Des Sdiermausers Glück und Ende Eine Erzählung von Balthasar Moos er (Schluß) Wie lange eine Wecke deck sein konnte, dachte der Sumser- Christian, während er die sechs Werkeltage durchmaß, die dem Zusammentreffen mit der Franz auf dem Lindenbühl folgten. Nichts konnte ihn darüber hinwegtäuschen, daß es in diesen Tagen mit dem Mausfang kläglich schlecht bestellt war. Wie indessen hätte er ahnen sollen, daß es seine letzte Woche war .. Endlich stieg der Sonntag herauf. Gleich nach dem frühen Mittagessen zog der Christe davon. Auf Feldpfaden wanderte er dem Hasenrainwald zu. Wie hätte er denken mögen, daß auf andern, weiten Umwegen alles, was Beine hatte, in der Gesindestube gleichfalls dem Häsenrainwald zustrebte! Das wellige, unübersichtliche Land war solchem Beginnen sehr günstig. Freilick, die Creszenz konnte es kaum schaffen .... Der Christe setzte sich auf das Bänklein beim Silberbrunnen. Hinter diesem war der Wald vor allem durch fast undurchdringliches, üppiges Unterholz sehr dicht, ein geradezu idealer Hinterhalt. An der Creszenz war fraglos ein strategisches Genie verloren gegangen O, das Spiel mit dem Schermauser war aller, nur denkbarer Niedertracht entsprungen. Ueberlegung. Zähigkeit, Gerissenheit taten sich zusammen, um den Plan der Altmagd zum allerdings in seiner Wirkung furchtbaren Erfolg zu verhelfen. Als am westlichen Himmel die ersten zartroten Lichtstreifen wie lichte Bänder dahinzogen, und sanft die Dämnperung über die Landschaft heranwandelte, tauchte die Franz auf. Dem Christe wollte scheinen, sie sei heute verlegen. Neben ihm ließ sie sich nach kurzem Gruß auf dem Bänklein nieder. Die sonst eo Gesprächige blieb einsilbig. Aber was verschlug das. Daß das Mädchen still neben ihm saß. das erfüllte des alten Mausfängers Herz mit namenlosem Glück. Er überlegte, ob er das idem Mädchen gestehen sollte. Am liebsten hätte er leise vor Sich hingesummt. Ihm fiel das Lied ein, das er selbst noch nie gesungen hatte, und das er jetzt hätte singen mögen: Früdh£e schwer . . . Frückte sckwer im Aehrenfeld, Baum beschattet weite Welt, Vogel fällt mit Singen ein, drüber letzter Abendschein. Winde heben an zu singen, Dunkel will das Licht bezwingen, vor uns steht die schwarze Nacht, Genius steht auf und wacht. Wächst mit letztem Einsamsein himmelhoch, die Welt ist mein, Sternen bin ich zugesellt, Keim im Acker dieser Welt. Hubert Ries. „Mädele ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite . . ." Aber gewiß würde die Franz ihn ausgelackt haben. Wieder mußte er tief Atem scköpfen. Plötzlich sprang die Fränz auf, schlang ihre Arme um seinen Nacken und gab ihm einen Kuß. Im gleichen Augenblick brach aus dem Dickicht hinter dem Bänklein ein Höllenlärm los. Und schon stürzte das Gesinde des Rindeschwenderhofs, das, verleitet von der giftmischenden Creszenz, zum Gesindel geworden war, hervor und umtanzte höhnend und spottend den „verliebten, alten Schermauser“ .... Der Sumser-Christian stand in aller Hilflosigkeit da. Er sah dich schüchtern nach der Fränz um. Das Mädchen schien vom Erdboden verschluckt worden zu sein. Immer ungebärdiger und frecher schmähten ihn die Tobenden. Einige näherten sich ihn» und zupften ihn am Rock. Da warf mit einmal der Christe die Arme in die Luft, um seine Peiniger zu züchtigen. Allein, e« blieb bei der drohenden Geste. Dumpf aufschlagend, fiel der Christian Sumser, wie ein Baumstamm, der von der Wurzel gelöst wurde, zur Erde .... Ein Schlagfluß hatte den jäh vom Gipfel reinen