285 ^ ^ UnterhaltungsDLatt -es Schwarziväl-er Asten. AV. Erste Beilage zum Schwarzwäl-er Boten vom 11. September 18LV. Ein starkes Herz. (Fortsezung.) „Wie?" rief die Baronin, welche während der Rede still geweint hatte. „Kein Lehramt mehr? Die Landwirthschaft hat er ergriffen?" „Das hat er gethan — schon seit längerer Zeit. Laß uns von mir nicht weiter reden. Mit meinem Namen, mit meinen Manieren und mit diesem Costüme paffe ich nicht in das Haus des Freiherrn von Hohenroda, und wenn er vielleicht auch so ritterlich wäre, mich zu dulden, ich bin noch stolz genug, mich nicht dulden zu lasten und durch meine ausdringliche Anwesenheit tausend Mißverhältnisse zu erzeugen. Also von mir sei nun keine Rede mehr. Erzähle Du mir von Deinem Leben. Du hast zwei Kinder?" „Ich habe zwei Söhne, weißt Du? Beide werden Soldat, sie sind jczt im Cadettenhause." „Und machen Dir viel Freude, nicht wahr?" „Sie sind gut und sehr hübsch, Auguste. Der Jüngste wird allgemein bewundert." „Dein Mann steht im vortrefflichsten Rufe — die Leute sprachen von ihm mit Thränen im Blick, sie rühmten seine Groß- muth, seine Leutseligkeit, Du bist also wohl sehr glücklich, Therese?" „Ich bin es!" sagte die Baronin aus vollem Herzen. Ihrer Schwester Auge sank schwer zu Boden. „Du bist es doch auch?" unterbrach Therese schüchtern die Pause, welche nun eingetreten war. „Acußeres Unglück bindet liebende Herzen nur stärker zusammen und das innere, das wahre Glück vermögen des Schicksals Schläge nicht zu trüben." „Das hast Du wohl in Romanen gelesen, die Sprache klingt ganz so," erwiederte Auguste. „O ja, es gibt Herzen, welche durch äußere Schläge nicht zu erschüttern sind, in ihrer Liebe, wie in ihrer inner» Besriedigung, aber starke Herzen müssen das seyn, und keine Enttäuschungen dürfen über sie kommen. Die Sorge und Roth, mein liebes Kind, Du kennst sie nicht und der Himmel möge sie Dir auf immer fern halte»! Aber sie üben eine furchtbare Gewalt und nicht blos auf das äußere Leben, sie machen auch schlechter!" „Gott im Himmel!" rief Therese erbebend vor dem Tone, in welchem dies Wort gesprochen wurde. Sie hatte durch die Rede ihrer Schwester einen zu schmerzlichen Blick in ihre Verhältnisse gewonnen. „Du hast auch Kinder? lenkte sie das Gespräch in eine sanftere Bahn. „Eine Tochter," antwortete Auguste. „Zwei Knaben sind mir gestorben." „Es glückte der Baronin, hier anzuknüpfen und.die Mutterllebe zu Mittheilungen zu bewegen, welche nun in gegenseitigem Herzensaustausch die Zeit unmerklich verfliegen ließen, so daß mehr als die zugesagten zwei Stunden vorüber waren, als sich Auguste endlich mit einem gewissen Schrecken an ihre Abreise erinnerte. „Wo hast Du Deinen Wagen?" fragte Therese. „Oder wie bist Du gereist?" „Laß mich gehen, wie ich gekommen bin," antwortete Auguste. „Kümmere Dich weiter nicht um mich — mein Fortkommen ist gesichert. Bald schreibe ich Dir einmal -- Dein Mann erbricht doch nicht Deine Briefe?" „Wir haben keine Geheimniste vor einander," sagte die Baronin. „Deshalb aber —" „Es ist gut wenigstens, daß ich es weiß," versezte Auguste. „Lebe denn wohl." „Aber soll ich nicht schicken? Du Haft wohl Deinen Wagen im Wirthshause oder beim Amtmanne?" „Glaubst Du im Ernste, daß ich mit einem eigenen Wagen gekommen bin?" fragte die Pachterssrau, mit einem Rückfalle der alten Bitterkeit. „O nein! Bis zur nächsten Poststation gehe ich zu Fuße." „Mein Gott!" rief die Baronin und griff nach dem Klingelzuge. Auguste hielt ihre Hand zurück und sagte: „Sei doch nicht kindisch. Ich bin an weitere Touren zu Fuße gewöhnt als diese und würde nie eine Deiner Equipagen annehmen. Dein