Adelsheimer Zeitung und Boxberger Anzeiger imländer Bote General-Anzeiger für das Bauland und den Odenwald. Der Bauländer Bote erscheint werktäglich. — Verantwortlich, Druck und Verlag: Joseph Viel in Adelsheim. — Bezugspreis: Vierteljährlich frei ins Haus 3 Mark. Anzeigenpreis: Die 6gespaltene Petitzeile oder deren Raum 25 Pf.; die Reklamezeile (Zgespaltene Petitzeile) 60 Pf. — Postscheckkonto Nr. 14054, Amt Karlsruhe. Nummer 200. Adelsheim, Dienstag, den 27. August 1918. 42. Jahrgang. — > > .!!> - ! .. .."> -- .— - ...... > » N l? Li-- An der ganze» Westfront dir feindliche« Unternehmungen gescheitert. — Das nebelhafte stdirifche Abenteuer der Entente im ferne« Oste» nimmt feine« Anfang. — Kriegsministrr v. Stet» gegen die Flaumacher. Der Weltkrieg. WTB. Großes Hauptquartier, 26. Aug. (Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz: Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht und Böhn; Vorfeldkämpfe bei Bailleul und nördlich der Scarpe. Westlich von Croisilles blieben feindliche Angriffe in unserem Feuer liegen. Vizefeldwebel Göbel schoß mit seinem Maschinengewehrzuge vier Panzerwagen, Unteroffizier H en e mit leichten Minenwerfern drei Panzern, a.gen zusammen. Beiderseits von Bapaume setzte der Feind zwi- >St- Leger und Martinpuich seine Angriffe fort. Hoher Einsatz von Infanterie und Panzerwagen sollte hier chen Durchbruch durch unsere Front erzielen. Wo der ! Feind intz Feuer und durch Gegenstoß äbgewiesen war, i trugen frische Kräfte den Angriff immer wieder er- ' neut vor. Seine Angriffe sind im großen gescheitert. !Jm einzelnen war der Verlauf der Schlacht etwa folgender: Der Feind drang in unsere westlich von Mory, westlich von Bapaume — Martinpuich befindlichen Linien ein. Nördlich von Bapaume brachten örtliche Bereitschaften und Reserven den Feind am Ostrand von Mory, Farreuil und westlich von Bapaume zum Stehen. Weitere Angriffe brachen vor diesen Linien zusammen. Südwestlich von Bapaume stieß der Feind zwischen Thilloy und Martinpuich auf Gueude- court —Flers vor. Preußische Reserve-Regimenter und Marineinfanterie warfen ihn in kraftvollem Gegenangriff in die Linie Thilloy—Martinpuich zurück; beide Orte wurden wieder genommen Zahlreiche Panzerwagen liegen zerschossen vor und hinter unseren Linien. ! Gegen unsere von der Ancrefront abgesetzte Linie Baz n in—le-P t n -Carn y—Suzanne arbeitete sich der Feind im Laufe des Nachmittags voran; starke Angriffe, die am Abend zwischen Carnoy und der Somme erfolgten. wurden äbgewiesen. «Südlich der Somme setzte sich der Feind bei mehrfachen Angriffen in Cappy und Fontaine fest. Beiderseits der Römerstraße schlugen wir seine Angriffe zurück. Zwischen Somme und Oise keine besondere Gefechtstätigkeit. ' Südlich der Ailette griff preußische Garde den Feind westlich von Crecy-au-Mont an, gewann die Höhe südöstlich von St. Mard und schlug im Verein mit deutlichen Jägern sehr stark Angriffe weißer und schwar- Heh Franzosen ab. EtM 100 Gefangene wurden ein- -Hkchracht. Auch nördlich der Aisne brachen am Abend starke feindliche Angriffs zusammen. Heeresgruppe deutscher Kronprinz: ^ Teilgcfechte an der Besle. Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff. * Tie Zeit drängt. Trüben im fernen Osten hat vas nebelhafte sibirische Wenteuer begonnen, weil angeblich die deutschen Kriegsgefangenen das chinesische Reich bedrohen. Wenigstens begründet Japan so seinen Einmarsch in der Nordmandschurei. Wie wird das aus Japanern, Chinesen, Amerikanern, Engländern, Kanadiern und Franzosen gemischte Heer abschneiden? Der sibirische Winter ist hart und lang und bis Kr seinem Eintritt sind es noch wenige Wochen. Die Tschecho-Slo- waken aber, denen zuliebe die Entente die gewagte Expedition — nach der Begründung