Glückes in die Hölle gräßlichster Enttäuschung Verstoßenen dem Leben entrissen. Der Tod hatte eine gute Tat vollbracht .... Zu erzählen bleibt noch, daß die Fränz am Abend nicht nach dem Rindeschwenderhof zurückkehrte, daß sie überhaupt trotz allen Suchen 9 nicht mehr zu finden war .... Die Creszenz wurde wenig später in ein Altersheim eingeliefert. Sie lebte noch einige Jahre, fast wortlos, einem stumpfen Brüten verfallen .... Es verstrich geraume Zeit, wohl über ein Jahr, bis in der Gesindestube vom Rindeschwenderhof ab und zu wieder einmal helles Lachen zu hören war .... Dem Gedächtnis an Christian Sumser widmete der Rinde- schwender-Hofbauer ein schönes sandsteinernes Grabmal. Auf ihm stand: Christian Sumser. Der Heimgegangene war ein wahrhaft guter Mensch und ein unübertroffener Meister unter den Schermäusen». Schierling Von Karl Heinrich Waggerl Der Schierling dient dem Wiederkäuer zur Kost. Als Most (im Becher) ist er nicht geheuer. Getrost! Die Weisheit wird im Tod unsterblich, die Dummheit nicht. Die ist nur erblich. (Aus „Heiteres Herbarium“ — Otto Müller Verlag Salzburg) Der feurige Elias Von Dr H. A. Berger Nicht nur Menschen, auch Unternehmungen mancherlei Art, die noch vor kurzem- auf leidlich festen Füßen standen, drohen infolge stockender Zufuhr an lebenswichtigen Vitaminen — lies: Geldverknappung — mehr und mehr ins Wanken zu geraten. Muß man erst noch beweisen, daß sogar die Eisenbahnen auf, bildlich gesprochen, wackeligen Schienen fahren? Nun aber erst solche, die nicht, wie die Bundesbahn, der öffentlichen Hand gehören, die Unternehmungen der Privatgesellschaften, die Kleinbahnen, die „feurigen Eliasse“! Ich hätte nie gedacht, daß mich ihr Schicksal so nahe berühren würde. Aber seitdem ich einer solchen Kleinbahn gerade gegenüber wohne und ihr Schienenstrang nicht weiter als einen Steinwurf entfernt von meinem Hause verläuft, seitdem werde ich, so oft ein Züglein ängstlich pfeifend vorüberrollt, an ihr Wohl und Wehe gemahnt. Das Hangen und Bangen zwischen der Furcht, mit einem Male das Bähnchen entbehren zu müssen, und der Hoffnung, es werde uns am Ende doch erhalten bleiben, — womit könnte ich es besser vergleichen als mit den Elterngefühlen für ein todkrankes Kind, das ihnen die Kunst der Aerzte aufs neue geschenkt hat? Nun muß man wissen, daß unser Bähnchen ein weitgerühmten Dorade für Sommerfrischler und Wanderlustige erschließt, mitten in den Schwarzwald hinein. Jetzt kann ich es ja frei heraussagen, wie bedenklich vor einem Jahr unser Bähnchen dahinkriselte und wie tief infolgedessen mein Seelenbarometer stand. Dann aber gab es eine Schönwetterperiode wie noch nie und damit einen ungeahnten Aufschwung aus der permanenten Krise. Den ganzen Tag über kam ich nicht vom Beobachtungsposten meines Fensters weg, ein solches Vergnügen machten mir die vollbesetzten, nein, überfüllten Züge, vor allem natürlich an Sonn- und Feiertagen. Und wenn ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, stellte ich sogar den Kassenrapport aus dem Stegreif zusammen: das Ergebnis war jedesmal mehr als zufriedenstellend. Ob diese meine Sonntagsbeschäftigung auf die Dauer denn nicht langweilte? Oh, nicht im geringsten! Zum besseren Verständnis muß man weiterhin wissen, daß unsere Kleinbahn grundsätzlich — aber wirklich nur grundsätzlich — elektrisch betrieben wird. Beim täglichen Stoßverkehr und erst recht das Sonntags müssen die alten, zum Teil schon ausrangierten Dampflokomotiven mit angespannt werden; dann