mm t*?. LA .L- \wfs Ww : %< Vlntcr/; (|// l%f ro . 24-m Dreizehnter Jahrgang._ 1840. Largo do Pa$o. (Mit einer Abbildung.) XXIV. Dem Europäer, welcher zum erstenmal eine brasilianische Stadt betritt, ist gewiß nichts auffallender, als das bunte Schauspiel, welches die verschiedenfarbigen Einwohner gewähren. Weiße, braune, rothe und schwarze Menschen wimmeln hier auf den öffentlichen Plätzen in buntem Gedränge durch einander. Ein Blick aus unsere Abbildung vergegenwärtigt uns dieses Schauspiel. Sie stellt einen öffentlichen Platz, Largo do payo, in der Hauptstadt Brasiliens Rio Janeiro dar, von der wir schon im Jahrgange 1834 dieser Schrift eine Abbildung und Beschreibung geliefert haben. Wenn wir aber damals mehr diese prächtige Stadt selbst und die sie umgebende reizende Natur ins Auge faßten, so wollen wir heute unsere Aufmerksamkeit auf die Einwohner richten. Hundert und sechzig tausend Menschen zählt das mit Recht sogenannte „Babylon der neuen Welt." Die schönsten unter denselben sind die Mamalucos, von europäischen Vätern und indischen Müttern. Die Abkömmlinge der. Weißen und Negerinnen heißen Pardvs, und die Nachkommen von Negern und Indianern Caribocos. Die Neger, deren es über 90,000 in der Hauptstadt giebt, werden in Cre- olen und Afrikaner getheilt. Creolen heißen hier nur amerikanische Neger. Der unterscheidende Characterzug zwischen den Portugiese» und Brasilianern ist die größere Sanftmuth und Weichheit der letzter», die sich in ihren Physiognomien, ihren Gestikulationen und sogar in den Beugungen ihrer Stimme ausspricht. Der Brasilianer ist mäßig, gastfrei, wohlthätig; er sinkt nie zur Roheit und Gemeinheit herab. Aber er ist rachsüchtig und besonders eifersüchtig, mißtrauisch, stolz, geringschätzig gegen Untergebene und kriechend gegen Vorgesetzte. Der Mangel einer guten Erziehung leuchtet überall hervor. Der Bewohner von Rio de Janeiro ist verderbter, als der des Landes, und man kann die Stadt, ohne ihr Unrecht zu thun, eine der sittenlosesten auf Erden nennen. Das warme Klima, der Genuß stark gewürzter Speisen, die Verführung, der Müßiggang, dieß alles trägt wohl vorzüglich dazu bei, daß sich alle Stände ihren Neigungen ohne Scheu überlaffen. Die Landessprache ist die Por- giesische, welche indessen nicht ganz rein gesprochen wird. Titel und Höflichkeitsbezeugungen werden unmäßig verschwendet, und es ist bewunderungswürdig, wie der Portugiese und weiße Brasilianer immer ein Dutzend Gesichter in Bereitschaft hat, unter denen er stets das zu zeigen weiß, welches er dem Range dessen, mit dem er spricht, für angemessen hält; für den Vornehmen und Höher» ein unterthäniges, mit einer Haltung des Leibes, dem nur der Schweif fehlt, um wedeln zu können; süß, freundlich gegen seines Gleichen; lauernd und kalthöflich gegen den Fremden und wegwerfend gegen den Untergebenen. Das weibliche Geschlecht lebt etwas orientalisch, unthätig, leidend, umgeben von Negerinnen, die ihre leisesten Wünsche erfüllen. So lange sie jung sind, was in Brasilien nicht lange der Fall ist, werden sie mit eifersüchtigen Augen bewacht. Eine Frau darf ihre Wohnung nur selten verlassen; Lesen, Schreiben, das Hauswesen führen, gehört nicht zu den Eigenschaften einer Frau. Es ist schon ein hoher Grad von Bildung wenn sie auf der Viola klimpern oder gar auf dem Clavier trillern 94 kann. Ihr ganzes Glück besteht dann, recht oft in die Kirche ziehen zu können und sich in schonen, reichen Kleidern zu zeigen. Zu Hause lebt sie ganz nach Art der Orientalinnen. Nachläßig gekleidet sitzt sie mit unterschlagenen Beinen auf einem Sopha oder einer ausgebreiteten