o o LACHEN WIM MAL. Das einzige Paul kommt immer sehr spät nach Hause, sehr spät. Das ist nämlich das einzige, wohin er so spät noch gehen kann. In der Gemäldeausstellung „Immer diese verdammt kleinen Bilder. Kein Mensch malt beute noch ein Gemälde, das eine ganze Wand einnimmt.“ „Halten Sie denn so große Schinken wirklich für wertvoll?“ „In gewisser Hinsicht ja. Ich bin nämlich' Rahmenhändler.“ Sd)laflosigkeit „Was macht denn deine Schlaflosigkeit?“ „Die ist ganz schlimm geworden. Jetzt kann ich sogar nicht einmal mehr im Büro einschlafen.“ Im Atelier Frau Sesemihl schwärmt von Kunst und Künstlern. „Meister“, •egt sie, als sie einen Maler im Atelier aufgesucht hat, „ich wollte, ich könnte einige von ihren herrlichen Farben mitnehmen.“ „Das Vergnügen haben Sie ohnehin“, meinte der Maler trok- ken. „Sie sitzen nämlich auf meiner Palette.“ Erziehungsgrundsatz „Ich halte es für grundsätzlich verkehrt, daß Kinder von Meinungsverschiedenheiten ihrer Eltern etwas merken. Darum schicke ich sie auch immer gleich auf die Straße, wenn ich merke, daß ich mit meinem Mann nicht immer einer Meinung bin.“ „So ist das also! Ich wunderte mich immer schon, woher Ihre Kinder diese frische und gesunde Gesichtsfarbe haben.“ Auch nicht schlecht „Wieviel ist fünf weniger zwei?“ „Eins, Herr Lehrer!“ Der Lehrer antwortet sanft: „Ich würde sagen: dre..‘ „Drei? Auch nicht schlecht!“ Reli gionsstunde Lehrer: „Nun, wer hat die Ehe eingesetzt?“ „Der liebe Gott!“ „Richtig, und welche Worte hat er dabei gebraucht?“ „Gott sagte: ich will setzen Feindschaft zwischen dir und deinem Weibe!“ geleitet von Helmut Sohm Heim (Konstanz) gewann gegen Großmeister Bogoljubow Das war die Ueberraschung der ersten Runde im zweiten Wangener Osterturnier. Und diese . Niederlage trug dazu bei, daß Joppen (Heidenheim) und Thiermann (München) mit je 6 Punkten vor Bogoljubow (5)4 Punkte) das Turnier gewinnen konnten. Weiß: Bogoljubow Schwarz: Heim I. Sf3, c5,’ 2. g3, d5; 3. Lg2, Sc6; 4. d4, c5 x d4; 5. Sf3 x d4, eS; 6. Sb3, Le6; 7. Sc3. Lb4; 8 0-0, Sg8—e7; 9. Ld2, 0-0; 10. a3, Lb4 x c3; II. Ld2 x c3, f5; 12. Sb3 — c5, Le6 — c8; 13. e3, b6; 14. Sc5 — d3, e3 — e4; 15. Sd3 — f4, Dd8 — d6; 16. Ddl — h5, a7 — a5; 17. Tfl — dl, Tf7; 18. Td2, Lb7; 19. Tal—dl, g7—g6; 20. Dh5—g5, So* — e5; 21. h2 — h3, b5, 22. b3, b4; 23. a3 x b4, a5 x b4; 24. Lc3 —al, Ta 8—c8; 25. Lai—b2; Tc8—a8; 23. Kh2, Ta2; 27.Lai, tal (möglich war evtl. Ta2 x al nebst h7—h6!); 28. Lai x e5, IMM x e5; 29. Tdl — d4, Ta6 — b«; 30. Lg2 — fl, Kg8 — g7! 31. Sf4 — h5 +? Stellung nach 31. Sf4 — h5 + ^ Schwarz: Heim s Weiß: Bogoljubow (Kostet eine Figur!) 31.... Kh8; 32. Dg5—f4. De5 — e6; 33. Lfl — e2 (Bogoljubow hatte bei der Vorausberechnung übersehen, daß 33. Df4 — b8 an Lb7 — c8 scheitert und der Tb6 ist durch De6 gedeckt!) 33.... g6 x h5; 34.Le2 x h5, Tg7; 35. g3 — g4, De6 — f6; 36. Tdl — al, Se7 — c6; 37. Td4 — dl, Sc6 — e7; 38. Tal — a7, Se7 — cß (Zeitnot!); 39. Ta7 — a4, Sc6 — e5; 40. g4 x f5, Tg7 — g5; 41. Lh5 — g4, h7 — h5; 42. Tdl — d4, h5 x g4; 43. Ta4 x b4, Se5 — f3+; 44. Kgl — hl, Tb6 x b4 Weiß gibt auf! Mit dieser Partie bestätigte der erst 17 Jahre alte zweimalige £onstanzer Stadtmeister erneut seine Spielstärke. RÄTSELECKE Kreuzworträtsel Ein Wort mit 6 Buchstaben 1 H p P — JJ 9 -— i P n r 5 L A r~ “1 n 9 G *5“ r ^ fr c □ !j* L □ w~ IS ib~ 1 t m s - = — _ ir — m — — K n n 21 re > M IE ■ □ rin li n ij J □ ! r k. j □ re u * f 15 2 ih i ■ J rr ? u f 29 3o s ir ü ni i i n jr ir r •f re M[ s. J ir c — _ t r 2 j _ yj — Waagerecht: 1. Kap auf Rügen; 4. abwartende Haltung; 8. überseeischer Staatenbund; 10. Richtblei; 11. Düngemittel; 13. Lebensende; 14. Situation; 16. Ballon; 18. Teil der Kleidung; 19. Wurzelgewächs; 22. Wärmespender; 26. baltische Ostseelandschaft; 29. Mündungsarm der Weichsel; 31. offene Feuerstelle; 33. Stoppzeichen; 34. Ferment im Kuhmagen; 35. amerikanischer Caritasverband; 36. Göttin der Verblendung; 37. Eulenvogel; 38. Armseligkeit, Jammer; 39. Grassteppe in Ungarn. Senkrecht: 1. Stadt in der Türkei; 2. Form der Gottanbetung oder Totenehrung; 3. Männername; 5. Stichwaffe; 6. Staat der USA; 7. Metallfacharbeiter; 9. oberste Regierungsgewalt im besetzten Deutschland ab 1945; 12. Gebirgsweide; 15. größerer Landbesitz; 17. geschichtlicher Zeitabschnitt; 18. Möbelstück; 20. Wurfspieß; 21. schmale Straße; 23. Stadt in Holland; 24. versunkene Stadt an der Ostsee; 25. portugiesische Kolonie; 26. schmales Brett; 27. Wild; 28. englische Anredeform; 30. moderner Baustoff; 32. Nagetier Auflösung: •sneH ZS !seio 0£ hnS '82 istpea 'LZ '92 ieoo BZ :b)3u;a 'K tuiaqu-iy BZ ‘-33AV 12 ‘-teo 02 ‘.quejqos •81 UtaznaM ’u Uno fil luqy 21 ‘.tB-ino-quox 6 ‘.^aqaja L ‘.qeifl 9 ‘.qo[OQ g ‘.Jeqso £ ‘.Rnji z ‘.euequv T :)tp»Ji(uas eissnd '6£ ‘.a.wsipj '82 !nqn 'iE ‘.aiV '9£ ‘-3HVD fi£ Iqeq t-E ‘4IBH '££ ‘.uiuibh T£ 4b3om 62 ‘.puetAn '9Z Uadieoii -zi3H ZZ !qo!U3H '61 !qnqos '81 Ribrv "91 !b3bt h !po£ EI iqiBX II U teuoq-iy T :iq»aw»BeAV 3 JAHRGANG Nummer 17 Mta unbSdMP’ii ’H’dmatbdlage zum 'Ivociycnende Samstag, 26. April 1952 Kirchgang unter Blüten im Siegelautal im Schwarzwald Foto: Hans Retzlaff :•**/*, wm mm ifiPW Dank an die Amseln / von Kari B.rken Ich wüßte mir keinen Vogel, dem ich soviel Dank schulde, auch keinen, der mir so vertraut ist. Ich bilde mir ein, ich kenne die ganze Skala dieser Vogelseele. Jeden Laut aus diesem Schnabel weiß ich mir irgend zu deuten. Ich verstehe, wenn meine Amsel der Hunger quält, ich höre, wann aus ihr der Neid zetert. Ich kann sagen, wann sie zufrieden ist, wann sie munter ist, wann schläfrig. Aber ich kann auch sagen, wann sie zornig ist auf eine Katze, wann sie auf Wehmut gestimmt ist oder wann die Liebe in ihr fiebert. Und doch dünkt mich, daß da noch manches Rätsel bleibt und daß ich die Amsel noch lange nicht ergründet habe. Weiß ich doch noch nicht einmal, wer sie eigentlich ist. Ist sie der Strahl von einem Nebelfleck, der durch unermeßbare Zeiten, durch zahllose, namenlose Wandlungen endlich sein irdisches Gleichnis in diesem Vogelwesen gefunden hat? Ist sie eine ewige Melodie, die von Gott auf einer Stemenharfe angeschlagen, nun nicht mehr vergehen, . verwehen kann, nun immer wieder ins Dasein will und immer aufs neue in dieser Vogelseele aufklingen muß? Hat sich eine Weltensehnsucht in diesen dunklen Federball verkrochen, jauchzt eine Erfüllung aus diesem gelben Schnabel? Weiß ich’s, weißt du es? Ist diese Amselstrophe die trauernde Stimme einer längstverblühten Liebe? Ist sie nichts weiter als ein melodischer Zeitvertreib, ein immer wieder versuchtes Selbstgespräch? Ist sie eine Frage, eine