18 SV. UrrterhattrmgsDtatt -es Schwa rzwäl-er Asten. IO. Erste Verlage zum Schwarzwälder Voten vom 6. März Das Wahrzeichen von Tübingen. (Fortsezung.) Ich weiß das nicht, sagte der Bader, der in hohem Grad erstaunt den Fremden eine Weile schweigend mit großen Augen gemessen hatte; >— aber ich wundre mich, Euch so plözlich mit der Familie so bekannt zu sehen; und Eure Theilnahme scheint eine recht gründliche zu seyn. Nun, was kümmert's mich! ich dränge mich nicht in anderer Leute Geheimnisse ein. — Lieber Fetund, sagte in herzlichem Tone mit tiefer Ergriffenheit der Fremde: Ihr habt Recht, ein Geheimniß ist's, und Gott vergelt's Euch, wenn Ihr nicht fraget, wo ich Euch keine Antwort geben dürfte, obgleich Ihr sehet, daß ich durch Eure Nachricht außer Fassung bin. Nur Eines kann ich sagen, daß ich allerdings mit Davids Haus in früherer Zeit recht wohl bekannt gewesen bin. Sein Sohn war einst mein guter Freund, und ich dachte ihn daheim zu finden; mich ängstet, daß er nicht da ist; der Bäcker aber ist Noch mein Freund, und darum erschreckt mich, was für Arges Ihr mir seinethalben berichtet. Denn was die Leute sagen, ach lieber Himmel, ist ja gewiß nicht wahr. Eben von ihm habe ich Botschaft nach der Stadt; und nun sagt mir, wenn Ihr könnt, ob ein junger Gockell, des Bäckers Bruder, ein Schmied seines Handwerks, nsch in der Stadt ist, an den Hab' ich Grüße; ihn Hab' ich darum hieher beschickt und erwart' ihn, doch bis jezt vergeblich. — Der junge Schmied an der Wette drunten? ei freilich kenn ich ihn, und wenn Ihr gute Botschaft an ihn habt, so könnt Ihr sie zu keiner gelegeneren Zeit bringen, schlimme Nachricht aber auch nicht ungelegener, als eben jezt; denn wenn Ihr den hierher bestellt habt, der hat für heute keine Weile; er feiert eben seine Hochzeit. — Andreas! Hochzeit? rief in lebhaftester Ueberraschung der Fremde aus — was Ihr mir nicht saget? — Es bleibt dabei, versicherte der Bader, sein Vetter hat ihm seine Schmiede abgetreten; der Memminger Krummholz seine Tochter gegeben, eine wacker« Dirne, die sich um all das Geträtsche nicht bekümmert hat, und heut Abend ist, eben den Leuten zum Troz, Tanz und Gelage in der neuen Krone ob dem Markt, wenn Ihr dort herum so bekannt seid. Der Fremde horchte und schwieg lange; dann schritt er in großer Bewegung einige Male im Hofe auf und ab. Endlich, wie wenn plözlich ein Entschluß in ihm gereist wäre, trat er zum Wirth und sagte: Was Ihr mir berichtet habt, ist mir von großer Wichtigkeit. Ich will nun selbst zur Stadt, mein Geschäft abzumachen: doch werd' ich nicht lange dort bleiben und heute Nacht wieder kommen. Laßt mir ein Thürlein offen, daß ich mein Lager finden mag, will'-s Gott, zieh' ich morgen schon weiter. Indessen bewahrt mein Ränzel, und — sezte er nach einigem Besinnen hinzu, indem, er einen breiten Dolch mit elfenbeinernem Griff an einer Kuppel mit etwas verschossener Stickerei aus dem Gewände, wo er verborgen gewesen war, hervorzog und auf den Tisch legte — nehmt diese Waffe auch dazu, und berget sie; besser, ich trage sie nicht. Ich sehe Leute kommen, und habe zu viel Wichtiges gehört, als daß ich nicht solltck'-allein seyn' wollen. Lebet wohl inzwischen. Nun, gute Verrichtung, erwiederte der Bader, etwas erstaunt über des Fremden plözliches Vertrauen, und geht all's gemach! rief er ihm als ächte Tübinger Abschiedsmahnung nach, als er kopfschüttelnd sah, wie sein Gast mit großen Schritten in den Wald zur Seite sich vertiefte, wo freilich der nächste Weg zur Stadt nicht hinführte. Für sich hinbrummend nahm der Wirth aus der Laube des Fremden Bündel und Dolch in eine Hand, den Krug in die andere, um nach dem Hause zurückzukehren, als von einer Seite ein Reiter auf stattlichem Rappen in den Hof einritt, auf der andern Seite etliche Mezger aus der Stadt, die vom Einkauf zurück ihren