der übrigen Alliierten — unternimmt, machen derzeit schlechte Geschäfte. Sie werden von den russischen Sovjet-Truppen in Sibirien und am Ural hart bedrängt. Es ist wohl möglich, daß deutsche und österreichische Kriegsgefangene dabei den Russen zu Hilfe kommen, denn die tschechischen Banden haben den Gefangenen den Weg in die Heimat verlegt und greuelhafte Untaten gegen sie verübt. Wenn die damals wehrlcsin Gefangenen sich wenigstens teilweise an der Vertreibung der rvilden Banden — Verzeihung, sie sind ja die neueste ,,kriegführende Nation" — wirklich, beteiligen würden, so wäre das zu verstehen.. .Bei Archangelsk am Eismeer sind vre Eng,u.wer und Russen von den Bolschewiki geschlagen und in die Stadt zurückgetrieb'N worden; den Engländern und Serben an der Murmanküste stehen die nicht zu verachtenden Finnen gegenüber, in einem Monat ist es da oben wieder bitter kalt. Von Persien her ist ein englisches Korps in Baku am Kaspischen Meer eingedrungen, um von dort aus die ehemaligen Kaukasusprovinzen des russischen Reichs zum neuen Krieg gegen die Verbandsmächte aufzureizen. Ml? diese feindlichen Unternehmungen find bis zu einem gewissen Grade van Entente-Erfolgen auf dem westsichm Kriegsschauplatz abhängig. Dazu kommt aber die Sorge des Tauchbootkriegs. Tie Engländer können hochamtlich zehnmal die ruinöse Wirkung des Tauchbootkriegs weglügen, halbamtlich müssen sie zugeben, daß ihre Handelsflotte dahinschmilzt, wie der Schnee an der Sonne. Wenn von 18,8 Millionen versenkten Bruttoregistertonnen allein 11,6 Millionen Englands Flotte entrissen sind, ungerechnet die. beschädigten Schiffe, dann ist die Lage Aar. England will ein Ende machen, weil es ein Ende machen muß. So groß sind auch Englands Hilfsquellen nicht, daß sie nicht zu erschöpfen wären, von Frankreich und Italien gar nicht zu reden. England sieht seine Handelsvorherrschaft sinken oder versinken und das wäre Englands Grab. Bis zum letzten soll cs nicht kommen, lieber opfert man eine weitere Million Menschen. Mer darüber dürfen wir beruhigt s?in: diese Million wird ebenso nutzlos geopfert sein, wie Vre früheren es waren. Was haben z. B. die fürchterlichen Kämpfe am Sonntag erreicht? Im augenblicklichen Brennpunkt um Bapaume drangen die Engländer wenige Kilometer vor; Mory und Farreuil lZ f/z Kilometer nördlich von B.) sind dem Feinde überlassen, südlich von Bapaume ist er bei Tilloy ungefähr eben so nahe an die Stadt herangekommen, weitere Angriffe gegen Gueudecourt und Flers (beide Orte' südlich von Tilloy) wurden abgewiesen und der Feind i bis auf die Straße Tilloy—Martinpuich zurückgewvrfen.) Tie Umklammerung von Bapaume ist enger geworden,^ das ist wahr, aber selbst wenn die Ueberreste der Stadt den Engländern in die Hand fielen, was würde er gewonnen haben? Treffend schreibt da der schweizerische Oberst Egli in den „Basler Nachrichten": Von keiner Stelle der Front von Dpern bis Reims läßt sich sagen, daß die Deutschen geschlagen seien. Kilometer um Kilometer gehen sie zurück, aber immer wieder bieten sie die Stirne, lassen da und dort den Gegner anrennen, machen kraftvolle Gegenstöße und ziehen sich dann wieder etwas zurück. Tie Angreifer laufen, im das Feuer Per Kanonen und Maschinengewehre hinein. Das ist ist etwas ganz anderes, als der RückzW eines Heeres das weichen muß.; Tie Deutschen können kleine und große Gebiete im Feindesland ausgöoen, >ür sie genügt es, wenn dabei der Gegner zu Schaden komwt und das eigene Heer geschont wird. — Gewiß würde die deutsche Heerführung und würde der hüdenhaste deutsche Soldat auch die Uebermacht Haigs, die übrigens nach ihrem Kampfwert nicht unterschätzt werden soll, meistern können, und die prächtigen Gegenstöße, wodurch der vordringende Feind überall wieder