Antwort? Du zauberhafter Abendvogel, du Vogel der ersten Morgenröte, du Vogel, flötend in sonnenflirrendem Goldgeäst, willst du mir’s nicht verraten? Sowie ich eine Amsel vernehme, beginnt es ln mir zu fluten von allerlei verborgenen, geheimnisvollen Quellen, und oft kommt es, daß ich dann ganz überströmt bin von Erinnerungen, Empfindungen und Gedanken. Da fällt mir zum Beispiel ganz leicht ein sterbender Ulan ein, der mir rasch noch ein paar Worte für zu Hause auftragen gewollt, sich aber plötzlich unterbrach, weil da jetzt eine Amsel aus dem nahen Gebüsch schluchzte Sich unterbrach und dann nicht mehr zu Ende kam, denn seine Seele war inzwischen entflohen. Ein andermal kommt mir Mozart in den Sinn oder so eine vom süßesten Himmelsgold umwehte Madonna von Perugino. Dann wieder gedenke ich eines blonden Mädchens, das eine so weiche, dunkle Stimme hatte und so kleine, so seltene Hände. Oder es ist mir, als ob ein Duft von Ackerschollen, Gärten, Waldsäumen und D >i fhecken in meine graue Stadtstube hereinstreiche und alles darinnen verzaubere. Du liebe kleine Schwarzamsel, ich finde, du bist ein Geschenk Gottes. Ohne dich wären unsere Städte noch steinerner, als sie schon sind und wir darinnen noch verlassener. Aber du schenkst uns mitunter ein Entzücken. Ich sehe zuweilen einen alten, müden Mann, ein greishaariges Frauchen auf einer Bank sitzen und weiß, sie horchen jetzt über sieh in die Ulme, in die Linde hinauf und sie sind ganz selig von deinem bißchen Geflöte. Und ich sehe immer wieder ein Kind, das auf seinem Schulgang plötzlich stehun bleibt und über einen Zaun, eine Mauer hinweg, nach einem singenden, klingenden Wipfel die Augen hebt: ganz hingerissen, ganz traumumfangen. Und das bist wieder nur du! Ein Stück Geheimnis lebt in dir, ein Stück vom Urgeheimnis. Und wie ein später Nachglanz bist du aus einem frühen Märchen. Blü£enbäume, von uraKem Schicksal gedüng£ / Von Heibert Wen dt Eine sanfte, taubenblaue Dämmerung spinnt sich von Baum zu Baum. Fledermäuse huschen durch den Abend. In der alten Zeder lachen die Käuze. Der Duft der Lebensbäume und Scheinzypressen streift die Terrasse, ein strenger, fast an Medikamente erinnernder Geruch. Wenn der Lichtschein in den Park fällt, dann leuchten die Magnolienblüten auf, geisterhaft weiß, wie blumengestaltige Todesengel. Süße, beklemmende Verwesung — dieser typische Atem der alten Parks ist auch hier spürbar. Die Glyzinien, die in blauen Kaskaden die Mauerquadern herabrinnen, strömen ihn aus; ist ist die betäubende Süße des Geißblattes, der Spiräa und des Jasmins, die hier alles einhüllt. Vergangenheit und Grabesstimmung haben die Bäume und Blüten- sträucher getränkt — und wie in den Tropen, gerade auf dem Moder, auf den Leichnamen der Pflanzen und Tiere das üppigste Leben gedeiht, so gedeiht es auch hier. Nie sah ich den Tulpenbaum herrlicher blühen als in dem badischen Park, den ich meine, in dem Schloßpark oberhalb der Acher, der die 800 Jahre alte Burg Rodeck umgibt. Das Weiß der Trompetenbäume ist dort im Sommer wie funkelnder Schnee, durch den winzige Blutstropfen rinnen. Am einstigen Schwanenteich, dort, wo seit Jahren eine erzfarbene Glattnatter wohnt, blüht im Mai die Kaiserpaullownie, ein Baum, der sonst nur in den Subtropen seine giftigblauen, gespenstischen