sind sie einmal hinten, zum Schieben, das andere Mal vorneweg in Führung. Immer jedoch so ganz bei der Sache, daß sie dampfend und zischend geradezu überschäumen vor kindlichem Vergnügen. Da ihnen aber strengstens eingeschärft worden ist, immer schön der Nase nach geradeaus zu spuren und um Gotteswillen keinen Luftsprung nebenraus zu machen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als fortgesetzt einen Freudenjauchzer zu tun und mit einem markerschütternden Pfiff in der höchsten Tonlage ihr Nahen zu künden, harthörige Verkehrssünder vor unbewachten Bahnübergängen zu schrecken und dadurch ein Unglück zu vermeiden. Ob bei Riesenverkehr sich noch kein ernstliches Unglück, ein Zugzusammenstoß oder dergleichen, ereignet hat? Aber das wäre selbst beim besten Willen nicht möglich, so gemütlich und solide geht hier alles zu. Oder wußten Sie es schon nicht mehr? Wir sprachen doch von der Kleinbahn, vom „feurigen Elias“! MeliMlMLckmiMlö •hfeimatbeilage zum rdoclyenendc 2. JAHRGANG , 25. August 1951 Nummer 34 > '// 7 // /. MMk Liebe al£e Straßen Die Straßen sind noch wie vor Jahren, Die hier von Dorf zu Dörfchen gehn. Sie haben Freud und Leid erfahren. Manch erdenschwer Gesicht geseha. Was mögen sie von mir noch wissen? Der Jugend Morgentraum liegt weit; Sie sind doch immerdar beflissen. Zu mahnen mich an liebe Zeit. Sie zählen stumm des Wandrers Schritt« Und lauschen auf sein Spruchgebet, Wenn er nach überkommner Sitte Bei einem Kornfeld stillesteht. Auf Kurzweil dürfen sie nicht warten, Begrünt ist fast der Räder Spur; Sie halten sich an Haus und Garten Und plaudern mit der ernsten Flur. Die Straßen sind noch wie vor Jahren. ' Im Abendgold, im Frührotschein — Ich habe sie als treu erfahren. Sie ließen nie mich ganz allein. Alfred Huggenberg«r (Aus „Hebelkranz“, Alemannisch* Dichtergabe, Verlag Karl Schillinge«:, Freiburg i. Br.) Alte Weide Federzeichnung von Max Brückner ir sind am Mittag durch den Bergwald gewandert. Erst trafen wir Männer, die Streu reichten und Holz heimfuhren, dann liefen uns Schwammerl suchende Burschen mit dem geknoteten Sacktuch am Arme über den Weg, später begegneten uns noch Eeerenbrocker, Weiber und Kinder, die mit Kamm und Kanne_ im Heidelbeerkraute knieten, von ferne hörten wir noch einmal ein paar Holzfäller am höheren Hang — dann wurde es still. Nur unsere benagelten Schuhe schlugen hart auf die schwarzen Horn wendebrocken des Bergsteigs. In der flimmernden Mittagshitze, die durch die Kronen der schwarzen Tannen und lichtgrünen Buchen rieselten, waren wir müde geworden und sprachen längst kein Wort mehr. Nun haben wir unser Gepäck abgetan, haben Schuh und Strümpfe ausgezogen und uns auf den braunen Nadelboden des Waldes gelegt. Es ist so still, daß wir unsern erhitzten Atem in dem Mittagsschweigen des Gebirges und des Waldes hören.. Hat sich da ein Sturm erhoben? Es ist ein Brausen über uns. und doch regen sich die Wipfel kaum. Wir lauschen mit geschärften Sinnen in das Tönen der Kronen. Jetzt säuselt es kaum hörbar, schon aber schwillt das Sausen wieder an. Wala- fliegen, Schnaken und Mücken huschen zu Tausenden durch die Luft und pfeifen und sirren, zirpen und geigen mit ihren winzigen Sümmchen mächtig zusammen. Dazu summen die ducken Hummeln vor ihren Erdlöchem, und glitzernde Käfer schwirren brummend zwischen den abgebrochenen Astsparren der Stämme hin, an denen Spinnen ihre Netze aufgehängt haben. Als ruhten wir auf dem Meeresgründe unter Brandung und Flutgang, so liegen