18SV UnterhaltnngsDlalt -es Schwarz wälder Daten. 16 . Erste Beilage zum Schwarzwälder Boten vom IV. April Die Verlobung im Eilwagen. (Schluß.) „Noch mehr? Ich bitte Sie um Gotteswillen!" „Erschrecken Sie nicht, meine Gnävigste! Alles ist bis jezt ganz in der Ordnung. Aber nun kömmt er anders. Sie, die Mutter, haben das Einverständniß bemerkt, und wünschen den Liebhaber dahin, wo der Pfeffer wächst. Welche Gründe Sie dafür haben, weiß ich nicht; es scheint mir auch nicht passend, Bermuthungen darüber zu äußern. Allein —" „Hier stieß die Dame einen schwachen Schrei aus und entzog mir ihren Arm. „Werden Sie mir nicht böse." fuhr ich im ruhigsten Tone von der Welt fort, entschlossen, das begonnene Werk zu Ende zu führen. „Verdenken Sie es auch einem jungen Mädchen nicht, wenn es nichts sehnlicher wünscht, als dem, welchem es seine Liebe schenkte, auch die Hand zum ewigen Bunde reichen zu können. So viel weiß ich nun ganz bestimmt, daß es Ernst gilt, und daß sich die beiden Herzen nicht mehr trennen kaffen, ohne daß sie brechen. Geben Sie meinem wohlgemeinten Rathe Gehör; handeln Sie so mütterlich, wie Sie in Ihren eigenen jüngeren Jahren wünschen mußten, daß Ihre Mutter an Ihnen handelte. Ich seze dabei immer voraus, der junge Mann sei rechtschaffen und brav, sei im Stande, eine Frau anständig zu ernähren." „Diese salbungsvollen Ermahnungen sezte ich noch eine längere Zeit fort, und sie schienen einen wunderbaren Eindruck auf die Frau zu machen. Sie weinte und schluchzte heftig. „Dieses Weinen sezte mich Anfangs in Bestürzung, weil ich befürchtete, ich hätte die Unbekannte durch mein unbesonnenes Dareinfahren in eine Geschichte, die mich gar nichts anging, ernstlich beleidigt. Darum wollte ich mich auch entschuldigen und sie trösten. Allein unerwartet ergriff jene nun selbst das Wort: „Wer Sie auch seyn mögen, ich sehe aus Allem, Sie kennen uns und meinen es gut", sprach sie. „Zeit und Gelegenheit sind freilich nicht ganz paffend zu solchen Erklärungen, aber weil Sie doch einmal von der Sache so viele Kenntniß haben, muß ich Ihnen zu meiner eigenen Rechtfertigung noch einige nähere Erläuterung- geben!" „Und nun begann sie mir zu erzählen, sie sei Wittwe. Es sei Lieblingswunsch ihres verstorbenen Gatten gewesen, die einzige Tochter, wenn sie einmal das gehörige Alter erreicht haben würde, an einen jungen Mann, den Sohn eines intimen Freundes, zu vermählen. Da der Tod ihn an der Ausführung dieses Planes hinderte, habe sie, die Mutter, es für Pflicht erachtet, ihr Möglichstes zu thun, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei sei sie nun auf das große Hinderniß gestoßen, daß sich die jungen Leute gar nichts aus einander machten. An ihrer Luise habe sie allerdings seither eine andere Jnclination bemerkt, die sie bisher zu unterdrücken suchte, indem sie jede Annäherung des unberufenen Liebhabers untersagt habe. Allein dieses Verbot habe höchst nach- Iheilig auf die Gemüthsruhe, ja selbst die Gesundheit ihrer Tochter gewirkt. Darum hätte sie sich entschlossen, mit ihr fortzureisen, um durch Entfernung und Zerstreuung die Wunden wieder heilen zu lassen. Freilich sei ihr schon oft der Gedanke gekommen, ob es nicht vielleicht für,ihrer Luise Glück zuträglicher wäre, wenn sie minder fest aus dem alten Lieblingsplane beharren würde. Darum hätten sie auch vorhin meine unerwarteten Ermahnungen: so sehr erschüttert. Sie schloß damit ihre langen, vielfach durch? Thränengüsse unterbrochenen Erklärungen, daß sie mich bat, Offenheit mit Offenheit zu