Klingeln führte also nur eine unnüze Scene herbei. Leb' wohl — behalte mich ein wenig lieb — Gott sei immerdar mit Dir und den Deinigen!" Heftig umarmte sie die Baronin, welche vergebens nach Standhaftigkeit rang, es that ihr so leid, so leid, ihre ältere Schwester in so trauriger Lage zu sehen, und nichts über sie zu vermögen, Laß ihr eine Hand geboten werden konnte, sie wieder in bessere Verhältnisse herüberzuziehen! „Versprich mir, wenn Du irgend eine Sorge hast, einen Wunsch, daß Du mir gleich schreibst!" bat sie schluchzend. „Schicke mir wenigstens Dein Kind einmal." „Das Bauernmädchen?" entgegnete Auguste. „Wenn ich nicht mehr für sie sorgen kann und das arme Ding allein und verlassen — dann magst Du Dich ihrer annehmen. Bis dahin leb' wohl!" Sie schied und duldete nicht, daß die Baronin sie auch nur einen Schritt begleitete. Diese warf sich, sobald der scste Tritt ihrer Schwester im Cvrridor verhallt war, in schmerzlichster Aufregung auf ihren Ruhesessel und gab sich ganz den traurigen Gedanken hin, welche die halbvergestene Zeit ihrer Kindheit lebendig wieder vor ihre Seele zauberte. Das blendend schöne Bild der Schwester, welche sie damals wie ein Ideal weiblicher Vollkommenheit fast abgöttisch geliebt hatte, stellte sich ihr dar in mehreren der glänzenden Situationen, wo sie, die sechszehnjährige, eben ausgetretene Tochter des reichsten und stolzesten Cavaliers in der ganzen Provinz, von Huldigungen umringt gewesen war, die Krone jedes Festes, auf dem sie erschien, der Liebling selbst der strengen alten Damen, welche sonst auch Mädchen der vollendetsten Erziehung wenig Gerechtigkeit widerfahren lasten! Wie war es nur möglich gewesen, daß Alles so hatte kommen müssen? Ob ähnlich Reminiscenzen durch Augustens Seele gingen, als sie, von dem Dienstvolke neugierig angeglozt, über den Vor- plaz des Schlosses ging und noch einen lezten Blick zu dem reichen Wappenschilde emporwarf, das in Stein gehauen, mit vielen Feldern und drei Kronen, über dem Portale prangte? So viel können wir versichern, daß kein leidvoller Gedanke ihrer Seele diesem ihr verlorenen Wappen galt — es hätte mit all der Herrlichkeit gothischen Bauwerks verschwinden und statt der Schnörkel und Spizen, der Erker und Dachtraufen ein niederes Strohdach hier stehen können — nicht minder würde Auguste gefühlt haben, was es heißt, aus dem Vaterhause verstoßen zu seyn! 286 Nicht War, es empört das Menschengesühl, um ungerechten Vor- urtheils willen, welches die Bevorzugten mit der Muttermilch trinken, ein Kind, weil es mehr der Stimme seines Herzens, als dem Standesgeseze folgte, unglücklich gemacht zu sehen? Folgen wir dem Kinde des Grafen von Moers auf seinem einsamen Gange durch den Park weiter, vielleicht gelingt es uns, noch einen Blick in ihre Seele zu thun, ob sie dieselben gegen die Vorurtheile ihrer Geburt empörten Gedanken hegte. Der Park war erst eine neuere Schöpfung, er paßte in seinen Anlagen wenig zu dem Style des Schlosses, welches einst ziemlich frei, nur von mehrern Alleen uralter Linden umgeben, gelegen hatte. Diese waren nun meist umgehauen, kaum ein Viertel der prachtvollen Bäume hatte der Gründer des Parks mit in seine neue Schöpfung gezogen. Aber sie bildeten deren wesentlichste Zier, und viel junges Holz derselben Gattung mit breiten Blättern war angepflanzt worden: Augustens Pfad führte sie grade nach dieser Partie. Da blieb sie plözlich stehen, von einer Erinnerung angefaßt — sie trat seitwärts vom Wege, mitten in die Baumgruppe hinein, welche seit jener Zeit mächtig gewachsen war, ihr Auge schien etwas zu suchen, sie ging mit aufmerksamen