zurückgeworfen wird, wo es aus taktischen Gründen notwendig erscheint. beweisen dies zur Genüge. Aber Hindenburg und Ludendorff opfern keinen Tropfen deutschen Blutes unnötig: sie lonnen sich, ivie Egli sagt, noch weit auf FeiiLesboden zurückz'ehen und dem Feind doch mehr schaden, als mit einem verlustreichen Angriff Und darauf komme es an. Im übrigen ist die Zeit der Bundesgenosse des Tauchboots. Bon der Ancre her dringt der Feind, »ets gestellt von unseren beweglichen Linien, langsam vor; Brav ist von den Engländern besetzt, ebenso Suzanne (nördlich der Somme)) Cappe und Fontaine (südlich des Flusses), in westlicher Richtung etwa 13 Kilometer von Peronne. Verschiedene Angriffe zu beiden Seiten der Römerstraße wurden zurückgeschla- gen. — An der Avre und Oise beobachteten die Franzosen Ruhe. Südlich der Ailette — die Frontlinie dürste hier ungefähr in d>er Richtung der westlichen von den beiden von Couch le Chateau nach Soiffons führenden Straße verlaufen — hatte ein Angriff von preußischer Garde und von Jäaern den Erfolg, daß die Höhe von Crecy au Mont und St. Mard (südwestlich von Coucy genommen werde. Wie dem „Berl. Lokalanz." aus Gens berichtet wird, glaubt die französische Militärkritik aus mehrfachen Unterredungen des Marschalls Fach mit- dem amerikanischen General Pershing schließen zu sollen,, paß an einem von den Amerikanern besetzten, Ahschisikt ein größeres Unternehmen bevorstehe. Beim Empfang der Pressevertreter sagte Fach: Was ich vorhabe, können Sie vielleicht erraten. Es wäre aber zwecklos, durch Vermutungen die vorzeitige Aufmerksamkeit des Gegners zu erwecken. Ter ,,Petit Parisien" meldet, bei 8er Beschießung v?n Dünkirchen durch e'n weit ragendes Ge'ch"tz in der Nacht vom 21. zum 22. August haben acht Granaten im Abstand von fünf. Minuten in die Stadt eingeschlagen. 7 Zivilisten seien getötet und zwei verwundet worden. Englischer Heeresbericht vom 25. August morgcns: Unser Angriff nördlich der Somme dauert an. Wir halten die Straße von Albert nach Bapaume bis zur Grenze von ste Sars und nahmen Conteimaison, Warlancourt, Eaucouist. Nördlich von Bapaume nahmen wir valigny-Behagnies. Me Zahl der von der dritten und vierten Armee feit dem Morgen des August eingekrachten Gefangenen überschreitet 17 000. Der Krieg zur See. Berlin, 25. Aug. Im östlichen und mittleren Mittelmeer versenkten unsere U-Boote 17 000 BRT., darunter drei größere beladene Tankdampfer. Amsterdam, 26. Aug. Tie holländischen Reeder bezeichnen die von Amerika und England angebotene Entschädigung für die weggenommenen Schiffe als ungenügend. Neubauten werden jetzt nicht mehr unter 1000 Gulden für die Tonne herzustelleu sein- Daher verlangen die Reeder eine Erhöhung der Entschädigung für verlorene Schiffe bzw. Auslieferung gleichwertiger anderer Schiffe. Amerika soll zu einem Entgegenkommen bereit sein, wahrend-England sich ablehnend verhält. Der Krieg mit Italien. WTB. Wie», 26. Aug. Italien: Im Asolone- gebiet erfolgreiche Vorfeldgefechte. In der Nacht zum 25. August griffen bei Verfolgung eines feindlichen Ge- sthwaders unsere Flieger das Flugfeld bei Padua an nnd richteten beträDlichen Schaden an- — Albanien: We Gegenoffensive -des Generalobersten von Pflanzer- Baltin hat gestern zur Erstürmung von Fieri und Berat gesjchrt. Damit sind zwei Oertlichkeiten wieder in unserer Hand, deren Besetzung vor sechs Wochen die Italiener als entscheidende Wendung in der Adriafrage begrüßt hatten. Fieri fiel nach blutigen Straßen- und Häuserkämpfen. Tie Verfolgung des weichenden Gegners ist ausgenommen. Der Feind wurde von den beherrschenden Höhen Spiragri und Sinja geworfen. Auch am oberen Tevoli bauten wir unsere Erfolge weiter aus. Tie Verluste der Italiener an Kämpfern und Kriegsgerät sind