197 UnterhaltilngsBlatt. (Beilage zum Schwarzwäldrr Boten vom 18. Juni 1847.) Verantwortlicher Redakteur: Wilh. Brandecker. 4L- Scene» aus -e« Feldzüge« der Franzose» »»Afrika. (Schluß.) Etienne warf einen Blick der unbegrenztesten Dankbarkeit auf die Edle. »Konnte sie mir verzeihen," rief er aus, „o so bin'ich auch der Gnade dort oben gewiß!... Capitain Lelievre ich bin bereit — thut Eure Schuldigkeit!" Mit festem Schritt verließ er das Zimmer. Francois folgte ihm mit der Wache. Nach einigen Minuten vernahm man unter dnmpsem Trommelwirbel das Krachen der Gewehrschüsse, welche Etien- ne's Leben ein Ende machten. Ein stilles Gebet stieg für ihn gen Himmel empor. „Und Du, Omar," wandte sich Alice nach einer Pause zu diesem, Her noch immer in düsterem Schweigen verharrte, »hast Du kein liebendes Wort für den Vater — für Deinen Vater, der auch der meine ist?!" Omar fuhr bei diesen Worten aus seiner Betäubung auf. Willig ließ er sich von ihr zu dem Greise führen, der ihn bewegt in seine Arme schloß. »Wirst Du uns nach dem schonen Frankreich folgen, mein Sohn?" fragte der Greis. »Vielleicht ist es mir vergönnt, das Bose, welches ich verbrach, wieder gut zu machen..." „Wie könnte ich Euch folgen?" erwiedekte Omar traurig. „Bin ich nicht ein Gefangener..." »Nicht mehr ein Gefangener!" unterbrach ihn der von seiner traurigen Dienstverrichtung zurückkchrende Francois. »Durch die Fürbitte dieser edlen Frau habe ich beim General Deine Freiheit ausgewirkt, unter der Bedingung, nie wieder gegen unsere Krieger die Waffen zu erheben." »Nein, bei Euch zu bleiben vermag ich nicht," fuhr Omar ivrt; „ich gehöre nicht in den Kreis der Glücklichen. Hinaus will ich, in die Wüste, um fern von den Menschen in ker Einsamkeit das Glück vergessen zu lernen, das ich nicht «langen konnte..." »Und ich begleite Dich, Herr!" fiel Hassan ein. »Der Sklave wird Deinen Schmerz tragen helfen, dem Du allein »liegen mußt.« ' »Sv sei es!« entgegnete Omar gerührt. „Doch nicht mein Sklave, mein Freund wirst Du fortan seyn. Du »lh? mich lehren, die Tugend der Entsagung zu üben, denn "h suhle es, Du handeltest edler, als ich.« »Du willst mich verlassen, Hassan," sagte Alice bewegt, nachdem Du so viel für mich gethan hast?!" »Herrin, Du bist jezt glücklich," erwiederte der Neger « zitternder Stimme, indem er sich vor ihr auf ein Knie «erließ, „was sollte Hassan noch wünschen?... Ich kehre ""t Omar in die Wüste zurück!"- Eine Stunde später jagten Beide auf schnellen Rossen Atlasgebirze'zu. Man sähe sie nie wieder. Francois und Emil, welcher inzwischen nach Mazagran «oninien war, begleiteten die glückliche Familie bis zum «e, wo sich dieselbe, gefolgt von Cäciliens bisheriger Pflegemutter, welche sich nicht von ihrem Liebling zu trennen vermochte, nach Frankreich einschiffte. Epilog. Zwei Jahre nach der tapferen Vertheidigung von Mazagran feierte man in Malesherbes ein schönes Fest. Es betraf die Firmung des Fräuleins Cäcilie von St. Armand, die, obwohl vor zwölf Jahren bereits getauft, jedoch dann im mohamedanischen Glauben erzogen, heute mit ihrer arabischen Pflegemutter wieder dem Christenthume einverleibt wurde. Im ganzen Dorfe herrschte laute Fröhlichkeit, denn es war seit dem Tode des alten Herrn von Courtray, der vor sechs Monaten in den Armen seiner Kinder sanft verschieden war, das erste Mal, wo die geliebte Gutsherrschaft die Trauergewändrr abgelegt hatte und wieder mit fröhlicher Miene in der Mitte ihrer Unterthanen erschien, welche bisher von ihnen mit Wvhlthaten überschüttet worden waren. Es war ein heiterer Frühlingsmorgen. Die