Blicken von einem Baume zum andern. Endlich flammte es in ihrem Auge, sie hatte gefunden, was sie suchte. Unzerstört vom Wachsthume der Linde, etwas vernarbt wohl, aber in seinen sicher eingeschnittenen Contouren nach klar erkenntlich sah sie ein Herz, innerhalb dessen mehrere Buchstaben, von denen nur der erste noch deutlich, die anderen v. stl aber verwachsen, als hätte der Baum in einem geheimnißvollen Zusammenhangs mit der Lebenscntwickelung des Wesens gestanden, welchem dies Symbol geweiht war — doch unter der Zeichnung noch vollkommen lesbar die Worte: ^rmoi' vincit omniu. (Die Liebe überwindet Alles.) Auguste blickte fest auf den Spruch, ihre hohe Gestalt richtete sich auf, sie zog ein Taschenmesser hervor, öffnete es und mit drei scharfen Schnitten zerstörte sie Herz, Namen und Sinnspruch. 3. Die Baronin hatte einen großen Entschluß gefaßt. Ihres Vaters Wille war es allerdings gewesen, daß die Unwürdige, welche er nicht mehr als seine Tochter anerkannte, ganz aus dem Gedächtniß der Familie gestrichen werden sollte, und so lange er gelebt, hatte Niemand gewagt, Augustens Namen in seiner Gegenwart zu nennen. Therese war bald nach dem schrecklichen Ereignisse, das sie, noch ein Kind, nicht einmal in seinem wahren Zusammenhangs verstand, aus dem Hause in das, wegen seiner glänzenden Erziehungsresultate berühmte Altenburger Stift gekommen, um dort ihre lczte Bildung zu erhalten, welche ihr der Vater um keinen Preis der Welt durch Hauslehrer hätte geben lassen. Von Altenburg, nachdem der Vater gestorben, war sie in die Obhut einer alten Tante, Oberhofmeisterin an einem thüringischen Fürstenhofe, übergegangen, hatte hier ein Paar sehr glückliche Jahre im Genüße reiner Jugendfreuden verlebt und dann den Freiherrn von Hohenroda geheirathet. In all' den Kreisen, wo sie nach der Trennung von dem Vaterhause heimisch gewesen war, hatte sie keinen Anlaß gefunden, von Augusten zu sprechen; wer, außer der Tante, welche ihr das erste Wort darüber gleich mit Ernst unterdrückt hatte, kannte Augusten? Auch schwebte Theresen der Wille des Vaters, gegen den sie als Kind auch nicht in Gedanken eine Widersezlichkeit gewagt hätte, drohend vor, so hatte sie auch gegen ihren Gatten, — Auguste hatte ganz Recht! — der keine Ahnung von ihrem Daseyn hegte, geschwiegen, und erst als sie später mit ihm den alten Stammfiz ihres Hauses bezog, war die Erinnerung wieder so mächtig über sie gekommen, daß sie oft auf dem Punkte geschwebt hatte, dem Ge- mahle die trübe Geschichte zu vertrauen. Der Stamms»; nämlich, früher ein Mannlehn, war durch den Grafen, weil er keine männlichen Erben hatte, mit den größten Opfern, um die Agnaten zufrieden zu stellen, in freies Allodium verwandelt worden und Therese, welcher dasselbe zufiel, hatte ihren Gatten, so begütert er selbst war, bewogen, wenigstens alljährlich für einige Zeit hier zu wohnen. Sie segnete jezt diesen Einfall und nannte ihn von Ahnung erzeugt, denn wie wäre sie sonst mit der Schwester, deren weiteres Schicksal ihr ganz unbekannt war, wieder zusammengekommen, wie hätte sie Gelegenheit gefunden, ihr iw der Noth Hülfe zu leisten? Therese hatte nun den Entschluß gefaßt, ihrem Gatten Alles zu vertrauen, und mit Ungeduld erwartete sie seine Heimkehr. Von jeher war auf der Moersburg ein reiches Leben, gepflegt durch eine Gastfreiheit im großartigsten und edelsten Style, gewesen, unter dem lezten Grafen hatte cs vielleicht seine Spize erreicht, doch hatte er immer die Sitte aufrecht in seinem Hause erhalten; von jenen wüsten Trinkgelagen, von jenen Spielpartien, wo Tausende gewonnen und verloren wurden und auch der Keim