»8S UuterhaltirngsBlatt. (Beilage zu« «chwarzwälder » » t« n vom 7. September 1847.) Verantwortlicher Redakteur: Wilh. Brandecker. « 8 . ' Der Fluch -es Hebräers. ( Fortsezung.) Sein erster Gang war zu Kaufmann Rost, denn seine Saarschaft war bis auf wenige Thaler zu Ende, und er kannte Niemand weiter in der großen weitläufigen Residenz, zu dem er seine Zuflucht hätte nehmen können. Doch wer beschreibt seinen Schreck, als er dort erfuhr, daß der, an den er gewiesen war, vor einem Monat ein bedeutendes Fallissement gemacht habe, und jezt auf der Festung size. Was sollte der arme Flüchtling nun anfangen in der großen unbekannten Stadt? Düster und ganz von dem Drückenden stmer gegenwärtigen Lage erfüllt, schlenkerte er durch die ßlraßen, nicht achtend auf den prächtigen Bau der Häuser, aus das Gewühl der Menschen um ihn her. So kam er auf den Plaz, wo eben die Wachtparadr aufzvg. Er lehnte sich an einen Baum, um der kriegerischen Musik zuzuhören, die so oft ihn zum Heldenmuthe begeistert hatte, und die auch jezt sein Elend ihn auf Augenblicke vergessen machte. Ein Offizier von höherem Range hatte ihn eine lange Weile still beobachtet. Wenn die Erinnerung mich nicht trügt, hob dieser endlich an, indem er Werner auf die Schulter klopfte, so seh' ich Sie hier zum erstenmalr nicht, und mir ist's, als müßten wir gute Bekannte gewesen seyn. »Das ich nicht wüßte," antwortete Werner kurz. Ich aber weiß es, führ der Andere fort, und klarer wird es mir in jedem Augenblicke. Standen Sie nicht vor etwa drei Jahren beim M.scheu Freikorps? »Tanz recht!" Nun ist kein Zweifel mehr; Eie find der Offizier, der tamals die Gefangenen begleitet,, unter denen auch ich mich befand. Ich hatte im Gefecht eine leichte Wunde bekommen, bie aber auf dem Transport sich sehr verschlimmerte. Ihr Vorgänger, der früher unsere Fortschaffung leitete, war ein Vardar. der uns schlechter als das Vieh behandelte. Er bette kein Erbarmen mit mir Verwundeten, wenn meine Kchmerzen mich hinderten, schnell zu gehen; mit Kvlbenstößen ließ er mich zur Eile treiben. Da übernahmen Sie das Kommando; meine Wunde wurde untersucht, verbunden, mir 'in weiches Lager auf einem Wagen gebetet, und ich so zum One der Bestimmung' gebracht. Sie selbst erkundigten sich °'t um mein Schicksal und suchten mir das harte Loos so "i'l als möglich zu erleichtern. O ich habe diese Zeiten nicht Treffen; Ihre edlen menschenfreundlichen Züge haben sich ^l in mein Herz eingeprägt. Wie kommen Sie hirher? was ? 3hr Schicksal? Werner erzählte ihm die Begebenheiten ^itZten Wochen, und verhehlte ihm auch die Verlegenheit in der er sich eben befand. Mit Geld kann ich Ihnen M helfen, sagte der Offizier, dock meine Verwendung kann ^ven nüzlich seyn. Nehmen Sie Dienst« in unserer Armer ^3hr Vaterland hat Sie ohnehin undankbar ausgestoßen; itn Sie ihm, als ein zweiter Coriolan, was eS in Ihnen ^°ren. Ts wird eben rin Freikorps errichtet; der erwählte desselben ist mein Freund; erbedarf Männer von Kennt- und kriegerischen Tugenden, die Sie gewiß besizen werdet. n, g*" vor ihm eine Prob« der erstern ab, und eine ^ Anstellung wird Ihnen nicht fehlen. In unserm Heere ^«»t man leichter, als in dem, welches Sie von sich stieß; denn hier wird das Verdienst allein befördert. Wie ist Ihr Name? den habe ich damals nicht