feierlichen Glvckrntvne riefen bereits zur Kirche, und schon hatte sich der kleine ländliche Zug, der die beiden Confirmanden zum Altäre führen sollte, vor dem Schlosse geordnet. Unter den Versammelten befand sich auch die frühere Wärterin des Fräuleins, deren Blödsinn auf Veranlassung ihrer Herrschaft durch einen geschickten Arzt gänzlich gehoben war. Cäcilie, gleich ihrer ehemaligen Pflegemutter im einfachen weißen Kleide, mit einem Kranze von Frühlingsblumen in den Haaren, harrte, umgeben von den Mädchen des Dorfes, auf das Erscheinen des Elternpaares, um dann den Weg zur Kirche, wo die feierliche Handlung stattfinden sollte, anzutreten. In einem höher belegtuen Zimmer des Schlosses, von welchem eine geöffnete Flügelthür auf einen Balkon führte, befand sich Alice von St. Armand, deren schöne Augen in mütterlicher Freude strahlten. Sie erwartete die Rückkehr des Gemahls, der auf den Balkon getreten war und durch ein Fernrohr auf die entfernte Landstraße blickte. »Er kommt... ja, er kommt!« rief Herr von St. Armand plözlich freudig aus; »der Wackere hat mich nicht vergebens bitten lassen!« »Wer kommt, mein Lieber?" fragte Alice, ihren Arm zutraulich um ihn schlingend. „Ein Gast," antwortete er, »dcn ich zu dem heutigen Feste geladen, und der, ich hoffe es mit Gewißheit, auch Dir nicht unangenehm sepn wird." Eine alte, jedoch rüstige und auf ländliche Art festlich gekleidete Frau trat in diesem Augenblicke in das Zimmer und meldete, daß man die gnädige Herrschaft zum Kirchgänge erwarte. »Wir kommen schon, meine gute Frau Lelievre," erwie- derte Herr von St. Armand läcbelud, indem er seiner Gemahlin den Arm bot. Mit freudigem Willkommen wurden sie von ihren Unterthanen empfangen. Noch hatte der Gutsherr das Zeichen zum Aufbruch nicht gegeben, als man das Rollen eines Wagens vernahm, der eben den Schloßberg herauffuhr. Bald darauf stiegen zwei Männer ans demselben. Der Eine trug die Uniform des französischen Staabsosfiziers, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust, während der An- 198 d«re das rotheBand dieses Ordens in dem Knopfloch« seiner Civilkleidung trug. In demselben Augenblicke stürzte Frau Lelievre auf den Offizier zu, die zitternden Arme gegen ihn ausstreckend. »Meine Mutter... meine geliebte Mutter!« rief dieser freudig aus. „Mein Sohn, mein Francois!« Mutter und Sohn umarmten sich wieder nach zwölfjähriger Trennung. Dann kam auch die Reihe an Herrn von St. Armand und an Alice, die den bewährten Freund mit Herzlichkeit willkommen hießen. Alice dankte ihrem Gemahl für diese schone Ueberraschung. »Es freut mich sehr, Herr Oberst,« sagte der Gutsherr nach den ersten freudigen Begrüßungen, „daß Sie meiner Einladung: unser heutiges Fest durch Ihre Gegenwart zu verschönern, so freundlich nachgekommcn sind.« »Man hat mir auf mein Ansuchen bereitwillig Urlaub ertheilt,« erwiederte der Oberst Lelievre, »und ich benuzte diesen zugleich, um meinen Freund, den Capitain Emil Dannberg, zu begleiten, der nach langen und treuen Diensten jezt wieder in sein Vaterland zurückkehren will.« »Sie verzeihen, Herr Capitain, daß wir sie im Taumel der Freude übersahen,« wandte sich jezt Herr von St. Armand mit Freundlichkeit zu Lelievre's Begleiter, den er bereits in Mazagran kennen gelernt hatte. »Sie wissen dessen ungeachtet, daß meine liebe Alice, um dererwillen Sie sich Mühen und Gefahren ausgesezt, so wie ich, Sie mit Herzlichkeit willkommen heißen.