zu dem Vermögensruine des Adels gelegt worden ist, bemerkte man auf der Moersburg nichts, aber fehlen konnte es nicht, daß der Geist der Zeit sein Doppelantliz auch in den dortigen Festen und Versammlungen kommender und abgehender Gäste zeigte. Zur Einkehr in sich selbst fand das Gemüth nur Muße, wenn es sich auf eine Zeit ganz aus diesem Taumelleben, wie es einmal der Hauslehrer öffentlich genannt hatte, zurückzog. Seitdem hat sich Alles anders gestaltet, in der Welt wie im Hause, aber die Gastfreiheit auf der Moersburg war mit dem lezten Grafen nicht gestorben. Auch sein Tochtermann, der selbst in großen Verhältnissen ausgewachsen war, versammelte gern einem wechselnden Kreis von Freunden und Bekannten um sich, hielt sein Haus offen für jeder Zeit willkommenen Besuch und beschränkte sich nicht blos auf den Umgang von Standesgenossen, sondern wußte auch den Adel der Bildung, den Geistesadel, vor Allem zu schäzen. Das aber muß der Fall seyn, wo man sich nicht absichtlich verblendet über das, was der Gesellschaft den wahren Halt gibt. — Gegenwärtig waren verhältnißmäßig nur wenig Gäste auf dem Schlosse und ein Ausflug nach dem nahegelegenen Badeorte hatte sie, wie schon früher berichtet worden, heute sämmtlich entfernt. Erst spät Abends kehrten sie zurück, die Baronin kam nicht mehr in den Salon, und bald zerstreute sich Alles, um auf die anstrengende Partie der Ruhe zu pflegen; der Freiherr aber hatte schon früher, denn es fand kein Zwang von kleinlichen Höflichkeitsformen Statt, das Zimmer seiner Gemahlin aufgesucht, welche ihn zu sprechen wünschte. Zu seiner Freude fand er sie viel wohler, als da er sie am Morgen verlassen hatte, er verkannte aber das Roth, das ihre Wangen färbte, wenn er es auf die Farbe der Genesung deutete. Freundlich sezte er sich an ihre Seite — auch er war keineswegs ein Ideal von Schönheit, wohl aber das Bild eines biedern Ehrenmannes — dies Zeugniß lag in jeder Miene seines wohlwollenden Gesichts. „Eduard," begann endlich die Baronin mit einem herzhaften Anlaufe, „ich habe Dir etwas zu erzählen." „So sprich, Du hast den aufmerksamsten Zuhörer." „Beantworte mir meine erste Frage: hat Dir mein Vater jemals etwas von Augusten erzählt?" „Von welcher Auguste? Ich kenne mehr als eine — wüßte aber nicht —" „Meine Schwester natürlich!" sagte die Baronin, welche sich troz ihrer Harmlosigkeit in Vorthcil zu sezen verstand. „Deine Schwester?" wiederholte der Freiherr verwundert. „Hast Du eine Schwester gehabt?" „O verstelle Dich doch nicht. Der Vater hat auch von Dir ein Versprechen gefordert, Augusten nicht mehr zu erwähnen, wie 287 ich es habe leisten müssen, aber nach dem heute Erlebten, ist es offenbar aufgehoben." „Was sprichst Du da? Ich verstehe kein Wort. Dein Vater hat mir weder etwas von dieser Schwester Auguste erzählt, noch sich von mir irgend ein Versprechen geben lassen." „Das begreife ich nicht. Und warum hast Du denn nie mit mir davon gesprochen?" „Ich?" fragte Hohenroda lächelnd. „Wie konnte.ich, da ich gar nichts weiß! Kläre mich lieber auf, Therese, als daß Du mir Vorwürfe machst, welche ich nicht verdiene. Warum sollte denn dieser Auguste nicht mehr Erwähnung geschehen?" „Weil sie unfern Hauslehrer geheirathet hat," erwiederte Therese. „Deshalb!" sagte Hohenroda. „Im Geiste Deines Vaters kann ich mir erklären, das ein solcher Schritt gegen seinen Willen geschehen mußte. Lebt sie noch?" „Sie lebt noch und war heute bei mir." „Heute?" rief der Baron. „Erzähle." „Was ich von damals weiß, sollst Du gleich erfahren, es ist nur wenig. Auguste war sechs Jahr älter als ich, und da ich noch ein Kind und nicht