Strohmatte. Schwarze Dienerinnen umgeben sie in ähnlichen Stellungen. Sie spielt mit ihrem Fächer, bewegt die Augen mit größter Lebhaftigkeit, und ihren Lippen entströmen, wenn ein Besuch sie intereffirt, die naivsten Fragen. Die Sklavinnen leben im vertrautesten Umgänge mit ihren Gebieterinnen und versorgen sie mit Stadtneuigkeiten; dennoch aber überlassen sich die Schonen in Rio häufig dem grausamen Vergnügen, ihre Sklavinnen stundenlang zu peitschen, gleichsam als wollten sie ihrem Körper eine heilsame Bewegung verschaffen. Nach der Landessitte kann kein ehrbares Frauenzimmer allein ausgchen; nur die Negerinnen durchstreifen die Stadt nach allen Richtungen. Reinlich, in, weiße Kleider angezogen, durchziehen sie die Straßen mit niedlichen Körben, in denen sie gedörrtes Obst, Confitüren und Süßigkeiten zum Verkaufe ausbieten. Trotz seiner Genußsucht ist der Brasilianer indeß kein Freund von rauschenden Vergnügungen. Im Gegeu- theil, er zieht sich zurück und sucht so viel als möglich für sich zu genießen. Die Deutschen sind die Einzigen, welche einiges geselliges Vergnügen unter sich einführten. Sie gründeten eine Art Verein, Germania genannt, worin jeder Gebildete Zutritt hat. Das Theater ist theuer; deshalb sind für Fremde solche Vereine höchst wohlthätig. Nach und nach bequemt man sich in den Häusern der europäischen Sitte. Man fängt an auf Stühlen um einen gedeckten Tisch her zn sitzen und sich eines Besteckes zu bedienen. Vor wenig Jahren fand man selbst bei den Reichern nichts weiter, als ein Paar Sophas mit Leder überspannt, über welche Strohmatten gebreitet waren, die beim Tage die Stelle der Sessel, bei der Nacht der Betten, vertraten. Frauenzimmer saßen aus Strohmatten auf dem Fußboden, mit unterschlagenen Beinen. Die Speisen wurden, wie jetzt noch meist in silbernen Schüsseln aufgetragen, aus eine Strohmatte in die Mitte des Zimmers gesetzt, wo sich dann die Familie herumlagerte und mit den Händen znlangte. Als nach der Vertreibung der Portugiesen der General Lecor in Bahia, die vornehmsten Familie» zu einem Gastmahle lud, berührten die wenigsten die Speisen da sie Messer und Gabel nicht zu gebrauchen wußten und doch mit den Händen nicht zulangen wollten. Die Einrichtung der Häuser ist nicht schön, aber bequem. Will man Jemanden besuchen, so muß man sich gefaßt machen, mit Komplimenten überschüttet zu werden und eine ähnliche Fülle verschwenden zu müssen. Reinlichkeit wird in allen Häusern vermißt, und von Flöhen, Wanzen, Muskitvs, Coratos, Zichos, Skorpionen, Tausendfüßlern, Fliegen, schwarzen Ameisen, kleinen Eidechsen und großen Spinnen wird man bis zur Verzweiflung gemartert. Unter den Lebensmitteln, die auf den öffentlichen Plätzen in verschwenderischer Fülle feil geboten werden, zeichnen sich besonders die mannigfaltigen Früchte aus, die vielleicht auf der ganzen Erde nicht vortrefflicher gefunden werden, als hier. Melonen, Ananas, Orangen und Bananen werden in solcher Menge nach der Stadt gebracht und sind so wohlfeil, daß auch der Aermste sich daran laben kann. Prachtvoll werden in Rio Janeiro die öffentlichen Feste begangen, besonders das feierlichste unter allen, das Fest der heiligen Anna. An dem durch die Zeitungen verkündigten Abende versammelt sich allmählig ein bedeutender Theil der Bevölkerung aus dem Aocla- mationsplatze, dessen Umsang so groß ist, daß sich wohl hunderttausend Menschen ungehindert ans demselben bewegen können. Dort steht die der heiligen Anna gewidmete Kirche, unfern eines schönen öffentlichen Brunnens. Vor der Thüre ist ein festlich geschmückter, schön beleuchteter Triumphbogen