erwiedern und ihr zu sagen, wie ich dazu, komme, ihr über die Angelegenheiten ihrer Tochter so viel mittheilen zu können. „Ich war in der That auch ganz weich gestimmt worden. Die Frau erschien mir in einem viel mildern Lichte, als zuvor. Ich fühlte, daß ich Ihr Unrecht gethan hatte, und wollte durch eine offenherzige Beichte dieses Unrecht wieder gut zu machen suchen. „Da bellte vor uns ein Hund. Schatten von Gebäude» stiegen hinter Baumwipfeln auf, und wir sahen uns unerwartet in dem Dorfe, welches das einstweilige Ziel unserer nächtlichen Wanderung seyn sollte. Das hinderte dann auch vorläufig weitere Erklärungen. Es schien mir die dringendste Pflicht zu seyn, für die Gesellschaft ein Unterkommen ausfindig zu machen. „Das war nun freilich schwierig. Denn da es erst zwer Uhr in der Nacht seyn mochte, so schlief noch männiglich. Doch führte mich der bellende Hund auf die richtige Spur, nämlich zu einem Gebäude, das mir, wegen seines stattlicheren Aussehens, eine Schenke zu seyn schien. Ein Wirthshausschild, kaum in der Finsterniß erkennbar, bestätigte die Vermuthung. „Nach langem Pochen an der Thüre erschien ein Mann mit einer trüben Hornlaterne. Ich erklärte ihm unser» Unfall, wir unser Begehren, worauf er uns das Wirthszimmer öffnete, unk» verhieß, die Mägde wecken zu wollen. Eine derselben erschien bald hernach schlaftrunken und zündete Lichter an, während ich jenem. Manne, der sich jezt als wohlbestallter Hausknecht erwies, dir Befehle in Betreff der zur Herstellung des Wagens auszusendendeir Handwerker gab. „Wie ich nach dieser kurzen Abwesenheit wieder ins Wirthszimmer zurückkehrte, fand ich dasselbe hell erleuchtet. Die fremde Dame verabschiedete gerade das Mädchen, bei welchem sie warme» Kaffee bestellt hatte. „Es mußte nun sehr natürlich eine etwas sonderbare Scene kommen. Die Dame, wie ich, brannten vor Neugierde, uns nach Allem, was bis jezt vorgegangen war, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sie erwartete ohne Zweifel, irgend einen weitläufigen Bekannten in mir zu erblicken, und erschrack sichtlich, als sie ihres Jrrthums gewahr wurde. Ich dagegen, ein beschämter Sünder, wagte kaum recht ans Licht zu kommen, in der Erwartung, sie werde sich entrüstet von mir abwcnden. Es war eine ältliche Frau von sehr feinem Aeußern. Ihre Züge waren edel, selbst schön zu nennen, obgleich die Jugendfrische längst verflogen seyn mochte: jedoch gab ihr der ungewisse Schein der beiden Kerzen und vielleicht auch die gemüthliche Erregung- von vorhin eine nicht unvortheilhafte — —" „Ich wette," schrie Einer aus der Freitagsgesellschast unterbrechend dazwischen, „das war die „alte Flamnie" unseres Revisors, die Frau Geheimräthin oder Hosräthin aus der Universitätsstadt. " Die ganze Gesellschaft klatschte lachend in die Hände, uul> der verblüffte Erzähler verbeugte sich mit tiefer Reverenz, sei eS, um die Vermuthung zu bestätigen, sei es, um sein jünglinghasteS 118 Erröthell zu verbergen. Doch dauerte der Tumult nicht lange. „Forterzählt!" rief Jeder, und der Herr Revisor mußte gern oder ungern dem Wunsche entsprechen. „Ja, sie war es! Ich erkannte sie in den ersten Augenblicken wieder, sobald ich meine Augen ausgewischt hatte, um mich zu überzeugen, daß ich recht sähe, daß ich nicht träume. Aber du «llgewaltige Zeit, wie verändert seit damals! Sie starrte mich wie eine Geistererscheinung an. Weder sie noch ich sprachen ein Wort. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte; aber endlich mußte 1>och gesprochen werden. Von starken Erinnerungen ergriffen und überwältigt, beugte ich mein Knie und ergriff ihre Hand. „Friederike!" war das Einzige, was ich stammeln konnte. „Sie wurde bleich und roth und rief: „Mein Gott, sind Sie «s? Sind Sie es wirklich? Stehen Sie doch auf! Wenn uns Jemand überraschte!" „Ich stand auf und wir sahen einander wieder an; sie eine alte Frau und ich ein alter Hagestolz, und doch beide noch, wie es mir wenigstens in diesen! Augenblicke vorkam, mit Herzen voll ungeschwächter Liebe. „Indessen zeigte sich sehr schnell, daß sie nicht mehr das schüchterne Mädchen von ehemals sei. Mit erstaunlicher Gewandtheit ward sie ihrer Gefühle Meister, und flugs hatte sie ein Gespräch angeknüpft, das so freundschaftlich und herzlich war, wie man es sich unter diesen Verhältnissen nur immer denken kann, und das sich doch nur in den Schranken der zurückhaltendsten Höflichkeit bewegte. Ich mußte ihr alle meine Schicksale seit unserer Trennung erzählen und meine gegenwärtigen Verhältnisse so genau als möglich schildern. Sie war unermüdlich im Fragen und ich unermüdlich im Antworten. Wir hätten Stunden lang in so seligem Plaudern zubringen können, und wurden leider sehr bald unterbrochen. „Die Thüre ging auf; eine Sylphide schwebte herein; ein Engel, kein irdisches Mädchen war es — kurz, Riekchen von ehemals, wie es leibte und lebte. Es war mir, als ob Himmel und Erde, oder vielmehr Wände und Decke des Wirthszimmers sich im Kreise ringsum drehten. „Die Frau Hofräthin entzog mir schnell ihre Hand, — denn unsere Hände lagen, ohne daß wir es gewußt hatten, ineinander, — und fuhr etwas überrascht empor. Weder sie noch ich hatten seit dem Wiedererkenncn an unser voriges Gespräch im Stcrnen- schein mehr gedacht. „Bist Du es, Luise? Kommst Du so ganz allein in der Dunkelheit hierher?" „Nein, liebe Mama," entgegnete diese ziemlich verlegen. „Hier, der Herr aus dem Postwagen hatte die Güte —" „Mehr konnte sie nicht Hervorbringen. „Warum bist Du denn nicht gleich mit mir hierher gekommen? Und wie wußtest Du mich jezt zu finden?" „Wir gingen dem Lichte nach, das durch die Fenster schien," antwortete das Mädchen. „Die Handwerker, denen wir unterwegs begegneten, sagten uns auch, Du seiest hier, liebe Mama." „Siehe, Luise," sprach sodann die Frau Hofräthin, indem sie mich ihrer Tochter vorstellte, Herr Jäger aus ***. Ich habe unerwartet in unserem Reisegefährten einen höchst-schäz- Laren Bekannten und Freund aus früheren Jahren wiedergefunden. — Oder" — hier stieg ihr plözlich ein Verdacht auf — „kennt ihr einander etwa schon?" „Ich bctheuerte, daß wir uns erst diese Nacht im Postwagen kennen gelernt hätten. „Freilich," sezte ich schalkhaft hinzu, „auf eine sehr ungewöhnliche und interessante Weise. Nicht wahr, mein Fräulein?« „Meine Worte sezten die Angeredete in eine so große Bestürzung, daß sie nichts erwiedern konnte. Auch die Mutter bemerkte es und schüttelte leise und verwunderungsvoll den Kopf. „Es waltet da irgend ein Eeheimniß, das ich nicht enträth- seln kann," sprach sie. „Schon vorhin, mein lieber Herr Jäger, sezten Sie mich durch Ihre Wahrsagercien in Erstaunen. Offenbar wurde hinter meinem Rücken Etwas angesponnen. Klären Sie mir die Sache doch endlich auf!" „Bitte sehr um Vergebung," rief ich lachend, „hinter meinem Rücken wurde Etwas angesponnen." „Luise erbleichte bei diesen Worten und hielt sich krampfhaft an einem Stuhle fest, denn sie wankte. „O, erschrecken Sie nicht so sehr," sprach ich zu ihr. „Sie haben eine lehr gütige Mutter, die nur das Glück ihres Kindes