewalt 350 000 Deutsche in Südtirol! schmachten. Im Gegensatz zu diesem Hakenkreuz-Faschismus steht die Nürnberger Tagung der roten Arbeiterturne r s ch a f t, die vor kurzem dort ihr Reichsbundesfest beging, das einen würdigen, imposanten Verlauf nahm. Dabei war der Offenburger Arbeiter Turn - und Sportverein durch eine Abordnung vertreten. Die Turner kamen zurück mit freudiger Genugtuung. Die Abteilung, in welcher sie am, Wettbewerb teilnahmen, wurde mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die bürgerliche Presse hat über den glänzenden Verlaus dieser großartigen Kundgebung sehr spärlich berichtet. „Ueber Alles in der Welt". Heute wird das deutsche Nationallied wieder amtlich gesungen; es soll der Hymnus eines Einheitsstaates sein! Nirgendwo auf der Erdenrunde gibt es aber ein Reich von solcher Zersplitterung in der inneren Struktur als im Lande der Weimarer! Verfassung. Grenzpfähle und altbundesstaatlicher Drahtverhau zeichnen uns vor allen Nationen der Welt aus. Vom bayerischen Hofbräu-Partikularismus soll nicht gesprochen werden. Knüpfen wir an den Fall Bombe an, dessen Aufklärung grenzrechtlich verhindert wurde. Bei der Suche nach dem Vermißten sollte auch im Dorfe W u st rau durch die Berliner Kriminalpolizei geforscht werden. Aber es liegt in Mecklenburg. Die Preußen mußten an der Grenze die Arbeit einstellen. Wenn die Spuren nach Westrau führen, muß man sich erst an die Polizeibehörden in Strelitz wenden. Gewissenhaft mit großem Kostenaufwand hatten die Mannschaften wochenlang alles abgesucht bis auf ein Waldstück. Aber dieses ist „Ausland", gehört zu Mecklenburg! Vielleicht 50 Meter weiter war die Aufklärung des Falles zu finden. Aber die Beamten dürfen nicht einen Schritt weiter tun. Deutsche Beamte innerhalb der deutschen Republik! Und was hütet da so starr die Grenzen seines Amtsstubenmuffs?. Dasselbe, was abends am Stammtisch die Bierlieder von Deutschlands Einigkeit gröhlt. Schnllerwald, die SonfliKgemeinöe. Dieses Dorf mußte in den 600 Jahren seines Bestehens manchen Zwist erleben, von der Schwarzenberger Herrschaft bis zur heutigen schwarzen Dynastie zu der v. Röder'schen Pratronatszeit. Der nahezu 400jährige Waldprozeß mit der Stadt Offenburg wird innerhalb der Einwohnerschaft kaum so tiefgehende Zwistigkeiten hervorgerufen haben, als sie in der Gegenwart eines Rechtsstaates entstehen durch die in das freie geschäftliche Leben eingreifende „charitative" Zwangsherrschaft eines geistlichen Despoten. Wie sich die Schutterwälder Verhältnisse bis zur Unerträglichkeit zuspitzen, offenbarte sich am Tage des Patroziniumsfestes, am Tage des heiligen Jakobus. In den Tageszeitungen wurde über die auffällig hervorgetretene Zwietracht geschwiegen. Wir geben einem uns zugegangenen tatsächlichen Bericht den erbetenen Raum. Das Jakobifestin Schutt erwald. Am Sonntag vor Jakobi verkündigte der Ortsgeistliche Dr. Banholzer im Hauptgottesdienst die Prozessionsordnung für den Festsonntag. Hierbei wurden den als katholisch bezeichnten Vereinen ihre Plätze zugewiesen; besonders betont wurde, daß es die übrigen Vereine nach Belieben halten könnten. Aus diesem und anderen Gründen haben sich Gesang-, Turn- und Radfahroerein stlit Zusage der Schutterwälder Musikkapelle geeinigt,ihren Kirchgang in den Schülergottesdienst zu verlegen. Diesen Vereinen ging am Vorabend des Festsonntags ein