ausgerichtet; zu beiden Seiten erheben sich Gerüste mit Sitzen für die angesehensten Mitglieder der Brüderschaft des Kirchspiels. Auf einem abgesonderten Platzx, zu dem einige Treppen führen, steht ein Thron errichtet, auf dem ein Knabe, mit Krone und Scepter geschmückt, sitzt. Kinder von demselben Alter umgeben ihn, auf verschiedene Weise gekleidet. Bor dieser Gruppe stehen eine Menge großer Körbe, welche Brod, Früchte, Hühner, Schweinchen und andere Geschenke frommer Gläubigen an die Kirche enthalten. Diese sollen nun an die Meistbietenden versteigert werden. Ein Kirchendiener, dem dieses Geschäft obliegt, übernimmt die Rolle des Hanswurstes, indem er den Werth seiner Waare so witzig, als möglich, verkündet. Die Versteigerung hat den besten Fortgang. Unter Lachen und Frohsinn werden die Körbe geleert, und die Anwesenden machen es sich gleichsam zur Ehrensache, sich gegenseitig zu überbieten. Ein alter Hahn wurde z. B. einmal einem der Mitsteigernden unter dem Jubel der Zuseher für vier Mil. Reis (11 Gulden 36 Kreuzer) zu geschlagen. ri, lls; w?«i 4iae ?, > MU «r!.i 'kwu £mat Ssiir m tcz fcifc L >L C:2:: 'c ;r i3IK i: mtliic BR ifo •ii; in- £aii!iß Ü-ck- KÜfflW izif 4o?®’ [ist. ü" to j® ZkiidM- isfrer !KI ffis ,«at- «Bits : 3»'' : & sät wfcj» s M alt# ® ■” h6- & _ c;»' : Itfci ^:' : ' cKi-* : : |g Äß3i e: ■' Gegen 5 Uhr Nachmittags versammelt sich eine unabsehbare Menschenmenge auf dem Aoclamations- platze, und dieser wird in wenigen Augenblicken in ein großes Lager verwandelt. Menschen, die sich vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr gesehen hatten, begegnen sich hier. Befreundete Familie» vereinigen sich und lassen sich auf die mitgebrachten Strohmatten nieder. Andere lagern sich auf den Rasen oder suchen ihre Bekannte» auf. Viele sehen den Vorbereitungen zu dem Feuerwerke zu, andere lauschen den Tönen einer Viola oder vereinigen sich zu einem Nationaltanze, den sie zu großer Zufriedenheit der zahlreichen Zuschauer ausführen. Schmucke, gut gekleidete Negerinnen drängen sich mit der ihnen eigenen Gewandtheit durch die Menge und bieten Erfrischungen an; andere haben sich in unabsehbaren Reihen gelagert und rufe» de» Vorübergehenden zu, von den herrlichen Früchten und Süßigkeiten zu kaufen, welche sie mit vorzüglicher Auswahl auf reinlichen Strohmatten ausgebreitet und mit einer Menge von Wachslichtern umgeben haben. Festlich gekleidete Negersclaven tragen von allen Seiten Erfrischungen für ihre Gebieter herbei, von welchen Manche, wahrscheinlich um mit ihren Reichthümern zu prahlen, ihre in einem Kreise gelagerten Freunde mit einem überreichlichen Abendessen, das in großen silbernen Schüsseln aufgetrageu wird, bewirthen. Auch Gruppen von Ausländern sieht mau auf dem Rase» gelagert, mit ganzer Seele an dem Feste Theil nehmen. Indessen lagert sich die Nacht mit tropischer Ster- nenpracht über die Gegend. Alles sieht mit Ungeduld dem Beginnen des Feuerwerks entgegen, dessen Anfang endlich Kanonenschüsse verkünden. Gleich darauf steigt eine Fronte Raketen in die Lust, wo sie knallend zerplatzen. Sie geben das Zeichen zu dem allgemeine» Rufe. „Viva a santa Anna!