wir hoch am Berge auf dem Nadelboden unter dem brausenden Gewölbe der unendlichen Mittagswaldec. Johannes Link* Der närrische Maler von Haslach / Zum 150. Geburtstag von Karl Sandhaas In manchem Haslacher Bürgerhaus hängt eine Zeichnung, ein Aquarell von dem unglücklichen Maler Karl Sandhaas. Zumeist handelt es sich um Portraits oder Bilder aus dem Volksleben der Heimat, die viel Seele, Gemüt, Liebe und Können atmen. Sieht man etwa seinen „Frühling“, so wird man eofort an Hans Thoma und dessen Schaffen erinnert. Es sind in diesem Jahre 150 Jahre, daß Sandhaas zur Welt kam und 63 Jahre vergangen, seit Heinrich Hansjakob das Leben dieser „wilden Kirsche“ darstellte. Und doch wie eigen - noch heute weiß man nicht, wo der närrische Maler zur Welt kam. Ob er in Hüfingen geboren wurde, steht dahin; jedenfalls findet sich weder dort noch in Haslckbh ein Taufeintrag. Auch Akten aus dem fürstenbergischen Archiv in Donau- eschingen schweigen sich darüber aus. So ist nur so viel sicher, als daß die Mutter; Gretel Sandhaas, Tochter des Josef Sandhaas und der Anna Maria Ruf, im Dezember 1801 abgehärmt und verängstigt mit ihrem Neugeborenen in Haslach eintraf, wo er dann seine Jugend verbrachte. Recht bald zeigte sich bei dem Buben sein Talent zum Zeichnen. Wo sich Gelegenheit .fand, ward gezeichnet, wenn es nicht anders ging, auch an Hauswänden. Das wurde dem Karle verübelt und gar als Bosheit ausgelegt. Nur wenige Haslacher erkannten seine Fähigkeiten und gewährten ihm Unterstützung. Bei Besuchen in Haslach lernte Lorenz Sandhaas, Hof- und Theatermaler in Darmstadt, seinen Neffen Karl kennen. Er hatte Freude an dem hellen, begabten Bürschlein und nahm es 1815 zur Ausbildung mit nach Darmstadt. Zwischenhinein befand sich der junge Mann auch in Karlsruhe, wo er von Oberdirektor Friedrich Weinbrenner ein Bleistiftportrait anfertigte. In Darmstadt erhielt Sandhaas eine gute Ausbildung und gewann dort auch eine wertvolle Freundschaft in Fritz Max Hessemer, der später als Professor der Architektur am Städel’- schen Kunstinstitut in Frankfurt wirkte. Auch mit Georg Gottfried Gerwinus, dem bekannten Geschichtsschreiber und Literaturhistoriker, wurde er befreundet. Um das Jahr 1824 kehrte Sandhaas nach Haslach zurück, um seine Mutter zu besuchen und zu portraitieren. „Er war ein bildschöner Mensch geworden. Wallendes schwarzes Haar, eine breite, hohe Stirn, große, tiefliegende, geistvolle Augen und eine hohe schlanke Gestalt — schufen ihn zu einem vollendet schönen Jüngling.“ Von Haslach zog es ihn nach Wien; unterwegs aber blieb er in München hängen, wo Peter Cornelius sein Meister wurde. Vielleicht waren die drei Jahre an der Isar die glücklichsten seines Lebens, obwohl schon die ersten Schatten auf ihn fielen. Gerwinus schreibt im Juni 1826; „Sandhaas wird nur durch Sonderbares sein Glück machen, auf ebenem Wege nicht. Die Welt muß närrische Remedien in eich spüren, wenn sie den Sandhaas kurieren soll.“ Im Sommer 1827 verschwand der Maler plötzlich aus München. Er besuchte Venedig, wanderte bis zum Vesuv und förderte sein Wesen durch die Natur und Kunst im Lande seiner Träume. Doch das Heimweh trieb ihn über die Alpen in den Schwarzwald. Im September 1828 traf er in Haslach ein, herzlich begrüßt von seiner Mutter und all denen, die ihn kannten. Eine Mappe mit italienischen Skizzen erweckte viel Freude, ging aber verloren. Er verdiente durch die Ausführung von Portraits ein gut Stück Geld. Im Dezember tauchte er in Frankfurt auf. Sein