erfahren. Werner fand nicht für gut, hier eben so zu heißen, als im Vaterland«; er nannte sich Forstwild. Nun wohl, sagte der Offizier, kommen Sie jezt mit in -mein Quartier, überlegen Sie bis heute Abend meinen Vorschlag, und dann lassen Eie mich sorgen. Was blieb Wrrnern auch sonst noch für «ine Wahl? Hätte er vom Kaufmann Rost den Vorschuß erhalten, den sein General ihm zugedacht, er würde genügsam und in stiller Zurückgezogenheit bessere Zeiten abgewartet haben; so aber mußt« er dem Drange der Umstände nachgebrn und einen Schritt thun, den er sonst nie gebilligt haben würde. Er wurde ezaminirt und sogleich als Hauptmann bei dem nruerrichteten Freikorps angestellt. Auch hatte er bald Gelegenheit, seinen Muth und seine Kenntnisse aus demKampf- plaze zu beweisen, und so stieg er immer höher in der Gunst seines Commandeurs. Er würde jezt glücklich und zufrieden in seinen neuen Verhältnissen gewesen seyn, hätte nicht die heiße Sehnsucht nach seiner Liebe, die glühender als je in seinem Herzen erwacht war, und die Ungewißheit Eie je wieder zu sehen und zu erringen, sein Herz oft mit Trauer erfüllt. Auch bemächtigte sich seiner oft eine Bangigkeit, ein Schauder, wenn er des Orakelspruches des alten Israeliten gedachte, der sich nun schon dreimal, und jedesmal fürchterlicher bewährt harte. Er konnte eine geheime Furcht vor dem vierten verhängnißvvllen Jahrestage nicht unterdrücken, die um so mehr zunahm, je näher derselbe hrranrücktr. Es war zu derselben Zeit gerade Waffenstillstand. Das Freikorps, bei dem Werner diente, stand mit noch einem andern Regiment in einer Provinzialstadt. Werner hatte beschlossen, an dem unglücklichen Tage gar nicht sein Zimmer zu verlassen. Am Abende zuvor ging er, jedoch einem Andern zu Gefallen, ins Kaffeehaus. Obgleich er selbst das Spiel jezt mied, da er sein entschiedenes Unglück in demselben voraus- sezte, so konnte er sich dennoch nicht enthalten, Zuschauer dieser gefährlichen Unterhaltung zu seyn. Unter den Spielern befand sich ein junger Mann, der wahrscheinlich heute zum erstenmal« seiw Glück durch di« Karten versuchte, und gerade in die rechten Hände gefallen zu seyn schien, um Zeitlebens dafür gewarnt zu werden. Denn ihm gegenüber saß ein Offizier, «in Spieler von Profession, der so recht die Kunst verstand, dem Unrrfahrnen das Geld aus der Tasche zu locken; denn er ließ ihn manchmal mit Absicht ein« Kleinigkeit gewinnen, damit er, durch die scheinbar gute Wendung kühn gemacht, desto größere Summen verliere. Werner, dessen scharfem Auge diese Unrechten Mittel nicht entgingen, dir der falscbe Spieler anwandt«, sich nach und nach der Baarschaft des Uneingeweihten zu bemächtigen, bedauerte den leichtsinnigen Jüngling, und beschloß ihn zu warnen. Der Offizier hatte jezt eben durch einen falschen Zug einen guten Schnitt gemacht, und der dumme Landjunker stand im Begriff, daS Doppelte »rS eben Verlorenen aufs neue zu fezen, als Werner ihm auf dir Schulter klopfte und ihm leise zufiüstert«: „Hören Sie auf zu spielen, Sie können hier unmöglich Glück haben, und wenn Ihnen Fortuna selbst die Karten mischte." 