Fingerhutrispen entfaltet. Ein Meer von Flieder und Schneeball gischtet über die verwilderten Anlagen. Deutzien klingeln mit weißen und rosigen Glöckchen durchs Unterholz. Zuweilen wandelt sich der Rasen in einen Krokusteppich, zuweilen in ein dottergelbes Anemonenbeet. Die Rosen blühen vom April bis in den Dezember hinein — süße Verwesungsrosen, schnell vergänglich, mit riesigen Samtknospen, die immer neu aus dem Dornengerank hervorbrechen. Ein Schicksalspark ist es, von dem ich berichten möchte. Auch die Menschen sind hier seit je vom Tropenatem gezeichnet, sind tropenhaft üppig in ihren Neigungen und Leidenschaften. Geschlechter vergehen rasch wie die Blüten. Hin und wieder stoße ich im Park auf ihre Spuren: Eine alte, kunstvoll verzierte Brüstung, halb zerstört, die wie die Kommandobrücke eines wracken Schiffes über dem Abgrund hängt. Der Grabstein eines Jagdhundes, fast ein Jahrhundert alt, umwuchert von japanischem Kirschlorbeer und duftenden Walderdbeeren. Ein Forellenteich, längst verschilft und versumpft, in dem heute grüngoldene Märchenfrösche quaken und dessen Spiegel der zierliche Leib einer Ringelnatter wie mit dem Messer durchschneidet. Wilde Bienen in der hohlen Weide, Abkömmlinge wohl aus einer einstigen Imkerei. Und schließlich der Kehricht der jüngsten Zeit; Ofenkacheln, Vasenscherben, Spuren von Gelagen, von Umbauten und Zerstörungen. Der Park überwuchert alles. Das Geißblatt deckt rostiges Eisen zu. Der Wein legt sich wie ein Teppich über den häßlichen 0edädh£niss£unde in Meißenkeim Eine Rundfunkaufnahme des Studios Frei bürg vom Südwestfunk galt zwei Tage nach der offiziellen Friederikenfeier des letzten Sonntags in Meißenheim dem Leben und Tod von Goethes unsterblicher Geliebten, die hier auf dem Platz an der Kirche ihre letzte Ruhestätte fand. Dr. Paul Laven schilderte die Landschaft und sprach über dieses Frauenleben, das im Strahle der Dichtersonne Unsterblichkeit fand. In Frie- derikens Sterbezimmer wurde eine Gedächtnisecke errichtet, die zu einem Goethe- und Friederiken-Museum erweitert werden soll. Pflege von Grab und Andenken liegt in den guten Händen der Pfarrersfamilie. Mit einer zweiten Aufnahme in Meißenheim wurde auf einen Lyriker aufmerksam gemacht, der von sich sagen konnte: mein Werk ist klein, es soll aber sein wie geschliffener Stein. Hubert Ries, der in diesem Jahre 50 Jahre alt wird, lebt und arbeitet in Offenburg. Gedichte, veröffentlicht in Zeitschriften und Zeitungen, geben immer wieder Kunde von der Art und Weise seiner dichterischen Aussage. Dr. Paul Laven unterhielt sich mit dem Dichter. Die Sendezeiten werden im Radioprogramm bekanntgegeben. Im Lenze. Er hat zu uns gefunden den Weg aus armer Zeit, es dehnen sich die Stunden ton Lichte wieder weit. Und wieder neu verschworen sind wir der Erde nun, in ihr ist nichts verloren, sie segnet unser Tun. Wird tausendfältig geben sich wonneselig hin, als wär auch unser Leben ein köstlicher Gewinn. Hubert Ries. Zierrat, den die Jahrhundertwende dem Schloß zugemutet hat. Efeu umkleidet die Baumstümpfe — die Zeugen der letztön Holznot. Man kann hier auf kleinem Raum beinahe den gleichen Vorgang erleben wie in jenen südlichen Ländern, in denen der Urwald alte Kulturstätten gefressen hat. Alle meine Erinnerungen an den verwilderten Rodecker Park sind