Onkel war kurz zuvor gestorben und damit hatte er seine letzte Stütze und Zuflucht verloren. Nach einem Aufenthalt in Düsseldorf sieht ihn die Heimat wieder. Er verliebt sich in des Försters Mine, wovon deren Vater aber nichts wissen will. Beschimpft als „Lump“ verläßt er Haslach und wandert Freiburg zu, wo er Arbeit fand. Für die „Krankenphysiognomik“ des Professors Baumgärtner zeichnet er 72 Köpfe nach der Natur. Welch ein Auftrag für einen Künstler, der selbst gemütskrank ist! Jeder Groschen wird gespart, um die Mine doch noch heimzuführen. Als er nach Hause kommt, ist das Mädchen tot, gestorben vor Gram und Kummer. Das ist für den sensiblen Mann zu viel. Wohl schenkt ihm die Mutter all ihren Trost, doch die Wunde vernarbt nimmer. Er verläßt Haslach und zieht Frankfurt zu. Roh und ungemein herzlos schreibt Gerwinus im Januar 1830; .und nun zieht er wieder wüst herum, solange es dauern Wird. Barth sagt, er habe nichts gezeichnet seit langer Zeit, er zeichne jetzt viel schlechter als sonst; er sei nicht zu retten, er laboriere wahrscheinlich am Selbstmord, nur sei er zu feig dazu. Ich sehe ihn wenig. Er Ist mir verhaßt schon durch sein Aeußeres, er zieht herum wie ein Schwein. Ich versichere ehrlich, daß ich ihn bedauere, aber nur weil er Künstler geworden ist Dies hat den kräftigen Menschen zu einem argen Schwachkopf gemacht. Sein Laster nimmt ihm den Verstand, er soll zuweilen ochsendumme Antworten geben“. Mit diesem Urteil hat Gerwinus sich »elhst gerichtet und bewiesen, daß er nicht wußte oder nicht wissen wollte, wie schwer krank der geschmähte Sandhaas war. Krank und arm kam der Maler bald darnach in Haslach an. Ende Februar starb seine Mutter. Nun wollte man ihn ins Armenhaus stecken. Er aber zieht es vor, im Wald zu wohnen. Im Urwald, an schönster Stelle, errichtet ex unter einem Felsen seine Hütte. Darin lebt er nun als Eremit, zeichnet, liest, sinniert und ist glücklich, denn er ist fern von den Menschen. Aber der unglückliche Mensch bleibt vom Unglück verfolgt. Im Herbst 1844 frißt das Feuer seine Eremitage; Sandhaas wird als Brandstifter verhaftet und als Wahnsinniger nach Illenau gebracht, wo er zwei Jahre weilt. Nach seiner Rückkehr findet er auf Kosten der Stadt Unterkunft bei Hafnermeister Fidel Haberstroh. Doch auch da ist seines Bleibens nicht. Er läßt sich einen Paß für Baden ausstellen, arbeitet bald da, bald dort, kommt aber immer wieder nach Haslach zurück und landet schließlich im Spital. Er baut sich im Urwald eine Blockhütte und bringt ganze Tage dort zu. Nachts jedofh muß er im Spital sein. Vor 100 Jahren suchte ihn Julius Allgeyer, der Freund und erste Biograph von Anselm Feuerbach, in Haslach auf. Er schrieb in sein Tagebuch: „Sandhaas war in all seiner Verkommenheit immer noch eine ungewöhnliche Erscheinung. Aus .SANDHAAS CARL lg»,-,»sa jiiiiiimui) Karl Sandhaas Originalholzschnitt von Otto Laible seinem schönen, von langen, graumelierten Haaren umrahmten Kopf leuchteten ein Paar geistvolle, dunkle Augen. All seine Bewegungen waren voller Elastizität und natürlicher Grazie . . . Aber das Gelaß, in dem er hauste, und alles, was ihn umgab, oder vielmehr mich umgab, war wenig tröstlich...