Knechten nachkamen, noch in der ganzen Eile ihres, Gäuschrittes, um's Haus bogen und erhizt und durstig nach einem Trünke riefen. Eilends legte der Bader nun wieder in der Laube ab, was er in den Händen trug, und winkte den Bürgern, sich dort niederzulassen, sprang dagegen dienstfertig dem Herrn zu, der eben vom Pferde stieg, und rühmte die Ehre, die der Herr Bürgermeister ihm erweise. Dieser bestellte nach wohlwollendem Gruße ein Bad, und kühlte sich inzwischen in dem kellerartigen Hausgang auf- und niedergehend ab, während der Wirth seinen Leuten die nöthigen Befehle zurief. Hast wollen auswandern, Waiblinger, rief ihm einer der Mezger von der Laube her zu, daß du den Ranzen geschnürt hast? — und wohl gespickt muß er auch seyn, sezte ein Anderer hinzu, daß du einen so schayfen Wächter daneben legst. Der Bader, sehr geschäftig, lachte gefällig von ferne, indem er eilte, dem Herrn Bürgermeister in's Bad zu helfen. Als indessen dieser in der Wanne sich behaglich dehnte, begann erst die rechte Aufgabe des Baders, ihn zu unterhalten, und da bot ihm nach kurzem Besinnen sein unbekannter Gast willkommenen Stoff. Schade, begann er, daß der Herr Bürgermeister nicht eine Weile früher eintraf; hätte können einem Fremden, wenn's ein solcher ist, bessere Auskunft geben, als ich. — Hast du Einkehr gehabt, Bader? — Zu dienen, und zwar einen Menschen, den ich gern mehr gefragt hätte, als ich gewagt habe. Denn er scheint Bescheid über eine bedenkliche Sache geben zu können, seinem Ge-, schwäz nach; will jedcnnoch mit der Sprache nicht recht heraus.— Und du auch nicht, scheint es, sonst hätt' ich auch gleich erfahren, über welche Sache du ihn gern gefragt hättest. — Wenn's der Herr Bürgermeister nicht übel nimmt, der Fremde hat — sagte er leise und geheimnißvoll — den jungen Schmredmeister Gockell hierher bestellt gehabt, den Bruder des Verschollenen. — Nun, der kann viele Bekannte haben, die nach ihm fragen, was ist denn daran bedenklich? — Ei nun, seinem Sagen nach hätte er eben von dem Verschollenen etwas zu melden gewußt, und hat auch auf besondere Weise nach dem alten Obermeister David sich erkundigt, weil der Herr Bürgermeister erlaubt, daß ich ihn nennen darf. — Wie? du meinst, er müßte von den zwei Vermißten etwas wissen? nun freilich, das wäre mir willkommen; warum hast du ihn nicht zu mir geschickt? — Hm! es kam mir vor, als scheute er sich vor der Stadt. Seit gestern Abend, da er bei mir eintraf und Herberge begehrte, ist er zwar immer unterwegs dahin, doch nicht weiter, als halbwegs. Eben jezt, da er hörte, daß der Schmied nicht komme, Hochzeitshalber, ist er aufs Neue gegangen, ich zweifle aber, ob bis in die Stadt, er ist gar abwegs in den Wald hinein. — Wie? fragte der Bürgermeister aufmerksamer, er scheut die Stadt? warum? wie 70 ficht er aus? — Das Erste weiß ich freilich nicht zu sagen, da er selber nichts mittheilt; im Uebrigen scheint er ein stiller, verschlossener Mensch zu seyn, ernst und fromm, nur zu wenig heraus mit der Farbe, wie sonst ein ehrlicher Mann. Vor 10 Jahren will er in der Stadt bekannt gewesen seyn. — Was ist er seines Zeichens? — .Hab's nicht exrathen können: dunkelgraues Gehöse, braunes Gewand, einen Hellrothen Bart und gelbe Haare, einen breiten Hut weit in die Stirne gedrückt; erst beim Gehen zeigte er, daß er eine Wehr verborgen trug. — Nun, und was sagte er von den Vermißten? — Haltet's zu gut, Herr Bürgermeister, nicht viel, als daß er erschrack, wie ich sagte, was man wegen Davids Martin für einen Verdacht habe, und versicherte, das sei nicht wahr. Das will mir nicht gefallen, brummte der Bürgermeister, daß er so vor der Stadt liegt, wie der Fuchs vor dem Bau, und nicht hinein will. Gib auf den Menschen Acht, Bader, und wenn er wieder kommt, ermahne ihn, zu mir zu gehen; will er nicht, so laß mich's wissen. Plözlich