höchst merkwürdig und passen gar nicht in unsere nüchterne, unromantische Zeit. Die Vergangenheit ist hier so stark, daß sie sich auch in der Gegenwart behauptet, ja daß sie alle Bewohner und Besucher wie mit einem magischen Netz einfängt. Dabei ist es, von Teilungen und Erbstreitigkeiten abgesehen, gar keine bewegte Vergangenheit. Lautlos kamen und gingen die Familien; alles menschliche Tun und Geschehen in Rodeck wirkt auf mich gedämpft durch die Baumhallen und den Pflanzenteppich des Parks. Vielleicht ist Rodeck darum die einzige mittelalterliche Höhenburg Badens, die sich unzerstört bis heute erhalten hat. Hier, an jenem uralten Brunnen, über den jetzt ein Birnbaum seine knorrigen Aeste hält, wurde wohl jener seltsame Teilungsvertrag von 1349 besprochen, der dem Bruder Reinhold von cJ^nundie^ovge lem/ — ’ Cuas gißt Cid) altes(enon/ ^Zlndßißt deCjCunmeTeini Qottffi «v Röder die Burg, der Schwester Agnes aber Hof und Park zuerkannte. Wer den anderen überlebte, so wollte es der Vertrag, der sollte ihn beerben. Es kam nicht dazu. Hitzig versuchte jeder von beiden den anderen zu belauern, zu übervorteilen. Mißgunst war es übers Grab hinaus. Schließlich verkaufte Reinbold vorzeitig seinen Anteil an den Markgrafen von Baden. Agnes den ihren an den Bischof von Straßburg. Der Vertrag war umgangen. Park und Burg gelangten nun für eine Weile in getrennten Besitz. Nur der Brunnen gehörte beiden Parteien gemeinsam. Im Jahre 1614 wiederholte sich das Ereignis. Diesmal waren drei Schwestern daran beteiligt. Zum drittenmal gab es um die Jahrhundertwende eine sonderbare Auseinandersetzung um die Erbfolge. Gewiß waren diese familiären Zwiste und Uebervor- teilungen keine welterschütternden Ereignisse — aber sie sind typisch für den immer wiederkehrenden, lautlosen und schleichenden Zerfall der Geschlechter von Rodeck. Bis heute hat dieser Prozeß angehalten. Ob Adlige oder Bürgerliche, Gutsbesitzer oder Grundstückshändler — der Park hat sie alle überlebt. Die Glyzinien duften wie ehedem, süß und faulig. Die Spitzen der Riesenzedern tanzen wie einst über den seidigblauen Himmel. Der Park frißt Lauben und Mauern, Wege und Weiher; er wagt sich sogar an die Burg und sprengt Steine aus der granitnen Umfriedung — er holt sich wie der Tropenurwald ein Stück Menschenwerk nach dem andern. Mit Malern und Schriftstellern war ich hier zusammen, die sich plötzlich durch die Parkdämonie verwandelten, in Kindern, in Berauschte, und die sich hier unter der lähmenden Duftglocke ihre schönsten Gestalten erträumten. Moderne Frauen lebten in Rodeck auf einmal das Leben längst begrabener Burgherrinnen — in unserer kalten, eintönigen Gegenwart. Nüchterne Reporter begannen zu schwärmen und sich angesichts der roten, blütenbedeckten Mauerquadern in eine wahre Südlandhypnose hineinzuversetzen. Kühle Geschäftsleute wurden, angerührt von der Verwesungssüße, zu Verschwendern, Kinder zauberten ihre liebsten Märchen in den Park. Ein bunter Schicksaisreigen, dem auch die Schattenseiten, die bösen Figuren nicht fehlen, hat bis in die jüngsten Tage hinein den Park durchtanzt — Gestalten, wie sie Hauff und Arnim einst geschaffen hatten und wie sie heute sonst noch zuweilen in der Sage auftauchen. Die Käuze lachen durch die Nacht. Goldäugige Kröten rascheln im Faliaub. Ein