hübsch war, kam ich wenig mit ihr in die Gesellschaften, auch sonst blieb ich mir viel selbst überlassen und Herr Körbel — eben der Hauslehrer — kümmerte sich nicht sehr um mich, schloß mich auch von vielen Lectionen aus, weil ich noch nicht reif dazu war." „Ich danke Gott dafür!" sagte der Baron. Sie blickte ihn verwundert an und als ihr in seinem Gesichte erst jezt die Meinung klar wurde, erröthete sie von Neuem und schüttelte den Kopf. In vielem war 'sie noch immer ein wahres Kind. ,,Du hättest Herrn Körbel kennen sollen. Er war durchaus nicht schön, ein langer Mann mit gebückter Haltung und einem blassen Gesichte, aber Augen, sag' ich Dir, daß, wenn er Dich ansah, Du wie gebannt bliebst an seinem Blick, und eine Gewalt der Rede, wie ich sie in meinem Leben nicht wieder gehört habe, nicht von dem heiligsten, hinreißendsten Kanzelredner." „Und diesen Blick, diese Gewalt der Rede hat er benuzt, um das Herz des Kindes, dessen Erziehung ihm anvertraut war, sich zu eigen zu machen! Wie oft und mit schauerlichen Conse- quenzen kommt diese Nichtswürdigkeit vor. So nenne ich sie aus voller Ueberzeugung, wenn sie absichtlich geschehen ist. Ost freilich ergibt es sich auch in gegenseitiger unbewußter Neigung — aber des Lehrers Beruf ist ein ernster und heiliger, er ist der Kampf, auch mit seinen eigenen Wünschen, wenn diese wider seine Pflicht laufen; dann muß er, sobald er seiner selbst nicht mehr sicher ist, weichen! — Ich ereifere mich so, weil ich erst kürzlich bei einer befreundeten Familie in der Residenz einen schrecklichen Fall dieser Art erlebt habe. Kann das Gesez, welches dann über den Frevler richtet, das ganze im ersten Aufblühen zertretene Lebensglück eines armen fünfzehnjährigen Kindes, bisher der Stolz und die Freude der Eltern, kann das Gesez dies Glück wieder zurückzaubern?! — Verzeihe mir, Therese. Erzähle weiter." (Fortsezung folgt.) Göthesche Sprüche. (Schluß.) -j- Es ist erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach Wundern schnappen, um nur in ihrem Unsinn und Albernheit verharren zu dürfen und um sich gegen die Uebermacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können. -s- Unentschlossenheit ist die größte Krankheit. -j- Für uns Aeltere ist es immer schwer, junge Leute kennen zu lernen: entweder sie verbergen sich vor uns, oder wir beurtheilen sie aus unser« Standpunkte. Ein großer Geist irrt so gut als ein kleiner; jener weil er keine Schranken kennt, dieser weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. -s- Das Herz ist zum großen Menschen, zur That wie zur Kunst, unentbehrlich und durch Vernunft nicht zu ersezen. -j- Wie gut ist's, daß der Mensch sterbe, um nur die Eindrücke auszulöschen und gebadet wiederzukommen! -s- Das Publicum betrügt sich über das Einzelne fast immer und über das Ganze fast nie. -s- Welch ein Geschenk für die Menschheit ist ein edler Mensch! -I- Man soll seine Empfindung nicht überreden und seinem Herzen keine Gründe vorsagen. -r- Einem Gelehrten von Profession traue ich zu, daß er seine fünf Sinne verläugnet. Es ist ihnen selten um die Sache selbst zu thun, sondern um das was man davon gesagt hat. Merlwürdiger Brief eines Kaufmanns aus NewUork. Liebe Frau in Hamburg. Ja! Ja! guck nur! ich bin wirklich in Amerika angekommen. Glücklich, gesund — o das Dampfboot! Es geht nichts darüber! Die Seekrankheit hatte ich mir in den ersten drei Tagen abgewöhnt. Man darf nur nicht daran denken. Wie es in Amerika aussieht? O das Amerika — es geht nichts darüber! Ich bin erst 24 Stunden hier und kann Dir nur wenig über diesen Welttheil schreiben. Aber die Menschen! Herr