« Unterdessen hakten sich auch die übrigen Dorfbewohner um Francois versammelt, der seinerseits seinen alten Bekannten herzlich die dargebotenen Hände drückte. Die Lust und der Jubel waren allgemein, bis man den Weg zur Dorfkirche antrat, wo die feierliche Handlung der Firmung vollzogen wurde. Ein trauliches Familienmahl vereinigte am Mittage dieses Tages die Freunde in dem großen Saale des Schlosses. Es war derselbe Tag, an welchem vor dreizehn Jahren die Vermählung des Herrn von St. Armand mit Alice von Courtray gefeiert wurde. Die Erinnerung hieran erfüllte die Anwesenden mit wehmüthigfreudiger Empfindung. Nach der Tafel schlug der erfreute Wirth einen Spaziergang durch das Dorf an. Er führte seine Gäste nach einem freundlichen Plaze in der Mitte des Dorfes. Hier war ein kleines Zelt errichtet, in welchem seit einiger Zeit mehrere fremde Werkleute rüstig gearbeitet hatten, und um welches jezt auf Anordnung des Gutsherrn sämmtliche Dorfbewohner versammelt waren. Fragend blickte Alice ans ihren lächelnden Gemahl, als dieser plözlich ein Zeichen gab. Wie durch Zauberschlag sank die zcltartige Umhüllung, und ein mit Blumen bekränztes, einfaches, aber schönes Denkmal wurde sichtbar. Trompeten- Tusch ertönte zugleich und vermischte sich mit dem Jubelruf des Volkes. Herr von St. Armand ergriff den Arm des überraschten Francois und führte ihn zu dem Denkmal. »Sehen Sie hier,« sagte er, auf die goldenen Inschriften desselben deutend, „einen schwachen Beweis, wir die Einwohner von Maleshrrbes ihren tapferen Landsmann verehren I« Gerührt schloß ihn der Oberst in seine Arme. Zu sprechen vermochte er nicht. Ein fröhliches Volksfest beschloß diesen schömn Tag. Emik Dannberg, den sein Fürst begnadigt hatte, und der von seinen alten Eltern, deren einziger Sohn er war, sehnlichst erwartet wurde, sezte am folgenden Morgen seine Reise nach Deutschland fort, um nach zwölf Jahren des unruhigen Kriegslebens und gereift an Erfahrungen, seinem Vaterlande ein ruhiger und nüzlicher Bürger zu werden. Noch einige Zeit verweilte Francois in dem Kreise der Freunde. Dann aber schwang er sich von Neuem auf's Roß um im Dienste des Vaterlandes die schwärmerischen Traume einer unerfahrenen Jugend zu vergessen. Obgleich ihm das Schicksal den Besiz der einstigen Geliebten versagte, so hatte er doch gezeigt, daß er ihrer würdig war. In der Geschichte der afrikanischen Feldzüge bildet die Vertheidigung von Mazagran einen Hellen Glanzpunkt, und der Name Lelievre wird den jungen französischen Kriegern der Neuzeit stets ein rühmliches Vorbild bleiben! Ludwig Gothe. Dev Mai im Jahr 184V. Unter dieser Rubrik bringt die von dem trefflichen Zit- tel redigirte und so viel Gediegenes und Gestnnungstüchti- ges enthaldende Zeitschrift: »Der Sonntagmorgen« (Beilage zum Morgenboten), eine schöne Betrachtung über den Maimonat dieses Jahres, welcher wir nachstehend Einiges entnehmen. Der Verfasser schildert zuerst die Wonne der wie- dererwachten Natur in folgender Weise: »Der Mai ist zu Ende. Der scheidende Frühling bietet dem Sommer die Hand. Er war so freundlich, so erquickend und ermuthigend, daß wir seiner gerne noch einmal gedenken und unsere Herzen mit Dank zu dem Vater erheben, der ihn uns gesandt hat. Wer hat denn in diesen schönen Tagen nicht auch hineingeschaut in das wicderkehrende Leben der Natur, in das wachsende Grün, in dieses Meer von Blumen? Wer ist so kalt, daß sein Herz nicht auch einmal aufgethaut wäre in diesen warmen duftigen Maitagen? Wer ist so traurig, wer so elend, daß seine Seele nicht auch erquickt worden wäre von diesem belebenden Frühlingshauche? Wer ist so sorglich, daß er in diesem Freudenjubel der Schöpfung nicht auch einmal aufgehört hätte zu