erhob sich draußen großes Geschrei der Mezger von der Laube her nach dem Wirth. Stürmisch kamen alle drei ins Haus gestürzt und riefen ihn in einem Tone großer Bewegung und Hast. Er eilte hinaus, sie auf ihn los, und einer, des Fremden Dolch in der Hand, faßte ihn heftig an der Schulter: Waiblinger, wo hast du dieß Messer her? wie kommt es in deine Hände? — Es gehört einem Fremden, dem auch das Bündel gehört, und der eben wegging, als ihr kamt. — Donner und Wetter! schrie der mit dem Dolch, wo ist der Mensch? Den Dolch kenn' ich; das ist Davids Martins sein Dolch, den ihm die Katharine mitgab — auf die Wanderschaft, da wir ihm aussolgten. Wo der Dolch ist, da muß auch der*Martin seyn! Wie sieht der Mensch aus, der ihn trug? Der Bader berichtete. Das ist nicht der Martin, schrieen die Mezger. — So ist's einer, der von ihm wissen muß! noch einmal, wo ist der Mensch, wie ist er zu dem Messer gekommen, ehrlich oder unehrlich? — Ja liebe Leute', versezte der Wirth, bei dem Ungestüm der Fragen unruhig werdend, das weiß ja ich nicht: ich sag' Euch ja Alles, was ich weiß. Und wiederholt erzählte er, was er kurz zuvor dem Hertn Bürgermeister gesagt, doch wurde fein Bericht immer geheimnißvoller, den gespannten Gesichtern gegenüber, die ihn in Angst brachten er wußte selbst nicht warum. Dringend, hastig, sich selbst steigernd hezten sich die Mezger in allerlei Vermuthungen herum, bis sie die Ueberzeugung aussprachen: Eins bleibe gewiß, mit dem Fremden, das der Martin nicht seyn könne, dessen Dolch er habe, sei's nicht sauber. Mit einem Mal aber, als fahre ihm ein pözliches Licht im Kopfe auf, rief einer derselben: Oh, oh! das ist der Gockell! das ist wahrhaftig kein Anderer, als der Gockell selbst, der ganzen Schilderung nach. Jezt hell auf, schrie er mit grinsender Lustigkeit, jezt wird's tagen. Indessen war der Bürgermeister mit dem Bade fertig geworden, und trat fragend unter die Leute. Die Mezger ihm entgegen mit dem Dolch und überschütteten ihn mit Versicherungen und Nachweisungen, daß man jezt offenbar daran sei, Licht über das alte Räthsel zu erhalten. Der Mensch sei verdächtig schon durch den Besiz des Dolches, dazu durch sein Lagern in der Entfernung von der Stadt, das nur von einem bösen Gewissen zeugen könne. Hizig stellten sie sich dem Bürgermeister zur Verfügung, und baten sich Vollmacht und Befehl zur Fahndung aus. Der Bürgermeister, anfangs ruhig, aber durch das Andringen der Bürger immer gesteigerter, befahl, vorläufig die Habe des Fremden in Beschlag zu nehmen, vor Allem des Dolches llch zu versichern: dabei allerdings den Eigenthümer aufzusuchcn. '' er sich finden, soll er gebeten werden, seine Angaben, die für so Viele von Wichtigkeit seyn müßten, bei dem Amte niederzulegen: beharre er aber auf seinem verdächtigen Versteck, weigere er sich, Antwort zu geben, so sei dieß ein Zeichen, daß man zu vertrauensvollem Verfahren weniger Grund habe. Und wenn ! gar, wie der Lampert sage, Georg Gockell erkannt würde, für den freilich wäre dieses Heimlichthun das schlechteste Zeichen; dann wohl ihm, wenn er sich rechtfertigen könne, wo aber nicht, dann wehe ihm. 14. Jener Mezger hatte recht gerathen: der Fremde war Georg Gockell, und es ist nun nöthig, aus seine Geschichte zurückzublicken, und dort wieder anzuknüpfen, wo wir ihn früher verlassen habeg. Nach jener Mordfastnacht in Wien war Georg viele Wochen in Folge seiner Wunde sowohl, die wie durch ein Wunder nicht edle Theile berührt hatte, als seines Schmerzes über, Mariens schreckliches Ende, zwischen Leben und Sterben gelegen in des Zeugschmieds Hause, der sammt seinem Weibe die Pflege seines unglücklichen Freundes auch um der seligen Marie willen sich nicht nehmen ließ. Langsam erholte sich sein Körper; furchtbar erschüttert blieb sein Gemüth, und je deutlicher seine Erinnerungen