sehr groß. Die Ereignisse iw Olten. Moskau, 24. Aug. Russischer Kriegsbericht: Ein bedeutender Sieg der Sovjettruppen. An allen Punkten der östlichen Front gehen die Kämpfe mit großen Erfolgen für uns vor sich. Rückzug des Feindes auf der ganzen Linie. Alle Angriffe der Kosaken und Tschecho- Slo waken sind mit großen Verlusten äbgewiesen; viel Kriegsmaterial erbeutet. . . ^ - Rückzug deri Tschecho-Sl owaken ._ Basel, 27. August. (Prio. g. K.)l Reuter melde! aus Archangelsk: Die Tichecho-Slowaken mußten sich infolge Uebermacht des Feindes auf der ganzen Ural- tinie zurückzieh.en. Der Rückzug ging in größter Ordnung vor sich. Die Sowjettruppen folgen. Im Murmangebiet wurden Erkundungsabteilungen über die Küste zurückgenommen. Kriegsminister v. Stein gegen die Flaumacher. Der Kriegsminister v. Stein hat dem Schriftleiter der Berliner „Morgenpost", Tuno. eine Unterredung gelwährt, in der er u. a. folgendes sagte: Ueber die Kriegslage will ich nicht sprechen, erade weil ich davon mehr weiß als andere Leute, die ich mit der Beobachtung der Ereignisse, mit Rückblicken nd Ausblicken auf das angelegentlichste beschäftigen. Ein 'ild der militärischen Vorgänge von derjenigen Bollstän- igkeit, die vonnöten ist für ein ruhiges und sachlich -wägendes Urteil, hat nur diejenige Stelle, an er alle Fäden der Operationen zusammenkaufen. Mer auf eins kann ick Hinweisen: Vor 82 Jahren, als wir den schweren Zweifrontenkrieg zu »führen hatten und uns im Westen vollkommen auf die Defensive beschränken mußten, hatten dort unsere Gegner rund 100 Divisionen mehr als tvir. Was aber haben sie erreicht? Nichts, was einem strategisch auswertbaren Erfolge auch nur entfernt ähnlich sähe. Wohl hat uns der Gegner unter Ungeheuren Opfern ganz langsam und schrittweise zurückdrücken können, bis dann schließlich der freiwillige Abzug in die Siegfried st ellung erfolgte. Es kommt nicht auf das Gelände an. Worauf es ankommt, ist dies, daß der Gegner trotz »einer Ueberle^enheit in vielen Monaten schweren und »pfervollen Ringens nicht einmal das erreichen konnte, was wir in wenigen Tagen zu erreichen imstande waren. Run haben unsere letzten Operationen uns nicht den Erfolg gebracht, den wir von ihnen erhofft hatten. Wir haben einige Rückschläge und — sagen lwir es kurz heraus — auch eine Schlappe erlitten. fJa. geht es denn nicht sonst im Leben ebenso? Nicht, daß man einmal einen Mißerfolg erleidet, ist bedenklich, sondern bedenklich wäre es, wenn man nicht Die Kraft hätte, sich mit dem Mißer folg abzufinden und ihn auszugleichen. An der Front wird von vornherein damit gerechnet, daß auch einmal n Mißerfolg eintreten kann, für das Hinterland aber ist 0 ein Mißerfolg eine ernste Mahnung, denn es zeigt uns, daß der Krieg noch nicht beendet ist, und daß wir alle Kräfte anfpannen müssen, um ihn zu einem glücklichen Ende zu führen. Dazu aber gehört der starke und einige Wille des ganzen Volks, Und w?r orschub leistet, die zersetzend wirken und eine des Willens unseres Volkes zur siegreichen des Kampfes, um seine Existenz verursachen versündigt sich an der Sache des iVaterlands. Es kommt jetzt darauf an, die feindlichen Angriffe abzuschlagen und die eigenen Kräfte zu schonen. Wir Soldaten bleiben, wenn einmal eine schwierige Lage sich ergibt, sehr viel ruhiger und gelassener, als fern Stehende, besonders wenn wir mitten darinfitzen. Aus der Ferne erscheint natürlich das Bild der Lage an der Front ganz anders, als es denen «scheint, die es von einem für die Beobachtung geeigneteren Standpunkt ansehen. Es erscheint vielfach verzerrt, und zu dieser Verzerrung tragen die Erzählungen kopfloser Leute bei, die nur einen ^verschwindenden Bruchteil des Ganzen sehen konnten. Sie find häufig d« Urheber jener albernen