290 Der Offizier schien diese Worte gehört zu haben. Entrüstet sprang er auf und schrie: Wie können Sie sich unterstehen, Herr, sich in das Spiel zu mischen; Sie sind ein Friedenstörer l »Mäßigen Sie sich in Ihren Ausdrücken,« antwortet« Werner, „Sie sehen, daß Sie es mit einem Manne von Ehre zu thun haben." Das steht bei mir zu glauben, erwiederte hohnlffchelnd der Offizier,- denn Sie haben sich als einen Unruhestifter, als einen Elenden gezeigt. „ ^ »Im Gegentheil! — Sie sprechen, von sich selbst-denn ich unterschlug keine Karten." Das fordert Blut! schrie der Offizier .wüthend, und das gleich auff der Stelle! - »Motgen früh um fünf Uhr werde ich im Birkenbusche auf der Anhöhe zu Ihren Diensten seyn; auf Degen oder Pistolenjes gilt mir gleich." nr- Auf Pistolen, wenn's gefällig ist! war die Antwort des Offiziers. „Nun denn, es bleibt dabei: Punkt 5 Uhr," sagte Werner und entfernte sich. > „So muß dennoch ein böses Verhängniß über mir walten an dem unglücklichen Tage," sagte Werner zu sich selbst, als er allein'war. »Nun, vielleicht ist es das lezte, vielleicht trifft des Gegners Kugel meine Brust, unv ich habe genug gebüßt für jene schlechte That, die den furchtbaren Fluch über mein Haupt brachte." Er wendete die Nacht dazu an, um seine Papiere zu ordnen und seinem RegimentsCommandeur schriftliche Anzeige von allen ihm übertragenen und abge- machtzn Geschäften zu hinterlassen, denn es ahnte ihm, daß der Zweikampf furchtbar und blutig enden werde. Nachdem er auch mit dem höhern Richter seine Rechnung abgeschlossen hgtte, begab er sich, ohne Sekundant, zur festgesezten Stund« auf den Kampfplaz. Der Gegner ließ ihn nicht lange warten. Wir sind beide beleidigt, mein Herr Hauptmann, und schwer beleidigt; ich werde nicht eher ruhen, als bis Einer von uns auf dem Plaze bleibt; deßwegen, und um den Kampf nicht umsonst zu verlängern, werden wir, wenn mein Sekundant das Zeichen gibt, beide zugleich schießen, und zwar nur in mäßiger Entfernung. — »Es sei," entgegnete Werner, und Beide stellten sich auf den bestimmten Plaz. Eine kurze Pause erfolgte. Der Sekundant gab das Zeichen, die Pistolen knallten und — der Offizier stürzte blutend nieder; Wernern aber hatte die Kugel nur am linken Arm gestreift. Sowohl der Sekundant als auch der Sieger sprangen auf den Gefallenen zu, dem die Kugel nahe dem Herzen in den Leib gefahren war. Der Tod ist mir Wohlthat, sprach er mit matter Stimme, denn ich führte rin unstetes, nuzloses Leben, und Niemanden habe ich jemals Freude bereitet. Als Knabe schau entlief ich dem Hause meiner Eltern, wegen eines schlechten Streiches; eine Seiltänzerbande nahm mich aus, dort lernte ich die verworfensten Stücke ausüben. Der Krieg lös te die erbärmliche Gesellschaft auf; ich ward Soldat. Zerfallen mit mir selbst, habe ich nie aus Heldenmuth, aber aus Tollkühnheit und frecher Verachtung der Naturgeseze dem Tode ge- trozt, und so stieg ich, weil man für Tapferkeit hielt, was meistens nur unnüze Verwegenheit war, schnell vom Gemein- Soldaten bis zum Offizier. — Meine Augenblicke sind gezahlt, gewährt mir Beide die lezte Bitte! „Sprich, Unglücklicher," rief Werner erschüttert, „und fei meinerseits der Erfüllung versichert." Schreibt an meine unglücklichen Eltern, und meldet ihnen mitschonenden Worten mein trauriges End«; bittet sie, so wie auch meinen Bruder, in meinem Namen um Vergebung, daß ich ihnen so viel Leid verursacht und meinem Namen keine Ehre gemacht habe. Es soll geschehen, Marfelv, sagte der Adjutant. Dies ist mein wahrer Name nicht, sprach der Sterbende, ich heiße Ferdinand von Kohla. »Ferdinand von Kohla?" schrie Werner ausser sich, »v ihr schrecklichen, fürchterlichen Mächte des Himmels, was Hab' ich gethan!" Kennen Sie meine Eltern ? fragte Ferdinand. »Ob ich sie kenne, Unglücklicher! ach, sie konnten Ihren, Herzen nicht theurer seyn, als dem meinen.