Märchen — wie es uns als Kindern beglückend und beängstigend entgegensprang. Und dennoch Wirklichkeit — kaum eine Wegstunde entfernt von der siebenhundertjährigen, lebhaften und betriebsamen Stadt Aehern. „Der Mensch is£ ein Glas, das bald zerbrich£ . . . . Abraham a Sancta Clara als Barodi-Prediger / Von Jotlocus Vydt Wenn vom Barode die Rede ist, denkt der Mensch der Gegenwart vor allem an den Baustil, der man unter diesem Begriff zu verstehen pflegt — dabei wird übersehen, daß ähnlich, wie die Renaissance, das Barock einen Lebensstil, eine Daseinshaltung, wenn man will, eine Weltanschauung ausmachte. Daran erinnern einen auch die Bücher und Predigten von Ulrich Megerle, zu Kreenheinstetten, unweit von Meßkirch, 1644 geboren und in Wien 1709 gestorben, einer ausgesprochenen Gestalt des barocken Zeitalters. Er repräsentiert das Barock in seiner Abwandlung ins Volkstümliche. Nicht zuletzt die Urwüchsigkeit, ja, wenn man will, die Kühnheit seines Humors überraschen den Betrachter seines Werkes, der unserer Zeit abgehört, immer wieder. Er nimmt nicht nur. der Augustinermönch, der als solcher den Namen Abraham a Sancta Clara angenommen hat. kein Blatt vor den Mund, sondern pflegt sich darüber hinaus meist in einer Unmißverständlichkeit auszudrücken, die etwa an den großen Erzähler des Barocks, den Schöpfer des „Simplicius Simplicissimus“ denken läßt. Das mögen einige kleinere und größere Zitate aus seinen Schriften bezeugen. In seinem 1698 erschienenen, vielgelesenen Buch „Etwas für alle, das ist: Eine Beschreibung für allerlei Stands-, Amts- und Gewerbspersonen..ist schon die Einleitung köstlich genug; „Herbei, herbei, Ihr Herren und Frauen / gar schöne Dinge sind hier zu schauen! Mein Füllhorn hat für alle etwas / hier findet Ihr Ernst und findet Spaß. Der Fürst, der Kaufmann, der Poet / was hämmert, meißelt, grölt und näht / was sticht und hobelt, feilt und raspelt / was klopft und spinnt und kocht und haspelt / whs betet, lüget, singt und weint '/ ist alles in diesem Buch vereint.“ Abraham a Sancta Clara war unter den Künsten vor allem der Musik zugetan. Dem „Musikant“ widmet er in seiner Schrift: „Etwas für alle“ denn auch besonders charakteristische Worte: „Sei du mir tausendmal willkommen, meine löbliche, liebliche, künstliche, köstliche, vornehme und angenehme Musika! Andere sind zwar freie Künste, du aber bist eine freie und fröhliche Kunst! Du bist eine Portion vom Himmel, du bist ein Abriß der ewigen Freuden, du bist ein Pflaster für die Melancho- lei, du bist eine Versöhnung der Gemüter, du bist ein Sporn der Andacht, du bist ein Kleinod der Kirchen, du bist eine Arbeit der Engel, du bist eine Aufenthaltung der Alten, du bist eine Ergötzlichkeit der Jungen. Musizieren ist für sich selbst ein englisch Amt.“ Und nun kommt der ganze Abraham a Sancta Clara zum Vorschein: „Ob aber alle Musikanten englisch leben, roto: Töile. Schwanwälder Vesperpause steht dahin: gar oft erfährt man das Widerspiel. Daß zuweilen die Herren Musikanten ein Stimm haben wie die Hirten, wann sie durch ein Kühhorn blasen. Ist so kein großes Wunder, dann sie durch das übermäßige Saufen einen Katarrhum bekommen.