wieder wurden, um so heftiger die Bewegung seiner Seele, und zwar in ganz anderer Art, als sein sonst so sanftes Wesen hätte sollen erwarten lassen. Sein Schmerz äußerte sich als Durst nach Rache. Die Mordwaffe, die von seinem und Mariens Blute triefend im Hausflur gefunden worden, war ihm nur zu wohl bekannt; es war Martins Dolch, den ihm Katharine gegeben hatte. Der gehört fortan mir, rief er, und seine Augen leuchteten, als er ihn an sich zog, und seine Lippen murmelten etwas Schweres, wie einen Schwur. Sobald Georg sich körperlich stark genug fühlte, um wandern zu können, erklärte er, daß er in Wien zu bleiben nicht im Stande sei; es dulde ihn nicht mehr in dieser Unglücksstadt. Zwar sprach ihm Albrecht und seine Gattin, die beide zur alten Freundschaft hin auch ihre Liebe zu Marien aus den unglücklichen Jüngling übertragen zu haben schienen, aufs Herzlichste zu, ganz, auch zu ihrem Tröste, in Wien sich niederzulaffcn, ja sich als ihren Sohn und Erben anzusehen, Georg drückte ihnen die Hand, aber schüttelte den Kopf. Gerade erging zu derselben Zeit, da der König von Ungarn der Stadt zu Leibe rückte, von den Stadtbehörden aus an alle fremde Wcrkgesellen, welche sich nicht verpflichten wollten, als Kriegsknechte an der Vertheidigung der Stadt Theil zu nehmen, der Befehl, die Stadt so bald als möglich zu verlassen, um 'nicht bei etwa mangelnder Nahrung lästig zu fallen. Da packte Georg seine geringe Habe zusammen, zu der er mit Absicht auch einige Tücher von Martins bei ihm zurückge- lasienen Kleidungsstücken legte, ging noch eines Abends hinaus auf den Schottenkirchhof, und kniete lange, lange auf einem Grabe, das ein eisernes vom Zeugschmied selbst gefertigtes Kreuz kenntlich machte, und am andern Morgen, das Bündel über der rechten Schulter, da die linke zum Tragen noch zu empfindlich war, und den Dolch nicht wie zum Gebrauch an der Seite, sondern innerhalb der Gewandung, mit dem Gurte Katharinens befestigt, nahm er Abschied von der Muhme, die ihn weinend segnete, ließ sich von Zeugschmicd noch bis zur Spinnerin am Kreuz begleiten, unter dem Vorgeben, Welschland zu zu wandern, und schied auch dort, während der Alte schluchzte und heulte, auf eigene Weise gefaßt und schweigsam von diesem wahren Freunde und der Stadt so bitterer Erfahrungen. Aber kaum war er allein, so verließ er den Weg nach Kärnthen, und schlug sich links der Donau und dem Ungarischen Lager und Lande zu. Was er wollte? den Martin suchen, und 71 - — wenn er ihn fand, ihm seinen eigenen Dolch ins Herz stoßen, dem zweifachen Mörder, dem Buben, der all sein Glück vernichtet hatte, von dem er nicht anders dachte, als er sei bei den Ungarn. So zog Georg von Ort zu Ort, von Bcsazung zu Besa- zung, oft aufgehalten und gezwungen, eine Weile als Geselle zu dienen, dann wieder rastlos weiter getrieben; aber von Martin konnte er nichts erfahren. (Fortsezung folgt.) Compaß und Senkblei zur glücklichen Reise durch das klippenvolle Meer dieses Lebens. (Fortsezung.) 96stes Kapitel. Sonnenuntergang nicht erwarten. Es ist eine Regel der Klugheit, die Dinge zu verlassen) ehe sie uns verlassen. Ein Weiser endet seine Bahn wie die Sonne, welche noch in vollem Scheine sich hinter eine Wolke verbirgt, damit man sie nicht untergehen sehe. Wir sollen daher uns den Zufälligkeiten entziehen und nicht erwarten, daß das Glück uns den Rücken kehre, und die Trümmer seines Baues über uns Zusammenstürzen. Ein guter Reiter zieht die Zügel noch an, damit das Roß im schnellen Laufe nicht am Ziele niederstürze, und ein schönes Gesicht soll den Spiegel zerbrechen, ehe er die Runzeln zeigt. (Fortsezung folgt.) Die Donau. (Fortsezung.) Passaüs Geschichte, bis in die Zeiten der Römerherrschaft reichend, durch die Züge des Alemannen Gibold bereichert, nennt uns die Namen Friedrich's I., Ottokar des Böhmen, spricht