seufzen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Westen Gemüth ist so stumpf und abgestorben, daß er kein Ohr gehabt hätte für diesen Zuruf der Natur? Wer ist in seinem Äüchcrglauben so vertrocknet, daß sein Herz von dem H>m- melsthaue dieser Offenbarung Gottes nicht erfrischt worden wäre? Neues Leben allüberall! Wir haben den langen Kamps in der Natur, das Ringen des Lebens mit dem Tode gesehen. Es sind ja erst wenige Wochen vergangen, da war es noch so kalt, da standen die Bäume noch so kahl, die Wiesen noch so fahl, in den Lüften war's so rauh und todt, aul dem Boden alles Leben verschlossen und verborgen. D'* schwarzen Wolken kämpften mit den Sonnenstrahlen undver- traten ihnen den Weg. Die Natur rang, um sich aus ihrem Sterbekleide herauszuwickeln, und sank immer wieder aufs Neue zurück in ihre Hülle, wie wenn ihr die Kraft versage» wollte. Lange, lange wollte es uns werben, bis der k>eg errungen war. Aber er wurde errungen; spät erst, aber »m so schöner! ^ Der Mai hat gerufen und Alles ist hervorgekommen hat sich an die warme Brust der Natur gelegt. Das Gra» und die Saat, die Blumen und die Bäume, warmes frilch Leben in Allem: das Gewürm aus seiner kalten Finstern«?- die Bien« an der Blume und die Mücke im Sonnenstra >- Die Vögel sind herbeigezogen und selbst die kalten Fische heraufgekommen aus ihren Gründen. Neues Leben »der IS9 Aber Leben ist Arbeiten. Wer nicht schafft und wirkt in der Welt, der hat nur ein Scheinleben. Darum so viel Regsamkeit in der Natur, so viel Arbeit. Wenn wir bedenken, wie es vor wenigen Wochen noch war, wie todt und kalt, und jezt so voll, so üppig und mit jedem Tage so sichtlich vorgerückt, so müssen wir erstaunen über dieses ganz außerordentliche Arbeiten der Natur. Was sind doch das für Kräfte, die in wenigen Tagen solche Veränderungen bewirken, so viele Safte in Bewegung fezen, so mannichsaches Leben erwecken, Pflanzen, Blätter, Blüthen unzählbar Hervorrufen, so zu sagen aus Nichts! Aber auch die Menschen arbeiten mit der Natur um die Wette. Die Arbeiten des Landmanns wurden durch die Zögerung des Frühlings weit hinausgeschoben, und Viele wollten schon verzagen, wie sie nur fertig werden möchten. Jezt sind sie mit Tagesanbruch in den Weinbergen und auf den Feldern bis tief in den Abend hinein, als könnten sie gar nicht müde werden. Und bei aller Mühseligkeit nichts als frohe Gesichter, und überall heiterer, frischer Muth. Leben ist Freude. O du grämlicher Kopfhänger mit deinem Gewimmer: diese Erde sei ein Jammerthal; wo bist du denn gewesen in diesen Tagen? Hast du denn diesen Mai nicht gesehen? Seht doch nur und höret, es ist doch wirklich ein wahres Freudenfest in der Natur. Fröhlich schwirrt es in den Lüften, fröhlich regt sich's in den Klüften, auf Gottes Erde kein Winkel ist, wo nicht ein fröhliches Wesen ist. Der Mensch allein bringt auch hier herein seinen Kummer und seine wirklichen eingebildeten Sorgen. Ist es ja doch, als wollte der Freudenruf der Natur die innern Mißtöne des menschlichen Gemüthes nur um so schärfer hervortreten lassen, als müsse es eben hier sich Herausstellen, wie der Mensch unter allen Geschöpfen das gequälteste und zugleich auch das unzufriedenste sei. Und doch wie unglücklich müßtest du scyn, wenn diese Frühlingslust nicht eine Linderung dir gebracht, nicht einen frohen Ton in deinem Herzen angeschlagen, nicht einen Keim der Hoffnung in dir geweckt hätte! Neues Leben, neues Hoffen! Die ganze Natur hat ja das Gewand der Hoffnung angethan, warum sollte es denn nur der Mensch nicht? In diesem neu erwachten Leben muß ja