^ Leben sie noch? »Seit einem Zähre bedeckt sie die Erde. Tram und schweres Leiden brachte, sie schnell hintereinander ins Grab." . Und mein Bruder ? , »Steht vor Dir, er ist Dein Mörder!—" Länger war Werner, der furchtbaren Abspannung seiner Kräfte, die Schrecken unv Verzweiflung hervorgebracht, sich nicht mehr Meister. Seine Sinne wurden mit Nacht umnebelt und ein wohlthätiges Nichtbewußtseyn entriß ihn aus einige Stunden seinem qualvollen Zustande. Als er erwachte, befand er sich in seinem Zimmer. Mehrere Offiziere seines Regiments, ein Arzt und der Sekundant standen um ihn herum. „Wo ist Ferdinand, mein Bruder?" war feine erste Frage. Er hat es überstanden, sagte der Sekundant, seine legten Worte-waren: ich scheide ohne Groll von meinem Bruder, und bitte, daß er mir mein Unrecht vergeben und meiner mit Liebe und Mitleid denken möge. »Nun wohl! verlaßt mich Freunde, ich bin der Mann, der seinen Schmerz ertragen wird mit Gleichmuts) und Festigkeit; aus kurze Zeit nur war die Kraft von mir gewichen, — der Schreck war aber auch zu groß und die Verzweiflung. Nun, Ihr sollt mich von nun an gefaßt sehen. Weiß es der Obrisi?"—Ja, erwiederte der Arzt, erbedauert Ihr hartes Schicksal von Herzen, und wird das Lautwerden des traurigen Vorfalls zu verhindern suchen. Sie sollen ruhig seyn, und keine harte oder entehrende Strafe fürchten. »Die fürchte ich auch nicht. Hier in mir lebt ein strenger» Richter, der mich harter strafen wird, als das Gesez." ^ Werner war sowohl bei seinem Commandeur als auch bei dem ganzen Korps so beliebt und so geschäzt, ,daß allgemein Mitleid erregte. Alle Offiziere hatten für ihn gs' beten, und der Chef, der ihm ohnehin wohl wollte, ließ die ganze Strafe für den Zweikampf nur in vierwöchentliche« Hausarrest bestehen. Von jenem schrecklichen Tage an, war der Fried; gärst' lieh aus Werners Seele geflohen. Sein kühner Geist war gänzlich darniedergebeugt, und der innere Tram unv die Z»- fallenheit mit sich selbst wurde immer deutlicher in den z" störten Zügen seines sonst so männlich schönen Angesichts j» lesen. Der Chef, um seinem trüben Geiste durch Anspannung eine andere Richtung zu geben, sandte ihn mit geheimen Aulträgen an den Hof. Obgleich Werner dir ihm übertrage»» Pflichten mit Genauigkeit und Umsicht erfüllte, so hatte dm Anstrengung der Kräfte voch nicht den Nuzen, den der OiE davon gehofft hatte. Diese gewaltsame Anregung seine« m scklafften Geistes, verbunden mit der immerwährenden UnE seines Gemüths, hatte im Gegentheil die schlimme Folge, ^ der Unglückliche in eine-lange Krankheit verfiel, "bn der erst nach acht Monaten wieder genas, als eben der ^ Jahre sehr schläfrig betriebene Krieg, den ein baldiger Kr zu beenden geschienen hatte, mit erneuerten heftigen Flam wieder los brach. Werner, voll Hoffnung, in diesem bl » Kampfe sich die Palme des Friedens durch den Tod a i ^ Wahlstatt zu erringen, kehrte zu seinem Korps zurua- ^ mußte weit reisen, denn das