pfarramtliches Schreiben zu, worin ihnen verboten wurde, mit den Vereinssahnen am Schülergottesdienst teilzunehmen, widrigenfalls Anzeige bei der zuständigen Behörde erfolgen würde. Durch Zufall wurde auch noch in Erfahrung gebracht, daß sich die Schutterwälder Musik den genannten Vereinen nicht zur Verfügung stellt. (Eine förmliche Absage erfolgte nicht!). So war man genötigt, noch kurz vor Mitternacht telefonisch eine auswärtige Musikkapelle für den folgenden Morgen zu verpflichten. Am Jakobimorgen 6.15 Uhr versammelten sich die Vereine mit ihren Fahnen und der auswärtigen Kapelle, die mittels Autos herbeigeholt wurde, im Schulhof und gingen geschlossen in den Schülergottesdienst. Die Mitglieder der Musikkapelle waren allerdings nach Ansicht des Pfarrers nicht festtäglich genug gekleidet; jedoch hat derselbe deshalb wegen des Kirchgangs keinen Strafantrag gestellt. Nach Beendigung des Gottesdienstes bewegte sich der Zug zur Bahnhofrestauration, woselbst er sich auflöste. Als der Zug am Pfarrhaus vorbeiging, hatte sich Dr. Banholzer anscheinend hinter demTürgitter verschanzt, um dann, als man vorbei war, dem Zug Bravorufe und Händeklatschen nachzuschicken. Es wäre zu begrüßen gewesen, wenn unser Seelsorger schon vorher sich gezeigt hätte, damit man ihm den geziemenden Tank hätte abstatten können. Nach dem Hauptgottesdienst fand dann die o f f i z i e l l e Prozes,sion statt, an der sich dieses Jahr der Reiterverein auch nicht beteiligte; es waren ja in der Hauptsache nur als katholisch bezeichnete Vereine dabei vorgesehen. Das Interesse an dieser Prozession war so groß, daß der weitaus größte Teil der Schutterwälder Einwohnerschaft sich als Zuschauer einstellte. Weil die Beteiligung an der Prozession so „stark" war, hat sich jedenfalls der Leiter derselben auch entschlossen, den vorgesehenen üblichen Weg nicht einzuhalten, sondern diesen um 4 Straßen abzukürzen, was allerdings bei den Anhängern Dr. Banholzers, die in den boykottierten Straßen beheimatet sind, keinen besonders begeisternden Anklang fand. Soweit der Bericht, der noch einer Ergänzung bedarf. Zu den Straßen des Dorfes, die von jeher des festlichen Umzuges gewürdigt wurden, gehören die große K i r ch-und Judengasfe. Es geschah nicht etwa aus antisemitischer Anwandlung, wenn der Doktor des Pfarrhofes diesen alten Prozessionsweg mit seinem Bann belegte. Dort wohnen Bürger, die sich nicht im vollen Maße der christlichen Liehe des guten Hirten erfreuen. Und die Getreuen, welche ihre Häuser schmückten, mußten mit den „Bösewichtern" das Strafgericht über sich ergehen lassen. Dieser schlimme, kirchliche Konflikt beruht auf dem volkswirtschaftlichen Uebel, das die bekannte Gründung „Sankt Jakob" hervorgerufen hat. Es kann in unserer Zeit katastrophaler Zstsam- menbrüche die Befürchtung einer ungünstigen Wendung im Geschäftsleben nicht ferngehalten werden. In Freiburg sollte man im Kampfe gegen Vitus Heller das geistliche Eewaft- regiment in Schutterwald nicht außer Acht lassen, um nicht mitverantwortlich zu werden. Vielleicht könnte ein Psychiater Beobachtungen machen. Detz un Sell. Eine bezirksamtliche Antwort. Die Ortsgruppe Offenburg der „Internat. Frauenliga für Frieden und Freiheit" erhielt auf ihre Zuschrift vom 20. Junt v Redaktion und Verlag Ad. Geck, Offenburg. Druck: Graph. Werkstätte Ad. Geck, Inh. F. Huber, Osfenburg, Kesselstr.10