die beengteste Brust wieder frischen Muth fassen; auch die Kranken athmen Hoffnung ein mit dieser milden Frühlingsluft, und selbst der Tod scheint weniger traurig, wenn die ganze Natur ein Bild der Auferstehung darbietet. Am liebsten möcht' ich sterben im Mai, wenn die Blüthen aus das Grab fallen." Weiter, zur Noth und Bedrängniß der jüngst vergange- nt» Zeit übergehend, äußert sich der Verfasser, wie folgt: »Ich weiß nicht, lieber Leser, was die Klagen und Bit- ltn in dieser Zeit der Noth und der Anblick des vielfachen Elendes für einen Eindruck auf dich gemacht haben; mir aber ist var nicht aus, aber wir verstehen uns dvch besser. Vor dreitausend Jahren hat rin Mann bei'm Anblick dieser Herrlichkeit gebetet: „Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel! Du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll von deiner Güte." Es ist ja noch immer so. 200 Ditsts Frühlingsleben ist doch ein rechter Gottesdienst in einem schonen, weiten Tempel, ein mächtiger Lobgesang, eine eindringliche Predigt. „Mich," ruft der Baum in seiner Pracht, »mich," ruft die Saat, „hat Gott gemacht! Bringt unserm Schöpfer Ehre!" Wir glauben an Gottes Walten und an Gottes Hülfe. Wir glauben nicht mehr an sogenannte Wunder der Vorsehung, sondern wir glauben, daß in dem ganzen Walten Gottes überall eine von Ewigkeit her bestimmte Weltordnung sich kund gebe. Früher baute man Capellen und errichtete Bildsäulen von Heiligen und schüzenden Engeln, daß sie vor Wassersgefahr und Ueberschwemmung behüten sollten. Jezt bauen wir Kanäle, und geben den Gewässern einen geordneten Lauf; das ist auch das Walten Gottes, daß wir Menschen erkennen müssen, daß wir unser Heil in der Vereinigung unserer Kräfte suchen müssen. Einst mochten die Menschen darauf rechnen, daß ihnen Gott Manna vom Himmel regnen lasse, oder daß er den Hungrigen durch Raben speise. Wir haben gelernt, daß die Menschen einander beistehen und helfen müssen, und daß die Liebe Wunder wirkt, daß sie aus Wenigem viel macht und in ihrem Thun ein unerschöpflicher Segen ist. Gott waltet, aber wir Menschen sind Gottes Werkzeuge, und er verläßt uns nicht, so lange wir an ihn uns halten. Wenn es aber ganz anders kommen sollte, als wir es jezt uns denken? Wenn diese schönen Hoffnungen, welche dieser schöne Frühling in uns geweckt hat, wieder vernichtet werden sollten? Wenn statt Linderung und Trost wieder neue Noth uns erwachsen sollte? Dann, lieber Leser, wie Gott will. Er verläßt uns doch nicht, wir wollen fest an ihm halten. Z. Ans einem philosophisch - hnmoristisch- fatyrischerr Lexikon. (Fortsezung.) Mensch. Der Mensch ist ein unruhiges Geschöpf und doch will er es nicht dulden, daß man ihn beunruhigt. (Voltaire.) — Er ist ein Löwe in Eselshaut; ein Zwerg, der mühselig auf der Erdscholle herumkeucht; ein Riesen- kvloß auf dem Balle der Vergänglichkeit und dem Gestade der Unendlichkeit fußend; ein Strahl des ewigen Lichts, gefangen in der cameru odscura der Sinnlichkeit; ein Kind der Unsterblichkeit, gewickelt in die Lappen der Hinfälligkeit; ein Edelstein aus der Krone der Gottesweisheit, gefaßt in das Kazengold irdischer Thorheit; ein lebendiges Fragezeichen, ein unendlicher Gedankenstrich, rin personificirter Widerspruch, ein Räthsel, von dem nur der Tod die Auflösung geben kann. (F. Schuselka.) — Der Mensch in seinem flüchtigen Lause ist nichts, als rin leichter Dunst, den die Sonne zerstreut; seine Klarheit ist nur eine düstre Nacht, und seine Tage gehen vorüber, einem Schatten gleich, dem das Auge folgt, und den es entrinnen sieht. (I. B. Rousseau.) — Dem