Heer, welches vor kurzem 2S1 Schlacht gewonnen, war tief in daS feindliche Land hinein- gedrungtn. Werner erkannte zu seinem Leide, daß er sich immer seiner Heimath nähere, je näher er seinem Regiment« kam- Endlich war er angelangt, gerade einen Tag vor dem schrecklichen verhängnißvvllen Tage des Fluches. Mit Freude und Frohlocken empfingen ihn seine Kameraden. Du kommst zu rechter Zeit, riefen sie ihm entgegen, morgen wird es blutige Arbeit geben, wir denken dem uns gegenüberstehen- hrn Korps eine tüchtige Niederlage beizubringen. „Desto besser," dachte Werner, „vielleicht naht mein Schicksal seiner Vollendung." (Schluß folgt.) * Die Theurung — eine Lehrerin „Alles Unglück in der Welt kommt daher, daß dir Einen mehr Geld als Verstand, und die Andern mehr Verstand als Geld haben — ich wollte sagen alle Un- zufrie den heit." — Börne. Von dem bekannten französischen Dichter Ma lherbe erbat sich einst ein Bettler ein Almosen mit der Zusicherung, daß er für ihn beten wolle. Malherbe bemerkte ihm bei Überreichung der milden Gabe: „Armer Teufel! wie viel Credit wird dein Gebet in der andern Welt bei Gott haben können, der dich auf dieser Welt Hungers sterben läßt?" — Welch ein Heer von Bettlern hätte zur Zeit der Theurung (die leider noch nicht so ganz vorüber ist, als Manche uns glauben machen möchten) mit dieser Bemerkung abgefertigt zu werden verdient! wie Biele bedeckten — und werden dies zu th„n fortfahren — mit falschen Blumen der Andacht das Mistbett ihres Müßigganges und ihrer Lüderlichkeit! Doch wohl uns, wenn uns die Theurung bis jezs sonst nichts gelebrt hätte! Wir haben von ihr leider! viel Trostloseres gelernt. Unsre öffentlichen Blätter trugen den Freudenruf der Hoffnung — „dir Theurung ist vorüber!" — so schnell- beflügelt durch das Land, daß man wohl noch einmal rückwärts, um sich und vorwärts blicken und fragen darf: „ist es wahr?" — Und während man auf diese Frage nicht die erfreulichste Antwort erhält, findet man Ursache vor der Theurung, als vor einer furchtbar strengen Lehrerin, zu erschrecken. Einige der zunächstliegenden und wichtigsten dieser Lehren werden uns bei näherer Beleuchtung von den Gesagten Überzügen. I. Noth kennt kein Gebot. Daß dieses uralte ^prüchwort bis in unsere polizeigerechte Zeit hcreinreicht, hat °>e Theurung sattsam bewiesen. Die Anbeter unserer modernen Civilisation mögen sich darüber betrüben oder nicht; weg- "uznen können sie es nicht. Eine überaus große Anzahl *n» Hilseheischenden betrachtete die Theurungsklage als eine Art von Freibrief für^ihre Zudringlichkeit, Ungenügsamkeit ""d wohl auch gesezwldrige Demonstrationen. Es wäre kein Wer Zeitraum von der Art, wie wir ihn seit dem Beginn 7s>rs Jahres hatten, nöthrg, so wäre der wohlhabende be- ^rdsame Bauer und der thätige Gewcrbsmann weiter nichts als ein Knecht des Müßiggängers, des Bettlers und 's Lasterhaften. Diese Leute haben fast durchweg einen vralischen Bankerott gemacht, sonst könnte man sich folgende "urkdote nicht für wahr erzählen. Sin nicht sehr schwächer Bettler begegnete einem seiner ganz arbeitsuntüchtigen den er fragte: „wie viel erhältst du täglich?" ^Antwort lautete: „40 kr. bis zu 1 fl.« — „Was? nicht »Lb rrwiederte der erste: „nicht um einen Kronenthaler ich meinen Tag, wenn ich das Glück hätte, so krüppel- Haft und schwach auszusehen wie du!