Jacquemin, Hotelbestzer „zur großen Weltschlacht" — o es geht nichts über die große Weltschlacht! — Glasperlen, alles weg! rothes Torlener Leder viel Absaz! Lederlohe wohlseil. Ich bewege mich in Büfselhäuten und hoffe gute Geschäfte zu machen. O es geht nichts über die Büffelhäute und die Geschäfte! Bier — amerikanisches? schlecht, Rheinwein, amerikanischer, wie bei uns, aber verwettert theuer. Macht nichts, Eva! Ach darf ihn trinken; ich trinke ihn wie in Hambktrg — die Büffelhäute müssen es wieder bringen: o — es geht nichts über Hamburg! Was macht Friz? Sehnt er sich nach dem Vater? Puze ihm doch die Nase! Ich in Amerika kann es nicht. Lebe wohl, geliebte Frau in Hamburg; ich drücke Dich im Geiste an mein Herz, so wie ich Dich höflich ersuche, meinen Geist ebenfalls zu drücken. Küsse diesen Brief, ich küsse ihn auch — so küssen wir uns im Geiste — o es geht nichts über das Küssen! Bis Oktober komme ich wieder nach Hamburg. Man hat mir gesagt, vom 7. bis 21. könntest Du mich erwarten. Gehe mir täglich entgegen! O es geht nichts über das Entgegengehen. Ich bringe Dir schon etwas mit, Dir und dem Frize. Und was denn? fragt Ihr; Antwort: einen Neger! Er will Hausknecht bei mir werden. So ein Kerl ist alles gewohnt. Das kommt billig. Hm? Was sagst Du zu dieser Idee? O es geht nichts über die Neger! Morgen werde ich die Wasserfälle des Schnyl- kill sehen. Ich sehe mir Alles an in NewAork und Amerika. Der Schnylkill soll ein charmanter Mann seyn. Habe auf die Glasperlen acht, die aus Böhmen verschrieben sind. Schreibe bald! Blos an Deinen Mann: Albert Flennauer in NewAork, Protestante — o es geht nichts über — das Protestante! Alles schon dagewesen. Der Zug, der Tausende jezt aus dem Vaterlande forttreibt, ist keineswegs etwas Neues. Massenhafte Auswanderungen kamen schon seit dem 30jährigen Kriege vor. Fr. v. Moser spricht in seinen „Patriot. Briefen" von 200,000 Unterthanen, welche zwischen 1756—1766 aus Deutschland ausgewandert wären und im „Deutschen Zuschauer" wird die Zahl der Auswanderer für das eine Jahr 1764 auf 17,000 angegeben, eine Zahl die erst in den lezteren Jahren wieder erreicht worden ist. So arg war die Sucht des Fortziehens und so groß erschien der Nachtheil, der den deutschen Ländern drohete, daß nicht blos in einzelnen deutschen Ländern, sondern von Reichswegen dagegen eingeschritten wurde. Der Verkauf von Gütern zum Zweck des Äuswanderns ward für rechtsungültig erklärt, Bermögensauszahlungen sollten inhibirt werden. Ein Baier war nach Spanien gegangen und forderte seine Landsleute dahin auf. In Folge dessen erschien 1766 eine Verordnung des Kurfürsten von Baiern, nach welcher Anwerber zum Auswandern binnen 24 Stunden gehenkt werden sollten. Im Zweibrückschen wurde das Auswandern gänzlich verboten, die Leute gingen aber bei Nacht fort. — Einen Grund der ausfallenden Erscheinung, daß gerade die fruchtbarsten Gegenden Deutschlands am häufigsten von ihren Bewohnerif verlassen wurden, finden Schriftsteller zener Zeit in einer gewissen Bequemlichkeit, welche jenen Bevölkerungen, namentlich den Schwaben, eigen sei, in deren Folge sie bei jeder ungünstigen Veränderung ihrer äußern Lage, statt sich einer augenblicklichen Entbehrung zu unterwerfen, sogleich ans Fortgehen dächten, ferner in einer zu großen Leichtgläubigkeit und in der Phantasie, die ihnen in dem fernen Lande immer ein Eldorado vorspiegele. 