will. Und an mir haben Sie einen sehr treuen Freund. Nicht umsonst trage ich Ihre Farbe" — ich wies dabei auf ihr Tuch, mit welchem meine Stirne noch immer umbunden war. — „Indem Sie mich damit schmückten, verpflichten Sie mich zur ritterlichen Ergebenheit." „Als ich sah, daß beide Frauenzimmer durch meine Worte in die peinlichste Verlegenheit geriethen, beschloß ich, der Sache mit einem Male ein Ende zu machen, und fragte in ganz gleichgültig scheinendem Tone: „Wo ist denn der Herr, der mit Ihnen hierher gekommen ist?" „Luise, unfähig zu antworten, deutete mit der Hand nach außen hin. „So will ich ihn doch hereinhvlen; der Kaffee wird ja wohl bald bereitet seyn." So sprechend, eilte ich hinaus und fand, wie ich es vermuthet hatte, den Seladon auf der nächtlichen Straße in einen Mantel gehüllt, stehen. Er scheute sich offenbar, ans Licht zu kommen, um nicht sein abenteuerliches Geheimniß zu verrathen. „Ohne Umstände ergriff ich ihn am Arme und ersuchte ihn höflich und dringend, mit mir hineinzukommen. Er sträubte sich zwar, aber es half nichts. In Todesangst hüllte er sich, je näher wir dem Wirthszimmer kamen, tiefer in seinen Mantel. Ich stieß die Thüre auf und drängte ihn hinein. „Die Frauenzimmer befanden sich noch in derselben Stellung wie vorhin. Der junge Seladon verbeugte sich tief vor der Mutter und suchte sein Gesicht zu verbergen. Ich hätte vor Lachen bersten mögen, so komisch kam mir Alles vor. Aber nun, meine Freunde, geschah Etwas, das ich nicht berechnet hatte. Es war ein toller Augenblick! Plözlich fuhr nämlich der junge Mensch, der mich nun zum ersten Male beim Lichte sah, wie rasend auf mich los. „Mein erster Gedanke war: Der will dich für den Streich, den du ihm spieltest, züchtigen. Mein zweiter — nein, ich hatte gar keine Zeit zu einem zweiten Gedanken; denn wie ein Bliz hatte der junge Mensch seine Arme um mich geschlungen, als wollte er mich erwürgen. „Sein Mantel war bei dieser raschen Bewegung abgefallen: seine Lippen hasteten auf den meinigen; aus seinen Augen schoßen Thränenströme. „O Onkel, Onkel, lieber Onkel, bist Du es?" rief er endlich. Und als ich den Burschen recht anschauen konnte in meiner ungeheuren Bestürzung, sah ich, es war niemand anders, als mein Friz." Die ganze Freitagsgescllschaft bewies bei dieser Erzählung ihre freudige Rührung und Theilnahme. Herr Revisor Jäger selbst trocknete sich die Augen. Dann fuhr er fort: „Ja, er selbst, der verlorene Sohn, den ich aufzusuchen gegangen war, hing weinend an meiner Brust. „Natürlich war er sehr erstaunt, mich, den er hundert Meilen weit in der fernen, stillen Heimath wähnte, so plözlich hier zu finden, und ich hatte genug zu thun, um ihm auf alle seine stürmischen Fragen Antwort zu geben. „Auch ich meinerseits hätte nach dem natürlichen Verlaufe US der Dinge allerlei Fragen an ihn richten können. Allein — ich wußte ja nun schon Alles, und sollte ich ihm darüber Vorwürfe machen? Wer hätte es an meiner Stelle gethan? „Die wichtigste Angelegenheit war noch unerledigt, und ich hatte mir in der Finsterniß vorgesezt, bevor das Morgenroth leuchte, solle sie zu Ende gebracht seyn. Jezt, da ich die in dem kleinen Drama spielenden Personen von Angesicht zu Angesicht im Licht erkannt hatte, fühlte ich, es sei mehr, als ein bloßes Reiseabenteuer, und zog mein Gelübde nicht mehr zurück. „Beinahe mit denselben Worten, wie vorhin Friederike mir ihre Tochter, stellte ich den beiden Frauenzimmern nun meinen Friz vor: „Das ist mein Ncveu, mein Sohn und Erbe — oder kennen