“ Dann beginnt das eigentliche Feuerwerk, welches mit Ausnahme der schönsteigenden Raketen gewöhnlich nicht viel bedeutet. Zwei Feuer und Flammen speiende und mit einander kämpfende Tiger beendigen das Feuerwerk und erwerben ihren Ver- ferligern den lärmendsten Beifall. Dann begiebt sich das Volk höchst vergnügt nach Hanse. Bewunderungswürdig ist die Ordnung und das höfliche, anständige Betragen der Ungeheuern Volksmenge, so daß die zahlreichen Polizeiwachen auch nicht eine Veranlassung finden, ihr Ansehen zu gebrauchen. Reich an ähnlichen Feierlichkeiten ist die Charwoche, wo die Leidensgeschichte so viel als möglich nach dem Leben vorgeftellt wird. Seitdem viele Deutsche nach 95 Brasilien gingen, werden unter diesen die stämmigsten und größten ausgesucht, um römische Kriegsknechte vor- zustellen. Die Engel am heiligen Grabe werden, seltsam genug, von kleinen kohlrabenschwarzen Negerkindern dargestellt, die man zierlich mit großen Flügeln an den Schultern und gewaltigen Reifröcken aus Silber- und Goldglanz und einer schneeweißen Halskrause, herausge- putzt hat. Eben so seltsam sind die Mißhandlungen des verrätherischen Judas, welcher am Ostersamstage in den Pfuhl der Hölle abgesührt wird. Die Geistlichkeit bietet alles auf, um das Volk herbeizuziehen. Zuerst ruft ein bedeutender Lärm der Glocken zur Kirche. Sie werden nicht durch Strscke gezogen, sondern Neger steigen nach dem Glockenhause und bearbeiten die Glocken mit eiserne» Hämmern im afrikanischen Style. Am Eingänge lärmt eine Bande Neger die türkische Musik. Im Augenblicke der Wandlung bei einem Hochamte steigen auf einmal ein paar hundert Raketen in die Höhe, die auf dem höchsten Punkte angekommen mit ihrem Geknalle die Luft erschüttern. Gehört der gefeierte Heilige zum höher» Range, so werden ihm zu Ehren auch die Kanonen der Citadelle gelößt. Bei Taufen und Leichenfeierlichkeiten ist der Aufwand nicht weniger groß; auch hier sieht man bei Vornehmen eine außerordentliche Pracht entfalten. Indessen giebt es bei den Leichen zwei Uebelstände. Die Todten werden sehr schnell begraben, da keine Leiche über zwölf Stunden liegen darf, und die Kirchen dienen der großen Hauptstadt zur Grabstätte. Erzählungen aus der russischen Geschichte. n. Hurik und seine Genossen. 1»!er in unbekannter Zeit von verbündeten Slavenstämmen gegründete Staat Nowgorod ward von den tapfer», kampflustigen und kriegskundigen Waräyern erobert, unter welcher griechischen und altruffischen Namensbezeichnung die durch ihre Seeräubereien und Schifffahrten so berühmt gewordenen Normänner zu verstehen sein dürsten. Ihrer See- und Raubzüge erwähnt die Geschichte in den frühesten Zeiten, und keine Küsten, selbst nicht die entferntesten waren vor ihren verheerenden Einfällen sicher. Wo schiffbare Ströme 96 ihre Einfahrt begünstigten, da wagten sie sich weit ins Land hinein nnd verheerten Alles mit Feuer und Schwert. Paris und Köln zitterten mehrmals vor den unter ihren Mauern raubenden und sengenden Normannen und gegen ihre Verwüstungen, ihre verheerenden Einfälle beteten die Frommen, wie Radulfus berichtet, der Chronist, in ihren brünstigen Litaneien zu Gott. Nicht immer befriedigte sie der augenblickliche Raub, auch der dauernde Besitz der von ihnen ausgeplünderten Länder reizte sie und so sehen wir sie im Osten, Westen, Süden nnd Norden von Europa eigene Staaten gründen und dürfen nach diesen Beispielen mit Recht glauben, daß auch sie für die Gründer des russischen Reiches angesehen werden müssen. Um sich in den Besitz der glänzenden Kaiserstadt Konstantinopel setzen oder dieselbe öfters ausplündern zu können, schien es den Waräyern oder Normännern das beste und sicherste Mittel, auf dem leichtesten Wege dahin sich feste Wohnplätze zu erwerben. Sie überfielen daher die an der Ostsee gelegenen Küstenländer Rußlands und unterwarfen sich die dort ansäßigen Slavenstämme. Auch sandten die Nowgoroder, Tschuden und Kriwitschen über's Meer zu den Waräyern und ließen ihnen sagen: „Unser Land ist groß und gesegnet, aber Ordnung gebricht darin; kommt also, seyd unsere