“ Recht in seinem Element ist Abraham a Sancta Clara ln seinem Werk, das sich „Narrenkatalog“ nennt. In ihm — und hier denkt man bisweilen an Heinrich Hansjakob — setzt er sich mit dem weiblichen Geschlecht auseinander. So z. B. mit der „ungeduldigen Närrin“ „Wenn alle, die von Wespen um die Nasen werden gekitzelt, sich selbsten die Nasen wollten abbeißen. in wieviel Stücken hättest du deine Nasen müssen zerreißen, die du in Ungeduld die Nasen rümpfest? Die Geduld bringt Rosen, Mit Liebkosen wünschet man euch Diese Rosen. Armen und Reich, Aber das Rosenbrechen Ist selten ohne Stechen." Oder man höre, was der Wortgewaltige der „balsamierten Närrin“ ins Stammbuch schreibt: „In ihrem wohlriechenden Anstrich ist ein Weib verliebet, darvon sie riechet wie ein Bisam- mäuslein... Weib, deine Wangen / mit Anstrich prangen / deine Schuch / voller Geruch / deine Haar / seind Bisamwar / deine Handschuch, deine Haubenschnecken / auch tun schmecken / deine Mieder, deine Glieder, deine Ziechen / auch riechen / dein Kopf, dein Schopf ambra hecken / dein Brand, dein Hand, all Gewand voll Bisam stecken... Das Weib brauchet den Balsam als Spieß und Schwerter, die ihr und anderer Gemüt verwunden. ihr selbst zu schaden. Ist das nicht närrisch?“ In einem Buch „Abrahamische Lauberhütt“ findet man diesen Erguß: Wasist derMensch? Der Mensch ist ein Gras, das nicht lang steht, Und ein Schatten, der bald vergeht. Der Mensch ist ein Schäum, der bald zerfließt Und ein Blum, die bald abschießt. Der Mensch ist ein Rauch, der nicht lang währt, Und ein Feuer, das sich selbst verzehrt. Der Mensch ist ein Fluß, der bald verrinnt, Und ein Kerzen, die bald abbrinnt. Der Mensch ist ein Glas, das bald zerbricht, Und ein Traum, der haltet nicht... Der Mensch ist ein kurzer Lautenklang Ein rechtes Miserere-Gesang. Der Mensch ist bald schön und reich, Auch bald ungefähr ein Totenleich. Der Mensch ist alles Unglücks Ziel, Der Eitelkeit ein Possenspiel. Ein Schauspiel der Verächtlichkeit „ Und ein Spiegel der Sterblichkeit.“ Im gleichen Buch läßt sich Abraham a Sancta Clara mit einer „hochzeitlichen Instrumentalmusik“ vernehmen. Dabei empfiehlt er dem jungen Ehemann die „zarte Saite" der Braut behutsam zu behandeln, sonst komme es gar zu leicht zu Dissonanzen. Hübsch ist auch der „Ausbruch der Heiratslust“, den der große Barock-Prediger also schildert: „Ich muß, so sagt die Heiratslustige, dieses Jahr noch einen Mann haben, es gehe, wie es wolle! Es schmeckt mir kein Süppl, Wenn ich nicht hab’ den Sippl (Sepple) Der Paul Kommt mir alleweil ins Maul. In den Franz Verschau ich mich ganz. Ach, daß ich doch wurd’ beglückt Mit dem lieben Benedikt! Dem Meister Bertold Bin ich von Herzen hold Ach, ein Mann, ein Mann, ein Mann Hat er gleich keinen guten Fetzen an.“ Und zum Schluß noch Reime, die der „ehrsüchtigen Närrin" gewidmet sind: Wann Ehrsucht kommt zum Regiment, Sich alles lenkt zum bösen End. Das Weiberregiment Nimmt selten ein gut’ End. — Willst du wohl fahren bis an das End, Gib nicht dem Weib das Regiment. Es ist im Haus nicht wohlgetan Wenn die Henn kräht und nicht der Mann. Das ist Ulrich Megerle, wie er leibt und lebt. In ihm fand das Barock einen Gestalter seines mächtigen Lebenstriebes, der den breiten Schichten des Volkes mit kaum mehr je erreichter Plastik den Sinn von Dasein und Tod darzustellen vermochte. Und wie oft berührt, was aus seinem Munde kam, den Mensch unserer Tage ungemein zeitnahe!