« — Wo ist das Mittel wider das Umsichgreifen dieses moralischen Bankrrottenthums? Der große Haufe steht es nicht ein, daß die Armen an und für sich kein selbstständiges Recht auf Untrrstüznng haben; sonst würde sich die Zahl der Hülfefordernden nicht so leicht und so unverhältnißmäßig vermehren; die Frechheit und Unverschämtheit derer würde fallen, welche — aus Lüderlichkeit verarmt — in der Meinung, ein selbstständiges Recht auf Versorgung zu haben, nicht selten mit Ungestümm Nahrung und Obdach fordern und eine große Plage für Gemeinden und Einzelne sind. 2. Es kommtkeinUnglückallein. DieNachwehe» einer allgemeinen Calamität sind oft nicht erträglicher als die Calamität selbst es war. Wer vor der Ernte hinausging in's Freie, hatte Ursache, der Stelle des Psalmisten (Ps. 71.) zu gedenken: „Dicht steht Getreid im Lande, auf der Berge Gipfel rauschet die Saat, wie der Wald auf Libanon I" Aber wie viele machten es, wie einst die Juden: „Sie achteten das lange gewünschte Land für nichts." Die Fortdauer und das wucherische Festhalten an übermäßigen Getreidepreisen war eine himmelschreiende Sünde derer, welche dir Schuld hievon hatten, und ein um Rache rufendes Verbrechen gegen ihre Mitmenschen. Sie benahmen sich nicht anders, als ob sic noch einmal den Zorn Gottes herabfordern wollten, der einst sprach: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen!« — Es versteht sich von selbst, daß unter diese niedrige Seelen der arme Landmann, der zwischen Dorn und Düsteln mit Kummer und im Schweiße seines Angesichtes sich nährt, nicht begriffen ist. Er muß es sich, wie der arme Handwerker, sauer genug werden lassen, daß er für sich und die Seinen das Bischen Brod habe! Und wenn er es hat, was hat er denn? — Und wenn jezt die Fruchtpreisc allmählig sinken und kleiner werden und das Brod — wie es an vielen Orten der Fall ist — nicht größer? Ist der liebe Gott wahrscheinlich auch hieran Schuld? Er schüttet über di« Erde das Füllhorn all seiner Segnungen herab und die Menschen, die sich Gottes Kinder nennen, danken diesem Vater damit, daß sie sich untereinander durch Wucher mit den himmlischen Gaben zu Grunde richten. Welch' herzerhebendrr Beweis für den moralischen Zustand unserer Zeit! Mit dem brittischen Dichter möchte man ausrufen: „O Mensch! wie schlecht bist du! dein Name nur ist gut! in jedem Thiere wallt ein edler Blut!« — 3. Die dritte und gräßlichste Lehre, wovon wir für diesmal sprechen, besteht darin, daß wir in der Theurung viel deutlicher als in bessern Tagen die Kluft erkennen lernten, die sich zwischen Wohlstand und Dürftigkeit täglich erweitert. Der sittliche Einfluß dieser Zerklüftung ist der, daßderUeber- fluß in Luxus, Uebermuth und Herrschsucht verfällt, während die der Dürftigkeit und Armuth anheimfallenden Klasse zwischen Feigheit und Zügellosigkeit schwankt, in Habgier und Sklavensinn entartet und dem Geldstolze ein leichtbeweglichcs Mittel zur Erreichung ehrgeiziger Zwecke wird. Die Häufung der Kapitale in wenigen Händen macht, daß Tausende, welche diese Macht nicht zu verwenden haben, Zurückbleiben müssen, arbcit- und brodlos werden. Eisenbahnbauten sind höchstens eine temporäre Verminderung dieses Urbels, und die bisherigen hiebei zu machenden Erfahrungen beweisen dem oberflächlichsten