288 Guter Rath. Ein französischer Schriftsteller schreibt einem Liebhaber felgende Geschenke vor, die er der Geliebten machen soll: Pantoffeln der Demuih, Schuhe des Fleißes, Strümpfe der Beharrlichkeit, Strumpfbänder fester Vorsäze, Hemde der Ehrbarkeit, Schnürleib der Keuschheit, Schnürsenkel der Trefflichkeit, Nadeln der Geduld, Beutel der Freigebigkeit, Messer der Gerechtigkeit, Halsschmuck der Mäßigkeit, Ring der Treue, Gewand des Anstandes, Gürtel der Anmuth, Handschuhe der Barmherzigkeit, Kamm der Gewiffenhaftigkeit, Bänder der Gottesfurcht, Rosenkranz der Frömmigkeit, Kopspuz und Reue über ihre Fehler, Umschlagtuch der Klugheit, Hut der Hoffnung, Armbänder edler Gesinnung, Spiegel der Selbsterkenntnis. Besser ist es freilich, wenn die Geliebte diese Gaben dem Bräutigam selbst mitbringt. Denn wenn sie alle fehlen, und er sie ihr erst alle schenken soll, dann muß er sie gewiß seh^ theuer erkaufen. Vater und Tochter. Ein Pole aus einer der ersten Familien des Landes, der lange Jahre in Sibirien hatte zubringen müssen, erhielt als bejahrter Mann seine Freiheit und eilte in die Heimath, um das einzige seiner Kinder wieder zu sehen, das ihm geblieben war, ein Mädchen, das er in der Wiege hatte verlassen müssen und das nun zur herrlichsten Jungfrau herangewachsen war. Alle Liebe, die ein Mensch, ein Vater, im Herzen tragen kann, wandte der Befreite der Tochter zu und nur um ihretwegen hatte dis Freiheit, ja das Leben noch Reize für ihn. Das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter vermag keine Feder zu beschreiben. Ein Jahr lang lebten beide im höchsten Glücke bei einander. Da erkrankte die Tochter. Der Vater ließ mehrere Aerzte rufen; sie kamen, verordneten eine Arznei und versicherten das Mädchen werde bald genesen, wenn sie das verord- nete Mittel nach Vorschrift gebrauche. Ein reitender Bote wurde mit dem Rezept in die nahe Stadt geschickt und bald kam er mit der rettenden Arznei zurück. Der alte Vater der Kranken beeilte sich selbst der geliebten Tochter den ersten Löffel voll zu reichen, aber sie wendete sich mit Abscheu von der Arznei ab und weigerte sich, sie zu nehmen. Der Vater bat, vergebens; da sank der alte Mann, der den Aerzten fest glaubte und seine Tochter über Alles in der Welt liebte, vor dem Bette aus seine Knie und bat mit gefalteten Händen, mit Thränen in den Augen, die Tochter möge die Arznei nehmen und sich dadurch ihm erhalten, da er ihren Tod nicht werde überleben können. Die Tochter ließ sich nun bewegen, sie nahm den Löffel Arznei, schlief gleich daraus ein und nach einer Viertelstunde war sie — eine Leiche. Der Apotheker hatte sich in gräßlicher Weise versehen und ein schnell tödtendes Gift unter die Arznei gemischt. Und der greise arme Vater? Anfangs rasete er und klagte sich des Mordes seiner Tochter an; er verwünschte die Begnadigung, die ihm seine Freiheit wiedergegeben hatte, weil, wenn er auch in Sibirien gestorben, seine Tochter wenigstens am Leben geblieben wäre; all- mälig sank dann die Heftigkeit seiner Verzweiflung, er verfiel in finstern Trübsinn: seine Kräfte schwanden mehr und mehr; er schlich körperlich und geistig gebrochen eine Zeit lang umher wie ein ruheloser Geist, bis endlich Gott seiner sich erbarmte und ihn durch den Tod von seiner Qual erlösete. Immer frische Butter. Das Polytechnische Centralblatt theilt nachstehendes Verfahren mit: „Nachdem man die eben dem Butterfaße entnommene Butter, völlig rein gewaschen und hergerichtet, auch in den Leinen gut abgetrocknet hat, vcrtheilt man sie in kleine Brocken und häust diese in Töpfen dergestalt, daß alle leeren Räume verschwinden. Die Töpfe stellt man in einen großen, halb mit Wasser ungefüllten Kessel. Hat man hierauf das Wasser bis zum Kochen erhizt, so läßt man es abkühlen und nimmt alsdann die Töpfe heraus. So bereitete Butter soll nach Verlaus von sechs