Gerüchte, die allenthalben umlaufen und idte gleichsam mit einem gruseligen Behagen weitergetragen ßveroen, desto eifriger, je toller und törichter sie imd. Man weiß ja, wie leicht die Phantasie jene Leute !»» die Irre fühvh denen die Grundlagen für ein sicheres, ruhiges und objektives Urteil fehlen. Sicherlich ist es sehr mögliche daß hier feindliche Einflüsse am Werk sind und daß die feind- Lche Propaganda daran arbeitet, bei uns zulande Lnruhe zu sti ften. Jedenfalls find die Gerüchte, die hier bei uu» herumgetragen werden, fo dumm und da» oi ! Einflüssen ^ Schwächung Beendigung müssen, der La man nicht begreift, wie es möalirb ist, daß sie Gläubige finden können- So kam nach jenen Offensivstößen beiderseits Reims über die Schweiz eine Nachricht nach Süddeutschland, Mir hätten 150 000 Mann an Gefangenen verloren. Eine andere Nachricht wußte von Zweikämpfen zwischen den höchsten Führern zu erzählen. Mit besonderer Vorliebe wurde auch von Verrat geraunt, und aller dieser Unsinn fand Gläubige auch unter den Leuten, die sonst eines klaren Verstandes sich rühmen. Berlin ist lestder ein guter Nährboden für solches sinnlose und hirnverbrannte Zeug und es ist erstaunlich, wie wenig die Berliner, die doch immer fo Helle sein wollen, aus der Erfahrung gelernt haben. T«s alles ist bis zu einem gewissen Grade zu ertragen, aber es kann auch zu einem unerträglrchen Unfug au Zarten, und dann ist in der Tat jeder, der es ernst meint mit der Sache des Vaterlands, verpflichtet, diesem Unfug mit aller Entschiedenheit entgegenzntreten. Nicht immer freilich find die törichten Gerüchte auf Lügen und Aufschneidereien zurückzuführen, sondern oft entspringen sie aus dem Bestreben der Leute, sich irgendein Ereignis zu erklären, zu dessen Erklärung ihre Mittel eben nicht ausreichen. Auch dabei kommen tolle Geschichten heraus. Gewiß findet überall bei Freund und Feind in gewissen Grenzen Verrat statt. Jeder Gefangene, jeder Ueberläufer wird vom Feinde genau verhört und schwache Naturen sagen dann, was sie wissen und oft auch mehr als sie wissen, in der Hoffnung auf eine bessere Behandlung. Aber die Vorstellung von Verrat, die in den Köpfen der Leute spukt und die Vorstellung, die sie sich von der Ueberläuferei und ihrer Ausdehnung machen, ist barer Unsinn. Unsere Feinde benutzen die menschlichen Schwächen geschickt genug, um Schauer- Nachrichten über uns zu verbreiten oder zu dem Versuch mit Sirenenklängen die Dummen zu betören. Mir wurde kürzlich von einem Invaliden ein gedruckter Zettel zugesandt, der unter den Soldaten verbreitet war. Er ist unterschrieben: „Im Namen der Amerikaner deutscher Abstammung — der Verein der Freunde der deutschen Demokratie. Neuyork im März 1918." Darin werden die deutschen Soldaten aufgesordert, die deutsche Regierung zu stürzen, dann würde der Weltkrieg sofort beendet fein. Deutschland sei vor aller Welt der Barbarei und des Vertrauensbruches beschuldigt und dieses Verbrechen sollten die Soldaten wieder gutmachen, indem sie ihre barbarische und vertrauensunwürdige Regierung stürzten. — Unkel Bräsig würde sagen: „Naktigall ich hör Dir laufen" — aber viele Deutsche hören sie eben nicht laufen. In der Propaganda ist uns der Feind ohne Zweifel über. Seine Anschauung ist da eine ganz andere als die unsrige. Vor zwei Jahren fingen wir einen englischen Offizier, der nach Alter, Lebensstellung, Familie und Bildung eine hervorragende Persönlichkeit war. Als man ihn fragte, wie es denn möglich sei, daß die englische Regierung fo haarsträubende Verleumdungen über uns in der ganzen Welt verbreiten lasse, während sie doch genau wisse, daß alles Lüge fei. lächelte der Offizier und sagte: „Ja, es ist doch Krieg!" Er hielt also die Lügen für ebenso erlaubte Waffen wie