von Hungers- noth, von Krieg und Brand. Des Schönen an Bauten finden wir gar wenig; Belagerungen, Krieg und Geschmacklosigkeit des 17. und 18. Jahrhunderts tragen die Schuld daran. So hätten wir denn Baierns Grenze erreicht. Nun, lebe wohl, gesegnet Land! Dein Blau und Weiß steht hier zum lezten Male am rechten Ufer; wenig scharfe Stöße der Räder noch, und Schwarzgelb grüßt uns. Es ist wunderbar: der Srom hat, möcht' ich sagen, eine andere Physiognomie angenommen, seit er eines Kaiserreiches Grenze bespült. Abhänge hoher Waldberge, kahle Felsen mit Mauerresten, die über Hohen Wipfeln uns zuwinken, das ist des rechten — östreichi- schen — Ufers Bild. Das linke bleibt noch bis Engelhardszell haierisch. Schau auf, Freund, hier liegt jenes Obcrnzell (auch Hafnerzell), woher die passauer Graphittiegel kommen, und schon ragt auch der Jochenstein hervor. Da werden wir bald anlanden müssen. Ja, ja, sie kommen schon heran von Engelhardszell, zu „schaun" ob wir verbotene Waare führen, ob unsere Pässe auch in Ordnung sind. Welch eine Gegend!. Wie ein tiefer schöner-See lieht unsere Donau hier, so dicht umschließen die hohen, waldessrischen Berge ihre Ufer. Bald öffnen sie sich weiterm Blick, und Burgruinen, noch bewohnte Schlösser, verfallene Warten reihen sich gleich Blumen im grünen Kranze aneinander. Rasch wendet sich der Strom hier südwärts, und bald verändert er den Charakter seiner Ufer. Die Menschenwohnung — und auch das nur Hütten — zieht sich zurück, denn hart und schroff ragt Fels auf Fels, wie halb zerfallene Mauern oder Thurmruinen in den Strom, der ihren Fuß mit Grimm umbrandet. Auch das überwindet er, und abermals in weiten Bogen durchschneidet er die Fluren. Da steht Neuhaus, ein fester, stattlicher Bau! Einst Eigenthum der schaumburger Grafen. Auch Aschach gehörte demselben mächtigen Gcschlechte, dessen Stammburg in seiner Nähe steht und dessen Ende dasselbe Aschach sah, von dessen Brücke der einzige Sohn des lezten Grafen mit seiner, bürgerlichem Hause entsprossenen Gattin in die Donau sprang, dem zürnenden Vater trozend, dessen greises Haupt sich aus Entsezen über solche THK zur Stelle neigte. Neue, immer neue Ortschaften. Prachtvolle Nadelwaldung aus dem rechten, Laubholz am linken. Ufer. Die Berge treten näher, rücken wieder ab und kehren wieder. In romantischem Wechsel er- gözt die Fahrt. Dort tauchen mächtige breite Festungsthürme aus! Wahrhaftig: Linz! Willkommen du freundliche Hauptstadt des gesegneten Landes ob der Ens! In sanften Wellenlinien schließen die Berge hinter Linz die Aussicht, an ihrem Fuße ruht die Stadt. Welch rüstiges Volk treibt sich hier vor der Brücke umher: überall Arbeit, aber mit fröhlicher Geberde trägt man seine Last; mit freundlichem Munde fragt man nach unscrm Begehr, sobald man merkt, wir schauen verlegen um nach Weg und Steg. Ein prächtiger Menschenschlag dies oberöstreichische Volk. So mitten inne zwischen dem Hochländer und dem ruhigen Baier, hat es von Beiden nur das Beste ausgenommen: Empfänglichkeit für alles Schöne, Lebhaftigkeit und Strebsamkeit, Klugheit und doch aufrichtige Herzlichkeit, Gewandtheit ohne Ausdringlichkeit. Das alles, gehoben hier in Linz durch eine die Mittelmäßigkeit überschreitende Bildung, geben eine harmonische Durchdringung des Innern, dem die wirklich austallende Schönhe^ der äußern Erscheinung (sind doch die Linzerinnen durch Schönheit zum Sprichwort geworden) zum ansprechenden Ausdruck dient. So wechselvoll die Geschichte der Stadt ist, so wenig bietet sie an eigentlichem Interesse dar. Es ist der alte Streit der adeligen Geschlechter mit der Kirche und dem Landesherrn, es ist der Dreißigjährige Krieg, die Glaubensunruhen, Erbfolgekrieg und endlich der französische, die mehr oder minder nahe Linz berührten. Im Türkenkriege residirte Leopold I. hier, als 1683 Wien