Alltagsmenschen ist auf jedem Fall das glücklichste Loos beschie- den. Er mag sich betrachten, oder die Erscheinungen außer sich, er ist immer zufrieden. Die Einbildungskraft reißt ihn nicht mit sich fort; er ist vor ihrer Ausschweifung gesichert und er rühmt sich dessen. Mit Selbstzufriedenheit spricht er von den Verirrungen und Jrrthü- mern geistreicher Männer. Sein kaltes Pflegma halt er für bedächtige Prüfung. Er gleicht einem Piloten auf einer kleinen Barke, der nie die Küste verläßt, und der sich mehr damit beschäftigt, die Schiffe, welche auf hohem Meere Schiffbruch leiden, zu zählen, als diejenigrn, die durch den Muth und die Geschicklichkeit ihrer Mannschaft unter Stürmen mit Ungewittern, bedroht von Felsenriffen und Strudeln, den sichern Hafen erreichen. (K. Mü edler.) — Die Menschen sind eine seltene Art von Schafen, die sich selber einander die Wolle abscheeren_Der Mensch gleicht einem Luftballon. Die Kunst, ihn zu leiten, ist noch nicht erfunden. — Wenn die Menschen recht schlecht werden, haben sie keinen Antheil mehr, als die Schadenfreude, (v. Göt h e.) — Falsche Menschen haben niemals einerlei Vorgeben, sie sind wie die Rebhühner in Paphlagonien, welche zwei Herzen haben. (I. Riemer.) — Feile Menschen sind wie trocknes Papier, je fetter man es schmiert, desto durchsichtiger wird eö, und so sind auch die Finanzenfresser; wer sie tüchtig schmiert, kann sie so durchscheinend machen, daß er durch sie in die Geheimnisse großer Herren sehen kann. (Dcr- selbe.) Welch' unvorsichtiges Geschöpf ist doch " er Mensch! Er träumt die Zukunft lachend sich; - r fürchtet in der Stille nicht den Sturm, Stürzt unvorsichtig sich in die Gefahr; Allein ein Unglück, oft von ihm verdient, Beugt seinen Muth auf immer. (Friedrich II.) Der Mensch ist der größte Gedankenstrich im Buche der Natur. (Jean Paul.) (Fortsezung folgt.) NkaritätenKästleir». G Es wurde Jemand ersucht, eine Grabschrift auf einen Gehenkten zu machen. Er gab sie folgendermaßen: Hier ruht er, wenn — der Wind nicht weht. G Einem Gelehrten war die Naht an seinem Rock- Aermel aufgegangen. Ein Pinsel, welcher wizig seyn wollte, sagte: „Da guckt die Weisheit heraus." — „Und die Dummheit hinein," versezte der Gelehrte. T Die Liebe ist der Frauen Brodwissenschaft, und sie haben den Vorzug vor den Studenten, daß sie selbige immer mit Leidenschaft treiben. T Gin junger geistreicher Mann wurde von einem andern mit diesen Worten in eine Gesellschaft eingeführt: Meint Damen und Herren! ich stelle Ihnen Herrn N. vor, der durchaus nicht so dumm ist als er aussieht. — Das ist eben der Unterschied zwischen uns Beiden, versezte sogleich der Eingeführte. G Pech. Mit brennendem Auge und siegreich glänzender Stirn tritt ein Stuzer in den Salon, voll stolzer Hoffnung, sich als Löwe des Tages zu zeigen — da sieht er mit sprachlosem Erstaunen, daß alle Damen, das Riechfläschchen in der Hand, und das Taschentuch au der Nase, ihm ausweichen; er durchmustert sich blizschnell von Kopf bis zu Fuß, und bemerkt mit tödtlichem Schrecken, daß er zuvor über Etwa» hinweg gegangen, was weder eine Rose, noch ein Veilchen, noch ein ostindischeü Parfüm war! T Ein mittelmäßiger Schauspieler saß einmal in einem Wirthshause. Der Kellner berichtet ihn, daß ihn Irma« zu sprechen wünsche. Als der Histrivne herauskvmml, sieh rin kurz zuvor von ihm beleidigter Recensent da und mach ein Kompliment. „Was wollen Sie von mir?" schnaubt d Komödiant den Kritiker an. „„Ich wollte Ihnen — ern"^ derte er — nur einmal das Vergnügen verschaffen, Hera» gerufen zu werden!"" und ging davon.