Sie ihn etwa schon?" „Luise erglühte hoch und schwieg. Ihre Mutter dagegen streckte ihm die Hand freundlich entgegen: „Er sei mir als Ihr Neffe willkommen. Hätte ich je das ahnen können, daß er Ihnen, mein lieber Jäger, so nahe stände, so wäre ich," sprach sie lächelnd, „früher nicht so böse gegen ihn gewesen." „Nun," fuhr ich freudig aus, „es läßt sich Alles wieder ins Geleise bringen. Ich kann Ihnen dafür stehen, daß er ein braver Junge und Ihrer Güte nicht unwerth ist. — Aber Sie, Fräulein Luise, haben mir noch gar nicht gesagt, ob Sie den Wildfang schon kennen." „Das Fräulein stammelte etwas, das Allen so unverständlich klang, als wäre es hebräisch gewesen. „Und Du, Friz? Die beiden liebenswürdigen Damen werden troz Deiner anstrengenden Studien auf der Universität Deiner Aufmerksamkeit doch nicht ganz entgangen seyn?" „Allerdings, lieber Onkel, ich hatte — — ich war —" „Ei, Du gelehrter Herr Doktor, hast ja auf einmal die Sprache verloren! —" Ich muß, scheint es, meine Frage selbst beantworten, wenn ich Antwort haben willen. — Daß diese beiden jungen Leute einander kennen, Frau Hofräthin, einander sehr genau, bis auf den Grund der Seele kennen, darüber waltet kein Zweifel mehr. Der schlagendste Beweis dafür ist der, daß sie sich bereits förmlich verlobten, und zwar vor erst einer Stunde." „Nun hättet Ihr die Gesichter der armen Sünder sehen sollen. Es war, als wäre das blaue Wetter zwischen sie hineingefahren. Luise verhüllte sich mit ängstlichem Schrei die Augen: Friz schlug todtenblaß die Hände zusammen; denn vermuthlich träumte er sich eher den Einsturz des Himmels, als daß der Onkel schon Alles wisse. Selbst die gute Friederike konnte ihre Bestürzung nicht verbergen, und starrte mich an, als wäre ich ein Cagliostro. „Um mich von diesem Verdachte zu reinigen, erzählte ich mit kurzen Worten die ganze Geschichte der Verlobung hinter meinem Rücken, und es gelang mir, ihr einen so drolligen Anstrich zu geben, daß Friederike hell dabei auflachte. Ja, als ich schilderte, wie die beiden Liebesleutchen bei meinem plözlichen Zurücklehnen auseinander stoben, konnten diese selbst sich des Kicherns nicht erwehren. „Was war die Folge meiner Erzählung? Ein buntes Durcheinander von Umarmen, Weinen, Betheuren, Knien und Segnen, bis der Kaffee kam, aufgetragen von der noch immer schläfrigen Schenkmagd. Und als der Kaffee ausgetrunkcn. war, schaute der Morgen glühendroth in das Wirthszimmer herein, als wollte er gratuliren; denn unterdessen war die Verlobung förmlich sanctio- nirt worden. Friederike und ich, die wir uns einst heiß geliebt hatten, fanden die schönste Erfüllung unseres Schicksals in der Verbindung unserer Kinder. Das Zusammentreffen im Postwagen erschien uns als eine wunderbare Leitung der Vorsehung, und der jämmerliche. Schiffbruch keineswegs als ein so großes Unglück. „Aber unverzeihlich ist es doch," nef mir Friederike zu, „wie Sie Muthwillen mit uns treiben. Niemanden haben Sie Verlegenheit erspart; wir sollten Ihnen dafür recht zürnen." „Allein sie zürnte nicht im Ernste; ehe nur das Horn des Postillons wieder draußen schmetterte und der wiederhergestellte Eilwagen vor die Schenke rollte, hatte sie mir versprochen, statt ins Bad, mit ihrer Tochter hierher zu reisen und einige Wochen auf Besuch bei uns zu bleiben. So sind wir denn diesen Nachmittag glücklich hier angckommen. — Da sind sie!" Jeder blickte bei diesem Ausrufe nach der Gartenthüre. Ein Herr mit zwei Damen trat ein. Die ganze Gesellschaft erhob sich jubelnd, um ihnen entgegen