belagert war. Mehr will für Linz die Hebung seines Handels, besonders seiner Spedition auf der Donau sagen. Nicht nur die beiden Eisenbahnen, die unsere Festung — denn Linz ist eine Festung ersten Ranges durch seine 23 mächtigen Thürme, die von 1803—36 durch Erzherzog Maximilian von Este gehaut wurden — nach Nord mit Budweis, also Böhmen, nach Süden mit Gmunden verbinden, noch mehr Bedeutung habe- für den Handel der Stadt die Dampfschifffahrtslinien von Ulm-Regensburg, Negensburg-Linz, Linz-Wien- Galacz. Baumwollenzeuge, Tuch und Casimir, Leder, Barchent, Tabak sind in großartigen Fabrikest hier vertreten, und Eisen, Stahl, Zwirn, Leinen, Teppichwaaren beleben als Transitazvaaren den Markt bedeutend. Bei solcher Regsamkeit überrascht es fast, die schöngebaute Stadt, die in ihrem Marktplaze mit dem Wiener Graben und der Frankfurter Zeil wetteifern darf, im Ganzen still zu finden. Das Leben con- centrirt sich eben auf den Hafen und die Bahnhöfe. In der Stadt selbst ist troz ihrer 28,000 Einwohner weniger Verkehr, sogar die starke Garnison tritt nicht besonders hervor, wenn nicht auf dem Jägermeier, dem prächtigen Plaze mit seiner wundervollen Aussicht in das Paradies der Linzer Umgegend. Komm, laß uns dort oben den Tag ^beschließen, morgen gilt es doch, zu scheiden. (Fortsezung folgt.) Unangenehme Situation. Ein Ansiedler in Texas wurde nebst seiner Frau eines Nachts durch ein eigenthümliches polterndes Geräusch, welches von einem Topfbrette herkam, aus dem Schlafe geweckt;' gleich daraus folgte ein heftiges Krachen: ein Theil des Küchengeschirrs stürzte herab und zerschellte. Der Mann war mit einem Saze aus dem Bette, um die Ursache dieser Zerstörung zu erfahren, und was entdeckte er? Eine große Schlange in einer sehr mißlichen unbequemen Situation; das Thier war durch eine Anzahl Eier, die auf dem Topfbrette umherlagen, herbeigelockt worden, und hatte, um zu seiner Beute zu gelangen, den Kopf und einen Theil des Leibes durch den Henkel eines vor den Eiern stehenden großen Wasserkruges gesteckt; als es aber die Eier verspeist und sich wieder entfernen wollte, fand es sich gefangen; die verschlungenen Eier hatten den Leib dergestalt angeschwellt , daß es ihn nicht wieder durch den Henkel herauszwängen konnte. Wie sich von selbst versteht, mußte es seine Näscherei mit dem Leben büßen. Der Ring im Baume. Ein Edelmann, der Stammhalter einer der ältesten Familien Kurheffens, an dessen Finger wir einen alten, dicken aber unscheinbaren Goldring bemerkten, erzählte auf Befragen weßhalb er diesen Ring trage, folgende originelle Geschichte. — Vor nicht langer Zeit verkaufte ich auf meinem Gute einige Buchen. Die Käufer schickten sich an, dieselben zu fällen und sägten sie zu diesem Behufs nahe an der Wurzel ein. Bei einer dersekben fühlten sie, daß die Säge, als sie fast die Mitte erreicht hatte, auf einen harten Gegenstand stieß, sahen sich genöthigt, sie zurückzuziehen und einen halben Fuß höher abermals einzusezen; jedoch zeugten die Zähne der Sage- daß sie aus Metall gestoßen seyn mußten. Da jezt die Säge keinen Widerstand fand, so war der Baum bald gefällt und Neugier, wekches Hinderniß zuvor die Arbeit unterbrochen haben möchte, ließ sie vorsichtig den Stumpfen an der Wurzel zerspalten. Wie erstaunten sie, als sie einen Ring dort erblickten, welchen sie für werthlojes Metall v hielten, obgleich seine Schwere sie eines Bessern hätte belehren sollen! Da sie aber auf der Platte desselben ein Wappen eingravirt fanden, so brachten sie den Ring, der von gediegenen Golde war, zu mir. Ich erkannte in dessen Gravirung das Wappen unserer Familie, wie es war, «he noch durch weitere Verbindungen hie und da ein neues Feld oder Abzeichen hinzugefügt wurde. Ich belohnte die Leute und nahm den Ring zu mir, an dem Sie noch — er zeigte es mir — hier die Spuren