Herrscher und gebietet über uns!" In dem Rathe der Alten zu Nowgorod saß ein angesehener Mann, Namens Gostomüsel; auf dessen Zureden faßte man den Entschluß, von den Waräyern sich Fürsten auszubitten, die das Volk regieren und gegen äußere Anfälle schützen sollten. Drei Brüder, entweder durch ihr Geschlecht oder ihre Thaten berühmt, mit Namen Rurik, Sineus und Truwer, folgten mit ihren rüstigen Genossen und Angehörigen in großer Zahl der Aufforderung und ließen sich in Rußland nieder, die ihnen übertragene Herrschaft brüderlich theilend. Rurik, der älteste der Brüder, ließ sich in Nowgorod nieder ; Sineus setzte sich in Bjeloserv, im Gebiete der Tschuden, fest; Truwer wählte sich Jsborsk, eine Stadt der Kriwitschen, zu seinem Wohnsitze. Aber schon nach zwei Jahren starben Sineus und Truwer, wahrscheinlich ohne Kinder und Erben ihrer fürstlichen Würde hinterlassen zu haben, und nun vereinigte Rurik sämmtliche Gebiete miteinander und ward so der wahre Gründer der russischen Monarchie. Die Grenzen des Reiches, das Rurik allein beherrschte, erstreckten sich im Osten bis zu den jetzigen jaroslawschen und nowgorodschen Gouvernements und im Süden bis an den Dünaftrom; der Ausdehnung nach umfaßten sie also schon einen Staat, dessen Flächeninhalt dem größten der dermaligen Staaten fast gleich kam. Aber dieser Raum war von verschiedenen Völkerschaften bewohnt und nur durch Waffengewalt konnte sich Rurik mehrere derselben unterwerfen, was aus den Worten der russischen Chroniken zu entnehmen ist, wo es heißt, daß Rurik und seine Brüder, nachdem sie sich in Rußland festgesetzt, überall zu kämpfen und zu kriegen begonnen hätten. Mit der Vergrößerung seines Gebietes sah Rurik auch zugleich die Gefahr des Besitzes vergrößert; darum fand er es rathsam, aus seinen treuen Genossen Wächter und Grenzhüter zu bestellen. Ueber Polotsk, Rostow, Bjeloserv und andere Landesgauen setzte Rurik die Angesehensten seiner Genossen, denn so wollte und heischte es auch das alte Recht der germanischen und skandinavischen Völker, daß der Häuptling des Stammes für seine Genossen sorge und sie nach Verdienst und Würde von dem Erworbenen belohne. Also bedachte der tapfere Rurik seine Waffengenossen, befahl ihnen Festungen anzulegen in verschiedenen Marken und schützte sich nach Kräften und führte somit das Feudalsystem auch in Rußland ein. Durch Rurik's starke Hand fiel Wadim, der kühne, kräftige Slave, der das Volk gegen ihn aufzuwiegeln strebte. Nach einer siebenzehnjährigen rühm- und thatenreichen Regierung, im Jahre 876 christlicher Zeitrechnung, starb Rurik zu Nowgorod. In einem altruffischen Volksliede heißt es: Wo Rvstow's Fichtenwälder rauschen. Im Bergland und im sckönen Thale, Wo die Düna strömt, die blaue Newa, Da erbebte das Volk vor Rurik's Schwert. Verschiedenes. Lachen ist nicht immer ein Zeichen wahrer Lustigkeit, — dieß beweißt die merkwürdige Anekdote von Carlini, dem berühmten Comiker am italienischen Theater in Paris. Ein französischer Arzt^ ertheilte eines Tages einem Fremden, der über häufige Anfälle von Melancholie sich bei ihm beschwerte, den Rath, jede mögliche Zerstreuung aufzusuchen, und empfahl ihm besonders den Besuch des italienischen Theaters: „Denn" sagte er, „wenn Carlini Sie nicht aufzuheitern vermag, ist Ihre Krankheit wirklich bedenklich!" „Ach, mein Herr," erwiederte der Kranke, „ich selbst bin Carlini, aber wahrend ich ganz Paris mit meinen Scherzen unterhalte, und die Leute fast sterben vor Lachen, bringt Kummer und Melancholie mir den Tod!" Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der C. F. Müller'schen Hofbuchhandlung.