zu gehen. Das ist ein Beispiel, wie es in der FreitagAbendsGesell- sch-aft zu R*** getrieben wird. Freilich muß ich gestehen, daß dieser Abend vor neun und neunzig anderen interessant und schön war. Allein es gibt beinahe jedes Mal einen Zeitvertreib, der für Geist und Gemüth tausend Mal erquickender ist als Kartenspiel und Medisance. Der trübe Gedanke. Wie friedlich ruht das Meer im Sonnenlicht, Wenn in der Tiefe dumpf die Strömung rollt! So schwebt oft Freude um das Angesicht, Wenn wild das Herz Mit seinem Schicksal grollt; Denn ein Gedank', ein trüber, der drin weilt, Gießt bleiche Schatten rings um Alles her, Und was das Leben fürder noch ertheilt An Wohl und Weh', erscheint ihm hohl und leer. In jede Lust starrt der Gedank' hinein ' Wie ein erstorbner Zweig in Waldesgrün; Wohl schimmert er im warmen Sonnenschein, Doch macht kein zweiter Lenz ihn wieder blühn. Compaß und Senkblei zur glücklichen Reise durch da- klippenvolle Meer dieses Lebens. lOütes Kapitel. Gemüthsruhe. Du sollst dich nicht durch jede Kleinigkeit, durch jeden unvermeidlichen Unfall um deine Ruhe bringen lassen. — Der Wanderer, welcher einer angenehmen Heimath entgegen eilt, bleibt getrost auch wenn es regnet, auch wenn es stürmt, auch wenn tiefer Sand , ihn ermüdet. Er denkt, es kann nicht anders seyn. Der Weg muß vollendet werden, wenn du in die Heimath gelangen willst. Dort ist er schon in seinen Gedanken und darum bleibt er ruhig auf dem Wege. — Mensch! du bist hier ein Wanderer für die Ewigkeit. Ihr kommst du immer näher. Sei denn ruhig, wenn es stürmt, wenn dich Unfälle ermüden. Sei getrost auch auf dem-dornenvollen Wege. Er führt dich in das Land ewiger Ruhe. (Fortsezung folgt,) „Je lieber Kind, je schärfer Ruthe." Es hatte vor mehr als hundert Jahren ein armer Leinweber in einem kleinen Dorfe der Wetterau einen klugen Sohn. Der aß das Brod der Armuth in seines Vaters Hause mit Geduld; aber wo'er ein Buch habhast werden konnte, das las er und lernte ungeheißen und ungesehen soviel, daß man den Vater überredete, den Jungen studiren zu lassen. So that er ihn denn in Gottes Namen aus dis Schule- nach Hanau, und der Sohn gedieh und brachte gute Zeugnisse mit heim. Aber gerade das „Heim" konnte er nicht vergessen, und so oft er das Vaterhaus wiedergesehen hatte, und Abschied nehmen sollte, dann ging es an ein Weinen und Lamcntiren, daß dem Vater das Herz dabei blutete und er mehr als einmal auf der Zunge hatte, zu sagen: „Bleib daheim undwerde, was ich auch bin." —Aber des Sohnes Heimweh und des Vaters Kummer darüber gefiel der Mutter übel, und als er wieder einmal unter Mühe war zum Haus hinaus persuadirt worden, da begleitete sie ihn bis in den sogenannten „langen Wald." Dort schnitt sie sich einen Stock aus den Hecken und indem ihr der Sohn die Hand zum Abschied reichte, so ergriff sie ihn, prügelte ihn aus Leibeskräften durch mit der Bemerkung: „So, jezt gang hin, wirst sobald nicht wieder heim mögen!" Aus ' dem Sohn ist hernach ein tüchtiger Pfarrer geworden, und ich bin gewiß, hätte er damals der Mutter ins Auge sehen können auf dbm Heimwege, er hätte Thränen darin gesehen. Und doch war die Mütterliebe treuer, denn die Vaterliebe, „denn weiches Herz macht weiche Zucht." Ach, was ist es doch mit der Ruthe in Gottes Hand noch ein ISO viel wunderlicher Ding! Erst wenn wir einmal ins Vaterauge im Himmel hineinsehen werden, dann werden wir erkennen, daß alle seine Ruthen gar gut gemeint gewesen, und werden uns der Trübsal rühmen lernen, was uns hier so sauer vorkommt, wie