sehen, wo die Säge der Leute eingedrungen ist. Wie der Ring in den Baum kam, bleibt räthsel- hast und wäre nur zu erklären, wenn man annähme, daß einer unserer Borahnen auf der Jagd den Ring verloren, dieser zufällig auf einen im Grase entkeimenden Sprößting hängen geblieben, durch Spaltung des Holzes oder Ueberharzung nach und nach in das Innere des dicken Stammes getrieben und überwachsen sei. So die Erzählung des Edelmannes, der als Ehrenmann bekannt ist, und die Sache auf Treu' und Glauben verbürgte. Ein Geschichtchen vom Warmwerden. Gotthilf Heinrich von Schubert erzählt im zweiten Bande seiner Selbstbiographie eine Geschichte, die ihm der Landschaftsmaler Friedrich in Dresden bald nach der unglücklichen Schlacht bei Jena 1806 mittheilte. Wir lassen sie hier ohne Randbemerkung folgen, indem wir glauben, es werde jeder Leser sich selbst die nöthigen Glossen dazu machen. Ein Engländer, der sich längere Zeit in Berlin ausgehalten, machte eine Steife nach Italien und nahm sich dazu als Bedienten einen Pommer'schen Bauernknecht, einen baumstarken, braven Burschen mit. In Italien fuhren sie bald, bald gingen sie zu Fuß, denn der Engländer wollte da Alles, was ihm merkwürdig schien, recht genau sehen. Einmal auf einer Wanderung über« Gebirge springen vier Kerle aus dem Gebüsche heraus, mit Pistolen und gezückten Dolchen in der Hckkid, treten vor den Engländer hin und begehren sein Gold sammt seiner Uhr. Er gibt ihnen Alles her. Ja, sagen die Kerle, das Gold und die Uhr find wohl gut, aber, mein Herr, Ihr seht, daß es uns gar sehr an neugewaschenen Hemden und ganzen Röcken fehlt, wir müssen Euch darum ersuchen. De* Engländer winkt seinem Bedienten, welcher denn — er hatte so etwas in seinem Leben noch nicht gesehen — ganz ruhig der Sache zuschaute. Der Bursche schnallt den Tornister ab, den er aus dem Rücken trug, und giht ihn den Spizbuben. Da nun diese fort sind, wendet sich der Herr zu seinem' Bedienten, und zwar nicht mit den Blicken allein, sondern'mit dem Stocke, den er gut zu schwingen weiß. „Du baumstarker, deutscher Lümmel," sagt er, indem er immer auf den Burschen losschlägt, „schämst Du Dich nicht, daß Du Deinen Herrn so ruhig ausplündern lassest, Du mit Deinen Drescherarmen und Fäusten, mit Deinem dicken Prügel in der Hand, hättest es doch wahrhaftig mit vier solchen Kerlen und noch einem mehr aufnehmen können." Der Pommer läßt sich eine Weile prügeln, dann sagte er: jezt halten Sie einmal ein wenig ein; läuft mit seinem Prügel ins Gebüsch hinein, den Spizbuben nach, und es dauert gar nicht lange, da kommt er mit dem Tornister, mit der Geldbörse, Uhr und Allem, was man seinem Herrn genommen, zurück. „Denen habe ich es, ruft er, tüchtig nachbezahlt: Einer liegt noch am Boden, die Andern sind davon." — „Du alberner Bursche", sagt der Engländer, „warum hast Du das nicht gleich so gethan, dann hätte ich Dir gern mit geholfen." — „Herr," so antwortete der Andere, „der Deutsche muß nur erst warm werden, dann stellt er seinen Mann." Eine zweitausendjährige Blumenzwiebel. Es ist wiederholt erzählt worden und hat sich im vorigen Jahre abermals bestätigt, daß Waizenkörner, die man in den Pyramiden Aegyptens fand und die mithin aus den Zeiten der Pharaonen herrühren, wenn man sie pflanzte, alsbald keimten und eine fabelhast reiche Erndte lieferten. Wahrscheinlich war es diese Kvrnart, welche Joseph in den sieben fetten Jahren die Speicher so reichlich füllte, daß die darauf folgenden sieben magern Jahre noch davon zehren konnten. Jezt hat man einen ähnlichen Versuch mit einem zwiebelartigen Gewächs gemacht. Man entnahm dasselbe der fest geschlossenen Hand einer Mumie, deren Alter man nach den an dem Sarge Vorgefundenen Hieroglyphen auf wenigstens 2000 Jahre schäzt. Diese Zwiebel pflanzte man an einer der Sonne auSgesezten Stelle in die Erde