“ Und dann wanderten die zwei zu seiner Hütte. Unterwegs „klagte er über die Vereinsamung seines Herzens, daß keine Seele um ihn sei, die ihn verstehe, und daß seine schönsten Empfindungen dem Hohn und dem Unverstand seiner Umgebung anheimfielen, ein Grund, warum er sich um niemand mehr kümmere und sich gegen alle abschließe“. Und worin sieht Allgeyer das Versagen des Künstlers? Sicherlich richtig in dem obwaltenden „Außen und Innen“; „In erster Linie wird man sagen und annehmen dürfen, daß es nächst der erblichen Anlage und den kleinlichen Verhältnissen, in die er gestellt war, die allgemeinen Zustände waren, an denen er als Künstler zu Grunde gegangen ist.“ Mitte April 1859 hatte der Künstler sein Erdenleben ausgelitten. Sang- und klanglos trug man ihn auf den Haslacher Gottesacker. Heinrich Hansjakob hat ihm ein bleibendes Denkmal geschaffen, die Stadt besitzt am Neuentorbach ein schlichtes Denkmal des Künstlers. Just zur rechten Zeit hat ein Haslacher, Otto Laible, Professor an der Kunstakademie in Karlsruhe, uns ein Bildnis von Karl Sandhaas, einen Holzschnitt, geschaffen. Das Werk ist so reif und vollendet, daß es in den Schulen Haslachs, auf dem Rathaus und im Museum, aber auch in den Gaststätten nicht fehlen sollte. Heinrich Hansjakob hätte sicher seine helle Freude daran. Otto Laible, ein Sohn des oben genannten Lehrers, hat sich mit diesem Bildnis ein Verdienst um seine Vaterstadt geschaffen und allen Freunden von Karl Sandhaas ein reiches Geschenk damit gemacht. Von K. May Der Frieder reiste um die Wel£ / Von Werner Granville-Schmidt Der Ziebelewaie-Bur (seine Leib- und Magenspeise hat ihm diesen Uebernamen eingebracht) war zwar mit Gütern, die der Rost und die Motten fressen, reichlich gesegnet, aber mit seinem einzigen Sohn und Hof erben hatte er kein Glück; denn der entwickelte sich zu einem richtigen Nichtsnutz, ging der Arbeit aus dem Wege, wo er nur konnte, und hockte schon als junger Bursch in den Wirtschaften um zu jassen, Viertele zu pfetzen und Spruch zu klopfen. Eines Tages verschwand der Bursch, um, wie er auf einen hinterlassenen Zettel gekritzelt hatte, „die Welt kennen zu lernen“. Jahre ließ der Frieder nichts mehr von sich hören. Eines Abends, Bauer und Bäuerin saßen gerade beim z’Obe, klopft’s vorne an der Haustür. Und wer steht draußen? — Der Frieder! Die Mutter fällt ihm gleich um den Hals und heult vor Eine Kirche ■— reich an Meßkirch liegt auf der weiten, mit niederen Höhenzügen und flachen Tälern besetzten Donauhochebene. Die alten Straßen und schönen Fachwerkhäuser machen es zu einem heimeligen Städtchen. Daß der Musiker Konradin Kreutzer und der Kunstliebhaber und Volksbischof Konrad Gröber aus ihm hervorgehen konnten, wundert »uns nicht. Aus einem Städtchen mit einer so „österlich hellen und frohen Stadtkirche“ müssen heitere, frohe, gottgläubige Menschen kommen! Die hochgelegene Stadtkirche mit ihrem eigenartigen achteckigen Turmabschluß, dessen untere Geschosse aus spätgotischer Zeit stammen und im Fundament sogar Reste einer romanischen Kirche sind, grüßt schon von weitem. Die heutige Kirche ist durch Umbau aus der vom Grafen Gottfried Werner von Zimmern erbauten spätgotischen Kirche hervorgegangen. Im Jahre 1770 von Josef Wenzeslaus, einem Fürstenberger, zu dessen Herrschaft damals Meßkirch gehörte, genehmigt, konnte schon 1773 der feierliche Einzug ins umgebaute Gotteshaus gehalten werden, obwohl an der Innenausstattung noch vieles fehlte, wie der damalige Pfarrer schreibt. Meßkirch, dessen Name man als Kirche des Masse deutet, hatte schon eine römische Siedlung als Vorläuferin. Die erste Kirche Meß- kirch« wurde wohl in der Zeit der iro-schottischen Mönche erbaut, die nach der Völkerwanderung die Gegend missionierten. Der Name des Kirchenpatrons St. Martin begünstigt