dort dem heimwehsiechen Schüler die Schläge von Mutterhand! Welche Wanzen leisten die Dienste eines Barometers? Es gibt deren sehr viele, welche die eintretende Witterung andeuten. Die verschiedenen Klee arten ziehen beim Herannahen eines Gewitters immer ihre Blätter zusammen und verkünden das nahende Unwetter so sicher, daß man sie das „Wetterglas der Bauern" genannt hat. Die Tulpe und mehrere andere verwandte gelbe Blumen schließen sich ebenfalls vor dem Regen. Eine Art Sauerklee (Buschampfcr, Oxslis strioia) legt vor dem Gewitter ihre Blätter zusammen, was auch bei der Bauhinia oder dem Bergebenholz, das zuweilen als Zierpflanze in unfern Gärten steht, staitfindet. Wenn der gemeine Gauchheil (Hühnerdorn, ^naZallis M-ve»- «is voerulous), welcher vom Juni bis August blüht, seine Weiße, gelbe oder menniarothe Blume ausbreitet, so darf man mehrere Stunden lang keinen Regen erwarten; bleibt sie anhaltend in diesem Zustande, so wird den ganzen Sommertag hindurch kein Regen eintre- ten. Versteckt die Pflanze ihre kleine Älüthe halb, so wird der Tag gewöhnlich einen kleinen Regen bringen; schließt sich die Blüthe aber ganz oder verschleiert ihre Blätter mit ihrem grünen Mantel, so darf sich der Wanderer auf einen tüchtigen Regenguß gefaßt machen. Der Patriot. A. Mensch! hüte dich und schimpfe nicht Mir meinen Vaterort, Denn dort ging aus der Künste Licht, B. Drum ist auch keins mehr dort. I. F. Castelli. ' Gespräche. Nudelmüller. Du, Breetenborn, weeßte es schon, der Palmerston hat's kalte Fieber? Breetenborn. Was De saast. Thut er denn nischt dagegen? Nudelmüller. O jaa, er will — China einnehmen. Breetenborn. Ich denke mir eher, er laborirt an ener Art Speichelfluß. Nudelmüller. Wo so? Breetenborn. Nu früher als Lord FeierLrand spuckte er .Feier un Flammen un jezt will er wieder den Chinesen uf den Z opf spucken. M i S c e l l e n. »*» Stolz frühstückt mit dem Ueberfluk, speist zu Mittag mit der Armuth, und ißt des Abends mit der Schande. -»*» Stelle dir jede Gesellschaft als einen Sammelplaz von Malern vor, wovon ein jeder nach Vermögen dein Bild und Charakter zu zeichnen bemüht ist. Denke also darauf, einem jeden Stoff zu einer guten Zeichnung zu geben. »*» Eine einsame, ruhiae Stunde stiftet oft mehr Nuzen, als eine in Gesellschaft verlebte Woche. Lückenbüßer. Nicht Wünsche, noch Seufzer, noch Sehnen, Kein himmelaussehender Blick, Kein Opfer von blutigen Thränen Kaust eine Minute zurück. RaritätenKästlein. Die berühmte „diebische Elster" hat in Spandau ein Seitenstück gefunden in mausenden Mäusen. Ein dortiger Einwohner suchte vergebens nach zwei Hundertthalerscheinen; sie waren und blieben verschwunden. So argwöhnt er endlich, daß sie ihm entwendet worden, saßt Verdacht gegen das Dienstmädchen und bringt dieses in Gefahr, verhaftet zu werden. Zum Glück ist die Polizei nicht so schnell mit ihrem Verdachte fertig, stellt erst eine genaue Nachsuchung und dabei finden sich denn kleine, ganz abgenagte Schnizel der fehlenden Geldpapiere, die es außer Zweifel lassen, daß die eigentlichen Diebe in den vorhandenen Mäuselöchern stecken. Merkwürdig, daß sich schon im Thierreiche das Gelüste zeigt, „in Papieren zu machen." chch Ein Franzose, der deutschen Sprache ganz unkundig, besuchte in Deutschland ein Kaffeehaus. — Nachdem er in der Billardstube Plaz genommen, wünschte er, sich mit Etwas zu erlaben. Er rief daher mehrmals: „Ouryon! l-ui-eon!" — Keiner hörte darauf. Er zog daher einen kleinen französischen Dolmetscher heraus, schlug das Wort darin