Gewehre, Granaten, Geschütze, usw. Auf dieses Gebiet können wir unseren Feinden nicht folgen, und wir haben es auch nicht nötig. Wenn wir unseren Feinden>den Spiegel Vorhalten wollen, fo können wir uns an die Tatsachen halten. Ich denke menschlich über solche Dinge. Wenn ein erregter Pöbel Gefangene mit Steinen bewirft, sie mit Stöcken schlägt und sie beschimpft, so ist das eben ein Ausbruch der Pöbelnatur, mag der Pöbel vornehm oder gering sein. Wenn aber ein französischer Arzt zu einem vettvundeten deutschen Offizier sagt: „I ch s e h e die Ausgabe meines Lebens darin, demFein- de so wenig brauchbare Leute wie möglich zurückzuliefern", oder wenn französische Krankenpflegerinnen verwundete deutsche Soldaten in ekelhafter Weiie beschmutzen- so versagt jedes menschliche Verständnis angesichts dieser sittlichen Verwahrlosung und moralischen Verkommenheit.' Und nicht anders zu bewerten ist das Treiben des Amerikaners Pratt, der in der „Neuyork World" ohne Prüfung.weitererzählt, was ihm Soldaten an der Front erzählt haben, nämlich daß die Teutsckien zwei Amerikaner gekreuzigt hätten, und das; daher von den amerikanischen Truppen kein Deutscher mehr gefangen genommen werden würde, sondern daß die Amerikaner die Deutschen wie Ratten zusammcnschießen würden. Daß Soldaten solche Schauergeschichten erzählen, wundert mich nicht, denn im Kriege verzerrt sich alles ins Ungeheuere, auch die Phantasie. Daß aber ein Mann wie Pratt, der für den Christlichen Verein Junger Männer arbeitet, solche niederträchtigen Lügen weiterverbreitet, das ist ein Verbrechen. Allerdings darf man sich über sein Tun kaum wundern. Der Präsident Wilson handelt ja ebenso. In seiner neuesten Botschaft gegen die Lynchjustiz hat er die Dreistigkeit, zu behaupten, die amerikanischen Lyncher folgten dem schmachvollen Beispiele Deutschlands, das seine eigenen Armeen zu Lynchern gemacht habe. — Damit dürfte der Präsident der Bereinigten Staaten in Lüge, Bosheit und Niedertracht alle Konkurrenten geschlagen haben. Eines möchte ich noch hervorheben, eine Tatsache, die unserem Volk zur Lehre und Mahnung dienen kann. Das unglückliche Frankreich sieht seine blühendsten Provinzen von uns besetzt und durch die Kriegsfurie zum Teil auf lange Zeit hinaus verwüstet. Im französischen Lande steht der Feind. Es ist überschwemmt von Engländern und Amerikanern, die in Frankreich wie die Herren Hausen, und farbiges Volk der verschiedensten Rassen treibt sich in großen Scharen in Frankreich umher. Tie Blüte seiner Mannschaft ist gefallen und fällt immer weiter als Opfer des Kriegs. Die Folgen für das Land sind nicht auszudenken. Aber dennoch hält es an seinem Kampfeswillen fest und klammert sich an die Hoffnung auf den Endsieg mit einer Kraft und mit einer Entschlossenheit, der man die Achtung nicht versagen kann. Dias deutsche Volk wird sich die Frage vorlegen, ob wir nicht gottsei- dank allen Anlaß haben zu der Ueberzeu- gung, die Franzosen an Kampfeskraft und Zuversicht für den glücklichen Ausgang des Kriegs zu übertresfen und es wird, das hoffe ich, die rOtige Antwort auf diese Frage finden. Aus Stadt und Land. — Gedenktag« 27. August. 1917 Scheitern englischer Angriffe bei Meenen, Catelet. Schwere englische Niederlage bei Langemark. Scheitern französischer Angriffe bei Allemant-Sanoy, Erfolgreiche Kämpfe bei Courtenen, Ailles. Wiedereroberung von Beaumont. Schwere französische Verluste bei Vachsrauville. Erstürmung der ruffischen Stellung auf der Dolzekhöhe am Pruth und des Dorfes Bejan. Schwere Kämpfe bei Sovoja im Susitatale. Eroberung russischer Höhenstellung bei Focsani. Erfolgreiche Kämpse der Türken mit den Russen in Kleinasien bei Aires Saba. Scheitern italienischer Angriffe auf der Hochfläche Bainsizza-Heiliger Geist im Jsonzogebiet. — 1915 Kriegserklärung Rumä niens an Oesterreich-Ungarn und Italiens an Deutschland. — 1915 Durchbruch durch die ruffischen Stellungen an der Zlota-Lipa bei Cologery und Durajew. — 1914 Eroberung der Festung Namur. — 1915 Eintreffen englischer Kriegsschiffe vor Swinemünde. 