Menschenkenner sogar, daß dir Menge, di« an diesen Bauten beschäftigt ist, in der Moralität nichts weniger als erfreuliche Forschritte macht. Mit jedem Tage wird es deutlicher, was Noth thut, nämlich — eine geistige Wiedergeburt. Die Zeit der Theurung zeigt es augenspringlich allenthalben, daß das edlere Selbst in der Masse des Volkes verwahrlost ist. Unter dieser Masse versteh« ich alle diejenigen, welche nichts haben als ihre Arme, um das Brod zu gewinnen. Ist einmal rsr — wie es leider attzugroßen Thells der Fall ist — das edlere Selbst dieser Masse verwahrlost; hat der Strom der falschen Meinung des Tages den Glauben an das Höhere hinweggespielt; wirb das Geistige, Moralische, Uebersinnliche, Ewig« dem Sinnlichen, Zeitlichen untergeordnet, und beherrscht Selbstsucht und sinnlicher Materialismus alle Klassen der Gesellschaft, so daß einer den andern in hastigem Ringen nach zeitlichem Gut, nach Luxus und Gewinnsucht gleichsam überstürzt: Dann könnt ihr ein Armenhaus neben das andere bauen und Millionen auf den Altar der Mildthätigkrit legen, das Urbel, dem ihr begegnen wollt, wird nur noch furchtbarer, je größere Summen ihr spendet. So herb diese Worte manchem erscheinen mögen, so wahr sind sie. Das bloße Geschrei in einigen öffentlichen Blättern: «Die Thrurung ist vorüber!' — ist ein blinder Lärm. Fragt den Mittelmann, er wird es bezeugen, daß es nicht anders ist. Erwirb euch sagen, wie hinter jeder seiner Aehrengarben die Geldwucherrr, denen er schuldig geworden , verborgen lauschten, wie der Tiger im Dickicht, und wie es ihm zehnerlei Rückstände jezt erst recht deutlich machen, daß die Theurung für ihn nichts weniger als vorüber ist, oder doch höchstens den Namen wechselt und nimmer Theurung, sondern Noth, Elend oder Gant heißt. Wäre der Luxus nicht das Lezte, was die Menschen aufzuopfern über sich gewinnen können, so ließe sich vielleicht noch Gutes voraussehen; aber — der Luxus ist leider das Lezte was man ausopfert, und dieses lähmt aller schöneren Hoffnung die Flügel. Diese Hoffnung wird noch matter, wenn wir die statistischen Tabellen unter die Augen nehmen und z. B. lesen, daß das friedliche Kriegssystem (nach officirllen Berichten) der europäischen Republik nicht weniger kostete als jährlich 33« Millionen Thaler, und daß das Budget eben dieser sogenannten europäischen Republik nicht weniger alsllKSMillionrn Thlr. ausmache. A»S einem philosophisch - humoriftisch- satyrischen Lexikon. (Schluß.) Zahnarzt ist ein Mensch, welcher seinem Nebenmenschen die Zähne ausreißt, damit er für die Seinigrn etwas zu beißen bekommt. Zartgefühl ist die schönste Perle in dem Diadem weiblicher Würde; das Weib wird nicht nur dadurch verschönert, sondern es giebt auch jeder andern Tugend erst den rigenthümlichen Werth, wie die Hand des Künstlers dem unschäzbaren Diamant erst Glanz und Politur verleiht. (K. Zitz.) Zeitgeist. Die Zeit der Ritterlichkeit ist vorüber, die Zeit der Reiterlichkeit ist da; die Zeit der Tafelrunde ist vorüber, die Zeit der runden Tafel ist gekommen; dir Zeit der Geselligkeit ist todt, dir Zeit der. Gesellschaften ist erstanden. Unser Gesettschaftszeitgeist besteht aus großer Welt und kleinen Leuten, runden Tischen und eckigen Menschen, kurzen Kleidern und langer Weile, vielen Kerzen und wenig Licht, fetten Gönnern und