diese Vermutung. Im 11. Jahrhundert waren die mächtigen Grafen von Rohrdorf Grundherren von Meßkirch, um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Grafen von Zimmern, deren Name durch die ungewöhnliche Förderung der Kunst unsterblich ist. Man kann über die Zeiten der regierenden Grafen und Fürsten denken, wie man will. Eines kann man nicht bestreiten:: Viele Werke der Kunst verdanken diesen Männern ihre Entstehung. Auch die Fürsten von Fürstenberg, die von 1627 an Meßkirch beherrschten, waren große Förderer der Kunst. Die Fürstenbergische Regierung hat die Leitung zum Umbau der alten gotischen Kirche „aus vaterländischem Gemüt“ nicht dem Direktor des Deutschordens Franz Anton Bagnato im nahen Althausen übertragen, sondern dem „Untertanen“ Maler Andreas Meinrad von Au, der 1712 in Sigmaringen geboren und 1792 daselbst gestorben ist. Meinrad von Au hatte sich „als ungemein geschickter, begabter und temperamentvoller Dekorateur erwiesen, der es vor allem verstand, die Ausstattung eines ganzen Kirchenraumes auf einen voll und wohlklingenden, harmonischen Gesamtakkord einzustimmen“. Kein Wunder, daß unter seiner Leitung die Kirche von Meßkirch „die gelungenste und größte künstlerische Leistung" der drei Bezirke Meßkirch, Stockach und Pfullendorf wurde. Als Meinrad von Au an den Umbau heranging, war „das Rokoko endgültig abgetan. Eine andere Zeit zog herauf, die kühler, verstandesmäßiger, strenger dachte. Die Kirchenräume sind nicht mehr von flüssigster Bewegtheit erfüllt, sondern voll verhaltener, gemessener Feierlichkeit und Würde. Man hat zur Kennzeichnung nicht mit Unrecht darauf hingewiesen, daß der Rokokokirchenraum der künstlerische Niederschlag einer mystisch-warmen Religiosität ist, während die Kirche des Klassizismus unter dem Einfluß der inzwischen sehr vorangeschrittenen Aufklärung zum distinguierten, vornehmen Schloßsaal wurde, in dem zwar Schönheit und Glanz herrschen, aber in strenger, ernster Beherrschtheit“ (Ginter). Etwas Aehnliches schuf Meinrad von Au aus der alten spätgotischen Kirche, deren geringe Höhe um zehn Schuh erhöht wurde. Der Gesamteindruck des Innenraumes, der 42 Meter lang und 18 Meter breit ist, ist majestätisch, licht und festlich. „Mit einem Feingefühl für das Ornamentale ohnegleichen hat Meinrad von Au die vielfältige Dekoration immer an der richtigen Stelle und in richtiger Form und Tönung disponiert, Freude wie ei# Schloßhund; der Vater, um erst einmal der Ueberraschung Herr zu werden, steigt mit dem Wiikrügli in den Keller und bringt gleich aus der Räucherkammer ein gehöriges Stück Schüfeli mit nach oben; denn sie haben nur Bibeleskäs auf dem Tisch, und die Rückkehr des verlorenen Sohnes muß doch gefeiert werden. „Wo chunnsch denn du jetzt her?“ nimmt der Vater die Unterhaltung auf. „Ja, weisch, Vadder, i bi z’Fuß, per Schiff und Bahn rund um die ganzi Welt g’reist.“ „So so — rund um d’Welt?“ meint der Bauer und kaut nachdenklich an seinem Brotranft. Auf einmal richtet er sich steil hoch, blickt den Frieder strafend an und sagt: „Mach doch nit gli wieder Sprüch, Bub! Wenn du rund um d’Welt g’reist wärsch, denn hätt’sch jo hinte dur* d’Chuchitür zruck cho miese und nit vorne dur’ d’Hustüre!