1818 Vereinigung Preußens mit Brandenburg. — Mutmaßliches Wetter. Ein Lustwirbel kommt auf, unter deff-n Einfluß am Mittwoch und Donnerstag vorwiegend bedecktes, kühleres und mit Niederschlägen verbundenes Wetter zu erwarten ist. — Ske«e Vcnehrssreuern. Gegenüber den Gerüchten, daß die deutschen Eisenbahnverwaltnngen eine neue Erhöhung der Personen- und Gütertarife beabsichtigen, wird von zuständiger Seite erklärt, daß dies nicht der Fall sei. Wenn allerdings die Geldentwertung Wider Erwarten weiter zunehmen sollte, so müßten wohl auch die Eisenbahnverwaltungen diesem Umstande Rechnung trügen. — Die Scha«mweinfte«er. Am 1 September treten erhöhte SteuerÄLe Mr-Schaumweinsteuer Der Mutter Sühne. Roman von H. Co m ths - Mahler. 21 Die L t Nk» zogen dir Hüte, und wenige Sekunde» später standen sie vor den beiden junge« Tomen. Horst Weudenburg wurde von beide»! zärtlich begrüßt, aber auch Bernhard wurde ein herzlicher Gruß zuteil. Hauptsächlich die schlanke, graziöse Blondine mit den großen. zärtlich blickenden Blauaugen begrüßte rhu sehr liebenswürdig, ,L!ie lieb von Ihnen, Herr Gerold, daß Sie mit herüber gekommen sind. Ohne Sie wären »vir heute abend ganz al- äin? Er zog ihre fein«, schmale Hand ritterlich an seine Lippen. ^Ich komme nur zu gern, gnädiges Fräulein, das brauche ich nicht zu versichern," sagte er warm. Tann trat er an die andere junge Dame heran, um sie zu begrüßen. ES war ein großes, schlank gewachsenes Mädchen mit jugendlich reizvollen Formen. Sie hatte reiches, kastanien- lnainies Haar uud einen klaren, weichen Teint» wie ihn gesundes Blrit »nd vorzügliche Körperpflege geben. Die gold- schimmernden Angen blickte»! «ruft und mit einem leisen, schu-nzlicheu Ausdruck, der zmu Herzen sprach. Sie schien innerlicher veranlagt, als die zarte, fröhliche Gabriele. Nichts vernet gcdnnkenloje Jiigendtvllheit. Trotzdem der Zauber unberührter Jugend über SoaS Wesen lag, zeugte doch der Ausdruck ihres Gesichtes von einer großen inneren Reife, wie ihn geheimer Schinerz verleiht. Bernhard ahnte, waS diese Mädchenseele quälte. Er wußle, daß sie den Vater frühzeitig durch de»! Tod verloren uud was noch viel schlimmer war, die Mutter durch da» Leben. Desto heißer wünschte er, sie so glücklich machen zu dürfen, daß sich der schmerzliche Ausdruck m den Augen ruld der wehe Zug um den feinen Mund verlor, obgleich gerade dieser feine, kaum merkliche Schmerzenszng sein Herz am meisten fesselte. Als er zu ihr tiat, traf sein Blick «ine Sekunde mit heißem, sehnsüchtigen! Verlange»» in ihre Augen. Ein feines Rot stieg langsam in ihre Wangen. ES war nur einen Moment herüber «nd hinüber, und »och schlugen zwei jung« Heize» dabei i« stürmischen Tunvo. Der Grnß jedoch, den sie tauschten, schien kaum mehr als höflich. Eva Grabow trat schnell wieder von ihm znrück und »andte sich mit «i«er belanglosen Frage an Weudenburg. Sie nannte ihn Onkel Horst. Eva Grabow war die Tochter eines sehr entfernten Venvaudten WendeubnrgS. Mit diesem hatte ihn eine innige Jngendfrenndschast verbunden. Als aber Erich Grabow sich mit einer zwar sehr schönen, aber talentlosen und leichtlebigen Schauspielerin verheiratete, trotzdem ihm Weudenburg aus ehrlicher Ueberzengmig davon abzmaten gesucht hatte, lockerte sich dieses Freuudschastsbaud etwas. Die Lebenswege der beiden Freunde führte» auseiu- ander. Sie hörten kaum von einander. Erst nach Jahren erfuhr Weudenburg durch eine» Zufall, daß Erich Grabow durch die