Monaten ganz so frisch seyn, als wenn sie eben aus dem Butterfass- käme. Durch das Schmelzen der Butter im heißen Bade werden alle in ihr noch enthaltenen Käsetheil- chen so vollkommen aus den Boden des Gesässes niedergeschlagen, daß man eine äußerst gereinigte Butter erhält, gut aus Brod zu genießen und vortrefflich für alle Erzeugnisse der Kochkunst. Weit entfernt, an Güte zu.verlieren, soll sie vielmehr gewinnen und ihr Geschmack weit seiner als der der frischen gewöhnlichen Butter seyn. B r i z z i. (Eme KünstlerAnckdote.) Brizzi war ein berühmter italienischer Sänger, der zu Monaco m sehr hohem Alter starb. Er war nicht weniger berühmt durch sein Talent, dessen Bedeutung ihm die gerechte Bewunderung des Publikums erwarb, wie durch seine Eigenthümlichkeiten, die noch jezt in der Erinnerung seiner Zeitgenossen leben. Eines Tages besuchte ihn ein Sänger aus der Provinz, der ihn etliche Male bereits gelangweilt hatte. „Alle Wetter," rief er seinem Diener, der ihm den Besuch anmeldete, zu, „sage doch, daß ich im Bette liege." „Herr," enrgegnete der Diener, nachdem er sich seines Auftrages entledigt, „der Fremde sagte, er wolle warten, bis Sie ausgestanden." „Nun denn, so melde, daß ich krank bin." „Herr, er sagt, daß er ganz vortreffliche Recepte schreiben könne." „Sag' ihm, daß ich schon in den lezten Zügen liege, daß keine Hoffnung für mein Auskommen vorhanden sei." „Dann, Herr, sagt er, könne er nicht scheiden, ohne Ihnen noch vorher das lezte Lebewohl zuzurufen." „Sag' ihm dann, daß ich todt bin." „Mein Herrr, dam, will er Sie mit Weihwasser besprengen." „Nun denn, in alle drei T—Namen," ries Brizzi, der keine Einwendung mehr erfinden konnte, aus, „so laß ihn etntreten." RaritätenKästlein. 's"!' Die Optik der Weinflasche. Dis Weinflasche ist das Vergrößerungsglas des Vergnügens und das Verkleimrungsglas des Kummers. Beneidetes Unglück. „Mein Gott, Assessor, was ist mit Ihnen? Sie sehen seit einiger Zeit so verstört aus; was ist Ihnen begegnet? — „Bester Freund, gegen Sie kann ich mein Herz erschließen, ohne Indiskretion befürchten zu müssen. Denken Sie sich die schreckliche Entdeckung, dis ich habe machen müssen. Meine Frau hat einen Liebhaber!" — „Sie Beneidenswerther, und weiter ist es Nichts? Wenn ich zu meinem Hause und zu meiner Frau einen Liebhaber fände, ich wäre froh, den alten Plunder los zu werden." Gut ausgeschnitten! "Ein berühmter Arzt, der inPen- sylvanien praktizirt, verschrieb einem Patienten, der an einer Erkältung litt, eine starke Dosis Salpeter, welche während der Nacht dem Leidenden einen solchen Schweiß austrieb, daß man ihn am andern Morgen in seinem Bette ertrunken fand! Sonderbare Verwandtschaft. „Ach gnädsäer Herr! Schenken Sie mir doch 'nen Dreier; ich bin eine arme Waise und meine Eltern sind todt!" — „Da hast Du etwas, verlier' es nur nicht. Was wirst Du Dir aber wohl dafür kaufen?" — „O! davon kriege ich nichts: das muß ich meinem Vater und meiner Mutter geben, die vertrinken's." — Aber da hast Du mich ja belogen, Du hast mir ja gesagt, Deine Eltern wären todt!" „Nun ja! das waren aber nur meine Stiefeltern die gestorben sind." Logogryph. Den wahren Werth bestimmen wir, Verändern oft uns dort und hier, Durch künstliche Manöver. Wir steigen und wir fallen bald, Und haben selten einen Halt, Durch schlaue Tonangeber. Verändre nun ein Zeichen vorn, So gellt die Pfeife, schallt das Horn, Fort geht es in die Ferne. Wie frei und weit wird unser Herz, Die Sorgen bleiben hinterwärts, Jezt leuchten and're Sterne. Auflösung des Räthsels in Nrv. 69: Myrthenkranz. Rrdigirt, gedruckt und verlegt von Wilh. Brandecker.