magern Kennern, hohem Spiel und seichten Worten, alten Jünglingen und jungen Greisen, jede Wange roth und nicht eine erröthet. Alle essen und kein Mensch ist hungrig; man sucht sich, um sich zu zerstreuen und zerstreut sich, um sich zu suchen; man ist aber zu zerstreut, um sich zu finden. (Saphir.) Zorn ist nichts anders, als ein« plözliche, unüberlegte, von tief empfundenem Kummer erregte Bewegung, die, nachdem sie alle Vernunft überwältigt, und die Augen des Geistes mit Finsterniß umgeben, zur zügellosesten Wuth unserer Seele entflammt. (Boccaccio.) Zuchthaus ist ein öffentliches Haus der Besserung, aus dem die Eleven gemeiniglich schlechter herauskommen, als sie hineingrhrn. Zufriedenheit. Zufrieden seyn — große Kunst, Zufrieden scheinen — bloßer Dunst, Zufrieden werden — großes Glück, Zufrieden bleiben — Meisterstück. (G. Harrys.) Zweikampf. In einem Lande, wo der Zweikampf sehr häufig ist, muß es entweder viel grobe, oder viel närrische Leute geben; denn man kann sich keine Möglichkeit eines Zweikampfes denken, wenn man nicht voraussezt, , daß der eine den andern entweder wirklich vorsezlich beleidigte (und dann ist er grob) oder der andere sich durch eine eingebildete Beleidigung aufbringen ließ (und dann ist er gewiß ein Narr.) Zwerg. Die großen Herren halten sich Zwerge; damit ste um so größer scheinen. Zwischrnträgerei ist eine große Schmeißfliege, brummt vor allen Fenstern und besudelt Alles, (v. Kotzebue.) SkaritäterrSästlei«. G Ein Gourmand rühmte mit begeisterten Worten einen Truthan nur Trustes, den er eben verzehrt. Eie haben ihn ganz gegessen? frug lex Zuhörer. — Ja, freilich. — Wie viel waren sie denn? — Ihrer zwei. — Wer denn? — Nun, ich und der Truthahn. T »Es ist doch zum Bewundern, was die Menschen alles wissen," sprach een Bauer zu seinem guten Freunde, »sogar Sonnen» und Mondfinsternisse können sie Vorhersagen. — Ja, das ist eine rechte Kunst, erwiedertr der Andere, das kann ich auch, das steht ja alles im Kalender! — Ja so, daran hatte ich nicht gedacht." T Ein Bauer hatte rin Füßchen Wein gekauft und es hinter sich auf's Pferd geschnallt. Unterwegs löst sich jedoch der Spund vom Fasse und der Wein strömt heraus. Der Bauer etwas Natürliches vermuthend, hält sein Pferd sorgsam an und als er nichts mehr rauschen hört, reitet er vergnügt weiter. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er nach Hause kam und keinen Wein mehr im Fasse fand. E> Sin Mitglied des Vereines gegen Thierquälerei hielt beim Jahrrsftst« eine geistreiche Rede, von der wir ein Bruchstück geben: Das Schlachten der Thiere, meine Herren, ist unmenschlich, so ein Kalb z. B. ist ein Ochse, daß es sich alles gefallen läßt, noch barbarischer aber ist die Jagd. Ich bin überzeugt, daß die Natur eigentlich von Hause aus gar kein Wild erzeugt habe, das was wir jezt so nennen, >si erst durch jahrtausrnd lange Verfolgung wild geworden. Gharade. An Minna. Theursl ich für Dich im Herzen trage. Was mein leztes Eylbenpaar Dir nennt. Ach! zu hoffen ich noch immer wage, Daß ich einst zu Dir die ersten sage, Wenn das Wörtchen: mein, vorher ertönt, Dann verstummt des Busens herbe Klage, Und mein heißer Wunsch ist dann gekrönt. Ja, das Ganze soll, mir selbst zur Pein, Dann von mir verbannt auf immer seyn. Auflösung der Charade in Nr». S7: A n m u t h.