Verschwendungssucht seiner Frau vollständig ruiniert rvar, daß seine Gattin ihn und seine kleine Tochter im Elend verlassen hatte und zur Bühne zurückgekehrt war, und daß Grabow todkrank daruiederlag. Weiideiibiirg hatte inzwischen eine reiche Erbin heimge- führt, eine Waise, die ihm mehrere Millionen mit in die Ehe brachte. Er machte sich Vorwürfe, daß er im Glück Grabow aus den Auge» verloren, und suchte ihn aus. „in ihm Trost uud Hilfe zu bringen. ES war zu spät. Grabow war fertig mit dein Leben. Nur die Angst um seine kleine Tochter ließ ihn nicht sterbe», und da kam der Freund zurecht, um ihm diese Sorge von der Seele zu nehmen. Wendkuburg versprach ihm in die ersterbende Hand, daß r für die kleine Eva wie für ein eigenes Kind sorget! würde, md sie iu sein Haus nehmen wolle. Wendeuburg blieb bei dem Freunde, bis er die Augen für »Muer schloß. Dann fuhr er mit der kleinen Eva heim. Seine krau nahm daS arme Kind liebevoll auf und erzog es mit hrer einige Jahre jüngere» Tochter. Beide Kinder wurden iebevoll beschützt und behütet von der zarten, vornehm den- ende» Frau. Während Gabriele die mütterliche Fürsorge als tivaS Selbstverständliches hinnahm, wußte Eva geuair. daß le nnr ei>» Gnadengeschenk für sie war. In chrem Herzen eiinte bald eine verehrüngSvolle Lieb« für ihre guttge Pflege- nutter. AIS Frau Wendeuburg dann zu kränkeln begann, sich Eva kam» von ihrer S«E Mit für ihr Alter bewun- erpilgS'vtttdiger Ausdauer widmete sie sich der Pflege der teuren Frau, suchte ihr allerhand Pflichten abzmiehmen. du mit einiger Anstrengung verbunden waren, uud zügelte uu- merklich, aber geschickt das etwas laute uud kindlich rncksichcS- lose Wesen der kleinen Gabriele. Als Anna Wendeuburg starb, wurde sie leideuschastlich vou Eva betrauen. Ihr war eine Mutter gestorben, eine, an di« sie ihr ganzes, zärtlich empfiindeudes Herz gehangen hatte. ES kam mm langsam von selbst, da Eva trotz ihrer Jugend die Zügel des Hauswesens in Lie Hände nahm. Mit den Pflichten wuchs die Kraft, sind sie rvar reifer, ernster und stärker als die kindlich zarte Gabriele; die vor allen körperlichen und geistigen Anstrengungen behütet werden mußte. Alle Zärtlichkeit ihres Empfindens teilte Eva nun zwischen Horst Wendeuburg und seiner Tochter. Gabriele vergalt ihr dieselbe mit gleicher Herzlichkeit. Eva war ihr Schwester, Freundin und Mutter zugleich. Ihr Verhältnis zueinander war sehr junig und herzlich. Gabriele war eS gewohnt. Eva alles aiiziivertranen, waS sie bewegte, während diese, weniger mitteilsam, manches sür sich behielt. Bernhard Gerold halte von Anfang an in diesen beiden Mädchenherzen einen Platz erobert. Die kleine»Gabi schwärmte für ihn zuerst^ in kindlicher Weise als für ihre r Netter ans Lebensgefahr. Später entwickelte sich dieses Gefühl zu einer liefen, leidenschaftlichen Liebe. Und auch das vertrante sie Eva an. Diese hatte keimen und wachsen sehen, waS ihr Herz erzittern ließt Eoa lieüre Bernhard Gerold, seit sie ihn zuerst gesehn, nnd mir ihrer tiefen Innerlichkeit umschloß sie sein Bild in ihrem Herzen wie ein Heiligtum. Scheu verschloß sie die eigene Liebe. Tie wußte, daß ihr Los Entsagung war. Ov Bernhard Gap, lieor« oder nicht, für sie war er verloren. Hier war eine Gelegenheit, die Schuld der Dankbarkeit abzutrageu. Ihre Liebe mußte sie Gabi opfern. Nie hätte sie Bernhard augehören können, nun sie wußte, daß Gabi ihn liebte, mit einer solchen liefmneren Leidenschaft, daß ihr ganzes Sein darin umerging. So zog üe sich scheu von Bernhard zurück, gab sich Mühe, kühler und yee. der ihm gegenüber zu erscheinen. Aber trog aller Wiilensun- strenguug tonnte sie nicht oerhiildern, daß ihre schönen, ausdrucksvollen Augen zuweilen verrieten, wie eS in ihre.» Herzen auSsah. 240.20