und hatte alsbald das Vergnügen sie keimen, wachsen und blühen zu sehen. Die Blume war von großer Schönheit. Die Taucher -ei der russischen Marine. Die russische Marine hat ihr eigenes Tauchercorps, dessen Chef, wie bei den meisten technischen Zweigen in Rußland, ein Deutscher, ein ehemaliger Schwarzwälder Uhrmacher, ist. Das Taucherkorps, 72 . ' etwa 40 Mann stark, ist in Kronstadt stationirt, und kommt vielfach bei dem Bau der Seefestung, bei Aufmauern des Grundbaucs u. s. w. zur Verwendung. Aber auch an ausserordentlicher Beschäftigung fehlt es mitunter nicht. So strandete 1843 eine russische Fregatte an der livländischen Küste, und konnte sich nur durch das Ueberbord- wersen sämmtlicher Kanonen und ihres gußeisernen Ballastes wieder flott machen. Die Taucher holten das Geschüz und den Ballast wieder vollständig vom Grunde des Meeres herauf. Etwas unangenehmer mag die Fahrt in die Tiefe gewesen seyn, als im März 1845 ein Geldtransport aus der Newa von Petersburg nach Kronstadt geschafft ward, einer der Schlitten mit seiner Ladung durch das bereits im Aufgehen begriffene Eis einbrach und unterging. Ein Betrag von 40,000 Silberrubel lag unter der Eisdecke am Meeresgrund begraben. Taucher wurden hcrbeigeholt, und Las ganze Geld war in wenig Stunden glücklich und vollständig wieder an's Tageslicht befördert. Vollständig? Ja, denn einmal war das Silber in Säcke genäht, und zweitens hat keiner der russischen Taucher in seinen Unaussprechlichen eine Tasche. Lückenbüßer. Jung bleibt, wem in der argen Welt Gemeines nie den Muth vergällt, Wer noch für's höchste Sehnen, Für edles Leid hat ,Thränen. G. Schwab. Miseellen. Unser Gedächtniß ist wie eine Bildergallerie von unfern Lebenstagen. Die schönsten und anziehendsten Gemälde sind diejenigen, welche die Tage der nüzlichsten Thätigkeit verewigen. Äernunft und Geradheit des Herzens haben nur eine Sprache. Das Familienglück hängt wie das zarte Nez der Spinne an unzählig vielen feinen Fäden, verlezest du auch nur einen, so ist das ganze Gewebe unvollkommen und aus seiner rechten Richtung. RaritätenKästlein. Verfehlte Bestimmung. Ein Berliner Bummler fand jüngst einen Silbergroschen in der Gaffe. „Jroschen, Jroschen!" — rief er aus, die Münze betrachtend — „Du wolltest Dir versaufen? Pfui Selbstmärder! schäme Dir — des hieße die Bestimmung verfehlt haben! Versoffen werden sollst Du —aber nicht im Rinnsteen!" ^ In einem böhmischen Bade lieft man in einem Logirhause folgende Anweisung für die Badegäste: „Wer das Stubenmädchen rufen will, der wird zweimal gebeten zu klingeln." Stechpalme. Um ein Frauenzimmer bald kennen zu lernen, muß man nicht reden, sondern es schweigend eine Stunde beobachten: denn die Frauenzimmer sind mehr Herr über ihre Worte, als über ihre Handlungen. * R ä t h s e l. Kannst Leser du den Richter mir errathcn, Der über alle Menschen hält Gericht, Der ihren guten, ihren bösen Thaten Gerecht und unparteiisch Urtheil spricht. Vor diesem Richter wird sich jeder beugen. Ihm bleibt dein kleinster Fehler nicht verdeckt: Es ist der Richter auch zugleich ein Zeuge, Auch ist er's, der den Urtheilsspruch vollstreckt! Und diesem Spruch kann keiner sich entziehen, Vor ihm schüft nicht Geburt, nicht Rang, nicht Stand, Er greifet dich selbst wenn du wirst entfliehen Hin über Meere in das fernste Land. * Je nach der That wird er das Urtheil fälleist. Weh dem, der schwer belastet sich ihm naht, Es wird ihn ewig dann die Strafe quälen Bis zur Erlösung einst der Tod ihm nabt. Doch wer dem Guten, Edlen weiht sein Streben, Den wird belohnend, tröstend er erfreu'n Und immerhin durchs ganze Erdenlcben Der Blumen schönste auf die Wege streu'n! Mörstadt in Rheinhessen. , I. Höbel. Auslösungen der Räthsel- in den vorigen Numern: Handschuh. Braut s chmuck. _ Redigirt, gedruckt und verlegt von Wilh. Brandts er.