“ Schönheit / Von Alfons Herp unter die Fenster die Seitenaltäre, an die Pilaster die Beichtstühle und Bronceepitaphien, an die Choibogenwände, nicht in die Mitte, sondern an den Bogenrand, zur Führung des Blickes und zur Vorbereitung auf die Steigerung im Hochaltar, zwei Seitenaltäre mit reichem Kanzel- und Orgelaufbau. Stilgeschichtlich erlebte diese festliche Dekoration hier noch einen letzten glücklichen Aufschwung. Alles ist intimer geworden, Das Verklingen des Stiles meidet sich an“ (Sauer). Meinrad von Au hatte nicht nur die Leitung des Umbaues; er hat sich auch in den Gemälden verewigt. Im Mittelfeld der Langhausdecke hat er die Glorie des Hl. Martinus dargestellt, umgeben von vielen Heiligen und Engeln. Und über allen thront die allerheiligste Dreifaltigkeit. Im Bild vor dem Chorbogen, das die Anbetupg der Hirten zeigt, ist des Künstlers Signatur angebracht: A. M. de Ow prinxit 1773. Das Chorbild schildert • die Einsetzung des hl. Altarssakramentes, umrahmt von den Bildern von vier Erdteilen, Australien wurde damals noch nicht als Erdteil gezählt, der drei theologischen Tugenden und der Demut, der vier Evangelisten und der vier lateinischen Kirchenväter. Alle Bilder zu schildern, würde zu weit führen. Die ganze Heilsgeschichte ist dargestellt, deren Gipfelpunkt das Hochaltarbild mit der Kreuzigung Christi bringt. Unter Meinrad von Au’s Leitung haben noch eine ganze Reihe anderer Künstler an Meßkirchs Pfarrkirche gearbeitet. Die Stukkatur zauberte Johann Jakob Schwarzmann au» Schnifis bei Feldkirch hin. Der Entwurf zu seinem Werk ist uns im Museum auf Burg Hohenzollem aufbewahrt. „Meisterhaft sind zu Meßkirch die Pilasterkapitäle, die Apostelbüstenreliefs zwischen Ober- und .Unterfenstem, die Kartuschengebilde, die Umrahmungen der größeren und kleineren Deckengemälde oder gar das reiche, kostbare Wappengebilde, das den Chorbogen so wunderbar schmückt“ (Ginter). Der Bildmeister an Altären und Orgel trug den Namen Franz Xaver Biehler oder Biecheler und starb 1787 in Donaueschingen. Die Faßarbeiten sind von Franz Wittner aus Donaueschingen. Maurermeister des Umbaus war Xaver Fritsch! aus Hüfingen. So sehr wir die Leistung Meinrad von Au’s würdigen, das eine müssen wir ihm verargen, daß er den Flügelaltar der spätgotischen Kirche mit den berühmten Gemälden des leider unbekannten „Meßkircher Meisters“ nicht in die neue Kirche als Hochaltar übernommen hat. Nach seiner Meinung wären die Bilder für die neue Kirche zu klein gewesen. Zum Glück war er wenigstens so weit zu bringen, das Mittelbild des alten Hauptaltars auf einem Seitenaltar zu verwenden. So blieb da» berühmte Dreikönigsbild in seiner strahlenden Farbenpracht der Kirche erhalten, während die anderen Bildtafeln in alle Winde zerstreut wurden. An den Wänden des Schiffes der Kirche sind die zwei Bronceepitaphien von überlokaler Bedeutung. Das eine stellt in stehender Haltung, den Löwen zu Füßen, den Bauherrn und Wohltäter der alten spätgotischen Kirche, Gottfried Werner von Zimmern, dar. Das zweite in kniender Haltung und üppiger Umrahmung den Grafen Wilhelm von Zimmern. In der Nepomukkapelle auf der linken Seite der Kirche ist der Märtyrer des Beichtgeheimnisses als glühender Muttergottesverehrer dargestellt. Wer die hohe Malkunst der berühmten Brüder Cosmas und Aegid Asam noch nicht kennen sollte, hier in der Kapelle kann er sie bewundern. Das anspruchslose Aeußere der Meßkircher Stad’kirche läßt den Reichtum im Innern nicht ahnen. Umso dankbarer verläßt die Kirche, wer die verhaltene Pracht geschaut hat. Di« verhältnismäßig kleine Gemeinde, die in den Jahren 1928/30 die Mittel zur Renovation der Kirche aufbringen konnte, verdient höchstes Lob für das künstlerische Erlebnis, das das Gotteshaus dem Beschauer zu vermitteln vermag.