auf und schrie nun, zur großen Belustigung aller Anwesenden, aus vollen Kräften: „Agestolz! Agestolz!" Eines Morgens, da Voltaire eben sein Frühstück im Bette zu sich nimmt, sieht er neben sich eine kleine Flasche mit Rofenwasser stehen und kommt auf den Einfall, seinen Kaffee damit zu parfümi- ssn; aber das sonderbare Getränk verursacht dem schwachen Greise Uebelkeit und Niesen. Er zieht die Klingel mit der größten Heftig- Seine alte Wärterin stürzt erschrocken herein. „Meine gute Baba/ ruft ihr Voltaire entgegen, „ich ringe mit dem Tode! Ich habe Rosenwasser in meinen Kaffee gegossen; es bringt mich um." — „O mein Herr," erwidert Baba, „mit allem Ihrem Wize sind Sie dummer als ihre Hühner." — „Weiß wohl, gute Baba," entgegnete der Philosoph, „aber du bist eine vernünftige Frau; mache doch, daß ich nicht sterbe!" ^ Ein an der Cholera erkrankter Berliner wurde in einem Tragkvrbe nach dem Lazarcth transportirt, unterwegs aber vor einem BranntweinLaden, worin sich die Träger stärken wollten, abge- sezt. Dem Patienten, der nur einen gelinden Anfall der Krankheit gehabt hatte, wurde in seinem Korbe die Zeit lang, er öffnete den Deckel und entfernte sich heimlich. Neu gestärkt kehrten die Träger zurück; als einer von ihnen, durch eine Oeffnung blickend, den Kranken vergebens suchte, ries er Vcrwunderungsvoll aus: „Js det die Möglichkeit! der Kerl hat sich so reene wegjebrochen, deß och jar nischt von ihm übrig geblieben is!" ^ „Da finde ich wiederum ein Gemälde von Anonymus, dieser Meister war sehr productiv, man findet von ihm eine große Anzahl," bemerkte ein gelehrtthuender Herr in einer Bildergallerie. -ß-h Wer das Wörtchen geistreich zusammengesezt, war gewiß ein arger Spötter. Geist und reich sieben selten in Verbindung, aber wenn Jemand reich ist, sezt man den Geist schon voraus. 'ßi' Als in Mainz von der Abschaffung der CivilEhe die Rede war, sprach ein Oestreicher zu seiner Geliebten: „Schau, Kätherl, jezt werd' i di bold heirathen, die CivilEhe wird jezt aufg'hobrn, und dars Niemand mehr heirathen, wie's Militär." Charade. Zu fliehen, ehe es zu späte Des Lebens wirres Gaukelspiel, Zu suchen fern vom Dampf der Städte Auf meiner Ersten ein Asyl: Das war von js mein stilles Sehnen; Kein Schiffer wird so freudenvoll Sie grüßen, so beglückt sich wähnen, Wenn ihm ihr Ruf entgegen scholl. Es mag sich recht behaglich fühlen. Wer meine Zweite hier besizt; Wenn es nicht Schulden unterwühlen, Wenn cs auf sicherm Grund sich stüzt. Ben Manchem sagt man auch er habe > Wohl deren Zwei; genau erwägt, Hat oft ein solcher reicher Knabe Kein Pläzchen. wo er sein Haupt binlegt. O welches Glück, hält' ich das Ganze, Und könnte sagen cs ist mein, Ich trachte nicht nach äußerm Glanze, Blos klein und ländlich müßt' es seyn. In einem friedlich stillen Thals, So recht am Busen der Natur, Tränk ich des Friedens süße Schaale - Und folgte sinnend ihrer Spur. Auflösung des Räthsels in Nro. 27: Rettich. Auslösung des Rechnungsräthsels in Nr. 28: Die Händlerin hatte 3l Eier, verkauft davon 30. Ihr Erlös ist 90 Pfennige, welcher in 17 Kreuzern und 22 _ Pfennigen besteht. _ — Von den Jahrgängen 1850,1851,1852,1853,1854 *48. 1855 und 1856 des UnterhaltungsBlattes erlaffen wir den broschirtcn Jahrgang zu dem billigen Preis von ist- und von den ge meinnüzigen Blättern zu 12 kr. Die Bestellungen auf diese älteren Jahrgänge wollen direct bei der Redaktion gemacht werden, woraus solche gegen Po ft Nachnahme versendet werden. Redigirt, gedruckt und verlegt von Wilh. Brandecker.